 XXV. Die Jahre 1827 bis 1830.  [285] Vor vier Jahren war der Fürst Metternich auf meine Vorstellung, daß die Regierung die Fortsetzung der ?Fundgruben des Orients? unterstützen müsse, eingegangen und hatte darüber Vortrag erstattet, und jetzt nach vier Jahren wurde der Vortrag durch die Resolution erledigt, ?daß der Staat für die Fortsetzung nichts tun könne?. In diesem Augenblick, wo ich alle Hände mit der Arbeit an der osmanischen Geschichte voll hatte, wäre mir der Zuwachs an Arbeit durch die Redaktion der ?Fundgruben? nur lästig gewesen, persönlich also lag mir nicht viel an der abschlägigen Resolution, sie kränkte mich nur der Sache und der Ehre der Regierung wegen.[285] In diesem Jahre wurde der Graf Bray zum Bayrischen Gesandten in Wien ernannt, ein sehr unterrichteter, liebenswürdiger alter Franzose, der ein großes Haus machte und sich im Sinne und Geiste seines Königs mit Gelehrten und Künstlern befreundete. Er lud mich oft zu Tisch und beabsichtigte ursprünglich, bei literarischen Abendunterhaltungen einen Kreis gelehrter Männer um sich zu versammeln. Obwohl ich diesem Plan meinen Beifall zollte, äußerte ich meine Zweifel, ob dies auch dem Fürsten Metternich und dem Polizeipräsidenten genehm sein werde, und hatte offenbar recht, denn es war nie mehr davon die Rede. In Döbling hatte ich im letzten Sommer den vierten Band der osmanischen Geschichte beendet, nun arbeitete ich in der Stadt an der historischen Monographie der ?Geschichte der ersten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1529?, um durch die Herausgabe das sich im nächsten Jahre vollendende dritte Jahrhundert seit dieser Belagerung zu feiern. Dem Kaiser, der Kaiserin, dem Erzherzog Johann und der Erzherzogin Marie Louise hatte ich schon Werke gewidmet, es schien mir angemessen, nun auch dem Thronfolger durch eine Widmung zu huldigen. Ich bat den Obersthofmeister Graf Bellegarde um die Erwirkung der Genehmigung und dieser antwortete, der Erzherzog nehme zwar für gewöhnlich keine Widmungen an, werde aber für mich sicher eine Ausnahme machen. Die Forschungen führten mich wiederholt in das bürgerliche Zeughaus, um dort die arabischen Inschriften des Totenhemdes, welches damals noch ebenso wie der Schädel für das Kara Mustaphas galt, abzuschreiben. Erst nach dem Drucke machte ich durch die Geschichte der Moscheen Konstantinopels und Adrianopels die Entdeckung, daß Kara Mustapha nicht in Belgrad, sondern in Adrianopel bestattet wurde. Der Schädel war dem Kardinal Kolonitsch mit falscher Angabe verehrt worden! Diesen Betrug deckte ich im vierten Band der osmanischen Geschichte auf. Im Jahre 1829 starb der alte Stürmer, ich habe keine Lilien auf sein Grab zu legen, will ihm aber auch keine Dornen nachwerfen, obwohl er solche reichlich auf meinen Pfad säte. Sein Nachfolger wurde Ottenfels. Sein erster Vorschlag war, ich solle mich, da ich ja immer eine wirksamere[286] Verwendung suche, zu dem offenen Generalkonsulat nach Smyrna melden. Ich sagte ihm, daß ich schon vor 20 Jahren in Jassy Generalkonsul gewesen, ich könnte diese Stelle kaum als Beförderung erachten, sei auch durch Weib und Kinder an Wien gefesselt. Durch den Austritt Hormayrs war die Stelle des Reichshistoriographen, die nur ein Ehrentitel ohne Gehalt war, erledigt. Ich meinte, sie doch mehr zu verdienen als Schlegel oder Adam Müller, die beide nicht Geschichtschreiber und in der österreichischen Geschichte ganz unbewandert waren. Die Verleihung dieses Titels wäre eine Anerkennung meiner literarischen Verdienste gewesen, ein bloßer Akt der Gerechtigkeit. Die Verweigerung dieses Titels empfanden selbst meine Kollegen als eine große Ungerechtigkeit. Amazon.de Widgets Ich vermute, daß die Gräfin Purgstall dem Bildhauer Schaller den Gedanken eingab, meine Büste in Marmor zu machen. Nicht weniger als diese Aufmerksamkeit schmeichelte mir ein Beweis meines in England anerkannten Verdienstes um die orientalische Literatur. Sir Alexander Johnstone, der Vizepräsident der asiatischen Gesellschaft in London, machte mir den Vorschlag, die ?Fundgruben des Orients? auf Kosten dieser Gesellschaft fortzusetzen, einen gleichen Vorschlag hatte schon früher Graf Romanzoff für die Akademie in Petersburg gemacht, und ich hatte damals Fürst Metternichs Ehrgefühl, eine derartige Hilfe nicht vom Auslande anzunehmen, insoweit rege gemacht, daß er mich befugte, den Antrag dankend abzulehnen und zu schreiben, daß die ?Fundgruben? auf Kosten der österreichischen Regierung fortgesetzt würden. Der Vortrag wurde abgelehnt. Diesmal mußte ich nach dem Willen des Fürsten ausweichend antworten. Der Monat Oktober war für mich ein Monat der Totenfeier und der Trauer durch den Tod meines ältesten Freundes und meiner ältesten Freundin, denen ich innerhalb von acht Tagen das Grabgeleite gab. Am zwanzigsten starb mein edler Freund, der Doktor Graf Karl Harrach, dessen Freunde auch meine Gönner waren. Er war ein genialer, vortrefflicher Mensch, ein höchst origineller Charakter. Unsere Freundschaft war im letzten Jahre dadurch etwas erkaltet,[287] daß er meinen erkrankten Sohn nicht als Arzt besuchen wollte und nicht einmal an dem Konsilium über diesen teilnahm. Sein Charakter war eine Mischung der entgegengesetztesten Eigenschaften. Sehr populär mit Menschen aus den niedersten Volksklassen und doch zugleich höchst aristokratisch, größte Leutseligkeit auf der Straße und klösterliche Abgeschiedenheit in seinem Hause. Ein fröhlicher Tischgenosse bei Mittagsmahlen, aber auf keine Abendgesellschaft zu bringen. Wohltätig für Arme, die er ohne Bezahlung anzunehmen behandelte, besuchte und deren Arzneien er bezahlte, und hart gegen seine Dienstleute, geizig im Haushalt. Er tadelte die Testamente anderer, die bei großen Vermögen nichts für öffentliche Anstalten taten und setzte seinen letzten Willen in vier Zeilen auf, durch welche er sein Vermögen von über zweihunderttausend Gulden den Armen hinterließ, bedachte aber nicht ein einziges Institut, nicht einmal die Elisabethinerinnen, bei denen er in den letzten Jahren Ordinarius gewesen war, besonders. Er kannte die ganze Maschine der Staatsverwaltung und die Gebarung der Armeninstitute genau und wußte besser wie irgend jemand, daß sein Nachlaß an die Pfarren der Stadt verteilt, wie ein Strom im Sande verrinnen würde, ohne daß ihm nach seinem Tod ein besonderer Dank von Privaten und noch weniger ein öffentlicher zuteil würde. Sein ganzes Testament ging von der öffentlichen Meinung unbeachtet spurlos vorüber. Ich erwartete, daß der Bruder des Verstorbenen mich um einen Nekrolog bitten würde, als dies nicht geschah, setzte ich mich hin und schrieb aus Freundschaft einen solchen. Fürst Dietrichstein fand kein Wort daran zu ändern, der Majoratsherr Graf Ernst stand ganz unter dem Pantoffel seiner Frau und diese übernahm die Zensur, sie strich ungefähr zwei Drittel aus lächerlichen aristokratischen Gründen, so daß ich mich nicht entschließen konnte, dieses verstümmelte Bruchstück drucken zu lassen. Ich sandte eine Abschrift an Böttiger, es ist mir nicht bekannt, ob sie im allgemeinen deutschen Nekrolog erschien; um dem Freunde ein Andenken auch nach seinem Tode zu setzen, füge ich das Original hier bei. (B. 28.) Am Tage des Begräbnisses meines Freundes Harrach[288] starb Frau Konstanze Spencer Smith, mit der ich seit dreißig Jahren auf ebenso freundschaftlichem Fuße stand wie mit ihrem von ihr geschiedenen Gemahl. Für diese Frau, die von Jugend an in der großen Welt gelebt und so viele Bewunderer gehabt hatte, war das Grabgeleite von nur vier alten Freunden ein sehr bescheidenes, außer mir der Gemahl, ihre Nichte Yerninghouse, Freiherr von Puthon, der letzte ihrer Anbeter, und Herr von Raab, der schon vor achtundvierzig Jahren an ihrer Wiege in Konstantinopel gestanden hatte. Für die Zueignung des Werkes an den Kronprinzen hatte ich von ihm eine Tabatiere mit seinem in Brillanten gefaßten Bild erhalten. Meine immer wiederholten Vorstellungen über Reformen an der Orientalischen Akademie fanden beim Fürsten ebensowenig Gehör. Pilat hatte den Hofprediger Sedlaczek, den jetzigen Prälaten von Klosterneuburg, zum Direktor der Orientalischen Akademie vorgeschlagen, ich machte dem Fürsten triftige Vorstellungen dagegen, denn der Hofprediger kannte auch nicht einen Buchstaben eines orientalischen Alphabets. ?Das verstehen Sie nicht,? sagte der Fürst, ?um ein Orchester zu dirigieren, braucht es keinen großen Meister wie Haydn oder Mozart, ein ganz mittelmäßiges Talent reicht ebenso gut dazu.? ?Ganz richtig,? entgegnete ich, ?aber er muß doch wenigstens die Skala und den Takt verstehen.? Der Fürst schwieg. In diesem Winter war Prokesch von seiner Reise in die Levante zurückgekehrt und war der Löwe des Tages in der Gesellschaft, besonders auf den Abenden des Fürsten Metternich. Metternich sprach mir von der ägyptischen Reise Prokesch' und über ägyptische Nationalökonomie, dernach alles Land Eigentum Mohammed Alis, wie es zur Zeit des ägyptischen Josef Eigentum des Pharao gewesen. Er war davon ganz eingenommen und entzückt. Ich äußerte meine Zweifel über die Richtigkeit des Prinzips und über die Fülle des Segens, die sich der Fürst und Prokesch davon versprachen. Aber der Fürst und Gentz schworen auf Prokesch' Wort, daß durch das Regierungssystem Mohammed Alis und durch sein Monopol allein dem Lande geholfen werden könne. Der Erfolg hat gezeigt, wer richtig gesehen, und wiewohl[289] später der Fürst selbst seine Meinung über die Ersprießlichkeit des Regierungsystems ebenso wie über die Griechen ändern mußte, so ging doch Prokesch, der damals in die politische Trompete des Fürsten stieß, seines Trompeterlohnes nicht verlustig, er wurde zuerst bevollmächtigter Minister und dann Gesandter in Griechenland. Ich speiste mit Prokesch beim Fürsten Dietrichstein und er ersuchte mich, ihn dem Grafen Saurau vorzustellen. Saurau lud ihn mit mir zu Tisch. Prokesch war eines der auffallendsten Beispiele der Einwirkung der Gunst Hoher. Ausgezeichnete Eigenschaften und Erlebnisse sind ihm nicht abzuleugnen, trotz dieser hätte er nie seinen Weg gemacht, wie er es getan, wenn er nicht einen guten Teil von vorlauter Anmaßung gehabt hätte. Gerade dadurch gewann er Metternich und er wurde in den engsten Kreis des Fürsten gezogen. Vor einigen Monaten hatte ich die nähere Bekanntschaft des Grafen Kolowrat gemacht, dem ich ein Exemplar der Belagerung Wiens überreichte und der mich wohlwollend und freundlich empfing. Diese gute Aufnahme war mir um so willkommener, als er in dem Rufe stand, Literatur und Literaten zu lieben und weder durch Metternich noch durch Saurau, die ihn beide haßten, das geringste für mich zu erreichen war, jener wollte, dieser konnte nicht. Wäre ich damals schon besser mit ihm bekannt gewesen, ich hätte ihn für mein Schauspiel ?Die Assassinen? interessiert, das ich dem Fürsten Metternich zur Zensur übergeben hatte und das er mir mit dem Bemerken, er habe gegen die Aufführung nichts einzuwenden, zurückgab. Ich gab es Deinhardstein, dem Theatersekretär und Redakteur der Jahrbücher und der Polizeihofstelle, und bekam es mit dem Bemerken zurück, daß es in Anbetracht der darin erwähnten geheimen Verbindungen durchaus nicht auf das Theater gebracht werden dürfe. Ich machte dem Fürsten gegen den Ausspruch seines Handlangers die begründete Vorstellung, daß die dem Thron und Altar gefährliche Lehre der Assassinen und die Greuel, zu denen sie führte, in meinem Stück mit all ihren verderblichen Folgen dargestellt sei. Er verteidigte den Ausspruch des Grafen Sedlnitzky aus dem Grunde, daß die zum Bösen[290] geneigte menschliche Natur sich diesem ohne Rücksicht auf den Abscheu, den der Verfasser einflößen will, hingebe. Amazon.de Widgets Nach wie vor schrieb ich auf das freimütigste an die Gräfin Purgstall, und dies führte die höchst unangenehme erste Szene mit meinem Chef herbei. Im Jahre 1814 hatte er mich über die Art, wie ich an Böttiger über Hudelist geschrieben hatte, zur Rede gestellt, aber es war damals zu keiner heftigen Erklärung gekommen und sechzehn Jahre lang waren aus verletztem Briefgeheimnis gegen mich keine neuen Anklagen erhoben worden. Ich überbrachte dem Fürsten meine Anzeige von Bouriennes Werk für die Jahrbücher. Er legte sie beiseite und überraschte mich mit dem Vorwurf, daß ich die Meinung geäußert habe, er sei mit den französischen Ordonanzen, welche die Revolution vom Juli 1830 herbeiführten, einverstanden. Er spreche das letztemal mild zu mir (das wiederholte er dreimal), er wünsche keine neue Hormayriade. Ich wollte mich eben rechtfertigen, als der Türhüter den russischen Gesandten ansagte und dieser eintrat. Ich begab mich sogleich zu meinem Freund, dem Hofrat Kreß, welcher in der geheimen Sektion als Referent der deutschen Geschäfte und die Interessen der Diplomaten der fremden wie der einheimischen zu vertreten hatte. Ich erfuhr, daß in einem meiner Briefe eine Stelle über die Julirevolution, an die er sich nicht mehr genau erinnerte, gestanden habe. Sie sei ihm gar nicht besonders aufgefallen. Später erfuhr ich, daß die Stelle aus meinem Brief vom 6. August hieß: ?This is a fine result of the lessons given at Johannisberg to Count Apponyi, I should think, this event must bring the Prince to Vienna. Gentz will be petrified, I dare say, unless he sees a congress at the end of it. As all things are acting on us only by contraries, I am doubly glad of it for two reasons, the first, because the censure won't be harsher as before, the second, because the Jesuits have lost their game in France and can not of course play it higher here, as they have already done.? Am dritten Tage danach war ich wieder beim Fürsten, um die Sache weiter zu erörtern. ?Ich weiß nun den Grund der Anschuldigung Eurer Durchlaucht, es ist eine Stelle, deren ich mich auf Ehre nicht mehr genau erinnere, aus einem Briefe an die Gräfin Purgstall.[291] Diese ist eine alte Frau, die in einem Winkel von Steiermark auf ihrem Schlosse lebt, die nicht aus ihrer Bibliothek und von ihrem Sopha wegkommt und welche sich durch politische und literarische Neuigkeiten den Geist frisch erhält. Sie ist ein Whig und mag also in diesem Sinne nach England geschrieben haben, dafür kann unmöglich ich verantwortlich gemacht werden.? Der Fürst gestand, daß der Grund seines Unwillens eben dieser Brief sei, durch den ich mich eines ?Dienstverbrechens? schuldig gemacht hätte. Er lehnte alle Verbindung mit dem Duc de Polignac, den er nur als Knaben gekannt habe, ab, und mit dem er in gar keiner Verbindung stehe. Ich protestierte feierlich dagegen, daß mir, was höchstens ein ?Dienstversehen? als ?Dienstverbrechen? ausgelegt werde, das Gespräch wurde auf beiden Seiten heftig. ?Wenn Sie sich solcher Dienstverbrechen schuldig machen, gebe ich Ihnen die Freiheit?, sagte der Fürst. ?Die gaben mir Durchlaucht längst, indem Sie mich nicht beschäftigten?, erwiderte ich. ?Wenn Sie auf diesem Wege fortfahren, ziehe ich Ihnen den grünen Rock aus.? ?Den können Durchlaucht mir nicht ausziehen, sondern nur der Kaiser, der ihn mir angelegt.? Die Unterredung wurde durch den Sekretär der Expedition mit Stücken zur Unterschrift unterbrochen. Ich verließ den Fürsten und fuhr in die Schwimmschule, um meinen Ärger zu verschwimmen. ? Ich sah den Fürsten erst nach meiner Rückkehr aus Hainfeld. Ich hatte dahin schon früher Urlaub genommen und besuchte meine Freundin mit Frau und Kindern. In der Ruhe des Landlebens unterschrieb ich Ende September das Nachwort zur Geschichte des Osmanischen Reiches. Ich dankte Gott dafür, daß ich dieses große und mühevolle Werk nun vollendet hatte und ging in den Garten. In Graz fand ich den neuen Gouverneur, der sich für die Verschönerung von Graz ebenso bemühte, wie später für die von Gleichenberg, den Grafen Wickenburg. Auch mit ihm war ich auf einem freundschaftlichen, doch nie so vertrautem Fuße, wie mit seinem Vorgänger, dem Grafen Hartig. Dem Erzherzog Johann hatte ich versprochen, die Präsidentschaft der Versammlung der Naturforscher, welche im nächsten Jahre in Wien tagen sollte, zu übernehmen.[292] Amazon.de Widgets Bald nach meiner Rückkehr wurde die Heirat des Fürsten Metternich mit der Gräfin Melanie Zichy erklärt, ich wünschte ihm Glück dazu und hoffte, damit die Scharte meines Briefes an die Gräfin Purgstall ausgewetzt zu haben. Ich hatte mich aber geirrt. Danach hatte ich gegen Ende des Jahres noch eine lange Unterredung mit dem Fürsten über literarische Gegenstände. Gentz hatte als Zensor der Jahrbücher einen Aufsatz Hormayrs bloß wegen des Verfassers gestrichen. Als Deinhardstein die Redaktion der Jahrbücher übernahm, hatte er den Fürsten gefragt, wie er es mit Hormayr, der immer ein eifriger Mitarbeiter gewesen, halten solle, und der Fürst hatte gesagt, das sei Sache der Zensur, wenn seine Aufsätze nicht zensurwidrig, könnten sie aufgenommen werden. Der Aufsatz war eine trockene historische Dissertation ohne alle Ausfälle. Deinhardstein hatte sich mehrmal an Pilat gewendet, doch dieser hatte nie mit dem Fürsten gesprochen, so nahm ich mich der Sache an und erhielt das ?admittitur? gegen Gentz' Verbot. Ich lenkte das Gespräch auf den ?Letzten Ritter? von Anastasius Grün, dessen Bekanntschaft ich vor kurzem gemacht hatte. Ich sagte, es mache der Zensur Ehre, dieses schöne Gedicht durchgelassen zu haben, obwohl einige Stellen die Pfaffen treffen. Der Verfasser sei ein Graf Auersperg, ein reicher Gutsbesitzer in Krain, ein sehr liebenswürdiger junger Herr. ?Durchlaucht sollten ihn kennenlernen, dazu gibt ihm nicht nur seine Geburt, sondern sein großes poetisches Talent einen Anspruch.? ?Kaufen Sie mir das Buch?, sagte der Fürst. In Mailand hatte mir der Fürst auch aufgetragen, ein Buch zu kaufen, ich hatte es nie bezahlt bekommen, ich antwortete daher: ?Ich werde Ihrem Bibliothekar den Auftrag Eurer Durchlaucht überbringen.? Der ?Letzte Ritter? wurde gekauft und der Gräfin Melanie Zichy gesendet. Ob er gelesen wurde, habe ich nie erfahren. 
 III. Als Sprachknabe nach Konstantinopel (1799).  [34] Nicht mit meiner im Jahre 1797 stattgefundenen Anstellung und dem Laufe meines Gehaltes als Staatsbeamter, sondern mit der Bestimmung nach Konstantinopel begann eine neue Periode meines Lebens durch die wirkliche Beschäftigung im Staatsdienste und eine zweckmäßige Verwendung der Zeit auf Studien. Meine Fortsendung nach Konstantinopel und von da nach Persien, wie ich mir sehnlichst wünschte, hing einzig vom Freiherrn von Thugut, dem damaligen Minister der auswärtigen Geschäfte, ab. Das Wort Jenisch', des alten Kameraden Thuguts in der orientalischen Akademie, in welche beide bei der Stiftung als erste Zöglinge aufgenommen worden waren, hatte kein großes Gewicht beim Minister. Er selbst war von ihm mit der Sendung als Hofkommissär nach Dalmatien zum Besten gehalten worden. Hätte die Sache von Jenisch allein abgehangen, wäre ich längst auf dem Wege nach Persien gewesen, er scheute sich aber, deshalb mit dem Minister zu sprechen, doch als ich ihn bat, mir eine Audienz bei Baron Thugut zu erwirken, tat er dies gern. Ich wurde, als ich mich melden ließ, vorgelassen und empfangen, der Empfang war aber sehr verschieden von dem, der mir in späteren Jahren im Hause und am Tische des außer Tätigkeit Gesetzten zuteil wurde. Sein Schreibpult stand in der Nähe der Türe, er war aufgestanden und stand, als ich eintrat, hart an dieser. Kaum hatte ich meine Bitte um endliche Entsendung nach Konstantinopel ausgesprochen, als er, ohne ein Wort zu antworten, die Hand an die Klinke legte, um die Türe zu öffnen und mich auf diese Weise zu entlassen. Im selben Augenblicke, als er seine Hand auf die Türklinke legte, hatte ich Geistesgegenwart und Kühnheit genug, ein gleiches zu tun und die Türe festzuhalten. Ich fuhr fort, die Zweckmäßigkeit meiner Sendung nach Persien auseinanderzusetzen. Wir hielten beide in dieser sonderbaren Stellung aus, er die Hand auf der Klinke, ich die Türe zuhaltend. Die Freiheit, die ich mir genommen, mußte ihn überrascht haben, er heftete den Blick seiner großen Falkenaugen nur um so fester und[35] durchdringender auf mich. Ich ließ mich aber nicht aus der Fassung bringen, erst als ich geendet und er noch immer kein Wort gesagt hatte, zog ich meine Hand zurück. Er öffnete die Türe, verbeugte sich und entließ mich, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Diese stumme Audienz machte mir vielen Spaß und war meinem Freunde Harrach Wasser auf die Mühle seines Witzes. Wie er seinen Bruder den Simurgh der Familie nannte, so war ihm Thugut der Simurgh des Ministeriums wegen seiner Unzugänglichkeit und abgeschlossenen Lebensweise. Thuguts größtes Vertrauen genoß damals Graf Franz Dietrichstein, der jetzige Fürst, ein Vetter Harrachs. Dieser empfahl mich ihm und ich bekam die Erlaubnis, mich vorzustellen und meine Sache vorzutragen. Ich erinnere mich noch lebhaft des Hochachtung und Zutrauen einflößenden Eindruckes, der edlen Persönlichkeit des damals noch nicht 30jährigen Mannes mit den großen, freundlichen, blauen Augen, deren Blick ebenso wohltätig wirkte wie der Thuguts unangenehm. Ich fand bei ihm geneigtes Gehör, das Thugut mir verweigert hatte, er sprach mit Kenntnis und Interesse über die damalige Lage der Dinge in Persien und versprach, meine Bitte zu unterstützen. Dies war der Beginn meiner Bekanntschaft mit dem Fürsten, die, hernach in England fortgesetzt, zur Freundschaft wurde, die sich in meinen guten und schlimmen Tagen immer gleich bewährt hat. So wurde ich endlich zur Reise nach Konstantinopel flott und, obwohl der Internuntius keinen neuen Sprachknaben verlangt hatte, an ihn mit der Weisung geschickt, mir die Vergünstigung der langen Dolmetschkleidung, mit der eine Zulage verbunden war, zu gewähren, sobald ich im Türkischen fest genug. Von Konstantinopel sollte ich nach Haleb gehen, um mich dort im Persischen zu vervollkommnen, und da nach erst nach Persien reisen. Von den letzten Friedensverhandlungen her war Thugut mit Herbert, dem Internuntius, auf sehr gespanntem Fuß. Während Herbert in Wien mit den ersten Fäden einer Friedensverhandlung betraut zu werden erwartete, hatte Kaiser Josef Baron Thugut in die Wallachei geschickt und jetzt war Herbert sein Untergebener. Vor meiner Abreise wartete ich[36] dem Minister auf, um mich zu bedanken und seine Befehle zu erbitten. Diesmal ward ich freundlich empfangen, und Thugut gab mir den Auftrag, eine Handschrift der arabischen ?Tausendundeine Nacht? aufzufinden, für die er besondere Vorliebe hatte. Diesmal legte er nicht die Hand auf die Türklinke und entließ mich nach einer Unterredung von einigen Minuten mit einer seiner tiefen Verbeugungen. Das Reisegeld nach Konstantinopel betrug damals 100 Dukaten, die auch für die vier Wochen dauernde Reise erforderlich waren. Heute ist dank der Dampfschiffahrt der Aufwand an Zeit und Geld auf die Hälfte heruntergebracht. Die Diligence war damals in einem zu elenden Zustand, als daß ich mich hätte entschließen können, damit auch nur bis Pest zu fahren. Im Gasthaus ?Beim Wolfen in der Au? auf dem alten Fleischmarkt hatte ich zwei nach Konstantinopel fahrende böhmische Glaser gefunden, ich schloß mich an sie als dritter an, es waren gute, beschränkte Leute. Am 1. Juli 1799 schifften die beiden Glaser und ich uns in Varna mit den zugleich abgehenden Postjanitscharen auf einem griechischen Segler nach Konstantinopel ein. Von diesem Tage an begann ich die Ereignisse jedes Tages mit ein paar Worten aufzuzeichnen. Erst am fünften Tage nach unserer Abfahrt von Varna fuhren wir in die heilige Mündung des Bosporus ein. Reinster Himmel und leuchtende Sonne übergossen die lieblichen Formen der Uferhügel, die lebendigen Farben der Landhäuser und Kiöschke mit Licht und Glanz, die Symplegaden, die schwarzen basaltischen Felsen am asiatischen Ufer, das flutdurchhöhlte Klippengestade, der Sitz der Harpyen, die Trümmer des alten Klosters von Mauromelos und des byzantinischen Hafens, auf der europäischen Seite die fahlen Ruinen des genuesischen Schlosses und der Riesenberg, auf der asiatischen die weißen Mauern der neuen Schlösser des Kanals. Und inmitten dieses Gedränges von Schlössern und Türmen, von Kiöschken und Gärten, von Landhäusern mit flachen Dächern und vielen Fenstern, von buschigen Hügeln und reizenden Buchten die Wasserstraße des Bosporus, die als blaues Band zwei Erdteile verbindet ? ich war geblendet, erstaunt, entzückt. Mit jeder Wendung des Schiffes[37] öffneten sich neue Aussichten auf den sich vorne erweiternden Kanal, auf die sich rückwärts verengende Meeresmündung. Mit Therapia vor Augen schließt sich der Kreis von allen Seiten, ein großer, von Hügeln umuferter Zaubersee. Das Schiff ankerte vor Bujukdere am 5. Juli zu Mittag. Amazon.de Widgets Nachdem aus den mit mir angekommenen Postpaketen das Postgeld herausgenommen, die Depeschen dem Internuntius vorgelegt und die Postjanitscharen nach Konstantinopel abgefertigt waren, wurde ich durch meinen einstigen Kollegen an der Akademie, den Herrn von Brenner, der hier Sekretärdienste versah, dem Internuntius Freiherrn Herbert-Rathkeal vorgestellt. Der Empfang durch ihn, meinen nachmaligen Gönner, war ein Seitenstück zu dem ersten beim Freiherrn von Thugut, nur noch schlimmer; dieser blieb stumm, Herbert aber sprach mich an: ?Je n'ai que faire à vous, je ne vous ai pas demandé à la Cour, j'ai ici assez du monde. Vous n'avez qu'aller vous promener ...? Ich berief mich ehrerbietig auf die Depesche, welche mich nicht in Konstantinopel zu bleiben, sondern bloß türkisch eingekleidet zu werden und dann meine Reise nach Haleb fortzusetzen bestimme. Die lange Kleidung, antwortete er mir ? er sprach immer französisch und konnte nur mit Mühe deutsch reden ? sei eine nur jenen, die sich durch vorzügliches Sprachentalent im Türkischen auszeichnen, gewährte Begünstigung, erst müsse er sich überzeugen, ob ich eine solche verdiene. Während der kleine, ernste Herr sprach, musterte er mit strengen Blicken meinen Kopf, und der Anstoß, den er an meinen ungepuderten und rund abgeschnittenen Haaren nahm, kam zum Ausbruch. Von alter irischer Adelsfamilie stammend, verband er mit abgeschnittenen Haaren nur den Begriff der ?roundheads? und mit ungepuderten die Idee eines Jakobiners. Damals war noch die ganze Gesandtschaft bezopft und gepudert. Ich versicherte, daß diese Haartracht in Wien allgemeine Mode sei und daß Offiziere sogar bei Hof ungepudert erschienen. Ich würde es ja nicht wagen, dergleichen vorzubringen, da mich ja die nächste Post Lügen strafen könne. Er schüttelte nur ungläubig den Kopf und befahl mir, die Reisekleider abzulegen und um vier Uhr zum Speisen zu[38] kommen. Ich warf mich in die Kampagneuniform, die ich mir nach dem Muster der damals beim Militär vorgeschriebenen hatte machen lassen: grauer Rock mit grünen Aufschlägen. Diese bis dahin bei der Gesandtschaft ungesehene Erscheinung gab als eine eigenmächtige Neuerung abermals Anstoß. Nach sechs Wochen, als durch die Briefe aus Wien meine Aussagen bestätigt wurden, wurden die rundgeschnittenen und ungepuderten Haare und der graue Rock mit den grünen Aufschlägen auch bei der Internuntiatur üblich. Vorläufig durfte ich in Bujukdere bleiben und bei der Schreiberei für den nächsten Kurier aushelfen. Brenner gab mir am nächsten Morgen den Bericht eines im Lager des Großveziers befindlichen Agenten zum Abschreiben, damit verging der Vormittag. Nach dem Speisen nahte ich mich der liebenswürdigen und geistreichen Tochter des Internuntius, Constance, der 17jährigen Gemahlin des englischen Ministers Spencer Smith. Ich war mit ihr im besten Gespräch, als ihr Vater mit Papieren in der Hand aus seinem Kabinette kam, mit zorniger Miene auf mich losschritt, mich vor der ganzen Tischgesellschaft wegen meiner schlechten Schrift ausschalt und mir die Abschrift zerrissen vor die Füße warf. Ich bekam den Befehl, am nächsten Morgen, als unbrauchbar in der Kanzlei, meine Reise nach dem Gesandtschaftspalais in Pera anzutreten. Am folgenden Morgen fuhr ich zu Boot nach Pera ab. Erst hier entwickelte sich der ganze Zauber des Bosporus durch die Nähe der Landhäuser, an denen das Boot mit Pfeilschnelle, besonders in der ?Teufelsströmung?, am asiatischen Hafen vorbeischoß. Die Häfen der Dörfer von Lastschiffen des Marktes und von Kajaks Privater umwimmelt, die Landungsplätze der Privatgebäude zu verschlossenen Toren führend, vor diesen hier und da ein schwarzer Verschnittener, die Sommerpaläste der Sultane und Sultaninnen, die mit farbigen und vergoldeten Gittern ins Meer hinausragenden Erker, die goldenen Inschriften auf azurnem Grund, die hohen Zypressen, die Rauchfänge und Minarette gingen wie in einer Zauberlaterne vorbei. Die Aussicht auf die Spitze des Sees und auf die hinter demselben sich entfaltende Kaiserstadt der sieben Hügel eröffnete sich, ein[39] regelloses Bild architektonischer Phantasie, ein hingeträumtes Gemälde aus Tausendundeiner Nacht. Ich stürzte mich ins Meer dieser neuen Eindrücke östlicher Welt. Ein großartiger, lebensfroher oder schwermütiger Eindruck jagte den anderen durch meine Seele. In der Nacht weckte mich zwei Stunden, ehe es tagte, der durch die tiefe Stille von den Minaretten tönende Gebetsausruf des Muesim, der mit den Worten endet: ?Gebet ist besser als Schlaf.? Meistens übertragen die in den Moscheen angestellten Muesims den Gebetsausruf ihren Söhnen, deren Silberstimmen von nah und fern als ein vielstimmiger Chor ineinander fallen. Der letzte verhallende Ton lullte mich wieder in Schlaf, bis das Morgenrot heraufzog. Eines Tages ward mir das prächtige Schauspiel einer feierlichen Ausfahrt des Sultans zuteil. Das imposante, reich vergoldete Boot des Sultans ragte, von zwei anderen ebenfalls vergoldeten Kajaks begleitet, als der Bucentaurus des Bosporus. Von dem Uferkiöschke des Serai mit Kanonendonner begrüßt, von den Stückbatterien des Top-Chane, von allen im Hafen liegenden englischen und russischen Kriegsschiffen, deren Flaggen und Wimpel in der Sonne flatterten und deren Mannschaften auf den Segelstangen in den Lüften standen, durchhallte ein lautes Hurra von allen Rahen den Hafen des Goldenen Horns und grüßte den Herrn zweier Erdteile und zweier Meere. Kurz darauf war großes Fest und Ball beim russischen Gesandten in Bujukdere, zu dem die ganze Gesandtschaft geladen war, und wo auch ich, als neu aufzuführendes Mitglied derselben, das Gefolge des Internuntius vergrößern sollte. Ich fuhr mit meinen Kollegen am Nachmittag den Weg zurück, den ich vor kurzem herabgefahren und sah mit Entzücken dasselbe Schauspiel des Bosporus wieder im Wechsel anderer Beleuchtung und mit den anderen Szenen des ausruhenden Abends, der für den Türken mit dem Gebetsausrufe zwischen Mittag und Sonnenuntergang beginnt. Am folgenden Tage fuhr ich nach Pera zurück und begann sogleich meine Spaziergänge durch die auf dieser Seite des Hafens gelegenen Vorstädte Pera, Galata, Top-Chane, Chasskoi und Tutawla. Ich machte die Bekanntschaft zweier Männer, die meiner Neugierde hilfreiche Hand boten. Der[40] eine war der um die Topographie Konstantinopels und des Bosporus wie auch um die der Ebene von Troja verdiente Ingenieur Kaufer, der zweite der deutsche Gärtner des Serai, Herr Ensler. Bei diesem lernte ich den Maler Melling kennen, den Herausgeber des Prachtwerkes der Ansichten Konstantinopels und des Bosporus, dieser zeichnete auch mein erstes Porträt in der langen Dolmetscherkleidung. Ich speiste öfters beim Gärtner Ensler, dessen Wohnung im Garten an der Spitze des Serais hart am Gartentor lag. Wenn die Frauen und Odalisken des Harems, durch dieses Tor ausgehend, sich mit ihren schwarzen Verschnittenen einschifften, konnte er sie, selbst ungesehen, recht gut durch die Ritzen einer Wand beobachten. Diese Gelegenheit begünstigte auch mich eines Tages, als einige der schönsten weiblichen Gestalten unverhüllt durch das Torgewölbe watschelten. Ich hatte Gelegenheit, den neu angelegten Garten des Serai, das neugebaute Kiöschk des Sultans und die Wohnung der Odalisken, als der Harem während des Sommers in Beschicktasch war, zu besichtigen. Der unter der Leitung des dänischen Geschäftsträgers Freiherrn von Hübsch im jämmerlichsten türkischen Geschmacke angelegte Garten mit den vom Gärtner Ensler aus Schönbrunn hieher verpflanzten Ananashäusern fesselte meine Aufmerksamkeit weniger als der goldene Kiöschk. Hier brachte der Sultan Selim, den Tag ruhend und nichtstuend, zwischen seinen Odalisken zu, an seiner Stelle regierten seine Mutter, die Valide, und ihr allmächtiger Obersthofmeister Jusuf. Die Kunde, die ich von dem Innern der Regierung, vom Sultan, von den Persönlichkeiten der Träger der obersten Staatsämter, des Großveziers und des Kapudan-Paschas, der durch die Sultanin unumschränkter Herr der Flotte war, bekam, setzte mich instand, über die Regierung des Osmanischen Reiches ein richtiges Urteil zu fällen. Meine schon damals von dem unaufhaltbaren Verfalle des Osmanischen Reiches und dem vergeblichen Bemühen, demselben durch Reformen aufzuhelfen, gefaßte Ansicht war keine andere als die später von dem größten Konservativen der Türken, von Fürst Metternich und Gentz und endlich von der ganzen Welt geteilte.[41] Was war von einem Großvezier zu erwarten, der sich beim letzten Brande von Pera auf einem Stuhle herumtragen ließ und, statt Löschaktionen zu treffen, nur ?Inschallah? wiederholte; was von einem Kapudan-Pascha, dessen Hauptaugenmerk gerade die Spiegelmöblierung des vom dänischen Schiffbauer Rhode gebauten Dreideckers war? Ein großer Mann, von dem die Rettung des Sultanreiches zu hoffen gewesen wäre, war aber weder damals zu sehen, noch ist er seither aufgetaucht. Zu der geringen Hochachtung, welche mir die nähere Kenntnis dieser Regierung einflößte, kam noch der tiefe Abscheu vor der unnatürlichen Sittenverderbnis der Höchsten und Niedrigsten, besonders der Janitscharen. Nicht so sehr, um meinen Freund Müller zu befriedigen, welcher mich um Berichte hierüber wiederholt gebeten, als um mich selbst von dem Unglaublichen zu überzeugen, besuchte ich nachts einmal eine Taverne in Galata, wo griechische Knaben Tänze aufführten, deren Zuseher Janitscharen und Galiardschi waren. Die ganze Gesellschaft bestand mit Ausnahme einiger Fremder nur aus drei Klassen: Lotterbuben, die von ihren Liebhabern bezahlt wurden, Männern, welche sie mißbrauchten, und aus Alten, welche zahlten, um von ihnen mißbraucht zu werden. Der Aufenthalt in Pera war im Sommer höchst unangenehm wegen des Zisternenwassers des Palais und wegen der Mücken, welche es unmöglich machten, ohne Mückengarn im Bett zu liegen. Mein Chef hatte durch Brenner, dem ich Exemplare des halben Dutzend meiner in Wien in Druck erschienenen Gedichte gegeben, diese zu Gesicht bekommen. Alsbald gelangte ein Billett Brenners an mich mit der Anfrage, ob ich nicht gesonnen wäre, die Befreiung von Akri durch Sir Sidney Smith, den Bruder des Eidams von Baron Herbert, durch ein episches Gedicht zu feiern, da doch die Zeitgeschichte keinen größeren Gegenstand und wirksameren Helden böte. Erwünschter als dieser Vorschlag hätte mir nichts kommen können, um aus ihm nicht nur für einen Landaufenthalt in Bujukdere, sondern auch für die Einkleidung in das lange türkische Gewand Vorteil zu ziehen.[42] Ich antwortete durch den zurückkehrenden Janitscharen, daß ich mich einem epischen Gedicht nicht gewachsen fühle, die Befreiung von Akri eigne sich auch nicht dazu, sondern eher zu einem Gedichte wie Voltaires ?Schlacht von Fontenay?. In dieser Art würde ich es wohl wagen. Dazu sei mir aber die genaue Kenntnis englischer und türkischer Berichte und auch mündliche Besprechung mit dem Internuntius über Art und Geist des gewünschten Gedichtes nötig. Mit der nächsten Post wurde ich für vierzehn Tage nach Bujukdere berufen. Von diesem günstigen Umschwung der Dinge erhoffte ich Einsicht in diplomatische Berichte und Depeschen, die ersehnte türkische Einkleidung und die Pension in einem armenischen oder halebischen Hause zur besseren Erlernung von Türkisch und Arabisch. Der Internuntius empfing mich freundlich, fast wie ein Vater seinen Sohn, ich erhielt Einsicht in alle auf die Belagerung und Befreiung von Akri bezüglichen Berichte und Noten, mit der Einkleidung war es freilich vor der Hand noch nichts. Kurz nach meiner Ankunft machte mich Baron Herbert mit dem halebischen Armenier Herrn Aide bekannt, er war englischer Barataire und regelmäßiger Genosse der Whistpartie des Internuntius. Aide hatte ein Haus voll teils ganz, teils halberwachsener Mädchen, deren halebische Mutter, eine echte Araberin in schon vorgerückterem Alter, meine an sie gestellte Bitte, mit mir Arabisch zu lesen, auf das zuvorkommenste gewährte. Durch sie lernte ich ?Antar? kennen und las ihn mit ihr regelmäßig vormittags einige Stunden. Meine Morgenstunden waren nun den Kanzleiarbeiten, der Lesung des ?Antar? und den Gesprächen mit der alten Frau, die Abendstunden mit dem Spaziergange auf dem Kai von Bujukdere mit jungen Mädchen gewidmet. So lernte ich morgens Arabisch, abends Neugriechisch sprechen. Die Lesung des ?Antar? war mir lehrreich in bezug auf arabische Sitte, indem er mich ganz mit dem Geiste arabischen Rittertums durchdrang und ich darin zu meinem Erstaunen viele Berührungspunkte mit dem europäischen fand. Die über die Helme heruntergeschlagenen Tüllbänder hatte ich auf alten Gemälden als Helmbinden gesehen, und Zenteas aus einem vom Himmel gefallenen Donnerkeil geschmiedetes[43] Schwert, auf dessen Wellenlinien Straßen von Ameisen herumzulaufen schienen, brachte mir die geschliffenen Meteorsteine und verzierten Damaszenerklingen ins Gedächtnis. Solche Bemerkungen teilte ich immer gleich meinem Chef mit, der für alles Wissenschaftliche sehr empfänglich war, und die Vollendung des seiner Tochter gewidmeten Gedichtes der Befreiung von Akri setzte mich so sehr in seine Gnade und Gunst, daß er mir drei Tage vor dem Ende meines Landaufenthaltes, der von zwei auf vier Wochen ausgedehnt worden war, die Bewilligung gab, türkische Kleidung zu tragen und im Frühjahr nach Haleb abzugehen. Amazon.de Widgets Als ich aus Bujukdere nach Pera zurückkam, ließ ich mir sogleich vom Schneider die langen Kleider anmessen. Am 8. September ging ich zum erstenmal in türkischer Kleidung aus, den Kalpak, welchen die Dolmetsche und die Doktoren tragen, auf dem Kopf. Ich machte beim ersten Dolmetsch der Gesandtschaft, Herrn von Vollenburg, einem gelehrten Orientalisten, die Bekanntschaft eines persischen Derwisches. Er war der erste Perser, den ich seine Muttersprache sprechen und ?Hafis? lesen hörte. Im Besitz des Diwans desselben und eines Kommentars faßte ich den Entschluß, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Der September, der Monat, den ich sonst in Weidling verbracht hatte, wurde auch hier einer der schönsten Ferienmonate meines Lebens durch eine Partie, welche die Baronin Hübsch mit ihrer Gesellschaft nach den Prinzeninseln arrangierte. Am Tage nach dem Posteingange fuhr ich nach Bujukdere und kam gerade zu einer Lustfahrt nach den schönen Fluren von Hunkiar-Iskelessi zurecht. Zum erstenmal betrat ich den Boden Asiens, beim Aussteigen aus dem Kajak warf ich mich zu Boden und küßte die Erde als die meines geistigen Vaterlandes. Am nächsten Tage fuhr ich in einem Beschtschifte, einem fünfrudrigen Kaik, mit Baronin Hübsch und ihren Töchtern nach den Inseln. Luftige Pinien, milde Luft, von den Düften des Laudanum, der Melissen und würziger Kräuter durchschwängert, ein liebliches Paradies reicher griechischer Familien, die hier die schönen Frühlings- und Herbsttage[44] verbrachten und in jenem das Fest des ersten Mai, als das der Geburt der schönen Jahreszeit, in diesem das der Penachia mit Tanz und Musik feierten. Wir wohnten auf der zweitgrößten der Inseln, auf Chalki; sie ist die reichste an romantischer Schönheit durch die zu dem Kloster führende herrliche Zypressenallee und die malerischen Buchten, bei deren südlichster der mit Schlacken und buntem Gestein besäte Abhang des Hügels alle Spuren eines Erzberges trägt, wovon sie den Namen hat. In der Bibliothek des Klosters zur Heiligen Dreifaltigkeit, die ich in einem elenden hölzernen Verschlage fand, entdeckte ich nur zwei bekannte Komödien des Aristophanes, ein Stück des Libanios und eine byzantinische Bullensammlung. Von Chalki aus besuchte ich die anderen Inseln, Prinkipo und Antigone, und auch das gegenüber nächst der asiatischen Küste gelegene Kastell Lucian und Maltepe. Im letzten Orte, dessen Namen »Schatzhügel« so lockend für den Altertumsforscher ist, fand ich nur die Ruinen einer alten Kirche mit zwei Inschriften. Ich ritt noch drei Stunden landeinwärts zu dem nur von Griechen bewohnten Dorf Bakal-Köi. Der Versuch, ein Stück eines Cippus mit einer Inschrift zu kaufen, mißlang, und fast wäre ich von den alarmierten Bewohnern gesteinigt worden. Nach einer angenehm verbrachten Woche kehrte ich nach Pera zurück. Da es an Räumen mangelte, wohnte ich nicht im Gesandtschaftspalais, sondern am Abhange seiner Terrasse in einem soliden hölzernen Haus. Mit mir wohnte dort der Capo Schiavoni, der Kapitän Marinkovich, ein viel belachter Dalmatiner. Sein rotes breites Gesicht mit der gepuderten Perücke erschien mir immer wie das eines Löwen. Ein Auge hielt er immer mehr oder weniger geschlossen. In der Kanzlei diktierte er die Briefe für die Schiffskapitäne seinem Handlanger, dem jungen Caprara, dann nahm er den Brief und machte, ohne ihn zu lesen, aufs geradewohl Beistriche und Punkte. Er wohnte im oberen Stocke dieses Hauses, ich im unteren zwischen vier hölzernen Wänden ohne Ofen oder Kamin, so daß ich mich im Winter mit der Wärme eines mir verhaßten Kohlenbeckens begnügen mußte.[45] Ich begann meine Tagesordnung, die ich seitdem, außer gesellschaftliche Pflichten zwangen mich, Ausnahmen zu machen, regelmäßig beobachtet habe. Ich ging um neun Uhr schlafen und stand um vier Uhr auf. Die drei ersten Stunden des Tages widmete ich schriftstellerischer Arbeit und Studien. Jetzt gehörten sie der Übersetzung des ?Hafis?, die ich zum Teil schon versucht und jetzt während der ersten vier Monate meines Aufenthaltes in Konstantinopel vollendete. Von sieben bis zehn Uhr vollendete ich die mir zugeteilte Arbeit für die Kanzlei, nahm dann meine Stunden beim Chodsch, dem türkischen Lehrer der Sprachknaben bei der Gesandtschaft, und ging darauf in die gleich auf der anderen Seite des Hafens gelegene Bibliothek Abdul Hamids, in der mich Herr von Vollenburg eingeführt hatte, oder begleitete ihn auf seinen Geschäftsgängen, um das Innere der Stadt kennenzulernen. Um vier Uhr war Tafel beim Internuntius, und die Abendstunden verbrachte ich in der Gesellschaft. Meine Forschungen und Studien in der Bibliothek betrafen die humanistischen Wissenschaften und die schöne Literatur ebenso aus Geschmack und Neigung wie aus dem Grunde, weil ich Werke dieser Art ohne Schwierigkeiten erhielt, die mir sicher begegnet wären, wenn ich diplomatische oder juridische Handschriften verlangt hätte. Ich forschte allen Quellen osmanischer Geschichte, Anthologien und Dichterbiographien nach, deren Titel ich aus Hadschi Chalfa kannte. In keiner Bibliothek, wo ich später gearbeitet, tat ich es mit solchem Eifer und seliger Erbauung wie in der Abdul Hamids. Mit Herrn von Vollenburg besuchte ich auch die Ingenieurschule in Chassköi und die Druckerei, wo gerade das große türkisch-persische Wörterbuch des Burhani Hatii fertig geworden. Dort legte ich mit dem Ankauf einer Abhandlung über die Wasser Konstantinopels den Grund zu meiner Sammlung aller in Konstantinopel gedruckten Werke. Diese seither vergriffene und sehr selten gewordene Abhandlung diente mir als Leitfaden auf meinen topographischen Spaziergängen. Auch auf den Büchermarkt führte mich Herr von Vollenburg. Die damals gekauften drei türkischen Werke, eine Enzyklopädie von zwölf Wissenschaften,[46] die chronologischen Tafeln Hadschi Chalfas und der Lehrmeister des Beischlafes, sind die drei Grundlagen, auf welchen sich später meine bis zu einem halben Tausend vermehrte Sammlung orientalischer Handschriften in enzyklopädischer, historischer und philologischer Richtung aufgebaut hat. Neben Bibliothek, Druckerei und Büchermarkt ergriffen mich auch alle anderen großen öffentlichen Gebäude und Anstalten mit lebendigstem Interesse. Amazon.de Widgets Am Tische des englischen Ministers Spencer Smith traf ich den eben angekommenen Gesandten von Ragusa, den Grafen Cabogha, der früher in Wien gewesen und Baron Thugut näher gekannt hatte. Vier Wochen später hatte er seine Antrittsaudienz an der Pforte, und da er mich unter sein Gefolge aufnahm, genoß ich das erwünschte Schauspiel einer feierlichen Audienz und der Bekleidung mit dem Kerake, dem türkischen Zeremonienkleid. Das Kerake ist das mittlere bei solchen Gelegenheiten ausgeteilte Ehrenkleid, das vornehmste und kostbarste ist der Pelz, ein mit Hermelin oder Zobel ausgeschlagenes Winterkleid, das Kerake ist ohne Pelzfuter ein Sommerkleid, das niedrigste, der Kaftan, ist ein bloßer, gelb und weiß gestreifter Überwurf aus grobem Zeug. Diese Ehrenkleider hatten feste Taxen, um die sie sogleich nach der Audienz den Juden und Armeniern verkauft wurden, welche sie mit Gewinn von einigen Piastern dem Zeremonienmeister zurücklieferten. Die Pelze wurden vom leichtesten Hermelin bis zum schwersten Zobel von 200 bis 300 bis zu 2000 bis 3000 Piastern bezahlt. Das Kerake brachte 25, der Kaftan, den die Dienerschaft erhielt, 5 Piaster. Kaum ward das letzte Wort der Audienz gesprochen, als die ganze Gesandtschaft von Tschauschen wie eine Herde Vieh mit ?Gsch-gsch? aus dem Saale getrieben wurde. Einen Monat später wohnte ich der Audienz des englischen Botschafters Lord Elgin im Serai bei, welche mit außerordentlicher Pracht stattfand. Die Audienz des englischen Botschafters an der Pforte, beim Kaimaben und im Serai, beim Sultan hätte früher stattgefunden, wenn nicht die Etikettefrage, wie der bisherige Minister Spencer Smith dabei zu behandeln sei, sowohl[47] vonseiten der Pforte als von der des Botschafters Anstand gefunden hätte. Endlich wurde ausgemacht, daß der Botschafter beim Kaimaben auf einem Lehnstuhl, der bisherige Minister auf einem Taburett sitzen solle. Dies war der Beginn von sehr unangenehmen, dem Gange der Geschäfte schädlichen Reibungen zwischen Spencer Smith und Lord Elgin, dessen kleinlicher Geist auf die beiden Brüder Smith, welche den Allianzvertrag mit der Pforte als bevollmächtigte Minister abgeschlossen hatten, eifersüchtig war und denselben alle möglichen Prügel unter die Füße warf. Diese Zwietracht führte auch bei meiner ägyptischen Reise eine sehr merkwürdige Katastrophe herbei. Am 7. Februar kündigte mir Freiherr von Herbert an, daß die durch die abgeschlossene Konvention von El-Aarish demnächst zu erwartende Räumung und Eroberung Ägyptens ihm die Möglichkeit an die Hand gebe, meinen Reisewunsch vorläufig durch die Sendung nach Ägypten zu befriedigen, und er wolle mir die Untersuchung der Geschäftsführung der Konsulate, von welchen seit der Besetzung durch die Franzosen kein Bericht eingelaufen war, auftragen. Zwei Tage später befahl er mir, meine Instruktion selbst zu entwerfen, auch Graf Cobenzl, sagte er, habe dies getan, als er im Alter von neunzehn Jahren seine diplomatische Laufbahn als Gesandter in Dänemark antrat. Am folgenden Tage verlautete meine Reise unter der Marke einer wissenschaftlichen nach dem Archipel. Von Spencer Smith erhielt ich Aufträge und Briefe an seinen Bruder. Ich traf die Reisevorbereitungen, schaffte mir die Kleidung eines Tataren, das ist eines Kuriers, mit blauen Pluderhosen, kurzer Jacke, gelbem Kalpak an und schiffte mich ein. Der Wind war ungünstig und blieb es auch noch am 16.; da der Südwind andauerte, faßte ich den auch von Baron Herbert gebilligten Entschluß, meine Reise bis zu den Dardanellen zu Land anzutreten. 
 XXXVIII. Das Jahr 1851.  [402] Fürst Schwarzenberg war, ohne daß ich ihn sehen konnte, nach Dresden abgereist, es blieb mir also nur übrig, seine Rückkehr abzuwarten. Ich begann Dozys ?Recherches sur l'Espagne?, in dem viele Auszüge aus arabischen Dichtern enthalten sind, für meine Literaturgeschichte durchzuarbeiten. Am 3. Oktober war Fürst Schwarzenberg aus Dresden zurückgekehrt, konnte mich aber an diesem Tage einer militärischen Parade wegen nicht empfangen, erst am folgenden Tage wurde ich für einen Augenblick vorgelassen, wurde aber nur auf seine Rückkehr von Warschau vertröstet, dann wolle er sich mit der Hofbibliothek beschäftigen, und über sie im Ministerrate vortragen. Ich wiederholte, daß diese als Eigentum des Hofes doch ausschließlich ihn als Minister des Hauses und den Obersthofmeister angehe. Der Fürst antwortete, daß er dies wohl wisse, er werde den Vortrag auch allein unterschreiben, aber sich doch mit seinen Kollegen darüber beraten. Endlich nach seiner Rückkehr aus Warschau sprach ich den Fürsten und berichtete ihm über meinen Besuch der Münchener Bibliothek und die dortige Ordnung. Ich fragte ihn, ob er erlaube, daß ich mit jenen Ministern, die zu kennen ich die Ehre hatte, darüber zu sprechen, und der Fürst sagte: ?Tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie darüber mit Herrn von Bach und dem Grafen Thun.? Schon am zweiten Tage danach entledigte ich mich beim Minister des Inneren dieses Auftrages, einige Tage nachher sprach ich Grafen Thun, der mich mit allem Interesse anhörte und versprach, den Fürsten in diesem Sinne zu berichten. Nun zeigte ich mich öfters im Empfangssaale des Ministers des Inneren, um ihn an die Erstattung des vom Ministerpräsidenten verlangten Gutachtens über meinen Bibliotheksbericht zu mahnen. Bei einem dieser Besuche sagte er mir, daß eingezogene Erkundigungen meine Berichte bestätigt hätten und er in diesem Sinne sein Gutachten an den[402] Fürsten erstattet habe. Dieser wolle nun eine Kommission zusammensetzen, aus der aber wohl kaum Förderliches und Zweckmäßiges sich ergeben werde, solange die Hofbibliothek dem Obersthofmeister unterstellt bleibe. Ich konnte ihm nur vollständig beistimmen und schrieb am nächsten Tage einen Brief an den Ministerpräsidenten, der wie alle anderen unbeantwortet blieb. Sechs Wochen vergingen, ohne daß ich das geringste weiter hörte. Erst in den ersten Tagen des Mai überraschte mich eine Nachricht in den Tagesblättern, daß eine Kommission zur Zentralisierung der Verwaltung der Hofbibliothek unter dem Vorsitze des Feldzeugmeisters Freiherrn von Heß eingesetzt worden sei. Wer zu Mitgliedern ernannt worden, war nicht gesagt, aber wie kam ein Militär dazu, ihr vorzusitzen, warum war ich ausgeschlossen? Ich konnte mir nur denken, daß die Ernennung Heß' unmittelbar von des Kaisers Majestät ausgegangen war. Amazon.de Widgets Bei den Wahlen in der Akademie (1851) war der neue Handelsminister Baumgartner zum Präsidenten, Karajan ? Chmel hatte die Annahme abgelehnt ? zum Vizepräsidenten, Schrötter zum Generalsekretär gewählt und Wolf als Sekretär der philosophisch-historischen Klasse bestätigt worden. Viel Freude erlebte ich an dem jungen und talentierten Orientalisten Herrn von Kremer, welchen ich zuerst der Akademie zu einer Reise nach Syrien, dann dem Minister für Unterricht für die am Polytechnischen Institute neu errichtete Kanzel des Vulgärarabischen empfohlen hatte. Im Juni bewillkommte ich ihn bei seiner Rückkehr und gratulierte ihm zur Professur. Sein reiner Eifer für orientalische Studien und literarische Tätigkeit hatte ihn bewogen, der Professur gegenüber der Stelle eines ersten Dolmetsch beim Generalkonsulate in Alexandrien den Vorzug zu geben. Hoffentlich ernennt ihn die Akademie bald zum korrespondierenden und dann zum wirklichen Mitglied und er ersetzt mich in ihr. Meine Bemühungen, die Tätigkeit und das Interesse für die orientalische Literatur in der Akademie zu heben, sind bisher erfolglos geblieben. Ebenso vergeblich waren später meine Eingaben beim Minister des Äußeren und bei[403] dem des Inneren, durch die ich eine Hebung der orientalischen Studien an der Akademie zu erreichen hoffte. Ich hatte mich bemüht, in ihr eine orientalische Kommission zu bilden, welche besondere Bände mit Auszügen und Übersetzungen herausgeben würde, die mit den in Paris erscheinenden ?Notices et extraits? hätten wetteifern können. Dies scheiterte an Endlichers Widerstand, später an dem gänzlichen Mangel der Mitglieder für orientalische Literatur und an der Teilnahmslosigkeit für Geschichte, sobald diese nach dem Osten hinübergriff. Seitdem ich im Jahre 1836 das erstemal als Besitzer nach Hainfeld gekommen, sind sechzehn Jahre vergangen, in denen ich während der zwei Monate meines Aufenthaltes meine Morgenstunden zuerst durch vier Jahre den Denkwürdigkeiten der ?Gallerin auf der Riegersburg?, dann durch elf Jahre dem Schreiben meiner Lebenserinnerungen gewidmet habe. Ich begann das Schreiben dieser Erinnerungen im Jahre 1841 und setzte es durch elf Jahre fort, mit dem zwölften Jahre der Arbeit soll auch dieses Werk beendet werden. Ich stehe nun im neunundsiebzigsten Jahre meines Lebens, das achtzigste bezeichneten die großen Geister des Altertums als die Grenze menschlichen Lebens. Als im Jahre 1809 Napoleon Baron Thugut nach Schönbrunn rufen ließ und ihn fragte, ob er nicht wieder die Leitung der Geschäfte zu übernehmen gedenke, entschuldigte sich der Siebzigjährige mit seinem Alter. Napoleon meinte, das sei kein Grund und führte das Beispiel des Erzbischofs von Paris an. Und Thugut antwortete: ?Votre Majesté, ne s'est elle jamais appercue, qu'il radotte.? Und auch andere Gebrechen des hohen Alters fühle und merke ich. Auch interessanter und merkwürdiger Stoff beginnt zu mangeln, ich habe mich von der Welt zurückgezogen und fliehe die Gesellschaften. ?Es wird Abend und es kommen die Tage, die mir nicht gefallen.? 
 XXXVI. Vorgänge in der Akademie und Abdankung als Präsident.  [390] Ich fahre nun mit meinem Bericht über die Vorgänge in der Akademie fort. Seit Erzherzog Johann in Frankfurt war, war er mit der Akademie in keiner Verbindung mehr, nachdem ich ihm in mehreren Briefen dringend vorgeschlagen hatte, die Kuratorschaft zurückzulegen, tat er dies endlich und an seine Stelle trat Graf Stadion als Minister des Inneren. Die Unterordnung der Akademie unter dieses Ministerium war von mir veranlaßt worden. Als Freiherr von Pillersdorf zum Minister des Inneren ernannt wurde, suchte ich ihn auf, um ihm Glück zu wünschen. Ich traf ihn auf dem Wege von der vereinigten Hofkanzlei zum Ministerrat in die Burg und begleitete ihn. Ich bedauerte, daß er nun die Kuratorschaft der Akademie, die allerdings damals der Erzherzog noch nicht zurückgelegt hatte, wohl nicht übernehmen werde, da sie dem Minister für Unterricht zufallen dürfte. Er sagte mir, daß darüber noch nichts entschieden sei, es könne aber sein, daß der Minister des Inneren zum Kurator bestimmt werde. Ich freute mich darüber und bestärkte ihn darin, daß er sie, wenn irgend möglich, übernehmen möge. Ich war damals noch wie auch noch durch weitere zwei Jahre der irrigen Ansicht, daß auch in Frankreich das Institut dem Minister des Inneren untersteht. Ich war zu dieser Ansicht durch ein Dekret, das ich im ?Journal de débats? gelesen hatte, gekommen, in welchem der Academie française die Aufstellung einer Büste Chateaubriands durch das Ministerium des Inneren aufgetragen[390] wurde. In diesem Sinne hatte ich auch später, als Erzherzog Johann nicht mehr Kurator war, den Fürsten Schwarzenberg und den Grafen Stadion informiert. Außer dem Beispiel der Academie française machte ich auch noch andere Gründe gegen eine Unterstellung der Akademie unter das Unterrichtsministerium geltend, indem ich sagte, eine Akademie müsse soviel als möglich ein unabhängiges Königreich sein, ihr Zweck diene der Erweiterung der Wissenschaften und nicht dem Unterricht in diesen, daher dürfe sie nicht mit den Unterrichtsanstalten vermengt werden, und dazu sei die Möglichkeit allzu groß, wenn der Unterrichtsminister der Kurator wird. Endlicher frohlockte mit vielen anderen beim Ausbruche der Revolution über den Sturz der Regierung, was ihn aber nicht hinderte, als Anführer einer Abteilung der Nationalgarde die auf dem Rennweg seiner Wohnung gegenübergelegene Villa des Fürsten Metternich zu besetzen und ihre Einrichtung vor dem wütenden Pöbelhaufen, der sie zerstören wollte, zu schützen. Vierzehn Tage später erklärte er sich für einen warmen Verteidiger des Anschlusses an Deutschland. Die schwarz-rot-goldene Fahne in der Hand, drang er mit einem Haufen Studenten beim Kaiser ein und zwang diesen, mit dieser Fahne in der Hand sich auf dem Balkon, der gegen das Burgtor schaut, zu zeigen. Darauf setzte er sich an die Spitze der von Wien an das Parlament von Frankfurt Abgeordneten, die sich vor ihrer Abreise unterfingen, vom Grafen Ficquelmont die Auslieferung der Krönungskleinodien Kaiser Karls des Großen zu verlangen, um diese dem Frankfurter Parlament als Unterpfand der deutschen Gesinnung Österreichs zu überbringen. Graf Ficquelmont erzählte mir selbst von der unbesonnenen Hitze, mit der Endlicher dieses Verlangen stellte. Als Endlicher von Frankfurt zurückkam, erschrak er selbst über die Herrschaft der Aula und trat auf die Seite der vernünftigen Partei, welche die Aula schließen wollte. Amazon.de Widgets Graf Ferdinand Colloredo, Endlicher und Hye wollten die beschlossene Schließung der Aula durchführen, die sicher ohne weiteres gelungen wäre, wenn der Stadtkommandant Graf Auersperg zweckmäßigere Anordnungen getroffen und[391] Pillersdorf das Unternehmen unterstützt hätte. Statt dieser Schließung wurde der 28. Mai der Tag der Barrikaden. Montecuccoli, Colloredo, Endlicher und Hye wurden in Anklagezustand versetzt. Mit großer Gefahr entrannen Montecuccoli und Colloredo den Proletariern, die sie mit Strick und Beil in der Hand suchten. Hye versteckte sich, Endlicher floh nach Innsbruck und kam erst, nachdem nichts mehr zu fürchten war, nach Wien zurück. Obwohl die Akademie die Absendung einer Deputation zum jetzigen und zum vorigen Kaiser beschlossen hatte, kam es nicht dazu. Kaiser Ferdinand lehnte alle Deputationen ab und der junge Kaiser wollte uns erst nach seiner Rückkehr nach Wien empfangen. Es schien mir schicklich, daß die Akademie bei ihrer Begrüßung dem neuen Herrn einen besonderen Beweis wissenschaftlicher Tätigkeit unterbreite. Es mußte ein Werk sein, das die Tätigkeit beider Klassen aussprach, es mußte dem Kaiser genehm sein und einen größeren Leserkreis ansprechen. Endlich meinte ich, das Richtige gefunden zu haben, und zwar durch die Herausgabe der literarischen Denkmale Kaiser Maximilians I., und zwar der noch nicht herausgegebenen, wie das Turnierbuch und die zwei Bände über Geschützwesen im Ambraser Kabinett, seiner Briefe, die in der Hofbibliothek und im Archiv bewahrt sind, als auch des Theuerdank und des Weißkunig. Ich verfaßte als Begründung meines Antrages einen kurzen Aufsatz, den ich in der ersten Gesamtsitzung nach der Ankunft des Kaisers in Wien vortrug. Ettingshausen sprach sogleich dagegen, seine Anhänger schlossen sich ihm an, auch die der Hofbibliothek angehörenden Herren Münch, Karajan und Diemer lehnten meinen Vorschlag ab. Nur Arneth, Bergmann und Chmel sprachen für ihn. Endlich wurde beschlossen, daß die an den Kaiser zu sendende Deputation zwar von der Huldigung eines ihm noch darzubringenden Werkes sprechen solle, zur Beratung des Werkes selbst wurde eine Kommission eingesetzt. Freiherr von Münch schlug die Ernennung dieser Kommission vor, was genehmigt wurde. In der nächsten Sitzung der philologischen Klasse ernannte ich die Herren Karajan,[392] Auer und Arneth; von den anderen Klassen die Herren Koller, Redtenbacher und einen der Klasse Beliebigen. Am Donnerstag war die Sitzung der mathematischen Klasse, und ich erwartete Freitag die Benachrichtigung, wer als dritter bestimmt worden sei. Als sie nicht kam, ließ ich nach der Ursache der Verspätung fragen und erhielt die Auskunft, der Vizepräsident und der Generalsekretär hätten beschlossen, diesen Gegenstand erst in der nächsten Sitzung zur Sprache zu bringen. In der nächsten Sitzung schlug Palacky vor, die Akademie solle die Akten des Baseler Konzils herausgeben. In seiner Befürwortung sagte er wörtlich: ?Die Akademie muß sich durch ein Werk verewigen, das ihr einen außereuropäischen Ruhm begründet.? Ich möchte wohl wissen, welchen Anteil Asien, Afrika und Amerika an den Akten des Baseler Konzils nehmen, dachte ich mir. Chmel hatte den viel nützlicheren Vorschlag gemacht, die Akademie möge die Herausgabe aller Akten des Hausarchivs vom Ende des fünfzehnten bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts übernehmen, er bot hierzu seine eigenen und die Kräfte des Hausarchivs bereitwilligst an. Nun eröffnete ich die Debatte und sagte: ?Meine Herren, die beiden Vorschläge sind großartig, der des Herrn Chmel liegt uns Österreichern bei weitem näher als der des Herrn Palacky, ich glaube auch, daß seiner Ausführung geringere Schwierigkeiten entgegenstehen als der des zweiten.? Die Mittel und Wege der Ausführung, die nötigen Summen, die Arbeitskräfte, die Handschriften und Abschreiber wurden besprochen, als Stellvertreter Palackys, der nicht in Wien lebte, wurde zur Leitung der nötigen Auszüge und der ganzen Arbeit der Skriptor der Hofbibliothek, Birk, vorgeschlagen. Freiherr von Münch, der Vorstand der Bibliothek, meinte, Birk würde dies bereitwilligst übernehmen, er selbst habe nichts dagegen einzuwenden. Die Kommission zur Prüfung meines Vorschlages der Herausgabe der Denkmale Kaiser Maximilians tagte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Am wärmsten verteidigten Auer und ich den Vorschlag, der entscheidendste Gegner war Karajan. Nach langen Debatten blieb er endlich allein und gab zu Protokoll, daß er sich den anderen Stimmen,[393] die für den Vorschlag waren, anschließe. Trotz dieses protokollierten einstimmigen Beschlusses fürchtete ich, daß er in der Gesamtsitzung gestürzt werden könnte. Vor dieser, die am 20. Juni stattfand, muß ich noch die Audienz sowohl beim Minister-Kurator, Herrn von Bach, als bei des Kaisers Majestät erzählen. Nach der Sitzung zu Ende Mai hatte ich an den Kurator geschrieben und ihn gebeten, uns zu empfangen. Der Minister bestimmte schon einen der nächsten Tage. Dies teilte ich den anderen Herren sofort mit. Ich setzte die Rede, die ich zum Kaiser sprechen wollte, auf und steckte sie zu mir. Im Vorzimmer des Ministers fand ich die Herren Baumgartner und Ettingshausen, Wolf hatte sich entschuldigt. Der Minister begrüßte die beiden Herren als alte Bekannte und fragte dann sogleich nach der Rede. Ich las sie vor und ließ den Aufsatz in seinen Händen. Er war damit einverstanden, die beiden sprachen weder dafür noch dagegen. Als wir uns verabschiedeten, bat ich, noch einen Augenblick bleiben zu dürfen. Ich sagte dem Minister, ich halte es für meine Pflicht, ihn von der Verhandlung über das Werk, welches die Akademie dem Kaiser überreichen sollte, zu unterrichten. Da ein fester Beschluß noch nicht gefaßt sei, könne ich es auch in meiner Rede nicht näher bezeichnen, daher habe ich nur von einem historischen Werk im allgemeinen gesprochen. Vielleicht sei es möglich, Seine Majestät darauf aufmerksam zu machen und er würde vielleicht selbst der Deputation die Herausgabe der noch nicht veröffentlichten Werke seines Ahnherrn als geeignete Gabe bezeichnen. Durch solch eine Äußerung würde die Sache in der Akademie entschieden sein. Der Minister erwiderte nichts. Einige Tage später bekam ich die Bestellung des Kurators zur Audienz beim Kaiser für den nächsten Tag um zehn Uhr in Schönbrunn. Nachdem ich dies den Kollegen mitgeteilt, schrieb ich an den Kurator, daß ich ihn unbedingt noch vor der Audienz sprechen müsse, um jedes mögliche Ärgernis zu vermeiden. Ettingshausen hatte mir in mehreren Billetten seine Abneigung gegen meinen Vorschlag der Grabe an den Kaiser mitgeteilt. Herr von Bach beschied mich zwischen sieben und acht Uhr früh am Tage der Audienz beim Kaiser in seine Wohnung in der Singerstraße. Ich sagte[394] ihm, daß ich mich bei der Meinungsverschiedenheit mit Ettingshausen und Baumgartner der Gefahr einer Szene in Gegenwart des Kaisers nicht aussetzen dürfe, ich bat ihn um Entscheidung, der ich mich gehorsam fügen wolle. Er schlug vor, die Audienz zu verschieben, bis ich mich mit meinen Kollegen über die Anrede geeinigt habe. Ich sagte, dies sei unmöglich, da ich die Herren nicht mehr zu verständigen vermöge. Ich bat, er möge von meiner Anrede streichen, was ihm gut dünke, und Herr von Bach strich nun die ganze Stelle, welche von einer dem Kaiser von der Akademie darzubringenden Gabe handelte. Ich ließ alles, ohne eine Einwendung geschehen. Als ich um zehn Uhr in das Vorzimmer in Schönbrunn eintrat, waren meine drei Kollegen schon da. Ettingshausen fragte mich, ob ich in meiner Rede etwas von der dem Kaiser zu widmenden Arbeit der Akademie sagen würde, worauf ich nur mit ?Nein? erwiderte. ?Dann ist es Zeit hineinzugehen, denn der ansagende Fourier hat nur noch auf Sie gewartet.? ?Wir müssen?, sagte ich, ?noch auf den Kurator warten, der mir gesagt hat, daß er um zehn Uhr hier sein werde.? ?Er wird schon beim Kaiser sein?, sagte Ettingshausen. Da öffnete der Fourier die Türe zum Audienzsaal. Der Minister war noch nicht anwesend und kam erst, als der Kaiser seine Antwort auf meine Anrede las. Da diese nicht geändert worden war, beantwortete er auch die Stelle, die von der dem Kaiser zu widmenden Arbeit der Akademie sprach. Mit jedem von uns sprach der junge Herr einige freundliche Worte, dann entließ er uns. Am nächsten Mittwoch, wenige Stunden vor der Sitzung, kam Aktuar Schmidl mit dem Protokoll der letzten Gesamtsitzung, in welcher die Frage der dem Kaiser darzubringenden Huldigung erörtert worden war, um meine Unterschrift einzuholen. Da ich gerade einen Gast hatte, sagte ich, ich komme vor der Sitzung, um das Protokoll mit dem Generalsekretär zu besprechen, denn ich hatte auf den ersten Blick seine Unrichtigkeit und seine Mängel gesehen und einige Stellen mit Bleistiftstrichen angemerkt. Als ich in die Akademie kam, saß Ettingshausen an seinem Pulte am Ende des Saales. Er trat auf mich zu mit[395] dem Protokoll in der Hand und sagte: ?Wie können Sie sich unterstehen, ein ins reine geschriebenes Protokoll mit Bleistift anzustreichen?? Ich hatte schon so manche Insolenz geschluckt, aber diese ging denn doch zu weit, und ich antwortete: ?Seien Sie nicht so grob gegen Ihren Vorgesetzten.? ?Das sind Sie nicht?, sagte er, und ich darauf: ?Dann ist wohl der Generalsekretär der Vorgesetzte des Präsidenten?? Darauf verließ Ettingshausen den Saal. Von diesem Augenblick an war ich fest entschlossen, um meine Entlassung einzureichen. Wenn auf mein Bleiben Wert gelegt würde, würde der Kurator die Angelegenheit untersuchen, und mir die gebührende Genugtuung verschaffen. Dieser Meinung gaben meine beiden Freunde Fürst Dietrichstein und Auer recht, sie fanden, es bleibe mir nichts anderes zu tun übrig. Am 28. Juni fand eine Gesamtsitzung statt; ich hatte Nachricht davon erhalten, daß Ettingshausens Partei den Beschluß der Kommission, die Denkmale Kaiser Maximilians I. herauszugeben, stürzen wolle. Arneth verlas die Protokolle der Kommission und den einhelligen Beschluß auf Herausgabe. Da sich nun Ettingshausen, Schrötter, Münch und andere dagegen erklärten, trat auch Karajan ihnen bei und nahm sein der Kommission gegebenes Wort zurück. Bei der Abstimmung fiel der Antrag der Kommission durch, obwohl die Akademie selbst diese einstimmig beschlossen hatte. Darauf wurde der Antrag Arneths, das Werk über die geschnittenen Steine des Antiken-Kabinetts dem Kaiser zu widmen, angenommen. Nach der Verhandlung der übrigen Gegenstände und unmittelbar vor Aufhebung der Sitzung las ich meine gleichzeitig an den Kurator gesandte Eingabe um Entlassung vor und entfernte mich sogleich. Es wäre des Vizepräsidenten Sache gewesen, den von mir getanen Schritt zu besprechen und die Zurücknahme der Eingabe bei mir selbst oder beim Kurator zu betreiben, aber mein Austritt kam den Wünschen der drei Schwäger Ettingshausen, Baumgartner und Schrötter entgegen, nun war ihnen der Weg zum Präsidenten, Vizepräsidenten und Generalsekretär offen. Die Akademie beschloß, in der nächsten Sitzung keine Neuwahl vorzunehmen, sondern damit bis zum nächsten Mai zu warten. (Vgl. dazu Huber a.a.O. 105 ff.)[396] Die Gewährung meiner Entlassung war vom 14. Juli 1849 datiert und schon am nächsten Tage teilte mir Ettingshausen die Einstellung meines Gehaltes von diesem Tage an mit. 
 X. Die letzten drei Monate des Jahres 1802 in Konstantinopel.  [132] Ich bedurfte einiger Wochen, bis ich von den beständigen Aufregungen dreijährigen Reisens zur Ruhe und in ein ordentliches Geleise studiosen Geschäftslebens kam, bis ich mich von der großen Freiheit, in der ich unter Engländern auf der Flotte, im Heere und in London gelebt, nach und nach in das zeremoniöse Formenwesen kleinstädtischer Diplomatie in Pera und den jesuitischen Pedantismus meines Vorgesetzten eingewöhnt, bis ich in Bücher und Schriften Ordnung und für die fünf bis sechs freien Morgenstunden eine ordentliche Einteilung zustande gebracht hatte. Der russische Gesandte Herr von Italinski hatte in den ersten Monaten meiner Anwesenheit Herrn von Tomara abgelöst. Obwohl schon ein Sechziger, hatte er gleich bei seinem Eintreffen den Entschluß gefaßt, Arabisch zu lernen und hatte ihn mit großer Beharrlichkeit durchgeführt, so daß er Gelesenes bald verstand, ohne ein Wort richtig auszusprechen. Gemeinschaftliche Liebhaberei für das Studium des Arabischen und den Ankauf arabischer Handschriften brachten mich mit Herrn von Italinski bald in ein näheres Verhältnis, das in wirkliche Freundschaft überging. Den Pfortendolmetsch frug ich nach dem Reichshistoriographen und erfuhr, daß es Nesif sei, dessen Reichsgeschichte, die bis zum Frieden von Kainardschi reicht, bis heute die letzte gedruckte ist, und daß Selim-Efendi eine Geschichte des ägyptischen Feldzuges geschrieben habe. Ich behielt das Ziel, einst eine Geschichte des osmanischen Reiches zu schreiben, fest im Auge und versäumte während meines ganzen Aufenthaltes keine Gelegenheit, die nötigen Vorkenntnisse und Hilfsmittel zu sammeln. Daher gehörte auch der Besuch von Bücherbuden auf dem Bazar und die Bekanntschaft mit Buchhändlern zum ersten, was ich tat. Die nähere Bekanntschaft mit den Mitgliedern des diplomatischen Korps ergab sich von selbst. Außer Herrn von Italinski schätzte ich den neapolitanischen Gesandten, den Grafen Ludolf, als einen vielseitig und literarisch gebildeten Mann sehr. Oft speiste ich beim spanischen Gesandten[133] Herrn von Cavral. Er verschaffte mir die beiden auf Kosten der spanischen Regierung herausgegebenen Werke des Casirius und Ibn Aurams über den Ackerbau. Von den Gesandten, die ich vor drei Jahren gekannt hatte, fand ich noch den preußischen Freiherrn von Knobelsdorff und seinen Schwiegervater, den holländischen Botschafter van Dedern, die beide schon nach wenigen Wochen abgelöst wurden, van Dedern durch seinen Sohn, Knobelsdorff durch Bielefeld. Die Frau und die Töchter des dänischen Geschäftsträgers Freiherrn von Hübsch waren Muster der Liebenswürdigkeit, Haus und Garten in Pera standen allen Fremden offen, aller Zwang der Etikette war verbannt. Dort verlebte ich viele der angenehmsten Stunden meines Aufenthaltes in Pera und Bujukdere. Amazon.de Widgets Meine Gefühle inniger Freundschaft und mein Verlangen nach solcher fanden im Hause meines Kollegen, des Internuntiaturkanzlers Herrn von Raab Erwiderung. Da ich die ersten zwei Veziere des Reiches, den Großvezier und den Kapudan-Pascha von Syrien und Ägypten her gut kannte, sah ich sie, besonders den letzteren, öfters, als es meine Stellung sonst mit sich gebracht hätte. Der Großvezier war zwar immer noch dem Titel nach mit dem ersten und wichtigsten Amte des Reiches bekleidet, hieß immer noch der ?unumschränkte Bevollmächtigte des Herrn der Erde und des Staates, der Inhaber des edelen Siegels und der großen Regierungsgewalt?, aber sein Wirkungskreis entsprach nicht mehr dem ursprünglichen des Lenkers der Regierungsgeschäfte. Er teilte ihn mit drei anderen, weit mächtigeren Männern, die die Posten, auf denen sie standen, dem titularen des Großveziers vorzogen. Diese drei waren der Kapudan-Pascha, der Milchbruder und Schwager des Sultans; er hatte das Amt des Großadmirals und das Ansehen der von europäischen Schiffbauern erbauten Flotte zu größter Bedeutung erhoben. Durch seine Vertraulichkeit und Verwandtschaft mit dem Sultan gebot er nicht nur im Seewesen unumschränkt, sondern wurde auch in den wichtigsten Staatsangelegenheiten immer um Rat gefragt und war besonders seit dem von ihm veranlaßten Meuchelmord der Mameluken am Hof gescheut und gefürchtet.[134] Seine Macht war aber geringer als die des allmächtigen Kiaja, des Obersthofmeisters der Valide, der Sultanin-Mutter, Jusuf Aga. Er war ein unwissender, roher Türke, beherrschte aber durch seine Herrin Sultan und Reich. Ob er zu seiner Gebieterin in näherem und innigerem Verhältnis stand, konnte bei dem dichten Schleier, der über den Harems ruht, nicht sicher behauptet werden. Die vierte dieser Säulen damaliger osmanischer Herrschaft war Dschelebi-Efendi, er war der weitaus beste politische Kopf im ganzen Reich. Seine Denkschrift über die Moldau spricht von gesunden politischen Ansichten und einem klaren, denkenden Kopf. Seine Persönlichkeit vereinte Würde mit den Formen größter, natürlicher Artigkeit. Sein Streben galt aufrichtig und eifrig dem allgemeinen Besten, ohne Rücksicht auf die eigene Person, so daß es für ihn und die Sache gleichgültig war, welche untergeordnete Stelle er im Ministerium einnahm, da er doch überall mit Rat und Tat aushelfen mußte und eine genaue Kenntnis europäischer Politik besaß. Ich machte seine Bekanntschaft als Sekretär der Admiralität in Tersane, dem Arsenal des Seewesens, wo ich den Kapudan-Pascha ebenso oft in seinem Diwansaal als in seinem Palaste besuchte. Diesen Palast hatte der Kapudan-Pascha selbst gebaut, er war halb mit dem Glanze europäischen Luxus, halb in orientalischem Geschmack ausgesattet. Zwischen den malerisch gruppierten Waffen hingen englische Kupferstiche, die Darstellungen berühmter Seeschlachten. Vergoldete Plafonds, die Fenster vielfach mit Spiegeln verkleidet, die Sophas aus rotem Samt mit gestickten Polstern. Ich sah dort ein Kohlenbecken, ein ?Mongel?, aus reich vergoldetem Erz in Gestalt eines Blumenbeckens mit einem Durchmesser von drei Schuh. Dieses ?Mongel? hatte 40.000 Piaster gekostet, war aber nie bezahlt worden. Am 1. November fand die Antrittsaudienz beim Sultan statt, ihre Besprechung für den amtlichen Bericht nach Hot oblag mir. Obwohl solche Audienzen vielfach beschrieben worden sind, muß ich doch einige Umstände, die meine besondere Aufmerksamkeit erweckten, hier erwähnen. Die erste Station war unter dem ersten Tore des Serai, wo der[135] Gesandte sich auf die Bank vor dem Gemach des Henkers niedersetzen mußte. Für Veziere, Statthalter, Minister und Generäle ein gefährlicher Eintritt, sie konnten die Schwelle des hohen, kaiserlichen Tores nur mit der Ungewißheit überschreiten, unter demselben vom Henker in Empfang genommen zu werden. Der Zweck des Zeremoniells, demnach sich der Gesandte auf diese Bank zu setzen hatte und vor dem Gemach des Henkers die Erlaubnis weiteren Einlasses erwarten mußte, war der, auch dem Gesandten die Furcht der Großen des Reiches einzuflößen. Hier mußte der Gesandte warten, bis der Großvezier durch das Tor in das Serai einritt, dann erst durfte er sein Pferd wieder besteigen und dem Großvezier folgen. Vor dem Gesandten ritt der Gesandtschaftssekretär, der das Beglaubigungsschreiben in einem Überwurf aus Goldstoff hoch auf den Händen trug, sein Pferd führten zwei Sattelknechte. Dem Großvezier gingen der Hofmarschall (Tschenschbaschi) und der Oberstkämmerer (Kapidschilar Kiajasi) mit silberbeschlagenen Stöcken voraus, die sie abwechselnd auf das Pflaster aufstießen. Im Diwansaal saß der Großvezier allein in der Mitte, ihm zur Rechten und Linken auf den Seitenbänken die beiden Heeresrichter von Rumuli und Anatoli, die drei Defterdare und der Staatssekretär des Mamersch. Die Minister des Äußern und Innern (der Reis-Efendi und Kiaja-Bey) hatten keinen Sitz im Diwan. Obwohl der Reis-Efendi keinen Sitz hatte, war er doch als Staatssekretär des Großveziers anwesend und hockte auf dem Boden. Der Kiaja-Bey konnte nie anwesend sein, weil er als Stellvertreter des Großveziers, wenn dieser von der Hohen Pforte, seinem Palast, abwesend war, dort als sein Stellvertreter bleiben mußte. Während des Diwans waren meine Augen auf das mit goldenen Stäben vergitterte Fenster ober dem Vezier gerichtet, hinter welchem der Sultan ungesehen den Diwanverhandlungen beiwohnen konnte. Seine Gegenwart verriet sich manchmal durch das Gefunkel eines diamantenen Reihers hinter den Stäben. Nach aufgehobenem Diwan wurden vor dem Großvezier und den anderen Mitgliedern des Diwans kleine runde Tische gedeckt, der Internuntius speiste mit dem Großvezier allein,[136] die Gesandtschaftsbeamten an den Tafeln der Mitglieder des Diwans. Mehr als hundert Speisen wurden von einer Reihe hart aneinanderstehender Diener hereingehändigt, dann jede für einige Sekunden auf die Tafel gesetzt, abgehoben und auf der anderen Seite durch eine Reihe von Aufwärtern hinausbefördert; sie durchflogen den Saal in weniger als einer halben Stunde und dienten nur als Schaugerichte in den verschiedensten Farben. Ein gesticktes Tuch, um damit den Mund abzuwischen, wurde jedem der Gäste in den Busen geschoben, und die zur Audienz Geladenen wurden nach ihrem Range mit Zobel- oder Hermelinpelzen oder mit Oberkleidern bekleidet. Nachdem der Gesandte und sein Gefolge auf diese Weise nach dem türkischen Zeremoniell gefüttert und bekleidet vor dem Throne des Padischah zu erscheinen würdig erachtet waren, wurden wir aus dem zweiten Hofe des Serai zu ebener Erde durch einen dunkeln Gang in den durch ein einziges Fenster erleuchteten Audienzsaal geführt, jeder von uns von zwei Kämmerern begleitet. Beim Erscheinen vor dem Thron hielten die beiden Kämmerer den Eingeführten mit einer Hand unter dem Arm, die andere hielten sie auf sein Hinterhaupt und beugten ihm den Kopf. Am unanständigsten fand ich die Habgier, mit welcher sich das Gefolge des Gesandten, welches nicht in den Thronsaal zugelassen, Kapitäne, Kaufleute, Gäste und Dienerschaft, auf die auszuteilenden Kaftane warfen. Dazu kamen Mengen von Juden, welche nach der Beteiligung mit dem Beteilten um den Kaftan schacherten, um ihn sofort mit ein paar Piastern Gewinn wieder ans Zeremonienmeisteramt zu verkaufen. Diese Kaftane, deren Wahl nicht nach der Zahl des Gefolges, sondern nach dem Ansehen des Botschafters oder Gesandten bemessen wurde, waren aus dem gröbsten Camelot, weiß und gelb gestreift, was Gold und Silber vorstellen sollte, mit zwei langen Ärmeln, die bis auf den Boden nachschleppten. Amazon.de Widgets Während der Wintermonate lernte ich die Halwagesellschaften kennen. Türkische große und reiche Leute laden sich auf solche gegenseitig ein. Sie haben ihren Namen von Halwa, einem Honigkuchen, von dem es einige zwanzig Arten gibt. Kaffee, Sorbet und Halwa wird herumgereicht;[137] das eigentliche Fest besteht aus den Vorstellungen von Possenreißern, Taschenspielern, wollüstigen Tänzen und Zoten des Schattenspiels und der Marionetten. Die Tänzer waren griechische Knaben, die Sprecher Armenier; der Türke ist als Sieger und Herr zu stolz, sich zum Possenreißer zu erniedrigen. Die Knaben tanzten als Ganymede, auch als ägyptische Almen, und ließen der Einbildung nichts übrig. Die Vorstellungen des chinesischen Schattenspiels waren ernst und lustig. Die Harlekine rissen nur Zoten, deren Stoff aus den Erzählungen Deli Buraders, des türkischen Boccaccio, genommen waren. Je schlüpferiger die Vorstellung, desto größer war der Beifall. Diesem Schauspiel und dieser Unterhaltung wohnten aber nicht nur verderbte Männer bei, sondern auch die Frauen in den Harems genossen sie. Eines der größten Halwafeste machte ich im Arsenal mit. Die Versammlung bestand aus türkischen Kapitänen und griechischen Schiffsbaumeistern. Meine Einladung dazu dankte ich der besonderen Gunst Kapudan-Paschas, neben dem ich in der ersten Reihe saß. Am nächsten Tage wurde ein eben vollendeter Dreidecker in Gegenwart des Sultans von Stapel gelassen. Der günstigste Augenblick hiezu war von den Hofastronomen schon lange vorher bestimmt worden. Der Kapudan-Pascha selbst zählte auf seiner Uhr Minute für Minute, und in der entscheidenden brachen die letzten Stützen des dreistöckigen Schiffes unter dem Beil, und es rollte unter dem Getöse türkischer Musik in die hochaufschäumende See. Alle Schiffe des Hafens flaggten und donnerten Kanonengrüße. Der Kapudan-Pascha verteilte Pelze und Medaillen an die Schiffbauer und ihre Leute, er selbst wurde durch den Beifall des Sultans belohnt. Bei diesem Stapellauf befand ich mich in Gesellschaft des englischen Schiffbaumeisters Crosby. An seinem Tische machte ich am nächsten Tage die mir sehr interessante Bekanntschaft des persischen Mirba Abu Thelib Chan, der von seiner englischen Reise nach Indien zurückkehrte. Er erwähnte mich in seiner Reisebeschreibung, die in Indien persisch gedruckt, in Europa in englischer und französischer Sprache erschien. Durch einen Mißgriff des Übersetzers,[138] welcher die drei Konsonanten meines Namens H M R mit der folgenden Verbindungspartikel U in eins zusammenzog und die Vokale nach Gutdünken einsetzte, entstand aus meinem Namen ?Himru?, was mir in der Folge als Spitzname geblieben ist. Amazon.de Widgets In der Politik der Pforte waren die beiden letzten Monate des Jahres durch die Unterhandlungen der Engländer mit den Mameluken in Ägypten sehr wichtig. Während England sich der Beys mit geringem Erfolge annahm, unterhandelte Rußland mit um so größerem in betreff der Moldau und der Wallachei. Die Regierungszeit der Fürsten wurde von den bisherigen drei Jahren auf sieben Jahre verlängert, die Wahl derselben den Bojaren anheimgestellt und dadurch Rußlands Einfluß auf diese beiden Länder auf neuer, unerschütterlicher Grundlage befestigt. Diese englischen und russischen Verhandlungen waren das Werk des englischen Botschafters Lord Elgin und des russischen Gesandten Herrn von Tomara. 
 XV. Das Jahr 1809.  [183] Mit dem Beginne des Jahres 1809 waren fünf Monate verflossen, seitdem ich mit meinem Freunde Rzewuski in Weidling den Gedanken der ?Fundgruben des Orients? besprochen hatte. Schon damals hatte ich den Beginn derselben auf Anfang des nächsten Jahres festgesetzt und zum Gründungstage den 6. Jänner, den Tag der drei Weisen des Morgenlandes, festgesetzt, an welchem der Prospekt ausgeteilt und die Gründung mit einem Freundesgastmahl der Orientalisten und Liebhaber des Orients gefeiert werden sollte. Dabei blieb es, und meine erste Beschäftigung des Jahres 1809 war die Korrektur des Prospektes. Das zur Feier der Gründung der ?Fundgruben? von Graf Rzewuski gegebene Gastmahl fand im Gasthofe bei der ?Österreichischen Kaiserin? statt. Die Gäste waren zwölf wirkliche Orientalisten oder Liebhaber des Orients, unter[183] den ersten die Professoren Aidha und Chabert, der Freiherr von Doblhoff, ein Schüler des ersten, der Hofdolmetsch Herr von Demetri, Verfasser einer marokkanischen und persischen Grammatik und Übersetzer der Geschichte mauritanischer Könige, zugleich Phrenologe, großer Kenner der Musik und Bewunderer Haydns. Er hatte den Schädel Haydns aus dem Grabe gestohlen, war aber von der Polizei gezwungen worden, ihn zurückzustellen. Mein Freund Carl Harrach, der große Menschenfreund, mein Freund Argyrropulo, der türkische Geschäftsträger, Hofnotar und später Hofrat in der Staatskanzlei, Herr von Brenner, mein Kollege in der Orientalischen Akademie. Weiters waren da Friedrich Schlegel, der russische Gesandte Graf Goloffkin, der Feldmarschalleutnant Graf Chasteller, Propst Hoeck, der Direktor der Orientalischen Akademie und ich als Zwölfter. Mit dem Grafen Rzewuski fuhr ich oft in die Schmidsche Druckerei und zum Kupferstecher Mansfeld, um das Materielle der Herausgabe zu ordnen. Die erste Arbeit Mansfelds waren die Planetenbilder aus dem ?Adscheitul machlukat? (?Wunder der Geschöpfe?) zu meinem Aufsatz über die Sternbilder der Araber. Er war damals der beste Schriftenstecher Wiens und hatte auch den arabischen Titel sehr schön und zierlich gestochen. Die ganze Last der Herausgabe der sechs Foliobände innerhalb von zehn Jahren fiel mir zu; ich unterzog mich ihr aus Freundschaft für Graf Rzewuski. Graf Rzewuski wollte als Husarenoffizier den vor der Tür stehenden Feldzug mitmachen, seine Frau wollte durchaus, daß er seinen Abschied nehme, weniger aus Besorgnis für sein Leben als aus tieferliegenden politischen Gründen des Ehrgeizes. Sie glaubte an die Möglichkeit, daß durch die Kriegsereignisse Polen wieder ein selbständiges Reich werden könnte und daß in diesem Falle der Dienst im österreichischen Heere den politischen Aufstieg ihres Gatten in Polen hindern würde. Vergeblich stellte ich ihr vor, daß in diesem wenig wahrscheinlichen Fall noch immer Zeit für den Grafen sei, aus der Armee auszutreten und daß, wenn er im Regiment bliebe, sein ungeordnetes Leben geregelt und seinem Ehrgeiz ein sicheres Ziel gegeben werde. Sie gab[184] meinem Rat kein Gehör und überredete den Grafen unmittelbar vor Ausbruch des Krieges, seine Entlassung einzugeben. Er tat ihr den Willen, aber er verzieh es ihr nie, und dies war der Hauptgrund der späteren gänzlichen Entfremdung des Paares. In dieser Zeit kam ich beim Grafen Purgstall oft mit dem Freiherrn von Steigentesch zusammen, der ein geistreicher und liebenswürdiger Gesellschafter, sich als Lustspieldichter und Verfasser einiger Romane in der Literatur einen Namen gemacht hatte. Als der Graf Purgstall von Wien als Gubernialrat nach Graz versetzt wurde, brachte auch Steigentesch einige Sommer dort zu und schrieb seinen Roman ?Maria? im Lusthause des Purgstallschen Hauses. Später bewohnte Louis Bonaparte, der Exkönig von Holland, dieses Haus und schrieb dort seinen französischen Roman, der ebenfalls ?Marie? hieß. Amazon.de Widgets Im Sturmschritt näherte Napoleon sich Wien, die ganze höhere Gesellschaft reiste ab. Fast alle Diners, denen ich beiwohnte, waren Abschiedsessen, so bei der schönen Gräfin Zamoyska, bei der Gräfin Rzewuska und bei der Frau Adair. Der 1. Mai war ein trauriger Tag, die Praterfahrt war durch ein Unwetter verdorben. Ich erfuhr, daß die ganze Staatskanzlei sich zur Abreise nach Ofen anschickte und ging zu Hudelist, Graf Stadion war schon im halben April nach Ungarn abgereist, und bat ihn um die nötige Anweisung auf Postpferde. Er verweigerte sie mir, da ich nicht wirklich in der Staatskanzlei angestellt sei. Er wollte mich in Wien lassen in der Hoffnung, daß ich mich mit den Franzosen in einer verfänglichen Art einlassen und mir dadurch den Hals brechen würde. Ich schrieb an den Grafen Stadion, meldete ihm Hudelists Weigerung und erbat Befehle. Graf Stadion schrieb mir eigenhändig, ich solle sofort nach Ofen kommen und dieser Befehl werde genügen, mir alle Reiseerleichterungen zu verschaffen. Dieses nicht datierte französische Billet erhielt ich erst am Tage des Bombardements; ich lief damit auf die Post, konnte aber keine Pferde mehr bekommen, da die Tore schon geschlossen waren. Ich ließ mir vom Überbringer des Billetts die Stunde der Zustellung[185] und von der Post die Unmöglichkeit der Abreise bestätigen und ergab mich in mein Schicksal. Hätte ich die Pferde zur rechten Zeit erhalten, so hätte ich mit den Beamten der Staatskanzlei in den nächsten sieben Monaten in Ofen oder Temesvar Trübsal blasen können, während ich gerade in diesen sieben Monaten die reichen Hilfsmittel der Hof- und Universitätsbibliothek nützen und die politische Bedrängnis durch angestrengtes Studium zu überwinden bemüht sein konnte. In diesen sieben Monaten legte ich durch die Exzerpierung der griechischen Geschichtsschreiber und Byzantiner den Grundstein zu meinen späteren historischen Arbeiten. Rzewuskis waren drei Tage vor dem Bombardement nach Sternberg in Mähren abgereist und hatten den dritten Stock ihres Hauses der englischen Familie Fraser und mir den ersten zum Bewohnen angeboten. Frasers nahmen den Antrag an, ich dankte, weil ich mit meiner Wohnung zufrieden war und vor der Ankunft der Franzosen die Stadt zu verlassen hoffte. Noch am 11. Mai war Graf Rzewuski nach Wien gekommen um in seinem Haus einiges zu ordnen und mir aus seiner Sammlung orientalischer Handschriften einige, die ich benötigte, herauszugeben. Am 11. Mai speiste ich mit Rzewuski bei Arnstein, am 12. Mai mit Feldmarschalleutnant Baron Kienmayr bei Eskeles. Nach Tisch schlenderte ich mit dem Grafen Karl Harrach durch die Gassen. Überall hieß es, die Franzosen stünden vor den Toren Wiens. Vom Bombardement, das in wenigen Stunden stattfinden sollte, ahnten wir noch nichts. Um Schlag neun Uhr, als ich eben zu Bett gehen wollte, begann das Bombenwerfen, und eine der ersten schlug in mein Kabinett und zerschmetterte meine Bücherstelle. Bücher und Kleider waren der erwarteten Abreise wegen schon in Koffer gepackt, ich beschloß also, diese mit meinem Bedienten in den Keller zu tragen. Das Getöse der eisenbeschlagenen Koffer, die wir die Treppe hinabrollten, wurde durch die Einschläge der Bomben übertönt. Im ersten Stock fand ich die Stiftsdame Gräfin Wallis, die ich nur vom Sehen aus kannte, Hände ringend und nach Leuten rufend, um auch ihre Kostbarkeiten in den Keller zu retten. Ich versprach[186] ihr meine Hilfe, sobald mein zweiter Koffer im Keller sei. Ich stellte mich mit meinem Bedienten zu ihrer Verfügung; sie war ganz unentschlossen, was sie retten solle, und endlich fiel ihre Wahl auf Zucker und Kaffee. Darauf packte ich ihr Silberzeug in Betten und beförderte es in den Keller. Bis Mitternacht war auch dieses vollendet, und die meisten Parteien des Hauses suchten Erholung und Stärkung im Bierhause zu ebener Erde, die Stiftsdame und ich blieben im Keller. In das Geprassel der Geschosse schallte das Rasseln der schweren Rüstwagen der Löschanstalten, die den in Brand geschossenen Häusern zu Hilfe eilten. Um zwei Uhr kapitulierte die Stadt, das Bombardement hörte auf und man konnte an Ruhe und Schlaf denken. Meine Auswanderung aus dem vierten Stock in den Keller war noch gerade zur rechten Zeit erfolgt, denn eine zweite Bombe hatte meine Möbel zerschmettert, mein Bett zerrissen und den Boden durchschlagen. Ich nahm den Antrag der Gräfin Wallis dankbar an, einige Stunden in ihrem Vorzimmer auf einer Matratze zu ruhen. Um sieben Uhr verließ ich das Haus und begab mich zu Teimers. Der Kohlmarkt war mit zersprungenen Geschossen, herabgefallenen Ziegeln und zerbrochenen Fenstern bedeckt. Auf dem Graben brannte ein Haus, und der Wachmann hielt mich an, beim Löschen zu helfen. In weiß kaschmierenen Beinkleidern, weißen Seidenstrümpfen und neuem Frack, wie ich bei Frau von Eskeles gespeist hatte, mußte ich mich zum Löschen anstellen und Eimer reichen. Zum Glück erkannte mich der Börsenkommissär Weber, der die Geldgeschäfte Baron Thuguts besorgte, und bewog den Polizeikommissär, mich zu entheben. Nun machte ich von dem freundschaftlichen Angebot Gebrauch und zog in das Rzewuskische Haus. Dort bewohnte ich zwei große Zimmer, mein Diener hatte ein kleineres Vorzimmer und ich hatte einen Balkon, der auf die Bastei hinausging. Am Tage der Schlacht von Aspern war es mir freilich unmöglich, meine Stundenordnung einzuhalten, denn das Musketenfeuer und der Kanonendonner dauerte unaufhörlich fort. Im Marchfeld, wohin ich von meinem Balkon aus sehen konnte, brannten Dörfer. Alle Bewohner des Hauses[187] hatten sich auf diesem Balkon vereint, und die Bastei war mit Menschen gefüllt. Unter den Verwundeten befand sich auch mein Bruder Franz, welcher in das Augustinerkloster auf der Landstraße gebracht wurde. In den Feldzügen des französischen Krieges war er siebenmal verwundet und mehrmals verwundet gefangen worden. Dadurch wurde er bei allen jenen Beförderungen übergangen, die während seiner Gefangenschaft stattfanden. Daher brachte er es in seiner Dienstzeit von vierzig Jahren nur zum Major und wurde mit Oberstleutnantsrang pensioniert. Mein älterer Bruder Johann, Rittmeister bei Kaiser-Cheveaulegers, wurde noch im Laufe dieses Feldzuges als Krüppel invalid erklärt und starb, nachdem er noch zweiundzwanzig Jahre im Invalidenhaus von Tyrnau gelebt hatte, im Jahre 1831 an der Cholera. In diesen Tagen starb Johannes Müller. Mancher Schwächen ungeachtet, war Müller durch seine kolossale Gelehrsamkeit und durch seine hilfreiche Unterstützung aller Studierenden einer der hochachtenswertesten, durch seine persönlichen Eigenschaften einer der liebenswertesten Menschen. Mein Freund, Herr von Reinhard, schrieb nach seinem Tode: ?Müller war ein Mensch, den man von ganzem Herzen lieben mußte, sobald man ihn genau kannte, besonders hatte ich ihn so lieb gewonnen, daß ich in seinem Umgang, außer wenn sich gerade die Veranlassung bot, weder an den Gelehrten noch an den Geschäftsmann dachte. Goethe schreibt mir, Müller sei in jeder Hinsicht eine der seltensten Individualitäten, die er gekannt habe, und es würde äußerst schwer sein, ihn im Bilde darzustellen. Das ist wahr, und doch glaube ich, wird der Schlüssel zu seinem Charakter sich leicht finden lassen.? Dieser Schlüssel war nicht Ehrgeiz, nicht Geldgier, sondern reine Charakterschwäche, und wiewohl ich diese nur bedauern konnte, so änderte sie nichts an den Gefühlen meiner Dankbarkeit für seine frühe Anleitung zu historischen Studien und literarischer Tätigkeit. In einem früheren Briefe empfahl mich Reinhard an den als Menschen wie als Schriftsteller gleich geehrten französischen Botschafter Graf Andreossy. Durch diese Empfehlung konnte ich später der Bibliotheksplünderung Denons so energisch und sicher entgegentreten.[188] Noch wesentlicher als diese Empfehlung an Andreossy war für mich die meines Freundes Sylvester de Sacy an seinen Verwandten, den Grafen Daru, den Vorsteher der ganzen französischen Verwaltung in Österreich. Am 17. Juli erhielt ich einen eigenhändigen, artigen Brief des Grafen, welchem de Sacy ein an mich zu bestellendes Paket mitgegeben und mich empfohlen hatte. Das Schreiben war von einer Einladung zu Tisch für den nächsten Tag begleitet. Er empfing mich artig und schmeichelhaft. Sein Name hatte als Übersetzer des Horaz guten Klang in der französischen Literatur und ich fand an ihm einen unermüdlich tätigen Geschäftsmann und einen hochgebildeten Kenner klassischer Literatur. Seine Einladungen waren mir willkommen und für meine Stellung sehr nützlich. Schon drei Tage nach meinem ersten Empfang bei Daru mußte ich seine Unterstützung gegen Denon ansprechen. Denon war der französische Raubkommissär für alle Gegenstände der Literatur und Kunst und hatte soeben auf der Hofbibliothek ein halbes Tausend orientalischer Handschriften weggenommen. Der Präfekt Graf Ossolinsky benahm sich dabei sehr elend, er jammerte wie ein altes Weib und wagte nicht gegen den Raubkommissär aufzutreten, noch weniger sich an eine höhere Behörde oder an den Kaiser selbst mit der Bitte um Schonung der Bibliothek und Verhinderung des Raubes zu wenden. Als ich diese Jämmerlichkeit sah, beschloß ich sofort, meine Bekanntschaft mit Daru und seine angebotene Unterstützung nicht für mich, sondern für die Hofbibliothek und die orientalische Literatur zu benützen. Ich eilte zu ihm und kam mit ihm überein, daß ich ihm eine Bittschrift an den Kaiser sende, die ich mit einem sehr energischen Schreiben an Daru einbegleitete, in dem ich die Raubsucht Denons als die eines Schnapphahnes brandmarkte.1 Er begnügte sich nicht[189] damit, alle orientalischen Handschriften und in Konstantinopel gedruckte Bücher wegzunehmen, sondern requirierte auch alle in der Orientalischen Akademie aufbewahrten Exemplare des Neuen Meninski. Graf Ossolinsky hatte zugegeben, daß er alle Handschriften, ohne auch nur ein Verzeichnis derselben aufzunehmen, in Beschlag nahm. Ich drang vorläufig auf die Anlegung eines solchen und dann auf die Herausgabe aller Handschriften, welche sich aus dem gedruckten Kataloge als schon in der Pariser Bibliothek befindlich nachweisen ließen. Ich erreichte, daß Denon von den beschlagnahmten fünfhundert Handschriften dreihundert zurückgab und nur zweihundert, allerdings die besten, die ihm von Paris bezeichnet worden waren, fortschleppte. Meine Verhandlungen mit Daru und Denon dauerten zehn Wochen, vom Ende Juli bis Anfang Oktober. Graf Stadion trat zurück, und zugleich wurden die Handschriften und das alte Archiv der Staatskanzlei, welches nicht wie das neue nach Ofen gerettet worden war, abgeliefert. Anfangs September erhielt ich ganz unerwartet, denn ich hatte gar keine Verbindung mit holländischen Gelehrten, die Ernennung zum korrespondierenden Mitglied des Institutes in Amsterdam. Vermutlich wurde das holländische Institut durch den Prospekt der ?Fundgruben? dazu bestimmt, mir diese Ehre zu erweisen. Ich verkehrte viel im Hause des Fürsten Metternich, des Vaters des späteren Staatskanzlers. Die ganze Familie war von dem Geiste reinster Humanität beseelt, nicht der Schatten dummen aristokratischen Stolzes war in ihr, der alte Fürst war fast zu liebenswürdig, besonders gegen das schöne Geschlecht. Graf Stadion sollte nicht mehr lange mein Chef bleiben; am 2. Oktober trat er zurück und am Tage danach erfolgte die Ernennung des Grafen Metternich zum Minister der auswärtigen Geschäfte. Seit der Abberufung von Jassy hatte ich mich über Graf Stadion nicht zu beklagen. Er hatte mir Beweise seines von Hudelist unabhängigen, selbständigen[190] Denkens gegeben; nun fragte es sich für mich und meine Stellung nur, ob auch Graf Metternich sich in gleicher Weise seines Untergebenen annehmen würde. Auf meine Bekanntschaft von Dresden her und auf die Art, wie ich im Hause seiner Eltern verkehrte, gründete ich verfrühte Hoffnungen. Ich schrieb dem Grafen nach Altenburg, wo die Friedensunterhandlungen geschlossen wurden und legte ihm meinen Briefwechsel mit Daru, Denon, de Sacy und Langlés in betreff der geraubten orientalischen Handschriften vor, zugleich bat ich um Flüssigmachung meines Gehaltes, den ich seit sechs Monaten nicht erhalten hatte. Da ich keine Antwort erhielt, fuhr ich nach Altenburg, dort kam ich vor Tisch an und wurde der Tafel zugezogen, nachts kam ich mit der Anweisung meines Gehaltes an die Kasse zurück. Hudelist war damals in Ofen, der Kaiser in Totis. Wie immer machte auch in dieser Zeit Wien seine Witze. Auf den Spitzen der Obeliske vor dem Schloß Schönbrunn sind Adler angebracht; diese haben, so meinte man, da sie keine doppelköpfigen seien, den französischen Legionsadler herbeigelockt. Vor dem Übergang Napoleons über die Donau war sie gestiegen, wodurch dieser verzögert wurde. Ein Gassenhauer lautete: ?Die Donau ist ein Weib, Verteidigt sich zum Zeitvertreib. Doch Bonaparte sucht sie als Mann zu fassen, Da hat sie ihn zuletzt doch ? drüber lassen.? Amazon.de Widgets Ein politisches Opfer wurde mein Freund Graf Purgstall, welcher als Gubernialrat bei Beginn des Feldzuges dem Grafen Goeß, dem Generalintendanten des unter Erzherzog Johannns Befehl nach Tirol und Italien bestimmten Heeres beigegeben war. Nach dem Siege von Sacile begab sich Graf Goeß mit dem Grafen Purgstall und dem Freiherrn von Spiegelfeld nach Padua, von dem es hieß, daß es von den Franzosen geräumt sei. Auf dem Wege wurden sie aufgehoben und in Mantua in den Kerker geworfen. Sie sollten vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Als das Heer des Vizekönigs Eugen Graz besetzte, eilte die Gräfin Purgstall nach Wien und es gelang ihr durch den Grafen Andreossy, die Befreiung ihres Gatten aus dem ungesunden Gefängnis[191] von Mantua zu bewirken, in dem er einen Blutsturz gehabt hatte. Dieser wiederholte sich im nächsten Jahre, und ein weiterer machte seinem Leben in Florenz am 22. März 1812 ein allzu frühes Ende. In den ersten Tagen des November, vor der Abreise des Grafen Metternich nach Totis, hatte ich drei Unterredungen mit ihm. Er wollte anfangs auf meine Bitte, mich als Kurier nach Paris zu senden, nicht eingehen, weil er sich keinen Erfolg versprach. Auf de Sacys redliche Unterstützung rechnend, setzte ich dem meine Überzeugung entgegen, die Duplikate der schon auf der Pariser Bibliothek befindlichen Handschriften erlangen zu können. Der Minister willigte unter der ausdrücklichen Bedingung ein, daß ich in Paris nicht als österreichischer Beamter, sondern nur als Wiener Orientalist und Herausgeber der ?Fundgruben? auftreten dürfe und auf keine offizielle Unterstützung der Botschaft rechnen könne. Die letzte Bedingung schien mir besonders hart, denn auch als bloßer österreichischer Literat konnte ich die Hilfe der Botschaft beanspruchen. Schon bei dieser ersten Geschäftsberührung gewahrte ich bei meinem Chef die geringe Neigung, literarische Unternehmungen zu unterstützen. Ich ließ mir auch diese harte Bedingung gefallen und versah mich, nachdem ich die Zusicherung erhalten hatte, als nächster Kurier nach Paris zu gehen, mit einem Dutzend Empfehlungsschreiben außer dem offiziellen Schreiben an den Botschafter, den Fürsten Schwarzenberg. Am 9. Dezember 1809 fuhr ich am Abend aus der Staatskanzlei als Kurier nach Paris ab. 1 Die betreffenden Briefe und Eingaben sind abgedruckt bei Ferdinand Men?ik »Die Wegführung der Handschriften aus der Hofbibliothek durch die Franzosen im Jahre 1809 (Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung des A H. Kaiserhauses XXVIII. 1910, Seite IV ff.) Vgl. die eingehende Darstellung bei Othmar Doublier ?Die Wiener Hofbibliothek in Kriegsgefahr?« (Zentralblatt für Bibliothekswesen, Jahrgang LIII, Seite 46 ff). Sie wird in bezug auf Hammers Bemühungen und Verdienst um die Rückgabe der orientalischen Handschriften nun durch seine Lebenserinnerungen ergänzt, vgl. oben und S. 192 ff. 
 XXIV. Die Jahre 1825 und 1826. Italienische Reise.  [274] Und in des Herrn Namen war das Jahr 1825 ein besseres als das verflossene für mich, es war eines der glänzendsten und glücklichsten meines Lebens durch meine italienische Reise und durch die Geburt meines zweiten Sohnes Max, wenn auch in den Beginn desselben die Trauer über den Tod meiner zweiten Tochter Rosalie noch tief herein schattete. Die italienische Reise war das große Interesse, welches dieses Jahr ausfüllte, auch die Art, wie sie veranlaßt wurde und wie ich, um die Erlaubnis dazu zu erhalten, einen vorüberziehenden Sonnenblick Metternichscher Gunst benützte, ist erzählenswert. Am zweiten Sonntag des Jahres kam Fürst Metternich in seiner Abendgesellschaft auf mich zu und sagte, er habe vom Konsul in Patras ein Schreiben Lord Byrons an den Pascha von Patras und den Talisman erhalten, auf welchen Byron so abergläubisch gewesen ist. Ich möge am folgenden Morgen die beiden Stücke in seinem Kabinette abholen. Das türkische Schreiben, welches Lord Byron ein Jahr vor seinem Tode an den Pascha von Patras gerichtet hatte, bat um die Befreiung von Leuten, welche vom Pascha aufgehalten worden waren. Der Talisman, welchen Lord Byron in einer goldenen Kapsel an schwarzer Schnur um den Hals trug und den er mit zwei Goldstücken dem Eigentümer des Hauses, in dem er starb, zum Andenken hinterlassen hatte, war ein schmaler Streifen Papier, worauf in arabischer Schrift der Pakt des Satans mit Salomon geschrieben war, durch den sich jener verbindlich machte, keinem, der dieses Amulett auf sich trage, zu schaden. Fürst Metternich war über diesen Fund höchst erfreut und mit meiner Übersetzung des türkischen Schreibens und des arabischen Talisman so zufrieden, daß ich den Augenblick für günstig hielt, ihn um die Erlaubnis und um die Gelegenheit einer Reise nach Italien zu bitten, wohin er im Frühjahr den Hof begleiten[274] sollte und die er mir leicht gewähren konnte, indem er mich unter die ihn begleitenden Beamten der Staatskanzlei aufnahm oder mir eine Kurierfahrt nach Mailand gab. Meine Bitte wurde sogleich bewilligt. Der Fürst verlangte, daß ich einen Aufsatz für die ?Allgemeine Zeitung? über Byrons Talisman schreibe, der auch im März des Jahres erschien. Der Pakt des Satans mit Salomon erschien mir ein allgemein übliches Amulett zu sein, ich wandte mich deshalb an den Gesandtschaftsdolmetsch Raab in Konstantinopel und er schickte mir wirklich ein Amulett, das von dem Lord Byrons nur ganz wenig abwich. Am 7. Februar 1825 erhielt ich ein für mich erfreuliches Schreiben des Prälaten von Admont Gotthard Kuglmayr. Schon vor einigen Jahren hatte ich gehofft, daß die Stände Steiermarks mich zum Herrn und Landmann ernennen würden. Erzherzog Johann und die Gräfin Purgstall hatten darüber auch mit dem Landeshauptmann Graf Attems gesprochen, der aber erklärte, daß er mit dem besten Willen meinen Wunsch nicht erfüllen könnte, da nach einer alten Verordnung der Kaiserin Maria Theresia die Landmannschaft nur wirklichen Rittern erteilt werden dürfe. Seit ich den Leopoldsorden erhalten, waren sechs Jahre verflossen, ich hatte mich nie dazu bewegen lassen, die nötigen Schritte bei der Hofkanzlei zu tun, um den Ritterstand auf Grund dieses Ordens zu bekommen. Durch den Brief des Prälaten wurde meine Hartnäckigkeit gebrochen. Ich machte ein Gesuch um die taxfreie Verleihung des erbländischen Ritterstandes und um eine symbolische Wappenverbesserung, die mir beide gewährt wurden. In dem dreigeteilten unteren Schild meines väterlichen Wappens setzte ich eine Lilie, Sonne und Mond und die Schlange, deren Windungen den arabischen Schriftzug H.M.R. bildet, als Hammer gelesen werden kann, das Verdopplungszeichen ist durch die dem Kopf der Schlange aufgesetzte Krone dargestellt. Noch im selben Jahre wurde ich zum Herrn und Landmann von Steiermark ernannt. Fürst Metternich war am 5. März nach Paris abgereist und kam dort gerade eine Woche vor dem Tode seiner Gattin an. Im nächsten Monat traf er in Mailand ein, am 6. Mai wurde ich zur Kurierfahrt nach Mailand bestimmt.[275] Den Weg von Wien nach Mailand legte ich in sechsundneunzig Stunden zurück. Nach allem, was ich über Italien gelesen, war mir der Versuch einer Reisebeschreibung ganz überflüssig erschienen, ich ließ meinen poetischen Eingebungen freien Lauf und so entstand die poetische Reisebeschreibung ?Italia?, die fünf Jahre später in Deutschland erschien. Zum elegischen Versmaße des Hexameters und Pentameters bestimmten mich Goethes ?Römische Elegien?, und nachdem ich einmal damit begonnen, war es mir unmöglich, in ein anderes zu finden. Ich hatte Unrecht, diesen Elegien den Namen ?Ständchen? zu geben. Ich nahm ihn von den Makamen Hariris her, wo er der Begriff von Gedichten des Standoder Reiseortes, dem aber das deutsche Wort nicht entspricht. Um elf Uhr abends fuhr ich durch die Porta Italiana in Mailand ein, am gleichen Abend war der Kaiser angekommen, und in der ganzen Stadt brannten ihm zu Ehren Lustfeuer. Vor dem Palazzo Zerbelloni, wo Fürst Metternich wohnte, stieg ich ab. Erst nach Mitternacht kam der Fürst und ich gab ihm die Depeschen, die ich mitgebracht. Bald nach meiner Ankunft sah ich in der Scala, die mit 1200 Wachskerzen erleuchtet war, das Ballett aus der Loge des Gouverneurs Grafen Wickenburg. An den Vormittagen besah ich die Sehenswürdigkeiten und suchte Gelehrte auf, deren Bekanntschaft mir wünschenswert erschien. Darunter war der orientalische Numismatiker Graf Castiglione, der Geschichtsschreiber Bossi, der Biograph der berühmten italienischen Geschlechter Pompeo Litta, die Bibliothekare Geroni und Ferrario auf der Bibliothek der Brera, der Abbate Mazuchelli auf der ambrosianischen, auf der ich die vorzüglichsten orientalischen Handschriften durchsehen durfte. Amazon.de Widgets Am 25. Mai war Corso notturno, eine beleuchtete abendliche Spazierfahrt auf dem Korso außerhalb der Stadt. Der ganze Korso war mit Feuern und Lampen, Obelisken, Säulen, Vasen und Opferpfannen geschmückt, von den Bäumen hingen vielfarbige Ballons erleuchtet hernieder. Erst nach dem Korso um elf Uhr begann der Salon des Fürsten, dessen Honneurs die Marchesa Trivulzio, eine Nichte des Fürsten Sinzendorf, machte. Die Bekanntschaft mit ihrem Gatten, einem wahren Mäcen lombardischer Gelehrter und Besitzer großer[276] Sammlungen von Büchern, Handschriften, Gemälden und Altertümern, war für mich die interessanteste in ganz Mailand, ich verbrachte viele Tage in seinem Hause und in seinen Sammlungen und fuhr mit ihm auch in die Umgebung, so in die Villa Serbelloni, wo die Statue des Pompejus steht, ein Seitenstück zur römischen im Palazzo Farnese. Am Abend des Korsos leerte sich der Salon bald, nur der Gouverneur von Mailand Graf Strassoldo, Graf Bombelles und ich blieben zurück. Ich lenkte das Gespräch auf die ?Jahrbücher der Literatur?, die nie auf einen grünen Zweig kommen würden, solange ein Phantast wie Buchholtz sie redigiere, während die ?Bibliotheca Italiana? sich des besten Rufes und Gedeihens erfreue. ?Ja,? sagte der Fürst, ?Buchholtz ist ein literarischer Phantast, aber wo ist ein anderer Redakteur?? ?Den haben Eure Durchlaucht in Hülsemann, der weder ein religiöser noch politischer Phantast ist, sondern ein aufgeweckter Kopf und eine gewandte Feder.? Der Fürst stimmte mir zu. Noch von Mailand aus bekam Buchholtz durch Gentz den Wink, die Redaktion niederzulegen, und diese wurde Hülsemann überwiesen, aber bei diesem Redakteurwechsel war nur wenig gewonnen. Ich wartete der Erzherzogin-Kaiserin Marie Louise auf, bei der ich durch ihren Gemahl, den Grafen Neipperg, bestens empfohlen war. Graf Neipperg war durch sein ritterliches Wesen und seine außerordentliche Liebenswürdigkeit eine interessante Erscheinung. Ich weihte ihm stets die größte Hochachtung. Der Erzherzog-Kaiserin bin ich zu Dank verpflichtet, nicht nur für den Orden, mit dem sie mich ausgezeichnet, sondern auch für das Interesse, das sie jetzt an meiner italienischen Reise nahm und für die sie beim Fürsten wirkte. Der Fürst hatte sie mir schon in Wien zugesagt und hatte auch in Mailand einmal die Bemerkung gemacht: ?Wenn Sie nach Rom kommen ? ?? In der Audienz hatte Marie Louise von den achttausend orientalischen Handschriften ihrer Bibliothek gesprochen, und ich hatte sie gebeten, gelegentlich bei Seiner Majestät dem Kaiser vorzubringen, er möge erlauben, daß ich auf der Rückfahrt der mir versprochenen Kurierreise über Parma fahre. Schon am folgenden Tage kam die Erzherzogin auf mich zu und sprach[277] von dem Talisman Lord Byrons, sie sagte mir, daß sie mit dem Kaiser gesprochen, dieser aber gar nichts von einer Kurierreise wisse, daß es aber mit einem Besuche Parmas gar keine Schwierigkeiten haben werde. Am folgenden Tage ging ich zum Fürsten Metternich und er sagte mir: ?Die Erzherzogin Marie Louise hat mit dem Kaiser Protektionen für Sie besprochen und es hat keinen Anstand, daß Sie auf Ihrer Rückreise Parma besuchen. Der Hof geht auf zehn Tage nach Genua, um dort dem Fronleichnamsfest beizuwohnen, wenn Sie wollen, können Sie unterdessen nach den Seen und Inseln oder nach Turin fahren, um das dortige ägyptische Kabinett zu sehen.? Ich zog die Fahrt nach Turin vor, das mich sehr entzückte, besonders die hohen und schönen Säulen des königlichen Archivs, des schönsten, das ich je gesehen habe. In die Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied ich erst seit kurzem war, führte mich der Abbate Peyron ein, und ich machte eine Sitzung mit, deren Vorsitz die durch Dichtung und Altertumsforschung bekannte Marchesa Saluzzi führte. Den Schatz ägyptischer Altertümer zeigte mir der Kustos dieser Sammlungen, Herr San Quintino. Nach der Rückkehr des Hofes nach Mailand begannen die von der Stadt und den Großen gegebenen Feste, die volle drei Wochen bis Ende des Monates Juni dauerten. Ein glänzender Ball im Casino dei Nobili, einer der Negozianti, einer beim Vizekönig, beim Fürsten Litta, beim Gouverneur, beim Grafen Batthyany und beim Fürsten Metternich. Ich wohnte allen bei, bis auf den Ball des Fürsten, der mich erst unmittelbar vor seiner Abreise abfertigen wollte. Am 24. Juni verließ ich Mailand, reiste nach Bologna und wandte mich dem Meere zu, ich fuhr über Cesana, Rimini, Ancona, Loretto, Terni nach Rom, wo ich nach sechsundneunzig Stunden ankam. Schon zwei Stunden vor Rimini hoben mir kühle Lüfte angenehm den Atem, es waren die des Meeres. Auf meinem Wege sah ich den Hafen von Ancona und den berühmten Wallfahrtsort der Christenheit Loretto, den Tempel des Vertumnus und den Wasserfall von Terni. In Ancona war allgemeine Beleuchtung der Stadt, der Jahrestag des Wunders der Madonna wurde gefeiert, welche die[278] Augen bewegt. Ich bestieg den Hügel, auf dem die Nische des Madonnenbildes steht, auf dessen kristallene Augen ein so magischer Schimmer des Lampenlichtes fiel, daß es nicht vieler Einbildung bedurfte, um eine Bewegung der Augen zu sehen. In Rom traf ich am Vorabend von Peter und Paul ein. Ich besuchte den österreichischen Geschäftsträger, den Herrn von Genotti, dem ich die Depeschen übergab, den Bankier Torlonia, für den ich Kreditbriefe meines Schwiegervaters hatte, und den russischen Gesandten Herrn von Italinski. Am Abend sah ich das herrliche Schauspiel der beleuchteten Peterskuppel und am folgenden Morgen die große kirchliche Feier des zu St. Peter pontifizierenden Papstes und die Erteilung des Segens. Am Abend setzte ich im Mondschein meine Reise nach Neapel fort und sah das Pantheon, das Colosseum und die lateranische Kirche in seinem Silberlicht. Nur vierzehn Tage hatte ich für Neapel. Ich gab Depeschen und Empfehlungsbriefe beim Kommandierenden, dem Feldmarschalleutnant Freiherrn von Koller, ab und wurde von ihm für alle Tage zu Mittag geladen. Noch am selben Tage sah ich den See von Averno, die Solfatara und den Serapistempel. In der Nacht stieg ich auf den Vesuv. Einen Empfehlungsbrief von Italinski an den Cavaliere Arditi gab ich ab und installierte mich auf der Bibliothek des Museo Barbarino, um einen Katalog der dort befindlichen Handschriften anzufertigen. Dazu bedurfte ich einer Genehmigung des Ministeriums, die auch erfolgte, jedoch nur dahingehend, daß ich die Handschriften besehen, aber keine Auszüge aus ihnen machen dürfe. Ich kehrte mich nicht an das Verbot und hinterließ bei meiner Abreise einen vollständigen Katalog der Handschriften. Am 16. Juli war ich in Rom zurück. Italinski lud mich ein für alle Male zu Tisch ein. Auch in Rom mußte ich mit meiner Zeit haushalten, ich wollte täglich vier Stunden auf der Vaticana arbeiten und zur Besichtigung der Merkwürdigkeiten blieben also nur die Morgenstunden über. Die Stunden, die ich auf der Vaticana während meines sechzehntägigen Aufenthaltes verbrachte, gehören zu den schönsten, die ich je auf einer Bibliothek verbracht habe. Die große Sonnenhelle war durch[279] Rolladen gedämpft, die heilige Stille war nur vom Rauschen der Springbrunnen vor dem Vatikan angenehm unterbrochen, die Wandgemälde mit ihren Darstellungen der Stifter der Bibliothek, der Konzilien und der Erfinder belebten neuen Eifer. Der Geist des großen Papstes Sixtus V., der sie gegründet, schwebte durch ihre Räume. Eines Morgens holte mich der Staatssekretär Somaglia und lud mich ein, in seinem Palast dem Segen beizuwohnen, den der Papst dem durchmarschierenden kaiserlichen Regiment Gyulay erteilte. Ich war ganz beschämt, als der fünfundachtzigjährige Kardinal es sich nicht nehmen ließ, mich wieder auf die Bibliothek zurück zu begleiten. Von Rom fuhr ich nach Florenz und ruhte mich dort vierzehn Tage von den Beschwerden Roms aus. In den Morgenstunden arbeitete ich abwechselnd auf der Laurentiana oder der Magliabecchiana. Dort brachte man mir eine morgenländische Handschrift, die ungebunden zwischen zwei Brettern von Zypressenholz verwahrt und durch dieses Holz gegen Würmer geschützt war. Dies brachte mich auf den Gedanken, meine Handschriften in unbezogenem, glatt gehobeltem Zypressenholz mit vergoldetem Rücken aus rotem Maroquin binden zu lassen. In Florenz ist das Zypressenholz so gemein, daß das Tafelwerk vieler Häuser daraus besteht, und ich ersetzte meinen Koffer durch eine Kiste aus diesem Holz. Ich konnte damit ein Hundert meiner orientalischen Handschriften binden lassen. Nach vierzehntägigem Aufenthalt in Florenz setzte ich meine Reise nach Bologna fort. In Bologna besuchte ich den Kardinal Albani, der mich für alle Tage meines Aufenthaltes zu Tisch lud, ich besuchte auch das Sprachwunder, den Abbate Mezzofanti, der damals fünfunddreißig Sprachen nicht nur verstand, sondern auch sprechen konnte. Ich bewunderte die Treue, womit sein Ohr die Aussprachen und den jeder Sprache eigentümlichen Akzent aufgenommen hatte, nachdem ich eine Weile mit ihm persisch gesprochen hatte, sagte ich ihm: ?Sie haben Persisch von englischen Offizieren gelernt, die aus Indien zurückkamen.? Er war ganz erstaunt, daß ich dies aus seiner Aussprache erkannt hatte. Mezzofanti führte mich in die Bibliothek des Institutes ein, einer der großartigsten wissenschaftlichen[280] Einrichtungen, deren Gründer, der Graf Marsigli, einer der vielseitigsten praktischen Gelehrten seiner Zeit war. Aus der Unordnung der orientalischen, seiner Vaterstadt vermachten Handschriften und aus dem gedruckten Kataloge derselben wurde mir sofort klar, daß diese Unordnung die ursprüngliche einer türkischen Bibliothek. Diese Bemerkung wurde vom Bibliothekar bestätigt, er teilte mir den Stiftungsbrief mit, in welchem beschrieben ist, wie Marsigli bei der Eroberung Ofens den alten Scheich-Kustos in der Bibliothek sitzend gefunden und die zwei mit Handschriften gefüllten Kabinette in der großen Moschee vor Feuer und Plünderung gerettet hatte. Mezzofanti versprach mir eine Abschrift dieses Stiftungsbriefes zu verschaffen, dagegen protestierten aber die Aufseher der Marsiglischen Stiftung. Ihre auch gegen den Botschafter Graf Lützow aufrechterhaltene Weigerung kann nur mit der Furcht erklärt werden, das diese Urkunde den kaiserlichen Hof zur Forderung der Abtretung aller orientalischen Handschriften hätte veranlassen können, denn Marsigli hatte sicher kein Recht, die Bibliothek Ofens, welche wie die Festung des Kaisers Eigentum war, zuerst als Privatbesitz zu behandeln und dann seiner Vaterstadt zu vermachen. Die Antwort an den Botschafter Graf Lützow war: ?Man behalte sich vor, die Urkunde selbst in Bologna herauszugeben.? Ich brachte eine Woche in Bologna zu und machte von dort einen Abstecher nach Ravenna, wo ich an Theoderichs Grab weilte und an den Gräbern von Honorius und Dante. Der dortige Bibliothekar Saporetti verhalf mir dazu, daß ich die Inschriften eines sieben Schuh im Durchmesser messenden ledernen türkischen Tafeltuches lesen konnte, es war auf dem Plafond aufgehängt. Die Inschriften sind aus der Zeit der schönsten türkischen Kalligraphie, sie zu entziffern brauchte viel Zeit und Fleiß, ebenso wie die arabischen Inschriften auf den ägyptischen Trinkgeschirren auf der Bibliothek des Institutes zu Bologna. Amazon.de Widgets Von Bologna fuhr ich nach Ferrara und Parma. Durch die Güte des Grafen Neipperg wurde ich in Parma ehrenvoll empfangen. Der Hof war nicht in der Stadt, sondern wohnte auf dem Lustschloß von Sala. Ein Hofwagen holte mich von[281] meinem Gasthofe in die Burg ab, wo ich während meines Aufenthaltes wohnen und leben sollte. Ich wurde nach Sala zum Speisen geladen und fuhr mit unterlegten Hofpferden dahin. Bei Tisch saß ich zwischen der Kaiserin und Graf Neipperg. Dieser ließ mich auch nach Fornovi fahren, um dort die Templerkirche anzusehen. Ich verlebte in Parma eine sehr angenehme Woche auf der Bibliothek und im Antikenkabinett und sah alle Merkwürdigkeiten der Stadt. Ich fuhr über Cremona, um die Architektur des Domes und den merkwürdigen Tierkreis an diesem zu sehen, den ich in meinem ?Memoire sur les monuments de Mithras? besprochen habe. In Mantua sah ich die Gemälde Mantegnas und die Lorenzo Costas im Palazzo del Te. In Verona ging ich ins Amphitheater und ins Museo Maffei. In Venedig hielt ich mich nur kurz auf und fuhr dann über Görz-Triest-Laibach-Pettau und Radkersburg zu meiner Freundin, der Gräfin Purgstall. In Hainfeld ruhte ich vierzehn Tage von den Anstrengungen dieser Reise aus. Am 7. Oktober kam ich nach Wien zurück und dankte sogleich dem Fürsten Metternich für die mir zu dieser Reise gegebene Erlaubnis und die Mittel dazu. In Wien fand ich drei Diplome gelehrter Gesellschaften, der von Kopenhagen, von Madras und der neuerrichteten Royal Society of literature in London. Sogleich nach meiner Ankunft in Wien arbeitete ich an der Fortsetzung meiner Geschichte des Osmanischen Reiches. Der erste und zweite Band waren abgeschrieben und vom Zensor durchgelassen worden, nun kamen sie von der Zensur der Polizeihofstelle zu der der Staatskanzlei; gerieten sie in Gentz' Hände, so hatte ich ein gleiches Los zu erwarten wie die Schnellersche Geschichte, als erklärter Türkenfreund und Griechenhasser würde er die wahrheitsgetreue Darstellung der von den Osmanen bei der Unterjochung Griechenlands verübten Grausamkeiten und Tyrannei nie zum Druck geeignet befunden haben. Ich streute der Eitelkeit des alten Staatsrates Stürmer Weihrauch und bat ihn, er möge die Handschrift selbst durchsehen und dies nicht in orientalischen Dingen ganz unbewanderten Gentz überlassen. Die Bitte schmeichelte Stürmer und er versprach, mein Werk selbst in politischer Hinsicht zu zensurieren.[282] Ich wußte ohnehin, daß er es gar nicht lesen und sich mit der ersten Zensur der Polizeihofstelle zufrieden geben würde. Schon nach sechs Wochen erhielt die Polizeihofstelle das Manuskript zurück. Den gleichen Weg ging ich bei den späteren Bänden. Die literarische Ausbeute der Reise war außer den Briefen über die Literatur die ?Italia?, die bibliographische die ?Bibliotheca Italiana?, in welcher über die vorzüglichsten Handschriften der Bibliotheken von San Marco, der vatikanischen und barberinischen in Rom, der Ambrosiana in Mailand, des Museo Burbonico in Neapel und den Bibliotheken von Turin und Pavia berichtet wurde. Ich hatte auf meiner Reise im ganzen siebenundzwanzig Bibliotheken besucht und bei meiner Rückkehr darüber ausführlich dem Fürsten Metternich Bericht erstattet, in der Hoffnung, mich dadurch von den anderen Mitbewerbern für den Posten des Präfekten der Hofbibliothek befähigt zu erweisen. Fürst Metternich gestand mir die Befähigung zu, sagte aber, daß er auf die Besetzung keinen Einfluß nehmen könne, weil der Posten von der Kaiserin schon dem Grafen Dietrichstein zugesagt worden sei. Durch meine unterschiedlichen Bekanntschaften mit Gelehrten und Bibliothekaren in Italien, die ich um Auskünfte für meine osmanische Geschichte gebeten, war mein Briefwechsel in diesem Jahre um mehr als ein Drittel vermehrt worden. Die für mich wichtigsten waren die von Pompeo Litta und Abbate Bettio, die mir seltene italienische Werke verschafften. Eines Tages sprach ich mit Erzherzog Johann darüber, daß Fürst Metternich in letzter Zeit öfter und regelmäßiger nach Hof gehe als sonst. ?Das will ich Ihnen sagen,? antwortete der Erzherzog, ?er gibt dem Kronprinzen und dem Erzherzog Karl zweimal die Woche Unterricht in der Politik und Regierungskunst.? Die Wahrheit dieser Mitteilung wurde mir in der Staatskanzlei bestätigt, der Fürst ging zweimal die Woche in die Kammer der Erzherzoge und hielt dort meist über eine Stunde Unterricht. Als ich wieder zum Erzherzog kam, sagte ich: ?Darf ich Eurer Hoheit den Inhalt[283] der Lehrstunden des Fürsten sagen? Er begann seinen politischen Kurs damit: Gnädigste Herren! Ohne viel Umschweife zur Sache! Die Kunst, Völker zu beherrschen und Staaten zu regieren ist ganz gewiß die wichtigste und schwerste. Die wahre Grundlage derselben und die Politik ist das tiefste, unverbrüchlichste Geheimnis, also gnädigste Herren vor allem das unverbrüchlichste Stillschweigen über alles, was Sie aus meinem Munde hören, gegen alle Ihrer Umgebung, gegen Ihre Obersthofmeister, gegen alle Minister, gegen alle Erzherzoge, Ihre Oheime, besonders gegen Erzherzog Johann. Hernach, gnädigste Herren, kommt alles auf die Werkzeuge an, deren sich die Politik und Regierungskunst zur Erreichung ihrer hohen Zwecke bedient. Diese Werkzeuge sind die Männer des Staates, diese und ihre Gesinnung zu kennen, um zu wissen, inwieweit sie brauchbar und dienstlich, ist die Hauptsache. Allen Literaten die Exklusive für immer. Wir wollen nun die Minister durchmustern: der Oberstkanzler Graf Saurau ist ein Erzliberaler, dessen Name schon dadurch, daß er auf der Liste der Illuminanten gestanden, für immer gebrandmarkt ist ? ? usw.? Der Erzherzog lachte sehr über den Spaß. Diese Unterrichtsstunden dauerten nur einen Winter, sei es, daß die Schüler, sei es, daß der Lehrer von diesem halbjährigen Kurs genug hatten. Amazon.de Widgets Da Gentz und Prokesch entschiedene Gegner der Griechen waren, hatten sie ausschließlich das Ohr Metternichs in der türkischen Politik, und ebenso hatte es Ottenfels, der jetzt Geheimer Rat wurde. Über die Herausgabe des Meninskischen Onomastikon hatte ich schon vor sieben Jahren ein Gutachten erstattet und sie war mir damals schon zugedacht und aufgetragen worden, ohne daß ich es gewünscht hätte. Stürmer bemühte sich nun, mir diese mühevolle und undankbare Arbeit aus den Händen zu nehmen, um sie meinem ehemaligen Lehrer Chabert zuzuschanzen. Dies geschah hinter meinem Rücken, ohne daß ich auch nur gefragt worden wäre. Ende Jänner kam ein Handbillett des Kaisers, das dem Fürsten Metternich auftrug, mir darüber ein Gutachten abzufordern. Dieses Handschreiben hatte der Staatsrat Stifft veranlaßt, an den,[284] als höchste wissenschaftliche Behörde, alle auf die Wissenschaften bezughabende Vorträge kamen. Zur Kenntnis des früher bereits Verhandelten und Veranlaßten wollte er sich Aufklärung über die ganze Angelegenheit verschaffen. Wiewohl mir dieses Handbillet nicht viel schaden konnte, so nützte es mir auch nicht zur Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches, die Stelle des Präfekten der Hofbibliothek zu erhalten. Metternich hatte zwar gesagt, er habe darüber dem Kaiser einen Vortrag erstattet, in Wirklichkeit unterstützte er den Grafen Moritz Dietrichstein, dem die Kaiserin die Stelle zuwenden wollte, er unterstützte ihn schon aus dem Grunde, weil Staatsrat Stifft sie ehrenhalber zu bekommen wünschte, weil sie van Swieten, der Leibarzt der Kaiserin, und dessen Sohn bekleidet hatten. In diesem Sommer arbeitete ich an der Geschichte Suleimans, des Gesetzgebers, und seines Sohnes Selim, welche den dritten Band der osmanischen Geschichte bildet, ihr Glanzpunkt, aber zugleich wegen der Menge und des Reichtums der Quellen eine weitläufige und mühevolle Arbeit. Da ich daran nie in der Stadt, sondern nur am Lande komponierte und in der Stadt nur leichtes Zeug, wie Reime für die Jahrbücher der Literatur und dergleichen, diktierte, wünschte ich, sobald als irgend möglich, das uns von meinem Schwiegervater überlassene kleine Haus in Döbling zu beziehen. 
 XII. Die Jahre 1804, 1805 und die erste Hälfte von 1806 in Konstantinopel.  [147] In den ersten sechs Monaten des Jahres 1804 las ich die sieben Foliobände des großen Märchenwerkes Suleiman Name, das deren nicht weniger als siebzig hat. Dann las ich die Kritiken Kants und die Delphine der Madame Stael. Ich mußte französische Tageslektüre treiben, um den Anforderungen im französischen Palais zu genügen. Mit dem Eintritt schöner Jahreszeit setzte ich meine Wanderungen durch die Umgebung der Sultanstadt fort. In Chassköi stand mitten unter Judenhäusern ein Palast des Sultans, der damals allerdings nicht mehr bewohnt war. Von diesen führte die Straße gerade hinauf zum ?Otmeidan?, dem Pfeilplatz. Wie vormals auf dem Pferdeplatz, dem ?Atmeidan?, in Konstantinopel die Pferde- und Wagenrennen stattfanden, so wurde hier mit Pfeil und Bogen um die Wette geschossen. Von ferne könnte man den Otmeidan für eine türkische Grabstätte halten, denn auf ihm erheben sich zahlreiche Pfeiler mit goldenen Inschriften, die Denkmale der besten Schüsse, zumeist der Sultane. Schmeichler verlängerten die Bahn des vom Pfeil des Herrschers durchflogenen Raumes, indem der Sklave den Pfeil[147] im Laufen aufhob und erst nach ein paar hundert Schritten als dort gefunden zeigte. Die einzigen wahren Angaben guter Schüsse mögen die Sultan Murads IV., des Eroberers von Bagdad, sein, der den stärksten Bogen mit Athletenkraft spannte und den Pfeil auf unglaubliche Entfernung schoß. Vierzehn Tage des Mai, die schönsten des Frühlings, brachten dieses Jahr der französische Botschafter, der Internuntius, die Baronin Hübsch und mehrere Verwandte ihres Hauses auf den Prinzeninseln zu. Nur zwei Stunden von Konstantinopel entfernt, auf der Seite der asiatischen Küste gelegen, haben sie ein milderes Klima als Bujukdere, weil sie weniger als dieses den Nordwinden ausgesetzt sind. Später, im Sommer, sind sie weniger heiß als dieses, aber die schönsten Monate auf ihnen sind der Mai und der September. Die laue Luft ist von den Düften wohlriechender Kräuter und von den harzigen Ausdünstungen der Zypressen und Therabinthen geschwängert. Auf der größten Insel Prinzipo verbringen reiche Griechen ihre Frühlingsferien, und dort wird der erste Mai von den jungen Mädchen mit einem Reigen als Genius des Frühlings begrüßt. Wir wohnten auf der zweitgrößten Insel Chalki. Dort besuchte ich oft die drei Klöster zur heiligen Dreifaltigkeit, zur heiligen Jungfrau und zum heiligen Georg, stöberte dort unter griechischen Liturgien herum und kaufte die oben erwähnte griechische Handschrift. Wie ich höre, ist inzwischen die herrliche Zypressenallee, die zum Kloster führte, im griechischen Aufstand von den Türken zerstört worden. Von hier aus machte ich in Begleitung des Gesandtschaftsjanitscharen der Baronin Hübsch einen Ausflug an die asiatische Küste, dort ritt ich drei Stunden landeinwärts in der Richtung des Aalemthag, ohne auch nur eine Spur von Gräbern zu entdecken. Erst spät am Abend bei der Rückkehr nach Maldeye, den Telekanon der Kreuzfahrer, fand ich bei der griechischen Kirche eine kleine Stele. Ich versuchte, sie mit meinen Janitscharen unbemerkt ins Boot zu schaffen, aber wir wurden entdeckt und von Griechen als Kirchenräuber mit Steinwürfen bis ins Boot verfolgt. Amazon.de Widgets Bald nach meiner Rückkehr nach Bujukdere machte[148] ich einen Ausflug auf den auf dem asiatischen Ufer ober Skutari sich erhebenden Berg von Bulhurlü, von dem aus die schönste Aussicht auf Konstantinopel, das Meer von Marmara und den Bosporus ist. Dort steht ein Landhaus, dessen Erbauer Aaschir-Efendi, der größte türkische Philologe unserer Zeit, ist. Er übersetzte die beiden Riesenwerke des persischen Wörterbuches des Burban Hatis und des arabischen Kemus. Dieses Haus bewohnte in diesem Sommer der als Staatsmann und Geschichtsschreiber berühmte Nesif-Efendi, der noch jüngst die Stelle eines Reis-Efendi bekleidende Reichsgeschichtsschreibers. Seine bis auf den Frieden von Keinardschi reichende Geschichte ist das letzte der von der Regierung kundgemachten Werke des offiziellen Reichshistoriographen. Ich machte hier seine persönliche Bekanntschaft und fand in ihm einen durch Krankheit verstimmten, unansehnlichen Mann. Durch die politischen Ereignisse war dieses Jahr für die Diplomatie in Pera ein sehr bewegtes: Napoleon hatte sich zum Kaiser von Frankreich erklärt, Kaiser Franz hatte sich die Krone des österreichischen Kaisertums aufgesetzt. Herr Amadé Joubert, welcher den Posten des ersten Dolmetsch erhalten, hatte dem General Brune mit dem Marschallstabe die große Nachricht von der Kaiserproklamation und den Auftrag gebracht, die durch ein mitgebrachtes Schreiben Napoleons an den Sultan angekündigte Proklamation bei der Pforte zu unterstützen und von ihr die Anerkennung Napoleons als Kaiser und Padischah der Franzosen zu erreichen. Der russische Gesandte und der englische Botschafter arbeiteten dagegen, und der Internuntius hatte die Weisung erhalten, mit der Anerkennung des österreichischen Kaisertitels auch den Titel Padischah, welcher damals den Königen von Frankreich und seit dem Frieden von Kainardschi dem Zar gebührte, zu verlangen. Diese Bestrebungen der Minister der vier Großmächte versetzten die ganze diplomatische Welt in Aufregung und Tätigkeit, Konferenz folgte auf Konferenz, und ein halbes Jahr lang drehten sich alle Gespräche um die Anerkennung oder Nichtanerkennung Napoleons. Um aus allem diesem diplomatischen Kleinkram herauszukommen, machte ich zwei gleichgesinnten[149] Freunden, dem englischen Botschaftssekretär Mr. Straton und dem preußischen Geschäftsträger Bielefeld, den Vorschlag, zwischen zwei Posten zusammen einen Ausflug nach Brussa zu machen. Nicht ohne Schwierigkeiten erhielt ich die Erlaubnis des Internuntius. Das Resultat dieser Reise legte ich in meinem Reisewerk ?Umblick auf einer Reise von Konstantinopel nach Brussa und dem Olympos und von da zurück über Nicäa und Nikomedien? nieder. Die Gegenwart des russischen Geschwaders ? fünfzehn Transportschiffe lagen gleichzeitig vor Bujukdere vor Anker ? unterstützten die Proteste des Gesandten Rußlands bei der Pforte gegen die Forderung der Anerkennung Napoleons als Kaiser und Padischah. Marschall Brune drohte mehrmals mit der Abreise, und als auch die Vermittlung Bielefelds fruchtlos blieb, reiste er wirklich Mitte Dezember ab. Ich bedauerte sein Fortgehen, ich hatte in der letzten Zeit viel mit ihm und seinen Sekretären verkehrt und Gelegenheit gehabt, den Nationalcharakter der Franzosen näher kennenzulernen. Brune war ein Geschöpf der Revolution und des Lagers; mit militärischer Haltung vereinte er französische Artigkeit und gesellschaftliche Bildung, und niemals hörte ich von ihm die derben Soldatenflüche, die ich später in Wien von Franzosen, ja sogar aus Savarys Mund, so oft gehört, noch andere Unanständigkeiten, von denen, als vom letzten revolutionären Botschafter Verguinaus stammend, so viele in Pera erzählt wurden. In den Jahren 1804 bis 1805 arbeitete ich in den Morgenstunden an Auszügen aus den dreiunddreißig Bänden des Ritterromanes ?Anthar? und füllte sechsundvierzig halbbrüchige Hefte jedes zu zwölf Bögen, die sich noch unter meinen ungedruckten literarischen Arbeiten befinden. Dann verfertigte ich eine Karte Arabiens, in welche ich die Stämme und ihre Sitze nach den Angaben des Romans eintrug. Außerdem las ich die Werke Buffons, Moliéres Bernardin de Saint Pierres, La Bruyeres und Bourdalues und endlich die ?Atlantis? Baillys. Ihres historischen und politischen Inhaltes wegen studierte ich die Prolegomena Ibn Chalouns, auf deren großen Wert mich de Sacy aufmerksam gemacht[150] hatte. Bald nach meiner Rückkehr von London hatte ich an ihn geschrieben, und dieser Briefwechsel wurde bis zum Tode dieses edlen Mannes durch dreißig Jahre fortgesetzt. Die beiderseitige freimütigste Kritik tat unserem freundschaftlichen Verhältnis keinen Abbruch. Seine Briefe an mich enthalten einen Schatz der Belehrung über arabische Grammatik und Literatur, während ich ihm über persische und türkische Literatur und Bibliographie Auskünfte gab. Anderthalb Jahre hatte ich an dem Auszug ?Anthars? und ebenso lange an der französischen Übersetzung von Tausendundeine Nacht gearbeitet, zu der ich die Vorrede, kurz bevor ich Konstantinopel in der Hälfte des Jahres 1805 verließ, schrieb. Außer topographischen Bemerkungen über Konstantinopel, Skutari und das asiatische Bosporusufer, über die Liturgien der Derwische, Klagen über Österreichs Geschick in diesem traurigen Jahre 1805 enthalten meine Tagebücher noch zahlreiche Unterredungen mit dem schwedischen Geschäftsträger Ritter von Palin. Der englische Botschafter Drummond wurde von Mr. Arbuthnot abgelöst. Am 25. April starb mein Freund Tooke, in dessen Haus ich so viele angenehme Stunden verbracht und von dem ich so viele Belehrung erhalten hatte. Ich kaufte bei der Versteigerung seiner Bibliothek viele Bücher. Durch die diplomatischen Verhältnisse war der Verkehr mit Franzosen verboten; meine beiden Freunde Tooke und Coral waren tot, ich war auf die Gesellschaft des Hauses und den Umgang mit Ottenfels, den ich bis dahin für den besten Freund hielt, beschränkt. Bald sollte ich die tiefste Enttäuschung erfahren. Ich hatte vor Ottenfels kein Geheimnis und dachte damals, das wahre Wesen der Freundschaft liege in dem innigsten Austausch der Gedanken, in offener Aufschließung des Inneren vor dem Freunde und in unumstößlichem Vertrauen. Diese Grundlagen der Freundschaft hatte ich oft mit Ottenfels besprochen und ihn nie einer Falschheit gegen mich für fähig gehalten. Daß Stürmer mir kein Vertrauen schenkte, wußte ich, glaubte aber, er habe es dem Eindringling Testa zugewendet. Auf schmerzliche Weise entdeckte ich, daß Ottenfels sich durch Kriecherei Stürmers Gunst erworben hatte und mir nicht nur die ihm anvertrauten Nachrichten,[151] sondern auch seine ganze Stellung zu Stürmer verheimlichte, um mich mit dessen Beihilfe von meinem Posten zu entfernen und ihn für sich zu erhalten. An einem trüben Wintertage ordnete ich in meinem Zimmer meine Bücher, der Schrank war im Türstock einer aufgelassenen Tür, an welche Ottenfels Zimmer grenzte, angebracht. Ihn zu behorchen hätte ich mir nie einfallen lassen. Als ich die Bücher herausnahm, hörte ich zu meinem Erstaunen in Ottenfels Zimmer die Stimme Stürmers. Ich horchte und hörte, wie dieser eine mir verheimlichte Depesche vorlas, welche die Nachricht des Einmarsches der Franzosen in Wien meldete und Ottenfels verbot, mir davon eine Silbe zu sagen, was dieser zusagte. Am klügsten wäre es gewesen, wenn ich davon nichts erwähnt und die Sache nur zur Richtschnur für künftige Handlungsweise genommen hätte, aber ich war zu tief getroffen, um zu schweigen. Erst später fiel mir ein, wie lächerlich es war, eine solche Nachricht mehr als 24 Stunden verheimlichen zu wollen. Ich ging sofort zu Stürmer, erzählte ihm, was ich gehört und beklagte mich über diese Behandlung. Der Jesuit antwortete: mein Umgang mit Franzosen sei von jeher so vertraut gewesen, daß er fürchte, ich setze ihn auch jetzt noch fort, daher gebiete seine Amtspflicht solches Benehmen gegen mich. Die Dummheit dieser Antwort entwaffnete fast meinen Zorn. Selbst wenn ich noch mit Franzosen verkehrt hätte, was nicht der Fall war, und von dem Einmarsch in Wien gesprochen hätte, was hätte es auf sich gehabt? Die Unterredung mit Ottenfels war für mich viel schmerzlicher als die mit Stürmer. Ich machte ihm keinen Vorwurf daraus, daß er ein ihm vom Internuntius anvertrautes Geheimnis bewahre, wohl aber darüber, daß er mir nicht längst sein Verhältnis zu Stürmer gesagt hatte. Amazon.de Widgets Damals dachte ich nicht, daß ich sobald schon von meinem Posten entfernt würde. Cobenzls und Collenbachs Rücktritt vom Ministerium erleichterte Stürmer den Erfolg der gegen mich gemachten Schritte beim neuen Minister, dem Graf en Stadion, und beim neuen Staatsrat Hudelist, die mir beide ebenso unbekannt waren wie ich ihnen. Am 7. Mai 1806 erhielt ich meine Ernennung zum Generalkonsul, oder[152] wie es damals hieß, zum Agenten in der Moldau. Ich war über die Beförderung, die mich meinen orientalischen Studien entriß, höchst bestürzt und bat Stürmer, meine Bitte bei Hof, diese Beförderung ablehnen und auf meinen Posten bleiben zu dürfen, zu unterstützen. Er ging nicht darauf ein, sondern beschuldigte mich des Ungehorsams gegen den Hof und erklärte mir, daß ich damit aufgehört habe, Sekretär zu sein, daß meine Zimmer vergeben seien und ich ausziehen solle. Ich erklärte, daß ich mit meiner nächsten Post die Bitte an den Minister stellen werde und bis zum Eintreffen der Antwort hier bleibe. Von diesem Tag an setzte ich keinen Fuß mehr in Kabinett oder Salon des Internuntius. Sechs Wochen nach Abgang meiner Vorstellung kam die Antwort von Wien, die mir meine Ernennung unabänderlich ankündete. Erst jetzt traf ich Anstalten zur Abreise nach Jassy, die nicht früher stattfinden konnte, als bis das Konsuldiplom und der dasselbe begleitende Ferman (das exequatur regium) in Ordnung war. Die Beschleunigung dieses ging durch die Hände des Fürsten Demetrius Morusi, dessen Bruder der regierende Fürst der Moldau. An diesen wurde ich von seiner Familie bestens empfohlen. In den Monaten, die zwischen meiner Ernennung nach Jassy und meiner Abreise lagen, machte ich viele Ausflüge und arbeitete fleißig an meiner Übersetzung von Tausendundeiner Nacht. Meine Effekten und Bücher und ein schönes Sekulantium, das ich mir aus Alexandrien hatte bringen lassen und auf dem in meinem Zimmer die Büste des Kaisers stand, waren auf das Schiff gebracht. Paß und Abfertigung erhielt ich, ohne den Internuntius seit jener Unterredung, in der er meine Bitte um Unterstützung meines Gesuches, in Konstantinopel bleiben zu dürfen, abgelehnt, mit einem Auge gesehen zu haben. Ich begab mich nach Bujukdere ins Haus meiner Freunde Raab und fuhr nach dem Souper nach Mitternacht bei schönstem Mondenschein der Mündung des Bosporus zu. Die Zerrissenheit der türkischen Provinzen und die Schwäche und Verderbtheit der Regierung gewährte mir schon damals die Überzeugung, daß das Reich trotz der[153] Militärreformen des Sultan Selim dem Untergang zueilte, der durch die Einmischung der auswärtigen Mächte, besonders Rußlands, nur beschleunigt werden konnte. Diese Überzeugung wurde in der Folge durch die ausgedehnten, aber nur die Volkstümlichkeit zerstörenden Reformen Sultan Mahmuds, in welchem besonders die Legitimisten den Wiederhersteller des osmanischen Reiches sahen, nicht verringert, sondern noch verstärkt. 
 XXII. Die Jahre 1819 und 1820.  [251] Neunzehn, die goldene Zahl, erschien mir immer als eine glückliche und so sah ich dem Jahre, dessen Zahl die Neunzehn, mit froher Zuversicht entgegen, die nicht getäuscht wurde, denn dieses Jahr brachte mir meine älteste Tochter, bescherte mir den längst gewünschten Leopoldsorden, tätigste Beschäftigung in meiner Geschäftslaufbahn und als Hofdolmetsch den eigentlichen Glanzpunkt derselben durch die Anwesenheit des persischen Botschafters und Gesandten. Sein Eintreffen ward in der ersten Woche des neuen Jahres erwartet und es fanden verschiedene Konferenzen mit Hofrat Brenner, dem orientalischen Referenten beim Fürsten Metternich, statt, in denen das nötige der Veranstaltungen, der Audienzen und des Zeremoniells besprochen wurden. Als notwendige Vorbereitung zum richtigen Sprechen und Schreiben im Persischen hatte ich Mirchwond gelesen, nun studierte ich die persische Grammatik Linnsdeus, des Moonshe von Gladwin und den ?Persian Interpreter? von Gilchrist. In diplomatischen Kreisen wurde die Frage erörtert, ob nun, da Persien einen besonderen Gesandten schicke, nicht auch ein österreichischer nach Persien gehen[251] werde. Manche bezeichneten mich, andere Herrn von Lebzeltern, der eben als Gesandter nach Spanien ernannt worden war. Auch die vier obersten Hofämter, Obersthofmeisteramt, Oberstkämmereramt, Obersthofmarschallamt und Oberststallmeisteramt hatten mit mir Besprechungen über den Empfang, die Audienzen bei Hof, über Wagen und Pferde. Am meisten hatte ich mit dem Zeremonienmeister, dem Landgrafen von Fürstenberg, zu tun. Eines Tages fragte mich Fürst Sinzendorf beim Frühstück: ?Haben Sie schon Sir Thomas Lawrence gesehen?? Als ich verneinte, erzählte er mir, daß er tags vorher den großen englischen Künstler besucht und dieser ihm versprochen habe, sein Portrait zu zeichnen. ?Sie wissen,? fuhr er fort, ?daß es mir nicht um die zweihundert Guineen zu tun ist, die er sich für ein Portrait in Öl zahlen läßt, aber er fängt so viele an und braucht so lange eines zu vollenden, daß man Jahre darauf warten muß.? Ich wünschte dem Fürsten Glück, sein Portrait von der Hand eines so großen Künstlers erwarten zu dürfen. ?Ich werde?, sagte der Fürst, ?auch ihn in der Folge zu meinen Freitagsdiners einladen, indessen habe ich ihn für morgen tête-à-tête gebeten, bei dem Sie als Dritter nicht zu viel sein würden. Sie werden Gelegenheit haben, den interessantesten Mann im Gespräche besser kennenzulernen.? Ich nahm die Einladung an und erschien. Bei Tisch kam das Gespräch auf die deutsche Sprache und der Fürst fragte Sir Lawrence, ob er die Gelegenheit nicht benützen wolle, sie zu lernen. ?Wenn,? sagte der Fürst, ?kann ich Ihnen ein Hilfsmittel zur Erlernung des Deutschen geben, das Sie mit keinem Gelde zu bezahlen im Stande sind.? Lawrence schwieg und ich auch, denn ich wußte, daß der Fürst meine Übersetzung der Spencerschen Sonette meinte. Beim Kaffee brachte der Fürst das Buch. Lawrence sagte darauf: ?Ich bin Ihnen für Ihr Geschenk sehr verbunden, erlauben Sie, es mit einem gleichen zu erwidern. Sie wissen, ich lasse mir meine Portraits sehr gut bezahlen, ich habe aber noch nie für eine Zeichnung Geld genommen. Ich habe Ihnen eine solche versprochen. Sie geben mir das Werk Ihres Freundes, und ich werde Ihnen dafür sein Portrait zeichnen.? Durch[252] diese Antwort wurden der Fürst und ich in Verlegenheit versetzt. Nachdem das Schweigen einige Sekunden gedauert hatte, begann ich von Gleichgültigem zu sprechen und bald darauf empfahl sich Lawrence. Ich behandelte die Sache als Scherz und bedauerte, daß ich ihn nach dieser Äußerung nicht besuchen könne. Die Entwirrung dieses Knotens werde ich später erzählen. Am 1. Februar wurden dem persischen Botschafter zwei Beamte mittleren Ranges nach Schwechat entgegengeschickt, die beiden Hofsekretäre Breitfeld und Ottenfels. Ich als Hofdolmetsch empfing ihn am Tore des für ihn auf der Wieden gemieteten Kaiserhauses, das später Baron Geymüller kaufte und umbaute. Die Botschaft wurde mit einem glänzenden Frühstück bewirtet, die weitere Verköstigung wurde dem Botschafter selbst überlassen, da er nicht für den kaiserlichen, sondern für den englischen Hof bestimmt war. Ich erstattete dem Fürsten Bericht über den ersten Empfang und die Persönlichkeit des Botschafters, der sich vom ersten Augenblick an als lebhafter, redseliger und großsprechender Perser, aber auch als Mann von Geist und Klugheit präsentierte. Ich brachte den Abend mit ihm zu und er hielt sich darüber auf, daß das Schreiben, womit er die in den ?Fundgruben? beschriebene Schachtel und andere Geschenke an den Fürsten begleitet habe, von diesen unbeantwortet geblieben sei. Ich versicherte, daß ich weder von dem Schreiben noch von den Geschenken ? außer von der Schachtel ? das geringste wisse und sicher sei, daß der Fürst diese nie erhalten habe. Ich gestehe, daß ich die ganze Sache für reine Lüge hielt, bei näherer Nachforschung stellte es sich heraus, daß Schreiben und Geschenke bei der letzten Sendung nach Rußland vor zwei Jahren dem Freiherrn von Steigentesch übergeben wurden, der Fürst von diesem aber nur die Schachtel erhalten habe. Steigentesch war nicht in Wien und konnte nicht befragt werden. Zufällig hatte ich früher gehört, daß die Baronin Hügel, die Mutter der beiden Günstlinge des Fürsten, vormals eine besondere Freundin österreichischer Diplomaten, eine Sammlung persischer Seltenheiten besitze. Ich ging zu ihr und trug ihr die Anklage des Botschafters[253] gegen Steigentesch vor. In ihren Händen war wirklich das Schreiben des Botschafters an den Fürsten, welches Steigentesch in unbegreiflichem Leichtsinn mit dem Rosenöl und den Moschusperlen seiner Freundin geschenkt hatte. Als ich dem Fürsten und dem Botschafter darüber berichtete, lachte der Fürst über Steigenteschs Frechheit, der Botschafter aber geriet in Zorn und erklärte, in Persien würde so eine Veruntreuung sofort mit dem Tode bestraft. Amazon.de Widgets Die Verhandlungen über das bei den Audienzen zu beobachtende Zeremoniell mit dem Botschafter gestalteten sich sehr schwierig. Er wollte nichts davon hören, daß er dem Fürsten den ersten Besuch abstatten müsse und noch weniger davon, daß er bei der Audienz beim Kaiser sich dreimal tief verbeugen müsse und nach Beendigung rückwärtsschreitend hinauszugehen habe. Über die Forderung der Verpflegung des Gesandten Mirsa Hussein erhob sich die zweite Schwierigkeit. Ich hatte diese Forderung vorausgesehen und darüber die Weisung meines Chefs eingeholt, diese lautete auf ein Pauschale, mit dem der Gesandte abgefertigt werden sollte, dies sollte aber nicht ohne einen Revers vollkommener Reziprozität verabfolgt werden, falls ein österreichischer Gesandter je nach Persien kommen sollte. Das Gespräch wurde in drei Sprachen, persisch, englisch oder türkisch geführt. Trotz der großen Schnelligkeit, mit der der Gesandte sprach, verstand ich sein Persisch gut, er setzte seine Ehre darein, englisch ebenso gut zu sprechen, und konnten wir uns in diesen beiden Sprachen nicht verständigen, so nahmen wir das Türkische zu Hilfe. Der dritte, ebenfalls schwierige Punkt der Unterhandlung über das Zeremoniell war die militärische Begleitung beim öffentlichen Aufzuge. Der Botschafter forderte, daß den Zug ein ganzes Regiment eröffne und ein Regiment schließe. Über diese unsinnige Forderung lachte ich. ?Wie,? rief er, ?in Petersburg empfing mich der Kaiser an der Spitze von 20.000 Mann.? Ich lachte abermals und sagte, es sei mir wohl bekannt, daß am Tage seines Eintreffens eine Revue stattgefunden habe, welcher er beigezogen wurde. Er könne doch nicht mehr fordern, als die türkischen Gastbotschafter, bei denen eine Kompanie, und zwar je eine halbe an der Spitze[254] und am Schluß des Zuges marschiert sei, obwohl das Gefolge dieser Botschafter bis zu 1200 Mann stark war und das seine aus acht Köpfen bestehe. ?Wie,? sagte er, ?ein Gefolge von 1200 Mann, das waren keine Botschafter, das waren Anführer von Truppen, die gekommen, um Wien zu belagern.? Die Verhandlungen über das Zeremoniell hatten bereits drei Stunden gedauert, als zu meiner Freude der englische Minister Mr. Gordon eintrat, den ich sogleich als Richter unseres Streites anrief. Der Botschafter, der nach England bestimmt war, mußte ihn als Richter anerkennen. Der Besuch des Botschafters beim Fürsten wurde auf den folgenden Tag festgesetzt. Der ganze Empfang fand genau so statt, wie bei dem vom Großvezier den Botschaftern und Gesandten europäischer Höfe erteilten Audienzen. Am selben Abend fand der Gegenbesuch des Fürsten statt, zu dem dieser den neuen Staatsrat Stürmer mitnahm, der sich etwas darauf zugute tat, dem Fürsten zwar nicht persisch, aber türkisch dolmetschen zu können. Ich blieb noch beim Botschafter, um von ihm die Unterzeichnung der Reverse, durch die er sich verpflichtete, sich dem vorgeschriebenen Zeremoniell zu fügen, zu erreichen. Am folgenden Morgen fand die Audienz beim Kaiser mit großem Gepränge statt. In einem sechsspännigen, ganz vorgoldeten kaiserlichen Galawagen begab ich mich als Einführer des Botschafters in seine Wohnung, um ihn abzuholen, und hatte viele Mühe damit, daß er die genaue Zeit einhielt. Bis zum Eintritt in den Audienzsaal ging alles in guter Ordnung vor sich. Ich führte den Botschafter an der Hand, beim Eintritt sollte er sich das erstemal tief verbeugen, da er es auch auf meine Mahnung hin nicht tat, riß ich ihn in der Mitte des Saales zur zweiten Verbeugung gewaltsam nieder und würde dasselbe auch am Fuße des Thrones getan haben, wenn er sich nicht dort von selbst gebührend verneigt hätte. Er hatte zwar den Revers unterschrieben, daß er den Saal rückwärtsgehend verlassen werde, ich befürchtete aber doch irgendeinen Versuch, sich dieses ihm lästig erscheinenden Zeremoniells zu überheben. Ich hatte dem Zeremonienmeister und dem Oberstkämmerer diese Befürchtung mitgeteilt[255] und durch sie veranlaßt, daß, sobald ich an der Stufe des Thrones die Hand des Botschafters ausgelassen habe, zwei Truchsesse vortreten, den Botschafter unter den Armen fassen und mit ihm zurücktretend, die vorgeschriebene dreimalige Verbeugung ausführen sollten. Absichtlich waren zwei große starke Männer gewählt worden. Statt mit ihnen rückwärtsschreitend hinauszugehen, wollte sich Mirsa Abdul Chan umkehren, und als die Truchsesse ihn daran hinderten, entstand eine förmliche Balgerei. Der Botschafter suchte sich von ihnen loszumachen, die Truchsesse hielten ihn um so fester. Endlich riß er sich gewaltsam los, wobei er den Griff seines Handschars brach und das Band des großen Sonnen- und Löwen-Ordens zerriß. Als ich dieses Handgemenge angesichts des Kaisers bemerkte, zog ich mich in das Gedränge hinter dem Botschafter zurück, denn es war am besten, den Unwissenden zu spielen und zu tun, als hätte ich nichts gesehen und gehört. Beim Ausgange des Audienzsaales nahm ich ihn wieder bei der Hand und führte ihn hinter dem Zeremonienmeister durch den Kontrollorgang zu den Gemächern der Kaiserin. Er überhäufte mich mit Vorwürfen über die Behandlung, die er erfahren, ?man habe ihn wie einen Missetäter behandelt, gestoßen, geschlagen, geknebelt, der Beweis dafür sei der zerbrochene Dolch und das zerrissene Ordensband?. Ich spielte den Unwissenden. Nach der Audienz bei der Kaiserin fuhr der Zug in der gleichen Ordnung zurück. Nun erst machte sich sein Zorn wirklich Luft, den ich nicht zu besänftigen vermochte. Beim Abschied sagte ich ihm, daß ich um vier Uhr wieder mit einem Hofwagen bei ihm sein und ihn und den Botschaftssekretär zu dem großen diplomatischen Mittagessen beim Fürsten Metternich abholen werde. Als ich wieder in das Kaiserhaus kam, hieß es, der Botschafter sei krank und könne nicht mitfahren. Ich fand ihn ausgezogen, nur mit Hemd und Unterkleidern in seinem sehr stark geheizten Zimmer auf dem Sopha. Er erklärte, er könne nicht mitkommen, er sei am ganzen Leibe zerbläut, seine Wunden forderten Ruhe zur Heilung. Ich sah sofort, daß alles nur Komödie war, ich fürchtete, er könne sie wirklich so weit treiben, das ganze diplomatische[256] Korps durch sein Nichtkommen in den April zu schicken und nachher auch noch Schmerzensgeld zu verlangen. Eine halbe Stunde lang redete ich ihm zu und stellte ihm vor, daß sogar der Nuntius für diesen Tag den ihm gebührenden Vorrang aufgegeben habe, daß er, der Botschafter, vorgehen, der Fürstin den Arm geben und an der Tafel zur Rechten der Fürstin den ersten Platz einnehmen werde. Ich saß auf Kohlen und konnte mir vorstellen, wie ich im Salon des Fürsten empfangen würde, wenn ich ohne Botschafter käme. Ich schwieg ein paar Minuten lang und war schon im Begriff fortzugehen, als er aufsprang und, ohne ein Wort zu sagen, ins andere Zimmer ging, um sich anzukleiden. Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn, wenn wir auch spät kamen, so wußte man doch, daß die Verspätung unmöglich mein Verschulden sein konnte, da der Hofwagen um drei Uhr aus den Stallungen abgegangen und mich um ein Viertel über drei in der Kanzlei abgeholt hatte. Nach einer vollen halben Stunde erschien der Botschafter angekleidet und um halb fünf brachen wir auf, eine volle Stunde zu spät. Ich wunderte mich über die Langmut des Fürsten und des ganzen diplomatischen Korps. Mit wenigen Worten berichtete ich dem Fürsten den Vorfall. Der Botschafter stolzierte allen voraus, die Fürstin führend, zu Tisch und saß an ihrer Rechten, der Nuntius zur Linken. Den wahren Grund dieser ganzen Komödie begriff ich erst einige Tage später, als ich mit ihm von der Oper zur Fürstin Metternich fahren wollte, bei der wir vor einigen Tagen als die ersten Besucher eingetreten waren. Diesmal mußten wir eine halbe Stunde um das Glacis fahren, ?denn?, sagte der Botschafter, ?es schickt sich nicht, daß ich so früh komme, ich bin der Erste im Rang und kann daher nur als Letzter erscheinen. Nicht ich muß auf die Fürstin warten, sondern sie auf mich.? Nun verstand ich die Inszenierung der ganzen Komödie. In der Nacht vom 17. auf den 18. Februar schenkte mir Karoline meine Tochter Isabella. Zwei Tage später fand die Abschiedsaudienz des Botschafters beim Fürsten ohne Zeremoniell und Gepränge statt, sie war zugleich eine Geschäftskonferenz, bei welcher nur der Fürst, der Botschafter und ich zugegen waren. Sie dauerte wohl eine Stunde, und wenn[257] auch das gegenseitige Übersetzen anstrengend war, so unterhielt ich mich doch köstlich über die diplomatischen Versicherungen enger Verbindung und Freundschaft zwischen Persien und Österreich. Keiner glaubte ein Wort von dem, was der andere sagte, und sie logen sich um die Wette an. Der schlaue Perser war durch das schöne Geschenk einer Dose, die einen Wert von zweitausend Dukaten repräsentierte, im Vorteil. Gordon hatte sie für ihn beim Fürsten erhandelt. Nachdem die beiden sich genug angelogen und die Gegensendung von Geschenken des Kaisers für den Schah geregelt war, endete der Fürst die Audienz und übergab die Dose, er versicherte auch, er werde mich als Gesandten nach Persien schicken. Er dachte ebensowenig an die Anknüpfung eines näheren Verhältnisses mit Persien wie ich. Beim Fortgehen sagte der Botschafter mit Bezug auf das erhaltene Geschenk zu mir: ?Heute mir, morgen dir.? Beim Grafen Caraman hatte er mit dem schönen Geschenke, das er mir mit einem Pferd und einem Shawl machen wollte, geprahlt. Der Shawl war nicht übel, das Pferd, ein turkmenischer Hengst, hatte den Spath. Ich verkaufte es an den Fürsten Liechtenstein um hundert Dukaten. Den Shawl schenkte ich Karoline. Die hundert Dukaten verwendete ich auf mein Grabmal, das ich im morgenländischen Geschmack mit orientalischen Inschriften machen lassen wollte. Ich teilte den Plan dem Fürsten Sinzendorf mit, bei dem ich den Bildhauer Kiesling kennengelernt hatte. Der Fürst schenkte mir den nötigen Marmor aus seinen Steinbrüchen in Gföhl und ich bestellte die Inschriften bei dem ersten Kalligraphen Konstantinopels, einem Schreiber des Serail. Am 21. Februar war der Botschafter abgereist, und nun begann die ebenso lange, doch minder lästige Pantomime des Aufenthaltes des Gesandten seines Verwandten Abdul Husein Chan's. Solange der Botschafter da war, hatte er es nicht gewagt, den Mund zu öffnen, aber am Tage seiner Abreise trat er schon mit Forderungen und Beschwerden auf. Bei allen Besuchen des Botschafters war der Gesandte in seiner Begleitung, nun mußte ich ihm noch die anderen Sehenswürdigkeiten der Kaiserstadt zeigen. Am meisten interessierte[258] ihn und mich das Naturalienkabinett, wo ich einen Lehrkurs mir unbekannter Tiernamen mitmachte. Ende April wollte Sir Thomas Lawrence abreisen, er hatte den ganzen Winter an den Portraits des Kaisers, des Fürsten Metternich, der Fürstin Clementine Metternich, eines der besten seiner Ölbilder, und an der Vollendung der Bilder anderer Kongreßteilnehmer gearbeitet. Ich war meinem Entschlusse, ihn nicht zu besuchen, treu geblieben, nur einmal war ich offiziell als Hofdolmetsch mit dem persischen Botschafter in seinem Atelier, das sich in einem großen Zimmer der Burg auf der Seite der Staatskanzlei befand. Graf Moriz Dietrichstein, der Ajo des Herzogs von Reichstadt, kam mit dem Prinzen, der sich mit dem Botschafter unterhielt und die Bemerkung machte, daß dieser gar nicht verlegen sei. Gleiches bemerkte der Botschafter vom Prinzen. Vierzehn Tage vor seiner Abreise schrieb mir Sir Lawrence und bat mich, den Tag einer Sitzung zu bestimmen, er wolle sein dem Fürsten Sinzendorf gegebenes Wort einlösen. Binnen einer Woche saß ich viermal, jedesmal drei Stunden. Seine Zeichnung war idealisiert wie alle seine Portraits, sie wurde allgemein als sehr ähnlich gefunden und ist eine der gelungensten von allen, die er in Wien machte. Fürst Sinzendorf wollte sie auf seine Kosten in Kupfer stechen lassen. Der Tod hinderte ihn an der Ausführung dieser Absicht. (Siehe das Titelbild.) Amazon.de Widgets Mein Freund Sir Thomas Asland war bei den letzten Wahlen durchgefallen, um sich darüber zu trösten, unternahm er einen Ausflug auf das Festland, auf dem er Tirol und die Männer der letzten Kriege kennenlernen und Gemsen schießen wollte. Er schrieb deshalb an mich und an den Erzherzog Johann, der ihn zu sich auf eine Gamsjagd nach Steiermark einlud. Asland reiste in der Gesellschaft eines Mr. Hartoppe, mit dem er Ende September in Wien eintraf. Am 7. Oktober brachen wir zum Erzherzog auf, der uns in Sebenstein Stelldichein gab. Wir wurden auf dem Schlosse der blauen Erde mit allen Förmlichkeiten des Rittertums empfangen: der Türmer stieß ins Horn, der Wächter rief uns an, die Zugbrücke wurde niedergelassen, bewaffnete Knappen empfingen uns. Über Thernberg fuhren wir nach[259] Mürzzuschlag und von da nach Aflenz zur Gemsjagd. Ich war kein Jäger und begleitete die Herren nur bis an die Felsen, die sie mit Steigeisen erklommen, dort legte ich mich auf eine Almwiese und las. Von Aflenz fuhren wir über Mariazell und den Laßnitzfall zurück. Dann fuhren wir zum Fürsten Sinzendorf nach Ernstbrunn, von wo die Engländer weiter reisten, ich aber noch eine Woche blieb. Aus den Intercepten des Botschafters Mirsa Abdul Hussein erfuhren wir, daß der Hauptzweck seiner Sendung nach England, neue Subsidien zu erhalten, gescheitert war und daß er beabsichtigte, seine Rückkehr nach Persien über Petersburg anzutreten. Es war anzunehmen, daß er den Fürsten Metternich an sein Versprechen erinnern und mich als Gesandten und Überbringer der Geschenke verlangen werde. Dadurch kam diese Persische Gesandtschaft wieder aufs Tapet, aus der Äußerung Metternichs, daß eine solche Gesandtschaft nicht beabsichtigt werden könne, um dadurch nicht das Mißfallen Rußlands zu erregen, sah ich klar, daß sie nie zustande kommen werde. Ich hatte mit dieser Gesandtschaft den Plan einer wissenschaftlichen Reise in Verbindung gebracht und hatte Botaniker, Zoologen, Mineralogen und Genie-Offiziere, Arzt und Maler als Begleiter vorgeschlagen. Ich stellte dem Fürsten vor, wie erwünscht es wäre, wenn auch Österreich nicht zurückbliebe, da Engländer, Franzosen und Russen in letzter Zeit so viel über Reisen in Persien geschrieben, und daß die Kosten keine ungeheuren und mit etwa 200.000 Gulden zu bestreiten sein würden, besonders, da die Gesandtschaft, sobald sie die persische Grenze überschritten habe, auf Kosten der persischen Regierung verpflegt werde. Der Fürst stimmte mir zwar bei, ordnete aber alles der Politik unter, der nach nichts getan werden dürfe, worüber Rußland verdrießlich würde. Mirsa Abdul Hussein, der ganz der russischen Politik ergeben war, wollte über Petersburg zurückkehren, dies wurde nicht bewilligt, sondern es wurde ihm der Weg über Paris, Wien und Konstantinopel vorgeschrieben. Die bald zu erwartende Rückkehr des Botschafters spornte meinen Eifer, die Übersetzung Marc Antons zu vollenden, an, die durch andere Arbeiten unterbrochen worden war. Die Übersetzung[260] des ersten und zweiten Buches ließ ich ins Reine schreiben, um sie dem Botschafter als Probe mitzugeben. Mitte Juli kam Mirsa Abdul Hussein nach Wien zurück. Ich fuhr mit ihm nach Baden, wo wir vom englischen Botschafter Lord Stewart zu Tisch geladen waren. Der Lord war noch nicht zu Hause, die Lady empfing uns in ihrem Salon neben einem Sessel stehend, Mirsa Abdul Hussein ärgerte sich, daß ihn die Lady wie eine Königin stehend empfing und keinen Stuhl anbot, und war impertinent genug zu sagen ?Madame, pray sit down?, und sie hatte so wenig Geistesgegenwart und Schicklichkeitsgefühl, daß sie sich daraufhin wirklich niedersetzte. Bald darauf starb die älteste Tochter des Fürsten Metternich, der Botschafter machte ihm zwar einen Kondolenzbesuch, äußerte sich aber mir gegenüber, daß der Tod eines Weibes ebensowenig ernstlich zu betrauern sei, als man sich über die Geburt eines Mädchens freue, er bedauerte mich, daß nun meine Frau schon zweimal Mädchen auf die Welt gebracht hatte. Die Ruhe und Gleichmut, womit der Fürst am Todestage seiner geliebten Tochter mit dem Botschafter über Geschäfte sprach, erregte meine Bewunderung. Ich schrieb diese Ruhe nicht wie solche, welche den Fürsten näher kannten, seiner natürlichen Kälte und Gefühllosigkeit zu, ich sah darin nur eine großartige philosophische Beherrschung seines Schmerzes. Die versprochene Gesandtschaft nach Persien kam wieder zur Sprache. Der Fürst lehnte sie nicht ab, verschob sie aber auf den Zeitpunkt, bis die Vasen vollendet sein würden. Um den Wert der Geschenke für den Schah möglichst zu steigern, erzählte Mirsa Abdul Hussein von dem, das der König von England dem Schah gemacht hatte: ein Gehänge von sieben Diamanten im Werte von 30.000 Pfund, der achte Stein, ein Tropfen, wurde allein auf 17.000 Pfund geschätzt. Ich übergab dem Botschafter die Reinschrift meiner Übersetzung und begleitete sie mit einer Bittschrift an den Schah, ihm diese Übersetzung zueignen zu dürfen. Nach zehn Tagen reiste der Botschafter ab, und ich kehrte zu meinen Studien und Arbeiten zurück und schrieb an der Topographie Konstantinopels und des Bosporus.[261] Amazon.de Widgets Graf Lützow hatte um seine Abberufung von Konstantinopel gebeten, und als ich den Fürsten Metternich abermals darauf hinwies, daß ein Orientalist dorthin gehöre, sagte er, er wolle als Nachfolger Lützows einen der pfiffigsten, mit allen Wassern der europäischen Diplomatie gewaschenen Mann senden, er kenne die Türken besser als irgend jemand, er habe seine türkische Politik in Paris gelernt, die russische Diplomatie sei die aller ungeschickteste. Wodurch sei die große Macht der Türken so herabgesunken? Nur dadurch, daß andere Höfe keine Orientalisten als Gesandten verwendeten, denn diese hätten der Pforte immer die Stange gehalten. Und als ich Handel und Untertansgeschäfte erwähnte, sagte er: dazu wolle er einen Generalkonsul verwenden, der kümmere sich dann nur wenig um höhere Politik. Damit war mein Mund für jede Gegenrede geschlossen. Seit meiner Rückkehr von Jassy war ich mit Jacquin in freundschaftlicher Beziehung, ich machte ihm den Vorschlag, wir sollten gemeinsam die Pflanzen-Artikel der arabischen und persischen Wörterbücher durchgehen, ich wollte die Erklärungen übersetzen und er könne dann aus diesen die Pflanzen bestimmen. Die Sache interessierte den Botaniker ebenso wie den Orientalisten. Wir arbeiteten jeden Sonntag von 10 bis 1 Uhr im Winter, denn im Sommer, wenn Jacquin im botanischen Garten, ich in Döbling wohnte, war es unmöglich. Und so brachten wir diese Sonntagstunden mit wenigen Ausnahmen sechzehn Winter hindurch zu. Jacquin kam nicht dazu, seine Notizen zu verarbeiten, mir wie ihm lag kleinliche Ehrsucht, einem Artikel hierüber unsere Namen beizusetzen, ganz fern. 
 V. Winterkreuzfahrten vor Alexandrien und Aufenthalt im Busen von Marmaris (1800/1801).  [62] Am dritten Tage, nachdem wir Rhodos verlassen, begegneten wir der Flotte des Kapudan-Paschas auf hoher See. Sie bestand aus zehn Linienschiffen und zwölf Fregatten oder Korvetten. Am 25. April 1800 hatte er in Konstantinopel seine Abschiedsaudienz genommen und hatte einen reichen Zobelpelz und einen diamantenen Reiher erhalten. Stolz auf die unerschütterliche Gunst seines Herrn hatte er alle Minister und auch den Keimaben dadurch, daß er keinen Abschied nahm, vor den Kopf gestoßen. Gern hätte er sich auch des wackeren Seemannes Kapudan Seid Ali, den er als Nebenbuhler um seine Großadmiralstelle fürchtete, durch die seidene Schnur vom Halse geschafft, es gelang der Valide, das Leben Seid Alis zu erhalten und das schon ausgesprochene Todesurteil in Verbannung nach Famangusta auf Zypern umzuwandeln. Den Kapudan-Pascha Kutschuk Hussein, mit dem ich von nun an bis zu seinem vier Jahre später erfolgten natürlichen Tode in steter Berührung blieb, sah ich hier zum erstenmal. Er war von kleiner, unscheinbarer Figur und häßlicher Gesichtsbildung. Er hatte einen aufgeweckten, durchdringenden Geist, sonst hatte er keine[62] großen Eigenschaften, er war treulos, unermeßlich eitel, verschwenderisch und prachtliebend, sein Hang zu Neuerungen war ebenso groß wie sein Durst nach seichter Kenntnis, der, viel mehr Neugierde als Wissensbegierde, leicht gestillt war und sich mit wenigem abfand, sich aber das Oberflächliche als gründliche Kenntnis anrechnete. Seine Vorliebe für alles Europäische verstärkte sein Vertrauter Ishakbey, der einst auf einem französischen Schiff nach Frankreich gefahren war, mehrere Jahre in Paris gelebt und sich dort Sprache, Liebenswürdigkeit und Manieren der Franzosen angeeignet hatte. Durch den Einfluß des Kapudan-Paschas wurde er in die Heimat zurückberufen und von diesem, obwohl ihm alle Kenntnis des Seewesens mangelte, als Kapitän der Flotte und als eine Art Generaladjutant des Großadmirals angestellt, versah aber bei diesem mehr die Dienste eines Obersthofmeisters oder vertrauten Kammerdieners. Mit dem für das Detail der Geschäftsführung so wichtigen Amte des Kipja war ein junger Mann von einigen dreißig Jahren betraut; er war klein, hatte ein nicht unangenehmes Gesicht, gefällige Manieren und eine katzenbuckelige Haltung. Ich hatte später oft mit ihm teils in Geschäften, teils als Gast des Kapudan-Paschas zu tun. Freilich konnte ich in dem damals so unbedeutend scheinenden Kipja Chabran nicht den späteren allmächtigen, rachsüchtigen Großvezier Cha bran-Pascha vermuten. Noch vor Sonnenuntergang des Tages, an dem wir die Flotte des Kapudan-Paschas begegnet hatten, machte Sir Sidney diesem seinen Besuch und stellte mich ihm als einen deutschen, nach Ägypten bestimmten Reisenden vor, der so lange an Bord des ?Tiger? weilte, bis Ägypten offen, und aus Freundschaft den Dienst des Dolmetsch-Sekretärs mache. Am folgenden Tage gingen wir vor Jaffa vor Anker und nachdem die Schiffe des Kapudan-Paschas und Sir Sidneys das türkische Lager mit neunzig Kanonenschüssen begrüßt hatten, gingen die beiden Befehlshaber an Land. Am Abend machte Sir Sidney dem Großvezier einen Besuch, bei welchem Stunde und Förmlichkeit der feierlichen Audienz für den folgenden Tag bestimmt wurde. Ich verließ den ?Tiger? erst am nächsten Morgen und quartierte mich im Hause des[63] österreichischen Vizekonsuls Damiani ein, Sir Sidney war beim englischen Konsul abgestiegen. Ich besuchte ihn nicht, um nicht den Anschein zu erwecken, daß ich zur Audienz und Konferenz mitgenommen werden wolle. Als alles zum Aufbruch bereit war, ließ er mich holen, um ihn zu begleiten. Den Zug eröffneten zwanzig Janitscharen zu Fuß, dann der Bewirtungskommissär der Fremden mit einigen türkischen Offizieren zu Pferd. Vor Sir Sidney marschierten englische Schiffssoldaten mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Den Commodore begleiteten Morrier, der Sekretär Lord Elgins, der jetzt Geschäftsträger im Lager des Großveziers war, die beiden Sekretäre Keith und Wright, der Dolmetsch Amaxaris und ich nebst einigen Offizieren des ?Tiger?. Als die Konferenz beginnen sollte, wollte ich mich entfernen, Sir Sidney rief mich an und stellte mich durch den Dolmetsch dem Großvezier als seinen Sekretär für die orientalischen Sprachen vor, der als solcher der Konferenz beiwohnen müsse. Den vier osmanischen Ministern, nämlich dem Großvezier, dem Kapudan-Pascha, dem Reis-Efendi und Kipja-Bey, war meine Gegenwart gleichgültig, nicht willkommen sein konnte sie dem Sekretär Lord Elgins und dem russischen Dolmetsch Franchini, der wußte, daß ich das Vertrauen des Internuntius genoß und ihm genau berichten würde. Um keine Einwendung von diesem hervorzurufen, hielt ich mich bei dieser und den folgenden Konferenzen streng innerhalb der Schranken des stummen Beobachters. So konnte ich alles weit besser bemerken, als wenn ich selbst mitgesprochen hätte, und war zugleich eine Kontrolle für den Dolmetsch Sir Sidneys. Die Konferenz drehte sich einzig um die Frage, ob der Großvezier oder Sir Sidney dem Befehlshaber des französischen Heeres General Klebér die von Lord Keith, dem Oberbefehlshaber der englischen Mittelmeerflotte, endlich erfolgte Zustimmung des englischen Ministeriums zum freien Abzuge der Franzosen aus Ägypten mitteilen solle. Sir Sidney erklärte, er sei nicht mehr bevollmächtigter Minister und könne nur als Befehlshaber der britischen Seemacht vor Alexandrien einschreiten.[64] Endlich bestürmte ihn der Großvezier, der wohl wußte, daß die Franzosen weit größeres Vertrauen in eine Mitteilung Sir Sidneys als in seine setzen würden, derart, daß Sir Sidney versprach, auch ein Schreiben durch einen seiner Offiziere abzusenden. Man kam überein, sich den Aufsatz der beiden Schreiben gegenseitig mitzuteilen. Der Großvezier war der Ausbund gewöhnlicher osmanischer Politik und sich wohl bewußt, daß sein eigenes Benehmen kein Vertrauen verdiene, trotzdem aber voll Mißtrauen gegen alle anderen. Er war sehr abergläubisch auf gute und schlechte Tage, gute und schlechte Vorbedeutungen. Übrigens war er ein Mann von gutem Herzen. Abends kam eine englische Fregatte in Sicht, Sir Sidney sandte mich zum Reis-Efendi, um ihm zu melden, daß die Ankunft derselben, welche Depeschen bringen dürfte, in der Abfassung der beschlossenen Schreiben einige Änderungen verursachen dürfte. Ich entledigte mich meines Auftrages und ritt zurück. Ich begegnete Sir Sidney und Morrier auf dem Wege ins Lager und ritt zur Seite, um von letzterem nicht erkannt zu werden, was auch gelang. Der Anlaß dieses nächtlichen Besuches des Commodore war die Ankunft der Fregatte, welche die Duplikate der Depeschen brachte, die vor ein paar Wochen mit einer Fregatte vor Budos untergegangen waren und durch welche das englische Ministerium dem freien Abzug der Franzosen aus Ägypten zustimmte. Um den erhaltenen Auftrag gleich zu vollziehen, bestieg Sir Sidney ein Pferd und ritt ins Lager, die Nachricht dem Großvezier und Kapudan-Pascha mitzuteilen. Am nächsten Morgen übersetzte ich die Aufsätze der beiden Schreiben des Großveziers und des Commodore ins Französische und Türkische. Noch am selben Abend (22. Juni) wurden die beiden Überbringer, ein türkischer Offizier und Leutnant Wright, mit dem Schreiben nach Kairo abgefertigt. Am nächsten Morgen beschäftigte mich die Übersetzung eines sehr langen Schreibens Sir Sidneys an Murad-Bey, das Oberhaupt der Mameluken in Oberägypten, der nach langem Widerstand gegen Bonaparte Frieden geschlossen, diesen mit Klebér unter vorteilhaften Bedingungen[65] erneuert hatte und nach der Schlacht von El-Chankah nach Oberägypten zurückgekehrt war. Sir Sidney kannte Murad-Bey als entschiedenen Feind der Franzosen, er verbürgte ihm das volle Vertrauen der Pforte und gab ihm Weisungen, mit den aus Indien über das Rote Meer ankommenden englischen Truppen das Einvernehmen zu pflegen. Von Keith, Bromley und mir begleitet, überbrachte Sir Sidney dieses Schreiben selbst dem Bey der Mameluken Hasan-el-Bondari, dem Freunde Murad-Beys, in der Sache der Türken und Engländer und erstattete einen ausführlichen Bericht über die letzte Belagerung Kairos durch die Franzosen und die Ursachen der Übergabe. Am folgenden Tage gab die Abwesenheit seines Dolmetschers dem Commodore Gelegenheit, auch in Morriers Beisein bei einer vertraulichen Unterredung mit dem Großvezier meine Dienste als Dolmetsch in Anspruch zu nehmen; Morrier wohnte der Unterredung als stummer Zeuge bei. Sir Sidney teilte dem Großvezier die Übersetzung seines Schreibens an Murad-Bey mit, Jusuf-Pascha beteuerte feierlichst den Wunsch, mit Murad-Bey im besten Einvernehmen zu stehen, und bat den Commodore, den Bey in des Großveziers Namen dieser Gesinnung zu versichern. Am 25. Juni fand eine große militärische Konferenz statt, in welcher der Plan des Feldzuges erörtert werden sollte, falls die Franzosen den ihnen angebotenen freien Abzug nicht mehr annehmen sollten. An ihr nahmen teil: der Großvezier, der Kapudan-Pascha, der Kipja-Bey, der Reis-Efendi, ein türkischer Sekretär als Protokollführer, Sir Sidney mit Keith, Amaxaris und mir, Morrier mit seinem Dolmetsch und der russische Dolmetsch Franchini. Rechts auf dem Sofa saß der Großvezier und der Kapudan-Pascha, links der Kipja-Bey und der Reis-Efendi, in der Mitte Sir Sidney und der russische Geschäftsträger Franchini; ihnen gegenüber die Sekretäre auf Stühlen ohne Lehnen, der türkische Protokollführer, der Dolmetsch Sir Sidneys und Morriers auf dem Teppich mit untergeschlagenen Beinen. Amazon.de Widgets Die Ohnmacht des Osmanischen Reiches, die Unzulänglichkeit seiner Hilfsmittel zur Vertreibung der Franzosen ohne fremden Beistand trat bei dieser Konferenz klar[66] zutage. Der Faden der Unterredung wurde langsam und leise fortgesponnen, er lief hauptsächlich zwischen dem Großvezier und Sir Sidney, einigemal sprach der Reis-Efendi hitzig, der Kapudan-Pascha selten, der Kipja-Bey kaum einmal dazwischen. Rede und Gegenrede folgten in Zwischenräumen, welche durch lange Züge aus den Pfeifen ausgefüllt waren. Die Pfeife ist ein Vorteil, welchen die Konferenzen im Morgenland vor solchen im Abendlande voraus haben, sie gewährt beliebige Zeit zum Nachsinnen. Sie erleichtert auch dem Protokollführer sein Geschäft und läßt ihm mehr Zeit, die Reden zu Papier zu bringen. Nach dreistündiger Unterredung, in welcher die Pfeifen mehrmals mit neu gefüllten ausgetauscht wurden, in der der Kapudan-Pascha seine Karten, von denen er nichts verstand, ausgebreitet und Franchini den Dolmetsch Sir Sidneys mehrmals unterbrochen und das Gesagte besser oder mehr in seinem Sinne übersetzt, Morrier viel von allgemeinem Angriff und Kriegslist gesprochen hatte, war man am Ende der Konferenz ebensoweit wie am Beginne und nicht das geringste war beschlossen worden. Sir Sidney stellte immer wieder die Notwendigkeit gleichzeitigen Angriffes an mehreren Punkten zu Land und zur See in eindringlichen Worten vor, aber der Großvezier sah sich durch den elenden Zustand seiner Truppen zu gänzlicher Untätigkeit verdammt und konnte zu keinem anderen Entschlusse kommen als zu dem, daß der Kapudan-Pascha und Sir Sidney zusammen nach der ägyptischen Küste segeln und dort den Angriff in der Gegend von Damiette oder Rosette gemeinsam ansetzen sollten. Nach der Konferenz besuchte Sir Sidney den Kapudan-Pascha und sprach mit ihm von der großen Gefahr, welche das Osmanische Reich bedrohe, wenn die französische Flotte von Brest ausliefe und vor einer englischen im Mittelmeer einträfe. Es bliebe dann nur die Möglichkeit, daß die türkische Flotte sich in die Bucht von Marmaris, in den Hafen von Smyrna oder in die Dardanellen zurückziehe. Hussein-Pascha hörte mit großer Ruhe zu. Am selben Abend erhielt Sir Sidney ein Schreiben des Generals Menou aus Kairo, welches den Tod General Klebérs, der am 14. Juni 1800[67] von einem fanatischen Türken ermordet worden war, und seinen Entschluß mitteilte, Ägypten nicht zu räumen, bis nicht die Ratifikation der Konsuln der Republik eingelangt sei. Sir Sidney war sehr betrübt über Klebérs Ermordung, er begab sich mit Morrier zum Großvezier. Er ließ mich in der Stadt suchen und als ich auch eintraf, fand ich die ganze Gesellschaft ohne alles Zeremoniell auf einem kleinen Sofa beisammensitzen in augenscheinlicher Verwirrung und Bestürzung. Franchini übersetzte auf Sir Sidneys Verlangen den Brief Menous Satz für Satz, war aber durch meine Gegenwart sichtlich verwirrt. Bei dieser nächtlichen Konferenz zeigte sich die russische Politik ebenso schleierlos wie bei der militärischen. Franchini hatte offensichtlich nur die Aufgabe, den Knäuel der ägyptischen Sache möglichst zu verwirren und die türkischen Minister dadurch, daß er immer von etwas anderem als dem in Frage stehenden Gegenstande sprach, vom richtigen Wege abzuführen. Er warf den türkischen Ministern Zweifel auf, ob die Nachricht von der Ermordung Klebérs nicht eine von diesem selbst ersonnene Kriegslist sei. Ich flüsterte dies Sir Sidney zu, und er machte durch seine kategorische Sprache dem Gerede Franchinis ein Ende. An Stelle der Zweifel, die den Ministern so angenehm waren, trat nun bei ihnen die größte Mut- und Hilflosigkeit. Der Großvezier, der im Schreiben Menous einen Vorboten neuer Feindseligkeiten sah, bat den Commodore, den General durch ein neues Schreiben zu friedlichem Ausgleich und zur Räumung Ägyptens einzuladen. Der Reis-Efendi bat mich, ihm alle Schreiben Menous schriftlich zu übersetzen. Der Kapudan-Pascha sprach kein Wort. Morrier schwieg, und man trennte sich ohne einen anderen Beschluß als den, daß für den nächsten Tag die feierliche Abschiedsaudienz des Kapudan-Paschas und des Commodore beim Großvezier festgesetzt wurde. Die geheime Unterredung, welche dieser Audienz vorausging, wurde mit der Lesung der von mir gemachten Übersetzung des Antwortschreibens Sir Sidneys an General Menou eröffnet. Die türkischen Minister baten, den Zusatz zu machen, daß er von der Unschuld der osmanischen Minister an der Ermordung Klebérs überzeugt sei. Sir Sidney[68] war der Überzeugung, daß der Großvezier allerdings einer solchen Schandtat nicht fähig sei und war, was die Person dieses betrifft, dazu bereit. Da er aber von der Unschuld der anderen Minister nicht überzeugt war, ging er auf den Vorschlag Kipja-Beys, die Unschuld des ganzen Ministeriums zu verbürgen, durchaus nicht ein, und die Redseligkeit des bisher so schweigsamen Kipja-Bey war nicht geeignet, den Verdacht seiner Beteiligung an dem Morde zu vermindern. Die Abfahrt der türkischen Flotte wurde für den 28. Juni festgesetzt, die von Sir Sidney gemachten Vorschläge eines Planes gemeinsamer Maßregeln blieben unbeachtet. Der Großvezier schmeichelte sich noch immer, eine seinen Wünschen günstige Antwort Menous zu erhalten und die übrigen Minister bestärkten diese Hoffnung. Endlich sagte Sir Sidney, daß man, selbst wenn Menou sich wirklich zur Räumung verstehen sollte, sich doch vergewissern müsse, ob Rußland diese nicht hindere. Aus dem Munde des englischen Befehlshabers klang dies sonderbar, denn nicht Rußland, sondern England hatte Einspruch gegen die Konvention erhoben. Franchini war nicht anwesend und Reis-Efendi verteidigte das russische Kabinett mit größter Wärme. Der Großvezier stimmte bei und bat Sir Sidney, in seinem Namen und unter seiner Bürgschaft die Franzosen der vollkommenen Zustimmung Rußlands zu versichern. Nach dieser geheimen Unterredung wendete sich der Großvezier an den Kapudan-Pascha und Sir Sidney und sagte: Nachdem sie nun in See stechen, müßten sie ihm erlauben, ihnen einen Pelz anziehen und ihren Gefährten einen Shawl um den Kopf winden zu lassen, um sie vor Erkältung zu schützen. Der Kapudan-Pascha und Sir Sidney erhielten Zobelpelze, Keith und ich schöne Shawls. Dann wurden die Kapitäne der osmanischen Flotte eingeführt. Dem Range nach traten sie vor, bückten sich bis zur Erde und küßten den Kleidsaum des Großveziers; er richtete jeden auf, ermunterte und belobte sie und hielt dann an alle eine Anrede: ?Zieht hin, meine Söhne, zieht wider die Feinde der Religion und des Reiches, ertragt die Beschwerden der See[69] wie Eure Brüder zu Lande die der Wüste. Ihr seid die siegreichen Kämpfer des rechtgläubigen Volkes. Ich werde Zeuge Eurer Taten sein. Euer Arm sei stark und Euer Antlitz weiß!? Der gewöhnliche Zuruf, mit dem der Großvezier beim Eintritt in den Diwansaal begrüßt wird: ?Gottes Barmherzigkeit und Segen über ihn!? ertönte und dann fand der feierliche Abzug statt. An der Spitze Sir Sidney mit seinen Offizieren und Seesoldaten mit wehender Fahne und klingendem Spiel, nach ihm der Kapudan-Pascha mit den Kapitänen der osmanischen Flotte, seinen Wachen und seinen Kapellen türkischer Musik. Den Tag nach dieser Abschiedsaudienz war ich mit Reinschriften der türkischen Übersetzung des Schreibens Sir Sidneys an General Menou, einem Bericht an den Internuntius und den Abschriften (B. 6) beschäftigt, welche der Grroßvezier nach Konstantinopel sandte. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni wurden die Anker gelichtet. Nach einer Fahrt von fünf Tagen und Nächten zwangen uns ungünstige Winde, am 3. Juli 1800 vor Larnaca vor Anker zu gehen. Am 9. bestieg ich die englische Brigg ?The Transfer?, um dem Kapudan-Pascha zu helfen, der die Anker gelichtet, während Sir Sidney noch vor Larnaca blieb. Am 10. begab ich mich an Bord zum Kapudan-Pascha, um von ihm seine Schreiben an Lord Nelson und Lord Keith zu verlangen. Er las mir fünf Schreiben vor und bat mich, sie zu übersetzen, womit ich mich an Bord der ?Transfer? beschäftigte, am 11. rief er mich durch ein Signal zu sich an Bord. Er hatte soeben Depeschen aus dem Lager mit der Abschrift der Antwort Menous auf die Schreiben des Großveziers und Sir Sidneys, welche noch an General Klebér gerichtet waren, erhalten. Er ließ mich zwei Zeilen an Sir Sidney schreiben, worin er sich auf meinen mündlichen Bericht auf diese Schreiben bezog. Die Brigg lief gegen Larnaca, und wir begegneten am Abend den ?Tiger?. Ein zerbrochener Mast zwang diesen, wieder nach Zypern zu segeln und dort einige Tage zu bleiben, während der Kapudan-Pascha vor Alexandrien kreuzte. Der ?Tiger? segelte der Flotte nach der Küste von Alexandria nach. Eines Morgens hatte ich eine lange politische[70] Unterredung mit dem Kapudan-Pascha, über die ich an den Internuntius berichtete. Hussein-Pascha ließ seinem Unwillen gegen Rußland darin freien Lauf. Rußland, sagte er, habe das Bündnis mit der Pforte nur geschlossen, um seine Flotte ins Mittelländische Meer zu bringen und sich der Jonischen Inseln zu bemächtigen, die Schiffe der Hohen Pforte für russische zu erklären und sie zu stehlen. Er verhehlte auch nicht seinen persönlichen Groll gegen den russischen Gesandten Tomara, der ihm im vorigen Jahr den üblichen Besuch verweigert hatte. Dieser habe auch die Konvention von El-Aarish der Pforte als ungültig erklärt, da Sir Sidney keine Vollmacht zur Vermittlung gehabt habe. Ich sprach meine Meinung dahin aus, daß keiner der Anschläge des Großveziers erfolgreich sein könne, so lange Franchini im Lager weilt. Der Kapudan-Pascha nannte den Reis-Efendi ein ?blindes Tier?, welches die Geschäfte des Lagers und der Pforte in die Hände Rußlands gibt, dessen erstes Interesse darin besteht, sie zu verwirren. Dann fragte er mich um meine Ansicht über die Wahrscheinlichkeit eines Bündnisses zwischen Rußland und Frankreich und die der Räumung Ägyptens. Ich antwortete, freimütig, daß ich ersteres für unwahrscheinlich halte, und daß die Landung eines englischen Heeres in Ägypten das einzige Mittel ist, die Franzosen von dort zu verjagen. Dann sprachen wir über Personen, über Tomara, Lord Elgin, Sir Sidney und Spencer Smith, Klebér und Menou. Die Einnahme Genuas wurde von den beiden Flotten mit einem königlichen Salut (royal salute) von einundzwanzig Kanonenschüssen gefeiert. Vom Hintermaste der Admiralschiffe wehte die große Sultansflagge und die große englische. Nachdem die einundzwanzig Schüsse von allen Schiffen wiederholt waren, tönte von Bord des türkischen Admiralschiffes laute Musik, von Bord des englischen dreimaliges Hurrah. Diese Siegesfeier gab dem Kapudan-Pascha erwünschte Gelegenheit, seine Gastfreundschaft in fränkischem Aufzuge paradieren zu lassen. Zu Konstantinopel hatte er sich europäisches Tafelgeschirr und Tischzeug angeschafft, hatte Weine und einen französischen Koch an Bord, aber bisher[71] hatte er von allem noch nie Gebrauch machen können. Nun war der Augenblick gekommen, seine Liberalität, seine Pracht- und Frankenliebe zu entfalten. Über das, was sich bei solcher Gelegenheit schickt und ziemt, wußte sein Flottenkapitän Isakh-Bey, der so lange in Paris gelebt, Bescheid. Heute sind Gastmahle im europäischen Stile in Konstantinopel keine Seltenheit mehr, das Eis brach aber Hussein-Pascha durch dieses, das er Sonntag, den 27. Juli 1800, dem englischen Commodore Sir Sidney Smith, den ersten Offizieren und den Sekretären dieses an Bord seines Schiffes gab. Der Kapudan-Pascha saß zu oberst der Tafel, ihm zur Rechten Sir Sidney, ich neben ihm als sein Dolmetsch. Die Speisen waren gut zubereitet, die Weine wurden von Bromley und den anderen Herren sehr gelobt. Der Kapudan-Pascha trank ebenso wie ich keinen Wein und brachte mit einem Glas Wasser die Toaste auf den König von England, den deutschen Kaiser, Lord Keith und die Generale Gottersheim und Melas aus, welche Sir Sidney mit denen auf den Sultan, die Pforte, den Kapudan-Pascha, die Flotte und das Lager erwiderte. Isakh-Bey, dem als Kapitän der osmanischen Flotte nach dem Pascha und Sir Sidney der erste Platz an der Tafel gebührt hätte, war nicht einmal beigezogen, sondern machte den Haushofmeister und wechselte sogar selbst mehrmals die Teller. Nach der Tafel berieten Sir Sidney und der Kapudan-Pascha den Inhalt eines am Morgen aus dem Lager eingelangten Schreibens des Großveziers, in welchem dieser die Zerstörung der französischen Batterien zu Tina am Manzalasee verlangte, damit Tahir-Pascha sich dieses Postens bemächtigen könne. Es wurde verabredet, daß an dem zum Angriff bestimmten Tage zwei türkische Korvetten in ihren Schaluppen vierzig bis fünfzig Schiffssoldaten des Kapudan-Paschas und zwanzig bis fünfundzwanzig des ?Tiger? unter Schiffsleutnant Wright ans Land setzen sollten, und am folgenden Tage wurde ein schnellsegelndes Botenschiff mit diesem Plane ins Lager des Großveziers entsendet.[72] Am selben Tage hatten die Schaluppen des ?Tiger? und die Korvette ?The Petrel? in der Bucht von Abukir eine von Arabern bemannte französische Dscherme genommen. Dafür wurden der Kapitän der Korvette und der befehligende Offizier des ?Tiger? vom Kapudan-Pascha mit Hermelinpelzen bekleidet. Die drei Admirale der türkischen Flotte besuchten den Commodore in ihren feierlichen Zeremonienkleidern, er behielt sie zu Tisch und als sie den ?Tiger? verließen, grüßte er sie mit siebzehn Kanonenschüssen, die das Schiff des Kapudan-Paschas mit ebensovielen erwiderte. Ein Kurier aus Konstantinopel brachte dem Kapudan-Pascha drei Schreiben von Lord Keith, die englisch geschrieben waren und die ich übersetzen mußte, da niemand in der ganzen osmanischen Flotte Englisch verstand. Das erste war eine Danksagung für das Glückwunschschreiben des Kapudan-Paschas zur Übernahme des Oberbefehles Lord Keiths im Mittelmeer, das zweite enthielt die neuerliche Versicherung, daß seinerseits dem freien Abzug der Franzosen aus Ägypten nichts entgegenstehe; das dritte zeigte die Wegnahme von zwei spanischen Fregatten und acht Kauffahrteischiffen an, die von Cadix nach Amerika segeln wollten. Nachmittags kam die englische Fregatte ?Mercure? mit der Hiobsbotschaft des Verlustes von Genua, dessen Einnahme wir erst vor drei Tagen gefeiert hatten, zugleich brachte sie die Nachricht, daß die französische Flotte wahrscheinlich demnächst aus Brest auslaufen werde und daher die englischen Truppen vorläufig zur Deckung Siziliens nötig und nicht so bald zu einer Landung in Ägypten verfügbar seien. Ein weiteres langes Schreiben Lord Keiths legte dem Kapudan-Pascha die Notwendigkeit engster Verbindung der osmanischen Seemacht mit der englischen nahe und enthielt die unangenehme Nachricht, daß der Admiral Sir Richard Pickerton bestimmt sei, Sir Sidney Smith im Oberbefehl der britischen Flotte vor Alexandrien abzulösen. Am folgenden Morgen wurde beschlossen, sich nach Suda in Kandia zu begeben, um die vom Westen kommenden Schiffe besser zu überwachen und ihre Fahrt hindern zu können. Einige Korvetten und Kanonierschaluppen sollten an der ägyptischen Küste für die Landung Tahir-Paschas[73] zurückbleiben. Am nächsten Morgen gab der Kapudan-Pascha die Art und Weise an, wie er Sir Sidneys Schreiben an den Großvezier abgefaßt wünsche, nämlich so, daß Sir Sidney die Verantwortung für den Aufbruch der Flotte nach Westen auf sich nehme und dem Großvezier die baldige Rückkehr in die Gewässer von Alexandrien versichere. Am 4. August kam der Kapudan-Pascha an Bord des ?Tiger?. Es wurden alle Verabredungen des Aufbruches nach Westen umgestoßen, der Pascha erklärte, es sei ihm unmöglich, abzusegeln, bevor seine Flotte nicht zu Fenica Wasservorrat aufgenommen. In Wahrheit aber wollte Hussein den vom Admiral Pickerton zu bestimmenden Maßregeln nicht vorgreifen, auf jeden Fall aber die Genehmigung von Konstantinopel abwarten. Zwei Tage später teilte der Kapudan-Pascha ein von Menou erhaltenes Schreiben mit und man kam dahin überein, daß am nächsten Morgen eine englische und eine türkische Fregatte nach Damiette segeln und dort die Gefangenen austauschen sollten. Am folgenden Morgen segelte der ?Tiger? nach Zypern, um Ochsen an Bord zu nehmen, und der Kapudan-Pascha nahm zu Fenica Wasser. Am 10. August ankerten wir auf der Reede von Bapho. Pocoke äußert in seiner Reisebeschreibung die Vermutung, daß die Ruinen von Alt-Paphos nicht im jetzigen Bapho, sondern in dem drei Stunden entfernten Kukla zu finden seien. Ich begab mich dorthin und besah die Ruinen, deren Inschriften keinen Zweifel darüber ließen, daß es die des berühmtesten Tempels der Aphrodite seien. Am nächsten Tage durchstreifte ich die Mauern des alten Ktyma. An den Internuntius berichtete ich den Fund des Tempels von Paphos und beantwortete sein Schreiben. Ich ritt nochmals nach Kukla, wo ich in einer niederen, halbverschütteten Grabhöhle die phönizische Inschrift fand, die ich in den topographischen Ansichten wiedergab. (Nr. 69, B. 7, 8.) Auf meine Bitte bewilligte mir Sir Sidney das große Schiffsboot und die nötige, mit Hauen und Spitzbeilen versehene Bemannung, um ein von mir entdecktes, wohlerhaltenes Stück Mosaikfußbodens auszugraben und es mit einigen Inschriftsteinen an Bord zu bringen. Keith und Bromley[74] fuhren mit. Bromley wußte alles besser und legte überall mit Hand an. Ich glaube, er hatte an diesem Nachmittag zu viel Port oder Claret im Kopf. Er hieb schonungslos in das Mosaik und hatte es bald ganz zertrümmert. Ich war über diese Barbarei sehr aufgebracht, er lachte mich aber nur aus. Am folgenden Morgen brachten wir ein Stück Getäfel mit zwei Inschriftsteinen und zwei große Stücke des Mosaik an Bord des ?Tiger?. Der größere der beiden Steine (Topographische Ansicht Nr. 50) wurde von Sir Sidney verschenkt, der kleinere aus rotem Marmor (Nr. 49) befindet sich im Kaiserlichen Antikenkabinett in Wien. Nachdem der ?Tiger? seine Verproviantierung vollendet hatte, ging er am 23. August abends unter Segel; ich hatte kaum meinen Bericht über die Ruinen des Tempels verfaßt, als ich in heftiges Fieber verfiel, welches ich mir bei der Untersuchung der Tempelruinen in der brennenden Augusthitze zugezogen hatte. Langsam wurden die Fieberanfälle weniger heftig, kamen aber doch täglich wieder, in den fieberfreien Stunden besorgte ich die Briefübersetzungen für Sir Sidney. Während des Septembers kreuzte der ?Tiger? mit der Flotte des Kapudan-Paschas bei Alexandrien, sie kaperten kleine befrachtete Kauffahrteischiffe; trotz größter Aufmerksamkeit lief eines Nachts eine französische Brigg mit Mannschaft und Munition in den Hafen von Alexandrien ein. Es mag unglaublich scheinen, daß eine ganze Flotte nicht mit vollkommener Sicherheit einen Hafen abzusperren vermag. Die heftigen, gegen die Küste gerichteten Windstöße, welche die blockierenden Schiffe besonders des Nachts zwingen, sich von der Küste fernzuhalten, um nicht gegen diese getrieben zu werden, begünstigen die Einfahrt der den Hafen suchenden Schiffe bei Nacht und Nebel. Die auslaufenden freilich fallen der kreuzenden Flotte um so leichter in die Klauen. Ich war sehr erstaunt, als mir viele Monate später der Purser des Schiffes ebenso viele harte Piaster ?Prize Money? wie jedem Matrosen auszahlte, weil nach englischem Teilungsgesetz allen, die sich auf einem angreifenden Kriegsschiff befinden, der gleiche Anteil an Prisengeld gebührt. Nach acht Tagen setzte das Fieber aus,[75] ich litt an heftigen Kopfschmerzen. Nie hat mich Sir Sidneys liebevolle Freundschaft so sehr gerührt als in dieser Periode meiner Krankheit. Er hatte mich in seine eigene Kajüte genommen und wachte über mich wie ein Krankenwärter. Das Fieber kam mit großer Heftigkeit und mit Phantasieren wieder, in einem solchen Anfall wollte ich nachts aus dem Kajütenfenster springen. Sir Sidney brachte mich mit Gewalt auf mein Lager zurück. Schlaflose Nächte, in denen ich bei Sinnen war, kürzte Sir Sidney durch lange Gespräche über die Kraft des Willens, die er noch viel höher anschlug als ich. Unsere nächtlichen Gespräche gingen auch ins Ethische über, Sir Sidneys Gesinnung und Streben zeigte sich mir in schönstem und klarstem Lichte. ?Progress and no selfishness? war sein Motto. Am 8. Oktober landete der ?Tiger? zu Rhodos, wo ein englischer Kutter die Nachricht von der Übergabe Maltas und mir ein Schreiben des Internuntius brachte, das mich anwies, meine Reise, da Sir Sidney abberufen und Ägypten noch verschlossen, nach Haleb und von da weiter nach Persien fortzusetzen. Für den Augenblick war es unmöglich, diese Weisung zu befolgen, da ich krank war und Sir Sidney noch nicht nach Westen segelte. Das Fieber hatte mich seit einigen Tagen verlassen und ich fühlte mich stark genug, um an Land und spazieren zu gehen. Ich wohnte einem Gastmahl bei, welches der englische Schiffsbaumeister Spurrung dem Commodore und seinem Geleite gab, und zog mir dabei die Rückkehr meines Fiebers zu, das mich drei Tage lang bis zur gänzlichen Entkräftung schüttelte. Amazon.de Widgets Sir Sidney hatte auf Nachrichten von England hin vorderhand um so mehr vor Alexandrien zu bleiben beschlossen, als sein Nachfolger Admiral Pickerton noch nicht angekommen war. Er begab sich auf einem Boot von Rhodos nach der diesem Eiland in Asien gegenübergelegenen Bucht von Marmaris und den Meerbusen von Makri, um die Tauglichkeit der beiden zur Aufnahme der englischen Flotte zu untersuchen. Ich war zu schwach, ihn zu begleiten, ließ mich aber, um meine Sehnsucht nach dem Lande zu befriedigen, ans Gestade und auf den Hügel Sünbüllü bringen. Oben ließ ich[76] nahe der Quelle unter Bäumen meinen Teppich ausbreiten und legte mich auf ihn nieder. Ich fühlte mich todesmatt und wollte lieber auf dem Lande und in schöner Umgebung als auf dem Schiffe sterben. Nur kurze Zeit hatte ich dem Rauschen der Quelle und dem Leben der Natur um mich gelauscht, als ich die Wiederkehr von Gesundheit und Kraft deutlich empfand. Bis gegen Sonnenuntergang blieb ich liegen und ward auf Rhodos vom zyprischen Fieber geheilt. Am folgenden Tage fuhr der ?Tiger? in den Meerbusen von Makri, wo Sir Sidney auf sein Schiff wartete. Dieser herrliche Meerbusen mit seinen sieben Eilanden mit den Felsengräbern des alten Telmissos und seiner weit ausgedehnten Nekropolis, die Ritterinsel mit dem verfallenen Schloß der Johanniter, die vielfarbigen Schattierungen und vielgestaltigen Formen der Felsenufer rief mir die in dieser Gegend bezwungene Chimaira ins Gedächtnis und die vielfachen Wandlungen des Seegreises Proteus. Am Abend des Tages, an welchem der ?Tiger? angekommen, lief auch der Kapudan-Pascha ein und kam am folgenden sogleich an Bord. Er trug zehntausend Kilogramm zur Verproviantierung von Malta an und begehrte eine Konferenz mit Sir Sidney, in der am folgenden Tage beschlossen wurde, daß der Kapudan-Bey mit zwei Kriegsschiffen, zwei Fregatten, einer Korvette und fünf kleinen Fahrzeugen das Meer den Winter hindurch halten solle, der Kapudan-Pascha nach Konstantinopel segle, dort Truppen sammle und in den ersten Tagen des Frühlings zurückkomme. Er war hocherfreut darüber, daß Sir Sidney vorläufig blieb und versprach, dem Sultan einen wahren Bericht über den Zustand des Lagers zu geben. An den folgenden Tagen beschäftigte mich das Abschreiben der Inschriften der Akropolis und der Nekropolis im alten Telmissos. Zwar brachte mir dies keinen Fieberrückfall, aber eine starke Erkältung, die mich an Bord zu bleiben zwang. Der Pascha ließ sich nach meinem Befinden erkundigen und da es morgenländische Sitte ist, solche Anfragen mit einem Geschenke zu begleiten, und er wußte, daß ich mich für alte Steine interessierte, sandte er mir die ältesten, die es gibt, denn sie[77] sind so alt wie die Erde. Es war ein Korb mit Kieseln, den ein anderer mit Erfrischungen begleitete. Am 1. November lief eine der schönsten englischen Fregatten, ?Penelope?, in den Meerbusen von Makri ein und ankerte in der Nähe des ?Tiger?. Zwei Offiziere der Landtruppen, Oberst Anstruther und Oberstleutnant Murrey, kamen an Bord und meldeten sich bei Sir Sidney. Sie waren vorausgesandt, um die Örtlichkeit des besten Sammelplatzes der Truppentransporte zu besichtigen und mit dem Großvezier die Verpflegung zu besprechen. Am folgenden Tage fand eine Konferenz mit Sir Sidney und den Offizieren des Generalstabes beim Kapudan-Pascha statt, in ihr wurde über den besten und sichersten Ankerplatz für die Flotte, welche in den ersten Monaten des nächsten Jahres erwartet wurde, beraten. Sir Sidney hatte vor kurzem beide Buchten durchforscht und schlug die von Marmaris vor. Am nächsten Morgen sandte ich dem Kapudan-Pascha mein Abschiedsschreiben in französischen Versen mit beigefügter türkischer Übersetzung; er war mit meinen während des Sommers und Herbstes geleisteten Sekretärdiensten so zufrieden, daß er mir die erbetenen Empfehlungsschreiben nach Haleb und Damaskus mit einem sehr schmeichelhaften Billett (es befindet sich in der Autographensammlung der Hofbibliothek) und ein Geschenk von 1500 Piastern sandte. Sir Sidney gab mir Empfehlungsbriefe an Harford Jones und Samuel Manessy, die Residenten der Ostindischen Kompagnie in Bafa und Bagdad, und rechtfertigte durch ein meinem Bericht an den Internuntius beigelegtes Schreiben mein längeres Verweilen an Bord des ?Tiger?. Beim Abschied bat mich der Pascha, mich nicht aus diesen Gewässern zu entfernen; ich versprach dies, solange Sir Sidney bleibe, erklärte aber, es ohne besondere Weisung des Internuntius und des Hofes nicht länger tun zu können. Der Pascha sagte, dies sei seine Sache und er hoffe mich in drei bis vier Monaten wieder zu sehen. In der Nacht lichtete der Kapudan-Pascha die Anker und an seiner Stelle blieb der Kapudan-Bey als oberster Befehlshaber des türkischen Geschwaders zurück, ein alter,[78] ausgepichter Seemann, der bei der Flottenverbrennung von Tscheschme als Matrose-Segelschneider mit einem Teil des Schiffes in die Luft flog und unbeschädigt ins Meer zurückfiel. An den drei folgenden Tagen wurde vergeblich versucht, aus Makri auszulaufen, der Sturm zwang die Schiffe immer wieder in den Golf zurück. Sir Sidney und die Offiziere gingen an Bord des Kapudan-Bey oder an Land, ich hatte alle Hände voll zu tun mit der Aufzeichnung meiner gemachten Beobachtungen, mit der Übersetzung von Berichten und Schreiben an den Internuntius. Am 23. November liefen wir aus und ankerten am folgenden Tage in Rhodos, von wo die Offiziere des Generalstabes sogleich, von Keith begleitet, ins Lager des Großveziers abgingen. Am 1. Dezember stach der ?Tiger? in See und kreuzte während der nächsten sechs Wochen zwischen Kandia und der afrikanischen Küste. Nach wenigen Tagen begann es heftig zu stürmen und obwohl es mit dem Kapudan-Pascha verabredet war, daß die von ihm zurückgelassenen Schiffe ohne Rücksicht auf den Tag San Dimitris, nach welchem türkische und griechische Fahrzeuge das Mittelmeer seiner Stürme wegen als unsicher fürchten, dasselbe halten und mit dem ?Tiger? kreuzen sollten, so konnte man doch darauf wetten, daß die türkische Kreuzfahrt von kurzer Dauer sein werde. Wirklich gab nach kaum 24 Stunden die türkische Fregatte Notsignal und bat um die Erlaubnis, einen Hafen aufzusuchen. Die Stürme hielten nicht an, kehrten aber mit beständigem Wetterwechsel wieder. Oft war der Wind so mächtig, daß alle Segel bis auf eines eingezogen werden mußten und auch dieses oft zerrissen wurde. Die ersten zwei Wochen des Dezember waren einförmig vergangen, am fünfzehnten kam bei heiterem Wetter und frischem Wind ein verdächtiges Segel in Sicht, das vor dem ?Tiger? nach Westen floh. Die Jagd dauerte einige Stunden, und wir waren in ungeduldigster Erwartung eines Seegefechtes. Alle Vorbereitungen dazu wurden getroffen, die Verdecke von allem, was die Bedienung der Kanonen hindern konnte, gesäubert, die Kanonen vor ihre Mündungen geschoben und die Munition[79] bereitgestellt. Zu unser aller Leidwesen blieb es bei diesen Vorbereitungen. Das Schiff war zwar ein feindliches, aber kein bewaffnetes. Als wir in Reichweite eines Kanonenschusses waren, wurde es zuerst durch einen blinden, dann durch einen scharfen Schuß zum Gehorsam gerufen, und der Kapitän kam mit einigen Franzosen an Bord. Der eine derselben erregte meine große Neugierde und mein politisches Interesse, es war der durch die Vorteile, die er aus dem Sturze Robespierres zog und mehr noch durch seine schöne Gattin berühmte Tallien. Sir Sidney empfing ihn gastfreundlich und behielt ihn etliche Tage an Bord, um aus den Gesprächen mit ihm möglichst viele ägyptische Neuigkeiten zu erfahren. Die Depeschen, die er mit Klebérs Papieren nach Frankreich bringen sollte, hatte er, als sich das Schiff ergeben mußte, ins Meer geworfen. Wir erfuhren nicht viel Neues von ihm aus Ägypten. Die zweite Hälfte des Dezember verfloß wie die erste in der Eintönigkeit des Kreuzens zwischen Kreta und Afrika. Mit der Sonnenwende des Winters wendete sich auch unser langweiliges Kreuzen seinem Ende zu. Admiral Pickerton erschien, der Nachfolger Sir Sidneys im Oberbefehl der britischen Flotte vor Alexandrien bis zur Ankunft von Lord Keith. Er war ein liebenswürdiger, vortrefflicher alter Seemann, und Sir Sidney und ich waren bald auf dem besten Fuß mit ihm. Meine Zeit wurde nun wieder von vielerlei Übersetzungen in Anspruch genommen. Starke Westwinde zwangen die Flotte, wieder gegen Alexandrien zu segeln, in dessen Hafen trotz aller Wachsamkeit später mehrere Kriegsschiffe mit Truppen den Weg fanden. So endete das 18. Jahrhundert und begann das 19. für mich im Mittelländischen Meer. Mit 1. Januar 1801 waren die beiden Abteilungen der Flotte, welche die nach Ägypten bestimmten, von General Sir Ralph Abercromby befehligten Truppen an Bord hatten, in der Bucht von Marmaris eingelaufen. Wir kreuzten noch die erste Woche des Jahres vor Alexandrien, bis uns am 7. der Dreidecker ?Minotaurus? ablöste. Hälfte Januar ankerte der ?Tiger? im Hafen von Rhodos nach siebenwöchiger Kreuzfahrt zwischen Kandia und Afrika.[80] Amazon.de Widgets In Rhodos erwartete mich ein Schreiben des Internuntius, welches mir den Tschaouschbashi (Reichsmarschall) Mustapha-Bey empfahl. Ich hatte ihn in Konstantinopel als Intendanten des Tersane Emini verlassen, jetzt war er als Pfortenkommissär mit der außerordentlichen Kommission der Verpflegung der englischen Flotte und Armee beauftragt. Es war für mich sehr schmeichelhaft, daß dieser eines der ersten Reichsämter bekleidende Emir mir und nicht ich ihm empfohlen wurde. (B. 9.) Am Tage nach unserem Einlaufen in Rhodos kam Admiral Lord Keith von Marmaris und besuchte mit Sir Sidney den Tschaouschbashi, die Unterredung dauerte bis Mitternacht. Am 17. Januar ging der ?Tiger? unter Segel und begab sich in die Bucht von Marmaris. Ungünstige Winde hinderten uns an diesem und am folgenden Tage am Einlaufen und erst am Abend umschloß uns wie die ganze englische Flotte und Armee die von allen Seiten von Bergen umgebene Bucht. Die Truppen waren teilweise am Lande unter Zelten beherbergt, was für sie nach der langen Einschiffung eine große Erleichterung war. Sir Sidney speiste mit seinem Sekretär und mir abwechselnd an Bord des Admirals Lord Keith, des Vizeadmirals Pickerton oder des Kapitäns Blackwood oder lud diese zu sich. Am 25. war große Übung der Truppen und Boote. Der Landungsversuch ging vortrefflich vonstatten, in wenig mehr als einer Viertelstunde waren mit allen Booten der Flotte alle Truppen vom Bord der Schiffe ans Land gebracht. Der Eifer und die Tüchtigkeit, mit welcher Sir Sidney bei diesem Landungsmanöver die Truppen befehligte, trugen zweifellos dazu bei, die so lange zurückgehaltene Bestimmung Lord Keiths über die Wirksamkeit Sir Sidneys bei der Landung in Ägypten zur Reife zu bringen. Drei Tage nach dieser Übung verlautete, daß Sir Sidney bei der Landung eine Abteilung Matrosen befehligen werde. War auch diese Rolle für Sir Sidney eine untergeordnete, so dünkte er sich doch für sie nicht zu schlecht und war überzeugt, daß sie ihm Gelegenheit geben werde, dem Vaterland nützlich zu dienen und sich auszuzeichnen.[81] Am 14. wurde auf den türkischen Schiffen das Bairamfest gefeiert und vom Schiffe des Kapudanbey mit aufgezogenen neuen Flaggen und Kanonenschüssen verkündet. Am folgenden Tage gab der ?Foudroyant? das Signal segelfertig zu machen. Es vergingen noch acht Tage bis die Flotte am 22. Februar auslief. Ein herrlicherer Anblick einer zu großer Unternehmung auslaufenden Flotte mag seit der Armada kaum gesehen worden sein. Hundertsiebenundsiebzig Segel von allen Gattungen der Kriegs- und Transportschiffe floß wie ein unübersehbarer Zug weißer Schwäne bis an das äußerste Ende des Gesichtsfeldes, wo Meer und Himmel sich einen. Vier Tage lang segelte die Flotte an die ägyptische Küste, am 27. trennte ein starker Wind dreißig Schiffe von ihr. Vor Sonnenuntergang kam die Küste in Sicht und die Flotte machte kehrt und segelte erst am folgenden Morgen wieder dem Lande zu. Am 1. März kam das Land beim Araberturm in Sicht und am folgenden Morgen ankerte die ganze Flotte auf der Reede von Abukir, in denselben Gewässern, in denen Nelson die Schlacht geschlagen. Das Admiralschiff ?The Foudroyant? ritt über den Trümmern des in die Luft gesprengten französischen ?L'Orient?. Während die Flotte in der Bucht von Abukir vor Anker ging, segelte eine Fregatte mit gehißter französischer Flagge ungehindert in den Hafen von Alexandria. Sie hatte sich der englischen Flotte in der Nacht angeschlossen, hatte mit ihr unerkannt manövriert und alle Signale gehörig beantwortet und feierte nun den Triumph der Geschicklichkeit und des Mutes ihres Kapitäns. In der Nacht lief auch eine französische Brigg in Alexandria ein. Der Verdruß über dieses doppelte Kriegsglück der Franzosen wurde durch die schlimme Nachricht verstärkt, nach der ein englischer Major bei einem Kundschaftsgange an der Küste von Abukir getötet, ein anderer gefangengenommen worden war. Am selben Tage fuhr Sir Abercromby mit seinen Stabsoffizieren auf Erforschung des Zustandes der Küste und des Einganges des Sees von Mehadia aus und sandte am Abend zwei Offiziere mit Meldungen darüber an Sir Sidney. Noch abends erfolgte der Landungsbefehl für[82] den nächsten Tag, wenn es das Wetter gestatte. In der Nacht traten schwere Stürme ein, die den Tag über ununterbrochen andauerten. Trotzdem erforschte Sir Sidney den Eingang des Sees von Mahadia unter den Kanonen einer dort wachenden französischen Kanonenschaluppe. Die Franzosen flohen in Dschermen und leichten Küstenfahrzeugen, bevor die Mannschaft der englischen Boote die Schaluppe erstiegen. Die Kanonen wurden vernagelt, ein Franzose gefangen. Am 7. März war das Wetter heiter, die See ruhig. Die Landung wurde auf den nächsten Tag verschoben, um Munition und Vorräte zu verteilen und die Transportschiffe dem Lande zu nähern. Abends befahl das Admiralschiff, zwei Stunden nach Mitternacht mit der Ausschiffung der Truppen zu beginnen. 
 XIII. Meine Agentie in der Moldau 1806?1807.  [154] Am 6. Juli um Mitternacht brach ich von Bujukdere bei schönstem Mondenschein auf und fuhr bei günstigem Landwind ins Schwarze Meer hinaus. Der Abschied von meinen Freunden Raab war mir noch um vieles schmerzlicher als der von Konstantinopel. Die letzten Tage meines Aufenthaltes hatte ich im Gasthaus gewohnt, denn Stürmers Feindseligkeit ging so weit, daß er mir, seitdem ich nicht mehr Sekretär war, mein Zimmer im Gesandtschaftshause hatte sperren und meine Koffer auf die Straße setzen lassen. Diese persönliche Gehässigkeit wurde vom ganzen diplomatischen Korps mißbilligt. Meine Freunde Graf Ludolf, Herr von Italinsky, Freiherr von Hübsch und Raabs entschädigten mich durch gastfreie Aufnahme für das unerhörte Benehmen meines Chefs. Viel war ich auch im Hause des Fürsten Morusi in Therapia. Fürst Demetrius war der Bruder des die Wallachei verwaltenden Fürsten Alexander. Ich verließ Konstantinopel ungern und leistete nur aus Notwendigkeit den wiederholten Befehlen, die mich zum Konsulate in der Moldau bestimmten, Folge. Meine Hoffnung, den Bosporus wiederzusehen, hat sich nicht erfüllt. Mein Boot nahm nie die hohe See, sondern segelte und ruderte nur in geringer Entfernung von der Küste. Dies gab mir gute Gelegenheit zu geographischer Beobachtung. Mit Karte und Kompaß nahm ich die vorspringenden Punkte der Küste auf und erkannte in vielen der jetzigen Ortsnamen die alten wieder. Anchioli erschien mir vom Meere gesehen so groß und[154] wichtig, daß ich dort zu landen und ein paar Stunden auf seine Besichtigung zu verwenden beschloß. Der Ort war in großer Aufregung und von Bewaffneten gefüllt. Sie waren teils das Gefolge von drei Ajena, den Ortsobrigkeiten von Aidos, Misivia und Emene, welche hier zu einer gemeinsamen Beratung von Ahmed-Efendi, dem Kiaja des mächtigen Tersenikoghli eingeladen waren, teils aber das Gefolge des Kiaja. Es war nur in der Ordnung, daß ich vor der Besichtigung dem Befehlshaber meinen Besuch machte; unter den Umständen war er um so nötiger. Ich ließ meinen Gesandtschafts-Janitscharen vorgehen und begab mich vom Ufer direkt in die Wohnung Ahmed-Efendis. Der Saal war von bewaffnetem Gefolge gefüllt, ich mußte mich durch Flinten und Jataghans mühsam durchdrängen und mich mit meinem Paß als kaiserlicher Agent beglaubigen. Ich wurde höflich empfangen und mit den gewohnten Erfrischungen bewirtet. Ich ließ mich mit Ahmed-Efendi, welcher damals der tätigste Mann in diesem Teile Rumulis war, in ein öffentliches Gespräch ein, das mir unvergeßlich blieb durch ein paar seinen Charakter scharf umreißende Äußerungen und durch das, was später folgte. Ich wünschte ihm Glück zu den Gütern des Lebens, zu Ansehen und Vergnügen, in deren Vollgenuß er schwelge. Er antwortete: ?Ich habe vierzig Jahre gelebt, gegessen, getrunken, aber keinen Nutzen gefunden.? Ich erwiderte, daß die Ausführung gemeinnütziger Werke ihm doch die Überzeugung geben müsse, daß der Nutzen wohltätiger Wirksamkeit schöner, größer und bleibender als vorüberrauschender Sinnengenuß, ich sprach mich darüber aus, daß er, dem Beispiele Tersenikoghlis folgend, der in Rustschuck, Sophia und an anderen Orten seines Gebietes den Bau christlicher Kirchen begünstigte, nun auch zu Anchioli eine bulgarische bauen ließ. Er entgegnete: ?Die Serben tun mir keinen Schaden, sie bringen mir Nutzen.? Erbaut von so viel Philosophie, Politik und Weisheit nahm ich Abschied von ihm und hätte mich nicht gewundert, nächstens zu vernehmen, daß der lebenssatte Philosoph den Geschäften entsagt und sich zurückgezogen habe. Statt dessen erfuhr ich in Varna, daß Ahmed-Efendi noch am[155] selben Abend die drei Agena von seinen Leuten überfallen und ermorden ließ. Nun erst erkannte ich die ganze Tiefe der Herrscherpolitik dieses Türken. Am fünften Tage nach meiner Abreise von Bujukdere traf ich in Varna, am zehnten in Galatz am Ufer der Donau ein. Von Varna nach Babataghi rechnet man vierzig Stunden; diese legte ich mit denselben Pferden und derselben Begleitung einiger bewaffneter Seimen in vier Tagen zurück. In Atschambar, nur zwei Stunden von Varna, hielten wir an einer schönen Fontaine, und zwei Stunden später, in Ssarigöl, wurde übernachtet. Die Gegend war bewaldet und einsam. In Isterne steigt die Straße ganz überraschend zu einem einsamen Felsenpaß hinauf, zwischen dem die von Bulgaren bewohnte Stadt liegt. Die Felsen senken sich und verflachen sich schnell in der zweiten Ebene. Erst acht Stunden weiter von Isterne steigt ein waldiger Gebirgsweg an, und eine halbe Stunde davon erhoben sich Jenissole, die Ruinen eines alten Schlosses am Haupte des Seß Rasin. Zwei Stunden später ist die in der Geschichte der russisch-türkischen Feldzüge so oft genannte Stadt Babatagh, das heißt Vaters Grab. Des Vaters Grab, dieser weltberühmte Wallfahrtsort, soll das Grab Ssaltukdede sein, des ersten Ansiedlers der Türken, dessen Nachkommen nach fast sieben Jahrhunderten (1863) wohl schwerlich mehr in Rumuli herrschen dürften. Nach der vom großen türkischen Reisenden Ewlia, dem einzigen berühmten Reisenden der Osmanen, erzählten Legende sollen die Jünger nach Ssaltukdedes Tod sechs oder sieben Särge in ebensovielen Städten der Ungläubigen bestattet haben, damit durch die Unsicherheit, welcher den Leib des Meisters enthalte, überall moslemische Wallfahrt und durch sie die Eroberung der Länder herbeigeführt werde. Unter den von Ewlia genannten Grabstätten ist sonderbarerweise auch die Stadt Posen. Wichtiger als diese Angabe Ewlias ist die von Baba Eski ?Altvater?, das acht Stunden von Adrianopel an der Straße nach Konstantinopel liegt, da der Name des Ortes selbst für die Überlieferung spricht, daß dort das wirkliche Grab Ssaltukdedes sei. Dafür, daß das wahre nur in Babathag zu suchen, spricht die[156] Tatsache, daß Suleiman, der Gesetzgeber, auf seinem Feldzug in der Moldau im Jahre 1538 das Grab als das Ssaltukdedes besuchte. Zwei Jahrhunderte später stiftete der Aufseher der sultanischen Kasse Chalil dort neun Fontänen, die aber dreißig Jahre hernach ganz vertrocknet vom Großvezier Chalil-Pascha, der hier im Jahre 1770 im russischen Kriege sein Winterquartier nahm, gefunden und wieder hergerichtet wurden. Seitdem waren alle Fontänen wieder ausgetrocknet, und ihre Inschriften vom Lebensquell und von der paradiesischen Quelle Saldabil standen im krassen Gegensatz zu den mit Staub bedeckten Röhren und mit Moder gefüllten Wasserbecken. Bei Isakdschi, dem im russisch-türkischen Kriege viel genannten Schlosse, welches das rechte Ufer der Donau deckte, überschiffte ich den Strom. Die schwüle Sommernacht war durch die großen Donauschnacken, gegen die das Gelsengarn nur unvollkommen schützte, unerträglich. Welch ein Unterschied gegen die Steppe; hier laues Wasser und die Marter blutdürstiger Insekten, dort Wassermangel, nur auf große Entfernungen Brunnen von fünfzig bis siebzig Ellen Tiefe, aber die Luft frisch und feucht. Amazon.de Widgets An der Grenze der Moldau wartete der vom Fürsten zu meinem Empfang abgesandte Kommissär mit Pferden und Tabikas, kleinen, niederen Wägen. Außer ihm war mir der bisherige Stellvertreter des Agenten, der alte Agenziekanzler Schilling, entgegengefahren, dessen üble Wirtschaft seine Ernennung zum Agenten verhindert hatte. Am vierzehnten Tage nach meinem Aufbruch von Konstantinopel traf ich in Jassy ein. Da soeben Posttag, meldete ich sofort mein Eintreffen nach Wien. Noch am Abend wollte ich auf einem Spaziergang durch die Hauptstraße der Stadt frische Luft schöpfen und ging einige hundert Schritte die Straße entlang, als mir gegen das Ende derselben tausendstimmiges Konzert von quakenden Fröschen und Kröten entgegenscholl. Hier also lagen die Sümpfe, welche die Luft von Jassy mit Fiebern verpesten, und ich kehrte um und ging in entgegengesetzter Richtung. Aber auch von der anderen Seite tönte mir das Gequake entgegen, und niedergeschlagen kehrte ich heim. Kurz nach mir kam der französische Generalkonsul[157] Herr von Reinhard an, der vorher Minister der auswärtigen Geschäfte zur Zeit des Direktoriums, durch Napoleons Ungnade vom Minister zum Konsul degradiert worden war. Die erste Ursache dieser Ungnade war die Ablehnung des Begehrens des jungen Leutnants Bonaparte, nach Konstantinopel als Konsul geschickt zu werden. Reinhard war von stattlichem Wuchs und einer feierlichen Gravität, die eher den deutschen Professor als den französischen Minister verriet. Ich konnte mir vorstellen, wie sehr Napoleon durch seine herablassende Art gekränkt wurde, und Talleyrand trug das Seine dazu bei, ihm diese Zurücksetzung zu bereiten. Seine Ankunft war mir sehr erwünscht. Lebhaftes Interesse flößte mir die junge, reizende Gemahlin des Postolnik, des Ministers des Fürsten Maurocordatos ein. Ich hatte sie zum erstenmal auf einem Ball bei Hof gesehen, und ihr Anblick hatte mich wie ein Blitz berührt. Sie war meine Nachbarin, die Höfe unserer Häuser stießen aneinander. Sie hieß Smeronizza, die Smaragdene, ein oft vorkommender Name, auch der Name Saphirizza kam häufig vor. Diese Edelsteinnamen der Jassyer Gesellschaft gaben reichen Stoff zu Scherz und Witz. Sogleich nach meiner Ankunft besuchte ich den Fürsten, aber erst drei Wochen später bekam ich meine Antrittsaudienz im versammelten Diwan der Bojaren. Der Diwan-Efendi, der Sekretär für die türkische Fertigung, las, nachdem ich mein Beglaubigungsschreiben in die Hand des Fürsten gegeben, das Baret der Pforte laut vor, worauf der Fürst mit den gewöhnlichen diplomatischen Formeln guten Einvernehmens, aufrichtiger Freundschaft und inniger Nachbarschaft erwiderte. Ich war durch den Oberstkämmerer eingeführt und zurückgeleitet worden wie an dem Hof eines unabhängigen Fürsten, obwohl es in meiner Instruktion hieß: ?Die Hospodare nehmen heutzutage von Seite der europäischen Kabinette und ihrer Geschäftsmänner den Titel von Fürsten an, obschon er ihnen eigentlich nicht gebührt, da selbe nicht unabhängig sind, so kann auch keine Etikette noch Rangstreit von Seiten der fremden Agenten bestehen, welches Sie bei aller Gelegenheit mit Anstand und Klugheit zu vermeiden[158] suchen werden, und die Geschäfte, besonders jene von größerem Belange, werden Sie nur unmittelbar mit dem Fürsten selbst oder dessen vollberechtigten Beamten zu verhandeln besorgt sein und folglich dabei alle Einmischung von etwa auswärtigen Intriganten beseitigen.? Die Geschäfte von größerem Belange war die Verhinderung des den Auswanderern aus den österreichischen Staaten von Seiten des Hospodars gewährten Schutzes, eine Auslieferung konnte bei Auswanderern, die keine Verbrecher oder Fahnenflüchtlinge waren, nicht erfolgen, die Auslieferung der Deserteure, die Verhinderung der Übersiedlung österreichischer Fabrikanten, die richtige und schleunige Beförderung der Post, welche wöchentlich zweimal durch kaiserliche Unteroffiziere bis an die Grenze befördert ward, die Begünstigung der Vieh- und Getreideausfuhr und des Handels überhaupt. ?Vorzüglich?, hieß es in der Instruktion, ?werden Sie Treue, Glauben, Redlichkeit und Rechtschaffenheit bei unserer handelnden Klasse als der Seele des Handels allgemein einzuführen trachten und dann auf eine Gleichheit auf Seite der Fremden gegen die unsrigen streben und behaupten.? Die Klasse der in Jassy als Handwerker und Händler wohnhaften kaiserlichen Untertanen, besonders die Juden, waren dieser guten Eigenschaften zum großen Teil bar und ledig; bisher hatte selbst bei der Agentie Bestechlichkeit grassiert, und es kam mir oft vor, daß ich die Zumutung solcher zurückweisen mußte. Der alte Schilling, der Agentiekanzler und Duldner, ein geschäftskundiger Siebenbürger Sachse, hatten bisher das Nehmen vollkommen in der Ordnung gefunden. Der größte Mißbrauch, den ich eingeführt fand, und der trotz schriftlicher und mündlicher Anzeige in der Staatskanzlei doch, wie ich höre, noch immer besteht, ist das Plenale, das ist eine Taxe von zwei vom Hundert von dem ganzen Nachlasse eines in der Moldau oder Wallachei verstorbenen Untertans, wovon ein Prozent in den Beutel der Agenten, das andere in den seiner Untergebenen bezahlt wird. Zu solchen gesetzwidrigen Besteuerungen und zur Bestechlichkeit waren die Agentiebeamten gezwungen, wenn[159] sie leben wollten. Die Besoldung des Agenten betrug nur zweitausend Gulden. Genau soviel hatte ich als Legationssekretär in Konstantinopel bezogen, wo ich freie Wohnung und Kost hatte; nun war ich mit dem gleichen Gehalt nach Jassy ?befördert? worden, wo ich Wohnung, Kost selbst bezahlen, Dienerschaft und Equipage halten mußte. Ich hatte darüber Vorstellung gemacht und für den Fall, daß man mir den bisherigen Gehalt nicht verdoppelte, um meine Entlassung gebeten, da ich nicht wie mein Vorgänger mit Bestechungen mich selbst zu schänden die Absicht hatte. Zum zweitenmal war ich als Mann von Ehre und Grundsätzen gezwungen, um meine Entlassung zu bitten. Diesmal wurde der bisherige Gehalt verdoppelt, aber ich mußte davon auch den Zins des Hauses bezahlen, und die persönliche Zulage von fünfhundert Gulden wurde eingezogen, während viele Hofräte und Präsidenten die ihnen einmal gewährte persönliche Zulage für immer behalten. Im politischen Teil meiner Instruktion war der Fall, daß die beiden Fürstentümer in Rußlands Hände kommen müßten, als unvermeidlich vorausgesehen und dieses Schicksal im Ausgleiche Frankreichs und Rußlands ohne Österreichs Teilnahme vermutet. Es hieß: ?Durch die mächtige Einwirkung des Petersburger Kabinetts auf das Schicksal jener Hospodare und durch den gleich mächtigen Einfluß der Religionsgleichförmigkeit auf die Inwohner jener Provinzen hat Rußland einen festen Grund zur Behauptung seiner Oberhand über jene beiden Länder auf lange Zeit gelegt und sich einigermaßen den Weg zur einstmaligen gänzlichen Beherrschung derselben gebahnt. Indessen aber dürften jedoch die entscheidenden Ereignisse des letzten französischen Feldzuges unter anderen Folgen auch diese nach sich ziehen, daß die natürlicherweise jetzt überhandnehmende Einwirkung Frankreichs in alle Angelegenheiten der Türkei den russischen Einfluß dermaßen schwäche oder selben wenigstens also das Gleichgewicht halte, daß daraus entweder die Fortdauer jener Provinzen unter der türkischen Botmäßigkeit noch länger sich erhalte, als es sonst vorauszusehen wäre oder daß dieselben in unabhängige kleine[160] Staaten zerfallen, wenn nicht doch endlich ihre Überlassung an Rußland dazu bestimmt ist, um den Streit zwischen dieser und jener Macht beizulegen, denn für eine vierte Vermutung, daß selbe nämlich Österreich zuteil werden, lassen die Umstände wenig Wahrscheinlichkeit.? Von dem Fürsten, bei dem ich beglaubigt war, heißt es in derselben Instruktion: ?Er verdankt seine Erhebung mehr den Umständen und seinem persönlichen Kredit als dem Einfluß einer fremden Macht, daher er auch nur allgemeine Schonungen gegen selbe zu beobachten hat, zumal er seit dem letzten Frieden zwischen der Pforte, Österreich und Rußland vom Pfortendolmetsche zum Hospodar übergetreten, in keine politischen Verhandlungen mehr verflochten gewesen, die ihm von einer oder anderen Macht Aufsässigkeiten hätten zuziehen können. Hingegen genießt er bei dem türkischen Ministerium die Meinung eines einsichtsvollen und ehrlichen Mannes, daher er auch oft in wichtigen Staatsangelegenheiten zu Rat gezogen wird. Jene, die ihn näher kennen und parteiisch beurteilen, behaupten, daß er mehr sein Privatinteresse als das allgemeine kenne, mehr die Verwaltung seiner Provinz als Berechnungen der Politik verstehe.? Diese Beurteilung war wirklich eine parteiische und ungerechte, denn Alexander Morusi war zwar ein weniger politischer Kopf als sein Bruder Demetrius, aber er war in alle Verhältnisse der osmanischen und europäischen Politik eingeweiht, er war kein Söldling Rußlands, sondern ein aufrechter und treuer Diener der Pforte. Diese opferte ihn zuerst dem französischen Einflusse und setzte ihn ab, und vierzehn Jahre später, beim Ausbruch des griechischen Aufstandes der Volkswut, fiel mit seinem Kopfe auch der seines Bruders Demetrius und seines Stiefsohnes Alexander Maurocordatos. (B. 23.) Nur zwei Monate lang genoß ich die Gesellschaft dieses Fürsten und seiner Familie; Ende August fiel aus kriegsumwölktem Himmel der Blitzstrahl seiner Absetzung und die Ernennung des bisherigen Pfortendolmetsch Kallimaki an seiner Stelle. Am 3. September nahm ich vom Fürsten Morusi zu Galata, wohin er sich bis zu seiner Abreise zurückgezogen[161] hatte, Abschied. In unserer letzten, langen, vertrauten Unterredung erzählte er mir sehr ausführlich, daß er nur als Belohnung seiner Dienste, die er als Pfortendolmetsch geleistet hatte und nicht nur ohne allen russischen Einfluß, sondern sogar gegen den Willen des russischen Gesandten zum Fürsten ernannt worden sei. Tomara habe sogar drei Noten dagegen eingegeben, mußte sich aber endlich dem kategorischen Willen der Pforte fügen. Moldauisch und Wallachisch ist seines romanischen Einschlages wegen leicht erlernbar. Ich zog es vor, mich im Griechischen zu vervollkommnen und las zum erstenmal Lucian und Plutarch mit Interesse und Vergnügen. Gleichzeitig beschäftigte ich mich viel mit Neugriechisch und machte darin so gute Fortschritte, daß ich bald im Salon sprechen konnte. Die Abreise des Fürsten und der erwartete Einmarsch der Russen, die schon seit einiger Zeit am Pruth standen, hatte die Bojaren in eine russische und eine türkische Partei geteilt. Alle gesellschaftlichen Unterhaltungen hatten aufgehört, die Gegenstände politischer Gespräche häuften sich durch die Ereignisse, und ich schloß mich immer mehr und freundschaftlicher an Reinhard an. Wir ritten und fuhren zusammen spazieren. Als uns einmal der Wagen auf der engen und holprigen Straße zu stark stieß, stiegen wir aus und gingen zu Fuß. Eine solche Verletzung des Ansehens war in Jassy, wo niemand zu Fuß ging, unerhört und wurde zum Stadtgespräch. Besonders der russische Konsul Balkonoff, ein beschränkter, unwissender Mann, machte viele Glossen darüber. In seinen Augen war dies eine Zurücksetzung der russischen Souveränität, und er sah uns mit sehr scheelen Augen an. In allem, was er tat und sprach, gab sich kleinlichste politische Beschränktheit kund. Gleich bei meinem ersten Besuch, bei dem ich ihm ein Empfehlungsschreiben des russischen Gesandten Herrn von Italinsky überreichte, bemerkte er, daß Italinsky von keiner guten Familie und seiner Profession nach ursprünglich Arzt gewesen sei. Balkonnoff war von ebenso gemeiner Herkunft wie Gesinnung. Da er mir vorläufig nichts zum politischen Verbrechen machen konnte, schrie er mich wegen meines vertrauten[162] Verkehrs mit Reinhards als eingefleischten Franzosen aus. Ich lachte darüber, denn seit meiner Rückkehr aus England galt ich allgemein als Anglomane. Auch die Bojaren, die lieber mit Reinhard und mir verkehrten als mit ihm, galten ihm als schlechte Russenfreunde, nicht nur Alexander Maurocordatos, der ja wirklich ein blinder Anbeter Napoleons war, sondern auch der sehr ruhige und ehrbare Herr von Rosnowan, bloß deshalb, weil er Reinhard und mich auf sein Landgut Stinkai eingeladen hatte. Dieses dumme Gerede machte mir nichts, ich war glücklich, unter allen Larven ein Paar von deutschem Geist, wie Reinhard und seine Gattin, gefunden zu haben. Am Vermählungstage Reinhards speiste ich bei ihm mit einem alten Bekannten vom ?Tiger?, dem Cyprioten Amaxaris. Er war gerade von Wien gekommen, wo er ein untergeordneter Agent des Fürsten Murusi gewesen war. Bei Tisch sagte er zu mir: ?Ich habe in Wien gehört, daß Ihr Bruder dort als Verbrecher eingesperrt sei und habe ihn vor meiner Abreise besucht.? Ich lachte ihm ins Gesicht, denn ich kannte meine vier Brüder als durchaus ehrenwerte Männer und hatte von ihnen erst vor kurzem Briefe erhalten, außerdem war keiner von ihnen in Wien. Reinhard unterbrach meine Versicherungen, daß der Eingekerkerte keinesfalls ein Bruder von mir sein könne und lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Nach Tisch nahm er mich in sein Kabinett und bedauerte, daß dieses peinliche Thema bei Tisch berührt wurde, er setzte hinzu, ich habe Unrecht gehabt, den Bruder mauvais sujet zu verleugnen. Ich war höchst verwundert und versicherte abermals, daß der Betreffende weder mein Bruder noch ein sonstiger Verwandter sei. Ganz erstaunt sagte Reinhard: ?Der Offizier, der in englischen Diensten mit Sir Sidney auf der Flotte und in Ägypten war, ist nicht Ihr Bruder?? ?Nein?, antwortete ich, ?denn der Hammer, der Begleiter und Freund Sir Sidneys bin ich!? Reinhard vertraute mir nun einen der sonderbarsten unter meinen ehrlichen Namen ausgeführten Schelmenstreiche an, von dem ich ohne die Taktlosigkeit Amaxaris nie gehört hätte. Als Reinhard englischer Resident in Hamburg war, kam ein junger Mann zu ihm, der sich ihm als[163] Freund und Begleiter Sir Sidneys und Österreicher Hammer vorstellte. Als solchen hatte ihn vor einigen Jahren der englische Minister in München, Mr. Drake, als Privatsekretär in Dienst genommen und ihm seine geheimsten Schriften anvertraut. Der Sekretär hatte die Abschriften der geheimsten Depeschen und den Chiffrenschlüssel gestohlen und war nach Hamburg gekommen, um dem französischen Residenten beides zu verkaufen. Dieser berichtete darüber nach Paris und wurde zum Ankauf ermächtigt. Die geheime Korrespondenz Drakes erschien im ?Moniteur?, wirbelte viel Staub auf und kostete ihm seinen Posten. Später stellte es sich heraus, daß der Gauner, welcher in Wien anderer Streiche wegen eingesperrt wurde, ein Herr von Hammerstein aus Böhmen war. Ich habe nie erfahren, was weiter aus ihm wurde. Bald hernach marschierten die Russen über den Pruth und Herr von Reinhard wurde unter russischer Bewachung an die russische Grenze abgeführt. Reinhards Entfernung war für mich ein schwerer Verlust; ich war nicht nur alles deutschen Verkehrs beraubt, sondern hatte auch eine Quelle reicher Belehrung über viele Einzelheiten aus der Revolution und über Napoleons Tun und Lassen verloren. Amazon.de Widgets In freien Stunden ordnete ich das ?Rosenöl? nach den in Konstantinopel gemachten Auszügen aus orientalischen Handschriften. Einer der Hauptgegenstände meiner Korrespondenz mit Böttiger war meine Schirin, deren Erscheinen mir sehr am Herzen lag, für die er aber keinen Verleger finden konnte. Das Jahr 1807 wurde zu einem schicksalsentscheidenden für meine ganze weitere Laufbahn durch meine Abberufung von Jassy. In meiner diplomatischen Laufbahn hatte ich es weiterzubringen gehofft als bis zum Gesandtschaftssekretär und Generalkonsul, sie wurde in diesem Jahre abgeschlossen. Die Ankunft des neuen Hospodars der Moldau, des Fürsten Kallimaki, für welchen ich ein neues Beglaubigungsschreiben erhalten hatte, ließ auf sich warten. An seiner Stelle erschien Herr Halliarchi und der durch seine Gemahlin dem Fürsten verwandte Herr Negri. Als wichtiger politischer Agent kam der russische Staatsrat Radofinikin, ein verschlagener, kleiner Grieche von großer[164] Tätigkeit und ebenso großer Eitelkeit, er war der politische Leiter des Diwans im Namen Rußlands. Schon seit einigen Jahren war mir der Monat März als der unangenehmste des Jahres erschienen, in ihm häuften sich mehr Unannehmlichkeiten für mich als in allen übrigen Monaten, und ich hatte mich genau beobachtet, ob nicht vielleicht in mir eine größere Reizbarkeit liege, konnte aber keinen Grund in mir selbst finden und vermochte dieses Zusammentreffen von Unannehmlichkeiten gerade in diesem Monat nur als einen Zufall zu erkennen. Diesmal kündete schon der 1. März den Monat als den des Kriegsgottes an, durch den falschen Lärm des Einfalles der durch die Türken aufgehetzten Tataren in die Moldau. Ich fertigte noch am gleichen Tag eine Stafette nach Wien ab. Zwei Tage später erhielt ich eine von Baron Wurmser, dem Gouverneur von Galizien, mit der Nachricht, daß Napoleon die Russen am 13. Februar bei Eylau geschlagen hatte. Ein sehr geachteter Handelsmann, Andrea Pauli, der mein Haus oft besuchte und einer meiner sichersten Kundschaftsquellen war, wurde von den Russen unter nichtigem Vorwand verhaftet. Der Konsul Balkannoff erlaubte sich, mich bei den russischen Generälen als parteiischen Franzosenfreund zu verleumden. Einigemal wurde meine Post aufgehalten. Ein russischer Unterleutnant, der sich für den Vetter meines Freundes Raab ausgab und, da er als Kurier nach Konstantinopel ging, einen Brief an ihn mitnehmen wollte, stahl mir meinen Geldbeutel mit zwölf Dukaten, der hinter mir auf dem Tische lag. Als ich mich darüber beschwerte, erreichte ich nur das Eingeständnis des russischen Generals, daß der Dieb schon andere Gaunerstreiche begangen habe. Balkannoff und Radofinikin berichteten hinter meinem Rücken Lügen über mich nach Wien und ich bekam rügende Depeschen. (B. 24, 25.) Ich war über das Lügengewebe empört, das aus der Luft gegriffen und nur darauf angelegt war, mich als einen den Russen verhaßten, allzu wachsamen Agenten aus Jassy zu entfernen. Ich beklagte mich darüber bei dem Keinaben Koliersi. Koliersi, der niemals eine Äußerung, wie sie mir von[165] den Russen zur Last gelegt wurden, von mir gehört hatte, begriff meinen Unwillen und erklärte sich bereit, für mich Zeugnis abzulegen. Die meisten Bojaren, mit denen ich verkehrte, waren ehrliche Männer, und auch sie bestätigten diese Wahrheit und ich hoffte, durch ein von ihnen unterschriebenes Zeugnis die ganze Intrige niederzuschlagen. Dieses alles berichtete ich an den Minister und hoffte, ihm demnächst das von den Bojaren gefertigte Zeugnis vorlegen zu können. Die Depesche hatte mir ausdrücklich aufgetragen, ?mich über die vom russischen Botschafter angebrachten Beschuldigungen zu rechtfertigen und das vorwaltende Mißverständnis zu heben?. Davon, daß dies bloß eine vertrauliche Mitteilung sein sollte, enthielt die Depesche kein Wort. Ich hielt mich also für vollkommen berechtigt, die Ableugnung der Anschuldigungen mit einem offiziellen Zeugnis zu unterstützen, denn das bloße Absprechen schien mir kein hinlänglicher Beweis. Die Schritte, über die ich dem Minister berichtet hatte, zogen mir einen abermaligen Verweis zu. Ich beratschlagte mit meinen besten Freunden, nämlich mit Alexander Maurocordatos und dem wieder in Freiheit gesetzten Andrea Pauli, wie man die durch die Verleumdungen erwirkte Note gegen die Verleumder gebrauchen könne. Es wurde beschlossen, die Karwoche vorübergehen zu lassen und nach Ostern mit den gewöhnlichen Glückwunschbesuchen alle Bojaren, die sich nicht an Rußland verkauft hatten, zur Unterschrift des Zeugnisses, das dem versammelten Diwan vorgelegt werden sollte, aufzufordern. Meine nächsten Bekannten erklärten sich dazu bereit. Am Ostermontage, an dem sie bei mir speisten, wurde die Ausführung näher besprochen. Ich wußte, daß es unmöglich war, mein Gesuch an die Bojaren, den Russen zu verheimlichen, aber ich bedachte nicht, daß sie meine Mine gar leicht durch eine Gegenmine wirkungslos machen könnten. Zu Ende der Karwoche kam Fürst Volkonsky, der Adjutant des Zaren, der auch damit beauftragt war, den Grund der gegen mich aufgebrachten Beschuldigungen zu erforschen. Er machte mir einen Besuch, der zwei Stunden[166] währte, und ich sprach ihm gegenüber mit Bestimmtheit und mit der Lebhaftigkeit eines durch Verleumdung empörten ehrlichen Mannes. Ich glaube, daß er mir in seinem Innern Gerechtigkeit widerfahren ließ und sich auch in diesem Sinne später in Wien äußerte. Von dem Zeugnis war natürlich keine Rede, und drei Tage später verließ er Jassy. Sein Benehmen kontrastierte in seiner Feinheit und Artigkeit sehr gegen Radofinikins und Balkonoffs. Der Diwan wurde vom 7. auf den 8. Mai verlegt. An diesem Tage sandte ich dem Kanzler Duldner mit dem von mir aufgesetzten und übersetzten Zeugnis in den Diwan mit dem Ersuchen um die Unterschriften der Bojaren. Mit Ungeduld wartete ich auf seine Rückkehr, um das Zeugnis sogleich mit einer Stafette nach Wien zu senden. Duldner kam angefahren und überraschte mich mit der unerwarteten Nachricht, daß der Metropolit, welcher nach der hergebrachten Ordnung immer vor allen Bojaren unterschrieb, seine Unterschrift verweigert habe und daß deshalb ein großer Streit im Diwan entbrannt sei, indem meine Freunde auf die Unterschrift drangen, während die ganze, größere Russenpartei dem Metropoliten zustimmte. Ich warf mich in Uniform und fuhr nach Hof in den Diwansaal, wo ich zwar die meisten Bojaren, aber nicht mehr den Metropoliten fand, welcher sogleich nach seiner Weigerung den Diwan verlassen hatte. Ich befragte die Bojaren, die mir ihre Unterschrift versprochen hatten um die Ursache der Weigerung, die erklärten, daß sie noch immer gewillt seien, sie zu geben, sie aber nicht ohne den Metropoliten oder vor ihm geben können. Nun sah ich klar, wie die Sache stand und daß der Metropolit seine Unterschrift nie geben werde. Ich sagte, daß ich ihn allein für den Urheber der russischen Anklage halte und erklärte ihn im öffentlichen Diwan für einen Lügner, Verleumder und Sykophanten. Dann eilte ich heim und berichtete die Szene nach Hof, ich hoffte mit meiner Stafette der russischen zuvorzukommen. Amazon.de Widgets Ich fuhr ruhig fort, meinen Geschäften und Studien zu obliegen. Eines der schwierigsten war die Auslieferung der Deserteure, welche seit dem Einmarsch der Russen schwerer von den zu ihrer Entdeckung in Jassy und im[167] Lande zerstreuten kaiserlichen Unteroffizieren aufzufinden waren und auch schwerer von der Regierung ausgeliefert wurden. Dieses Geschäft war der Hauptgegenstand meines amtlichen Briefwechsels mit dem Kommandierenden von Siebenbürgen und Galizien. Deshalb verhandelte ich auch oft mit dem Kainaben Halliarchi, dessen Benehmen gegen mich auch nach der Szene im Diwan unverändert freundlich und gefällig blieb. Ich speiste öfter mit ihm und ließ mir von ihm die Feierlichkeiten erzählen, welche bei der Ernennung, Investition und dem Einzuge der griechischen Hospodare der Moldau und Wallachei in Konstantinopel stattfanden. Die Fürstenhaube, die dem ernannten Hospodar aufgesetzt wurde, war die Kuba, die Zeremonienmütze des Obersten der Janitscharen, der Pelz, mit dem er bekleidet wurde, war eine Kapenizza, ein innen und außen mit Zobel ausgeschlagenes Ehrenkleid aus Goldstoff, womit auch die Großveziere und ehemals der Chan der Krim bekleidet wurden. Die schwere, metallene Kuba mit dem ungeheueren Reiherbusch und den Hörnern, die sich vorne und rückwärts herunterbiegen, auf dem Kopfe zu tragen, erforderte einige Geschicklichkeit, und die Hospodare mußten sich einige Tage üben, damit ihnen die Kuba bei der Temenna, der Verbeugung vor dem Sultan, nicht vom Kopfe falle. Außer Kuba und Kapenizza trug der Hospodar rote Stiefel, ebenfalls wie die Janitscharenoffiziere. Die Antrittsaudienz fand in einem dunklen Gemach statt, dessen feierliche Stille nur durch das Rauschen der Fontänen unterbrochen wurde. Der Sultan saß wie bei den Audienzen der Botschafter und Gesandten und sprach in der Regel ebenso wenig ein Wort mit dem Hospodar wie mit diesen. Sultan Selim III. hatte bei den Audienzen Sir Sidneys und des Fürsten Ypsilanti zum erstenmal eine Ausnahme gemacht und mit ihnen gesprochen. Mit welchem Erfolge die Russen in Wien gegen mich gearbeitet hatten, zeigte sich, als ich am 14. Juli den unerwarteten Befehl erhielt, Jassy sogleich zu verlassen und nach Wien zu kommen. So unerwartet mir dieser Befehl auch kam, so wenig versetzte er mich in Sorge und Befürchtung.[168] Im Bewußtsein meiner Unschuld hatte ich vielleicht nicht den klügsten Weg eingeschlagen, und die Gelegenheit, mich in Wien mündlich zu rechtfertigen, war mir erwünscht. Ich konnte gar nicht anders denken, als daß man mich, wenn auch nur für kurze Zeit, auf meinen Posten zurücksenden werde, um dadurch meiner Geschäftsführung auch den Bojaren und Russen gegenüber Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und beschleunigte meine Abreise möglichst. Haus, Stall und Einrichtung ließ ich im Stich und saß nach vierundzwanzig Stunden schon im Reisewagen, ohne von mehr Leuten als von Kainaben Halliarchi und meinem Freund Maurocordatos Abschied genommen zu haben. In sausendem Galopp ging es bis an die Grenze, an der mich der Anblick der schwarz-gelben Grenzpfähle mit Freude erfüllte, unter ihnen passierte ich die Linie, die türkische Barbarei von europäischer Kultur trennte. Ich kam am zehnten Tage nach meiner Abreise in Wien an. Weder Jassy noch Konstantinopel habe ich wieder gesehen. Im Juni 1807 habe ich der Türkei als Reisender und Diplomat, aber nicht als Orientalist und Literat den Rücken gekehrt. 
 VIII. Aufenthalt in Kairo und Reise nach England (1801).  [109] Während meines Aufenthaltes in Kairo hatte der Nil am Mikjas die nötige Höhe zur Bewässerung der Ebene erreicht, und damit war der Tag gekommen, an welchem der[109] Damm des Kanals durchstochen und die Lehmmasse in die Fluten gestürzt wurde. Das Kündigungschreiben von der genügenden Fülle des Nils erregte mehr allgemeine Freude als irgendein Siegesbericht. Kein Triumph kann so segensreich, kein Sieg so schön sein als der, welchen alljährlich der befruchtende Schlamm des segensreichen Flusses gegen den Wüstensand erkämpft. Schon am Vorabend des Festes des Dammdurchstiches durchhallte die Straßen von Kairo das antiphonierende Singen ?aufallah ? whefallah?, und Jungfrauen durchzogen, Litaneien singend, die Stadt. Am Tag des Durchstiches selbst (es war der 9. August) waren schon seit frühem Morgen Arbeiter beschäftigt, den Damm durch Abgraben der Erde zu schwächen. Von Zeit zu Zeit gaben Raketen das Zeichen zu Kanonenschüssen; sie stiegen aus einer mit roten und gelben Fahnen geschmückten Dscherme auf, die bei dieser Gelegenheit den Namen ?Anthallah? (?Gabe Gottes?) führt. Eine kleinere Dscherme stand näher am Ufer, aus ihr wurden neue Silberstücke ausgeworfen und von schlammfarbigen Schwimmern und Tauchern in der Luft, im Untersinken oder vom Grunde des Wassers gefangen und geholt. Ich befand mich im Zelte Tahir Paschas, eines jungen Mannes, der, einer der vornehmsten Paschas im Heere des Großveziers, an dessen Stelle der Feierlichkeit beiwohnte. Auf ein gegebenes Zeichen wurde die letzte dünne Wand des Dammes durchstoßen, und die Lehmmasse stürzte unter dem Donner der Kanonen und dem Getöse türkischer Musik in den Kanal. Ein kleines Boot mit dem Mahtesis, dem Polizeidirektor von Kairo, passierte die Öffnung als erstes, ihm folgte eine ganze Flotille großer und kleiner Boote und Kähne, die unter Flintenschüssen, Trommelwirbel, Pfeifengetön und Jubelgeschrei einander vorzurudern sich bemühten und von dem schrillenden ?Lili? und ?Lulu? der Weiber von allen Dächern und Altanen der Häuser am Kanal begleitet wurden. Mit mir im Zelte Tahir-Paschas befand sich der zweite im Range der Beys der Mameluken, Osman Bardisi, welcher erst am Tage vorher aus Oberägypten zurückgekehrt war. Am 14. August erhielt ich die Nachricht von der Ankunft[110] der beiden englischen Reisenden Clarke und Cripps, die ich schon während meines Aufenthaltes in Rosette kennengelernt hatte. Cripps war ein unbedeutender, sehr reicher junger Mensch, mit dem Clarke als eine Art Tutor reiste. Clarke zeichnete sich durch Geist und Kenntnisse aller Art, aber auch durch große Originalität und Liebe zum Paradoxen aus. Er suchte, wie die Franzosen sagen midi a quatorze heurs, außerdem wie ich eine Handschrift von Tausendundeiner Nacht. Seine erste Frage bei unserem Wiedersehen war, ob es mir schon gelungen sei, diese Handschrift zu finden. Ich mußte es mit Bedauern verneinen, war aber so glücklich, ein vollständiges Exemplar des Ritterromanes ?Antar?, der bisher in Europa ganz unbekannt war, in 43 dünnen Foliobänden zu kaufen. Er fragte mich um den Titel von Tausendundeiner Nacht auf Arabisch, schrieb sich die Worte ?Elf leila, we leila? auf, sagte zu seinem Reisegefährten: ?Komm Cripps, wir wollen das gleich finden.? Ich lachte ihn aus. Alle meine Nachforschungen auf den Büchermärkten, meine Aufträge an Buchhändler hatten zu nichts geführt. Er aber war zuversichtlich. ?Wollen Sie mich in ein paar Stunden hier erwarten, so komme ich mit Tausendundeiner Nacht zurück.? Die beiden Engländer ließen sich von der Mittagshitze nicht abhalten, sie setzten sich mit Sonnenschirmen auf Esel und trabten durch die Straßen, wobei Clarke unaufhörlich schrie: ?Elf leila, we leila.? Nach kaum zwei Stunden kamen sie mit der Versicherung zurück, sie hätten ein vollständiges Exemplar gefunden und den Besitzer, mit dem sie den Handel bereits abgeschlossen, mitgebracht, um ihn, wenn ich bestätigen könnte, daß das angebotene Werk wirklich ein vollständiges Exemplar sei, die verlangte hohe Summe gleich auszuzahlen. Meine Neugier war aufs höchste gespannt; wenn schon nicht Tausendundeine Nacht, hoffte ich doch ein anderes arabisches Werk von Interesse zu Gesicht zu bekommen. Ein ansehnlicher Scheich legte das Paket, das er unterm Arm trug, auf den Tisch, schlug das grüne Tuch auseinander und legte zwei dicke Bände in Quart vor. Es war wirklich ein vollständiges Exemplar der Märchensammlung. Der Handel wurde abgeschlossen. Es ist das Exemplar,[111] welches mit dem von Lord Elgin in Athen geraubten Kompendien griechischer Schriften nach England gebracht werden sollte. Das Schiff erlitt vor Korfu Schiffbruch, und wiewohl die Bücher gerettet wurden, waren sie doch durch das Seewasser unleserlich geworden. Amazon.de Widgets Trotz aller Mühe gelang es mir nicht, während meines Aufenthaltes in Kairo ein zweites Exemplar zu finden. Ich empfahl die Bemühungen, ein solches vollständiges Exemplar zu beschaffen, als einen Auftrag der Staatskanzlei meinem gastfreundlichen Hausherrn Rosetti, und nach Jahr und Tag gelang es ihm, eine andere, vollständige Handschrift in vier Bänden zu erstehen, die er mir nach Konstantinopel sandte. Sie begleitete mich nach Jassy und nach Wien, mein Freund Graf Wenzeslaus Rzewuski entführte sie mir nach Polen. Wenn ich also auch nicht der erste Reisende war, der ein vollständiges Exemplar nach Europa brachte, denn Herr Varsy besaß schon früher als Clarke eine solche, Handschrift und nahm sie mit sich nach Frankreich, so war ich doch der erste Europäer, der das bis dahin unbekannte seltsame Ende der Tausendundeine Nacht aufstöberte und das erste vollständige Exemplar des Ritterromanes Antar fand. Später fand ich aus den Biographien des Ebi Ossaitina den ersten Verfasser des Antar in einem ägyptischen Arzt und in der ältesten arabischen Literaturgeschichte die erste Verfasserin von Teilen aus Tausendundeiner Nacht in einer alten persischen Königin. Das lange erwartete, von General Baird befehligte englische Hilfskorps war endlich angekommen und lagerte zu Chandra. Der Besuch des Generals mit seinem Stabe beim Großvezier und bei Rosetti brachte Abwechslung in den gesellschaftlichen Verkehr. Als die aus Indien mitgebrachten Kisten mit den Geschenken für die türkischen Minister und die Mameluken Beys geöffnet wurden, ergab sich eine höchst peinliche Überraschung. Die von den Agenten der ostindischen Compagnie angekauften Shawls und Stoffe waren, wie es allgemein hieß, durch einen Betrug der mit dem Ankaufe Betrauten von leichtester und billigster Gattung. General Baird würde sich geschämt haben, den Inhalt der Kisten der[112] Bestimmung gemäß zu verwenden, und um den ungerechten Verdacht einer Sparsamkeit zu vermeiden, ließ er die Sachen öffentlich um Spottpreise verkaufen. Die glänzende Gastfreundschaft des Generals und seine stattliche Dienerschaft waren dazu angetan, Türken und Arabern einen Begriff von indischem Reichtum und britischer Freigebigkeit zu geben. Mir war es sehr erwünscht, daß sich mir nun in Ägypten eine Probe, wenn auch nicht der Prachtentfaltung indischer Nabobs und Radschahs, doch des Luxus britisch-indischer Truppen und ihrer seltsamen halb indischen, halb englischen Uniformierung vor Augen stellte. Denn meinen Jugendtraum, von Persien nach Indien zu reisen, konnte ich nicht hoffen, erfüllt zu sehen. Eines Tages wanderte ich mit Clarke und Cripps zu der Sphinx, die die Araber ?Abulhaul?, den ?Vater des Schreckens? nennen, und zu den Pyramiden. Wir fuhren drei Stunden auf dem Wasser und ritten dann durch tiefen Sand eine halbe Stunde bis an den Fuß der Pyramiden. Je näher man kommt, desto mehr verliert sich die Bewunderung der Größe, die den Reisenden, wenn er sie das erstemal sechs Stunden ober Kairo erblickt, ergreift. Von dort wirkt die Idee der Entfernung, und wenn man sich Kairo nähert, der Vergleich mit den Gebäuden und Minaretten. Wenn man sich aber nähert, verschwinden alle Vergleichsobjekte, und erst, wenn der Wanderer an ihrem Fuß steht, ergreift die ganze Wucht der Steinmassen ihn von neuem. Wir bestiegen die große Pyramide, indem Clarke und ich in der Behendigkeit, die halbmannshohen Stufen emporzuklimmen, wetteiferten. Als erster erreichte ich die Plattform. Einige Tage später besuchte ich mit den beiden die Gräberebene von Saccara zum zweitenmal. Wir fuhren abends in einem Kahn von Kairo ab, legten nachts beim Dorfe des Scheichs Aatmon an, wo goldene Datteltrauben in voller Reife und die Tänze von Almen uns ländliches Abendmahl gewährten und den Schlaf verscheuchten. Den nächsten Tag brachten wir in der Ebene von Saccara zu. Dort verlor ich meine Lorgnette, die mir in einen offenen Mumienbrunnen fiel, als ich das Gestein, die Mumienfetzen und Sargstücke, womit der Grund bedeckt war, besah. Obwohl ich dem Araber, der hinabstieg,[113] sie zu suchen, die Stelle genau angab, konnte er sie nicht finden. Wir konnten nicht länger warten, ich war auch überzeugt, daß der Araber das Glas gefunden und behalten haben mußte. Ich versprach ihm zwei spanische Taler, wenn er mir die Lorgnette nach Kairo brächte. Nach acht Tagen erschien er mit ihr. Ich versprach ihm noch einen Bakschisch, wenn er mir gestehe, daß er das Glas sogleich gefunden habe und weshalb er es so lange behalten habe. ?Wir wissen,? sagte er, ?daß ihr Fremden euch dieser Gläser bedient, um damit die unter der Erde verborgenen Schätze zu sehen. Acht Tage habe ich damit die ganze Ebene von Saccara und alle Mumiengrüfte durchwandert, ohne das geringste zu finden, bis ich endlich erkannte, daß sie mir unnütz, weil mir die Salbe fehlt, mit der man sich zugleich die Augen bestreichen muß, und ich habe sie zurückgebracht, weil mir die zwei Taler sicherer waren als die Schätze, die ich doch nicht entdecken kann, wenn ich die Salbe nicht habe.? In Saccara kaufte ich den Hieroglyphenstein, der sich jetzt in der ägyptischen Sammlung des kaiserlichen Antikenkabinetts in Wien befindet. Die Zeit meiner Abreise rückte heran. Ich war mit Sir Sidney dahin übereingekommen, daß ich, wenn er die Nachricht vom Falle Alexandriens nach England zu bringen bestimmt würde, ihn dahin begleiten sollte. Vergeblich suchte, ich eine Dscherme, die mich nach Rosette brächte, alle waren für den Dienst des Lagers mit Beschlag belegt. Aus meiner Verlegenheit befreite mich die Gefälligkeit von Clarke und Cripps, die mir einen Platz auf der ihren anboten. Ich war darüber sehr erfreut und versprach, ihnen die Ruinen von Sais zu zeigen. Noch am selben Abend fand die Abreise statt. Mein Gastfreund Rosetti bedauerte, daß er die wenigen arabischen Manuskripte, die er besessen, den Franzosen überlassen hatte und gab mir zum Abschied das einzige, welches sie ihm nicht abgelockt hatten, weil er es für das kostbarste hielt und nicht daran zweifelte, daß in ihm der Schlüssel zum Lesen der Hieroglyphen enthalten sei. Es war das Buch Bin Washihs über unbekannte Alphabete, das ich auf der Seefahrt nach England übersetzte und welches später der Orientalist Wilkins herausgab.[114] Die Kisten mit dem Hieroglyphenstein und den Ibismumien übernahm der Generalkonsul zur Beförderung nach Triest. Eine Kiste mit 33 Bänden des Ritterromanes Antar und anderen Handschriften und eine Kiste mit 12 sehr schönen Fajenceinschriften, weiß auf cyanblauem Grund, aus einer von den Franzosen zerschossenen Madrasse, nahm ich mit. Als ich in Malta einlangte und die möglichen Wechselfälle des langen Umweges über England nach Wien erwog, fand ich es für besser, die beiden Kisten in der Quarantäne zur Beförderung nach Triest unter der Adresse der kaiserlichen Hofbibliothek zu lassen. Die Kiste mit den Fajenceinschriften langte nie an, von den 33 Bänden Antar sind die drei letzten, die obenauf lagen, verlorengegangen. Trotz verschiedener Anfragen in Malta und Triest kamen sie nie mehr zum Vorschein. Zum Glück befand sich unter den von mir in Rosette erstandenen Handschriften auch das fehlende Ende ?Antars?, so daß diese große Handschrift ergänzt werden konnte. Am zweiten Tage nach der Abreise von Kairo landeten wir in Sil Hadscha, der Ruine des alten Sais, wovon nur das große Viereck, welches wahrscheinlich das Heiligtum der Neith umschloß, in Hügeln ungebrannter Lehmziegeln und glasierter Scherben, erkennbar ist. Clarke machte die höchst sonderbare Erklärung, daß alles, was hier von uns an Münzen oder anderen Altertümern gefunden werden sollte, ausschließlich ihm gehöre, und ich fragte ihn lachend, ob er nicht die britische Flagge aufpflanzen und von Sil Hadscha als von einem unentdeckten Kontinent Besitz ergreifen wolle. Er wollte den Scherz aber nicht verstehen, und so erklärte ich ihm, er möge sich ohne Dolmetsch behelfen und ich werde auf eigene Faust etwas zu finden trachten. Er und Cripps nahmen jeder einen Dukaten in die Hand und gingen, eine Schar von Arabern nach sich ziehend, durch die Hütten des Dorfes ?Hadscha, Hadscha? rufend, denn sie hatten von mir gehört, daß Sil Hadscha die ?Steinbesetzte? heißt. Ich sah ihnen eine Weile verwundert nach, dann erst sah ich mich um und entdeckte die schwarze. Stufe der[115] Moschee. Mir fiel die geschichtliche Tatsache ein, daß Sultane der Abbasiden und Seldschucken Götzenbilder als Stufen und Türschwellen verwendeten. Ich ließ den Stein durch einige Araber umkehren und fand in ihm einen Cippus aus Basalt, dessen oberer Teil die Statue einer Isis. Ich bot an, den Stein zu kaufen, und wurde mit dem Imam der Moschee um sechs spanische Taler einig. Zugleich hatte ich den Trägerlohn nach dem Schiffe ausgedingt, und ich wurde nach langem Hin und Her mit den herzugeeilten Bewohnern der elenden Hütte einig, daß sie mir den Stein um vier spanische Taler in die Dscherme schafften. Über dreißig Mann stellten sich nun an den Traghölzern in Reihen an und brachten die Last unter den kadenzierten Gesang ?Jalla, Jalla? vorwärts. Durch das Geschrei wurden Clarke und Cripps vom äußersten Ende des Dorfes herbeigezogen. Kaum sah Clarke, worum es sich handelte, als er sich auf seine Erklärung, daß jeder Fund hier ihm gehöre, berief und erklärte, daß er den Stein hier zurücklassen und sogleich abfahren werde, wenn ich ihn nicht ihm überließ. Amazon.de Widgets Alle Vorstellungen waren vergeblich, ich mußte nachgeben, wollte ich nicht selbst auch hier zurückbleiben. Die Statue wurde eingeschifft und steht jetzt in der Bibliothek in Cambridge. Am nächsten Tage kamen wir gegen Mittag in Rosette an, ich mietete ein Kamel für mein Gepäck und ein Pferd für mich und trat den kürzesten Weg durch die Wüste nach Abukir an. Nach sechsstündigem Ritt kam ich spät abends am Blockhaus an. Ich fragte sofort nach Sir Sidney und erfuhr, daß er im Hauptquartier von Alexandria sei, noch diese Nacht am Blockhaus vorbeikomme und mit Sonnenaufgang nach England segle. Ich bat, sogleich geweckt zu werden, wenn Sir Sidney eintraf. Um vier Uhr morgens erwachte ich und erfuhr, daß er vor zwei Stunden durchgekommen und nach dem Admiralschiffe gefahren sei. Nun mußte ich mir schleunigst ein Boot verschaffen, um wenn möglich das Admiralschiff, noch bevor Sir Sidney es verließ, zu erreichen.[116] Nach zwei Stunden erhielt ich eines von einem Marineoffizier. Die Fahrt dauerte qualvolle drei Stunden. Endlich sah ich die Flotte, das Admiralschiff und in seiner Nähe die das Abfahrtsignal erwartende Fregatte, meine Qual erreichte den Höhepunkt. Ich entschloß mich, wenn ich wirklich zur Fahrt nach England zu spät käme, in der Oase Jupiter Amons zu reisen. Endlich war das Admiralschiff erreicht, mit klopfenden Herzen kletterte ich an Deck, traf dort Lord Keith und stieß nur die Worte ?Sir Sidney?? heraus. Lord Keith wies auf die eben absegelnde Fregatte und sagte: ?There he goes.? Ich eilte ins Boot zurück und suchte durch Zeichen die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Zum Glück wurde ich von Sir Sidney bemerkt; die Fregatte hielt und wartete, bis sie mich an Bord genommen hatten. Mit Sir Sidney war der Oberst Abercromby, der Sohn des gefallenen Oberbefehlshabers an Bord, beide als Überbringer der Nachricht des Falles von Alexandrien. Das Schiff war die ehemals spanische Fregatte ?La Madonna del Carmen?, nach einem berühmten Wallfahrtsorte so genannt. Nachdem ich mich in den ersten Tagen von den Anstrengungen der Reise erholt hatte, dachte ich an die Einteilung meiner Stunden und an die Beschäftigung, die sie ausfüllen sollte. An Stoff fehlte es mir nicht, weder an politischem noch an literarischem. Das Ordnen des Portefeuilles Sir Sidneys und seines morgenländischen Briefwechsels, welches auch den besten und stichhaltigsten Grund zur Rechtfertigung meiner Reise nach England gab, lieferte genügend politische Arbeit. Baron Herbert hatte mich zu dieser Reise wohl durch Privatbriefe, aber nicht durch eine amtliche Weisung als Internuntius ermächtigt. Die Übersetzung des arabischen Werkes Bin Washishs war meine Hauptbeschäftigung während der Seefahrt. Die langen Herbstabende verkürzten interessante Gespräche mit Sir Sidney und den Offizieren des Landheeres. Die Einförmigkeit der zweimonatigen Seereise wurde durch zwei interessante Landungen in Malta und Gibraltar unterbrochen. In Malta liefen wir zwar in den Hafen ein, gingen aber wegen des strengen Quarantängesetzes nicht an Land. Ochsen, Früchte und andere Erfrischungen wurden an Bord genommen, und sobald sie eingeschifft[117] waren, wurden schon nach wenigen Stunden die Anker gelichtet. Ich konnte nur von Deck aus die aus den Felsen sich erhebenden Wälle und türmende Bollwerke bestaunen, die, weit erhabener und mächtiger als die von Rhodos, mir, als ich in der Geschichte der Osmanen die vergebliche türkische Belagerung von Malta schrieb, lebhaft vor Augen standen. In Malta konnte ich nur das Äußere der Befestigung bestaunen; ein mehrtägiger Aufenthalt in Gibraltar, welcher zur Ausbesserung des Schiffes nötig war, gab mir Gelegenheit, die Erhabenheit des Felsens, die in den Felsen eingesprengten Batterien und die Stärke dieser durch die Natur und Kunst zu einer unüberwindlich gemachten Festung zu bewundern. Der durch die letzte Verteidigung Gibraltars berühmte Befehlshaber General O'Kara zeigte uns selbst die ganze Festung. Unter anderen Anekdoten erzählte er uns, daß bei der Belagerung, durch welche Gibraltar in die Hände der Engländer fiel, der Befehlshaber von der Unüberwindlichkeit so überzeugt war, daß er am Tage, an welchem die Festung erobert wurde, noch in das Tagebuch des Belagerungsberichtes die Worte ?Nichts Neues? geschrieben hatte. Von der Höhe des Felsens sahen wir das Gefecht einer englischen Kanonenschaluppe, die auf ein spanisches oder französisches Schiff Jagd machte. Dies war für mich das letzte Nachspiel auf dem großen Schauplatz des französisch-englischen Krieges. Amazon.de Widgets Während unseres Aufenthaltes traf die Nachricht von den Friedensverhandlungen in Amiens ein. Manchmal kletterte ich auf dem Felsen herum, um die Affen zu sehen, die, den Flinten unerreichbar, possierliche Sprünge machten. Mehr als sie unterhielten mich unten im Orte der Fandango und Bolero, die ich hier zum erstenmal sah. Nach achttägigem Aufenthalt schifften wir ins Atlantische Meer. Von den schweren Stürmen, besonders von der in der Bai von Biskaya meist hochgehenden See, hatte ich schon oft gehört. Die ersten drei Tage des November kämpfte das Schiff mit hochgehenden Wogen. Am 4. November kam ein so heftiger Sturm, wie sich die Leute an Bord keines erinnern konnten. Binnen der 24 Stunden, die[118] er währte, verunglückten 117 kleine Fahrzeuge und größere Schiffe im britischen Kanal. Mehr als einmal durchbrachen überstürzende Wogen die mit Holzladen verrammelten Fenster der großen Kajüte, in der ich lag, und rauschten unter der schwingenden Hängematte. Diese stürmische nordische See unter meinem Lager abrollen zu sehen, war ein fürchterlich erhabenes Schauspiel. Mit vieler Mühe klomm ich auf das Deck des der Segel entblößten Schiffes und ließ mich anbinden, um nicht von den Wogen über Bord geworfen zu werden. Hier genoß ich das erhabene Schauspiel in seiner ganzen Wucht und Größe. Sogar die Segelstangen hatte man abnehmen müssen, und das Schiff trieb auf den Wogen. Am folgenden Tage hatte sich der Sturm gelegt. Wir sahen ein Schiff, das mit zwei umgekehrten Flaggen Notsignale gab. Seine Pumpen waren verstopft. Man gewährte ihm Hilfe. Drei Tage segelten wir mit wechselndem Winde im Kanal hin und her. Endlich warfen wir am 9. November nachmittags Anker vor Portsmouth, zwei Monate nach unserer Abreise von Abukir. 
 XXVII. Reise nach München und Regensburg.  [397] Im verflossenen Jahre 1849 hatte ich die Lesung der von der Leydener Bibliothek entlehnten Bände der großen Blütenlese Amadeddins vollendet und begann nun die Auszüge aus der Blütenlese, deren Titel ?Die Statue des Palastes? und die sich unmittelbar an jene anschließt. Die in der Hofbibliothek befindliche Handschrift dieser Sammlung ist aus meiner Kollektion. Wenige Tage vor Ostern 1850 traf ich Leopold v. Neuwall, den früheren Abgeordneten im Reichstage zu Frankfurt, am gleichen Tage war im ?Lloyd? die erste Nachricht von der bevorstehenden Aufhebung des Placetum regium erschienen. Er wollte die Möglichkeit einer so unpolitischen Maßnahme gar nicht glauben. Auch Fürst Dietrichstein begriff diesen Mißgriff nicht. Wie konnte Herr von Schmerling seine Zustimmung dazu geben? Am nächsten Tage ging ich zu ihm, um mit ihm bei dieser Gelegenheit auch über die Akademie zu sprechen. Ich begann damit, daß ich ihm sagte, als guter Österreicher erachte ich es für meine Pflicht, ihn von der Mißstimmung zu unterrichten, welche durch die Nachricht von der Aufhebung des Placetum regium und der gänzlichen Trennung der Kirche vom Staat entstanden sei. Herr von Schmerling glaubte selbst nicht an diese Möglichkeit, er meinte, die von der geistlichen Partei gewünschte Aufhebung werde nicht genehmigt werden, es könne sich nur auf die Freiheit der Hirtenbriefe und andere, bloß die innere Macht der Kirche betreffende Maßregeln handeln, die man ohne Gefahr für den Staat freigeben könne. Die Wahl des Fürsten Schwarzenberg in der Person des Herrn Hübner für den Gesandtschaftsposten von Paris war ebenso glücklich wie die des Freiherrn von Prokesch als Gesandten nach Berlin. Zumeist nahm er bei der Neubesetzung diplomatischer Posten weniger Rücksicht auf Fähigkeit und Talent, als auf persönliches Interesse und Empfehlung, wie zum Beispiel bei der Besetzung des Postens in Florenz mit dem Freiherrn Karl von Hügel oder mit der des Generalkonsulates[397] in Warschau mit dem Oberst Heine, der nur ein mondäner Schwätzer war. Glücklicher waren seine Wahlen im Inneren seines Ministeriums. Dort umgab er sich zumeist mit kenntnisreichen und tüchtigen Männern, wie mit den Herren von Thimig, Biegeleben und dem Freiherrn von Werner, der zwar oft nervös und empfindlich, aber doch ein ausgezeichneter Geschäftsmann, und dessen Schreibweise in gedrängter Kürze das Muster guten Geschäftsstiles war. Im Mai hatte mir Anastasius Grün ein Exemplar seines ?Pfaffe vom Kahlenberg? und eines der zweiten Ausgabe seines mir gewidmeten, ?Schutt? geschickt. Diese Freundlichkeit erinnerte mich an eine literarische Ehrenschuld. Ich hatte ihn vor zwanzig Jahren gebeten, die Zueignung eines moslemischen Lehrgedichtes anzunehmen, dessen Idee mir schon lange vorgeschwebt, an deren Ausführung ich aber noch nicht Hand gelegt hatte. Auf seine freundliche Zusage hin hatte ich das erste der sieben Bücher, aus denen das Ganze bestehen sollte, noch im Sommer desselben Jahres begonnen. So waren in den Jahren 1831 bis 1834 vier Bücher vollendet worden. Nun suchte ich die Handschrift heraus und vollendete noch im Mai des Jahres das fünfte Buch. Das sechste sollte nach meinem Plane von der sinnlichen Liebe im Gesetz der Araber und Perser, das siebente von der geistigen der Morgenländer, dem Ssofismus handeln, über seine Anlage konnte kein Zweifel obwalten, da die Lehre der Ssofi in dem Gedicht Mashwenj, des großen Mystikers Dschelaleddin Rumi, vorliegt und das bündigste Lehrgedicht darüber, der ?Rosenflor des Geheimnisses?, von mir selbst übersetzt und herausgegeben war. Nur über die Anlage des sechsten Buches war ich nicht ganz klar, sollte es bloß in einem kurzen Auszug der berühmtesten romantischen Gedichte der Perser, Türken und Araber bestehen, oder nur eines von ihnen behandeln? Ich entschied mich dafür, denselben Weg zu verfolgen, den ich schon in der Schirin eingeschlagen hatte, nämlich die Kunde der mir durch die Geschichte der arabischen Literatur näher bekannten Liebespaare der Araber aufzunehmen, eines der berühmtesten aber besonders zu behandeln. Das konnte kein anderes als Jusuf und Suleika sein, das Epos hatte ich zwar schon meiner[398] Schirin eingewoben, hatte allerdings dort keine Rücksicht darauf genommen, daß keines der anderen Liebespaare so ausschließlich als Muster übersinnlicher, geistiger Liebe gelten konnte wie dieses. Herr von Rosenzweig hatte es im Urtext und in sehr gelungener treuer Übersetzung der Welt vorgelegt. Die Liebe Suleikas erscheint darin, nachdem sie Jusuf den Genuß ihrer Schönheit verweigert, ihr ganzes Leben hindurch als eine treue und rein geistige. Zur Belohnung erhält sie in hohem Alter ihre Jugend und Schönheit wieder, und Jusuf nimmt sie, durch ihre Treue ebenso wie durch ihre Schönheit gerührt, zur Gattin. Aber auch jetzt noch mußte ihre Liebe eine rein-geistige bleiben, dem sinnlichen Genuß trat Jusufs hohes Alter entgegen. Daher gilt von allen berühmten morgenländischen Liebesgeschichten die von Jusuf und Suleika als das einzige Vorbild reiner, geistiger Liebe. Diese Liebe sollte den natürlichen Übergang vom sechsten zum siebenten Buche bilden, das nichts als die Lehre der Ssofis von der göttlichen Liebe zu enthalten bestimmt war. Für das siebente Buch hielt ich es für notwendig, das Werk des großen philosophischen Dichters Ebel Olan durchzulesen, welches den Titel ?Das notwendige Überflüssige? hat. Die Leydener Bibliothek hatte mir eine sehr schöne Handschrift geliehen, die Auszüge aus dieser mußten bis zu meiner Abreise nach Steiermark, Ende Juli, vollendet sein. Das Gedicht gehört zu den schwersten der arabischen Sprache und verursachte mir viel Arbeit und Nachdenken. Nachdem ich vier Wochen in Hainfeld verbracht hatte, fuhr ich zu meiner Tochter nach Gartenau, wo ich meinen Enkel Alexander Bernd aus der Taufe hob. Von da fuhr ich nach München. Mein erster Besuch dort war bei dem Reichsrate von Maurer, dem ich das mir verliehene Komturkreuz des Michaelsordens verdankte. Ich erzählte ihm von meiner Stellung und meinen Verhältnissen in Wien und verhehlte ihm nicht, daß außer dem Wunsche, die seit neun Jahren neuen Werke der Architektur und Kunst in München zu bewundern, mich auch der hierher geführt habe, die musterhafte Einrichtung der Bibliothek kennenzulernen. Nach diesem Besuche bat ich den Adjutanten des regierenden Königs, von diesem, der gerade in Hohen-Schwangau weilte,[399] mir eine Audienz zu verschaffen. In der Bibliothek wurde ich vom Hofrat Lichtenthaler freundlichst empfangen. Trotz der Ferien gestattete er mir die Benützung ihrer Schätze. Ich erklärte ihm sogleich, daß ich diesmal nicht als Leser kommen wolle, sondern nur zum Studium der musterhaften Einrichtungen, da ich den Auftrag habe, über sie dem Ministerpräsidenten Bericht zu erstatten. Lichtenthaler führte mich zum ersten Kustos, dem bekannten Philologen Schmeller, und dann zu dem Geistlichen Schrettinger, der zwar bebereits im Ruhestand war, aber doch noch den von ihm begonnenen Realkatalog weiter bearbeitete. Die Vormittage verbrachte ich zumeist mit der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Münchens. Mein Freund Umbreit führte mich in die Werkstätten von Kaulbach und Schwanthaler. Der regierende König lehnte es ab, mir in Hohen-Schwangau Audienz zu erteilen. Am 27. September verließ ich München im Eilwagen und fuhr nach Regensburg. Ich wollte dies sowohl wegen seiner deutschen Altertümer als wegen der Walhalla kennenlernen, und von dort die Donau herab nach Wien fahren. Auf der Fahrt überdachte ich die Vollendung meines Lehrgedichtes ?Jusuf und Suleika? und meinen Bericht über die Einrichtungen der Münchener Bibliothek an den Fürsten Schwarzenberg. Der geschichtliche Ruhm der alten Reichsstadt Regensburg, einst der Sitz des deutschen Reichstages, hatte mich schon längst angezogen. In den Sälen, wo einst die Versammlungen des Reichstages stattfanden, sah ich alte Wandgemälde und besonders alte Tapeten, die wohl bis ins zwölfte Jahrhundert hinaufreichen dürften, die aber mit ihren merkwürdigen alten Inschriften noch nirgends beschrieben worden sind. Noch am gleichen Abend schrieb ich darüber an Herren von Maurer und fragte an, ob denn noch kein Akademiker diese Werke alter Kunst, welche vielleicht bald verwittert sein werden, seiner Aufmerksamkeit für wert erachtet habe. Vermutlich sind diese Wolltapeten niederländische Arbeit, obwohl die Inschriften alle deutsch sind, leider sind sie durch die Zeit zumeist unleserlich geworden und nur wenige vermochte ich zu entziffern. Der Gegenstand dieser[400] Kunstwerke sind fröhliche Schwänke aus altdeutschen Sagen. Eines dieser Bilder fiel mir besonders auf, weil sein Stoff orientalisch und offenbar durch die Kreuzzüge aus dem Morgenlande herübergekommen ist. Es ist der Schwank von dem losen Weibe, welches sich von ihrem Buhlen vor den Augen ihres Mannes umarmen lassen wollte. Sie stieg auf einen Birnbaum und erhob dort großes Geschrei, daß sie von dort aus ihren Mann im Genusse verbotener Liebe sehe. Sie stieg herab und bewog ihn hinaufzusteigen, als er oben war, brachte sie ihren Buhlen aus seinem Versteck und ließ sich von ihm umarmen. Der Mann war außer sich, und als er herunterstieg, sagte sie, daß alles Blendwerk des Birnbaumes sei, wie sie sich ja selbst überzeugt hatte, denn auch sie sei allein. Auf der alten Tapete hockt der Mann auf dem Baum und spricht ein paar eingewirkte Worte zu dem Weibe, das ihm seine Dummheit vorwirft. Im Interesse der Kunst und Literatur wäre es sehr zu wünschen, daß diese Bilder mit ihren Inschriften abgezeichnet und veröffentlicht würden, ehe die Tapeten ganz zugrunde gehen. Nachdem ich Dom, Donaubrücke und Reichstagsgebäude besichtigt hatte, blieb mir nur mehr die Gemäldesammlung im Palaste des Fürsten Taxis und die neue Familiengruft zu besehen übrig. Nachmittags fuhr ich zur Walhalla, die meine Erwartungen erfüllte. Am nächsten Tage fuhr ich mit dem Schiff nochmals an ihr vorbei und konnte den Blick nicht von diesem Tempel deutschen Ruhmes abwenden, bis ich ihn aus den Augen verlor. Ich blieb einen Tag in Linz und besuchte den Verwandten meiner seligen Frau, Rittmeister von Sonnenstein. Am folgenden Morgen setzte ich die Fahrt nach Wien fort und traf auf dem Dampfschiffe den Grafen Moriz Dietrichstein und verschiedene andere Bekannte. Am 1. Oktober ging ich um zehn Uhr zu Fürst Schwarzenberg, um ihm über meine bibliothekarischen Forschungen in München zu referieren. Diesmal sollte meine Geduld auf eine noch härtere Probe gestellt werden als je zuvor. Erst um fünf Uhr nachmittags ging ich fort, ohne vorgekommen zu sein. Fürst Dietrichstein gab mir den Rat, überhaupt nicht mehr hinzugehen, dies hätte ich aber nur tun können,[401] wenn Fürst Schwarzenberg nicht mein Vorgesetzter gewesen wäre, aber ich faßte den Entschluß, nie mehr sieben Stunden zu warten, sondern schon früher davonzugehen. 
 II. In der orientalischen Akademie 1789?1799.  [22] Das Resultat des absolvierten Präparandenkurses war die Aufnahme als Zögling in die orientalische Akademie. Meine Freude war unermeßlich, minder wegen des glücklichen Erfolges des Schuljahres, als wegen der Wiederkehr ins väterliche Haus für die sechs Wochen der Ferien. Es war das letztemal für neun Jahre, daß ich das väterliche Haus, meine Brüder und Schwestern wiedergesehen, denn damals war es noch nicht wie jetzt den Zöglingen erlaubt, in den Ferien ihre Eltern zu besuchen oder andere Lustreisen zu unternehmen. Die drei bis vier Wochen der Ferien der orientalischen Akademisten wurden in Weidling zugebracht, in einem der schönsten Täler der Umgebung Wiens. Desto strenger war das Schuljahr geregelt. Um sechs Uhr ward aufgestanden und sogleich im Studiersaale das Morgengebet gemeinschaftlich verrichtet. Nach diesem hergeplapperten Gebete ward sogleich in die Messe zu den Dominikanern auf den Chor gegangen. Die Stunde von sieben bis acht war zur Vorbereitung zu den um acht beginnenden Lehrstunden bestimmt. Von acht bis neun war der philosophische oder juridische Vortrag, von neun bis zehn Zeichenstunde, namentlich Situationszeichnen und Zivil- und Militärarchitektur. Von zehn bis elf orientalische Lehrstunde, von elf bis zwölf französische, von zwölf bis eins dreimal die Woche Schreibstunde, die anderen dreimal der Tanzmeister und für Erwachsene die Reitschule. Um eins das Mittagmahl, fünf Speisen zu Mittag und drei des Abends, davon freilich nicht alle eßbar. Die Stunde von zwei bis drei war frei und konnte zu musikalischem Unterricht[22] verwendet werden. Von drei bis vier Lehrstunde der Philosophie, nämlich Mathematik, Logik, Physik, oder des juridischen Kurses, von vier bis fünf Geographie oder Geschichte, von fünf bis sechs orientalische Sprachen, von sechs bis sieben Privatstunde des Orientalischen, von sieben bis acht Wiederholung der Geographie und Geschichte, von acht bis neun Erholungsstunde, um neun das Nachtmahl, dann der Rosenkranz und das Nachtgebet. Mein Beichtvater war der helldenkende Franziskanerpater Mecerlaien, ein echter Weiser unter der Kutte, ein philosophischer Kopf, welcher Kant predigte, ein liebevoller Freund der Jugend, den ich bis zu seinem spät in meinem männlichen Alter erfolgten Tode eifrig verehrte. Ihm und Bruck als meinen geistlichen Freunden und Beratern im Beichtstuhle und außer demselben stand mein geistlicher vorgesetzter Direktor Hoeck als der typische Bigotte in schneidendem Kontrast gegenüber. Der Präfekt, welcher unter dem Direktor die Sittlichkeit überwachte und zugleich Lehrer der Mathematik und des Italienischen, das er als geborener Görzer besser aussprach als Hoeck das Türkische, war der Abbé Buja, ein Schützling des Grafen Cobenzl und sowohl hierdurch, als weil er an Geist und Fähigkeiten dem Direktor weit überlegen, ein Gegenstand der Eifersucht Hoecks. Wenn der Direktor Hoeck als Lehrer der Anfangsgründe des Türkischen, Arabischen und Persischen kein Wort gehörig auszusprechen vermochte, so war der Professor dieser drei Sprachen, dessen Unterricht den Zöglingen erst in den letzten Jahren des auf fünf beschränkten Lehrkurses zugute kam, der geborene Perote Chabert, um so mehr der reinsten Aussprache des Türkischen und Persischen wie des Französischen und Italienischen Meister. Die Erstürmung der Bastille fiel in das erste Jahr des orientalischen Kursus des eben mannbar gewordenen Jünglings; dieses Eintreten der folgenschwersten Exzesse der neueren Geschichte in mein fünfzehntes Jahr war für mein ganzes Leben durch den Einfluß auf meine geistige Entwicklung und die Richtung meiner politischen Denkweise entscheidend.[23] Näher als die französische Revolution lag den Wienern und besonders den nach der Türkei bestimmten Zöglingen der orientalischen Akademie der nach dem schmachvollen Rückzuge im Banat endlich auf den Flügeln des Sieges und der Eroberung wieder zur militärischen Ehre Österreichs unter dem Feldherrntalent Laudons sich erhebende Feldzug wider die Türken. Den Jubel, mit welchem die Eroberung Belgrads die Kaiserstadt überflutete, konnten wir in derselben nicht teilen, da wir schon in Weidling waren; aber gerade am ersten Tag desselben führte uns der Direktor selbst nach dem Cobenzlberg, wie damals der in dem Besitze des Grafen Philipp Cobenzl befindliche Reisenberg genannt wurde, um dem Vizestaatskanzler, dem besonderen Gönner und Schützer der Akademie, auf seinem Landsitze aufzuwarten. Er empfing uns mit demselben Interesse und reinem Anteile an unseren Ferien, den er während des Schuljahres unseren halbjährigen Prüfungen, denen er immer beiwohnte, betätigte. Die im folgenden Jahre über die Türken bei Fokschan und Martinischtje erfochtenen Siege nahmen die Teilnahme der orientalischen Akademiker weit mehr in Anspruch als andere wichtige Begebenheiten des In- und Auslandes, als der Fortgang der französischen Revolution, der Tod Kaiser Josefs und die Unruhen, welche, für das Heil der Monarchie bedenklich, in Ungarn auszubrechen drohten und in den Niederlanden bereits ausgebrochen waren. Im ersten Jahre mußte ich die sogenannte Philosophie, das ist ein lateinisches Kompendium der Logik, Ontologie, Kosmologie und natürlichen Theologie, Wort für Wort auswendig lernen, ohne auch nur ein Wort davon zu verstehen. Im nächsten Jahre (1790) sollte ich der eingeführten Schulordnung nach Physik hören, allein da drei Jahre hintereinander Zöglinge aufgenommen wurden, so würden sich die orientalischen Lehrstunden gekreuzt haben, und es ward von mir bestimmt, daß meinem Kameraden Meiller und mir, ehe wir in die Physik aufsteigen, noch ein Jahr Mathematik von Abbé Buja gelehrt werden sollte. So war von Logik und Metaphysik keine Rede mehr, sondern nur von Mathematik, Geographie und Geschichte. Meine Prüfungen bestand ich in den beiden Jahren gut und bereitete mich auf sie besonders[24] durch schriftliche Übersetzungen vor, welche ?ex diligentia? hießen. Amazon.de Widgets Der Zahnarzt der Akademie war der Hofzahnarzt Dr. Laveran, ein freimütiger Auvergnate, dessen Hilfe ich sehr früh und oft bedurfte. Er und seine erste Gattin, die viel älter war als er, hatten mich liebgewonnen und eröffneten mir mit Gastfreundlichkeit ihr Haus, so daß ich an Sonntagen manchmal bei ihnen, manchmal bei meinem vorigen Kostherrn, dem Hausinspektor von St. Anna, und manchmal bei der Schwester des Direktors, der Frau des Kaufmannes Teimer, zu Mittag aß. Das Jahr 1790 war durch die außerordentlichen Begebenheiten des durch den Mangel aller herzlichen Volkstrauer bis zur Unanständigkeit fröhlichen Leichenbegängnisses Kaiser Josefs und durch die Volksfeste zur Huldigung Kaiser Leopolds ausgezeichnet, bei welchen noch auf dem Graben Würste und große Laibel ausgeworfen wurden und neben den Fontänen roter und weißer Wein floß. Im folgenden Jahre reisten nach Abschluß des Sistowaer Friedens die vier ältesten Zöglinge nach Konstantinopel unter dem Titel ?Sprachknaben?, welcher jetzt in den richtigen von ?Dolmetschgehilfen? verwandelt ist. Diese waren: Brenner, heute als Freiherr von Felsach Hofrat und ordentlicher Referent bei der Staatskanzlei; der Sohn des Grenzdolmetschen Klezl, welcher unter Aufsicht des Hofrates Jenisch und mit Beihilfe des Professors Chabert und der älteren Zöglinge der Akademie die Arbeit der neuen Ausgabe des Meninskschen Wörterbuches leitete und als Dolmetsch zu Konstantinopel starb; Fleischhackl, hernach mit dem Prädikate von Hackenau geadelt und als Agent in der Walachei mit dem Leopoldsorden pensioniert; Stöckl, der als Direktor des Paßwesens in der Internuntiatur zu Konstantinopel starb. Ein für die türkischen Sprachübungen der jüngeren Zöglinge höchst günstiges Jahr war das folgende (1792), wo infolge des zu Susak geschlossenen Friedens die außerordentliche türkische Gesandtschaft, die aus mehr als hundert Köpfen bestand, nach Wien kam und die Zöglinge bei allen Gelegenheiten zur Aushilfe im Dolmetschdienste herangezogen[25] wurden. Das erstemal bei der Audienz, welche der Gesandte Ebu Bekr Kahib beim Staatskanzler, dem Fürsten Kaunitz, hatte. Es war das erste und einzige Mal, daß ich diesen Veteranen der österreichischen Diplomatie, in aller durch seine bekannte Förmlichkeit zur höchsten Potenz gesteigerten Würde seines hohen Amtes und hohen Alters im Lehnstuhl sitzend, von den Staatsreferendaren und den Hofräten der Staatskanzlei umgeben, in einem von den ausgezeichnetsten Personen des diplomatischen Korps und den zur Audienz zugelassenen Ausgewählten des türkischen Gesandtschaftsgefolges vollgedrängten Saale anstaunte. Unter den Zuschauern erblickte ich zum erstenmal den um die nähere Kenntnis des Osmanischen Reiches so hochverdienten Armenier, den schwedischen Ritter Mouradgea d'Ohsson, in seiner orientalischen Kleidung, aber mit europäisch frisiertem Kopf und Zopf. Sein Anblick und der des Fürsten Kaunitz beschäftigte mich weit mehr als der des Türken des Gefolges, dem ich zur Begleitung beigegeben war. Eine desto feierlichere Veranlassung war der Tag der kaiserlichen Audienz, an welchem die ganze Gesandtschaft, die unterste Dienerschaft ausgenommen, an einer großen Tafel, deren Länge den ganzen kleinen Redoutensaal füllte, vom Hofe bewirtet ward. Statt der Weine stand Limonade und Mandelmilch auf der Tafel. Eines der glänzendsten Ereignisse, welches die orientalische Akademie während der Anwesenheit der türkischen Gesandtschaft erlebte, war der mit einer großen Anzahl physikalischer Versuche gefeierte Besuch derselben. Die Vorbereitung und Erklärung der Experimente traf mich. Das Haupt- und Glanzexperiment war die gleichzeitige Explosion von 24 an der Wand aufgestellten elektrischen Pistolen, welche untereinander und mit der aus 24 Flaschen bestehenden Batterie durch Messingdrähte verbunden waren. Der Gesandte belobte mich am Schlusse auf das schmeichelhafteste und schloß mit den Worten: ?Du wirst ein großer Mann werden? ? eine leider nicht in Erfüllung gegangene Vorhersagung. Ebu Bekr Kahib war ein Mann von großem politischen Talent und großem Ehrgeiz; er erwartete, bei[26] seiner Rückkehr zum Reis-Efendi befördert zu werden. Er wurde auch wirklich dazu ernannt, aber schon nach einigen Monaten durch seine Feinde, an deren Spitze der durch seine Gemahlin, die Sultana, einflußreiche Kapudan-Pascha Kutschuk Hussein stand, gestürzt und nach Rhodos verbannt. Seiner Beschützerin, der damals allmächtigen Sultanin Valide, gelang es, von ihrem Sohne, dem Sultan Selim, die Zurückberufung ihres Schützlings und seine Erhebung zum ersten Posten des Reiches, zum Großvezier, zu erwirken. Der Überbringer des sultanischen Siegels war bereits nach Rhodos eingeschifft, als des Kapudan-Paschas Einfluß die Ernennung zum Großvezier in einen Hinrichtungsbefehl verwandelte und den Beauftragten mittels eines Schnellseglers dem Überbringer des Siegels nachsandte. Unglücklicherweise kam jener einige Stunden früher an als dieser, und als der Kommissär der Verleihung der Großvezierschaft landete, war der Ernannte eine Leiche. Ein paar Tage später war ich in der Hofbibliothek, wo ich auf das vom ersten Kustos Denis an den Direktor der orientalischen Akademie gestellte Ersuchen ein Titelverzeichnis der orientalischen Handschriften verfertigte. In dem inneren Gemach stand den beiden Fenstern gegenüber ein langer, mit der Wand parallel laufender Tisch; am unteren Ende des Tisches arbeitete ich. Als ich mich diesmal niedersetzte, sah ich am anderen Ende des Tisches einen ältlichen, durch hohen, gepuderten Haarschmuck ausgezeichneten Herrn, der aus einem Buche Auszüge machte. Ich erkundigte mich bei einem Bibliotheksdiener und erfuhr, es sei der Prince de Ligne. Die Freude, einen so ausgezeichneten großen Herrn und schönen Geist zu sehen, begeisterte mich zu französischen Versen, die ich niederschrieb, einem in glattes Leder gebundenen orientalischen Buche einverleibte und das Buch vom untersten zum obersten Ende des wohlgebohnten Tisches durch einen geschickten Stoß hinaufsandte. Der Prince de Ligne blickte auf, als ihm die Sendung an die Hand flog, las die Verse, schrieb auf ein anderes Blatt die Antwort und sandte das Buch an den Sender zurück. Nachdem ich die Verse gelesen, ging ich zu ihm hin und machte nun auch die mündliche Bekanntschaft des[27] genialen und liebenswürdigen Fürsten. Zehn Jahre hernach, als ich aus England zurückkam, erneuerte ich sie und genoß seine geistreichen, stets Funken des Witzes sprühenden Gespräche bis zu seinem Tode, an seiner Tafel, in seinem Abendkreise oder im Salon der Gräfin Rzewuska. (Beil. 1.) Ich war im folgenden Jahre mit der mir anvertrauten Klassifizierung und Ordnung der zahlreichen und schätzbaren Sammlung der sogenannten Diwan-Briefe, das sind türkische Briefe, Fermane, Urkunden und Staatsschriften, beschäftigt, welche aus den durch den Frieden wieder eröffneten Quellen des Verkehrs mit der Türkei durch des Direktors beständige Fürsorge von allen Seiten reichlich zuströmten. Dieselben wurden, so oft eine hinlängliche Menge vorhanden war, von den Zöglingen auf Pappendeckel mit Mehlpapp aufgekleistert, getrocknet und dann nach dem von mir aufgestellten Einteilungssystem in die hierzu bestimmten Kisten eingeordnet. Den Platz meines als Sprachknaben angestellten Vordermannes Brunebarbe erhielt mein Bruder Alois; er hatte, wie ich beim Hausinspektor von St. Anna in Kost, die Präparandenschule durchgemacht und blieb, zu Ende des Kurses aufgenommen, vier Jahre in der Akademie. Bei Gelegenheit des Aufgebotes von 1797 trat er aus und ergriff wie der zwischen uns geborene Bruder Johann die militärische Laufbahn. Der ausgezeichnetste meiner Jugendfreunde, dessen Bekanntschaft ich durch Chabert gemacht, war der höchst unterrichtete, witzige, dabei aber auch lebenskluge und schwermütige Freiherr Josef von Krufft, damals schon Landrat, der seine Laufbahn, zu früh für seine Freunde und den Staat, als Appellationsrat zu Klagenfurt beendet hat. Mit dem Jahre 1794 hatte ich den akademischen Kurs vollendet. Da derselbe in der Regel nur auf vier Jahre berechnet ist, war die Zeit des meinen ohnedies durch das willkürlich eingeschaltete Jahr mathematischer Studien verlängert worden. Aber auch jetzt, da ich der Ordnung nach mit der gewöhnlichen Anstellung als Sprachknabe hätte austreten sollen, ward dieser Austritt hinausgezogen, weil gerade an der Internuntiatur kein Platz leer war und der[28] fortwährende Krieg außerordentliche Sparsamkeit in allen Anstellungen forderte. So geschah es, daß ich noch zwei Jahre in der Akademie verziehen mußte, bis ich als Sprachknabe nach Konstantinopel kam. Auf diese Weise habe ich statt fünf Jahre zehn in der Akademie zugebracht, ein Fall, der weder vor mir noch nach mir stattgefunden und oft meinen Nachfolgern, welche nach absolvierten fünf Jahren dringend um Austritt und Anstellung baten, als erbauliches und tröstliches Beispiel vor Augen gehalten worden ist. In der Tat war durch diesen verlängerten Aufenthalt außer den paar Dienstjahren nichts für mich verloren, indem ich die von obligaten Lehrstunden freien Jahre auf das eifrigste zu freiwilligen Studien und zu meiner weiteren Ausbildung für den Dienst in der Levante benützen konnte. Um mir auch von Seite der Direktion und Staatskanzlei geregelte Beschäftigung vorzuschreiben, trug mir Stürmer auf, aus dem großen bibliographischen und enzyklopädischen Wörterbuche Hadschi Chalfas, dessen Ankauf die Hofbibliothek soeben eingeleitet hatte, die enzyklopädischen Artikel der Wissenschaften, von denen er selbst mehrere aus einem Exemplar Mouradgea d'Ohssons ausgezogen, abzuschreiben und zu übersetzen. So ward die Grundlage zu meinem ersten wissenschaftlichen Werke, der ?Übersicht der Wissenschaften des Orients?, gelegt, welches erst neun Jahre später, und dennoch so unvollständig, ans Licht trat. Von da an datierten meine eigentlichen Studien arabischer, persischer und türkischer Literatur, deren weites Feld mir Hadschi Chalfas Wörterbuch eröffnete. In den letzten Monaten dieses oder in den ersten des folgenden Jahres sollte mir die Bekanntschaft und zugleich die innigste Freundschaft des Mannes werden, der am meisten auf meine wissenschaftliche Ausbildung Einfluß genommen und meine besten Kräfte der Literatur zugeführt hat: Johannes von Müllers. Er arbeitete damals in der Staatskanzlei an der Seite von Jenisch und Stürmer, jedoch vom damaligen Minister der auswärtigen Geschäfte, dem Freiherrn von Thugut, so wenig politisch beschäftigt, daß er auf der Kanzlei die Byzantiner las und auszog.[29] Mein erster Empfang durch Müller in der Staatskanzlei, wo mich ihm Stürmer aufführte, war anständig und feierlich, wenn auch das unbehilfliche Äußere der kleinen, dicken Figur und der stark schweizerische Dialekt, womit Müller Deutsch sprach, mir nicht zu der Idee, die ich mir vom Äußeren des großen Geschichtsschreibers gemacht, passen wollten. Er war damals mit der Vollendung seiner 24 Bücher allgemeiner Geschichte beschäftigt und erbat sich von Jenisch und Stürmer die Erlaubnis, daß ich dreimal in der Woche ein paar Nachmittagsstunden in seiner Wohnung mit ihm zubringen dürfe, um mit ihm die Abschrift zu kollationieren. Dies wurde unbedenklich erlaubt, denn damals hatte man noch nicht den geringsten Verdacht von Müllers griechischer Liebhaberei, deren Übermaß ihn sieben Jahre später Wien zu verlassen zwang. Mir war schon beim ersten Besuche die wiederholte Umarmung auffallend und unangenehm. Gar bald konnte ich an der widerlichsten Zärtlichkeit von Müllers wiederholten Umarmungen nicht zweifeln; ich brach schnell das Eis durch meine ganz unumwundene Erklärung meines ganz antigriechischen Geschmackes und verbat mir, wenn ich meine Besuche wiederholen und meine Bewunderung und Dankbarkeit für das mir geschenkte literarische Zutrauen sich nicht mindern sollte, alle weiteren Annäherungen. Er gab das Versprechen, hielt es aber erst dann unverbrüchlich, nachdem ich die sich unanständig verirrende Hand des Meisters mit tüchtigen Schlägen eines eisernen Lineals abgewehrt hatte. Von dem Augenblicke an blieben wir die besten Freunde fürs Leben. Ich machte ihn zum Vertrauten aller meiner bisherigen platonischen Liebesgeschichten und ließ mir sogar Übertreibungen des Punktes, zu welchem sie gediehen waren, zuschulden kommen, bloß um meinen Freund recht lebhaft zu überzeugen, wie vergeblich alle Mühe wäre, mich zu seinem Geschmack, den er mir als den klassischen anpries, zu bekehren. Amazon.de Widgets Müller hatte schon im Mai dieses Jahres an Wieland geschrieben und ihm meine Übersetzung eines türkischen Gedichtes ?Von den letzten Dingen? zur Aufnahme in den ?Deutschen Merkur? auf das wärmste und erfolgreichste[30] empfohlen. Auf diese Art ward ich auf Müllers Empfehlung durch Wieland und Böttiger, der schon damals größtenteils den ?Merkur? redigierte, in die Arena der Öffentlichkeit eingeführt, denn das zum Geburtstage des Kaisers unter dem Titel ?Das Fest des zwölften Februar? gedruckte Gedicht, welches ich dem Kaiser in besonderer Audienz überreichte und welches auch zum Verkauf angekündigt ward, ist nicht außer Wien und selbst in diesem kaum bekanntgeworden. Dies ist auch der Fall mit dem gleichzeitig mit dem Gedicht im ?Merkur? in Wien gedruckten ?Aufrufe an die Freunde der Literatur?, einer alcäischen Ode, welche zur Erforschung und Bearbeitung der Schätze morgenländischer Dichtung aufrief. Dieser Aufruf war ein Angebinde zum Namensfeste meines Chefs und Gönners, des Hofrates von Jenisch. Die aufmunternde Note des damals in Wien in allen Journalgesellschaften gelesenen ?Deutschen Merkur? machte meinen Namen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Wien zum erstenmal bekannt. Ich danke meinen nacheinander im ?Merkur? erscheinenden Erstlingsversuchen von Übersetzungen und Gedichten (wie der Friedensrede auf die Präliminarien von Leoben, der Trauerklage auf den Tod von Sir William Jones usw.) mehrere Bekanntschaften, deren vorzüglichste die des edlen Menschenfreundes, des Grafen Carl Harrach, der, damals im vollen Studium der Medizin begriffen, seine Kenntnisse noch nicht als Hausarzt des Spitals der Elisabethinerinnen, aber schon am Krankenbette hilfsbedürftiger Armer ausübte. Er nahm nicht nur keine Bezahlung, sondern sorgte auch für die Arzneien, Nahrung und Kleider seiner Patienten, er hatte erheiternden Witz und Humor und große Vielseitigkeit im Gebiete der Wissenschaften, regstes Interesse für alle Veränderungen von außen und innen, für alle Neuigkeiten des Tages, seien sie politischer, seien sie literarischer Natur, für alle Ereignisse in Stadt und Land. In seiner Lebensweise ein großer Sonderling, verkehrte er die Nacht zum Tage, mied alle Salons und besuchte kein Haus als das seines Bruders, des Majoratsherrn. Er war der einzige in Wien, welchem mein Aufruf an die Freunde der Literatur Lust zum Studium einer[31] orientalischen Sprache einflößte. Er bat mich, mit ihm einige Abende der Woche Persisch zu studieren, was ich gern tat und wozu ich auch die Erlaubnis der Direktion der Akademie erhielt. Die freie Zeit verwandte ich auf die wiederholte Lesung von Horaz und deutscher Klassiker. Der Direktor hatte meinem Vorschlag Gehör gegeben, nach Weidling eine kleine Sammlung deutscher Dichter zu stiften. Ich nahm es auf mich, die der ?Wiener Zeitung? beiliegenden Bücherankündigungen der Antiquare durchzusehen und die wohlfeilen Ausgaben zu kaufen. Auf diese Weise hatte ich den Bücherschrank des sogenannten Museums in ein paar Jahren mit fast einem Hundert nützlicher Bände gefüllt. Die meisten Abende verbrachte ich im Hause der Freiin von Krufft, der Mutter meines Freundes, wo öfter Ignaz Sonnleitner die Gesellschaft durch Vorträge höchst witzig unterhielt, der jüngere Sohn, Nikolaus, mit selbstkomponierten Liedern, die er auf dem Fortepiano vortrug, Beifall erntete oder die jüngere Schwester Justine die Früchte ihrer lyrischen Muse vorlas. Unter den jungen Leuten, die damals im Hause Krufft wohl aufgenommen wurden, befand sich auch mein Hausfreund Fladung. Unsere Freundschaft, die nun schon über ein halbes Jahrhundert alt, datiert aus jener Zeit und aus diesem Hause. Nie habe ich einen Menschen gekannt, der als Kanzleibeamter beim Hofkriegsrat mehr seinen Beruf verfehlt hatte als er, indem er durch seine Leidenschaft, Vorträge zu halten, durch die Klarheit und Deutlichkeit derselben und durch das Positive seines Tones, oft bei gänzlicher Unwissenheit, zum Professor geboren war. Freilich würde er es auch als solcher nicht weiter als in seiner Geschäftsbahn, auf welcher er als Protokollist mit vierzig Jahren pensioniert wurde, gebracht haben, da er fast nichts las und Gehörtes wiederholte. Männer scheute er als Zuhörer, trug immer nur Mädchen vor, für die er seine Physik und Mystik schlecht genug kompilierte. Die Freundschaft mit Krufft bahnte mir den Weg zu meinem ersten Ausflug nach Triest, Venedig, Tirol und Salzburg, welcher im Jahre 1798 stattfand. Das Jahr vorher,[32] im neunten meines akademischen Lebens, war ich endlich am 5. Juli mit dem Gehalte von sechshundert Gulden und der Bestimmung, den als Hofkommissär nach Dalmatien ernannten Hofrat von Jenisch in der Eigenschaft eines Sekretärs dahin zu begleiten, angestellt worden. Mit dem Jubel eines Kadetten, welcher das erstemal die Offiziersuniform anzieht, bewillkommte ich die rote Uniform mit grünen Aufschlägen und den Degen mit goldener Quaste und flog nach meiner Vaterstadt, die ich seit neun Jahren nicht wiedergesehen, in die Arme meines geliebten Vaters. Mir waren nur einige Tage des Aufenthaltes im väterlichen Hause vergönnt, denn wiewohl die Abreise des Hofkommissärs nach Dalmatien noch nicht bestimmt war, konnte sie doch täglich bestimmt werden, und ich mußte noch in derselben Woche nach Wien zurückeilen; Hofrat Jenisch gab mir die türkischen Traktate mit Venedig, welche die dalmatinische Grenze regelten, zum Abschreiben und Studieren. Amazon.de Widgets Der Winter verging, ohne daß von der Reise des Hofrates von Jenisch nach Dalmatien weiter die Rede war. Ich mußte also auf eine andere Bestimmung geduldig warten, was mir um so leichter fiel, als meine Besoldung lief und ich in der orientalischen Akademie Wohnung und Tisch frei hatte, ohne weiter an die Disziplin derselben gebunden zu sein. Bald darauf saß ich mit meinem Freunde, dem Freiherrn von Krufft, welcher mir angetragen, ihn auf seiner Reise nach Steiermark, Venedig, Tirol und Salzburg zu begleiten, im Reisewagen. Die auf dieser Reise geschriebenen und zwei Jahre hernach unter dem Titel ?Zeichnungen? bei Sander in Berlin erschienenen einundzwanzig Briefe sind an Freunde und Freundinnen gerichtet. Ich kam von der Reise mit Ruhr behaftet zurück, die mich seit dem Gardasee begleitet und sehr geschwächt hatte. Sobald ich genesen, begann ich wieder meine Ausflüge in die schöne Umgebung Wiens und namentlich in die Gärten. Die Frucht dieser Wanderungen ist das in dem Buch Sartoris unter dem Titel ?Die Gärten Wiens? gedruckte längere Gedicht. Ungeachtet aller mündlichen und schriftlichen[33] Ermahnungen meines Freundes Müller, mich mit ernsten historischen Studien und Auszügen aus Handschriften der Hofbibliothek zu beschäftigen, trieb ich mich nur im Gebiet der Poesie herum. Ich antwortete ihm, daß zur vollständigen Kenntnis eines Volkes und seiner geistigen Entwicklung die seiner Poesie unerläßlich, daß ich vor allem die Dichter des Morgenlandes gründlich kennenlernen wolle und nachher mich den historischen Studien zuwenden würde. Mein Sinn stehe nicht bloß nach Auszügen, ich möchte lieber aus den Quellen ein Ganzes zu Tage fördern, dies aber erfordere Jahre des Sammelns und nähere Kenntnis von Volk und Land durch Selbstansicht. Im Winter war ich fleißiger Besucher der musikalischen Abende bei Hofrat von Keess, dessen älterer Sohn mein Schulkamerad im Theresianum gewesen, wo sich ein gewählter Kreis musikliebender Männer und Frauen und einiger zwanzig Fräulein zusammenfand. Diesen letzten besang ich in einem für jede mehr oder minder schmeichelhaftem Gedichte, das ich die ?Kaaba der Mädchen? betitelte. Es ward nie gedruckt, wohl aber das auf ?Die musikalischen Gesellschaften bei Herrn Hofrat Franz Georg Edlen von Keess? in acht Strophen. Dieses wurde in der Gesellschaft verteilt sowie bei der ersten Aufführung von Haydns ?Schöpfung? bei Fürst Schwarzenberg meine darauf verfaßten und seitdem im ersten Jahrgang des musikalischen Taschenbuches ?Orpheus? aufgenommenen Verse. Mein letztes, unmittelbar vor meiner Abreise nach Konstantinopel, war die Ode in dreißig alkäischen Strophen ?Die Steiermark?, die während des Ausfluges nach Graz, um meinen Vater vor meiner Abreise noch einmal zu umarmen, gedichtet und der Gräfin Saurau, der Mutter des Grafen Zeno, dessen Gutsverwaltung mein Vater leitete, gewidmet wurde. Ich nahm von meinem Vater unter Tränen Abschied, die um so mehr strömten, als er mir mit dem ausgesprochenen Gedanken, daß er mich nicht mehr sehen werde, das Herz schwer machte. Die Anstellung nach Konstantinopel hatte in der Hälfte Mai stattgefunden, und am 29. Mai 1799 trat ich meine erste Reise dahin an. 
 XXIX. Die Krönung in Mailand im Jahr 1838 und das Jahr 1839.  [318] Ich betrieb die Sache der Akademie nun um so eifriger, weil über die Erbhuldigung nichts mehr zu sprechen war, bei den Erzherzogen Ludwig und Franz Karl und beim Grafen Kolowrat. Die beiden Erzherzoge empfingen jeden Sonntag von zwölf bis zwei Uhr alle Hoffähigen, aber selten kam man von dem einen Erzherzog früh genug fort, um noch bei dem anderen vorzukommen. Vergeblich hatte ich von den Botschaftern, die durchkamen oder wechselten, literarische Auskünfte zu erhalten[318] gehofft, sie waren höchstens im Kanzleistil gebildet, sonst gänzlich unwissend. Rifaat war noch abergläubischer als Fethi Ahmed, der nun zum Botschafter in Paris ernannt war. Rifaat war anfangs April angekommen und wohnte mit mir der Fußwaschung bei Hof bei. Am Ostermontag sagte mir der Fürst, die Audienz des Botschafters beim Kaiser sei für den nächsten Mittwoch bestimmt, ich teilte dies dem Botschafter mit, der mich beschwor, den Tag zu ändern, denn der Mittwoch sei an und für sich der unglücklichste Tag der Woche und der nächste stehe unter dem Einfluß der beiden Planeten im Verein mit dem Monde. Meine Gegenvorstellungen, daß eine einmal vom Kaiser bestimmte Audienz nicht abgeändert werden könne, waren vergeblich, ich konnte ihm nur versprechen, dem Fürsten Metternich seine Bedenken vorzutragen, ohne ihn auf ein Resultat hoffen zu lassen. Als ich dem Fürsten die Bedenken mitteilte, lachte er und trug mir auf, Gervay aufzusuchen und mit ihm die Audienz für einen anderen Tag zu bestimmen. Am folgenden Tage wurde ich verständigt, daß sie von Mittwoch auf Samstag verschoben sei. Nach der Audienz beim Kaiser fand die bei den Erzherzogen Johann, Ludwig und den beiden Este statt. Diese Fasten waren für mich noch unangenehmer und widerwärtiger als gewöhnlich durch die schwere Krankheit meines Schwiegervaters. Am letzten April war sein Begräbnis. Er war von glücklicher, unverwüstlicher guter Laune, die ihn selbst auf dem Krankenlager nicht verließ. Bei Gervay lernte ich Uhland kennen, sein Äußeres war das eines Schulmeisters, und niemand hätte darunter den genialen, großen Dichter erraten. Ich kann sagen, daß in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 1838 auch kein Tag verging, an dem ich nicht in einer oder der anderen Weise für oder von der Akademie gesprochen hätte. Mein Versuch, Erzherzog Karl zu tätiger Verwendung zu gewinnen, war fruchtlos, ebenso wie der bei Erzherzog Johann. Dieser wollte sich nicht damit befassen, weil er für sich und die Seinen zu sorgen hatte, daß ihm diese Sorge näher lag als eine Akademie der Wissenschaften, verhehlte er mir nicht. Erzherzog Karl war mit Recht beleidigt, seit man seine[319] Dienste zurückgewiesen und die Heirat seiner Tochter mit dem Herzog von Orleans verhindert hatte, und wollte weder mit Metternich noch mit seinem Bruder, dem Erzherzog Ludwig, in Berührung kommen, er sagte mir: ?Mein Neffe, der Kaiser, und mein Bruder Ludwig geben nicht viel auf mein Wort und so sehr ich Ihrem Unternehmen Gedeihen wünsche, so wenig bin ich imstande, dasselbe zu fördern.? An einem Sonntag gelang es mir, bei beiden Erzherzogen zur Audienz vorzukommen, und ich machte ihnen den Vorschlag, die zu gründende Akademie als ein Werk der Pietät für Kaiser Franz ?Franzensakademie? zu nennen, darauf ging besonders Erzherzog Franz Karl sehr ein. Später schlug ich vor, daß die Akademie als ein den deutschen Erblanden zu machendes Geschenk gelegentlich der Huldigung in Innsbruck ins Leben gerufen werde, wie ja auch gelegentlich der Krönung in Mailand das Lombardische Institut wieder zum Leben erweckt werden solle. Ich predigte tauben Ohren. Ich lernte auch den damaligen Staatsrat und späteren Präsidenten der Hofkammer Herrn von Kübeck kennen, der schon damals die Akademie als ein Bedürfnis der Zeit anerkannte und bedauerte, daß er nicht mehr tun könne, als seine Meinung aussprechen, wenn die Sache in den Staatsrat käme. Am Dreifaltigkeits-Sonntag sollizitierte ich bei beiden Erzherzogen die Erlassung eines Kabinettschreibens, durch das die akademische Sache, die noch immer tot in Metternichs Händen lag, gefördert würde. Ich traf Graf Wickenburg im Vorzimmer und er wünschte mir Glück, wenn es mir gelänge, ein Handschreiben des Kaisers zu erlangen, in den wichtigsten Geschäften wurde um ein solches oft Monate lang gebeten. Ich besprach mit ihm die Eingabe steiermärkischer Professoren und Kustoden des Joanneums zugunsten der Akademie und schrieb an Professor Schreiber darüber. Ich erhielt die Eingabe mit der Unterschrift des Protomedikus Veit an der Spitze und übergab sie dem Erzherzog Ludwig. Erzherzog Johann verübelte diese Eingabe den Kustoden des Joanneum, weil sie ihn nicht um Erlaubnis gefragt hatten. Auch bei Endlicher klopfte ich an, ich wußte, daß er zweimal wöchentlich dem Kaiser botanische Stunden gab,[320] erhielt aber die Überzeugung, daß er beim besten Willen nicht für die Akademie sprechen konnte, weil er sich bei der Annahme der Stunden verpflichtet hatte, kein Wort von Geschäften mit dem Kaiser zu sprechen. Ich erfuhr, daß Schönaich statt die Eingabe bei der Hofkanzlei zur Beratung vorzulegen, sie nochmals an die Regierung zurückgegeben habe mit dem Auftrage, die Proponenten zur Vorlage der Statuten und eines Kostenüberschlages aufzufordern. Beides waren Fallen. In den Statuten mußte die Befreiung von jeder Zensur ausgesprochen werden, dies genügte, um aus Grafen Sedlnitzky den größten Gegner zu machen, war das Dasein einer Akademie gesichert, so hoffte ich die Befreiung von der Zensur durchzusetzen. Auch die Sache des Kostenüberschlages war sehr verfänglich; sprachen wir eine kleine Summe an, so konnten wir nicht im Großen wirken, forderten wir viel, so fielen die Referenten Hoffinger und Schönaich über uns her. Die Zeit drängte, in drei Wochen sollte ich mit dem Botschafter zur Krönung nach Mailand fahren. Vom Staatsrat Füssel erhielt ich eine Urgenz der Zustellung der in seinen Händen befindlichen Akten zur Äußerung der Bittsteller. Ich bekam das Aktenbündel am 18. Juli und sah zu meinem größten Erstaunen, daß sich dabei ein von Littrow erstatteter Vortrag befand, der die Kosten der Akademie mit 30.000 Gulden berechnete. Dies ärgerte mich, ich hatte Littrow jeden Schritt, den ich für die Akademie getan, mitgeteilt, er hatte mir kein Wort davon gesagt, sondern die Sache hinter meinem Rücken gemacht. In der Eingabe war auch von Statuten die Rede, die ich in der früheren Eingabe nicht erwähnt hatte und um die auch niemand gefragt hatte. Amazon.de Widgets Ich schrieb Littrow sehr empfindlich und er antwortete sehr bissig. Acht Tage lang gingen die Akten bei den Bittstellern herum und am 28. Juli versammelten wir uns bei Hofrat Schreibers zur Beratung. Endlich wurde die Eingabe im Sinne meines Entwurfes gemacht und von den Anwesenden unterschrieben und den Abwesenden zur Unterschrift zugesandt. Graf Kolowrat war schon abgereist, ich schrieb ihm über alles und hoffte noch immer, daß das Fiat der Akademie bei der Huldigung in Innsbruck ausgesprochen[321] werden könne. Mit Littrow war ich seitdem zerfallen, ich konnte ihm kein Vertrauen mehr schenken, da er mir das seine entzogen hatte. Ehrlicher war Baumgartner, der zwar nichts tat, aber offen erklärte, daß ihm das Benehmen Metternichs, des Erzherzogs Ludwig und Kolowrats in der Sache so anekle, daß er keine weiteren Schritte tun wolle. Neben meinen Bemühungen für die Akademie war ich noch immer mit dem Botschafter sehr beschäftigt. Rifaat Pascha war ein gutmütiger, dummer, geiziger und unwissender Mensch. Ich begleitete ihn in die kaiserlichen Kabinette, die Hofbibliothek und das Belvedere. Als wir das große Gemälde des Einzuges der Allierten in Paris ansahen, fragte er mich, wer die Alliierten seien und warum der Einzug stattgefunden. Er meinte, das müsse wohl ein paar Jahrhunderte her sein, und als ich ihm sagte, es sei kaum ein Vierteljahrhundert, da meinte er, damals sei er noch ein kleiner Knabe gewesen, der davon keine Nachricht erhalten habe. Das waren die historischen und diplomatischen Kenntnisse des in Wien beglaubigten Botschafters der Hohen Pforte. Die nächste von ihm erbetene Audienz wurde erst am Tage vorher durch ein mir nach Döbling gebrachtes Billett Gervays abermals für Mittwoch bestimmt, an eine Abänderung wie das letztemal war nicht mehr zu denken. Der Botschafter war verzweifelt. Der Kaiser sagte dem Botschafter, daß er jetzt nach Tirol gehe, aber ihn in Mailand wiederzusehen hoffe. Ich bat Fürst Metternich, mich von der lästigen Begleitung des Botschafters zu entheben und allein reisen zu dürfen, da er ja seinen eigenen Dolmetsch habe. Dies wurde bewilligt und ich verabredete mit dem Botschafter, daß wir am gleichen Tage, Donnerstag, den 2. August, Wien verlassen und uns in Mailand nach drei Wochen treffen wollten. Am 19. August traf ich abends in Mailand ein, meine Wohnung war von Wien aus bestellt worden, aber am Tore wußte sie niemand, ich fuhr zum Gouverneur und traf dort seinen Präsidialisten Graf Pachta, aber auch er und sein Konzipist wußten das Quartier nicht und nachdem ich eine Stunde lang mit dem letzteren gesucht hatte, wurde ich in der Wohnung des sächsischen Gesandten Graf Uechtritz einquartiert,[322] der noch nicht eingetroffen war. Am Morgen klärte sich das Mißverständnis auf und ich bekam ein sehr wohnliches Quartier in der Nähe der Wohnung des türkischen Botschafters, er war ein paar Tage vor mir angekommen. Ich übersetzte ihm das von Graf Pachta mir übergebene Programm der für die vierzehn Tage des Aufenthaltes in Mailand und Venedig eingeteilten Feste. Die zwischen meiner Ankunft und der des Kaisers liegenden fünf Tage benützte ich zu Besuchen bei Graf Pompeo Litta, Castiglioni und den Bibliothekaren Catena und Rossi, beim Grafen Hartig und bei Trivulzi. Auf der Ambrosiana bekam ich durch die Gefälligkeit Catenas ein besonderes Zimmer für die Frühstunden von sechs bis neun, die einzigen, die zu meiner freien Verfügung waren, um hier das seiner alten Sprache wegen einzige Manuskript des Falknerbuches abzuschreiben. Graf Pompeo Litta erteilte mir bereitwilligst Auskunft über italienische, die Falknerei betreffende Werke. Am fünfundzwangzigsten wurde die Ankunft des Kaisers und der Kaiserin in Como durch die herrlichste Beleuchtung gefeiert, die ich in meinem Leben gesehen. Das diplomatische Korps versammelte sich beim Fürsten Metternich in der Villa Montana. Am 1. September fand der feierliche Einzug des Kaisers in dem von Wien hergebrachten goldenen Galawagen statt. Die Herolde aller Städte Italiens mit dem Wappen der Städte auf dem Rücken wirkten sehr theatralisch. Abends war Theatre paré in der Scala. Als ich am nächsten Mittag zum Botschafter kam, zeigte er mir eine Einladung für denselben Tag zum Speisen bei Hof. Ich hatte keine bekommen und vermutete, es sei ein Übersehen, was sollte der Botschafter bei Hofe machen ohne Dolmetsch. Ich schrieb ein Billett an den Fürsten Metternich und teilte ihm mit, daß ich zwar keine Einladung erhalten, aber doch bei Hof erscheinen werde. Als ich den Fürsten vor dem Speisen traf, wiederholte ich es mündlich und er fand mein Vorgehen ganz richtig. An der Tafel speiste der Kaiser, die Kaiserin, die Erzherzoge, die Großherzoge und die Großherzogin von Toskana, die Herzoge und Herzoginnen von Modena und Lucca, die Obersthofmeister und Minister der auswärtigen Geschäfte, der französische, englische und türkische[323] Botschafter und ich. Die Aufwartungen mit dem Botschafter bei allen diesen Herrschaften gaben mir genug zu tun. Am 5. September war großes diplomatisches Diner von 50 Gedecken beim französischen Botschafter. Fürst Metternich war ungemein schwer zu sprechen, und ich benützte die Gelegenheit dieses Festmahles, ihn um Urlaub und Enthebung von der Reise nach Venedig zu bitten, um nach Hainfeld gehen zu dürfen. Der Fürst bewilligte dies sogleich. Am folgenden Tag fand die Krönung statt. Am nächsten Tage war Diner beim russischen Botschafter Graf Nesselrode, ich kannte ihn von Paris her. Am Abend war Konzert bei Hof. Am folgenden Tag wurde das diplomatische Korps und andere hohe Herrschaften im Lager bewirtet und ich hatte das Vergnügen, mit Feldmarschall Graf Radetzky zu sprechen, der damals, dreiundsiebzig Jahre alt, aber kaum wie ein Sechziger, erschien. Am Abend des nächsten Tages gab die Stadt Mailand dem Hof und seinen Gästen einen glänzenden Ball in der Scala. Ich blieb dort länger, da ich diesen Morgen die Abschrift des Falknerbuches beendet hatte. Am 10. September war diplomatisches Diner beim englischen Botschafter Lamb, dem auch Radetzky beiwohnte. Am Morgen fand die Eröffnung der Arco della pace und am nächsten Morgen eine große militärische Parade auf der Fläche vor der Arena statt. Die Herrschaften und das diplomatische Korps sahen von der Arena aus zu. So geizig der Botschafter war, so wollte er doch seinen Kollegen ein Gastmahl geben und hatte sogar sein Tafelservice von Wien mitgebracht. Am Tage, an welchem es stattfinden sollte, war bei Hof zur selben Stunde Konferenz, weil die Schweiz gegen die erteilte Amnestie Schwierigkeiten machte. Fürst Metternich schickte mir ein Absagebillett. Der Botschafter war außer sich, als ich ihm die Nachricht gab und fragte, ob zwischen Österreich und der Türkei Krieg sei oder was er sonst für ein Verbrechen begangen habe, daß er so tief in Ungnade beim Fürsten sei. Ich lachte ihn aus, es half aber nichts, in tiefe Melancholie versunken, war er während des ganzen Mahles stumm und aß keinen Bissen.[324] Am Abend war Ball im Kasino dei Nobili, mit Mühe überredete ich den Botschafter, hinzugehen. Ich stand mit dem Botschafter auf der Estrade, als er auf einmal verschwunden war, ich fragte herum, aber niemand wußte, wohin er gegangen. Ich lief die Treppe hinab und erfuhr, daß Wagen und Läufer erst für ein Uhr bestellt seien. Fast eine Stunde suchte ich ihn, endlich fand ich ihn in einem finsteren Hintergemach, wo er allein und in tiefe Melancholie versunken saß. All mein Zureden war vergeblich, er sei in Ungnade, behauptete er. Ich suchte den Fürsten Metternich auf und erzählte ihm das Ganze, er lachte: ?Sagen Sie dem dummen Kerl, er sei für Morgen zum Kaiser bei Tisch geladen.? Nach dieser Freudenbotschaft kam der Botschafter wieder aus seinem dunklen Versteck heraus. Dieses Mittagmahl bei Hof war dem höchsten Adel von Mailand gegeben, den türkischen Botschafter hatte der Fürst aus eigener Machtvollkommenheit eingeschoben, ohne auch nur um Erlaubnis gefragt zu haben. ? Am 18. reiste ich über Desenzano nach Castell-Gofredo zu meinem Freund Acerbi, bei dem ich einen Tag verbrachte. Dann reiste ich über Verona, Codroipo, Palmanuova nach Laibach, speiste dort beim Gubernialrat Graf Zeno Saurau, der mir die Akten zeigte, durch die er gezwungen war, dem Grafen Auersperg, der sich zum Verfasser einiger ohne Erlaubnis der Zensur gedruckten Schriften bekannt hatte, eine Strafe von fünfundzwanzig Dukaten zu verhängen. Zwei Tage blieb ich bei Graf Auersperg in Thurn am Hart und fuhr dann über Pettau nach Cilli, wo ich den Dichter Seidl kennenlernte, der mich auf die Ruine Sonneck, wo die Gallerin ihre Jugend verlebt hatte, begleitete. Nach Radkersburg war mir meine Frau mit den Kindern entgegengekommen, und am achtundzwanzigsten trafen wir alle in Hainfeld ein, wo ich nur durch sechs Wochen die Morgenstunden ausschließlich für den zweiten Teil der ?Gallerin? verwendete. Nach sechs Wochen kehrte ich nach Wien zurück und betrieb sogleich beim Grafen Mittrowsky die Sache der Akademie. Ich brachte ihm ein Exemplar des ?Rosenflor des Geheimnisses? und er ersuchte mich, seinen Namen hineinzuschreiben, ich schrieb: ?A.E.D.H.G.M. als dem Beförderer der Wissenschaften und insbesonders[325] einer Akademie derselben.? Er versprach mir in die Hand, daß die Sache am nächsten Ratstage in pleno in Vortrag käme. Inmitten dieser akademischen Schwierigkeiten fand die Vermählung meiner Tochter statt. Der türkische Botschafter schickte ihr ein Armband und der Hochzeitsgesellschaft zwei Speisen türkischer Küche, eine ?Serde Pil law?, gekrüllter Reis mit Safran, und eine ?Saadrige?, gestoßene Hühnerbrust. Sie fanden aber wenig Liebhaber, besonders weil man das letzte für eine Art Kinderkoch hielt. Amazon.de Widgets Das Jahr 1839, in welchem meine Tätigkeit als Hofdolmetsch endete, ist das große Stufenjahr meines politischen Lebens, merkwürdig durch die willkürliche und ungerechte Art, wie Fürst Metternich ohne jede Rücksicht auf frühere Verdienste mich seiner Ungnade und persönlichen Abneigung opferte. Ich erhielt zwei Beweise öffentlicher Achtung: Balzac widmete mir sein ?Cabinet d'antiques? und Graf Apponyi teilte mir mit, daß mir der König Louis Philippe den Offiziersgrad der Ehrenlegion verliehen habe und daß das Diplom bereits an die französische Botschaft abgegangen sei. Graf St. Aulaire wollte aber dem Fürsten Metternich nicht mißfallen und hielt es zurück, erst im Spätherbst händigte er es mir ein und entschuldigte sich, daß es vergessen worden sei. Ich ging zu Erzherzog Franz Karl und brachte ihm das fünfte Bändchen meines Gemäldesaales, den ich ihm gewidmet hatte. Als ich endlich das Diplom der Ehrenlegion erhielt, machte ich die vorgeschriebene Eingabe um die Allerhöchste Bewilligung zur Annahme. Ich bemerkte in ihr, daß mir diese Ordenserhöhung, wie der erste Grad nicht als Hofrat der Staatskanzlei, sondern als Orientalist verliehen worden sei. Nachdem ich die Annahmebewilligung erhalten hatte, reichte ich bei der Polizei-Hofstelle meine Zueignung des ?Falknerklee? an den König Louis Philippe ein, um ihm dadurch für den Orden zu danken. Ich las den großen Folianten der in Kairo gedruckten Enzyklopädie ?Maurifatme?, das heißt ?Das Buch der Erkenntnis?, dessen religiöse Sprüche mich beruhigten. Ich warf mich wieder auf das Studium orientalischer Handschriften und Quellen arabischer Literaturgeschichte. Herr von Raab hatte mir in Konstantinopel aus der Bibliothek[326] der Köprilis Abschriften von ?Fihrist? und ?Mofna Thaliab? besorgt, die, als die einzigen in Europa befindlichen, ungeheuer wertvoll waren. Der zweite Teil der ?Fihrist? befand sich auf der Bibliothek von Paris, aber der erste war nicht aufgefunden worden. Da nun meine politische Laufbahn beendet war, ich für mich selbst auch nichts mehr wollte, nahm ich mich um so mehr der akademischen Sache an. Ich war der einzige von den zwölf Bittstellern, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, und darin Schritte machte, die den anderen fruchtlos erschienen, oder zu denen sie zu bequem waren. Im Juli erhielt ich die Nachricht, daß die akademischen Akten, die sechs Monate lang bei allen Hofräten der Vereinigten Hofkanzlei in Umlauf waren, endlich im Rate vorgetragen und mit Ausnahme von vier Stimmen unterstützt worden seien. Schon am nächsten Tage begab ich mich zu Graf Kolowrat und setzte ihn davon in Kenntnis, ich bat ihn, dem Fürsten davon zu sprechen. Graf Kolowrat antwortete: ?Fürst Metternich hat jetzt den Kopf so voll von den Türken, daß man ihm nicht einmal von den Ungarn, viel weniger von einer Akademie der Wissenschaften sprechen kann. Metternich kommt zu nichts, weil er zu viel spricht und Erzherzog Ludwig traut sich nicht, dieses Geschwätz zu unterbrechen. Wenn ich dem Fürsten davon spreche, setze ich mich dem aus, daß er die Akademie als Ihre persönliche Angelegenheit betrachtet und mir wieder sagt: Sie werden doch nicht den Hammer gegen mich in Protektion nehmen.? ? Am selben Tag schrieb ich an den Hofkammerpräsidenten Baron Eichhoff und empfahl ihm die Sache der Akademie. Die Akten mußten von der Hofkanzlei in die Hofkammer und von ihr an die Polizeihofstelle zur Begutachtung gehen, ehe sie in den Staatsrat kamen. Baron Eichhoff trug schon damals auf eine Dotation von jährlichen dreißig- bis vierzigtausend Gulden an, und ihm gebührt auch das Verdienst der ersten Bewilligung dieser Summe. Die größte Aufheiterung gewährte mir wieder der Genuß von Hainfeld während der Monate August und September. In Gleichenberg verkehrte ich viel im Hause des Grafen Wickenburg. Die Gräfin kam auch oft nach Hainfeld, ebenso die Gräfin Trautmannsdorf, eine geborene Gräfin Woracziczky.[327] Ich beschäftigte mich am Morgen mit dem Schreiben der ?Gallerin? und vollendete den dritten Teil. Nach Tisch ordnete ich mit Karoline, den Kindern und dem Hofmeister das Archiv. Später fuhren wir aus. Die Vorgänge in der Staatskanzlei erfuhr ich von meinem Nachbar, dem Hofrat im außerordentlichen Dienst, Baron Lilien, der in Hohenbruck wohnte. Baron Lilien korrespondierte mit Ottenfels, der ihm über den heftigen Anfall des chronischen Übels des Fürsten Metternich schrieb. Er hatte mehrere Tage von nichts als von der orientalischen Frage gesprochen und hatte den provisorischen Dolmetsch Huszar nach Konstantinopel geschickt. Die Ärzte fürchteten das nahe Ende oder das Eintreten gänzlichen Blödsinnes und Erzherzog Ludwig und Graf Kolowrat beriefen den Grafen Ficquelmont nach Wien mit der Bestimmung, beim Versagen des Fürsten die auswärtigen Geschäfte zu übernehmen. Amazon.de Widgets Nach Wien zurückgekehrt, kümmerte ich mich sogleich um das Schicksal der akademischen Akten. Ich hörte, sie seien bei Graf Sedlnitzky und bat Graf Kolowrat um ihre Betreibung. Er sagte mir, dies könne nur Erzherzog Ludwig tun. Ich wartete ihm auf und sagte ihm, die Sache liege nun bei Graf Sedlnitzky, worauf er mir lachend antwortete: ?Da wird sie lange liegen bleiben, denn der läßt alles liegen.? ?Das weiß die ganze Stadt,? antwortete ich, ?aber deshalb komme ich zu Eurer Kaiserlichen Hoheit und möchte bitten, daß Sie ihn mahnen, seines Amtes zu handeln.? Der Erzherzog wunderte sich, daß es in Wien keine anderen Gelehrten gebe, als Professoren. Ich sagte: ?Ja, wenn es nur die alle wären!? ?Wir haben eben keine Leute, eine Akademie zu bilden?, meinte er. ?Wider die zwölf Unterschriebenen werden Hoheit doch keine Einwendungen haben und ernennen Sie einmal die zwölf zu Akademikern, so wird sich aus diesem Kern der Baum mit Zweigen, Blättern und Früchten entwickeln.? 
 XXVI. Die Jahre 1831 bis 1834.  [293] Je mehr ich mich in meinen Briefen an die Gräfin Purgstall darüber beklagte, daß Fürst Metternich mich weder in der diplomatischen Laufbahn noch in der Kanzlei wirklich verwende, daß er mich nicht einmal mit dem Referat und[293] der Aufsicht über die Orientalische Akademie betraue, was doch wirklich kein Gegenstand großen Ehrgeizes, desto weniger fand ich den Fürsten dazu geneigt. Die Gelegenheiten, bei welchen ich dem Fürsten beweisen konnte, wie sehr er durch diese Hintansetzung des ersten Orientalisten Österreichs der Elementarschule der Dolmetsche schade, waren häufig genug. Früher hatte der Hofdolmetsch von Amts wegen den Prüfungen beizuwohnen gehabt, ich wurde nicht einmal dazu aufgefordert. Jetzt war eine Dienstvernachlässigung vorgekommen, über die ich, ohne meine Pflicht als Hofdolmetsch zu verletzen, nicht schweigen durfte. Solange dieses Amt besteht, und also schon bei den ersten Verhandlungen Österreichs mit der Türkei, erfolgten alle Sendungen an die Befehlshaber der türkischen Grenzstationen entweder unmittelbar durch Dolmetsche oder wenigstens mit Beigebung solcher. Dies war ja auch die einzigen Gelegenheiten, bei welchen Dolmetsche nützlich verwendet werden konnten. Alle meine Vorgänger hatten solche Missionen gehabt. Die Durcharbeitung von 200 Bündeln türkischer Akten hatte mich in die genaue Kenntnis dieser Sendungen gesetzt und die vorzüglichsten sind in meiner Geschichte aufgezählt. Vor etwa anderthalb Jahren war von der Erneuerung des Handelstraktates mit Marokko die Rede. Dazu hätte der Hofdolmetsch bevollmächtigt werden, oder mindestens den mit der Erneuerung beauftragten Flottenbefehlshaber Bandiera ein des Arabischen vollkommen kundiger Mann beigegeben werden sollen. Bandiera wurde Herr von Pflügel zugeteilt, der zwar in der Orientalischen Akademie erzogen worden war, aber kein Wort Türkisch und noch viel weniger Arabisch verstand. Ich schlug über diese Wahl die Hände zusammen, sagte aber kein Wort, weil die Ernennung bereits erfolgt war und weil ich den Schein vermeiden wollte, als lege ich besonderen Wert darauf, in so untergeordneter Stellung nach Marokko geschickt zu werden. Die ganze Mission endete mit einem ungeheuren Fiasko, und zwar bloß deshalb, weil Pflügel keine orientalische Sprache ordentlich gelernt hatte. Dem Fürsten blieb dies natürlich nicht verborgen, er nahm zu seiner gewöhnlichen Maßregel seine Zuflucht und ließ Herrn von Pflügel das Kommandeurkreuz[294] des Leopoldordens verleihen, um so das vollständige Mißlingen in einen Erfolg in den Augen des Publikums zu verwandeln. Das Resultat sollte Staatsgeheimnis bleiben und besonders sollte ich nichts davon erfahren. Mein Kollege Brenner ging darin sehr kopflos zu Werk und gab mir die ganze Sache in die Hand. Er gab mir den neuen marokkanischen Traktat, demnach die Österreicher in Marokko den meistbegünstigten Nationen gleichgestellt werden sollten, zur Übersetzung, damit er in die Zeitung kommen könne. Ich verglich die Artikel des neuen mit denen des alten Traktates und fand sie ganz gleichlautend und im neuen auch nicht eine Silbe von dieser Gleichstellung enthalten. Dies zeigte ich sehr erstaunt meinem Kollegen, der mir sehr verlegen sagte: ?Ich habe vergessen, Ihnen den Artikel zu geben, der die Gleichstellung enthält.? ?Wieso? Ein article separé, der nicht im Traktat enthalten ist?? ?Nein, nicht gerade, eine declaration ministerielle, welche volle Kraft des Traktates hat.? Pflügel war, da er kein Wort Arabisch verstand, in Marokko hinters Licht geführt worden. Statt des verhandelten Traktates mit der Begünstigung für die Österreicher war ihm eine mit der alten, ganz gleichlautende Urkunde ausgestellt worden, Pflügel kam mit ihr nach Gibraltar und dort entdeckte ein Jude, welcher die Geschäfte des Kaiserlichen Konsulates führte, den Betrug. Pflügel wagte es nicht, nach Marokko zurückzukehren, er blieb etliche Monate in Gibraltar und versuchte von da aus eine andere Urkunde des verhandelten Traktates mit dem Artikel zu erhalten. Alles was er erreichen und bekommen konnte, war eine ministerielle Erklärung von wenigen Zeilen, daß die Österreicher den bevorzugten Nationen gleichgehalten werden würden. Brenner schlug vor, die ministerielle Erklärung statt des fehlenden Artikels einzuschalten. Ich sagte: ?Fälschen kann die Staatskanzlei nicht, und wenn der Fürst eine Fälschung befohlen hat, ich als Hofdolmetsch gebe mich dazu nicht her.? Dabei blieb es und die Übersetzung des Traktates, die man nach meiner Erklärung nicht zu fälschen wagte, wurde nicht kundgemacht. Amazon.de Widgets Bei einem Mittagmahl beim Fürsten Dietrichstein zog mich der Obersthofmeister des Herzogs von Reichstadt wegen[295] eines arabischen Talisman zu Rate, den der Kaiser dem Herzog schenken wollte. Damals war es Mode, Ringe als Uhrgehänge zu tragen, ich schlug ihm eine Inschrift nach der anderen vor. Aber für keinen der Sprüche konnte sich der Graf entscheiden; endlich bestimmte ihn seine Tochter zur Annahme des Spruches: ?Besteige das Pferd und traue auf Gott.? Ich will gleich das Weitere, was mir über das Schicksal dieses Talisman bekannt wurde, berichten. Ein Karneol wurde zu Konstantinopel mit dem Spruch gestochen und als Siegelring gefaßt, den der Kaiser dem Herzog schenkte. Ein Jahr nach dem Tode des Herzogs zeigte mir der Expeditor der Staatskanzlei ein eben aus dem Kabinette des Kaisers für den Fürsten Metternich eingelangtes Handschreiben, welches nicht mit dem gewöhnlichen kleinen Handsiegel, sondern mit einem orientalischen geschlossen war. Ich erkannte sofort das Siegel des Herzogs von Reichstadt, das sich der Kaiser als Andenken behalten hatte. Ich hatte um eine Audienz beim Kaiser gebeten, um ihm ein Exemplar der gegen Ende des Jahres 1831 fertig gewordenen persischen Übersetzung des Marcus Antoninus zu überreichen und erhielt sie nicht am gewöhnlichen Audienztage (Mittwoch), sondern Sonntag, den 11. Dezember. Mein Diener trug mir den Quartband nach und da es schon eilig war, gab ich im Vorzimmer dem Diener meinen Mantel, nahm das Buch statt des Hutes unter den Arm und wurde sofort vom diensttuenden Kämmerer zum Kaiser vorgelassen. Ich überreichte das Buch dem Kaiser, der es sehr gnädig annahm, darauf zeigte ich ihm einen Brief des Grafen Apponyi mit der Nachricht, daß mir der König die französische Ehrenlegion verliehen habe. Als ich mich zurückzog, merkte ich, daß ich den Hut nicht in der Hand hatte, und suchte ihn. Der Kaiser sagte: ?Was suchen Sie?? ?Meinen Hut, Majestät.? ?Sie haben ja gar keinen mitgebracht? ? ganz verwirrt ging ich hinaus. Auch der Kämmerer hatte nicht bemerkt, daß ich statt des Hutes nur das Buch unter dem Arme trug. Dies gab reichlich Stoff, über mich zu lachen. Der schwedische Gesandte Graf Löwenhjelm sagte mir: ?Trösten Sie sich, meinem Oheim, dem Obersthofmeister der Königin, ist noch Ärgeres passiert. Eines Tages, es war Hoftrauer, ging er[296] ganz schwarz gekleidet zu der Königin und trug, da es Winter war, Überschuhe. Im Vorzimmer zog er diese aus und in der Eile mit ihnen die niederen Schuhe, er merkte es nicht und ging zur Königin. Zum Unglück waren den seidenen Strümpfen unten weiße Socken angestrickt, und die Königin konnte sich kaum des Lachens enthalten, als sie ihren Obersthofmeister so sah.? Graf Saurau war am 9. Juni 1832 am gleichen Tage wie Gentz gestorben, die Nachricht vom Tode des letzteren, der um 9 Uhr früh verschied, erhielt ich im Bureau. Nach dem Tode von Gentz wurde Jarcke von Berlin berufen, um als Publizist und Organ der Politik Metternichs für den ?Beobachter? und die ?Allgemeine Zeitung? zu schreiben, seine langweiligen und schwerfälligen Artikel befriedigten die Leser aber ebensowenig wie den Fürsten. Zugleich mit Jarcke war für die deutschen Geschäfte der Legationsrat Baron Werner von Berlin als Hofrat in die Staatskanzlei berufen worden. Aus dem Auslande erhielt ich in diesem Jahre einige Auszeichnungen: die Ehrenlegion, den Annenorden mit Brillanten und das Kommandeurkreuz des Danebrog-Ordens. Als erster Österreicher erhielt ich die Ehrenlegion nicht mit dem Bilde Napoleons, sondern mit dem Heinrichs IV. Mehr als durch den Tod von Gentz und Saurau wurden die Stadt und der Hof durch den des Herzogs von Reichstadt betroffen. Die Kaiserin Marie Louise und der Obersthofmeister Graf Dietrichstein verteilten Andenken an ihn, ich hoffte auch eines zu bekommen, wollte aber um keines bitten, ich war dem Grafen ohnehin schon sehr verbunden dafür, daß er die 200 orientalischen Handschriften, die ich zur Verfassung der osmanischen Geschichte gebraucht hatte, um tausend Dukaten für die Hofbibliothek ankaufte. Im September fand die Versammlung der Naturforscher in Wien statt, ich ließ mich unter die Geographen einschreiben. Am 25. September fand eine große Lustfahrt nach Laxenburg statt, bei welchen die Damen in kaiserlichen Wagen im Park herumgeführt wurden. Unter einem großen Zelt war eine große Tafel gedeckt, und ich befand mich eben[297] in dem engen Raum der an der Seite führenden Galerie, als mir Fürst Metternich entgegenkam. Vor einigen Tagen hatte ich ihn auf der Treppe des Universitätssaales um Urlaub nach Steiermark gebeten, den er mir sofort bewilligt hatte. Nun traf ich ihn mit der Fürstin, seiner Tochter und Baron Werner. Der Fürst sprach mich freundlich an und blieb stehen. Ende September trat ich meinen Urlaub nach Steiermark an, in Hainfeld traf ich die Gräfin Fresnel, die der schon bettlägerigen Gräfin Purgstall Gesellschaft leistete. Nun besuchte ich den Salon des Fürsten manchmal wieder, in sein Kabinett zu gehen, konnte ich mich um so weniger entschließen, als trotz meiner jahrelangen Vorstellungen über die Notwendigkeit der Reform der Orientalischen Akademie, der ich einen tüchtigen, der orientalischen Sprachen mächtigen Direktor vorgesetzt wünschte, wozu ich den Klosterneuburger Chorherrn Andreas Nock vorgeschlagen hatte, auf einmal ein ganz unbekannter Geistlicher, namens Rauscher, zum Direktor ernannt worden war. Er kannte nicht einmal ein orientalisches Alphabet und hatte sich sogar vom Studium des Griechischen dispensieren lassen, als er Theologie studierte. Lange konnte ich mir diese Wahl nicht erklären, bis ich bei der vereinigten Hofkanzlei erfuhr, daß Rauscher der Referent der Jesuiten sei und deren Geschäfte besorge. Um den Referenten immer bei der Hand zu haben, hatte Metternich ihn ohne jede Rücksicht auf die Sache und den Dienst diese Stelle verliehen. Rauscher und Jarcke wurden von nun an die vertrauten Räte des Fürsten in geistlichen Angelegenheiten, besonders in der Sache der gemischten Ehen, und konferierten mit ihm wöchentlich mehrmals, zumeist von vier bis fünf, unmittelbar vor der Tafel. Rauscher besuchte mich, ehe ich wußte, daß er Jesuiten-Referent, hätte ich es gewußt, so hätte ich ihn entweder gar nicht oder ganz anders empfangen. Ich sagte ihm ganz offen, daß ich an seiner Stelle und bei seiner Unkenntnis orientalischer Sprachen den Posten gar nicht angenommen hätte ? er antwortete, daß er ihn nur als einen Übergang betrachte. Das ganze Jahr 1833 hindurch beschäftigte ich mich mit dem Drucke des Gedichtes ?Rose und Nachtigall?, zu[298] dessen Umschlag mir meine Freundin Kudelka die Zeichnung einer Rose und Nachtigall geliefert hatte. Ich bat um die Erlaubnis, dieses Gedicht der Erzherzogin Sophie zueignen zu dürfen. Ich brauchte nicht zu fürchten, daß diese Bitte als eine eigennützige und in der Hoffnung auf ein Geschenk gestellte ausgelegt werden könne. Ich hatte auf die Druckkosten dieses Werkes die hundert Dukaten verwendet, die ich von der Berliner Akademie für die Preisschrift ?Über die Länderverwaltung des Kalifates? erhalten hatte. Daher setzte ich auf das Titelblatt den Abdruck eines arabischen Siegels, dessen Inhalt der Spruch Montenebbis: Mein Begehren ist nicht Gold, Um des Klanges mich zu freuen, Sondern Ruhm und Ehrensold, Der sich immer soll erneuen. Amazon.de Widgets Dasselbe Siegel setzte ich später noch anderen Werken vor, die auf meine Kosten gedruckt wurden. Wenn ich auch für die Zueignung der ?Rose und Nachtigall? keinerlei Geschenk erwartete und daher durch das nach dem Erscheinen im folgenden Jahre von der Frau Erzherzogin mir für meine Tochter zugesandte ?Kropfgeschmeid? einer goldenen Kette angenehmst überrascht wurde, so wurde ich ebenso unangenehm für das auf Veranlassung Ottenfels an den Sultan gesandte Prachtexemplar der persischen Übersetzung Marcus Antoninus enttäuscht. Ich hatte gedacht, Ottenfels werde mir als Anerkennung meiner Verdienste als Orientalist den vor kurzem vom Sultan gestifteten ?Nischan el Ifikar?, das ?Ehrenzeichen der Berühmung?, mitbringen, aber selbst darin enttäuschte er mich. Ich fuhr mit meinem Freunde, dem Grafen Auersperg, nach Hainfeld, am nächsten Sonntag wollte ich zurück sein. In Hainfeld erzählte die Gräfin von dem Hexenprozeß, der sich in ihrem Archiv befände. Seit 20 Jahren kam ich nach Hainfeld und hatte nie von einem Archiv gehört. Ich fragte, wo es denn sei, ich meinte doch das ganze Schloß zu kennen. ?Unter dem Dach, auf dem Boden?, sagte die Gräfin, mit gewohnter Ruhe. Wir gingen sofort hinauf und fanden in einem gewölbten Dachzimmer wirklich ein großes Archiv. Es war lange nicht besucht worden, nicht einmal die Schlüssel[299] der Schränke waren zu finden und wir mußten sie aufsprengen. Das erste Bündel Schriften, auf welches Graf Auersperg die Hand legte, war das des Hexenprozesses. Gern wäre ich in diesem Jahre früher als im Oktober nach Hainfeld gegangen, mich hinderte daran die Anwesenheit zweier türkischer Botschafter, der eine reiste nach Frankreich, der andere nach England. Namil Pascha war der in europäischer Sitte gebildetste Türke, den das diplomatische Korps der Pforte aufzuweisen hatte, er war für England bestimmt und schon Ende des Jahres 1833 durch Wien gekommen. Da er sehr gut französisch sprach, bedurfte er des Hofdolmetsch nur wenig, und der Fürst konnte ohne diesen unmittelbar mit ihm verkehren. Der nach Paris bestimmte Botschafter, den der Sohn des Fürsten Vogorides begleitete, der Vater war Pfortendolmetsch, wurde von mir zur Audienz beim Staatskanzler geführt, der auch Ottenfels als Staatsrat-Vorsteher beiwohnte. Der Hofdolmetsch ist nicht nur der Einführer der Botschafter bei Hof, sondern auch ihr gastfreundlicher Begleiter während ihres Aufenthaltes und das Organ ihrer politischen Verhandlungen mit dem Minister. Ottenfels erinnerte den Fürsten nach den ausgetauschten zeremoniellen Komplimenten an das noch zu verhandelnde Geschäft. Der Botschafter begab sich in das Kabinett des Fürsten und ich konnte, zum Mitkommen nicht aufgefordert, abziehen. Hätte ich meinem aufbrausenden Unwillen über die Verletzung meiner Amtsverrichtung Gehör geschenkt, ich würde dagegen protestiert und Klage erhoben haben, aber ich hatte mir fest vorgenommen, so lange zu schweigen, als es mit meiner Amtsehre verträglich, und da dieser Vorfall sich im Kabinett des Fürsten abspielte, konnte ich mich nicht öffentlich gekränkt und beleidigt fühlen. Anfang Oktober eilte ich nach Hainfeld, wo mich meine nun schon seit zwei Jahren bettlägerige Freundin mit um so größerer Freude empfing, als sie das Haus voll englischer Gäste hatte. Bald nach meiner Rückkehr nach Wien traten große Änderungen in den höchsten Ämtern und Würden des Hofes ein. Graf Kolowrat mußte dem Fürsten Metternich den Hofkammerpräsidenten[300] Klebelsberg opfern, wofür dieser mit dem Großkreuz des Leopoldsordens und fünfzehntausend Gulden jährlicher Pension entschädigt wurde. Die Grafen Apponyi, Rewiczky und Dietrichstein erhielten das Goldene Vließ und Dietrichstein wurde außerdem Obersthofmeister der Kaiserin. Man erwartete, daß er die Präfektur der Hofbibliothek niederlegen würde, aber er suchte so viele Ämter als nur möglich anzuhäufen. Die Folge davon war, daß er nur selten und kurz in der Bibliothek erschien und daß während der zwanzig Jahre seiner Verwaltung nichts für den Materienkatalog geschah. Zu Ende des Jahres begann ich die ?Geschichte der goldenen Horde? zu schreiben. 
 XXXIV. Das Jahr 1847. Die Akademie gegründet.  [370] Das Jahr 1847, in welchem die Akademie der Wissenschaften durch die Statuten und Wahlen endlich ins Leben trat, war für mich das akademische. Schwerlich hat eines der Mitglieder sich die Mühe gegeben, die ganze Entwicklung der so lange Zeit brauchenden Gründung aufzuzeichnen, kaum eines dürfte davon besser unterrichtet sein als ich. Darum hielt ich es für meine Pflicht, nichts von alldem, was in neunjähriger Schwangerschaft die Geburt der Akademie[370] förderte oder hemmte, zu verschweigen und damit eine glaubwürdige Urkunde dieser Geburt zu hinterlassen. Am 15. Mai hatte die Hofkanzlei das vom Kaiser unterschriebene Patent der Akademie-Errichtung erhalten, Graf Kolowrat verständigte mich davon am nächsten Morgen. Ihm folgte eine Ankündigung mit dem Wortlaute: ?Seine Majestät haben der Akademie gnädigst zu gestatten geruht, außer dem Präsidenten und den Sekretären diesmal auch den Vizepräsidenten aus ihrer Mitte zu wählen.? Mit Ettingshausen, Auer, Chmel, Arneth und Wolf hatte ich stundenlange Unterredungen. Von letzterem, der seiner Wahl zum Sekretär der philologischen Klasse ziemlich sicher sein konnte, erfuhr ich, daß Baron Münch als Präsenzgeld für die Sitzungen einen Souverain d'or bestimmt wünsche, was in den Statuten nicht enthalten war. Meiner Ansicht nach konnten die besoldeten Beamten der Akademie nicht auch noch auf Präsenzgelder Anspruch erheben. Am 26. Mai kam Auer, kurz nach ihm Palacky zu mir. Ich kannte ihn aus Endlichers Abendgesellschaft und hatte mit ihm wegen der Nachforschungen im Raudnitzer Archiv für die Lebensbeschreibung Khlesls korrespondiert. Er war auf die Nachricht, daß die Statuten der Akademie erschienen seien und daß die Akademie nicht eine auf Wien allein beschränkte, sondern alle Länder umfassende sei, von Prag gekommen, um sich mit uns über die nächsten Schritte zu besprechen. Er schlug vor, die in Wien anwesenden Mitglieder zu einer allgemeinen Besprechung zu mir zu bitten. Ich fand den Vorschlag sehr zweckmäßig und lud für den 30. Mai Baumgartner, Ettingshausen, Arneth, Wolf, Chmel, Grillparzer, Hügel, Auer und Endlicher zu mir. Endlicher teilte mir am nächsten Tage mit, Fürst Metternich sei durch Hügel von dieser Besprechung unterrichtet worden, er nehme sie sehr übel, und es wäre besser, wenn ich die Einladung widerriefe. Dies erschien mir ganz unglaublich, und ich sagte nicht ab, ich konnte mir nicht träumen lassen, daß Hügel diese Zusammenkunft dem Fürsten als Wahlumtrieb dargestellt hatte. Am nächsten Tage bekam ich ein offizielles Schreiben des Obersten Kanzlers, das mir die Zusammenkunft abzusagen riet. Ich widerrief sofort die Einladung.[371] Acht Tage später gab Hügel ein Mittagmahl, zu dem er alle in Wien anwesenden Akademiker einlud. Ich lehnte dankend ab. Nach dem Essen bei Fürst Dietrichstein fuhr ich nach Hietzing, wo ich noch einige Zeit warten mußte, bis sich die Gesellschaft vom Mahle erhob. Endlicher und Grillparzer hatten sich auch entschuldigt. Über die vom Fürsten Metternich untersagte Besprechung und das von ihm gebilligte Mittagessen berichtete ich dem Erzherzog Johann, zugleich machte ich einige Bemerkungen über die Mängel der Statuten und bat dringend um die Ausschreibung der Wahlen. Amazon.de Widgets Am 27. Mai um elf Uhr erschien der Erzherzog im Polytechnischen Institut, um den Wahlen vorzusitzen. Ihm zur Rechten saß Pyrker, zur Linken ich. Mit sechzehn von dreiundzwanzig Stimmen wurde ich zum Präsidenten gewählt, Baumgartner bekam fünf, Hügel gar nur zwei Stimmen. Endlicher hatte erklärt, die Stelle des Generalsekretärs nicht anzunehmen, so wurde Ettingshausen zum ersten, Wolf zum zweiten Sekretär gewählt. Baron Hügel war sichtlich betroffen. Noch am gleichen Abend reiste der Erzherzog nach Graz ab. Mit Endlicher hatte ich einige Unterredungen, er wollte die Grenzen der Wirksamkeit des Präsidenten weiter gezogen wissen und wünschte, daß dieser in beiden Klassen den Vorsitz führe, dagegen protestierte ich, dies setzte einen in den Wissenszweigen beider Klassen gleich gebildeten Mann voraus, außer ihm selbst kannte ich keinen solchen. Die Zumutung, daß er damit auf sich selbst anspiele, lehnte er energisch ab. Sonst hatte ich über die Wahl selbst mit niemandem und über nichts gesprochen, um so mehr freute mich ihr Ausgang. Sobald ich meine Bestätigung als Präsident durch die ?Wiener Zeitung? erfahren hatte, meldete ich mich beim Fürsten Metternich, um mit ihm über die nun zu entwerfende Geschäftsordnung zu sprechen. Die Audienz dauerte über eine Stunde, denn er sprach von allem Möglichen und ich mußte Pausen erhaschen, um ein Wort anzubringen. Das Wesentlichste, worüber ich eine Erklärung haben wollte, war die Zensur. Ich hatte den gedruckten Auszug aus den bestätigten allgemeinen Statuten der russischen Universitäten bei mir und wies ihm die[372] Stelle: ?Die Universitäten haben ihre eigene Zensur für die von ihnen und ihren Professoren herausgegebenen Dissertationen und anderen Schriften gelehrten Inhaltes. Diese Zensur hält sich an die Regeln des allgemeinen Zensurstatutes.? Er gestand das Erfordernis, daß auch die Akademie nicht der Zensur unterstehe, zu und wies mich an, diese Stelle dem zu erstattenden Vortrage beizulegen und um die Allerhöchste Befreiung der Akademie von den bestehenden Zensurgesetzen zu bitten. Fürst Dietrichstein hatte meine ihm angebotene Zueignung der ?Lebensgeschichte des Kardinals Khlesl? abgelehnt. Nach dieser Ablehnung hatte ich beschlossen, bei der Zensur die Zueignung mit folgendem Wortlaute einzugeben: ?Der künftigen Akademie der Wissenschaften zugeeignet.? Daß diese Widmung nicht erledigt werden würde, wußte ich, mein Zweck war bloß, daß Graf Sedlnitzky deshalb bei Fürst Metternich anfrage und diesem so die damals noch nicht zu erwartende Kundmachung der Statuten und die Ernennungen ins Gedächtnis bringe. Jetzt konnte ich das Werk der wirklichen Akademie zueignen, was ich auch tat. Nun lautete die Widmung dem Text der Statuten gemäß ?An die K.K. Akademie der Wissenschaften?. In einer Unterredung mit Fürst Metternich erklärte dieser dies als unrichtig. Dem Geiste der Stiftung gemäß dürfe es bloß ?Kaiserliche Akademie? heißen. Ich hatte in der Folge große Mühe, meinen Kollegen im Vorstand, nämlich Baumgartner, Ettingshausen und selbst meinen Freunden wie Auer begreiflich zu machen, die fest auf dem K.K. hielten und trotz der positiven Erklärung des Fürsten Metternich von einer Kaiserlichen Akademie nichts hören wollten. Ebenso schwer war es mir mich mit meinen Kollegen über die Zensurfreiheit zu verständigen, obwohl ich ihnen die beruhigende Äußerung des Fürsten mitteilte. Wolf hielt es für unmöglich, daß die Akademie nicht der Zensur der Polizeihofstelle unterworfen sei, Ettingshausen schwankte zwischen meinem im Sinne der Weisung des Fürsten eingereichten Vorschlag, um eine Allerhöchste Entschließung mit Berufung auf die Zensurfreiheit anderer Akademien und der russischen Universitäten zu bitten und dem seines Schwagers Baumgartner,[373] sich um die Polizei gar nicht zu kümmern, sondern ohne sie zu fragen zu drucken, was um so leichter sei, als die Staatsdruckerei in allem, was aus ihren Pressen hervorging, der Zensur nicht unterworfen sei. Dies schien ausführbar, aber der Präsident konnte unmöglich zugeben, daß die bestehenden Gesetze auf diese Art umgangen würden. Ich hatte an den Erzherzog die Äußerung des Fürsten berichtet, zugleich, wie sehr es den Geschäftsgang hemmen würde, wenn die Akademie, wie es in den Statuten gesagt war, nur im Umwege über den Kurator mit den Amtsstellen verkehren dürfte. Dies war eines der wichtigsten Versehen der von Graf Münch ausgearbeiteten Statuten. Der Erzherzog antwortete mir aus Vordernberg und Aussee über das Ergebnis der ersten über die Geschäftsordnung am 14. Juli abgehaltenen Sitzung, in welcher Endlicher die Bearbeitung des Entwurfes der Geschäftsordnung durch die gesamten Mitglieder zur Sprache gebracht hatte. Ich stimmte für die Mitteilung des von den Wiener Mitgliedern gemachten Entwurfes zur Begutachtung an die Abwesenden und in diesem Sinne lauten auch die Weisungen des Erzherzogs an den Vorstand. Mit der Zeit entwickelte sich in der Akademie ein Triumvirat, das sich gegen alles wendete, was vom Präsidenten kam und von ihm vorgeschlagen wurde, es bestand aus den drei Schwägern: Baumgartner, Ettingshausen und Schrötter. Sie verfolgten von allem Anfang an den Plan, eines Tages die Akademie als Präsident, Vizepräsident und Generalsekretär zu beherrschen. Alle drei gehörten der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse an und in dieser war nicht ein einziges Mitglied, das Mut und Charakter genug gehabt hätte, sich ihnen zu widersetzen. Endlicher freilich setzte ihnen seine Ansichten standhaft entgegen, aber er gehörte zur philologisch-historischen Klasse. Nach einem Dutzend Sitzungen, welche vom 14. bis zum 28. Juli stattfanden, war der erste Entwurf der Geschäftsordnung endlich am 28. August gedruckt und den sechsunddreißig Mitgliedern, die nicht in Wien waren, zugeschickt, und es wurden ihre Bemerkungen dazu bis zum 1. Oktober erbeten.[374] In der ersten Sitzung nach den Ferien, am 2. Oktober, wurden vom Generalsekretär die von den Mitgliedern eingelangten Bemerkungen über den Entwurf der Geschäftsordnung verlesen und die verschiedenen Punkte besprochen. Nicht alle sechsunddreißig hatten geantwortet, kein einziges ungarisches und nur wenige italienische Mitglieder. Auch über die Zulassung von Fremden zu den Sitzungen wurde debattiert, wofür sich Baumgartner, Schrötter, Haidinger und ich aussprachen, Grillparzer und Münch sich entschiedenst dagegen erklärten. Von nun an fanden die Sitzungen der Akademie jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag in einem von der Hofkammer auf Kosten des Ärars recht anständig hergerichteten Lokale des Polytechnischen Institutes statt. In den folgenden Sitzungen des Oktober stellten sich bei der Debatte über die Zensur dreierlei Meinungen heraus. Die, daß die Schriften der Akademie der bestehenden Zensur unterliegen müßten, wurde vom Zensor Wolf, Regierungsrat Prechtl, einem eingefleischten Beamten, und merkwürdigerweise auch von Grillparzer verfochten, von diesem aus dem sonderbaren Grunde, weil die Selbstzensur der Akademie strenger sein könnte als die der Polizeihofstelle. Baumgartner und Ettingshausen behaupteten, man könne drucken, ohne sich um die Zensur zu kümmern, während ich der Weisung des Fürsten Metternich genügen wollte und die Notwendigkeit eines Berichtes an den Kurator vertrat. Sogar Freiherr von Hügel sprach sich gegen die Weisung des Fürsten aus. ?Meine Herren,? sagte ich, ?bei einer solchen Zerspaltung der Meinungen bleibt mir als Präsident nichts übrig als die meine, daß die Akademie nicht der Zensur der Polizeihofstelle, sondern nur der eigenen unterstehen könne. Es muß daher, der Weisung des Fürsten Metternich gemäß, um die Allerhöchste Ausnahme gebeten und diese Ansicht in einem Separatvortrag vorgelegt werden.? Man bestritt dem Präsidenten das Recht, einen Separatvortrag zu erstatten. Auf die Statuten des Lombardischen Institutes gestützt, worin von der Verantwortung des Präsidenten ausdrücklich die Rede ist, sagte ich, daß ich mir dieses Recht nicht nehmen lasse und an den Erzherzog berichten werde. Ettingshausen kam zu mir und[375] erklärte mir auf die unverständlichste Art, daß es um das Ansehen des Präsidenten geschehen sei, wenn er eine von der Akademie abweichende Meinung habe und vertrete, er werde mich bald höchsten und hohen Ortes, bei den Erzherzogen Johann und Ludwig und den Ministern Metternich und Kolowrat um allen Kredit bringen. Ich entgegnete ganz ruhig, ?Drohungen sind nicht geeignet, meine Handlungsweise zu ändern?. Am folgenden Tage kam er wieder: ?Wenn Sie Ihre Meinung nicht ändern, muß ich wohl, um weitere Spaltungen zu verhindern, meinen Einfluß auf die Mitglieder ausüben und sie zum Umsatteln bewegen.? Amazon.de Widgets Die teilweisen Änderungen, welche der Erzherzog auf meinen Vorschlag hin in dem Entwurfe der Geschäftsordnung vorgenommen, machten neue Beratungen über die Textierung notwendig. Eigentlich hätte die wirkliche Tätigkeit der Akademie nicht vor der feierlichen Eröffnung beginnen sollen. Manche Mitglieder meinten, eine feierliche Sitzung sei ganz überflüssig, die Mehrzahl war dafür, die Tätigkeit zu beginnen, ohne diese abzuwarten. In dem zurückgekommenen Entwurfe der Geschäftsordnung war der Paragraph, welcher die Zulassung von Fremden gestattete, von Fürst Metternich (wie mir Pratobevera sagte) eigenhändig gestrichen worden. Ich fragte daher in einem Berichte an den Kurator, ob die Akademie ihre Tätigkeit aufnehmen könne und ob die Weglassung dieses Paragraphen nicht so auszulegen sei, daß bloß ein allzu großer Andrang von Fremden vermieden werden solle. Der Erlaß des Erzherzogs bestätigt beides. In den ersten Monaten des Jahres, solange ich mich in der Stadt aufhielt, diktierte ich morgens die langen und mühevollen Auszüge aus Rückerts Hamasa und Amrikais. Da ich mich selbst früher viel mit Hamasa beschäftigt hatte, sah ich mich gezwungen, der Übersetzerwillkür Rückerts, der oft den Sinn dem Reime opfert und die Araber rückertisiert, in den Jahrbüchern der Literatur entgegenzutreten und seinen Versen die meinen entgegenzustellen. Noch gewissenloser ist er mit dem Makamat Hariris umgegangen, Geist und Form sind in der Nachbildung trefflich wiedergegeben, aber eine treue Übersetzung ist es nicht, er hat[376] nicht nur die Reihenfolge geändert, hat ein Makamat in die andere übertragen, einige ausgelassen und statt der arabischen Rätsel und Wortspiele von ihm selbst erfundene unterschoben, sondern auch viele Stellen ganz übergangen und immer dem Reime die Treue des Sinnes geopfert. Ich habe mir die Mühe genommen, die Übersetzung mit dem Originale zu vergleichen und habe die Überwindung der Sprachschwierigkeiten ebenso bewundert, wie mich über die Übersetzung geärgert. Dann trat an Stelle der Hamasa das Lesen Jelimes, der großen Blumenallee Scalabis. Aus ihr und aus anderen arabischen Dichtern, die ich von der Leydener Bibliothek geliehen bekam, machte ich Auszüge für mein Werk. Aber auch zu meiner letzten historischen Arbeit, Khlesls Lebensgeschichte, mußte ich noch vieles nachtragen, da sich mir bisher unbekannte Quellen öffneten, die eine das Graf Collaltosche Archiv zu Pyrnitz, in welchem Khlesls Briefwechsel mit dem Hofkriegsratspräsidenten Freiherrn von Molart gefunden wurde. Grillparzer gab mir die frohe Kunde, daß er einige hundert, meist autographische Schreiben zufälligerweise im Hofkammerarchiv, das ich schon für erschöpft hielt, gefunden habe. 
 XXXIII. Die Jahre 1845 und 1846.  [351] Die sieben Wochen meines Aufenthaltes in Hainfeld verflossen mit dem Schreiben meiner Erinnerungen, Lesen, Spaziergängen und Fahrten, wie gewöhnlich. Die ?Allgemeine Augsburger Zeitung?, die ich regelmäßig mit großem Interesse las, hatte in der Einsamkeit des Landes doppelten Wert, der Bericht Neumanns über die erste Versammlung der Orientalisten, in welcher die Gründung einer Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft beschlossen worden war, regte mich sehr auf. Ich beschloß bei meiner Rückkehr nach Wien dem Fürsten Metternich, dem Grafen Kolowrat und den Erzherzogen Karl und Ludwig davon zu sprechen und alles aufzubieten, damit Österreich daran teilnehme und der Sitz nach Wien verlegt werde. Ich fand rege Anteilnahme bei Erzherzog Karl und Graf Kolowrat, aber nicht den Willen, dafür etwas zu tun. Bei dieser Gelegenheit sprach ich auch wieder von der Akademie der Wissenschaften, hatte aber auch keinen Erfolg. Anlaß dazu gab mir die Festrede in der Berliner Akademie, in welcher auf Österreichs[351] Mangel einer Akademie geringschätzige Seitenblicke fielen. Ich nahm auch bei der Kaiserin-Witwe Audienz, der ich meine ?Zeitwarte des Gebetes? und Saleris Schriften über die Erziehungsanstalten Brescias brachte und bei der Gelegenheit die größten Wahrheiten unumwunden sagte. Die Audienz dauerte über eine halbe Stunde. Beim Obersten Kanzler, dem Grafen Inzaghi, und dem Hofkanzler, dem Freiherrn von Pillersdorf, brachte ich auch wieder die Akademie in Anregung und suchte diese beiden Herren zur Erstattung eines Vortrages um eine Allerhöchste Entschließung zu bewegen, durch welche die schon seit Jahren im Pulte des Fürsten Metternich verschlossenen Akademieakten zum Vorschein gebracht würden. Am 25. November sagte mir Endlicher, er sei zum Fürsten bestellt worden, ich hoffte schon, daß meine Schritte nicht wirkungslos geblieben seien. Später erzählte mir Endlicher, der wegen einer anderen Sache berufen worden war, daß Fürst Metternich, als er von der Akademie anfing, ihn mit der Antwort, er beschäftige sich eben damit, kurz abgefertigt habe. Am Neujahrstage 1845 wollte ich den Fürsten Metternich persönlich um eine längere Audienz in betreff der in Deutschland neu zu gründenden Orientalischen Gesellschaft bitten. Nach der Aufwartung der Staatskanzlei und den gewöhnlichen Glückwünschen blieb ich zurück, um mit dem Fürsten noch ein paar Worte allein zu sprechen. Ottenfels war schon an der Türe, als er sah, wie ich mich dem Fürsten näherte, eilte er zurück und stellte sich zwischen dem Fürsten und mich. Da ich keine Ursache hatte, das, was ich wünschte, in seiner Gegenwart zu verhehlen, bat ich um eine längere Audienz, und der Fürst bestimmte die Mittagsstunde des nächsten Samstag. Er empfing mich sehr freundlich, ließ mich niedersetzen und begann, nachdem ich ihm die mir von Fleischer, Flügel und Wüstenfeld über die Gründung der Morgenländischen Gesellschaft in Deutschland geschriebenen Briefe vorgelegt, sogleich ein weitläufiges Gespräch, in dem er alleiniger Redner war. Er sagte, die Leute, welche die Gründung einer Morgenländischen Gesellschaft irgendwo anders als in Wien vorschlügen, wüßten nicht, was sie wollten. Sie verstünden das Praktische der Sache nicht. Ich[352] setzte alle Gründe auseinander, welche die Regierung bewegen müßten, der Morgenländischen Gesellschaft eine namhafte Unterstützung zuzuwenden, ihr einen Ort und die Staatsdruckerei zum Drucke der Zeitschriften und anderer Werke freizugeben, usw. Der Fürst erklärte sich mit allem einverstanden und trug mir auf, in diesem Sinne einen Vortrag aufzusetzen und vorzulegen. Ich fügte hinzu, daß Endlicher und ich uns als Abgeordnete zu der im Herbst stattfindenden Versammlung am besten eignen würden, vorderhand müsse freilich die Allerhöchste Genehmigung eines zu erstattenden Vortrages Geheimnis bleiben und erst die Versammlung dürfe damit überrascht werden. Es wäre aber zweckmäßig, die Gesandten in Dresden, München und Berlin und den Generalkonsul in Leipzig zu beauftragen, daß sie den großen Anteil, den Österreich an der Gründung nehme, den Orientalisten bekanntgeben. Auch dies fand der Fürst zweckmäßig und trug mir die Aufsätze dieser Weisungen auf. Wir trennten uns in heiterster Stimmung, ich war vergnügt über das, was ich zur Unterstützung der Morgenländischen Gesellschaft und zur Ehre der österreichischen Regierung erreicht hatte, der Fürst darüber, daß er mich, was ich damals freilich nicht wußte, auf diese Weise dupiert hatte. Ich hatte damals noch keine Ahnung von seinem Verfahren, das er seit einiger Zeit eingeschlagen hatte, um sich lange Unterredungen über Gegenstände, die nicht in seiner Politik lagen, zu ersparen und die Bittsteller mit leeren Hoffnungen hinzuhalten. Er ging auch auf den Vorschlag ein, trug auf, einen Vortrag zu machen, den er vidierte, ins reine schreiben ließ und dann behielt, ohne ihn jemals zu erstatten. Ich machte also den Vortrag und die Weisungen an die Gesandten in Deutschland und sandte beide an den Fürsten. Den neuen Kustos der Hofbibliothek, Freiherrn von Münch (als Dichter unter dem Namen Halm berühmt), kannte ich nicht, ging also zu ihm auf die Hofbibliothek und sprach die Hoffnung aus, daß er sich in Hinkunft ebenso für die Wissenschaften wie bisher für die Kunst interessieren werde. Ich bat ihn, sich den Bemühungen um ein Zustandekommen einer Akademie der Wissenschaften anzuschließen, seinen Oheim günstig dafür zu stimmen und zu einer Unterredung[353] mit Fürst Metternich zu bewegen. Er versprach es, setzte aber hinzu, daß er seinen Oheim der Sache nicht günstig glaube. Mehrere Wochen sah und hörte ich nichts von ihm, ich ging also wieder auf die Hofbibliothek und erfuhr, daß sein Oheim es nicht auf sich nehmen könne, für die Akademie zu sprechen, dies sei ein dem Fürsten mißliebiger Gegenstand. Am 1. Januar 1845 schrieb ich an den Fürsten und legte ihm die Antwort Fallmerayers vor, dem ich über den Plan, die Morgenländische Gesellschaft nach Wien zu ziehen, geschrieben hatte. Gegen diese Verlegung nach Wien wurde der Anstand der Zensur geltend gemacht. Dies war der erste von sieben Briefen, die ich im Laufe von sieben Monaten an den Fürsten Metternich schrieb und auf die ich weder eine mündliche noch eine schriftliche Antwort bekam. Auch die Beilagen dieser Briefe bekam ich nie zurück. Das Schweigen auf den ersten dieser sieben Briefe ließ mich übles ahnen, sowohl über den Erfolg meiner Bemühungen wie über die Aufrichtigkeit des Fürsten. Nachdem schon der Erfolg meiner für die Orientalische Gesellschaft gemachten Schritte zweifelhaft war, fuhr ich fort, die Kenntnis orientalischer Literatur durch meine eigenen Arbeiten zu fördern. Ich arbeitete an der ?Geschichte arabischer Literatur?, deren reichste und beste Quelle die Fihris und die Lebensbeschreibungen berühmter Männer von Ibn Chabikan. Eines Tages wurde mir der Besuch Bauernfelds gemeldet, er kam zu mir, um eine Besprechung in Sachen der Zensur, welche bei mir einen der nächsten Abende stattfinden sollte, zu veranlassen. Ich erklärte mich dazu bereit, stellte aber die Bedingung, daß ich, da meine Wohnung für eine große Anzahl von Interessierten zu klein, nur solche Literaten oder wissenschaftliche Männer bitten brauche, die sonst zu mir gekommen oder gute Bekannte von mir waren. Graf Auersperg (Anastasius Grün) besuchte mich und besprach mit mir den Vorschlag Bauernfelds, Zedlitz ließ ich durch meinen Sohn einladen, schriftlich lud ich ein: Endlicher, Jenull, Chmel, Arneth, Castelli, Frankl, Grillparzer, Deinhardstein, Gobbi, Feuchtersleben, Wolf, Krafft, Karajan, Münch, Hügel, Ettingshausen, Stubenrauch, Springer, Heidler, Hye, Neumann, Sommaruga, Löwenthal, Baumgartner,[354] Kraus, Fürst Fritz Schwarzenberg, Dr. Jonak und Pyrker. Springer, Deinhardstein, Arneth und Chmel sagten ab, ebenso Wolf und Kraus. Karl Hügel würde wohl auch abgesagt haben, wenn er nicht als Kundschafter des Fürsten Metternich geschickt worden wäre. Vierundzwanzig versammelten sich aber doch, es wurde viel hin und her gesprochen. Die Beschwerden gegen die Zensur waren zahllos, ich versuchte mit der Ansicht durchzudringen, daß unsere Bitte nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern sich darauf beschränken möge, die drei Instanzen, welche in allen Verwaltungszweigen der österreichischen Behörden vorherrschen, auch auf die Zensurbehörde auszudehnen. Eine Äußerung des Grafen Kolowrat, der mit der Willkür des Grafen Sedlnitzky nicht einverstanden war, wurde erwähnt: ?Es sei nicht an der Zeit, ein Zensurkollegium zu verlangen, weil man damit den Pfaffen in die Hände spiele.? Nach langen Debatten wurde beschlossen, einem Ausschuß die Abfassung einer Schrift vorzutragen, die er dann den Versammelten zur Prüfung, Gutheißung und Unterschrift vorzulegen hätte. Bauernfeld übernahm die Verfassung; um die Sache vom Gesichtspunkte des Rechtes zu beurteilen, waren ihm Professor Stubenrauch und Hofrat Jenull beigegeben. Amazon.de Widgets Meine Arbeit teilte sich nun in die Besprechungen wegen der Morgenländischen-Deutschen Gesellschaft und in die um die Sache der Zensur, ich arbeitete dabei fleißig an meiner Geschichte der arabischen Literatur weiter. Zwischen dem ersten Zensurtee bei mir und dem zweiten, bei welchem die Eingabe gutgeheißen werden sollte, lagen drei Wochen und in ihnen besuchte ich absichtlich die Abendgesellschaften häufiger als sonst und sprach mich überall, wo davon die Rede war, offen aus, in der Hoffnung, daß es der Polizei zu Ohren käme. Am 4. März kam Endlicher und verlangte, ich solle die ganzen Herren, welche die Zensureingabe zu unterschreiben zugesagt hatten ? es waren über achtzig ?, zu mir laden, ich erklärte ihm, daß mir dies aus Raummangel unmöglich sei, ich ließ mich aber herbei, einige, die sonst nicht in mein Haus kamen, einzuladen. Am Tage vor der Abendgesellschaft sprach ich mit Graf Kolowrat und Baron Pillersdorf wegen der Morgenländischen Gesellschaft und[355] zeigte ihnen einen diese betreffenden Brief meines Freundes Flügel und die ?Illustrierte Zeitung? vom 1. Februar, in der von der abzuhaltenden Versammlung der Orientalisten in Darmstadt die Rede war. Brief und Blatt sandte ich am folgenden Tage dem Fürsten Metternich. Am nächsten Tage fand die zweite Teegesellschaft statt, bei der insgesamt dreißig Personen erschienen. Einige Anmerkungen ausgenommen, war die ganze Gesellschaft mit dem Entwurfe Bauernfelds und Stubenrauchs einverstanden, es handelte sich nur noch darum, wer außer den Anwesenden unterzeichnen sollte. Am nächsten Nachmittag ging ich mit Endlicher zu Jenull, wo auch Bauernfeld, Castelli, Stubenrauch und Hye, die unterzeichneten, da die gestrige Gesellschaft das letzte Wort über die Zulässigkeit der Unterschriften dem Ausschusse zu überlassen erklärt hatte. Ich bekam die Nachricht, daß der Oberst-Kämmerer Graf Czernin gestorben sei und daß seine Stelle nun Graf Moriz Dietrichstein, der Obersthofmeister der Kaiserin und Präfekt der Hofbibliothek, bekommen dürfte. Diese Nachricht war für mich nächster und erster Anlaß, mich um die Präfektenstelle der Hofbibliothek zu bewerben. Seit nun vier Jahren habe ich Schritte getan, sie zu erhalten, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Überzeugung, daß keiner von allen Mitbewerbern besser geeignet sei, diesen Posten auszufüllen und die Arbeit des fehlenden Materienkataloges zu beginnen und zu leiten, als ich. Von Baron Münch, der nun Stellvertreter des Präfekten, war eine zweckmäßige Leitung nicht zu erwarten, er ist Poet und seine Amtsstunden sind ihm eine Last, entweder kommt er überhaupt nicht auf die Bibliothek, oder er geht um zwölf hinein und um zwei Uhr fort. Drei Tage nach dem Tode des Grafen Czernin kam die Ernennung des Grafen Dietrichstein zum Oberstkämmerer heraus, ich wartete den Erzherzogen Ludwig und Franz Karl auf und stellte mich als Bewerber um die Präfektenstelle vor. Dasselbe teilte ich dem Grafen Kolowrat schriftlich mit. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, den Präfektengehalt von fünftausend Gulden und den als Hofrat zu kumulieren, ich hatte dies schon mündlich und in einer Bittschrift[356] erklärt, und die Ersparnisse, welche meine Ernennung mit sich bringen würde, geltend gemacht. Beim Fürsten Metternich spielte Ersparnis bei der Besetzung von Stellen keine Rolle, wohl aber beim Grafen Kolowrat und beim Erzherzog Ludwig. Ich schrieb an den Fürsten Metternich und beschränkte mich in diesem Briefe einzig auf die gerechten Ansprüche und bat ihn, da er selber mich immer für literarischen Dienst für fähiger gehalten habe als zum diplomatischen, um gerechte Auffassung und Unterstützung, die er mir doch, da ich seit fünfunddreißig Jahren sein Untergebener, nicht versagen würde. Am selben Abend teilte ich Endlicher meine gemachten Schritte mit, er nahm daran wärmeren Anteil, als ich ihm zugetraut, er hatte selbst unter Dietrichstein in der Hofbibliothek gedient und kannte ihren Zustand nur zu gut. Ich übergab meine Bittschrift dem Erzherzog Ludwig in besonderer Audienz, der mich sehr gnädig empfing und versprach, meine Bitte zu berücksichtigen.1 Am nächsten Tage berichtete ich Graf Kolowrat über diese Audienz, er sagte mir, daß er schon mit dem Erzherzog gesprochen und dieser sich geäußert habe, die Stelle könne ganz gut ein paar Jahre unbesetzt bleiben. In der Äußerung Erzherzog Ludwigs liegt eine ganze Regierungsweisheit: Nichts tun, ab warten, Zeit gewinnen. Wären Fürst Metternich und Graf Kolowrat über das zu wählende Subjekt einig gewesen, so wäre der Präfekt sofort ernannt worden. Metternich wollte die Stelle seinem Schützling Hügel zuschanzen, Kolowrat vertrat die Ansicht, sie müsse einem Mann vom Fach verliehen werden, die hohe Aristokratie hielt nur einen Mann von hohem Adel würdig, auch wenn er nichts verstand, Graf Münch wollte den Platz für seinen Neffen offenhalten, und so fand es Erzherzog Ludwig am richtigsten, nichts zu tun. Baron Kübeck versagte seine Unterstützung keinem großen und nützlichen Unternehmen, keinem, das zum Vorteil der Wissenschaft und zur Ehre Österreichs gereichte,[357] und so hoffte ich, bei ihm tätige Hilfe für die Orientalische Gesellschaft zu finden. Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Nachdem ich ihm alle Gründe auseinandergesetzt, versprach er, mit Fürst Metternich zu sprechen. Ich las ihm auch meine Bittschrift um die Präfektenstelle vor, der er vollen Beifall zollte, besonders wegen der darin in Aussicht gestellten Ersparnisse. Ein Hauptgrund, weshalb auch er dafür war, daß die Orientalische Gesellschaft ihren Sitz in Wien habe, war das schöne von ihm ins Leben gerufene Unternehmen, die Hofdruckerei, mit alten orientalischen Lettern auszustatten. ?Wenn die Morgenländische Gesellschaft nicht nach Wien kommt, können Exzellenz die morgenländischen Alphabete als altes Blei unter Dach oder in den Keller stellen?, sagte ich. Baron Kübeck hielt sein Wort. Schon acht Tage später sandte er mir seinen Präsidialsekretär Freiherrn von Geringer, der mir mitteilte, daß Fürst Metternich der Sache nicht abgeneigt sei, Kübeck aufgefordert habe, ihm eine Note zu geben, die er als Unterlage zu einem Vortrag an den Kaiser brauche. Dies mißfiel mir und ich teilte Geringer meine Befürchtungen mit. Ich sah darin nur einen diplomatischen Winkelzug und hatte leider nicht Unrecht. Die verlangte Präsidialnote lief einige Tage später ab, aber es wurde kein Vortrag erstattet. Kurze Zeit darauf wurde in einem Artikel der ?Allgemeinen Augsburger Zeitung? Halle als künftiger Sitz der zu gründenden Morgenländischen Gesellschaft bezeichnet, und ich schrieb darüber abermals an den Fürsten, um ihn zur Erstattung des versprochenen Vortrages zu bewegen. Endlicher kam einige Tage später gerade von einer Unterredung mit dem Fürsten Metternich, der ihn hatte holen lassen und ihm auch für mich einen Auftrag gegeben hatte, den er unverzüglich ausrichtete. Der Fürst hatte ihm aufgetragen, statt sich an die Morgenländische Gesellschaft in Deutschland anzuschließen, mit mir gemeinsam die Statuten einer Kaiserlich Asiatischen Gesellschaft auszuarbeiten. Ich hörte erstaunt zu und sagte: ?Was soll das heißen, wo finden wir Mitglieder? Wie kann diese Gesellschaft zustande kommen, das geht ja gar nicht!? Endlicher war vollkommen meiner Meinung, meinte aber, man solle den Auftrag vollziehen,[358] er sei der Anfang eines Unternehmens, aus dessen Nichtgelingen unbedingt die Akademie der Wissenschaften hervorgehen müsse. Dies sei um so sicherer, als der Fürst ihm gesagt hatte, er beschäftige sich nun schon seit achtundzwanzig Jahren mit dem Plan einer Akademie, der aber nun durch meine Eingabe um die Präfektenstelle durchkreuzt worden sei. Wenn dies nicht leeres Gerede war, so konnte es nur heißen, daß der Fürst mich zum Präsidenten der Akademie, Hügel zum Präfekten der Hofbibliothek ausersehen habe. ?Dies mag?, sagte ich, ?in Metternichs Sinn und Absicht für meine Person wahr sein, aber ich sehe nicht ein, wie dadurch das Zustandekommen der Akademie behindert werden kann.? Endlicher sah es auch nicht ein, und wir kamen überein, den verlangten Statutenentwurf für eine Kaiserliche Asiatische Gesellschaft auszuarbeiten und besprachen die Grundlinien; ich versprach, Endlicher meinen Aufsatz schon am nächsten Tage zu senden. Endlicher schrieb seine Ideen nieder, und wir vereinigten beide Aufsätze und reichten sie dem Fürsten schon am zweiten Tage ein. Wir kamen überein, nicht zu Graf Kolowrat zu gehen, sondern die ganze Angelegenheit Metternich zu überlassen. Als ich von einem Spaziergang nach Hause kam, hörte ich, Pilat sei dagewesen. Da er sonst nie zu mir kam, war es mir offenbar, daß er Wichtiges mitzuteilen hatte, und ich eilte am nächsten Morgen zu ihm. Er vertraute mir, daß der Vortrag über unseren Antrag gestern vom Fürsten erstattet worden sei und daß man die Allerhöchste Entschließung in den nächsten Tagen erwarte. Dieses wichtige, mir so sehr am Herzen liegende Geschäft erlaubte mir nicht, mich von Wien zu entfernen. Ich sah Pilat nun öfters, um über die Asiatische Gesellschaft weiteres zu erfahren. Die Abreise des Fürsten war für den 20. Juli bestimmt, dieser nahte heran, ohne daß eine Resolution erfolgt wäre, und da sahen Endlicher und ich endlich ein, daß uns Fürst Metternich abermals zum Narren gehalten und über unsere Ausarbeitung nie einen Vortrag erstattet habe. Die Gesundheit meines jüngsten Sohnes bereitete mir große Sorgen, da er auf der Brust zu kränkeln begann. Der[359] Arzt von Gleichenberg verordnete ihm Gleichenberger Wasser, das ihm aber nur das Blut in den Kopf trieb, der Feldbacher Arzt behandelte die Sache als unbedeutend, als eine Entwicklung der Lunge, obwohl mein Sohn Blut auswarf. In Hainfeld las ich in der ?Allgemeinen Zeitung? die Nachricht, daß Hurter in Rom am Tage seiner Bekehrung zum Katholizismus das Versprechen der Anstellung als österreichischer Historiograph mit Hofratscharakter erhalten habe. Diese Nachricht empörte mich und ich schrieb einen langen Brief an den Erzherzog Johann und forderte ihn als Verfechter von Recht und Wahrheit und als Vorstand des historischen Vereines von Steiermark und Kärnten dazu auf, gegen diese Absicht des Fürsten Metternich Stellung zu nehmen. Er antwortete mir ausweichend und lehnte die Zumutung ab. Nach meiner Rückkehr nach Wien fand ein Ärztekonsilium statt, das mir die Lebensgefahr, in der sich mein Sohn Max befand, nicht verhehlte, nur waren sie über die Natur der Krankheit uneinig, der eine fand die Ursache in einem organischen, von der Mutter ererbten Fehler des Herzens, die anderen beiden vermuteten Tuberkeln in der Lunge. Der Beschluß war, daß Max, sobald das hohe Fieber vorüber war, nach Venedig gehen solle, meine beiden Töchter und Angelique, die Tante, sollten ihn begleiten. Am 16. November brachen sie auf, ich begleitete sie bis Wiener-Neustadt mit traurigen Vorgefühlen, aber nicht ohne Hoffnung auf die Wiederherstellung meines Sohnes. Erst als der Tag der Abreise festgesetzt war, war es mir wieder möglich, auch an anderes als an den Kranken zu denken. Ich bat um eine Audienz beim Erzherzog Ludwig und wurde vorgelassen, ich sprach dem Erzherzog eindringlich über die Schmach, einem Fremden und dazu noch einem Konvertiten bloß aus diesem Grunde die Stelle eines österreichischen Historiographen zu verleihen. Wenn Hurter wirklich in der Schweiz diplomatische Dienste geleistet habe, so möge man ihn zum Hofrat machen, aber man könne ihm doch nicht den Titel eines Historiographen an den Kopf werfen, wo so viele Eingeborene, Chmel, Stülz, Palacky und[360] andere, viel würdiger wären. Der Erzherzog entgegnete bloß: ?Es ist noch nicht geschehen, aber im Werden.? Alles, was ich durch diese Vorstellungen ausrichtete, war, daß Hurter der einheimische Geschichtsforscher Chorherr Stülz von St. Florian als zweiter Historiograph beigegeben wurde. Vorher hatte es nie zwei Historiographen in Österreich gegeben. Eine noch größere Ungerechtigkeit war die Ernennung des Freiherrn Clemens von Hügel zum Direktor des Archives, und da dieser sich als unfähig erwies, wurde der verdiente Archivar Chmel zum Vizedirektor ernannt. Von meinem Sohne Max kamen höchst beunruhigende Nachrichten, es war nun sicher, daß er Tuberkeln hatte ? da er wieder Blut auswarf. Anfang Dezember kam Endlicher zu mir und sprach mir von einer von Bergrat Haidinger angeregten Stiftung einer Gesellschaft der Naturforscher. Wir waren beide der Meinung, daß dieser einseitige Privatverein der Gründung einer Akademie nur hinderlich sein könne. Ich billigte vollkommen die Erklärung, die er bei der ersten Zusammenkunft gegen die Einseitigkeit dieses Unternehmens abgeben wollte. Vierzehn Tage später sagte er mir, er finde es an der Zeit, in Angelegenheit der Akademie neue Schritte zu tun.2 Ich war damit einverstanden, daß die noch lebenden Mitglieder und Unterzeichner der vor neun Jahren eingereichten Eingabe, drei davon, Jacquin, Buchholtz und Littrow, waren schon tot, durch andere drei, unter denen Endlicher sein müsse, ergänzt werden. Endlicher schlug Feuchtersleben und Karl Hügel vor, den letzteren Metternichs wegen. Gegen den ersten hatte ich nichts einzuwenden, um so mehr gegen Hügel. Wir konnten uns über Hügel nicht einigen, und Endlicher schlug vor, daß wir uns mit Feuchtersleben beraten sollten. Ich sah aber bald, daß Feuchtersleben von Endlicher für Hügel gewonnen worden war. Ich fügte mich unserer Verabredung gemäß und[361] wir besprachen eine vorläufige Unterredung in meiner Wohnung, au welcher Wolf, Arneth und ich von den alten Unterzeichnern, an neuen Mitgliedern Endlicher, Feuchtersleben, Bergmann und Grillparzer teilnehmen sollten. Einige der ersten Unterzeichner hatten sich schon an Haidingers Plan einer Gesellschaft der Naturforscher angeschlossen, in der Besprechung bei mir wurden also nur die Personen bestimmt, welche noch zu einer weiteren Besprechung zu Feuchtersleben eingeladen werden sollten. Man einigte sich auf Ettingshausen, Littrow, Karl Hügel, Münch. Am Christtage vereinigten sich in der Wohnung von Feuchtersleben Grillparzer, Hammer, Hügel, Littrow, Münch und Wolf. Baron Münch sagte mir: ?Nun weht ein ganz anderer Wind vom Ballhausplatz. Fürst Metternich, der bisher nie von der Akademie hören wollte, ist nun, wie mir mein Onkel diesen Morgen sagte, für eine solche sehr günstig gestimmt, da Hügel dazu geladen wurde. Er kandidierte ihn zum Präfekten der Hofbibliothek, und Erzherzog Ludwig hat erklärt, daß dieser Platz nur einem großen Herrn oder einem Gelehrten verliehen werden könne. Da Hügel keines von beiden, will er sich nun als Akademiker zum Gelehrten stempeln und macht vielleicht auch auf die Präsidentschaft Anspruch.? Wirklich benahm sich Hügel so, als ob er schon Präsident wäre, er nahm den Ehrenplatz auf dem Sopha ein und führte das Wort. Die Zahl der Akademiker, das Lokal und die Klasseneinteilung wurde besprochen. Im Sinne der seinerzeitigen Eingabe erklärte ich, die Akademie müsse eine österreichische sein und die Provinzen umfassen. Vierzig Mitglieder schienen mir genug, 20 in Wien und 20 aus den Provinzen. Baron Hügel sprach gegen 40 und schlug 60, dann gar 80 vor und diese in Wien allein ohne Provinzen. Ich wünschte den Herren Glück, die in Wien allein 80 Gelehrte finden wollten. Bei der Einteilung und Benennung der Klassen blieb ich ebenfalls auf dem seinerzeitigen Vorschlage, der mathematisch-naturhistorischen und der philologisch-geschichtlichen. Da sagte Hügel: ?Von Geschichte dürfen wir nicht sprechen, die ist von üblem Geruch.? Ich stand auf und sagte: ?Herr Baron erweisen denen einen üblen Dienst, in deren Geist und Sinn Sie dies[362] behaupten. Wie kann die Geschichte in Österreich verpönt sein, da die Regierung statt eines zwei Historiographen ernannte? Man hat bei dem ersten Vorschlage die Ausschließung der Philosophie getadelt, nun wollen Sie sogar die Geschichte ausschließen!? Kein einziges Mitglied nahm die Partei der Geschichte. Münch machte den Vorschlag, statt Geschichte Geschichtswissenschaft zu sagen, Wolf schlug vor, Geschichtsforschung. In der langen und hitzigen Debatte blieb ich der einzige Verteidiger der Geschichte und bei der Abstimmung stimmte ich als einziger gegen Hügels Vorschlag. Ich sagte: ?Solange die Sache noch in Verhandlung, gelobe ich Ihnen, meine Herren, heiliges Stillschweigen über diese Sache, aber wenn die Akademie zustande kommt, dann werde ich der ganzen Welt das Unglaubliche erzählen, daß im Jahre 1845 von zwölf Männern der Wissenschaft elf sich für den Ausschluß der Geschichte aus einer Akademie der Wissenschaften erklärt haben.? In den letzten Dezembertagen fand eine neuerliche Sitzung bei Littrow statt, der als Nachfolger seines Vaters Direktor der Sternwarte war. Karl Hügel führte den Vorsitz an einem besonderen Tisch. Sonderbare und unpraktische Vorschläge kamen zur Sprache. Alle Meinungen vereinten sich dahin, daß die Sache ohne Metternichs Unterstützung nicht gelingen könne und daß man sich vor allem seiner Mitwirkung versichern müsse. Baron Hügel wurde ersucht, dem Fürsten darüber zu sprechen und um eine Audienz zur Übergabe einer aufzustellenden Schrift zu bitten. Er versprach es, betonte aber, keinen Zeitpunkt angeben zu können, da der Fürst durch die Anwesenheit des russischen Kaisers vollauf beschäftigt sei. Am 8. Januar 1846 fand die vierte Sitzung statt. Wieder führte Baron Hügel den Vorsitz. Bei der Besprechung der Akademiker brachte er den Archivar Kaltenbäck und Endlicher, zu meinem Erstaunen, den neuen Archivdirektor Klemens Hügel in Vorschlag. Amazon.de Widgets Nun wurden die Abgeordneten gewählt, welche zum Erzherzog Ludwig, Fürst Metternich und Graf Kolowrat gehen sollten. Ich zweifelte nicht daran, daß ich dazu gewählt[363] würde und war unangenehmst überrascht, als ich nur die Stimme Arneths bekam. Bei der Debatte brachten mich doch noch einige in Vorschlag, und ich ergriff diese Gelegenheit, das Folgende zu sagen: ?Ich hatte geglaubt, daß mir meine neunjährigen Bemühungen um das Zustandekommen einer Akademie mehr als eine Stimme hätten verschaffen müssen, indessen würde ich, wenn mir auch die Mehrzahl das Vertrauen geschenkt hätte, diese Ehre aus zwei Gründen nicht angenommen haben. Ich kann eine Sache nicht vertreten, in der bei einer großen Anzahl von Akademikern die örtliche Beschränkung auf Wien beschlossen wurde. Zu einer Deputation muß eine persona grata gewählt werden, und die bin ich beim Fürsten Metternich nicht. Wenn ich also in die Deputation gewählt wäre, müßte ich fürchten, daß sie meinetwegen nicht empfangen würde, dem möchte ich weder mich noch die Deputation aussetzen.? Um der Sache willen verweigerte ich die Unterfertigung der Eingabe nicht. Nach Mitte Januar gingen Ettingshausen, Endlicher und Arneth als Abgeordnete zum Erzherzog Ludwig. Dieser sagte den Abgeordneten, er hoffe, die Akademie werde sich sogleich sehr mit Geschichte beschäftigen, er war durch Graf Kolowrat von der beabsichtigten Ausschließung der Geschichte informiert worden. Bei Graf Kolowrat erhielt die Deputation die unerwartete Antwort, die Regierung beschäftige sich mit der Frage einer Akademie der Wissenschaften und ihm sei das Referat übertragen worden. Am nächsten Sonntag bestätigte mir Graf Kolowrat diese Mitteilung. Nun zweifelte ich nicht mehr am baldigen Zustandekommen der Akademie und wettete mit Dr. Gobbi und mit dem Fürsten Dietrichstein, daß noch in diesem Jahre die Errichtung der Akademie beschlossen werde. Freiherr von Pillersdorf teilte mir mit, daß Metternich nun ganz für die Akademie sei und daß Kübeck sich mit einer jährlichen Summe von vierzigtausend Gulden einverstanden erklärt habe. In der Konferenz sei beschlossen worden, meinem Vortrag gemäß das Handbillett am 19. April, dem Geburtstag des Kaisers, zu veröffentlichen. Später erfuhr ich, daß der von[364] Metternich gemachte Vorschlag, das Handbillett am Geburtstage des Kaisers herauszugeben, gefallen sei. Mein Vorschlag, den Namenstag des Kaisers zum Geburtstage der Akademie zu machen, ging glücklich durch. Am 30. Mai morgens teilte mir ein Billett des Freiherrn von Pillersdorf mit, daß das Handbillett erflossen sei. Davon wurden auch Baumgartner und Endlicher amtlich verständigt und zu einer Zusammenkunft für den 2. Juni geladen. Ich übernahm es, die beiden zu verständigen und lud sie zu mir für den 1. Juni zu einer Besprechung. Am Pfingstsonntage besuchte ich Graf Kolowrat in Grünberg und sprach mit ihm über eine halbe Stunde allein über die wesentlichsten Punkte der Statuten und den Kurator. Die Statuten mußten der vereinigten Hofkanzlei vorgelegt werden und sollten am Dienstag mit Pillersdorf besprochen werden. Ob Erzherzog Johann die Stelle eines Kurators annehmen werde, war noch zweifelhaft. Ich brachte für den Fall, daß er es nicht täte, Pillersdorf in Vorschlag. ?Das wird er keinesfalls tun?, sagte Graf Kolowrat. Wie groß war nicht nur mein, sondern auch Kolowrats Erstaunen, als das Handbillett vom 30. Mai 1846 in der ?Wiener Zeitung? am Pfingstmontag (1. Juni) erschien, obwohl Pillersdorf mir, Endlicher und Baumgartner wie auch Kolowrat das strengste Stillschweigen aufgetragen hatte.3 Baumgartner und ich besprachen an diesem Tage unsere Ansichten über die Statuten, und wir einigten uns bis auf den von mir vorgeschlagenen Punkt, daß die Akademie, da durch sie im vorigen Jahre die asiatische Gesellschaft nicht zustande gekommen, in den Statuten der philologischen Klasse die orientalische Literatur und die Herausgabe orientalischer Werke besonders berücksichtigen müsse. Ich schrieb deshalb noch vor der Zusammenkunft an den Fürsten Metternich einen Brief. In unserer Unterredung war Endlicher und Baumgartner mit dem von mir aufgestellten Grundsatze, daß beide[365] Klassen aus gleich viel Mitgliedern bestehen müßten, vollkommen einverstanden. Am nächsten Tage erklärte mir Endlicher auf dem Wege zu Pillersdorf, er habe sich die Sache reiflicher überlegt, die Klasse der Naturforscher müsse wenigstens um ein Drittel stärker sein als die der Philologen. Bei Pillersdorf fanden wir nicht nur Baumgartner, sondern auch Ettingshausen, er erklärte sich darüber beleidigt, daß er von mir keine Einladung zur Besprechung erhalten habe; ich entgegnete, daß ich die Absicht gehabt, ihn zu laden, daß aber Seine Exzellenz anderer Ansicht gewesen sei. Pillersdorf bestätigte, was ich sagte und gab zu, daß er Ettingshausen nur auf Zureden Baumgartners geladen habe. Im Handbillett war nur von einer Wiener Akademie die Rede und die Wahl der als Akademiker Vorzuschlagenden keine große. Obwohl die Zahl der Philologen in Wien eine weit kleinere ist als die der Freunde der Naturwissenschaften, setzte ich doch außer mir zwei ausgezeichnete Orientalisten, den Professor Wenrich und den Scriptor Krafft, durch. Den Grundsatz der gleichen Mitgliederzahl in beiden Klassen konnte ich nicht durchbringen, ich hatte drei Naturforscher gegen mich und war allein in der Verteidigung der Interessen der Philologie. Ich hob diese Ungleichheit in der Zusammensetzung des beratenden Ausschusses hervor und erklärte, daß ich, da ich hier nicht durchdränge, meine Gründe anderen Ortes geltend machen müsse. Da sagte Pillersdorf: ?Ich glaube, meine Herren, Sie sollten sich das Wort geben, daß keiner von Ihnen separate Schritte macht.? Ich sah auf der Stelle die Tragweite dieses Vorschlages. Meine ganze verflossene Tätigkeit für die Akademie sollte durch mein eigenes Wort gelähmt werden. Ich weigerte mich lange, ließ mich aber doch schließlich überreden, weil ich Pillersdorf für unparteiisch hielt und ihn noch eines Besseren zu überzeugen hoffte. Nach der Sitzung sprach ich noch allein mit Pillersdorf wegen der Überzahl der Naturwissenschaftler und sagte ihm schließlich, ich wolle ihm meine Gründe schriftlich vorlegen. Am folgenden Tage diktierte ich einen Vortrag von sechs Seiten an Pillersdorf, in dem ich nochmals alle meine Gründe[366] für die Gleichheit der Klassen wiederholte und mit der Voraussetzung schloß, daß, wenn der Vortrag an die Hofkanzlei auch anders laute, der meine als Votum separatum ihm beigelegt werde. Trotzdem ging der Vortrag Ende der Pfingsttage ohne meine Beilage an die Hofkanzlei ab und ich hielt mich dadurch meines Wortes, keine separaten Schritte zu unternehmen, für entbunden, denn ich hatte es nur unter der Voraussetzung gegeben, daß meine Gründe auf amtlichem Wege zur Kenntnis der Konferenz gebracht würden. Am 17. Juni hatte ich Audienz beim Erzherzog Johann und traf dort Pillersdorf, den ich seit dem Pfingstdienstag nicht mehr gesehen hatte. Ich beschwerte mich bei ihm darüber, daß der Vortrag ohne mein Votum separatum abgegangen sei. Er entschuldigte sich damit, daß dieses zu spät gekommen sei. Ich nahm diese falsche Münze für gute und äußerte meine Befürchtung, daß der Erzherzog die Kuratorschaft nicht annehmen werde. Pillersdorf sagte, er sei hier, um ihn dazu zu bestimmen. Im Herausgehen flüsterte er mir zu: ?Die Audienz war kurz, und der Erzherzog sagte mir, er würde annehmen, wenn Fürst Metternich ihn darum ersuchte.? Kurz darauf hörte ich von Fürst Dietrichstein, der Erzherzog habe die Kuratorschaft der Akademie angenommen, vom Erzherzog selbst bekam ich keine Bestätigung dieser Nachricht, er reiste schon nach wenigen Tagen ab, ohne mir ein schriftliches oder mündliches Wort zu hinterlassen. Im Befinden meines Sohnes war eine Besserung eingetreten, nur in den Frühlingsmonaten lauteten die Nachrichten immer düsterer und trauriger. Der Aufenthalt in Venedig war für die Sommermonate unmöglich und der Arzt hatte die Übersiedlung nach Meran vorgeschlagen, wo ich zugleich mit meinen Kindern eintreffen wollte. Beim Erzherzog Ludwig und Graf Kolowrat machte ich alle meine Gründe für die gleiche Mitgliederanzahl beider Akademieklassen geltend und bewies ihnen, daß im anderen Falle die Vorschläge der philologischen Klasse immer überstimmt würden. Ich erklärte ihnen auch, daß ich[367] einer Akademie, in der diese Gleichheit nicht herrsche, nicht angehören könne. Am letzten Juli schiffte ich mich auf dem Dampfboot in Nußdorf ein. Ich fuhr über Linz nach St. Florian und Ischl, wo ich viele Bekannte traf, von da über St. Wolfgang und Salzburg nach Gastein. Dort ging ich sogleich zu Erzherzog Johann, der mich zu Tisch behielt, von der Akademie aber kein Wort erwähnte. Ich sprach absichtlich nicht von der Akademie und wollte mich nach dem Essen empfehlen, er behielt mich zurück und begann nun ein akademisches Gespräch, aus dem ich erkannte, daß er nie über eine Akademie der Wissenschaften nachgedacht und von ihr gar keinen Begriff hatte. Schlechte Erfahrungen, die er bei seinen Vereinen gemacht, daß so vielen nur um den Namen eines Mitgliedes zu tun ist, ohne daß sie etwas arbeiten und leisten wollten, hatten ihn auf den Gedanken gebracht, daß die Mitglieder der Akademie nur auf drei Jahre ernannt werden sollten. Ich entgegnete ihm, daß dies eine Kommission, aber keine Akademie wäre. Er meinte, auch alle Kustoden der Provinzialmuseen müßten unbedingt Akademiker und der Präsident dürfe kein Wissenschaftler sein. Ich behauptete das Gegenteil und nannte Endlicher oder Ettingshausen, weil Fürst Metternich mir doch nie seine Stimme geben würde. Der Erzherzog meinte, Metternich habe Endlicher und Ettingshausen und wie er selbst auch alle Professoren im Magen. Fürst Metternich habe ihn gebeten, Kurator zu werden, und er habe sehr wider Willen zugesagt. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich und der Erzherzog verlangte von mir, ihm meine Ansichten über eine Akademie schriftlich zu geben. Ich schrieb sogleich den Aufsatz und sandte ihn an den Erzherzog. Am nächsten Morgen verließ ich Gastein. Ich fuhr über Taxenbach nach Kitzbühel, von da nach Schwaz, wo ich nach Tisch in das Stift Fiecht ging, das mir so viele wertvolle Beiträge zur Lebensbeschreibung Khlesls geliefert hatte. Ich besuchte auch den Wallfahrtsort St. Georgenberg, wo Khlesl so lange verhaftet war. In Innsbruck besuchte ich das neue Nationalmuseum, um das sich Graf Brandis so verdient gemacht, und besah Schloß Ambras.[368] Am 14. August trat ich in Meran an das Krankenbett meines Sohnes. ?Moriturus te salutat?, dachte ich bei seinem Anblick. Am nächsten Tage bestätigte dies mir der Arzt, der den Zustand für hoffnungslos erklärte. Noch stand Max täglich zum Essen auf und schlummerte den Rest des Tages im Lehnstuhl. In diesen traurigen drei Wochen erfrischte mich die Gesellschaft Professor Fallmerayers und des Marschalls Marmont, die beide sehr freundschaftlich zu mir waren. Ein Studienfreund meines Sohnes, Herr von Rosenthal, kam an, um ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Er entschloß sich, zu unserer aller Freude und Trost, zu bleiben, solange sein Freund noch lebte. Am 1. September weckte mich ein Gepolter im Zimmer über dem meinen. Mein Sohn hatte in den Armen seines Krankenwärters ausgeatmet. Ich bestellte auf dem Kirchhof zu Untermais Grab und Begräbnis. Am Rosalientage (4. September) fand das Begräbnis statt. Ich blieb noch drei Tage nach dem Begräbnis in Meran, um dem zweiten Totenamt noch beizuwohnen. Fallmerayer begleitete mich auf Spaziergängen zu den schönsten und merkwürdigsten Schlössern, auch nach Schenna, das Erzherzog Johann für seinen Sohn, den Grafen von Meran, gekauft hatte. Am Tage nach Mariä Geburt verließ ich das für mich so unheilvolle Meran mit meinen Töchtern und ihrer Tante. Von Bozen aus fuhren diese nach Venedig, ich über Graz nach Hainfeld. Im Begriffe, in den Postwagen zu steigen, fühlte ich mich am Arm gefaßt, und vor mir stand mein Freund Sir Thomas Asland, der nach unserer Abreise in Meran angekommen und uns nachgejagt war. Seine Ankunft war eine große Wohltat für mich, er setzte sich zu mir und unsere Bedienten fuhren in seinem Wagen nach. Ohne seine Gesellschaft wäre mir der Weg allein unendlich schmerzlich gewesen, er war derselbe, den ich vor zwei Jahren mit Max auf der Rückreise von Italien gemacht hatte. Wir aßen in Bruneck, sahen unterwegs die geschmackvolle Kapelle in der neuen Franzensfeste und trafen am Abend in Lienz ein. Wir sprachen viel von vergangenen Zeiten, vom Wiener Kongreß, von der Gemsjagd[369] in Aflenz und dem Besuche in Brandhof. Asland kam als Abgeordneter der englischen Landwirtsgesellschaft zum Kongreß der deutschen Landwirte nach Graz und brachte dem Erzherzog das Diplom der englischen Gesellschaft mit. Der Erzherzog wollte ihn im Gasthaus unterbringen, nahm ihn aber doch in sein Haus auf. Ich wohnte magen- und nervenkrank im Wirtshaus. Der Kongreß der deutschen Landwirte dauerte eine Woche, während der ich krank das Zimmer hütete. Erst am letzten Tage fand ich die Kraft, zum Erzherzog zu gehen und ihm für seine Teilnahme an meinem Verluste zu danken. Sir Thomas begleitete mich nach Hainfeld und von da führte ich ihn auf die Riegersburg und nach Gleichenberg. Nach seiner Abreise kamen meine Töchter aus Venedig zurück, sie blieben nur kurz. Isabella nahm ihre Schwester Eveline nach Schwadorf mit, da sie nach den vielen Monaten am Krankenbette ihres Bruders Erholung für ihre Nerven brauchte. Ich suchte meinen Schmerz in der Lektüre Ciceros und Bayles und im Schreiben meiner Erinnerungen zu lindern. Nach Wien zurückgekehrt, warf ich mich wieder auf die Betreibung der endlichen Errichtung der Akademie. Ich verfaßte einen Bericht an den Erzherzog Johann, den er mit einem Brief voll guten Rates beantwortete, ohne meine Bitte, durch seine Gegenwart das Zustandekommen der Statuten zu beschleunigen, zu berücksichtigen. Graf Kolowrat und Erzherzog Ludwig redeten sich mit seiner Abwesenheit aus. Sicher wären die Statuten noch in diesem Jahre gegeben worden, wenn er seinen Aufenthalt in Steiermark abgekürzt hätte. 1 Amazon.de Widgets Dieses Majestätsgesuch Hammers um Verleihung der Präfektenstelle an der Hofbibliothek wurde von Herrn Hofrat Doublier in den Akten des Obersthofmeisteramtes, die sich jetzt im Staatsarchiv befinden, gefunden und seine Abschrift in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. (B. 29.) 2 Die folgenden Mitteilungen Hammers ergänzen in vielen persönlichen Details die Darstellung bei Alf. Huber, Gesch. der Gründung und der Wirksamkeit der k. Akademie der Wissenschaften, S. 34 ff., der die Vorgänge von Beginn 1846 an auf Grund der Akten schildert und manches bringt, was bei Hammer fehlt. 3 Am gleichen Tage richtete Pillersdorf ein Schreiben an Hammer (und wohl auch an Baumgartner, Ettingshausen und Endlicher), in welchem er die Grundzüge eines Statuts der Akademie mitteilt und zu einer Besprechung am 2. Juni einladet (B. 30). Diese Grundzüge entsprechen den bis dahin festgelegten Vorschlägen, vgl. Huber a.a.O., S. 44, 46. 
 XL. Schluß der Erinnerungen 1852.  [411] Nachdem ich die Papierfrage der Akademie sowohl mit dem Kurator als mit Fürst Metternich und Freiherrn von Kübeck besprochen hatte, glaubte ich sie erledigt. Erst am 3. März erfuhr ich zu meiner Entrüstung, daß der Kurator die Angelegenheit dem Kaiser nicht vorgetragen, sondern dem Ansinnen des Finanzministers seine Zustimmung gegeben hatte. Dieser, obwohl Präsident der Akademie, hatte geäußert: ?Die Frage kann doppelt ausgelegt werden, nämlich dahin, daß der Druck allein, oder der Druck und das Papier in den Statuten bewilligt wurde.? Nach den Äußerungen Fürst Metternichs und Baron Kübecks war diese Auslegung vollständig unrichtig, und es war auch in den verflossenen fünf Jahren nie anders verstanden worden, als daß Druck und Papier bewilligt worden waren. Offenbar hatte Baron Kübeck seine Zusage, darüber mit dem Finanzminister zu sprechen, ganz vergessen. Am nächsten Tage ging ich zu Fürst Metternich und bat ihn, den Baron Kübeck an seine Zusage, mit dem Finanzminister zu sprechen, zu erinnern. Der Fürst versprach dies und hielt Wort. Ihm wie Freiherrn von Kübeck mußte daran gelegen sein, daß das, was sie als Minister zugunsten der Akademie bestimmt hatten, nicht durch ihre Nachfolger verstümmelt werde. Schon in der nächsten Klassensitzung äußerte Karajan, er habe gehört, daß die Forderung der Zahlung des Papiers aufgehoben werde. Am folgenden Abend traf ich Baumgartner in einem musikalischen Abend bei Baronin Geymüller,[411] ich fragte ihn, ob die Äußerung Karajans richtig sei. Er bestätigte sie, setzte aber hinzu, man solle nicht darüber sprechen, sondern die Sache einschlafen lassen. Am 10. März war Graf Hans Karl Dietrichstein im Alter von achtzig Jahren begraben worden. Ich hatte mich bei der Beisetzung erkältet und konnte nicht ausgehen, sonst wäre ich sofort zu Fürst Metternich gegangen, um ihm zu danken. Als ich gegen Ende März wieder ausgehen konnte, war mein erster Weg zum Fürsten Dietrichstein, um ihm meine Teilnahme am Tode seines Bruders persönlich auszusprechen, und meine erste Abendausfahrt zum Fürsten Metternich, um ihm den guten Erfolg seiner Intervention bei Baron Kübeck zu melden und ihm dafür zu danken. Kaiser Nikolaus von Rußland wurde in Wien erwartet, ich begab mich zu Herrn von Meyendorff, dem Gesandten, und bat, mich zur Audienz aufzuschreiben. Es blieb bei dieser Förmlichkeit, da der Kaiser keine Audienzen erteilte. Er empfing nur Generäle und Minister und keine Hofräte und Schriftsteller. Herr von Meyendorff war ein großer Liebhaber aller Wissenschaften, ich kündigte ihm an, daß ich ihm in den nächsten Tagen ein Exemplar meiner Abhandlung über die Daimonologie der Moslimen senden würde, die gerade unter der Presse war. Ich hatte diese Abhandlung nur geschrieben, um als Beleg das Amulett Lord Byrons in Text und Übersetzung vor die Öffentlichkeit zu bringen. Ich veranlaßte auch, daß der Direktor der Staatsdruckerei, Auer, Herrn von Meyendorff ein Exemplar der ausgezeichneten Übersetzung des ?Fruchtgartens Saadis?, die Freiherr von Schlechta mir gewidmet hatte, zusandte. Amazon.de Widgets Auch dem Fürsten Metternich sandte ich gleich den ersten Abzug der Daimonologie mit meinen Wünschen zu seinem achtzigsten Geburtstag, und als ich noch einige Abzüge erhielt, erachtete ich es als meine Pflicht, dem Nachfolger des Fürsten Schwarzenberg, dem Grafen Buol, einen und einen Abdruck meines akademischen Vortrages zu überreichen. Bei meiner ersten Aufwartung traf ich den Minister nicht an und ließ die Druckschriften in seinem Bureau. Bei meinem nächsten Versuche traf ich einige Diplomaten in seinem Vorzimmer, darunter den soeben aus Konstantinopel[412] eingetroffenen Baron Schlechta. Ich versprach, ihm bei dem Minister gerechtes Zeugnis über seine ausgezeichneten Leistungen in den orientalischen Sprachen zu erteilen. Nachdem ich zwei Stunden gewartet hatte, kam ich vor und sagte: ?Erlauben Eure Exzellenz, daß ich, ehe ich von mir selbst spreche, dem jungen Baron Schlechta das ehrenvollste Zeugnis für seine Leistungen als Orientalist gebe. Er hat sich durch ausgezeichnete Übersetzungen einen ehrenvollen Namen gemacht, genau so, wie unter den Türken durch seinen türkischen Auszug des Staats- und Völkerrechtes Mitravis, der in Konstantinopel auf Kosten der Pforte gedruckt wurde.? Dann fuhr ich fort: ?Ich weiß, daß Eure Exzellenz nicht Ministerpräsident sind, daß der Gegenstand Sie, als Minister des Äußeren, nicht unmittelbar angeht, aber ich möchte Sie, als meinen Chef, doch davon in Kenntnis setzen, daß ich vom Ministerrate einstimmig zur Ernennung zum Geheimen Rate vorgeschlagen wurde.? Ich bat ihn, sich bei dem Minister des Innern von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen und sich den vom Kanzleidirektor des Ministerrates erstatteten Vortrag vorlegen zu lassen. Er antwortete sehr unverbindlich: ?Das werde ich nicht tun. Ich weiß davon gar nichts und es geht mich auch nicht im geringsten an.? ?Ich dachte doch,? sagte ich, ?daß meinen Chef die dem Ältesten seiner Untergebenen angetane Ungerechtigkeit etwas angehe und meinte einigen Anspruch auf die Erfüllung meiner Bitte zu haben.? Der Graf sagte: ?Sie haben ein ehrenvolles Amt als Hofrat und ein glückliches Alter ? was wollen Sie mehr?? Darauf verbeugte ich mich und verließ das Kabinett. Die einzigen Kandidaten, die man in der diplomatischen Welt nach dem Tode des Fürsten Schwarzenberg für seinen Platz für geeignet hielt, waren Graf Buol und Graf Colloredo. Mehr als einmal nannte ich den talentvollsten unserer Diplomaten, den Freiherrn von Prokesch, bekam aber immer die Antwort, von ihm könne keine Rede sein. Die einen sagten, er habe sich durch die Wärme, mit der er in Berlin Österreichs Interessen vertrat, mit Preußen verfeindet, das gegen ihn protestieren würde, die anderen, und besonders Fürst Dietrichstein, behaupteten, Rußland sei gegen ihn, er habe sich in Athen sein Mißfallen zugezogen und es habe schon[413] Einspruch erhoben, als er als Internuntius nach Konstantinopel kommen sollte. In Döbling begann ich die Übersetzung des Hohen Liedes der Liebe der Araber, des ?Tajie? des mongolischen Dichters Ibnol Foridh, das trotz seiner großen Schwierigkeiten von Wortspielen und unübersetzbaren Alliterationen doch einen Schatz von Mystizismus, verbunden mit großem Zartgefühl und arabischer Ritterlichkeit, enthält. Die Übersetzung will ich meinem Freunde Umbreit widmen. Ich beabsichtige, mich in den nächsten drei Monaten mit dieser Arbeit und der mir durch den Hofrat von Thiersch im Namen des Königs von Bayern aufgetragenen Auswahl von hundert persischen, arabischen und türkischen Sprüchen zu widmen und mich dann wieder ausschließlich mit den Arbeiten für die Beendigung meiner Geschichte der arabischen Literatur zu befassen. Diese würde freilich, wenn ich sie vollenden sollte, zwölf Quartbände füllen, dazu werde ich wohl kaum mehr die Kraft haben. Möge die Akademie der Wissenschaften dieses Werk samt den nötigen Kommentaren zu Ende führen. Die vielen Unannehmlichkeiten und Anfeindungen, die ich in der Akademie erfuhr, die großen Enttäuschungen, die mir das öffentliche Leben gebracht hat, können mich doch in meinem Entschlusse, auf meinem Platz in der Akademie geduldig auszuharren und den Rest meines Lebens den orientalischen Studien zu widmen, nicht wankend machen. Hainfeld, am 29. September 1852.[414] 
 XXX. Die Jahre 1840 und 1841.  [328] Am ersten Sonntag im Januar 1840 fing ich wieder an, als Hammer auf die Glocke der Akademie beim Grafen Kolowrat zu schlagen, sie gab aber keine harmonischen Töne,[328] die Sache lag noch immer bei Sedlnitzky. Ich bat den Grafen, die Angelegenheit zu beschleunigen, und er versprach, das seine zu tun. Ich begann wieder die Tagesordnung meiner Studien und Arbeiten. Jeden Freitag kam Hofrat Kiesewetter auf zwei Stunden zu mir und wir gingen die arabischen, persischen und türkischen Werke über Tonkunst durch, die ich als Laie in der Musik ohne einen so ausgezeichneten Theoretiker wie Kiesewetter nie verstanden hätte. Die Frucht dieser durch drei Winter fortgesetzten Studien war das von Kiesewetter und mir herausgegebene Werk über das musikalische System der Araber, Perser, Türken. Anfang Januar kam der berühmte Reisende Fürst Pückler-Muskau an, ich lernte ihn beim russischen Botschafter kennen, wo ihn mir der preußische Gesandte Graf Maltzahn vorstellte. Sein Äußeres gefiel mir so gut, daß ich die ganze Nacht von ihm träumte. Er ließ am Tage danach seine Karte bei mir und ich traf ihn nach einem Besuche bei Erzherzog Johann zu Hause. Bei einer Aufwartung bei Erzherzog Franz Karl bat ich um Betreibung der Akademie bei Sedlnitzky und Metternich, die er mir auch zusagte. Fürst Pückler traf ich meistens bei den Montagsgesellschaften beim Prinzen von Wasa, an Samstagen bei der Fürstin Esterházy und auf allen Bällen. Auf der Redoute machte ich die Bekanntschaft seiner Abessynierin Mahhube, ich sprach mit ihr arabisch, ihr Äußeres enttäuschte mich aber und blieb weit hinter den Schilderungen ihres Liebreizes zurück, die der Fürst in der ?Allgemeinen Zeitung? gemacht hatte. Nach dem Tode Jacquins maßten sich zwei Häuser an, seine literarischen Mittwoche fortzusetzen. Das eine war das Reichenbachs, eines Württembergers, der sich einen in Österreich nie anerkannten Barontitel gekauft hatte, das andere das Endlichers, der der Nachfolger Jacquins als Professor der Botanik und Direktor des Botanischen Gartens schon äußerlich in Jacquins Fußstapfen getreten war, ihn aber als Gelehrter weit überragte, er versammelte an Montagen die Professoren und Kustoden, die bei Jacquin verkehrt hatten, bei sich.[329] Dr. Jäger teilte mir eines Tages mit, der Fürst Metternich wünsche mich in seinem Kabinett zu sprechen und er hatte dieser Einladung des Fürsten hinzugefügt, daß vom Vergangenen keine Silbe erwähnt werden dürfe. Ich begann von literarischen Dingen zu sprechen, auf die der Fürst sogleich einging und mit besonderer Ehrfurcht von der Geschichte sprach. Über die Akademie konnte ich nicht sprechen, da ich wußte, daß dem Fürsten dies unangenehm wäre und die Sache noch immer bei Graf Sedlnitzky lag. Die Unterredung blieb unverfänglich und drehte sich um literarische Erscheinungen des Tages, wir schieden, als wäre nie Unangenehmes zwischen uns vorgefallen. Am gleichen Abend ging ich noch in den Salon des Fürsten. Unser Friede blieb ein rein äußerlicher. Vierzehn Tage später war ich verpflichtet, bei Fürst Metternich der Akademie wegen vorzusprechen. Graf Kolowrat sagte mir, er habe den Grafen Sedlnitzky wegen der endlichen Erstattung seines Gutachtens über die Akademie gemahnt und dieser habe ihm versichert, das Gutachten sei erstattet. Vormittags hatte ich mich in der Hofkanzlei erkundigt, wo man nichts davon wußte. In der Abendgesellschaft des Fürsten Colloredo traf ich den Grafen Sedlnitzky, der mir lange auswich, aber schließlich doch Rede stehen mußte. Ich erfuhr von ihm, daß er das Ganze dem Fürsten Metternich übergeben habe. Ich sagte: ?Da gehört es ja gar nicht hin, die Sache muß doch zurück an die Hofkanzlei, dann in den Staatsrat und erst von dem aus in die Konferenz.? ?Zuletzt?, sagte Sedlnitzky, ?muß sie doch zum Fürsten Metternich kommen, ich habe sie ihm also brevi manu zugestellt.? Dieses ?brevi manu? war bitterster Hohn, denn dadurch wurde die Sache dem Fürsten Metternich ganz in die Hand gespielt, und da er von einer Akademie nichts wissen wollte, ad calendas graecas verschoben. Ich mußte mich daher direkt an den Fürsten wenden. Er gab mir die Antwort: ?Lieber Freund, die Sachen gehen nicht so schnell.? Als ich am nächsten Sonntag die ganze Angelegenheit dem Erzherzog Ludwig erzählte, sagte er lachend: ?Sedlnitzky hat die Geschichte aus dem Geleise gebracht, jetzt soll er sie wieder ins Geleise bringen.? ?Dazu können weder ich noch Graf[330] Kolowrat ihn vermögen, sondern einzig nur Eure Kaiserliche Hoheit!? Zwei Monate später sprach ich dem Erzherzog wieder davon, er schien aber ganz darauf vergessen zu haben. Einige Wochen später beantwortete Graf Kolowrat meine Klagen über die Untätigkeit des Erzherzogs mit noch größeren: ?Viertausend Aktenstücke liegen unerledigt beim Erzherzog, der ebensowenig wie Graf Sedlnitzky zur Erledigung der Rückstände zu bewegen ist?. Wieder zwei Monate später sagte ich dem Erzherzog: ?Gesetzt, der Fürst stürbe heute und die von ihm willkürlich eingesperrten Akten kämen zum Vorschein und die ganze Welt erhielte Kenntnis davon, würde sie nicht mit Recht empört sein? Würde sie nicht sagen, wie ist es möglich, daß ihm der Erzherzog dies angehen ließ? Warum wollen Eure Kaiserliche Hoheit sich der Möglichkeit dieses Falles aussetzen und warum sorgen Sie nicht dafür, daß Graf Sedlnitzky den aus dem Geleise gebrachten Karren wieder ins richtige zurückführt, wie Sie selbst sagten?? Der Erzherzog nahm dies alles stumm hin und fing von anderem zu sprechen an. Amazon.de Widgets Im Juni begann ich die Überarbeitung meiner ?Enzyklopädischen Übersicht der Wissenschaften des Orients?. Mein Plan war zu groß, er verschmolz Biographie und Bibliographie mit der Wissenschaftslehre. Nach harter, mehrmonatiger Arbeit, in der ich oft in zwölf Stunden nicht mehr als ein paar Bogen Büchertitel mühsam zusammengestellt hatte, gab ich sie auf, weil ich es für nützlicher hielt, zuerst die Literaturgeschichte der Araber zustande zu bringen. Diese sollte zugleich auch eine Blütenlese arabischer Dichtkunst werden. Ich war unfähig, mich viel zu beschäftigen und besserte an den drei Bänden der ?Gallerin? nach, den letzten Band arbeitete ich ziemlich um. Ich wußte, daß dieses Werk die Wiener Zensur nicht passieren würde und daher im Ausland gedruckt werden müsse. Inzwischen traf die Nachricht von der Eroberung von Akka ein. Metternich benützte den Erfolg des österreichischen Geschwaders im syrischen Feldzug, um den Hofkammerpräsidenten Baron Eichhoff, der, von Kolowrat unterstützt, die zwei Millionen, welcher dieser Feldzug[331] Österreich gekostet, beanständet hatte, seines Platzes zu entheben und den Freiherrn von Kübeck an seiner Stelle zu ernennen. Eichhoff war der zweite Kammerpräsident, den Kolowrat ebenso wie Klebelsberg, obwohl beide seine Geschöpfe waren, fallen ließ. Kübeck verdankt seine Stelle nur dem Fürsten Metternich, und aus Dankbarkeit widersetzte er sich nie irgendwelchen Plänen seines Gönners, auch wenn sie die Finanzen belasteten. Von Pillersdorf, der unter Stadion die Triebfeder der Finanzen gewesen, war keine Rede, er wäre dem Fürsten sicher ebenso gefügig gewesen wie Kübeck, ihm mangelte die Energie, durch welche sich Kübecks Finanzverwaltung auszeichnete, und in dieser Hinsicht war des Letzteren Wahl gewiß die beste, die getroffen werden konnte. Am 30. November war ich endlich so weit erholt, daß ich wieder ausgehen konnte. Ich besuchte den Grafen Kolowrat, der mir sagte, daß er dem Unternehmen der Akademiegründung, das unter seiner Anleitung begonnen worden war, seine weitere Teilnahme gewiß nicht entziehen wolle, in einigen Monaten hoffe er, mir mehr darüber sagen zu können. Am ersten Tage des Jahres 1841 arbeitete ich an einem Aufsatz über die Geographie Arabiens für die Jahrbücher und begann die Übersetzung des Fihrist für meine arabische Literaturgeschichte. Vielleicht war es ein Fehler von mir, obwohl ich an so viele Türen der Akademie wegen klopfte, nicht auch versuchte, die Fürstin dafür zu gewinnen, aber es widerstrebte mir mein ganzes Leben lang, etwas durch Weibergunst zu erhalten, und außerdem wären alle solchen Schritte durch den nächsten Ratgeber der Fürstin vereitelt worden, durch den Freiherrn Karl von Hügel, dessen Ehrgeiz auf ganz andere Ziele gerichtet war. Er hatte, vom Fürsten unterstützt, eine Eingabe um die Errichtung eines neuen Hofamtes gemacht, nämlich des Intendanten aller Kabinette. Diese Eingabe wurde, da sie Beschwerden über die schlechte Verwaltung der Kabinette enthielt, vom Oberstkämmerer, dem diese unterstanden, dem Direktor Hofrat Schreibers zur Begutachtung mitgeteilt. Von diesem erlangte ich Kenntnis des Gutachtens über die übrigens sehr ruhmredige Eingabe, in der Hügel behauptete, der einzige[332] aller Europäer zu sein, der Indien durchreist hatte. Ich traf Hügel in einer Abendgesellschaft bei Graf Zamoiski und sagte ihm: ?Sie werden Ihre Bitte nicht durchsetzen. Die oberste Aufsicht über die wissenschaftlichen Sammlungen sollte eine Akademie der Wissenschaften haben wie in München und Berlin. Wenn Sie sich also für die Sache und nicht für Ihre Person interessieren, so spannen Sie sich vor den Karren der Akademie, den ich mich schon lange aus dem Kot, in dem er steckt, zu ziehen bemühe.? Baron Hügel wurde sehr verlegen, wollte sogar die Eingabe ableugnen, sagte sich aber zugleich von aller Teilnahme an meinen Bemühungen los und erklärte, sich für eine Akademie der Wissenschaften nicht interessieren zu können. Ich belagerte wieder den Grafen Kolowrat mit Bitten, die Akten, die nun schon ein Jahr bei Metternich lagen, ihm abzuverlangen. Er sagte: ?Was soll ich tun, wenn er die Herausgabe verweigert? Das kann doch kein Anlaß zu einer neuen Brouille sein!? Ich wandte ein, daß schon um weniger wichtige Dinge Differenzen aufgetreten seien. ?Wir haben doch?, sagte Graf Kolowrat, ?auch ohne Akademie ausgezeichnete wissenschaftliche Männer und Professoren, so wie zum Beispiel Ettingshausen, und da wir sie haben, so ist eine Akademie doch nur eine Sache des Glanzes und literarischen Ruhmes.? Bei Graf Ficquelmont intervenierte ich mit nicht besserem Erfolg. Er fand nie den richtigen Zeitpunkt, mit Fürst Metternich darüber zu sprechen. Endlicher hatte sich bei Erzherzog Ludwig über den Grafen Sedlnitzky beklagt, der den Karren verfahren habe, und war dafür hart angefahren worden. Dem Fürsten Lobkowitz, der mit dem Fürsten gesprochen hatte, war geantwortet worden: ?Das ist nicht meine Sache!? Marschall Marmont gab alle Hoffnung auf und Graf St. Aulaire, der gerade Mitglied der Académie française geworden, und den ich bat, sich als neuer Akademiker auch unserer Akademie anzunehmen, war aus diplomatischen Gründen ebensowenig dafür zu haben wie der bayerische und der belgische Gesandte. Beide hätten die beste Gelegenheit gehabt, sich dafür zu verwenden, der bayerische als der Gesandte eines für Kunst und Wissenschaft begeisterten Königs und als Gesandter eines Familienhofes,[333] der in steter Berührung mit der Kaiserin-Mutter und der Erzherzogin Sophie war, der belgische durch die belgische Akademie, welche von der Kaiserin Maria Theresia gegründet worden war. Sie hatte ? sonderbar genug ? den Niederlanden gewährt, was in Österreich der Astronom Hell nicht durchzusetzen vermochte. Die Montagsgesellschaften bei Endlicher hatten immer größeren Zulauf. Dort interessierten sich fast alle Besucher für das Zustandekommen der Akademie, aber keiner mit so regem Eifer wie der Hausherr. Dr. Jäger, der den Fürsten täglich sah und viel zur Erfüllung unserer Wünsche hätte beitragen können, war ebenso Gegner der Akademie wie Zedlitz und Gervay. Zu ihrer Ehre nehme ich an, daß dies eine Notwaffe war, die sie gegen meine wiederholten Bitten gebrauchten, um einer Betreibung beim Fürsten enthoben zu sein, dem sie ebensowenig wie Dr. Jäger etwas ihm Unangenehmes sagen wollten. Ich wandte mich wieder einmal an die drei Erzherzoge Johann, Ludwig und Franz Karl. Der erste sagte wiederum, es sei nicht an der Zeit, der zweite sagte, er habe sich bereits in der Konferenz dafür verwendet, was Kolowrat in Abrede stellte, der dritte erklärte, er könne nichts tun, wünsche aber allen Erfolg. Ich war am Abend bei Graf Kolowrat und benützte die Gelegenheit, um die Frage wieder anzuschneiden. Graf Kolowrat sagte, er habe mit dem Fürsten wegen der Herausgabe der Akten gesprochen, dieser habe erklärt, daß er sie nicht finde. Darauf habe Kolowrat dem Staatsreferendar Gervay den Auftrag gegeben, alle Papiere zu durchsuchen, dieser habe versichert, die Akten befänden sich nicht darunter. Da sie auch seitdem nie mehr zum Vorschein kamen, so kann ich nur glauben, daß sie wahrscheinlich absichtlich von Clemens Hügel, der sie, wie mir Kaltenbäck erzählte, zum Referat erhalten hatte, vernichtet worden sind. Mit Frankl hatte ich eine lange Unterredung über die Akademie, er hielt sie für überflüssig, weil sich der Genius auch ohne sie Bahn bricht. Kaltenbäck hielt sich nun ganz an Clemens Hügel und hoffte durch ihn die Saat beim Fürsten zur Reife zu bringen. In der Osterwoche erschien in der ?Allgemeinen Zeitung? ein Artikel ?Spiegelbilder aus Wien?, der die Akademie[334] versprach, ihre Errichtung aber nur von dem mächtigen Einfluß des Brüderpaares Hügel abhängig mache. Karl Hügel wurde als Julius Caesar, Klemens als Fabius Cunctator gepriesen. Man glaubte allgemein, daß Klemens Hügel diesen Artikel geschrieben habe und er machte ungeheures Aufsehen. Ich schrieb an den Grafen Kolowrat und machte ihn darauf aufmerksam. Mit Endlicher zerbrach ich mir den Kopf über den Verfasser und erfuhr erst nach einem Jahre, daß es Professor Martius aus München war, der von den beiden Hügel die Unterstützung Metternichs zur Herausgabe eines Prachtwerkes über Pflanzen erreichen wollte. Am 20. März fand eine glänzende Sitzung im Verein der Ärzte statt, alle Erzherzoge und hohen Staatsbeamten wohnten ihr bei, eigentlich war es eine öffentliche Sitzung einer medizinischen Akademie. Die höchsten und hohen Gäste waren mit den Vorträgen so wenig zufrieden, daß sie diesmal zum ersten und zum letztenmal im Verein der Ärzte erschienen waren. Amazon.de Widgets Anfang Mai kam Graf Wickenburg nach Wien, um Fürst Metternichs Bewilligung für die Versammlung der Naturforscher, die nächstes Jahr in Graz stattfinden sollte, und des Kaisers Gegenwart für die Enthüllung des Standbildes Kaiser Franz' vor dem Theater zu erbitten. Der Fürst teilte ihm mit, daß der Kaiser dieser Enthüllung nicht beiwohne, weil in Wien dem Kaiser Franz noch keine Statue gesetzt sei, bewilligte aber die Versammlung der Naturforscher. Ich hatte Karoline versprochen, durch eine Reise nach München unsere silberne Hochzeit zu feiern. Ich benachrichtigte Hormayr von diesem Plan und davon, daß ich bei der festlichen Sitzung der Münchener Akademie am Geburtstage des Königs eine Abhandlung lesen wolle. Ich schrieb eine solche ?Über die Erbfolge und Legitimität nach den Begriffen des moslemischen Staatsrechtes?. Am 7. August reisten wir ab und fuhren die Nacht durch bis Melk. Unser weiterer Weg führte uns über Linz, St. Florian, die Krone aller österreichischen Stifte, Kremsmünster, zum Traunfall, nach Ischl, von da nach Salzburg und München. Dort besuchte ich sofort den Staatsrat Maurer und Professor[335] Thiersch. Bei dem Bankier Eichthal, einem Verwandten des Heniksteinschen Hauses, lernte ich Boisserée, den Wiederbeleber alter deutscher Kunst, und Klenze, den Michelangelo Münchens, kennen. Ich hatte versprochen, daß meine Abhandlung über die moslemische Legitimität nicht mehr als eine halbe Stunde dauern würde. Dies sollte für alle akademischen Reden bei öffentlichen Sitzungen ein kanonisches Maß sein. Mein Vormann, der Leibarzt des Königs, Dr. Walter las den Nekrolog für Döllinger durch volle anderthalb Stunden. Er endete erst um zwei Uhr, zu der Zeit, als die ganze Versammlung schon beendet hätte sein sollen. Die Sitzung war keine glänzende, kein Prinz und kein Gesandter wohnte ihr bei, für mich war sie nur durch Lord Munsters und Olshausens Gegenwart wertvoll. Am folgenden Morgen reisten wir nach Berchtesgaden, wohin sich der König vor wenigen Tagen begeben hatte. Am folgenden Tage (Goethes Geburtstag) hatte ich eben ?Wahrheit und Dichtung? zu lesen begonnen, als ich vom Generaldjutanten des Königs für halbein Uhr en frac bestellt wurde. Der König empfing mich sehr gnädig, ich durfte neben ihm auf dem Sopha sitzen. Wir sprachen über Kunst und Literatur. Ich gab meiner Bewunderung für alle die Kunstwerke der Malerei, Bildhauerei und Baukunst Ausdruck, die ich in der Residenz gesehen. Ludwigs kunstliebender und kunstkennender Genius hatte seine Hauptstadt wirklich zu einem Athen Deutschlands umgeschaffen. Da der König die Gewohnheit hat, oft beim Sprechen die Augen zu schließen, konnte ich seinen Kopf in aller Muße betrachten. Eine hohe, in der Mitte eingeschnittene Stirn mit starken Buckeln des Gegensatzes und des Witzes. Ich sagte ihm, daß ich die Reise in der Hoffnung, in München alles vollendet zu finden, angetreten habe. Der König lachte: ?Sie können in ein paar Jahren wiederkommen. Sie werden immer wieder Neues sehen.? Sehr verbindlich sprach er über meine osmanische Geschichte, die zu lesen er aber noch immer keine Zeit gefunden habe. Ich sagte: ?Wenn Eure Majestät schon auf das Lesen eines meiner geschichtlichen Werke Ihre kostbare Zeit verwenden wollen, so bitte ich, diese Zeit der mongolischen Geschichte[336] zu widmen, die nur zwei Bände haben wird, während die osmanische viermal so groß ist, ich bitte Eure Majestät, diese zueignen zu dürfen.? Der König nahm die Zueignung an. Wir reisten über Hallein, Werfen, Golling nach Altenmarkt und Radstatt. Von da über Schladming und Gröbming nach Irdning. In Admont wurden wir freundlichst aufgenommen, von dort fuhren wir durch das Gesäuse nach Hieflau und Eisenerz. Durch die Radmer ging es nach Vordernberg, wo ich den Erzherzog Johann zu treffen hoffte, aber nur die Baronin Brandhof fand, ihn traf ich erst zwei Tage später in Graz, wo ich der Versammlung der Landwirtschaftsgesellschaft beiwohnte. Amazon.de Widgets In Hainfeld hatte ich Muße, mich mit meiner Selbstbiographie zu beschäftigen. Ich begann sie am 12. September 1841 und vollendete das erste Buch während meines Landaufenthaltes. Auf dem Rückwege nach Wien besah ich das Schloß Kalsdorf bei Ilz, welches ehemals den Grafen Wildenstein gehört hatte. In Neustadt sollten wir Isabella und Heinrich treffen, die uns von Schwadorf entgegenkamen; als wir eintrafen, waren sie noch nicht da, und Karoline wartete auf der Post, während ich mit Eveline zur Hauptkirche ging, um ihr den Denkstein der Hinrichtung Nadasdys, Zrinyis und Tattenbachs zu zeigen. In der Kirche interessierten mich die Grabmäler mehrerer Bischöfe. Mir fiel ein großes, von einer Büste gekröntes Grabmal auf, dessen Inschrift ich las. Es war das Kenotaph des Kardinals Khlesl, der mich schon beim Schreiben des vierten Bandes meiner osmanischen Geschichte sehr interessierte. Seit dem Erscheinen dieses Bandes waren vierzehn Jahre vergangen, ohne daß ein österreichischer Geschichtsschreiber den dort von mir geäußerten Wunsch der Biographie dieses merkwürdigen Staatsmannes erfüllt hätte. In diesem Augenblick beschloß ich, dies selbst zu tun, um auch für die Vaterländische Geschichte etwas zu leisten. 
 XX. Die Jahre 1815 und 1816.  [223] Sir Thomas Dyke Asland machte mir den Vorschlag, ihn auf einem Ausflug nach Graz zu begleiten, er wollte dort die Bekanntschaft der Gräfin Purgstall machen, an die er von England aus empfohlen war. Zugleich mit uns reisten über Graz nach Triest ein paar Wagen mit jungen Engländern, die der Kongreß nach Wien gezogen. In einer schönen, sternenhellen Winternacht um Mitte Januar 1815 langten wir um 9 Uhr abends in der letzten Station vor Graz, in Peggau, ein und erhielten dort die Nachricht, daß keine Pferde im Stall und vor 5 Uhr früh auch keine zu haben sein würden. Wir überlegten, was man tun könne, einige wollten sich schlafen legen, andere schlugen vor, zu spielen und Punsch zu trinken. Endlich machte ich den Vorschlag, zu Fuß nach Graz zu gehen und die Wagen mit Gepäck und Dienern am nächsten Morgen nachkommen zu lassen; der Vorschlag wurde angenommen, und wir traten die Fußreise an. Um 2 Uhr nach Mitternacht erreichten wir den Linienschranken. Unsere Pässe waren in den Wagen zurückgeblieben, wir liefen Gefahr, angehalten und zur Polizei gebracht zu werden. Ich gebot tiefstes Schweigen, und wir schlüpften lautlos unter dem Schranken durch, ohne daß einer der Zöllner erwacht wäre. Im väterlichen Haus[223] und bei der Gräfin Purgstall wurde ich froh und herzlich empfangen. Am 20. Jänner, an welchem Talleyrand zu St. Stephan für die Hinrichtung Ludwig XVI. ein großes Trauerrequiem veranstaltete, war ich mit Sir Thomas wieder in Wien zurück. Von den Franzosen, welche auf dem Kongresse waren, befreundete ich mich nur mit dem Bevollmächtigten, dem geistreichen und liebenswürdigen Duc de Dalberg, dessen Deutschtum im Franzosentum gänzlich untergegangen war. Erst gegen Ende des Kongresses lernte ich den Geschichtsschreiber der französischen Diplomatie, Flassan, kennen, der ganz einsam und verborgen lebte. Flassan suchte keinen einzigen Literaten in Wien auf, und ich dürfte der einzige gewesen sein, der ihn besuchte. Außer dem dänischen Hofmarschall Hauch kümmerte sich keiner der vielen großen und kleinen Diplomaten, mit denen Wien damals überfüllt war, um irgendeinen Literaten der Hauptstadt, allerdings verkehrte auch keiner außer mir in der großen Gesellschaft. Die genußreichsten Abende der großen Gesellschaft waren in diesem Winter für mich die musikalischen im Hause des Grafen Apponyi, dessen Schwiegertochter eine ausgezeichnete Sängerin war. Manchmal spielte auch dort Fürst Radziwill meisterhaft den Kontrabaß. Beethoven kannte ich schon seit zwanzig Jahren aus dem Hause des Arztes Glossé. Um diese Zeit hatte er mich gebeten, den Text seiner Komposition der Sintflut zu schreiben; ich kann nur bedauern, daß meine Dichtung seinen Erwartungen nicht entsprach. Von allen Konzerten, die ich je gehört, sind mir zwei unvergeßlich geblieben, beide dirigierte Beethoven, die ?Schöpfung? im Saale der Universität, aus welcher Haydn halbtot hinausgetragen wurde, und die während des Kongresses gegebene ?Schlacht von Vittoria?, deren allzu überwältigender Kanonendonner schon die zunehmende Taubheit des Meisters zeigte. Mehr als einmal war ich Zeuge, wie er bei sich auf einem schlechten und verstimmten Klaviere spielte, ohne die Töne anders, als wie sie seinem inneren Gehör vorschwebten, zu vernehmen. Unter den österreichischen Ministern deutscher Gesinnung,[224] die ich näher kennenlernte, nahmen die Brüder Stadion und die Freiherren von Wessenberg den ersten Platz ein. Von den beiden Brüderpaaren hatte der eine Bruder die diplomatische, der andere die geistliche Laufbahn ergriffen, aber die beiden Abbées wirkten nicht weniger in der Diplomatie als ihre Brüder die Minister. Den Abbé Grafen Stadion hatte ich 1809, als sein Bruder leitender Minister war, kennengelernt, den Domherrn Freiherrn von Wessenberg, den ethischen Dichter, durch seinen Bruder, den im Kongreß beauftragten Minister. Diesem gaben Geist und Talent größten Anspruch auf die Stelle des Fürsten Metternich, falls diese erledigt werden sollte. Da er selbst Metternich gefährlich erschien, entfernte er ihn bald nach dem Kongreß mit einer großen Pension. Graf Stadion, der frühere Minister des Auswärtigen, war jetzt Finanzminister und nach Metternich der erste Mann im Staate, wie dieser in alle Geheimnisse desselben und des Kongresses eingeweiht. Mehrmals wandte ich mich an ihn, Metternich war für mich während des Kongresses nicht erreichbar, mit Anfragen und Bitten um leitende Maßregeln. Am Morgen war das Vorzimmer des Fürsten mit Ministern und Diplomaten gefüllt, dann begannen die allgemeinen Konferenzen, deren Protokolle Gentz führte, abends auf den Bällen und in den Salons war es nur Souveränen, deren Ministern und Damen möglich, zum Fürsten-Staatskanzler zu gelangen. Amazon.de Widgets Eine der Fragen, mit denen ich mich an Graf Stadion wenden mußte, war die, ob ich dem russischen Minister, dem Grafen Capo d'Istria, ein Memoire über die Errichtung der orientalischen Akademie geben dürfe, um das er mich gebeten hatte. Er beabsichtigte, nach diesem Muster die Lehranstalt für russische Dolmetsche zu verbessern. Graf Stadion fand nichts dagegen einzuwenden und versprach, dem Fürsten Metternich darüber Mitteilung zu machen. Mein Werk über die Staatsverfassung und Staatsverwaltung des Osmanischen Reiches wurde während des Kongresses vollendet und war das erste, womit ich mir den Danebrog- und den St.-Annen-Orden verdiente. Durch den Grafen Capo d'Istria ließ ich dem Kaiser von Rußland ein[225] Exemplar überreichen und durch Herrn von Hauch dem König von Dänemark, das Werk war dem Erzherzog Johann gewidmet. Die Freunde und Verteidiger von Gentz, an ihrer Spitze Prokesch, haben nicht nur seinen Sybaritismus, sondern auch seine Geldgier und seine allen Mächten, die ihn bezahlten, feile Seele zu beschönigen und zu verteidigen gesucht. Prokesch meinte sogar, daß die Geldsummen, die Gentz unter den verschiedensten Titeln bezog, kein seines Talentes würdiger Betrag seien. In Österreich ist kein Beispiel vorhanden, daß irgendein hoher Beamter auf so glänzende Art für seine Arbeiten bezahlt wurde, kein Beispiel einer solchen Überhäufung von Pensionen, Geschenken und Belohnungen, wie sie Gentz während des Kongresses und nachher bezogen hat. Neben der österreichischen Hofratsbesoldung hatte er schon vor dem Kongreß eine englische Pension von jährlich 500 Pfund, durch Lord Castlereaghs Verwendung wurde sie ihm zur Zeit des Kongresses mit einem Kapital von 50.000 Gulden abgelöst. Beim Kongresse erhielt er von jeder der acht Mächte 1000 Dukaten, die Interessen dieser zusammen 86.000 Gulden betrugen allein so viel wie seine damalige Hofratsbesoldung von 4000 Gulden, die später auf die des Staatsrates mit 8000 und dann auf 10.000 erhöht wurde. Für die Agentschaft der Fürsten der Moldau und Wallachei erhielt er jährlich 18.000 Gulden. Dazu kommen noch die besonderen Geschenke anderer Länder und aus dem geheimen Fonds der Staatskanzlei. Auch Rothschild trug dazu das seine bei. Die Kongreßgelder verwendete er zur Bezahlung seiner Schulden, die er für seine sybaritische Tafel, sein Landhaus zu Weinhaus und sein Haus am Glacis gemacht hatte. Fürst Esterházy hatte einen Koch entlassen, der ihm für eine Schildkrötensuppe 100 Gulden gerechnet hatte, diesen, der dem reichsten Magnaten Ungarns zu teuer war, nahm Gentz in seine Dienste. Aus den Abfällen von der Tafel seines Herrn baute sich der Koch später ein schönes Landhaus. Gentz war die Seele der Redaktion der Konferenzprotokolle, der Niederländer Hofrat Waeken mußte aus der[226] österreichischen Staatskanzlei die nötigen Behelfe liefern, außer diesen hatte Metternich noch einen dritten Hofrat in der Staatskanzlei ernannt, um auf dem Kongresse das aristokratische Prinzip in den äußeren Formen vorzustellen. Dazu brauchte Metternich einen Mann mit aristokratischem Namen, dessen Formen gut waren und von dem nichts anderes verlangt wurde, als Botschaften an Mitglieder des Kongresses in gebührender Form mündlich zu überbringen oder ein französisches Billett zu schreiben. Die Wahl fiel auf den Grafen Mercy, einen der größten Hohlköpfe, er war Hofsekretär in der Hofkammer und dort wegen seiner Unfähigkeit berühmt. Stadion konnte sich nicht entschließen, diesen zu allen Geschäften Unfähigen zum Hofrat zu befördern, Metternich übernahm ihn in die Staatskanzlei und setzte ihn als Hofrat allen Kanzleiräten vor die Nase. Beim Schluß des Kongresses wurde er ebenso wie Gentz mit dem Stefansorden ausgezeichnet und später wurde er sogar Geheimer Rat. Fürst Metternich hatte bald nach der Übernahme des Ministeriums der Staatskanzlei eine neue Einteilung gegeben, indem er sie in die Sektionen des Äußeren und des Inneren teilte, die erste, das eigentliche Kabinett, von dem die geheimen Weisungen ausgingen, die zweite hatte den Notenwechsel der laufenden Geschäfte mit den Behörden der inneren Staatsverwaltung. Die Einteilung war sehr zweckentsprechend, nur fehlte ihr die folgerichtige Durchführung. Hudelist stand der zweiten Sektion vor; da er seine diplomatische Laufbahn in Rom als Privatsekretär des Kardinals Grafen Hrzan begonnen hatte und seit seinem Eintritt in die Staatskanzlei die orientalischen Geschäfte an sich gerissen hatte, war auch die Korrespondenz mit Rom und der Türkei der Sektion des Inneren zugewiesen worden, obwohl sie nicht dorthin gehörte. Eher hätten die deutschen Geschäfte dahin gehört als die päpstlichen und türkischen, aber für Metternich waren der Papst und der Sultan von je bessere, nähere und mehr zum Inneren Österreichs gehörige Freunde als die deutschen Höfe. Nach dem Plane, welchen Metternich dem Kaiser über diese neue Einrichtung vorgelegt hatte, sollte jeder Sektion ein Staatsrat vorstehen, der des Äußeren mit größeren Rechten[227] als der des Inneren, aber Kaiser Franz bewilligte den zweiten Staatsrat nicht, als welchen Metternich Gentz vorgesehen hatte. Im März des Kongreßjahres langte die Nachricht von der Flucht Napoleons von Elba ein. Einen Monat, nachdem die Nachricht von dieser den Kongreß zersprengt und von den Hofbällen zum Waffentanz gerufen hatte, traf mich eine neue Ungerechtigkeit Hudelists. Ottenfels, der bisherige Legationssekretär, wurde zum Hofsekretär in der Staatskanzlei ernannt, während mir, seinem Vordermann, Hofdolmetsch und Staatskanzleirat, noch immer der Sitz in der Staatskanzlei verweigert war. Fürst Metternich ließ mich nicht vor, ich schrieb ihm und klagte dieses neue Unrecht meinem Gönner, dem Grafen Sickingen, der abends dem Kaiser davon erzählte. Die Kaiserin war sehr unwillig über diese neuerliche Bureauschikane und warf das Buch, in dem sie las, fort, der Kaiser sagte: ?C'est que Mr. de Sickingen protege fort Mr. de Hammer.? Am 7. Mai war ich zu einem Souper bei der Fürstin Taxis geladen und hatte am nächsten Morgen eine Audienz beim Fürsten Metternich, in der ich alle meine Ansprüche auf tätige Geschäftsverwendung geltend machte, welche in dem Schreiben zusammengefaßt sind. (B. 27.) Ich hatte dieses Schreiben meinem Gönner, dem Erzherzog Johann, überreicht, welcher es dem Kaiser vorzulegen versprach, und versuchte den Kaiser zu einer Entschädigung der mir zugefügten Ungerechtigkeiten zu bewegen. Seither hörte ich nie mehr von der von Hudelist ausgestreuten Verleumdung, daß ich in Ägypten auf eigene Faust herumgereist sei. Die Meinung des Kaisers von meinen Reisen und Leistungen im orientalischen Fache, als Herausgeber der ?Fundgruben? und Verfasser des damals eben erscheinenden Werkes über das Osmanische Reich wurde auch dadurch verbessert, daß ich in einem Zwischenraume von zehn Tagen den Danebrog- und den Annenorden zweiter Klasse erhalten hatte. Ich erhielt die Nachricht von dieser Verleihung durch den Grafen Moriz Dietrichstein, der dem König von Dänemark zugeteilt war, und wurde zum nächsten Tag zur Audienz beim König befohlen, um den Orden in Empfang zu nehmen. Von dem[228] Dutzend von Orden, die ich im Laufe der Zeit bekam, hat mir keiner größere Freude gemacht als der Danebrog, weil er der erste war und weil mir das schöne, rotgeränderte, weißgewässerte Band immer schon in die Augen gestochen hatte. Mit dem Ende des Kongresses kam auch die Entscheidung meiner Geschäftsverwendung zur Reife. Am 7. Juni gewährte mir Fürst Metternich in einer langen Unterredung Sitz und Pult in der Staatskanzlei. Mir wurde das Referat des Hofrates Perrin, der dem Erzherzog Johann für die diplomatische Korrespondenz im Felde zugeteilt worden war, übertragen, ein Gemisch verschiedenster Gegenstände der inneren Verwaltung. Beim Eintritt in die wirkliche Verwendung in der Staatskanzlei war mir ebensowenig ein Diensteid abgenommen worden wie bei meiner Einstellung als Hofdolmetsch. Hudelist hatte mir keine geheimen Geschäfte, sondern nur laufenden Notenwechsel mit den Stellen des Inneren übertragen. Durch einen höchst seltsamen Zufall kam ich am Tage meines Eintrittes zur Kenntnis und Einsicht wichtiger Staatspapiere des vorjährigen Feldzuges, die selbst Hudelist nicht kannte. Ich bekam die zwei Zimmer angewiesen, in welchen vormals Staatsrat Collenbach gearbeitet hatte. Ich war allein in ihnen, mein Pult war ein Rollkasten, dessen Mittellade und beide oberen Seitenladen offen standen, die unteren waren verschlossen und der Schlüssel fehlte. Ich versuchte den Schlüssel des Trumeaukastens, dieser öffnete beide Laden, in einer war nichts, die andere war mit Schriften gefüllt. Zu meinem größten Erstaunen sah ich, daß es die wichtigsten diplomatischen Papiere aus der Kanzlei des Fürsten aus dem Feldzuge des Jahres 1814 waren. Später erfuhr ich den Zufall, durch den sie sich in dem Pulte befanden. Fürst Starhemberg, der Gesandte in London, hatte vor einigen Monaten in der Staatskanzlei an diesem Pulte die Akten gelesen, die ihm direkt von der ersten Sektion anvertraut worden waren. Er hatte sie in diese Lade eingesperrt und den Schlüssel mitgenommen und in seinem gewohnten Leichtsinn bei seiner Abreise auf seine Güter nach Oberösterreich weder an die Zurückstellung der Schriften[229] noch des Schlüssels gedacht. Die Schriften enthielten die Schreiben von Ministern und Generalen, die Fürst Metternich während des Feldzuges von 1814 in amtlichen und privaten Angelegenheiten erhalten hatte. Leider habe ich mir über ihren Inhalt keine Notizen gemacht. Schreiben von Fouché und Talleyrand, nach denen ich eifrig suchte, waren keine darunter, dafür aber mehrere vertrauliche des Grafen Marescalchi mit dem Plane der Einrichtung der während des Bestehens des Königreiches Italien von ihm in Paris geleiteten italienischen Staatskanzlei. Dieser Plan interessierte mich besonders, weil aus ihm klar hervorging, daß die neue, der österreichischen Staatskanzlei gegebene Einrichtung ganz dem italienischen Ministerium Marescalchis nachgebildet war. Ich fand vertrauliche Schreiben des Duc Dalberg und von Flahaut samt einem Bericht des Grafen Clam über eine Unterredung mit dem letzteren. Ich muß gestehen, daß die auswärtige Politik betreffende Schreiben mich viel weniger interessierten als die geheimen Polizeiberichte, welche das Leben in Wien betrafen. Sehr unterhielten mich die Berichte Graf Benzels über die Tischgespräche bei Baron Thugut, in denen ich vieles, was ich gesagt, um es zu den Ohren der Polizei zu bringen, getreu wiedergegeben fand. Diese Berichte durchzog ein den Erzherzogen feindlicher Geist, ganz im Sinne der Metternichschen Politik. Die Erzherzoge waren alle als Ränkeschmiede geschildert, die sich durchaus in die Politik mischen wollten. Dies war ein gemeiner, aber wirksamer Kniff, um dem Kaiser seine Brüder und Schwäger verdächtig zu machen und die Herrschaft um so sicherer dem Grafen Metternich zu erhalten. Ich las diese Schriften nach und nach ganz verhohlen. Zuerst dachte ich, es werde am sichersten sein, über den Fund jedermann, auch Hudelist gegenüber, tiefstes Stillschweigen zu bewahren, das ich wahrscheinlich auch nicht gebrochen hätte, wäre ich nicht durch eine neue, empörende Verweigerung von seiner Seite zum Sprechen herausgefordert worden. Zwei Monate war ich schon im Bureau, als ich Hudelist bat, mir zu gestatten, daß ich die alten türkischen Akten lesen dürfe, was mir Graf Stadion schon 1807 bewilligt hatte, aber durch die Ereignisse der nächsten Jahre nicht fortgesetzt werden[230] konnte. Hudelist schlug mir die Bitte ab und begründete dies damit, daß in meiner gestohlenen Brieftasche ein Blatt historischer Auszüge gefunden worden sei. ?Einem Menschen, der unvorsichtig genug ist, Auszüge aus der Registratur der Staatskanzlei in der Tasche herumzutragen, kann die Erlaubnis, weitere zu machen, unmöglich gegeben werden.? Dies empörte mich und ich machte ihm Mitteilung über meinen Fund, um ihm zu zeigen, wie unrecht er habe, einige hundert Jahre alte Akten mir vorzuenthalten, während die Staatsgeheimnisse der jüngsten Zeit in meinem Pulte liegen. Er stutzte um so mehr darüber, als ihm von den Papieren nichts bekannt war. Ich holte den Pack und überreichte ihn. Sein Vertrauen hatte ich dadurch abermals verwirkt. Amazon.de Widgets Diese neue Willkür überzeugte mich davon, daß weder Talent noch Fleiß, weder Kenntnisse noch Geduld meine Stellung verbessern könnten, und ich spähte nach jeder Gelegenheit einer anderen Verwendung. Der erste Kustos der Hofbibliothek erkrankte und sein in Bälde zu erwartender Tod würde einen Platz freimachen, der für meine Fähigkeiten und Kenntnisse ebenso wie für meine Lust und Neigung geeignet war. Die Hofräte Raab und Maßburg machten mich darauf aufmerksam und rieten mir, frühzeitig Schritte einzuleiten, damit mir nicht andere Bewerber zuvorkämen. Graf Sickingen versprach dem Kaiser die Sache vorzustellen, dem sie als zweckmäßig erschien, doch konnte vor Stingels Tod nicht definitiv darüber entschieden werden. Am 6. August starb er und am folgenden Tage überreichte ich meine Bittschrift dem Staatsrate Hudelist mit der Bitte, sie zu unterstützen, da er ja nach allem, was vorgefallen, doch selbst froh sein würde, mich als Untergebenen loszuwerden. Er erwiderte nur, daß er das Ansuchen dem Fürsten Metternich einsenden werde. Hudelist schlug vor, ich solle zwar zum ersten Kustos der Hofbibliothek ernannt werden, aber ohne den dieser Stelle zukommenden Hofratstitel und nicht mit dem Gehalte von 4000, sondern nur mit 3000 Gulden und mit Zurücksetzung vom Range des Staatskanzleirates auf den eines[231] Kaiserlichen Rates. Dies ist ein leerer Titel, der Hofsekretären, Burginspektoren, Gärtnern und Stallmeistern verliehen wird. Am 8. November teilte mir Collin diese Nachricht mit, die Anstellung war bereits vom Obersthofmeister Fürst Trauttmansdorff unterschrieben. Mein Entschluß, diese Stellung unter diesen Bedingungen nicht anzunehmen, stand sofort fest und meine Freunde, Graf Harrach, Fürst Sinzendorf und Graf Apponyi, stimmten ihm bei. Beim Obersthofmeister Fürst Trauttmansdorff, dem die Hofbibliothek unterstand, legte ich bei der Vorstellung wider diese Verleihung das größte Gewicht auf den Umstand, daß dadurch die Bibliothek selbst in ihren bisherigen Rechten und Vorzügen verkürzt werde. Er sah dies vollkommen ein und sagte dem Fürsten Sinzendorf einige Tage später, daß er dem Kaiser einen Vortrag darüber gehalten habe, daß der Hofratscharakter von der Stelle eines Kustos unzertrennlich sei. Obwohl Erzherzog Johann meine Zurückweisung nicht billigte, hatte er über diese neue mir zugefügte Ungerechtigkeit an den Fürsten Metternich geschrieben. Diese Stelle wurde nun dem mit der Verwahrung von Kupferstichen und Karten betrauten Kupferstecher Bartsch verliehen. Er war zwar der Verfasser des in der Kunstgeschichte sehr geschätzten Werkes ?Le peintre graveur?, hatte aber nie studiert. Trotzdem erhielt er den Hofratscharakter und 4000 Gulden Gehalt. Ich legte nun wieder Hand an die seit einem Jahre unterbrochene Reisebeschreibung Ewlias, deren zweite Hälfte noch nicht übersetzt war, daneben las ich Klassiker: Suetonius, die Biographen der Cäsaren, die großen und kleinen Geographen, und abends, wenn ich nicht ausging, politische Flugschriften. Am vorletzten Tage des Jahres wohnte ich einem Harfenkonzerte im Hause Henikstein bei, wo die älteste Tochter Karoline durch ihre fröhliche Liebenswürdigkeit, ihren Geist und ihr reines Französisch zum erstenmal meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich begann das Jahr 1816 in der Hälfte meines 42. Lebensjahres, wenn ich überhaupt noch heiraten wollte, war es die höchste Zeit für mich. Meine letzten Heiratspläne hatten sich hauptsächlich auf die Hoffnung der Beförderung[232] zum Hofrat gegründet, mit 4000 Gulden dachte ich auch eine unbemittelte Frau ernähren und haushalten zu können. Da diese Hoffnung durch die Ernennung von Bartsch zu Wasser geworden, hatte ich vorderhand alle Heiratsgedanken aufgegeben, aber Karoline hatte einen zu lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Daß ich auch ihren Eltern als Werber willkommen sei, schloß ich aus der freundlichen Aufnahme, die ich bei ihrer Mutter, einer geborenen von Sonnenstein aus Oberösterreich, und bei dem Vater, dem Bankier Josef von Henikstein, fand. Die ersten sechs Wochen des Jahres vergingen ohne weitere Annäherung. Ich war sehr mit der Übersetzung Ewlias beschäftigt und sandte die ersten dreißig Bogen Lord Aberdeen mit der Bitte, dafür einen Verleger in England zu finden. Ein Exemplar von Spencers Sonetten hatte ich durch Lord Castlereagh dem Prinzregenten übergeben lassen. Den Dank dafür, einige Zeilen seines Bibliothekars, bekam ich in einem Briefe des Erzherzogs Johann, die große goldene Medaille (vergoldetes Silber) des Prinzregenten erhielt ich später durch Gordon. Wenn ich jetzt auch die späten Abendgesellschaften nicht besuchte, die nach dem Theater begannen, so war ich doch häufiger Gast der Fürsten Dietrichstein und Sinzendorf und wöchentlich mehrmals des Freiherrn von Thugut. Amazon.de Widgets Von einem Spaziergang nach Weidling brachte ich die ersten Schneeglöckchen mit und sandte sie am selben Abend noch Karoline von Henikstein. An diesem Abend faßte ich den Entschluß, um ihre Hand zu werben. Ich verhehlte mir keineswegs die Schwierigkeit, sie war neunzehn, ich zweiundvierzig Jahre alt. Meine bisher seltenen Besuche wurden häufiger, aber ich ließ mich immer nur im Kreise von Freunden und in Gegenwart ihrer Mutter mit ihr in Gespräche ein. Von allen ihren Talenten entzückte mich am meisten ihr Gesang und am tiefsten ergriffen mich die vom Abbé Stadler komponierten Psalmen. So verfloß der Februar mit häufigen Besuchen im Heniksteinschen Hause, bei denen ich immer neue psychische und physische Vorzüge meiner gewünschten Braut entdeckte, ich fand aber weder Mut noch Gelegenheit, ihr meine[233] Liebe zu erklären. Am Abend des 1. März schlug ich Karoline vor, mit mir Schach zu spielen, ich hoffte sie ungestört sprechen zu können. Ich war nie ein guter Schachspieler, damals spielte ich sehr zerstreut und wurde diesmal und noch an sechs anderen Abenden regelmäßig matt gesetzt. Bei der siebenten Partie am 14. März schwieg ich lange, als besinne ich mich auf den nächsten Zug, und sagte endlich: ?Oserai-je demander votre main à vos parents?? Sie antwortete kurz und lebhaft: ?Qui, certainement, mais tirez donc.? Ich zog und gewann diese Partie, die letzte, die ich in meinem Leben gespielt, und mit ihr das Glück meines Lebens. Am 19. März brachte ich meine Werbung bei den Eltern in aller Form vor und sie wurde mit einem herzlichen Ja-Wort erwidert. Mein Schwiegervater fragte als praktischer Geschäftsmann sogleich, wann die Hochzeit sein solle, und ich antwortete: ?An meinem Geburtstag, am 9. Juni.? ?Aber das sind ja noch zwölf Wochen.? ?Das weiß ich, aber sie werden nötig sein, um die Erlaubnis des Fürsten Metternich einzuholen, eine Wohnung zu finden und Karoline auszustaffieren.? Vom Heniksteinschen Hause begab ich mich in die Staatskanzlei, um meine Heirat der Vorschrift gemäß anzuzeigen und die Genehmigung meines Chefs zu erhalten. 
 XVI. Der Aufenthalt in Paris (1809?1810).  [192] Der Weg war grundlos, die Nacht sehr finster; ich, der Postillon, der Bediente und die Pferde schliefen, erst nach zwölf Stunden war ich in St. Pölten. Trotz der mit französischen Truppen übersäten Straßen langte ich am achten Tage in Paris an. Oft setzten sich französische Soldaten hinten auf den Wagen. Ich wies mich mit meinem Zeichen im Knopfloch als Kabinettskurier aus oder gab mich als Offizier aus und schalt auf französisch, dadurch bewirkte ich[192] ihr Absitzen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, für einen Gefangenen gehalten zu werden, dessen Wächter hinten auf dem Wagen sitzt. Ich fuhr in der Nähe der französischen Grenze durch Scharen österreichischer Gefangener und mein Herz blutete. Trotz der Revolution trugen die Postknechte im Elsaß gepudertes Haar und Zöpfe. In Paris wurde ich von den beiden Adjutanten des Fürsten Schwarzenberg, dem Freiherrn von Tettenborn und dem Grafen Wratislaw, sehr freundlich, vom Fürsten sehr gnädig empfangen. Er las sogleich die Depeschen, die ich gebracht und sagte mir, daß es ihm leid tue, mich nach der erhaltenen Weisung nicht als österreichischen Beamten vorstellen und meine Geschäfte offiziell unterstützen zu können, daß ich aber in seinem Hause und an seinem Tische stets willkommen sei. Mit Dankbarkeit gedenke ich des gütigen Benehmens des Fürsten und des freundlichen seiner Adjutanten während der fünf Monate meines Aufenthaltes in Paris. Sogleich besuchte ich meine orientalischen Freunde de Sacy und Jaubert. De Sacy nahm mich auf das freundschaftlichste auf und versprach mir alle Unterstützungen in Rat und Tat, er verhieß mir, mich dem Minister des Innern, dem Grafen Montalivet, vorzustellen und gab mir die Leitpunkte der Bittschrift, die ich einreichen solle, an. Jaubert war seit drei Tagen mit einer Demoiselle d'honneur der Prinzessin Pauline vermählt. Bei beiden ging das Gespräch sehr bald auf die große Neuigkeit des Tages, auf die Scheidung Napoleons über, welche soeben dem Senat und der Deputiertenkammer durch eine Botschaft des Kaisers verkündet worden war. Alle Vermutungen der künftigen Wahl einer Gattin fielen auf eine russische Prinzessin, kein Mensch dachte an eine österreichische. Napoleon hatte wirklich schon im September einen Werbeantrag nach Petersburg gelangen lassen. Nach diesen beiden Besuchen war mein dringendstes Geschäft die Ausführung eines besonderen Auftrages, welchen mir der alte Fürst Metternich mit Wissen und Willen seines Sohnes mit der größten Geheimhaltung aufgegeben hatte, nämlich ein Schreiben von ihm dem König von Württemberg, der[193] sich in Paris aufhielt, eigenhändig zu übergeben. Er hatte schon verschiedene Schreiben an ihn gerichtet, um seine Herrschaft Ochsenhausen zurückzubekommen, die der König beschlagnahmt hatte, aber auf keines eine Antwort erhalten. Mit dem Schreiben in der Tasche begab ich mich mittags in die Wohnung des Königs, der eben im Begriffe stand, auszufahren. Es war keine Zeit mehr, irgend jemanden zu sprechen und eine Audienz zu verlangen, ungehindert war ich bis ins Vorzimmer gelangt; kaum war ich eingetreten, als die Türe aufging und sich die unförmlich dicke Gestalt des Königs langsam herausbewegte. Ohne weiteres Zeremoniell schritt ich auf den König zu und übergab ihm den Brief. Der König nahm ihn und gab ihn seinem Kammerherrn, der mich fragte ?Von wem?? Ich sagte ?Vom Fürsten Metternich? und hatte somit meinen Auftrag zwar nicht förmlich und hofgemäß, aber früh und sicher ausgeführt. Ich verfügte mich auf die Königliche Bibliothek, um die Bekanntschaft von Langlés und Chery zu machen; Chery war ein einfacher, redlicher, aber etwas schwerfälliger Mann, Langles ein kleinlicher Ränkeschmied. Amazon.de Widgets Die fünf Monate in Paris waren für mich recht unruhig. Ich wohnte im Hotel de L'empire, ganz in der Nähe der Wohnung des österreichischen Botschafters. Ich fuhr herum, um meine Empfehlungsbriefe und Karten abzugeben. Gelegentlich wurde ich dem Prince de Benevent (Talleyrand) vorgestellt. Ich traf ihn an seinem Tisch in großer Gesellschaft und fünf Jahre später wieder auf dem Kongreß in Wien, weiß aber nichts besonderes von ihm zu erzählen. Ich konnte nur sein Äußeres und seinen immer geistreichen, meist ironischen Ton beobachten. So unangenehm sein hinkender Gang, so stattlich hielt er sich stehend mit dem Rücken an den Kamin gelehnt, am stattlichsten im Lehnstuhl, wie er auch auf dem großen Kupferstich des Wiener Kongresses abgebildet ist. Schon Reinhard hatte mir in Jassy von den seltenen Augenblicken gesprochen, in welchen Talleyrands immer zur Repräsentation gespannte Gesichtsmuskel, wenn sie diese vergaßen, den ganzen Macchiavellismus seiner Politik und innersten Verderbtheit ahnen ließen. Mir entgingen einige solcher Augenblicke nicht.[194] Mehr als mit ihm hatte ich Gelegenheit, mit seiner Gattin zu sprechen, deren Gemeinheit und Mangel an Geist und Bildung das Stadtgespräch von Paris war. Als von Robinson Crusoe die Rede war, interessierte sie sich für ihn als für einen eben Verunglückten. Bei jedem Empfange gab sie Stoff zu neuen Anekdoten. Sie war dick und gemein, aber gutmütig. Ich besuchte das Theatre français, konnte mich aber mit dem tragischen Vortrag französischer Schauspieler und ihrer Deklamation der Alexandriner nie befreunden, um so mehr entzückte mich Mlle. Mars, die damals auf der Höhe ihrer Schönheit und Kunst stand. So sehr ich früher geistreiche Abendgesellschaft dem Theater vorgezogen hatte, so sehr wurde ich in Paris ein leidenschaftlicher Liebhaber, und jeden Abend, an dem ich nicht zu spätem Mahl geladen war, verbrachte ich im Theater. Da ich nie vor Mitternacht nach Hause kam, waren die Morgenstunden für das Studium verloren. Ich stand zwischen acht und neun Uhr auf, frühstückte im Café Hardy und ging dann sofort auf die Bibliothek. Die noch nicht katalogisierten orientalischen Handschriften waren in Gewahrsam des kleinlichen Langlés noch nicht so zugänglich wie später unter der Aufsicht de Sacys. Es war nicht daran zu denken, daß er mir eine nach der anderen zur Ansicht gegeben hätte, ich mußte mich glücklich schätzen, wenn ich ein Manuskript, dessen Existenz ich aus dem Katalog oder durch de Sacy erfahren hatte, zur Ansicht erhielt. Bei diesen Schwierigkeiten, und da mein Aufenthalt in Paris nicht über einen Monat dauern sollte, entschloß ich mich, meine Vormittagsstunden lieber den Auszügen einer einzigen wichtigen Handschrift als der Durchsicht mehrerer zuzuwenden. Ich erhielt die schöne Handschrift der Werke des Dichters Mir Ali Schir. Obwohl ich des Neutürkischen mächtig war, war mir doch das Alttürkische neu, und ich begann die Lesung mit der Feder in der Hand und zog die Redensarten und Wörter aus, um eine Grammatik oder ein Wörterbuch anzulegen. Vier Monate arbeitete ich vier Stunden täglich daran und war eben damit fertig, als Mr. Quatremaire, den ich nur[195] einmal gesehen, zu mir kam, mich um meine Arbeit fragte und mit der Versicherung überraschte, daß er den Mir Ali Schir schon längst durchgearbeitet habe und demnächst eine Grammatik und ein Wörterbuch herausgeben werde. Ich kannte ihn als sehr tüchtigen Orientalisten und überzeugte mich vom Reichtum und der Mannigfaltigkeit seiner philologischen und historischen Kenntnisse. De Sacy sagte mir, daß Mr. Quatremaire ein kenntnisreicher und fleißiger Gelehrter sei, er sei aber von solcher Eifersucht auf die Arbeiten aller anderen Orientalisten besessen, daß er keinem die Herausgabe eines Werkes und die Vollendung einer Arbeit gönne, sondern alles allein machen wolle, dabei zwar alles beginne, aber nichts vollende. Trotzdem glaubte ich mich durch die Mitteilung Quatremaires gebunden und legte meine Arbeit als eine durch die seine unnütz gewordene zurück. Seitdem sind dreißig Jahre verflossen, das Wörterbuch und die Grammatik sind nicht erschienen. Die interessantesten Deutschen, die ich in Paris kennenlernte, waren Öchsner aus Frankfurt und der Livländer Freiherr von Renneburg. Sein damaliger sehr freisinniger Ton ging im Kammerherrn eines kleinen Hofes unter. Ich traf den wirklich freisinnigen, genialen Grafen Schlabrendorf, den berühmten Alexander von Humboldt und seinen Bruder Wilhelm. Mit letzterem kam ich später, als er Gesandter in Wien war, in nähere Berührung, mit Alexander nur in gesellschaftliche, während des Aufenthaltes in Paris und auf seiner Reise nach Wien. Ich zollte ihm reinste Bewunderung für seine unermüdliche, vielseitige Tätigkeit. Oft machte er nach Mitternacht nach gesellschaftlichen Veranstaltungen noch eine kleine Fußreise zum Observatoire und verbrachte dort den Rest der Nacht mit astronomischen Beobachtungen. Er sprach viel, aber immer interessant; in den geselligen Kreisen Wiens machte er als Vielsprecher kein Glück. Nach den täglichen vier Stunden auf der Bibliothek widmete ich die nächsten vier bis zum Mittagmahle der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Paris, denn ich wollte in den vier Wochen, die mein Aufenthalt dauern sollte, möglichst viel von ihnen sehen. In der Bibliothek[196] beschränkte ich mich nicht auf die orientalischen Handschriften, sondern besichtigte auch alle anderen Abteilungen. De Sacy führte mich zu einer Sitzung im Institut der Wissenschaften, in der mich die Mitglieder der Klasse, welcher ich später als korrespondierendes und zuletzt als wirkliches, auswärtiges Mitglied angehörte, mehr interessierten als das, was sie lasen. Im Musée Napoleon, in welchem die aus Italien geraubten Götterbilder und Meisterwerke der Kunst aufbewahrt wurden, bewunderte ich alle Kunstwerke, die ich später in Italien an ihren ursprünglichen Plätzen wiederfand. Wenn ein Besucher dieses Museums Napoleon einen Augenblick vergessen hätte, so würden ihn die vielfältigen N., die an allen Wänden und Türen eingelegt waren, an ihn erinnert haben. Die Pariser sagten ?des N. mis partout? (des ennemis partout). Meine Besuche der Sehenswürdigkeiten setzte ich trotz der gesellschaftlichen Verbindungen unermüdlich fort. Tief ergriff mich das Invalidenhaus und sein Dom. Der Degen Friedrich des Großen hing ober dem Vorhang, die Grabmale Vaubans und Turennes waren die Anwartsteine des größeren, das sich für Napoleon selbst hier und nicht in Saint-Denis erheben sollte. In drei Reihen stiegen die eroberten Fahnen übereinander auf. Von der Höhe des Domes übersah ich ganz Paris zu meinen Füßen. Im Laufe des Jänner 1810 fanden die ersten Besprechungen über die Vermählung Napoleons mit der Erzherzogin Maria Louise zwischen dem Fürsten Schwarzenberg und dem Konsul de la Borde, Semonville und Floret statt. Anfang Februar schickte Napoleon den Prinzen von Neufchâtel nach Wien, um sich dort der Erzherzogin in seinem Namen antrauen zu lassen. Am 13. Februar wurde der Heiratsvertrag in Wien vom Grafen Metternich und dem französischen Botschafter unterschrieben. Die Stellung der österreichischen Botschaft wurde dadurch eine ganz andere, die auch auf mein Reklamationsgeschäft nur von günstigem Einfluß sein konnte. Hälfte März gab mir de Sacy die gute Nachricht, daß auf den von Montalivet, dem Minister des Inneren, über meine Eingabe erstatteten Bericht der Kaiser die Zurückstellung der Doubletten genehmigt habe. Langles,[197] den ich sogleich um die Rückgabe bat, wollte davon nichts hören, ehe nicht das kaiserliche Dekret durch den Staatssekretär, den Herzog von Bassano, ausgestellt sei. Die Expedition suchte er auf alle Weise zu hintertreiben. Als Ende März mein Chef nach Paris kam, stattete ich ihm über den glücklichen Verlauf meiner Sendung Bericht ab und bat um die Unterstützung der Botschaft beim Staatssekretär. Zugleich bat ich um Erlaubnis, meine Uniform tragen zu dürfen, um, wie die anderen österreichischen Beamten, aufgeführt zu werden und den Feierlichkeiten und Festen der Vermählung beiwohnen zu können. Die Bitte wurde genehmigt. Die Zeremonien der bürgerlichen Vermählung Napoleons mit Marie Louise fanden am 1. April in Saint-Cloud statt. Die Pariser sagten mit Recht: ?que ce n'était qu'un poisson d'avril politique.? Am nächsten Tag zog das Kaiserpaar in die Tuillerien, wo ein Saal in die Trauungskapelle verwandelt war, der aber mehr einem Theater als einer Kapelle ähnelte. Nach einem Frühstück bei Fürst Schwarzenberg begab sich das ganze diplomatische Korps, dem ich mich als Generalkonsul der Moldau anschloß, dorthin in die für uns bestimmten Logen. Von dem Augenblick an, da Napoleon, die Kaiserin an der Hand führend, eintrat, war meine ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, ich studierte nur das Gesicht des Herrschers. Amazon.de Widgets Napoleons Kopf war der eines Römers, sein Gesicht das des weltbeherrschenden Imperators, in jeder Muskelbewegung sprach sich der Herrscher aus. Es war augenscheinlich, daß sich während der ganzen kirchlichen Zeremonie sein Geist mit anderem als mit der Messe beschäftigte. Später erfuhr ich, daß am Morgen ein Kurier mit schlechten Nachrichten aus Spanien gekommen war, außerdem soll er sich über die vier Königinnen, die sich geweigert hatten, die Schleppe der Kaiserin zu tragen, geärgert haben. Nur manchmal wandte ich meinen Blick ab und bemitleidete die vier Königinnen (Spanien, Holland, Westfalen und Neapel), die, so oft die Kaiserin eine Wendung machte, ein Rad schlagen mußten. Beim Bankette, das folgte, stand ich zu fern, um den Kaiser beobachten zu können, ich betrachtete die Marschälle und Staatsräte. Abends war prächtiges[198] Feuerwerk im Tuilleriengarten, in dem sich der Springbrunnen besonders gut machte; alle Regierungsgebäude waren glänzend beleuchtet. Am Tage nach der Hochzeit begannen die Vorstellungen der Fremden durch den Botschafter Fürst Schwarzenberg, zuerst bei dem Prinzen von Benevent (Talleyrand), den Ducs de Cadore et Bassano (Champigny und Maret), beim Prinzen-Erzkanzler Cambacérés und den anderen Ministern. In der Nacht vom 14. April fuhren wir nach Compiegne und wurden am folgenden Sonntage dem Kaiser und der Kaiserin nach der Messe vorgestellt. Der Kaiser ging den Kreis schnell ab, und der Botschafter, neben welchem Graf Metternich war, nannte die Namen. Die wenigsten wurden einer Anrede gewürdigt; der Kaiser war schon halb an mir vorüber, als Fürst Schwarzenberg meinen Namen nannte. Napoleon kehrte um, sah mich scharf an und ging weiter, ohne ein Wort zu sagen. Nach der Vorstellung bei Hof fand die bei den Prinzessinnen des Kaiserhauses statt, bei der ältesten Schwester Napoleons, Elise, vermählte Bacciochi, bei Prinzessin Pauline Borghese und bei der jüngsten, Caroline, der Königin von Neapel. Diese interessierte mich am meisten, obwohl sie weniger schön war als Pauline. Sie sprach mit mir über die Schönheiten des Bosporus, ich sagte ihr, sie seien nach dem Urteile der meisten Reisenden größer als die ihrer Hauptstadt, aber keine Sultanin sei schöner als die Beherrscherin Neapels. Sie interessierte mich auch als die Liebschaft Metternichs, welcher sie auch später während ihres Aufenthaltes in Österreich besonders begünstigte und trotz der Eifersucht seiner Gemahlin ihr lebensgroßes Porträt in seinem Kabinette aufgestellt hatte. Diese Liebschaft des Ministers hat damals den Geschäften Österreichs in Paris sehr genützt. Die Versammlung des diplomatischen Korps fand im Hotel des Fürsten Kurakin statt und zugleich die Vorstellung bei der Königin, die dort erschienen war. Dort brachtemir de Sacy die frohe Botschaft, daß das Restitutionsdekret für die orientalischen Handschriften endlich aus der Staatskanzlei herabgelangt sei, und damit war am 7. Mai der[199] Zweck meiner Reise erreicht. Die sechs Wochen, die von der Vermählung Napoleons bis zu meiner Abreise verstrichen, benützte ich zu Ausflügen in der Umgebung. Drei Tage, nachdem ich die Nachricht von dem Restitutionsdekret erhalten hatte, übernahm ich die Handschriften, und acht Tage später saß ich im Reisewagen als Kurier nach Wien. 
 XXIII. Die Jahre 1821 bis 1824.  [262] Ich schwankte lange, ob ich in diesem Jahre mit dem Schreiben der Geschichte des Osmanischen Reiches beginnen solle, zu der ich unablässig Material sammelte und sieben Jahre lang im Archiv der Staatskanzlei die ganze orientalische Korrespondenz von der Zeit Karl V. und Ferdinand I. bis zum Frieden von Sistowa gelesen und ausgezogen hatte. Ich hätte schon in diesem Jahre damit begonnen, wenn mir[262] nicht immer noch die Möglichkeit vorgeschwebt hätte, nach der Rückkehr des Grafen Lützow doch noch den Internuntiusposten zu erhalten. Diese Rückkehr wollte ich abwarten, um, falls meine Hoffnung sich erfüllte, die Arbeit in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches zu beginnen. Staatsrat Stürmer war zwar mein Feind, aber er hatte keinen Kredit beim Fürsten, der froh war, der Schulmeisterei Hudelists entronnen zu sein und als dessen Nachfolger mit Absicht eine Null und einen Schatten gewählt hatte. Ein größerer und mächtigerer Gegner war Gentz. Er hatte jetzt die ganze orientalische Politik an sich gerissen und war mir feindlich gesinnt, weil ich nie Anstand genommen hatte, mich über seinen Obskurantismus, Geldgier, Verschwendung und Bestechlichkeit mit Verachtung auszusprechen. Zum Fürsten hatte ich allerdings nie ein Wort gegen Gentz gesagt, während er, wie ich vom Fürsten selbst wußte, keine Gelegenheit versäumte, mich als undankbar und liberal zu verschreien. Zwei willige Werkzeuge in der Hand Metternichs für die türkische und griechische Politik waren Ottenfels und Prokesch, die ich hier bloß ihrer Biegsamkeit und Schmiegsamkeit dem Fürsten gegenüber nebeneinander stelle, ohne den Talenten und dem Charakter des letzteren dadurch den geringsten Abbruch tun zu wollen. Mein Landsmann Prokesch war zuerst Lehrer an einem Kadettenhause, aus dem ihn Graf Clam in den militärischen Dienst versetzte und ihn dem Fürsten Schwarzenberg empfahl. Später wurde er auf seinen Wunsch zur Marine versetzt und vom Fürsten Dietrichstein an Metternich zur politischen Korrespondenz in orientalischen Angelegenheiten empfohlen. Er gewann durch seine Berichte das Vertrauen des Fürsten, indem er die griechische Sache ganz den Ansichten des Fürsten entsprechend darstellte und von der knapp bevorstehenden Vernichtung des griechischen Aufstandes sprach. Der griechische Aufstand bestärkte den Fürsten Metternich in seinem mir gegenüber schon zweimal geäußerten Entschluß, mich nicht in Konstantinopel zu verwenden. Ich schrieb ausführlich an ihn nach Laibach, wo er dem Kongresse der Großmächte wegen Neapel beiwohnte, meine Ansicht[263] über die Wichtigkeit der griechischen Schilderhebung und meine Meinung, daß es der Pforte nicht gelingen werde, des Aufstandes Herr zu werden. Da diese Ansichten denen des Fürsten entgegengesetzt waren, waren sie nicht geeignet, sein Vertrauen zu erhöhen, besonders da meine Vorschläge, für die Griechen vermittelnd bei der Pforte einzuschreiten, auch von Gentz verworfen wurden. Mein Schreiben blieb unbeantwortet. Eine Gelegenheit, nochmals darauf zurückzukommen, bot mir das Diplom des Schah von Persien, durch welches meine Zueignung angenommen und mir im voraus dafür der Sonnen- und Löwen-Orden versprochen wurde. Auch auf dieses Schreiben bekam ich keine direkte Antwort, sondern ich erhielt das Diplom nur mit ein paar Zeilen von Ottenfels zurück, den der Fürst nach Laibach mitgenommen hatte. Bei seiner Rückkehr von Laibach hatte der Fürst als Haus-, Hof- und Staats-Kanzler die höchste Stufe im Staate erreicht. Am 26. Mai wurde diese Amtserhöhung durch ein Handbillett kundgemacht, zugleich auch die Ernennung neuer Hofräte und die des Grafen Mercy zum Geheimen Rat. Am folgenden Tage wartete die ganze Staatskanzlei dem Fürsten auf, um ihm Glück zu wünschen. Er machte eine Ausnahme von seiner Gewohnheit, auf die Rede des Vorstandes nichts oder nur ein paar Worte zu erwidern, und sprach über die Zeitumstände und die ?Vernichtung der Elemente des griechischen Aufstandes?. ?Vernichtung der Elemente? war ein köstlicher Ausdruck, Elemente sind unvernichtbar, und dies hat sich auch im Resultat des griechischen Freiheitskampfes bewahrheitet. Da ich mich noch nicht entschließen konnte, meine große historische Arbeit zu beginnen, beschäftigte ich mich mit kleinen Arbeiten der verschiedensten Art. Für die Gräfin Purgstall besorgte ich die Herausgabe des ?Denkmales auf das Grab der beiden letzten Grafen Purgstall?. Aus dem persischen Wörterbuch Tergheni Schnuri's schrieb ich alle Bruchstücke des noch unbekannten großen persischen Dichter Abdul Maani ab, sie erschienen im folgenden Jahre unter dem Titel ?Juwelenschnüre?, zu denen die später erschienenen ?Duftkörner? ein Gegenstück bildeten. Ich schrieb eine Erläuterung zu einer Papyrusrolle[264] im Besitze des Münz- und Altertumliebhabers Fontana in Triest, die im nächsten Jahre erschien, aber auch nicht in den Buchhandel kam. Die Übersetzung der Sonette Spencers erschien jetzt in zweiter Auflage und kam in den Handel. Amazon.de Widgets Am Tage nach dem feierlichen Glückwunsch ging ich zu dem Fürsten in sein Kabinett unangemeldet, wie alle Hofräte der Staatskanzlei, und traf ihn schreibend. Ich stellte mich vor ihn und wartete den Augenblick ab, bis er die Feder weglegen würde. Als dies geschah, wollte ich einen politischen Diskurs über die griechischen und türkischen Zustände beginnen, der Fürst kam mir zuvor und sagte: ?Sie wünschen immer tätige Verwendung, ich habe Ihnen eine bestimmt. Ich will an der Staatskanzlei ein statistisches Bureau gründen, ganz nach dem Muster des in Berlin befindlichen, von Hoffmann geleiteten, und Sie sollen der Chef davon sein.? Ich fiel über diesen unerwarteten Vorschlag aus den Wolken. Ich antwortete: ?Es ist unmöglich, sich strenger über das zu prüfen, was man imstande ist zu leisten, als dies bei mir der Fall. Zur orientalischen Geschäftsführung, sei es in Konstantinopel, sei es in der Kanzlei, habe ich mich mein Leben hindurch befähigt, in der Geographie der Levante bin ich bewandert, ich kann aber nicht sagen, in Statistik, weil es mit der Statistik in der Türkei sehr schlimm aussieht, aber das statistische Studium des Okzidents, ich will nicht einmal sagen Amerikas, sondern nur Europas und der Staaten des Deutschen Bundes ist mir ganz und gar fremd. Ich habe kein Zahlengedächtnis, was bei einem Statistiker ein Haupterfordernis und, ehrlich gesagt, muß ich bekennen, daß ich zu dieser von Eurer Durchlaucht zugedachten Bestimmung durchaus nicht tauge.? Der Fürst erwiderte: ?Sie sollen mit dem mechanischen Anteil gar nichts zu tun haben, Sie sollen nur an der Spitze das Bureau leiten und sich Ihre Arbeiten wählen.? ?Im Grunde?, sagte ich, ?kommt das Ganze doch auf Rechnen und Tabellenentwerfen heraus und daher werden Eure Durchlaucht am besten tun, die Leitung Ihrem Rechnungsreferenten oder Bibliothekar zu übertragen.? Der Fürst schlug die Augen gegen mich auf und sagte mit bedeutungsvollem Ausdruck: ?Ich brauche jemanden, dem ich mein Vertrauen nicht[265] nur zur Bewahrung des statistischen Geheimnisses, sondern auch in Geldsachen ganz schenken kann.? Auf diese Antwort konnte ich nur schweigen. Was ich dachte, konnte ich nicht sagen, ohne dem Fürsten nicht den Vorwurf von Leichtsinn und Inkonsequenz zu machen. Ob die Idee des statistischen Bureaus unmittelbar von Metternich ausging, weiß ich nicht, wahrscheinlich hat sie ihm Gentz eingegeben, der beim Kongreß die Erfahrung gemacht hatte, daß er alle notwendigen statistischen Angaben nur von Hoffmann bekommen konnte. Es war zwar schon ein statistisches Bureau in Wien unter der Leitung des Freiherrn von Metzburg im Entstehen, es beschäftigte sich aber nur mit der Statistik des Inlandes. Metternich und Gentz hielten für die Staatskanzlei ein Bureau für nötig, das die Macht aller auswärtigen Staaten abwiegen, zählen und messen könnte. Es lag nahe, dies dem Bureau des Freiherrn von Metzburg zuzuweisen, und ich erwähnte diesen Gedanken bei einer späteren Unterredung mit dem Fürsten; er sagte, davon sei wohl schon lange die Rede, es komme aber nichts zustande, wenn er die Sache nicht selbst angriffe. Er sagte, ich solle nach Berlin reisen, um die Einrichtung dort genau zu studieren, schriftliche Verhaltungsbefehle seien ganz überflüssig, der mündliche Auftrag genüge, er werde mir zur Unterstützung meiner Sendung noch ein Schreiben an den Gesandten Grafen Zichy mitgeben. Es blieb mir nichts übrig, als mich dem Plane des Fürsten zu fügen, da er meine Entschuldigung nicht annahm und ich mir nicht den Vorwurf zuziehen wollte, ich habe eine mir angebotene tätige Verwendung ausgeschlagen. Die Reise nach Berlin kam mir sehr erwünscht, da ich eben um einen Urlaub bitten wollte, um mit meiner Familie auf das Gut meines Schwiegervaters Mitrovic in Böhmen zu fahren. Der Fürst sagte: ?Gehen Sie mit den Ihren dahin und machen Sie von dort den Abstecher nach Berlin.? Die Erlaubnis, die nötigen statistischen Werke zu beschaffen, wurde mir sogleich erteilt. Kesaer war darüber sehr unwillig, daß ein Büchereinkauf für die Staatskanzlei durch andere Hände gehen sollte als durch die seinen. Ich warf mich sogleich auf die statistischen Studien, um dem Berliner Direktor nicht als gänzlich Unwissender[266] entgegenzutreten. Ende Juni reiste ich in einer kaiserlichen Kalesche, meine Frau, ihre Mutter und ihre Schwestern begleitend, nach Mitrovic ab. Von dort setzte ich nach einigen Tagen die Fahrt über Prag und Dresden nach Berlin fort. Am Morgen langte ich in Dresden an und ging sogleich zum Gesandten, dem Grafen Palffy, der mich für den folgenden Tag zum Speisen lud. Ich besuchte Böttiger, der mir die Unmöglichkeit, nur drei Tage und nicht eine volle Woche in Dresden zu bleiben, vorhielt, wie wollte ich in drei Tagen die Galerie, den Antikensaal, die Bibliothek sehen und bei Hof vorgestellt werden. Ich beschloß, jetzt länger zu bleiben, auf der Rückreise nur durchzufahren. Er führte mich zum Grafen Kalckreuth, dem Sohne des preußischen Feldmarschalls, einem liebenswürdigen Schöngeist, der mir seine Equipage zur Verfügung stellte, dann zum Grafen Piatti, dessen Gattin eine Gräfin Apponyi, der mich für den Nachmittag zum Tee bat. Hiezu holte mich Graf Kalckreuth ab und ich traf dort den größten Teil der Dresdener Gesellschaft. Von dort fuhren wir ins Theater, wo ich den Intendanten Freiherrn von Könneritz und den des Berliner Theaters Grafen Brühl kennenlernte. Schließlich gingen wir noch in den ?Liederkreis?, wo ich schon durch einen Brief des sächsischen Gesandtschaftssekretärs bei dem Legationsrat Pieper, dem Übersetzer Byrons, angesagt war, dort lernte ich neben einigen Dichtern und Literaturen das große musikalische Genie Weber kennen, dessen ?Freischütz? soeben seinen Ruhm begründet hatte. Am folgenden Morgen wohnte ich einer Vorlesung Böttigers im Antikensaal bei. Dieser führte mich in das Grüne Gewölbe und in die Gemäldegalerie. Am Sonntag Vormittag holte mich Graf Palffy zum katholischen Gottesdienst in der Hofkirche ab und wir wohnten auf der Diplomatentribüne der Messe bei. Nach dieser wurde ich dem König, der Königin und der Prinzessin Augusta vorgestellt, mittags bewirtete mich Graf Kalckreuth mit zwölf anderen Gelehrten und Dichtern, unter denen Tieck hervorleuchtete, und am Nachmittag fuhren wir nach dem Plauenschen Grund. Am Tage meiner Abreise bewirtete mich Böttiger an einer Tafel von sechzehn Personen, die Speisen[267] waren zahlreich, die Bedienung aber so langsam, daß dieses Mittagmahl volle fünf Stunden dauerte. Der eigentliche Zweck meiner Reise wurde durch meinen Besuch im statistischen Bureau und meine Unterredung mit dem Vorsteher desselben, dem Geheimen Regierungsrat Hoffmann, erfüllt. Er war von seinem Chef beauftragt, mir nichts von den Einrichtungen der Anstalt vorzuenthalten und hoffte für seine Bereitwilligkeit das Kommandeurkreuz des Leopoldordens zu bekommen, das er auch durch den Freiherrn von Werner erhielt. Das Bureau befand sich in der Lindenstraße 23 zu ebener Erde und im ersten Stock, unmittelbar unter dem Kanzler. Das Personal bestand aus acht Personen, ein Rat für die Bevölkerung, einer für die Ortsbeschreibung, zwei Feldmesser, zwei Kanzlisten, ein Kanzleidiener und der Direktor. Die Besoldung betrug 15.000 Taler, die beiden Räte waren wie der Direktor Geheime Regierungsräte. 1800 Taler waren zum Ankauf von Büchern, Karten und Zeichnungen jährlich bewilligt. Die Kanzleistunden waren von neun bis drei. Die Einteilung der Zimmer und Depots war sehr zweckmäßig. Hoffmann war in seinem Fache ganz ausgezeichnet, aber ungemein pedantisch. Mit zeremoniöser Feierlichkeit führte er mich in sein Bureau ein und stellte mir seine Untergebenen vor. Am letzten Tage meines Aufenthaltes in Berlin wohnte ich einer Gesamtsitzung der Akademie bei, in ihr interessierten mich am meisten die Gestalten Schleiermachers und Savignys, mich ihnen vorstellen zu lassen, hatte ich keine Gelegenheit. In Prag traf ich meine Frau, und zwei Tage später waren wir in Mitrovic. Ich berichtete sofort an den Fürsten Metternich über den Erfolg meiner Sendung und arbeitete ein Memoire über die Errichtung eines statistischen Bureaus bei der Staatskanzlei nach dem Muster des Berliner aus. Am 10. September trafen wir in Wien ein und ich meldete mich am nächsten Tage beim Fürsten, den ich aber nur einen Augenblick sprechen konnte. Ich übergab ihm meine Ausarbeitung und er versprach Tag und Stunde zu bestimmen, um diese zu besprechen und zu beraten. Vier Wochen lang wartete ich, ohne gerufen zu werden; wenn ich mich meldete, ließ der Fürst sich entschuldigen. Die Konferenz[268] fand nie statt, der Plan des statistischen Bureaus war in den Brunnen gefallen. Den Grund habe ich nie erfahren, wahrscheinlich war er ein abschlägiger Beschluß des Kaisers. Es war das einzige Mal, daß dem Fürsten Metternich meine tätige Verwendung in der Staatskanzlei in den Sinn kam. Meine Schriften und die aus Berlin mitgebrachten Tabellen gab ich später an das unter der Leitung meines Freundes Metzburg stehende statistische Bureau ab. Nachdem also auch diese Hoffnung begraben war, kehrte ich zu meinen orientalischen Studien zurück, ich las den Koran und die osmanischen Geschichtsquellen, übersetzte den ersten und zog die zweiten aus. Dazwischen las ich Darus Geschichte von Venedig, den Kain von Lord Byron und Walter Scotts Castle of Kenilworth. Ich zeigte mich wenig öffentlich und in Gesellschaft und verbarg meinen Ärger in der Stille des Landlebens in Döbling und in seiner Umgebung, wo viele meiner Freunde lebten. In den ersten Tagen des Oktober erfuhr ich aus der Zeitung die Ankunft Lord Strangfords, mit dem ich vor zwanzig Jahren in Bath zusammen gewesen. Er hatte in diesen Jahren seinen Weg auf der diplomatischen Laufbahn mit glänzendem Erfolg zurückgelegt, als Gesandter am portugiesischen Hof hatte er sich durch die Verschleppung Don Pedros aus Brasilien einen Namen gemacht und war, seitdem er als Botschafter an der Pforte stand, die Triebfeder der den Griechen günstigen Politik Englands. Unter anderen Umständen würde ich mich beeilt haben, ihn aufzusuchen, da er aber von Konstantinopel kam und die von seinem Hof verfolgte Politik diejenige war, welche ich seit dem griechischen Aufstand in der Staatskanzlei vergeblich predigte, hielt ich es für das Beste, ihn zum Kongresse nach Verona abreisen zu lassen, ohne ihn gesehen zu haben. Am 10. Oktober erhielt ich ein Billett des Freiherrn von Puthon, an dessen Handlungshaus Lord Strangford empfohlen war, in dem der Lord sich erkundigen ließ, wann mir sein Besuch angenehm wäre. Ich schrieb dem Baron, daß ich aus Klugheit den Lord nicht habe besuchen wollen, daß ich aber jeden Dienstag und Freitag in die Stadt komme und ihn am nächsten Tag im Gasthof ?Zur Stadt London? aufsuchen[269] werde. Das Wiedersehen nach zwanzig Jahren war ein sehr freundliches von beiden Seiten. Ich setzte ihm die Ursachen meiner Zurückgezogenheit auseinander und er erzählte mir, daß er sich sofort beim Fürsten Metternich nach mir erkundigt habe. Dieser hatte gesagt: ?Vous le trouverez diablement faché contre moi a cause de la nomination d'Ottenfels?. ?Hätte ich gewußt,? sagte ich, ?daß der Fürst von unserer alten Bekanntschaft unterrichtet ist, so hätte mich nichts abgehalten, Sie sofort zu besuchen.? Wir kamen dann auf die Politik des Tages und besonders auf die griechische Frage zu sprechen. Strangford bestätigte, daß Prokesch seine Stellung beim Fürsten hauptsächlich seinen Berichten verdanke, die für die Griechen ungünstig lauteten. Amazon.de Widgets Ende Juni begab ich mich zu meinem Freund und Gönner, dem Fürsten Sinzendorf, nach Ernstbrunn, es war das letztemal, daß ich in diesem schönen Monat des Jahres die ländliche Ruhe dort genießen durfte. Zwei Monate später, am 18. August, starb der Fürst an den Folgen eines Sturzes. Der Kutscher mußte auf Befehl des Fürsten an einer Stelle umkehren, wo er umwerfen mußte, aber der Fürst bestand auf seinen Willen. Er schenkte dem Kutscher nach dem Sturz einen Dukaten, weil er seinen Befehl ausgeführt hatte. Der Fürst hinterließ eine bedeutende Schuldenlast. Da er der Letzte seines Geschlechtes, ging Ernstbrunn nach einem langwierigen Prozeß zwischen den verschiedenen entfernten Verwandten an den Fürsten Reuß über, die Herrschaft Gföhl erbte sein Neffe und seine Schwester Thurn. Keinen seiner Freunde hatte der Fürst in seinem Testament erwähnt. Seine Gemälde und anderen Sammlungen wurden versteigert. Die Geldangelegenheiten der Gräfin Purgstall machten mir Sorge. Sie waren durch Veruntreuungen eines mit unbeschränkten Vollmachten versehenen Verwalters, durch Prozesse und schlechte Verwaltung so heruntergekommen, daß sie die Pension als Witwe eines Gubernialrates annehmen mußte und mit dem Gedanken umging, ihren Witwensitz Hainfeld zu verkaufen. Vor dieser traurigen Notwendigkeit rettete sie das großmütige Legat des Gemahles ihrer Nichte Lord Ashburton. Durch alle diese Sorgen wurde mein Verdruß[270] über meine politische Laufbahn sehr in den Hintergrund gestellt. Ottenfels war zum Internuntius und Hofrat vorgeschlagen worden, der Kaiser unterschrieb die Ernennung zum Internuntius, die zum Hofrat nicht, ob aus Gerechtigkeitsgefühl oder aus Mißtrauen gegen die Wahl bleibt fraglich. Über diese Ernennung schrieb ich einen wutentbrannten Brief an den Fürsten, der ihm nur neue Waffen gegen mich in die Hand gab, denn ich rechtfertigte durch ihn nur den Vorwurf gegen mein leicht aufbrausendes Wesen, das er als Hauptgrund für meine Nichtverwendung zu diplomatischen Geschäften angab. Dieser Schlag war der empfindlichste in meiner ganzen Laufbahn. Einige Tage später suchte ich diesen Brief durch einen an Gentz gut zu machen. Zwei Monate früher erwähnte ich gegen Pilat eines meiner Memoires über orientalische Fragen, dessen Kenntnis für Gentz nützlich sein könnte, und als er mich darum ersuchte, sandte ich es ihm bereitwilligst. Dies war das einzige Mal, an dem ich mit Gentz schriftlich verkehrt hatte. Nun richtete ich dieses Schreiben an ihn, das er artiger und offener beantwortete, als ich erwartet hatte. Die Rechtfertigung der vom Fürsten getroffenen Wahl mit dem ?Glücke, das mit seinem Geiste fast immer Hand in Hand geht?, so daß Gentz ?die Inspiration desselben ohne weiteres Grübeln als die Bürgschaft des guten Erfolges betrachtete?, ist an diesem Briefe das Merkwürdigste. Ich warf mich nun wieder auf Mitenebbi und seine Übersetzung und auf das Studium der Neuplatoniker, zugleich las ich das ?Gülscheni Ras? (Rosenflor des Geheimnisses), ein Grundwerk persischer Lehre, das ich später übersetzte. Ich hatte die Reichshistoriographen und andere Geschichtsschreiber vollendet und begann nun für die osmanische Geschichte die Werke von Europäern zu lesen und auszuziehen. Die Versendung des ?Denkmal auf das Grab der beiden letzten Grafen Purgstall? an die Bibliotheken, gelehrten Gesellschaften und Freunde nahm viel Zeit in Anspruch. Fünf Wochen nach der Ernennung des Internuntius hatte ich eine Unterredung mit dem Fürsten Metternich, den ich abermals um tätige Verwendung bat. Er erklärte mir, daß er mich in seinem Leben nicht in der diplomatischen Laufbahn[271] verwenden und um so eher an mich denken werde, wenn ich nichts begehre. In den ersten fünf Monaten des Jahres 1825 las ich die noch nicht ausgezogenen Reichshistoriographen und andere namhafte Geschichtsschreiber, außer diesen die großen englischen, wie Hume, Robertson, Gibbon. Damals war viel Fanatismus für die griechische Sache in der Luft, den ich nie geteilt, wohl aber den endlichen, für die Griechen günstigen Erfolg vorausgesagt hatte. In diesem Jahre kam die alte Forderung Englands an Österreich zur Auszahlung. Es handelte sich um eine Forderung von vier Millionen Pfund oder vierundzwanzig Millionen Gulden, welche England Österreich zur Führung der französischen Revolutionskriege geliehen hatte und nun zurückforderte. Canning war an Stelle Lord Castlereaghs Finanzminister geworden, war dem Fürsten Metternich persönlich nicht sehr geneigt, und wie sich später herausstellte, war es ihm mit dieser Forderung nicht einmal sehr ernst, er wollte nur dem Fürsten Ungelegenheiten machen. Schon im Jänner dieses Jahres traten die Staatsminister zu einer Konferenz zusammen, um zu beraten, ob Österreich wirklich die Zahlung zu leisten habe. Die Grafen Zichy und Stadion verneinten es absolut, Metternich war entgegengesetzter Meinung. Fürst Dietrichstein, dem die mit England geschlossenen Verträge am besten bekannt waren, wurde mit der Durchsicht aller darauf bezüglichen Schriften und Urkunden und der Abfassung eines Gutachtens beauftragt. Er arbeitete den ganzen Winter hindurch in der Staatskanzlei, und das Resultat dieser Arbeit war, daß, nachdem Österreich seit jenen Verträgen mit England im offenen Kriegszustande war, der alle Friedensverträge aufhebt, alle Verbindlichkeiten als erloschen zu betrachten seien. Diese Meinung teilte sogar Gentz. Bald darauf mischte sich aber das Haus Rothschild mit der Anerbietung großer Summen ein und kam unmittelbar mit Metternich und Gentz in Berührung. Fürst Dietrichstein sagte zu Gentz: ?Sie werden sehen, daß, obwohl das Recht auf unserer Seite, das Ende vom Lied sein wird, daß wir zahlen.? Gentz antwortete: ?Ich glaube, Sie haben Recht.? Und der Fürst hatte Recht. Metternich stellte[272] dem Kaiser die Zahlung als Ehrenschuld dar und sie erfolgte. Wie wenig die englischen Minister damit gerechnet hatten, bewies die spätere Verhandlung im Parlament, bei der der Minister diese vier Millionen als ein ?God-sent? bezeichnete. Amazon.de Widgets Je näher der 9. Juni, den ich mir zum Beginn des Schreibens der osmanischen Geschichte vorgenommen, herankam, desto fleißiger war ich in meinen Vorbereitungsstudien, im Archiv brachte ich täglich einige Stunden des Vormittags zu, die türkischen Akten lesend. Diese waren damals noch geteilt: die Berichte der Internuntien und die Weisungen an diese waren in der alten Registratur der Staatskanzlei, die türkischen Staatsschreiben im Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Viele der letzten fand ich in den Akten der alten Registratur und schaffte sie brevi manu ins Hausarchiv, wo sie erst von dieser Zeit an ordentlich registriert wurden. Die Akten selbst waren in größter Unordnung. Unter den Korrespondenzen mit den Paschas von Ofen fand ich einen Brief Ignatius von Loyolas an Kaiser Ferdinand über die Einführung der Jesuiten in Wien. Man ahnte im Archiv gar nicht, daß noch ein Schreiben des heiliggesprochenen Stifters der Jesuiten vorhanden war. Ich arbeitete täglich von vier bis zum Frühstück um sieben Uhr, und gleich nach dem Frühstück bis zehn oder elf, also täglich sechs bis sieben Stunden, in denen ich nie mehr als sechs bis sieben Seiten zustande brachte. Von Zeit zu Zeit lief ich einige Minuten in den Garten, um Geist und Augen zu erfrischen. Damals brachte ich auch mit der Straußschen Druckerei das Geschäft der persischen Talikschrift in Ordnung. Sie wurde nach meiner Anleitung durch den Stempelschneider gegossen. Die Übersetzung Marc Antons hatte ich in den Jahren 1818 bis 1820 vollendet. Das Abzeichen des Sonnen- und Löwen-Ordens in Brillanten, den ich dafür bekam, mußte ich mir auf eigene Kosten anfertigen lassen, wahrscheinlich hatte der Botschafter die Dekoration selbst behalten. Mein Wort, die Übersetzung drucken zu lassen, mußte trotzdem eingelöst werden. In Wien gab es keine Talikschrift, ich verpflichtete mich der Druckerei gegenüber, alle Stempel, die nicht nach meinem Sinne geschnitten wären, auf meine Kosten so lange schneiden zu lassen, bis ich mit ihnen zufrieden[273] sei. Dies hat beträchtlich viel Zeit und Geld gekostet, aber die Schrift war trotz einiger Unvollkommenheiten die beste bisher erschienene. 
 XXI. Die Jahre 1817 und 1818.  [234] Zwei Tage nach meiner Rückkehr von der Hochzeitsreise war ich beim Fürsten Metternich zu Tisch geladen und aß dort mit dem neapolitanischen Gesandten Ruffo, dem Gesandten Freiherrn von Lebzeltern und den beiden leitenden Geschäftsmännern der Staatskanzlei, dem Staatsrate Hudelist und dem Hofrate Mercy. Die Veranlassung zu dieser Einladung war eine schöne persische mit historischen Figuren bemalte Schachtel, welche der Fürst vom persischen Botschafter Mirsa Abdul Hassan durch den Freiherrn von Steigentesch als Geschenk erhalten hatte und deren Erklärung und Beschreibung er wünschte. Der Gegenstand interessierte mich an und für sich, als Anlaß durch ihn den[234] Fürsten öfter sehen und von meinen Angelegenheiten mit ihm sprechen zu können, war mir der Auftrag doppelt willkommen. Ich ließ die Schachtel sehr genau von Mannsfeld für die ?Fundgruben? in Kupfer stechen und gab eine genaue Beschreibung. Auf ausdrückliches Verlangen ließ ich einen Kupferstich in den Farben des Originals malen, den der Fürst dem Kaiser geben wollte. Mir war es hauptsächlich um geregelte Beschäftigung in der Kanzlei zu tun, das Dolmetscheramt war ja seit den sieben Jahren meiner Ernennung dazu eine vollständige Sinecure, ich hoffte von des Fürsten Einsicht und Gerechtigkeitsliebe, daß er mich trotz Hudelists Bemühungen, mich aus dem Bureau zu entfernen, doch tätig verwenden werde. Nach der Tafel ergab sich keine Möglichkeit mit dem Fürsten davon zu sprechen, denn es kamen Fürst Trauttmansdorff und Graf Stadion, um wegen der für den nächsten Tag festgesetzten Vermählung der Erzherzogin Clementine das Nötige zu besprechen. Der Fürst ging seines Augenleidens wegen nicht aus, der Kaiser besuchte ihn wöchentlich einige Male und war erst am vorhergehenden Tage wieder bei ihm gewesen. Das Augenleiden hatte den Verlust des linken Auges zur Folge. Damals hoffte ich noch, bei der nächsten Erledigung auf den Posten in Konstantinopel Anspruch machen zu können, diese Hoffnung wurde bei der nächsten Unterredung, welche mir der Fürst am 10. September gewährte, vernichtet. Ich beschwerte mich darüber, daß ich bei der neuen Zuteilung der Arbeiten in der Kanzlei übergangen worden sei, obwohl ich durch die zwei Jahre der Abwesenheit des Hofrates Perrin sein Ressort geführt hatte. Der Fürst sagte: ?Sie sind zu gut, gewöhnliche Kanzleinoten zu konzipieren. Sie können sich nützlicher mit literarischen Arbeiten beschäftigen und Sie werden nichts dabei verlieren, alle Vorteile und Auszeichnungen, welche Ihre Kollegen auf dem politischen Wege erreichen, werden auch Ihrem literarischen Verdienst zukommen.? Ich erwiderte, daß ich nicht ein Referat in der Kanzlei, sondern vielmehr den Posten in Konstantinopel im Auge habe, zu dem ich mich durch meine bisherige Verwendung dort und in der Moldau und als Hofdolmetsch, besonders aber durch meine auf Reisen erworbenen Kenntnisse des Landes[235] und der Menschen vor anderen für befähigt halte. Hierauf sagte der Fürst: ?So lange ich Minister bin, kommen Sie nicht nach Konstantinopel. Ich kann bei den von mir auf Ministerposten verwendeten Subalternen weder vorzüglichen Geist noch ausgezeichnete Kenntnisse brauchen, ich brauche charakterlose Maschinen. Sie taugen nicht zum Diplomaten durch Ihren Charakter. Sie haben Phantasie und poetisches Talent. Um Gottes willen! Nur keine Poeten in Geschäften! Ich werde besser für Sie sorgen als Sie selbst.? ?Das ist ja?, sagte ich, ?die wahrhafte Anwendung aus der Fabel, wo der Esel Gesandter wird.? Der Fürst lachte: ?Das ist mein Fall, ich werde lieber einen Esel schicken als Sie.? ?Ich schrieb das Werk über die Staatsverfassung und Staatsverwaltung des Osmanischen Reiches, um meine genauen Kenntnisse desselben zu beweisen.? Der Fürst: ?Wer das Osmanische Reich so genau kennt wie Sie, könnte doch nur ein elender ? das ist nicht das Wort ? nur ein gefährlicher Internuntius werwerden. Ich bin ein Lasttier, welches den Karren, vor den es gespannt ist, durch dick und dünn hindurchzieht, Leute von Charakter wie Sie haben eine sehr beschränkte Laufbahn und sind in diplomatischen Geschäften gar nicht zu brauchen.? ? Am selben Morgen erzählte ich dem Erzherzog Johann von dieser Unterredung, er sagte nur: ?Das Gebäude ist morsch, schonen wir unsere Kräfte.? Mitte Dezember brachte ich dem Fürsten Metternich den vollendeten Kupferstich des persischen Schachtelgemäldes und den in Farben, er versprach, mir in vierzehn Tagen Bestimmtes über meine Beförderung zum Hofrat wissen zu lassen. Einige Tage später lud er mich zu Tisch, in einer Anwandlung von Dankbarkeit für das neuerliche Versprechen bat ich den Fürsten, ihm meine Geschichte der persischen Redekünste zueignen zu dürfen, was gnädig angenommen wurde. Ich hatte wieder mit meinen Augen zu leiden und dies fiel mir um so lästiger, als eben aus Kalkutta ein schönes Geschenk orientalischer Bücher angekommen war und die häufigen Briefe der Mitarbeiter der ?Fundgruben? meine Tätigkeit sehr in Anspruch nahmen. Die wichtigsten, weil es sich um Sein oder Nichtsein der ?Fundgruben? handelte,[236] waren die meines Freundes, des Grafen Rzewuski. Schon vor fünf Jahren hatte ich ihm meine Übersetzung ?Rumili und Bosna? gewidmet und er wollte mir dafür ein Reitpferd schenken. Ich mußte dieses Geschenk ausschlagen, da ich nicht in der Lage war, den Unterhalt eines solchen zu bestreiten. Claudius James Rich, der britische Resident in Bagdad, war seit dem Beginne der ?Fundgruben? ihr tätiger Mitarbeiter und besonderer Gönner. Er hatte mir ein herrliches Geschenk geschickt, nämlich zweiundsiebzig babylonische geschnittene und gebrannte Siegel und Zylinder, vier kufische, vier babylonische Siegel und eine sehr schöne bronzene Antike, einen Leoparden darstellend. Die geschnittenen Steine und Ziegel, deren Abbildungen in den ?Fundgruben? erschienen, wurden zwischen mir und dem Grafen geteilt, die meisten fanden ihren Weg in das Kaiserliche Antiken-Kabinett in Wien und in das Joanneum in Graz, ein Dutzend der schönsten behielt ich, ebenso den Leoparden. Außer den Geschenken und den Aufsätzen für die ?Fundgruben? dankte ich Rich meine Ernennung zum Mitglied der Ostasiatischen Gesellschaft von Madras, Kalkutta und Bombay. In diesem Winter (1817) war ich ein eifriger Besucher des Antiken-Kabinetts und Karoline, der viel Bewegung angeraten war, begleitete mich. Mich interessierten damals besonders die ägyptischen Altertümer, und eine Frucht dieser Besuche war die in den ?Fundgruben? veröffentlichte Abhandlung über den Sargdeckel einer Mumie. Meine Beschäftigung mit den ägyptischen Altertümern wurde durch eine andere unterbrochen, durch die von Goethe verlangte Erklärung der Inschrift Lothar II., die Goethe mit einigen Worten drucken ließ, die aber Kenner deutscher Altertümer, wie Kopp, nicht als richtig anerkannten. Hudelist wollte mich um jeden Preis aus der Kanzlei entfernen und versuchte neue Minen. Er beantragte die Pensionierung des schon altersschwachen Direktors der Orientalischen Akademie, des Professors Hoeck, und die Ersetzung desselben durch mich. Dies erfuhr ich durch den Grafen Sickingen, zugleich die Äußerung des Kaisers, daß er diesen Vorschlag nicht genehmigen werde, da ich nach seiner Ansicht[237] nicht zum Leiter, eines Erziehungsinstitutes tauge. Das Jahr 1817 war durch verschiedene Erfolge und Freuden ausgezeichnet, aber es hatte traurig begonnen; meine Freundin, die Gräfin Purgstall, wurde durch den großen und unersetzlichen Verlust betroffen. Am 7. Jänner starb ihr einziger, hoffnungsvoller Sohn Wenzel Raphael, der letzte Sproß des alten, erlauchten Hauses der Grafen von Purgstall. Die Ausführung des Denkmals für ihren Gatten in der Kirche zu Riegersburg hatte Graf Moriz Dietrichstein besorgt, mit dem zweiten, für ihren Sohn, betraute sie mich. Mit der größten Lebhaftigkeit ergriff sie die Idee, ihrem Gemahle und Sohne auch ein literarisches Denkmal zu setzen, das nicht für den Buchhandel, sondern nur zur Verteilung an Freunde bestimmt war. Sie bat mich, die zu den Nekrologen beider vorhandenen Materien zu sichten und zu ordnen. Verschiedener Schwierigkeiten wegen kam es aber erst vier Jahre später heraus. Die Inschriften zu beiden Grabdenkmalen hatte Graf Stolberg geschrieben. Am zweiten Sonntage nach Ostern genas Karoline eines Knaben. Ich begrüßte den Neugeborenen mit der Übersetzung eines arabischen Distichon, das ich als Anzeige an meine Freunde sandte: ?Es lachten alle froh am Tage, der Dich gebar, dem Mutterschoß entsandt, nur sie in Tränen. Leb so, daß an dem Tage, wo Du nächst der Bahr Du lachst, indeß sich alle weinend nach Dir sehnen.? Amazon.de Widgets Getauft wurde der Neugeborene Karl Josef Kamillo, obwohl sein Vater und Großvater Josef hießen, zog ich den Namen Karl vor, weil er der der Mutter, und damit der Sohn schon in seinem Namen Grund finde, eine andere Laufbahn als sein Vater zu ergreifen. Ich ging zum Fürsten Metternich und fand ihn diesmal günstig gestimmt. Er sprach sogar von seiner ?Verpflichtung?, für mich etwas zu tun. Er ging nun wirklich ernsthaft daran, sein Versprechen, das er mir beim Eintritt in die Staatskanzlei gegeben, daß ich zugleich mit Brenner Hofrat werden solle, zu erfüllen. Dieser war es nun schon seit Jahr und Tag. Mitte Mai vertraute mir Brenner an, er habe vom Fürsten den Auftrag bekommen, den Vortrag zu[238] meiner Ernennung zum Hofrat zu machen. Eine Woche später sagte mir der Fürst, der Vortrag sei an den Kaiser gelangt und wieder eine Woche später in seinem Salon ?Der Kaiser tut es, er wird es in die Staatskanzlei geben?. Wenige Tage später sagte mir Graf Wallis, daß ich nicht mehr am Erfolg zweifeln dürfe, denn ?Metternich setze beim Kaiser durch was er will?. Auch Graf Stadion, an welchen wegen der Gehaltsvermehrung der Vortrag kommen mußte und den ich bat, nicht dagegen zu protestieren, sagte mir: ?Soyez tranquille je proteste contre des millions et contre le ruine des provinces, mais non pas contre ce qui est pour un homme de mérite.? Einen Monat nach der Entbindung Karolinens zogen wir nach Döbling, wohin ich in den folgenden Jahren stets früher zog. In meiner Studienordnung begann ich zum drittenmal das bibliographische Wörterbuch Hadschi Chalfas zu lesen und mir die Büchertitel zu enzyklopädischen Übersichten auszuziehen, welche ich für die Ersch- und Grubersche Enzyklopädie zu liefern versprochen hatte und von denen auch dann die Anthologie, Arzneikunde und Astronomie erschien. Die Einladung zur Mitarbeit hatte ich von Freiherrn von Hormayr erhalten und ihm auf sein Zureden die Mitarbeit zugesagt. Seine Bekanntschaft hatte ich schon im Jahre 1798 auf der Durchreise durch Innsbruck gemacht und mich für den jungen Mann mit hoher Achtung begeistert. Wir sahen uns gewöhnlich nur im Winter. Im Sommer lebte Hormayr auf Schoß Raitz in Mähren bei seinem Freunde, dem Grafen Salm. Unser Briefwechsel begann im Jahre 1815 und war meist literarischen, das von Hormayr herausgegebene historische Archiv und ihn persönlich betreffenden Inhaltes. Die in einem Zeitraume von über dreißig Jahren mit ihm gewechselten Briefe enthalten interessante Beiträge zur Geschichte des literarischen Verkehrs in Österreich und über seine literarischen und politischen Freunde und Feinde. (Vgl. Hormayrs Briefe im Anhang.) Meine templerischen Forschungen betrieb ich mit größtem Eifer, besonders seitdem ich im Antikenkabinett in den Idolen mit arabischen Inschriften die Baphomete der Templer entdeckt und auf einem Ausflug nach Ernstbrunn in Schöngraben auf der dortigen alten Templerkirche die in[239] den ?Fundgruben? abgebildeten gnostischen Skulpturen gefunden hatte. Ich wandte mich nach allen Seiten um templerische Denkmale zu erhalten, und Hormayr ging mir dabei hilfreich an die Hand, ebenso mein Freund Kurz, Bischof Muenter und später Freiherr von Mednyansky. Ich machte mich durch das Studium der Klassiker Epiphaneus, Joanneus, Origenes und Tertullian mit den Lehrern der Gnostiker vertraut. Am 28. Juni erhielt ich das eigenhändige Schreiben des Fürsten Metternich aus Florenz, in welchem er mich davon verständigte, daß sein Vortrag nicht nach seinem Wunsch erledigt worden sei. Sein Antrag hatte darin bestanden, daß mir die Leitung der Meninskischen Arbeit, nämlich die Herausgabe des noch immer fehlenden Onomastikon, übertragen und dazu der Hofratscharakter verliehen werden möge, den auch Jenisch, der erste Leiter dieser Arbeit, bekleidet hatte. Ich hatte mich durch eine Eingabe selbst zu dieser Arbeit angetragen. Die Entschließung genehmigte zwar die Herausgabe des Onomastikon, verweigerte aber den Hofratscharakter. Anfangs August ging ich, den Fürsten Sinzendorf auf seine Herrschaft Gföhl begleitend, auf die Familienherrschaften des Kaisers, Luberegg, Böckstall und Rana, weil man mir von Skulpturen in unterirdischen Gewölben des Schlosses erzählt hatte, fand aber nichts. Ich nahm meinen Weg über Göttweih, wo ich die herrliche Brakteatensammlung ansah und die im ?Mysterium Baphometis? erwähnten zweiundsiebzig auslas. Über die untersuchten Gewölbe berichtete ich dem Erzherzog Johann, der mich zu weiteren templerischen Forschungen ermunterte. In der Entschließung des Kaisers, welcher mir die Leitung der Arbeit an Meninsky auftrug, befand sich eine Klausel, dernach ich mich näher über die Art und Weise der Arbeit und der dazu nötigen Hilfsarbeiter erklären sollte. Zwei Monate nach der Entschließung erhielt ich diese Anfrage. Als Hofdolmetsch hatte ich nur zweimal im Monat zu tun, bei Ankunft und Abgang der türkischen Post, wenn es Intercepte und Schreiben der Grenzbefehlshaber zu übersetzen[240] gab. In dem Zwischenraum von vierzehn Tagen konnte ich mich ohne Nachteil für den Dienst entfernen. Dies brachte mich wieder nach Steiermark, zum Besuche meines Vaters nach Graz und der Gräfin Purgstall in Hainfeld, zu meinem Freunde Fries ins Laßnitztal und zu vielen anderen Freunden und Bekannten. Sooft es sich um literarische Auskunft handelte, nahm ich zu meinem Freunde Böttiger Zuflucht und in allem, was Politik des Hofes und des Staates betraf, zu Harrach, der immer am besten und frühesten unterrichtet war. Bei meinem ersten Besuche bei ihm nach meiner Rückkehr hörte ich, daß Metternich und Stadion in bestem Einvernehmen gegen Zichy, Wallis und den ganzen Staatsrat verbündet seien, daß die Ernennung Metternichs zum Staatskanzler demnächst erfolgen werde und daß er nur damit beschäftigt sei, die Einrichtung der Ministerien nach französischem Muster beim Kaiser durchzusetzen. Von Sinzendorf und Dietrichstein wurde diese Nachricht bestätigt. Ersterer sagte mir, daß Graf Saurau, der es dermalen mit Metternich hielt, als Minister und Oberster Kanzler des Inneren in größte Wirksamkeit treten werde, Fürst Dietrichstein erzählte, Metternich habe ihm das Ministerium der öffentlichen Angelegenheiten angeboten, er sei aber nicht gesonnen, es anzunehmen, ebensowenig wie irgend eine andere Anstellung. Der 3. Dezember 1817 war ein für die Literaturgeschichte Österreichs denkwürdiger Tag: an ihm wurde der Entschluß gefaßt, die Jahrbücher der Literatur zu gründen. Der Fürst eröffnete mir an diesem Tage, daß er entschlossen sei, die Literaturzeitung wieder herzustellen und mir ihre Redaktion zu übertragen. Ich glaube nicht, daß es ihm mit dem letzten Antrage ernst war, sondern, daß er wohlunterrichtet war, wie sehr mich die Herausgabe der ?Fundgruben? in Anspruch nahm und daher meine Entschuldigung erwartete. Ich verband mit dieser zugleich den Vorschlag eines der Sache besser gewachsenen Redakteurs in der Person meines Freundes Mathias von Collin, der mit dem Lehramte beim Herzog von Reichstadt betraut, ein geschätzter Literat war. Schon acht Tage später teilte mir mein Freund Collin mit, daß Pilat als zweiter Redakteur mit vierhundert Gulden[241] jährlichen Gehaltes (der erste bekam achthundert) eintreten sollte. Pilat war einer der Vordermänner der frommen Partei und ich fürchtete, daß er sich eindränge, um für den Obscurantismus freie Hand zu erhalten. Pilat hatte es auf keine tätige Einwirkung auf die Jahrbücher, sondern nur auf den Gehalt abgesehen. Später vertauschte er den Titel eines zweiten Redakteurs mit dem lächerlichen eines ?Archivars der Jahrbücher?. Die Art, wie ich mich freimütig über die Redaktion der Jahrbücher und den Geist dieser Redaktion äußerte, hatte meinem Kredit beim Fürsten großen Eintrag getan, sie hatte aber doch eine Aufmerksamkeit und schriftliche Erwiderung eines meiner Briefe erwirkt. Ich will diese ganze Sache erzählen, weil sie vielleicht einzig in der Geschichte der Bücherwidmungen dasteht und weil sie dem Fürsten mehr zum Lob gereicht als mir und den Beweis dafür liefert, daß es eine Zeit gab, wo seine Geringschätzung für Literatur und Literaten noch nicht jenen Grad erreicht hatte, auf welchem sie später über die Gesetze gemeinster Höflichkeit hinaus sich hinwegzusetzen beliebte. Der Fürst hatte als Ausdruck meiner Dankbarkeit für seine Absicht, das mir gegebene Wort einzulösen und mich durch Verleihung des Hofratscharakters meinem Kollegen Brenner gleichzustellen, die Zueignung meines im Druck befindlichen Werkes ?Die Geschichte der persischen Redekünste? gnädig angenommen und die kurz nachher vorgelegte Zueignung unterschrieben. Nun war der Druck vollendet und der Buchhändler drängte auf das Erscheinen zu Neujahr. Nur die Zueignung fehlte noch. Der Fürst hatte sein Wort noch nicht eingelöst, ich hatte zwar den Titel eines Hofrates, aber nicht das Gehalt eines solchen erhalten. Dadurch hielt ich mich nicht zum Drucke der Zueignung für verpflichtet, ich zerriß sie und schrieb, da die Druckerei schon drängte, die Zueignung an meinen Freund Sylvestre de Sacy, zu der ich seine Unterschrift nicht brauchte. Mitte Dezember war das Werk ausgedruckt. Ich sandte ein Exemplar an den Fürsten, das ich mit einigen Zeilen des Sinnes einbegleitete, wiewohl er das Werk ihm zuzueignen erlaubte, so habe ich doch von seiner Genehmigung hierzu keinen Gebrauch gemacht, weil[242] ich hätte fürchten müssen, daß, bevor er sein Versprechen erfüllte, der öffentliche Beweis meiner Dankbarkeit mir als eine höfische Bewegung um unverdiente Gunst ausgelegt würde. Auf diesen sehr freimütigen Brief erwartete ich keine Antwort und war sehr überrascht, als ich am gelben Abend die eigenhändige erhielt, welche die Zurücknahme der Zueignung überging und für das übersandte Exemplar dankte. Eine um so dankbarere Aufnahme fand meine Zueignung bei meinem Freunde Sylvestre de Sacy und das Werk bei meiner Freundin, der Gräfin Purgstall, der ich es als Neujahrsgeschenk sandte. Das ihr gewidmete Exemplar befindet sich noch in der Bibliothek zu Hainfeld mit der Inschrift: ?To his friend Countess Purgstall from the Author. 25. December 1817.? Nicht bald wird eine getroffene politische Maßregel schneller rückgängig gemacht worden sein, nicht bald wird sich aus anscheinender Einigkeit des Ministeriums offene Opposition eher entwickelt haben, als dies der Fall war mit der zu Ende des Jahres 1817 vom Kaiser auf Vorschlag Metternichs genehmigten Einrichtung der Ministerien, und mit dem scheinbaren Bündnis zwischen Metternich und Saurau. Am Christabend war Saurau zum Obersten Kanzler und Minister des Inneren ernannt worden und am Dreikönigstage munkelten die Eingeweihten schon von entschiedenen Meinungsverschiedenheiten und drohendem Bruch. Der Anlaß dazu gab die Organisation der Verwaltung in der Lombardei. Metternich wollte sie an sich ziehen und hatte das frühere Beispiel für sich, da die oberste Leitung der lombardischen und niederländischen Geschäfte unter Kaunitz mit der Staatskanzlei vereinigt war. Für den Standpunkt Sauraus, daß diese Verwaltung in seinen Geschäftsbereich gehöre, sprach die Natur der Sache, da Mailand und Venedig keine fremden Provinzen seien und als solche nicht dem Ministerium des Äußern, sondern dem des Inneren unterstünden. Kaiser Franz hatte über alle Fragen innerer Verwaltung ein gesundes Urteil und gab Saurau recht, und von dem Augenblick an war Metternich der erklärte Gegner[243] Sauraus und ruhte nicht, bis er ihn nach ein paar Jahren vom Ministerium des Innern auf den Botschafterposten in Florenz entfernt hatte. Die vorgeschlagenen Ministerien fielen in den Brunnen. Obwohl der dem Obersten Kanzler des Inneren bei seiner Ernennung erteilte Titel eines Ministers des Innern durch kein Handbillett zurückgenommen wurde, so geriet er doch in Vergessenheit, da ihn weder Kabinett noch Staatsrat gebrauchten und wurde im Schematismus des folgenden Jahres gestrichen. Die Grafen Wallis und Sedlnitzky, welche nach Metternichs Plan Minister der Justiz hätten werden sollen, blieben mit dem Titel Präsident an der Spitze dieser Hofstellen. Zu Beginn des Jahres wurden Ordensfeste angesagt und Verleihungen des Goldenen Vließ und des Leopoldsordens vorgenommen. Zu Rittern des Goldenen Vließ wurden Graf Wallis und Fürst Dietrichstein ernannt. Dietrichstein war gegen Wallis, als den Urheber des teilweisen Staatsbankerottes durch das berüchtigte Finanzpatent von 1811, sehr aufgebracht und erklärte dem Kaiser, daß er das Goldene Vließ nicht annehmen könne, wenn es zugleich Wallis verliehen werde. Diese Erklärung wurde nie verziehen. Später bekam der Bruder des Fürsten, der Graf Moriz Dietrichstein, den Orden, den der Senior seines Hauses ausgeschlagen hatte. Von nun an zog sich Fürst Dietrichstein, der sich seit Jahren von allen Geschäften fern hielt und während des Kongresses eine Reise gemacht hatte, um jede Berührung mit Diplomaten zu vermeiden, noch mehr von der Welt zurück, behielt aber immer ein lebhaftes Interesse für alle politischen Begebenheiten. Allgemein verlautete, daß der Posten in Konstantinopel durch Stürmers Rückkehr demnächst erledigt werde. Auf Hudelists Empfehlung sollte der Gesandte in Stuttgart, Graf Lützow, zum Internuntius vorgeschlagen werden. Ich schrieb ihm unumwunden und verschwieg ihm keinen der Gründe, die ich gegen die Wahl eines Nicht-Orientalisten hatte. Die schmeichelhafte und bescheidene Antwort des Grafen wurde die Grundlage eines freundschaftlichen Briefwechsels, der nun schon bald dreißig Jahre dauert.[244] Außer Plutarch, den ich zu Anfang des Jahres begonnen hatte, war ich mit Aufsätzen für die Jahrbücher der Literatur und mit der Vorbereitung zweier besonderer Werke zum Drucke beschäftigt, mit der Herausgabe des Seitenstückes zu den Topographischen Ansichten der ?Reise nach Brussa? und des ?Kleeblattes?. Dieses widmete ich meiner Freundin Karoline Pichler, für jenes erbat ich mir die Ehre, es der Kaiserin zueignen zu dürfen, durch ihren Obersthofmeister den Grafen Wurmbrand. Auch die ?Geschichte der persischen Redekünste? trägt die Jahreszahl 1818 und somit erscheint dieses Jahr als das fruchtbarste meiner schriftstellerischen Tätigkeit, denn außer der ?Reise nach Brussa?, der ?Geschichte der Assassinen? und dem ?Kleeblatt? hatte ich für die ?Fundgruben? das ?Mysterium Baphometis? und für die Jahrbücher der Literatur meine Auszüge des Inhaltes der zwölf ersten Bände der ?Asiatic researches? geschrieben. In diesem Winter speiste ich einigemal beim Fürsten Feldmarschall Schwarzenberg, an dessen Tafel in Paris ich täglich willkommen gewesen. Zum letztenmal sah ich damals den als Krieger und Staatsmann gleich verdienstvollen, geistreichen Welt- und Lebemann. Seinen politischen und militärischen Verdiensten hat Prokesch, der sich durch diese Biographie einen Namen in der Literatur machte, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der berühmte Staatsmann Thugut starb in der Nacht des 29. Mai 1818, über 80 Jahre alt. Über das Jahr seiner Geburt ist nichts, über seine Lebensumstände nur wenig bekannt. Schuld daran trägt die diplomatische Verheimlichung auch der gleichgültigsten Dinge und seine philosophische Gleichgültigkeit, mit der er besonders in den letzten Jahren die Welt und die wichtigsten Begebenheiten betrachtete. Auch die wichtigsten Nachrichten entlockten ihm nur ein ironisches Lächeln, durch das sein ohnehin häßliches Gesicht den Ausdruck eines Satyrs bekam. Im März starb auch mein Gönner, der Graf Sickingen. Ich erhielt aber auch eine sehr erfreuliche Nachricht, nämlich meine Ernennung zum Mitgliede der Philosophischen Gesellschaft zu Philadelphia, in sehr ehrenvoller Gesellschaft des[245] Arztes Dr. Peter Frank und Sonnenfels, der eben gestorben war. Ich stand nun mit Philadelphia und Kalkutta in Briefwechsel. Am Ostersonntag besuchte ich zum erstenmal in meinem Leben den Grafen Sedlnitzky. Seither war ich nur mehr einmal wegen einer Zensursache bei ihm. Diese erste Audienz flößte mir geradezu Ekel ein. Es handelte sich um meine ?Reise nach Brussa?, welche schon mit dem Imprimatur vorsehen und deren Zueignung von der Kaiserin angenommen war. Als ich diese Annahme der Zensurbehörde vorlegte, wurde mir bedeutet, das Werk, das schon mit Genehmigung der Zensur ausgedruckt war, müsse nochmals zensuriert werden, weil es der Kaiserin gewidmet sei und man müsse nochmals nachsehen, ob nichts Anstößiges enthalten sei. Vergeblich war meine Erwiderung, daß ich es dem Obersthofmeister vorgelegt habe, dem doch in erster Linie ein Urteil darüber zustehe, was für die Kaiserin anständig sei und was nicht. Sedlnitzky erwiderte mir: ?Es ist soeben von Ihnen etwas über Sodomie erschienen, was die Zensur nicht hätte durchlassen sollen (er meinte das Mysterium Baphometis in den »Fundgruben«), wer weiß ob nicht dergleichen auch in dieser Reise vorkommt.? Diese Zumutung war ebenso dumm wie beleidigend. Ich bemerkte, daß die Zensur auch das Mysterium nicht zugelassen hätte, wenn es nicht lateinisch geschrieben wäre, die ?Reise nach Brussa? sei aber deutsch. Sedlnitzky fragte mich, ob ich auch die besondere Erlaubnis meines Chefs für die Zueignung eingeholt habe, und verwies mich an denselben, er bestand auf der zweiten Zensurierung. Der Fürst, dem ich die ganze Sache am nächsten Tage erzählte, lachte über Sedlnitzkys Zumutung, es blieb aber bei der zweiten Zensurierung. Amazon.de Widgets Am 10. April setzte mich ein Billett des Fürsten in Kenntnis von der endlichen Gewährung der Hofratsbesoldung. ?Seine Majestät, der Kaiser, hat auf meine Vorstellung geruht, Euer Wohlgeboren die normalmäßige Besoldung eines Kaiserlichen Hofrates zu bewilligen. Ich gebe mir die Ehre, dieselben hiervon zu benachrichtigen, indem ich unter einem die fernere nötige Verfügung treffe. Wien, den 10. April 1818. Metternich.?[246] Mir kam die Hofratsbesoldung sehr erwünscht, von Georgi an hatte ich auf dem Bauernmarkt im Dietrichsteinschen Hause eine größere Wohnung gemietet. Mai und Juni dieses Jahres überwallte mit Knospen, Blüten und Früchten meine literarische Tätigkeit. Die ?Geschichte der Assassinen? war angekommen, der Plan der Geschichte der diplomatischen Verhältnisse zwischen Österreich und der Pforte als Vorläufer der großen Geschichte des Osmanischen Reiches war in mir gereift und die Übersetzung des Marcus Antoninus ins Persische war begonnen. Der Entschluß zu dieser Übersetzung hatte sich aus dem Gedanken der notwendigen Rückwirkung westlicher klassischer Bildung auf die östliche entwickelt. Zwar waren schon vor einem Jahrhundert wissenschaftliche Werke der Griechen ins Syrische und Arabische übersetzt worden, aber nur die der systematischen und Naturwissenschaften, nicht geschichtliche, poetische oder ethische. Vor kurzem erst waren mathematische Werke in Indien aus dem Englischen in orientalische Sprachen übersetzt und gedruckt worden. Ich dachte, daß es an der Zeit sei, durch die Übersetzung eines Klassikers den Orientalisten ein nachahmenswertes Beispiel zu geben. Am passendsten dafür hielt ich ein ethisches Werk, dessen Inhalt dem orientalischen am nächsten verwandt, und hierzu erschien mir keines geeigneter als die Betrachtungen des philosophischen Kaisers über sich selbst. Graf Lützow war zum Internuntius ernannt worden. Hudelist hatte ihm das Memoire gegeben, das ich bald nach meiner Rückkehr dem Grafen Stadion eingehändigt hatte, und aus ihm erhielt Graf Lützow seine erste Belehrung über die diplomatischen Verhältnisse an der Pforte. Fürst Metternich fuhr auf seine böhmischen Güter und nahm, wie er mir nachher sagte, die ?Geschichte der Assassinen? als Reiselektüre mit. Es ist das einzige meiner Werke, worüber er mir je etwas Verbindliches sagte, ich glaube auch das einzige, das er je gelesen hat. Dieses allerdings lobte er nicht nur mir, sondern allen anderen Leuten gegenüber. Ich hatte von den notwendigen Reformen der Orientalischen Akademie mehrmals mit Stifft, in dessen Händen die oberste Leitung des Studienressorts lag, gesprochen und[247] durch denselben war bei der letzten Erledigung der Stiftungsplätze wirklich ein Handbillett des Kaisers erlassen worden, durch welches die Präparandenschule wieder hergestellt werden sollte. Hudelist umging den ausdrücklichen Befehl dieses Handbilletts in der unverschämtesten Art, indem er durch die ?Wiener Zeitung? einen Konkurs um die erledigten Stellen ausschrieb. Dieser Konkurs bestand darin, daß alle, welche auf einen dieser Plätze für ihre Söhne oder Mündel Anspruch machen zu können glaubten, sich mit einer Bittschrift an die Staatskanzlei zu wenden hätten. Dies war reine Spiegelfechterei, denn auf die Art wurde keineswegs der Präparandenkurs zur Prüfung der Fähigkeiten der Kandidaten wieder hergestellt, sondern nur ein Konkurs von Bittschriften veranlaßt, und bei der Besetzung der Plätze nicht auf die Fähigkeiten der Kandidaten, sondern nur auf die Verdienste der Väter und Verwandten Rücksicht genommen. Am 22. Juli erhielt ich ein Billett des Obersthofmeisters der Kaiserin: ?Mein Freund! Dieselben belieben heute um halb ein Uhr sich in der Kammer Ihrer Majestät der Kaiserin zur Audienz einzufinden, wo Sie Höchstselber Ihr schönes Werk überreichen werden. Wien, 22. Juli 1818. Graf Wurmbrand.? Ich sollte um halb eins in der Kammer sein und erhielt das Billett erst nach ein Uhr. Drei Tage später wurde mir diese nicht durch meine Schuld versäumte Audienz gewährt. Die Kaiserin unterhielt sich mehr als eine Viertelstunde lang mit mir über orientalische Sitten und Gebräuche auf das gnädigste. Einige Tage später bekam ich eine schöne goldene Dose, auf deren Deckel das Mosaik der bekannten kapitolinischen Tauben ist. Am 4. Oktober erhielt ich einen Brief mit der Nachricht, daß mein Vater gefährlich erkrankt sei. Ich werde es mir immer vorwerfen, daß ich nicht auf diese Nachricht hin sofort zu ihm fuhr, sondern auf eine, die drei Tage später eintraf und mir die unmittelbare Todesgefahr meldete. Ich eilte in die Staatskanzlei, ließ mir den Paß ausfertigen und warf mich in die Postchaise. In schöner sternenheller Nacht fuhr ich durch das Mürztal ohne Hoffnung auf Genesung meines Vaters, ich dachte über Grabschrift und Nekrolog für[248] ihn nach. In Peggau erhielt ich die Nachricht, daß mein Vater schon am Tage vor meiner Abreise gestorben und heute begraben worden sei. Bei meiner Ankunft erfuhr ich, daß außer dem Übel des Steines mein armer Vater auch an der moralischen Kränkung darüber, daß er sein seit so vielen Jahren im Admonterhof bewohntes Quartier räumen sollte, gestorben sei. Am Tage nach meiner Ankunft besuchte ich den Kirchhof und betete an dem noch nicht beigesetzten Sarge meines Vaters. Von der Erlaubnis, denselben nochmals öffnen zu lassen, machte ich keinen Gebrauch, ich wollte das Bild meines Vaters nicht zerstören. Er war wie die Grabschrift seines Denkmals sagt ?ein gerechter Mann und ein wahrhafter Christ? (?Eines gerechten Mannes und rein wahrhaften Christen Asche umschließt dies Grab, ihm von seinen Kinder erhöht?). Unser Wunsch, dem Großvater in diesem Jahre seinen Enkel Karl vorzustellen, blieb unerfüllt. Die herzlichste Teilnahme fand ich bei meiner Freundin, der Gräfin Purgstall, zu der ich mich für drei Tage nach Hainfeld begab, und von dort über Ödenburg nach Wien zurückkehrte. In der Nacht fiel mir ein, daß ich die Versteigerung der orientalischen Handschriften Thuguts versäumt hatte, ich kannte ihren Wert zwar nicht, wohl aber den einer anderen Handschriften-Sammlung, welche gleichzeitig mit jener versteigert wurde. Eines Tages war ein Unbekannter zu mir gekommen und hatte mir mitgeteilt, daß er einen Schatz orientalischer Handschriften, die in Ägypten gekauft worden waren, zu verkaufen habe. Ich fand in seiner Wohnung in der Riemerstraße diese Handschriften aufgeschichtet und sah sie flüchtig durch, es waren wertvolle, wenn auch sehr schlecht geschriebene Werke ägyptischer Herkunft. Ich erklärte dem Mann, daß ich nicht reich genug sei sie zu kaufen und riet ihm, sie der Hofbibliothek anzubieten. Dies behauptete er schon getan zu haben, Bartsch habe es aber abgelehnt. Nun empfahl ich ihm, sie bei der Thugutschen Lizitation im Oktober ausbieten zu lassen. Seither hatte ich nicht mehr an die Sache gedacht. Nun erinnerte ich mich wieder daran und auch an die Titel mehrerer Handschriften, die ich früher in einem Kataloge gelesen hatte.[249] Auf einmal wurde mir klar, daß sie wohl der zweite Teil der Seetzensschen Handschriften sein können, von denen nur ein Teil in Gotha angekommen war. Ich vermutete einen Diebstahl oder Unterschleif. Meine Vermutung wurde zur Gewißheit, als ich bei meiner Rückkehr in der Hofbibliothek den Katalog der Seetzensschen Sammlung einsah und darin die meisten der gesehenen Handschriften fand. Ich machte die Anzeige an den Gothaschen Geschäftsträger Herrn von Bor?. Er sah eine Menge von Schwierigkeiten, die ich nicht sehen konnte, und war kaum zu bewegen, die Handschriften als gestohlenes Eigentum seiner Regierung zurückzufordern. Endlich erhielt ich sie und hatte sie für die Gothaer Bibliothek gerettet. Bei der Thugutschen Lizitation waren sie nicht verkauft worden, weil der Besitzer sie nicht einzeln, sondern nur alle zusammen abgab. Amazon.de Widgets Die erste Nachricht, mit der mich Karoline überraschte, war die vom Tode Hudelists, der in der Nacht vor meiner Ankunft einem Schlaganfall erlegen war. Bald nach ihm starb auch der Finanzminister Graf Wallis. Ich wußte, daß nun nach Hudelists Tod keine Rede mehr von seinen Vorschlägen, mich außerhalb der Kanzlei zu verwenden, sein werde. Einige Monate später kam an die Stelle Hudelists der vormalige Internuntius Freiherr von Stürmer. Sehr viel hatte ich bei diesem Wechsel nicht gewonnen, aber doch etwas: an die Stelle eines sehr mächtigen, rüstigen und unablässig tätigen Feindes war ein alter, schwacher, aber keineswegs so boshafter Mensch getreten. Ich lachte sehr, als ich durch Chabert erfuhr, daß Stürmer beschlossen habe, den beiden Vorschlägen der Betrauung mit der Meninskischen Arbeit und der Professur an der Orientalischen Akademie entgegenzutreten, weil er glaubte, sie entsprängen meinem Ehrgeiz. Dadurch war ich aller weiteren Sorgen darüber enthoben und mein Gegner arbeitete mir in die Hände. Mit um so größerer Gemütsruhe konnte ich meine literarischen Arbeiten fortsetzen, dies war die Topographie Konstantinopels und der Katalog der orientalischen Handschriften der Hofbibliothek für die ?Fundgruben?. Durch lautes Lesen übte ich mich im Persischen, denn von Konstantinopel war berichtet worden, daß der nach London[250] bestimmte Botschafter Mirsa Abdul Chan seinen Weg über Wien nehmen und in Audienz gehen werde, in seiner Begleitung war der für Wien bestimmte persische Gesandte Mirsa Hussein. Zwar hatte ich mich seit meiner Jugend mit dem Persischen beschäftigt, vor sieben Jahren hatte ich den Diwan des Hafis übersetzt, der Goethe eben zu seinem ?Westöstlichen Diwan? begeistert hatte, noch in diesem Jahre hatte ich die Geschichte der persischen Redekünste mit Proben aus zweihundert Dichtern erscheinen lassen, aber nie im Leben hatte ich Gelegenheit gehabt, persisch zu sprechen. Es war eine gewagte Sache, in einer Sprache, die man nie zu sprechen versucht, als Hofdolmetsch amtlich aufzutreten. Ich setzte mich der Gefahr aus, in meiner Rede steckenzubleiben, oder die Perser gar nicht zu verstehen. Die Ankunft der Perser war das Hauptgespräch der diplomatischen Kreise. 
 XIX. Das Jahr 1814.  [218] Für den Winteraufenthalt in der Stadt hatte ich mir zwei große literarische Aufgaben gestellt: die Übersetzung der Reisen des großen türkischen Reisenden Ewlil ins Englische und die Durcharbeitung des englischen Wörterbuches von Johnson, die mir gerade bei dieser Übersetzung zustatten kam. Das Lesen von Wörterbüchern ist für den, der eine Sprache in ihrem ganzen Reichtum kennenlernen will, fast unerläßlich. Außerdem las ich in diesem Winter Lord Byrons Meisterwerke und machte aus ihnen Auszüge für die von Sartory herausgegebene ?Österreichische Literaturzeitung?, in der ich auch später die vorzüglichsten englischen Reisewerke über den Orient anzeigte. In der Gesellschaft suchte ich den Umgang mit Engländern, die in Wien immer gern gesehen waren, jetzt aber, nachdem Österreich den gegen Napoleon kriegführenden Mächten beigetreten war, doppelt gern empfangen wurden. Schon im vergangenen Sommer hatte ich den englischen Reisenden Hobhouse kennengelernt, im Winter machte ich die Bekanntschaft von Chaterton und Anderson und später im Jahre die persönliche von Rich, dem Residenten der ostindischen Compagnie in Bagdad. Am Osterdienstag jubelte ganz Wien über die Nachricht vom Einzuge der Alliierten in Paris. Der Landgraf von Fürstenberg ritt mit hundert Postillionen in Wien ein. Ich sah diesen Einritt auf dem Josefsplatz vom Hause des Grafen Fries. Der Jubel der Stadt war ein Seitenstück zu dem vor vierundzwanzig Jahren, als Laudon Belgrad eroberte, und fand seine Fortsetzung am 16. Juni, als der Kaiser feierlich in Wien einzog. Im Mai reisten Graf und Gräfin Rzewuska nach Polen ab, um dort nach den durch üble Wirtschaft in Unordnung[218] geratenen Gütern zu sehen. Für mich war es ein doppelter Verlust: durch die Gräfin verlor ich das Glück geistreicher Gesellschaft, durch den Grafen die Hoffnung auf weitere Unterstützung der ?Fundgruben?. Vor seiner Abreise mußte ich ihm die vier Bände ?Tausendundeine Nacht?, die mir Rosetti in Ägypten verschafft hatte, auf unbestimmte Zeit leihen. Ich wollte sie ihm nicht verkaufen, und selbst, wenn ich dies gewollt hätte, würde er mir nur eine Schuldverschreibung und nicht die 100 Dukaten, die sie mich gekostet hatten, gegeben haben. Ich habe die vier Bände nie wieder gesehen und weiß nicht, was daraus geworden ist, ebensowenig wie ich weiß, wohin sein kostbares arabisches Manuskript über die Kriegsmaschinen der Araber gekommen ist, aus dem ich in den ?Fundgruben? eine Stelle erläuterte, die beweist, daß die Araber das Schießpulver gekannt. Er lieh mir alle Handschriften aus seiner kostbaren Sammlung, die ich verlangte und über die ich ihm einen Empfangschein gegeben hatte. Nachdem es mir gelungen war, die orientalischen Handschriften, die Denon nach Paris mitgenommen hatte und von welchen sich schon Exemplare in der Pariser Hofbibliothek befanden, nach Wien zurückzubringen, erwartete ich mit Recht, daß ich den Auftrag bekommen würde, auch die noch in Paris zurückgebliebenen zu holen, besonders da ich den Katalog derselben in den ?Fundgruben? veröffentlicht hatte. Trotz meines Erfolges und der bibliographischen Kenntnisse wurde an meiner Stelle Ottenfels mit dieser Aufgabe betraut, dem die Handschriften der Hofbibliothek ganz unbekannt waren. Amazon.de Widgets Ottenfels wurden alle von mir verfaßten Berichte und Kataloge übergeben und er zog nur aus meiner Arbeit Nutzen. Ende Juni teilte mir Ottenfels diese Sendung mit und die Verstellung, mit welcher er sie darstellte, als sei sie ohne sein Vorwissen und Betreiben erfolgt, empörte mich fast ebenso wie die Ungerechtigkeit Hudelists. Meinen Unwillen darüber sprach ich in Wien Harrach, Sinzendorf und Sickingen gegenüber aus und schrieb darüber an Böttger, Reinhard und de Sacy. Da ich wußte, daß Hudelist alle meine Briefe öffnen lies, schrieb ich um so unumwundener[219] jene Wahrheiten, die ich ihm nicht ins Gesicht sagen konnte. Rich war in Wien angekommen und hatte seine geistreiche und liebenswürdige Gemahlin mitgebracht. Die Monate Mai, Juni und Juli verlebte ich fast ganz in der Gesellschaft dieser beiden, ich führte sie in die Häuser von Bekannten ein und unternahm mit ihnen Ausflüge auf das Land. Am letzten Juli war ich nach der Beethovenschen Oper ?Fidelio? mit Rich zu einer Soirée beim Prince de Ligne gefahren. Um Mitternacht brachen wir auf. Während die anderen einstiegen, ging ich dem Wagen voraus die kleine Anhöhe an der Bastei hinunter. Aus der benachbarten Schmiede sprang ein Hund heraus und warf mich so unglücklich um, daß ich mir das Wadenbein des linken Fußes brach. Die Herren und Damen der Gesellschaft bezeugten mir die größte Teilnahme, der Prinz lieh eine Matratze, auf der mich Graf Waldstein, der Fürst Gallitzin, mein Freund Rich und der Engländer Bruce von der Löbelbastei bis in meine Wohnung auf den Neuen Markt trugen. Noch in der Nacht kam der erste Arzt Rudorfer, richtete das Bein ein und stellte mich in vier Wochen wieder her. Während dieser Zeit besuchten mich viele meiner Freunde täglich, andere das eine oder andere Mal, nur Mitglieder aus der Staatskanzlei kamen außer Hoppé und Krufft nicht aus Furcht vor Hudelists gehässiger Tyrannei. Sogar der Minister Metternich ließ sich durch Bediente nach meinem Befinden erkundigen, nur Hudelist nahm keinerlei Notiz von meinem Unglücksfall. Gerade einen Monat, nachdem ich mir das Bein gebrochen, fuhr ich nach Baden, um in Natur und Gesellschaft Zerstreuung und Aufheiterung nach dem vierwöchigen Krankenlager zu suchen. Auch meine Freunde Rich gingen dorthin. Wir machten viele Wagenfahrten und Ausflüge zusammen. Mit Heißhunger las ich ?Waverley?, den ersten Roman Walter Scotts, dessen Name damals noch ein Geheimnis. Auch meine Vorgesetzten, der Minister und der Staatsrat, waren für einige Tage nach Baden gekommen. Ich machte dem ersten sogleich meine Aufwartung und dankte dafür, daß er sich nach meinem Befinden hatte erkundigen lassen. Er[220] empfing mich sehr ungnädig, was ich mir nicht erklären konnte und, da es in Gesellschaft geschah, auch um keine Aufklärung bitten konnte. Als Ursache vermutete ich meine Briefe, in denen ich mich unumwunden über Hudelist geäußert hatte. Zwei Tage später verfügte ich mich abermals zu Metternich, der mir jetzt auch kein Geheimnis daraus machte, daß er von meinen freimütigen Briefen erfahren habe und mir über diese ernste Vorwürfe machte. Ich bekannte mich der zu heftigen Ausdrücke schuldig, bat aber meinen Chef, zu bedenken, daß zwischen diesen in Briefen an Freunde ausgesprochenen Aufwallungen und der Ungerechtigkeit, die sie hervorgerufen, gar kein Verhältnis sei. Schließlich sagte ich, daß ich keine Möglichkeit sehe, in der Staatskanzlei unter Hudelist nützliche Dienste zu leisten und bat um Verwendung im Auslande. Dies wurde mir rundweg abgeschlagen. Danach blieb mir nichts übrig, als mich am nächsten Tag zu Hudelist zu begeben und den vollen Ausbruch seines Ingrimms über mich ergehen zu lassen. Seinen Insolenzen setzte ich nur den Vorwurf über das mir angetane Unrecht und die Verletzung des Briefgeheimnisses entgegen. Am 1. Oktober war ich wieder in Wien, um wenigstens die öffentlichen Feste und gesellschaftlichen Vergnügungen mitzumachen, da ich von aller Geschäftsteilnahme am Kongresse weit entfernt war. Ich kann daher nur rein persönliche Eindrücke und Verhältnisse erzählen. Ich drängte mich zu keinem der Souveräne und leitenden Minister, machte nicht einmal Talleyrand meine Aufwartung, bei dem ich in Paris einige Male gewesen, und ließ mich auch dem Herzog von Wellington nicht vorstellen. Mein hauptsächlichster Umgang waren Engländer, besonders der mit meinem Freund Sir Sidney Smith, der gekommen war, um bei den vereinten Souveränen die Aufhebung der mittelländischen Sklaverei durch die Vernichtung der Raubstaaten zu betreiben, dann mit der Familie Sir Thomas Dyke Asland, welche der Gräfin Purgstall und von dieser mir empfohlen war. An ihrem Tische traf ich Stratford Canning, Mr. Morin und Flanta, die Sekretäre Lord Castlereaghs, und wurde auch diesem selbst vorgestellt. Ich lernte den[221] dänischen Orientalisten Rassmussen kennen, den mir Bischof Muenter empfohlen hatte. Mit eisernem Fleiß und bleierner Geduld betrieb er das Studium des Arabischen. Seine wertvolle synchronistische Zusammenstellung arabischer Dynastien, seine Beiträge zur ältesten arabischen Geschichte und sein Katalog der Handschriften der Kopenhagener Bibliothek lassen seinen frühen Tod sehr bedauernswert erscheinen. Die erste Gelegenheit, die Souveräne und ihre Minister zu sehen, bot der 18. Oktober auf dem zur Erinnerung an den Jahrestag der Schlacht von Leipzig vom Fürsten Metternich gegebenem großem Ball. Seinen Besuch konnte ich mir nicht versagen. Ich sah dort den Kaiser von Rußland, den König von Preußen, Talleyrand, Lord Castlereagh, Graf Münster, Graf Hardenberg und alle anderen Diplomaten. Der große Mittelpunkt der Abendgesellschaften des Kongresses war der Salon des Lord Castlereagh, in dem sich alle Fürstlichkeiten, alle großen und kleinen Diplomaten und die ganze Aristokratie der Hauptstadt zusammenfanden. Dort wurde ich auch dem Kronprinzen von Bayern vorgestellt und dem gelehrten Lord Guilford, der sich um die griechische Universität in Korfu große Verdienste erwarb. Beim Prince de Ligne traf ich wiederholt den Herzog von Weimar, der mir als Förderer deutscher Literatur höchste Ehrfurcht einflößte; da er sich aber immer sehr bequem gehen ließ, war seine Erscheinung keine ehrfurchtgebietende. Am 1. Dezember fand das große Karussel in der Reitschule statt. Nachdem kein türkischer Botschafter in Wien war, konnte auch nicht gegen die Türkenköpfe, die von den Kavalieren herabgestochen wurden, protestiert werden, wie dies im folgenden Jahre geschah, worauf diese durch Mohrenköpfe ersetzt wurden. Die Abwesenheit eines türkischen Botschafters in Wien war eine Anomalie der Politik. Fürst Metternich versäumte der Heiligen Allianz zuliebe die schöne Gelegenheit, die Erhaltung des Osmanischen Reiches und die Verhinderung weiterer Eingriffe von Seiten Rußlands bei dieser Gelegenheit durch Verträge zu befestigen. Amazon.de Widgets Allbekannt sind die Worte des Prince de Ligne: ?Le congrès danse, mais ne marche pas?, und als er sich sterbend[222] fühlte: ?Je vais donner au congrès le spectacle d'un convoi de Feldmaréchal.? Nirgends fand ich das Wort Kaiser Alexanders, das er im Salon des Fürsten Metternich sprach: ?Je n'aime pas les scribes et les phariséens?, und die Antwort der jungen Gräfin Szechenyi an den König von Preußen, der sich ihrer in der Gesellschaft provisorisch annehmen wollte: ?Vous me prenez, Sire, pour une province pour me gouverneur provisoirement.? Das Wort des Prince de Ligne ging am 16. Dezember in Erfüllung. Es war ein heiterer schöner Wintertag. Das Schauspiel des Leichenzuges sah ich nicht, da ich selbst in ihm schritt und den Sarg bis in den Friedhof auf den Kahlenberg begleitete. Leicht sei ihm die Erde, wie sein Geist und Witz leicht durch das Leben ging. 
 XXXIX. Besuche beim Fürsten Metternich.  [404] Das erste Billett, das ich nach einer schweren Augenentzündung wieder selbst schrieb, ging an den Kurator der Akademie, Herrn von Bach, den ich um besondere Audienz bat. Ich erbat mir sein Gehör zugunsten der orientalischen[404] Kommission, die ich in der philologischen Klasse vergeblich zustande zu bringen versucht hatte. Ich erzählte ihm, daß in Paris trotz des Bestehens einer Asiatischen Gesellschaft die Herausgabe von Auszügen aus orientalischen Handschriften immer von der ?Academie des inscriptions? erfolgt, um so mehr müßte dies der Wiener Akademie zur Pflicht gemacht werden. Herr von Bach hörte mich geduldig an, ohne sich auf positive Zusagen einzulassen. Während meiner Augenentzündung hatte mich Dr. Jäger behandelt, der auch der Arzt des Fürsten Metternich war. Er fragte mich, ob ich denn den Fürsten noch nicht besucht habe, was ich verneinte, seine Frage, ob ich ihn denn nicht besuchen wolle, bejahte ich, denn ich wollte ihn um das Amulett Lord Byrons bitten, weil ich Text und Übersetzung in den Denkschriften der Akademie zu veröffentlichen beabsichtigte. Wenige Tage später begab ich mich in die Villa am Rennweg. Ich wurde gleich empfangen, der Fürst war sehr mager und taub geworden. Seine Rede floß in noch breiterem Strom als einst und zu Wort zu kommen war noch schwieriger als früher. Er wollte wohl seine Taubheit durch ununterbrochenes Reden verbergen. Er sagte mir: ?Ich bin nun vom Schauplatz der politischen Geschäfte abgetreten und lebe als Privatmann. Mein Leben lang war ich ein großer Freund des Theaters. Auch ein Schauspieler, der sich von den Brettern zurückgezogen hat, geht noch gern ins Theater. Ich habe mich in eine Loge im ersten Stock zurückgezogen und sehe dem politischen Spiele zu. Andere Schauspieler haben sich herangedrängt und spielen meine Rolle, ich ging und machte ihnen Platz. Zuerst war ich in England, fand aber, daß Brüssel ein geeigneterer Platz sei, den politischen Begebenheiten zuzusehen. Und nun habe ich Brüssel mit Wien vertauscht. Der Fürst machte eine kurze Pause, die ich benützte, um den Zweck meines Kommens zur Sprache zu bringen. Der Fürst versicherte, er habe das Amulett noch und werde es mir in wenigen Tagen senden. Auf seine Sammlung von Briefen und Merkwürdigkeiten war der Fürst sehr stolz und nun sprach er lange über diese, zu der ich ihm auch so manche Kuriosität geliefert hatte. Später einmal erzählte er mir von einem Meßkleid, das er für die[405] Kapelle in Königswart hatte anfertigen lassen. Bei der Einführung der neuen Staatsuniform hatte der Schneider die des Kanzlers verdorben. Der Fürst ließ die schweren Goldstickereien herausnehmen. Alle persischen und türkischen Beglaubigungsschreiben an den Kaiser und den ersten Minister kamen immer in Säcken aus reichem Goldstoff. Fürst Metternich hatte diese Umhüllungen gesammelt und ließ aus ihnen ein Meßkleid machen, das mit den Goldstickereien der Uniform verziert wurde. Gewiß eine höchst originelle Verwendung moslimischen Goldbrokates.? Amazon.de Widgets Nachdem ich spät im November das Amulett noch immer nicht hatte, ging ich in den Salon Metternich, in den er mich eingeladen hatte, und wartete als passende Gelegenheit seinen Namenstag ab. Ich traf auch die Fürstin. Ihr Anblick war erbarmenswert durch den ungeheuren Unterleib, der durch ein schweres Leiden hervorgerufen, sie am Gehen hinderte. Sie trippelte mit kleinen, schnellen Schritten. Trotzdem hielt sie das Haus des Fürsten in Ordnung und weiß um alles besser Bescheid als er. Als ich im Laufe des Gespräches auf das Amulett kam, lief sie davon und brachte es. Aus der Hofbibliothek hatte ich die Lebensbeschreibung von Menavi, aus der von Leyden die Lebensbeschreibung Sachawis erhalten, die ich in den Morgenstunden studierte. Vormittags arbeitete ich die Korrekturbogen meiner Geschichte der arabischen Literatur durch, deren einer mir jeden Abend regelmäßig zukam. Früher habe ich bis zu vierzehn Stunden im Tage gearbeitet, jetzt erlauben mir dies weder meine Augen noch sonstige Altersgebrechen. Ich bin glücklich, wieder meinen Studien leben zu können. Ich kann mir selbst das Zeugnis ausstellen, daß mir persönliche Eitelkeit und Ehrgeiz mein Leben lang fern war, nur höhere Beweggründe und Liebe zur Wissenschaft haben mich bestimmt. Seitdem ich in meiner Jugend dem Brotstudium des Türkischen an der Orientalischen Akademie und später in Konstantinopel genug getan, habe ich niemals das Studium als Mittel zur Erreichung irgendeines Vorteiles betrachtet, wenn ich auch manchmal meine wissenschaftlichen Arbeiten bei Ministern und Machthabern als Verdienst geltend machte.[406] Ich kann es mir nicht versagen, allgemeine Betrachtungen über das Verhältnis von Gelehrten und Schriftstellern zum Staate Österreich anzustellen und über die ihnen gewährten Auszeichnungen und Vorteile einige Worte zu verlieren. Weder in England noch in Frankreich, Preußen oder Bayern, wohl aber in Österreich herrscht das Vorurteil, daß wissenschaftlich gebildete Männer sich weder zu Minister-noch zu sonstigen höheren Posten in der Staatsverwaltung eignen. Ein Vorurteil, das auch Fürst Metternich teilte, und mit ihm die meisten höheren Beamten. Der Fall, daß Gelehrte Beamten die Fähigkeit, wissenschaftlich etwas zu leisten, absprachen, ist mir nie vorgekommen, er kann auch in Österreich nicht vorkommen, weil sich jeder Beamte hüten muß, öffentlich als Schriftsteller vorzutreten, denn er weiß, daß er damit seiner weiteren Beförderung einen Riegel vorschiebt. In der jüngsten Zeit nach der Revolution sind wissenschaftlich gebildete Männer, wie Graf Hartig und Graf Ficquelmont, als Schriftsteller erfolgreich in die Öffentlichkeit getreten, beide nicht mehr als wirkliche, sondern als bereits abgetretene Minister. Ihre Werke, wie auch besonders das des Feldmarschalleutnant von Schönhals ?Erinnerungen eines österreichischen Veteranen aus dem italienischen Kriege des Jahres 1848/1849?, sind für jeden Österreicher erfreuliche Erscheinungen, die den Beweis liefern, daß es auch in den hohen Posten der Verwaltung, des Inneren, des Äußeren und des Krieges nicht an schriftstellerischen Talenten fehlt. Dem Grafen Ficquelmont wünschte ich zu seinem Werke Glück, indem ich ihm sagte, er sei der erste Minister des Äußeren, der seine Feder auch als Schriftsteller zu gebrauchen wußte. Dies sage ich aus der Kenntnis von vielen hundert Aktenbündeln der Geheimen Registratur und des Geheimen Archivs. Die höheren Beamten und Minister, welche ? wenige Ausnahmen abgerechnet ? Gelehrten und Schriftstellern die Fähigkeit des Geschäftsmannes absprechen, begnügen sich nicht damit allein, sie gehen weiter und schließen diese auf ungerechte Weise auch von den im bürgerlichen Leben ihnen zugesicherten Vorteilen aus. Fürst Metternich verkleisterte als echter Diplomat diese Ungerechtigkeit durch die oft gegebene Versicherung, daß in seinen Augen politisches und[407] literarisches Verdienst auf gleicher Stufe ständen und auch gleichen Anspruch auf Anerkennung und Auszeichnung hätten. Andere ? ich spreche hier nur von Österreich ? geben sich nicht einmal diese Mühe, sondern stellen die Behauptung auf, literarisches Verdienst käme mit politischem in gar keinen Vergleich und dürfe keineswegs auf gleiche Anerkennung von Seite des Staates und der Regierung rechnen. Sie legen auf höhere Besoldung, auf Auszeichnungen, auf Orden und Titel ausschließlichen Beschlag. Gerade in letzter Zeit scheint es zum Prinzip geworden zu sein, daß nur politische, nicht aber literarische Verdienste auf den Titel Exzellenz oder auf ein Großkreuz ein Anrecht haben. Die Staatsmänner, die dies für Österreich aufstellen, sollten sich von dem wissenschaftlich gebildeten Freiherrn vom Stein eines Besseren belehren lassen. Er überreichte am 18. Juni 1812 dem Kaiser Alexander von Rußland in Wilna eine Denkschrift über die Lage in Deutschland, in der es heißt: ?Bei einer so leselustigen Nation bilden die Schriftsteller eine Art von Macht durch ihren Einfluß auf die öffentliche Meinung; es wird nützlich sein, sich sie durch eine Auszeichnung irgendwelcher Art, akademische Orden. Ehren und dergleichen, zu verbinden.? In Steins Schriften findet sich mehr als eine gute Lehre für Österreich, die aber bis jetzt wenig oder gar nicht beherzigt wurde. ?Österreich sollte also die deutschen Gelehrten mehr unterstützen, um auf die öffentliche Meinung in Deutschland zu wirken. Dieses würde geschehen, wenn es eine große Meinung für die Wissenschaft äußerte, dem Umlauf der Ideen weniger Hindernisse in den Weg legte, ausgezeichnete Gelehrte, besonders solche, die für die gute Sache schreiben, belohnte, öffentliche literarische Blätter sich zu eigen machte, seine wissenschaftlichen Anstalten verbesserte und dem in Deutschland herrschendem Vorurteile entgegenwirkte, als hielte es die Fortschritte des menschlichen Geistes zurück und lähme dessen Kraft durch die angebliche Vormundschaft, die es über ihn ausübt.? Und weiter. ?Österreich sollte die deutschen Gelehrten mehr benützen, um auf die öffentliche Meinung in Deutschland zu wirken ? dies würde geschehen, wenn es eine Akademie der Wissenschaften errichtete und[408] dadurch seine Achtung für die Wissenschaften bewiese, wenn es dem Kreislauf der Ideen weniger Hindernisse in den Weg legte und ausgezeichnete Gelehrte, besonders solche, die für und in dem Sinn der guten Sache schreiben, belohnte, wenn es endlich eines der öffentlichen literarischen Blätter sich zu eigen machte. In Deutschland herrscht gegen Österreich das Vorurteil, daß es die Fortschritte des menschlichen Geistes zurückhalte und dessen Kraft lähme, und daß es daher seinen Ratschlägen, seinen Maßregeln und seinen Beschlüssen an Weisheit und Energie fehle.? (Leben des Ministers Freiherrn vom Stein III., S. 70, und II., S. 430 und 452.) Dies schrieb Stein im Jahre 1810, vielleicht wurde Metternich durch Steins Vorschläge dazu bewogen, selbst mit dem Gedanken einer Akademie der Wissenschaften umzugehen und im ?Historischen Archiv? durch Hormayr und Ridler in diesem Sinne schreiben zu lassen, aber er fand an dem Studiendirektor und Leibarzt des Kaisers, Freiherrn von Stifft, ein unüberwindliches Hindernis. Mit besonderer Freude hatte ich im letzten Bande der ?Memoires de l'academie des inscriptions? die von dem ständigen Sekretär derselben, Baron Walkenaer, meisterhaft geschriebene Geschichte dieser Akademie gelesen. Um so mehr ärgerte mich das Fehlen einer solchen Geschichte der Kaiserlichen Akademie, denn wiederum waren zwei Bände erschienen, die nichts von der Geschichte enthielten, obwohl der Kurator es mir vor zwei Jahren zugesagt hatte, darauf zu dringen, daß das Versäumnis nachgeholt werde. Nun lag mir ein so wichtiger Beleg wie Walkenaers Geschichte vor und ich richtete an den Ministerialrat Lewinski, der das Referat der Akademie hatte, ein Schreiben und fügte diesem den letzten Band der ?Memoires? und den ersten der ?Notices et extraits des manuscripts? bei, weil die Vorrede den Plan dieser Auszüge ausführlich darstellt. Ich bat den Ministerialrat, diese beiden Bände und mein Schreiben dem Herrn Kurator vorzulegen. Diesmal blieb meine Vorstellung nicht ganz wirkungslos. In der Sitzung am 25. November, der ich nicht beiwohnen konnte, wurde ein Schreiben des Kurators verlesen, durch welches die Akademie zur Einhaltung der Geschäftsordnung und die Sekretäre zum Schreiben der Geschichte[409] aufgefordert wurden. Durch meinen Freund Auer erfuhr ich, daß der Kurator dem Antrage des Finanzministeriums, die Akademie solle in Hinkunft die Papierkosten ihrer Drucke tragen, die Zustimmung gegeben hatte. Sobald ich dies erfuhr, bat ich um Gehör beim Kurator und sprach mit ihm sehr offen über die ?niederträchtige Plackerei des Finanzministeriums? ? dies waren meine Worte. Ich sprach die Hoffnung aus, daß der Kurator dem nicht zustimmen, sondern der Akademie den Vorteil des kostenlosen Druckes, den sie nun schon fünf Jahre genoß, auch weiter wahren werde. Dieser Vorteil sei nicht nur in den Statuten niedergelegt, sondern auch durch die Dauer der Gewährung verjährt. Dies ließ der Kurator ebensowenig gelten, als meine Berufung auf den Fürsten Metternich und den damaligen Finanzminister Freiherrn von Kübeck, mit deren Zustimmung die Statuten entworfen wurden. Am nächsten Vormittag begab ich mich zum Fürsten Metternich, um ihn allein zu sprechen. Graf Münch war gerade bei ihm. Als dieser herausging, trat ich ein. Der Fürst war noch ganz erfüllt von der politischen Unterredung, die er gerade mit dem Grafen gehabt und setzte sie, ohne mich nach meinem Begehr zu fragen, fort. Es war der 15. Dezember 1851, an welchem alle Zeitungen voll waren von der steigenden Macht Louis Bonapartes, der die Zügel der Regierung in Frankreich mit starker Hand ergriffen und offenbar dem Kaiserthrone zustrebte. Ich ergriff die erste Pause und erzählte ihm das Verlangen des Finanzministeriums und fragte ihn geradezu, in welchem Sinne der Artikel in den Statuten, der von dem kostenlosen Druck der akademischen Veröffentlichungen handelte, gemeint sei: mit oder ohne Papier? Er sagte: ?Wie kann denn diese Begünstigung des kostenfreien Druckes anders als mit dem Papier verstanden werden? Kann man denn in die Luft drucken und ohne Papier? Wo hat man je gehört, daß, wenn etwas auf Kosten des Hofes gedruckt wird, dieser sich das Papier zahlen läßt? Es unterliegt keinem Anstande, daß Sie dies der Akademie als meine Meinung sagen; sollte man eine Deputation mit dieser Frage an mich schicken, so werde ich sie empfangen und ihr dasselbe wiederholen.?[410] In der nächsten Sitzung der philologischen Klasse klagte Karajan, ihr Präsident, über die üblen Finanzzustände, er hatte auch einen Posten von fünf- bis sechstausend Gulden für das Papier in den Voranschlag aufgenommen. Dagegen protestierte ich und erzählte meine Vorsprachen beim Kurator und beim Fürsten Metternich und die Antwort, welche mir letzterer gab. Trotzdem teilten die meisten Mitglieder die Ansicht Karajans, daß künftig die Papierkosten zu bezahlen seien und stimmten für die Beibehaltung dieses Postens im Voranschlage. 
 XVII. Das Jahr 1811. Anstellung als Hofdolmetsch und Staatskanzleirat.  [200] In der Postchaise hatte ich Muße, mich über Paris und meinem Aufenthalt zu besinnen. Ich konnte mir das Zeugnis geben, meine Zeit nicht verloren zu haben. Ich rief die erlebten Szenen in mein Gedächtnis zurück und ließ die Personen, die ich kennengelernt hatte, in meinem Geiste Revue passieren, ich holte Anekdoten und Charakterzüge, die ich über Napoleon vernommen hatte, in mein Gedächtnis zurück, um mir ein Bild des Mannes zu machen, den ich als Feldherrn und Beschützer der Wissenschaften bewunderte, als Despoten, der Deutschland geknechtet hatte, haßte. Leider habe ich nicht alle Anekdoten aufgezeichnet und erinnere mich nur mehr an wenige. Von der neuen Kaiserin sagten die Royalisten: ?Elle est brouillée avec la grammaire (grand-mère: Napoleons Mutter), elle décline bien, conjugue mal, elle a oublié le passé et prend l'imparfait pour le future.? Dann: ?C'est la premiere Archiduchesse, qui a passé un mariage civile? (si vile). In München hatte ich Depeschen an den französischen Gesandten, Graf von Narbonne, den ich aus dem Salon des Prince de Ligne kannte, abzugeben. Um zwei Uhr nachmittags traf ich ein, der Graf sagte mir, daß er mich zu Tisch und zu einem Balle dabehalte und mich erst in zwölf Stunden abfertigen werde, die Verantwortung für meine Verspätung wolle er gern tragen. Auf dem Balle war der ganze Hof gegenwärtig, ich konnte mich aber nicht vorstellen lassen, da ich wenige Stunden später abreisen mußte. Um zwei Uhr verließ ich den Ball und vertauschte meinen Ballanzug mit den Reisekleidern. Die erste Woche nach[200] meiner Ankunft in Wien war durch viele Besuche bei alten und neuen Freunden sehr ruhelos. Am letzten Mai ging ich nach Ernstbrunn zum Fürsten Sinzendorf. Von da an besuchte ich ihn bis zu seinem Tode dort jährlich auf mehrere Tage und genoß die Stille der schönen Gegend und seine Gastfreundschaft. Zu den nicht ausgeführten Kunstplänen des Fürsten gehörte; die Kolossalstatue des Kaisers Franz, von der nur der riesige Fuß von Bildhauer Kiesling fertiggestellt wurde. In seinem herrlichen Park hatte der Fürst zwei österreichischen Staatsmännern Denkmale errichtet, seinem Freund, dem Grafen Saurau, und dem Fürsten Metternich. Das Bildrelief Sauraus war von einer Inschrift umgeben, welche sich auf die Verdienste Sauraus im Jahre 1797 bezog, als er sich an die Spitze der Landwehr stellte. Die Büste Metternichs war nach dem Wiener Kongreß ?dem Hersteller des Friedens? gewidmet. Am Fronleichnamstag führte ich den persischen Botschafter Asker Chan, den ich in Paris besucht hatte, zu Frau von Eskeles, um von ihren Fenstern aus auf den Michaelerplatz den Umzug zu sehen. Er war auf der Rückkehr nach Teheran begriffen und machte in Wien viel Aufsehen. Während des Evangeliums auf dem Michaelerplatz waren die meisten Gesichter nicht zum Altar, sondern zum Botschafter gekehrt. Unter den Geschenken Napoleons war eine große Saaluhr, deren Verzierungen aus reich vergoldeter Bronze ein Triumphgespann und Trophäen darstellten. Asker Chan verkaufte in Wien die Shawls, die er von Persien als Geschenke in Paris mitgebracht hatte und verfiel dafür später in Teheran in Ungnade. Ich fuhr viel zwischen den Orten, wo meine Freunde weilten, hin und her, faßte aber endlich zu Ende Juni im Feriengebäude der Orientalischen Akademie in Weidling festen Fuß, um dort die drei Sommermonate mit Arbeiten für die ?Fundgruben? zu verbringen. Meine Arbeiten begann ich am 1. Juli, dem Tage des unglücklichen Balles in Paris. Ich war froh, nicht Zeuge dieses traurigen Schauspieles gewesen zu sein. Sobald ich die Nachricht davon erhielt, fuhr ich für einige Tage nach[201] Wien, um Näheres zu erfahren. Meine besten Quellen waren das Haus des Fürsten Metternich, Karl Harrach und mein Gönner Graf Sickingen, der Vertraute der Kaiserin. Ich traf ihn bei Harrach, suchte ihn aber oft in seiner Wohnung auf. Der Kaiser war gewohnt, in sehr österreichischem Dialekt zu sprechen. Als Toskana an Frankreich abgetreten wurde und der Großherzog als Entschädigung dafür Erfurt annehmen mußte, hatte der Kaiser lange nicht den Mut, dem Erzherzog diese unangenehme Mitteilung zu machen. Als sie eines Tages nach Tisch Ball spielten und ein Ball hinter einen Schrank fiel, sagte der Kaiser ?Herr Bruder, der Ballen ist futsch und Toskana ist auch futsch?. ? Ich hatte den Grafen Sickingen gebeten, dem Kaiser gelegentlich von mir und meinen Reisen zu sprechen, um zu sehen, welche Meinung er von mir habe und wie ich angeschrieben sei. Der Kaiser Franz sagte: ?Der Hammer ist ein kurioser Mann, der auf seine Faust in Ägypten herumkutschiert ist.? Diese Äußerung enthüllte mir die Verleumdung meiner Feinde, Stürmer oder Hudelist, die dem Kaiser glauben gemacht hatten, ich sei ohne Erlaubnis meines Chefs in Ägypten herumgereist. Ich händigte dem Grafen Sickingen das Original meiner Instruktion ein und bat ihn, dieselbe dem Kaiser zu zeigen, was er auch tat. Obwohl ich damals noch nicht Hofdolmetsch war, machte ich den Dolmetsch des persischen Botschafters, um den sich der Hofdolmetsch Dombay wenig kümmerte. Ich sprach noch kein Wort persisch, sondern nur türkisch. In dieser Zeit besprach ich zum erstenmal mit Hormayr, Ridler und Schlegel den Plan einer Akademie der Wissenschaften; die Idee ging von den beiden ersten aus und wir schrieben darüber in Hormayrs Historischem Archiv. Da ich mit dem Wesen des alten Fürsten Metternich so genau bekannt war, konnte es mir nicht einfallen, mich mit irgend etwas an ihn direkt zu wenden, sondern ich tat dies immer durch die Fürstinmutter oder die Herzogintochter. Als ich im Oktober von Weidling zurückkam, bat ich sie, dahin zu wirken, daß die nächste Kurierexpedition an den Kaiser, der sich in Graz aufhielt, mir übertragen[202] werden möge, weil ich auf diese Art meinen Vater kostenlos besuchen könnte. Die Bitte wurde gewährt und in Grünberg beim Mittagessen mit Hudelist, dem die Kurierexpedition oblag, in Ordnung gebracht. Am 9. Oktober kam der Kurier des Grafen Metternich an, den er aus Karlsruhe abgefertigt hatte, ich bekam mittags den Befehl, mich für den Abend zur Kurierfahrt nach Graz bereitzuhalten. Noch in der Nacht wurde ich abgefertigt. Ich traf in Bruck beim Umspannen den Grafen Sickingen, der das Kaiserpaar begleitet hatte. Amazon.de Widgets Er sagte mir, daß er dem Kaiser über die verdienstvolle Unternehmung der ?Fundgruben des Orients? gesprochen und ihm von meinem Verdienste um die Zurückstellung der orientalischen Handschriften erzählt und erwähnt habe, daß ich dafür wohl den Leopoldsorden verdient habe. Den Orden erhielt ich ? ? ? nach neun Jahren und nicht für literarische Verdienste, sondern für die Entzifferung einer persischen Chiffrenschrift. Um sechs Uhr früh war ich in der Burg in Graz. Im Hofe waren die Reisewägen des Kaisers angespannt, denn für sechs Uhr war die Abreise des sehr pünktlichen Kaisers bestimmt. Ich eilte die Stiege hinauf, an der ersten Tür traf ich den Oberstkämmerer Grafen Wrbna, den ich mich zu melden bat. ?Gehen Sie nur herein, der Kaiser kommt gerade heraus, um hinunterzugehen.? Ich traf den Kaiser im Herausgehen und übergab die Depeschen. Der Kaiser sagte: ?Fahren Sie gleich zurück und bringen Sie dem Fürsten Metternich meine Reiseroute, die Ihnen Kabinettsdirektor Neuberg geben wird.? Dieser Befehl traf mich hart, denn ich hatte gehofft, einige Tage bei meinem Vater bleiben zu können. Ich antwortete dem Kaiser: ?Fürst Metternich hat mich angewiesen, hier seine weiteren Befehle abzuwarten.? Ein Franzose, der gewagt hätte, Napoleon so eine Antwort zu geben, hätte sein Amt verloren. Kaiser Franz sagte in seiner gewohnten Nachgiebigkeit für die Weisungen seiner Minister: ?Nun, dann bleiben Sie und schicken Sie die Reiseroute mit der Post.? Ich eilte zu meinem Vater und überraschte ihn und die Schwestern beim Frühstück. Bei Graf Purgstall speiste ich mit dem Landrechtspräsidenten[203] Baron Werner, der den Grafen Metternich und auch den Kronprinzen in den politischen Wissenschaften unterrichtet hatte. Er war ein höchst politischer Jurist, immer bereit aus höheren Rücksichten und für sein eigenes Interesse der Gerechtigkeit eine Nase zu drehen. Seine gute Aufnahme im Purgstallschen Hause dankte er seiner amtlichen Stellung und dem allgemeinen Gerüchte, daß er der höheren geheimen Polizei angehöre. Wer sich unschuldig fühlt, tut am besten, mit solchen Subjekten zu verkehren, damit sie freimütige Äußerungen aus erster Quelle und nicht aus zweitem oder drittem Munde hören, der sie verdreht berichtet. Graf Purgstall lud Werner und mich ein, mit ihm nach Hainfeld zu fahren, wo die Gräfin noch weilte, und von dort aus die Riegersburg zu besichtigen. Am 18. Oktober 1810 fuhr ich zum erstenmal in Hainfeld ein, und einige Tage später sah ich zum erstenmal die Riegersburg, die mich zu der gedruckten Ode ?Die Riegersburg? begeisterte, die ich dem Grafen Purgstall widmete. Der Präsident Baron Werner bat mich, seinen ältesten Sohn Josef, einen hoffnungsvollen jungen Mann von damals zwanzig Jahren in meinem Wagen nach Wien mitzunehmen. Am 1. November war ich wieder in meiner Wohnung in Wien, Am Hof. Ich vertauschte sie noch in diesem Monat mit einer anderen, die aus einem großen Zimmer, einem Schlafkabinett und einem Vorzimmer für den Bedienten bestand in Aftermiete bei dem Präsidialsekretär der Hofkammer Herrn von Bürgermeister, einem rastlos tätigen Geschäftsmanne. Ich befand mich in dieser sehr lichten Wohnung, deren Fenster auf den Neuen Markt gingen und bei dem freundlichen Benehmen meines Mietsherrn und seiner Mutter so wohl, daß ich noch über fünf Jahre dortblieb, bis ich in das gegenüberliegende Heniksteinsche heiratete und eine Wohnung im ?Walfisch? bezog. Der 1. November bildete für mich eine Epoche von Studien- und Arbeitsbeginn. In diesem Jahre begann ich meine erste bibliographische Arbeit, den Katalog der orientalischen Handschriften der Hofbibliothek, welcher in den »Fundgruben« und auch im Buchhandel erschien. Ich unterzog diese Arbeit der Durchsicht eines gelehrten Bibliomanen,[204] des Cavaliere d'Elci, der als Satyrendichter einen guten Namen in der italienischen Literatur hat und ein klassischer Gelehrter war. Nach meinem und Harrachs Urteil war er kein Italiener unserer Zeit, sondern aus dem Jahrhundert des Mauritius und Politianus. Meine Arbeit auf der Bibliothek und die Abende bei Caroline Pichler brachten mich mit dem Kustoden und meinen gelehrten Freunden den beiden Collin, Ridler, Schlegel, Pilat und Hormayr in nähere Berührung. Hormayr führte mich bei Erzherzog Johann auf, von dessen Liebe für die Wissenschaften mir schon sein Briefwechsel mit Johannes Müller eine hohe Meinung gegeben hatte; ich fand sie durch sein geistreiches Gespräch bestätigt und wurde schon bei der ersten Unterredung durch den Reichtum seiner Kenntnisse, durch die gütige Aufnahme, die Geradheit seiner Gesinnung und die Einfachheit seiner Gewohnheiten mit mächtigen Banden der Hochachtung und Anhänglichkeit an diesen ausgezeichneten Prinzen und Menschen gebunden, die sich seit Jahren nicht gelockert, sondern nur fester geknüpft haben. Dieser für mich unvergeßliche Tag der ersten Bekanntschaft mit dem Erzherzoge war der 20. Dezember 1810. Am Tage darauf verlor ich meinen Kollegen und Freund, den Hofdolmetsch von Dombay, durch einen Schlaganfall. Ich hatte ihn im Jahre 1792 bei seiner Rückkehr aus Spanien beim türkischen Gesandten Ratib kennengelernt. Ich setzte ihm einen literarischen Denkstein durch einen kleinen Nekrolog im »Beobachter« vom 16. Jänner 1811. Durch den Tod Dombays wurde die Hofdolmetschstelle frei, die er mit dem Range eines Rates der Staatskanzlei bekleidet hatte, die geeignetste von allen, die für mich in Frage kamen. Es war nicht einmal eine Beförderung, denn der Hofdolmetsch wurde gewöhnlich aus den Dolmetschen an der Pforte oder an der Grenze genommen, ich aber war von höherem Range des Legationsekretärs zum Agenten befördert worden, die Verleihung dieser Stelle war also keine Vergünstigung. Ich machte bei meinen Vorgesetzten Metternich und Hudelist die nötigen Schritte und erwartete meine Ernennung zu Beginn des Jahres 1811. Drei Wochen nach dem Tode Dombays verlautete noch nichts von meiner Ernennung,[205] ich bat daher den Fürsten Sinzendorf, bei seinem nächsten Zusammentreffen mit dem Grafen Metternich, diesem von der Sache zu sprechen. Dieser antwortete ihm diplomatisch: ?Hammer est difficile a placer.? Diese Äußerung und eine gewisse Kühle, die ich im Hause Metternich bemerkt hatte, als ich von meinen Erwartungen sprach, waren die ersten Anzeichen, die mich auf das Dasein einer Unterminierung durch meine Gegner aufmerksam machten. Davon erhielt ich bald einen klaren Beweis. Von Graf Sickingen, den ich gebeten hatte, beim Kaiser im Gespräch das Terrain zu sondieren, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß der Kaiser geantwortet hatte ?Der will ja nach Persien reisen?. Bei meiner ersten Ernennung nach Konstantinopel war von einer Reise nach Persien die Rede gewesen, seither nicht mehr, weder Metternich noch Hudelist hatten mir davon gesprochen. Ich besprach mich mit meinem Mietsherrn, dem Präsidialsekretär des Finanzministers Grafen Wallis und ging zu diesem, um zu erfahren, worum es sich handle, denn der Vorschlag der Staatskanzlei war zur Begutachtung der Kosten bei ihm. Hätte es sich um eine wissenschaftliche Reise mit den nötigen Hilfsmitteln gehandelt, sie wäre keinem willkommener gewesen als mir. Aber warum machte man mir daraus ein so tiefes Geheimnis? Wallis hatte durch meine Freunde von mir Gutes gehört und er empfing mich mit aller Höflichkeit und gewährte mir eine lange Unterredung. Aus ihr erfuhr ich, daß Hudelist mich nicht zu einer wissenschaftlichen Reise nach Persien vorgeschlagen, sondern mich unter der Verkleidung eines Kaufmannes als Kundschafter schicken wollte, um über die russischen Pläne und die dortige Handelslage Bericht zu erstatten. Der Plan war darauf angelegt, mich auf unbestimmte Zeit von Wien zu entfernen, in der stillen Hoffnung, daß ich mir physisch oder politisch den Hals brechen werde. Dem Kaiser war diese Reise als mein Wunsch vorgetragen worden und vor mir wurde sie deshalb geheimgehalten, damit ich von der Allerhöchsten Resolution überrascht, mich ihr ohne Widerspruch unterwerfen müßte. Graf Wallis sah den ganzen Anschlag von selbst ein, ich brauchte ihn ihm nicht erst auseinanderzusetzen.[206] Ich erklärte mich ohne weiteres bereit, eine wissenschaftliche Reise zu unternehmen, wenn mir die nötigen Mittel dazu gegeben würden, doch konnte davon bei dem elenden Zustand der Finanzen nicht die Rede sein, die Hofkammer wies den Vorschlag der Staatskanzlei als unzeitgemäß zurück. In der Erwartung der weiteren Entwicklung fuhr ich fort, mich vormittags mit orientalischen und anderen Studien zu beschäftigen und die Nachmittage in Gesellschaft zu gehen. Im Rzewuskischen Salon leuchteten immer neue Erscheinungen auf. Derzeit zogen zwei Franzosen, die ins österreichische Heer eingetreten waren, die Aufmerksamkeit auf sich. Beide galten als Werber um die Hand der Gräfin Isabella, beide waren rein monarchisch, rechtlich und ritterlich gesinnt. Der Lothringer Graf Ficquelmont war durch vielseitige Talente, Kenntnisse, Liebenswürdigkeit und richtiges Urteil über Politik und Literatur ausgezeichnet, er wurde später Botschafter in Rußland und dann der Nachfolger Metternichs als Staats- und Konferenzminister. Der andere, Major Crossard, war zwar kein geborener Gascogner, sprach aber viel wie ein solcher. Auch er war tapfer und ritterlich, aber er war ein unerträglicher Schwätzer und festgerannter Anhänger der alten Dynastie in Frankreich und Spanien. Nach dem Friedensschluß Österreichs mit Frankreich ging er in russische Dienste und brachte es zum Generalmajor, später kam er nach Wien zurück. Er schrieb über militärische Fragen und Kriegsgeschichte. Während des spanischen Krieges kam er zu Wellington; dieser hörte ihn eine Stunde lang an, dann sagte er ihm: ?Monsieur, vous savez beaucoup, mais vous parlez aussi beaucoup!? Er war mir so wenig sympathisch, daß ich mit ihm keine zwanzig Worte gewechselt habe. Karten und Würfel waren im Rzewuskischen Salon ebenso verbannt wie die chronique scandaleuse, das Gespräch drehte sich um Politik und Literatur, die Neuigkeiten der Stadt und des Hofes. Man sprach nur französisch, selten englisch oder deutsch. Außer diesem Salon besuchte ich den Fürsten Bagration und traf dort die Minister Graf Mensdorf und Graf[207] Soden und die Mitglieder des diplomatischen Korps, den preußischen Gesandten Wilhelm von Humboldt, den dänischen Grafen Bernstorff, den bayrischen Grafen Rechberg, den russischen Grafen Stackelberg und den französischen Grafen Otta. Bei ihm lernte ich den Grafen Apponyi kennen, den Verehrer der Wissenschaften und Gönner der Gelehrten, dessen persönliches Wohlwollen für mich sich auch auf seinen Sohn, den Botschafter und seine Gattin, geborenen Gräfin Nogarola vererbt hat. Gesprächsweise bemerkte ich dem Fürsten Sinzendorf, daß, soweit mir die englische Literatur bekannt, keine Gedichte sich so zur wortgetreuen Übersetzung eigneten wie Spencers Sonette. Er forderte mich auf, sie zu übersetzen, und ich behielt mir diese angenehme Beschäftigung für die Tage meiner Anwesenheit in ?Eldorado? ? so nannte der Fürst Ernstbrunn ? vor. Diese Übersetzung vollendete ich in den zwei folgenden Jahren, und im Jahre 1814 übergab ich sie dem Fürsten zu seinem Geburtstage mit einem Weihesonett. An meinem nächsten Geburtstage überraschte er mich mit der Nachricht, er habe Anstalten getroffen, damit die Druckerei Degen eine Quartausgabe der Sonette von nur hundert Exemplaren, die nicht in den Buchhandel kommen, sondern nur unter Freunden verteilt werden sollten, auflege. Dies geschah im Jahre 1814, und erst einige Jahre später erschien die Oktavausgabe bei Strauß zum Verkauf. Im Hause des Grafen Apponyi wurde ich zu Tisch und zum Tee geladen; dort traf ich den Professor der Landwirtschaft, Trautmann, und den Vorsteher der Zensurbehörde, Sartory, beide Steiermärker, in den Abendgesellschaften einen Frauenkreis österreichischer und ungarischer Aristokratinnen aus den Familien Esterhazy, Batthyany und Zichy. Ich verlebte die beiden ersten Faschingsmonate sorglos und fröhlich in der sicheren Erwartung, daß mir die Hofdolmetschstelle sicher sei. Aber darin sollte ich mich bitter täuschen. Am 14. März 1811 erhielt ich ein Billett meines Freundes, des älteren Collin, des Rates bei der Hofkammer, in dem er mir die vertrauliche Mitteilung machte, daß ich von Metternich zum Hofdolmetsch ohne Rang und ohne Anstellung[208] in der Staatskanzlei und statt meines bisherigen Gehaltes von 4000 Gulden nur mit einem solchen von 1000 Gulden vorgeschlagen sei. Mein Vorgänger, Dombay, war Rat in der Staatskanzlei, hatte 3000 Gulden, vor ihm Stürmer 4000 Gulden Gehalt. Diese Erniedrigung sollte der Lohn dafür sein, daß ich mich als Herausgeber der ?Fundgruben? um die orientalische Literatur angenommen hatte, denn Hudelist haßte alles, was Literatur hieß, und alle, die sich damit beschäftigten. Es war mir unbegreiflich, daß Graf Metternich zu einer solch schreienden Ungerechtigkeit bereit sein sollte, und ich bin noch jetzt der Überzeugung, daß er den Vorschlag Hudelists unterschrieben hatte, ohne seinen ganzen Inhalt zu kennen. Am nächsten Tage machte ich ihm darüber Vorstellungen und erklärte schließlich, daß ich meine Entlassung geben müsse und in englische Dienste treten würde, wenn ich nicht mit dem Rang und Gehalt meiner Vorgeher die Hofdolmetschstelle erhielte. Graf Metternich war von meiner Freimütigkeit etwas betroffen und erwiderte, ich sollte eine Bittschrift eingeben, die er dem Kaiser vorlegen würde. Amazon.de Widgets Nachdem ich von meinem Chef entlassen war, sprach ich meine Gönner und Freunde, die Grafen Sickingen und Stadion, Zinzendorf und Harrach, den Fürsten Sinzendorf, den Freiherrn von Thugut und die Fürstinmutter Metternich. Selbst diese mißbilligte die ungerechte Behandlung. Fürst Sinzendorf trug mir, sollte ich gezwungen sein, meine Entlassung zu nehmen, jährlich 2000 Gulden an, um ohne Nahrungssorgen meinen orientalischen Studien obliegen zu können. Graf Sickingen übernahm es, dem Kaiser die Angelegenheit im richtigen Licht zu schildern. Die Nachricht dieses Streiches, den Hudelist mir spielen wollte, verbreitete sich in der Stadt und zugleich das Gerücht, daß ich zum Direktor der orientalischen Akademie ausersehen sei. Diese Stelle bekleidete mein Freund Propst Hoeck, und ich taugte zu ihr gar nicht, weil ich mich mit der Erziehung junger Leute hätte beschäftigen müssen; wahrscheinlich setzte Hudelist dieses Gerücht in Umlauf, um mich mit Hoeck zu entzweien. Graf Sickingen bat ich, dem Kaiser meine Bitte um Annahme der Zueignung meiner ?Topographischen Ansichten[209] auf einer Reise in der Levante? vorzutragen. Diese bestanden in der Hauptsache aus den Berichten, die ich damals an meinen Chef, den Internuntius, erstattet hatte. Ich hatte Graf Metternich gebeten, mir die Erlaubnis, die Berichte der drei Jahre, während welcher Baron Herbert mein Chef war, durchgehen zu dürfen. Dies wurde mir sogleich bewilligt, mir aber von Hudelist als neue Schuld angerechnet, weil ich nicht ihn um die Erlaubnis gebeten hatte. Graf Metternich schien selbst das Unrecht einzusehen, denn er äußerte sich nicht nur gegen meine Freunde, daß meine Vorstellungen berücksichtigt würden, sondern lud mich, wenn ich mich alle zwei Wochen in der Kanzlei zur Audienz meldete, immer durch den Türhüter zu Tisch. Es waren kleine Diners im engsten Familienkreis; Pilat fehlte nie, manchmal war Tettenborn, Hoppe oder Gentz geladen. Gerade in dieser Zeit kamen mir zwei Briefe Eichhorns sehr gelegen, um mich bei meinem Chef in guten Kredit zu setzen. In einem machte er mir den ehrenvollen Antrag, eine Geschichte der osmanischen Literatur für seine Gesamt-Literaturgeschichte zu schreiben. Im zweiten dankte er mir für die Zusage, diese Bitte zu erfüllen, und sandte mir das Diplom als korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie. Mein Gesuch um Annahme der Zueignung der ?Topographischen Ansichten? hatte ich an das Kabinett des Kaisers eingegeben, dort sollte ich auch den für die Zensur nötigen Bescheid erhalten. Alle vierzehn Tage ging ich hin, denn der Buchhändler drängte, da das Werk im Katalog der Ostermesse angekündigt war. Ich hatte den Grafen Sickingen gebeten, den Kaiser auf die Dringlichkeit der Fertigung aufmerksam zu machen. Endlich nach zwei Monaten, auf dem Ball des französichen Botschafters zur Feier der Geburt des Königs von Rom, teilte mir Sickingen mit, daß der Kaiser mein Gesuch durch seine Unterschrift bewilligt habe. Im April erhielt ich einen Brief von Herrn Humboldt, in dem er mir für einen Bericht über die mexikanischen Handschriften in der Hofbibliothek dankte, und einen von Mr. Rich, dem Residenten der ostindischen Compagnie in Bagdad, der mich von seinem bevorstehenden Ausflug nach[210] den Ruinen von Babylon benachrichtigte, von dem ich mir schönste Ausbeute für die ?Fundgruben? erhoffte. Seit sieben Jahren stand ich mit ihm in Briefwechsel, der durch meine Aufforderung der Mitarbeit an den ?Fundgruben? noch belebt wurde und später, als wir uns in Wien persönlich kennenlernten, zu wahrer Freundschaft ward, die sein viel zu früher Tod in Persien durch die Cholera endete. Am 12. Juni übergab ich dem Kaiser in der Audienz das Exemplar der ihm zugeeigneten ?Topographischen Ansichten in der Levante? und bat bei dieser Gelegenheit um die Allerhöchste Entschließung über meine Stellung in der Staatskanzlei. Der Kaiser antwortete: ?Es ist kein Sie betreffender Vortrag erstattet, ich habe heute früh meinen Tisch rein aufgearbeitet.? Ich fragte, ob Seine Majestät mir erlaube, dies dem Grafen Metternich zu sagen. Er antwortete: ?Ohne Anstand.? Von der Audienz ging ich in die Staatskanzlei und ließ mich melden. Durch den Türhüter er folgte der Bescheid, den ich nun schon so oft gehört, der Graf sei zu beschäftigt, mich zu empfangen, aber ich möge zu Tisch kommen. Ich ließ melden, daß ich vom Kaiser käme und eine Meldung zu erstatten habe. Hierauf wurde ich empfangen und erzählte kurz das Resultat meiner Audienz. Graf Metternich wurde sichtlich rot und sagte unwillig, der Kaiser wisse es nicht, er habe wohl das Paket noch nicht geöffnet. Ich erfuhr auch aus dem geheimen Expedit, daß kein Vortrag über mich erstattet worden sei, und mußte nun zur Erstattung als zur Entschließung einige Wochen vergehen lassen, ehe ich mich bei meinem Chef melden konnte. Nach Monatsfrist tat ich es ohne Erfolg. Drei Wochen später wurde ich in den Garten am Rennweg zu Tisch gebeten. Außer der Familie und Pilat war niemand bei Tisch, und so konnte ich nach der Tafel mit dem Minister sprechen. Ich sagte: ?Ich bin Eurer Exzellenz für die Ehre, die Sie mir erweisen, indem Sie mich öfter zu Tisch laden, unendlich dankbar, aber Sie kennen mich zu gut, als daß Sie nicht wüßten, daß ich mich damit keinesfalls abspeisen lasse. Ich bitte Sie dringend, die Entschließung des Kaisers in betreff meiner Anstellung mit denselben Bezügen wie mein Vorgänger[211] oder, wenn dies nicht zu erhalten sein sollte, meine Entlassung aus dem Dienste zu erwirken.? Der Ernst, mit dem ich diese Bitte vorbrachte, wirkte endlich. Drei Wochen später wurde ich zum Minister berufen, der mir ankündigte, daß ich zum Hofdolmetsch mit dem Gehalte von 3000 Gulden und dem Rang eines Rates der Staatskanzlei ernannt worden sei, doch nicht in der Kanzlei, sondern zu Hause arbeiten solle. Hudelist, der den Vortrag so lange verzögert hatte, aber meine Ernennung gegen des Ministers Willen nicht hindern konnte, hatte es durchgesetzt, daß ich von dem eigentlichen Personal der Staatskanzlei abgesondert wurde. Der Grund, den ich erst viel später erfuhr, bestand in der Beschuldigung, daß ich ein unruhiger Kopf sei, der sich in der Kanzlei mit niemandem vertragen würde. Amazon.de Widgets Am 28. Juli starb mein Freund, der ältere Collin. Graf Moriz Dietrichstein veranstaltete eine Kollekte zur Errichtung eines Denkmals in der Karlskirche. Ich gab als Beitrag das Honorar von hundert Gulden, welches ich von der Dollschen Buchhandlung für mein Trauerspiel ?Dschafer? erhalten hatte. Dem Grafen Dietrichstein bleibt immer das Verdienst, das literarische Collins durch dieses Denkmal in derselben Kirche geehrt zu haben, in welcher das dort auf Kosten des Staates dem Feldmarschall Fürsten Schwarzenberg zu setzende, zu welchem Thorwaldsen den Entwurf gemacht, noch immer vergebens erwartet wird. Im September wurde ich zum erstenmal als Hofdolmetsch zum Minister berufen, um bei einer Audienz des von Paris zurückkehrenden türkischen Botschafters Mussib-Efendi Dienst zu tun. Zugleich hatte ich eine Unterredung mit dem Minister und Hudelist wegen des Ranges meines Kollegen Brenner, dem dieser vor mir zuerkannt wurde, obwohl ich als Legationssekretär und Agent in der Moldau vor ihm stand. Der Rang vor mir wurde ihm auf ein Memoire, das er eingegeben, zuerkannt; Metternich aber gab mir die Versicherung, daß die künftige Beförderung vom Rat zum Hofrat uns beiden gleichzeitig zuteil werde. Meine Anstellung gab mir nun auch eine bessere Position im diplomatischen Korps. Meine Stelle war eine vollkommene Sinekure ohne Sitz in der Staatskanzlei, und ich konnte den Einladungen[212] meiner Freunde mit gutem Gewissen und mit Freude folgen. Im Frühjahr hatte ich den Tod meines Freundes Grafen Purgstall zu beweinen, der in Florenz starb. Er hatte mit seiner Gemahlin diese Reise im Herbst angetreten und hoffte, in Italien Heilung oder wenigstens Linderung seines Lungenleidens zu finden. Ich habe seinem für alles Wahre, Schöne und Gute empfänglichen Geiste und seinem edlen Charakter in dem Buche ?Denkmal auf das Grab der beiden letzten Purgstall? ein Andenken zu setzen versucht und darin die beiden Nekrologe aufgenommen, die ihm Rollmann im ?Aufmerksamen? und Hormayr in den Ahnentafeln des ersten Jahrganges seines historischen Taschenbuches gewidmet haben. 
 XXXII. Die Jahre 1843 und 1844.  [341] Große Erregung verursachten Anfang des Jahres 1843 die Wiener Briefe von Dingelstedt in der ?Allgemeinen Zeitung?, alle fühlten sich durch sie beleidigt, und sogar die Sonntagsblätter Frankls traten gegen Dingelstedt auf. Der Ruf, der ihm durch seine freisinnigen Gedichte vorausgegangen war, und sein einnehmendes Äußeres sicherten[341] ihm den besten Empfang in der Gesellschaft, die von Journalisten wenig oder keine Notiz nahm. Ich sah ihn bei mir und auch bei Pereira, Walter und meiner Schwägerin Henriette. In diesem Winter fanden sich auf dem Ball der Orientalischen Akademie drei türkische Botschafter zusammen, Nafii, das ist der Nützliche, der nun Botschafter in Wien, Nuri, das ist der Lichtvollender, der von seiner Botschaft in London zurückkam, und Reschid, das ist der Gerade, der von Paris nach Konstantinopel zurückging. Reschid fuhr in der Hoffnung nach Konstantinopel, die erste Stelle des Reiches, die des Großveziers, zu bekommen, er erhielt sie nicht gleich. Anfang März vertraute mir Endlicher die Unterredung mit dem Fürsten Metternich an, die er, als dieser den Orden Pour le mérite erhielt, gehabt hatte. Er hatte die verlangte Ausarbeitung über die Akademie gemacht, und Metternich hatte ihm sogar den Entwurf eines Handbilletts vorgelesen, das die Gründung der Akademie beschloß. Seitdem waren sieben Monate verflossen und Endlicher war nie mehr zum Fürsten berufen worden. Endlicher hielt sich für genarrt und dadurch des Schweigens für entbunden. Ich machte ihm Vorwürfe darüber, daß er mich nicht früher davon in Kenntnis gesetzt hatte, wie ich es getan, und ihm jede Unterredung, die ich mit dem Erzherzog, Metternich oder Kolowrat über die Akademie gehabt, mitgeteilt hatte. Bei der nächsten Audienz fragte ich den Erzherzog Ludwig, was aus dem Handbillett geworden sei, dessen Entwurf Metternich Endlicher gezeigt hatte. Der Erzherzog erklärte, er wisse nichts davon, es sei ihm nie vorgelegt worden. Ich knüpfte den Vorschlag an, die Akademie solle am nächsten, dem fünfzigsten Geburtstage des Kaisers ins Leben gerufen werden. ?Das ist kein erfreuliches Ereignis, wenn man 50 Jahre zählt?, sagte der Erzherzog. Nachdem meine Forschungen über Khlesls Lebensgeschichte im Hausarchiv beendet waren, ging ich bei der Regierung die Akten des Klosterrates durch, viele der mir wichtigsten, wie zum Beispiel die des Stiftes Himmelpfort und der dort gehaltenen Visitationen, waren abhanden gekommen, doch war der Fund an Khleslschen Schreiben noch[342] immer sehr bedeutend. Ich ließ auch im Archiv des Reichshofrates nachsehen, aber ohne Erfolg. Der Aufenthalt in Hainfeld war in diesem Jahre ein sehr bewegter. Das Bad Gleichenberg war besuchter als gewöhnlich, unser Verkehr mit dem Hause Wickenburg häufiger und Hainfeld hatte mehr Gäste als sonst. Die Versammlung der Naturforscher in Graz erforderte meine längere Anwesenheit dort, und schon lange hätte ich gern einen Ausflug nach Pöllau und Vorau gemacht, um auch in diesen Archiven nach Khleslschen Akten zu forschen. Am 17. September ließ ich mich in Graz in die Liste der Naturforscher eintragen, am folgenden Tage begannen die wissenschaftlichen Versammlungen, aber schon an diesem Abend versammelten sich in dem Redoutensaal die Einheimischen und Fremden, um sich gegenseitig kennenzulernen. Ich fand dort zu meiner Freude meinen Freund Ritter, den Geographen. Wie im Jahre 1832 bei der Versammlung der Naturforscher in Wien hatte ich mich in die Sektion der Geographen eintragen lassen. Die Frühstunden vor der Eröffnung der Sitzungen brachte ich immer im Archiv des Guberniums mit dem Lesen der Akten Erzherzog Ferdinands aus der Zeit Khlesls zu, besonders jener, die sich auf die venetianischen Friedensverhandlungen bezogen. Am 21. abends fand der große Ball beim Grafen Wickenburg statt. Ich glaube nicht, daß den Naturforschern in irgendeiner deutschen Stadt ein glänzenderer gegeben wurde. Ich verließ das Fest um Mitternacht und schickte einen Eilboten an Karoline mit der Nachricht, daß ich auf der Rückkehr von dem Ausfluge nach Gleichenberg mit einer Partie von Naturforschern nach Hainfeld kommen würde. Am folgenden Tag hielt ich in der Geographischen Sektion meinen Vortrag über Graz oder Grätz, der allgemeinen Beifall fand. Man drang in mich, ihn auch in der allgemeinen Sitzung zu halten. So hielt ich am folgenden Tage vor einer sehr großen Versammlung einen Vortrag, dieses einzige Mal in meinem Leben genoß ich einen allgemeinen, lärmenden Beifall einer großen Menge von Zuhörern. Als ich von der Tribüne stieg, kamen mir die drei ersten Größen des Landes,[343] der Gouverneur, der Landeshauptmann und der Bürgermeister von Graz, entgegen, um mir dafür zu danken, daß ich endlich gegen den lange geduldeten Mißbrauch aufgetreten sei. Der Landeshauptmann bedauerte, daß die für die Naturforscher geprägte Erinnerungsmedaille noch auf Graetz lautete, und der Gouverneur versprach, daß vom nächsten Tage an die amtliche Zeitung mit dem Druckort Graz herausgegeben werden solle. Dabei ist es auch geblieben und blieb auch nach der Revolution unter Schreiner, dem größten Gegner der richtigen Aussprache, dabei, weil es die allgemeine Aussprache des Volkes. Am nächsten Tage speisten 16 Naturforscher, die von Gleichenberg kamen, bei mir in Hainfeld. Amazon.de Widgets Bei meiner Rückkehr nach Wien hörte ich aus guter Quelle, daß Metternich und Kolowrat sich ausgesöhnt hatten, um mit Unterstützung Kübecks den Erzherzogen Ludwig, Franz Karl und dem Palatin um so fester entgegenzutreten. Als ich Graf Kolowrat das Werk Dr. Wildes über Österreich übergab, sagte er mir, er denke wie Fürst Metternich: Ein Staatsmann müsse über Lob und Tadel seiner Zeit erhaben sein. Ich antwortete: ?Ja, über das Lob und den Tadel der Zeitungsschreiber, nicht über das Urteil der Geschichte. So zum Beispiel gehört die Tatsache, daß unsere Bittschrift um die Gründung einer Akademie der Wissenschaften nun schon sieben Jahre unerledigt beim Fürsten Metternich liegt, der Geschichte an, die dafür weder ihn, noch jene, die es geschehen ließen, loben wird.? Mir blieb also nichts übrig, als mit regem Eifer die Quellenforschung zu Khlesls Lebensgeschichte fortzusetzen. Aus den Archiven der österreichischen Stände und der Hofkanzlei erhielt ich reichste Ausbaute. Bei den Ständen las ich in dem Zimmer, in welchem der Verordnete und spätere Landmarschall Graf Montecuccoli arbeitete, und machte bei dieser Gelegenheit seine Bekanntschaft. Der Syndikus Nehammer und der Archivdirektor der Hofkanzlei Disberger gingen mir mit regem Eifer an die Hand. In Ottenstein und Zwettl und ihren für die Geschichte Österreichs so reichen Archiven forschte ich auch nach.[344] Meine arme Frau wurde im Jahre 1844 immer kränker, im letzten Sommer hatte sie eine Kur in Karlsbad gemacht, die ihr aber keine Heilung ihres Leidens brachte, die behandelnden Ärzte behaupteten immer wieder, das Übel sei kein organisches des Herzens, sondern sitze in der Leber. Bei einem Konsilium, das ich einberief, sprach sich ein Teil der Ärzte für ein Herzleiden, der andere für eines der Leber aus. Die Versöhnung Graf Kolowrats mit Fürst Metternich war nur von kurzer Dauer, bald sahen sie sich gar nicht mehr. Graf Kolowrat, den ich wieder an die Akademie erinnerte, antwortete mir, er könne davon dem Fürsten unmöglich sprechen, weil er ihn gar nicht sehe und nur schriftlich mit ihm verkehre. Dies war buchstäblich wahr, ich habe überhaupt den Grafen Kolowrat gegen mich nicht ein einziges Mal unwahr gefunden, er entzog sich sogar den Konferenzen, was ihm besonders Erzherzog Johann sehr verübelte. In der Tat ist ein Minister, der nicht Mut genug hat, mit seiner Person einzustehen und seine Meinung auch mündlich zu verfechten, nicht dieser verantwortungsvollen Stelle würdig. Obwohl ich bereits an der Lebensbeschreibung Khlesls arbeitete, setzte ich doch meine Forschungen nach Beiträgen noch fort. Trotzdem ich das Archiv des Magistrats durchsehen ließ, war es mir noch nicht gelungen, das Haus zu bestimmen, das Khlesls Vater besessen hatte und das beim ?Blauen Esel? oder ?Beim Esel in der Wiege? hieß. Durch Vergleichung der Register der alten und neuen Hausnummern konnte ich es endlich feststellen und fand zu meiner Überraschung, daß der ?Blaue Esel? die Hälfte des Hauses war, das heute beim ?Eisernen Mann? heißt und unmittelbar an das Heniksteinsche Haus, in dem ich wohne, anstößt. Ich war also nur durch eine Mauer von dem Orte getrennt, an dem Khlesl seine Kindheit und erste Jugend verbrachte. Karoline war immer bedacht, mich an meinem Namens- oder Geburtstag mit einem sinnigen Geschenk zu überraschen. Diesmal hatte sie dem Erzieher meines Sohnes den Auftrag gegeben, eine Kopie des Portraits von Khlesl zu beschaffen, das sich bei einem Domherrn von St. Stephan befand. Der Erzieher verfehlte das beste Portrait Khlesls, das[345] sich in der Wohnung des Dompropstes befand, und fand ein anderes aus des Kardinals früheren Jahren auf, auf dem er in der Tracht eines Bischofs gemalt ist. Ich kannte nur jenes im Besitz des Dompropstes, und so machte mir diese Überraschung noch viel größere Freude, als Karoline erwartet hatte. Um die Stelle des ersten Kustos bei der Hofbibliothek, Mosels, der auch gestorben war, bewarben sich drei Dichter, nämlich Grillparzer, Baron Münch und Deinhardstein. Grillparzer machte von seinem Wunsche kein Geheimnis, war aber zu stolz, sich um die Stelle zu melden und einzukommen, was ihm Graf Kolowrat, in dessen Bereich die Vergebung lag, sehr übel nahm, Deinhardstein war Regierungsrat und Zensor und von seinem Chef, dem Grafen Sedlnitzky, nur deshalb empfohlen, weil er ihn gerne los haben wollte. Baron Münch fand eine Stütze an Fürst Metternich durch seinen Onkel, den Bundestagsgesandten. Dieser ließ den Grafen Dietrichstein hoffen, daß dessen Sohn den Ministerposten in London bekommen würde, wenn sein Neffe die Kustosstelle bekäme. Der Wunsch beider wurde ohne Rücksicht auf die Befähigung erfüllt. Es wäre rein vergeblich gewesen, beim Fürsten Metternich noch weitere Schritte wegen der Akademie zu machen, aber beim Grafen Kolowrat und beim Erzherzog Ludwig ließ ich die Sache nicht fallen. Dem Erzherzog sprach ich bei einer Sonntagsaudienz nicht nur von dieser, sondern auch von der Bibliothek und dem Archiv, wo die Stellen des ersten Kustos und des Direktors erledigt waren. Die des Kustos zu wünschen, konnte mir gar nicht einfallen, schon vor dreißig Jahren hatte ich mich dafür bedankt. Die Archivdirektion hätte ich angenommen, wenn sie mir verliehen worden wäre, aber Fürst Metternich dachte gar nicht daran, mir diese Genugtuung für meine Entlassung als Hofdolmetsch zu geben, er hatte für diese Stelle Klemens Hügel im Auge. Eine sonderbare Geschichte hatte mir der Direktor der Hofkanzlei, Disberger, der meine archivalischen Forschungen mit freundschaftlichster Bereitwilligkeit förderte, erzählt. Vor geraumer Zeit hatten sich im Keller der Hofkanzlei in einer Kiste die Akten der Wallensteinschen Hauskanzlei gefunden. Sechs Monate lang hatte ein Beamter des[346] Archivs das Wesentliche ihres Inhaltes ausgezogen und dieser Auszug war von einem Vortrag begleitet an den Kaiser gegangen mit der Anfrage, was mit den Akten geschehen solle. Bis jetzt war auf diesen Vortrag keine Kaiserliche Entschließung erfolgt. Der Erzherzog Rainer war von dem Funde benachrichtigt worden und hatte sich bei seinem letzten Aufenthalte in Wien vergeblich danach erkundigt, wahrscheinlich war der Vortrag in Metternichs Hände gekommen, der ihn einsperrte. Am 1. Mai wurde Karoline von einem schrecklichen Herzkrampf befallen, so daß wir schon das Ende befürchteten. Von nun an verzweifelte ich an ihrer Rettung und betete nur mehr um Abkürzung der Leiden und baldige Erlösung. In den nächsten vierzehn Tagen flackerte die verlöschende Flamme noch manchmal auf und gab falsche Hoffnung. Noch immer behauptete der Arzt, das Übel liege in der Leber. Ich mußte mich jeden Morgen dazu zwingen, an der Lebensgeschichte Khlesls zu arbeiten, am Mittag ging ich in die Hofkanzlei und betäubte meinen Schmerz durch mechanisches Ordnen und Abschreiben der Stücke. Ich hatte eine Audienz in Schönbrunn bei der Erzherzogin Sophie, der ich jährlich ein- bis zweimal aufwartete, um ihr Interesse für die Akademie nicht erkalten zu lassen. Sie fand meine Klagen über des Erzherzogs Ludwig Nichtstun nur zu begründet und erzählte mir die unglaubliche Tatsache, daß jetzt, neun Jahre nach des Kaisers Tod, die Erbschaft der kaiserlichen Familie noch nicht in Ordnung gebracht sei. Ich benützte diese Gelegenheit und sprach mich offen gegen Jesuiten und Liguorianer aus, als deren Gönnerin Erzherzogin Sophie ganz mit Unrecht verschrien war. Die Erzherzogin erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden Karolinens. Am nächsten Tag konnte ich beim Anblick der Kranken meine Tränen ebensowenig zurückhalten wie Eveline, der die Mutter als besonderes Andenken ihre Uhr schenkte. Am folgenden Tage, dem 14. Mai, war die Kranke sehr schwach und am 15. Mai weckte mich mein Sohn Max um ein Uhr nachts, ich hörte Karoline klagen und schreien in herzzerreißenden Tönen. Der Arzt erklärte, das Wasser sei[347] ihr in die Brust getreten. Sie schrie und betete die ganze Nacht. Gegen Morgen kamen die Schwägerinnen und einige alte, treue Freunde, von denen sie rührenden Abschied nahm, in vollem Besitze ihrer geistigen Kräfte. Gegen neun Uhr ging ich in die Bibliothek, um eine halbe Stunde zu ruhen, um zehn Uhr weckte man mich mit der Nachricht, daß alles vorüber sei. Das Testament wurde geöffnet, ich war froh, daß mir die Selige von ihrem väterlichen Vermögen nicht mehr als den Kindern, von dem Vermögen, welches wir während der fünfundzwanzig Jahre unserer Ehe gemeinsam erworben, die Hälfte den Kindern vermacht hatte. Am folgenden Tage fand die Eröffnung statt, das Herz wurde normal groß gefunden, die Leber war gesund. Am 17. Mai fand das Begräbnis statt. Es wäre mir unmöglich gewesen, in der Zeit unmittelbar vor und nach dem Tode Karolinens an der Lebensbeschreibung Khlesls weiterzuschreiben, aber ich ging täglich in das Archiv der Hofkanzlei, um die sich darauf beziehenden Schriften zu sichten und für die Abschreiber vorzubereiten. Amazon.de Widgets Für den Herbst war eine Reise nach Mailand zur Versammlung der Naturforscher festgesetzt, vor ihr vollendete ich noch die Handschrift der Lebensbeschreibung Khlesls. Eine mir angenehme Beschäftigung war die letzte Korrektur des letzten Bogens der ?Zeitwarte des Gebetes in sieben Tageszeiten?, Gebete, die ich seit langem aus arabischen Gebetbüchern gesammelt und geordnet hatte. Das Buch wurde während der Todeskrankheit meiner Frau gedruckt und ist dem ?Andenken meiner seligen, innigst geliebten Gattin? geweiht, vollendet am 22. Julius 1844, dem achtundvierzigsten Geburtstage Karolinens. Die in sieben Tageszeiten nach den sieben Kategorien des Gebetes eingeteilten Gebete sind allgemein religiösen Inhaltes ohne allen positiven Islam oder Mohammeds Prophetentum. Sie sind geeignet, von Bekennern aller Religionen gebetet zu werden. Ich beantwortete Professor Fleischers Einladungsschreiben zur Versammlung der Orientalisten, welche diesen Herbst zur Gründung der deutschen morgenländischen Gesellschaft[348] zugleich mit der Versammlung der Naturforscher stattfinden sollte, und dankte ihm für die Ehre des mir zugedachten Vorsitzes. Ich schrieb, darauf könne ich nur als der Älteste, der Scheich deutscher Orientalisten, Anspruch machen. Von der Teilnahme an der Versammlung entschuldigte ich mich damit, daß ich schon zur Versammlung der Naturforscher in Mailand zugesagt habe, sandte aber meine ?Zeitwarte des Gebetes? ein, welches das erste der Gesellschaft dargebrachte Werk war. Kopitar starb, der nur kurz den Hofratscharakter als Kustos der Hofbibliothek und den preußischen Pour le mérite genossen hatte. Für ihn wurde Freiherr von Münch, der unter dem Namen Halm bekannte Dichter, ernannt, der, ausschließlich Poet, diese Ernennung nur dem Einflusse seines Oheims, des Grafen Münch, beim Fürsten Metternich verdankte. Der durch Kopitars Tod erledigte Pour le mérite wurde Endlicher verliehen, der ihn entweder aus Überzeugung, daß ein anderer größere Ansprüche darauf hatte als er, oder aus Geringschätzung auch nicht ein einziges Mal getragen hat. Gegen die Verleihung selbst an diesen ausgezeichneten Gelehrten war gewiß nichts einzuwenden. Am 16. August trat ich mit meinem Sohne Max die Reise nach Mailand über Graz an. Von Venedig reisten wir über Padua und Verona nach Mailand. Von Verona aus machte ich einen Abstecher nach Castel Gofredo und besuchte dort meinen alten Freund Acerbi, den Reisenden in Lappland und in Ägypten, den früheren Herausgeber der ?Bibliotheca Italiana? und letzten Generalkonsul in Ägypten. Ich hatte mich auf früheren Reisen nie in Brescia aufgehalten, jetzt wollte ich wenigstens die Statue der Siegesgöttin sehen und zwei Freunde besuchen. Der eine war der Advokat Saleri, der Präsident des Atheneo, der mir das Mitgliedsdiplom dieser Gesellschaft gesandt, ein wissenschaftlich gebildeter Ehrenmann, der sich auch durch die Fürsorge für verwahrloste Kinder und andere wohltätige Anstalten, dann durch die Herausgabe der Altertümer seiner Vaterstadt namhafte Verdienste erworben hatte. In seiner Begleitung sah ich die berühmte Siegesgöttin, eine der schönsten Statuen des Altertums, die aus dem Schutte ihres[349] Tempels unversehrt ausgegraben worden war. Der zweite Freund war der Delegato Herr von Breindl, dessen erste Gattin eine Base meiner seligen Frau. Den Morgen und Vormittag sahen wir, von Saleri geführt, die Altertümer und Merkwürdigkeiten Brescias, den Nachmittag und Abend brachten wir mit Breindls zu. In Mailand ließ ich mich sogleich im Palaste Brera zur Versammlung der Naturforscher in der Sektion der Geographen einschreiben, der Sekretär war Caesare Cantú, der Bruder Ignazio Cantús, mit dem ich in brieflichen Verkehr stand. Die Versammlung der Naturforscher hatte für mich nur untergeordnetes Interesse, vor allem wollte ich meinen Sohn Max die Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen und ihn auf die Borromäischen Inseln begleiten. Am 12. September war die Enthüllung der Statue des Mathematikers Fr. Cavalieri auf der Brera. Abends war in der Scala die Oper Hernani und nach ihr Ballett. Am 15. September war das wahrhaft großartige Schauspiel in der Arena, welche einen mit Wasser gefüllten Zirkus vorstellte und eine Rennbahn für Ruderboote war. Den Preis errang ein von Weibern gerudertes, mit dem Wappen Mailands geschmücktes Boot. Bald gaben Opernsänger die schönsten Chöre zum besten, bald spielten militärische Musiken. Regatte wechselte mit Musik bis in die späte Nacht, dann erleuchtete ein glänzendes Feuerwerk den Zirkus. Bei der Versammlung traf ich den schwedischen Orientalisten Graberg de Hemsoe und Balbi, außer mit ihnen verkehrte ich mit dem Grafen Castiglioni, Professor Leibler und dem Vorsteher der Ambrosiana Catena. Mein Freund Rossi verschaffte mir die Bekanntschaft seiner Freunde Ambrosoli und Manzoni. Manzoni war ein edler, gutmütiger, religiöser Mensch, und ich war froh, die beiden größten italienischen Dichter meiner Zeit, Monti und Manzoni, gekannt zu haben. Rossi führte uns auch in die Häuser des Grafen Taverna und Castel di Barco. Graf Castel di Barco, dessen Gemahlin die Obersthofmeisterin der Vizekönigin ist, ist ein Dilettant der Poesie und der schönen Künste. Sein der Brera gegenüber gelegener Palast ist der schönen Gemälde wegen sehenswert, darunter das Portrait einer Frau, von Leonardo da Vinci, ein sehr[350] gutes des Stifters der Jesuiten, Ignatius von Loyola, und eines von Cesare Borgia. Amazon.de Widgets Während der Versammlung der Naturforscher waren auch die Paläste des Duca di Litta und des Grafen Borromeo zur Besichtigung offen. Als Präsident der Versammlung gab Graf Borromeo mehrere Gastmahle, bei einem derselben erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem Duca Serra di Talio. Am 23. September um Mitternacht verließen wir Mailand bei Regen, am Morgen heiterte es sich auf, und wir hatten eine wunderschöne Fahrt, die Ufer des Comosees entlang. In Meran blieben wir nur einen Tag, gingen nach Schloß Tirol, wo ich die gnostischen Gebilde sah, die ich bisher nur aus Zeichnungen kannte, auch eine Kreuzabnahme, bei der das Kreuz von den Templern mit Füßen getreten wird. Der Weg nach Bozen und nach Brixen ist romantisch-wild, wie der von Trafoi nach Meran romantisch-schön ist. Durch Lienz fuhren wir im Mondschein nach Drauburg. Von Marburg fuhren wir über Straß, Weinburg und Gnas nach Hainfeld, wo ich meine Tochter wohlauf anfand. 
 XXXV. Das Jahr 1848. Eröffnung der Akademie und Revolution.  [377] Ich hatte schriftlich und mündlich den Tag der Heiligen Drei Könige 1848 zur feierlichen Eröffnungssitzung vorgeschlagen, da es aber hierzu nun schon zu spät war, brachte ich Mariä Lichtmeß, schon des Namens des Festes wegen, als einen zur feierlichen Eröffnung einer Akademie der Wissenschaften besonders geeigneten Tag in Vorschlag. An diesem Tage wurde vormals das älteste Lichtfest der Perser gefeiert und daher erschien er mir von guter Vorbedeutung. Ich erwartete, daß dieser Vorschlag schon deshalb, weil er von mir ausging, Schwierigkeiten finden würde, aber unerwarteterweise ging er durch. Ich sprach den Erzherzog, der eben vom Fürsten Metternich gekommen war, er versicherte, denselben in der besten Stimmung sowohl in bezug[377] auf die Akademie als auf meine Person in betreff der Präfektenstelle getroffen zu haben, er wolle wegen beiden im gewünschten Sinne mit Erzherzog Ludwig sprechen und er sei auch für die Zensurfreiheit der Akademie, ebenso wie Graf Kolowrat. Ich nahm alles als bare Münze an, wiewohl mir manche Zweifel aufstiegen. Am folgenden Tage besprach ich mit Baumgartner, Ettingshausen Wolf die Wahl des Saales für die feierliche Eröffnungssitzung. Der Saal im Polytechnischen Institut war zu klein und konnte nicht geheizt werden. Wir beschlossen also, die Niederösterreichischen Stände um die Überlassung des neu hergerichteten stattlichen Saales zu bitten. Am gleichen Abend sprach ich im Salon des Fürsten Metternich den ständischen Marschall Graf Montecuccoli über das an ihn zu stellende Gesuch, für dessen Gewährung er sich verbürgte, und dann mit dem Freiherrn von Hügel über die Beschaffenheit der akademischen Uniform, die sowohl für den Fürsten wie für Hügel eine Hauptangelegenheit war. Hügel hatte schwarz mit goldener Stickerei vorgeschlagen, ebenso geschmackvoll wie würdig, dies wurde auch vom Fürsten beliebt. In der Gesamtsitzung am 9. Januar machte Ettingshausen, ohne mir ein Wort vorher gesagt zu haben, den Antrag, daß der Präsident seine Eröffnungsrede der Zensur der Akademie vorlegen möge. Ebenso überrascht als beleidigt darüber, sagte ich, daß ich bereit sei, meine Rede jedem einzelnen Mitglied, ihm, Ettingshausen, an erster Stelle, zu lesen zu geben und gern kritische und stilistische Bemerkungen entgegennehme. Ich habe die Rede schon vor sechs Wochen Seiner Kaiserlichen Hoheit, dem Erzherzog-Kurator, und dem Fürsten Metternich vorgelegt, beide hatten nicht das geringste beanstandet. Ich wüßte also nicht, warum ich sie noch der Gesamt-Akademie vorlegen sollte. Die Sitzung verlief sehr stürmisch. Die Hälfte der Mitglieder, darunter auch solche der mathematisch-naturhistorischen Klasse, sprachen sich für mich aus, von meiner Klasse besonders Grillparzer, der meinte, daß die Akademie dem Manne, den sie zum Präsidenten gewählt, doch auch das Vertrauen schenken müsse, daß er in seiner Rede nichts ihr Mißfälliges sagen werde, und daß diese[378] Zensur um so überflüssiger, als schon der Erzherzog-Kurator und Fürst Metternich die Rede gutgeheißen hätten. Bei der Abstimmung ergab sich Stimmengleicheit. Ich bemerkte, daß der Mailänder Astronom Carlini seine Stimme nicht abgegeben hatte und fragte ihn, ob jemals im Lombardischen Institute der Präsident eine Rede zur Beurteilung vorgelegt habe. Durch sein ?Nein? gab er meiner Ansicht den Ausschlag. Für den 24. Januar wurde die Ergänzungswahl bestimmt. Die mathematisch-naturhistorische Klasse hatte sich sehr zweckmäßig als Ausschuß zur vorläufigen Beratung der Fächer vereint, für welche noch keine Kräfte vorhanden waren. Ich machte meiner Klasse den Vorschlag, ein Gleiches zu tun, wurde aber darin überstimmt. Endlich wurde beschlossen, daß in der Wahlsitzung keine Debatte über das Verdienst des Kandidaten, sondern nur die Wahl stattfinden sollte. Ich bevorwortete die Eröffnung der Sitzung mit einigen Worten und wies besonders auf den Mangel eines Mitgliedes für die Sprachen Hinter-Asiens hin. Endlicher sah, daß die Wahl auf Pfizmaier fallen würde und sprach heftigst gegen ihn. Ich sagte: ?Sie wissen, daß auf Ihren eigenen Antrag in der letzten Sitzung beschlossen wurde, in der heutigen keine Debatte abzuführen.? Er erwiderte: ?Wenn Sie das Recht zu sprechen haben, lasse ich es mir auch nicht nehmen.? ?Der Präsident?, sagte ich, ?hat nach der Geschäftsordnung nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, zu verhandelnde Gegenstände zu bevorworten, Sie aber haben das Wort nicht!? Er fuhr auf: ?Also ich soll schweigen, während Sie reden dürfen, dagegen protestiere ich mit meinem Austritt? ? er nahm seinen Hut und ging fort, zu meinem großen Bedauern und zum Ärgernis der Klasse. Am Lichtmeßtage feierte ich meinen akademischen Ehrentag in der glänzenden Versammlung im Landhaussaal. Alle in Wien anwesenden Erzherzoge, alle Minister waren zugegen, nur der Kaiser und Fürst Metternich fehlten, beide wurden aus Gesundheitsrücksichten vom Arzte zu Hause zurückgehalten. Die Sitzung wurde durch eine vom Freiherrn von Pratobevera aufgesetzte und vom Erzherzog Johann als Kurator gelesene Anrede eingeleitet, worauf meine[379] Rede und der Vortrag des Generalsekretärs über die Tätigkeit der Akademie seit den drei Monaten, in denen sie Sitzungen hielt, folgte. Die Stelle meiner Rede, daß die Arbeiten der Akademie keiner anderen Zensur unterliegen würden als ihrer eigenen, betonte ich besonders nachdrücklich und sah dabei auf Graf Sedlnitzky. Ich sah, daß er etwas dem neben ihm sitzenden Grafen Münch ins Ohr flüsterte und dieser ihm flüsternd erwiderte. Erst hinterher erfuhr ich, daß Graf Sedlnitzky, welcher erst am Tage der Sitzung von dieser Stelle Nachricht erhalten hatte, bei Fürst Metternich das Verbot, diese Stelle zu sprechen, durchgesetzt hatte. Der mit diesem Auftrage zu mir gesandte Hofrat war auch wirklich unterwegs, er kam aber zu spät, denn er traf erst im Saale ein, als ich schon gesprochen hatte. Alles war gut abgelaufen, und ich erhielt von allen Seiten Glückwünsche sowohl dazu, daß mir das durch zehn Jahre angestrebte Unternehmen endlich gelungen war als auch zu meiner Rede. Am gleichen Abend bekam ich die Nachricht, daß Graf Sedlnitzky in die Staatsdruckerei Auftrag geschickt habe, daß meine Rede nicht anders, als wie sie in der ?Wiener Zeitung? erscheinen würde, gedruckt werden dürfe. Hätte ich dies vermuten können, so würde ich den Druck der Rede, die vom Erzherzog, vom Fürsten Metternich und vom Grafen Münch gutgeheißen worden war, schon vor der Sitzung veranlaßt haben und hätte sie unter den Geladenen verteilen lassen. Vorläufig konnte ich nichts tun, als das Erscheinen der ?Wiener Zeitung? abwarten, in der auch wirklich die beiden Stellen, die von der Selbstzensur der Akademie sprachen, gestrichen waren. Amazon.de Widgets Am 3. Februar empfing der Erzherzog-Kurator die gesamte Akademie mit den aus den Provinzen anwesenden Mitgliedern, und zwei Tage später verfügte ich mich abermals zum Erzherzog und wiederholte meine Erklärung, daß, wenn der Akademie nicht die Selbstzensur, wie versprochen, gestattet werden sollte, ich um meine Entlassung als Präsident und als Akademiker bitten würde. Am folgenden Tage wiederholte ich diese Erklärung dem Erzherzog Ludwig und dem Grafen Kolowrat. Jener äußerte sich über den Grafen Sedlnitzky in meinem Sinne, der Erzherzog aber nahm für[380] ihn Partei, denn er sah in ihm die beste Stütze seiner Regierung. Ich schrieb an den Fürsten Metternich und beschwerte mich über den Eingriff des Grafen Sedlnitzky, im gleichen Sinne schrieb ich eine Beschwerde an den Kammerpräsidenten und protestierte gegen den verstümmelten Abdruck. Allgemein wurde diese Eigenmächtigkeit des Polizeipräsidenten besprochen und getadelt. Und trotzdem machten meine Kollegen im Vorstande nicht mit mir gemeinsame Sache, sie traten sogar gegen mich auf und ergriffen die Feder gegen mich und für die Unterwerfung der Akademie unter die Zensur. Sie beschwerten sich über mich in einer Eingabe an den Kurator und gegen mich selbst in Briefen, welche nicht nur mich, sondern auch den Erzherzog-Kurator und Fürst Metternich der Lüge beschuldigten. (Vgl. B. 31?33 und Huber a.a.O. 74, 76 f.) Am 3. April fanden auf der Aula die Wahlen nach Frankfurt statt, welche Endlicher, Schilling und Somaruga als Delegierte designierten, und es tauchte die Frage auf, ob nicht auch die Akademie Deputierte entsenden solle. Frankl und Ettingshausen hinterbrachten mir dies und sprachen sich dafür aus; wiewohl ich dagegen war, sagte ich ihnen die Einberufung einer allgemeinen Sitzung zur Entscheidung dieser Frage zu. Bei ihr berief ich mich auf das Beispiel anderer deutscher Akademien, die keine Deputierten entsendet hatten, und setzte so den Beschluß, auch keine zu wählen, gegen Schrötter, Ettingshausen, Wolf und Chmel durch. Danach brachten Ettingshausen und Schrötter Reformen der Akademie zur Sprache, sie meinten, die Statuten seien nicht mehr gültig, die Akademie solle sich durch den Austritt aller Mitglieder auflösen und selbst neu konstituieren. Auch diesem Vorschlag trat ich entgegen, die Akademie hatte gar kein Recht, die ihr gegebenen Statuten eigenmächtig zu ändern. Ebensowenig stand ihr das Recht zu, die Klassen zu erweitern und der mathematisch-naturhistorischen die Medizin, der philologisch-historischen Philosophie und Staatsökonomie einzuverleiben. Mit dem Prinzip war ich zwar einverstanden, sagte aber, daß wir erst die Allerhöchste Genehmigung zu solcher Änderung erbitten müßten. Die Mehrzahl gab meinen Vorstellungen kein Gehör[381] und beschloß, daß jede Klasse in der nächsten Sitzung sechs neue Mitglieder wählen solle. Ich ging daher zum Minister des Inneren, Freiherrn von Pillersdorf, und meldete ihm diese Eigenmächtigkeit und bat ihn um Unterstützung zur Aufrechterhaltung der gesetzmäßigen Ordnung. Er sagte mir: ?Unter den jetzigen Umständen müssen Sie den Herren ihren Willen lassen, obwohl Sie im Grunde recht haben.? Diese Antwort meinen Kollegen zu sagen, hütete ich mich, ich protestierte aber auch nicht weiter gegen das Recht der Statutenänderung und noch weniger gegen die Vornahme von Wahlen. In Hainfeld erhielt ich einen Brief Ettingshausens, in dem er mir mitteilte, er habe wegen der Unterstellung der kaiserlichen Kabinette unter die Akademie mit den Kustoden gesprochen und diese seien ganz einverstanden damit, es handle sich also um Vorarbeiten, die bis zu meiner Rückkehr beendet sein könnten. Ich antwortete ihm, daß ich damit einverstanden sei, bei meiner Rückkehr könne sofort eine Gesamtsitzung einberufen werden, in der sowohl Reform wie auch diese Sache zur Sprache kommen könne. Darauf erhielt ich keine Antwort und hörte während meines Aufenthaltes in Hainfeld kein weiteres Wort von der Akademie, so daß ich nichts anderes annehmen konnte, als daß die in Wien gebliebenen Akademiker-Kustoden sich mit den Vorschlägen der wissenschaftlichen Aufsicht der Hofbibliothek und der Kabinette beschäftigten. Am Morgen des 31. Oktober kam ich nach Wien zurück und speiste beim Fürsten Dietrichstein mit seinem Bruder, dem Obersthofmeister, mit dem ich zwar nicht auf dem Fuße der Freundschaft wie mit seinem Bruder, dem Fürsten, aber immer in freundlichem Verhältnis stand. Ich grüßte ihn, er wandte den Kopf ab, ich sprach ihn an, er antwortete nicht. ?Was haben Sie denn heute gegen mich, weil Sie mich so schnöde behandeln, ich habe Ihnen doch nichts zuleide getan?? ?Sie sind auch einer von jenen,? fuhr er mich an, ?die den Kaiser seines Eigentums berauben wollen.? Erstaunt fragte ich, wieso? ?Ja, Sie, denn Sie müssen ja die saubere Gesamtsitzung der Akademie einberufen haben, in welcher die Unterordnung der Hofbibliothek und[382] der Kabinette unter die Akademie zu verlangen beschlossen wurde, Sie müssen von den zwei Deputationen wissen, welche deshalb an den Kaiser und an Wessenberg abgesendet worden sind.? ?Aber ich weiß davon kein Wort!? ?Das kann ich nicht glauben!? ?Es ist unglaublich und dennoch wahr, ich weiß kein Wort davon, bei meiner Ehre, sprechen Sie doch!? Darauf erzählte mir Graf Dietrichstein, daß am 14. September eine Gesamtsitzung stattgefunden habe, in welcher die Akademie nicht nur die wissenschaftliche Oberaufsicht über die Hofbibliothek und die Kabinette, sondern auch die Verwaltung derselben und die Besetzung der Beamtenstellen begehrt habe, und zwar nicht nur für die in der Burg befindlichen Anstalten, sondern sogar für die Menagerie in Schönbrunn. Baumgartner, Ettingshausen und Wolf seien als Deputierte zum Kaiser und dann noch mit sieben anderen zum Freiherrn von Wessenberg, dem Ministerpräsidenten, gegangen. Mein Erstaunen und mein Unwille über diese Unregelmäßigkeit, welche Ettingshausen hinter meinem Rücken und ohne mein Wissen begangen hatte, war sehr groß, und doch konnte ich mich nach allem, was er sich schon mir gegenüber herausgenommen, darüber nicht wundern. Am folgenden Tage fuhr ich eine halbe Stunde vor der für diesen Tag angesetzten Sitzung der philosophisch-historischen Klasse ins Polytechnische Institut, um den Generalsekretär unter vier Augen zur Rede zu stellen. Ich fand ihn nicht mehr allein, sondern in Gesellschaft Grillparzers. ?Wie haben Sie sich, Herr Generalsekretär, erlauben können, wider den ausdrücklichen Sinn der Statuten, welche nur dem Präsidenten die Einberufung außerordentlicher Gesamtsitzungen zuweisen, eine solche ohne mein Wissen und hinter meinem Rücken abzuhalten?? ?Sie waren nicht zugegen?, antwortete er. ?Warum haben Sie mir nicht geschrieben, ich wäre, wenn es nötig gewesen wäre, sofort gekommen?? Darauf saugte Ettingshausen: ?Es war periculum in mora, eine Partie von Juden war im Begriff, die Verwaltung aller Kabinette an sich zu reißen.? ?Davon habe ich nichts gehört und glaube es auch nicht!? ?Wie konnten Sie,? fragte ich nochmals, ?dem Paragraph der Statuten zuwider, sich dies erlauben?? Ich zeigte ihm den Abschnitt. ?Hier steht,? sagte er, ?bloß der[383] Präsident beruft die Gesamtsitzungen? und nicht ?der Präsident allein.? ?Nach Ihrer Auslegung?, sagte ich, ?könnte also auch der Aschenmann oder ein Milchweib eine Sitzung einberufen. Unter solchen Umständen bleibt mir allerdings nur mehr der Weg in die Öffentlichkeit zu meiner Beschwerde über. Ich werde über diese grobe Verletzung nicht beim Kurator in Frankfurt, sondern in der »Wiener Zeitung« mich vor der ganzen Welt beklagen.? ?Wenn Sie das tun,? sagte Ettingshausen, ?lege ich sogleich meine Sekretärstelle nieder.? Grillparzer sprach beruhigend und bat mich, es nicht zu tun, eine solche Veröffentlichung würde das Dasein der Akademie gefährden. Indessen kamen die Mitglieder zur Sitzung und ich schwieg. Am nächsten Morgen legte ich bei Baron Wessenberg feierlichen Protest gegen diese Sitzung und die in ihr gefaßten Beschlüsse ein, von der ich nicht unterrichtet war. ?Denken Sie sich den Unsinn,? sagte Wessenberg, ?da kamen deren zehn zu mir und verlangten sogar die Unterordnung des Geheimen Staatsarchivs. Selbstverständlich wird allen diesen Forderungen keine Folge gegeben.? Am Tage nach dem Einmarsch der Truppen unter Windisch-Graetz kam Ettingshausen zu mir und versicherte, daß jetzt von irgendwelchen Reformen der Akademie keine Rede sein könne. Ich sagte: ?Das meine ich auch, meine es um so mehr, als ich mit dem gedruckten Reformprojekt, über das ich nie meine Meinung abgab, nie einverstanden war. Sehen Sie lieber dazu, wie Ihr Schwager Schrötter, der bis zum letzten Augenblick für Messenhauser Pulver gemacht hat, sich aus der Schlinge zieht.? ?Der hat nichts zu fürchten,? sagte Ettingshausen, ?es ist schon wieder alles in Ordnung, er hat das Pulver absichtlich so schlecht gemacht, daß es zu nichts gut war.? Vielleicht war es wirklich so, nur war dies nach allgemeiner Ansicht nicht absichtlich, sondern aus Ungeschick geschehen. Übrigens wäre bei dieser Pulverfabrikation, die unter dem Saale der Akademie im Polytechnischen Institute vorgenommen wurde, dieser fast in die Luft gesprengt worden. Das Feuer schlug bei den Fenstern heraus und schwärzte die Mauern bis zur Höhe des ersten Stockes, allerdings ein Beweis für die Ungeschicklichkeit[384] des Verfertigers. Schrötter wurde vom Gouverneur von Wien, dem Freiherrn von Welden, zur Verantwortung gezogen und rettete sich mit der Versicherung, das Pulver absichtlich schlecht gemacht zu haben. Von der Klasse, deren Präsident sein Schwager Baumgartner war, ließ er sich tausend Gulden für eine wissenschaftliche Reise nach England votieren, um sich durch Abwesenheit allen weiteren Folgen zu entziehen. In der nächsten Gesamtsitzung, als die Eingabe wegen der Unterordnung der Hofbibliothek und der Kabinette zur Sprache kam, sagte ich: ?Meine Herren, da die Sitzung am 14. September, worin dieser Beschluß gefaßt wurde, statutenwidrig, hinter meinem Rücken einberufen, nicht von mir sondern vom Herrn Vizepräsidenten geleitet wurde, kann ich auch diese nicht präsidieren.? Ich erhob mich und ging fort. Es wurde, wie ich später erfuhr, viel hin und her geredet, nichts beschlossen und nur angeregt, daß sich der Herr Vizepräsident unter der Hand bei den Ministern erkundigen möge, ob das Begehren der Akademie Aussicht auf Erfolg hätte. ? Am Abend des 13. März 1848 hatte ich von der Abdankung Metternichs erfahren. Die Nacht war sehr unruhig, alle Fenster mußten beleuchtet werden. Am nächsten Morgen hörte ich, die Schauflergasse sei abgesperrt, ohne Karte könne man nicht in die Staatskanzlei gelangen. Ich hatte noch keine, ging daher zu meinem Namensvetter, dem damaligen Hofdolmetsch und orientalischen Referenten, Herrn von Hammer, und passierte mit ihm und seiner Karte die Wachen. Ich hielt es für meine Pflicht, dem Fürsten noch einmal aufzuwarten, falls er, ehe er die Staatskanzlei verließ, seine Untergebenen zum Abschied empfangen wollte. Dies war nicht der Fall. Ich sprach mit dem Staatsrat Freiherrn von Lebzeltern und dem Hofrat Freiherrn von Werner, der gerade vom Fürsten kam und bleich und verstört aussah. ?Wissen Sie,? sagte ich, ?wer des Fürsten Metternich Unglück ist? Keiner als das vertrauteste seiner Werkzeuge, Sedlnitzky, der ihn in die größte Sicherheit gelullt hat.? ?Leider haben Sie recht?, antwortete Werner.[385] Amazon.de Widgets Eines gereicht dem Fürsten zur Ehre, trotz aller seiner Vergehen und Fehler, und darüber war nur eine Stimme, daß seine ganze Haltung und seine Kaltblütigkeit über alles Lob erhaben waren. Am Abend wurde er von den ständischen Abgeordneten Montecuccoli, Breuner und Schmerling aus der Konferenz beim Erzherzog Ludwig herausgerufen und vernahm aus ihrem Munde die Notwendigkeit seiner Abdankung zur Rettung der Monarchie. Würdevoll und ruhig gab er diese. Als am nächsten Morgen schon alle zum Fortgehen bereit waren und die Fürstin ihn bat, keinen Augenblick mehr zu verlieren, sagte er ruhig: ?Ich muß noch meine Memoires mitnehmen.? Er holte sie, und hoffentlich hat er seine Verbannung dazu verwendet, sie bis zu seinem Sturze fortzuführen, sie wären ein höchst wichtiges Werk für die Geschichte unserer Zeit. Am 21. März erschien in der ?Wiener Zeitung? die Ernennung des neuen Ministeriums. An seiner Spitze stand Graf Kolowrat als provisorischer Ministerpräsident, Pillersdorf als Minister des Inneren, Taaffe für Justiz, Kübeck für Finanzen und Graf Ficquelmont für das Auswärtige. Diesen meinen neuen Chef kannte ich seit dreißig Jahren aus dem Salon der Gräfin Rzewuska. Nun machte ich ihm, als sein Untergebener, meine Aufwartung in der Kanzlei und der Gräfin in ihrem Salon. Schon am 4. April trat Ficquelmont an die Stelle Kolowrats als Ministerpräsident. In diesen Monaten wechselten die Ministerien wie das Wetter. Am 5. April zog sich Erzherzog Ludwig von den Staatsgeschäften zurück, am 19. April dankte Kolowrat definitiv ab, am 20. April gab Taaffe das Justizministerium auf, am 22. April Baron Josika die Stelle des Siebenbürgischen Kanzlers und zugleich trat Baron Kübeck vom Finanzministerium ab. Graf Inzaghi und Graf Münch hatten noch im März ihre Entlassung erbeten und erhalten. Hälfte April war Sir Stratford Canning, mein Freund aus der Zeit des Wiener Kongresses, angekommen und hatte mich besucht. Ich sah ihn in den drei Wochen seines Aufenthaltes fast täglich. Ich konnte ihm kein Geheimnis machen aus der Hoffnungs- und Trostlosigkeit unserer Zustände,[386] und er verbarg mir Englands Politik nicht, deren Interesse es sei, in Oberitalien Piemont durch die Lombardei zu vergrößern. Mit mir beklagte er den Mangel an Männern, die die Zügel der Regierung mit starker Hand zu führen fähig wären, ein Mangel, den er auch in Berlin gefunden zu haben behauptete. Am Abend des 3. Mai war Canning bei Ficquelmont in der Staatskanzlei, als man diesem eine große Katzenmusik brachte; es war ein großer Fehler von Ficquelmont, diesem zusammengelaufenen Gesindel seine Abdankung zu versprechen. Nach dem Abgange Ficquelmonts vertrat Lebzeltern provisorisch das Ministerium des Äußern. Bald hernach wurde Doblhoff zum Minister des Handels und Baumgartner zu dem für öffentliche Arbeiten ernannt. Letzterer überließ der Akademie seinen Vizepräsidentengehalt zur Anschaffung von Instrumenten. Doblhoff übernahm später auch das Unterrichtsministerium provisorisch. Kurze Zeit darauf mußte Pillersdorf abdanken. Während meines zweimonatigen Aufenthaltes in Hainfeld suchte ich mich soviel als möglich allen revolutionären Berührungen fernzuhalten. Von der Nationalgarde in Feldbach wurde ich um einen Geldbetrag angegangen und am Himmelfahrtstage wohnte ich der Fahnenweihe bei welche in Gegenwart des Grafen Wickenburg und seiner Gemahlin als Fahnenmutter stattfand. Die Einladung zum Mittagessen hatte ich abgelehnt. Später erfuhr ich, daß der Graf und die Gräfin beleidigende Reden von den roten Radikalen, besonders von Emperger, dem Hauptwühler in Graz, anhören mußten. Später fand er als Barrikadenverteidiger Wiens den verdienten Lohn in mehrjähriger Festungsarbeit. Am 31. Oktober nach meiner Rückkehr nach Wien setzte ich mich eben an mein Pult, um einen Roman Dickens zu lesen, als ich zwei Kanonenkugeln durch die Kärntnerstraße pfeifen hörte. Ich hatte ganz vergessen, daß bei dem Haus, welches ich bewohnte, die Kärntnerstraße eine Biegung macht, so daß das Kärntnertor, über oder durch das geschossen wurde, gerade auf mein Haus sieht. Ich stand auf und zog mich ins Hofzimmer zurück. Kaum hatte ich[387] meinen Stuhl verlassen, als ein Geschoß in die Wohnung meines Schwagers, ober der meinen, fiel, dort zersprang und seinem Kutscher beide Arme abriß. Er starb in derselben Nacht. Gleich darauf schlugen zwei Kugeln bei mir ein, die eine zerstörte den Fensterstock und ging weiter, die andere schlug durch das Fenster meines Bibliothekszimmers und blieb nahe bei dem Sessel, den ich soeben verlassen hatte, liegen. Ich behielt sie als Andenken und stiftete sie als Schwerstein nach Hainfeld. Seit dem März 1848 hatte jeder Monat des Jahres für Österreichs Schicksal höchst wichtige Begebenheiten gebracht, aber keine von ihnen kam so überraschend und unerwartet, als die Thronentsagung Kaiser Ferdinands I. und die Thronbesteigung des regierenden Kaisers. Zwar war in der ersten Zeit der Revolution wiederholt davon die Rede gewesen, als von dem einzigen Rettungsmittel der Monarchie, selbst von der Burg waren falsche Gerüchte darüber ausgegangen, aber nach der Einnahme Wiens durch Windisch-Graetz hatte niemand mehr daran geglaubt. Die große Maßregel wurde in tiefstem Geheimnis beraten, und selbst am Tage der Thronbesteigung waren nur die Mitglieder des Herrscherhauses, die unmittelbarsten Handlanger des neuen Kaisers, nämlich die Kaiserin, Erzherzog Franz Josef selbst, Erzherzogin Sophie und nur die drei Minister Wessenberg, Schwarzenberg und Stadion nebst den beiden Sekretären des Äußeren und Inneren, Hübner und Lackenbacher, in das große Staatsgeheimnis eingeweiht. Alle übrigen Mitglieder des Kaiserhauses, der Ministerien und Hofstaaten wurden davon ebenso freudig und hoffnungsvoll überrascht wie die ganze Monarchie. Amazon.de Widgets Ich kannte diese drei Minister, wenn auch nicht so gut wie das frühere Triumvirat (Erzherzog Ludwig, Metternich und Kolowrat). Wessenberg traf ich schon beim Wiener Kongreß, er ist sicherlich viel höher gebildet als Fürst Schwarzenberg und Stadion. In seinen Reisebeschreibungen hat er sich als unterrichteter Statistiker und geistreicher Schriftsteller bewährt. Aber er war zu alt. Sein Geist war nicht geschwächt, aber physische Leiden lähmten oft seine Tätigkeit. Mehr als dreißig Jahre hatte er in Frankfurt gelebt[388] und dadurch stand er den inneren Verhältnissen der Monarchie zu ferne, als daß er mit der nötigen Sachkenntnis in alle Zweige der Verwaltung hätte eingreifen können. Mehr als über Wessenberg ist über Graf Stadion zu sagen, der eine viel wichtigere und einflußreichere Rolle spielte. Auf ihn waren die Augen aller, die die Rettung Österreichs aus den Stürmen der Revolution hofften, auf ihn die Erwartungen der Gutgesinnten und Vernünftigen gerichtet, und dennoch ist es leider nur zu wahr, daß sein Austritt aus dem Ministerium der Monarchie zum Heil wurde, unter seiner Leitung wäre sie gewiß ihrer Auflösung entgegengegangen. Graf Stadion war einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen, unermüdlich in aufopfernder Tätigkeit und Arbeitsliebe; als Staatsmann entbehrte er des höheren, richtigen Blickes und der nötigen Voraussicht, besonders aber aller Menschenkenntnis. Selbst genialisch veranlagt, ließ er sich durch den Anflug von Genialität irreführen, die ihm als Bürgschaft für Talent, Gesinnung und Charakter galt. Fürst Felix Schwarzenberg kannte ich, bevor er Minister wurde, nur vom Sehen. Der Rücktritt des Freiherrn von Wessenberg, der durch das Handbillett vom 21. November gebilligt worden war, ließ baldige große Änderungen vermuten. Sie ließen nicht lange auf sich warten. Am 3. Dezember wurde die Thronentsagung und die Thronbesteigung veröffentlicht, am 7. Dezember verkündete die ?Wiener Zeitung?, daß Lebzeltern und Collenbach, bisher Staats- und Konferenzrat der Staatskanzlei, zur Ruhe gesetzt seien, und am 1. Januar wurde Freiherr von Werner Unterstaatssekretär im Ministerium des Auswärtigen. Ich erwähne von den vielen Veränderungen bloß diese, weil sie meinen zweiten Vorgesetzten in der Staatskanzlei betrifft. Mein erster Vorgesetzter, Fürst Schwarzenberg, empfing um Mitte Dezember die ganze Staatskanzlei. Die Anrede des Fürsten, die den wenigsten mundete, ging von dem Satze aus, daß man sich überall Fehler und Vernachlässigungen habe zu Schulden kommen lassen, und daß er Eifer im Dienst und strenge Pflichterfüllung erwarte. Nach dem Empfange blieb ich zurück, um dem Fürsten einige Worte allein zu sagen, und[389] zwar nicht als Hofrat der Staatskanzlei, sondern als Präsident der Akademie. In dieser Eigenschaft hatte ich bereits an ihn geschrieben. Die Akademie wünschte eine Deputation nach Prag und Olmütz zu senden, um dem neuen und dem vorigen Kaiser ihre Huldigung darzubringen. Bei den vielen Deputationen, die täglich von Wien nach Olmütz gingen, hielt ich dies für verlorene Mühe. Auch wurde der neue Kaiser in Bälde in Wien erwartet und der vorige hatte sich alle Deputationen verbeten. Fürst Schwarzenberg teilte meine Ansicht. 
 VI. Landung und Feldzug in Ägypten (1801).  [83] Da hier eine der wichtigsten Perioden des englischen Feldzuges von 1801 in Ägypten beginnt, könnte ich kaum der Versuchung widerstehen, über die Landung und die drei Schlachten, durch welche die Räumung Ägyptens entschieden wurde, als Augenzeuge ausführlich zu erzählen, wenn nicht der ausführlichste und getreueste Bericht in dem Werke Sir Robert Wilsons vorläge und mein Tagebuch unlesbar geworden wäre. So brennend auch meine Ungeduld war, den Boden Ägyptens zu betreten, so war doch in meiner unkriegerischen Stellung der Augenblick, in dem die englischen Truppen unter dem Feuer französischer Batterien am Ufer von Abukir landeten, nicht der geeignete. Die Ausschiffung der Truppen vom Bord in die Boote begann am siebenten um zwei Uhr nach Mitternacht. Nach vollen sieben Stunden waren sie alle in den Booten und diese in der gehörigen Ordnung. Um neun Uhr landeten sie und stürmten den Sandhügel. Sir Sidney versorgte mit den seinem Befehl unterstellten Matrosen die großen Boote, in welchen die Feldartillerie eingeschifft war. Keith und ich hatten uns vom ?Tiger? auf ein der Küste näher verankertes Transportschiff begeben und waren von dort aus Augenzeugen der[83] Landung. Es war die erste Schlacht, die ich sah, aber der Schauplatz und das Feuer waren doch zu weit entfernt, als daß ich besonders erschüttert worden wäre, erst als die Verwundeten an Bord gebracht wurden, durchschauerte meine Teilnahme für sie meine Nerven. Wir halfen ihnen so gut wir konnten. Am folgenden Tage, am 8. März betrat ich die Küste in der Nähe des Sees von Mehadia. Dort hatte sich Sir Sidney eine Hütte aus Palmenzweigen erbaut. Ich hatte mein Lager an Bord einer der kleinen Schaluppen und brachte auch dort den Tag der zweiten Schlacht zu, deren Anblick mir ein Palmenwald verdeckte. Ich war ihr nahe genug, um das unangenehme Surren der Kanonenkugeln deutlich zu vernehmen, zum erstenmal im Leben drang dieser nervenaufregende Lärm an mein Ohr. Das englische Heer war am 12. März vorgerückt, die französischen Vorposten hatten sich auf die hohen Hügel oberhalb des Sees zurückgezogen, den ganzen Tag plänkelten die Vorposten, und das Feuer der englischen wurde durch die bewaffneten Boote im See, die den linken Flügel des Heeres stützten, unterstützt. Am 13. März griffen die Engländer an und trieben die Franzosen bis auf die Höhen unmittelbar vor Alexandria zurück. Am folgenden Tage baute ich mit Hilfe einiger Matrosen eine Hütte aus Palmzweigen. Die erste Nacht schlief ich unter ihr sehr fest, ohne daß mich irgend etwas beirrt hätte. Am Morgen erwachte ich von einem widerlich faulen Geruch, der aus meiner Umgebung kam und dessen Ursache ich nicht finden konnte. Ich untersuchte den Sand auf der Stelle, wo ich gelegen, und schon nach ein paar Schaufelstichen wurde das blutige Haupt eines in der Schlacht gebliebenen und hier verscharrten Franzosen sichtbar, auf dem ich, nur durch eine dünne Schichte Sand getrennt, die ganze Nacht gelegen hatte. Ich änderte meine Liegestätte und rückte sie näher an die Laubhütte Sir Sidneys, welche von nun an das Capitol der arabischen Scheichs wurde. Sie hielten sich nicht an den Feldherrn, einzig an ihn, der ihnen ?Sidna?, das heißt auf[84] Arabisch ?Unser Herr?, war und dessen Name in Syrien und Ägypten seit Akri ebenso auf jeder Zunge, wie der Napoleons war, den sie ?Napoleun el firaun el melun'?, das heißt ?Napoleon, den Pharao der Verfluchten? nannten. Diese Palmenhütte wurde die Hohe Pforte des britischen Lagers für die Araber, sie war ihnen zu jeder Stunde offen, und der Dolmetsch dieser Pforte war ich als Jusuf. Als erster kam Scheich Dahir, er übernahm die Besorgung zweier im Namen der Oberbefehlshaber an den Scheich-Sultan von Demenhui und den Scheich der Beduinen, Abdolhavi es Bakuschi, gerichtete Schreiben, welche sie zur Leistung von Lebensmitteln und Pferden aufforderte, die gut bezahlt werden würden. Am selben Tage kam ein Araber namens Saad und gab Sir Sidney die Stelle eines Brunnens an, den er bei der Ankunft der Franzosen verschüttet hatte. Man grub und fand in der Tiefe von achtzehn Fuß ausgezeichnetes Wasser. Andere Araber brachten die Nachricht, daß das ganze französische Heer, mit dem Oberbefehlshaber Menou an der Spitze, von Kairo aufgebrochen und im Anzug gegen Alexandrien sei. Am 17. März unternahm Sir Sidney mit den bemannten Booten und sechs unberittenen Dragonern eine Erforschungsfahrt nach dem östlichen Ufer des Sees Mahadia. Dort trafen wir den Beduinenscheich Al Bahusch, der mit großem Gefolge die Oberbefehlshaber zu besuchen kam. Sir Sidney nahm ihn in sein Boot, das Gefolge setzte den Weg zu Pferd fort. Da Sir Ralph abwesend war, nahm Sir Sidney alle in seine Palmenhütte auf und bewirtete sie mit Kaffee und gezuckerter Limonade. Ihre Gier war sehenswert. Der Scheich bestätigte die Nachricht, daß Menou am nächsten Tag in Alexandrien eintreffen werde. Albahusch, ein besonderer Freund Muradbeys, übernahm ein Schreiben, um seinen Freund zur tätigen Mitarbeit aufzufordern. Araber meldeten, Menou sei mit seinen Truppen schon bis Hafr Selim gekommen. Das Schloß von Abukir, welches seit dem 14. März von Lord Dolhousy belagert worden war, ergab sich, die Besatzung bestand aus 200 Mann. Am 19. März brachte der Araber Saad die Nachricht, daß Menou[85] mit der Reiterei in Alexandrien angelangt sei. Von dem so lange schon erwarteten Kapudan-Pascha war noch immer keine Spur. An seiner Stelle erschien der Kapudan-Bey mit zwei Kriegsschiffen und 800 Mann türkischer Seesoldaten, die Sir Sidneys Befehl unterstellt wurden. Ihre Ausschiffung dauerte den ganzen Tag, und ihre erste Heldentat bestand darin, daß sie die arabischen Fischerboote plünderten. Ihr Lager war im Rücken des Heeres, nächst dem See Mahadia und der Station Sir Sidneys. Der Verkehr mit ihnen vervielfältigte meine Tätigkeit und hielt mich den ganzen Tag in Atem. Trotzdem ging ich mit dem unermüdlichen Sir Sidney am Abend gegen die Vorposten spazieren, um die Stellung der französischen Truppen zu erforschen. Er war voll Vertrauen auf Sieg und Erfolg. Am 20. März meldete der Scheich Schafii, daß die Franzosen in der nächsten Nacht angreifen würden. Dies wurde sogleich dem obersten Befehlshaber gemeldet, der der Nachricht keine weitere Beachtung schenkte. Amazon.de Widgets Am 21. März fand um vier Uhr morgens dieser gemeldete, aber nicht geglaubte Angriff statt, ein Scheinangriff auf den linken Flügel, der wirkliche auf den rechten Flügel des Heeres. Ich war den Türken als Dolmetsch beigegeben. Der Befehlshaber Capitain Alibeg hatte die Offiziere am Abend vorher durch mich Sir Ralph und Sir Sidney vorgestellt und die Weisung erhalten, die Befehle, die er durch mich erhalten würde, auszuführen. Sir Sidney, der schon beim ersten Geplänkel aufgesessen und nach der Seite, woher es kam, geritten war, hatte mir für die Türken den Befehl gegeben, im Rücken des Heeres zu bleiben und mit diesem vorzurücken. Noch vor Tagesanbruch fand Sir Sidney den Befehlshaber Sir Ralph von französischen Dragonern umgeben, er hatte eben einem derselben, der ihn niederhauen wollte, den Säbel aus der Hand gerissen. Er trat den eroberten Säbel an Sir Sidney ab, dessen eigener soeben unbrauchbar geworden. Sir Sidneys Wunsch, daß dieser Säbel auf sein Grab gelegt werde, ist nicht erfüllt worden. Sir Ralph fühlte in dem Augenblick noch nicht, daß er im Schenkel eine Wunde erhalten hatte, die nachher, bei dem Versuche, die Kugel herauszuziehen,[86] den Tod herbeiführte. Das Unheil, welches ihn gleich am Beginne des Angriffes unter die französischen Dragoner geführt hatte, war sein kurzes Gesicht, er trug immer nur ein kleines, einfaches Bynocle, dessen er sich mit der rechten Hand bediente, niemals Brillen. Natürlich war in dem Augenblick, da er mit der Rechten das Schwert führte, dieses ganz unbrauchbar. Sir Sidney wurde im Verlauf der Schlacht leicht an der Schulter verwundet, dies hinderte ihn nicht, die Schlacht bis ans Ende mitzumachen. Ich hatte während derselben schwere Not mit meinen Türken, die, so sehr ich sie auch anfeuerte, den vorrückenden englischen Truppen nur langsam und in großer Entfernung folgten. So kam ich mit ihnen auf das eigentliche Schlachtfeld, als die Schlacht schon gewonnen war. Einzelne Kanonenkugeln sausten noch über unsere Köpfe. Sie waren besonders auf die auf einer Höhe aufgepflanzte englische Flagge gerichtet und hatten sie schon ein paar Mal abgeschossen. Ein junger Offizier des ?Tiger? hatte sie immer wieder lachend neu aufgepflanzt. Er rief mir zu, zu ihm hinaufzukommen, und ich trennte mich von meinen Türken, deren Gegenwart ja doch ganz unnütz war, um hinaufzugehen und das Schlachtfeld zu übersehen und später, als auch Sir Sidney dazukam, mit ihm die Greuel des Todes zu durchwandeln. Wir kehrten dann zur Station am See zurück. Am Nachmittag wurde dann Sir Ralph Abercromby, der, seiner Wunde nicht achtend, die ganze Schlacht mitgemacht und Anordnungen getroffen hatte, auf einer Grasmatte vorbeigetragen und neben Sir Sidneys Zelt in ein Boot gelegt, um an Bord des ?Foudroyant? gebracht zu werden. Ich bereitete ihm ein Glas Limonade, die er, ehe das Boot abstieß, durstig austrank. Sir Sidney hatte seit der Landung in Ägypten sein Testament gemacht und darin jedem seiner Freunde ein Andenken hinterlassen. Nachdem ihn in der Schlacht die Kugel gestreift, war es ihm ein freudiger Anlaß, alle die seinen Freunden bestimmten Andenken zu verteilen. Ich erhielt eine geschmackvolle, in Form eines Blumenkorbes gefaßte Dose mit Smaragden und Diamanten, ein Geschenk des Kapudan-Pascha an Sir Sidney. Später schenkte ich sie[87] meiner Braut als Morgengabe, in ein Diadem und Ohrgehänge verwandelt. Am Tage nach der Schlacht wurde Sir Sidney als Parlamentär nach Alexandrien geschickt, das Begleitschreiben war nicht an General Menou, sondern an General Friant, als Befehlshaber der Stadt, gerichtet und forderte ihn zur Übergabe von Stadt und Festung auf. Dem Überbringer wurde der Einlaß nicht gestattet, so sehr fürchteten die französischen Generale die Wirkung von Sir Sidneys Gegenwart auf die Bevölkerung. Er mußte bei den Vorposten die Antwort abwarten. Diese lehnte die Aufforderung zur Übergabe ab. Tags darauf kamen die Scheichs Schafii el Hendawi und der von Drene, Hadschi Mustafa, um sich nach dem Befinden Sir Sidneys zu erkundigen, von dessen Verwundung sie gehört hatten. Wir gingen den Scheichs bis an die Vorposten entgegen und führten sie zu General Hutchinson, der Sir Ralphs Stelle vertrat, dann bewirtete sie Sir Sidney in seinem Zelt. Scheich Schafii schenkte Sir Sidney einige Hüte Zucker und ein schönes Pferd edelster Rasse. Sir Sidney gab ihm beim Abschied eine englische Büchse und einen Kaschmirshawl. Schon beim ersten Besuche der Scheichs vor der Schlacht hatte ich ihnen mein Anliegen, vollständige Exemplare der ?Tausendundeine Nacht? und des Ritterromanes ?Antar? aufzufinden, mitgeteilt. Jetzt, da das Lager über feindliche Angriffe beruhigt war und der Verkehr mit den Arabern immer häufiger wurde, suchte ich eifrig, und da allgemein die Unmöglichkeit, ein vollständiges Exemplar zu finden, behauptet wurde, sagte ich mich auch für Teile und einzelne Hefte als Käufer an. Dergleichen Teile kamen nun von allen Seiten mehr und mehr zusammen, freilich nur einzelne und wenige der ?Tausendundeine Nacht?, mehrere der Romane Dulhimets, die meisten von Antar, alle waren sehr schmutzig und zerrissen. Die Hefte, welche einigermaßen gut waren, befinden sich in der Wiener Hofbibliothek. Mein größtes Vergnügen waren die nächtlichen Unterhaltungen im Mondschein, wenn ich mit diesen Arabern im Kreise vor dem Zelte saß und mit ihnen dem Erzähler,[88] der Märchen vortrug, mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Dabei interessierte mich weniger der Inhalt der Erzählungen als die Wirkung, die sie auf die Söhne der Wüste ausübten. Am 24. März brachte Scheich Dahir des Beduinenstammes Harabi die Nachricht, daß sich ein französischer Heeresteil von Alexandrien gegen Kairo in Bewegung gesetzt habe, ein arabischer Bote Scheich Schafiis bestätigte dies. Die Engländer arbeiteten an der Durchstechung des Dammes, welcher den See Mahadia vom Ende des Nils unter Alexandrien mit Wasser versorgte, um dadurch den doppelten Zweck zu erreichen, der Stadt das Wasser abzuschneiden und durch den Zufluß in den See diesen schiffbar zu machen. Die beiden sich gegenüberstehenden Heere verstärkten ihre Linien durch Verschanzungen. Araber des Dorfes Etbo brachten die Nachricht, daß sie von einem Angriff der Franzosen bedroht seien und daß diese an der Nilmündung bei Rosette sechzehn mit Steinen beladenen Dschermen versenkt hätten, um die Einfahrt in den Nil zu sperren. Sir Sidney machte wenig Wesens daraus, er meinte ganz richtig, daß die Gewalt des Stromes sich von selbst Luft machen und die versenkten Dschermen ins Meer treiben werde. Am 25. März erschien endlich die Flotte Kapudan-Paschas mit 3000 Mann Landtruppen, deren Befehlshaber der Flottenkapitän Indscha-Bey und Suleiman Aga, der deutsche Renegat, der als österreichischer Korporal im letzten Türkenkriege gefangen, nun General der neu regulierten Truppen war. Am 28. März starb Sir Ralph Abercromby, der Oberbefehl blieb bis zur Bestätigung durch England in den Händen des General Hutchinson, eines sehr gebildeten, tapferen, aber auch sehr launenhaften und reizbaren Irländers. In der Schlacht vom 21. März stand er in unerschütterlicher Tapferkeit den ganzen Tag im Feuer, aber er zitterte am ganzen Leib, weil seine Nerven seinem Willen nicht gehorchten. Der erworbene Mut eines Nervenschwachen ist verdienstlicher als der angeborene eines Nervenstarken; dieses Verdienst moralischen Mutes besaß Hutchinson in höchstem Grade. Am 1. April begab sich General Hutchinsön und der[89] Generalstab vor Abukir, um die dort gelandeten türkischen Truppen zu besichtigen. Auch Sir Sidney begab sich mit seiner Begleitung dorthin. Die muselmanischen Truppen waren in Reihen aufgestellt, und die von Suleiman Aga geschulten machten die Waffenübungen des österreichischen Heeres weit besser, als man erwartet hatte. Hutchinson bezeigte den Führern seine volle Zufriedenheit und speiste dann beim Oberkommissär des Heeres. Am folgenden Tage kam der Kapudan-Pascha ans Land, um das englische Lager und die für ihn veranstalteten Waffenübungen zu sehen. Der Pascha, von Hutchinson und Lord Keith, Sir Sidney und den Offizieren des Generalstabes begleitet, durchschritt das ganze Lager, es wurden ihm höchste militärische Ehren erwiesen, bei der Landung grüßten ihn einundzwanzig Kanonenschüsse, die Trommeln wirbelten, die Fahnen salutierten und die Musikbanden spielten ?God save the King?. Vor allem gab er sein Wohlgefallen über die schöne Haltung des 42. Regimentes, der Garde und der Royal Irish zu erkennen, es war eine der schönsten Heerschauen, die ich je gesehen hatte. Im Zelte des Oberbefehlshabers wurde der Marsch der türkischen Truppen nach Rosette besprochen. Am nächsten Tag kamen Araber mit fünfzig von den Türken gemieteten Kamelen. Außer dem Verkehr mit den Arabern, den täglichen Gästen Sir Sidneys, war seit der Ankunft des Kapudan-Pascha auch der mit den türkischen Offizieren zu unterhalten, besonders mit den Kommandanten der einzelnen Abteilungen und Formationen. Der für den 4. April verabredete Marsch der türkischen Truppen gegen Rosette wurde heftigen Windes wegen, welcher die Verbindung mit der Flotte an diesem und dem folgenden Tage unmöglich machte, auf den 6. April verschoben. Das Gedränge und das sich gegenseitig übertönende Geschrei der türkischen Truppen und der arabischen Schiffsleute an den Überfahrten von Abukir und des Sees von Mahadia, brachte große Verwirrung hervor. Bote auf Bote kam an Sir Sidney mit Meldung, daß die Überfahrt aus Mangel aller Ordnung stocke und die Engländer, die sich weder mit Türken noch Arabern verständigen konnten, sich[90] nicht zu helfen wußten. Sir Sidney gab mir den Befehl hinzureiten und Ordnung zu machen. Ich sagte ihm: ?Sehr gut, wie aber soll ich mich bei den türkischen Offizieren, die mich vielleicht nie gesehen haben, als der Bevollmächtigte legitimieren?? Zum Schreiben eines Briefes war nicht Zeit; zum Glück fiel mir der große Siegelring Sir Sidneys ein, der mit einem persischen Spruch seinen Namen enthielt, und ich bat ihn um diesen, den ich mir um den Hals hing, um mich damit als sein Abgesandter ausweisen zu können. Von jeher war im Morgenland der Siegelring das Symbol des höchsten Vertrauens und unumstößlicher Vollmacht. Der Siegelring Sir Sidneys genügte zu meiner Beglaubigung und zur Wiederherstellung der Ordnung. Nach Sir Sidneys Tod schenkte ihn mir sein Bruder als teures Andenken an den verehrten und geliebten Freund. Endlich kamen die Truppen und Pferde an der alten Karawanserei, welche für diesen Tag das Marschziel war, in ziemlich guter Ordnung an, am folgenden Morgen setzten sie den Marsch mit Sonnenaufgang nach dem Dorfe Etbo fort. Der Scheich des Dorfes war bis zu diesem Tage aus Furcht, das Dorf durch die Franzosen zerstört zu sehen, gezwungen, mit ihnen gute Freundschaft zu unterhalten. Die Türken und Engländer wurden durch die Einwohner und besonders durch die Weiber mit weithin hörbarem, gellendem Liligeschrei empfangen, welches in der Folge auf dem Wege der englischen Truppen durch das Delta ihnen überall entgegenscholl. Am folgenden Tage wurde erst um zwei Uhr nachmittags weiter vorgerückt, weil die Rückkehr des arabischen Kundschafters, der von Etbo nach Rosette geschickt worden war, abgewartet werden mußte. Er brachte die Nachricht, daß in Rosette nur 1300 Mann französischer Besatzung seien, welche bei Annäherung feindlicher Truppen abzuziehen bereit wären, und daß eine Reiterabteilung von 80 Mann, welche bis Etbo vorgerückt war, nach Raminje gezogen sei. Sir Sidney sandte einen Offizier an Kapudan-Pascha, um zu veranlassen, daß Kanonenschaluppen vor der Nilmündung aufgestellt werden. Der ?Foudroyant? war auf die Nachricht, daß ein französisches Geschwader aus Toulon ausgelaufen sei, nach Westen gesegelt.[91] Am folgenden Morgen sandte Sir Sidney dem Scheich-el-Beled von Rosette, welcher in den ägyptischen Städten die Stelle des Bürgermeisters einnimmt, Nachricht von seiner Ankunft. Dieser kam mit einer Schar der vornehmsten Einwohner. Sie trugen alle Palmenzweige in den Händen und bewiesen dadurch ihre Unterwürfigkeit und ihre Freude über die Rückkehr der Herrschaft des Sultans. Eine Stafette Lord Keith brachte die Nachricht, daß Sir Sidney vom Parlament in Anerkennung seiner ausgezeichneten Dienste tausend Pfund bewilligt worden seien. Oberst Spencer hatte die Besatzung des ober Rosette am linken Ufer gelegenen Forts Saint-Julien zur Übergabe aufgefordert, und diese war abgelehnt worden. Der Posten von Abu Mandras war von den Franzosen aufgegeben worden. Am folgenden Tage (10. April) wurde Rosette geräumt und von den Türken besetzt. Trotz strengster Mahnung Sir Sidneys waren viele Verletzungen der Mannszucht vorgefallen; nebst vielen anderen war das Haus der Madame Varsy, der Witwe eines ansehnlichen französischen Kaufmannes, geplündert worden. Nach Sonnenuntergang kam ein Araber als Bote des Scheich, warf sich Sir Sidney zu Füßen und bat um englischen Schutz des Hauses, um wenigstens die Reste des Hausrates zu retten. Sir Sidney bedauerte, dies Begehren nicht erfüllen zu können, da er über keine Truppen befehle und bloß zu seinem Dienste vier Dragoner bei sich habe. Der Bote bat trotzdem um Schutz des Hauses, dort seien wertvolle arabische Bücher, die der Sohn des Hauses gesammelt, und nicht wie seine Mutter ihre Kleinodien in das Haus des Scheichs, ihres Freundes, hatte retten können. Amazon.de Widgets Daraufhin gab mir Sir Sidney seine vier Dragoner, und wir ritten bei schon einbrechender Nacht nach Rosette. Wir beschafften uns möglichst viele Kerzen, dann wurde das Tor des Hauses verschlossen und verrammelt und alle Fenster des oberen Stockwerkes, in dem ich mich mit den Dragonern einquartierte, wurden erleuchtet. Den Dragonern befahl ich, wenn sich die Türken am Tore zeigten, von einem Fenster zum anderen zu laufen und mit veränderten Stimmen englisch zu den Fenstern hinauszuschreien und zu[92] fluchen. Nach kurzer Zeit kam ein Haufe türkischer Soldaten und wollte neuerdings plündern; die Dragoner folgten meinen Befehlen und lärmten, als wäre das erleuchtete Haus voll Engländer. Ich selbst erklärte den Türken von einem anderen Fenster aus, daß ich als Kommissär des Kapudan-Pascha mit Engländern zum Schutze des schon geplünderten Hauses hier einquartiert sei, und daß sie, wenn ihnen ihre Hälse lieb seien, abziehen mögen. Dieselbe Szene wiederholte sich noch mehrmals, und erst nach Mitternacht wurde es still. Da begann ich mich im Hause näher umzusehen. Zum erstenmal öffnete sich mir ein ägyptisches Haus, und ich glaubte mich in Tausendundeiner Nacht. Verborgene Stiegen und Falltreppen, offene Wandschränke und Verstecke, aus denen Kostbarkeiten in größter Eile gerettet oder geraubt worden. Zimmer an Zimmer und Kabinett an Kabinett, aber nicht in einer Reihe, sondern durch labyrinthartige Gänge verbunden, so daß jedes Gemach einen Stempel seltsamer Heimlichkeit hatte. Ich kam ins Arbeitszimmer des Herrn Varsy, des Sohnes der Witwe, und fand ein paar unberührte Bücherspinde und ein geöffnetes Schreibpult; die offenen, geheimen Laden und auf den Boden verstreuten Papiere überzeugten mich, daß hier in größter Eile nur Geld und andere Wertgegenstände geplündert oder in Sicherheit gebracht worden waren. Zwar hatten die Bücher und orientalischen Handschriften viel größeres Interesse für mich als die Briefe und Schriften, aber ich konnte jene nicht in einer Nacht durchlesen, wohl aber die Schriften durchfliegen und darin vielleicht etwas finden, was für den Fortschritt des Feldzuges von Interesse wäre. Am folgenden Morgen kam Sir Sidney ins Haus, in dem ich einquartiert blieb, um den Schaden zu schätzen und darüber beim Kipja-Bey Beschwerde zu führen. Dieser versprach, die Täter ausfindig zu machen, auch den Schaden zu vergüten. Soviel ich weiß, blieb es aber bei diesem Versprechen. Madame Varsy und ihr Sohn kehrten zurück, und ich hatte nun zwar Gelegenheit, aber keine Zeit, arabische Handschriften, zu studieren. In der dritten Woche meines[93] Aufenthaltes kam ich in den Besitz einer Handschrift, die einige Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht enthielt. Mit einem Mameluken, der französischer Renegat war, schloß ich einen Bücherhandel ab. Er wünschte vor allem ein europäisches Wörterbuch, ich gab ihm das große italienisch-französische, dessen zwei Foliobände mir lästig waren, und erhielt dafür ein Dutzend kleiner arabischer Werke und einen ganzen Folianten von Blättern, welcher die Hälfte der großen Liedersammlung Aghani enthielt. Das Buch war in die große Moschee El Esher gestiftet und von dort von den Franzosen geraubt worden. Im April erhielt ich die vom letzten Monat datierte Depesche meines Chefs, des Internuntius, welche mein bisheriges Betragen gut hieß und mir neue Aufträge für das österreichische Konsulat in Kairo gab. (B. 10.) Am 13. April wurde der Durchstich des Dammes von Alexandrias Nilkanal zustande gebracht. In der Tasche des in der Schlacht vom 21. März getöteten Generals Rozé war ein Brief General Menous gefunden worden, worin die Befürchtung, daß die Engländer den Kanal von Alexandria abschneiden und die Stadt dadurch zur Insel machen würden, ausgesprochen war. Trotz dieser Bestätigung des Rates Sir Sidneys von feindlicher Seite war die Abziehung dieses Kanals durch den Widerspruch und die Geldschwierigkeiten der Oberbefehlshaber um mehr als einen Monat verzögert worden. Der Erfolg war der von Sir Sidney vorausgesagte: Schon am ersten Tage überschwemmte das ausbrechende Wasser mehr als zwei Quadratmeilen Landes. Die Verbindung zwischen Rahmanije und Alexandrien war ungemein erschwert. Die Beschießung von Saint-Julien wurde am 16. April eröffnet. Neun türkische Kanonenschaluppen und zwei englische entwickelten vom Nil aus beständiges Feuer, die unter dem Fort verankerten französischen Kanonenboote gingen in Flammen auf. Sir Sidney brachte den ganzen Tag bei den Batterien zu. Der Kapudan-Pascha hatte die seinen hinter den Mauern der am rechten Nilufer gelegenen Moschee Scheich Hadris errichtet. Sir Sidney wollte ihn sprechen und schlug mir vor, am nächsten Tag ihn dahin zu begleiten. Ich führte ihn eindringlich zu Gemüte, daß meine[94] Verhaltungsbefehle mich anwiesen, mich von allen kriegerischen Tätigkeiten fernzuhalten, daß also mein durch eine Kanonenkugel herbeigeführter Tod nicht als ein auf dem Felde der Ehre fürs Vaterland erlittener gelten würde und mein Los noch schlimmer wäre, wenn ich bloß einen Arm oder Fuß verlieren würde. Ich bat ihn daher eindringlichst, nicht unter den Kanonen des Forts den Nil zu überschiffen, sondern die Überfahrt außer ihrem Bereiche oberhalb des Forts zu machen und dann auf der anderen Seite des Flusses hinter den Palmenwäldern zu den Batterien des Kapudan-Pascha zu gehen. Dies bedeutete freilich einen Umweg von einer Stunde, und Sir Sidney wollte nicht eine Minute verlieren. Er achtete nicht im geringsten auf meine Vorstellungen. Das Boot stieß eine Viertelstunde ober dem Fort vom linken Ufer ab und landete dreißig bis vierzig Schritte ober den Batterien des Kapudan-Paseha. Schon bei der Landung sauste eine Kanonenkugel an uns vorbei. Sir Sidney sagte: ?Do as I tell you, march hard behind me, count, as I do, your steps and stop, when I do.? Statt in den Palmenwald hinein zu gehen, wie ich gebeten, und sich von demselben gegen Saint-Julien gedeckt auf die Moschee Scheich Hadirs zu begeben, ging er längs des Ufers, dem Feuer der Kanonen mutwillig ausgesetzt. Er zählte seine Schritte laut bis zehn, beim zehnten rief er ?Stop?, und im gleichen Augenblick sauste hart vor uns eine Kanonenkugel vorbei und zerschmetterte die nächste Palme. Dies geschah dreimal. Endlich waren wir durch die Drehung des Ufers gedeckt und hinter den Mauern der Batterie verborgen. Sir Sidney hatte genau beobachtet, daß die Kanonen des Forts zwischen zwei Schüssen so lange pausierten, als man gewöhnlich von eins bis zehn zählen konnte. Amazon.de Widgets Natürlich hatte man auf uns gezielt und auf die gleichmäßige Bewegung unserer Schritte, aber nicht auf den Halt, beim zehnten gerechnet, so mußten die Kugeln vor uns in den Wald schlagen. Nach der Übergabe des Forts sprach ich den Artillerieoffizier, der die Kanone gerichtet hatte und mir gestand, daß er nicht begriff, wie er dreimal das Ziel,[95] mich selbst, den er des roten Kaftans wegen für den Kapudan-Pascha hielt, hatte fehlen können. Wir fanden den Kapudan-Pascha hinter dem alten Gemäuer der zerfallenen Moschee auf seinem Teppich gelagert und die Offiziere um ihn mit kaltem Blute und gutem Mute, als ob sie von den Kanonen des Forts nicht das geringste zu fürchten hätten. Die bekannte Erfahrung, daß die Türken hinter der geringsten, wenn auch höchst unsicheren Schutzwehr ebenso tapfer aushalten, wie sie im freien Felde oder auf dem Schiffe feig sind, hat sich mir damals lebendig vor Augen gestellt. Nach zwei Tagen kapitulierte das Fort, die 870 Mann der Besatzung zogen am 19. April mit allen militärischen Ehren ab. Die Kapitulation war zwischen den Franzosen und Engländern ohne die Türken abgeschlossen worden. Der Kapudan-Pascha war darüber begreiflicherweise sehr böse und wollte in seinem Unmute mit allen seinen Kanonenschaluppen sich entfernen, er wies die ihm dargebrachte französische Flagge zurück. Am nächsten Morgen wurde er von Sir Sidney versöhnt. Am folgenden Tage kam er in die Stadt und wurde im Hause des Scheich-El-Beled mit einem glänzenden Frühstück bewirtet. Dann bestieg er seine Barke und fuhr den Nil hinauf, von beiden Lagern, dem englischen und dem türkischen, mit einundzwanzig Kanonenschüssen begrüßt. Die Truppen standen in Parade unter Waffen. Er landete in Abu Mandur. Am 22. April wurden dem Kapudan-Pascha die Scheichs Ibrahim und Abu Hasim, die Abgesandten Murad-Beys, vorgestellt. Er empfing sie sehr gnädig und versicherte ihrem Sender alles Schutzes, wenn er in diesem entscheidenden Augenblicke gegen die Franzosen die Waffen ergreifen würde. Sir Sidney fügte dem Schreiben des Kapudan-Pascha an Murad-Bey das seine bei, welches ebenfalls alle Sicherheiten verbürgte und den Bey bat, die ihm zu Gebote stehenden Streitkräfte der Mameluken ins Feld zu bringen. Sir Sidney machte eine Erkundung bis Beringhbad und Monjubas. Nach seiner Rückkehr berief ihn ein Schreiben[96] Lord Keiths auf den ?Tiger?, weil seine Gegenwart auf dem Schiffe unumgänglich nötig, um dasselbe in größere Wirksamkeit zu setzen. Schon am nächsten Tage (28. April) ging Sir Sidney an Bord, und ich blieb in Rosette zurück. Der Sekretär Sir Sidneys, mein Freund Keith, blieb mit mir im selben Hause zurück, aber sehr bald sollte ich auch ihn auf immer verlieren. Am 5. Mai war ich so glücklich, den Band einer arabischen Handschrift, welche einen Teil aus Tausendundeiner Nacht enthielt, zu erstehen. Meine Freude über diesen, wenn auch nur teilweisen Fund war sehr groß; ich hatte aber am Vormittag keine Zeit, mich damit zu beschäftigen, denn am Abend vorher waren die Boten mit der Nachricht vom Tode Murad-Beys eingetroffen, der an der Pest gestorben war. Niemand betrauerte diesen Tod mehr als Keith; die am gleichen Tage eingelangte Nachricht vom Tode Kaiser Pauls machte weniger Eindruck auf ihn. Wir kamen vom Mittagsmahle, als Keith vorschlug, ein arabisches Boot zu nehmen und gegen Rahmanije zu fahren, dessen Übergabe knapp bevorstand. Ich entschuldigte mich von dieser zwecklosen Fahrt damit, daß ich die Handschrift durchsehen müsse. Da er ohne Dolmetsch nicht fahren wollte, nahm er den Sohn des österreichischen Vizekonsuls von Alexandrien mit. Ich begleitete die beiden vom Hause der Madame Varsy bis ans Boot. Dort traf ich den Kapitän eines österreichischen Kauffahrteischiffes, den ich von Konstantinopel her kannte. Er fragte mich, ob ich Aufträge für den Internuntius hätte, er fahre gerade nach Konstantinopel. Ich sagte ihm, er möge nur melden, daß er mich wohlauf gesehen. Ich sagte Keith lebewohl und kehrte nach Hause. Kaum hatte ich mich niedergesetzt und das Buch aufgeschlagen, als mein Bedienter mit der Nachricht hereinstürzte, Keith sei ertrunken. Ich lief zum Landungsplatz hinunter. Zu meiner größten Entrüstung fand ich dort ein Boot mit englischen Matrosen, in deren Angesicht das arabische, kaum vom Lande abgestoßen, durch eine ungeschickte Behandlung der Segel umgeschlagen war. Die arabischen Schiffer hatten sich schwimmend gerettet. Keith war von[97] dem Dolmetsch, der sich an ihn gehängt hatte, in den Grund gezogen worden. Die Matrosen hatten keine Hand zu einem Rettungsversuche gerührt. Nachdem ich sie angefahren und ausgescholten und auch ein Offizier dazukam, stießen sie endlich ab, und die Leichen wurden mit Stangen und arabischen Tauchern gesucht. Nach anderthalb Stunden wurde Keith gefunden und an ihm alle nur möglichen Wiederbelebungsversuche gemacht, leider vergebens. Am folgenden Tage begleitete ich ihn zu Grabe. Allgemein lautete das Gerücht, der Sekretär Sir Sidneys sei mit dem Dolmetsch ertrunken, und für diesen wurde ich allgemein gehalten. Dieselbe Nachricht hatte auch noch den eben absegelnden österreichischen Kapitän erreicht und er brachte sie nach Konstantinopel. Von dort aus gelangte sie in die Zeitungen und ich wurde von meinen Freunden eine Zeitlang als tot beklagt. Mit dankbarer Rührung habe ich vor kurzem in den von Konstantin Monier herausgegebenen Briefen Böttigers an Johannes Müller gelesen, worin er meinen frühen Tod bedauert. Als dieses Gerücht mir zu Ohren kam, schrieb ich sogleich an Baron Herbert nach Konstantinopel, an meine Freunde nach Wien und an meinen Vater nach Graz. Zum Glück erhielt dieser die Widerlegung des Gerüchtes um einen Tag früher als die ?Grazer Zeitung?, die die Nachricht des Todes brachte. 
 XIV. Ankunft und Leben in Wien (1807).  [169] Den neuen Minister der auswärtigen Geschäfte Grafen Philipp Stadion hatte ich einmal, als ich von London nach Wien zurückgekehrt war und mit meinem Freund, dem Grafen Harrach, durch die Gassen schlenderte, begegnet, war ihm vorgestellt worden und hatte einige Minuten mit ihm gesprochen. Ich wurde von ihm mit aller Humanität, die die Grundlage seines Charakters war, empfangen, und meinen Worten über die Grundlosigkeit der russischen Verleumdungen schenkte er vollen Glauben. Er meinte allerdings, ich habe mich im Diwan allzu hitzig benommen und für den Augenblick sei es besser, ich bleibe in Wien. Ich bot mich an, meinen unerbetenen Urlaub zur Verfassung eines Memoirs zu verwenden, in dem ich die während meines Aufenthaltes in Konstantinopel und Jassy gesammelten diplomatischen Erfahrungen niederlegen dürfe. Graf Stadion war damit sehr einverstanden und ich schrieb[169] während des nächsten Monates ein französisches Memoire, welches in sieben Abschnitten von dem ?System der Pforte?, der ?Persönlichkeit der Pforte-Minister?, den ?Konsulaten?, von der ?Post, den Kurieren, den Dolmetschen?, den ?Schiffsfermanen? und der ?Familie Murusi? handelte. Nach meiner Aufwartung beim Minister begab ich mich zum Staatsrat Hudelist, den ich bisher nur dem Namen nach kannte. Er war der Nachfolger des mir wohlgesinnten Freiherrn von Collenbach, der inzwischen gestorben war. Wie und wodurch Hudelist zur Stelle des die Staatskanzlei leitenden Staatsrates kam, ist mir noch heute rätselhaft. Er war in Kärnten geboren und hatte seine Laufbahn zuerst als Kellermeister, dann als Privatsekretär bei Kardinal Graf Hrzan in Rom begonnen. Dann war er Gesandtschaftssekretär in Neapel, später in Petersburg, wo er sich vielleicht dem Grafen Stadion durch Fleiß und Sitzfleisch empfohlen hatte. Sein Äußeres war nicht empfehlend, er schielte fürchterlich und hatte eine venerisch zerfressene Nase. Hormayr wurde wegen der Schilderung, die er in seinen Lebensbildern von Hudelist entwarf, des Hasses beschuldigt, aber das Porträt ist sehr getreu. Hudelist war einer der bösartigsten Menschen, die ich je gekannt, sein ganzes Talent war genaue Kenntnis des Kanzleiwesens und einiger Sprachen. Er hatte Macchiavell gelesen und betete ihn als das Ideal aller Politik an. Er hat mir nach dem alten Stürmer am meisten in meiner Laufbahn geschadet. Das Folgende genügt, um seinen Charakter und sein Wesen mit kurzen Strichen zu umreißen. Ich war bereits vier Monate in Wien, war jede Woche einige Male in die Staatskanzlei gekommen, hatte auch mehrmals bei Hudelist gespeist, er hätte mich also genug kennen können und hätte nicht zu besonderer Überwachung meiner Besuche und zu noch empfindlicheren Mitteln der geheimen Polizei seine Zuflucht zu nehmen nötig gehabt. Ich ahnte nichts dergleichen und erfuhr davon auf höchst sonderbare Weise. Eines Abends war ich im Theater in der Leopoldstadt auf einem Sperrsitz am Ende der obersten Reihe, als ich etwas an meiner Seitentasche fühlte. Ich griff hin und fand, daß meine große Brieftasche mir fehlte. Sie mußte mir soeben[170] aus der Tasche gezogen worden sein. Ich rief nach dem Polizeikommissär, der aber nicht zu finden war und mußte mich also ruhig mit dem Diebstahl abfinden. Über die Abwesenheit des Kommissärs entrüstet, ging ich am nächsten Morgen zu Hudelist und beschwerte mich. Er sagte mir zuerst höhnische Worte über die Unvorsichtigkeit, eine Brieftasche in der Seitentasche statt in der Brusttasche zu tragen, endlich sagte er: ?Sie können gar nicht wissen, ob der Polizeikommissär nicht zu einem anderen Zweck abwesend war.? ?Dann hätte seinen Dienst im Theater ein anderer übernehmen müssen?, sagte ich. ?Vielleicht?, antwortete er, ?war er im Theater und hatte Grund, sich nicht zu zeigen.? ?Er wird mir doch die Brieftasche nicht selbst gestohlen haben oder durch einen Vertrauten haben stehlen lassen?? Hudelist zuckte nur die Achseln. ?Dann hat er es auf Ihren Befehl getan, Herr Staatsrat, und ich wende mich an Sie mit der Bitte, mir Briefe und Geld zurückzugeben?, sagte ich. Ohne ein Wort zu sagen, holte er aus seinem Kabinett die Brieftasche und gab sie mir mit den Worten: ?Nehmen Sie dies als Lektion für die Zukunft.? Die Briefe waren alle vorhanden, aber fünfzig Gulden fehlten. Ich ersuchte darum. Hudelist antwortete, davon wisse er nichts, er habe die Tasche so, wie er sie mir gab, vom Polizeikommissär erhalten. ?Wenn mein Geld?, sagte ich, ?die Belohnung des Vertrauten für den Diebstahl war, so hat er es schlecht verdient, indem er so ungeschickt zu Werke ging, daß ich es sogleich bemerkte. Aber lassen wir das. Wodurch habe ich, Herr Staatsrat, solches Mißtrauen verdient? Da meine Briefe nach Jassy und Konstantinopel durch die Staatskanzlei gehen, kennen Sie durch das Chiffrenkabinett ihren Inhalt.? ?Sie erhalten?, antwortete er mir, ?auch Briefe durch fremde Kuriere.? ?Nur durch solche aus England von alten Freunden und Bekannten?, sagte ich und kam nochmals auf das Kränkende dieses unverdienten Mißtrauens zurück. Hudelist setzte mir auseinander: der Staat und besonders die Staatskanzlei müsse ihre Beamten und deren Verbindungen genau[171] kennen und alle Mittel, welche die Polizei dazu an die Hand gebe, anwenden. Er habe zwar nichts gefunden, was mir zur Last gelegt werden könne, er warne mich aber vor zu häufiger Korrespondenz mit Ministern und fremden Diplomaten, da mein Briefwechsel mit Reinhard mir bereits die verdiente Rüge in der noch in Jassy erhaltenen Depesche zugezogen habe. Ich mußte dieses unwürdige Verfahren hinnehmen, da es von meinem direkten Vorgesetzten eingeleitet war. Die Geheime Polizei der Staatskanzlei lag damals ganz in den Händen des Staatsrates. Er wollte mir durch diesen Machtstreich Furcht und Scheu einflößen. Daß er diesen Diebstahl veranlaßte und daß er sich dazu offen bekannte, zeigte, wie wenig er dazu geeignet war. Amazon.de Widgets Eine Beschwerde beim Minister Grafen Stadion unterließ ich, weil ich mir den Kanzleidespoten nicht zum unversöhnlichen und gefährlichen Feind und Gegner machen wollte. Falls ich nicht nach Jassy zurückkehrte, konnte ich nur hoffen, in die Staatskanzlei befohlen zu werden; ich konnte also nur die Lehre ziehen, mit meiner Brieftasche sehr vorsichtig zu sein. Das Doppelgestirn meiner literarischen Freunde Böttiger und de Sacy blieb mit mir bis zum Tode in treuer Korrespondenz. Seit Reinhards Abreise aus Jassy schrieben wir uns, ich hatte ihm durch einen englischen Kurier den Grund meiner Abberufung ausführlich mitgeteilt. Seit ich aber auf keinem politischen Posten mehr war und er auf seiner Durchreise durch Paris Napoleon so schmählich gehuldigt hatte, stockte unsere Korrespondenz. An ihre Stelle trat die mit dem Grafen von Saurau, mit dem ich meistens durch Reisende Schreiben wechselte. Graf Saurau war eine Zierde der Steiermark, der letzte große Erbmarschall dieses Landes, der vorletzte seines alten Geschlechtes, das mit seinem Neffen Zeno ausstarb. Er war ein großes politisches Talent, sehr ästhetisch gebildet und hatte schon in frühester Jugend den Weg zu den höchsten Staatsämtern durchlaufen. Zuerst war er Regierungspräsident, dann Polizei- und Finanzminister, hierauf Botschafter in Rußland, dann Statthalter in Steiermark. Später wurde[172] er Statthalter in der Lombardei, kam dann auf den höchsten Posten der Staatsverwaltung, auf den des Obersten Kanzlers, und wurde als solcher ein Gegner Metternichs, der die oberste Regierungsbehörde Italiens gerne, wie einst unter Maria Theresia, mit der Staatskanzlei vereinigt und seiner unmittelbaren Leitung unterworfen hätte. Saurau verhinderte dies. Saurau hätte den Posten des Obersten Kanzlers mit dem weder vorher noch nachher gebräuchlichen Zusatz des Titels ?Minister des Inneren? nie ohne Metternichs Zustimmung erhalten. Er erlangte ihn wohl dadurch, daß er die glatte Seite herauskehrte und die Hoffnung gewährte, daß der Fürst in dem neuen Minister des Innern ein williges Werkzeug haben werde. Metternich fand sich in dieser Erwartung getäuscht, Saurau widersetzte sich nicht nur der Vereinigung der lombardischen Geschäfte mit der Staatskanzlei, sondern als freisinnig denkender Mann auch dem die Jesuiten begünstigendem Obskurantismus Metternichs. Dieser verzieh dem Obersten Kanzler nie, daß er ihn überlistet hatte und bot alle seine immer wachsende Macht auf, Saurau beim Kaiser in Mißkredit zu bringen und zu stürzen. Dies war nicht leicht, weil Saurau dem Kaiser sehr ergeben war und für einen persönlichen, vertrauten Freund des Kaisers galt. Mit größerem Rechte nahm allerdings zur Zeit meiner Rückkehr aus Jassy diesen Freundestitel Graf Sickingen in Anspruch. Wirkliche Freundschaft aber hatte Kaiser Franz wohl in seinem ganzen Leben für niemanden, alle seine Gefühle waren von kalt berechnender, sich meisterhaft verstellender Regierungskunst beherrscht, der es aber an der Grundlage eines festen und selbständigen Charakters fehlte. Er glaubte zwischen seinen Ministern das Gleichgewicht der Macht zu erhalten, indem er einen gegen den anderen ausspielte, zuletzt war er aber doch nur ihr Spielball und gegen Ende seiner Regierung ein Werkzeug in Metternichs Hand. Metternich kannte des Kaisers Scheu vor allem, was nur von ferne freisinnigen Ideen günstig schien, und so war es ihm nicht schwer, den Grafen Saurau, dessen Name sogar auf den Listen der Illuminaten stand, als Stütze des Liberalismus zu verdächtigen. Und so wurde Saurau nach fünfzig[173] Dienstjahren in höchsten Stellungen mit dem Stephansorden in Brillanten in aller Ehre und Gnade seiner Stellung enthoben, und da er trotzdem noch weiter dienen wollte, als Gastbotschafter am Familienhofe zu Florenz zur Ruhe gesetzt. Er besaß nicht Geistesgröße genug, den Rest seines hohen Alters in ehrenvoller Muße zu verbringen, sondern zog es vor, in Florenz als der Untergebene seines Feindes weiterzudienen und diesem gerade dadurch einen vollständigen Triumph zu verschaffen. Ich kannte den Grafen Saurau durch Carl Harrach hinlänglich, um seine Bekanntschaft nicht aus ehrgeizigen Absichten, sondern nur als die eines hochgestellten Landsmannes zu suchen und zu pflegen. Er war zudem der nächste Verwandte der Gräfin Saurau, deren Geschäfte mein Vater verwaltete. Saurau war in Graz Gouverneur, als ich von Jassy zurückkehrte. Schon von Jassy aus schrieb ich an ihn, und unser Briefwechsel wurde auch von Wien nach Graz fortgesetzt. Meine Aufnahme in Wien war, von Hudelist abgesehen, weit besser, als ich nach den über die Diwan- Sache ausgestreuten Gerüchten erwartet hatte. Seit geraumer Zeit lebte auch Baron Thugut in Wien und hatte täglich eine kleine Anzahl von Gästen zu Tisch; es waren zumeist ältere Herren, deren Sicherheit und Ergebenheit ihm bekannt war, wie der niederländische Hofrat Limpens, die Botschaftsräte Cachet und Kruthofer, der gelehrte Graf Ossolinski, der Kapitän Ferrari, der Börsenkommissär Weber, welcher die Geldgeschäfte des alten Herrn führte, und einer der größten Neuigkeitskrämer, der zugleich als Kundschafter im Sold der Polizei stand, der Graf Bentzel. Thugut zog mich oft zu dieser Tafel, an der zumeist über Politik und Theater gesprochen wurde; der Gastgeber freilich äußerte sich über Politik nie anders als mit satyrischem Lächeln. Er wußte ebensogut wie alle anderen, daß Graf Bentzel im Dienste der Polizei stand, aber gerade deshalb lud er ihn ein, um jedem unbegründeten Verdachte die Spitze zu nehmen. Bentzels Gegenwart reizte mich zu um so freierer Rede, und ich sprach über Dinge, weil ich wollte, daß die Polizei davon unterrichtet werde. Ebenso[174] schrieb ich keine anderen Briefe als solche, in denen ich meine Meinung so unverhohlen aussprach, wie ich sie Ministern nie ins Gesicht hätte sagen können, weil ich wußte, daß alle meine Briefe durch das Chiffrenkabinett gingen. Thugut war der Sohn des oberösterreichischen Floßmeisters Tunicotto, der aus Welschtirol stammte und die Kaiserin Maria Theresia von Linz nach Wien gesteuert hatte. Von den Oberösterreichern war Tunicotto in Thunichtgut verballhornt worden. Als die Kaiserin dem Floßmeister die Aufnahme seines Sohnes in die eben errichtete Orientalische Akademie zusagte, bestimmte sie, daß er in Hinkunft nicht ?Thunichtgut?, sonder ?Thugut? heißen sollte. Die Vorbedeutung dieses Namens ging in Erfüllung, denn Thugut hat zumeist gut getan. Gut getan als Internuntius, als er von den Türken Südserbien und die Bukowina herausnegotiierte, gut getan als Minister zu Warschau, in seiner geheimen Sendung zu Maria Antoinette nach Paris, wo er die Flucht des Königspaares vorbereitete, deren Mißlingen nicht seine Schuld war. Gut getan hat er als Nachfolger seines Chefs und Meisters, des Fürsten Kaunitz, im Ministerium der auswärtigen Geschäfte, als fester Steuermann österreichischer Politik im Sturm der französischen Revolution bis zum Siege Bonapartes bei Marengo und zu dem Frieden, der ihn aus dem Ministerium entfernte. In manchen Dingen freilich tat er nicht gut. Als Sekretär der Staatskanzlei gab er dem Internuntius Brognard über die Unvorsichtigkeit, mit der sich dieser beim Auszuge des russischen Heeres in den russischen Krieg aus Neugierde öffentlicher Beschimpfung ausgesetzt, einen Verweis in so harten Ausdrücken, daß dieser darüber an gebrochenem Herzen starb und Thugut an seine Stelle kam. Er traute sich selbst, weil er in den Laufgräben von Belgrad gekämpft hatte, militärische Kenntnisse zu und warf, voll Mißtrauen gegen die großen Feldherrntalente Erzherzog Karls, diesem die Fußangeln des Hofkriegsrates unter die Füße. Nicht gut war seine Einseitigkeit und Abgeschiedenheit gegen seine Untergebenen in der Staatskanzlei. Depeschen von Residenten und Geschäftsträgern, von denen er annahm, daß sie nichts von Interesse enthielten, ließ er Monate lang uneröffnet,[175] bis der Stoß derselben umfiel und er sie einem Hofrat zur Durchsicht gab. Vom Grafen Louis Cobenzl wurde ich freundlich empfangen und zu Tisch geladen. Wie wenig ihn, der so lange in Petersburg Botschafter war, das Benehmen der russischen Behörden gegen mich wunderte, bewies er mir dadurch, daß er mit mir zugleich den russischen Botschafter, den Fürsten Kurakin, geladen hatte. Wir kümmerten uns nicht umeinander. Mit Carl Harrach speiste ich beim Staatsminister Grafen Zinzendorf und beim Fürsten Prosper Sinzendorf, dem Besitzer von Gföhl und der großen Herrschaft Ernstbrunn. Die Vorfahren des Fürsten waren erste Staatsmänner Österreichs gewesen, ihr einflußreichster war der Minister Kaiser Karl VI. Obwohl Kaunitz den Fürsten gerne für auswärtige Dienste verwendet hätte, zeigte dieser keine Lust zum Staatsdienst. Als Sinzendorf einmal bei einem Gespräche über politische Ereignisse sagte ?cela m'étonne?, antwortete Fürst Kaunitz mit großem Ernst ?Rien ne m'étonne depuis que j'ai vu le soleil.? Die Tischgespräche beim Fürsten Sinzendorf bestanden zumeist aus solchen Anekdoten, er selbst war sehr witzig. Er traf seinen Freund Carl Harrach auf dem Graben, als dieser soeben seinen Doktor gemacht hatte und sprach mit ihm. Als er sich verabschiedet hatte und Harrach weiterging, rief er ihm nach ?Charles attends? (Charlatan). Ein Gegenstück von ihm durch tiefen Ernst und große staatsmännische Kenntnisse war Graf Karl Zinzendorf, der Komtur des Deutschen Ordens in Österreich, als solcher unverheiratet, wie Sinzendorf und wie dieser der Letzte seines Namens. Er war rückwärts sehr verwachsen, ohne vorne schief zu sein und hatte die Eitelkeit, sich Personen, die ihn besuchten, immer in voller Ansicht, nie im Profil zu zeigen, noch weniger sich je von rückwärts sehen zu lassen, so daß ich lange brauchte, bis ich seines Buckels gewahr wurde. Er war ein vortrefflicher Staatsmann des Innern im Geist und Sinn Kaiser Josefs, der ihm seine persönliche Freundschaft schenkte und ihn zum Kammerpräsidenten machte. Er hatte verschiedenen Departements vorgestanden und war[176] jetzt wirklicher Staatsminister. Die Sammlung seiner statistischen und finanziellen Arbeiten, Memoiren, Reisetagebücher und Denkwürdigkeiten bildet einhunderzwei Foliobände. Sie kam nach seinem Tod in die Bibliothek des Staatsrates; ein Auszug aus ihr wäre das schönste Denkmal für diesen humanen und aufgeklärten Staatsmann. Durch ihn kam ich auch in Berührung mit dem alten Grafen Sickingen, dem einzigen Mann, der je für den Freund des Kaisers Franz gegolten hat. Er hatte zu allen Stunden freien Eintritt in die Zimmer des Kaisers und der Kaiserin. Regelmäßig zweimal des Tages sah er das Kaiserpaar, zum erstenmal unmittelbar nach dem Mittagmahle, wenn der Kaiser in die Glashäuser auf die Bastei ging, das zweitemal, wenn Sickingen fast regelmäßig dem Abendmahle beiwohnte und das Kaiserpaar unterhielt. Meist ging der Kaiser früher schlafen als die Kaiserin, die dritte Gemahlin, sie blieb noch länger sitzen und ließ sich von Sickingen Stadtneuigkeiten erzählen. Manchmal, wenn Sickingen sehr schläfrig war, ermattete das Gespräch. Eines Abends schlief er ein, die Kaiserin entfernte sich und befahl, ihn schlafen zu lassen. Als Sickingen in der Nacht erwachte, wußte er zuerst nicht, wo er war und mußte im Lehnstuhl den Anbruch des Tages abwarten. Graf Sickingen, der dies selbst erzählte, war ein uneigennütziger und edler Mensch und bedauerte, daß er trotz so nahen Umganges mit dem Kaiser so wenig nützen konnte. Er sagte oft, daß er viel sehen, aber nichts nützen könne, und dies war die reine Wahrheit. Er war ein vortrefflicher Mittelsmann, um den Kaiser von Dingen, die ihm kein Minister vorgetragen hätte, zu unterrichten. Sickingens Freundschaft für den Kaiser war ganz uneigennützig. Er schlug alle Posten ab, die ihm angetragen wurden, sogar das Goldene Vlies. Bei Graf Purgstall traf ich ausgezeichnete Dichter und Literaten. Er hatte in Breitensee ein Landhaus gemietet, dort speiste ich bei ihm mit Freiherrn von Steigentesch, mit Seckendorff, Mathias von Collin, dem späteren Lehrer des Herzogs von Reichstadt, mit Graf Moritz Dietrichstein, dem nachmaligen Obersthofmeister der Kaiserin und Präfekten der Hofbibliothek.[177] Dort lernte ich den französischen Botschafter Grafen Andreossy kennen. Die persönliche Bekanntschaft erhöhte meine vorgefaßte Meinung, die ich durch seine Arbeiten über Ägypten von ihm schon hatte. Er wußte den ausgezeichneten Charakter und die seltenen Kenntnisse der Gräfin Purgstall zu würdigen und bewies sich ihr, als nach Ausbruch des Krieges Graf Purgstall und Graf Goeß in französische Gefangenschaft gerieten, als tapferer Freund. Erst nach einem Monat nach meiner Rückkehr von Jassy hielt ich es für rätlich, mich für einige Tage von Wien zu entfernen, um meinen Vater in Graz wiederzusehen. Nur drei Tage blieb ich bei ihm und besuchte dort auch seine drei Gönner, den Grafen von Saurau, die Gräfin Saurau, geborene Gräfin Schlick, und den Prälaten von Admont, Gotthard Kugelmayr. Er war ein aufgeklärter Mann und mit seiner Zeit fortgeschritten, sein Wohlleben gab aber keinem Prälaten des Mittelalters etwas nach. Graf Saurau war sein besonderer Freund und Gönner, er hatte dem Prälaten zu großen Geldvorschüssen für gemeinnützige Unternehmungen, besonders für den Bacserkanal, bewogen und ihm für seine Bereitwilligkeit, dem Staat zu dienen, die Würde eines Geheimen Rates verschafft. Durch verschwenderisches Leben und große Tafeln stürzte der Prälat das Stift in bedeutende Schulden, so daß nach seinem Tode die Aufhebung drohte. Der Nachfolger Benno Kreil hat es als Administrator durch siebenjährige weise Verwaltung und strenge Wirtschaft davor gerettet und sich damit die Würde des Abtes, die er jetzt bekleidet, wohl verdient. Amazon.de Widgets Am 7. Oktober hatte ich eine lange Unterredung mit meinem Chef, dem Grafen Stadion, welche über meine Beschäftigung und meinen Aufenthalt für die nächsten sechs Monate entschied. Da mir eine Wohnung von Michaeli bis Georgi angeboten war, fragte ich, ob ich dieselbe, wenn sich meine Rückkehr nach Jassy noch länger verzögern sollte, nehmen dürfte. Ich bat um Erlaubnis, die Staatskanzlei regelmäßig besuchen und dort alle türkischen Akten vom Beginne der ersten diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Pforte bis zum Frieden von Sistowa lesen zu dürfen. Dies hatte noch kein Beamter der Staatskanzel[178] getan, und doch gewährte ein solches Studium dem Geschäftsmanne ersprießliche Kenntnisse, dem Geschäftsvorsteher reiche Ausbeute. Auch dies bewilligte Graf Stadion. Schließlich bat ich um die Rückgabe meiner aus der Levante erstatteten Reiseberichte, da ich diese herausgeben wollte. Auch dies wurde mir zugesichert. Es war mir klar, daß diese unmittelbar an den Minister gerichtete Bitte in den Augen des Staatsrates Hudelist eine neuerliche Sünde war, aber ich war aus guten Gründen vollkommen davon überzeugt, daß er mir, wenn ich mich an ihn gewandt hätte, nicht eines meiner drei Ansuchen bewilligt hätte. Ich mietete nach dieser Unterredung eine Wohnung im vierten Stock des großen Michaelerhauses. Acht Tage später begann ich in der Staatskanzlei die Lesung der Akten in dem mit einem Seitenkabinette versehenen Zimmer auf dem finsteren Gange, wo Freiherr von Collenbach als Staatsrat gearbeitet hatte. Hudelist hatte das auf den Ballhausplatz gehende Zimmer vorgezogen. Dieses kleine Zimmer, das seit dem Tode Collenbachs leer stand, war österreichischen auswärtigen Ministern, welche während ihres Urlaubes in Wien in der Staatskanzlei die neuesten Nachrichten lesen wollten, vorbehalten. Ich wollte meine Lesung bei der frühesten Epoche beginnen, aber Hudelist sagte mir, er wolle mir zuerst die Akten des Passarowitzer Friedens geben lassen, dessen Geschichte und Resultate ich kurz beschreiben möge. Er wollte damit ein doppeltes Ziel erreichen, erstens die indirekte Verweigerung der mir vom Minister erteilten Erlaubnis, dann die Benützung meiner Arbeit, besonders über den Handelsvertrag, zu seiner eigenen Kenntnis, denn er war in allem, was sich auf den Orient bezog, von beklagenswerter Unwissenheit. So wollte er sich auf eine bequeme Art unterrichten, indem er die von mir in den ersten drei Monaten verfaßten französischen Memoirs und die Zusammenstellung des Inhaltes aller durch den Frieden von Passarowitz bestätigten Verträge nach Materien las und auch dem Grafen Lützow, der ohne alle Kenntnisse orientalischer Belange zum Internuntius ernannt wurde, zu lesen gab. Durch die Befugnis in der Staatskanzlei wurde meine[179] seit meiner Ankunft in Wien sehr ungeordnete Lebensweise wieder geregelter. Die ersten vier Morgenstunden von sechs bis zehn Uhr verwendete ich auf literarische Arbeiten, die vier folgenden in der Staatskanzlei, den Rest des Tages zu Spaziergängen, für die Gesellschaft oder das Theater. Ich ging oft ins Theater und sprach mit meinen Freunden, den beiden Collin, viel darüber. Mich wandelte die Lust an, meine Kräfte auch in diesem Fache zu versuchen, und ich begann Anfang November den ?Sturz der Barmekiden?, den ich vor Ende des Jahres vollendete. Ich hoffte, daß mein Stück für die Aufführung am Hoftheater würdig befunden werde, allein Schreyvogel, den ich nicht persönlich kannte, gab ein ungünstiges Votum ab. Später trug sich Korn, einer der Schauspielerdirektoren, mehrmals an, sich für die Wahl der ?Barmekiden? bei den Direktoren zu verwenden, ich bat ihn aber, dies nicht zu tun, weil ich nach dem Ausspruche eines so großen Kenners wie Schreyvogel nicht mehr daran glaubte, daß das Stück auf der Bühne Glück haben werde. Mich erschreckte auch der übel gewählte Titel, der so leicht bei den Wienern den Sturz des Stückes auf dem Theater als Witzwort herbeiführen konnte. Zu Anfang des Jahres 1808 speiste ich beim Prince de Ligne. Die Tafel im Hotel de Ligne auf der Mölkerbastei hatte kaum Raum für acht Personen, aber die Gastfreundschaft des Fürsten lud immer mehr Gäste, so daß man am Tisch so eng saß, wie man am Abend in dem kleinen, niederen Salon sich drängte. Trotzdem war hier der Mittelpunkt der geistreichsten und besten Gesellschaft, besonders von Fremden. Der Fürst hatte den europäischen Ruf des liebenswürdigsten, artigsten Mannes der großen Welt, und seine Familie war eine seltene Vereinigung gesellschaftlicher Talente und gemütlicher Liebenswürdigkeit. Meine Besuche in diesem Salon wurden bald noch häufiger durch die Anwesenheit der Frau von Stael, welche eng mit der Familie des Fürsten verbunden war. Ein Salon wie ihrer, in dem alle Etikette verbannt war, wo die größten Männer des Staates und die Damen des höchsten Adels mit Dichtern und Künstlern, mit Gelehrten und Literaten sich ohne Karten und Musik stets in angeregten Gesprächen unterhielten, war[180] in Wien vordem und seitdem nicht dagewesen. Alle Dienstage und Donnerstage gab es Mittagsmahle und am Donnerstag abends glänzende Gesellschaft. Der Prince de Ligne führte Madame de Stael die hohen Staatsbeamten und den hohen Adel, ihr Reisebegleiter August Schlegel die Dichter und Literaten auf. Ich wurde durch den letzten eingeführt und bat ihn, meine ?Schirin? durchzulesen und anzumerken, was ihm mißfiel ? ? dies tat er sehr gefällig. Sein Bruder Friedrich sah meinen ?Hafis? durch, und so danke ich die letzte kritische Durchsicht zweier meiner Werke den Brüdern Schlegel. Frau von Stael deklamierte vorzüglich, ich hörte sie mehrmals in Szenen aus französischen Tragödien, von denen mich keine so hinriß, wie die aus Racines ?Phedre?. Niemand war ein größerer Bewunderer theatralischen Talentes als Graf Louis Cobenzl, der oft selbst französische Komödie spielte. Auch am russischen Hof hatte der Graf oft mit der Kaiserin Katharina in der Eremitage Komödie gespielt, und er war seit langem in ganz Europa als ausgezeichneter Schauspieler bekannt. Mir erschien es sonderbar, wenn ich meinen vorigen Chef, den Haus-, Hof- und Staatskanzler auf den Brettern sah, eine innere Stimme sagte mir, Minister sollten sich mit den Rollen begnügen, in denen sie als Diplomaten Komödie zu spielen haben. Eine der besten Anekdoten aus Graf Cobenzls theatralischer Laufbahn ist die, welche mir sein geheimer Sekretär Hoppe und auch Herr von Stahl, sein Botschaftssekretär in Petersburg, erzählte. Graf Cobenzl spielte in der Eremitage die Rolle einer Köchin, als ihm die Ankunft eines Kabinettkuriers aus Wien gemeldet wurde. Der Graf lief hinaus, um die Depeschen zu übernehmen, aber der ungarische Gardist, der den Botschafter nicht kannte, weigerte sich, dieselben der Karrikatur, die er vor sich sah, zu übergeben. Cobenzl, der gleich wieder auftreten mußte, konnte sich nicht umkleiden, er lief in die Garderobe und hängte das große Ordensband des Stephansordens über den Köchinnenanzug und beglaubigte sich dadurch bei dem Gardisten als Botschafter. Amazon.de Widgets Von Zeit zu Zeit las ich mit Carl Harrach in den Abendstunden persisch, nun aber auch mit Graf Rzewuski[181] arabisch. Sein eigentlicher Lehrer war der syrische Priester Arida, der ihm regelmäßige Stunden gab. Graf Rzewuski hatte, wie fast alle Polen, großes Sprachtalent. Er diente im Husarenregiment Kienmayer und war wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und seiner Freigebigkeit sehr beliebt. Außer seinem Talent für Sprachen und Musik hatte er Vorliebe für Mathematik und Astronomie, die allergrößte aber für Pferde, auf die er viel mehr Geld ausgab, als das ansehnliche Vermögen seiner Gattin und der noch größere Reichtum seiner eigenen Eltern eigentlich erlaubten. Im Sommer wohnte ich in Weidling im Hause der Orientalischen Akademie und wurde mehrmals von Graf Seckendorff, dem Herausgeber des ?Prometheus?, und Mathias Collin besucht. Seckendorff war ein gutmütiger, biederer Deutscher, schwerfällig von Gestalt und Benehmen. Auch Freund Collin war untersetzt und kurzhalsig. Trotzdem folgten sie mir auf meinen Spaziergängen ins Gebirge. An einem Julitage ritt ich mit Graf Rzewuski nach Weidling, und wir ließen uns auf einer Wiese nieder, um auszuruhen. Der Graf fragte mich um Rat, wie er sich am besten um die orientalische Literatur verdient machen könne. Ich schlug ihm eine Zeitschrift vor und entwickelte ihm die ersten Linien des Planes der ?Fundgruben des Orients?, die wir eingehend berieten. Im folgenden Jahre traten sie ins Leben. Sie standen auf einem größeren und liberalerem Fuße als die nach ihrem Aufhören begonnenen Zeitschriften der asiatischen Gesellschaften von Frankreich und England, welche nur Artikel aufnahmen, die in der Sprache des Landes geschrieben waren. Die ?Fundgruben? waren allen gebildeten Sprachen Europas für Aufsätze über orientalische Materien offen. In Weidling arbeitete ich den ganzen Plan aus und schrieb die Vorrede des ersten Bandes. In diesem Sommer beschäftigte ich mich mehr mit Literatur als im vergangenen, in dem ich die politischen Memoirs geschrieben hatte. Nach dem unruhigen politischen Treiben der letzten Jahre fühlte ich mich in der ländlichen Stille sehr glücklich. Die erste Kustosstelle der Hofbibliothek war erledigt, ich hatte an den Grafen Stadion nach Preßburg, wo er zum[182] Landtage weilte, geschrieben und ihn gebeten, sich dafür zu verwenden, daß ich dieselbe erhalte, wenn ich nicht mehr auf meinen Posten nach Jassy zurückkehren sollte. Dies wäre ein Beweis dafür, daß ich nicht wegen einer Ungnade des Kaisers abberufen wurde. Ich hatte nicht erwartet, daß der Graf während des Landtages Zeit fände, meinen Brief zu beantworten. Diese Antwort ist das glaubwürdigste Zeugnis dafür, daß er die russischen Intrigen richtig beurteilte und meinem Benehmen in Jassy volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. (Beil. 26.) In den letzten sechs Wochen dieses Jahres arbeitete ich an meinem dramatischen Gedicht ?Mohamed?. Eine paradoxe Äußerung der Frau von Stael brachte mich dazu. Sie behauptete, Propheten seien die dankbarsten Charaktere für Tragödien, und der wahre Mohammed müßte auf der Bühne eine ganz andere Wirkung hervorbringen als Voltaires ?Mahomet?. Ich bemerkte, daß er dann mit seinen Weibern oder wenigstens mit einigen von ihnen vorgeführt werden müsse, was aber dem tragischen Effekt kaum dienen dürfte. Ich versuchte ihren Gedanken in einem dramatischen Gedicht auszuführen, welches wirklich ein treues Charakterbild Mohammeds und seiner Genossen ist. 
 IX. Aufenthalt in England, Zurückberufung und Entsendung nach Konstantinopel (1801?1802).  [119] An einem grauen Nebeltag hatte die ?el Carmen? vor Portsmouth Anker geworfen. Im Hafen lag eine große Flotte vor Anker, aber auch dieses großartige Schauspiel war kein heiteres, nicht einmal die Signale, mit denen die Admiralschiffe flaggten, denn sie waren nur ein Zeichen, daß sich die Admirale vereinten, um einen der ihren, den Admiral Parker, vor einem Kriegsgericht zu verhören. Noch minder war die über die ?el Carmen? verhängte Quarantäne, welche ihre Reisenden an Bord zu bleiben verurteilte, geeignet, erheiternd zu wirken. Diese war um so absurder, als die beiden Überbringer der Depeschen, Sir Sidney Smith und Oberst Abercromby, sich sofort ans Land und nach London begeben durften, während alle anderen Offiziere, die Reisenden und die ganze Schiffsmannschaft auf unbestimmte Zeit das Schiff nicht verlassen durfte. Sir[119] Sidney sah die Unvernunft dieser Maßregel vollkommen ein, wenn ihn und Abercromby kein Pestverdacht traf, wie konnte er auf mich fallen, der die ganze Zeit seine Kabine geteilt hatte? Dazu wurden die beiden Überbringer der Depeschen nicht einmal irgendeiner Reinigung, einem Kleiderwechsel oder Durchräucherung unterzogen, sondern stiegen direkt vom Schiff in die Postchaise, die sie in 24 Stunden nach London brachte. Sie trafen noch rechtzeitig dort ein, um das große Festmahl bei der Wahl des neuen Lordmajor von London mitzumachen. Der Umstand, daß ich das Schauspiel dieses großen Festmahles und den Jubel, mit welchem Sir Sidney als der Held des Tages bei ihm empfangen wurde, nicht erleben durfte, erhöhte meinen Verdruß über den despotischen Befehl der Admiralität, die auch nicht ein Jota von den ersten Grundzügen einer Quarantäne verstand. In das unter Quarantäne gestellte Schiff wurden Freudenmädchen eingelassen, und so statt der eingebildeten Pest die wirkliche eingeschleppt. Die absurde Quarantäne dauerte zum Glück nur fünf Tage; die Vorstellungen Sir Sidneys bei der Admiralität hatten gewirkt. Am fünften Tage nach der Landung durften wir das Schiff verlassen. Die Mautbeamten waren den Offizieren gegenüber ungewöhnlich artig und nachsichtig. Da ich noch Mamelukenkleidung trug, konnte ich außer den zwei Shawlen, die den Kopfbund und Gürtel bildeten, wohl noch drei oder vier als zum Wechseln nötig durchbringen und brauchte sie nicht zu verbergen. Einige Offiziere baten mich, für sie Stoffe und Shawls in meinen weiten Mamelukenhosen einzuschmuggeln. Ich konnte den Bitten dieser guten Feld- und Reisekameraden nicht widerstehen und umwand Schenkel und Füße mit indischem Musselin und Shawls. Zum Glück wurde gar nicht weiter gefragt, und so wurde alles gerettet. Bald saß ich mit meinem Bedienten Henna, einem syrischen Christen, in der Postchaise. Von Kingston bis London lief die Straße wie durch einen mit Lusthäusern geschmückten Garten, und selbst in den Vorstädten Londons ist das Grün der Flur auf freien Plätzen geschont und genährt[120] und mit Gittern und Gebüschen vor Fußgängern und Wagen geschützt. Ich stieg im eleganten Quartier der Stadt, im Gasthause, das den Namen des Prinzen von Wales führte und in der Nähe des Schauplatzes der Mode, der berühmten Bondstreet, lag, ab; hier war auch Sir Sidney eingekehrt. Der erste Bekannte und Reisekamerad vom Bord des ?Tiger?, den ich traf, war der junge Graf Frotté, der mich zu seinem Vater zum Speisen lud. Ich fand den ehrwürdigen Greis auf zwei Zimmer beschränkt, eines sein Speise- und Schreibzimmer, das andere sein Schlafgemach. Der alte Väter und sein hoffnungsvoller Sohn blieben in London, obwohl nach dem soeben geschlossenen Frieden die Ausgewanderten in hellen Scharen nach Frankreich zurückkehrten. Meine ersten neuen Bekanntschaften waren zwei levantinische Freunde Sir Sidneys, die mir den Namen nach bekannt waren. Sir Peter Abbot und Sir John Douglas, welcher im syrischen Feldzuge die Schiffstruppen des ?Tiger? unter Sir Sidneys Kommando geführt hatte. Sir Sidney hatte soeben das große, ihm von der levantinischen Handelsgesellschaft gegebene Festmahl mitgemacht, bei welchem Lord Grenville den Toast: ?Dem Helden des Nils, dem tapferen Befreier Akkas und dem Gedeihen der Levantecompany? ausgebracht hatte. Dem österreichischen Gesandten Grafen Starhemberg hatte ich sogleich nach meinem Eintreffen meine Aufwartung gemacht; er lud Sir Sidney und mich nach seinem Landhause in Twickenham ein. Dort trafen wir den alten Gesandtschaftssekretär Freiherrn von Reigersfeld, der diesen Posten nun schon 35 Jahre versah, außerdem den Grafen Zichy, Herrn von Thierheim und die österreichischen Grafen Altenstein und Dietrichstein. Beide waren für längere Zeit in England, der eine, um von der englischen Regierung Geld einzukassieren, das sie ihm für ein Freikorps schuldete, Dietrichstein, um sich von dem politischen Sturme, der ihn von den Ufern der Newa an die der Donau zurückgeworfen, an denen der Themse zu erholen. Mit Graf Dietrichstein war ich schon seit Jahren bekannt. Dieser, durch Gaben des Geistes wie des Herzens gleich[121] ausgezeichnete Mensch war bei weitem der talentvollste und kenntnisreichste aller österreichischen Staatsmänner, die ich von Kaunitz bis Metternich kennenzulernen Gelegenheit gehabt. Der Verkehr in London war die Grundlage unserer späteren Freundschaft. Ich muß, da er sich gegen mich immer offenherzig und wahrheitsliebend über alle Begebenheiten der Zeit und über die Zustände unserer Regierung und der Ministerien äußerte, näher auf die politischen Umstände eingehen, welche ihn damals nach London geführt hatten. Amazon.de Widgets Graf Franz von Dietrichstein hat seine militärische Laufbahn mit zwanzig Jahren im Türkenkrieg unter Laudon begonnen. Im französischen Kriege hatte er sich bei der Belagerung von Valenciennes als Genieoffizier durch eine Sprengung ausgezeichnet und dafür das Theresienkreuz erhalten. Nachdem er als General dem Militärdienst entsagte, ist er der einzige Zivilist, der dieses militärische Ehrenzeichen trägt. Unter dem Ministerium Thugut widmete er sich der politischen Laufbahn und hatte, um dies tun zu können, der militärischen entsagt. Er arbeitete in der Staatskanzlei und wurde auch zu diplomatischen Sendungen verwendet. Katharina II. hatte im Jahre 1791 Miene gemacht, der Koalition wider Frankreich beizutreten; es blieb aber beim Anschein, und der Krieg begann im nächsten Jahre. In den vier folgenden Jahren hatten sich Spanien, Neapel, Preußen, Holland und Toskana von der Koalition getrennt, und zu Ende des Jahres schien Katharina wirksam auftreten zu wollen. Sie befahl den Marsch von 60.000 Mann unter Suwarows Befehl. Sobald diese Nachricht in Wien eintraf, eilte Graf Dietrichstein als Kurier zu Erzherzog Karl, welcher Kehl belagerte. Auf der Rückreise nach Wien erhielt er die Nachricht vom Tode Katharinas und wurde bald darauf nach Petersburg gesandt, um Paul I. zur Thronbesteigung zu beglückwünschen. Der Botschafter Graf Louis Cobenzl war von Baron Thugut nach Wien berufen worden, um nach dem Waffenstillstand von Leoben den Frieden von Campo Formio zu unterhandeln. Er ließ den Grafen Dietrichstein in Petersburg als Geschäftsträger zurück, ohne ihn als solchen dem[122] Zaren vorgestellt zu haben. Obwohl diesem der Verstoß gegen diplomatische Etikette mißfiel, sah er den Grafen doch gern bei Hof. Dietrichstein unterzeichnete und übergab die Geschäftsnoten, empfing und fertigte die Kuriere des Hofes ab. Kaiser Paul wollte um jeden Preis den Frieden erhalten, schwor aber zugleich, daß er die von seiner Mutter eingegangenen Verbindlichkeiten erfüllen wolle. Die Präliminarien von Leoben hatten in Wien und in Petersburg alle Minister, nur den Baron Thugut nicht, über die friedfertige Gesinnung Frankreichs getäuscht. Der Friede von Campo Formio mißfiel dem Zaren der Jonischen Inseln wegen. Von unverläßlichen Korrespondenten erhielt er die falsche Nachricht, daß Bonaparte in Saloniki gelandet sei und über Konstantinopel nach der Krim ziehen wolle. Zugleich hatte ein Sturm die von Lord Keith befehligte englische Flotte von Cadix abgetrieben. In aller Eile wurden 100.000 Mann, zumeist Reiterei, an der finnländischen Küste mobil gemacht und dem kaiserlichen Hofe die vereinbarte Hilfe von 60.000 Mann zugeschickt. Dietrichstein hatte also vor der Rückkehr Cobenzls nach Petersburg alles erhalten, was er wünschte, und das Hilfskorps hatte vor ihm die russische Grenze überschritten. Mit seinen politischen Verhandlungen hatte er auch die seiner Vermählung durchgeführt, und am 16. Juli 1797 vermählte er sich mit Gräfin Alexandrine Schuwaloff. Die Wahl war keine glückliche. Der exzentrische Geschmack der kunstliebenden, orthodoxen und hyperkatholischen Gräfin stimmte nicht zu der freisinnigen Lebensansicht ihres Gatten, und bald öffnete sich durch seine Reisen, besonders durch seine letzten nach England, wo er mit einer jungen Französin lebte, eine immer tiefer werdende Kluft zwischen ihnen. Im Frühling 1799 war Graf Dietrichstein nach dem Tode des Fürsten Reuß als Gesandter nach Berlin geschickt worden, um dort die Schwierigkeiten zu beheben, welche dem Beitritt Preußens zur Koalition entgegenstehen konnten. Obwohl diese behoben wurden, erklärte Preußen, daß es[123] trotzdem bei seinem friedfertigen System beharre. In einer Konferenz zwischen Thomas Grenville, dem englischen, Graf Panin, dem russischen Gesandten, und Graf Dietrichstein erklärte sich dieser gegen den Ersatz des österreichischen Heeres, das in der Schweiz von Erzherzog Karl befehligt wurde, durch ein russisches und hob hervor, daß es weit zweckmäßiger wäre, das unter Korsakoff heranziehende russische Heer gegen Mainz marschieren zu lassen. Panin stimmte ihm bei. Grenville entgegnete, daß die erste Maßregel bereits von seinem Hof angenommen worden sei. Nach langen Gegenvorstellungen stimmte Österreich dem vom britischen Kabinett aufgestellten Verlangen, daß das für Österreich bestimmte Hilfskorps Suwarows sich mit dem unter Korsakoff vereinige und der Erzherzog dem ersten in der Schweiz Platz mache, bei, und Graf Dietrichstein fuhr anfangs August zu Erzherzog Karl und brachte ihm den Befehl des Kaisers der russischen Armee in dem Maße, als sie in der Schweiz einrücke, Platz zu machen. In der Zwischenzeit hatte Suwarow mit Melas und Chasteler, dem Generalquartiermeister des österreichischen Heeres den Feldzug in Italien eröffnet. Ohne den Rat des Letzteren würde Suwarow in Piemont vorgerückt sein, statt Macdonald an der Trebbia zu schlagen. Melas entschied das Los der Schlacht von Cassano Novi und an der Trebbia und verhinderte den schon beschlossenen Rückzug Suwarows, was dieser öffentlich eingestand und Melas seinen Befreier nannte. Als Dietrichstein von der Schweiz zurückkam, begleitete er den Erzherzog-Palatin nach Petersburg, der dort seine Braut holte. Der Empfang Dietrichsteins beim russischen Hofe war ein ganz anderer, als sein erster Aufenthalt und seine Vermählung erwarten ließ. Kaiser Paul war durch Ränkeschmiede, denen die Eifersucht Cobenzls in die Hand arbeitete, gegen Dietrichstein so eingenommen, daß diesem der Graf Narischkin erklären mußte, daß für ihn kein Platz im Palast von Gatschina sei und der Kaiser nur erlaubt habe, daß er der Trauungsfeierlichkeit beiwohne, dann müsse er zurückkehren. Er reiste gleich nach Wien und zog sich nach seines Freundes und Gönners, des Freiherrn von Thugut Rücktritt und der Übernahme des Ministeriums durch Graf[124] Cobenzl von aller Geschäftstätigkeit zurück. Im Juni 1801 ging er nach England. Im folgenden beschreibt Hammer ausführlich seinen Aufenthalt in England, die Menschen, die er dort kennengelernt, die Besuche, die er gemacht, die Sehenswürdigkeiten, die er gesehen. Er reiste von London aus nach Windsor, mehrmals nach Bath, nach Warwick-Castle und Oxford, wo er die Bibliotheken und Colleges besichtigte, auch Marlboroughs Schloß Blenheim suchte er auf. Die Bekanntschaft des Orientalisten Wilkins wurde besonders wertvoll für Hammer, weil dieser später die Herausgabe der Übersetzung des arabischen Werkes Bin Washihs, die Hammer auf der Seereise von Ägypten nach England vollendet hatte, besorgte. Als Hammer von Oxford nach London zurückkam, fand er einen Brief des österreichischen Gesandten Grafen Starhemberg: ein kategorisches Befehlsschreiben des Ministers Graf Cobenzl war eingelangt, welches die sofortige Rückkehr Hammers nach Wien anordnete. Sein Aufenthalt in England hatte vom November 1801 bis zum 1. April 1802 gewährt. Am letzten März 1802 übernahm ich die Depeschen von Graf Starhemberg und befahl meinem Bedienten, um zwei Uhr nachts sich bei der nach Harwich abgehenden Mail einzufinden, ich selbst ging noch auf einen großen Rout und blieb dort so lange, daß ich keine Zeit zum Umkleiden mehr hatte und mit seidenen Strümpfen und den Claque unter dem Arm die Mail bestieg. Die Überfahrt nach Kuxhaven dauerte sechsunddreißig Stunden, dort brauchte ich drei, um einen Wagen zu kaufen. Auf dem Wege über Braunschweig und Leipzig hielt ich mich in Halberstadt auf, um Gleim persönlich kennenzulernen. Ich fand einen gutmütigen alten Mann, ohne jede Spur des Feuers und der Kriegsfreude des preußischen Grenadiers. In Dresden traf ich zur Essensstunde beim österreichischen Gesandten Grafen Metternich ein, den ich damals zum erstenmal sah und von ihm und seiner Gemahlin freundlichst empfangen und zu Tische behalten[125] wurde. Ich schenkte dem Grafen, der sich lebhaft für Altertümer interessierte, eine Hand voll kleiner ägyptischer Idole, wie sie bei Mumien häufig gefunden werden. Am zehnten Tage nach meiner Abreise, am 10. April, traf ich vormittags in Wien in der Staatskanzlei ein. Ich muß hier die Ursachen näher berühren, welche meinen Aufenthalt in England durch die Zurückberufung verkürzten. Daran war ein einziger mir nicht wohlgesinnter Vorgesetzter Schuld, und zwar nicht der Vizestaatskanzler Graf Louis Cobenzl, in dessen Namen mir der Befehl sofort zurückzukehren zukam, sondern der bisherige Hofdolmetsch, jetzt Referent für die orientalischen Angelegenheiten, Stürmer. Ignaz Stürmer war der Sohn eines Schneiders in Brünn. Bei der Aufhebung des Jesuitenordens war er in diesem noch nicht zum Priester geweiht, hatte sich aber die Grundsätze und die Politik des Ordens ganz zu eigen gemacht. Diese klebten ihm sein Leben lang an, und er dankte ihnen vorzüglich sein Weiterkommen bis zur Stelle des Internuntius, zu dem er soeben ernannt worden war. Er war vom Kopf bis zum Fuß ein schulgerechter Jesuit. Zuerst kam ich mit ihm während der Anwesenheit des türkischen Botschafters im Jahre 1792 in Berührung; er verwendete damals als Hofdolmetsch die Zöglinge der orientalischen Akademie zu untergeordneten Arbeiten des Dolmetschdienstes, zu Abschriften und Übersetzungen. Nach der Aufhebung des Ordens war Stürmer durch den Jesuiten Nekrep, den Direktor der orientalischen Akademie, in diese aufgenommen worden und lernte dort Türkisch und Französisch mit sehr schlechter Aussprache. Er erwarb sich auch einige Kenntnis im Persischen und wurde Mitarbeiter des neuen Meninski und der von Jenisch, dem damaligen orientalischen Referenten herausgegebenen persischen Anthologie. In Konstantinopel hatte er seine Laufbahn als Dolmetsch unter dem Internuntius Baron Herbert-Rathkeal begonnen, diesem aber wegen seines jesuitischen Wesens nie zugesagt. Im Türkenkriege wurde Stürmer als Dolmetsch Kaiser Josef zugeteilt, da der erste Dolmetsch der Internuntiatur, Stürmers Schwiegervater, Testa, nicht deutsch verstand,[126] stark hinkte, und daher in der Armee nicht brauchbar war. Dann wurde Stürmer Hofdolmetsch in der Staatskanzlei. Er führte als solcher über die Botschaft Ratib Effendis ein ausführliches Tagebuch, dessen zahlreiche Beilagen von Brunebarbe und mir abgeschrieben und übersetzt wurden. Meine Sendung nach Ägypten und die Befugnis, so lange bei Sir Sidney Smith zu bleiben, als ich ihm nützlich sein konnte, dankte ich der Gunst und Gönnerschaft des Internuntius Baron Herbert-Rathkeal. Diese Vergünstigung war keine Empfehlung bei Stürmer, der ihm spinnefeind war. Seitdem Stürmer an Stelle Jenischs orientalischer Referent war, fand er an der Geschäftsführung Herberts vieles auszusetzen und zu tadeln. So hatte er denn auch meine ägyptische Sendung nicht mit den besten Augen angesehen und die mir von Herbert erteilte Befugnis, Sir Sidney bis nach England zu begleiten, in den Depeschen im Namen des Ministers mißbilligt. Als nach Thuguts Abtreten Cobenzl die Leitung der auswärtigen Geschäfte übernahm, war es Stürmer um so leichter, den neuen Minister, der nie von mir gehört hatte, seine Ansichten unterzuschieben, nach Herberts Tod die Ernennung zum Internuntius zu erhalten und als solcher über mich, als einen Beamten der Internuntiatur, die unumschränkte Autorität durch Machtbefehle in Anspruch zu nehmen. Ich hatte, sobald ich in der Bucht von Abukir die Fregatte ?El Carmen? mit Sir Sidney bestiegen, den Hauptbericht über meine ägyptische Sendung ins Reine geschrieben und durch einen Schnellsegler, dem wir begegneten, zur See nach Konstantinopel, die Duplikate der Berichte von Malta nach Wien befördert und hoffte, die Empfangsbestätigung bei meiner Landung in England zu finden, was aber nicht der Fall war. Acht Tage nach meiner Ankunft hatte ich dem Baron Herbert davon Meldung erstattet und dann ? ich war nicht befugt, unmittelbare Berichte nach Wien zu richten ? zwei von mir verfaßte Memoirs über die Lage der Mameluken nach dem Meuchelmorde ihrer ausgezeichneten Beys dem Grafen Starhemberg zur Einbegleitung an den Minister der auswärtigen Geschäfte, den Grafen Cobenzl, überreicht. Der Stil meiner an Baron Herbert erstatteten[127] Berichte wurde von Stürmer als ?trop leste et trop cavalier? befunden. Alles, was mir über orientalische Geschäfte in die Hand kam, hatte ich immer dem Internuntius eingeschickt. Das schönste Zeugnis über meine Geschäftstätigkeit ist das Schreiben, welches mir Sir Sidney an den Grafen Cobenzl mitgab. (B. 17.) Durch ihn und Lord Hawkesbury hatte ich Anträge bekommen, in englische Dienste überzutreten, selbst Graf Starhemberg redete mir dazu zu. (B. 18.) Ich wies den Antrag wie auch den einer Geldbelohnung für die geleisteten Dolmetscherdienste zurück und erbat mir nur ein Empfehlungsschreiben von Lord Hawkesbury an den Grafen Cobenzl und an den englischen Gesandten in Wien, Mr. Paget, die ich beide erhielt. Amazon.de Widgets Bei meiner Ankunft wurde ich sofort dem Grafen Cobenzl angemeldet und übergab ihm das an ihn adressierte Paket, außer diesem hatte ich noch einige zwanzig Briefe von den verschiedensten Bekannten, die mich empfahlen. Graf Cobenzl verlangte, daß ich sie ihm übergebe und verpflichtete sich, sie besorgen zu lassen. Dann wurde ich höflich entlassen. Ich hatte einen schlimmeren Empfang erwartet. Stürmer freilich sparte nicht mit Vorwürfen wegen meines verlängerten Aufenthaltes in England und ging sogleich auf meine Dienstbestimmung als Dolmetsch nach Konstantinopel über. Während meines ersten Aufenthaltes dort und im Lager des Großveziers hatte ich genug von dem Treiben der Dolmetsche gesehen, und das Amt war mir, obwohl eine reiche Quelle von Einkünften, schon durch die Natur seines mehr oder minder ränkevollen und erniedrigenden Verkehrs mit der Pforte in der Seele verhaßt. Ich erklärte also, daß ich dadurch, daß ich für meine den Engländern geleisteten Dienste keinerlei Erkenntlichkeit angenommen habe, wohl eine Beförderung als Belohnung zu verlangen das Recht habe, ich werde daher nur in der Eigenschaft als Legationssekretär nach Konstantinopel zurückkehren. Diese unvermutete Erklärung wurde von Stürmer um so mißbilligender aufgenommen, als seit mehr als einem halben Jahrhundert in Konstantinopel kein Legationssekretär systemisiert war, sondern nur der erste Gesandtschaftsdolmetsch[128] ohne diesen Titel den Rang desselben einnahm. Mein Begehren konnte Stürmer um so weniger behagen, als er die Stelle des ersten Dolmetsches, nachdem sein Schwiegervater Bartholomäus Testa pensioniert worden war, keinen der anderen beiden Dolmetsche, sondern einem Fremden, dem schwedischen Dolmetsch Carl Testa bloß deshalb verliehen hatte, weil er ein Verwandter seiner Frau war. Seit dieser ersten Ungerechtigkeit gegen das ganze Personal der Internuntiatur hat an dieser der Nepotismus der Familien Stürmer und Testa üppig gewuchert, und die besten und einträglichsten Stellen wurden Patrimonialgut dieser beiden Familien. Mein offenes, selbständiges, aber nicht unbescheidenes Wesen, das durch den Verkehr mit Engländern noch gefestigt worden war, sagte Stürmer ebensowenig zu, als mir sein jesuitisches. Außerdem kränkte mich gleich in den ersten Tagen sein arger Mangel an Schicklichkeitsgefühl. In Gibraltar hatte ich eine sehr schöne Kufische Goldmedaille gekauft und schenkte sie ihm für seine Sammlung orientalischer Münzen. Er nahm sie an und sandte mir einige Tage später als Gegengeschenk eine von ihm getragene, goldbordierte Uniformweste, die ihm bei seiner Internuntiusuniform überflüssig, aber von einem Dolmetsch getragen werden könne. Natürlich trug ich die Weste nie, sondern verschenkte sie sofort. Mein erster Gang nach der Staatskanzlei war zu dem edlen Menschenfreund Karl Harrach. Er war ebenso redselig als schreibfaul. In der ersten halben Stunde unseres Zusammenseins gab er mir Bericht über die allgemeine Politik, den Barometerstand der Hofluft, die Stellung der Minister zum Kaiser und untereinander. Mich interessierte natürlich am meisten die, von denen mein Schicksal abhing, der Vizekanzler Graf Cobenzl und der Kabinettminister, der frühere Obersthofmeister und Erzieher des Kaisers, Graf Colloredo. Da ich Cobenzl ganz unbekannt war, konnte ich mich nur an diesen und an den Staatsrat der Staatskanzlei, Freiherrn von Collenbach, halten. Collenbach war der Bruder der Baronin Herbert-Rathkeal, ein tätiger Geschäftsmann von wenig Worten, dem aller Verfolgungsgeist[129] fremd war. Ich war ihm durch seine Schwester, seinen Schwager und seine Nichte, Mrs. Spencer Smith, bekannt. In der Waage meines künftigen Schicksals war er eines der Gegengewichte wider Stürmers jesuitischen Einfluß, ein zweites fand ich in der Schwester des Grafen Cobenzl, der Gräfin Rombeck, einer geistreichen und liebenswürdigen Frau, an die ich Empfehlungsbriefe von Graf Starhemberg mitgebracht hatte. Als ich bei Mr. Paget Besuch machte, erzählte er mir, er habe dem Grafen Cobenzl eine Szene darüber gemacht, weil dieser das von mir mitgebrachte Schreiben Lord Hawkesburys so ungeschickt entsiegelt und mit ganz schlechtem Siegelwachs verschlossen, ihm habe zustellen lassen. Ich hatte mehrere Pakete feinsten englischen Siegelwachses mitgebracht und gab davon ein paar dem Geheimsekretär des Ministers. Ich erzählte ihm Pagets Äußerung und empfahl ihm den künftigen Gebrauch dieses Wachses für solche Fälle im Chiffrekabinett. Einige Tage später erhielt ich die Pakete durch Staatsrat von Collenbach zurück, wobei er nur bemerkte, der Minister habe ihm die Rückstellung aufgetragen. In der ersten Unterredung, die ich mit Graf Cobenzl bald nach meiner Ankunft in Wien über meine künftige Dienstbestimmung hatte, nahm er meine Bitte um Beförderung zum Legationssekretär nicht unfreundlich auf und ließ mir die Wahl, ob ich als solcher nach Spanien oder Konstantinopel gehen wollte. So groß meine Reiselust auch war und mich die Bibliotheken des Escurial und der Alhambra lockten, so zog mich doch ein zweiter Aufenthalt in Konstantinopel mehr an, als einer in Spanien, und ich habe damit sicher die bessere und für meine Ausbildung als Orientalist zweckmäßigere Wahl getroffen. In den ersten Tagen des Mai wurde ich zum Legationssekretär mit dem früheren Gehalte von eintausend und einer persönlichen Zulage von fünfhundert Gulden ernannt. Graf Cobenzl wollte mir diese gute Nachricht selbst mitteilen und hatte mich für neun Uhr zu sich bestellt, ich wurde sogleich vorgelassen und fand den Minister auf seinem Leibstuhle sitzend in ein Gespräch mit seinem Koch vertieft, der ihm eine Speisenliste zur Auswahl vorlegte.[130] Dieser Zug allein genügt, den Charakter dieses gutherzigen, aber sehr launischen Welt- und Lebemannes zu umreißen. Er war ebenso häßlich wie liebenswürdig, unrein und liederlich, in seinem Anzug sah er eher einem verlumpten Schauspieler als einem Staatsminister ähnlich. Von seiner Zerstreutheit waren viele seltsame Anekdoten im Umlauf. Amazon.de Widgets Ich verlebte vierzehn Tage im elterlichen Hause in Graz und wäre noch länger geblieben, wenn nicht bei meiner Abreise mir mitgeteilt worden wäre, daß der Internuntius zu Beginn des Juni nach Konstantinopel reise. Der Unruhen in der Wallachei wegen wurde die Reise zum 12. August von Woche zu Woche verschoben. Diese Zeit verbrachte ich in Wien auf die angenehmste Art im vertrauten Kreise alter Freunde und in dem neuer Bekannter und Gönner. Diese waren der geistreiche Fürst Sinzendorf und der Staatsminister Graf Zinzendorf, Landkomthur des deutschen Ordens. Harrach war mit ihm als deutscher Herr und als Freund auf vertrautem Fuß, und ich hatte ihm ein Empfehlungsschreiben der Gräfin Starhemberg mitgebracht. Beim Grafen Zinzendorf traf ich zum ersten mal meinen Landsmann, den Grafen Purgstall. Er war nur ein Jahr älter als ich, hatte England und Schottland bereist und sich mit der Schottin Anna Johanna aus dem alten Geschlechte der Cranstown vermählt. Als Landsleute mit gleicher Vorliebe für England, mit gleichem Durste nach Kenntnissen kamen wir uns auch als Freunde näher. Ich wohnte bei meinem Lehrer und Freund Chabert, besuchte Teimers oft und auch das Haus der Mutter meines Freundes, Baronin Krufft. Beim Hofzahnarzt Laveran speiste ich mit dem einflußreichen Polizeihofrat Schilling. Kurz nach meiner Ernennung zum Legationssekretär und vor meiner Abreise nach Graz erhielt Chabert eine Vorladung der Niederösterreichischen Regierung, ?daß er dort zu erscheinen habe und sich über eine ohne Zensurbewilligung eingerückte Übersetzung eines Ghaseles zu verantworten habe, auch soll er den »Sprachknaben« Hammer mitbringen.? Chabert wollte mich bestimmen, meine Abreise nach Graz zu verschieben und mit ihm an dem bestimmten Tag bei der Regierung zu erscheinen. Ich beantwortete die[131] Vorladung: ?Der Legationssekretär Herr von Hammer steht unter keinem Hofmeister, der ihn mitzubringen habe, er wird nach seiner Rückkehr von Graz erscheinen, vorausgesetzt, daß er bis dahin eine seinem Range entsprechende Vorladung erhalten hat.? Diese kam, und ich wurde von einer zahreichen Kommission verhört. Der Präsident forderte mich auf, mich über die Übertretung des Zensurgesetzes, demnach nichts im Auslande gedruckt werden durfte, was nicht die Zensur passiert hatte, zu verantworten. Ich gab zu Protokoll: ?Auf meinen Reisen in Kleinasien, Ägypten und England sei mir die »Wiener Zeitung« mit dieser Verordnung nicht zu Gesicht gekommen.? Als ich das nächstemal Hofrat Schilling traf und mich bei ihm über diese Plackerei beklagte, schob er das Ganze auf Untergeordnete der Zensurbehörde. Freiherr von Thugut hatte mich durch seinen Vertrauten, dem Botschaftsrat Krutscher ersuchen lassen, ihn einen Tag in Ödenburg, wohin er sich von Wien zurückgezogen hatte, zu besuchen. Um dies unbemerkt zu tun, benützte ich meine Fahrt nach Graz und fuhr über Ödenburg statt über Schottwien. Thugut erwartete mich um neun Uhr zum Frühstück. Der Empfang bei dem Minister in Ungnade stach gewaltig von dem ab, den der mir noch im Amt Stehende bereitet hat. Graf Dietrichstein mußte mich weit über Verdienst empfohlen haben. Nach dem Frühstück gingen wir vier Stunden lang in seinem Zimmer auf und ab, währenddem ich ihm von Konstantinopel, Ägypten und England erzählen mußte. Um ein Uhr speisten wir, dann wurde Spaziergang und Gespräch durch volle sechs Stunden bis neun Uhr abends ohne Unterbrechung fortgesetzt. Ich staunte über die Rüstigkeit des Sechzigers, mich übermannte die Müdigkeit, und ich sank mehr tot als lebend in die Postchaise. Am 12. August trat ich mit dem Internuntius die Reise nach Konstantinopel an, mit uns reiste der Sprachknabe Freiherr von Ottenfels-Gschwind und der Paßdirektor Steindl. 
 XVIII. Die Jahre 1812 und 1813.  [213] Während des Sommers 1812 sammelte ich in Weidling die Materialien zu meiner Geschichte der persischen Redekunst aus allen persischen Dichtern, die in der Hofbibliothek, in der der orientalischen Akademie und in der Rzewuskischen erreichbar waren. Ich las persische Dichter aller Klassen von der Schamane angefangen bis zum winzigsten Diwan. Oft stand ich um zwei oder drei Uhr morgens auf und arbeitete täglich regelmäßig zwölf, manchmal vierzehn Stunden. In diesem Jahre starb meine jüngste, mit Herrn von Fichtenau vermählte Schwester Mimi. Im September kam Herr von Raab mit seiner Frau und meiner Schwester Nani nach Wien, und in den ersten Oktobertagen fuhren wir zusammen nach Graz zu meinem Vater. Dort überließ ich mich den reinen Freuden des väterlichen Hauses, der freundlichen Aufnahme in die Gesellschaft, des Joanneum, der Natur. Die großartige Einrichtung der Lehranstalt und des Lesevereins im Joanneum, wozu Erzherzog Johann die steirischen Landstände vermocht hatte, gab den anderen Ländern und Ständen das Beispiel, ähnliche Einrichtungen ins Leben zu rufen. Ich zollte der Anstalt meine Bewunderung in sieben siebenzeiligen Strophen, welche im ?Aufmerksamen? vom 29. Oktober erschienen.[213] In diesem Jahre wurde ich zum Korrespondenten des französischen Instituts und der Asiatischen Gesellschaft in Kalkutta ernannt. Im Joanneum lernte ich den Archivar Herrn Wartinger kennen, den Verfasser der ?Kurzgefaßten Geschichte der Steiermark?. Wartinger war der Sohn eines Bauern in Ligist, von schlichtem Äußern und linkischen Manieren; er verleugnete seine Herkunft gar nicht, war aber auch nicht stolz darauf, daß er sich vom Bauern zum Archivar emporgearbeitet hatte. Er prunkte nie mit seinen Kenntnissen und war viel eher geneigt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Ich besuchte auch den ?Grafen von St. Leu?, den Exkönig von Holland, der mich zu Tisch lud und mit mir über französische und deutsche Literatur sprach. Er wurde in der deutschen von Professor Schneller unterrichtet und hatte eine Zeitlang den Antiquar Franz Gäscher als Bibliothekar. Der König sprach mit mir auch über Personen der Grazer Gesellschaft, besonders über die des Hauses Purgstall, über Lotti Werner und Adam Müller. Er gab mir ein in Maroquin gebundenes Exemplar seines Romanes ?Marie? für die Kaiserin, das ich an sie zu bestellen übernahm, und mir selbst außer einem Exemplar dieses Romanes sein Werk über den Reim im Französischen und seinen nicht glücklich ausgefallenen Versuch ungereimter französischer Verse. Die Gräfin Purgstall und andere Persönlichkeiten der Gesellschaft schilderten den Exkönig als wohltätig, wankelmütig und sehr fleißig, durch sein Benehmen als König und seinen Charakter gewiß der schätzbarste der Brüder Napoleons. Nach Wien zurückgekehrt, entledigte ich mich meines Auftrages an die Kaiserin und schickte den Roman mit einem Brief von mir an den Grafen Sickingen. Er gab den Brief der Kaiserin zu lesen, weil darin einige Bemerkungen über meine Sinekure und über die vom Kaiser mit keinem Merkmale allerhöchsten Wohlwollens ausgezeichnete Widmung der ?Topographischen Ansichten? standen. Amazon.de Widgets Bald hernach bot sich mir eine andere Gelegenheit, mich der Kaiserin in Erinnerung zu bringen. Reinhard hatte mir einen Brief Goethes mitgeteilt, worin dieser von dem Glücke, das ihm durch die Huld der Kaiserin in Karlsbad[214] zuteil geworden, begeistert schrieb. Ich teilte diesen Brief dem Grafen Sickingen für die Kaiserin mit und schrieb auch Reinhard darüber. Goethe äußerte sich in der Antwort, daß er, ?wiewohl was immer er an Reinhard schreibe, eigentlich nur zwischen ihnen beiden meine, er ihm doch das einem Dritten gegebene Recht, an dem Briefwechsel, wie etwa an einem Gespräche teilzunehmen, gerne zugestehe?. Hierauf teilte mir Reinhard eine neue, die Kaiserin betreffende Stelle eines Briefes Goethes mit der ausdrücklichen Bedingung mit, ?daß sie zwischen uns bleibe?. (Vgl. die Briefe Reinhards im Anhang.) Reinhard war damals französischer Gesandter in Kassel. Im Dezember war ich wieder in der Stadt und steckte tief in gewohnter Arbeit. Wieder versuchte ich mich in dramatischer Kunst, diesmal mit dem Singspiel ?Anahid?. Dem Grafen Metternich überreichte ich eine diplomatische Arbeit, ein Memoire über alle zwischen Österreich und der Pforte bestehenden Handels- und Friedensverträge, in welchem alle Verhältnisse der beiden Mächte, nach Rubriken geordnet, schematisch erörtert und beleuchtet waren. Dieses Memoire fiel wie alle früheren in Hudelists Hände, der, unwissend wie er war, es nötig brauchte und später dem Grafen Lützow gab, als dieser als Internuntius nach Konstantinopel kam. Der Minister nahm das Memoire gnädig an und lud mich zu Tisch. Mein Werk über die Staatsverwaltung und Staatsverfassung des Osmanischen Reiches begann ich zu dieser Zeit, zu dem ich mich durch eifriges und umfangreiches Quellenstudium vorbereitet hatte. Manches, die Osmanen Betreffendes fand ich in den Werken des Prince de Ligne, der mir die Gesamtausgabe geschenkt hatte. Am Ostersonntag speiste ich beim Grafen Apponyi mit dem Propst Hoeck, dem Direktor der orientalischen Akademie, und wir besprachen die Herausgabe des neuen Meninski, an der alle Zöglinge teilnahmen. Wir kamen auch auf das noch immer fehlende Onomastikon zu sprechen und über die Art, wie diese Arbeit zu beginnen und in wieviel Zeit sie zu vollenden wäre. Wir alle hielten die Herausgabe dieses Onomistikons für eine Ehrenschuld der Regierung.[215] Die Gründung einer Akademie der Wissenschaften, die im historischen Archiv Hormayrs besprochen worden, war dem Leibarzt des Kaisers, Dr. Stifft, welcher das Vertrauen des Kaisers in allen wissenschaftlichen Fragen besaß, ein Dorn im Auge. Ich sagte meinem Chef, der damals selbst mit der Idee umging, daß solange Stifft etwas zu sagen habe, die Sache rein unmöglich sei. Um diese Zeit schrieb mir mein gelehrter Freund, der Bischof Muenther: ?Warum hat die Kaiserstadt noch keine Akademie der Wissenschaften, nicht für Österreich allein, sondern für ganz Deutschland, die dem Pariser Institute die Waage halten könnte? Ich hatte einst eine Idee eines solchen hohen Rates deutscher Wissenschaft und Kunst bearbeitet, das war im Jahre 1805. Aber wieviel ist seitdem geschehen, und auch mein Plan endete im Papierkorb.? Ich zeigte diesen Brief meinem Chef und dieser trug mir auf, in seinem Namen Muenther um Mitteilung des Planes zu bitten. Er schickte eine große und ausführliche Arbeit ein, aber der Plan war höchst unpraktisch und verfiel sogar vielfach ins Abenteuerliche und Lächerliche; so sollte der Präsident der Akademie durch die Würde gefürstet sein. Von dieser Ausarbeitung Muenthers war keine Rede mehr.1 Graf Metternich sprach oft mit mir über politische Fragen des Orients, und ich merkte bald, daß meine Ansichten nicht mit den seinen in Einklang standen. Gentz war damals der Ansicht ? er gab sie erst in seinem letzten Lebensjahre auf ?, daß dem Osmanischen Reiche noch aufgeholfen werden könne. Hudelist war gegen jede energische Maßregel, durch die den Einfällen der Bosniaken an der Grenze allein abgeholfen werden konnte. Rußland, England und Frankreich führten den Diwan nicht anders als mit aufgehobenem Stock; dieses wurde für Österreich nicht anwendbar gehalten. Meine abweichende Ansicht war die Hauptursache, warum ich im orientalischen Referate nie verwendet, ja nicht einmal um Rat gefragt wurde; Metternich liebte es nicht, Ansichten zu hören, die von seinen eigenen abwichen oder ihnen entgegengesetzt waren.[216] Metternich stand in diesem Jahre mit seinem vollendeten vierzigsten auf dem Gipfelpunkt männlichen Alters und diplomatischer Tätigkeit. Keine späteren Verhandlungen waren für Österreich und für Europa so wichtig wie die in diesem Sommer in Prag, als Österreich sein Schwert in die schwebende Waage des Krieges warf. Metternich selbst hat diese Verhandlungen als den Glanzpunkt seiner politischen Laufbahn gewertet, und, soviel ich weiß, ist die Geschichte eben dieser die einzige, die er selbst aufgezeichnet hat. Er las diese Erinnerungen in einem kleinen Kreise der ihm Nahestehenden vor, und da ich diesem Kreise nie angehörte, so habe ich auch diese Geschichte nie zu Gesicht bekommen und habe weder über ihre historische Treue noch über ihren Stil ein Urteil; dieses kann erst die Nachwelt fällen, der die Akten vorliegen werden. (Vgl. H.v. Srbik, Metternich 1, 160f.) Das Urteil, das ich über Gang und Resultat dieser Verhandlungen von wohlunterrichteten Staatsmännern gehört, war, daß Metternich sich nicht von vornherein zum Anschlusse an die Verbündeten entschieden hatte und sich an Frankreich angeschlossen hätte, wenn Napoleon Illyrien, das lombardische Königreich und das Protektorat über den Rheinbund aufgegeben hätte. Metternich wurde erst während der vierzehntägigen Verhandlungen durch Rußland und Preußen bewogen, sich an ihre Seite zu stellen; er versäumte aber die Gelegenheit, für Österreich vorteilhaftere Bedingungen zu stellen, und ließ vieles, was damals ohne Schwierigkeiten zu erreichen gewesen wäre, offen. Ich verwendete meine ländliche Muße in Weidling ausschließlich zu literarischer Arbeit, da ich ja allen politischen und kriegerischen Ereignissen fernstand. Es war für mich höchste Zeit ? ich war vierzig Jahre alt ?, mein Johannes von Müller gegebenes Versprechen einzulösen und mich mit voller Hingabe der Geschichtschreibung zu widmen. Damals begann ich meine ?Geschichte der Assassinen? und las die Geschichte Gibbons. Mein Vater gab mir Nachricht, daß Erzherzog Johann an den Landeshauptmann der Steiermark ein für mich sehr ehrendes Schreiben gerichtet habe, in welchem er mich den[217] Ständen zur Verleihung der Landmannschaft empfahl. Der Erzherzog wußte damals ebensowenig wie ich, daß dem die Verordnung widersprach, nach der die Landmannschaft nur Rittern verliehen werden konnte, und daß das ?von? oder ?Edler von? dazu nicht hinreichte. 1 Amazon.de Widgets Über den Plan Muenthers vgl. Schlitter in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften, 197. Bd., 5. Abt. 
 IV. Reise an Bord des ?Tiger? und Aufenthalt in Rhodos (1800).  [48] Am 22. Februar 1800, als ich vom Internuntius die Zustimmung zur Landreise und das nötige Geleite von Gesandtschaftsjanitscharen erhalten hatte, stieg ich zu Haiwan Serai zu Pferde. Mein Aufbruch geschah bei herrlichem Sonnenuntergang, einem der schönsten, den ich je gesehen. Die Sonnenuntergänge des Mittelmeeres sind reiner, goldener, schmelzender als die nordischer Himmelsstriche, aber nur selten gewähren sie die Mannigfaltigkeit des Farbenspieles, der Glanzwirkung und der Glüheffekte wie die der Alpenländer. Diesmal machte der Himmel Konstantinopels eine Ausnahme und die nachglühenden Streiflichter, die grünen und gelben Tinten des die Stadt der sieben Hügel überwölbenden Wolkenzeltes höhnten die Lampenkränze, die heute zum letztenmal alle Gallerien der Minarette krönten. Die Nacht war sternenhell, die Straße kotig und schlecht und so holperte ich auf ihr, die zwischen Leichensteinen vom Tore Siliwri (Elymbrias) ausgeht, im Schritte fort, und erst um Mitternacht kamen wir in Kütschük-Tschekmedsche (?Die kleine Ziehlade?) an. Da die Namen der beiden Dörfer Kütschük- und Bujuk-Tschekmedsche in gar keiner Beziehung zu den beiden alten Namen dieser Orte, wovon jenes Atyras, dieses Regium hieß, steht, so ist der Ursprung der türkischen Benennung als ?große und kleine Ziehlade? schwer zu erraten. Die große, eigentlich aus vier kleinen zusammengesetzte Brücke zwischen Klein- und Groß-Tschekmedsche über die Mündung des vereinten Stromes Bathynias ist ein der Zeit der höchsten Glorie osmanischer Macht würdiges Werk. Sie ward zu Ende der Regierung Suleimans des Gesetzgebers begonnen und im Anfang der Regierung seines Sohnes Selim II. vollendet. Die Zeit des Beginnes und der Vollendung meldet die türkische, schön verschlungene Inschrift, die erste der zahlreichen, die ich auf dieser Reise abschrieb. So weit das Auge reichte, standen die Täler unter Wasser, nur schmale[49] Erdzungen trennten die Gewässer und gaben dem Ganzen das Ansehen eines von Kanälen durchschnittenen oder vom Meere überschwemmten Landes. Am frühen Abend erreichte ich Siliwri, das alte Selymbrias. Die Straße zieht längs der flachen Ufer hin, die sich eine Stunde vor Siliwri felsig erheben und mit denen die alten Mauern Selymbrias teilweise architektonisch verbunden sind. Das Schloß hat vierhundert Schritte im Gevierte und ist von den drei Landseiten mit hohen Mauern umschlossen, die damals noch mit offenen Bogen gekrönt waren. Von der Wasserseite her ist die Stadt am stärksten befestigt, das erste Tor ist von zwei fünfeckigen, das zweite von zwei runden Türmen flankiert. Die aus Ziegeln gebauten Mauern des Schlosses sind von außen mit Steinquadern bekleidet, doch so, daß immer in einer Höhe von einigen Klaftern eine dreifache Ziegelreihe wie ein Gürtel durch den Steinwall zieht. An manchen Stellen auf der Meerseite, das ist die östliche, sitzen die Mauern unmittelbar auf den Felsen auf. Auf der Südseite sind noch auf dem Fuße des Hügels große alte Brunnen zu sehen. Überall liegen große viereckige Steine herum von derselben Größe und Form wie die, womit die Mauern bekleidet sind, diese gaben, zum Teil zerstört, ihre Quadern zu Grundfesten von Häusern oder zu Leichensteinen her. Von Selymbria aus lief die alte lange Mauer bis nach Derkos ans Schwarze Meer, mit der Kaiser Anastasios das Dreieck der byzantinischen Halbinsel gegen die Streifzüge der Barbaren abschloß. Dem ganzen Dreiecke, dessen eine Seite eine Tagreise lang war, war das kleine Konstantinopel, dessen eine Seite eine Stunde lang war, eingeschoben. Von Selymbria laufen die Ufer des Meeres eben fort, bis sie sich zu Eregli (Periclea, vormals Perinthos) wieder zum Vorgebirge erheben, von dem einst ein Tempel in die Propontis blickte. Auf den Ruinen des alten Tempels steht heute eine griechische Kirche oder vielmehr Kapelle, denn sie ist nur zwanzig Schritte lang. Der 24. Februar war ein schöner Frühlingstag und die Luft gewitterschwül, es donnerte in der Ferne. Am folgenden[50] Morgen, als ich in Rodosto erwachte, stürmte der Nordwind und die Gegend war mit Schnee bedeckt. Zum erstenmal war ich Zeuge des so schnellen, aber hier nicht seltenen Überganges von donnerndem zu schneiendem Himmel, von sonnenklarer Gewitterschwüle zu eisigem Frost. Das stürmische Wetter hielt zehn Tage an, ohne daß eines der auf der Reede von Rodosto liegenden Fahrzeuge sich ins Meer, auch nur bis an die Dardanellen wagte. Während dieser Zeit bereitete ich mich durch die Lesung der Ilias auf die Ebene Troas vor. Ich wohnte im Hause des englischen und österreichischen Agenten Köseyi, eines levantisierten Ungarn, dessen Großvater der Kammerdiener des in der dortigen Kirche an der Seite seiner Mutter begrabenen letzten Fürsten Rakoczy. Ich schrieb ihre Grabschriften ab, ebenso die auf dem armenischen Friedhof in Nikomedien gefundene Emmerich Tökölys. Tököly und Rakoczy büßten ihre Anhänglichkeit an die Türken, beide wurden aus ihrem Vaterlande an die beiden Gestade der Propontis verbannt und starben im Zeitraume von 30 Jahren. Tököly starb in Nikomedien im Jahre 1707, Rakoczy in Rodosto im Jahre 1735. Nach zehn Tagen war das Meer so weit beruhigt, daß der Kapitän eines österreichischen Brigantino nach den Dardanellen die Segel spannte. Aber wie mein Mißgeschick mich zehn Tage in Rodosto gefesselt, so hielt es mich ebensolange an den Dardanellen zurück; in diesen Tagen tobten sich die Äquinoktialstürme aus. So mußte ich im Hause des österreichischen Vizekonsuls Chialli acht Tage feiern, bis ich endlich die Ebene von Troas besuchen konnte. Außer dem Hause des österreichischen Konsuls besuchte ich in Tschanak-Kalessi das des englischen, des Hebräers Ghormezzano, für den mir der englische Minister Spencer Smith Empfehlungsbriefe gegeben. Er hatte der Eröffnung des Grabhügels des Achilles durch Choiseul-Gouffier beigewohnt. Erst in der Hälfte März konnte ich nach Kunkalaa und von dort aus die Ebene von Troas besuchen, wo ich am 17. März die Quellen des Skamandros unter Steinen rauschen hörte. Nach meiner Rückkehr schiffte ich mich auf einer griechischen Sakolake nach Chios ein. Bei herrlicher Frühlingssonne[51] und frischem Nordwind durchschnitt das kleine Fahrzeug die Mündung der Meerenge, deren europäische Schlösser ?Meeresdamm? und ?Meeresschlüssel?, das asiatische ?Schlüsselloch? heißt. Im Vorbeifahren grüßte ich noch einmal das Grab des Mannes, ?der hinsank im Streit dem gottlosen Hektor?, die Gräber anderer griechischer und trojanischer Helden und die Ruinen von Alexandria-Troas, die zu besuchen ich mir bei der schon großen Verspätung meiner Reise nicht mehr gönnen konnte. Amazon.de Widgets Ich las abwechselnd die Reisen des jüngeren Plinius und den Sallust und hörte den Wogen zu, die sich am Kiele des Fahrzeuges in vielstimmigem Geflüster brachen. Meinen Freunden Müller und Böttiger teilte ich die beiden Weihegesänge des ersten und zweiten Teiles der ?Schain? mit, deren ersten ich in der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche an der nördlichen Mündung des Bosporus, den zweiten in der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche an der südlichen Mündung des Hellespont gedichtet hatte. Selbst auf der kurzen Fahrt von den Dardanellen nach Chios war der Wind nicht immer günstig, wir landeten auf Mytilene für einige Stunden. In Chios blieb ich nur einen Tag, er mußte mir genügen, um mit dem zauberischen Gemälde der Armidagärten dieses feenhaften Eilandes mein schönheitsdurstiges Auge zu füllen; ich ritt nach der sogenannten Schule Homers, und der folgende Morgen fand mich in einem anderen Fahrzeug unterwegs nach Rhodos. Nie im Leben schien mir eine Fahrt so kurz wie diese, der beständige Wechsel der nahenden und fliehenden Inseln, die immer fortwährende Veränderung der Perspektive, die Erinnerungen an die Begebenheiten aus der Geschichte und den Sagen, von denen jede dieser Inseln ein Schauplatz war, der blaue Himmel, alles umfloß mich mit unaussprechlichem Zauber. Die ortsbeschreibenden Ergebnisse meines mehrmaligen Aufenthaltes auf Rhodos, diesem Sonnen- und Roseneiland, habe ich in den ?Topographischen Ansichten auf einer Reise durch die Levante? niedergelegt. Bei meiner ersten Landung beschäftigte mich natürlich nichts so sehr, als die Stelle zu finden, wo der berühmte Sonnenkoloß stand.[52] Gedrängt von dem Wunsche, meine bisherige Schneckenreise zu beschleunigen, nahm ich mir diesmal zu längerem Aufenthalt und wissenschaftlichen Untersuchungen keine Zeit. Ich stieg bei einem englischen Schiffskommissär, dem ich von Spencer Smith empfohlen war, ab. Vergebens hielt ich Umschau nach einem dalmatinischen Schiff, mit Mühe fand ich Platz auf einem griechischen, auf welchem sich einige zwanzig Albanesen, die ins Lager des Großveziers bestimmt waren, nach Larnaca eingeschifft hatten. Dies war nun die vierte Metastrophe meines Reisehymnus und die unangenehmste von allen durch das Zusammensein mit diesen Haufen roher und ungezügelter Barbaren. Sie zwangen den Kapitän mit ihren Pistolen, in Limassol zu landen, obwohl seine Fracht nach Larnaca bestimmt war. Die Landung an diesem Orte der Insel war mir zwar unangenehm, denn sie lenkte mich abermals von der Linie meiner ägyptischen Reise ab, um so erwünschter war mir die Befreiung von der albanesischen Rotte. Bis zu meiner Landung in Limassol war nun ein voller Monat seit meiner Abreise von Konstantinopel vergangen. Ein großes türkisches Transportschiff, das in ein paar Tagen nach Alexandrien abgehen sollte, lag auf der Reede von Limassol, ich dingte mir die Mitfahrt aus und sandte einen Eilboten an den englischen Konsul in Larnaca mit den Depeschen von Spencer Smith, die ich ihm selbst zu übergeben gerechnet hatte. Nach einem Ausflug nach San Nicolo, wo ich die Ruinen eines Tempels fand, schiffte ich mich zum fünftenmal ein. Auf dem türkischen Transportschiffe befand ich mich weit behaglicher als auf allen, die ich bisher benützt hatte. Wir waren kaum einige Stunden unterwegs, als wir mehrere Kauffahrteischiffe begegneten und durch sie die Hiobspost der neuerlich über Alexandrien und Ägypten verhängten Seesperre vernahmen: die Konvention von El-Aarish war nicht genehmigt worden. Der türkische Kapitän kehrt um und steuerte nach Larnaca. Dort feierte ich die Osterwoche und noch zwei weitere, weil ich nun nach der verbreiteten Schreckensnachricht der neuerlichen Absperrung Ägyptens kein dorthin segelndes Schiff fand. Ich lebte im Hause des kaiserlichen Vizekonsuls,[53] eines sehr förmlichen Maltesers, der mich bei den Osterbesuchen, die sich die Konsuln gegenseitig erstatteten, bei diesen und in anderen zypriotischen Häusern vorstellte. Da sich kein Schiff fand, das zum englischen Geschwader fuhr, auch keines von diesem ankam, blieb mir nichts übrig, als ein kleines Fahrzeug zu mieten, das mich zum englischen, vor Alexandria kreuzenden Geschwader bringen sollte. Dies war meine sechste Einschiffung seit Konstantinopel, die armseligste von allen, und sie brachte mich ebensowenig ans Ziel wie die übrigen fünf. Zu meinem Glück erschien ein englisches Transportschiff, das mich sogleich an Bord nahm; dieses siebente Fahrzeug brachte mich am 22. April, also volle zwei Monate, nachdem ich Konstantinopel verlassen, an Bord des ?Tiger?, wo mich Sir Sidney Smith gastfreundlichst aufnahm. Kriegsschiffe hatte ich in Konstantinopel in allen Größen gesehen, doch war ich bisher nur an Bord von Kauffahrteischiffen und Briggs gewesen. Ein Koloß wie der ?Tiger?, an dessen Bord sich anderthalbhundert Menschen befanden, der achtzig Kanonen führte, war für mich eine neue Erscheinung. Ich war auf die Bekanntschaft des Kommandanten Sir Sidney Smith, des Helden meines Gedichtes ?Die Eroberung von Akri?, gespannt und hatte bei meiner Ankunft auf dem vor der Küste Ägyptens kreuzenden ?Tiger? für nichts anderes als für den Befehlshaber des Geschwaders Auge und Ohr. Ich fand Sir Sidney in der Abfertigung von Depeschen begriffen, auf welche eine dem ?Tiger? folgende Brigg wartete. Das Wort der Araber: ?Erst das Brot gebrochen, dann das Wort gesprochen? und die gastfreundliche Sitte, erst den Gast zu bewirten, ehe Geschäfte verhandelt werden, war bei Sir Sidney ins Leben übergegangen. Sir Sidney war ein blühender, schöner Mann von 36 Jahren, von mittlerer Statur und schmächtigem Aussehen. Lichtbraune Haare umgaben in reichen natürlichen Locken die hohe, schön gewölbte Stirn, aus der Verstand und Seelengüte sprachen. Sanftmut milderte das Feuer der helleuchtenden blauen Augen, das nur im ernsten Kampf des Streites oder Wortes drohend brannte. Gewöhnlich[54] ruhig und sanft in seinen Bewegungen, beflügelte er dieselben am Tage der Schlacht und in den Stunden entscheidender Unternehmung und umgekehrt dämpfte sich in solchem Falle die gewöhnliche Lebendigkeit seines Geistes und Gespräches, und er ward um so ruhiger und kälter, je größer die Gefahr. So lernte ich ihn freilich nicht beim ersten Anblick, erst in Tagen der Schlacht und Gefahren kennen. Auch die nächste Umgebung Sir Sidneys bot interessante Charaktere. Vor allem sein Sekretär Keith, ein hochgewachsener Schotte von nicht dreißig Jahren; er hatte einige Zeit in Frankreich gelebt und hatte sich das Französische in Sprache und Schrift besser angeeignet, als dies bei Engländern insgemein der Fall ist, allerdings nicht so gut wie Sir Sidney. Sein großmütiger Sinn wetteiferte mit dem Sir Sidneys bis zu an Verschwendung grenzende Freigebigkeit, er hielt die Papiere seines Vorgesetzten in besserer Ordnung, als er sie für sich gehalten hätte. Ungeachtet seiner großen Verehrung und Anhänglichkeit für Sir Sidney war er nichts weniger als dessen blinder Verehrer und Schmeichler wie der Schiffsleutnant Wright, der sein Gefährte in französischer Gefangenschaft gewesen und seine Verehrung bis zur bewußten Anbetung trieb, er ahmte den Gang, die Haltung, die Art, den Mantel und das Haar zu tragen, sklavisch nach. Diese beiden besten und treuesten Freunde Sir Sidneys fanden einen tragischen Tod, Keith noch im ägyptischen Feldzug in den Fluten des Nils und Wright später im französischen Kerker, gleich Pichegru von Bütteln erdrosselt. Diesen beiden zunächst steht die Trias seiner französischen Freunde, Du Roi, Tromelin und Frotté, welche mit ihm die Gefangenschaft im Temple geteilt und zu seiner Befreiung aus derselben das ihrige beigetragen hatten. Du Roi, der tüchtigste von den Dreien, hatte als Offizier des Direktoriums verkleidet mit gefälschtem Befehl Sir Sidney Smith und den mit ihm unter dem Namen Dromley als Engländer gefangengehaltenen emigrierten Tromelin aus dem Temple befreit, als geschickter Artillerieoffizier hatte er das Meiste zur Verteidigung Akkas beigetragen. Ihn sah ich nur ein paar Wochen lang, bei der Ankunft des[55] ?Tiger? in Rhodos verließ er uns und reiste über Wien nach England. Mit Frotté und Tromelin lebte ich lange genug zusammen, um sie kennenzulernen. Der erste, ein junger, hochherziger Normanne, hatte in seinen Adern dasselbe Blut, das seine nächsten Verwandten für den alten Glauben und das alte Königtum vergossen, auch er starb später im französischen Kerker. Tromelin war das Nonplusultra französischer Frivolität, Gourmandise, Oberflächlichkeit und Redseligkeit, deren Strom sich besonders über politische Gegenstände am breitesten ergoß. Er kehrte noch unter Napoleons Regierung ins Vaterland zurück und diente in der Armee als Maréchal de Camp. Ich konnte mich nie näher mit ihm befreunden, während mich des jungen Grafen Frotté normannischer Charakter, Ernst und solide Biederkeit sehr ansprach und ich ihm aufrichtig zugetan war. In ungeheurem Abstand von dieser Pentas der Freunde und Handlanger des Dienstes stand der Dolmetsch, der Zypriot Amaxaris, das heißt Wagner, so genannt, weil sein Vater wirklich das Gewerbe der Herstellung unförmlicher türkischer Arbas trieb, die sein Sohn vielleicht besser gelenkt hätte als das Amt des Dolmetsch, das er hier bekleidete. Sein Äußeres war sehr bettelhaft, er war roh und unerzogen, Arabisch konnte er gar nicht, Türkisch so wenig, daß er es kaum lesen konnte. Er verstand die Geschäftsschreiben des Großveziers und Kapudan-Paschas, mit denen Sir Sidney seit der Unterhandlung der Konvention von El-Aarish in beständigem diplomatischem Verkehr war, gar nicht und war nicht imstande, sie weder französisch noch italienisch richtig zu übersetzen. Seine Muttersprache Griechisch sprach er in der verderbtesten aller Mundarten, in der zyprischen. Obwohl meine Verwendung als Dolmetsch-Sekretär nicht im Zweck und Auftrag meiner Sendung lag, sah Sir Sidney doch bald ein, daß ihm meine Gegenwart als Dolmetsch-Sekretär nützlich sein könne, und mir konnte nichts erwünschter sein, als durch diese Verwendung den Gang der ägyptischen Lage genau kennenzulernen, welche die wichtigste Frage der levantinischen Politik war.[56] Ich konnte aus dem Türkischen oder Arabischen ins Französische, Italienische oder Englische übersetzen, sprach Türkisch wie Deutsch und konnte mich im Arabischen mit dem Fürsten des Libanon, Emir Behir, der sich als hilfeflehender Flüchtling vor des Tyrannen Dschefar-Pascha Übermacht an Bord des ?Tiger? befand, und mit seinem Gefolge einigen. Von den englischen Schiffsoffizieren, die mich manchmal in ihre ?Mass? zu Tische luden, gefiel mir besonders der wackere erste Leutnant Bushby, ein glänzender Seemann, und von den Midshipmen der schlanke und behende Barrow, der sich später mit der Herausgabe der Lebensbeschreibung Sir Sidneys beschäftigte, dem er, wie die meisten Offiziere des ?Tiger?, mit Bewunderung und Anhänglichkeit ergeben war. Das englische Schiffsleben hatte trotz seiner Eintönigkeit für mich den großen Reiz der Neuheit. Mit dem Übel der Seekrankheit und allem Ungemach kleiner Fahrzeuge war ich auf meinen sieben flachen Schiffen vertraut geworden, nun lernte ich den Komfort eines großen englischen Kriegsschiffes kennen, auf welchem der minderen Bewegung wegen der Anlaß zur Seekrankheit viel geringer ist. Als ich an Bord des ?Tiger? kam, waren sechs Wochen verflossen, seit Sir Sidney Smith von Lord Keith, dem Oberbefehlshaber der englischen Flotte im Mittelmeer, die Nachricht von der Nichtgenehmigung der Konvention von El-Aarish erhalten und davon augenblicklich den Großvezier und den General Klebér, mit welchem die Konvention abgeschlossen worden war, verständigt hatte. Die Nichtgenehmigung dieser am 21. Januar zwischen dem französischen Bevollmächtigten General Dessayx, dem Verwalter der Finanzen Toussielques einerseits, dem Deftertar Raschid Mustafa und dem Reis-Efendi Mustafa Redich andererseits abgeschlossenen Konvention ist die Ursache des mit großem Aufwand von Blut und Geld in Ägypten geführten englischen Feldzuges. Sir Sidney Smith hatte zwar keine spezielle Vollmacht zur Vermittlung, handelte aber trotzdem im Sinne seiner Verhaltungsbefehle und hatte den größten Anteil an dem Zustandekommen. Noch waltet[57] über der Vorgeschichte dieses Feldzuges manches Dunkel, ich halte es daher der Mühe wert, zur Aufhellung desselben die genaue Kenntnis der Lage zu benützen, in die mich bald nach meinem Eintreffen an Bord des ?Tiger? das Vertrauen Sir Sidneys setzte. Ein Rückblick auf die Begebenheiten des vorhergehenden Jahres (1799) ist nötig. Amazon.de Widgets Obwohl die erwähnte Konvention, welche den Franzosen den freien Abzug aus Ägypten mit ihren Waffen und Habseligkeiten gewährte, die von El-Aarish heißt, weil sie in diesem kleinen Fort am Ende der Küste gegen Syrien von den französischen und türkischen Bevollmächtigten unterzeichnet wurde, wurde sie doch nicht dort, sondern an Bord des ?Tiger? von Sir Sidney mit Dessayx und Toussielques unterhandelt. Diese Unterhandlung fand anfangs ohne Wissen des Großveziers, aber mit Zustimmung des englischen Botschafters in Konstantinopel und des russischen Ministers Tomara statt, der letztere leitete den Botschafter und gab der Unterhandlung so lange seinen Beifall, als er nicht an einen Erfolg derselben glaubte. Seine Sprache änderte sich, sobald sie zustande gekommen war. Im Lager des Großveziers befand sich der russische Dolmetsch Franchini, Lord Elgin hatte seinen Privatsekretär Morier dahingeschickt. In einem Schreiben vom 16. November 1799 an Sir Sidney Smith hatte Lord Elgin den Bemühungen desselben, zwischen Franzosen und Türken einen Ausgleich zur Räumung Ägyptens zu bewirken, seine volle Zustimmung gegeben, als dieser Ausgleich aber ohne sein Zutun zustande kam, erwachte seine kleinliche diplomatische Scheelsucht, mit welcher er während seines ganzen Aufenthaltes in Konstantinopel die beiden Brüder Smith verfolgte und ihnen Prügel unter die Füße warf. Sobald die Nachricht von der Unterzeichnung der Konvention nach Konstantinopel kam, worauf Baron Herbert sofort meine Reise anbefahl, tadelten Lord Elgin und Tomara Sir Sidneys Benehmen und behaupteten, Sir Smith habe ganz gegen seine Verhaltungsmaßregeln gehandelt. Tomara wollte nichts von dem Artikel der Konvention wissen, welcher sowohl vonseiten der Pforte als von der Englands[58] und Rußlands Pässe und sicheres Geleit für die französischen Transportschiffe stipulierte. Die Türken waren, nachdem El-Aarish am 28. Dezember kapituliert hatte, leicht zu überreden, daß das Heer des Großveziers auch ohne Konvention die Franzosen mit Gewalt aus Ägypten zu vertreiben imstande sei. Auch Baron Thugut in Wien mißbilligte die Konvention, da er eine bedeutende Stärkung des französischen Heeres in Italien als ihre Folge befürchtete. Sicher wäre durch die Ankunft des ägyptischen Heeres der Franzosen die Stellung des österreichischen in Italien verschlechtert worden und es ist ein sonderbarer Zufall, daß die Schlacht von Marengo (14. Juni 1800) wirklich durch den aus Ägypten angekommenen General Dessayx, den Unterhändler der Konvention von El-Aarish, entschieden wurde, der in ihr fiel. Die Türkei hatte die Konvention sofort genehmigt, und der Großvezier hatte schon die Spitze seines Heeres von Syrien aus durch die Wüste in Bewegung gesetzt. Er drang auf die schnellere Räumung der in der Konvention genannten Plätze, besonders Kairos. Dieses sollte am 40., spätestens am 45. Tage nach erfolgter Genehmigung geräumt werden. Klebér zweifelte nicht an der Genehmigung der Konvention durch die verbündeten Mächte, obwohl diese beim Abschluß nicht einmal durch Bevollmächtigte vertreten waren, und wünschte Ägypten je eher je lieber zu verlassen, da das Andrängen des türkischen Heeres in Kairo bereits große Beunruhigung hervorrief. Er gab den Anträgen des Großveziers nach und hatte die Räumung der Zitadelle für den 12. März, an welchem die 45 Tage verflossen waren, zugesagt. Dem Großvezier mißfiel die Wahl dieses Tages ? ein Mittwoch. Er war abergläubisch wie alle Türken. Er bat daher die Räumung auf den folgenden Donnerstag, als den Tag, den der Prophet als von Gott gesegnet erklärt, festzusetzen. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag traf Sir Sidneys Schreiben an General Klebér ein, in welchem diesem mit der größten Offenheit und Redlichkeit die vom britischen Ministerium verweigerte Genehmigung der Konvention mitgeteilt und er gebeten[59] wurde, Kairo dem Großvezier nicht eher zu übergeben, als bis diese Genehmigung erfolgt sei. So rächte sich der Aberglaube durch die um 24 Stunden verschobene Erfüllung einer vernunftmäßigen Pflicht. Bei El-Chanka erlitt der Großvezier eine schwere Niederlage am 20. März. Das Schreiben, durch welches der Großvezier dem Commodore Nachricht von der verlorenen Schlacht und seiner Flucht nach El-Aarish gab, scheint in der größten Verwirrung vom Großvezier eigenhändig geschrieben worden zu sein. Alle üblichen Eingangsformeln und Komplimente fehlen, es zeigte sich nicht die schöne Hand der Staatskanzlei, sondern eine flüchtige und unschöne, keine Floskeln und schwülstigen Phrasen kamen vor, es war einfach und natürlich, jedoch wie alle osmanischen Staatsschreiben ohne Datum. Dieser Mangel des Datums war bis in die jüngste Zeit politische Kabinettmaxime türkischer und persischer Staatsschreiben. Das geschriebene Wort sollte nur eine bloße Förmlichkeit der Staatskanzlei vorstellen und so wenig wie möglich sagen, die nähere Bestimmung der Daten und Tatsachen war immer der mündlichen Ergänzung des Überbringers vorbehalten. Dieses auf der Flucht des Großveziers nach El-Aarish abgefertigte Schreiben an Sir Sidney, ein Schreiben desselben, sogleich nach der Ankunft von Sir Sidneys Warnungsschreiben an Klebér vom Großvezier in gerechtem Unwillen über die Nichtgenehmigung der Konvention durch England erlassenes und ein drittes aus Jaffa datiertes waren die jüngsten Schreiben, welche mir Sir Sidney gleich nach meiner Ankunft an Bord des ?Tiger? zum Übersetzen gab. (B. 2, 3, 4.) Zehn Tage nach meiner Ankunft auf dem ?Tiger?, welcher aus den alexandrinischen Gewässern nach Rhodos segelte, erstattete ich meinen ersten Bericht an den Internuntius, dem ich die Abschrift dieser Schreiben, der Konvention von El-Aarish und einer von Keith, dem Privatsekretär Sir Sidneys, entworfenen Charakterskizze Klebérs beilegte. (B. 5.) Zwei Tage später landeten wir auf Rhodos. Wir erwarteten die Flotte des Kapudan-Paschas, deren Auslaufen aus Konstantinopel angekündigt war. Sir Sidney[60] setzte voraus, daß das britische Ministerium nun nach der Niederlage des Großveziers den Fehler einsehen werde, den es durch die Verweigerung der Ratifikation begangen, und ihn durch die Bestätigung der Konvention in Bälde gutmachen werde und verweilte in diesen Erwartungen volle sechs Wochen auf Rhodos. Ich verlebte diese Zeit vom Mai bis in die erste Hälfte des Juni im Genuß der schönen Natur und des milden Himmelsstriches in heiterer und freier Muße. Durch die lange Seereise von Konstantinopel an Bord des ?Tiger? war ich ermüdet und an Zeitverschwendung gewöhnt, so ließ ich es mir in süßer ländlicher Ruhe nur zu wohl sein und vertrödelte die Zeit, die ich besser zu Ausflügen ins Innere der Insel und zu Forschungen hätte verwenden können, in Spazierritten mit Sir Sidney und Spaziergängen mit Keith und Frotté. In den Morgenstunden ordnete ich die orientalische Korrespondenz Sir Sidneys oder setzte dieselbe fort, wie zum Beispiel an Emir Behir, welcher den ?Tiger? noch vor unserer Ankunft in Rhodos verlassen hatte. Vormittags begleitete ich Sir Sidney auf seinem fast täglichen Besuche bei Hassan-Bey, dem Mutaselim der Insel, dessen Mitwirkung in allen die Verproviantierung der Flotte betreffenden Fragen wesentlich war. Amazon.de Widgets Die meisten Gassen der Vorstädte von Rhodos, viele auch in der Stadt, sind durch bloße Mauern der Gärten oder der Häuser gebildet, die Fenster gehen nicht auf die Gasse, sondern in den inneren Hof oder Garten, daher wandelt man wie auch in anderen orientalischen Städten nur zwischen Mauern mit verschlossenen Türen. Einmal geriet ich in eine solche abgelegene einsame Gasse, die in gerader Linie aufs Meer zulief, so daß man gerade auf den im Hafen liegenden ?Tiger? sah. In der Mitte der Straße fand ich einen griechischen Altar, dessen verwitterte Inschrift ich entzifferte. Eines Morgens fand ich in meinem Bette einen ziemlich großen Skorpion. Der Fund wurde beim Frühstück besprochen und es wurde beschlossen, in durch Öl in einer Flasche so in die Enge zu treiben, bis er sich selbst erstechen würde. Ich hatte dies noch nie gehört und auch den anderen war dieses Schauspiel neu und unglaublich. Es traf aber[61] alles ein, wie es Sir Sidney vorausgesagt hatte. Als die Flasche verstopft und auf die Seite gelegt war, so daß der Skorpion im Öl zu ersticken nahe war, tötete er sich selbst mit seinem Stachel. Der einzige bekannte Selbstmörder unter den Tieren. Diese sechs Wochen der Frühlingsferien auf Rhodos waren schnell und angenehm verflossen, ich ahnte nicht, daß sich dort eine türkische Bibliothek befand und erfuhr es leider zu spät. Es war die des Reis-Efendi, der ein halbes Jahr vorher hingerichtet worden war, desselben, der als Gesandter in Wien meine Sprachkenntnisse belobt hatte. Auch nach diesen sechs Wochen war die ersehnte Genehmigung aus London noch nicht eingetroffen, die Flotte des Kapudan-Pascha kreuzte vor Alexandrien. In der Nacht vom 16. Juli lichtete der ?Tiger? seine Anker. 
 XI. Das Jahr 1803 in Pera und Bujukdere.  [139] Die Ankunft des neuen russischen Gesandten Herrn von Italinski und des französischen Botschafters Maréchal Brune brachte neues Leben in die Gesellschaft von Pera. Den Palast des ersten in Bujukdere schmückten die herrlichsten Gemälde, die aber bei einer Gesellschaft wie die von Pera gar nicht am Platze waren, denn, nur einige wenige Mitglieder der Gesandtschaft ausgenommen, war die Gesellschaft gar nicht fähig, sie zu würdigen. Der französische Botschafter und die meisten Beamten dieser Botschaft waren Kinder der Revolution. Maréchal Brune selbst ein früherer Drechslergeselle und seine Gattin eine einstige Wirtstochter. Die militärische Laufbahn hatte dem großgewachsenen, stattlichen Mann die würdevolle Haltung des Generals verliehen, seine Frau hatte Ton und Manieren des Gasthauses behalten. Bald ereigneten sich zwei Vorfälle, welche mein gesellschaftliches Verhältnis zu meinem Chef für die ganze Zeit meines Dienstes unter ihm vergifteten und viele Unannehmlichkeiten[139] und Kränkungen für mich im Gefolge hatten. Die Stelle des ersten Gesandtschaftsdolmetsches, auf welche meine Kollegen Klezl und Fleischhackl von Hackerau durch ihre Dienstjahre Anspruch hatten, war durch Stürmer keinem von diesen, keinem Österreicher, sondern Charles Testa, dem bisherigen schwedischen Dolmetsch, verliehen worden, weil dieser ein Vetter von Frau von Stürmer war. Die ganze Gesandtschaft war über die Ungerechtigkeit bestürzt und unzufrieden. Diese Maßregel war eben so ungerecht, wie sie auch dem bisher mit gutem Erfolge aufrecht erhaltenem System widersprach, den Dolmetschdienst nicht durch Peroten, sondern durch Landeskinder versehen zu lassen. Frankreich hatte als erstes Land die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung erkannt und seine Dolmetsche im College de Louis le Grand in Paris durch den Unterricht in orientalischen Sprachen zu ?Jeunes de langue? herangebildet. Maria Theresia, die große Kaiserin, hatte die Nützlichkeit dieser Einrichtung anerkannt und die orientalische Akademie in Wien ins Leben gerufen. Thugut und Jenisch, jener als Staatsmann und dieser als Orientalist in der Geschichte der Politik und der Gelehrsamkeit verewigt, waren die ersten Zöglinge dieser Erziehungsanstalt gewesen. Aus dieser Akademie zu Wien waren seit Thugut und Jenisch, also seit der Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Dolmetsche an der Pforte mit der einzigen Ausnahme von Bartholomy Testa, dem Schwiegervater Stürmers, hervorgegangen. Stürmer hatte die Ernennung erst ein paar Monate nach seiner Ankunft in Konstantinopel in Wien vorgeschlagen und zugleich berichtet, daß er sich davon überzeugt habe, daß kein einziges Mitglied der Gesandtschaft zum Dienste des ersten Dolmetsch so geeignet sei wie sein Vetter, der bisherige schwedische Dolmetsch Charles Testa. Die beiden Dolmetsche Fleischhackl und Klezl wurden von dieser Ungerechtigkeit schwer getroffen, sie hatten aber nicht den Mut, ihre Sache selbst beim Hofe zu verfechten und machten ihren Unwillen nur in leidenschaftlichen Worten Luft. Sie wandten sich an mich, den Legationssekretär, mit der Bitte, die Sache des Dienstes und ihres Rechtes in einem Schreiben an die Minister zu vertreten. Obwohl ich[140] durch diese Ungerechtigkeit nicht persönlich betroffen war, empörte sie mich, und ich setzte in zwei langen Schreiben an den Kabinettsminister Grafen Colloredo und den Vizestaatskanzler Grafen Cobenzl die Unklugheit und Gehässigkeit dieser Maßregel auseinander. Ich schloß die beiden Schreiben offen einem Briefe an den Staatsrat und Staatsreferendar Freiherrn von Collenbach bei und bat ihn, dieselben, wenn er es für gut hielte, zu übergeben. Seine Antwort war freundschaftlich, aber mißbilligend und belehrte mich, daß er die beiden Briefe nicht übergab. (B. 19.) Charles Testas Ernennung wuchs mit der Zeit zu einer persönlichen Kränkung für mich heran. Bei den ersten Kurieren, das sind die zweimal des Monates ankommenden und abgehenden Posten, begab ich mich mit dem Hofpakete zum Internuntius, wo sich auch Testa befand. Statt dasselbe von mir erbrechen und sich die Depeschen vorlegen zu lassen, hieß er mich gehen, Testa bleiben, und als ich dagegen Einwendungen machte, erklärte er, daß er mir keine Aufklärung schulde, daß Testa sein Vertrauen besitze und schloß mir die Türe vor meiner Nase. Ich war so unklug über diese Behandlung, die mich empfindlich kränkte, meinen Kollegen gegenüber zu sprechen, statt sie einzustecken und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Amazon.de Widgets Unter meinen Kollegen glaubte ich einen Freund im wahrsten Sinne des Wortes zu besitzen, nämlich den Sprachknaben Freiherrn von Ottenfels. Er war fünf Jahre jünger als ich, war auch fünf Jahre später in der orientalischen Akademie und war aus ihr gleich nach Vollendung des Kurses nach Konstantinopel gekommen. Damals heuchelte er so große Freundschaft für mich, daß er auf Schritt und Tritt mein unzertrennlicher Gefährte war und mich bei allen Besuchen in Pera begleitete. Der Nachsatz eines Briefes von Böttiger veranlaßte mich zur Nachsuche und Erwerbung einer griechischen Handschrift in einem Kloster auf Chalki. Auf Wielands Anregung hatte die Herzogin von Weimar Böttiger angegangen, mich um die Möglichkeit der Auffindung griechischer Handschriften zu befragen, und dadurch wurde ich veranlaßt,[141] dem Bibliothekar des Klosters zum Verkaufe dieser einen Handschrift zu bewegen. Von Graf Starhemberg bekam ich Briefe, die einige Punkte englischer äußerer und innerer Politik aufklären. (B. 20, 21.) Ich beschäftigte mich um so mehr mit den politischen Tagesereignissen, je mehr Stürmer, der mich von Tag zu Tag mehr verfolgte, mich von ihnen ausschloß. Ich gab mir viele Mühe, in Kenntnis dessen zu kommen, was der Gesandte hinter meinen Rücken nach Wien berichtete. Die politischen Hauptfragen der großen unmittelbar auf die Pforte einwirkenden Mächte, nämlich Rußlands, Frankreichs, Englands, waren damals ebenso bekannt wie in der jüngsten Zeit die Momente der orientalischen Frage. In meinen vertrauten Gesprächen mit dem Kapudan-Pascha wurden die an der Pforte verhandelten Geschäfte der Großmächte alle berührt, und da ich seine Manier, durch Konfidenzen die Gesinnung und das Geheimnis dessen, mit dem er sprach, herauszulocken, von Ägypten her gut kannte, war mein Gespräch mit ihm um so belehrender und unverfänglicher für mich, als ich keine Geheimnisse zu verbergen hatte und er auf jedes Stichwort mit großer Redseligkeit einging. Der einzige Punkt, dem er immer auswich, war die Ermordung der Mameluken. Wir sprachen von der damaligen Reise Sebastianis durch die Erzstollen der Levante, von den Bemühungen des französischen Botschafters wegen einer Steuerleistung der Bewohner von Naxos, von den durch den neuen Firman in der Moldau und Wallachei herbeigeführten Veränderungen und von den drohenden Unruhen. Ich wußte, daß manchen der von ihn gemachten Konfidenzen, besonders seinen Mitteilungen über Tagesereignisse und Veränderungen an der Pforte, nicht viel zu glauben war, wenn er aber unaufgefordert über Personen oder Sachen warm sprach, so waren seine Äußerungen zumeist wahr. So war ihm voller Glaube zu schenken, wenn er auf die täglich wachsende Macht Rußlands und die Verwandlung der türkischen Flagge auf so vielen griechischen Schiffen in die russische schlecht zu sprechen war, da dadurch das Gebiet seiner persönlichen[142] Herrschaft gemindert und die Einkünfte beeinträchtigt wurden. Gold, Gold und nochmals Gold war der Hebel aller an der Pforte verhandelten Geschäfte, sei es für die Minister der Pforte, sei es für europäische, und wenn nicht für diese, um so sicherer für die der Dolmetsche. Sie unternahmen kein Geschäft, wenn ihnen nicht dafür eine Summe sicher war. Beute, Privilegien, Monopole und Befreiungen aller Art waren durch die ersten Dolmetsche der in die Politik der Pforte eingreifenden Höfe leicht zu erkaufen, und daher stammte der Reichtum der Dolmetschfamilien Fouton, Franchini, Risani und anderer, daher stammte auch das ansehnliche Vermögen, mit welchem auch die Gesandten weniger einflußreicher Höfe, wie die Stürmer Vater und Sohn, von Konstantinopel zurückkehrten. Nach dem ersten Dolmetschposten waren die Posten des Cancelliere und des Postdirektors bei der Internuntiatur die einträglichsten. Sie hatten jeder über 10.000 Gulden Einkünfte, weil sie die Ausfertigungen der Kanzlei und die Briefe willkürlich taxierten. Dieser Mißbrauch ist seitdem durch die Festsetzung der Kanzleitaxen und die Überweisung der Post durch die Hofkammer abgeschafft worden. Bald nach meiner Ankunft in Konstantinopel kam das Mißverhältnis der Besoldung des Legationssekretärs zur Sprache, und mir wurden die Taxen der Pässe und der Patente für die in Konstantinopel sich aufhaltenden Dalmatiner zugewiesen, allerdings nur für die Pässe von Reisenden; die der Schiffe waren ein Sportel des ersten Dolmetsch, der daraus jährlich einige tausend Gulden bezog. Am 3. April fand der feierliche Aufzug des Sultans aus dem Serai in die Moschee Sultan Achmed I. statt. Auch die längste Beschreibung kann kein so anschauliches Bild geben als die beiden, dem kleinen Werke, Voyage en Turcie' beigegebenen Kupferstiche. Aus den Gesichtern der Großbeamten der Pfortenminister und der nächsten Begleitung des Sultans sah ich die Stempel entschiedenen Charakters aufgeprägt: Kühnheit, Stolz, kriegerisches Wesen, Geradheit oder Verschlagenheit sprachen sich in starken und tiefen Zügen aus. Die beiden Veziere, der Großvezier und der Kapudan-Pascha, waren alte Bekannte. Die Leibwachen des Sultans trugen[143] goldene Helme, Pfeil und Bogen, und ihr Anblick versetzte mich an den Hof von Byzanz und in die Horde des großen Chan. Hinter dem Sultan schritt der Schwertträger, eine der ersten und seiner Person nächststehenden Würden des Serai, mit dem Säbel in goldener Scheide, dann der Turbanträger, dessen Gehilfen zwei Turbane trugen und durch sie die Herrschaft des Sultans über zwei Meere und zwei Erdteile andeuteten. An den metallenen Mützen der Janitscharen-Oberste wallten vorne und hinten ungeheure Federbüsche herunter. Die Janitscharen führten in ihrer Mitte das Paladium des Heeres, den Kessel, um den sich ihr Aufruf konzentriert. Auf der Vorderseite ihrer weißen Filzmützen steckte über der Stirn in einer Messinghülse der Löffel. Meine vielfältigen Studien und Bekanntschaften hinderten mich, dem Studium über orientalische Musik nachzugehen, das mich interessiert hätte. Der Internuntius forderte, daß die Gesandtschaftsbeamten, und besonders der Legationssekretär, an den Abenden, die er und seine Gemahlin in ihrem Hause empfingen, auch gegenwärtig waren. Das Lächerliche dieser Forderung fiel besonders im Vergleiche mit dem, wie es in dieser Hinsicht bei anderen Gesandtschaften, und besonders bei der englischen, gehalten wurde, so recht ins Auge. Über diese wie über andere lächerliche und unberechtigte Anforderungen, die der Jesuit an mich stellte, gab es manchen unangenehmen Wortwechsel. Den ersten Winter in Pera beugte ich mich der Sklaverei dieser Abende, als wir aber aufs Land nach Bujukdere zogen, machte ich mich davon frei, lebte so viel als möglich im Freien und verbrachte meine Nachmittage und Abende auf Spaziergängen und Fahrten. Vormittags veranstaltete ich, wenn nichts zu tun war, Reitpartien. Als großer Liebhaber des Reitens machte ich auch oft Ritte allein bis an das Gestade des Schwarzen Meeres, in dessen Nähe Madame Marini, die Gemahlin des alten neapolitanischen Gesandtschaftssekretärs, eine Meierei besaß. In ihrer Jugend war sie die Geliebte des russischen Botschafters Kotschubey, dann die des neapolitanischen Gesandten Grafen Ludolf gewesen, zuletzt dessen Gemahlin,[144] und lebt als seine Witwe noch in London. Damals war sie eine nicht durch Schönheit, aber durch Geist ausgezeichnete junge, anziehende Frau von einigen zwanzig Jahren. Ihr Gesicht hätte für schön gelten können, hätte ihm nicht das große, vorstehende Kinn geschadet, das ein Erbteil ihres Vaters, des Baron Thugut war. Bei ihm hatte ihre Mutter als Wäscherin in Diensten gestanden und war entlassen worden, weil sie ihrem Herrn eine Ohrfeige gegeben hatte. Die Tochter, die von ihren Eltern Mut und Entschlossenheit, Geist und Verstand geerbt hatte, war mit vierzehn Jahren an den Cavalieri Marini vermählt worden, dessen Alter sich aus dem Umstande errechnen läßt, daß er schon zur Zeit des Erdbebens, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, in Lissabon als neapolitanischer Legationssekretär gestanden hatte. Sie hatte damals eine fast heiratsfähige Tochter und vom Grafen Kotschubey zwei Söhne, die in Rußland angestellt waren. Madame Marini war bei weitem die geistreichste Frau in Pera, sie war witzig, einfach und natürlich. Manchmal waren ihre Reparties sehr drastisch. Bielefeld und ich machten ihr gemeinsam den Hof und sie nannte uns ?les adorateurs en commun?. Ich verbrachte viele Abende mit ihr in geistvollen und unterhaltenden Gesprächen und viele Morgen auf Spazierritten nach ihrer Meierei. Amazon.de Widgets Einigemal im Monat veranstaltete ich große Reitpartien mit anderen Damen und Herren, oft zehn bis fünfzehn Paare; Madame Marini, eine gute und mutige Reiterin, fehlte dabei nie. Sie machte mir vertrauliche Mitteilungen über ihre allbekannten Liebschaften, die mich nicht abschreckten, in dieselben Spuren zu treten. Außer zu dieser Meierei ritt ich am liebsten nach Belgrad zu meinem Freund Tooke, dem Agenten der ostindischen Gesellschaft, einem liebenswürdigen alten Mann. Oft speiste ich mit ihm allein, manchmal mit reisenden Engländern oder mit griechischen Mädchen bei ihm. Von ihm erhielt ich statistische Nachrichten über Handel und Schifffahrt, über Aus- und Einfuhr und viele andere Dinge. Oft saß ich beim englischen Kaufmann Thornton, dem Verfasser eines Werkes über Konstantinopel, dort traf ich die beiden englischen Lords Brooke and Aberdeen. Lord[145] Aberdeen, der damalige Minister auswärtiger Angelegenheiten, vereinte klassische Bildung mit großer Liebhaberei für orientalische Handschriften; ich sah mehrere bei ihm durch und erinnere mich noch des von ihm erstandenen Schamane, eines der herrlichsten Exemplare, die ich je gesehen. Fast gleichzeitig erstand Herr von Italinski ein sehr schönes Exemplar der berühmten Prolegomene Ibn Chalouns um den hohen Preis von 3000 Piastern. Es war ein schöner Wettstreit gebildeter Europäer zugunsten orientalischer Literatur. Diese neuen Bekanntschaften und meine Streifungen, die ich während dieses Sommers an beiden Ufern des Bosporus machte, hielten mich für alles Unangenehme meines Verhältnisses zu meinem jesuitischen Chef schadlos. Er war, seit ich seinen Nepotismus zu laut getadelt und darüber nach Wien geschrieben hatte, höchst erbost und verfolgte mich bei jeder Gelegenheit mit Nadelstichen. Keine Note und keinen Brief konnte ich ihm recht machen; er übertrug einen Teil der Korrespondenz mit den Konsuln seinem Schwager, dem Cancelliere, und die meisten Attribute meines Postens dem Vetter seiner Frau, Charles Testa. Solange dies geschah, ohne meine Ehre öffentlich zu gefährden, schwieg ich, aber nicht mehr, als er mich von der Führung des Protokolls bei den Konferenzen ausschließen wollte und diese dem ersten Dolmetsch statt mir übertrug. Darüber beklagte ich mich in Wien beim Minister, der mir nicht offiziell, sondern durch ein Privatschreiben (B. 22) antwortete, Stürmer hatte, ich weiß nicht ob offiziell oder auch durch ein Privatschreiben, die Weisung erhalten, mich nicht zu kränken, denn seitdem wagte er es nicht mehr, mich von den Konferenzen auszuschließen oder mir die Führung des Protokolls zu entziehen. Diese Konferenzen betrafen nur Untersuchungen, Handels- und Schiffahrtsangelegenheiten und waren nicht politischer Natur. Aus Eitelkeit vervielfältigte sie Stürmer, um den Gesandten anderer Länder nicht nachzustehen. Der größte Verlust für mich war in diesem Jahre in politischer Beziehung der Tod des Kapudan-Pascha, der am 10. Dezember, erst 46 Jahre alt, an einem Gallenkrampf[146] starb; es war auch für das türkische Seewesen ein großer Verlust, denn er war der Schöpfer der osmanischen Flotte, die er, wie auch die Werften des Arsenals, durch ausländische Baumeister glänzend instand hielt. Er war ein tätiger, unternehmender Geist, im höchsten Grade falsch und treulos, grausam aus Rachsucht und Politik, freigebig und prachtliebend bis zur Verschwendung, eifersüchtig, gehässig, leutselig und artig besonders gegen Europäer, in seinen Spielereien oft kindisch, aber allen Neuerungen geneigt, sobald sie ihm vorteilhaft schienen. Er war eine große Stütze der von seinem Schwager, dem Sultan Selim, begonnenen Reformen im Heere. Er verband mit dem besten Gesellschaftstone eine macchiavellistische Politik und war durch seine Milchbruderschaft und Verschwägerung mit dem Sultan der mächtigste Mann im Reich. 
 I. Der Vater. Jugend bis zum Eintritt in die orientalische Akademie. 12. September 1841.  Schon vor zehn Jahren, nach Erscheinen des letzten Bandes meiner Osmanischen Geschichte, forderte mich meine selige Freundin, die letzte Gräfin Purgstall, auf, nunmehr, da ich das historische Werk meines Lebens beendet hätte, an meine Biographie Hand anzulegen; ich entgegnete ihr, daß dies in künftigen Jahren, wenn sie Gott verliehe, geschehen solle, daß vorderhand aber die Biographien der großen Geister des Islams mir weit näher lägen als meine eigene. Ähnliches antwortete ich anderen Freunden, die mir zu verschiedenen Malen dasselbe ansannen. In der Tat schien es mir Pflicht, solange es mir weder an Stoff noch an Kraft gebrach, meine für Studien und schriftstellerische Beschäftigung reichlich zugemessene Zeit orientalischen und historischen Arbeiten zu weihen, die ich durch Besitz und Erwerb der nötigen Hilfsmittel vollständiger als andere zustande zu bringen hoffen durfte. Als nach dem Tode meiner edlen Freundin ? sie vorzugsweise so zu nennen gebietet mir die reinste Dankbarkeit ? sich mir die glückliche Aussicht eröffnete, fern von allen Geschäften und orientalischen Hilfsmitteln alljährlich wenigstens sechs Wochen in abgeschiedener Ruhe des Landes zu Hainfeld zuzubringen, war ich auch entschlossen, diese mir vom Himmel begünstigte Zeit keineswegs, wie in Wien, im Winter in der Stadt, im Sommer zu Döbling, der Gesellschaft und den Studien, sondern in vollster Muße ländlicher Erholung, archivalischer Forschung steiermärkischer Geschichte und dankbarer Erinnerung zu leben. Im ersten Herbste, den ich im Jahre 1836 zur Besitzergreifung des mir als Fideikommiß vererbten und als solches von der Regierung zugesprochenen großen Schlosses und kleinen Gutes[1] in Hainfeld zubrachte, gingen die Morgenstunden vor dem Frühstück, die einzigen, in denen ich hier am Schreibtisch sitze, bloß in Sichtung der Familienpapiere der Purgstall und in Ordnung des erheblichen Wustes auf. Bei dem Reichtum von Briefen und Urkunden, die ich über die Gallerin von Riegersburg, eine der geschichtlich merkwürdigsten Frauen der Steiermark vorfand, drängte sich auch hier vor allen anderen Beschäftigungen der Gedanke auf, durch Sondern, Ordnen und Verbinden der Urkunden mittels biographischen Fadens ein gutes Beispiel der Benützung von Familienarchiven zu hinterlassen. Diese Arbeit füllte die ersten fünf meiner zu Hainfeld verbrachten Herbstferien aus, indem ich im ersten Jahre die Urkunden sonderte und ordnete, in den drei folgenden die drei an dieselben sich anschließenden Teile der ?Gallerin auf der Riegersburg? schrieb und im fünften dieselben noch einmal durchging. Nun, da ich auch diesem Pflichtgefühle der Geschichtsliebe und Freundschaft genuggetan, mag ich mir gestatten, den öfters geäußerten Wunsch der Freunde in der herbstlichen Muße meines Landaufenthaltes und Alters durch die Aufzeichnung der Erinnerungen aus meinem Leben zu erfüllen. Ich lege um so lieber Hand ans Werk, als mich die Gebrechen des hohen Alters dringend mahnen, daß hierzu die höchste Zeit; um so lieber, als schon bei meinem Leben mehrere mich betreffende biographische Artikel erschienen, die weder vollständig noch ganz richtig, und als nach meinem Tode auch andere erscheinen könnten, die ich zu berichtigen nicht mehr imstande wäre. Mein Freund J.G. Flügel hat sich aus eigenem Antriebe mir zu meinem Biographen als Orientalist angeboten, und ich habe sein Anerbieten dankbar angenommen, da niemand besser als er mit meinen orientalischen Studien und Arbeiten, besonders in den letzten Jahren aus meinen Briefen, vertraut ist. Ich kann es mir daher ersparen, mich über Gegenstände, die nur den Orientalisten interessieren, zu verbreiten. Meine Werke orientalischer Philologie und Geschichte liegen ohnedies der Welt vor, und die Kritik, welche dieselben bei meinem Leben angefeindet, wird vielleicht nach meinem Tode nachsichtiger darüber urteilen. Einiges von der Veranlassung[2] derselben und den Hilfsmitteln, die mir zu Gebote standen, von dem Gange meiner Erziehung und Bildung, wodurch ich zum Orientalisten geworden, von meinen Freundschaften und den feindlichen Berichtigern meines literarischen Strebens zu sagen, ist unvermeidlich. Endlich lege ich um so lieber Hand an die Aufzeichnung meiner Erlebnisse, als dieselben nicht bei meinem Leben erscheinen, unter keiner Rücksicht auf Lebende geschrieben und keiner österreichischen Zensur unterliegen, sich um so freier bewegen können. Die engherzigen und kurzsichtigen Beschränkungen der Zensur können keinem Manne von literarischer Ehre die Notwendigkeit aufzwingen, in einem anderen Sinne, als er denkt, zu schreiben, aber sie erlauben keineswegs die freie und unumwundene Äußerung des Gedankens und legen erzwungenes Stillschweigen über die wichtigsten Gegenstände des geistigen Lebens auf. Bei meinen Ahnen brauche ich nicht lange zu verweilen, weil ich dieselben nicht kenne. Der Ausdruck: er hat keine Ahnen, ist ganz und gar unrichtig, Ahnen hat ein Mensch wie der andere. Allen ist der Adel gemein, durch den die Vernunft den Menschen über das Tier erhebt; Geist und Gefühl, Stärke und Schönheit, Genius und Tugend sind die angeborenen, Erziehung und Bildung die erworbenen Grade des wahren Adels. Ahnen haben der Adelige und der Nichtadelige, nur zählt sie der erste, weil einer von ihnen ausgezeichnet worden. Manche des zweiten mögen es auch verdient haben, ausgezeichnet zu werden, aber weil ihnen kein Diplom ward, weil sie keine Kunde ihrer Taten hinterließen, weil kein Gesetzgeber sie genannt, bleiben ihre Namen in Vergessenheit begraben. Meine Voreltern kenne ich nicht weiter als bis auf den Großvater zurück. Im Zedlerschen Universal-Lexikon erscheinen zwar sieben gelehrte Hammer; ihr erster ist Christoph Hammer aus Hildburghausen, geboren in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, er war Magister und Professor der orientalischen Sprachen, schrieb eine Abhandlung über den Ursprung, die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit der orientalischen Sprachen und einen Lehrkursus des Hebräischen, Chaldäischen, Syrischen, Arabischen, Äthiopischen[3] und Armenischen. Mein Vater führte diese sieben Gelehrten in seinem Adelsgesuche vor nun fünfzig Jahren zwar an, machte aber keinen Versuch, irgendeine Verwandtschaft nachzuweisen. Die übrigen sechs bei Zedler angeführten Hammer waren zwei Theologen, zwei Juristen, ein scholastischer Philosoph und ein Magister. Dieser letztere schrieb über die Visionen und Wunderzeichen, welche der Schlacht bei Lützen 1632 vorhergingen. Eine geistige Verwandtschaft mit dem Orientalisten Hammer kann mir wohl nicht bestritten werden. Sie hatte aber keinerlei Einfluß auf meinen Eintritt in die orientalische Akademie, denn mein Vater machte die Bekanntschaft dieses und der übrigen sechs Hammer erst im Jahre 1789 auf der Hofbibliothek zu Wien. Außer dieser geistigen Verwandtschaft vermag ich also in der Kunde meines Geschlechtes nicht weiter hinaufzusteigen als bis zu meinen väterlichen und mütterlichen Großvätern. Mein Großvater väterlicher Seite war Gärtner, der mütterliche Landschaftsbote. Jener diente dem Prinzen Eugen im Belvedere zu Wien, und ein dem ?ehrbar und kunstliebenden Johann Hammer aus Heiligenkreuz in Steiermark? auf Pergament in schöner Fraktur- und Kanzleischrift geschriebenes, oben mit dem Wappen des Prinzen Eugen, unten mit der Ansicht der Stadt Wien geziertes, ?Am Rennweg in Prinz Eugen's Lustgarten auf den dritten Martii 1725? gegebenes, mit dem Siegel des Hof- und Lustgärtners Staudinger versehenes Zeugnis erteilt ihm das Testimonium seines Wohlverhaltens als Kunst- und Blumengärtnergesellen.1 Mein Vater war am 3. Juli 1738, nicht, wie ich selbst lange irrig geglaubt, zu Graz, sondern zu Katzelsdorf in Österreich geboren. Da mein Vater, Sohn eines Steiermärkers, zwar in Österreich geboren, von seinem sechsten Jahre an in Graz erzogen, hier erst die Philosophie, dann Humaniora studierte und sein ganzes Leben zu Graz verbrachte, so gehört er mehr der Steiermark als Österreich an[4] und sein Nekrolog steht mit gutem Fug unter den von dem würdigen, um die steiermärkische Geschichte verdienten Dechanten Wincklern herausgegebenen biographischen Notizen ausgezeichneter Steiermärker. Da mein Vater, am 3. Juli 1738 geboren, erst im Jahre 1760 seinen philosophischen und erst 1764 seinen juridischen Kurs beendet hat, so erhellt, daß er nicht vor seinem siebzehnten Jahre zu studieren begonnen, drei Jahre Philosophie und vier Jahre Jus gehört. Von seinen Mitschülern überlebte ihn der gelehrte van Swieten, der Präfekt der Hofbibliothek unter Kaiser Josef, und der im Studienfache vielbetraute Abbé Bruck, ehemals Jesuit, dann Präfekt am Gymnasium zu St. Anna. Seit dem Jahre 1767 war mein Vater beim Gubernium als überzähliger Akzessist angestellt (Dekret vom 1. September 1767). Da er als solcher keine Besoldung hatte, war ihm auf seine Bittschrift das Stipendium von 120 Gulden, das er als Jurist genossen, als Beihilfe bis zu seinem Eintritt als Besoldung bewilligt worden. Diese Besoldung erhielt er im folgenden Jahre, als er als bestellter Akzessist beeidigt wurde (Dekret vom 1. März 1768). Bis 1770 war er von einigen Kanzleistunden dispensiert, um die Vorlesungen über Polizei- und Kameralwissenschaften, und bis 1773 an drei Tagen der Woche von bestimmten Kanzleistunden, um die Vorlesungen über die doppelte Buchhaltung hören zu können. Seine Zeugnisse darüber sind glänzend; am 5. September 1772 wurde er über Polizei- und Kameralwissenschaften geprüft und erbrachte ?ausnehmendste Beweise seiner Fähigkeit, seines vorzüglichen Fleißes und seiner ganz besonders gründlichen Einsicht in diese Wissenschaften?. Mein Vater praktizierte noch bei Dr. Bruck, als eines Tages in der Kanzlei ein 14jähriges Mädchen erschien, dessen Gesichtsbildung, schöner Wuchs und aufgeweckter Geist den damals 28jährigen Sollizitator so entzückten, daß er sogleich den Entschluß faßte, wenn er einmal imstande sein sollte, zu heiraten, dieser und keiner anderen die Hand zu geben. Die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung war erst im Jahre 1773 gegeben, als mein Vater die Erlaubnis erhielt, neben seinem Kanzleiamte die Agentie der landesfürstlichen[5] Städte und Märkte zu übernehmen. Als im Monat August die Braut von einer Reise nach Graz zurückkehrte, fand am 5. September dieses Jahres die Vermählung statt. Genau einen Monat später wurde die Aufhebung der Jesuiten in der ganzen österreichischen Monarchie kundgemacht, ein nicht nur für das künftige Schicksal der Monarchie, sondern auch für meinen Vater höchst folgewichtiges Ereignis. Amazon.de Widgets Auf die Empfehlung des zum Administrator der Jesuitengüter ernannten Gubernialrates Grafen Josef von Bethgen, welchem mein Vater als Kanzlist zugeteilt gewesen zu sein scheint, wurde dieser mit Gubernialdekret vom 1. Oktober 1774 zum Aktuar dieser Administration mit 400 Gulden ernannt. Eine erfreuliche Beisteuer ins Haus, welches neun Monate nach der Vermählung, am 9. Juni 1774, durch die Erstgeburt, die mich zu Tage förderte, erfreut worden war. Im dritten Stock des damals 421, heute 392 numerierten Hauses im ?Kälbernen Viertel? um Viertel auf sieben Uhr, erblickte ich das Licht. Die zweimal sieben Jahre der glücklichen Ehe meiner Eltern waren fast jedes Jahr mit einem Kinde gesegnet und mit immer neuen Beweisen von hoher und höchster Zufriedenheit durch Belobung, Beförderung oder Belohnung mit Geld ausgezeichnet. Im Jahre 1776 hatte mein Vater eine Besoldungszulage von 100 Gulden, im folgenden Jahre ?in Anbetracht seiner durch Exzellenz Grafen Josef von Bethgen angerühmten besonderen Fähigkeiten und tätigsten Verwendung? den Titel eines Sekretärs erhalten (Intimat des Guberniums vom 16. Juli 1777). Ein Jahr später wurde er als Inspektor der Kameralgüter aufgestellt (Intimat vom 20. Februar 1778). ?In Anbetracht seiner eifrigen und nützlichen Dienste? ward ihm für das Jahr 1778 eine Belohnung von 300 Gulden (Intimat vom 26. März 1779), im folgenden Jahre ?für sein zu Millstatt vollführtes Operat in betreff der künftigen Regulierung und besseren Benützung der Herrschaft? eine Remuneration von 100 Dukaten (Intimat vom 3. Juni 1780) und im selben Jahre ?in Anbetracht seiner in Verwaltung der steirischen Exjesuitengüter leistenden, ersprießlichen Dienste und hierbei bestätigten so eifrigen als nützlichen Verwendung der k.k. Ratstitel unentgeltlich verliehen?[6] (Intimat vom 28. Oktober 1780). Im nächsten Jahre ward ihm abermals die besondere Zufriedenheit der Hofkammer für die vorteilhafte Veräußerung der um Graz liegenden Jesuitenrealitäten zu erkennen gegeben (Intimat vom 9. Dezember 1781). Im Jahre 1783 ward ihm ?in Anbetracht seiner erprobten Einsicht, Anstelligkeit und mit vielem Diensteifer verbundenen Rechtschaffenheit? das zufolge Allerhöchsten Befehles binnen Jahresfrist vom 10. Hornung einzuführende Robotabolitionssystem auf allen in Steiermark, Kärnten und Krain einzurichtenden kameralistischen, städtischen, Exjesuiten-, geistlichen und Findel-Landgütern als Hofkommissär anvertraut (Intimat vom 22. Juli 1783). Einen Monat später ward er zum Oberadministrator der Güteradministration für sämtliche Kameralgüter in den vereinigten Provinzen Steiermark, Kärnten und Krain ernannt (Intimat vom 20. August 1783). Im folgenden Jahre, als ich am Lyzeum meinen lateinischen Studien oblag, wurde meinem Vater ?die gänzliche Zufriedenheit einer hohen Hofstelle in Rücksicht seiner durch die im Robotabolitionsgeschäfte entworfenen Instruktion und getroffenen Einteilung an den Tag gelegten Einsicht und Tätigkeit? zu erkennen gegeben (Intimat vom 5. März 1784). Meiner seligen Mutter erinnere ich mich leider nur dunkel als einer hohen, im Vergleiche mit meinem Vater, der von kleiner Statur, edlen Gestalt, deren Muttersorge unter ihren acht lebenden Kindern geteilt war. Sie starb im Kindbett des neunten, zwei andere hatte sie in der Wiege verloren. Obwohl ich schon im dreizehnten Jahre, als sie ihrem Gatten und ihren unmündigen Kindern entrissen wurde, vermag ich doch nur wenig von ihr in mein Gedächtnis zurückzurufen, und dies fällt schmerzlich auf mein Herz. Ich nehme den Faden der politischen Laufbahn meines Vaters dort wieder auf, wo ich ihn im Jahre 1784 verließ. Im folgenden Jahre wurde mein Vater zugleich mit dem Gubernialrate Grafen von Gaisruck zur Leitung des Steuerregulierungsgeschäftes in Steiermark, Kärnten und Krain ernannt (Hofkommissionsdekret vom 15. April 1785). Er vereinte[7] nun die oberste Aufsicht dreier der wichtigsten Zweige der Kameralverwaltung, indem er Administrator der Kameralgüter, Hofkommissär der Robotabolition und nun auch der Steuerregulierung. Einen neuen Beweis der höchsten Zufriedenheit mit den bisher geleisteten Diensten und des höchsten Vertrauens brachte das nächste Jahr, indem er eine Erhöhung seiner Besoldung von 1500 auf 2000 Gulden und als wirklicher Gubernialrat Sitz und Stimme erhielt (Hofdekret vom 14. Januar 1786). Er hatte in den verflossenen Jahren seiner Dienstleistung seine Geschicklichkeit und seinen Eifer durch zahlreiche Aufsätze im kameralistischen und ökonomischen Fache betätigt, wie durch die allen Güterbeamten zugefertigten Amtsinstruktionen, Rechnungsvorschriften, Kanzlei- und Registratursordnung, die Vorschriften zur Liquidierung, Sicherstellung und Einbringung der unter dem Besitze der Stifte und Klöster seit dreißig und mehr Jahren sich herschreibenden Außenstände, die Weisungen zur vorteilhaftesten Verschleißart der Gütererzeugnisse, zur Verpachtung der infixierten Nutzungsrubriken, den Unterricht über die Gebarung mit Wäldern und Gebäuden, über Verpflegung der Armen, über Landschulen, über Kaufrechtmachung der Mietgründe, Verteilung der Gemeindeweiden und so weiter. Nach angeordnetem Verkauf der Exjesuitenrealitäten hatte der Administrator denselben mit solchem Eifer und solcher Umsicht gefördert, daß er kleine, zerstreute, selbständige Güterparzellen im Werte von vierthalbhunderttausend Gulden nicht nur zum größten Vorteile des Fonds, sondern auch ohne daß je daraus der geringste Streit erwachsen wäre, zustande gebracht hatte. Hierüber war ihm durch ein Hofdekret die besondere Zufriedenheit der Hofkammer zu erkennen gegeben worden (Hofdekret vom 27. November und Gubernialintimation vom 9. Dezember 1781). Gleiche Zufriedenheit wie im Geschäfte der Güterverwaltung erwarb er sich auch in dem der Robotabolition und der Steuerregulierung. Es wurde ihm ?mit Rücksicht seiner durch die im Robotabolitionsgeschäfte entworfenen Instruktionen und getroffenen Einleitungen an den Tag gelegten Einsicht und Tätigkeit die gänzliche Zufriedenheit einer[8] hohen Hofstelle zu erkennen gegeben? (Intimat des Hofdekretes vom 5. März 1784). Bei der Steuerregulierungs-Hofkommission wurde die Einhebung des Betrages der Waldungen nach dem Antrage meines Vaters reguliert, und in der darüber erflossenen Verordnung der Steuerregulierungs-Hofkommission heißt es: ?Das Gutachten der übrigen Steuerregulierungs-Oberkommissionen, welche über die eingelegten Anmerkungen des Herrn Hofkommissärs und Kameralgüteradministrators Hammer in betreff des Ertrages der Waldungen vorgenommen worden sind, ist in der Hauptsache nach der Meinung des gedachten Herrn Hofkommissärs ausgefallen; so wird demnach denselben hiermit ein ordentlich Beispiel gegeben? (Verordnung der Steuerregulierungs-Hofkommission an die Steuerregulierungs-Oberkommission in Innsbruck, 27. Juli 1785). Besonders hatten sich die Geschäfte der Güteradministration mit jedem Jahre auf eine Weise gemehrt, daß denselben mit den in nicht hinlänglicher Anzahl bewilligten Unterbeamten kaum genügt werden konnte. Bis zum Jahre 1781 waren nur 12 Jesuitengüter zu verwalten; diese Zahl wuchs im folgenden Jahre durch die Aufhebung von Stiften und Klöstern auf 26, im Jahre 1783 auf 64, im Jahre 1785 auf 84, im Jahre 1786 mit Einschluß der Kameralgüter auf 123 und im Jahre 1787 auf 125, mit Zurechnung der kleinen auf 130 Güter, deren Ertrag 410.000, deren Kapital 10,050.000 Gulden betrug, die zerstreuten Realitäten der Bruderschaften und die Waldungen noch bestehender Stifte und Klöster nicht gerechnet. Als Administrator dieser Güter ordnete mein Vater die mit denselben übernommenen uralten Untertans-, Urbarial- und anderen Außenstände, deren manche sich bis zu fünfzig Jahren herschrieben, mit vieler Mühe und brachte von diesen während seiner Verwendung 80.000 Gulden ein; die aus dem Verkaufe der mit dem Hauptkomplex eines Gutes nicht verbundenen Realitäten eingebrachte Summe betrug mehr als vierthalbtausend Gulden. Der Ertrag der innerösterreichischen Staatsgüter war um mehr als jährlich 2000 Gulden verbessert und ihre Renten an die betreffenden Kassen abgeführt worden. Als Robotabolitionskommissär[9] hatte mein Vater die Robotabolition bei 590 Staatsgütern eingeleitet und bei 494 anderen geistlichen Gütern und Realitäten zustande gebracht. Als Steuerregulierungskommissär betätigte er seine Einsicht und seinen Eifer durch geistreiche Referate und Abhandlungen über die mannigfaltigsten landwirtschaftlichen Gegenstände, als: ?Über die notwendige Beibehaltung des natürlichen Wirtschaftsdienstes bei der Erhebung des Grundertrages?, ?Über die Eigenschaft und Nutzberechnung der Raumrechte und anderer Wechselgründe?, ?Über die notwendige Fatierung der bezüglichen Nebenfrüchte und des Gewässers?, ?Über den Kulturaufwand überhaupt, besonders aber über die Verschiedenheit der Ansaatmenge und notwendigen Abrechnung des einen und des anderen?, ?Über die oftmalige Unentbehrlichkeit der Brachen und die notwendige Fatierung des Brachfutters?, ?Über die Purifikation? und so weiter. Mit außerordentlicher Mühe wurde die Grundvermessung und Fruchterhebung als die Grundlage der bezweckten Steuerausgleichung mit Anfang des Jahres 1787 vollendet, und über die im Februar 1788 für Steiermark, Kärnten und Krain überreichten Landessummarien wurde auch durch ein Handbillett vom 28. Februar 1788 den gesamten, damals in Wien versammelten Steuerregulierungskommissären das Allerhöchste Wohlgefallen mit dem Zusatze zugesichert, ?daß es auch in der Folge und nach zustande gebrachtem ganzem Geschäfte besonders angenehm sein wird, jedem aus ihnen höchste Merkmale Meiner Gewogenheit für sie zuwenden zu lassen?. In dem meinem Vater am folgenden Tage mit Anschluß des Handbilletts zugestellten Hofkommissionsdekrete heißt es: ?Solches wird dem Herrn Hofkommissär mittels des in Abschrift beigeschlossenen höchsten Handschreibens bekanntgemacht, damit sich derselbe einerseits der besonderen höchsten Zufriedenheit über dessen bisherige unausgesetzte eifrige Verwendung und der bei gänzlicher Beendigung der noch bevorstehenden Bearbeitung zu gewärtigen habe, der höchsten Merkmale des gnädigsten Wohlwollens versichert halten möge.? ?Bis hieher?, sagt mein Vater in seiner ersten, vergebens um Gerechtigkeit flehenden Bittschrift, ?reicht das[10] Wachstum meiner glücklichen Tage.? Dies ist in bezug auf seine politische Laufbahn wörtlich wahr, in betreff seines häuslichen Glückes muß es um ein volles Jahr zurückdatiert werden, da dasselbe durch den Blitzstrahl aus heiterem Himmel, den Tod seiner geliebten Genossin, am 12. Januar 1787 für immer vernichtet wurde. Von dem Todestage meiner Mutter datierte der Sturz des häuslichen Glückes meines Vaters, dem im folgenden Jahre die Untergrabung seiner politischen Laufbahn folgte. Zwanzig Jahre lang hatte mein Vater nun dem Staate gedient, und jedes Jahr hatte ihm Belohnung, Beförderung oder wenigstens Belobung gebracht. Seine ihm von allen seinen Vorgesetzten und oberen Behörden bezeugten ausgezeichneten Eigenschaften hatten ihm in dieser Zeit das hohe und höchste Vertrauen und die schnelle Beförderung zu seinen drei so wichtigen Posten verschafft. In seiner Eigenschaft als Steuerregulierungskommissär war er mit seinen Kollegen Ende des Jahres 1787 nach Wien berufen worden, um dort Besprechungen unter dem Vorsitze des Rechnungskammerpräsidenten Grafen von Zinzendorf mit aus allen Ländern versammelten Steuerregulierungskommissären beizuwohnen. Nach dem von der Hofkommission vorgelegten Abschlusse der Ausmessungs- und Fatierungsoperationen wurden dieselben durch das Handbillett vom 28. Februar aufgelöst, zugleich durch ein zweites Handbillett eine neue, selbständige Hofkommission unter dem Vorsitze des Staatsrates von Egger aufgestellt und die Ausführung des Steuerregulierungsgeschäftes der vereinigten Hofkanzlei übergeben. Die Oberleitung war aus den Händen des Grafen Zinzendorf in die des Grafen Chotek übergegangen. Vier Tage hernach erging im Namen des Präsidiums der neuen Kommission an alle Hofkommissäre die Aufforderung, ?daß es ihnen belieben möge, die ihnen aus Gelegenheit der von Seiner Majestät herabgegebenen Grundsätze vorkommenden, auf die Ausführungsart sich beziehenden Umstände spezifisch anzuzeigen und zu entwickeln, zugleich aber die anwendbarsten Mittel zu deren Behebung vorzuschlagen, damit die weitere Überlegung von der Hofkommission gepflogen und ehestens ein alleruntertänigster Vortrag[11] an Seine Majestät erstattet werden könne? (Intimat der Steuerregulierungs-Hofkommission vom 5. März 1788). Schon in den Sitzungen der ersten Hofkommission waren die Umstände und Schwierigkeiten, welche sich der Ausführung der Steuerregulierung nach den vom Kaiser herabgegebenen Grundsätzen entgegenstellten, mündlich verhandelt worden, und mein Vater hatte sich darüber mit der ehrerbietigsten Freimütigkeit geäußert. In demselben Geiste war seine auf die obige Aufforderung abgegebene schriftliche Äußerung abgefaßt. Sein Antrag bestand darin, ?daß, wenn den Güterbesitzern ihre bisherigen Forderungen nicht beglichen werden sollten, ihnen durchgehends zwanzig Prozent pro Urbario ersetzt werden möchten?. Diese Freimütigkeit mißfiel, weil dieselbe nicht im Einklange mit dem absoluten Willen des Kaisers, und sechs Wochen danach wurde der Gubernialrat und Steuerregulierungs-Hofkommissär Hammer von der neuen Steuerregulierungs-Hofkommission dahin verständigt, ?daß derselbe von dem Einflusse bei der bisher gemeinsam mit dem Herrn Gubernialrate Grafen Gaisruck geführten Oberleitung des Steuerregulierungsgeschäftes nach Entschließung Seiner Majestät zu entheben sei, und zugleich angewiesen, mit obenerwähntem Herrn Grafen bei seiner Rückkehr nach Graz, welcher nun nichts im Wege stehe, der Reise- und Zehrungsgelder gegen ordentliche Abrechnung zu pflegen?. (Wien, am 16. Mai 1788. Gezeichnet Egger und Leopold von Haan.) Zugleich mit dieser Verständigung kam das zwei Tage früher datierte Hofdekret des Inhaltes, ?daß Seine Majestät aus eigener höchster Bewegung allerhöchst zu resolvieren befunden haben, daß der Herr Staatsgüteradministrator als wirklicher Gubernialrat und Referent bei dem innerösterreichischen Landesgubernium mit seinem dermaligen Gehalte angestellt, die von demselben bekleidete Staatsgüter-Administratorstelle dem Freiherrn von Schwitzen übergeben werden solle?. (Hofdekret vom 15. Mai 1788. Unterzeichnet Graf Chotek und Ugarte.) Diesem doppelten Schlage folgte achtzehn Monate später ein noch ärgerer. Den Verlust der Reise- und Zehrgelder und des freien Quartiers, welches der Staatsgüteradministrator in dem[12] Hause auf dem Fliegenplatze genoß, abgerechnet, war doch wenigstens das bisherige Gehalt des Gubernialrates nicht gemindert und insoweit keine Ungerechtigkeit begangen worden. Um den Schlüssel zu der ebenso ungerechten als aufsässigen Verfolgung zu haben, deren Opfer mein Vater wurde, genügt zu wissen, daß er kein Mitglied des damals so übermächtigen und alle seine Brüder begünstigenden Freimaurerbundes gewesen ist, welchem seine Gegner, die Hofräte Waidmannsdorf und Dornfeld, und der zu seinem Nachfolger als Staatsgüteradministrator ernannte Freiherr von Schwitzen angehörten. Mein Vater war nicht nur nicht Maurer, sondern, wiewohl mit seiner Geradheit und Offenheit zwar nicht von jesuitischem Sinne, aber dennoch ein erklärter Freund der Jesuiten, an deren staatsgefährlichen Einfluß er nie glaubte. Den Gegnern des Ordens und persönlichen Feinden war es ein leichtes, den Administrator der Jesuitengüter als einen Anhänger dieser zu verdächtigen und seinen Platz einem andersgesinnten Mitgliede des Bundes zuzuwenden. Die Ungnade des Kaisers, die sich mein Vater durch seine freimütige Äußerung zugezogen, erleichterte seine Entfernung. Schon im Jahre 1785, als mein Vater Inspektor von nur 86 Gütern, bereiste Gubernialrat Freiherr von Waidmannsdorf Steiermark, Kärnten und Krain als Hofkommissär zur Untersuchung der Administration der Staatsgüter. Nur bei sechs Gütern fand die Hofkommission einige Ausstellungen zu machen. Die Relation des Freiherrn von Waidmannsdorf schob die Schuld an diesen Verwaltungsgebrechen auf die doppelte Dienstleistung des Administrators, der zugleich Agent der landesfürstlichen Städte und Märkte war, und beantragte seine Enthebung von dem einen oder dem anderen Amte. Durch eine Hofverordnung wurde mein Vater zur Ablegung der Agentenstelle angehalten (Gubernialintimat vom 5. Juli 1785). Zugleich wurde dem Inspektor aufgetragen, sich über die bei sechs Gütern ausgestellten Verwaltungsmängel zu verantworten. Diese von dem Gubernium mit Bezeugung des Diensteifers einbegleitete Rechtfertigung fiel so siegreich[13] aus, daß der Dienstkreis nicht beschränkt, sondern erweitert wurde, indem ihm die Verwaltung sämtlicher Bankalgüter aufgetragen und er durch zwei am selben Tage erlassene Hofdekrete mit erhöhtem Gehalt zum Oberadministrator der Staatsgüter und zum wirklichen Gubernialrat ernannt wurde (14. Januar 1786). Nicht so siegreich und glücklich wurde der von seinen Gegnern im Jahre 1789 wider meinen Vater erneute Angriff abgeschlagen. Sie hatten um so leichteres Spiel, als mein Vater durch die Ungnade Kaiser Josefs bereits der Hofkommissärs- und Administratorsstelle enthoben und bloß als Referent beim Gubernium belassen worden war. Auch hier stand ihnen seine Rechtlichkeit und Wahrheitsliebe im Wege. Freiherr von Schwitzen und Hofrat von Dornfeld bereisten neuerdings die Staatsgüter, und unter dem Ministerium des Grafen Chotek gelang es ihnen, meinen Vater auf die kränkendste und ungerechteste Weise Knall und Fall von der Geschäftstätigkeit zu entfernen und ihm durch Pensionierung mit einem Drittel seines bisherigen Gehaltes den empfindlichsten Schaden an Ehre und Gut zuzufügen (14. Dezember 1789). Die schreiende Ungerechtigkeit solcher Behandlung wurde bald erkannt und schon im nächsten Jahre durch die Erhöhung der Pension von einem Drittel auf die Hälfte, durch die versicherte Hoffnung nächsten Wiedereintrittes in vollste Dienstleistung und durch die Erhebung in den Adelsstand zur Belohnung so vieler treu und eifrig geleisteter Dienste gutgemacht und gesühnt. Die am zwölften Tage nach dem harten Intimate um Einsetzung in den vorigen Stand eingereichte Bittschrift wurde einen Monat später abgewiesen. Sie enthielt als Beilagen alle zwanzig Belobungs-, Beförderungs- und Belohnungsintimate. Eine Bittschrift um einen Beitrag zur Erziehung seiner Kinder wurde ebenfalls abgelehnt; in ihr sagt mein Vater: ?Da ich ein Mann ohne adelige Geburt, ohne ererbtes Vermögen, ohne nächste Verwandtschaft bin, so glaube ich die Schlußfolge hieraus ziehen zu dürfen, daß nur Fähigkeit, Fleiß, Rechtschaffenheit mir hierzu den Weg gebahnt haben.?[14] Auf die beiden angehobenen Beweggründe der harten und ungerechten Jubilation antwortete mein Vater in seiner Bittschrift, daß ihm diesmal nicht wie bei der ersten Güterbereisung die allenfalls aufgefundenen Verwaltungsgebrechen zur Kenntnis gebracht wurden, so daß er nicht einmal wisse, weshalb er ungerecht und unschuldig verdammt worden sei. Es sei auch zu erwähnen, daß die meisten der Stifts- und Klostergüter ohne Rechnungskanzlei, ohne Registratursordnung mit einer ungeheuren Menge uralter, nicht liquidierter Forderungen in verworrenster Lage übernommen worden sind und daß die in wiederholten Vorstellungen verlangte Vermehrung des zur Verwaltung nötigen Personals weder im Jahre 1783 noch im Jahre 1786 bewilligt wurde. Der Vorwurf, daß er als Steuerregulierungskommissär nicht zu brauchen gewesen, weil er die der Ausführung der vorgeschriebenen Grundsätze sich entgegenstellenden Schwierigkeiten auseinandergesetzt und zwanzig Prozent zur Entschädigung der Gutsbesitzer beantragt, erhalte seine Rechtfertigung durch die Allerhöchste Entschließung, durch welche achtzehn Prozent geschenkt worden sind. ?Jedem Grundbesitzer sollen von dem im Durchschnitt aller Grundgattungen erhobenen Ernteertrage siebzig Prozent frei bleiben, von den noch übrigen dreißig Prozent sollen zwölf Prozent als landesfürstliche Grundsteuer zu entrichten und höchstens achtzehn Prozent, wenn der Grund zehentschuldig oder mit anderen derlei Gaben belehnt ist, an den Gutsherrn, Zehentherrn, für alle ihre Ansprüche, wie sie immer Namen haben mögen, abgegeben werden, worüber sich diese ausgleichen mögen und begnügen müssen? (Patent der Josefinischen Steuerverordnung vom 20. April 1785). Amazon.de Widgets Diese so schlagende Ablehnung der beiden Jubilierungsgründe würde bei denen, die sie bewirkt, wohl wenig Eingang gefunden haben, wenn von ihnen allein die Aberkennung guten Rechtes und die Entschädigung für begangenes Unrecht abgehangen hätte. Glücklicherweise fand damals unter der Regierung Kaiser Leopolds sowie später unter der Kaiser Franz' die Möglichkeit statt, wider zugefügtes Unrecht von Behörden oder Ministerien in der Person des Monarchen Schutz und Recht zu finden.[15] Die Fürsprecher meines Vaters, der Gouverneur der Steiermark Graf Khevenhüller und der Staatsminister Graf Zinzendorf, wovon jener die Rechtschaffenheit und Tätigkeit meines Vaters als Staatsgüteradministrator, dieser die Redlichkeit und Tüchtigkeit als Steuerregulierungskommissär bezeugten, fanden am Thron Gehör. Auf diese Vorstellungen hin wurde meinem Vater die Wiedereinstellung versprochen und indessen das bisherige Drittel des Gehaltes auf die Hälfte erhöht. Da indessen diese Genugtuung vorderhand nur eine halbe, so suchte er auf Anraten seiner Gönner, deren erster und wärmster sein ehemaliger Vorgesetzter, der Vizepräsident der Hofkammer Graf Josef von Bethgen, als ein Merkmal der Anerkennung seiner Verdienste um den Adel an, welcher ihm mit Nachsicht der Hälfte der Taxen gewährt und verliehen wurde. Ein Jahr nachdem die erste von meinem Vater eingereichte Bittschrift um Wiedereinsetzung in seinen vorigen Stand abgewiesen worden, hatte mein Vater durch ein der ?Grazer Zeitung? beigelegtes Blatt, seine Dienste in rechtlichen, politischen, kameralistischen, landwirtschaftlichen und Güterverwaltungsgegenständen als Agent oder Gewaltträger zu übernehmen, sich öffentlich angeboten, um den Ausfall des Gehaltes wenn möglich hereinzubringen. Er erhielt alsbald mit der Güteraufsicht die Verwaltung des durch üble Gebarung sehr herabgekommenen Vermögens des noch unmündigen Grafen Zeno von Saurau, des letzten Sprossen dieses alten steiermärkischen Geschlechtes. Nach der mit dem besten Erfolge stattgefundenen Reinigung des Vermögens von der Schuldenlast und Wiederherstellung der Güter in besseren Zustand erhielt er die Agentur des Stiftes Admont unter dem genialen Prälaten Kuglmayr. Durch diese Privatanstellung als Agent der Graf Saurauschen Güter und des Stiftes Admont zu Graz stand mein Vater besser, als er als Gubernialrat mit der bloßen Besoldung von 2000 Gulden gestanden wäre, und für das Freiquartier entschädigte ihn zuerst eine Wohnung in dem Graf Saurauschen Majoratshause, später und bis zu seinem Tode das Freiquartier im Admonterhof.[16] Zwölf Jahre waren in dieser Privattätigkeit verflossen, als im dreizehnten (1803) dem quieszierten Gubernialrate und Güteradministrator das Intimat eines Hofdekretes zugefertigt ward, wonach dieser bei der notwendig befundenen neuen Regulierung der Staatsgüteradministrationen verwendet und zuerst mit der Bereisung und Untersuchung der Güter beauftragt werden sollte (Intimat vom 18. August 1803). Obwohl ihm nichts Schmeichelhafteres als diese Rückberufung hätte begegnen können, so mußte mein Vater diese doch ablehnen, da er, abgesehen von dem vorgerückten Alter von 66 Jahren, an einem chronischen Steinübel litt, welches ihn hinderte, sich so mühevollen Bereisungen zu unterziehen; außerdem würde diese neue Verwendung, mit der Führung von Privatgeschäften unvereinbar, ohne erhöhtes Gehalt seine Lage verschlimmert haben. Mein Vater wandte sich daher mit der Bitte, solcher Verwendung enthoben und in seinem bisherigen Zustande belassen zu werden, an seinen Chef, den Gouverneur Grafen Welsperg, dann an seine Gönner in Wien, den Staatsminister Grafen Inzaghi und den Grafen Josef von Bethgen. Der letzte antwortete ihm mit gewohnter Offenheit und praktischer Hilfeleistung: ?Da Euer Hochwohlgeboren an meiner freundschaftlichen Gesinnung und derselben Beharrlichkeit nicht zweifeln, so gehe ich lediglich zu der Hauptsache. Ich habe mit dem Grafen Zichy, dem Kammerpräsidenten, gesprochen, mußte aus dem Gange deren Sachen und der Gegnerschaft aus jenen Zeiten zurückkehren, wo er unter meinem Präsidio stund, zeigte ihm nach der Hand, auf was Art Sie von der Administration, nachdem ich schon vom Brett weg war, weggekommen, nach der Hand aber gelegentlich öfter Dikasterialänderungen in Ruhestand ohne Ursache, ohne Leibes- oder Seelenschwäche gesetzt worden, um, wie es oft geschieht, einen anderen hineinzuschieben. Zu meiner Verwunderung war seine Antwort, daß er nicht wüßte, jemals derlei erlassen zu haben. Was derlei nämlich wegen Verwendung bei der Staatsgüterverwaltung, als Bereisung deren Güter. Er bat mich, daß ich ihm ein derlei Gesuch an ihn zukommen mache, welches Sie mir, an ihn lautend, lediglich einzuschicken hätten. Er würde zu helfen[17] trachten. Nun, das sind zwar in einer Antwort nach meiner Auslegung zwei Widersprüche, er hat nichts erlassen und doch wird er zu helfen trachten. Ich sagte ihm ferner, wie es unrichtig ist, daß es vor der Aufklärung deren Sachen nötig wäre, daß man Ihnen selbsten spreche. Seine Antwort war: daß anfänglich genug sein würde, wenn Sie mir Ihre Bittschrift an ihn einsenden würden, und daß Sie sich keine Reiseauslagen machen. Ich erwarte demnach von Euerer Hochwohlgeboren diese Bittschrift und muß Ihnen im voraus sagen, daß jeder Mensch sein Steckenpferd hat, er ist im Grade Hofkammer- und Bankpräsident, weil aber einstens Saurau dies nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Französisch war, nämlich Finanzminister hieß, so hält er auf diesen Titel ungemein. Sie kennen meine Art, die gerade ist? und so weiter. Wien, 1. September 1803. Diesen guten Rat befolgend, wendete sich mein Vater an den Grafen Zichy als Finanzminister, und seine Bitte ward mit umgehender Post bewilligt. Mit 24. September 1803 wurde mein Vater von der Enthebung durch ein Intimat verständigt. Fünfzehn Jahre waren seit der ungerechten Jubilierung meines Vaters verflossen, fünfzehn Jahre hatte er noch nach diesem letzten, glücklich abgeschlagenen Angriff auf seinen Quieszentenstand, bis er kurz vor seinem am 8. Oktober 1818 erfolgten Tode die Agentie des Stiftes Admont und mit derselben sein tätiges Geschäftsleben aufgab. Auf seinem Grabe steht die Inschrift: ?Eines gerechten Mannes Asche umschließt dieses Grab, ihm von den Kindern erhöht.? Die warme Liebe, mit der ich immer an meinem Vater und er an mir gehangen, hat mir nicht gestattet, in der Aufzeichnung der Erinnerungen meines Lebens fortzufahren, ehe ich durch diesen Umriß des seinen der Pflicht kindlicher Pietät und den Gefühlen meines Herzens Genüge geleistet. Ich fahre nun in der Erzählung der Erlebnisse meiner Jugend fort. In meinem vierzehnten Jahre, nach Vollendung der vierten Klasse der Humaniora, erhielt mein Vater auf seine Bittschrift kurz nacheinander drei Stipendien: am 28. März eines von 25, statt dieses am 4. November eines von 50 und am 7. November statt des letzten ein Theresianisches[18] von 200 Gulden, welches zur Hörung der Lehrmeister an dem damals an die Stelle des aufgehobenen Theresianums getretenen Löwenburgschen Stifte verpflichtete. In der Hälfte desselben Jahres hatte mein Vater, durch seinen Gönner, den Grafen Bethgen, ermuntert und von demselben beim damaligen Vizestaatskanzler Grafen Philipp Cobenzl bestens empfohlen, bei der Staatskanzlei eine Bittschrift um meine Aufnahme als Zögling in die orientalische Akademie eingereicht (15. Juli 1787). In der orientalischen Akademie, welche damals unter der Oberleitung des Hofrates von Jenisch und der Direktion des Exjesuiten Franz Hoeck der Staatskanzlei untergeben war, hatte vor drei Jahren Graf Philipp Cobenzl die zweckmäßige Einrichtung getroffen, daß die Plätze der Stiftlinge nicht wie bisher und leider seitdem bloß nach Willkür und Gunst und höchstens als eine Belohnung der von den Vätern geleisteten Dienste gegeben, sondern durch Konkurs nach vorhergegangenem Unterrichte eines Jahres in der sogenannten Präparandenschule und gut bestandener Prüfung nach Maßgabe ihrer Anlagen und Verwendung und vorzüglich des Sprachtalentes nur den Würdigsten verliehen werden sollten. Zu tadeln war, daß der Konkurs nicht öffentlich ausgeschrieben und der Zutritt nur solchen gestattet ward, deren Eltern hierzu bei der Staatskanzlei besonders empfohlen waren. So geschah es, daß ich und Alois Meiller, die zwei einzigen Kandidaten dieser Präparandenschule, dieselbe täglich zwei Stunden besuchten und der Aufnahme um so sicherer entgegensehen konnten, als zwei Plätze zu vergeben waren. Bevor ich von meinem Eintritt in die Akademie spreche, will ich erst noch mit ein paar Worten meines Austrittes aus dem väterlichen Hause und aus dem Kreis meiner Brüder und Schwestern erwähnen. Die mir im Alter folgenden Brüder waren: Johann, der pensionierte Rittmeister; Alois, der als Leutnant in Italien starb; Cajetan, der als Admonter Professor der Mathematik und Direktor des Konviktes in Graz, als Administrator der Admontischen Herrschaft Mainhartsdorf in Obersteiermark gestorben; Wilhelm,[19] Doktor und Advokat der Rechte zu Graz; Franz, pensionierter Obristlieutenant, zu Prag lebend. Von den drei Schwestern, die ich damals als Knabe verließ, starb die jüngste als Gattin des Ritters Jelouscheg von Fichtenau, die beiden älteren, Anna und Fanny, blieben unvermählt, der Trost des seligen Vaters, dessen mit härtestem Leiden geschlagenem Greisenalter sie ihre besten Jahre mit kindlicher Liebe geopfert. Die bevorstehende Reise nach Wien erfüllte mich mit der größten Freude, weil ich sie nur für eine Lustreise von ein paar Wochen und für verlängerte Ferien hielt, von denen ich bald wieder in Graz zurück sein würde. Als aber mein Vater auf der Höhe des Semmerings mir den von ihm gefaßten Entschluß, mich in Wien zu lassen, ankündigte, ergriff mich der tiefste Schmerz der Trennung vom väterlichen Hause, der sich in Tränenströmen Luft machte. Mein Vater stellte mich zu Wien dem Vizestaatskanzler, dem Grafen Philipp Cobenzl, dann Freiherrn van Swieten, in dessen Händen die oberste Leitung des Studienressorts, dem Hofrate von Jenisch als dem Referenten der orientalischen Akademie, dem Abbé Hoeck als dem Direktor und Lehrer der Präparandenschule an derselben vor. Von allen diesen Herren, von deren Gunst oder Ungunst mein künftiges Schicksal abhing, wurde ich auf das gütigste und geneigteste aufgenommen. Mein Vater hatte mich zu Wien hauptsächlich der Aufsicht seines Schulkameraden und Freundes, des Abbé Bruck, empfohlen, des Präfekten des Gymnasiums bei St. Anna, der beim Freiherrn van Swieten in größtem Kredit stand. Dieser Mentor und väterliche Freund war einer der freisinnigst denkenden, gelehrtesten und originellsten Köpfe, die mir in meinem Leben vorgekommen. Sein sonderbarstes theologisches Steckenpferd war der von ihm aufgestellte und mit der größten Wärme verfochtene Satz, daß alle Klassiker von den ersten Lehrern des Christentums verfälscht worden seien und daß die Stellen des Tacitus sowohl als die aller anderen römischen Schriftsteller, wo von dem Christentum die Rede, apokryph seien. Er hatte zum Behufe[20] der Beweisführung seiner Meinung Massen von Auszügen gemacht, die in ungeordneten Stößen in seinem Arbeitszimmer umherlagen. Was mit diesen Schriften nach seinem Tode geschah, habe ich trotz angestellter Nachfragen nie erfahren können. Bruck, der im zweiten Stock des Gebäudes von St. Anna wohnte, hatte meinem Vater als Kostherrn für mich den Hausinspektor Peiserstöck empfohlen; er war ein geborener Bauer und stand mit seiner Frau auf niederster Stufe krassesten Bigottismus. Ihre Sorge für den ihnen anvertrauten Kostknaben bestand vorzüglich darin, das regelmäßige Messehören zu überwachen und ihm die Kirchen der Hauptstadt zu zeigen. Die Stunden des Tages waren pünktlich eingeteilt. Um sieben Uhr Messe, dann Frühstück und fort ins Barbarastift, wo die Schule der Theresianischen Stipendisten war, am anderen Ende der Stadt. Um zehn Uhr endeten die Lehrstunden im Barbarastift, um elf Uhr begannen die des Türkischen in der Vorbereitungsklasse der orientalischen Akademie, so blieb eine Stunde übrig, die mit einer Messe bei den hart am Barbarastift gelegenen Dominikanern und mit vorbereitender Lesung in der orientalischen Akademie ausgefüllt wurde. Von da zum Mittagessen nach St. Anna, von zwei bis fünf die Stunden im Theresianum, von fünf bis sechs die Vorbereitungsklasse, dann nach Hause, wo der Abend zum Wiederholen und Vorlernen verwendet ward. In ein Theater kam ich nie, genoß auch keine anderen gesellschaftlichen Unterhaltungen. Ich erinnere mich noch sehr gut des Abends des ersten Vermählungsfestes Kaiser Franz' am 6. Januar 1788, von dessen Zeremonien und öffentlichen Feierlichkeiten ich nichts sah und nichts hörte als das immerwährende dumpfe Rollen der Wagen, von dem die Fenster dröhnten und das mich, den Einsamen an meiner Studierlampe, mit großer Traurigkeit erfüllte. Mein Professor der Poesie im Theresianum, der Piarist Müller, war ein freundlicher, aber ernster Mann, welcher während seiner Lehrstunden den Mutwillen seiner höchst ausgelassenen Schüler zu zähmen verstand. Dieser brach um so zügelloser in den Stunden des[21] Griechischen unter dem als Philologen bekannten Pater Alber los; ein zum Lehrfache minder tauglicher Pedant hätte unmöglich aufgefunden werden können. Bei den vielen Lärmszenen, die in seinen Stunden stattfanden, kam manchmal der Direktor des Theresianums, Freiherr von Stillfried, ein alter, seelenguter, aber schwacher Mann, der seine Beruhigungsreden regelmäßig mit den Worten ?Soyez sages Messieurs? begann; von einer Strafe war nie die Rede. 1 Amazon.de Widgets Befindet sich im Archiv zu Hainfeld. 
 XXVIII. Das Jahr 1837.  [314] In den ersten vier Monaten des Jahres 1837 entwickelte ich die größte Tätigkeit im Betreiben der Akademiegründung. Bei Jacquin hatte ich mich mit den Herren, die sich mit mir an einer Bittschrift beteiligten, besprochen; manche waren für eine Bittschrift mit vielen Unterschriften aus allen Ständen. Diesem Vorschlag widersetzte ich mich, weil ich überzeugt war, mit einer solchen Bittschrift, die außerdem gesetzlich unstatthaft, der Sache nur zu schaden. Ich stellte den Grundsatz auf, der Vorschlag solle von zwölf Staatsbeamten, die in der Wissenschaft etwas geleistet, unterschrieben werden, und zwar in gleicher Zahl von Seite der mathematisch-physischen als der philologisch-historischen Klasse, in welche die Akademie zerfallen sollte. Zahlbruckner sagte, er müsse sich zuerst die Unterstützung seines Herrn, des Erzherzogs Johann, versichern. Vergeblich wendete ich ein, daß ich schon wiederholt mit dem[314] Erzherzog davon gesprochen und immer die Antwort erhalten habe, er könne sich damit nicht befassen. Dennoch wurde beschlossen, Zahlbruckner solle an den Erzherzog schreiben. Die Antwort lautete, wie ich vorausgesetzt: ?Es sei nicht an der Zeit.? Baumgartner sagte: ?Was, zum Teufel, nicht an der Zeit! Sooft man bei uns etwas Gutes und Nützliches begehrt, heißt es: »Es ist nicht an der Zeit!«, jetzt oder niemals ist die Zeit dazu gekommen.? Auch ich fand, es sei gerade an der Zeit, wo den Lombarden die Wiederherstellung ihres wissenschaftlichen Instituts für die Krönung zugesagt und man doch nicht die Schmach und Ungerechtigkeit voraussetzen könne, daß man den Deutschen und Österreichern versagen werde, was den Venetianern und Lombarden gewährt wird. Ich schlug vor, ungesäumt Hand ans Werk zu legen und den am nächsten Mittwoch wieder hier versammelten Herren Bericht zu erstatten. Am folgenden Morgen ging ich zum Präsidenten der Hofkammer Freiherrn von Eichhoff, den ich nicht erst günstig zu stimmen brauchte, da er die Sache als Staatsmann und Freund der Wissenschaften auffaßte und mich ermächtigte, dem Grafen Kolowrat zu sagen, daß die Hofkammer zur Unterstützung des Antrages bereit sei. Acht Tage später hatte ich Audienz beim Grafen Kolowrat, der mir aber diesmal mit Schwierigkeiten entgegenkam. Er sagte: das lombardische Institut lasse sich nicht als Beispiel anführen, dafür seien Kapitalien und Vermächtnisse vorhanden. Ich entgegnete: ?Stiften Sie nur einmal eine Akademie, dann wird es auch in Österreich nicht an wissenschaftlichen Größen und Menschen fehlen, welche die Akademie in ihren Testamenten bedenken werden.? Er kam auf den Zustand der Finanzen, welche nötigere Ausgaben zu bedenken hätten, und als ich ihm Eichhoffs Erklärung mitteilte, sagte er: ?Eichhoff weiß nicht, wie schlecht wir stehen.? Endlich gab er den Rat, wir sollten durch Erzherzog Ludwig an den Kaiser gehen. In der gewöhnlichen Sonntagsaudienz wartete ich dem Erzherzog Ludwig auf und sprach lange und eindringlich über die Notwendigkeit der Akademie und den[315] mir von Graf Kolowrat gegebenen Rat. Er blieb mir die Antwort schuldig. Amazon.de Widgets Am nächsten Mittwoch wurde bei Jacquin verabredet, daß am nächsten Montag, den 13. März, die Beratung der zwölf über die von mir zu entwerfende Bittschrift und die Umrisse der Akademie stattfinden sollen. Ich lief herum, um die zwölf anzuwerben und unter einen Hut zu bringen. Die Herren Baumgartner, Ettingshausen, Jacquin und Littrow waren mir sicher, ich hatte auch Endlicher genannt, aber Jacquin meinte, ich sollte lieber Hofrat Schreiners, den Direktor des Naturalienkabinetts, und Regierungsrat Prechtl, den Direktor des polytechnischen Instituts, ansprechen. Beide fand ich bereit. Auf der Bibliothek waren Kopitar und Wolf, im Antikenkabinett Arneth meinem Wunsch entgegengekommen, ich hatte also nur mehr zwei Geschichtschreiber anzuwerben. Chmel sagte nach einigem Zögern zu, Buchholtz wollte mir wegen seiner ultrakatholischen Gesinnung, die sich in seiner Geschichte Ferdinand I. kundtut, nicht passen, ich lud ihn aber schließlich doch ein. Am 13. März fand die Beratung statt, wir waren nur neun, denn Schreibers und Prechtl waren nicht gekommen, Kopitar war durch ein Versehen meines Bedienten die Einladung, nicht ausgerichtet worden. Ich las den groben Entwurf und notierte die Einwendungen und Zusätze. Jacquin wollte für jede Klasse einen Präsidenten, ich setzte meinen Antrag, daß der Präsident aus einer Klasse, der Vizepräsident aus der anderen zugleich der Präsident dieser sei, durch. Littrow wollte von keinem Generalsekretär, nur von zwei Sekretären der beiden Klassen hören, endlich einigte man sich auf diese mit einem Generalsekretär. Mein Vorschlag, auch Dichtern unter den Philologen einen Platz zu gönnen ? ich nannte Grillparzer und Zedlitz ?, wurde von keiner Stimme unterstützt. Zedlitz begann schon damals auf die Ansichten des Fürsten Metternich einzugehen, um eine Anstellung zu erhalten, und wollte von einer Akademie nichts wissen, noch sich für diese beim Fürsten interessieren. Diese von mir in Gang gebrachte, von zwölf Beamtenschriftstellern gefertigte Bittschrift war das erste Anklopfen der öffentlichen literarischen Meinung an die verschlossenen[316] Pforten Metternichschen Systems und die wirklich ins Leben gerufene Akademie das erste Zugeständnis, welches der Fürst Metternich nach zehn Jahre dauerndem Sträuben der öffentlichen Meinung machte. Ich sandte den durchberatenen Entwurf zu den Herren herum und diese machten ihre Bemerkungen dazu. Am folgenden Tage ließ ich die Reinschrift1 kursieren und schrieb an den Obersthofmeister des Erzherzogs Ludwig, den Grafen Reischach, um für eine Deputation wissenschaftlicher Männer eine Audienz zu erbitten. Graf Reischach war durch seinen Neffen, den Grafen Marschall, günstig gestimmt, der Erzherzog durch den Grafen Kolowrat vom Gegenstand der Audienz bereits unterrichtet. Schon nach wenigen Stunden erhielt ich die Nachricht, daß der Erzherzog uns am folgenden Tage empfange. Jacquin war unwohl, Ettingshausen übernahm seine Stelle, mit ihm waren Baumgartner, Arneth und ich die Abgeordneten, und wir verabredeten, was jeder sagen sollte. Wir wurden sehr gnädig empfangen, ich sprach zuerst und zuletzt, am besten und kräftigsten sprach Ettingshausen. Ich eilte in die Staatskanzlei zu Pilat und bat ihn, in meinem Namen den Fürsten Metternich von dem soeben gemachten Schritt in Kenntnis zu setzen und ihn um seine Unterstützung zu bitten. Im Verlaufe dieses Sommers arbeitete ich sehr langsam und schwer an meinem Gemäldesaal morgenländischer Herrscher, dessen Zueignung Erzherzog Franz Karl angenommen hatte, von ihm erhielt ich aber nie irgendeine Anerkennung dafür. Trotzdem blühte mir in diesem Jahre eine doppelte Freude: das Diplom und das brillantene Ehrenzeichen des Nischan-el-Iftikar, wörtlich übersetzt ?Zeichen der Berühmung?, weil, der es erhält, erst dadurch berühmt werden soll, und die Verleihung des Erbamtes als Oberst-Erbland-Vorschneider in der Steiermark. Das erste bekam ich für die Zueignung der Geschichte der türkischen Dichtkunst[317] an den Sultan. Um das Erbamt anzusuchen, wäre mir nie eingefallen, wenn mich nicht mein Freund Wartinger darauf aufmerksam gemacht hätte. In Hainfeld beschäftigten mich die archivalischen Vorbereitungen und die Sichtung der Papiere für meinen historischen Roman ?Die Gallerin auf der Riegersburg? noch zwei Wochen, am Rosalientage (4. Sept.) begann ich ihn zu schreiben. Ich verwendete darauf die Morgenstunden von vier bis sieben und vollendete in sieben Wochen meines Aufenthaltes den ersten Teil. Ende September wohnte ich dem Landtag in Graz bei und nahm meine Belehnung als Oberst-Erbland-Vorschneider. Am Tage meiner Rückkunft von Hainfeld war auch der türkische Botschafter Reschid von Paris eingetroffen. Ich besuchte ihn sogleich und erwartete die Bestimmung des Fürsten zur Audienz beim Kaiser. Diese fand am folgenden Tage hinter meinem Rücken statt, der Fürst nahm statt des Hofdolmetsches Maurojeni zu dieser Audienz mit. Zu dieser Kränkung hatte ich nicht den geringsten Anlaß gegeben, am folgenden Tage protestierte ich in aller Form dagegen und sandte Abschriften meines Protestes an den Erzherzog Ludwig und an Graf Kolowrat. Soviel bewirkte mein Protest, daß, als vierzehn Tage später der türkische Botschafter Ssarimbeg durchkam, die Audienzen beim Fürsten und beim Kaiser in gehöriger Form und Ordnung stattfanden, ebenso als einen Monat später Nuribeg auf seinem Rückwege von London eintraf. 1 Diese Eingabe vom 18. März 1837 wurde von A.R.v. Schrötter im Almanach der k. Akademie der Wissenschaften 1872, S. 134 ff., vollständig veröffentlicht. Vgl. Alfons Huber, Geschichte der Gründung und Wirksamkeit der k. Akademie der Wissenschaften, S. 22 ff. 
 XXVII. Die Jahre 1835 und 1836.  [301] Je fleißiger und angestrengter ich an meiner Geschichte der goldenen Horde arbeitete, um so nötiger hielt ich es, mich durch Lektüre und durch abendliche Gesellschaften aufzuheitern und dadurch neue Kraft zur Arbeit zu sammeln. Ende Jänner 1835 erhielt ich vom Sultan, dem ich die ?Goldenen Halsbänder? und ?Rose und Nachtigall? gesendet hatte, eine blau emaillierte Dose, die ich dem Fürsten Metternich zur Ansicht sandte. Am 2. März starb Kaiser Franz. Vor seinem Totenbette legte die verwitwete Kaiserin die Hände Metternichs und Kolowrats, die sich spinnefeind gegenüberstanden, ineinander, sie gaben sich und dem Erzherzog Ludwig das Wort, im Geiste des verstorbenen Kaisers die Regierung fortführen zu wollen. Dieses unselige Bündnis hat dreizehn Jahre später allen dreien und fast auch der Monarchie den Hals gebrochen. Am nächsten Morgen kam Erzherzog Johann an und als er vom Totenbette des Kaisers zurückkam, blieb ich anderthalb Stunden bei ihm und beschwor ihn, sich an die Spitze der Erzherzoge zu stellen, um das Unglück zu verhüten, daß Metternich allein die Zügel der Regierung ergreife und die Monarchie ins Verderben stürze. Mein Zureden war vergeblich, die stete Antwort war: ?Metternich und Kolowrat werden mehr Macht haben als ich.? Seit dem Jahre 1831 nach der Versammlung der Naturforscher waren durch Fürst Metternich die Professoren Littrow,[301] Jacquin, Baumgartner und Czermak mit der Vorspiegelung einer im engsten Kreise zu bildenden naturhistorischen Akademie genarrt worden und Littrow, über seine getäuschten Hoffnungen wütend, wollte mit dem Fürsten nichts mehr zu tun haben, seither war von einer Akademie keine Rede mehr gewesen. Nun glaubte Littrow endlich meinen Worten, daß, solange Kaiser Franz lebe und Stifft bei ihm allmächtig sei, an das Zustandekommen einer Akademie nicht gedacht werden könne. Kaum 14 Tage nach dem Tode des Kaisers nahm Kaltenbäck die Idee einer Akademie mit großer Wärme auf und bat mich, mit dem Fürsten darüber zu sprechen. Ich versprach mir wenig Erfolg, tat es aber doch, ich wußte im voraus, daß des Fürsten Stolz sich nie dazu herbeilassen werde, sich an die Spitze eines Unternehmens zu stellen, zu dessen Ausführung die Finanzen in Anspruch genommen werden mußten. Nur zu gut kannte ich diese Stimmung und wie wenig der Fürst für die Wissenschaft überhaupt und für Männer der Wissenschaft zu tun geneigt war. Ich konnte nicht hoffen, daß die Gründung der Akademie von ihm ausgehen würde. Ich versprach, das meine redlich zu tun und mich mit der Frage um so ernster und ausschließlicher zu beschäftigen, als ich soeben im März die große und mühevolle Arbeit meiner Geschichte der goldenen Horde in Kipdschak vollendet hatte. Ich trug bald darauf die Sache dem Fürsten vor, erhielt aber die Antwort, es sei dermalen kein günstiger Zeitpunkt. Vorderhand war der Fürst allerdings mit anderen Gedanken in Anspruch genommen. Er hätte gern, und der Gedanke war ein sehr staatsmännischer, den Verband aller unter Österreichs Szepter vereinten Nationen durch eine Krönung des Kaisers als Oberster Kaiser befestigt, aber die Ausführung dieses großen Gedankens scheiterte an dem Widerstande der Ungarn und Böhmen, die von keiner anderen Krönung als von der in der Eigenschaft ihres Königs hören wollten. Besonders Kolowrat stand als Tscheche diesem Vorschlag Metternichs ablehnend gegenüber, dieser wieder wollte von den Huldigungen der Stände in den österreichischen Provinzen Tirol, Steiermark, Kärnten und Krain, die seit Maria Theresia von den Ständen verschlafen worden waren, nichts wissen. Zumindest[302] hätte die Huldigung in Wien nicht bloß die Niederösterreichs, sondern eine allgemeine der deutschen Länder sein sollen, wie dies schon bei früheren Gelegenheiten der Fall war. Am 24. März kam ich von einer Abendgesellschaft bei der Gräfin Rzewuska nach Hause und fand einen Brief des Captain Hall vor, der mir die Nachricht der drohenden Todesgefahr meiner Freundin, der Gräfin Purgstall, brachte. Die Stafette war über Graz gekommen und enthielt kein Wort über die längst verabredete Maßregel, daß mir Pferde von Hainfeld nach Hartberg entgegengeschickt würden, damit ich auf dieser kürzesten Linie in zweiundzwanzig Stunden eintreffen könnte. Ich traf sofort alle Vorkehrungen zu schnellster Abreise. Es war erst zehn Uhr, also noch Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich den Fürsten Metternich in seinem Salon und jemanden in der Staatskanzlei zur Ausfertigung meines Passes treffen würde. Fürst Metternich gab mir sofort die Erlaubnis und Baron Lebzeltern fertigte den Paß aus. Um Mitternacht fuhr ich mit meinem Bedienten ab. In Graz fuhr ich zum Vertreter der Gräfin, um dort sichere Nachricht über ihren Zustand zu erhalten. Ich kam viel zu spät, die Gräfin war schon vierundzwanzig Stunden bevor ich Halls Brief bekam, verschieden. Im Gasthof ?Zur Stadt Triest? öffnete ich den versiegelten Brief, den die Gräfin mir vor vierzehn Jahren gegeben hatte und auf dessen Umschlag stand: ?Not to be opened till after my death.? Ich mußte vermuten, daß er letztwillige Anordnungen enthalte, und nahm ihn seit dem Jahre 1821 immer nach Hainfeld mit, um ihn ihr uneröffnet wiederzugeben, wenn sie es für nötig fände, den Inhalt zu ändern. Sie nahm ihn aber nie zurück und versicherte, daß nichts zu ändern sei. Ich dachte, der Brief enthalte Bestimmungen über ihr Leichenbegängnis, denn an das Gerede in Graz, daß sie mich zum Erben eingesetzt, konnte ich um so weniger glauben, als ich vor einigen Jahren die Schenkung ihrer Bibliothek unterschrieben hatte, unter dem Ehrenworte, sie ihren Erben zu übergeben. Sie sagte, sie wolle dadurch ihren Erben den Besitz der verbotenen Bücher sichern. Sie tat es aber scheinbar nur, um mir die Idee zu nehmen, daß ich ihr Erbe sein könne, denn sie hatte, wie sie einmal äußerte, die Überzeugung,[303] daß die Reinheit aller Freundschaft gestört sei, sobald ein Teil wisse, daß er den anderen beerben werde. Mein Bruder Wilhelm ging zu den Landrechten, um der Eröffnung des Testamentes beizuwohnen und brachte die Nachricht, daß ich darin zum Universalerben ernannt sei und mir Hainfeld unter der Bedingung zufalle, daß ich, nach mir mein Sohn Karl und seine männlichen Kinder, dann Max und dessen männliche Kinder als Erbe dieses Fideikommisses Wappen und Namen der ausgestorbenen Purgstall annehmen müsse. Nur im Falle des Mangels männlicher Erben sollte Hainfeld an ihren Neffen Walter Wilhelm Raleigh Kerr, der im Regiment Nugent als Leutnant diente, übergehen. Nachmittags fuhr ich mit Herrn von Thinnfeld, einem Freund der seligen Gräfin, von Graz nach Hainfeld. Der Kammerdiener übergab mir einen Beutel mit 50 Dukaten und einen Brief, welchen ihm die Gräfin auf dem Totenbette für mich übergeben hatte. Der Brief war für mich sehr überraschend, er war vor drei Jahren geschrieben und kommentierte das Testament. Sie sah selbst ein, daß beim Aufhören der Robote und Zehenten, die sie schon sechzehn Jahre vor der Abolition richtig voraussagte, der Wert von Hainfeld sehr sinken würde. Sie hat mir mit diesem Gut ein Sorgenfrei für die schönsten Monate des Jahres in einem der schönsten Täler der Steiermark bereitet, das zwar kein besonderes Einkommen abwirft, aber seinen Besitzer, wenn er es zu bewirtschaften versteht, ernähren kann. Hainfeld hat nicht nur mir, sondern auch meiner Frau zehn Jahre das größte Vergnügen gemacht, und ich segne das Andenken der edlen großmütigen Freundin auch im Namen meiner Kinder. Dies spricht auch das Kenotaph aus, das ich aus rotem Salzburger Marmor ihr in die Kapelle von Hainfeld errichtete: ?Tui memorem sepulcro sculpo queralem. Joannen Gräfin von Purgstall, geb. Cranstoun Seiner edlen Freundin und Wohltäterin Vom Erben des Namens, Wappens und Gutes. 1836.? Amazon.de Widgets Herr von Thinnfeld war am Morgen nach Riegersburg gegangen, um die Familiengruft öffnen zu lassen und über den Zweifel der Gräfin, ob noch Raum genug für sie in der[304] Gruft sei, Aufklärung und Gewißheit zu verschaffen. Obwohl sie mich seit Jahren jedesmal, wenn ich nach Hainfeld kam, vor ihren eisernen Sarg in die Kapelle führte und mir das Versprechen abnahm, für ihre Bestattung in der Gruft von Riegersburg Sorge zu tragen, äußerte sie nicht einmal die Besorgnis, daß dort kein Platz mehr sei, erst wenige Wochen vor ihrem Tode teilte sie diese Furcht Captain Hall mit und schrieb auch mir darüber. Um so größer war mein Erstaunen, als Herr von Thinnfeld berichtete, daß die Gruft ganz ausgefüllt und für einen sechsten Sarg kein Raum mehr in ihr sei. Er hatte sofort Anstalten getroffen, daß alle Särge herausgeschafft und die Gruft durch Arbeiter um vier Fuß tiefer gegraben werde und so bis zur morgigen Beisetzung Platz geschafft sei. Captain Hall hatte ich als Zeugen für die Vollstreckung des letzten Willens meiner Freundin genommen, er war mir darin in jeder Weise behilflich. Ihrem Wunsche entsprechend, war ich den ganzen Vormittag mit der Sichtung und dem Verbrennen ihrer englischen Briefe beschäftigt, ein Geschäft, das ich nur aus Pflichtgefühl und wider meine Ansicht vollzog, denn unter den Briefen befanden sich solche ausgezeichneter Männer wie Mozart und Walter Scott. Captain Hall nahm die Massen von Briefen, die ich gesichtet, und schob sie in den Ofen. Am folgenden Tage übersetzte ich das Testament ins Englische, um es an Mr. Mowbray, den Agenten der Gräfin, zu senden. Mittags küßte ich nochmals die großmütige Hand im Sarge, dann wurde er geschlossen und der Schlüssel mir übergeben. Um halb ein Uhr setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag. Der Sarg wurde abwechselnd von den Richtern der Gemeinden getragen, Männer, Weiber und Kinder beteten den Weg entlang, der in dritthalb Stunden zurückgelegt wurde. Am Fuße des Marktes Riegersburg wartete der Dechant-Hauptpfarrer mit seinem Kaplan. Am 1. April kehrte ich nach Wien zurück und berichtete am folgenden Morgen dem Fürsten Metternich über den Inhalt des Testamentes und über die Bedingung der Annahme von Wappen und Namen. Er sagte, damit werde es keine Schwierigkeit haben und er wolle die Sache unterstützen.[305] Bald nach meiner Rückkehr hatte ich als Hofdolmetsch vollauf zu tun. Reschid, der nachmalige Minister der auswärtigen Geschäfte und Großvezier, war auf der Durchreise in Wien als Botschafter nach Paris. Er war ein Freund europäischer Bildung und bemühte sich, sein Volk zu reformieren, gegen unübersteigliche Hindernisse, welche ihm Habgier, Unwissenheit und Fanatismus in den Weg stellten, kämpfte er mutig, aber vergeblich. Als Balzac nach Wien kam, besuchte er mich und ich eilte, ihm meinen Gegenbesuch zu machen. Ich fand ihn nicht daheim, es hieß, er sei beim Fürsten Metternich. Da ich ohnehin in der Staatskanzlei zu tun hatte, ging ich hin und fand das Vorzimmer mit Gesandten, Präsidenten, Hofräten und Generalen gefüllt. Ich fragte den Türsteher und erfuhr, daß alle diese Herren zur Audienz bestellt seien, daß der Fürst aber seit einer halben Stunde mit Herrn von Balzac plaudere und verboten habe, anzuklopfen. Ein anderer Löwe dieses Sommers war der türkische Großbotschafter Fethi Ahmed Pascha, der zum Eidam des Sultans ausersehene General, dem man den jovialen Bonvivant, aber nicht den Militär ansah. Er war schon seit geraumer Zeit als Überbringer der Glückwünsche des Sultans zur Thronbesteigung angekündigt und war sehr bequem gereist. Der Charakter des außerordentlichen Großbotschafters steigerte den Glanz seines Empfanges und der ihm erwiesenen Ehren. Für den 6. August war die Audienz beim Kaiser festgesetzt, ich mußte die Übersetzung der mir mitgeteilten Rede des Botschafters und die Antwort des Kaisers auswendig lernen. Der Kaiser murmelte nur ein paar unverständliche Worte, und was ich dann türkisch sprach, mußte für das, was er hätte sprechen sollen, gelten. Alles verlief gut und wunschgemäß. Drei Tage nach der Audienz beim Kaiser fanden die bei den Erzherzogen Ludwig und Franz Karl und bei der Frau Erzherzogin Sophie statt. Fethi fragte mich, was er der Erzherzogin für eine Artigkeit sagen könne, und ich riet ihm, ihren Namen mit der Moschee Aja Sophia, welche die Türken ?Sammlerin der Herzen? nennen, in Verbindung zu bringen. Er sprach zwar von der Aja[306] Sophia, aber von ihren hohen Bogen, mit denen er die Augenbrauen der Erzherzogin verglich, ein sehr unglücklicher Vergleich, denn diese waren nicht durch Schönheit ausgezeichnet. Einige Tage später speiste ich mit dem Botschafter in Baden beim Erzherzog Karl, zur Rechten des Erzherzogs saß der Botschafter und ich zwischen diesem und der Frau Erzherzogin Therese, der jetzigen Königin von Neapel, ich dolmetschte bald dem Helden Österreichs, bald seiner erlauchten Tochter. Zwei der frohesten Tage in Gesellschaft des Botschafters waren die, welche wir in Laxenburg und in Klosterneuburg verbrachten. In Laxenburg wurden wir im Schloß bewirtet und fuhren am Nachmittag mit dem Schloßhauptmann Herrn von Riedel, dem der Park seine großen Verschönerungen verdankt, in kaiserlichen Wägen in diesem spazieren. Den Beschluß machte eine Fahrt auf dem Wasser in Begleitung einiger Musikbanden. In Klosterneuburg besuchten wir den armenischen Bischof auf seinem Landsitze und wurden von ihm festlich bewirtet. Außer Maurojeni und dem Bruder des Bischofs waren auch Ottenfels und Baron Binder, der Nestor unserer Diplomaten, geladen. Am 24. Dezember reiste Fethi Pascha ab, meiner Frau schenkte er einen sehr schönen Ring, ich gab ihm dafür einen kostbaren Koran, er sagte mir, er nehme ihn nur an, weil er mich so sehr liebe. In diesem Jahre (1835) endete auch mein Briefwechsel mit Böttiger, der über 40 Jahre gedauert hatte. Am 17. November starb er. Auch W. von Humboldt war gestorben und ich war an seiner Stelle als ?Membre associé? in die ?Académie des inscriptions? aufgenommen worden, eine Ehre, die vielleicht Fürst Metternich von allen Ministern allein zu schätzen wußte. Zu Ende des Sommers hatte ich den ?Gemäldesaal morgenländischer Herrscher? vollendet, nun begann ich die Übersetzung des persischen mystischen Gedichtes ?Rosenflor des Geheimnisses?. Für den Umschlag hatte mir Frau von Schmerling, die Tochter des Generals Baron Kudelka, die Zeichnung eines Rosenbündels und einer Muschel als Sinnbild des Geheimnisses entworfen. Von ihr sind auch die[307] Umschlagzeichnungen für ?Rose und Nachtigall? und für den ?Falknerklee? und ein noch nicht lithographiertes Blumengemälde der sieben Blumen des orientalischen Kleeblattes mit den Worten ?der Reigen der Blumen ist der Verein der Kenntnisse?. Mehr als sieben Monate waren verflossen, seitdem ich meine Bitte um die Bewilligung des Fideikommisses und die Annahme von Wappen und Namen gestellt hatte, und noch immer war keine Entscheidung erflossen. Fürst Metternich versicherte mir, er habe mit dem Grafen Kolowrat gesprochen, und wenn ich diesen fragte, sagte er, der Fürst habe ihm kein Wort gesagt. Durch einen vertrauten Freund bei der Hofkanzlei erfuhr ich, daß der Kaiser am 17. November 1835 die Bewilligung des Fideikommisses ohne Annahme von Wappen und Namen unterschrieben habe. Ich ging in die Staatskanzlei und traf Gervay, der gerade vom Referat beim Fürsten kam. Ich sagte ihm im Vorzimmer: ?So hat mich der Fürst abermals belogen.? Gervay war ganz erschrocken und kehrte sofort in das Kabinett des Fürsten zurück. Nach einiger Zeit kam er heraus und versicherte mir, die Sache komme in Ordnung, er schreibe sofort an den Obersten Kanzler den Auftrag des Fürsten, daß die Entschließung des Kaisers so lange zurückgehalten werde, bis Fürst Metternich seinen Vortrag über die Annahme von Namen und Wappen erstattet habe. Am letzten November versicherte mir Graf Kolowrat, Metternich habe nun den Vortrag erstattet, der in etwa acht Tagen herauskommen würde. Am 8. Dezember verkündete mir Fürst Metternich in Gegenwart Dr. Jägers die Bewilligung zur Annahme des Namens und Wappens der Purgstall und die Verleihung des Freiherrnstandes. Von allen Seiten regnete es Glückwünsche. Das Fideikommiß war von den steirischen Landständen beanstandet worden, weil das Schloß groß, die Einkünfte der Herrschaft klein. Die oberste Justizstelle erkannte diesen Grund nicht an und beanstandete die Fideikommiß-Errichtung nicht. Mit dem Beginne des Jahres 1836 beginnt auch mein durch zehn Jahre unablässig fortgesetztes Bemühen um die Gründung einer Akademie der Wissenschaften. Littrow[308] schrieb in den Jahrbüchern der Literatur gelegentlich der Anzeige des compte rendu der Petersburger Akademie einen ausgezeichneten Artikel. Kaltenbäck in seiner österreichischen historischen Zeitschrift ebenfalls einen, in dem er die früheren akademischen Bemühungen in Österreich seit der unter Kaiser Maximilian I. gegründeten Donaugesellschaft aufzählt. Ich legte das Blatt mit dem Artikel Kaltenbäcks dem Fürsten vor und machte ihn auf die allgemeine Stimmung der Wiener Literatur aufmerksam. Er war sehr unwillig darüber und sagte, das hätte er nicht zu drucken erlaubt, es sei jetzt nicht an der Zeit. Später machte er, wie ich hörte, dem Grafen Sedlnitzky Vorwürfe darüber, daß der Zensor den Artikel durchgelassen hatte. Kaltenbäck glaubte mir entweder nicht oder glaubte mehr auszurichten als ich, er nahm eine Audienz beim Fürsten, der ihn zwar höflich empfing, aber auf den Gegenstand der Gründung einer Akademie überhaupt nicht einging. Es blieb nun nichts übrig, als den Grafen Kolowrat in wiederholten Unterredungen für die Sache günstig zu stimmen, was ich mit größtem Eifer tat und jede Gelegenheit dazu benützte. Ich schrieb einen rohen Entwurf der leitenden Grundsätze und Statuten einer das ganze Kaiserreich umfassenden Akademie und bat den Grafen Kolowrat, mir eine Audienz von einigen Stunden zur Erläuterung dieses Planes zu gewähren. Ich las Punkt für Punkt vor, fand aber gleich anfangs bei dem Grundsatze, daß die Akademie das ganze Kaiserreich umfassen solle, unüberwindlichen Widerstand. Dazu, erklärte er, könne er nicht die Hand bieten, es sei unmöglich, daß die neue Akademie die schon in der Monarchie bestehenden Institute dieser Art beirre, weder die böhmische noch das Institut in der Lombardei, dessen Wiederbelebung den Italienern schon zugesagt sei, dürfe durch sie behindert werden. Ich ergab mich und sagte: ?Wenn also bloß von einer Akademie für die deutschen Länder die Rede sein soll, so ist die Aufgabe um so leichter, nicht nur von der finanziellen Seite, sondern auch von der der Einrichtung, die Wiener Akademie wird dann bloß ganz Österreich und die deutschen Teile von Böhmen, Mähren und Schlesien zu vertreten haben und wird geringerem Widerstand ausgesetzt[309] sein.? Ich sagte zu, meinen Plan in diesem Sinne umzuarbeiten. Das Fronleichnamsfest war glänzender als gewöhnlich durch die Anwesenheit der französischen Prinzen, der Herzoge von Nemours und Orleans. Sie sahen vom Fürst Schwarzenbergschen Palais auf dem Neuen Markt zu. Sie waren nach Wien gekommen, um um die Hand der Erzherzogin Marie, der Tochter des Erzherzog Karls, für den Herzog von Orleans zu werben. Erzherzog Karl war sehr geneigt, aber die Kamarilla der Frauen und Metternich wollten nichts davon hören. Die Prinzessin wurde von allen Seiten bearbeitet, und man machte ihr die Hölle mit Bildern von Henkern und Schaffot so heiß, daß sie weinte. Amazon.de Widgets Am letzten August reiste ich mit Frau und Kindern über Graz nach Hainfeld, um, nachdem alle Formen des Rechtes erfüllt waren, den Besitz anzutreten. Ich hatte dazu den 8. September, den Vermählungstag meiner Eltern, bestimmt, und meine Schwestern und Brüder, den Kurator des Fideikommisses, Dr. Hofbauer, meinen Schwager Alfred und meine Freunde Frankl, Kaltenbäck und Weigl eingeladen. Das Schloß und die Einrichtung war in größter Unordnung, mit bewundernswerter und verständiger Tätigkeit brachte Karoline binnen drei Tagen Ordnung in das Chaos und machte alle Anstalten, um die Richter und Geschworenen im Saal, die Bauern im Hof zu bewirten. Mein Bruder, der Admonter, las die Messe, Karoline und Isabelle sangen auf dem Chor lateinische Motetten. Nach der Messe begab ich mich auf die Stiege, die offen ist und auf der mich alle im Hofe sehen und hören konnten. Der Kurator hielt eine Installationsrede zum Lobe des Hauses Purgstall und zu meinem und ich antwortete darauf: ?Ich bin tief bewegt durch alles, was Sie, verehrter Herr Kurator von den Verdiensten des Hauses Purgstall und den hohen und seltenen Eigenschaften meiner edlen großmütigen Freundin, der seligen letzten Gräfin Purgstall, erwähnt haben und danke Ihnen für das ehrenvolle Zeugnis, welches Sie mir vor meinen Untertanen geben, an die ich mich nun wende. Gott grüße euch, meine Kinder! Ihr habt aus dem Munde des Herrn Kurators gehört, daß Seine Majestät der Kaiser die[310] Verdienste eurer letzten gnädigen Herren, der Grafen und der seligen Gräfin, anerkennend, den Namen Purgstall noch ferner erhalten wollen, indem derselbe mit meinem und dem meiner Nachkommen vereinigt worden. Ich kenne meine Pflichten wie die euren und bin vollkommen überzeugt, daß ihr ebenso wie ich dieselben zu erfüllen beflissen sein werdet. Ihr habt an der Gräfin eine liebreiche Mutter verloren, ich hoffe, ihr sollt in mir einen Vater wiederfinden. Ich bin wie ihr ein Steirer nicht nur von Geburt, sondern auch von Gesinnung, darum wollen wir mitsamt treu und ehrlich dienen Gott und dem Kaiser. Gott mit euch!? Mein Sohn Karl war aus der Ingenieurakademie als künftiger Fideikommißerbe gegenwärtig. Meinem Sohn Max zu Ehren und als Andenken des feierlichen Tages wurde in der Mitte des Hofes eine Linde gepflanzt und ?Maxlinde? getauft, sie grünt und gedeiht. Meine erste Beschäftigung war das Ordnen des Archivs, welches in greulicher Unordnung in einem schlecht gewölbten Gemache unter dem Dache war. Ich ließ im ersten Stock ein Gemach wölben und die sieben großen Kästen des alten Raumes dem neuen anpassen. Die Papiere lagen alle durcheinander. Die Ordnung des Archivs geschah in der Weise, daß die Wirtschaftssachen von den Familienbriefen gesondert, die ersten in die Riegersburgschen und die Hainfeldschen Sachen getrennt, die zweiten in die der Gallerin und ihrer Vorfahren und in die der Purgstall geschieden wurden. Ich fand Briefe von Jacobi, Schiller, Stolberg, Reinhold, Steigentesch und anderen berühmten Männern, welche der vorletzte Graf Purgstall auf einer Reise durch Deutschland kennengelernt. Die Arbeit der Säuberung und ersten Ordnung des Archivs, wobei mir Frau und Kinder halfen, nahm täglich einige Stunden nach dem Essen in Anspruch. In den Vormittagsstunden durchflog ich das Tags vorher Gesonderte, ordnete es und drang in die Geschäfts- und Familienverhältnisse der Wechsler, Galler und Purgstall ein. Bei dieser Arbeit kam mir zuerst der Gedanke, die ?Gallerin auf der Riegersburg? zu schreiben. Aus dieser angenehmen Arbeit riß mich ein Ruf nach Wien, wo der türkische Botschafter Fethi Ahmed Pascha erwartet wurde. Ich hatte[311] Herrn von Huszar gebeten, mir ja zeitlich genug die Ankunft des Botschafters mitzuteilen, damit ich zu meiner Amtstätigkeit als Hofdolmetsch rechtzeitig in Wien wäre. Er versprach es, hielt aber schlecht Wort, indem er die Nachricht zu spät absandte. Ich kam in Wien am selben Tage an, an welchem der Botschafter am Morgen beim Kaiser gewesen war. Statt die Audienz um ein oder zwei Tage zu verschieben, hatte Huszar sie beschleunigt und Staatsrat Ottenfels und Fürst Metternich hatten es geschehen lassen. Ich überhäufte Huszar mit Vorwürfen und ging dann zum Botschafter, welcher meinte, ich könne ja für die Audienzen bei den Erzherzogen dableiben. Dafür bedankte ich mich und bat den Fürsten Metternich, wieder bis zum Ablaufe meines Urlaubes nach Hainfeld zurückkehren zu dürfen. Bei meiner Rückkehr nach Wien fand ich den Boden für meine sofort wieder aufgenommenen Bemühungen für die Akademie sehr ungünstig verändert. Der Zwiespalt zwischen Kolowrat und Metternich hatte sich noch vertieft und war Gesprächsstoff der ganzen Stadt. Graf Kolowrat hatte sich schon vor einigen Monaten, als er auf seine Güter nach Böhmen ging, ganz der Geschäfte entschlagen und befaßte sich auch jetzt nach seiner Rückkehr nicht mit ihnen. Der Vorwand war ein Zerwürfnis mit dem Erzherzog, welcher eine auf Kolowrats Vortrag schon bewilligte Maßregel des Zolles wieder zurückgenommen hatte. Die wahre Ursache aber war die Weigerung Kolowrats, dem Vorschlag Metternichs, die Erziehung ganz den Jesuiten zu übergeben, beizustimmen; die Gymnasien und Universitäten, die Normalschulen sollten den Liguorianern überlassen werden. Auf meine dringende Bitte, die Akademie zu fördern, erklärte mir Kolowrat, daß er jetzt, wo er ganz außerhalb aller Geschäfte stehe, nichts zur Erfüllung meines Wunsches zu tun vermöge. Ohne Rückhalt sprach er über sein Verhältnis zu Metternich, und als es einige Wochen später wieder ausgeglichen war, sagte er mir: ?Es ist wahr, wir haben der Stadt einen großen Skandal durch unseren Zwist gegeben, aber ich kann nicht unter Metternich, als dem unsichtbaren Oberhaupt des Staates, dienen. Ich kann nur außer des Staatsrates, nicht als Sektionschef desselben unter Metternich als dem dirigierenden Minister[312] des Staatsrates stehen. Wenn ich eintrete, so ist es nur für kurze Zeit, ich muß mir einen Nachfolger suchen.? Ich nannte den Grafen Hartig, mit dem ich damals in sehr freundschaftlichem Briefwechsel stand, und Kolowrat schien darauf einzugehen. Die Sache war durch den Erzherzog Johann ausgeglichen worden, der Erzherzog hatte mir gesagt, daß er vier Stunden lang beim Fürsten Metternich gewesen, um ihn mit Kolowrat zu versöhnen, und ihm gesagt habe, er, Metternich, sei der Maitre du Palais unter dem jetzigen Kaiser. Ich sah nur zu klar, daß Metternich den Erzherzog gegen Kolowrat eingenommen hatte und über die zwei wesentlichen Punkte, die mir damals am Herzen lagen, nämlich über die Gründung der Akademie und die Entgegennahme der Huldigung in Steiermark durch den Kaiser, fand ich wenig Unterstützung durch den Erzherzog. Mit Graf Kolowrat sprach ich über beides und mit gewisser Zuversicht. Amazon.de Widgets Danach versuchte ich nochmals, den Fürsten Metternich für eine Akademie günstig zu stimmen. Schon sehr früh war ich im Vorzimmer, ich antichambrierte an diesem Tage volle sieben Stunden, von neun bis vier Uhr. Mit Not kam ich noch vor Rauscher und Jarcke hinein, der Fürst war durch die vielen Audienzen ermüdet, ich durch das lange Warten ungeduldig, es war also gegenseitig keine gute Stimmung zu längerem Gespräch vorhanden. Er nahm die Angelegenheit der steirischen Huldigung sehr kühl auf. Ich hatte aus dem Hainfelder Archiv die Akten von fünf Huldigungen früherer Jahrhunderte mitgenommen und dem Fürsten überreicht. Als ich von der Akademie als von einem Institut sprach, durch welches nicht nur die Wissenschaft gefördert, sondern auch der Stand der Gelehrten und Literaten in Österreich auf ehrenvolle Weise gehoben würde, äußerte er sich über Gelehrte und Literaten auf wegwerfende und herabwürdigende Weise, so daß ich seit dieser Audienz den Gedanken, ihm doch einmal eines meiner Werke zuzueignen, für immer aufgab. Ich widmete die eben erschienene ?Geschichte der goldenen Horde? dem Grafen Stürmer, der diesen Wunsch aus Eitelkeit seinem Schwager Huszar mitgeteilt hatte. ?Recht gerne,? sagte ich diesem,[313] als er mir den Brief gezeigt, ?aber ich wünsche, daß Ihr Herr Schwager etwas für die orientalische Literatur tue und mir dadurch Anlaß gebe, ihm zu danken. Er hat als Internuntius so viele Möglichkeiten, seltene Handschriften zu erwerben, die mein Kommissär Rabb nicht findet; er möge mir ein paar schicken, und ich werde es mir zur angenehmen Pflicht machen, ihm öffentlich dafür zu danken, wie ich in der Vorrede zu meiner osmanischen Geschichte seinem Vorgänger, dem Grafen Lützow, gedankt habe, wiewohl ich ihm für die seltenen historischen Handschriften, die er mir geschickt, keines meiner Werke zueignete.? Von Graf Stürmer erhielt ich nicht eine Handschrift, ich sah mich daher gezwungen, mein gegebenes Wort der Zueignung nur durch die Voransetzung des Namens und der Titel zu lösen, ohne ein Wort über literarisches oder politisches Verdienst hinzuzufügen. Im Dezember 1836 feierte der Botschafter Fethi Achmed Pascha das Geburtsfest des Sultans und empfing das ganze diplomatische Korps und alle Hofwürden samt den Damen. Die Fürstin Metternich ließ sich herbei, die Hausfrau zu machen. 
 XXXI. Das Jahr 1842.  [337] Die Veränderung des Ministeriums im Jahre 1842 hatte den Bruder Lord Aberdeens, den Honourable Sir Robert Gordon, nach Wien gebracht, wo er schon früher als Botschaftssekretär und dann als Bevollmächtigter mit glücklichem Erfolg für England und zum Nachteil der österreichischen Finanzen die Verhandlung über die achtzehn Millionen geführt, die England als Rest zu zahlender Subsidien forderte. Mit dem Grafen Kolowrat war jetzt über die Akademie nicht zu sprechen, seine Frau, die einzige Stütze seines Charakters, war sterbenskrank. In diesem Winter brachte ich viele Abende im Hause des Grafen Ficquelmont zu und wurde zu allen Vorstellungen seines Haustheaters geladen. Graf Ficquelmont ist nicht nur Soldat und Diplomat, sondern auch mit schriftstellerischem Talent begabt und schreibt ebenso gute Noten und Memoires als französische Proverbes und Theaterstücke. Er machte daraus kein Geheimnis, sondern sagte in Gesellschaft, daß er von Metternich nicht beschäftigt werde und daher Zeit für solche dramatische Kleinigkeiten habe. Der Graf spielte nicht selbst, um so vortrefflicher seine Tochter, die Fürstin Clary. In diesem Frühjahr wurde ich zum wirklichen auswärtigen Mitglied der Turiner Akademie an Stelle Pastorets ernannt. In dem Artikel der ?Wiener Zeitung? strich Ottenfels' kleinliche Gehässigkeit, welche mir auch die Annahme des Doktordiploms von Jena verweigert hatte, die Worte: ?An Pastorets Stelle?. Als Anerkennung der Widmung meiner Geschichte der Ilkkhane an den König von Bayern bekam ich das Kleinkreuz des Ordens der Bayerischen Krone. Ich arbeitete in diesem Winter im Geheimen Haus-, Hof- und Staats- und im Hofkammerarchiv, um den Stoff zur Lebensbeschreibung Khlesls zu sammeln. Ich schrieb an die Prälaten aller österreichischen Stifte, an den Bürgermeister von Neustadt, an die Botschafter von Rom, München und Dresden und bat um Mitteilung der in den Archiven befindlichen Schreiben Khlesls. Mein Begehren[338] wurde auch amtlich von der Staatskanzlei unterstützt und von allen Seiten kam man mir freundlich entgegen. Nur in Rom, von wo ich mir besonders reiche Ausbeute versprochen hatte, stieß ich auf Schwierigkeiten von Seiten des Archivdirektors Monsignore Marini. Er leugnete zuerst das Dasein von Akten, die sich auf Khlesls Prozeß und Gefangennahme beziehen, stellte sogar diese Gefangenschaft in Abrede, obwohl sie in der Lebensbeschreibung des Kardinals erwähnt wird. Graf Lützow schrieb mir, Monsignore Marini stelle sich taub und nur eine Summe von Scudis könne sein Ohr lösen. Ich antwortete, ich wolle mich auf dreißig bis vierzig einlassen und wirklich wurde mit diesem Betrage der Schatz gehoben. In Venedig besorgte mir mein Schwager Alfred die Abschriften aus den dortigen Archiven. Er bezahlte sie, und nun wollte der Archivar, daß dafür wie für die Abschriften von Urkunden bei Prozessen Taxen gezahlt würden. Ich machte eine Eingabe bei der Hofkanzlei gegen den Archivdirektor von Venedig, der wissenschaftliche Forschungen besteuern wolle, und erwirkte den Erlaß der Freizügigkeit dieser Abschriften. Außerdem machte ich Auszüge aus arabischen Quellwerken für die Geschichte arabischer Literatur. Für die Akademie konnte ich gar nichts tun, nur ab und zu fuhr ich zu Graf Kolowrat nach Grünberg, um ihn wenigstens durch meine Gegenwart an die Akademie zu erinnern. Amazon.de Widgets Fürst Metternichs Anspruch auf den Titel eines Mäzens wurde zu Anfang des Jahres bestätigt, der ihm für Künstler und Gelehrte neugegründete Orden Pour le mérite verliehen, obwohl Fürst Metternich keines von beiden war. Diese Ordensverleihung war eine große Schmeichelei Humboldts, welcher die Ordensmitglieder vorzuschlagen hatte, kein einziger Österreicher hatte den Orden erhalten, der einzige Kopitar, der im Verzeichnis nicht als Österreicher, sondern als Slave aufgeführt wurde, obwohl Krain, sein Vaterland, zu Deutschland gehört, außer ihm noch Liszt. Und so erschien Fürst Metternich als einziger Repräsentant der Wissenschaft und Kunst in Österreich. Endlicher teilte mir mehrere Monate später mit, daß ihn der Fürst am Tage, nachdem er den Orden erhalten, rufen ließ, ihm den Brief[339] des Königs vorlas und sagte: ?Nun müssen wir aber doch unsererseits etwas für die Wissenschaft und namentlich für eine Akademie tun.? Er setzte ihm seine Ideen auseinander, deren eine die war, daß der jeweilige Präsident der Akademie auch zugleich Präfekt der Hofbibliothek sein solle. Schon damals hatte er es darauf abgesehen, diese beiden Stellen auf Karl Hügel zu vereinen, der Fürst beauftragte Endlicher, ihn darüber eine Ausarbeitung vorzulegen, gegen mich und Klemens Hügel aber strengstes Stillschweigen zu bewahren. Erst als sich Endlicher von dem Fürsten für genarrt hielt, machte er mir Mitteilung davon. Ich meinte, die Ordensverleihung zur Betreibung der Akademie beim Erzherzog Ludwig benützen zu sollen und stellte ihn in einer Audienz vor, daß es nun wirklich an der Zeit sei, eine Akademie zu gründen, da Preußen durch die Ordensstiftung nun auch die wissenschaftliche Hegemonie antrete. Die drei Monate in Hainfeld verflossen mit der Fortsetzung der Erinnerungen aus meinem Leben, die ich in den frühesten Morgenstunden vor dem Frühstück schrieb, am Vormittag las ich arabische Handschriften und den Tacitus, nachmittags ordnete ich das Archiv genauer. Beim Landtag in Graz verweilte ich diesmal länger als gewöhnlich, wegen des großen Ballfestes, das Graf Wickenburg den in Graz anwesenden Erzherzogen Albrecht, Johann und Franz Karl gab. Die erste Nachricht, welche ich in Wien nach meiner Rückkehr erhielt, war die, daß Fürst Metternich vor wenigen Tagen in der Konferenz von einem bösen Schwindel befallen worden sei, der so arg war, daß man für sein Leben fürchtete. Dr. Jäger zweifelte an seinem Aufkommen. Nach einigen Tagen war der Fürst wieder sichtbar, und ich bat ihn um die Anordnung eines Schreibens an unsere Gesandten, meine Forschungen für Khlesls Lebensgeschichte zu unterstützen, was er sofort gewährte. In Hainfeld hatte ich die zehn Foliobände von Khevenhüllers Annalen gelesen, war also mit der nötigen Vorkenntnis der Zeitgeschichte und der Namen aller Staatsmänner gerüstet, deren Schreiben für mich von Interesse sein konnten. Nach vielen derselben forschte ich vergeblich im Hausarchiv,[340] konnte nicht einmal Schreiben des bei Kaiser Rudolf allmächtigen Obersthofmeisters Rumpf und des unter Kaiser Matthias eine so große Rolle spielenden Geheimen Rates, des Freiherrn Khuen von Belasy, finden. Außer den Staatsschreiben der Kaiser Rudolf und Matthias und den Vertrauten der Erzherzoge Ferdinand und Maximilian, der Feinde Khlesls, fand ich einen sehr interessanten Briefwechsel eines anderen Feindes des Kardinals, des Herrn von Unverzagt, mit der Erzherzogin Maria, der Mutter Ferdinands II. Zugleich mit diesen Forschungen durfte ich mit dem Lesen der mir für sechs Monate geliehenen Handschriften der Leydener Bibliothek nicht zurückbleiben, die ich für die Geschichte der arabischen Literatur auszog. Für diese ließ ich in der Hofbibliothek die Belehrungen des hl. Grogentius, des Bischofs von Arabien, abschreiben und übersetzen, und der Erzbischof gab mir ein großes Bündel Khleslscher Akten zur Abschrift. Fürst Dietrichstein stellte mir die Bibliothek und das Archiv in Nikolsburg zu diesem Zwecke zur Verfügung. Die Handschriftenkästen in meiner Bibliothek wurden mir zu eng, und ich bat, die orientalischen Handschriften um den Ankaufspreis an die Hofbibliothek abtreten zu dürfen. Der Katalog war nun beendet, und ich suchte alle Rechnungen meiner Korrespondenten von Konstantinopel, Haleb und Kairo zusammen, um die Ankaufspreise festzustellen. Graf Moriz Dietrichstein ließ die Handschriften nochmals von Gervay, Rosenzweig und Krafft schätzen und schrieb mir zwei sehr verbindliche Briefe. Die zehntausend Gulden, die ich für die Handschriften bekam, legte ich für meine zweite Tochter als Heiratsgut an. 
 VII. Winter in Rosette. Kapitulation Kairos, Aufenthalt dort (1801).  [98] Mein Aufenthalt in Rosette nahm nun einen einförmigen Ton an. Ich verwendete in den nächsten vierzehn Tagen meine Zeit auf die Lesung von Tausendundeiner Nacht, auf Besuche, Besehen von Gassen und Märkten und auf die Beobachtung ägyptischer Sitten und Gebräuche. Wenn in diesen vierzehn Tagen die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch nicht erwähnenswert sind, so sind es um so mehr die der nächsten vier Wochen, die ich als Gast General Doyles im englischen Lager verbrachte. Nachdem Rahmanije gefallen war und die Armee auf dem linken Nilufer[98] gegen Kairo vorrückte, schiffte ich mich am 18. Mai in eine Dscherme ein, die volle drei Tage nach Elkan brauchte, da sie allnächtlich am Ufer anlegte. Auf dieser Fahrt sah ich zwei mir unvergeßliche Naturereignisse. Das eine waren wiederholte, kleine Sandhosen, welche am Ufer unmittelbar vor meinen Augen entstanden, so daß ich klar sehen konnte wie der Wind von oben auf die Erde stürzend, den Sand in einem kleinen Wirbel zu drehen anfing, der sich allmählich wie eine Düte vergrößerte, zu einem auf seiner Spitze stehenden Kegel erhob und nach fünf bis zehn Minuten in sich zusammensank. Die zweite Naturerscheinung war durch das fast unglaubliche Zusammentreffen der Umstände höchst merkwürdig. Eine schöne, große Wasserlibelle hatte sich auf den Mast der Dscherme gesetzt und wurde mit einem Tuche gefangen. Ich durchstach sie mit einer langen, starken Stecknadel und heftete sie so an den Deckel meines aufgeschlagenen Pultes. Sie machte sich los und flog mit der Nadel im Leibe auf. Im selben Augenblicke stürzte ein kleiner Raubvogel auf sie, verschlang sie und strich knapp über den Nil. Im Streichen wurde er von einem auftauchenden Fisch verschlungen. Alles war das Werk eines Augenblickes und ich war darüber ebenso erstaunt und ergriffen wie die Araber, die laut ?Allah ? ? Allah!? ausriefen. Ich wäre noch nicht von Rosette aufgebrochen und hätte dort die Kapitulation Kairos erwartet, wenn mich nicht ein Brief Sir Sidneys mit einem heiklen, ihn persönlich betreffenden Auftrage betraut hätte. Er hatte von Lord Keith erfahren, daß seine Zurückberufung an Bord des ?Tiger? durch ein Schreiben des General Hutchinson veranlaßt worden war, das sich auf eine Note General Craddocks begründete, welchem der Kapudan-Pascha anvertraut hatte, daß ihm die längere Gegenwart Sir Sidneys auf dem Lande unangenehm sei. Sir Sidney wünschte, daß ich die Sache ordne und bat mich, sie mit beiden zu besprechen. Dem Kapudan-Pascha sollte ich sein Versprechen in Erinnerung bringen, demnach er sich freimütig gegen Sir Sidney äußern wollte, wenn ihm das Geringste an ihm mißfiel. Dem General, welchem ich den Brief als meine Vollmacht zu zeigen befugt war, legte er die Notwendigkeit nahe, als ehrlicher[99] Mann die volle Wahrheit zu sagen. Ich übernahm diesen kitzlichen und gefährlichen Auftrag aus Freundschaft für Sir Sidney. Ganz klar war es nicht, von welchem der drei Oberbefehlshaber der erste Anstoß zur Entfernung Sir Sidneys vom Kriegsschauplatze, auf dem er sich bisher so mutig ausgezeichnet hatte, herrührte. Als ich ins Lager von Elkan kam, hörte ich, der Kapudan-Pascha sei den Nil hinaufgefahren, ich begab mich noch am selben Abend zu ihm. Meine Verhandlung hatte einen so guten Erfolg, daß ich nicht nur die Fäden dieser Ränke offenbar machte, sondern auch vom Kapudan-Pascha, der Lord Keith als die einzige Ursache angab, ein von mir selbst aufgesetztes Schreiben erhielt, durch dessen Inhalt er sich selbst Lügen strafte, indem er sich auf sein Sir Sidney gegebenes Versprechen berief und ihn bat, zu einer mündlichen Aufklärung des Mißverständnisses zu ihm ans Land zu kommen. Dieser siegreiche Erfolg meiner Unterhandlung war nicht geeignet, mich beim Kapudan-Pascha in größere Gunst zu setzen, vielmehr dazu, die bisherige zu verlieren. Es handelte sich aber um das Interesse meines Freundes und nicht um mein eigenes, so nahm ich darauf keine Rücksicht. Das hatte ich freilich nicht geahnt, daß der Kapudan-Pascha sich hinter den englischen Oberbefehlshaber stecken würde, um einen so unbequemen und lästigen Zeugen seines zweideutigen Benehmens zu entfernen. Er befolgte hiebei genau dieselbe Taktik, derentwegen ich ihn in betreff Sir Sidneys zur Rede gestellt hatte. Eines Tages wurde ich für den nächsten Morgen neun Uhr in das Hauptquartier General Hutchinsons berufen. Ich dachte, es handle sich um die Übersetzung eines Geschäftsschreibens ins Englische oder Türkische und war höchlichst erstaunt, als ich ins große Zelt geführt wurde, wo ich den ganzen Generalstab um den Oberbefehlshaber versammelt fand und mir diesem gegenüber am untersten Ende der Tafel ein Stuhl angewiesen wurde. Fast erschien mir diese Art Kriegsgericht komisch. Amazon.de Widgets Der General erklärte mir, daß er sich als Oberbefehlshaber veranlaßt sehe, mir den Befehl zu erteilen, binnen[100] drei Tagen das Lager und binnen einer Woche Ägypten zu verlassen. Obwohl er mir über seine Handlungen keine Rechenschaft schuldig sei, erklärte er doch, daß nicht die geringste Ursache persönlichen Mißfallens gegen mich vorliege. Der Blitz kam aus heiterem Himmel. Obwohl ich sehr betroffen war, antwortete ich kurz und gefaßt: Beruhigt durch die Versicherung, daß keine persönlichen, sondern nur politische Rücksichten diesen unerwarteten Befehl herbeigeführt, werde ich demselben auf der Stelle Folge leisten und das Lager nicht erst in drei Tagen, sondern in den nächsten drei Stunden verlassen, jedoch nur auf so lange, als Kairo nicht jedem Reisenden zugänglich. Denn die Macht des englischen Befehlshabers, einem Österreicher das Reisen in den Staaten der Hohen Pforte zu verbieten, könne ich keineswegs anerkennen. Vom Hauptquartier begab ich mich zum Kapudan-Pascha, der mich sogleich vorließ, obwohl ihm der Kapitän der Flotte, Ishakbey, gerade die Hühneraugen schnitt. Er spielte den Erstaunten über diesen unbegreiflichen, willkürlichen Befehl und meinte, er könne nur durch Lord Elgins Eifersucht auf Sir Sidney Smith bewirkt sein. Dies schien nicht unmöglich, da der Botschafter wider meinen Aufenthalt auf der Flotte und im Lager als eines, seitdem Österreich mit Frankreich im Frieden, nicht unverdächtigen, politischen Reisenden gewarnt habe. Ich nahm alles als bare Münze und bat nur um ein Wohlverhaltungszeugnis in einem Schreiben an meinem Chef, den Internuntius. Ich erhielt es (B. 11) noch am gleichen Abend und trat meine Rückreise noch vor Tagesanbruch nach Rosette an. Mit Sonnenwende traf ich auf dem ?Tiger? ein und hatte nun Zeit genug, alle in dieser Angelegenheit nötigen privaten und offiziellen Schreiben zu verfassen. Am 1. Juli kam die Nachricht von der Kapitulation Kairos, und mein Entschluß, sobald die Nachricht offiziell bestätigt sei, den ?Tiger? zu verlassen und an Land zurückzukehren, war augenblicklich gefaßt. Ich hielt es für richtig, diesen Entschluß dem General en chef mitzuteilen und ihm den Artikel meiner Verhaltungsbefehle, der mich ermächtigte, im erforderlichen Falle[101] einen österreichischen Konsularagenten zu ernennen, zuzusenden. Selbst wenn General Hutchinson keine besonderen Befehle zur Verwehrung meiner Rückkehr erlassen haben sollte, bestand die Möglichkeit, daß der Befehlshaber von Rosette von meiner Verbannung aus dem Lager unterrichtet war und meine Reise bis zum Einlangen einer Weisung des Oberbefehlshabers hindern könnte. Um den zu begegnen, gab mir Sir Sidney ein Schreiben an den Kommandanten von Rosette, Oberst Montresor, mit, welches meine Mission nach Kairo beglaubigte. Am 6. Juli verließ ich den ?Tiger? begab mich nach Abukir und am folgenden Morgen zu Admiral Keith. Ich hatte damit gerechnet, daß der Admiral mit dem Verbannungsbefehle nicht einverstanden sein werde, da er nicht von ihm ausgegangen, und meine Rechnung zeigte sich als richtig. Er äußerte sich unumwunden, daß ein englischer Befehlshaber kein Recht habe, einen österreichischen Reisenden aus Ägypten zu verbannen. Am folgenden Morgen schiffte ich mich auf einer Dscherme nach Rosette ein. Oberst Montresor war Tags zuvor von Kairo angekommen. Er lud mich auf das freundlichste zum Speisen ein, es wäre ihm nie eingefallen, meiner Reise das geringste Hindernis in den Weg zu legen. Gleich nach Tisch setzte ich meine Fahrt in einer anderen Dscherme fort. Da diesmal günstiger Wind, traf ich schon am dritten Tage abends in Bulak, dem Hafen Kairos, ein. Der Nil war mit Dschermen, Booten, arabischen, türkischen und englischen Fahrzeugen aller Art belebt, der Nordwind sauste durch das Tackelwerk und der Fluß schlug Wellen. Am Morgen versuchte ich vergeblich ein Pferd oder Maultier zum Ritt nach Kairo zu bekommen, das abziehende französische und das einziehende englische Heer hatte alle Lasttiere in Anspruch genommen. Für diesen Morgen war der Einmarsch der Engländer bestimmt, und überall herrschte Lärm und Aufregung. Ich ließ meinen Bedienten bei meinem Gepäck in der Dscherme zurück und machte mich zu Fuß nach Kairo auf, um noch, ehe mich vielleicht ein Offizier des Generalstabes aufspürte,[102] in das Haus des österreichischen Generalkonsuls Rosetti zu kommen, in dem ich mich wie in einer sicheren Burg auch gegen den Willen General Hutchinsons würde halten können. Um acht Uhr erreichte ich es nach vielen Fragen und mühsamen Umwegen. In ihm herrschte die größte Aufregung, kaum einer der hin und her laufenden Bedienten stand mir Rede. Der Hausherr, hieß es, könne jetzt niemanden sehen. Ich muß ihn aber sehen, war meine Antwort, und schließlich drang ich in ein Kabinett ein, in dem ein alter Herr auf und ab ging und seinen Leuten Befehle erteilte. Ich sagte ihm: ?Ich bin der kaiserliche Internuntiaturbeamte Hammer, von dessen Aufenthalt bei Sir Sidney Smith Sie sicher gehört haben, und der mit Aufträgen des Internuntius an Sie versehen ist. Für jetzt nur so viel, daß ich vorderhand Ihr Haus als Freistätte wider die Willkür General Hutchinsons anspreche, der mich aus seinem Lager abgeschafft hat.? ?General Hutchinson?, antwortete er, ?wird gleich mit der ganzen Generalität hier sein, ich habe ihn eingeladen, das erste Frühstück bei mir zu nehmen.? Kaum hatte er ausgesprochen, als die Ankunft des Generals gemeldet wurde. Darauf hatte ich nicht gerechnet, mein Entschluß war aber augenblicklich gefaßt, ich sagte: ?Dann lassen Sie mich Hand in Hand mit Ihnen Ihren Gästen entgegengehen, ist es nötig, so stellen Sie mich als Internuntiaturbeamten vor.? Rosetti und ich, General Hutchinson und seine Begleitung traten gleichzeitig durch zwei verschiedene Türen in den Speisesaal. Ehe der General noch ein Wort mit Rosetti gewechselt, trat ich auf ihn zu und sagte: ?General, Sie sehen, ich halte Wort und bin nach Kairo gekommen, sobald es frei.? Die gewagte Anrede hatte guten Erfolg, General Hutchinson streckte mir seine Hand entgegen und wir schüttelten Hände, als wären wir die besten, ältesten Freunde. Das Gefolge Hutchinsons bestand aus lauter Herren, die ich schon kannte, und wir schüttelten Hände. Der Tisch des Frühmahles war mit kalten und warmen Speisen bedeckt, vor jedem Gedeck stand eine Flasche Rum; Rosetti war der Überzeugung, daß die Engländer ihn regelmäßig trinken.[103] Dieser Irrtum rührte von den Franzosen her, die auch Lord Cornwallis, als er mit ihnen über den Frieden verhandelte, Rum zum Frühstück vorsetzten. Nach dem Frühstück bezog General Hutchinson seine Wohnung in dem großen Hause Rosettis, und auch ich blieb sein Gast und verlebte nun sieben Wochen auf dem besten Fuße mit dem General. Er erklärte mir, daß er wider mein Bleiben und Reisen in Ägypten nicht das geringste einzuwenden habe, er mich vielmehr in allem unterstützen wolle; er habe mich aus politischen Gründen aus dem Lager entfernen müssen und sei dazu nicht vom Kapudan-Pascha bewogen worden, dieser habe sich sogar gegen meine Entfernung ausgesprochen. Ich konnte also nicht mehr daran zweifeln, daß meine Verbannung die Folge einer Depesche Lord Elgins war. Sein Privatsekretär, Hamilton, erschien am Tage des Einmarsches der Engländer und hatte soeben einen Kurier Lord Elgins empfangen. Am folgenden Morgen berief mich der General und warnte mich, über die Armee zu korrespondieren. In meiner Korrespondenz mit Baron Herbert hatte ich nie über die Armee berichtet und konnte ihn daher versichern, daß er sowohl über die Vergangenheit als für die Zukunft dessen sicher sein könne. Nun war ich endlich am Ziele meiner Reise und Sendung. Ihr vorzüglichster Gegenstand war die Untersuchung des Benehmens des Generalkonsuls während der französischen Besetzung und im Falle, daß er sich wirklich politischer Verfehlungen schuldig gemacht, die Ernennung eines provisorischen Agenten. Die Kunde war nach Konstantinopel gedrungen, daß Rosetti von Napoleon zu Verhandlungen mit Murad-Bey verwendet worden sei und vielleicht als Unterhändler den Frieden mit ihm abgeschlossen habe. Dies hatte ihn dem Internuntius, dem entschiedenen Feinde aller revolutionären Ideen und ihrer Verbreiter, verdächtig gemacht. Rosetti war sehr klug und hatte sich in den stürmischen Zeiten der Mamelukenherrschaft nicht nur als Generalkonsul Österreichs, sondern auch Rußlands, Preußens, Neapels und noch einiger Mächte auf seinem Posten und in großem Ansehen erhalten. Es war anzunehmen, daß er sich[104] keine politische Blöße gegeben hatte, daß, wenn auch der Schein wider ihn, eine nähere Untersuchung nur zu seinen Gunsten ausfallen würde. Diese delikate Untersuchung mußte ihm natürlich, solange nicht feste Gründe wider ihn vorlagen, verborgen bleiben. Ich war gezwungen gewesen, General Hutchinson von meinem Auftrage Mitteilung zu machen, bat ihn aber um Geheimhaltung, die er versprach und strenge einhielt. Ich habe den General nicht nur seiner hohen Bildung, seines persönlichen Mutes und liebenswürdiger Eigenschaften, sondern auch seiner politischen Sicherheit und Verläßlichkeit wegen, sehr hoch schätzen gelernt. Den Vollzug meines geheimen Auftrages der Untersuchung von Rosettis Benehmen während der französischen Herrschaft hatte ich schon an Bord des ?Tiger? begonnen, besonders als ich mit Tallien zusammentraf, und hatte durch zweckmäßige Fragen Nachrichten über die ägyptischen Zustände eingezogen. In Kairo und im Hause Rosettis hatte ich nun die beste Gelegenheit, mich über ihn und sein Benehmen zu unterrichten. Meine Eigenschaft als wissenschaftlicher Reisender, der sich nicht nur für die alte Geschichte des Landes, sondern auch für die neueste lebhaftest interessierte, gab mir die beste Gelegenheit, mich bei Rosetti selbst über die Begebenheiten, die während der Sperre Ägyptens nur unvollkommen und einseitig von französischer Seite berichtet wurden, zu erkundigen. Schon am dritten Tage nach meiner Ankunft erzählte er mir in einer langen Unterredung die hauptsächlichsten politischen Ereignisse der letzten Zeit und besonders seine Friedensunterhandlungen mit Murad-Bey. Diese Unterredung konnte von mir um so ungezwungener, von Rosetti um so aufrichtiger geführt werden, als mich, wie ich ihm sagte, General Hutchinson am Morgen ersucht hatte, über die Lage der Mameluken und ihre Umstände möglichst genaue Nachrichten einzuziehen und als Rosetti mit denselben immer durch große Geldgeschäfte zu tun hatte. Das Resultat dieser und folgender Unterredungen mit Rosetti selbst und aus allen über ihn eingeholten Erkundigungen berichtete ich dem Internuntius; es gipfelte in[105] dem Urteile, daß Rosetti, weder Franzosenfreund noch Anhänger der Revolution, sich während der Anwesenheit Napoleons und dann unter Klebérs und Menous Oberbefehl mit der größten Klugheit benommen hatte, daß er durch die Unterhandlung mit Murad-Bey nur seinen eigenen Kredit gehoben und es dadurch ermöglicht hatte, österreichischen und russischen Untertanen zu einer Zeit, da ihre Kaiser mit der Republik im Krieg, Schutz und Hilfe zu gewähren. Weit entfernt, in seinem Benehmen etwas Tadelnswertes finden zu können, mußte ich es als ein musterhaftes politisches loben, und mein Bericht an Baron Herbert schloß damit, daß ich ihm vorschlug, Rosetti zu einer Auszeichnung einzugeben. Amazon.de Widgets Meine Zeiteinteilung paßte sich nun ganz der ägyptischen Sitte an. Das Frühmal wurde eine Stunde vor Mittag, das Abendessen eine Stunde vor Sonnenuntergang eingenommen. Zum Lesen und Studieren, womit ich in Rosette die Frühstunden zugebracht, hatte ich hier keine Zeit, die Menge beachtenswerter Dinge und die Zahl der zu besuchenden Personen war zu groß, auch waren in der Hitze des Juli und August nur die frühesten Stunden des Tages zu Geschäftsbesuchen geeignet; in ihnen besuchte ich, teils aus eigener Neugier, teils um den General die gewünschten Berichte zu erstatten, die einflußreichsten Beys der Mameluken, deren jeder besonderen Hof hielt. Manche hatte ich schon während meines Aufenthaltes in Jafa kennengelernt, andere waren Hasan Dschedawi, Osman-Bey Dschirdschawi, Mohammed-Bey Elfi, das heißt der ?Tausender?, weil er wegen seiner Schönheit in seiner Jugend um tausend Zechinen gekauft worden war. Er rettete sich später aus dem Blutbade der Mameluken, ging nach England und erregte dort großes Aufsehen. Auch Taburdschi lernte ich kennen, der nach Murad-Beys Tod als der Oberste und Leiter an erkannt wurde. Taburdschi schien allerdings am wenigsten zur Oberleitung der großen Interessen der Beye geeignet, in einem Augenblicke, wo es sich um ihre ganze künftige Existenz, um Sein oder Nichtsein handelte. Wenn ihm auch das Haus Murad-Bey die oberste Leitung zugewendet hatte, so hatte doch der alte Ibrahim durch seinen Reichtum und seine[106] Würde als Scheich-el-Beled den größten Einfluß, und so waren die beiden Unfähigsten an die Spitze der Geschäfte gestellt. In Kairo hatte ich die lange Tracht des Efendi, in der ich in Rosette herumging, mit der eines Mameluken vertauscht. Den Kopf umwand ein Shawl, die Weste war oben offen, unten geschlossen, die Ärmel der kurzen Jacke flatterten über die Arme zurück, die Beinkleider aus rotem Tuch waren so weit, daß man in ihnen nicht zu Fuß gehen konnte, doch gaben sie, in den vorn und hinten hoch aufstehenden Sattel gepreßt, mit den beiden Steigbügeln zusammen dem im Sattel Sitzenden Festigkeit und Sicherheit. So ritt ich schon am frühen Morgen mit dem auch im schärfsten Galopp neben dem Pferde herrennenden Sattelknecht Sais, um die Beys zu besuchen. Beim Absteigen übernahm der Sais das Pferd, hiebei, als auch beim Aufsitzen, drängten sich die Sais der anderen Besucher herzu, um für das Halten der Zügel und Hilfe beim Aufsitzen ein kleines Geschenk zu erhalten. Nach den Besuchen bei den Beys stieg ich bei dem syrischen Priester Don Rafael ab, um mit ihm arabisch zu lesen, und kehrte dann zum Frühmal zurück. Nachdem am Nachmittag der Hausherr seine Siesta gehalten, besuchten ihn gewöhnlich Scheichs und andere Notabilitäten der Stadt, und ich fehlte bei diesen Besuchen nicht. Der unvergeßlichste von allen ist mir der erste, bei dem ich am zweiten Tage meines Aufenthaltes in Kairo anwesend war. Zwei angesehene Scheichs der Stadt hatten zur Rechten und Linken des Hausherrn auf dem Sofa Platz genommen. Nach der Begrüßung und nach dem Kaffee gaben sie die Veranlassung ihres Besuches, mit dem ebenso dunklen als poetischen Worte kund: ?Unsere Ehre ist gerettet.? Rosetti wünschte ihnen Glück. Dann saßen sie rauchend und die Perlen ihrer Rosenkränze rollend da, sagten noch einige gleichgültige Dinge und empfahlen sich. Ich fragte Rosetti, als sie gegangen, wer sie seien und worum es sich handle. Es waren Scheichs der Familie Bekri, die Oheime eines Mädchens, welches mit einem Franzosen gelebt hatte, sich aber nicht entschließen[107] konnte, mit ihm fortzuziehen. Die beiden hatten sie am Morgen erdrosselt und so die Ehre des Hauses gerettet. Am 18. Juli stattete Rosetti seinen feierlichen Besuch als kaiserlicher Generalkonsul beim Großvezier ab, und ich begleitete ihn in der langen Kleidung des Dolmetsch mit dem Zobelkalpak auf dem Kopf. Der Generalkonsul saß auf einem Stuhle ohne Lehne, das ganze Gefolge mußte nach dem damals noch üblichen Zeremoniell auf dem Teppich kauern, mit der Schwere des Leibes auf den Haken der Füße ruhend, eine der unbequemsten und beschwerlichsten Stellungen für den, der sie nicht von Jugend auf gewohnt ist. Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. Als der Großvezier es bemerkte, bat er mich aufzustehen. Beim Fortgehen wurde Rosetti mit einem Pelze, ich mit einer Kerake bekleidet. Am Abend fand der feierliche Besuch General Hutchinsons beim Großvezier statt, von welchem er mit reichen Geschenken, Tabatieren, Uhren, Pelzen und Shawlen überhäuft zurückkam. Am 26. Juli verließ der General Kairo und begab sich nach Rosette, um von dort die letzten Unternehmungen des Feldzuges gegen Alexandrien zu leiten. Der Hauptgrund des zweiwöchigen Aufenthaltes Hutchinsons in Kairo war die Beruhigung der Mameluken durch verbürgte Versicherungen des Großveziers und des Generals im Namen der Pforte. Nach der Vereinigung des britischen Lagers mit dem des Großveziers und dem der Mameluken hatte General Hutchinson Offiziere des Generalstabes an dies letztere geschickt, und der über die Ordnung und die Manieren der Mameluken ? im Gegensatze zu den Türken ? erstattete Bericht lautete sehr vorteilhaft. Amazon.de Widgets In Kairo verwendete sich der General neuerlich für die Mameluken beim Großvezier, welche als Untertanen Steuern zu zahlen bereit waren, aber in Zukunft nicht, wie vormals von dem Pascha-Statthalter, in einer Art ehrenvollen Gefängnissen gehalten werden sollten. Alles dies war aber nur mündlich verhandelt worden, und es kam darüber keine verbindliche Urkunde zustande. (B. 12.) Ich füge hier ein Schreiben des General Hutchinsons an den Großvezier (B. 13) und meinen Bericht an den Internuntius[108] bei (B. 14), dessen drei Nachschriften interessante Nachrichten enthalten über die Ankunft des indischen Heeres unter General Baird, über die Verletzung des dem Großvezier gegebenen Versprechens und über die aufgefundene Korrespondenz Morriers mit Lord Elgin, von der nur ein Teil den Franzosen in die Hand gefallen und veröffentlicht worden war. Der Fund war Hamilton ausgeliefert worden. Um nicht nochmals auf die Mameluken zurückkommen zu müssen, füge ich noch das Dankschreiben derselben für eine brillantene Dose, die ihnen Sir Sidney vor seiner Abreise aus Ägypten zugesendet und einen kurzen Bericht über den trotz aller Versicherungen einen Monat später vom Kapudan-Pascha verübten scheußlichen Meuchelmord bei. (B. 15, 16.) Ich schied von General Hutchinson in bester Freundschaft, nachdem wir zwei Wochen im gleichen Hause gewohnt, am gleichen Tische gegessen und ich ihn abends meistens auf seinen Spazierritten begleitet hatte. Am letzten Juli unternahm ich mit einigen Offizieren und dem Unterkommissär Whiteman, einem jungen, von Gesundheit strotzenden Manne, meinen ersten Ausflug nach den Mumiengrüften in Saccara. Wir ritten dort in der größten Mittagshitze, die fast unerträglich schien. Die Offiziere ruhten unter Palmen aus, keinen von ihnen konnte ich bewegen, mit mir in die Katakomben zu kriechen und Ibismumien herauszuholen. Ich brachte ein Dutzend Krüge mit Ibismumien heraus, die jetzt im kaiserlichen Naturalienkabinett in Wien sind. Mit sinkender Nacht kamen wir wohlbehalten nach Kairo zurück, am folgenden Morgen erhielt ich die Nachricht, daß Whiteman infolge eines auf dem Ausfluge erhaltenen Sonnenstiches in der Nacht an Kinnsperre gestorben sei. 
