
                               Alexis, Willibald

                        Ruhe ist die erste Brgerpflicht

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                                Willibald Alexis

                        Ruhe ist die erste Brgerpflicht

                             Vaterlndischer Roman

                                Erstes Kapitel.

                              Die Kindesmrderin.

Und darum eben, schlo der Geheimrath.
    In seiner ganzen Wrde hatte er sich erhoben und gesprochen. Charlotte hatte
ihn nie so gesehen. Der Zorn strmte ber die Lippen, bis vor dem Redeflu des
Kindermdchens die allzeit fertige Zunge verstummte. Sie war erschrocken
zurckgetreten, bis sie sich selbst verwundert an der Thre fand; aber der
Geheimrath schritt noch in der Stube auf und ab.
    Charlotte hatte leise zu weinen angefangen: Aber Herr Geheimrath, um solche
Kleinigkeit!
    Eine Kleinigkeit, die Angst besorgter Eltern um ihre Kinder! - Fnf Stunden
von Hause fort ohne eine Sterbenssylbe mir zurckzulassen, und die Kleinen
mitgenommen, ohne um Erlaubni zu fragen!
    Herr Geheimrath, schluchzte sie, haben nie nach gefragt, ich wei auch
gar nicht warum jetzt!
    Schweige Sie! fuhr der Hausherr fort. Sie hat kein Einsehen, keine
Moralitt. Sie mibraucht meine Gte. Sie mu aus meinem Hause. Es haben sich
schon Viele gewundert, da ich Sie noch behielt. Aber Sie schlgt mit Ihrer
Unverschmtheit den Boden aus dem Fa. Versteht Sie mich! Ein Glck noch, da
wir vom Viertelkommissar erfuhren, da Sie zur Excekution hinaus war, wir htten
sonst gar nicht gewusst, wo Sie geblieben war.
    Wenn das die selige Frau Geheimrthin wsste, schluchzte das Mdchen, das
war eine seelensgute Frau. Und wie oft hat sie gesagt: wenn wir nicht wren,
mein Mann kmmert sich gar nicht um die Kinder. Ja das hat sie gesagt, nicht
einmal, hundertmal. Und haben Herr Geheimrath jetzt auch nur einmal nach den
Kindern gefragt? Das eben aber sagten die selige Frau Geheimrthin: er hat kein
Herz fr sie! und es war eine Frau, so sanft wie die himmlische Gte, und viel
zu gut fr diese Welt, und wer nur ihre stillen Thrnen gesehen hat, die sie
Nachts vergo, und darum nahm der liebe Gott sie zu sich, und sie wrde sich im
Sarge umdrehen, wenn sie wsste, da der Herr Geheimrath mir darum solchen
Affront anthun.
    Charlotte musste die schwache Seite des Hausherrn kennen. Er wandte sich um,
und fuhr mit dem Taschentuche ber das Auge, ob, um eine Thrne abzuwischen oder
die Verlegenheit zu verbergen, la ich ungesagt. An der Wand hing das Bild der
Verewigten, in sehr abgeblassten Wasserfarben gemalt, ein eben so abgeblasster
Immortellenkranz darum. Darunter hing eine andere Schilderei, eine Urne, mit
einer Trauerweide. Ein Genius senkte eine Fackel. Das Bild war auf Pappe
gezogen, und wenn man nher hinzusah, bemerkte man, da in der Urne ein
Medaillon angebracht war, in welchem einige blonde Haare zu einem Namenszuge
sich verschlangen. Der Geheimrath nahm es heraus und drckte es an seine Lippen.
    O du Unvergessliche! sagte er, noch einmal mit dem Tuch ber die Augen
fahrend. Sein Zorn war gewichen; in weicherem Tone fuhr er fort: Aber
Charlotte, wie oft habe ich Ihr gesagt, Sie soll mich nicht daran erinnern. Ein
Mann in meiner Stellung darf sich nicht den Gefhlen hingeben. Aber Sie wei das
wohl, Sie braucht mich nur an die selige Gute zu erinnern, so tritt mir's in die
Augen. Sie fhrt sich auf, als wenn Sie die Hausfrau wre - und ist doch nur
eine - Sie ist eine -
    Dem Geheimrath war jetzt wirklich etwas in die Augen getreten, was er daraus
fortzuwischen suchte, und darber in Heftigkeit gerieth. Es war der dicke Staub
aus der Schilderei, als er das Medaillon mit Gewalt wieder in seine Umfassung zu
drcken bemht war. Je mehr er im Aerger darauf schlug, so dichter puderte es
ihm ums Gesicht. Aus dem Haus mu Sie, da Sie's wei, schlo er, mit den
Augen beschftigt, aus denen jetzt wirkliche Thrnen, aber der Rhrung, sich
pressten.
    Ja, Herr Geheimrath, das werde ich auch, sobald Sie es befehlen, sagte
Charlotte, die ihrerseits die Ruhe wieder gewonnen hatte. Denn ich kenne meine
Schuldigkeit. Aber erst werde ich vors Hallesche Thor gehen, aufs Grab der
seligen Frau Geheimrthin, und die Kinder nehme ich mit. Da werde ich mit ihnen
weinen, und sie sollen die kleinen Hnde falten und ihre Mutter bitten, da sie
ihnen einen lieben Engel vom Himmel schickt, der sie in Schutz nimmt. Denn
wissen Sie noch, Herr Geheimrath, wie die selige Frau Geheimrthin auf dem
Todtenbette lagen! Kreidewei das Gesicht! Ach Jesus, was wird aus meinen
Kindern! ja das hat sie gesagt!
    Charlotte! sagte der Geheimrath, Sie wei, da ich meine selige Frau
innigst geliebt habe, aber die Welt gehrt den Lebendigen, sagt der Dichter, und
die Todten soll man ruhen lassen.
    Die selige Frau Geheimrthin sollen wohl Ruhe haben, wenn sie aus dem Grabe
sehen, wie's hier oben zugeht! Die Frau Geheimrthin, Ihre Schwgerin, kommt
auch nicht so oft ins Haus. Aber ich werde mich wohl hten, und mir die Zunge
verbrennen wie damals und sagen was ich denke. Aber was die selige Frau
Geheimrthin denkt, wenn die Geheimrthin Schwgerin den Kleinen Zuckerbrod
bringt und sie ber den Kopf streichelt, das wei ich.
    Meine Schwgerin ist eine sehr respektable Frau, Charlotte.
    I Herr Jesus, wer redet denn auch gegen sie? Aber den Blick verge ich
nicht, auf ihrem Todtenbett, wie die selige Frau zurckschauderte: Ach wie sieht
sie die Kinder an! sagten sie, nmlich die Frau Geheimrthin auf dem Todtenbett.
Und so ri sie die Kinder an sich und dann sagte sie: Ach sie hat so spitze
Finger!
    Das waren Visionen, sie war im hitzigen Fieber.
    Aber die Frau Geheimrthin Schwgerin verknifften ordentlich den Mund und
sagten: Mein Gott, als ob ich mich um die Blger risse! Und dann sagte die
Sterbende, und da war sie nicht mehr im Fieber: die Charlotte, die hat
wenigstens ein weiches Herz! - und da hatte die Selige recht, und ich habe die
Kinder lieb gehabt, als wenn's meine eigenen wren, und wenn's nicht die Kinder
wren, i da wre ich ja schon lngst aus dem Hause, wo man so mit mir umgeht.
    Dem Geheimrath schien unangenehm zu Muthe zu werden, da Charlotte in einen
Thrnenstrom ausbrach, der nicht mehr zu stillen schien.
    Es war ja auch nicht so gemeint, sagte er endlich, - Sie soll ja nicht
auf der Stelle fort, ich meinte nur -
    Es werden sich schon Andere finden, - o das wei ich, - ich wei auch wer.
Und wenn die Selige das von oben sieht, wie die Schwgerin mit ihren spitzen
Fingern die Kleinen liebkost, dann wird sie Nachts vor des Geheimraths Bette
treten, und was sie ihn dann fragen wird -
    Halte Sie doch das Mau -! Charlotte - liebe Charlotte, Sie ist echauffirt.
    Das Kindermdchen war echauffirt, es lie sich nicht in Abrede stellen. Es
waren auch Grnde dafr.
    Aber der Geheimrath liebte nichts Echauffirtes, nmlich wenn es ihn in
seiner Ruhe inkommodirte. Er suchte sie zu beruhigen; er erklrte die Kndigung
fr eine Aufwallung, ein Echauffement. Indem er sagte, solche Dinge msse man
bei kaltem Blute berlegen, schob er den Stein des Anstoes etwas weiter auf den
Weg.
    Da schien ein Friede geschlossen, wenigstens ein Waffenstillstand; Charlotte
weinte nur noch still, der Geheimrath seufzte und mochte wieder an Anderes
denken, als er sich erkundigte, was denn die Kinder machten? Gleich darauf fiel
ihm noch etwas anderes ein.
    Aber, Charlotte, sage Sie, wie kam Sie nur darauf, und mit den Kindern!
vors Thor zu laufen, dahin! Eine Hinrichtung ist ein unmoralisches Vergngen,
habe ich Ihr das nicht oft vorgestellt, es ist gegen die Humanitt, ein
Schauspiel, woran nur der rohe Pbel Vergngen finden kann.
    Sie haben schon ganz Recht, Herr Geheimrath, aber Sie htten die Person
sehen sollen, die Marianne; ganz schloosewei war sie, vom Kopf bis zum Fu, und
wie sie die Augen niederschlug, die Hnde hielt sie so vor sich gefaltet! Und
der Herr Prediger sa neben ihr, und noch oben sprach er mit ihr, und dann
ksste sie ihm die Hand und knixte noch einmal vorher gegen uns Alle. Und die
vornehmsten Herren in Thrnen. Ach Herr Geheimrath, es war Ihnen etwas, ich sage
Ihnen, es ging einem durch Mark und Bein, und Manche dachten, ach wenn du doch
auch so sterben knntest, so den Herrn Prediger neben sich und ganz wei, und
Blumen, und die Putzmacherin, Mamsell Guichard an der Stechbahn, hatte ihr ein
Tuch mit Spitzen geschenkt und die vornehmsten Personen weinten. Und ich habe
sie auch gekannt die Marianne, und eyedem war sie keine schlechte Person.
    Sie hat mir davon erzhlt. Aber nun ist sie eine Kindesmrderin.
    Und das ist schlecht von ihr, Herr Geheimrath; das wird auch kein Mensch
abstreiten. Und wir haben's ihr alle vorhergesagt. An solchen Kerl sich zu
hngen! Er war noch nicht einmal kniglicher Stallknecht, da konnte er noch
lange dienen. Und wenn er's geworden, ob er sie dann geheirathet htte! Wenn's
denn doch einmal sein sollte, wr's nur ein anstndiger Herr gewesen, sagte ihre
Tante. Der htte doch frs Kind bezahlt, und wenn er nicht wollte, da ist das
Stadtgericht! Das wei ich ja von meiner Cousine. Heirathen oder bezahlen!
sagten der Herr Prsident. Da hat er auch gezahlt jeden Ersten, der Herr
Hoflackirer, und wenn's bis zum Dritten nicht da war, auf der Stelle Exekution,
jeden Monat. Beim zweiten hat er sich gar nicht erst verklagen lassen. Gleich
gezahlt, o 's ist ein sehr reputirlicher Herr, das mu man ihm nachsagen, und
wenn's dritte kommt, wer wei, ob sie dann nicht schon unter der Haube ist. Denn
seine Alte wird's ja nicht mehr lange machen, die hat er nur mit dem Geschft
geheirathet. Und warum sollte er sie nicht ins Haus nehmen? Ist ja sein purer
Profit. Er kommt viel wohlfeiler fort, als wenn er Alimente zahlen mu. Aber ein
Begrbni wird er seiner Alten ausrichten - na, da knnte sich mancher
Geheimrath schmen. Nein, das mu man ihm nachsagen, lumpen lsst sich der Herr
Hoflackirer nicht; ist ein sehr reputabler Herr. - Und, wie gesagt, hbsch war
die Marianne, so bla und schn, und das Kind, blutroth hat's wie 'ne Schnur um
den Hals gehabt.
    Und meine Kinder hat sie mitgenommen. Die unschuldigen Wrmer! Sie Person
Sie!
    Aber Herr Geheimrath, ich wei auch nicht, wie Sie mir vorkommen. Es ist ja
nur, da die Kinder es einmal gesehen haben. Das ist ja frs ganze Leben. So was
kriegen sie nicht wieder zu sehen. Es soll ja kein Mensch mehr hingerichtet
werden.
    Wer hat Ihr das wieder vorgeschwatzt?
    Sie knnen's mir ganz gewi glauben, Herr Geheimrath. Das ist die letzte
Hinrichtung, hat der Knig gesagt. Und sie haben ihn beinah zwingen mssen, da
er nur die Feder in die Hand nahm. Die junge schne Knigin hat geweint. Und da
hat er sie gefragt: Aber Louise, warum weinst Du denn? Denn unter sich sagen sie
immer du! und es kommt Einer zum Andern, ohne da die Kammerherren anklopfen und
sie melden, und darber ist die Hofmarschallin, die alte Grfin Vo, ganz
aufgebracht. Aber das thut nun nichts. Es wird Alles noch ganz anders werden,
sagen sie; und gar nicht wie beim Dicken. Die Livreen werden auch anders. Und
alle Menschen sollen Brder sein, und alle Frauenzimmer Schwestern ...
    Der Geheimrath intonirte, wie durch eine Erinnerung geweckt, pltzlich das
Lied, indem er mit den Fingern auf dem Knie den Takt schlug:

Wir Menschen sind ja alle Brder.
Vereinigt durch ein heilig Band,
Du Schwester mit dem Leinwandmieder,
Du Bruder mit dem Ordensband!

    Das Kindermdchen warf einen schlauen Blick: Gestern hinterm Gitterfenster
auf dem Hofe - da sangen's Herr Geheimrath viel lauter.
    Die Erwhnung schien dem Geheimrath unangenehm: Das versteht Sie nicht. Es
ist allerdings gegen die Humanitt, einen Menschen ums Leben zu bringen. Aber,
wie gesagt, das versteht Sie noch nicht, und das ist nur unter uns, und wie
sollten wir denn die Spitzbuben los werden und die atrocen Menschen. La Sie
sich also so was nicht einbilden, und die Knigin -
    Ja, Herr Geheimrath, die Knigin, das wei ich expre von Jemand, der es
wei, vom Commissar die Kchin, die hat beim Doktor, der die Hoflakaien kurirt,
vorher gedient, und da hat sie's von der Mamsell, die beim Hofmarschall ist, mit
eigenen Ohren gehrt, zum Knig hat sie's gesagt, die Knigin, sie knnte ihm ja
keinen Ku geben, weil seine Hnde voll Blut wren, und nur diesmal, hat er
gesagt, htte er's thun mssen, weil's eine Kindesmrderin wre, nmlich von
wegen des Beispiels, weil's sonst Alle thten. Aber dann soll Keiner mehr
gekpft werden, und dies ist das letzte Mal, und darum verdienten's wohl die
Kinder, da ich sie hinfhrte, denn es soll auch gar kein Blut mehr flieen, und
kein Krieg mehr sein, auf der ganzen Welt nicht, und der Knig hat's gesagt.
    Aber sage Sie mal, Sie ist doch eine vernnftige Person - der Hausherr war
aufgestanden, um ihr zu beweisen, da sie diesmal unvernnftig sei. Das ist
berall eine schwierige Aufgabe, wo die Person, welcher man es beweisen will,
sich fr vernnftig hlt. Sie musste berdem eine gute Royalistin sein; denn auf
die Vorstellung des Geheimrathes, da so etwas gar nicht in des Knigs Macht
stehe, ja nicht in des Kaisers, auch nicht in der Macht des groen Feldherrn und
Konsuls der Franzosen, erklrte sie, wozu denn ein Knig wre, wenn er das nicht
mal knne! Der Knig knne aber noch weit mehr, wenn er nur wolle; es gbe aber
Personen, die viel klger sein wollten, als der Knig, und alles besser wissen
und machen, und sie wisse auch, was sie gehrt, und knnte manches sagen was
Mancher nicht gern hrte. Und wer nur gestern Abend sein Ohr aufgehabt htte im
hintersten Hofe und unterm Gitterfenster gehorcht, was die Gefangenen gesungen.
Davon knnte manches Vgelchen Lieder singen, die Manchermann gar hsslich
klingen wrden!
    Sie unverschmtes - ich glaube gar, Sie hat getrunken!
    Ich getrunken! Habe ich das um den Herrn Geheimrath verdient, als ich
gestern Abend gar nicht sah, wie Sie die Treppe herauskamen, die kleine
Hintertreppe, und nicht wussten, wo die Thr war? Ich getrunken! Ein Glas
Weibier setzten mir der Herr Wachtmeister von Prinz Louis-Dragonern vor, und
das trank ich, der Kinder wegen, denn wir waren auer Athem, weil die Leute so
grausam drngten, und so hob der Herr Wachtmeister die Kinder ber die
Lyceumshecke, und ich quetschte mich durch die Hecke, und da sagte der
Wachtmeister, ich sollte erst einen Pomeranzen mit ihm ber die Lippen nehmen,
weil ich so echauffirt wre. Das kann der Wirth im blauen Himmel bezeugen; der
sagte, wir zertrten ihm seine Hecke und er war betrunken. Aber wo wren wir
alle, und die lieben Kinder, die schrien, da es ein Gotts Erbarmen war; aber
der Wachtmeister gab's dem Wirth, da er muschenstill ward. Ich htt's nicht
gerathen, mit dem anzufangen. Er hat die Rheincampagne mitgemacht und trgt noch
eine Kugel in der Schulter, Alles fr seinen Knig! sagt er, und wenn Friede
bleibt, kriegt er eine Civilanstellung.
    Es war eine Vernderung in dem Geheimrath vorgegangen. Von Zorn keine Spur
mehr in seinem Gesichte, als er aus der emaillirten Dose ein lange Prise Spaniol
nahm, und mit dem Battisttuch den Tabak, der sich ausgestreut, von den
Kleidungsstcken abklopfte, und Ja, ja, so geht's in der Welt! sagte. Man sah,
zwischen Beiden hatte ein langer Verkehr eine Verstndigung hervorgebracht, die
gewissermaen in hieroglyphischen Ausdrcken sich Luft machte. Und Jeder
verstand den Andern. Offenbar war er an etwas erinnert worden, was er nicht
liebte, und ebenso offenbar, da Charlotte auf einen andern Gegenstand
bergesprungen war, entweder, um ihm die Verlegenheit abzukrzen, oder weil
dieser Gegenstand fr sie einen Zweck hatte.
    Und doch schien der Geheimrath nicht recht zu wissen, was er sagen sollte,
indem er mit einem Finger um den andern ein Rad schlug. Ja, sieht Sie,
Charlotte, sagte er, wer das wsste, ob Friede bleibt, oder's wieder losgeht.
- Und hat Sie auch das bedacht, ein Kavallerist riecht immer nach dem Stall -
wollte er sagen, oder hatte es gesagt -

                                Zweites Kapitel.



                   Die Geheimrthin mit den spitzen Fingern.

- Als die Seitenthr aufging, und die Geheimrthin Schwgerin hereinrauschte.
    Rauschte, sage ich, denn ihr hellseidenes Kleid, obgleich die Schleppe
abgeschnitten, bauschte noch immer in reichen Falten hinter ihr.
    Ich hoffe doch nicht zu derangiren, sagte die Dame, als der Geheimrath in
einiger Verlegenheit aufsprang, und die Spanioldose auf die Erde fiel. Wenn sich
Charlotte in Verlegenheit gefhlt, fand sie Gelegenheit, sie zu verbergen, indem
sie die Dose auflangte, und mit dem zusammengefegten Tabak in der Schrze das
Zimmer verlie.
    Wie kann meine theure Frau Schwgerin mich berraschen! sagte der
Ueberraschte.
    Die Ueberraschung ist nicht ganz meine Schuld, denn der Herr Schwager
hrten in dem konfidentiellen Gesprch, was ich zu meinem Bedauern stren
musste, nicht mein Klopfen. Da musste ich endlich, ohne auf die Invitation zu
warten, eintreten, denn ich liebe nicht das Lauschen.
    Er drckte in verbindlicher Weise ihre Finger an die Lippen und fhrte sie
auf das Canap.
    Ob die Finger besonders spitz waren, kann ich fr jetzt nicht sagen, denn
sie waren in Tricothandschuhen versteckt, und whrend die eine Hand an den
Lippen des Geheimraths ruhte, umfasste die andere den Fcher, um das Spiel zu
beginnen, was bei einer Konversation auf dem Canap nothwendig ist.
    Aber das ganze Gesicht war, was man spitz nennt. Vielleicht htte man auch
die kleine Gestalt der Dame so nennen mgen, inde war ein Etwas darin, entweder
nenne ich es Anmuth oder Elasticitt, was diesen Eindruck verwischte,
Alabasterarbeit htte ein Dichter oder Knstler gesagt, der erst der Hauch des
Gedankens oder Gefhls Farbe und Bewegung giebt. Weder jung noch alt, weder
schn, noch eigentlich hbsch, konnten doch ihre dunkeln kleinen beweglichen
Augen, wenn sie aus den blonden Augenbrauen besondere Blicke schossen, anziehen.
Es war schwer zu sagen, wovon diese Blicke sprachen, ob von Verstand, Gefhl,
Sinnlichkeit, ob sie stachen, suchten, lockten, ob sie aus einer beglckten oder
zerissenen Brust kamen. Sie konnten einen sehr verschiedenen Glanz annehmen, nur
nicht den der ursprnglichen Wahrheit, jenen Glanz, der auf den ersten Blick
einnimmt und berzeugt. Man sah in diesen Augen, da sich die Gedanken und
Gefhle erst sammeln mussten, um ihrem Blick den Ausdruck zu geben, den sie
wollte. Es war berhaupt etwas Besonderes in der Frau; es lag in ihrem Wesen
Ruhe und Unruhe. Man konnte sie in diesem Augenblick fr sehr bedeutend, im
nchsten fr ein gewhnliches Weib halten. Ihre Kleidung war einfach aber
gesucht; zwischen der zu Grabe getragenen Rokokomode und dem griechischen Ideal,
das Mode geworden. Kurze eng anschmiegende Aermel, ein weit ausgeschnitten Kleid
mit kurzer Taille, die eine rosaseidne Schrpe noch mehr hervorhob, aber ein
Ueberwurf um die Schultern und die langen Handschuhe suchten die Entfaltung der
griechischen Nacktheit wieder zu verbergen.
    Der Geheimrath entschuldigte sich wegen seiner Toilette. Er hatte Ursache.
Die Geheimrthin sagte lchelnd, sie htte fr dieses Aeuerliche keinen Sinn.
Aber whrend er seine Fe in den Pantoffeln zu verstecken suchte, ohne sich
doch der Bemerkung enthalten zu knnen, da er sich von ihnen nicht trennen
knne, weil sie noch von seiner seligen Frau gestickt wren, verbarg die
Geheimrthin keineswegs ihre sehr zierlichen Fe auf dem Schemel, als sie mit
der sanften, fast sen Stimme, durch die nur zuweilen ein seiner, schneidender
Ton fuhr, sagte:
    Man mu gestehen, da der Herr Schwager die Treue gegen die selige
Geheimrthin bis zum Exce kultiviren.
    Und wie geht es denn meinem theuern Bruder, dem Geheimrath? seufzte er.
Wir haben uns so lange nicht gesehen. Ach Gott, wir Geschftsmnner!
    Er ist in seinen Bchern vergraben.
    Er kultivirt nicht das Leben, fiel der Hausherr ein. Ich hatte immer
gehofft, da eine so spirituelle Frau ihm einen Elan geben wrde.
    Passons l-dessus, sagte die Geheimrthin, mit einer eigenthmlichen
Bewegung des Fchers. Ich begreife freilich zuweilen nicht, warum eigentlich
die Mnner auf der Welt sind, die sich nichts aus ihr machen. Aber ich bin
gewissermaen in seinem Auftrage hier.
    Von einem Gelehrten wie er wei ich diese Attention zu schtzen. Warum
musste er aber neulich wieder ablehnen? Zu einer einfachen Suppe,  la fortune
du pot, ein Paar gute Freunde nur.
    Lupinus sagt, er verdirbt sich bei Ihnen immer den Magen.
    Scherz, Scherz! Spanische Suppen kann ich freilich nicht vorsetzen, auch
ist mein Malaga, mein Hochheimer, kein Falerner. Nichts als was ein armer Mann
bieten kann. Mssen uns alle nach der Decke strecken, aber herzlich gegeben und
- gut gekocht.
    Wenn Ihre Charlotte will, kocht sie trefflich, sagte die Geheimrthin mit
einem jener Blicke, von denen wir sprachen - Sie werden sich schwer von ihr
trennen knnen, setzte sie langsam hinzu. Sie werden sich vielleicht nie von
ihr trennen wollen.
    Der Blick und die Beobachtung hatten fr den Geheimrath etwas, was ihn aus
seiner Ruhe brachte.
    Liebste Schwgerin, in meiner Lage - in meinen Dienstverhltnissen,
begreifen Sie, mu ich dann und wann kleine Diners arrangiren - man mu sich
Freunde - man mu die Gnner warm halten. Einer hilft dem Andern. Es geht einmal
nicht anders.
    Das begreife ich vollkommen, sagte die Schwgerin mit dem gedehnteren
Tone, aber zu Ihren Diners bestellen Sie ja die Schsseln beim Koch Corsika.
    Das wohl, in der Regel wenigstens, - indessen -
    Essen Sie auch gern zu Hause gut. Und damit Sie immer gut gekocht bekommen,
ist Ihnen darum zu thun, da Charlotte immer bei guter Laune ist. Der Kalkul ist
richtig, nur verdenken Sie es Ihrer Familie nicht, wenn sie einen andern macht
-
    Welchen, meine verehrteste Schwgerin?
    Mon beau-frre, sagte die Geheimrthin, mit dem Fcher einige kurze
bedeutungsvolle Schlge durch die Luft fhrend, die Familie hofft, da Sie ihr
nicht den Chagrin anthun werden, die Person zu heirathen.
    Der Geheimrath wurde roth, aber nicht sehr, er klatschte mit beiden flachen
Hnden auf die Kniee und seufzte: Ja - man wird doch auch mit jedem Jahr lter.
Und eine Pflege wie ich sie nur wnschen kann.
    Herr Geheimrath, aber eine Mesalliance!
    Mais, ma belle soeur! Adam war unser Aller Vater. Neulich am Klavier, ich
htte meine Schwester embrassiren mgen, Sie sangen es zu allerliebst:

Als Adam grub und Eva spann
Wer war denn da - der erste Geheimrath?

    Er begleitete es durch ein angenehmes Gelchter.
    Es ist also vollkommener Ernst!
    Ernst, theuerste Schwgerin! Ich hielt' es fr einen delicisen Scherz,
wenn es von der Kanzel strzte: Der knigliche Herr Geheimrath Lupinus mit der
ehrsamen Jungfrau Charlotte Philippine, Katharine, Tochter des ehrbaren -, was
wei ich, wer ihr Vater war, wenn sie einen hat. Ma belle soeur, wie htten sie
die Kpfe zusammen gesteckt, wie wren sie aus dem Dom gestrzt! Diese Gruppen
unter den Pappeln, Nachmittags die Kaffeeklatsche. Und nun denken Sie sich,
Schwgerin, Charlotte und ich im Wagen und unsre Vorfahrvisiten! Vierzehn Tage
kein ander Gesprch. Und das Hochzeitmenuett! Sanft gebannt - an ihre Hand -
durchs Leben - schweben!
    Die Dame war sehr ruhig geworden: Mais, mon beau-frre, warum haben Sie es
aufgegeben?
    Mon Dieu, wer sagt Ihnen, da ich es aufgab!
    Ein witziger Einfall, ber den man nachdenkt, ist keiner mehr.
    Es geht doch nichts ber einen sublimen Verstand. Ich werde mich hten, sie
zu heirathen.
    Ich bin jetzt ganz getrstet, wenn Sie es thun. Wirklich, lieber Schwager.
Die Person hat gute Eigenschaften und Ihre Erziehung -
    Wenn ich sie heirathe, ist die Erziehung aus, zischelte er ihr laut ins
Ohr. Sobald der Hochmuthsteufel in sie schiet, kocht sie nicht mehr, pflegt
mich nicht mehr. Kurzum sie ist nicht mehr was sie ist, und darum msste mich ja
der - Excus! wenn ich meine gute Charlotte aufgbe, um eine schlechte
Geheimrthin draus zu machen. - Man wirft so gemthliche Redensarten hin,
mglich, es knnte sein - wenn nur nicht das und das wre, wnscht ihr den
besten Mann, aber klopft ihr auf die Schulter, sich nicht zu bereilen, es wrde
sich wohl noch alles anders und besser finden, als Mancher denkt. Et caetera.
    Nach einer Pause, whrend sie auf ihre spitzen Finger gesehn, sagte die
Geheimrthin: Aber die Person ist auch klug. Sie merkt es. Lieber Schwager,
kein Mann ist so klug, da nicht eine Frau, die er bestndig um sich hat, ihm
die schwache Stunde abmerkt. Schlingen sind nun einmal die Waffen unserer
Schwche; es ist in der Natur. Entweder entschlieen Sie sich und heirathen sie,
oder brechen Sie schnell.
    Das kann ich nicht, c'est absolument impossible! 'S ist wahr, Corsika kocht
gut, 's kocht keiner so in Berlin. Das heit en general - mais -! Was hilft mir
das, wenn die Gste fortgehen und sagen: es war alles recht fein, aber man wei
von nichts besonderm zu sprechen, nichts hat einen Eindruck hinterlassen. Das
ist gleichsam ein verlorener Tag. In der Charlotte, verzeihen Sie mir, ist ein
Genie. 'S ist nicht zu leugnen, Manches verdirbt sie, aber pltzlich mit einem
Elan hat sie eine Komposition gefunden, parbleu! Erinnern Sie sich noch des
Rebhhnerfricasss mit farcirten Trffeln! Da war doch nur eine Stimme. Noch
acht Tage drauf, als wir bei Excellenz Schulenburg-Kehnert am Tisch saen,
sprach Lombard davon. Sein Koch hat's versucht, der Englische Gesandte auch, es
schickten noch mehrere ihre Kche. Warten Sie - a ne fait rien. Es hat's Keiner
rausgekriegt. Und wr's auch nur um Lombards Willen. Es war ein glcklicher Tag,
als er mir beim Abschied die Hand drckte. Ich wei es, Lombard hat viele
Feinde, aber in der Freundschaft und - und in gewissen Ideen hat er eine gewisse
constance, persvrance. Man kann wohl sagen, 's ist ein Mann von einem nobeln
Esprit, ein Mann comme il faut.
    Schade, da Lombard verreist ist, sagte die Geheimrthin, ich meine
schade fr Sie.
    Es war wieder ein so eigener Ton, eiskalt und bitter wie der Blick, der den
Geheimrath traf - und sie brach so scharf ab, da die Wrme und Gemthlichkeit,
welche die Erinnerung der Trffeln und Rebhhner angeregt, pltzlich gedmpft
war.
    Mein Gott, belle soeur, Sie kommen -
    Von meinem Mann geschickt. Was ist denn das mit den Gefangenen in der
Vogtei, und den eingeschmissenen Fensterscheiben? Mein Mann hofft, da Sie dabei
auer dem Spiele sind.
    Wir wissen, da diese Erinnerung fr den Geheimrath zu den unangenehmen
gehrte. Die Rosenlinien der Freude verzogen sich auf seinem Gesicht in graue
Runzeln. Er schlug auch etwas die Augen nieder.
    Ma belle-soeur wissen, da ich immer ein Herz habe fr die Leiden der
Menschheit. Was an mir ist, thue ich, um das Schicksal der armen Gefangenen zu
erleichtern.
    Sie sollen unerhrte Freiheiten genieen. Neulich bei Prsident Kircheisen
ward behauptet, sie kmen Abends frei zusammen und spielten Hazardspiele, ja
Einer hielte frmlich Bank.
    Um die Humanitt zu frdern drcke ich ein Auge zu. Die inneren Thren
lassen sie sich zuweilen aufschlieen. Es ist nicht gut, da der Mensch allein
sei, und unter Gottes Himmel sind wir Alle -
    Und zwischen den Mauern der Vogtei! fiel die Geheimrthin ein. Gestern
Abend -
    Sehn Sie, theuerste Schwgerin, da hatte ich eine rechte Freude. Sie
schickten eine Deputation an mich mit der Bitte, ihnen eine kleine,
gewissermaen religise Celebration zu gestatten. Da morgen, als heute, ein
menschliches Mitwesen, eine irrende Schwester, gewaltsam aus dieser Welt
gerissen werden sollte, wollten sie den Abend nicht ohne stille, ich mchte
sagen sympathetische Betrachtung hingehen lassen. Ich war wirklich gerhrt ber
dieses Zeichen edler Empfindung unter meinen Kindern, wie ich sie gern nenne.
    Sie waren also selbst bei dem - sogenannten Festin?
    Sie erzeigten mir die Ehre mich einzuladen. Ach, aber so bescheiden. Und
ich versichere Sie, ich fand eine Stimmung, die einer Kirche Ehre gemacht. Und
die Arrangements so sinnreich und einfach. Der Regimentsquartiermeister, der bei
der Lichtenau da im Marmorpalais als Dekorateur und Maschinist gearbeitet hatte
- ein unglcklicher Mensch, er mag geirrt haben, wer irrt nicht! - konnte um
lumpige 10,000 Thaler die Quittungen nicht aufweisen! Lieber Gott, wenn man fr
Alles Quittungen verlangte, was zur Zeit der Comte Lichtenau ausgegeben ist!
Ein charmanter Mann sonst, sage ich Ihnen, von so philosophischer Ruhe. - Das
kleine Zimmer war griechisch drapirt, et aussi un peu gothique. Hinten ein
Opferaltar; in Spiritus brannten die Flammen empor zu dem Triangel, aus welchem
das Auge der Allwissenheit auf uns herabblickte. Der Rendant vom Salzsteueramt
-
    Der in Hamburg ergriffen ward, als er sich einschiffen wollte?
    Ein Opfer der Miverstndnisse. Er hatte die beste Absicht, von London aus
den kleinen Irrthum auszugleichen, - sonst ein Mann von Charakter, sublimen
Ideen, ist auch Maon. In einem weien Talar, eine Binde um die Stirn, hielt er
eine Rede; ich wnschte, Sie htten sie gehrt; wie lie er die irrende
Schwester beten! Ach aber, wie das kleine Kind, das der Mutter voraufgegangen,
die Arme ausbreitete und im Namen der Allmacht sprach: Mutter, Dir ist vergeben!
die Seligen warten auf Dich! - da blieb kein Auge trocken.
    Und nachher haben sie getrunken?
    Die Gesellschaft hatte einige Flaschen besorgt. Das Herz schlo sich
unwillkrlich auf. Man durfte sich doch nicht lumpen lassen. Ich lie ein
Dutzend Hochheimer bringen. Ich sage Ihnen, diese Empfindungen, die sich da
aufschlossen! Da war doch kein bser Gedanke, nichts als die reinste, allgemeine
Menschenliebe, und wre nicht der verlorene Mensch, der Sohn des Geheimraths
Bovillard, dazwischen gekommen, so wre auch alles ganz gut abgelaufen.
    Lsst ihn der Vater noch immer einsperren?
    Nein, er sitzt jetzt wegen des letzten Skandals mit dem
Gensdarmerie-Offizier. Dieser Taugenichts verdirbt mir eigentlich die Harmonie
in meiner Gesellschaft. Indessen man hat doch Rcksichten wegen des Vaters.
    Gewi, und sehr ernste.
    Und unser Hofrath Sring, Sie kennen den exzentrischen Kopf. - Bs ist er
nicht, nur wenn er etwas im Kopfe hat. Ich verga Ihnen zu sagen, man war so
froh geworden, man sah das Opferfeuer brennen. Man wollte sich daran wrmen. Man
machte den Vorschlag, an der Flamme das Getrnk der Freiheit zu brauen, das
aromatische der Englnder, das unser Schiller so herrlich besungen hat -

Vier Elemente, innig gesellt!

    Man kochte eine Bowle Punsch, das wei ich auch, und sehr starken.
    Sring, der eigentlich in Glatz sitzen soll, aber er ist krnklich und
kann die freie Bergluft nicht vertragen. Belle-soeur wissen ja, durch welche
Konnexionen - und er ist auch eigentlich unschuldig. Es war nur der Punsch.
Sprang er pltzlich auf den Tisch -
    Und hielt eine seiner bekannten republikanischen Reden.
    Es sollten keine Kerker und Festungen mehr sein, die Eisenstbe sollte man
zerbrechen und die Schwerter auch, und als er das Lied sang und wir einfielen:

Allen Sndern soll vergeben
Und die Hlle nicht mehr sein!

    Da schmissen sie mit den Glsern die Fenster ein.
    Nein, da sprang Bovillard erst auf den Tisch. Den eigentlichen Zusammenhang
wei ich wirklich nicht mehr, aber in seiner Barocksprache rief der tolle junge
Mensch: wenn wir die Hlle zerstrten, wo wir denn bleiben wollten! Nun, ich
sage Ihnen, einen Gallimathias plein de romantique, da uns Hren und Sehen
verging.
    Ich glaube Ihnen wirklich, da Sie beides nicht mehr konnten.
    Durch die Unart dieses einen einzigen Menschen ward uns ein Abend gestrt -
meine Schwester, das Menschenleben ist nicht reich an solchen Abenden voll
Harmonie der Seelen. Und der Mond stand drauen und schien so friedlich durchs
Gitterfenster.
    Der Mond wird auch vermuthlich stehen geblieben sein, sagte die
Geheimrthin aufstehend, wo blieben denn aber der Herr Schwager?
    Sie machte Miene zum Gehen und er beugte sich, um wieder ihre Hand an die
Lippen zu fhren: Homo sum, nil humani a me alienum puto, sagt Terenz,
theuerste Schwgerin. Fragen Sie meinen Bruder, was das heit. Im Uebrigen -
abgeschttelt!
    Meinen Sie, Geheimrath? In der Stadt ist man anderer Meinung. Man spricht
davon, da Sie die Ihnen obliegende surveillance ber die Gefangenen schlecht
beobachtet.
    Man hat schon viel ber mich gesprochen. Qu'importe!
    Wenn man aber auch bei Hofe davon spricht. Auch im Palais. Auch wenn der
Knig entrstet ist. Auch wenn Kabinetsrath Beyme auf der Stelle an den
Justizminister schreiben mssen, da die Sache untersucht wird. Herr Schwager,
es ist kein Spa, warum ich hier bin, es handelt sich um Ihre Existenz.
    Der Geheimrath war zusammengefahren wie die Sinnpflanze bei der menschlichen
Berhrung. Sein Gesicht war bla, seine Vollmondswangen schienen wie welk
herabgesunken. Er ffnete die Lippen und wollte sprechen, aber die Zhne, die in
eine unwillkrliche Berhrung geriethen, stammelten nur die Formel: Mein
allerdurchlauchtigster Knig, mein allergndigster Knig und Herr!
    Ist eine Natur, die wir Alle eigentlich noch nicht kennen, aber in gewissen
Dingen hat er sich auerordentlich streng gezeigt. So sagte die Geheimrthin
Schwgerin, die ruhig vor dem Zerknickten stand.
    Der Geheimrath stammelte noch etwas von geheimen Feinden, und nachdem er
einige Schritte gethan, fiel er auf seinen Armsessel.
    Von Feinden wei ich nichts, sagte die Schwgerin, im Gegentheil, Sie
haben sich viele Freunde durch Ihre Diners gemacht, und es trifft sich nur sehr
unglcklich, da Lombard nach Frankreich ist. Aber sich in den Sorgenstuhl zu
werfen, ist nicht Zeit, mon beau-frre! Ihre Freunde knnen wenig, Sie mssen
selbst etwas thun, und auf der Stelle. Ihr Zopf ist noch gut, die Frisur passirt
fr den Abend. Werfen Sie sich in Ihr Habillement.
    Mein Gott, doch nicht zu Seiner Majestt! rief er aufspringend und rang
die Hnde.
    Auch nicht zum Justizminister. Ich rathe Ihnen auch nicht, Haugwitz zu
inkommodiren. Aber zu Bovillard mssen Sie. Schnell, schnell, Herr Geheimrath.
Er vertritt Lombard beim Minister Mein Mann hat schon etwas vorgearbeitet.
    Zu Bovillard! ja, zu Bovillard! Aber, mein Gott, was wird er sagen!
    Wenn Sie von seinem Sohne sprechen, wenn Sie auf ihn die Schuld schieben
wollen, wrden Sie alles verderben. Sie mssen ihn ganz ignoriren. Verstehen Sie
mich; diese Schonung kann nur den Vater gewinnen, denn Vater bleibt er. Da er
von ihm erfahren soll, berlassen Sie Andern. Sie exkulpiren sich nur fr sich.
Das Wie berla ich Ihrem Genie, wie Sie jetzt Ihrer Toilette.
    Sie war hinausgerauscht und der Geheimrath wankte nach seinem
Kleiderschrank.

                                Drittes Kapitel.



                                Eine Heimfahrt.

Die Geheimrthin stieg die Hintertreppe hinab, auf der sie gekommen. Sie ging
langsam, oft, schien es, in Gedanken versinkend.
    Auf dem Podest blieb sie stehen, von wo man einen Blick durch ein
Wandfenster in die Kche hat. Charlotte spielte mit den Kindern, oder vielmehr
die Kinder spielten mit Charlotte. Sie zupften sie vom Herde fort. Malwine
wollte ihr etwas ins Ohr sagen, derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den
Herd und schttete die Salzmetze in die Kasserolle. Malwine fing pltzlich an zu
lachen und tschte das Mdchen aus, Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf
ihrem Rcken und umschlang ihren Nacken mit den Armen. Sie strubte sich,
schimpfte und suchte den Alp los zu werden, die Kinder tobten, sie schlug.
    Eine charmante Erziehungsscene, dachte die Geheimrthin und unwillkrlich
entschlpfte es ihren Lippen: Es wre eigentlich nicht so bel, wenn der liebe
Gott die Kinder zu sich nhme!
    Warum den inkommodiren! sagte eine Stimme dicht hinter ihr. Ein Fremder,
in seinen Mantel geschlungen, der vom Regen triefte, stand auf der Stufe neben
ihr. Sie hatte ihn nicht bemerkt, als er vom Hofe die Treppe heraufkam. Auch
erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht, das
Gesicht zu sehen, als er im Vorbeigehen den Hut lftete. Es lag etwas
Unheimliches fr sie in der Begegnung. Wer lsst sich gern in seinen Gedanken
belauschen.
    Wenn nur keine schdliche Substanz in dem Gef war, setzte der Fremde
hinzu.
    Wie meinen Sie das?
    Der Muthwille der Kinder knnte unschuldige Personen in Verdacht bringen.
    Das einzige Unglck wre doch nur, da er heut Abend eine versalzene Suppe
auf den Tisch bekommt, bemerkte die Geheimrthin, die, schnell zu sich
gekommen, ihre Unruhe nicht merken lie.
    So treffe ich den Geheimrath zu Hause, was mir sehr angenehm ist,
entgegnete der Fremde, noch einmal den Hut anfassend, um die Treppe
hinaufzusteigen.
    Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm, konnte die Geheimrthin sich
nicht enthalten zu bemerken. Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung,
um sich melden zu lassen.
    Meine Botschaft kommt wohl gelegener ber die Hintertreppe.
    Auch wenn er zu Hause wre, zweifle ich, da ihm berhaupt Besuch gelegen
kommt, da er selbst im Begriff ist, einen zu machen.
    Ich wei es, entgegnete der Fremde, und wenn auch nicht mein Besuch, wird
ihm doch mein Rath nicht ungelegen kommen. Ich habe die Ehre, mich der Frau
Geheimrthin gehorsamst zu empfehlen!
    Seltsam! sprach die Geheimrthin fr sich, als der Fremde mit sichern,
leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war. Er kennt mich. Wer ist er?
Er kommt gewi in der Angelegenheit - was kann er aber fr Rath bringen!
    An der Hofthr strzte ihr ein gewaltiger Platzregen entgegen. Ihre Kutsche
hielt auf der Strae vor der Hausthr. Sie berlegte, ob sie einen Versuch
machen sollte, durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen
trockneren Weg nach dem groen Hausflur zu suchen, als ihr Bedienter mit einem
Regenschirm ihr entgegen trat. Auf ihr Befremden darber, da sie beim Ausfahren
keinen mitgenommen, antwortete der Diener, der fremde Herr, welcher eben
durchgegangen, habe ihm den seinen zurckgelassen, mit der Bemerkung, ihn fr
die Frau Geheimrthin zu benutzen, damit sie ber den Hof in ihren Wagen knne.
    Kennt Er den Herrn? fragte sie beim Einsteigen.
    Ich habe ihn nie gesehen.
    Seltsam! wiederholte die Geheimrthin nachdenkend. Nicht alle Gedanken
drcken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus, und in einer dunklen Kutsche, nur
erhellt von einem ungewissen Laternenlicht, wenn der Regen gegen die Fenster
schlgt, lsst sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen. Dem Dichter ist es
inde zuweilen vergnnt, eine andere Sonde in die Brust zu senken, wie er ja
auch Geister und Trume citirt, wo er der Vermittler zwischen dem Reich des
Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf.
    Sie sann dem Fremden nach. Seine ueren Umrisse waren ihr verwischt, nur
war es ein blasses Gesicht mit scharfen, tiefliegenden Augen, dessen konnte sie
sich entsinnen. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Doch es waren damals viele
Fremden in Berlin; auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Auslndisches. Aber
was wollte er bei ihrem Schwager? Wirklich einen guten Rath geben? Wenn auch der
Geheimrath nicht eben persnliche Feinde hatte waren doch Viele, die auf sein
eintrgliches Amt lauerten. Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fhlen,
gerade ihrem Schwager zu helfen! Aber sie vertiefte sich im Aufzhlen, wer wohl
ihm auf den Dienst lauern knnte, bis ein leises Gelchter aus ihren feinen
Lippen brach.
    Die Geheimrthin fragte sich, woher denn ihr eigener Antheil an dem Geschick
des Geheimrathes kam? - Achtete sie ihn? liebte sie ihn? Oder weil er der Bruder
ihres Mannes war? Was war ihr ihr Mann? - Ein Mann, der sich in seiner
Bcherstube vergrub, wo die Welt umher fr ihn lachte!
    Man htte jetzt eine Rthe sehen knnen ber ihr blasses Gesicht steigen.
Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung, darum Intriguen, damit eines
ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme! Sie kam sich selbst in dem Augenblick
so ordinair vor.
    Die Kutsche hielt vor ihrem Hause. Der Diener ffnete den Schlag. Er schien
aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen. Sie warf einen Blick auf die
erleuchteten Fenster: Herr Geheimrath erwarten Frau Geheimrthin zum Piquet. -
Sie hatte schon einen Fu auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick
stehen, als thue der Regen, der in unverminderter Heftigkeit fiel, ihr wohl,
dann warf sie sich in den Wagen zurck und befahl: In die Komdie!
    Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage. Es war
seit lange keine Hinrichtung vorgefallen. Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus
den Schenken zurck, es gab mancherlei Unruhe, kleine Auflufe, Verhaftungen.
Der Kutscher zog es, der tobenden Menschenschwrme wegen, vor, durch eine der
Quergassen zu fahren, welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden. Auch
hier stopften sich die Fuhrwerke, und die Dame hatte Gelegenheit, durch die
Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten, was Frauen ihres Standes sonst
nicht aufsuchen - an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der
kleinen Huser die Schnheiten, welche sich den Vorbergehenden zur Schau
stellen.
    Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab. Sie fhlte
auch kein Mitleid mit den armen Geschpfen: Sie schlrfen des Lebens Gluth in
vollen Zgen, aus einem Taumel in den andern gestrzt, kaum dazwischen
erwachend, bis sie verwelken und man sie fortwirft. Und das ist unser Aller Loos
- ob frher, ob spter? Was kommt es darauf an. Wer nur sagen kann: er hat sein
Leben genossen!
    Das Komdienhaus war nicht gefllt. Die Geheimrthin sa allein in ihrer
Loge. Ihr schien das Haus dunkel. Es war nicht dunkler als gewhnlich. Die
Talglichter, die der Lampenputzer vor den Augen des Publikums ansteckte,
duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut.
Man sah wohl damals schrfer, denn man sah mehr, aber das Licht kam aus der
Darstellung, versichern uns Die, welche aus jener Zeit das deutsche Theater
kennen. Fr die Geheimrthin aber blieb es dunkel, obgleich Fleck als Odoardo
seine ganze adlige Kraft entfaltete, die sptere Hndel-Schtz als Orsina das
Publikum entzckte. Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen,
das sie sich nicht erklren konnte; der jungen Schauspielerin, welche die Emilie
zum ersten Male gab, htte sie nachhelfen mgen. Wenn sie sich Rechenschaft gab,
war es aber nicht die Schauspielerin, sondern sie htte ihrer Rolle, ihrem
Charakter eine andere Richtung geben mgen. Ihre Phantasie beschftigte sich,
eine welche andere Rolle Emilie spielen knnen, selbst glcklich und beglckend,
glnzend und Glanz um sich verbreitend, wenn sie den Pulsen folgte, die fr den
Prinzen schlugen. Eine welche andere Herrschaft ber ihn blhte ihr als der
stolzen Orsina, vermge ihres Liebreizes, ihrer geistigen Vorzge. Sie hatte es
in ihrer Macht, auch dieses Prinzen Wankelmuth zu fesseln, und Tausende, ein
ganzes Land glucklich zu machen. Und alles das vernichtet ein plumper Dolchsto,
der alle unglcklich macht und - die Thrin bat selbst darum!
    Die Geheimrthin war gewohnt, in ihrer Loge Besuche zu empfangen. Entweder
zeigte sich heut kein Bekannter, oder sie hielten sich entfernt. In einer Loge
gegenber, wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf sa, hrte das
Klappern der Logenthr nicht auf. Ihr war diese Strung unangenehm, das
Schauspiel fing an sie zu langweilen. Sie besann sich, da sie zwar die
Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen, aber auch nicht
abgelehnt hatte. Sie hatte nur gesagt, sie frchte einer Migraine wegen nicht
erscheinen zu knnen. Sie hatte, oder wollte jetzt keine Migraine haben und
verlie die Loge.
    Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit. Er zittert ja.
    Sie htte kaum nthig gehabt, sich nach dem Grund zu erkundigen, der
Bediente war ja noch in denselben ganz durchnssten Kleidern, in welchen er auf
dem langen Doppelwege aufgestanden. Der zugigte Korridor hinter den Logen war
nicht geeignet, die Naklte zu vertreiben. Johann sagte, das Fieber sei noch
immer nicht ganz fort. Die Geheimrthin erwiderte nicht unfreundlich, er msste
endlich etwas dazu thun.
    Der Regen go noch immer in Strmen, als sie wieder in die Kutsche stieg und
Johann hinten auf. Der arme Mensch! dachte die Geheimrthin. Seltsam, da es so
sein mu! Es musste so sein; ber diesen Damm kam sie nicht hinweg, ja sie
lchelte ber den nrrischen Gedanken, da sie Johann auffordern knnte, sich in
den Wagen zu setzen. Aber sie dachte ber die Zukunft des Menschen nach. Er litt
nicht vom Regen, sondern an einer inneren Krankheit, deren gelegentliche
Ausbrche nur in Fieberanfllen sich zeigten. Sie glaubte etwas von der
Arzneikunde zu verstehen und den Schlu ziehen zu drfen, da er nie vollstndig
genesen werde. Was wird nun aus solchem Menschen? Eine Zeitlang hlt man es noch
mit ihm aus. Wenn er aber immer wieder zurckfllt, mu man ihn entlassen. Dann
findet er wohl noch einen Dienst. Aber auf wie lange? Die neuen Herrschaften
werden nicht so lange Geduld mit ihm haben. Er wandert ins Krankenhaus,
vielleicht ins Spital, vielleicht auf die Gasse. Und wre es ihm nicht besser,
wenn er durch einen Blutsturz, eine radikale Erkltung ein rasches Ende fnde?
Er ist auch eine verfehlte Existenz!
    Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen, dem die Ausdrcke fehlten, bis der
Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt.

                                Viertes Kapitel.



                         Hier politisch, dort poetisch.

Der Eintritt der Geheimrthin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen
Aufstand; es schien ein froher. Man hatte sie nicht mehr erwartet. Die Wirthin
und einige Damen embrassirten sie; die lteren Herren bemhten sich, ihr die
Hand zu kssen: Nein das ist hbsch und liebenswrdig von Ihnen, uns doch noch
zu berraschen! - Es wre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau
Geheimrthin, sagte der Wirth. Ein Dritter: Je spter der Abend, so schner
die Gste. Es war eine ansehnliche, aber etwas bunte Gesellschaft, vielleicht
eine, wo die Wirthe auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben, welche
sonst sagen konnten: Zu so etwas werden wir nicht eingeladen! Die Geheimrthin
war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit. Man konnte auf den ersten Blick
annehmen, da sie, wenn nicht an Stand und Vermgen, doch von Natur und Bildung
von feinerer Art, ein Wesen war, was man so gewhnlich ein hheres nennt, wenn
es in Kreise tritt, die sich ihrer Gewhnlichkeit bewusst sind. Der Neid, den es
hervorruft, zeigt sich in der Regel erst dann, wenn dies vornehme Wesen seine
Eigenschaften geltend machen will. Dies war bei der Geheimrthin nicht der Fall.
Sie konnte nicht liebenswrdiger, bescheidener, gewissermaen harmonischer zur
Gesellschaft auftreten; sie bedauerte so sehr den Aufstand, den sie erregt.
    Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen? Wir sind ihm zwar
unendlich verbunden, da er sich entschlossen, unsere Frau Geheimrthin uns zu
gnnen, aber es wre doch hbsch gewesen, wenn er sich selbst entschlossen. Das
htte erst unsere Freude vollkommen gemacht.
    Sie thun meinem Manne Unrecht, entgegnete die Angekommene. Wenn es nach
ihm gegangen, wre ich lngst hier. Er kann es nicht sehen, wenn ich ein
Vergngen seinetwegen entbehre. Aber liebe Frau Geheimrthin, - die Wirthin
nmlich war auch eine Geheimrthin - Sie glauben nicht, wie er jetzt mit
Arbeiten berhuft ist, und ich sehe mit wahrer Angst, wie er sich dabei
anstrengt, da sein Kopfleiden wieder heraustritt. So machte ich mir ein
Gewissen daraus, ihn heut zu verlassen. Aber er hatte keine Ruhe. Wir wollten
Piquet spielen; da legte er mit dem freundlichen Blicke, dem man nicht
widerstehen kann, die Karten weg, streichelte mir ber die Backe und sagte:
Liebe Ulrike, ich werde viel mehr Ruhe haben, wenn ich Dich in heiterer, lieber
Gesellschaft wei. Du musst Dich aufheitern nur um meinetwillen. Da kann man
denn nicht widerstehen.
    Man mu gestehen, unsere Frau Geheimrthin Lupinus ist das Muster einer
Hausfrau, sagte der Wirth, und diese Ehe eine exemplarische. Man wird nicht
viele in Berlin so finden.
    Mit Ausnahme jedoch! sagte die Geheimrthin Wirthin, und die Geheimrthin
Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter: Ich kenne eine Ausnahme. Was
unsere Ehe betrifft, so mchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen,
da wir uns so innig verstehen, ohne es auszusprechen. Wir gehen eigentlich
Jeder seinen eigenen Weg, was gewi zu Mideutungen Anla giebt, aber Jeder
fhlt fr den Andern mit, er verfolgt ihn still in den Gedanken, Jeder ist
unsichtbar beim Andern. Wir wissen oft nicht, woher diese Sympathie kommt, doch
sie ist da. So in diesem Augenblick. Das Vergngen, in dieser liebenswrdigen
Gesellschaft zu sein, ist mir gestrt, weil ich wei, mein Mann hat nicht die
Augen geschlossen und ruht nicht, wie er mir versprach, im Lehnstuhl aus,
sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen, er vergleicht zwei alte
Handschriften, er bckt sich ber, er drckt die Feder, whrend der Angstschwei
ihm von der Stirne truft, weil er sich die Abweichung einer Lesart nicht
erklren kann. Ich sehe das Alles so deutlich vor mir, wie den Pique-As in Ihrer
Hand -
    Sie fuhr sich leicht ber die Stirn und erschrak ber den Eindruck, den ihre
Rede gemacht. Dabei kam ihr zu Sinn, da die Gesellschaft ja durch sie vom
Spieltisch zurckgehalten werde. Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer
unzeitigen Herzenserffnung.
    Was kann eine schne Seele Schneres thun, als Andere ihre Empfindungen
mitempfinden lassen, lispelte eine Seele, die sich wohl selbst fr schn hielt.
    Nennen Sie es lieber eine Schwche, schttelte die Geheimrthin den Kopf.
Die Welt will nicht, da wir uns geben, wie wir sind, und die Welt hat im
Grunde Recht.
    Nun aber hatte sie auch keine Ruhe, als bis die Herrschaften sich
niedergesetzt. Ein heiteres Vergngen zu stren, erschien ihr immer wie eine
Todsnde.
    Sie hatte Recht. Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hlt, lsst sich
ungern stren, am wenigsten durch Hergensergsse einer schnen Seele.
    Einige hatten die Geheimrthin schon immer fr eine Clairvoyante gehalten;
die Clairvoyance war in der Mode. Andere meinten, sie sei nur von einer
auerordentlich reizbaren nervsen Complexion. Man bedauerte sie, es gab wohl
auch Andere, die sie darum beneideten. Hier lobte man sie, wie schonend sie das
Verhltni zu ihrem Ehemann darzustellen wisse, da Jedermann bekannt sei, ein
wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrath wre. Sie sei gewissermaen
eine Mrtyrerin ihres feinen Sentiments. Er bereite und gnne ihr kein
Vergngen, was sie sich nicht abstehle. Eine Andere rief: Und wie unrecht von
ihm, denn von ihr kommt doch das Geld!
    Es war eine glnzende Gesellschaft aus den hheren Kreisen des mittleren
Lebens. Aber man mu an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts
ebensowenig den Mastab des Glanzes von heut legen, als an die Komdienhuser
von damals den unserer Theater. Der Vergleich geht vielleicht noch weiter. Die
Kleiderstoffe und Geschirre waren kostbarer, gediegener und dauerhaltiger, aber
im knstlichen Ausbeuten und geschickten Zerlegen des Stoffes, damit jeder Theil
seine Wirkung, erhalte, haben wir es weiter gebracht. Trifft das vielleicht auch
auf die Unterhaltung zu? - Aber gar keinen Vergleich duldeten die
Rumlichkeiten. Unsere Brgerhuser werden Palste. Diese hohen Rume, die
gewaltigen Fenster und Flgelthren, welche den Zimmern die Wnde stehlen, fand
man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Husern
der nenen Stadt. Die vornehmen Brgerhuser in den Vierteln der Friedrichsstadt
aus Friedrichs Zeit haben zum Theil anspruchsvolle Faaden, im Innern ist alles
klein und zugemessen. Die niedrigen Zimmer liefen eines in das andere; dennoch
blieb der Wohnung etwas wohnliches, weil Flgelthren und Fenster nicht die
Rume unnatrlich verkrzten und der Mensch Platz fr sich und seine Sachen an
den Wnden fand, und trauliche Winkel, sich zu verlieren.
    Wovon man sich unterhielt? - Wer fasst die zckenden Irrlichter zusammen,
die von Mund zu Munde hpfen. Und in einer gemischten Gesellschaft!

Hier politisch, dort poetisch,
Regelrecht wie ein Lineal,
Philosophisch und Aesthetisch
Krmmend hier sich wie der Aal,
Sprudelnd wie der Dampf vom Theetisch,
Aber berall trivial.

hat ein spterer Dichter sie beschrieben.
    Ob die Geheimrthin sie auch so fand? Sie wechselte oft die Gruppen. Hier
der ewige Streit, ob Goethe oder Schiller ein grerer Dichter, sei? In diesen
Kreisen war es lngst entschieden. Welcher Mann von Bildung htte zarten Lippen
widersprochen, welche dem Dichter, der gesungen:

Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.

den Preis zuerkannten! Es war nur seltsam, da der Streit trotz der
Entscheidung, immer wieder von Neuem aufgeworfen werden konnte. Eine
Geheimrthin - es war aber eine dritte Geheimrthin - stellte sogar die
Behauptung auf, whrend jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment
enthalte, wisse sie keine einzige Sentenz in Goethe, welche die Seele rhrt und
erhebt. Dies fand doch Widerspruch, und man citirte aus der Iphigenie die Verse:

Wehe dem, der fern von Eltern und Geschwistern,
Ein einsam Leben fhrt, ihm zehrt der Gram
Das nchste Glck von seinen Lippen weg.
Ihm schwrmen abwrts immer die Gedanken
Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
Zuerst den Himmel vor ihm aufschlo, wo
Sich Mitgeborne spielend fest und fester
Mit sanften Banden aneinander knpften.

    Ein junger Mann mit blassem, ernstem aber etwas eingefallenem Gesicht
recitirte die Verse mit Ausdruck. Man schwieg eine Weile. Als die Geheimrthin
sie schn fand, drckten Alle ihre Bewunderung aus. Eine Dame hatte bis da
geglaubt, sie rhrten von Schiller her, sie hatte die Erhabenheit des Gefhls
Goethe nicht zugetraut. Doch bemerkte sie, die Verse rndeten sich nicht so wie
bei Schiller, und bei aller Schnheit fehle ihnen der schmeichelhafte Klang des
Gefhls. Aber er liegt in unserer Seele, und fhlt das Weh, das uns in der
einsamen Brust verzehrt, hatte die Geheimrthin gesagt, als sie sich abwandte.
Man schien sich zu fragen, was sie damit meine? Ein alter Hofrath antwortete
seiner etwas schwerhrigen Nachbarin: Sie ist eine Adlige von Geburt, und mag's
nun doch nicht recht verschnupfen, da sie einen Brgerlichen geheirathet hat.
Darum hlt sie wohl das von seines Vaters Hallen auf sich anzglich. Aber Schlo
Wustenau stand schon 1762 sub hasta und sie ist auch gar nicht mal drin geboren;
sie bildet sich's nur ein. - Die Dame, vor Kurzem erst nach Berlin gekommen,
war zufllig selbst eine adlige Offiziersdame, was der Hofrath vermuthlich nicht
gewusst. Wenn er ihr ein Sort gemacht htte, erwiderte sie, das passirt wohl,
aber wie ich hre, ist das Vermgen von ihr, et voil qui est bien curieux. -
Ja meine gndige Frau, erklrte der Hofrath, als sie ihn heirathete, war sie
ein blutarmes Frulein, man hielt's fr ein groes Glck, da sie ihn kriegte.
Erst nachher machte sie die groe Erbschaft. - Ah! c'est a, sagte die
gndige Frau, und sagte nichts weiter.
    Wie kommt es, da man den Einsiedler einmal in Gesellschaft sieht, sagte
die Geheimrthin im Vorbergehen zu dem jungen Manne der die Verse gesprochen.
Und noch mehr, wie kommt es, da Sie Goethe noch fr werth achten, ihn
auswendig zu lernen? Wer so in transcendentalen Regionen der neuen Poesie
schwebt, gbe auf die alten Dichter, dachte ich, nichts mehr. Aber nehmen Sie
sich in Acht, da mein Mann nichts davon erfhrt, Herr van Asten! Fr ihn, wie
Sie wissen, sind ja schon Goethe und Schiller Neuerer.
    Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie vorbergeschwebt. In einem Kreise, wo
man ber Politik sprach, stritten sie sich, wer ein grerer Feldherr gewesen;
Moreau oder Napoleon Bonaparte? Die Parteien standen scharf gesondert. Der
Geheimrthin kam das sonderbar vor; den Grund wusste sie sich nicht recht
anzugeben. Das Gesprch ward ihr langweilig.
    Es gab aber noch einen andern Gegenstand. Man berhrte ihn nicht in ihrer
Gegenwart. Die Geheimrthin sah nicht allein in die Ferne, sie konnte auch dahin
hren. Sie wusste genau, was gesprochen wurde, und da sie, ihr Mann, dessen
Bruder, das fatale Ereigni der vorigen Nacht, den Stoff abgab. Vielleicht, da
sie eben darum die Gesellschaft besucht hatte, um zu zeigen, da sie ohne
Besorgni war, oder - darber hinweg.
    Aber es gefiel ihr nicht lnger, da das Gesprch verstummte, wo sie sich
nherte. Wer spielt gern die Vogelscheuche! Bei einer Whistpartie fehlte durch
einen Zufall der vierte Mann. Sie zeigte sich bereitwillig, die Karte zu
bernehmen. Man erkannte das ganze Opfer, welches sie brachte. Sie versicherte,
wenn sie durch ihr schlechtes Spiel das Vergngen ihrer Mitspieler stre, so sei
ihre Schuld doch nicht so gro als ihre Genugthuung, in so angenehmer
Gesellschaft eine Stunde zu verbringen.
    Das Spiel prosperirte in der That nicht durch ihren Eintritt, aber wie die
Mcken um den hellsten Lichtschein, sammelte sich um diesen Tisch die
ambulirende Gesellschaft. Wer fhlte sich nicht geehrt der Geheimrthin Rath zu
geben, die bei ihren Fragen vielleicht mehr Unschlssigkeit verrieth, als in
ihrem Charakter lag. Und wie liebenswrdig nahm sie ihn hin. Sie ist die
charmanteste Frau! flsterten die Andern. Die Geheimrthin zankte auch nicht um
die Points.
    So aufgerumt, Herr v. Dohleneck? sagte sie, die Karten prmelirend, zu
einem Kavallerieoffizier, der sich neben ihr etwas brsk auf einen Stuhl warf,
den ein Civilist eben fr eine junge Frau hingestellt zu haben schien. Die Dame
warf dem Offizier einen bsen Blick zu, den er aber nicht bemerkte, oder
bemerken wollte, und der Civilist beeilte sich, ihr einen andern Stuhl
hinzusetzen, den sie aber nicht annahm, sondern ins Nebenzimmer eilte. Sie
irrten sich, sagte die Dame, ich wollte mich gar nicht setzen, ich suchte
meinen Mann.
    Mglich, da nur zwei Augen, vermittelst einer vorgehaltenen Lorgnette,
diesen Auftritt bemerkt, der wie ein Lftchen ber den Wasserspiegel der
Societt hinkruselte, um am Ufer zu verschwinden. Aber am Ufer trieb und whlte
das Lftchen weiter im aufgelockerten Sande.
    Der ihn bemerkte, war ein Herr etwas ber die mittleren Jahre hinaus,
welcher eben eingetreten war und mit der Lorgnette die Gesellschaft erst zu
mustern schien, ehe er sich ihr zeigte. Wir werden ihn nher kennen lernen.
    Der sich auf den Stuhl warf, war - nur ein Abdruck von Hunderten oder von
Tausenden. Das wohlgeformte, volle Modell eines Kriegsgottes, den man vielleicht
htte schn nennen knnen, wenn die Ueberflle der Gesundheit und Kraft in dem
beinahe sechsfigen Krper etwas mehr Elasticitt, und das volle rothe Gesicht
unter den blonden Haaren und dem blonden Stutzbart weniger Sorglosigkeit und
weniger Gutmthigkeit verrathen htte. Er war ein Mann, der seinen Mann stand,
aber der militrische Grimm, der auch den Mann herausfordert, welcher Miene
macht, nicht stehen zu wollen, fehlte ihm.
    'S ist um sich todt zu lachen, wenn Federfuchser ber Dinge schwatzen, die
nicht in ihren Bchern stehn.
    Besser todt lachen, als todt rgern, lieber Rittmeister! bemerkte die
Geheimrthin. Was hat Sie denn in die Rage gebracht?
    Der Offizier kam aus der politisirenden Ecke.
    Stellen Sie sich vor, schne Frau, der Professor da, oder was er ist, Sie
kennen ihn ja wohl - er zeigte auf den jungen Mann von vorhin, jedoch mehr
durch ein Augenblinzeln, indem er sich den Schnurrbart strich - der junge Herr
meint, wenn's mit den Franzosen los geht, wre es doch sehr zweifelhaft, wer
Sieger bleibt.
    Man blickte verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder auf die
glcklicherweise entfernte Gestalt des Mannes in Rede.
    Na, auf Ehre, 's ist wahr, setzte der Offizier hinzu. Er raisonnirt von
Bonaparte's Genie als Feldherr; nun, das mag er haben, wir lassen's ihm. Und 's
wre auch zweifelhaft, ob selbst Friedrichs Genie im Stande wre, ihm berall zu
pariren, wie er Daun und Laudon gethan. Nu, darber kann man nur lachen. Aber
als ich ihn fragte, was er denn zu unserer Armee meinte, wissen Sie, was er
sagte -
    Es ist mir etwas ganz Neues, da Herr van Asten sich mit Politik
beschftigt.
    Ich dachte, er wrde nach der Rheincampagne retiriren, da htte ich ihm mit
'ner Antwort gedient. Nein, er sagte, hren Sie, ich hab's des Spaes wegen
behalten: uns stehe ein Heer gegenber, das aus dem jugendlichen
Volksbewusstsein stets neue Krfte schpft, wie der heidnische Riese, ich wei
nicht, wie der Kerl heit, der zu jedem neuen Kampfe seine Mutter Erde ksste.
Ob wir denn mit unsern geschlossenen Phalangen von altem Ruhme, aber ohne den
Genius, der ewig zeugt, uns getrauten eine Kraft zu werfen, die ewig neu wchst?
Ich sage Ihnen, es war zum Bersten. Gut, da keiner meiner Kameraden es gehrt.
Ich sagte ihm nur: Mein lieber Herr, wer die Erde ksst, macht sich das Maul
schmutzig, und hol' mich Der und Jener, wenn wir unseren Soldaten nicht die
Propret eingefuchtelt haben.
    Der Verlegenheit, ber die Rede zu lcheln oder sich zu uern, wurden die
Zuhrer durch den Wirth berhoben, der pltzlich mit einer Stimme, die eher auf
die Kanzel als an den Whisttisch gehrte, laut sprach:
    Aber, meine verehrte Herren und Damen, Gott sei Dank, da wir der
Beantwortung dieser Frage durch die Weisheit unserer Staatsmnner berhoben
sind, welche es nicht dahin kommen lassen werden, da der Degen des groen
Friedrich aus der Gruft geholt wird, um mit dem Degen des groen Mannes sich zu
kreuzen, und die es nicht dulden werden, da die beiden ruhmwrdigen und
erleuchteten Nationen in andern Streit gerathen, als den, aus welchem fr die
Civilisation die schnsten Frchte entspringen. Wozu also dieser Dispt, der uns
nichts angeht? Die weisen und humanen Mnner, denen unsere Regierung anvertraut
ist, werden immer fr unser Bestes sorgen, und was sie ersinnen, ist gut und
wird zu unsrer Aller Ruhe beitragen.

                                Fnftes Kapitel.



                               Der vornehme Gast.

Der Grund dieser seltsamen Anrede war, da der Wirth in dem Augenblicke den Gast
in der Thr bemerkt hatte, welcher vorhin mit der Lorgnette die Gesellschaft
musterte und jetzt mit einer raschen Vorwrtsbewegung den nchsten Gruppen
zueilte. Und doch schien er, als der Geheimrath Bovillard ihn im Vorbergehen
mit einem freundlichen Hndedruck begrte, von dieser unerwarteten Gegenwart
nicht wenig berrascht und erschreckt.
    Mesdames - Messieurs! sagte der wirkliche Geheimrath mit einer
verbindlichen Neigung gegen den Spieltisch, ich hoffe, da sich Niemand
derangiren lsst, und war durch die nchste Gruppe, auch durch eine zweite und
dritte, ohne sich um die Personen zu kmmern, geeilt, bis er die Wirthin fand,
deren Hand er an die Lippen fhrte, und seine versptete Erscheinung mit vielen
schmeichlerischen Worten und einer hchst wichtigen Konferenz entschuldigte.
    Es war ein Funke in die Gesellschaft gefahren, die zu ermatten anfing; und
der Funke hatte gezndet. Einen liebenswrdigeren, einen freundlicheren Mann,
als diesen vornehmen Gast, konnte man sich nicht denken. Wie wusste er Jedem,
der ihm vorgestellt ward, etwas Angenehmes zu sagen, wie wandte er sich mit
Theilnahme und Herablassung zu ganz unbedeutenden Personen. Fr Jeden hatte er
ein verbindliches Wort.
    Die Tasse in der einen Hand, den Biscuit in der andern, wie gerieth er
pltzlich ins Feuer und erzhlte mit hinreiender Lebendigkeit irgend ein
gleichgltiges Ereigni, das er am Hofe erlebt. Der subalterne Zuhrerkreis war
in Entzcken ber die Vertraulichkeit eines so hochgestellten Mannes. Ebenso
pltzlich konnte er freilich einen Andern am Arm ergreifen, und ohne sich zu
kmmern um Die, welche er eben an seine Fersen gebannt und um sich als Trabanten
gezaubert, ihn mit einem:  propos wissen Sie schon? beiseit ziehen. Er
flsterte ihm etwas ins Ohr, er setzte die Tasse fort, die Hand vor dem Munde
sprach er noch leiser, aber mit faunischem Lcheln; nein, er lchelte nicht
mehr, er lachte, er kicherte, wenn sich das fr einen wirklichen Geheimrath
geschickt htte. Der Andere natrlich lchelte auch, er lachte, er versuchte zu
kichern.
    Die Lorgnette am Auge, und das Gesicht halb ber die Schulter gewandt,
konnte man glauben, da er nach dem Gegenstande suche, den sein beiender Witz
eben getroffen. Aber er lorgnettirte nur ein hbsches Gesicht und sprach seine
Admiration aus, da die Kleine, die er nannte, sich so ausgewachsen; er htte es
nicht erwartet. Wenn man ihm bescheiden bemerkte, da er die Personen
verwechsele, fand er sich nicht in Verlegenheit, sondern stellte das Paradoxon
auf: die Liebe solle zwar nicht wechseln, aber alle wahre Liebe bestnde aus
Verwechseln: Unsere Phantasie schafft sich ein Ideal. Das lieben wir. Je fter
wir nun in einer beaut dies Ideal wiederzufinden glauben, um so glcklicher
sind wir, und um so mehr Andere beglcken wir. Nicht wahr, Herr Geheimrath, die
Fabel vom Amphitryo ist das Chef d'Oeuvre in der Mythologie?
    Der in den Kreis getretene Geheimrath war nicht allein ein ernsthafter Mann,
sondern er stand auf einer amtlichen Stufe die der eines wirklichen sehr nahe
kam. Es hatte sich die Nachricht in der Gesellschaft verbreitet, da ein
Kourier, der heut Nachmittag wichtige Nachrichten gebracht, den Geheimrath so
lange zurckgehalten. Er glaubte ein Recht zu haben, sich bei diesem danach zu
erkundigen.
    Bester Freund, sagte letzterer in der Fensternische, wohin sie sich
zurckgezogen, wann verging ein Tag, wo nicht ein Kourier an einen Minister
kam, und wenn ich ihre Wichtigkeit, nmlich unserer Minister, danach abwgen
sollte, so wsste ich wirklich nicht, wo vor Respekt bleiben. - Aber Gott wei,
mich hat nie danach gelstet, ihre Geheimnisse frher zu erfahren, als sie an
den Tag kamen. Denn was hilft mir's, ob der Kurfrst von Hessen seiner jngsten
Maitresse einen so kostbaren Hut geschenkt hat, da die nchstltere darber in
einen Wuthkrampf verfallen ist. Oder wenn die Fetzen des heiligen Rmischen
Reichs sich darber streiten, ob der Professor Fichte ein Deist ist oder keiner?
Und diese Bagatellen, Sie glauben nicht, wie man uns damit berschttet. Diese
Geschichte mit .... ... er flsterte einen Namen, Sie kennen sie doch? der
halbe Mulatte aus Holland, - wie hie er doch gleich! - lie ihm auf dem Sopha
zwei Rollen, jede mit hundert Friedrichsd'or, zurck. Als unser Freund es sah,
rief er ihn zurck: Sie haben etwas vergessen! Unterstehen Sie sich nicht, mir
noch einmal vor die Augen zu treten. Konnte der Graf nobler handeln? - Eine
Woche darauf kommt der Baron, der in Batavia, wie Sie wissen, einmal Gouverneur
war, zu ihm, und fragt ihn, ob er nicht seine Schimmel verkaufen wolle! Sie
erinnern sich doch der Wagenschimmel? Blind und lahm, ein wahrer Scandal, ein
Spott der Kutscher. Unser Freund sagt Nein. Wie kommen Sie darauf? Excellenz,
sagt Der, ich zahle jeden Preis. Ich mu sie haben. Ein verrckter Lord hat
seinen Sinn darauf gesetzt, ein Achtgespann gerade von solchen Thieren zu
besitzen. Einem Thoren und Nabob kommt es nicht aufs Geld an. Ich habe alle
Rotuscher in der Provinz in Acquisition gesetzt; sie knnen mir nur fnf
auftreiben, und mir geht dadurch ein groer Gewinn verloren. Ich she es daher
als eine groe Geflligkeit von Ew. Exellenz an, wenn Sie mir zu Hlfe kmen. -
Ich bin kein Kaufmann, sagte unser Freund, wei keinen Preis zu setzen, lassen
wir die Sache fallen. - Der Baron berschlgt sich: Hundertfnfzig
Friedrichsd'or fr jedes kann ich geben, Summa dreihundert, Zug um Zug. Mein
Kutscher wartet unten. Unser Freund sah ihn ernst an: Man soll auch zuweilen den
Narren gefllig sein; aber Ihnen soll der Reukauf frei bleiben. - Nun gesteh'
ich Ihnen zu, der Schinder gab nicht zwanzig Thaler fr beide Bestien, - nun,
wir haben es Alle verstanden, es war ein Witz, nichts als ein Witz! Aber knnen
sie glauben, liebster Geheimrath, wie man uns bombardirt mit anonymen
Denunciationen. Wir sollten Lrm schlagen, dem Knige die Sache hinterbringen.
Soll man sich um solche Bagatellen die Finger verbrennen! Beyme schmunzelte
neulich: Ich htte die Pferde wohl nicht verkauft, aber Sie wissen doch, der
Pferdehandel unterliegt andern Gesetzen, als die im Landrecht stehen. Darin soll
der Bruder dem Bruder nicht trauen. Und, ich bitte Sie, der Knig hat fr andre
Dinge zu sorgen. Haugwitz sagte: sollen wir etwa darum Einen verlieren, der sich
nicht um Politik kmmert. Sehen Sie, liebster Geheimrath, je weniger wir sind,
die sich um die Dinge nach auen kmmern, um so besser wird alles gehen.
    Der Geheimrath wusste nun wenigstens, da Bovillard ihm nicht sagen wollte,
was er wusste. Doch wusste er darum noch nicht, ob er etwas wusste.
    Seltsam derselbe vornehme Mann ging gleich darauf mit einem angesehenen
Kaufmann aus der Brderstrae Arm in Arm durch die Zimmer, und wenn wir recht
gehrt, vertraute er demselben, was er dem Geheimrath nicht fr gut gefunden,
mitzutheilen:
    Sie kennen meine Amtspflicht, aber einem Freunde, wie Ihnen, kann ich die
Versicherung geben, unsere Sachen stehen gut. Phantasten, unpraktische Kpfe,
Schwrmer, die an Krieg denken! Idealisten, liebster Splittgerber! Vor denen
mssen wir uns vor allem hten. Es taucht jetzt hier solche Klasse von jungen
Strudelkpfen auf, die von Deutschland, deutschem Wesen, deutscher Sprache, Art,
sprechen. Man kann darber lachen, aber man mu Achtung geben. Die Ideen knnen
viel Unheil in der Welt anrichten. Erinnern Sie sich an Frankreich! Da ist hier
der junge Professor Fichte! O, es sind ihrer mehrere. Ein sublimer Kopf - aber
sie sehen den Wald vor den Bumen nicht. Auf das Praktische, auf das, was uns
Noth thut, den Sinn gerichtet! Das Hemde ist uns nher als der Rock. Der
Kaufmann ist eigentlich der wahre Philosoph fr die Welt. Er wei, was uns Noth
thut. Sie geben mir Recht, lieber Splittgerber. Wenn wir ein Trauerjahr vor uns
haben, werden Sie nicht Cochenille verschreiben. Das heilige Rmische Reich, als
es existirte, brauchte freilich vielerlei Nrnberger Waare, unter anderm auch
einen Kaiser. Brauchen wir das? Wir sind das Reich du grand Frdric! Sie werden
mir darin Recht geben. Eine Weltkatastrophe hat alle Verhltnisse umgeworfen.
Was sind Nationalitten? - Irrlichter! Laterna-Magicabilder! Wenn man eine
anders gefrbte Glasscheibe vorschiebt, sehen sie anders aus. Wie Preuen sich
selbst gefunden hat in seinem groen Knige, so haben die Franzosen sich in
Bonaparte gefunden. Wie Friedrich das Genie der Franzosen erkannte, erkennt
Napoleon den Genius der in unserer Monarchie lebt. Sie glauben garnicht, wie man
uns erkannt! Wir sind, wie bestimmt von dem Geist ber dem Sternenzelt,
brderlich, Hand in Hand im Vlkerbunde neben einander zu schreiten. Und da
wollen Querkpfe eine tudesque Idee dazwischen schieben. Ich bitte Sie, ich
wiederhole es, was sind Nationalitten? Fragen Sie, wenn Sie Pfeffer kaufen, von
wem Sie ihn kaufen? Der billigste Verkufer ist der beste, Und wenn Sie
verkaufen, wer den hchsten Preis dafr zahlt, der ist der beste Kufer: nicht,
ob er Italiener ist, Franzos oder Russe.
    Dem Kaufmann aus der Brderstrae schien der Ideengang des Staatsmannes denn
doch nicht ganz gelufig. Er handelte nicht mit Pfeffer: Herr Geheimrath
beliebten von einem Kourier zu sprechen -
    Bovillard legte die Hand auf seinen Arm und migte die Stimme: Nur Ihnen,
und unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses. Bovillards Gesicht glnzte -
alle Miverstndnisse gehoben, alle Schwierigkeiten ausgeglichen, der Knig und
unser Vaterland knnen sich glcklich schtzen, da sie Diplomaten haben, welche
es verstehen, Krieg zu fhren ohne den Degen zu ziehen.
    An der Thrpfoste gelehnt, lorgnettirte der Geheimrath noch einmal ins
Zimmer, nur stand neben ihm nicht mehr der Kaufmann aus der Brderstrae,
sondern ein Herr mit dem Kammerherrnschlssel und einem Krckstock.
    Parbleu, comme elle est belle - et bte! N'est-ce pas?
    Die Bemerkung galt der Dame, welcher der Rittmeister vorher den Stuhl vor
der Nase fortgenommen. Eine fast junonische Gestalt, aber mit ausdruckslosem
Gesicht, stand sie in der Mitte des andern Zimmers - zufllig allein.
    Ist denn Niemand da, ihr die Cour zu machen?
    Hier! sagte der Kammerherr, mit verchtlichem Blick sich umsehend.
    Wir befinden uns allerdings in einer etwas gemischten Gesellschaft. N'en
parlons pas! Wer ist denn sonst ihr Amoroso?
    Wissen Sie denn nicht, Bovillard, sagte der Kammerherr verwundert, sie
ist ohne Passionen.
    Tant mieux! so msste man sie ihr einjagen. Ich bitte Sie, Kammerherr,
sehen Sie diese Formen an! Vielleicht ein Tugenddrache! Liebt sie ihren Mann?
    Sie sind sechs oder acht Jahre verheirathet.
    Der Baron spielt, sie stellt sich neben ihn!
    Um eine Position zu haben.
    Wie sie den Arm aufhebt! Sehen Sie - sehen Sie, ganz die Attitde der
Lichtenau! Die Lichtenau war auch nicht immer, was sie ist -
    Sie wollten sagen, was sie war.
    Wre die Lichtenau nicht in Paris erzogen worden - Sehen Sie jetzt wieder -
tuschend! Aus der Baronin kann etwas werden.
    Nur keine Lichtenau, seufzte der Kammerherr. Diese Zeiten sind vorber.
    Les temps changent, mais pas les hommes. Mon cher baron, die Welt ist rund,
et tout a reviendra. Aber das Leben entflieht, die Jugend verblht, es wre
wirklich ein mildthtiges Werk, die schne Frau verliebt zu machen. Schaffen Sie
mir einen Gegenstand, ich unternehme es.
    Ich will Prinz Louis noch einmal aufmerksam machen; er scheint aber nicht
darauf zu reflectiren.
    Was, Prinzen! Den ersten besten, es gilt ja nur die Gaben der schnen Frau
an den Mann bringen. Wir wollen sie etwas ins Gebet nehmen, und sehen, wo in der
Conversation der Stahl den Feuerstein berhrt.
    Als sie sich der Thr nherten, schwenkte inde der Geheimrath, den
Kammerherrn unterfassend, schnell wieder zurck. Die Dame in Rede stand hinter
dem Stuhle ihres Gatten, und diesem gegenber sa unsere Bekannte, welche uns in
diese Gesellschaft gefhrt.
    Ein Andermal! sagte Bovillard leis' zu seinem Begleiter. Da sitzt die
Geheimrthin.
    Die Lupinus! - Sind Sie Feinde, oder - es ist doch keine alte Liaison?
    Bewahre mich der Gottseibeiuns. Ich wei nicht, die Frau hat fr mich etwas
- je ne sais quoi. Lombard lacht mich immer aus. Aber wer kann fr Sympathieen
und Antipathieen?
    Sie ist eine gescheidte Frau.
    Gewi, aber heut mu ich doppelt ihre Distance wnschen. Habe mich zwei Mal
vor ihrem Schwager verleugnen lassen. Was diese verdammten Kindesmrderinnen fr
Anhngsel haben!

                               Sechstes Kapitel.



                                Der spte Gast.

Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel. Der Spieltisch, an dem die
Geheimrthin Lupinus sa, war sehr einsam geworden! die Vgel, die nach dem
Licht flackerten, blieben aus, seit das Licht des wirklichen Geheimrathes durch
die Zimmer flackerte.
    Aber meine beste Frau Geheimrthin! rief ihr Partner, der Ehemann der
schnen Frau, wir htten die Trics gewi gemacht, wenn -
    Die schnen Augen der Frau Baronin haben mich geblendet, - Sie haben da
eine Hlfe bei sich, Baron, die eigentlich unerlaubt ist.
    Die Geheimrthin war am Geben. Sie vergab sich. Es war der Augenblick, wo
sie den wirklichen zur Thr hereinblicken und sich rasch wieder entfernen sah.
    Die Frau Geheimrthin sind wohl unpsslich, bemerkte die schne Frau.
    Ich! meine liebe Baronin? - Ach nein. Die Seele mu immer Herr sein ber
den Krper. Das sagt mein guter Lupinus so oft. Dadurch erhlt er sich in seinen
anstrengenden Arbeiten. Und ich -
    Sie hatte sich wieder vergeben.
    Die andern Partner sahen sich verlegen an. Der Baron zeigte die Karten
seiner Frau: Jammerschade, da man solches Spiel fortwerfen mu. Die Lupinus
hielt sich das Taschentuch aus Gesicht: Es ist nichts, nur ein heftiges
Herzklopfen, es wird gleich vorber sein. Wirklich, liebe Baronin, sagte sie zu
dieser, welche von Hoffmannstropfen gesprochen - der Schmerz ist gar nichts,
wenn nur der Verdru nicht wre, da mein Unwohlsein die Gesellschaft strt. -
Sehen Sie, jetzt habe ich nicht vergeben. Was ist Atout, wenn ich fragen darf?
Coeur oder Pique? Es flimmert mir nur vor den Augen.
    - Frau Geheimrthin haben kein Atout mehr. Sechs Augen starrten die
Spielerin in glserner Verwirrung an. Die schne Baronin ffnete ihre Lippen
weiter als nthig war, um ihre Perlenzhne bewundern zu lassen. Die Spielerin
hatte noch eine Hand voll Trumpf.
    Stumm hatte die Geheimrthin die Karten niedergelegt. Sie sind ein Engel
voll Gte, sagte sie zur Baronin, als diese die Karten nahm. Und nun um
Gotteswillen kein Derangement.
    Sie entschlpfte - nur um einen Augenblick sich zu erholen. Ein Glas Wasser
wird es thun. Aber die Wirthin betraf sie, als sie ihr Umschlagetuch nahm, um
fortzugehen.
    Liebste Geheimrthin, Sie werden uns das nicht anthun. Ich fhre Sie in die
Schlafstube, ein halb Stndchen Ruhe, ich kenne ja Ihre Seelenstrke, und Sie
haben sich erholt, wenn Sie uns gut sind.
    Beste Geheimrthin, erwiderte die Lupinus, ich erkenne Ihre himmlische
Gte, aber glauben Sie mir, die Luft erdrckt mich.
    Im Speisesaal ist sie ganz anders. Es ist gedeckt. Wir warten nur auf den
interessanten Fremden, den Legationsrath v. Wandel, Sie haben doch schon von ihm
gehrt, er ist sehr begtert in Thringen. Mein Mann sagt, ein Mann von
eminenten Gaben. Ich hatte es mir so hbsch vorgestellt, er sollte Sie zu Tisch
fhren. Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen. Er ist nur
zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz pltzlich beschieden, aber er
mu den Augenblick hier sein.
    Ich einen Mann von Geist unterhalten! Sie spotten meiner. Ach aber es ist
nicht das. - Mein armer Mann - er sitzt noch bei der Studirlampe - ich sehe ihn
wieder, verzeihen Sie, theuerste Freundin, es presst mich, es sprengt mir die
Brust - ja, mir ist, als wenn jetzt ein groes Unglck zu Hause geschhe. Nicht
mir, meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Strung.
    Es ist recht schade, da die Frau Geheimrthin an Visionen leidet,
bemerkte die Hofrthin am Spieltisch, der man die Zufriedenheit ansah, da die
Baronin die Karten bernommen hatte. Es ist doch mit dem Nervensystem etwas
Singulres. Und es strt mancherlei.
    C'est le temps! bemerkte Bovillard, der inzwischen hinzugetreten. Un peu
mystique, un peu clair-obscur, un peu clairvoyance et un peu de vrit, voil
tout. Es ist wie mit dem Schnupfen. Man glaubt ihn los zu sein, da kommt er
wieder.
    Herr Jemine, rief die Baronin, als sie ausspielen sollte. Ich kann ja
nicht, ich habe meinem Manne seine Karten gesehen.
    Das sah Jeder ein. Die Hofrthin ffnete vor Schreck den Mund, fast wie
vorhin die junonische Frau. Die Partie war wirklich zerstrt. Da bernahm der
wirkliche Geheimrath die Karten. Er blieb der Gott des Abends. Man sprach noch
nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswrdigkeit dieses Staatsmannes. - Er
ist spter gestrzt; die Hofrthin hielt fest am Glauben. Sie versicherte noch
nach langen Jahren, es sei nur die schwrzeste Kabale, die einen solchen Mann
strzen knnen.
    Unten im Hausflur wartete Johann. Er zitterte noch immer. Indem er der
Geheimrthin die Enveloppe umgab, ging die Hausthr auf, ein verspteter Gast
trat ein. Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des
Abholens gab, erkannte sie in ihm den Fremden, dem sie vorhin auf der
Hintertreppe begegnet war. Die Blsse seines Gesichts war durch die schwarze,
seine Hoftracht nicht gemindert. Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher
Figur, stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe
hinauf. Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt. Ein Band
am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen.
    Der Fremde hatte die Geheimrthin, die im Schatten der aufgehenden Thr
stand, nicht gesehen. Einen Augenblick schien sie im Zweifel, ob sie nicht
umkehren solle. Sie fhlte sich wieder wohl. Die frische Luft im Flur hatte
wahrscheinlich gut gewirkt. Aber - es schickte sich nicht.
    Sie sa im Wagen. Die Thr schlug zu. Sie lehnte sich in die Ecke und -
weinte. Weil es sich nicht schickte! - Darum? - Und das heit leben, fuhr sie
auf, unter diesen langweiligen, nchternen, abgeschmackten Puppen wandeln, sich
kleiden, sprechen, die Gefhle und Gedanken zusammenhalten, damit ja nichts
entschlpft, was sich nicht schickt. Und darum leben wir!
    Der Herr Geheimrath sind noch auf, hrte sie, im Hause angelangt, aber Sie
haben befohlen, es soll Sie Niemand stren, Sie sind in einer wichtigen
Untersuchung.
    Zum ersten Mal, seit wie langer Zeit! fhlte die Geheimrthin ein Verlangen,
ihren Mann zu sehen. Er war doch etwas anders, als die Larven in der
Gesellschaft. Er liebte die Menschen in seinen Bchern; im Vergleich mit Jenen
war er ein freier Mann, denn von dem Gesetz des Sichschickens, was diese
tyrannisirte, hatte er sich losgemacht. Hatte er doch auch, als sie vor langen
Jahren nach Italien reisten, geschwrmt, wie er es konnte, wenn nicht fr Kunst
und Natur, doch in dem reichen Trmmerlande fr die Wege, welche Horaz
geschildert, fr die Ruinen, welche die Sage nach ihm nennt.
    Das waren nun lngst vergangene Dinge. Die Geheimrthin schwrmte nicht mehr
fr Italien. Sie wre einmal gern nach London oder Paris gereist; jetzt auch
vielleicht nicht mehr. Berlin war ihr unausstehlich, aber sie wusste nicht,
wohin sich wnschen.
    Sie wollte ihren Mann sehen, irgend etwas mit ihm sprechen, was sie nicht an
die Gesellschaft erinnerte. Vielleicht traf sie doch auf einen Ton, wo ihre
Seelen zusammenklangen.
    Er sah nicht auf, als sie eintrat. Er hrte auch nicht die leis geffnete
Thre, nicht das Rauschen ihres Kleides. Den Lichtschirm vor den Augen, die
Feder im Munde, sa er zwischen zwei Folianten, in denen seine Finger als
Zeichen lagen, um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu kennen, und
seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle. Sie trat nher; auch da
keine Regung. Mit unterschrnkten Armen betrachtete sie ihn. - Ist das ein
Mensch oder eine Pagode? - Sie schritt langsam im Kreis um ihn, ohne sich zu
sehr Mhe zu geben leis aufzutreten; aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke
verrieth sie nicht. In einem Moment war es ihr, als ob sie auflachen msse; im
nchsten, als mssten die Thrnen ihr aus den Augen strzen. Sollte sie ihn
anreden? Das hiee einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen. Erst als sie
sich wandte, um hinauszugehen, wehte er mit der Hand. Es war als ob
instinktartig eine Ahnung ihn berkommen, da ein Wesen in der Nhe sei, das ihn
stren knnte.
    Leise hatte sie die Thr wieder zugedrckt. Durch das Flurfenster schien der
Mond auf die Rumpelkammer, durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer fhrte. Die
wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Mbeln starrten sie im Mondenlicht
eigenthmlich an. Es berfuhr sie ein Schauer, sie lachte, um sich Luft zu
machen, hell auf. Aus den Winkelu schien es ihr zu antworten.
    Die Jungfer hatte die Nachtlampe in ihrer Schlafstube hingestellt. Der
Geheimrthin war es zu dunkel. Sie musste die Kerzen auf dem Armleuchter
anznden. Sie war beim Entkleiden ungehalten, sie behauptete, die Jungfer
verfahre mit Absicht ungeschickt. Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf:
sie steche sie aus Bosheit. Die Jungfer weinte. Die Geheimrthin hielt ihr eine
ernste Vorhaltung, ob das ein Grund sei, um Thrnen zu vergieen? Sie erinnerte
sie an die vielen leidenden Kreaturen, denen der Schpfer nicht einmal eine
Stimme gegeben, um zu klagen. Wenn Jeder klagen wollte, was ihn drckte, ob es
in der Welt vor Gewimmer und Thrnen auszuhalten sei! Die Geheimrthin fragte
sie mit Wrde, ob sie glaube, da die armen Mdchen mehr litten als die
vornehmen Damen, die ihre Schmerzen verhalten mssten? Sie ermahnte sie zur
Duldung, zum Gehorsam, zur Tugend, und entlie sie.
    Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rckwirkung
gebt zu haben. Sie sa entkleidet an ihrem Bett, das Gesicht im Ellenbogen
gesttzt, und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze. Da fiel ihr Auge, den
Lichtstrahlen folgend, auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke. Es war
Freitag. Das Reinigungsgeschft sollte erst am Sonnabend erfolgen. Die dicke
Spinne, die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt, lag schlafend in der Mitte
des Raubnetzes, das sie ausgespannt, gesttigt und erschlafft, schien es, von
dem Mordgeschft, worauf die todten Fliegen im Netz deuteten. Die Geheimrthin
stand auf und nahm den Armleuchter. Ihre Augen waren scharf, ihr Arm aber
reichte nicht bis an die Decke. Ein Kitzel, die Nemesis zu spielen, berkam sie.
Die Bume im Hofe, vom Winde bewegt, schlugen gegen das Fenster. Das war doch
keine warnende Stimme! Es war ja kein Unrecht, ein solches mrderisches
Ungeziefer zu vertilgen, das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner
Mitgeschpfe. Sie holte einen Stuhl. Auch der war zu niedrig. Sie schleppte mit
Anstrengung einen Tisch heran. Warum that sie es mit angehaltenem Athem, warum
bemhte sie sich, ja kein Gerusch zu machen? Warum schlich sie auf den Zehen,
da sie schon in bloen Fen ging? Warum pochte ihr Herz, als sie auf den Stuhl
und vom Stuhl auf den Tisch stieg? Die Spinne regte sich nicht. Nur das Gewebe
schaukelte etwas, wie eine Hngematte vom Hauch des Lichtes angeregt. Drauen
rauschten wieder die Aeste. Htten sie die Spinne geweckt, vielleicht htte die
Geheimrthin sie geschont. Was schonen! Morgen vollbrachte es der Besen der
Magd.
    Wer ihr ins Gesicht gesehen, wie die Augen glnzten, die Lippen sich
krampfhaft verzogen! Jetzt war's geschehen. Ein Knistern. Die Spinne,
zusammenglhend, schien sich einmal zu krmmen, dann flackerte das Netz in
leichten Flammen auf und der verkohlende Krper schwebte nieder. Die
Geheimrthin schlo, krampfhaft zurckfahrend, die Augen, als sie einen heftigen
Schmerz empfand. Die schief gehaltene Kerze hatte einen heien Wachstropfen auf
ihren bloen Fu gespritzt.
    Die Aeste rauschten zum dritten Mal. Es war der Grabesgesang. Die hat
ausgelitten! Sie empfindet keinen Schmerz mehr! Und wie leicht und schnell!
sagte die Geheimrthin. Ihr Fu musste ja noch morgen bei der zarten Komplexion
ihres Krpers empfindlich schmerzen.
    Jetzt aber schmerzte er sie nicht. Sie empfand ein Wohlbehagen, das der
Empfindung eines Rausches verwandt war. Sie hatte eine Kreatur, die doch zum Tod
verdammt war, rascher aus der Welt geschafft, als es morgen der stumpfe Besen
der gefhllosen Magd gethan htte. Und im Schlaf! Sie hatte ihr einen seligen
Tod bereitet.
    Sie suchte noch mehr Spinnen; aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken.
Dagegen hingen an den Wnden unzhlige Fliegen, die der regnerische Tag
hineingetrieben. Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran, und es
glckte ihr, die erste, zweite, auch eine dritte durch das schnell angehaltene
Licht zu tdten. Morgen wrden sie langsam, unter furchtbaren Qualen am
Fliegenstock verenden; jetzt im Lichtschein, im Taumel, waren sie einen
Augenblick erwacht und verglht.
    So musste auch Semele in einem Moment glckselig und todt sein, angeleuchtet
von Zeus' Lichtglanz und verbrannt von der Wonne - dachte die Geheimrthin.
    Aber nicht alle Fliegen wollten diesen seligen Tod sterben. Als sie der
einen die Flgel angesengt, und das Insect summend aufflog, lste sich allmlig
der Schwarm von den Wnden. Sie summten um das Licht, um ihren Kopf, und die
Geheimrthin stand wieder athemlos in der Mitte des Zimmers, mit dem freien Arm
die aufgestrten Thiere abwehrend. In dem Augenblick war ihr nicht wohl zu
Muthe. Die Thiere wurden so gro und schwarz und mit feurigen Augen; sie kamen
ihr wie die Erynnien vor. In dem Augenblick wnschte sie, sie htte nicht
angefangen.
    Sie wollte das Licht auslschen, sich ins Bett vergraben und die Decke ber
den Kopf ziehen, aber sie frchtete sich ohne Licht. Da hrte sie die Stimme
ihres Mannes, der drauen die Thre ffnete: Johann, ich will zu Bett gehen.
Aber Johann hrte nicht, auch nicht auf den wiederholten, verstrkten Ruf.
Johann hatte sich auf ihr Gehei zu Bett gelegt, um zu schwitzen. Es war ihr
lieb, da Johann nicht hrte; er schlief also wahrscheinlich. Dem thut es mehr
Noth, dachte sie, und Lupinus kann sich selbst helfen.
    Der Geheimrath schlug brummend die Thr zu, und musste sich wohl selbst
geholfen haben. Sie hrte nichts mehr. Auch die Fliegen hatten sich wieder zur
Ruhe begeben. Aber nach einer Weile schellte sie nach der Jungfer. Sie schellte
immer strker und die Jungfer musste aus dem Bette.
    Als sie ins Zimmer kam, war die Geheimrthin eigentlich in Verlegenheit. Sie
wusste nicht, warum sie nach ihr verlangt.
    Befehlen Frau Geheimrthin vielleicht Cremor Tartari? Oder soll ich
Kamillenthee kochen?
    Nein, mir ist ganz wohl, sagte die Geheimrthin. Aber im nchsten
Augenblick sagte sie, morgen frh solle zum Hofrath Heym geschickt werden: Und
ganz frh. Hrt Sie, Lisette. Damit Sie ihn noch zu Hause treffen. Und ich liee
ihn dringend ersuchen, mich zu besuchen, ehe er zur Prinze Ferdinand fhrt. Die
hlt ihn immer so lange auf. Ja, hrt Sie, es soll ihm recht dringend gemacht
werden, denn ich fhle, ich werde sehr krank werden. Und er kann auch fr den
Johann gleich ein Recept verschreiben, die Sache mu doch endlich zu Ende
kommen.
    Wenn ngstliche Trume ein Zeichen der Ungesundheit sind, musste die
Geheimrthin sehr krank sein. Es waren nicht mehr Fliegen und Spinnen, sondern
lauter Marionetten, die ihr keine Ruhe lieen. Da kam der fieberkranke, blasse
Johann und sprang mit zusammengehaltenen Beinen und fragte sie, ob es nun nicht
bald mit ihm zu Ende ginge? Dann fllte sich die Schlafstube mit der ganzen
Gesellschaft vom vorigen Abend, lauter Gliederpuppen, die an Drhten vom
Schornstein aus gefhrt wurden. Sie tanzte und das Holz klappte unangenehm. Wenn
sie am Bette vorbeikamen, ghnten sie und fragten: ob es nicht bald
Schlafenszeit wre? Gern htte die Geheimrthin gesehen, wer den Draht fhrte,
aber sie konnte, wie sie auch sich anstrengte, den Kopf nicht in den Schornstein
zwngen, und wenn es ihr einmal gelang, scho eine neue Figur herunter und
schreckte sie zurck. Dazu klappte ihr Mann als Pantaleone immerfort durch die
Stube, und hauchte sich in die Hnde und sagte, ihn frre, und wer ihn nur hei
machen knne! Da rief eine Stimme aus dem Schornstein, deren sie sich nicht
entsann, aber gehrt hatte sie dieselbe schon ein Mal: Wenn's weiter nichts ist,
man braucht ja nur alle die Puppen zu verbrennen, das giebt ein gutes
Kaminfeuer. Und dann war es ihr, als ob alles um sie her verbrenne. Sie gerieth
in Angst, da sie mit verbrennen knne und hllte sich in ihr Bette, bis eine
wohlthtige Transpiration ihrer Natur zu Hlfe kam, und sie in einen tiefen,
ruhigen Schlaf einhllte, der so lange andauerte, da sie erst aufwachte, als
das freundliche Gesicht des Hofrath Heym mit den durchdringenden blauen Augen
sie anschaute und er mit seiner etwas kreischenden Stimme ihr den Morgengru
bot: Na, da leben Sie ja noch, Frau Geheimrthin; hab' ich doch wirklich nicht
anders geglaubt, wie das Mdchen reinstrzte, als Sie wren schon maustodt.

                               Siebentes Kapitel.



                                Der Staatsmann.

Wir fhren unsere Leser in die Wohnung und die Geschftszimmer des vornehmen
Mannes, dessen flchtige Bekanntschaft wir in der Gesellschaft gemacht. In
seinem Hause, unter seinen Untergebenen, war der wirkliche Geheimrath ein
anderer Mann. Man knnte sagen, er sei um einige Zoll gewachsen; der von den
vielen huldreichen Verbeugungen gekrmmte Rcken war hier gerade geworden. Er
war aber um deswillen kein groer und auch kein gerader Mann.
    Im Vorzimmer warteten Expectanten. Die trben Mienen verriethen, da nicht
Jeder Hoffnung hatte, vorgelassen zu werder. Sie wandten sich an die
durchpassirenden Beamten. Wie viele groe Mnner htte ein Neuling da zu
entdecken geglaubt, wenn sie freundlich zuhrten, sich an der Binde zupften oder
die Schultern zuckten. Und doch waren es nur Schreiber und Boten. Ob einer von
ihnen sich in den Winkel ziehen und zu einer vertraulicheren Verstndigung
hinreien lie, will ich nicht verrathen haben.
    Das Zimmer, wo der Geheimrath empfing, war gerumig, halb mit Aktentischen
und Repositorien, halb mit den Bequemlichkeiten und dem Luxus eines reichen
Lebens ausgestattet. Auf den Fauteuils und kleinen Tischen lagen zerstreut in
elegantem Einband die neusten Werke der franzsischen Literatur. Am Ende des
Aktentisches sa ein jngerer Rath, in den eingegangenen Schriftstcken
bltternd und sie zum Vortrag ordnend. Im entfernteren Winkel stand der
Geheimrath und hatte einer Dame Audienz ertheilt, die sich sehr bescheiden in
der Ecke zwischen Fenster und Hinterthr hielt. Es war eine Tapetenthr, durch
welche sie auch vermuthlich der Kammerdiener eingelassen, denn nach Beendigung
der Audienz schlich sie durch diese Thr hinaus. Ihre vielen Ringe, eine
Garderobe, aus den kostbarsten und auffllig modernen Stcken, und der
prachtvolle Shawl darum schienen ihr eher ein Anrecht aus einen Platz auf dem
Sopha zu geben, wenn nicht die Haltung der sehr wohlbeleibten Frau verrathen
htte, da die Hlle nicht recht zum Krper, oder der Krper zur Hlle sich
schickte. Einem Psychologen htte vielleicht schon ein Blick auf ihre groben
Fe angezeigt, da die feine Kleidung ihr nicht angeboren war. Wer ihr aber ins
Gesicht sah, wo trotz aller Sanftmuth und Gltte die ursprngliche Gemeinheit
sich nicht verbergen konnte, begriff, warum der Geheimrath in einer Art ihr
Audienz gab, wie es in der Regel auch ein noch vornehmerer Mann keiner Dame
gegenber bers Herz bringen wrde. Er stand, die Hnde in den Seitentaschen,
halb seitswrts, halb ihr den Rcken kehrend, wodurch sie freilich Gelegenheit
gewann, ihr Anliegen auf dem nchsten Wege ihm ins Ohr zu flstern. Sie sprach
leise. Er hatte mehrmals den Kopf geschttelt. Dann sprach er, gleichfalls mit
gedmpfter Stimme: Gedulden Sie sich also bis Lombard kommt; er kann die Sache
allein arrangiren. Und bis dahin hten Sie sich, da keine Klage einluft.
Keinen Skandal! In dem Fall wollen wir die Sache schon hinhalten.
    Die Supplikantin verbeugte sich tief. Er klopfte ihr freundlich auf die
Schultern. Sie wollte ihm die Hand kssen. Das litt er nicht.
    Der junge Rath las von einem Zettel den Namen der nchst zur Audienz
aufgeschriebenen Person. Der Geheimrath machte eine Bewegung mit der Hand und
warf sich, die Beine bereinander, aufs Sopha, ein Zeichen, da er sich erholen
wolle; vielleicht glaubte der Vortragende darin eines fr sich zu erkennen, da
Bovillard sich ber die vorige Audienz auszulassen Lust hatte.
    Was wollte denn die Schubitz? fragte er, zwischen den Papieren kramend.
Eine Eingabe von ihr ist nicht da.
    Man will sie in der Behrenstrae nicht lnger dulden. Sie soll ihr Haus
verlegen - in eine minder anstndige Strae, setzte der Geheimrath mit
sarkastischer Miene hinzu.
    Wer will denn das, wenn ich fragen darf?
    Erinnern Sie sich, was le grand Frdric dem alten Spalding antwortete? Der
beklagte sich auch ber eine Nachbarschaft, die ihn in seinen Meditationen
strte, und Friedrich schrieb nur auf den Rand des Memorials: Mon cher Spalding,
ni vous ni moi .... pourquoi donc gner d'autres .... Unter Friedrich htte die
Behrenstrae petitioniren knnen, bis sie aschgrau ward.
    Auch unter - der Rath verschluckte es, denn der Geheimrath unterbrach ihn.
    Das mu man Wllnern lassen. Er wusste christlich ein Auge zuzudrcken,
wenn - es die Schwche seines Nchsten galt. Er betonte die letzten Worte.
    Der junge Rath hatte vorhin die Aufforderung zum Lcheln bersehen. Er
lchelte jetzt. Aber wer kann es sein?
    Wer! Wer? Mon cher! Haugwitz vielleicht, oder Lucchesini, Schulenburg, oder
Beyme, der Cato Censorinus. Vielleicht ist auch Prinz Louis Ferdinands
sittliches Gefhl beleidigt.
    Der Geheimrath gefiel sich so, da er aufstand und mehrmals durch die Stube
schritt: Ja, ja, es hat sich so manches in Preuen gendert.
    Und wird noch manches anders werden, setzte der Rath hinzu.
    Gewi, wenn man uns in Ruhe lsst, wenn man verstndig denkt und handelt;
wenn man auf die Klffer nicht hrt, wenn, wenn - was liegt noch vor, lieber
Rath?
    Herr Geheimrath lieen gestern fallen, da Ihnen eine Notiz im Hamburger
Unpartheiischen, bezglich auf Lombards Depesche, nicht unangenehm wre. Wir
wurden unterbrochen. Meine Feder und mein Wille stehen zu ihrer Disposition.
    Bovillard setzte sich halb auf den Tisch, indem er vertraulich den Arm auf
die Schulter des Rathes legte; die Runzeln seines Gesichtes verzogen sich in ein
wohlgeflliges Lcheln:
    Mich hat seit lange kein Brief so erquickt!
    Lombard mu Wichtiges berichtet haben, bemerkte der Beamte. Nach den
Aeuerungen des Herrn Geheimraths gestern zu mehreren Geschftsmnnern herrscht
unter den Kaufleuten eine sehr frohe Stimmung.
    Drfte ich Ihnen den Brief zeigen! Bonaparte hat ihn empfangen nicht wie
einen Abgesandten, sondern wie einen alten lieben Bekannten, den er endlich von
Angesicht zu Angesicht sieht. Er sa auf dem Sopha und las. Was denken Sie? Den
Ossian. Nachdem er Lombard die Hand gereicht, recitirte er ihm eine Stelle voll
der tiefsten Empfindung fr Menschenwohl. Er fragte ihn, ob er Ossians Gefhle
theile? Lombard war nicht ganz vertraut, da las er ihm selbst die Scene vor, wo
Malvine im Mondenschein ber das Schlachtfeld eilt, und se Betrachtungen
ausgiet darber, da Mord und Schlachten die Geschicke der Menschheit
reguliren. Bonaparte schlug das Buch zu und wandte sich schnell ab, um seine
eigene Bewegung zu verbergen. Und diesen Mann gefallen sich unsere Fanatiker
einen Blutmenschen zu nennen! Wer gebietet der Parteienwuth! Das warf auch
Bonaparte im Gesprch hin. Sire, erwiderte Lombard, Europa kennt den Sieger des
18ten Brumaire. Der Kaiser schttelte mit gesenktem Blick den Kopf: Ach, das war
fr die Straen von Paris, fr Frankreich vielleicht, aber der Genius mu noch
geboren werden, der Europa wieder in seine Fugen richtet. Lombard citirte eine
Stelle aus einer Schrift des jungen Ancillon. Napoleon schien sie zu kennen,
aber mit einem schlauen Augenaufschlag fiel er ein: Mich dnkt, der Sinn ist
weit schlagender in den Worten ausgedrckt, - Und was citirte er? Eine Stelle
aus einem von Lombards Trait's
    Sollte Bonaparte Lombards Schriften gelesen haben? rief der junge Rath mit
einem unglubigen Lcheln.
    Dieselbe Frage stellte Lombard, natrlich nur mit andern Worten, und sein
Gesicht mag auch dabei geglnzt haben, denn, wir wollen es nicht leugnen, er ist
etwas eitel. Eitel sind wir Alle, lieber Fuchsius. Napoleon sah ihn mit seinen
schnen klugen Augen vielsagend an, und griff dann nach einem Buche, das neben
ihm auf dem Tische lag. Es war Pariser Druck und Band, Sie werden es sehen.
Kaum, da er darin geblttert, schlug er eine Seite auf und reichte sie dem
Gesandten. Es war Lombards Dictum. Unverdiente Ehre, wenn mich ein franzsischer
Schrifsteller citirt hat. - Sie sind es ja selbst, lchelte Napoleon und wies
ihn auf den Titel. Kurzum, es waren Lombards Trait's, in einer Pariser Ausgabe,
prachtvoll gedruckt. Und mit einem Wort, es kam heraus: Der Kaiser hat Lombards
Abhandlungen, weil sie ihm so sehr zusagen, in einer Prachtausgabe fr sich und
seine vertrauten Freunde drucken lassen. Napoleon Bonaparte, sage ich Ihnen, der
Genius des Jahrhunderts, kann sich von Lombards Schriften nicht trennen, er
fhrt sie mit sich in seinem Feld-Necessaire, er blttert tglich, er findet
Zerstreuung, Erholung, Erquickung darin, wenn die Sorgen ihn drcken. Mit
franzsischer Artigkeit bat er ihn um Entschuldigung wegen des Nachdrucks, den
er in seinem Reiche streng bestrafen wrde, denn jeder Arbeiter msse die
Frchte seiner Arbeit genieen knnen. Aber die deutsche Typographie sei noch so
weit zurck, es thue seinen Augen wehe, einen schnen Gedanken grob auf
deutschem Papier zu sehen. Ach, fgte er hinzu, was knnte aus Deutschland, ich
meine aus Ihrem Preuen werden, wenn ein Genius die Industrie belebte! Lombard
erwiderte in galanter Weise die Artigkeit: er fhle sich in seinem Interesse
durch den Nachdruck so ldirt, da er auf eine groe Entschdigung Anspruch
mache. Er fordere nicht weniger als das Exemplar, welches durch des Kaisers Hand
geweiht sei. Ich gebe es ungern, es ist mir lieb geworden, sagte der Kaiser,
aber Sie sind im Recht, und nun ist es nicht mehr meines. Er hatte rasch seinen
Namen mit einer verbindlichen Zeile hinein geschrieben.
    Der Geheimrath war nach dem verschlossenen Schrank geeilt, von wo er einen
in saubere Hllen verschlossenen Band holte, und auf dem Tische enthllte:
Lombard hat ihn voraus geschickt. Doch das ist nur fr uns. Um Himmels Willen
davon keine Mittheilungen. - Da ist sein Name. Schne, feste Zge, der Charakter
des Genius. Ex ungue leonem. - Hier ist auch mein Bericht, den Lombard die Gte
hatte in seinem Trait aufzunehmen, mit abgedruckt.
    Der Geheimrath umhllte das Buch wieder mit einer Geschickslichkeit, die
einem Buchbinder Ehre gemacht, und stellte es auf einen Ort zurck: Was sagen
Sie nun. Ist der Mann, wie seine enragirten Feinde ihn uns darstellen wollen?
    Das sind allerdings berraschende Kombinationen.
    Sie haben an eine Atrappe gedacht. Sehen Sie, wie Sie sich durch Ihr
Vorurtheil tuschen lieen. Ueberhaupt, da war nichts Affektirtes in Bonaparte's
Benehmen, nichts von der Herablassung eines Emporkmmlings. Er verhandelte mit
unserm Freunde wie der Gleiche mit dem Gleichen. Lombard wollte diplomatisch
Schritt um Schritt mit seinen Missionen herausrcken. Napoleon unterbrach ihn
rasch: Ich bin Frankreich, die Welt fngt an es zu erkennen, und Sie sind
Preuen, die Welt erkennt es noch nicht, aber ich. Ueberlassen wir doch das
Anderen, sich untereinander zu tuschen, setzte er mit dem durchdringend
freundlichen Blicke hinzu. - Das bleibt natrlich unter uns, und Lombard that
natrlich das Seinige, dagegen zu protestiren und auf seine untergeordnete
Stellung zu weisen. - Wie Sie wollen, sagte Napoleon lchelnd, ich nehme die
Menschen wie sie sind, respektire aber auch den Schein, den sie hervorzukehren
fr nthig halten. - Und nun flo das Gesprch anmuthig hin, wie zwischen
Zweien, die, wie Schiller sagt, auf der Menschheit Hhen stehen, und parteilos
und affektlos das Getriebe tief unter sich betrachten.
    Und bei dem Gesprche blieb es?
    Lombard kann nicht genug sein Entzcken ber den reichen Geist ausdrcken.
Er schttete seine Anschauungen ber die Weltverhltnisse wie eine Fee aus ihrem
Fllhorn. Unser Freund sagt, er hat in dieser einen Stunde viel gelernt.
    Dazu ward er inde nicht hingeschickt. - Und noch gar keine positiven
Resultate?
    Wir knnen ganz beruhigt sein. Bonaparte hegt eine Achtung vor Preuen, die
mich wirklich berrascht hat. Wenn er von Friedrich spricht - nun das versteht
sich von einem Genius, wie seiner von selbst. Er malte seine Schlachten; als er
die von Hochkirch schilderte, gerieth er in eine wahre Begeisterung: Die
gewonnenen Schlachten wolle er dem groen Todten lassen, rief er aus, aber er
gebe drei seiner eigenen Siege fr den Rckzug von Hochkirch.
    Lombards Mission war aber doch nicht eigentlich, sich Unterricht ber den
siebenjhrigen Krieg geben zu lassen?
    Sptter! wissen Sie, was Napoleon ber den Baseler Frieden sagte?
    Die erste Wunde unserer Ehre! seufzte der Rath.
    Das gab er selbst zu. Erkennen Sie die Gre des Mannes. Aber nach diesem
Frieden sei es Preuens Aufgabe gewesen, die demarkirten Theile von Deutschland,
die unter seinem Schutz gegeben waren, sich zu unterwerfen. Ein kleines Unrecht,
rief er, kann in der Politik nur gut gemacht werden durch ein groes Unrecht.
Was wre Preuen jetzt, es stnde da, eine europische Macht, die nicht nthig
htte, Sie, mein lieber Lombard, zu mir zu schicken, um mich zu sondiren. Es
wre an mir gewesen, zu Ihnen zu schicken, ich htte aber freilich schwer einen
Lombard gefunden. Er that einige Schritte im Zimmer auf und ab. Aber es thut
nichts, hub er wieder an. Preuen ist ohnedem was es ist. Der Genius Friedrichs
schwebt ber ihm, und die Fittiche seines Adlers rauschen stark genug, da sich
so leicht kein Feind heranwagt.
    Und weiter berichtet Lombard nichts?
    Sie bleiben ein unglubiger Thomas. Der Kaiser ist nicht allein weit
entfernt von einer feindlichen Absicht, sondern eine innige Verbindung mit uns
wre sein Wunsch. Wohl verstanden, eine Alliance, welche die Zgel der Welt in
die Hand nimmt. Civilisation, Kultur, wahre Aufklrung, das Glck des
Menschengeschlechts und ewiger Friede wren ihr Ziel. Wer zwingt ihn denn
immerfort, das Schwert wieder zu ziehen, als die Manvres des Herrn Pitt, der
jetzt Oesterreich, jetzt Neapel, nun Ruland, Schweden, und die Kleinen, warum
nicht auch Spanien und die ganze Welt aufhetzt. Was sind diese Subsidien, die
das monopolisirende England verschwenderisch auswirft, als das Blutgeld, womit
es den Ruin der Lnder erkauft, die sich verfhren lassen? England wre es
recht, wenn der ganze Kontinent zur Wste wrde, wenn er nur damit der Markt
wird, wo die Bettelvlker, um ihre Ble zu kleiden, seine schlechtesten Waaren
kaufen mssen. Das ist sein Ziel, und jedesmal, wenn Bonaparte seinen Degen
gegen einen neuen Feind ziehen mu, thut er es mit Seufzen; er wei, er kriegt
nicht gegen die armen Neapolitaner, Hessen und Schwaben, die sind nur die
Schlachtopfer; seine eigentlichen Gegner, die reichen Kaufleute an der Themse,
sitzen ruhig hinter ihren Wollscken und trinken ihren Ostindischen Thee,
derweil die mit ihren Taschengeldern zu ihrem Vergngen, zu ihrer Spekulation
erkauften Vlker in die franzsischen Kanonen getrieben werden. Darum ist sein
Grimm gegen Pitt und die Andern unbeschreiblich. Wenn ihm die Landung gelnge,
wenn er England seinen Degen ins Herz bohrte, so wrde er vielleicht der
Blutmensch, den man aus ihm macht. Aber seine Vernunft regelt seine Begierden.
Seine Plne sind andre. Knnte er den ganzen Kontinent mit einem Netz gegen die
fremde Waare umspannen, da kein Ballen ihrer Manufacte eindringt, knnte er den
Gewerbflei unter den Kontinentalen anstacheln, da wir gezwungen wrden fr uns
selbst zu erfinden und zu schaffen, knnte er die Brtten aushungern, da sie
sich den Tod essen an ihren Schlauderwaaren, dann htte er gesiegt, wie er
wnscht, nicht fr sich, fr die ganze europische Menschheit. Dann wrde wir
alle reiche, glckliche, selbststndige Vlker. Aber er allein, ein wie groes
Genie auch, kann das nicht. Er braucht einen Bundesgenossen. Ruland kann es
nicht sein, Oesterreich ist des Gedankens nicht fhig, Preuen allein steht auf
der Hhe der Civilisation und Intelligenz, mit Preuen Hand in Hand knnte er
den Weltgedanken ausfhren. Begreifen Sie nun, warum es in seinem Interesse ist
mit uns Freund zu bleiben?
    Lombard hat die Propositionen zur Alliance vermuthlich schon in der
Tasche?
    Bonaparte kennt uns, und darum giebt er fast die Hoffnung auf. Er kennt die
Hindernisse. Ich versichere Sie, mit erschreckender Genauigkeit kennt er die
Coterien an unserem Hofe, er wei, was bei der Radziwill, in den Kreisen der
Prinze Wilhelm ber ihn gesprochen, wie er titulirt wird. Er wei die
Ausdrcke, das Treiben in den Umgebungen des Prinzen Louis Ferdinand auf ein
Haar, ja er liest die Gedanken, die der Prinz unterdrcken mu. Die Discourse in
unsern Wachtstuben, die freien Unterhaltungen unsrer Garde du Corps liegen
aufgezeichnet in seinen Akten. Soll ihm das Vertrauen und Hoffnung auf uns
einflen?
    Der Rath war ernsthaft geworden. Das ist schlimm. Man sagt, seine Spione
kosten ihm viel. Preuen soll ihm berhaupt viel kosten, und das ist noch
schlimmer.
    Ich sage Ihnen, jene Phantasten und Gelehrten sind Bagatell; diese
sogenannte Kriegspartei aber wird uns ruiniren. Die bohrt und drngt und strmt,
bis ein Mal der Widerstand der wahren Staatsmnner zu schwach wird, und das gute
Herz des Knigs nachgiebt.
    
    Und wir stnden allein, fiel der Rath ein.
    Prenez garde, mon cher, das auszusprechen. Man mu diesen Fanatikern
gegenber vorsichtig sein. Es freut mich, da Sie den Wahn nicht theilen, als
wren wir allein stark genug, gegen den Strom zu schwimmen. Doch besser, da man
dies fr sich behlt. Um so mehr, als, denken Sie, auch Napoleon zweifelt. Wie
hbsch er das auffasst. Ich bin ja nicht so thricht, sagte er zu Lombard, um
nicht zu wissen, da, wenn Preuen bei Valmy, Pirmasens, wenn es am Rhein
ernstlich gewollt htte, Frankreich nicht mein Frankreich, und ich nicht ich
wre. Das ist nun allerdings zu viel Artigkeit, indessen ersehen Sie daraus, wie
hoch er auch unsre Armee schtzt. Ich wei, sagte er, Ihres Knigs Herz schlgt
fr Menschen- und Vlkerglck, wie nur meines, aber ich wrdige vollkommen seine
Lage, er ist jung, befangen, zu gewissenhaft, er wei sich nicht zu helfen
zwischen den guten und bsen Rathgebern. Zu viel Blutsbande verknpfen ihn mit
den Ungestmen, Rasenden, und man kann sich keines Augenblicks versehen, da
nicht eine Mine auffliegt und die Feinde der Humanitt siegen.
    Und wird Mortier Hannover rumen? fragte der Rath mit scharfer Betonung.
Wird die Sperrung der Weser- und Elbemndungen, worauf Preuen bestehen mu,
aufgehoben werden? Unser Handel geht zu Grunde, wenn das nicht geschieht. Das
ist schlimm, aber es giebt Schimmeres. Wir verfeinden uns England. Das ist aber
noch nicht das Schlimmste. Ganz Deutschland blickt sehnschtig und erwartend auf
Preuen, als die einzige Macht, die ungebrochen da steht, frei noch von
Frankreichs Einflu, als die einzige Macht, welche die Ehre des Vaterlandes
retten, der bermthigen Gewaltthat eine Schranke entgegensetzen kann. Wenn wir
diese Aufgabe nicht erfllen, nicht rettend einschreiten, attestiren wir unsere
Ohnmacht, und wir laden die Schmach auf uns, da eine Koalition fremder Mchte,
die nicht ausbleiben kann, diese Aufgabe bernimmt. Ich wiederhole nur, was die
Tausende tglich sagen, die man Biedermnner nennt, mich selbst, wie sich
versteht, jedes Urtheils begebend.
    So! sagte der Geheimrath gedehnt. Diese Biedermnner werden sich gedulden
mssen, bis Lombard aus Brssel zurck ist. Die Spezialitten seines Auftrages
wird er mndlich Sr. Majestt vortragen.
    Die Geschichte und auch die Memoiren der Zeit erzhlen nichts von diesem
Gesprch und dem, was es hervorrief; der Dichtung aber ist es erlaubt, auch aus
der Tradition zu schpfen, wo sie noch die Worte lebendiger Zeugen belauscht
hat, die es glaubten. Was einmal geglaubt ward, ist ein Faktum, das auch der
Geschichte angehrt. Uebrigens mag der Geheimrath Bovillard Verhandlungen und
Gesprche anders aufgefasst haben, als die, welche gesprochen und verhandelt
hatten; er war ein Mann von lebhafter Imagination.
    Und der Artikel fr den Hamburger Korrespondenten? sagte nach einer Weile
der Rath Fuchsius.
    Sie werden das selbst am besten kombiniren. Ihre feine Feder wei die Fden
zu verschlingen, da man nicht ahnt, woher es kommt. De haut en bas etwas, mit
einem gelinden Achselzucken die kriegerischen Herren behandelt. Es versteht
sich, die hohen Personen, die ich nannte, bleiben unverwhnt, auch die Generale,
namentlich Rchel, Blcher. Nur mit der hchsten Distinttion von ihnen
gesprochen! Zu ihrer Einsicht habe das Publikum die feste Zuversicht, da sie
die verderblichen Rathschlge von des Knigs Ohr abhalten wrden. Die
Seitenhiebe werden Sie eben so geschickt appliciren. Es bleibt, wie gesagt, ganz
Ihrem Ermessen berlassen. Es ist Ihr Dafrhalten.
    Dann bleiben nur die Gensd'armerie-Offiziere brig.
    Mit diesen Herren komm' ich nicht gern in Konflikt. Man begegnet sich doch
tglich in Gesellschaften.
    So knnten nur die deutschen Gelehrten, die Romantiker, die Zielscheibe
sein.
    Ganz richtig.
    Die Herr Geheimrath fr unschdlich erklrt!
    Sie verfhren die Anderen mit ihren abstracten Ideen. Ja, setzen Sie es
recht ins Licht, die Lcherlichkeit dieser Theoretiker, die sich einbilden, ber
Dinge mitsprechen zu knnen, von denen sie nichts verstehen. Geben Sie's ihnen
recht stark, legen Sie auch Napoleon einige pikante Phrasen in den Mund ber die
deutsche Ideologen. Sie wren das einzige Hinderni des Friedens, nach dem alle
Welt sich sehnt. Ich wei, sie sind es nicht. Darauf kommt es aber nicht an. Sie
schlgt man, die Kriegspartei meint man. Die Herren vom Milir erfreut es
inniglich, wenn man gegen die Professoren- und Schreiberweisheit loszieht. Sie
schlucken die Invectiven mit Heihunger herunter und merken nicht, da es
Schlge fr sie selbst waren. - A propos, wenn Sie auch einige scharfe
Seitenhiebe gegen den Herrn von Stein geschickt anbringen knnten -
    Rechnen Herr Geheimrath den Freiherrn zu den Ideologen, zu den Romantikern
oder der Kriegspartei?
    Qu'importe!
    Viele richten ihre Blicke gerade jetzt auf ihn.
    Um so schlimmer, der Mann wre im Stande -
    Der Geheimrath hielt pltzlich, wie durch eine Erinnerung gestrt, inne.
    Ein Secretair unterbrach das Gesprch in einem Augenblick, wo der Geheimrath
selbst im Begriff stand, es zu enden, vielleicht, weil ihm Gedanken aufstiegen,
fr die Fuchsius ihm nicht der geeignete Vertraute schien.
    Ich kann heut Niemand mehr empfangen, rief er dem Sekeretair zu: Mein
Gott, wenn man doch wsste, wie ich berlaufen bin. Ich kann mich doch nicht
verdoppeln und verdreifachen.
    Der Sekretr nannte einen Namen. Das Gesicht des Wirklichen verzog sich
merklich in die Lnge.
    Diesmal werden Herr Geheimrath ihn wohl nicht abweisen knnen, sagte der
Rath. Sie lieen ihn durch mich auf diese Stunde bescheiden.
    Aufghnend und mit einer franzsische Phrase fand sich der Geheimrath in
sein Schicksal.
    Der Rath beurlaubte sich, das nchste Gesprch wurde wohl - besser ohne
Zeugen gefhrt.

                                Achtes Kapitel.



                Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrath.

Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause, als - wir ihn hier wieder sehen.
Die sesten Falten gltteten sein volles Gesicht und die Gltte ging ber die
sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf. Lchelnd der Mund, das Auge, den Hut in
der Hand, hatte er an der Thr seine respektvolle Verbeugung gemacht, um, den
Dreiecker an die Brust gedrckt, mit einer Bewegung, welche an die der Maus
erinnern konnte, auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen:
    Mein theuerster Gnner!
    Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Hndedruck, der
ihm drohte, sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt, den er mit der Linken fasste
und bewegte, um sich gelegentlich darauf zu sttzen, whrend er mit der Rechten
sich auch gelegentlich bewegte. Der Wirkliche schien whrend dieses Auftritts um
einen Kopf grer als der andere Geheimrath. Ob er es war, lass' ich ungesagt:
    Mein Herr Geheimrath, ich hatte nicht erwartet, da wir uns so begegnen
sollten.
    Lupinus war um einen Schritt zurckgeprallt. Den Hut noch fester an die
Brust drckend, verneigte er sich noch tiefer: Mein Herr Geheimrath, wer hat
keine Feinde!
    Um das kurz abzuschneiden, von Ihren Feinden wei ich nichts, aber ich wei
doch Alles. Ich bin nicht Ihr Richter, das wissen Sie. Wie Sie sich vor dem wei
brennen wollen, ist Ihre Sache, zu mir kommen Sie aus andern Grnden. Einem
Advokaten mu man Alles sagen.
    Soll ich sagen, da mich diese edle Gesinnung berrascht? Nein! Iustice et
humanit, voil le patrimoine de la famille de Bovillard! Si mon ami Bovillard
est mon advocat, je suis l'homme le plus heureux.
    Herr, rasen Sie! Von Ihrer Kassation ist die Rede! Um des Himmels Willen,
plagte Sie denn der Teufel! Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst, wissen
Sie nicht, wie man uns auf die Finger sieht, wie man die unschuldigsten
Handlungen verdchtigt, und Sie mssen uns mit solchen Stnkereien kommen! Herr
Geheimrath, Sie verdienten ja schon darum -
    Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt -
    Zum Geier mit Ihren Intentionen. Wissen Sie, wie der Knig die Lippen bi,
wie die Knigin bla ward, wie ein Jemand, den ich nicht nennen will, die
Achseln zuckte und zu Ihrer Majestt flsterte: das sind die Freunde des Herrn
Lombard! wie Seine Majestt, die Hnde auf dem Rcken, stumm durchs Zimmer
gingen: das mu anders werden! - heit das Ordnung! Das nennt man Humanitt, da
man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern lsst. - Es mu,
es soll anders werden! schlossen Seine Majestt. Beyme hat ihn noch nie so
gesehen. Die Kabinetsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug,
er musste sie umschreiben. Was sagen Sie nun?
    Lupinus wusste nichts zu sagen. Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb
mechanisch die Hnde ber den Hut, bis der Wirkliche ihm zu Hlfe kam:
Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein, aber verstehen Sie, ganz
reinen, und bis auf den Grund.
    Ob der Wein ganz rein war, lassen wir auf sich beruhen. Es war so ziemlich
derselbe, den wir in Lupinus' Gesprch mit seiner Schwgerin gekostet. Nur blieb
der tolle Sohn des Geheimraths aus dem Spiele. Der Zuhrer, welcher besonders am
Schlu aufmerksam den Kopf wiegte, schien einigermaen befriedigt, denn er
sagte, als der Andere zu Ende war: Knnen Sie nun mit gutem Gewissen behaupten,
da Sie nichts hinzugethan, noch davon genommen haben: ich meine, da, wenn Sie
vor dem Richter stehen, Sie ebenfalls nichts mehr, noch weniger aussagen
wrden?
    
    Wir sind Menschen, Herr Geheimrath, wir sind alle Menschen, und unser Loos
ist irren.
    Beamte sind aber eine besondere Klasse von Menschen, die nicht irren
sollen; sonst jagt man sie fort.
    Seine Majestt der Knig kennt gewi meine Loyalitt.
    Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz. Ich mchte Ihnen
nicht rathen, sich darauf zu berufen. Ueberhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen
und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art. Wenn man ein Beamter ist Ihres
Ranges, die gebildete Gesellschaft besucht, ist erste Pflicht, da man sich um
die Verhltnisse und Ansichten kmmert. Vielleicht liegt das in Ihrer Familie -
    Herr Geheimrath meinen, meinen Bruder in der Jgerstrae. Ja, um die Dehors
kmmert er sich allerdings wenig. Sollte er sich vielleicht bei irgend einer
Gelegenheit einen Versto haben zu Schulden kommen lassen! Gott, er hat ein
gewissermaen kindliches Gemth, er kann kein Wasser trben. Aber Gelehrte -
Gelehrte, mein theuerster Gnner, ach, der Vers ist wie auf ihn gemacht:

Er wei, wie man in Rom gegessen
Und zu Athen sich gab den Ku;
Darber hat er ganz vergessen,
Wie man die Gabel halten mu.

Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen, da er sich
doch etwas in die Verhltnisse schicken mchte.
    Htten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten! fiel der
Wirkliche wieder verdrielich ein. Mein Herr Geheimrath, es ist ganz
unbegreiflich, wie Sie die Vernderungen bersehen haben, die sich in unsern
Sitten zutrugen. Ja, ja, in unsern Sitten! Sehen Sie denn nicht ein, da und wie
sich alles gendert hat. Ein junger tugendhafter Knig ist unser
Staatsoberhaupt, eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Knigin an seiner
Seite. Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralitt, von wirklich rhrender
Huslichkeit. Fhlen Sie denn nicht, wie dies Beispiel schon auf das Publikum
einwirkt? Anfangs war man etwas frappirt, man verstand es nicht, da es dauern
knne, man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel. Manche frchteten sogar,
da die Knigliche Autoritt verlieren wrde, ohne Gold und Silberapparat. Aber
es war anders. Wird dieser Knig weniger geliebt, als der hchstselige? Ja, ich
wage zu behaupten, der groe Friedrich ward nicht so venerirt. Wenn dieser
jugendliche Monarch mit zwei Rappen, die schne Knigin an seiner Seite, durch
die Linden kutschirt, wie schlagen alle Herzen! Hren Sie die Bemerkungen der
Leute. Das sind Symptome, mein Lieber, auf die man achten mu. Bemerken Sie denn
nicht, wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein anderes Ansehen gewinnen? Man mu
sich fgen, mein Lieber, man mu mit dem Strome schwimmen, man mu sich kleiden
wie die Andern, wenn uns auch die Mode nicht gefllt. Ou voulez-vous tre un
original, qui ne se dsoriginalisera jamais? Glauben Sie mir, es gefllt Manchem
am Hofe nicht, ich mu manche Klage hren, aber man fgt sich. Manche Liaisons
sind stadtkundig, wer hatte bisher Arges daran, aber - man genirt sich jetzt,
man fhrt nicht mehr zusammen in den Thiergarten. Ich knnte Ihnen - aber n'en
parlons pas  propos - man sagt mir, Sie besuchen noch immer das Haus der
Schubitz.
    Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an.
    Mein hochverehrtester Gnner, auch das - Offenbar wollte er, was man nennt
mit etwas herausplatzen, vielleicht aus der Defensive in die Offensive
bergehen, aber rasch sich besinnend, fuhr er in dem vorigen s fltenden Tone
fort:
    Wenn ich sagen drfte, wie anstndig es dort hergeht! Ich kann betheuern,
da alles Unmoralische davon entfernt ist. In den untern Zimmern versammelt sich
abendlich, gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen. Man trinkt Thee,
man lsst sich eine Bowle brauen; in heitern Gesprchen vergehen die Stunden.
Wie mancher Geschftsmann, erdrckt von der Last des Tages, der keine Familie
hat, oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet, sucht die
Zerstreuung, die nothwendige Erholung, um sich wieder zu erfrischen fr die
Sorgen und die Arbeit des nchsten Tages. Der Staat fordert von uns ungeheure
Opfer, er mu uns doch auch etwas Erholung gnnen. Einige machen auch ein
Spielchen, die Rume sind so gemthlich und hell. Mu man denn immer Arges
denken! Diese leichten anmuthigen Kinder der Natur - ich will im entferntesten
nicht fr ihre vertu sonst einstehen - aber in diesen Reunions, wenn doch auch
nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wre! Hpfende Gazellen, Hebes mit der
rauchenden Schaale, mischen sie sich in das Gesprch, man hlt sie fest, wenn
sie entschlpfen wollen, man richtet Fragen an sie, und freut sich ihrer
schalkhaften Antworten. Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich
will auch nicht dafr einstehen, da man nicht einmal, berrascht von einer
naiven Antwort, den losen Schalk auf den Schoo zieht, und ihn dafr mit einem
Ku auf die Lippen belohnt oder bestraft. Aber, wie gesagt, il n'y a rien l
d'immoral, Monsieur le conseiller! Man findet immer achtungswerthe Gesellschaft,
die hchstachtungswertheste zuweilen. - Herr Geheimrath wrden erstaunen, wenn
Sie hrten, welche Equipagen vor dem Hause halten - oft die ganze Behrenstrae
hinauf bis zur Friedrichsstrae. Man trifft sich auch mit den Knstlern, den
Genies unserer Stadt. Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten
Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgespritzt. Da ist der berhmte
Bildhauer, das Genie, - wie heit er doch gleich - der macht Studien zum
Basrelief fr das neue Schauspielhaus. Der tiefsinnige Herr Adam Mller, ce
gnie mystique, las den Damen aus seinen Schriften vor, s'il m'est permis de
m'exprimer ainsi, pour les convertir. Reine psychologische Studien! Der Herr
Hofrath Hirt versichert, bei den Bewegungen der einen Nymphe wrde er doch immer
erinnert an ein pompejanisches Wandgemlde, was der Lichtenau so gefallen hatte,
er hat es im Marmorpalais contrefeien mssen. Da sagte auch neulich Fleck - doch
das erinnern sich Herr Geheimrath, - von der Auguste knnte die Schick agiren
lernen, wenn sie die Dido singt. Enfin, je vous assure, mon gnie protecteur, on
n'y va que pour faire ses tudes artistiques, philosophiques, psychologiques -
    Et physiologiques, unterbrach Bovillard. Und was studirten Sie, Herr
Geheimrath?
    Menschenkenntni, Herr Geheimrath. Lernt man in der Schwche sich nicht
selbst am besten kennen?
    Das will ich gelten lassen. Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl
seine Pantoffeln in das Haus.
    Der Geheimrath senkte den Blick: So viel mir bekannt, sind diese schon vor
Monaten wieder abgeholt.
    Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt. Denn, merken Sie noch etwas,
eine Polizeiordre ist unter der Feder, in diesen Husern soll knftig eine
Prsenzliste gefhrt werden. Wer aus- und eingehet, mu seinen Namen
einschreiben. An jedem Morgen wird der Polizeiprsident wissen, wer sie besucht
hat, und die Beamten werden hheren Orts gemeldet.
    Die beiden Geheimrthe sahen sich unwillkrlich mit einem wunderbaren Blicke
an. Es entstand eine Pause. Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem
Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten, als jener nach einem kurzen
Ambuliren seine verschanzte Stellung im Stich lassend, sich mit berkreuzten
Beinen auf das Sopha setzte. Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern
Ecke Platz.
    Und dann, warum mssen Sie mit jeder Schrze auf der Strae Konversation
anfangen, und jedes hbsche Dienstmdchen in die Backen kneifen?
    Mon Dieu, auch das ein Verbrechen, wenn das Herz uns treibt, unsere
Mitmenschen zu uns zu erheben! Je vous proteste, ce n'est rien que l'inspiration
d'un coeur humain.
    Genialitt, mon ami! Ces beaux temps sont passes. Sie werden mich gewi
nicht zu den Rigorosen rechnen, aber man mu doch auch mit einem gewissen Ernst,
der unserer Stellung und unserm Alter ziemt, die Verhltnisse betrachten. Es
musste anders werden. Das sittliche Gefhl des jungen Monarchen war durch so
viel Affrses verletzt. Man htte sich nicht wundern drfen, wenn er selbst mit
rigoroser Strenge dazwischen fuhr. Aber in seiner milden, bescheidenen Weise
zieht er es vor, nur durch sein Beispiel zu wirken. Und es ist berraschend, wie
es schon gewirkt hat. Wie menagiren sich jetzt die Damen am Hofe! Hrt man noch
das disgustirende Geplauder von sonst! Ein Wort, ein strafender Blick der
Knigin, und wie der Nebel bei Sonnenschein wird es rein - die chocquirenden
Konfidenzen verstummen. Kennen Sie die alte Vo wieder? Ganz die Airs einer
wrdigen Matrone! Wenn es auch noch nicht berall einklingt, so macht man doch
Efforts. Selbst Comte Laura, geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst?
Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht, mit welcher Decenz
geschieht es. Da kennt Keine die Andere, so tief maskirt! Ihre Wagen lassen sie
schon an der Ecke der Dorotheenstrae zurck. Nein, die Progressen in der
ffentlichen Moral sind unverkennbar. Und die Minister! Was kann denn erhebender
sein, als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat, und
wie ein Patriarch unter den Seinen lebt. Die Frau Ministerin, wenn sie das
schlichte Hubchen auf dem Kopf, die Schrze vor, als Hausfrau in Kch' und
Keller waltet! Ein Fremder knnte glauben, da er in eine gewhnliche
Brgerwirthschaft gerth. Ein herzlicher Hndedruck wrde ihn begren, ein
Trunk Bier steht immer auf dem Tische. -
    Trinken Excellenz jetzt Bier? fiel Lupinus rasch ein. - Wahrscheinlich
von dem, was mein Freund, der Hofrath Fredersdorf in Spandow braut. Ein
treffliches Bier, aber sollte es ganz nach Excellenz Geschmack sein?
    Das thut wohl nichts zur Sache. Ich meinte nur -
    Vielleicht nur des Magens wegen - Excellenz leiden an Indigestionen - da
wrde ein bitteres Magenbier, zum Exempel das Zerbster - der Magen eines
Ministers ist etwas kostbares fr das Land - ich habe da eine gute Quelle.
Meinen Herr Geheimrath vielleicht, da Excellenz es nicht ungtig nehmen wrden,
wenn ich mir erlaubte, ein Fsschen -
    Sorgen Sie lieber fr Ihren eigenen Magen, sagte Bovillard aufstehend,
denn Sie haben viel Verdorbenes gut zu machen! Aber der Alp auf der Brust des
Geheimrath Lupinus schien sich doch allmlig gelst zu haben, als er die
Theilnahme seines Gnners bemerkte. Die Sache war nicht durch einen Scherz zu
beseitigen. Man sprach auch von einem Dritten, der seine Vermittlung schon
angeboten. Wenn man dem nur ganz trauen kann, sagte Lupinus. Der Wirkliche
lchelte leichthin: Das zu prfen ist meine Sache. Ihre: Anstand, Ernst,
Moralitt zu zeigen - und vorsichtig zu sein. Denn mir ist gar nichts darum zu
thun, da Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hinterthr schlpfen,
sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen. Verstehen Sie mich, mein Herr
Geheimrath? Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung, weil unser
Interesse damit zusammenhngt. Verstehen Sie mich! Wissen Sie auch, da der
Justizminister schon einen Kandidaten fr Ihren Posten in petto hat?
    Womit habe ich das verdient! Beinahe entfiel ihm der Hut, als er mit der
Hand ber die Stirn fuhr.
    Das machen Sie mit sich selbst aus. Dann kann ich Ihnen auch nicht
verbergen, da das Verhltni mit Ihrer Kchin Seine Majestt choquirt. Sie
thten besser, sie wegzuschicken, oder wieder zu heirathen.
    Wenn ich die Ungnade Seiner Majestt damit abwenden knnte - mein Gott, ich
bin ja zu allem bereit - jeden Augenblick.
    Warten Sie's doch noch ab, - entgegnete der Wirkliche, wirklich von diesem
Zeichen der Devotion berrascht. Es kann sich manches wieder ndern. Ueberhaupt
mssen wir warten, setzte er hinzu, denn ich besinne mich, da der Minister
morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestt nicht zu sprechen ist.
    Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rckzug. Bovillard schien
schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt, als er, die Hand an der Thr, ihm
ein  propos nachrief:
    A propos, wissen Sie nicht, was aus der Jenny geworden ist!
    Lupinus, halb schon aus der Thr, war im Augenblick zurckgeschnellt, und
mit derselben Elasticitt verklrte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck, der das
grade Gegenstck zu dem whrend dieser peinlichen Unterhaltung war. Es war die
allmchtige Natur, welche die Folterbande gesprengt hatte.
    Die ging ja nach Leipzig - nach dem Vorfall -
    Das wei ich. Aber von da?
    Man sagte, nach Paris. Ah! ces souvenirs! Der Geheimrath von der Vogtei
ksste seine Finger.
    Wie eine Gazelle, sagte der Wirkliche.
    Und eine Taille!
    Quand elle pirouettait autor d'elle-mme -.
    En petit comit viel ravissanter, als hinter den Lampen. Diese Grazie!
    Augen wie eine tincelle.
    Et sont esprit!
    Witzig! Sie konnte fnf Mann todt machen.
    Et ses dlicieux petits pieds! Erinnern sich Herr Geheimrath noch an jenen
Abend, wie sie auf den Tisch sprang? -
    N'en parlons pas! Bovillard wehrte mit der Hand. Mit einem eigentmlichen
Blick setzte er hinzu. Mon cher conseiller, c'est  vous taire - et surtout 
prsent!
    A moi! Lupinus senkte die Augen, die Hand auf der Brust. D'ailleurs ces
souvenirs dureront plus que ma vie.
    Ja, sie hat manche Erinnerungen hinterlassen, schmunzelte Bovillard.
    Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen, setzte der Andere hinzu.
So was kommt doch nicht wieder. Sind Herr Geheimrath nicht auch der Meinung, es
verschlechtert sich Alles in der Welt.
    Es kann aber auch Einiges besser werden, sagte Bovillard. Noch einmal rief
er dem Scheidenden nach: Also, un peu plus de morale et - de modration.

                                Neuntes Kapitel.



                               Der dritte August.

Der dritte August fing in Berlin an ein Feiertag zu werden. Die Brger freuten
sich, da sie einen guten Knig hatten. Sie hatten lange keinen guten Knig
gehabt; denn der alte Fritz war wohl ein groer Knig, aber er war ein Frst
gewesen, den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte. Es verehrte,
es bewunderte ihn, aber den Brger schauerte, wenn er dachte, da er mit ihm auf
einer Diele, unter einem Dache stehen sollte. Der Mller von Sanssouci war ein
einzelner Mann. Und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grmlich,
und seine Kaffeeriecher drangen in die Huser und die Htten. Wenn er durch die
Linden ritt auf seinem alten Schimmel, liefen ihm die Kinder nach und schrieen
und waren glcklich, wenn sie die Sohle seines Stiefels, den Saum seines Rockes
anfassen konnten, auch leuchtete sein Auge noch immer gro und durchdringend,
und die Brger erstarrten in Ehrfurcht vor dem groen Knige, aber Liebe hat der
matte Strahl des groen Auges nicht mehr geweckt.
    Und als der groe Mann im Sterben lag, durchschauerte es auch wohl die guten
Brger, da so ein groer Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt
scheiden msse. Aber an seine groen Schlachten und, was noch grer, seine
Thaten fr den Staat, und da er die Seele dieses Staates gewesen, und ob eine
andre Seele und welche in diesen verlassenen Krper fahren werde, daran dachten
sie nicht. Den guten Brgern fiel es berhaupt nicht ein, da der Staat ein Leib
sei, der eine Seele braucht. Sie dachten vielmehr - ganz still - wenn der Alte
todt ist, hren die Kaffeeriecher auf, und vielleicht auch die Tabaksregie.
Unter diesen Gefhlen der guten Brger, die man spter die Gutgesinnten nannte,
entschlief der grte Mann seines Jahrhunderts. Wenn er's gewusst, vielleicht
htte sein letzter Seufzer geklungen: das hatte ich nicht verdient! Und darum
jubelten die guten Brger dem neuen, gtigen Knige entgegen, der auch wirklich
die Kaffeeriecher fortjagte, aber spter und sehr bald ward er kein guter Knig.
- Er starb in seinem Marmorpalais am heiligen See, einsamer als der groe
Friedrich in Sanssouci. Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Knige
und dem Volke.
    Und nun hatte man wirklich einen guten Knig. Durch viele Jahre war er
derselbe geblieben; es war Friede im Lande, keine Kaffeeriecher, den Tabak
kaufte man zu migen Preisen, die Geisterbanner und Frmmler waren
fortgeschickt, Handel und Gewerbe blhten, die Soldaten waren zwar noch
Soldaten, aber man konnte sich ja vor ihnen hten, und der Knig und die schne
Knigin fuhren so brgerlich geschmckt, so herzlich und zutraulich durchs Volk.
Keine Lufer, selten ein Vorreiter, oft in einer einfachen zweispnnigen
Kutsche. Das Volk fing an, diese Annherung zu verstehen und zu wrdigen, und -
es liebte seinen Knig.
    Darum war bald der dritte August, des Knigs Geburtstag, ein Feiertag
geworden. Sie gingen vors Thor, in die Schenkgrten, sie strmten aufs Land, in
die Drfer, die glcklichen Familien, welche die Sorgen abwerfen konnten, um
einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern.
    Auf dem Hochplateau, sdlich von Berlin, lag damals ein lndliches Dorf mit
hohen schnen, dicht umwipfelten Bumen, mit moosbewachsenen Schilfdchern und
einer alten gothischen Kirche von Granitquadern. Nur eine halbe Meile von der
Stadt, versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern, wo die Aehre im
Lehmboden ppig wucherte. Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben,
einst eine Besitzung der Tempelherrn, von denen das Dorf den Namen trgt. Diese
sind vor alten Zeiten schon von der mrkischen, und von der Erde berhaupt
verschwunden, und das Feuer, das ihre Edelsten verschlang, hat auch allmlig die
schnen Linden und Ulmen der Dorfstrae versengt und die Schilfdcher der Huser
verzehrt.
    Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bumen untersprengte Stadt. Aber auf
den ppigen Rasen, unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein
Spielplatz fr lndliche Lust, wie man ihn nur wnschen mochte. Wo konnte man
freiere Luft athmen, wo, hingestreckt im Grn, dem Spiel des Laubes, dem Gesang
der Vgel ungestrter lauschen! Wo wlbte sich ein prchtigeres Dach von Aesten,
um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen! Noch prangten die Drfer um die
Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirthshausschildern, noch lauerten die
Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte. Die Schenke war eine
Trinkstube und Kegelbahn, weiter nichts, die Familien kehrten bei den Bauern
ein, die sie vom Markte kannten. Und noch strmte nicht Alles hinaus, was an
Sonn- und Feiertagen die Werksttte schliet, um das Gerusch der Straen
drauen durch neuen Lrm in ersetzen und den Staub, den sie hinter sich
gelassen, durch wilde Spiele wieder aufzuwhlen.
    Es war eine Pilgerfahrt der Familien. Sie brachten eine sonntgliche
Stimmung mit. Man hatte sie lang' vorher besprochen. Man freute sich, einmal
unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern. Wie Wenige waren gereist und
hatten schnere Gegenden gesehen, und wie Viele hatten die Dichter gelesen und
konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schnen Natur. Auch wer das Theater
besuchte, was damals in den gebildeten Mittelstnden viel hufiger geschah als
jetzt, hrte und sah, wenn er es glauben wollte, da die Menschen in den Drfern
andere und bessere wren, als die in der Stadt, weil sie Gott und seiner Natur
nher sind. Wenn auch nicht bei den Schfern, doch in der Htte, die der
Fliederstrauch berschattet, sollte der Friede und das Glck des Lebens zu
suchen sein. Bei aller Blasirtheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung
durch Spott nicht wehren, ja sie erwehrte sich selbst ihrer nicht. Man musste
idyllisch sein.
    Wir sehen eine solche glckliche Familie den langen, beschwerlichen Weg
hinaus wandern. Sie steigen ber den Sand des Templower Berges, dann suchen sie
den festeren Fusteig, der neben der durchwhlten Strae, fast baumlos nach dem
Dorfe fhrt. Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel, und ihre Schritte sind
nicht leicht; auer der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Krben und Pompaduren
mit, was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll. Oft mu der Familienvater
das Taschentuch herausziehen, um den Schwei zu trocknen und oft hlt er still
und sieht, ob die Andern nachkommen. Da verstummt wohl das Gesprch, aber sie
bleiben heiter. Unter den schattigen Ulmen, welche die Avenue des Dorfes bilden,
hlt endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder, whrend der Vater sich
umsieht: Aber wo ist denn Adelheid? - Ach du mein, ruft die Mutter, da
trgt das Kind doch den schweren Korb der Jette. Hab' ich's ihr nicht verboten?
Die Adelheid aber hpft heran und setzt den Korb zu ihren Fen nieder:
Mtterchen, er war gar nicht schwer. Die Gluthrthe, die ihr Gesicht
berzieht, straft sie Lgen. Sie steht einen Augenblick athemlos. Aber
englisches Mdchen, wie konntest Du das thun! Der Vater schttelte den Kopf.
Aber als ihre Rthe verschwindet, weist die Tochter auf das Mdchen, das noch
rther gefrbt herankeucht: Die Jette konnte ja nicht mehr. Der Vater
murmelte: Dafr ist sie im Dienst, doch es schien ihm nicht Ernst; er klopfte
die Tochter auf die leuchtenden Schultern: Knpfe Dein Tuch zu, Du bist
echauffirt, und wir sind gleich im Dorf. Der Wind wehte in die alten Ulmen, als
wollte er die kleine Disharmonie weghauchen; die Jette nimmt wieder den schweren
Korb auf die Hfte und im Schatten der Bume geht der Zug munter weiter.
    Nun fngt der Festtag an. Die Hunde klaffen, als sie das leichte Gitterthor
in der Lyciumhecke geffnet. Adelheid kennt sie, und sie kennen Adelheid; sie
streichelt sie und sie wedeln zu ihren Fen. Aber es ist tiefstill im Gehft.
Die Flurthr ist nicht verschlossen, doch auch im Innern des Hauses kein
menschliches Wesen. Nur der graue Kater springt ber den Herd, und im Zimmer
schnattert der Staar in seinem Kfig, inde die Wanduhr monoton tickt. - Ach sie
sind Alle auf dem Felde! Und das Feld ist weit. - Dadurch scheint die
Lustbarkeit gestrt. Soll man die Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken?
Nein, der graue Kater, der vor den Eindringlingen durch die angelehnte
Kammerthr entflohen ist, zeigt ihnen ein anderes Auskunftmittel. Da liegt ja
die alte Gromutter im Bette. Sie ist schon etwas nrrisch und kann kaum mehr
sprechen, aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden, ihr Tne und
Verstndni zu entlocken. Ja, die Alte liegt noch da, stumpfsinnig lchelt sie,
wie zu allem, auch den Eintretenden zu, ihre Anrede ist ihr nichts anderes, als
das Ticken der Uhr. Aber sie gafft Adelheids Gesicht an, ihr Grinsen wird zum
Lcheln; sie mu sich neben sie setzen, sie streichelt ihre Locken mit der
drren Hand und wie durch die Berhrung allmlig elektrisirt, kommen Tne
hervor, minder kreischend. Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge. Sie
verstndigen sich, ein Wort, ein Blick und sie wissen, da die Hausfrau im
Kuhstall ist.
    Bald fhrt Frau Brsike vom Melken auf, denn ein seltsames Kikeriki schallt
ihr aus der Wandluke. Wetter! Wo kommen denn die Hhner her! und als sie sich
umwendet, blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden
Lockenflle, und die kirschrothen Lippen ffnen sich, um zwei Reihen Perlenzhne
zu zeigen und ein: Angefhrt mit Lschpapier, Frau Brsike! ihr zuzurufen. I,
so soll doch! ruft die Buerin und lsst den Melkeimer fallen, aber ihre
Ueberraschung ist keine unangenehme: Ach, die seelenhbsche Mamsell Adelheid
vom Gensd'armenmarkt! Auf dem Hofe aber hat eine andere Ueberraschung Platz
gegriffen, die nicht so angenehmen Eindruck hinterlsst. Das Dienstmdchen hatte
eben vom Schpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt, als
eine heftige Ohrfeige, die aus der Luft zu schwirren schien, ihre brennenden
Backen noch rther machte. Der Eimer schnellte aus ihrer Hand, und das Wasser,
das sie nicht trinken sollte, berschttete sie aus den Lften. Es geht doch
nichts ber die Unvernunft solcher Leute. Zu trinken wenn sie erhitzt sind! -
Das Mdchen weint, aber sie beklagt sich nicht. Der Hausherr hat das Recht. Auch
die Hausfrau widerspricht nicht: nur flstert sie ihrem Alten zu: Alter!
Solchen Leuten schadet es nicht. Das liebe Vieh trinkt auch, wenn es Lust hat
und frgt nicht, ob's die Doktoren verboten haben.
    Nun ist alles helle Thtigkeit inner und auer dem Hause. Jeder hilft mit,
denn mitarbeiten an der Herrichtung der Tafel zum Mittagstisch, ist ein Theil
der Freude. Jeder, nur der Vater nicht. Ihm wird der erste Schemel unter die
Linde gesetzt, da er in Ruhe seine Pfeife rauchen kann. Die Buerin will dem
Herrn Kriegsrath selbst die Kohle bringen, aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab.
Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft, und einige Zge versucht, kruselte
es sanft aus dem Meerschaumkopf, und aus den Lippen schieen Rauchwirbel
regelmig hervor. Die Pfeife zieht, alles ist in Ordnung, der Vater nicht
freundlich der Tochter zu, und sie flieht vergngt ins Haus.
    Was soll man zuerst ergreifen! Die Buerin eilt aus Heck, auf den kleinen
Hgel, und pfeift durch die hohle Hand nach dem Felde. Sie mussten es wohl
gehrt haben, denn bald wimmelt es von kleinen Semmelkpfen in Flur und Kche,
die ihr zur Hand sind. Da knarrt der Ziehbrunnen, das Reisig prasselt auf dem
Herde, bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes, die der lteste
Knab' noch eben im Hofe gespalten, und die Mutter aus der Stadt packt in der
Stube aus den Krben und Beuteln und vertheilt und bespricht mit der Hausfrau.
Aber eben so schnell tragen die Knaben und die Magd Tisch, Schemel und Bnke
aufs Grne unter die Linde. Es fgt und schichtet sich, wenn auch nicht ganz
regelrecht. Wie kann ein winklich gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen,
die ja rund ist! Das Tischtuch fliegt hinauf, die irdenen Schsseln und Teller
halten es fest, wenn ein Luftzug die Zipfel berschlagen will, und die Schsseln
fllen sich schon, nicht vom Reis, der noch ber dem Feuer siedet, aber von den
Lindenblthen, die der Zephyr von den Zweigen schttelt.
    Es war ein goldiger Tag. Die Hitze war nicht gering, aber auf den Krper des
Familienvaters, der ausruhen sollte von der Arbeit einer Woche, schien sie wie
ein Balsam sich zu senken. Seine Frau zog sich einen Schemel neben ihn. Drinnen
war alles geordnet, sie konnte es den andern berlassen, und den Strickstrumpf
vorholen, um auch der Ruhe zu pflegen.
    Es hat Dich aufgeheitert. Du warst heut Morgen anders, sagte sie; noch
als wir zum Thor hinausgingen, sahst Du vor Dich hin, da ich wunders dachte,
was es wre.
    Und Du eiltest so aus dem Thor, da ich auch dachte, wunders was es wre.
    Sie lie den Strickstrumpf sinken: Ja, sieh mal, ich htte es nicht gern
gehabt, wenn uns Einer begegnet wre. Denn eigentlich, es ist doch nicht, was
sich fr uns schickt, ich meine nmlich fr Dich. Ja, als Du noch Subalterner
warst - aber nun, und wer wei, was Du noch wirst, da der Justizminister es mit
Dir so gut meint.
    Der Ehemann blies einen langen Dampf in die Luft und lie die Pfeife am Fue
ruhen: Das ist nicht immer ein Glck. - Schickt sich Gottes Natur nur fr die
Subalternen, fr die Vornehmen aber nicht?
    Wie Du wieder bist, Mann! Ist nicht Gottes Natur auch in den Zelten und im
Hofjger? - Ins Freie raus ist recht hbsch, ja, und ich sage gar nichts
dagegen, aber so zu Fu mit Sack und Pack! - Das schickt sich doch nicht mehr.
    Er war bei guter Laune: Nchstes Mal wollen wir einen Wagen nehmen.
    Sie nahm die gute Laune wahr: Es ist mir auch schon recht, da Du lieber
hier raus wolltest, als nach Charlottenburg, denn da sind immer unterwegs die
Soldaten und die Gensd'armenoffiziere flankiren in den Grten nach hbschen
Gesichtern, und Du hast schon recht, hier heraus kommen sie nicht geritten,
weil's zu sandig ist und die vornehmen Equipagen nicht herfahren, aber sieh mal,
unsre Kinder werden doch jetzt grer, besonders die Adelheid - Was siehst Du
denn so besonders dahin?
    Ich freue mich, da die Adelheid so gro geworden ist.
    Ist Dir sonst was Besonderes?
    Ja, ich habe Lust nach was Besonderm, nickte er, denn ich bin durstig.
    Die Erklrung des Besonderen schwebte schon heran. Adelheid kam aus dem
Kruge mit einem Glase Weibier. Wer ein Glas Weibier, das berliner groe Glas,
welches in der populren Sprache nicht mit Unrecht eine Stange heit, gesehen
hat, wie der Schaum, wenn es gut eingegossen, noch einige Zoll ber den Rand
steht, und der Porzellandeckel mit seinem Knopf am Rande des Glases schweben
mu; - und wer die Unebenheit des Weges und die Entfernung erwgt vom Kruge bis
zur Linde, der konnte sich ber Adelheids Geschicklichkeit wundern, ein Knstler
aber wrde sich gefreut haben, mit welcher Grazie sie das Glas trug.
    Die schnen Formen des Mdchens entwickelten sich bei jedem Schritt, und mit
jedem trat sie, zuerst vorsichtig ausschreitend, sicherer auf. Als sie aber, die
Anhhe unterm Baume hinaufsteigend, das Glas mit beiden Armen erhob und dem
Vater zulchelte, glich sie doch dem Meisterwerk eines griechischen Meiels, der
Hebe, die den Gttern die Schaale reicht.
    Da Dir's gut bekommt, Papachen!
    Der Vater setzte an und leerte ein gutes Viertel in einem Zuge. Er reichte
es der Tochter, weil sie als Botenlohn das nchste Recht habe. Sie nippte und
reichte das Glas der Mutter.
    Ich mag nichts, die Mutter musste ja stricken.
    Alte, trinke. Schluck runter, was Dich verdriet.
    Sie durstete auch. Sie wollte nur gezwungen nippen, aber sie trank. - Den
Unmuth hatte sie nicht ganz hinuntergeschluckt, als sie das Glas zurckgab.
    Die Adelheid in den Krug zu schicken! Das ging wohl an, so lange sie die
Flechten im Nacken trug. Und weit Du denn, ob nicht Soldaten im Kruge sind!
    Der dritte August, oder die warme Sonne, oder das Spiel des Lindenlaubs
musste auf der Brust des Kriegsraths das Erz geschmolzen haben. Er fuhr die Frau
nicht an, worauf sie doch gefasst war, er sagte nicht, sie solle sich um das
bekmmern, was sie anginge, - er gab ihr Recht. Aussprach er es nicht, aber er
zupfte der Lieblingstochter am Ohr: Die Clara soll das Glas nachher
zurckbringen und das Pfand einlsen.
    Vater, es sind im Krug keine Soldaten. Aber den alten Major Rittgarten traf
ich da mit dem steifen Beine. - Der lsst Dir sagen, nach Tisch will er uns auf
eine Tasse Kaffee besuchen. Er freute sich, mich zu sehen, und freut sich noch
mehr, mit Dir ein halb Stndchen zu plaudern.
    Ich will gar nichts damit gesagt haben, Alter, da Du durstig warst und mal
einen guten Trunk Dir machen wolltest, sagte die Frau, als die Tochter
fortgehpft war, auch meinethalben mochtest Du sie schicken, aber thue doch die
Augen auf; sie wchst ja aus den Kleidern raus, und wir thun noch immer, als ob
sie ein Kind wre.
    Ist geboren in der Nacht, wo der Gensd'armenthurm einstrzte, sagte der
Kriegsrath. Das vergit sich nicht und lsst sich leicht ausrechnen.
    Nun ja, siehst Du, fr uns kann sie immer noch ein Kind sein, aber was
sollen die Leute drauen sagen! Die kurzen Rckchen, das passt doch wirklich
nicht mehr.
    Nach einer kurzen Pause sagte der Vater: Soll andere Kleider bekommen,
hab's schon in meinem Etat mir zurecht gelegt.
    In solcher nachgiebigen Laune war er seit Jahren nicht gewesen. Ein Eisen
mu man schmieden, so lange es hei ist.
    Sie spricht auch noch manchmal wie ein Kind.
    Ist Dir das wieder nicht Recht? Soll ich das auch anders machen?
    Du nicht, Alter, nein, aber die Erziehung. Die Nhschule und die andere,
nun ja, so lange ging es. aber wir sind doch nun was anderes. Das Bischen
Franzsisch, das ist ja gar nichts. Sieh mal des Inspektors Tchter, die ber
uns wohnen, wie parliren die schon! Und wovon sprechen sie nicht, wenn sie in
Gesellschaft sind, von rmischer Geschichte und Bonaparte und Afrika, und von
dem Dichter Schiller wissen Dir die Tischlertchter drben ganze Gedichte
auswendig. Mir ist da oft zu Muthe, als msste ich mich verkriechen, weil ich
davon nichts gelernt. Nun, ich bin eine alte Frau, oder werde's doch werden,
aber um die Adelheid thut's mir oft in der Seele weh, wenn sie so gar nicht
mitsprechen kann. Nicht einmal einen Roman hat sie gelesen und ein einziges Mal
ist sie in der Komdie gewesen. Gott sei Dank, sie hat Mutterwitz, da sie's
ihnen geben kann, und darum behlt sie Respekt. Aber, lieber Mann, franzsisch
muh sie lernen und ein Bischen auf dem Klavier klimpern und vor allem tanzen.
    Der Vater passte drei Mal heftig, und schlug sich auf den Schenkel: Tanzen
soll sie nicht lernen! Und Romane und franzsisch parliren und klimpern auch
nicht. Da Dich! Ich werf's zum Fenster hinaus, wenn ich was attrapire. Und - in
die Tanzschule schicke ich sie absolut nicht.
    Sie lie ihn sich erholen: Da hast Du auch ganz recht, Alter, hub sie,
ihre Maschen zhlend, wieder an, und sie wird schon ohnedem tanzen lernen, denn
sie hat ein Geschick dazu, und wenn sie nur erst in einem guten Hause ist. Aber
sie wird doch lter und ein Mal wird sie heirathen mssen. Der Sohn vom
Hofbronceur, der mchte sie gern haben. Die Eltern sind reich. Nun ja, wenn Du
sie dem geben willst, da braucht sie nicht mehr zu lernen.
    Der Vater schwieg wieder: Sie konnte ihn ja nie leiden.
    Und weit Du, was die Jette sagt? Sie htte doch bei vielen Herrschaften
gedient. Aber eine solche Mamsell wre ihr noch nicht vorgekommen. Die stche
manches Frulein aus; auch manche Grfin htte nicht so seine Art. Du bist doch
nun einmal Kriegsrath, und wir mssen in Gesellschaften. Sollen wir die Adelheid
immer zu Haus einschlieen? Du siehst es freilich nicht, wie sie zu uns rauf
gaffen, wenn sie am Fenster strickt, und ich hab's Dir nicht sagen wollen, vom
Bcker nebenan, oben auf dem Boden, kann man in unsere Schlafstube sehen. Da
steigen die jungen Herren vom Kammergericht, die Referendare, die beim Bcker
wohnen, hinauf und sehen runter, wenn wir Licht anmachen. Seit ich's wei, darum
hab' ich Dir die dicken Vorhnge abgeschwatzt. Aber willst Du sie immer
behten?
    Der Kriegsrath antwortete nicht.
    Du hast schon ganz recht. Wenn wir sie in Gesellschaft fhren, da wird's
ein groes Gaffen geben, und die Herren werden um sie schwenzeln. Aber ich wei
doch nicht Alter, ob sie da besser dran ist, wenn sie nicht franzsisch kann und
nicht Klavier spielen, und wenn die Leute endlich merken, sie ist ein Gnschen,
mit der kann man schon was aufstellen, oder, -
    Der Kriegsrath war aufgestanden. Die Pfeife stellte er an den Baum, seine
Frau nahm er unter den Arm. Sie gingen unter den Linden langsam auf und ab, und
er klopfte ihr auf den Arm: Du bist schon eine kluge Frau. Sie hatte gesiegt.
Sie waren einig, da Adelheid eine Erziehung erhalten msse, um in der Welt
aufzutreten. Weniger einig waren sie ber das wie? Davon ein ander Mal, sagte
der Kriegsrath. Aber sie hielt pltzlich inne und sah ihn gro an: Alter,
dahinter steckt noch was andres. Gestern Abend kamst Du nachdenklich nach Haus
und Du fragtest nach der Pfeife und hieltest sie schon zwischen den Beinen und
heute Morgen auch, Alter, da ist was los. Sonst httest Du auch nicht so schnell
nachgegeben.
    Der Kriegsrath sah seine Frau scharf an, aber nicht unfreundlich:
Christine, es ist was los, - eigentlich soll man Frauen so was nicht sagen, bis
es gewi ist, aber ich wei, Du plauderst nicht. Der Geheimrath Lupinus von der
Voigtei -
    Wird kassirt, fiel sie ein, weil die Gefangenen die Fensterscheiben
eingeschlagen haben.
    Es ist mglich, da er sein Amt verliert, oder seine Entlassung nehmen
mu, korrigirte der Kriegsrath. In diesem Falle gedenkt seine Excellenz, der
Herr Justizminister -
    Dir - Dir, Mann! rief sie verwundert. Siehst Du wohl, was Konnexionen
machen! Ich wei es von mehr als Einem, wie Dir der Herr Justizminister gewogen
sind.
    Ich verdanke ihm meine Stellung, das wei ich. Eigentlich wre das nun
nicht meines Amtes, noch ist's meine Karriere; aber Excellenz haben die gute
Meinung von mir, da ich der rechte Mann wre, um dort die Zucht und Ordnung
herzustellen.
    Und Du nimmst sie doch an?
    Still! gebot ein fast drohender Blick. Die Sache mit Lupinus ist noch
nicht entschieden. Und wenn, soll ich mir wieder neue Neider und Feinde machen?
Denn wie Viele, Wrdigere, wrden um mich zurckgesetzt!
    Die Frau Kriegsrthin wusste sehr viele Grnde, warum er annehmen msse; sie
wusste, da er ganz zu dem Posten befhigt sei, denn daran zweifeln, hiee ja an
der Autoritt seines hohen Vorgesetzten zweifeln, der werde es doch am besten
wissen, wozu er tauge. Und um die Andern kmmere sie sich gar nicht. Und,
schlo sie, Du wrdest dann auch Geheimer - Sie erschrak und verschluckte das
Wort. Aber -
    Aber einig wurden sie doch. Die Adelheid sollte franzsisch lernen, und ein
Lehrer im Hause angenommen werden, fr Geographie und Geschichte und was sonst
so nthig ist, damit man nicht dumm in der Gesellschaft ist. Dazu gab der Vater
die Einwilligung. Klavierspielen - auch das - aber Aesthetik! Ja, Gellert und
auch Brger und vor allem der treffliche Gleim! Er konnte alle seine
Preuenlieder auswendig. - Mann! Mann! sagte die Mutter, da lcheln sie ber
uns. Sie sprechen immer nur ber Schiller und Goethe und Tiedge! Die mu sie
kennen lernen. Gegen Schiller hatte der Kriegsrath nichts einzuwenden; die
Knigin liebte diesen Dichter, und er hatte erfahren, da auch der Knig sich
einmal gnstig ber ihn geuert. Und Goethe lie er passiren, sein Gtz von
Berlichingen hatte ihm wunderbar ums Herzl geklungen. Solche eiserne Hand thte
unserer Zeit noth! Aber Tiedge, der sollte ja extravagante Ideen, und die ganze
junge Schule unsittliche Grundstze predigen. Darber wusste die Mutter nicht
Auskunft zu geben, sie hatte nur gehrt, da er ein frommes und himmlisches
Gedicht geschrieben, was Orania heit, und ein anderes, was die Verkehrte Welt
heit. Das wre nicht so gut; dafr wre er aber der Verfasser von sehr hbschen
und moralischen Kindermrchen. Im Uebrigen, meinte sie, was sich fr junge
Mdchen schickt, werde wohl der Lehrer am besten wissen.
    Damit war auch der Vater einverstanden, auch da Adelheid in bessere
Gesellschaft gebracht werden sollte. Nur ber die Familien, wo man sie einfhren
sollte, war man in Streit. Endlich schlo der Vater: Meinethalben, wo Du
willst, denn Du kennst die Frauen besser als ich; nur nicht, wo sie Romane
findet und Offiziere.

                                Zehntes Kapitel.



                                 Die alte Zeit.

Mit einem Schlag auf die Schulter, rief eine Stimme hinter ihm: Und warum keine
Offiziere, alter Schwede! - Willst am Ende auch mit mir nicht mehr umgehen?
Meinst, ich knnte Deine Tochter verfhren! So seid Ihr Menschen am grnen Tisch
und hinter den Bchern, lasst Euch einen Schreck vom ersten Besten einblasen und
weil Ihr nicht die Augen aufzuschlagen wagt, um dem Ding in's Gesicht zu sehen,
vermeint Ihr, es sei Wunder was. Ich sage Dir, wer nicht der Gefahr entgegen
geht, der ist schon halb verloren. Was wre Preuen, wenn wir abgewartet htten,
bis die Oesterreicher und die Franzosen und Russen den siebenjhrigen Krieg
anfingen? Da wir nicht die Hnde in den Scho legten, da wir nicht abwarteten,
bis der liebe Gott es so schickte, da wir in ihr Gespinnst drein schlugen, eh's
zum Netze ward, das hat uns Glck gegeben, uns stark gemacht und gro. Wre der
alte Fritz ein Duckmuser gewesen, und htte gewartet und gelauert, bis die
Anderen angegriffen, dann htte der liebe Gott ihm auch nicht beigestanden, und
was aus unserm Preuen geworden, das wei der Teufel.
    Ein herzlicher Hndeschlag folgte dem Schulterschlag. Auch mit der Frau
Kriegsrthin: Reden Sie meinem Manne nur ein Bischen ins Gewissen rein, Herr
Major, 's thut zuweilen Noth, wenn er gar zu zipp ist. Sonst ist's ein guter
Mann. Und zu Tisch bleiben Sie doch unser lieber Gast? Es wird gleich
angerichtet.
    Dante schnstens, Frau Kriegsrthin, habe meinen Speckeierkuchen schon im
Kruge verzehrt, aber ein Glschen Wein, da ich so was im Korbe flimmern sehe,
und auf des Knigs Gesundheit, das schlgt ein guter Soldat und Unterthan
niemals aus.
    Der Invalide konnte doch nicht lange stehen, zum einen Schemel unter der
Linde war ein zweiter gerckt, und als die Wirthin sich empfahl, um in der Kche
nachzusehen, dampften schon zwei Pfeifen.
    Es kann doch nicht Dein Ernst sein, sagte der Kriegsrath. Denn wer kennt
besser unsere Offiziere als Du!
    Freilich kenne ich sie, ich habe sie jedoch auch gekannt, als sie noch
andere waren. Aber das wei ich auch, je mehr Ihr Euch von ihnen zurckzieht, um
so schlimmer wird's. Auch die Soldaten waren nicht so arg, als Friedrichs Auge
noch ber sie wachte. Doch das thut's nicht allein. Wenn Ihr nicht vor ihrem
Anblick liefet und die Thren zuschlgt, wo einer nur von fern sich blicken
lsst, wenn Ihr ihnen offen entgegentrtet, ein ernst Wort mit ihnen sprchet,
so wrdet Ihr manches anders finden, als Ihr denket. Sie sind auch Menschen,
aber wenn Ihr sie nur als Vogelscheuche betrachtet, das macht sie wild und
boshaft.
    Aber Du giebst mir doch recht, da man ein junges Frauenzimmer vor den
Offizieren wahren mu. Vor allem eines, das noch unerfahren ist?
    Da schlgst Du Dich selbst. Ein junges Frauenzimmer, das sich zu benehmen
wei, luft weit weniger Gefahr, als eins, das schon vor Schrecken aufschreiet,
wenn's einen Federbusch sieht, weil die Mama ihm gesagt, es soll sich davor in
Acht nehmen, wie vor einem Raubthiere. Denn das sind unsere jungen Offiziere,
wenn's auch nicht mehr dieselben, doch nicht. Ich sag's grad heraus, Ihr Herren
von der Feder und die anderen, Ihr habt sie verderben helfen. Warum macht Ihr
ihnen berall Platz und weicht vor ihnen zurck, wo Ihr's nicht nthig hattet.
Ist's nicht eine Schande, wenn ein alter Kriegsrath oder ein ehrenwerther
Kaufmann mit grauem Haar vor einem Lieutenant oder gar einem Fhnrich ausweicht?
Wo steht's denn geschrieben, da es so sein soll? Wenn Ihr ihnen nicht immer das
Feld lieet, und das Maul schlsset, sondern grab 'raus den jungen Herrchen die
Wahrheit sagtet, nun je Einer oder der andere wrde ein Mal anlaufen, aber im
Ganzen wrde es anders, wenn sie wssten, da sie unter den Civilisten auch
ihren Mann fnden. Darum dominiren jetzt die Uniformen, wo sie mit den Fracks
zusammen kommen, und die trennen sich immer mehr, die doch bestimmt sind,
zusammen zu halten als Brder und Glieder eines Volkes.
    Es ist seltsam, einen alten Offizier so reden zu hren.
    Es war nicht alles gut unter dem groen Knig, aber es war anders. Sein
Auge war ein Etwas, was das trge Blut in Bewegung brachte. Es war berall, wenn
er auch nicht zugegen war. Man stellte sich vor, wenn man etwas that oder
unterlie, da der Knig es gesehen haben knnte, man fragte sich, was er wohl
dazu gesagt, wie er geurtheilt htte, und das gab eine Disziplin, die kein
Kommando macht. Er war ungerecht. O ja, er ist es oft gewesen. Aber wer von ihm
litt, der setzte einen Stolz darin, da er litt; er dachte sich, eigentlich wei
es wohl Friedrich jetzt, da er dir unrecht gethan, aber er kann's oder mag's
nicht ndern, um der Autoritt willen, oder aus Eigensinn. Das Gefhl that dann
wohl, wie das pour le mrite-Kreuz auf der Brust. Man litt um seinen Knig und
durch seinen Knig, und der Knig wei es auch, und trgt vielleicht noch
schwerer daran.
    Den Orden trgst Du auch.
    Den, da ich ein Brgerlicher war. Ein Leiden lsst sich schon tragen, was
viele Hunderte mit uns tragen.
    Bei Torgau war es ja wohl!
    Da fiel der Major, der mein Regiment kommandirte, und schon der dritte, der
mir vorgezogen war. Fiel auf den ersten Schu. Ich kommandirte, es war nun mal
kein Anderer da, und nahm das Fichtenwldchen. Die Herren gratulirten mir schon:
diesmal komme ich doch nicht zu frh, Herr Major? sagte der alte Ziethen, der an
mir vorber ritt. Kam doch zu frh. Der junge Kapitn - was soll ich in meinem
Groll einen Ehrenmann nennen! - der noch Page beim Knig war kurz vor Ausbruch
des Krieges, ward Major auf dem Schlachtfeld, und erhielt nachher als Obrist das
Regiment, hatte es gewi verdient, und was konnte er dafr, da die Uebermacht
auf ihn fiel und ihn aus der Schanze trieb. Friedrich wusste es, hatte ihn vom
Pferde strzen sehen, berreiten und wieder aufsitzen; so war er blutend und zu
den Seinen zurckgekehrt.
    Jedermann giebt Dir das Zeugni, da Du es auch verdient hattest,
Rittgarten. Ich habe viele brave Offiziere gesprochen.
    Wer sagt denn, da es Friedrich nicht auch dachte. Aber er hatte mich zwei
Mal bergangen. Wenn er es nun zum dritten Mal anders machte, strafte er sich ja
selbst. So wird der Knig gedacht haben, und darum avancirte ich nicht auf dem
Schlachtfeld und erhielt nicht das Regiment. Er lie mich nachmalen fragen, ob
ich nicht ein paar Freibataillons kommandiren wolle, die sich damals ber der
Elbe bildeten; und hatte wohl die Absicht, da ich dann avanciren sollte. Ich
lie gehorsamst mich bedanken fr die gndige Attention, mein ganzes Leben aber
wre regulr gewesen, und so mcht' ich's auch gern zu Ende bringen. Da hat
Friedrich gelacht, ich wei es, und hat gesagt! Der ist ein Starrkopf, so soll
er's haben! - Siehst Du, das war so viel fr mich als ein Orden! - Nachher hat
er mich wohl vergessen. Aber ich habe noch einen Orden von ihm.
    Du!
    Es war sein Sterbejahr. Mir ahnte es. Da hatte ich keine Ruhe mehr. Wenn
ich ihn noch einmal sehen knnte! Hatte lngst meinen Abschied, wie Du weit.
Jetzt war ich Major, ein Invalidenmajor. Reiste nach Potsdam und ging nach
Sanssouci hinaus. Das Glck wollte mir wohl. Ein alter Kammerdiener, den ich
kannte, lie mich auf die Terasse. Es war ein sonniger, schner Nachmittag, wie
heut; nur noch schner, es spielte so was wie Duft in den Orangenbumen, die
Sperlinge zwitscherten. Der Knig sa an der offenen Glasthr in seinem
Lehnstuhl, den Pelz bergedeckt. Sie wollten ihn zum letzten Mal die Luft dieser
Erde recht frisch kosten lassen. Vor sich sah er nun, was er geschaffen hatte,
und darber hinaus den blauen Himmel, den der liebe Gott geschaffen hat. Die
Kieferwlder in der Ferne bewegten sich. Mir war's, als htte ich beten mgen.
Und ich mu auch wohl die Hnde gefaltet haben. Wollte stehen bleiben da in dem
Winkel, wo die Hunde begraben liegen. Da klopfte der Wachthabende, der's mir
wohl ansah an dem blauen Ueberrock, da ich auch Soldat gewesen - oder hatte es
ihm der Kammerdiener gesagt? - er klopfte mir leis auf die Schulter: Gehen Sie
nur immer vor, und sehen sich Ihren Knig noch einmal au, er schlft fest. Wer
wei, ob er wieder erwacht. Er stie mich sanft vor. - Das war ein eigen Gefhl.
Mir klopfte das Herz, wie da ich zum ersten Mal ins Feuer kam; aber zugleich war
mir so ruhig, so sonntglich zu Muth. - Nun stand ich vor ihm, nicht zehn
Schritt entfernt, die Sonne wollte hinter die Bume sinken. Gott wei, was ich
dachte! Einmal war's mir, als wrde er, wenn sie sinke, auch die Augen
schlieen, und dann wrde es Nacht werden, und Alles, was er geschaffen, mit ihm
untersinken. - Und das Gesicht des Schlafenden! - Was lag darin! Herr du mein
Gott, was konnte Einer darin lesen! Die Lippen bewegten sich ganz leise, als
sprche er im Traume. Nun schlug er pltzlich das groe Auge auf. Er sah mich.
Ich stand wie eingewurzelt, den Hut presste ich in der Hand, und htte mgen in
die Erde versinken. Da ffnete er die Lippen: Ihn kenne ich auch - bei Torgau -
verge er mich nicht Sah mich wohl, wie auch im Traum, der vor ihm gaukelte,
denn er schlo sie wieder. Nur die Finger machten eine leise Bewegung. War's ein
Wink fr mich, oder was war es? Da hub das Glockenspiel in Potsdam an, die Sonne
war hinter die Bume gesunken, der Schatten fiel auf den groen Knig, und ich
wei nicht mehr, wie ich fortkam.
    Der alte Major hatte etwas mit dem Finger am Auge zu thun; der Kriegsrath
ebenfalls. Es entstand eine Pause. Auch schienen ihre Pfeifen in Unordnung
gerathen, denn beide Herren zogen sehr eifrig, und benutzten den Rest der Pause
dazu, dicke Wolken in die Luft zu blasen. Und dann war alles wieder in Ordnung.
    Einem auerordentlichen Manne mu man schon Manches nachsehen, hub der
Major an, was man einem gewhnlichen Menschen nicht verziehe. Dafr ist er ein
groer Mann. Und wenn Friedrich heut lebte, so wrde er wohl anders urtheilen,
und nicht noch weinen, da ein Brgerlicher nur unter den Husaren gut ist, nur
unter der Artillerie zum Offizier taugt. - Und da er dem jungen Herrn, der sein
Page gewesen, mein Regiment gab, daran hat er ganz recht gethan, oder meinst Du
anders? Ist er nicht ein General geworden, der dem Staat Ehre gebracht hat?
Warum ward der Bonaparte ein groer Feldherr, warum hat er um sich eine Schule
guter Generale? Weil er's mit der Anciennitt nicht genau nimmt, weil er die
Tchtigen sich herausgreift, wo er sie findet, weil er auf dem Schlachtfelde
avanciren lsst, wie's ihm grade zu Muth ist. Da ist Salz, da ist Blut im Heere,
er fragt nicht nach Glauben und Herkommen und alten Ansprchen. Jeder hat
Aussicht, da er's bis zum General bringt, und noch weiter, wenn er seine
Schuldigkeit thut, oder noch mehr. Wenn das nicht gute Soldaten machen mu! Fort
mit den Steifen und Alten, in die Magazine und in den Train; vorwrts mit den
Jungen!
    Der Kriegsrath sah ihn verwundert an: Damit tadelst Du ja Friedrich; er
that es nicht.
    Der alte Fritz wusste, was sich schickte und was er brauchte. Er hatte es
mit einem Daun zu thun, und seine Ziethen und Seidlitze wusste er wohl zu
brauchen, wo andere Feinde sich zeigten. Und wie ich Dir sagte, es war sein
Auge, seine Presence, die das Blut wieder umrhrte, wo es stockig ward. Seitdem
ist's schrecklich stockig geworden, sonst wren wir nicht im Lehm festgeklebt in
der Champagne, und seit dem Baseler Frieden ist's noch rger.
    Der alte Major wollte noch mehr sagen, aber er that's nicht mit Worten, er
klopfte mit dem Meerschaumkopf so stark gegen seinen hohen Stiefel, da die
Pfeife ausging. Es war auch nicht mehr Zeit zum Rauchen und zur Konversation,
die Magd trug, begleitet von den jubelnden Kleinen, die rauchende Schssel
Milchreis auf den Tisch. Clara sprach das Gebet, und die Mutter streute einen
Staubregen von Zimmt und Zucker ber die Schssel. Ein Ah! der Verwunderung und
Freude ging durch den Kreis der Kleinen: Das ist ein Sonntag! Das ist Festtag!
Sie blickten den Major verwundert an, nicht einmal Milchreis mit Zucker und
Zimmt wollte er genieen!
    Als die Bauerfrau mit beiden Armen einen Napf mit dampfenden Kartoffeln in
der Schaale auf den Tisch trug, die, aufgesprungen, ihre wrzige weie Flle
entfalteten, ward das Ah! noch lauter. Aber wie erschrocken blickten sie auf den
Vater, als dieser pltzlich die Hand auf die Schssel legte: Halt, Kinder! Ist
es denn schon polizeilich erlaubt? Mich dnkt, das ist erst vom fnfzehnten
August ab.
    Die Buerin gab die Versicherung, sie drften jetzt schon vom ersten August
ab frische Kartoffeln zu Markte bringen, und sie meinte, es werde knftig noch
frher erlaubt werden, weil die Kultur fortschreite.
    Dann schreiten wir doch in einem Ding fort! sagte lchelnd der Major.
Hab's mir auch so gedacht, wenn ich bedenke, wie sie jetzt die Kriege fhren.
Ach, die Kchenwagen, die wir mitschleppen mussten, und die Magazine, die der
groe Friedrich anlegte! Das kostete ein Heidengeld, und ein Fuhrwesen! Der
Bonaparte bestellt seine Magazine in Feindes Land, ohne da es ihm einen
Groschen kostet, und eher fngt er den Krieg nicht an, als bis sie fertig sind.
    Wie meinst Du das?
    Er lsst nicht frher ausmarschiren, als bis die Kartoffeln reif werden. Da
finden seine Soldaten ihre Magazine berall auf dem Felde. Aber sie buddeln und
kochen sie auch im Juli, ja, wenn sie Hunger haben, schon im Juni. Kriegsrath!
nicht wahr, das ist abscheulich, so gegen die Polizeiordnung zu handeln, wenn
man hungert.
    Ich finde es nur einem guten Patrioten kontrair, Herr Obristwachtmeister,
wenn man immer den Feind im Munde hat und ihn lobt.
    Was, Feind! Kriegsrath! Er ist unser Alliirter, bedenke das Landrecht, da
steht was von Landesverrath drin, wenn man gegen alliirte Mchte raisonnirt. Und
ein wie gromthiger Alliirter! Fordert nichts von uns, sie sagen, er schickt
sogar recht viel ins Land. Und rings um uns her stubt er und fegt, und macht
uns los von anderen lstigen Alliancen, bis wir mutterseelenallein auf der Welt
dastehen. Da wird er uns dann aus Herz fallen und drcken: Du liebes Preuen,
nun hindert mich nichts mehr Dir zu sagen, wie ich Dich so recht herzinnig und
ganz besonders geliebt habe!
    Der Frau Kriegsrthin ward bange bei dem Gesprch. Sie verstand es nicht,
aber der Instinkt sagte ihr, es sei anders gemeint, als gesprochen, und sie sah
eine hliche Falte auf der Stirn ihres Mannes. Da sah sie auch pltzlich die
Bienen, die sie brigens viel frher htte sehen knnen, denn sie summten
unverschmt um Glser und Teller: Jemine, Herr Obristwachtmeister, da ist sie
in Ihrem Glase. Schtten Sie aus, das ganze Glas - frisch zu - Sie mssen mit
reinem Wein des Knigs Gesundheit trinken.
    Der schne alte Franzwein! sagte der Major, als er das Glschen auf die
Erde trpfeln lie. Der ghrte gewi schon im Fa, als ich bei Robach die
Schrpe verdiente. Er hielt pltzlich inne, als er die Wespe mit dem Finger
hinausgeworfen. Alter Freund! ein frisch Glas auf den jungen Knig, aber jetzt
sto an mit dem Restchen: da Preuen noch einmal ein Robach erlebt!
    Es war die Vershnung. Der Kriegsrath verstand es, er fuhr aber so heftig
gegen das Glas des Majors, da es einen Sprung bekam: Thut nichts! Ein neues
Robach, wenn ich's auch nicht erlebe.
    Um nicht aus einem gesprungenen Glase des Knigs Gesundheit zu trinken,
musste ein neues herbeigeschafft werden. Dazu kamen andere Unterbrechungen. Die
Jette trug lachend eine verhllte Schssel auf. Die Mutter hob das Tuch, und als
die Kirschkuchen sichtbar wurden, war die Ordnung am Tische nicht mehr zu
erhalten. Gieb ihnen die Kuchen und la sie laufen, sagte der Vater, sie
haben doch keine Geduld mehr, und stren uns nur. Dazu erschallte Trompeten-
und Paukenmusik von einem Dorfende. Es war lebhafter im Dorfe geworden,
Equipagen fuhren vor, aus der Schenke tnte militrische Musik!
    Mein alter Dessauer! sagte der Major. Verzeihung, meine Freunde, wenn ich
da zu meinen alten Kameraden mu.
    Aber vorerst das Glas auf den Knig, Alter.
    Der Major erhob sich. Er sammelte sich zu einem Spruch, indem er in die
Wipfel sah. Es strahlte nicht mehr das Gold der Mittagssonne im Laube. Eine
schwarze Wolke fuhr gerade ber den Horizont. Es war sehr hei, der helle
Schwei perlte ihm auf der Stirn. Indem er ihn abtrocknete, verweilte er an den
Augen. Er mute auch da etwas zu trocknen haben.
    Du helle Sonne, die Du auf ihn schienst, den Einzigen, Herr Gott, wenn Du
untergesunken wrst mit dem Licht seiner Augen, und es wre wirklich Nacht
geworden. -
    Er sprach's mit feierlicher, aber zitternder Stimme; es war nicht, was er
sprechen wollte. Darum hielt er wohl inne, das Glas in seiner Hand zitterte. Der
Kriegsrath sah ihn ngstlich an, die Kriegsrthin nach der Flasche, ob er zu
viel getrunken.
    Da schmetterte heiter und lustig das Reiterlied aus dem Kruge. Er fuhr fort:
    Nein - nein - es wird wieder Tag werden. Das alles kann nicht untergegangen
sein - es kann nicht, es kann nicht. Es schlft nur eine Weile. Und wir werden
aufwachen, und andere Augen werden strahlen. Unser junger, lieber,
brgerfreundlicher Knig, meine Freunde, da die Sonne Preuens vor ihm aufgehe,
da sein Auge hell aufgehe, das Gute vom Bsen zu unterscheiden, da sein Sinn
sich krftige und sthlern werde gegen die Rathschlge der Weichherzigen, der
Schmeichler und Bsen, unser guter junger Knig soll leben hoch in aller Preuen
Herzen.
    Man stie an, und die Glser klangen auch ziemlich hell, aber die innere
Bewegung des Invaliden hatte sich den Andern mitgetheilt, es war kein frhlicher
Glserklang, wo man den Becher mit vollem Herzen anstt. Auch ward es laut im
Dorfe; eine spanische Reitermusik mischte schon ihre bizarren Tne mit den
schmetternd kecken des Dessauer Marsches. So ward eine kleine Disharmonie.
    Der Major nahm kurz mit einem Hndedruck Abschied, die Buerin deckte rasch
den Tisch ab. Es konnte ein Gewitter kommen, und es war eine Reiterbande im
Dorf. Man musste sich vorsehen.
    Im Staube sah man auch schon eine bunte Fahne schwingen, und ein Reiter im
sogenannten spanischen Kostm ritt mit einem Trompeter durch das Dorf, in
gebrochenem Deutsch zu einem nie gesehenen Schauspiel, expre zu Ehren Sr.
Majestt des Knigs einladend, und umwogt von einer zahllosen Menge groer und
kleiner Zuschauer trottete ein Kameel heran, einen Affen mit rother Jacke auf
dem Sattel, und ein Br in Ketten marschirte hinterher, zum unendlichen Jubel
der Jugend, dann und wann sich aufrichtend und im Kreise sich wirbelnd.

                                Elftes Kapitel.



                               Die Frau Obristin.

Herr Gott, wo sind die Kinder!
    Kaum aber war der Angstruf heraus, als die Verschwundenen schon unter den
Bumen zum Vorschein kamen; doch nicht allein. Eine fremde Dame fhrte Clara an
der Hand, zwei junge Mdchen die andern beiden Kinder dem Tische der Familie zu.
    Da sind gewi die lieben Eltern, rief schon von fern eine Dame halb im
Reisekleide, aber doch in einer sehr geschmackvollen Toilette. Entschuldigen
Sie nur, meine Herrschaften, da ich mich so unangemeldet eindrnge. Aber die
englischen Kleinen gingen mir ans Herz, und ich wei, was ein Mutterherz leidet,
wenn es in Angst ist um seine Kinder. Da, liebe Kleinen, sind Eure Eltern. Habt
sie nun auch recht lieb, und lauft ihnen nie mehr fort.
    Mein Gott, was ist es! rief die Kriegsrthin.
    Die fremde Dame gab eine Erklrung, die wir kurz zusammenfassen. Sie war von
einer Reise mit ihren Nichten zurckgekehrt und hatte am Eingange des Dorfes die
ihr schon sonst bekannte Reiterbande getroffen. Um nicht mit solchen Menschen
zusammen zu kommen und auch des grlichen Staubes wegen, war sie ausgestiegen
und auf einem Fuwege durch die Felder ins Dorf gegangen, aber sie traf doch
wieder auf der Dorfstrae die Gesellschaft und hatte mitten im Gedrnge der
Zuschauer die allerliebsten Kinder, die offenbar von guten Eltern waren,
bemerkt. Da war es ihr wie durch's Herz geschossen, da die Kleinen sich
verlieren und den Reitern nachlaufen knnten, und einer der Reiter hatte die
Clara gefragt, ob sie zu ihm auf's Pferd wollte, und da htte sie es fr
Gewissenspflicht gehalten, das Kind an sich zu reien und die anderen auch, um
sie nach ihren Eltern zu fragen, und da sie's erfahren, htte sie dem lieben
Gott gedankt, da sie noch zu rechter Zeit hinzugekommen, um die Kinder vor der
Gefahr zu retten und ihren lieben Angehrigen zuzufhren.
    Die Kleinen aber schienen anderer Ansicht. Der jngste Knabe namentlich
zankte mit dem hbschen jungen Mdchen, welches ihn an der Hand noch immer
festhielt und schrie, er wollte zu den Affen.
    Der Kriegsrath hatte sich von seinem Schreck erholt und freute sich, da es
nichts weiter auf sich habe.
    Ach, mein sehr geehrter Herr, den ich noch nicht die Ehre habe zu kennen,
sagte die Dame, aber gewi sind Sie ein Patriot, denn das sehe ich an den
Weinglsern, und wer unseres guten Knigs Geburtstag trinkt, den erlauben Sie
mir schon, da ich ihn als meinen Freund ansehe. Aber Sie meinen, das htte
nichts auf sich! Die Reiter stehlen ja die Kinder wie die Raben. Man kann sich
vor ihnen nicht genug in Acht nehmen. O du mein Gott, ich knnte Ihnen davon
Geschichten erzhlen, da einem das Haar zu Berge steht. Sehen Sie, ich fuhr mit
meinen Nichten nach Leipzig, damit sie ihren Vater sehen sollten. Wir haben ihn
nicht mehr getroffen. Nun, das schadet nichts, der Wille war doch gut, und
Leipzig ist eine schne Stadt, und zur Messe. Sie htten die Freude der Kinder
sehen sollen bei den tausend bunten schnen Sachen. Na, ich gnnte sie den armen
Dingern. Und als wir zurckfuhren, brach ein Rad am Wagen. Ich sagte zum
Kutscher, der sonst ein recht verstndiger Mensch ist, i, kann er's nicht
zusammenbinden, da wir noch nach Berlin kommen vor Knigs Geburtstag? Er sagte
partout nein. Der Wagen msste zum Schmied, wir riskirten sonst, auf der
Landstrae liegen zu bleiben. Nun knnen Sie denken, das wollte ich doch auch
nicht, drei einzelne Frauenspersonen, und so kamen wir in das Dorf drben, wie
heit es doch gleich, wo die Schmiede ist. Ja, da hie es, machen knnte er ihn,
aber nicht vor heute frh, und wir htten auf der Streu liegen mssen in der
Schenke, unter all dem Bauernvolk in der Wirthsstube. Nun, Sie knnen meinen
Schreck denken, wenn nicht der Herr Prediger davon gehrt und der invitirte uns
in sein Haus. Sage ich Ihnen, war das ein charmanter Mann, und sagte:
Unglcklichen helfen ist Christenpflicht! Und die Frau Predigerin und ihre
Tchter. Es ward uns heut Morgen recht schwer, uns von ihnen zu trennen, und die
Tchter und meine Nichten, die konnten gar nicht von einander los und haben
Brderschaft getrunken. Im Himbeersaft nmlich. Gott bewahre, da Sie denken
sollten in Wein! Die Herren Prediger auf dem Lande haben auch wohl immer einen
Weinkeller! Lieber Gott, sie sind recht schlecht gestellt. Ja, wenn man so ber
alle Ungerechtigkeit in der Welt machdenken wollte! Aber ein Mann wie ein Mann
Gottes! An den Augen sah er uns alles ab. Und wie wir heut schon im Wagen saen,
brachten sie der Jlli und der Caroline die Vergimeinnichtstrue, die sie am
Herzen tragen. Sage ich doch, man findet in der Welt berall gute Menschen, und
wo man gute Menschen findet, ist die Welt gut. Wir werden uns auch wiedersehen,
und vielleicht sehr bald. Denn der Herr Prediger hat vom Knige eine Vokation
nach Berlin. Der Knig hat ihn mal predigen gehrt, wo war es doch, - auf einem
Schlosse, und hat gesagt: das ist ein Mann, der zum Herzen predigt, solche
Prediger mchte ich in meiner Residenz haben, die nicht das Wort Gottes
auslegen, wie's ihnen gefllt, sondern wie's in der Bibel steht. Ja, wir haben
schon einen frommen Knig, der alle Menschen glcklich machen will, und der
vorige hatte auch ein frommes Gemth, wer ihn nur gekannt hatte, und das sind
eigentlich neidische und schlechte Gemther, die ihn schlecht machen. Mein Knig
ist mein Knig, und das sage ich grade raus, wer das nicht sagt, der ist nicht
mein Mann. Sehen Sie, mein Herr Geheimrath oder was Sie sind -
    Kriegsrath, sagte der Kriegsrath.
    O, Sie werden auch noch Geheimrath werden, das sehe ich Ihnen an der Stirne
an. Also, mein Herr Kriegsrath, sind Sie nicht auch der Meinung, da die
jetzigen jungen Leute gar nicht mehr sind wie sonst? Nein, was raisonniren sie,
und Alles wollen sie besser wissen. Ich bin eine gute Royalistin, ich liebe
meinen Knig und sein Haus, und wer das nicht thut, der kann mir zu Hause
bleiben. Da waren wir doch ein Herz und eine Seele, der Herr Prediger und ich,
alle Obrigkeit kommt von Gott, und wenn er nach Berlin kommt, wird er bei mir
logiren. Und wie gern wre ich gestern schon rein gefahren, denn man richtet
doch gern sein Haus ein zu solchem Festtage. Nun schadet es aber nicht. Wir
tranken schon gestern bei Predigers auf seine Gesundheit und nun ward mir wieder
das Glck, unter solcher charmanten, lieben Familie diesen schnsten Festtag fr
jeden Preuen zuzubringen.
    Der Kriegsrath war anfnglich nicht ganz gut gestimmt; diese Stimmung war
berwunden. Er pfropfte die letzte Flasche auf: Erlauben Sie mir auch, meine
verehrte Madame, ehe der Kaffee kommt, mit Ihnen anzustoen auf die Gesundheit
Seiner Majestt.
    Mein Herr Kriegsrath sind die Gtigkeit selbst. Wie sollte ich das
ausschlagen.
    Wenn ich auch nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, wird es mir doch zur Ehre
gereichen, mit einer solchen Patriotin ein Glschen zu leeren.
    Obristin Malchen, sagte die Dame, Mein Mann ist in hollndischen Diensten
und steht in Batavia. Ein grausam heies Land, er wird aber heut hierher denken.
Ach, er ist ein Patriot.
    Und doch in fremden Diensten?
    Ja sehen Sie, Verehrtester Herr Kriegsrath, da liee sich mancherlei von
sagen. Er war auch in preuischen Diensten ehedem, aber Sie glauben nicht, was
drauen die preuischen Militrs in Respekt stehen. Und unsre Disziplin, und der
groe Friedrich. Wenns heit, der hat unter ihm gedient! Nu, lieber Gott,
Schwchen haben wir Alle, da werden mir Herr Kriegsrath Recht geben, aber sonst
ist er - und hat mir erst voriges Jahr ein rothseiden Umschlagetuch geschickt,
wag die Mamlucken oder Malayen weben, ich sage Ihnen, von Berlin rede ich gar
nicht, aber auch in Leipzig hat's kein Mensch fr mglich gehalten.
    Die gndige Frau werden uns doch die Ehre auf eine Schaale Kaffee
erzeigen, sagte die Kriegsrthin, die wohl Lust hatte, das rothe Umschlagetuch
zu sehen, aber es war tief im Wagen verpackt.
    Der Kaffee dampfte in der groen braunen Bunzlauer Kanne, wie sie vom Feuer
gekommen, auf dem Tisch, aber die Kinder dampften auch - vor Ungeduld. Die
Beckenmusik drhnte verfhrerisch aus dem Kruge herber, und die Kleinen
blickten erwartungsvoll bald auf den Vater, bald auf die Mutter.
    Das ist ein Kaffee, so schn, wie nur mein Mann ihn mir mal geschickt hat,
direkt aus Batavia, sagte die Obristin.
    Die Cichorien sind auch aus Herrn Rimpler seiner Fabrik, sagte die Mutter.
Aber die Kleinen wurden weder vom batavischen Kaffee, noch von den Cichorien aus
Herrn Rimplers Fabrik gelockt. Der kleine Junge schrie vielmehr: Ich will zu
den Affen!
    Die Mutter warf einen fragenden Blick auf den Vater. Die Frau Obristin fing
ihn auf: Um Gottes Willen, Sie werden doch nicht! Der Kriegsrath meinte: ob
denn in einem bevlkerten Orte, und wo so viel anstndige Leute beisammen,
Gefahr sei? und die Mutter setzte hinzu: wenn sie die Kinder an der Hand
fhrten?
    Meine allerbeste Frau Kriegsrthin, erlauben Sie mir zu sagen, ich wei
davon. Solche Bande ist rger als der Gott sei bei uns. Die stibitzen ihnen die
Kinder vor den Augen weg und Sie merken es nicht. Hinter die Ecke, ein
Pechpflaster schnell aufs Gesicht, und dann, wenn sie's in der Scheune haben,
beschmieren sie's, und frben's und ziehn ihm Lumpen an, und in einer
Viertelstunde kennt's die eigene Mutter nicht wieder. Ja, was ich Ihnen sagen
wollte, im Dorfe beim Herrn Prediger, da hatte der Oberst der gottvergessenen
Bande einer Wittwe Sohn, ein hbsches Kind, gefragt, ob er nicht mit ihnen
wollte, er sollte eine bunte Jacke kriegen und auch immer auf dem Pferde sitzen,
und der Junge hatte Lust, aber sie haben ihn gottsjmmerlich geprgelt, der
Schulz und die Bauern, da ist ihm die Lust vergangen. Solche Bande sind ja gar
keine Christenmenschen nicht, das sind Zigeuner und Juden und Spanier, und wo
kriegten sie denn ihre Leute her, wenn sie nicht Christenkinder sthlen! Eltern
knnen gar nicht genug vorsichtig sein, denn Sie glauben nicht, wie sie die
Kinder maltraitiren. Hungern lassen sie die Kleinen und dursten und Schlge
kriegen sie, da Gott im Himmel sich erbarmen msste, und ihre Glieder werden
gereckt, da sie die Purzelbume schieen lernen. Und Nachts, mit Respekt zu
melden, sperren sie sie in den Stall zu den Affen und Kameelen, wo eine
Unreinlichkeit ist, die erschrecklich ist. Nein, fr Reinlichkeit bin ich, das
ist die erste Tugend, und erhlt den Krper gesund. Wer reinlich ist und seine
Mitmenschen liebt und den Armen Almosen giebt, der ist ein guter Mensch und Gott
wohlgefllig, das sage ich oft meinen Nichten. Aber wie die Bren werden sie
abgerichtet, und lernen Vater und Mutter vergessen. Wenn ich so einen armen
Jungen sehe oben krabbeln an der Stange wie 'ne Fliege an der Decke, nein, meine
Herrschaften, sagen Sie, was Sie wollen, das kann ich nicht ansehn, das heit ja
die unsterbliche Seele verlieren, und was mich nur wundert, ist, da die Knige
solche Seelenverkufer dulden. Die mssten mir alle auf die Festung und ins
Zuchthans, und mit der Peitsche aus dem Lande gepeitscht, denn es sind alles
Auslnder und Spione.
    Ist's die Mglichkeit! sagte die Mutter, die es kalt berrieselte.
    Nun bitte ich Sie, allerbeste Frau Kriegsrthin, wenn Sie einmal so einen
Pajazzo sehen, wenn er auf dem Strick springt und die Fahne schwenkt, und Sie
erkennten, da er Ihr kleiner Theodor wre, alles andere ist ja gar nichts, pure
Spielerei, gegen eine solche Empfindung. O du mein himmlischer Vater, wer mchte
eine solche Mutter sein!
    Die Kriegsrthin nahm ihren Knaben von der Hand des jungen Mdchens auf den
Schoo: Lieber Theodor, das wirst Du mir nie anthun! Der Junge aber schrie
nach wie vor, er wolle zu den Affen.
    Und mit den Jungens ginge es noch, fuhr die Frau Obristin fort, aber bei
der Bande ist auch ein Frauenzimmer, eine ganz hbsche junge Person, ungefhr so
gro, wie - ich habe doch die Ehre, Ihr Frulein Tochter vor mir zu sehen.
    Wir sind nicht von Adel, sagte der Kriegsrath. Meine Tochter Adelheid!
    Nein, du mein himmlischer Vater, wenn ich dchte, da so ein himmlisches
Mdchen mit den Bren tanzen sollte und dem Vieh einen Ku geben! Und dann
springt sie aufs Pferd, in Hosen und Stiefelchen, und reitet, nicht sitzend,
sondern sie steht, und in Carrire, die Zgel so in der Hand, und die Rcke
flattern nur so. Nein, wie die Polizei das zugeben kann! Das, erlauben Sie mir,
ist ganz unweiblich.
    Darm waren Vater und Mutter einig. Auch darin, da man nicht zu den
Seiltnzern gehen sollte, worber aber nicht allein die Kleinen unglcklich,
sondern auch die Nichten der Obristin nicht ganz zufrieden waren. Jene suchte
die Obristin durch Zuckerbrode zu beschwichtigen, die sie aus dem Pompadour
holte, und erklrte, sie htte sie fr artige Kinder aus Leipzig mitgebracht.
Karoline schien aber gar nicht zu begreifen, warum sie das hbsche Schauspiel
nicht mit ansehen solle, und auch die ernstere Julie sah die chre tante
verwundert an, warum sie grad heut so strenge war.
    Mes chres nices, sagte sie, weil man nicht wei, wen man im Gedrnge
findet. Wer wird immer nach Vergngungen aus sein, wenn die Eltern sagen, da es
sich nicht schickt! Da seht Euch die Mamsell Kriegsrthin an, und nehmt Euch an
der ein Muster. Sie she auch gern die Reiter springen, aber wo fllt's ihr ein,
darum zu bitten; sie sieht, da ihre lieben Eltern es fr unanstndig halten.
Ja, die Predigerstchter strzten mit Euch nach der Schenke, das sind gute
Mdchen, aber wilde Hummeln. Nein, Mamsell Adelheid ist ein sittsam Kind, wie es
sein mu, die ihren Eltern Freude macht. Der knnt Ihr Vieles absehn. Seht nur,
wie sie ganz roth wird. Ach, wenn Ihr auch noch so roth werden knntet!
    Die Mdchen senkten die Kpfe. Adelheid war schnell zwischen beide
gesprungen und umfasste sie traulich, sie sollten nicht darauf hren. Die Tante
scherze nur. Sie selbst wre auch manchmal eine wilde Hummel und wrde auch
recht gern die Seiltnzer sehen, aber es wre auch sonst viel hbsches im Dorf
und im Freien, was sie zusammen besehen knnten, und sie hoffte, da sie noch
hier bleiben, und die Tante ihnen erlaube, mit ihr spazieren zu gehen. Dabei
knnten sie plaudern, singen, Blumen pflcken und Krnze winden. Vor allem aber
wrde sie sich freuen, wenn sie ihr von Leipzig erzhlen wollten und den tausend
schnen Sachen, die sie da gesehen. Das wren alles Wunderdinge fr sie, denn
sie sei noch mit keinem Fu aus Berlin gewesen. Papa und Mama htten wohl davon
gesprochen, einmal eine Reise nach Potsdam zu machen, aber es sei immer etwas
dazwischen gekommen, und sie glaube auch gar nicht, da es noch dahin kommen
werde, denn der Gedanke sei doch gar zu schn.
    Die Obristin sagte, Mamsell Adelheid sei ein prchtiges Mdchen und ihre
Eltern wrden viele Freude an ihr erleben, und um der guten Gesellschaft willen,
wolle sie noch bis Abend bleiben; dann hoffte sie, die beiden Familien knnten
Compagnie machen in ihrem Wagen. Die Kriegsrthin, der das lngere Beisammensein
mit einer so vornehmen Dame natrlich nur schmeichelhaft war, fand sich doch
etwas dadurch in Verlegenheit, von der wir nachher reden wollen.
    Einstweilen ri die Obristin sie daraus, die aufstand, um die Jugend, wie
sie sagte, eine Strecke zu begleiten. Sie wollte die Spiele der Kinder
arrangiren, damit sie nichts Unschickliches trieben, und zusehen, ob die Gegend
auch sicher wre. Der Lrm und die Menschenmenge hatte sich aber nach dem andern
Theil des Dorfes gezogen.
    Die Kinder fanden bald auf den grnen Rainen den herrlichsten Platz zu ihren
Spielen, denen die freundliche Obristin rathgebend zusah, bis es ihr zu hei
ward, die drei jungen Mdchen aber verloren sich in den hohen Kornfeldern.

                               Zwlftes Kapitel.



                              Schwanenjungfrauen.

In den hohen Kornfeldern wuchs nicht berall Korn. Der ebene Boden wird noch
jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen, ehemals waren es Seen, dann wurden
es Morste; seit die Cultur vorgerckt sind es nur noch Tmpel geblieben. Doch
ladet ein heller klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein. Der Bauer, der Dich
trifft, warnt Dich aber, denn der Sage nach sind einige dieser trichterfrmig
sich senkenden Lcher unergrndlich. Auerdem gab es ehemals eine Britzer Haide,
ein belberchtigter Wald, dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hinein
wuchs. Und endlich schnitten viele Wege und Fusteige durch diese Felder. Das
Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen, es dnkte ihm eine
unermeliche goldene Aehrenflche, darin die Korblumen und der rothe Mohn ber
die Einsamkeit klagten.
    An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grnen abschssigen Rande ein
junger Mann auf dem Rcken hingestreckt. Er hatte sich gebadet. Ob das Wasser
unergrndlich, danach hatte er nicht gefragt, es auch wohl nicht untersucht; er
war ein guter Schwimmer, der sich im Wasser nach Lust getummelt. Er ruhte jetzt
von der Anstrengung und um die Khle abzuwarten, vielleicht auch um sich mit der
Einsamkeit zu unterhalten. Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein groer
Hagebuttenstrauch. Die Hnde unterm Kopf sah er dem Zuge der Wolken nach, der
Flucht der Vgel; vielleicht horchte er auch auf die Lieder, welche die
rauschenden Aehren ihm sangen.
    Ein Gerusch, was sich nherte, strte ihn auf. Den Fahr- oder Reitweg, der
in einer Krmmung eine Seite des Tmpelrandes berhrte, hatte er beim Herkommen
durch die Felder nicht bemerkt. Ein schaumbedecktes Pferd scho aus dem
Aehrenfelde. Noch zwei Stze und es konnte sich auf dem abschssigen Rande nicht
mehr halten und strzte sich und den Reiter in die Tiefe. Dieser sah die Gefahr
nicht, er lie dem Ro die Zgel; der Instinkt des Thieres bewahrte beide. Im
Augenblick, wo es galt, bumte es und warf den Reiter ab, oder er gleitete aus
Sattel und Bgel, die er lngst verloren, denn er strauchelte nur etwas und
stand gleich wieder auf seinen Fen. Vielleicht aus seinem Traum erwachend,
denn ohne sich um das Pferd zu kmmern, das seinen eigenen Weg suchte, stand er
und hielt sich mit den Hnden das Gesicht.
    Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener, hatte der Liegende geschlossen,
denn durchgegangen war das Pferd nicht. Es war ein ihm wohlbekannter
friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers. Der Reiter hatte
nachlssig, aber sicher gesessen, und die blutenden Seiten des Thieres
verriethen deutlich genug die Behandlung, welche es auer sich gebracht. Walter
war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen, aber die seltsame Stellung des
Ankmmlings fiel ihm auf. Durch die Hnde schielte er auf das Wasser und seine
dunklen Augen glnzten seltsam.
    Plagt Dich - - wenn Du's bist? Er hatte die Hand auf die Schulter des
Reiters gelegt. Dieser war nicht sehr erschrocken, als er sich umsah und den
Andern erkannte:
    Vielleicht - eigentlich aber nicht. Ich dachte nur an ein Bad. - So aus dem
Gluthofen in die khle Tiefe.
    Was hier dasselbe wre! entgegnete der zuerst Dagewesene, und fasste
heftig seinen Arm. Kommst Du aus dem Gefngni, Louis? Ward'st Du heut
entlassen?
    Um meine Freiheit zu genieen, jagte ich den Gaul fast todt, und ward
selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege. Und wenn ich wieder aufflattere,
steht doch tausend gegen eins, da ich wieder gegen etwas anstoe. Wr's nun
nicht ein wunderschnes Ende, um gar keinen Ansto mehr zu geben, wenn ich,
erhitzt, durstend, an eines Felsens Rand in der Mittagssonne eine Flasche
Champagner auf einen Zug ausstrzte und dann kopfber ins Meer! - Uebrigens gebe
ich Dir mein Wort, es war kein Ernst, wenigstens htte ich mir eine andere
Pftze ausgesucht. 'S war nur ein aufsteigender Gedanke.
    Aber keine Lerche, die in den Aether steigt, sagte Walter, als Beide sich
auf dem Rasen gelagert. Der Ankmmling sog, hingestreckt, die Luft ein.
    Nur nichts vom Aether in diesem Schwefeldampfe, sagte er nach einer Weile.
Wenn die Welt bestimmt wre unterzugehen, ich glaube nicht mehr, da es in
Feuer oder Wasser geschieht, sondern Gott Vater lt sie ersticken in den
Dnsten ihrer eigenen Gemeinheit. Es wre eigentlich ein recht passendes Ende
fr sie.
    Mitgebrachte Gefngnigedanken!
    Grillen, Schrullen oder Ungeziefer, wenn Du willst, denn als ein
vernnftiger Mensch glaubst Du doch nicht, da ich in dieser Societt eximirter
Lumpen einen Gedanken aufgefangen htte. Ja, htten sie mich an eine Karre
geschmiedet, unter den Baugefangenen giebt's vielleicht noch Menschen.
    Du solltest ins Gebirge, Dich baden in der Morgenluft, im Felsbach - Du
solltest auf lange Zeit aus der Stadt.
    Alles Selbsttuschung, Betrug, Walter! Freilich wenn Tieck uns Abends in
dem verschlossenen halbdunkeln Kmmerchen seine Mrchen vorlas, mochte ich den
Waldduft herunter schlrfen, der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken
fallen, und die Allmutter Natur an meine Brust pressen; aber in natura ist's
anders. - Bin ich nicht umhergestrmt! Die Sohlen habe ich mir abgelaufen, aber
keine Nixe, nicht mal eine Hexe gefunden. Beim Morgenroth rufst Du Ah, und
findest Dich in Odenstimmung, und Abends wirst Du empfindsam und knntest
Matthisson mit seinem Zopf an die Brust drcken. Alles Illusionen! Sei redlich
gegen Dich selbst. - Die Wahrheit sucht man doch, wo die Sonne am hchsten
steht, und ich habe sie gesucht, rechtschaffen. Schlrfte alle Aussichten und
meine Ansichten wurden immer enger. Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da
hinter Dresden, die wir Beide einmal bewunderten, nicht anders vor, als die
gepuderten Kpfe unserer Kriegsrthe. Und mehr haben sie anch nicht zu schaffen
mit dem Weltgeist, als da sie roth werden im Morgenlicht und Abends Schatten
werfen. Roth werden knnen unsere Puderkpfe freilich nicht mehr, aber wenn sie
uns im Lichte stehen kann man sie wegschuppfen. Diese verfluchten todten Felsen
bleiben aber immer stehen. Nein, Theuerster, die Romantik in Ehren, die Menschen
bleiben doch wenigstens Puppen, mit denen man Schach spielen kann.
    Wenn wir nur stiegen knnten! Wenigstens so hoch wie die Lerche.
    Und ich mchte sie immer mit dem Pustrohr runter blasen. Da fliegt das
Biest hinauf, schmettert uns Wunderklnge vor und kommt doch nie weiter als ins
leere Blaue. - Ja, Walter, wenn man's recht besieht, kommen wir auch noch zum
Schlu, da die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel, Morgens und Abends
geschminkt. Und weil sie sich bei Tage nicht besehen lassen will, sticht und
brennt die Sonne.
    Nur da die Schminke immer frisch bleibt, heut wie am Tag der Schpfung.
    Wer sagt Dir das! Es hat Keiner gelebt, als Gott Vater auf den Einfall kam,
diesen Spielball Erde zu erschaffen, und in das Uhrwerk Universum zu schleudern,
damit er zu Ehre des Hchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist.
    Der Ankmmling zog mechanisch die Grser und Kruter, die seine Hand
ablangte, mit der Wurzel aus.
    Suchst Du nach der Alraunwurzel?
    Knnte ich sie finden! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe
herausziehen, vielleicht wrden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen
erscheinen.
    Der tiefste Schmerz msste doch tdten. Darum verbarg ihn die Natur. Was
whlen wir denn nun tiefer und tiefer -
    Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergimeinnicht und Veilchen! Nicht
wahr, das ist viel gescheiter. Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater
Gleim, im Freundschaftstempel uns gegenseitig anruchern und anfingen, Du mein
Anakreon, ich Dein Tibull?
    Der hchste Schmerz wre Selbstvernichtung, und zum Selbstmord schuf uns
nicht die Natur! rief Walter, ohne auf den Spott des Freundes zu achten.
    Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden
Hnden: Ein Stck von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus. - Wenn ich nur
wte, ob dieser Wunsch Snde wre?
    Welcher?
    Wre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen!
    Es folgte eine Pause: Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende.
    Ist das ein Trost, da ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der
allgemeinen Erbrmlichkeit.
    Er lt Dir Freiheit.
    Er lt aller Wett die Freiheit, so niedertrchtig zu sein, wie sie Lust
hat, damit er nicht schamroth zu werden braucht.
    Das ist ein hartes Wort, dachte Walter, und auch Louis mute es denken,
denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand: Adieu!
    Walter umfasste seinen Arm, er wollte ihn in der Aufgeregtheit nicht von
sich lassen: Du verwnschest Dich selbst. Ich bin nicht zum Moralprediger
geboren, aber - Du warst es zu besserem.
    Was kann man denn besseres thun in dieser Gesellschaft, als sich selbst
verwsten! Trinken, und wenn man erwacht, wieder trinken. Sind nicht alle
Edleren dazu bei uns verdammt? Tadelst Du den Prinzen, da er den Schaumbecher
nicht von der Lippe lt, da er wenigstens den Jammer nicht mit ansehen will,
wo er nicht helfen darf? Lieber doch berauscht untertauchen und rasch, als
nchtern zusehen, wie wir Zoll fr Zoll im Morast versinken. Oder wo ist denn
die Kraft, die nach Besserem ringt, wo nur ernster Wille? Der gute, zahme,
bescheidene da, der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will
leiten lassen, aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt? Die beschrankte,
duckmuserige Tugend, die sich den Himmel malt an ihre vier Wnde, aber der
Himmel drauen ist ihr zu frisch und khl. Sturmwind ringsum, nur aufspannen,
nur zusteuern brauchten wir, und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff -
prost Mahlzeit! Man kettet das Steuer an, umwickelt die Ruder und lavirt. Das
ist eine berauschende Kunst. Soll ich mich auch anlernen lassen? Bei wem? Bei
meinem Vater? Staatsdienst! Herrliche Menschenbestimmung! Dein Vater predigt es
Dir ja wohl auch tglich: lass Dich anstellen. Wollen wir uns polnische
Krongter schenken lassen? Die sind schon weggeschnappt. Wollen wir mit den
Juden und Domainenrthen die Guter taxiren und Hypotheken verschreiben, die
ihren Werth im Monde haben? 'S ist auch schon zu viel drin gepfuscht.
Lieferanten fr die Armee, aber es giebt keinen Krieg! Oder uns ben, solche
sgnseschmalz-honigduftenden Cabinets-und Humanittsdecrete schreiben, die
beweisen, da Gott, der Knig, seine Minister und Regierungsrthe alles mit
Weisheit und Verstand gemacht haben? Himmel und Hlle! wem nun anderes Blut in
den Adern pulst! - Die schnen Verse, die hochedlen Charaktere des groen
Dichters auf der Menschheithhen! Schlugen wir ihnen nicht oft in
mitternchtlicher Lust den Schdel ein und sahen, da es nur Masken waren! Gieb,
zeig, schenke mir was, wofr ich mich begeistern, was ich ans warme Herz drcken
kann, wofr es in Flammen aufschlgt, wofr ich mich in die Schanze oder in den
Tod strze. Fhndrich Pistol ist mein Philosoph, wenn er die Welt doch noch fr
eine Auster hlt. Leider fehlt aber das Schwert jetzt sie zu ffnen. Lass' mich
rasen.
    Ich htte gar nichts dagegen, wenn Du ein rasender Roland wrdest und Dich
einmal zum Tollwerden verliebtest. Du bedarfst einer Radikalkur.
    Louis Bovillard lachte: In diese Mcken! - Schaffe mir was anderes. Schaffe
mir ein Vaterland. Das, das! Vielleicht war ich ein anderer!
    Er spuckte, und ohne sich noch einmal umzudrehen ging er sein Pferd suchen,
das gemthlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing.
    Ein Vaterland! wiederholte Walter. Es war ein Funken, der viele Gedanken
zndete, aber es waren nicht die Gedanken, um die er heut die Einsamkeit
gesucht. Er stand mit unterschlagenen Armen, seine Augen schienen die Wrmer im
Grase zu verfolgen, und er hrte nicht, wie sein Freund zurckgekehrt war,
diesmal den Gaul am Halfter, und ihn vorsichtig um den Rand des Sees fhrte. Er
hrte erst, als Louis seinen Namen rief:
    Was sinnst Du? Bei Dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz
durchgeschlagen, whrend ich sie abschttele. Du weit den Zerbino auswendig,
und ich wette, Du schwrmst wieder fr den Kieferbusch drben auf dem
Sandhgel.
    Und warum nicht? Tieck hat Unrecht, wenn er die Lust schilt, die sich auch
aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht. Gerade das fhrt uns zur Vaterlandsliebe,
die Du suchst. Aber was fhrt Dich zurck?
    Der Anblick einiger Herren von der Gensd'armerie, die mein scharfes Auge
vom Gaule aus in der Ferne entdeckte. Um nicht ihnen zu begegnen, stieg ich ab,
und will mich durch einen Fusteig schlngeln. Auch auf die Gefahr hin, da der
Bauer uns pfndet. Nun, bewunderst Du nicht meine Vernunft?
    Wenn ich nicht wsste, da Du bei nchster Gelegenheit doch wieder mit
ihnen zusammenstest.
    Das ist mein Fatum. Konnte Mercutio fr seine Natur?
    Wenigstens spielt wieder Humor auf Deiner Stirn.
    Und in Deinen Augen glnzt ein Gedicht.
    Ich habe das Versmachen verschworen. Du weit es.
    Aber, Walter, in solcher Natur! Ich msste Dich ja nicht kennen. Ein tiefer
See mit romantischen Ufern! Vielleicht kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen,
entkleiden sich, ihre Schleier hngen sie an die Hagebutten. Husch hast Du einen
weggestohlen, und erwartest als frommer Siedler im Korn die Schne, die als
mediceische Venus um Gottes Willen um ein Stckchen Bekleidung bittet.
    Wir irrrten darin, das wir das Wunderbare immer in der Ferne suchten:

Willst Du immer weiter schweifen,
Sieh' das Gute liegt so nah!
Lerne nur das Glck ergreifen,
Denn das Glck ist immer da.

    Wie schon Goethes anderer guter Mann, der nach Schtzen grbt:

Und froh ist, wenn er Regenwrmer findet.

    Wer den Sinn fr sie mitbringt, dem schwebt ihr Geist entgegen auch vom
Thautropfen, der am Grashalm hngt, er wiegt sich in den Aehren, ber die der
Wind hinspielt.
    Er glitzert auch im Mistkfer, warum ghnt er nicht auch in dem Frosch, der
da unvernnftig weit ber der Mummel das Maul aufsperrt. Sieh ihn an, welche
tiefe Weisheitssprche die Padde krchzt. - Und welche Weisheit blht sich eben
auf Deiner Brust. Es mu heraus, ich sehe es, und Du brauchst einen Zuhrer.
Frisch losgelegt! Gleichviel, ob die Naturandacht als Predigt oder als Rhapsodie
rausbricht. Die Gensd'armen sind noch im weiten Felde. Heraus denn, ein
verschluckter Gedanke ist Gift.
    Walter van Asten schien wirklich nur der Aufforderung zu bedrfen, den
Gedankenstrom, der in ihm arbeitete, auszugieen:
    Weil wir zu viel tranken, und seine blen Wirkungen empfanden, sollen wir
darum den Wein selbst ausgieen? Sollen wir zur Nchternheit, zur Korrektheit
zurckkehren? Thut der Grtner recht, der lauter exotische Gewchse in seinem
Garten ziehen wollte, und sie kamen nur zum Theil oder verkrppelt fort, der
darum alle ausreutet, und meint, der Boden tauge nur zu Kartoffeln? Legen wir
doch das Gestndnis ab, da wir im Uebermuth, gelangweilt, und aus Verdru ber
die ekle Schaalheit der Poesie, wie sie getrieben wird, uns in kecker Laune oft
auf den Kopf stellten, und vom Publikum verlangten, es solle es mit uns thun.
Wir fanden Anhnger und es ging eine Weile, wie alles Neue. Nun finden sie die
Stellung unbequem. Ist das zu verwundern? Sollen wir aber alles darum als
Visionen fahren lassen, was wir in der Begeisterung, in dem seeligen Rausche
sahen? Hrten wir die Wlder, die Bche nicht anders rauschen, als der Prediger
in Werneuchen, blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurck,
nicht die Schauer der Ahnung, das Wesen der Wunder, welche die Welt erfllen?
Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran, auch wenn wir uns mathematisch
beweisen, da es keine Hexenmeister giebt und keine Gespenster um die Grfte
schweben. Haben wir nicht Geister citirt, von denen unsere Vter nichts wussten?
Wie anders, lebensfrisch schauen uns jetzt die Alten an, als die Philologen mit
den Perrcken sie sahen? Lebt nicht der brittische Riese unter uns, ein
geharnischter Geist, der unsere Theatermisre zertritt! Citirten wir nicht
Dante, nicht Calderon aus seinem vergessenen Grabe? Diese knnen sie nie wieder
todt machen, sie werden leben, und noch vieles mit ihnen, und wir mit Stolz
sagen, wir wurden ihre zweiten Vter!
    Das ist alles recht schn, entgegnete Louis. Wenn die Geister nur Mark
und Bein bekmen, wenn sie unseren Geheimrthen und Ministern einen Rippensto
geben knnten, und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen. Da
es aber nicht ist, bin ich doch der Meinung Deines Grtners, da unser Boden nur
zu Kartoffeln taugt. Sind sie nicht ein herrliches vaterlndisches Gewchs, und
Vetter Michel ein dito Mensch? Er grmt sich nicht, er schmt sich nicht,
ertrgt Futritte und Prgel wie der Esel, wenn er nur Kartoffeln hat, und item:

Sag' mir nichts von gutem Boden,
Nichts vom Magdeburger Land,
Selig ruhen uns're Todten
In dem leichten khlen Sand.

    Vaterlndisch! fuhr Walter auf. Und hat die Schule nicht gerade auch
unsere eigensten, zertretenen, vergessenen Schtze deutscher Vorzeit aus dem
Staub und Rost ans Licht gezogen? Was kannten wir davon! Einzelne
Aeolsharfentne der Minnesnger. Ging nicht eine deutsche Urwelt uns auf im
Nibelungenliede? Du lchelst weil die Thoren lachen. Wir erfuhren, unser Volk
hat gelebt, wie die Griechen durch die Iliade wussten, da sie gelebt, da ihre
Vter gro und herrlich waren, ehe es eine Geschichte gab. Das wussten wir nun
auch, da Krimhilden und Siegfriede, da Gnther und Hagen unserer Geschichte
vorangingen. O welchen Born der Sage die Romantik uns erschlo! Jetzt verstehen
wir erst, nicht aus den nchternen Chronisten, welch ein Volk wir waren unter
den Hohenstaufen. Im alten Kyffhuser schlft nur der Kaiser seiner
Herrlichkeit, und die Raben krchzen um seine Trmmer, und die Geister warten
auf seine Erweckung. Das, Louis, hat uns die Romantik enthllt, der Du einen
Futritt geben willst, weil sie nur Trugbilder zeigt, und Du willst Realitten.
Was hatten die Juden mehr von Palstina als ein Traumbild? Das Traumbild weckte
einen Moses. La einen Moses erweckt sein, und wir haben wieder ein deutsches
Volk, eine deutsche Herrlichkeit. - Vielleicht, da wir's darin versahen,
schlo der Aufgeregte, wir machten aus der ungeheuren Sage nur fr uns ein
Spielzeug; aber Andere mgen nach uns kommen, die unserm Volke diese gewaltigen
Bilder anders hinhalten, einen kolossalen Spiegel vor dem unsere Erbrmlichkeit
erschrickt - und sie knnen sich ermannen, knnen besser werden, wenn -
    Wenn ein Moses geboren wird! fiel Louis ein, drckte rasch Waltern die
Hand und ri sein Pferd in den Fusteig. Da liegt es! tnte noch seine Stimme
aus dem Korn. Einen Moses! Nur ein Moses! Die Juden und die
Ziegelstreicherknechte sind immer da.
    Walter lag wieder in der Hagebutte.
    Wenn er einen anderen Vater htte, ein anderes Vaterland! Waren das nicht
Streiflichter des ewigen Schmerzes, fr den es keine Heilung giebt? Waller
starrte auf den Wasserspiegel. Auch die Frsche lagen wie matt von der Hitze auf
den breiten Blttern der Wasserlilie, regungslos. Ein Moses! Wo sollte der
Moses herkommen, wenn auch ber den Wassern nicht mehr der Athem Gottes
schwebte? Wenn die Verstockung auf dem Element, das die Erde umgrtet, sich
niedersenkt? Nein, es war nur die schwle Luft. Die Augen fielen ihm zu, und die
Natur bte ihren beschwichtigenden Zauber ber die finsteren Gedanken. Die
Falten verzogen sich um seine Brauen, der Mund fing wieder an zu lcheln, und
man konnte denken, da Traumbilder aus einer glckseligen Welt um seine Schlfen
spielten.
    Waren das auch Erscheinungen seiner Phantasie, die blhenden Mdchenkpfe im
Korn? Schossen Elfen auf zwischen den Aehren? Der Hagebuttenstrauch im Korn, der
grne Rain, der die Felder trennt, ist ja ihr Spielplatz. Hier fhren sie
Reigentnze, hier stampfen ihre zierlichen Fchen die Ringelkreise, die der
Landmann am Morgen findet, und der Abendthau fiel noch auf frisches Gras. Aber
schnell, wenn ein Spherauge sie entdeckt, verschrumpfen sie, hngen sich an den
Ginsterstrauch, sie klettern in die Hagebutte. Der Wind scheint in den Blttern
und Zweigen zu spielen, aber es sind ihre leichten Krper, die sich daran
schaukeln.
    Diese verschwanden nicht.
    Die Eine, eine schmchtige Brnette von dunkeln, aber etwas umflorten Augen,
mit einem getrbten Blick. Die rothen Mohnblumen, die ihre losen Bltter im
schwarzen Haar flattern lieen, passten zu der Gestalt, dem melancholischen
Gesicht. Eine Else, die den Einen unwiderstehlich anziehen mochte, den Andern
zurckstoen. Die andere, kleinere, rundliche, ein nubraunes Mdchen, mit
Schelmengrbchen um die Wangen und lachenden Schelmenaugen; wie wohl stand ihr
der Kranz von Kornblumen, Aehren und Mohn im Haar.
    Aber die Dritte, die Elfenknigin, Wie frei schaute ihr blaues Auge, blau
wie die Kornblumen, blau wie der Himmel, aus der freien Stirn. Wie leicht
bewegte sie sich, wie anders athmete sie die Luft ein; nicht als gehre die Welt
ihr, aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft, von Farbe
und Athem. Und wie hatten die andern, das konnte sie nicht selbst gethan haben,
die Felder geplndert, um die eine auszustatten! Ein dichter Kornblumenkranz war
auf ihr blondes Lockenhaar gedrckt, und eine Mohnblume, aber keine rothe, die
htte nicht hierher gepasst, eine seltene volle weie, glnzte als Diamant ber
ihrer Stirn. Eine andere Guirlande von Kornblumen hing wie eine Schrpe um ihren
Nacken, und auch den Abwurf des Kleides hatten sie mit allen bunten Blumen, die
als scheckiges Unkraut zwischen den Aehren blhen, besetzt. Eine Hochzeit mit
der Natur?
    So traten die Elfen aus dem Korn auf den kleinen freien grnen Platz, drben
am Rande. Ach wie hbsch! rief die Knigin. Da ist Wasser! und breitete die
Arme aus, indem sie sich Luft nach der Brust fchelte. Das nubraune Mdchen
umfasste sie pltzlich und ergriff die Hand der Brnette: Fass' sie an, hier
wollen wir tanzen - Ringel-Ringel-Rosenkranz.
    Die Elfen schwebten im Ringeltanz bis es ihnen zu hei ward. Sie lagerten
sich auf den Abhang, die Knigin in der Mitte. Sie scherzten und plauderten wie
neckische Kinder.
    Ich mu mich eigentlich schmen, sagte die Knigin, wie habt Ihr mich
ausgeputzt, und ich bin's doch nicht werth.
    Schme Dich nicht! sagte die schmchtige Else mit dem schwarzen Haar, die
ganz auf dem Boden ausgegossen lag, und drckte die Hand der Knigin an ihre
Lippen.
    Herr Gott, rief die Knigin, Du kssest mir die Hand, und ich glaube gar
Du weinst. Sie zog erschrocken die Hand zurck.
    Die Nubraune lachte auf: Die Jlli ist immer nrrisch, und ich bin immer
lustig. So sind wir, wir bleiben aber doch gute Freunde. Nicht wahr?
    So wollen wir's alle drei sein, sagte die Knigin. Ich komme mir nur so
dumm unter Euch vor, Ihr seid in Leipzig gewesen. Das will mir gar nicht aus dem
Kopf. Und Euer Onkel ist ein Offizier und gar in Indien. So was htte ich in
meinem Leben nicht getrumt.
    Die Schwarzbraune schttelte den Kopf: Der ist nicht mein Onkel.
    Na, meiner auch nicht, lachte die Nubraune.
    Die Elfenknigin bat die Gespielinnen nun, ihr Wort zu halten und ihr recht
viel, so viel sie knnten, von Leipzig zu erzhlen. Die Nubraune hatte auch
Lust dazu, nur brachte sie die Herrlichkeiten, die sie gesehen, etwas konfus
heraus, und man wusste oft nicht, ob sie von den Menschen oder von den Waaren
sprach. Aber Alles war herrlich dort gewesen, die Affen und die Seiltnzer, die
Komdianten und die Buden auf den Straen. Ueber die Griechen und polnischen
Juden und die Trken htte sie sich bucklicht lachen mgen, und vor ihren langen
Brten htte sie sich zuerst grausam gefrchtet, aber dann htte sie gesehen,
da es alle reiche und generse Herren wren, mancher htte mit den Dukaten um
sich geworfen, wie mit Zahlpfennigen, und alle htten gesagt, solche gute Messe
htten sie lange nicht erlebt und sie wnschten alle ihre Lebtage auf der
Leipziger Messe zu sein.
    Die Schwarzbraune senkte ihren Kopf: Mir ist's hier viel lieber. Hier ist's
hbsch.
    Wenn man nur Gesellschaft htte! rief die Nubraune.
    Ein stummer Blick der anderen schien sie zu strafen. Auch die Knigin sah
sie verwundert an und sagte: Sind wir uns nicht genug? Wir plaudern ja so
allerliebst zusammen; wenn's nur nicht so hei wre!
    Wir knnten uns baden! rief pltzlich die Muntere. Ja baden, baden!
Kinder, das ist prchtig!
    Der Gedanke zckte wie ein Blitz. Der Ort war so still und einsam, ein
tiefer Kessel, geschtzt durch einen Rand von ber Manneshhe, und darber stand
noch wie eine Ringmauer das Aehrenfeld. Wo sollte da ein Lauscherblick
herkommen? Selbst die Vgel flogen nicht mehr. Im Strauche regten sich die
Bltter, die Kornhren wiegten sich durch ihre Schwere.
    Die Karoline war pltzlich aufgeschnellt und machte eine Bewegung, als wolle
sie mit einem Ruck ihre Kleider abwerfen. Jlli, die Schwarzbraune, sah fragend
auf die Elfenknigin, ob sie Lust habe? - Lust hatte sie wohl, aber - aber sie
machte die Bemerkung, man wisse ja nicht, ob das Wasser nicht zu tief sei?
Darauf wandte Karoline ein, sie wollten am Rande bleiben, und es zuerst
versuchen. Adelheid errthete jetzt, sie fhlte, da sie nicht ganz die Wahrheit
gesagt, sie wusste nicht und zweifelte sogar, ob ihre Eltern es erlauben wrden.
Jlli sagte: So lassen wir es lieber; wer wei, ob es chre tante auch recht
ist!
    Wer wird denn ma chre tante fragen, wenn sie nicht bei ist! lachte
Karoline, aber der Blick, den ihr Jlli zuwarf, schien sie doch unschlssig zu
machen.
    Man unterhandelte und kam berein, da man sich nur die Strmpfe ausziehen
wolle, und ein wenig die Fe baden, das gebe Erfrischung fr den ganzen Leib,
und sei auch gar nicht gefhrlich. Die Fe sich waschen, ohne die Eltern zu
fragen, sei doch wohl erlaubt, dachte Adelheid. Nur ihren kleinen Bruder hatte
die Mutter einmal geohrfeigt, als er sich beim Regen die Strmpfe ausgezogen und
durch den ausgetretenen Rinnstein gewatet war. Die Zchtigung hatte er inde
ausdrcklich nur erhalten, weil das die Straenjungen thten, weil es sich in
einer Stadt nicht schicke, und weil der Rinnstein ein schmutziges Wasser sei.
    Diese drei Grnde griffen ja hier nicht Platz. Die Strmpfe und Schuhe
flogen auf den Rasen und sechs zierliche Fe pltscherten im Wasser. Die
Mdchen fassten sich an, um die Khlung gemeinschaftlich zu genieen. Karoline
zog die Anderen unmerklich etwas weiter: Hier knnen wir bis am Knie stehen,
ach das thut wohl! - Herr Gott, Karoline, was willst Du? rief Jlli, die sah,
da Karoline Miene machte, ihre Kleider abzustreifen und aufs Ufer zu werfen. -
Ich bin ja vom Kietz in Spandau, ich ertrinke nicht.
    In dem Augenblicke fuhr ein Ton durch die Luft. War's das Gekreisch eines
Reihers, war's ein Pfeifen, der Warnungsruf einer menschlichen Stimme?
Erschrocken sahen die Mdchen sich um, das war ein Moment. Im nchsten waren sie
es, die laut aufschrieen, und, mit einem Sprunge am Ufer, nach Schuh und
Strmpfen griffen. Ein dritter Moment: ein helles Gelchter vieler
Mnnerstimmen, Sbel klirrten in der Scheide, Pferde wieherten. Mehrere
Cavallerieoffiziere preschten durch den Feldweg und Einer rief: Hussei, richtig
gesehen! Badende Mdchen; da wollen wir helfen! Zwei machten Miene vom Ro zu
springen, whrend der vorderste sich zwischen Rand und Kornfeld einen Weg zu
bahnen suchte, ohne dabei besonders auf die Aehren Acht zu haben. Aber das Pferd
scheute vor einer Unebenheit, und die Elfen gewannen den Vorsprung. Sie
kletterten, sprangen, schwebten in athemloser Hast um den Rand des Sees, nach
einem Ausweg suchend. Der, auf dem sie gekommen, war ihnen schon durch den
Reiter versperrt. Sie fanden ihn in der Nhe des Hagebuttenstrauches. Den
Lauscher hinter dem Busche hatten sie nicht entdeckt, aber die Unordnung in den
schwankenden Aehren verrieth noch lange die Richtung, in der sie verschwunden
waren.
    Echappirt! rief der vorderste Reiter, die Terrainschwierigkeiten als guter
Cavallerist erwgend, und lie den Daumen und Mittelfinger in die Luft knallen.
    Wollen wir schwenken, nachpreschen, Dohleneck? fragte der Zweite.
    Mssten ein ganzes Kornfeld niederreiten, sagte der Rittmeister, und das
kme wieder zu des Knigs Ohren. Ihr wisst, wie er die Bauern protegirt.
    Jammerschade! Der Zweite schlug. vor, abzusitzen, die Pferde anzubinden,
und ihnen zu Fu nachzueilen.
    Die sind fix wie der Wind.
    Aber barfu. Die Fchen wrden ihnen doch zu weh thun, so ber Stock und
Block. Und werden sie mit blanken Beinen ins Dorf laufen zu Papa und Mama?
Irgendwo im Korn verpusten sie sich und ziehen die Strmpfe an, da attrapiren
wir sie, und probiren, ob sie die Strumpfbnder nicht zu fest binden. Das ist
schdlich, sagt Hufeland.
    Der Rittmeister strich den Bart und sagte: Meine Maxime sei, nie was
suchen, aber die Ueberraschung hinnehmen. Das ist soldatisch. Und wenn wir sie
bei nahe besehen, wer wei, ob wir uns nicht schmen, ihnen nachgelaufen zu
sein.
    Hexen wren es nicht, meinte der Zweite, und der Dritte: er msse die eine
schon gesehen haben; auch die andere kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht,
wo sie hinbringen. Man beschlo endlich, beim Rckwege durchs Dorf zu reiten, wo
man sie doch wohl wieder zu Gesicht kriegen wird.
    Sie sprengten fort. -
    Es war still wie vorher. War's ein Traum? dachte Walter, der sich hinter
dem Strauch aufrichtete und ber die Stirn fuhr. Die eingeknickten Aehren
sprachen dagegen. Unfern von der Stelle, wo er gelegen, lagen Kornblumen, die
sich von einem Strau aufgelst. Das hatte sie an der Brust. Er raffte die
Blumen rasch auf. An einer halb geknickten Aehre flatterte ein blauseidenes
Strumpfband. Das hatte sie verloren. Er ergriff es und schlang es um die
Kornblumen zum Bouquet.
    Und die Thoren wollen sagen, es gebe keine Romantik!
    Er blieb zaudernd stehen. Sollte er auch ins Dorf? Die Erscheinung war so
schn, warum denn die Wirklichkeit aufsuchen, welche in einem Augenblick
vielleicht den ganzen Zauber lst. Dazu erinnerte er sich, da er dem
Geheimrath Lupinus versprochen, ihm bei der Collationirung zweier Manuskripte
heute Abend zu helfen. Und Lupinus hatte gesagt, da er ihm einige Privatstunden
verschaffen zu knnen hoffe.
    Walter schlug vergngt den Rckweg ein. Er war es, der bei Annherung der
Reiter das Warnungszeichen aus dem Busche gegeben, welches die jungen Mdchen
vor einer Scene bewahrt, in der er unmglich den stillen Lauscher spielen
durfte. Aber welche Rolle htte er spielen sollen!

                              Dreizehntes Kapitel.



                                 Das Gewitter.

Auch die Sonne hat Flecken, und auch in der glcklichsten Ehe giebt es
Familienscenen.
    Ach, da ein so schner Tag so ausgehen mu! seufzte die Hofrthin, aber
der Kriegsrath blieb unerbittlich. Es war doch wie vom Himmel gefgt, da sie
mit einer so vornehmen, liebenswrdigen und freundlichen Dame Bekanntschaft
gemacht. Die Herzensgte sah man ihr an den Augen ab. Was konnte ihre Tochter
davon profitiren! Sie war ganz gewi, da die Obristin Adelheid zu sich einladen
wrde, und wer wei, wenn die Nichten mit ihr Freundschaft schlssen, ob sie
nicht an ihren Privatstunden Theil nehmen knnte. Ja, es wre wohl mglich, da
die Obristin ihre Tochter ins Haus nhme, in Pension wollte sie gar nicht sagen,
denn sie htte wohl bemerkt, mit welchem Wohlgefallen sie die Adelheid immer
angesehen. Und alle diese Vortheile und Aussichten wolle er muthwillig von sich
stoen. Und warum?
    Weil wir keine Equipage halten knnen, recapitulirte der Kriegsrath.
    Wie Du auch bist, Mann! Wer redet denn davon. Aber den Christian von der
Brsike knnten wir heimlich in die Stadt schicken, da er uns eine Lohnkutsche
holt von Herrn Verdrie, dem Fuhrmann, er wohnt ja gleich am Halleschen Thor.
Fr einen Groschen thut's der Junge, ach er thut's umsonst aus Plaisir, da er
zurckkutschiren kann. Dann fhrt der Kutscher vor, wir kommen mit Anstand in
die Stadt zurck, und sie denken, es ist unser Wagen.
    Sie sollen nichts denken, was nicht wahr ist.
    Alter, verstehe mich nur, 's ist ja auch nicht darum, da wir was scheinen,
was wir nicht sind. Fr'nen Registrator schickte sich's auch, aber - wenn Du nun
Geheimrath wirst!
    Kommt Zeit, kommt Rath.
    Und bis dahin kommst Du ins Gerede, und wirst am Ende gar nicht
Geheimrath.
    Dann bleibe ich Kriegsrath.
    Und Deine Tochter bleibt sitzen. Sie kommt ins Gerede. Wenn wir nun mit
Sack und Pack unter'm Arm trotten, liebster, bester Mann, und die Obristin kommt
gerollt in der schnen Equipage, und die Adelheid trgt wohl gar wieder den Korb
- ach, wird sie denken, das sind solche Leute! Und Du bist's, der das Glck
Deiner Kinder verscherzt hat, aus Eigensinn!
    Da knnen wir ja gleich die Obristin fragen.
    Sie kam. Und ehe noch das Wort: Du wirst doch nicht? von ihren Lippen war,
musste die arme Frau hren, was sie doch nicht von einem Manne, der auf
Reputation hlt, fr mglich gehalten. Er musste entweder sehr bs, oder bei
sehr guter Laune sein.
    Ach Du meine Gte! rief die Obristin. Liebe Frau Kriegsrthin, mein Mann
war auch nicht immer Obrist. Und ich habe auch nicht immer den Mantel von Sammet
getragen. Ein Korb am Arm, auch ein groer Korb, ist keine Schande; wenn man
sich nur nicht mit Jedem abgiebt, der gelaufen kommt, da kann man auch im blauen
Kattunspencer ein honetter Mensch sein. Es ist schon recht, da man auf
Distinktion hlt, und ich halte gewi darauf, davon knnen Ihnen meine Niecen
was erzhlen; aber pfui, wenn man darum einen Menschen nicht stimiren wollte,
wenn er nicht mit Vieren fhrt! Ich knnte Ihnen von Prinzen erzhlen, haben den
Stall voll Kutschenpferde und gehen zu Fu aus, im Surtout bis ber die Ohren
zugeknpft, und wenn sie anklopfen, man hrt das gleich raus. So treten sie in
die Htten der Armuth, und wie Mancher, der hungert, wird von ihnen satt.
Strecke Jeder sich nach seiner Decke, das ist meine Maxime. Wer seine
Nebenmenschen nicht achtet, den achte ich auch nicht. Meine liebe Frau
Kriegsrthin, was ist aller Glanz dieser Erde! Eitelkeit, sagt der Herr
Prediger, und wer solide handelt, der kommt noch am besten fort in diesem
irdischen Jammerthal. Und wenn ich nur Platz htte in meinem Wagen, mein Gott,
ich wrde es mir ja zur grten Ehre rechnen, wenn ich eine so solide Familie
mitnehmen knnte. Einen Platz haben wir noch, der stuckert aber so sehr. Und als
wir Abschied nahmen, so legte der Herr Prediger die Hand auf meine Schultern und
sagte: Eigentlich wollte ich bei Keinem einkehren in dieser gottlosen Stadt;
aber Sie sind eine rechtschaffene, solide Frau, Frau Obristin, zu Ihnen komme
ich, bis ich mir ein Quartier gemiethet habe. Na, den Herrn Prediger sollen Sie
kennen lernen, wenn Sie mir die Ehre erzeigen, auf eine Schale Kaffee. In seiner
Jugend hat er in Leipzig studirt, da haben wir geplaudert von - ich sage Ihnen,
ein charmanter Mann.
    Der Kriegsrath seufzte: Ach Leipzig! Sie wissen nicht, was mich das
gekostet hat.
    Ja 's ist theures Pflaster, und gar in der Messe. Na, das freut mich aber,
da Herr Kriegsrath auch da waren.
    Mich gar nicht, liebe Frau Obristin, sagte der Kriegsrath, der gemthlich
seine Pfeife ausklopfte. Es kostet mich meine Karriere. Ich lie mich, da ich
in Halle studirte, verfhren, mit andern meiner lteren Kommilitonen einmal nach
Leipzig hinber zu reiten. Nur einen Tag; am nchsten kehrten wir zurck. Als
mein Vater es erfuhr, bekam ich einen Brief. Das war ein Brief, nicht mit Dinte,
mit Feuer geschrieben und Pech und Schwefel darauf! Der verlorne Sohn in der
Bibel wird keinen solchen Brief erhalten haben, sonst wre er nicht verloren
gegangen. Ich musste auf der Stelle zurck. Da standen schon die Pedelle, vom
Rektor geschickt, und brachten mich auf die Post, und der Herr Postverwalter
hatte mir einen Platz bestellt, neben dem Schirrmeister, da er auf mich Acht
habe. Und als ich nun ins elterliche Haus kam! Meine arme Mutter in Thrnen und
meine Schwestern! Acht Tage ward ich in eine Kammer gesperrt, fast bei Wasser
und Brod und musste die Psalmen auswendig lernen. Aber das war noch gar nichts
dagegen, wie mein Vater mir da am achten Tage selbst die Thr ffnete, und mich
so mit untergeschlagenen Armen ansah, ein Blick, da mir das Herz im Leibe zu
Stein ward, und mir ankndigte, da es nun mit meinem Studiren aus sei. Nun
versuche, Du ungerathener Sohn, sprach er, ob Du durch Dein ferneres Leben es
wieder gut machen kannst, da Du Deines Vaters Schwei und Deiner Mutter und
Schwester saure Hndearbeit zu solchen Extravaganzen vergeudet hast. Der
Bauerwagen stand vor der Thr, der mich in eine kleine Stadt brachte, wo ich als
unterster Schreiber in einer Packkammer meine neue Carrierr anfangen musste.
Sehn Sie, das kostet mich Leipzig!
    Die Kriegsrthin war erstaunt, aber nicht ganz unzufrieden, da ihr Mann
durch die Obristin zu solchen vertraulichen Mittheilungen sich hinreien lie.
Diese machte ihm ein Compliment: wer wei, wozu es gut gewesen. Die Studirten
kmen oft nicht weiter, und wer klein anfinge, der hrte oft gro auf.
    Mein Vater war ein strenger Mann, aber ein braver Mann, und er hatte
Recht, sagte der Kriegsrath. Denn meine Eltern mussten sich's schwer
verdienen, da sie nur durchkamen. Und was hatte ich in Leipzig zu suchen!
    Das gefiel der Kriegsrthin wieder nicht, da er zu erzhlen anfing, wie
knapp es in seinem lterlichen Hause zugegangen. Die Obristin horchte aber sehr
theilnehmend.
    Jetzt kamen auch die jungen Mdchen zurck. Sie hatten unter sich
ausgemacht, nichts von dem Abenteuer zu erwhnen. Jlli und Karoline sprangen,
als wre nichts vorgefallen, Adelheid ging langsamer und bckte sich oft. Schlug
ihr das Gewissen, da sie etwas nicht Erlaubtes gethan, oder da sie darauf
eingegangen, es zu verschweigen? Die Aufforderung, fr das Abendessen zu sorgen,
war ihr willkommen. Im Hause schlpfte sie rasch in die dunkle Hinterkammer und
setzte den Fu auf den Schemel, um mit einigen Flachsfden aus dem Spinnrocken
den Strumpf fest zu binden. War es die alte Wanduhr oder ihr Herz, das so laut
schlug? Ein heiseres Gelchter schallte pltzlich hinter ihr. Die Alte hatte
sich aufgerichtet und stierte sie mit dem unheimlichen Gesichtsausdruck an:
Verloren - Strumpfband verloren! - hi! hi! hi! Das bedeutet was. - Der's fand,
wird sich freuen. Hi, hi, hi! - Das junge Mdchen floh, wie vor dem Spottgesang
bser Geister.
    Die Satte mit dicker Milch fand kein so frohes Publikum um sich versammelt,
als der Milchreis zu Mittag. Die Kinder waren mde, die jungen Mdchen in
Gedanken, die Aelteren hatten sich ausgesprochen. Alle drckte die Schwle des
Tages, der zum Abend geworden.
    Aus dem Kruge schallte Tanzmusik. Reiter gallopirten auf dem Fahrwege heran,
es waren Gensd'armerieoffiziere. Sie hielten pltzlich an, und lorgnettirten die
Gesellschaft. Mit einem hsslichen Gelchter gab der eine ein Zeichen. Die
Frauen schrieen, sie glaubten, die Reiter wollten den Tisch umreiten; sie ritten
nur um den Tisch, einer hinter dem andern im Kreise, oft so nahe, da die Pferde
die Stuhllehnen berhrten. Die Kriegsrthin ward bla vor Schreck, der
Kriegsrath vor Unwillen, die jungen Mdchen senkten die Kpfe, die Kinder waren
ngstlich vor den Pferden. Die Obristin fasste den Arm des Kriegsraths unter dem
Tisch und flsterte ihm zu: es sind junge Leute. Die jungen Leute aber beugten
sich seltsam im Sattel, sie warfen Kuhnde zu mit den Fingern, mit beiden
Hnden, sie miauten, schnalzten, krhten. Endlich waren sie wie der Sturmwind
verschwunden, nachdem sie ein: Auf Wiedersehen, allerliebste Engelchen! der
Gesellschaft zugerufen.
    Der Schemel hinter ihm fiel auf die Erde, als der Kriegsrath aufsprang und
der Aufbruch war damit gemacht. Gerechter Gott! rief er, den Stock auf die
Erde stampfend, wann wird das endlich mal ein Ende nehmen! Giebt's denn keinen
Fleck auf der Erde, wo man seine Tochter ruhig hinfhren kann! Giebt's denn
Niemand, der dem Knige das sagt, denn er ist gtig und gerecht.
    Die Frau Kriegsrthin wehrte still die Obristin ab, die beruhigende Worte
auf der Lippe hatte, von Jugend und Tugend. Um Gottes Willen, Frau Obristin,
jetzt keine Sylbe, sonst bricht es los.
    Es schien aber schon jetzt loszubrechen, wenn auch nicht in Worten, als er
den Hut aufstlpte, den Rock zuknpfte und rief: Nun marsch nach Haus!
    Wir sehen die Familie auf dem Marsche. Es hatte Jeder seine eigenen
Gedanken, darum war es heut Abend so still als es an manchem laut gewesen.
Vergngt war eigentlich nur die Kriegsrthin. Sie baute Schlsser in die
Zukunft, und war ihr Wunsch nicht erfllt, als ihr Mann der Obristin die Hand
gedrckt und gesagt hatte: Sie sind eine brave und praktische Frau. Ich freue
mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Eigentlich war das etwas
unschicklich zu einer so vornehmen Frau gesprochen, aber sie hatte es nicht bel
genommen. Sie hatte die Hoffnung auf nhere Bekanntschaft ausgesprochen, aber
nicht in der ordinren Weise, da sie gleich zum Kaffee gebeten, sondern sie
hatte gesagt, das wrde sich ja schon alles finden und der liebe Gott es fgen,
da die zusammen kmen, die zusammen gehrten. Aber beim Abschied - denn sie
wollte noch am Krug vorfahren und einen Blick hinein thun, weil sie Freunde
ihres Mannes unter den Offizieren zu sehen geglaubt - hatte sie noch von dem
rothen Umschlagtuch aus Malaya ein Wort fallen lassen, und da sie nur wnsche,
da die Mamsell Adelheid es einmal um die Schulter nehme. Das Tuch wrde ihr
doppelt lieb sein, wenn es dem englischen Kinde gut stnde.
    Der Weg ward so schwer, die Luft so drckend. Die Kinder waren mde. Nur der
Kriegsrath schritt stramm voran. Da ging ein Lftchen durch die Ulmen, aber kein
erfrischendes; es war der Vorbote eines nahenden Sturmes. Vom Templower Berge
kamen dicke Gewitterwolken. Wenn uns das noch trfe! sagte die Kriegsrthin.
Es fielen die ersten Tropfen, einzelne, aber sehr schwere. Herr Jesus, Mann,
ob's nicht besser wre, wenn wir umkehren ins Dorf? Die Stadt erreichen wir
nicht mehr. - Der Kriegsrath wies schweigend mit dem Stock zurck: Ich kehre
nicht um. Hinter ihnen war die dunkle Wetterwand aufgestiegen, von Blitzen
schon durchzuckt und am sternenflimmernden Horizont nherte sich die Wand den
beiden Wolken. Wenn das zusammenstt! - Wenn das uns trfe. - Es trifft
uns schon! Der erste Donner rollte dumpf ber die Flche. Der zweite, dritte
war schon nher. Jetzt trpfelte es nicht mehr, es prasselte. Unter die Bume!
Dicht unter die Bume! rief die Mutter. Die Bume halfen wenig, und bald hatten
sie die letzte der breitwipfligen Ulmen erreicht, von wo ab das freie, weite
Bachfeld vor ihnen lag, und kein Schutz vor dem Regen, der nicht mehr strmte,
es scho und go.
    Sie standen unter der letzten Ulme, die dicht um ihren Stamm noch ein
Wetterdach vor dem Wolkenbruch von oben gewhrte, aber nicht vor dem Regen, den
der Wind heranschlug. Sie standen auf den vom Erdreich losgesplten Wurzeln, um
nicht im puren Wasser zu stehen, das schon ber den Boden wallte; Jette hatte
sich im Gehen Strmpfe und Schuhe abgestreift, ihr Sonntagszeug nicht zu
verderben. Die Frauen schrzten ihre Kleider; schickte es sich aber auch fr
sie, die Schuhe auszuziehen? - Die Kinder aufgenommen! rief der Vater. Jette
hatte den Kleinsten auf die Schulter gepackt, Adelheid dafr den von lndlichen
Einkufen schweren Korb aufgenommen. Der Vater wollte die Clara aufheben, das
Wasser, das aus seinem dreieckigen Hute, wie aus einer Rinne go, berschttete
das Kind. Das dritte nahmen sie zwischen sich.
    Es waren furchtbare Minuten. Das Wasser klatschte, mit blauen Blitzstrahlen
gemischt, auf die Erde, vor ihnen nur ein wellender Spiegel vom Winde
gepeitscht. Ein Todtenschweigen, nur durch das Gewimmer der Mutter einmal
unterbrochen: Und alles das, um acht Groschen zu sparen. Du rechnest auch
nicht, was die verdorbenen Kleider werth sind! Die Antwort des Vaters
bertubte ein Aufschrei aus Aller Munde. Der Regen von den hher gelegenen
Feldern zur Rechten ergo sich in einen Graben, der in der Regel ganz trocken
und verschttet war. Das aufschwellende Wasser brach den Damm und whlte, ein
breiter Bach, den Fusteg auf, dicht vor der Ulme, und ein immer tieferer und
rauschender Strom schnitt der Familie den Weg nach der Stadt ab.
    Seht nicht in die Blitze, das verdirbt die Augen! rief der Vater. Wenn's
nur nicht so grlich donnerte! jammerte die Magd. Und unsere besten
Sonntagskleider sind hin! - Uns erwartet ein trocknes Haus und warme Betten,
sagte der Vater. Denk' Dir unsere armen Soldaten im Kriege, die haben kein Haus
und keinen Mantel. - Aber ihre Monturen mu der Knig bezahlen, entgegnete
die Kriegsrthin. Wer bezahlt der Adelheid das neue Kleid? Und wenns sie's
Fieber kriegt! - O Gott, wir gehen alle unter, schluchzte wieder die Magd,
als ein strkster Donnerschlag dicht ber der Erde hinzurollen schien. Wr' ich
doch nie in den Dienst gegangen!
    Da schien das strkste Gewitter sich entladen zu haben. Die
zusammengekeilten Wolken brachen. Es rauschte noch vom Himmel und er schien sein
blaues Licht niederzugieen, aber man hrte auch schon wieder die Bume rauschen
und der Donner ward dumpfer. Man hrte auch einen Wagen. Die Pferde stampften im
Wasser. Es war die Obristin mit ihren Nichten. Ein heller, lang andauernder
Blitz - ein Schrei der Freude und des Schreckens.
    Htte die Frau Kriegsrthin doch mgen in die Erde versinken, als der
Kutscher hielt. Ach es war weder Zeit, sich zu schmen, noch Toilette zu machen.
Die gute Obristin htte so gern Alle mitgenommen! Was an Platz war in der
Kutsche, sie sollten nur kommandiren; die Kleinen wollten sie schon auf den
Schoo nehmen. Mann, um Gottes Willen, Du wirst doch jetzt nicht
Bedenklichkeiten machen! Hinsichts der drei Kinder machte er auch keine, sie
waren rasch hineingeschoben. Aber wer sollte den leeren Eckplatz einnehmen! Die
Kriegsrthin htte sich ja nimmermehr hineingedrngt. Sie war so stark und na,
und in solchem Aufzuge! Vterchen Du, rief Adelheid. Konnte er Mutter und
Tochter allein in Nacht und Regen lassen? Kommen Sie Adelheidchen, Sie erklten
sich ja ganz die Fchen, rief die Obristin. Wenn fr die Kinder gesorgt ist,
fr die Eltern sorgt der liebe Gott. Der Kutscher entschied in letzter Instanz
ber alle Bedenklichkeiten. Er lie mit einem Donnerwetter, wenn's nicht bald
wird! die Peitsche knallen, und ich glaube, er htte sein Wort gehalten.

                              Vierzehntes Kapitel.



                           Wie es im Hause aussieht.

Weshalb der Kriegsrath endlich nachgab, war, da er in der Ferne die
Gensd'armerieoffiziere gallopiren hrte. Aber die Wagenthr klappte noch in der
Luft, sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen, als die Rder schon durch
den fluthenden Giebach rollten.
    Entweder wollte er die Wagenthr zuschlagen, oder war es, um seiner Tochter
Anweisungen zu geben, weshalb der Vater nachstrzte. Der Herr Kriegsrath
ertrinken! schrie die Jette; aus der Kutsche wehten sie, er mge zurckbleiben.
    An den Tag werden wir lange denken! entfuhr es dem Kriegsrath. Seine Frau
drckte verstohlen seine Hand, er drckte sie wieder. Und Mamsell Adelheid
werden auch bald warm werden, trstete die Jette, sie sitzen so eng zusammen.
    Die Offiziere ritten vorber, ohne von der Familie Notiz zu nehmen. Das
Wasser war schon im Ablaufen und man versuchte die Passage. Sie gelang endlich
nach der richtigen strategischen Maregel, da ein Flu leichter an der Quelle
als am Ausstrmen zu forciren ist. Forcirt musste er aber doch werden; und man
versank nicht allein im Moor und Wasser, sondern auch im trockenen Sande, da ein
Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat, da er nur die Oberflche
durchnsst.
    Die Sterne schienen wieder auf einen langen sauren Weg. Der Kriegsrath ging,
Arme und Stock auf dem Rcken, vorauf, er schien in die Sterne zu sehen.
    Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd. Sie gingen eine Weile neben
einander, ohne zu sprechen; ihre Gedanken schienen sich zu begegnen: Wir kennen
sie eigentlich nicht. - Wenn Du nur gefragt httest, wo sie wohnt? sagte nach
einer Pause die Frau. Aber die Adelheid wei, wo wir wohnen, und sie ist ja
kein Kind mehr.
    Eine neue Pause. Sie nherten sich schon dem Thore: Wenn wir sie nun nicht
zu Hause finden!
    Die Kriegsrthin hatte keine Antwort darauf. Es presste sie etwas auf der
Brust. Sie strengte sich an, mit ihrem Manne Schritt zu halten. Da musste am
Thor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Thorschreiber den
Korb der Jette untersuchen. Der Kriegsrath musste seine Brse ziehen, um einige
Groschen Accise zu zahlen, und die Sohlen brannten ihnen unter den Fen. Selbst
ber den schnen Stern in der Mitte des Platzes, der seine Strahlen von groen
und kleinen Pflastersteinen ausgiet, eilten sie, ohne einen Blick dahin zu
werfen, was der Jette unbegreiflich schien, denn es war doch die grte
Merkwrdigkeit von Berlin, die jeder Handwerksbursche gesehen haben musste;
sonst war er nicht in Berlin gewesen.
    Der schne Stern ist lngst verschwunden. Auf seinem Kernpunkt steht die
Friedensgttin, die man aufgerichtet, als der Friede anfing aufzuhren. Auf
einer spitzen Sule flattert sie in die Luft, wie der Vogel, der mit einem Fu
auf der Dachfirste Posto gefasst, und sich umschaut, ob es drben geheuer ist.
    Die groe Friedrichsstrae war ihnen nie so lang vorgekommen; und doch
eilten sie, da der Kriegsrthin der Athem verging. Die Jette dachte mit dem
schweren Korb: Ich bin doch auch ein Mensch! - An den Fenstern zhlten sie die
Lichter. Wrden sie ihre Wohnung dunkel finden? Wenn's um diese Ecke, das Haus
da, hell ist, sagte sich die Mutter, dann finden wir's auch bei uns hell.
Einmal war es dunkel, dann wieder hell. Man mu an ein Orakel nicht zu oft
dieselbe Frage stellen. Der Vater dachte an die Schwalben, die Schsse gehrt
und Brannstgeruch gerochen, und mit gestreckten Flgeln schieen, ob sie ihr
Nest noch finden. Aber er hatte keinen Schu gehrt, und keinen Brannstgeruch
empfunden. Die Frau Kriegsrthin beruhigte sich auch: wie schrecklich hatte
nicht die Obristin die Angst und das Unglck der armen Eltern gemalt, denen die
Seiltnzer ihre Kinder stehlen.
    Beide sagten sich, sie wren beruhigt, aber Beider Herz klopfte, da Jeder
das des Andern htte knnen schlagen hren, als sie um die letzte Ecke zum
Gensd'armenmarkt bogen. - Zwei Herzen und ein Schlag, ein freudiges Ah! Ihre
Fenster waren hell, sehr hell. - Die Hausthr offen. Die Magd des Wirthes kam
ihnen entgegen: Na, Gott sei Dank, da Sie da sind. Die Mamsell und die Kinder
haben sich schon zu Tode gengstigt. - Auf der halben Treppe sprang ihnen
Adelheid entgegen: Ach, mein lieber Vater, meine liebe Mutter! Gott sei Dank.
- Der Vater drckte sie an seine Brust, die Mutter ri sie an sich. Ach, und
Ihr seid ganz durchnsst. Schnell, schnell, oben liegt Alles schon bereit. Die
Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern. Das hat Alles die Adelheid
gethan! - Nicht alles, Mtterchen, die Jlli und die Karoline halfen, ach die
gute Frau Obristin hat fr uns gesorgt wie eine Mutter.
    Hat Euch im Wagen hergebracht?
    Und war auch so na und mde von der Reise. Aber Gott bewahre! Anvertrautes
Gut mu man eher zurckliefern, als man an seines denkt, sagte sie. Und Euer
Vater ist ein guter Diener seines Knigs. Und der Knig geht vor allem, und heut
ist sein Geburtstag. Denkt Euch, als wir ausgestiegen waren, wollte sie die
Kutsche zurckschicken, um Euch holen zu lassen. Aber der Kutscher war ein
garstiger Mensch. Er fluchte, um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch
seine Pferde ruiniren. Die gute Obristin wurde ganz erschrocken, und steckte ihm
noch Geld zu, da er nur ruhig wre, denn es wre ja des Knigs Geburtstag und
darauf sollte er trinken.
    Unverschmtes Volk! rief der Kriegsrath, seinen Stock erhebend.
    O, das ist noch nicht Alles, sagte Adelheid, kommt nur herein und seht!
    Sie traten in das helle Zimmer. Eine Punschbowle dampfte ber einem
Kohlenbecken.
    Das hat alles die Obristin fr Euch besorgt, damit Euch die Erkltung
nichts schadet. Die Karoline musste selbst zum Kaufmann, die Citronen und den
Rum kaufen, und die Gustel unten kochte das Wasser, und dann erst gingen sie,
und wollten nicht bleiben, um Euch nicht zu stren. Und so herzliche Gre haben
sie mir aufgetragen, da ich sie gar nicht bestellen kann.
    Mann und Frau saen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenber, der
Kriegsrath in seinem geblmten Schlafrock und Pantoffeln, die Kriegsrthin in
ihrer Dormeuse. Die Kinder waren lngst im Bett, die Bowle bis auf einen kleinen
Rest geleert. Den go der Kriegsrath, redlich theilend, in die Glser: Es wird
zu viel, Alter! sagte die Frau.
    Wir mssen doch auf ihre Gesundheit anstoen!
    Der Mann setzte die Pfeife fort.
    Mann, da sieht man, wie man sich tuschen kann.
    Aber 's ist gut, wenn man's wieder gut machen kann.
    Glser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein, aber die Herzen
klangen. Der Kriegsrath ging sehr vergngt, aber nicht so kerzengrad wie am
Tage, nach seinem Bett. Die Kriegsrthin leerte noch den Rest ihres Glases im
Stillen. Sie trank auf das Glck ihrer Familie und auf die Aussichten, die sich
mit einem Male ihr so reich und wunderbar erffneten. Uns kommt alles
unverhofft! sagte sie und wischte eine Thrne der Rhrung aus dem Auge. Im
Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen, was sie thun mssten, um es
der Obristin zu vergelten, Es hatten sich darber Ansichtsverschiedenheiten
gezeigt, die in Gte beigelegt werden sollten, aber man hrte bald nur eine
vollkommene Harmonie - im Schnarchen.
    Die Gefhle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen, aber
etwas abgekhlt. Gestern wollte der Kriegsrath, sobald er aufgestanden, der
Obristin seine Aufwartung machen. Heute fand die Frau, da eine Visite so frh
am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke. Der Mann aber dachte, da
er ja ins Bureau msse, und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor, sagen
die Geschftsmnner. Es war aber noch ein Grund, weshalb es nicht ging; sie
wussten ja nicht, wo die Obristin wohnte. Wohnungsanzeiger gab es noch nicht.
Der Kriegsrath wollte sich im Bureau danach erkundigen.
    Der Kriegsrath kam heute spt nach Hause. Seine Nachforschungen nach der
Obristin waren nicht glcklich gewesen. Man glaubte wohl den Namen gehrt zu
haben, wusste aber nichts Gewisses. Uebrigens hatte das nichts Auffallendes,
denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf.
Da wre eine russische Frstin hier, und Damen und Herren vom hchsten Stande
aus Frankreich und England, von denen man wohl wisse, da sie andere Namen
fhrten, als ihnen zukmen, aber die Polizei kmmere sich nicht um ihr
Incognito, oder drcke ein Auge zu, weil sie mit dem Hofe und den Ministern ins
Geheim verkehrten, damit andre Mchte nicht aufmerksam wrden, und pltzlich
wrde aus Einem oder dem Andern, der in einer Winkelgasse wohnt, der
auerordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten. Denn ganz Europa blickte
jetzt erwartungsvoll auf Preuen, und wie es sich jetzt entscheidet, das giebt
den Ausschlag.
    Die Kriegsrthin hatte mit sichtlicher Ungeduld, ihm auch etwas
mitzutheilen, zugehrt, aber die Nachricht schien sie einzuschchtern: Ach
Gott, das wre ja viel zu vornehm fr uns!
    Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten.
    Ja, und das war sie, brach es heraus, ihr Gesicht strahlte von Freude.
Mnnchen, wir sind glcklicher gewesen als Du. Als wir eben dasaen, die
Adelheid und ich, und berlegten, was wir anziehen sollten, wenn wir sie
besuchten, klingelte es, und wer trat ein? - Sie selbst. Wir waren Beide einig,
da wir uns nicht sehen lassen konnten, aber sie sagte, sie msste uns sehen,
und sie htte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt, ob's uns auch bekommen wre?
Ich sage Dir, nein, es war eine Liebenswrdigkeit, als wenn wir alte Freunde
wren.
    Da seid Ihr gewi schon heut zum Kaffee invitirt!
    Nein, das bedauerte sie eben so sehr, da sie uns in den ersten Tagen nicht
bei sich sehen knnte, denn sie htte das Haus voll Unruhe gefunden. Nichts wre
gemacht, wie sie's bestellt und sie msste Tapeten runter reien lassen und Gott
wei was.
    Aber wo wohnt sie?
    Wir sollen's gar nicht wissen, bis sie in Ordnung ist. Aber bei uns wird
sie ein Mal ansprechen und mit 'ner Tasse Kaffee verlieb nehmen. Doch ganz unter
uns, wie wir sind, ohne Umstnde, und wir sollten Niemand dazu bitten. Oder sie
wird auch mal vorfahren und anfragen, ob einer von uns mit ihnen spazieren
fahren will? Alter, weit Du, sie meint, Du sest zu viel, Du msstest Dir mehr
Bewegung machen. Solche gute Staatsdiener wie Du, mssten sich ihrem Knige
erhalten, das wre ihre Pflicht und Schuldigkeit, und sie htte so viel zu
Deinem Lobe gehrt, was sie in der Seele erfreut, und sie wisse auch schon, da
Dein Avancement vor der Thr steht.
    Da hat sie zu viel gehrt, unterbrach der Kriegsrath und ging auf und ab.
Damit ist es vorbei. Ich hrte -
    Hat sie auch gehrt, Du solltest Dir aber keine grauen Haare darum wachsen
lassen. Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz, oder was er ist, der
mchte den Geheimrath Lupinus aus der Patsche ziehen, und es soll ihm schon
gelungen sein, da er die andern Gefangenen dazu rum gekriegt eine Schrift zu
unterschreiben, da sie schuld wren und nicht er.
    Und im Grunde soll's mir auch lieb sein, sagte der Kriegsrath, von wegen
seines Bruders in der Jgerstrae. Die Brder Lupinus lieben sich zwar nicht
sehr, es wre aber doch immer hsslich, wenn es hiee, da ich ihn aus dem
Dienst verdrngt. - Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn
Geheimrath gesprochen. - Er ist ein junger Mann, aber wir sollten uns daran
nicht stoen, sagte der Geheimrath. Er kennt ihn seit Jahren, und er hilft ihm
bei seiner Bibliothek. Ein Mann von admirablen Kenntnissen, und treibe gerade
das, was ein junges Mdchen braucht, um in den Gesellschaften nicht den Mund
zuzuhalten. Und wir wrden schon zufrieden sein. Er wird sich heute Nachmittag
uns prsentiren.
    Diese Erwartung gab in der stillen Huslichkeit wieder einige Unruhe.
Adelheid hatte die meiste Besorgni, sie frchtete das erste Examen, und da sie
der Lehrer doch gar zu dumm finden wrde.
    Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu. Die Adelheid stellt sich wirklich
vor, sagte die Mutter, als wrde er sie mit dem Lineal auf die Finger
klopfen.
    Endlich klingelte es, kurz vor der Dmmerstunde, der Lehrer trat ein. Den
Eindruck, den er auf den Vater machte, war ein guter. Er hatte sich einen
excentrischen jungen Mann gedacht, laut und viel sprechend, wie ihm die jungen
Mnner von der Schule geschildert worden, zu der er gehren sollte. Aber er war
von bescheidenem, ernstem, gehaltenem Wesen. An seinem Benehmen sah man, da er
die Welt kannte. Seine Anrede war bestimmt, fest und kurz. Auch der Mutter
mifiel er nicht, aber die Frau Kriegsrthin glaubte sich doch einem solchen
bloen Privatlehrer gegenber ein Air geben zu mssen, und sie fragte ihn, womit
er seine Lektionen anzufangen denke?
    Dazu gehrt, da ich meine knftige Schlerin kenne, entgegnete er, die
Handschuhe leicht in den Hut werfend, um den Stuhl einzunehmen, den der Vater
ihm prsentirt.
    Aber die Schlerin prsentirte sich schon selbst. Adelheid, die bei seinem
Eintritt abwrts gestanden, war unbefangen vorgetreten, und ohne die Vorstellung
der Mutter abzuwarten, sprach sie, sich leicht neigend: Ihre Schlerin ist
schon hier, ich bin es.
    Die Mutter wunderte sich ber die pltzliche Dreistigkeit ihrer Tochter;
aber sie bemerkte, da der Lehrer erschrak. Er wich einen halben Schritt zurck
und errthete. Adelheid meinte spter, die Mutter knne sich wohl getuscht
haben, da es schon anfing, dunkel zu werden. Als die Jette das Licht gebracht,
setzte man sich, und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt. Man
sprach ber dies und jenes, Tagesereignisse und Naturerscheinungen, man ward
ber die Stunden einig, ber die Bedingungen war man es schon vorher durch den
Geheimrath. Er hatte gar nicht examinirt und doch sagte er beim Abschied zur
Mutter: er wisse nun genau, wo er anfangen solle. Adelheid nahm das Licht vom
Tisch und leuchtete ihm hinaus. Vom Treppengelnder aus wnschte sie ihm eine
gute Nacht.
    Die Mutter begriff ihre Tochter nicht; noch eben so bang und pltzlich so
unbefangen. Adelheid erklrte, der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein
Lehrer vor, sondern wie ein gewhnlicher Mensch. Er sprche ja so, da ein Kind
ihn verstehen knnte. - Das aber gerade machte die Mutter bedenklich, ob ihr
Mann auch an den rechten gerathen. Sie hatte Achtung gegeben, ob er nicht einmal
einen Dichter oder einen berhmten Schriftsteller citiren werde. Aber wenn sie
das Gesprch darauf lenkte, brach er ab, oder vielmehr er lenkte es auf Dinge,
die Jedem gelufig, und wenn nicht, gab er solche Erklrungen davon, da sie
Jedem verstndlich wurden. Ein Lehrer mu doch da sein, um zu belehren, und doch
wenigstens zuweilen in schnen Redensarten sprechen, dachte sie, die nicht
Jedermann versteht, die aber so schn klingen, da man neugierig wird und zum
Lernen Lust bekommt. Ihr Mann meinte, wenn die Stunden anfingen, werde er wohl
gelehrter sprechen. Die Kriegsrthin aber wollte ihre Freundin, die Obristin,
bitten, einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein, um ihr aufrichtig zu sagen,
ob der neue Lehrer was tauge.
    Nur ber eins war sie beruhigt. Bei diesem Manne war fr ihre Tochter keine
Gefahr, auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wre. Er war ja viel
lter, als sie gedacht und bla und hatte auch einige Pockennarben, und tanzen
konnte er gewi nicht. Sie meinte, es ginge ihm wohl kmmerlich, obschon sie
sich entsann, da er einen feinen Rock trug; und, um ihm etwas Gutes zu
erzeigen, dachte sie daran, ihm einen Freitisch anzubieten.
    Das wrde sich nun nicht schicken, sagte der Kriegsrath, der andern Tages
von Erkundigungen heim kam, die er im Interesse seines Kindes eingezogen. Zuerst
hatten ihn die gescheitesten Leute versichert, der Herr van Asten wisse mehr,
als in tausend Bchern steht, aber er habe den Tik, da er das Sprchwort zu
schanden machen wolle: der spricht ja wie ein Buch. Das wre berhaupt jetzt
Mode, da die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten, da sie gelehrt
wren.
    Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsrthin, als sie erfuhr, Herr van
Asten habe einen angesehenen Vater, den Prinzipal des alten Handlungshauses in
der Spandauer Strae. Weil er jedoch zu der jungen sthetischen Schule halte,
die man Romantiker nennt, habe er sich mit seinem Vater berworfen, und sei aus
dessen Hause gezogen, und nehme keine Untersttzung von ihm an, sondern er habe
sich vorgesetzt, sich selbst fortzuhelfen. So knapp es ihm gehe, schlage er sich
durch, und es knne ihm Niemand etwas nachsagen, als da er stolz sei und andere
nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse.
    Die Kriegsrthin sah den jungen Mann schon ganz anders an, als er zur ersten
Stunde kam. Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen. Nur gefiel es
ihr auch heute nicht, da er die Adelheid so viel sprechen lie und selbst wenig
sprach. Sie nahm sich vor, nachher ihrer Tochter zu rgen, da sie ihre
Unwissenheit so blos gegeben, aber wie war sie verwundert, als van Asten sie
beim Fortgehen versicherte, da Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse, als er
geglaubt, und da sie sich selbst am besten unterrichten werde. Der Lehrer
brauche nur wenig hinzuzuthun.
    Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand: Auf Wiedersehen,
Herr van Asten! Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich.
Adelheid sah sie aber gro an: Wenn ich ihm nun gut bin, soll es sich nicht
schicken, da ich ihm die Hand schttele?
    Die Stunden hatten ihren Fortgang und Adelheid reichte jedes Mal beim
Abschied dem Lehrer die Hand, als an einem schnen Tage die Obristin mit ihren
Nichten vorfuhr, und die Mutter oder die Adelheid auffordern lie, mit ihnen
einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen. Die Kriegsrthin entschied auf der
Stelle fr Adelheid. Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen, indem die
letzte fragte, ob es sich auch schicke, whrend die erste sagte, wenn ihre
Tochter ein Vergngen habe, sei es als ob sie selbst es genossen, und was sie
denn fr Bedenken haben knne?
    Als Adelheid am Abend zurckkehrte, waren alle Bedenken verschwunden. In der
Aufregung der Freude flossen ihre Lippen ber. Liebenswrdiger konnten Nichten
und Tante nicht sein. Wie anmuthig war die Unterhaltung geflossen whrend der
Spazierfahrt, wie rasch der Wagen dahin gerollt durch den Thiergarten. Als sie
nach Hause fuhren, hatten die Nichten sie so dringend gebeten, einen Augenblick
bei ihnen hinaufzuspringen. Die Tante meinte, es sei noch nicht alles
eingerichtet. Aber die Nichten sagten: Chre tante, sie mu doch Dein rothes
Shawl sehen. Und oben die Zimmerchen, es war so niedlich und fein, wie sie es
nie gesehen, man fhlte den Fuboden nicht, solche weichen Decken lagen, und
Sophas an allen Wnden, und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel,
da sie vor der Zeit Licht anznden mussten. Keine Talglichte, sondern eine
Lampe mit gedmpftem Glase, die an der Decke hing. Da htte das Zimmer erst
wunderbar schn ausgesehen. Leider war der Schlssel verlegt zum Kasten, wo das
rothe Tuch lag, und die Tante hatte gemeint, sie msse es zuerst ein Mal bei
Tage sehen, weil die Farben bei Licht ganz andere wrden. Auch war ein Besuch
gerade eingetreten, ein vornehmer Herr, vor dem es doch nicht schicklich war,
Toilette zu machen. Der Herr hatte ihr zuerst gar nicht sehr gefallen, er war
klein und hftenlahm, und ging an einem Stock, der ihm als Krcke diente. Auch
sein gerthetes Gesicht mit vielen Pickeln war hsslich. Aber sie htte auch da
bald eingesehen, wie der Schein trgen kann. Er war ein Kammerherr vom Hofe, der
Herr von St. Real, den sie schon nennen gehrt, der eine gelegentliche
Vorfuhrvisite bei der Obristin machte. Er war die Artigkeit selbst gegen die
Damen und auch gegen sie. Er sprach so fein und verbindlich, wie sie noch keinen
Herrn sprechen gehrt, und schien alles zu wissen, denn er lchelte fein zu
Allem, was sie sagte, und machte dann eine Bemerkung, woraus sie sah, da er die
Sache kannte. Sie hatte nie geglaubt, da die vornehmen Herrn so freundlich
gegen Brgerliche wren.
    Er hatte sich erkundigt, ob sie Klavier spiele und singen knne, und was
ihre Lektre sei, was sie zuerst nicht verstanden. Dann htte er ihre Eltern
sehr gelobt, da sie ihr keine Romane in die Hnde gaben, denn das sei alles
nicht wahr, was darin stehe und verwirre die Phantasie.
    Und denkt Euch, fuhr sie auf, er kennt auch Herrn van Asten! Denn er
fragte, bei wem ich Unterricht htte? Und als ich ihn nannte, sagte er, er htte
von ihm gehrt, da er ein sehr verstndiger junger Mann wre. Und den Beweis
she er jetzt vor Augen. Ich wurde roth. Aber er fuhr fort: das Gute kommt doch
wohl nicht alles vom Lehrer, sondern das Beste von den Eltern. Ich war wie
bergossen, als er Deinen Namen nannte, Vterchen, und in meiner Verlegenheit
fragte ich ihn, ob er Dich denn kenne? Ich selbst habe nicht die Ehre,
antwortete er, aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohl bekannt und
sehr gut angeschrieben.
    Sie sprang auf, und fiel dem Vater um den Hals: Vterchen, man kennt Dich
bei Hofe!
    Die Mutter wischte eine Thrne aus dem Auge. Der Vater meinte, man msse
auch nicht alles glauben, was die Leute uns ins Gesicht sagen.
    Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen, so hflich und fast
respektvoll, da sie sich wieder geschmt, denn gegen die Nichten war er gar
nicht so fein. Er hoffe sie ein andermal wieder zu sehen, und die Obristin hatte
gesagt, das solle nchstens geschehen, auf eine Tasse Chokolade, wenn ihre
Wohnung erst ganz in Ordnung sei, und darauf war sie mit dem Kammerherrn
fortgefahren in die Oper. Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen, aber
die Nichten htten es sich nicht nehmen lassen, sie selbst zu begleiten. Der
Rckweg sei nun nicht so angenehm gewesen, denn sie wren oft angesprochen
worden von unverschmten jungen Mnnern. Aber die Nichten htten sie schn
zurecht gewiesen: Schmen Sie sich nicht, anstndige Damen zu attaquiren? Da
htten die Herren gelacht, aber die Nichten htten sie um Gottes Willen gebeten,
es der Tante nicht wieder zu sagen, denn sie wrde sehr bse sein, weil sie die
Adelheid wie ihren Augapfel liebte, aber sie htten es auch ja nur gethan, weil
sie sie noch mehr lieb htten.
    Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und in ihrer Freude, da ihr Vater bei
Hofe bekannt sei, das Haus und die Strae vergessen. So wusste man noch immer
nicht, wo die Frau Obristin wohnte.

                              Fnfzehntes Kapitel.



                               Auch eine Idylle.

Der Minister sa in seiner Laube. Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr
groen Garten, von dem nur der kleinere Theil von Grtners Hand in Blumenbeete
und Weingelnde geordnet war. Auf durchschnittenen Wiesen weideten Khe mit
Schweizergelut.
    Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug. Neben ihm sa
die Frau Ministerin.
    Der Minister sa in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus- oder
Gartenschuhen. Das Aktenstck lag schon lange aufgeschlagen vor ihm, die Dinte
in der Feder war eingetrocknet, und der Kanzleibote hinter der Laube wartete
eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime - denn der Minister
horchte, den Kopf im Arm, auf das Schweizergelut.
    Die Ministerin, in einem so einfachen Hauskleide, da man sie fr eine
einfache Brgerfrau gehalten htte, wenn nicht ihre Haube mit Brsseler Spitzen
besetzt gewesen, und ein Mullumwurf den bloen Hals bedeckte, strickte eifrig.
Sie strickte blauwollene Strmpfe, und erzog ihre Kleinen, die an der Laube
spielten. Wenn sie sich mit Sand warfen, sollte sie den Streit schlichten, und
doch dabei auch auf die lteste Tochter horchen, die auf ihrem Knie Vossens
Louise ihr vorlesen musste. Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und
ghnte oft.
    Der Minister richtete respirirend den Blick aufwrts nach den reifenden
Trauben am Laubendach.
    Du hast wohl recht schwer zu arbeiten, sagte die Ministerin. Du solltest
Dich schonen.
    Mir war es eben, als wre ich noch in Florenz. So schwebten auch die
Trauben von unserer Veranda. Und dieser Wiesenhauch! Als wehte es von Fiesole
her, und der Arno pltscherte unter mir.
    Ich wei nicht, ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist, als der Duft der
Orangen. Ist es berhaupt Recht, da Du so oft dahin zurckdenkst? Solche
Vergleiche stren die Heiterkeit der Seele. Wir sind doch einmal in diesem
Lande, es ist auch hier schn, und wir sind zufrieden und glcklich, und -
    Und, fiel er ein, ihr die Hand reichend:

Se heilige Natur
La uns gehn auf deiner Spur,
Leite uns an deiner Hand
Wie ein Kind am Gngelband.

    Die Ministerin accompagnirte die Stollberg'schen Verse durch eine stumme
Lippenbewegung, indem sie andchtig in die Luft schaute. Dann zhlte sie die
Maschen, sie hatte eine verloren. Der Kanzleidiener rusperte sich umsonst. Das
Ehepaar war in sein stilles Glck versunken, und in Betrachtungen, warum Leopold
Stollberg katholisch geworden.
    Die Frau Ministerin wusste diesmal nicht, warum der Minister respirirend
schwer den Blick nach den Trauben gerichtet, warum er das Citissime drei Mal
durchlesen hatte, ohne zu wissen, was darin stand, warum er wie ein Trumer auf
das Schweizergelut hrte, kurz, warum er in der elegischen Stimmung war.
    Vor einer Stunde htte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz anderen
gefunden. Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht! Er hatte laut fr
sich gerufen: Dann ist Alles aus! Dann gehen wir Alle unter! Er hatte nach
seinem Kammerdiener und Jger geschellt: Anspannen und ankleiden! Er wollte an
den Hof fahren, selbst der Majestt die dringendsten Vorstellungen zu Fen
legen. Er hatte schon die Hofbeinkleider an und der Kammerdiener nestelte die
Schnallen, als er ihn wieder hinaus schickte; er wollte sich einen Augenblick
ausruhen. Auf das Sopha sich niederlassend, lste er unwillkrlich die
Bandschnalle. Es war so hei! Wozu sich denn auch persnlich den Aerger
bereiten! Es wre doch mglich, da er mit dem Knige aneinander gerieth. Das
fruchtet ja zu nichts! Er konnte schriftlich seine Grnde aufsetzen, warum der
Mann, dessen Name ihn so erschreckt, nicht zum Minister tauge.
    Er hatte wieder geklingelt, und der Kammerdiener ihn entkleiden mssen. Und
die Equipage, Excellenz? - Ausspannen! Der Sekretr hatte die
Schreibmaterialien zurecht legen mssen, der beste und fertigste Kopist in
Bereitschaft stehen. Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereit
gestanden, es standen aber erst zwei und eine halbe Zeile auf dem Konzeptbogen.
    Der Minister sa auch gar nicht mehr am Schreibtisch, er sa zurckgelehnt
auf dem Sopha. Entweder es ist, oder es ist nicht, dachte Seine Excellenz.
Wenn es nicht so ist, so ist es gut, wenn es ist, so ist es vielleicht auch
gut, - ghnte er, von der Hitze im Zimmer bermannt - dann ist doch das Ende
vom Liede, da wir unsere Entlassung nehmen mssen. Weshalb sich fr diese
Eventualitt noch mit einem schwierigen und kitzlichen Memoire befassen, es kann
der Griff in ein Wespennest werden, und an stechenden Insekten fehlte es
ohnedies nicht. Eine unverschmte Bremse schwirrte unermdlich um seine heie
Stirn.
    Der Sekretr hatte sich lchelnd von der Thr, an der er gelauscht, an sein
Pult begeben, und der Kopist auch lchelnd seine Feder ausgewischt, als man den
Minister endlich sah, mit dem Battisttuch sich Luft wedelnd, sich ins Freie zu
begeben. Beim Durchgehen hatte er verordnet, die Akten ihm in die Laube zu
tragen.
    Die stille Scene glcklicher Huslichkeit, in welcher die Sorgen von vorhin
schon verschwunden schienen, hatte aber noch einen Beobachter. Der Geheimrath
Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube, den Hut im Arm und die Arme
gekreuzt. Eine Pause benutzend, trat er mit einigem Gerusch vor.
    Sie haben uns wohl belauscht, lieber Bovillard, sagte die Ministerin. Das
ist nicht recht; wer zur Familie gehrt, der mu nie zu stren frchten.
    Er wollte ihre Hand an die Lippen fhren, sie zog sie unwillig zurck: Wir
sind Deutsche. Einen ehrlichen Handschlag.
    Ich bewundere Ihren Flei, Excellenz.
    Husliche Angelegenheiten, sagte die Excellenz, gehen der Freundschaft
vor. Halte mir mal Deinen Fu her, lieber Christian.
    Sie probirte den Strumpf am Fue des Ministers. Sie lcheln wohl ber mich,
Bovillard? Das genirt mich aber gar nicht. Ehe wir's uns versehen, kommt der
Winter ins Haus, und da mu eine gute Hausfrau bei Zeiten gesorgt haben. Setzen
Sie sich, und plaudern mit meinem Mann von Staats- und gelehrten Dingen, ich
werde Sie nicht stren.
    Und keinen Handschlag fr mich? sagte der Minister, seine Hand ber den
Tisch ihm entgegenhaltend.
    
    Frauendienst geht vor Herrendienst.
    Der Geheimrath nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem
Gartenschemel. Lieber htte er in einem Fauteuil gesessen.
    Ach, wer auch eine Frau htte, die uns Strmpfe strickte!
    Ist Ihre Schuld, Bovillard. Warum haben Sie nicht wieder geheirathet?
    Wo jetzt Frauen finden, die wie Excellenz nur fr das Glck ihres Mannes
leben?
    Wenn man sie suchte, wrde man sie schon finden.
    Alles will jetzt sthetisch sein.
    Und Sie, wenn Sie eine Frau htten, die Ihnen Strmpfe strickte, wrden
franzsische Spottverse auf sie machen. Im Ernst, Geheimrath, bessern Sie sich
ein Bischen.
    Soll ich katholisch werden, wie Graf Stollberg? Wenn Excellenz befehlen
tout  vos ordres.
    Pfui ber den Sptter und Atheisten! Da sitzen Sie nun wieder mit dem
Rcken gegen die Natur.
    Ich kann Excellenz doch nicht den Rcken kehren.
    Sinn fr Huslichkeit einem so eingefleischten Admirateur der franzsischen
Literatur beizubringen, mssen wir wohl aufgeben, aber rhrt Sie denn gar nicht
die Natur, hat nie eine Nachtigall Sie ergriffen?
    Nein Excellenz! Aber ich htte beinahe mal eine ergriffen. Sie flatterte
nur wieder fort.
    Inkorrigibler Flattergeist! Sehen Sie, meine Angelique lass' ich Vossens
Louise lesen und freue mich, wie das Kind immer mehr Sinn dafr bekommt.
    Ach, wer wieder ein Kind werden knnte!
    Und wer kein Staatsmann geworden wre! seufzte der Minister. Ich war
eigentlich zum Herrnhuter geboren. Warum musste man mich hinausreien an die
Hfe, ins Feld der Intriguen? Ich htte ein Vater unter meinen Unterthanen
gelebt, sie beglckend, selbst beglckt.
    Und nun beglcken Excellenz ein ganzes Volk. Voil la diffrence.
    Das mich verunglimpft, weil ich - solche gute Freunde habe.
    Wer wollen uns Alle bessern, Excellenz! Diese Laube sei der Tempel der
Tugend, wo wir ihr Gehorsam geloben, und die Frau Ministerin die erhabene
Priesterin, welche unsere Schwre empfngt.
    A propos, hub die Ministerin an, wissen Sie denn den Vorfall von gestern
bei Hofe?
    Der Geheimrath kannte ihn noch nicht.
    Der Knig und die Knigin hatten eine Landpartie verabredet nach
Pichelswerder. Sie laden die alte Vo ein, daran Theil zu nehmen. Aber ganz
lndlich heit es. Wird das unserer lieben Grfin auch anstehen? Sie fhlt sich
unendlich geehrt, an einem Vergngen Theil zu nehmen, was Ihro Majestten nicht
verschmhen, und in voller Galla rauscht sie die Treppen hinunter, worber die
Majestten schon kaum ihre Lust zurckhalten. Denn mit Schrecken sieht die
Grfin die Mtze des Knigs, und die Knigin in dem Morgenrock, der ihr so
reizend steht. Aber unten im Charlottenburger Hofe! Was steht vor der Thr? Ein
Leiterwagen mit Stroh! - Sie fragt nach der kniglichen Kutsche. - Dies ist sie,
sagt der Knig, wir werden uns etwas behelfen mssen; lndlich, sittlich. Die
alte Vo ist erstarrt, aber noch entsetzter, als sie sieht, wie der Knig die
Knigin hinaufhebt. Die anderen Hofdamen helfen sich selbst. Der Knig bietet
endlich der alten Dame seine Dienste an, aber sie erklrt feierlich: so lange
sie ihr Amt als Ober-Ceremonienmeisterin nicht verwirkt oder verloren werde und
knne sie sich dazu nicht entschlieen. Und, setzte sie hinzu, wenn ich auch so
unglcklich wre, darber die Gnade Ihro Majestten zu verlieren. - Der Knig
sagte freundlich: Um des Himmels willen, liebe Vo, wenn Sie nicht mit wollen,
bleiben Sie zurck, aber meine volle Gnade bleibt bei Ihnen. Und hinauf sprang
er, und der Wagen rollte fort.
    Der Geheimrath schnalzte auf: Dlicieux! die alte Vo allein am Thor, wie
die Henne am Teich!
    Ich glaube, Komte Laura, fuhr die Ministerin fort, und zog ihren Strumpf
- ich glaube, die hat auch nicht sehr vergngte Mienen auf dem Leiterwagen
gemacht. Es ist erschrecklich, welche Airs sie sich giebt.
    Ich finde sie nicht mal schn, sagte Bovillard am Halstuch zupfend. Er
fand sie nicht schn, weil auf dem Gesicht der Ministerin etwas stand, was ihm
sagte, da die Ministerin eine solche Findung wnschte.
    Sie fischt ihn auch nicht weg, sprach der Minister.
    Und wenn, meine weisen Herren - fiel die Ministerin ein, was htten Sie
gewonnen? Hat sie den Esprit, um ihn zu gouverniren? So wenig als die Fromm, die
Pauline und die andern. Er ist zu impetus. Ueberdies, erlauben Sie mir, ich
finde es von so klugen Leuten unverantwortlich, eine solche Person in ihre
Confidence zu ziehen.
    Der Minister meinte, sie htte wohl neulich beim th dansant zu scharf
gesehen. Als Frau sei die Komte ein gutmthiges Geschpf.
    Da sie sich mir da vordrngte, will ich ihr vergeben haben, sagte die
Ministerin, sie hat keinen Takt; aber ich bitte Sie, wenn auch Komte Laura
sich unterstehen will, das Mulltuch um den Hals zu binden, wie unsere
tugendhafte Knigin, so finde ich das rebutant, ja geradezu rebutant, meine
Herren, und ich wenigstens mit meinem schwachen Verstande begreife nicht, wie
man das hingehen lasien kann. Aber die Herren werden wohl Grnde dafr haben. -
Die Herren haben auch zu sprechen, was ich nicht hren soll, setzte sie, das
Strickzeug weglegend, hinzu, und ich will Sie nicht stren. Aber das sage ich
Ihnen, ich bin keine Freundin von Intriguen. Schlicht und grad, damit kommt man
am weitesten. Geben Sie es auf, den Prinzen einzufangen. Er bricht durch alle
Ihre Netze. Und was htten Sie am Ende gefangen? Er hat eine Partei, aber diese
Partei wird nie ans Ruder kommen, so lange er und der Knig ihre Natur nicht
changiren, und die klugen Herren klug handeln. Umstellen Sie Seine Majestt,
seien Sie auf der Hut, da keine zweifelhafte Person in seiner Nhe sich
festnistet, lassen Sie ihm alle Extravaganzen des Prinzen zu Ohren kommen, auch
immerhin seine genialen Streiche, die in einem gewissen Publikum so viele
Bewunderer finden. Desto besser, der Knig kann nun einmal geniale Streiche
nicht leiden. Das Uebrige macht sich dann schon von selbst.
    Der Minister hatte seine Gemahlin umarmt: Mir aus der Seele gesprochen.
Nichts von Intriguen! Den geraden Weg.
    Der Geheimrath und der Minister hatten allerdings ein Geschft.
    Excellenz hatten die Eingabe vor sich, wie ich zu sehen glaubte, sagte der
Geheimrath, als sie durch ein Weinspalier gingen, wo der Minister die Trauben
mit Lust befhlte, und weit mehr Lust zu haben schien, ein naturhistorisches
Gesprch zu fhren, als ber die Angelegenheit, um die der Begleiter gekommen
war.
    Und gelesen, seufzte der Minister, als er nicht mehr ausweichen konnte.
Aber ich bitte Sie, Freund, Sie lasen sie doch auch.
    Ich finde die Angelegenheit sehr klar dargestellt.
    Ja, klarer kann es kaum sein, da man die Gefangenen beschwatzt hat, etwas
zu unterschreiben, was ein handgreifliches Mrchen ist. Sie attestiren, da sie
unter sich, in der Freude ihres Herzens zur Vorfeier des kniglichen
Geburtstages einen ungebhrlichen Lrm gemacht, da sie dadurch den Voigt in ihr
Gefngni gelockt, da sie die Thr hinter ihm verschlossen, und ihn gezwungen,
an ihrem Gelage Theil zu nehmen, bis es ihm zu arg geworden. Ich bitte Sie, was
konstatirt denn selbst aus dieser Erzhlung! Selbst wenn die Fabel Wahrheit
wre, hat ein Mensch, der so wenig seine Autoritt zu erhalten wei, sein Amt
verwirrt. - Wer ist dieser Herr von Wandel? fragte er mit verndertem Tone.
Warum interessirt sich dieser Legationsrath so lebhaft fr die Sache?
    Es ist nicht die erste, Excellenz.
    In die er sich mischt. Ich wei es. Er tritt auf wie der Alte berall und
nirgends. Diese Geflissentlichkeit, sich in Dinge zu mischen, die ihn nichts
angehen, gefllt mir nicht.
    Was kann er davon haben, da Lupinus los kommt? - Excellenz halten ihn fr
einen Aventurier. Aber er spielt nicht, macht keinen bermigen Aufwand, er
beschftigt sich mit Naturwissenschaften.
    Darum kommt man wohl jetzt nach Berlin! Darum drngt man sich in alle
Gesellschaften, macht den Affairirten, wei um alle Secrets, macht sich bei
Prinzen und Damen beliebt, spielt hier den Weisen, dort den Liebenswrdigen, und
fr uns Alle den Rtselhaften.
    Er ist ein Mann des Friedens, lchelte Bovillard.
    Aber unseres Friedens! Er ist zu klug, um zu schwrmen, also was will er?
Ich liebe nicht die rtselhaften Menschen. Wre er nur ein Kundschafter, ein
Agent von Napoleon oder Kaiser Alexander, von wem es sei, gleich viel, ich
wsste mich mit ihm zu stellen, aber der Abgesandte einer unbekannten Puissance,
der hat etwas - bleiben Sie mir mit ihm vom Leibe, ich gestehe, mir wird unwohl,
wenn ich in das glserne Gesicht sehe.
    Bovillard lchelte nicht, er erlaubte sich zu lachen: Excellenz! er ist ein
Schwrmer. Zudem ein Philosoph. Er hat ein System. Mnner mit Ideen pflegt keine
Puissance zu Spionen zu whlen.
    Der Einwand frappirte dem Minister: Jedenfalls mu man mit solchen Menschen
vorsichtig sein.
    Er blieb am Ausgange der Weinallee stehen: Bovillard, wozu denn der
Embarras, um einen Menschen zu retten, der sein Schicksal verdient hat? Seine
Diners sind doch, dnkt mich, zu ersetzen.
    Excellenz, ein Ring heraus und eine Kette ist entzwei. Seine
Familienverbindungen!
    Man darf nicht schonen, wo es an den eigenen Ruf geht. Sie haben es nicht
zu vertreten, aber ich, wenn es am Hofe heit: das ist Einer von der
Lombard'schen Klique! Gerade wenn wir ihn springen lassen, befestigen wir unsern
Ruf.
    Er hat mir so aufrichtig Besserung gelobt.
    Der Minister sah ihn mit kaum unterdrcktem Lcheln an. Und dann der Knig!
Es geht nicht, er ist diesmal selbst Partei.
    Ich wei, ich wei. - Indessen sollten Excellenz - ich meine, wenn Sie sich
der Sache annehmen wollten, wenn Sie das Loos der armen Kinder des Geheimraths
mit aller Ihrer Humanitt erwgen, sollte es Excellenz nicht mglich sein, vor
der kniglichen Huld und Gnade die Sache in einem Lichte - aber - mein Gott, wie
schn ist die Aussicht! Welch ein wunderbares Licht!
    Sie waren aus dem Weingang ins Freie getreten, und der Geheimrath blieb wie
versunken in der Anschauung stehen. Ein Eisen mu man schmieden, wenn es hei
ist, aber an eine Thr, die man verschlossen findet, nicht klopfen bis das Haus
in Aufruhr gerth. Wenn man wartet, ffnet sie sich wohl von selbst.
    In dieser Verdure glaubt man doch die Alpenfrische wieder zu sehen. Wie
geschickt Excellenz die Stadtmauer da mit Gebsch versteckt haben.
    Der Garten war sehr morastig, als ich das Grundstck kaufte, es war mein
Vergngen, das Wasser in Grben zu leiten, die sich aber wie natrliche Bche
schlngeln. Hlt man die schilfigte Krmmung dort wohl fr gegraben?
    Der Geheimrath fand, die Lorgnette im Auge, nichts als Natur: Da auch
Mummeln im Teich - ich wollte sagen in dem kleinen See. Il faut avouer, que
c'est plus qu'imiter la nature. C'est la nature prise sur le fait.
    Er wollte sich auf einen abgehauenen Baumstamm am Ufer des knstlichen
Baches stellen, um sich im Wasser zu spiegeln. Der Minister hielt ihn am
Rockscho zurck; Um Gottes Willen, er kippt ber. Mein Grtner hat ihn erst
heute Morgen aus Treptow eingefahren.
    En vrit! sagte der Geheimrath, die Tuschung ist mir lieb, denn ich
wollte schon mit Ihnen zrnen, einen solchen Kernbaum umzuhauen!
    Wo sollte ein Baum von solchen Dimensionen auf diesem Boden fortkommen,
entgegnete der Minister, ber die Tuschung doch nicht ganz unzufrieden. Wenn
ich auf etwas mir zu Gute thue, ist es nchst meinem Weinbau, von dem Sie ja
wohl schon gelesen haben werden, setzte er lchelnd hinzu, auf meine Khe. Es
ist holsteinische Zucht. Beyme will in Steglitz auch den Versuch machen, ich
zweifle aber, da sie ihm fortkommen. - Und mit welchen Vorurtheilen ich zu
kmpfen hatte! Zwei Kuhhirten musste ich entlassen. Der eine hielt das
Schweizergelut den Khen fr schdlich! Wohin sehen Sie dort?
    Was ist das blendende Wei da?
    Meinen Sie das Stckchen Stadtmauer, worauf die Sonne scheint? Der Theil
ist neu geweit.
    Sollt' ich mich so getuscht haben! - Richtig! Sie springt da gerade ber
die Bsche. Wissen, Excellenz, es ist eine Thorheit - aber die Phantasie geht
oft mit uns durch - in dem Augenblick dachte ich an Schnee. Man knne der
Illusion zu Hlfe kommen. Ich meine -
    Der Minister fiel ein, er sei kein Freund der Spielereien im Wrlitzer Styl:
die Natur und nichts als die Natur! Da hatte ich auch einen Wasserfall
angelegt, ich habe aber die Steine wieder herausnehmen lassen. Man erreicht
weder ihre Gre, noch ihre Einfachheit.
    Der Geheimrath empfand in dem Augenblick eine unangenehme Berhrung auf dem
Rcken. Der Minister zuckte sogar schmerzlich zusammen, denn eins der
Kieselsteinchen, mit denen beide beworfen wurden, hatte ihn in dem Nacken
getroffen.

                             Sechszehntes Kapitel.



               Von Urmenschen und groen Menschen im Schlafrock.

Verfluchter Junge! entschlpfte es ihm, indem er sich umdrehend die Hand
erhob. Jean, oder warst Du es, Jacques! Du siehst doch, ich bin nicht allein.
    Statt der Antwort flog ein neuer Steinhagel. Er kam aus den Aesten einer der
Ulmen, die in einiger Entfernung durch ein seichtes Wasser von ihnen getrennt in
einer Gruppe Buschwerk standen. Bovillards Lorgnette entdeckte in den Aesten
einen der Knaben des Ministers, einen andern am Ufer als wilder Mann kostmirt.
Dieser schrie, auf seine Keule gesttzt, in unartikulirten Tnen, deren leicht
verstndlicher Sinn war, da sie Riesen oder Waldmenschen wren, denen dieser
Wald gehre, und da kein Fremdling aus der feigen, schwchlichen Menschenrace
sich in ihr Territorium ungestraft verirren drfe.
    Da werden wir wohl unterhandeln mssen, lieber Bovillard.
    Ah, Dero Herren Shne - spielen Ritter.
    Die Passion ist vorbei, sie wollen nichts als Menschen, Urmenschen sein.
Na, Jean, Jacques, sagt, was wollt Ihr denn von uns?
    Jean! Jacques! Sind Ihnen Ihre Taufnamen Hugo und Busso nicht urmenschlich
genug?
    Eine Passion meiner Frau. Der Minister verneigte sich: Also Ihr
gromchtigen Herren der Insel und Gebietiger des Waldes, was fordert Ihr von
uns armen Menschenkindern, damit wir unter Eurer Gnade einen ungehinderten
Durchweg haben?
    Whrend die Knaben dies freche Ansinnen, wie sie es nannten, in
Ueberlegung ziehen wollten, und dazu der eine Waldmensch vom Baume
herabrutschte, hatte Bovillard Zeit, die Insel zu betrachten, von deren Existenz
er noch nichts wusste. Sie war sichtlich erst vor Kurzem gegraben, so wie die
knstliche Hhle, aufgeschttet von Erdreich, Aesten und Moos, mit rohem Tisch
und Bnken, und ein schadhaftes Brenfell, das am Eingang hing, verrieth an
seiner Furnitur, da es von irgend einem Liebhabertheater stammte.
    Der Riese, indem er den Bltterkranz auf der Stirn zurecht rckte, whrend
der Andere das Brenfell auf die Erde breitete und sich in malerischer Position
hinwarf, stellte nun in einer schwulstigen Knabenrede an die jmmerlichen Wichte
und elenden Kreaturen der Civilisation seine Forderungen und Vorstellungen: da
sie, die auf Lotterbetten lgen und den Gaumen kitzelten mit feinen Weinen und
Speisen, ihnen, den Waldmenschen, die auf Wurzeln schliefen und von Eicheln
lebten, ihr Trank das klare Quellwasser, ihr Becher die Hand, nicht einmal ihr
letztes Asyl, die Waldwildni gnnten. Wohl kennten sie, die Urmenschen, die
Arglist ihrer Verfolger, die ihnen die Erde entrissen, und sie wilde Mnner
schalten, und da sie nur kmen, um sie auszukundschaften und durch
gleisnerische Worte zu betrgen. Eigentlich sollten sie nun zu ihrer Rettung die
verrtherischen Spione der Kulturmenschen vernichten, aber die Waldmenschen
wren gromthiger, sie wollten ihre Hnde nicht mit ihrem Blute besudeln, denn
Allvater rausche in den Eichen ber ihnen: Lasst sie noch diesmal laufen! Darum
mchten sie noch diesmal laufen, mit geduckten Kpfen, die Hnde auf dem Rcken,
laufen, was sie knnten, denn wenn sie bis zwlf gezhlt, wrden sie Felsstcke
auf ihre Schdel nachschleudern.
    C'est bien joli! sagte der Geheimrath und klopfte den Staub von den Fen,
als sie auer Athem die Bsche erreicht.
    Ein prchtiger Junge!
    Aber wie kamen sie auf die Idee?
    Ganz ihre eigene. Das ist es eben, was mich freut. Auf einem Spaziergange
im Thiergarten sprach meine Frau beim Anblick der Rousseau-Insel einige
gefhlvolle Worte. Die Jungen schnappten es auf: wir mussten ihnen erklren, wer
Rousseau gewesen, es kam dazu, da sie vor Kurzem den Robinson gelesen - kurz
die Jungen wollten als Einsiedler auf einer Insel leben. Sie glauben nicht, mit
welchem Scharfsinn sie argumentirten. Wir riskirten, da die Kinder uns eines
Morgens fortliefen und nach der Rousseau-Insel wateten. Um den Skandal zu
verhindern, lie ich ihnen diese hier graben. Es gab eine angenehme
Beschftigung, und jetzt mu ich wirklich ihre Perseverance admiriren, mit der
sie sich auf der Insel -
    Ennuyiren, fiel der Geheimrath ein.
    Es trat eine Pause ein. Der Minister hub wieder an: Ich gebe Ihnen zu,
Bovillard, wir erscheinen als Kinder, indem wir dies untersttzen. Ich gebe
Ihnen noch mehr zu, meine ganze in einer groen Stadt hervorgezauberte
Lndlichkeit ist auch nur ein Kinderspiel; wer aber hielte es aus ohne ein Spiel
der Phantasie! Nur darin ist der Unterschied, da die Einen es wie ein joujou de
la Normandie in die Hand nehmen, um es aufzurollen und wieder fallen zu lassen.
Wir Andere vertiefen uns, glcklich wenn wir in dem Spiel uns selbst vergessen.
    Die Tiefe Ihres Sentiments, Excellenz, wird Ihnen Niemand abstreiten.
    Sagen Sie lieber Innigkeit, Zrtlichkeit, wie Sie wollen. Ich empfinde es
tiefer als Viele, was uns Alle ermattet. Wie es um uns her grau ist, abgelebt
aussieht, wie auf einem Stoppelfelde! Was ging nicht unter! Unsere
Adelsherrlichkeit, unsere Schlsser und Burgen! Der Lster unserer Salons! Das
heilige Rmische Reich folgte unserem Glauben an seine Herrlichkeit. Was ist
unsere Philosophie, unsere Gelehrsamkeit, selbst unsere Poesie und Literatur,
die kaum aufgeblhten, die kaum das Ausland zu observiren schien - ils sont
passs ces jours de fte, denn selbst dem vergtterten Schiller zupfen die
jungen Romantiker seine Schwanenfedern aus.
    Excellenz, ein anderer Mathisson! Elegieen auf die Ruinen einer verfallenen
Welt!
    Durchrieselt uns nicht Alle das Gefhl eines inneren Zerfalls der Dinge!
Unsere Kultur, unsere Industrie, Politik, vielleicht selbst unsere Population,
alle zuweit getrieben, schmachten nach einer Rekreation.
    Durch den Buschweg, den sie nach dem Hause einschlugen, kam ihnen der
Kammerdiener mit einem verdeckten Korbe entgegen: Ah, Rekreationen, die uns die
Frau Ministerin schickt! rief Bovillard, der hungrig geworden, und schlug die
Serviette zurck. Die frischen Kirschkuchen und das Gele in Glsern blickten
ihm nicht unangenehm entgegen, aber der Kammerdiener zog den Korb entschieden
zurck: Verzeihn Sie gndiger Herr, das ist fr die Herren Urmenschen auf der
Insel. Ich habe mich etwas versptet.
    Gedulden Sie sich etwas, lieber Bovillard. Fr Ihren Geschmack sind doch
nicht diese idyllschen Fruchtgensse. Aber ich will Ihnen eine allerliebste
kleine Straburgerin vorsetzen, lchelte die Excellenz. Wenn auch nicht ganz
Unschuld, doch sehr pikant, und eben frisch angekommen.
    Die Damen bleiben doch die Blthen der Natur, entgegnete der Geheimrath,
ich meine aber die in der Mitte zwischen Gnseblumen und verwelkten Tulpen.
    Bei einer Oeffnung der Bsche hatten die Spaziergnger einen Blick auf die
Rckseite der sogenannten Insel. Der Kammerdiener hatte auf einer Stange den
Erfrischungskorb hinber gereicht. Die Urmenschen hielten es fr naturgem,
sich darum zu balgen. Der strkere stemmte den Kopf gegen den Bauch des andern
und hob ihn durch einen gymnastischen Schwung auf die Schultern.
    Bovillard lachte, der Minister glaubte eine Erklrung oder Entschuldigung
geben zu mssen. Die Kinder glaubten nur, es den wilden Thieren nachthun zu
mssen, wenn ihnen das Fressen vorgeworfen wird; brigens liebten sie sich als
Brder und wrden nachher schon gerecht theilen.
    Ich lache nicht darber, mir kam nur eine Szene bei Rietz in den Sinn.
    Bei Rietz, wiederholte der Minister nachsinnend.
    Um des Geheimrathes Lippen schwebte ein faunisches Lcheln: Excellenz
werden sich vielleicht noch der Jenny erinnern. Sie sang uns da die Marseillaise
entzckend schn. Whrend wir klatschten, rief sie mit einem Mal: a ira! und
mit einem Satz vom Stuhl auf den Tisch! Schenkt ein! rief das delicieuse Wesen,
und nur auf einem Zeh schwebend, hob sie das schumende Glas: Vive la libert!
Ohne einen Tropfen zu vergieen, trank sie's aus. Eine Grazie, wie eine Gttin,
wie sie zwischen den Flaschen schwebte, das leichte Mousselinkleid in antiken
Falten, den Rosazephyr um ihren Nacken, und ihr Teint von der Freude, vom Wein
angerthet. So tanzte sie, nein, es war kein Tanz, es war doch ein Hinsuseln
der therischen Freude ber die Tafel. Kein Glas fiel um. Die ganze Gesellschaft
auer sich, wir mussten ihre Fe kssen. Der Minister hatte unwillkrlich den
Kopf gesenkt. Bovillard fuhr fort: Einer unserer verehrten Freunde, erinnere
ich mich noch sehr wohl, war so benommen von olympischer Lust, da er sich die
Weste aufri und das Fchen an sein pochendes Herz drckte. Darber verlor die
Grazie das Uebergewicht, und ehe wir's uns versahen, umfasste er sie und trug
sie fort.
    Bovillard sah nicht, wie der Minister mit der Hand abwehrend winkte. Wie
die Najade sich schalkhaft strubte, ihr Zephyr flatterte, eine Attitde,
Excellenz, ich wnschte, Sie htten es sehen knnen. Das war doch ein Jubel,
eine Admiration! Der Sabinerinnen Raub! wie aus einem Munde scholl's. Ein
leibhafter Johann von Bologna!
    Was ffnen Sie die Grber der Vergangenheit, Bovillard! Ich ward ein
schlichter Hausmann.
    War's denn was Bses?
    Eine Verirrung doch wohl, liebster Freund. Das mssen wir zugeben, aber die
edelsten Empfindungen lagen zum Grunde. Es war mir oft so wie in der
Brdergemeinde. Aller Schein, aller Standesunterschied, das Drckende unsrer
Verhltnisse sinkt wie ein Schleier. Der Bruder- und Schwesterku drckt das
Siegel der Humanitt, der edlen Gleichheit auf unsre Lippen, und nun fallen mit
den Titeln alle beengenden Rcksichten fort. Man fhlt sich wieder in der Natur,
dem Ursprnglichen nher gerckt, das Herz geht auf, man schliet es
unwillkrlich weiter auf, vielleicht weiter als man sollte - aber es ist ja eben
dieser Drang, der uns glcklich macht.
    Der Geheimrath blieb einen Augenblick stehen: Ich besorge, da Excellenz an
jenem Abend Ihr Herz zu weit aufgeschlossen haben. Die Jenny war ein pfiffiges
Ding.
    Ich wsste doch nicht -
    Das glaube ich gern. Der Champagner bei Rietz war immer premire qualit.
Aber erinnern sich Excellenz, da damals die hannversche Geschichte spielte -
man schickte einen Courier nach, um eine gewisse Depesche cote que cote
zurckzuholen. Die Jenny, wenn sie noch lebt, wird das freilich lngst vergessen
haben, aber -
    Wem knnt' ich sonst -
    Nicht Excellenz, aber die Jenny. Als sie nach Hause fuhren, stahl sich
Lupinus zu ihr. Ich bin nicht bei ihrer Entrevue gewesen, noch habe ich, Gott
bewahre, mein Ohr ans Schlsselloch gelegt, aber ich wei nur, da auch sie von
allen beengenden Rcksichten sich frei, sich wieder in der Natur fhlte, dem
Ursprnglichen nher gerckt, da sie ihr Herz auch aufschlo -
    Dem Lupinus, Pfui!
    Der Schwesterku drckte das Siegel der edlen Gleichheit Allen auf. Ich
will auch nicht verschwren, da nicht die undankbare Schelmin Ew. Excellenz
etwas raillirt hat. Der Sillery hatte sie, wie gesagt, auch animirt, und statt
die Mysterien der sen Stunde in ihrer Brust zu verschlieen, machte sie sich
ber den Minister lustig, der ihr zu Fen gestrzt, ihre Knie umfasst, und
geschworen hatte, vor solcher Huld und Grazie etwas Geheimes auf der Brust zu
behalten, wre Snde. Wie die Sonne die Knospe entfalte, msse das Herz sich
erschlieen vor der Schnheit. - Excellenz, solche Geschpfe sind launenhaft,
unberechenbar. Sie hatte sich vielleicht bei den politischen Herzensergieungen
etwas ennuyirt. Nun musste sie gegen den ersten, besten, den sie sah, auch ihr
Herz und ihr Lachen ausschtten. Wie gesagt, was die Jenny betrifft, sie hat
alles ausgeschttet, aber - ich wei nur aus manchen gelegentlichen Redensarten,
da der Geheimrath manche dieser Reminiscenzen eingeschachtelt hat.
    Es folgte eine lange Pause, in welcher im Minister Vielerlei vorging. Sie
setzten sich auf eine beschattete Bank, mit der Aussicht auf einen Wiesenplan
und das Haus. Ihr Gesprch war noch nicht zu Ende; das fhlte sich von beiden
Seiten heraus, wenn gleich Jeder den Anfang zu machen scheute. Der Minister sa
nachdenkend, den Kopf im Arm gesttzt.
    Bovillard, hub er endlich an, will Ihr Proteg sich rchen, vergessene
Dinge ausplaudern, so trifft es nur mich! Was ist der Einzelne dem Staat
gegenber!
    Excellenz, auf der Goldwaage, auf der Lupinus zu leicht wiegt, mssten
Viele springen.
    Und wer sagt ihnen, da sie nicht springen werden, - wenn ein Changement
eintritt.
    Bovillard sah den Minister gro an: Nach Lombards Depeschen! Die Radziwill
hat sich vor Aerger krank melden lassen, die schne Prinze Wilhelm schreitet
wie eine heilige Katharina in stummem Zorn durch ihre Gemcher, die Garde du
Corps - was wei ich, was sie thun. Prinz Louis hat, glaube ich, ein Pferd todt
geritten, und bei der Mamsell Rahel Levin ein Collegium Philosophikum aus
Verzweiflung sich bestellt.
    Sind damit Ihre Novitten zu Ende?
    Der Einflu der auswrtigen Mchte ist damit paralysirt.
    Wer denkt an das! - Im Innern droht der Feind, Bovillard - Stein wird ins
Ministerium treten.
    Der Freiherr von Stein!
    Stein vom Stein!
    Der Geheimrath war ein Mann, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen
lie. Der Minister konnte ein Lcheln nicht unterdrcken, als er sein
verlngertes Gesicht sah.
    Wer htte es noch vorgestern erwartet! Man hat dem Knige seine
auerordentlichen Verdienste in Westphalen, seine Rechtschaffenheit, seinen
graden Sinn, seine hohe Geburt unterbreitet, man hat -
    Wer?
    Ein guter Freund von uns, Bovillard. Wer anders als Beyme.
    Ist Beyme toll?
    Man sagt, er htte zuweilen Gewissensskrupel, da er sich uns so unbedingt
anschliet.
    Die Schrullen vom Kammergericht. Was habe ich mir Mhe gegeben, ihn davon
los zu bringen.
    Es ist mit den Juristen, wie mit Ihren Puppen und Vogelscheuchen,
Bovillard. In der Regel sind sie trefflich zu nutzen, wenn man ihr Formelwesen
sich zum Panzer ajustirt, wenn sie aber widerborstig werden, sind sie Stacheln
in unserm Fleisch. Beyme hat den Vortrag an den Knig aufgesetzt.
    Und hinter ihm diktirte -? Wer, bester Freund, knnte unsere Aufmerksamkeit
so getuscht haben! Hardenberg?
    Wird ihn vielleicht nicht grade wnschen, aber noch mehr frchten, da er
ihn zu frchten scheinen knnte. Hardenberg ist ein Spekulant auf die Zukunft,
der sich um dewillen den Genu der Gegenwart nicht will trben lassen. Er
mchte gern aus der Vogelperspektive die Dinge betrachten, um, wenn seine Zeit
gekommen, auf seine Beute herabzuschieen. Da die Zeit jetzt fr ihn noch nicht
da ist, sieht er ein.
    Aber wer in aller Welt steckt hinter Beyme?
    Wir mssen hher suchen. Einer sehr tugendhaften Frau am Hofe sind wir
nicht tugendhaft genug, lieber Bovillard.
    Der wird der Hecht im Karpfenteich, rief der Geheimrath.
    Ja, wenn er hier agirt wie in seinem Westphalen! Ich bestreite durchaus
nicht Steins Verdienste. O, er hat charmant administrirt, was Steine anbetrifft
und Wege und Metalle. Nur mit den Menschen hat er eine eigenthmliche Art
umzugehen.
    Der Herr Oberprsident waren ja ein kleiner Knig von Westphalen.
    Und er wird sich hier nicht degradiren wollen. Ich sehe schon, wie er sein
Bureau reformirt; das mchten wir ihm immerhin lassen, aber von seinem
Finanz-Kastell aus wird er Invektiven, Aggressionen, Blitze nach allen Seiten
schleudern. Der Hitzkopf kann nun einmal nicht aus seiner Natur.
    Mit dem feinen Ton unserer Societ ist's aus. Wie war der Brief an den
Herzog von Nassau, an ein regierendes Haupt! Excellenz, ich wei Geschichten von
seiner Grobheit.
    Ich kenne sie auch und seinen Ungestm. Er wird mit dem Knige selbst
aneinander gerathen!
    Desto besser!
    Sagen Sie das nicht, Bovillard. Der Knig hlt allerdings auf seine Wrde.
Es ist aber eben so mglich, da er sich in seine Art fgt. Hat er sich einmal
darin gefunden, eine gewisse Estime fr seinen Charakter empfangen, und sieht
er, da das Staatsschiff so leidlich dabei fortsteuert, so kennen Sie ja des
Monarchen Natur, die vor jeder durchgreifenden Aenderung eine Scheu hat. Selbst
ihm unliebsame Personen lsst er in ihren Aemtern und am Ende gewhnt er sich
auch an das Toben seines Premiers; denn da Stein das wird, wenn er erst einen
Futritt im Ministerium hat, knnen Sie glauben.
    Was haben wir da zu thun? fragte der Geheimrath aufspringend.
    Der Minister erhob sich langsam, es schien wie von einer schweren Sitzung.
    Wir! Nichts, Bovillard, Wir fgen uns als Philosophen in das was nicht zu
ndern ist. Mich persnlich kmmert es nicht. Bedarf der Knig meiner Dienste
nicht mehr, so danke ich ihm aufrichtig fr das mir so lange geschenkte
Vertrauen und singe mit ebenso aufrichtigem Herzen mein: beatus ille, qui procul
negotiis und die paterna rura sollen mir doppelt willkommen sein.
    Aber der Staat, Excellenz!
    Der Minister sah ihn mit einem schlauen Blick unter den herabgezogenen
Augenbrauen an: I, der wird wohl auch ohne uns bestehen.
    Es trat eine neue Pause ein; sie gingen langsam dem Hause zu.
    Sie, und unsre Freunde allein thun mir leid. Er ist jeder Zoll ein
Reichsfreiherr. Seiner Majestt Diener wird er empfinden lassen, da ein
Unterschied ist zwischen Dienern und Dienern. Er hat gar kein Hehl, da er
Lombard nicht leiden kann; ja, er hat eine recht reichsfreiherrliche Verachtung
gegen den Sohn des Perrckenmachers.
    Da werden sich ja unsre kurmrkischen Edelleute die Hnde reiben.
    Ich zweifle, ob ihnen mit dem Changement gedient ist. So ein ehemals
Reichsunmittelbarer sieht mit einer eignen Verachtung auf unsre wendischen
Krautjunker herab. Ich sage Ihnen, in dem Mann ist alles Aristokrat, und die
Autoritt, die er am Rhein verloren, mu er suchen, an der Havel wieder zu
gewinnen. Von der Illusion lassen Sie ab, da das Kabinet bleibt, was es war.
Die Fiction, da die brgerlichen Herren Kabinetsrthe die Volkstribunen sind,
wird er mit einem Hagelwetter auseinander treiben. Er kann sein gewesenes
Deutschland auch als Preue nicht vergessen, er wird eingreifen, durchgreifen,
reformiren, bis - doch ich mache keine Ansprche auf Clairvoyance. Aber, lieber
Bovillard, Sie sehen ein, der Augenblick, wo Stein ans Ruder kommt, ist nicht
angethan, um Ihren Geheimrath zu retabliren.

                              Siebzehntes Kapitel.



                                 Das Citissime.

Scheint doch einem Staatsmann auch kein Augenblick ruhiger Naturgenu
vergnnt! seufzte der Minister, als der Kanzleibote mit seinem Citissime ihnen
wieder entgegenkam. - Zugleich meldete ein Diener den Kammerherrn von St. Real.
Man hrte den Wagen in den Hof fahren.
    Unterzeichnen Sie fr mich, lieber Bovillard, hier gleich in der Laube. Im
Auftrag, es wird gengen -
    In welcher Angelegenheit?
    Ich wei es wirklich nicht. Der Kammerherr versprach mir im Vorberfahren
vom Palais anzusprechen, wenn etwas Neues passirt. Auf Wiedersehen im Pavillon -
bei der Straburgerin.
    Der Geheimrath lie die schon eingetauchte Feder fallen, als er einen Blick
in die Reinschrift geworfen. Er durchlas sie mit gekniffenen Lippen - ein
Bericht des Ministeriums auf Spezialanfrage im Belang des den Kniglichen
Geheimrath Lupinus betreffenden Amtsvergehens. Der Minister ertheilt sein
Gutachten dahin, da nach seinem besten Ermessen der Fall mit unnachsichtiger
Strenge zu behandeln sei, und da jede Schonung zum unverwindlichen Schaden des
kniglichen Dienstes ausschlagen msse. Er drang selbst im Interesse des
Staatsdienstes auf eine strenge Ahndung und augenblickliche Suspension des
Angeschuldigten.
    Es war nicht in Bovillards Art, alles, was er unterschrieb, durchzulesen. Er
las diese Schrift zwei Mal und murmelte: Sieh da die Feder meines jungen
Freundes. Nicht zu verkennen. Ei, ei, Herr von Fuchsius, wollen Sie sich schon
so wichtig machen und unentbehrlich! Und auch diese feinen Anspielungen auf uns!
Daran wollen wir uns gelegentlich erinnern.
    Der Kanzleidiener htte noch lange auf die Unterschrift warten mssen, wenn
ihm der Geheimrath nicht die Weisung gab, die Sache bedrfe noch einer
Regulirung mit Seiner Excellenz. Die Regulirung schien aber dem Geheimrath
selbst einige Sorge zu machen, denn den Kopf im Arm, stierte er lange in die
Luft, bis allmlig ein sardonisches Lcheln ber seine Lippen spielte, und er
mit einem ganz eigenthmlichen Blick ausrief: Wenn es denn doch einmal sein
mu, wollen wir es etwas grndlicher anfassen.
    Er schrieb sehr schnell. Zwei Seiten waren gefllt, mit Schmunzeln berlas
er das Konzept: htte ich doch selbst kaum gedacht, da der Mensch so verworfen
ist! Und dieser Schlu: Demnchst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem
Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer kniglichen Majestt zu Fen zu
legen, die Angelegenheit nur von dem angegebenen hheren Gesichtspunkte zu
betrachten, und den Rcksichten der Humanitt und Gnade, denen hchst Ihr Herz
so gern sich erschliet, diesmal nicht nachzugeben. Ja, ich mu fr strengste
Handhabung der Gerechtigkeit nicht allein im Interesse des allgemeinen
Staatswohles und zur Erhaltung der Moralitt unter Dero Dienern stimmen, sondern
auch in spezieller Rcksicht auf die Mnner und erprobten Staatsdiener, denen
Eure Majestt Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Leider steht die
betreffende pflichtvergessene Person durch entfernte Verwandtschafts-und frhere
gesellschaftliche Bande mit einem oder einigen dieser gedachten Mnner in einer
gewissen Relation, und es ist gewissen ihrer Feinde und Neider eine willkommene
Aufgabe, aus diesem zuflligen Annex Verdchtigungsgrnde zu schpfen, ich
wiederhole es, gegen Mnner, die der Verdacht nicht berhren kann, weil ihr
Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestt gewrdigt sind. Desto mehr wird es
zur Pflicht, gerade im Interesse des Thrones, auch vor dem Publikum diese Mnner
zu schtzen. Eure Majestt knnen ihnen keine willkommenere Rechtfertigung
gewhren, als wenn Sie das Recht, und nur das Recht walten lassen. Was ist ein
Staat ohne Moralitt seiner Brger, was eine Monarchie, wo der Beamte nicht in
Unbescholtenheit und sittlicher Wrde wenigstens nachzueifern strebt, dem
erhabenen Exempel, welches sein Oberhaupt dem Lande und Volke tglich giebt.
    Wunderschn! Es entfuhr unwillkrlich den Lippen des Geheimraths und er
steckte das Konzept in die Brusttasche. Die Excellenz wird sich wenigstens
eingestehen mssen, da sie Rthe um sich hat, die auf ihre Ideen einzugehen
wissen. Das kann man auch dem Herrn von Stein unter die Nase halten.
    Welcher Glanz leuchtete auf der Stirn des Ministers. St. Real stand hinter
dem Lehnsessel und wiegte sich in Wohlbehagen, whrend der Hausherr auf und ab
ging. Als er den Geheimrath eintreten sah, hielt er ihm die Hand entgegen:
Wissen Sie schon, Bovillard?
    Nichts, Excellenz, als da Ihre Ansichten mich berfhrt haben.
    Lassen Sie sich's von St. Real sagen. Er warf sich in den Fauteuil,
berschlug die Beine und rieb die Hnde.
    Seine Majestt haben in Gnaden die Anstellung des Herrn von Stein
abgelehnt.
    Stein wird nicht Finanzminister, wiederholte der Minister.
    Da fllt uns also ein Stein vom Herzen!
    Bovillard's Bonmot, so leicht es war, fand empfngliche Herzen. Gut, da
kein Lauscherauge in den Pavillon drang. Es htte Mienen, Bewegungen und Gesten
gesehen, schwer vertrglich mit der ministeriellen Autoritt eines Grostaates.
Nur der Geheimrath hatte rasch eine Flasche entkorkt, um ein Glas
hinunterzustrzen, aber die Physiognomien erinnerten einen Augenblick an die
faunischen Gesichter, welche Rubens' Pinsel so unvergleichlich auf die Leinwand
warf. Belauschte Augenblicke der kanibalischen Natur im Menschen, die nun ewig
geworden sind durch die Kunst. Wenn Jemandem, wem darf man es weniger verargen
als einem Staatsmann, wenn er im unbelauschten Augenblick die geglttete Maske
fallen lsst, um einmal wenigstens in der ursprnglichen sich vor sich selbst zu
sehen.
    Nun heraus! Wie war's? rief der Geheimrath am Tische, indem er einen tief
aushhlenden Schnitt in die Leberpastete that. Ich verga zu sagen, da man die
Thren vorher verschlossen, und auch noch die Gardinen vor die mit Weinreben
fest umrankten Fenster gezogen, - der Khlung wegen, hie es. Es war allerdings
ein sehr heier Tag geworden! Vorher aber war der Haushofmeister auf besondere
Ordre des Ministers selbst in die Keller gestiegen, und ein Korb mit Flaschen,
staubig, kalkigt, mit Spinneweben umwoben, stand in Folge dessen am Tische. Auf
demselben hatten sich aber neben der Straburgerin noch Schsseln des
verschiedensten Inhalts aus verschiedenen Weltgegenden eingefunden, ein
Frhstck, wie's ein schlichter Mann guten Freunden eben vorsetzt, die nach dem
Herzen sehen, nicht auf den Werth, hatte der Minister gesagt. Was bedurfte es
der Aufwartung unter ein paar traulich beisammensitzenden Freunden! Darum sollte
Niemand gemeldet, Niemand eingelassen werden, und der gtige Wirth selbst nahm
den Pfropfenzieher zur Hand.
    Die Geschichte ist eigentlich sehr einfach, sagte St. Real. Gestern Abend
war der Knig noch dafr gestimmt. So nahmen wir's wenigstens an. Sie mgen sich
das Geflster in den Vorzimmern denken, die Fragen, die man hren musste. Die
Damen wollten wissen, ob der Herr von Stein noch ein junger Mann wre? Ob er ein
Haus mache? Ob er sthetisch ist? Ob er lieber Jean Paul liest oder Lafontaine,
und Schiller oder Goethe vorzieht? Die Herren steckten die Kpfe zusammen. Es
wusste eigentlich Niemand, woher der Wind blies, denn, wenn man auch sagte,
Beyme hat Lombards Abwesenheit benutzt, so erklrte das wieder nicht, warum
Beyme gegen seinen Freund intriguiren sollte. Andere kalkulirten gar, die ganze
Sache ginge von Lombard selbst aus, er wnsche solchen Mauerbrecher in des
Knigs Nhe, entweder um Andre damit aus dem Weg zu rumen, oder er wnsche, da
die hchste Person es einmal empfinde, wie unangenehm der Umgang mit einem
deutschen Degenknopf ist.
    Thorheit! sagte der Minister.
    Und doch vielleicht nicht bel spekulirt.
    Nichts, meine Freunde, entgegnete Jener, lernt sich leichter an Hfen,
als das Vergessen ehemaliger Freunde. Nur die Krnkungen vergisst man dort nie.
    Die alte Vo lie fr mich keinen Zweifel, fuhr St. Real fort. Sie rhmte
gegen Komte Laura die alte Familie der Stein; von Mnnern solcher Abkunft knne
man sich versprechen, da sie wieder die nthigen Dehors auch an den Hof bringen
werden.
    Charmant! Man lie bei Glserklang die alte Vo leben. Der weie,
prickelnde Burgunder schrft die Zunge, man schrfte die Darstellung von
Anekdoten, die Jeder kannte, aber Jeder gern wiederhrte, bis sie fr den haut
got appretirt waren, und unter allen guten Eigenschaften ihnen nur eine abging,
die Wahrheit.
    Aber wir kommen von der Sache ab. Was erfuhren Sie von Ihr?
    Nicht mehr, als sie mich errathen lie, und ich eigentlich schon wusste,
da die Knigin dahinter steckte. Geben Sie nur Acht, flsterte sie mir zu, wenn
Ihro Majestt herauskommt.
    Und?
    Ihro Majestt kamen bald heraus.
    Und?
    S' ist doch eine wunderschne Frau! Ihr schwarzes Atlaskleid rauschte ber
die Schwelle, und, war's Zufall oder Absicht, die Thre klappte hinter ihr, da
mir's noch ins Ohr gellt. Die Oberlippe ein Bischen eingekniffen, Keinen von uns
ansehend, raus war sie, und winkte nur der Berg, ihr zu folgen.
    Und das ist Alles?
    Mich dnkt, genug.
    Man kann sich tuschen.
    Meine Ohren, Excellenz, sind sehr scharf. Wenn ich im blauen Saal die
Stiefeln Sr. Majestt im rothen Zimmer knarren hre, wei ich, was die Glocke
geschlagen hat.
    Ging also unruhig auf und ab?
    Wir sahen uns an und dankten Gott, da nur ein Stein gefallen war.
    Er ist also?
    Ist! Bald kam Beyme heraus, dann auch Kckeritz. Beyme fragte nach der
Berg. Da sie fort war, wandte er sich an die Vo und zuckte die Achseln: Madame,
j'ai fait mon possible! Zwischen den Zhnen murmelte er: ultra posse nemo
obligatur. Nachher schenkte uns Kckeritz reinen Wein ein.
    Excellenz, rief Bovillard bei einer neuen Flasche, dieser St. Peray ist
gewi reiner.
    Hatte die Radziwill zu stark urgirt, ein neuer Geniestreich des Prinzen ihn
verdrossen? Der Minister setzte hinzu: Ehe ich die Motive nicht kenne,
bezweifle ich doch das Faktum.
    Was bedarf es der Motive! Natur, rien que de la nature! Er hatte sich
beschmeicheln lassen, unter Hndedrcken das halbe Versprechen gegeben. Dann
gereute es ihn. War schon gestern Abend umhergegangen, die Hnde auf dem Rcken.
Die Berg hatte ein Selbstgesprch belauscht: Man will mir auch meine Minister
machen! Leider hatte sie nicht mehr Gelegenheit, die Knigin davon zu avertiren.
Heute Morgen mu ihm ein Blatt in die Hnde fallen, worin die Kindesmrderin
eine irrende Schwester genannt wird, ein Opfer der gesellschaftlichen
Verhltnisse. Es war mit etwas Emphase ihre Geschichte erzhlt. Resultat: Sie
waren aigrirt, sehr aigrirt. Ob die gelehrten Herren auch die expressen Worte
Gottes fortkorrigiren wollten: Wer Menschenblut vergiet, dessen Blut soll
wieder vergossen werden? Man antwortete, der Verfasser sei kein Gelehrter,
sondern eines von den jungen Genies. - Die eine verkehrte Welt machen wollen!
brach es nun heraus. Will aber keine verkehrte Welt aus meinem Reiche machen;
soll Alles in der Ordnung bleiben. Leute waren doch sonst mit mir zufrieden.
Schne Wirthschaft, wrden die Herren Genies anfangen, alles auf den Kopf zu
stellen. Kindermrderinnen am Ende noch belohnen! Whrend sie sich nun noch so
expektorirten, kommt Beyme zum Vortrag, der wirklich nichts davon wusste, und
indem er die Grnde fr Steins Anstellung resumirt, entfhrt ihm
unglcklicherweise der Ausdruck: vor seinem Genie wrden auch die und die
Vorurtheile sich beugen. Da war's um ihn geschehen! Der Knig sagte, er brauche
keine Genies, er wolle keine Genies und - das Uebrige knnen Sie sich selbst
erzhlen.
    Bovillard go den Rest der zweiten Flasche in das Glas und erhob es:
Angestoen, Freunde! Auf das Andenken der Kindesmrderin! Seelige verirrte
Schwester, dieser Tropfen sei Dir geweiht, da Du Preuen vor Ministern bewahrt
hast, die Genies sind! - Was stiert Excellenz Christian ins Glas und trinkt
nicht? Suchst Du im Wein nach einem untergegangenen Genie? Verlorne Mhe.
Ertrunkenes lebt nicht wieder auf.
    Mir kommt nur der Gedanke, sagte der Minister nach einer Pause, ob eine
Regierung denn berhaupt der Genies bedarf. Unser Minos vom Kammergericht
fertigte neulich einen Bekannten, der ihm einen genialen Juristen fr das
Kollegium empfahl, mit den Worten ab: Ich brauche nur zwei fr die knifflichen
Sachen, fr die andern sind Ochsen ausreichend.
    Ochsen mgen eine Weile die Tretmhle treiben, wie Exzellenz das selbst am
besten wissen, im Uebrigen meine ich, da Ochsen noch nie eine Mhle in Gang
gebracht haben.
    Woran ging Josephs II. Schpfung unter? fuhr die Excellenz fort. Und was
meint Ihr, da aus unserm Staat wrde, wenn irgend ein Zufall Prinz Louis
Ferdinand auf den Thron brchte?
    Nach einer kleinen Pause hob der Geheimrath an, den Weinrest in seinem Glase
schttelnd:
    Ich meine, zuerst wrde er unsern verehrten Wirth zur Thr hinaus
komplimentiren. Dann ging's an Lombard, Beyme, Lucchesini, an uns Alle. Es wrde
aufbrausen wie tausend auf ein Mal entkorkte Champagnerflaschen. Da man sie aber
nicht alle auf ein Mal austrinken kann, wrde der Wein bald schaal werden. Und
wie er seiner Maitressen satt wird, wrde er's auch der Genies. Dann kmen die
unermdlichen Geschpfe dran, die man nun Zutrger nennen kann, oder
Sykophanten, oder Gelegenheitsmacher, Kuppler, oder auch Ochsen, wie man will,
die immer fr neue Stoe in Wein, Ideen und Liebe sorgen. Diese bleiben endlich
seine Gesellschaft, eben weil sie sich zur Thr hinauswerfen lassen und immer
wieder kommen. Endlich gewhnt man sich an sie, weil man ihrer bedarf, weil sie
zu Allem zu brauchen, man verachtet sie, aber sie bleiben doch unser Umgang,
weil sie immer gefllig, unsere Freunde, weil wir keine besseren finden, und
schlielich - es blieb auch unter Louis Ferdinand Alles beim Alten. Christian,
wir blieben auch!
    Der Minister drohte mit dem Finger.
    Ach was! wir sind unter uns. Wein und Wahrheit. Betrachten wir hier unseren
wrdigen Kammerherrn. Verzog er die Miene, ward er nur einmal roth, als ich von
Kupplern sprach?
    St. Real kann ja nicht mehr roth werden.
    Excellenz! Dieser echte Philosoph beschmt uns. Sein purpurn Antlitz
brennt, wenn er so viel Flaschen aussticht wie nur Fleck und der Prinz, nicht
rther, als wenn er eine Tasse Thee nippt. Wenn wir wankend aufstehen, sagen
sie: er hinkt ja immer. Er kennt die Liebe nicht mehr, aber sein
liebebedrftiges Gemth schafft sie fr Andere. Wir kamen berein, da er, ohne
Schmeichelei, unter uns das Minimum von Verstand hat, aber wie wei er den
Ueberflu an Mangel zu cachiren, da Jemand, der jetzt durchs Fenster she, doch
schwren knnte, er htte die meiste Raison. Und, Excellenz, sehen Sie seine
Lippen und Manchetten, er hat immer noch etwas in petto uns zu berraschen.
    Nein; er scheint mir melancholisch, weil er die Laura beim Prinzen nicht
anbringen kann.
    A propos, St. Real, wie ist's mit der junonischen Gans?
    Aha, der schnen Eitelbach, sagte der Minister.
    Der Kammerherr schttelte den Kopf: Geben Sie die Hoffnung auf, meine
Herren. Knigliche Hoheit exprimirten sich in drastischer Krze: ich sollte die
Tugend nicht der Versuchung aussetzen. Uebrigens wisse ich ja, da Sie
Gnsebraten nicht liebten.
    Glich der muntere Frhstckstisch doch auch auf Augenblicke einem
Secirtisch. Alle Qualitten der schnen Frau wurden von Experten zergliedert und
abgewogen, wobei der Witz die leichte Vergleichung mit den Ingredienzien der
Pastete nicht verschmhte. Das Resultat war, da man alles in ihr fand, nur
keine Seele, keinen Verstand und keine Passionen. Ja es sei Hopfen und Malz
verloren, erklrte der Kammerherr, ihr eine Inklination beizubringen. Es ist
nichts unmglich, trumpfte Bovillard.
    Der Minister bemerkte, da seine Augen von einem eignen Feuer strahlten. Das
knnte allerdings vom Weine sein, er go schon die fnfte Flasche an, als er die
Stimme erhob:
    Jeder Humanittsbrger hat die Pflicht das Seine zu thun zur
Vervollkommnung des Menschengeschlechts, und ist ein Weib, meine Freunde,
vollkommen, hat es eine andere Bestimmung als die Liebe! Seid Ihr denn
Kannibalen, oder habt Ihr Herzen von Stein, da Euch das schne Weib nicht
rhrt, da in ungeheurer Langenweile mit ihrer bte noire von Mann ihre
Rosentage vertrumt? Christian, und Sie, St. Real, waren unsere Vorfahren nicht
Ritter, die ihre Lanze fr die gefangene Schnheit einlegten? Und ist sie nicht
gefangen, gleichviel ob von einem brutalen Ungeheuer, oder von einem Alp von
Apathie! Welche Schtze liegen da wst in dem schnen Tempel, und Ihr wollt
zaudern Hand anzulegen! Nein, Ihr Ritter, Schatzgrber, Maurer, sinnt auf ein
Zauberwort, das ihren Bann lst. Angefasst, gehmmert, Funken geschlagen bis wir
das innere Feuer in der schnen Bildsule entzndet! Seht doch den dicken
Iffland auf der Scene, wenn er als Pygmalion Leben in seine Galathee schwatzt
und klopft. Was, sollen wir ungeschickter sein? Gluth soll durch ihre Adern
strmen, sterblich soll sie sich verlieben, interessant werden, rhrend, sie
soll uns Thrnen entlocken! Kinder knnt Ihr Euch denn ein pikanteres Schauspiel
vorstellen, als die Eitelbach in rasender Leidenschaft?
    Bovillard rast!
    Du willst sie doch nicht selbst in Dich verliebt machen? sagte der
Minister.
    Nichts davon, es mu etwas ganz Absonderliches dabei sein. Er zog den Rock
aus und warf ihn auf die Erde. Auch das Halstuch folgte. Die Toilette des
Ministers entsprach allerdings diesem Neglig, nur der Kammerherr blieb
zugeknpft.
    Unser Geheimrath ist im Zustand der Divination.
    Etwas Frappantes, rief Bovillard, da man drei Tage vor lautem Gelchter
die Glocken nicht hrt. - Wenn's irgend einen berhmten Kanzelredner gbe -.
    Warum nicht gar!
    Du hast Recht! Da machte man sie zu einer Schwrmerin. Es mu gar keine
Erklrung fr die Neigung geben. Etwas Originelles, ein Flgelmann von der Garde
oder ein Zwerg. Ein grundhsslicher Kerl, ein Bucklichter, ein Weiberfeind, ein
Trunkenbold, ein Weiser. Wenn der alte Gundling noch lebte, oder Moses
Mendelssohn.
    Ich schlage Johannes Mller vor.
    Er msste sich doch auch in sie verlieben knnen.
    Und am Ende hiee es, sie htte sich nur in seine Schweizergeschichte
verliebt, sagte der Minister, und mit niedergeschlagenen Augen flsterte er:
Ich wsste schon Jemand -
    Das stille Gelchter, die verkniffenen Lippen, die blinzelnden Augen der
Anderen bekundeten, da der Minister verstanden war. In jovialen Kreisen solcher
Freunde versteht man sich an Zeichen. Ein Schade, schade! ging wie der Hauch
des Abendwindes ber ein Aehrenfeld.
    Da uns hier eine hhere Magie entgegenarbeitet, bescheide ich mich, wiewohl
ich das Verdienstliche des Vorschlags vollkommen wrdige, schmunzelte
Bovillard.
    St. Real schttelte den Kopf: Es kann doch nicht immer so dauern.
    Das Reich der Tugend! Hrt den grauen Snder, der es nicht mal von dem
gttlichen Schiller wei: Und die Tugend sie ist kein leerer Wahn. Sein Himmel
hngt nicht voll Geigen, sondern voll lauter Pompadoure. Er ist ein
Kryptokatholik, sein Heiligenkalender fngt an mit der Sanct Agnes Sorel und
hrt auf mit der heiligen Baranius.
    Bovillard merkt nicht, da St. Real einen Einfall hat.
    Wenn wir den Witz ausgeschttet, kraucht ihn immer einer an. Heraus damit!
Sollten wir etwa Namen aufschreiben und wrfeln? Auch das; ich parire jede
Wette; wen das Loos trifft, in den will ich die Eitelbach verliebt machen.
    Der Kammerherr spiegelte sich im Glase, das er dicht ans Gesicht hielt:
Herr von Bovillard, ich zweifle, wenn ich den nenne, der mir eben einfiel.
    Nenne den Namen, ich will ihn beschwren.
    Da er davon luft, das will ich glauben, er hat mehr Schulden als Haare
auf dem Kopf.
    Nein, auch er soll kleben wie eine Klette. Und sie verliebt sein, wie - ein
verliebter Maikfer. Das ist das Einzige, was mir aus einer tollen Tragdie
kleben blieb, aus der Iffland uns neulich Abends zum Jokus vorlas, von dem
verrckten Kleist.
    Auch in den Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck? Getrauen Sie sich auch
mit dem eine Liaison zu Stande zu bringen?
    Der Geheimrath sprang auf: Was gilt die Wette?
    Bovillard, sein Sie nicht unsinnig, sagte der Minister.
    Ich frage, wer wettet! fuhr der Erhitzte fort. Aber dazu andern Wein,
feurigern! Er schleuderte das Glas hinter sich. Vom Spanischen her, einen
Pedro Ximenes! Die Eitelbach und Dohleneck, eine liaison tragique, eine liaison
dangereuse, ein Turtelprchen, was Ihr wollt! Wer hlt die Wette, auf was es
sei! Christian parire!
    Bovillard wei nicht -
    Alles wei ich, da sie wie Katze und Hund sind, eine Aversion fhlen, eine
gegenseitige Idiosynkrasie, die stadtkundig ist. Desto besser; je schwieriger
die Aufgabe, so ehrenvoller der Succe. Va-t-en, Christian, wettest Du?
    Meinethalben.
    Auf was? Nicht Geld, nicht Champagner, etwas Abnormes, was den Appetit
reizt.
    Excellenz knnten eine Geliebte abtreten, kicherte der Kammerherr.
    Ich und eine Geliebte!
    So sinne etwas Sinnreiches aus, was Du gegen Dein Gewissen thust.
    Ich will Gentz' hinterlassene Schulden bezahlen.
    Accedo! Und ich eine Abhandlung schreiben zum Lobe des Herrn von Stein. Da
er uns unentbehrlich ist, la ich drucken. Ein Schelm giebt nur was er kann. Ich
habe mehr eingesetzt. Topp, eingeschlagen!
    Der Kammerherr hielt seinen Arm dazwischen. Wozu Krieg, meine Herren,
Depensen, die keinen Vortheil bringen? Warum denn berhaupt eine Wette, warum
nicht eine Allianz?
    Was meinst Du, Christian?
    Ich bin doch immer ein Mann des Friedens.
    Topp! Alle drei eingeschlagen, Mnner des Friedens, einen Rtlibund! Wir
Alle gemeinschaftlich an das Werk. Aber Theilung der Arbeit! Du nimmst den
Rittmeister auf Dich und strubt sich die Excellenz dagegen, wird der Kammerherr
zum Dienstthuenden. Ich wei schon meinen Helfershelfer fr die Baronin,
brigens Jeder hilft dem Andern, und bei dem erhabenen Geiste, der aus diesen
Flaschenmndungen noch duftet, geloben wir Todesverschwiegenheit.
    Whrend sie sich die Hnde reichten, klopfte es.
    'S ist nichts; ein Hund schlug an die Thr, beruhigte der Wirth.
    Wer wrde sich auch unterstehen, wenn wir in Staatsangelegenheiten
beisammen, Excellenz zu stren! Oder ist's keine Staatsangelegenheit? Womit
sollten wir uns amsiren, da nun Friede bleibt? Das Leben mu einen Zweck haben.
Auch die besten Krfte ermatten ohne ein Ziel. Mit Hindernissen zu kmpfen ist
unsere Bestimmung. Je schwieriger, um so elastischer streckt sich unser Geist.
Darum, gerade im Staatsinteresse, wir mssen unsere Krfte an subtilen Aufgaben
ben, um zuverlssig zu sein in der Stunde, die da kommt.
    Es klopfte wieder: La die Geister pochen, wir antworten mit diesem
Glserklang. Auf den Amandus und die Amanda!
    Bravo, Einer, der da lieben soll und mu!
    Noch etwas: wenn etwa in Folge dieses schnen Seelenbundes ein Weltbrger
das Licht der Welt erblicken sollte, so -
    Ein klirrender Schall unterbrach sie. Es pochte Jemand mit Heftigkeit ans
Fenster. Es brennt!
    Alle waren aufgesprungen. Der Kammerherr schien am festesten auf seiner
Krcke zu stehen. Der Geheimrath machte eine Bewegung nach seinem Rocke, die
damit endete, da er auf den Stuhl zurcksank. Der Minister hatte seinen
geschleudert, und mit der Hand am Tische, machte er die Geste des Riechens. Aber
die wohlbekannte Stimme seines Privatsekretrs rief drauen: Halten zu Gnaden,
Excellenz, das Citissime! - Das Citissime, das Gutachten des Ministeriums an
Seine Majestt den Knig. Herr Geheime Kabinetsrath Beyme haben schon zwei
Expressen geschickt. Heute Abend um sechs ist Vortrag bei Seiner Majestt;
smmtliche Gutachten der Ministerien sind in des Herrn Kabinetsraths Hnden, nur
unseres fehlt noch. Der Bote steht auf Kohlen.
    Bovillard hatte mit einem glcklichen Griff seinen Rock erfasst und warf die
Papiere auf den Tisch: Da Excellenz - ein Bischen schmutzig. Schadet nichts,
die Sache ist's auch. Unterschreibe -
    Zwei Papiere?
    Ist gleichgltig, er mu doch springen.
    Mu er absolut?
    Ist sehr gesund fr sein Podagra.
    Der Minister war in einen Sessel gesunken: Mu er denn? Wir sitzen so
frhlich beisammen - und Stein kommt ja nicht.
    Htt's beinahe vergessen! Mais, c'est bon!
    Wozu Rigorositt gegen einen Mitmenschen, der uns nichts gethan hat,
sprach St. Real.
    Also

Allen Sndern soll vergeben
Und die Hlle nicht mehr sein.

    Bovillard, Ihnen fliet es ja von den Fingern. Da an der Ecke auf dem
Schreibtisch, ein anderes Gutachten. Kurz nur. Wegen der Frmlichkeit wei ja
Beyme wie wir's halten. Trinken Sie ein Glas Champagner um sich aufzuheitern.
    Nicht nthig Excellenz. Hier das Konzept, brauche nur ein paar Striche zu
ndern.
    Mit Sekretr und Bote war man in Ordnung, natrlich, nachdem man es
einigermaen mit der Toilette geworden, zwei Krystallflaschen mit frischem
Brunnenwasser standen auf dem Tisch und der Geheimrath schrieb an der Ecke,
whrend der Minister ein Gesprch mit dem Kammerherrn fhrte. St. Real hatte
sichtlich am wenigsten von dem sen Traubensaft genossen, oder es darin zu
einer Virtuositt gebracht, da man die Wirkungen nicht merkte. Der Minister
hrte ihn, im Armstuhl zurckgesunken, mit einiger Anstrengung an, whrend der
Kammerherr halb vor ihm stand, halb auf dem Tisch sa. Wir hren, da das
Gesprch halb laut gefhrt wird, nur einiges heraus.
    Malchen - Malchen? Der Name kommt mir bekannt vor.
    Erinnern sich Excellenz vielleicht des Waldkindes, das der Hchstselige auf
einer Promenade finden musste?
    Das ist lange her - spielte sie nicht die Gurli? Die war freilich noch
nicht geschrieben.
    Einer der hbschesten Zge von der Lichtenau; wie berhaupt es war doch
eine seltene Frau. Der Hchstselige hatte die ersten Brustbeklemmungen, und
empfand eine Sehnsucht nach etwas Natrlichem und Frischem. Die Grfin wusste
auf der Stelle Rath - Im rothen Frierckchen, bis an die Kniee aufgeschrzt,
barfu huckte das Kind im Revier und pflckte Erdbeeren, ohne sich umzusehen.
Der Knig winkte uns Stille zu, er wollte sie berraschen. Er fuhr sie an, was
sie in dem Walde zu thun, und drohte sie zu pfnden, denn das sei verboten. Das
Mdchen spielte prchtig. Zuerst erschrak sie und bedeckte ihr Krbchen, dann
lag sie auf den Knieen, der gestrenge Herr mchte sie nur diesmal noch gehen
lassen. Der Knig befahl ihr barsch, die Erdbeeren und den Korb zurckzulassen.
Da strzten ihr die Thrnen aus den Augen und sie bat um Gottes Willen, die
mchte er ihr lassen fr ihre arme Mutter, sie wollte es lieber dem gndigen
Herrn Frster abarbeiten, was sie Schaden gethan. Das befremdete ihn doch von
solchen Leuten. Isst denn Deine Mutter so gerne Erdbeeren? Und er sprach von
Abkaufen. Die Kleine wehrte schnell mit der Hand: Nichts verkaufen! Meine Mutter
hat mir aufgetragen, die schnsten und reifsten Erdbeeren zu sammeln. Alles fr
den guten Herrn Knig. - Den Knig! rief der Knig, wie kommt der dazu? Fr den
Knig werden wohl Andere denken und sorgen, die ihm nher stehen. - Das ist's
eben, was Mutter sagt, fiel das Mdchen ein, die denken und sorgen nicht so fr
ihn, wie er's verdient, und er ist so sehr gut und jetzt krank. Die frischen
Walderdbeeren werden ihn wenigstens einen Augenblick erquicken, und jeder
Augenblick, der dem guten Knig eine Erquickung schafft, sagt Mutter, das ist
ein gesegneter vor dem Herrn.
    Oh weh! zuckte der Minister auf. Da htte er etwas merken knnen.
    Nein, Excellenz, er merkte nichts. Er drckte die Thrne aus dem Auge:
Lichtenau, ich werde doch geliebt! Die Lichtenau hatte ihm etwas den Rcken
gedreht.
    Richtig, ich sehe sie noch stehen.
    Und wischte auch am Auge. Er streichelte sie sanft am Arm, und sagte in
seiner Herzensgte: Das Kind versteht es nicht. Es sind Viele um den Knig, die
fr ihn sorgen und ihn lieb haben. - Wie das Kind ihn da gro und unschuldig
ansah: Der Knig hat Jeden lieb, sagt Mutter, und das wre ein schlechter
Mensch, der nicht sein Alles fr ihn giebt. - Er musste schnell weiter gehen, er
fhlte sich erleichtert: Ich habe mal eine Stimme aus dem Volke gehrt! Die
Lichtenau sagte pltzlich: Ich wnschte, Eure Majestt hrten einmal die Stimme
Ihres ganzen Volkes. - Ach die ist wohl anders! - Nein, Sire, sagte die Grfin,
das Tuch vor ihren gertheten Augen. Ueberall dieselbe Liebe und Verehrung; nur
uns traut man nicht zu, da wir sie theilen. Es ist vielleicht recht gut so. -
Ach es war ein kapitales Weib!
    Es brachte ihr auch die Schenkung ein von dem Gute - wie heit es doch
gleich - ber das noch der Proze ist. Aber die Malchen, jetzt entsinne ich mich
ihrer ganz deutlich. Ein anstelliges Ding, leichtsinnig, aber wohl zu leiden.
War sie nicht schon frher zu den Genien gebraucht worden, auch in den
Kinderballets?
    Und spter bei den Geistererscheinungen. Sie war viel bei Bischofswerder
und Hermes. Vielleicht erinnern sich Excellenz auch, da sie nachher einen
Unteroffizier von Larisch' Musketieren heirathete. Im Anfang ging's ihnen gut,
aber der Mann trank, es gab Unrichtigkeiten mit dem Montirungsgeschft im
Lagerhause, die Frau konnte es nicht mehr ausgleichen, sie ward doch auch lter,
und eines Nachts waren sie ber Hals und Kopf verschwunden. Sonst ein braver
Mann, auch sehr zu brauchen, und soll jetzt hollndischer Werbeoffizier sein
oder schon drben in Ostindien. Genug, sie hat ihn avanciren lassen, was uns
nichts angeht, und ist seit einigen Monaten als Frau Obristin in Berlin. Ich
versichere, Excellenz, sie ist ein wahrer Trffelhund.
    Der Minister griff tief in seine Spanioldose: Wenn nur keine Klagen bei der
Polizei eingehen! Sie wissen nicht, lieber St. Real, was uns diese Bagatellen
oben zu schaffen machen.
    Man sucht ihr ein gewisses Lstre zu erhalten.
    Der Name der neuen Schnheit?
    St. Real sprach leise ins Ohr des Ministers.
    Wie gesagt, durchaus keine beaut du diable, eine wie gemacht, um auf die
Dauer zu fesseln, und eine Fraicheur, Excellenz, wie er es liebt.
    Und ein halbes Kind?
    Weil sie noch nicht erzogen ist. Aber mit einem Elan, einer Vivacit fr
alle neue Eindrcke.
    Languissant?
    Au contraire, eher un peu romantique, etwas Spirituelles, soit disant
Schwrmerisches. Es kommt nur darauf an, ihrer Phantasie eine Richtung zu
geben.
    Hoffen Sie eine Maintenon oder eine Pompadour zu erziehen?
    Warum nicht eine La Balliere!
    Tugendhafte Maitressen helfen uns nichts. Uebrigens wnsche ich, da Ihnen
keinen Querstrich kommt.
    Der Kammerherr drckte mit einiger Heftigkeit seine Krcke: Das ist es
eben. Zwar thun wir Alles, die Dehors zu beobachten, auch ist es nur ein ganz
kleiner, hchst anstndiger Societtskreis, der sich da zur Erholung
zusammenfindet. Ganz anders als bei der Schubitz; un petit circle von Gewhlten.
Aber sie ist noch immer die alte; gutmthig, leichtsinnig, unbesonnen zum
Rasendwerden. Ihre Zunge geht mit ihr durch und um einen witzigen Einfall setzt
sie ihre Existenz aufs Spiel. Habe ich das Wunderkind erst in einige Kreise
entrckt, mag sie der Teufel holen, aber sie ist meine einzige Brcke jetzt.
Stellen sich Excellenz vor, da hat sie den frommen Pfaffen, den Seine Majestt
jetzt nach Berlin zieht, irgendwo auf einer Reise kennen gelernt, ihn zu sich
invitirt, und jetzt hat sie die Unverschmtheit, ihn und seine Tchter bei sich
einzulogiren. Bei sich in ihrem Hause! Ich erfuhr es erst beim Herfahren. Wenn
das ruchbar wird, das giebt einen Skandal und ich zittere vor den Folgen.
    So eilen Sie, St. Real, den Ruf des frommen Mannes zu retten.
    Er ist gerettet! rief Bovillard aufstehend, da hren Sie nur den Schlu:
Demnchst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem Augenblick als eine
dringendste Pflicht Eurer Kniglichen Majestt zu Fen zu legen, den
Rcksichten der Humanitt und Gnade, denen Ihr Herz so gern sich erschliet,
auch diesmal nachzugeben. Ja ich mu darauf dringen, in spezieller Rcksicht auf
die Mnner und erprobten Staatsdiener, denen Eure Majestt Hchstihr Vertrauen
besonders zuzuwenden geruht. Weil der unglckliche Mann, der vielleicht in einem
Augenblick aus zu groer Gte des Herzens gegen den Buchstaben des Gesetzes
gefehlt - was aber noch keineswegs ermittelt ist - mit einem oder einigen jener
gedachten Mnner in einer gewissen Relation gestanden, ist es eine willkommene
Gelegenheit fr deren Feinde und Neider, Verdchtigungsgrnde auch gegen sie,
diese Mnner, zu schpfen, die freilich ber den Verdacht hinaus sind, weil ihr
Charakter und ihr Verdienst von Eurer Majestt gewrdigt sind, die aber eben um
ihrer Pflichttreue und dieser besondern Verdienste willen auch vor dem Publikum
gerechtfertigt zu erscheinen Anspruch haben. Eure Majestt knnen ihnen keine
willkommere Rechtfertigung gewhren, als indem Sie ber die Anschuldigungen des
Hasses und des Neides mit stummer Verachtung wegsehend, Ihre Gnade walten
lassen.
    Bravo, bravo! riefen die Zuhrer.
    O es kommt noch besser, dieser Schlu mu sein Herz erweichen: Was ist ein
Staat ohne Moralitt seiner Brger, was eine Monarchie, wo der Unterthan und der
Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Wrde wenigstens nachzueifern
strebt dem erhabenen Exempel, das sein Oberhaupt dem Lande und dem Volke tglich
giebt!
    Bravissimo! Er ist gerettet! Noch einmal wurden die Glser gefllt und
erklangen auf den edlen Menschenfreund, der ber die Kabale gesiegt. Das Konzept
wanderte in die Kanzlei, wo man ein Citissime mit mehr Respekt behandelte und
die Reinschrift kam, wie wir aus dem Erfolg annehmen, noch zur rechten Zeit an
Ort und Stelle. Der Kammerherr wollte abfahren, der Minister aber L'hombre
spielen. Der Kammerherr hatte Bedenken wegen des Predigers, alle Drei aber
bedachten, da man nach der Arbeit ausruhen mu. Erst in der Nacht wurden die
Karten weggelegt. Der Minister und sein Geheimrath warfen sich in Surtouts um
die Khlung der Abendluft in den Straen zu genieen.

                              Achtzehntes Kapitel.



                                Der rothe Shawl.

Karoline kam aus der Seitenkammer und drckte die Thr leise zu: Er ist
eingeschlafen.
    Wenn er nur nicht aufwacht bis ma chre tante in die Komdie fhrt. sagte
Jlli, die durchs Schlsselloch sah.
    Er verdiente es schon, meinte Karoline. Ich liebe es gar nicht, wenn die
Herren betrunken vom Frhstck kommen und glauben, sie thun uns noch eine Ehre
an, wenn sie in ein anstndig Haus poltern. Schmeit sich da mir nichts dir
nichts aufs Sopha, ghnt, und ehe man sich's versieht, ist er eingeschlafen. Da
soll man sich wohl aus der Konversation bilden! Ma chre tante hat gut reden.
    Die vornehmen jungen Herren thun's Alle so, warf Jlli ein.
    Und er hat nie kein Geld, sagt ma chre tante, fuhr die Andere fort, und
wenn sie nur gewusst, wie er mit seinem Vater steht, der ein sehr anstndiger
und vornehmer Herr ist, htte sie ihn auch gar nicht ins Haus gelassen. Aber nun
sie's wei, soll er sich nicht mausig machen, und sie wird ihm mal den Stuhl vor
die Thr setzen, da er sich verwundern soll, hat sie gesagt. Und vollends
jetzt, wo die Predigers oben sind. Still, sie kommt runter.
    Jlli drckte ihr Gesicht an eine Scheibe, Karoline hatte sich ans andere
Fenster gesetzt und eine weibliche Arbeit schnell ergriffen. Die Tante schalt.
Junge Frauenzimmer mssten nicht immer am Fenster sitzen. Das gbe bel Gerede;
die Stadt sei gottlos genug, da sie immer an Schlimmes denkt. Was hast Du Dir
wieder die Nase platt gedrckt an der Scheibe? fuhr sie Jlli an. Siehst Du,
davon kommt die Thrne ins Auge, und das habe ich Dir gesagt, wenn eine erst
anfngt, sich die Augen roth zu weinen dann ist's mit uns aus. Siehst Du etwa
die Karoline weinen? Die lacht den ganzen Tag. Alles was recht ist. In der
Kirche, vor unserm Herrgott soll man weinen, und das Gesicht lang ziehen, wenn
der Prediger gerhrt spricht, und Niemand kann mir nicht sagen, da ich Euch
nicht in die Kirche fhre, und Keiner, da Ihr nicht fein und anstndig
gekleidet seid, da Ihr Euch mit Ehren sehen lassen knnt, aber zu Hause sollt
Ihr nicht sein wie in der Kirche. Die hat der liebe Herrgott bauen lassen, da
man da traurig sein soll, aber die Welt daneben, da man lustig sein soll. Und
die Herrschaften, die zu uns kommen, die wollen's auch, sonst wrden sie in die
Kirche gehen und nicht zu uns.
    Karoline unterbrach die Rede, indem sie hell auflachte. Wenn sie damit der
eben ausgesprochenen Weisung nachkam, sndigte sie doch sogleich dagegen, indem
sie das Fenster aufri. Der Lrm und das Gelchter drauen rief inde auch die
Tante heran. An der Ecke war ein Fischmarkt, und es war nichts Ungewhnliches,
da der altberhmte Witz der Fischweiber gegen Kufer und Neugierige eine Art
Auflauf veranlasste. Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der
Lustigkeit. Der ltliche Herr hatte mit den smmtlichen Verkuferinnen ein
Geschft angeknpft, und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten
Karpfen und Aale zeigen lassen, alle befhlt und mit allen ihren Besitzerinnen
wegen des Preises unterhandelt. Wenn das schon nicht ohne beiende Bemerkungen
von beiden Seiten abgegangen war, so steigerte sich das Geznk in das, was man
in Berlin ein Aufgebot nennt, als der Kufer sich endlich, wie sich von selbst
verstand, fr die Waare nur einer Verkuferin entschied. Die brigen erhoben
sich und berschtteten mit einer Fluth nicht schmeichelhafter Namen den Kufer,
der seinerseits einen nicht gewhnlichen Muth zeigte, denn er harrte nicht
allein aus, sondern haranguirte seine Feinde durch Gegenreden. Seine grazisen
Gestikulationen bewiesen, da er der Hflichere war, und man konnte bemerken,
da in das laute Gelchter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen
einstimmten. Ein schrferer Beobachter htte inde darin keine Feindseligkeit,
sondern nur ein Schauspiel entdeckt, das sich gewi schon oft ereignet und zur
gegenseitigen Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte. Diesmal mussten
jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere
Anzglichkeiten eingemischt haben, welche die Kchin des ltlichen Herrn
veranlassten, durch deutliches Zupfen am Aermel ihn zu einem frhzeitigeren
Rckzug zu veranlassen, als ihm lieb schien. Eines der Weiber, ob nun im Scherz
oder Ernst, hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung: das
wolle sie ihm schenken, damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine
Gefangenen! Das Netz hatte unglcklicherweise seinen Kopf getroffen und die
Perrcke heruntergerissen. Whrend die Kchin sich danach bckte, waren ihr die
Fische aus dem Korb geglitten. Das Wiedereinfangen der Aale verursachte
allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr, worber man zuerst nicht bemerkte, da
sie ihm in der Hast die Perrcke verkehrt aufgestlpt hatte, was denn das
Gelchter unwiderstehlich machte, und weder der Rckzug, noch die Adjustirung
der Perrcke halfen vor dem Tro begleitender Gassenjungen und dem Gelchter der
Neugierigen, welche der Lrm an die Fenster zog.
    Ach, der Herr Geheimrath Lupinus! hatte die Tante ausgerufen. Das ist ein
spaiger Mann! Wie niedertrchtig er ist, auch gegen die gemeinsten Leute! Sieh
mal, selbst dem Apfelweib wirft er 'ne Kuhand zu, und so gravittisch, wie zum
Menuet! Seht, Kinder, daran knnt Ihr Euch ein Exempel nehmen; so wird mancher
rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bsen Feinden, aber 's giebt
einen Gott im Himmel und einen Knig auf Erden, und wer ehrlich sein Brot
erwirbt und ein gefhlvolles Herz hat fr seine Nebenmenschen, der geht nicht zu
Schanden.
    Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn
Geheimrath zurufen wollte: Warum tragen Sie nicht die Fische selbst? drckte
die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe: Untersteh'
Dich! Das Fenster flog zu. Die Scene hatte sich verndert. Karoline weinte. Nur
war sie keine so unterwrfige Zuhrerin.
    Und 's ist wahr, er hat immer die Fische vom Markt getragen, mit einem
Kapaun unterm Arm hab' ich ihn selbst gesehen, und darum bin ich kein schlechtes
Mdchen nicht. Und das ist Wahrheit.
    Die Obristin migte sich. Der Herr Geheimrath sei eine obrigkeitliche
Person, und mit genialischen Herren msse man's anders nehmen. Und wenn er keine
Respektsperson wre, und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte htte,
dann se er jetzt Gott wei wo. Und das einzige, was man ihm nachsagen knnte,
sei seine Kchin. Gegen die Charlotte wre schon sonst nichts zu sagen, denn sie
wre ein braves Mdchen, aber fr einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht,
so was im Hause zu haben. Auer dem Hause geht das Niemand was an, hatte ihr ein
sehr tugendhafter und angesehener Herr gesagt. Da er die Charlotte auf den
Markt mitnehme, wolle sie nicht gerade gut heien, aber der Mensch, der es
Jedermann recht thte, msste erst erfunden werden.
    Die gute Tante hatte, je mehr sie ins Reden kam, desto mehr auszusetzen. Ja,
die Predigerstchter oben wren neugierig, wie ein neugeboren Kalb, und wenn nur
ein Wagen vorbeifhrt, rutschten die Kpfe zum Fenster raus. Das habe sie sich
nun einmal aufgebunden, weil sie ein so gutmthig Herz habe. Aber ihre Nichten
sollten doch bedenken, da sie nicht aus dem Kuhstall wren, und auf sich was
halten. Wie ich so alt war als Ihr, da hielt man mich fr 'ne Grfin, und ich
htte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Strae, wie Ihr thut. Und an guten
Exempeln fehlt es Euch doch nicht; in mein Haus kommen nur die feinsten Leute.
Und wie sprecht Ihr mit dem Herrn Kammerherrn, der so gtig ist; ich werde
manchmal purpurroth, wenn ich denke, da er's am Hofe wieder erzhlt. Merkt Ihr,
dumme Liesen, denn nicht, wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsrthin sich
unterhlt, wenn die hier ist? Die wei ihm zu antworten, da er oft nicht wei,
was er sagen soll, so frappirt's ihn. Und das sage ich Euch, wenn sie heut zur
Chokolade kommt, da Ihr Euch nicht wieder das Maul verbrennt, Du vor allem,
Karline. So ein Trampelthier merkt auch gar nicht, wie ich ihr neulich auf den
Fu trat. Denn sie ist zu ganz was anderm, weil sie ein feines sittsames Mdchen
ist, und 's noch weit mehr werden wird, und Ihr knntet mal froh sein, wenn Ihr
ihr die Schuhbnder zumachen drft. Aber Mdchen, was hast Du Dir wieder die
Schuhe schief getreten! Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft. Und wie
breit der Fu wird, das kommt davon, wie Du beim Tanzen ranzest. Die Jlli hat
noch ein ganz schmales Fchen; aber die hlt auch auf Anstand. Und das neue
Kleid, zu Weihnachten erst hast Du's gekriegt, und wie sieht's schon wieder aus,
da Gott erbarm!
    Ma chre tante, wann krieg' ich das bombasin Kleid?
    Ei was, lass' Dir's von den Herren schenken.
    Die Herren sind nicht so geners.
    Wenn sie Dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl, und so
rekeln mit dem Ellenbogen ber die Lehne, da sollen sie sich wohl Wunder was
vorstellen, was Ihr seid. Zu meiner Zeit, sag' ich, kerzengrad saen sie auf dem
Stuhl, und so schlugen sie die Augen nieder, wenn ein Herr zu ihnen sprach, aber
da verstanden sie auch zu bitten, und da waren die Herren auch geners.
    Man soll die Herren nicht rupfen. Das haben ma chre tante immer gesagt. Na
nu, ist's nu nicht wahr?
    Sie unverschmtes Geschpf! Was das fr Reden sind in meinen Apartements!
Wenn's Ihr nicht mehr gefllt, werd' ich Ihr 'nen Stuhl vor die Thr setzen.
Dann mag Sie sehen, wo's Ihr besser gefllt. Denn berhaupt soll's anders werden
bei mir. Ja, ja, meine Damen, das merken Sie sich, ich will keine Pension, wo
das pbelhafte Wesen nicht rausgeht. Ein Wort kostet mich's, und Sie wird nach
Spandow zurckgeschafft, Mamsell Karline, da, wo ich Sie herholte, auf den
Kietz. Wird's Ihr besser gefallen, barfu im Kahn und Pltzen schuppen, oder
Winters beim Kienspahn Netze flicken? Ihre Finger sahen ja aus, mit Respekt zu
sagen, wie Pfoten, roth und geborsten, und hab' ich das fr meine Mhe, da ich
sie mit Mandell und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen lie! Sag'
ich doch, wer Dank set, der wird Undank ernten.
    Es klingelte, der Chokoladengast stand im Zimmer. Ein Livreebedienter, der
die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen reprsentirte,
hatte Adelheid abgeholt.
    Nein, sage ich doch, nicht wie ein Frulein, wie eine Prinzessin. Und mit
jedem Tag, mcht' ich sagen, gewachsen!
    Das kommt nur vom langen Kleide, lchelte Adelheid, und war mit raschem,
sicherm Schritt, nach einer flchtigen Begrung der Tante, zu den Nichten
geeilt, die sie mit der natrlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit ksste.
Sie schalt und bedauerte, da sie gar nicht zu ihr kmen; die Nichten waren
verlegen. War's der scharfe Blick der Tante, war's die berwiegende Erscheinung
des in der Flle ihrer Schnheit strahlenden Mdchens. Aber der Strahl aus dem
klaren Auge go in die getrbten der unglcklichen Geschpfe von seinem Licht.
Sie fhlten sich in einer andern Atmosphre, die etwas von ihrem heilenden
Balsam auch auf sie trufelte.
    Die Obristin hielt es fr gut, allein das Wort zu fhren. Ihre Lippen
flossen ber vom Lobe der braven Eltern, die wohl mehr zu thun htten, als
solchen Besuch zu empfangen. Sie wisse wohl, was der Herr Kriegsrath und die
Frau Kriegsrthin fr die Erziehung ihrer Tochter thten, und da wre es ja
ausverschmt, sich aufdrngen wollen. Aber um so mehr schtze sie es und rechne
die Ehre sich an, da sie ihrem Lieblingskinde erlaubt, sich ein Stndchen in
ihrem schlichten Hause zu gefallen. Sie wre nun eigentlich in rechter
Verlegenheit, worber mit einer solchen feinen Dame sprechen, die so viel schon
wisse, und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen wrde.
    Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit. Sie, was man
nennt kappte die Obristin durch kurze natrliche Antworten, und schon vor der
Chokolade war das Gesprch im lebendigsten Gange, denn es betraf das neue, feine
Kleid, das der Vater ihr geschenkt und die grte Aufmerksamkeit der Nichten
erregte. Das Zeug, der Laden, wo es gekauft, der Kaufmann, seine Waren, Preise,
es ward alles ausfhrlich behandelt, die Krone der Verwunderung aber blieb, da
Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genht, und sitzt wie
angegossen, rief die Tante, nu seht, wenn Ihr das knntet! Und Mamsell
Kriegsrthin thut's nur zum Plaisir. Denn ihr Herr Vater wrde ihr ja gern den
ersten Schneider ins Haus schicken, und spter werden ihr ganz andere Leute
Kleider machen lassen. Ja, ja!
    Das Lcheln der Obristin gefiel Adelheid nicht, auch mifiel ihr, da die
Tante immer, um sie herauszustreichen, ihre Nichten demthigte. Ohne sie zu
beachten, erbot sie sich deshalb gegen Jlli, wenn sie ein neues Kleid bedrfe,
es ihr zuzuschneiden, auch, wenn sie es wnsche, ihr Unterricht im Schneidern zu
geben, so gut sie es eben knne.
    Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerhrt, bei der Jlli knnte es
vielleicht noch anschlagen, aber die Karline wre gar zu faul: Wer den
Unterricht zu schtzen wei, und was lernt, aus dem kann alles werden, und oft
habe ich ihnen das gesagt. Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich. Ja, mein
liebes Engelchen, - verzeihen Sie schon, Frulein Adelheid, da ich so zu Ihnen
rede, aber ich kann gar nicht anders, wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe, -
ja, das mu ich Ihnen auch sagen, seit ich die Ehre habe, Ihre Bekanntschaft
gemacht zu haben, da ist mit Ihnen auch schon eine Vernderung vorgegangen. Ach,
Sie haben einen vortrefflichen Lehrer.
    Adelheids Gesicht leuchtete auf: Kennen Sie ihn?
    Habe nicht die Ehre, aber ich wollte wetten, er heit Cupido.
    Nein, er heit van Asten. Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden. Es
plaudert sich so fort, und sind immer zu End', ehe wir es versehen. Ich schme
mich zuweilen, wenn er fort ist, da ich so wenig aufgeschrieben habe, aber wenn
ich mich hinsetze, um es niederzuschreiben dann mu ich oft einen ganzen Tag
schreiben und noch mehr. Ich thue es nun gar nicht mehr, denn ich behalte doch
alles auswendig.
    Ist's die Mglichkeit!
    Manchmal ist's mir wie einem Vogel zu Muthe, als schwebte ich hoch in die
Luft, unter mir she ich Berge und Stdte und Flsse. So wei er das alles klar
zu machen, wenn er erzhlt. Da ist mir oft, als mte ich das Umschlagetuch
zusammenziehen, wenn er die kalten Lnder beschreibt, wo ewiger Schnee liegt und
Eis. Und wenn er die heien schildert, da wird's mir so hei, so hei - ach, ich
rede gewi recht dummes Zeug, es ist nur gut, da es Herr van Asten nicht hrt.
    Ach, liebe Seele, Engelchen, das versteh' ich. Wer das einmal gekostet hat,
wie's drauen schn ist in der Welt, der mchte immerfort fliegen. Na nu
versteht sich, fliegen kann keiner von uns, denn wir haben keine Flgel. Aber
zwei Fchse vorgespannt vor den Wagen, oder noch besser viere, Extrapost, und
nun, Schwager, ins Horn gestoen und geknallt, ber Berg und Thal, und
Sonnenschein und berall geputzte und frohe Menschen. Das ist ein Leben, mein
Engelchen. Berlin ist eine hbsche Stadt; aber, ach Gott, was giebt's noch fr
andere! Das zu sehen und sich erklren zu lassen! Und Herr van Asten msste
neben Ihnen im Wagen sitzen! Na, das wre doch ein Leben wie alle Tage Sonntag.
Ihnen gnne ich's. 'S kommt auch mal so. Was man sich wnscht, das kommt.
    Adelheid schwieg betroffen. Hatte sie sich denn das gewnscht? Nein, liebe
Frau Obristin, daran habe ich gar nicht gedacht. Neulich, da schmte ich mich
fast, da ich noch nicht in Potsdam gewesen, und da Sie aus Leipzig kamen, aber
jetzt - jetzt ist mir gar nicht, als wenn das nthig wre. Wenn Herr van Asten
mir von den fremden Lndern erzhlt, so brauche ich gar nicht zu reisen.
    Ist das ein himmlisches Gemth! - Und wie sie die Chokolade nippt, seht
Euch mal das an. Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Trpfchen, und wie Ihr immer
schlrft. Die Schaale fasst sie doch an, als htte sie's bei Hofe gelernt. - Nu
mssen Sie auch mal in die Untertasse sehen, das ist ein Spiegel, da sieht
Adelheidchen sich selbst.
    Adelheid lie die Porzellantasse beinahe fallen. Die Venus! das ist ja die
Venus! kreischten die Mdchen. Die Tante wollte ber die Atrappe sich
ausschtten vor Lachen, aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte, nahm sie
rasch die Untertasse in die Hand, und meinte, da msste sie sich vergriffen
haben, denn sie habe noch eine Tasse, wo die Venus ein Umschlagetuch hat.
    Adelheid hatte wohl von der Venus gehrt, aber in der Mythologie und
Geschichte sollte der Unterricht spter anfangen, weil Herr van Asten sie zuvor
die Erde und ihre Bewohner, wie sie ist und sind, habe kennen lernen wollen, ehe
er zu den Menschen berginge, die vormals gelebt, und was sie geglaubt und sich
vorgestellt. Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige
Kenntni und schien sie mit Vergngen auszukramen. Sie wusste namentlich viel
von Najaden und Dryaden, von den Metamorphosen, und sogar von Ovid, der ein
charmanter Dichter gewesen, da Adelheid ber ihre Gelehrsamkeit erstaunte. Sie
hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen, wie man
die Gtter und Gttinnen anzog, und den Engeln Flgel anband.
    Da knnte ich wohl manches von erzhlen, was Herr van Asten nicht wissen
wird, denn er war nicht dabei. Liebes Kind, Sie mssen nur denken, die Leute
waren damals spaiger als jetzt, das wird auch Herr van Asten wissen, und Bses
war nichts bei. Denn die wurden blos so Heidengtter genannt, wir kannten uns ja
Alle, als gute Christen, und alles Tricots, pfui, wenn Einer denken knnte, da
es was anders war. Der Herr Kammerherr knnte Ihnen davon erzhlen - ich wei
auch gar nicht, wo er bleibt; er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe
zur Chokolade bei mir ansprechen - nein, sag' ich Ihnen, der wei die ganze
Mythologie auswendig. Venus, das war die Mutter vom Cupido oder Amor, und ihr
Vater war Jupiter und sie war aus Meeresschaum geboren, und die Kinder vom Amor
waren Amoretten. Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog, das war zum
Todtlachen; Kinderchens, nicht grer als so, mit Papierflgeln, einem Grtel um
den Leib, und Alle an einem langen Strick gebunden, der so hing, und wenn sie
artig blieben, und nicht zappelten, kriegte Jede nachher einen Honigkuchen. Ich
selbst war mal ein Cupido, na, Engelchen, das war eine Geschichte, wenn ich
daran denke! Sehn Sie, so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn
Jemand ins Herz stoen, versteht sich nur von Pappe und Schaumsilber; aber wenn
ich Ihnen den Jemand nennte, da wrden sie Augen und Ohren aufsperren! Es war
ein sehr reicher und vornehmer Herr, und wurde nachher noch vornehmer und
reicher. Ach, und ein Herz und ein Gemth, so gut wie ein Kind. Da gab ein Jeder
gern sein Liebstes hin, wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah. Und wie
geners! Da wurden die Goldstcke nicht gezhlt; nur so in der Hand gewogen. Und
einmal, es war nmlich in einer kleinen, engen Gasse, da neben der
Spandauerstrae, zwei Stock hoch, in einem finstern Hause, Treppen so grade
rauf, wie 'ne Leiter, und stockduster, da man sich Hals und Bein bricht, da
kommt der Herr eines Abends rauf. Gott bewahre, er wird nicht allein ausgehen,
Einer in Livree vorauf, und zwei Herren begleiten ihn, Alle in groen Mnteln.
Nmlich er hatte in Dresden ein Bild gesehen, von einem gewissen Titus oder
Tilian, darauf kommt's nicht an. Es stellte eine Venus vor, die auf einem
Kanapee ruht, und es hatte ihm so gefallen, da er gar nicht die Augen
wegkriegen konnte. Da hatte Jemand zu ihm gesagt: Gndiger Herr, ich wei in
Berlin ein Original dazu; das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten. Wie
der vornehme Herr dazu den Kopf schttelte und meinte, das halte er fr ganz
unmglich, denn so was gebe es gar nicht lebendig, sagte der Andre: Wenn
gndigster Herr sich dafr interessiren, so kme es ja nur auf die Probe an. Ich
wei, der Mann, dem es gehrt, wrde es sich zur grten Ehre schtzen. Sehen
Sie, so war der Hergang.
    Adelheid wollte nach Hut und Handschuh greifen. Warum wusste sie nicht, aber
sie war unruhig geworden. Die Obristin fasste sie am Ann: Engelchen, liebes,
Sie ngstigen sich doch nicht? Das war nur, was sie lebende Bilder nennen,
lassen Sie sich's nur von Herrn van Asten erklren, und der hat sie auch gar
nicht gesehen, Gott bewahre, der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der
silbernen Leuchter, denn darin hatte er's versehen. Die Stube sah Ihnen doch wie
ein Paradies aus. Da hatte er Blumen und Bume von Winkel-Bouchs bringen
lassen, und Wachslichter hinter die Bsche, und oben hatte er sich vom Theater
eine Lampe geborgt, ganz bla, die sah wie Modenschein aus, und hinten war die
rothe Gardine zum Zurckschlagen, und davor zwei groe Bume, das waren aber
Tannen aus dem Thiergarten, und da huckten oben zwei Amoretten, sie waren
angebunden, aber nicht ganz fest. Und Rucherpulver war auf ein Kohlenbecken
gestreut, das war so verdeckt, da es wie ein Altar aussah, und die kleine Stube
roch Ihnen s und schn. Ich musste nun dahinter kauern, und wenn er eintrte,
sollte ich vorspringen, und ihm den Pfeil auf die Brust halten, und die Worte
sprechen:

O edler Menschenfreund, Dein tugendhaftes Herz,
Wenn dieser Pfeil es trifft, so sei es nicht zum Schmerz,
Wenn dies ihr Tempel war, ist er von jetzt ab Dein,
Und sei Du Phbus nun in diesem Mondenschein.

Nu knnen Sie sich vorstellen, Engelchen, wie mein Herz schlug, als ich ihn die
Treppe raufkommen hrte; Herr Jesus, ich glaubte doch, mir wrde es in der Kehle
stecken bleiben. Und der Mann von der Frau, der stand auch so und japste an der
Thr; er war auch baumgro mit einem Tressenrock, und weiseidenen Strmpfen. -
Und die weien Handschuhe zitterten nur so, wie er die Armleuchter hielt. Und
wie der Herr drauen die letzte Treppe rauf steigt, - wir hrten ihn husten, -
er nun, mit dem Fu die Thr zurckgeschmissen, und raus, da sinkt er beinah in
die Kniee und leuchtet runter: Mein gndigster Herr, das ist zu viel
Sonnenschein in mein armes Haus! Der Herr nun, der nicht wei wie ihm ist, hlt
den Arm vor's Gesicht, und stolpert just, wie er ruft: Verfluchter Kerl! Das hab
ich selbst gehrt; das andre hab' ich nicht gesehen, das haben sie mir gesagt.
Nmlich darber hat er die Balance verloren, und drei Stufen rutschte er, und
htte ihn der Andre nicht gehalten, wre er gefallen. Da schrie es: Lichter aus!
Aber da hatten sie schon auf den dritten gestoen, der helfen kam, und der
kriegte den Schu. Das hrte ich poltern. Und da riefen sie von unten: Licht!
Licht! Aber dann schrien sie wieder: Nein, kein Licht! Der Bediente aber, der
oben gehuckt, war nun wie ein Satan zugesprungen, dem Mann hatte er die Kerzen
ausgeblasen und stie ihn, da er in die Stube zurckfiel. Aber nun stellen Sie
sich vor. Ich, wie ich meine, da er reintreten mu, war mit dem Pfeil
aufgesprungen und stoe ein Bischen ans Kohlenbecken; derweil aber ist sie schon
rausgesprungen, und eh' ich mich's versehe, krieg' ich's um die Ohren: Du - die
Schimpfworte will ich gar nicht sagen - das ist ja zu frh! Darber purzelt der
Altar um, und die Kohlen kullern. Nu wr' noch alles gegangen, aber die kleinen
Engelchen, nmlich die Amoretten, sind angestoen von ihr, wie sie rausspringt,
nmlich die groen Tannenbume, und wo sie hinschlug, wuchs kein Gras. Diese
Engelchen waren nun runter gerutscht vom Ast, aber weil sie angebunden sind,
konnten sie doch nicht runter, also zappelten sie Ihnen und schrieen Ihnen
gottserbrmlich.

    Ach Gott, die armen Kinder! rief Adelheid.
    Und im ganzen Hause schrieen sie, und das war ein Threnklappen: Herr Gott,
was ist denn los? - Da schreit's mit einem Mal Feuer, und der Nachtwchter
tutet, und es war auch Feuer, denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen, und
die brannte hell auf. Na, der Mann, das mu man ihm lassen, schnell wie der
Wind, runter die Gardine, ausgetreten, aber auf der Strae hatten sie den Schein
gesehen, und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde.
    Aber die armen Kinder! Was ward aus denen?
    I, die haben sie runter geschnitten und links, rechts ein Bischen, dann
nach Haus. Ich kriegte auch 'nen Katzenkopf; da musste man schon nicht drauf
sehn. Aber der Mann und die Frau, nein, ich sage doch, wenn gemeine Leute ohne
Bildung in Rage sind! Einer auf den Anderen los, da er's verdorben htte. Mit
dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht; sie hatte ihm aber vor den
Bauch getreten, das mu man auch wissen. Todt geschlagen htten sie sich und
Gott wei was, wenn nicht die Polizei kam; die ri sie auseinander.
    Die Polizei! Es berrieselte Adelheid, sie war schon aufgestanden. Sie
hatte die Polizei nur auf dem Markte gesehen, oder wenn sie einen Dieb
einbrachte, aber sie wusste doch, da es etwas Schlimmeres war, wo die Polizei
kam.
    Gott sei Dank, die kam aber erst, als der Herr fort war. Das war noch ein
Glck. Aber der Bediente und der Andere konnten kaum den Einen fortschleppen, so
war er auf die Hfte gefallen. Hatte sich was gebrochen. Und der Herr trgt's
heute noch -
    Sie verstummte pltzlich. Im Eifer der Erzhlungslust hatte sie nicht
bemerkt, da der Kammerherr von St. Real im Zimmer stand.
    Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid: Verzeihen Sie, mein Frulein,
wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe.
Nur einige dringende Worte -
    Adelheid erklrte, sie wolle nicht stren, sie msse nach Hause. Warum sie
das musste, wusste sie selbst nicht, aber sie musste, das war ihr klar. Den
eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefasst; ihre
Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haften geblieben, die mit Stricken am
Baume hingen. Sie dachte an die unglcklichen Geschpfe, welche die Seiltnzer
ihren Eltern stehlen und die auf immer verloren gehen. Wie herzergreifend hatte
die Frau Obristin im Dorfe erzhlt. Es war der Gedanke des Verlorengehens, die
Vorstellung, da ja ein ganz unschuldiger Mensch zufllig in dem Hause htte
sein knnen. Mein Gott, wenn auch sie Jemand dahin gefhrt htte, um das Bild zu
sehn, und dann der Feuerlrm, die Polizei! Es drckte sie centnerschwer. Die
Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an, so herausfordernd, fast alles
mythologische Darstellungen; sie hatte sie frher nicht genau betrachtet, jetzt
schlug sie die Augen nieder. Wenn sie nur erst hinaus wre, wollte sie die
Mutter bitten, sie nie wieder in das Haus zu lassen.
    Ich kam in der Absicht, sagte der Kammerherr, das Frulein um die Ehre zu
ersuchen, Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurckfahren zu drfen. Vorhin
begegnete ich Ihrem Herrn Vater, dem Kriegsrath, und er erlaubte mir, diese
Bitte an Sie zu richten. Wenn ich Ihre Zustimmung habe, vergnnen Sie mir nur
einige Momente mit Ihrer wrdigen Wirthin.
    Das Zwiegesprch in der Fensternische ward sehr leise gefhrt. Mit der
sesten Miene fltete St. Real der Frau ins Ohr: Sie unverantwortliches
Plappermaul! Jetzt, auf der Stelle, wiederhole ich Ihr, schaff' Sie die
Predigerfamilie fort! Wie zutraulich drckte er dabei ihre Hand, und wie war
sie erfreut ber dies Zeichen von Vertrauen, und bat ihn, ihr ja diese gtige
Gesinnung zu bewahren. Wei Sie, was der Knig thut, wenn er's erfhrt? Dabei
klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern. - Nur bis morgen, gndigster Herr,
ich kann sie ja doch nicht auf die Strae schmeien. - Durch den Bttel lsst
er Sie aus der Stadt peitschen, und Sie hat's verdient, Sie unverschmtes
Mensch! - Zu gtig! - Ihre Zunge msste man Ihr mit glhenden Zangen
ausreien, denn sie geht mit Ihr durch, wei Sie, bis wohin - bis zum Galgen,
und Sie hat ihn verdient. - Nein, mein Herr Kammerherr sind doch die
Obligeance selbst, und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsrthin
entfhren. Ganz nach Ihrem Kommando.
    Man hat sich kaum gefreut, so soll die Adelheid schon wieder fort, sagte
Karoline. Jlli aber sagte, es sei wohl gut, es scheine ihr ein Gewitter
aufzusteigen, da sie das nicht noch berraschte. Sie sah dabei aber ngstlich
nach der Thr zum Seitenzimmer. Der Kammerherr meinte, ein Gewitter wre nicht
im Anzuge, es sei dafr zu khl, aber ein Sturm und Regen. Er fragte, ob
Adelheid nur das dnne Umschlagetuch habe? - O, wir leihen ihr ein andres,
sagte Jlli. Ach das rothseidne der chre tante! rief Karoline. Adelheid
hat's ja noch nicht gesehen. Das ist ja wahr! - Wie prchtig wird sie darin
aussehen. Und das hlt warm! -
    Der Kammerherr nickte der Obristin zu, sie mge das Frulein nur recht warm
und schn anziehen. Dann ging er hinaus, um nach dem Wagen zu rufen, sagte er.
Es mochte aber auch sein, um nicht bei der Toilette zu stren, oder um sich nach
dem Lrm zu erkundigen, den man auf der Strae hrte. Ein Reiterregiment ritt
vorber, aber es schien, als ob sie Halt machten, und man hrte Gelchter und
Rufen.
    Die Obristin hatte das viel besprochene Tuch vom Malayenlande aus der
Kommode geholt, als sie im Vorbergehen einen Blick aus dem Fenster warf: Was
das nun wieder ist! Sind doch die Herren Gensd'armen nur da, um Unfug mit
ehrlichen Leuten anzufangen! Sie breitete das Tuch aus, und es glnzte in so
kstlichem duftendem Roth, da Adelheid selbst ein unwillkrliches Ach! ausrief.
    Man hing es ihr um, man zog sie vor den Spiegel. Zuerst als wallender Talar.
Die Obristin schien darin wirklich geschickt: Du meine Gte, wie eine
Opferpriesterin! - Wie eine Knigin!
    Der Lrm drauen wurde lauter; kein Aufruhr, aber ein wstes Gelchter. Man
rief Spottnamen hinauf; es schien, als ob von oben geantwortet wrde. Darauf ein
noch ausgelasseneres Gelchter, und einzelnes gellendes Pfeifen. Die Tante
beschwor die Nichten, sich vom Fenster fern zu halten. Sie nahm das Tuch wieder
ab, um es anders zu drapiren, als man Jemand die obere Treppe hastig herabkommen
hrte, und die Thr aufklinkte. Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu
erwarten, als das etwas ngstliche, welches zur halb aufgestoenen Thr
hereinsah. Die Pffchen ber der schwarzen Weste verriethen einen Geistlichen.
Der geblmte Schlafrock und die lange Pfeife, welche die halbzugehaltene Thr
verbergen sollte, und doch nicht verbarg, htten sich auch zu jedem guten Brger
geschickt, dem husliche Behaglichkeit ber alles geht.
    Haben Sie gehrt, verehrteste Frau Obristin?
    Ach, mein allerbester Herr Prediger!
    Bitte tausend Mal um Vergebung, wenn ich derangire, insondern wegen meiner
Toilette. Aber das ist ja nicht zum Aushalten!
    Ist Ihnen was arrivirt?
    Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus, und meine Tchter neben mir, und rauche
ganz in Frieden mein Pfeifchen, als Einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach
mir weist, ich wei noch nicht, warum, und darauf strecken Alle die Hlse und
heben mit einem Aha! ein schallendes Gelchter an. Sagen Sie mir, was man da zu
thun hat. Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet, sehr freundlich und
zurechtweisend, sie antworteten mir aber nur durch unarticulirte Laute,
nachahmend den Gesang der Hhner durch ein Kikeriki! oder noch unbegreiflicher
durch ein sogenanntes Kukuksgeschrei.
    Ist's die Mglichkeit! rief die Obristin.
    Ja, von einem der Herren Offiziere, bei denen man doch Bildung annehmen
sollte, hrte ich den unanstndigen Ausdruck: Pfaff' und Pfffchen! Und Einer
rief: Gefllt's Dir im Kukukssneste? Wird mir doch in der That bange, denn der
Pbel fngt auch schon an mit zu krhen und die Nachbarn reien die Fenster auf.
Soll ich nun zur Polizei schicken oder erlauben Sie mir, da ich hier ans
Fenster trete, wo sie mich besser hren knnen, und ihnen recht eindringlich ins
Herz rede, wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt, als der
Residenzstadt unseres Knigs?
    - Sodom und Gomorrha! Da haben Sie recht, das ist das richtige Wort! rief
die Obristin, erfreut, an ein Wort sich klammern zu knnen, das sie fr den
Augenblick aus einer Verlegenheit ri, die, wie man an ihrem Zittern wahrnehmen
konnte, schon peinlich geworden. Wie sie sich herausri, war ihr gleichgltig.
Sodom und Gomorrha, Herr Prediger. O, Sie werden unsere Stadt noch anders
kennen lernen. Aber um Gottes Willen nicht die Polizei! Nicht zehn
rechtschaffene Menschen unter tausend. Aber nicht die Polizei. Wer sich die auf
den Hals ladet, sehen Sie - Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin- und
hergewickelt, bis sie's Jlli zuwarf mit dem Befehl, es ordentlich zu legen, da
es das Frulein umschlagen knne, und hatte damit schnell einen neuen Ausweg
gefunden. - Sehen Sie, Herr Prediger, das ist's, ein reines pures
Miverstndnis. Sehen Sie, Herr Prediger, das Tuch hier, weil's so kokliko roth
ist - hier giebt's nicht solche - mssen die Mdchen damit 'rum schmeien,
gegen's Fenster - das haben sie fr 'nen Affront angesehen, die Herren
Kavalleristen - warum, das wei der liebe Himmel! Was sehn die nicht fr 'nen
Affront an, wenn ein ehrlicher Brgersmann was thut - Sie wissen ja vom Lande,
man darf kein roth Tuch aufhalten, dann fliegt das Federvieh - und rothe
Federbsche haben sie - alles, lieber Herr Prediger, nur nicht die Polizei! Und
die Herren Offiziere sind, im Grunde genommen, seelensgute Menschen. Nur Jugend!
Jugend mu man austoben lassen. Aber nur nicht die Polizei! Soll Ihnen auch
Keiner ein Haar krmmen, lieber Herr Prediger, jetzt erlauben Sie, will Sie in
ein Dachstbchen schaffen, hinten raus, und Ihre Mamsell Tchter, die lieben
Mdchen, wie mgen sich die erschrocken haben, da soll Sie auch keine Seele
finden. Denn das Soldatenvolk ist grausam boshaft oft gegen die Herren
Geistlichen, ach, und die Herren Offiziere auch, aber unser herzensguter Knig
wird sie schon besser machen. Und heut Abend kommen sehr vornehme Herren vom
Hofe her; da wollen wir Alles arrangiren, ganz nach Ihrem Belieben! Nur nicht
die Polizei!
    Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentirt, er
wusste so wenig warum, als Adelheid den Zusammenhang verstand, und noch weniger,
warum die beiden Nichten, die mit ihr allein geblieben, in ein Kichern
ausbrachen. Sie fragte nach dem Grunde. Karoline wollte vor Lachen platzen und
drehte sich auf dem Hacken. Jlli aber umarmte von hinten Adelheid und drckte
einen Ku auf ihre Schultern: Ach 's ist besser fr Dich, da Du das nie
erfhrst. - Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise: Das
musst Du mir das nchste Mal sagen, wenn wir uns wiedersehen. - Jlli drckte
hastig einen Ku auf die schnen Lippen: Du darfst uns nie wiedersehen. Adieu
auf immer!
    Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken
geschlungen. Sie musste eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen. In
antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter, whrend die Kleine mit
verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog: Nun sieh Dich
in den Spiegel! Das ist Venus, wie sie leibt und lebt, da auf dem Bilde!
    Adelheid sah in den Spiegel und errthete, als sie den kleinen Betrug
entdeckt. Es war ein schner Anblick, sie musste es sich selbst sagen. Sie hob
eben die Hand, um ihren Anzug zu ordnen, als - sie noch etwas anderes im Spiegel
sah.

                              Neunzehntes Kapitel.



                             Der Sturm bricht los.

Eine Thr ging auf, und ein junger Mann trat ein. Sein wild schnes Auge, trb
und wst, wie eines Trunkenen, der eben aus dem Schlaf erwacht, die Haare
verstrt. Die Halsbinde hing ungeknotet ber die Weste, den Rock hatte er nicht
nthig gefunden, anzuziehen. Er blieb auf der Schwelle stehen, und reckte die
Arme, um den Schlaf zu vertreiben.
    Dies Bild sah Adelheid im Spiegel. Sie blieb athemlos stehen.
    Jetzt sah er sie; nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit, ihr Gesicht im
Glase. Sein Auge belebte sich, es scho auch im Spiegel einen Blitz, vor dem sie
erschrak.
    Was habt Ihr denn da fr eine neue Tugend!
    Rasch mit drei festen Schritten war er vorgetreten, und ehe Adelheid
ausweichen konnte, hatte er sie umfasst und wollte sie zu sich umdrehen:
Tugend, ich will Dir ins Gesicht sehen!
    Louis, Du wirst -! Um Gottes Willen, Louis! sie ist nicht von hier! hatte
Jlli geschrieen, und ri vergebens an seinem Arm. Eure Larven kenn' ich. Im
selben Augenblick war die andere Thr aufgeflogen, die Obristin hereingestrzt.
Ihre sonst so gutmthigen Augen funkelten: Der wieder da! O, das musste noch
kommen! Fr einen verlorenen Sohn ist Die zu gut! Reit sie dem Trunkenbold aus
den Armen! Es wre nicht unmglich gewesen, da sie mit ihren Fingern einen
Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht, wenn nicht Adelheid sich
jetzt rasch umgewandt, die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen
htte und gerufen: Mein Herr! So sehe ich aus.
    Es war etwas Ueberwltigendes in dem Blicke der uersten Entrstung, was
man nicht vergisst, im Tone der Stimme ein Metall, das Keiner bis da gehrt; es
tnte durch das Zimmer und in den nchsten Sekunden hrte man nichts anderes.
    Er hatte sie unwillkrlich losgelassen. Sie standen nicht einen Schritt von
einander, und ihre Blicke begegneten sich. Sie wollte sprechen, aber die Stimme
versagte ihr. Thrnen wren eine Wohlthat geworden, es berstrzte sie nur eine
krankhafte Hitze, der sogleich eine fieberhafte Klte folgte. Sie wandte den
Kopf ab, bedeckte das Gesicht, und, ein Schrei der gepressten Brust, strzten
die Worte heraus: O, mein Gott, wo bin ich hingerathen! Was ist das mit mir!
    Sie wankte; aber sie schauderte vor der Obristin, die sie auffangen wollte,
sie tappte mit aufgehobenen Armen, als der junge Mann eine Bewegung machte,
war's, seine Beute wieder zu ergreifen, war's, der Ohnmchtigen beizustehen.
Aber die Erscheinung eines andern fremden Mannes der ein: Halt, mein Herr! ihm
entgegen rief, vernderte die Scene.
    Es war ein hochgewachsener Mann von leichtem, vornehmem Anstande. In seinem
blassen, ausdrucksvollen Gesicht, in dem man einen Philosophen, Staatsmann,
wenigstens einen Denker erkennen mgen, brannten auch zwei dunkle Augen, nicht
gro, aber bedeutend durch den Ausdruck edlen Zornes, der in ihnen glhte. Ein
Mann von mittleren Jahren, der aber durch die Entrstung, den Stolz seiner
Haltung, die Elasticitt der Bewegung, um vieles jnger schien. Es war ohne
Zweifel das bedeutendste, ausdruckvollste Gesicht im Zimmer, vielleicht, was man
berhaupt in diesen Rumen gesehen, ein Mann, in dem jeder Muskelzug, jede
Bewegung die Weltkenntni und Erfahrung ausdrckten und ein Mann, der geboren
schien, um zu imponiren. Den leichten Umwurfmantel, mit dem er ins Zimmer
getreten, hatte er schon an der Thre abgeworfen und stand im schwarzen
Civilkostm dem Andern gegenber.
    Auf dem Gesichte dieses Jngern, dem die Leidenschaften viele Falten
eingedrckt hatten, suchte man inde umsonst nach einem Zuge, der eine
Inklination verrieth, sich imponiren zu lassen. Mit einem verchtlichen
Achselzucken: Das geht Sie nichts an! Die Dame ist ohnmchtig! wollte er an
ihm vorber. Ein: Elender zurck! donnerte ihm entgegen. Ihr Arm darf die
Unschuld nicht berhren. Die Hand des Kavaliers hatte die Halsbinde des jungen
Mannes gefasst, als dieser auch auf diese Worte nicht geachtet. Ein
frchterlicher Blick des Jngeren, whrend seine Arme krampfhaft zitterten,
sagte dem Kavalier, was er im nchsten Moment erwarten konnte, wenn er nicht
zuvor kam. Louis war unzweifelhaft der Strkere, aber er war in einer
ungnstigen Stellung, des Angriffs nicht gewrtig, noch vom wsten Traumschlaf
ermattet. Der Kavalier war auf einen Angriff gefasst eingetreten, wahrscheinlich
ein gewandter Fechter, der die Schwche des Gegners zu nutzen wei. Ihn kurz an
sich ziehend, warf er ihn mit einem heftigen Sto zurck: Schlafen Sie Ihren
Rausch aus!
    Louis fiel auf einen hinter ihm stehenden Stuhl; doch so heftig gegen die
Lehne geschleudert, da er einen Moment besinnungslos blieb. Ein frchterlicher
Moment. Heulen, Schreien, Lrm jeder Art.
    Es polterte von oben, es strmte die Treppen herauf, Leute waren
eingedrungen ins Haus, schon sogar als ungerufene Zeugen ins Zimmer. Als
Adelheid, an die Wand gelehnt, ihre Besinnung zurckkam, hatte auch der junge
Mann sie wieder gewonnen. Es war der entsetzlichste Blick, den sie gesehen, eine
Basiliskenblick, die Zornader glhte auf seiner Stirn und die Brust hob sich wie
eine Meereswelle, als er aufsprang und nach einer Waffe griff. Mord!
Todtschlag! Polizei! - Blut! schrieen verwirrte Stimmen. Dem Stuhle, den
der Rasende wie eine Keule in der Luft schwang, htte der Galanteriedegen, den
der Andere rasch gezogen, nicht parirt. Aber die Obristin fasste nach dem
Stuhlbein, als der Degen schon mit einem gefhrlichen Parirsto nach der Brust
zckte. Jlli sah die Spitze funkeln, sie hing an Louis Brust, sie umklammerte
seinen Hals, ein Schild, das ihn schtzte, aber ihm die freie Bewegung raubte:
Louis, nicht Dein Blut! Der Sto des nur zur Vertheidigung gezckten Degens
htte tdtlich werden knnen, wo der Feind in blinder Wuth sich auf den Gegner
gestrzt hatte, als Adelheid dem Kavalier in die Arme fiel: Um Gottes, um
Gottes Barmherzigkeit willen, kein Blut um mich!
    Es war alles das Werk eines Momentes. Die Degenspitze hatte Jlli's Schulter
gesteift; es rieselte roth von ihrem Nacken. Im selben Augenblicke trennte ein
dritter Fremder die Kmpfer. Auch Mord und Blut in diesem Sndenhaus! Des
Predigers Gesicht war krampfhaft verzogen, er hob die zitternden Arme gegen die
Obristin; er drohte ihr, aber die Stimme schien auch ihm zu versagen. Er griff
in die Tasche und warf ihr eine kleine Brse zu Fen: Weib, mach' Dich bezahlt
mit meinem Sparpfennig.
    Der Lrm hatte inzwischen einen bacchantischen Charakter angenommen. Den
Pbel kitzelte die wilde Luft, hier die Nemesis zu spielen, zerstren zu knnen.
Die Trger der Effekten des Predigers, die er in aller Hast hinunterschaffen
lie, fanden auf Treppen und Thren kaum Durchweg; man wollte untersuchen, ob
nichts Verdchtiges damit entschlpfe. Rohe Witzworte begleiteten diese
Improvisation. Noch rgere Invektiven schallten von der Strae, denn das Gercht
von dem, was im Hause sich zugetragen, wuchs natrlich je entfernter man davon
stand. Die Schwadronen zogen ab, und das von den Blasinstrumenten angestimmte
Lied: Ach, du lieber Augustin! drhnte als Parodie durch das Getse. Da hatte
die Obristin, die nicht nach dem Geldbeutel griff, denn sie sah, es war hier
mehr verspielt, eine unbeschreibliche Wuth ergriffen. Die Larve der Sanftmuth
und Gleisnerei war abgefallen, die innerste Natur des gemeinen Weibes hatte sich
herausgekehrt und ihre funkelnden Augen und fletschenden Zhne suchten nach
einem Gegenstand der Rache. Sie hatte ihn gefunden. Den Geistlichen hatte sie
mit dem Ellnbogen und einem Schimpfwort bei Seite geschoben, die Natterbrut an
ihrem Busen, die ihr so mit Undank gelohnt, die den Strenfried versteckt,
sollte es entgelten. Aber stand der nicht selbst vor ihr, der all das Unglck
angerichtet, - mit seinen bsen, schnen Augen? Sprach sie's aus, oder sah sie's
an ihren gespitzten Fingern, an den gehobenen Armen, die Hyne auf dem Sprunge?
Jlli's Augen funkelten auch dmonisch: An seinen schnen Augen Deine Hand, Du
schndlich Weib! Erst ber meinen Leib, den zertritt nun vollends!
    Die Weiber bringen sich um! schrie es. Polizei! Schon arbeitete der
Kommissar sich durch die Thr. Das Weib hatte das Mdchen an der Schulter
gepackt, wo der Degen gestreift. Das Mdchen stie einen Schmerzensschrei aus
und sank ohnmchtig nieder, whrend von hinten eine andere Megre die Wthende
umklammerte. Auch hier eine abgefallene Larve, auch hier die lang verhaltene
Wuth einer gemeinen Natur, die keine Rcksichten mehr kennt!
    Der Polizeibeamte sah nicht mehr des Kavaliers gezckten Degen, er hatte ihn
eingesteckt, auch der geschwungene Sessel war lngst aus Louis' Hnden zu Boden
gefallen; er sa, zurckgesunken in einem Stuhl und starrte, Todtenblsse im
Gesicht, auf das zu seinen Fen liegende Mdchen, seine Lebensretterin. Der
Polizeibeamte sah nur die ringenden Weiber, eine blutbedeckte Hand von der
zusammenschnrenden Umarmung einer Wthenden in die Luft gestreckt. Mit
krftigem Arm, mit dem Griff des Sbels, der unsanft auf ihre Schultern fuhr,
ri er sie auseinander. Die beiden Sergeanten ergriffen die Obristin und
Karolinen. Indem sein Blick umherstreifte, nach den brigen Komplicen zu suchen,
fiel er zunchst auf Adelheid. Sie war, von Mitleid fortgerissen, neben der
Verwundeten hingekniet; aus dem natrlichen Impuls sich den Blicken zu
verbergen, beugte sie sich tiefer ber das unglckliche Mdchen als nthig war,
in dem Augenblick vielleicht das glcklichere; sie wusste ja nicht, was um sie
vorging. Auch Adelheid wusste es kaum, als die rauhe Hand des Kommissars sie
aufri: Aufgestanden! Marsch! - Sie ist unschuldig! rief eine Stimme. - Da
den Beweis ihrer Unschuld! sagte der Kommissar, und zeigte Adelheids Hand, auch
sie blutig von der Berhrung. Auf der Wache wird sich alles herausfinden, mein
schnes Kind. Einstweilen mitgefangen, mitgehangen. - Sie ist unschuldig!
schrie Louis, aus seinem Starrsinn erwachend. Er war aufgesprungen. Der Beamte
sah ihn mit einem hhnischen Blicke an: Wenn man Sie als Zeugen aufrufen wird,
ist Zeit fr sie zu sprechen. Oder sind Sie etwa auch unschuldig? Die Person
hier auf eine Trage, und vorsichtig! Auf der Wache wollen wir untersuchen, wo
sie hin mu.
    Wie so viele Nadelstiche bohrte das rohe Gelchter in Adelheids Herz. An wen
sich wenden! Sie hatte keinen Freund, keinen Bekannten hier. Der Kammerherr war
verschwunden. Sollte sie das Weib anrufen, das jetzt noch kochte, und, grimmige
Blicke mit dem andern Mdchen tauschend, von neuen Thtlichkeiten nur durch die
Wache abgehalten ward? Und was htte deren Zeugni in dieser Lage ihr geholfen?
Durfte sie den Namen ihres Vaters nennen?
    Der Retter stand aber schon vor ihr: Diese Dame ist an den Auftritten hier
so unbetheiligt als ich selbst, rief der Fremde; und schon sein Kostm und
Anstand brachte auf den Kommissar so viel Eindruck hervor, da er unmerklich
Adelheids Arm loslie. Ich bin der Legationsrath, Kammerherr von Wandel aus
Thringen. Auf der Rckkehr von der Tafel Seiner Kniglichen Hoheit fhrte mich
der Zufall, ich meine der Spektakel, in dies Haus, und ich kam glcklicherweise
noch zu rechter Zeit, um dies junge Mdchen vor Beleidigungen zu retten, ber
die ich, wenn es erfordert wird, Zeugni ablegen kann. Ich verbrge mich fr den
unbescholtenen Ruf der Dame, deren Name und Familie mir bekannt sind, und die
nur der Zufall oder die Bosheit hierher locken konnte. Diesem wrdigen
Geistlichen und seiner Familie ist es nicht besser ergangen. Da sie keinen
Theil an den Excessen dieser Personen da hat, brauche ich kaum auszusprechen;
das Blut an ihrer Hand rhrt, wie Sie sehen, von der liebreichen Pflege, die sie
jenem armen Geschpfe angedeihen lie.
    Der Polizeikommissar verneigte sich leicht vor dem Fremden, nachdem dieser
ihm den Namen des Vaters ins Ohr geflstert hatte: Diese Demoiselle kann
demnchst auf Brgschaft des Herrn Legationsraths entlassen werden.
    Und ich ersuche Sie, mein Herr Prediger, wandte sich der Legationsrath an
den durch das Gedrnge noch immer festgehaltenen Geistlichen, das junge Mdchen
unter dem Geleit Ihrer Tchter aus diesem Hause zu bringen. Sie bedarf eines
weiblichen Schutzes vor Neckereien und Brutalitten, die Begleitung eines
Mannes, wer es auch sei, wrde sie nur anlocken.
    Bleiben Sie mir vom Leibe! Soll ich noch von der Brut mir anhngen, wo ich
kaum wei, wie ich mit meinen unschuldigen Tchtern ohne Insulten davon komme?
    Dem Geistlichen diente die eigene peinliche Lage gewi zur Entschuldigung,
wenn er jetzt so hart erschien, als er frher leichtglubig gewesen. Auch die
Reden unter den Zuschauern konnten ihn rechtfertigen, denn man zischelte sich zu
oder sagte es vielmehr ganz laut: Die Hbscheste wird losgerissen von dem
vornehmen Herrn. Das wei man schon, an wem nichts mehr zu verlieren ist, den
lsst man dem Galgen.
    Der Polizeikommissar, der mit dem Bleistift einige Notizen gemacht, wies auf
Louis: Wollen Herr Legationsrath auch etwa fr diesen jungen Herrn brgen?
    Mich dnkt, sein Zustand brgt fr ihn, sagte Wandel. Wenn er ernchtert
ist, wird er selbst am besten Rechenschaft geben, welche Motive ihn in dies Haus
gefhrt. Ich meinerseits habe durchaus keine Ansprche an den Sohn des Herrn -,
er flsterte wieder den Namen in das Ohr des Beamten, sollte der Herr
Forderungen an mich haben, so ist ihm meine Adresse bekannt, setzte er scharf
betonend mit einem eben so scharfen als kurzen Blick auf den Betreffenden hinzu.
    Demoiselle, sagte er dann, Adelheid seinen Arm bietend, da sich kein
anderer Ritter findet, mssen Sie sich meinem Schutz anvertrauen. Platz! Die
Menge machte ihn. Im Hinausgehen sah Adelheid unwillkrlich zurck. Sie mgen
sich entfernen, Herr von Bovillard, hatte der Komissar diesem zugeflstert,
indem er anscheinend in seinem Taschenbuche Bemerkungen notirte. Doch erst
nachher, wenn die Menge sich verluft. Sie verdanken diese Bercksichtigung dem
Zeugni des Herrn Legationsrath; Sie werden selbst am besten wissen, da die
Polizei andere ber Sie hat. Der junge Mann stand aufgerichtet, wie eine
Bildsule, regungslos; seine Hand whlte krampfhaft in der Brust, nur die Augen
schossen noch einen Blick auf Adelheids Begleiter, dessen Ausdruck sich nicht
beschreiben lsst. Es war nicht mehr das Feuer des Zornes, nicht das Aufprasseln
eines Brandes, der seinen Hhepunkt erreicht, es war die Gluth des Hasses, die
still fortlodert, weil sie unerschpflichen Stoff unter der Asche gefunden. Und
doch zuckte dies stiere Auge, als es dem des jungen Mdchens begegnete, und
senkte unwillkrlich die Augenlider.
    Eilen Sie! rief ihr Begleiter. Drauen ist frische Luft. Sie schwankte
an seinem Arm, als er sie durch die Thr gerissen.
    Nur einen - einen Augenblick nur! - sthnte sie im Vorzimmer. O Gott,
mein Vater, meine Mutter! Sie war in einen Sessel im Vorzimmer gesunken. Der
Retter hatte ein Etui mit kleinen Essenzflschchen aus der Tasche gezogen und
tupfte, vorsichtig Tropfen davon auf den Finger gieend, ber ihre Stirn. Die
Vorbergehenden machten ihre Glossen, es waren keine freundlichen. Ein Glck fr
die Ohnmchtige, da sie nichts davon hrte. Ihr Begleiter hrte und verstand
sie. Aber keine Miene, kein Blick verrieth ein innere Bewegung.
    Er betrachtete die Ohnmchtige wie der Kenner ein Bildwerk. Als das Zimmer
zufllig leer war, lftete er vorsichtig das Tuch, das sie um sich geschlungen:
In der That ein Prachtwerk der Schpferin. Fast zu schn, um es zu
verschwenden, setzte er hinzu. Und doch, wenn wir es nicht verschwendeten, nicht
mehr werth, als eine Mumie in einer Rarittensammlung.
    Erst die Tropfen aus dem letzten Flschchen, die er noch behutsamer
anwandte, brachten die Wirkung, die er beabsichtigt, hervor. Es musste eine sehr
starke, gefhrliche Essenz sein, denn nur, nachdem er verdrielich nach der Uhr
und der Sonne gesehen, und die Schlferin, ohne da sie erwachte, stark am Arm
gerttelt, hatte er die doppelte Metallkapsel und den Stpsel gelftet. Sie war
erwacht, aber ihre Augen, ihr Athmen, ihr Lcheln, bald auch ihre Sprache,
zeugten von einer Einwirkung auf die Nerven, die der Retter nicht beabsichtigt
hatte. Sie erhob sich und sprach in Extase. Es war das schne Metall der Stimme,
das vorhin fast berauschend ins Ohr der Zuhrer geklungen; aber hier nicht ein
schneidender Laut der Todtenglocke, es klang und wogte melodischer, wie ein
Lobgesang, als sie ihrem Retter ihren Dank aussprach, ihn versichernd, es werde
alles gelingen, alles gut werden, er sollte nicht sorgen. Sie sprach sehr
schnell. Der Legationsrath kniff sich ngstlich in die Lippen, als sie
Schiller'sche Verse recitirte, von der Tugend, die kein leerer Wahn, von der
Welt, die das Strahlende zu schwrzen liebe, aber die edlen Herzen schlgen
berall, auch im Hause des Verderbens. O wie wrde sich ihr herrlicher Lehrer
freuen, welch ein Triumph fr ihn, da sein Wort in Erfllung gehe: nur durch
die Leiden, die groen Leiden, entwickele sich die Seele. Und wie erst wrde ihr
Vater sich freuen, wie sehne sie sich, ihm in die Arme zu sinken. Da, da! - sie
zeigte ans Fenster. Die Thrme auf dem Gensd'armenmarkt glhten in der
Abendsonne, in jener wunderbaren Pracht, wie sie ein kalter nordischer
Abendhimmel zuweilen auf die Dcher und Spitzen hherer Gebude ausgiet; die
gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteteten aber dem Kenner, da diese
schne Rthe kein Vorbote eines schnes Tages sei. Mein Vater sieht sie auch
aus seinem Fenster, er freut sich, und er darf sich freuen, denn bald werde ich
auch in seine Arme strzen, roth von dieser Sonne angeleuchtet.
    Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch, Mademoiselle. Sie sind erhitzt, und es
ist sehr khl drauen geworden. Das Gewitter, das sich auswrts entladen, hatte
eine empfindliche Klte verursacht.
    In dies Tuch! rief Adelheid, als der Legationsrath bemht war, den
seidenen Shawl um ihre Schultern zu ziehen. Sie ri es hastig ab und schleuderte
es in den Winkel. Es ist nicht meines. Sie schauderte. Fort, fort, nach
Hause!
    Unmglich, Demoiselle! Sie ziehen sich eine gefhrliche Krankheit zu. Wenn
das Tuch nicht Ihnen gehrt, schicken wir es sogleich zurck. Nur bis ich Sie zu
Ihrem Vater gebracht.
    Mein Vater soll das Netz nicht sehen, worin sie seine Tochter fangen
wollten. Sie hing sich mit Ungestm an seinen Arm. Mich friert, aber nur hier.
Gewi nur hier, da drauen ist es warm.
    Auch den Legationsrath frstelte. Er konnte die Retterrolle, die er
bernommen, bereuen. Die entschlossenen Zge seines Gesichts schienen dem zu
widersprechen. Aber seine Lage war eine kitzliche fr einen vornehmen Mann, dem
der Anstand vor der Welt allen Rcksichten vorangeht. Oeffentlich aus diesem
Hause eine Dame zu fhren, deren aufgeregter, halb verwildeter Zustand den
Vermuthungen, die sich von selbst machten, nur zu sehr Thor und Thr bot. Sie
ist ja offenbar betrunken, musste er im Vorbeigehen hren. Die Schminke eben
abgewischt, sagte ein Anderer. Und in der Windfahne auf offener Strae!
    Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pbels, es waren die Urtheile ruhiger
Brger. Es waren dieselben Personen, welche vorhin den Prediger und seine
Tchter vor den Insulten der Buben geschtzt. Denn diesen Landmdchen she man
es ja an, da sie nicht in das Haus gehrten, aber es sei doch eine Verhhnung
alles Anstandes, wenn ein Kavalier im Hofkostm mit einer solchen frechen Dirne
ohne Scham und Scheu auf offener Strae sich zeigt. So etwas sei selbst zu den
schlimmsten Zeiten der Lichtenau'schen Wirthschaft nicht vorgekommen.
    Zum Glck hrte davon Adelheid nichts. Der Legationsrath hrte Alles, aber
keine Miene verrieth es. Die ruhigen Brger blickten ihm kopfschttelnd, die
Gassenbuben liefen ihm hhnend nach. Er schwieg auch da, er beschleunigte nicht
einmal seine Schritte. Er suchte nur nach etwas, vielleicht nach einem
Bekannten, nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen, es gab deren in
Berlin noch nicht. Wissen Sie die Wohnung meines Vaters? fragte Adelheid. Ich
wei sie. Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine
Schritte. Als Adelheid ihn daran erinnern wollte, trat er an eine offene
Kutsche, welche in der Querstrae vorberfuhr, und gab dem Kutscher ein Zeichen
zum Halten, zum groen Befremden der Dame, welche darin sa; zu ihrem noch
greren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der
Menschenfreundlichkeit. Er nannte seinen Namen. Eine leichte Rthe berflog die
blassen Wangen der Geheimrthin Lupinus. Sie neigte sich anmuthig ber den
Wagenschlag, sein Anliegen zu hren.
    Erlauben Sie, da ich franzsisch spreche, sagte er, wegen der Zuhrer.
Es blieb zweifelhaft, ob er die Gassenbevlkerung meinte, die sich schon um den
Wagen drngte, oder Adelheid, die noch an seinem Arm hing. In einer flieenden
kurzen Darstellung mit einem Accent, in welchem die Geheimrthin den Pariser zu
erkennen glaubte, erzhlte er die skandalsen Vorflle in dem Hause ohne alle
Personen, die darin verwickelt waren, zu nennen, und den wahrscheinlichen Grund,
wie das arglistige Weib das junge Mdchen in ihr Garn gelockt. Sie sehen,
Madame, schlo er, die schreckliche Lage, in welche eine Verkettung von
Umstnden die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat. Wenn es mir auch dort mit
meinem Degen gelang, sie vor der Brutalitt zu schtzen, so ist der Stahl doch
eine ganz unzulngliche Waffe gegen bse Vermuthungen und die aufgeregte
Populace hier. Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hlfe an. Meine Bitte, sie in Ihrem
Wagen aufzunehmen und den Eltern zu berliefern, ist nur der geringste Theil
meines Anliegens. Die Ehrenrettung des jungen Mdchens erfordert einen offenen
Akt der Anerkennung. Wenn Sie sich entschlieen knnten, sie hier ffentlich zu
embrassiren, so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Straenpublikum retablirt.
Denn wer kann zweifeln, wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimrthin Lupinus sie
dieser Auszeichnung werth hlt.
    Die Geheimrthin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berhrt. Sie
fragte leise bergebeugt: Wer ist ist eigentlich die junge Person, ich hrte
den Namen nicht deutlich. - Der Name des Kriegsraths mochte der Geheimrthin
eine sehr gleichgltige Bekanntschaft sein. Aber sie stie pltzlich den Schlag
auf und breitete ihre Arme dem jungen Mdchen entgegen, welches der
Legationsrath rasch hineinhob.
    Meine wertheste Demoiselle, mein liebes Kind, wie konnte ich auch nicht
gleich die Tochter meines Freundes, des wackeren Kriegsraths erkennen! Das ist
ja abscheulich, da Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntni hat und sich in das
Haus verirren musste! Aber wie sind Sie in diesem Jahre gewachsen, ach und wie
echauffirt! Johann, schnell den Mantel aus dem Kasten! Ich hoffe, das wird nicht
von blen Folgen sein. Wie sie zittert! - Herr von Wandel, es giebt eine Justiz
hier und einen Knig, der solchen Affront, einer achtungswerthen Familie
angethan, strafen wird.
    Dessen bin ich gewi! rief der Legationsrath seinen Hut abziehend.
    Mein Gott, Sie steigen doch auch ein?
    Meine Gegenwart knnte stren.
    Wie das? Wer verdient wie Sie den Dank des erfreuten Vaters entgegen zu
nehmen? O rasch ein, da ich das Vergngen habe, dem Manne den Wohlthter, den
Retter seines Kindes zu prsentiren.
    Erlauben Sie mir, ich bitte instndigst darum, Ihre gtige Einladung
ablehnen zu drfen. Es giebt Errterungen, welche das Gefhl verwunden; die
Wunde wird schmerzlicher, wenn ein fremder Mann sich in das Heiligthum des
Familienkreises drngt. Vermuthungen knnten aufsteigen, die, so emprend sie
klingen, doch immer ihr Recht verlangen. Den Dank, ach, mein Gott wer denkt in
dieser Welt an Dank! - Es ist Ihr Schtzling jetzt, tragen Sie das ganze
Wohlwollen Ihres edlen Herzens auf die Arme ber, und, wenn es anginge,
verschweigen Sie meinen Namen. Ich bte nur die Pflicht eines jeden Kavaliers,
weiter nichts, Sie setzen Ihren guten Namen an ein gutes Werk und auf die bloe
Bitte eines Ihnen fremden Mannes. Vergnnen Sie ihm nur, dieser Tage seine
Aufwartung zu machen, um sich nach dem Wohlergehen Ihres Schtzlings zu
erkundigen.
    Ein Mann von seltener Delikatesse, sagte die Geheimrthin, nachdem er sich
beurlaubt. Adelheids Zustand erforderte ihre ganze Sorgfalt. Sie sa wieder
sprachlos, in sich versunken, und ein heftiger Fieberfrost fing ihre Glieder zu
schtteln an. Der Kutscher erhielt den Auftrag rasch zu fahren.

                              Zwanzigstes Kapitel.



                          Abllino, der groe Bandit.

Als die Polizei die Thren der Wohnung verschlossen hatte, war manches in
derselben nicht mehr, wie es vorher gewesen. Die Volksjustiz hatte geglaubt,
auch ihrerseits fr die gekrnkte Sitte Rache nehmen zu mssen. Die Polizei
hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt, um ihren ungebetenen Helfershelfern
berall auf die Finger sehen zu knnen, und diesem Umstand darf man es
zuschreiben, da, als sie die Wohnung rumte, eine Person, ganz von ihr
bersehen, zurckgeblieben war.
    Die Hnde fest auf die Stirn gespannt, den Kopf auf die Stuhllehne gedrckt,
sa, ob schlafend, trumend, in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken, wir
wissen es nicht, der junge Bovillard. Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken. Er
sprang auf. Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle, wo der Legationsrath
zuletzt stand, wo er seinen Blick aushalten musste, und mehr als das, wo der
Mann, der ihn tdtlich beleidigt, als sein Frsprecher auftrat. Ihm verdankte er
seine Freiheit und - doch htte er eine Wollust darin empfunden, wenn er mit
seinen Hnden ihm die Kehle zuschnren, wenn er ihn erwrgen knnen. Den Arm mit
der geballten Faust streckte er aus - zum Zweikampf mit einem Luftbilde? Aber
indem er ihm in dem Augenblick einen tdtlichen Ha schwur, bergo ihn die
Rthe der Scham. Wie Vielen htte er den Todha schwren mssen, die alle Zeugen
seiner Beschmung gewesen! Noch eine andere Erinnerung stieg auf, er drckte mit
der Faust gegen die Stirn und athmete schwer. Dann suchte sein Auge an der Wand
drben, nach der Thr, durch welche Adelheid fortgefhrt ward. Und von dem
Schuft! Es war das erste laute Wort, und der Schall schien die neckischen
Geister zu wecken, die an der Sttte der Zerstrung geschlummert hatten.
    Im letzten Sonnenstrahl, der durch die oberen Scheiben drang, wirbelte der
dichte Staub, der sich noch immer nicht gesetzt hatte. Es schwirrte in der Luft
von Fasern und Federn, die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern, der
Spiegel war zerschlagen, Sthle und Tische umgestrzt, den weiblichen Figuren
auf den Gemlden hatte man mit Kohle groe Brte angemalt. Er stie die Thr
auf. Im Vorzimmer war es still und leer. Schien er doch zu suchen, ob nicht
Jemand wie er zurckgeblieben wre, ob er nicht vielleicht ein stilles
Schluchzen hre? Es waren die Tauben auf dem Dache. Er sah sich noch ein Mal um,
ehe er die Wohnung verlasse, und aus dem gebrochenen Spiegel grte ihn sein
Bild, ihn daran erinnernd, da er so auf der Strae sich nicht zeigen drfe. Er
ging nach dem Seitenzimmer zurck, seinen Rock zu holen. Die Luft wimmelte wie
von Schneeflocken. Von der Zugluft, welche die aufgestoene Thr verursachte,
wirbelten die Federn aus den Betten, welche sie in muthwilliger Zerstrungslust
aufgeschnitten. Vergebens suchte er nach Rock und Hut. Sie waren verschwunden,
gestohlen. Fort aus dieser Hhle der Verwstung! Die ihm wohlbekannte Hinterthr
war verschlossen, der Schlssel fehlte. Er eilte zurck nach dem Vorzimmer, auch
diese Thr war zu; er war eingeschlossen. Sollte er Lrm machen? Nach so vielem
Lrm? Er hatte keinen Grund die Trommel des Aufruhrs zu rhren.
    Indem er noch, unschlssig was er solle, aufmerksam beobachtend umher ging,
fiel sein Auge auf einen Kamin, der nach alter Art in einen weiten, aber nur
kurzen Schornstein fhrte. Er erinnerte sich aus frhlichen Abenden, da die
heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestrt wurde, wenn es
stark wehte, selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier
getrieben wurden.
    Indem er den Kamin untersuchen wollte, ob von da vielleicht ein Ausgang zu
entdecken wre, entdeckte er etwas, was er nicht erwartet, einen Stock und zwei
Beine, die sich vergebens in die Hhe zu ziehen suchten. Als er sie ergriff,
stie eine Stimme, die unzweifelhaft zu den Beinen gehrte, einen Angstschrei
aus, er zog einen vollstndigen Menschen herunter, weit vollstndiger und
anstndiger gekleidet als er, gefrbt wie er, nur nicht wei vom Federstaub,
sondern schwarz vom Ru.
    Ach Sie, Bovillard, sagte der Geschwrzte aufathmend, Gott sei Dank! Ich
glaubte es wre der Polizeikommissar.
    Ich freue mich auch ungemein, gerade den Herrn von St. Real zu begren.
Wie befinden sich Herr Kammerherr? Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich
zu meinem Bedauern ans Bette.
    Sie sehen, ich bin wieder passabel hergestellt.
    Ja, wer schon gymnastische Uebungen machen kann! Aber im Schornstein ist
das doch etwas unbequem. Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium, ein
Herr Jahn, der will ffentlich Unterricht in der Gymnastik geben. Wie ich hre,
beabsichtigt er damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere
des Menschengeschlechts. Da sollten Sie sich melden, bester Kammerherr!
    Pestilenz! Wo kommen Sie her, Bovillard? rief der Kammerherr, sich
schttelnd.
    Von einem Dejeuner bei Dallach. Ich versichere Sie, Kammerherr, der Mann
perfektionirt sich. Austern, wie frisch aus der See, ein Caviar, und ein
Burgunder, der Minister kann ihn nicht besser haben. Schade, da Ihr Podagra den
Burgunder, oder der Burgunder Ihr Podagra nicht vertrgt. Wir vertrugen uns
vortrefflich, lauter Freunde einer Gesinnung, alles Verehrer der Schick. Nein,
sie hat doch eine Stimme, darber geht nichts!
    Ihre Stimme in Ehren, aber Ihre, Bovillard, war mir lieber. Wenn der
verfluchte Kommissar hier Wache gehalten htte, bis ich erstickt war!
    Kommen Sie von oben da her, Kammerherr? Oder wollten Sie oben hinaus?
    Ich war hierhergerathen, ich wei noch nicht wie.
    Vermuthlich wie ich.
    Damit der Rothkragen mich nicht finde, kroch ich in der ersten Bestrzung
da hinein. Nun aber, theuerster Mann, knnen Sie mir nicht gelegener kommen. Ich
habe eine dringende Bitte an Ihre Geflligkeit.
    Ich gleichfalls.
    Schaffen Sie mir meinen Wagen, versteht sich, dort um die Ecke. Ich hoffe,
der Kerl wird sich von selbst retirirt haben, als der Skandal los ging. Dann
rekognosciren Sie etwas Luft und Terrain.
    Mit dem grten Vergngen.
    Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen, rechnen Sie auf meine
Bereitwilligkeit. Liebster, junger Mann, wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen
schenkten, hoffe ich gewi, die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lsen.
    Nichts von Frieden, ich will Krieg. Sie haben hier gelauscht, Sie erfuhren,
Sie wissen Alles, htten Sie etwas vergessen, will ich Sie daran erinnern. Dem
Herrn von Wandelstern, oder wie er heit, will ich den Hals umdrehen, natrlich
ganz in legaler Weise, durch Pistolen oder Stichdegen, wie es ihm mehr Vergngen
macht. Sie sollen mein Cartelltrger sein. Die Sache eilt, weil man so etwas
leicht vergisst; und auf der Stelle, wenn Sie los sind, ersuche ich Sie, in
eigener Person zu ihm zu fahren, meine Herausforderung zu bringen und das
Nthige mit ihm abzumachen.
    St. Real sah etwas verblfft den Andern an und wollte seine Hand fassen:
Liebster, junger Mann, um solche Kleinigkeiten -
    Da ist nun der Geschmack verschieden, Herr Kammerherr, ich behandle das
Kleine gro, Andre das Groe klein. Da mu man Jeden seinem penchant
berlassen.
    Mein Gott, theuerster Freund, bei solcher Art von Konflikten mu man nicht
mit gefrbten Glsern sehen. Wo nichts zu gewinnen, mu man nichts einsetzen.
Sie begreifen, da gewi Niemand von dem plaudern wird, was hier vorfiel. Unter
Kavalieren ist es eine stillschweigende Uebereinkunft, da man an solchen Orten
sich nicht kennt. Die Person ist ja nun auch verschwunden, sie wird ber die
Grenze geschafft. In ein paar Tagen, wie gesagt, ist der Vorfall vergessen und
verdampft wie ein Rausch. Stnkern Sie nicht darin, liebster, bester, junger
Mann.
    Die Person! Sie meinen die Frau Obristin Malchen. Das ist ja eine hchst
respektable Dame. Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion, die ihr nur Ehre
bringen kann.
    Liebenswrdiger Schker! Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel?
    Vermuthlich ein eben so respektabler Herr, wie Ihre Freundin.
    Theuerster Bovillard, Sie irren sich. Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn
Vaters; ich versichere Sie, einer der feinsten Kpfe, ein Mann der Wissenschaft,
ein Gelehrter, ein Mann von stupenden Kenntnissen, ein Diplomat und von den
liebenswrdigsten Eigenschaften. Sie mssen sich kennen lernen. O, Sie werden es
mir danken. Und dabei ein Gemth wie ein Kind, unwiderstehlich bei den Damen.
Ich sage Ihnen, Sie werden Freunde werden, wenn ich Sie bei ihm einfhre, Sie
werden sehen, er hat Alles vergessen.
    Ich nicht, mein Herr! trumpfte Bovillard. Entweder, oder - Wollen Sie
nicht?
    Sein Sie berzeugt, ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus.
    Der Jngere eilte ans Fenster, um es aufzureien.
    Bovillard! Was wollen Sie thun?
    Die Polizei rufen. Wissen Sie nicht, da wir eingeschlossen sind? In dem
leeren Nest habe ich nicht Lust die Nacht zu verbringen.
    Sind Sie rasend! Man wrde -
    Uns auf die Wache bringen. Ganz in der Ordnung. Wer bei einbrechender Nacht
in einem verdchtigen Orte betroffen wird, und sich nicht ausweisen kann, da er
dahin gehrt, wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht. Das ist das erste
Erforderni eines gesetzlichen Staates. Der Staat mu auch seine Ruhe haben, wie
jeder Mensch, wenn er schlafen will.
    Unsere Lage wrde ja weit schlimmer.
    Unsre? Mein Herr, Sie bedenken nicht, welch ein Unterschied zwischen uns
ist. Sie haben einen guten Ruf zu verlieren, ich gar keinen. Denn einen
schlechten verliert man nicht, wenn man auf die Wache geschleppt wird. Sie
sehen, da ich gar nichts dabei riskire.
    Der Kammerherr hatte sich mit groer Gewandtheit zwischen Bovillard und das
Fenster gedrngt. Wenn Sie denn absolut wollen! Ich will's arrangiren, aber -
er schiet Ihnen - den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem
Kuchenreuter vom Zaune. Sie junger Hitzkopf, thun Sie's doch lieber nicht, 's
ist gegen mein Gewissen!
    Herr Kammerherr, Ihr Gewissen ist mir zu werth, Ihr Gewissen drfen Sie
nicht dran setzen. Sie mssen es mit gutem Gewissen thun, sonst schreie ich
Polizei.
    Monsieur de Bovillard fils est un original. Ganz der Vater, nur in anderer
Manier. Sie sind beleidigt, Sie mssen Satisfaktion haben, ich sehe es ein. Mit
schwerem Herzen, aber - ich sehe es ein. Nun suchen Sie mir aber meinen Kutscher
auf.
    Ich sagte Ihnen ja, wir sind eingesperrt.
    Va-t-en! Was soll daraus werden! Wir mssen doch raus!
    Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhhe zu betrachten. Man erzhlt
sich zwar, da Herr von St. Real in seiner Jugend aus Loyalitt einen Sprung
gethan, woran er sein Leben lang denkt, indessen, dieser Abgrund ist keine
Treppe und ob die Loyalitt Sie jetzt tragen wird, das berlass' ich Ihrem
Ermessen.
    Bovillard, bringen Sie mich nicht auer mir.
    Wenn ich Sie auer sich setzte, was knnte ich Ihnen jetzt besseres
anthun?
    Schaffen Sie Rath. Ihr Genie hat etwas in petto.
    Vermuthlich haben Sie schon untersucht, da es durch den Schornstein nicht
geht. Indessen kommt Zeit, kommt Rath, nmlich Dunkelheit, und im Dunkeln findet
sich Manches besser, das werden Sie aus eigener Erfahrung wissen. Aber Sie sind
mde, setzen Sie sich.
    Bovillards prfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas
gesehen, was die Tumultuanten bersehen haben mussten, sonst wrde man es
wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben, ein Flschchen sen Weins mit
Spitzglsern, dahingestellt, um nach der Chokolade die Collation zu wrzen. Er
langte den Schatz schnell herunter, von dem er, nachdem er ihn gekostet,
versicherte, es sei ein chter Malaga, der ihnen eine wohlthtige Wrme geben
werde.
    Der Kammerherr fhlte allerdings ein Bedrfni. Er war sehr mde. Der kalte
Angstschwei stand auf seiner Stirn.
    Ausgetrunken! ein zweites Glas!
    In der That eine seltsame Situation! Indessen er trank.
    Warum seltsam! Ein Weltmann mu sich in alle Situationen finden. Thun Sie
ganz, als wren Sie zu Hause.
    Der Wein war doch nicht fr uns bestimmt.
    Fr mich nicht, aber fr Sie.
    Man mu auch im Scherz ein Ma finden.
    Was Scherz! Das Nest ist leer, aber die Erinnerungen sind geblieben. Nicht
wahr, Kammerherr? Durch diese Dmmerung schweben die Grazien. Auf den Wirth!
Angestoen!
    Bovillard!
    Bester St. Real, wir sind ja unter uns! Reden wir denn zum profanum vulgus!
Auf den Hhen der Menschheit, wie der Dichter sie nennt, verlangt man auch
Freude, den schnen Gtterfunken. Wer pour les menus plaisirs sorgt, ist ein
Wohlthter der hheren Menschheit. Oder sind Sie traurig, da die rauhe Hand der
Wirklichkeit eingriff? Sehen Sie, ich bin Idealist; mich kmmert die Polizei
nicht. Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen, die sen Erinnerungen und
Entzckungen, die Ksse und Rosen. Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein
Poetisches; nur das Geld darf nicht fehlen. Htten Sie, Kammerherr, mit rechtem
Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen - nun, ich will dem Manne nichts
nachreden, er ist gewi ein ausgezeichneter Staatsdiener - aber, aber wenn man
sich nur verstndigen will, wird man verstanden.
    Le pre tout crach. Aber gehen Sie mir mit Ihrer Poesie, ich habe mit der
Sache nichts zu thun.
    Sie lieben die Realitten. Ich lebe nur in den Ideen, konstruire mir meine
Welt selbst. Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirthschaft drin, werde
ich unwillkrlich an unsern Staat erinnert.
    Hten Sie sich, aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu
werden.
    Kennen Sie den Dichter Dante?
    Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse, sage ich Ihnen, sie mssten denn
so allerliebste franzsische Verse machen, wie Ihr Herr Vater.
    Dante hat nur italienische Chansons gedichtet. Aber eins dieser
wunderhbschen Lieder sollten Sie kennen, die Melodie ist reizend. Es fngt an:

Ah tutta l'Italia  un gran bordello!

    Da denk' ich immer an Sie, an alle Ihre Freunde, an dies ganze bezaubernde
Freundschafts-Liebes-Sippschaftswesen! Angestoen, Kammerherr, schrie er auf,
auf die groe lustige Wirthschaft, wo Einer den Andern betrgt, eine Hand die
andere wscht. Angestoen auf den Kleister und Firni, der die Fulni
zusammenhlt bis - angestoen!
    Der Zitternde stie mit dem Glas gegen die Flasche, die Bovillard auf einen
Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte, wo sie in tausend Stcke zerbrach.
Bis dahin! Nicht wahr, - zu Wasser, bis er bricht, darin sind wir
einverstanden, wie es fr vernnftige und gesetzte Leute sich schickt.
    Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn, die er mit dem
andern Arm an seine Brust hielt: Ja, mein theuerster Herr von St. Real, wenn
alle so verstndig und gesetzt wren, wie wir Beide! Diese Tagesfliegen
schwrmen ums Licht, und wenn Einer sich verbrennt, lacht der Andere vergngt,
da es ihn traf. Wir aber sehen die Nacht, wir sehen, was hinter uns liegt, und
sehen, was vor uns kommt. A propos, was halten Sie denn von Napoleon?
    Sie belieben zu scherzen. Ein groes Genie! Machen Sie, da wir
fortkommen.
    Wie er aus Aegypten. Wissen Sie wie? - Er hat sich dem Teufel verschrieben;
in einer Pyramide war's, eine Nacht wie diese! Ja, ich habe auch meine
diplomatischen Mittheilungen. Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen, und
weiter nichts dafr gefordert, als seine Seele. Kammerherr denken Sie, wenn Sie
fr solche Bagatell knnten Gromogul werden!
    Das erzhlen Sie mir alles weiter - aber nachher.
    Ein einziges Hinderni nur mu er fortrumen - die Gruft in Potsdam. Darum
- Sie verstehen mich. - Nun bitte ich Sie aber, als einen vernnftigen Mann, ist
das ein so unbersteigliches Hinderni? Braucht es eines Krieges um einen
Leichnam? - Denn Sie werden mir wieder zugeben, es ist jetzt nur noch ein
Leichnam. Sollen wir um point d'honneur so eigensinnig sein, darum Blut
vergieen, einen Krieg anfangen, der sechszigtausend Menschen kosten kann, darum
das Wohl von Hunderttausenden, von Millionen auf's Spiel setzen? Unsere
Seehandlung, unsre Zuckerfiedereien, unser Messingwerk in Neustadt-Eberswalde?
Ich bitte Sie, Ruh' und Frieden unserer Brger - was wirst die
Porzellanmanufaktur nicht ab: wenn auch die Juden nicht mehr kaufen mssen zu
ihren Hochzeiten, wir haben ja schon die Meiner Fabrik berholt - das ist auch
ein Ehrenpunkt! Und unsere Gold- und Silberfabrik, und unser Pfandbriefsystem;
wir knnen ja Geld machen, so viel wir wollen, nur die Gter hher abgeschtzt,
als sie werth sind; und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen
sogenannten Ehrenpunkt! Das fordern gewisse Menschen! Wissen Sie, was ich
glaube, da der geheime Grund von Lombards Sendung ist? - Er soll versuchen, ob
Napoleon sich nicht abfinden lsst mit Friedrichs Rock und Hut. Ja, ich vermuthe
noch etwas. Besteht der Kaiser drauf, so geben wir auch die Krcke, aber das
wre auch das Ultimatum - den Leichnam, nein, nimmermehr! Wenigstens fr jetzt
nicht. - Bester Kammerherr, ich lese Ihre Gedanken, Sie wollen sagen, das sei
wieder nur ein halber Schritt, Napoleon wrde doch nicht eher ruhen, bis er das
Ganze, bis er Friedrichs Sarg in Paris hat, und wir wrden auch da nachgeben.
Mglich, aber liebster Mann, wahren Sie Ihre Zunge, wer spricht denn so was!
Grade diesen Vorwurf vertrgt man nicht: Halbes, immer Halbes! 'S ist richtig,
aber es ist nun mal so. Wer nderts: Zwei Halbes macht ein Ganzes. Erst geben
wir den Rock, und dann den Leib. Und wenn man mehr will, noch mehr, Seele und
Geist, wenn - wir noch davon haben. Ein guter Unterthan, lieber St. Real findet
sich in Alles. Der liebe Gott wird's zum Guten fgen, und das Genie unserer
groen Staatsmnner, und wir haben einen guten Knig; was will man mehr! A
propos, was halten Sie von unserm Knig?
    Der Kammerherr, der sich schon zu besinnen anfing, ob nicht am Ende die Arme
der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wren, stammelte etwas von seinem
grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestt.
    Das ist mir sehr lieb zu hren, sagte Bovillard, vielleicht wissen Sie
auch, warum Seine Majestt jetzt so betrbt sind.
    Wenn Seine Majestt in die Herzen ihrer Unterthanen blicken knnten, wrden
sie gewi keinen Grund finden, antwortete der Kammerherr, in der Angst des
seinen, die Hand auf die Brust drckend.
    Bovillard war um einen Kopf grer, als der Kammerherr. Mit unterkreuzten
Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen, die durch die
Nacht glnzten, in sein Herz bohren zu wollen: Es ist Manches faul im Lande
Preuen und Mancher, der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trgt,
ich sage es Ihnen im Vertrauen, ist ein Schurke. Im Lagerhause in der
Klosterstrae wird das Soldatentuch gewebt. Schn und dicht sieht es aus und
blau, wenn der Appreturbgel darber fuhr, aber die Witterung vertrgt es nicht.
Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug, schrumpft es im Regen zusammen,
da der Aermel dem Soldaten am Ellnbogen sitzt. Kann man jedem Soldaten einen
Regenschirm in die Hand geben? Kann man mit halbnackten Soldaten Krieg fhren?
Wissen Sie nun, warum wir keinen Krieg fhren knnen? Wissen Sie nun, warum
Seine Majestt betrbt sind?
    Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschften zu thun! rief der
Kammerherr aus. Ich bin kaum ein Mal in meinem Leben im Lagerhause gewesen.
    Sie haben mit andern Lieferungsgegenstnden genug zu thun, ich wei es.
Aber Vorsicht, lieber Kammerherr. Um Gottes Willen, was soll der Monarch sagen,
wenn er wieder von dieser Geschichte hrt!
    Bovillard, liebster, bester Freund, Sie werden doch nicht!
    Ich nicht, aber Sie knnen sich doch leicht vorstellen, da Andere ihm
davon sagen werden, was er wissen soll. Beim Frhstck, ehe er die letze Tasse
geleert, wei er alles, was am vorigen Tage passirt ist. Und wenn alle Zeugen
vernommen sind, die Polizei kreuz und quer fragt und spionirt, Hergang, Wirkung,
Ursach, 's ist nichts so fein gesponnen, es kommt ans Licht der Sonnen. Liebster
Kammerherr, ich bin im Ernst um Sie besorgt. In diesen Angelegenheiten ist der
Monarch sehr irascibel.
    Wenn ich nur ganz gewi sein knnte - sagte gedehnt mit scharfem und
schchternem Blick auf den Plagegeist der Kammerherr, - von unsern Freunden
wird die Sache schon in dem rechten Licht vorgetragen werden.
    Bovillard drckte ihn heftig an die Brust: Wie Sie mich beruhigen!
Offenherzig gestanden, ich bedurfte dieser Beruhigung nicht, ich wollte Sie nur
auf die Probe stellen. Ein Thor, wer da sagt, da die Tugend von der Erde
Abschied nahm. Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt, bt sie. Und Ihre
Freunde werden sie ebenfalls ben. O, ich mchte bei dem Vortrage sein, ob nun
ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn bernimmt; wie sie weibrennen werden,
was schwarz ist, und vielleicht anschwrzen, was wei wie Schnee ist. Ja, so
beim Kaffee, so unter der Hand, gelegentlich hingeworfen, erfhrt ein Frst die
Wahrheit - von guten Freunden. Sorgen Sie aber auch fr einen Sndenbock. Denn
wenn nach dem Hofe der officielle Vortrag kommt, mu er doch ergrimmt werden
ber die falsche Darstellung. Er wei es ja alles besser, er hat es alles wie
selbst erlebt. Wenn der Vortragende da erblasst, stockt, nicht vorbereitet ist,
keinen Zornableiter da zur Hand hat, dann wird es schlimm. Lassen Sie den
Kommissar opfern, mich, wenn es sei, retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande.
- Na nu wollen wir uns aber zusammen retten.
    Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer, welches pltzlich
in seiner Hand blitzte: Seien Sie ohne Sorge; nur im hchsten Nothfall stoe
ich es Einem durch die Gurgel! Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen.
Er musste schon vorher die Gelegenheit geprft haben. In der alten Ausgangsthr
des Vorzimmers war in der unteren Fllung eine Ritze, er vergrerte sie durch
das Messer und lockerte die anderen Fugen bis er das Brecheisen hineinpassen
konnte. Jetzt warten wir, bis ein Wagen vorberrasselt, dann ein Krach und wir
haben ein Mauseloch. Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen,
Kammerherr? - Ich? - Versteht sich, nur wenn wir attrapirt werden. Der
Unterschied ist, wenn Sie es auf sich nehmen, ist es nur ein Ausbruch, Sie
knnen beweisen, da Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehren, auerdem
sind Sie ein anstndiger Mann, dem die Polizei auf's Wort glaubt. Wenn es aber
auf mich kommt, mir glaubt man nichts, auerdem bin ich in Hemdsrmeln, die
Polizei knnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen,
und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen, in Betracht dessen,
da man Vieles in diesem Hause vermissen wird, was dazu gehrte, ich meine nicht
uns Beide, aber die gestohlenen Sachen.
    Bovillard, machen Sie keine Faxen! Wie werde ich denn einen Freund in der
Noth verlassen!
    Aber nur der Tod ist umsonst. Was krieg' ich fr meine Arbeit? Ich friere,
so kann ich mich nicht auf der Strae sehen lassen. Leihen Sie mir Ihren Rock.
    Dann hab' ich ja keinen.
    Sie fahren in Ihrer Kutsche, ich gehe nach Hause.
    Man einigte sich, da Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte. Die
Freunde wrden sich schon warm machen. Was geht ber eine echte Freundschaft!
sagte Bovillard, hatte aber schon mit seinen scharf umhersphenden Augen das
weggeworfene Umschlagetuch entdeckt, das er jetzt ergriff, um sich damit, wie er
sagte, gegen die Klte zu schtzen, bis sie im Wagen sen.
    Ein Wagen rollte endlich ber das schlechte Straenpflaster, die Thre
krachte und Bovillard war hinaus. Als St. Real, auf den Knien heranrutschend,
den Kopf durch die Oeffnung stecken wollte, drckte Jener das halbe Brett wieder
hinein: Halt, so ist nicht gewettet. Was geben Sie Zoll?
    Bovillard, nur jetzt keine Possen.
    Es ist mein feierlicher Ernst. Ein Narr, wer eine vortheilhafte Situation
nicht nutzt.
    Sie haben geschworen, mich nicht zu verrathen.
    Richtig! Und Ihren Kutscher zu avertiren. Weiter nichts. Ich klemme die
Fllung wieder ein - sehen Sie so - Sie knnen nicht aufstoen, denn ich stemme
hier das Eisen dagegen. Nun bedenken Sie, wenn morgen die Polizei ffnen lsst!
    Bovillard, Sie sollen meinen Rock haben.
    Pfui, es ist nicht Eigennutz.
    Meine Freundschaft! Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der
Frsprache bedrfen, Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen knnen.
    Ich will nichts fr mich, sage ich Ihnen ein fr alle Mal. - Gehen Sie in
sich, St. Real, werfen Sie einen Blick zurck, auf Ihr ueres, ach, auch auf
Ihr inneres Leben. Bedenken Sie, wie oft Sie die Gelegenheit versumt, die sich
Ihnen darbot, Gutes zu thun, und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke
gefallen sind. Ach! Wurden Sie nicht selbst zum Versucher? Legten Sie nicht
selbst Stricke, stellten Sie nicht Netze? Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche
Klagegesang der unglcklichen Vgel in diesen Netzen um die Seele? Ich hre
diese Anklagestimmen. St. Real, noch ist es nicht zu spt! Benutzen Sie
wenigstens diese Gelegenheit, hren Sie auf die Stimme und bessern sich. Ihr
Haar wird grau, Ihr Athem kurz, mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen krzer;
Sie hinken, ach das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt, wenn das
Ziel das Grab ist. Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen, weit
sind die Pforten zur Hlle, aber eng die zum Himmel, wie dieses Loch. Geloben
Sie, St. Real, Sie wollen Ihr Dasein bessern, wie es Ihren Jahren, Ihrer Geburt,
Ihrem Stande entspricht. O, Sie wissen nicht, wie das Ihre Brust erleichtern
wird, Ihr Keuchhusten wird nachlassen, Ihr Bein flinker werden, der Burgunder
Ihnen wieder schmecken. Retten Sie sich, sich selbst, Ihrem Knige, dem Staate.
Schwren Sie mir, Sie wollen tugendhaft werden.
    Alles, was Sie wollen!
    Hier, Ihre Hand darauf?
    Ja, ja, ja - ziehn Sie mich nur 'raus!
    Es war zum Glck still im Hause, und Niemand begegnete ihnen bis sie vor die
Thr traten. St. Real hielt es fr angemessen, hinter seinem Begleiter
zurckzubleiben, der zu theatralisch den rothen Shawl um die Schulter drapirt
hatte. Ja, er blieb um mehrere Schritte zurck, als eine Patrouille die Gasse
heraufkam.
    Auf das Werda! des Gefreiten, welches dem Manne in der rothen Toga galt,
antwortete er ein Gutfreund. Der Gefreite wollte Namen und Stand der aufflligen
Person wissen.
    Abllino, der groe Bandit!
    Die Wache schien sich zu besinnen, was ein Bandit sei. Einer meinte, es sei
ein Komdiant.
    Ihr Geschft?
    Die Tugendhaften retten, die Schurken entlarven!
    Auf die Wache!
    Abllino schlang den Mantel vornehm um die Schulter und schickte sich an,
schweigend zu folgen.
    Da kommt noch Einer; der scheint zu ihm zu gehren. - Ein Hinkepeter. -
Verstellung sagte der Gefreite, nur rasch ran.
    Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust, weil der Husten ihm stecken
geblieben war. Kennen Sie Den? fragte der Gefreite den Rothmantel.
    Der Rothmantel schien ihn scharf anzusehen; dann sagte er: Dieser Mann
trgt eine Larve, reien Sie ihm dieselbe ab, mein Herr Korporal.
    Den Hut lie der Kammerherr sich abreien, aber er schwor, Stein und Bein,
das sei sein wahres Gesicht. Die Wache schien unschlssig.
    Schwere -, ich frage Ihn, rief der Korporal, ob Er Den hier kennt?
    Dies ist nicht sein natrlich Gesicht. Abllino schttelte den Kopf. Das
ist keine natrliche Rthe. Sehn Sie, mein Herr Wachtkommandant, jetzt wird er
bla.
    Potz Blitz Millionen, er hinkt. Ist das nicht auch natrlich?
    Das ist wohl seine Natur, sagte Abllino mit der grten Ruhe. Inde
meine Bande ist sehr gro, es hinken Viele. Lassen Sie ihn den Mund aufthun. An
seiner Sprache werde ich leichter erkennen, ob er der ist, den ich vermuthe.
Fragen ihn Herr Wachtkommandant geflligst ob er mich kennt.
    Kennt Er - kennen Sie diesen hier?
    Unter einem Gu von Angstschwei platzte er heraus: Ich bin so - ich wei -
ich kenne ihn so - ich kenne ihn so wahr nicht.
    Jetzt kenne ich ihn, Herr Wachtkommandant, ein sehr gefhrliches Subjekt.
Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei. In Wirklichkeit heit er
Judas Ischarioth, ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und
Frauenpuppen.
    Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen? sagte der Korporal, dessen Augen
entweder fr die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen, oder fr die Bewegung
seine Hand in die Tasche.
    Bei einem Krankenbesuch, stotterte St. Real - eine unglckliche arme
Kranke - im Auftrag einer hohen Mildthtigkeit, die ihre Gaben nicht bekannt
wissen will. - Dort hlt meine Equipage.
    Das war hervorgestoen, whrend der Sprecher noch mit ngstlichen Blicken
nach dem Banditen hinaufschielte, ob er nicht widersprechen werde. Der Bandit
bewegte sich nicht, er schenkte ihm Gnade. Der Korporal, der sich zwischen ihn
und Bovillard gestellt, um die Kollusionen zu verhindern, hrte den harten
Thaler, der zufllig aus des Kammerherrn Tasche glitt, auf das Pflaster fallen.
Marsch! kommandirte der Gefreite. Auf die Wache! Dies ist ein anstndiger
Herr vom Hofe.
    Stolz wie ein Knig schritt Abllino nach der Wache. Der Kammerherr sank
fast ohnmchtig in seine Wagenkissen zurck und sthnte: Das kommt davon, wenn
man mit der Kanaille sich abgiebt!
    Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin, wie man richtig vermuthet, Aufsehen
und Entrstung erregt. Um so beruhigender fr alle gute Brger wirkte ein
Artikel, der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien. Bovillard und St.
Real hatten auch richtig gerechnet, da, wer nur guten Freunden vertraut, nicht
verloren ist. Der Artikel lautete:
    Es ist ein betrbendes Zeichen unserer Zeit, wenn der bse Wille aus den
geringfgigsten Ereignissen Nahrung schpft, um Mitrauen gegen die Maregeln
der hohen Obrigkeit zu verbreiten. Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereigni, das
man dazu benutzt, aufgeklrt und beseitigt, als man bswillig abermals einen
sehr unbedeutenden Vorfall benutzt, diesmal, um ein falsches Licht auf die
Moralitt unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen, dabei aber sich nicht
entbldend, den Verdacht auf hher gestellte Personen zu lenken, als
begnstigten sie die Immoralitt. Damals war ein gewi unter keinen Umstnden zu
billigender Exce in unserer Vogtei Anla, einen unserer rechtschaffensten
Staatsdiener der Connivenz mit Verbrechern zu beschuldigen. Dem Scharfblick
einer hohen Person, die hier zu nennen der Respekt uns verbietet, war es
vorbehalten, die Wahrheit von der Verlumdung zu unterscheiden, und den
eigentlich Strafflligen das Bekenntni ihrer alleinigen Schuld zu entlocken. -
In gleicher Weise wird der traurige Exce, welcher neulich in einer unserer
belebteren Straen stattfand, seine Aufklrung finden. Einer wohllblichen
Polizei war es keineswegs entgangen, da das Haus einer jetzt viel genannten
Dame zu Verdacht Anla gab. Sie vigilirte vielmehr auf dasselbe, um beim ersten
gegrndeten Anla einschreiten zu knnen. Bei dem wirklichen oder angeblichen
Stande der Bewohnerin, und den unverdchtigen Attesten, welche dieselbe von
auswrtigen Obrigkeiten mitgebracht, Staaten, mit denen unsere Regierung in
Frieden lebt, war es inde unzulssig, auf bloen Verdacht hin einzuschreiten.
Wer dies doch fr gerechtfertigt hielte, theilt nicht unsere Ansicht von dem,
was einer wohlgeordneten Staatsbehrde obliegt. Diesem Umstande ist's
zuzuschreiben, da es der gedachten Frau gelang, unbefangene Gemther zu
tuschen, wir wissen kaum, was wir mehr bedauern sollen, da es ihr gelang,
einen durch seinen strengen religisen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich
ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause, unter dem Schilde
der Gastfreundschaft aufzunehmen, oder da sie die sittsame Tochter hchst
verehrter Eltern, und eines unserer bewhrtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu
verlocken wusste. Der traurige, oder wenn wir wollen, glckliche Vorfall, der
sich hierauf ereignete, ist bekannt. Uebrigens htte es dieses Vorfalls nicht
bedurft; denn, wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick Jeden
berzeugen sollte, der Augen dafr hat, hatte die Polizei schon die Beweise in
der Stille gesammelt, die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten. Die Anwesenheit
einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause giebt zwar fr diejenigen,
welche am Argen Wohlgefallen haben, willkommene Nahrung. Wir lassen ihnen dieses
Vergngen, theilen aber mit jedem Gutgesinnten, der diese Herren kennt, die
Ueberzeugung, da sie nur in dem lblichsten Zwecke sich an den Ort begeben
hatten. Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet, indem er das
Opfer der Intrigue, unbekmmert um die Insulten des Pbels, von dem man doch
nicht fordern darf, da er den Schein von der Wahrheit unterscheide, aus dem
Hause und ihren betrbten Eltern zugefhrt hat. Wir zweifeln gar nicht, da auch
dies zu bsen Nachreden Anla geben wird, ebenso der Umstand, da ein gewisser
Herr in dem gerumten Quartier ber Nacht zurckblieb, um Collisionen von
auerhalb auf die Spur zu kommen, wenn man gleich wei, da durch seine
aufopfernde Vermittelung diejenige Person endlich arretirt wurde, welche den
Unfug in dem Hause veranlasst, ja, wir sind auch davon berzeugt, da die in
letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefngni einer
Intrigue wird zugeschrieben werden. Indem wir unser Bedauern ber derartige
Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtglubigkeit, mit der das Publikum
auf sie horcht, eine tiefere Immoralitt als in der gergten betrauern, sind wir
doch des Glaubens, da der grere und bessere Theil des Publikums sich davon
nicht tuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird, da Niemand besser
als unsere Obrigkeit fr unsre wahre Wohlfahrt sorgt, welche in der Ruhe und dem
Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht. Die Argwhnischen und
Bswilligen, das wissen wir, werden wir nicht damit zum Schweigen bringen, aber
Heil dem Staate, wo das Auge seines Oberhauptes ber das Wohl Aller wacht, wo
vor seinem Throne der Kleinste wie der Grte nur Gerechtigkeit zu erwarten hat.
Wo die Tugend auf dem Throne sitzt, kann die Immoralitt keinen dauernden
Wohnsitz im Lande haben.

                           Einundzwanzigstes Kapitel.



                                     Staub.

Und wir behalten Frieden, und Alles bleibt beim Alten, schlo der Geheimrath
Lupinus, diesmal aber in der Jgerstrae, und schob den grnen Augenschirm
zurecht.
    Es lag eine sonntgliche Heimlichkeit ber der geweihten Stube. Kein
Dienstbote durfte sie aus freien Stcken betreten. Die Frau Geheimrthin
besorgte selbst das Abstuben der Bcher, und wenn sie der Hlfe einer grberen
Hand bedurfte, musste der Fu, der zu dieser Hand gehrte, die Schuhe
zurcklassen. Aber das Abstuben und Reinemachen war ein Festtag, zu dem man die
gnstige Stunde ablauschen musste. Der Geheimrath behauptete, nichts sei so
gefhrlich der Gesundheit als der Staub; in demselben sammelten sich die Atome,
die der organische Lebensproze nicht zu absorbiren vermge, also das Todte,
vielleicht das Tdtende. Warum also das aufregen, knstlich in Bewegung setzen,
was sich selbst bereits, nach dem Gesetz der Schwere, vom Leben abgesetzt hat?
    Die Geheimrthin hatte dagegen nur zwei Einwendungen. Es sei doch besser,
den Staub mit allen Vorsichtsmaregeln fr die Gesundheit, als da sind nasse
Tcher, Handbesen, feuchter Sand und geffnete Fenster, durch einen raschen,
wohlgeleiteten Angriff zu bewltigen, als abzuwarten, bis eine zufllige
Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt. Demnchst,
wenn er immer liegen bleibt, verderbe er die Bcher selbst, und darunter
Raritten, die unersetzlich wren.
    Das letzte Argument hatte angeschlagen. Wenn Menschen sterben, werden andere
dafr geboren; seltene Ausgaben, Incunablen, gehen unter, um nie wieder geboren
zu werden.
    Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt. Die
Vorsicht, die man beim gefhrlichen Ausstuben anwende, knne besser darauf
verwandt werden, da man sich jeder heftigen Bewegung enthalte, was berhaupt
zur Konservation des Lebens zutrglich sei. Denn das eigentliche Gift des
Lebensorganismus seien die Affekte, weit gefhrlicher als ble Angewhnungen,
selbst als Laster. Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen
und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen, auch eine Doppelthr vor das
Vorzimmer, und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschtterung beim
Gehen.
    Sie vergessen nur, hatte die Geheimrthin erwidert, da Ihre Fudecke mit
dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist, und da Sie beim leisesten
Auftreten diese feinen Atome aufrhren und gerade die, welche am gefhrlichsten
auf die Lunge fallen.
    Der Geheimrath sparte im Leben die lauten Worte, da ein Wortwechsel auch mit
sich selbst zu Affekten fhren kann, aber wenn ein Thema ihn angeregt, ergossen
sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen. Er erinnerte daran,
da die Mller und Steinsetzer ein verhltnimig kurzes Leben fhrten, und
gewhnlich an der Auszehrung strben, weil der feine Mehlstaub von den
zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle. Es gebe auch einen
Staub von gewissen Vegetabilien, Stein-Erden und Metallen, so feiner Art, da
ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermge, und doch sei er hchst
schdlich. So wirke der Arsenik in den Gruben. Gewhnlich sage man, die
Verbrecher die dort arbeiten, strben an der vergifteten Luft, das sei aber
uneigentlich gesagt, denn sie kmen um an dem atomisirten Staub des Metalls. Im
Mittelalter und aus den Hhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Knste
hervorgegangen, man habe durch knstlich prparirte Stoffe einen Staub erzeugt,
der pltzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwhlten
Opfer getdtet. Dieser habe einen Brief erffnet, und der Streusand, der ihm
entgegen spritzte, sei Gift gewesen. Einem Andern - und er nannte sogar einen
Kaiser-Namen, habe man die Kerzen, die in seinem Zimmer brannten, mit Arsenik
versetzt, und das aussprhende Licht habe allmlig den vergiftet, der nach der
Meinung einer Hofpartei, die das Dunkel liebte, zu viel Licht geliebt hatte.
    Die Geheimrthin hatte aufmerksam zugehrt: Und doch wollen Sie sich mit
dem Staube vertragen?
    Er hatte gelchelt: Das sind Ausnahmen, meine Liebe, aus den Zeiten der
Barbarei und Finsterni. Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger
Thtigkeit.
    Dann wre eigentlich das Beste, sein ganzes Leben lang schlafen! hatte seine
Frau gedacht. Er aber hatte fortgefahren: Wenn wir alles ruhen lieen lieen,
was liegt, wre das Leben noch einmal so glcklich. Weil die Menschen
allesbesser machen wollen, rhren sie das auf, was die Vernunft und die
Geschichte lngst beseitigt hatte, und es kommt in neuer Form und Frbung zum
Vorschein und qult uns aufs Neue, was unsere Vter und Urgrovter schon
geqult hatte. Die Geschichte des Menschengeschlechts, meine Theure, pflegte er
lchelnd hinzuzusetzen, ist in einem kleinem Buch geschrieben, wenn wir das
immer und immer wieder lesen, kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum
nefas, alle seine eitle Hoffnungen und Thorheiten und die Lehre, welches der
einzige Weg zum Glck ist, sich zu finden in das was ist und - und nicht
unnthig Staub aufrhren.
    Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen, die aber von der
Geheimrthin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf
etwas anderes bergeleitet ward. Der Geheimrath wusste es, lchelte, schwieg und
war eigentlich zufrieden. In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord
gekommen. Seine Ausgaben des Horaz, die auf einer Reihe niedriger Regale wie
eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen, durfte die Frau wchentlich
einmal abstuben; aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel. Sie
nahm jeden Band einzeln heraus, trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am
geffneten Fenster. Da lchelte er zufrieden, die andern Bcher, die hinten bis
an die Decke die Zimmerwnde fllten, sollten nur dann und wann, und nur ganz
oberflchlich abgestubt werden. Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet
werden, weil die Sonne den Staub niederdrckt. Die Horazregale sollten dabei mit
Leinentchern berdeckt, und der Geheimrath selbst jedesmal vorher avertirt
werden, um zu untersuchen, ob es nthig sei. - Ob diese Bedingungen streng inne
gehalten wurden, bleibt ein husliches Geheimni. Die letzte gewi nicht, denn
der Geheimrath htte es nie fr nthig gefunden.
    Aber der Eifer der Geheimrthin musste nachgelassen haben; die Luft
verrieth, da die Fenster sehr lange nicht geffnet worden. Der chromatische
Farbenspiegel der Scheiben, und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den
vollgltigsten Beweis dafr, da, wie alle Passionen, auch die des
Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind. Oder waren es andere Grnde?
Grade diese Spinnen, der schillernde Glanz der Scheiben, der Duft des
Unberhrtseins war es, was dem Zimmer den Charakter sonntglicher Heimlichkeit
gab. Wohlverstanden der sonntglichen Heimlichkeit einer alten deutschen
Gelehrtenstube, in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den
Bchergeruch noch nicht niedergedrckt hat. Und ganz zu dieser Stube, will man
sagen wie die Seele zum Krper, oder die Spinne in ihrem Netze, passte die
Gestalt des Geheimrathes, der den Kopf im Ellnbogen und den Ellnbogen auf einem
Folianten in ihrer Mitte sa, wohlgefllig, zufrieden, schlau lchelnd.
    So hatte er das Wort gesprochen: Und wir behalten Frieden und Alles bleibt
beim Alten! als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete.
    Der Geheimrath glaubte an keine Gespenster, er sah auch nach keinem, als
sein schlauer Blick ber das Regal, welches die Zweibrckner Horaze trug, auf
die schweinslederne Hinterwand fiel, wo Jemand auf der Leiter einen Folianten in
der Hand wiegte.
    Gehren Sie auch zur Kriegspartei, mein Herr van Asten?
    Ich bin ein stiller Civilist, Herr Geheimrath, war die Antwort.
    Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius? Sein de jure
gentium gehrt doch sonst nicht zu Ihren Studien.
    Wenn der Geheimrath soweit htte sehen knnen, wrde er eine leichte Rthe
auf des jungen Mannes Gesicht bemerkt haben.
    Nehmen Sie's nur runter, fuhr er fort, Sie knnen's auch mit nach Hause
nehmen, wenn's Ihnen nicht zu schwer ist, die Edition ist nicht selten, man kann
sie bei den Antiquaren bekommen. Der Montesquieu steht auch noch angeschrieben.
    Der junge Mann war von der Leiter gestiegen, den Folianten im Arm: Wenn sie
mir also erlauben -
    Aber nehmen Sie sich in Acht, Ihr blauer Frack ist von dem Grotius ganz
staubig. Der hat zwar auch mal in einer Kiste gesteckt, wenn ich mich recht
entsinne, einer Bcherkiste, und da wird er noch staubiger rausgekrochen sein,
aber er wollte nur in Freiheit kommen, nicht zu einer jungen schnen Demoiselle.
Aber Sie wollen doch nicht der Mamsell Alltag aus dem Hugo Grotius Vorlesungen
hatten? Das Kind ist zwar gescheit, aber ich zweifle doch, da ihr die Lektre
sehr plaisant sein wird.
    Der Geheimrath war in ungewhnlich guter Laune, der junge Mann schien auer
Gewohnheit befangen. Indessen hatte er sich schnell gesammelt, whrend er den
Staub vom Rock abklopfte.
    Herr Geheimrath sind heiterer, seit Mamsell hier ist. Ihr Haus ward
belebter. Stren Sie aber die vielen Gesellschaften nicht?
    Au contraire! Was so jetzt die Menschen allarmirt und auch sonst wohl bis
zu mir drang, bleibt nun auer meinem Rayon. Die Herrschaften knnen das nun
bequemer unter sich und mit meiner Frau abmachen.
    Sollte es nie in Ihren Rayon dringen? sagte van Asten sehr ernst.
    Wenn ich mich einschliee, das wollte ich doch mal sehen. Aber ei, ei, Herr
van Asten, will die Romantik Sie nicht verlassen! Sie sehen da wieder eine
Geistererscheinung.
    Die, welche ich sehe, Herr Geheimrath, sehen Viele mit mir. Dieser Herbst
wird die Fluren, wo frhliche Saaten gereift, mit Leichen und Blut decken.
    Sehn Sie mal, sagte der Geheimrath, was Sie alles sehen! und wischte mit
dem Lppchen die Dinte aus der Feder, die er dann sorgsam vor sich auf das
Papier legte. Sein Gesicht bekam dabei einen immer, was man nennt glaueren
Ausdruck, wie ein kluger Mann, wenn er Einen, der sich auch fr klug hlt, auf
eine Sandbank abgesetzt zu haben glaubt. Und diese Vielen, die mit Ihnen diese
erschreckliche Geistererscheinung sehen, sind, kurios genug, dieselben, die vor
Freude damals zitterten, als der Herr General Bonaparte, wie sie es nannten, die
Hydra der Revolution niedergetreten hatte. Da sollten wir Andern mit ihnen
hpfen und springen vor Entzcken, denn sie sagten uns, es wre ein Messias der
neuen Weltordnung. Sehen Sie mal, wir thaten das nun nicht, denn wir entsannen
uns, da dieselben spring-und hpflustigen jungen und alten Herren ein Zehn Jahr
vorher ebenso gesprungen und gesungen hatten, als diese Hydra in Paris den Kopf
erhob, und sie hatten damals auch darin einen neuen Messias und Weltbeglcker,
und wer wei was, entdeckt. Wir sprangen nicht, weil wir mit Knig Salomo
wissen, es giebt nichts Neues unter der Sonne, aber wir lieen sie springen,
weil wir wussten, sie werden schon mde werden. - Es ist Mancher mde geworden,
mehr als mde. Da ich nun nicht in Verzckungen gerathen bin, nicht damals bei
der ersten und nicht damals bei der zweiten Menschenbeglckung, warum soll ich
denn jetzt in Ravissements des Zorns oder Patriotismus gerathen, weil diese
selben Herren in ihrem Gtzen nun pltzlich das Thier der Apokalypse entdeckt
haben! Was kmmert mich Hannover. Im siebenjhrigen Kriege waren die
franzsischen Marschlle oft darin und brandschatzten, aber gerade nur so lange,
als der groe Friedrich Besseres zu thun hatte. Und wenn sie's ihm zu arg
machten und er verdrielich wurde, schickte er seinen Seydlitz oder einen
Braunschweiger hinber, und lie sie wieder fortjagen.
    Es sind aber andere Zeiten. Wir haben keinen Friedrich mehr, und die
Konstellationen sind furchtbar, Herr Geheimrath!
    Und der alte Lupinus wei nichts davon! Nicht wahr? Der Geheimrath nahm
mit groem Wohlgefallen eine lange Prise. Der Mortier, oder wie sein General
heit, hat Hannover mir nicht dir nichts besetzt, ohne uns zu fragen, und wir
hatten es doch so halbweges, noch vom Baseler Frieden her, garantirt. Und er hat
es gethan, um uns mit England aneinander zu bringen. Er sperrt die Fluhfen
gegen die Kolonialwaaren, und die Englnder sperren sie uns, da wir unser Holz
und unsere Leinwand nicht rausschicken knnen. Das giebt nun viel Jammer und
Geschrei, aber das ist alles nichts als das Strohfeuer, womit man die Bienen aus
dem Baume und die Fische aus dem Wasser lockt. Die ganze deutsche Nation hat auf
uns gewartet, da wir doch nun losschlagen wrden. Man kann's in allen Zeitungen
lesen, da alle Biedermnner auf uns warten. Aber es giebt noch viel
ungeduldigere Leute. Der Schwedenknig ist wie toll umhergelaufen, und hat
berall angeklingelt: Macht doch Krieg! Der russische Kaiser rstet: Krieg
partout! ruft er. Und ganz in der Stille rstet Oesterreich. Darum sollen wir
auch in die Falle gehen und auch rsten. Aber wir gehen nicht in die Falle, und
rsten nicht. Denn Rsten kostet Geld, und der Krieg bringt nichts ein, und was
geht's uns an. Sehen Sie, der alte Lupinus hat doch auch etwas in die Zeitungen
geguckt.
    Und wir, eingekeilt in diese Mitte! Ganz Europa in Waffen gegen einander,
und wir -
    Sehen zu - wie sie sich schlagen und vertragen, und denken mit Knig
Salomo: Alles ist eitel!
    Walters Brust hob sich; es waren ernste Gefhle, die heraus wollten, aber er
berwand sich -, es war hier nicht der Ort dazu. Nur ein Stoseufzer brach es
hervor: Und der Brand in unsern eignen Eingeweiden!
    Ein Eimer Wasser drauf, lieber Walter. Ist probat! Hatte der Gelehrte ein
Sonntagsgesicht? Er, der nichts sah, was um ihn vorging, blickte er heute in die
Seelenzustnde eines Andern und fand sein Vergngen darin, das Verborgene heraus
zu schpfen? - Da steht nun wieder auf Ihrem Gesicht: Ach Gott, der gute
Geheimrath Lupinus! Er wei, woran die Verfassungen in Rom und Athen zu Grunde
gingen, aber wie es im Preuischen Staat ghrt und stockt, das sind ihm
Bhmische Drfer. - Wer wird denn gleich Einen verdammen, junger Herr, ohne das
er ein bischen versucht hat, ihn zu bessern! - Oder zu untersuchen, ob denn
nicht doch ein Lichtchen der Erkenntni in ihm flackert! - Manche Fahne, die vor
dem Heer des groen Knigs flatterte, ist von den Motten zerfressen, das wei
ich, und die Monturen im Zeughause gehen in Plunder, wenn man sie ausklopft.
Wei auch noch mehr. Unsere Soldaten sind nicht Bonaparte's Soldaten. Und unsere
Offiziere - wei ich auch, man mu aber nicht alles sagen, was man wei. Die
eisernen Ladestcke, durch die wir bei Mollwitz siegten, sind jetzt Gemeingut
geworden, die Rder von unserm Fuhrwesen gehen aber noch in dem Geleise von Anno
ehemals. Unser Schatz ist ausgepumpt, das wei ich auch, und das Bischen, was
unser junger Knig durch Sparsamkeit wieder hineinflieen lsst, lscht noch
nicht den Durst. Es sieht auch in den Finanzen ganz kurios aus; unter dem
Schimmel werden wohl noch manche harte Thaler liegen, aber man kratzt den
Schimmel nicht ab, weil manches andre damit blos gelegt wrde. Ja, ja, die Ble
frchtet man, und hat daran ganz recht. Viele Schlsser sehen blank geputzt aus,
schlieen aber nicht mehr, und manche Mhlen klappern wohl, mahlen aber nicht
mehr. Auch die groe Staatsmhle macht noch dasselbe Gerusch, da man's in
weiter Ferne hrt, und wunders denkt, was sie mahlen mu, aber wer in die
Mehlkammer sieht, merkt, da es kaum zur Noth hinreicht. Das kann nun von
mancherlei herkommen. Etwa davon, da man niemals vorher wei, woher der Wind
kommt, und wenn er da ist, erschrocken links und rechts rennt, und was links
stehen soll, rechts stellt, und was rechts links. Auch kann die Mhle von alter
Konstruktion sein, und in Holland und Amerika haben sie seitdem bessere Gnge
erfunden. Und dann spricht man auch von der groen Staatsuhr, deren Rderwerk
erst gar quer und verkehrt wre, denn wenn einer nicht tglich sie stellte, so
zeigte sie nie die rechte Stunde an. Das kme aber daher, weil kein Rad ins
andre griffe, groe und kleine, es ginge jedes fr sich, die Rder der Minister,
und kein Oberminister, der sie regulirte, und wenn sie auch mal regulair gingen,
so htten die Geheimen Kabinetsrthe wieder ihren aparten Schlssel, und die
Oberprsidenten in den Provinzen wohl auch; und wre mal, rara avis, alles egal
und konform, dann schbe ein Finger von ganz oben den Zeiger um eine
Viertelstunde zurck, wodurch denn das ganze Rderwerk in Unordnung geriethe.
Das ist nur etwas, es ist aber noch viel mehr.
    Walter hatte mit steigender Bewunderung zugehrt.
    Und was ich nun thue? wollen Sie fragen. Da will ich Ihnen mit einem
Dichter antworten, keinem alten, nein, einem allerneuesten, den ich auf meiner
Frau Tisch fand, das ist der Herr Brde aus Schlesien. Da lesen Sie es:

Glcklich, wer im engbegrenzten Raume
Seiner Heimat tiefe Wurzeln schlgt,
Und, gleich einem wohlgediehnen Baume
Fest steht, und die Aeste nur bewegt!

Der die Lebens-Nothdurft nur begehret,
Und, allein auf Gegenwart beschrnkt,
Was er heut erworben, heut verzehret,
Und sich weder heftig freut, noch krnkt;

Den die Welt zu sehen nicht gelstet,
Der mit Bessrem Gutes nicht vergleicht,
Und, zur letzten Reise stets gerstet,
Sich geruschlos aus dem Leben schleicht.

Nur umsonst verdoppeln wir die Schritte,
Nie erreichen wir das Ziel der Bahn,
Immer stehn wir in des Cirkels Mitte,
Und der Umkreis weicht, so wie wir nahn.

Das sind noch Gefhle eines Dichters, sprach er, das Buch fortlegend.
    Der einer ersterbenden Welt angehrt, wie sein Horaz, sprach Walter fr
sich. Er nahm die Vorlesung als Zeichen zum Abschied, der Geheimrath hatte es
aber nicht so gemeint:
    Wenn eine Mhle ins Stocken gerth, glauben Sie, da wir darum kein Brod
mehr zu essen bekommen, und wenn alle Uhren unrichtig gingen, da die Sonne sich
darum auch einmal versptet, aufzugehen?
    Walter meinte, es sei doch eines Jeden Pflicht, dafr zu sorgen, da seine
Uhr richtig gehe.
    Fr seine eigene mag er sorgen, lieber Herr van Asten, aber nicht um die
Rathhausuhr.
    Lupinus sah ihn dabei sehr pfiffig an. Walter errthete wieder: Sie mchten
unsern Staat wieder auf die Beine bringen. Da lieen Sie neulich einen Zettel
fallen - warten Sie, wo hab' ich ihn gleich hingelegt? - Hier! Das ist wohl kein
Excerpt, so mit frischer Dinte, recht frisch aus dem Herzen geschrieben: Da ein
Staat, der bestehen will, der Sitten, oder, wo diese fehlen, krftiger Mnner
zur Ausfhrung krftiger Maregeln bedrfe, gewahrt Niemand. Die Augen gehen
erst in der Noth auf.
    Walter steckte hastig den Zettel in die Brusttasche: Zu einem Briefe -
    So, also ein Brief! Da wollte ich Sie nur bitten, sich an den zu erinnern,
welchen der junge Herr Gentz bei der Thronbesteigung an seine Majestt den Knig
schrieb. Das war mal genial! Wie ri man sich darum! Da lag's doch klar, wie ein
umgestrzter Pudding auf der Schssel, wo's bei uns manquirte, was anders,
besser nun gemacht werden sollte. Man brauchte nur zuzugreifen, gar keine Mhe
sich zu geben, nur zu thun, zu decretiren, wie's der junge Herr Gentz den
Ministern wies. - Haben sie's gethan? Haben sie zugegriffen? Nichts angerhrt,
's ist Alles beim Alten geblieben. Und Herr Gentz? Ist er Minister,
Kabinetsrath, Prsident geworden? Er blieb Kriegs- und Domainenrath, hatte
niemals Geld, aber immer Schulden. Bis es ihm hier zu langweilig ward, und er
fortlief, nach Oesterreich. Seine Sachen brauchte er nicht zu verkaufen, dafr
sorgten schon seine Glubiger; aber seine Grundstze, die waren lange vorher
schon versilbert. Na, an wen ist denn Ihr Brief gerichtet?
    Da lag sein Geheimni trocken an der Luft. Walter hatte bis da nur einen
Stolz, als freier Mann unter den drngenden Verhltnissen zu stehen. Musste ihm
der, von dem er es am wenigsten vermuthete, ablauschen, was er sich selbst noch
nicht vollkommen eingestand!
    Lupinus musste seine innersten Bewegungen verstanden haben.
    Junger Freund! Warum denn gegen sich selbst unwahr sein! Was die Freiheit
ist, hat weder Plato noch Seneca erklrt, gewi ist aber, sie giebt nichts zu
beien und zu brechen. Ein Dichter wollen Sie nicht werden, und ein Kaufmann
auch nicht. Ganz recht, der eine kann Bankerott machen, und der andere
verhungert, wenn nicht ganz, doch beinah. Also was bleibt Ihnen, als eine
Anstellung suchen. Den Staat verbessern wollen, ist aber der schlechteste Anfang
von einer Carriere.
    Walter hatte sich wieder gesammelt: Wenn ich nun aber doch so thricht
wre, anmaend, geben Sie meinem Willen einen Namen, welchen Sie wollen, ich
protestire nicht dagegen, aber wenn ich denn doch in mir den Ruf fhlte, nach
diesem Ziele zu streben, warum nicht anfangen, wie ich enden will?
    Der Gelehrte sah ihn scharf an: Weil Sie dann nicht zum Ziele kommen, hub
er nach einer Pause an. Ein Mann, der seine Frau erziehen will, mu es ihr ja
nicht sagen, so sagt man wenigstens, und wer den Staat verbessern will, mu es
ja nicht merken lassen. Wollen Sie mein Recept wissen? 'S ist kein neues, uralt
wie die Welt. Wenn man gro ist, mu man sich klein ducken, sich anschlngeln an
das, was gilt. Meistens an Personen, zuweilen an Gedanken. Wenn's auch recht
dumm ist, und man von Herzen drber lacht, oder sich rgert! - Lachen Sie immer
und rgern sich, nur bei zugeschlossenen Thren! - Ohr und Auge aufhaben,
aufgepasst auf alle Falten und Fltchen, und da bei guter Zeit ein Zeichen
zwischen gelegt! Was kann man nicht in schwachen Stunden belauschen, und hat man
erst die Schwchen eines groen Mannes weg, dann mit einiger Klugheit wird man
ihm bald nothwendig. Und ist man ihm erst nothwendig, so ist man auch sein Herr.
Vor dem Brausewind, der alles besser wissen, alles wegfegen will, verschlieen
sich solche Herren, auch wenn ihnen seine Ansichten gefallen. Sie denken, der
kann dich mal selbst fortfegen. - Und die Herren am Ruder hier sind so affabel.
An Protektionen soll's Ihnen nicht fehlen. Schreiben Sie eine Vertheidigung der
Politik der Herren Kabinetsrthe. Man wird Sie nicht gleich zum Kriegs- und
Domainenrath machen, aber ein kleines Pstchen giebt's schon, vielleicht ein
besseres, als mit einem Titel, so ein Sekretr in secretis -
    Und wohin fhrt das?
    Warten Sie doch! Ein klein Bischen Geduld nur, und ein Bischen mehr noch.
Haben Sie erst Posto gefasst, Ihre Fhlfden ausgestreckt, kennen Sie die
Menschen und ihre Gedanken, was sich anzieht und was sich abstt, wissen Sie,
was noch feststeht und was schwankt, dann ist ja noch immer Zeit.
    Wozu?
    Was Sie wollen. Meinethalben, Sie werden schon was Gutes gewollt haben.
Sind Sie der Mann am Steuer, und an Kapacitten fehlt es Ihnen nicht, und
stimire auch Ihren Charakter, aufrichtig, dann - einen Schub, einen Fusto!
Wie Sie's anfangen, da der alte Plunder zusammenbricht, darum ist mir nicht
bange. Nicht wie Coriolan und Catilina mu man anfangen. Cicero wusste, wo er
sich bcken musste, und wo er grad aufrecht stehen durfte. -
    Walter hatte seinen Hut ergriffen: Da Cicero's Name auf der
Proscriptionsliste stand und sein Kopf aus der Portechaise fiel, wrde mich
vielleicht nicht abhalten, wie Cicero zu handeln, aber - mein Herr Geheimrath,
ich habe ein anderes Vorbild aus dem Alterhum, von dem Ihr groer Horaz gesungen
hat: Integer vitae -
    Scelerisque purus, fiel der Gelehrte ein, und nahm wieder eine lange
Prise. Auch ein schnes Vorbild. Gar nichts dagegen zu sagen. Au contraire,
aber dieser Integer vitae war nicht verliebt.
    Da war abermals ein zweites Geheimni, und von den poesielosesten Lippen
trocken in die Luft gesetzt, ein so still in der Brust gehtetes, kaum sich
selbst gestandenes, ein so zartes Kind, da es in dieser rauhen Luft erstarren
konnte. War dieser Bcherwurm heute ein Magier?
    In dem Augenblick ffnete sich die Thr, und der Kopf der Geheimrthin
blickte herein: Ehe Sie gehen, Herr van Asten, auf ein Wrtchen.
    Die Thr ging wieder zu. Der Blick musste eine eigenthmliche Wirkung haben.
Ihr Gesprch war unterbrochen, aber auch die sonntgliche Stille des Zimmers war
gestrt. Der Kater hatte sich knurrend aufgerichtet, und Staub wirbelte durch
den Sonnenschein. Es blieb noch eine Weile still. Es war, als ob der Gelehrte
sich schmte. Dem Eindringling htte er nicht zurufen knnen: Noli turbare
circulos meos! er selbst war ja aus seinen Kreisen getreten; das machte ihn
befangen.
    Walter war es auch. Vor dem alten freundlichen Manne, der mit der
Wnschelruthe seinen verborgenen Schatz berhrt, htte er sprechen mgen, wie
ihm zum Herzen war. Es lag schon auf der Zunge. Da war es pltzlich erstarrt vor
dem stechenden Blicke, das se Geheimni schien ihm vergiftet, ein Nebelschauer
hatte einen Mehlthau auf die Blthen gelagert. Er besann sich und sprach schne
Worte, die nicht der Ausdruck seines Gefhls waren:
    Seine Trume gehren nicht dem Menschen allein, es sind gaukelnde Kinder
aus anderen Welten. Sie haben einen berhrt, der, lieblich gaukelnd, Einla
forderte. Aber, - auch die sesten Trume mu der Mann verscheuchen knnen, wo
die Pflicht gebietet. Ich glaube meinen Gnner nicht versichern zu drfen, da
dies schne Mdchen, dem Sie gastlich Ihr Haus geffnet, dem Ihre Gattin
Muttersorge widmet, ihres Unglcks wegen mir heilig ist. Sie und ich, das ist
ein langer Weg, den wir zu gehen htten, bis wir uns trfen, und sie selbst
vielleicht noch nicht -
    Der Geheimrath wehrte mit beiden Hnden: Ist nicht mein Departement. Ist
meiner Frau ihres. Da sprechen Sie, da schweigen Sie, wie Sie's fr gut finden.
Er fasste seine Hand und sah ihn vertraulich, fast bittend an: Lieber Walter,
schweigen Sie lieber, es ist besser, da Niemand etwas davon erfhrt. Wir haben
hier vielerlei Allotria getrieben. Gott wei, wie ich mich fortreien lie. So
ist's mit unsrer Strke und unsern Entschlssen! Rhmte mich, nichts solle in
meine Kreise dringen, wenn ich meine Thr verschlsse, und pltzlich stand
drinnen der Bonaparte, unsre Monturen, Finanzen, und gar eine Liebschaft von
Ihnen, und rannten mich beinahe um unter meinen Bchern. - Vergessen Sie, da
Sie einen alten Mann in einer schwachen Stunde betroffen haben!
    Also das bleibt Alles unter uns, schien das letzte Wort, als er Waltern
gleichsam an die Thre gedrngt, aus Besorgni, da von den Allotriis doch noch
etwas ber die Lippen kommen knnte. Aber dort legte er die Hand ihm noch einmal
auf die Schulter:
    Lieber Herr van Asten, um Sie ist mir nicht bange. So oder so, aus Ihnen
wird was. Bleiben Sie ein vir integer. Rhren Sie nicht mehr Staub auf, als
absolut nthig ist. Aber das kann ich Ihnen wohl sagen: Wer nie in Italien war,
nie das Albaner-Gebirge gesehen hat, mit keinem Futritt am See gestanden, und
doch wie Sie den Tractus von Albalonga, die alte Latinerstadt in dem lnglichen
Bergrcken herausfand, der ist auch zu mehr berufen. Heyne und Wolf und Alle, im
Grunde genommen, was sind sie uns! Graeca sunt, non leguntur; es hat etwas fr
sich. Aber Latium! Rom ist ewig. Und nun will ich's Ihnen sagen, habe Ihre
Dissertation an Herrn Niebuhr geschickt. Er findet Sentiment darin - stimirt
Ihre Konjekturalkritik, wird einmal selbst an Ort and Stelle untersuchen - jetzt
kommt er her und wird wahrscheinlich Banco-Direktor. Ist das, dann knnen Sie
auf eine Anstellung bei der Bank rechnen, und Ihr Schicksal ist gemacht.

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.



                          Unterricht in der Erziehung.

Wir waren nur am spten Abend, bei einem flchtigen Besuch, in den Zimmern der
Geheimrthin. Es sah jetzt anders darin aus. Die Mbel hatten neue Ueberzge
erhalten, manches Veraltete war einem neu Angeschafften gewichen. Die
Schildereien waren geschmackvoller geordnet, das Silberzeug glnzte frisch
aufgeputzt, und die Geheimrthin war selbst beim Drapiren der Gardinen
beschftigt, als van Asten eintrat.
    Sie finden mich in einer ungewohnten Beschftigung. Aber wenn man etwas
ordentlich gemacht haben will, kann man es den Leuten nicht berlassen. Es hlt
schwer, unseren Ouvriers Geschmack beizubringen.
    Frau Geheimrthin erwarten Gesellschaft?
    Eine ganz kleine. Sie wissen, wie die groen, glnzenden mir zuwider sind,
wo Alles auf den Apparat abgesehen ist, und Geist und Herz sich verstehen
mssen.
    Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Cirkeln.
    Die Geheimrthin zuckte die Achseln: sie mchte wnschen, da man weniger
davon spreche, man knnte sein Haus doch auch nicht fr Jedermann offen halten.
Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwcher ab, als Walter van Asten die
Aeuerung einer geistvollen Prinzessin wiederholte, die sich gefreut, da doch
endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst
erschlossen, da, wer nach Geist und Intelligenz verlangt, sie bis jetzt fast nur
in den reichen Judenhusern suchen musste.
    Die Geheimrthin lchelte: Zu gtig von dieser geistreichen Prinzessin. Der
Prinz, ihr Bruder, macht allerdings keinen Unterschied, ob er in der haute vole
oder in den Judenhusern ist; nur im Schoo seiner Familie sieht man ihn am
seltensten.
    Die Bemerkungen waren so hingeworfen, da Walter darin die Aufforderung las,
noch mehr zu erzhlen, obwohl ihre Worte dagegen protestirten. Dieselbe
Prinzessin hatte geuert, es sei doch eine wirkliche Beschmung fr unsern
Adel, da er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der
Nation sich verschliee, die ihre Ehre ausmachen. Da htte eine Fremde, die
Stal nach Berlin kommen mssen, um sthetische Cirkel zu bilden, und jetzt
usurpire Prinze Biron von Kurland, was die Pflicht des einheimischen Adels sei.
    Die Geheimrthin machte einige Bemerkungen ber die Herzogin von Kurland,
da sie sich merkwrdig konservirt habe, schner eigentlich noch als ihre
Tchter, die doch auch sehr liebenswrdig wren. Aber ihre Gedanken waren wohl
nicht bei der Herzogin, noch den Gelehrten und Dichtern, die sie in ihren Bann
gezogen.
    Prinze Radziwill hat auch gefragt, wer denn Schiller gefeiert, als er hier
war? Ebenfalls wieder Juden, Fremde, Diplomaten, einige brgerliche Huser.
    Ich habe mir Schiller doch anders gedacht, sagte nach einer Pause die
Lupinus. Er war so schweigsam. An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich
nicht gefehlt, aber es blitzte so selten das innere Feuer auf. Ich sprach zwei
Mal mit ihm, und beide Mal redete er wie ein gewhnlicher Mensch. Ob er uns
vielleicht der erhabenen Sentiments, der berauschenden Gedanken nicht werth
hlt, die doch bei jeder geistigen Berhrung aus einem Geiste wie der seine
aufsteigen, emporwirbeln mssen, denke ich, wie die Lerche in den Aether!
    Es ist vielleicht nicht gut, da man die Dichter mit Lerchen vergleicht.
    Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen, sagte die Lupinus
spitz, die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Tne schmettern lassen, wenn es
ihnen eben bequem ist, eigensinnig, qu'importe wer sie hrt.
    Es mag auch manches Andere ihn verstimmt haben, sagte Walter noch ungewi,
wohin die Geheimrthin steuerte. Ihre Majestt die Knigin htte ihn gern
hierher gezogen.
    Meinen Sie nicht auch, ein Genius wie seiner wre in unserem Staube,
unserer Kritik, an unserer Hofluft untergegangen? In Weimar thront er in einem
Tempel, hier htte er Tempeldienste verrichten mssen. Es fehlt hier an der
rechten Sonne, meinen Sie nicht auch? Und noch immer so viel Rcksichten,
Bedenklichkeiten. Es sieht Einer den Andern an, wenn er in die Gesellschaft
tritt, und wenn er ihn noch nicht gesehen, fragt er zuerst, ob er auch zu ihm
gehrt? Mein Gott! Diese Geburts- und Standesunterschiede mssten doch
verschwinden, wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Centralpunkt auf Alle
schiene, gleich wie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwnden keinen Schatten
werfen, wenn ein voller Kronleuchter Alle von oben beleuchtet. So knnte ich mir
das Haus der Herzogin denken. Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung, und
dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein, es ist auch noch manches
andere da, doch passons l-dessus. Ebenso knnen die Kreise der geistreichen
Jdinnen nicht dominirend werden, es stt sich doch Mancher daran.
    Jetzt wusste van Asten, wohin die Geheimrthin steuerte. Warum sollte er
nicht in ihre Wnsche eingehen! Es war keine Snde gegen die Wahrheit, da er es
fr verdienstlich erklrte, wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt fr
die Notabilitten der Intelligenz ffne, eine Dame, die mit klarem Verstande,
Belesenheit, seiner Sensualitt, und durch den Stand ihres Gatten und ihre
eigene Geburt dazu wie berufen scheine.
    Sie scherzen! Das knnte eine Jede, wenn sie wollte. Im Uebrigen, was ist
es denn auch besonderes, wenn man etwas anders aussieht, als diese ehrbaren
Hausfrauen, die vom Bgeln und Kinderwiegen noch echauffirt scheinen, wenn sie
ihr Gesellschaftskleid angelegt haben. Denn allerdings kommt mir Manche vor,
wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt, als mache sie eine Bewegung,
um ein Stck Wsche ber die Leine zu werfen. Und dann, lieber van Asten, Sie
spielen auf meine Herkunft an. Ich bitte Sie, um Gottes Willen, nur davon
nichts, da ich von Adel bin. Ueber diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus.
Sie wissen, da ich meinen Namen ohne Thrnen einem Brgerlichen hingeopfert
habe. Lassen wir die Todten ruhen! Ja, ich will gern meine Schwche bekennen, es
ist mir manches Mal recht angenehm, ja es schmeichelt mir, wenn ich mich als den
Mittelpunkt dieser heitern, von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte.
Aber, - sie hielt einen Augenblick inne - aber, wenn sie gegangen, die Lichter
ausgelscht sind, berfllt mich doch wieder, ich wei nicht was, ein inneres
Ghnen, eine Hohlheit.
    Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat?
    Aber von all dem schwirrenden Geschwtz, von den Hndedrcken, den
zrtlichen Betheuerungen, was bleibt denn andres als - eine Lge! Ich wei recht
gut, da einige von den jungen Leuten, die am Tisch die Migen gespielt, noch
ins Weinhaus eilen, um sich zu restauriren. Es thun es auch noch Andere,
Johannes Mller, Herr Dedel, auch vom Prinzen wei ich es. In ihren Symposien
machen sie sich herzlich ber uns lustig. Und ich verdenke es ihnen nicht. Ghrt
und kocht es doch auch in mir, und wenn meiner Natur die erhitzenden Getrnke
nicht entgegen wren, knnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen. - Sie
sehen mich verwundert an. Nein, nein, ich versichere Sie, ich empfinde das ganze
Unbehagen, von dem man mir erzhlt, da es die Schwelger nach ihrem Rausche
fhlen.
    Van Asten sah sie betroffen an. Warum strzen Sie sich denn in die Lge,
wenn Sie ihre Wirkungen kennen? Er verschluckte es.
    Und wenn die Leute sich auch wirklich amsirt haben, fuhr sie nach einer
Pause fort, wie sie versichern, worber war es! Die in der Ecke am lustigsten
schienen, lachten vielleicht ber mich, ber mein Bestreben, ihnen einen
angenehmen Abend zu bereiten. Vielleicht ber den Geheimrath, unsre Bewirthung,
Einrichtung, Gott wei worber. Alle sind meine Feinde, Neider, und ich musste
doch beim Abschied die Hand ihnen drcken, und sie versichern, wie unendlich ich
mich gefreut, sie bei mir zu sehen, warum sie so schnell forteilten. Darum
Embrassements, nachgewinkte Ksse, Betheuerungen, da sie seit lange keinen so
vergngten Abend verlebt. Und wenn sie auf der Strae sind, kaum in den Wagen
gestiegen, ghnen sie, wie ich ghne: Gott sei Dank, da der langweilige Abend
vorber ist.
    Welcher Dmon war pltzlich in die seltsame Frau gefahren! Mit der
Gefallsucht, ber die er nicht Richter sein wollte, hatte sie begonnen, und aus
ihrem Innersten quoll heraus, was sie ihm nicht hatte sagen wollen. War er der
Magnet, der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte,
oder welche unsichtbare Macht zwang sie, noch eben in der geschmckten Lge sich
schaukelnd, den hsslichsten Grund der Wahrheit herauszukehren! Es war eine
Wahrheit der Empfindung; dieser verkniffene Zug um den Mund, dieser bslchelnde
Blick konnten nicht heucheln.
    Es ist das Mysterium der Natur, sagte er, da oft, wo wir nicht sen, wir
Liebe ernten.
    Und doch sind Liebe, Freundschaft, Entzcken und Begeisterung nur Masken
fr den Egoismus. Mit ihnen will Jeder so viel fr sich herauspressen, als er
kann. So lange es ihm gelingt ein Vergngen sich zu verschaffen, so lange dauert
die Freundschaft, die Liebe, der Fanatismus, die er auch grade so lange fr echt
und wahr hlt, als der Reiz dauert. Ist der hin, das Thema erschpft, wird uns
die liebste Freundin, der beste Freund gleichgltig. Anstandshalber fhren wir
noch eine Weile die Tuschung fort, bis wir die Puppen fallen lassen, herzlich
froh, wenn ein Zufall uns trennt.
    Damit war das Gesprch zu Ende. Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand
neben ihm eine Salzsule. Es war eine Verwandlung, zu der sie so wenig gethan
als Lots Frau zu der ihren, nur ein Naturproze. Es wehte ihn khl an; er hatte
nichts mehr mit ihr zu reden, und doch forderte die Convenienz, da er nicht
schweigend ging: Wenigstens, uerte er, werde die Tochter des Kriegsraths
Alltag, davon sei er berzeugt, nie vergessen, was sie der Geheimrthin Lupinus
verdankt.
    Meinen Sie! Die Salzsule sah ihn mit einem ihrer eigenthmlichen Blicke
an, und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spttischen Lcheln. Grade so
lange wird sie mich als die Schpferin ihres Glckes enthusiastisch lieben, als
sie sich in meinem Hause amsirt und vergttert wird. Vielleicht auch nicht
einmal so lange. Nur bis sie auf eigenen Fen steht, und von mir nichts mehr
profitiren kann.
    Er verbeugte sich: Frau Geheimrthin haben sonst mir nichts zu befehlen?
    Adieu - doch! Warten Sie. Ich hatte ja einen Auftrag fr Sie Richtig. -
Springen Sie doch im Vorbergehen bei Alltags an. Die Kriegsraths werden sich
vielleicht wundern, wenn sie von der Gesellschaft heut Abend hren und nicht
eingeladen sind. Aber das geht doch nicht immer. Sie passen ja nicht.
    Ihre Eltern -
    Eben darum; nur Adelheid zu Liebe! - Wenn sie sehen, da das Mdchen solche
gewhnliche Eltern hat!
    Der Vater ist doch ein geachteter Mann -
    Wer redet von solchen Aeuerlichkeiten. Sie passen nicht zu der gebildeten
Gesellschaft. Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern- und
Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spa finden, so sind doch Andere, die
daran keinen Spa finden. Die Russische Frstin hat zugesagt, und ich - Sie
sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung - ich hoffe auch, Jean Paul
wird kommen.
    Jean Paul Friedrich Richter!
    Ich hoffe wenigstens. Man reit sich so um ihn, da man es wirklich einen
glcklichen Augenblick nennen kann, wo man ihn frei trifft. - Indessen - wie
gesagt also, gehen Sie zu den Eltern, und Sie werden schon die beste Art finden,
es ihnen begreiflich zu machen. Es htte sich erst heute so zufllig gemacht -
    Es wird schwer sein, die Art zu finden, die nicht beleidigt.
    So sagen Sie, nein sagen Sie, was Sie wollen, es ist mir im Grunde ganz
gleichgltig. Was gehren Alltags zu Jean Paul!
    Van Asten verneigte sich wieder, aber an der Thr rief ihn die Geheimrthin
wieder zurck: A propos, ich habe doch vergessen, was ich Ihnen sagen wollte.
Mein Kompliment dem Lehrer, sie lernt unbegreiflich schnell, aber sie mssen ihr
etwas mehr sthetischen Elan geben.
    Van Asten sah sie erstaunt an: Ich finde in ihr ein Verstndni der Dichter
-
    Ja, ja, das ist schon recht - das ist es aber nicht -
    Ihr Gedchtni fr alle wahrhaft schnen Stellen -
    Ist bewunderungswrdig. Das Fischerlied von Goethe hrte sie nur ein Mal
von Ihnen, und am Abend recitirte sie es mir vor dem Zubettegehen. Admirabel!
Das ist alles recht schn, auch kann sie die Glocke beinahe auswendig. Schiller
war enchantirt davon. Ich hatte es nmlich so einzurichten gewusst, da er sich
mit der Berg an der Thr im Nebenzimmer unterhielt, als sie von den jungen
Mdchen wie zufllig aufgefordert, einige Partien daraus deklamirte. Aber Sie
htten ihr Gesicht sehen sollen, als Schiller pltzlich in die Hnde klatschte.
Glauben Sie, da, wenn ich sie vorher ihm vorgestellt, sie nur den Mund
aufgethan htte? Mit Schiller passirte das noch, aber wie benahm sie sich gegen
Jean Paul! Da von der Gesellschaft unter den Linden will ich nicht sagen. Es war
ja ein Gedrnge um ihn, beinahe ein Skandal.
    Walter lchelte. Der bse Leumund erzhlte von zwei Freundinnen, die in
derselben Absicht nach dem Sessel eilten, von dem der Dichter eben aufgestanden.
Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die glckliche sein und sitzen, wo der
Dichter gesessen. Man behauptete, da beide seitdem nicht mehr Freundinnen
wren.
    Die Geheimrthin las aus Walters Lcheln den Sinn: So seid Ihr alle, und
Keiner besser als der Andere. Die Huldigungen edler Frauen fr eine Gre, wenn
sie Euch selbst nicht gelten, sind nur gut fr Euren Spott. Nicht wahr, das
charmante Triolett, was durch die Stadt luft, ist von einem Ihrer Freunde, von
dem Herrn Tieck oder Bernhardy, oder einem der Herren Schlegel?
    Unsere Freunde, sagte er, erkennen das echte Feuer, das aus diesem Genius
in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel
prasselt, wenngleich der krause irdische Tro, den es mitnimmt, Vielen das
Verstndni seiner Seelenaccorde erschwert.
    Wir nun bemerken nicht diesen Tro und sind darin glcklicher als die
Herren der Schpfung, denen so oft der Sinn ber die verletzte Form verloren
geht. - Das aber ist es, ja, ja, Herr van Asten, Sie wollen Ihrer Schlerin
einen zu klassischen Sinn einimpfen. Sie dmpfen ihre Entzckungen - aber was
ich sagen wollte, - ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht -
    Jean Paul? - und mit Adelheid?
    Die Russische Frstin war eben fortgefahren. Wir trafen nur noch vier
Damen, die ihm einen Teppich gebracht, denn der Fuboden ist sehr kalt, weil er
ber einem Stall wohnt. Sie lieen es sich nicht nehmen, ihn selbst anzunageln,
und whrend dem hatten wir die schnsten Minuten. Ach wie ganz anders ist Jean
Paul als Schiller! Jeden Moment, jedes Blitzen eines Sonnenstrahls wei er zu
benutzen, es sprht immer etwas Sinnvolles, Angenehmes. Wenn eine der Damen sich
auf die Finger klopfte, beneideten die Genien sie um den Schmerz, den eine edle
Seele bei einem Liebeswerk empfindet.
    Und die Damen erwiderten die Galanterien?
    Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsere Landsmnninnen gefahren.
Denken Sie, selbst die Eitelbach, wie berauscht von seiner Nhe, ward witzig.
Sie sprach etwas, was im Hesperus stehen knnte.
    Oder vielleicht schon darin steht.
    Gleich viel, es ist eine Magie, die alle in seiner Gegenwart ber sich
selbst erhebt. Ich lie ihm durch Adelheid ein Bouquet berreichen.
    Gewi mit Worten, die im Titan einen Ehrenplatz fnden.
    Es war, meine ich, keine ble Phrase, eine Phantasie, die mir am Morgen
eingefallen war. Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt, eine Art
Streckvers. - Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar.
    Kornblumen! -
    Natrlich knstliche; die Kornblumenzeit ist ja vorber. Sie sollte mir
recht natrlich kindlich aussehen. Aber sie sprach so hlzern, ich mchte sagen
gedehnt. Mir ward schon ngstlich zu Muthe, und sie war kaum in der Mitte, als
die Eitelbach den Schrei ausstie. Sie nmlich war es, die sich mit dem Hammer
auf den Finger geklopft hatte. Da sprang Jean Paul vom Sopha und ksste ihr das
Blut vom Finger.
    Was eine unangenehme Unterbrechung gab.
    Stellen Sie sich vor, Adelheid war nun so in Confusion, oder was war es,
sie hatte den Streckvers vergessen, berreichte ihm, wie ein Bauermdchen, den
Strau und sagte: Die Blumen bleiben ja, was sie sind, auch ohne Worte.
    Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben.
    Das ist es eben, er sprach so wunderschn, in lauter gewhlten, ich mchte
sagen selbst in Streckversen; aber sie antwortete ihm, als wre er ein Mann wie
andere, ganz offen, naiv, dreist. Es schnitt mir durch die Seele. Das Mdchen
empfand so gar nichts von der Veneration. Jeder giebt sich doch Mhe, so viel er
wenigstens kann, sie an den Tag zu legen.
    Jean Paul wird ihr verziehen haben.
    Ich aber nicht, fiel die Geheimrthin, scharf ihn anblickend, ein. Was
soll er von mir denken, wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den
Tag zu legen wei, das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt. Unbedeutend ist
Adelheid nicht, es mu also doch etwas an ihren Lehrern liegen -
    Oder an ihrem Charakter.
    Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde, mein Herr van
Asten. Uebrigens wird sie Gelegenheit haben, ihn in diesem Augenblick zu zeigen.
Da ich heut Morgen durch Doktor Selle erfuhr, da die Gesellschaft der Kurland
ausfllt - sie ist an den Hof geladen - also Jean Paul frei ist, schickte ich
Adelheid zu ihm, ihn zu invitiren.
    Das junge Mdchen -
    Mit dem Bedienten.
    Aber - er logirt - was man gewhnlich eine Kneipe nennt.
    Ich wei es, unten ist eine Bierstube, auf dem Hofe eine Hufschmiede. Ist
er darum weniger der Dichter?
    Und in der frhen Stunde. In Pantoffeln und Schlafrock, die Pfeife im Munde
-
    Empfngt er Frstinnen, denen die Stunde und das Kostm nicht unanstndig
erscheint, wenn es gilt, dem Genius die Huldigungen darzubringen, wrdig des
Mannes, welcher so die wahre Frauenwrde erkannt hat. Adelheid wird davon nicht
sterben, beruhigen Sie sich, wenn sie sich einmal selbst berwindet. Wir mssen
uns Alle berwinden, das - ist die Aufgabe unseres Lebens. Morgen aber kommen
Sie etwas spter zur Lektion, Herr van Asten, wir mssen ausschlafen.
    Als er die Thr ffnen wollte, trat Adelheid ein.
    Kommt er? rief die Geheimrthin.
    Er kommt! Sie flog der Geheimrthin an den Hals, die ihre Locken
streichelte und ihre Stirn ksste.
    Ich wusste es, einem so schnen Mdchen konnte er nichts abschlagen.
    Ach, htten Sie ihn gesehen, wie ich ihn sah, liebe - Mutter, - das Wort
kam etwas zgernd ber die Lippen. Mit welchem Herzklopfen ich die kleine,
steile Treppe hinaufstieg, aber es war heut alles ganz anders. Wie er mir schon
entgegentrat! Er ist ein herrlicher Mann! - Ach Herr van Asten, bald htte ich
Sie bersehen! O gehen Sie noch nicht fort, bleiben Sie, Sie mssen es auch
hren -
    Sie reichte ihm die Hand: Ja, wie man sich in dem Menschen tuschen kann.
Neulich kamen mir alle seine Reden so knstlich vor, und da er das zulie von
den Damen. Mir fiel einer von den Gtzen ein, von denen Sie mir aus Indien
erzhlt, die sich umherrollen lassen, und ihre Sklaven liegen auf der Erde.
Verzeihen Sie mir, Mama, ich konnte mich kaum zurckhalten aufzulachen, er kam
mir so unmnnlich, albern vor, wie er auf dem Sopha ruhig die Huldigungen
hinnahm, und nichts dafr gab, als blumigte Reden. Aber heut trat er mir mit
einem frischen, krftigen Herein! entgegen, schon angekleidet. Er fasste meine
Hand, als ich Ihre Bitte kurz aussprach, aber nicht so s wie neulich, es war
wie ein Mann dem andern die Hand schttelt. Er hrte mich freundlich an, und
sprach dann: Sagen Sie Ihrer Pflegemutter, ich nehme ihre Einladung mit Dank an
und werde kommen, ich danke Ihnen aber, mein liebes Kind - doch das thut nichts
zur Sache -
    Aber die Geheimrthin wollte mehr, sie wollte alles wissen, was Adelheid
nicht wiedersagen wollte. Vor einem Genius verstummen alle Rcksichten.
    Er fuhr mit der Hand ber meine Stirn. Dabei sah er mich ungemein
freundlich an. Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mdchen! Das kann ich wohl
wiedersagen ohne zu errthen, aber was er nachher sprach, wie er sich ein
deutsches Mdchen, und wie er sein groes Vaterland sich denke und es liebe, ach
da msste ich ja selbst eine Dichterin sein. Ich dachte an Sie, Herr van Asten,
wissen Sie noch, als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in
Feuer geriethen, es war wie ein groes Bild, das Sie in die Luft malten, und ich
sah alles leuchten wie Flammen und Abendroth, wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise
durch die Luft zogen: Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen,
dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland, jetzt nach
Italien, nach Asien, ich sah deutlich den reienden Flu mit den schnen Bumen,
in dem der Kaiser Barbarossa ertrank, dann fuhren Sie hinber nach Sicilien, Sie
zeigten das Blutgerst, auf dem der edle Konradin verblutete, und endlich wiesen
Sie nach dem Berge in Thringen, und schlossen: Das war Deutschland und da ruht
seine Zukunft! Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien, groen
Nation, der wir freudig entgegen leben sollten, uns vorbereitend in Tugend und
Sitte und reinem Natursinn, da stand mir Ihr Bild wieder klar vor meiner Seele.
    Da es Ihnen nie untergehe, sprach rasch der junge Mann. Ich irrte mich
nicht in ihm. Leben Sie wohl!
    Auf Wiedersehen, heute Abend. Ich selbst will Sie ihm vorstellen.
    Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte. Die Geheimrthin stotterte:
Herr van Asten sei wohl heute behindert, da er von ihrem Manne so lange
aufgehalten worden.
    Mama, haben Sie ihn nicht eingeladen? fragte Adelheid verwundert, als sich
die Thr schlo.
    In die Gesellschaft passt er doch nicht.
    Mein Lehrer den Sie selbst so hoch schtzen?
    Es ist nicht deswillen. Aber er ist zu unansehnlich.
    Unansehnlich!
    Jean Paul freut sich an schnen Gesichtszgen. Van Asten ist doch
eigentlich hsslich.
    Hsslich! rief Adelheid mit Schaudern und schien sich zu besinnen. Das
ist mir nie eingefallen, da van Asten hsslich sei. Daran habe ich berhaupt
nie gedacht.
    Was auch recht gut ist, liebes Kind, entgegnete lchelnd die Geheimrthin.
Und berdem ist er nichts in der Gesellschaft.

                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.



                             Man mu gelten wollen.

Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig;
es musste inde nicht so sein, wenn wir gegen Mittag eine Scene im Speisesaal
der Geheimrthin belauschen.
    In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf, und neben ihr, mit
prfendem Blicke, jede ihrer Bewegungen beobachtend, die Geheimrthin. Um
Adelheids Augen war eine Binde geknpft. Sie bte sich, den Salat zu mischen,
die Eier zu zerdrcken, Oel und Essig aufzugieen, ohne diese Ingredienzien zu
sehen. Aber die Geheimrthin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten
Ort gestellt, und wenn Adelheids Arm irrte, gab sie durch leise Tne ihr ein
Zeichen. Einige Schsseln zur Seite gesetzt, deuteten darauf, da dieses
Experiment schon mehrmals versucht war. Jetzt schien es zu gelingen. Der Salat
kruselte sich im Napf, doch verriethen Adelheids Bewegungen noch immer eine
innere Aengstlichkeit, und wer unter die Binde htte sehen knnen, wrde eine
Thrne in ihrem Auge entdeckt haben.
    Nur etwas ruhiger, sagte die Wirthin, und dann geht es vortrefflich.
    Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen, entgegnete das
junge Mdchen.
    Du wirst aber, wenn Du den Salat machst, gen Himmel, das heit an die Decke
blicken. Es wird sich irgend eine Gelegenheit finden, Dich aufzufordern, ein
Gedicht, am besten eines von ihm, herzusagen, Du gerthst, von der Schnheit
hingerissen, in Affekt, und blickst in die Wolken. Whrend Du recitirst, stellt
der Bediente den Salatnapf vor Dich und flstert Dir zu: Frulein, der Salat! Du
lsst Dich nicht stren und unterbrechen, greifst aber unwillkrlich nach Lffel
und Gabel, und ohne einen Blick hinunter zu werfen, verrichtest Du mechanisch
die Arbeit.
    Aber die Liane aus dem Titan ist ja, wie Sie mir gestern vorlasen, wirklich
in dem Augenblick blind, und der hssliche Minister, ihr Vater, zwingt sie nur
zu der Komdie, damit die Gesellschaft glauben soll, seine Tochter knne noch
sehen. Herr Richter und alle unsere Gste wissen aber, da ich sehen kann, warum
soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen, von der jeder Mensch wei, da sie
eine auerordentliche Abrichtung kostet? Die Gste werden wahrscheinlich den
Titan gelesen haben.
    Adelheid hatte die Binde abgerissen.
    Das setze ich sogar voraus, sagte lchelnd die Lupinus. Sie werden
sogleich wissen, was es bedeutet. Ach eine Liane! wird es von Mund zu Munde
gehen. Du liebst ja nicht die groben Komplimente, dies, hoffe ich, soll eines
der feinsten sein, das ihm in Berlin begegnet.
    Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor
gegen den groen Mann.
    Du kennst nicht die Welt und noch nicht die groen Mnner, seufzte die
Geheimrthin. Gerade wer bersttigt ist von Lob und Bewunderung, ist am
empfnglichsten fr die kleinen Aufmerksamkeiten. Kann man Jean Paul noch mehr
mit Huldigungen berschtten, als es die Damenwelt hier gethan! Der Hausknecht
schimpft schon, wo er wohnt, ber die vielen verwelkten Blumen, die er tglich
in die Mllgrube kehren mu, und glaubst Du, da wir ihm eine Freude machten,
wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen berschtteten? Er wrde das hinnehmen
als etwas, was sein mu, und denken: wenn Ihr nichts weiter knnt! Aber eine
solche versteckte Anspielung mu ihm schmeicheln, eben weil er recht gut wei,
welche groe Vorbereitungen es gekostet hat.
    Und warum mu ihm denn geschmeichelt werden?
    Weil er ein Mensch ist wie andere.
    Und warum mu man berhaupt schmeicheln?
    Weil wir leben wollen.
    Adelheid sah sie gro an. Sie schien sagen zu wollen: ich schmeichle Niemand
und lebe doch.
    Weil Du jung und hbsch bist, antwortete die Geheimrthtin auf den
unausgesprochenen Gedanken, darum ist man gegen Dich aufmerksam. Wenn Du nicht
mehr jung und hbsch bist, wirst Du Dich schminken mssen. Es giebt mancherlei
Schminke. Je lter man wird, mein liebes Kind, um so mehr Arbeit hat der Mensch,
denn um so mehr mu man die Schwchen der Anderen studiren, um vor ihnen zu
gelten.
    Warum mu man denn gelten wollen! Es entfuhr ihren Lippen; sie wusste sich
kaum den Sinn der Worte zu sagen und htte sie gern wieder verschluckt, als die
Pflegemutter sie anschielte.
    Ja warum lebt man! Der Philosoph fehlt noch, der uns die Frage
beantwortet.
    Es entstand eine Pause. Die Salatnpfe wurden vom Dienstmdchen
fortgeschafft; die Geheimrthin brachte die Tafel wieder in Ordnung, putzte die
Mbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand. Adelheid war
emsig ber eine weibliche Arbeit gebeugt, es schien, um ihr Gesicht zu
verbergen. Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet. Es
klang davon noch etwas in der kurzen Frage wieder:
    Kam das auch von Deinem Lehrer?
    Was, Mama?
    Da man nicht soll gelten wollen! Herr van Asten ist ein Philosoph, der
sich die Welt konstruirt, wie ein Dichter sie ansieht. Nicht wahr, hat er Dir
nicht gesagt, jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen, sondern nur sein, was
er ist? Das klingt hbsch, aber die Menschen shen sehr hlich aus, wenn sie
nichts thten, um sich zu verschnern. Davon, mein Kind, macht Keiner eine
Ausnahme.
    Er selbst will gewi nicht mehr scheinen als er ist -
    Sprich es nur aus, was Du verschluckst, Du meinst, er wre sogar noch
besser, als er scheinen will. Nicht wahr, denkst Du es nicht bisweilen, wenn er
in einer begeisterten Rede pltzlich inne hlt, als wolle er etwas nicht sagen
aus Bescheidenheit, wenn er die Augen abwendet, rasch auf ein anderes Thema
bergeht! - Und wenn er nun damit nichts wollte, als da Du glauben solltest, er
wre und wisse noch weit mehr, als Du denkst?
    Adelheid sah sie gro an: Dann wre er ja ein abscheulicher Mensch!
    Nicht schlimmer als Andere. Ja, er thte gewissermaen nur seine Pflicht.
Ein Arzt, ein Prediger und Lehrer, wenn sie wirken wollen, mssen einen Glauben
an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten, damit ihre Patienten und Schler an
sie glauben.
    Er brauchte es gewi nicht. sagte Adelheid.
    Da hast Du gewissermaen wieder Recht. Er war ein guter Lateiner, wie mein
Mann sagt, er htte nur einen gewissen Klassiker zu ediren brauchen, und eine
Anstellung und Anerkennung htte ihm nicht gefehlt. Aber man sagt, das gilt
jetzt nicht mehr viel. Da wandte er sich den jngern Geistern zu, die aus der
Natur, veralteten Poeten und der Mystik, Gott wei welche Schtze zu graben
vermeinten. Abgestandene Aufklrung nannten diese jungen Genies die Werke, durch
welche jene Mnner, die vor ihnen berhmt waren, ihren Ruhm gewonnen. Auf dem
Wege war kein Platz mehr fr sie zur Geltung zu kommen. Van Asten wollte auch
ein Dichter sein.
    Das hat er wieder aufgegeben, liebe Mutter. Er sagte mir, wer fhlt, da
seine Begabung fr die Poesie nicht ausreicht, soll davon bei Zeiten abstehen.
    Sehr vernnftig. Von der ganzen jungen Schule hat noch kein Einziger eine
Anstellung erhalten. Herr Iffland will auch ihre Theaterstcke nicht zur
Auffhrung bringen. Es hat einen glnzenden Schein, mein Kind, aber es gilt
nicht. Darum hat Dein Herr van Asten sich wieder auf Anderes geworfen. Er will
ein selbststndiger Mann, ein Charakter sein. Er hat sich von seinem Vater
getrennt, der ein angesehener reicher Mann ist, und will sich selbst sein
Fortkommen verschaffen. Wenn es ihm gelingt hat er recht. Das ist die Aufgabe
des Genies, aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen. Sein Anfang ist recht
hbsch. Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat, der mit gekrmmtem Rcken um
die Erlaubni bittet, ein Wort mitsprechen zu drfen, sondern er geht aufrecht
und spricht wenig, kurz, aber entschieden. Das frappirt auch Vornehmere, und man
fragt, wer er ist? Ich will ihm nur wnschen, da es ausreicht. Aber ich
frchte, es wird nicht ausreichen. Gute Privatstunden geben, und dann und wann
eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen, damit erlangt ein junger
Mann keine Bedeutung. Er thte noch immer am gescheitesten, wenn er zu seinem
Vater ins Komptoir zurckkehrte. Wenn man einmal der Erbe von van Asten und
Kompagnie wird, kann man sich schon bequemen, ein paar Jahre am Ladentisch zu
stehen.
    Walter!
    Dann wrde er Dir wohl weniger gelten?
    Das nicht, aber -
    Vor den Leuten wrde er an Geltung verlieren. Ach mein Kind, es steht
Keiner so hoch, da er nicht Alles verliert, wenn er vor den Leuten nicht mehr
gilt; Kaufleute und Knige, Gelehrte und junge Mdchen. Warst Du etwa eine
andere, als Du in dem schlechten Hause betroffen wardst? Benahmst Du Dich wie
die Mdchen dort, trugst Du Kleider wie sie, blicktest Du frech die Mnner an?
Nichts von alledem, Du warst die tugendhafte sittsame Adelheid, die Du vorher
warst und jetzt bist, aber Du galtest vor den Leuten fr ein Mdchen wie die
andern, und aller Deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet, wrst Du auf ewig
verloren gewesen -
    Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt htten.
    Man thte der Geheimrthin Unrecht, wenn man glaubte, da sie mit dem langen
Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe. Im Gegentheil, sie liebte
nicht Affectscenen, wo das Herz auf dem Prsentirbrett liegt.
    Ich habe nichts fr Dich gethan damals, sprach sie mit einer Ruhe, welche
die Aufwallung entschieden zurckwies. Du wurdest nur dadurch gerettet, weil
der Zufall Dich in mein Haus fhrte. Das Deiner Eltern ist gewi ein sehr
ehrbares, aber Dein Vater und Deine Mutter haben wenig Umgang mit der
Gesellschaft. Wenn Sie Dich auch noch so behtet und eingeschlossen, Du httest
doch einen Flecken behalten. Die Dich gekannt, wussten freilich, was Du warst,
die Andern aber htten gedacht: schade um das arme Mdchen, sie lebt nun so
zurckgezogen, fhrt sich so sittsam auf, und thut alles was sie kann, den
Versto wieder gut zu machen, sie ist auch vielleicht ohne eigene Schuld, aber
sie war doch einmal in dem Hause, und das vergisst man nicht. So argumentirte
der Legationsrath, und ich gab mich gefangen, und Deine Eltern endlich auch. Und
hatte der Treffliche nicht Recht? Ist nun nicht Alles gut? Man reit sich um
Dich. Bist Du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am
Gensd'armenmarkt? Habe ich Dich besser gemacht, erzogen? Ich bin weit von der
Eitelkeit entfernt mir das anzumaen; ich wei sogar, da Du ein Charakter bist,
der sich eigentlich nicht erziehen lt, der sich aus sich selbst herausbildet.
Was Du nach meinem Willen thust, geschieht nur aus Dankbarkeit, und Du behltst
noch Deinen Willen. Aber vor der Welt bist Du eine andre, Du giltst, ich sage
nicht fr tugendhast, davon ist nicht mehr die Rede, aber vielleicht fr mehr
als Du jetzt schon bist, Du bist ein enfant gat der Modewelt, alles, weil Du in
einem Hause lebst, was Geltung hat. Ja, mein liebes Kind, wer unter den Menschen
leben will, mu vor ihnen gelten wollen.
    Die Geheimrthin whlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen. Es
war nicht das erste Mal, es geschah auch nicht zufllig; sie meinte auch, nicht
mit grausamer Absicht. Um fest zu werden fr das Leben vor uns, mu man jeden
Augenblick ber das hinter uns klar sein, war ihr Argument.
    Auch Adelheid wiederholte nur, was sie schon tausendmal gesagt, von dem
Schutzengel, den sie gefunden, dem neuen Leben, welches sie in diesem Hause
angefangen, wie sie sich jedesmal strafe, wenn sie dem Willen ihrer Retterin
entgegen handelte, wie Alles hier zu ihrem Glcke ausschlage.
    Und doch wnschtest Du Dich schon fort!
    Nicht doch! nicht doch! Adelheid kte mit Heftigkeit die Hand der
Lupinus.
    Du bist unruhig. Httest Du wieder beleidigende Aeuerungen gehrt?
    Im Gegentheil, liebe Mutter, das ist alles berwunden, selbst der
schreckliche Gedanke, da ich in die Zeitungen kommen musste, auch das ist nun
vorber. Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren, und die Sonne
ging dann auf, und sie verdampften, bis alles, alles klar war, da fhlte ich
mich wie aufgelebt. Das Gras, die Bsche und die Blumen sind doch nicht Schuld
daran, dachte ich, da der hliche Nebel sie belegt.
    Der Geheimrthin prfender Biick war noch derselbe: Und Dir ist doch etwas!
Du kamst so echauffirt zurck. Du kannst Dich nicht verstellen. Ist er Dir
wieder begegnet?
    Adelheid nickte nur mit dem Kopf.
    Wo?
    Als ich in den Thorweg zu Herrn Richter einbog, glaubte ich ihn um die
andere Ecke kommen zu sehen, ich hoffte, er htte mich nicht bemerkt. Und darum
war es mir lieb, da Herr Richter mich lnger aufhielt. Aber als ich heraustrat,
und wirklich, ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen ber den herrlichen
Mann, da -
    Unterstand er sich, Dich auf offener Strae anzutreten!
    Nein eigentlich nicht. Er stand am Eckhause, wo ich vorbei musste, mit
gekreuzten Armen, wie ein Trumender.
    Und als Du vorbei gingst?
    Mama, ich glaube beinahe, ich hpfte vorbei, so wohl war mir in dem
Augenblick und ich sah ihn erst, und er gewi mich auch, als ich beinahe an ihn
stie.
    Und -
    Ich wei nicht, stie ich einen Schrei aus, aber es war gewi nicht laut,
ich fuhr zurck -
    Und er?
    Vielleicht sagte er auch etwas. Das wei ich nicht mehr. Aber der Blick,
den er auf mich warf, verfolgte mich.
    Unerhrt! Lieest Du ihn nicht durch den Bedienten zurecht weisen? Er ist
ja ein frchterlicher Mensch.
    Den armen kranken Johann, der sich nur so hinschleppt -
    Du httest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen.
    Nein, theuerste Mutter, lassen Sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre
Begleitung. Ich bitte Sie recht dringend, instndigst darum. Ich htte wohl den
Muth, ihm Rede zu stehen, wie er verdient, aber -
    Drei Mal hatte er ja wohl die Unverschmtheit, sich anmelden zu lassen,
seit er aus dem Arrest ist?
    Das dritte Mal gerade, als Sie zum Polizei-Prsidenten gefahren waren.
    Da ist auch keine Abhlfe, sagte die Geheimrthin kopfschttelnd. Der
Prsident meinte, die paar Wochen, die man ihn wieder eingesperrt, seien das
Aeuerste, was man thun knne. Denn von der Insulte gegen Dich ist nicht die
Rede gewesen, nur weil er maskirt auf der Strae erschienen und mit der Wache
seinen Spott trieb! Aber, mit uns treibt er tglich seinen Spott, sagte ich, er
verfolgt im Theater, auf der Strae meine Pflegetochter, er dringt in mein Haus.
Wer schtzt uns? Der Herr Prsident hatten keine Antwort, als, er bedaure, da
wir keine Bastille htten und keine lettres de cachet fr Personen, die uns
unbequem sind.
    Adelheid senkte die Augen: Was that er uns auch eigentlich, was die
Obrigkeit verbieten kann? Andre fixiren mich auch im Theater. Er wollte in unser
Haus, aber bei hellem Tage, er klingelte und lie sich ordentlich melden. Er
schrieb einen Brief an mich, aber wir schickten ihn unerffnet zurck. Wir
knnen dem Richter nicht einmal angeben, was er will.
    Sollen wir warten bis er eine Leiter anlegt, oder Nachts bers Dach
einbricht?
    Neulich, als Sie fortgefahren waren, hatte er mich durch das Flurfenster
gesehen, und doch respectirte er die Unwahrheit, die der Bediente auf Ihren
Befehl sagte: ich sei nicht zu Hause. Johann hatte die Thr schon geffnet, er
brauchte nur den Fu vorzusetzen, ihn mit dem Ellenbogen zurckstoen und wenn
er seiner Tollheit nachgehen wollte, war er Herr im Hause. Es mag in dem
Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein. Die Arme auf der
Brust gekreuzt, stand er eine Weile auf dem Flur und sein Auge schien in die
Dielen zu brennen. Da hab ich auch einen Augenblick gezittert. Pltzlich rief
er: ich werde sie ein ander Mal zu Hause finden! und ohne sich umzusehen,
strzte er die Treppe hinunter. Es kann doch also keine bse Absicht sein.
    Seine Absicht ist, meinem Hause einen Affront anzuthun. Es ist eine
Beleidigung jetzt mir zugefgt. Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouirt,
nichts desto weniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrath Bovillard, der am
Ende noch Gefallen daran findet, wenn sein ungerathener Sohn eine Dame
insultirt, die er schon mit seinen Plaisanterien verfolgt. Aber das soll, mu
anders werden. Wir werden einen Beschtzer finden. Dein Erretter, der
Legationsrath, der unglcklicher Weise bald nach jener Affaire Berlin verlassen
musste, um seine Gter zu revidiren, wird bald zurckkehren. Er wei, wie man
uns Ruhe verschafft. Er ist jetzt der Mann, der gilt, der Stern der
Gesellschaften, und ich hoffe von seinem Einflu auf den alten Bovillard, da er
selbst endlich mde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft.
    Die Lupinus hatte in ihren Eifer bersehen, da Adelheid den Mund zu einer
Mittheilung geffnet: Herr von Wandel ist ja zurck.
    Die Geheimrthin htte jetzt ebenso Grund gehabt, in Adelheids Art etwas
Aufflliges, eine Aufgeregtheit zu finden, aber weil sie selbst aufgeregt war,
merkte sie es nicht.
    Er zurck! - Woher weit Du das?
    Als ich vor ihm - vor Jenem - in einen Laden flchten wollte, trat er
heraus.
    Wandel - und - mein Gott, das Wichtigste sagst Du mir jetzt erst!
    Ich war so berrascht, verwirrt -
    Und -
    Ja, was eigentlich geschehen, wei ich nicht. Ich glaube, ich habe ihm die
Hand gereicht.
    Du glaubst -
    Mama, ich glaube, ich htte Jedem sie gereicht, der mir entgegentrat, es
war eine Angst, ich sah nichts mehr vor mir.
    Und der Legationsrath! - Haben sich Beide wiedererkannt?
    Ich wei es nicht. Der Legationsrath sah nur meine Angst. Aber dann hat er
mich nach Haus gefhrt.
    Er - Dich? Hierher? Wo ist er - Was sagte er?
    Liebe Mutter, zrnen Sie mir, ich wei nichts von dem Gesprch. Ich horchte
nur immer, ich bebte, ob er noch hinter uns wre. Er wird mich fr sehr kindisch
gehalten haben.
    Ich will es Dir vergeben, weil Du beschmt warst, nicht mehr Muth gezeigt
zu haben. Und vor dem herrlichen Mann, dessen Gegenwart schon Deine gesunkenen
Geister erheben musste! - Aber mein Gott, wo ist er? Er hat Dich hergefhrt.
Warum kam er nicht mit herauf?
    Adelheids Geister waren nicht gehoben. Auf alle Fragen der Geheimrthin ber
ihren Begleiter, wusste sie sich kaum zu entsinnen, da er beim Abschied gesagt,
wenn er nicht zu einem Minister berufen, wrde er sich sofort das Vergngen
gemacht haben, bei ihrer gtigen Pflegemutter anzusprechen. Adelheid ward mit
dem Befehl entlassen, fr ihre Toilette zu sorgen.
    Die Geheimrthin war in sichtlicher Unruhe zurckgeblieben. Ihre Gedanken
machten Kreuz- und Quersprnge. Wenn sie den Legationsrath prsentiren konnte,
ihn, den neuesten Lion der Gesellschaft, den bewunderten, rthselhaften Mann,
der aber als er, eine neue Sonne, aufgegangen, pltzlich wieder verschwunden
war! Wenn er nach seiner langen Abwesenheit, zuerst in ihrer Gesellschaft wieder
erschien! Wenn er jetzt anklopfen sollte, sein erster Besuch bei ihr? Wenn -
Niemand kannte den geheimen Grund seines Aufenthaltes in Berlin, und welches
Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt, als ihn ein dringendes Geschft pltzlich
auf seine Gter rief! - Wenn er sich gedrungen fhlte, sie zur Mitwisserin
seiner Ideen zu machen. Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer
Situationen, als eine kalte Frage dazwischenfuhr: Wird er denn berhaupt kommen?
Hat er dem Mdchen nicht vielleicht etwas aufgebunden, nur um sie los zu werden?
Ist er nicht vielleicht abgereist, um seine Verbindungen hier zu brechen? Er
kehrt zurck, Gott wei warum, aber nicht, um die wieder anzuknpfen, deren er
berdrssig ist. Er ist ein Mann, der der Welt angehrt, Berlin ihm ein
Stationsort, um sich auszuruhen, nicht lnger als nthig, und die Personen, mit
denen er umgeht, zum Zeitvertreib zu gebrauchen. Zum Thor hinaus, in der
nchsten Stadt, hat er uns vergessen -
    Aus diesem peinlichen Selbstgesprch ri sie ein fester Klingelzug und
gleich darauf meldete der Diener den Legationsrath von Wandel.

                          Vierundzwanzigstes Kapitel.



                               Der Legationsrath.

Die Geheimrthin war in der Regel die Erste in den Kreisen, in welchen sie sich
bewegt, sie war sich dieses Uebergewichts bewusst, dennoch glaubte sie den rohen
Kitzel berwunden zu haben, welcher sich darin gefllt, dies Uebergewicht auch
die Anderen empfinden zu lassen. Dem Legationsrath gegenber fhlte sie diesen
Zauberbann zerstrt. Aber grade gegen eine geistige Uebermacht anzukmpfen, ist
interessant. Eine Frau hat so viele kleine Knste, mit denen sie unbemerkt in
das feste System des Mannes Bresche legt, wenn es der Mhe verlohnt.
    Er stand auf der Hhe, wo man nur wenig auszugeben braucht, aber man reit
sich um die Mnze, wie um eine Seltenheit. Dann sieht man auch wohl nicht immer
genau nach, ob die Mnze echt ist. Er sa nachlssig im Fauteuil, doch mit dem
Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenber, die er auch dafr anerkennt.
    Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen, in welchen wir
die Lupinus zu Hause wissen.
    Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen, in die sie
dringen will, hatte er auf eine Bemerkung der Geheimrthin erwidert, da sie
die Sphren des Staats fr ihr Geschlecht wenn nicht unzugnglich, doch
geschlossen halte.
    Man sagt uns doch so oft, wir sollen uns nicht aus unserer Sphre
verlieren.
    Wer das uns auf sich beziehen will! Ist die Stael keine Frau! Mich dnkt,
man braucht nicht so weit zu suchen. Sind nicht die hchsten Damen an unserem
Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik! Und wer sagt uns, ob nicht die
ganze Politik der Zukunft in den Hnden der Frauen ruhen wird!
    O, wer in diese Zukunft blicken knnte, ob sie uns Aufschlsse, Lichter,
Befriedigung bringt, oder das alte Einerlei des Zweifels, der getuschten
Hoffnungen, der immer neuen Erwartungen, die nie erfllt werden!
    Die Zukunft, gndige Frau, wird sein wie die Gegenwart, wenn wir sie nicht
zu ergreifen verstehen.
    Und wer ergreift diese! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu
bestimmt.
    Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange als der
Mann es bleibt, das ist so lange als er sich selbst beherrscht.
    Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege fhren!
    Die Kraft, das Ziel unverrckt im Auge zu behalten, die Wege, die die
krzesten und sichersten, nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben, wie man
Rosse zgelt und spornt, deren Natur wir kennen.
    Das ist nur an den Mnnern.
    Warum! Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung, Bezge zum Leben,
weit leichter der Verfhrung ausgesetzt.
    Das sind Paradoxien.
    Nichts weniger. Er ist zugnglicher den Leidenschaften, weil er sie
leichter befriedigen kann, dem Ehrgeiz, den Illusionen aller Art; und giebt er
ihnen sich hin, hrt er auf zu berechnen, verfolgt er eine Phantasie, ist er
schon verloren. Das Weib in seiner anscheinend beschrnkteren Sphre kann ihre
ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand concentriren, und wie
sie den Mann beherrscht, wenn sie will, warum nicht die Welt!
    Sptter!
    Dem Weibe gab die Natur die seine Beobachtungskraft, die wir nur mit
unendlicher Anstrengung uns aneignen, die Gabe aus Symptomen, die unserem in die
Ferne schweifenden Blick entgehen, Seelenzustnde, vergangene und knftige
Begebenheiten zu entziffern. Vermag sie's, Herrin zu werden ber ihre Neigungen,
Vorurtheile, ihre Liebe und ihren Ha, ihre Impulse und aberglubischen
Vorstellungen; vermag sie's, ihre Bestrebungen, ihre Liebe und ihren Ha auf
grere Dinge zu richten, als den Untergang einer Rivalin, die Protektion eines
Gnstlings, dann, sage ich Ihnen, kann sie mit ihren auerordentlichen Mitteln
Groes, Auerordentliches, warum nicht das Grte.
    Die Geheimrthin schwieg nachsinnend. Sie hielt es fr den Moment geeignet,
seitwrts abzuspringen: Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen, sagte
sie wieder aufblickend.
    Ich kann einen Trunkenen beneiden, aber nur so lange er es ist.
    Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schnsten Thaten.
    Aus der Geschichte nicht, meine Gndigste. Sie ist ein groes Quodlibet, wo
Platz ist fr vieles. Nur aus dem Katechismus der Wenigen streiche ich sie,
welche wissen, was sie wollen.
    Und wie wenige Gren bleiben dann brig, erwiderte die Geheimrthin.
    Wenige, aber zum belehrenden Exempel genug Csar blieb sich gleich bis zum
Gipfelpunkt.
    Und fiel durch Mrderhand.
    Der rohe Zufall liegt auer unserer Berechnung; er fiel, nachdem er
erreicht, was er erstrebt. Und doch vielleicht war's auch nicht ganz Zufall.
    Wie htte Csar den Arm des Brutus hemmen knnen, wenn er keine Ahnung
seines Vorsatzes hatte!
    Der Legationsrath lchelte: Csar hatte Vertrauen, wo er nur Argwohn haben
durfte. Csar war der groe Mann, weil er sich selbst Alles verdankte, weil er
im Siegerglck nicht glaubte, da er nun genug gehandelt, da nun das Schicksal
fr ihn wieder handeln msse, weil er nicht, von der eignen Gre trunken, an
eine Mission glaubte. Aber er irrte, als er glaubte, da ein groer Mann auch
sogenannte menschliche Regungen haben, da er, ohne ein bestimmtes Interesse
gromthig sein drfe. Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen
spekuliren, und er spekulirte nur auf ihren Edelsinn. Er, in seiner Lage, durfte
nicht hoffen und lieben, nur beobachten und rechnen, und ihm war der Argwohn
eine Tugend und Nothwendigkeit. Er schlo das scharfe Auge, er rechnete falsch
und vertraute. Ein Csar darf auf nichts vertrauen!
    Es trat eine Pause ein. Das Gesprch hatte eine Wendung genommen, die
vermuthlich an den Anfang desselben wieder anknpfte. Man hatte von den
Ereignissen des Tages gesprochen, von dem Stern, ber den die Meinung sich noch
theilen konnte, ob er ein leuchtendes Tages-Gestirn sei oder ein nchtliches
Meteor?
    Und er ist Kaiser, hub die Geheimrthin an, er hat sich selbst dazu
erklrt! Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin, ein
gewesener Artillerielieutenant! Und die altgekrnten Mchte beeilen sich, ihn
anzuerkennen!
    Sie mssen wohl!
    Nehmen Sie sich in Acht, Herr Legationsrath. Man darf ihn hier nicht
ungestraft in allen Kreisen bewundern. Und Sie besuchen -
    Die verschiedensten, fiel er rasch ein. Es war das gewesen, wofr der Gast
es nahm, ein Klopfen auf den Busch. Ich bewundere nichts, fuhr er fort, ich
beobachte nur, und mein Facit der Anerkennung ziehe ich erst, wenn ich einen
Mann am Ziele sehe.
    Wird er es erreichen? fragte die Geheimrthin leiser.
    Wenn Sie mir sagen knnten, was sein Ziel ist, wrde ich versuchen, auf die
Frage zu antworten.
    Sein Ziel! - die Geheimrthin sah ihn gro an, aber sie verstummte vor
seinem abmessenden Blick. Mit einem Seufzer sagte sie: War es denn ein
Verbrechen, in ihm einen Beglcker der Menschheit zu erblicken!
    Ein Verbrechen ist Unsinn, und der Wahn, da Einer fr Alle etwas schaffen
knne, eine Thorheit. Jeder schafft fr sich. Ich wei nicht, ob der junge
Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing, der Kaiser der
Franzosen wird ihn belcheln. Man mu die Menschen kennen gelernt haben, wie
wir, gndige Frau, um zum Resultat gekommen zu sein, da, was man so die
Menschheit nennt, nicht werth ist, sein Bestes fr sie zu opfern.
    Aber mein Gott, fr wen soll man sich denn opfern.
    Der Gast schien es berhrt zu haben, oder seine Gedanken hatten
unwillkrlich einen andern Gang genommen; Es ist zu bedauern, da die Kaiserin
ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewhrt. Eine wahre Zierde ihres Geschlechts!
    Sie kennen die Kaiserin Josephine?
    Ihre Majestt, Knigin Louise, ist gewi die personificirte Huld und
Schnheit, aber diese Creolin, in der sichtlich noch das tropische Blut pulst,
hat etwas Bestechendes, Fortreiendes. Man mu sie gesehen haben - ach, schon
als Josephine Beauharnais!
    Sie kannten sie damals schon?
    Es rhmen sich Viele, doch wer kann sagen, da er sie kennt! Kennt man nur
ihren Einflu auf den Kaiser!
    Sie hat vieles Blutvergieen verhindert.
    Sagt man. Wer diese on dit's geschickt auszustreuen wei, der kommandirt
ber Armeekorps. Und Beide, der Kaiser und die Kaiserin, sind darin geschickt,
es fragt sich eben nur wie lange Beide zusammen operiren werden.
    Mein Gott, Sie scheinen auch mit den huslichen Angelegenheiten des
Kaiserpaares vertraut.
    Ich lese nur, was Jeder lesen kann, der die Augen auf hat. Will er ein
Reich grnden, was ihn berlebt, mu er einen Sohn haben der ihn beerbt. Wer
arbeitet mit voller Kraft fr einen andern Dritten! Was ist ihm der adoptirte
Stiefsohn! Erinnern Sie sich, was die sentimentalen Seelen von ihm hofften,
nachdem er die Revolution besiegt?
    Ich habe nie geglaubt, da Napoleon sich zu einem Monk herabwrdigen
knne, sagte die Geheimrthin.
    Gewi, wer die Kraft hat ein Egoist zu sein, wird sich nie mit einer Livree
begngen.
    Egoist!
    Alle groen Mnner sind es, eigentlich alle wahren Mnner. Wer schaffen
will, mu fr sich schaffen, und wer ein Weltreich grnden will, fr eine
Dynastie, die seine ist. Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau.
Sie sieht das ein; wie weit sie voraussieht, wissen wir nicht, aber sie hat
einen Sohn. Es ist nun ein recht kluger Anfang, da sie die Maske der Milde,
Liebe und besnftigenden Gte vornimmt, und ob es von ihrem Gatten klug ist, sie
ihr zu lassen - das ist eine andere Frage, die - uns Beide wenigstens, meine
theuerste Geheimrthin, glcklicherweise nichts angeht.
    Er war aufgestanden. Die Geheimrthin htte die Unterhaltung gern
fortgesetzt: Sie sind gewi sehr affairirt. Eine so ehrenvolle Sendung mu Ihre
ganze Zeit in Anspruch nehmen.
    Ich bitte Sie, kein Wort von der Bagatelle. Natrlich wird man nicht gerade
zur Thr hinausgeworfen, wenn man als Ueberbringer solcher Ehrenzeichen ankommt,
indessen, wie gesagt, ich wnschte, da man in den Cirkeln hier kein Aufhebens
davon machte.
    Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigene Brust mit einem dieser
Ehrenzeichen geschmckt.
    Fr einen Brieftrgerdienst! Monsieur Laforest, der Gesandte, lachte ber
die Mission, und das verdient sie auch; haben wir doch Jeder fr Wichtigeres zu
sorgen! Ich freue mich nur, da die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt
lohnt. Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebrdet.
    Ich freue mich, da alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen. Adelheids
Renommee ist nicht allein hergestellt, sie ist - nun Sie erfahren es schon.
Mchte sie nie den Dank gegen Den vergessen, dem sie ihr Alles verdankt.
    Dank, meine Gndige! Es giebt keine Substanz in der Chemie, die so schnell
verflchtigt! Wer darauf bauen wollte -
    Sie brauchen nicht zu bauen, denn Ihr Haus steht fest. Freilich, was ist
Ihnen daran gelegen, da man Sie in Berlin vergttert! Indessen es ist doch auch
fr einen Philosophen nicht ganz unangenehm, wenn ihn die Leute auf der Strae
kennen und feiern. Ach, mein Gott, warum mussten Sie damals so schnell abreisen.
Das war ein Erkundigen, ein Fragen nach Ihnen. Der Hausknecht, wie Ouvriers, die
fr Sie gearbeitet, wer nur das Glck gehabt, Sie in Gesellschaft, in seinem
Hause zu sehen, musste Auskunft geben, wie Sie ausshen, sprchen, welche Ihre
Freunde, ob Sie verheirathet wren, ob Sie hier Ihr Domicil aufschlagen wrden.
Man wusste Sie in kleine Theile zu zerlegen und meinte, der kleinste wre doch
noch etwas, was der Betrachtung Stoff giebt. Einige meinten, es sei doch eine
Art Koketterie, da Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung
sich entzgen, ich inde meinte etwas anderes -
    Und darf ich fragen, was meine Freundin meinte?
    Sie leben sich selbst, und fhlen einen andern Beruf, als der Neugier der
Menge Rthsel aufzugeben, die Sie nicht lsen wollen, vor ihr wenigstens.
Wahrhaftig, ich verdenke es Ihnen nicht.
    Der Legationsrath lie einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele
haften, einen der Blicke, welche die tiefste Absorbirung der Gedanken
ausdrcken; man will inde behaupten, da auch die Kunst solche Blicke
gebrauche, um den Mangel an Gedanken zu verbergen: Ach, meine Freundin, was
verrth uns mehr, welche Leerheit rings um uns ist, als dieses Haschen nach
Geheimnissen, die nicht da sind. Weil sie aus sich selbst nichts sind, darum
haschen sie nach einem Spielwerk, und ein unbekannter Fremder wird zu einem
Rthsel, weil er vielleicht seinen Rock anders zuknpft, anders den Hut abnimmt,
einen andern Ton auf die Worte legt, als hier alltglich ist.
    Da ich immerwhrend bestrmt werde, sagen Sie mir, was ich den Leuten
sagen, oder wenigstens, was ich ihnen verschweigen soll -
    Verschweigen! Mein Gott, ist denn zwischen uns ein Geheimni! Malen Sie
mich Ihren Bekannten, wie Sie wollen. Eine solche Meisterin wird immer das
Richtige treffen. Warum ich hier bin, das ist ja wohl das interessanteste
Rthsel. Ich soll Emissair sein, Gott wei von welchem Illuminaten- oder
Freimaurer-Orden, obgleich diese Albernheiten lngst aus der Mode sind! Ich bin
geheimer Envoy einer Macht, man wei nur nicht welcher. Nicht wahr? Natrlich
soll ich Staatsgeheimnisse ausspioniren! Ja wenn nur deren hier wren! Und da
ich an der Tafel der Minister, der Prinzen speise, da ich ziemlich offen mit
ihnen konferire, ist es doch nicht meine Schuld, wenn ich Dinge erfahre, an
denen mir wirklich nichts gelegen ist. Ich soll ja auch wohl ein Krsus sein,
und bald wieder ein Glcksritter! Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe
mich umsehen? - Er seufzte: Und die Geister einer unaussprechlich geliebten
Gattin schweben noch um ihren Grabeshgel! Doch genug davon. Meinetwegen lassen
Sie mich einen Cagliostro sein. Im Uebrigen habe ich noch Niemand verhehlt, da
der Zustand meiner Gter in Thringen mich hergefhrt hat. Treffliche Gter,
aber verwildert unter meinem Vorbesitzer. Es bedarf einer wissenschaftlichen
Agrikulturbehandlung, um ihre Ertragsfhigkeit auf die Hhe zu bringen, die ich
mir zum Ziele gesetzt. Ich besitze chemische Kenntnisse, wer aber kann alles
wissen, wer braucht nicht des Rathes, fremder Einsicht? In Berlin finde ich
einen Hermbstdt, Klaproth, Flittner. Sie sind meine Lehrer, Freunde, ich
konsultire sie, experimentire mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde, Mergel,
in allen Arten knstlicher Dungmittel. Das meine Beschftigung hier. - Sie
selbst aber sehen mich unglubig an. Ach, ich versichere Sie, in dieser
Wissenschaft allein ist Trost. Hier ist Wahrheit, hier lerne ich kennen, was
sich bindet, was sich abstt, hier ist Folgerung, Zusammenhang, hier lse ich
mir Rthsel, welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen
Umhllungen und Masken so verwirrend umhllt, da oft das schrfste Auge, wenn
es die Wahrheit glaubt gefunden zu haben, doch nur beschmt vor einer neuen
Larve steht. Vor der Chemie gilt keine Tuschung. Whrend sie Formen und Farben
zaubert, zersetzt sie Alles in seine Urstoffe. Das Kruseln des Dampfes in der
Retorte, im Tiegel, der Geruch, den sie entwickelt, den Lichtglanz, die
schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben, flchtige Momente,
whrend wir doch nur den Tod produciren, Schlacke, Asche, Staub, Luft in Luft.
Der Tod nur ist dauerd. Leben Sie wohl.
    Mein Gott, was ist Ihnen? Sie betonen das Wort Tod so besonders!
    Mit jeder Stunde, die wir leben, bereiten wir ja den Tod. Ich hoffe also
heut Abend auf Wiedersehen.
    Sie hoffen nur? Vorhin sagten Sie bestimmt zu. Sie erwarten heut keinen
Befehl eines Prinzen mehr.
    Nein, wenn inde ein Hinderni -
    Sie mssen doch nicht wieder fortreisen?
    Ich hoffe nicht, da es so schlimm ausfallen wird.
    Sie spannen meine Neugier. Jetzt mssen Sie sprechen.
    Es ist nur eine der Kleinigkeiten, die das Leben pikant machen. Den jungen
Bovillard, den ich in der That auf meiner Reise vergessen hatte, traf ich vorhin
auf der Strae, und wenn meine Physiognomik mich nicht tuscht, finde ich zu
Hause das, was ich lngst erwarten durfte. Indessen wird er sich doch nicht so
berhasten, da er mir nicht noch das Vergngen gnnt, einen vergngten Abend in
Ihrer liebenswrdigen Gesellschaft zu verbringen.
    Allmchtiger Gott, rief die Geheimrthin erblassend. - Eine
Herausforderung! - Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen einen Mann wie
Sie - und um die edelste Handlung -
    Vor seine Kugel zu fordern.
    Das darf nicht sein. Bester Freund, Sie kennen nicht seinen Ruf. Mit Ihrer
Ehre vertrgt es sich nicht -
    Er sa noch nicht im Zuchthause, ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen,
auch hat er seine Spielschulden, wie ich hre, noch immer bezahlt, und ein
Dutzend Duelle als Cavalier bestanden; das, meine gtige Freundin, giebt dem
Sohn des Geheimrath Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht,
auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Armes zu laden, und wenn
seine Kugel dies Herz durchbohrt, so versichere ich Sie, ist sein Renommee nicht
schlimmer, sondern besser.
    Abscheulich! Wer bessert das!
    Ein Mirabeau hate einmal den Muth. Er sprach es aus, da man einem Dummkopf
nicht das Recht lassen drfe, dem genialsten Mann Frankreichs mit einem Stck
Blei seinen Kopf zu zerschmettern. - Die Revolution ist berwunden und die
Dummkpfe haben wieder ihr Recht.
    Aber um Gottes Willen, es mu doch Mittel geben -
    Ein Csar Borgia wrde freilich in solchem Fall Mittel finden; auch haben
sehr kluge Kpfe sich dadurch der Welt erhalten, die allerdings mehr von ihrem
Ingenium profitirt hat, als von zehn Haudegen, welche die Weinhuser mit ihren
Radomontaden erfllen. Indessen, wir sind keine Borgias und das neunzehnte
Jahrhundert vertrgt keine Stilets und Banditen.
    Aber es mu seine edelsten Mnner schtzen. Es giebt auch andere Mittel,
eine hhere Polizei, eine Justiz. Bovillard der Vater mu es erfahren, er mu
endlich etwas thun, dem Unwesen seines Sohnes zu steuern. Der Knig selbst ist
entsetzt ber diese blutigen Raufereien -
    Der Gast hatte ihren Arm ergriffen: Um des Himmels willen, meine gtigste
Freundin, soll ich bereuen, da ich im Vertrauen die Lippen ffnete? Es war
Alles Scherz -
    Nein, es ist Ernst.
    Wenn Sie dem Dinge den Namen gnnen, so beschwre ich Sie, kein
Sterbenswrtchen davon! Sie werden mich verstehen. Was ist das Leben? Eine
Anweisung auf Geltung. Wird dieser Wechsel zurckgewiesen, was bleibt uns davon!
Wer mag der Lebensluft, in der wir nur athmen knnen, den Rcken kehren! Ich
rechne also auf Ihre Diskretion. Jedes Wrtchen, jeder Wink knnte von meinen
Feinden anders gedeutet werden. Es ist ja auch mglich, da der junge Mann sich
eines Besseren besinnt. Ach Gott, der Mglichkeiten sind so viele, da ich es
aufrichtig bereue, Sie nur einen Augenblick gengstigt zu haben. Keinenfalls
darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stren. Meine soll es wenigstens gewi
nicht, denn ich freue mich aufrichtig, den neuen Abgott der Residenz kennen zu
lernen.
    Sie kennen Jean Paul nicht?
    Ich begegnete ihm wohl irgendwo.
    Die Geheimrthin sah etwas verlegen vor sich hin: Ich hoffe Sie
disapprobiren nicht -
    Was sich versteht in Credit zu setzen. Der Werth eines Staatsmannes, meine
Freundin, und der eines Dichters, was sind sie an und fr sich, es kommt allein
ihr Courswerth in Betrachtung, gleichviel, ob der Dichter ihn sich selbst
gemacht, oder Andere so gtig waren. A propos, da kann ich Ihnen eine Neuigkeit
mittheilen. Bei Hofe ist eine lebhafte Intrigue. Nachdem es nicht gelungen
Schillern hier zu fesseln, versucht man Herrn Richter uns einzuimpfen. Die
Parteien sind getheilt. Ihre Majestt die Knigin wnscht ihm eine Prbende
zuzuwenden. Beim Knig frchtet man auf Schwierigkeiten zu stoen. Um dewillen
spielen alle Maschinen. Der Berg luft von Diesem zu Jenem. Herr Jean Paul soll
von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden, bis er dem Throne so ins
Auge gerckt ist, da Seine Majestt sich zu einer Auszeichnung gleichsam
gezwungen fhlen. Daher werden die Kunstgrtner bis zum Exce um ihre seltenen
Blumen geplndert, daher die Damendeputation an den neuen Frauenlob. Die Knigin
lde ihn gern selbst ein, aber er mu erst gewisse Leiterstufen der Einladung
durchgemacht haben, bis das in einem petit circle mglich ist. Man ist daher
auch sehr zufrieden mit den Arrangements unserer theuren Freundin, und die Stufe
der Ehre, die Sie ihm heut erweisen -
    Mein Gott, wie kann man wissen -
    Man wei Alles. Aber bedenken Sie wohl, da die Gunst der Knigin nicht
jedesmal zur Gunst Seiner Majestt fhrt. Er ist kein Freund der Abgtterei.
Doch qu'importe, aber hten Sie sich, da unsere Schnheit hier, wenn sie ihm
den Lorbeerkranz auf die Schlfe drckt, nicht zu tief ins Auge des Dichters
sieht. Man fand zwar, er wre in alle Huldinnen Berlins verliebt, und in seinen
Entzckungen wei er nur noch nicht, welcher er das Tuch zuwerfen soll; aber nur
nicht unserer Adelheid! Ihre Natur ist zu schn, um sie mit einem Dichter zu
vertrumen. Au revoir!
    Der Legationsrath lie die Geheimrthin in einem Meere von Gedanken. Sie
passten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas
zu trben.

                          Fnfundzwanzigstes Kapitel.



                               Mars mit dem Zopf.

Eine Gesellschaft, zur Zeit als Gesellschaften die Blthe des geistigen Lebens
reprsentirten, mag man mit einem Sonnensystem vergleichen. Wenn aber viele
Sonnen mit gleichen Ansprchen da sind, kann sie uns wie ein Universum
erscheinen, das, nicht fertig, noch nach einem Centralpunkt sucht. Ein solches
meteorisches Wogen ist fr Viele unbehaglich, fr den Beobachter interessant,
fr den Maler aufzufassen unmglich. Er mu sich mit Segmenten gengen lassen.
    Die Wirthin wre gern die Sonne gewesen. Aber eine Sonne mu nicht allein
scheinen und leuchten, sie mu auch wrmen. Sie war eine Frau von Verstand und
selbst Witz, eine Erscheinung, die nicht ohne Eindruck blieb, aber es war nicht
der Verstand und Witz, der fesselt, nicht die Erscheinung, die zugleich imponirt
und anzieht. Sie durchdrang die Gesprche, sie wusste sie zu leiten,
abzubrechen, aber ihnen nicht den Hauch und die Frbung zu geben, da sie sich
von selbst fortspannen. Sie war die liebenswrdige Wirthin, die fr Jeden etwas
Angenehmes in Bereitschaft hatte, aber es schien so spitz zugeschnitten, da die
Oekonomie dem Geschmeichelten nicht entging. Es blitzte wo sie erschien, die
Konversation wogte in sanften Wellenlinien einer gewhlten Sprache, aber sie
stockte pltzlich, wenn sie zu anderen Kreisen sich wandte. Man fhlte sich
genirt, wo sie hinzutrat, und frei, wenn sie den Rcken gedreht. Das wird
freilich in allen Gesellschaftskreisen sein, wo eine an Geist und Bildung
berragende Erscheinung der Unterhaltung ihr Siegel aufdrckt, die minder
Gebildeten fhlen das unsichtbare Joch, die Magie des Geistes, gegen die sie,
ohne sich selbst blo zu geben, nicht rebelliren drfen, sie fhlen sie sogar
doppelt, wo der Geist sich zu ihren Vorstellungen herablsst, und sie wrdigt,
in ihrer Sprache zu reden. Aber diese Gesellschaft war eine ungleich andere, als
die gemischte, in der wir neulich die Geheimrthin zu beobachten Gelegenheit
hatten. Sie war eine gewhlte. Die Geheimrthin kannte Alle, sie wute was man
vermeiden, was man andeuten drfe, und doch traf sie es nicht, da es den Leuten
wohl ward. Eine liebenswrdige Wirthin, eine geistvolle Frau! war das allgemeine
Urtheil; wohlverstanden das, was Zwei sich sagten, die sich und ihre Meinungen
noch nicht kannten. Wenn sie sich verstndigten, kamen einige Aber hinterher.
Aber sehr scharf. - Geistreich, sehr geistreich, aber ihr Geist schneidet. -
Enfin, sagte ein Dritter, sie hat Alles, um eine Gesellschaft zu entzcken,
nur fehlt ihr der Aplomb.
    Es waren Wandelsterne und Fixsterne. Zu jenen gehrten die Wirthin und ihre
Pflegetocher. Wenn Jene mit ihrem leisen Tritt die Kreise durchwandelte, konnte
man sie mit einer Geistererscheinung vergleichen. Das ist ein gewagtes
Gleichni; aber eben so gewagt ist es doch, wenn Andere Adelheid mit dem
aufgehenden Morgenstern verglichen, oder gar mit einer Sonne, die Frohsinn und
Lust verbreite. Wer schrfer gesehen, htte vielleicht auch die Anstrengung des
jungen Mdchens bemerkt, so zu erscheinen, wie die Pflegemutter es wnschte,
immer munter, naiv, geistreich. Es war noch ein anderer weiblicher Stern von
sehr verschiedener Natur, auf den wir spter treffen werden. Jean Paul war noch
nicht da, auch Herr von Wandel lie noch auf sich warten. Dagegen schien an dem
groen Ofen eines Nebenzimmers einer der Fixsterne zu stehen in der Person des
franzsischen Gesandten Laforest. Der Diplomat brauchte seine Kreise sich nicht
aufzusuchen, oder er wollte es nicht, aber er zog magnetisch die kleinen Lichter
an sich. Er war heute sehr aufgerumt und liebeswrdig, behauptete man. Ein
Bonmot ging schon durch die Zimmer. Auf eine unbescheidene Frage: was ihm in
Berlin am besten gefalle, hatte er geantwortet: die Oefen. Andere hatten schon
gehrt, da er gesagt: es sei das einzige Gute, was er in Berlin gefunden. Noch
Andere, er habe gesagt: in einer Stadt, wo er nichts kalt und warm gefunden, sei
eine Maschine, die man nach Belieben heizen und khlen knne, der preiswrdigste
Gegenstand.
    In einer Herrengruppe musterten Einige die Gesellschaft. Man wunderte sich,
den Geheimrath Lupinus von der Voigtei unter den Gsten zu sehen.
    Was wundert Sie das, sagte der Regierungsrath von Fuchsius. Er ist vllig
frei gesprochen und Alles bleibt ja beim Alten.
    Aber sein Leben auch dasselbe. Es ist doch ein Skandal, wie ich hrte,
bemerkte ein Major noch in jngeren Jahren; er hatte nicht den preuischen Pli.
    Wir bleiben Alle, was wir sind, sagte aufseufzend Fuchsius. Seit Lombard
zurck, die Anstrengungen der Knigin, neue Lebensgeister ins Ministerium zu
bringen, gescheitert sind, ist es mit allen den guten Vorstzen und den schnen
Anstzen vorber. Welche treffliche Reden und Memoiren sind umsonst
geschrieben.
    Zum Teufel mit den Reden! sagte ein General, den grauen Schnurrbart
streichend; aber es leuchtete noch Feuer aus seinen lebhaften Augen.
    Das denkt vermuthlich der Geheimrath Lupinus auch, fuhr der Rath fort.
Warum soll er sich geniren? Es schwimmt ja Alles wieder in diesem Sumpfe ser
Gewohnheit weiter. Und wenn der Staat selbst sich auf dem Lotterbrette weiter
streckt und wiegt, was darf er vom Einzelnen fordern, da er sich aufrafft! Der
Knig, das gebe ich Ihnen zu, wnschte es -
    Wenn er nur wenigstens die franzsischen Orden nicht angenommen htte!
rief der General, der sich auf einen Stuhl gesetzt, und presste die Brust auf
der Rabatte zusammen. Schimpf und Schande! Mag er sie der Clique austheilen,
aber der preuische Ehrenrock ist beschimpft, wenn auch Militairs sie tragen
mssen!
    Das kommt auf Ansichten an! erlaubte sich der jngere Militair zu
entgegnen. Der feindliche General, den Napoleon in seinen Bulletins lobt, fhlt
sich doch mehr geschmeichelt, als selbst durch die Orden, die ihm sein eigener
Frst ertheilt.
    Spitzfindigkeiten, mein Herr von Eisenhauch! fiel der General ein. Sie
gerade wrden sich am meisten schmen. - Alliancen, wo sie natrlich und mglich
sind, ein Entschlu, wo die Ehre gebietet, und Krieg, wo es die Existenz gilt.
    Fuchsins sagte, sich vorsichtig umblickend: Nehmen Sie sich etwas in Acht.
Man wei in Saint Cloud, da Sie ein militrischer Ideologe und ich wei, da
Laforest Sie beobachten lsst. Aus Enghiens Beispiel wissen wir wenigstens, wie
der neue Kaiser zu schrecken versteht.
    Pah! rief der General. Wir sind nicht in Baden. Ich sage Ihnen, wer jetzt
nicht herbeieilt, um am Brande mitzulschen, ist so schlimm, als wer Feuer
hinzutrgt. Wonach Bonaparte trachtet, liegt klar zu Tage. Oesterreich soll
erdrckt, zermalmt werden. Ein Thor, wer jetzt noch glaubt, da Oesterreichs
Vernichtung Preuens Erhebung ist. Das Schicksal hat bestimmt, da beide Feinde
zusammen handeln. Nur darin sollen sie rivalisiren, wer am tchtigsten
losschlgt. Zaudern wir jetzt wieder -
    So sind wir isolirt und - verloren! rief Fuchsius.
    Ein stolzer Kommandoblick des Generals traf den Sprecher: Wer sagt das!
    Wenn wir alle unsere Bundesgenossen von uns gestoen -
    Sind wir noch wir selbst.
    Der General hatte sich erhoben, die beiden Herren folgten, sie blickten sich
bedeutungsvoll an.
    Ja meine Herren, fuhr der General fort, es wre ein namenloses Unglck,
man knnte uns der Frechheit, des Verrathes beschuldigen, wenn wir wieder die
Gelegenheit entwischen lassen, wie vor sechs Jahren, aus Eigensinn oder
Eigennutz. Ein Unglck ja, wenn wir nicht losschlagen, aber verloren sind wir
nicht, wenn wir allein stehen.
    Die jngeren Zuhrer senkten die Augen. Der Veteran aber fuhr mit
leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort:
    Nein meine Herren, vielleicht fgt es das Schicksal so, damit wir noch
grer einst dastehen. Sie sind kein Preue, Herr von Eisenhauch, Herr von
Fuchsius ist kein Militr, ich bin beides, und mein Herz pocht laut und froh bei
dem Gedanken: wir allein ihm gegenber! Dann Alles in die Wagschaale geworfen,
und, ich sage Ihnen, wir schnellen nicht in die Luft! Braunschweig, Mllendorf,
Hohenlohe, Kalkreuth! sind das nicht Namen, vor denen die Davoust und
Bernadotte, und wie sie heien, erbleichen! Einer gengte schon; denn welcher
Ruhm und welche Erfahrung sind da aufgespeichert. Und nun denken Sie, alle diese
Namen vor einer Armee, deren Offiziere zur Hlfte noch unter Friedrich siegten,
vor graubrtigen Soldaten, die noch sein Auge anfunkelte. Und die Generale, die
zum Felddienst zu alt, pflanzen ihre Fahnen auf die Mauern unserer stolzen
Festungen. Denken Sie sich dies Corpus von altem Ruhm, unvergleichlicher Taktik,
von preuischem Muthe beseelt, von Wuth entflammt, zehnjhrige Unbilden zu
rchen, und gegenber - die zusammengestoppelten, gepreten Schaaren der
windigen Franzosen, die nur siegten, weil sie schneller sich bewegen konnten, -
dies rumen wir ihnen ein, - denken Sie ihn anpreschen mit solchen Schwrmen
gegen ein Quarr, ein Quarr aus der ganzen Preuischen Armee, und fragen Sie
sich dann, wie viel Napoleon Bonaparte's Name wiegen, wie viel Ueberzahl er
haben mu, welche taktische Knste ausreichen, damit er diese Eisenmauer
durchbricht. Er wird sie nicht durchbrechen, und wir, wir wollen sehen, wie
Friedrichs Geist von Leuthen auf uns herabblicktt!
    Es war etwas Hinreiendes in dem Feuer, dem der alte Kriegsmann sich
berlassen. Man wusste, als Kornet hatte er unter Friedrich seine Sporen
erworben, der groe Knig selbst hatte dm Jngling mit seiner Gnade beglckt. Es
war Wahrheit in der Rede, wenn auch nur die des Glaubens.
    Aber Herr General geben mir zu, - was der Major sagen wollte, ward vom
General unterbrochen.
    Da einige Reformen nothwendig sind. Ja, einige, Herr Major. Er hatte ihn
am Rock gefasst, und fuhr vertraulicher fort. Die reitende Artillerie, das
bedenken Sie wohl, war Friedrichs Schpfung. In einem Lieblingskinde sehen die
gescheidtesten Vter oft nicht die Fehler. Auch ein groer Mensch ist ein
Mensch, und darum keinen Vorwurf auf den groen Knig! Ihre Konstruktion der
Lafetten, ich sage es grade heraus, trotz Tempelhofs Autoritt, ist admirabel;
sie mu eingefhrt werden, was auch der Kriegsminister opponirt. Auch Ihre Ideen
ber die Bespannung zeugen von dem Scharfsinn, den ich stimire. Selbst zugeben
will ich, da in unserm Geschtzgieen Verbesserungen mglich sind, aber ich
denke, da unsre Kanonen noch, wie sie sind, einen Preuischen Donner orgeln
sollen, der die Franzosen an Robach erinnern wird. Nicht alles auf ein Mal!
Gegen Ihre Propositionen hinsichts der Spontons bin ich; das sage ich Ihnen
jetzt offen raus. Da Sponton-Exercitium mag immerhin andern nrrisch erscheinen,
Narren werden Sie in der Welt berall finden. Das Prsentiren mit dem Sponton
ist das Prsentiren der Armee vor sich selbst. Der Fhnrich, der, vor die Front
springend, es balancirt, jetzt senkrecht, nun verquer, macht die Honneurs vor
dem Feldherrn, dem General, vor dem Bataillon, vor sich selbst, nicht vor dem
Publikum. Das halten Sie fest. Der Franzos mag darber sich moquiren, so viel er
will, er hat Recht, fr ihn ist's Narretheidung, weil er das nicht hat, was wir
haben, - verstehen Sie mich recht - unsre Essenz, meinethalben Existenz. Das
Sponton ist das Residuum des alten Rittergeistes im Preuischen Militr. Wenn
ich so sagen darf, er betrachtet sich als eine geschlossene Zunft und ist das
Symbolum des Respektes vor sich selbst. Und, meine Herren, schaffen Sie erst die
Spontons ab, so fllt auch der Ringkragen, warum nicht auch die Schrpe und der
Federhut, und wo ist das Ende!
    Fuchsins und der Major hatten sich angesehen.
    Sie wollen auch gern die Kamaschen fort haben, fuhr der General freundlich
fort. Der Preuische Soldat ohne die Kamasche sage ich Ihnen, ist nicht mehr
der Preuische Soldat. So kennen sie uns, so sollen sie uns wieder kennen
lernen, anders nicht. Wei wohl, liebster Major, was Sie in Ihrem Memoire ber
die Massenbewegungen sagen. Charmant exprimirt, sein beobachtet. Durch diese
schnellen Evolutionen, da er gleichsam aus einem Sack die leichtfigen Massen
schttelte, seinen Feind flankirte, von allen Seiten scheinbar zugleich angriff,
sofort die Geworfenen durch neue Massen ersetzte, dadurch hat Bonaparte in den
meisten Bataillen gesiegt. Richtig! Aber gegen welche Feinde! Sehen Sie,
offenherzig gesprochen, ich admirire auch seinen Erfolg und sein Genie, aber was
sagt Friedrich in seinen Memoiren? Wenn sich zwei Feldherren in langen Campagnen
gegenberstanden, lernen sie sich dermaen kennen, da jeder die Manier und die
Finten des andern auswendig wei. Wir sind nun in der Lage, da wir durch bald
zehn Jahr ihn aus der Ferne beobachtet haben, und ich sage Ihnen, dieses groen
Taschenspielers Kunststcke kennen wir nun, er aber kennt uns nicht und kann uns
nicht berraschen. Seine Chocs werden an uns abprallen, wie die Schwrme der
Parther an den Rmischen Triariern, und was unsere Kavallerie anlangt, so
braucht Niemand in Sorge zu sein. Die Ziethen und Seydlitze werden sich finden
zur poursuite, wenn wir einmal die Kanaille geworfen. Freilich im Laufen kommen
wir ihnen nicht gleich.
    Der General glaubte gesiegt zu haben. Der Major aber sah ihn wieder fragend
an: Indessen, mein General, es waren doch auch andere Punkte -
    Der Veteran lchelte mit der Freundlichkeit eines Gnners, der einen
Clienten nicht zu derb in die Grenzen des Respektes zurckweisen will.
    Ich habe das auch wohl gelesen, und mich ber die Intentionen, und die
wohlarrangirte Explikation gefreut. Aber, meine Herren, - er schien auch den
Rath in seine Belehrung hineinziehen zu wollen - mit Theorien htte Friedrich
Schlesien nicht erobert; unsere Armee ist nun einmal so und nicht anders, Herr
von Eisenhauch. Und so war sie gut, und ob sie dann noch gut bleiben wird, wenn
Ihr Rekrutirungssystem durchginge? Um Gottes Willen keine neuen Flicken auf ein
alt Kleid. Drauen Unruhe, aber Ruhe, Ruhe, Ruhe im Innern. Nichts angerhrt!
Friedrichs Seele steckt in den Trommeln und den Grenadiermtzen so gut als in
dem point d'honneur der Offiziere und der Kanton pflicht der Rekruten. Ich rume
Ihnen ein, ein Etwas mu anders werden, das Verhltni der Kapitne mit
Kompagnie zu den Kapitns ohne Kompagnie. Diese sechshundert Thaler, und jene
mit vielen Tausenden, mit Equipagen, Reitpferden, Fourgons, Dienerschaft. Das
schadet der Disciplin. Das mu anders werden. Die Zahl der zu Beurlaubenden mu
den Herrn Kompagniechefs genau bestimmt werden und kein Mann darber.
    Wrde diese Bestimmung gengen?
    Fr jetzt, Herr Major, wenn wir das durchsetzen, knnen wir zufrieden sein.
Wenn Sie mich nicht verrathen wollen, in meinen Ideen gehe ich weiter. Es wird
eine Zeit kommen, wo der Kapitn nichts mit dem Traktement seiner Leute zu
schaffen haben darf, wo sie nur in einem Connex reiner Disciplin zu einander
stehen. So mu es einst kommen, sag ich Ihnen, aber diese Zeit erleben nicht
wir, vielleicht nicht unsere Kinder. Denn - der Mensch mu nicht zu klug sein
wollen, oder es ist vorber mit aller Autorit.
    Der General ging.
    Eine aus lauter Preuenthum konzentrirte Sure! sagte der Major.
    Und doch immer noch einer der bessern, entgegnete der Rath. Er wird sich
auch, wenn es gilt, in seiner verrosteten Rstung noch mit einem gewissen
Geschick rtteln.
    Was hilft's den Andern! rief der Major, der sich in den Armstuhl mit einem
Schmerzensseufzer niederwarf. - Ist dies die Haupstadt des groen Genius, von
dem das Licht nicht ber sein, nein, ber unser Aller Deutschland aufging!
Deutschland glaubt wenigstens noch, da es hier hell sei; es ist der Anker, an
den seine letzte, schmerzliche, krampfhafte Hoffnung sich anklammert.
    Hat man es Ihnen drauen anders geschildert?
    Nein! Aber den Tand, das Spiel und die Eitelkeit hielt ich fr die Maske,
unter der der mnnliche Entschlu, die Vorbereitung zur That sich verbirgt. Der
blonde Arminius lie auch die schnen Rmerinnen lange mit seinen Locken
spielen. Mit dieser Selbsttuschung reiste ich durch Ihre Provinzen. Es sieht
knchern aus, berall ausgewaschene Kleider, schlotternde Glieder, eine
Maschine, die klappert. Der Geist nur kann das zusammenhalten, trste ich mich;
der Nimbus um Friedrichs Thron flimmert noch in so wunderbarem Flammenglanz von
fern gesehen. Und nun hier zur Stelle! Aus Kreisen in Kreise, aus Gesellschaften
in Gesellschaften werde ich geschleppt. Irgendwo hoffe ich wird ein Vorhang sich
lften, die Stimme von Sais ertnen. Aber ein Vorhang nach dem andern reit -
    Und Sie sehen nur Draht, Stricke und Kulissenschieber, der Dirigent fehlt.
    Sie haben doch einen Knig, der nchtern blieb unter den Taumelnden, der
nicht blasirt ist, ein scharfes Auge hat fr das Unziemliche, der nicht den
Esprit fort spielen will, um seine Frivolitt zu entschuldigen und seine
Unwissenheit zu verbergen. Er will das Gute -
    Gewi! Und es berkommt ihn oft ein Schauer, in mancher Morgenstunde fhlt
er, es kann so nicht mehr lange gehen. Aber von wem soll er erfahren, wie es
gehen mu? - Keine Stnde, keine Magnaten, kaum etwas, was einem Adel hnlich
sieht. Die Prinzen, was sind sie ihm? Die Polterer vertrgt er nicht, die Genies
sind seiner Natur zuwider. Unsere Minister kennen Sie, unsre Kabinetsrthe noch
besser. Sie leben nur in den Tag hinein, zufrieden wenn sie bis Morgen gesorgt
haben. Er ist friedfertig und alle Morgen prsentiren sie ihm einen Schssel:
Ruhe! mit Maalieb und Vergimeinnicht geschmckt: So sieht es bei uns aus,
Majestt, und sehen Sie, wie es drauen aussieht, wo sie alles bessern wollten.
    Aber er ist Friedrichs Enkel!
    Grade der ist sein Spukbild. Wo es ihm zu arg wird, wo er darunter fahren
mchte, es anders haben, sagt man ihm: das hat doch unter Friedrich bestanden
und es ging ganz gut! Oder gar: Majestt, das hat Friedrich selbst eingerichtet.
Dann erschrickt er; in seiner Bescheidenheit getraut er sich nicht, es besser
machen zu knnen. Und dies heilige Gespenst wird dem jungen Frsten grade von
Denen citirt, welche vor seinem Geist in Staub und Asche versinken mssten. Es
sollte mich nicht wundern, wenn der Knig einen frmlichen Widerwillen gegen
seinen Grooheim einsaugte, so strend wird sein Bild ihm berall vorgehalten,
wo er etwas Selbsteigenes durchsetzen will.
    Aber mein Gott, Ihr groer Knig nannte sich Rex Borusorum, Knig von
Preuen! Wo sind denn seine Preuen! Hat denn das Volk gar keine Stimme mehr,
das ihn einst auf seinen Schildern trug? Oder war der Schmerzenslaut auf seinem
Sterbebett eine Wahrheit? War der Groe wirklich mde, ber Sklaven zu
herrschen?
    Der Rath zuckte die Achseln: Das ist eine Frage, mein Herr, ber die wir
die Antwort der Zukunft berlassen.
    Aber wenn keine Stimme, hat Ihr Volk auch keine Sinne mehr? Wo die
Sturmglocken ber den Kontinent luten, wo der nchtliche Feuerschein von allen
Seiten, der Branstgeruch, den Siebenschlfer aufwecken mu, schlft das
preuische Volk allein da fort, begreift es nicht, was selbst jener verrostete
General ahnt, da es sich um Sein und Nichtsein handelt! - Wo der Geist schlft,
wacht doch das Interesse. Fr die Nothdurft, den Vortheil ist auch im Sklaven
der Sinn rege.
    Der Eifer des Majors verwandelte das halblaute Gesprch oft in ein lautes.
Der Regierungsrath hatte, mit vorsichtigem Blicke Wache haltend, den Eifer zu
dmpfen versucht. Er setzte sich jetzt dicht neben ihn:
    Mein theuerster Freiherr, rufen Sie Alles hier an, nur nicht das Interesse.
Wer soll denn wnschen, da es anders wird? Sie befinden sich ja noch ertrglich
wohl, und die Kette klinkt auch noch ineinander, wenn man nicht zu stark dran
reit. Der Ertrag der groen Gter steigt, ihre adeligen Besitzer zahlen keine
Steuern und ihr Werth lt sich durch die bekannten Knste im Hypothekenbuch ins
Enorme hinaufschrauben. Ein Krieg und dieser Werth sinkt. Und sollen die Junker
ihn wnschen, denen im Heere, am Hofe, selbst in der Regierung die obersten
Stellen nach wie vor reservirt sind! So viel Brgerliche sich auch dazu im Laufe
eines Jahrhunderts aufgeschwungen, sie blieben Ausnahmen, oder gingen da oben in
die Klasse der Bevorzugten ber. Sollen die Kaufleute einen Krieg wnschen, oder
auch nur eine Aenderung? - Sie seufzen unter starken Abgaben, aber der Handel
blht und sie werden reich. Die brigen Staatsdiener werden zwar krglich
bezahlt, aber pnktlich. Wenn ein Krieg die Kassen leert, woher dann die
Besoldung nehmen.
    Ist das Ihre ganze Nation! Haben Sie nicht Knstler, Handwerker, Mnner der
Wissenschaft, kleinere Grundbesitzer, Bauern, die unter einer drckenden
Eintheilung der Lasten seufzen?
    Sie seufzen wohl, aber sie sprechen nicht mit. Und wenn sie zu sprechen
Lust htten, so haben sie noch nicht zu denken gelernt. Mein Herr Major,
Preuens Volkssinn steckt noch immer unter dem blauen Rocke. Und nun betrachten
Sie auf den Wachtparaden die schwerflligen, alten Offiziere, die Pontacsnasen,
diese Kapitne, die kaum die Schrpe um den Leib pressen, in den sie drei
Viertel ihrer Kompagnie verschluckten. Sollen die Besserung wnschen, nach
Neuerung verlangen? Ich gebe Ihnen zu, es sind nicht alle so, die Armee zhlt
schon viel jngere Offiziere, voll Feuer, Begeisterung -
    Aber die Begeisterung ist eine Fuchtelklingenbegeisterung, unterbrach der
Major, und ihr Herz schlgt nicht frs Vaterland, nur fr das point d'honneur
und den esprit de corps -
    Halt, mein Herr, es giebt auch -
    Ich sah, ich hrte sie auf meiner Reise. Mir ward bange, wenn ich dachte,
da Preuen auf diesen Sulen allein ruht, und die Sulen sind untersplt und
gelst von der Erde, die sie tragen soll. Ich schauderte, wenn ich hrte, wie
man berall vor den Soldaten die Schublden und Thren verschliet, als wren es
nur geworbene Landsknechte, nicht des Landes Shne. Doch sei das, mgen sie noch
Leibeigene sein, nicht dem Vaterlande, ihrem Kapitne. Aber, allmchtiger Gott,
welche Sprache musste ich unter diesen hren, in den Wachtstuben der Herren
Offiziere. Wre das Deutschlands Adel, so wre er verloren, nur schmhlicher als
der Frankreichs; nicht unter der Guillotine, er strbe an einem innern
fressenden Schaden. In den kleinen Stdten, wenn der Brger dem Wachtexercitium
zusah, welche Urtheile! Sie gnnen es den Junkern, da sie recht tchtig mal von
den Franzosen geklopft wrden. Und das musste ich von guten Patrioten hren.
Wei man denn nichts davon hier? Ist man blind, taub, stumpf? Ist das nicht ein
Zersetzungsproze, der den Blutlauf erstarrt?
    Der Major empfand einen Sto an seinen Ellenbogen: Pst! Laforest wirst
schon lange von seinem Ofen her beobachtende Blicke.
    Mag er es! rief der Major aufstehend. Lieber ihm in den Rachen, als da
dem neuen Rhinoceros.
    Das neue Rhinoceros war der eben eingetretene Legationsrath von Wandel, eine
Sonne, die sofort ihre Trabanten hatte.
    Ich kann den Menschen nicht leiden, ich wei nicht warum, sagte der Major.
    Das geht Anderen auch so, Herr von Eisenhauch, zum Exempel unserm Minister.
Bovillard mchte ihn gar zu gern in unsern Staatsdienst ziehn, Excellenz haben
aber eine unwiderstehliche Aversion.
    Ist es denn wahr, da er die sieben Adler von Napoleon hergebracht hat?
    So ist es.
    Dann ist's ja klar, er ist eine franzsische Kreatur.
    An dem Herrn ist mir noch nichts klar.
    Mir scheint er gefhrlich.
    Ist's Ihnen darum zu thun, Aufklrung ber den Punkt zu erhalten, lassen
Sie uns zu Laforest gehen. Der Kreis um ihn lichtet sich.
    Sie warnten mich eben vor ihm.
    In seinem Rayon ist man wenigstens vor seinen Spionen geschtzt. Es ist
sogar gut, da Sie sich ihm arglos zeigen.
    Wie sollte er aber dazu kommen, uns Aufschlsse zu geben?
    Er gehrt nicht zu den zugeknpften Diplomaten. Ueberdem ist er jetzt satt.
Bonaparte's Gesandter hat, was er will, hier erreicht. Er kann den nonchalanten
Plauderer spielen. Er kann nicht allein den Rock aufknpfen, auch das Hemde
aufreien, damit wir seine Brust schlagen sehen. Die gewinnende Vertraulichkeit
wird auch wohl noch zum Leimstock fr eine harmlose Fliege. Wie vergngt Alle
von ihm fortgehen! Trauen Sie keinem seiner Worte, und doch ist es mglich, da
er uns die reinste Wahrheit schenkt. Denn ob er mit ihr, oder mit der Lge uns
tuscht, ist ihm gleichgltig. Uebrigens wei er alles, was hier geschieht und
frher und genauer als der Polizeiprsident. Was der Knig beim Frhstck
geuert, lt er schon am Mittag chiffriren. Er kennt die Antrge der Minister,
die nicht bis zum Knige durchgedrungen sind, weil die Kabinetsrthe Widerstand
leisten, und ehe noch Seine Majestt eine Sylbe davon erfahren, fliegt der
Courier damit schon nach Paris.
    Warum macht man Laforest nicht zum Minister des Auswrtigen?
    Besser des Innern. Der russischen Frstin ward vorgestern ein
Brillanthalsband gestohlen. Die Polizei suchte umsonst. Er hat es gefunden.
Gestern erhielt die Frstin das Band, heut die Gerechtigkeit die Diebe.
    O wer den Dieb, der Deutschlands Heiligthum gestohlen, der Gerechtigkeit
berlieferte! seufzte der Major. Ob wir uns auch an die fremde Diplomatie
werden wenden mssen?

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel.



                                 Der Diplomat.

Die Unterhaltung mit Laforest ward natrlich franzsisch gefhrt. Der Gesandte
pikirte sich dann und wann eine barocke deutsche Phrase einzuschalten. Es klang
so vertraulich und so abscheulich; er war von der besten medisirenden Laune.
    Excellenz scheinen sich zu amsiren.
    Vortrefflich, o peut-on tre mieux qu'an sein der illstren Geister dieser
Residenz.
    Die Dame des Hauses kann von besonderem Glck sagen, wenn Herr von Laforest
so lange in ihrer Gesellschaft verweilt, sagte Herr von Fuchsius.
    Ein Gesandter mu beobachten.
    Da Preuen in den letzten Monaten in Brssel und Paris war, bemerkte der
Major, hatte Frankreichs Gesandter allerdings wenig aus dem verlassenen Berlin
zu berichten.
    Sagen Sie das nicht, mein Herr Baron. Den Kaiser interessiren die inneren
Bewegungen Ihrer Kapitale mehr, als Sie denken. Vor seinem durchdringenden
Blicke ist kein Winkel in Madrid und Konstantinopel verborgen, aber in
Deutschland, diesem Lande der Ideen und Schulen, sind ihm berall Querzune,
Hecken und Grben gezogen. Er hat sich oft darber geuert. Wenn er ber
Reu-Greitz im Klaren zu sein glaubt, gewahrt er pltzlich, da es in
Reu-Schleitz ganz anders aussieht. Hier verehren sie Schiller, dort Goethe.
Dort Kant, hier Fichte. Hier gilt schon etwas fr Dummheit und Aberglauben, was
dort noch gefhrliche Aufklrung ist. Feine Conjekturalpolitik, logische
Schlsse reichen auf dies Land der Mannigfaltigkeiten nicht aus. Da stampft er
mit dem Fu, schreibt eigenhndig Marginal-Bemerkungen: Warum dies? Warum das? -
Ein franzsischer Gesandter an einem deutschen Hofe wsste eigentlich erst auf
deutsche Schulen gehen, wenn er alle Fragen des genialen Mannes beantworten
wollte.
    Allerdings bequemer, wenn man auch Deutschland ber einen Leisten scheeren
knnte.
    Der Gesandte lchelte beifllig.
    Er hat ein gutes Scheermesser, wie Sie wissen, und was das brige
Deutschland betrifft, kommt es ihm auf einige Hcker mehr oder weniger nicht an.
Aber warum Ihr specielles Vaterland sich noch zu Deutschland rechnet, das
interessirt ihn. Diese intensiven Bande der Sprache, des Gefhls, der Poesie und
Philosophie.
    Was ihm gewi ungleich interessanter ist, als die Situation unserer
Festungen und Straen zu erhalten.
    Unbedenklich, sagte der Gesandte, eine Prise nehmend, die verbergen
sollte, da er recht wohl bemerkte, wie der Rath umsonst dem Major einen Wink
gab, seine Invectiven zu lassen. Denn wenn es zum Kriege mit Preuen kme, was
der Himmel verhte und ich fr unmglich halte, so lsst der Kaiser, mein Herr,
weder durch Terrain-Schwierigkeiten, noch Festungen sich aufhalten. Der
Kontinent liegt vor ihm wie eine Specialkarte, er hat die Risse aller Festungen
und die Kataster Ihrer Zeughuser. Er wei, wo er die Elbe passiren mu, um nach
Berlin zu marschiren, er kennt sogar die Straen, durch die er einrcken wrde;
aber Ihre Parteien, das mu ich gestehen, kennt er nicht.
    Auch nicht wo ein solcher Beobachter ihn davon in Kenntni setzt?
    Ma foi, ich kenne sie auch nicht. Denn Sie meinen doch nicht jene unruhigen
Geister, die von der ehemaligen Herrlichkeit des Reichs deklamiren, von Arminius
und Wittekind und - Thusnelda und deutschem Adel, zuweilen von Freiheit,
zuweilen von der Liebe zu den angestammten Herrscherhusern, und die berall
konspiriren mchten, im Namen der Religion und Tugend fr ein Etwas, was nie
gewesen ist! Verzeihen Sie, darber berichte ich ihm wirklich nicht; er wrde
mich auslachen.
    Sind Seine Majestt der Kaiser so scherzhaft gestimmt?
    Er lachte wenigstens eines Tages, als Talleyrand ihn auf die gefhrlichen
Tendenzen dieser adligen Tugendritter aufmerksam machte. Soll ich mich etwa um
Kommis-Voyageurs bekmmern, welche die verlegene Waare des feudalistischen
Patriotismus an den Mann zu bringen suchen? - Aber als Freund mchte ich Ihnen,
meine Herren anrathen, wo Sie etwa einen dieser Reisenden trfen, ihn zu warnen,
da er es nicht zu arg treibt. Der Kaiser, einmal in Harnisch gebracht, versieht
keinen Spa mehr.
    Der Rath hatte die Hand des Majors rasch ergriffen, ehe dieser den Mund
ffnen konnte. Excellenz haben ganz Recht, es giebt unter uns keine Parteien,
da wir Alle dasselbe wollen, das Glck unseres Vaterlandes.
    Ganz wie in Frankreich! sagte der Gesandte. Wenn die Nationen sich nur
verstnden, so wre die Erde ein Paradies.
    Und Diplomaten knnen viel dazu beitragen.
    Wie ich von Herrn von Laforest berzeugt bin, da er nur Gutes und
Wohlmeinendes ber uns nach Paris berichtet.
    Was knnte ich anders! A propos, da fllt mir ein, neulich konnte ich ihm
nur Stoseufzer berichten. Sagen Sie, was ist das fr ein Weg von hier nach
Tegel! Knietiefer Sand und Steine! Aus Erbarmen fr meine Pferde musste ich aus
dem Wagen springen.
    Was fhrte Excellenz nach Tegel?
    Sein expresser Auftrag.
    Napoleon sollte dies unbedeutende Dorf kennen?
    Im Kreise der Kaiserin war von der Stal die Rede gewesen, Madame Josephine
suchte sie zu vertheidigen gegen den sprudelnden Zorn ihres Gemahls - unter uns,
Napoleon ist darin etwas kleinlich - dabei kam man auf ihre Studien in
Deutschland, auf Herrn von Goethe, der ein romantischer Poet und Minister
zugleich sei, was Napoleon wieder nicht begriff, auf ein didaktisches oder
dramatisches Poem desselben, Doktor Faust, auf die Illustration eines
Hexensabbaths, ich glaube Walpurgisnacht, wo ein Vers vorkommt, der ja wohl
heit:

Und dennoch spukt's in Tegel.

Irgend ein Germanomane mu wohl in der kleinen Societt gewesen sein, wie dem
nun sei, der Kaiser lie sich die Worte bersetzen und erklren. Das Spuken kann
er nicht leiden, er meinte, es spuke berall in Deutschland, warum in dem Orte,
von dem man ihm gesagt, da er dicht bei Berlin liegt, was das zu bedeuten habe,
was Tegel sei? Kurz das Ende vom Liede, eine Anfrage an mich, ein Befehl, an Ort
und Stelle zu untersuchen und zu berichten.
    Und Sie entdeckten nur den stillen Ruhesitz des groen Gelehrten, der wohl
nicht auf den Cordilleren mit Ihrem Bonpland gegen den Kaiser konspirirt haben
wird.
    Ein groer Mann pikirt sich in seiner Laune oft auf Kleines. Er traut Ihrem
Knige, wie seinem Busenfreunde, aber bei einem Spukhaus in Deutschland denkt er
sogleich an Hllenmaschinen und Konspirationen des Herrn Pitt. Den Baron
Humboldt stimirt er sehr.
    Der Major bemerkte: Wahrscheinlich war dies das letzte Wichtige, was
Excellenz aus Berlin zu melden hatten.
    Im Gegentheil, Herr von Eisenhauch, was gab es nicht in den letzten Monaten
zu berichten: Die Ansichten, die bedenkliche Stimmung im Publikum bei der
Hinrichtung der Kindesmrderin. Es handelte sich dabei um Abschaffung der
Todesstrafe, im Volk glaubte man es wenigstens. Wenn Preuen die Initiative
ergriffe, glauben Sie nicht, da der Kaiser mit Vergngen darauf einginge? Dann
die Frage, ob der Geheimrath Lupinus abzusetzen sei, oder nicht? Welche andere
Frage knpfen sich nicht daran! Unter uns, Napoleon wrde vielleicht krzeren
Proze gemacht haben; freilich je nachdem. Und dann die Excesse in dem Hause der
Obristin. Wie viele seine Hoffden spielen da hinein, und ich mu gestehen, man
hat es mit Takt applanirt. Der Kaiser war, wie ich Ihnen im Vertrauen sagen
kann, darber erfreut; an einem andern Hofe wrde man in der verdchtigen Dame
eine seiner Emissairinnen gewittert haben. Auch die Anwesenheit der vielen
vornehmen Fremden genirt ihn gar nicht. Ginge es freilich nach Talleyrand, so
htten wir lngst auf die Ausweisung der Frstin Gargazin gedrungen. Sagt man
nicht im Publikum, sie intriguire fr Ruland? Immerhin, wir kennen Ihren Knig,
Ihren Hof, Ihr Volk und Land, und sind vollkommen ruhig.
    Was kann uns Schmeichelhafteres gesagt werden?
    Und was habe ich jetzt zu berichten ber den Empfang des Monsieur Jean
Paul. Mu ich nicht aus Gesellschaft in Gesellschaft, um nur Zeuge zu sein der
Huldigung und Vergtterung des Poeten?
    Wenn Troubadoure, wie die Rattenfnger von Hameln durch den Kontinent
zgen, wrde Seine Majestt Kaiser Napoleon sparen knnen an - Diplomaten, die
beobachten, vielleicht auch an Armeen, die fr ihn erobern.
    Mein Kaiser ist ein Eroberer, Sie haben Recht, Major, er ist dazu geboren.
Glauben Sie aber nicht, da er es vorzge, wenn er den Embarras der Waffen
sparen und die Herzen erobern knnte? Wenn die Deutschen doch ihre wahren
Interessen verstnden. Theilen wir! Der Kaiser erobert die Reiche dieser Welt
und lsst dafr Ihre Nation schaffen und erobern allein in dem der Ideale und
der Schnheit. Die Deutschen haben Ueberflu an Produkten und ihnen fehlt nur
der Markt dafr. Den erffnet er ihnen in seinem Weltreiche.
    Unser Dichter Friedrich Schiller sang schon von dieser Theilung.
    Ach, ich wei, vom Parna.
    Indessen hat uns Seine Majestt der Kaiser auch schon mit etwas Irdischem
beglckt. Sieben seiner hchsten Ordenszeichen, allein fr unsern Hof!
    Ich bin beschmt, eben zu hren, da Seine Majestt, Ihr Knig, so schnell
sich revanchiren will. Auch sieben seiner schwarzen Adlerorden gehen nach
Paris.
    In der That! sagte der Major. Ich mchte der glckliche Ueberbringer
sein!
    Wie der Ueberbringer der Kaiserlichen Auszeichnungen auch hier einer
glcklichen Entree sicher ist, setzte Herr von Fuchsius hinzu.
    Nein, er hat das Bein gebrochen, sagte der Gesandte.
    Rath und Major sahen sich verwundert an, und dann nach dem andern Zimmer, wo
der Legationsrath der Russischen Frstin eben die Pflegetochter des Hauses
vorstellte.
    Er scheint doch in voller Gesundheit auf seinen Beinen zu stehen.
    Ach, ein kleiner Irrthum, meine Herren! Ein Adjutant von Mortier war als
Kabinetscourier hergeschickt. Er brach in einem Hohlweg unglcklicherweise Wagen
und Bein, und da ihm zur Pflicht gemacht war, Depesche und Beilage an einem
bestimmten Tage mir einzuhndigen, glaubte er ihr zu gengen wenn er beides
Jemand berlieferte, auf den er sich verlassen knnte. Der arme Debeleyme liegt
noch auf seinem Schmerzenslager auf dem Gute des Herrn von Wandel, der wirklich
mit aufopfernder Gte und Courierpferden den Auftrag statt seiner ausgefhrt
hat.
    Rath und Major hatten aus der Antwort nicht erfahren, was sie wissen
wollten.
    Der Adjutant konnte sich also auf Herrn von Wandel verlassen? fragte nach
einer Pause der Major.
    Ein Packet von Erfurt nach Berlin zu tragen! Das bergebe ich dem ersten
besten Landreiter, der ein anstndiges Trinkgeld einem gefhrlichen Angriff auf
bunte Blechwaaren vorzieht. Laforest lchelte: Meine Freunde, wozu unter uns
ein Versteckspiel, wo Jeder dem Andern in die Karten sieht! Sie wnschen zu
erfahren, ob und in welchem Connex ich mit Herrn von Wandel stehe? Wenn ich nun
feierlich dagegen protestirte, wrden Sie mir glauben? - Sie wrden wenigstens
sehr unrecht thun. Ich protestire aber gar nicht dagegen.
    Sie geben ihn nur durch Ihre Erklrung blo.
    Ich bergebe ihn Ihrer Divinationsgabe, denn meine ist bis dato noch an ihm
gescheitert.
    So mu er Ew. Excellenz beschftigen?
    En passant. Der Frstin Gargazin drngt er sich auf, also gehrt er nicht
zu ihr. Ein Oesterreichischer Agent ist er auch nicht, er spricht zu viel von
seinen vertrauten Bekanntschaften am Wiener Hose. Fr Englische Spione habe ich
einen besonderen Takt. Aber -
    Vielleicht aus Spanien oder Schweden? warf der Major ironisch hin.
    Ein eigenes Lcheln schwebte um die Lippen des Gesandten: Warum nicht auch
aus Frankreich. Ich bin nur der offizielle Gesandte, mag Talleyrand nicht auch
einen geheimen fr nthig halten, der mich beobachtet?
    Hier war die Mglichkeit einer Wahrheit. Die Blicke der Beiden gestanden es
sich, und Fuchsius erwhnte, da der Legationsrath, seiner Angabe nach,
bedeutende Gter in Thringen besitze. Interessirte er wirklich in der
angegebenen Art den Gesandten, so musste dieser sich darber Aufklrung
verschafft haben. Laforest ging auch sofort darauf ein:
    Allerdings hat er sich dort angekauft; in einer Subhastation erstand er
nicht unbedeutende Gterstrecken, man sagt inde solche, die nie lange in der
Hand ihres Besitzers blieben, weil sie, schwer belastet, kaum die Mhe der
Kultur lohnen. Hier in Berlin will er sein, um mit den Mnnern der Wissenschaft
einen Meliorationsplan zu entwerfen. Warum nicht! Er kann aber auch zu allerhand
andern Geschften da sein: um die Quadratur des Cirkels zu finden, Geister zu
citiren, - das Wahrscheinlichste ist mir aber immer, um Geld zu machen.
D'ailleurs Messieurs, diese Mysticismus duftenden Personen sind meiner Natur
entgegen. Ich berlasse daher den Legationsrath, auf parole d'honneur, ganz wie
er ist, Ihren Recherchen. Aber da fllt mir ein - wissen Sie schon, da der
junge Bovillard ihn heut auf Pistolen gefordert hat?
    Den Legationsrath? - Ach, es ist richtig, wegen jener alten Geschichte.
    Man findet es sonderbar, da Herr von Wandel gleich nach der Affaire
abreiste, und gerade damals an Ort und Stelle seine Gter und so lange
amelioriren musste.
    Der Major hatte whrend des Gesprchs die betreffende Person scharf ins Auge
gefasst: Ich sehe keine Vernderung in diesem eisernen Gesicht.
    Mglich. Naturen dieser Art sind mir, wie gesagt, fremd. Die Prparationen
des Duells aber sollen mit der strengsten Verschwiegenheit vorgenommen werden.
Beobachten Sie doch geflligst, meine Herren, wenn Sie sich nachher in die
Gesellschaft verlieren, ob schon Andere davon wissen, ob der Legationsrath
bekannte Personen in den Winkel zieht. Das sind freilich Bagatellen, aber aus
Bagatellen lernt man einen Menschen kennen.
    Der Seitensprung schien auf beide Herren keinen besonderen Eindruck gemacht
zu haben; die Person des jungen Bovillard war ihnen gleichgltig. Auch die
Aufmerksamkeit des Gesandten schien rasch auf andere Dinge bergegangen. Er
sprach etwas von Sympathien und Antipathien; jene, weil sie sich chemisch auf
ihre Elemente zerlegen lassen, kmmerten ihn nicht, woher aber komme die
Idiosynkrasie, jener angeborene Widerwille, den die Vernunft umsonst bekmpfe?
Wie alles Wunderbare finde er auch ihn in diesem Lande zu Hause. Aber er schien
jetzt nur der Sympathie zu huldigen, indem er die Frauen die Musterung passiren
lie.
    Herr von Fuchsius scheint mit besonderer Sympathie die schne Pflegetochter
des Hauses zu beobachten. Allen Respekt Ihrem Geschmack. Oder flattern Ihre
Augen weiter; denn, man mu gestehen, es entfaltet sich ein unvergleichlicher
Blumenflor. Wer ist die junonische Schnheit dort?
    Excellenz meinen die Herz?
    Nein, die den halben Rcken uns zugedreht.
    Baronin Eitelbach?
    Die! Der Gesandte schielte mit sardonischem Lcheln ber das Ofengesims.
Schn ist sie!
    Auch tugendhaft.
    Nous le verrons.
    Zweifeln Sie nicht daran, Excellenz! die arme schne Frau hat keine andern
Eigenschaften.
    Messieurs! Die Gelegenheit macht Diebe und Intriguen den Verstand. Geben
Sie einer Deutschen die Erziehung einer Pariserin, versetzen Sie sie tglich in
die Salons, wo der Verstand sich reiben und schleifen mu. - Der Witz spriet
von selbst heraus und - Ihre Landsmnninnen werden so liebenswrdig und
intriguant wie eine Pariserin.
    Was die Baronin betrifft, so haben wir Grund, es zu bezweifeln.
    Meine Herren, was gilt die Wette, diese Dame, die jetzt fr dumm gilt, hat
in Jahr und Tag Esprit, sie wird interessant, witzig, das Stadtgesprch,
vielleicht die Beaut, die Sonne der Gesellschaften.
    Man sah Laforest verwundert an.
    Die neuesten Mysterien von Berlin. Und es ist exakte Wahrheit.
    Er zog sie hinter den Ofen, und flsterte, die Hand am Munde, etwas, was ihn
selbst wenigstens angenehm kitzeln musste, denn das Gesicht verlor im Erzhlen
den diplomatischen Ausdruck.
    Que dites-vous? Aber es bleibt ein Mysterium.
    Was sagen Sie dazu? fragte der Regierungsrath, als Laforest sie verlassen.
    Da Berlin auf gutem Wege ist, Paris zu werden. Aber das riecht sogar nach
Byzanz. Im Augenblick des hchsten Ernstes ein solches Spiel niedertrchtiger
Frivolitt!
    Diese Menschen knnen nicht aus ihrer Natur.
    Was soll's mich dann kmmern, ob Einer mehr noch einen Faden treibt in das
Gewebe verstockter Thorheit, niedertrchtiger Gesinnung und liederlichen
Willens!
    Sie mssen spielen um zu leben.
    Man naht doch mit heiliger Scheu der Sttte, die ein groer Geist geweiht
hat. Noch sind's nicht zwanzig Jahr, da sein Auge leuchtete, seine Stimme
tnte, und nun solche Kreaturen wimmelnd im Dunstkreis seines Grabes! Sind das
die Wrmer, die an des Riesen Leichnam nagten? Oder, fragt man sich
unwillkrlich, erschien auch der Riese uns nur so gigantisch in seinem
Dunstkreise? Und war es anders, wenn man ihn im Schlafrock sah?
    Das ist eine frchterlich ernste Frage, mein Herr von Eisenhauch. Seine
Atmosphre war vielleicht nicht angethan, um Mnner zu erzeugen. Er sehnte sich
nach ihnen in seiner tiefen Einsamkeit, aber sein scharfer Athem, das Feuer
seines Auges lie die Embryonen nicht aufkommen. Friedrichs Tafelrunde war fr
blitzende Geister und khne Ritter, aber fr Charaktere war doch kein Platz.
    Und wir brauchen sie, Mnner - wenn nur einen, und der Eine ist es auch
nicht - eine verglaste Ruine, an der die Flamme nur noch zuweilen emporleckt, um
die ungeheuere Verwstung zu zeigen.
    Der Rath drckte ihm die Hand: Trsten wir uns, da die Zeiten verschieden
sind. Eine jede gebiert das, dessen sie bedarf, also auch ihre Mnner.
    Sie verloren sich in der Gesellschaft. Fuchsius stie an der Thr mit
Laforest wieder zusammen, der, den Hut in der Hand, die Versammlung rasch
verlassen zu wollen schien. Wohin Excellenz?
    Zum Berichten.
    Was, wenn das Herz des Diplomaten noch geffnet ist?
    Was Sie mehr interessirt als mich.
    Geht die Eitelbach in die Falle?
    Der Gesandte flsterte ihm ins Ohr: Stein wird doch Minister.
    Eine Attrape?
    Fr den es trifft, brigens eine neueste wirkliche Neuigkeit?
    Von Engeln ihnen zugeraunt?
    Der Russischen Frstin.
    Und warum jetzt?
    Weil man keinen andern Finanzminister austreiben kann. Nutzen Sie es, Herr
von Fuchsius. Ein neuer Minister verspricht alles und gewhrt zuweilen einiges,
wenn man schnell dahinter ist.
    Laforest verschwand.

                         Siebenundzwanzigstes Kapitel.



                             Die russische Frstin.

Einfacher konnte man fr eine groe Gesellschaft nicht gekleidet sein, als die
russische Frstin. Ihr Kleid schimmerte ins Graue, nichts von Brillanten, kein
Geschmeide. Die glnzend schwarzen Haare scheitelten sich schmucklos um ein
seines, ausdrucksvolles Gesicht, in dessen breiter als europisch geschlitzten
Augen zuweilen ein stilles Feuer glhte, das seine Strahlen aus einer schnern
Welt zu borgen schien, und ein ses harmonisches Lcheln spielte dazu um die
wohlgeformten Lippen. Sie musste Jedem etwas Angenehmes oder Interessantes zu
sagen wissen, denn ein solcher Eindruck strahlte vom Gesicht Derer, die vor ihr
gingen.
    Seit Laforest den Schauplatz verlassen, schien sie der Magnet geworden,
welcher die Wandelsterne anzog.
    Was hat die nordische Sybille meiner Freundin vertraut? fragte die Wirthin
die Baronin Eitelbach. Sie lcheln ja so vergngt
    I Gott bewahre, ich lache nicht. Sie hat mir nur gesagt - es ist zum
Todtlachen.
    Gewi eine Wahrheit. Das sehe ich auf Ihrem Gesicht.
    
    Sehn Sie auch in die Gesichter rein, Geheimrthin? Ich wre sterblich
verliebt, hat sie gesagt, oder wenn noch nicht, so wrde es bald zum Ausbruch
kommen. Ist das nicht zum Todtlachen!
    Prfen Sie Ihr Herz, sprach die Geheimrthin, den Zeigefinger erhebend,
und entfernte sich in der Richtung nach dem neuen Zauberkreise. Die Anwesenheit
der Frstin war ihr zwar angenehm, sogar sehr angenehm, es war die vornehmste
Frau in ihrer Societt. Aber was sie Laforest vergab, war ihr hier nicht mehr
angenehm; die Frstin zauberte zu viel.
    Herr von Wandel stand neben der schnen Frau, die an ihrer Schrpe zupfte.
Er hatte das Gesprch behorcht: Prfen Sie Ihr Herz! wiederholte er mit
sanfter Stimme.
    Sie fuhr etwas zusammen. Ein Wort des Vorwurfs schien auf ihren Lippen
bereit, aber mit so Zutrauen erweckendem Blicke sah der ernste Mann sie an! Er
hatte es nicht bse gemeint, und er spate nicht.
    Wenn dies Herz am Altar der Grausamkeit geopfert hat, so seien Sie
wenigstens menschlich grausam, zeigen sich nicht immer Mittags am Fenster, ihr
Kpfchen zwischen den Balsaminentpfen. Das nhrt die Hoffnung, die Sie nicht
erfllen knnen.
    Das thue ich ja immer.
    Und weil er das wei, reitet er immer vorber.
    Wer? - Sie meinen doch nicht die Dragoner und die Gensd'armen, die
marschiren immer nach der Parade durch unsere Strae. Ihre Musik ist gar zu
schn und die Uniformen -
    Der Dragoner - und auch der Gensd'armen, setzte der Legationsrath mit
Betonung hinzu.
    Herr Gott, Sie ngstigen mich, Legationsrath, wer sieht denn nach mir
rauf?
    Machen Sie eine Badereise. Vielleicht vergisst er Sie.
    Wer? Wer? Sie Qulgeist!
    Der Legationsrath hielt die schne Hand noch immer in seiner und blickte so
sinnig fragend zu ihr herab: Sollte das Verstellung sein? Nein, dies
seelenvolle Auge kann nur der Spiegel der inneren Wahrheit sein.
    Sie meinen doch nicht den Lieutenant Kleist oder den Fhndrich Kaphengst?
Mit dem hab ich ja noch gespielt als Kind, und der ist mein Neveu.
    Sie spielten ein gefhrlich Spiel mit ihm - das Spiel des Zornes, gndige
Frau. Eine Frau darf nicht hassen.
    Wen hab' ich denn gehasst, ich wsste Niemand.
    Nennen Sie es Antipathie, Widerwillen, wie Sie wollen; sobald die Abneigung
zur Leidenschaft wird, hat Sie etwas - Interessantes, Lockendes. Mancher Kranke,
der eine Medizin mit Widerwillen nahm, schlrft sie zuletzt mit Leidenschaft. Ja
htten Sie ihm gleichgltige Verachtung gezeigt! Aber Sie exponirten ja Ihre
Antipathie. Das darf eine Frau nie thun! Sie lieen ihn merken, wie schon seine
Gegenwart, sein Anblick Ihnen zuwider war. Das, von einem Weib, reizt den Mann.
Er kann sich rchen wollen. Das sind unedle Naturen. Aber gehasst zu werden von
einer schnen Frau ist ein berauschendes Gefhl. Es stachelt unsre Eitelkeit,
wir sinnen nach, welche unsrer Eigenschaften denn diese Leidenschaft in dem
schnen Gegenstande geweckt haben kann?
    Herr Gott, Sie meinen doch nicht!
    Namen nenne ich nie. Wenn Sie ihm den Rcken kehren, sieht er nur Ihre
schne Taille, wenn Sie die Schleppe verchtlich um den Arm schlagen, nur den
gerundeten Ellenbogen. So wissen Sie nicht, da Sie in jeder Bewegung, die Ihre
Abneigung deployiren soll, einen Kder auswerfen, und statt ihn abzustoen,
fesseln Sie ihn.
    Die schne Frau warf einen Blick ins Leere und er traf die Wahrheit. Momente
giebt es, wo sie in jeder Natur durchschlgt; aber es sammelten sich zugleich
eine Masse Erinnerungen, die ihr Auge jetzt trbten! jetzt einen Strahl des
Zornes entzndeten, und es platzte heraus:
    Wie das Porzellanservice aus Meien ankam, und der Spediteur es so schlecht
verpackt hatte, und mehr als die Hlfte war auf dem Transport zerschlagen,
vierhundertfnfzig Thaler der Schaden, und Gott wei, welche Mhe es gekostet,
da ich Meinen dazu gekriegt! Und war nicht versichert! Da sollten Einem wohl
nicht die Thrnen ins Auge treten, ich mchte heut noch weinen, und er - lachte,
ja das hat er, sich ordentlich geschttelt! O er hat ein schlechtes Herz. Ich
hab's ihm aber gesagt, das kam aus einem boshaften Gemth. Und voriges Jahr noch
in der Gesellschaft bei den Leuten - i mein Gott, Sie kamen ja auch noch nachher
- da nahm er mir ja den Stuhl vor der Nase weg. Ich begreife gar nicht, wie man
so grob sein kann und so malicis.
    Vor Andern. Wer sieht ins Herz!
    Er pustet ja ordentlich vor Selbstgeflligkeit. Glaubt er, alle Frauen
mssten sich in ihn verlieben, wenn er den Bart streicht?
    Das ist ein eigen Kapitel, meine Freundin, von der Sympathie und der
Antipathie. Ich kenne den Herrn Rittmeister nicht, ich wei nur -
    Da mir ordentlich wohl ist, wenn ich ihn in einer Gesellschaft nicht
treffe.
    Ob ihm aber wohl ist! - Sie sahen nicht, wie er nach jener Gesellschaft, wo
er Sie so auffallend beleidigt, Ihnen immer von sein folgte, wie er wartete, um
Sie einsteigen zu sehen; wie er, als der Wagen vor Ihrem Hause vorfuhr, schon
durch Quergassen schneller dahin gekommen war, und an der Ecke im Mantel
verhllt, sah er Sie aussteigen! Mich dnkt Sie sahen sich um, und wandten
schnell den Kopf -
    Ich erinnere mich nicht.
    Sie mssen ihn gesehen haben. Wenn da grade nicht, doch ein ander Mal.
Entsinnen Sie sich nur. Man kann sagen, er folgt Ihnen auf Schritt und Tritt,
vielleicht unwillkrlich.
    Sie erschrecken mich, Herr von Wandel. Der Mensch lauert mir auf, um mir
einen Affront anzuthun.
    Das will ich nicht hoffen.
    Aber, ich bitte Sie, 's ist ja rein unmglich. Wer sich so vor den Menschen
betrgt, was kann der Gutes im Schilde fhren!
    Der unerklrte Trieb unserer Natur, der ewige Zwiespalt unserer selbst, das
Licht und der Schatten, der Ahriman und der Ormuz, da wir schaffend vernichten,
vernichtend schaffen. Wenige, die sich ber diesen Zwiespalt erheben, die dies
Rthsel der Natur gelst. Sie selbst, meine theure Freundin, werden dies oft
empfunden haben. Ihr sinnend Auge giebt mir die Antwort.
    Dieser Mensch begegnet mir berall, sagte der Major an einer andern Stelle
zum Regierungsrath, wie ein eiskalter Luftzug. Undurchdringlich im Gesprch,
alles wissend, jedem Gefhl verschlossen. Ich bin jetzt zu glauben geneigt, da
Laforest wirklich kein Bohrloch in dieser glatten Wand gefunden.
    Und doch sehen Sie, welches Leben er in die schne Bildsule gehaucht! Man
mchte erfahren, was der Magus mit ihr sprechen konnte.
    Sollte er in der frivolen Intrigue mitspielen? Sie waren nachher in
eifriger Konversation mit ihm.
    Eifrig?
    So war seine Miene.
    Fuchsius lchelte: Er fragte mich, ob das Vermgen von ihr oder von ihm
kme? Von Heyms neuer Wunderkur, von der Legirung des Platina und von der
neuesten Liaison der Unzelmann. Das war ein Theil unseres Gesprchs, das glatt
wie ein Aal hingleitete. Nhern wir uns der Sybille. Jetzt spricht er mit ihr.
    Auch nur en passant
    Die Sybille schien einen Kcher von Liebespfeilen ausgeschossen zu haben;
oder waren es wirklich sybillinische Sprche, was der Physiognomie der Andern
einen so besondern Ausdruck gab! Doch hatte Jene pltzlich Allen den Rcken
gekehrt, um der Wirthin ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken.
    Elle est une merveille d'amabilit! versicherte der Geheimrath Lupinus von
der Vogtei, beide Hnde als Schallrohr vor dem Mund, denen, die ihm entgegen
kamen. Pleine de grce et d'une sagesse, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi,
presque thre. Et un savoir-faire!
    Na warum denn? sagte der Doktor Marcus Herz, der ihm in den Weg getreten
kam und nicht Platz machte.
    Mon ami! rief Lupinus. Elle a une pntration parfaite, elle lit dans
votre coeur comme dans un livre ouvert.
    Auch in Ihrem, Geheimrath? fragte der Arzt, seine Hand auf Lupinus'
Schulter legend.
    Elle connat tout le monde, elle enchante tout et est enchante de tout.
    Auch von Ihnen! Na hren Sie, dann ist sie mehr als ein Wunder - ein
Meerwunder.
    Immer der liebenswrdige Satyriker. Mais quant  la beaut, Madame Herz
kein Vergleich. Elle est la beaut mme et aussi pleine de sagesse.
    Die Frstin hatte ihren schnen Arm halb um die Wirthin geschlungen, ihr fr
den vergngten Abend zu danken: Aber das Beste entziehen Sie mir so lange.
    Die Lupinus bedauerte, da der Dichter noch immer auf sich warten lasse;
gewi sei es ein pltzliches Hinderni, was die Ankunft, der alle Herzen
entgegen schlgen, nur verzgere.
    Ich kann die Spannung begreifen, entgegnete die Frstin, ob er aber die
Erwartung befriedigen wird! Es kommt sehr auf die Laune an, in der er ist. Aber
ich meine jetzt unsere theure Wirthin, die freilich der Gesellschaft angehrt,
und ein einzelner Gast wre unbescheiden, wenn er mehr fordert, als auf seinen
Theil ihm zukommt.
    Die Geheimrthin meinte, sie habe nicht den Andern im Lichte stehen wollen,
und besonders vor Einem, nach dem Alle unwiderstehlich sich angezogen fhlten.
    Ohne auf das Bittere zu achten, was sich dem Kompliment unwillkrlich
beimischte, sah mit einem innigen Blick die Frstin sie an: Wozu diese
Gemeinpltze zwischen uns! Sie sind eine Mrtyrin und Ihr ganzes Leben ist ein
Opfer. Ich wei ja alles und ich betrachte mit einer bewundernden Theilnahme Ihr
stilles Wirken der Resignation. Was kann Ihnen diese Gesellschaft sein? Sind Sie
nicht mit sich selbst, mit Ihren Bchern in einer besseren? Und alle diese
Embarras nur um Andern Freude zu machen!
    Die Lupinus protestirte dagegen. Sie kannte die Frstin noch zu wenig. Sie
wusste nur, da sie vertrauten Umgang mit Elise von der Recke gepflogen, da die
Jnger der romantischen Schule bei ihr Zutritt hatten, man sagte auch, da sie
der katholisirenden Richtung dieser Schule huldige. Sie antwortete mit der
Banalphrase, da Andern Freude bereiten selbst Freude schaffe.
    Die Frstin streifte darber hinweg, wie ber ein etwas, was keiner
Erwiderung bedurfte. Aber es lag keine Beleidigung in ihrem Blick.
    Ihr ganzes Opferleben fhl' ich in mir selbst wieder, sprach sie, sich in
die Ottomane zurcklehnend, auf der Beide in einer Nische Platz genommen. Ich
fhle es wieder, obgleich mir, was die Welt ein glcklicheres Los nennt,
beschieden war. Der Frst, mein Gatte, verstand mich, ich verstand ihn. Ich
brauchte nicht ngstlich vor der Welt den Schirm vorzuhalten, damit man seine
Schwchen nicht gewahre. Er war kein eminenter Geist, kein Gelehrter, er liebte
das Leben und trank seine Gensse, wie den Schaum des Weines, er war was die
Welt nennt, ein vollkommener Lebemann; aber ohne Arg, grade wie er war gab er
sich. Da musste die Vorsehung nach einem kurzen Glck - wozu Elegieen an einem
so frohen Tage! Es war so besser, fr ihn, fr mich.
    Wo sollte das hinaus! dachte die Geheimrthin. Mein Mann ist - die Frstin
unterbrach sie aber mit einem sanften Hndedruck:
    Ich frage mich oft, warum mssen diese Krfte durch Anstrengungen gehemmt
werden, die nie eine andre Frucht tragen knnen, als einen Schein? Denn Ihren
sonst to trefflichen Mann werden Sie doch nicht gesund machen, ich meine so
gesund, das er sich wieder ins Leben taucht!
    Ich versuche wenigstens, es ihm so angenehm wie mglich zu machen. Seine
Ansprche sind so bescheiden!
    Das wei ich. Aber ist das eine Aufgabe fr eine Frau Ihres Geistes! Sein
Glck ist gemacht, indem Sie ihm in seiner Assiette sich selbst berlassen. Sie
knnten doch frei, sich mehr Ihren eigenen, edleren Trieben berlassen. Freilich
haben Sie sich eben wieder eine neue Sorge auferlegt, die Sie ganz absorbirt,
doch wer wollte da ein Wort gegen sagen! - Aber nun bewundere ich Sie wieder,
wie Sie sich auch der Familie Ihres Mannes annehmen. Dies Festin ist doch auch
gegeben, um Ihren Schwager gewissermaen in der Gesellschaft wieder zu
retabliren.
    Die Geheimrthin seufzte: Man mu doch fr seine Familie leben!
    Das ist ein schner Zug im deutschen Gemthsleben!
    Wo der Staat seine Ehre anerkannt hat, darf die Familie sie nicht sinken
lassen.
    Hoffen Sie, da er wieder den rechten Weg finde, der arme Irrende.
    Das hoffe ich nicht -
    Man mu nie eine Hoffnung aufgeben. Aber sehen Sie da - sie ist reizend!
Und welche Gruppe diese beiden Frauen! Zum Malen!
    Ihre Blicke hafteten auf Adelheid, die mit der Doktor Herz im Nebenzimmer
sich unterhielt. Die Frstin schwrmte in dem Lobe ihrer Schnheit. Es war mehr
als Malerei, sie lebte in der Schilderung mit, ihre nervsen Bewegungen
verriethen es.
    Hier kann man den Unterschied von Schnheit und Schnheit studiren. Madame
Herz ist gewi eine vollkommene, aber ihr fehlt etwas.
    Der Kopf ist zu klein fr die junonische Gestalt, sagte die Geheimrthin.
    Ich betrachte sie nicht als Sculpteur. Die Psyche ist's, die mich
interessirt, wie das innerste ein knospet und blht in der Erscheinung! Aber Sie
mgen Recht haben, liebe Frau, aus dieser edlen, groen Gestalt scho nicht mehr
auf als ein kleiner Kopf, weil es an dem Feuer gebrach, das eine gebietende
Stirn, eine Jupiternase, schwellende Lippen, das schwimmende, berwltigende
Auge schafft.
    Die Herz ist passiv, aber sehr intensiv.
    Qu'importe!
    Und tugendhaft.
    C'est a. Par son naturel. Aber sehen Sie, trotz des orientalischen Nimbus,
ich frage Sie, knnte ein Maler aus dem Gesicht eine Heilige machen? Nimmermehr,
ihm fehlt die Sinnlichkeit. - Sie bewegt sich - jetzt recht lebhaft - drckt
ihre Lippe es aus? Verrth es das Auge? - Und nun dagegen Adelheid! Eine
unwillkrliche Bewegung ihres Fchens, und die Lippe spricht es aus, das
Grbchen am Kinn. Elastisch die ganze Figur, aber das Gesicht die Blthe. Wenn
ich nichts als das Gesicht she, wollte ich mir ihre ganze Gestalt konstruiren.
O Sie, mssen eine wahre mtterliche Freude an dieser Requisition haben.
    Wenn sie meinen Erwartungen entspricht. Ihre Erziehung entsprach den
beschrnkten Sphren ihres elterlichen Hauses. Es mssen viele Gewhnungen,
vulgre Ansichten ausgetrieben werden -
    Nichts austreiben, um Gottes willen nichts austreiben, theure Frau!
    Ihr fehlt das Sublime. Ich sehe noch immer durch alle ihre Reize den Thon,
aus dem sie gebildet. Aus ihren sthetischen Urtheilen platzt zuweilen eine
Natrlichkeit, ber die ich erschrecke. Da die Herz sich fr sie interessirt,
ist mir lieb; ich hoffe, sie soll aus ihrer Conversation lernen. Manches Eckige,
Erdige wird sich abschleifen, um dem Sinnigen Platz zu machen.
    Die Frstin sah sie verwundert an, aber die Mibilligung, die in ihrem
Blicke lag, ging in ein Lcheln ber: Nicht die Herz! Keine Hofmeisterin! Die
Herz wrde ihr schne Maximen predigen! O keine Predigten! - Sie zur Tugendpuppe
erziehen, das heit eine Natur verderben, wie sie nicht oft aus Gottes Schpfung
hervorgeht.
    Ich meinte auch nicht grade eine Klostererziehung.
    
    Dies pulsende Blut will sein Recht. Der Schpfer trufte es in unsere
Adern, wie er die Sonne in den Aetherbogen warf, wie er der Traube wrziges Blut
gab, uns zu berauschen. Wer nie berauscht war, nie im Wirbel der Leidenschaft
taumelte, wer nie die Wonne dieser Erde kostete, der kann auch nicht die Wonne
der himmlischen Seligkeit empfinden.
    Ihr schnes Auge glnzte so seltsam dabei, whrend sie starr nach der Decke
sah. Nach einer langen Pause stand sie auf, und strich tief aufathmend ihren
Scheitel mit beiden Hnden. Sie lchelte schelmisch die Geheimrthin an:
    Nicht wahr, ich habe recht viel dummes Zeug gesprochen? Vergessen Sie es
und entschuldigen mich. - Aber als ob ich mich vor Ihnen zu entschuldigen
brauchte, vor einer Frau, die ja auch wei, wie der Geist so oft sich vom Krper
trennt, und die Seele hinfliegt in Rume, wohin das Auge nicht dringt. - Aber
kommen Sie schnell unter die Andern, wir kommen ins Gerede. Wenn man auch etwas
anders ist als die Andern, um Gottes willen, man mu es ihnen nicht verrathen!
    Wo sehen Durchlaucht Pltzlich hin?
    Ich - Die Frstin errthete leicht und flsterte ihr ins Ohr: Mir war's,
als she ich Jean Paul dort ber den Gensd'armenmarkt kreuzen, um schneller hier
zu sein. - Da unterhlt sich ja der Herr von Fuchsius sehr lebhaft mit Ihrer
Tochter. - Ei, ei, selbst der ernste Major Eisenhauch widersteht dem Magnete
nicht und vergisst auf einen Augenblick seine groen Vaterlandsgedanken. Ich
besorge, meine Freundin, Ihr Haus wird bald wie Troja aussehen -
    Sehen Sie eine Zerstrung voraus? fragte die Lupinus. Der
Clairvoyantenblick der Frstin hatte sie etwas verstimmt.
    Nur die Helena, um die ein trojanischer Krieg entbrennen wird. Sorgen Sie
bald, wenn Sie dem entgehen wollen, fr eine anstndige Partie. Der
Regierungsrath ist ein junger Mann, dem eine gute Carriere bevorsteht.
    Herr von Fuchsius sieht nach Vermgen. Es ist nur Galanterie. Ich werde
inde ein wachsames Auge haben.
    Wozu! Lasst doch die Schmetterlinge spielen. Die Jugend ist so kurz! Und
was sagen Sie zum Legationsrath?
    Der -! Das Wort schien der Geheimrthin auf der Lippe zu ersterben. Er
und das Kind?
    Sie haben nicht daran gedacht. Es ist auch so besser.
    Durchlaucht kennen ihn? Er wird von so Vielen verkannt.
    Die Bestimmung jeder Gre! Sie fhlt sich nur zu Gleichgesinnten
hingezogen. Es tuschten mich auch vorhin wohl nur einzelne Blicke. Es war
Elise, die mir ihre Beobachtungen mittheilte. Ach die gute Recke dachte
vielleicht an ihr eigenes Verhltnis mit Cagliostro.
    Cagliostro! wiederholte die Lupinus.
    Cagliostro war doch vielleicht mehr, als wofr die Welt ihn jetzt erkannt
haben will, meine Freundin. Er musste fallen, wie Viele gefallen sind, weil -
passons la-dessus! - Unsere groe Katharina war in diesem Punkte eiferschtig. -
Es ist mir recht verdrielich, da Herr von Wandel der Affaire wegen mit dem
jungen Manne - nicht wahr, Bovillard heit er? - in Verwickelung gekommen ist.
Und wie ich hre, stellt er Adelheid nach. Das mu fr Sie doppelt peinlich
sein.
    Ich hoffe, Durchlaucht, das wird nichts auf sich haben. Der wste Mensch
soll uns nicht lnger stren.
    Die Frstin sah sie fragend an: Blutdrstig, meine sanfte Freundin! Der
Lauf der Kugeln ist zweifelhaft. - Das war auch nicht Ihre Meinung.
    Durchlaucht, dieser Mensch ist incorrigibel.
    Desto besser. Lassen Sie ihn fortsndigen. Gerade ber diese Snder, die
ihr Ohr der Stimme der Vernunft verschlossen haben, zuckt schon ein anderer
Strahl. Da thun wir nichts bei, das kommt mit einem Male. Was wre die Welt mit
ihren gaukelnden Marionettenpuppen, die das grelle Schauspiel von Eitelkeit,
Verkehrtheit, Ungerechtigkeit und Snde vor uns auffhren, wenn wir nicht
wssten, da pltzlich eine unsichtbare Hand aus den Wolken fhrt, und zerstrt
ist ihr Spiel. Ein Licht zckt herab und die Irrenden sehen den Abgrund, vor dem
sie stehen. Warum den jungen Wstling gleich aufgeben, opfern wollen; da giebt
es ja tausend Mittel. - Nur keine ffentlichen Schritte. Es lsst sich so Vieles
unter der Hand abthun, eben wenn man Freunden vertraut. Freunden haben Sie ja
nur zu winken. Kommandiren Sie auch ber mich. A propos, ich habe viel von dem
jungen Lehrer gehrt, ein origineller Charakter, sagt man. Wo ist er? Stellen
Sie ihn mir vor.
    Er ist nicht hier. - Fr unsere Gesellschaft -
    Wrde er keine Augen haben, nur fr seine schne Schlerin. - Sie sehen
mich an. Wie? Soll er sein Blut in Eis verwandeln, oder spielt die Geschichte
von Ablard und Heloise nur in der grauen Vorzeit? Ach, eine reizende
Geschichte, aber wenn Sie dieselbe nicht wiederholt sehen wollen, mssen Sie
auch da Acht haben, mehr als nach Auen das Auge wach! Ja, theure Frau, die
Obliegenheiten einer Mutter sind gro. Sie haben eine halb Gefallene
aufgerichtet, aber wer sich vor dem Fallen noch frchten kann, ist stets dem
Fallen nahe - O weh! da fllt Ihr Diener - ein Glck, da der andere ihm das
Prsentirbrett hielt. Der arme Mensch ist krank -
    Aber Johann, wie konnte er auch! fuhr die Geheimrthin auf.
    Der Diener hatte sich wieder erhoben, und, es schien, erholt. Er versicherte
es wenigstens und wollte sich nicht hinausschicken lassen; es sei eben nur ein
Schwindel gewesen. Die Geheimrthin versicherte der Frstin, sie habe soviel
Lohnbedienten angenommen, da Johann gar nicht nthig gehabt, selbst zu
serviren; er habe es nur aus Eigensinn gethan.
    Oder Furcht, da seine Herrschaft ihn fr entbehrlich hlt, sagte die
Frstin. - Wie liebreich Adelheid ihm zuspricht! Sie hat ihn berredet, sie
schickt ihn hinaus. Bravo! Hren Sie! Herren und Damen sind entzckt, sie mu
etwas Seelenvolles gesagt haben.
    Die Geheimrthin fand sich allein. Auch die Frstin war zu Denen geeilt, die
Adelheid mit ihrem Beifall berhuften. Die Geheimrthin fand sich sehr allein.
Nur Diener, auf den Tag gemiethet, in Livreen, frisirt oder noch in Perrcken,
bewegten sich in den Zimmern, mit den Vorbereitungen fr die Abendtische
beschftigt. Sie kannte mehrere von ihnen nicht. Der eine schien im Vorbergehen
einen seltsamen Blick auf sie zu werfen, zwei dunkle Augen, aber er wandte sie
rasch auf die Teller, die er trug. Ward sie beobachtet, hatte man auch in ihre
Gesellschaft Lauscher geschickt, von Seiten der clairvoyanten Gesandten oder
Gesandtinnen? - Sie wollte in den Saal. Aber der Frstin nacheilen, welche ihr
eben so brsk den Rcken gedreht? Sie umfasste Adelheid. So hatte die Gargazin
auch sie vorhin umfasst. Sie zog sie auf ein Kanapee, sie spielte mit ihrer
Hand, sie sagte, sie flsterte ihr tausend schne Dinge ins Ohr. Adelheids
Gesicht glhte. O sie war weit liebenswrdiger, lebhafter, zuvorkommender gegen
die Tochter, als gegen die Mutter. Alle gruppirten sich, nher oder ferner, um
diesen Mittelpunkt. Nach der Wirthin sah Niemnd, es kam Niemand in den Sinn,
da sie abgeschlossen war. Der Legationsrath stand in einer Fensternische, weit
jenseits, die Arme unterschlungen, und beobachtete die Gruppen, sein Gesicht
unbeweglich wie immer; aber als der Strahl seines Auges sie traf, glaubte sie in
dem Auge eine an sie gerichtete Bemerkung zu lesen. War es ein Vorwurf,
Bedauern, Mitleid?
    Warum sich der Gesellschaft entziehen, ma belle soeur? rief der Geheimrath
Schwager, der zufllig aus einem hinteren Zimmer kommend, der Wirthin
entgegentrat, als sie die beste Partie ergriff, weil kein Mensch sich um sie,
sich auch nicht um die Menschen zu kmmern, sondern um die Teller und Tische.
    Weil ich berflssig bin, war die kurze Antwort, mit der sie an ihm
vorberstreifte.
    Wenn er an Ton und Art noch nicht gemerkt, da sie auch ihn fr berflssig
hielt, ward er auf der Schwelle zum Saal daran gemahnt, als die Frstin, am Arm
des Legationsrathes, ber diese Schwelle rauschte. Wenn es nicht grade mit dem
Ellenbogen geschah, fhlte er sich doch durch Blick und Bewegung mit seiner
ganzen Persnlichkeit bei Seite geschoben.
    Die Frstin verlie die Gesellschaft. Den Legationsrath hatte sie gewrdigt,
sie als Kavalier an den Wagen zu begleiten; aber nicht einmal eines Blickes
wrdigte sie den Mann, der vorhin ihre Liebenswrdigkeit ausposaunt. War er ein
Anderer geworden? Sie gewi! Einen Kopf grer schien sie ihm. Fort waren die
Rollen der Liebenswrdigen, der nervs Irritirten, der Bescheidenen und der
Schwrmerin geworfen, als Frstin hielt sie ihren Ausgang.
    Ach, unsere emsige Wirthin. Immer wie eine Biene fr den Honig sorgend.
    Durchlaucht wollen uns doch nicht verlassen?
    Leider, eine heftige Migrne! O bitte, nehmen Sie nicht auf mich Rcksicht,
Ich verschwinde wie ein Schattten, um Licht und Heiterkeit zurckzulassen.
    Die Geheimrthin ffnete den Mund, um dagegen zu demonstriren, aber
unwillkrlich kehrte ihr die Erinnerung an jene Gesellschaft vom vorigen Sommer
zurck, - da war sie es ja, welche die Rolle der Frstin gespielt. Sie
verstummte. Migrainen sind oft angenehm fr Die, welche sie vorschtzen, nicht
immer fr Die, welchen Sie vorgeschtzt werden.
    A propos! rief die Frstin. Herr von Wandel, nur einen Augenblick, zwei
Worte mit unserer Freundin.
    Sie zog diese bei Seite: Wissen Sie schon, Jean Paul -
    Kommt nicht? Vielleicht hat er von einer Clairvoyanten gehrt, da er
Frstin Gargazin nicht mehr trifft.
    Nein, er kommt, aber in welcher Laune! Es ist mir wirklich recht leid. Nur
Ihretwillen.
    Ist ihm etwas passirt?
    Er ward bei der Berg so lange aufgehalten. In der besten Absicht, denn wer
konnte anders denken, bei der besonderen Vorliebe, mit der die Knigin sich der
Sache angenommen. Da um neun erst bringt der Fourier die Hiobspost.
    Eine Hiobspost!
    Der Knig will die Prbende nicht geben.
    Und Ihre Majestt die Knigin hatte doch -
    Nichts gespart, was Klugheit und Liebenswrdigkeit vermgen. Bis acht Uhr
gaben sie im Palais die Hoffnung nicht auf. Man passte nur auf den gnstigen
Augenblick und er schien gekommen. Majestt brachen eben ein Stckchen von dem
Kuchen, den Sie besonders lieben, und versicherten, so vortrefflich sei er noch
nie gebacken. Das benutzte Ihre Majestt, und der Knig lchelte ihr auch mit
der liebenswrdigsten Laune zu, aber ebenso liebenswrdig schttelten Sie den
Kopf und sagten: Herr Jean Paul mag ein sehr guter Romanschreiber sein, aber
darum ist er noch kein guter Domherr.
    Hat Ihre Majestt nicht Lafontaine's Beispiel eingewandt? Der hat doch auf
ihre Vorstellung die Prbende erhalten.
    Ihre Majestt sind zu klug, um nach solcher Erklrung noch ein Mal
anzufangen. Und es giebt Wichtigeres zu bitten.
    Der arme Jean Paul also gnzlich aufgegeben?
    Fr Berlin verloren. Ich wollte Sie nur avertiren. Noch wei Niemand hier
davon. Sie thun also gut, liebe Frau, die Sache auch zu ignoriren. Die Verehrung
fr den Dichter hngt mit der Aufmerksamkeit zusammen, die ihm der Hof erzeigt.
Erfahren Sie, da der ihn aufgiebt, ist der Lustre fort.
    Nein, es gilt nichts mehr, sagte die Geheimrthin bitter.
    Es thut mir nur um Sie leid, aufrichtig, meine liebe Geheimrthin. So viel
Embarras! Sie wrden die Gesellschaft auch nicht gegeben haben, wenn Sie das
voraus gewusst. Adieu et au revoir!
    Jean Paul kommt! ging ein Gemurmel durch das Zimmer.
    Die Geheimrthin meinte, der Legationsrath htte doch in zu ehrerbietiger
Entfernung auf die Frstin gewartet, als er sie hinausfhrte.
    Frstin Gargazin liebt Herrn Jean Paul nicht? bemerkte Herr von Wandel,
als er auf einen raschen Armdruck sie seitwrts in ein Zimmer gefhrt, damit sie
dem Dichter, der die Treppe herauskam, nicht begegne.
    Ich liebe nicht den Kultus fr sogenannte groe Menschen, antwortete die
Frstin beim Hinuntergehen. Die Lupinus wird sich mit diesem Zauberfest wieder
lcherlich machen.
    Ein Erbstck der Familie.
    Sagen Sie dieser Menschen, dieser Stadt, dieser Zeit. Weil Jeder aus seiner
Sphre treten mchte -
    Ohne den Charakter zu haben, die neue sich unterthnig zu machen.
    Wenn Jeder die Sphre des Andern durchschauen knnte! erwiderte die
Frstin langsam, den Blick auf den Begleiter gerichtet. Uebrigens thut mir die
arme Frau leid. Prinz Louis wird nie zu ihr kommen. Sie lsst alle ihre Minen
umsonst springen. Die Frstin drckte beim Einsteigen dem Legationsrath die
Hand: Ich werde nichts vergessen.

                          Achtundzwanzigstes Kapitel.



                              Eine schlimme Nacht.

Ein Geflster war durch die Gesellschaft gegangen. Man steckte die Kpfe
zusammen, und das Geheimni, welches die Frstin der Wirthin anvertraut, war
lngst ein Gemeingut, als die Gesellschaft zu Tisch ging. Vorher aber sah man
ein Schauspiel, es war ein Impromptu. Adelheid hatte von der Tafel einen
Blumenkranz ergriffen, und ihn pltzlich auf die Stirn des Dichters gedrckt:
Nun sind Sie ein freier Mann!
    Es war alles anders geworden, als die Geheimrthin gewollt. Die Bekrnzung
sollte stattfinden, aber in anderer Art, spter, an der Tafel selbst. Sie hatte
Figuranten geworben, die bei jedem Gesprch mit Phrasen aus des Dichters
Schriften ihm antworten sollten; das musste jetzt rckgngig gemacht werden; es
passte nicht mehr. Die Empfindsameren umringten ihn, statt mit Siegeshymnen, mit
Kondolenzversicherungen. Es sah nicht wie bei einem Freudenfeste aus. Whrend
die Mehrzahl nicht laut genug ihr Bedauern an den Tag legen zu knnen glaubte,
schlichen Andere fort. Die Geheimrthin begegnete dem General, der seinen Hut
zum Gehen ergriffen.
    Auch Sie uns verlassen?
    Man wei nicht, was im Palais vorgegangen ist, sagte der Offizier mit
seiner soldatischen Offenheit, nicht in wie weit Seine Majestt sich ber die
Person des Herrn aus Baireuth ausgesprochen haben.
    Aber ein Charakter wie mein Herr General -
    Hat auch Rcksichten zu nehmen. Der Knig, meine liebe Frau Geheimrthin,
erfhrt jeden Morgen genau, wer bei Rchel war und wer bei Blcher war. Und Sie
wissen gar nicht, wie diese Rapportements gemacht werden. Hat er sich nun
wirklich ungndig ber den Poeten ausgedrckt, so wird auch von Ihrem Festin ihm
berichtet und Sie wissen nicht wie. Ihnen kann das nun nichts schaden, wenn
Einer sagt: Es ist doch auffllig, da die Lupinus dem Fremden ein Fest giebt,
als wenn er ein Potentat wre, und gerade in dem Augenblick, wo Eure Majestt
sich so nachdrcklich ber die Stellung ausgesprochen haben, die er nur
beanspruchen kann. Beyme setzt vielleicht hinzu: Und jetzt, wo Eure Majestt
eben einen solchen Gnadenakt gegen ihren Schwager ausgebt. Wer wei denn, wer
zwischen den Lippen murmelt: Undank ist der Welt Lohn! Und wenn Lombard dabei
ist, wird er sich die Gelegenheit entgehen lassen, mir einen kleinen
Freundschaftssto zu versetzen? Ich hre ihn schon hinwerfen: Es ist doch noch
sonderbarer, da gerade unser General dabei sein musste. Er ist doch sonst kein
Admirateur von Poeten. - Sollte das andere Grnde haben? fgt vielleicht noch
ein guter Freund hinzu, denn Sie glauben nicht, wie viel gute Freunde Jedermann
am Hofe hat, der eine gute Stellung hat, die Andern zu gut fr ihn dnkt.
    General, aber bei Ihrer Renommee!
    Je hher der Kornhaufen, so mehr Muse hausen unten. Mein Kommando wird mir
Seine Majestt darum nicht nehmen, aber wird mir vielleicht das nchste Mal
sagen: Sind auch ein so groer Verehrer von dem Herrn Romanschreiber? Meinte die
Lorbeerkrnze schickten sich nur fr Generle. - Und das wre noch das Beste,
dann ist es ausgeschttet. Ohnedem bleibt etwas, denn der Knig hat ein
vortrefflich Gedchtni. Und wissen wir, von wem und wann daran weiter gebohrt
wird? Ein wunder Fleck hat anziehende Kraft. Und wei ich was noch hier
geschieht bei Tisch von den Admirateurs, welche Gesundheiten sie ausbringen?
Kann nicht Einer beim Wein eine Beleidigung gegen Seine Majestt aussprechen?
Hre ich's ruhig mit an, so heit's im Palais, ich habe eingestimmt, und rede
ich drein - nein, meine gndige Frau, ich will ihr schnes Festin nicht stren.
    Sie selbst aber wollte es stren. Die Salatscene sollte nun unterbleiben.
Sie war, als der General ihr begegnete, eben auf dem Wege zum kranken Johann
gewesen, um ihm Contreordres zu geben. Sie hatte aber auch vorhin den Befehl zum
Serviren gegeben und in dem Augenblick brach die Gesellschaft, um zu Tisch zu
gehen, auf. Es entwickelte sich heut Alles gegen ihren Willen. Jean Paul hatte
ihr seinen Arm reichen sollen. Ihrer Zweifel, ob es nicht jetzt passender sei,
diese Ehrenpflicht dem vornehmsten Gast zu bertragen, ward sie berhoben, als
der Dichter schon ihre Tochter entfhrte. Sie musste, um nicht allein zu gehen,
ihren Arm nothgedrungen Dem reichen, welcher allein ledig an der Thr stand, es
war der Schwager, und sie musste zufrieden sein, da es ihr wenigstens gelang,
eine Tafelordnung so ziemlich herzustellen.
    Wenigstens sa Jean Paul neben ihr. Wenn er von dem Fehlschlag seiner
Hoffnungen verstimmt gewesen, hatte er unter so viel Theilnahme und beim Klang
der Glser es berwunden. Der gute Wein wirkt nach einer Aufregung doppelt. Er
sprach oder sang in Worten die wie Streckverse klangen. Die Lfte in den
mrkischen Pinien htten ihm zugerauscht das alte Lied: Wo es Dir wohl geht, ist
Dein Vaterland! aber da sei aus dem blauen Aether eine Taube niedergerauscht mit
einem Lorbeerzweig und habe ihm zugeflstert: Der Dichter mu frei sein! Und ein
frischer Morgenwind habe seine Stirn, seine heie Brust gekhlt, er sei erwacht
und wieder arm, aber frei, frei wie der Vogel in der Luft, und dies Glas bringe
er aus auf die Taube mit dem leuchtenden Fittich.
    Nur ein Theil der Gesellschaft verstand es. Der Geheimrath von der Voigtei,
der auch sein Glas gefllt hatte und sich fr verpflichtet hielt, als nchster
Anverwandter der Wirthin, die Gesundheit des Gastes zu bernehmen, unterbrach
den Dichter: die erste Gesundheit gebhre ihm selbst. In einer Rede, die, wenn
auch sonst nichts, doch verrieth, da er von dessen Schriften nichts gelesen,
gratulirte er dem Poeten, der nun mit Piron sich die Grabschrift setzen knne:

Ci-gt Piron, qui ne fut rien.
Pas mme acadmicien.

Aber wie Piron ein aimabler Poet geblieben, obgleich er sonst nichts gewesen, so
werde auch ohne Prbende fr sie Alle hier:

Unser herrlicher Jean Paul Friedrich Richter
Bleiben ein ihnen unvergelicher Dichter!

    Im Glserklang erhob sich der Gast: Unser Auge blickt nach den blauen
Bergen, und unser Herz schwillt vor Sehnsucht, weil der Himmel sie ksst. Aber
oben weht es uns zu rein an, wir athmen zu bang in der Nhe des
Unaussprechlichen, und die Thler verschwimmen vor unsern Augen. So sehnt des
Dichters Brust sich nach dem Schnsten und Hchsten, wie Semele nach Zeus'
wahrhaftiger Gestalt. Aber in der Feuergluth zerspringt sein Herz, er kann nur
leben im Thal, athmen im Duft der Kruter, und die Berge ber ihm, die
Fuschemel des Unnennbaren, sind die Sulen der Ewigkeit, an denen sein Geist
sich aufrankt. Wer einmal dort oben vom Lichte getrunken, habe genug frs Leben.
Nun mge man ihn beglckt zurckkehren lassen in die stillen Thler seines
Fichtelgebirges. Wenn seine Waldbche ber die bemoosten Steinblcke rieselten,
die Fichten suselten, die Veilchen aus dem feuchten Grn dufteten, und wenn
dann wieder an des Dichters Seele edle schne Frauen vorber schwebten, Lianen
und Natalien, im Diadem des Morgenrothes, wenn ihre Fe im Thau sich badeten,
ihre seelenvollen Augen das Blau des Aethers saugten, um Huld und Wohlwollen fr
tausend blutende Herzen widerzustrahlen, - dann kmen sie von den Bergen, die er
einmal bestiegen, wo auch er Seligkeit getrunken. In seiner Eremitage nun kein
Einsiedler mehr, umschwebten ihn Berlins edle Frauen, beim Frhroth bten sie
aus der Krystallschale ihm den Morgentrank und wenn die Knigin des Tages hinter
die Berge sinke, sollte den Dichter einlullen die Harmonie ihrer Silberstimmen.
Dies Glas leere er auf Berlins schnere Hlfte.
    Unter dem Glserklang der Herren, unter den Verzckungen der Damen war
Adelheid aufgestanden. Den Wink der Geheimrthin hatte sie nicht bemerkt. Ihre
Augen gegen den Plafond gerichtet, tnte ihre metallreiche Stimme durch den
Saal: Aber die Sterne oben sind nicht stumm, sie tnen, im Festsaal des Ewigen
kreisend, die Sphrensprache der Harmonie, und der Geweihte versteht sie. Der
blasse Geweihte, der am Schmerzenslager berwindet, der Geweihte, dessen Stirn
die Freude des Sieges rthet, und er der Geweihte, der der Aeolsharfe ihre
Klagetne abgelauscht, den Vgeln ihren Gesang, er, der die summenden Stimmen
der Vlker versteht, Phbus geweihter Priester hrt den Gesang der Sterne -
    Mamsell, der Salat! flsterte Johanns zitternde Stimme, aber er getraute
sich nicht mehr den Napf zu tragen. Die Geheimrthin war beim Anfang der Tafel
wieder umgestimmt worden, denn die Stimmung der Gesellschaft war entschieden fr
den Dichter, und die Lupinus theilte nicht die Besorgni des Generals. Im
Gegentheil schien ihr eine derartige Manifestation jetzt ein Ehrenpunkt. Aber
Jean Paul hatte ihr bei der Tafel gar keine Aufmerksamkeit erwiesen. Er
schwrmte in eigenen Gefhlen, seine Komplimente waren nur an ihre Tochter
gerichtet. Sie wollte es ihn empfinden lassen, und ihre Lippen hatten sich zu
einigen spitzen Worten gespitzt, die mit dem Stichwort schlieen sollten, auf
welches Adelheid einzufallen htte, als diese unerwartet, gegen die Verabredung,
von einem Impuls sich hinreien lie. Unglcklich fgte sich auch hier alles,
der kranke Johann stotterte zur Linken die Worte, whrend einer der sogenannten
Ausgestopften, das heit der gemietheten Lakaien, ihr zur Rechten den
Salatnapf berreichte. Es war derselbe Lakai, dessen funkelnde Augen sie vorhin
erschreckt. Adelheid ergriff in ihrer Extase den Napf und statt ihn
niederzustellen, hob sie ihn wie eine Opfervase empor - und er der geweihte
Priester hebt die Schale den Gttern entgegen fuhr sie in der Rolle fort,
entnommen aus irgend einer Dithyrambe der Jean Paul'schen Poesie, die wir wieder
vergessen haben, vielleicht auch aus denen, die von der Geheimrthin zu diesem
Zweck komponirt waren, als der Ausgestopfte ihr etwas zuflsterte. Die Worte
hrte man nicht, aber die Gesellschaft konnte nicht anders denken, als da der
Sinn von dem, was der Lohnlakai sprach, nichts anderes sei, als was der kranke
Bediente ziemlich vernehmlich zur selben Zeit sprach: Auf den Tisch, Mamsell,
's ist ja der Salatnapf!
    Adelheids Stimme stockte pltzlich. Als sie nach der Seite blickte, stie
sie einen Schrei aus. Darber entfiel ihr der Napf. Viele Arme wollten helfen.
Ein Armleuchter war umgestoen. Die Kerzen fielen auf das Tischtuch; eine
streifte an den Fruchtkorb, der mit knstlichen Papierblttern ausstaffirt war.
Das Papier brannte, das Tischtuch brannte. Man schlug ungeschickt zu. Man ri am
Tischtuch und noch ein Leuchter fiel. Es flammte und flo, man schrie: Hlfe!
Feuer! Die Sthle schlugen um, die Damen in den leichten, feuerfangenden
Kleidern schrien am lautesten und strzten fort, Herren und Bediente rissen am
Tischtuch. Es brannte schon lichterloh, die Kerzen vom Kronleuchter truften,
als einige entschlossene Arme die Tischtuchenden ber die gesamme Verwstung
zusammenschlugen. Der Brand war so erstickt, aber auch das Porzellan, Glaswerk,
Torten und alles was zerbrechlich war, in dem Chaos zusammengeschttet und
vernichtet.
    So konnte man vermuthen, da es hergegangen, denn der Brand war gelscht,
ehe die Nachtwchter Berlin in Alarm versetzten. Im Uebrigen wusste Niemand
spter ber den Hergang klare Auskunft zu geben. Es lag auch in Mancher
Interesse, es im Dunkeln zu belassen. Die Entschlossensten hatten schnell ihre
Damen fortgerissen, um den Abschied unbekmmert, nur Garderobe und Strae galt
es zu erreichen. Wenn sie dein Feuerschaden auswichen, entgingen einige Damen
dem des andern Elements nicht. Die Wassereimer, mit denen die Diener ihnen
entgegenstrzten, verdarben manche Toilette. Das Gedrnge kam einer Verstopfung
nahe. Man sprach von Ohnmachten. Die ohnmchtig Gesagten leugneten es. Am Boden
gelegen wollte Niemand haben, nur vielleicht auf einem Stuhl. Viele lieen es
sich nicht nehmen, da die Wirthin wirklich im Gedrnge ohnmchtig geworden.
Nach ihren eigenen Aeuerungen spter konnte man es glauben; sie sprach von
einem Schleier, der ber sie gekommen, eine wohlthtige Macht htte die
Schreckensscene vor ihr verhllt. Es wre allerdings eine doppelte
Schreckensscene fr sie gewesen, wenn sie alle Urtheile wirklich htte hren
mssen, welche in der Aufregung ber sie und ihr Fest laut wurden.
    Der Lrm hatte auch den Geheimrath aus seiner Studirstube gelockt. Als er im
Schlafrock und Pantoffeln in die Vorzimmer drang, war die Gesellschaft schon
entflohen. Nur ein branstiger Qualm drang noch durch die Thren, Wasserrinnen
ergossen sich ber die Dielen, und Wirrwarr, Gedrnge und Getreibe berall. Aus
der Thr des Speisesaals trug ein Lakai Adelheid und legte die Ohnmchtige auf
ein Sopha. Brust und Schultern waren in ein nasses Tuch eingeschlagen. Ihr
Musselinkleid war von den Flammen ergriffen worden. Sie htte mit einem Druck
der Hand die Flamme lschen knnen, aber sie hatte wie eine Bildsule
dagestanden, regungslos. Der Bediente Johann hatte eine Serviette ergriffen,
aber seine Hnde zitterten, die Serviette gerieth selbst in Brand. Da hatte
einer der fremden Lakaien ihn fortgestoen, und mit Tchern, die er schon in
einen Wassereimer getaucht, das Feuer erdrckt. Aber jetzt war sie ohnmchtig
geworden, und der Lakai, ein krftiger, junger Mann, hatte sie in das
Entreezimmer getragen, als der Geheimrath dazu kam.
    Das war das Resultat einer kurzen Untersuchung, welche der Gelehrte
angestellt, und bei dem er sich, als er spter in seine Arbeitsstube
zurckkehrte, vollkommen beruhigte. Jetzt mu man ihr die nassen Tcher
abnehmen, sie erkltet sich sonst, hatte er gesagt, der Lakai aber gerufen:
Man mu den Arzt holen! und war nach der Thr gestrzt. Das wird nicht nthig
sein, hatte der Legationsrath Wandel gesagt, der aus der dampfenden Stube trat.
Es ist nur eine Affektion der Nerven. Er hatte mit dem Geheimrath die nassen
Tcher abgezogen und gefunden, da keine Brandverletzung stattgefunden, selbst
der Brandfleck am leichten Oberkleide war gerinfgig, die Flamme hatte nicht
einmal das festere Unterkleid ergriffen. Der Legationsrath steckte das
Essenzbchschen, welches er geffnet, wieder in die Tasche, murmelnd: Hydor
ariston! Das hatte eine freundliche Falte auf die Stirn des Geheimraths
gelockt. Er redete den Legationsrath lateinisch an, und dieser antwortete
lateinisch. Herr von Wandel hatte eine schne reine Aussprache, nicht ganz
ciceronianisch, aber er applicirte sehr geschickt einige Feinheiten der
Latinitt: Es ist nichts als eine psychische Aufregung, vielleicht Exaltation
fr den Dichter, vielleicht etwas anderes - - aber es geht schnell vorber, sie
wird sich von selbst erholen! Und so geschah es, auf einige Tropfen, die er aus
einem Wasserglase auf ihr Gesicht spritzte, schlug Adelheid die Augen auf. Sie
erkannte die Gegenstnde, athmete und machte eine Bewegung mit der Hand, da die
Herren sich entfernen mchten: Das Uebrige wird weibliche Pflege und ein
Camillenthee thun, beruhigte der Gast den Wirth.
    Der Geheimrath hatte dem Legationsrath die Hand gereicht, und den Wunsch
seiner nheren Bekanntschaft ausgedrckt. Er that dies selten. Im Speisesaal
grinste ihn die Verwstung an. Es dampfte und fluthete, er musste ber
umgeworfene Sthle, Tische, Scherben steigen. Wenn das in seiner Studirstube
passirt wre! Der blasse Geisterschreck, den dieser Gedanke auf sein Gesicht
zauberte, trieb ihn zu einer ungewohnten Thtigkeit. Er rief den Dienern, den
Mgden, er legte selbst Hand mit an.
    Da flog ein erstes Lcheln ber die weien Lippen der Geheimrthin, und es
zuckte etwas von Leben in ihrem starren Blicke. Sie hatte bis da regungslos auf
dem Canapee halb gesessen, halb gelegen, vielleicht im Gedrnge von den
Fortstrzenden dahin gestoen. Das Eau de Cologne, was Lisette ihr ins Gesicht
gesprengt, war ohne Wirkung geblieben. Jetzt, beim Anblick der Thtigkeit ihres
Mannes kehrte das Leben zurck. Die Zunge lste sich, sie konnte sprechen, es
platzte heraus wie ein Lachen: Mit den Pantoffeln! Sie erklten sich ja im
Wasser die Fe!
    Der Geheimrath fhlte jetzt, was ihm ein Unbehagen verursacht, fr das er
sich keinen Grund anzugeben gewusst. Er ging im Wasser, seine Fe waren ganz
na.
    Aber es mu doch Ordnung geschafft werden, meine Liebe. Er sah sich um.
    Dafr wird Lisette sorgen, die versteht es besser. Gehn Sie in Ihre Stube
und ziehen sich andere Strmpfe an, morgen ist alles wieder wie sonst.
    Aber - ich hoffe, die Incommoditt wird Ihnen nicht schlecht bekommen?
    Ganz und gar nicht, sagte die Geheimrthin, die aufgestanden war. Eine
kleine Strung in den Gewohnheiten des Lebens. Weiter nichts. Morgen ist's
vergessen. Ich hoffe, da in Ihrer Stube nichts derangirt ist.
    Das hoffte der Geheimrath auch; er hatte hier nichts mehr zu thun. Die
Geheimrthin lie sich von Johann fhren. Mit jedem Schritte, den sie that, ging
sie fester. Der Bediente hielt sich an den Thrpfosten, als er sie in ihr
Schlafzimmer gebracht. Sie ma ihn mit einem durchdringenden Blicke: Was soll
das werden mit ihm, Johann?
    Er verstand es: Um Gottes Erbarmen, gndige Frau Geheimrthin, strzen Sie
mich nicht in mein Elend,
    Ihm war es, als bohrte ihr Blick in sein Herz, aber sie sprach kein Wort:
Morgen frh soll Hofrath Heim kommen.
    Er ging. Sie rief ihn zurck: Nein, nicht Heim! Der ist zu nichts zu
brauchen - murmelte sie. Selle, rufe er den Geheimrath Selle, ich lasse ihm
meine dringende Empfehlung machen - sie stockte und hub wieder an: Nicht zu
Selle, zum alten Geheimrath Mucius, ich liee ihn dringend bitten.
    Johann war gegangen. Sie schellte wieder: Es soll mich Niemand stren. Was
auch vorfalle. Ich werde mich selbst ausziehen. Lisette soll mit den Andern die
Sachen fortschaffen, aber sie soll sich nicht unterstehen Lrm zu machen. Ich
will nichts mehr wissen, versteht Er mich.
    Johann ging. Sie rief ihn doch wieder zurck; Morgen frh wird Niemand
vorgelassen. Niemand.
    Herr Jean Paul Richter fragten, wann er seine Aufwartung machen knne, um
Abschied zu nehmen?
    Ich bin nie, wenn er sich meldet, zu Hause.
    Sie stand noch eine Weile, nachdem der Bediente fort war, die Blicke auf die
Diele geheftet. Ihr musste sehr hei sein, sie schpfte tief Athem, ri Tuch und
Kleidungsstcke auf und warf sich auf das Sopha, den Kopf in den Arm gesttzt.
    Sie wollte nichts von dem Gerusch hren, und hrte doch alles, das Aufheben
jedes Stuhls, das Klappern der Teller, so leise Mgde und Diener ihr Geschft
verrichteten. Sie gab sich Mhe, tue Tritte jedes Einzelnen zu erkennen, und
indem sie sich darber rgerte, horchte sie nur immer schrfer. Sie haderte
innerlich, diese Magd sollte einen Verweis erhalten, jene entlassen werden.
    Was glhte in ihren Adern, was war die trockne Hitze, die ihr alle
Spannkraft raubte, was die Unruhe, die jede Anwandlung von Schlaf verscheuchte?
Ein verlorener Tag? Es war nur ein Tag unter vielen. Eine verlorene Schlacht in
einem Kriege, in einem langen, trostlosen mit dem Leben. - Und von wem war sie
geschlagen? - Von Allen. Heut, wo sie so sicher auf einen Sieg gerechnet! - Sie
kannte die Gesellschaft, die bsen Zungen, Macht des Lcherlichen. Ihre
Niederlage war eine auf lange Jahre hinaus. Sie hrte schon die Fragen mit
spttischem Lcheln: Waren Sie auch bei dem Zauberfest der Geheimrthin? Die
ebenso lchelnden Antworten: Sie hat es sich etwas kosten lassen. Recht schade,
wozu das? - Sie hat einmal kein Geschick dazu. - Die Apotheose Jean Pauls
war doch au comble du ridicule. - Und dazu das Unglck noch! Die arme Frau.
Warum wird sie aber nicht klug! Oder die bittersten: Es ist ihr schon recht,
da sie mal die Lektion bekommen!
    Sie war unerschpflich in der Selbstmarterung, sie vertheilte diese
Sarkasmen und Bonmots, zu deren Zielscheibe sie sich selbst machte, unter ihre
Bekannten, ihre besten Freunde. Und hatte sie es denn von ihnen anders erwartet?
Sie lachte auf. Ach, das Lachen half nichts. Sie empfand einen ungeheuren Durst,
aber nicht Wasser, nicht Wein konnte den stillen. Aber an wem diesen Durst
khlen? - Laforest, warum musste er das erste Zeichen zum Aufbruch geben, er,
der nur gekommen schien, um Audienz zu geben, Huldigungen zu empfangen. Der
General, der feige davon lief? Mochte er laufen. Jean Paul, der, erstickt von
Eitelkeit, nur im Lobe sich berauscht, nur mit den jungen Mdchen getndelt,
ohne ihr, die sie mit so raffinirter Sinnigkeit das ganze Fest fr ihn bereitet,
nur ein Wort des Dankes zu sagen, nur die gewhnlichste Aufmerksamkeit zu
erweisen. Alle, alle hatten sich nur um sich bekmmert, um andere Gestirne, sie
war eine Einsiedlerin gewesen in ihrer Gesellschaft.
    Die Dienerschaft drauen musste mit ihrer Verrichtung zu Ende sein. In der
Stille hrte man nur noch vereinzeltes Threnklappen und Hin- und Herlaufen. Sie
lauschte aufmerksamer. Den Tritt kannte sie. Der Legationsrath war noch im Hause
geblieben? Er kam grade auf ihre Thr zu. Endlich ein Mensch, ein Geist, der
sich ihrer annehmen, mit dem sie ihre Gedanken austauschen knnte. Sie wollte
die Thr aufreien. - Nein, es war an ihm. Gleichviel, wollte er sich melden
lassen, klopfen, eintreten. Er blieb stehen. Sie glaubte ihn ghnen zu hren. Er
zog sich den Ueberrock an. Er sprach leise mit Lisetten. Es war von Tropfen und
andern Hausmitteln die Rede, fr eine Magd, die der Schreck niedergeworfen, von
einem Thee, den sie dem Geheimrath kochen sollte. Auch dem Johann sollte sie
davon eine Tasse geben - von ihr kein Wort! - Er fragte nicht nach ihr. War sie
kein menschlich Wesen? Hatte der Schreck auf sie keine Einwirkung? Hatte er sie
vergessen?
    Er war fort, sie lag wieder auf dem Sopha. Ihre Stirn war so hei, so hei -
ein khlender Tropfen nur! Aber vor dieser Stirn tanzten Bilder in
erschreckender Klarheit. Sie wusste jetzt, wer ihre Feindin war. Wen hatte
Wandel hinausgefhrt, wem seinen Cavalierdienst erwiesen, die gewhnlichsten
Regeln der Artigkeit gegen die Wirthin, wer diese auch gewesen, verletzend. Weil
sie die Vornehmere, die Vornehmste war? O dahinter steckte mehr. Die Frstin war
es, welche unter der Maske der anspruchslosesten Holdseligkeit ihr den Abend
verdorben, welche ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine totale Niederlage
beigebracht. Sie hatte das Fest beherrscht, sich Huldigungen darbringen lassen,
durch ihr Gesprch sie selbst gefesselt, da sie ihr Auge der Gesellschaft
entzog. Dann, nachdem sie ihr durch die bse Nachricht den Todesschlag versetzt,
war sie triumphirend fortgegangen. Aber nicht Zufall war es, - nein, Plan; ein
weit hinausreichender Plan. Der Frstin, die einen Kreis um sich zaubern wollte,
waren die angenehmen Cirkel der Geheimrthin im Wege. Hatte sie nicht in einem
langen Gesprch sie nach allen Verhltnissen, Personen ausgefragt? Wozu das? Sie
wollte auskundschaften, was den Zauber dieses Kreises bilde. Was konnten die
fremde, vornehme Frau sonst die Verhltnisse eines brgerlichen Hauses in Berlin
interessiren! Und jetzt wusste, kannte sie alles, und hatte vielleicht alles
zerstrt. - Wer wrde denn noch ihre Gesellschaft besuchen? Nicht weil der Knig
sich gegen den Dichter ausgesprochen. O nein, das konnte ihrer Societt gerade
einen neuen Reiz geben, die freien muthigen Geister locken, aber vor dem Fluch
des Lcherlichen flieht die Geisterwelt. Und er - sollte, knnte ihr dabei
hlfreiche Hand geleistet haben! Unmglich!
    Eine unaussprechliche Bitterkeit ergriff die Gequlte. Kann eine Frau einen
Mann fordern? Was rann eine Frau, und wenn sie den Muth einer Judith und
Herodias besa, in dieser Welt der Konventionen! Ihr Ha mag glhen wie der
Aetna, den Athem mu sie in sich zurck pressen, sonst verwundet sie sich
selbst. Die Macht des Lcherlichen umstarrt sie wie himmelhohe Eisfirnen, die
auf ihrem Spiegel nur die verzerrten Zge ihrer Wuth als Karikaturen
wiedergeben. Giebt es denn keine Mittel fr ein Weib, der Welt den Krieg zu
erklren? Nur das kleine Spiel der Rnke, um hie und da mit giftigen Nadeln zu
stechen, ihnen vergnnt! Einen Verhassten - mag eine Frau, die einen Mchtigen
beherrscht, verfolgen, vernichten; wenn nun aber ihr Ha nicht an Einzelnen sich
gengen lsst, wenn die Vernichtungslust ihre Adern wie ein wildes Feuer
durchglht, wenn sie die Armseligen, Gemeinen, Undankbaren von der Erde
wegsplen mchte, wie Pharaonis Schaaren das rothe Meer - wenn sie fhlt, mit
diesem Rachekitzel der Menschheit selbst einen Dienst zu leisten! - Sie kann nur
morden im Traum!
    Sie presste ihre Hnde an die heie Stirn, als sie wieder ein Gerusch
hrte. - Das war Adelheids Stimme, hell - wie ein Aufschrei. Es kam von weitem
her, aber nicht weit genug, da es von ihrem Zimmer sein konnte. Da kam ihr das
Mdchen wieder in den Sinn. Sie hatte gar nicht an sie gedacht. Was war aus ihr
geworden? Sie sann nach. Eine dunkle Vorstellung, da man Hlfe! Sie brennt!
gerufen. Sie durfte sich versengt haben. Von ihren Feinden war ja alles
geschehen, der Sache einen Eklat zu geben. Aber der Ton kam wieder; nicht mehr
ein Schrei, aber der bange tnende Schall, den die Menschenstimme annimmt, wenn
etwas Ungewhnliches uns berkommt. Sie hrte noch eine andere Stimme. Auch ein
Schrei, wie wenn man Geister erblickt. Das war keiner von der Dienerschaft, auch
nicht ihr Mann. Wie ein tiefes Schluchzen! Eine heftige Bewegung. Sie hrte
Mnnertritte. An Muth fehlte es der Geheimrthin nicht. Sie ergriff den Leuchter
und trat hinaus. Die Kerze warf nur ein schwaches Licht in den verwsteten Saal.
Ihr: Wer ist da? hallte ohne Antwort durch die Rume, aber aus dem Kabinet
daneben war eine Gestalt bei ihrem Eintritt fortgeeilt. Sie schlpfte durch die
Thre nach dem Entree. Sehen konnte sie nur einen Schatten, sie hrte das leise
Klinken der Thre drauen, sie hrte deutlichere Tritte, die auf der Treppe
allmlig verhallten.
    Im Kabinet stand Adelheid, die zugedrckten Hnde an der Stirn. Sie athmete
schwer; ein intensives Zittern schttelte ihre Glieder. Sie erschrak aber nicht,
als sie die Hnde allmlig vom Gesicht fortzog, nicht vor dem Glanz des Lichtes,
und nicht vor dem Anblick und dem forschenden Auge der Geheimrthin.
    Was war das, Adelheid? Wer war hier?
    Fragen Sie mich nicht, antwortete das Mdchen. Es war alles wie ein
Traum.
    In dem noch ein Anderer mit trumte!
    Das Mdchen schpfte nach Luft. Aber ihr Blick hatte doch eine Sicherheit,
welche die Geheimrthin frappirte. Adelheid sank auf einen Stuhl und sttzte den
Kopf im Arme: Es war fast zu viel! schuchzte sie, zu viel fr mich. Und, mein
Gott, warum komme ich dazu. Warum ich dazu ausersehen!
    Die Geheimrthin setzte sich neben sie; Hat Dich Jemand gekrnkt,
beleidigt? -
    Ich wei es nicht.
    Ein Mensch entschlpfte durch jene Thr, er war bei Dir -
    O mein Gott, er war bei mir, und nun ist er fort -
    Und wer war es?
    Das ist ein Geheimni, lassen Sie es mir. Es sprengt mir die Brust, aber
ich werde schon stark werden! Er ist fort, er wird nicht wiederkommen.
    Ein Geheimni vor Der, die Mutterstelle an Dir vertritt! - Bedenke, liebes
Mdchen, es darf kein Geheimni zwischen Der sein, fr deren Ehre ich durch
Deine Aufnahme in meinem Hause Brgschaft vor der Welt leistete -
    Die Sie - von da aufhoben, fiel Adelheid schaudernd ein.
    Und der geringste Verdacht, ein Geheimni, was ich verdecken, ein Fleck,
den ich beschnigen hlfe -
    Wre mein Verderben! rief Adelheid aufspringend. Ich wei es, ich wei
Alles - o Gott, ich bin unglcklich, aber es ist nicht mein Geheimni.
    Wessen denn?
    Dem ich auf seinen Knieen versprach, es zu bewahren.
    Auf seinen Knieen! Htte die Lupinus der Beruhigung ber einen Punkt
bedurft, so war sie jetzt durch Adelheids Exaltation und durch die Sicherheit
ihrer Sprache beruhigt. Aber dieser bedurfte sie nicht.
    Verstoen Sie mich, gtige Frau! Ich wei ja, welchen Undank ich auf mich
lade. Stoen Sie mich aus Ihrem Hause, zurck in meine ungewisse Lage, - nein
mehr als das, es kostet Ihnen nur ein Wort, wenn Sie mich aufgeben, so fllt der
ganze Fluch wieder auf mich, alle die bsen Erinnerungen, das Gerede erhlt neue
Kraft, dann bin ich vor der Welt verloren.
    Exaltire Dich nicht, sagte die Geheimrthin, mich kmmert das Urtheil der
Welt nicht, ich verlange nur Wahrheit zwischen uns.
    Und ich - darf Sie Ihnen - heut nicht geben.
    Heut nicht - wiederholte langsam die Geheimrthin. Da es kein Dieb und
Ruber war, denn es ist doch nichts entwendet, und er floh vor dem Anblick einer
schwachen Frau, kann es nur ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein. Da Du
aufschrieest, war es auch kein Rendezvous, sondern er berraschte Dich, oder
vielleicht aus Mitleid oder Schonung willst Du seinen Namen jetzt nicht nennen.
Nun das pressirt ja auch nicht. Du willst ihn nicht wiedersehen, und wenn Du es
ihm selbst schon gesagt, berhebst Du mich der Mhe, ihm mein Haus zu verbieten.
Auch wirst Du klug sein, um Dich und mich nicht in Demels zu verwickeln, und
die Vorsicht gegen Andere beobachten, die Du gegen mich bst. Im Uebrigen knnte
es mich wenig kmmern, wer es ist, da es an thrichten Menschen in der Stadt
nicht fehlt, die Dich auf Schritt und Tritt angaffen und uns Beiden
Inkommoditten verursachen, wenn ich nicht besorgen msste, da es einer der
Freunde unseres Hauses wre. Wenn das ist, msste ich Mamsell Alltag bitten, bis
morgen sich zu besinnen, ob sie mir den Namen nennen will, denn Personen, welche
hinter meinem Rcken das Recht der Gastfreundschaft verletzen, msste ich den
Stuhl vor die Thre setzen.
    Sie hatte sich umgewandt. An der Thr holte Adelheid sie ein. Sie presste
die Hand der Geheimrthin an die Lippen und bedeckte sie mit heien Thrnen: O
verzeihen Sie mir, ich bin ein undankbares Geschpf, aber, - nicht so undankbar,
- nein, aus Ihrem Hause ist er nicht, er ist nie ber Ihre Schwelle getreten, er
darf nicht ber Ihre Schwelle treten.
    Mit dem Lichtstrahl, der pltzlich in der Lupinus aufscho, fiel ein
schwerer Stein von ihrem Herzen. Es war ein erstes, wohlgeflliges Lcheln, das
ber ihre Lippen schwebte. Sie hatte an den Legationsrath gedacht, jetzt schmte
sie sich fast, da sie an ihn denken knnen.
    Sie zupfte Adelheid am Ohr: Nimm Dich in Acht! - So verrth man sich. - Ich
hoffe, Du hast Dich gegen ihn nicht verrathen? - Doch wie kam er ins Haus? -
Pltzlich stand der fremde Bediente vor ihren Augen, dessen blitzende Augen sie
am Abend erschreckt. Ich werde knftig dafr sorgen, da man keine
Verkleidungen in meinem Hause auffhrt, und Du - nun das hngt von Dir ab. - Es
ist spt, wir wollen zu Bett gehen.
    Dem spten Einschlafen der Geheimrthin gingen Trume vorauf, die wir nicht
begleiten. Nur einmal schrie und fuhr sie auf. Sie hatte von der Folter
getrumt: ihre Glieder wurden zerschlagen. Sie befhlte ihren Arm. Sie hrte ein
stilles Weinen. Die Wnde sanken nieder, die ihr und Adelheids Schlafzimmer
trennten. Adelheid lag auf ihrem Bett, mit den schlaflosen Augen ins Wste
starrend: Es leidet noch Eine hier, flsterte der Dmon, und eine wohlthtige
Wrme verbreitete sich wieder durch ihre Adern. Sie lchelte als sie einschlief.

                          Neunundzwanzigstes Kapitel.



                              Scheiden und Meiden.

Jlli weinte, den Kopf auf den Tisch gelegt, still vor sich hin. Vor ihr lag ein
kleiner Beutel mit Geld. Am Tisch stand Louis Bovillard mit untergeschlagenen
Armen, den Hut auf dem Kopf, der beinahe die Decke des engen Hofstbchens
berhrte. Es war nichts Freundliches in der Stube, bis auf die Resedatpfe im
Fensterbrett, auf welche gerade ein durch zwei hohe Hinterhuser sich drngender
Sonnenstrahl fiel.
    Damit willst Du mich abkaufen, schluchzte sie.
    Er antwortete nicht.
    Du willst verreisen, nicht wieder kommen.
    Ich verreise nicht, sagte er nach einer Pause.
    Aber Du willst mich nicht wieder sehen. Warum giebst Du mir mehr, als Du
geben kannst? Dein Vater giebt Dir nichts, Du hast Schulden, ich wei es. - Wozu
brauchte ich denn soviel Geld?
    Pltzlich war sie aufgesprungen, die Thrnen brachen ihr aus den Augen, und
sie strzte mit wilder Heftigkeit ihm um den Hals. Nein, Louis, verzeih' mir
Louis, ich wei nicht, was ich sage, Du hast mich nicht abkaufen wollen. Was
httest Du abzukaufen! Du bist die Gromuth selbst. Nur aus Mitleid, aus purem
Mitleid hast Du mich aus dem Staube aufgerafft, blo um die dumme Schmarre da am
Halse. O htte der Herr seinen spitzen Degen mir durchs Herz gestoen, dann
wren meine Schmerzen aus, und ich machte Dir nicht so viele. Du hast Recht,
stoe mich fort, ich bin eine Last an Deinen Hacken. Du liebst mich nicht, Du
hast mich nie geliebt. Sag's raus, grade raus, das wirkt vielleicht wie die
Degenspitze - und dann ist alles gut.
    Mdchen, sei nicht nrrisch.
    Nrrisch bin ich nicht. Ich hab's wohl berlegt, Du hast unrecht gethan,
da Du mich hier in das Haus brachtest, wo Du selbst wohnst. Das schadet Deinem
Ruf.
    Er lachte auf: Ich habe keinen zu verlieren.
    Doch! O mein Gott, ja, ich habe es selbst von den Herren gehrt: Wenn er
wenigstens die Schicklichkeit beobachtet htte, das Geschpf auswrts
einzumiethen. Man kann ja nicht mehr mit Anstand ber seine Schwelle.
    Zur Thr hinaus mit den anstndigen Freunden!
    Sage das nicht, Louis. O wenn ich Freunde gehabt htte, damals, einen nur
wie Dich, ich wre jetzt nicht, was ich bin. - Mein alter Vater, der blinde
Konrektor, der war so gut, er htte sich meiner erbarmt, wenn Einer ihm nur
zugesprochen. Aber die Leute und die Stiefmutter! - Ach mein Herz brannte, mehr
von dem Schimpf als von der Schande! - Wie sie mich in den Korbwagen packten,
und die halbe Stadt darum - die hhnischen Gesichter, die Finger und die spitzen
Reden: Nun kann sie mit seidenen Kleidern gehen, - nun kann sie Romane lesen!
Als es zum Thor hinausrollte, wie schnitt mir's ins Herz!
    Kammermdchenphantasieen.
    Die gndige Frau htte es auch gut mit mir gemeint - aber - ich war noch
stolz wie Du, ich wollte mich nicht ihr zu Fen werfen. - Aus Scham strzte ich
fort ins Elend. - Louis, glaube mir, es braucht Jeder Freunde, sonst fllt er.
    Ich nicht mehr, murmelte er zwischen den Lippen.
    Sie ri die Augen weit auf, sie fasste ihn krampfhaft an der Weste:
Allmchtiger Himmel, ist's das! - Als ich vorgestern in Dein Zimmer kam, - es
war unrecht von mir, ich wei es, und Du thatest recht, da Du auffuhrst; Du
packtest mich am Arm, und fragtest, so bs hab ich Dich nie sprechen hren, was
ich mich unterstehe, Du stieest mich zur Thr hinaus, und schlugst sie mit
einem Schimpfwort zu - es war ein hsslich Wort, aber es hat mich nicht
beleidigt; es hatte mich auch nicht beleidigt, als sie mich Geschpf nannten,
nein ich bin stolz darauf, wenn sie mich Dein Geschpf nennen, ich wollte auf
Deiner Schwelle schlafen, wenn Du mich mit Fen trtest, wenn Du mich todt
trtest, und nur dabei sprchest: ich thue es aus Liebe, das wre ein seliger
Tod. Aber ich habe etwas gesehen, Louis, ehe Du mich raus warfst, und warum
warfst Du mich raus - Du putztest Pistolen auf dem Tisch.
    Was kmmert's Dich!
    Louis! Geh' nicht allein aus der Welt. Wenn Du gehst, nimm mich mit.
    Ich denke Einen mitzunehmen, sprach er vor sich hin. Im Uebrigen sei ruhig,
Mdchen, die Pistolen sind nicht fr mich geladen.
    Das ist nicht wahr. Fr wen denn? - Ich lasse Dich nicht so fort. Willst Du
in den Krieg? Es ist ja kein Krieg. Sie sagen, wir behalten Frieden.
    Krieg! Alles ist in Krieg miteinander, Tugend und Vernunft, Wahnsinn und
Laster; Alles betrgt sich, schlgt sich ein Bein, kuppelt, stiehlt, spielt
falsch; nur die Schurken und Memmen leben in Frieden und Eintracht, und wenn sie
in der Stille den Sndenbecher der Niedrigkeit geleert, wenn sie satt sind,
predigen sie uns Honnetitt.
    Sprich nicht so hsslich. Ich kann's nicht leiden. Spae lieber. Sag's mir
im Spa, da Du mich nicht mehr magst, da ich Dir unausstehlich bin, da Du das
Geld nur giebst, um mich los zu werden, hrst Du, Louis, sag's im Spa, und
thu's dann im Ernst. Aber sag' es mir ja nicht vorher. Lache mich aus, nenne
mich ein dummes Gnschen, wie Du sonst wohl thatest so geh' fort, da ich denken
kann, da ich trumen kann, Du kommst wieder. Und wenn Du dann auch nicht wieder
kommst, so erwarte ich Dich noch immer, und wenn ich Dich erwarte, bin ich
glcklich - bis, bis - thu' mir den einzigen Gefallen -
    Er fuhr mit der Hand in ihre Haare: Bist Du so ein verzogenes Kind, das vor
dem rauhen Lftchen Wahrheit zittert? Das solltest Du den seinen Damen
berlassen, die sich bergltten mit der Politur der Tugend. Eine wie Du msste
doch vor dem Nackten nicht erschrecken, nicht vor dem nackten Laster, dem
nackten Elend - auch nicht vor dem nackten Tode.
    Wenn Du mich so recht schmhst und schlecht machst, glaube ich zuweilen,
da Du mich doch lieb hast. Wenn ich Dir gleichgltig wre, thtest Du es
nicht.
    Hast recht! Wen man lieb hat, kann man qulen, martern, man wird ein wildes
Thier. Da am letzten Abend bei der Malchen. Nicht wahr? Und ich bin seitdem
nicht besser geworden. Gott bewahre! Wer Dir das sagt, belgt Dich.
    Kaum da Du frei kamst, erkundigtest Du Dich nach mir, Du hast fr mich
gesorgt, da ich nicht auf die Strae gerieth.
    Einbildung! Pure Einbildung! Ich wollte nur ein Geschpf haben, an das ich
mein schwarzes Blut, meine tolle Laune auslasse. Warf ich Dich nicht zur Thr
hinaus, schimpfte ich Dich nicht, drckte ich Dir nicht mal die Kehle, da Du zu
ersticken glaubtest, - aus purem Muthwillen? Und habe ich Dich nicht auch
geschlagen?
    Nein, Louis, das hast Du nicht. Du hast mich nie geschlagen.
    Dann war's eine Andere. Und Eine, der ich das grte Herzeleid angethan.
Wenn ich ein guter Mensch wre, htte ich auf meinen Knieen rutschen mssen, bis
ich es gut gemacht. Beleidigt hatte ich sie, da ich ihr nicht vors Gesicht
treten durfte, und ich war rasend, toll vor Scham. - Da habe ich sie geqult,
da sie auch in Thrnen ausbrach - aber das waren andere Thrnen - und das war
der Dmon, das Ungeheuer, das die zerstrt, die es zu lieben vorgiebt. - Darum
sei froh, Mdchen, ich erwrge Dich noch einmal in der Nacht -
    Er drckte ihr abgewandt die Hand und wollte hinaus.
    Louis! Das ist wider die Abrede. Du wolltest mir noch was vorlgen.
    Was?
    Befiehl mir, ich solle, wenn ich zu Bett gehe, die Thr offen lassen, Du
wolltest hereinschleichen, mich im Schlaf erwrgen. Ach, Louis, wenn Du das
thtest! Ich knnte wieder beten zum lieben Gott. Wie ruhig wrde ich
einschlafen.
    Bete! sagte er, ihr die Hand reichend. Das Andere findet sich. Wenn ich -
es ist doch mglich, da ich - vielleicht in ein Weinhaus geriethe, nicht nach
Hause kme, dann setze Dich morgen auf die Post. Zu Deinem alten Vater! Die
Stiefmutter ist ja todt. Er braucht eine Pflege fr seine alten Tage.
    Weil er blind ist, sieht er meine Schande nicht, denkst Du. - Ach die Leute
da -
    Das Nest! Erzhl' ihnen von den vornehmen Damen hier, auf die sie nicht mit
Fingern weisen. - Dummheit, ward kein Mdchen dort verfhrt, lief keine mit
ihrem Geliebten fort, und kehrte wieder? Du hast Dich mit ihm berworfen, und
willst solide werden. In dem Beutel ist genug, damit kannst Du einen Putzladen
anfangen. Putzen will sich Jede, auch in einem Nest. Vielleicht machst Du auch
die Lehmkabache Deines Vaters damit schuldenfrei, und dann ist Alles gut.
    Adieu, Louis, sprach sie, ich danke Dir auch recht schn. - Ja es wird
Alles gut werden.
    Sie hatte sich nach dem Fenster umgewandt und stopfte heftig mit dem Finger
die Erde im Resedatopf. Sie durchstach die Wurzeln.
    Auf Wiedersehen! sagte er, die Klinke in der Hand.
    Er sah sich noch einmal um. Die volle Gluth der Sonne fiel auf ihr Gesicht;
dennoch war es todtenbla, die Zhne klappten unmerklich unter den
festgeschlossenen Lippen. Sie verlie pltzlich die Blumentpfe und kam auf ihn
zu, aber nicht strmisch, sie zitterte nur etwas als sie sprach:
    Ich mu Dir doch noch danken, lieber Louis, da Du so gut warst, selbst zu
mir zu kommen. Du httest mir ja das Geld durch einen Andern schicken knnen und
schreiben. Das wre Dir viel leichter geworden. Du hast es Dir nicht leicht
gemacht, um mir noch eine Freude zu machen. Das nehme ich dafr, da Du mir doch
gut bist. Gott lohn' es Dir.
    Sie schttelte ihm die Hand; er drckte einen Ku auf ihre eiskalte Stirn.
    Also - ich komme wieder, sagte er, auch seine Stimme schien zu zittern.
    Nimm Dich nur in Acht auf der steilen Treppe, da Du nicht fllst.
    Sie sah ihm nach. Als sie die Thr zudrckte, vergingen ihr die Krfte. Sie
wollte nach dem kleinen alten Sopha, sie streckte die Arme danach aus, aber sie
kam nur bis in die Mitte der Stube. Mit einem erstickten Schrei schlug sie
besinnungslos auf die Dielen.
    Da uns das Abschiednehmen so schwer gemacht ist! Selbst dieses! sprach
Bovillard fr sich auf dem Rckwege. Und doch, woraus besteht das Leben? Nur
aus einer langen Reihe von Trennungen. Jeder Moment der Abschied von dem
vorangegangenen. Und die Menschheit erfand sich keinen anderen Trost, als die
Illusion des Wiedersehens. Als ob je Einer wiederfand, was er verlie! Den Trunk
aus dem Becher, den sen Blick, den Ku, den sprudelnden Witz? Und wenn es
stehen geblieben, kein anderes geworden wre, so wr's ein abgestandener Wein,
eine ekle Wiederholung. Und des Daseins Losung bleibt doch - weiter! Bis - und
da hoffentlich auch weiter.
    In seiner Stube fand er zwei versiegelte. Briefe. Ein verchtliches Lcheln
schwebte ber seine Lippen, als er den ersten durchflog. Er zerri ihn: Dacht'
ich's doch! Er ffnete den zweiten, ihm widerfuhr dasselbe Schicksal: Eine
Kopie. Se Harmonie edler Seelen! Sie htten das doppelte Schreiben sparen
knnen.
    Seine beiden Sekundanten, die endlich zugesagt, nachdem er vergebens bei
andern angefragt, mussten mit dem grten Bedauern sich wieder lossagen, der
Eine wegen einer unvermeidlichen Dienstreise, dem Andern war eine zrtlich
geliebte Schwester erkrankt.
    O diese zrtlichen und pflichteifrigen Menschen! Knnten sie nicht auch aus
Diensteifer fr das Gemeinwohl, aus Zrtlichkeit fr unsern zartpulsirenden
Staat, Hlfe leisten wollen, wo ein verrufener Raufbold aus dieser harmonischen
Gesellschaft ausgestoen werden soll! Zittern sie vor Angst, da man sie fr
meine Freunde hlt! - Jlli hat Recht, es giebt Momente, wo man noch Freunde
braucht - zum Sterben. Sonst - er wog seine Pistolen in der Hand - sind das
die zuverlssigsten Freunde, und einen von uns Beiden, wenn nickt Beide, liefern
sie ins Jenseits ohne viele Umstnde. Aber auch dazu fordert man Umstnde!
    Er ging aus, sich einen Sekundanten zu suchen! Wen? - Er sann umsonst nach.
Den ersten besten, der ihm auf der Strae nicht ausweichen wrde, mit einem
Gesicht, auf dem geschrieben stnde: Tritt mir nicht in den Weg! Der Zufall
fhrte ihn in das Haus wo Walter van Asten wohnte. Er blieb zaudernd stehen.
Schon wollte er, kopfschttelnd, weiter, als er den Thorweg geffnet hatte: Er
war in Halle ein guter Schlger, und als Senior der Marchia stand ich ihm oft
zur Seite. Er ist mir noch Revanche schuldig und solche Auffrischung unter
seinem Bcherstand wird ihm ganz zutrglich sein.
    Die Freunde hatten sich lange nicht gesehen. Walter sah jnger, frischer
aus. Sein Hndedruck war elastisch, ein krftiges Willkommen! tnte Louis
entgegen.
    Du siehst ja wie das Morgenroth aus! Und doch unter Bchern verpackt. - Und
da eine neue literarische Arbeit!
    Dazu ist nicht Zeit jetzt!
    Nun, wozu denn?
    Louis warf sich auf den Stuhl am Arbeitstisch und ergriff das Concept. Er
las - las weiter, und warf pltzlich den Hut vom Kopf, da er auf die Erde
rollte: Plagt Dich der -! Lasten der Bauern, Vorspann, Naturalverpflegung der
Kavallerie! Und alles das noch auf das verkmmerte Dasein einer Menschenklasse
geworfen, welche unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzt, die, wie milde sie
auch immerhin gehandhabt werde, das Gefhl der Menschenwrde niederdrckt. Unter
Hand- und Spanndiensten fr den Edelmann, gemessenen und ungemessenen Frohnen,
ohne Selbstgefhl, Freiheitsgefhl, ohne Eigenthum, ohne Liebe zur Scholle, an
die er gefesselt, ohne Sicherheit fr die Vortheile, welche sein Flei erringt,
wie soll da das heiligste Gefhl, die aufopfernde Liebe fr's groe Vaterland
erstarken! - Was hast Du denn mit den Gefhlen der Bauern zu thun?
    Unsere Gefhle werden darin dieselben sein.
    Wir machten uns wenigstens Beide ber Ifflands tugendhaste Bauern lustig.
    Ich rede von unserm realen Bauernstande.
    Wahrhaftig! rief Louis weiterbltternd. Willst Du ein Thomas Mnzer, oder
ein Gracche werden? Was willst Du eigentlich?
    Es interessirt Dich heut wohl nicht. Ein ander Mal.
    Das knnte dann zu spt werden.
    Weil Alle zu spt handeln, ist's jedes Rechtlichen Pflicht, zu sprechen, so
lange es noch Zeit ist.
    Ja! Du schreibst eine Dissertation, willst wohl promoviren, ein
Kameralistikum in Halle lesen. Steck's nur den Jungen in die Kpfe, dann
schiet's wild auf als Unkraut, und reif wird's grade, wenn's nicht mehr Zeit
ist. Das ist der deutsche Entwicklungsgang.
    Ich will nicht dociren. Ich will's deutsch sagen, was ich denke. Und ich
denke nicht an die Zuhrer, aber an die Sache. Und die Sache ist nicht mein, sie
ist unser Aller. Diese Gedanken fluktuiren in tausend Geistern. Sie sthnten und
chzten schon lngst selbst in der trgen Masse. Nach einer Besserung, Erlsung
sehnten sich Alle. Weil die Gruel in Frankreich seitdem auch die Besten in
bleichen Schreck versetzt, ist darum das Licht nicht Licht, weil es einmal
geblendet hat? Sollen wir das Feuer nicht mehr nutzen zum Wrmen, Sieden,
Schmelzen, weil es einmal zur Feuersbrunst aufloderte? Diese Ideen leben noch in
unserer Nation, und wo kein Anderer ihm zuvorkommen will, ist der Schwchste
stark genug, er hat die Pflicht, mit ihnen hervorzutreten. Mag dann draus
werden, mag aus ihm werden, was da will!
    Wenn sie's nur lsen! - Hast Du noch nicht die Hoffnung auf diese Zpfe und
Perrcken aufgegeben? Das beste noch, wenn ein Minister ausruft: Da ist auch
wieder Einer, der's besser verstehen will als wir!
    Es sind nicht Alle, wie -
    Mein Vater. Kennst Du die Andern? Der Beste wird Dir zurufen: Das ist Alles
recht schn, aber nicht an der Zeit. Im Augenblick, wo die Renner zum Wettlauf
gesattelt werden, ist nicht Zeit eine Vorlesung anzuhren ber die Veredelung
der Pferde racen.
    Und Du auch meinst, wie die Tausende und Abertausende, da wir nur berufen
sind, ber Schiller und Goethe zu streiten, nur in die Tiefen der Mystik und der
Metaphysik uns zu versenken! Andere fr uns handeln lassen, das wre unsre
Destination. Louis, wir hatten Wartburg-Krieg von Minnesngern, aber von
derselben Wartburg leuchtete Luthers Fackel ber Europa! -
    Das war ein Mirakelmann, aus der Zeit der Wunder. Wir leben unter
Wichtelmnnern; in einem verschtteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach
Glimmer und Spieglas. Die edlen Erze sind lngst gefrdert und kursiren als
Scheidemnze.
    Wir hier haben noch Krfte, nur ungeordnete, sie sind berlastet, man hat
sie aus dem Auge verloren. Nur dran hinzuweisen braucht es, da sie ghren,
kochen, zum hellen Kristall aufschieen. Dazu ist kein Mirakelmann, nur ein
guter Schrmeister nthig. Wir haben einen jungen Frsten, der das Rechte will
und bange ahnt, wo das Schlechte liegt, aber eine dicke Atmosphre, nenn's eine
elastische Mauer, hat sich um ihn gesetzt. O Gott, da die frischen Lfte, die
Lichtblitze endlich zu ihm drngen! Da ist's Jedes Pflicht, da ist Niemand zu
gering, zu schwach, der eine Stimme hat, zu sprechen; wer malen kann, der male,
wer meieln, meile in Stein, das Auge aufreien vor der Gefahr! Und rasch, denn
sie rckt mit Riesenschritten nher, sie ist nicht zu ermessen, wir stehen an
einem Abgrunde, der Alle verschlingt. Und aus diesem Grunde heraus, knnten wir
eine Festung bauen, unnehmbar! Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung, seiner
Gleichgltigkeit, seiner Entfremdung gegen das Hchste und Heiligste auf Erden,
jedes Glied zum mitfhlenden Glied der groen Kette zu erheben, Volk und Frst
in Eins zu verschmelzen, das wre die Aufgabe des Gesendeten. Ich sehe ihn
nicht, Du siehst ihn nicht, Keiner sieht ihn, aber ist er darum nicht da? Hat
nicht Jeder, dem ein Funken durch die Adern zuckt, die Aufgabe, Steine dem
knftigen David zuzutragen? Wenn er die Steine sieht, wird er nach der Schleuder
greifen.
    Louis Bovillard hatte ihm mit verschrnkten Armen zugehrt. Die Wimpern der
schnen Augen zuckten zuweilen auf, und warfen ihm einen theilnehmenden Blick
zu. Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt fr die Tne, die Walters
Bogen strich. - Er schwieg einen Augenblick, dann entstieg ein ghnender Seufzer
der Brust, der Kobold sah auf der Lippe und griff das letzte Wort auf: Zum
Steinewerfen haben sie allenfalls noch Muth, wenn's auch nicht Schdel trifft,
doch Fensterscheiben. Wenn nicht die des franzsischen Gesandten, doch der
Schauspielerin ihre, die er unterhlt.
    Walter sah ihn wehmthig an: Haften, schweben, kruseln denn Louis
Bovillards smmtliche Gedanken heut nur noch bei den Gensd'armerie Offizieren?
Der Louis Bovillard, der einmal auf der Windsbraut reitend, nach den Strahlen
der Sonne griff! Und heut noch an Persnliches sich klammern, in einer Zeit, wo
der Einzelne nur Lust zum Athmen findet, wenn er sich versenkt ins Allgemeine.
    Das ist Lge, glaub's mir, pure Lge. Wir kriechen nicht aus unserer Haut.
Es ist alles persnlich, unser Appetit und unsre Begeisterung, unser Ha und
unsre Liebe. - Auch Dir ist was Angenehmes im Traum begegnet, darum trumst Du
jetzt fr die Menschheit und fr den Staat Seiner Majestt des Knigs von
Preuen.
    Der frohe Zug um Walters Lippen, sein heller Blick sprach fr Louis
Behauptung. Ein deutliches Ja beantwortete sie: Ich trume einen schnen Traum,
und darum gehe ich mit Muth an mein Werk.
    La es aber nicht drucken, sagte Bovillard.
    Warum?
    Es sind verteufelt gute Gedanken darin; gedruckt sind sie Allgemeingut.
Irgend einer schmeit sie etwas um, giet seine Sauce drauf. So laufen sie
durchs Publikum und Du gehst Deinen Prosit quitt.
    Sie sollen wirken. Auf diesem Wege gelangen Sie an ihr Ziel. Wenn auch
verrckt, verflscht, es haftet etwas. Will ich etwas fr mich?
    Bovillard sah ihn scharf an, und sagte: Ja!
    Walter errthete.
    Du willst wirken, das heit selbst eine Wirksamkeit haben. Znden Deine
Gedanken, so wrst Du ein Narr, wenn Du am Feuer nicht Deinen Topf wrmen
wolltest. Du hoffst noch und hast ein vershnlich Gemth. - Purpurrother Freund
der Wahrheit, wenn Du im Amte bist, lerne Dich etwas verstellen, nur zum Besten
des Allgemeinen, in das der Einzelne sich versenken mu. Wer dem realen Staat
dienen will, mu lgen knnen.
    Walter hatte nicht gesehen, wohin Bovillard sah. Indem er ihn zu fixiren
schien, hatte er ber seinen Kopf weg auf der Wand einen Kranz vertrockneter
Kornblumen entdeckt, die knstlerisch mit einem blauen Bande verschlungen waren.
    Und auerdem bist Du verliebt, und wnschest eine anstndige Versorgung, um
heirathen zu knnen.
    Die Purpurrthe auf Walters Gesicht wich einer Blsse, doch nicht auf lange.
In seinem Auge sammelte sich wieder der milde Glanz der Zuversicht von vorhin.
    Weshalb vor dem Freunde ein Geheimni. Ich liebe und ich hoffe. - Nun
schtte Deine Philippica aus gegen meinen Egoismus, ich will versuchen, ob ich
dem Hagelschauer widerstehe und doch noch etwas von mir rette -
    Wenn wir auch ein verschieden Facit zgen, die letzte Rechnung schliet
Jeder doch nur mit sich ab. Du thust recht. Dir steht's an der Stirn
geschrieben, da Du zum guten Brger geboren bist, an meiner stand etwas von
Kains Zeichen? Hast Du Dich mit Deinem Vater ausgeshnt?
    Unsere Trennung ist wohl keine frs Leben.
    Fandst Du die Cousine, Mamsell Schlarbaum, jetzt liebenswrdiger?
    Ein gutes Mdchen, aber noch weniger, als der Dichter in ihrer Brust einen
Widerhall gefunden htte, wrden es die Tne, die jetzt in meiner klingen.
    Eine politische Schwrmerin hast Du doch nicht zur Hausfrau gewhlt?
    Sie ist ein deutsches Mdchen -
    Und liebt Dich?
    Walter schwieg, dann reichte er dem Freunde die Hand: Ich hoffe es. - Nun
von Dir. Du kamst in Geschften. Womit kann ich Dir zu Dienst sein?
    Mit nichts.
    Du wolltest von mir?
    Was ich jetzt nicht mehr will.
    Und warum nicht?
    Weil Du verliebt bist.
    Die Liebe tdtet nicht die Freundschaft.
    Weil Du glcklich bist.
    Liebende und Glckliche sind freigebig. Sie mchten die ganze Menschheit
aus Herz drcken.
    Und ich - ihr den Hals brechen.
    Mit einem raschen Hndedruck ging er aus der Thr.

                              Dreiigstes Kapitel.



                             Wachtstuben-Abenteuer.

Hol Euch alle der - rief der Spieler und warf die Karten auf den Tisch. Das
Tarockspiel war beendet. Er zog die lange seidene Brse, um die letzten
Goldstcke dem Gewinner hinzuschleudern. Bei der Berechnung ergab sich, da sie
nicht reichten. Er lie sie zurck gleiten, machte einen Knoten und steckte die
Brse in die Tasche. Am nchsten Gagetag!
    Ein hhnisches Gelchter antwortete darauf. Es waren Offiziere, der Ort des
Spiels eine Wachtstube. Der Verlierende war in einer Parre, die auf den ersten
Anblick allerdings Zweifel lie, ob er der Mann sei, um einen bedeutenden
Spielverlust durch die Einnahme eines Gagetages aufzubringen. In einem nicht
mehr ganz reinlichen Kamisol, das zerknitterte Hemde nur durch eine leichte
Binde um den Hals festgehalten, die Fe in Pantoffeln, im Munde eine
Thonpfeife, verrieth nur die gelbe Weste unter dem Kamisol, und die auch etwas
vernachlssigte Frisur den Offizier. Aber der Kapitn war ein Arrestant; die
Wachtstube sein Gefngni.
    Ihre nchste Gage, Herr Bruder, gehrt ja dem Schneider, sagte der
Wachthabende, der Einzige unter den Spielern, dessen Parre in parademigem
Zustande war. Das vielstndige Spiel hatte bei den Andern manche Managements in
der Adrettitt zur Folge gehabt.
    Den schmeit er wieder zur Treppe runter, sagte der Kornet auf dem Schemel
kippend.
    Und dann kommt der Ephraim und der Levi.
    Die bestellt er auf dieselbe stunde, wie neulich, und sie mssen warten,
bis er raus rufen lsst: Einer soll rein, denn Einer kann heut nur bezahlt
werden. Dann fallen sie sich in die Brte, prgeln sich, und er lsst sie wegen
Ruhestrung arretiren. Onkel und Herr von Kniewitz, schade, da Sie nicht dabei
waren. Es war ein kapitales Stck. Ich sehe noch die Judengesichter und die
blanken Thaler, neu geprgt, auf dem Tische: die Sonne schien drauf. Freilich
der Regimentsquartiermeister stand dabei. Hatte sie ihm nur auf eine
Viertelstunde geliehen. Aber die Juden! wie sie sie zu Gesicht kriegten; sie
trauten zuerst ihren Augen nicht. Nun Einer dem Andern vor, wie Wasser aus 'ner
Schleuse, und eh Einer die Hand an den Tisch gebracht, Einer den Andern zurck,
an Brust und Kragen, Beide auf der Erde, kopfber, das strampelte und schrie.
    Wenn sie sich nun vertragen und getheilt htten?
    War mir gar nicht bange, Onkel! Der Kapitn versteht's. Du httest ihn
sehen sollen. Nicht eine Miene verrckt, und mit einemmal scho er auf, Augen
wie der alte Dessauer: Schafft mir die Bestien aus den Augen. Auf die Wache mit
den Schuften, die so den Respekt vor dem Rock des Knigs verletzen.
    Dafr soll er leben! der Wachthabende stie an. Die Glser klangen.
    Und die Straenjungen hinter den Juden her, setzte der Kornet hinzu, es
war ein Schauspiel fr Gtter!
    Eigentlich ist's contre faon, sagte der Kapitn, da christliche
Offiziere einem Kameraden ausziehen, was die Juden brig lassen! Und noch dazu
einem gefangenen, den Ihr in Eurer Gewalt habt.
    Hrt den Fuchs. Du msstest doppelt blechen, weil wir unser Renommee aufs
Spiel setzen. Mit Einem spielen, der miliebig ward, sich vergangen hat an einem
Kaiserlich Russichen Gesandten!
    Sitz ich etwa darum, da ich den auf der Maskerade emittirt habe? -
Euretwillen, Ihr Herren Gensd'armen, allein um Euretwillen! Weil Ihr damals dem
Pfaffen bei der Malchen das Katzenstndchen brachtet. Majestt waren fuchswild;
aber Ihr wurdet durchgeschwatzt. Das kennt man schon, wenn's nur an die
Kavallerie gehen soll. Fr den Nchsten war's aufgehoben, und das war ich. Und
nicht um den Alopeus, sondern um den Pfaffen bin ich der Sndenbock.
    Der Kornet strich seinen Milchbart, als wre es wirklich schon ein
Knebelbart, sein Oheim, der Rittmeister, lchelte und drehte seinen vollen roth
schimmernden mit stillem Vergngen in die Hhe; Nicht wahr, Fritz, das war auch
ein kapitales Vergngen?
    Kostet mich baare hundert Friedrichsd'or, die ich dem Onkel pumpen musste
nachher in der Weinstube. Aber, Onkel, weit Du, ich htte Dir noch hundert
zugepumpt, wenn Du httest: Absitzen! blasen lassen.
    Ich glaub's dem Jungen, sagte der Rittmeister, der htte gern oben
Ordnung gemacht.
    Die Prediger-Mdels sahen wir noch. Na die passirten; aber die Bescherung
nachher htte ich sehen mgen.
    Glaub's auch. sagte der Onkel und wirbelte noch immer am Bart. Na davon
mu man jetzt nicht reden. Du vor Allem nicht. Wie stehst Du denn mit der Comte
Laura?
    Davon redet man nicht! erwiderte der Kornet, sich gemchlich, ein Bein
bers andre, im Schemel wiegend, und aus den bermthigen Lippen den Rauch
blasend.
    Verfluchter Junge der! sagte der Onkel. Dem ist's Glck mit der
Muttermilch angeblasen. Solchem Milchbart, der kaum flgge ist, mu sie winken.
    Fortuna ist ein Weibsbild! seufzte der Gefangene.
    Und wenn man den General nicht fngt, ist man zuweilen mit dem Kornet
zufrieden, bemerkte der Wachthabende.
    Werde Sie um Erklrung nachher bitten lassen, Herr Lieutenant! sagte der
Kornet, ohne seine Stellung zu ndern.
    Kik in die Welt! rief der Rittmeister. Kornet Wolfskehl genannt zu
Ritzengnitz, ein Kornet kann keinen Offizier um Erklrung bitten lassen.
    Der wre im Stande, und forderte den Prinzen selbst, sagte der Arrestant.
Gefllt mir an ihm. Solche lieben die Damen. Plaudert nicht am Morgen in der
Wachtstube die Eroberungen der Nacht aus.
    Fritz, merkst Du was! Der Kapitn spekulirt auf Deinen Beutel. Lob ist
nicht umsonst. Revanchire Dich, bezahl seine Schulden. - Er rhrt sich
wahrhaftig nicht. So ein junger Glckspilz! Das war das pfiffigste Stck meiner
seligen Schwester, da sie ihren Alten beschwatzen musste, ihn mit einundzwanzig
mndig zu erklren. Um 'ne halbe Million das Pupillenkollegium betrgen! Als ob
die Weiber das nicht wssten, auch ohne Pupillenkollegium, und nun bildet sich
der Junge ein, 's ist um sein glattes Gesicht.
    Onkel, wir stehen in Relationen.
    Halt's Maul! Willst Du dem Herrn Kapitn seine Spielschuld vorstrecken? Das
ist das Vernnftigste, was Du thun kannst.
    Mit Vergngen, lieber Onkel, sobald Du Deine Wechsel bei mir eingelst
hast.
    Kinder, nun bitte ich Euch, ist das nicht gegen die Moralit, da ein Neffe
von seinem Onkel Wechsel hat! - Hast neulich erst in der Garnisonkirche gehrt,
was der Prediger von der Sittenverderbni sprach. Pfui.
    Herr Bruder haben Recht, sagte der Wachthabende. Ueberhaupt solche
Papierwische. War' ich Knig, ich liee alle Wechsel verbrennen.
    Fritz, nimm also Raison an, willst Du?
    Bin nicht bei Kasse.
    Bin ich's etwa!
    Lasst den Horstenbock nur erst los kommen, sagte der Wachthabende. Er
findet auch noch einen Salomon Schmuel, der ihm fnfundvierzig Prozent auf den
fnfundvierzigsten Gagetag vorschiet. 'S sind christliche Gemther unter der
lblichen Judenschaft.
    Reinen Tisch! rief pltzlich der Rittmeister. Quitte on double.
    Auf dem unreinen, wie eine Wachtstube ihn mit sich bringt, mischte er die
zergriffenen Karten und blickte fragend den Arrestaten an. Er nickte Zustimmung:
    In sechs Monat.
    Quitte ou quadruple -
    Was? Alle sahen sich verwundert an.
    Quitte ou quadruple,  payer, wenn Horstenbock 'ne Kompagnie hat!
    Alle lachten: das Interesse steigerte sich, sie rckten wieder nher an den
Tisch. Darin war Vernunft. Die vervierfachte Summe des Spielgewinnstes war ein
Kapitol, aber eine Kompagnie war auch ein Kapital. Der Kapitn schlug ein.
    Und meinem Neffen, dem Kornet, verkauf ich sie fr neunzig. Nutzt der Junge
wieder sein Geld mit zehn Prozent.
    Was mein guter Onkel nicht thut! lachte der Kornet. Aber wenn nun Krieg
wird?
    Tant mieux! rief der Arrestat. Wenn mich 'ne Kugel trifft, lach' ich Euch
Alle aus.
    Roth oder schwarz? rief der Wachthabende, die Karten noch einmal zu dem
wichtigen Spiel hufelnd.
    Roth! rief der Rittmeister. Also Schwarz! der Kapitn.
    Verloren! jubelte der Kornet auf, mit den Fingern schnalzend. Onkel
verloren!
    Der Arrestat warf diesmal die Karten nicht auf den Tisch, er trocknete die
Nsse, nmlich vom Wein, der reichlich flo, mit dem Aermel ab, und legte sie
sorgfltig zusammen: Rittmeister, ein andermal bin ich zur Revanche bereit.
    Die hat Dohleneck nicht nthig. Wer so viel Glck in der Liebe hat, hat's
nicht im Spiel.
    Es prustete unter den Anwesenden auf, der Kornet wollte sich berschlagen.
    Herr Bruder, Sie haben Unrecht, sagte der Wachthabende, als eine Wolke auf
der immer heiteren Stirn des Rittmeisters sich zusammenzog, die Geschichte mit
der Tnzerin noch immer als eine particulaire zu betrachten. Sie ist eine
Korpsangelenheit.
    Eine verflucht kniffliche Geschichte, erinnre ich mich, sagte der
Arrestat, sie kam ja bei allen Offizierkorps zur Sprache. Die Meinungen waren
sehr getheilt.
    Kinder! rief der Rittmeister. Ueber die Sache ist lngst Gras gewachsen.
Lasst die Todten ruhen.
    Den Teufel auch, rief der Wachthabende. Der Louis Bovillard ist noch
lebendig, und wie! Die Sache mu noch mal zu Ende kommen.
    Die Hetzpeitsche! jubelte der Kornet.
    Man wre auch schon einig darber geworden, wenn nicht -
    Der Vater wre.
    Der sollte uns nicht geniren. Wenn man nur wsste, ob er nicht doch ein
Edelmann ist?
    Das mssten ja die Listen der Refugis ergeben.
    Sind nachgeschlagen, so weit wir zukonnten; da mu sich der Alte, oder
Lombard zwischen gelegt haben, und unsre fanden verschlossene Schrnke. Zwei
verschiedene ltere Listen hatten wir nachgesehen. Zu der einen war ein Pierre
Bovillard aufgefhrt, mit dem Zusatz confiseur; in der andern ein Sieur Pierre
Bertolet Fulcrand de Bovillard, matre de Ceris. Da standen wir nun am Berge.
Der Obrist wollte es mal unter der Hand von Lombard erfahren, der Fuchs musste
aber Lunte riechen, und antwortet: Alle Refugis stammten direkt von Adam, und
alle unsere Vter wren einmal Perrckenmacher gewesen.
    Ein Skandal! Der Arrestat spuckte.
    Aber kriegen wir's raus, da er vom Konditor ist -
    Die Hetzpeitsche! jubelte der Kornet. Ich habe ein paar Bursche aus der
Neumark, die wissen sie zu appliziren. So halb polnische Rasse. Haben's an ihrem
eigenen Rcken gelernt, und theilen herzlich gern Anderen ihre Erfahrung mit.
    Modration! meine Herren Brder! sagte der Rittmeister aufstehend. Wenn
Einer von uns den Bovillard vor die Klinge fordern knnte, tant mieux, von
Herzen gern, so wre der Geschichte mit einem Mal der Kopf abgeschnitten. Bis
dahin aber - vergessen Sie nicht, da es anders ist, als es war -
    Mu wieder werden, wie's war! trumpfte der Arrestat mit der Faust auf den
Tisch. Wenn sie uns die Fuchtelklinge nehmen, ist's mit der Disziplin aus. Aber
kommt noch mehr eingeschobene Canaille in die Armee, Adieu dann esprit de corps,
Adieu Friedrichs Geist, Adieu Preuens Ehre.
    Eine Ordonnanz berbrachte ein Rosabillet, mit Vergimeinnicht sauber
verschlungen; es schien ein Spott auf die dampfende Wachtstube: Herrn
Rittmeister Stier von Dohleneck eigenhndig zu bergeben.
    Der Empfnger musste es an das trbbrennende Talglicht halten, um in dem
Tabaksrauch die feingekritzelte Adresse zu lesen: Von wem?
    Ein Frauenzimmer brachte es. Sie wollte aber nicht bleiben.
    Ein Rendez-vous! - Warum ist sie nicht selbst gekommen, das liebe Kind? -
Kann nicht mal abwarten, bis er von der Wache zurck ist.
    Der Rittmeister hrte nicht auf die Raillerien. Hier ist's zu dunkel. Herr
Bruder von Horstenbock erlauben wohl, da ich's bei ihm am Fenster lese. Ohne
eine Antwort abzuwarten, war er in die daran stoende Kammer getreten, die Thr
hinter sich zuwerfend.
    Vielleicht von der Jenny! rief der Kornet. Sie hat Reue gekriegt, und ist
zurck.
    Der Arrestat fragte nach dem eigentlichen Zusammenhang der Geschichte, die
ihrer Zeit so viel zu reden gemacht. Er hatte damals in der Provinz gestanden
und nur Widersprechendes darber gehrt. Dohleneck hrte jetzt nicht zu, es sei
also kein Grund hinterm Berge zu halten.
    Herr von Dohleneck war nur unser Deputirter, sagte der Wachthabende, es
ist daher thricht, wenn er sich die Sache persnlich zu Herzen nimmt. Das
Persnliche verschwand bei der Sache gnzlich und er war nur der Vertreter fr
das Allgemeine. Wie der Prinz zuletzt mit dem Blitzmdchen stand, wei jedes
Kind. Ob er aber wirklich so vernarrt war, wie er vorgab, das wei der Himmel.
Eines Abends beim Champagner verschwor er sich gegen ein Zehn von uns. die er
invitirt, die Hexe wre so speziell in ihn verliebt, da sie auf keinen Andern
hren wrde. Nun mssen Sie gestehen, meine Herren, da das fr uns eine direkte
Herausforderung war. Wer wusste nicht, wie's um die Jenny stand? Also wir
hielten im Geheimen ein Art Kriegsrath, und es war auch nicht eine Stimme
dagegen. Es war eine Korps-Sache. Auf der Stelle ward zusammengeschossen, baar,
es kam eine erkleckliche Summe zusammen, und Zwei wurden ausgelost. Sie mssen
auch gestehen, Herr Bruder von Horstenbock, da das loyal und kavaliermig
gegen den Prinzen gehandelt war.
    Und klug auch. Die Liebenswrdigsten und Hbschesten zu whlen, wre doch
eine kitzliche Sache fr die Kameradschaft gewesen.
    Es fiel auf Dohleneck und einen Andern. - Ein Billet an die Tnzerin bat um
die Erlaubni, bei ihr ein Souper en trois nach der Oper zu arrangiren, und dies
kleine Souvenir mit dem Vergimeinnicht als Angebinde anzunehmen. Drin lagen
hundert Dukaten. Die Antwort war: sie werde das Vergimeinnicht zum ewigen
Andenken bewahren und den Tisch decken lassen. Unser Koch hatte whrend der Oper
ein kaltes Souper, exquisite Sachen von Sala Tarone, arrangirt, und die Jenny
sprang ihnen schon an der Treppe entgegen. War auch keine Sylbe die Rede von
Tugend und Treue, sie war ausgelassen lustig, und sagte, sie wre schrecklich
hungrig. Unsere Kameraden waren's auch. Aber kaum fliegt der erste Pfropfen an
die Decke, als ein Wagen vor die Thr rasselt. Sie erschrickt: Er wird doch
nicht. Kaum hat sie das Tchlein wieder um den Hals genestelt, als es die Treppe
rauf knarrt. Nun aufgesprungen, als die Kammerkatze reinstrzt: Herr Jemine, der
Prinz, Mamsell! - Retten Sie sich! ruft die Jenny, und wirst das eine Couvert in
den Waschkorb. Die Offiziere wollen ins Nebenzimmer fliehen, da holt sie die
Katze zurck: Meine Herren, um Gotteswillen, da kommt er ja durch. Retour also,
und wollen zur Stubenthr auf den Flur. Da klirren seine Sporen und er klopft. -
Hannchen mach' auf. ruft die Jenny und hat derweil schon den groen
Kleiderschrank aufgerissen; Meine Herren, ist's gefllig? Platz hatten sie drin,
das ist wahr, und die sesten Erinnerungen an alle Schferinnen und Gttinnen,
die in den Kottillons gesteckt, aber - nun das Uebrige ist kaum nthig zu
erzhlen. Verschlossen waren sie, und der Schlssel steckte in Jenny's Tasche,
und Jenny hing am Halse des Eintretenden, und bat ihren herzgeliebten Louis und
schnsten Louis und einzigen Louis um Verzeihung, da sie nicht auf ihn
gewartet, aber sie wre zu durstig gewesen vom Echauffement
    Merkten sie's da?
    Auf parole d'honneur sie vor unserm Ehrengerichte versichert, der Kerl
htte tuschend den Prinzen gespielt.
    Sie konnten Alles hren?
    Jedes Anstoen, jeden Ku, das Kritzeln mit dem Messer auf dem Teller.
    Donner und Wetter!
    Zwei Pfropfen hrten sie gegen die Decke knallen, selbst durstig zum
Verkommen und hungrig auch. Zwei Stunden saen sie am Tisch.
    Blo am Tisch?
    Meine Herren, bedenken Sie, es waren Offiziere, die da fr ihre Kameraden
standen. Ja sie haben eingerumt, zuletzt entdeckten sie durch eine Ritze, da
es Bovillard war. Was aber war zu thun? Ich frage Sie, Kapitn, htten sie
poltern sollen?
    Eine verfluchte Situation und eine Frage, da Einem der Kopf schwindelt.
Wenn ich fr mich dagestanden - -
    Htten Sie die Thr gesprengt. Sehr richtig. Aber in dem Schranke stand das
ganze Offizierkorps; das erwgen Sie.
    Nein, da durften sie's nicht.
    So entschied auch unser Ehrengericht.
    Aber was wird nachher daraus?
    Sie hrten rutschen, packen, Kisten und Kasten aufreien - man sprach unter
Gekicher davon, aus den Appolloball zu gehen.
    Und nachher?
    Keiner schlo auf. Blieben sitzen.
    Kam denn nicht die Kammerkatze?
    Nicht Katze, nicht Maus; die war mit der Jenny fort. Kurz um, wie Ihnen
bekannt sein wird, die Tnzerin war mit Extrapost nach Leipzig gefahren. Ist
heut noch nicht zurck. Nicht einmal austrommeln lassen konnte man sie. Die
Wirthin musste endlich, als sie zu poltern anfingen, das Schlo aufbrechen
lassen. Frei waren sie da freilich, aber -
    Von wem nun Satisfaktion?
    Meine Herren, ich versichere Sie, die Sache hat uns Allen schwere Nchte
gemacht. Was sollten wir thun? Bovillard fordern? Wenn es damals noch ging! Aber
die Raison! Hatten sie's denn mit ihm zu thun gehabt? - Er stellte sich gegen
Dritte als die pure Unschuld. War bei der hbschen Tnzerin gewesen, hatte sich
ungemein amsirt. Sollten wir uns nun blamiren und ihm mit drren Worten sagen,
da wir uns nicht amsirt htten? Durften wir berhaupt an die groe Glocke
schlagen? Durften wir es vor dem Prinzen? Wer wusste denn, ob er nicht mit im
Spiel steckte, ob er's nicht eingeleitet, um mit guter Manier die Jenny los zu
werden? Es war ja ein Labyrinth, ein Wespennest, in das wir stachen. Gott wei,
was daraus geworden wre. Dohleneck und der Andere wollten ihren Abschied
fordern. Das ging auch nicht. Sie waren ja wir. Das ganze Offizierkorps htte
den Abschied nehmen mssen. Meine Herren, ich versichere Sie, es war eine
Hundegeschichte, und dazu den Bovillard ansehen mssen, der wie der Sonnenschein
ber die Parade spazierte.
    Sag' ich doch, man hat zuweilen im Leben Pech und wei nicht, wo's
herkommt.
    Der Rittmeister hatte die Worte des Arrestaten noch gehrt, als er eintrat,
den Rosabrief auf den Tisch warf, und sich auf den Schemel: Ist das Pech, oder
nicht, oder was ist es? Ich wei es nicht.
    Onkel, ein Rendez-vous? Will's Dir abkaufen, unbesehens. Bin geners. Den
ersten Wechsel dafr.
    Lest mal das Zeug. Ich krieg's nicht klar.
    Der Arrestat las: Wenn ein menschliches Herz in Ihnen schlgt, so setzen Sie
Ihr Betragen nicht fort. Mein Gott im Himmel, ist es denn mglich, da ein
Kavalier, ein Offizier des Knigs, ein Mann, dem man sonst gute Eigenschaften
nicht abspricht, im Martern eines weiblichen Herzens sein Vergngen finden kann!
Wenn Sie auf unsere Bitten nicht hren wollen, wenn Sie Ihre Schwadron tglich
vorber reiten lassen mssen, treiben Sie den Hohn wenigstens nicht so weit,
immer vor ihrem Fenster den Bart zu streichen. Sie sehen freilich nicht die
Dolchstiche, die es in das Herz der Armen drckt, denn die Balsaminen verbergen
sie Ihren Augen. Wir vertheidigen die Arme nicht, sie ist ein schwaches Weib.
Sie verspricht uns wohl am Abend, morgen will sie sich in die Hinterstube
verschlieen, aber wenn Ihre Trompeter um die Ecke blasen, reit es sie mit
unwiderstehlicher Gewalt ans Fenster. Wenn sie dann schluchzend, ohnmchtig in
unsere Arme sinkt, verspricht sie uns freilich, es soll das letzte Mal gewesen
sein, aber - vielleicht wird es ein Mal das letzte Mal sein. Bietet denn eines
Mannes Brust eine so unerschpfliche Hhle fr das Rachegefhl, da er nie
vergeben kann, und einer Frau, einer schnen Frau? Sie hat Sie beleidigt, ja,
das geben wir zu, aus Uebermuth gekrnkt, aber das Herz des Weibes gehrt den
Impulsen. Was wren wir, wenn wir ihnen nicht mehr gehorchten! - Damit Sie es
denn wissen, ja dies Gefhl, Sie gekrnkt zu haben, ist es, was an ihrem zarten
Dasein nagt, diese Vorwrfe, die krampfhaft ihre Brust durchschttern, die sie
im Schlaf aufschreien lassen, die Wermuth in den Becher der Freude trufeln. Und
das knnte ein Mann ruhig ansehen, und sich durch die Qualen, die er einer Frau
bereitet, geschmeichelt fhlen? - Nein, mein Herr, es kmpft noch immer mit mir
der Gedanke, da unter diesem brsken, zur Schau getragenen Affront - ein
anderes Gefhl sich nur gewaltsame Selbsttuschung erheuchelt! - Ich wiederhole
meine Bitte, besinnen Sie sich, nehmen Sie Urlaub; entfernen Sie sich einige
Zeit aus Berlin. Die Zeit heilt viele Wunden. Es ist alles vorbereitet; man wird
Ihnen bereitwillig Urlaub ertheilen. Auch wenn Sie augenblicklich der Mittel
entbehrten, soll dafr gesorgt werden. Es gilt ja das Glck einer der edelsten
Seelen. - Bleiben Sie aber doch - dann, dann - nein ich lasse es mir nicht
abstreiten, was ich ahne - dann hren Sie mehr von mir.
    Na was ist das, Dohleneck?
    Ja, was ist's? So soll doch Gott den Teufel todschlagen, wenn ich 'ne
Sterbenssylbe davon verstehe!
    Der Brief deutet auf anderes, was voranging?
    Freilich, schon zwei solche Wische, und neulich auf der Maskerade ward mir
was ins Ohr geflstert. Ich glaube, ich bin in einem Tollhause.
    Herr Bruder, besinnen Sie sich, sagte der Wachthabende. Da sind ja viele
Indicien im Briefe: - eine schne Frau, also ist's kein Mdchen, eine Frau, die
Sie beleidigt hat, eine Frau, an deren Fenster Sie tglich vorbeireiten. An
welcher Ecke lassen Sie die Trompeter blasen? Und Balsaminen stehen am Fenster.
    Der Arrestat berflog das Billet: Es mu eine Frau von Distinktion sein.
    Der Rittmeister war aufgesprungen. Ein Licht schien auf seiner Stirn zu
leuchten, und doch glnzten die Augen nicht wie eines Liebenden, der im
Mondenschein ein lieblich Bild sieht, sondern wie eines aufgeschreckten
Schlfers, dem ein Gespenst an der Wand vorbergleitet;
    Donnerwetter! Schock-Schw - -! wenn die es wre!
    Da ffnete sich die Thr und der Gefreite schritt gravittisch auf den
Wachthabenden los.

                           Einunddreiigstes Kapitel.



                          Ein Satz in die Lwenhhle.

Der Gefreite schulterte: Herr Lieutenant, ich rapportire.
    Was?
    Es schleicht ein Verdchtiger um die Wache.
    Was hat er gethan?
    Er hat ins Fenster geguckt, und dann ist er fort.
    Warum ist er verdchtig?
    Acht Zoll, Haare ohne Puder, kleiner Kopf, verfluchte Augen, und am
Ellenbogen ein Loch, oder ist's ein Kalkfleck.
    Und sonstens?
    Der Vorpahl und Schlagebohm haben ihn schon gesehen. Zwei Mal ist er
eingebracht worden auf dem Molkenmarkt. Einmal war er Bandit. - Da kommt er all
wieder. Soll'n wir'n reinschmeien, Herr Lieutenant?
    Der Kornet war ans Fenster gesprungen: Hlle und Teufel, das ist
Bovillard!
    Was! rief der Wachthabende, sollte der Kerl es wagen -
    Eine Peitsche! schrie der Kornet, als Louis Bovillard schon in der Stube
stand und mit ihm beinahe zusammenprallte.
    Der Eintretende war nicht der, welcher zurckwich.
    Eine Peitsche wnschen Sie, Kornet? Fr Pferde oder fr Hunde? Das mu man
wohl unterscheiden. Pferdegerten bekommen Sie am besten bei Conradi an der
Schleusenbrcke, aber wenn Sie Hundepeitschen wollen, gehen Sie ja nicht anders,
als zu Krilow, Spandauerstrae. Echtes Juchtenleder, elastisch, fein gearbeitet.
Aber nehmen Sie sich in Acht, nie zu stark geschlagen. Der bestdressirte Hund
knurrt, wenn man ihn mit Juchtenleder zu stark traktirt. Also merken Sie, Kornet
von Wolfskehl, bei Krilow, Spandauerstrae, Eckhaus nach dem neuen Markt zu.
    Bovillard war beinahe um einen Kopf grer als der Kornet, und es schien
sehr natrlich, als er ihn mit der Hand dabei auf die Schulter klopfte. Aber es
war nicht natrlich, da der Kornet es sich gefallen lie. War's die Magie des
Auges, oder was bewirkte nach solcher Ausgelassenheit solche Einschchterung?
    Was suchen Sie hier? trat ihm der Wachthabende entgegen.
    Mnner von Ehre.
    Was dem Kornet geschehen, geschah jetzt der ganzen ehrenwerthen Versammlung.
Sie schwiegen, als wr's eine elektrische Berhrung, die Alle in einem Moment
umgewandelt hatte! Ein Dritter wrde es ein Gefhl der Geschlagenheit genannt
haben. Sie wussten nicht was sie zu thun hatten. Bovillard war wie ein Geist aus
der Mauer in ihre Mitte gedrungen; ein Zischeln oder selbst nur ein Verstndigen
durch Blicke war nicht mehr thunlich. Indessen nahm der Wachthabende das Wort:
    Sie kommen in welcher Absicht?
    Ihren Schutz und Beistand anzusprechen.
    Die Sache war aufs Neue vollstndig verrckt.
    Werden Sie von der Populace verfolgt?
    Die Populace kmmert mich nicht.
    Oder wollen Sie sich freiwillig in Arrest berliefern, weil Sie -
    Der Offizier hielt inne. -
    Nichts weniger als das.
    So mu ich den Herrn auffordern, sich etwas deutlicher zu expliciren!
    Mit dem grten Vergngen.
    Der Wachthabende hatte, um seine Autoritt aufrecht zu erhalten, sich auf
den Schemel nieder gelassen, was der Arrestat und der Rittmeister schon vor ihm
gethan. Auch der Kornet schien Willens, dem Beispiel zu folgen, als Bovillard
mit einer raschen Schwenkung den vierten und letzten Schemel vor dem
Wachthabenden niedersetzte und sich selbst darauf:
    Ich komme um einer Ehrensache halb.
    Alle sahen unwillkrlich den Sprecher, dann sich unter einander an.
    In solchen Angelegenheiten pflegt ein Kavalier nicht selbst zu kommen,
sondern durch einen Vermittler, - wenn berhaupt davon die Rede sein kann,
setzte der Wachthabende trocken hinzu.
    Diesen Vermittler hoff' ich hier zu finden.
    Donnerwetter! brummte der Arrestat. Glaubt der Herr da, oder wer's ist,
den ich nicht kenne, da wir hier solches Gelichters sind? Vermitteln!
Pestilenz! Wer mir das anbte -
    Ist wohl ein Miverstndni, sagte der Rittmeister.
    Gewi, fuhr Bovillard ruhig fort, wenn die Herren an Beilegen denken. Ich
will nichts beigelegt wissen, da ich vielmehr einen Gang auf Leben und Tod
vorhabe. Wo man a tempo auf zehn Schritt schiet, pflegt der Tod nher zu sein
als das Leben. Diese Rcksicht bestimmt auch mich, ber andere Rcksichten
hinweg zu sehen.
    So weit schon? Was wollen Sie denn noch?
    Nur einen Sekundanten. Auf morgen Abend steht die Promenade an. Die
Bekannten, auf die ich fest gerechnet, haben mich nachtrglich im Stich
gelassen, Freunde habe ich nicht, also mu ich an - Nichtfreunde mich wenden.
Unter den Civilisten war meine Bemhung vergebens, ich wende mich daher an das
Militr.
    Wie - ich meine, wie kommen Sie zu uns?
    Weil Sie auf der Wache sind. - Meine Herren, ich betrachte Sie nicht als
Individuen und Personen, sondern als Vertreter Ihres Standes, und Ihren Stand
als den, welcher die Ehre zu vertreten hat. In einer Universittsstadt wrde ich
mich an die Senioren der Landsmannschaften gewandt haben, hier wende ich mich an
Sie. - Auf der Wache stehen Sie wie im Felde. Kme ein feindlicher Offizier zu
Ihnen, um eine Ehrenangelegenheit abzumachen, so wrden Sie als Kavaliere und
Offiziere doch keinen Augenblick anstehen, die nthigen Arrangements zu
treffen.
    Die Offiziere sahen sich wieder halb befremdet, halb zustimmend an. Der
Rittmeister strich vergngt seinen Bart. Der Wachthabende sagte nach einer
Pause:
    In solchen Dingen kommt doch Alles auf die Verhltnisse und Personen an,
mit denen man zu thun hat.
    Gewi, entgegnete Bovillard, und ich habe keinen Grund, vor den Herren
den Namen meines Adversaire zu verschweigen, Ihr Wort vorausgesetzt, da Sie
Namen und Sache bis zum Austrag verschwiegen halten wollen.
    Der Wachthabende blickte sich nach seinen Kamenden um: Ich kann in ihrem
Namen die Versicherung geben.
    Was kaum noth thte. Die Herren wrden doch nicht eine Ehrensache
rckgngig machen wollen?
    Hol' mich der Teufel, nein! brach es von den Lippen des Rittmeisters,
derselbe freudig verchtliche Ausdruck stand auf den Gesichtern der Andern.
    Mein Adversaire ist der Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannte Legationsrath
von Wandel.
    Der! Alle sahen wieder befriedigt, fast vergngt ihn an.
    Die Sache ist kontrahirt, und er hat's angenommen?
    Kontrahirt, angenommen, Ort, Waffen und Zeit bestimmt.
    Der Werth des Fremden war in der Wachtstube sichtlich gestiegen. Der
Wachthabende hatte sich wieder vom Schemel erhoben.
    Meine Herren, sagte er, sich umschauend, das ist ein eigener Kasus.
    Gegen den Kerl, der um den Bonapartegesandten schwnzelt, mu man Jedem
beistehn, meinte der Kornet.
    Man mu ihn aber doch auch kennen, sagte der Arrestat. Es kommt auf die
Verhltnisse und Personen an, mit denen man zu thun hat, uerten Herr Bruder
vorhin.
    Der Grund Ihres Disputes ist? fragte der Wachthabende.
    Grnde unter Kavalieren! rief Bovillard jetzt auch aufstehend. Die Hand in
der Brust verneigte er sich leicht. - Verzeihung, meine Herren, wenn ich mich
getuscht hatte. Es war nicht meine Absicht Sie zu inkommodiren.
    Es war aber jetzt durchaus nicht die Absicht der Andern, sie wollten sich
inkommodiren lassen.
    Es fragt sich eben nur mit wem wir - der Redner stockte. Bovillard fiel
ein:
    Die Ehre haben zu thun zu haben. Sehr begreiflich. Da ich nicht so
glcklich bin von Ihnen gekannt zu sein, wnschen Sie meinen Stammbaum
einzusehen.
    Das Wort Stammbaum schien wieder eine Wirkung hervorzubringen. Dennoch blieb
dem Wachthabenden die Frage im Munde stecken. Der Arrestat fragte ber den
Tisch:
    Sie heien - Bovillard?
    Wie meine Ahnen.
    Da war auch mal hier ein Pastetenbcker, ptissier et confiseur Louis
Bovillard.
    Ich habe die Ehre sein Urenkel zu sein. Man rhmt ihn als einen der
trefflichsten Mnner in unserm Hause, ein Charakter und seltener Esprit.
    Es gab aber auch unter den Refugis, fiel der Wachthabende ein, einen
Sieur Louis Bertolet Fulcrand de Bovillard, der als Maitre de Ceris in den
Listen eingetragen steht.
    War auch mein lieber Urgrovater, ein excellenter Mann.
    Wie passt das zusammen?
    Sie waren ein und dieselbe Person.
    Mein Herr, wir sprechen hier in einer serieusen Angelegenheit.
    Die serieuseste von der Welt. Mein Ahnherr konnte die Gter von Ceris
nicht mitnehmen, als er vor Louis' Dragonern bei Nacht und Nebel ber die Grenze
schlpfte, aber sein Talent Pasteten zu backen, hat er mitgebracht. Er befand
sich auch ganz wohl dabei. Ein jovialer Mann. Ich bin nicht stolz auf Verdienste
meiner Vorfahren, die mir abgehen, aber ich darf mit Ruhm sagen, da seine
Konfituren am Hofe des nachmaligen Knigs Friedrich im besten Renommee standen.
Sonst wre er auch nicht auf kurfrstlicher Durchlaucht Befehl mit nach
Knigsberg beordert worden.
    Er ward mit zur Krnung befohlen!
    Und mit zur Tafel gezogen? fragte der Arrestat.
    Allerdings. Die groe Pastete an der Krnungstafel war sein Werk. Sie nimmt
in der Geschichte keinen unrhmlichen Platz ein. Wir besitzen in der Familie
eine Abbildung davon. Wenn es den Herren gefllig wre, sie zu sehen, stehe ich
immer zu Diensten.
    Und in die Pastete hat Ihr Urgrovater seinen Adel eingebacken?
    Wie Sie's nehmen wollen, Herr Kapitn. Als sie aufgeschnitten ward, kam der
bekannte Zwerg heraus. Mein Ahnherr ward gerufen, mit Lob berschttet. Ihre
Majestt, die geistreiche Knigin Sophie Charlotte setzte ihm eigenhndig einen
kleinen Lorbeerkranz auf. Leibnitz erwhnt seiner und der Pastete in einer
Epistel; Gundling schrieb spter eine Abhandlung darber, auch Morgenstern.
    Und fr diese Verdienste -
    Ward er persnlich von der Perrckensteuer befreit.
    Man mu gestehen, Ihre Familie hat eine historische Entre in unserm Staat
gemacht. Aber da Ihre Vter in den Staatsdienst getreten sind, erkannten
muthmalich die Preuischen Knige durch Briefe Ihren franzsischen Adel an?
    Die Bovillards haben nie etwas auf den Briefadel gegeben. Kann man etwas
geben, was nicht ist, und etwas vernichten, was ist? So hat einer meiner
Vorfahren gesagt, dem man einige Schwierigkeiten machte, als er aus den
Kreuzzgen zurckkehrte. Louis der Heilige sagte lchelnd zu ihm, als er's
erfuhr: Das kommt mir vor, als wenn Martell Deinen Ahnherrn in der
Mohrenschlacht nach seinem Recht gefragt htte, den Mohren den Schdel
einzuschlagen. Mein Ahnherr, sagte Jener zu Knig Louis, htte Karl Martell
antworten knnen: Die Rmer fragten bei Zlpich nicht danach, als mein Urahn
hinter Chlodwig in ihr Speerquarree einhieb.
    Bis zu den Kreuzzgen konnten ihm weder die Stiere von Dohleneck und die
Kniewitze, noch die Horstenbock und Wolfskehlen genannt zu Ritzengnitz folgen.
Aus Besorgni, da er sie nicht noch bis zur Schpfung der Welt inkommodire,
erklrte man schnell das Verhr fr beendet, und der Rittmeister schtzte es
sich zum Vergngen, den Herrn von Bovillard in seiner Ehrensache mit dem fremden
Legationsrath zu begleiten.
    Bovillard bat den Wachthabenden, ihn mit dem Herrn, den er noch nicht zu
kennen die Ehre habe, bekannt zu machen. Er bat es mit Ruhe und feinem Anstande.
Mit demselben Anstande erfolgte die Prsentation.
    Von einem Offiziere Ihres Rufes konnte ich diese ritterliche Gesinnung
erwarten.
    Hol' mich Der und Jener, sagte der Rittmeister, ich freue mich, da ich
Sie anders kennen lerne, als ich - dachte.
    Sei keusch wie Eis, und rein wie Schnee, Du wirst der Verleumdung nicht
entgehen, sagte ein Poet zu Ophelia, und es ist auch so geschehen.
    Die sprang ja wohl ins Wasser, sprach der Rittmeister, den Pallasch
umschnallend. Herr von Bovillard, wir gehen ins Feuer: da wird es anders.
    Hat sich magnifique benommen, ganz als ein Kavalier, sagte der
Wachthabende, als Beide die Stube verlassen. Man mu es ihm lassen.
    Der Arrestat paffte Gedanken in die Luft, die er nicht nthig fand, in
Worten zu uern. Sie mochten nicht ganz mit denen des Wachthabenden harmoniren.
    Donnerwetter! rief der Kornet am Fenster. Sie gehen Arm in Arm!
    Was soll nur daraus werden!
    Die Hetzpeitsche kann er nicht mehr bekommen -
    Das kommt davon, wenn man einen leichtsinnigen Onkel hat.
    Der neue Kavalier mochte die Gedanken der Herren in der Wachtstube mit
empfinden, denn auf der Strae hatte er den Rittmeister gefragt, ob er sich
nicht frchte, in seiner Gesellschaft gesehen zu werden. Der Rittmeister konnte
das Wort frchten nicht leiden, er hatte sich mit einem um so festeren Druck an
Bovillards Arm gehngt. Wer sich schlagen will und zum Sterben bereit ist -
    Ueber den ist die Fahne geschwenkt, fiel Bovillard ins Wort, und er ist
ehrlich, wie des Scharfrichters Schwert den armen Snder ehrlich macht.
    In der Kaserne, wo Dohleneck wohnte, hatten Beide eine lange Unterhaltung.
Unmglich konnte das Gesprch allein die Arrangements des morgenden Ganges
betreffen. Sie schieden mit einem Hndedruck, wie Freunde, die sich herzlich
ber Vieles ausgesprochen haben.

                          Zweiunddreiigstes Kapitel.



                                   Iphigenia.

Der Unterricht, den Walter im Lupinus'schen Hause ertheilte, war einige Tage
ausgefallen, weil Mamsell Alltag sich unpsslich befand. Doch hatte der Bediente
hinzugefgt, es habe nichts zu bedeuten. Walter war zufrieden, obgleich er nie
zufriedener war, als wenn an den Gensd'armenthren die Glocke schlug, die ihn
zur Stunde rief; er hatte in diesen Tagen seine Arbeit fertig machen knnen.
    Adelheid sah heute wirklich noch etwas bla aus, aber nie hatte Walter sie
reizender gesehen. Ein Hubchen umschlo ihre Locken, ein leichtes, bis unter
dem Halse schlieendes Morgenkleid ihre elastischen Glieder. Den griechischen
Schnitt, in den die Geheimrthin sie nthigte, hatte er nie geliebt. Der schne
Arm erschien ihm heut schner unter dem faltigen Ueberrock, als wenn er in
leuchtender Flle aus den kurz geschnittenen Aermeln scho. Sie war ihm rasch
entgegen geeilt, sie hatte seine Hand so herzhaft gedrckt, und doch zitterte
sie. Sie hatte ihr Guten Morgen nie mit einem so festen Tone gesprochen, und
doch war ihre Stimme etwas belegt. Sie hatte ihn herzlich angesehen, und doch
sogleich wieder die Augen gesenkt.
    Wir haben viel nachzuholen, lieber van Asten, hatte sie gesagt darum
mssen wir rasch anfangen. Sie sa am Tisch, er ihr gegenber. Es war ein
wunderschner Morgen. Die Linden auf dem Hofe spielten im Sonnenschein. Der
Schatten der Bltter spielte durch das geffnete Fenster auf die Tischplatte. Es
funkelte auch golden auf den Blttern des Buches. Daher mochte es kommen, da er
sich verlas; auch sie las oft falsch. Und dazu zwitscherten die Sperlinge,
gewohnt am Fenster die Krumen zu stehlen, welche Adelheids Hand ihnen
hinstreute, und eine Wespe verirrte sich in die Stube und trieb Unfug, bis man
sie mit den Tchern hinausgescheucht.
    Es war viel Strung in der heutigen Lektion.
    Walter schlug vor, das Fenster zu schlieen. Adelheid fand die freie Luft so
schn, ihr sei noch so beklommen. Aber es wrde schon vorbergehen - ich werde
schon Muth bekommen, setzte sie leiser hinzu.
    Sie hatten heute die Iphigenia beendet. Adelheid hatte den letzten Akt
gelesen.
    Sie mssen mir spter ein Mal die ganze Iphigenia hinter einander vorlesen,
wenn Sie bei voller Stimme sind, sagte Walter. Das Gedicht klingt und dringt
ganz ins Herz mit Ihrer schnen Stimme. Das Parzenlied -
    Heut knnte ich es nicht lesen, fiel Adelheid ein, es ist zu
schrecklich.
    Fr den schnen Morgen! Sie haben Recht. Wir mssen uns heut allein mit dem
Charakter der Iphigenia beschftigen. Iphigenia ist der leuchtende Gedanke der
Vershnung, der in der alten Welt wie ein Strahl auf dunklem Meere erscheint,
aber er fand noch nicht die eigentliche Verkrperung. Was die griechischen
Dichter noch als einen Torso hinstellten, hat der Deutsche, der aus anderer
Quelle sein Licht schpfte, zur Erscheinung gebracht. Dieses Atridengeschlecht
-
    Um Gottes Willen, rief Adelheid, wie konnten die alten Dichter so etwas
ersinnen! Sie sagten doch, die Griechen htten immer der Schnheit gehuldigt und
selbst dem Hsslichen wussten sie eine Wendung zu geben, da es das Gefhl nicht
verletzte. Wie ist es nun mglich, da sie solche Greuel erfanden, die doch
unmglich sind?
    Unmglich? fragte der Lehrer. Die erste Geschichte des Hellenenthums ist
nur eine Verkrperung des Kampfes, den die Kultur mit der Barbarei gefhrt. Der
Barbarei ist alles mglich, und wenn der finstre religise Wahn hinzutritt, ist
sie zu Greueln fhig, fr die uns Begriff und Worte fehlen. Ertdten wir aber
Kultur, reien wir die edle Humanitt an der Wurzel aus, welche Kunst,
Wissenschaft, der Geist des Christenthums jetzt durch Jahrtausende gepflanzt und
gepflegt, so sinken wir Alle wieder in den Naturzustand, in die Barbarei zurck,
wo die Thaten des Atreus und Thyestes mglich sind.
    Sie schauderte, vor sich niederblickend. Hatte er zuviel gesagt?
    Vor einer andern Schlerin wrde ich das nicht sagen, aber Ihr Geist,
Adelheid, ist stark. Sie selbst haben, so jung noch, Prfungen zu berstehen
gehabt, Sie haben Blicke in die wste Verworfenheit gethan. Ist z.B. eine
Mutter, die ihr Kind ermordet, nur um mit Anstand noch in der Gesellschaft
weiter zu erscheinen, so viel besser, als jene Barbaren, die ihrem Rachetrieb
alles opferten! Und sind es die Vielen hier, welche aus falscher Empfindsamkeit
die entsetzliche That beschnigten? Wissen Sie, wei ich, welche Prfungen auch
meiner Freundin noch aufgespart sind, wie viele von denen, die sie jetzt mit
Aufmerksamkeit berhufen, die so liebenswrdig, edel, sprechen und zu handeln
scheinen, Ihnen in einem ganz anderen Lichte erscheinen werden!
    Adelheid sah ihn verwundert an. Er war in Gedanken vertieft. - Es war
Unrecht von mir, rief er pltzlich auf. Die Vorsehung hat uns die schnen
Illusionen als Pathengeschenk mitgegeben, damit wir Muth behalten. Sie selbst
lftet fr Jeden nur so viel von dem Schleier, als er ertragen kann. Und Niemand
hat das Recht, dem Andern die schirmende Decke fortzureien. Vergebung! Kehren
wir zur Iphigenia zurck.
    Er hielt die Hand zur Vergebung ber den Tisch, sie schlug, ohne zu zaudern
ein, und Beide mussten vergessen haben, da sie eingeschlagen hatten, denn als
er in seiner Rede fortfuhr, blieben die Hnde noch immer auf dem Tisch.
    Das Schrecklichste hat sich nun erfllt, das Schicksal der Atriden liegt
wie ein wster Traum im Hintergrunde. Ein sonst edler Jngling, der den letzten
Blutschlag gethan, Orestes, ist der Trger des Fluches. Er wird von den
zngelnden Furien gepeitscht, die nur in der Nhe des Heiligthums, wo der reine
Gedanke, der Geist des Gottes herrscht, vor dem Zerrissenen weichen. Er ist
geflohen von der Blutsttte, von den heimatlichen Gestaden, wo jeder Stein an
die Geschichte seiner Ahnen mahnt, ber Meere und Berge. Aber wie der Psalmist
sagt: und nhme er Flgel der Morgenrthe, und flge aus uerste Meer, die
Erinnyen folgen ihm. Da tritt Iphigenia auf, die, zum Opfer bestimmt, die Gttin
schon frh mit gndiger Hand aus dem Gruelhause forttrug und zur Priesterin
sich weihte. Sie ist das auerordentliche Weib, das den Fluch ihrer Geburt
berwunden hat. Selbst lngst entshnt, ist sie bestimmt als vershnende
Priesterin zu walten. Schon hat die Macht der reinen, edlen Weiblichkeit sogar
die Sitte der Barbaren gemildert und Thoas mu von ihr sagen:

- es fehlt, seitdem du bei uns wohnst,
Und eines frommen Gastes Recht genieest,
An Segen nicht, der uns von oben kommt.

Aber diesen Segen soll sie auch dem verlornen Bruder mittheilen. Der Athem ihrer
reinen Brust soll den Wahnsinn auf seiner glhenden Stirne khlen, die wsten
Bilder aus seiner zerrissenen Brust vertreiben. Er bekennt ihr den ganzen,
vollen, entsetzlichen Fluch, der auf ihm lastet, er strzt vor ihr nieder, als
er sie erkennt -
    Walter musste inne halten. Adelheid hatte pltzlich die Hand zurckgezogen
und hielt sich die Brust. Dann fuhr sie sich ber die Stirn.
    Ist Ihnen wieder unwohl?
    Nichts, lieber Walter. - Fahren Sie nur fort, Sie erzhlen so schn.
    Es ist doch wohl besser, wir setzen heut noch die Stunde aus.
    Nein, um Gottes Willen nein, heute mu es sein. Nichts bis Morgen wieder
verschoben. Ich werde gewi Muth bekommen. Es war nur die Vorstellung der Furien
- ich mchte das Stck nie auf dem Theater sehen, so schn es ist.
    Aber Orest wird ja geheilt.
    Wer seine Mutter todt schlug!
    Lesen Sie liebe Adelheid, irgend eine heitere Rede der Iphigenia. Sie kann
wie Balsam wirken.
    Adelheid las, was sie zufllig aufschlug:

Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt.
In erster Jugend, da sich kaum die Seele
An Vater, Mutter und Geschwister band;
Die neuen Schsslinge, gesellt und lieblich,
Vom Fu der alten Stmme himmelwrts
Zu dringen strebten; leider fasste da
Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
Von den Geliebten. - Selbst gerettet, war
Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
Des Lebens blht in mir nicht wieder auf.

Er nahm das Buch und schlug eine andre Stelle auf. Er suchte nicht viel, die
Situation war ihm peinlich, er nahm die erste beste dithyrambische und sie las
den Anfang des vierten Aktes:

Denken die Himmlischen,
Einem der Erdgebornen
Viele Verirrungen zu,
Und bereiten sie ihm
Von der Freude zu Schmerzen
Und den Schmerzen zur Freude
Tief erschtternden Uebergang:
Dann erziehen sie ihm
In der Nhe der Stadt,
Oder am fernen Gestade,
Da in Stunden der Noth
Auch die Hlfe bereit sei,
Einen ruhigen Freund.

    Sie hatte das Buch fallen lassen, sie war aufgestanden. An der Tischecke
schwankte sie, sie wandte sich ab, dann rasch auf Walter zueilend, ergriff sie
seine Hand:
    Ich habe den Freund gefunden. Walter, Sie haben mich lieb?
    Er umfasste, aufspringend, ihre Hand, er bog den Kopf zurck, er starrte sie
wie eine Erscheinung an: Ist's Traum oder Wahrheit?
    Walter, Walter, sprechen Sie, sonst wird's ein Traum, und mein Muth
verlsst mich.
    Er presste die Hand heftig an seine Brust: Ja - um Gottes Willen. Adelheid,
Du -
    Er erdrckte den tiefen Seufzer, den er zu hren glaubte, indem er sie an
die Brust schlo.
    Ihr Herz schlug an seinem, sie weinte an seinem Halse, aber still, nicht wie
die Leidenschaft, nicht wie die Seligkeit der Liebe weint. Er sank auf den Stuhl
zurck, er hielt ihre Hnde gefasst. So beschaute er sie. Es ist des Glcks zu
viel, zu viel auf einmal. La mich Dir ins Gesicht sehen, ob es nicht doch nur
ein Traum ist?
    Jetzt nicht, es knnte aussehen wie Lge, sagte sie, nicht bis ich alles
gesagt. Das Schwerste ist heraus, - - Sie mssten ja roth werden ber mich, wenn
- wenn nicht alles so gekommen wre, wie es ist.
    Wie es ist! wiederholte er. Du sahst in mein Herz. Du erbarmtest Dich
meiner, um mich nicht lnger in Hangen und Bangen zu lassen.
    Sie schttelte den Kopf: Nein, Walter. Sie mssen sich nicht anklagen, um
mich zu entschuldigen. Sie waren nicht in Hangen und Bangen, Sie sind ein Mann.
    Nun fort das kalte Sie, rief er. Ich nehme Besitz von meier Eroberung.
    Du wusstest recht gut, da wenn Du mich fragtest, ich nicht nein sagen
knne. Und, wei Gott, nicht um Dir das Herz zu erleichtern, habe ich
gesprochen.
    Er wollte sie noch einmal an sein Herz drcken. Aber sie entwand sich sanft
seinen Armen.
    Keinen Ku auf eine Unwahrheit. Es mu jetzt volle Wahrheit zwischen uns
sein.
    Unwahrheit!
    Sie nickte mit einem thrnenfeuchten Blick. La mich nur einen Augenblick
Athem schpfen.
    Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, der Kopf gleitete in die Arme. Er hatte
sich leise an ihren Stuhl gestellt und legte sanft den Arm auf ihre Schulter.
Ich habe Dich lieb und bin bei Dir und Du hast mich auch lieb. Was hindert Dich
noch?
    Ich habe Dich lieb gehabt, seitdem ich Dich gekannt. sagte sie ruhig sich
zurcklehnend, wie einen Bruder, vor dem ich mein Herz offen legen konnte. Habe
ich's nicht gethan? Und wenn ich's nicht that, war es, weil ich dachte, Du
lsest ja schon in meiner Seele wie in einem offenen Buche. Aber seit der - der
frchterlichen Geschichte ward es noch anders. Du allein bliebest immer derselbe
gegen mich. Die Andern - erst wussten sie nicht wie sie mich ansehen sollten,
und wichen mir aus. Nachher berschtteten sie mich mit Liebkosungen und
Bewunderung, und machten aus mir wunder was, was ich nicht bin. Ich war doch
nicht schlechter, nicht besser, Gott wei es - aber was ich nun bin, nun ja, was
ich besser bin, bin ich durch Dich. Seit ich das fhlte ward mir bange. Du
hattest es mir vorausgesagt, durch groe Leiden werde der Mensch gelutert,
seine Sinne gehen auf fr das Edle und Schne und sein inneres Auge fr das
Ewige und Wahre. Und da sah ich, wie Du viel sorgsamer und liebevoller wardst,
und mit jeder Schlerin wrdest Du Dir nicht so viele Mhe geben. Und Dein
Unterricht ward auch so besonders. Und da, Walter, da kam dann - ich wei nicht
wie - der Gedanke, da es so sein msste -
    Und erschrakst Du vor dem Gedanken?
    Sie schwieg einen Augenblick: - Nein gewi nicht, Walter. - Wo konnte ich
besser aufgehoben sein, dachte ich, wer sollte mich besser zum Rechten fhren
und schtzen! Ich gewhnte mich so daran, da -
    Du gewhntest Dich nur daran!
    Jetzt erschrak sie vor dem Ton der Frage. Sie legte sanft die Hand auf
seine, und blickte ihn klar an: Hast Du nicht zuweilen gemerkt, da ich
lchelte? Ich dachte dann an das, was Du oft gesagt, der Mensch erzieht sich
selbst, und man kann keine Natur ndern. Und Du wolltest mich doch ndern, so
wie Du mich wnschtest. Und dann widersprach ich aus Uebermuth. Nur aus
Schelmerei, ich nahm mir im Herzen doch vor, zu werden, wie Du es wnschtest.
    Das hattest Du Dir vorgenommen und ich war der Gegenstand Deiner Gedanken!
    Und da kam ich auf kuriose Dinge. Ob ich Dir auch wrde auf die Schulter
klopfen, wie Mutter thut, wenn sie der Vater anfhrt, ob Du auch zornig werden
knntest? Und ob ich dann auch so machen drfte, wie Mutter thut, um ihn wieder
gut zu machen. Ich mu Dir sagen, es kam mir nicht ganz recht vor, wenn auch
Mutter sagt: so mu man die Mnner behandeln, wenn man Friede im Hause haben
will. Du bist doch ein ganz anderer Mann, und ich meinte, wir mssten uns jeder
dem andern grad heraus sagen, was er denkt. Ach und tausend Dinge. Aber, Walter,
das dachte ich alles weit entfernt.
    Hast Du nicht auch gedacht, da Du jetzt in einem glnzenden Hause bist,
eine gefeierte Schnheit, von Bewerbern umschwirrt, die von ihrer Anbetung
sprechen? Hast Du nicht an Dein Herz gefhlt, ob, wenn der Eine oder der Andere
ernst sprche -
    Nein, fiel sie rasch ein. Sie sind mir alle gleichgltig.
    Aber die Geheimrthin! Du bist ihr Augapfel. Sie wnscht, da Du eine gute
Partie machst, sie sucht vielleicht schon nach einem passenden Gatten, der Dich
ber Deinen Stand erhebt. Vielleicht auch, sie ist kinderlos, reich, das groe
Vermgen kommt von ihr -
    Sie fasste mit Heftigkeit seine Hand. Nein, Walter, das denke um Gottes
Willen nicht. Ich habe nie daran gedacht.
    Und der Gedanke ist so natrlich. Du schauderst ja fast.
    Ich begreife es oft nicht, warum ich nicht mehr Dank fr sie fhle, aber -
aber lassen wir das! Walter, verrathe mich nicht, und deute es mir nicht
schlimm, es ist mir oft, als mchte ich je eher je lieber aus diesem Hause fort.
Es ist mir so hei, so bang oft -
    Aber weit Du, in welches ich Dich fhren knnte? Ein armer Gelehrter, -
wrdest Du aus Deinem Reichthum mir in eine Htte folgen?
    Sie sah ihn mit ihrem klaren Lcheln an: Ja, Walter. Ich bin ja nicht fr
den Reichthum geboren. Wer wei, wenn sie meiner berdrssig wird, setzt sie
mich hinaus. Da msste ich mir vorsorglich ein Obdach suchen. - O pfui! keinen
Scherz. - Aber ich habe mir es auch gedacht, da Du zu stolz sein knntest, weil
Du arm bist. O ich liebe Dich so stolz, wenn Du den reichen und vornehmen Herren
kein Wort, keinen Blick schuldig bleibst. Wie Viele bcken sich und kriechen, Du
gehst grade. - Nein, Walter, auch darum nicht, nicht weil ich Dir zu Hlfe
kommen wollte. - Ach, hilf mir doch - das Schwerste ist heraus, das
Allerschwerste steckt noch in der Brust.
    Sie barg ihr Gesicht an seinem Halse. Er strich ber ihre Stirn; er bat sie
zu denken, sie sei in der Kirche wie die fromme Katholikin, von der sie neulich
gelesen, und er ihr Beichtvater.
    Neulich, nach unserem Feste - Du weit von dem unglcklichen Zufall. Ich
verlor meine Besinnung, Jemand trug mich aus dem brennenden Zimmer. Hssliche,
gleichgltige Menschen kamen und gingen; aber in der Nacht, als es still ward,
halb wachte ich, halb trumte ich - die Andern hatten mich wohl vergessen in dem
Wirrwarr, und die Nachtlampe brannte dunkel, da schlich es herein. Er
berraschte mich -
    Gerechter Gott!
    Nein, Walter, erschrick nicht.
    Wer?
    Ich kannte ihn, und darf ihn doch nicht nennen. Er umfasste meine Knie, wie
der Orest das Bild der Gttin, und seine schnen Augen rollten, wie eines
Wahnsinnigen. Ich wollte aufschreien, mich losmachen, aber ich konnte nicht,
wenn ich ihm ins Auge sah. Ihn peinigten ja auch, wie den Sohn des Agamemnon -
die Furien.
    Was wollte der Freche?
    Er bat mich, da ich vergessen, vergeben sollte.
    Was solltest Du ihm vergeben?
    Das ist aus der alten schrecklichen Geschichte -
    Von der kein Wort! - Die Geheimrthin erwhnte neulich eines Unverschmten,
der Dich auf der Strae verfolgt -
    Ach, Walter, jetzt verstehe ich erst, was wir in den Gedichten lasen. Ist
das Liebe so ist ja Liebe eine Krankheit, vor der Gott Dich und mich bewahre. So
mu Orest krank gewesen sein.
    Er sprach seine Leidenschaft aus, er qulte, marterte Dich? - Wei Jemand
darum?
    Keiner soll davon wissen, auer Dir. Dich nehm' ich aus.
    Du versprachst ihm Verschwiegenheit?
    Ihm nicht, mir gelobte ich sie aus - einem Mitleid, das ich noch nie
empfunden. Walter, o httest Du ihm in das Gesicht gesehen, das schne,
frchterliche Gesicht. Bald ein wildes Thier, das mich zerreien konnte, bald
wie ein Kind so sanft. - Ich bedurfte keines Beistandes, keiner Hlfe, glaube es
mir, gewi nicht. Ich wre ihm wie eine Heilige, eine Gttin, eine Priesterin,
deren Wnsche ihm Befehle sind -
    Das ist die Sprache der Wsten! Du kennst diese Menschen noch nicht. Wo
ihre gewhnlichen Knste nichts fruchten, sie einen Widerstand finden, den sie
damit nicht bewltigen, stehlen sie aus der Seele ihres Opfers die edelsten
Gefhle, um sie zu berlisten. Mit Thrnen, empfindsamen Reden nesteln sie sich
wie der Mehlthau an die Fasern und Fden einer edlen Seele. Sie reien die Brust
auf, um Schmerzen zu zeigen, die sie erheuchelt, und indem sie das Mitleid
aufrufen, spritzen sie Gift in die arglose Seele de Theilnehmenden.
    Sie sah ihn ruhig an, und schttelte den Kopf: Du kennst ihn nicht; den
nicht. Nein, Walter, das war keine Tuschung. Er schttete seine volle Seele,
seinen brennenden Schmerz, seine Selbstanklagen aus. Und dahinter blieb nichts
zurck, kein Fltchen. - Wie eines Wahnsinnigen Reden klang es ja: aber wie die
Wahnsinnigen im Alterthum, sagtest Du, die Wahrheit verkndeten. So spricht
Keiner, da er unwrdig sei, so entsagt Keiner dem, was ihm das Liebste ist - so
spricht Keiner von dem Stern, der ihm zu spt geleuchtet. So nicht vom
Vaterlande, das untergeht, So klagt sich Keiner an, da er zu frh verzweifelt
und darum selbst in dem Sumpfe versank, wo keine Rettung ist. Ich reichte ihm
meine Hand, ich sagte, ich wollte ihn aufziehen, er rief: berhre mich nicht, es
ist zu spt! Walter, das vergess' ich nie, das klang wie das Parzenlied. Da ist
ein edler Mensch verloren gegangen.
    Verloren! rief Walter, in sich hinbrtend, das ist ein schrecklich Wort.
    Sie ergriff seine Hand: Und darum, Walter, darum habe ich gesprochen, wie
ein Mdchen nicht sprechen soll. Und nun betrachte mich wie Dein Eigenthum; ich
bin ganz ruhig und zufrieden. Schalte und walte damit, wie Du willst, schilt
mich, zchtige mich nicht, da ich den Schleier der Schicklichkeit zerri, da
ich nicht abwartete, bis Du gesprochen. Bin ich nicht auch, wie die griechische
Frstentochter, fortgerissen aus dem Hause der Eltern, in die Welt gestoen?
Mein Gott hat es so gewollt, da das Schrecklichste, Unerhrteste an einem armen
Mdchen vorberging. Da ward sie eine andere. Und Du bist der Mann, an den sich
das schwache Mdchen lehnt, Du der Einzige, den ich werth fand, mich ihm zu
geben, wie ich bin. War's Recht oder Unrecht, nun ist's an Dir, zu entscheiden.
Du aber bist nun die Sule, an die der Epheu sich rankt, Du der Freund, den mir
die Gtter erzogen. Du sprichst nun fr mich. So an Dich mich schmiegend, will
ich stehen, wenn neue Strme drohen, und der Unglckliche, der Verlorene, wenn
er wieder kommt: Deine Verlobte, Walter, wird, ruhig und heiter, nicht mehr
erschrecken.
    Die Schwalben und die Bienen, und die Sonne in der Linde schauten auf einen
Glcklichen und eine still Zufriedene. Ein Moment, von dem Dichter jener Zeit
gesagt htten, da Gtter Sterblichen darum beneiden knnten. Der Neid der
Gtter war immer gefhrlich, aber auch jene Gtter tuschten sich und wurden
getuscht. Sie schaukelten ber dem Spiegel auf der See und sahen nicht den
Sturm, der ihre Tiefe aufwhlte. - Ueber die Dcher tnte es vom
Gensd'armenthurm. Die Lehrstunde war wohl zu Ende. Sie hrten mit Schrecken die
Schlge. Es waren aus der einen Stunde drei geworden.
    Das se Geheimni, was es fr Andere noch bleiben sollte, durfte es nicht
vor der Pflegemutter. Walter hatte es so gewollt. Adelheid erkannte seine Grnde
an, aber sie seufzte, als sie aufstanden. Es war ein schwerer Gang.
    An der Thr der Geheimrthin hrten sie ein Gesprch. Es war Wandels Stimme.
Lisette, die hinzukam, sagte: Frau Geheimrthin wolle nicht gestrt sein. -
Adelheid athmete auf. Walter drckte ihre Hand: Also ein andermal, theures
Frulein. -
    Die sind auch einig, sagte Lisette, nachdem sie die Flurthr hinter ihm
zuschlo.

                          Dreiunddreiigstes Kapitel.



                             Auch eine Lehrstunde.

In dem Gesprch zwischen der Geheimrthin und dem Legationsrath mochte auch
schon weit ber eine Stunde verstrichen sein. Es war gewissermaen auch eine
Lehrstunde, aber vom ursprnglichen Gegenstande mochten sie ebenfalls weit
abgeschweift sein. Wir fanden neulich die Geheimrthin in aigrirter Stimmung auf
den bewunderten Mann. Jetzt saen sie Beide im intimsten Seelenverkehr auf dem
Kanap. Die Ausshnung war lngst erfolgt. Am Morgen nach der Gesellschaft war
er schon vor Mucius und vor Selle dagewesen, er hatte ihr von dem prparirten
Aether gebracht, der sie wunderbar schnell gestrkt und hergestellt. Er hatte
Mucius durch seine Kenntnisse, die er in bescheidene Fragen einkleidete,
berrascht, da der Doktor beim Weggehen geuert: Das ist ein Tausendknstler,
Madame! Den mssten wir setzen lassen, da er nicht ins Handwerk pfuscht. Hatte
er nicht Selle, der durch das Versehen des Dieners auch bestellt worden, so
geschickt in die Konsultation zu ziehen gewusst, da er die Verlegenheit der
Geheimrthin nicht merkte.
    Wie gesagt, es war alles ausgeglichen, - zwischen ihnen, aber nicht die
tiefe Falte auf ihrer Stirn. Noch heut verrieth sie den Ri in der Brust.
    Ich werde gar keine Gesellschaften mehr geben, hatte sie gesagt.
    Gott sei Dank! sagte er.
    Warum?
    Weil Sie endlich zur Ueberzeugung kamen, da man das fr die Menschen sich
opfern den Narren berlassen mu.
    Sie meinen doch nur fr die reale Menschheit, die in ihren Flitterkleidern
ihre Armseligkeit zu verbergen sucht.
    Und was ist die reale Menschheit? Sollen wir uns fr den Begriff
begeistern, der zwischen Adam und dem jngsten Wiegenkinde liegt?
    Aber was ist der Mensch, der sich fr nichts interessirt! Fr irgend etwas
mu er doch der Opfer fhig sein, er mu leben, oder er kehrt zum Thier zurck.
    Physiologen behaupten, da jedes Menschengesicht eine Aehnlichkeit mit
einer Espee derselben hat.
    So wre es an uns, zu entdecken, mit welchem wir Verwandtschaft haben. Und
wenn wir's wissen, sind wir am Rande unserer Erkenntni.
    Moralisten behaupten, da es alsdann unsere Aufgabe sei, dieses Thier zu
bekmpfen.
    Mit welchen haben Sie zu kmpfen? fragte die Lupinus.
    Sie sind in aigrirter Laune, theuerste Frau. Das ist eigentlich die beste.
Mit diesem moralischen Scheidewasser splen wir am schnellsten die sensualen
Auswchse ab, die uns an unserm Glck hindern.
    Was verstehen Sie unter diesen Auswchsen?
    Die sogenannten wohlwollenden Gefhle, die die rgste Lge sind, der
Selbstbetrug, der uns am klaren Denken, am folgerechten Handeln hindert.
    Sie lenken von meiner Frage ab. Fr was lebt der Mensch?
    Nur fr sich selbst.
    Aber in dies Selbst schlieen Sie die Ideen, Bestrebungen, Illusionen, wie
Sie es nennen wollen, ein, die unser Dasein ber das Vegetiren der Pflanze, ber
den Instinkt der Thiere erheben?
    Vielleicht.
    Warum nur bedingt? Sie wollen ihn noch nicht bewundern, aber Sie anerkennen
Napoleon.
    Er hatte mit unterschlagenen Armen, im Sopha zurckgelehnt, gesessen. Er sah
sie scharf an: Wollen Sie ein Napoleon werden?
    Thorheit!
    Fhlen Sie Beruf, eine Semiramis, Zenobia zu sein, oder eine Maria
Theresia, Katharina
    Das liegt ganz auer meiner Sphre.
    Das ist das Lsewort. Wer die Grenzen seiner Sphre erkennt, wei wofr er
lebt. Er wei auch, wie er leben soll, das heit, er kennt die Mittel, mit denen
er wirkt, bis wohin er wirken kann. Wenn er aber das wei, wei er auch, da
nichts ihn hindern darf, so zu wirken, wie er kann, sagen wir mu. Was man will
und kann, mu man; es giebt keine hhere Aufgabe. Das aber ist die Krankheit
unserer Zeit, das Siechthum unserer Halbwollenden, da sie den groen Mnnern
ihre groen Endziele abstehlen wollen. Haben sie Adlerflgel, Titanenkrfte? So
flattern sie, wie die Motten, ins Licht und zerstoen ihre blutwarmweichen
Hirnschdel, mit denen sie Mauern einbrechen wollten, am ersten besten
Zaunpfahl. Daher diese Idealisten, Staatsknstler, Menschheitsverbesserer! Was
war es, das sie den Gren abstehlen sollten? - Die richtige Erkenntni ihrer
Sphre, die sie fllen, der Krfte ber die sie gebieten knnen. Der achtzehnte
Brmaire, wre ein Verbrechen, nein eine Dummheit gewesen, wenn der Lieutenant
von Toulon ihn gewagt, fr den Sieger an den Pyramiden ward es eine Tugend, die
Europa und die Welt bewunderte; er wusste was er konnte.
    Und was knnen wir, die wir nicht wissen, was wir wollen, knnen?
    Kein Mensch ist so gering, da er nicht etwas will, was scheinbar ber die
Verhltnisse, ber seine unentwickelten Krfte hinausgeht. Aber wenn er den Muth
hat, es sich zu gestehen, so wachsen schon dadurch unvermerkt diese Krfte.
Liegt das Ziel im Kreise des Mglichen, wohlverstanden fr ihn, so ist es auch
fr ihn erreichbar. - Ich bin entfernt davon, in Ihre geheimen Wnsche dringen
zu wollen: aber denken Sie sich, meine Freundin, einen solchen Wunsch, den Sie
bisher fr unerreichbar hielten, verkrpern Sie ihn sich, und berrechnen Sie
dann die Mittel, die Ihr Geist, Ihr Vermgen, Ihre physische Kraft, Ihre Freunde
Ihnen bieten. Reichen diese Mittel aus, so sind Sie am Ziel; denn es ist allein
Ihre Schuld, wenn Sie es nicht erreichen.
    Das ist ein gefhrlicher Gedanke.
    Warum? - Gesetzt, Sie fhlten sich unglcklich mit Ihrem Gatten -
    Ich bitte Sie, Herr Legationsrath -
    Nun, Sie wnschten ihn zu einem lebenslustigen Mann zu machen. Ist das
etwas Unrechtes? - Doch es ist ein indiskretes Beispiel, Verzeihung! Also
umgekehrt - Sie wollten sich ganz der Armenpflege widmen, Ihr Haus zum Hospital
umschaffen, selbst Krankenwrterin werden. Ihre Mittel wren endlich erschpft,
ja, meine Freundin, die Mglichkeit wre da, da Sie ihm auch seine Stube
nhmen, seine Bibliothek verkauften -
    Ach der arme Mann!
    Nur nicht Mitleid! Wer etwas will, mu diese Rcksichten verbannen. Sehn
Sie, die Frstin Gargazin mchte uns Alle zu Konvertiten machen, sie scheut
keine Mittel - gar keins, wenn sie nur Einen bekehren kann.
    Mein Mann strbe, wenn er von seinen Bchern lassen msste.
    Und wird von ihnen lassen mssen, wenn er von Allem lsst; Doch, um wieder
auf Bonaparte zu kommen, wie viel Peripherien hat er, eine nach der andern, um
seinen jeweiligen Standpunkt gezogen, weit, weiter, und das ist das
Bewunderungswrdige, nicht seine gewonnenen Schlachten, sondern da er, im
Mittelpunkt des Kreises, nie ber den Kreis hinausgriff! So ward er Konsul,
Kaiser -
    O ich bin ungemein begierig, Ihre Ansichten darber zu erfahren.
    Wozu das, Freundin? Wozu die eigne Kraft anstrengen und uns vergessen?
    Aber es ist so interessant -
    Sie haben Recht - seine Familienverhltnisse! Da liegt der Hemmschuh fr
den Giganten.
    Die Familie erhebt er mit sich.
    Aber Josephine hat keine Kinder. - Sie mu fort.
    Wie! Sie hob ihn. Er kann sie doch nicht verstoen.
    Ei, seine Bewunderin hlt ihn fr so klein. Gefhle der Dankbarkeit sollen
ihn an seinem Weltberuf hindern.
    Aber das Urtheil der Welt wrde -
    Den Titanen regieren! Da habe ich keine Skrupel. Aber die Kreolin ist
eigensinnig, reizbar. Wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will?
    Sie meinten neulich, da Josephine gegen ihren Mann contre operiren
knnte?
    Darber bin ich hinaus. Sie ist nur eine Frau mit den gewhnlichen Affekten
eines Weibes. Gro im Kleinen, zu klein zu einer That, zu weich, gutherzig.
Nein, nein, von der Seite ist nichts zu besorgen, aber er - Napoleon mu sich
von ihr scheiden, er mu Shne haben, er ist in voller Manneskraft, er ist durch
die Verhltnisse wie von selbst zu einer Ehe gedrngt, die seine
Nachkommenschaft vor der Meinung legitim macht, welche aus dem Schutt und Staub
der Revolutionen aufsteigt und die Throne wieder mit einem Nimbus umzieht. Das
ist ganz unabnderlich, da mu er. Und wenn sie sich nun nicht scheiden lassen
will, was mu er thun? Was wird er thun? Da, Freundin, wird sich's bewhren, ob
er - er ist.
    Mein Gott, Sie meinen -
    Bisher war er sich immer klar. Aber diese Differenz -
    Er liebt Josephinen!
    Was ist Liebe? Verstehn wir uns! Wir Beide meinen nicht jene Veilchenduft-,
jene Vergimeinnichtschwrmerei zartgeschaffener Seelen, noch jene dmonische
Leidenschaft, die Mauern einreit, um im Genu sich zu tdten. Das sind
Kinderspiele. Ich meine die Liebe, vor der Jahre und Verhltnisse wie Plunder
versinken, das in den Mysterien der Natur geborne Bndni Derer, die sich
verstehen, sich das Zeugni der Ebenbrtigkeit Einer dem Andern ausstellen.
Diese Liebe bedarf keiner Besiegelung durch Lieder, Betheuerung und Schwre. Sie
ist da von sebst. Die Geister wie die Blicke brauchen sich nur zu finden, und im
Moment ist der Bund geschlossen, ohne Worte.
    Die Geheimrthin seufzte: Das ist eine Vorstellung, erhaben wie die
Ewigkeit!
    Und nun, frage ich, herrscht zwischen ihm und ihr ein solcher Bund?
Begreift sie ihn nur? Freilich mchte sie sich sonnen in seinem Diademen-Glanze,
die immer liebenswrdige Kaiserin und Franzsin sein, entzckend in
Toilettenknsten, Intriguen, brillirend von Esprit in der Konversation,
bezaubernd die Herzen durch ihr weiches Herz, wenn er zuschlagen mu, ihm in den
Arm fallend: Ach thu's doch lieber nicht! Was ist sie ihm? - Eine Last, die er
abstreifen mu. Er mu, sage ich, wenn er vorwrts will, und er kann es, es
kommt nur darauf an, ob er den Muth hat, es zu wollen.
    Mein Kopf schwindelt!
    Traf dies Loos nicht auch Solche, die er wahrhaft liebte? Und er
vernichtete sie, weil er sie liebte.
    Ich verstehe sie nicht.
    Jene graubrtigen Krieger, seine Veteranen, die Sulen seines Ruhmes, die
ihm nach Afrika gefolgt. Im Sonnenbrande der syrischen Wsten war seine Mission
erfllt, er huldigte nicht der Thorheit, ein romantischer Alexander sein zu
wollen, er drstete nicht nach Eroberungen, die sich nicht halten lassen. Er
musste zurck. Konnte er die Kranken, die Verwundeten durch die glhende
Sandwste mit schleppen? kaum seine Gesunden hielten die Strapazen aus! Sollte
er die Unglcklichen dem Grimm barbarischer Feinde zurcklassen? Er war rasch
entschlossen -
    Sie nehmen das Gercht fr wahr an?
    So wahr ich ihn ehre. Gewi nach einem schweren Kampf. Wer trennt sich
leichten Herzens von Denen, die uns die Theuersten sind. Aber als es ihm klar
war, da er sein musste, zauderte er keinen Moment Hand aus Werk zu legen.
Durfte er sie erschieen, erschlagen lassen? Das durfte er nicht vor dem Urtheil
der unmndigen Welt, nicht vor ihnen selbst. In se Illusionen lie er sie
einwiegen, durch Opium bis - bis sie in sen Trumen von dieser Welt schieden.
Wie Mancher der Soldaten mag auf dem sauern Rckweg, unter Durst und
Sonnenstichen erliegend, hlflos vielleicht zurckgelassen, weil er sich von der
Kolonne verirrt, im Angesicht des Tigers, der Hyne, deren Geheul seiner
Witterung nachging, wie Mancher mag an die schnell und glcklich Gestorbenen in
Accum zurckgedacht, ihr Loos beneidet haben! Napoleon ging an ihren
Lagersttten umher, seine Augen blitzten sie an; dem nickte er, dem drckte er
die Hand, dem rief er ein baldiges Wiedersehn auf dem Felde der Ehre zu. Sie
Alle richteten sich begeistert auf und riefen ihrem groem General ein Vivat!
    Und im Leibe des - hielt sie zusammenschaudernd inne.
    Er spielte ein bedeutungsloses Fingerspiel. Er hatte sehr wohlgeformte
aristokratisch weie Hnde. Ein sanftes Lcheln spielte um die Augen, die auf
die Hnde niedersahen:
    Wenn wir uns nur gewhnen knnten die Dinge anzusehen nicht wie die Leute,
sondern wie sie sind! Wir wrden viel glcklicher sein, und weit mehr Glck um
uns verbreiten. - Htte der groe Mann sich um den Katechismus und die
Morallehrer und Gott wei welche Gevattern und Muhmen gekmmert, was htte er
dann thun sollen? Etwa um die hunderte oder tausende Kranke nicht zu verlassen,
selbst zurck bleiben, mit seinem schon geschmolzenen Heere, ohne Vorrthe, der
wachsenden Zahl seiner Feinde, der Hitze, den neuen Krankheiten gegenber? Er
wre, so wahr zwei mal zwei gleich vier ist, als Opfer gefallen. Dann htten
freilich alle alten Weiber und alle romantischen Seelen sein Lob gesungen, als
Mrtyrer, der sich selbst geopfert fr Nothleidende, und wie viel Tausende mit,
das ist ihnen gleichgltig; es ist doch eine edle That. Aber da er alsdann eine
andere Mission vergessen htte, da es galt sein groes Frankreich aus der
Anarchie zu retten, die aufs Neue ihre Polypenarme ausstreckte, daran denken
diese sentimentalen Gemther nicht. Lieber die arme Fliege retten, die im Netz
der Spinne sich gefangen hat, als zugreifen, wo die Gardine Feuer fngt, und das
Haus kann verbrennen. Das ist die Moral, welche die sanften Seelen uns
predigen.
    Er war aufgesprungen: O wie glcklich knnte die Welt sein, wenn die
Menschen es verstnden, frei zu sein! Er war sichtlich in einer
Gemthsbewegung. Man hrte Adelheids Stimme am Klavier.
    Was wrden Sie thun? wandte er sich pltzlich zur Lupinus. Hier wre Ihr
Johann erkrankt, zu Ihren Fen hingestrzt, und dort hrten Sie einen Schrei
Ihrer Tochter - der tolle Mensch, durch's Fenster gestiegen, berfiele sie am
Klavier. Oder, - er ist zwar zu allem fhig, - aber setzen wir nur den Fall, Sie
wssten, da er wieder zu ihr eingedrungen, da er sie mit seinen
Verfhrungsknsten zu umgarnen sucht, was wrden Sie, frage ich, zuerst thun?
Dort nach Ihrem Schrank mit den Essenzen springen, um den Diener zu soulagiren,
oder da nach dem Zimmer zu Ihrer Tochter? Ginge Ihnen der Diener oder die
Tochter vor, der kranke Mensch, der doch ber kurz sterben mu, oder das
blhende junge Wesen?
    Meine Tochter natrlich, sagte die Lupinus. Aber wenn der Mensch, der
Johann, inzwischen strbe? Was wrde die Welt dazu sagen?
    Was wrden Sie dazu sagen? Das ist allein die Frage. Doch nichts anderes,
als: dort droht ein unersetzlicher Verlust, hier kann ein Mensch sterben, fr
den der Tod eine Wohlthat ist. - Leben Sie wohl!
    Habe ich Sie beleidigt?
    Mich?
    Sie raunen mir da eine entsetzliche Mglichkeit ins Ohr.
    Possen! Phantasiestcke. - A propos, haben Sie Ihre kleine Apotheke
arrangirt? - Den Aether gebrauchen Sie, ich bitte nochmals, nur im uersten
Nothfall.
    Er war an das Glasschrnkchen getreten, und bersah die Etiketten der
Glser.
    Ich werde noch Ihres Unterrichts in manchen Mixturen bedrfen.
    Nur mit keiner Sylbe gegen Jemand davon erwhnt. Doktor Mucius und die
Andern wren im Stande einen Ausweisungsbefehl gegen mich zu erwirken. Die
Herren Aerzte vertragen es nicht, wenn man in ihr Amt pfuscht.
    Mit einem zweiten Hndedruck hatte er die Thr erfasst, als Adelheids
volltnende Stimme im Zimmer hinter dem Entree die Reichardtsche Komposition des

Freudvoll und leidvoll,
Gedankenvoll sein

am Fortepiano sang.
    Die Kleine singt recht hbsch.
    Reichardt ist zufrieden. Dusseck war neulich entzckt.
    Weil Sie gut zu essen geben - Und Ihr Wein vortrefflich ist.
    Lachen Sie nicht so abscheulich.
    Eine gute Figur. Sie knnte auch auf dem Theater ihr Glck machen.
    Pfui! Darum htte ich sie -
    Wie sie wollen. Aber sie genirt Sie doch wohl zuweilen. Nicht wahr?
Bekennen Sie es nur.
    Sie kann recht impertinent sein.
    Offenherzig! Ich verdenke es ihr nicht.
    Hat sie ein Recht dazu?
    Wird ihr nicht hundertfach gesagt, da sie hier der Glanzpunkt ist? Sie
allein der Magnet, der die Leute in dies Haus zieht? Sagen Sie es nicht selbst,
Freundin? Ich knnte mir ein Gewissen draus machen, sie zu Ihnen gebracht zu
haben, wenn ich nicht wsste, da auch eine Philosophin zuweilen eine
Narrenschule um sich braucht.
    Einige finden sie geistreich.
    Jetzt htte die Geheimrthin mehr Recht gehabt, sein Lcheln abscheulich zu
nennen.
    Es wird sich ja wohl bald fr das geistreiche Mdchen eine gute Partie
finden.
    Wer wei! Die jungen Leute sehen nach Geld.
    Der Herr Bovillard wrde vielleicht auch nicht so toll verliebt sein, wenn
er nicht an eine Mariage dchte, um seine Schulden zu bezahlen.
    Wie! Sie denken, es ist sein Ernst -
    Wenn es Ihr Ernst ist, sie zur Erbin einzusetzen.
    Wer denkt daran!
    Auer sehr vielen Adelheids Eltern, und sehr ernstlich.
    Impertinent! Am Ende wnschen sie, da ich noch bei meinen Lebzeiten meines
Vermgens mich entuere, um das aufgenommene Mdchen auszustatten.
    Solche Wnsche spricht man wenigstens nicht laut aus.
    O sie sollen sich getuscht sehen. Ich will -
    Keinen Eklat, meine Freundin. Keine Affekte in solcher gleichgltigen
Sache. Ihr Wille ist ja genug. Sie hatten also nie im Sinne, sie wirklich an
Kindesstatt anzunehmen?
    Und wenn ich einmal daran dachte -
    So sind Sie bei reiferer Ueberlegung von der Thrigkeit dieses Entschlusses
berzeugt, und Sie sind die Frau, die in einer Aufwallung nichts ndert. Was
braucht es denn mehr, die Sache ist zwischen uns - ich meine in Ihrem Geiste
klar. Aber wozu das aussprechen. Ich wrde es auch nicht merken lassen. La die
Gimpel sich doch tuschen. Wozu gab Gott Jedem sein Ma Klugheit? Warum sollen
wir mit dem, was wir brig haben, den Thoren beispringen. Und vielleicht
verschafft der Glaube dem Mdchen doch eine gute Partie. Und ist es einmal
soweit, dann springt auch nicht gleich Jeder darum ab. Das Point d'Honneur ist
eine Erfindung, um die Mittelmigen zu reguliren. Und giebt es nicht mariages
d'inclination? Und - wer wei, wie Sie das Mdchen auf andre Art wieder los
werden? Es fgt sich so manches. - Ich lache ordentlich, da ich Ihnen darber
Instruktionen geben will. Lassen Sie sie freudvoll und leidvoll, unter Hangen
und Bangen, ihrem Schicksal entgegen hpfen. Wir haben doch wahrhaftig fr
anderes als dafr zu sorgen.
    Der abscheuliche junge Mensch will mir nicht aus dem Sinn, sagte die
Geheimrthin.
    Er wird Sie bald nicht mehr beunruhigen, entgegnete der Legationsrath,
indem er ein versiegeltes Pckchen in den Schrank gelegt, den Schlssel
abgezogen, und ihn in die Hand der Geheimrthin gedrckt hatte: Bewahren Sie
ihn wohl.
    Was haben Sie hinein gethan?
    Etwas, was Sie nur erffnen drfen nach meinem Tode.
    Sie starrte ihn an. Er drckte ihre Finger an die Lippen: Auch davon still,
still! Es ist nur mein Testament.
    Sie presste krampfhaft ihre Hand auf seinen Arm:
    Was haben Sie mir gesagt?
    Da ich einen festen Arm habe, einen sichern Blick, da meine Kugel nie
geirrt; da - das wilde Blut des Leidenschaftlichen nicht zielen kann, und - so
gewi Sie vor mir stehen, ich werde nicht fallen. Ich habe Ihnen noch mehr
gesagt, mit kaltem ruhigem Blute werde ich ihn zu Boden strzen sehen. Das
Bewusstsein, die Gesellschaft von einem Ruhestrer zu befreien, wird mir
Befriedigung sein - wenn es dazu kommt!
    Aber -
    Weil der Zufall dmonisch ist, schrieb ich das auf.
    Mein Freund, was soll ich mit Ihrem Testament?
    Es lesen - annehmen, oder verwerfen. Er wollte mit abgewandtem Gesichte
hinaus.
    Nicht so! Ich mu wissen, ob ich nichts Gefhrliches im Schrank
verschliee.
    Gefhrliches! - Ich hatte eine Freundin, eine theure Freundin, sie war mein
Alles, ich war es ihr. Sie verstand mich, sie ging nicht in meine Ideen ein, sie
ging ihnen voraus -
    Angelica, Ihre Gattin -
    Auch dies uere Band sollte das unlsbare unserer Geister befestigen, -
wenn das nthig, sagen Sie mglich gewesen wre! - als eine andere rauhe Hand es
zerri. In ihrem Testamente hatte sie mir ihr Vermgen hinterlassen, mit den
Worten: es ist ja nicht meines, es ist Deines, denn was mein war, war Dein, ich
war Du, Du ich. Wirke es in Deiner Hand fr mich. - Sollte ich es etwa nun nicht
annehmen, weil die Verwandten lamentirten und Gott wei was fr Klagen wegen
Uebervortheilung, Erbschleicherei, vorbrachten? - In ihrer Hand war es
vergeudet, in meiner lebte es zu den groen Zwecken der Seligen. - So wird auch
meine Freundin keinen Anstand nehmen, wenn ich das mir Anvertraute ihr wieder
vertraue. Sie kannten mich, Sie wissen, was damit zu wirken, und wenn die Spanne
Zeit zu kurz war, um unsre Geister ganz in einander aufgehen zu lassen - in dem
Papiere - wozu Schrift, wo der Geist lebendig bleibt! Ihrer wird klren, wo es
dunkel scheint; wo es dunkel ist, werden Sie Licht bringen. Die Verwaltung
meiner Gter braucht Sie nicht erschrecken, es ist dafr gesorgt. Verwandte
werden Sie nicht stren, die Welt der Blutsbande ist hinter mir in aschgraue
Nebel versunken, - ich stand allein in dieser - die Zukunft war mein Reich - ich
hoffte vielleicht neue - doch wozu das! Pfui ber diese angeborne Natur, die uns
immer wieder in die Sackgasse der Sentimentalitt treibt.
    Wie komme ich dazu?
    Wie! - Er lchelte. Nein, Sie sind im Recht, Sie mussten sich darber
tuschen; es musste Sie frappiren, da ich in erster Zeit mich in scheuer Ferne
hielt. - Ach die Entschlafene schwebte ja noch immer an meiner Bettwand - und
wer ist stark genug, wenn er eine Doppelgngerin sieht. - Aber seit auch der
Geist der Seligen nicht todt ist, seit - genug. Wir werden uns ganz verstehen
lernen, und wenn nicht, wenn unter einem schrillen Accord Sie pltzlich die
Saiten springen hrten, dann - wrden sich unsre Geister erst recht gefunden
haben.
    Mit einem langen, brennenden Ku auf ihre Hand war er rasch verschwunden.
    Sie betrachtete eine Weile die Hand. Entweder weil sie brannte, oder weil
sie zitterte, oder fragte sie sich, warum denn die Schwgerin auf ihrem
Sterbebette gesagt, da sie spitze Finger htte?

                          Vierunddreiigstes Kapitel.



                                 Im Grunewald.

Sie waren zu eilig.
    Ich lasse nie auf mich warten, entgegnete der Legationsrath dem noch sehr
jungen Manne, welcher diese Frage that, und dessen Aeueres unverkennbar den
Franzosen verrieth; wir setzen hinzu: den Diplomaten, wenn gleich die Diplomatie
jener Zeit noch nicht ganz wieder die Parure der untergegangenen angenommen
hatte, und die moderne noch nicht erfunden war.
    Der junge Franzos stand unter einem Baum. Zwei Paar Pistolen lagen auf einem
ber dem Erdreich ausgebreiteten Mantel, daneben eine Pulverbchse, ein
Kugelbeutel und was sonst zu den Vorbereitungen eines Geschfts gehrt, welches
unzweifelhaft am Ausgange des Kieferwaldes im Werke war. Die Pistolen waren noch
nicht geladen; der junge Mann, prfte, den Hahn abdrckend, die Schrfe der
Feuersteine. Sie schlugen helle Funken, Alles war im guten Stande.
    Der Legationsrath ging mit gemessenen Schritten unter den Bnmen auf und ab.
In der Ferne hinter dem Kieferngebsch, in welches der hochstmmige Nadelwald
auslief, bemerkte man eine leichte Kalesche, vor der zwei muthige Hengste
ungeduldig den Sand stampften.
    Der Legationsrath sprach ab und zu, wenn er vorber kam, seinen Sekundanten
an. Zuweilen schien er, in Gedanken versunken, ihn zu bersehen.
    Wie weit rechneten Sie die Grenze?
    Wenn Ihre Pferde in gestrecktem Galopp auf den Seitenwegen die zweite
Station erreichen, sind Sie mit dem Postrelais morgen frh auf schsischem Grund
und Boden. Es ist nur der fatale Sand.
    Der Fragende schien, whrend er die Antwort hrte, den Gegenstand schon
vergessen zu haben: Wenn die Sonne hinter dem Hochwald sinkt, werden Sie die
Positionen ndern mssen, Vicomte.
    Seien Sie unbesorgt. Die Sonne wird getheilt.
    Der Spaziergnger war nach einer weitern Promenade wieder zurckgekehrt. Die
Falten aus seinem Gesicht waren verschwunden, er schien sogar zu lcheln, als er
an der schweren goldenen Kette die Uhr aus der Hosentasche zog: Die Uhren
knnen differiren. Ich verga meine nach der Akademie zu stellen.
    Auch ist der Rittmeister ein pnktlicher Mann, sagte der Vicomte. Nur
empfahl er Vorsicht. Lieber Versptung, als was Verdacht erregen kann.
    Ich hoffe doch nicht, sagte Wandel, und sein Auge blitzte, da unsrer
Seits etwas versehen ist! Die Polizei hat Luchsaugen.
    Verlassen Sie sich auf mich und den Rittmeister. Ihm ist's ein Vergngen
und mir auch.
    Sie sollten sich in Ihrer Vergngungslust etwas moderiren, Vicomte, sprach
leiser der Legationsrath mit einem halb vertraulichen, halb strafenden Tone.
Man hat hier andre Ansichten als in Paris.
    Pah!
    Und Sie wrden nicht immer Jemand finden, der Sie aus solchen delicaten
Verwicklungen herausreit.
    Thut es Ihnen etwa leid?
    Mir thut nie etwas leid, was ich gethan.
    Dann soll es mir auch nicht leid thun, da ich Ihnen aus Dankbarkeit
sekundire.
    Bereuten Sie es schon?
    Halb und halb. - Nur aus Zrtlichkeit fr meinen Chef.
    Laforest hat viel Aufmerksamkeit fr mich.
    Weil er Sie frchtet.
    Frchtet er mich wirklich?
    Er frchtet, was er nicht kennt.
    Aber den Vicomte Marvilliers de la Motte Calvy frchtet er doch nicht?
    Was er nicht hat, macht ihn verdrielich, was er nie erwerben kann,
bissig.
    Herr von Wandel zog wieder die Uhr: Ich kann mir das Unbehagen eines so
ausgezeichneten Diplomaten, wie Herr von Laforest denken, wenn man ihm junge
Mnner attachirt, die er fr Kundschafter seiner Rivalen hlt, vielleicht selbst
schon fr knftige Rivalen, denn in der Diplomatie tritt der alte Adel unbedingt
wieder in seine vorigen Rechte. Da wrde es mir doppelt leid thun, Vicomte, wenn
Ihre Geflligkeit gegen mich sein Mitrauen aufs Neue anregte. Doch lsst er sie
wohl ohnedies seine wichtigern Depeschen nicht chiffriren.
    Der junge Mann sah auf: Meine Finger sind noch stumpf von dem
Figurenmachen.
    Die Antwort, die Hardenberg an Duroc ertheilte, kann ihm unmglich schon
bekannt sein.
    Ich will sie Ihnen auswendig sagen: Preuen werde unwandelbar bei seinen
bisherigen Grundstzen verharren und treu seinem Programm, die Ruhe des
nrdlichen Deutschlands wahrzunehmen und zu schtzen wissen. Duroc zieht mit
einer langen Nase ab, wenn er Ihren Knig zu berreden meinte, da er mit seinen
Truppen wieder in Hannover einrcke, um es fr uns gegen die Alliirten in Schutz
zu nehmen.
    Es ist nicht mein Knig, sagte Wandel kurz.
    Und da Preuen, fuhr der Attach fort, rstet.
    Wenn auf Wandels Gesicht einige Verwunderung sich ausgesprochen, ging sie in
einen sarkastischen Zug ber: Preuen rstet gegen Frankreich! Ei, ei, Herr
Vicomte, Sie geben uns berraschende Aufschlsse!
    Nur fr sich. Achtzig Tausend Mann zur bewaffneten Neutralitt.
    Man wei doch, entgegnete Wandel, da General Buxhvden hier ist, um fr
die russische Armee einen Durchzug durch Schlesien zu fordern.
    Ja, in diesem Augenblick kann er wohl noch hier sein, sagte schlau der
Attach.
    Und -
    Und er hat gewi, wie wir Alle, geglaubt, die Regierung wre so schwach,
oder franzosenfeindlich, oder dmlich, da es nur eines Anstoes bedrfe, um sie
zu zwingen, sich ffentlich gegen Napoleon zu erklren. Er hat auch angestoen
-
    Und es hat eine Drhnung gegeben.
    Man will nicht dmlich sein, nicht absolut franzosenfeindlich, und
eingestandenermaen schwach und keine offizielle Gliederpuppe, man empfindet die
Krnkung, und bermorgen bricht die Armee nach der Weichsel auf, um den Russen
die Zhne zu weisen.
    Der Legationsrath hatte hier offenbar Dinge erfahren, die ihn berraschten,
die neuesten Neuigkeiten des heutigen Mittags. Wenn er die Ueberraschung auf
seinem Gesichte verrieth, so merkte wenigstens der Attach nichts davon, und es
stellte sich auf dem eisernen Gesichte das feine Lcheln der Ueberlegenheit
wieder ein, wie des Meisters, der einen Schler auf die Probe gestellt hat, als
er im gleichgltigem Tone sagte:
    Die Feldkessel wurden beim Gouverneur schon eingepackt, als ich vorhin
ansprach. Das wird keine ernste Campagne werden. Die Ansichten, welche in der
gestrigen Ministerkonferenz siegten -
    Kennen wir! unterbrach der Attach.
    Ich zweifle nicht an der Divinationsgabe des Herrn von Laforest. Indessen
sind hier Viele so glcklich, diese Ansichten im Allgemeinen zu kennen.
    Und wir im Besonderen. - Was sehen Sie mich so verwundert an, Herr von
Wandel? - Ich meine das Circularschreiben an die Gesandtschaften nach Wien und
Petersburg.
    Es war in der That ein so skeptischer Blick, de haut en bas, wie ein
Duellant seinen Sekundanten nicht anzusehen pflegt, als der Legationsrath, die
Hand auf die Schulter des Vicomte legend, sprach: Ja, Herr von Marvilliers, die
diplomatische ist eine angenehme Karriere fr einen Anfnger, wenn man uns nur
nicht immer die Brosamen vom Tisch als Geheimnisse aufpackte. Wenn Ihr Gesandter
eine Kopie dieser Rundschrift sich zu verschaffen gewusst hat, so versichere ich
Sie, er chiffrirt sie selbst um Mitternacht bei verschlossenen Thren und in
Charakteren, wozu - kaum Talleyrand den Schlssel hat.
    Der Attach fhlte sich gar nicht angenehm durch die Armauflegung des
Legationsrathes berhrt. Mit einer raschen Bewegung hatte er die Brieftasche aus
der Brust gerissen und sich zugleich des Armes entledigt, zu dessen Sttze er
keinen Beruf fhlte. Hier hren Sie! Er las von einem Papier:
    Sie werden bemerklich zu machen haben, Preuen sei von Frankreich noch
nicht beleidigt, im Gegentheil bei der Theilung Deutschlands gut bedacht worden.
Warum solle man einen Krieg beginnen, nicht fr sich, sondern fr Andere? Die
Verbindung, werden Sie einflieen lassen, mit Oesterreich und Ruland habe
Preuen nie Segen gebracht. Sollte es vom Rhein her angegriffen werden, finde es
in seinem eigenen, unberwundenen Heere hinlngliche Vertheidigungsmittel. Schn
sei es allerdings fr Freunde zu kmpfen, und wenn man fr Freunde, so kmpfe
man fr sich selbst; nur sei es Schade, da Niemand in Deutschland so recht
wisse, wer Freund und Feind sei. Und wer danke uns denn unsre Erhebung? Vielmehr
fordere Klugheit und Gerechtkeit: Zurckziehen in sich und Beobachtung strenger
Unparteilichkeit. - Die Demonstrationen, die wir machen werden, seien nur
bestimmt, um die Stimmung im Volk zu beschwichtigen. Hannover wrden wir nicht
besetzen, aber keinen Durchmarsch der vom Knig von Schweden in Stralsund
gesammelten Truppen gestatten, auch nicht den Durchmarsch der Vlker Seiner
Majestt des Kaisers von Ruland durch Schlesien, um Oesterreich Hlfe zu
bringen, und ebensowenig den von Truppen des franzsischen Kaisers, durch welche
Provinzen unsres Staates es sei, um einen Angriff gegen die Staaten Seiner
Majestt des Kaisers von Oesterreich zu effektuiren, wir wrden vielmehr jedes
Unternehmen der Art als casus belli betrachten, getreu dem so lange bewhrten
Grundsatz unseres Staates, unsre Unterthanen vor jeder Unruhe, von innen wie von
auen zu bewahren.
    Ich habe es selbst chiffrirt, setzte der Vicomte hinzu, das Papier wieder
einsteckend. Die triumphirende Miene des jungen Mannes verzog sich, als er das
lauernde Gesicht des Legationsrathes sah, der mit angestrengter Aufmerksamkeit,
das Auge halb zu, das Ohr vorgebeugt, hingehorcht, hatte sich induciren lassen.
Wandel hatte inde ebenso schnell sein Gesicht in die gewohnten Formen
zurckgezwngt, und auch er zog die Brieftasche heraus, hielt sie vor's Auge und
las - fast wrtlich dasselbe, was der Vicomte gelesen. Gleichgltig schlo er
nach dem letzten Worte den Stahldrcker und steckte das Etui in die Brusttasche:
    Ich wollte Ihnen nur zeigen, da es auch andere Quellen giebt, um aus den
preussischen Staatsgeheimnissen zu schpfen. - Nun aber wnschte ich wahrhaftig,
da die Herren sich beeilten. Ich hatte mir mit dem Englischen Gesandten ein
Rendezvous in der Oper gegeben.
    Er wandte dem Sekundanten den Rcken, um mit raschen Schritten wieder einen
Streifzug durch die Bume zu machen. Er hatte Grund gehabt, rasch die
Brieftasche zu schlieen, denn wenn der Attach einen Blick hinein gethan, wrde
er nur ein leeres Blatt gesehen haben. Wandel las aus der Luft; vermge seines
auerordentlichen Gedchtnisses konnte er den kaum aus dem Munde des Attach
vernommenen Brief fast Wort fr Wort recitiren.
    Der Vicomte blies die Melodie eines neuesten Chansons in die Luft, nicht
ganz mit sich zufrieden, als der Legationsrath auch unzufrieden zurckkehrte,
und versicherte, da er auch von der Hhe, wo man die Strae bersieht, keinen
Staub entdeckt habe.
    Ich denke so ungern Uebles von meinen Gegnern, sprach er nach einer Weile
vor sich hin.
    Der Attach summte sein Lied fort und lud dabei eine Pistole.
    Was wollen Sie thun, Marvilliers?
    Die Krhe da vom Ast putzen.
    Warum?
    Mich zu amsiren.
    Verzeihung, wenn meine Meditationen Sie langweilten. Indessen wer mit einem
Schritt am Rande der Ewigkeit steht -
    Der Franzose lachte auf: Wrde nicht zuschnappen wie ein Hayfisch nach
einer politischen Neuigkeit, die er auf der Stelle gern an den Mann brchte,
oder richtiger gesagt an eine Dame. Denn zu madame la conseillre in der
Jgerstrae reiten Sie doch gewi, wenn die Affaire hier beendet, auf Flgeln
der Liebe.
    Herr Vicomte!
    Ich soll mich doch nicht durch die Hengste da tuschen lassen! Sie denken
nicht nach Sachsen, Sie denken nicht zu sterben. Sie wollen leben bleiben, hier
bleiben und sich amsiren.
    Ich habe allerdings, wie ich Ihnen sagte, das Prsentiment, da ich von
seiner Kugel nicht fallen werde.
    Solche Prsentiments in Ehren, aber was Ihren Geschmack anbetrifft -
    Mein Herr!
    Sie wollen doch nicht mit mir eine Kugel wechseln! Da Sie das Prsentiment
haben, leben zu bleiben, msste ich fallen, und wenn ich fiele, was wrde aus
den Liebesbriefen, die ich zu bestellen habe, aus den Seufzern, die ich
affektiren, aus den Vermummungen und Hndedrcken, die ich am stillen Abend
effektuiren soll? Parbleu, Herr von Wandel, wissen Sie, da Sie mir einen
Kriminalproze auf die Schultern laden? Das wird ja eine Halsbandgeschichte. Wie
die La Mothe knnen Sie mich an den Pranger stellen. Solche Komdienfarcen en
vue und ich soll glauben, da Sie an den Rand der Ewigkeit denken!
    Ce ne sont que des services d'amiti. Nichts von Eigennutz.
    Eigennutz, ein abscheuliches Wort, wo wir nur des intrts kennen. Von
Interessen und Nutznieung ist die Rede, est-ce qu'on parle d'un mariage -! Und
warum einem Fremden, dem Rittmeister, ein Glck aufdringen, und mit dreifacher
Anstrengung, was Sie mit halber Anstrengung selbst genieen knnten! Und eine
beaut sans pareille pour s'amuser, und ein Leierkasten, den man nur zu stimmen
braucht, und er fltet Liebeslieder, wie Sie wollen von Dur bis Moll. Warum denn
nun fr einen Dritten ihn stimmen. Ein Gtterspa, ein solches Weib fr sich
schmachten lassen, nachlaufen, unsre Schulden bezahlen; um einen freundlichen
Blick abzustehlen, in Schleier und Enveloppe auf unsre Stube schleichen, um sich
zu erkundigen, warum wir uns so lange nicht sehen lieen, ob wir unpsslich
sind, grollen? Denken Sie sich, sie zndet Ihnen die Pfeife an. Ist das nicht
auch fr die Phantasie eines Deutschen ein entzckender Gedanke!
    Ist das schon die Libertinage Ihres neuen Hofes!
    Alt wie die Welt ist das Vergngen. Etwas jnger vielleicht die Kunst, es
sich so pikant zu machen, als mglich.
    Der Legationsrath nahm ihm mit einer entschiedenen Bewegung die Pistole aus
der Hand: Schieen Sie nicht nach Krhen, wo es eines Menschen Leben gilt.
Vicomte, ein guter Jger schiet nur auf ein bestimmtes Ziel, Dilettanten feuern
auch nach Sperlingen. - Halt! sie kommen.
    Um die Waldecke flogen Staubwirbel auf. Ein Reiter sprengte in gestrecktem
Galopp heran. Er winkte ihnen schon von fern.
    Das ist nicht der Rittmeister; er ist in Civil. -
    Wenn ich recht sehe, sprach Wandel, sein Neffe, der Kornet. -
    Machen Sie sich aus dem Staube, meine Herren! rief der Reiter. Wir sind
abgefasst. Schon vorm Jagdschlo. Alles verrathen.
    Ich fliehe nicht.
    Wie es Ihnen beliebt. Bovillard wird nach der Stadt gebracht. Ich frchte
mein Oheim auch. Ich schwenkte, ehe sie mich erkannt, um Sie zu avertiren.
    Der Vicomte sah den Legationsrath fragend an, als der Reiter bereits in der
Schonung verschwand.
    Packen Sie die Pistolen ein, wenn's Ihnen beliebt, wir fahren -
    Nach Sachsen?
    Nach der Stadt. Dem Schicksal, das meinen Gegner trifft, werde ich mich
nicht entziehen.
    Das kann eine lange Verhaftung nach sich ziehen; je nachdem -
    Sie sind frei, Herr Vicomte. Ich berliefere mich der Behrde.
    Der Wagen war noch nicht vorgefahren, als eine andere leichte Jagdchaise
heran rollte. Der Rittmeister sprang heraus, ein Zeuge und ein Wundarzt folgten.
    Man erfuhr, was eigentlich keiner Verstndigung mehr bedurfte. Aufgeschoben
ist nicht aufgehoben, trstete der Rittmeister. Und wozu hilft eine
Untersuchung, mein Herr, auf die Sie dringen, wer eine Unbesonnenheit und gar
einen Verrath beging. Die Polizei giebt ihre Quellen nicht an.
    Aber wie begngte man sich damit, den einen Duellanten zu verhaften, warum
suchte man nicht den andern? Verdanke ich das etwa Ihrer Gte, mein Herr
Rittmeister?
    Nur Ihrer eigenen Position, sagte der Rittmeister, sich offizis
verbeugend. Wir wussten ja nicht, mit wem wir die Ehre hatten. - Ausdrcklich
ist Herr von Bovillard verhaftet worden, weil er sich eine Thtlichkeit und
Herausforderung gegen eine diplomatische Person zu Schulden kommen lassen,
welche in expressen Angelegenheiten ihres Souverains in Berlin war. Wegen
Verletzung des Vlkerrechts.
    Der Attach sah verwundert auf seinen Begleiter, whrend der Rittmeister ein
hhnisches Lcheln kaum unterdrcken konnte.
    Wre es mglich, rief Herr von Wandel, leicht an die Stirn schlagend. Ich
bin allerdings auch hier so zu sagen im Charakter eines Envoy, um die
Beschleunigung einer Prozeangelegenheit zu versuchen. Inde wer konnte das
wissen, und die ganze Sache ist ja eine Bagatelle. Der Frst -
    Von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein, sagte der Rittmeister.
    Der zu mediatisiren vergessen ward! lachte Herr von Marvilliers auf. Was
hat denn der hier fr Geschfte, wenn er nicht inzwischen mediatisirt ist!
    Das sind die diplomatischen Geheimnisse Ihres Freundes, in die wir kein
Recht haben, einzudringen, sagte der Rittmeister. Die inde unserem Freunde
einige Wochen Haft kosten werden. Was man nicht alles der Diplomatie verdankt!
setzte er hinzu, auf den Wagen springend.
    Beim Heimwege war der Legationsrath verstimmt. Der Attach konnte es nicht
unterlassen, ihn als Kollegen zu railliren. Er hatte herausgebracht, da die
Angelegenheit des Frsten von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein keine andere sein
knne, als den Erla der Transitosteuer wegen tausend Kruken
Schlo-Baben-Obersteiner Mineralwasser, welche bei der Accise mit Beschlag
belegt worden, zu erwirken. Wer aber konnte sich fr das Mineralwasser und die
unangetastete Ehre seines Negocianten so lebhaft interessiren, da er, um ihn zu
retten, das Duell der Polizei denunzirte - wer anders als die Geheimrthin
Lupinus.
    Sie haben ganz Recht, sagte der Legationsrath, als er auf dem
Gensd'armenmarkt halten lie und ausstieg, ich gehe auch eben, um ihr zu
danken, oder zu zrnen.
    Aber der Legationsrath bog nur scheinbar in die Jgerstrae ein, als der
Wagen weiter rollte. Er eilte rasch um die Ecke und durch die Markgrafenstrae
nach den Linden, wo er im Hotel der Frstin Gargazin verschwand.
    Die Frstin schrieb an ihrem Sekretr an mehreren Briefen, fr welche die
Boten warteten. Niemand sollte gemeldet werden, der Legationsrath ward aber
dennoch durch einen vertrauten Kammerdiener die Hintertreppe heraufgelassen und
sogleich empfangen.
    Sie hatten ein langes Zwiegesprch. Die Frstin schrieb, was Wandel
diktirte: Das Uebrige war mir schon heut Nachmittag bekannt, sagte sie.
Buxhvden ist fort, aber die Depesche wird ihn berholen. Wir sind also fr
heute quitt. Beim Abschied drckte er ihre Hand an die Lippen und verschwand
auf dem Wege, den er gekommen.

                          Fnfunddreiigstes Kapitel.



                            Gehen Sie nach Karlsbad.

Ruhe! sagte der Minister.
    Ein andrer als der, welchen wir in seinem Tuskulum gesehen. - Trug der hohe
stattliche Mann auch nicht Stern und Ordensband, so gehrten sie doch zu dieser
Miene, dieser Frisur, dieser Gestalt, wie dazu geboren. Das Wort Ruhe, das er
zum Geheimrath Bovillard gesprochen, passte ebenso zu der ganzen Erscheinung des
im Vollgefhl seiner Wrde aufrecht dastehenden Nannes, ein Knig in seinem
Zimmer.
    Bovillard lehnte sich, den Hut in der Hand, in die Fensterbrstung. Er war,
im Gehen begriffen, nur noch durch eine Wendung des Gesprches zurckgehalten.
Am Tische bltterte der Rath von Fuchsius in einer der aufliegenden
Druckschriften, die er spter in die Tasche steckte.
    Die Oesterreicher konzentrirten sich zwischen Ulm und Memmingen, sagte er,
durch eine Bemerkung im Gesprch der Beiden dazu aufgefordert. Nach den letzten
Nachrichten aber nicht in einer Strke, um einen Angriff wagen zu knnen. Sie
warten offenbar auf Kutusow und die Russen, die von der Donau her kommen sollen
-
    Wenn Napoleon ihnen Zeit lsst, fiel Bovillard ein.
    Wenn wir Kutusow durch Schlesien lassen, sagte der Minister.
    Das soll nun freilich jetzt nicht geschehen, warf der Geheimrath hin.
    Buxhvden ist eben so unverrichteter Dinge abgereist wie vor ihm Duroc.
    Wir nehmen wirklich die Miene einer respektablen Selbststndigkeit an,
bemerkte der Rath.
    Sie meinen, weil wir Alle vor den Kopf stoen, und Keinen zum Freunde
behalten.
    Ei, Herr von Bovillard, von Ihnen das! sagte der Minister. Ist das jetzt
auch Lombards Meinung? - Haugwitz war freilich beim L'hombre neulich ganz
konsternirt. Aber er leidet am Magen.
    Excellenz, ich mu gestehen, die Sachen wachsen mir ber den Kopf. Eine
Bewegung wie eine Vlkerwanderung. Und wir so ganz allein in der Mitte!
    Sollen wir darum auch wandern!
    Napoleon lsst seine Truppen von Bologne und vom Rhein heranrcken. Marmont
fhrt sein Korps von Mainz her, Wrede eins von der obern Donau, Davoust aus
Schwaben. Das ist genug um die Oesterreicher zu erdrcken. Und nach Allem, was
man aus Paris schreibt, gengt es ihm diesmal nicht, seinen Feind zu schlagen,
er will ihn vernichten. Sie studirten vorhin die Karte, sind Sie nicht der
Ansicht, Herr von Fuchsius?
    Wenn die Russen nicht zu ihm stoen, sei Mack geliefert, war Herrn von
Eisenhauchs Meinung. Napoleon dveloppirt Krfte wie nirgend zuvor.
    Kann er nicht, warf der Minister ein.
    Wer hindert ihn?
    Wir. Bernadotte steht mit Hunderttausend in Hannover. Lassen wir ihn nicht
durch, so ist Bonaparte ohne ihn nicht strker, als die Oestreicher.
    Und wenn er nun doch strker wre! rief Bovillard.
    So lasst sie sich die Kpfe zerschlagen. Wir haben Profit tout clair.
    Wenn aber Napoleon unsere Neutralitt nicht respektirt!
    Lassen wir die Russen durch. Sie sind doch sonst ein so ruhiger Mann.
Alteriren Sie die Vorwrfe, die man Herrn Lombard macht? Oder kmmert Sie Ihr
Sohn? Das ist ja nun auch abgemacht.
    Ich wei nicht, Excellenz, es ist mir zuweilen wie in einer Gewitterluft.
    Gehen Sie nach Karlsbad. Zwei Becher Sprudel tglich, nachher drei. Drei
Wochen lang. Ist Alles vorbei, ist Alles nur Imagination.
    Excellenz mgen recht haben, sagte Bovillard, sich zum Gehen anschickend.
Nochmals meinen Dank, da Sie sich meines fils perdu angenommen.
    Nicht der Rede werth. Aber, wie gesagt, fort mu er, wenn er abgesessen
hat. Leidet auch an Imaginationen. Die Reden, die er fhrt, sollen ja exekrabel
sein.
    Er hat sie nicht von mir.
    Assurment! Aber eben darum. Ist fr Sie selbst am besten.
    Gewi! aber wie?
    Ihr Herr Sohn, sagte Fuchsius benimmt sich diesmal weit gefasster im
Gefngni, ja er hat selbst erklrt, es wre ihm lieb, Berlin und Preuen auf
immer zu verlassen.
    Charmant! sagte der Geheimrath. Aber wohin? Wenn wir Kolonien htten!
    Wenn wir die htten! sagte der Minister und legte seufzend seine Hand auf
Bovillards Schulter. Dann wre Vieles besser. Das waren die Herren von der
Theorie unter den vorigen Knigen! Gestehen Sie mir, Geheimrath, ist das ein
kluger Staatsmann, der eine Domaine, weil sie nur tausend einbringt und er
hoffte eine Million, der sie darum fr 'nen Spottpreis fortgiebt! Brauchten wir
unser Korn, Holz den Englndern zu verkaufen, uns von ihnen Preise machen
lassen? Mssten wir noch von ihren Kolonialwaaren nehmen? Htten wir Noth, wo
unsre schlesische Leinwand lassen? Brauchten wir Ruland zu bitten, wie neulich,
unsere inkorrigiblen Verbrecher nach Sibirien zu schaffen! Kolonien, Herr
Geheimrath, und wir schafften unsre Verbrecher hin, unsre Rohprodukte, unsre
Fabrikwaare, Ihren Herrn Sohn auch, wir machten allein die Preise, und die
Kolonisten mssten kaufen und bezahlen. Wenn das wre, knnten wir doppelt
lachen ber die Kalamitten um uns her; wir knnen es aber auch so. Sie schlagen
sich, plndern, brennen, verwsten, und wir kultiviren unser Land, protegiren
unsere Fabriken. Dann halten wir Markt und machen auch die Preise. Wie steigen
jetzt schon unsre Gter mit den Friedensaussichten! Wissen Sie, was man mir fr
Schneichen geboten hat? - Der Herr van Asten in der Spandauerstrae mchte es
gern. Will das Holz schlagen lassen, Brettermhlen anlegen; aber ich lasse es
ihm nicht. A propos  - der Minister zog den Geheimrath bei Seite und sprach
leiser - kennen Sie den van Asten?
    Er gilt fr einen sehr respektablen Mann.
    Ja, ja, aber das intus! Er hat viel in franzsischen Weinen gemacht. Seit
dem Lager von Boulogne ist das Holz in Frankreich theuer. Will nun in Brettern
hinmachen und in Wein retour. Entre nous soit dit, warum soll man den Vortheil
nicht mitnehmen! Warum soll ich nicht selbst mein Holz zu Brettern und die
Bretter zu Geld machen, oder auch zu Wein. Wein im Keller ist baares Geld.
    Und der Wein aus Excellenz Kellern unter Freunden doppeltes Geld werth.
    Also Sie meinen, man kann ihm trauen? Aber Schneichen la ich ihm jetzt
nicht. Wissen Sie, wie hoch es der Legationsrath taxirt?
    Herr von Wandel ist ein Kenner.
    Hat mir Mergellagerungen nachgewiesen, an die kein Mensch gedacht. Hat sich
auch sehr nobel bewiesen gegen Ihren Sohn, seine sogenannte diplomatische
Qualit ganz desavouirt.
    Von einem so edel gesinnten Manne konnte ich es erwarten.
    Er meinte, ob man Ihren Sohn nicht auf eine schonende Weise, etwa durch
einen Courierritt nach Petersburg oder Madrid entfernen knnte? Was meinen Sie
dazu? Knnen's ja mit Lombard abmachen.
    Ich will darber nachdenken.
    Reiten ist sehr gut. Treibt auch das finstre Blut aus. Sollten auch reiten,
Geheimrath, Ihr Embonpoint - aber besser, wie gesagt, ist Karlsbad. - Haben Sie
solche Eile?
    Zu Herrn von Wandel, dem ich noch meinen Dank schulde. Man trifft ihn so
selten zu Hause.
    Verschliet sich auch viel in seinem Laboratoire.
    Oder bei der Lupinus, lchelte Bovillard.
    Inklination!
    Wer htte das denken sollen!
    De gustibus - wissen Sie. Ueberhaupt was der Mann prstiren kann! Sagt mir
der Prsident vom Pupillenkollegium, tagelang sitzt er in der Registratur ohne
Refraichement.
    Was macht er denn da?
    Liest die Akten durch. Ich habe ihn empfohlen.
    Wozu die Pupillenakten?
    Was der Mann sich fr Agrikultur interessirt!
    Der Grund und Boden der mrkischen Gter ist doch nicht in den
Pupillenakten verzeichnet.
    Er findet Ihnen im kleinsten Umstand Renseignements. Sie glauben nicht, wie
merveills er im Diviniren ist. Aus einer Gutsrechnung, was an Gerste, Korn,
Weizen gewonnen ist, zu welchen Preisen das Holz fortging, wie viel Torf
gestochen ist, daraus macht er Schlsse, zum Etonnement. Sein Kopf ist voll
Verbesserungsplne fr unsere Landwirthschaft.
    Um so mehr zu bedauern, da Haugwitz einen Degout gegen ihn hat. Was knnte
er im Staatsdienst ntzen!
    Hat er den Gout dafr?
    Der kommt von selbst, wenn man unter Ministern wie Excellenz arbeitet.
    Ich stimire ihn sehr. Hat geniale Gedanken, zum Beispiel ber
Schafzchterei. Wie ich mich mit meinen Bauern separirt habe, das mchte er
allen Gutsbesitzern zum Exempel hinstellen. Hat mir eine Rechnung aufgemacht,
wie viel der Gutsherr eigentlich Schaden hat bei den Frohndiensten. Ich
versichere Sie, die Augen gingen mir ber -
    Vor Freude, da Ihr Genie ein so glckliches Arrangement getroffen. Die
Bauern sind gewi auch zufrieden. -
    Sie wissen, wie Bauern sind.
    Aber das Publikum verehrt Excellenz als einen Wohlthter der unterdrckten
Menschenklasse, und als der Staat fr Ihre Verdienste Ihnen Schneichen
schenkte, hat er nicht daran gedacht, da es so viel mehr werth war, als
Excellenz daraus gemacht. In der Taxe, die Seiner Majestt damals vorgelegt
wurde, war es ja wohl nur geschtzt auf -
    Der Minister unterbrach ihn: Ich stimire, wie gesagt, Herrn von Wandel
sehr, indessen -
    Seine Relationen mit der franzsischen Ambassade?
    Was kmmert mich das! Mchte er den Trken dienen oder wem drauen. Aber -
    Haugwitzs Abneigung -
    Kmmere ich mich um Haugwitzs uere Affairen! Was braucht er von meinen
inneren zu wissen! Auch solche modernen Ideen! Jeder Minister trgt Seiner
Majestt vor, oder lsst vortragen, was er fr nthig hlt, im brigen Herr in
seinem Departement, und kmmert sich nicht, was ein anderer Minister will und
denkt, oder nicht will und nicht denkt, und wenn ich Jemand anstelle, der
Haugwitzs Plne kontrekarriren oder Lucchesini vergiften wollte, das ginge doch
nur mich an, ob ich einen solchen Menschen behalten will oder nicht. Also 's
nicht um Haugwitz noch um irgend Jemand.
    Dann wsste ich in der That nichts, was man Herrn von Wandel vorwerfen
kann, als da er keine Diners giebt. Gewisse Personen choquirt das allerdings.
    Er hat nicht von unten auf avancirt. Verstehen Sie mich wohl, was ich damit
meine. Kann das Hereingeblasene nicht leiden. Der Pli mu durch die Schule
kommen. Es ist mir nicht sowohl um die Examina, denn wre er von guter, ich
meine von sicherer Extraktion, so - aber - die Familie Wandel, sie mag sehr
respektabel sein, je n'en doute pas, indessen im Rxner und in Kaiser Caroli
Landbuch finden wir keinen Wandel. Comprenez-vous? Wie gesagt, ein genialischer
Mann, sehr unterrichtet, geners - ich werde ihn morgen zu Tisch einladen.
    Die Einladung war die Entlassung, oder der Wink zum Gehen fr Bovillard.
    An der Thre winkte ihn noch ein A propos zurck. Der Minister ging dem
Rckkehrenden noch um einige Schritte entgegen, und mit einem faunischen
Augenblinzeln flsterte er in einem Tone, zwischen Herablassung und Kordialitt:
A propos, Herr Geheimrath haben ja wohl interessante Staatskonferenzen jetzt
bei St. Real?
    Verstandesspiele, Rekreations in der Gewitterschwle, entgegnete Bovillard
und war hinaus.
    Wer war denn das im Vorzimmer? fragte er, als Fuchsius ihn noch im Flur
des Hotels einholte. Die Physiognomie mu ich schon gesehen haben.
    Der Sohn des reichen Kaufmanns van Asten.
    Der! - Ist ja ein Genie. Was will der beim Minister?
    Fuchsius zuckte die Achseln: Was eigentlich, wei ich nicht. Vielleicht
eine Anstellung.
    Im Weitergehen begegnete er dem Rittmeister, der in Gedanken versunken ihn
nicht sah. Der Rath blickte ihm nach:
    Ob es nicht Pflicht wre, dieser Puppe den Staar zu stechen, da er she,
an welchem Draht er gezogen wird. Es ist doch eine Natur in ihm!
    Er hatte es unwillkrlich halb laut gesprochen. Der Major Eisenhauch, der
hinter ihm gekommen, klopfte ihm auf die Schulter: Lasst die Puppen noch eine
Weile nach der Drehorgel tanzen. Der Blitz zngelt schon, der die Drhte
schmelzen wird, alle mit einem Schlage. Dann lasst uns sehen, was auf dem
Resonnanzboden fllt, was steht!
    Ihre Augen glhen.
    Die Wolken rollen; das Gewitter mu sich entladen. Abermaliger Aufschub ist
unmglich. Die zuverlssigsten Nachrichten, sagte er leiser und sich vorsichtig
umblickend, kamen eben an. Napoleon darf, kann, wird die Oesterreicher an der
Donau nicht eher angreifen, als bis Bernadotte aus Hannover zu ihm stt. Er
darf keinen Umweg nehmen, die Stunde brennt, Napoleon mu schnell zuschlagen,
bevor die Oesterreicher sich verstrken; Bernadotte mu also durch die
frnkischen Lande, um zur Stunde zu kommen. Wissen Sie, was es heit, wenn
Napoleon sagt, es mu sein?
    Wenn doch ein Mensch bei uns dies Mu aussprche! sthnte der Rath.
    Wo die Menschen zu schwach sind, donnern die Umstnde. Er wird die
Traktaten verletzen, er wird durch preuisches Gebiet brechen und wir -
    Was werden wir thun?
    Wenn noch ein Funke preuischen Muthes ist, zndet er und die Mine springt.
Sie zweifeln noch! - Sie glauben, auch diesen Hohn knne unsre Langmuth dulden!
Herr, ich schelte Sie einen Hochverrther an sich selbst. Ich hoffe, auch
Haugwitz lsst seine L'hombrekarten fallen; auch Lombard blitzt es in einem
lichten Momente, da er eine dupe war. Wer nicht! Oder wre der Nerv schon
ausgezogen diesem eisernen Volke, Glanz und Elasticitt diesem
Herrschergeschlechte, jene Wunderkraft, die dies Reich aus einem Nichts
geschaffen, wre lungenkrank im letzten Stadium!
    Sei unser Genius wach!
    Und wir auf sein Kommando! Darauf kommt es an.
    Stein ist fest. Er wird auf Hardenbergs eben so feste Untersttzung rechnen
drfen.
    Keiner darf ruhen, wir mssen einheizen, schren, Jeder an seiner Stelle.
Brandstifter sein wird jetzt zur Tugend und Pflicht. Keine Parteimeinungen mehr,
Civil und Militr, die traurige Spaltung mu verschwinden. Die Prinzen
untersttzt! Die Knigin! Vor allem Prinz Louis! Die Regimenter angejubelt auf
der Parade beim Marsch. Haben wir denn keine Kriegslieder, keine Dichter! Auf
dem Theater Stcke, die das Blut entznden! Wozu haben wir Federn, Papier,
Druckerschwrze, Zeitungen, wenn sie nur da sind um Rthsel und Anekdoten zu
drucken. Das wre das Mittel um Blitze -
    Sie vergessen -
    Die fr die Gebildeten schreiben! Ins Volk die Blitze geschleudert! Das
gilt es. Ha, Grimm mu die Massen durchwhlen, Rachewuth zum Opfermuth werden.
Erfinde man Greuelgeschichten, wenn die wirklichen noch nicht znden, vom
Franzosen-Uebermuth, von Schande und Schndungen, Erpressungen, Hohn und
Hllenlust; diese Dichtung ist heilig, es gilt ja das Volk, nicht uns. Ihm sein
Alles zu retten, seine Sitte, Sprache, Geschichte, selbst sein eigenes Leben,
seine Zukunft. Denn alles das steht auf dem Spiel, nicht wenn wir geschlagen
werden, wenn wir nicht schlagen. Wir gehn unter in uns, und vor uns selbst. Wem
dies Schrecklichste der Schrecken klar ist, der kennt keine Rcksichten mehr.
    Whrend Fuchsius auf der Strae seinen Freund bitten musste, sich zu
migen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, stand Walter van Asten vor dem
Minister. Wenn er mit Feuer gekommen war, verloderte es vor dem aufrechten Mann,
der ohne eine Miene zu verziehen seine Anrede angehrt hatte. Er war ins Stocken
gerathen, er hatte wenigstens nicht das gesagt, nicht alles, was noch auf der
Schwelle zum Hotel, noch im Vorzimmer in seiner Brust, ein wohlgeordneter Strom
der Ueberzeugung, fertig lag.
    Was wollen Sie eigentlich? sagte der Minister.
    Ich habe es in der Druckschrift, welche ich meiner ehrfurchtsvollen Bitte
um diese Audienz beilegte, dargelegt.
    Ich lese nichts Gedrucktes, sagte der Minister.
    Es war ein kalter Blitzschlag. Aber er zndete in Walters Brust. Eine Pause,
dann verbeugte er sich:
    So bitte ich um Verzeihung, da ich an die unrechte Stelle mich wandte.
    Walter hatte bersehen, da der Olymp, aus dessen Wolken der Blitz kam,
seine Stirn nicht kruselte. Auch nach dieser Antwort blieb er unbeweglich. Er
gab nicht das Zeichen zur Entfernung. Nach einer neuen Pause kam aus denselben
Lippen dieselbe Frage:
    Was wollen Sie eigentlich?
    Jetzt nur meine Dreistigkeit bereuen.
    Sie sind der Sohn von van Asten und Compagnie?
    Zur Compagnie gehre ich nicht.
    Ein respektables Haus. Macht nur in Geschften, die es versteht.
    Abermals eine Pause, und noch kein Zeichen der Entlassung. Aber der Olymp
bewegte sich. Die Hnde auf dem Rcken, ging der Minister einige Mal auf und ab:
    Der Tausend noch mal, wie kommen Sie denn zu dem Zeug!
    Also hatte er sich doch vortragen lassen, von Jemand, der Gedrucktes las.
Der Schlu war richtig, und Waltern, ich sage nicht der Muth, aber die Lust
zurckgekehrt:
    Weil ich in Euer Excellenz den Mann erkannte, welcher durch die That dem,
was nothwendig wird, vorausgekommen ist. Sie sind es, der mit seinen Bauern sich
gesetzt hat, der ihnen Freiheit, Eigenthum zurckgab, Sie der erste, der dies
glnzende Beispiel -
    Ach also darum! unterbrach der Minister. Ich glaubte von wegen Ihres
Vaters -
    Nein, weil Excellenz erkannt, wo uns der Schuh drckt, weil Excellenz
erkannt, da diese Sule, auf welcher der germanische Staat ruht, der
Bauernstand, kein Helotenstand lnger bleiben darf -
    Ja, ja, ja, also darum! wiederholte der Minister ihn unterbrechend, und
nahm eine Prise, vielleicht ein Zeichen der Zufriedenheit, jedenfalls eines, da
er frs erste nichts weiter hren wollte. - Was geht Sie denn der Bauernstand
an? Sie haben doch keine Gter.
    Erlauben Sie mir zu fragen, was ging er Excellenz an -
    Weil meine Bauern faules Volk sind, weil der Meier sie aus dem Kruge
treiben musste, weil mein Inspektor gut rechnen kann, und mir wie's Ein mal Eins
bewies, da die Frohnarbeit uns theurer zu stehen kam, als der Tagelohn, weil
ich meine Aecker durch die Bauerncker arrondirte, die sie mir als Abkaufssumme
hergaben, weil ich ein guter Landwirth bin, und sie zweimal besser nutze als
sie, weil ein groer Complex sich besser bewirthschaftet als ein kleiner. Darum
mein junger Herr -
    Und wenn auch nur diese, gelten diese Grnde nicht fr Alle!
    Was gehn mich die Andern an! Fege Jeder vor seiner Thr, und wer sich im
Mist betten will, warum soll ich's hindern!
    Walters Brust hob, seine Lippen ffneten sich, der vorhin unterdrckte Strom
der Rede flo heraus in kurzen, schlagenden Stzen, und die Excellenz hatte die
Gte ihn nicht zu unterbrechen. Sie beschftigte sich, einen Fleck auf ihrer
Emaildose abzuwischen. Er hatte gesprochen; das Was wissen wir schon, oder wir
erfahren es noch. Da war der Fleck wirklich gereinigt und der Minister sagte
recht freundlich:
    Eine hbsche Elaboration. Wenn Sie das geschrieben htten, knnte man's ad
acta nehmen. Aber Drucksachen, das ist nichts; es schickt sich nicht fr einen
Geschftsmann. - Was wollen Sie nun eigentlich, ich meine Sie fr sich?
    Ich leugne nicht, Excellenz, wenn diese Ansichten vor unsern Staatsmnnern
Eingang finden, und man an die Ausfhrung ginge, da ich mich wohl befhigt
fhlte, mit Hand anzulegen. Ich wrde eine Freiheit opfern, die ich mir lange
als ein kstliches Gut bewahrt, und wrde gern eine Anstellung annehmen.
    Sehn Sie, das lieb ich, das ist vernnftig gesprochen. Sie gehn auf eine
Anstellung aus, um das Uebrige kmmern Sie sich nicht.
    Dies drfte doch von meiner Ansicht differiren.
    Drauf kommt es nicht an. Wird Ihren Vater sehr freuen. Ist ein braver Mann,
und wird es Ihnen an Untersttzung nicht fehlen lassen, wenn ich ein Wort
einlege. Denn Untersttzung werden Sie noch eine ganze Weile brauchen. Die groe
Karriere, die geben Sie natrlich auf, haben ja nicht Cameralia studirt. Und die
Examina! Schadet nichts. Das von unten Anfangen ist das solideste. Erst in der
Kanzlei ein Jahr, hchstens ein paar als Kopist. Dann machen wir einen Versuch
mit dem Expediren, Sekretair! An Konnexionen wird es Ihnen ja wohl bei guter
Conduite nicht fehlen - lchelte der Minister - dann Geheimsekretr,
Kanzleiinspektor!
    Der junge Mann stand sprachlos da.
    Der Kriegsrath Alltag, sehn Sie dessen Karriere! Noch nicht voll sechszig
und war schon Kanzleidirektor mit dem Titel Kriegsrath, und Sie wissen noch
nicht, was er noch wird. Aber nun etwas, mein junger Herr, die Flausen lassen
Sie aus dem Kopf. Nie etwas besser wissen wollen als Ihre Vorgesetzten. Wenn's
auch mal falsch wre, nie den Mund aufgethan. Sie wissen nicht, warum sie's
falsch machen. Keine Sylbe mehr gedruckt, das versteht sich von selbst. Wenn Sie
Bcher lesen mssen, thun Sie's fr sich. Nthig ist's nicht. Strt immer im
Dienst. Gelehrte sind schlechte Officianten. Und - der Minister fasste mit
holdseliger Miene den Knopf seines Rockes - und am Kopistentisch sollen Sie
nicht zu lange sitzen, Sie schreiben ja eine saubere, przise Hand, habe mich
wirklich gefreut, die Grundstriche so grade und voll. Daran sieht man den
Charakter. Da dispensiren wir Sie wohl schon nach einem halben Jahre!
    Walter hatte die volle Sprache und Ruhe wieder gewonnen:
    Gerhrten Herzens habe ich Ew. Excellenz gtige Intentionen vernommen, die
ich wohl nur der guten Meinung verdanke, welche Excellenz fr meinen Vater
hegen. Da aber meine Ansichten von der Art, wie der Staat die Krfte seiner
Brger nutzen mu, von der Ansicht Deroselben abweichen, so glaubte ich unrecht
zu thun, wenn ich Dero wohlwollende Gesinnung Solchen entzge, welche williger
und befhigter zu den Diensten sind, fr die ich meinen Willen und meine Kraft
unausreichend bekennen mu.
    Der Minister sah ihn weder verwundert, noch erzrnt an. Er liebte
wohlgesetzte Kanzleiphrasen. Dann nickte er ihm freundlich Abschied.
    Also Sie wollen nicht. Gren Sie Ihren Vater von mir und gehn Sie nach
Karlsbad, lieber Herr van Asten. Nach Karlsbad sage ich Ihnen. Wenn wir alle
Staatsverbesserer dahin schicken knnten, wrde es mit unserem Staate besser.
Nicht nach der Festung, dafr bin ich nicht. Simpel nach Karlsbad, drei Becher
tglich am Sprudel, die gehrige Promenade darauf, drei Monat und wir htten
Ruhe im Lande.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel.



                  Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschften.

Der Herr Geheimrath sind nicht zu Hause - Der Herr Geheimrath ertheilen heute
keine Audienz - lauteten die verschiedenen Antworten, mit denen der
Kammerdiener die verschiedenen Personen, welche in der Wohnung des Geheimraths
Bovillard nach ihm fragten, abgewiesen hatte. Auch Herrn von Fuchsius war
dasselbe begegnet, wegen einer wichtigen Konferenz in Staatsgeschften.
    Bei Konferenzen in wichtigen Staatsgeschften war der Rath immer zugezogen.
Der Diener zuckte lchelnd die Achseln: Herr Geheimrath haben heut expre
befohlen keine Ausnahme zu machen - Fuchsius sah aus dem Thorweg den Wagen des
Ministers fahren: Wenn die entsetzlichste Rathlosigkeit wirklich zum Rath - und
wenn sie zur That fhrte! sprach er aufseufzend. Es ist spt, aber doch
vielleicht noch nicht zu spt!
    Excellenz waren nicht aufgelegt, bemerkte der Kammerherr von St. Real in
der kleinen Hinterstube, wo sich die Konferenz versammelt hatte.
    Leidet am Magen, sagte Bovillard mit dem moquanten Lcheln, das seine
Freunde kannten, wenn er die Worte eines nicht gegenwrtigen Freundes citirte.
    Am Magen?
    Excellenz halten nicht Dit. Mischen zuviel, Trffelwrste und Rhabarber,
Sonnenaufgnge und nchtliche Promenaden, Tugend und Tnzerinnen -
    Die auswrtigen Angelegenheiten liegen in seinem Magen wie Kraut und
Rben.
    Wir sind inde, meines Wissens, nicht hier wegen der affaires ntrangres,
bemerkte der Kammerherr.
    Mais qu'est-ce qu'on peut faire, mon ami, wenn der Leiermann vor der Thr
von Morgen bis Abend sie abgeorgelt, Hardenberg mit so schnem Discant singt und
Lombard und Beyme und Vo, und dazwischen brummt der Ba des Herrn von Stein,
und Johannes Mller zwitschert, und Herr von Massenbach giebt seine
unmagebliche Meinung, und Luchesini ruspert sich, und Rchel trommelt und
Prinz Louis schmettert mit Trompeten, und seine Schwester und die Prinze
Mariane accompagniren mit Jeremi Klagegesang. Da bleibe ein vernnftiger Mensch
unafficirt! Ich will in allem Respekt noch gar nichts sagen von der Venus
Urania, die in der Stille vor ihrem Spiegel die Haube der Bellona probirt, und
wie ihrem himmlischen Gesichte der Blick des Zornes und der Entrstung steht,
den sie auf den Monstrepilz bei Gelegenheit werfen will.
    Monsieur de Bovillard braucht uns nicht zu versichern, da er nie ein
Admirateur der Venus Urania war.
    Offenherzig, ich halte es mit dem edlen Schiller, - der ist nun auch todt,
alles Edle stirbt, meine Freunde, - als er sang:

Ach, da euer Wonnedienst noch glnzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekrnzte
Venus Amathusia!

    Der Dritte im Bunde, der kein anderer war als der Legationsrath Wandel,
meinte, er knne die Besorgni nicht theilen, so viel er wisse, sei doch gestern
beschlossen: der Knig wolle, die besondere Lage seiner frnkischen Lande
erwgend, jeder der kriegfhrenden Mchte den Durchzug gewhren. Damit schiene
denn doch alles ausgeglichen, und die ueren Angelegenheiten drften dem
excellenten Freunde seines edlen Freundes kein Kopfbrechen mehr verursachen.
    Gestern, Theuerster! Aber heute nicht mehr. Man hat angefhrt, das verrathe
Schwche. Darum wollen wir heute Strke verrathen, und erklren, da wir Niemand
durchlassen. Brauchen uns aber darum nicht zu nstigen, morgen haben wir uns
wieder anders besonnen, und lassen durch. Dieser Durchla nun liegt Christian im
Magen, ein Aderla an seinem Humor, und darum lief er fort, ehe wir anfingen.
    Wandel hatte sich an den kleinen Tisch gesetzt, auf dem, wie zum Spott, fr
vier Personen vier Aktenhefte, Papier und Federn lagen; das wichtigere
Aktenstck oder Corpus delicti stand unter dem Tische, der Champagnerkorb. Von
nun an wird Niemand wer es sei, eingelassen, rief Bovillard, als der
Kammerdiener die Leuchter auf den Tisch gesetzt. Also, meine Herren, wir
standen bei Artikel zwei - rief er noch mit einer Stimme, welche der abtretende
Diener im Nebenzimmer hren konnte. Als die uere Thr zuklang, erhob sich der
Flaschenkorb, ein Pfropfen knallte gegen die Decke und drei Glser stieen gegen
einander: Auf guten Fortgang!
    Der scheint gesichert, sagte Wandel.
    Und wir verdanken ihn, was ich als Prsident hier auszusprechen mich fr
verpflichtet halte, insbesondere der unermdlichen Thtigkeit unseres theuren
Kollegen. Herr Legationsrath von Wandel, wiewohl gleichsam als Experter
zugezogen, hat sich doch der Sache als Amateur angenommen. Gehen wir demnchst
zur Sache ber. Wir standen also -
    Ich erlaube mir, ehe wir fortfahren, eine prjudicielle Bemerkung, hub der
Kammerherr an. Ich wei fr gewi, da der franzsische Gesandte von unseren
Verhandlungen Kenntni hat. Sollte durch die unverzeihliche Indiskretion eines
Kanzleibeamten demselben ein Aktenstck in die Hnde gespielt sein? Wenn dem so
wre, erlaube ich mir, bei unsern wrdigen Herrn Prsidenten den Antrag auf
strengste Recherche deshalb.
    Das Kollegium hat den Antrag vernommen, sagte Bovillard. Ich mu
prjudiziell bemerken, da ich dagegen stimmen werde. Wenn das Kollegium
erlaubt, erklre ich meine Grnde. Pro primo haben wir keine Aktenstcke, denn
es ward nichts geschrieben, logischer Schlu: sie knnen nicht abgeschrieben
werden. Pro secundo haben wir keine Kanzlei, was nicht ist kann keine
Indiskretion begehen, pro tertio wrde eine solche Untersuchung den Verdacht der
Indiskretion auf ein oder das andere Mitglied unsres hochverehrten Kollegii
werfen, was wir aus besonderen und hheren Rcksichten vermeiden mssen. Herr
Kollege von Wandel wnscht uns seine Ansicht mitzutheilen.
    Was das Faktum anlangt, sagte der Legationsrath, so mu ich dem geehrten
Kollegen von St. Real beistimmen. Laforest wei es; aber was folgt daraus? -
Laforest wei Alles. Warum sollte er dies nicht wissen. Wer es ihm zutrgt, -
    Vermuthlich der Champagnergeist, rief Bovillard, sein Glas fllend, da
der Schaum ber den Rand stieg. Landsleute plaudern gern weiter!
    Aber es schadet unserer Sache nichts. Diplomatische Berichte bleiben
versiegelte Geheimnisse, und wenn die Archive sich fr Historiker lften,
kmmert es keinen Lebendigen mehr. Ferner was Laforest wei, wei er nur fr
Napoleon oder Talleyrand. Beide werden unsre Plne nicht kontrecarriren. Endlich
wenn das Geheimni auf dem Wege nach Paris auch hier durchgeschwitzt htte, was
ich nicht in Abrede stellen will, ist die Sache doch zu pikant, als da der
ehrliche Finder den Verrther spielen sollte. Aus diesen Grnden, meine Herrn,
erblicke ich in dem hingestellten Faktum weder Gefahr, noch etwas Hinderliches,
und stimme, salve meliori, unmageblich ber den Einwand hinweg zu gehen.
    Der Prsident blickte, die Feder in der Hand, sich um. Es war einstimmiges
Conclusum. Der Wein fing an die Zunge zu lsen, und man warf den Curialstyl mit
den Akten in den Winkel.
    Sie also tout  fait bloui? rief Bovillard nach dem Bericht des
Legationsraths.
    Der Kammerherr anerkannte mit gebhrenden Lobsprchen die Diligenz, welche
Herr von Wandel bewiesen, bestand inde darauf, da die Baronin, wenn die
Schwadron vorbermaschirte, sich jetzt ostensibler am Fenster zeige. Es sei
zuviel gefordert, wenn sein Pflegebefohlener, der Amandus, sich jedes Mal
einbilden solle, da der Kopf der Amanda hinter Balsaminentpfen versteckt sei.
Die Imaginationskraft eines Kavallerieoffiziers sei aber nicht die eines Poeten;
er msste ihn also dann und wann leibhaftig sehen, um im Glauben zu verharren.
    Unser Operationsplan aber forderte Bedacht, entgegnete Wandel. Wir
mussten als Psychologen zu Werke gehen. Wer ist schwerer zu erobern? Sie oder
Er? Das war die Frage. Es galt eine Bildsule zur Galathee zu erweichen, und aus
der Galathee eine Potiphar zu machen. Haben wir nur erst eine Madame Potiphar,
so ist doch keine Sorge darum, da ein Gardekavallerie-Offizier den Joseph
spielen sollte. Diese zweite Eroberung machte sich vielmehr dann von selbst - A
propos, warum ich Herrn Kammerhern so oft ersucht, der Amandus, Ihr Client, darf
nicht mehr den Knebelbart streichen.
    Der Kammerherr versprach, da es unterbleiben solle.
    Sie haben auch gewi schon eine kleine Entrevue in petto? sagte Bovillard.
Sie etwa im Negligee von ihm berrascht!
    Wer setzt auf eine Karte sein Ganzes, wenn er im Gewinnen ist! Wer spielt
berhaupt ein gewagtes Spiel, wenn er durch arithmetische Progressionen zum
Ziele kommen mu! Der beste Zauber, meine Herren, ist, der sich selbst wirkt,
auf organischem Wege. Neugier und Eitelkeit operiren wunderbar in der Psyche des
Weibes. Die gespannte Erwartung entzndet die Phantasie. Um zu erfahren, ob es
so sei, wie ich angab, gab sie sich alle Mhe, den Amandus zu beobachten, und
entdeckte nun mit weiblichem Scharfsinn weit mehr, als ein Mann mit seiner
roheren Wahrnehmungsgabe nur erfinden kann.
    Und die Uhr geht fort?
    Eine schlechte, die man jede Stunde anstoen mu. Sie geht so normal, da
ich alle Intermezzos und gewaltsame oder nur freundliche Hlfe von drauen
wegwnsche.
    Bovillard wiegte sich, beide Hnde in den Seitentaschen, behaglich im Stuhl,
und fixirte schlau den Redner:
    Wenn der Schalk ihm nicht im Nacken se! Allen Respekt fr seine
Intuitionen in die Psyche des Weibes, aber er wei eben so gut, wie man Weiber
durch Weiber behandelt, und uns mchte er doch einbilden, da wir seine
Agentinnen nicht kennen. In der Jgerstrae hngt freilich ihr Agenturschild
nicht heraus, aber die Zwirnsfden sieht man doch, mit denen sie ihre Mirakel
weben. Ueberhaupt, cher ami, wozu denn diese Mystres! Ist gar nicht Ihr Profit,
Legationsrath. An Talismnner und Wnschelruthen glauben wir hier nicht, aber je
mehr zweibeinige Maschinen Einer fr sich in Bewegung zu setzen versteht, ein um
so grerer Wunderthter wird er fr uns.
    Auf Wandels Stirn lagerte sich eine officise Falte und die Augenbrauen
drckten sich zusammen:
    Prtendire ich, ein St. Germain zu sein! Aber der ausgezeichneten Frau thun
Sie unrecht. Eine Dame, deren Verstand in so andern hheren Regionen schweift,
wrde sich nie zu einer mesquinen Intrigue bequemen; Verzeihung, meine Herren,
aber nennen wir die Sache bei ihrem Namen, man mu seine Menschen kennen. Ich
htte nicht einmal gewagt, ihr von der Sache zu sprechen. Meine Herren, ich
wiederhole es, Sie kennen diese seltene Frau nicht.
    Holla! Also offen ausgesprochen ihr Ritter. Und uns den Handschuh
hingeworfen! Kennen Sie sie denn?
    Nach einigem Schweigen antwortete Wandel: Nein! - Es giebt Erscheinungen,
wo der Augenaufschlag die Seele uns erschliet, andere, wo der geschickteste
Psychologe sein Senkblei umsonst gebraucht. Ich fhle nur, da dies Seelengewebe
aus so zarten therischen Fasern zusammengesetzt ist, da die leiseste Berhrung
unharmonischer Tne es zusammenschrecken macht; und hinwiederum ist es von einer
Elasticitt, da ein rauher Ansto diese Fhlfden zu hartem Stahl verwandelt.
    Lassen Sie sich nicht erdrcken von dem Stahl. Heim sagte mal, in der Frau
wre eine cachirte Sinnlichkeit. Gegen die Sinnlichkeit habe ich nichts, aber
das Cachirte liebe ich nicht.
    Diese rohen Aerzte, die die Schwungfedern der Seele nur empirisch betasten!
Da wollen sie ihren Mann mit Assa foetida und Valeriana behandeln, und seine
Krankheit ist rein eine des Gemthes. Der Geheimrath lebte lngst nicht mehr,
wenn sie nicht eine geistige Atmosphre um ihn zu bereiten wsste, worin er
athmet.
    So schlimm stnde es mit dem Bcherwurm?
    Sie sahen ja auch wohl ihren Bedienten, einen Moribundus. Was qult sie
sich ab, diesen Menschen wieder auf die Beine zu bringen! Ich gebe Ihnen zu, es
ist vielleicht ein krankhafter Instinkt, der Natur in den Arm greifen zu wollen,
aber sie will's sie mu probiren. Die Doktoren haben ihn lngst aufgegeben, er
ist ja nur ein Bedienter, aber denken Sie - neulich fand ich sie, wie sie von
dem theuren Lebensther, den Herr Flittner prparirt, dem Menschen einflte.
Mein Gott, sagte ich, der Aether ist immer nur ein Palliativ, er lsst die
Lebensflamme noch einmal auflodern, aber um so schneller verzehrt sie. Man
wendet ihn bei hohen Personen an, wo die letzten Momente kostbar sind; aber
dieser Bediente, was kommt es da auf eine Spanne Leben und Bewusstsein an. Er
kann Ihnen unter den Hnde zusammensinken. Was wrden Sie dann sagen? - Ich kann
Ihnen das wunderbare Lcheln nicht beschreiben, mit dem sie anwortete: Ich habe
mir dann selbst gengt. So ist sie -
    Eine Schwrmerin! Gehn Sie mir vom Leibe mit Ihrem Lebensther.
    Ich gebe Ihnen gewissermaen recht, Herr von Bovillard. Das Verhalten zu
ihrem Pflegekind knnten strenge Moralisten auch eine Schwrmerei nennen. Sie
opfert sich ihm ganz und warum? und wie wird es ihr belohnt! Sie wissen von der
soit disant Verlobung mit dem jungen Schulmeister. Eine andere Frau wrde auer
sich sein. Welche Plne sind ihr vereitelt. Sie lchelt als Philosophin.
    Es giebt Personen, auf die alles Migeschick zusammenstrmt, fuhr er, den
Kopf schttelnd, nach einer Pause fort, wo die Andern geschwiegen; der
Abstecher, in welchem der Legationsrath sich so zu gefallen schien, kam Beiden
ungelegen. Der Vater des Lehrers, der alte van Asten, brummt ber die Sache,
und ist sogar auf die Geheimrthin ungehalten.
    Bovillard fiel ein: Die Ehrbarkeit seines alten Hauses fhlt sich touchirt.
Was ist natrlicher, er sah sie mal aus einem andern Hause kommen. Um das
Renomme eines Hauses und die Ehrbarkeit ist's doch eine kstliche Sache! Was
macht der Alte fr Geschfte damit, mit dem verrucherten Steinhaufen in der
Spandauerstrae, mit dem glatt gepuderten Kopfe, der Catomiene, die sich nie
verzieht, auch nicht, wenn er das groe Loos gewinnt, mit seinen rindsledernen
Schuhen, die schon eine Viertelmeile weit knarren! Das ist ein Respekt auf dem
Markte, an der Brse, wenn der alte van Asten mit seinem Bambusstocke
heranhustet. Und das nennt die Kanaille nicht Diplomatie.
    Der Geheimrath schien vergngt, von dem ihm sichtlich unangenehmen
Gegenstande abgelenkt zu haben, whrend der Kammerherr mit eben so sichtlicher
Ungeduld meinte, man komme ja ganz von der Hauptsache ab.
    Mademoiselle Alltag bleibt inde immer eine sehr interessante Nebensache,
lchelte der Legationsrath.
    Bovillard stichelte, er hege den Verdacht, da sein Freund eine noch
vornehmere Agentin in Kontribution gesetzt. Wandels Stirn legte sich diesmal
nicht in offizise Falten, sie blieb ganz glatt, als er erwiderte:
    Herr von Bovillard will damit andeuten, was Herr von Laforest dazu sagen
drfte, wenn ich mit der russischen Frstin kommunicire. Laforest wei, da ich
Kosmopolit, und die Prinze, da ich ein Snder bin. Der Unterschied ist nur,
da Herr von Laforest es aufgiebt, die Frstin aber noch nicht, mich zu ihrem
Glauben zu bekehren.
    O der Verrther! Nun ist er auch gestndig, unsre Geheimnisse an Ruland
verrathen zu haben!
    Hat aber damit den Beistand seiner Diplomatie erkauft. Schlagen Sie diesen
Beistand nicht zu gering an, meine Herren. Ihre Erlaucht interessirt sich
wirklich en passant fr die Baronin Eitelbach.
    Sie will sie zur Snderin machen, um sie nachher zur Heiligen zu bekehren.
Delicieur! Magnifique der Gedanke!
    Meine Herren, sagte der Legationsrath sich verneigend, ich habe das
Meinige gethan. Die nchste Aktion mu vom Rittmeister ausgehen.
    Man lie die Glser auf den Strategen und seine Agentinnen klingen. St.
Reals Bericht war krzer:
    Sie glauben nicht, wie schwer es uns ward, den Stier auf die Spur zu
bringen. Als es inde soweit war, ging es auch wie ein Brummtriesel, der nicht
mehr zu sich kommt. Oder es berschauerte ihn wie ein Donnerwetter mit
Platzregen. Der Mann ist vollkommen ausgetauscht, weich, sage ich Ihnen, wie
Wachs. Sein Gewissen gerhrt; er delirirt, verwnscht zuweilen seinen
Knebelbart, ja es giebt Augenblicke, wo er ihn abschneiden mchte. Nach dem
letzten Billet wollte er wirklich Urlaub nehmen. Wir hatten Mhe, ihm
begreiflich zu machen, da das jetzt als Feigheit ausgelegt werden knnte. Mit
einem Wort, er ist zu Allem bereit, was das verehrte Kollegium ber ihn
beschliet. Nur mu man ihm zu Hlfe kommen. Er ward ordentlich jungfrulich
schchtern aus Gewissensbissen, da er eine schne Dame, die ihn liebt, so lange
und grausam beleidigt hat.
    Aber was nun weiter? sagte der Kammerherr.
    Der Geheimrath nahm die Prsidentenmiene an: Unser Thema also war, sie
sollen und mssen sich verlieben. In der Ausfhrung sind wir auf den Punkt
angelangt: sie stehen im Begriff sich zu verlieben. Die nchste Frage ist nun:
wie soll dieser Proze weiter gefhrt werden? und die darauf folgende, welchen
Ausgang soll er nehmen?
    Als Tragdie oder als Komdie?
    Nur keine Tragdie! Haben drauen Trauerspiele genug. Hchstens etwas
Sentimentales, ein wenig Jammer, unterbrochen durch einige Affektblitze,
Verzweiflungsseufzer, einige Thrnen, etwas Menschenha und Reue, pour dcorer
la situation, aber so wenig wie mglich.
    Eine Zwischenfrage, meine Herren. Wnschen Sie die Sache schnell zum
Resultat gefhrt?
    Legationsrath, was fllt Ihnen ein! Wir fhren ja das Stck zu unserer
Rekreation auf.
    In diesem Falle wird es nthig, einen Hemmschuh anzulegen; denn lassen wir
die Dinge sich jetzt entwickeln, so platzt ber kurz die Erklrung heraus und
endet in einer Liaison oder einem stillen Seelenbndni.
    Zum Geier mit Ihrem Seelenbndni! Auf Eklat kommt's an, Schauspiele soll's
geben, einen Skandal, da die Stadt die Hnde zusammenschlgt.
    Excellenz meinten nicht so - warf St. Real ein.
    Excellenz ist ein Hypochonder geworden. Wer A gesagt mu B sagen. Keine
Retiraden! Hemmschuhe meinethalben. Ersinnen Sie was. Warum ging Ihr verfluchter
psychologischer Proze auch mit Siebenmeilenstiefeln? Etwas von Rendezvous auf
Redouten, oder im Mondenschein, wo man zusehen kann. Dann Hindernisse! Wenn
Eitelbach nicht will, so werden Sie ja schon Ehrenwchter finden. Kann man nicht
eine Prinzessin, oder die Knigin fr die Tugend der Baronin interessiren.
Grausame Trennungen, berraschendes Wiedersehen!
    Er knnte wie Leander zur Hero schwimmen! Die Spree ist nur nicht breit
genug.
    Imagination, meine Herren! Sie knnen sich in einer Kutsche ein Rendezvous
geben, sie wird als verdchtig angehalten, Beide auf die Wache gebracht.
    Nur nicht auf die Wache! Das ist ein zu hsslicher Eklat! rief der
Kammerherr.
    Oder er steigt zu ihr ein. Der Nachtwchter entdeckt die Leiter, Lrm wird
gemacht, man sucht nach Dieben.
    Wnschen Sie, da er mit Madame's Bewilligung eingestiegen ist? fragte
Wandel.
    Besser nicht. Nein, er mu es in toller Leidenschaft thun. Sie mu auer
sich sein. Man kann sie ja vorher wieder ein Bischen gegen ihn eingenommen
haben. Sie wird emprt, da er ihren Ruf aufs Spiel setzt. In tugendhafter
Entrstung befiehlt sie ihm, sich nie wieder vor ihr sehen zu lassen. Er strzt
ihr zu Fen, hilft nichts, er mu wieder zum Fenster raus. - Da fehlt die
Leiter, der Lrm geht los. Denken Sie sich die pikante Situation! Sie in Zorn,
er in Verzweiflung. Je grer die Gefahr, je nher die Tritte, so mehr schwindet
ihr Zorn, das Mitleid siegt, das Bekenntni ihrer Liebe platzt heraus. -
    Und? -
    Zur Zrtlichkeit ist da nicht Zeit. Immer Aufschub. Die Polizei schlgt an
die Thr. Sie mu ihn verstecken - in den Kleiderschrank.
    Da kriegen Sie den Rittmeister nicht mehr rein! lchelte St. Real.
    Es wird sich ja ein Versteck finden. Lassen Sie ihn auf den Boden springen,
aufs Dach klettern.
    Und! - Er mu doch auch vom Dach wieder herunter. Ich meine, was das Ende
vom Liede sein soll?
    Kommt Zeit, kommt Rath, Legationsrath; schlagen Sie einen alten Roman nach.
Vom Dach werden wir ihn nicht fallen lassen.
    Mit einem Worte, verlangen Sie eine Entfhrung oder nur -
    Prchtig! eine Entfhrung. Gttermensch, Sie stehlen mir's aus der Seele.
Wie lange ist in Berlin Keine entfhrt worden. Das giebt ein Gerede, Kinder,
einen Spa! Ich will selbst die Postrelais bezahlen, mit Seegebarth sprechen,
die schnellsten Postpferde sollen sie haben.
    St. Real schttelte den Kopf: Alles sehr schn. Wer soll sie aber
verfolgen?
    Nun, Ihr Mann!
    Kaum war es ber die Lippen, als er selbst in das stille Gelchter der
Andern einstimmen musste.
    Er lacht sich vor Vergngen todt, wenn er's hrt.
    Es war ein unerwarteter Querstrich.
    Bovillard ri die gekreuzten Arme auseinander, mit denen er eine Weile vor
sich sinnend gesessen. Er thut's doch vielleicht!
    Der Baron! Er schmte sich in den Tod, da man ihn fr eiferschtig hlt.
    Wer spricht von Eifersucht, St. Real! Neunzigtausend Thaler gehen ihm
durch. Kann er neunzigtausend Thaler mir nichts dir nichts ber die Grenze
lassen!
    Neunzigtausend Thaler, wiederholte der Legationsrath.
    Sie haben freilich getrennte Gtergemeinschaft, sagte der Kammerherr. Ihn
schtzt man eben so hoch.
    Hundertachtzigtausend Thaler unter Brdern, meine Herren, fuhr Bovillard
fort, die zerreien wir. Bedenken Sie das wohl.
    Hundertachtzigtausend Thaler! wiederholte der Legationsrath.
    Was so ernsthaft, Wandel?
    Die Sache ist es. Er msste sich nach dem Eklat scheiden lassen, sie wrde
den Rittmeister heirathen, und wir verschaffen ihm eine Frau mit neunzigtausend
Thalern. Meine Herren, Sie rumen mir ein, da die Sache dadurch ein ganz
anderes Fundament gewinnt. Es ist kein Divertissement mehr, es wird zu einem
reinen Geschft, und wir mssten uns fragen - das heit, ich bitte Sie, sich
darber zu entscheiden, welche Raison Sie haben, den Herrn von Dohleneck zu
einem reichen Mann zu machen?
    Raison! Pah, was kommt's drauf an! Und hab' ich keine! Der Rittmeister hat
sich nobel gegen meinen Taugenichts benommen. Blutvergieen verhindert. Sie
auch, Legationsrath. Sollen Sie sie entfhren? Htte nichts dagegen.
Neunzigtausend Thaler, wir sind ja in einer genersen Laune und er hat Schulden
wie Haare auf dem Kopfe.
    Die vierte Flasche war entkorkt und die Gesicher leuchteten. Handeln wir
wie die Vorsehung, welche die Gter dieser Welt ausgleicht. Angestoen auf den
groen Gedanken, Freunde! Fr die Menschheit -
    Das heit fr Stiers Glubiger.
    Das Gefhl uneigenntzigen Handelns fr die Zwecke der Humanitt strke
uns. Reine Liebe edler Seelen, neunzigtausend Thaler in ersten Hypotheken und
schlesischen Pfandbriefen und eine wunderschne Frau und dumm! Was Gtter selbst
beneiden knnten, wir schenken's einem verschuldeten Kavallerieoffizier.
    Der Legationsrath stimmte nicht in die Ausgelassenheit: Sie zerstren Ihre
eigenen Beschlsse, wenn Sie zu hastig losgehen.
    Legationsrath, ein edler Entschlu darf nicht Runzeln bekommen.
    Aber ein Witz nicht zur Spekulation werden, sonst bricht seine Spitze.
Conclusum est-
    Sie sollen sich noch eine Weile qulen, sagte der Kammerherr.
    Hatte ich es beinah vergessen! 'S ist mein gutes Herz. Ich kann nun einmal
Unglckliche nicht leiden sehen. Alle Menschen sind ja Brder -
    Und alle Frauen Schwestern! sagte Wandel aufstehend. Aber ich mu
Contreordre geben, wenn's nicht schon zu spt ist. Er zog die Uhr, und stampfte
auf. Wahrhaftig, es ist schon zu spt.
    Was ist's?
    Sie standen nicht mehr ganz fest, als sie jetzt aufstanden. Der
Legationsrath strich ber die Stirn.
    Unser Joseph geht heut an Madame Potiphars Haus vorber. Ein leises
Schluchzen sollte seine Schritte fesseln -
    Ei, Herr von Wandel, mir ins Gehege! rief der Kammerherr. Der Joseph war
zu meiner Disposition.
    Verzeihung! Ich wollte Sie berraschen; es war gut gemeint. Eine
schluchzende Gestalt am Balsaminenfenster sollte ein Bouquet auf seine Brust
fallen lassen; - eine rasche Entwicklung stand dann in Aussicht. Wer konnte den
heutigen Beschlu ahnen! Um zehn Uhr war's bestellt, und es ist ein Viertel auf
eilf. Vielleicht kann ich noch retten.
    Bovillard fiel ihm in den Arm: Bleiben Sie, lasst sie glcklich sein, wir
sind's ja auch. Glckliche Menschen machen, was giebt es Schneres unterm
Sternenzelt. Fand einmal meine Selige in Thrnen ber Lafontaines neuestem
Roman: Kriegen Sie sich nicht? frage ich. - Er ist erst am Ende des ersten
Bandes, sagte sie. - Er mu! sage ich. - Wie kannst Du's? - Da klopft es. Wer
tritt ein? Herr Lafontaine. Ich ri meine Selige auf, ich zeigte ihm ihre rothen
Augen: Barbar, das ist Ihr Werk; knnen Sie's ruhig ansehen? Eine Thrne der
Rhrung, eine Thrne der Vershnung. - Er ksste ihre Hand. - Sie sollen sich
kriegen, Madame! - Auf der Stelle lie ich ihn zu Herrn Sander fahren, dem
Buchhndler. Zwei Bogen wurden makulirt, und nach acht Tagen kriegte sie die
ersten des zweiten Theils. Schon im ersten Kapitel hatten sie sich gekriegt. -
Den Jammer sparte er nachher fr dir Ehe - zwei Bnde voll!
    Das nenne ich einen exemplarischen Ehemann! sagte Wandel.
    Und Herr Lafontaine kriegte die Prbende! bemerkte St. Real.
    Eine gute That belohnt die andre.
    Schon als Bovillard den Dichter Lafontaine klopfen lie, hatte man ein
starkes Pochen an der Hausthr gehrt, darauf einen Lrm von mehren Stimmen; die
des Kammerdieners war deutlich zu erkennen, welche Eindringenden den Zutritt
verwehren wollte. Eine andre Stimme tnte aber scharf hindurch, welche den
Lagationsrath zu frappiren schien, auch der Kammerherr horchte aufmerksam. Nur
der Geheimrath hrte in seiner Aufregung erst darauf, als feste Mnnertritte die
kleine Hintertreppe heraufstrmten. Sie drfen nicht, ich darf Niemand
reinlassen, schrie der Kammerdiener, der um die Wette mit dem Strmenden zu
laufen schien. Aber mich! rief es. Darauf ein Fall, der Diener musste
zurckgestoen sein, und die Thr sprang auf.
    Was bedeutet das! rief der Geheimrath, einen Leuchter ergreifend, und
wollte ins Kabinet.
    Das Vaterland! rief die Stimme im selben aufgeregten Tone, als der
Geheimrath schon, wie von einer Erscheinung erschreckt, zurckprallte. Der
Leuchter entfiel ihm.
    Der Legationsrath hatte hastig den Hut gefasst, als er den Eintretenden
erblickte, der Kammerherr folgte ihm eben so schnell. Der Geheimrath Bovillard
blieb mit der Erscheinung allein im Zimmer.

                         Siebenunddreiigstes Kapitel.



                                Vater und Sohn.

Louis Bovillard war entlassen. Er war ein stiller Gefangener gewesen; die
Beamten waren erstaunt gewesen, er hatte diesmal keinen Streit angefangen, keine
Scheibe zerschlagen, keinen Wrter zur Thr hinausgeworfen. Er hatte, in sich
versunken, da gesessen, bis die Stunde der Befreiung schlug. Nichts von der
Auenwelt war zu ihm gedrungen: da war es doch natrlich, da er sich jetzt
orientiren wollte in der ihm fremd gewordenen. Wohl hatte es durch die dicken
Mauern geklungen von auerordenlichen Dingen, von einer Stimmung, die nie da
gewesen, von einem heien Fieber, das die Glieder schttle, von einem Geist im
Volke, der den langen Winterschlaf von den Lidern streife. Im Gefngni trumt
man lebendiger von der Freiheit. Er aber hatte auf seinem Holzbett stumm
gelchelt; seine Trume waren anderwrts.
    Und jetzt lchelte er wieder, wenn er durch die bewegten und stillen Straen
ging. Sie waren so breit, so todt und so geruschvoll, wie immer: die Mhlen
klapperten, die Menschen schwatzten wie immer. Was suchen Sie, Bovillard?
fragte ein Bekannter, der ihm nicht ausweichen knnen. - Die Stimmung, war
seine Antwort. Der Kalkulator stutzte, aber er erinnerte sich, da Bovillard
Klavier spielte. Sie suchen einen Stimmer? Ihr Klavier - Ist total
verstimmt, antwortete der junge Mann und wandte ihm den Rcken.
    Ein Plakat an der Ecke! Vielleicht ein Aufruf des Knigs an sein Volk? -
Nein, verlorne Sachen, drei Auktionen! Doch, auf der andern Seite eine
obrigkeitliche Bekanntmachung: eine Warnung vor falschen Zweigroschenstcken,
die sich in Ostfriesland bedenklicherweise gezeigt, und eine Einschrfung von
Gouvernement und Polizei, wie die unter den vorigen Knigen erlassene Verordnung
noch jetzt in voller Kraft sei: da die sogenannten Zelte und Gebude im
Thiergarten nach wie vor nicht massiv, vielmehr nur von Brettern gebaut werden
drften. - Auf dem Papier stand das Gesetz, im Thiergarten baute man, wie man
Lust hatte.
    Er trat an eines der noch seltenen und sehr bescheidenen Schaufenster, wo
Kupferstiche aushingen. Vielleicht die groen Generale des letzten Krieges.
Wrden endlich Erzherzog Karl und die Andern die Bilder der franzsischen
Generale verdrngt haben? - Gar keine Generale! Nur Knig und Knigin, wie
sich's gebhrt; Schauspieler und Schauspielerinnen, der Jubelgreis Erman, der
Astronom Bode mit einem Sternenkranz um die Schlfe. Er hatte ja einen neuen
Kometen am groen Bren entdeckt.
    Willenlos fhrten ihn seine Schritte in einen Buchladen. Er fragte nach
Novitten fr die Zeitgeschichte. Warum sind des Kanzleidirektors Kistmacher in
Breslau Gedichte merkwrdig? - Haben Sie nicht in der Vossischen gelesen? Er
zeigt seinen Freunden an, da er mit Gott und seinem Knig heut gesund und
munter in sein neunundfnfzigstes Dienstjahr tritt. Das hat denn gleich
Nachfrage nach den Gedichten gemacht. - Der Buchhndler hatte noch einen
interessanten Beitrag fr unsere Zeitgeschichte! Zuverlssige Nachrichten von
der Sack'schen Familienstiftung zu Glogau, zum Unterricht fr
Stiftsberechtigte. Sie hatten eben die Presse verlassen. Die Lektre soll mich
heut Nacht erquicken! sagte Bovillard und steckte das Heft in die Tasche.
    Er ma die Schritte von der Quadriga bis zu Prinz Heinrichs Palais; sieben
Mal hatte er die Lnge der Linden gemessen und nichts gesehen, als welke
Bltter. Die Gesichter, denen er begegnete, die Bltter, die der Staubwind um
seine Fe kruselte, verschmolzen sich. Seine Phantasie schweifte in eine
Wste; er grbelte, warum die Natur ihnen die Quellen versagt, warum keine
Erdbeben die Sahara erschttern; Vulkane erheben sich doch aus dem Meere.
    Er sa in einer Weinstube. Er hrte viele Stimmen. Viele Stimmen machen eine
Stimmung. Mnner der Wissenschaft zu seiner Linken, Mnner der Praxis zur
Rechten, Mnner der Kunst kamen, als das Theater aus war. Man sprach links und
rechts vom Fortschritt. Wie viel ffentliche Vorlesungen befriedigten nicht die
Wissbegier! Klaproth ber Chemie fr Jedermann, Fischer ber Experimentalphysik
und der gelehrte Bendavid las gar ber Geschmackslehre! Aber dann brauste der
Streit von der Rechten zur Linken, und im Centrum ber das Stck des Tages: Die
Organe des Gehirns. Wer war grer, Kotzebue oder Iffland? Kotzebue, der mit
beiender Kritik, mit bersprudelnder Laune, die neue Chimre der Wissenschaft
geielte, der Gall auf immer vernichtet hatte, oder der unvergleichliche Mime,
der heute den Lear und morgen den Kannegieer mit gleicher Virtuositt spielte?
Iffland drckte Kotzebue zu Boden. Alle Lippen bebten vom Lobe des Mimen; man
anatomisirte den kleinen Finger seiner linken Hand, mit dem er ein
widerstrebendes Gefhl ausgedrckt, man zerschnitt seine karrirte Weste, welche
die Zersetzung eines sublimen Gedankens in eben so viele Theile darlegte. Und
Fleck ist doch grer! trumpfte ein stabiler Gast auf den Tisch. - Warum,
Renommist? Er schafft, Iffland copirt. - Kunst und Natur, ein ewiger Streit,
man berschrie sich; die Glser klirrten, die Kpfe wurden hei. Und alle Eure
Kunst ist doch nur Chemie, schrie der Renommist. Die Pest auf Dichter, die nur
die Schdellehre zersetzen, aber keinen Schdel lebendig machen.
    Er setzte sich von den Genialen zu den Philistern; doch es waren Philister
des Fortschritts. Die Emdener Heringsfischerei hatte zum ersten Mal Dividenden
ausgetheilt. Und die Chaussee von Potsdam nach Brandenburg war ehegestern fertig
geworden. Meine Herren, das erwgen Sie, man kann von nun an in neun, ja
vielleicht knftig in sieben Stunden von Berlin nach Brandenburg fahren! Und wie
lange ist es her, wo wir einen Tag brauchten durch den Sand, um nur nach Potsdam
zu kommen! Das war ja schon ein ungeheures Evenement. Wenn das der alte Fritz
erlebt htte! Bis Potsdam wie auf einer Diele! Und das hat unsre Regierung
gethan, und doch sind sie nicht zufrieden! Ich frage Sie, was verlangt man denn
noch? Sollen wir fliegen? Ja schne fliegen, wenn Krieg kommt! - Nur die
unruhigen Kpfe, Herr Hofrath! - Ganz richtig, Herr Nachbar, was geht uns
Oesterreich, was geht uns Napoleon an! - Jetzt will jeder Mensch eine Meinung
haben, und alle Welt soll man fragen. - Der alte Fritz fragte Niemand und es
ging doch. - Ganz recht, Herr Geheimsekretr, es ginge auch noch, wenn nur
eben nicht die unruhigen Kpfe wren. - Und werden die Emdener wieder
Dividenden zahlen, wenn's losgeht? - Werden sich hten, Herr Hofrath! Mit
Handel und Verkehr, mit Fabriken und Allem ist's aus. - Friede! Friede! war
das Loosungswort in der Ecke. Ein Zeitungleser, der zugehrt, lchelte. Da hren
Sie das allerliebste Gedicht: Penses sur la position d' prsent.
    Die Vossische Zeitung hat immer allerliebste Gedichte.
    Er musste es vorlesen:

Je souhaite la paix en tout
Entre l'amante et son amant, et sa femme et son poux.
Beaucoup de pleurs seroient pargnes
Si Mars sauvage encore vouloit se reposer.
L'sprance consolante me reste encore,
Que les mres et les pouses ne pleureront
De leurs fils et maris la mort,
Et que le transport des canons
Et toutes ces prparations
A la paix universelle serviront.

    Charmant! - Allerliebst! - Das ist Poesie! - Das ist noch ein
Dichter, der Gefhl hat. - Nein, eine Dichterin; es steht drunter Philippine
de B. - Die poetische Entzckung hatte die andere Seite der Gesellschaft
aufmerksam gemacht, Einer das Zeitungsblatt ergriffen und in anderem Pathos die
Poesie vorgelesen: Von Bovillard! rief er, das riecht nach seiner Poesie!
und ein schallendes Gelchter besttigte im Chor.
    Louis Bovillard hrte es nicht mehr. Er hatte sogleich den Verfasser
errathen. Sein Vater liebte seine zarteren Gedanken, wie er es nannte, unter
weiblichen Namenschiffren ins Publikum zu schicken. Er irrte wieder durch die
dunklen Straen. Versptete Theatergnger. Iffland und immer Iffland! -
Verliebte Prchen; ses Geflster, aufgeschreckt durch seinen rauhen Futritt.
- O Liebe, du Zauberin, lachte der Dmon in ihm, nur in die laue Nacht
brauchst du den Arm zu strecken, und die Herzen setzen an, wie die Fliegen an
die Leimstange.
    In der einsamen Strae, durch die er einbog, stand ein Militr an ein Haus
gelehnt in horchender Stellung. Aus dem geffneten Fenster oben blickte
verstohlen eine weibliche Gestalt sich um, und als sie Niemand zu sehen glaubte,
fiel ein Blumenstrau auf den Lauscher. Als der Militr das Geschenk an seine
Brust drcken wollte, fhlte er seinen Arm gepackt. Ein Halt! drhnte durch die
Stille, im selben Augenblick klirrte das Fenster zu.
    Zorn und Schreck hatten nicht Zeit ber den Vorrang zu streiten, als die
Erkennung schon erfolgt war. Bovillard! - Plagt Sie der Teufel! - Wo kommen Sie
her?
    Aus meinen Banden.
    Wohin soll's? fragte Dohleneck schon mit gerunzelter Stirn.
    In die Freiheit.
    Sie brauchten Andere nicht mit sich zu reien.
    Nur die ich liebe.
    Der Rittmeister hatte sich eine Weile in der ersten Ueberraschung von ihm
fortziehen lassen. Jetzt erst, nachdem sie um die Ecke waren, hatte er Posto
gefasst: Himmel, Sackerment, Bovillard, Red' und Antwort, was war das! Wenn
Einer bis ber die Ohren verliebt ist -
    Einen Eimer Wasser ihm ber den Kopf. Was sich liebt auseinander zu
scheuchen, ist heut mein Plaisir.
    Sie kommen aus dem Tollhause, oder -
    Ich ging aus mir selbst, wollen Sie sagen.
    Warum?
    Weil es mir zu eng drin ward.
    Der Rittmeister hatte sich erholt: Wenn Sie es nicht wren! Wissen Sie, was
Sie thaten?
    Zur Hlfte.
    Sie strten -
    Einen halben Ernst, das ist mglich, gewi, eine ganze Posse.
    Neulich vertraute ich Ihnen -
    Ein namenloses Liebesabenteuer zur Hlfte. Und wenn es dies war, gratulire
ich Ihnen, wenn ich auch die andere Hlfte verdarb.
    Kennen Sie das Haus?
    Nein, wei wahrhaftig nicht mal, welche Strae es war. Aber auf das
Soubrettengesicht fiel grade ein Lichtschein aus dem Fenster drben.
    Ein Soubrettengesicht! Eine majesttisch schne Frau!
    Bovillard lachte: Ein durchtrieben Schelmengesichtchen, und hinter ihr
guckte ein Bedientengesicht - fr so was hab' ich Augen. So wahr der
Wolkenstreif eben durch die Mondsichel geht, man wollte Sie foppen!
    Nein, Sie tuschen sich.
    Ein sanfter aber fester Hndedruck antwortete ihm: Darin tusche ich mich
nie. - Sie sind betrogen - von wem? Das ist gleichgltig - diesmal von denen da
oben am Fenster -
    Er hatte ihm das Bouquet aus der Hand genommen: Fort mit dem Bettel! Wer
wei in welcher Hand er war! Er schleuderte es ber die Strae. Sie gingen
schweigend neben einander. Was in der Brust des Offiziers arbeitete konnte nicht
heraus.
    Lasst die Motten ins Licht fliegen, es ist ihre Bestimmung. Sie, Dohleneck,
sind zu gut dazu, zu arglos.
    Sie sollen darber richten, sprach der Rittmeister pltzlich stehen
bleibend. Grade Sie, Gott wei woher, ich traue Ihnen, obgleich - verteufelter
Gedanke, wenn man mich wieder in den April geschickt!
    Sie spielen Alle Komdie! rief Bovillard in die Wolkenzge am Himmel
blickend. Das ist ihre Bestimmung. Warum trufte die Natur diesen Reiz in unser
Blut, diese Mottenlust in unser Hirn! Aber so wollen sie uns vielleicht! Da
unser Auge schwimmt, unser Mark weich wird, unsere Spannkraft erschlafft, das
Hirn unfhig einen Gedanken festzuhalten, der Geist zittert vor dem Entschlu,
der Arm vor dem Schlag. Diesen goldenen Semeleregen sehen sie mit stillem
Vergngen auf das Geschlecht rieseln, damit die Titanenenkel ausgehen sollen aus
dem lebendigen Geschlecht. - Rittmeister! rief er. Soldat des Knigs! Wenn die
Welt in Brand steht, ist's dann Zeit wie Schmetterlinge um die Flammen wirbeln!
Wollen Sie das Haus strmen, auf einer Leiter durchs Fenster brechen. Mein Wort,
da helfe ich Ihnen. Kommen Sie, fordern Sie Wahrheit! Wollen Sie ein schnes
Weib entfhren, das Sie genarrt, erzrnt hat, ich bin dabei. Gewalt, Gewalt! Das
ist noch ein Wort, ein Sturmglockenlaut, der in den Himmel drhnt. Wollen Sie?
Auf der Stelle - nur nicht Seufzer, nur nicht Liebesblicke, kein Buhlen um
Gunst, keine Ksse. Ja - ein Weib, was mich hasste, mit einem Futritte mich von
sich stiee -
    In dem Augenblick rasselte eine staubbedeckte Kalesche um die Ecke. Bei der
raschen Wendung mochte das Hinterrad an einen Stein gestoen sein, das Rad brach
und der leichte Wagen strzte um. Schon im nchsten Augenblick hatte der darin
Sitzende mit einem Fluch sich aus dem Wagen gearbeitet. Der Fluch galt den
Pferden, oder dem Kutscher, eine barsche Zurechtweisung den Beiden, welche zum
Helfen hinzugesprungen waren. Auf ihre Frage, ob er keinen Schaden gelitten,
antwortete der Mann, der seinen militrischen Mantel in die Kalesche zurckwarf
und hastig nach einer Ledertasche griff: Das wre das Wenigste!
    Verfluchter Kerl, warum hier grade! rief er sich umsehend dem Kutscher zu.
Es ist ja noch eine Viertelstunde bis zum - er nannte den Namen eines
Ministers.
    Wenn es Ihnen darauf ankommt, fhre ich Sie auf krzerem Wege dahin, sagte
Bovillard.
    Es war ein Courier. Der Rittmeister, im Schein der Laterne, bei welchem der
Reisende die Ledertasche besah, erkannte einen befreundeten jngern Offizier.
    Was bringen Sie in Ihrer Tasche, Schmilinsky?
    Brennend Feuer, antwortete der Feldoffizier, indem er die Tasche wieder
zuschlo. Ja auf dem nchsten Weg, meine Herren, zum Minister.
    Der wohlbeleibtere Kavallerieoffizier hatte Mhe, den Beiden nachzukommen.
    Was brennt denn? fragte Bovillard, als sie ihre Schritte migten, um
Athem zu schpfen.
    Ich habe keinen Grund, sagte der Courier, geheim zu halten was mir auf
dem Fue nachkommen mu. Ja, ich wundre mich, da das Gercht mir nicht
voraufgeeilt ist, weil ein hnlicher Unfall mich unterwegs aufhielt. Ich glaubte
Berlin selbst in Aufruhr, und finde eine Kirchhofsruhe. Am Thor wusste man noch
nichts.
    Was ist's?
    Die Franzosen sind eingebrochen.
    Wo? fragte es mit einem Munde.
    Wie ein Platzregen ins Anspach'sche - Bernadotte - mit neunzig Tausend Mann
wenigstens wlzt er in Sturmmrschen durch - die Baiern hausen wie in Feindes
Land -
    Krieg! jauchzte der Rittmeister.
    Und die preuischen Truppen?
    Was dastand machte Platz oder nicht, wie es kam. - Sie wissen nicht, vor
Ordre und Contreordre, was zu thun -
    Sie waren am Hotel angelangt, und rissen an der Schelle. Der Courier lehnte
sich erschpft am Pfeiler;
    Er wird doch fester halten als der, sagte er. Meine Herren, wer das mit
ansehen musste! - Sie spuckten auf unsre Grenzpfhle; ich sah einen umgerissen -
aus purem Uebermuth -
    Wer? rief der Rittmeister.
    Franzosen oder Baiern, gleichviel. Der preuische Adler im Koth, die Tapfen
ihrer schmutzigen Fe auf Friedrichs zerbrochenem Adler. Meine Herren, es war
ein Sto ins Herz fr einen preuischen Militr.
    Das mu der Langmuth den Hals brechen! jauchzte Bovillard und strmte an
der Hausglocke. Der Portier hatte endlich den Schieber des Seitenfensterchens
geffnet.
    Ein Courier! Depeschen! riefen drei Stimmen zugleich.
    Excellenz haben sich bereits zur Ruhe verfgt.
    Der Sekretr! Aus dem Bureau, wer es sei.
    Alles schlft schon.
    In Teufels Namen so weckt sie! schrie der Rittmeister.
    Ich mu Excellenz persnlich sprechen, der Courier! Ein Courier aus dem
Anspach'schen, Depeschen von uerster Wichtigkeit.
    Nach zehn Uhr wird nichts angenommen. Morgen frh um acht Uhr. Wenn's sehr
wichtig ist, knnen Sie schon um sieben klingeln.
    Der Laden klappte, das Schiebefenster ging zu.
    Was ist da zu thun?
    Zum Gouverneur!
    Er wird noch von der Schnepfenjagd nicht zurck sein, entsann sich
Dohleneck. - Es waren wohl Adjutanten und Offiziere da, aber sie waren fr
auerordentliche Flle nicht instruirt. Es msste doch wahrscheinlich ein
Ministerkonseil berufen werden. Also rieth man einen andern Minister
aufzusuchen, es werde doch einer wachen.
    Es wachte aber zufllig keiner. Hier wurden sie angeschrieen, dort hflich
zur Ruhe vermahnt. Sie sollten wissen, da Excellenz jeden Sonnabend zu
transpiriren einnehmen. Dann werde Niemand, wer es auch sei, vorgelassen
    Er spielt L'hombre! Man darf ihn nicht stren! rief Bovillard und
unterschlug die Arme. Sie waren vom letzten Hotel abgewiesen.
    Was sehn Sie da, Bovillard?
    Nach dem neuen Kometen, den Herr Bode am groen Bren entdeckt hat. Der
Mann hat sich doch ein groes Verdienst um den preuischen Staat erworben.
    Wenn Kometen auf Krieg deuten! sagte Dohleneck. Wohin? Wohin?
    Bovillard strzte ihnen vorauf.
    Ich sehe Licht, Funken schlagen. Es gilt einen Sturm.

                                     * * *

    Die Erscheinung, welche durch die Hintertreppe ins Arbeitszimmer des
Geheimraths gedrungen, war sein Sohn. Es waren Jahre vergangen, seit Louis
Bovillard seinen Fu in diese Rume gesetzt.
    Die auf des Vaters Seite waren entflohen, die auf des Sohnes unten
geblieben, oder sie hatten ihm die Sache bergeben und waren auch fortgegangen.
Der Vater und der Sohn waren allein.
    Der Vater hatte sich wieder gewonnen. Wenn der erste Anblick ihn erschreckt,
wenn er hinter den Tisch getreten, auf dem die Flaschen rollten, wenn er an der
Glocke ziehen wollen, so war der wste Traumeindruck so schnell vergangen, als
er aufscho. Dieser Sohn kam nicht mit der Pistole in der Brust; er floh nicht
vor seinen Verfolgern, er war nicht eingedrungen, um des Vaters Beutel oder
Schutz; aber wie wild auch das Auge rollte, wie starr und wst das Haar um seine
Stirn spielte, wie vernachlssigt sein Anzug, Louis kam auch nicht als verlorner
Sohn, der die Trber gegessen, und zerknirscht vor des Vaters Fen den Boden
kssen will. Er blieb aufrecht an der Thr stehen: Ein verlorner Sohn hlt auch
kein Portefeuille in Hnden.
    Mein Vater! Vergessen Sie auf einen Augenblick Ihren Sohn, dem Sie diese
Schwelle verboten. Sehn Sie nur den Sohn des Vaterlandes. Es gilt dessen Ehre,
vielleicht sein Dasein.
    Er hatte in kurzen abgestoenen Stzen erzhlt, - was wir bereits wissen.
    Und was geht es Dich an?
    Louis trat um einen Schritt nher: Das ist nicht Ihr Ernst, es kann nicht
Ihr Ernst sein. Auch Ihr Auge blitzte auf, ich sah es. Vergessen Sie, da Ihr
Sohn Zeuge ist dieser Bewegung, die Ihnen keine Schande bringt. Herr Gott - Sie
mssen -
    Der Geheimrath war in Bewegung; es gelang ihm nicht ganz, sie zu verbergen.
    Der Du nicht mein Sohn sein willst, Du weit doch, da ich nicht Minister
bin, und die Depeschen sind nicht an mich.
    Louis war noch um einen Schritt nher getreten, er hatte des Vaters Arm
ergriffen, er sah ihn mit einem Blick an, den der Geheimrath nicht ertrug:
    Wenn ihr Kind ins Wasser fiel, springt die Mutter nach, auch wenn sie nicht
schwimmen kann. Der Naturtrieb ist's, sie kann nicht ohne das Kind leben; sie
will mit ihm untergehen. Hier handelt sich's um Untergang; unser Vaterland geht
an der Donau unter. Wie Gebirgsbche nach einem Platzregen ein Thal
berschwemmen, so stampfen des Feindes Hufen auf unserm eignen theuren
vaterlndischen Boden die Quellen auf. Aus unserem Blut, aus unseren Brdern
rekrutirt er sein Heer. Der Baier zieht mit ihm, wie der Schakal dem Lwen
folgt, Baden ist lngst gezwungen; in diesem Augenblick, der Courier bringt die
Nachricht, schliet auch Wrtemberg sich an; die Kleinern, die Grern, die
Grten reit er, er reit alle mit sich. Nur wir glaubten uns von besserer
Natur, zu gro, wir schrieben Friedrichs Namen mit Ellenbuchstaben an unsre
Grenze. Da liegt die falsche Rechnung. Eine Tradition war's, ein Nebelschild,
ein Dunstbild. Seine Sappeurs haben unseren Grenzpfahl niedergehauen, seine
Kanonen rollen, seine Reiter sprengen darber. Der schwarzweie Pfahl liegt im
Graben, der Adler zertreten, es giebt keine preuische Grenze mehr, es giebt
kein Preuen mehr, wenn wir das ruhig hinnehmen.
    Wenn das Faktum sich als richtig ausweist, wird Preuen wegen des
Grenzpfahls Satisfaktion verlangen. Dessen darf man sich versichern.
    Und der groe Kaiser, fiel Louis ein, wird sie ihm gewhren, o gewi eine
glnzende Satisfaktion, wenn wir ruhig bleiben und uns nicht kmmern um was uns
nichts angeht. Er wird uns auf seine Kosten einen neuen Pfahl aufstecken lassen.
O es wird ihm eine Lust sein, uns Grenzen zu stecken. Wenn wir ihm nur Zeit
lassen, unsere deutschen Brder zu erdrcken und erwrgen, lsst er uns auch
wohl zur Genugthuung die dummen Sappeure fsiliren, die's gethan. - Seine
Blletins werden uns cajoliren. O se Harmonie der Geister, wenn das ganze
Deutschland zertreten ist, Oesterreich ins Herz gestoen, verblutet, wenn uns
dann der groe Kaiser belobt, wegen unserer weisen Migung. - Nur jetzt fordern
Sie nicht, mein Vater, jetzt hat er anders zu thun. Seine Kolonnen wlzen sich,
schwarze Rauchsulen, ber das blhende Schwaben und Franken, er durchbricht die
Donau, die Feuerschlnde und die Bajonette, die Ro und Mann, die es ihm nehmen
sollten, er umzingelt Mack und den Erzherzog. Von Schwaben aus, von Franken, von
den Alpen her, umgarnt, eisern umarmt schon, ist die sterreich'sche Armee durch
eine Uebermacht, gegen welche die Tapferkeit umsonst ist, wenn keine Hlfe
erscheint. Ja bei Nrdlingen oder Ulm ist's vielleicht schon in diesem Moment
entschieden, und wir - wir sehen zu und schlafen.
    Der Geheimrath hatte sich ganz wieder gewonnen.
    Du weit, ich liebe nicht Exaltation, am wenigsten in Staatsangelegenheiten.
    Er hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und fuhr mit einem Tuch ber
seine Stirn: Wer leugnet, da unsre Lage kritisch ist. Sie ist sehr bedenklich;
ich will ernsthaft mit Dir sprechen, weil ich aus Deinem Affekt heraus sehe, da
es Dir ernst ist. Es ist mir nicht unlieb, denn wer wei, was noch kommt, wo
Ernst noththut. Wir haben uns tuschen lassen, es ist sogar mglich, da wir
nicht zu rechter Zeit uns entschieden, uns nicht bei Zeiten wahre Alliirte
verschafften. Es ist noch schlimmer, da wenn wir es jetzt wollten, man uns
nicht mehr traut. Ja ich frchte, Napoleon grollt uns im Innern mehr als einem
seiner Gegner. So ist's, mein Herr Sohn, rief er aufstehend, ja so ist es. Und
weil es so ist, drfen wir grade jetzt nicht anders handeln, als wir gehandelt.
Sollen wir, wo das Schicksal von Europa auf der Messerschneide schwebt, mit
einem Mal auer uns gerathen, uns selbst verlieren, und dem Theil, der auf dem
Punkt steht, zu verlieren, uns in die Arme werfen! Wir gingen mit ihm unter.
    Wenigstens wre es ein mnnliches Ende -
    Eines, das sich selbst verloren giebt. So weit sind wir noch nicht. Aber
wir sind in einer Lage, wo man nicht vorsichtig genug sein kann, wo man behutsam
jeden Schritt, jedes Wort, jeden Blick, den Hauch des Mundes abwgen mu. Unsere
Politik ist, und kann, sie darf nicht anders sein, als hinzaudern, abwarten, wie
drauen die Wrfel fallen -
    Das ist Ihre Politik, Vater!
    Aller Vernnftigen. Sieh Dich um und hre die Stimmen in Berlin -
    Das Ihre vernnftigen Freunde demoralisirt haben. Die Krmer- und
Schreiberseelen zittern freilich vor jedem Feuerhauch. Er knnte diese Stickluft
in Brand stecken. Ihr Ich ist ihr Vaterland, die Kunden, die morgen ausbleiben,
wenn die Kriegstrompete schmettert, sind ihre Brder. Aber die Provinzen, das
Land urtheilt anders. Auch hier -
    Giebt es Brausekpfe, wie Du, Phantasten, Patrioten, leider sehr hohe und
sehr gefhrliche darunter, die das Schicksal des Staats auf eine Karte setzen
mchten. Das Blut von Tausenden ist ihnen nichts, der Wohlstand und das
husliche Glck von Millionen, die Verwstung und Vernichtung des Landes auf
eine lange Zukunft hinaus, wenn sie nur ihrem Gtzen Ehre opfern knnen. Der
Krieg ist ihnen ein ritterliches Spiel, und um einzuhauen, um Lorbeeren zu
ernten, als Sieger zurckzukehren -
    Genug, mein Vater, sagte Louis Bouvillard und nahm das Portefeuille vom
Tische. Sie wollen nicht. Diese Depeschen sollen noch ruhen, wie des Knigs
Minister bis - es morgen zu spt ist.
    Halt! mein Sohn, was ist denn zu spt? Ich habe Alles zwischen uns
vergessen und rede wie zu Einem, der mir gleich ist. Dieser Courier bringt uns
nichts Neues. Verstehe mich wohl, wir sahen, was jetzt geschehen ist, seit
Wochen voraus. Es konnte nicht anders kommen. Seit acht Tagen erwarteten wir
jede Stunde, da es geschehen wird. Wir waren darum nicht mig. Der weise
Vorschlag, da unser Staat, was er nicht ndern konnte, freiwillig zugebe, die
Erlaubni des Durchmarsches fr alle kriegfhrenden Mchte, scheiterte leider.
Wir sannen auf Anderes. Ehe das Auskunftsmittel gefunden ward, ist das Uebel
eingetreten-
    Das zum Himmel schreit
    Die Diplomatie hat Mittel, die Schreier stumm zu machen. Nur weil die
Hitzigen hier das Oberwasser hatten, war die Ausgleichung versptet. Wir haben
noch nichts an unserer Ehre verloren, wenn Bernadotte's Einbruch von Napoleon
als ein Miverstndni desvouirt wird. An der Bereitwilligkeit dazu wird es ihm
nicht fehlen, denn mit dem Siege an der Oberdonau hat er weder Oestreich noch
Ruland vernichtet. Es kann ihm nicht gleichgltig sein, wenn Preuen mit seiner
ganzen Kriegsmacht hinter den Verbndeten grollend ihm im Rcken steht. Ja, wir
wissen, er wird Alles thun, dem bsen Schritt einen guten Schein zu geben.
Laforest erwartet schon einen auerordentlichen Gesandten. Napoleon opfert auch
Bernadotte, wenn es sein mu. Nur mu er wissen, da wir bereit sind, auch die
Hand zu reichen, um das Miverstndni zu konstatiren. Siegen aber in diesem
Augenblick bei uns die Feuerkpfe, so ist Alles verloren; und wenn im Schrecken
der Nacht ein Ministerrath gehalten wird, wer wei, ob ein Schlaftrunkener nicht
die Fackel ins Pulverfa wirft.
    Haben Sie mir noch mehr zu sagen, mein Vater?
    Dein Herzenswunsch ist es, und Dir verzeih ich's und den jungen Leuten und
patriotischen Frauen, die keinen Blick in unsere Verhltnisse haben, und ob wir
knnen, was wir wollen.
    Wenn der Eroberer schon mit Angst uns aufmarschirt in seinem Rcken
erblickt!
    So wird er Kehrt machen, wenn er uns in die Zhne sieht, meinst Du! - Der
Geheimrath blickte sich um, wie wenn er einen Lauscher frchtete. Mit gedmpfter
Stimme sprach er: Wir sind nicht gerstet, da hast Du die Wahrheit, die man
nicht aussprechen darf. Die Schulden der Rheincampagne sind noch nicht ganz
gedeckt, die Mobilmachung nach der Weichsel hat ein neues Loch in den Schatz
gefressen. Wir haben kein Geld, auf keine Subsidien zu rechnen, da wir mit
England blank stehen, es sieht schlimm in unserer Kasse aus, da Herr von Stein
darauf dringt, Papiergeld zu machen. Wer wird das in Zahlung annehmen?
    Die Millionen, Vater, die unser Kriegswesen jhrlich -
    Sind ausgegeben, um den Schein, den ueren Anstrich von Friedrichs Heer zu
erhalten. Polirt und frisch gestrichen ist Alles, aber das Holz morsch und faul.
Die Schilderhuser blinken und funkeln, in den Magazinen stockt es. Unsere
Festungen sind verfallen, unsere Generale Greise, unser Fuhrwesen verdet, von
unseren Truppen standen die Wenigsten im Feuer, unser Exercitium ist veraltet,
und drben steht ein Feind, flink wie der Wind, mit dem Genie, aus allem Stoff,
den er findet, Soldaten zu machen, aus Pflastersteinen Kugeln, aus einem Lande,
in dem wir verhungern wrden, Vorrthe in Ueberflu zu pressen, ein Feind, sage
ich Dir, der alle unsere Schwchen kennt, und wir kennen sie nicht, und das ist
das Schlimmste. Wir schaukeln uns im Uebermuth, wir schreien wie Kinder, die
durch ein dunkel Zimmer mssen, um sich Muth zu machen, wir taumeln, wie
Nachtwandler auf den Dchern, um, wenn man unsern Namen ruft, herabzustrzen.
Das wissen wir, die Wenigen, die man schimpft und verlstert, mein Sohn, und
darum ist unsere Politik, den Krieg vermeiden um jeden Preis.
    Um jeden! rief der Sohn. Mein Vater, auch um den Preis Ihres eigenen
Rufes, die Ehre des Namens, den Ihre Vter trugen. Bedenken Sie, er gehrt Ihnen
nicht allein. Mir ist's nicht gleichgltig, wenn sie mit dem Finger auf meinen
Vater weisen, wenn einst in der Geschichte auch sein Name unter denen genannt
wird -
    Louis! fiel der Geheimrath ihm ins Wort, ich knnte Dir heut viel
vergeben.
    Nicht wenn ich gleichgltig bliebe zu meines Vaters Schmach. Auf die Gefahr
hin Ihres letzten Zorns, ich will, mu reden! Kennen Sie das Urtheil des
Publikums? Ganz verhallt so was nicht, ganz lsst es sich nicht bertuben in
Spen und in Lustigkeit. In einsamen Stunden, wenn Sie Nachts aufwachen, die
Wanduhr tickt, der Wurm im Holze bohrt, der Wind gegen die Fenster klappt,
schreit es Ihnen da nicht zu, was man von Ihnen und Ihren Freunden flstert,
lchelt. - Nein, man spricht, man schreit es laut auf dem Markt! - Man schilt
Sie Verrther am Vaterlande. Mehr noch, man glaubt Sie gewonnen vom Feinde,
bestochen. Fr Napoleons Geld gbe diese Verrtherklique dem Knige Rathschlge,
die das Vaterland ins Verderben strzen.
    Ich kenne unsere Feinde.
    Sie kennen sie; das ist mir lieb. Verachten Sie die giftigen Zungen, so
wnsche ich es. Aber nicht durch stummes Achselzucken, nicht indem Sie die Hnde
vornehm in den Schoo legen. Dazu ist nicht mehr die Zeit. Sie knnen sie nur
verachten durch helles, offnes Handeln. Hier ist ein Moment; hier gilt es rasch
handeln. Was der Courier gebracht, ist kein Geheimni; morgen wei es Jeder, er
wei auch, da er verschlossene Thore fand, da die Minister schliefen, oder
schlafen wollten. Der Lieutenant Schmilinsky, ein Soldat von rohem Schrot und
Korn, nimmt kein Blatt vor den Mund, ja er speit schon Feuer und Flamme. Er wei
jetzt, da seine Depeschen in Ihren Hnden ruhen, da es an Ihnen wre, die
Minister zusammen zu rufen. Geschieht es nicht, so fallen, mein Vater, die
Verwnschungen, die Jene treffen, auf Ihr Haupt zuerst.
    Das hast Du gethan?
    Ich, und mit freiem Willen -
    Louis - Deinen Vater in eine Lage zu bringen, die -
    Ihm Gelegenheit verschafft, den Makel abzuwaschen. Ich freue mich, ich bin
stolz darauf. - Zum Minister - befehlen Sie, da der Kutscher anspannt -
befehlen Sie, ich begleite Sie, befehlen Sie, was Sie wollen, ich bin zu Allem
bereit. Nur keinen Augenblick gezaudert -
    Und nach alledem, was ich Dir - nur Dir - vertraute -
    Will ich meinen Vater rein sehen von der Anklage, wie von der Schuld. - Er
griff nach des Vaters Hand. - Enterben Sie mich, aber das thun Sie mir zu
Liebe. Beim allmchtigen Gott, ich glaube nicht, was der Argwohn spricht, nicht
von Ihnen auch nicht von Andern - aber ich lechze, ich sehne mich nach Beweisen,
nach einer schlagenden That, damit, was ich wnsche und glaube zur Ueberzeugung
wird, damit ich stolz Jedem die Stirn weisen, damit ich ihm ins Gesicht schauen,
und ihn einen Lgner strafen kann, der meinen Vater - schilt.
    Der Geheimrath war in einer Aufregung, die sich nicht verbergen lie, auf-
und abgegangen. Jetzt pltzlich ri er an der Schelle. Er ergriff das
Portefeuille, er drckte Louis' Hand: Rufe den Courier, wir fahren zum Grafen.

                          Achtunddreiigstes Kapitel.



                      Gewitterschlge am schwlen Kimmel.

Im Hause der Geheimrthin war es seit jenem glnzenden Abend still hergegangen;
aber es war eine Stille, die von sich sprechen machte. Sie litt an Kongestionen
des Blutes, Beklemmung des Herzens, und klagte ber Visionen. Im Kreise der ihr
liebsten Menschen sah sie oft andere Gesichter. Sie redete eine Person an, und
meinte eine andere; aber sie betheuerte, sie wisse sich darber genau
Rechenschaft, wenn der Zustand vorber. Es wren nur nervse Affektionen, ber
die die Aerzte keine Auskunft geben knnten. Sie sprach bitter von den Doktoren,
und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein.
    Die Gevatterinnen urtheilten verschieden ber ihren Zustand. Sollte auch die
Lupinus sich der Schwrmerei, dem Mysticismus, in die Arme geworfen haben, sie,
auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand! Zwar etwas
clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen, aber nicht mehr, als die
Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren, oder sein zu mssen
glaubten. Es waren bei ihr nur momentane Wallungen, und sie deutete dieselben
nur fr das Aufblitzen unbewusster Naturkrfte. Sie wollte keine Geisterseherin
sein und erklrte sich gegen den Aberglauben.
    Aber die Zungen waren fertig, ber sie zu richten, und es giebt in einer
groen Stadt bse Zungen. Wir bergehen das, was die Boshaften sich
zuzischelten: es sei nur Aerger, weil ihre Gesellschaften nicht die
Anziehungskraft gebt, die sie gewnscht, und die Exklusiven sich zur russischen
Frstin zgen, weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen, und es mchte wohl
einen besonderen Grund gehabt haben, warum sie den Prinzen so gern an sich
gezogen. Worauf Andere hinzusetzten, der Prinz msse auch wohl einen besonderen
Grund haben, warum er nicht gekommen. Wir heben lieber heraus, was die mild
Gesinnten zur Erklrung vorbrachten: sie sei zu fein, und weil ihr alles Rohe
widerstrebe, wirke es afficirend, gewissermaen revolutionirend in dem zarten
Krper. Andere: sie, die fr einen kranken, wunderlichen Mann zu sorgen, habe
nun noch die Last fr die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen. Was koste
das nicht! Und ob es denn auch recht anerkannt wrde! Demoiselle Adelheid sei
wohl gut und schn, aber sie habe ein eigensinniges Kpfchen. Habe sie es nicht
durchgesetzt gegen Aller Willen, da sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei,
einem jungen Menschen, der nichts hat und alle vernnftigen Aussichten von sich
stt. Nicht ihre Eltern htten es gewnscht, die jetzt auch hher hinaus
dchten, noch der Vater des jungen Mannes, der geradezu erklrt, er werde nie
solche Schwiegertochter in sein Haus lassen. Um zu einer solchen Partie ihr zu
verhelfen, htte Madame Lupinus das schne Mdchen auch nicht in ihres genommen,
und nun sei doch ihre Lage gewi nicht beneidenswerth: eine Pflegetochter hten,
an die keine Blutsbande sie fesselten, zu einer Verbindung das Auge zudrcken,
die sie ungern she, und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des
Mdchens und gegen den alten van Asten, von dem sie noch obenein einen
unhflichen Brief in die Tasche stecken mssen. Knne das nicht ein
edelgesinntes Gemth herunterbringen! -
    In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhltni der Geheimrthin
mit dem Legationsrath. Der Legationsrath behielt bei den Anspielungen seine
vollkommene Ruhe, und rhmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der
geistreichen Frau. Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des
Verstandes eine Geliebte. Die Gevatterinnen wussten, da er nur seltene Besuche
machte, immer in der allgemeinen Besuchsstunde, sie wussten von der
Dienerschaft, da er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege.
Ihre Gesprche flogen in hhere Regionen der Wissenschaft, oder betrafen
Geschfte. Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten, und Wandel
hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe, die er fr die
sichersten hielt, anempfohlen. Er war ein Freund des Geheimrathes, den dieser
oft stundenlang in seinem Studirzimmer festhielt. Wandel war ein lebendiges
Lexikon fr alle Ausgaben des Horaz. Und wie theilnehmend hatte er sich bei dem
letzten Unglcksfall, der das Haus betraf, benommen, wenn man den Todesfall des
alten Bedienten so nennen kann. Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen,
obgleich Geheimrath Mucius gesagt, er knne sich noch zehn Jahre qulen. Wie
recht hatte Ihre Frau Gemahlin, hatte er zum Geheimrath gesagt, die immer
besorgte, da er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Hnden sterben werde.
Und mit welchem Takt sie die Charlatanerie der Aerzte erkannt! Als man Johann
an einem Morgen todt neben seinem Bette gefunden, und alle Hausgenossen in die
Kammer strzten, war die Lupinus nur bis ber die Schwelle gekommen. Hier ging
ihr der Athem aus, die Krfte versagten, und sie war in die Knie gesunken. Ihr
Gatte und der Legationsrath mussten die Ohnmchtige aufheben. Wie liebevoll
hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen. Die Dienerschaft zerflo in
Thrnen: Warum erschrecken, meine Freundin, ber Etwas, das nur eine Wohlthat
des Himmels ist, fr den armen Dulder, fr uns Alle, die wir seine Leiden sehend
mit ihm litten! Preisen wir vielmehr die Hand, die dies gethan. Sein Wille
geschehe, der es gut, schnell und kurz gemacht! Gestrkt durch seinen Zuspruch,
hatte sie nachher an der Leiche gestanden, ihre Zge beobachtend. So ist es
recht, hatte er gesagt: dem was wir als gut erkannt, fest ins Auge gesehen!
Wem helfen Thrnen, wem weichliches Gefhl des Mitleids! Indem wir das eine
Nothwendige erkannt, strken wir unsere Nerven, um der Nothwendigkeit auch
weiter ins Auge zu blicken, und wir mgen endlich den Sinn des alten
Kirchenliedes erfassen: Tod, wo sind nun deine Schrecken! Sie war gestrkt
worden. Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen
geschmckt. Die Dienerschaft, die Nachbarschaft waren davon gerhrt, und das Lob
der Geheimrthin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet.
    Im Hause der Geheimrthin war es sehr still hergegangen, sagten wir, heut
aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drngten sich die Besuche.
Die Regimenter von Larisch und Winning, von der Weichsel zurckberufen,
marschirten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsort, der frnkischen
Grenze. Die Straen waren belebt, die Fenster besetzt. Der Durchzug erfolgte
unregelmig, bataillonsweise; die Truppen, in Eilmrschen aus Polen
herangezogen, hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt, sich zu
einem Paradezug zu ajustiren. Whrend Monturen, Gesichter, Haltung von den
Strapazen der angestrengten Mrsche sprachen, wirbelten aber die Trommeln und
die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft; der Jubel der
Zuschauer berbot sie noch. Aus den Fenstern schwenkte man Tcher, auf der
Strae drckte man den Soldaten die Hand; man reichte ihnen zu trinken, und
whrend die Schnapsflaschen und die Semmelkrbe umhergingen, schickten
patriotische Hausfrauen groe Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter. In der
Kche der Geheimrthin brodelte ein Waschkessel, Adelheid hatte fr den
Soldatenkaffee und fr die Chokolade der Gste zu sorgen.
    Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern. Es gehrten nicht Alle
zu einander.
    Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden
einen Artikel vor: Dem Vernehmen nach hat der Herr Staatsminister von Hardenberg
dem franzsischen Gesandten, Herrn Laforest, die Antwort ertheilt: Sein Knig
wisse nicht, worber er sich mehr zu verwundern habe, ber die Gewaltthat des
franzsischen Heeres, oder ber die unbegreiflichen Entschuldigungsgrnde dafr.
Wie habe man Preuens aufopfernde Redlichkeit vergolten, das Opfer gebracht, die
seinen theuersten Pflichten nachtheilig werden knnten. So knne man denn doch
keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen, als da derselbe Ursachen
gehabt, die zwischen ihm und der Krone Preuen bestehenden Verpflichtungen fr
werthlos zu halten, und achte darum Seine Majestt der Knig sich selbst aller
frheren Obliegenheiten entbunden. Frieden wolle Preuen auch noch jetzt, halte
sich aber nun verpflichtet, seinem Heere die Stellung zu geben, welche zur
Vertheidigung des Staates unerlsslich sei.
    Ja, es werden drei Heere gebildet, wie ich aus sicherer Quelle wei,
bemerkte Jemand. Ein Anderer setzte hinzu: Und es bleibt nicht bei der
Rckberufung unserer Weichselarmee, sondern wir haben auch den Russen den
Durchzug durch Schlesien geffnet. Der Kriegsrath Alltag flsterte seinem
Nachbar ins Ohr: Die Donschen Kosacken sind schon in Breslau angemeldet.
    Auch die Frstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewrdigt. Sie
lchelte, zum Rath Fuchsius sich abwendend: Mir will die Vorstellung einer
Komdie noch nicht aus dem Sinn. In einer Stadt, wo das Theater eine so groe
Rolle spielt, entgegnete der Rath, ist dieser Gedanke sehr natrlich. Es
wre doch grausam, fuhr die Frstin fort, wenn man mit den armen Menschen
wieder nur Kmmerchen vermiethen spielte. Vom Rhein nach der Weichsel, und von
der Weichsel nach dem Main! Das knnte das beste Heer demoralisiren, uerten
Mehrere.
    
    Aus welcher Zeitung ist der Artikel, Herr van Asten? fragte die Lupinus.
Aus dem Hamburger unparteiischen Korrespondenten, der heut Morgen ankam.
Warum mssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren! Ueber etwas, das uns
so nahe angeht, lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen.
    Dann ist's auch vielleicht nicht wahr, lchelte die Frstin mit einem
besonderen Blick auf den Regierungsrath. Es mochten mehrere den Blick verstehen.
Fuchsius besorgte fr die Hamburger Zeitung Regierungsartikel.
    Die erlauchte Frstin, entgegnete Fuchsius, wei, da gewisse Regierungen
schchternen Jungfrauen gleichen, die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien
vertragen, hinter ihrem Rcken hren sie sich recht gern gelobt.
    Ich kenne auch Regierungen, setzte die Gargazin darauf, die erschrecken,
wenn man ihre Gedanken ausspricht, besonders, wenn sie gar keine haben.
    Der Kriegsrath Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab. Er hatte
nicht geglaubt, da vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen
knnten.
    Die Gruppe lste sich auf, als die Janitscharenmusik das Anrcken eines
neuen Bataillons verkndete. Adelheid streifte mit dem Prsentirbrett an Walter
vorbei Ein bischen zuvorkommender gegen meinen Vater! Auch mit Mutter knnten
Sie mehr sprechen. Der Jubel am Fenster und auf der Strae ersparte ihm die
Antwort.
    Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer. Eine weibliche
durchdringende Stimme lie sich vernehmen: Nein, sag ich doch, so vieles Volk,
und alle zum Todtschieen! 's ist grausam! - Sieh mal Fritz, wie sie blitzen!
die Spontons! Da der mit dem rothen Federbusch! - Malwine, willst Du Dich nicht
so 'rber legen! - Was man mit den Kindern Noth hat. Und da das blutjunge
Gesicht - ach du liebe Seele, der hinkt, hat sich die Fe durchgelaufen. - Was
'ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen mu! - Und staubig, Alle wie
gepudert! - Liebechen, rief sie hinunter, - sehn Sie, Dem da schenken Sie 'ne
Tasse Kaffee! Er friert so, und ein so hbscher Mensch. - Sieht sie's wieder
nicht, die Lisette! - Nu ist er fort! - Na, 's wird wohl noch andere mitleidige
Seelen geben. - Was so ein Tornister drcken mu! - Fritz, wenn Du auch solche
grausame Flinte auf dem Buckel tragen msstest. - Nu pa Acht, nu kommt der
Tambour. Hurrje, hurrje! hrst Du, wie er schlgt!
    Will auch Trommler werden, sagte der Junge.
    Nein, Fritzchen, da wirst Du todtgeschossen. Das ist nur fr ordinaire
Leute. Guter Leute Kinder, die sind zu was anderem da.
    Will Trommler werden! wiederholte der Trotzkopf. Papa hat's gesagt.
    Ja, wenn Du ein Taugenichts wirst, dann wirst Du unter die Soldaten
gesteckt.
    Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde. Du Olle, Du sollst mir's
nicht verbieten, Du hast mir nichts zu verbieten.
    Range Du! Untersteh' Dich und kneif' noch mal. Wenn wir nicht bei hbschen
Leuten wren, kriegtest Du eins hinter die Ohren, da Du Dich wundern sollst.
    Die Geheimrthin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen. Sie brachte den
Kindern Bretzeln und fragte: ob sie schon Chokolade bekommen.
    Ach du mein Gott, die gestrenge Frau sind auch gar zu gtig gegen die
Kleinen! rief Charlotte, die sich umgedreht. Da wir Ihnen auch so viel
Inkommoditt verursachen! Aber Kinder sind nun mal Kinder, und wer wei, ob sie
so was mal wiedersehen, sagte meine Cousine, die Frau Hoflackir. Ja sie gehen
alle in den Tod.
    Giebt es einen schnern als frs Vaterland! sprach die Geheimrthin mit
Erhebung.
    Das sagte mein Wachtmeister auch, Frau Geheimrthin, aber, nehmen Sie mir's
nicht bel, Tod ist doch Tod. Und eingebuddelt werden sie, ohne Sang und Klang,
ohne Leichenhemd und ohne Sarg, wo sie stehen und liegen. Und der Fritz will
absolut Soldat werden. Ist ein rabbiater Junge. Und mein guter Geheimrath, der
die Gte selbst ist, Sie glauben gar nicht, wie er ihm schon auf der Nase
spielt. Kinder sind Gottes Segen, o gewi, aber sie knnen auch Gottes Fluch
werden, wenn sie ausschlagen.
    Die Geheimrthin streichelte die Kpfe der Kleinen: Geht, liebe Kinder, in
die andere Stube und lasst Euch Chokolade geben.
    Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbretzel, welche die Frau
mit den spitzen Fingern den Kleinen gab; warum kamen ihr diese Finger heut nicht
spitz vor, als sie ber die blonden Haare der Kleinen strich. Charlotte war auch
jetzt in innerer Bewegung, aber es war eine andere, als sie pltzlich in Thrnen
ausbrechend den Saum des Kleides der Geheimrthin erfasste und es an die Lippen
drckte: Ach, Frau Geheimrthin, das mssen Sie mir schon erlauben. Es war doch
zu schn. So einen ordinren Dienstboten unter die Erde zu bringen, und seine
eigne Herrschaft! Das wird Ihnen Gott lohnen. Darber ist auch nur eine Stimme
in der Stadt. Und meine Cousine, die Frau Hoflackir, sagt, solch einen Sarg und
von so schnem fettem Eichenholz, hat sie nicht gesehen, als ihr Mann seine Alte
begrub, und das war ihr Glck, und ihr Mann versteht's; wenn der den Beutel
aufthut, dann hlt er nicht den Finger drauf. Aber der Silberbeschlag! Nein,
Frau Geheimrthin, das ist es gar nicht. Was ist Silber? Unter der Erde
rostet's, wir rosten Alle. Aber die Blumen, nein du mein Himmel Jesus nein. Wie
ein Purpurri 'rber geschttet, wie ich da in den Hausflur trat, es knickte mir
in die Knie, und ich wollt's nicht glauben, und die Menschheit! Vom
Gensd'armenmarkt, vom Frstenhause her, die Polizei konnte gar nicht durch, da
die Leichentrger nur Platz hatten. Und da war doch nur eine Empfindung.
    Er war ein treuer Diener, und wir sind alle Menschen.
    Aber doch mit Unterschied, Frau Geheimrthin. Und den Kranz von weien
Rosen, den Sie auf seine Todtenlocke gedrckt, und sein bleiches Antlitz! Er war
mein Cousin, schluchzte ich, und meine Cousine, die Frau Hoflackir, sprach: Ja
das Leben ist doch schn! Nein, Frau Geheimrthin, und wenn Sie mich eine
schlechte Person nennen, Sie haben ihn sterben lassen, da Mancher sagen mchte,
so mchte ich auch sterben.
    Wenn eine Emotion sich in dem halb geschlossenen Auge der Geheimrthin kund
geben wollte, so bemerkte es Niemand, Charlotte am wenigsten, denn helle
Trompetenste lockten jetzt aufs Neue und unwiderstehlich an die Fenster. Jeder
strzte dahin, wo er Platz fand; Charlotte hatte einen, der ihr wohl nicht
zukam, eingenommen, Arm in Arm mit der Baronin Eitelbach. Keine sah die Andere,
keine gab auf die andere Acht.
    Ach da reitet er! rief Charlotte, den Blick auf eine Schwadron der
Gensd'armen gerichtet, die um die Ecke schwenkte. Sie gab den durchmarschirenden
Dragonern nur das Geleit.
    Ach da reitet er! tobte es in einer Brust neben ihr, ohne da die Lippen
sich bewegten.
    Nein! wie viel schner sehen doch unsre aus, als die Dragoner!
    Wunderbare Sympathie! Dasselbe dachte die Baronin.
    Wem gilt dieser Jubel? fragte am andern Fenster die Frstin. Den neuen
Uniformen, Erlaucht, flsterte Jemand hinter ihr. Die bleiben in Berlin? Es
wre schade, sie dem Herbstwetter auszusetzen. Aber die armen maroden Truppen,
die ins Feld mssen, werden es bel nehmen. Erlaucht! Das Futter frs Pulver
darf nichts bel nehmen.
    Pltzlich stie Charlotte die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast
zurck: Er streicht sich den Bart; das gilt mir: ja, ja, ich seh's, und damit
er's wieder she, bog sie sich hinaus. Malwine und Fritz waren dafr gestoen
worden. Es war nicht nthig, da sie das Umschlagetuch sich abgerissen, der
Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster, und warf ihr Kusshnde zu. Und wie
keck schmunzelnd er wieder den Bart strich!
    Die Baronin sah auch etwas, aber - sie ward bla. Er strich nicht den Bart,
nein; aber als er hinaufgeblickt, ihre Augen ihn getroffen, wandte er pltzlich
den Kopf. Er setzte die Sporen ein und war zur Generalitt geflogen. Sie sah ihn
im Gedrnge nicht wieder. Ist Ihnen unpsslich, meine Gndige? fragte der
Legationsrath, der, jetzt erst eingetreten, die Dame nach einem Stuhl fhrte.
Es wird bald vorber gehen.
    So ist es recht. Weinen Sie sich aus. Verhaltener Kummer ist fr Seele und
Leib gefhrlich.
    Die Eitelbach hatte Zeit sich auszuweinen; bis auf die Kinder, welche die
Einladung an den Chokoladentisch nicht umsonst vernommen, war kein lebendes Auge
im Zimmer. Alle auf das Schauspiel drauen gerichtet. Prinz Louis selbst ritt
vorber, der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, und brach doch immer
wieder von neuem aus. Tcher, Hte, Mtzen flogen. Es wollte nicht enden.
    Der Krieg ist ja noch nicht erklrt, flsterte der Legationsrath; die
Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin, wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht
fr einen dieser tapfern Krieger Besorgni hegt.
    Die Baronin sprach es nur fr sich: Er sieht mich ja nicht an. Sie bereute
schon den Selbstverrath, als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des
Legationsrathes fiel. Er rckte einen Stuhl heran.
    Theuerste Frau, hub er nach einer Pause an, erlauben Sie ein Wort des
Vertrauens. Sie waren so gtig, mir jngsthin Ihres zu schenken, und es ruht in
dieser Brust, wie in einem Grabe.
    Sie wissen ja Alles.
    Ich hielt es fr lngst vorber; das Spiel des Windes auf einem
Aehrenfelde.
    O es wird auch wohl so sein. Sie werden recht haben, ganz recht, brach es
aus der bewegten Brust. Aber er verfolgte mich ja letzthin so auffllig.
    Besitzen Sie einen Brief von ihm? - sprach er Sie an?
    Nein - aber - es war ja ganz klar - die Frstin Gargazin -
    Knnen Sie der auch ganz trauen? - Der Legationsrath sah sich vorsichtig
um.
    Sie ist eine seelensgute Frau. Schon vor acht Tagen versicherte sie mich,
ich mchte mich vorbereiten, er knne sich gar nicht mehr halten. Sie hat ihn
neulich bei sich in ihr Kabinet zurckgedrckt, er wre im Stande gewesen, in
ihrer Gegenwart mir zu Fen zu strzen.
    Der Legationsrath sah ernst vor sich hin und schttelte den Kopf: Das
glaube ich doch nicht -
    Als wir von der Waldow kamen, ffnete er mir den Wagenschlag. Ei, wie komm
ich zu der Ehre, sagte ich.
    Und er -
    Er hatte schon, ganz trumerisch, einen Fu auf dem Tritt, als mein Mann
dazu kam und ihn einlud mitzufahren -
    Worber er zur Besinnung kam, das ist freilich sehr begreiflich.
    Sahen Sie, wie er jetzt fortsah, als er mich erblickte?
    Er fasste sanft ihre Hand: Einem Kavalier mu der Ruf seiner Geliebten ber
Alles gehen. Was der Rasende im verschlossenen Kabinet der Frstin vielleicht
gewagt htte, wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen. Nein, da
beruhigen Sie sich - und wenn er es gethan, so htte ich ein Wort mit ihm reden
wollen. Eine Bitte! Thun Sie sich Gewalt an. Verbergen Sie diese Gefhle. Sie
sind zu schn und rein, die Welt ist Ihrer nicht werth. Mglich, das gebe ich
zu, mglich, da auch er Ihrer nicht werth ist. Aber erscheinen Sie dafr desto
grer, und wenn er treu ist, bewahren Sie ihm das Vertrauen, ist er es nicht,
sich die Gre, ber ihren Schmerz erhaben zu sein. Meine Freundin, sagte er
aufstehend und drckte ihre Hand an seine Brust, das Vergngliche gehrt der
Zeit, was aber in die Aeonen hinausragt, das ist das heilige Bewusstsein einer
schnen Seele. Sie werden mich verstehen.
    Ganz verstand sie ihn nicht, aber es war gut, da sie ihn nicht fragte, denn
die Gesellschaft war wieder im Zimmer. Nur der Major schien am Eckfenster noch
drauen: Das Friedrichs Heer!
    Gerade in diesen Regimentern ist nichts gendert, sagte Fuchsius.
    Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken.
    Sie marschirten doch vortrefflich -
    Geknickte Glieder eines Riesenkrpers, die nicht mehr in einander klingen.
Mein Freund, zuweilen will's doch auch mich beschleichen, als wre es am
gescheitesten, zur Friedenspartei berzugehen.
    Der Legationsrath wurde mit Fragen, was er Neues bringe, berstrmt. Duroc
ist abgereist.
    Wirklich! Endlich! rief es. Mit einer Kriegserklrung?
    Man hat ihm nur zu verstehen gegeben, da man unter den obwaltenden
Umstnden das Freundschaftsbndni als gelst vielleicht zu betrachten genthigt
sein drfte.
    Und hat Laforest Psse erhalten?
    So unhflich ist man nicht gewesen
    Die Frstin lchelte: Er denkt bermorgen eine Matine zu geben.
    Dies unterbleibt doch vielleicht, sagte Wandel, wenn Erlaucht mir
erlaubt, das Gercht mitzutheilen, was ich von der Brse bringe. Seine Majestt
Kaiser Alexander wird hier erwartet. Der Oesterreichische Erzherzog Anton ist
schon auf dem Wege nach Berlin. Die Nachricht berraschte. Auch der
Regierungsrath war frappirt: Dieser Mensch wei Alles.
    Wenn wir nicht wollen, sagte Eisenhauch, die Lippen zusammen beiend, so
zwingen uns Andere zum Ernst.
    Man beobachtete die Frstin, um auf ihrem Gesicht die Besttigung zu lesen.
Man konnte nichts lesen; sie war mit Adelheid beschftigt, der sie heut ihre
ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien.
    Herr von Wandel, Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende?
    Er war gefllig, und gab eine Liste von Avancements und Verfgungen zum
Besten: Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgeshnt. Er will
ihn wieder fr den Staatsdienst gewinnen. Einstweilen hat der junge Bovillard
Courierstiefeln anziehen mssen. Er ist fortgeschickt.
    Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefngnissen frei, sagte die
Geheimrthin mit Bitterkeit und ihr Blick fiel auf Adelheid. Ob zufllig, oder
ob sie eine Vernderung auf ihrem Gesicht bemerkte?
    Meine holde Adelheid erschrak, sagte die Frstin, bei Ihrer Nachricht von
der Ankunft unseres Kaisers, Herr von Wandel. Sie stellt sich unter einem Kaiser
aller Reussen einen orientalischen Despoten vor, einen Gromogul, vor dem Alles
in Ehrfurcht auf den Boden strzen mu. Ihr Lehrer wird ihr sagen, ein wie
liebenswrdiger Kavalier Kaiser Alexander ist. Auch ein Welteroberer, aber -
durch Huld und Gte gewinnt er die Herzen. - Doch mich dnkt, unser
Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschttet. Was sagt die Falte auf
ihrer Stirn?
    Der Legationsrath zuckte die Achseln: Ich wei nicht, ob ich die frohe
Stimmung hier stren darf.
    Eine Aufforderung zum Reden dringt.
    Die Oesterreicher sind total geschlagen, Mack mit 6000 Mann gefangen, es
existirt keine sterreichische Armee an der Donau mehr. Der Courier kamschon
heut Morgen an. Man hielt die Nachricht zurck, um den Jubel beim Durchmarsch
der Truppen nicht zu dmpfen.
    Eine stumme Pause folgte. Die Janitscharenmusik eines neu vorberziehenden
Bataillons bildete dazu einen blen Kontrast.
    Adieu Deutschland! seufzte Fuchsius. Viktoria! rief der Major. Das geht
ans Leder. Die Haut lsst man sich nicht ruhig abziehen. Die Frstin warf einen
ihrer himmlischen Blicke an den Plafond: So musste es kommen, und es mu noch
mehr kommen. Meine Herren, ich halte es fr eine frohe Botschaft. Ja, der Mann
ist gro, denn ein Grerer hat ihn gewrdigt, seine Geiel zu sein. Es soll
noch mehr Blut flieen, um die Welt zu reinigen, und wir haben kein Ma fr die
Strme, die da rauschen werden ber die Lnder.
    Ach du mein Gott, das ist ja schrecklich! rief die Kriegsrthin
erblassend. Adelheid war zugesprungen, und umfasste die Mutter, die auf einen
Stuhl gesunken war.
    Warum schrecklich, sagte die Frstin mit Holdseligkeit, wenn es Sein
Wille ist! Er, der die Haare auf unserm Kopfe gezhlt hat, wei auch, wen er
opfern, wen er retten will. Und ber seinen Erwhlten schweben seine Engel.
Einen weien leuchtenden Fittich seh ich gebreit ber dieses Kindes Haupt!
sprach sie und legte wie segnend ihren Arm auf Adelheids Locken.
    Die von solcher Huld gerhrte Kriegsrthin wollte aufstehen. Die Frstin
drckte sie sanft zurck: Glckliche Mutter, auf deren Kindes Stirn die Worte
des Dichters stehen:

Und was kein Verstand der Verstndigen sieht,
Das schaut in Einfalt ein kindlich Gemth!

Die Knigin hat sich neulich sehr angelegentlich nach Ihrer Tochter erkundigt.
Sie wnscht sie einmal zu sehen; flsterte die Frstin im Fortgehen mit
holdseliger Herablassung zur Mutter. Sie glaubte in die Erde versinken zu
mssen.
    Die Harmonie der Gesellschaft, wenn man die Stille so nennen kann, die vom
Eindruck der Nachricht hier noch herrschte, ward durch hliche Kinderstimmen in
der Nebenstube unterbrochen, und als Charlotte pltzlich in ein heulendes
Geschrei ausbrach, strzte die Gesellschaft dahin.
    Der Rath und der Major, die nicht fr Familienangelegenheiten gestimmt
waren, ergriffen die Gelegenheit sich zu entfernen. Auf der Treppe sagte
Fuchsius: Der Frmmigkeit der Gargazin wre es genehm, wenn ganz Deutschland in
Brand und Flammen aufginge.
    Damit Ruland es erlsen kann! setzte der Major hinzu. Es fragt sich da
eben nur, wo die Scylla und wo die Charybdis ist.
    Das Familienereigni, welches den Aufstand verursachte, war auch fr die
nher Angehrigen kein eben interessantes. Die Lupinus'schen Kinder, bei der
Aufmerksamkeit, welche Prinz Louis und die Retter verursachten, sich selbst
berlassen, waren ber die Reste des Chocoladentisches hergefallen. Knabe und
Mdchen hatten um die Wette gestopft, um die Zeit zu nutzen, wo man sie nicht
beobachtete, und Fritz es angemessen gefunden, auf die Chololade und das viele
Zuckergebck einige Glser sen Weines zu gieen. Mit der Schilderung der
Wirkungen, die sich hier zeigten, verschonen wir unsere Leser. Charlottens
Aufschrei galt dem traurigen Anblick, den Malwine verursachte, die leichenbla
mit blauen Lippen, glsernen Augen und krampfhaften Bewegungen auf dem Stuhle
lag. Fritz sa, als die andern eintraten, noch wie ein Kobold auf dem Tisch, und
machte den Versuch, mit grinsendem Gesichte aus der Flasche, die er in der Hand
hielt, das Glas in der andern zu fllen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Der
se Wein flo auf die Dielen. Was noch darauf erfolgte, berlassen wir der
Phantasie des Lesers; aber der Knabe schlug, als er schon Kopf ber vom Tische
gefallen war, noch mit der Flasche, die er krampfhaft in der Hand hielt, um
sich. Zwar verwundete er keinen der Andern, die herbeigesprungen waren, aber,
indem die Flasche in Scherben zerschlug, sich selbst an den Schlfen.
    Charlotte schrie wie besessen: Sie stirbt! Den Kindern sei's angethan!
Andere: Ein Doktor! Schnell einen Doktor! Nur die Geheimrthin hatte ihre
Besinnung behalten: Was wird es sein! Die Kinder haben sich den Magen
berladen. Irgend ein Hausmittel, Legationsrath.
    Die kurze Zwischenzeit, wo Walter und Adelheid zugleich hinausgestrzt
waren, um nach einem Arzt zu schicken, und die noch Anwesenden Miene machten
sich zu entfernen, fllte Charlotte mit ihren Lamentationen, bis die
Geheimrthin ihr ins Wort fiel; sie meinte, hier sei nichts weiter zu beklagen
als ein Ungeschick, ein trauriger Zufall oder die vernachlssigte Erziehnug der
Kinder.
    Das Glck wollte, da ein Regimentsarzt schon vor dem Hause angetroffen
ward, und auch der Vater der Kinder vom abgeschickten Boten bereits auf dem
Herwege gefunden und benachrichtigt war. Der Chirurg erklrte beider Zustand fr
gefhrlicher als die Geheimrthin gedacht; Malwine, deren Natur sich nicht
selbst geholfen, bedrfe eines Blutlasses; aber er musste die herangeholte
Lanzette noch sinken lassen, weil die Wunde an der Schlfe des Knaben so nahe an
die Arterie streifte, da, wenn er nicht rasch hier mit einem Verbande zu Hlfe
komme, eine Verblutung zu besorgen stand. Wir wissen wirklich nicht, ob es,
nachdem dieser Verband erfolgt, noch nthig ward, auch das Blut des kleinen
Mdchens zu fordern, denn die Kinder wurden in eine Nebenstube geschafft, und
der Legationsrath, der hlfreiche Hand dabei geleistet, erklrte, als er
zurckkam, er hoffe, da andere Mittel ausreichen wrden.
    Aber um noch die Peinlichkeit der Situation fr die noch Gebliebenen zu
vermehren, erhob sich in der Nebenstube ein neuer Wortwechsel, von dessen
Heftigkeit man berzeugt sein wird, wenn wir sagen, da Charlotte die Angeklagte
war, der Geheimrath der Klger, und die Geheimrthin, die angerufene Richterin,
sich der Angeklagten nicht anzunehmen schien. Charlotte war ihr eigner Advokat,
und der Geheimrath von der Vogtei konnte, wie wir wissen, wenn die Gelegenheit
es mit sich brachte, auch auer sich gerathen. Er folgte der entgegengesetzten
Maxime seines Bruders: er hielt Emotionen nicht fr das Gift, sondern fr eines
der Prservativmittel des Lebens. Seine Freunde meinten, er alterire sich am
liebsten vor dem Mittagstisch, weil dies dem Organismus des Magens zutrglich
sei; jedoch immer nur mit Ma.
    Doch als er jetzt aus dem Krankenzimmer herausstrzte und Charlotte hinter
ihm, schien er eher der Verfolgte. Sie wenigstens schrie in die Versammlung
hinein, ohne im geringsten von den respektablen Personen Notiz zu nehmen: Meine
Cousine, die Frau Hoflackir, hat mir wohl gesagt: Warum giebst Du Dich noch mit
ihnen ab, warum opferst Du Dich ihnen! Du kennst sie ja, und Undank ist der Welt
Lohn. Ja, ich kenne sie, und Undank bleibt der Welt Lohn!
    Charlotte, rief das blasse Gesicht der Geheimrthin, die an der Schwelle
stehen blieb. Bedenke Sie, wo Sie ist.
    Ja, Frau Geheimrthin, das bedenke ich auch, und Sie sind eine nobel
gesinnte Dame, und wer Domestiken behandelt, wie er es selbst verdient, der ist
rechtschaffen vor Gott und vor den Menschen. Denn wir Domestiken sind auch
Menschen vor Gott und unsrer Herrschaft, und ich brauchte es ja nicht zu sein,
sagt mein Cousin, der Herr Hoflackir. Ja wenn der nur hier wre! Der wrde ein
Wort sprechen, aber ich bin eine vereinzelte unglckliche ledige Person. Und
darum sind der Herr Geheimrath so unverschmt. Hab ich denn die Chocolade
gesoffen?
    Charlotte! wiederholte die Geheimrthin.
    Der Vogtei-Lupinus war auf dem Gipfelpunkt seines Zornes: Sie soll mir
nicht wieder vor's Gesicht.
    Das will ich auch gar nicht. I bilden Sie sich das nur nicht ein. Und wenn
sie's mir auch nicht sagten. Gott bewahre, da ich noch einen Fu in das Haus
thte, wo man eine rechtschaffne Person so maltraitirt. Meine Cousine, die Frau
Hoflackir, hat auch gesagt, sie knnt's nicht begreifen, warum ich's so lange
ausgehalten. Ja, was thut der Mensch nicht, wenn die Kinder uns ans Herz
gewachsen sind. Und nun soll ich die Schuld sein! O du gerechte Gte! Hab' ich
sie zur Chocolade invitirt? Hab' ich die Bretzeln gebacken? Wer wei denn was
der Kuchenbcker rein gethan.
    Charlotte, ich bitte Sie, sei Sie stille, sprach die Geheimrthin, die
Hand am Herzen. Sie wei nicht, was Sie redet. Sie lie die Kinder auer Acht.
    Wird mir das auch angerechnet!
    Sie pflichtvergessenes, - schrie Lupinus - derweil Sie am Fenster das
Maul aufsperrte.
    Weil ich ein Gemth habe, weil ich fr meinen Gott und meinen Knig und
unser herrliches Militr zum Fenster raus sah, weil ich als gute Patriotin mein
Herz ausschttete! Nein, das geht mir doch ber Alles. Nu, kommen Sie mir
wieder! Sag' ich doch - nu Kinder hin, nu Alles hin, nu adj sag' ich Ihnen. Sie
sollen mich nicht wieder sehen, Herr Geheimrath, nu mag's gehn, wie es will, und
wo ich hin will, das wei ich. In Ihr Haus zurck? - I Gott bewahre! Sie knnen
meine Sachen raus schmeien lassen, auf den Schinkenplatz. Was Sie wollen, wie
Sie wollen, immer zu! O das genirt mich noch nicht so viel, wie Ihre ganze
Wirthschaft nicht, mein Herr Geheimrath! Was ist fr mich die Welt noch, wenn
man so mit meinem Herzen umgeht! Aber nehmen Sie sich in Acht. Mein Cousin, der
Herr Hoflackir, wei was ich habe. Der zhlt jedes Stck nach. - Vors hall'sche
Thor will ich, aufs Grab der seligen Frau Geheimrthin, da will ich sprechen, da
will ich mich ausweinen, da will ich klagen, da will ich mir ein Leids anthun -
denn ich kann nicht leben ohne die Kinder!
    Roth vor Echauffement drngte sie durch die Anwesenden nach dem Fenster und
ri das Tuch an sich, das die erschrockene Baronin mit ihrem Rcken zufllig
fest hielt:
    Das ist mein Umschlagetuch!
    So ging sie hinaus, doch die Thr noch in der Hand, fing sie heftig an zu
schluchzen, ihr Peroriren war aber diesmal an die Wirthin gerichtet:
    Und das mu ich Ihnen sagen, Frau Geheimrthin, und wenn Sie mich fr eine
schlechte Person halten. Die Kinder lassen Sie nicht zu ihm, nein um Gottes
Willen, das thun Sie nicht. Bei ihm sind sie in Grund und Boden verloren, der
Herr Geheimrath verstehen nichts von der Erziehung. Das Mdchen verdirbt und der
Junge auch, sonst htten sie auch nicht die Chocolade aufgetrunken, aber sie
lernen's von ihrem Vater, Gott straf' mich, der kann auch nichts stehen lassen,
er mu in Alles die Nase stecken und kosten. Und die selige Frau Geheimrthin
werden vom Himmel runter sehen und's Ihnen lohnen. Und handeln Sie an diesen
Kleinen, wie sie - o Gott! an meinem Cousin gehandelt haben.
    Unter noch heftigerem Schluchzen flog die Thr hinter ihr zu. Da die
kranken Kinder einstweilen bei der Geheimrthin blieben, war eine Sache, die
sich von selbst verstand, denn der Arzt hatte schon erklrt, sie drften auf
keinen Fall fortgeschafft werden. Warum aber der Geheimrath nach einer Weile
aufsprang, und den Hut ergriff, um der Kchin nachzueilen, blieb zweifelhafter.
Er sagte, es geschehe, um nachzusehen, damit die desperate Person nicht sein
Haus von oben zu unten kehre. Es gab inde in der Gesellschaft Einige, die
meinten, es wre nur um sein Mittagessen. In seinem Affekt hatte er nicht
bedacht, da sein Schicksal noch in Charlottens Hnden ruhte.
    Der Aufbruch war jetzt so allgemein, als die Verstimmung. Walter empfing fr
seinen ehrerbietigen einen sehr kalten Gru vom Kriegsrath Alltag; die
Kriegsrthin musste in einer eigenen Laune sein, denn sie zupfte noch ihren
Mann, warum er sich so lange aufhalte? Auch der Geheimrthin bewies sie lange
nicht mehr die Ehrerbietung und gerhrte Dankbarkeit, mit der sie sonst von
dieser gtigen und unvergleichlichen Frau Abschied nahm. Kaum aber war sie die
Treppe hinunter, als es die Brust nicht mehr hielt: Mann, hast Du gehrt, Ihre
Majestt die Knigin hat sich nach unserer Adelheid erkundigt! - Der Mann
sagte: Hm! und meinte, man msse auch nicht alles glauben, was vornehme Leute
sagen. Aber, erwiderte sie, eine Frstin kann doch nicht lgen! Und als er
meinte, es knne wohl etwas daran sein, es werde aber nicht alles so sein,
sprach sie: Da aber die Knigin auch nur von unsrer Tochter wei, da sie
berhaupt auf der Welt ist, das hattest Du und ich uns doch nicht im Traume
einfallen lassen! Sie hatte immer geglaubt, die Knige wssten von den
einzelnen Menschen gar nichts, und die Individuen verschwmmen ihnen, wie man
von einem hohen Berge eine Landschaft sieht.
    Walter und Adelheid nahmen im Vorzimmer Abschied. Es musste auch hier etwas
von Verstimmung sein. Sie meinte, er htte sich doch berwinden knnen und
zuvorkommender gegen ihre Eltern sein. Er sagte, es habe ihm etwas die Brust
zugeschnrt. Sie entgegnete, auch auf ihrer Brust laste es wie ein Alp - und
ich berwinde es doch, sagte sie, und zwang ihr Gesicht zu einem heiter
lchelnden Ausdruck.
    Wenn ich Dich erst aus diesem Hause fort wsste, sagte er nach einer
Pause.
    Wnsche es nicht, entgegnete sie. - Und wohin? So lieb ich meine Eltern
habe, so fhle ich doch, dahin passe ich nicht mehr.
    Du verlangst nicht nach Glanz und Reichthum -
    Aber - unterbrach sie ihn und schwieg pltzlich. Daran bist Du auch
schuld; warum hast Du aus mir eine Andre gemacht, als ich war -
    Er ging mit einem stumm wehmthigen Hndedruck.
    An der Thr wandte er sich noch einmal um. Sie war ihm nachgeeilt und hielt
den Kopf an seine Brust: Gieb den Muth nicht auf, Walter. Ich lerne mich
tglich mehr berwinden und es wird alles besser werden - - fr uns Beide.
    Der Legationsrath hatte beim Hinausbegleiten die Hand der Baronin Eitelbach
sanft ergriffen: Meine Freundin, mir ist eingefallen, haben Sie sich auch
nichts vorzuwerfen? Ich meine keine Schuld, aber vielleicht doch irgend einen
geringschtzigen Blick, eine Bewegung - Sie wissen, Mnner sind eitel, und
Verliebte leicht gereizt. - Sinnen Sie darber nach! hatte er theilnehmend
hinzugesetzt, als sie ihn erschreckt anblickte, und klopfte sanft auf ihre Hand.

                          Neununddreiigstes Kapitel.



                    Es war etwas nicht, wie es sein sollte.

Die Geheimrthin ruhte in einem Fauteuil, als Wandel ins Zimmer zurckkehrte.
Sie sah sehr abgespannt aus; ber das blasse Gesicht flog aber doch eine nervse
Rthe, und ihr dunkles Auge rollte seltsame Blicke umher. In dem weien Kleide,
das sich in weiten weichen Falten um sie breitete, und der Haube von derselben
Farbe hatte ihre Erscheinung etwas Geisterartiges.
    Wie steht es nun also? fragte sie. Ach mein Gott, es ist so viel, was mir
durch den Kopf geht.
    Das Kapital, was Sie morgen ausgezahlt erhalten, wrde ich meiner Freundin
rathen, baar in Hnden zu behalten.
    Die Geheimrthin sah ihn mit etwas mehr als Verwunderung an. Sie hatte von
dieser Sache nie mit ihm gesprochen. Erst heute hatte sie das Notifikatorium
erhalten, da das Geld fr sie fllig im Depositorium des Kammergerichts liege.
    Beruhigen Sie sich, ich bin kein Geisterseher. Dies erfuhr ich auf ganz
natrlichem Wege, als ich heut frh auf der Registratur des Pupillenkollegiums
einige Akten durchsah. Nicht aber die Ihrigen, setzte er rasch hinzu. Hinter
meinem Rcken sprach der Decernent mit dem Registrator von den fnftausend
Thalern. Auf dem Herwege wollte ich mich auf der Brse erkundigen, in welchen
Papieren Sie das Geld in dieser Woche am besten anlegen knnten, als ich die
beunruhigende Nachricht erhielt. Htte ich nicht Gesellschaft gefunden, wre es
natrlich das erste gewesen, was ich Ihnen mittheilte.
    So wre es auch wohl am besten, wenn ich jetzt meine Pfandbriefe
verkaufte?
    Er schien sich zu besinnen: Nein. Sie werden wieder steigen. Ich bin
berzeugt, da es nur eine Demonstration ist. Die bewaffnete Neutralitt ist zur
Beschwichtigung der aufgeregten Stimmung. Man mu der Kriegspartei ein Spielzeug
hinwerfen. - Schaudern Sie nicht; es ist die hchste Weisheit der Staatskunst,
wenn die Gemther in Wallung sind, immer das richtige Spielzeug bei der Hand zu
haben. Wenn die Leidenschaften, Stimmungen, Phantasien die Zgel zerreien, wenn
die Vlker durch keine Gaukelei mehr zu beschwichtigen sind, ach meine Freundin,
wehe uns Allen dann! Man wird die Sache hinziehen, vor dem Publikum rsten, die
Kriegshelden fluchen und schwren lassen heimlich aber verhandeln, laviren,
proponiren, unmgliche und mgliche Friedensvorschlge machen -
    Bis!
    Ja - bis es sich entschieden hat. In Mhren mu es sich entscheiden; dann
-
    Nun und dann?
    Nie zu weit hinaus denken!
    Sie htten neulich die Radziwill hren sollen.
    Zu Palastverschwrungen ist bei uns kein Terrain.
    Und was sagen Sie zu Alexanders Herkommen?
    Der letzte Verzweiflungsaufschrei der Kriegspartei. Es wird viele
erhebende, rhrende Auftritte geben. Aber lsst sich eine scheue Natur ndern?
Die Coterie wird fr einen Panzer sorgen von Gummi elasticum, damit die Thrnen,
oder fr einen von Asbest, damit die Funken abgleiten. Der Eindruck wird stark
sein, aber vorbergehen. Und reist Alexander fort, vor einem Entschlu - nein
vor einer That, so werden unsre Freunde dafr sorgen, da alles wieder aplanirt
wird.
    Alles! sagte die Lupinus mit einem stechenden Blick, der im Zimmer umher
irrte. Mir sind diese Menschen zuwider, die ihre ganze Kraft nur darauf
vergeuden, damit es nicht anders wird, als es ist.
    Wir sollten sie loben. Trge Wellen sind oft das beste Fahrwasser.
    Was mssen wir thun?
    Nicht die Pfandbriefe verkaufen, baares Geld fr den Nothfall im Sekretr,
und in den Kriegsenthusiasmus einstimmen.
    Sie war aufgestanden, und hatte mit einem nervsen Aufghnen den Stuhl
fortgesetzt: Warum mssen wir das! Warum knnen wir nicht auch darin frei sein!
Warum drfen wir nicht die Mode beherrschen? Wir verachten sie doch.
    Weil es uns nichts einbrchte, als einen Heiligenschein, den
unglcklicherweise wir selbst nur sehen. Weil es die Menschen von uns entfernt,
und wir sie brauchen - als Instrumente. Darum spielen wir mit ihrer Thorheit.
    Oder sie mit unsrer.
    Man mu sich das Spiel nur nicht zu ernst denken.
    Diesmal dnkte ich ihnen gut genug, ihr Operngucker zu sein, sprach sie
mit Bitterkeit. Welche brillante Gesellschaft, blo zu Chocolade und
Zuckergebck! Wenn noch mehr Regimenter vorber marschiren, kommt mein Haus wohl
wieder in die Mode. Selbst die Gargazin hatte die Gnade, aus meinem Fenster die
Truppen zu sehen.
    Die Kinder werden Sie auch recht geniren?
    Warum? Unsre Wohnung ist gro.
    Ich besorge nur, da Ihr Schwager, wenn die Charlotte von ihm zieht, sich
nicht beeilen wird, sie Ihnen wieder abzunehmen.
    So bleiben sie. Ich liebe Kinder - sie bringen Frische ins Haus.
    Er sah sie zweifelhaft an: Ich besorge nur, da dies wieder zu
Missdeutungen Anla giebt. Seit man zu wissen glaubt, da Sie Mamsell Alltag
nicht eigentlich als Ihre Tochter betrachten -
    Als meine Erbin wollten Sie sagen.
    Ich meine nur, da man auf den Gedanken kommen knnte, Sie wollten die
Kinder Ihres Schwagers adoptiren.
    Wer sagt, da er ein falscher ist! Die Leute wissen es nicht, Sie wissen es
nicht, und ich wei es auch noch nicht. Ich wei nur, da Mamsell Adelheid nicht
meine Erbin wird.
    Die Alltag scheint Ihre Liebe ganz verscherzt zu haben.
    Soll ich mein Haus zu etwas Aehnlichem hergeben, wie das, aus welchem ich
sie hernahm! Wandel warf einen forschenden Blick: Sie approbiren nicht die
Inklination mit dem Herrn van Asten?
    Ich! Was geht das mich an! Meinethalben knnte sie sich hngen an wen sie
will, das larmoyante Wesen kann ich nur nicht ausstehen. Aus kleinen
Verhltnissen - nein aus einer solchen Katastrophe, die doch die Seele eines
jungen Mdchens erschttern mu, trat sie in mein Haus. Was hatte ich gehofft,
da sich aus ihr entwickeln wrde, bei ihren Gaben, ihrem Muthe, ihrer lebhaften
Phantasie. Sie htte die Knigin der Stadt werden knnen.
    Nur da die Rolle der Herzensknigin eines apanagirten Prinzen niemals eine
glnzende werden kann.
    Was kmmert mich der Prinz! rief sie. Sie selbst sollte sich ihr Loos
werfen. Wie es war, und wenn ein faux pas, eine rasende Leidenschaft, eine
Entfhrung - ja, wenn der tolle Mensch, der Bovillard, sie gewaltsam geraubt
htte, es wre doch eine Abwechselung, es htte zu sprechen gegeben - Sie
lcheln, weil Sie die Affekte begraben haben, aber doch sage ich Ihnen, der
Durst unsrer Seele nach dem, was uns ber den Alltag erhebt, ist - das Bessere
in uns.
    Der Legationsrath musste zerstreut sein, die Sache interessirte ihn nicht
mehr. Der alte van Asten rckt auch mit keinem Groschen 'raus, wenn sein Sohn
Adelheid heirathet.
    In dem Blick, den die Lupinus ihm zuwarf, htte ein Psycholog eine
verchtliche Beimischung lesen knnen. Sie liebt ihn gar nicht.
    Sie sprechen in Rthseln.
    Sie erwhnten einmal einer chemischen Agenz, die allen Stoffen ihre
natrlichen Sfte aussaugt, da sie Farbe und Geschmack verlieren.
    Will der Pedant sie zu einer Gelehrten erziehen?
    Es ist bel, wenn ein Lehrer eine zu gute Schlerin hat. Ich konnte nichts
mehr wirken, wo ich von einem Vorgnger Geist und Gemth schon ganz eingenommen
fand. Mit ihrer lebhaften Auffassungsgabe betrachtet sie ihn als ihren
Wohlthter, um nicht zu sagen als ihren Schpfer; sich wenigstens als seine
Schpfung. Es ist keine unedle Natur, meine ich, fuhr die Lupinus nach einer
Pause fort, die den Drang in sich fhlt, sich selbst einem verehrten Mann zum
Opfer zu bringen. Aber das Mdchen ist krank. Das ist die Krankheit der
Resignation. Ja wir, in unseren Jahren, - aber wenn junge Mdchen die Blthe
ihrer Empfindung auf dem Altar der Pflicht - was lachen Sie so hsslich?
    Da Sie ein armes junges Mdchen anklagen um die Krankheit, welche
Theologen, Dichter, Philosophen, um die Wette unserm Geschlecht einimpften! Um
das Siechthum unsrer Staaten, unsrer Bildung, da wir aus uns hinaus uns denken,
schwrmen, spekuliren, statt zu rechnen. Dies Infusorium des Universums will mit
dem bischen Kraft, Talent, das die Natur in seine Wiege als Pathengeschenk
legte, den Sternenlauf reguliren, statt fr sich selbst zu sorgen, da wo sein
hchstes Ziel nur sein kann, sich ertrglich und behaglich ber dem Strom zu
erhalten, der es tglich zu verschlingen droht. Welcher Hochmuth in dieser
Tugend, eine Welt um sich beglcken zu wollen, um dann sich selbst die
Mrtyrkrone aufzudrcken!
    Das kann doch nicht ganz Ihre Ansicht sein?
    Erst sich selbst. - Ich verstehe natrlich darunter, da zwei, die sich
verstehen, sich als eine Einheit betrachten. Wer sie errungen hat, die Hhe, die
er erreichen kann, ja dann, meine Freundin, dann mag er ein Gott sein, der
goldnen Regen um sich sprenkelt, der Trost der Unterdrckten, der Rcher der
Gekrnkten, dann mag er schwrmen, schwelgen. - Er bedeckte das Gesicht mit
beiden Hnden. O lassen Sie uns von meinen Planen ein ander Mal reden. Heute
knnten sich meine Phantasieen verirren, - Gott wei in welche - lassen Sie mich
heute schweigen -
    Er hatte ihre Hand ergriffen, eigentlich ihren Arm, und, den Blick gen
Himmel, die Hand an seine Lippen gedrckt. - So starrte er eine Weile, die Augen
aufwrts, in einem Zustande vlliger Absorbirung.
    Er schien, als sie sanft den Arm zurckzog, sich nur mit Anstrengung wieder
zu finden: Also, was Sie sagten! - Sie liebt ihn nicht?
    Sie liebt einen Andern.
    Tant mieux!
    Die Geheimrthin sah ihn forschend an: Auch wenn der Andre ein guter
Bekannter von Ihnen ist - sie liebt Bovillard, ohne es sich zu gestehen.
    In der That! Der Legationsrath bi sich in die Lippe, aber lachte mit
vlliger Unbefangenheit auf: Wir sind Gegner, nicht Rivalen.
    Sie retteten sie vor ihm und zum Dank -
    Wrde sie mich an ihn verrathen! Ist das etwas Besonderes! Zum Unglck fr
das arme Kind - oder zum Glck fr Herrn van Asten ist aber Herr von Bovillard
jetzt die Kreuz und Quer auf hundert Meilen geschickt. Ja ich glaube, sie haben
ihn so geschickt, da sie wnschen, er mchte nie wiederkehren.
    Und ich habe die Bescherung im Hause!
    Arme Freundin! - Zurckschicken ins elterliche Haus wollen Sie sie nicht?
    Es wrde mir jetzt bel ausgelegt werden.
    Sie haben recht. Es gbe zu viel Gerede; sie ist einmal die Modepuppe. Ja,
wenn man sie entfhrte! Sie selbst deuteten vorhin darauf.
    Adelheid lsst sich nicht entfhren.
    Und eine Mariage -
    Sie scheinen wieder zerstreut.
    In der That, ich bin es. Verzeihung! Nein fort mu sie jedenfalls, Ihrer
Ruhe wegen. Bedenken Sie, da Sie jetzt auch die Kinder im Haus haben. Also
sorgen Sie dafr, auf eine oder die andere Weise. Finden wird sie sich.
    A propos! rief er von der Thr zurckkehrend. Etwas noch. Sie mssen die
Mode mitmachen. Hllen Sie sich in Patriotismus, von so tiefer Farbe, als Sie
knnen. Immer exaltirt. Beim allgemeinen Fanatismus merkt man das nicht zuviel.
Franzosenha, Durst nach Blut und Rache auf den Lippen. Man kann nicht zu stark
auftragen, denn man wei nicht wie bald man berboten wird. Und wer nicht voraus
schwimmt, ist bald zurck gedrngt und aus Ufer geworfen.
    War schon vorhin ihre Erscheinung geisterhaft, was mehr jetzt, als sie
allein in der Mitte des Zimmers stand, das Ohr etwas geneigt nach der Thr. Sie
horchte - sollte er nicht wiederkehren? - Nein - keine Tritte mehr auf der
Treppe, es hallte vom Flur - die schwere Hausthr ffnete sich. Ein Schlag dann,
der sie durchschtterte. Aber sie blieb stehen, die Finger etwas krampfhaft
zusammenziehend. - Warum blieb sie stehen? - Unter den halb niedergeschlagenen
Wimpern schielten ihre Augen umher. Warum schlug sie die Augen nicht auf, die
sonst so durchdringend scharf in der Seele des Andern zu lesen schienen? -
Frchtete sie sich vor der Leere im Zimmer? Es war noch heller Tag.
    Es war etwas nicht, wie es sein sollte. Sie hatte eine andre Sprache, andre
Mittheilungen erwartet. - Glatt wie ein Aal! - Aber vielleicht trug sie selbst
die Schuld! Was hatte sie sich ihrer Bitterkeit berlassen? Was interessirten
ihn Adelheids Liebesverhltnisse! - Darum war er zerstreut, brach pltzlich ab
in Sinnen versunken! - Sie athmete auf; ihre Wange rthete sich etwas. - Aber -
es war doch etwas nicht, wie es sein sollte. - Warum sprach der groe,
herrliche, seltene Mann nur in Rthseln, warum auch gegen sie die
Hieroglyphensprache? - - Htte sie ihn falsch verstanden? Er, vor dessen Augen
die Hllen der Menschen, der Dinge, in Krystall sich verwandelten, und er
schaute bis in die Keime der Thaten und Gedanken, hatte er auch in ihr Inneres
einen Blick geworfen und -
    In dem Augenblick knarrte die Thr, der neue Bediente, Christian, trat etwas
ungeschickt herein, indem er, um die Thre zu schlieen, den Rcken zeigte. Der
Rcken zeigte nur die Livree seines Vorgngers. Die Lupinus stie einen Schrei
aus, sie fuhr zusammen, wankte; vielleicht wre sie gefallen, wenn ihr Arm nicht
die Lehne eines Stuhls erfasst htte. - Johann! - ungeschickter Mensch - wie
kann er mich erschrecken!
    Aber gndige Frau, ich komme ja nur, wie Sie befohlen -
    Er soll nicht hinterrcks hereinschleichen, Christian. Meine Nerven
vertragen es nicht.
    Aber die Kinder, gndige Frau, das Mdchen besonders, sie chzen und
piechen - ich glaube immer, denen hat's Einer angethan.
    Lgner! - Unverschmter Verleumder! - Mit einem zornfunkelnden Blick scho
sie an ihm vorber nach der Kinderstube.
    Der Bediente sah ihr kopfschttelnd nach, und reckte sich dann in der
Livree, die nicht ganz zu seinem breiten Rcken passte. Eine Naht ri: Ich
glaube, in dem Hause passt mir's so wenig als in dem Rocke. Solche Blger zu
bedienen, und eine solche Frau! Ich wei zwar nicht eigentlich, was Nerven sind,
aber ich glaube, meine Nerven vertragen es auch nicht.
    Als nach einer Viertelstunde die Geheimrthin zurckkehrte, lagerten
seltsame Stimmungen auf ihrem Gesichte. Der Anblick der Kinder war gewi ein
widerwrtiger gewesen, der Schauder sprach sich deutlich aus, aber darber war
ein Ausdruck, wie ein Mondenstrahl, der durch zerrissen Gewlk ber eine offene
Gruft streift. Es frstelte sie, sie machte eine Anstrengung, als wollte sie auf
die Kniee fallen: aber - vielleicht versagten ihr die Kniee den Dienst, sie hob
die Arme und rieb die Hnde, als wollte sie sie zum Gebet falten. Auch das
musste sich an etwas stoen. Sie lie die Arme sinken, und fiel selbst aufs
Sopha. Hier den Kopf im Arm, flsterte sie: Es sind abscheuliche Kinder! aber
ich will mich zwingen, sie zu lieben - ich will sie pflegen, wie - wie - ich
will's an ihnen gut machen.

                              Vierzigstes Kapitel.



                                   Bei Josty.

Beim Schweizer Kuchenbcker Josty unter der Stechbahn traten mehrere Offiziere
in Gala-Uniform ein. Heller als das Gold und Silber ihrer Achselbnder und
Schrpen leuchtete die Freude auf ihren Gesichtern. Zum Theil schien diese selbe
Empfindung auch auf denen der Gste aus dem Civil zu strahlen. Es war ein groer
Fest- und Feiertag in Berlin. Die Gruppen von Neugierigen wollten den
Schloplatz und den Lustgarten noch nicht verlassen, obgleich in diesem
Augenblick nichts mehr zu sehen war, als die Truppen, welche in ununterbrochenen
Zgen in der Knigsstrae und ber die lange Brcke in die Friedrichsstadt
zurckmarschirten. Aus den geffneten Fenstern schallte ihnen noch manches
Hallo! und Vivat! und Hurrah! und manche geschmckte Dame wehte mit dem
Taschentuch. Auch trugen der groe Kurfrst und seine Sklaven Guirlanden und
Krnze von den Blumen, die der spte Herbst in den Grten darbot.
    Aber das Schauspiel war ein anderes als neulich das der durchmarschirenden
Truppen. Diese waren nicht mit Staub bedeckt, an ihren Gamaschen klebte nicht
der Koth der Landstrae; sie funkelten im glnzendsten Paradeanzug und nur der
Puder ihrer wohlfrisirten Haarlocken stubte auf das dunkle Blau ihrer Monturen;
sie rckten auch nicht ins Feld, sondern kehrten von einer Paradeaufstellung
zurck. Es waren die auserlesenen Regimenter Mllendorf, Knebel, Rheinbaben, die
Grenadiere Prinz August von Preuen und die Gensd'armen und Garde du Corps, die
vom Schlo bis ans Thor eine groe Chaine gebildet, um den einziehenden Kaiser
Alexander zu empfangen.
    Wie viele Jahre waren es her, da ein Selbstherrscher aller Reuen in die
Thore Berlins eingezogen! Wer ihn gesehen, den jugendlich strahlenden, humansten
Frsten, dessen Blick Gte und Wohlwollen lchelte, der die Majestt vergessen
lie in der Liebenswrdigkeit, glaubte etwas gesehen zu haben, was er sein Leben
durch nicht vergessen drfe. Wie mehr als gndig hatte er gegrt, mit welcher
Huld die Anreden empfangen. Wie viele Frauen schworen, wenigstens bei sich, da
das Auge des Unwiderstehlichen auf ihnen gehaftet.
    Aber er war nicht zu Tanz und sem Liebesspiel gekommen. Der Ernst der
Gegenwart dmpfte wieder die aufsteigende Lust; in die Jubelstimmen hatten sich
andre Laute gemischt, khne Rufe, die der unbewachten Brust entschlpften, auch
Thrnen; die funkelnden Degenspitzen schienen Vielen schon angerthet. So ernst
wehmthig war der Empfang gewesen im groen Portal des Schlosses. Hier hatten
Knig und Knigin, von ihrem Palais herbergekommen, den Gast bewillkommnet. Es
war eine feierliche Scene, als die beiden jungen Monarchen sich umarmten, als
der Czaar die Hand der huldvollsten Knigin an die Lippen drckte; ein Moment,
von dem Europas Schicksal abhing! Und in wie lautloser Theilnahme hatte die
Menge dem Familienstck zugesehen, das zum groen Trauerspiel fr hundert
Tausende, fr Millionen werden durfte, mit welcher bangen Spannung gewartet, was
drinnen vorgehe, als die hchsten Herrschaften in die Apartements getreten
waren. Und doch wusste man, da es hier nicht geschehe. Sie nahmen nur
Erfrischungen ein. Die Hofequipagen standen schon vor dem Portal, in denen die
Wirthe den hohen Gast nach Potsdam entfhren wollten. Dort - wo Friedrich
schlft - sollte gewrfelt werden ber das Loos der Zukunft.
    Die Hofequipagen rollten schon lange auf der gedielten Kunststrae hin, die
fr eines der wunderbaren Prachtwerke der Knigsstadt galt, als die Offiziere in
den Konditorladen traten. So prchtig ihre Gala-Uniform, so bescheiden sah
damals der Laden aus. Nichts von Gold und Mahagoni, nichts von Sulen und
funkelndem Krystall. Auch glnzte das wenige Tageslicht, das durch die
Kolonnaden der Stechbahn ins Zimmer fiel, nicht wider von zahllosen Riesenbogen
ausgespannter Zeitungen. Zeitungen waren freilich auch hier schon, zwei oder
drei vielleicht, bescheidene Blttchen, auf grauem Lschpapier, die wchentlich
zwei oder drei Mal alle Neuigkeiten der Welt wieder erzhlten, was in der Trkei
geschah und am Rheine, und von Berlin brachten sie voran lange Listen aller
angekommenen Fremden, mit ihren Titeln und den Wirthshusern, darin sie wohnten.
Dann alle Ernennungen zu Hof- und Staatsdiensten, zuweilen auch eine
Mittheilung, da ein hoher Herr bei Hofe empfangen und zur Tafel gezogen worden.
Und hinterher Theaterrecensionen, Charaden, Fabeln, Anzeigen von Auktionen,
Verkufen, Bchern, Wohnungen und sehr vielerlei.
    Aber bei besonderen Gelegenheiten stand auch voran ein Gedicht, gereimt oder
ungereimt, immer jedoch zum Lobe der hchsten Herrschaften. Denn jene Zeiten
waren vorbei, wo man sich in den Zeitungen auch wohl einen Spa erlaubte, wie
der wunderliche Gelehrte Philipp Moritz und der erst in diesem Jahre 1805
verstorbene noch wunderlichere Burrmann, welcher die Leser mit Reimereien, so
seltsam wie er selbst, beschenkte. So hatte er einst am 21. Dezember die
Vossische Zeitung mit dem Vers angefangen:

Gottlob und Dank
Die Tage werden wieder lang.

Nein, seit jenen Zeiten war ein feiner klassischer, franzsischer Geschmack in
die Zeitungen gefahren, wie er ja auch in der Gesellschaft war. Der tlpelhafte
deutsche Hanswurst war lngst fortgeschickt, und man sprach nur das aus, was
gegen nichts und Niemand verstie, auch auf die Gefahr hin in dem Gesagten
nichts zu sagen. Darum, doch aus andern Grnden, las man nie in den Berliner
Zeitungen von dem, was in Berlin geschah, es sei denn, da eine hohe Obrigkeit
es der Druckerei zugesandt, und auch ber das Drauen enthielt man sich jeder
eignen Meinung und druckte nur ab, was andere Zeitungen vorher gedruckt hatten.
Heute aber war ein auerordentliches Ereigni auch in der genannten Vossischen
Zeitung. Voran stand ein langes Gedicht, dessen Anfang und Ende so lauteten.
Jemand las es in der Konditorei laut vor, als die Offiziere eintraten, und Alle,
die es hrten, sahen sich verwundert an:

Nicht Salomon und Titus - wozu Namen
Der Vorzeit! Sind wir Neueren so arm? -
Nein, Alexander, Friedrich, Arm in Arm,
Stehn da, ein Brderpaar. Zu Preuens Adler kamen
Die Adler Rulands! Jubelnd sieht Berlin
Sie ber sich vereinten Fluges ziehn.
Sie stehen vor dir, Arm im Arm.
O glckliches Berlin! Sprich aus die schnen Namen!
Wer sind die Menschenfreunde? Sprich!
Wer? - Alexander, Friederich!

    Da das Gedicht ausgezeichnet schn sei, darber war nur eine Stimme, aber
einer der eingetretenen Offiziere begriff nicht, wie solch ein Blitzkerl von
Zeitungsschreiber augenblicklich von den Evenements Witterung habe, da er auf
der Stelle im Stande sei, sie drucken zu lassen, und gar in Versen! Und, sagte
ein anderer, da man's drei Mal in der Woche erfhrt, was vorher passirt ist!
Erst mu es doch geschrieben werden, was schon eine verfluchte Arbeit ist, und
dann gedruckt und verkauft. - 's ist auch 'ne schwarze Kunst, lachte ein
Anderer. Herr Josty, mit der Flasche Euraao in der Hand, flsterte den Herren
zu: Und was werden Sie erst sagen, wenn wir alle Tage ein Blatt bekommen, was
uns jeden Tag von den Kriegsevenements avertirt. Sehn Sie mal geflligst in der
Ecke hinterm Ofen den Herrn im grnen Rock und Nankinghosen. Das ist Herr
Professor Lange. Der giebt ein solches Blatt heraus, es soll Telegraph heien.
Morgen schon kommt die erste Nummer. Die Leute werden sich den Kopf
berschlagen. - Die Offiziere vigilirten den verfluchten Kerl, der mit dem
Bleistift Notizen machte, und stritten ob seine Ohren oder Nase spitzer wren.
    Auch der Herr Kriegsrath Alltag hatte diesen Tag nicht alltglich begangen.
Auch er hatte in der Konditorei des Herrn Josty eine Tasse Chocolade genippt,
was zu jener Zeit, als wir ihn kennen lernten, ein auerordentliches Evenement
gewesen wre. Aber schien er doch selbst ein Anderer geworden. Der gestickte
blaue Rock war zwar schon etwas ber die Mode hinaus, jedoch vom feinsten Tuch,
das sauberste weie Halstuch war ber das Jabot geknpft und feine Brsseler
Manchetten spielten um die knappen Aermel. Frisch gepudert war das Haar, und der
Zopf mit neuem glnzenden Seidenband umwickelt. Die goldene Uhrkette hing um
einen Finger breit lnger auf die schwarz taffetnen Beinkleider, und die
gestreiften Seidenstrmpfe mit den silbernen Schnallenschuhen deuteten
unverkennbar auf ein nicht alltgliches Evenement. Und das war es, wo der Herr
Minister ihn gewrdigt, ihn aufzufordern sich im Schlo zu gestellen, er wolle
schon fr einen Platz sorgen, da er die Majestten recht von nahe she. Hatte
er ihn nicht selbst dort an die Treppe gestellt, wo die hohen Herrschaften
vorbei mussten? Wenn er sich nicht ans Gelnder zurckgedrckt, so weit als
mglich, htte ihn da nicht das seidene Kleid Ihro Majestt der Knigin fast
berhrt? Durch eine glckliche Schwenkung der Schleppe hatte der Page es noch
vor dieser Berhrung bewahrt. Der Kriegsrath war errthet vor Schreck. - Welcher
neue Schreck aber! - Kaiser Alexander, der die Knigin am Arm fhrte, war auf
dem Podest einige Stufen ber ihm stehen geblieben, damit die hohe Frau Athem
schpfe. Seine Majestt, der hinter ihnen ging, war natrlich auch stehen
geblieben, und auf derselben Stufe, auf der die Fe des Kriegsraths standen.
Zwar war die Stufe breit, aber es war dasselbe Brett, und der Kriegsrath fhlte
unter seinen Fen die Bewegung, welche der Fu Seiner Majestt verursachte. -
Und es war noch nicht Alles. - Excellenz, der Minister, sein Gnner, flsterte
dem Knige einige Worte zu, und - er traute seinen Ohren nicht, aber es war so -
er hrte seinen Namen. Der Knig hatte sich darauf umgesehen, hatte ihn
angesehen und die Worte gesprochen: Treuer Diener seines Herrn. Freue mich. -
Er hatte es gesprochen, wirklich und wahrhaftig, und es war noch nicht Alles. -
Als die hohen Herrschaften auf dem Podest sich in Bewegung setzen wollten, war
der Knig bei ihnen, und sagte der Knigin etwas ins Ohr, und die Knigin wandte
auch ihr Gesicht zum Kriegsrath nieder, und er hrte die Worte: Ah c'est lui!
- War das neue Tuschung, oder war es auch Wahrheit, sie hatte ihm von oben
freundlich zugenickt.
    Wie der Kriegsrath nachher von der Treppe herunter gekommen, wie auf den
freien Platz, das wusste er selbst nicht. Er las nie ein Mrchen, weil er
berhaupt nicht las, aber aus seiner Jugend, aus der Ammenstube, wusste er doch,
was ein Feenmrchen ist. - Zuerst hatte ihn die Luft wunderbar angefchelt, wie
einen, der nach langer dunkler Haft ans Sonnenlicht gerissen wird, oder wie den
Trinker, der aus dem Keller in's Freie tritt. Unten hat er es noch nicht
gefhlt, jetzt aber dreht sich die Welt um ihn, und der Boden wankt unter seinen
Fen. Der Rippensto eines Korporals, dessen Rotte er in seinem Schwanken
vermuthlich zu nahe gekommen war, hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht. Es
war kein Traum gewesen, auch keine Erscheinung aus einem arabischen Mrchen,
vielmehr nichts als die Besiegelung dessen, was er lngst ahnte, vielleicht
wusste, und in der Stadt munkelte es schon. Er sollte nicht mehr lange
Kriegsrath bleiben, er war zu Hherem bestimmt. Diese Bestimmung drckte sich
auch in seiner Haltung aus, wie er am Tische in der Ecke neben einem andern
Manne gesessen, und mit demselben dem Anschein nach ein eifriges Gesprch
gepflogen hatte.
    Der andre Mann, ungefhr im Alter des Kriegsrathes, oder etwas lter, war in
seiner Erscheinung just das Gegentheil. Sein fein geschnittenes, intelligentes
Gesicht war durch ein Paar kleine graue, ins Blaue spielende. Augen, wenn sie
mit Eifer auf einen Gegenstand fielen, lebendig. Sonst hatte es mehr einen
kalkulatorischen Ausdruck, jene verschrumpften, doch nicht unedlen Zge, welche
ein bestndiges Nachdenken ber plus und minus ausdrcken, jene Absorbirung von
allem was Impuls oder Phantasie heit. Wenn aber die Augen aufblitzten oder auf
einen Gegenstand zuckten, bewegte sich wohl um die Lippen ein sarkastischer Zug.
Sein Haar, weiblond von Natur oder wei vom Alter, schien schon lange den Puder
als etwas Ueberflssiges abgestreift zu haben. Es fiel schlicht, eben nicht
sorgsam gekmmt, auf den Hinterkopf und um die Schlfe herab. Da er eben so
wenig Umstnde mit der Toilette wie mit der Frisur machte, verrieth der
Ueberrock von grobem Tuch und einem dick bergelegten Kragen. Seine Hnde, die
auf dem Tische lagen, waren wei und fein, seine Fe dagegen, die er weit
vorgestreckt hatte, schienen grob wie die blauen Strmpfe und die dick
versohlten Schuhe.
    Also keine Mariage nicht! hatte der Mann mit den graublauen Augen gesagt,
und zwei Glser mit Granatwein gefllt, worauf der Kriegsrath das eine nach
einigem Bedenken ergriffen und mit ihm angestoen hatte.
    Ueberdem ist sie auch noch zu jung, setzte er hinzu, und das halb
ausgetrunkene Glas auf den Tisch.
    Der Andere sagte: Alter schtzt vor Thorheit nicht, und zu jung ist keine
nicht, um sich nicht zu verplempern.
    Der Kriegsrath spielte etwas verlegen oder verletzt mit der silbernen Dose,
einem Prsent seines Ministers: Nun was das Verplempern anlangt, mein Herr van
Asten, so dnkt mich -
    Mein Sohn htte sich verplempert - meinen Sie vielleicht, fiel der
Kaufmann ihm ins Wort. Wenn auf meinem Kornboden zwei Scke geplatzt sind und
der Roggen und Waizen liegen untereinander, da kmmert's mich wenig, welcher
Sack zuerst platzte, sondern wie ich die Krner auseinander bringe, oder
mitsammen verwerthe. Unsere Scke sind Gott sei Dank noch nicht geplatzt, da
halte ich nun frs Beste, da Jeder seinen an sich nimmt und sich nicht um den
andern kmmert. Sehen Sie, aufrichtige Leute kommen bald zu Rande, und das, was
sonst ist, soll uns nicht kmmern, und wir bleiben gute Freunde. Darum erlaube
ich mir noch ein Mal an Ihr Glas anzustoen.
    Der Kriegsrath seufzte; der Andere htte es recht gern zur Gesellschaft
gethan, nur um die Einigkeit vollkommen herzustellen, der alte van Asten konnte
aber nicht seufzen.
    Mein hochverehrtester Herr Kriegsrath, mit Ihrem Permi, ich lese Ihre
Gedanken. Da die jungen Leute jetzt auch ihren Willen haben wollen, das gefllt
Ihnen nicht. Sie seufzen: ehedem war's anders! Habe ich gar nichts dagegen.
Ehedem wog man ein Pfund Pfeffer mit Gold auf, jetzt kostet's ein paar Groschen.
Ehedem bezahlte man mit Pfeffer seine Wechsel. Wenn mir jetzt Einer damit kme,
wrfe ich ihn die Treppe runter. Ist so mit Allem, mit der kindlichen Liebe, mit
der Freiheit, der Erziehung; der Marktpreis ist ihr Werth. Steht darum
geschrieben, da wir den Marktpreis nicht machen knnen! Man mu nur geschickt
operiren. Mein Herr Sohn will auf dem Kopf stehen, Ihre Mamsell Tochter auch. I
nu, so lassen wir sie, bis sie mde werden. Da sie's aber werden, dazu kann man
schon was thun. Wenn ein Materialist einen Jungen in die Lehre nahm, ehedem
kriegte er Schlge nach Noten, wenn er naschte. Es hat wohl nicht immer
geholfen. Jetzt lsst sein Prinzipal ihn so viel Syrup nippen, und Rosinen und
Mandeln naschen, als er Lust hat. Ein, zwei Mal den Magen verdorben, und er ist
curirt auf sein Leben. Und so ist's mit dem eignen Willen auch, und mit der
Freiheit und mit, was sonst ist. Sie kommen retour, sage ich Ihnen, wenn man's
nur recht anfngt. Lassen Sie nun Ihre Demoiselle Tochter in meinen Herrn Sohn
verliebt sein, ganz geruhig, bis sie sich bergeliebt haben. Glauben Sie mir,
das kommt ber kurz oder lang, denn satt macht die Liebe nicht, und zanken
werden sie sich auch, und verknurren, wenn man sie nur lsst, und dann kommt die
lange Weile, die rothen Augen machen auch nicht schner. Aus Wochen werden
Monate und aus Monaten Jahre. Sieht ein hbsches Mdchen erst eine Falte im
Gesicht, die nicht fort will - ich will gar nicht sagen Runzel - da guckt wohl
ein kleiner Gedanke raus: ja wenn ich den nicht zurckgewiesen htte! Oder den!
Dann wird der Liebste auch nicht grade sehr freundlich angesehen, wenn er zur
Thr rein kommt, und auf einer seiner Runzeln steht: ich habe noch immer nichts!
Sieht er nu in ihrem Gesichte, was sie in seinem sieht, na - und so weiter, und
am Ende - sie weinen, sie fhlen sie haben sich getuscht, es wird geklatscht
dazwischen, dafr braucht man gar nicht zu sorgen, und am letzten Ende nimmt die
gehorsame Tochter den ersten besten, den der Papa ihr zufhrt. Und berlsst
man's dann den Muhmen und Gevattern die Sache zu arrangiren, so kommt's am
letzten Ende raus: sie hat ihn von Kindheit an geliebt.
    Dies war ungefhr das Gesprch, welches die beiden ltlichen Herren vor dem
Eintritt der Offiziere gefhrt, und das durch das laute Vorlesen des Gedichtes
unterbrochen war. Der Kriegsrath schttelte den Kopf als er seinen Hut nahm.
    Gefallen Ihnen die Sentiments nicht von Salomon und Titus? fragte der
Kaufmann und griff nach einem Zeitungsblatt.
    Sie sind sehr schn, entgegnete der Kriegsrath, nur begreife ich nicht,
wie man so etwas zu drucken erlaubt. Dadurch wird ja der Bonaparte avertirt, was
hier passirt ist.
    Sehr richtig bemerkt, sagte van Asten, und sein schlaues Gesicht wollte
gewi noch etwas sagen, aber der Kriegsrath gab, als der vornehmere Mann, das
Zeichen, da er genug gehrt, indem er sich mit einer leichten Verbeugung
empfahl. Der Vornehmere mu das letzte Wort behalten. Aber als er durch die
Offiziere den Weg nach der Thr suchte, waren offenbar diese die Vornehmeren.
Sonst liebte er doch nicht die Offiziere, aber mit verbindlichen Verbeugungen
schlngelte er sich durch ihre Fe, welche die Herren sich nicht besondere Mhe
gaben aus dem Wege zu ziehen. Das war der Vater von dem schnen Mdchen, sagte
ein Garde du Corps zu dem Rittmeister, der seine glnzenden Reiterstiefeln auch
nicht um einen Finger breit zurckgezogen hatte. Der Cornet lachte: Was
sprechen Sie zu Dohleneck von schnen Mdchen! Fr meinen Onkel ist nur Eine
schn, und wenn die Eine nicht, so mag die Anderen der Teufel holen und die
Papas dazu.
    Der Rittmeister, der am Fenster sa, trommelte an die Scheiben, Krieg!
Krieg! das ist das Beste.
    Zum Avancement! lachte der Chor. Die Unterhaltung ging auf dies wichtige
Thema ber, wichtiger als Alexanders Ankunft, als der Streit, ob die Knigin dem
Kaiser zuerst die Hand gereicht oder er nach der Hand gegriffen, wichtiger als
der Krieg selbst. Man stritt ber die Ernennung eines Kapitns zum Major. Einige
wollten sie gelesen haben, Andere leugneten es. Es steht heute drin. - Es
steht nicht drin. - Her den Wisch! Mit einem Satz war der Cornet nach dem
Tisch gesprungen, an dem van Asten sa, und hatte ihm die Zeitung aus der Hand
genommen: Wir wollen etwas nachsehen.
    Es musste noch etwas Anderes vorgefallen sein. Wollen Sie etwas? fragte
der Cornet und lie seine Pallaschscheide auf die Diele klirren, indem er sich
zum Kaufmann umkehrte, als dieser sich mit einigem Gerusch erhoben hatte.
    Mich nur gehorsamst entschuldigen, sagte van Asten und zeigte auf sein
vorgestrecktes Bein, da Herr Cornet von Wolfskehl auf meinen Fu treten
mussten! Haben sich doch hoffentlich keinen Schaden gethan?
    Ich glaubte es wre ein Holzklotz. Excs! sagte der Cornet und hoffte auf
einen beistimmenden Lach-Chor. Aber die Einen griffen nach dem Zeitungsblatt,
die Andern machten eine ernste Miene: Cornet, keinen Spa mit dem Mann! Der
reiche van Asten aus der Spandauerstrae, der mit dem Minister *** unter einer
Decke steckt!
    Die Ernennung stand nicht im Blatt, dafr ein paar Dutzend andere, wie jede
Zeitungsnummer sie in diesen Tagen brachte. Auch fingen unter den Annoncen schon
die Abschiedsworte an, welche Offiziere, Wundrzte und Beamte an ihre Freunde
und Bekannte in den eben verlassenen Garnisonen richteten; auch Nachrufe und
Danksagungen ganzer Stdte an die abziehenden Garnisonen und deren Offiziere.
Wenn das kein Beweis ist, da wir wirklich in den Krieg ziehen! - Ehe nicht
die Kugeln durch meinen Mantel pfeifen, glaub' ich nicht daran. - Ich glaub's
auch dann noch nicht ein Dritter, als ein Vierter durch die Glasthr, die er
klirrend aufgerissen, eintrat: Nu glaub' ich's, Kameraden. Aufs Pferd! aufs
Pferd! - Du sprangst eben runter!
    Direkt von Steglitz in Karriere! Habt Ihr nichts gehrt? - Vierundzwanzig
Kanonen donnerten aus dem hohen Busch, als die Equipagen durch's Dorf
schwenkten. Der dicke Stallmeister fiel beinahe von seinem Schimmel. Die Knigin
sah erschrocken zum Kutschenschlag raus.
    Possen!
    Nein, Ernst. 's war aber nicht Bonaparte, nur Beyme! Wenn Beyme Kanonen
auffhrt, Beyme schieen lsst, da msst Ihr zugeben, es wird ernst, es geht
los.
    Victoria! schrieen zehn Stimmen.
    Wenn er nur nicht blind geladen htte! rief der Rittmeister und ri die
Thr auf. Man braucht frische Luft. Krieg! Krieg!
    Herr Josty sah am Fenster den Offizieren nach. Er schien die Hupter seiner
Lieben zu zhlen, aber nicht mit der Zufriedenheit, die auf den Gesichtern der
Offiziere strahlte. Was half ihm der Krieg! Er war gewi ein guter Patriot, aber
wie viele knnen ihm noch immer entrissen werde, an die theure Bande ihn schon
lange knpften. Er schlug ein kleines Bchlein im Winkel auf und schrieb kleine
Zahlen zu den Namen. Aber viele kleine Zahlen machen eine groe. Herr Josty
schttelte den Kopf und wollte seufzen. Indessen - er besann sich: Indessen,
sagte er, es gleicht sich in der Welt Alles aus. Und auf seinem Gesicht
glichen sich auch die Falten aus.
    Die Offiziere hatten sich links nach der Schlofreiheit zerstreut. Nur einer
von ihnen, er schien abhanden gekommen, suchte die Freiheit rechts unter den
Kolonnaden der Stechbahn. Die Augen auf den Boden, ging er grad aus bis die
Mauer ihn erinnerte, da an der Ecke die Freiheit zu Ende war. Er wollte zur
Kolonnade hinaus treten, als aus der Brderstrae eine elegante Equipage rasch
vorber fuhr. Die Dame darin in Pelz, Hut und Schleier verhllt, sah ihn nicht,
aber der Mops auf dem Rcksitz bellte heftig den Offizier an. Ob die Dame
aufmerksam ward, wissen wir nicht, wenn sie sich aber vorbeugte, um nach dem
Gegenstand auszuschauen, der den Eifer ihres Hundes verursachte, konnte sie ihn
nicht mehr sehen; denn der Rittmeister hatte sich hinter den Pfeiler gelehnt.
    Er schien, mit geschlossenen Augen, auf das Rollen der Rder zu hren, bis
es unter dem Klappern der Werderschen Mhlen verrollte. Dann ri er sich auf,
machte sich durch einen schweren Athemzug Luft und - wollte auch ins Freie, in
den Thiergarten. Es mussten wunderbare Dinge im Rittmeister Stier von Dohleneck
vorgegangen sein. Er freute sich auf einen Spaziergang in den stillen, einsamen
Alleen des Thiergartens. Er hatte seinen Plan gemacht: links durch die
Buschpartien an den Zelten vorbei, nach dem Poetensteig. Da traf er gewi
Niemand.
    Aber - wenn nur die Aber nicht wren, als er an der Konditorei vorberging,
ffnete Herr Josty freundlich die Thr. Er glaubte der Gast wolle zurckkehren.
Solchen Glauben darf ein Kavalier nicht tuschen. Einen Schritt war er schon
vorbei, es kostete also nur einen zurck, und er stand wieder in dem traulichen,
gemthlichen Lokal. Es war ja auch da einsam geworden. Als Herr Josty die Thr
verbindlich schlo, hatte er wieder ein Haupt seiner Lieben in seinen Mauern.

                           Einundvierzigstes Kapitel.



                            Von Mpsen und Wechseln.

Aber der Rittmeister wollte ganz einsam sein. Im Vorzimmer sa noch der alte van
Asten und schien zu rechnen oder sprach leise mit einer andern in Berlin
wohlbekannten Person, dem Herrn Auktions-Kommissarius Manteufel, der sich ber
den Tisch zu ihm lehnte, um auf die Fragen des Kaufmanns Antwort zu geben. Dem
Rittmeister waren heut alle Menschengesichter zuwider, was mehr Rechenmenschen,
aus deren Gesichtern Zahlen springen. Zahlen erinnern an Schulden. Hrrr
Manteuffel, der ihn eintreten gesehen, obgleich er der Thr den Rcken zuwandte,
blinzte den alten Asten an. Der aber machte eine Bewegung mit der Hand, die
unter Geschftsleuten ausdrcken kann: den hab ich sicher, oder: um die
Bagatelle kmmere ich mich nicht.
    Herr Josty hatte noch ein kleines dunkles Hinterstbchen. Vertrautere
Freunde fanden hier einen Platz, um einen Sorgenbecher in der Stille zu leeren,
den der Konditor seinen anderen Gsten nicht vorsetze; er war kein Weinschenk.
Es war in dem Raume wirklich klein und dunkel wie in einer Tonne, recht zur
Selbstbeschauung geschaffen, denn durch die vergitterten Fensterspalten drang
nur bei Mittag ein Dmmerschein, der sich von den hohen Hintergebuden in den
feuchten Winkel, der Hof hie, hinablie. Das eigentliche Licht kam von einer
dnnen Sparlampe in einer Mauerblende, um den Tisch, die Bank, die Wandspinden
sprlich anzuleuchten. Ein Ort, geschaffen, um das innere Licht leuchten zu
lassen.
    Einen Rothspohn, Herr Josty! rief der Rittmeister, als er sich zwischen
Bank und Tisch geklemmt.
    Pontac oder Medoc?
    Auch darber noch nachdenken! Was hatte nicht der Rittmeister zu denken! I
nu Medoc, sagte er nach einer Weile, den Kopf in der Hand und den Ellenbogen
auf dem Tische.
    Ist auch gesunder fr's Blut, klrt mehr die Gedanken auf. Die Englnder
nennen ihn darum Claret, sagte Herr Josty, als er den langen Pfropfen aus der
Flasche gezogen.
    Als der Wirth die kleine Thr leise hinter sich zugedrckt, strte nichts
die drei - nenn' ich sie Geschpfe, Wesen, Mchte - die hier zurckgeblieben zu
stillem Verkehr: den Rittmeister, die Lampe und den Medoc. Es war mehr als
still, ich wrde sagen bewegungslos, wenn nicht der Schatten an der Wand
jedesmal unruhig geworden, sobald der Rittmeister das Glas aus der Flasche
wieder vollschenkte. Ob er Gedanken schpfte, ob er sie verschluckte? Der Medoc
musste das Blut nicht gereinigt haben, denn er ward nicht froh. Der Schatten an
der Wand spiegelte drei Positionen, in denen er Minuten lang verharrte: den Kopf
in der Hand, das Kinn in beiden Hnden, und dann den Leib ganz zurckgelehnt,
mit gesunkenen Armen, oder, wenn ein Entschlu zu kommen schien, sie pltzlich
auf der Brust verschrnkend. Aber die Flasche war schon zu drei Vierteln
ausgeleert und der Entschlu noch nicht gekommen.
    Ein Entschlu kostet Jedem etwas, wer aber wei, wie der beste gefasste zum
beln ausschlagen kann, und wer nur die Erfahrung des Rittmeisters gewusst, der
wrde ihn um seine Unentschlossenheit nicht getadelt haben. Hatte er sich nicht
zu einem khnen Schritt entschlossen, um endlich aus Liebeszweifel und Ueberdru
frei zu werden? Es war kein geringes fr Jemand, der von zwei unsichtbaren
Schutzengeln hin und her gezogen wird, und in sich keinen Oberen findet. Wenn
diese ihm zuraunten: sie hat dich eigentlich nie geliebt, sie hat nur gespielt
mit dir; nun auch dieses Spielens berdrssig, lsst sie es nur zu ihrem
Amsement, dich zu foppen, vor Andern durch ihr Kammermdchen fortsetzen, so
sprach eine innere Stimme: das erste hast du ja selbst immer geglaubt. Aber
dann, wenn jene ihn auf die vielen Beweise von Aufmerksamkeit und Zrtlichkeit
hingewiesen! Stand die Moosrose nicht noch immer zwischen den Balsaminen, trug
sie nicht noch immer das Halstuch von der Farbe, die sie angelegt, als sie sein
Lob vernommen? Mglich war es ja, da sie anfnglich nur ihn necken, ihre
Empfindlichkeit fr das an ihm khlen wollen, was er sich selbst jetzt vorwarf;
mglich, da auch Andere da mitgearbeitet hatten. Aber - das konnte sich
gendert, sie so gut gesehen haben, als er es sah, da er sich auch gendert,
dies konnte ganz andere Empfindungen in ihr geweckt haben. Er hatte ja auch
Augen, und was er gesehen, lie er sich nicht abstreiten. Diese Verwandlung
ihres Sinnes konnte nun Denen nicht mehr zu Sinn sein, die anfnglich
mitgespielt. Sie waren es, die jetzt die Contreminen legten, die ihn wieder ihr
entfremdeten, ihn von ihr trennen wollten. Daher diese Briefe in ganz
verndertem Tone, diese Mahnungen, Drohungen sogar, abzulassen von Verfolgungen,
die eine edle Frau tief krnken mssten.
    Der Rittmeister Stier von Dohleneck hatte das Schwert gezogen um den Knoten
zu durchhauen, er wollte Licht haben - Wahrheit. Er wollte am hellen Tage in
ihre Wohnung treten, sich mit seinem vollen Namen melden lassen und um eine
Unterredung unter vier Augen bitten. Wer den Rittmeister von Dohleneck kannte,
wusste, da das ein ungeheurer Entschlu war. Und ein ganz freier und ein
geheimer, - er theilte ihn Niemand mit. An dem Tage, als die ersten Regimenter
von der Weichsel durchmarschirten, hatte er ihn gefasst. Es war der Augenblick,
als sein Pferd, oder er bei ihrem Anblick am Fenster unruhig geworden und Kehrt
gemacht hatten. Er war sehr unzufrieden mit sich zurckgekehrt, er hatte sich
gesagt: ein Soldat drfe nie Kehrt machen vor einer Gefahr, ob wirklich, ob
scheinbar. Gerade hier ist es seine Pflicht, zu recognosciren, und nicht zu
weichen, bis er - rapportiren kann.
    Es war vorgestern gewesen, da er seine beste Interimsuniform angezogen und
sich auf den Weg gemacht. Ein saurer Weg! Die Pflastersteine schienen Klebriges
zu schwitzen, sie hielten seine Sohlen fest. Er aber sprach sich Muth ein: Nun,
und wenn es nichts ist, dann ist es nichts und Alles bleibt beim Alten. Sein
Herz wurde ordentlich leicht, aber nur auf einen Augenblick; je weiter er die
Strae hinunterging, je nher er dem Hause kam, so schwerer ward es wieder.
    Er htte auch sein Wort gehalten, was er sich selbst gegeben, nicht, wie
wohl Andere in gleicher Herzensangst thun, ein paar Mal vor dem Hause
vorberzugehen, bis der Muth ihnen kommt. Nein, er wre gleich das erste Mal
eingetreten, wre nicht der Mops gewesen. Was es nun war, ob er in etwas
getreten, was Joly verdro, ob eine angeborene Idiosynkrasie in dem Thiere gegen
den Menschen lebte, genug, ein kleiner hsslicher fetter Mops klaffte ihn an.
Als er sich des Strenfrieds entledigen wollte, machte er das Uebel nur rger,
der Tritt fiel wider Willen so unglcklich aus, da das Thier, von der
Stiefelspitze gehoben, winselnd auf das Pflaster fiel. Ein Dienstmdchen oder
ein paar erhoben ein Zetergeschrei mit dem Hunde um die Wette. Natrlich ber
die Barbarei, ein armes Thier so grausam zu maltrtiren! Nun war einmal etwas
versehen, und Fehler hecken mehr als gute Thaten. Als er die Strae wieder
heraufkam, waren zwar Mops und Mdchen verschwunden, aber die Equipage der
Frstin Gargazin stand vor der Thr. Er war muthig eingetreten. Von der Treppe
kam ihm die Frstin entgegen. Sie fuhr verwundert zurck: Wirklich Sie! Nun, in
der That, das nenne ich Muth. Er hatte sich verbeugt, er war muthig geblieben.
Sie war verschwunden. Auf der halben Treppe begegnete ihm der Legationsrath. Als
Wandel ihn erblickt, blieb er stehen, lftete etwas den Hut und ffnete den
Mund, um - doch zu schweigen. Aber als Dohleneck auf der nchsten Stufe war,
hrte er seinen Namen: Was soll's? Mein Herr Rittmeister, sagte Wandel, ich
hege nicht die Anmaung zu glauben, da Sie in mir einige Theilnahme fr Sie
vermuthen, inde erlauben Sie die Frage: Wollen Sie zur Frau Baronin! Wenn es
Sie nicht inkommodirt, hatte Dohleneck erwidert. So vergnnen Sie mir
wenigstens die Bitte, zu bedenken, welchem Empfang Sie sich aussetzen. Ihro
Erlaucht, die Frstin, mu Ihnen ja begegnet sein; sollte sie nichts gesagt
haben? Sie sind der Herr Ihrer Handlungen! verbeugte sich der Legationsrath.
Aber - setzte er mit unterdrckter Stimme hinzu - ich glaube eben so wenig,
da Herr von Dohleneck das arme Thier auf der Strae mit Absicht mihandeln
konnte, als ich glauben mag, da ein Kavalier von Ihrem Herzen und Ihrer
Ritterlichkeit ein Vergngen daran finden kann, eine unglckliche Frau, die in
Thrnen sitzt, noch unglcklicher zu machen. Und noch blieb der Rittmeister
muthig. Die Klingel hielt er in der Hand, als ein Hundegeklaff vor die Thr
strzt. Das war der Hund des Aubry, die Kraniche des Ibycus. New, mein Joly,
der hssliche Mensch, der soll dir nicht wieder was thun, hrte er die Stimme
des Kammermdchens. - Er hatte nicht geklingelt; er war wieder auf der Strae.
Joly knurrte hinter ihm am Fenster.
    Und seitdem hrte der Rittmeister, wo er die Augen schlo, den Mops knurren
und die Baronin weinen. Alles um Dich! - Er hatte wohl daran gedacht, sich in
eine andre Garnison versetzen zu lassen; aber seine Schulden und seine Ehre! Nun
kam ein trstender Engel. Der Krieg befreit einen Militr von den Verfolgungen
seiner Glubiger und einen Liebenden von denen seiner Phantasie. Zu dieser
trostreichen Ueberzeugung war der Rittmeister Stier von Dohleneck in dem
Augenblick gelangt, er wollte auf diesen Trster in der Noth ein Glas leeren,
als, zu seiner Verwunderung, aus der leeren Flasche nichts mehr flieen wollte.
Er schlug damit gegen das Glas, ein Zeichen, welches Herr Josty sehr wohl
verstand, als die Thr aufging, aber statt des Konditors, der Kaufmann Herr van
Asten eintrat.
    Sie mussten sich Beide schon kennen, aber die Freude des Wiedersehens schien
auf Seiten des Rittmeisters nicht gro, noch weniger, als nach der ersten
Begrung der Kaufmann einen Platz auf der Bank in der Art einnahm, da er dem
Offizier die Thr und den Ausgang dahin versperrte. Und als van Asten die
abgetragene dicke Brieftasche aus dem Rock zog, zog sich auch das Gesicht des
Rittmeisters sichtlich in die Lnge.
    Sie werden sich hier die Augen verderben.
    Bin Ihnen fr Ihre Theilnahme sehr obligirt, aber was hier drin liegt,
kenne ich Alles auswendig.
    Diese Versicherung trstete den Offizier noch weniger, besonders als er,
trotz der Dunkelheit, mit seinem scharfen Auge einen lnglichen, schmalen
Papierstreifen, den van Asten jetzt unter andern auf den Tisch legte, sehr gut
zu erkennen glaubte. Warum den Gru der Batterie abwarten, lieber grad los
darauf.
    Herr van Asten, sagte er, inkommodiren Sie sich nicht. Ich kenne den
Wisch. Sind noch vierzehn Tage hin. Wenn ich am Verfalltage noch lebe, na, da
sprechen wir weiter davon. Bin ich aber todt, machen Sie und ich unsre Rechnung
mit dem Himmel -
    Theuerster Herr von Dohleneck, rief der Kauf mann, den Wechsel wieder in
die Tasche schiebend, was so viel Gerede um eine Bagatell! Zweihundert Thaler!
Darum sollte der alte van Asten einen Offizier seines Knigs molestiren! Bin ich
ein Wucherer? Wei ich nicht, da ein Soldat vor dem Feinde Courage braucht?
Courage und Kredit sind Verwandte und was kostet nicht die Feldequipage! Wie
kann da ein Offizier an solche Lumpereien denken. Mancher hat auch sonst Liebes
hinter sich. Mchte ihnen doch gern ein Angebinde zurcklassen.
    Der Rittmeister von Dohleneck sah ihn etwas gro, aber nicht sehr klar an.
Der Eingang war zwar angenehm, aber wer brgte ihm, da es der Ausgang auch sein
werde?
    Alle sind nicht wie Sie. Soliditt wird eine immere rarere Eigenschaft, und
der Krieg ist ein grausam Vergngen. Wer wei, wer zurckkommt und wer da
bleibt! Wenn nun Alle blieben, wer soll da bezahlen. Wie viele Kaufleute sind
mit ruinirt.
    Der Rittmeister sah mit Verwunderung wie der Kaufmann eine ganze Partie
hnlicher Papierstreifen auf den Tisch legte. Es berkam ihn ein Schauer in der
Seele Derer, die sich mit ihrem Namen darunter geschrieben, seine Stirn aber
runzelte sich bei der Vorstellung, da der alte Geldmann ihn etwa ausersehen, um
ber die Verhltnisse seiner Kameraden Auskunft zu geben. Ein schlauer
Seitenblick des Andern las, was in seiner Seele vorging. Wie werde ich denn
einen Offizier zum Zeugen aufrufen gegen seine Kameraden! Das wei ich, jeder
Offizier mu fr den Andern gut sagen -
    Na hren Sie, was das anbetrifft!
    Wir verstehen uns ja! Kavalierparole ist sehr was schnes. Giebt gar nichts
schneres in der Welt. Aber bei Wechseln, da halten wir Kaufleute, 's ist so 'ne
alte Usance, uns an andre Dinge. Wer ins Feld marschirt z.B. kann nicht Alles
mitnehmen; man erleichtert's den Herren, nimmt ihnen was zu schwer ist ab. Hatte
da eben eine kleine Konferenz mit unserm Manteuffel. Das ist ein praktischer
Mann.
    Hol' ihn der Teufel! sagte der Rittmeister.
    Wei wohl, da ihm die Herren Offiziere nicht sehr grn sind. Ja, lieber
Himmel, wenn mal 'ne Sache unterm Hammer steht, giebt er sie weg um jeden Preis.
Das ist wahr. Ist nu mal nicht anders. Die Moral ist, man mu es nicht dahin
kommen lassen. Was nun des Herrn Rittmeisters kleinen Wechsel anbetrifft, so
machte mir Herr Manteuffel die Proposition -
    Seelenmann, Sie werden mich doch nicht an Manteuffel verkaufen?
    Verstehen Sie mich, er wollte Sie einem Andern abgeben.
    Das ist ja Seelenverkuferei!
    Sagte ich auch. Und ich wusste ja nicht, ob Sie gern mit dem Herrn in
Konnexionen kmen. Nun wir kennen uns! Aber der Herr ist ein Fremder, und voll
htte er auch nicht gezahlt, und wie gesagt, wer wei, ob Ihnen das recht ist,
an den Legationsrath von Wandel abgegeben zu werden.
    Der! Der Rittmeister legte schwer seine Hand auf den Tisch.
    Sehen Sie, das hab' ich Manteuffeln auch gesagt. Er ist ja ein Auslnder!
Sollen wir preuisches Blut, einen Soldaten unsres Knigs, an einen Fremden
verrathen? Wissen Sie denn, in wessen Diensten der Herr ist? Kann er nicht ein
Agent des Bonaparte sein, kann der nicht den Auftrag haben, alle Wechsel
aufzukaufen, die preuische Offiziere ausgestellt haben? Und wenn der Krieg
losgeht, die Herren marschiren sollen, ja da hat der Knig keine Offiziere. Alle
eingesteckt in Wechselarrest. Kann nun ein Knig Krieg fhren ohne Offiziere?
Der Bonaparte drben freilich, woraus macht der sich nicht welche! Die sind denn
auch danach. Aber wir mssen sie doch aus den Kadettenhusern haben, aus guten
Familien. Der Napoleon ist es im Stande, sagte ich zu Manteuffeln, denn dem ist
Alles mglich. Manteuffel wischte sich die Brille ab, und meinte, ich dchte
wohl an England, das Napoleon zu ruiniren denkt. Aber was fr England passt,
passe nicht fr uns, wir htten keine Bank zu sprengen. Ja, antwortete ich, wre
ihm doch beinahe gelungen. Und 's kann auch hier Manches springen. Aber 's soll
ihm nicht gelingen. Meinen Herrn von Dohleneck soll er nicht in seine Klauen
kriegen, ehe wir nicht wissen, wer er ist. Nun freut mich zu hren, da der Herr
Rittmeister ihn kennen, denn Sie frchten sich in seine Hnde zu kommen.
    Der Rittmeister sah den schlauen Mann auch etwas schlau an: Mich will
bednken, da mein Herr van Asten ihn besser kennt als ich; sonst -
    Der klgste Mann wei nicht Alles, und der beste Kaufmann lsst sich auch
betrgen.
    Es schien etwas im Kopfe des Rittmeisters, den der Rothwein noch nicht
umdstert hatte, aufzublitzen: Halt, da entsinne ich mich -
    Van Asten bltterte und glttete ber zwei Papierstreifen. Ein gelehrter
Mann, ein feiner Mann, ein Mann von vielen Kenntnissen, hbscher Konduite. O ist
gar nichts gegen ihn zu sagen, ein charmanter Mann -
    Hol' ihn der Teufel!
    Das ist schon manchem charmanten Mann passirt. Thte auch gar nichts. Ein
guter Wechsel gilt im Himmel und in der Hlle, man mu nur den Aussteller
kennen. Es freut mich, Herr Rittmeister, da Sie auch davon wissen. O wir haben
manche Geschfte mit einander gemacht, der Herr Legationsrath und ich. Prompt
auf die Minute, und hat eine glckliche Hand. Wnsche sie Ihnen, Herr
Rittmeister. Wirklich und wahrhaftig, Ihnen gnne ich alles Gute, das groe
Loos, 'ne todte Tante mit hundert Tausend, und noch lieber 'ne reiche Frau mit
'ner halben Million. Sie sind ein so gemthlicher Mann. Htte ich 'ne Tochter,
na wer wei. Ich sage - gegen die Wechsel ist auch gar nichts zu sagen. Sie sind
nur etwas sehr lang. Und wem ich sie abgeben will, der sagt, was ich mir auch
sagen knnte. Man ist manchmal auf den Kopf gefallen, Herr Rittmeister. Fallen
thut nichts; man steht wieder auf. Aber auf den Kopf mu man nicht fallen, Herr
Rittmeister! Also sagt mancher Mann: es kann ja inzwischen was passiren, er kann
ja auch in den Krieg wollen, es kann ihn eine Kugel treffen. Einen todten
Menschen kann man nicht in Wechselarrest bringen. Und wenn er auch nicht in den
Krieg zieht, die Herren Kavaliere haben oft Hndel. Sehen Sie mal, er kann ja in
ein Duell gerathen. Paff! Wird mich der Todtschieer honoriren? Ja, wenn so ein
Gesetz existirte! - Fllt mir bei, der Herr von Wandel hatte ja neulich eine
solche Affaire. Richtig! Mit dem Sohn vom Geheimrath Bovillard! - Und Sie - ja
Herr Rittmeister waren ja dabei.
    Wissen Sie das auch?
    Der Herr Legationsrath waren wohl erstaunlich muthig? Wollten immer drauf
los? Jetzt fixirte der Rittmeister den Anderen: Hol' mich Der und Jener! - Ich
glaube, Sie wollen mich aushorchen, was ich von ihm denke.
    Herr van Asten sagte nicht ja und sagte nicht nein; er lchelte nur: Wei
schon vielerlei, aber - wenn man auch schon das ganze i geschrieben hat, kann's
einem doch gerade noch auf das Tippelchen drauf ankommen. Ist ein Politikus.
Einem Politikus gegenber mu man wieder einer sein. Ob er ein Spion des
Gro-Mogul ist, oder ein Geisterseher, oder ein Magnetiseur, oder ein Lovelace,
oder - oder - was kmmert's mich, aber - verstehen Sie mich, das Eine mchte ich
wissen, ist's da mit rechten Dingen zugegangen, oder -
    Der Rittmeister fuhr mit der Hand in die Frisur: Blitz, ich glaube nein!
Und wollen Sie's recht wissen, drei Mal, drei Mal nein. Und - unter uns: Es
stinkt! Er hat's, Gott weis; durch wen, der Polizei gesteckt.
    Also nicht der junge Bovillard?
    Ein grundehrlich Blut, rparation d'honneur. Wie ein Kavalier sich
benommen.
    Aber der Legationsrath hat ihn wieder aus dem Gefngni losgebeten?
    Um ihn als Kourier fortzuschicken. Die Memme!
    Der alte van Asten lehnte sich auf den Tisch und schttelte den Kopf: Da
htten wir also das Tippelchen auf dem i. - Na, Herr Rittmeister, welchen Wein
lieben Sie am meisten? Werden mir doch die Ehre erweisen und Bescheid thun auf
ein Glschen?
    Ein Tokaierflschchen stand auf dem Tisch und frbte schon mit dunklem Gold
zwei Glser, als Dohleneck noch immer nicht wusste, wie er dazu kam. Nu stoen
Sie an, sagte der Kaufmann. Worauf? Auf einen alten Esel! - Ja, sehen Sie
mich nur recht an, und dann dreist los! Die Glser klangen, der Rittmeister
zauderte aber doch fast erschrocken, ehe er den Feuersaft an die Lippen brachte.
    Aber Herr van Asten, wie komme ich dazu?
    Warum ich ein alter Esel bin, das wnschen Sie zu wissen. Sie sollen's.
Ist's mir doch so, als msste ich Einem mein Herz ausschtten. Drei dumme
Streiche! Wenn Sie die gemacht, na was wr' es! Ein Kavallerie-Offizier braucht
nicht zu denken, aber ein alter Kaufmann! Pfui! - Pro prima, das ist wacklicht,
pro secundo, das ist faul und pro tertio, das ist dumm. Pro primo, das sage ich
Ihnen nicht, ist ein Kompagniegeschft mit einem vornehmen Herrn. Das wackelt
noch, aber kommt Krieg - fliegt's in die Luft; der groe Herr wird sich
salviren, der kleine bleibt hngen. Die Moral ist, 's ist nicht gut mit groen
Herren Kirschen essen. Pro secundo habe ich vom Legationsrath drei kurze Wechsel
auf drei lange prolongirt! Denken Sie, neun Monat! Darber mu ein Kind zur Welt
kommen; wenn nun ein Krieg kommt, wenn er eclipsirte! Die Moral ist: wenn man
einen Aal am Kopfe hlt, mu man nicht loslassen, sonst sitzt man bald am
Schwanzende. Und drittens, denken Sie sich, da habe ich eben eine ganze Schrift,
die der Nachbar Herr Mittler gedruckt hat, fr mein baares schweres Geld
aufkaufen lassen, verstehen Sie, alle fnfhundert Exemplare
    Was! Wollen Sie auch Buchhndler werden?
    Gott bewahre mich! Kontobcher, die andern taugen nichts.
    Was steht denn drin, was Sie so sehr interessirt?
    Lauter dummes Zeug.
    Was wollen Sie damit?
    Verbrennen! Sind schon Asche.
    Pestilenz! rief der Rittmeister. Sie sind mir ein kurioser Mann.
    Mglich. Sehen Sie, das dumme Zeug rhrte von mir her, nmlich Blut von
meinem Blut, von meinem Sohn. Konnte ich's nun bers Herz bringen, das dumme
Zeug unter die Leute laufen zu lassen? Also fix in die Tasche gegriffen und
Manteuffeln es machen lassen.
    Nu, das ist pfiffig gehandelt.
    Recht dumm, Herr von Dohleneck. Manteuffel glaubt zwar, er hat sie Alle
gekriegt, aber Eins oder das Andere ist doch unter den Tisch gefallen, und wer
das weg hat, giebt's nicht raus. Wird's nun erst bekannt, man kriegt keine mehr,
dann fallen sie drber her wie die Fliegen ber's Aas, Jeder will's lesen. Ist
das nun nicht eine pure Dummheit, hundert Thaler wegzuschmeien, damit ich was
Dummes erst recht in die Welt schicke!
    Das lag auer dem Departement des Rittmeisters. Er stellte ein leeres Glas
auf den Tisch: Herr! wissen Sie was? - Aber verrathen mssen Sie mich nicht.
Den einen dummen Streich wollen wir Ihnen repariren. Dem Legationsrath passen
wir Alle auf die Finger, und wenn er sich mal attrapiren lsst, dann soll er
Ihnen kein Kopfweh mehr machen. Der Kaufmann war aufgesprungen und fasste den
Rittmeister mit beiden Hnden, ich glaube es war nur an den Kragen; ursprnglich
war die Liebkosung den Ohren oder Backen zugedacht. Der Respekt lie die Hnde
tiefer sinken: Herr, sind Sie des Teufels! Keine Hand angerhrt an meinen
theuren Legationsrath! Wollen Sie mir fnftau - wissen Sie, wie hoch die Wechsel
sind? - Herr, Goldmann, da Dich! Nicht rhren an den Mann, bis - Wollen mich
doch nicht ruiniren? - Und Alles bleibt geheim, nicht wahr?
    Die Wnde werden nicht plaudern, sagte der Rittmeister. Ein deutscher
Handschlag, und der Rest der Flasche flo in das Glas des Offiziers. Also,
sagte der Kaufmann, indem er den bewussten Wechsel zum nicht geringen Befremden
des Offiziers wieder aus der Brusttasche zog, also auf wie lange wollen Sie
ihn prolongirt? - Denke auf neun Monat. Lieber Gott, in neun Monat, was ist da
nicht geboren! Mit einem raschen Schriftzug war die Prolongation erfolgt.
    Sie haben mir 'nen recht groen Gefallen gethan, schlo van Asten. Knnte
man alle Geschfte so schnell abwickeln! Passirt aber auch nur unter Freunden,
die sich ganz verstehen. Und wenn Sie sonst zur Equipage noch etwas bedrfen,
einhundert oder zweihundert Thlerchen, klingeln Sie nur, Spandauerstrae,
gleich um die Ecke, das dritte Haus, und dann links auf dem Hofe ist der
Eingang.

                          Zweiundvierzigstes Kapitel.



                                Fensterskizzen.

Es war ein grauer Herbsttag, an dem die Sonne nur dann und wann einen Blick auf
die Dcher von Potsdam warf. Der Wind wehte die gelben Bltter durch die
Straen; de sonst, heute belebt von Kpfen, Uniformen, Livreen aller Farben und
Muster, von Physiognomien, die den verschiedensten Nationen, ja Welttheilen
anzugehren schienen. Die Equipagen von Ministern, Generalen, von Gesandten und
fremden Prinzen, rollten unaufhrlich zwischen den Palsten und Wirthshusern,
und zu diesen Gsten von diplomatischem Charakter kamen aus der Hauptstadt
zahlreiche Postchaisen, Lohnfuhrwerke und jene langen und schmalen, ihrer Zeit
wohlbekannten Charlottenburger Korbwagen, deren magere und keuchende Pferde
zwlf Neugierige oder noch mehr aus der ersten auf ein Mal in der zweiten
Residenzstadt absetzten..
    Es musste ein groes Ereigni oder eine groe Erwartung sein, welche so
viele Berliner, und an einem Tage, den beschwerlichen Weg unternehmen lie. Ja,
Potsdam, das lange verdete, schien wieder der Mittelpunkt eines europischen
Lebens geworden. Man sah es an den Blicken, man hrte es am Geflster der
Gruppen, aber nicht an den laut gewordenen Reden. Denn wenn Zwei sich
begegneten, fragten sie nur: Haben Sie ihn schon gesehen? - Wenn ihn nicht,
den ritterlichen Gast, hatte man doch einen seiner silberumgrteten Kosacken
gesehen, die Strae auf, die Strae ab sprengten, angestaunt und bewundert von
Allen. Und es war doch auch sonst so viel auf den Straen zu sehen, was da
selten sich zeigt: die ersten Mnner des Staates, Militr und Civil, im Freien
promenirend, in den Hausthren, an den Ecken stehend. Es schien ein ffentliches
Leben in der Stadt Potsdam, und - es war keine Parade! So vornehm die Mnner und
Gste, waren doch nicht alle geladen, ja die wenigsten hatten in den
Appartements des Schlosses Zutritt, welche heute mehr dem huslichen und
Familienbeisammensein geffnet sein sollten. Aber gleiche Erwartung, Spannung,
ob und was sich entwickeln werde, hatte die Ersten und Hchsten hergetrieben.
Feldherren, Minister, und Kabinetsrthe, und nicht mit dem geheimnivollen
Nimbus der Autoritt und des Allesbesserwissens um die Stirn, suchten, wie die
Opferpriester im Pflug der Vgel, in den Mienen der Anderen, ob sie eingeweiht
waren. Es mussten Wenige eingeweiht sein. Die eben vom Schlosse zurckkamen,
antworteten, wenn Gruppen sich um sie bildeten, nur mit Achselzucken.
    Auch vornehme Damen standen an den geffneten Fenstern. Neugierig schweiften
die Blicke der Frstin Gargazin ber den Platz, und sie hrte nur halb, was der
Kammerherr von St. Real erzhlte. Er war im Schlosse gewesen und hatte aus dem
Vorzimmer einen flchtigen Blick auf das husliche Glck im Schoo des
Heiligthums geworfen.
    Was helfen uns Familienscenen, Kammerherr!
    Seine Majestt der Kaiser lieen zwei der kniglichen Kinder auf Ihren
Knieen reiten. Ihre Majestt die Knigin blickte mit verklrter Mutterfreude auf
das Bild.
    Das glaube ich; aber der Knig?
    Stand, die Hnde auf dem Rcken, daneben.
    Ernst wie immer?
    Nein, Seine Majestt lchelten. Alle meinten, das werde ein Unit, die nie
zerreien kann.
    Aber Andern die Geduld, warf die Frstin ein. Die Einigkeit da gefllt
mir besser. Sehen Sie, Haugwitz mit dem Erzherzog Arm in Arm.
    Sie scheinen in ein sehr ernsthaftes Gesprch verwickelt, bemerkte ein
Dritter am Fenster.
    Und Blcher schlgt hinter ihnen mit den Fen den Takt. Er kann kaum seine
Freude verbergen.
    Er sollte nur den Sbel nicht so klirren lassen! Lombard flankirt umher.
Ihm ist's nicht recht. Er mchte gar zu gern Haugwitz einen Wink geben.
    Sehen Sie die Position, die er einnimmt. Sie sehen Lombard noch nicht, so
sind sie vertieft. Jetzt mssen sie auf ihn stoen, und geben Sie Acht, wie er
sich wie ein Aal in ihr Gesprch schlngeln wird.
    Magnifique! rief die Frstin und klatschte ihre feinen Hnde unwillkrlich
zusammen. Ein rieselndes Gelchter der Umstehenden akkompagnirte ihre
Empfindungen. Der Erzherzog musste Lombard gesehen haben, und mit einer
geschickten und raschen Wendung bog er, kurz vor seinem Zusammentreffen, dem
Hinderni aus. Parbleu! Erlaucht, steht er nicht da wie eine Salzsule?
    Lombard verblfft,  c'est pour rire!
    Er recolligirt sich schon.
    Der rechte Mann um bonne mine au mauvais jeu zu machen. Aber sehen Sie
Rcheln dort an der Ecke. Wie ein steinerner Roland, und ein Gesicht, als htte
er in eine bittere Citrone gebissen.
    Das ist schlimm, wenn Rchel nicht zufrieden ist.
    Wie sollte er es sein, gndigste Frau, wenn Blcher vor ihm triumphirt!
    Ah, Monsieur de Bovillard! rief die Frstin mit holdseliger Stimme, ber
die Fensterbrstung gebeugt. Den! Die Kavaliere sahen sich verwundert an. Er
kommt wahrhaftig herauf.
    Meine Herren, von meinen Freunden erfahre ich nur, was ich wei, an unsere
Feinde mssen wir uns wenden, wenn wir lernen wollen, entgegnete die Frstin
rasch umgewandt, whrend der Mann, welchem die Bemerkung galt, schon die Treppe
herauf stieg: Tout , vos ordre, ma princesse! keuchte der Athemlose sich tief
verneigend.
    Wer ist beim Knig?
    Haugwitz, wie Sie sehen, promenirt mit dem Erzherzog. Vo geht in der
Antichambre verdrielich umher, und sagt zu den Einen Ja, zu den Andern Nein.
Hoym hat nur Augen fr die Knigin; er scheint im Vertrauen und wartet auf ihre
Winke. Schulenburg und Angern unterhalten sich mit den Adjutanten ber die
Viehzucht in der Krim. Kckeritz sagt zu Jedem, es werde Alles gut werden, wenn
man nur ruhig bleibt. Wittgenstein hat ein Paar vornehme Russen am Arm und
zischelte ihnen die geheime Geschichte einiger Hofdamen zu. Zur Radziwill war
Alexander sehr zuvorkommend. Sie ist ihm aber zu enthusiasmirt, hat mir im
Vertrauen Frst Woronzof gesagt. Er liebt die plastische Ruhe. Die Prinze
Marianne bewundert er um ihre Schnheit, sie ist ihm aber wieder zu plastisch
und klassisch. Comte Laura -
    Um Himmels Willen, das Kataster unserer Schnheiten ein andermal!
unterbrach ihn die Frstin.
    Aber die Knigin bleibt die Centifolie unter den Blumen, die Sonne unter
den Sternen. Und welcher getreue Unterthan wagte dem zu widersprechen?
    Beim Gesprch vor der Kinderscene, ich meine im Kabinet, war kein Minister
zugegen? Wo war Beyme? Ward Lombard von ihnen hinausgeschickt?
    Erlaucht, ich bin ja so unschuldig, wie ein neugeboren Kind, und, hol mich
der Geier - pardon! - sie sind's alle im Schlosse. Es druckst etwas, und will
nicht herausplatzen -
    Und der Allianztraktat? - platzte es bei der Frstin heraus.
    Steht noch nicht auf dem Papier.
    Die Frstin war nicht mehr Diplomatin, sie ging mit Heftigkeit auf und ab:
Und von der Stunde hngt es ab! - Ist denn solcher - mglich! Jung und -
    Die Bedchtigkeit ist doch eine schne Sache, fiel Bovillard ein.
    Ihr intriguirt doch hinter unserm Rcken, fuhr die Frstin auf, trotz
Beyme's Versprechen, das er der Radziwill geben musste, trotz des Gesprchs, was
Lombard neulich mit der Prinzessin Marianne hatte. Ihr lasst Haugwitz mit dem
Erzherzog Anton verhandeln, damit er von der wichtigern Unterhaltung mit
Alexander abgezogen wird. Hardenberg lasst Ihr einer reisenden Schauspielerin
mit Extrapost nachfliegen, da er noch nicht nach Potsdam zurck ist; Prinz
Louis zu einer opportunen Zeit dem Knig in den Weg treten, da er aufgebracht
werden musste. Stein, Gott wei, wo Ihr den in den Winkel gestellt habt. Kurz,
ich durchschaue alle Eure Rnke, und im wichtigsten Moment seines Lebens, wo er
Rath haben mu, ist es Euch gelungen, ihn mit Nullen und Pagoden zu umstellen.
    Wie Bovillard jetzt, aufrecht stehend, sie gro ansah, die Hand an der
Brust, htte der gewiegteste Psycholog geschworen, er meine es aufrichtig:
Erlauchte Prinzessin, die Flsse spielen um den Berg, aber, wenn der Berg den
Einfall bekommt einzustrzen, ist ihr Spiel aus. Einem Selbstherrscher aller
Reussen gegenber, der den Einfall bekommt, uns mit seinem hchst eigenen Besuch
zu berraschen, hrt unser Spiel auf. Der Gewalt weicht die Kunst. Jetzt spielen
hhere Mchte und wir fgen uns als Stoiker in das Unabnderliche.
    Es entstand eine Pause. Die Frstin hatte ihre Promenade noch nicht beendet:
Einer mu doch den Anfang machen! rief sie halb fr sich aus dem Chaos ihrer
Gedanken.
    Aber wenn der Eine es nicht geschickt anfngt, schickt er ihn fort sagte
Bovillard. So ging es Stein. Der Freiherr polterte mit einer Proklamation los,
die er in der Tasche trug, am Schweif eine Kriegserklrung. Majestt zogen die
Stirn und zuckten mit dem Arm. Stein sagte, was man wolle, msse man zeigen, und
was man zeige, msse man wollen. Majestt sagten, sie htten auch noch andre
Rthe, auch kluge Leute, auch treue Diener ihres Herrn, die er schon lnger
kenne als den Herrn von Stein, und die nicht gleich mit dem Kopf durch die Mauer
wollten. Zum Glck aplanirte der Kaiser mit einer liebenswrdigen Wendung den
Ri.
    Und Stein?
    Studirt im Lustgarten den Kunststil der Dryaden und Najaden.
    Hardenberg wre besser zum ersten Angriff gewesen. Wer denn nun? Johannes
Mller ist doch citirt, sagte die Frstin.
    Steht auch da, Erlaucht, mit der Feder in der Tasche, Dinte hat er auch,
aber das Papier will man ihm noch nicht geben. Lombard ist ja auch berufen, hat
auch die Feder gespitzt; je nach dem, franzsisch oder deutsch, hart oder
weich.
    Aber nachdem Stein abgeblitzt, mussten doch Majestt Ihre Meinung uern.
    Sie haben sie auch geuert. Das Wort Kriegserklrung so hart noch
herausgestoen, ohne Ueberzuckerung, hatten Majestt dermaen irritirt, da Ihro
Majestt die Knigin dem Kaiser einen Wink gab. Alexander verstand sie auch mit
einer admirablen Grazie. Nun ward der Krieg emballirt, in eine traurige
Eventualitt bersetzt, und unter dieser Umhllung passirte er wieder in der
Konversation. Wenn man nur den rechten Ernst zeige und nur zur rechten Zeit,
dann knne man sich der sichern Hoffnung hingeben -
    Da Bonaparte zu Kreuz kriecht! - O charmant! rief die Frstin, und dunkle
Lichter blitzten auf ihrem Gesicht, die wenig zu der zurechtgelegten Sanftmuth
passten. Darum von Petersburg nach Moskau geflogen, darum eine halbe Welt in
Aufruhr, darum diese kostbare Stunden in Potsdam! Um eine Ambassade, um eine
neue Konferenz, um Protokolle -
    Ohne Ambassade, Erlaucht, geht es nicht ab, mein kleiner Finger sagt es
mir.
    Die dem Korsen vorstellen soll, wie unbillig er gehandelt, ihm Moral
predigen und Unterricht im Vlkerrecht geben! Damit er sie, uns, alle, nicht
allein verachtet, besiegt, mit Fen tritt, nein, da er sie auch verlacht. Und
er hat recht.
    Der Major von Eisenhauch war schon whrend ihres Gesprchs eingetreten. Er
schien ber die Gesellschaft, die er hier fand, verwundert. Nun und Sie,
Major? Er zuckte die Achseln: Bis zum auerordentlichen Gesandten ist man
gekommen. Er soll morgen abreisen.
    Mit welchen Bedingungen?
    Man spricht davon, der Luneviller Friede soll zum Grunde gelegt werden.
    Die kann Bonaparte nicht annehmen, sagte die Frstin rasch. Das wre also
so gut wie Krieg. Aber wer wird zu ihm gesandt?
    Haugwitz.
    In den Gesichtszgen der Anwesenden war Ueberraschung, vielleicht etwas
mehr, Entrstung, Schreck zu lesen. Eine sprachlose Pause. Ist das auch das
Spiel der hheren Mchte? fragte die Gargazin mit einem bittern Blick auf
Bovillard, der verstummte. Der Major antwortete statt seiner: Seiner Majestt
eigener Wille. Niemand hatte natrlich an Haugwitz gedacht. Sie mgen denken,
wie es auf Alle gewirkt. Aber des Knigs Gerechtigkeitsgefhl spielte mit.
    Sagen Sie - ach, mir fehlen auch die Worte dafr. Er schickt den, der unter
jeder Bedingung nach dem Frieden greift.
    Warum nicht den, bemerkte Bovillard bescheiden, der Napoleon persnlich
angenehm ist. Zum Vermitteln schickt man doch nicht widerwrtige Geschpfe.
    Um Vergebung, nahm der Major das Wort, ich glaube vielmehr, da das des
Monarchen eigenthmlicher Sinn war. Er wollte dem, welchen er durch einen
gefassten Beschlu gekrnkt, durch sein Vertrauen es vergtigen. Uebrigens ich
glaube jetzt auch an Haugwitz. Er geht nicht gern, aber er geht. Der Erzherzog,
der Kaiser, von allen Seiten berschttet man ihn mit schmeichelhafter
Aufmerksamkeit. Auch contre-coeur ist er verstrickt.
    Meine Herren, erhob sich die Frstin, die Personen sind am Ende
gleichgltig. Aber wo ist der Wille? Was ist beschlossen? Wann reist Haugwitz?
Mit Courierpferden? Wohin? Welchen Termin soll er dem Usurpator setzen? Wenn er
nein sagt, wann stoen unsere Heere zusammen? Wo? Wo ist der Plan? Wo der
Traktat? Fehlt es in Potsdam an Papier? Eine Feder kritzelt zu langsam. Mit
Blitzen msste man schreiben. Denn der Attila reitet auf Blitzen. Sie sah sich
vergebens nach einem Aufblitzen in den Mienen um. Die Herren zuckten die
Achseln. Man blickte ziemlich rathlos zum Fenster hinaus. Auch dort waren nur
fragende Gesichter.
    Kckeritz kommt aus dem Schlosse!
    Rchel packt ihn. Wie hastig sie sprechen!
    Rchel ist auer sich. Er kneift den armen Kckeritz ordentlich in den
Arm.
    O weh, seine Nachrichten mssen schlimm lauten.
    Aber man sprach sich Trost zu. Es sei gut, da man die Hitzigen aus der
nchsten Umgebung zu entfernen gewusst. Die Radziwill und ihr Bruder htten
durch ein Wort alles verderben knnen. Die Knigin operirte verstndig und im
Einverstndni; mit dem Kaiser. Sie leiteten klugerweise das Gesprch auf
gleichgiltige, aber dem Knig angenehme Dinge, um in der Gunst der Stunde auf
die Sache einzulenken. Dann lasse sich oft das Schwierigste in einem Augenblick
abthun.
    Und wer kann sich rhmen, da er der Liebenswrdigkeit eines Alexander auf
die Lnge widerstanden hat! bemerkte ein Begleiter der Frstin mit einem feinen
Seitenblick, der trotz der Aufregung verstanden ward.
    Es hatte sich noch Jemand in der Gesellschaft eingefunden, entweder jetzt
erst, oder er befand sich schon eine Weile unbemerkt im Zimmer, das einer
gemeinschaftlichen Schauloge hnlich schien. Vom letzten Fenster wandte sich der
Legationsrath von Wandel zu dem Sprechenden um: Wir drften uns die klugen
Leiter dieses Tages zum Beispiel nehmen und wie sie die Ungeduldigen, unsere
eigene Ungeduld zurechtweisen. Wenn man auch schon einig wre, wrde man einen
geheimen Traktat vor aller Augen abschlieen? Halb Berlin ist hier versammelt,
die Ohren und Augen dringen bis durch die Mauern des Schlosses. Auerdem kennen
wir alle die Scheu Seiner Majestt vor der Publicitt. Man hat gewi diesen Tag
in Potsdam nicht ohne Absicht gewhlt, aber nicht auf diesen Strom von
Zuschauern gerechnet. Mich dnkt es ist sehr klug, da man nun den Tag
verstreichen lsst, um den Abend abzuwarten.
    Wissen Sie etwas? Die Frstin trat mit ihm bei Seite.
    Eigentlich nichts. Man unterminirt und weicht aus. Alexander sucht ihm die
Eventualitt als gar nicht so gefhrlich zu schildern. Es werde mit einer
Entscheidungsschlacht abgethan sein. Wenn die drei vereinigten Heere zusammen
agirten, msse man den schon Geschwchten zerdrcken, wie er den Mack bei Ulm
    Und er rechnet aus die Leichen und das Blut!
    Dann meint Alexander, es werde vielleicht in dem Falle gar nicht zum
Blutvergieen kommen; umzingelt, ohne Rettung, ohne Aussicht, werde er sich auf
Gnade ergeben.
    Charmant! Majestt unser gndigster Kaiser malen ihm auch vielleicht die
Seligkeit der Gromuth. Wie sie den Besiegten aufheben, ihn an ihre Brust
drcken wollen, wie Karl den Wittekind, ihn ihrer Liebe versichern und ihm ein
bescheidenes Kaiserthum zuweisen. Nicht wahr, Majestt Napoleon werde gerhrt
von so viel Gromuth in Thrnen ausbrechen, da er sich in seinen wahren
Freunden getuscht, mit ihnen in einem heiligen Bunde geloben, fortan nur fr
das Wohl der Menschheit zu wirken. Und so weiter.
    Vergessen Erlaucht nicht: der Knig ist ein gerechter Mann und ein Mann von
Takt. Durch Illusionen lsst er sich nicht bestechen.
    Bestechlich ist Jeder. Man mu nur viel und das Rechte bieten.
    Ihr Kaiser schien vergessen zu haben, da der Knig vor Napoleon Respekt
hat. Friedrich Wilhelm erinnerte ihn, da er ein groer Feldherr sei, dem Gott
Siege verliehen, und nur Siege, auch jetzt ein gekrnter Frst, den er
anerkannt, da er Vertrge mit ihm geschlossen, die ihm immer und auch dann noch
heilig seien, wenn der Andere sie verletzt -
    Wirklich! Und -
    Da schien die Knigin der Bock einen Wink gegeben zu haben. Sie trat mit
einem der jngsten Kinder herein.
    Et cetera, rief die Frstin ungeduldig. Und nach dieser Kinderscene, was
kam da fr eine neue?
    Nachdem man wieder weich geworden, stellten Ihro Majestt ihrem Gemahl vor,
ob nur Bonaparte vor Gott mit Siegen gekrnt, ob nur er Kronen trage, ob man um
seiner Feinde willen seine Freunde vergessen drfe? Ob er einen besseren Freund
habe als Alexander? Ob irgend ein anderer Freund so gtig seine herben Launen
wrde hingenommen haben? Was er sagen wrde, wenn der Kaiser aufgebracht, das
Zimmer verlassen, sich in den Wagen geworfen und aufgebrochen wre? Und was die
Welt dazu sagen wrde, wenn Alexander - nach solchem Embarras, scheide, breche?
Ob das nicht ein Bruch mit Ruland, mit den Alliirten wre? Ob Napoleon
wenigstens das nicht so ansehen msse? Ob er mit Gewalt in dessen Arme wolle
gestoen sein?
    Der Legationsrath neigte sich zum Ohr der Frstin: Ein moralischer Koup.
Irgend eine Attrape - um Mitternacht meint man. Worin sie bestehen wird, ist
noch Geheimni.
    Doch keine Geisterscheinung! Die Frstin sah ihn mitrauisch an. Die
kmen im Jahre 1805 um zehn zu spt. Und woher wissen Sie es?
    Der Legationsrath beugte sich wieder aus Ohr der Frstin, als die Thr
aufgerissen ward, und der Jger herein rief: Excellenz, Minister Laforest!
    Laforest! hallte es leise wider von den Lippen; die Gesichter schienen zu
erblassen wie vor einer Geistererscheinung. Aber Laforest's Eintritt
verscheuchte den Eindruck. Ihm voraus sprang ein groes schnes Windspiel; er
selbst im eleganten hellen Neglig-Ueberrock glich mehr einem Englnder als
einem Franzosen; nonchalant und heiter, warf er leicht grend seine Blicke im
Kreise umher, nachdem er vor der Frstin sich verbindlich geneigt.
    Herr von Laforest in Potsdam - das ist ja eine unerwartete Ueberraschung!
sagte diese.
    Sie meinen, weil Duroc abgereist ist, msste ich auch Psse erhalten.
Durocs Mission war Krieg, meine Frieden. Der Krieg geht ab, der Friede bleibt.
Gndigste Frau, das ist der Vorzug eines ordentlichen Gesandten, der sich um
auerordentliche Dinge nicht zu kmmern hat.
    Excellenz haben vermuthlich doch die Dinge sehr nahe betrachtet?
    Ich kam auf dem Umweg ber Sanssouei. Das herbstliche Laub giebt eine
wunderliche Schattirung. Sie sollten dahin einen Ausflug machen. Herr von Stein
ging an mir vorber, ohne mich zu sehen. Ich mache nun wirklich nicht Ansprche
ein Menschenkenner zu sein, aber ein ABC-Schler konnte auf seinem Gesicht
lesen, da seine Kriegsplne nicht durchgegangen sind. Ein Biedermann, ein
scharfer Verstand, mit einem Wort ein Kraftgenie, dieser Herr von Stein.
Wirklich schade, da er ein Ideologe ist.
    Haben Sie gute Nachricht von Ihrem Kaiser? Seine Majestt befinden sich
doch in erwnschtem Wohlsein?
    Er erwartet mit Sehnsucht den Ambassadeur aus Berlin. Sie mssen wissen,
Kaiserin Josephine bewundert Kaiser Alexander in der Stille um seine Humanitt,
seine Ritterlichkeit. Sie mchte ihn gern von Angesicht sehen -
    Mein Kaiser Alexander ist zu galant, als da er dem Wunsch einer reizenden
Dame nicht gern entgegen kme.
    Auf das Entgegenkommen kommt es ja nur an, in allen Dingen.
    Das fehlte noch, da uns Napoleon hier berraschte! rief unwillkrlich
Major Eisenhauch.
    Der Gesandte schien es gehrt zu haben: Aber nichts von Ueberraschung in so
ernsten Dingen. Ein neutraler Ort in der Mitte, der findet sich ja leicht zum
Frstenkongre. Drei, vier edle Monarchen, und noch edlere Menschen, begleitet
von schnen Frstinnen, holden Frauen, in deren Augen der Thau des Mitgefhls
fr Menschenleiden perlt, und in ihren Hnden ruhend das Schicksal des
Kontinents! Was giebt es Schneres? Einen Dichter knnte es begeistern zu einer
Ode. Leider sind Diplomaten keine Dichter. Tiras, Attention!
    Wohin? Laforest war aufgestanden, der Hund sprang an ihn herauf:
Wittgenstein lie mich dringend auf einen Augenblick bitten. Was wird es sein?
Eine neue chronique scandaleuse. - Berlin ist von Ihrem Kaiser enchantirt. Wei
man noch gar nichts, wo sein Auge hasten blieb?
    Wohin sehen Excellenz?
    Prchtig! - Das sind die Shne der Natur, Prinzessin! Besonders der ltere
mit dem rthlichen Bart.
    Ach, die beiden Donischen Kosacken, seine Begleiter!
    Solche Ursprnglichkeit! Das erquickt das Auge. Wie zusammengewachsen mit
ihren Pferden. Kein Blick der Neugier auf die Tausende, welche sie angaffen.
Herr von Eisenhauch seufzt - gewi ber unsere Entartung. Ja, von den Shnen der
Steppe knnte wieder frisches Blut in unser Geschlecht kommen.
    Der Kaiser reitet jetzt wahrscheinlich aus, sagte der Kammerherr.
    Wenn Kaiser Napoleon uns mit seinem Besuch erfreuen sollte, sprach der
Major, wird er uns doch auch mit seinem treuen Rustan berraschen.
    Hier braucht er keine Mamelucken, fiel Laforest rasch ein.
    Im Vaterlande der Humanitt schtzt ihn Ruhe und Ordnung. Er hat es oft
gesagt, in Berlin wrde er allein, ohne Waffen, ohne Begleitung in der Dmmerung
durch die Winkelgassen reiten.
    Ein ehrenvolles Attest fr uns! bemerkte St. Real. Gewi! stimmten Alle
ein.
    Wenn es seine irdische Krone verlre, htte Preuen auf die himmlische
Anspruch, die den Friedfertigen verheien ist.
    Wir sind Feinde, Herr von Eisenhauch, wandte sich Laforest zum Sprecher,
whrend die Frstin zum Fenster hinaussah. Feinde, aber in Einem kommen Sie
doch mit mir berein?
    Ich gebe nichts auf.
    Auch nicht die Hoffnung, da man hier noch Politik machen kann?
    Der Jubel drauen galt dem Erscheinen des ritterlichen Kaisers. Zwei Schritt
begleitete die Frstin den Gesandten; seine Miene schien ihr noch etwas
mittheilen zu wollen. Was soll's noch, Excellenz! Die Orlogfahne flattert.
    Sie kann wieder abgenommen werden.
    Jetzt nicht mehr.
    Aber spter.
    Die Kluft ist zu gro.
    Ueber die tiefste wei die Diplomatie Brcken zu schlagen, wenn das
Interesse es fordert. Wir sind Feinde, in Einem kommen Sie aber doch mit mir
berein?
    Keine Allianz! rief sie mit nervser Heftigkeit.
    Mit den Ideologen oder Germanomanen. Ich bin kein Dichter, aber vielleicht
ein Prophet. Ich sehe die Brcke gespannt, die Ruland und Frankreich einst
verbindet.
    Was wollte Laforest eigentlich? fragte ein Russe, nachdem der Kaiser
vorber geritten, und die Gesellschaft sich wieder schweigend zusammen fand.
    Auf die Frechheit den Hohn setzen! rief Eisenhauch.
    Belauscht hat er wenigstens nichts, was er nicht schon wei, versicherte
Bovillard.
    Der Legationsrath erwiderte: Vielleicht nur uns beschftigt, um unsere
Aufmerksamkeit von dem abzuziehen, was wir nicht wissen sollen. Die erlauchte
Frau steht in Gedanken versunken?
    Ueber dem aufgewhlten Chaos hinzutnzeln wie auf Blumenwiesen ist die
Kunst dieses Lebens, sagte die Frstin Gargazin. Wer immer die Risse she und
die zngelnden Flammen! - Ich liebe die Diplomaten, welche in jeder Situation
die Dehors beobachten.
    Frau Baronin Eitelbach! meldete der Jger.
    Unausstehlich, schien auf den schwellenden Lippen der sanften Frau
geschrieben; aber ber die Lippen kamen nur die halb verhallenden Worte: Auch
die jetzt! Und wir stehen auf Kohlen! wobei ein strafender Blick auf den
Legationsrath fiel; der aber blieb bis auf ein leises Achselzucken unbeweglich.
Es war die Protestation der Unschuld. Sehr willkommen! sagte die Frstin laut,
und als die Gemeldete eintrat, war der Schauer des Unmuths von Lippen und Stirn
verschwunden, oder versteckt in dem herzlichen Embrassement.
    Auch meine liebe Baronin! Ich wei nicht, ob die Ueberraschung grer ist
oder die Freude!

                          Dreiundvierzigstes Kapitel.



                          Das Gespenst von Sanssonci.

Theilten nur die mit Sternen und Bndern die fieberhafte Stimmung? Auch unter
dem schlichten Brgerrock schlugen warme Herzen, bang, sehnsuchtsvoll, der
Entscheidung entgegen. Nicht Alle vielleicht, nicht Viele unter Vielen, aber
Alle fhlten, was es galt. Wenn nicht das Vaterland selbst, doch seine
gefhrdete Ehre. Und es war eine mchtige Blutstrmung damals, weil der Glaube
sie trug, da sie unerschtterlich stehe am Firmament, angefestet mit dem
Gestirn, das Friedrichs Ehre heit.
    Unter Denen, die in dem langen Korbwagen aus Berlin gekommen, wusste man
gewi so wenig von dem, was im Schlosse vorging, als die in glnzenden Equipagen
und mit blasenden Postzgen herbergerollt, es wussten. Und doch, obgleich ihre
Ohren nicht so fein gespitzt, ihre Augen nicht so geschrft waren, um aus dem
Schtteln einer Handkrause Schlsse zu ziehen, was den Mann in dem Augenblick
bewegte, der das Hemde trug, obgleich alle die feinern Vermittelungen, Organe
und Bezge ihnen abgingen, welche die Erwhlten mit dem in Verbindung setzen,
was ihnen als Herz gilt, doch wussten diese Massen weit mehr als Jene. Ein
Tropfen Blut frbt ein Glas mit Wasser, ein Wort, eine hingestreute Nachricht,
durchfliegt, bewegt, entzndet die Massen. Jene ben die Kritik der Phantasie,
um ihre Denkkraft zu zersplittern bis zur Nichtigkeit, Diese lassen sich
berauschen von einem Wink, Blick, Schall, ohne ihn zu prfen. Jene legen die
Empfngni auf einen Destillirkolben, der auch den Diamant in Rauch zersetzt,
bei Diesen fllt sie in den Zauberkessel des Glaubens, und steigt und schwillt
zu einem riesigen Dunstphantom in die Lfte.
    Warum konnte denn Kaiser Alexander nach Berlin gekommen sein, warum hatte
man ihn nach Potsdam feierlich abgeholt? Warum hatten sich die hohen
Herrschaften als Familie abgeschlossen? Warum war der Erzherzog Anton da, und
die hohe Generalitt in Gala? Es mu eine systematische Depravation vorgegangen
sein, wenn das Volk bei auerordentlichen Akten an eine Komdie denken soll. Es
war Vieles in Preuen vorangegangen, was das Volk geschmerzt, gekrnkt, es hatte
viele Mnner hassen gelernt, und hielt andere fr fhig, es tuschen und
verrathen zu wollen, aber das die hchsten Behrden, Minister und Generale, die
Regierung in ihrer Gesammtheit, da der Hof, der Knig und der Kaiser ein groes
Schauspiel vor ihm auffhre, hinter dem eine andre Wahrheit lauert, als die
sichtbare, das hielt damals das Preuische Volk fr unmglich. Es glaubte an die
Wahrheit wie an die Ehre seines Staates.
    Weil es glaubte, war es froh. In der Freude das Maa der Schnheit
beobachten ist nicht allen Vlkern gegeben. Die Lustigkeit brach roh heraus.
Wenn der Kosack die Peitsche wirbelte, jubelten sie ihn an, sein Hurrah
erwidernd: Los auf die Franzosen! Man reichte den Shnen des Don die
Schnapsflaschen. Die Flaschen gingen auch im Volk von Mund zu Munde. Des alten
Fritz Name, der Name Robach schallten unter einem Gelchter, da Manchem die
schnen Namen in der Gesellschaft leid thun konnten.
    Das musste auch Einem so gehen, der sich unter die dichtesten Haufen
gemischt; er wollte die Volksstimme hren. Aber Walter van Asten fand nirgend
die Volkstimme, die er suchte. Ihm schien die Freude emprend, mit der man dem
Kosacken die Hnde schttelte, seine Stiefel, Sporen betastete, den Schweif
seines Rosses streichelte. Einer im Haufen machte den Spavogel. Mit wankenden
Fen und rothaufgedunsenem Gesicht, malte er den Zuschauern, wie Napoleon bei
Nobach laufen wrde, wofr schallendes Gelchter und Jubel ihn belohnte.
    Wo waren denn die Patrioten, die Walter suchte? Er musste in einer bsen
Stimmung sein; wo er ging, wohin sein Auge fiel, sah er nicht was er erwartet.
Im Volke Rohheit, bldsinnige Hoffnungen, in den Andern verbissene Wuth,
militrischen Uebermuth oder Kammerherrngesichter.
    Er hatte auf ein Schauspiel gehofft, auf eines, das aufgehn werde, wie die
Sonne am Frhlingsmorgen, auf einen Auferstehungstag des Preuischen Volkes.
Wenn die Trommel wirbelte, eine Reiterschaar durch die Straen sprengte, Aller
Augen nach dem Schlosse sich wandten, wenn dann - die Fenster aufgerissen, der
Knig an die Brstung trte, an der Hand die schne Knigin, zur Seite der
ritterliche Freund. Wenn er an die Brust fasste, die Hand zum Schwur gen Himmel
hob: Gott sei mein Zeuge, ich kann nicht anders. Was ich gethan, er wei es, um
die blutige Entscheidung zu sparen. Er wollte sie mir nicht sparen. Mein Volk,
es ist kein Krieg um eitlen Vortheil, es gilt die Erhaltung deiner selbst,
unsrer theuer errungenen Selbststndigkeit, es gilt Preuens mit Fen getretene
Ehe, es gilt den Augenblick, den nichts zurckkauft. Mein Volk, es gilt unser
Dasein. Dies Wort ist Krieg und mein Volk wird zu mir stehen! - Und das Volk
wre mit einer Stimme, mit einem Laut in des Knigs Worte eingefallen. Dann
htten Thrnen perlen mgen im festesten Auge, dann Jeder an die Brust des
Andern fallen, dann die Arme sich zum Schwur erheben, ein Laut in die Wolken,
nicht Jubel, Freude, Musik, ein Laut der Einigkeit zwischen Frst und Volk.
    Die Trommel wirbelte oft, es blieben Prludien. Kavallerieschaaren preschten
flimmernd und klirrend durch die Straen, es war der Wind, der im Aehrenfelde
rauscht. Nur eine Melodie summte alle Viertelstunde ihm in die Ohren, das
Glockenspiel auf dem Thurme:

Ueb' immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein stilles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab.

    Er folgte den welken Blttern, die der Wind vor seinen Fen trieb; ihm
gleich wohin. Er folgte ihnen aus der Stadt, hinaus aufs Feld, auf die Hhen.
Ehe er es selbst wusste, stand er auf dem Ruinenberge, der das unter ihm
liegende Sanssouei und die noch tiefere Stadt beherrscht. Die Laune des groen
Knigs baute Trmmerwnde eines rmischen Cirkus hierher, die Arena sollte das
Wasserreservoir werden, aus dem die Fontainen in Sanssouei und der Stadt
gespeist wrden. Das Werk milang, und der Knig gab es auf. Er war mde
geworden des Kampfes mit den Menschen und der Natur. Die knstliche Ruine, von
Unkraut berwuchert, von aufschieenden Kiefernbumen umstanden, war selbst
wieder zur natrlichen geworden. Die eisernen Rhren, zerschlagen, waren als
Prellpfeiler an den Straen benutzt.
    Walther lehnte sich an eine Arcade. Grau lag Gegend und Stadt vor seinen
Fen; von den geputzten Menschen drang kein bunter Flimmer ber die Dcher, vom
Gerusch kein Ton herauf. Er war einsam, nur die Krhen schwirrten um die
Kiefern. Kalt die Luft, grau der Himmel, grau war es in ihm.
    Es war grau nicht seit heute erst. Mit geschlossenen Augen verfolgte er ein
Schauspiel; die Trume seiner Jugend gingen an ihm vorber. Der Ehrgeiz, der
schon in des Knaben Brust gespielt, wie oft hatte er sie geschwellt, wonach
hatte er nicht die Hand gestreckt! Was war jetzt sein? Wie vieles davon hatte
er, mit mnnlichem Entschlu, es nie wieder anzusehen, selbst in die
Rumpelkammer verschlossen. Die Dichterlerche wollte wirbelnd in die Lfte
steigen; hatte er nicht getrumt von Lorbeerkrnzen und seinen Namen an die
Sulen geschrieben gesehen, wo die glnzendsten stehen! Eine Schamrthe flog
ber seine Wangen. Dann - und dann, es waren Schaumwellen, und er lchelte. Aber
er lchelte nicht mehr bei einem andern Gedanken, seine Hand presste sich
krampfhaft an die Brust: Und auch das knnte ein Traum gewesen sein? - Liebt sie
dich denn? - Er wollte die Frage, die wie Hammerschlge auf sein Herz pochte,
fortdrngen, was gehrte sie hierher! Er glaubte sie heut wenigstens berwltigt
zu haben; andere Gedanken hatten ihn hergetrieben. Aber wie neckisches Echo rief
sie wieder aus jedem Winkel.
    Endlich schwieg das Echo, aber er sann einer anderen Frage nach, und seine
Brust hob sich wieder: War das strflicher Ehrgeiz, Jugenddnkel? Ist es mir den
Adlern erlaubt aus der Wolkenhhe auf die Erde zu schauen? Dringt des Menschen
Geist nicht tiefer in die geschaffenen Dinge, fliegt er nicht hher als der
Vogel? Was tiefer, hher! War das Ehrgeiz, da er ein tiefes Uebel des
Gemeinwesens erkannt, da der Drang ihn bermannt, es vor der Welt hinzustellen
und zu rufen: Helft, und so knnt ihr helfen! Wie ernst geprft, studirt hatte
er, dann nach vollster Ueberzeugung seine Gedanken ausgesprochen: so klar,
deutlich; es musste ja Jedem, der die Augen nicht verschlieen will,
einleuchten. Und wo er anklopfte, verschlossene Thren; wo er sprach, lchelte
man. Hatte ihn Jemand widerlegt? Man hatte von schnen Gedanken gesprochen, aber
wie die Welt sei, blieben es ja doch nur Chimren. Sie htten die ganze Welt
fr eine Chimre erklrt, wenn der Schpfer, ehe er das Werde sprach, die klugen
Leute befragt htte!
    Und seine Schrift! War ihm nicht das seltsame begegnet, da der Verleger,
Herr Mittler auf der Stechbahn schon nach einigen Tagen, als er sich einige
Exemplare zurckholen wollte, ihm lchelnd erklrt, da sie smmtlich vergriffen
wren? - Verkauft? Alle bis auf das letzte, und - Niemand in der ganzen Stadt
sprach davon! Weil es wenige politische Schriften jener Zeit gab, erregten sonst
auch die unbedeutenderen Aufsehen, und von seiner wusste Niemand, Niemand fragte
ihn danach, keine Zeitung hatte sie erwhnt! -
    Sein Auge streifte nach den Krhen hinaus. Dachte er an die Mrchen von
Raben, welche gestohlene Pretiosen in ihre Nester tragen? Da blinkte es
allerdings golden in dem Krhenneste zu seinen Hupten, aber es war ein
Nachmittagstrahl, der das rauhe Geflecht anrthete. Die Wolken waren gebrochen,
und die Sonne go mit gesparter Kraft ihren Goldschein auf einen Theil der
Gegend. Sanssouei mit seinen Metallkuppeln fing den vollsten Strahl auf. Die
Schnrkelspitzen der Dcher glhten, es musste warm werden auf der Terrasse,
warm wie ein spter Herbsttag es zulsst, und Waltern frstelte auf der windigen
Hhe.
    Die Thore waren geffnet und unbewacht. Die Wege waren mit welkem Laub
berstreut. Das Knistern seiner Schritte rief kein lebendes Wesen herbei; wen
seine Beine trugen, war nach der Stadt gewandert. Ja, es war laue Luft auf der
Terrasse und Walter mde. Er setzte sich auf einen der Steine, unter denen
Friedrichs Hunde ruhen. Es stand ein verwitterter Name darauf. Ob unter Allen,
die jetzt lebten, einer das Thier gekannt, das ihn trug! Und doch hat sein Name
Antwartschaft auf Unsterblichkeit!
    Die Orangerie war lngst in die Glashuser geschafft, es sah leer, wst und
zerstrt aus. Nur einige von den Riesenkrbis, die man nicht der Mhe werth
hielt fortzutragen, faulten am Boden. Die hohen, bis zur Erde reichenden
Glasfenster des Palastes waren golden von der Sonne angeglht. Der Reflex des
Lichtes blendete ihn, und doch sah er immer wieder hin: als wren es seine
groen Augen!
    Wenn diese Augen herab shen, wenn sein Geist jetzt in den den Slen
wandelte! Wenn das zur Strafe an der Schwelle der Ewigkeit dem Grten seines
Jahrhunderts diktirt wre, zurckzukehren als Schemen und zu sehen, hren,
einzuschlrfen den Schmerz, wie Staub und Wetter, Moos und Rost seine Schpfung
umzogen! Noch nicht zwanzig Jahre vergangen, und wo war seine Herrlichkeit!
    Klopfte es nicht an die Fenster, war es nicht sein Finger, der voll Unmuth
dagegen hmmerte? - Auch die krperlosen Wesen haben nicht die Macht, sie sind
nur der Schwamm, der die Feuchtigkeit der Luft einsaugt, die Aeolsharfe, die vom
Wind bewegt wird, die Seele, die den Weltschmerz empfangen mu; aber keine
Thrne, kein Wehruf, nicht das Blinken der Augenwimpern ist ihnen vergnnt,
ihren eigenen Schmerz den Lebendigen kund zu geben!
    Walter war ein Romantiker gewesen, an Geister glauben, war damals sein
errungenes Recht. Aber an Friedrichs Geist glaubten die Romantiker nicht. Das
Licht des achtzehnten Jahrhunderts war ein anderes, ein knstliches, selbst
verfertigtes von einem nchternen Geschlechte, blasse Strahlen werfend wie Mond
und Nordlicht, keine Wrme verbreitend. So hatten sie gelehrt, so hatte er
geglaubt. An einem andern Lichte msse der Geist entzndet werden, an einem
andern Feuer das Blut erwarmen. Nicht durch die Vernunft, numine afflatur der
Geist. So steigt er in die Hhen der Seligkeit, wo das Auge trinkt aus einem
Silbermeer der Wahrheit und Gnade, bis es trunken wird von Klarheit und Wonne.
So hatten sie gelehrt und er hatte geglaubt. Dazwischen lagen freilich Jahre,
und andere Gedanken hatten wie der Widerschein eines Weltbrandes in seiner Seele
gezuckt. Was er noch lehrte, glaubte er nicht mehr, und was er glaubte lehrte er
nicht mehr. - Ist denn nicht alles Licht aus einem Quell, der Funke, den der
Titane stahl aus dem verschlossenen Schatz der Ewigen, und keine Fluthen, die
der Himmel herabgiet, lschen es mehr! Dort mattes, frostiges Licht, es wrmt
nicht; hier zngelnder Flammenschein, er sengt, verwirrt dich, sein Feuerhauch
verzehrt dich vielleicht. Was ist besser? Seitdem war er aus der Schule ins
Leben bergegangen. Er hatte aus der Pflanze, aus dem Stein ihr Licht gezogen;
er suchte wieder nach einem, aus dem alle Lichter kommen und das Leuchten in
allen Zeiten.
    Aber das Licht, das aus Friedrich leuchtete, war ihm ein kalter Schein
geblieben. Man sagt, wer ein Romantiker gewesen, wer einmal aus dem Zauberquell
getrunken, und aus der Erde die geheimnivolle Wurzel ri, der hre immer summen
und klingen die Zauberweisen, die ewigen Klagen und das ewige Hohngelchter der
Natur, die nach Erlsung chzt; es sei der Venusberg, der sich immer wieder
aufthut Dem, der aus ihm entronnen: sagen die Verstndigen. Aber ich liebe die
Schatten der Wlder, wenn mir zu hei ward zwischen den Gluthfen und ihren
dampfenden Schornsteinen, unter dem Strahl der Saaten-reifenden Mittagssonne.
Dann strecke ich mich auf das schwellende Grn unter ihren Riesensten, und
lausche dem Vogelgesang, dem Rieseln der Quelle, die an ihren Wurzeln spielt.
Die Vgel und die Quellen singen: Und wurden diese Bume denn geboren, als es
Nacht war, weckte nicht auch sie der lebenzeugende Strahl aus dem Scho der
Erde, strebten sie nicht zum Licht und breiteten ihre Wipfel nach dem
Sonnenreich! Wehe dem armen ausgebrannten Menschengeschlechte wenn es auch gar
nichts mehr hrt von dem Rauschen der Zauberwlder.
    So dachte vielleicht der ehemalige Romantiker Walter van Asten. Und
Friedrichs Erscheinung war ihm wie die eines belwollenden Gnomen, in eine Welt
gesetzt zu der er nicht passte. Da sa er auf der Brunnenrhre - das Bild kam
ihm wohl von dem bekannten, der Knig nach dem Tage von Collin - den Dreimaster
verschoben auf den schlecht gepuderten Locken und zeichnete mit dem Stock
Figuren. Der Tabak lag dick auf seiner Schoweste, die Augen whlten glanzlos im
Sande; er hatte keine fr die liebende Theilnahme seiner Genossen, die
ngstlichen Blickes um ihn standen. Und wenn dieser Friedrich eine Welt in sich
trug, so war es vielleicht eine aus einem anderen Jahrhundert, aus anderen Zonen
ber dem Ocean. Er war verfrht und isolirt auf dieser Scholle. Die Freunde der
Jugend, wenn er deren gehabt, hatten die Wellen der Jahre fortgesplt; er sa,
ein eigensinniger Greis, der nur auf sich hrte, mitrauisch gegen Alle, ein
Einsiedler in der neuen Welt, die nicht mehr seine war. Seine groen Augen sahen
nicht den Wechsel der Geschlechter, nicht neue Jugend um sich, und andere Ideen,
die mchtig sich empor rangen aus dem Deutschen Volke.
    Was she denn jetzt dies groe Auge? rief er unwillkrlich laut. Aber als
er seines aufschlug sah er eine Erscheinung. Unfern von ihm auf einem anderen
Steine sa Friedrich. Uebergebckt, die Locken berschattet von der schiefen
Spitze des alten Hutes, zeichnete er mit dem Stock im Sande. - Die Erscheinung
verschwand nicht, als Walter die vom Sonnenlicht geblendeten Augen rieb; es
waren aber nicht Friedrichs Augen, als die Erscheinung den Kopf wandte und ihn
fragend ansah.
    Des groen Knigs Auge, meinen Sie? sagte der alte Mann, und ein Seufzer
machte sich Luft. Er war ein Militr aus Friedrichs Zeit, und Walter wegen
seiner Tuschung zu entschuldigen, wenn nicht schon der Abendsonnenflimmer und
die Trumereien es bernommen. Der Typus eines bedeutenden Mannes drckt sich
unwillkrlich seinen Dienern und Bewunderern auf.
    Es giebt Momente, wo zwei Unbekannte sich ihre Gedanken ablesen, ehe sie ein
Wort gewechselt. Der Blick und die Physiognomie allein thun es nicht; es ist der
Ort, die Stunde, das Licht, die Luftschwere oder deren Leichtigkeit. Sie knnen
Jahre lang sich begegnen, Worte tauschen, und bleiben sich doch fremd, es ist
der Zauber des Augenblicks, welcher die Seelen aufschliet.
    Der Weg zum Gesprch war kurz, wo Beide sich entgegen kamen.
    Was war denn ein Vaterland, rief der Major mit dem Stock in die Erde
bohrend, als er die Franzosen lieben lernte, was sie ihm jetzt zum Verbrechen
machen! Ich alter Mann lese nicht viel neue Bcher, doch aber einige, und ich
lese es mit Schmerz, wie die Jugend den Einzigen richten will. Wie war es denn
damals? Sehen Sie um sich, so weit das Deutsche Reich ging, - wie musste er sie
zu sich heran schleppen! Sie liefen ihm dann nach, nur weil er's kommandirte.
Nun, war's da zu verwundern, da er keinen Respekt bekam vor den Leuten, die auf
Kommando ins Licht blickten, da er auf die nicht hrte, die ihn nicht
verstanden, und wie er alt und grmlich ward, auf Niemand mehr.
    Walter wies auf die Glasthr in der Mitte: Dort sa der Knig dieses Landes
mit dem hergelaufenen Witz aus allen Lndern, und beim schumenden Glase sprhte
von ihren Lippen der Spott ber die, welche im Knige ihren natrlichen Anwalt
haben sollten.
    Haben Sie, mein junger Herr, den Knig da im Saale sitzen gesehen?
    Nein, entgegnete mit etwas verlegener Stimme Walter. Ich war zu jung, und
als ich ihn einmal sah -
    Ich habe ihn gesehen, fiel der alte Offizier ein und schwieg einen
Augenblick; dann fixirte er den Andern. Sie sind kein Junker, wahrscheinlich
ein Gelehrter?
    Wenn die Menschen durchaus in Stnde getheilt werden mssen, wrde man mich
dazu rechnen.
    Verlangen Sie, da ein Friedrich sich seine Tischgesellschaft aus Denen
holen sollte, die zum Wollmarkt kommen? Lieber Gott, mich dnkt, er hatte genug
gethan, wenn er ihnen alle Stellen lie in der Armee, und im Civil ja auch. Nun,
an seinem Tisch lassen Sie ihm doch seine Franzosen, Englnder und Italiener.
Die witzigen Seifenblasen beim Champagnerglase wurden ja schon runter gesplt
bei der Tasse schwarzen Kaffee.
    Aber nachdem er den Kaffee getrunken! Er hatte ja sein Volk gebildet! Sie
sagten eben, er hatte sie heran geschleppt. Seine Junker lasen ja schon die
Pucelle, ihm zum Vergngen, und wussten kaum, da eine Jeanne d'Arc gelebt.
Homer und Leibnitz waren ihnen unbekannte Gren, aber sie lachten aus
Herzenslust ber den Candide!
    Nachgethan hat es ihm Mancher. Aber wie! Da Gott erbarm! Sollte er Die als
seinesgleichen in die Arme schlieen! Als er aus dem Nichts heraus arbeitete,
bei seinem Schpfungswerke, wer hat ihm da von allen seinen Landeskindern
geholfen!
    Und was davon ist denn noch! sagte Walter und senkte den Kopf.
    Es mu doch schon noch etwas sein, entgegnete mit sarkastischem Tone der
alte Militr. Denn um der Hunde willen, die unter uns liegen, sind Sie doch
nicht hier? Auch kommen darum nicht die vielen Tausende Fremder, die des Jahres
die Terrasse besehen wollen. Drinnen, da hinter den Glasfenstern, ist's leer,
der Staub wirbelt im Sonnenschein und die Motten nisten in den Polstern. Warum
lsst man sie darin? Warum ist denn noch Niemand in dies Haus gezogen, nachdem
er es verlassen? 's ist ja so luftig und hbsch. So meinen Sie doch wohl, da
drinnen noch etwas ist, davor sie Respekt haben, und gehen ihm fein aus dem
Wege.
    Vielleicht die Furcht vor dem Gespenst mit dem Krckenstock, warf Walter
hin.
    Kann wohl sein, nickte der Major und wies nach Potsdam hinunter. Warum
kmen sie sonst aus Petersburg und Paris her, und legten ihr Ohr an die Thren?
Selbst der mchtige Kaiser! Warum stnden die gesattelten Courierpferde in den
Stllen, um das Ja oder Nein nach Wien und London zu tragen? Um uns doch nicht!
Sein Geist ist's allein, mein junger Herr Gelehrter, der noch da sitzt; auf den
horchen sie, vor dem schttelt es sie, die Groen und Mchtigen, da er
pltzlich aufstehen knnte, und sich schtteln im Zorn. Herr, was wir sind und
haben ist sein Werk, unser Name, unsere Straen, unsere Hfen, unsere Ordnung,
unser Respekt. Sein Auge leuchtete als Stern den Unterdrckten. Sein Wort, das
er donnerte, als der Mller Arnold klagte, drhnte durch Europa und es wird
durch die Welt hallen, so lange sie steht. Sein Wort, da Jeder in seinem Staate
selig werden solle, wie er will, Gott Vater im Himmel, kann denn das je
vergessen werden! Walte der! setzte er nach einer Weile hinzu, indem er den Hut
von der Stirn nahm, es war wohl um zu verbergen, da er die Hnde im Schoo
faltete. Walte der da oben, da jetzt sein Geist da unten mitspricht!
    Amen! rief bewegt der jngere Mann.
    Der Offizier bemerkte es, wie er heftig dabei die Arme verschrnkte, und
finster in sich schaute. Er warf ihm einen ersten freundlichen Blick zu:
    Sein Werk ist doch wohl noch nicht untergegangen, denn sein Volk lebt
noch!
    Und er zgerte nicht Ja zu sagen, fiel Walter ein, wenn eine halbe Welt
ihn zu beschwren kommt.
    Nein, sagte der Alte jetzt aufstehend, aber der groe Knig htte sich
nicht beschwren lassen, er wre der halben Welt zuvorgekommen, und htte den
Degen gezogen, und sie beschworen, da sie ihm folgen musste. Das ist's, da
liegt der Unterschied. Wo wir drauf losgingen, siegten wir; wo wir's an uns
kommen lieen, zogen wir den Krzern.
    Sie wurden hier unterbrochen. Eine Gestalt am andern Ende der Terrasse war
schon eine Weile sichtbar oder hrbar, nur sahen und hrten die Beiden im Eifer
ihres Gesprchs sie nicht, und der ltliche, sehr wohlbeleibte Mann, der ihnen
mit einem weien Tuche ngstlich winkte, vermochte wegen seiner Krperschwere
nicht so schnell heranzukommen. Jetzt aber war er da, und wer er war und was er
wollte, erlitt keinen Zweifel.

                          Vierundvierzigstes Kapitel.



       Zwei subalterne Personen drohen den Gang der Geschichte zu ndern.

Kurz, es ist nicht erlaubt, hier auf den Steinen zu sitzen.
    So schlo der wohlbeleibte Mann mit wichtiger Miene eine Strafrede, die
seinen Athem erschpft und sein Gesicht gefrbt hatte. Trotzdem schien sie auf
die Beiden keinen Eindruck gemacht zu haben, denn sie sahen sich lchelnd an,
als der Beamte mit dem weien feinen Taschentuch den Staub, oder ihre Berhrung
von den Steinen klopfte.
    Ein Beamter war er, dafr sprach jeder Zoll an dem Mann: nur welche Charge
er bekleidete, ist uns nicht aufbewahrt. Ein Beamter, nicht in Uniform, aber in
Galastaat; einem feinen Rock, der gewi einst geschmackvoll um den Leib schlo,
nur hatte der Krper dem Fortschritt gehuldigt, whrend das Tuch konservativ
geblieben war. Wei waren die seidenen Strmpfe, wei die Weste, und das Jabot
stritt mit dem Zopf und der Frisur um die Wette, was glnzender sei; farbig war
nur der Rock, roth nur das Gesicht. Sein Blick, als er sich umwandte, schien zu
sprechen: Und Sie sind doch noch hier?
    Walter stand im Schatten, auf das Gesicht des alten Majors glhte der rothe
Abendstrahl. Es lag wieder Friede darber ausgebreitet, als er lchelnd sprach:
    Vor zwanzig Jahren, als ich auf die Terrasse kam, fhrte mich der
Wachthabende selbst zum groen Knig Ich sah ihn sterben. Nun weist man einen
alten Soldaten fort, weil er kam, nur um seinen Geist zu sehen. - Freilich, es
kann gefhrlich werden, Friedrichs Geist zu sehen.
    Leicht den Hut gegen den jungen Mann lftend, hatte sich der Invalide
umgewandt und war die Treppe hinabgestiegen.
    Aber was fllt Ihnen denn ein, Herr Pathe Nhtebusch, sagte Walter
pltzlich. Einem alten Soldaten seinen Ruheplatz nicht zu gnnen!
    Als der Beamte die Hand vorm Gesicht, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, den
jungen Mann erkannt hatte, machte er eine lebhafte Bewegung. Aber war ich denn
blind! Fast schien es, als wollte er ihn umarmen. Herr Jemine, und das war Ihr
Bekannter! rief der Ober-Kastellan, um ihm doch einen Titel zu geben.
    Herr Nhtebusch winkte und rief umsonst; der Major hrte nicht, oder wollte
nicht mehr hren, und es wre zuviel vom Ober-Kastellan verlangt gewesen, ihm
nachzulaufen. Er hatte eine Konstitution, die das nicht ertrug, und er kam aus
der Stadt! Was das sagen wollte, werden wir hren. Nicht der Aerger hatte sein
Gesicht gerthet; es war die Freude, vielleicht auch der Wein. Herr Nhtebusch
hielt auf Konnexionen. Sollte die Fama, die ihm nachsagte, da er ihnen seinen
Posten verdankte, jetzt von ihm sagen, da er einen Bekannten vom Sohne des
reichen van Asten fortgewiesen wie einen Vagabunden? Einigermaen beruhigte es
ihn, als er erfuhr, da Walter den alten Offizier hier zum ersten Mal gesehen,
es beruhigte ihn aber wieder nicht, da Walter ihn nicht kannte, nicht einmal
seinen Namen wusste, da er aber vermuthete, er sei ein ausgezeichneter Offizier
gewesen. Aber wieder beruhigte es ihn, da er pensionirt sei. Ein Pensionirter
hat selten noch viel Konnexionen!
    Herr Nhtebusch trocknete jetzt den Schwei von seiner Stirn und athmete
auf: Lieber Herr Pathe, lassen Sie sich das eine Warnung sein. Man mu sich mit
Niemandem in ein Gesprch einlassen, den man nicht kennt. Man wei nicht, in
welche Verlegenheiten es uns nachher bringt, und junge Leute, erlauben Sie mir's
zu sagen, schlieen gar zu gern ihr Herz auf.
    Man sah's dem Herrn Ober-Kastellan an, da er das Bedrfni fhlte, auch
seines aufzuschlieen; ja, er war in der Stadt gewesen, im Schlosse, man hatte
ihn an die Thr gelassen, als die hohen Herrschaften speisten. Nicht Jeder
hatte das Glck gehabt, sagte er mit einer stillzufriedenen Miene. Er hatte sie
essen gesehen. Nach Tische, als der Knig mit dem Kaiser Arm in Arm umherging,
und dieser vor Huld und Gte gegen Jeden strahlte, hatte der Knig ihn, den
Glcklichen, dem Erhabenen vorgestellt. Denn war es das nicht, als er sagte:
Und das ist der Mann, der in Sanssouei zur Ordnung sieht! Alexander hatte
darauf etwas franzsisch erwidert, was, hatte Herr Nhtebusch nicht verstanden,
aber es war gewi etwas sehr Gndiges; die Melodie der Worte summte ihm noch in
den Ohren.
    Aufmerksamer hatte Walter dem Schlu der Mittheilungen zugehrt. Herr
Nhtebusch sprach viel. Wem verdanken Gesandte oft ihre wichtigsten Nachrichten?
Nicht Rthen und Ministern, dem feinen Ohr der Kammerdiener.
    Sie glauben also, es ist Alles regulirt und abgeschlossen?
    Alles! entgegnete Herr Nhtebusch, und um sich vollstndig zu erholen,
nahm er eine lange Prise. Bis aufs Kleinste. Morgen in der Vormittagsstunde
fahren die hohen Herrschaften nach Berlin zurck in einem Ensemble. Im
Rittersaal ist groe Tafel. Wissen Sie wohl, es wird vom goldenen Service
gespeist. Das kommt aber erst nachher in die Zeitungen. Abends besuchen
Hchstdieselben im Nationaltheater die Vorstellung der Oper Armida. Bei ihrem
Eintritt in die Mittelloge werden Hchstsie durch einen Tusch von Trompeten und
Pauken aus den Balkonlogen begrt, und das ganze Publikum erhebt sich mit einem
Vivat, das nicht enden will. Dasselbe wiederholt sich beim Schlu der Oper.
Folgenden Tages ist groe Wachtparade auf dem Lustgarten. Alsdann besehen
Majestten in zwei achtspnnigen Equipagen die Stadt. Mittags ist Diner beim
Prinzen Ferdinand in Bellevue. Eine Denkmnze auf die glorwrdige Zusammenkunft
ist bereits unter dem Prgestock. Der Medailleur, Herr Loos, ist der
Verfertiger, und wenn ich bermorgen in die Stadt komme, hat er versprochen, sie
mir zu zeigen. Aber das, lieber Pathe, bleibt unter uns. Sie waren dabei auf
der Terrasse auf und ab gegangen. Und nach dem Diner bei Prinz Ferdinand?
    Reisen Seine Majestt Kaiser Alexander ab. Die Pferde sind schon bestellt.
    Und weiter nichts? Mit einem ungemein schlauen Lcheln klopfte Herr
Nhtebusch auf seine Dose: Man spricht auch noch von einer kleinen Attrape.
    Einer kleinen -
    Wie man's nehmen will! Wenn Majestt der Kaiser auf nchster Station, man
sagt in Vogelsdorf, eine Erfrischung fordern, wird's im Kruge heien: die Leute
sind alle auf dem Felde und im Stalle. Der Kaiser wird sich dann in den Kuhstall
zu begeben geruhen, um einen Trunk frisch gemolkener Milch anzunehmen. Und die
Buerin, die eben melkt, wird sehr berrascht sein von den vornehmen Gsten,
aber Seine Majestt der Kaiser werden noch weit mehr erstaunt sein, wenn sie der
Buerin ins Gesicht sehen, die ihm die Schale reicht. Na, was sagen Sie dazu,
mein lieber Herr Pathe? - Ich habe aber nichts gesagt, es sind ja nur
Konjekturen, sagte Herr Nhtebusch und rieb sich die Hnde.
    Sie standen am anderen Ende der Terrasse: Also auf eine Trianon-Scene luft
es aus; das ist ja alles recht schn und gut, sagte Walter. Herr Nhtebusch sah
den jungen Mann mit einem eindringlichen Blick an. Fast war's ein
durchdringender, indem er seine Hand fasste, und wir hatten uns in ihm geirrt.
Die Purpurrthe des Echauffements verbarg nur den Psychologen. Mein lieber Herr
van Asten, als Ihr Herr Vater mir die Ehre erzeigte, mich bei Ihnen zum Pathen
einzuladen, sagte ich's voraus, das ist ein Junge, der wird's zu was bringen.
Ich hatte vorgestern wieder das Vergngen, mit Ihrem Herrn Vater zu sprechen. Da
mssten Ihnen die Ohren geklungen haben.
    Mein Vater, wissen Sie -
    S' ist ein kluger Mann. Die Jugend mu ihre tollen Hrner ablaufen, hat er
gesagt. Ich Dummkopf glaubte, da man seinen Sohn zum Studiren auf die
Universitt schickt, hielt meinen deshalb kurz. Und der Junge war nur zu
gehorsam, er bffelte, gab zu wenig aus, und nahm zu viel ein, nmlich fixe
Ideen, sagte der Herr Vater. Nun haben wir die Bescherung. Das tolle Feuer, was
'raus schwren sollte, steckt noch drin, und 's bricht an der unrechten Stelle
los. Dem Jungen mache ich keine Vorwrfe, mir mache ich sie.
    Und der Herr Pathe legten gewi ein freundlich Wort ein. Will man mich
vielleicht noch ein Mal auf die Universitt schicken, um das Versumte
nachzuholen?
    Erlauben Sie mir, ich sagte ihm: das Leben ist ja auch eine Universitt. Er
kann ja auch hier seine Hrner abstoen; je toller er drauf los geht, um so eher
wird er stumpf. Wie ist er da beim Minister angelaufen. Wird auch noch fters
anlaufen! Sind nicht alle Minister so human, da sie die Rappelkpfe nach
Karlsbad schicken. 's ist Mancher eingesperrt worden, der sich die Zunge
verbrannt hat. Schadet auch nichts. Der Sohn vom Geheimrath Bovillard, wie oft
hat er gesessen! Man kann's gar nicht zhlen. Der Vater war so klug, hat sich
nicht um ihn gekmmert; nun ist er von selbst zu Kreuz gekrochen. Ist kirr
geworden, um den Finger zu wickeln; lsst sich vom Vater parforce schicken,
wohin es ist, und wenn er sich mde geritten hat, dann giebt ihm der Vater 'ne
kleine Stelle, sucht ihm 'ne Frau aus, die ein bischen Geld hat. Zuerst in 'ner
kleinen Stadt, wo er ber den Akten schwitzen mu; ist froh, wenn er nach Hause
kommt, 'ne Pfeife raucht bei 'nem Glase Bier, ein Partiechen; Kinder kommen dann
auch, die schreien, ein Vater hat doch auch ein Herz. Ach Gott! darber vergisst
er alle krause Ideen; ist froh, wenn's nur bei ihm zu Hause gut geht, und denkt
nicht mehr daran, den Staat besser machen zu wollen. Und geben wir Acht, mit dem
Walter wird's auch so kommen.
    Verdanke ich das alles Ihnen, Herr Pathe? rief Walter mit wachsendem
Erstaunen.
    Wir saen so traulich bei Herrn Kmper zusammen, wir sechs oder sieben,
alles respektable Brger.
    Was! ein Kollegium, um ber meine Besserung zu berathen!
    Wo hat nicht Jeder 'nen faulen Fleck im eignen Hause! Wenn man so beim Bier
sitzt, ein Pfeifchen im Munde, spricht man sich gegenseitig Trost zu. Der hat
'nen Sohn, der spielt. Das ist beinahe am allerschlimmsten. Da waren wir Alle
einig. Das thut mein Pathe nicht; alles, was Recht ist. Er trinkt auch nicht, er
luft auch nicht den Mdchen nach. Na, Jugend hat keine Tugend, darber sind wir
weggegangen. Aber das Theater, was hat das ehrbaren Familien Kummer und Noth
gebracht. Erst alle Abend der Herr Sohn ins Parterre. Das kostet Geld, die
jungen Leute machen Schulden. Ist aber viel schlimmer, wenn's kein Geld mehr
kostet, wenn sie's umsonst haben; dann haben sie Konnexionen hinter den
Coulissen, das sind die schlimmsten und theuersten Konnexionen. Und die Truppe
ist einmal abgereist, und der Herr Sohn ist verschwunden. Ja, ja, das ist
manchen Eltern so gegangen. Den Kummer haben Sie Ihrem Herrn Vater nicht
gemacht. Wissen Sie aber, Einige meinten, das wre immer noch nicht so schlimm,
als wenn ein Brgersohn sich mit der Politik abgiebt. Da kann man noch mal
Direktor werden, wie der Herr Iffland; der war auch anstndiger Leute Kind. Auf
dem groen Welttheater aber -
    Ist fr uns nichts zu holen, fiel Walter ein. Ihre ehrbaren Brger haben
Recht. Erfuhren Herr Pathe sonst noch etwas? sprach er, zum Abschied die Hand
reichend.
    Mancherlei! Man wird Heirathsannoncen lesen, ber die man sich wundern
soll. Mancher Herr Offizier lsst sich in aller Schnelligkeit kopuliren. Lieber
Gott, wenn's ins Feld geht, will man den Kindern doch einen Vaternamen
hinterlassen; das Gewissen schlgt auch unterm blauen Rock. Seine Majestt sind
sehr damit zufrieden. - Ach, und wissen Sie schon vom Kriegsrath Alltag?
    Was?
    Wird Geheimer Tresorier des Knigs, Titel Geheimrath. Da ist auch nur eine
Stimme: Der hat's verdient! Mit seiner Demoiselle Tochter wird er nun auch hher
hinaus wollen. Wer verdenkt es ihm?
    Adieu. Herr Pathe! Der Pathe hielt seine Hand fest. Sein schlaues Lcheln
schien noch ein Geheimni zu verstecken. Heraus damit!
    Ich sehe einen verlornen Sohn -
    Wo?
    Im Comptoir seines Vaters.
    Und was brachte ihn dahin? Der Kastellan hielt beide Hnde wie ein
Sprachrohr an seines Pathen Ohr, da es die Bume nicht hren sollten, und
schrie hinein: Minchen Schlarbaum! Sechzigtausend Thaler!
    Ein Mann in mittleren Jahren war whrend dieses Gesprchs in der Seitenhalle
auf und ab gegangen. Walter hatte ihn bemerkt, ohne auf ihn zu achten. Der
Fremde, sichtlich von einem Gedanken bewegt, hatte die Beiden kaum gesehen. Als
der Pathe nach jener, wie er meinte, sehr feinen Insinuation rasch fortgeeilt
war, hatte sich Walter in die Allee gewandt. Der Sonnenball versank gerade
hinter den Brauhausbergen. Walter fasste an seine Brust und aus der wunden
Tiefe, machte sich das Wort Luft: Er war mde ber Sklaven zu herrschen!
    Der Fremde war hinter einem Baum hervorgetreten. In seinem festen, aber
zuweilen strmischen Schritt hielt er, wie frappirt, inne. Auf Walters Gesicht
schien der letzte volle Sonnenschein, der Fremde stand beschattet; ein
feingeschnittenes, charakteristisches Gesicht war noch zu erkennen.
    Ein Hiesiger? fragte der Andere rasch. Die Frage war seltsam, es mochte
auch ein Beamter sein, der den spten Besucher auf einem nicht erlaubten Wege
ertappt zu haben glaubte. Walter antwortete eben so kurz. Aus der Hauptstadt.
Ein Angestellter? warf der Andere in derselben Art hin. Ein freier Mann,
sprach Walter jetzt mit fester Stimme.
    Der Andere sah ihn gro an. Walter glaubte die Worte murmeln zu hren: Das
ist ja wunderbar. Mehr hrte er nicht, denn Beide gingen an einander vorber.
Sie trafen sich zufllig noch einmal. Der Fremde hatte den Weg verfehlt, indem
er einen Ausgang suchte, wo er nicht war. Walter wies ihn zurecht; es war auch
sein Weg. Der Fremde schien durch eine leichte Bewegung zu danken, ohne es fr
nthig zu halten, ein Wort zu verlieren. So machte es wieder der Zufall, da sie
neben einander gingen. Der Fremde war wirklich ein Fremder in der Mark, wie sein
Accent dem kundigen Ohr verrieth, aber seine Kleidung, obgleich nur ein
einfacher blauer Rock, die Sicherheit seiner Bewegungen, das aristokratische
Gesicht, verriethen den vornehmen Mann. Er blieb stehen und betrachtete einen
Gegenstand, der auch Walters Auge fesselte - die Mhle auf dem Berge. Ihr Dach
war vom letzten Abendscheine schwach angerthet, ein trger Wind trieb die
Flgel. Der Begleiter verstand die stumme Frage, die der Andere, ber die
Schulter blickend, an ihn richtete: Ja, sie ist es. Damit schien eine
Verstndigung eingetreten.
    Also Einer doch! sagte der Herr im Weitergehen.
    Wenn man sie kennte, wrde man mehrere wissen, die auch Muth gehabt, warf
Walter hin.
    Da man sie aber nicht kennt, so existiren sie nicht fr die Geschichte,
entgegnete Jener.
    Es existirt manches nicht in der Geschichte, was aber doch lebte.
    Was sich nicht geltend gemacht hat, lebt nicht, entgegnete der Fremde
scharf. Es hat einmal vegetirt um zu faulen und Dung zu werden fr Andere.
    Walter entgegnete: Der Mller von Sanssouei vor seinem Knig wird aber
leben bleiben; uns lebt er als Symbol, da ein Rechtsbewusstsein auch damals im
Volk war. Er hatte das uns scharf betont.
    Wir aber, entgegnete der Andere, sehen in dem Aufheben, das man von der
einen Geschichte machte, nur das Bekenntni, da der eine Mann nur eine Ausnahme
von der Regel war.
    Und wo ist die Regel, fragte Walter, nmlich im Deutschen Volke? Ich
setze voraus, da wir Landsleute sind.
    Der Fremde fixirte zum ersten Mal unsern Bekannten; es war ein scharfer,
prfender Blick, aber ohne Hrte. Die Antwort schien ihm nicht zu mibehagen.
Das macht die Sache nicht besser hier, sagte er. Die Mller von Sanssouei
haben in Preuen keinen Fortgang gehabt.
    Die Gre des Einen hat sie niedergedrckt. Das vergisst man so leicht im
Auslande.
    Man wundert sich nur, warum sie nicht wieder aufgetaucht sind, nachdem sie
von der Gre nicht mehr zu leiden hatten. Sie wiederholten vorhin die Worte des
groen Knigs, als Sie sich allein glaubten, warum machen Sie ein point
d'honneur draus, was Sie sich selbst bekennen, vor Andern zu verbergen! Wo Sie
Ihrer Schwche sich bewusst sind, warum es nicht auch vor Andern gestehen. Das
wrde Vertrauen wecken. Wenn Sie sich den andern Deutschen gegenber immer in
Parade aufs hohe Pferd setzen, so verlangen Sie nicht die brderlichen
Neigungen, um die es doch Einigen, den Bessern unter Ihnen wenigstens, zu thun
ist. Wir sind Alle schwach, aber wenn wir es uns gegenseitig eingestnden,
wrden wir auch die Mittel finden, um wieder stark zu werden. Das ist's was Sie
vom brigen Deutschland trennt, meine Herren Preuen. Uebrigens bin ich jetzt
selbst Einer.
    Jetzt wird sich's zeigen! rief Walter animirt.
    Was?
    Da wir eine Schwche zu bekennen den Muth haben, eine Schuld gegen unsere
deutschen Brder durch die That auszulschen. Preuen radirt den Baseler Frieden
mit seinem Blute aus den Tafeln der Geschichte.
    Die rauhe, heftige, fast dominirende Art, mit der der Fremde seine
Aussprche that, erweckten in Walter die Lust es in selber Art ihm wieder zu
geben: Ich hoffe, da die kurze Zeit, seit Sie ein Preue wurden, dem Auslnder
nicht so viel Einblicke in unsre Angelegenheiten gegnnt hat, da ich Ihren
Ausspruch als ein Verdikt nehmen msste.
    Der Andre war vielleicht betroffen, aber nicht erzrnt, vielmehr verzogen
sich seine Lippen zu einem Lcheln: Haben Sie Einblicke?
    Keine als die Jedem frei stehen, der ein Herz und Augen hat fr die Ehre
seines Vaterlandes. Sie ist so auffllig verletzt, da sie eben so auffllig
Genugthuung heischt; der Hohn, den man uns zugefgt hat, den Napoleons Generale
noch tglich in Anspach und Baireuth Preuen zufgen, knnte einen Stein ins
Leben rufen. Das und noch vieles Andre, was hier nicht hergehrt, ist mir
Brgschaft, da endlich der stahlgeborne Entschlu ins Leben springt.
    Der Andere ging eine Weile schweigend, dann sagte er ruhig: Einen Gesandten
wird man an Napoleon schicken, ihm Friedensbedingungen stellen und unterhandeln.
Wenn Sie wissen was Unterhandlungen sind, wo preuische Diplomaten mitsprechen,
so stellen Sie danach Ihre Hoffnungen.
    Diesmal, nur diesmal nicht - rief Walter in Eifer gebracht - es geht
nicht, es lsst sich nicht mehr zurckdrngen. Das Volk leidet es nicht.
    Das Volk, mein Herr! Das wei ich nicht; ich kenne es wenigstens noch nicht
genug, und was ich von ihm kenne, doch - das gehrt nicht hierher.
    Sie standen an einem Scheidewege. Der Fremde wenigstens nahm an, da sie
hier scheiden mssten, oder er wollte hier scheiden. Es waren seine
Abschiedsworte:
    Dies Volk, mein Herr, mag gut sein, tapfer, treu, aber es ist noch zu klein
fr seine Traditionen. Es hat sich bernommen, und es ist nie gut, wenn man sich
den Magen auch mit dem Besten fllt, wenn der Magen nicht Kraft hat es zu
verdauen. Dies Volk ist zu Vielem gut, es hat auch gesunde Glieder, wenn nur der
Kopf da ist, der sie regiert. Das aber bilden Sie sich nicht ein, da diese
Glieder schon reif sind fr sich selbst zu stehen. Dafr verga der groe Mann
zu sorgen. Er fhrte sein Volk in die Weltgeschichte ein, und bersah, ihm die
Erziehung zu geben, da es mit Ehren darin bestnde. Mit der militrischen
Tournure ist's nicht gethan; der Knebelbart imponirt nur auf den ersten Anblick,
und selbst ist allein der Mann. Er war mde ber ein Volk von Sklaven zu
herrschen, ja, aber sie sind es geblieben, weil er ein Lehrmeister war, wie der
Gelehrte in einer Bauernschule. Glnzende Schulaktus hat er mit ihnen
aufgefhrt, und sie deklamiren lassen, was sie nicht verstanden. Friede seiner
Asche und Fluch dem, wer einen Stein auf sein Grab wirft, denn Deutschland hat
keinen Grern geboren, aber sein Reich, mein Herr, ist die Schpfung eines
Zauberers. Wunderbar gro, zweckmig, in einander greifend, erscheint Alles, so
lange sein Geist darber waltet. Aber wenn der schlafen geht, vertrocknen die
Palmen und Lilien zu Haidekraut und der Palast versinkt in ein Unkenmoor. Da
sehen Sie diese Reihe von Statuen. Kunstwerke, so lange er unter ihnen wandelte,
jetzt verwitterte, moosbedeckte Fratzen. Was ist aus seiner Gliederung geworden,
in Civil und Militr, was aus dem angestaunten Mechanismus seiner
Staatsorganisation? Ein schnes Lied auf einen Leierkasten gesetzt, aber die
Melodie bleibt dieselbe in Leid und Freud, weil die Hand vermodert ist, die den
Mechanismus der Drehorgel umsetzt. So leiert es hier fort, ins andere
Jahrhundert die Melodie des vorigen, bis alle Rder und Gnge verrostet und voll
Staub sind. Dieser Staat Preuen, mein Herr, ist zum Popanz geworden, nicht weil
sein Volk Sklaven sind, sondern weil der Zauberer fehlt, der das Uhrwerk wieder
aufzieht. Dieser Staat Preuen ist ein Konglomerat von Kraft und gutem Willen,
wie man sie selten in der Geschichte sah, aber eine Gliederpuppe, wenn kein
neuer Geist hineinfhrt.
    Der Mann wandte sich mit einem Kopfnicken rasch um. Zwei Schritt weiter
blieb er noch ein Mal stehen: Wie heien Sie? Ich mchte Ihre Adresse wissen -
wenn ich wieder ein Mal einen so geflligen Fhrer in Potsdam brauche, setzte
er halb lchelnd hinzu, um das Scharfe auszugleichen.
    Walter hatte keinen Grund seinen Namen zu verschweigen. Er kannte aber genug
von der Luft in den hohen Lebensregionen, um zu wissen, da dieser Name, so laut
er ihn aussprach und so deutlich der Andere ihn sich wiederholte, schon am Ende
der Strae verhallt war. Jener hatte vielleicht erwartet, da Walter auch ihn
bitten werde, den seinen zu nennen, Walter wollte aber nicht bitten.

                          Fnfundvierzigstes Kapitel.



                              Der dritte November.

Es war Nacht geworden; die groe Mehrzahl der Gste war lngst nach Berlin
zurckgekehrt. In den den, todten Straen bewegten sich nur einzelne Gestalten;
das Ueb' immer Treu und Redlichkeit hallte von der Thurmuhr nach wie vor.
    Warum strmt nicht lieber die Brandglocke! sprach die Dame, welche, tief
in eine Pelzenveloppe verhllt, am Arm ihres Begleiters an den Huserreihen
ging. Sie gingen nicht in der Abendkhle spazieren, es war rauhe Witterung; sie
hielten eine bestimmte Richtung, aber den zarten Fen merkte man an, da sie
nicht gewohnt waren auf rauhem Pflaster sich zu bewegen. Ein dichter Schleier
bedeckte das Gesicht der Frstin.
    Weil es noch nicht brennt, sagte ihr Begleiter.
    Ewiger Zweifler!
    Sie traten in einen Thorweg, oder eine Kolonnade zurck, um einer einfachen
Hofequipage auszuweichen, die jetzt vorberrollte. Der Wagen hielt vor der
Kirche, wo Seine Gebeine ruhen. Drei dunkle Gestalten konnte man aussteigen
sehen. Sie traten in die Kirche, aus welcher ein gedmpftes Fackellicht bei
Oeffnung der Thre vorstrahlte.
    Die Frstin drckte krampfhaft den Arm ihres Begleiters. Er glaubte, sie
wolle ihn tiefer in den Schatten zurckziehen, um nicht gesehen zu werden: Man
sieht uns wirklich nicht, und wenn es wre, wrden wir nicht die einzigen
Zuschauer sein. Ich sah Schatten in der Kirche sich bewegen.
    Ich auch! rief sie. Es war mir, als she ich Seinen!
    Der Legationsrath ging nicht auf die Stimmung ein: Diese Leute hier ruhten
unter ihm wie in Abrahams Schooe. Ich finde es eigentlich undankbar und
grausam, da man ihn citirt, um sich aus einer gewhnlichen Verlegenheit zu
helfen.
    Ich wrde Ihnen verzeihen, wenn Sie sagten selbstmrderisch.
    Nur christliche Demuth, Frstin, sie sehen ihren eigenen Unwerth ein.
    Was ist das grausam, den zu beschwren, der in dem Jenseits keine
Ruhesttte gefunden hat! - Hren Sie den dumpfen Ton! Jetzt ffnet man.
    Und sein Geist steigt ihnen aus der Versenkung entgegen.
    Sprechen Sie nicht so.
    Ich mchte wohl wissen, wie der Geist eines Atheisten aussieht.
    Sahen Sie nie Geister -
    Man sieht sie nur, wenn man sie citirt; und was unnthig ist, mu ein
Vernnftiger nie thun.
    Geister erscheinen auch ungerufen.
    Dann wirft man sie zur Thr hinaus.
    Die Todtenhand, die auf eine lebendige Brust hmmert, sollte doch berall
Einla finden.
    Je nachdem die Brust beschaffen ist.
    Wandel, ich mchte Sie einem Geist gegenber sehen.
    Sie wrden keine Vernderung an mir bemerken.
    Sie sahen schon Geister! - rief die Frstin auf, und ihr Auge glnzte ihn
an. Ja, Sie Unbeweglicher, es zuckte etwas um Ihr Auge, was ich noch nicht
kenne. Sie haben Geister der Todten gesehen, und vor ihnen gezittert. Sie
zittern jetzt -
    Vor dem Zugwind, sprach er, sich in den Mantel hllend. - Nun, und wenn
ich sie sah, meine Gndigste, so lernte ich ihnen ins Gesicht sehen, wie ein
Mann den erschaffenen Dingen mu, und sie hielten meinen Blick nicht aus, so
wenig, als der festeste Stoff meine Suren und den Aether, in dem ich ihn
verbrenne. Wenn sie weinten, lachte ich sie an, wenn sie klagten, drohte ich -
sie hielten's nicht aus, ich blieb Sieger und sie sind verschwunden. Meine
Gndige, vor dem Willen verflchtigt sich der Diamant; wenn die Dinge, die wir
Wesen nennen, uns nicht widerstehen, warum die wesenlosen?
    Kommen Sie, sagte die Frstin. Der Kster gab uns das Zeichen.
    Vielleicht sah sie den Kster nicht, aber sie sah Geister. Der Mond warf,
zwischen den Wolken vortretend, ein Streiflicht auf die Stirn ihres Begleiters,
sie konnte den Anblick heut nicht ertragen. Was musste er sie noch bitten, sich
nicht zu beeilen: der Mann, der ihnen fr ein ansehnliches Geschenk einen Platz
unter dem Siegel der Verschwiegenheit versprochen, werde noch vielen Andern
dasselbe Siegel aufgedrckt haben: Und mancher wird die Komdie fr acht
Groschen sehen.
    Sie waren an die kleine Thr gelangt, welche eine unsichtbare Hand
vorsichtig ffnete, um sie einzulassen. Sie nicht! rief sie, als er sie hinein
fhren wollte. Sie gehren nicht hier hinein.
    Es ist ja nur eine protestantische Kirche, flsterte er ihr ins Ohr. Sie
streckte die Hand abwehrend gegen ihn: Doch - Sie stren mich. - Folgen Sie mir
nicht, ich verbiete es Ihnen, Herr von Wandel. Wer nur eine Komdie sehen will,
gehrt hier nicht hinein.
    So werde ich Erlaucht wieder an der Thr erwarten.
    Reisen Sie nach Berlin.
    Sie knnen doch nicht allein zurck. Wer wei ob die Scene Sie nicht
afficirt. Soll ich Ihren Jger mit der Kammerfrau herbestellen?
    Sie schttelte den Kopf: Es giebt Momente, wo man das Bedrfni fhlt
allein zu sein.
    Der Legationsrath schien die Frage auch an sich zu stellen, als er drauen
mit gekreuzten Armen eine Weile stehen blieb, die Augen in das zerrissene Gewlk
gerichtet. Er hatte sich oft Mhe gegeben, unverwandten Blickes in die Sonne zu
sehen, jetzt verdro es ihn, da er nicht mal ohne Augenblinken den Mondenstrahl
ertragen konnte, so oft er pltzlich aus den Wolken trat, die an ihm vorber
rollten: Seltsam, es liegt nur in den Augennerven, in der schwachen
Wurzelkonstruktion der Wimpern. Wenn man sie von Draht machen knnte, msste man
auch dem glhenden Feuerball ins Gesicht sehen. Und diese Frau - ein heiseres
Gelchter machte sich Luft - sie spielt mit ihren Illusionen wie der
Taschenspieler mit seinen Karten und doch - in der unbewachten Stunde zittert
sie als Sklavin vor dem selbst beschworenen Gespenst! Vielleicht des Weibes
Natur, sie kann nicht immer wachen. Aber der Mann -? Die Thurmuhr prludirte
und die Glocken huben ihr: Ueb' immer Treu und Redlichkeit! an. O ser
Leierkasten, der durch die Welt geht, und das Spiel mit den Narren und
Phantasten um so vieles erleichtert! sprach er, sich langsam fortbewegend. Er
lchelte, als aus der Kirche die Orgel mit leisen Schlgen einen alten Choral
anhub.
    Der Orgelspieler war nicht sichtbar, auch die Fackeln, von denen vorhin
Erwhnung geschah, brannten nicht offiziell, man suchte sie hinter den Pfeilern
zu verbergen, gleich wie die Zuschauer, in Mnteln und unscheinbaren Pelzen
verhllt, ein doppeltes Inkognito zu bewahren suchten. Unter den Mnteln war
mancher Stern verborgen, manches Herz pochte hrbar, und das Auge, auf dem Du
sonst nur Flattersinn und eitle Lust spielen sahst, durchzuckte hier ein banger
Ernst. Die Orgeltne schienen in der dunkeln Kirche mehr die Stille symbolisch
anzudeuten, als da sie dieselbe unterbrachen. Es war lautlos, ein verhaltener
Athem.
    So war es mglich, da man jetzt ein Gerusch zu hren glaubte, das man
sonst nicht gehrt htte. Es war nicht sein Geist, der durch die Rume schritt,
in denen er nie geweilt, sonst wrden sie nicht die Kpfe vorgestreckt, nicht
sich gebckt und die Hnde ans Ohr gelegt haben, um besser zu horchen. Sie
weint, flstert eine Stimme dem Nachbarn zu; Sie umarmen sich, eine Andere.
Bald ward die feierliche Stille durch das Knarren der Thr unterbrochen; die
Gestalten der Neugierigen drckten sich tiefer in den Schatten der
Mauervorsprnge. Der Fackelschein ward jetzt offiziell.
    Die Knigin und der Kaiser wurden zuerst sichtbar: der Knig folgte. Louise
schien erschpft, sie drckte jetzt das Taschentuch ans Gesicht. Aber nur einen
Moment; dann warf sie einen forschenden Blick auf den ernsten Gatten. Es musste
ein Ernst sein, der ihre Hoffnung sthlte. Sie lehnte sich an seine Brust, um
sich doch ebenso schnell wieder aufzuraffen. Alexander und der Knig reichten
sich die Hand. Es war ein wichtiger, bedeutungsvoller Handschlag. Aus der
dunklen Stille kam ein Laut, wie der Hauch unsichtbarer Geister; ein Hauch der
Verwunderung, Freude, Beistimmung, wofr jede Sprache zu rauh ist, ihm Ausdruck
zu geben. Mit kniglicher Wrde schaute Louise umher, nicht forschend, nicht
mibilligend. Ihr Blick galt den Geistern, welche die Sprache dieses Auges, das
selige Lcheln verstanden. Dann reichte sie Alexander wieder rasch den Arm und
die Drei verlieen die Kirche.
    Als die Wagenthr zuschlug, die Rder auf dem Pflaster rollten, schienen die
gebannten kleineren Geister aus ihrer Erstarrung aufzuleben. Sporen klirrten,
scharfe Tritte drhnten auf den Fliesen, Tne, wie wenn das Eis bricht; das Blei
auf der Brust war ja gebrochen! Kein Ceremoniell mehr, man schlo sich in die
Arme, auch Solche, die nicht als Fremde bekannt waren. Der Bund ist besiegelt.
Viel mehr Worte hrte man nicht. Es war ein Augenblick nicht zum Sprechen, nur
zum Fhlen.
    An der Thr wurden zwei Mititrs zusammengedrngt, die sich im Leben nicht
gern, wie man sagte, begegneten. Sie sahen sich an, und unter ihren ergrauenden
Haaren funkelten die Augen sich entgegen; sie drckten sich die Hand. Worte
wechselten auch sie nicht. Der Eine, aus dessen Mantel eine Husarenuniform zum
Vorschein kam, hielt aber beim Hinausgehen unsern Bekannten, den Major
Eisenhauch, am Kragen zurck.
    Na un, was sagen Sie, Major?
    Blcher und Rchel Hand in Hand, ein gutes Prognostikon. So das gesammte
Vaterland, und wir sind am Ziel.
    Larifari! sagte der General. Vorwrts, eh er sich anders besinnt, das
allein thut's. Nur keine stttigen Pferde hinter uns.
    Im Volk -
    Sind viele Esel.
    Aber das Ro, wenn die Trompete schmettert -
    Pfeffer mank die Kerben! sagte der General ihm ins Ohr. Da es sich
bumt, dafr sorgt Ihr: frs Reiten, dafr sorgen wir, haben Sie mich
verstande?
    Die Kirche war ziemlich gerumt. Nur hinter dem Eingang stand noch eine
Gruppe, Zwei in Ueberrcke verhllt, und am uersten andern Ende kniete eine
weibliche Gestalt. Die Beiden, durch hohe Halsbinden gegen die Khlung bis zur
Unkenntlichkeit maskirt, schienen die Hinausgehenden die Revue passiren zu
lassen.
    Ist das nicht Comte Laura, Vicomte? sagte der grere und ltere auf
franzsisch zum jngern, nach der knieenden Dame lorgnirend, die von ihrer
Enveloppe und dem Schleier unfrmlich umwallt war. Der Vicomte hatte sich schon
auf den Zehen gehoben: Pardon, Monsieur, Comte Laura hat noch zu viele
Stationen bis zur Betschwester.
    Die verhllte Gestalt, aus ihrer Andacht vielleicht durch die Stille
aufgeschreckt, erhob sich und rauschte an ihnen mit elastischen Schritten
vorber. Sie hatte die Beiden nicht gesehen, diese aber sie trotz der Schleier.
Madame la Princesse! rief der Attach verwundert. Ihre Snden mssen sie sehr
drcken, sprach der Gesandte, da sie es nicht verschmht hat, in einer
lutherischen Kirche zu beten. Und ganz allein! replicirte der Vicomte. Sie
nimmt gern einen Andern mit ins Gebet. Disparaissez! rief Laforest und winkte
ihm, indem er der Dame nacheilte. Der Vicomte ging lchelnd seiner Wege: Er
will sie nicht allein gehen lassen! Monsieur Laforest, man mu es ihm gestehen,
bt die Humanitt bis zur Outrage. Die Petarde, die ihn in die Luft sprengen
soll, in der Tasche, schtzt er die Lunte, die sie entzndet, da der Wind sie
nicht ausblst.
    Wirklich sehen wir auf der Strae den offiziellen Minister des Kaisers der
Franzosen der nicht offiziellen Agentin des Kaisers aller Reuen den Arm bieten,
um sie in ihr Hotel zu geleiten! und sie reicht ihn ihm, nach einem momentanen
Zaudern rasch hin. Stumm wie die Nacht und bewegt wie die schne Seele einer
Deutschen, sagte der Franzose zu seiner schweigenden Begleiterin.
    Sagen Sie lieber, Ha und Grimm im Herzen und am Arm des verhassten Feindes
durchs Leben gehen zu mssen!
    O wre ich so glcklich, eine solche Feindin durchs Leben fhren zu
knnen.
    Wer denkt an uns!
    Ich sehr stark an mich.
    Das lgen Sie vor sich selbst. Unsere Aufgabe ist's, uns immer selbst
belgen, tuschen, unsere glhendsten Gefhle mit einer Eiskruste umgeben, und
wenn wir vor Frost zittern wie der Frhling lcheln, in Flitterstaat glnzen,
und vom Gefhle unserer Snde zerknirscht in Selbstzufriedenheit strahlen! Alles
fr Andere, uns selbst, unser Glck, unsere Bue und Hoffnung hinopfern fr ein
anderes Wesen, einen Begriff, von dem man eigentlich nicht wei, was er ist. Ins
Reich der Seligen kommt der Staat doch nicht.
    Ich glaube kaum, da ein Platz fr ihn da ist: weder unter den
Gerechtfertigten, noch unter den Sndern.
    Und doch Diplomat!
    Weil er sich selbst ganz verleugnen mu, sollte ja das die himmlischen
Thore ihm vor Allen ffnen.
    Vielleicht, wenn - Excellenz, hat Sie nie das Gefhl durchzuckt, die
Sehnsucht durchschauert, vernichtet zu sein, aufzugehen in ein anderes Wesen,
zerstampft in Atome, die das andere Wesen vergrern und verherrlichen?
    O sehr oft, Madame, in den Armen einer liebenswrdigen Frau.
    Haben Sie nie die Seligkeit der Begeisterung empfunden?
    Wofr?
    Wofr? Und Sie kommen aus einer Revolution. Die gluthspritzende Lava treibt
doch ungeheure Bilder in unsere Lebensnacht.
    Prinzessin, die Lava ist schon kalt geworden.
    Sie waren einmal Republikaner!
    Was waren wir nicht alles! Und eben weil wir so viel gewesen sind, fr so
vieles geschwrmt, gerast haben, ist wirklich in uns kein Platz mehr fr die
Begeisterung.
    Auch nicht fr Ihren Kaiser? Laforest lie eine Pause vergehen, bis er
antwortete: Auch fr den nicht. Die Jugend, die Kriegslustigen, wer avanciren
will, die meinethalben. Wir Andern - pausiren, wir wissen ja nicht, ob es das
Letzte ist. Der einzige Erfahrungssatz den wir nach Hause trugen aus allen
Revolutionen, ist der, da die Dinge ihren Kreislauf machen, und die hchste
Weisheit fr die Individuen wre die, auszurechnen, welches Stadium eintreten
wird, wenn es mit uns zu Ende geht. Wer sich darauf prparirte, strbe
glcklich.
    Um fortgesplt zu werden ins Meer der Ewigkeit als letzte Schaumflocke, die
die Fluth der Zeit auf ihren Wellen trug.
    Wer wird mit mehr Konsistenz hineingesplt!
    Sie belgen sich wieder selbst. Warum htten Sie sich in die Kirche gewagt,
ausgesetzt der Entdeckung! Wenn einer dieser Franzosenfresser Sie erkannte!
    Habe ich etwa spionirt?
    Nein, Sie wussten es ohnedem. Aber aus reiner Dienstpflicht htten Sie das
nicht unternommen. Es war die Abenteuerlust, der ein Motiv zu Grunde liegt, das
Sie sich selbst zu verbergen suchen. Ein Wagestck fr Ihren Kaiser!
    Sahen Sie nie am Roulettetisch Mnner, die selbst nichts mehr zu setzen
haben, mit gespannter Aufmerksamkeit das Spiel verfolgen, das sie nichts angeht?
Sie pointiren im Geist, eifrig, zufrieden und entsetzt wie die Andern. Das Spiel
ist ihnen zur Natur geworden.
    Was sahen Sie in der Gruft?
    Was ich erwartete, ein romantisches Schauspiel.
    Das zu einem Schlu fhrt, der Ihnen nicht gefallen darf.
    Welchen Schlu meinen Sie, Prinzessin? Ich sah nur einen frappanten
Aktschlu. Die Zuschauer thaten mir leid, da sie nicht klatschen durften.
    Der Schlu des nchsten Aktes wird blutig werden.
    Vielleicht, vielleicht auch noch nicht. Man mu den nchsten Aktaufzug
abwarten.
    Ich glaube, Sie werden ihn hier nicht abwarten.
    Das thte mir um der Gesellschaft willen leid, die ich sehr ungern
verlasse.
    Und was ist der letzte Akt?
    Der letzte, Prinzessin, wer sieht so weit!
    Aber Sie sehen etwas vor sich. Sie tuschen mich nicht.
    Ich sehe allerdings einen folgenden - einen der nicht ausbleiben wird, wenn
dieser Ernst wird.
    Aber er spielt nicht in der Potsdamer Kirche?
    Doch - es wird auch Nacht sein, - bei Fackelschein seh' ich meinen Kaiser
in die geffnete Gruft steigen; hinter ihm seine Generalitt. Man wird
Friedrichs Sarg ffnen, und Napoleon die Hand des Gerippes ergreifen.
    Abscheuliche Phantasie!
    Natrlich nichts als Phantasie! Und er wird sprechen: Groer Geist, vor mir
sollst Du Ruhe haben in Deiner Gruft.
    Napoleon ist kein Freund von Nachtstcken.
    Je nachdem es ihm konvenirt. Glauben Sie nicht, da der Akt die Bewunderung
der Deutschen fr ihn erhhen mu!
    Sie waren an die Thr des Hotels gekommen, wo die Frstin abgestiegen. Ich
danke Ihnen fr die Begleitung, sagte sie. Wir werden uns nicht wiedersehen, -
wenigstens bis zu einem nchsten Aktschlu.
    Warum? Er hatte sie die Stufen hinauf gefhrt, und drckte die nicht
verschlossene Thr auf. Sie haben Ihrem Kaiser von der heutigen Nacht zu
berichten. Leben Sie wohl. Er drckte ihre Hand an die Lippen; sie zitterte.
Ich mchte Sie noch um einige Details bitten, die mir entgangen sind. Aber Sie
stehen in der Zugluft. Er zog sie in den Flur und drckte die Thr zu.

                          Sechsundvierzigstes Kapitel.



                          Bekenntnisse schner Seelen.

Als die Frstin in ihren dichten Zobelpelz gegen die kalte Morgenluft verhllt,
in den Wagen stieg, um in seinen weichen Polstern einer Reihe seltsamer Gedanken
Audienz zu geben, war sie nicht wenig betroffen, noch Jemand darin zu finden. Es
war zu spt zum Schreien; die Thr war zugeschlagen, die Jger hatten sich
aufgeschwungen und der Wagen rasselte schon ber das unebene Pflaster nach dem
Berliner Thor zu. Es war brigens wohl Grund zum betroffen sein, aber nicht zum
Schreck, als die weichen Hnde der Baronin Eitelbach die der Frstin erfassten.
Sie bat sie mit einer mit Thrnen kmpfenden Stimme um Verzeihung wegen der
Attrape, aber sie habe sie sprechen mssen, koste es was es wolle. Deshalb nach
Potsdam gekommen, habe sie von Stunde zu Stunde vergebens auf den Augenblick
gewartet, mit ihr allein zu sein, und endlich diese kleine List sich erlaubt, um
der einzigen Frau, die Theilnahme fr sie empfinde, die sie und ihre Leiden
verstehe, ihr Herz auszuschtten. Die Frstin wollte sich mit sich selbst
beschftigen, und die Leiden der Baronin waren ihr unter allen Dingen, mit denen
sie sich beschftigt, in dem Augenblick die allergleichgltigsten. Das schien
wenigstens der Seufzer anzudeuten, der aus ihrer Brust sich Luft machte, aber
sie drckte die Freundin mit sanfter Innigkeit an diese selbe Brust: Ach,
glauben Sie mir, Leiden schickt der Himmel Denen, die er liebt.
    Aber nicht solche, rief die Schluchzende, wie mir! Ach mein Gott, ich
wei jetzt nun Alles, 's ist mir Alles so klar wie was!
    Was ist Ihnen klar, Liebe?
    Nichts, sage ich Ihnen, wie ich Ihnen immer gesagt, als ein Miverstndnis.
Mein Mops ist mir jetzt ordentlich zuwider; ich knnte ihn vergiften. Aber wer
trennt sich gleich von solchem Thier! Er hat nun mal seinen Platz. 's ist die
Gewohnheit, sagt mein Mann. Fanchon hat wohl recht, wenn sie singt -
    Ich verstehe Sie nicht. Die Frstin verstand sie wirklich nicht.
    Ich wei es, ich rede konfus, ich verstehe mich ja selbst zuweilen nicht.
Aber das mit dem Mops war so gewi ein Irrthum, er konnte nicht davor, er wusste
nicht, da es meiner war. Es sind boshafte Menschen dazwischen, die haben ihm
das arme Thier vor den Fu geschoben; o ich wei nicht, ich habe eine Ahnung -
    Was hat Wandel mit Ihrem Mops zu thun!
    Glauben Sie, da er sein Freund ist?
    Des Mopses!
    Nein Seiner! Mgen Sie ber mich lachen, ich frchte, der Rittmeister ist
nicht frei.
    So viel ich mich entsinne, sagt man, er sei von seinen Glubigern etwas
genirt.
    Ach, Sie wollen mich nicht verstehen. Er ist zu arglos, gutmthig, er hat
das beste Herz von der Welt, ein Gefhl rein wie ein Kind; mein Gott, Fehler hat
jeder Mensch, er hat mir nicht weh thun wollen, aber boshafte Menschen sind
dazwischen gekommen. Sie knnen sich nicht vorstellen, wie ich mich geqult
habe, was ich ihm denn gethan haben knnte; Tag und Nacht lie mir's keine
Ruhe.
    Und Sie haben sich ganz ernst gefragt?
    Theuerste Frstin, da blieb kein Fltchen in meiner Seele. Nein, wahr und
wahrhaftig, ich that ihm nichts, ich bin unschuldig, es ist was andres
dazwischen gekommen.
    Die Frstin war in ein Sinnen verfallen, das nicht zu der Art Theilnahme
stimmte, welche sie der schnen Frau bisher angedeihen lie. Sie hatte sich
wieder mit sich selbst beschftigt. So passte auch ihre Entgegnung nicht ganz zu
dem eben Gesagten: Das ist der Kobold, meine Freundin, der uns alle neckt: es
kommt uns allen, bei unsern besten Entschlssen, unsern edelsten Bestrebungen,
etwas dazwischen, worauf wir nicht gerechnet. Da glaubten wir, mit jahrelangen
Mhen, mit gesparter Kraft die Hindernisse beseitigt, wir eilten schon mit
offenen Armen dem Ziele entgegen, und pltzlich straucheln wir - Gott wei
woran, wir wissen es selbst nicht, an einem Ball, den eine Kinderhand uns
zwischen die Fe warf, am Reflex einer Scheibe, und wir glauben eine Mauer,
einen Abgrund vor uns zu sehen. Wir mssen ber uns lachen, wir rgern, wir
schmen uns, da es so sein konnte, aber es ist so, und wir sind vom Ziele ab,
wir mssen von neuem anfangen. Die Menschen nennen es Zufall. Nein, meine
Freundin, es ist der ewige Dmon, der uns von der Wiege an belauscht bis ans
Grab, um, wenn wir schwach werden, uns zu fassen. Dagegen knnen wir auch
nichts, gar nichts. Es ist vielleicht vermessen, ihm absolut widerstehen zu
wollen, denn mit unsrer Kraft ist's nicht gethan. Besser geschehen lassen was
wir nicht ndern, und dann desto herzlicher bitten, da der rechte Helfer bald
erscheint, der uns wieder aufhebt.
    Die Baronin hatte in ihrer Gemthsbewegung nur etwas von dem Monologe
aufgefasst, und es war das, was zu dieser passte. Lachen Sie mich aus, aber ich
kann nicht dafr. Ich habe auch zum lieben Gott gebetet, da er mir einen Freund
schicken mchte, der mir hilft.
    Sie haben doch so viele, meine Beste!
    Nein, keinen wo ich Rath holen wollte. Da -
    Erschien er pltzlich, wo Sie ihn nicht vermuthet.
    
    Wenn ich die Augen schliee, und lange da sitze, sehe ich ihn deutlich vor
mir, als wenn er leibte und lebte, nein noch deutlicher. Ich zhle die Knpfe an
seiner Uniform. Ich sehe ihn, wenn er den Fidibus anzndet, wenn er sich aufs
Sopha wirft, das Bein auf den Stuhl legt, wenn er ghnt und seufzt und mit der
Hand bers Gesicht fhrt.
    Das sind ja interessante Visionen! Aber erlauben Sie mir es zu sagen, diese
Wahrnehmungen knnen doch zuweilen sehr unangenehm werden, wenn eine zarte Frau
in die Garonwohnung einer Kaserne blickt, und alles das sieht. Es soll da nicht
sehr sauber hergehen.
    Sein Herz ist rein, seine Seele ein Spiegel. Ich kann ohne Errthen hinein
blicken. Was kmmern mich die Aeuerlichkeiten! Er hat in seiner Kaserne keine
weibliche Pflege. Da hngt manches am unrechten Ort und geschieht nicht wie es
sollte. Er fhlt es wohl, kann sich aber nicht klar darber machen. Er fhlt, er
mu sich herausreien, weil er sonst unterginge.
    Das wissen Sie alles? rief die Frstin ber die neue Clairvoyance
verwundert. Es ging ihr wie der Lupinus: die Eigenschaft, die sie fr sich
liebte, ward ihr bei Andern unbequem.
    Ich wei noch mehr. Ja, er ist - er hat Vertrauen zu mir - er hat wie ich
das Bedrfni gefhlt, das unselige Miverstndni aufzuklren, er hatte einen
mnnlichen Entschlu gefasst; mit einem Wort, theuerste Freundin, er wollte an
jenem Nachmittage zu mir, weil er es nicht lnger in der Ungewissheit aushalten
konnte, und da -
    Kam etwas dazwischen; jetzt verstehe ich Sie! Aber dann lsst sich ja der
Schade leicht wieder gut machen.
    Sieht er mir denn ins Herz? rief die Baronin.
    Man kann ihn langsam sondiren -
    Langsam! Und es geht los! Er mu mit! Sie sah die Frstin mit stieren
Augen an, und jetzt brach das lang Verhaltene unwiderstehlich heraus: Langsam!
und Sie waren zugegen, wo sie den Krieg beschlossen. Wei ich, ob er noch in
Berlin ist, wenn wir ankommen? Es sind Couriere mit neuen Marschordres schon
diese Nacht abgegangen. Und er geht ohne zu wissen, was mich qult. Nein, er
geht mit dem Gedanken, da ich ihn verspottet. Die erste Kugel kann ihn treffen,
und, und - in das Jenseits ist er, und wei nicht -
    Da Sie ihn lieben! - Meine theuerste Baronin, wenn wir das nur geahnt
htten! Man hielt es fr eine flchtige Passion. Wie hier die Welt ist!
    Die Frstin wusste in dem Augenblick nichts Passenderes zu thun, als da sie
die Baronin an die Brust schlo. Die Baronin interessirte sie sehr wenig, ihr
Liebesschmerz noch weniger, am wenigsten aber der Rittmeister. Durch das
improvisirte Embrassement verbarg sie auerdem die Thrne des Mitgefhls, die in
ihrem Auge nicht da war, und ersparte sich eine Antwort, die ihr in dem
Augenblick nicht konvenirte. Sie saen eine Weile in schweigender Rhrung. Bei
der Baronin bedurfte es nur des Antippens mit dem Finger, und ihre Bekenntnisse,
lange noch nicht erschpft, brachen von neuem heraus. Dies besorgte die Frstin,
sie schien nur deshalb auf eine Wendung des Gesprchs nachzusinnen, welche
diesen Ausbruch verhinderte; weil sie aber nur zu gut wusste, wie Gefhle der
Art einem Raume mit brennbarem Aether gleichen, wo man kein Licht einbringen
darf, damit nicht alles in Flammen stehe, so schwieg sie lieber ganz. Sie fhlte
sich inde auch nicht vollkommen sicher auf dem Terrain, denn sie war
berrascht, nicht sowohl ber die Macht der Leidenschaft, welche die fr kalt
gehaltene Frau aufregte, als ber das Bewusstsein und die Seele, mit welcher sie
das Gefhlte aussprach. Wo Diplomaten Bewusstsein und Seele merken, werden sie
unsicher, und tappen umher, bis sie mit ihren Fhlfden die Schwche entdeckt
haben, mittelst deren sie den Gegenstand, der sich ihnen entziehen will, wieder
in ihr Netz ziehen.
    Die Frstin hatte wenigstens eine unverfngliche Wendung gefunden, als sie,
wie aus tiefem Nachsinnen aufseufzte, den Blick gen Himmel, rief: Und der Krieg
ist es, der meine Freundin so erschreckt! Was ist der Krieg anders, als ein
Gewitter, das die schwle Luft reinigt.
    Mit Menschenblut! Und darunter die Besten. Die Kugel whlt nicht die
Schlechten.
    Wenn nun in der Natur ein solches verborgenes, furchtbares Gesetz bestnde,
das Menschenblut fordert! fuhr die Frstin fort, die sichtlich in ein neues
Gedankengewebe sich hinein spann oder zu einem Phantasieflug erhob, der ber die
Fassungskraft ihrer Gesellschafterin hinaus ging. Sie wollte, obgleich die
Wahrnehmung sie interessirte, da die Leidenschaft auch eine Eitelbach weit ber
sich erhoben hatte, sich selbst in eine Sphre erheben, wo Jene ihr nicht folgen
konnte.
    Ja, es existirt dieses Gesetz! Und der Soldatenstand ist der geehrteste,
weil er auf diesem groen Gesetz der geistigen Welt beruht. Warum heit Gott in
der Bibel der Herr der Heerscharen! Es ist das nicht ohne tiefen Grund. Wie
herrscht in dem weiten Reiche der lebendigen Natur eine, wir knnen sagen,
gesetzliche Wuth aller Wesen gegen einander! Es giebt keinen Moment in der Zeit,
meine Freundin, wo nicht ein lebendes Wesen von einem anderen verzehrt wird. Der
Mensch aber ist unter diesen zahllosen Arten von Wrgethieren die
allerfurchtbarste. Er tdtet um zu essen, nm sich zu kleiden, sich zu schmcken,
ja aus Vergngen, er tdtet um zu tdten. Der Mensch, dieser entsetzliche
Herrscher der Natur, will alles an sich reien, vom Lamme seine Eingeweide, um
die Harfe widertnen zu lassen, vom Wallfisch seine Barten, um das Mieder des
jungen Mdchens zu halten; seine Tafeln sind bedeckt mit Kadavern. Ja, dem
Menschen ist in dem unerforschlichen Rathschlu des Ewigen das Amt gegeben, den
Menschen zu erwrgen, und der Krieg ist's, der den Spruch erfllt. Die Erde
selbst schreit nach Blut. In Erfllung des groen Gesetzes, das gewaltsame
Zerstrung unter den lebenden Wesen fordert, ist die ganze Erde, fortwhrend von
Blut getrnkt, nur ein ungeheurer Altar, auf dem Alles geopfert werden mu ohne
Ende. Ja, meine Theure, zweifeln Sie daran, wenn Sie die Weltgeschichte
durchblttern, wenn Sie die rothen Schlachtfelder berblicken, mit denen der
gekrnte Korse die Lnder fllt, da der Wrgeengel sie umkreist wie die Sonne,
und eine Nation nur aufkommen lsst, um andere zu schlagen! Wenn die Verbrechen
sich gehuft ber das Ma, dann verfolgt mit Hast der Engel, ohne Ma zu kennen,
seinen unermdlichen Flug. Die sicht- und greifbaren Anlsse erklren den Krieg
nicht; Jeder kennt ja das Uebel; wenn sie wollten, knnten sie ihm ja leicht
vorbeugen. Aber es ist der Durst dieser groen Snder nach der Strafe, von der
sie fhlen, da sie sie verdienet, sie strzen darnach, wie die Hirsche zum
Quell, um dadurch geshnt zu werden. Sehen Sie, Theuerste, wenn wir ihn so
betrachten, mssen auch die Schrecken des Krieges geringer werden; ja wenn wir
uns versenken in den berauschenden Gedanken, da Er es ist, der von dem sndigen
Menschengeschlecht im Augenblick seiner hchsten Noth gerufen, in seiner
Donnerwolke eintritt, um die Ungerechtigkeit, welche die Kinder dieser Welt
gegen ihn begingen, zu strafen und vernichten, dann wird der Krieg selbst in
unsern Augen zu etwas Gttlichem und seine Schrecken schwinden vor dem
gengsteten Gemthe.
    Wir wissen, da dies nicht die eigenen Ansichten der Frstin Gargazin waren,
sondern da sie dieseben in Petersburg aus dem Munde eines franzsischen
Fanatikers vernommen hatte, der, damals noch wenig beachtet, spter aber von so
unheilvollem Einflu ward, noch heute dauernd, aber noch heute zweifelhaft, ob
von schlimmerem auf die Vlker oder die Frsten, indem er ihr Thema, die
Erblichkeit der Rechte, auf keinen festern Grund zu bauen wusste als auf die
Erbsnde der Menschen!
    Die Frstin hatte erreicht was sie vorhin wollte, sie hatte die Baronin zum
Schweigen gebracht; aber die stumme Sprache der Seufzer ward ihr noch peinlicher
als die vehementen Liebesklagen, von denen sie sich debarrassirt. Sie drckte
sanft die Hand ihrer Begleiterin, sie bedauerte, wenn ihre Phantasien einen zu
tiefen Eindruck auf ihr Gemth gemacht, auch sei der Krieg ja noch nicht
bestimmt erklrt, und wenn er ausbreche, wache ein Auge dort oben ber Alle, und
wisse die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden. Nur die Schuldigen
trifft sein Zorn! Er richtet nicht wie ein menschlicher Richter, der nur auf die
offenkundigen Thaten sieht, er prft die Nieren und sieht das Herz. Mancher, der
uns als groer Snder erscheint, geht vor ihm frei aus, weil sein Herz rein
geblieben, nur die Gewalt der Umstnde ihn zur That trieb. Dagegen wie Mancher,
der nichts gethan, was die Sinne fassen, ist schon verdammt, weil er in der
Stille seinen sndhaften Regungen nachging, weil er in Gedanken gegen Gottes
Gesetze sndigte. Wie leicht lullen wir uns in se Verstellung ein, es sei
nicht schlimm was wir denken; wir lgen uns edle Absichten vor, oder glauben, es
sind ja nur Phantasieen, und wenn es zur Ausfhrung kommt, so wrden wir stark
sein und ihnen widerstehen. Ach, meine Liebe, wir sind nicht stark, und
Gedankensnden sind oft die schwersten, die wir begehen knnen.
    Die Frstin musste heute selbst so von ihren eigenen Gedanken bedrngt und
verwirrt sein, da ihre diplomatische Kunst sie in dem, was sie laut sprach, zu
verlassen schien. Sie hatte nichts von dem neuen peinlichen Eindruck gemerkt,
den diese Trstung auf die Baronin hervorgebracht, die pltzlich sich auf den
Boden des Wagens niedersenkte, und die Knie der Frstin umfasste: Ach, ich
verstehe Sie, schluchzte die schne Frau, aber - ich konnte nicht anders
    Meine Liebe, Gute, beruhigen Sie sich, sprach die Frstin, die eine neue
Spezialbeichte frchtete, und nichts weniger als Lust hatte, den Beichtvater
abzugeben. In solchen groen Weltkatastrophen hat das Ange droben weniger Acht
- ich wollte sagen, es sieht milde und gndig auf die kleinen Vergehungen
herab.
    Ja, ich liebe ihn, rief die Baronin und ich bin ja eine verheirathete
Frau. Also das war es. Mild lchelnd blickte die Frstin auf die Snderin
herab, und fuhr mit den weichen Fingern ber ihre Stirn: Erinnern Sie sich, wie
der verlorene Sohn aufgenommen ward!
    Ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen - wenn ich jetzt zurckkehre, raube
ich ihm seinen Glauben -
    An Ihre Liebe. Das ist sehr wahr. Der verlorene Sohn kehrt auch nicht auf
den ersten Anfall von Reue zurck. Wrde er so im Hause des Vaters empfangen
sein? Er mute eine furchtbare Schule der Snde durchmachen, um der Gnade werth
zu sein. Wre er in sich gegangen nach einer leichten Verirrung, und htte er
sich etwa nach einem Trinkgelag, einem Verlust im Spiel, einer wsten Nacht,
reuig dem Vater zu Fen geworfen, es wre gewi sehr hbsch und moralisch, aber
der Vater, wenn er ein vernnftiger Mann war, htte ihn aufgehoben und auf die
Schulter geklopft und gesprochen: Nun das freut mich, da Du es selbst
einsiehst, knftig wirst Du Dich davor hten, aber nun mache kein Aufheben
davon, da Du nicht ins Gerede kommst; sei ganz wie vorher, ich werde gegen Dich
auch wie immer sein. O meine Freundin, wo blieb da die Seligkeit, die den Sohn,
den Vater, das ganze Haus, die Nachbarschaft erfllte, jene Seligkeit, um die es
sich lohnt gelebt, so viel Qualen ausgestanden zu haben! Wie er dalag auf der
Schwelle, zerknirscht, gebrochen an Leib und Seele, und nun zuckte das
Gnadenwort des Vaters wie ein Sonnenstrahl nach langen grauen Tagen, der Himmel
that sich auf in seiner Herrlichkeit, als die Arme des Vaters sich ffneten ihn
zu umschlieen. Er ward ein neuer Mensch, er gesundete an Leib und Seele, alle
Welt wusste es, alle Welt freute sich mit ihm, und das groe Geheimni der Liebe
ward Himmel und Erde offenkundig.
    Es klang wunderschn, die Baronin wusste aber doch nicht, was sie damit
machen sollte: Wenn ich nur wsste -
    Wei Ihr lieber Mann darum? fiel die Frstin ein.
    Ach der! - Er wrde sich halb todt lachen, wenn er alles wsste, Es hat ihm
schon Spa gemacht, da er mich necken konnte.
    Wenn aber aus dem Spa doch Ernst wrde? Wenn er in eiferschtiger Laune -
es knnte eine unangenehme Scene - eine Scheidungsklage -
    Ach, da hat er schon eine Andere.
    Die spanische Tnzerin soll ihm viel Geld kosten.
    Das meinen Sie! Nein, ich meine die Braunbiegler.
    Die reiche korpulente Wittwe, mit den Edelsteinen und Ketten um den Hals!
Die mu ja eine Fnfzigerin sein!
    Sie ist ja die Wittwe seines Compagnons - hunderttausend Thaler baar auer
dem halben Geschft! Wre Herr Braunbiegler vor acht Jahren gestorben htte er
mich gar nicht geheirathet, das sagt er mir und Jedem tausend Mal. Er htte das
Geschft in einer Hand und die Tuchlieferungen frs Militr allein.
    Ein Lcheln schwebte ber das Gesicht der Frstin: So denken denken die
Mnner, und von uns fordern sie Hingebung und Treue: - Was ich sagen wollte, es
kommt Ihnen also jetzt alles darauf an, den guten Rittmeister von seinem Irrthum
zu kuriren. Wie wre es denn - es ist nur ein Einfall - Sie glauben nicht, da
er sich noch einmal auf den Weg macht?
    Mein Gott, er mu ja ausmarschiren. Das ist's ja.
    Richtig! Wie wre es denn, wenn Sie sich auf den Weg machten? Ich meine,
wenn Sie ihm entgegen kmen, natrlich in allen Ehren. Sie knnten ihn zu sich
rufen lassen; das mchte aber falsch ausgelegt werden, und vielleicht kme er
auch nicht. Sie mssten etwas recht Eklatantes thun, das eblouirt die Mnner.
Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch. Wenn Sie ihn in der Kaserne
aufsuchten, ich meine nicht heimlich, sondern in Ihrer Equipage, den Bedienten
hinter sich, die Welt wrde das freilich nicht gut heien -
    Sie meinten also -?
    Ich meine gar nichts, aber wenn Sie einen solchen Schritt sich durchaus
nicht ausreden lieen, wenn Sie sich khn ber das Urtheil der Menge wegsetzten,
welche die Impulse edler Seelen nie begreift, - ich stelle mir nur eben den
magischen Eindruck vor, den dieser heroische Entschlu auf unsern Freund
hervorbringen msste. Bei dem allgemeinen patriotischen Aufschwung, der gerade
von den Frauen getragen wird, sinken die gewhnlichen Schranken. Die Schwester
eilt zum Bruder, die Braut zum Brutigam, man mchte den theuren Scheidenden die
letzten Stunden durch verdoppelte Aufmerksamkeit versen, man windet ihnen
Krnze zum Abschied, und in den Epheu und das Immergrn mchte man schon
Lorbeern flechten. Finden Sie das unnatrlich?
    Wenn die Frstin sich htte Rechenschaft geben sollen, welches Motiv sie
antrieb, wrde sie gestockt haben. Herrschschtige strengen oft die halbe Kraft
an, den Schein hervorzubringen, da sie nicht beherrschen wollen; Geistvolle,
wenn sie von Andern in ihren Gedankenkombinationen gestrt werden, wehren sich
die Strung durch lebhaftes Reden ab. Die uerste Anstrengung, sich nicht zu
verrathen, verrth freilich den Schuldigen nur zu oft, es bedarf dazu aber
anderer Richter, als Zuhrer, die von ihren eigenen Gedanken absorbirt sind. Die
Frstin wollte von der Baronin loskommen, aber in jeder Wendung, welche sie dem
Gesprch gab, verstrickte sie sich aufs Neue. Die Intrigue, zu der sie sich aus
Geflligkeit herbeigelassen, war ihr gleichgltig; selbst das Vergngen,
Eroberungen zu machen, erkaltet, je unbedeutender die Personen, die wir zu
erobern ausgingen, im Verlauf der Arbeit uns erscheinen; und wenn sie aus Noth
wieder ins Rad dieser Intrigue griff, geschah es nur aus Rcksicht fr Freunde,
die ein Diplomat abschtteln darf, sobald das Interesse es fordert, niemals aber
aus Laune. Sie wollte wenigstens das Spiel derselben nicht verderben, darum ein
Rathschlag, bei dem ihre Freunde Zeit gewannen, nach ihrem Gutdnken zu handeln.
    Aber die Frstin hatte heut Unglck. Der Funke, den sie geschlagen, hatte in
der Baronin gezndet. Sie strich ber die Stirn und machte Miene aufzustehen:
Ja Sie haben wieder recht. So mu es sein, ich bin's ihm schuldig. Wenn nur
nicht wieder etwas dazwischen kommt!
    Ach wenn doch etwas dazwischen kme! dachte die Frstin, und der Himmel
erbarmte sich ihrer. Ein heftiger Krach, ein prasselndes Knallen, und der Wagen
senkte sich. Im nchsten Augenblick waren die Damen unsanft auf die Seite
geschleudert und lagen in der umgestrzten Kutsche, deren Fenster klirrend in
Stcke sprangen. Der Kutscher hatte nicht schnell genug einem hinter ihm in
Sturmeseile heranpreschenden Sechsspnner ausweichen knnen. Das Hinterrad des
Wagens war vom Vorderrade des nach ihm kommenden erfasst worden, das Terrain war
abschssig und der Wagen der Frstin, weiter in die Richtung rollend, gestrzt.
Wenigstens ein Rad gebrochen.
    Aus der Kutsche des Sechsspnners ertnte ein donnerndes: Halt! Ein Kavalier
sprang noch im Fahren heraus, und ehe die Lakaien sich von ihren Sitzen
gearbeitet. Es ist Frauengeschrei! sagte ein heransprengender Reiter, der zum
Wagen gehrte. Um so unverzeihlicher! rief der Kavalier, und schien zu
fordern, da auch der Begleiter vom Pferde springe, whrend er selbst, der
erste, sich an der umgestrzten Kutsche beschftigte den obern Schlag zu ffnen.
    Sie sind doch nicht verwundet? rief die Eitelbach zur Frstin, die unter
ihr lag. Ich glaube nicht. Man ffnet. Machen Sie Luft.
    Die Eitelbach war rasch zur Hand. Sie erfasste eine andere Hand, welche sich
ihr aus dem geffneten Schlage entgegenstreckte. Als sie sich aufgeschwungen,
umfasste sie der krftige Arm des Kavaliers und hob und senkte sie mit einem
glcklichen Schwunge auf die Erde. Im nchsten Moment bte der Begleiter, der
rasch aus dem Sattel geglitten, denselben Ritterdienst an der Frstin. Der
Zobelpelz, den sie der empfindlichen Morgenkhle willen nicht zurcklassen
wollte, machte einige Schwierigkeit. Der Retter und die Gerettete mussten sich
brigens kennen. Als sie aber den andern Kavalier sah, lie sie den Pelz
pltzlich zu Boden sinken, und blieb in respektvoller Entfernung, mit auf der
Brust gekreuzten Armen am Wagen stehen.
    Der Kavalier sprach zur Baronin, die ihren Schreck abschttelte: Ich hoffe
doch, da die schne Frau sich keinen Schaden gethan.
    Danke fr gtige Nachfrage, Ihro kaiserliche Majestt, ich denke, es ist
Alles noch gut abgelaufen, erwiderte sie mit einem Knix, der die Frstin
errthen machte. Sie sah aber nicht, da die Baronin dabei auch auf ihre
Falbala's sah, die beim Herausheben zerrissen waren.
    Der Kavalier lie den wohlgeflligen Blick, mit dem er die Gestalt der
schnen Frau ma, jetzt auf ihre Begleiterin gleiten: Ei sieh da, Prinzessin,
das Morgenlicht tuscht. Hoffentlich auch mit dem Schreck davon gekommen, liebe
Gargazin. Er reichte ihr die Hand, die sie ehrerbietig an die Lippen brachte:
Sire, ein kleiner Unfall verschafft uns oft ein groes Glck.
    Aber die Damen knnen doch unmglich in der Klte hier stehen, rief der
Kavalier sich umsehend. Wre in meinem Wagen - aber es mu sogleich Rath
geschafft werden.
    Eure Majestt, sagte die Frstin, der Unfall wird leicht zu redressiren
sein. Hier ist Hlfe zur Hand.
    Wir sind bei Stimmingens, rief die Baronin, auf das Gehft zeigend, das in
der Morgendmmerung gegen den dampfenden weiten Seespiegel auftauchte. Da sind
wir gut aufgehoben. Wer bis Stimmingen kam, ist zufrieden.
    Der Kavalier lchelte. Wenn ein groer Mann Zufriedenheit um sich erblickt,
ist er selbst zufrieden. Aus der Wirtschaft waren in der That schon rstige Arme
herbeigeeilt, um die gestrzte Kutsche beschftigt. Ein ltlicher Begleiter, in
einen dicken Pelz verhllt, der sich aus dem Wagen gearbeitet, machte, mit einer
Bewegung der Hand gegen die Uhrtasche, eine bedeutungsvolle Verbeugung.
    Meine Damen, sprach der Kaiser, ich bedaure, da die Stunde, die zur
traurigen Staatspflicht ruft, mich zwingt, die angenehmere in Ihrer Gesellschaft
abzukrzen. Ich hoffe, da Ihr Wagen bald wieder hergestellt ist, um das
Vergngen zu haben Sie in Berlin wieder zu sehen. Die huldreichste Verneigung
schlo mit einem Kopfnicken gegen die Frstin: Adieu, Gargazin, erklten Sie
sich nicht. Noch einmal sah der Erlauchte vor dem Einsteigen sich um, und sein
Blick galt der Baronin.
    Glckselige Frau! sagte die Frstin zur Eitelbach, whrend sie Beide am
hohen Rand des See's auf und ab gingen, die Frstin wieder in ihrem Zobel, den
der Adjutant ihr aufgehoben. Sie zogen den Aufenthalt im Freien der berheizten
Wirthsstube und der Gesellschaft darin vor, Beide vielleicht von einem inneren
Feuer erwrmt, whrend der Novemberwind empfindlich kalt von Spandau her ber
die weite Flche des Sees blies.
    Warum glckselig jetzt?
    In Ruland wrde diese Frage eine Blasphemie sein. Die Schnheit, auf der
das Auge der Majestt mit Wohlgefallen ruhte, wird glckselig gepriesen. - Aber
wie kannten Sie ihn, und auch mein hoher Herr -
    I wissen Sie denn nicht! Wie sich's in der Knigsstrae stopfte, und sie
halten mussten, gerade vor unserem Hause? Und die ganze Zeit sah er nach meinem
Fenster - fnf Minuten oder drei wenigstens kein Auge fort. Es hat uns Allen
rechten Spa gemacht.
    Spa! Die Frstin erschrak, es kam aber noch ein anderes Gefhl hinzu, wie
konnte ihr das verborgen geblieben sein! Niemand hatte es ihr hinterbracht. War
sie so schlecht bedient? Die Eitelbach konnte sich tuschen, aber hatte sie
nicht selbst Alexanders Blicke beobachtet? Sie kannte diesen Blick.
    Ich begreife Sie nicht, so ruhig sprechen Sie das aus. In Ruland, nein in
ganz Europa bliebe keine Frau gleichgltig, die der ritterlichste und
liebenswrdigste Monarch so ausgezeichnet hat.
    Ach, Sie meinen mich? Nein ich war's ja nicht.
    Wer denn?
    Die Mamsell Alltag, die stand im Fenster neben mir.
    Adelheid Alltag! rief die Frstin und blieb sinnend stehen, so im Sinnen,
da sie den herangaloppirenden Reiter nicht bemerkte, der sich zum zweiten Mal
vom Pferde warf und an die Damen trat. Es war der Adjutant des Kaisers.
    Seine Majestt haben mich zurckgeschickt, meine Damen, mit strengsten
Befehl, Ihnen meine Gegenwart aufzudringen und nicht eher zu weichen, als bis
ich ihm rapportiren kann, da der Wagen und Alles, was Sie wnschen, zur
Zufriedenheit der erlauchten Frauen hergestellt ist.
    Die Frstin musste nach dem eigenthmlichen und forschenden Blick, den sie
ihm zuwarf zu schlieen, in alter und sehr genauer Bekanntschaft mit dem
Adjutanten stehen.
    Berichten Sie, Prinz, Seiner Kaiserlichen Majestt, wie Sie uns sprachlos
vor Rhrung ber diese auerordentliche Gnade gefunden haben. Um uns aber in
unsern stummen Dankgefhlen nicht zu stren, bitten wir Sie, uns auf der Stelle
auch noch zu vertrauen, warum Sie auerdem hergeschickt sind.
    Der Adjutant, wie im Einverstndni mit der Art der Frage, verneigte sich
vor der Baronin: Auerdem wnschten Seine Majestt zu erfahren, wer das junge
Mdchen war, die am Einzugstage neben der schnen Frau am Fenster stand.
    Wirklich! rief die Frstin; man glaubte unter dem Zobelpelz ihr Herz gegen
die Brust schlagen zu hren, die matt gewordenen Zge ihres feinen Gesichts
belebten sich und ihr schwarzes Auge strahlte von einem Glanz, der das graue
Morgenlicht beschmte: Berichten Sie Seiner Majestt, da was wir wnschen,
wenigstens was ich wnsche, zu meiner Zufriedenheit hergestellt sein wird.
Vielleicht sage ich Ihnen dann unterwegs - Sie chaperonniren doch unsern Wagen?
wer das junge Mdchen ist, vielleicht auch nicht. Je nachdem Sie sich
auffhren.

                         Siebenundvierzigstes Kapitel.



                Von Magistratspersonen und ungerathenen Kindern.

Die Geheimrthin Lupinus war am Rathhaus vorgefahren und hatte in die Hnde des
Magistrats eine Gabe von dreihundert Thalern als milden Beitrag zu den
Kriegskosten des Staates niedergelegt. Der Magistrat hatte es fr nthig
erachtet, durch eine confidentielle Deputation der Geheimrthin fr diesen
Beweis einer auerordentlichen patriotischen Gesinnung seinen besonderen Dank
abzustatten. Sie hatte die Herren Bsching, Kls und Gerresheim mit Beschmung,
wie sie sagte, empfangen, und ihre Verwunderung nicht zurckhalten knnen ber
einen so Aufsehen erregenden Schritt, und um eine Handlung, welche nach ihrer
Meinung die Pflicht von Jedem fordere.
    Aber Sie waren die Erste in Berlin, die das Beispiel gab, hatte Bsching
erwidert, und vor diesem Beispiel verneigen wir uns.
    So wnsche ich, meine hochgeehrten Herren, da das Beispiel von den
Nachfolgern verdunkelt und meine obskure Person und die Kleinigkeit, die ich
mitbrachte, bald vergessen werde ber die groen Opfer, die andere Reichere auf
dem Altar des Vaterlandes niederlegen.
    Eigentlich hat sie Recht, sagte Gerresheim, als die Herren wieder in den
Wagen stiegen. Das schickt sich nicht fr eine Korporation wie der Magistrat
von Berlin.
    Was schickt sich denn, und was schickt sich nicht, sagte Kls, wenn das
Vaterland in Gefahr ist? Wir mussten aus den Provinzen tglich in den Zeitungen
lesen, da der und der Edelmann seine Rekruten ausstattet, und werthvolle
Lieferungen verspricht, whrend in der Hauptstadt nicht das Geringste geschehen
ist. Da war es Pflicht, den ersten Besten, der mit einer ansehnlichen Offerte
hervortrat, zur Stimulation fr die Andern zu honoriren.
    Das ist auch meine Ansicht, schlo Bsching. Es ist mit unserm
Gemeindewesen berhaupt nicht, wie es sein sollte. Da mu man Manches dem
Einzelnen berlassen, was eigentlich nicht an ihm wre.
    Unser Rderwerk ist etwas verrostet, das ist richtig, stimmte Gerresheim
bei.
    Jener fuhr fort: Knnen wir als Korporation etwas thun, um auf das
Staatswohl einzuwirken? Weder nach Oben, noch nach Unten haben wir Einflu.
    Ist auch nicht unseres Amtes, Herr Kollege, sagte Kls. Und ich sollte
meinen, es macht uns schon genug zu schaffen.
    Papierste in Aktenberge zu verarbeiten! Meines Erachtens wre in einem
wohlgegliederten Staate die Aufgabe des Magistrats einer Stadt wie Berlin eine
andere, als im Schlendrian zu vegitiren.
    Liebster, bester Kollege, keine Neuerungen! Haben wir's nicht gesehen,
wohin sie fhren? Wenn erst distinguirte Mnner im Amt einen Penchant dazu
bekommen -
    Neuerungen! fuhr Bsching dazwischen, was so uralt ist, als es Stdte in
Deutschland gab. Der Bonaparte freilich macht in seinem neuen Reiche seine
Brgermeister zu Domestiken und den Magistrat zu Pagoden; bei uns aber ist doch
wenigstens noch die Fiktion, da wir aus der Brgerschaft hervorgegangen, da
wir ihre Interessen vertreten, oder, wie man jetzt sagt, sie reprsentiren.
Traurig genug, da es nur noch Fiktion ist. Meine Herren Kollegen, fhlen Sie
denn nicht, da es einer innigern, festern Gliederung zwischen oben und unten,
zwischen allen Theilen, Gliedern und Stnden bedarf, um uns fest in uns selbst
zu machen? Wenn ein Feind in England einfiele und London nhme, wre England
nicht verloren, weil in jeder Grafschaft ein Theil des Ganzen lebt, der selbst
Lebenskraft hat, weil die Gemeindevorstnde aus der Gemeinde hervorgingen, mit
ihr zusammenhngen, mit ihr, auf sie gesttzt, handeln knnen. Da rettet sich
ein Theil des Staates, der Nation, in die Stdte, Grafschaften, von dort aus
erhebt sich England wieder. Was aber wre Preuen, wenn Berlin genommen ist, und
der Sitz der Regierung, ehe man die Staatsmaschine retten konnte, mit Allem
darum und daran, dem Feinde in die Hnde fiel? Wo sollte sich ein Widerstand
organisiren, wo eine legale Autoritt auftreten, wenn ein Schlag den Knoten
zerhieb, in dem alle Fden zusammen liefen, und sie hngen nun lose da. Die
Einzelnen mchten zwar gern und sie sind bieder, gut, entschlossen; aber wo ist
ein Mann, ein Name, eine Institution, welche eine Kraft, einen Anspruch hat, die
Einzelnen um sich zu sammeln. Wir haben keine Aristokratie, keine Magistrate,
wie sie sein sollten, gar keine Korporationen mit Einflu hinter sich, mit
Untergebenen, die ihren Fhrern, wenn nicht aus Liebe folgen, doch aus Interesse
sich zu ihnen schaaren. Wenn der Schlag fiele, sind wir zersplittert, eine
zerstreute Heerde, von der jeder Nachbar, jeder Ruber, was ihm bequem liegt, an
sich risse.
    Wir haben unsere Armee, sagte Kls.
    Und die Armee hat Disciplin, setzte Gerresheim hinzu. Mit Disciplin lsst
sich Alles durchsetzen.
    Auch der Opfermuth, der festhlt an einer verlornen Sache? - Lassen Sie uns
abbrechen, meine Kollegen, unsere Ansichten finden keine Vereinigung. Wir haben
keine Korporationen, Stnde, keine Gliederung im Staate, aber wir haben
Menschen, gute, tchtige Menschen, vielleicht Charaktere, die nur jetzt
verborgen sind, und die Noth weckt noch mehr zur rechten Stunde. Das hoffen wir
doch Alle, und lassen Sie uns an diesem Glauben festhalten. Darum -
    Wollen wir auch das Scherflein der Wittwe nicht verschmhen; die
dreihundert Thaler der Lupinus sind uns aber lieber, fiel Kls ein. Sie ist
ein wenig fanatisch in ihrem Patriotismus, sagte Bsching. Und - setzte
Gerresheim hinzu und schwieg pltzlich, bis er die Bemerkung hinwarf: Die Frau
Geheimrthin admirirte vor kurzem noch den Bonaparte mit einiger Ostentation; da
ist das Changement doch auffllig. Die drei Herren sahen sich an und mussten
sich verstehen.
    Es ist doch etwas eigenes mit der Weibernatur, sagte Kls nachdenklich.
Wie weit sind sie uns oft vorauf, ich mchte sagen, wie der Blitz, der durch
die Nacht leuchtet, und wir sehen den Weg vor uns. Aber dann, wenn wir den Weg
einschlagen wollen, haben sie sich pltzlich verloren und wir haben Mhe sie
mitzuziehen. Sie thut's auch jetzt nur, um von sich reden zu machen, sprach
Bsching. Darber hab' ich mich keinen Augenblick getuscht. Aber das drfen
wir um Gottes Willen nicht sagen. Hingenommen das Gold, und einen Heiligenschein
daraus geschlagen. Zum Zweck ist's dasselbe. Es wird mit dem Schein manches
Heiligen nicht besser sein, assentirte Kls. Was meinen Sie, Gerresheim?
    Wei der Geier, in der Frau ist etwas, was mich anzieht, und abstt. Als
ob ihr Auge mich aushhlen wollte und ich fhle mich gedrungen, dann immer
tiefer hineinzusehen, um sie wieder auszuholen. Ei, ei, Gerresheim, doch nicht
wieder verliebt? Das wre denn nur wie der Inquirent in seinen Inkulpaten, den
er zum Gestndni bringen will. Ich kann die Vorstellung nicht los werden, da
ich die Frau einmal vor mir sitzen htte am grnen Tisch, in einem Glorienschein
von erhabener Tugend und philosophischer Resignation. Da steht mir der kalte
Schwei auf der Stirn, wie sie auf meine Fragen antwortet. Sie redet sich aus
und in mich drein, da ich an mir irre werde. Glauben Sie mir, das knnte die
Frau in solcher Lage, mit ihrem zngelnden Blicke, voll Sanftmuth und doch in
die Seele bohrend, mit ihrem feinen Lcheln, mit der unendlichen Milde, die um
ihre blassen Todtenlippen schwebt Sie bedauert mich, sich, die ganze Welt, und
Gott wei was hinter dem Bedauern lauert, Hohn und Ha, Gift und Tod.
Gerresheim, ich bitte Sie, ein Mann wie Sie, ein Richter, Kriminalist, und
solche Phantasieen! Ich wei es, es ist unrecht, aber wer kann dafr! Sie ist
die reputabelste Frau in Berlin, und doch - Was steckt dahinter? Nichts
weiter, Bsching, als die Warnung, da man die Leute nicht zu klug werden lassen
darf. Stellen Sie sich das Elend vor, wenn jeder Dieb so fein, gewitzigt,
gelehrt und gebildet wre wie die Geheimrthin Lupinus! Da mchte der Teufel
Richter bleiben.
    Whrend dieses Gesprchs stand Diejenige, von welcher die Rede war, am
Fenster und hatte der fortrollenden Kutsche nachgesehen. Das Fenster war
geschlossen und die Scheiben belegten sich vom Hauche ihres Mundes. Sie konnte
nichts mehr sehen, und nach den Gesetzen der Natur, die wir kennen, nichts
hren, als das Fortrollen der Rder. Wer aber ihr Physiognomiespiel beobachtet,
htte glauben mgen, da sie das Gesprch im Wagen angehrt. In ihren Augen
stand geschrieben: ich wei, was Ihr ber mich denkt! Ich kann's nicht ndern,
aber Ihr knnt und sollt mich nicht anders machen als ich bin. Dann flog ein
eigenthmliches Lcheln ber die Lippen, welche die Magistratsperson so treffend
gemalt hatte.
    Der Herr Legationsrath von Wandel lassen ihren Respekt vermelden! sprach
der eintretende Diener, nachdem ein Zug an der Thrglocke sie aus ihren Gedanken
aufgeschreckt.
    Ich lasse dem Herrn Legationsrath fr seine unerwartete Attention danken.
    Der Bediente ging aber noch nicht, obgleich die Dienerschaft gewhnt worden
zu schweigen, wenn die Geheimrthin mit einer ihrer scharfen Bemerkung eine Rede
abschnitt. Es hatte sich manches in dem Hause verndert, die Geheimrthin
schnitt viel fter, rascher die Reden ab; sie sprach am liebsten mit sich, und
man sah ihr an, da sie in der Unterhaltung den mit ihr Redenden nur uerlich
Aufmerksamkeit schenkte, whrend ihre Gedanken andere Wege gingen.
    Ist's noch etwas, Heinrich? fragte sie, als der Bediente nicht ging. Er
hie eigentlich Johann, hatte aber beim Eintritt in den Dienst diesen Namen
ablegen mssen.
    Herr Legationsrath - sagte der Bediente und stockte vor dem Blick der
Geheimrthin.
    Hat mir seinen Respekt durch seinen Bedienten vermelden lassen,
wiederholte sie rasch. Weiter hat Er mir doch nichts zu sagen?
    Sie lassen der Frau Geheimrthin sagen, Frau Geheimrthin mchten doch
heute Abend ja nicht versumen in die Komdie zu kommen. Es wre nmlich was
los. Es wre nicht um der Komdianten willen, sagte der Mensch, sondern weil die
Herren Garde du Corps und von den Gensd'armen die Logen gemiethet, und man
wsste nicht, was draus werden knnte. Frau Geheimrthin mchten aber ja nichts
zu Andern von sagen, denn es sollte es nicht Jeder wissen.
    Das sagte Ihm alles der Mensch? Vermuthlich schrie er es Ihm von der Treppe
zu.
    Nein, Frau Geheimrthin, der Mensch des Herrn Legationsraths waren nur sehr
eilig, weil er's noch vielen ansagen sollte. Sie standen Alle auf einer Liste.
Darum -
    Die Geheimrthin schnitt diesmal das Gesprch nicht durch ein Wort, sondern
durch einen Blick ab. Aber der Blick war schrfer als das Wort.
    Sie hatte sich auf das Kanap gelehnt, aber sie sa nicht allein. Einst
hatte sie aufgeschrieen, als sie kleine Schlangen sah, die ber das Sopha ihres
Arztes zngelten und um seinen Arm sich ringelnd ihm an den Hals glitten.
    Frchten Sie sich nicht, Frau Geheimrthin, hatte Heim gerufen, ohne
Anstalt zu machen, der fast Ohnmchtigen beizuspringen. Die Schlangen thun
Niemand was. Es hat aber andre, die zischen und sind giftig, und Niemand sieht
sie!
    Diese Schlangen schienen jetzt neben ihr auf den Kissen zu spielen, um ihren
Hals sich zu schlingen und durch ihre immer engere Umklammerung die scheu
schielenden Blicke ihrer Augen zu erpressen. Fuhren sie auch zuweilen mit einem
nagenden Stich in ihr Herz, so kann man wohl daher das pltzliche Aufzucken, das
krampfhafte Athmen, das sie sich selbst zu verbergen suchte, indem sie ihre Hand
unwillkrlich an ihre Brust fhrte.
    Er hat Recht, sagte sie, mit Anstrengung sich wieder vom Sopha erhebend,
whrend sie sich doch noch an die Lehne hielt. Aber dann zwang sie sich mit
aller Muskelkraft, die dem starken Willen zu Gebote steht, aufrecht zu stehen.
Er hat Recht, wiederholte sie. Das Leben ist und bleibt ein Krieg Aller gegen
Alle, und nur Der steht fest, der sich zuletzt auf Niemand verlsst, als auf
sich -Niemand - setzte sie mit Nachdruck hinzu. Denn der beste Bundesgenosse
wird der gefhrlichste Feind, wenn die Bande zerrissen sind, die ihn an uns
fesselten. Und was sind denn diese Bande, wenn wir sie nher betrachten? Der
Leim, der die sprden Fden schmeidigt und bindet, ist das Interesse, weiter
nichts! Die seste Liebe, der eifrigste Wissensdrang, wenn wir sie zersetzen,
es bleibt nur das Gelste, das allerfeinste, nach Genu und Vortheil. Die
Vaterlandsliebe, was ist sie, auf ihre Grundstoffe zerlegt? Ein grober Egoismus!
Und dieser Patriotismus, den wir uns vorlgen, Jeder sich selbst, in noch
strkerer Dosis dem Andern, und der giebt ihn uns wieder zurck, aufgeschwollen,
bis das grauenhafte Phantom fertig ist, das Wolkenbild, das unsre Sinne
verwirrt, unsre Vernunft uns raubt. Und was bleibt dann? -
    In der Kinderstube war es laut geworden, keine ungewhnliche Erscheinung.
Die Kinder verbten, wenn sie kaum sich etwas erholt, allerhand Schabernack. Sie
neckten, zankten, schlugen sich, und es war mehr als einmal passirt, da sie in
unbewachten Augenblicken wieder einen frischen Trunk aus dem Quell des Uebels
gethan, von dem sie geheilt werden sollten. Charlotte kam aus der Stube, die
Enveloppe umgethan zum Fortgehen. Sie weinte.
    Haben die Kinder Sie wieder nicht in Ruhe gelassen?
    Ach, Frau Geheimrthin, wenn da der liebe Gott nicht hilft, dann wei ich
nicht, wer helfen soll.
    Warum hilft Sie sich nicht selbst?
    Ich knuffe sie auch, Frau Geheimrthin, aber Wechselblger sind gar nicht
so schlimm. Nein, seit sie doch in dem Hause sind! Ein vernnftiger Mensch soll
doch auch nicht in Rage kommen, denn wer in Rage ist, hat keine Vernunft, ja
sonst - ich frage mich immer, womit hat's die liebe gute Frau Geheimrthin
verdient, nmlich die selige, die hatte ja ein Herz wie Zucker, das konnte keine
Fliege leiden sehen, und der Fritz, wenn er den Maikfern die Flgel ausreit,
das ist sein grtes Plaisir. Malwinchen ist stiller, aber die hat's dick hinter
den Ohren. Glauben Sie mir's, Frau Geheimrthin, die war's, die hat die
Medizinpulle in die Mehlspeise gegossen. O Gott, ich kenne sie ja; der Fritz, ja
mit reingepolkt hat er in die Speise, aber Fritz ist viel zu wild; der htte
nicht nachher die Pelle, mit Respekt zu sagen, so wieder rber gepellt, da
man's nicht merken that. Und da so was in einem so reputirlichen Hause
vorkommen musste! Mein Cousine, die Frau Hoflackir, als sie's hrte, schlug die
Hnde ber den Kopf zusammen, und sagte: Charlotte, Du mein Jemine! die Leute
htten ja denken knnen, sie wren vergiftet und vergeben worden.
    Das ist ein albernes Gerede.
    Das sagte ich ja auch. Erstens, das waren vornehme Gste und die nennt man
nicht Leute, Cousine. Nun Sie mssen wissen, meine Cousine ist jetzt eine sehr
respektable Frau, aber sie hat nicht die Bildung gehabt. Da mu man ihr schon
etwas zu Gute halten. Aber dann sagte ich ihr: Aber, Cousine, wie kannst Du so
was nur denken! Gemeine Leute sind rachschtig, und da hat schon Mancher seiner
Frau auf den Kopf geschlagen, und in den Bchern steht's von mancher Frau, die
ihren Mann vergeben hat in der Suppe, da sie ihn unter die Erde kriegte, und
hinter der Thr stand schon ein anderer. Aber unter honetten Leuten kommt so was
nicht vor, die wissen sich anders zu helfen. Und wenn's einmal, so macht man
auch nicht so viel Geschrei davon, denn da wr's ja gethan um allen Respekt und
die Moralitt. Nein, alles, was Recht ist, und mein guter Herr, der Geheimrath,
in der Seele hat er mir weh gethan, da er dabei sein musste.
    Wie war nur das Kind in die Kche gekommen?
    Du lieber Gutt, sie hat einen guten Geruch. Da ging sie denn der Mamsell
Adelheidchen so lange um den Bart - das heit, sie streichelte mit ihren
Hndchen die blonden Locken, o Malwinchen ist ein Filou, und da msste Mamsell
Adelheid frher aufstehen, wenn sie's merken wollte.
    Adelheid hat nichts davon gesagt.
    Ach, Frau Geheimrthin, wie wird man Ihnen denn alles sagen, was in Ihrem
Hause passirt! Sie haben auch gesagt, der Herr Geheimrath soll Kaffee haben vom
zweiten Aufgu, weil's ihn echauffirt; Mamsell Adelheidchen aber lsst ihm vom
ersten geben, weil sie gemerkt hat, da es ihm besser schmeckt. Und der Herr
Geheimerath, der nichts merkt, merkt's recht gut, und ist still zu. Warum sollte
er's auch laut machen; er denkt, dann kann's anders werden. Es geht in jedem
Hauswesen so zu, und wer der Klgste ist, soll sich nicht einbilden, da nicht
Einer ist, der ihm auf die Sprnge kommt. Jedes Schlo hat ein Loch und jede
Mauer eine Ritze, man sieht sie nur nicht, und wer noch so verdmelt aussieht,
zuweilen schiet's in ihn. Das sage ich meinem Geheimrath auch. Will sich
manchmal um Alles kmmern, meine Marktrechnungen nachrechen. Lieber Herr
Geheimrath, sage ich ihm, wenn ich Sie bers Ohr hauen wollte, dann wren Sie
der letzte, der's merkt. Er hat auch gemerkt, da es Malwinchen gewesen war;
aber er that nur so, sonst htte er ja losfahren mssen - und vorm Braten schon,
und am Ende htten Sie ihn die Kinder gleich einpacken lassen. Na, das kme ihm
jetzt bequem. Es ist ja auch nicht das erste Mal, bei uns haben sie's schon mal
so gemacht. Die Himbeersauce rein ausgeleckt, derweil wir asserviren. Was thun
sie, damit wir's nicht merken sollen? Sie gieen das groe Tintenfa aus der
Registratur 'rein. Ich sah's nicht mal, denn wir hatten Eine zur Aushlfe, so
ein Schlesisches Puddel, die schrie: Herr Je - die Tunke ist ja schwarz! Na, die
schwarze Brhe merkten wir denn bald. - Und nu's einmal 'raus, soll auch alles
'raus. Das Achtgroschenstck, warum der Hausknecht seinen Jungen so
gottesjmmerlich prgelte, der Gottlieb hatte es nicht in die Gosse fallen
lassen - das sagte der Junge nur aus Pfiffigkeit, da er mit den Patschen drin
whlen konnte, und wer half ihm nicht, und derweil er heulte und whlte, dachte
er, kommt 'ne mildthtige Seele, und schenkt ihm was. Sie haben ihm auch was
geschenkt, aber die Prgel waren das Meiste. Nein, aus der Tasche hat er sich's
stehlen lassen. Und wer hat's ihm stibitzt? - Ich wei es.
    Ihre Hnde mussten ihre Thrnen nicht fassen knnen, die aus Charlottens
Augen strzten, auch das blaue Tuch, was sie davor hielt, ward in allen
Wendungen na, und ihr Schluchzen schallte von den Wnden zurck. Wre es
mglich, Charlotte!
    's ist gewi, Frau Geheimrthin. Es scho mir gleich was durch den Sinn.
Und nachher, wie ich im Stroh suchte unter seinem Bett, da fand ich's - das
Achtgroschenstck.
    Sie hat es dem Hausknecht wieder gegeben!
    Ich wollte es auch, aber da kriegt mich der Fritz zu packen. Sage ich
Ihnen, wie ein Kobold, er kniff mir in die Waden und bi mir in die Finger, und
schrie und weinte - nu man hat doch auch ein Herz im Leibe - wer will denn
seiner Herrschaft Kinder an den Galgen liefern! - Dem Gottlieb thut man's wieder
gut. Die Prgel hat er doch mal weg; schaden ihm auch nichts. Aber von dem
Achtgroschenstck, davon ist's ja eben. Zum Kuchenbcker um die Ecke. Sein ganz
Schnupftuch voll brachte er mit, husch unters Bett, und nun stopften sie. Daran
liegen sie ja jetzt wieder. Nein, sage ich doch, das steckt im Blute.
    Meint Sie?
    O Du himmlischer Vater, wenn da nicht Einer hilft, der wird mal 'ne
Ruberbande, wie's zu lesen steht in den Bchern bei Herrn Vieweg - blutig
duster im Walde, und am Ende schleppen sie ihn in Ketten. Na, wenn das mein Herr
erlebte!
    Im Blute, sagt Sie, steckt es!
    Wer's zu verantworten hat, wei ich auch, Frau Geheimrthin. Nein, da sind
Sie nicht dran schuld. Im Blute, sagt der Herr Prediger, steckt die Snde, der
Frhprediger meine ich, wo die russische Frstin allemal hinkutschirt. Ach, Frau
Geheimrthin, haben Sie den mal gehrt? Das ist gar kein Prediger wie die
andern, der donnert von der Kanzel, da es Einem brhsiedend hei wird, und 's
ist Einem, als ob das liebe Fleisch von den Knochen abginge. Der sagt's uns
raus, da die ganze Menschheit in Grund und Boden nichts taugt und keinen Schu
Pulver nicht werth ist. Und das kommt aber nicht von uns, sondern weil wir uns
von der Erbsnde losgesagt haben, darum alles das und noch viel mehr. Herr
Jesus, Frau Geheimrthin, wie malt der Mann das alles, man sieht's ordentlich.
Man mchte von Keinem mehr ein Stck Brot nehmen, so sind sie versunken und
verpestet in Eitelkeit und Habsucht und Wollust und Hoffart. Und das wird auch
nicht besser werden, denn die Kinder werden noch immer schlechter als die
Eltern, von wegen da sie's von ihnen lernen, bis der Herr in seinem Zorne
wieder eine Sndfluth schickt, oder ein groes Feuer, oder wie er sagt eine
Bluttaufe, denn vernichtet msste das ganze gottlose Geschlecht werden, sagt er,
das abgefallen ist vom rechten Glauben an die Erbsnde und darum wren wir
schwchlich und diebisch und neidisch und verredeten, und vergeben einen den
andern, und wollten besser scheinen, als wie wir sind. Und dann streckt er die
Arme aus und ruft zum Herrn der himmlischen Heerschaaren, da er die Kindlein
fortnehmen mge in seinem Erbarmen, und er mchte Thrnen weinen, da sie ein
Meer wrden, sagt der Herr Prediger, und die unschuldigen Kleinen alle darin
versffen, damit sie nicht lernten die Snden der Eltern, sondern 'rein kmen in
den Himmel, wie neugefallener Schnee. Das war nur ein Schluchzen in der ganzen
Kirche und ich dachte, o Gott, wenn doch der Himmel so unser Malwinchen und
Fritzchen zu sich nehmen wollte. - Und da nun einmal alles rein aufgewaschen
wird, Ihre chinesische Porzellanvase hat Fritzchen auch zerschlagen. Mamsell
Adelheidchen hat sie nur so oben mit der schnen Seite auf den Rand gesetzt, da
Sie's nicht merken sollen, und dann will sie's abpassen, wenn Frau Geheimrthin
mal bei guter Laune sind. Ja, wenn die englische Mamsell nicht wre, dann wre
schon lngst ein Malheur passirt.

                          Achtundvierzigstes Kapitel.



                               Prparirtes Gift.

Charlotte war fort. Ihr Geheimrath hatte sie zur Mittagsstunde erwartet, und
wir haben heut sein Lieblingsgericht, hatte Charlotte sich entschuldigt. Die
Geheimrthin stand im Krankenzimmer. Es war ein eigenes Lcheln, mit welchem sie
die schlafenden Kinder betrachtete. Nicht das des Wohlgefallens, es war nichts
Wohlgeflliges in dem Anblick. Es war eine Wibegier, die, je lnger sie ber
das Mdchen sich beugte, zu einer wollstigen Empfindung ward. Der Knabe hatte
sie weniger interessirt. Auf seinem Gesichte las sie nur rohen Trotz und
sinnliche Tcke. In Malwinens Lineamenten schien sie zu studiren. Sonderbar!
lispelten ihre Lippen, welche schalkhafte Ruhe ber dem Kindesgesichte! und
doch aus allen Grbchen der Schelm vorschieend, der Zerstrungstrieb - in
Kindern! So schickt vielleicht die Natur Jeden fertig auf die Welt, es ist alles
Prdestination, und wir verfehlen nur unsere Bestimmung, wenn -
    Sie tippte mit dem Finger ber Malwinens Stirn, wie um durch das Gefhl sich
zu vergewissern, ob das Auge nicht getuscht. Die Probe musste mit der Rechnung
stimmen; ihr Lcheln ward intensiver, als pltzlich doch ein Schatten ber ihre
Stirn flog. Der Schlaf ist ja ein Verrther! Lag nicht der ganze dunkle Trieb
fr das Auge des Kundigen auf dem Kindesgesicht ausgedrckt? Wenn das mit den
Erwachsenen derselbe Fall wre? Wenn Jeder sich einschlieen msste, vor nichts
mehr besorgt, als da ein Fremder ihm ins Gesicht sehe? - Erschreckt vor dem
Gedanken blickte sie um sich, und - die stille Krankenstube barg den Verrther.
Hinter der Fenstergardine sa Adelheid und stickte an der Fahne, mit welcher die
Geheimrthin, sie wusste noch nicht wie, das Gouvernement berraschen wollte.
Spielen wir hier die Lauscherin?
    Was sollte ich belauschen? Ich arbeite an Ihrem Auftrage.
    Mit verweintem Gesicht? Ich meinte, eine Patriotin wie Du sollte nicht
Thrnen in die Fahne ihres Knigs sticken.
    Die armen Kinder litten aber wieder so sehr.
    Und da ist es ein ses Gefhl, als Schutzengel ber die Unschuld zu
wachen! Man mag sich fr gewisse Leute interessant machen, wenn man immer die
Leidende spielt, es giebt Andere, die durch die Maske sehen. Adelheid ward roth
und senkte ihr Auge nieder, das entrstet aufgeblickt. Von der Rede kamen nur
die Worte heraus: Meine Mutter -
    Das Wort wird Dir wohl tglich schwerer? Aber so lange Du Dich bewogen
findest, in diesem Verhltni zu bleiben, ist es doch gut, da Du Dich vor den
Andern bezwingst, Liebe gegen mich zu zeigen.
    Meine Mutter, Sie martern mich.
    Das ist unser Aller Loos. Wir Alle werden gemartert von den Verhltnissen,
vom Urtheil der Menschen, bis wir gleichgltig werden, sagen die Leute. Das ist
nicht wahr, man wird nicht gleichgltig, wenn man sich nicht schon aufgegeben
hat. Nur wer so weit ist, da er alle Hoffnung fahren lie, nimmt die Tritte und
spitzen Stiche ruhig hin. Wer sich noch fhlt, ruht nicht, bis er Andere wieder
martern kann. Sieh mich immerhin verwundert an; es ist so, es ist das Gesetz der
Welt.
    Das Gesetz der Rache.
    Nenne es, wie Du willst. Es giebt nur zwei Gattungen Wesen. Unterdrcker
und Unterdrckte. Wo Du hinsiehst, so ist es. Das ist eine Phantasie aus der
Vorzeit, da es freie Menschen gbe; sie sind von unserer Kultur so ausgerottet
wie die wilden Thiergeschlechter. Denn die noch da sind, sind doch schon
unterworfene Geschpfe, Der Mensch hegt und erhlt sie, um sie zu fangen,
schieen, je wie es ihm beliebt. Der Hirsch, der Hase ist so sein Eigenthum da
er schon unverbrchliche Gesetze fr ihn gegeben hat wie lange man ihn schonen,
wann der Vertilgungskrieg losgehen soll. Nach eben solchen Gesetzen schont ein
kluger Herr die von ihm abhngig, nicht aus Liebe, nur um seines Vortheils
willen. Er spart ihre Krfte auf, um sie am besten zu nutzen. Der Wurm und der
Hirsch lehnen sich vergeblich gegen ihre Ueberwinder auf; unter den Menschen
glckt es zuweilen dem Einen und dem Andern, durch List, Ausdauer, frei und Herr
zu werden ber seine Unterdrcker, und dieser Proze ist unsere Geschichte. Aber
wenn sie es sind, dann machen die Sieger es nicht besser und anders; sie
unterdrcken, qulen und martern wieder, wie sie gemartert wurden. Das ist auch
Geschichte, mein Kind. Findest Du es so unnatrlich, da man lieber sticht, als
gestochen wird?
    Ich freue mich, da ein harmloses Mdchen nicht in Verlegenheit kommt,
whlen zu mssen.
    Die Lupinus lchelte: Warum unser Verhltni durch Unwahrheit erschweren,
mein Kind. Zwischen uns mu Wahrheit sein. Ich ertrage sie, Du kannst es auch.
Du wirst noch mehr ertragen mssen.
    Mein Gott, was ist denn zwischen uns Wahrheit? rief Adelheid und erschrak,
als es ber ihre Lippen war.
    Du sprichst es eben aus. Wir sind zusammengewrfelt und passen nicht zu
einander. Wir gefallen uns nicht, und mssen doch vor den Menschen die Miene
annehmen, als wenn wir uns liebten. Auf Deinen Lippen zittert die trotzige
Bemerkung, ich knnte Dich ja verstoen, Dir die Thr weisen. Nein, Adelheid,
das kann ich nicht, das darf ich nicht. Die Welt, die mich gestern noch
liebkoste, hat sich ber Nacht von mir gewandt. Da ich Dich damals gerettet ist
lngst vergessen, so wie Du es vergessen hast. Still, still, ich zrne Dir darum
nicht, ich finde es ganz natrlich. Sie sinnen mir an, da ich Dich nur
aufgenommen, um mit dem schnen Mdchen Staat zu machen, Du solltest der
Lockvogel sein fr eine Gesellschaft, die sonst nicht ber die Schwelle der
Lupinus gekommen wre! Nun sei es anders. Man hat sich satt gesehen, man gafft
andere Sterne an. Man vernachlssigt mich, spottet meiner hinter meinem Rcken.
Wer so einsam dasteht, wie ich, von dem wenden sich auch die treuesten Freunde.
Merke Dir das, es giebt keine Treue, als wer sich selbst treu ist, und das ist
schwer. Die Schule ist lang und hart, ich habe sie durchgemacht. Ich kenne die
Welt; einer nach dem andern ihrer bunten, flimmernden Lappenvorhnge fiel
nieder, auch einer, der fest schien wie das diamantene Firmament - aber das
Firmament ist ja auch eine Illusion! Wenn ich Dir jetzt den Stuhl vor die Thre
setzte, hiee es, das sei aus Verdru, weil Du meine Erwartungen nicht erfllt,
ich wre Deiner satt. Da man mich dann tadelte, hasste, ertrge ich - ich hasse
sie ja auch; aber man wrde mich auslachen, und - ausgelacht mag ich nicht
sein.
    Die Thrnen, die aus der wunden Brust, ein heier Strom, vorbrechen wollten,
gerannen durch die Eisklte der Rede zu Eis: Sie haben mir erklrt, warum die
Bande, welche Sie an mich fesseln, von Ihnen nicht gelst werden knnen, Frau
Geheimrthin; aber warum ich sie nicht lsen darf, wenn ich wei, da meine
Gegenwart fr Sie eine strende ist -
    Das habe ich Dir allerdings nicht gesagt, fiel die Lupinus ein, weil ich
es nicht fr nthig hielt. Die Sache ist so einfach. Kann man Liebe erzwingen?
Du liebst mich nicht und hast mich nie geliebt. Das glnzende Leben in meinem
Hause ist Dir nicht mehr neu, oder nicht mehr glnzend; es zieht Dich nicht mehr
an. Die Huldigungen, die Du empfngst, wrden Dir auch sonst wo nicht entgehen.
Httest Du Dich klug von Anfang an benommen, so wre Deine Stellung jetzt
gesichert, vielleicht eine so glnzende, da Du auf Die mit stillem Mitleid
herabsehen knntest, die Du noch jetzt so gtig bist, Deine Wohlthterin zu
nennen. Dein bler Stern hat es anders gewollt. Du folgtest einer sentimentalen
Regung, und aus einem Gefhl, das Du Dankbarkeit nennst, gabst Du Dich dem Manne
zu eigen, an den Dich eine doppelte Tuschung knpft. Du glaubst ihm Deine
geistige Ausbildung zu verdanken, und Du glaubst ihn zu lieben. Mein Kind, wer
der Dankbarkeit huldigt, ist schon verloren; die Undankbaren sind die
Glcklichsten, weil sie die Freiesten sind. Gutes thun ist nichts als eine
Berechnung; die Einen thun es, um einst im Himmel belohnt zu werden, die
Anderen, um hier einen Vortheil zu haben, mit einem kleinen Einsatz spekuliren
sie auf einen groen Treffer. Auch sie sind Thoren! Sie tuschen sich immer in
dieser Berechnung; wenn die Undankbarkeit des Geschpfes sie lngst belehrt
haben sollte, hegen sie dafr noch immer ein Interesse und meinen in einer Art
stillen Wahnsinns, ihr Geschpf werde doch noch einmal in sich gehen, und es
ihnen lohnen, was sie dafr gethan.
    Die Geheimrthin hielt einen Augenblick inne, es schien, als wolle sie sich
an der Wirkung ihrer Rede erfreuen; aber Adelheid stand wie ein Steinbild vor
ihr. Darauf hatte sie nichts zu sagen Dann fuhr sie fort: Ueber diese Illusion,
mein Kind, bin ich wenigstens hinaus. Auch Du stehst auf einem Wendepunkt. Du
bist selbst so klug, da Du fhlst, wie Dein Herr van Asten eben nur that, was
ein geschickter Lehrer soll, den man dafr bezahlt. Er erkannte Dein Talent, und
fhrte Dich auf den rechten Weg. Du httest ihn, auch ohne Walter, vielleicht
spter, vielleicht besser gefunden. Deine Bildung ist nicht sein Werk, und noch
weniger bist Du sein Geschpf. Das siehst Du jetzt mit jedem Tage mehr ein, und
um deswillen fngst Du Dich an zu schmen ber das Ueberma von Dankbarkeit, mit
dem Du Dich ihm in die Arme warfst. Du liebst ihn auch nicht. Das aber gestehest
Du Dir noch nicht ein, und lullst Dich vielmehr immer tiefer in die
Selbsttuschung, da Du ihn lieben msstest. Etwas Berechnung ist inde auch
dabei. Du mchtest gern von mir loskommen, aber zu Deinen Eltern willst Du auch
nicht zurck. In der vornehmeren Stellung, in welche sie gerckt sind, und
welche Dir allenfalls den uern Glanz bietet, an dem Du Dich nun gewhnt hast,
wrdest Du Dich noch weniger behagen; ihre neuen Krfte sprechen Dein
sthetisches Gefhl nicht an. Du bemerkst vielleicht schon manches, Lcherliche
in den Prtensionen, die sie machen. Als gutes Kind giebst Du Dir Mhe diese
Regung zu unterdrcken, aber Du wrdest sehr unglcklich sein, sowohl in den
alten beschrnkten Verhltnissen, als in den ausstaffirten neuen. Um aus diesem
Dilemma zu kommen, von mir los, und nicht zu Deinen Eltern zurck, drngt es
Dich, und Du drngst vielleicht auch ihn, da Walter eine Stellung bekomme, wo
er Dich heirathen kann. Mit einer fieberhaften Angst hast Du Dich auf dies Thema
geworfen, und machst ihm immer neue Vorschlge, wie er es anfangen soll. Du
qulst Dich, ihn, Deine Eltern, seinen Vater, uns Alle. Das weit Du auch recht
gut, denn Du weit, da Walter an ganz Anderes denkt. als an Dich und sich, aber
Du thust es doch, weil Du in einer Art Fieber bist. Du betrachtest es als eine
Destination, Dich als ein Opferlamm, und mit allerhand hochherzigen
Vorspiegelungen schilderst Du dann als ein erhabenes Ziel der Selbstverleugnung,
was doch nichts ist, als der Nothhafen, wohin der Schiffer in seiner letzten
Verzweiflung steuert. Und wenn Du ihn nun geheirathet hast -
    So traue ich mir zu, ihm eine gute, treue Frau zu sein.
    Daran zweifle ich nicht. Aber Du wirft es ihn doch fhlen lassen, welche
Opfer Du ihm gebracht. Du wirft ihm nicht tglich sagen: das und das htte ich
sein knnen, wenn ich Dich nicht geheirathet, Ihr werdet Euch nicht immer
zanken, noch wird er Dich Abends und Morgens mit verweinten Augen sehen; aber Du
kannst Dich nicht enthalten, es ihn empfinden zu lassen, was Du empfindest.
Augenblicke werden kommen, wo Du Reue fhlst. Je lnger Du Dich anstrengst es zu
verbergen, je strker bricht es einmal unwillkrlich heraus. Er ist ein guter
Mensch, aber wenn er empfindlich wird, was ich ihm nicht verdenke, bricht es
wohl los, nicht sthetisch, sondern recht irdisch materiell. Hast Du dann
Thrnen, so ist das noch das beste. Hast Du keine, so schraubst Du Dich zurck
in Deine Resignation, Du verschlieest Dich in die Burg Deines Selbstgefhls.
Bist Du erst da isolirt mein Kind, so begngst Du Dich bald nicht mehr mit der
Vertheidigung, sondern Du machst Ausflle. Keine Festung hlt sich auf die
Dauer, wenn der Kommandant nicht die Gelegenheit benutzt, die sich ihm zur
Offensive bietet, und dann - dann ist der Kriegszustand gegen Alle erklrt. - Du
stehst wie ich. Tusche Dich doch nicht, als ob Du jetzt nicht schon darin
lebtest! Auf Walter bist Du ungehalten, da er nicht ernstere Anstalten trifft;
da fliegt manches spitze Wort, das durch den sen Hndedruck nicht verwischt
wird. Ich hrte schon geschraubte Redensarten zwischen der Mutter und Dir; ihr
vergttert Kind will nicht mehr das flgge Vglein im Neste sein; sie begreift
Dich nicht, aber Du begreifst sie nur zu sehr. Und fhrst Du nicht etwa gegen
mich einen tglichen Krieg? Irgendwie musst Du es mir doch vergelten, da Dir
mein Anblick zuwider ist. Da begngst Du Dich, ein harmloses Mdchen, meine
huslichen Anordnungen zu contrekariren, Du soulagirst meinen Gatten in seinen
Wnschen, die ich fr seinen Gesundheitszustand nicht angemessen finde, Du
vertuschest die Unarten der Kinder hier, und bist ihnen wohl selbst behlflich
bei Nschereien, wenn sie auch den Kindern schdlich sind. Wenn ich mit dem
Gesinde zanke, wirkst Du begtigend hinter meinem Rcken, und umgehst auf
unmerkliche Weise, was ich bestimmte. O es ist ein angenehmes Gefhl, von
Kindern und Dienstboten als ihr Schutzengel betrachtet zu werden, und whrend
man ihre Liebe einkassirt, ihren Ha gegen Andere zu lenken, die nicht so gtig
sind, und es nicht sein drfen, weil sie ihre Pflicht dadurch verletzen. Und wie
klug es von Dir ist, es so heimlich zu thun, da ich keinen Verdru davon habe!
Die chinesische Vase dort ist mir ein theures Andenken aus meinem elterlichen
Hause. Wie geschickt hast Du sie auf die Kante des Schrankes gestellt, damit ich
nicht tglich den Verdru habe zu sehen, wie die unartigen Kinder sie zerbrochen
haben.
    Geheimrthin! rief Adelheid erblassend, das ist zu viel!
    Ich mache Dir keinen Vorwurf; im Gegentheil ich lobe Dich, da Du zur
Besinnung kommst. Kann ich fordern, da mich Jemand lieben soll, und gar um der
Kleinigkeit willen, wo auch ich mir gestehe, da ich es nicht aus Liebe zu Dir
gethan, sondern wirklich, weil es mich amsirte, mein Hans durch so ein schnes
Mdchen lebendig zu machen. Vieles, was ich aus Liebe gethan, ward mir
schlechter vergolten. Unsere Naturen haben nun einmal keine Sympathie. Du bist
mir gleichgltig, ich bin Dir vielleicht widerwrtig. Kannst Du oder ich dafr?
Wie ich die angeheuchelten Gefhle der Dankbarkeit betrachte, hast Du eben
gehrt. Du hast nun schon gelernt, Dich geistig von mir frei zu machen. Das ist
ein Fortschritt. Du moquirst Dich ber mich, komplottirst im Kleinen gegen mich.
So wird Dir mein Haus eine gute Schule werden frs Leben. Fahre fort, so nur
lernst Du, wie man mit den Menschen umgehen mu, um - was die Andern nennen,
frei zu werden. Ich bin die ltere, und sah es zu spt ein. Uebe Dich an mir, Du
hast ein langes Leben vor Dir.
    Adelheid stand sprachlos da, als die Geheimrthin langsam nach der Thr sich
entfernte. Sie wandte sich noch einmal um: Noch eins, was ich von Dir fordern
kann. Wir sind nun einmal an einander gekettet. Wir mssen es tragen bis der
Zufall die Kette zerreit. Hte Dich vor jedem Impuls. Wenn Du etwa auf die
Strae strztest - echauffirt, halbnackt, wie damals - Du verstehst mich - wrde
es an mitleidigen Seelen nicht fehlen, die Dich wieder aufnhmen. Auch in Sammet
und Seide wrden sie Dich kleiden, aber nicht aus Liebe zu Dir, nur aus
Feindschaft gegen mich, mir einen Possen zu spielen. Nimm Deine ganze Vernunft
zusammen, Adelheid. Mir spielten sie den Possen, aber Du msstest zuletzt doch
bezahlen. Wer so oft eine Rolle spielt und mit sich spielen lsst, hat den
Kredit verloren.
    Die Thr klinkte hinter ihr zu. Adelheid stand eine Weile regungslos: Das
Weib! das Weib! rief sie. Das Weib vergiftet mich! und warf sich schluchzend
auf das Bett.

                          Neunundvierzigstes Kapitel.



                              Auch Vater und Sohn.

Wenige Minuten nach dieser Scene erhielt Walter van Asten ein Billet von seiner
Braut, so geeignet ihn aus seiner Ruhe aufzureien, als es von Adelheids
uerster Unruhe Zeugni ablegte. Er erkannte in den wild hingesprhten Worten
seine besonnene, klare Freundin nicht wieder. Er verstand das ganze Bittet
nicht, denn zu Anfang sprach es von einem Abgrunde, an dem sie schaudernd
stnde, sie strecke vergebens die Arme nach Hlfe aus, dann entzifferte er in
den von Thrnen ausgelschten Worten, da er sie retten knne, aber die
Schluworte widerriefen das Vorangehende. Sie sei in einem Fieberzustand, er
mge nicht auf sie hren, sie lassen wo sie sei, sich selbst ihrem Schicksal
berlassen. Wenn sie unterginge, sei es vielleicht das Beste fr ihn und sie.
Gewi, gewi, sie werde sich auch dann erholen, die Geheimrthin habe sie nur
prfen wollen, hinter dieser Medusenmaske schlge vielleicht ein gefhlvolles
Herz. Sie drang in ihn endlich, nicht zu kommen, sich durch nichts stren zu
lassen, was er hre. -
    Wenn sie das gewollt, warum nur die Nachschrift? Warum hatte sie den Brief
nicht zerrissen, einen neuen geschrieben, oder die Absendung ganz unterlassen?
Sie befand sich also in einer Aufregung, welche ihr die Besinnung geraubt, und
in diesem Zustande hatte ihr Herz nach ihm verlangt. An ihn hatte sie zuerst
gedacht, als sie nach Rettung aufschrie. Die Resignation war erst nachher
gekommen. Er war aufgesprungen, sein Entschlu gefasst, nur ihrem ersten Willen
zu gehorchen, und eben hatte er den Ueberrock vom Nagel gerissen, als ein
zweites Billet von unbekannter Hand ihm berbracht ward. Der Bote war
verschwunden, das Wirthsmdchen hatte nicht nach dem Absender gefragt, und der
unterzeichnete Name, als er es aufgerissen, war ihm fremd. Jemand, der sich
einen Sekretr des neuen Ministers nannte, forderte ihn auf, sich morgen in
einer Frhstunde bei demselben melden zu lassen, indem Se. Excellenz ihn kennen
zu lernen wnsche. Auch hier ein Postscript des Inhalts, da der Minister bereit
sei, ihn schon heute Nachmittag zu empfangen. Die Stunde war benannt, und Walter
htte eben nur Zeit gehabt, seine Toilette darnach einzurichten, wenn er der
letztern Weisung, die fast wie ein Befehl klang, Folge leisten wollen.
    Was wollte der Minister von ihm? - Natrlich! er hatte seine Schrift
gelesen, seine Ansichten hatten ihn angesprochen, er wollte mit dem Verfasser -
Endlich! brach es von seinen Lippen, und seine Stirn klrte sich auf, aber der
Glanz verschwand schnell wieder. Nach so vielen Enttuschungen vielleicht eine
neue! Hatte ihm nicht ein ngstlicher Freund aus der Schulzeit zugeflstert, da
er aus hheren Kreisen gehrt, wie man seine Vorschlge fr naseweis halte, da
seine Anmaung eigentlich eine Rge verdiene? Und bedurfte es fr ihn solcher
Zuflsterung, nach der eigenen Erfahrung, die er bei einem befreundeten Minister
gemacht? Zwar, nach seinem Ruf im Publikum, war er den neuen Ideen zugnglich,
er hege selbst groartige Plne, aber er sei eigensinnig, hie es, dringe damit
nicht durch, darum verdrielich, und jetzt so gut wie ohne Einflu. Auch er
mochte ihn nur warnen wollen. Aus dem Zweifel, ob er den Ueberrock oder den
Frack anziehen solle, ri ihn ein neues Klopfen, eine neue Ueberraschung Sein
Vater trat in die Stube. Er war noch nie hier gewesen, aber auf seinem Gesicht
ersah man nichts von der Verwunderung, welche sich auf dem des Sohnes
ausdrckte, weder eine freudige, noch eine betrbte. Er reichte dem jungen Manne
die Hand: Ich mu doch auch mal sehen, wie's Dir geht, und setzte sich, wie
ermdet vom Wege, auf einen Sessel.
    Ein unerwarteter Besuch, mein Vater.
    Da Du nicht zu mir kommst, um zu sehen, wie's bei mir aussieht, mu ich zu
Dir kommen, um zu sehen, wie's bei Dir aussieht. Wir kommen ja sonst ganz
auseinander.
    Das habe ich nie gefrchtet, und Ihr Besuch besttigt meinen Glauben,
sagte Walter, whrend der Vater seinen Blick flchtig umher schweifen lie.
    Nu das ist ja alles recht hbsch ordentlich. Deine Lektionen mssen Dir
auch schon was Erkleckliches eintragen, freilich, und die Schriftstellerei auch.
Um wen man sich so reit, da man gar kein Exemplar mehr kriegt, und wenn man's
mit Gold aufwiegt. Schreibst Du wieder was Neues?
    Mein Vater, ich kenne Sie, und ich glaube, Sie kennen mich. Sie haben den
sauren Weg, der mich erfreut und beschmt, nicht ohne Absicht angetreten?
    Wer fllt denn gleich mit der Thr ins Haus? Ich wollte mit Dir vorher ein
bischen ber Krieg und Frieden diskouriren, europische Weltverhltnisse. Du
bist ja jetzt ein Politiker, und ich hoffe doch noch immer mein Sohn, der mir
mit Rath und That zur Hand sein wird, wenn es seines Vaters Wohl gilt.
    Zum Spotten ist die Zeit zu ernst.
    Was spotte ich? Geht einen Kaufmann Krieg und Frieden nichts an? Der Alte
stampfte mit seinem Rohr auf den Boden. 's ist Ernst, Herr Sohn. Wenn ein
Kaufmann Schiffe auf der See hat, so geht ihn der Sturm sehr viel an; und wenn
die Portepeefhndriche bis zu den Generalen hinauf in seinen Bchern stehen, so
ist ihm ihr Leben noch viel theurer als dem Vaterlande.
    Als ein umsichtiger Kaufmann, wie ich Sie kenne, werden Sie Ihre
Unternehmungen nach den letzten kritischen Zeitumstnden eingerichtet haben.
    So? hoffst Du das?
    Sie mussten den Krieg als wahrscheinlich im Auge haben, und Ihre
Spekulationen, wenn nicht darauf einrichten, doch danach abmessen.
    Wenn ich nun auf den Frieden spekulirt htte!
    Indem Walter seinen Vater aufmerksam betrachtete, suchte er, ob hinter der
barocken Wolke, mit welcher van Asten seinen wahren Gesichtsausdruck zu
verbergen wusste, nicht eine andere Stimmung lauere. Doch keiner der schlauen
Blicke zngelte zu ihm auf; er sa, die Hnde auf den Stock gesttzt, seine
Augen auf den Boden gerichtet.
    So bin ich wenigstens davon berzeugt, da Sie Ihr Geschft bersehen
haben. Wenn eine Unternehmung Ihnen fehl schlge, werden Sie nicht selbst
geschlagen sein. Das Renommee des alten Hauses van Asten und Kompagnie -
    Die ltesten Huser strzen beim Erdbeben. Krieg ist ein Erdbeben. Lerne
was von mir, was Dir gefallen wird: ein Kaufmann, der immer nur auf Nummer
Sicher setzt, hat bald ausgewirtschaftet.
    Mein Vater, wenn Sie auf den Frieden Ihr Alles setzten, - sagte Walter
nachdenklich.
    So ist wieder Unfriede zwischen uns, fiel der Alte ein, denn Du hast Dein
Alles auf den Krieg gesetzt. Ich wei es.
    Was ist mein Alles, Vater!
    Der Kaufmann winkte ihm mit der Hand zu schweigen. Ich wei es ja, darum
kam ich nicht her. Ich will nicht richten mit Deinen heroisch patriotischen
Stimmungen, ein guter Geschftsmann kann auch damit etwas anfangen, wenn die
Leute danach sind! Da aber die Leute nicht danach sind, so - habe ich meine
Rechnung auf den Friedensfu gesetzt.
    Und die Armee -
    Ist auf den Kriegsfu gesetzt, das heit der Lieutenant kriegt so und so
viel, und der Obrist so viel Zulage. Die bezahlt der Schatz, und wenn keiner da
ist, der Brger und Bauer. Nun sehe ich aber nicht ab, was der Fu in Stiefel
und Sporen mich bange machen soll, wenn der ganze Leib noch im Schlafrock
steckt.
    Der Schlafrock wird ihnen abgerissen!
    Bist Du auch dabei? Jetzt erst warf der Alte einen seiner schlauen Blicke
zu ihm hinauf. Man will heut in der Komdie ein paar Raketen in die Luft
schicken. Das Sprhen und Prasseln soll gewissen Leuten die Augen und Ohren
ffnen. Wenn sie nun aber absolut nicht sehen und hren wollen! Kinder sollten
nicht mit Feuerzeug spielen.
    Sie wissen, das wir wirklich das verlassene Hannover besetzt haben.
    Und wir verproviantiren die Franzosen in Hameln.
    Aus dieser Zweideutigkeit Preuen herauszureien ist jetzt die Aufgabe
aller Besseren.
    Und Du siehst, der Knig zaudert, wie er vorhin gezaudert. Kaiser Alexander
selbst musste kommen, um ihn zu elektrisiren. Nun der Exekutor fort ist, fallen
wir in unsere Natur zurck. Wie sagt doch da der Lateiner von der furca
expellas?
    Wenn der Degen zu drei Viertel aus der Scheide gerissen ist!
    So steckt immer noch ein Viertel drin, und das kann man so langsam
herausziehen, bis es zu spt und der Krieg an der Donau vorber ist. Bonaparte
hat Wien genommen, weit Du das schon? Die beiden russischen Heere, unter
Kutusow und Buxhvden werden Mhe haben sich um Olmtz zu vereinigen. Die
Nachricht kam eben auf der Brse an.
    Wien genommen! rief Walter. Und Haugwitz!
    Hat sich von Bonaparte hinschicken lassen, weil in Wien ein Gesandter am
besten aufgehoben ist. Der Kaiser hat sehr viel Rcksichten mit ihm gehabt, fand
es unschicklich, da ein preuischer Minister und Diplomat sich im Heerestro
mitschleppen lasse.
    Und Haugwitz lie sich fortschicken?
    Was wird er nicht! Er liebt die Kommoditt. Sehr langsam reist er schon,
damit ihm kein Unglck widerfahre. Und hat gewi recht gehabt; ein Unglck, was
unserm Premierminister zustiee, wre ja eines fr den ganzen Staat!
    Und er traf ihn -
    In Brnn gerade bei den Vorbereitungen zu einer neuen Schlacht. Da hatte
Napoleon natrlich keine Zeit sich mit ihm zu unterhalten und sagte zu ihm:
Lieber, jetzt habe ich keine Zeit, gehen Sie nach Wien, und warten bis ich Zeit
habe, dann wollen wir sprechen.
    Und Haugwitz schttelte nicht die Toga! Er lie nicht die zwei Mal hundert
tausend Bajonette zwischen seinen Drohworten klirren.
    Drohworte! Er ist ja ein feiner, gebildeter Mann!
    Aber sein Auftrag -
    Kennst Du den? Ich kenne ihn nicht. Es werden hier nicht Zehn, nicht Drei
sein, die ihn kennen. So viel man uns schreibt, sprach er als ein tief
gekrnkter Freund, da Napoleon die guten wohlmeinenden Rathschlge, die ihm
Preuen gegeben, so auer Acht gelassen. O ich zweifle gar nicht, er wird sehr
sanft und elegant gesprochen haben - schade, sehr schade, da Napoleon nicht
gerade den Ossian las, sondern sich die Reiterstiefel anzog. Walter war auf
einen Stuhl gesunken und barg sein Gesicht im Arme. Als der Vater den Seufzer
hrte, den er unterdrcken wollte, stand er leise auf und berhrte sanft die
Schulter des Sohnes: Mein lieber Walter, Dein Vater hat doch wohl recht gehabt.
Wenn wir uns sonst nicht vertrugen, weil Deine Gedanken wo anders hingen als
meine, so mag ich unrecht gehabt haben. Gedanken sind zollfrei, und ich dachte
als Kaufmann nur an die Waare. So lange man im Schmetterlingskleide ber die
bunten Wiesen flattert, da lasse man doch die Kinder spielen. Ich bitte Dich um
Verzeihung, da ich damals meinte, ich knnte Dich mit einem Bindfaden leiten,
den ich an Deine Flgel band. Aber wenn der Schmetterling sich verpuppt hat, und
aus den Gedanken Plne werden, wenn sie Ideen marktgerecht zurichten und an den
Markt bringen wollen, ist's was anderes. Nun, sehe Jeder, wie er's treibe. Du
bist jetzt ein Mann, ein Kaufmann fr Dich; wenn Du spekulirst, musst Du so gut
wie Dem Vater auf ein Fallissement gefasst sein. Dein Vater wrde sich zu
schicken wissen in das, was nicht zu ndern ist, und Du auch: Du bist mein Sohn.
- Aber wenn man fr den Staat spekuliren will, ist das erste, da man sich die
Menschen ansieht, die, fr die man spekulirt - die Leute, ob sie danach sind?
Die Gedanken, o die sind wunderschn. Aber was sind Ideen, ohne Menschen, die
sie tragen! Das groe Vaterland, o das ist das Erhabenste was es giebt, wer
wollte nicht dafr Gut und Blut opfern! Wenn nun aber das Vaterland blos Erde
und Stein wre und die Menschen ausgestorben? Wrdest Du auch Dein Blut dran
setzen? Oder die Menschen drin wren alle blind, oder taub, oder Cretins. Ja,
ich wei doch nicht, ob es recht wre, sich selbst darum hinzugeben, fr eine
groe Blindenanstalt, fr ein Taubstummeninstitut, oder gar fr ein Haus voll
lauter Bldsinnigen. Mein lieber Walter, Dein Vater hat sich nun durch ein
Menschenalter die Menschen angesehen wie sie sind, und darum hat er jetzt auf
den Frieden spekulirt, und ich glaube, er hat recht spekulirt.
    Diese! rief Walter aufstehend. Ja, die Sie meinen, aber es giebt andere.
    Wer zweifelt daran! Es giebt berall gute, rechtschaffene, kluge, sogar
ausgezeichnete Menschen, es kommt nur eben darauf an, ob die Klugen die Dummen
und die Guten die Schlechten herwiegen, oder umgekehrt. Mein Sohn, ich will Dir
zugeben, da Euer recht Viele sind, die fhlen und sagen: so geht es nicht mehr!
Da's aber noch immer so geht, so mssen diese Vielen doch immer noch die
Schwcheren sein, sie dringen nicht durch, die Andern bleiben am Ruder, und wer
am Runder sitzt, steuert wohin er will, meinethalben ins Verderben; auf den
blicken Alle, der entscheidet, auf den kommt es an, in welchen Hafen das Schiff
treibt. Ist Haugwitz abgesetzt, Beyme fortgejagt, Lombard eingesperrt? Deine
Besseren und Edleren schreien freilich, es msse so kommen. Noch aber ist es
nicht gekommen. Umgekehrt. Die Prinzen, die Knigin, so viele berhmte Generale,
der halbe Hof, die Prinzessinnen an ihrer Spitze, kabaliren und verschwren sich
beinahe an den Straenecken gegen sie, und Lombard trinkt seine Chocolade und
sein Weibier so vergngt wie vorher, Beyme macht Alles, und was er redet ist
des Knigs Rede, und Haugwitz ist zu Napoleon geschickt, um - die Rechnung zu
arrangiren.
    Sie gehen vor keinem Bilde Friedrichs vorber, ohne den Hut abzunehmen, und
Vater, so gering schtzt ein Verehrer des groen Knigs dessen Volk?
    Weit Du noch unsere Tapeten aus Arras? Vor denen habe ich auch groen
Respekt. Die da in unserem Esszimmer stellen den trojanischen Krieg vor. Was hat
der Aeneas fr schne karmoisinrothe Kniehosen an! Das Prachtstck ist auch
viele Generationen in unserer Familie, Knig Franz I. hat es einmal in einem
seiner Schlsser an der Wand gehabt. Darum kriegtet Ihr Kinder auch immer Klapse
auf die Finger, wenn Ihr dran polktet. Sind mir auch jetzt nicht feil. Nimm sie
aber mal ab und halt sie gegen die Sonne! Wie ein Sieb von Motten! Und bringe
sie auf die Messe. Wenn's kein Rarittensammler ist, so frage, was sie Dir
bieten. Abgestandene Ware findet auf dem Markt keine Kufer.
    Walter schwieg einige Augenblicke; dann rief er: Und scheine es heut nur
Rost fr Rarittensammler, ein Geist wie Friedrichs kann nicht wie ein Meteor
durch die Weltgeschichte geleuchtet haben, er kann nicht versunken sein ins Meer
der Ewigkeit, ohne da seine Strahlen gezndet und gezeugt haben. Andere
Geschlechter mssen kommen, welche, wenn Rost und Schlacke abgeworfen, seinen
Geist in seinem Volke widerspiegeln.
    Das verstehe ich nun nicht, sagte van Asten, der wieder Platz genommen
hatte. Mit der Ewigkeit hat ein Kaufmann nichts zu schaffen. Was er heut
einkauft, will er morgen absetzen. Walter, ich Dich da recht vor, da Du nicht
zu kurz kommst. Das, wie, gesagt, ist nun Deine Sache, aber warum kam ich doch
gleich? Ja so - wirft Du heut Abend in die Komdie gehen?
    Walter suchte umsonst in dem wieder schlauen Blick des Vaters nach dem Sinn
der Frage: Ich verstehe Sie nicht.
    Nun ich meine, ob Du auch einen Schwrmer abbrennen wirst? Man spricht von
einem wunderschnen Kriegsliede, das sie singen wollen.
    Ich billige diese Theaterscenen nicht, wo es eine groe, ernste und heilige
Sache gilt.
    So! Na das ist mir auch recht lieb, da Du Dich nicht unter die Offiziere
mengst. Die haben es bestellt. Ich glaubte nur von wegen des Liedes, weil Du
auch Verse machst. Ins Theater wirft Du aber doch gehen, ich meine ganz simpel?
    Ich war noch nicht entschlossen.
    Dann ihn mir's zu Gefallen. Aber nicht ins Parterre. Da wird man zu sehr
gedrngt. Ich habe Dir schon im zweiten Range Logenbillets genommen.
    Mir?
    Dir und der Cousine Schlarbaum. Die mu doch den Spektakel mit ansehen, und
hat Keinen, der sie fhrt. Ich, weit Du, geh' nie ins Theater, da habe ich Dich
ihr vorgeschlagen.
    Also darum - eine flchtige Rthe belebte Walters Gesicht und ein
schmerzlicher Zug ging um seinen Mund. In dieser Angelegenheit, dachte ich,
wren wir im Reinen.
    Du meinst doch nicht, da ich meine Puppe einem Taugenichts aufdringen
will, der sie nicht mag. Dazu ist mir das Mdchen viel zu lieb, und ihr ganzes
Vermgen steckt in meiner Handlung. Wenn sie nun rabbiat wrde, wie gewisse
Leute, die man gegen ihren Willen verheirathen wollte. Ich kenne Einen, der lief
drum aus dem Hause. Wenn sie nun auch aus dem Hause liefe, nmlich mit ihrem
Kapital, verstehst Du mich, sie kndigte es mir, weil sie sich nicht verkuppeln
lassen will.
    Walter lchelte: Meine Cousine Minchen ist ein viel zu sanftes Mdchen, und
liebt ihren Oheim zu innig, um ihr Vermgen ihm zu kndigen.
    Alle Sanftmuth hat ihre Grenzen, wenn's aus Mein und Dein geht. Und - wenn
das Vormundschaftsgericht - Du frchtest Dich doch nicht, da Mamsell Alltag
eiferschtig wird, weil Du Deine Cousine fhrst? Au contraire, Du schlgst da
zwei Fliegen mit einer Klappe. Hat sie Dir schon erlaubt, sie ins Theater, auf
die Promenade zu fhren? Sieht sie, da Du ihr zum Trotz ein anderes hbsches
Mdchen fhrst, so wird sie vielleicht zuerst maulen, aber dann sich besinnen
und nicht mehr, was man so nennt, te sein. - Na, wohin denn mit einem Male?
    Verzeihen Sie mir, mein Vater, dahin, wo meine Pflicht mich ruft.
    Desto besser. Ich begleite Dich. Geht's zur Mamsell Alltag, so bleib' ich
vor der Thr, und warte auf Dich. Was gilt die Wette, ich sehe es Dir gleich an
den Augen ab, wenn Du runter kommst, ob's oben gut stand oder schlimm.
    Walter verbi eine Bemerkung, er fasste des Vaters Hand: Die Zeit ist nicht
zum Scherz angethan. Nicht hier, nicht dort. Wenn das aber, was Sie von der
Cousine sagten, Ernst war, so Vater, schnell und deutlich, was hinter diesem
Ernste liegt.
    Der Ernst, Herr Sohn, da sie ins Theater will und Du sollst sie
begleiten. Dabei stampfte Herr van Asten wieder den Stock auf die Diele, ein
Zeichen, da es ernster Ernst war. Und warum? - Bilde Dir nichts ein. Sie macht
sich nichts aus Dir. Du sollst sie begleiten, um sie zu beschtzen, aus
Verwandtschaft und aus sonst was. Sind junge Mdchen nicht neugierig? Werden
hbsche Mdchen nicht angegafft? Sind unsere Offiziere nicht nach den Mdchen
aus? Sind sie nicht unverschmt im Attacquiren? Und willst Du noch mehr wissen?
Ein Kornet, oder ist er jetzt Lieutenant bei den Gensd'armen, ein Herr von
Kiekindiewelt, oder wie er heit, schleicht ihr auf Tritt und Schritt seit
letzter Redoute nach. Ein Libertin, ein Taugenichts, ein Verschwender. Minchen
ist schchtern, und hat das Pulver nicht erfunden, das weit Du auch. Er zieht
sie auf, sie wei nicht zu antworten. Du sollst fr sie antworten. Verstehst Du
mich? Weit ja Rath fr alles, und wo der Unrath steckt. Nun zeig's mal, nicht
mit der Feder, mit dem Maule. Wenn Du spitzig wirft, ist's gut; wenn Du grob
wirft, noch besser. 's ist so Einer von denen, die die Beine ber die Stuhllehne
hngen, und's nicht so genau nehmen, wenn sie einem Brger auf die Hhneraugen
treten. Darum ist es auch fr den Brger gut, wenn er dicke Schuhe trgt.
Auerdem hat er sehr viel Geld, also ist er sehr ungeschliffen. Junge, ich bin
Dein Vater und verbiete Dir, Dich in Hndel einzulassen, Aber wenn Ihr so von
ungefhr an einander geriethet, will ich nichts davon wissen. Du hast in Halle
eine Klinge geschlagen, in Deinem Stammbuch steht auf jeder Seite ein Kreuz von
Hiebern. Auerdem hatte der Herr Schwertfegermeister die Geflligkeit, seine
Rechnung mir nach Berlin zu schicken. Ich erinnere Dich nun nicht daran, da
Du's mir wieder bezahlen sollst, was ich fr Dich gezahlt, sondern -
    Walter lchelte: Sie besorgen, da ich in Berlin unter meinen Bchern die
Kunst verga, die ich in Halle betrieb, die Kunst zu handeln. Ich werde Ihrem
Befehl gehorchen und Minchen ins Tbeater begleiten.
    Nu begleite ich Dich, wohin Du willst, sagte vergngt der Vater. An der
Thr hielt er den Sohn beim Rockzipfel: Walter, 's ist 'ne schlimme Zeit
geworden, und sie mu besser werden, oder sie wird noch schlimmer. Sind Die im
blauen Rock 'ne andere Rasse Menschen? Stammen nur die Junker von Adam und wir
Andern fielen nebenher von der Bank? Jeden Tag wird ihr Uebermuth grer. Darum
ein Mal darauf los! Trumpf auf Trumpf. Nicht mit Federkielen, die Feder wird
stumpf, je spitzer Ihr schreibt. Sie lesen's nicht, oder sie lachen darber.
Aber -
    Es blieb ein Gedankenstrich. An der Hausthr setzte er noch etwas hinzu:
Und darum ist's auch gut, da Friede bleibt. Wenn sie die Franzosen schlagen,
dann wr gar nicht mehr mit ihnen auszukommen. Jetzt sprudeln sie vor Uebermuth,
aber da man sie nicht brauchen will, und ohne sie fortzukommen meint, ist ein
guter Dmpfer.
    Der Alte war fort. Als Walter in die Jgerstrae einbog, rollte der
Lupinus'sche Wagen heran. An der Seite der Geheimrthin sa Adelheid, geputzt
wie ihre Pflegemutter, aber ihre Wangen schienen vor Freude zu glhen, wie er
sie nie gesehen. Als die Damen ihn erblickten, lchelte die Geheimrthin ihn
schelmisch an, und wandte sich mit einer liebkosenden Bewegung zu ihrer
Pflegetochter. Es kam ihm sogar vor, als kssten sie sich; gewi hrte er, als
der Wagen vorberrollte, ein lautes Gelchter.
    Was war das! rief er. Ein Herz und eine Seele nach diesem Brief! Und sie
ruft mich nicht heran, wo sie sehen mu, da ich zu ihr will. Er starrte dem
Wagen nach, wie in Erwartung, da er halten, Adelheid sich herausbiegen und ihn
rufen werde. Er wartete umsonst. Der Wagen war verschwunden.
    Walter hatte recht gesehen und gehrt. Aber man kann als Augenzeuge ein
Faktum beschwren, und hat doch ein falsches Zeugni abgelegt. Walter hatte
nicht das kurze Zwiegesprch belauscht, was die Geheimrthin mit Adelheid vorher
gepflogen, nicht die Komdie, die sie ihr zur Pflicht machte. Die Wangen des
jungen Mdchens glhten allerdings, aber sie waren vorhin todtenbla und die
Rthe war die Schminke, welche die Geheimrthin selbst ihr aufgelegt Die Welt
braucht nicht zu wissen, was wir wissen, hatte sie gesagt.

                              Fnfzigstes Kapitel.



                                 Ein Prludium.

Das Nationaltheater bot heut einen feierlichen Anblick. So gefllt hatte man es
seit lange nicht gesehen. Es war nicht Ifflands Kunst noch Flecks Genie, auch
nicht die Anmuth der Unzelmann, der sptern Bethmann, oder die bezaubernde
Stimme der Schick, was dieses Publikum angelockt. Es war kein glnzendes im
gewhnlichen Sinne, obwohl Gold und Silber von den Uniformen flimmerte, und aus
den Gesichtern der Zuschauer ein eigenthmlicher Glanz strahlte, der der
gespannten Erwartung, aber auch ein etwas, was die Mehrzahl voraus wusste. Daher
die schlauen lauschenden Blicke, ein vergngtes Zublinzeln, ein
Zuverstehengeben, da man unterrichtet sei.
    Kein glnzendes Publikum, was man in Berlin so nannte, sagen wir; denn weder
der Hof war zugegen, noch ein hoher Gast, dessen Anwesenheit immer die Neugier
anzieht. Im Gegentheil fehlten gerade die ausgezeichnetsten Mnner, die man
sonst im Theater zu sehen pflegte, und die, welche zu dem regierenden Kreise in
nherer Beziehung standen. Man vermisste aber auch mehrere eminente
Persnlichkeiten, welche zu diesen Kreisen nicht gehrten, sondern sich ihnen
feindlich gegenber stellten. Wenn sie es waren, die das Schauspiel angeordnet,
hielten sie es fr schicklich, wenigstens den Schein zu vermeiden, und verbargen
sich in der Tiefe der damals sehr dunkeln Logen.
    Nicht der Schauspieler und der Darstellung wegen schien dieses groe,
lebhafte Publikum versammelt, sondern seiner selbst willen. Es wollte sich eine
Darstellung geben. Auf dem Zettel stand angekndigt Babo's: Puls. Um dieses
feinen, psychologischen Schauspiels willen hatte nicht das Offizierkorps fr die
Wacht- und Quartiermeister der Regimenter Gensd'armen verschiedene Logen im
ersten und zweiten Range gemiethet, noch sah man deshalb im Parterre und auf dem
Amphitheater Gruppen von Infanteristen und Husaren, jede von 10 bis 12 Mann um
ihren Unteroffizier versammelt. Auch saen untersprengt in den anderen Logen
zwischen geputzten Damen und aristokratischen Herren gemeine Soldaten in ihrer
Kommisuniform, ein damals weit grellerer Kontrast und unerhrter Anblick. Die
honetten Leute erschraken sonst vor der Berhrung mit der blauen Montur. Und
so geschickt, aber doch nicht glcklich hatte man das brgerliche Publikum mit
dem Militr im ganzen Hause vermischt, denn wer Augen hatte, sah die Absicht.
Man wollte sie aber auch nicht verbergen, nur einen luftigen Schleier darber
werfen. Volksschauspiele zu arrangiren war die Zeit in Preuen noch nicht
gekommen.
    Auf dem Komdienzettel stand aber hinter dem Babo'schen Puls: Auf vieles
Begehren Wallensteins Lager von Friedrich Schiller.
    Hatte man denn kein patriotisches Stck? schien der Sinn der Frage, die
Jemand im Parterre seinem Nachbar zuflsterte, der zu den Eingeweihten in
Beziehung stehen musste. Es ist weder preuisch- noch deutsch-patriotisch. -
Aber militrisch, antwortete ein Dritter. - Es wre doch schlimm, meinte
Jener, wenn wir den Franzosen nichts entgegen zu setzen htten. - Als
soldatesken Stolz! ergnzte der Dritte. - Ein Schelm giebt mehr als er hat!
    Babo's Puls ward mit mehr Aufmerksamkeit gegeben als gehrt. Die
Pulsschlge im Parterre waren zu heftig, um den sanften auf den Brettern folgen
zu knnen. Es blieb still trotz des Meisterspiels der Darstellenden. Aber doch
schlugen nicht alle Pulse auf ein Ziel. Es war so viel zu sehen, Viele sahen
sich, die sich niemals hier getroffen. Woran sollten die Soldaten denken, die in
diesen Rumen zum ersten Mal standen, kerzengrad, auf Kommando und des neuen
Kommando gewrtig. Das Spiel da oben war fr sie ein Schattenspiel an der Wand,
in unverstndlichen, gleichgltigen Hieroglyphen, die auf ihren glotzenden
Gesichtern nicht den geringsten Eindruck machten.
    Auch vor der Schlacht schlagen nicht alle Pulse nur der Entscheidung
entgegen. Die Karte, der Wrfel und ein schnes Auge machen das Blut so lebhaft
pulsiren, als der erste Trommelwirbel, das erste Pfeifen der Kugeln. Es waren
viele schne Augen in den Logen, und viele junge Offiziere observirten.
    Sie schminkt sich aber nie, sagte ein Krassier. Sie ist geschminkt!
rief der Kornet. Sie ist echauffirt. Sieh doch, wie ihre Arme zittern. Ihre
Finger hmmern ja wie im Krampf auf die Brstung. Ihre gelben Locken fangen
schon an wie Bindfaden runter zu hngen. Ist das etwa auch ein Beweis, da sie
nicht geschminkt ist? Der Andre observirte schrfer mit dem Ausruf:
Donnerwetter, sollte ich mich irren! Sie changirt nicht Farbe, und doch zuckte
sie zusammen, als die Lupinus ihr etwas ins Ohr sagte. Was gilt die Wette?
wiederholte der Kornet. Besser, wer entscheidet sie, fiel der Andre ein, wer
schafft den Beweis? Schicken wir eine Untersuchungs-Deputation an sie, sprach
ein Dritter. Wolfskehl wre dabei, in den Schminkangelegenheiten hat er
grndliche Studien bei Komte Laura gemacht. Stellt Einen Posto, rief der
Kornet, drben hin, der sie nicht aus dem Auge lsst, und einen Andern hinter
ihr. Wenn die Rhrung losgeht, dann Attention! Der drben, ob's unter dem Auge
wei, der hier, ob das Tuch roth wird. Ein trefflicher Operationsplan!
Wolfskehls militrisches Genie entwickelt sich immer mehr. Am Ende fangen die
Weiber gar noch an zu weinen?
    Und wozu das Alles, sagte der Krassier. Da msst Ihr Euch doch den Mund
wischen. Die Person hat nun mal was, da man nicht wei, was es ist; zudem
Beschtzer an allen Ecken. Man wei nicht, wo man anstt, wenn man zugreift.
Grad das knnte mich tentiren, rief der Kornet. 's ist nur, sie ist nicht
nach meinem Gout. Wolfskehl liebt nur das Bornirte. Da oben sitzt die Neuste,
die er auf den Zug hat.
    Man schaute nach der Loge im zweiten Range, nicht aber mit Diskretion, wo
Walter van Asten hinter seiner Cousine stand.
    Wer ist denn ihr Beschtzer? Sieht mir grad aus wie Einer, der Lust hat,
sich einen sanften Rippensto appliciren zu lassen, wenn ich Lust bekme, dem
Mdel den Arm zu bieten. Wollt Ihr pariren, er dankt mir nachher an der Treppe
- Wofr? Die Ehre, da ich seinen Schatz gefhrt. Hol' mich der Geier, er
soll's!
    Der zornfuukelnde Blick eines lteren Offiziers in militrischem
Reitberrock, der mit verschrnkten Armen an einem Pfeiler stand, begleitete das
Pst!, welches er den Schwtzern zurief, ohne seine Stellung zu verlassen. Sie
schwiegen unwillkrlich. Nur der Kornet lie seinen Sbel klirren: Wer ist denn
der Bramarbas? Beide Begleiter zischten ihm ein bedeutungsvolles Pst! in die
Ohren. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen! Aus der Provinz Einer! So ein
Kommandant aus Krhwinkel vielleicht. Soll der sich unterstehen, einem Offizier
von der Garde Raison zu lehren? Der unterstnde sich noch mehr, flsterte der
Krassier. Um Gottes Willen sei still, Fritz, 's ist der Oberst York aus
Mittenwalde. Der hat selbst mit dem alten Fritz angebunden.
    Nicht alle Pulse schlugen gleich.
    So in sich versunken, Herr Geheimrath? fragte Herr von Wandel, der in eine
nebenstehende Loge trat, den Geheimrath Bovillard, welcher sein Opernglas erhob,
um es wieder abzusetzen und mit dem Taschentuch zu wischen.
    Ich bin nicht disponirt.
    Das werden Sie doch nicht zeigen wollen!
    Ich zeige mich. Was kann man in meiner Lage Besseres thun.
    Sie hatten in letzter Zeit vielen Verdru? Herr von Fuchsius hat Sie
verlassen, sich angeschlngelt an die neu aufgehende Sonne -
    Wohl bekomm' es ihm. Wenn die Sonne ein Stein ist, hrt sie auf zu
glnzen.
    Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Sohn?
    Haugwitz hat ihn aus Wien mit einer Depesche um Verhaltungsbefehle hierher
geschickt; das wissen wir aus anderer Quelle. Er scheint unterwegs aufgehalten
oder aufgefangen zu sein.
    Was den Vater allerdings nicht gut disponirt; inde wird der Sohn des
Geheimrath Bovillard vor Napoleons Auge immer Gnade finden.
    Auch wenn er von dieser Komdie hrt! sagte Bovillard noch leiser. - In
welchem Winkel mag sich Laforest versteckt haben?
    Sie wollen doch nicht das Theater verlassen? - Ich bitte Sie, Geheimrath.
Was ist's! Ein bischen Trommeln, Singen und Geschrei werden Sie ertragen knnen
-
    Wenn nur nicht da drben die Lupinus se! Ich kann das Gesicht nun einmal
nicht ausstehen. Ist denn das 'ne Larve oder ein Gesicht? Diese kleinen, feinen,
stechenden Korallenaugen! Wandel, ich versichere Sie, wenn ich ihrem Blick
begegne, ist mir's, als wenn ein glsern Dolch mir ins Herz bohrt.
    Leiden Sie oft an solchen Visionen?
    Begreif' es Einer, warum ich an einen Kirchhof denken musste. Und sie wie
das weie Bild des Todes. Wen sie ansieht und ksst, der msste sterben.
    Ihre Lektre echauffirt Sie, theuerster Freund. Dieses junge Genie, der
Chateaubriand, reizt die Phantasie auf. Unwillkrlich beschwrt er Geister, die
fr unsere Atmosphre nicht passen. Ich mchte Ihnen dagegen als kalmirende
Lektre ein treffliches Buch empfehlen, welches eben erschienen ist, - Wagners
Gespenster. Lesen Sie darin vorm Einschlafen einige Geschichten, Sie werden
davon eine vortreffliche Wirkung empfinden. Es konnte kein besseres Gegengift
gegen die romantischen Schwrmereien gerade jetzt auftreten, wo selbst bei den
Franzosen -
    Er konnte nicht ausreden. Der Geheimrath war ber die hintern Sthle
geklettert und zur Loge hinaus. Wandel, der rasch gefolgt, lie ihm in der
Konditorei ein Glas Zuckerwasser bereiten, in das er Hoffmannstropfen go.
    Nichts als ein Schwindel, theuerster Geheimrath, begreiflich, wenn Sie an
die Eventualitten des Krieges dachten. Da sieht man wohl Leichen und Kirchhfe.
Wie Mancher dieser exaltirten Militrs wird kalt und stumm auf dem Schlachtfelde
liegen, wenn ihre Wnsche in Erfllung gehen. Auch vielleicht um Ihren Sohn
waren Sie besorgt. Das kombinirt sich Alles so natrlich bei einer nervsen
Komplexion. Wenn Sie sich erholt, lassen Sie uns zurckkehren.
    Das Mdchen ist hbsch, aber die Augen, wie glsern. Wenn das Wachsbild nun
unter ihren Augen schmilzt!
    Des wre unntz!
    Was reden Sie?
    Ich wei es selbst nicht, wahrhaftig, Bovillard. Ihr Unfall hat mich
konsternirt. Es ist nicht Besorgni um Sie - aber Sie sollten Hufeland befragen,
wenn diese Anflle sich wiederholen. Inde - erlauben Sie mir Ihren Puls. - Da
intonirt das Orchester schon das Reiterlied. Ja, ja, Sie leiden an den Nerven.
Sie glauben nicht, was die Beschftigung des Geistes da hilft. Man mu sich
zuweilen peinigen und sich in Zerstreuungen strzen. Sie arbeiten zu viel, Sie
lebten auch vielleicht in letzter Zeit zu solide. Ueberwinden Sie sich, und
kehren zurck. Tuschte ich mich, im Mantel dort, das war Laforest. Er ist es.
    Ein interessantes Stck, der Puls! sagte der Gesandte im Vorbergehen.
Nicht wahr, meine Herren? - Wenn doch die Staatskunst auch solche Aerzte zur
Hand htte, die am Pulsschlag ihrer Kranken die geheimen Intentionen der Vlker
erkennten!
    Welchen Auslegungen Sie sich aussetzen, wenn Sie fortgehen, wo ein Laforest
zu bleiben wagt, sprach Wandel dringend zu Bovillard. Bedenken Sie die
Stimmung im Publikum, theuerster Freund! Lombard selbst hat einen Beitrag fr
die Militrmusik geschickt.
    Der Geheimrath Bovillard wollte bleiben, dies deutete wenigstens der stumme
Hndedruck an, als er aufstand: Wenn nur das Weib fortginge!
    Aber als er die Thr des Konditorsaales ffnet, kam ihm gerade dieses Weib,
welches er vermeiden wollte, entgegen. Die Lupinus fhrte ihre Pflegetochter am
Arm. Ein scharfer Kennerblick musste unter der Rthe von Adelheids Wangen die
tiefe Blsse entdecken. Sie wankte am Arm ihrer Fhrerin, deren Anstrengungen,
es zu verbergen, vergebens waren.
    Als Bovillard zurckprallte, kaum von den Eintretenden gesehen, eilte eine
neue Zeugin herbei: Mein Gott, was ist ihr! rief die Frstin Gargazin.
    Nichts als bergroe Hitze! Ein Glas Limonade, Herr Reibedanz! Das wird
dem Uebel abhelfen.
    Sie ist krank, das sind konvulsivische Bewegungen! rief die Frstin.
    Adelheid wird Ihnen das Gegentheil betheuern, wenn sie sich erfrischt hat,
sagte die Geheimrthin, indem sie mit einiger Heftigkeit das Glas dem jungen
Mdchen an die Lippen hielt.
    Adelheid nippte, aber das Glas fiel auf die Erde, sie selbst knickte
zusammen und wre selbst gefallen, wenn die Frstin sie nicht aufgefangen, und
mit dem hinzuspringenden Bovillard auf ein Kanape gebracht htte. Die Lupinus
hatte sich diesen Augenblick entgehen lassen, in dem sie mit dem Legationsrath
ein rasches Gesprch in stummen Blicken gewechselt. Wandels ernster Blick schien
tief eindringend, die Geheimrthin hielt ihn nicht aus, und als sie ihn gesenkt,
hrte sie die Worte ins Ohr geflstert: Was soll diese Komdie! Ich hoffe hier
ist nichts vorgefallen, was Sie bereuen mssten! Sie wollte die Lippen ffnen,
als Adelheids unterdrckter, unartikulirter Schrei die Aufmerksamkeit der
Hlfeleistenden auf den Gegenstand der Theilnahme wieder zog.
    Es mu doch etwas mehr als die Hitze im Hause sein, bemerkte die Frstin
mit einem eigenen Ton.
    Bovillard fragte: War sie vielleicht zum ersten Mal im Theater? Er setzte
hinzu, die Blicke der jungen Offiziere, die eben nicht mit Schonung sie
fixirten, mchten sie afficirt haben.
    Ein Flacon! nief die Geheimrthin.
    Die Frstin neben Adelheid knieend, hielt es ihr bereits an das Gesicht.
    Die Lupinus wandte sich zum Legationsrath: Mein Gott, was zaudern Sie!
Eines Ihrer Hausmittel, die Sie stets bei sich fhren.
    Meine einfachen Mittel wende ich nur an, wo mir der eigentliche Grund der
Krankheit nicht unbekannt blieb.
    Die Geheimrthin hatte sich wieder gefunden: Der eigentliche Grund der
Krankheit kann Denen nicht unbekannt sein, die von dem berschwnglichen Gemth
des jungen Mdchens unterrichtet sind. Patriotin bis in die uersten Fibern
ihrer Seele hat sie seit vierzehn Tagen an einer Fahne fr unsere Garnison
gestickt, und mich und sich um ihre Nchte betrogen. Erst heute Morgen entdeckte
ich es, und es hatte leider eine lebhafte Scene zur Folge, die ich jetzt bereue,
und zu der mich doch die Pflicht fr die Gesundheit des Mdchens trieb. - Man
hat etwas mehr zu sorgen fr fremde als fr eigne Kinder, setzte sie mit einem
feierlichen Tone, der Resignation oder des gekrnkten Bewusstseins, hinzu.
    Um dem Gerede der Leute zu entgehen, sagte die Frstin.
    Aber auf Dank rechne Niemand, der Pflichten bernimmt, die ber seine
Pflicht gehen, bemerkte der Legationsrath.
    Aber wir Alle sind Ihnen dankbar, fiel die Frstin besnftigend ein, fr
die geschickte Weise, wie Sie das Kind, und noch zu rechter Zeit, aus der Loge
fhrten. Ich bewunderte Madame Lupinus wirklich, und, Gott sei gelobt, es hat
gar kein Aufsehen erregt. - Sie athmet.
    Aber noch geschlossene Augen.
    Mein Hotel ist so nahe, liebe Geheimrthin, ich wrde mir ein Vergngen
machen, selbst sie dahin zu schaffen. Eine Portchaise steht im Flur. Mein
Kammerdiener fliegt dahin - wenn -
    Wenn Madame Lupinus, fiel der Legationsrath rasch ein, nicht die Hoffnung
hegte, da die junge Dame sich noch erholte, um an ihrer Seite zur Vorstellung
zurckkehren zu knnen. Und die Hoffnung scheint mir begrndet.
    Der Legationsrath hatte rasch aus seinem Etui ein Flschchen geholt, welches
er der Frstin berreichte: Drei Tropfen in den Hnden gerieben, und damit in
Intervallen ber die Schlfe gefahren. Nur der Luftdruck, nicht Berhrung!
    Er war ehrerbietig zurckgetreten, ohne auf die Frage: Warum nicht Sie
selbst? zu antworten. Die Ouverture begann schon.
    Ich begreife Sie nicht, sagte leise die Lupinus, an deren Seite er sich
gestellt, whrend der Geheimrath Bovillard der Frstin beistand.
    Noch weniger ich den Zusammenhang hier, entgegnete er im selben Tone. Was
ging hier vor?
    Sie sah eben ihren Liebhaber. Sie hatte ihn vor dem Theater erwartet, so
glaube ich wenigstens aus ihren Reden in der Extase schlieen zu drfen. Sie
hatte ihm geschrieben, ihn zu sich geladen. Und statt zu kommen -
    Sah sie ihn an der Seite eines hbschen Mdchens, dem er viel
Aufmerksamkeit erwies.
    Ist das nicht Grund genug, Herr Legationsrath?
    Wandel zuckte die Achseln: Unter andern Verhltnissen. Erlauben Sie mir
inde zu glauben, da es hier kein Grund ist. Doch bin ich beruhigt, und
verzeihen Sie, wenn ich es vorhin nicht schien. Das erste Gesetz der Wissenden,
meine Freundin, ist, sich zu hten vor dem Unnthigen, wo das Nothwendige schon
unsere ganze Geisteskraft beansprucht. Wir drfen nicht spielen mit den Dmonen,
wie diese hier thun; sie vertragen es nicht. Sie gehorchen uns nur, wenn wir das
eiserne Auge nie von ihnen lassen und mit einem Stahlarm sie pressen - auf das
Nothwendige hin. Von Phantasten und Jongleurs reien sie sich los, und schlagen
sie mit den zerrissenen Fesseln nieder.
    Im Theater wurde es laut. Ein Theil des Publikums schien durch Summen und
Singen die kriegerischen Tne der Ouverture zu accompagniren. Mein Gott, - wenn
sie doch jetzt - wir versumen etwas! rief die Lupinus, es war aber nicht das
Verlangen, nach dem Theater zurckzukehren. Wie sanft sie athmet! sagte die
Frstin. Debarrassiren Sie sich von ihr. Es ist am Ende doch das
Gescheidteste! flsterte Wandel der Geheimrthin zu. Sie blickte ihn fragend
an.
    Sie bezweifeln, da ich als Ihr Freund spreche. Mein Rath sollte Ihnen
beweisen, da ich es bin. Ich sage nicht, da Sie eine Natter sich am Busen
erzogen haben, aber in dem Mdchen ist etwas Dmonisches. Bildete sie sich nach
Ihnen? Schlug nur einer Ihrer Rathschlge an? Sie mssen sich gestehen, da das
Mdchen unberhrt blieb, gleichviel ob im Guten oder Bsen. Aber Sie sind nicht
mehr Herrin Ihrer selbst, seit dieses Gewicht an Ihnen hngt, Ihr kluges Auge,
Ihr scharfes Ohr, Ihre Schritte und Tritte, ich mchte sagen, Ihre Gedanken
belauscht. Fast erkenne ich meine stolze, sichere Freundin nicht wieder, wenn
ich die Rcksichten sehe, die sie auf ein in jeder Beziehung untergeordnetes
Wesen nimmt. Aber sie ist nicht, sie kann nicht untergeordnet sein ihrer Natur
nach, das ist eben das Dmonische, was ein frei denkendes Wesen nicht neben sich
dulden drfte. Bringe sie nicht Unglck in jedes Haus, in das sie tritt! Dort -
hier. Ueberrechnen Sie die Verlegenheiten, in die Ihre Gte gegen Adelheid Sie
gestrzt, und ziehen Sie den Schlu, welches von beiden Uebeln grer ist, da
die Welt wieder einmal acht Tage ber Sie lstert, oder - da Sie frei, Sie
selbst wieder sind. Whlen Sie das Kleinere, und ergreifen die erste
Gelegenheit.
    Die Ouverture schlo mit Anklngen aus dem Dessauer-Marsch.
    Sie richtet sich auf, sagte Bovillard. O eine wahre Patriotin.
    Herr Reibedanz rief zur Thr herein: Machen Sie schnell, meine
Herrschaften, der Vorhang geht auf.
    Sie mu mit, sprach die Geheimrthin. Sie hat die Kraft, sich selbst zu
gengen.
    Ich glaube es auch, sagte die Frstin. Herr von Bovillard, untersttzen
Sie ihren Arm, sie will aufstehen.
    Bovillard! wiederholte Adelheid mit der sen Stimme einer Trumenden, die
aus einem lieblichen Traum erwacht, und erhob sich. Geliebtes Kind! sprach die
Geheimrthin, ihr entgegen tretend. Aber derselbe Traum musste auch bittere
Erscheinungen ihr vorgegaukelt haben, denn als ihr Auge auf die Pflegemutter
fiel, welche die Arme gegen sie ausbreitete, stie sie dieselben mit einer
krampfhaften Bewegung zurck. Das trumerische Auge vernderte seinen Ausdruck,
ein Entsetzen wie mit Zorn gemischt schien aus der tiefsten Seele aufzusteigen
und lieh dem Augapfel einen Glanz, vor dem man erschrak. Wie kam dieser Blick in
das Auge einer Jungfrau! Die Frstin hatte eben so rasch es bemerkt, als sie mit
der huldvollsten Freundlichkeit Adelheid unterfasste: Bovillard, geben Sie ihr
den Arm, wir fhren unsere Patientin.
    Sie trumte noch den Dessauer Marsch und sah die Franzosen vor sich. sagte
der Geheimrath.
    So ist sie! Voller Laune und Phantasie! bemerkte die Lupinus an Wandels
Arm.
    Wie unsere Zeit und diese Menschen, entgegnete er. Nichts, wohin wir
sehen, als Phantasie und kein Entschlu.

                           Einundfnfzigstes Kapitel.



                              Wallensteins Lager.

Kaum lie sich whrend der Darstellung das Mitspielen des Publikums
zurckhalten. Die Iffland, Unzelmann, Mattausch, Herdt, Bessel, Gern, Labes,
Kaselitz erschienen in ihren Waffenrcken und Wehrgehenken nicht wie
Schauspieler, welche das Bild einer zweihundertjhrigen Vorzeit den Zuschauern
hinzaubern wollten, sondern wie Reprsentanten dieser Zuschauer selbst, die,
jedem Kunstausdruck, jedem Verse, der auf das Ergreifen der Waffen deutete,
zujubelnd, ihre eigene kriegerische Stimmung aushauchten. Das war ein
Bravorufen, Klatschen, so krftig, sonor, wie man es in diesen, der ernsten
Kunst geweihten und damals heilig gehaltenen Rumen selten gehrt. Der
Kunstenthusiasmus erlaubte sich in Berlin wohl Thrnen und Entzckungen, auch
Verzckungen, aber noch nicht mit dem Feuer zu spielen, das er spter
verschwenderisch ber seine Lieblinge ausschttete, einen flammenden
Glorienschein, der oft zur verzehrenden Flamme werden sollte fr den Ruf des
Gefeierten.
    Das Reiterlied war gesungen; tiefe Spannung auf allen Gesichtern, ein banges
Schweigen in dem gedrngt vollen Hause. Da trat Kaselitz als Dragoner von
Piccolomini vor, und vertheilte ein gedrucktes Lied zum Lobe des Krieges unter
seine Kameraden. Die Pappenheimer, die Panduren, Isolani's Kroaten, alle
verstanden Deutsch zu lesen, das Orchester hub an, und nach der Schulze'schen
Melodie: Am Rhein, am Rhein! ward ein Lied gesungen, von dem berlebende
Zeitgenossen uns versichern, da es gewirkt wie ein Tyrtischer Kriegsgesang.
Das Publikum erhob sich. Man streckte die Arme nach der Bhne, um den Text zum
Mitsingen zu erhalten, die Schranken des Orchesters fielen. Da aber regnete es
schon von gedruckten Blttern aus dem Amphitheater. Das Parterre stimmte ein,
Jubel oder Rhrung, es war zweifelhaft, was grer war. Die Damen in den Logen
wehten mit den Tchern; ernsten Mnnern, bei deren gefurchtem Gesicht man einen
Eid htte ablegen mgen, da sie nie geweint, standen Thrnen im Auge.
    Die letzte Strophe musste wiederholt werden. Das ist ein Lied! - Das ein
Gesang! - Ein Dichter! - Von Mund zu Mund ging sein Name geflstert hin: Es
sind der Herr Major von Knesebeck! Dort schrie Einer dem Andern zu: Donner und
Wetter, der Knesebeck ein Dichter! Man wollte, man musste sich nher kommen. Die
in jener Zeit nicht so strenge Billetordnung ward gebrochen, man besuchte sich
in den Logen, schttelte sich die Hnde; aus den Logen ging man ins Parterre,
und unversehens hatten einige Allzeitfertige aus Brettern und Sthlen eine Art
Treppe nach der Bhne gebaut. Das Stck war ja zu Ende, nur den Vorhang hatte
man herunterzulassen vergessen - oder auch nicht vergessen. Whrend junge
Enthusiasten hinaufsprangen, den Schauspielern die Hnde schttelten, winkten
Andere den Darstellern herabzukommen. Bald sah man Iffland in seiner stattlichen
Armatur als Wachtmeister im Kreise der Offiziere, seiner Freunde. Er spielte
nicht den Wachtmeister, er war es. Er war ein Patriot von Herzen, und von Herzen
redete er feierliche Worte von Aufopferung und Treue. Seine jungen Verehrer
drngten sich, ihm in die Hand zu schlagen, als Gelbni, da sie leben oder
sterben wollten fr Knig und Vaterland.
    In der Erhebung des Augenblicks fand Niemand darin Seltsames, da der
Schauspieler den Ernst des Lebens reprsentirte; aber auch heitere Scenen
mischten sich in diesen heroisch theatralischen Ernst. Es hat sich von je an
gefgt, seit es Offiziere gab und Juden, da Beide in gewissen Verhltnissen zu
einander stehen, Verhltnisse, die, in der Jugend sehr intim, sich oft erst im
Alter lsten, zuweilen auch gar nicht. Da sah man einen bekannten jdischen
Handelsmann, welcher spter, vielleicht auch damals schon, den Namen Gans fhrte
und fr einen witzigen Mann galt, an den Armen zweier Lieutenants
umherstolziren, oder besser er umschlang sie mit seinen Armen, und den
Begegnenden versicherte er, in diesen beiden Freunden opferte er seine
theuersten Erinnerungen dem Vaterlande! Unzelmann, als Trompeter, streifte am
Arm eines hbschen Kavallerie-Offiziers durch das Parterre. Wer dafr noch Sinn
hatte, blickte neugierig verwundert nach. Der junge blonde Offizier nahm das
spttische Lcheln seelensvergngt hin, Unzelmanns komische Miene deutete aber
an, da ihn der Sinn nicht verletze. Unzelmann und Quast Arm in Arm! -
Unzelmann spielt heute seine Frau. Er rief den Spttern nach: Beschmte
Eifersucht wird nicht mehr gespielt, meine Herren, - denn Eifersucht ist das
grte Ungeheuer! replicirte ein junger Schngeist, der die alten Spanier
studirte.
    Und gegen das grte Ungeheuer, fiel der Schauspieler eben so schnell ein,
ziehen unsere braven Truppen. Auch Menschenha und Reue, meine Herren, wird
nicht mehr gegeben, denn wir brauchen allen Menschenha gegen die Franzosen. -
Und, setzte ein dritter Witzbold hinzu, ein Lump, wer nicht sein Bestes und
sein Schlechtestes mit seinem Alliirten theilt. - Anspielungen, die damals
Jeder verstand, auch viele Jahrzehnte nachher hat sich die Erinnerung erhalten;
nicht werth um ihrer selbst willen, aber von Werth zur Charakteristik einer
Zeit, die lngst von den Springfluthen der Geschichte fortgesplt und von ihrem
mchtigen Strom auf immer verschttet scheint. Nicht die Frivolitt ist
begraben, aber in dem luftigen Kleide von damals darf sie sich der Gesellschaft,
in keinem ihrer Kreise, nicht mehr zeigen.
    Enthusiasmus, wohin man sah, aber es fehlte noch etwas: ein Schlu, der dem
Anfang entsprach, ein Siegel auf die fertige Urkunde gedrckt. Wozu die ganze
Aufregung ohne ein Ziel? Aus dem Theater sind spter Revolutionen
hervorgegangen, aus der Stummen von Portici strzten die berauschten
Zuschauer, um die Funken des Bhnenfeuers als Brand auf den Markt zu tragen.
Dazu war hier nicht der Ort, nicht die Zeit, nicht die Menschen. In den
geschlossenen Theaterrumen hallte der Ruf: Krieg! Krieg! Zu den Waffen!
trefflich, aber wren sie hinaus gestrzt, was dann? Wie klein wre die Zahl
gewesen, wie bald zerstreut auf den breiten Straen! Htte Jeder sich gern in
der Gesellschaft der Andern erblickt, Derer, die vielleicht ihnen da zustrmten?
Und was sollten sie thun? Vor das Palais des Knigs rcken, dort Fackeln
schwingen, wild schreien: Krieg! Krieg! Was wrde dieser Knig, der, dem
Ungewhnlichen, Exaltirten abhold, seine Person scheu von aller Reprsentation
zurckzog, zu einem brllenden Haufen sagen, der ihn zu einer Handlung zwingen
wollte, die er vielleicht schon beschlossen hatte? Wrde es nicht gerade das
Mittel gewesen sein, das Wort, das sich von den Lippen lsen wollte, in die
tiefste Brust zurck zu schrecken? Er musste zrnen, und erzrnen wollte Niemand
den geliebten Monarchen.
    Aber etwas musste geschehen, das fhlte Jeder; so konnte man nicht
auseinander gehen. Die Logenschlieer hatten unter den Enveloppen der Damen
Blumenkrnze gesehen, oder waren es schon Lorbeerkrnze? Auf irgend ein Haupt
sie zu drcken, dazu waren sie doch mitgenommen. Aber wo war das Haupt, wo der
Eine, der eine solche Masse wecken, begeistern, fhren konnte? - Wohl gab es
Einen, einen noch jugendlichen, genialen Prinzen vom khnsten Geist und
bewhrten Muthe. Sein Schwert hatte Franzosenblut getrunken, ritterlich hatte er
sich mehr als einmal in die Schaaren der Feinde geworfen und - dem
unberwundenen Helden htte man alle seine Schwchen vergeben, er wre der Mann
des Volkes gewesen, und wre er vorgesprungen, da auf eine Erhhung, und htte
den Degen blitzen lassen im Scheine der Theaterflammen, nur wenige krftige
Worte, - mglich war es, da es ein Ernst ward, dessen Folgen Niemand berechnet.
Aber diesen Einen fesselten Rcksichten, er knirschte im verhaltenen Grimme in
seinen vier Wnden; er zckte den Pallasch, um ihn wieder in die Scheide zu
stoen, er sah nach den Wolken, und lauschte auf den Galopp eines Pferdes, ob es
die Ordonnanz war, die das heiersehnte Wort brachte. Er hatte sein Wort geben
mssen, heute nicht im Theater zu erscheinen. Scharf geschliffen und von vorn
herein die Spitze abgebrochen, damit der Stahl nicht verwundet. - Andere gab es
wohl, die von demselben Feuer glhten, Namen von ehernem Klang und altem Ruhm;
sollte man aber die Krnze auf eisgraues Haar drcken? Warum nicht lieber auf
Friedrichs Bste?
    Aber etwas musste geschehen; die Ghrung war zu gro, um sich zu verlaufen.
Es lebe der Knig! rief eine Stimme. Tausend riefen es nach. Das Orchester
intonirte den neuen Volksgesang, der so rasch Allgemeingut geworden, und das
feierliche: Heil Dir im Siegerkranz, Retter des Vaterlands! hallte wie
besnftigend durch den hohen Raum des Schauspielhauses.
    Eine der kleineren Logenthren klappte zu und ein Mann, vor dem sich der
Schlieer respektvoll neigte, eilte im Surtout die Treppe hinunter. Das alte
Lied! sagte sein jngerer Begleiter; es war Herr von Fuchsius; es klang hier
mir wie eine Ironie. Alles Theater, alles gemacht, alles nichts, und daraus
wird im Leben nichts, erwiderte der Andere. Seine Excellenz der Herr Minister
von Stein, flsterten sich die Logenschlieer zu.
    Aber als das Lied durch neue Hochs, dem Knige gebracht, unterbrochen wurde,
klappte wieder eine Logenthr, eine Stimme theilte den Vornesitzenden etwas mit,
diese sprachen nach links und rechts, und bald lief es wie ein Lauffeuer durch
die Logen: Die Garnison marschirt! - Die Berliner Garnison rckt aus!
    Soll das den letzten Druck geben! schien des Ministers Blick zu seinem
Begleiter zu sagen, whrend der Lrm drinnen sich wieder steigerte. Ein
Vorbergehender las den Sinn der ungesprochenen Worte und erwiderte dem Manne,
den er nicht kannte: Sie knnen es gewi glauben, mein Herr, diesmal ist es
Ernst. Die Kriegskasse ist schon fertig, und das Feldlazareth wird gepackt. Ich
habe einen Vetter, der dabei ist.
    Und ich habe es selbst angeordet. lchelte der Minister seinem Begleiter
zu. Soll man sie um ihren Glauben beneiden oder bedauern?

                          Zweiundfnfzigstes Kapitel.



                           Am Altar des Vaterlandes.

Was bis hier geschehen, davon finden wir die Hauptzge wenigstens in den
ffentlich gewordenen Berichten. Die Zeitungen gedenken des denkwrdigen Abends;
aus ihnen sind jene Zge schon in die Geschichtsbcher bergegangen. Es fiel
aber an dem Abende noch Manches vor, wovon sie schweigen. Ein groer Theil des
Publikums hatte sich bereits entfernt. Die Begeistertsten empfanden noch das
Bedrfni, sich Muth und Hoffnung zuzureden. Hier schttelte man sich die Hnde;
hier schlo man sich in die Arme; hier unterhielt man sich von Vortheilen,
welche die Oesterreicher errungen haben sollten, von dem und jenem franzsischen
General, der verwundet sei; dort von einem Volksaufstande, der sich irgendwo
vorbereite, von dem ungeheuren russischen Heere, was aus dem Innern Asiens
heranwlze. In bewegten bangen Zeiten knpft die Hoffnung aus den
Sonnenstubchen, aus den Spinnfden in der Herbstluft Taue fr ihre Anker!
    Da lief schon lngst ein Gercht durch die entfernten Gruppen, da ein
Courier mit wichtigen Nachrichten angekommen, aber er und sein Pferd, gleich
erschpft, seien auf dem Markt gestrzt. Der Kommandant, welcher des Weges
gekommen, habe ihn auf der Strae vernommen, und sei mit den Depeschen sogleich
ins Palais geeilt. Ein kleiner Mann mit sehr wichtiger Miene, den man frher
schon bei allen Gruppirungen bemerken konnte, schwang sich jetzt auf eine
Logenbrstung und schrie: Es ist richtig, meine Herren, der Courier ist da! Er
hat sich beim Fall den Fu verstaucht - er kommt direkt vom Schlachtfelde - ich
sah ihn selbst - sie fhren ihn jetzt am Schauspielhaus vorbei.
    Sogleich war an der Thr ein Gedrang; man wollte hinaus, um sich von der
Wahrheit zu berzeugen. Die Entfernteren riefen: Holt ihn herein! - Was er auf
der Strae aussagen drfe, knne er doch auch dem Publikum erzhlen.
    Wenn uns Merkel nicht wieder eine Finte aufbindet! sagte ein Mann in
mittleren Jahren, mit lebhaften dunkeln Augen, der, seiner Kleidung nach, dem
geistlichen Stande anzugehren schien; das Bleistift und Pergament in seiner
Hand deutete aber auf einen Berichterstatter fr eine Zeitung, was er auch
wirklich war, der franzsische Prediger und Professor Catel, damals, und noch
lange nachher, Redakteur der Vossischen Zeitung. Diesmal hat Merkel die
Wahrheit gesagt, liebster Catel, bemerkte sein Nachbar. Der Courier ist da,
auch ich sah ihn, und was ich durch das Gedrnge gehrt, sind so wunderbare
Dinge, da Sie Ihre Zeitung bermorgen damit fllen knnen. - Sie verlangen
doch nicht von mir, da ich Mirakel schreiben soll! entgegnete Catel. Das ist
weder meines Metiers, noch meiner Zeitung. Rebus in arduis aequam servare
mentem.
    Ist zwar ein schner Wahlspruch, entgegnete der Andere, aber es giebt
doch Ausnahmen.
    Die sich doch wieder auf eine Regel zurckfhren lassen. Alle Bewegung
sinkt auf ihr Niveau oder Ma zurck und die Gesetze dieses Maes sind die
Kunst. Und das sahen wir an diesem Abend. Iffland hat sich wieder selbst
bertroffen. Sehen Sie - - sehen Sie ihn da, Feuer und Flamme fr den Krieg, er
ist der Soldat, den er vorhin gespielt, ich glaube, wenn ihn Seine Majestt der
Knig in die Linie beriefe, so wrde er auch da vor den Rotten wie ein Meister
der Kriegskunst dastehen. Und nun betrachten Sie, mit welcher klassischen Ruhe
er auch dieses Feuer menagirt! Und vorhin im Puls, das war kein Spiel, das war
wieder ein Ernst, eine Wahrheit, eine Kunst, die uns an der menschlichen Natur
irre machen knnte. Ohne Zweifel war er von den Auftritten, die nun folgen
sollten, nicht allein unterrichtet, sondern er hat sie mit arrangirt, er lebte
in dem Gedanken, und wo merkte man es ihm an! Ich habe ihn genau beobachtet. Da
war jedes Fltchen der Weste, jeder Knopf wie sonst. Wie er mit der Rechten den
Puls des Patienten fhlte, zhlte er mit den Fingern der Linken auf dem Rcken
die Schlge. Das werden Wenige bemerkt haben. Er that es auch nicht frs
Publikum, fr sich, um sich selbst zu gengen. Diese Ruhe, diese Herrschaft ber
Leidenschaft und Welt ist es, was den Knstler macht. Ich htte nur einen Wunsch
jetzt -
    Doch nicht, da Iffland selbst ins Feld ziehen soll?
    Nein, ich mchte ihn Talma gegenber sehen. Jeder, bin ich berzeugt, wrde
den Andern bewundern, Jeder vom Andern lernen wollen.
    Franzsisches Feuer und ein Klassiker im Blute! bemerkte ein Dritter. Von
der Kolonie! sagte der Andere. Die besten Preuen und gute Deutsche, und doch
alle ein tendre fr Bonaparte.
    Ein Jubel und Hallo kndigte hier an, da der Courier ins Theater gezogen
war. Noch sahen ihn die Wenigsten, aber Stimmen schrien schon: Viktoria! Ein
Sieg, ein ungeheurer Sieg! Hoch lebe der Knig! hoch Preuen!
    Umsonst strubte sich der junge, staubbedeckte Mann, dem man die uerste
Erschpfung von einem angestrengten Ritt ansah. Sein Gesicht war bla, nur
zuweilen von einer flammenden Rthe berflogen. Er sprach lebhaft, aber mit
Anstrengung zu den um ihn Stehenden. Meine Herren, es ist ein Irrthum, ich bin
nicht selbst der Trger der erwnschten Nachrichten. Ich habe vergebens drauen
schon gegen die Auszeichnung protestirt, aber man hrt mich ja nicht. Meine
Depeschen vom Minister Haugwitz enthalten nichts, noch knnen sie etwas von der
Nachricht enthalten, die Sie, die wir Alle wnschen, da sie auf Wahrheit
beruhe. Meine Depeschen, wie meine eigne Kenntni der Dinge sind von Wien, von
weit lterem Datum. Ich wusste mich, um nicht aufgefangen zu werden, auf
Nebenwegen durchschlagen. Ich musste weite Umwege machen, und ich wiederhole
Ihnen, da es nur ein Gercht ist, was ich an der schsischen Grenze zuerst
hrte. Was verlangen Sie von mir, da ich es hier ffentlich mache! Ich kann
nichts sagen, als da ich von Andern gehrt, was diese wieder gehrt.
    Die in den Logen und dem hinteren Parterre hatten natrlich nichts von
dieser Protestation gehrt. Unisono schrie, tobte, forderte man, da der Courier
laut spreche: was hier gut sei, msse es fr Alle sein. Hier sind keine
Verrther! Keine Spione! - Auf das Proscenium! - Sie mssen jetzt,
Bovillard, rief Jemand, der ihn kannte, oder man lsst es uns entgelten.
    Der Erschpfte ward von zwei Mnnern unter den Arm gefasst und fast auf die
Bretter hinaufgerissen. Uebrigens herrschte kaum ein Unterschied mehr zwischen
der Bhne und dem Zuschauerraum. Selbst von den angesehensten Damen standen
schon mehrere auf der ersteren. Schauspieler hatten einen Altar herangetragen,
der vielleicht aus der vorigen Opernvorstellung noch hinter den Coulissen stand.
Er diente dem Erschpften, der sich von seinen Begleitern losgemacht, zur
Sttze. Sein Auge rollte, als suche er in der Luft nach Worten, whrend es den
Umstehenden nicht entging, da seine Glieder fieberhaft zitterten. Jetzt fuhr er
mit der Hand ber die Stirn; um die Erinnerung zu sammeln, glaubten Einige,
Andere versicherten nachher, er sei gestanden, als habe er ein Gespenst gesehen.
Da rief er pltzlich aus voller Brust: Sieg, Sieg verlangen Sie aus meinem
Munde. - Wenn wir an uns selbst glauben, deutsche Mnner, mssen wir ja siegen!
Warum nicht dort! - Ein Hndeklatschen, ein brllender Applaus: Sieg! Ein
Sieg! - Weiter! - Wo? - In Mhren, hinter Brnn - eine Schlacht, sagen sie,
ist geliefert, blutig, wie keine seit Menschengedenken - drei Tage htte sie
gewthet - drei Kaiser standen sich gegenber - dreimal ging die Sonne blutroth
auf - am dritten - Alles hrte bang, mit angehaltenem Athem, whrend der
Sprecher nach Luft zu schnappen schien. - Am dritten hat man ihn gesehen -
Bonaparte - in der Mitte von nur drei Reiterregimentern, die ihn mit ihren
Leibern schtzten - sich durchschlagend nach Baiern - sein Heer, sein groes
Heer -
    Was ist ihm? riefen die Nchststehenden. Bovillard beugte und sttzte
sich, wie um sich zu halten, oder etwas zurckzudrngen, auf den Altar. Durch
die weiten Rume aber brauste es: Hurrah! - Viktoria! - Krnzt den
Siegesboten! rief die Frstin, die Treppe herauf steigend. - Krnzt ihn!
wiederholten weibliche Stimmen.
    Die Krnze waren da, aber das Publikum wollte vorher den ganzen
Freudenbecher ausgeschttet wissen: Sein Heer - wo ist sein Heer?
    Fragt die Erynnien! - Eine Blutlache -
    Diese Worte konnte man auf dem entferntesten Amphitheater verstehen, so
scharf schnitten sie durch die Luft, doch ohne den sonoren Metallklang von
vorhin. Dann hrte man einen Fall, einen Schrei der Umstehenden, Tne des
Jammers, Einige wollten ein Auflachen gehrt haben. Sehen, was vorgefallen,
konnten natrlich nur die Nchststehenden; indem man, um zu sehen, herandrngte,
verbarg man die betreffenden Personen. Von Mund zu Munde ging es, der Bote der
Siegeskunde war am Altar des Vaterlandes niedergesunken, aber mit voller Ehre.
Ein junges Mdchen, schn wie keine, in Fiebergluth, hatte sich mit dem Kranz
ber ihn erhoben, aber als sie ihm denselben auf die Stirn drckte, als er ihre
Hand ergriff, strzte es ihm aus dem Munde, ein rother Blutquell, und er war
hingesunken, ohne die Hand loszulassen.

                          Dreiundfnfzigstes Kapitel.



                                Eine Entfhrung.

So viel wusste man bis in die entferntesten Winkel, aber in der Masse verschwand
das Persnliche vor dem sturmbewegten Gefhl. Man begngte sich nicht mehr mit
einem Hndedruck, auch Leute, die sich nicht leiden mochten, strzten sich in
die Arme: Das Vaterland ist gerettet! - Zugeschlagen. Nun ihm das Garaus
gemacht! - Drauf los! - Tod allen Franzosen!
    Davon werden sie auch nicht sterben! brummte der Offizier, welcher vorhin
York genannt wurde, der sich jetzt Luft nach dem Ausgange machte, whrend die
Tcher der Damen ihm fast um die Ohren schlugen: Wenn berhaupt die Geschichte
wahr ist.
    Walter van Asten fhrte seine Cousine durch das Gedrnge. Einer der jngeren
Offiziere, deren Geschwtz der Oberst vorhin durch seinen zornfunkelnden Blick
zum Schweigen gebracht, benutzte den Augenblick, wo Walter sich bckte, um den
Pompadour aufzuheben, der dem jungen Mdchen aus der Hand gefallen war. Er
drngte sich zwischen Beide und wusste den Arm der Dame in seinen zu schieben:
Mein schnstes Frulein, Sie hatten einen Fhrer, der den Weg nicht kennt.
Erlauben Sie mir, da ich Ihnen den nchsten zeige.
    Minchen Schlarbaums Arm hing wirklich am Arm des Offiziers, als ob es so
sein msse, aber ihr Mund ffnete sich so weit als ihr Auge gro ward. Mein
Gott, verzeihen Sie, das ist ja mein -
    Ihr Pompadour, fiel der Kornet ein. Da - nehmen Sie ihn rasch. Ich hoffe,
da der - Herr da ihn fr Sie aufgelangt hat.
    Und ich, Herr Kornet von Wolfskehl, hoffe, sagte Walter, da Sie nur in
der Trunkenheit der Freude meine Cousine mit - Jemand Ihrer Bekanntschaft
verwechselt haben. Fr eine andere Trunkenheit wrde ich Rechenschaft fordern.
    Was! - Spricht da Einer von Rechenschaft - ich habe mich wohl verhrt,
nselte der Kornet zu den Kameraden, die still lchelnd in der Nhe standen, als
er schon Walters Hand an seinem Arm fhlte. Es war noch eine sanfte Berhrung.
    Ich, Kornet Wolfskehl, sagte Walter in einem Tone, der noch dem Druck
seiner Hand entsprach. Auf der Stelle ersuche ich Sie so hflichst als
dringend, Ihrer Wege zu gehen, da ich meinen vollkommen kenne, den ich gehen mu
und werde, wenn Sie den Platz nicht augenblicklich verlassen.
    Herr - fuhr der Kornet auf - wer sind Sie in drei - und hatte doch den
Arm der Dame fahren lassen. Walters Blick hatte etwas herrisch durchdringendes.
Auch auf den bermthigen Jngling hatte er unwillkrlich einen Eindruck
gemacht.
    Jemand, dem es leid thte, sich an dem Rock des Knigs vergreifen zu
mssen, der aber keinen Augenblick zaudern wrde wenn - Jemand, der nicht der
Ehre werth ist, ihn zu tragen, darunter steckte.
    Was! - Unterfngt sich die Ca -
    Halt! donnerte die Stimme des lteren Offiziers dazwischen. Meine Herren
Offiziere, wenn der Civilist da zu dem Frauenzimmer gehrt, ist er im Rechte.
    Dulden wir das! schien der zu den Kameraden gewandte Blick des Kornets zu
sprechen. Herr Oberst, er hat unsere Uniform berhrt. So wird er Ihnen Rede
zu stehen haben, warum, entgegnete der Oberst.
    Herr Jesus, um Gottes Willen keinen Skandal! schrie Minchen Schlarbaum.
Da ist ja Herr Professor Catel, der kennt meinen Cousin.
    In dem Augenblick ward aber die Aufmerksamkeit wieder auf den allgemeinen
Gegenstand der Theilnahme gelenkt. Wie wenn ein Vorhang zu beiden Seiten
aufrollte, hatten sich die Personen, welche um den Courier gestanden, nach
beiden Seiten vertheilt, um der strmischen Forderung des Publikums zu gengen.
Bovillard lag auf dem Boden, das umkrnzte Haupt vom Theaterarzt gesttzt,
whrend seine ausgestreckte Rechte die Hand des jungen Mdchens noch immer
gefasst hielt, welche den Kranz ihm aufgedrckt. Diese kniete, entweder durch
ihre Lage dazu genthigt oder aus eigener Bewegung, daneben. Von der Fieberrthe
fluthete nichts mehr auf ihrem Gesicht, es war todtenbla, nur die schnen
groen Augen starrten auf den Jngling zu ihren Fen. Sie selbst schien der
Hlfe zu bedrfen, denn die Frstin hielt sie umfasst. Die Wallensteinschen
Krieger, auf ihre langen Degen gesttzt, standen im Halbkreis wie eine Wache. Es
war nicht Arrangement, es hatte sich von selbst so gemacht. Wer den Rest
Spiritus auf dem Altar entzndet, dessen blaue Flammen sprlich durch das
Halbdunkel der verlschenden Oellampen in die Hhe leckten, ist nie ermittelt.
    Der Anblick war berraschend, das erste Schweigen des Publikums verrieth,
da es den Sinn und Zusammenhang nicht begriff. Es wusste nicht, ob es noch
jubeln drfe, oder trauern solle? Eigentlich wusste es Niemand; was seit letzt
geschehen, ging ber alles Arrangement hinaus, bis die Gefhle der Einzelnen,
wie kleine Blutadern in einem groen erstarrten Krper pulsirten. Die Theilnahme
war verschieden. Eine Stimme rief aus der Mitte heraus: Ah c'est pittoresque!
C'est vraiment antique et classique! Aber er stirbt ja wirklich! schrieen
Andere.
    Der Classicismus musste in dieser Versammlung noch eingewurzelt sein, denn
es fand sich Jemand, der seine Zuhrer an das erhabene Beispiel aus dem
Alterthum erinnerte, wo der Bote einer Siegesnachricht im Augenblick, wo er sie
berbrachte, aus Erschpfung zu den Fen seiner Mutter todt niederstrzte, und
die Mutter ward um deshalb als die glcklichste Frau im ganzen Hellas gepriesen.
    Herr Herklotz, der Theaterdichter, man vermuthet, da er es gewesen, hatte
mit Iffland einige Worte geflstert, und dieser, heute in andauernder Aufregung,
hatte schon den breitkrmpigen Hut gezogen, und war an die Lampen getreten zu
einer neuen patriotischen Ansprache, muthmalich aus jener Vergleichung
geschpft, als Major Eisenhauch ihn sanft am Arme fasste: Um Gottes Willen,
Herr Direktor, bedenken Sie, da ist der Vater des Sterbenden.
    Der Geheimrath Bovillard, in einem Gesprch mit St. Real begriffen, hatte
erst spt seinen Sohn erkannt. Mais enfin, grand Dieu, c'est donc mon fils!
rief er hnderingend zu Denen, die ihn abhalten wollten, sich auf die Bhne zu
strzen, und arbeitete sich durch das Gedrnge.
    Mais, mon cher conseiller, rief der Geheimrath Lupinus, der, seinen Arm
unterfassend, ihm nacheilte, il ne mourra pas. Nous admirons ce ravissement
d'amour paternel suprme. Oh! c'est touchant. Mais considrez, mon ami, votre
tat est surtout votre caractre. Vous tes philosophe! - Et il ne mourra pas,
assurment, ce n'est qu'un chauffement passager. Ce jeune homme, un panchement
patriotique, l'amour paternel le gurira!
    Es arbeitete sich noch Jemand whrend dessen durch das Gedrnge, doch mit
einem andern Ungestm. Auch nach ihm streckten sich unwillkrlich Arme aus, als
wollten sie ihn zurckhalten. Weshalb Walter van Asten pltzlich dem Offizier,
dem er noch eben die Zhne zu weisen so groe Lust gezeigt, den Rcken gekehrt,
weshalb er seine Cousine, zu deren Schutz er aus sich selbst herausgeschritten
schien, stehen lie, weshalb er unbekmmert um Beide ins dichteste Gewhl sich
gestrzt, da er im nchsten Augenblick ihnen allen entschwunden war, das
wussten Die freilich am wenigsten, welche sich am lautesten darber
verwunderten. Ein Hohngelchter der Offiziere brach pltzlich aus. Der Oberst
drckte verchtlich den Hut auf die Locken: Ist's ein solcher, so lassen Sie
den Patron nur laufen.
    Er hat vielleicht Jemand gesehen, der seiner Hlfe noch mehr bedarf,
antwortete Professor Catel auf Minchen Schlarbaums erstaunten Blick, und bot ihr
rasch seinen Arm, whrend die Offiziere zu einer Art Kriegsrath zusammengetreten
waren. Redestehen! - Nimmermehr. - Die Peitsche dem Poltron!
    Der Geheimrath Bovillard hatte sich ber seinen kranken Sohn werfen wollen,
aber vernnftige Freunde ihn zurckgehalten, weil es sich mit seiner Wrde nicht
vertrage, weil das vor dem Theater-Publikum eine Scene auffhren hiee, weil
sein Sohn in keiner Lebensgefahr sei, weil jeder Affekt die Lage desselben
verschlimmern knne. Der Geheimrath Bovillard war den vernnftigen Vorstellungen
zugnglich, und fr den ffentlichen Anstand hatte er immer das feinste Gefhl.
    Um so besser, als man seinen Sohn bereits auf demselben Ruhebett, auf
welchem bei der Darstellung des Puls der kranke junge Graf lag, fortgetragen
hatte. Dabei musste sich noch einiges ereignet haben, was die Umstehenden
beschftigte. Man hatte seine Hand aus der des jungen Mdchens losreien mssen,
so fest hielt er sie gefasst. Sie war darauf - von der Anstrengung und dem
physischen Schmerz, sagten die Verstndigen, zu Boden gesunken. Ob in einer
Ohnmacht oder einem Starrkrampf, darber stritt man; die zum letzteren
hinneigten, behaupteten, sie sei schon vorhin, als sie noch aufrecht sa, in
einem Starrkrampf gewesen. Andere vermutheten noch Anderes, und Iffland
flsterte zu Bethmann: Ich besorge, da man uns auf unserem Grund und Boden
eine Komdie aufgefhrt hat, whrend wir hier dem Publikum einen Ernst
vorspielen wollten.
    Sie lebt! sagte der Arzt, welcher fr Adelheid herbeigerufen war und noch
immer ihren Puls hielt. Ihr Leiden scheint mir nur psychisch; eine Folge von zu
lange verhaltenen Gemthserschtterungen. Nach dem Zwange rcht sich die Natur.
Die uerste Ruhe thut ihr zunchst noth. Auf die Bretter aber, dnkt mich,
gehrt die Kranke nicht.
    Damit war vor Allen Herr Iffland einverstanden. Er hatte bereits eine
Portechaise kommen lassen. Zwei Soldaten, noch in Wallensteinschen Waffenrcken,
versprachen rstige Trger zu sein.
    Aber wohin? fragte der Direktor, nachdem Adelheid unter Beihlfe des
Arztes und der Frstin in die Portechaise gehoben war.
    Gleichviel! In das erste befreundete Haus, sagte der Arzt.
    Das ist mein Hotel. Die Frstin gab, nachdem sie einen schnellen Blick
nach der Geheimrthin geworfen, die nthigen Anweisungen: Leise aufgetreten,
keine Erschtterung. Fr einen guten Lohn verpflichte ich meinen Kammerdiener.
    Die Lupinus sah weder den Blick, noch die Abfhrung der Portechaise. Eine
Reihe riesiger Pappenheimer hatte eine Wand dazwischen gebildet. Aber auch ohne
diese Krassiere wrde sie in dem eifrigen Gesprche mit dem Legationsrath
schwerlich gesehen haben. Er hatte sie schon vorhin fast mit unziemlicher
Heftigkeit bei der Hand ergriffen und in die Coulissen gezogen.
    Ich verstehe Sie nicht. Sie selbst drangen daranf, da ich kndigen
sollte.
    Und heut bietet Moldenhauer fnf Procent, wenn Sie die Kndigung
zurcknehmen. Schlagen Sie ein! wiederhole ich. Jede Hypothek 20,000 Thaler!
Bedenken Sie! Einen so unerwarteten Gewinn! Sie wren rasend, ihn von der Hand
zu weisen.
    Aber wenn die Kapitale selbst darber verloren gehen! Noch gestern
schrieben Sie mir: Kndigen Sie.
    Noch vor einer Stunde htte ich's gethan.
    Und jetzt, - wo Preuen losschlagen mu -
    Es schlgt nicht los.
    Napoleon vernichtet ist -
    Er ist nicht vernichtet.
    Trgt ein Ariel Ihnen Botschaften durch die Luft?
    Ja, in Gestalt einer Taube, der zu Herrn von Marvilliers auf Laforests
Hinterdach niederflog.
    Die Schlacht -
    Ist geliefert, flsterte er nher an sie tretend ihr ins Ohr. Das Blut
flo in Strmen. Die Russen total geschlagen, Oestreich verloren, dem Sieger auf
Gnade und Ungnade berliefert -
    Entsetzlich! Wo? - Wie?
    Wenn man den Namen in dem rasch gekritzelten Zettel richtig liest, heit es
Austerlitz, wo Europas Schicksal entschieden ward. Die Schlufolge berla ich
Ihnen.
    Und diese Menschen in ihrem Siegesrausch!
    Was gehen diese Menschen Sie an! Denken Sie an sich, und ergreifen, was der
Moment bietet. Es wre mglich, da Moldenhauer schon morgen Mittag den wahren
Verlauf erfhrt. Deshalb beschied ich ihn auf morgen frh zu Ihnen. Ein Notar
ist avertirt, da wir ihn auf der Stelle rufen. Moldenhauer wird Sie als Engel
segnen, denn er hlt sich als Kaufmann ruinirt, wenn Sie auf die Kndigung
bestehen. Sie zaudern natrlich etwas, bis -
    Und wenn wir uns doch verrechneten!
    Das Einmaleins ist nicht unerschtterlicher als der moralische Egoismus der
Staatskunst. Strzt sich das Lamm in den Rachen des Lwen, der vom Blute der
Hunde truft? -
    Aber -
    Wird, kann, darf Preuen jetzt losgehen? Das frage ich Sie, und es bedarf
nicht Ihres Scharfblicks, um ein entschiedenes Nein zu antworten. Selbst wenn
diese Mannequins nicht am Ruder sen, ein entschlossener, zornsprhender Knig
auf dem Throne - jetzt wre es Thorheit - Thorheit ist Alles - aber es wre mehr
als das - Verbrechen, Wahnsinn - es ist eine Unmglichkeit.
    Es wird dunkel! rief die Geheimrthin; man fing an die Lampen
auszulschen. - Mein Gott, wo ist Adelheid?
    Der Wachtmeister aus Wallensteins Lager war ihr entgegen getreten:
    Beruhigen Sie sich, Madame. Die Demoiselle ist in sicherer Obhut
fortgebracht, die Frau Frstin Gargazin -
    Hat sie Ihnen am Ende entfhrt, lachte Wandel.
    Ein Kammerdiener der Frstin stand in der Coulisse, um der Geheimrthin die
Thatsache, nur mit andern, schneren Worten zu melden, und, wenn sie es fr
nthig fnde, die Kranke zu besuchen, das ganze Hotel zu ihrer Disposition zu
stellen. Ein Zusatz lautete inde, da die Aerzte jeden Besuch fr
lebensgefhrlich beim Zustande der Kranken erklrt.
    Als die letzte Spiritusflamme auf dem Altar aufzuckte, ging die Geheimrthin
am Arm Wandels rasch fort. Sie standen am Ausgang. Links fhrte der Weg zur
Frstin, rechts nach der Jgerstrae.
    Sie ist Ihnen entfhrt. Wollen Sie ihr nachlaufen? Mich dnkt, es ist heute
genug Komdie gespielt. Ueberlassen Sie das Solchen, die zu nichts Besserem
taugen. Wozu einen Schmerz heucheln, den Sie nicht empfinden. Mich dnkt, Sie
knnten dem Himmel danken, wenn Sie das Mdchen auf diese Weise wirklich los
werden.
    Aber was wird die Welt sagen?
    Die hat frs erste anderes Spielzeug. Nachher findet sich leicht eine
plausible Fabel.
    Die Geheimrthin ging nicht in das Hotel der Frstin.

                          Vierundfnfzigstes Kapitel.



                          Die Patrioten trennen sich.

Was thun Sie, Herr von Eisenhauch!
    Was mir die Ehre gebietet.
    Keine Uebereilung, die Sie bereuen knnten.
    Ich bereue nur, da ich zu lange vertraut.
    Wenn jetzt die Freunde des Vaterlandes zurcktreten -
    Wer sagt, da ich zurcktrete, Herr von Fuchsius! Der Major hielt in der
Arbeit inne, die ihn ganz zu beschftigen schien. Er packte hastig an einem
Felleisen, whrend ein anderes schon vom Diener zur Thr hinausgetragen ward.
Waffenstcke, Hut und Mntel hingen umher und zwei Pferde stampften am Hause vor
einer leichten Reisekalesche. Es schien nichts Heimliches, was hier verhandelt
ward, denn der Major migte nicht seine Stimme, wenn die Diener eintraten, noch
sprach er leiser, wenn sie die Thr beim Fortgehen offen lieen. Wer sagt, da
ich zurcktrete! Ich verzweifle nicht an unsrer Sache, mein Herr, auch noch
nicht an unserm Vaterlande, und ich verzweifle auch nicht an diesen hier, denn
man kann nur verzweifeln, wo man noch hoffte.
    Major -
    Nicht mehr in preuischem Dienst. Meinen Abschied, der jetzt ausgefertigt
wird, haben Sie die Geflligkeit und schicken ihn mir nach, oder verbrennen ihn.
'S ist gleichgltig.
    Wohin?
    Nach Oestreich, so lange noch da ein Funken glimmt. Nach Ruland, England,
Spanien, wohin es sei, wo Herzen schlagen, Mnner athmen, welche noch ein Gefhl
fr Schande haben.
    Fuchsius hatte die Thr zugedrckt. Es war ein Absteigequartier und ihm
schien die Unterhaltung nicht geeignet, um von anderen Hausbewohnern belauscht
zu werden. Aber Eisenhauch rief in der Arbeit: Wenn es Sie nicht genirt, was
mich betrifft, mgen Napoleons Spione alles hren.
    Nur ein Wort. Grofrst Constantin und Frst Dolgorucki sind hier. Noch ist
nichts verloren, sie belagern den Knig, sie dringen in ihn, da Preuen ein
entscheidendes Wort spreche. Eisenhauch lachte auf. Lachen Sie nicht. Keine
Sprache ist hier so wirksam, als die russische.
    Sagen Sie, als die der Furcht. Als ich bei Ihrem Minister den Abschied
forderte, drckte er mir die Hand aus Herz, wenigstens an den Platz, wo eins
schlagen sollte.
    Und -
    Sie kommen meinem Wunsche zuvor, versicherten mich Seine Excellenz, denn
Ihres Bleibens wre hier doch nicht lnger. Napoleon wrde Ihre Auslieferung
fordern, und Sie ersparen uns durch Ihren hochherzigen Entschlu die
Unannehmlichkeit, Sie ausweisen zu mssen. - Von einer Uebereilung, Herr von
Fuchsius, ist daher, wie Sie sehen, nicht die Rede. Ich fliehe, damit man mich
nicht einsperrt, ich mache mich bei Zeiten aus dem Staube, damit man mich nicht
verfolgt.
    Fuchsius hatte sich, das Gesicht bedeckend, auf das Kanap geworfen. Und
doch wage ich zu behaupten, sagte er, whrend der Major im Packen fortfuhr,
Sie bereilen sich. Vergnnen Sie mir, mich mit der Ruhe gegen Sie
auszusprechen, die ich mir erst sammeln mu, vielleicht als ein Produkt Ihrer
Unruhe. Wo schpft nicht der Trostlose Trost! - Haugwitz's Auftrge, als er nach
Brnn abreiste, waren auf keine Niederlage berechnet. Die Klugheit gebot ihm,
wie die Dinge standen, zu verschweigen, was er unter anderen Umstnden sprechen
sollte.
    Und lie sich, ehe die Dinge standen, wie sie stehen, mit einem gndigen
Zornblick nach Wien komplimentiren. Lie sich mit einem Schnalzen wie ein Hund
bei Seite schieben, damit Napoleon bei Austerlitz ungestrt schlagen konnte. Sah
vom Stephansthurm mit einem Fernrohr nach Mhren, um seine Worte abzuwiegen, je
nachdem, ob er zum Sieger oder zum Besiegten zu sprechen hatte. Hll' und Teufel
- verzeihen Sie, mein alter Freund - ich wei auch, was Diplomatie ist, aber
Macchiavell ist ein Stmper vor solcher Politik. Die Reise nach Mhren wird ein
Brandfleck bleiben in der Preuischen Geschichte, ich frchte, er zerlchert das
ganze Buch. Der boshafte Feind htte nichts Schlimmeres ersinnen knnen.
Doppelzngigkeit ist ein mildes Wort. Doppelsinnigkeit! eine doppelte
Sinnlosigkeit, denn man wei heute nicht, ob uns Oestreich oder Ruland mehr
hassen, oder Napoleon mehr verachten mu. - Wissen Sie's zu vertheidigen?
    Der Regierungsrath sagte nach kurzem Schweigen: Nein! - Ich berlasse
Ihnen das volle Verdammungsrecht ber das, was geschehen ist. Aber es ist noch
nicht Alles geschehen!
    Der zweite Baseler Frieden ward in Schnbrunn geschlossen, zehntausend Mal
schmhlicher als der erste. Wollen Sie ihn noch durch einen dritten berbieten
lassen?
    Dee Vertrag von Schnbrunn ist noch nicht ratificirt, Herr von Eisenhauch.
Bis er es ist, lassen Sie uns, lassen Sie mich wenigstens hoffen. Wir sollen
Anspach an Baiern abtreten, Cleve, Wesel, Neuchatel an Frankreich, und erhalten
dafr das Danaer-Geschenk, die Erlaubni Napoleons, uns an Hannover schadlos zu
halten. Mein Herr, lassen Sie uns hoffen, da wir diesen Brocken, an dem der
Adler ersticken soll, nicht annehmen! Unser Militr knirscht vor Wuth und
Erbitterung, es ist ein schlagfertiges Heer; zum Kriege ausgerckt, soll es ohne
Krieg zurck? Hren Sie, wie man laut ruft, von den Prinzen und Generalen bis zu
den Unteroffizieren und Gemeinen: des Staates Ehre ist verpfndet; die Minister
haben sie verkauft, an uns ist es, sie wieder einzulsen! Ruland operirt offen,
geheim. Hat Oestreich keine Stimme an unserm Hofe? Es ist still, erbittert, wie
nie zuvor. Horchen Sie durch die Straen, in den Wirthshusern, es ist nur eine
Stimme: noch ist der Augenblick zu handeln! Hren Sie in jeder Gesellschaft, wo
zwei, drei zusammenstehen, die Wuth gegen Haugwitz. Es ist kein Tadel mehr, es
ist ein allmchtiges Gefhl, das kaum mehr Worte findet. Mnner mit weiem Haar
spucken beim Namen des Mannes. Er hat Preuens Ehre verkauft! Ein Glck fr ihn,
da er nicht hier ist. Die Mnner der Clique getrauen sich nicht bei hellem
Licht ber die Strae; man wrde -
    Vielleicht einen Stein aufheben, rief Eisenhauch, den Koffer zuwerfend,
aber ehe man ihn wirft, wrde man sich besinnen, es sei doch vernnftiger ihn
nicht zu werfen. Der Stein knnte ja ein Loch in den Kopf werfen und den Kopf
doch nicht ffnen. Was man wrde, knnte, mchte, drfte, das ist alles
vortrefflich, was man wei, ist die Weisheit selbst, aber der Haken ist, da man
nicht thut, was man knnte, mchte, drfte, und da, was man wei, die
Erkenntni zu Schanden wird an der Gespensterfurcht vor dem Entschlu.
    Ich gebe Ihnen ja alles zu, aber jetzt ist die Volksstimme wie ein Strom,
der seine Eisdecke bricht. Die Wuth kennt keine Zgel mehr nach dieser
Enttuschung. Alle Wuth ist blind, wollen Sie mir einwerfen, aber diese ist
intensiv und kritisch zugleich. Das ist ein neues Symptom. Man fragt: Warum
musste Haugwitz so lange zaudern? Warum reiste er so langsam? Warum lie er sich
wie ein Junge in Brnn behandeln? Warum wie eine petiet femme die man in der
Schlacht nicht braucht, nach Wien schicken? Was wrde Friedrich zu solcher
Vollstreckung seiner Befehle gesagt haben? Seinen Kopf htte es einem solchen
Abgesandten gekostet. Dem Grafen wird es den Kopf nicht kosten, und man fragt
schon jetzt, warum? Man wird es immer dringender fragen. Wie lautete sein
Auftrag, der ihm so zu handeln erlaubte? Warum reist er so langsam zurck, als
er langsam hingereist ist? Warum darf er blumenreiche Zeitungsartikel in die
auswrtigen Bltter senden, die uns in den Wahn einlullen sollen, seine Mission
sei geglckt, er habe nur ausgerichtet, was sein Knig ihn aufgetragen? Wer ist
hier der Betrogene, wer der Verrther? Klimpert franzsisches Geld in seiner
Tasche, oder ist er der stumme Dulder, der eines Anderen Schuld heroisch auf
seine Schultern nimmt? Das, Major, fragt man, man fragt es laut, und Mnner
fragen es, vor denen unsere Hchsten Respekt haben.
    Aber was hilft die schrfste Frage, auf die ich keine Antwort bekomme?
    Preuen sucht zu vermitteln. - Lachen Sie nicht. Zu anderer Zeit wrde ich
mit Ihnen lachen, jetzt ist es das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen. Der
Knig ist rathloser denn je in diesem Gedrnge der Parteien und Leidenschaften.
Man hat mit Lord Harrowby negociirt, da die englische Legion, die bei Stade
gelandet, einstweilen in Hannover nicht vorrcken soll. Obrist Pfuel ist an
Haugwitz gesandt; er soll den Abschlu hinhalten, er soll Seine Majestt den
Knig als Vermittler der ganzen europischen Wirren in Vorschlag bringen. Er
soll den Gedanken an einen groen, allgemeinen Frstenkongre anregen, auf dem
alle streitigen Fragen entschieden wrden, und in diesem Augenblicke ist auf dem
Palais eine Sitzung der Minister, die schon mehr als einmal strmisch wurde -
    Und in sem Frieden endete, unterbrach Eisenhauch.
    Sie wissen davon? Ich flog nur, als ich von Ihrem Entschlu erfuhr, Sie
aufzusuchen.
    Pfuel ist zurck. Er traf unterwegs den zurckkehrenden Haugwitz, und
hielt, nach den Mittheilungen desselben, seine Mission nicht mehr fr nthig.
Wird man nun Pfuel den Kopf zu Fen legen? - Ei bewahre! Er handelte nach
Rcksichten und Intentionen, die unser beschrnkter Verstand nicht begreift.
Heute in der Ministersitzung, nachdem die Kpfe warm geworden, ist man zum
Beschlu gekommen: Kein Krieg! Denn Krieg ist ein groes Uebel, dessen Folgen
Niemand absieht.
    Widersprach denn Niemand?
    Sie weinten sogar. Das treue Anspach fahren zu lassen. - Nun, Baiern wird
ihm auch ein gtiger Herr sein! - Aber Hannover den Englndern nehmen, unseren
besten Verbndeten! Man trstete sich mit dem schnen Gedanken: es kann ja nicht
immer so bleiben, darum mu es einmal besser werden. Einstweilen soll aber alles
so bleiben, bis - hren Sie - bis zum allgemeinen Frieden! Dann werden alle
Vlker, Frsten, sogar die Staatsmnner vernnftig werden. Die Englnder auch;
sie werden, um des allgemeinen Besten willen, Hannover freiwillig abtreten.
    Der Regierungsrath sprang auf: Beim Himmel, es ist nicht Zeit zu
Epigrammen!
    Bittere Wahrheit, liebster Fuchsius. Der Sturm im Ministerrath ging in ein
sanftes Adagio aus. Man schwrmte, da man nicht Muth hatte, fr sich selbst zu
handeln wie es nothwendig, fr das Wohl der allgemeinen Menschheit!
    Und Stein - auch Hardenberg?
    Ueberstimmt. Und weil sie berstimmt, fgten sie sich. Man darf doch nicht
gegen den Strom schwimmen. Es gab sanfte Hndedrcke, beinahe kam's zu
Umarmungen.
    Finis Germaniae! seufzte der Rath.
    Gott bewahre! jetzt wird sich erst der eigenthmliche Glanz der Staatskunst
entfalten. Nichts thun, und wenn man in der Klemme steckt, sich justificiren und
glorificiren, dah man die Hnde in den Schoo gelegt. Warten Sie nur auf die
herrlichen Staatsschriften und Zeitungsartikel. Das wird salbungsvoll riechen.
Mit Humanitt und Philosophie und Christenthum wird man dem Volke beweisen, da
die Weisheit selbst nicht weiser htte handeln knnen. Die guten Brger werden
sich die Augen wischen vor Rhrung, und das Heil Dir im Siegerkranz wird noch
einmal so schn klingen, als wenn der Knig gesiegt htte. Man wird auf uns
hetzen, die wir gehetzt haben, bis das Volk es glaubt, da wir nur ehrgeizige,
unruhige Kpfe waren. Sie glauben nicht, was das Volk glaubt, wenn man ihm sagt,
da wir seine Fleischtpfe am Feuer verrcken wollten. Man wird anrchig werden,
wenn es heit, da man zur Kriegspartei gehrt hat. Salviren Sie sich bei
Zeiten. Spitzen Sie Ihre Feder, auch Sie werden Artikel fr den Frieden
schreiben mssen.
    Nimmermehr! - Ich nehme meinen Abschied!
    Das hat Mancher gesagt, und bleibt doch, - aus hherer Staatsraison.
Weshalb auch um solche Bagatell, als eine Meinung ist, seine Existenz aufs Spiel
setzen?
    Herr von Eisenhauch!
    Nichts Persnliches! Gott bewahre! Die Personen verschwimmen wie die
Charaktere in diesem Mengelmu. Da thut der Beste am Besten, wenn er still
mitschwimmt. Wo steht denn geschrieben, da wir nicht niedertrchtig denken,
nicht feig handeln sollen? Nur einen Brei sollen wir darum kneten, einen Firni
des Anstandes. - Und dann, ja man mu sich fr eine bessere Zukunft
konserviren.
    Der Regierungsrath blickte ihn ernst wehmthig an: Wir gingen so lange mit
einander! Sollen wir so scheiden!
    Ein zerronnener Traum! Preuen hatte die Aufgabe, Deutschland zu retten, es
hat sich nicht selbst zu retten gewusst. Den letzten Rest seiner ffentlichen
Ehre hat es geopfert, selbst den Rest der Ehrlichkeit, auf die es sich brstete,
warf es in den Tiegel.
    Der Rath ging im Zimmer auf und ab; er sah nicht, was auch dem Militr
entging, da ihr lautes Gesprch einen Vorbergehenden angelockt, der an der
Schwelle der geffneten Thr stehen geblieben. Unterscheiden Sie wenigstens die
Nation von - Denen, die Sie brandmarken.
    Wer ist die Nation? Wo sitzt sie? Wo schlgt ihr Herz wo drcke ich ihre
Hand? Das ist die ungeheure Tuschung, da wir dieses Konglomerat von Gliedern
fr einen organischen Krper ansahen. Hier, wo alle Adern zusammenflieen
sollen, glaubte ich das Herz gefunden zu haben. Was fand ich? Zwei Rassen, man
sollte meinen, von verschiedener Abstammung, Sprache, Hautfarbe, wie Niebuhr die
Rmer seciren will. Zwei Rassen, die sich ausweichen, verachten, hassen, Militr
und Civil genannt! Dies Militr knirscht freilich, aber was hilft uns das
Knirschen der Maschine mit knarrenden Rdern! Dieser Kolo ohne Elasticitt kann
noch zermalmen, nicht mehr retten, befreien, weil ihm der Odem fehlt. Der
Mensch, der Mann, der Brger, ja der Ritter selbst, ging unter in der
vielgelobten Disciplin. Da sollen wir Kmpfer, Paladine suchen fr die ewigen
Gter der Nation, wo Gefhl dafr, Bewusstsein, der feurige Willen zum
Verbrechen ward! Ein paar elende Kreaturen, gehasst verachtet von Allen, selbst
von Denen nicht geliebt, in deren Stimmungen sie sich einhllen, um sie im
Schlaf zu beherrschen, die sind wichtiger, als dieses mchtige Heer. Was ist nun
dieser gewaltige separirte Theil der Nation, den man als ihr anderes Selbst im
Auslande betrachtet, wenn sein zornschnaubender Hauch nicht mal diese
Lumpenmnner fortblst?
    Die Nation besteht nicht allein aus dem Militr.
    Der Major war sonst kein Mann von vielen Worten, aber wenn eine Schleuse
geffnet, hltst du das Wasser nicht zurck. Die Feuersule, die ein Haus
ergreift, sprht mit dem trocknen Gemll auch Geblk und Steine in die Luft.
    Ich kenne nun auch die Andern. Durch das Geflimmer der Worte sah ich ihre
Wahrheit. Viel buntes Glas, einige bhmische Steine und wenige Diamanten; durch
die gut geschliffenen Glser glnzt es von fern wie ein Eldorado. Groe
Versicherungen und kleine Thaten, ein bestndiges Streben nach dem Hchsten,
aber der Weg fhrt durch Moor und Sandsteppen des Albernen und Frivolen. Auf
Stelzen vor Freund und Feind, und wenn sie die Thr zuschlossen, spotten und
lachen sie ber sich selbst. Gedanken, groe und schne, aber wie Irrlichter;
sie erblassen schon auf der Lippe. Vom Boden habt Ihr Euch gelst, der drftigen
Natur, die Euch der Himmel anwies. Ihr konntet wie Sturmvgel Euch andere
Regionen suchen, aber nun flattert Ihr, von Euren ermatteten Adlern verlassen,
zwischen Himmel und Erde, und wisst nicht, wohin. Ueberall vor Rcksichten
scheuend, zittert Ihr vor Eurer eignen Kraft. Um's Euch nicht zu gestehen, woran
Ihr krankt, am Glauben an Euch selbst, hllt Ihr Euch in Wolkenpalste und
klammert Euch an Systeme, die beim nchsten Sturmwind zerrissen sind. Dies
Scheinleben ist das Zehrfieber, das Euern Staat vom Winkel bis zur Zeh entnervt.
Eine angezndete Fackel wollten sie neulich schleudern, ein Weltbrand sollte es
werden, aber sie waren zufrieden mit Kolophoniumblitzen. Da in den
Flammenzuckungen dieses verunglckten Theaterabends konnte man die ganze Misere
erkennen. - Auf dem Theater sollte die Welt zurecht gelegt werden, und mit
Recht, denn diese Welt ist nur eine Theatervorstellung. Man spielt sich selbst
und ist zufrieden, wenn man gut gespielt hat.
    Fuchsius halte mit verschrnkten Armen und verbissenem Munde schweigend
zugehrt. Jetzt ffnete er ihn, aber was er sagen wollte, schien er rasch zu
verschlucken. Tonlos sprach er: Sie aber sind noch nicht zu Ende, Major. Ich
erwartete, da Ihre Philippica auch die Schlittenpartie der Gensd'armen der
Nation auf ihr Schuldconto schreiben wrde.
    Ist denn seit vierzehn Tagen von Besserem die Rede? Ist Mark und Niere
durchschttert von der Satyre des Weltgeschickes, da man auf den Brettern den
Krieg spielte, derweil er drauen im Blute von Austerlitz schon ersuft war, da
man ber einen Sieg jubeln konnte, tagelang noch die Bltter Lorbeern den Russen
zuschmeien, derweil in den unterrichteten Kreisen Jeder vom Gegentheil wusste?
Nichts von Erschtterung. Man hatte von Wichtigerem zu plaudern: ob der
Blutsturz des jungen Herrn Bovillard ein gefhrlicher, oder nur ein bischen
Bluthusten war? Ob seine ganze Lgenpost nur eine Intrigue, um seiner Geliebten
in einer interessanten Situation nher zu kommen? Ob die Madame Lupinus im Recht
ist oder die Gargazin? O wer da den Einblick gewnne in dies hchst intrikate
wichtige Rnkespiel der beiden Frauen! Ob die Lupinus, wie ihre Freunde sagen,
wirklich die Tugendwchterin war fr die hbsche Mamsell Alltag? Ob sie das
junge Mdchen bewacht und bewahrt hat vor der Leidenschaft fr den jungen
Wstling, und ob sie nur in edler Entrstung zurckwich, als die Sache zu einem
ffentlichen Skandal umschlug? Hannibal vor den Thoren, und sie streiten, ob die
Gans in Moll oder Dur gegackert hat, als Brennus strmte!
    Und das Resultat, Herr Freiherr von Eisenhauch?
    Da Deutschland auf den Neumond hoffen mag, auf einen Kometen, auf die
Sturmbraut, meinethalben auf Napoleons Gromuth, auf Alles, nur nicht auf
Preuen.
    Fuchsius hatte seinen Hut ergriffen: Wenn eine Epidemie herrscht, lohnt es,
dnkt mich, nicht der Mhe, zu untersuchen, wer der Krnkste ist. Leben Sie
wohl. Wir sind alle krank, Major, sehr krank. Preuens Genius verzeihe Ihnen,
was Sie sprachen, wenn Sie einen gesunderen finden.
    Er hrte nicht mehr die Worte, die mit sonorer Stimme durch die offene Thr
in das Zimmer schallten: Herr Major, eine Beleidigung, dem Staate zugefgt,
trifft auch jeden Brger.
    Den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, der krampfhaft auf dem Boden
hmmerte, stand der Major Rittgarten auf der Schwelle. Unter seinen grauen
Wimpern schossen die Augen zornfunkelnde Blicke auf Eisenhauch. Beide mochten
sich als Hausgenossen kennen, ohne in nhere Berhrung getreten zu sein.
    Was ich gesprochen, war nicht an den Major Rittgarten gerichtet.
    Noch hoffe ich, da Sie den Einwand machen, da er bei offener Thr Sie
belauschte.
    Was ist Ihr Wunsch?
    Der Staat, den Sie geschmht, kann nicht von Ihnen Rechenschaft fordern.
Ich fordere Sie, ein alter Militr, der unter Friedrich focht und bald dahin
geht, wo sein groer Knig sie von ihm fordern wird.
    Mit dem Mitleid der Achtung blickte der jngere Militr den lteren an: Ich
ehre Ihren Schmerz und achte Ihren Muth; beide aber nicht als Legitimation, den
Handschuh fr ein Etwas mir zuzuwerfen, was Sie nicht persnlich betrifft.
    Sie haben das preuische Militr beleidigt, die Ehrenkrnkungen meiner
Brder nehme ich auf mich. Sie haben das Preuische Volk geschmht, dies treue,
gute, rechtliche Volk. Sein Blut rinnt, wenn auch langsam, doch zu hei noch in
meinen Adern, um mit diesem ungerchten Fleck vor meinen Knig zu treten. Ihre
Antwort?
    Nur eine Frage: war, was ich sagte, unwahr?
    Zu der Frage haben Sie kein Recht. Sie sind nicht Richter. Nicht unter
diesem Dache, nicht auf diesem Boden, der Sie gastlich aufnahm, drfen Sie das
Volk schmhen und den Frsten, dem das Volk vertraut. Und wenn ich Ihnen
antwortete, verstehen Sie meine Sprache nicht.
    Eh' der Verklagte antwortet, mu er die Klage kennen. Treten Sie fr jene
Offiziere ein, die ich meinte? Vertreten Sie jene Eitlen, Schwachen, Nichtigen
-
    Ich sagte Ihnen darauf schon meine Meinung.
    Aber unter Ehrenmnnern, ehe man zum uersten Ernst schreitet, sucht man
Verstndigung ber das, worber der Streit ist. - Sie haben mich vorhin
angehrt, ich sprach im Zorn. Lassen Sie mich jetzt auch Sie anhren, ich will
auch Ihren Zorn ruhig hren.
    Kennen Sie unser Volk? Wenn Sie an enem Kranken seine Geschwre zhlen,
kennen Sie darum sein Herz und seine Nieren? - Wer justificirt und glorificirt
sich denn in seiner Schande? Das Preuische Volk etwa? - Wer schreibt die
salbungsvoll duftenden Staatsschriften? - Sldlinge, oft Fremdlinge, die das
Volk aus Grund der Seele verachtet. Wen treffen Ihre Epigramme? Spielen die
braven Herzen, die in Pommern und Ostpreuen, in Schlesien und Westphalen fr
des Vaterlandes Ehre schlagen, in Berlin Theater? Sie zucken die Achseln! Wo
haben Sie es gefunden, da das Volk niedertrchtig denkt und feig handelt? Sie
haben nicht herausgehrt das stumme Zhneknirschen, die blutenden Herzschlge,
als sie den letzten Rest, wie Sie meinen, seiner Ehre und Ehrlichkeit in den
Tiegel warfen. Die warfen hinein als schlechte Verwalter, was sie aufgegriffen.
Aber nicht die Herzen des Volkes. Die hat es ihnen nie zum Aufbewahren gegeben,
die hat es aufgehoben fr eine bessere Zeit. Es ist kein Rest da, sage ich
Ihnen, der volle Stock von Ehre und Ehrlichkeit liegt noch in unsrer Brust. Wer
ist die Nation, wo sitzt sie, fragen Sie? Wer hat sie denn schon aufgesucht in
ihrem Heiligthum? Wer hat denn schon dies Volk gefragt, wer hat es denn gerufen?
Der groe Kurfrst einmal, und da kam es, Friedrich rief es sieben Mal, und
sieben Mal stand es da mit Gut und Blut. Diese - haben es nicht gerufen, weil
sie es nicht wagen, sie zittern vor dem Geist, den sie aufrufen knnten, vor dem
ihre Erbrmlichkeit in Staub und Spreu versnke. Aber rufen sie es einmal, bei
dem rechten Namen, auf den es hrt, mit dem rechten vollen Ton, der in Mark und
Nieren schmettert, und es kommt. Dann, mein Herr, gebe ich Ihnen mein Wort, wird
es nicht vor Denen scheuen, die seine Fleischtpfe verrcken wollen; es wird
glauben, ja, nicht an die schnen duftenden Reden der Herren am Ruder, an seine
Bestimmung wird es glauben, an die Stimme der groen Frsten aus der Gruft, und
selbst wird es seine Fleischtpfe ausschtten fr Alle, die fr das Vaterland
streiten wollen!
    Eisenhauch machte eine Bewegung, als wolle er die Hand des Veteranen
ergreifen. Aber dieser blieb in seiner festen Stellung: die Hand umklammerte den
Stock.
    Wir sind ein ander Geschlecht, fuhr er ruhiger fort, als Sie drauen; ja
es ist so, das Warum kmmert Sie und mich heut nicht. Wenn wir krank wurden,
knnen wir uns nur selbst heilen; Ihre Aerzte thun es nicht, sie verstehen unsre
Natur nicht. Aber etwas, mein Herr, sollten Sie kennen. Die Bltter der
Geschichte lehren es. Wenn wir am tiefsten erniedrigt schienen, die Welt uns
verloren gab, dann grade schnellten wir in Jugendkraft zur vorigen Gre.
    Wem gab die Natur ewige Jugend!
    Sie sagen, wir haben uns vom Boden gelst, auf dem wir wuchsen, und
flattern haltlos zwischen Himmel und Erde, weil wir nicht Muth haben, vorwrts
ins Blaue uns zu strzen. Ich geb's Ihnen zu. Aber wir haben Vertrauen; noch
haben wir's, Herr Major. Der Frst vertraute dem Volke, das Volk dem Frsten. So
lange das Band hlt, ist Preuen nicht verloren. Wie oft traten Retter auf, als
die Noth am grten, die Klgsten keine Aussicht sahen, die Muthigsten
verzweifelten. Man sagt, da der groe Knig Gift in seinem Ringe trug.
Gebraucht hat er es nicht. Nicht bei Kollin, nicht in der Nacht von Hochkirch,
nicht als er mit seinem Huflein, wie der Mannsfelder, durch seine Staaten
irrte. In sich selbst und aus der Verwstung heraus fand er sich wieder. Und in
welcher anderen Wste rettete, schuf der groe Kurfrst seinen Staat! Wo
berall, wie von Gott geschickt, unerwartet, der David auftrat, der den Goliath
niederwarf, wo diese Rettungen aus Zerwrfni und Elend recht eigentlich die
Quintessenz unserer Geschichte sind, warum da glauben, da sie jetzt zu Ende
sind? Warum nicht festhalten an dem, da zur rechten Zeit der rechte Mann sich
wieder einfindet? Wir sind jetzt erniedrigt, ja, dupirt vor aller Welt, vor uns
selbst am meisten, ein Sumpf von Fulni, berdeckt mit einem Flimmer von
Eitelkeit und Hochmuth - aber es gab noch verwstetere Geschlechter vor uns und
Gott gebe, da nicht noch verwstetere nach uns kommen.
    Eisenhauch sah, einen Schritt zurcktretend, dem alten Mann feierlich ins
Gesicht: Sie fordern von mir Genugthuung?
    Und mitleidig blicken Sie auf meinen schwachen Arm. Wenn er den Degen nicht
mehr fhren kann, ist er doch stark genug, um die Pistole zu heben, und stark
genug ist der Greis, mein Herr, der Mndung Ihres Feuerrohrs ins Auge zu sehen.
    Eisenhauch hatte ein Pistolenpaar in der Hand, aber er warf sie in den
Kasten: Ich nehme Ihre Forderung an, aber - fr spter. Jetzt haben andre
Missionen das Vorrecht. Mein Herr, ein groes Schlachtfeld breitet sich vor uns
aus. Ob morgen, ob nach Monaten, ob nach Jahren die Hunderttausende, zum Morden
bereit, sich gegenber stehen, darauf kommt es nicht an. Aber es mu kommen.
Geblutet mu werden, gebrannt, vertilgt, und der Sturm mu fegen durch die
verpesteten Winkel. Fragen Sie sich, die Hand auf der Brust, ob's die Winkel
allein sind, ob das Miasma nicht auf den Heerstraen weht, in den Schlssern und
Stdten, ob's nicht in den Schreibestuben und Wachtstuben die Brust dem
Redlichen zusammenschnrt. Drauen im Reiche ist es zusammengebrochen. Was da
liegt, faul und morsch, jedem Kinde ist's klar. Hier ist noch ein gleiender
Firni darum. Aber reit die Schale ab, Herr, Sie zittern selbst, Sie ahnen oder
Sie wissen, was darunter, ich will nicht noch einmal Ihren Schmerz stacheln. Ich
aber sehe vor mir, wenn auch dieses letzte stolze, thurmreiche Schlo
zusammenstrzt, nur Verwesung, eine unermessliche Leichenwste. - Herr Major,
ein letztes Wort: wenn der Tod seine Fackel ber uns Alle schwingt, wenn
Deutschlands, Preuens, Oestreichs Name ausgelscht ist, dann ist auch unser
Streit begraben - ein Hherer mag richten, wer mehr gefehlt. Wenn aber Gott
entschieden hat, da es in Deutschland noch ein Volk giebt, nicht reif zum
Helotenstamm, und Preuen ist dies einzige Volk - dann, mein Herr, stehe ich
Ihrer Kugel.

                          Fnfundfnfzigstes Kapitel.



                   Innerlich Lachen an einer Berliner Brse.

An der Berliner Brse war ein Plakat angeschlagen. Der Freiherr von Hardenberg
hatte der Kaufmannschaft erffnet, da Preuens Lage von der Art sei, da nun
alle Besorgnisse fr Handel und Verkehr gehoben wren, indem es Seiner Majestt
dem Knige gelungen, den Frieden auf gengende Art zu behaupten. Jeder mge
daher im vollen Vertrauen auf die Frsicht einer Regierung, die kein ander Ziel
habe als das Wohl ihrer Unterthanen, seinen Geschften und Unternehmungen
nachgehen. Auer dieser amtlichen Bekanntmachung mehrere Avertissements von
Seiten des Brsenvorstandes: Der Graf von Haugwitz sei als auerordentlicher
Preuischer Gesandter in Paris mit vieler Freundlichkeit empfangen worden.
Ferner: Der Knig berufe den grten Theil seiner Truppen in ihre Kantonnirungen
zurck und danke ihnen fr ihre bewiesene Treue.
    Man sah vergngte Gesichter. Sie sprachen sich ins Ohr. Vielleicht hatten
sie Rcksichten, da sie nicht laut sprachen. Einige riefen auch Bekannte aus
dem Publikum, die ber den Lustgarten gingen, heran, und mit ihnen ward noch
stiller, vertraulicher konversirt. Von diesen ging dann auch Mancher, nach einem
herzlichen Hndeschtteln, mit erheitertem Gesicht von dannen. Andere aber
gingen, die Hnde auf dem Rcken, den Kopf gesenkt, schweigend fort. Der und
Jener schttelte wohl den Kopf und wandte dem Andern hastig den Rcken, um sich
aus dem Getmmel zu verlieren. Wie Viele froh waren und wie Viele betrbt, ist
nie gezhlt worden.
    Einer sa auf einem der Steinpfeiler nach dem Lustgarten hinaus. Es war ein
sonniger Tag, und in seinem Kalmuckrock mochte er wohl den Winter vergessen.
Sein Gesicht sah aber nicht aus, als ob ein lauer Maienwind darber streife, es
glich den bltterlosen Zweigen der Platane, die wei angelaufen vom Morgenreif
sich ber ihm leise wiegten.
    Na Sie, hren Sie mal, Sie knnen doch nur lachen, sagte ein
Herantretender. Warum denn wie ein Eisbr, Herr van Asten?
    Ich lache auch, Herr Baron, Sie sehen's nur nicht, ich lache innerlich.
    Des Barons beide Hnde klimperten in den Seitentaschen mit Geld: Ich
glaube, Sie wren kaput gewesen mit allen Ihren Forderungen aus Militr.
    Kaput werden heit ja wohl den Kopf verlieren?
    Halten Sie Ihren fest.
    Mancher hlt's fr ein gro Unglck, Herr Baron.
    Das will ich meinen!
    Mancher aber meint man knnte auch ohne Kopf leben.
    Sie Bonmotiseur, Sie! Warum lachen Sie denn aber nur innerlich? Meine Frau
sagt, man kann uerlich lachen, und weint innerlich. Das begreife ich. Ein
sthetisches Gemth ist immer sentimental. Das bin ich nicht, Sie sind's auch
nicht, van Asten. - Aber, wissen Sie, was mir entgangen ist?
    Ihre Operntnzerin? Davongelaufen?
    Nein, keine Plaisanterie! Haben Sie nichts davon gehrt? Sie haben's im
Kriegsministerium ausspintisirt, da der Infanterist im Winter auch friert.
Mntel sollten sie kriegen - wenn's zum Krieg gekommen wre, nmlich. - Na nu,
was sagen Sie? Ich hatte schon ein Dutzend neue Sthle eingerichtet. Soll ich
nun fr die Kalmucken weben lassen?
    Fr die Franzosen, Herr Baron, die nehmen das Tuch auch ungeschoren.
    Ohne Spa, Herr van Asten; ich htte 'nen guten Schnitt bei gemacht.
    Liebster Baron, Sie sind ein excellenter Fabrikant und guter Kaufmann, aber
erlauben Sie mir, Sie huldigen zu sehr den Phantasien. Ich meine, Sie sind zu
leicht exaltirt von Ideen. Mntel fr die Infanterie! Ich bitte Sie, hatten
Friedrichs Musketiere Mntel? Man hat Ihnen was aufgebunden. Erfindungen eines
neuerungsschtigen Kopfes! Hohle Theorien! Und unsere Regierung! Liebster
Baron!
    Die Franzosen haben ja schon Mntel!
    Desto schlimmer! Wer wird denn denen was nachmachen wollen!
    Pfiffikus Sie! sagte der Baron und spielte mit seinen groen Berloquen.
Die Sonne schien eben so wohlgefllig mit seinen Brillantringen zu spielen. Na,
nu sagen Sie aber mal, warum lachen Sie denn innerlich?
    Da wir so 'nen schnen Frieden haben, und sogar auf gengende Art.
    Wer Sie nicht verstnde! Was geht's uns an, sage ich.
    Das sage ich auch, Herr Baron.
    Ihre Forderungen in Hannover kann Ihnen nun Schulenburg-Kehnert eintreiben.
Mit dreiundzwanzig Bataillonen und fnfundzwanzig Schwadronen rckt er ein.
Wollen Sie noch mehr Exekutoren?
    Ein Dritter, der hinzutrat, sagte: Wir haben doch nun eine zusammenhngende
Grenze gewonnen. Anspach konnten wir nicht schtzen, um Hannover brauchen wir
nur den Arm auszuspannen.
    Nicht zu weit, fiel van Asten ein. Das Tuch des Herrn Baron reit sonst
an der Achsel.
    Das Gesprch war allgemein geworden. Ein Vierter sagte: Was hilft alles
Umarmen, wenn kein Herz uns entgegen schlgt! Der Hannoveraner liebt uns nicht,
und die Anspacher ringen die Arme, da wir sie aufgeben. Sie haben ein Schreiben
geschickt, da man sie, die treusten Shne des Vaterlandes, nicht vom Vaterherz
reien solle.
    Sehr schn gesagt, sagte Baron Eitelbach im Abgehen zu einem Begleiter.
Sehr rhrend wrde meine Frau sagen. - Was gehn mich die Anspacher an! - Der
alte van Asten knnte mich dauern, wenn er nicht solchen heillosen Schnitt
gemacht. Hat auf den Frieden spekulirt. Glauben Sie mir, Dreiigtausend gebe ich
fr seinen Abschlu. Pfiffig ist er, aber warum hat er seinen Sohn so erzogen! -
Ein Civilist mu das Militr gehn lassen. Wofr ist des Knigs Rock! Ist nun in
der Bredouille. Kann sehn, wie er ihn rauszieht. Thut mir wahrhaftig leid, der
Mann. Ja, warum hat er ihn nicht besser erzogen! Das kommt davon.
    Was ist Ihre Meinung, Herr Mendelssohn? fragte ein jngerer einen lteren
Kaufmann von sehr klugem Gesicht.
    Wir sind weder dreist genug, das trgerische Geschenk zu behalten, noch
stark genug, es von uns zu weisen, darum ergreifen wir den beliebten Mittelweg,
wir suchen den Schein zu retten und den Gewinn auch.
    Aber wir haben den Schnbrunner Vertrag ratifizirt.
    Wir ratifiziren nichts, wir statuiren nur Provisorien, um uns eine
Hinterthr zu lassen. Und indem wir den Vertrag modifiziren, heben wir ihn
eigentlich auf. Bis zum allgemeinen Frieden soll alles zwischen Preuen und
Frankreich bleiben, wir sollen keins der versprochenen Lnder rumen, Hannover
nur besetzen und hoffen, da die Englnder bis dahin ein Einsehen bekommen und
uns um Gottes Willen bitten, doch Hannover zu nehmen.
    Was die Nachwelt dazu sagen wird! Die treuen frnkischen Lande
fortzuschleudern, ohne Besinnen und Reukauf, und die Gegengabe dafr nur mit
Vorbehalt anzunehmen!
    Die Nachwelt hat kein Konto in unserm Buche.
    Aber was schreiben wir auf unseres?
    Das angenehme Gefhl, da wir edel gehandelt haben.
    Und was Napoleon dazu sagen wird!
    Sie hren's ja. Er hat Haugwitz mit einer Freundlichkeit empfangen, die
eine gnstige Deutung erlaubt.
    Ob sie nicht errthen, indem sie es bekannt machen?
    Schamrthe ist eine Illusion der Vergangenheit.
    Aber Napoleon!
    Er lacht auch innerlich, wie unser Herr van Asten. Aber was ist mit ihm
da!
    Ein Kavallerieoffizier auf der Brse! Geht die Welt unter!
    Der Offizier war der Rittmeister Stier von Dohleneck. Es war eine kleine
Aufregung. Der Rittmeister schttelte in einer Art Extase dem Kaufmann die Hand,
fast schien es, er fhle sich in Versuchung, ihm um den Hals zu fallen, aber das
schickte sich nicht. Der Kaufmann war aufgestanden, er hatte die Hand des
Offiziers noch ein Mal ergriffen, sie gedrckt, dann fahren lassen und war auf
den Stein zurckgesunken. Der Rittmeister war wieder fortgeeilt.
    Ein braver Mann, der Herr von Dohleneck.
    Es waren frohe Gesichter. Wie sollte es auch nicht; seine Botschaft war eine
frohe und van Asten ein geachteter Mann auf der Brse. Bald wussten Juden und
Christen den Inhalt: das Ehrengericht der Offiziere hatte sich endlich dahin
geeinigt, da der junge Walter van Asten an jenem Abende nur in einer
entschuldbaren Affektion mit dem Kornet in Konflikt gerathen, ohne seinen Stand
krnkende Intention, da er seinen Arm nur berhren wollen, um ihn auf etwas
aufmerksam zu machen, und allein durch den Sto eines Nachbars habe er sich an
dem Arm festgehalten und damit durchaus nicht den Rock des Knigs attentiren
wollen. Die Sache wre also eine reine Privatsache zwischen dem Kornet und dem
Kaufmannssohn, letzterer aber, angesehen, da in niederlndischen Familien,
unter dem vorgesetzten van nicht selten alte adlige Abkunft sich cachire, auch
der junge Walter nicht erweislich hinter einem Ladentisch stehend gesehen
worden, eine Person, von der ein Kavalier, in Anbetracht der Umstnde und der
Meriten seines Vaters, ohne sich etwas zu vergeben, Satisfaktion fordern mge.
Das Zeugni des Kornets selbst hatte diesen Spruch, an den Niemand vorhin
geglaubt, veranlasst. Wer anders als sein Oheim, der Rittmeister, war das
bewegende Motiv gewesen!
    So belohnt sich eine gute That, raunte ein Freund dem Vater zu.
    Ein braver Mann, der Rittmeister, wiederholte der Chor.
    Na, nu knnen Sie auch uerlich lachen, Herr van Asten, sagte der wieder
hinzugetretene Baron - der Friede, der Schnitt und der Sohn ohne Kriminal und
Prison davon gekommen. Was wollen Sie mehr!
    Lache ich denn nicht! rief der Alte und lachte, so laut, da die
Davongehenden noch auf dem Lustgarten sich verwundert umblickten. Es ist des
Glcks nur zu viel! Das Zahlbrett voll zum Einstreichen, ein Friede, der uns
gengt, und so viel Patriotismus an der Brse, und alles in Ruhe und lauter
Ordnung im Lande, und mein Sohn - mein Sohn kriegt die Erlaubni, von den Herren
Offizieren sich 'ne Kugel durch den Kopf jagen zu lassen! - Verzeihen Sie, meine
Herren, wenn ich genug gelacht habe, da ich auch ein bischen weine, denn das
groe, unverdiente Glck habe ich alter Esel mir selbst angerichtet.

                          Sechsundfnfzigstes Kapitel.



                       Ein Mann von zu vielem Sentiment.

Was giebt es Neues? rief der Geheimrath Bovillard dem Legationsrath entgegen,
und lud, ohne sich im Frhstck stren zu lassen, durch eine Bewegung den
Eingetretenen zum Platznehmen ein. Die Zerlegung eines Kapaunenflgels schien
ihm einige Anstrengung zu verursachen. Uebrigens sah Herr von Bovillard
gemthlicher aus als in letzter Zeit; die Runzeln waren gewichen, das Gesicht
glnzte, besonders die unteren Theile, das Kinn hatte etwas Charakteristisches,
was sich in den Augen widerspiegelte, obgleich die Lippen erst der eigentliche
Ausdruck waren. Herr von Bovillard gab heute kein Schauspiel fr Andere, sonst
wrde er die Aermel des Rockes nicht aufgekrmpelt getragen, nicht den Zipfel
der Serviette im Halstuch befestigt haben. Er war fr sich, der Schmecker mit
Bewusstsein, aber der Zutritt eines Freundes, wie Herr von Wandel, strte ihn
nicht. Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser.
    Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren.
    Da, sagte Bovillard und go in ein vasenartiges Krystallglas aus der
Weinflasche. Prfen Sie, wie schmeckt es Ihnen? Es schmeckt wie der beste
Champagner, schumt aber nicht. Non mousseux, neueste Erfindung. Eben aus
Epernay mir zugeschickt. Es hat es noch Niemand hier. Darum Diskretion. Was
sagen Sie dazu? Der Schaum dnkt mich doch die lockende Fahne, unter der der
Champagner die Welt erobert hat. Man soll nie ohne Noth seine Fahne aufgeben.
Ihre Suren, Wandel, Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben. Ihre Zunge
fhlt das Richtige heraus, aber ber die Kritik ist Ihnen die petillirende Lust
daran vergangen. - Sehen Sie mich an, ich kann mich ber die Entdeckung wie ein
Kind freuen. Woran auch sich halten, wenn man nicht bisweilen wieder zum Kinde
wrde!
    Die Nachrichten lauten bel, Geheimrath. Napoleon ist ein Anderer geworden,
seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurckgekehrt. Was er fordert ist
nicht mehr der Schnbrunner Vertrag, heit es. Ja, man spricht, da Haugwitz
wirklich am 15. Februar diesen neuen, noch demthigerenden Vertrag abschlo. Er
liege jetzt dem Knig zur Unterzeichnung vor.
    Liebster, bester Freund, warum hren Sie darauf? Sie brauchen es doch
wahrhaftig nicht. Ja, es steht schlimm, sehr schlimm, wir werden noch mehr
nachgeben mssen, aber wer ndert es? Sie nicht, ich nicht, Niemand. Man mu
laviren und abwarten, bis ein glckliches Changement kommt. Wir sind in einen
Sumpf gerathen, je mehr wir strampeln, um so tiefer versinken wir. Nur nicht die
gute Laune verloren. Hren Sie drauen den Leiermann:

Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond.

Da, trinken Sie, oder wollen Sie schumenden? Ich klingle.
    Der Wein ist gut, aber er steigt zu Kopf.
    Nun denken Sie an den armen Haugwitz, wie es in seinem aussehen mu. Kann
er dafr? Verdenken Sie's ihm, da er sich auch nicht beeilt aus Paris
zurckzukehren? - Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln, die Rchel,
Blcher, die Prinzen! Und das Geschwtz, Gesinge, Gebrll hinter ihnen.
    Die Gnade Seiner Majestt wird, als schirmender Fittich, ihn vor Outrage
bewahren.
    Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune: Gewi.
Der Knig lsst ihn nicht los. Wissen Sie, eigentlich - eigentlich kann er ihn
auch nicht leiden, wie uns Alle nicht, aber - das ist es eben. - Trinken Sie
doch, Wandel, man kann jetzt nichts Besseres thun. C'est le mystre de notre
temps, da wir unentbehrlich sind. Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner
Majestt, - sie knnen uns Alle nicht leiden, mchten uns kpfen, erwrgen,
vergiften - - von unsern Posten jagen - Wo findet Seine Majestt Staatsmnner
- Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigenthmlichen Handbewegung fiel
der Geheimrath ein: Er findet sie schon, er braucht nur auf die Strae raus zu
greifen -
    Die Lust haben Minister zu sein, ja, aber Mnner Ihres Scharfblicks!
    Wissen Sie, was Oxenstjerna an seinen Sohn schrieb: Mein Sohn, Du glaubst
nicht, etcaetera. Liebster Wandel, warum denn nicht Wahrheit zwischen uns! Wenn
wir uns in dem Spiegel sehen - und doch - in keinem Stande Freunde, und doch -
wir bleiben, wir werden bleiben, und Sie und ich, wir wissen, warum wir bleiben.
- Auf das Wohl Seiner Majestt des Knigs! - Das begreifen Seine
reichsfreiherrliche Gnaden, der Herr von Stein nicht. Voil le miracle! Wie
lange ists nun schon her, da er uns Alle aus dem Sattel werfen wollte! Wenn wir
doch Karikaturmaler htten! Herr von Stein als Mauerbrecher! Herr von Stein legt
den Widder an, erster Moment. Herr von Stein fhrt fort am Bock zu drehen,
zweiter Moment. Dritter, vierter, fnfter etcaetera, Herr von Stein steht noch
immer am Bock. Finale: Herr von Stein schlgt hinten ber, er hat einen Bock
geschossen. - Aber Sie trinken ja nicht. Vive la bagatelle! - Schnell, was Neues
aus der Stadt.
    Das Duell hat endlich stattgefunden. - Beide maustodt? - Blut ist
geflossen. - Htte nichts geschadet. Warum zanken sie sich! Diese Militair-
und Civilraufereien sind mir in der Seele zuwider.
    Der junge van Asten hat sich eine Renomme gemacht. Die Officiere glaubten
nicht, da er den Kampf auf krumme Sbel annehmen werde. Der Kornet ist ein
Schlger  merveille. Der Gelehrte ging aber drauf los, und die Herren von den
Garde-du-Corps stecken jetzt wieder die Kpfe zusammen, denn er trieb seinen
Gegner Schritt um Schritt bis in die Bsche.
    Und das Ende vom Liebe? - Er war an der Schulter verwundet, cachirte es
aber, und als die Sekundanten es merkten, hatte er den Kornet schon in eine
verzweifelte Position gebracht. Auf einen Hieb flog der Sbel des Offiziers zu
Boden. - Und der Kornet mit? - Nur ein Fetzen von seinem Aermel und etwas
Fleisch und Blut. Gerade genug, um ihn kampfunfhig zu machen, wenn er nicht
schon desarmirt gewesen wre.
    Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadensto?
    Bewahre! Er senkte die Waffe, trat zurck, und fragte bescheiden die
Sekundanten, ob nun der Ehre genug geschehen sei? Man htte es fr ritterlich
gehalten, wenn -
    Ein Roturier ein Kavalier sein knnte, unterbrach ihn Bovillard. 
Qu'importe! Er hat gehandelt, wie man uns vorwirft, da wir handeln, wir nutzen
den Vortheil nicht, der uns in die Hnde gespielt ward. - Wandel, Sie haben
vielleicht Recht. Vive la gnrosit!
    Die Sekundanten erklrten nach einer lngeren Berathung die Sache fr
ausgeglichen. Der Fleck am Aermel, den die Hand gemacht, sei durch den Sbel
reparirt.
    Der ihn loshieb! fiel Bovillard ein und ghnte. Legationsrath, was wren
wir ohne den Witz in Ehren- und Staatssachen! Die Welt wre lngst bankerott
ohne die Kunst der Auslegung. Der Starke wirft sein Wort wie Brennus' Schwert
auf die Goldwage; aber der Schwache mu das Krnchen Mutterwitz wie der
Goldschlger breit schlagen, um die Risse in der Logik und die falschen
Raisonnements zu berkleben.
    Und das Volk gafft doch das Goldblech an, als wr's massiv.
    Wozu wr's das Volk und wir die Gescheiten! - Um eine Liebschaft war ja
wohl die Affaire? Das Mdchen kann gute Geschfte machen, es kommt en vogue!-
    Mehr Anwartschaft htte der junge Gelehrte darauf, der, wie man sagt, aus
Galanterie, oder wie einige behaupten, aus Gehorsam fr seinen Vater zum Ritter
an einer Dame ward, die er nicht liebt. C'est touchant! sagte Herr von
Bovillard und ghnte noch strker als vorhin.
    Man fngt berhaupt an von ihm zu sprechen, es wre ein Charakter. Man
spricht aber auch - von Ihrem Herrn Sohn. Der Geheimrath, der wirklich mde
schien, ward aufmerksamer. Er reckte sich in seinem Stuhl und go ein frisches
Glas Champagner ein, dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser
paralysirte.
    Wie befindet sich der Patient?
    Mon pauvre fils! - Mein lieber Freund, wer macht die Erziehung? Ich habe
oft darber nachgedacht. An guten Beispielen - das war's eigentlich nicht, was
ich sagen wollte, aber - das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben!
    Ein merkwrdiges Unglck, was diesen Mann trifft! Doch meinen auch Viele,
es wre ein Glck, fr die Kinder nmlich. Bei der verkehrten Erziehung wre nie
aus ihnen etwas Gescheites geworden.
    Der Mann! Er Kinder erziehen! Wenn sie nach ihm geschlagen htten! - Mein
Louis, was ich sagen wollte, Heim meinte, es sei keine Gefahr, wenn er sich nur
vor Exaltationen htet! - Das wird schwer sein. - Das befrchte ich auch.
Das Blut seiner Mutter. Was die fr Nerven hatte! Ich bin ja bereit, Alles zu
thun, er hat excellente Gedanken, aber ich mu Ihnen sagen, ich habe keine
Autorit. Im Disput gerathen wir immer an einander.
    Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt. Wandel
sprach es mit kalter Stimme.
    Meinen Sie - die alte Geschichte! Der Geheimrath warf dabei einen
forschenden Blick auf ihn. Mein Gott, ich glaubte die Kinderei lngst
beigelegt.
    Nur reponirt, meine ich, bis Ihr Herr Sohn die Gte haben wird, einen neuen
Termin anzusetzen.
    Mann von Ihrer Klugheit und Philosoph! Ich bitte Sie - Bovillard war jetzt
aufgesprungen und ergriff die Hand, die Wandel halb zurckzog.
    Die Ehrengesetze dieser Welt gehen ber die der Klugheit und Philosophie.
- Er wird zur Einsicht kommen und Sie sind mein Freund. - Und gewi der
Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit, nur nicht meinen unbefleckten
Namen. - Wer redet davon! Ueberlassen wir den Kavallerie-Offizieren den
krummen Sbel; wozu sind wir Philosophen! Die diplomatische Kunst wird mildere
Lsungsmittel finden, als ein Stck vom Aermel und vom Fleisch dazu! Liebster
Legationsrath, das findet sich ja. - Wenn ich als Beleidigter den ersten Schu
htte, versteht es sich, da, wo der Sohn meines Freundes vor mir steht, ich in
die Luft feuere. Ihrem Herrn Sohn bleibt dann berlassen zu zielen, wohin er
will.
    Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrckt: Wir verstehen uns ja.
Excentrisch ist er, aber Louis ist kein schlechter Mensch.
    Wenn ich die Freude erlebte, da mein Freund Bovillard in seinem Sohne
einen ntzlichen Staatsbrger gewnne! - Er schwrmte auch einmal fr die
gloire Napoleons. Wer wei, ob diese Phantasien nicht rediviv werden. - Er
soll jetzt fr einen anderen Gegenstand schwrmen. Die Frstin Gargazin
behauptete neulich confidentiell, die eigentliche Krankheit der schnen Mamsell
Alltag sei nichts anderes als cachirte Liebe. Die Geheimrthin Lupinus ist in
ihren Mittheilungen sehr diskret. Wenn ich inde aus einigen hingefallenen
Aeuerungen schlieen darf - Sind Sie neidisch, da mein Junge Glck hat bei
den Frauen? - Nur ein vterliches Erbtheil. Wie ich hre, frequentirt er auch
die Cirkel der russischen Frstin. Er ist gern aufgenommen. Sollte dies mit den
Wnschen und Absichten seines Vaters konveniren? Was geht es mich an! - Aber
was geht es Sie denn an? - Nicht das Geringste, wenn Ihr Sohn nicht den Namen
seines Vaters trge. Die Frstin ist eine liebenswrdige, feine, geistreiche
Dame, aber sie gilt, mit Recht oder Unrecht, als die geheime Agentin Rulands,
man behauptet, da sie mit Alexander in intimeren Verhltnissen gestanden. Ich
gebe nichts auf diese Insinuationen, aber wer ihren Umgang sucht, wer viel in
ihrem Hause erscheint, entgeht dem Verdacht nicht. Das kann in diesem Augenblick
bedenklich werden, da Napoleon -. Genug, ich wei, die Besucher des Hotels
werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphirt.
    Bovillard lachte auf, indem er jetzt erst die Serviette fortwarf: Wissen
Sie, wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird? - Laforest! Konspirirt er
vielleicht gegen Napoleon? Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell
Alltag willen, oder um Comtesse Laura. Die ist jetzt auch ein Schookind der
Frstin. Duroc war auch bei ihr. Wissen Sie, was ich rausgebracht habe? Sie will
die Alltag zu etwas machen, entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen.
Sie erwartet nur Ordre deshalb aus Petersburg. Werther Freund, unter Freunden
reinen Wein, was kmmert Sie mein Sohn bei der Gargazin? - Nicht der Sohn, nur
die Auslegung, welche man seinen Schritten geben knnte. - Sind Sie so sehr um
die Auslegung besorgt, welche die Leute den Schritten distinguirter Personen
geben? sprach Bovillard, ihn scharf fixirend. Wissen Sie, wie man Ihre
Schritte hier auslegt? - Ein unbedeutender Privatmann, der neben seinen
wissenschaftlichen Studien nur als Dilettant in die politischen Kreise dringt,
entgeht wohl der Ehre dieses Skrutiniums. - Haugwitz schreibt mir
konfidentiell aus Paris. Fr schweres Geld hat er eine Kopie der
Personalbemerkungen ber Berlin erwischt. Hren Sie, da sind doch Dinge drunter!
- Haugwitz wird sich hten und es drucken lassen. Laforest selbst wei das nicht
alles; es stecken Andere dahinter. Liaisons decouvrirt, die wir nicht ahnen
konnten. Sie standen doch mit Eisenhauch in keiner Verbindung? - Es bedurfte
keines Seherblicks, um die feuerfangende Nhe zu erkennen. - Man wei in
Paris, was er vorm Zubettgehen mit seinem Bedienten sprach, seine Lektre vorm
Zubettgehen, seine Briefe, die er schrieb und wieder zerri. Ein wahres Glck,
da wir ihn los sind, aber - wissen Sie, was von Ihnen da steht? fragte
Bovillard mit einem schlauen, scharfen Blick.
    Wandels blagelbes Gesicht verfrbte sich nicht, nur ein flchtiger Glanz
belebte das dunkle, kleine Auge, um sofort in ein moquantes Lcheln berzugehen:
Vielleicht ist es entdeckt, da auch ich die Zirkel der Gargazin besuche? -
Pah! Drei Reihen Chiffren, die Haugwitz's Sekretr nicht dechiffriren konnte,
und dann mit anderer Hand imperatorisch flchtig daneben geschrieben: Wie viel
wrde er kosten? - Sie wollen mich doch nicht stolz machen, Bovillard! Um die
nackte Klippe des Ehrgeizes ist mein Lebensschiff gesegelt. - So lange sie
nackt aussieht. Wenn man aber im Vorbeisegeln zwischen den Riffen eine fette
Trift entdeckt, legte Mancher wieder bei. - Es ist fr mich eine durchaus
sterile Insel. - Wohin denn? Das ist die Frage. - Ich verstehe die
Legitimation derselben nicht. - Ich frage als Freund. Wo hinaus. Man mu doch
endlich mit Ihnen ins Reine kommen. - Ich wiederhole Ihnen: mich tuschen Sie
nicht. Sie sind kein Saint Germain etcaetera. Sie sind von unserm Fleisch und
Blut. Halb nur wie ein Lebemann, halb wie ein Karthuser in einem Schneckenhaus.
Das Leben in Berlin ist theuer, auf Gold sitzen Sie nicht und Gold machen Sie
nicht. Sie mgen ein vortrefflicher Oekonom sein, aber Ihre Thringischen Gter
verbessern Sie nicht in der Apotheke des Herrn Flittner. Die Delicen der
Wissenschaft gnne ich Ihnen; wer aber den Champagner wie Sie ber die Zunge
schlrft, will sie nicht wie die Pedanten um ihrer selbst, er will etwas daraus
fr sich prpariren. Sie greifen nicht nach dem Monde, aber Sie erscheinen wie
er aus der Wolke, um wieder dahinter zu verschwinden. Das ist hbsch um Kinder
zu erschrecken und zu amsiren, ein Mann will etwas anderes, als
Laterna-Magica-Bilder auf die Wand werfen. - Meine Vermgensumstnde, die
Niemand kennt, erlauben mir - Sie schweifen ab. Auch ein Krsus will noch
mehr. Was wollen Sie? - Da man das nicht wei, wirft ienen Schatten auf Sie.
Wie lange sind Sie schon in Berlin? Ihr parait et disparait verstrkt den
Verdacht; glauben Sie mir, alle Ihre Geflligkeiten werden um deshalb falsch
ausgelegt, und das ist es, was Haugwitz, ich will nicht sagen zu Ihrem Feinde
macht, aber er hat eine Scheu vor Ihnen, er frchtet Sie. Mein Gott, wir sind ja
unter uns. Wollen Sie sich Napoleon verkaufen, haben Sie sich schon verkauft?
Tant mieux, er bezahlt gut. Auf meine Diskretion knnen Sie hoffen. Es sind
viele erkauft und doch gute Patrioten. Sie haben nicht einmal eine Pflicht zu
brechen, und - wie gesagt, mich geht's nichts an. L'amiti surpasse la trahison.
Enfin, wir sind ja auch Napoleons Freunde.
    Der Legationsrath hatte die Stirn in Runzeln gelegt. Er stand wie in sich
versunken, mit verschrnkten Armen, den Blick, der in weite Fernen zu streifen
schien, von dem Manne abgewandt, welcher eben so eindringlich zu ihm gesprochen.
Es schien ein Selbstgesprch: Wer dieses Meteor ergrndete! Ob er wirklich der
Wandelstern, der im Kreislauf der Aeonen wiederkehrt, wenn seine Zeit kam, die
unsere Schwche nur nicht ermisst, oder - nur die blitzende Nachterscheinung,
der Komet, der seinen Schweif betubend ber unsere Hupter rasselt. Wir stehen
gebeugt unter dem Hagel seiner Meteorsteine und - Er hielt inne und athmete
tief. Und wer sich selbst getreu blieb, wird auch hier sich nicht betuben
lassen. - Nein - nein - auch diese Sonne von Austerlitz hat trbe Flecke. Gro
und strahlend, aber je mehr sie der Mittagshhe sich nhert, um so mehr sehe ich
sie schwanken, zittern vor sich selbst. Auch er wird untergehen, indem er sich
selbst berhebt. Nur wer fest und bewusst -. Ach, mein Gott, fuhr er fort, wie
aus seiner Trumerei erwachend. Ich verga mich da in Gedanken, die nicht
hierher gehren. Gro ist er, aber - sicherer Der, der sich an keine Gre
lehnt, nur auf sich selbst.
    Der Legationsrath hatte sich verrechnet, wenn er gemeint, auf den Geheimrath
damit einen Eindruck zu machen. Dieser hatte sich ruhig ein neues Glas
eingeschenkt, und mit derselben Behaglichkeit lie er es ber die Zunge gleiten,
die er vorhin an Wandel gergt oder gerhmt.
    Sie wollen also mit Napoleon nichts zu thun haben? Votre plaisir! Aber,
merken Sie sich, Haugwitz ist ngstlich inquietirt. Er giebt Winke, wie man Sie
beobachten soll. Wenn Sie also keinen Passe par-tout von Napoleon in der Tasche
haben, - Die Aufmerksamkeit, welche Herr von Haugwitz meiner unbedeutenden
Persnlichkeit schenkt, mchte mir schmeicheln, wenn - Sie keine andere
Absichten htten. Gehen Sie mit sich zu Rathe, entscheiden Sie sich, aber bald.
Wir sind nun ganz wieder in unserer Aisance, wenn er zurck ist. - Haugwitz
bleibt. - Der Knig ist seelenfroh, wenn er nichts zu ndern braucht. Es
stiefelt sich fort, sagen die witzigen Berliner, und eines Morgens knnte
Haugwitz etwas einfallen, - das passirt auch manchmal an einem Feiertage - der
Polizeikommissarius klopft an Ihre Thr mit der Bitte, sich schnell anzuziehen,
und Sie werden eingepackt. - Da haben Sie die Bescherung. Man titulirt's hhere
Staatsrcksichten, im Grunde genommen ist's nur eine Indigestionslaune. Sie sind
ein Mann von groer Klugheit - Der inde bei Verbindlichkeiten, die er
eingeht, den Charakter und sein Gewissen immer bercksichtigt - Etcaetera,
bravo! sagte der Geheimrath und klopfte ihm auf seine Schultern. Wozu noch
Flausen. Das Uebrige wird sich finden. Es msste doch mit dem Teufel zugehen -
Excs! - wenn er uns nicht hlfe, die Antipathie zu beschwren. Haben Sie nicht
sympathetische Tropfen? A propos! da fllt mir unser Mirakel ein, unser
Liebespaar. Haben wir's da nicht durchgesetzt? Das verloren wir ganz aus den
Augen. Wie steht es? - Das ist der Fluch eines Staatsmannes, sein Liebstes mu
er opfern dem Dinge, was das dumme Volk - wie steht's, Legationsrath?
    Der Dpit amoureux ist eine passagere Erscheinung. Die Gargazin, die uns
aus Geflligkeit beistand, ist der Sache berdrssig. - Die gute Frstin
mchte alle Welt glcklich sehn. Aber Haugwitz - das ist's, was ich sagen
wollte. Der arme Haugwitz mu jetzt eine Recreation haben, nach so viel Verdru!
Ein, zwei Fliegen stren uns nicht, aber das Fliegengebrumm, wenn wir schlafen
wollen, ist fatal. Recht was Exquisites! Strengen Sie Ihren Scharfsinn an, etwas
zum Todtlachen, bedenken Sie, es gilt frs Vaterland. Also, theuerster Mann,
Ihren ganzen Scharfsinn darauf, fdeln Sie was Neues ein. Man sagt, sie htte
Scheidungsgedanken. - Pfui! das ist unmoralisch. Ich meine, man knnte ihr das
Unsittliche einer solchen Handlung vorstellen lassen. - Wenn nur ein Duell
zwischen dem Rittmeister und dem Baron zu ermglichen wre!
    Der Legationsrath schttelte den Kopf. Wer dem Baron eine Kugel vor den
Kopf schsse, was ich natrlich nur im Scherz sage, thte brigens dem Staate
einen rechten Dienst. - Im Ernst? - Sein Tuch, 'sist ein Skandal. Wenn man
solche Montur gegen die Sonne ausbreitet, knnen die Wespen durchfliegen. Ich
sagte es ihm neulich. Was antwortete er? Er htte's so eingerichtet, da die
Kugeln der Staatskasse keinen Schaden thten. Ich liebe nicht solchen frivolen
Witz in ernsten Dingen. - Sie sind nachdenklich, Wandel? Sie sehn nach der Uhr.
- Einige nennen ihn einen schlechten Menschen. - Pah! Seine Maitressen
bezahlt er gut, unser Tuch macht er schlecht. Aber im Grunde genommen, was
geht's uns an; wir haben Friede. Noch keinen Einfall? - Doch - vielleicht. Bei
ihm ist Hopfen und Malz verloren. Wie aber, wenn man sie eiferschtig machte! -
Auf ihres Mannes kleine Liaisons? Was hlfe uns das? - Nein, auf den
Rittmeister. Er sah neulich die neue Choristin mit dem Operngucker sehr eifrig
an. Wenn es gelnge, sie aus ihrer Seelenruhe aufzustacheln! Wenn sie auer sich
geriethe, sich fortreien liee- Nun, was besinnen Sie sich? - Es ist nur
ein flchtiger Einfall - schwierig, aber mglich ist Alles - wenn sie in ihrer
Verzweiflung ihren Mann zu Hlfe zge. - a serait le comble du ridicule. -
Aber nichts Neues. Wie gesagt, Alles noch embryonisch dunkel, aber sie mu
jetzt mit dem Rittmeister aneinander. Das ist mir klar; es giebt kein ander
Mittel. - Wenn es nur zum Rechten fhrt. - Dafr lassen Sie mich sorgen. -
Wohin so eilig? - Zur armen Geheimrthin! Ach, eine Unglckliche! Die bedarf
des Trostes.
    Bleiben Sie mir mit der vom Leibe. Ich kriege Bauchgrimmen, wenn sie mich
lange ansieht. - Das ist eine unglckliche Frau! Nun auch das zweite Kind! -
Es waren doch rebutante Geschpfe. Sie kann es unmglich lieb gehabt haben. -
Der Idealismus wei von einer Liebe, die gerade das ihm Unangenehme mit
zrtlichen Armen umfasst, einer Liebe, die ihre ganze Innigkeit und Wrme
ausstrmt auf die Subjekte, welche es am wenigsten empfinden und, statt es zu
erwidern, mit Undank belohnen, eine Liebe, die sich gefllt, immer zu geben und
zu opfern, ohne wieder zu nehmen, ja, die ihre hchste Befriedigung in der
Empfindung sucht, von Verkennung und Undank heimgesucht zu sein.
    Das ist nicht unsere Sorte von Liebe; nicht wahr, Wandel?
    Die Welt ist mannigfalt. Bewundern darf man doch die Mrtyrer, auch wenn
man sich nicht berufen fhlt, ihnen nachzufolgen. - Par distance! - Warum nahm
sie aber die Kinder zu sich!
    Warum! - Warum nahm sie ihren Mann? Sie hat den Geheimrath nie geliebt. Um
ihn zu pflegen. Warum nahm sie die Alltag zu sich? Aus Liebe doch nicht zu dem
eigensinnigen Geschpfe? Mein Herr Geheimrath, Mnner wie wir sind ber die
Ungerechtigkeit der Welt hinaus, wir warten nicht auf Dank, aber erlauben Sie
mir, wenn ich die Frau unglcklich nenne, die fr die Anstrengungen ihres warmen
Herzens, Andere glcklich zu machen, nichts erntete, als Verkennung.
    Liebster Legationsrath, entgegnete Bovillard, erlauben Sie mir, nichts
drauf zu sagen, als: les gots sont diffrents! - Ich wnschte, Sie htten sie
am Schmerzenslager der kleinen Malwine gesehen. Weil sie nicht weinen konnte,
das hat man auch getadelt. - Die Kinder sollten ihre Erben sein; wer kriegt's
denn nun? In ihrer Familie ist Alles ausgestorben. Mit der einen Seitenbranche
ist sie spinnefeind. - Unnatrliche Feindschaft in Familien! Vielleicht kann
man da freundlich zu einer Verstndigung einwirken. - Lieber vermacht sie's
den Kapuzinern. Und fnfundneunzigtausend Thaler unter Brdern. - Ich glaubte
nur achtzigtausend! - Vor dem letzten Heimfall. Aber - fnfzehntausend in
Obligationen - Sie knnen sich drauf verlassen, - fielen auf ihr Theil aus der
Konkursmasse ihres Onkels. Und man mu doch auch rechnen, was vom Geheimrath
dazu kommt, wenn er frher stirbt -
    Wenn er frher stirbt. Wandel hatte es so gedankenlos, oder in Gedanken
versunken, gesagt, als er gedankenlos mit seinen Handschuhen gespielt. Er
reichte zum Abschied dem Geheimrath die Hand: Wenn nicht mehr - ich wollte
sagen, wenn Sie der verlassenen Isolirten nur ein stilles Pltzchen der
Theilnahme in Ihrem Herzen schenken wollten!
    Bleibt ein ehrenwerther Mann, sprach Bovillard, als er fort war, nur zu
viel Sentiment.

                         Siebenundfnfzigstes Kapitel.



                Wandel mu Politik treiben und sentimental sein.

Das Haus der Frstin schien ein offenes. Man kam und ging, zu jeder Tageszeit;
man war willkommen und empfangen, ohne angemeldet zu sein, und konnte
verschwinden, ohne da es bemerkt ward. Englischer Komfort schien mit
franzsischer Anmuth und Leichtigkeit gepaart. Aehnliches hatte man in Berlin
noch nicht gesehen; man beredete es, aber gefiel sich darin. Keine Thr war
verschlossen, die Wnde schienen von Krystall; es ist aber damit nicht gesagt,
da nicht doch manche Thr unter der Tapete versteckt, und der Krystallspiegel
eine Wand verdeckte, hinter die zu blicken nicht erlaubt war. Die Frstin hatte
sich neuerdings zu einem lngeren Aufenthalt eingerichtet. Alle Welttheile
hatten ihre Produkte, Kunstfertigkeit und Erinnerungen beigesteuert, um die
Zimmer auszuschmcken. Das Hetrurische und Pompejanische, vor Kurzem die
Modepuppe, ward hier paralysirt durch das Chinesische und Hindostanische.
Porzellanfigrchen, Pagoden und Pfauenwedel; dazwischen die rein geschnittenen
Schnheitslinien eines griechischen Basreliefs, rmische Kaiser und Mohrenkpfe
auf echten Konsolen, neben Federkronen von den Sandwichsinseln und urweltlichen
Gerippen, Schamanenmntel und Bogen und Kcher der naturwchsigen Vlkerschaften
Sibiriens.
    Die Ostentation alles dieses Apparates war wenigstens nicht auffllig, ein
gewisser Geschmack hatte in der Vertheilung obgewaltet, Licht und Schatten waren
gehrig vertheilt, oder vielmehr der Schatten waltete ob, indem das Fensterlicht
in den meisten Zimmern durch schwere Vorhnge und Vorsatzstcke gedmpft war. In
schwarzen Rahmen hingen zwischen den andern Raritten Landschaften in
Wasserfarben, rmische Ruinen, zerstrte Kirchhfe, Hnengrber, bemooste
Krucifixe darstellend, ber dem Meer hing der Mond in Nebelwolken, oder die
Sonne ging auf, und beleuchtete trauernde Gestalten oder Knieende um ein
bekreuztes Grab. Auch sah man nher den Thren bereits einige der schmal
geschnittenen Holzbilder, auf deren Goldgrund jene hagern, kindlichen Figuren
mit den Unschuldskpfen sich prsentirten, die erst spter in Berlin zur
sthetischen Anbetung kommen sollten. Die modernen Besucher gingen noch ziemlich
theilnahmlos an diesen florentinischen Stcken vorber, whrend die
Mondscheinskreuze, die verdorrten Krnze an den eingefallenen Grbern manchen
Seufzer oder aus schnen Augen eine Thrne lockten. Der Stufen zur Erkenntni
sind viele, pflegte die Frstin zu sagen, und deren nur wenige, die, vom
Strahl erleuchtet, sogleich die hchste besteigen.
    In den tiefern Kabinetten verbargen sich oder lockten grere
Heiligenbilder, betende oder angebetete Madonnen, Mrtyrer, in ihren
Verzckungen lchelnd, der Heiland am Kreuz. Da in der verschwiegenen Nische auf
einem schwarz mit Silber berhangenen Altar ein Krucifix von Ebenholz, der
Heiland daran feinste lucchesiner Elfenbeinarbeit. Als Piedestal zum Krucifix
diente ein knstlicher drrer Fels aus Achat, zu Fen desselben eine kleine
Oeffnung, aus der, gespeist von einem verborgenen Wasserreservoir, eine Quelle
sprudelte. Das Wasser flo in einen antiken Sarkophag. Antik wenigstens die
Vorderseite, deren heidnische Basreliefs freilich wenig mit dem Quell und seiner
Bedeutung korrespondirten, aber es war eine Antike, ausgegraben auf einem der
Gter der Frstin in der Krim, und das Heidnische an den Bacchantinnen sollte
vielleicht durch den frisch hinein gemeielten russischen Doppeladler purificirt
werden. Neben der sinnigen Deutung hatte der sprudelnde Quell auch eine ganz
praktische Bedeutung; das khle mit Epheu umrankte Kabinet ward durch das
springende Wasser zur angenehmen Retirade in heien Sommertagen.
    In einem der helleren Zimmer, mit Magdalenenbildern an der Wand, der Boden
ausgelegt mit reichen orientalischen Teppichen, und schwellende Divans an den
Wnden, sa die Frstin mit der Baronin Eitelbach. Die Mrtyrer und andere
Heiligenbilder in den dunklern Gemchern mochten schlechtere Kopien oder
Trdelwaare sein, die Magdalenen waren vortreffliche Kopien nach Correggio,
Battoni, Murillo und Anderen, in der Gre der Originale und in dem blendenden
Farbenglanz, der keine Nachdunkelung sehen lie. Kostbare Goldrahmen umschlossen
diese Stcke, und ihre Gruppirung war so geschickt, da berall das richtige
Licht darauf fiel. Es war das sorgfltigst und elegantest ausgeschmckte Zimmer
der frstlichen Wohnung.
    Das Frulein wollten eben ausfahren, um, wie sie sagten, Luft zu schpfen,
berichtete der Diener. Wenn aber Durchlauch befehlen, wird sie sich sogleich
zurecht machen und hier erscheinen.
    Was das Frulein will, mu geschehen, erwiderte die Frstin rasch. Man
sollte doch jetzt meinen Willen kennen, da sie nur ihren Wunsch zu uern
braucht, und meine Domestiken haben zu gehorchen. Ist schon angespannt? - Zu
Befehl, Erlaucht. - Da mu ich einen Augenblick zu dem lieben Kinde.
Verzeihung, theuerste Baronin, sie erholt sich so schwer. Ich bin sogleich -
meine Gedanken bleiben bei Ihnen.
    Im andern Zimmer begegnete ihr der Legationsrath; Schnell einen
Liebesdienst. Die Eitelbach drinnen qult mich mit ihrem Liebesleid. Das ist
Ihre Sache. Machen Sie ihr bald ein Ende, sonst - ich wei nicht, was ich thte,
wenn Sie nicht im Spiele wren. - Empfinden Erlaucht denn gar keinen Beruf,
sich der gequlten Schnen anzunehmen? - An langweiligen Menschen hatte ich
heute schon genug. Vater und Mutter waren hier, denken Sie, eine Stunde lang!
Diese Dankadressen im Kanzleistil, diese brgerlichen Rhrungsgefhle in der
Sonntagshaube, der ganze Iffland, Kotzebue und Krhwinkel in meinem Hause. Ich
mchte doch um solcher Leute willen keine Migrne bekommen; aber jetzt erbarmen
sie sich meiner. - Tu l'as voulu, George Dandin! sagt Molire, sprach der
Legationsrath, sich verneigend. - Et je le veux, Monsieur le conseiller! -
Was denkt Prinz Louis, Erlaucht? - Ob der Champagner oder der Rheinstrom eher
in die Lethe fliet. - Leider flstern seine Freunde, da er schon den
nchsten Weg auf dem Jamaikanischen Feuerstrom Rum dahin sucht. - Der
Unglckliche!
    Sie schien die eben gegebene Anweisung an den Legationsrath auf die
Eitelbach eben so vergessen zu haben, als sie an der Ecke eines Divans Platz
nahm. Ein ernster Zug flog ber die Seidenwimpern, die sich geschlossen hatten,
wie erschreckt vor einem Bilde. - Vielleicht der letzte Held unter Diesen! -
Warum fand er nicht den rechten Weg! - Das ist es nicht. Aber, Wandel, erklren
Sie mir's, es ist etwas Niederdrckendes, Entmuthigendes, da gerade dieser
Einzige in der groen Misere, diese Feuerseele unter den Nachtvgeln, wie ein
losgerissener Stern aus dem Firmament in einen Sumpf strzen mu! - Sie
sprachen es aus, Gndigste, weil Alles versumpft ist! - Und Sie sprachen etwas
aus, was Sie nicht verstehen, nicht verstehen wollten. - Ich fhlte mich so
andchtig gestimmt. Der arme Prinz! Seit die Abberufung des englischen Gesandten
bekannt ist, soll er sich in einen erschtternden Zustand befinden. - Es
befinden sich auch andere, die nicht Prinzen sind, in unangenehmer Lage. Mehr
als hundert preuische Schiffe sind bereits von den Englndern gekapert. Dem
Handel wird dieser theure Frieden theuer zu stehen kommen. - Diese
Krmerseelen verdienen es, rief die Frstin. Es war ja ihr stiller Wunsch.
Wenn Krmer, Kinder und Narren ber ein Land regieren, wehe ihm!
    Es war ein neues Changement in der Frstin eingetreten; sie fhlte sich zum
politischen Disput gestimmt. Wandel kannte die Lineamente in ihrem Gesicht,
welche den Wechsel und welche Stimmung sie ausdrckten. Er lehnte sich ber
einen Stuhl, um ihr zu korrespondiren. Vielleicht fand er auch mehr Neigung zu
einer politischen Disputation als zu einer sentimentalen mit der Baronin,
vielleicht wollte er sich auf diese prpariren.
    Es giebt auch groartige Krmer. Die Englnder werden bei diesem Weltdisput
nicht zu kurz kommen. - Ich begreife nicht, wie diese hier ohne Schamrthe
lesen knnen, was sie ber ihre Politik urtheilen! rief die Frstin, in
wirklichen Affekt gerathend. Diese Noten, die Herr von Reden fr Hannover in
Regensburg, Ompteda eben in Berlin bergab! Herr Fox hat im Parlamente
gedonnert. Ich habe eine solche Sprache nie gehrt. - Noten sind Worte auf
Papier geschrieben, Erlaucht. Sie lesen sie, antworten, und das Resultat ist
Papier auf Papier! Gekaperte Schiffe, das ist etwas Anderes.
    Die Frstin hatte vom Tische eine englische Zeitung genommen. Durchfliegen
Sie diesen Artikel. Mich dnkt, die Worte schneiden schrfer wie Thaten. Der
Prinz soll grade darber auer sich gerathen sein. Die Lippen schumend, drckte
er die Stirn an die Scheibe, da sie zerbrach. - Er wird auch wieder ruhig
werden, sagte Wandel und las: Nie hat eine Macht heuchlerischer gehandelt und
die Gesetze der Treue und des guten Glaubens frevelnder gebrochen als Preuen.
Von ihm kann man lernen, wie man mit Worten schmeichelt und durch Thaten
verwundet. - Ist's nicht so?
    Der Legationsrath zuckte die Achseln: Was aus Unentschlossenheit gefehlt
und in Thorheit gesndigt ward, heit nun strfliche Hinterlist. - Warum war man
unentschlossen und warum handelte man thricht? - Lesen Sie weiter. - Der
aufgegebene Krieg gegen Frankreich war ein unwrdiges Gestndni von Schwche,
die sogenannte Verwaltung Hannovers bis zum Abschlu des allgemeinen Friedens
berdachter Verrath. Errthet Preuen nicht vor der Entschuldigung, da die Wahl
der Mittel zur Sicherung seiner Ruhe nach der Schlacht von Austerlitz nicht mehr
von ihm abhngig gewesen sei? Ziemt eine solche Sprache einem schlagfertigen
Staate, wenn es Ruhm und Vaterland gilt? Ziemt sie vor Allem dem Preuischen,
der Friedrichs Siege hinter sich hat, Friedrichs Heer vor sich und zur Seite
Rulands Beistand? Preuen prahlt mit gebrachten Aufopferungen. Ja, es hat
geopfert seine Unabhngigkeit, seine alten Besitzungen, seine treuesten
Unterthanen und seine zuverlssigsten Bundesgenossen. Preuen hat durch den
Schnbrunner Vertrag aufgehrt als selbststndige Macht, es kann nur noch
existiren unter den Flgelschlgen des franzsischen oder russischen Adlers.
    Was sagen Sie dazu? - Warum fordert man von den Epigonen den Muth der
Titanen! - Der kleine Knig von Schweden sperrt ihnen auch die Ostseehfen, er
kapert auch, wie die Englnder, ihre Schiffe. Man htte doch nun erwartet, sie
wrden Schwedisch-Pommern nehmen. - Man ist befangen im Bewusstsein seines
Unrechts; und statt es gut zu machen, indem man es vollendet, verdoppelt man den
Fehltritt, indem man es halb thut. - Das ist Ihre Moral, Wandel. Ich im
Gegentheil bewundere den Muth dieser Staatsmnner. Mit welchem Gesichte kann der
Mann von Schnbrunn vor die Prinzen, vor die Bilder seiner alten Knige treten,
vor das Land, vor das Preuische Heer, vor Friedrichs Armee? Erklren Sie mir
den Muth, Wandel, wie er vor diesem stolzen, hochmthigen Offizierskorps es
aussprechen darf! Preuen fhlt sich zu schwach, mit dem strksten
Bundesgenossen an der Seite, einen gerechten Krieg zu fhren. Knnen Sie's?
    Gndigste Frau, vor wem errthen, wem Rechenschaft geben? - Wer fordert sie
von dem Manne? - Und sei es nur vor seinem eigenen Spiegel.
    Der Spiegel, Gndigste, ist unser Machwerk; man schleift, frbt ihn, wie
man will, man stellt sich vor ihn, wie man Lust hat. Die Hand in der Brust, das
Kinn aufrecht, die Blicke funkelnd. Oder die Arme gekreuzt auf der Brust, die
Augen niedergeschlagen; der Spiegel ist gehorsam, er giebt Alles wieder. Denken
Sie ihn sich so, mit verkniffenen Lippen davor, und er lispelt: er war stark und
wir schwach, er entschlossen und wir wissen nie heut, was wir morgen thun
sollen, er hat ein kriegsgewhntes, siegreiches Heer und wir eins, was den Krieg
verlernt hat. Ein Krieg kostet Blut, viele Menschen, er ruinirt noch mehr
Brger, seine Nachwehen sind furchtbarer als seine Verwstungen. Alles das sind
Realitten, die Ehre aber ist ein Wahn. Mein Knig hat einen Abscheu vor
Blutvergieen und ich liebe es nicht. Alle guten Menschen lieben es nicht. Gott
auch nicht, er hat den Frieden geboten und Napoleon bietet ihn auch. Sind das
nicht eben so viele Winke des Himmels? Wofr sollen wir uns schlagen? Fr uns
doch nicht. Er will uns ja mehr geben, als wir hatten. Fr Oesterreich etwa, das
verloren hat? Wir sind doch nicht Don Quixoten, um fr einen Rivalen uns zu
opfern? Oder fr das thrige Gebrause, was man jetzt ffentliche Meinung nennt?
Wiegt meines Knigs unausgesprochener Wunsch nicht schwerer? Die ffentliche
Meinung macht mich nicht zum Minister, sie mchte mich strzen. Aber sie kann's
nicht. Mein Knig kann mich halten, und er wird es.
    Von Advokaten des Teufels hab' ich wohl gehrt, sagte die Frstin, ihn
fixirend, nur wei ich nicht, wer sie bezahlt.
    Ich halte Excellenz fr einen sehr honetten und zuweilen sehr heiligen
Mann, der, wenn er den Feind citirt, es gewi nur thut, um ihn zu beschwren.
Vielleicht - ich sage, es ist mglich, da er jetzt in der Stille die Hnde vor
seinem Bilde, nmlich im Spiegel, faltet, auch vielleicht ein Kreuz schlgt, und
aus tiefer Brust seufzt: Ich bin ja nur sein unwrdiges Werkzeug! Gegen
letzteres wird denn wohl Niemand etwas einzuwenden haben.
    Incorrigibler! sagte die Frstin und gab ihm einen leichten Schlag mit dem
ausgezogenen Handschuh, um doch sinnend wieder vor sich niederzublicken: Und
doch, wre es ein Wesen von Fleisch und Blut, dieses Preuen, ich knnte es
beneiden um die Empfindung. So zerknirscht in Demuth niederzufallen in den
Staub, an die Brust zu schlagen und zum Herrn zu rufen: Strafe mich um meinen
Dnkel und meine Ueberhebung. Das sind die Frchte meiner Saaten, da ich mich
auflehnte gegen Deine Satzung! - Ach nein, sie kennen nicht die Wollust der
Demuth und Zerknirschung, sie sind alle noch aus Friedrichs Schule, schlechte
Schulknaben, sie beten nicht den Herrn, nur ihren Witz an, und sein Gespenst seh
ich umherschleichen - das mu eine furchtbare - die frchterlichste Strafe des
Himmels sein: so sein Werk zertrmmert, seine Schpfung verhhnt, sein Geist zum
Pasquill - und Keiner den Muth, in ihrer Erniedrigung die Arme zu erheben: Herr,
erbarme Dich unser!
    Herr von Wandel kannte die Frstin - auch ihre temporellen Visionen. Sie
genirten ihn nicht. Die liebenswrdige Frau liebte nicht die Gne. Er wartete in
Geduld, bis der Paroxysmus vorber war; er brauchte nicht lange zu warten.
    Nun an Ihr Geschft, sprach sie. Wie lange lassen Sie die arme Eitelbach
warten! - O, dies hat Zeit! - Sie wrden einen guten Marterknecht abgeben.
- Ich wei in der That noch nicht, was ich mit ihr reden soll. - Wenn Sie nur
Die persifliren knnen, die Sie vorgeben zu lieben, so versuchen Sie es einmal,
sich in die Baronin zu verlieben. Ich erlaube es Ihnen. - Der Rath ist nicht
so bel! sagte der Legationsrath und verneigte sich tief. Mit meiner gndigen
Freundin Erlaubni will ich wenigstens den Versuch machen.
    Die Frstin hrte es nicht mehr, sie warf am Fenster der abfahrenden
Adelheid Abschiedsgre zu.
    Unter Heiligenbildern eine Heilige! rief der Legationsrath der Baronin
entgegen.
    Wissen Sie, was mein Mann von Ihnen sagt? replicirte die Baronin. Wie
heilig Sie auch ausshen, Sie wren ein Pfiffikus, und er mchte mit Ihnen keine
Geschfte machen. - Warum sollte er theilen! Er macht fr sich allein die
besten. - Ihnen traute er nicht ber den Weg, meinte er neulich.
    Der Legationsrath zuckte lchelnd die Achseln: Was konnte ich dafr, da
aus der Mntelgeschichte nichts ward. Meine Absichten waren die besten, meine
Demarchen gut, es stie sich an andern Dingen. - Ja, theuerste Freundin, wie
viel ist damit ausgesprochen! Unser Wille mag noch so rein sein, wir thun alles,
was wir knnen, der Himmel selbst scheint uns zu winken, und es wird doch nichts
draus. Das ist der unerforschliche Organismus jener hheren Sphrenkreise, in
die unser Auge vergebens zu dringen sucht. Darin finde ich aber eben den
merkwrdigen Unterschied zwischen Ihrem und unserm Geschlecht, ich meine
zwischen den Erwhlten. Whrend wir noch immer titanisch nach dem Unmglichen
ringen, findet das edle Weib schon in der Entsagung den hhern Trost. Da erst
verklrt sich ihre Liebe zu derjenigen, welche nicht besitzen, nur beglcken
will; selbst beglckt, wenn sie den geliebten Gegenstand glcklich sieht in der
Liebe zu einer Andern.
    Der Legationsrath schien unwillkrlich mit dem Taschentuch ber seine Augen
zu fahren. Die Baronin sah ihn aber sehr scharf an: Was meinen Sie denn damit?
Denn das habe ich Ihnen auch abgemerkt, Sie sagen nichts ohne Absicht. - Meine
Freundin wird aber darin mit mir einig sein, da es unter zartfhlenden Seelen
besser ist, ber gewisse Interessen nur andeutend wegzugehen, als sie
auszusprechen. Wer heilende Wunden muthwillig aufreit, wird zum Selbstmrder.
    Die Baronin sah ihn so klar an, da Wandel seine Augen einen Moment
niederschlug: Manche Wunde thut auch wohl, wenn man wei, da, der sie schlug,
es in guter Absicht that. Sie sind nicht Dohlenecks Freund, leugnen Sie's nur
nicht; ich wei es - Mir ist er eigentlich ganz indifferent, meine Freundin.
Wenn er feindliche Gefhle gegen mich hegt, so sind sie ihm wahrscheinlich vom
jungen Bovillard beigebracht. - Sie meinen auch, wie die Andern, da es nur
Miverstndnisse sind? - Von dem, was die Leute sprechen, lass' ich mich nie
bestimmen. - Ja, es ist ein Miverstndni, sprach sie mit gen Himmel
erhobenen Blicken. Es war kein Zufall, ich wei, da alle die Krnkungen von
ihm absichtlich ausgingen - Ist es mglich! - Ja, mein Herr Legationsrath,
so gewi, als Sie hier vor mir sitzen. - So abscheulich hatte ich ihn mir doch
nicht gedacht. Und sieht aus, als knnte er keinem Kinde das Wasser trben.
    Und seine Seele ist so rein, wie der Spiegel eines Sees. - Sie sprechen
in Rthseln. - Ich, oder vielmehr ein Freund, glaubten letzthin in Ihren Blicken
ein stummes Spiel gegenseitiger Verstndigung zu entdecken. So kann man sich
tuschen! - Sie haben sich nicht getuscht. - Das Rthsel wird immer
dunkler. - Und immer heller in meiner Seele. Ja, weil der edle Mann sah, wie
mein Gefhl fr ihn heftiger ward, wie ich mich von ihm hinreien lie, und weil
er mich wahrhaft liebt, darum mit eigner Selbstberwindung jene Krnkungen und
Aergernisse, die mich tief betrbten, um dann mich wieder desto hher zu
erheben. Er beleidigte mich, um mich wieder zu mir selbst zu bringen, um mich
von meiner Leidenschaft zu heilen. So lebten wir eine lange schmerzliche Weile
uns zur gegenseitigen Qual, bis - wir uns verstanden haben. Nun aber haben wir
es, und ich bitte es ihm tausendmal im Herzen ab, wie ich ihm Unrecht gethan.
Ich glaubte zu leiden, und wie musste er erst leiden, indem er mir und sich
zugleich so unaussprechlich wehe that.
    Wandel, der etwas unaufmerksam gesessen, warf hier einen forschenden Blick
auf die Rednerin. Er hatte manches, aber dies gerade nicht erwartet. Die
Geschichte interessirte auch ihn nicht mehr besonders, oder er war im
Nachsinnen, wie er ihr eine andere Wendung beibringe, um ihr wieder ein
Interesse abzugewinnen. Es war die Neugier, wie man in einem empfindsamen Roman
pltzlich die Seiten umschlgt, um die Motive eines den Leser berraschenden
Sinnesumschlag zu erfahren, mit der er sie rasch fragte: Und das hat er Ihnen
Alles gesagt? - Kein Wort. - Ah, also die Sympathie der Seelen! - Warum
senken Sie die Augen?
    Er musste sich gestehen, da diese Wendung dem, was die Freunde wollten, am
wenigsten entspreche: Oh, das ist ein Thema, rief er, bodenlos,
unergrndlich. - Sie erschrecken ja beinah. - Ich! - Erschrak ich? - Ich
stellte mir nur vielleicht die Frage, ob es ein Glck ist, in der Seele des
Andern lesen zu knnen? Oder nicht vielmehr ein Unglck? Fragen Sie sich einmal,
ganz aufrichtig, die Hand aufs Herz. Wrden Sie wnschen, da ein Andrer Ihre
Gedanken lse wie ein offenes Blatt?
    Er hatte ihre Hand ergriffen und legte sie sanft an ihr Herz. Sie lie es
geschehen, und sah ihm klar in die Augen. Ohne alle Bewegung sprach sie mit
heller Stimme: Ja, es knnte Jeder lesen. - Auch der Baron, Ihr Gemahl? -
Jetzt erst recht. - Im Anfang scho es mir da ber den Kopf. Nachher ward ich
zuweilen stutzig, ich schmte mich, wenn Der und Jener mir jetzt ins Herz she,
und ich gab mir Mhe, da ich's mir anders zurecht legte und rechtfertigte, aber
nun habe ich's nicht nthig. Da fiel mir wieder ein, was mal der Prediger sagte:
Jedes guten Menschen Herz mu so zugerichtet sein wie ein Glasschrank. Darin
verbirgt man nichts, und wer in die Stube tritt, sieht es. - Der gute Prediger
unterlie nur hinzuzusetzen, meine Freundin, da wir nicht Jeden in unsre Stube
lassen. Die Stube verschlieen wir, und der Glasschrank steht nur offen fr
unsere Freunde, fr die, welche wir geprft, die tglich Zutritt haben. Ja, die
mgen hineinschauen, und sich der Dinge freuen, die uns erfreuen. - Ach, ich
wei Jemand, der wrde sich zuknpfen, wenn man ihm ins Herz sehen wollte! -
Wer ist das? Wandel schien ber diese Wendung des Gesprchs noch weniger
erfreut. - Sie sind ein guter Mensch, Herr von Wandel, aber voller Finten.
Reden Sie sich ja nicht aus, ich wei es.
    Er hatte ihre schne Hand, die ber der Divanlehne lag, erfasst und drckte
sie sanft an die Lippen. Knnten Sie in dies Herz schauen! sprach er seufzend.
Finten nennt es meine Freundin. Immerhin! Finten sind Spitzen, aber es sind
blutende Spitzen, Dolchstiche, Dornen, die Andere hinein gedrckt. Da ist der
einzige, aber ein ser Trost, da um diese Dornen Rosen blhten.
    Sie hatte die Hand ruhig seinen Kssen berlassen, und schien verwundert,
als er pltzlich aufstand und den Stuhl wegsetzte.
    Wohin wollen Sie denn? - Nach dem Lande wo keine Rosen blhen. - Jetzt
doch nicht gleich? - Ich bin keine Stunde sicher, da nicht die Psse und
Anweisungen aus Petersburg eintreffen, und darf meines Verweilens nicht mehr
lange sein. Die Akademie in Petersburg hat zu meiner Beschmung eine so
dringende Vorstellung an Seine Majestt den Kaiser gerichtet, die Untersuchung
der Bergwerke fr so wichtig erklrt, und meine geringen Kenntnisse so hoch
angeschlagen, da ich undankbar wre, wenn ich dem ehrenvollen Rufe zu folgen
nur einen Augenblick zauderte. - Ihre Verdienste in Ehren, aber - die Gargazin
wird sie wohl recht ausgeschrieen haben. - Erlaucht hat allerdings auch Gter
in Asien, und einige Bergstriche versprechen, wenn mein Auge aus der Ferne sich
nicht tuscht, unter geschickter Hand eine ungewhnliche Ausbeute. - Nach
Asien wollen Sie, Herr Gott, das ist weit. - Bis an die chinesische Grenze.
Sie mgen denken, wie schwere - sehr schwere Opfer es mich kostet! Wie so
denn? - Mu ich nicht meine eigenen Gter in Thringen verlassen? - Wissen
Sie, was mein Mann sagt? - Die mchte er nicht geschenkt haben; wenn Sie nicht
die Feldsteine zu Klen kochen lernten, msste 'ne Kirchenmaus drauf
verhungern. - Ei, Ihr Herr Gemahl auch Oekonom? Ich hielt ihn nur fr einen
Spekulanten. Fr den glcklichsten, weil - er das groe Loos gezogen hat.
    Die Baronin lachte ihn recht herzlich an: Damit meinen Sie mich; mir
verbergen Sie nichts. Wenn Sie aber meinen Mann fragen, so sagt er Ihnen, es
wre seine schlechteste Spekulation. - Ich halte viel auf Ihren Herrn Gemahl.
Ueber dem tiefen Schacht von Wissen und Erfahrung spielen wie Schmetterlinge
Humor und Witz. Ich wei seinen kaustischen Witz zu schtzen; weil ich ihn
verstehe, verwundet er mich nicht wie Andere, und es thut mir aufrichtig leid,
da unsere verschiedenen Berufsgeschfte uns so selten zusammenfhrten. -
Glauben Sie mir, auch von ihm wird mir die Trennung schwer. - Von wem denn
sonst noch! Von der Geheimrthin oder der Frstin! oder - oder - oder -
Verdiene ich diese Bitterkeit? Die Baronin Eitelbach sieht mich gern scheiden.
- Nein, wei Gott, nein, ich plaudere gern mit Ihnen. Ich glaube Ihnen nicht
alles, was Sie sagen, aber es hrt sich so hbsch an. Es klingt, als ob man mit
Ihnen in die Wolken fliegen msste. - Seele mit dem Taubenauge und dem Blick
des Adlers, erlauben Sie mir, den Bruderku auf die Stirn der Schwester zu
drcken.
    Sie wehrte ihn, als er im Begriff war es zu thun, sehr entschieden zurck:
Sie sind es noch nicht. Wenn's so weit ist, wollen wir uns besinnen. - Einen
Wunsch erlauben Sie mir wenigstens, mit den Lippen auf Ihre schne Hand zu
hauchen. - Hauchen Sie aber nicht zu lange. - Wie Sie in meine Seele
blicken, mchten Sie eben so klar in die des Rittmeisters blicken! Jetzt noch
nicht, aber spter, wenn ich fort bin. - Warum denn jetzt nicht? - Jetzt hat
er genug Beschftigung mit der kleinen Choristin. - Welche Choristin? - Die
in der Geisterinsel die Herzen entzckt. Sie wissen ja. - Sie sind ein
abscheulicher Mensch. - Vielleicht irre ich mich auch. Sein Neffe, der Kornet,
bezahlt sie, und die bse Welt sagt: fr seinen Onkel. Doch, wie gesagt, das mag
nur Gerede sein. Und wre es, ist's ein Versuch, seinen Schmerz zu betuben. Das
will ich ihm verzeihen. Aber - ich glaube, es ist vielleicht besser, ich
schweige.
    Nein, jetzt ist's besser, Sie reden. Das ist eben so abscheulich von Ihnen,
da Sie einen Stachel Einem ins Herz senken, und dann laufen Sie fort. Man qult
sich, was es ist, und dann ist's am Ende nichts.
    Auch ich hoffe, da es nichts ist. Das ist das Opfer, welches ich Russland
und der Wissenschaft bringe, jetzt von so vielen Freunden mich loszureien, die
vielleicht meiner Hlfe bald bedrfen. Einer Eigenschaft rhme ich mich - ich
ward frei von Affekten, ich blicke in die Zukunft, in die Seelen der Menschen,
die Fltchen und die Schleier derselben tuschen mich nicht. Der Rittmeister
ist, ja ich gebe es zu, was man nennt, ein guter Mensch, aber verschuldet, bis
ber die Ohren verschuldet. Der Krieg konnte ihn retten. Nun bleibt Friede. Er
mu alle Anstrengungen machen, sich ber dem Wasser zu halten. Damals, als es
losgehn sollte, berkam ihn ein nobler Impuls; das ist nun vorber, er ist
Mensch, ein armer Edelmann, ein Offizier, auf seine Gage angewiesen, von
Glubigern gedrngt, gewissermaen von den Umstnden zum Aventurier gestempelt,
gezwungen, sein Alles auf eine Karte zu setzen. Lieber Gott, er ist darum kein
Bsewicht, da er alle Rollen spielt, den brsken, den sentimentalen, sogar den
idealen Liebhaber, um eine reiche Frau zu kapern.
    Sind Sie bei Trost? Ich bin ja verheirathel! - Daran denkt ein solcher
Aventurier nicht. Er hlt Alles fr erlaubt, und in der Noth kein Band zu fest.
Ich kenne solche Menschen. - Jetzt schweigen Sie. Sie mgen viele Menschen
kennen, aber den Rittmeister Stier von Dohleneck kennen Sie nicht. Ich knnte
Ihnen sehr bse werden, spinnefeind, wenn Sie nicht ein so guter Mensch wren.
Darum bitte ich Sie, thun Sie mir den Gefallen und - sein Sie still. Kein Wort
mehr davon!
    Er verneigte sich respektvoll: Ich gehorche dem Befehl, wo ein leiser
Wunsch gengt htte; aber eine Bitte spreche ich im Scheiden aus. Wenn das
Traumbild Ihres Glaubens zusammensinkt, wenn Sie sich schwach fhlen, wenn mit
Ihrem Vertrauen das Glck des Lebens vor Ihnen zusammenbricht, dann denken Sie,
dann rufen Sie mich. Ich werde Ihre Stimme hren, auch wenn hunderttausend
Meilen uns trennen, kein Brief mich trifft, keine Taube durch die eisigen Lfte
dringt. Wenn Auguste von Eitelbach gepressten Herzens in ihrem Kummer meinen
Namen nennt, wenn sie schluchzend in die Nacht ruft: Ach, wre er hier, er
knnte mir helfen, dann werde ich Ihren Ruf hren, ob ich im tiefsten Schacht
der Bergwerke von Irkutzk dem Licht der Gnomen folge, um die Adern edler Erze zu
schlrfen, oder einsam schweife auf einem Rennthierschlitten um die kalten Seen
Sibiriens - und ich bin bei Ihnen.
    Ohne einen Hndedruck war er nach der Thr geeilt. Sie rief ihm nach: Nach
Sibirien gehen Sie? - Warum schaudern Sie, gndige Frau? Es ist warm auch am
Eispol, wenn das Blut im Herzen pulst. - Ich dachte nur - ich war in Glogau,
als der Erxner, der Raubmrder, nach Sibirien transportirt ward. Was man doch
manchmal Nrrisches denkt - wenn Sie auch so in Ketten hingeschleppt wrden! -
So fuhr er auch zusammen, wie Sie jetzt -
    Er verneigte sich noch einmal und war verschwunden. Sie sah ihm aus dem
Fenster nach. So in sich versunken hatte sie ihn noch nicht gesehen. Er
erwiderte den Gru zweier Bekannten nicht. Er hat nur einen Fehler, sprach sie
bei sich, er kann den Rittmeister nicht leiden. Aber - aber er wird noch nicht
- mit Sibirien hat's gewi noch gute Weile.

                          Achtundfnfzigstes Kapitel.



                Ob's edler im Gemth, die Pfeil und Schleudern

                    Des wthenden Geschicks erdulden oder -

Thorheit, zu glauben, da ein Mensch seiner Zeit voraufgeht. Von der Strmung
in der Luft werden wir gezogen, wie die Atome dem Athem zufliegen. Es ist das
unergrndete Gesetz in der moralischen Welt, was den Riesen wie den Zwerg
regiert, und die tollste Ironie ist es, der wahnsinnigste Traum unserer
trunkenen Phantasie, zu whnen, da wir aus eignem freien Impuls die Welt nur um
eine Spanne weiter rcken!
    Zwei Genesene saen auf einer abgelegenen Bank im Thiergarten, die laue
Sommerluft einschlrfend. Der Eine, den Arm in einer schwarzen Binde, - schien
seine Krankheit bereits abgeschttelt zu haben, und das blasse Gesicht rthete
sich, whrend die Glieder oft elastisch zuckten. Es war Walter. Der Andre trug
keine sichtliche Verwundung, aber sein krftiger Geist schien mit einer
physischen Mattigkeit im fortdauernden Kampf, und sein auch bleiches Gesicht
blitzte von einer verrtherischen Rthe, whrend das dunkle tiefe Auge
gespensterhafte Glanzblitze warf. Es war Louis Bovillard; er halte die obigen
Worte gesprochen.
    
    Walter hatte lngere Zeit vor sich hingeblickt; die Lucubrationen des
Freundes hatten ihn nicht gestrt: Wo ist das Allgemeinwohl? das ist die Frage.
Sitzt's in den Gipfeln? in den Wurzeln? Wo ist das Mark? Wir fhlen es, wie das
Wasser den festen Boden untersplt, die Wurzeln vom Erdreich lst, wir fhlen
das Annahen des Sturmes. Und noch wre Rettung mglich, aber die phlegmatische
Masse schliet noch die Augen, trunken schreien Einige in die Lfte, aber sie
helfen nicht, nur dem Feinde geben sie ein Zeichen wie es steht. Die zu Wchtern
bestellt sind, zu Baumeistern und Steuerleuten, singen uns Schlaflieder zu. Sie
zittern nicht vor der Gefahr drauen, nur vor der Aufregung, welche die Furcht
davor im eignen Lager verursacht. Wo nun Einer mit dem besten Willen kommt, wo
soll er anklopfen, wo, wenn er sein Gut und Blut hineinwerfen mchte, ist die
Bchse, um es aufzunehmen? Das ist die Frage.
    Was hilft's Dir, wenn Du die rechte Eingangsthr in ein verrottetes Haus
findest, wo drinnen nichts mehr zu retten ist.
    Es ist, fuhr Walter auf. Wie htte dieser Staat so lange bestehen knnen
und leuchten in der Geschichte. Es ist etwas nie Dagewesenes, wie dies
Regentengeschlecht persnlich auf das Volk eingewirkt hat. Das leugnest Du Dir
nicht fort, vom Anbeginn bis heute. Es hat alles, was sein eigen war, Gedanken,
Geist, Intelligenz, Thatkraft, Muth, Entschlossenheit, Ausdauer, ausgesprtzt in
die Adern der rohen, verwilderten Stmme, die es vorfand, die es spter mit
seinen starken Armen umklammerte, bis sie unter dem warmen schirmenden Druck zu
einem Leibe verwuchsen. Wir sollten freudig staunen ber das Wunder einer
Grtnerkunst, denn das war es, wo die Frsten von anderm Stamme, Blut, aus einem
fernen, fremden Lande, so sich mit dem Boden, den Boden mit sich amalgamirten;
wenn nicht eben die Impfe so wunderbar nachhaltig gewirkt htte, da alles, was
auf dem Throne zur Geltung kam, im Volke sich widerspiegelt und reproducirt, wie
die Strke vorhin, nun die Schwchen, wie das Licht, jetzt die Schatten. Es kam
einmal die Sitte von oben herab, die nchterne, strenge, hausbackene
Brgertugend von jenem Soldatenknig, dann vom selben Throne mit den laxen
Sitten und der Frivolitt jene eben so nchterne Aufklrung. Jetzt, wo
Frmmigkeit und Gerechtigkeit in mildem Scheine von oben ausstrahlt, wo wir aus
einem guten Sinne auf Tchtiges gehofft, ist's die Unentschlossenheit, die sich
auf das Volk ergiet und es zersetzt. Wie, wo soll da geholfen werden! Nein, wer
soll helfen, wer die adstringirende Sure gieen in die in Auflsung befindliche
Masse?
    Frage lieber, wer ist der neue Prometheus? Denn die Nachkommen des alten
verfolgten Revolutionrs sind im Laufe der Zeit legitime Philister geworden,
gute Brger, die des Nachtwchters Ruf gehorchen: Bewahrt das Feuer und das
Licht. Schaff' Dir neue Menschen. Mit den alten ist nichts anzufangen.
    Bovillard war aufgestanden und blickte in die Ferne, wo die Sonne zwischen
dem Walde versank.
    Thorheit, wiederholte er, zu rhmen, da wir die Zeit verrcken, die,
unser spottend, ber uns hinrollt. Der Kriegswagen des Donnergottes, von
Sturmrossen gezogen, Festungen zermalmt er und Heere, die fr unberwindlich
galten, wie Kartenhuser und bleierne Soldaten, und es ist nichts so fest auf
Erden, was nicht schon knickt wo sein schnaubendes Gespann heranbraust. - Er
legte seinen Arm auf Walters Schultern. - Ich war da, Lieber, ich sah es ja in
der Nhe. Unsern Staatsmann sah ich, heiliger Gott! Friedrich und sein groer
Ahn, der Kurfrst, mssten im Sarge roth werden, wenn sie das gesehen! Ein
Verrther - nein! Man kann nur verrathen, was man wei. Wenn er sich in den
Wagen setzte, zur Konferenz zu fahren, wusste er noch nicht, was er rathen,
fordern, sprechen sollte. Napoleon fuhr ihn an. Er schwieg. Napoleon kajolirte
ihm, ging ihm um den Bart. Er schwieg auch. Dies Schweigen soll wirklich den
groen Mann anfnglich verwirrt haben, bis er merkte, da man auch schweigen
kann, nicht um zu verschweigen, sondern weil man nicht wei, was man wollen
soll. Solche Rathlosigkeit, solche Fassungskraft, solcher Mangel an Gedanken und
Muth! Der Vertreter des Militrstaates wusste von den militrischen Operationen
nicht, was ein Quartaner in Preuen wissen mu, lie sich einschchtern, Gott
wei womit, und was Napoleon in seiner Laune einfiel; er lie sein Heer ber
Gebirge und Flsse springen, Schlesien nehmen, Polen revoltiren, da die
Adjutanten hinter der Thr kaum das helle Auflachen zurckhielten. Das Heer,
geschwcht, blutend, htte damals nicht vier Meilen mehr gemacht. Dann zum
Trost, berschttete er ihn mit Lobsprchen fr seinen guten Willen, seine
Einsicht, und unser Mann ward roth vor Freude. - Und in solche Hnde legen
unsere Frsten unser Schicksal, und solchem Feinde gegenber!
    Und das deutsche Volk?
    Soll es fr die goldene Bulle schwrmen, fr Regensburg oder Wetzlar?
Schwrmer giebt es, wofr wren wir Deutsche!
    Auch die Kreuzfahrer waren Schwrmer, und doch eroberten sie Jerusalem.
    Warte nur, Lieber, wenn die gutgesinnten Brger die Straenjungen gegen sie
animiren. Koth auf sie! Mit Recht, sie stren ja die Ruhe. Alle die
Volkserhebungen, die man versucht hat da und dort, um den Erzherzog zu
soulagiren, klglich fielen sie aus, und wenn man Frieden schlo, wie lie man
sie im Stich, die armen Schelme! Was heute Tugend heit und Patriotismus, die
Diplomatie stempelt's morgen zum Verbrechen und Hochverrath, wenn's ihr so
bequemer ist. Was willst Du da vom armen Volk erwarten? Sie ffen den Frsten
nach, und sie thun Recht. Wer etwas fr sich schaffen kann, zugegriffen, so
lange es Zeit ist! Die alten Bande sind gelst. Es giebt kein Recht, kein
Gesetz, kein Vaterland mehr. Hasche den Sonnenblick, geniee den Augenblick, Du
weit nicht, was morgen kommt. Schne Mdchen und Cyperwein, Walter, so lange es
schmeckt. Preuen hat Recht, wir waren im Unrecht; es hat den grten Bissen
erschnappt. Presse Hannover aus, Du weit nicht, ob es Dir nicht schon morgen
wieder entrissen ist. Schne Mdchen und Cyperwein! nur nichts von Vaterland,
Menschenglck. Phantasmagorien, nichts als Mondscheinillusionen. Im Ernst,
Walter! Sieh mich nicht so an. Die alte Zeit ist abgelaufen, aller Widerstand
ist Thorheit - der neue Titane zerschlgt dem alten Sonnengott den Karren, die
Splitter und Funken fliegen durchs Weltall. Ducke Dich in eine Hhle, wenn Du
eine findest, und wenn Du lebendig bleibst, gaffe ihm nach, wohin er seinen
Feuerball peitscht. Ich wei es nicht.
    Und doch, sprach Walter, ihm nachblickend, als er ohne Abschiedsgru nach
der Stadt gegangen, doch wrdest Du der Erste sein, wenn - Er folgte ihm.
    Seltsam, als Walter in das Haus des Geheimraths Lupinus trat, sollte er eine
Unterhaltung berstehen, die denselben Gegenstand hatte. Er fand den gealterten
Mann krnkelnd. Er hustete viel. Walter meinte, das Zimmer sei wohl lange nicht
gelftet, der Bcherstaub habe etwas Drckendes.
    Der Geheimrath hrte ihn mit Freundlichkeit an.
    Gewhnen wir uns doch daran, das Leben als eine Gewohnheit zu betrachten,
dann fllt so vieles fort, was uns sonst qult und ngstet. Ist nicht Der am
glcklichsten, der nichts in seiner Lebensweise ndert? Wer immer ndert, stellt
damit nur ein Testimonium aus, da er nie zufrieden war. Ich wei es, ich werde
sterben, vielleicht bald, aber Sie werden noch lange leben. Nun lassen Sie uns
von Ihnen reden. Da ist Herr Niebuhr nun angekommen. Er wird bestimmt
angestellt, und wahrscheinlich in einigen Wochen schon ist er Bankdirektor mit
dem Titel Geheimer Seehandlungsrath. Er hat Ihre Abhandlung ber Alba Longa mit
Vergngen gelesen. Er wird ein Mann von Einflu werden. Jetzt kann ich Sie noch
empfehlen, vielleicht bald nicht mehr. Sagen Sie mir Ihre Wnsche, lieber
Walter.
    Auf Walters Gesicht stand die Antwort. Es war ein Thema, was sie oft
besprochen. Mit einem vielsagenden Blick fasste der Kranke die Hand des
Gesunden: Unser Staat ist krnker, als ich bin. Die Republik liegt in den
letzten Zgen, die Scipionen schlummern in ihrer Gruft, die Virtus neben ihnen,
unser Aktium und Philippi steht vor den Thoren, die Catonen mgen den Giftbecher
leeren, es bricht zusammen, Herr van Asten, ich wei es auch, und der Csar
scheint auch schon da, der uns nur nicht behagt. Was bleibt da dem Freien? - Das
Exempel, das ihm ein alter Freigelassener lie.
    Der Geheimrath hatte sich mit Mhe vom Stuhl erhoben, und war, auf einen
Stock gesttzt, an seine heiligste Bcherwand geschlichen. Einen Walter
wohlbekannten dnnen Band, unscheinbar in altem Leder, nahm er heraus. Es war
eine Ausgabe des Horaz, an die er keine fremde Hand lie; er zeigte das Buch nur
seinen Freunden.
    Wenn's Ihnen schlimm ums Herz wird, hier ist der Trost. Zweifeln Sie, da
Horaz ein guter Patriot gewesen? Ging ihm das Schicksal des Rmischen Staates
nicht aus Herz? Ich sage Ihnen, es schnitt ihm hinein, tiefer, als die Herren
Ausleger denken; der Schnitt steht nur zwischen den Versen, und da verstehen sie
nicht zu lesen. Was htte es nun geholfen, wenn er sich ins Schwert gestzt? Was
hatte Rom davon, da Brutus es that? Horaz warf seinen Schild fort, machte sich
auf die Behendigkeit seiner Hacken, und als er still stand, und sich den Staub
abklopfte, sah er, da der Himmel noch immer blau war und die Sonne so lau und
golden auf das schne Italien schien, als vorhin. Htte er nun krchzen sollen
wie die Eule Tacitus von ihrem alten Thurm, Zeter und Wehe ber die Verderbni
der Zeit? Hat Tacitus die Zeit besser gemacht, oder die rmischen Sitten, hat er
Rom nur einen bessern Kaiser verschafft? Contrair, sie wurden immer schlimmer.
Die Buprediger thun's nicht, und in das Rad der Weltgeschicke greift Keiner
ein; das geht ber die Kpfe der Vlker und Knigreiche. Ein Narr, wer da
glaubt, da er in die Speiche fasst, ohne zermalmt zu werden und ausgelacht
obenein. Horaz schlo Frieden. Hat er darum sein Vaterland verrathen? Sein
Vaterland war grer. Ubi bene, ibi patria. Er sang: Beatus ille qui procul
negotiis - und freute sich, von Rosen und Epheu umkrnzt, am funkelnden
Falerner. - Nicht wahr, das ist recht frivol und schlecht von ihm gehandelt? Und
so was der Jugend zu predigen? Aber, aber - zweitausend Jahre beinah vergangen,
und Horaz lebt! Die Brutus spuken freilich, in allen Revolutionen, gar
tugendhafte Mnner, aber was hinterlassen sie? Verfolgungen, Kriminalprocesse,
Steckbriefe, Ausweisungen, Schaffotte, Bankerotte, ruinirte Familien, Elend -
aber wen auch das Rad nach oben trgt, dem Horaz hrt er immer gern zu, er hat
in aller Welt das Brgerrecht, der se Prediger einer Lebensweisheit, die
dauern wird, so lange die Welt steht.
    Walter schwieg. Sie hatten auch darber sich schon oft verstndigt, da sie
sich nicht verstndigen knnten. Der alte Gelehrte klopfte ihm auf die Schulter:
Will ich Sie denn zwingen junger Eigensinn! Erinnern Sie sich, wie Morus seine
herrliche Biographie des Philologen Reiske anfngt: Omnis vitae Reiskianae ratio
fuit, non cedere malis sed audentiorem contra ire! Ist auch ein schner Spruch
und ein klassisches Latein. Meinethalben immer drauf los wie der groe Reiske.
Erinnern Sie sich aber gelegentlich, da Horaz auch gesagt hat: Est modus in
rebus, sunt certi denique fines. Er hat keine Maxime aufgestellt wie Cicero, da
der Mensch wedeln soll vor der Macht, weil sie Macht ist. Und dann dachte auch
wohl der heidnische Philosoph nicht an den Wurm, s' ist an einem anderen, der
das Maa finden, die Grenze stecken soll. Und: Integer vitae, scelerisque purus
- das hatte dieser selbe Horaz auch gesagt. In meinem Testament hatte ich es
Ihnen vermacht - diese - ja diese Leydener Silberschrift mit verschlungenen
Hnden. Warum so lange warten! Rasch in die Brusttasche, zur Erinnerung an einen
alten Mann, der Ihnen wohl wollte.
    Das war etwas Ungeheures. Walter erschrack: Dies Exemplar, Herr
Geheimrath?
    Der Gelehrte drckte es ihm in die Hand: Dieses, ich wei keinen Bessern,
der es nach mir aufhebt. - Es ist freilich nur vom zweiten Abdruck. Ja, wenn es
mir gelungen wre, eines mit dem Todtenkopf zu erhalten! Was habe ich nicht
korrespondirt, nach England, Schweden, was habe ich geboten! Der Herr
Legationsrath von Wandel, was hat der sich nicht fr Mhe gegeben - er hofft
noch immer, aber - es war vielleicht ein zu groer Wunsch, und kein Mensch
scheidet von dieser Welt, der sagen kann, da Alles in Erfllung ging, was er
wnschte. Den Geheimrath befiel hier ein heftiges Hsteln. Die Sprache versagte
ihm und der kalte Schwei stand auf seinem blassen Gesicht. Als Walter ihn nach
seinem Stuhl fhren wollte, stand die Geheimrthin pltzlich da - man konnte
glauben, da sie hinter einer Bcherwand Zeuge des Gesprchs gewesen. Verzeihen
Sie, Herr van Asten, man mu einen so langen Umgang mit einem theuren Kranken
gehabt haben, um seine Wnsche zu verstehen.
    Ihr Blick hatte ihn fortgewiesen, und er gehorchte. Fast machte er sich
einen Vorwurf. Hatte ihm der Geheimrath nicht noch etwas sagen wollen?
Vielleicht war es das letzte Mal, da er ihn sah. Aber er hatte schon die
Weisung der Geheimrthin berschritten, die aus Vorsorge fr den Kranken den
Befehl gegeben, Niemand ohne ihr Vorwissen in das Zimmer zu lassen. Er zauderte
im Vorzimmer. Der Kranke musste sich wieder erholt haben, er hrte ihn die
vorhin angefangene Ode: Integer vitae, scelerisque purus recitiren.
    War es sein Sterbesang? Die Geheimrthin schien betroffen, als sie
zurckkehrend Walter noch fand. Der Blick, den sie ihm zuwarf, hatte etwas
Befremdendes, es war ihm auffllig, da sie ein Tuch vor dem Munde hielt,
welches sie im Augenblick, wo sie ihn sah, fallen lie. Er glaubte sich zu
entsinnen, da sie schon im Krankenzimmer es an die Lippen gehalten. Doch es war
nur ein Moment gegenseitiger Befangenheit. Sie setzte sich auf ein Sopha, oder
lie sich fallen, und drckte das Tuch an das Gesicht. Ein Schluchzen hrte er
nicht. Er sprach einige Worte der Theilnahme, da die Gefahr wohl nicht so gro
sein werde, als man annehme, da die Natur des Geheimraths auch schwerere
Krankheiten zu berwinden im Stande sei, da er unter einer solchen Pflege
genesen msse.
    Den starren, hhnischen Blick, als sie das Tuch wieder sinken lie, konnte
er nie vergessen. Meinen Sie, Herr Doktor? - Er wird sterben. - Wenn auch nur
darum, damit die Leute sagen knnen, ich htte ihn schlecht gepflegt.
    Gndige Frau, es ist nur eine Stimme, mit welcher Aufopferung Sie fr das
Schicksal Ihrer Angehrigen sorgen.
    Sind Sie wirklich noch so jung und harmlos, Herr van Asten? - Sie haben
doch auch schon Erfahrungen hinter sich, setzte sie hinzu, und sollten wissen,
was auf diese Stimme zu bauen ist. Oder hrten Sie immer nur den lchelnden
Anfang und und schlossen vergngt Ihr Ohr, wenn die herzlich Theilnehmenden von
ihrem Lobe sich erholten, zuerst in khler Betrachtung, die sie unparteiische
Wirkung nennen, dann in leisen Bemerkungen, da bei dem vielen Guten doch auch
Schattenseiten sind; endlich wenn die liebreichen Seelen erkannt, da sie unter
sich sind, ffnen sich die Schleuen und die tzende Bitterkeit schiet heraus,
bis von dem Lobe nichts bleibt, als einen tdtende Wunde. - Das Thier im
Menschen zu bekmpfen, sind wir auf dieser Erde. - Meinen Sie, Herr Doktor!
Ich meinte nur die Klauen und die Stachel unter einer glatten Haut zu verbergen.
- Wer leben will, athmen, genieen, rief sie mit einer heiseren Stimme, die nur
aus einer zerrissenen Brust kommt, dem rathe ich nicht, die Waffen
fortzuwerfen, die ihm die Natur gab. - Sie gab uns auch andere - einen Schild,
durch welchen die Stacheln nicht dringen. - Der Schild, den Sie meinen, heit
Resignation. Sind Sie in der That noch so unschuldig, Herr van Asten, oder, ich
glaube doch nicht, da Sie zu den koncilianten Gemthern sich geschlagen haben,
die jeden Ri mit einer weien Salbe heilen mchten. Nein, ich wei es, auch Sie
stemmen den Kopf gegen eine Mauer. - Machen Sie sich doch nicht kleiner, als Sie
sein wollen, vor - Denen, welche Sie von einer besseren Seite kennen gelernt!
sprach sie pltzlich aufstehend. Sie war in einer Aufregung, die Walter an ihr
neu war. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber es war ein Dmon in ihr, der sie
sprechen lie, was sie nicht sprechen wollte.
    Das Leben ist ein fortdauernder Krieg Aller gegen Alle. Einfaltspinsel oder
Betrger, die von der Humanitt faseln. Die stillen, friedlichen Pflanzen haben
kein ander Naturgesetz, als eine die andere niederzudrcken. Nur die entfernt
stehen auf zwei Gipfeln, die den Saft der Erde, Thau und Licht des Himmels nicht
zu theilen haben, mgen mit Liebe koquettiren. Das kann der Mensch nicht. Zwei,
die auf zwei Gipfelhhen stehen, beneiden sich auch in der Entfernung; so fein
hat die Natur es gefgt. - Unterbrechen Sie mich nicht, mein Herr, ich statuire
gar keine Ausnahmen. Mann und Frau sind doch wenigstens eins, wollten Sie
einwenden! Ja, bei den Ehen, die im Himmel geschlossen werden. Nur schade, da
bei denen, die wir kennen, der Notar und der Geistliche das Werkzeug waren. Wir
leben auf dieser Erde, mein Herr. Ihre dmonischen Sfte, ihr Athem zuckt in
unserm Blut, und ihr Prinzip ist: tdten, indem wir nach Luft und Leben ringen.
Ihre Rechtsgelehrten sprechen ja wohl von dem Recht der Noth, wonach von zwei
Schiffbrchigen auf einem Brett der schlauere und strkere den anderen
hinabstoen darf. Die Thoren nennen es einen Ausnahmefall. Es ist die Regel, das
Naturgesetz, danach leben Knige und Vlker, es gilt allberall, wo die heie
Sonne auf das blasse Elend scheint, und der blasse Mond spttisch ber die
Seufzer lchelt, die aus der heien Brust zu ihm aufsteigen. Oder gehren Sie zu
Denen, die das Brett loslassen, und sich von der Welle fortsplen lassen, damit
die Kreatur am andern Ende, der edle Nebenmensch, gerettet wird? - Ich ward
noch nicht in die Versuchung gefhrt. - Wenigstens ehrlich! lachte die
Geheimrthin. Nein, nur halb ehrlich! Die kleinen Versuchungen, wo Sie
unterlagen, haben Sie aus Schonung gegen sich selbst vergessen. Sie zittern nur
vor den groen, die noch kommen. - Ich will sie abwarten, - Mit der Miene
eines Stoikers. Aber ich sehe, wie der unterdrckte Ehrgeiz, das getuschte
Vertrauen unter den Fltchen Ihrer Stirn kocht. Sie thun recht daran, Herr van
Asten, die Haut recht glatt zu spannen. Aber mich tuschen Sie nicht, so wenig
als ich Sie tuschen will. Ja, ich bin im Kriege mit dieser Welt um mich her.
Wenn ich nicht schon ganz gemieden, ausgestoen bin, o glauben Sie nicht, da es
aus Menschenliebe, aus einem Rest von Achtung vor meinen Eigenschaften ist. Die
gesellschaftlichen Rcksichten drcken ihren Stachel auf Den zurck, der sie
zuerst bricht. Das ist es allein. Darum kommt man noch in mein Haus, darum
ffnen sich die Flgelthren, wo ich erscheine. Darum noch Hndedrcke,
pltzlich se Mienen, wie ihnen auch wird, ein Embrassement! Ich gebe ja noch
zu essen, ich habe einen Namen, mein Mann hat einen, meine Vtter hatten einen.
Andere fhren eine glnzendere Tafel, haben hhere Titel, versammeln anmuthigere
Gesellschaft um sich, aber die Thren knnten sich doch einmal schlieen, man
knnte hinausgestoen werden, und dann bin ich gut genug als pis-aller. O die
Menschen sind vorsichtige Rechenmeister. Auch sind einige so gtig, zu meinen,
da ich Verstand htte, sogar einen scharfen. Ich sehe ihre Schwchen. Das ist
Vielen sehr unangenehm. Meine Zunge verwundet auch wohl; es ist meine Natur. Das
ist vielen dieser zartgeschaffenen Seelen noch unangenehmer. Da sie mich nicht
von der Welt schaffen knnen, was ihnen das Liebste wre, versuchen sie, mit mir
zu liebugeln. Und das ist das Gescheiteste. Wen man frchtet und nicht
vernichten kann, mu man streicheln, bis die Gelegenheit kommt, eine Fallgrube,
in die man ihn hinterrcks stt. Das ist die Politik der Natur; Knige und
Kammerdiener, Kluge und Dumme ben sie, und es giebt, die meinen, da die Welt
nur durch sie besteht.
    Wer hatte diese unglckliche Frau bis zu diesem Aeuersten gereizt? So hatte
sie sich nie ihm gezeigt. Sie schien seine Gedanken zu lesen: Hat meine
Aufwallung Sie erschreckt? Beruhigen Sie sich, mein Herr, ich werde auch wieder
ruhig werden. Es ist zuweilen Bedrfni, sich gegen Menschen auszusprechen, von
denen wir glauben, da sie uns verstehen.
    Sie war ans Fenster getreten, aber mit einem Umweg und Seitenblick auf den
Spiegel, wie Walter, jetzt aufmerksamer, bemerkte. Sie hatte das Fenster
geffnet, um Luft zu schpfen, aber sie hatte mit dem Tuche rasch die Toilette
ihrer Physiognomie gebessert. Als sie sich zu unserem Bekannten umwandte, war
das Gesicht ein anderes, die fieberhafte Aufregung war verschwunden, die Augen
stachen noch, aber glhten nicht mehr, es war der lauernde, ernste Ausdruck, der
in ihren Zgen fesselte und abstie.
    Ich gab mich Ihnen eben ganz wie ich bin. Sie konnten das geheimste
Fltchen in meiner Seele lesen. Ich berlasse Ihnen, davon Gebrauch zu machen,
wie Sie wollen, denn ich bin nicht so albern, zu glauben, da ein Rest von
Dankbarkeit und Piett Sie bestimmen sollte, mich zu schonen. Nein, beurtheilen
Sie mich, klagen Sie mich an vor der Welt, wie Sie mich kennen gelernt. Mein
unglcklicher Mann wird sterben, - den tuschenden Trost der Aerzte wei ich zu
wrdigen - er wird sterben und mich wird man anklagen. Man wird sagen, ja, als
es zum Aergsten kam, da schlug ihr das Gewissen, da pflegte sie ihn, da verlie
sie ihn nicht bei Tag und bei Nacht, da hrmte sie sich ab. Warum nicht frher?
Und die klugen Leute haben Recht, denn der Schein ist wider mich. Wer sieht denn
hinein in das geheime, zwanzigjhrige Wehe eines zerrissenen Herzens! Ich
verbarg es der Welt; es hat Niemand ein Recht, meine zerrissenen Schuldbcher
nachzuschlagen. Das Glck meines Lebens kostete mich der Schein, die Rolle einer
Befriedigten zu spielen. Wenn ich nun aufschrie: er war nie mein Gatte! Nein,
mein Herr, ich ward ruhig, ich ward sehr ruhig. Sie mgen mich eine Frau
schelten, die um ihren Mann sich erst kmmerte, als der Anstand forderte, auf
seinem Todtenbett das Haar vor Schmerz zu raufen. Ich will ihnen auch den
Gefallen nicht thun; ich will ihnen auch den Schein lassen, mich kalt, gefhl-
und herzlos zu schelten. Meine Trauer will ich in mich verschlieen und eine
stumme Bildsule an seinem Sarge stehen, damit sie ein Rthsel mehr zu lsen
finden. Jeder mag es nach seiner Art. Sie, Herr van Asten, kennen mich nun, in
einer unbewachten Stunde schlo ich mein ganzes zerrttetes Sein vor Ihnen auf.
- Nun suchen Sie sich Kompagnie, die Ihnen gefllt, unter Hohen und Niederen,
ber mich herzufallen, mich zu zergliedern, zu verurtheilen. Ich bin auf Alles
gefasst.
    Ich aber nicht darauf, da Frau Geheimrthin Lupinus mich dazu fhig hlt.
    Fhig, das wei ich nicht, ich kenne Sie nicht genug. Aber aus Klugheit
drfen Sie vielleicht nicht Kompagnieschaft halten. Die gemeinen Seelen mssen,
es ist ihre Natur, Krieg fhren gegen alles, was sich ber ihr Niveau erhebt.
Und Sie sind in diesem Kriege. Bleiben Sie in der Defensive, so sind Sie
verloren. - Ich wei es nicht, setzte sie nach einer Weile hinzu, ich kmmere
mich nicht darum, ob Sie den Muth haben, Ihren Feinden ins Lager zu dringen.
    Unwillkrlich war Walters Blick auf seinen Arm in der Binde gefallen.
    Sie haben den Chevaleresken gespielt, Ihren Gegner am Leben gelassen.
Verspielt, Herr van Asten! Wer seinen Gegner nicht vernichtet, hat ihn gestrkt.
Htten Sie Rache genommen, wie die Beleidigung es heischte, ja dann - aber
glauben Sie nicht, da man Sie darum fr einen Kavalier hlt, weil Sie nach der
Mondschrift in dem schwarzen Buch der Kavalierehre gehandelt. Obsolete Dinge!
Man zuckt die Achseln, ein Gelchter rieselt, wenn die Junkeroffiziere von der
Affaire erzhlen. Der Andere wird jetzt beklagt, Sie - Sie Walter, werden nicht
gefrchtet. Und Sie knnten gefrchtet werden, es war in Ihre Hand gegeben. Es
war die einzige Waffe fr den Brgerlichen, glauben Sie mir, ich kenne sie ja,
sich Respekt zu verschaffen. Die warfen Sie aus der Hand. Was wollen Sie nun
thun? Alles, was Ihre feine, scharfe Feder schreibt, kitzelt da Keinem die Haut.
Sie antichambriren umsonst. Ihre Ideen bleiben Mondscheinsgedanken, denn die
Welt bleibt dieselbe, Herr van Asten. Nach jedem Erdbeben, wo etwa die Lohe des
Geistes, aus der verschlossenen Tiefe berstend, ber die Thler und Berge
wirbelte und die Wolken erleuchtete, wo die Geknebelten Freiheit schrien und
Recht, nach jedem solchen Rausch kommen sie wieder zur Besinnung, es zieht sich
wieder die Rhinoceroshaut der Gewohnheit um das Pseudotitanengeschlecht, das den
Himmel strmen wollte, und die Menschheitsbeglcker hat man noch immer nachher
gekreuzigt und verbrannt, wenn man es nicht fr bequemer hielt, sie nur
einzusperren und auf dem Stroh verfaulen zu lassen. Die Welt wird nicht anders.
    Noch wrde ich sie gendert haben, wenn ich den Kornet in die jenseitige
geschickt. Die Rache baut nicht Huser, sie zerstrt nur. Wehe, wo es gilt,
unser zerrttetes Gemeinwesen wieder heben, wenn die bisher Gedrckten nur daran
denken, sich an ihren Unterdrckern zu rchen, wenn nicht alles Persnliche als
wesenlos bei Seite bleibt, wenn die Retter nicht mit ernstem, heiligem Willen an
die That gehen.
    Man htte ein chamleonisches Mienenspiel auf dem Gesicht der Geheimrthin
bemerken knnen, das sich endlich in ein feines ironisches Lcheln um ihre
Lippen auflste: Sie haben die Prfung gut bestanden, Herr van Asten, ganz wie
ich sie erwartete. Hoffen wir Alle auf dem Wege der Geduld und Entsagung zu
unserm Recht zu kommen. Ich habe Geduld. Nicht wahr? Und ich habe entsagt -
sogar dem Glck, verstanden zu werden. Kann man mehr? Leben Sie wohl -
    Sie war gegangen, um an der Thr wieder stehen zu bleiben: Sahen Sie
Adelheid seit Ihrem Ehrenhandel? - Sie hatte einen Rckfall, als ich nach
meiner Genesung ansprach. - Sie werden auch in dieser Entsagung sich einen
Lorbeer erringen knnen. - Wenn ich um den Sinn der Worte bitten darf? - Da
Adelheids Sinn, seit sie bei der Frstin ist, sich gendert hat, brauche ich
Ihnen doch nicht erst zu sagen. - Die Frstin hat so wenig Macht, als irgend
eine Frau auf Erden, Adelheids Sinn zu beugen. - Freilich, da ein Anderer ihn
schon gebeugt hatte. - Ich werde mich selbst zu beugen wissen vor dem
Unabnderlichen, wenn es entschieden ist. - Eine seltsame Bezeichnung fr den
jungen Bovillard. - Bovillard! - Liebt, das heit, er rast fr sie. Nun, das
wei jedes Kind. - Sie gewi auch. - Bovillard! - Er ist ja auch wohl Ihr
Freund? Was thut das! Da die Frstin Adelheid deshalb zu sich genommen, da es
eine groe Komdie in der Komdie war, ist Stadtgesprch. Da Adelheid seine
Neigung erwidert, und nur krank ist, weil sie es zu gestehen sich scheut, sind
ffentliche Geheimnisse.
    Walter hatte an seinen wunden Arm gefasst, nur um mit der Hand irgend etwas
zu fassen. Der furchtbare Schmerz erpresste ihm einen unterdrckten Schrei, er
lehnte sich erblassend an ein Mbel.
    Nun, Sie werden heroisch sein. Wer wird Rache nehmen, wenn er beleidigt
ist! Und an einem Freunde! Uebrigens glaube ich wirklich nicht, da die Frstin
Gargazin an Herrn von Bovillard ernstlich denkt. Sie hat wohl andere Plne. -
Haben Sie nicht gehrt, wann Kaiser Alexander Berlin wieder besucht?
    Walter hatte nur die Hlfte gehrt. Er hatte, respektvoll vor ihr sich
neigend, fr die gtigen Mittheilungen gedankt; der Kaiser, wie er gehrt, werde
ein Bad in Asien besuchen. Es sei bei der geschwchten Gesundheit des erhabenen
Monarchen wohl recht zu wnschen. Unten an der Treppe fasste er wieder seinen
Arm: Dies Weib! Dies Weib! Giet sie Gift oder Feuer in meine Adern!
    Die Lupinus lachte, als sie allein war, hsslich auf: Der Wurm sticht doch,
wenn er getreten wird, und der verwundete Elephant und Lwe erhebt ein Gebrll,
wovon der Wald erzittert, nur der Mensch prtendirt edel zu sein, wenn er mit
einem stummen Seufzer sich zertreten lsst.

                          Neunundfnfzigstes Kapitel.



                              Nur keine Lge mehr!

Es war ein glnzender Gesellschaftsabend im Palais der Frstin. Aber der
Abendstern, der heute glnzen sollte, erschien wie erlschendes Licht, wie eine
schne Statue in Mondscheinbeleuchtung. Es war etwas vorangegangen. Ein zu
heier Tag! sagten die Herren. Die Frstin lchelte sanft. Man wusste in den
flsternden Gruppen, weshalb die Frstin die schne Adelheid in ihrem Hause
aufgenommen. Sie sollte es dekoriren, wie die schnen Bilder, Statuen und
Raritten an den Wnden es dekorirten. Gerade wie die Lupinus vorhin ein solches
Mbel fr ihr Haus gebraucht. Dies hatten die scharfen Zungen schon lngst
ausgesprochen. Auch mag ein Mbel, eine Ornamentur, die in einem Hause lngst
ein abgenutzter, alltglicher Gegenstand geworden, in einem andern durch
geschickte Verwendung wieder zu einem der Bewunderung werden.
    Aber die Frstin arrangirte nichts, sie lie Alles gehen, wie es wollte. Das
junge Mdchen war nicht wie eine Untergebene, nicht wie eine Tochter, man mchte
sagen auch nicht wie eine Freundin, sondern wie eine Herrin aufgenommen, der ein
Recht auf dies Haus und Alles darin zustand. Sie hatte ihre besonderen Zimmer,
Diener, sie konnte Besuche empfangen, ausfahren, wie sie Lust hatte. Sie
erschien, oder blieb aus, wenn Gesellschaft sich versammelte; die Frstin
betrachtete es als eine Freundlichkeit, wenn sie Theil nahm, und dankte ihr,
jedoch mit der Bitte, es nie als ein Opfer zu betrachten, vielmehr ganz ihrem
Penchant zu leben.
    Die Knigin Louise hatte wieder gelegentlich den Wunsch geuert, die schne
Adelheid zu sehen. Der Wunsch einer Knigin ist sonst Befehl. Aber als Adelheid
die Augen niedergeschlagen und geantwortet hatte: Was soll ich vor der hohen
Frau! war die Frstin ihr mit der liebenswrdigsten Art um den Hals gefallen:
Sie haben Recht, was sollen Sie da! Warum sich einen Zwang anthuen. Solche hohe
Personen werfen in der einen Stunde einen Wunsch hin, um ihn in der nchsten zu
vergessen.
    Es war etwas vorangegangen vor dem Abend, von dem wir sprechen wollten. Die
Frstin war von ihrem Prinzip gewichen, sie hatte Adelheid genthigt, mit der
Baronin Eitelbach eine Spazierfahrt zu machen. Sie wollte die schne Seele los
sein. Adelheid hatte sie als Blitzableiter gebraucht, ohne zu bedenken, ob die
elektrischen Zuckungen des Entsagungsfiebers nicht in den Blitzableiter selbst
bergehen und ihn verderben knnten. Die Welt wre vollkommen, wenn es keinen
Egoismus gbe, sagen weise Leute. Andere meinen, es wre darin nicht
auszuhalten, wenn nicht bisweilen die Selbstsucht zerstrend durch die Linien
und Netze fhre, mit denen uns die berechnende Weisheit zu Zahlen in einem
groen Exempel machen will.
    Es war ein schwler Sommertag, aber es ruhte sich so weich in den Polstern
des offenen von englischen Federn geschaukelten Wagens, und der russische
Kutscher lenkte seine Pferde pfeilschnell durch die schattenreichsten Gnge des
Thiergartens. Eine Fahrt, recht geeignet, um seinen Trumen nachzuhngen; die
Gedanken konnten spielen, wie die Schatten der Bltter auf den hellen Kleidern
der schnen Damen, die, sie wussten selbst nicht recht warum, hier kopulirt
waren.
    Die Baronin war eine herzensgute Seele; dessen war sie sich jetzt selbst
bewusst, seit die Liebe ihr ein Bewusstsein gegeben. Sie hatte nie hinter dem
Berge gehalten, als sie noch nichts mitzutheilen hatte, nmlich aus ihrem innern
Leben; seit hier ein Gedanke wogte, und andere erzeugte, die sie fr ihr
unbestreitbares Eigenthum hielt, erschien es ihr sogar als Pflicht, von diesen
Gefhlen und Gedanken auszuschtten. Je schwerer uns eine Errungenschaft ward,
um so mehr halten wir uns berechtigt, da Andere Belehrung von uns empfangen
mssen. Es ist nun einmal so aller Autodidakten Art.
    Adelheid war eine Kranke. Das war eine angenommene Sache, nur war man
darber uneinig, ob ihre Krankheit eine physische oder psychische sei. Die
Roheren oder die Gleichgltigen sagten: sie sei so schlecht von der Geheimrthin
behandelt worden, oder sie habe sich doch so wenig mit ihr vertragen knnen, da
sie fortlaufen musste, und man habe es dann nachher so abgekartet, als htte die
Frstin sie nur wegen des Nervenanfalls ins Haus genommen. Von dieser
erschrecklichen Behandlung oder dem inneren Zwiespalt sei das arme Mdchen
krank, und schweige nur darber aus Gromuth und Schonung gegen ihre frhere
Wohlthterin. Vermittelnde meinten, da die Geheimrthin ihr Verhltni zu
Walter van Asten begnstigt, da sie ungehalten geworden, weil Adelheid kalt
gegen ihn geworden; das habe Beide auseinander gerissen. Aber krank konnte sie
doch darum nicht sein; nicht aus Verdru, da sie die Liebe einer Frau
eingebt, welche sie nie geliebt, noch Wohlthaten, welche ihr stets drckend
gewesen. Geno sie doch jetzt die volle Liebe und Wohlthaten der liebenswrdigen
Frstin in ganz anderm Mae.
    Also musste eine andere Liebe ihrem kranken, unbeschreiblichen Wesen zu
Grunde liegen. Und hier war das Feld der Vermuthungen fr die Feineren. Sie
htte Dem ihre Neigung zugewandt, der sie als Lehrer rasch und glcklich in ein
hheres geistiges Leben gefhrt. Es war eine reine uneingeschrnkte Neigung
geblieben, welche sie, von Bewunderung und Dankbarkeit erwrmt oder getuscht,
fr Liebe gehalten, bis - ein Anderer erschien, fr den ihr Herz anders schlug.
Sie war krank geworden, wirklich krperlich leidend, unter Gefhlen, die sie
vergebens zu unterdrcken versucht. Da war - es musste eine Krisis eingetreten
sein, die mit einer ueren Begebenheit in Verbindung stand. Sie war in Folge
derselben in ein anderes gastliches Haus bergesiedelt. So weit war den
Eingeweihten alles klar. Sie kannten auch den Namen des Zauberers, ihn selbst.
Hier aber scho ein neues Rthsel auf, eine neue Sphinx lagerte sich vor dem
Portikus, der in die Salons der Frstin fhrte.
    Louis Bovillard hatte Zutritt. Die Frstin, die um Alles wissen musste, nahm
ihn, wenn nicht mit Auszeichnung, doch mit zuvorkommender Theilnahme und Gte
auf. Er, bis da ein wstes Genie, das man verloren gab, vermieden, wenn nicht
gar ausgestoen aus der Gesellschaft, ward von ihr nicht nur zu den kleinen
Cirkeln und Partien gezogen, sie schien die Fahne ber ihn schwenken zu wollen,
wenn sie die hchsten und ehrenwerthesten Personen in ihr Haus geladen hatte.
Und er ging aufrecht und stolz umher, unbekmmert um Die, welche ihn scheuten
und hassten; Denen mit ironischem Mitleid sich nhernd, welche vor seiner
Berhrung erschraken. Bis auf eine feinere Toilette, eine gentilere Haltung
schien er hier derselbe Louis Bovillard, auf den man einst auf der Strae mit
Fingern zeigte; dieselche Nonchalance, derselbe kaustische Witz, mit bittern
Sottisen, mit einem beienden und vernichtenden Urtheil, derselbe Uebermuth und
dieselbe Rcksichtslosigkeit gegen Die, um welche die Gesellschaft sich
ehrerbietig gruppirte.
    Nur wenn Eine erschien, war er ein Anderer. Sein Uebermuth war gebrochen,
sein Witz stockte, seine glhenden Augen hafteten auf ihr. Er konnte dem
flchtigen Beobachter, wenn er sie dann wieder zu Boden sinken lie, wie ein
verlegener, junger Mensch bednken, der zum ersten Mal in eine Gesellschaft
tritt. Und doch war Louis Bovillard kein Rthsel.
    Aber sie, die Eine, welche diese Wirkung auf den tolldreisten Wstling
gebt! Liebte sie ihn, sie, die so ruhig und kalt ihm entgegentrat, wie jedem
andern gleichgltigen Gast, seine Verbeugung mit leichter Grazie erwidernd, um
nach einigen gewechselten Worten ber Wrme und Klte, Wetter und Wind, Anderen
entgegen zu eilen? Wie war sie da erfreut, schttelte die Hnde, embrassirte die
unbedeutendsten und unangenehmen Damen wie nur theure Jugendfreundinnen. Nur da
sie, pltzlich in Gedanken versunken, auf ihre Ansprache zerstreut antwortete.
Sie musste nicht recht zugehrt haben, sie verwechselte die Personen. Eine
verzogene kleine Glcksprinzessin, hatte da wohl eine vornehme Dame geuert,
die auf specielle Aufmerksamkeit Anspruch machte. - Sie ist wohl destinirt,
immer die Interessante zu spielen, entgegnete eine Andere. - Sie ist krank,
und krnker, als wir denken, sagte ein Arzt, der berhmte Doktor Marcus Herz,
welcher sie seit einiger Zeit aufmerksam zu beobachten schien. Auf die Frage,
was ihr fehle? entgegnete er: Was unserm Staate fehlt, eine heftige Krisis,
damit die Krankheit herauskommt. - Welche Krankheit? - Die schwerste, die,
welche man vor sich selbst verbirgt.
    Auch die Baronin Eitelbach betrachtete Adelheid als eine Kranke; Adelheid
litt an der Krankheit, in deren Ueberwindungsstadium sie sich selbst befand.
    Liebe Seele, hatte sie gesagt, ich kenne ja das. Sie sind verliebt und
wollen sich's nicht eingestehen.
    Adelheid war aufgefahren: Sei es denn Zeit, um zu lieben, wo man nur hassen
msse? Sie hatte von der Ehre und Noth des Vaterlandes gesprochen, warm, wie es
aus dem Herzen kam, in solchen Augenblicken drfe der Mensch nicht an sich
denken. Aber sie erschrak ber ihre eigenen Worte. Es war eine Rede, geborgt aus
einer anderen Stimmung, denn sie hatte ja eben nicht an das Vaterland, sie hatte
nur an sich gedacht: wie sie dort im kurzen Rckchen unter den Platanen
gespielt, unter den Brombeerstruchern Htten gebaut, der kleine grne Fleck
hinter den verkmmerten Tannen war eine Wste gewesen, die fr sie kein Ende
hatte. Das Wort Waldeinsamkeit war noch nicht ein Gemeingut, aber sie hatte die
Ahnung und den Begriff. Und dann - durch dieselbe Allee war sie spter gefahren,
und wenn sie an die forschenden Blicke der Neugierigen dachte, die sie jetzt
erst verstand, scho das Blut ihr zu Kopf! Aber auch die Obristin Malchen und
ihre Nichten verschwanden wieder wie neckende Spukgeister hinter den
Gestruchen, in denen die Sonne ihr funkelndes Gold aussprenkelte. Wie oft war
sie an der Seite der Geheimrthin hier vorbergerollt! Warum war diese
Erinnerung ihr jetzt weit schreckhafter? Warum rckte sie in die Ecke des
Wagens, als scheue sie vor der Berhrung eines Gespenstes? Verdankte sie ihr
nicht viel, sehr viel, ihr ganzes geistiges Dasein dem Umgang der klugen Frau,
ihren Belehrungen? Ja, vielleicht war es das, was wie ein Frostfieber ihre Adern
durchrieselte. Sie war die chemische Sure gewesen, die aus der jungen Brust die
Begeisterung, aus dem Blut die Elasticitt gesogen, den Glauben, die Hoffnung
und die Liebe. Sie wre untergegangen, das fhlte sie, in dieser kalten,
zersetzenden Nhe, und etwas davon war in ihr geblieben, es beschwerte ihr Blut,
es trbte ihren Blick, der Egoismus des Verstandes!
    Und als diese wechselnden Schicksale wie die Stubchen im Sonnenstrahl vor
ihrem inneren Auge wirbelten, hatte sie sich gefragt: warum das Schicksal so
wunderbar mit ihr gespielt? sie schleudere aus einem Arm in den andern, Menschen
und Gewohnheiten tauschend, wie die Bilder aus einer Laterna Magica? Ob sie eine
besondere Bestimmung habe, indem sie die Menschen in ihrer Schlechtigkeit kennen
lernen sollte? Eine entsetzliche Frage hatte in dem jungen Herzen angepocht: hat
die Natur den Menschen auf die Welt gesetzt zur Lge, oder um nach der Wahrheit
zu ringen? Die der Lge lebten, einen andern Schein um ihr Sein woben, - hatte
sie nicht beobachtet, da gerade diese vom Glck angestrahlt waren, gesucht,
geschtzt, anerkannt, selbst von Denen, welche sie durch und durch erkannten!
Die dagegen kein Aushngeschild ber ihr Wesen trugen, ihre Gedanken rein
aussprachen, gerade auf ihr Ziel losgingen, wo hatten sie es erreicht, wie
wurden doch ihre Gedanken miverstanden, anders ausgelegt, hchstens belohnt
durch eine laue Anerkennung ihres redlichen Strebens. Aber hinzugesetzt ward:
schade, damit wird er nie durchdringen. Es hilft der Welt nichts, was er thut. -
Was hatte Walter errungen? - Der arme Walter! Und sie! - Sie hatte ihn
getuscht, sie tuschte ihn noch immer fort, sie tuschte sich - sie war in ein
Labyrinth der Lge gerathen. Und wo der Ausweg!
    Als wolle sie ihn suchen, hatte sie in die Wipfel geblickt, deren Bltter im
Abendwinde durcheinander wogten, ohne da sie nur eins mit den Augen verfolgen
knnen. Da hatte die Baronin jene Worte an sie gerichtet. Und wieder betraf sie
sich auf einer Lge. Sie musste das Auge vor dem Blick der Eitelbach
niederschlagen. So hell und klar sah diese sie aus ihren groen blauen Augen an.
Das ausdruckslose Gesicht gewann durch das Geprge der Wahrheit einen Ausdruck,
der fr sie in dem Moment berwltigend war.
    Liebe Alltag, warum zieren Sie sich denn vor mir, sprach die Eitelbach mit
dem gutmthigsten Tone von der Welt. Der Bonaparte mag ein noch so bser, und
unser Knig ein noch so guter Mensch sein, jeder Mensch denkt doch an sich
zuerst.
    Jeder! sagte Adelheid, um nur durch ein Wort ihrer gepressten Brust Luft
zu machen.
    So ist es schon. Ich lass' mich auch gar nicht mehr irre machen. Krieg mag
schon nthig sein auf der Welt, meinethalben; ich kenne sie aber, die Herren
Offiziere, alle, und da ist keiner, der nicht an sein Avancement denkt, wenn er
sich in den Kragen wirft und grunzt, da man glaubt, die Seele sollte ihm
ausgehen, von des Knigs Rock und Friedrichs Ehre, und wenn er dann auf den
Hacken Kehrt macht und eine Miene sich geben will - Na, habe Dich nur nicht,
denke ich. - Gerade wie mein Mann. Wenn der spuckt und ber den Frieden
lamentirt und sagt: Daran gehen wir zu Grunde! dann wei ich auch, was die
Glocke geschlagen hat. Wenn er die Mantellieferung gekriegt, dann wren wir
nicht zu Grunde gegangen und es knnte Friede werden in alle Ewigkeit. So sind
die Mnner. Sie denken nur an sich.
    Nicht alle.
    Nein, Einer nicht. Aber sonst! Ja, wenn das Andre drauen mit ihren
Wnschen zusammenpasst, dann sind sie lichterloh. Das wei dann zu parliren und
encouragirt sich, bis sie's am Ende selbst glauben, da es darum ist. Es amsirt
mich, wenn ich sie so hre sich warm reden; aber mich tuschen sie nicht mehr,
auch die Klgsten nicht. Ich denke: sprecht Ihr nur, ich wei doch, was dahinter
steckt.
    Tuschen die Mnner nur? Belgen wir uns niemals?
    Die Baronin schien nachzusinnen: Nein, liebe Seele, Engel sind wir auch
nicht immer. Wenn mein Mann Feuer schlgt, mancher Schwamm will gar nicht
znden, aber der andre fngt im Augenblick, der ist weicher, sagt er. So sind
wir Frauen, habe ich da gedacht. Wenn ein Funken vom Himmel fiele, bei den
Mnnern hat es gute Weile, aber wir -
    Lodern rascher auf. Ist das aber gut?
    Was vom Himmel kommt, ist doch gut. Die Leute sagen nun, Sie knnten den
Louis Bovillard nicht ausstehen, weil er den Napoleon einen groen Mann nennt
und Gott wei was. Die Leute sind nicht gescheit. Er thut es nur, um sie zu
necken und Sie auch. Und wissen Sie, warum Sie ihm immer den Rcken kehren?
Damit er sich nicht einbilden soll, da Sie ihm gut wren. Und warum Sie immer
so in Extase sprechen, wie Sie die Franzosen hassen? Nur damit die Andern nichts
merken sollen, wie Sie verliebt sind.
    Frau Baronin!
    Mir machen Sie nichts wei. Sie sind's bis ber die Ohren, und wenn er
selbst ein leibhaftiger Franzose wre, schadet nichts. Und wenn er dem Bonaparte
sein General, oder gar sein Spion wre, da wrde Ihr Franzosenha so klein, ach,
mit dem Theelffel knnten Sie ihn runter schlucken.
    Adelheids erstaunter Blick sagte: Wie kamst Du dazu?
    Auch diese stumme Sprache verstand die Erleuchtete: Und ich wei auch wohl
nicht, was Sie jetzt denken? Da die blinde Henne auch mal ein Korn gefunden
hat. - Denken Sie's immer zu, ich nehm's Ihnen gar nicht bel. Als ob ich nicht
wsste, da die Andern auch so denken! Das genirt mich aber gar nicht. Haben Sie
doch gedacht, Sie knnten mir Mnnchen vormachen und mit mir Blindekuh spielen
in Ewigkeit. Eine Weile geht's, aber dann fllt die Binde doch runter. Jetzt
sollen Sie's aber nicht mehr, da gebe ich Ihnen mein Wort. Allzuscharf macht
schartig, und hinterm Berge wohnen auch Leute, sagte meine Mutter. Aber warum
wickeln Sie sich so in Ihren Shawl? Zu schmen brauchen Sie sich doch nicht, und
vor mir am wenigsten, denn ich sage es Jedem grad heraus: Ich liebe und bin
glcklich.
    Und Sie haben doch entsagt! Das Verhltni der Baronin war zum
ffentlichen Geheimni geworden.
    Und nun bin ich gerade erst glcklich. Ich wei, er liebt mich, und er
wei, ich liebe ihn, und es geht nun einmal nicht.
    Ist das ein Glck?
    Mu man denn sich immer ins Auge sehen, die Lippen ffnen und die Hand
drcken, um sich zu sagen, da man sich liebt! Wenn wir noch so weit getrennt
sind, sehen wir nicht Beide da den Abendstern aufgehen? Brauchen wir uns Briefe
zu schreiben, um uns zu sagen, da wir uns nie vergessen werden? Ja, ehedem
dachte ich wohl, ohne Rosabillets auf duftendem Papiere, und schne Prsente
ginge es nicht. Ach, wie ist das Alles ganz anders! Diese Blicke aus seinen
treuen, guten, schnen Augen werden immer vor mir stehen, wie die Sterne am
Himmelsbogen. Und ist das kein Glck, da ich berzeugt bin, auch er sieht mich,
wie ich ihn sehe! Auch er wird von falschen Zungen umschwirrt, die mich wie ihn
verreden. Aber auch er weist sie zurck! Nein, je weiter Zeit und Ort uns
entfernen, um so inniger wird unser Bund, denn er ist unauflslich. - Und,
Adelheidchen, so knnten Sie auch fortlieben und glcklich sein -
    Und lgen - lgen in Ewigkeit! brach es aus der gepressten Brust. Es war
unwillkrlich; die Eitelbach wollte sie nicht zur Vertrauten ihrer Gefhle
machen.
    Entsagen, Liebe, ist das lgen? Der Besitz tdtet die Freude des
Verlangens, hat mir Jemand ins Stammbuch geschrieben. Wrde ich ihn lieben, wie
jetzt, wenn er vor acht Jahren - nun ja, wre er mein Mann, dann wrden wir uns
vielleicht recht gut sein, aber htten sich unsre Seelen kennen gelernt! Die
gemeinschaftliche Menage, sagt der Legationsrath, das tgliche Beieinander
stumpft die feineren, sinnigen Gefhlsfden ab, nur Verlangen und Entbehrung
weckt die edleren Seelenkrfte. Er will's mir auch ins Buch schreiben. Er
braucht es nicht, ich fhle es, ich wei es. Ich ward eine Andere, mein Mann
sagt, er kennt mich nicht wieder. Nun bin ich erst froh, ich wei, warum ich
lebe. Wir nicken uns durch die Lfte einen guten Morgen zu. Wenn ich ausfahre,
freue ich mich der frischen Luft; auch ihn khlt sie ja, wenn er ber die Haide
sprengt. Abends schttelt er treuherzig den Kopf und ruft mir Gute Nacht! zu.
    Adelheid fasste krampfhaft den Arm ihrer Begleiterin: Soll das Ihr Leben
dauern?
    Herr Gott, wie Sie zittern! - Warum denn nicht.
    Weil - allmchtiger Gott, ich glaube, der Versucher rauscht in den alten
Eichen! Nennen Sie das entsagen?
    Wie denn sonst? Der Versucher, das wei ich wohl, mit dem hat die Frstin
es zu thun, er vergiftet das Blut, sagt sie, und der sndhafte Gedanke zehrt an
der Seele, ein kleiner Fehltritt sei nichts gegen eine groe Gedankensnde. Ach,
die gute Gargazin ist eine Russin, sie kennt die Liebe nicht, die sich Alles
versagt, und nur fr den Geliebten sorgt. So, liebe Seele, wrden Sie lieben.
Wenn Sie den Herrn van Asten heirathen mssen, weil er Ihr Wort hat, thun Sie's,
und er wird gewi ein guter Ehemann werden, besser als meiner. Aber dann, wenn
Sie Ihre Pflicht gethan, wer darf Sie von Ihrem Bovillard trennen, o, dann
werden Sie selig, unaussprechlich selig werden.
    Adelheid fhlte einen Schwindel, es schwankte und drehte sich und ihr war,
als msse sie aus dem Wagen springen. Es war aber mehr als eine Empfindung der
aufgeregten Stimmung. Der Kutscher, wie sich nachher ergab, betrunken, hatte den
Wagen aus der Seitenallee in die Chaussee umgelenkt, ohne den Charlottenburger
Milchkarren, der leer aber langsam ihm entgegenfuhr, zu bemerken. Die Fuhrwerke
waren aneinander gestoen, freilich zum grern Schaden des Karrens, der
zerbrochen am Boden lag, die Blechgefe polterten auf die Strae, aber auch die
Equipage hatte sich bergelehnt, und Adelheid war jetzt zu dem gezwungen, wozu
vorhin innere Angst sie drngte.
    Als die Baronin noch um Hlfe schrie, hatte sie, rasch entschlossen, sich
schon danach umgesehen, und sie war zur Hand. Zwei einsame Spaziergnger waren
von den entgegengesetzten Seiten des Weges auf den Lrm herangeeilt. Adelheid
ri ihren Shawl von den Schultern, und warf ihn dem ihr Nchststehenden zu. Als
er aber die Arme ausbreitete, um ihr herabzuhelfen, fuhr auch ihr ein Schrei
ber die Lippen, kein lauter in dem allgemeinen Toben und Fluchen, aber laut
genug, da er Zweien durchs Herz fuhr, der, welche ihn ausgestoen, und dem,
welcher ihr die Arme entgegenstreckte. Walter van Asten sah, wie Adelheid sich
von ihm abwandte und umschlungen vom Arm des Rittmeisters Stier von Dohleneck
aus ihrer gefhrlichen Lage gehoben ward. Er hatte genug gesehen. Auch die
Baronin durchzuckte ein Ton, der nur halb ber ihre Lippen kam. Sie nahm die
Hlfe des jungen Mannes dankbar an: Ich danke Ihnen, sagte sie, ihr Haar in
Ordnung bringend, da gerade Sie es sind.
    Wir lassen unsere Leser auf der dunkelnden Charlottenburger Chaussee nicht
lnger verweilen: was geht uns der Lrm, das wste Geznk an zwischen Kutscher,
Milchmann, den umstehenden Schiedsrichtern und Helfern. Ein Rad war gebrochen,
in der Equipage konnten die Damen nicht mehr nach Hause fahren. Ihre Retter
fhrten die Erschreckten langsam, bis eine leere Kutsche ihnen begegnete.
    Adelheid wusste nachher nicht, was der Rittmeister mit ihr gesprochen, sie
wusste selbst nicht, ob es der ihr wohlbekannte Rittmeister gewesen, an dessen
Arm sie ging. Sie wusste nichts von sich auf dem viertelstndigen Wege. Erst als
man sie in den andern Wagen hob, fhlte sie einen Hndedruck. Walters Stimme
flsterte fest, aber nicht rauh und kalt: Zum Abschied, Adelheid! Nun bist Du
frei.
    Die Damen hielten ein gegenseitiges Schweigen fr die beste Unterhaltung auf
dem Rckwege. Adelheid hatte sich fest in ihren Shawl geschlungen, obgleich es
eine laue italienische Nacht war und die Baronin ihr Tuch abwarf, um sich nicht
zu echauffiren. Das junge Mdchen musste frieren, ihre Zhne klapperten, und es
waren wohl Phantasieen, wenn die Baronin oft die Worte hrte: Nur keine Lge
mehr!

                             Sechszigstes Kapitel.



                           Die Wollust der Mrtyrer.

Das war dem glnzenden Gesellschaftsabend vorangegangen.
    Es war noch etwas Anderes vorangegangen - im Souterrain des Hauses. Wer die
liebenswrdige Wirthin sah, wie sie mit mdchenhafter Grazie den Gsten
entgegeneilte, und ber das unerwartete Erscheinen von Dem und Jenem fast
kindlich erfreut schien, konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen
zweifeln. Wenn sie es auch nicht so meint, ist es doch angenehm, da sie es so
zeigt! Aber er konnte nicht ahnen, wie diese Augen, aus denen Wohlwollen und
Gte blitzten, vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel, ich sage nicht
lchelnd geblickt, aber theilnahmslos stier. Auch das passte nicht, vielleicht
mit der Wollust eines gesttigten Raubthiers, das seines Opfers Blut flieen
sieht.
    Der Kutscher hatte es allerdings verdient. Mit einer milderen Zchtigung
wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davon gekommen, rief sein
Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor,
welche der Haushofmeister ihm diktirt. Auf Ordnung mu ein Herr und eine Herrin
im Hause halten. Es war die Ordnung, da der dienstvergessene Leibeigene von
zweien andern eine Lektion empfing, deren Ma nur unsere Begriffe und die Kraft
unserer Nerven bersteigt. Auch da die Herrin zugegen war, um nach Handhabung
der Ordnung zu sehen, verstie nicht absolut gegen die Sitte. Nur da sie, mit
verschrnkten Armen an der Kellerthr stehend, so lange zusehen konnte, ohne mit
den Augenwimpern zu zucken, ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu
rufen, da um ihre Lippen ein eigenthmliches Lcheln schweben konnte, whrend
ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich
rthete, das musste einen besonderen Grund haben.
    Es hatte auch einen. In Gedanken versunken, in Phantasieen, die sie
interessiren mussten, schien sie eigentlich, was geschah, vergessen zu haben.
Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine bersehen, der
einen Augenblick inne hielt, in der Meinung, es sei genug. Ein Sklave darf keine
Meinung haben; als sie nicht gewinkt, fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit
fort. Die Herrin hatte es zu verantworten; er und der Kalmck waren nur die
Werkzeuge, vielleicht die willigen. Der Zoll von Herrendienst, den sie dem
Kutscher abentrichteten, war gewi nur eine Vergeltung fr viele hnliche, die
Jener bei anderer Gelegenheit ihnen geleistet. Es htte schlimmer werden knnen,
wenn nicht der franzsische Kammerdiener der Frstin zugeflstert: Madame la
princesse, je crains que les cris de la bte ne pntrent pas les oreilles de
Mademoiselle Alltag. Elle fait sa toilette tout prs de l'escalier. Da war die
Frstin aus ihren Trumen erweckt worden. Etwas unangenehm, schien es. Die
Alltag durfte nichts hren. Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt, inne zu
halten; sie wollte ungehalten sein, da man sie nicht frher aufmerksam gemacht,
aber sie sagte, der Anblick sei rebutant. Sie hatte etwas von pauvre homme
hingeworfen, und Anweisung gegeben, ihn gut zu pflegen, damit er bald wieder
seinen Dienst verrichten knne.
    Und sie hatte noch eine unangenehme Ueberraschung gehabt. Der Kammerdiener
hatte ihr auch etwas vom Herrn Legationsrath zugeflstert, was sie damals
berhrt. Oben fand sie ihn in einer Anwandlung von Ohnmacht auf dem Kanap.
    Possen! oder was ist das? fragte sie verwundert, als er sich durch die
Tropfen erholt, die sie aus ihrem Flacon gesprengt, und er selbst ein Flschchen
entkorkte, um durch das Einathmen wieder zum vollen Gebrauch der Sinne zu
kommen. - Ich kann kein Blut sehen, sagte er. Sie wissen es! - Starker
Mann! - Strkere leiden an Idiosynkrasieen. - Wer seinen Freund zum
Rendezvous auf zwei Kugelmndungen ladet! Es blieb zweifelhaft, ob die
Bemerkung ironisch gemeint war ihr Blick verrieth es nicht. Ihre Gedanken waren
noch anderswo.
    Die Kugel bringt den Tod, dem Andern oder mir. Ich frchte weder diese
Frage zwischen Sein und Nichtsein, noch das Eingehen in das Nichtsein. Aber das
Blut ist eine unvertilgbare Essenz, sprach er schaudernd, und sprang auf. Ich
kann nicht dafr, da meine Natur so ist, noch begreife ich's, warum die ewig
gebrende Mutter diese Anomalie in ihrem groen Schpfungswerk zulie. Ich
wische alle Tinten, Farben spurlos aus, aber warum widersteht dieser hssliche
rothe Saft, warum wird er so oft zum Verrther - Weil der Himmel das warme
Blut in unsere Adern go, rief die Gargazin, als den kstlichen Saft, in dem
wir uns berauschend einen Vorgeschmack seiner Seligkeit trinken mgen. Das
begreifen Sie freilich nicht, Mann von Marmor. - Den Rausch begreif ich,
Erlauchte Frau, auch den Rausch in Blut. Aber nicht, verzeihen Sie, wenn es
durch Geielhiebe aus dem - Rcken einer elenden Kreatur gepeitscht wird. Alles,
was man ohne Zweck thut, ist meiner Natur entgegen. - Der Zweck! Kurios!
Fragen Sie meinen Haushofmeister. Der Mensch hat es verdient. - Da Sie sich
selbst strafen, und Ihren besten Kutscher zerschlagen lassen, damit er sechs
Wochen nicht auf dem Bock sitzen kann, wenn je wieder? - Ich war in einer
animosen Laune. Wer widersteht einem Impuls? - Darum war ich um meine
Erlauchte Freundin besorgt, denn der Exce in der Bestrafung knnte in diesem
Staate unangenehme Folgen haben. Die sich redressiren lassen. - Gewi, es
bleibt inde immer sehr unangenehm, wenn man seine Krfte zum Redressiren von
Vergangenem verwenden mu. Die Meinung, das Publikum bt eine Macht, die wir
durch den Widerstand nur intensiv strker machen. Wenn es hiee, die Frstin
Gargazin hat ihren Leibkutscher zu Tode prgeln lassen, so wrde man die
Gerchte wohl zum Schweigen bringen, weil Sie die Frstin Gargazin sind, auch
fr die Oeffentlichkeit wrde die Wissenschaft Atteste bereit haben, da der
Kutscher an einem organischen Fehler gestorben ist, aber das Todesrcheln des
Zerfleischten mchte doch etwas Leichengeruch in den harmonischen Duft hauchen,
den der Liebreiz einer Natalie Gargazin um sich gezaubert.
    Sie schwieg, aber ihre Lippen schwellten sich unmerklich zu einem sen
Lcheln. Von dem Gesprochenen hatte sie wohl nur einen Theil gehrt. Mit wieder
auf der Brust verschlungenen Armen, wie vorhin, sprach sie: Sie sahen den Tod
und ich das Leben, Sie das Entsetzen und ich - ich, was kann ich dafr, da ich
anderer Natur bin, Herr von Wandel! Pawlowitsch wird nicht sterben, diese
Geschpfe haben eine andere Natur. Sie kennen das nicht. Er ist mein treuester
Diener. Meinen Sie, da er mich weniger lieben wird, weil ich ihn zchtigen
lie? Wenn er genesen ist, versichere ich Sie, wird er mit verdoppelter Devotion
sich auf die Erde werfen, meinen Rocksaum kssen und bei seinem Heiligen fr
mich beten. Und ich, ich theile diese Gefhle der Anhnglichkeit fr das
Geschpf. Ich empfand die Geielschlge mit. - Lachen Sie nur! Das verstehen Sie
eben nicht. Sie knnen auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen, oder
wenden dem schnsten Bilde aus Ekel den Rcken. Mich ergreift immer eine
unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen, mein Blut wallt, mein Krper empfindet
sie mit; dieses spritzende Blut, ich sehe es schon in Rosen und Lilien
verwandelt, diese Rthe des uersten Schmerzes auf den Wangen, der
Todesschwei, die verzckten Augen, die krampfhaften Verrenkungen, mir werden es
lauter Schnheitslinien, und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen,
durchschauert mich schon Harmonie und Vollendung.
    Das heit ein Luterungsproze in procura gefhrt, sagte der
Legationsrath, oder er dachte es vielleicht nur, denn die Frstin, in sich
versunken, schien auf seine Erwiderung kaum zu achten. Wenn man nur dem
Geschpf diese Ueberzeugung auch einimpfen knnte, so wrden seine Schauer, die
wie ich glaube, gemeinerer Art sind, sich gewi auch in eine wollstige
Empfindung auflsen.
    Sie wrden es! rief die Frstin. Wer sagt Ihnen, da sie es nicht schon
sind! Er leidet fr seine Herrin, die er anbetet, er leidet durch ihren Willen,
und er kennt kein hher Gesetz. Diese Leibeigenen sind glcklicher als wir, mein
Herr Legationsrath von Wandel. Wie das Animal, die Pflanze, stehen sie dem
Ursprnglichen nher. Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem
Paradieseszustande zurck, in dem sie existiren. Wie die Lilie auf dem Felde,
wie der Vogel im Busch, freuen sie sich der Sonne, die sie bescheint, sie legen
ihr Haupt nieder auf den grnen Rasen unter freiem Himmel, oder auf die Bank,
die man ihnen am Ofen gebaut. Sie denken nicht, sie sorgen nicht auf den andern
Tag; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe. Sie kennen unsere Pein
und unsere Qualen nicht, unsere Zerrttung und Zerrissenheit steht ihnen fern.
Sie wrden sie so wenig begreifen, als der Herr von Wandel, warum der Erlser
fr uns gelitten hat, warum in Natur und Welt es so gefgt ist, da immer ein
Anderer fr den Schuldigen leidet, da es Sndenbcke gab im alten Testament,
Mrtyrer und Heilige, die den Ueberschu ihrer guten Werke uns als Erbe lieen.
Diese Sklaven singen und lachen, whrend wir, die Erwhlten, die tausend Nadel-
und Dolchstiche empfinden, die Welt und Verhltnisse tglich in unser Herz
drcken, und wir mssen dazu ein lchelnd Gesicht machen, auch wenn wir in
krampfhafter Pein vergehen mchten. Was ist das Bischen Noth dagegen, das unsere
Laune ihnen bereitet; die schpferische Laune, die heute qult und morgen dafr
entzckt.
    Warum stehen Sie in Gedanken verloren? hub sie nach einer Pause wieder an;
ihre Verzckung, wie es schien, hatte sich gelst. Sie lie die Arme sinken, und
sah ihn fast mitleidig an. Sie armer Mann, was ich Sie bedaure in dem
hochmthigen Mitleid, was Sie in dem Augenblick ber die Schwrmerin empfinden
mgen. - Ich bedauerte nur, erwiderte er, da die Gottheit, die wir uns als
mnnliches Wesen denken, kein Weib ist. Wie viel schner wrde ihre Welt sein.
- Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen. Sie thun mir so unendlich weh,
weil jede Entzckung Ihnen versagt ist. Aber ich appellire an Ihren Verstand.
Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten? Diese Masse, diesen Pbel, das Chaos
von kriechendem Gewrm, das fliegen mchte und nicht aufrecht gehn kann! Wer
soll sie bndigen, fesseln, wenn keine eherne Faust, umspielt von sen
Himmelslichtern, da ist, keine beseligende Illusion; diese gemeinen, rohen,
selbstischen Kreaturen, die aus Habsucht Einer auf den Andern strzen, sich
zerreien, verzehren mchten. Sie kratzen sich die Augen aus, damit der Bruder
nicht schrfer sieht, sie verschlingen die Vorrathskammern, die ihren eigenen
Winter sichern sollten, damit die Mitmenschen nicht im Vollen leben. Tuscht sie
der Popanz Humanitt, den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzhimmel malen,
und Jeder stellt dem Andern ein Bein, und Gift auf der Zunge, Erbschleicherei,
Betrug, Raub, Brudermord lauert unter der Lmmermaske dieser Alltagsgesichter.
    Der Popanz tuscht mich nicht, Prinzessin, sagte Wandel. Mich tuscht
berhaupt nichts. Ja, knnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene
einpferchen in die dumpfen Stlle alter Gewohnheiten. - Schade nur, da es auch
nur eine Illusion ist, und wenn - die Priester wrden sich untereinander auch
auffressen.
    Hoffen Sie noch auf die Vernunft. fuhr die Frstin fort, die ihn wieder
nur halb gehrt. Die Gttin, die sie in Frankreich auf die Altre hoben, hat
doch zu aller Welt geschrieen: seht, wie albern und ohnmchtig ich bin! Oder
hoffen Sie's mit dem Geist, der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewrm
wetterleuchtet. Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland, in Philosophen und
Gesetzgeber, in verstockte Mnche, Stubengelehrte und Frsten auf dem Thron. Was
hat er gezndet, gewrmt und gefruchtet! Die dumpfen Stlle der alten Gewohnheit
hat er in Brand gesteckt, aber die Unglcklichen, daraus Vertriebenen, wo fanden
sie anderes, helleres, wrmeres Obdach! Feuersbrnste hat er angefacht, Wlder
und Haiden verzehrt, aber wo nur eine Fackel angezndet, die in der Nacht
leuchtet, welche immer darauf wieder eintrat. Da lobpsalmen die alten
Weiberstimmen in den nchternen Kirchen den Herrn, da er die Greuel des
Aberglaubens und der Finsterni verscheucht hat, aber wo blieb ihr Licht, das
ihnen leuchtete, durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte,
wo ihr Haus, das die Mden und Beladenen aufnahm, wo das Gelut der
Himmelsglocken, die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten, wo der
Schlafpelz, die weiche Brenhaut, in die sie sich hllten, und alle Sorgen waren
vergessen! Wo in aller Welt knnen diese Verirrten, Heimatlosen, anklopfen in
ihren Aengsten, ihrer Zerrissenheit, um den Trost zu finden, den nur die
Gewiheit giebt! Was hilft's ihnen, wenn sie sich von des Teufels Krallen
gepackt fhlen, und der gelehrte Herr mit den Pffchen setzt die Pfeife fort, um
vornehm herablassend der armen Kreatur mit rationalistischer Salbaderei zu
demonstriren, da der Teufel wahrscheinlich nicht existirt. Um etwas Gewisses,
Festes, Sicheres schreien sie, und er setzt ihnen eine Schssel Schlangeneier
vor, aus denen, statt eines, tausend Zweifel schlpfen!
    Diesmal war es der Legationsrath, welcher nicht Acht gegeben. Er hatte mit
seinen Augen einen Punkt fixirt, und packte pltzlich den Arm der Frstin am
Handgelenk: Ein Blutfleck!
    Der Aermel ihres Mousselinkleides trug unverkennbar die Spuren eines darauf
gespritzten Tropfens. - Ich habe es wirklich nicht gesehen. - Aber Andere
werden es sehen. Um des Himmels willen, wechseln Sie das Kleid, ehe es Jemand
bemerkt. Adelheid - Interessiren Sie sich so fr das Mdchen? sprach die
Frstin, der die Unterbrechung nicht unerwnscht zu kommen schien, indem sie den
befleckten Aermel mit den Fingern prfte. Es war ein eigener Ton, in dem sie
fragte, der bare Gegensatz zu dem Affekte, in welchem das Vorige gesprochen war.
    Nicht im geringsten. Ich interessire mich fr den Gegenstand, der Ihr
Interesse erregt hat. Da ich Ihre Absichten ahne, mu ich wnschen, da jeder
Nebelfleck, der Ihren Anblick vor den Augen der Unschuld trben drfte, entfernt
wrde.
    Sie sah ihn scharf an: Sie sind die Uninteressirtheit selbst. Und doch -
zuweilen fllt vor meinem Auge Ihre schne Hlle ab wie Staub und Moder, und das
nackte Gerippe starrt mir entgegen; das Herz von chemischen Agenzien zernagt.
Aber glauben Sie nicht, da ich erschrecke. Ich betrachte gern die Natur in
ihrem geheimsten Schpfungsproze, wie sie ihr Schnstes und Bestes muthwillig
selbst vernichtet. O, immer zu, die Natur ist eine elende Kammerzofe des
Mysteriums, aus dem die Gnade leuchtet. Immer zu, mein Freund, sich selbst
verzehrt, bis der Durst brennend, unertrglich wird! Dann verlangen auch Sie
nach dem Quell. O, welche Kmpfe wird es Ihnen kosten, wie wird diese Stirn
rollen vor stolzem Zorn, wie diese Riesenbrust toben vor unaussprechlicher Pein,
wie werden Sie wthend mit der Faust dagegen schlagen, ringend einen
Gigantenkampf mit dem Selbstbekenntni, bis - bis der Riese krachend zu Boden
strzt, und wie ein Kind an der Mutter Brust liegt! Wie werden Sie schlrfen,
unersttlich an dem Born der Gnade!
    Mais en attendant? sagte der Legationsrath. - Rhrt Sie denn nicht
Adelheids Schnheit? - Da ich nicht wsste. - Mir unerklrlich, mein Herr
groer Snder. Anfnglich hielt ich es fr Verstellung, Sie wollten mich
tuschen. Jetzt haben Sie mir nicht allein die Beruhigung gegeben, sondern auch
das Rthsel zurckgelassen, da das Mdchen Sie kalt lsst. Ist sie Ihnen eine
zu vollkommene Schnheit? - Kunstkenner gehen auch an vollendeten
Meisterwerken vorber. - Weil nur die sie interessiren, fiel sie ein, die
Mngel haben. Ist's der Egoismus des kritischen Sinnes, der immer korrigirend
schaffen mchte? - Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sagen Sie, eine
Antipathie gegen was man reine Unschuldsseelen nennt. Es berkommt mich ein
Frsteln in Gegenwart solcher jungen Mdchen. - Ich begreife es, weil ich es
mitfhle. Aber - Sie selbst kajoliren die Nymphe. - Sie wissen, warum. -
Und eben deshalb wundre ich mich, da Sie dem jungen Bovillard den Zutritt in
Ihr Haus erleichtern.
    Die Gargazin sah ihn schadenfroh an: Fr die Naivheit mchte ich Sie
kssen. - Sie protegiren ihn nicht? - Wenn man Erz schmelzen will, braucht
man Feuer. - Wenn man aber das Feuer ber den Kessel schlagen lsst, kann es
leicht kommen, da das Erz berluft und verdorben wird. - Qu'importe! sagte
die Frstin und stubte an dem Fleck am Aermel. Was nennen Sie verdorben
werden? - Ich scheue nicht vor einem gewagten Spiel, aber ich frage mich
vorher, ob der Vortheil das Risiko lohnt? - Was geht Sie meine Rechnung an?
Einen Stein kann man nicht schmelzen, man sprengt ihn oder wartet, bis der Blitz
ihn spaltet; das Erz kann man aber so lange glhen und wieder zerglhen lassen,
bis man es zu der Form geschmeidig findet, die man ihm geben will. Wollen Sie
sich in Adelheid verlieben, Ihre Knste an ihr versuchen, ich habe nichts
dagegen, ich will nicht eiferschtig sein. Sie liebt ihn, ich meine Bovillard,
das ist ihre Krankheit, die verborgene, die an ihr zehrt. Sie mu heraus, die
Krisis ist nothwendig; darum wird sie kommen, ohne da wir etwas dazu thun.
Verstehen Sie mich, wir lassen die Natur walten. - Und dann? - Wenn Sie die
Bibel lsen, wrden Sie wissen, man soll nicht fr den andern Morgen sorgen.
Sein Sie heut Abend liebenswrdig, Herr Legationsrath. - Ich bin nicht ganz
disponirt. - Sie sollen es sein, Sie knnen es sein. Herr von Bovillard hat
nur zwei Augen, und die gehren jetzt nicht ihm.
    Die Wagen fingen an vorzurollen; die Frstin verschwand mit dem wiederholten
Befehl: Sein Sie liebenswrdig! - Sie hatte kaum Zeit, ihre Toilette zu
ndern, aber Niemand hat den Blutfleck an ihrem Aermel gesehen.

                          Einundsechszigstes Kapitel.



                         Was sagen Sie zu meiner Frau?

Das war dem glnzenden Gesellschaftsabend vorangegangen.
    Der Abendstern, der heute glnzen sollte, sagten wir schon, erschien aber
wie ein erlschendes Licht. Die Tne, welche im Souterrain das Ohr zerrissen,
waren nicht zu Adelheid gedrungen, und wenn einer, so ahnte sie nicht den Grund;
es war fr sie nur in der Luft das dumpfe Accompagnement ihrer eigenen
zerrissenen Gedanken. Nie war ihr eine Toilette schwieriger geworden. Sie
dachte, so msse einem Verurtheilten zu Muthe sein, wenn er sich zum letzten
Gange ankleidet.
    Zum Glck war die Aufmerksamkeit heute nicht auf die blasse Adelheid
koncentrirt; sie richtete sich vielmehr auf eine andere Erscheinung, von der man
sagen drfte, da sie in voller Blthenpracht war.
    Aus einiger Entfernung sah die junge Dame an der Threcke wie ein liebliches
junges Mdchen aus, dem die Scham die Wangen rthet, die Augen schlgt sie
nieder in holder Befangenheit. So schchtern stand die Gazellengestalt, halb
bedeckt von dem Oleanderbosket, das aus irdenen Tpfen in malerischer Unordnung
um den mit Epheu umhangenen Thrpfosten duftete. Die schne Blthe zitterte vor
jeder Berhrung, wenn wir die Begegnung, die Ansprache der lteren Damen, welche
die Thr passirten, so nennen sollen. Das Wechselgesprch war immer sehr kurz;
man konnte glauben, zur Zufriedenheit des jungen Mdchens, das vielleicht erst
seit Kurzem in die Gesellschaft eingefhrt war, und der Boden unter ihr brannte,
vor Angst, da sie einen Versto begehe. Wenn man einen Schritt nher trat,
verwandelte sich die Achtzehnjhrige allerdings in eine vollblhende
Zwanzigerin, die Moosrose ward zur vollen Centifolie. Aber schn blieb sie, man
konnte unwillkrlich rufen: wunderschn! Wem das dunkle, schwimmende Auge
zwischen den schwarzen Brauen und den rothen, anmuthig schwellenden
Pfirsichwangen einen Blick zuwarf, musste von Stein sein, wenn er nicht gerhrt
ward. Und war sie nicht eine Zauberin, eine Armida? Zwischen den Oleandertpfen
schossen eine weie und eine Feuerlilie in die Hhe, und bunte Glaslampen,
damals etwas in Berlin Unbekanntes, warfen ihr Zauberlicht auf die Blumen und
das schne Mdchen, das sich auf ihnen zu wiegen schien wie eine Titania, Grazie
jede Bewegung. Wie sie mit den Blumen in ihrer Hand spielte die sie vielleicht
in Gedanken von einem Strauch gepflckt, das war kein gewhnliches Fcherspiel,
das die Verlegenheit verbergen soll und die fehlenden Worte ersetzen. Es war die
Sicherheit einer Knigin, die den Herzen zu gebieten wei, unbesorgt um ihre
Herrschaft. Wenn sie die sanft geworfenen Lippen ffnete und die schnen Zhne
im Gesprch zeigte, konnte man schwren, wenn man auch kein Wort verstand, da
sie eine witzige Replik, eine glckliche Bemerkung hinwarf. Sie konnte auch
abfertigen, und man mochte ebenso schwren, da die Vielen, die mit ihr eine
Unterhaltung anknpften, aus Lust oder aus Gelegenheit, ihr nicht gengten.
    Wenn man inde noch einige Schritte nher trat, - doch wir knnen unsre
eignen Beobachtungen sparen, wo eine Gruppe Herren, an der Thr gegenber, sich
die ihrigen schon mittheilten.
    Was hat sie denn heut fr ein Roth auf, sagte ein Garde-Offizier. - Wer?
- Comte Laura. Das blinkert ja wie eine Karmoisinmuschel. - Neueste
Josephinenschminke, liebster Graf, drngte sich der Baron Eitelbach an sein
Ohr. Bei Herrn Arnous vorige Woche frisch aus Paris. Die von der Oper sind
auer sich, ist ihnen zu theuer. Was kann der Schnheit zu theuer sein, sage
ich. - Und greifen in die Tasche.
    Der Baron hielt allerdings beide Hnde in den Seitentaschen, und es
klimperte etwas von Geld, aber er zuckte die Schultern: Frs ganze Corps de
Ballet! Na, hren Sie, das bringt mir ein ganzes Regiment nicht auf. Alles was
recht ist. - Sie sparen's fr Ihre Frau Gemahlin. - Ein sublimer Einfall von
Ihnen, Graf, wahrhaftig, ein sehr sublimer. Wie sie bla aussieht gegen die
Laura! Aber sie will sich nicht schminken. Partout nicht mehr. - Hat's auch
nicht nthig, sagte ein dritter Intimus.
    Meinen Sie? - Ich sage Ihnen, die Schminke bringt 'ne Revolution hervor.
Das ist ein Geschicke zu Arnous, aber - die alte Vo und - na warten Sie nur,
ich kann sie Ihnen alle nennen, die schon von haben. Sind ihrer nicht viel: aber
passen Sie acht, eh' vierzehn Tage um sind - Wenn die Mnner die Thrnen auf
den Wangen sehen, sagte der dritte Intimus, greifen sie doch in die Tasche,
und wenn das Roth pures Gold wre. - Gold, ein charmanter Einfall! rief der
Baron. Wenn's Mode wrde, echtes Gold auf die Backen! Bei Gott, ich gbe was
drum: wie die Weihnachtspfel. An den Backen she man's den Frauen an, was ihre
Mnner sind. - Eine Taille, auf Ehre doch, wie 'ne Wespe, sagte der
Garde-Offizier. Ich sollte meinen, wer sich so schnrt, braucht sich gar nicht
zu schminken. - Und Fchen, 'ne Pariserin knnte sie beneiden, meinte der
Dritte. - Das tnzelt nur so auf dem Boden. - Was fr welche hat meine Frau
dagegen! Sehn Sie mal, rief der Baron und nahm eine Prise. - Eine Heroine mu
nicht auf Tnzerfen stehn. - Heroine! charmanter Einfall. Meine Auguste eine
Heroine. Wie sie mit einander parliren! Ich versichere Sie, auf Ehre, meine Frau
spricht jetzt wie ein Buch. Immer Schiller im Munde.

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Erzeugt in dem Hirne des Thoren!

Damit weckt sie mich alle Morgen. Bei Gott 's ist wahr. Macht Alles die
unglckliche Liebe. - Schade, Baron, da Sie sich nicht auch unglcklich
verlieben knnen. - Warum kann ich's nicht? - Weil Sie zu reich sind. Wer
Geld klimpern lsst, ist immer glcklich in der Liebe. - Sie sind ein
charmanter Mensch, aber was soll mir die unglckliche Liebe? - Sie knnten
dann auch einmal mit der Tugend in Berhrung kommen. - Was hab' ich von der
Berhrung? - Tugend vermehrt den Kredit.
    Der ganze Krper des Barons zuckte in der nicht wohl zu beschreibenden
Bewegung eines Gesttigten, welcher gleichgltig eine Schssel vorber gehen
lsst, an der die Blicke der Hungrigen noch verlangend schweben. Er bedurfte
nicht mehr Kredit, als er besa. Aber auch der Satte lchelt, wenn seine Gste
die Speisen loben, die er ihnen vorgesetzt. Der Baron von Eitelbach lchelte
wohlgefllig ber die Bewunderung, welche man der Schnheit seiner Gemahlin
zollte, whrend man ihre Reize mit der Comte verglich. Zum Vortheil der
ersteren, es waren Kenner, die hier urtheilten. Auf den Hacken sich wiegend, die
Hnde noch immer in den Taschen, die breite Unterlippe aufgeworfen, hatte er
gleichgltig die Gesellschaft im andern Zimmer gemustert, whrend sein Ohr doch
bei der Unterhaltung blieb, als er es fr schicklich hielt, eine Diversion zu
machen: Sehn Sie mal, wie die Alltag eingepackt hat. Gar nicht wieder zu
erkennen.
    Das Kennerauge des dritten Intimus lie sich nicht tuschen. Vorbergehende
Indisposition. Frisch begossen und die Blume ist wieder in voller Pracht. Ueber
die Indisposition lchelten die Kenner; der Baron fhlte sich geistreich
gestimmt; er nannte die unglckliche Liebe eine Klippe fr die Schnheit. Lob
erntete er dafr nicht, denn die Aufmerksamkeit der Andern war wieder auf die
schne Comte gerichtet.
    Auf wen mag sie nur vigiliren? - Sie ist unruhig. - Warum steht sie
aber wie eine Schildwacht an der Thr? - Mu wohl seinen Grund haben. - Halt!
sehn Sie, schon wieder - Die drei Kenner rckten die Kpfe noch nher zusammen.
Comte hatte whrend des Gesprchs nochmals durch die Thrritze geblickt. Das
mu man doch rauskriegen. Welcher Magnet steckt in der andern Stube?
    Wie der Zunchststehende sich auch auf den Spitzen seiner Schuhe erhob,
konnte er doch nur einen Theil des Zimmers bersehen. Da kam pltzlich ein
anderer Gegenstand aus demselben, und mit vielen Verbeugungen durch die beiden
Damen schlpfend, erreichte er die beobachtende Gruppe.
    Der Geheimrath Lupinus von der Vogtei war gewi nicht gefhrlich, fr das
Auge keiner galanten Dame, die noch auf Jugend Anspruch macht; aber je schrfer
das Auge der Liebe ist, um so blinder wird es fr die Gefahr, die von
Beobachtern droht. Das schlaue Gesicht des Geheimraths verrieth, da er
Neuigkeiten geangelt, nnd seine freudige Miene, da er den Markt erreicht, wo er
sie absetzen konnte.
    Rathen Sie! sprach er, sich die Hnde reibend. - Das lohnte noch der
Mhe. - Ein neuer Gegenstand? - Funkelnagelneu. - Raus mit der Sprache,
was wissen Sie? - Sehr viel. Die letzte Aventure wird nur vertuscht, aber
parole d'honneur, Sie knnen sich drauf verlassen, sie ist so - Sie meinen die
mit der Schildwacht - der Kerl kann doch nicht hier sein! - Ist eingestiegen,
Herr Baron, so gewi ich vor Ihnen stehe. Herr Graf verziehen die Miene, in der
Garde hat man sich das Wort gegeben, nicht davon zu sprechen. Nun, ich schweige
in Devotion, wenn's verboten ist. - Was geht's mich an, sagte der Offizier
mit einem nicht zu unterdrckenden Schmunzeln, und wenn der Grenadier dafr
Spieruthen laufen mssen, so wsst' er doch wofr. - Dazu ist's aber nicht
gekommen. Die Disciplin hat aus Galanterie ein Auge zugedrckt. - Sie hat ihn
wirklich ins Fenster gewinkt? fragte der dritte Intimus. - In den Communs, Sie
wissen doch in Potsdam die kleinen hollndischen Huschen neben dem
Marmorpalais. Der Geheimrath sprach es, mit vorgehaltener Hand, dem Fragenden
fast ins Ohr. Er musste es aber mit solcher Kunst accentuiren, da es auch den
beiden Andern nicht entging. Ja, warum hat man fr Kavaliere und Hofdamen so
niedrige Fenster gebaut, a ne cote qu'un pas! Warum dufteten die Linden so s
in der lauen Nacht? Warum schlugen die Nachtigallen so verfhrerisch? Warum
stellt man einen jungen Grenadier, sechs Fu hoch wie ein Apollo, vor das
Kammerfenster einer schnen Hofdame? Warum schien der Mond so sehnschtig und
beleuchtete den jungen Mars. Da ist gar nichts bei zu verwundern, und eigentlich
trgt Niemand die Schuld, denn Gott bewahre, da er ins Fenster geklettert wre,
so ein sechsfiger Kerl braucht nur den Fu hochzuheben, so ist er drin. -
Und?
    Das einzige Unglck war, da die Uhren in Potsdam nicht stimmten, denn als
die Ablsung kam, hatte es drinnen noch nicht voll geschlagen. - Dem
Glcklichen schlgt keine Stunde. - Superbe Bemerkung des Herrn Domherrn. Die
Esel - verzeihen Herr Graf, es war wohl nur der betrunkene Unteroffizier,
machten Lrm, und - wie gesagt, wenn nicht glcklicherweise der junge Prinz
Hohenlohe bei der Patrouille gewesen wre - Man deckte den Mantel der Liebe ber
die Affaire, schmi den Unteroffizier, weil er in der Betrunkenheit einen
falschen Rapport gemacht, auf achtundvierzig Stunden ins Cachot, seine Kerls
waren Stockpolen, die nicht deutsch hren und sehen knnen, man zeigte ihnen den
Bambus, wenn sie sich einfallen lieen, etwas auszuschwatzen, was sie nicht
verstehen, brigens ein Paar Louisd'or Schmerzensgeld Ah, Prinz Hohenlohe hat
wie ein Kavalier gehandelt. - Und doch wusste man's, ehe der Morgen graute in
Potsdam, schon in allen Wachtstuben.
    Meine Herren, sagte der Garde-Offizier in vertraulich offizisem Ton,
Diskretion! Man wusste es auch schon am andern Morgen in Berlin, aber auf der
Wachtparade gab man sich das Wort - Ich rathe auch Ihnen -
    Discretion pour jamais! rief der Geheimrath, den Finger an den Lippen.
Ihro Majestt die Knigin darf nichts davon erfahren, wandte er sich zu den
Andern. Die liebe Comte, es ist doch ein gar zu charmantes Kind, und bei Licht
besehen, was ist es denn? Eine Vision, die Phantasie einer lauen Juninacht - -
Aber nicht die erste, schmunzelte der Baron, in der Dragonerkaserne wissen
sie auch davon zu erzhlen.
    Mon cher baron, l'amour rgne partout, aber

Was bei Mondenlicht gesponnen,
Verrinnt beim Licht der Sonnen.

    Der Kerl aber, der Grenadier, ist nach Warschau in ein Regiment gesteckt,
sagte der Offizier. Und er war nicht von Mondschein gewebt, das versichere ich
Sie.
    Monsieur le comte, die Erscheinung im Zimmer ist auch schwarz von Kopf bis
Fu, ordentlich spectre-artig, nahm der Geheimrath wieder das Wort. Das blasse
Gesicht in der weien Hand, ruht er auf dem Sopha, den Clacque auf dem Schoo,
die Beine unnachahmlich hingestreckt, die andere Hand im Knopfloch am Herzen,
als wenn er eine tiefe Wunde verstecken will. Soll ich Ihnen noch das schwarze
Haar beschreiben, in dem zuweilen diese selbe Hand whlt? - Nein, die Augen sind
noch dunkler. Schade nur, da sie nicht ein einziges Mal nach der Thrritze
gerichtet sind, um die andern schwarzen Augen zu sehen, die sehnschtig
durchblicken. Je vous assure, wenn die sich begegneten, die einmal Funken
zusammen schlgen, Stahl und Feuerstein -
    Hol' Sie der Kukuk, Geheimrath, wer ist's? - Impertinent! sagte eine
herzutretende Dame. C'est affreux, die andere. - Il joue l'Anglais!
erwiderte Jene. Beide kamen durch die bewusste Thr; die Baronin aber, am Arm
die schne Laura fhrend, mit ihnen zugleich.
    Warum ereifern Sie sich, meine Damen! Mir und Comte Laura ist's vorhin
auch so passirt. Er merkte uns erst, als wir uns neben ihm aufs Sopha setzten,
und dann redete er uns fr Andere an. Nicht wahr, Comte? - Er ist zerstreut,
sagte die Comte und war es selbst.
    Haben wir's ihm bel genommen? - I Gott bewahre. Wenn mich Einer nicht
sehen will, lass' ich ihn stehn.
    Aber, gndige Frau, wer ist er denn, da er sich so etwas herausnehmen
darf? - Ach Gott, vom jungen Bovillard ist man weit mehr gewohnt. Erinnern Sie
sich noch - Doch werden Sie mir zugeben, da Damen in einer Gesellschaft wie
diese mehr Conduite von Herren voraussetzen drfen, wenn sie dahin gehren.
    Der letzte Satz ward von den seinen Lippen sehr scharf betont.
    Wen die Frstin eingeladen hat, der gehrt doch her.
    Mein Mann meinte, erwiderte die Andere, die noch nicht Lust hatte, von
ihrem hohen Pferde zu steigen, es gehre doch ein eigner Tic dazu, einen
Menschen von der Renomme ihrer Socit aufdringen zu wollen. Mein Mann ist
sonst gar nicht skrupuls, und gegen unsre erlauchte Wirthin fllt es mir auch
nicht im entferntesten ein, damit etwas gesagt zu haben. Sie wird wohl ihre
Grnde haben, warum sie Leute zusammen bittet, die nicht zusammen gehren.
    Beste Frau Staatsrthin, erwiderte die Eitelbach, wozu wren denn die
Gesellschaften, als da sich Die zusammenfinden, die noch nicht zu einander
gehren. Wenn man immer nur alte Bekannte she, das wre ja langweilig.
    Philosophie, wie sie auch ist, im Munde einer schnen Frau, erwiderte die
Staatsrthin mit sem Lcheln, ist immer liebenswrdig. Nur begreife ich
nicht, wenn der junge Herr von Bovillard so viel zu denken hat, warum er seinen
Penses gerade in einer Gesellschaft nachgeht.
    Wissen Sie, wie mir eine Gesellschaft vorkommt? entgegnete die Eitelbach.
Als wie eine Komdie, wo Jeder anders aussieht und anders spricht, als ihm zu
Muth ist. Uns werfen sie vor, da wir uns putzen und schnren und auflegen und
ausstopfen - Ihr Herren mgt immer laut lachen, ich seh's doch, wie Ihr's
innerlich thut. Das genirt mich gar nicht, denn die Mnner spielen mehr Komdie
als wir. Ach Gott, wenn sie sich prpariren, liebenswrdig zu scheinen, um Einer
die Cour zu machen, wo sie's gar nicht so meinen. Und wenn Einer vornehm thut,
als htte er eine Elle verschluckt, oder gelehrt redet, als wr's ein Buch, da
mchte ich ihn immer fragen: warum qulst Du Dich denn? Wenn Du raus bist,
sthnst Du doch auf und schlenkerst mit den Armen, als wenn Du den engen Rock
aufreien wolltest und denkst: Gott sei Dank, da es aus ist. Warum hast Du denn
angefangen, warum bist Du nicht gekommen, wie Du bist, und hast gesprochen, wie
Dir der Schnabel gewachsen ist?
    Der Baron Eitelbach rieb sich vergngt die Hnde: Was sagen Sie zu meiner
Frau, Frau Staatsrthin?
    Sie wird doch Ausnahmen machen. Sie ist nicht so grausam, uns Alle zu
verdammen.
    Da ist Einer wie der Andere. Jetzt merk ich's erst, aber ich habe es lngst
gewusst.
    Ihren Herrn Gemahl werden Sie wenigstens ausnehmen?
    Die Baronin schien sich zu besinnen, indem sie ihn anblickte, Ihre Antwort
begann mit einem lang gezogenen Na! - Das ist wahr, ein Petit-Maitre will er
nicht sein, und die Cour macht er auch nicht, nmlich in Gesellschaften, und
spricht auch nicht, als ob er die Weisheit mit Lffeln gegessen htte, denn er
macht sich nichts aus den Gelehrten, aber -
    Das Aber der schnen Frau, als sie inne hielt, schien lautlos von allen
Lippen wiederholt, nur ihr Gemahl rief es laut lachend: Aber, Auguste, nur raus
damit!
    Ah, rief sie rasch, mein Mann thut jetzt, als wenn er wnschte, da ich
Alles ausplaudern sollte, weil er so thut, als ob er sich nichts draus machte.
Nachher, zu Hause, und im Wagen schon, wrde er mir das Kapitel lesen: Aber,
Auguste, wie konntest Du wieder! Sehn Sie, wie er das Kinn im Halstuch
versteckt. Er mchte Sie glauben machen, da er sich vor Lachen ausschttet,
aber - aber ich will keine Komdie vor Ihnen auffhren.
    Das Urtheil ber die Baronin lautete heute sehr verschieden. Wer htte es
von ihr gedacht! sagte die Dame, welche wir als Staatsrthin angeredet hrten.
Frher nicht den Mund geffnet, ohne eine Betise zu sagen und wirft jetzt mit
Sottisen um sich!
    Ich wei aber nicht, entgegnete die Andere, ob mir das rohe Tuch nicht
lieber war, als die neue Appretur im Lagerhause.
    Die sie inde gewi nicht dem Bgeleisen ihres Mannes verdankt, fiel die
Erste ein. So lange sie neu ist, wird ihre Neuheit frappiren; ich frchte aber,
da es mit dem Glanze gehen wird, wie mit dem Tuche ihres Gemahls: nach den
ersten Regengssen wird es fadenscheinig.
    Die Urtheile der Mnner lauteten gnstiger. Einige gingen so weit, zu
behaupten, sie htte ihren Verstand nur cachirt oder ihr Mann ihn nicht
aufkommen lassen, wogegen Andere wollten, er sei vielleicht gerade durch die
Reibung mit ihm ins Leben gerufen. Die Feineren lchelten: es war ja die Wirkung
der Liebe. Die Flammen hatten eine Eiskruste oder Bleirinde gesprengt.

                          Zweiundsechszigstes Kapitel.



                                 Nationalitt.

In einem anderen Zimmer sah man Staatsmnner, Gelehrte und Knstler sich um die
Wirthin bewegen. Die Zeitverhltnisse, die Politik waren in das Gesprch
gezogen, aber mit jenem Takt, der alles Bestimmte und Persnliche ausschlo.
    Eine jener Stimmen war hier erklungen, die damals nur wie vereinzelte
Akkorde, Trompetenste aus einem mythischen Lande, in das Gewirr des Tages
schmetterten, um spter zu einem rauschenden Orgelton zu werden. Nicht da nicht
schon im Volke, unter einzelnen Gelehrten, in den Universitten und Schulen der
Ruf der Nationalitt vibrirte, den spter die Arndt und Andere, zu einem
mchtigen Schlachtruf fr die deutsche Nation erhoben, aber in den hhern
Kreisen der Gesellschaft verstummten diese Tne, erstickten diese Luftzuckungen
noch immer an einer ganz - andern Luftatmosphre. Man hrte sie an, nicht
ungefllig, aber vornehm Beifall lchelnd, wie man eine neue, berraschende
Erfindung betrachtet, deren glnzende Erscheinung man zwar bewundert, aber die
Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit bezweifelt.
    Man hatte nachdenklich einem Redner zugehrt, welcher gesprochen von der
Heiligkeit, einem Volke anzugehren, von dem Recht auf Sprache, Sitte, eigenes
Wesen, ja von der Pflicht desselben, fr dieses hchste Gut sein Alles
einzusetzen. Eine Nation, die gegen diese Pflicht gleichgltig werde, habe schon
das Anrecht auf ihre Existenz eingebt. So weit ward der Sprecher verstanden,
die Damen hatten Verse aus der Jungfrau von Orleans und Tell citirt. Aber als er
weiter ging, und nicht sowohl den Ha gegen alles Franzsische, nicht allein
gegen Bonaparte und seine Soldaten, gegen die Revolution und die Jakobiner
empfahl, worin man ihm beigestimmt haben wrde; als er es als noch heiligere
Pflicht forderte, da der Einzelne wie das Ganze sich versenke in das, was
deutsche Art und Wesen sei; da nur dann, wenn wir dieses wieder rein
hergestellt in der Sprache, unsern Gewohnheiten, unserer Denkweise, wenn wir
ganz wieder zurckgekehrt zur eigenthmlichen Anschauungsart unserer Vter, das
Fremdartige, was durch Jahrhunderte sich in unser Blut gefressen, abstreifend
und ausmerzend, da nur dann Rettung sei fr unsere Nation von der
Fremdherrschaft: da hrte man wohl belobende Phrasen, die Meisten aber
verstanden es nicht, Andere schwiegen, noch Andere schttelten den Kopf.
    Der Redner hatte eine noch khnere Hypothese aufgestellt: nur in der
Nationalitt sei die Wurzel der Kraft, um der Tyrannei zu widerstehen. Der
corsische Riese, der mit den Flgeln des Vogels Rock die Welt umspanne, wisse
was er thue, indem er das Ureigene der Nationen erdrcke, um sie in eine
Allgemeinheit von gleicher Farbe, gleicher Prgung zu stampfen. Das ermatte den
Lebensnerv; woran solle die Begeisterung, der Patriotismus sich klammern, wenn
ein Pfeiler nach dem andern der alten heiligen Erinnerungen, der Tne und Bilder
zerbreche, an denen wir uns als Kinder gehalten? Das unscheinend Unbedeutendste
sei da von Wichtigkeit, ein altes Lied, es dnkt uns ohne Sinn, ein Sprchwort,
eine Ruine, ein dunkler Winkel, den ein Geist, eine Sage umschwebt, eine
Gewhnung, die uns albern erscheint, Alles sei doppelt bedeutend, was als
Heftnadel gelten knne, um ein Volk zusammenzuhalten, in einem Augenblick, wo
Alles hinarbeitet, es zu zersplittern und sein Dichten und Trachten in
allgemeine Begriffe von Wohlergehen und Glckseligkeit aufzulsen.
    Er ging noch weiter: nur den Nationen, welche diese ihre Nationalitt
festgehalten, winke die Palme des Sieges. Nicht seine Insellage schtze Albion,
sondern das ehrenwerthe Festhalten an den alten Sitten und Gesetzen. So sah er
in Spanien eine Mauer, an welcher des Eroberers Ehrsucht scheitern msse, er
erwartete von den Basken in den Pyrenen, da sie die Standarte der heilig
gehaltenen Volksrechte erheben wrden, er blickte nach Russlands Steppen, wo
eine Vlkerwiege das Ureigene braue, aber seine Stimme wurde bewegt, als er von
dem theuren, deutschen Vaterlande sprach, einem Volk, das sich selbst zerrissen
und sich nicht wiederfinden knne, das wie Kinder, die Muscheln am Meere
sammeln, alles Neue, Fremde, Glnzende aufgreife, das wie ein Schwamm die
Feuchtigkeit der Luft einsauge und seine schnsten Eigenschaften zu
selbstmrderischer Thtigkeit ausprge. Mit seltener Empfngnikraft begabt,
drngt seine Natur es dazu, alles Groe zu bewundern, aber sein bser Geist
wolle, da es nur das Fremde bewundert; wo die eigne Gre Anerkennung fordert,
erschrecke es scheu, kalt, ngstlich, und im Mitrauen an sich selbst zergehe
die schnste Kraft.
    Der Redner, ein junger Mann von hoher Abkunft, hatte einen doppelten Fehler
begangen. Er hatte begeistert gesprochen; die Begeisterung gehrt in keinen
Salon. Er war selbst gerhrt worden; das war ein Fehler unter allen Umstnden.
Er hatte aber auch sein Auditorium nicht berechnet, und das war unverzeihlich.
Er befand sich in Friedrichs Hauptstadt, in einem Kreise von Wrdentrgern und
ausgezeichneten Mnnern, die sich fr Trger der Monarchie des groen Knigs
hielten, diese selbst aber fr so fest, gesichert und in gutem Stande, da es
nur einiger Ausbesserungen bedrfe, aber keines Fundamentalbaues. War nicht
seine ganze Rede ein einziger Angriff gegen die Schpfung des Einzigen? Wo war
denn die Nationalitt hier, die er als einzigen Anker, der Zukunft und
Vergangenheit zusammenhalte, anpries? Wo das ureigne deutsche Element?
Friedrich, der mit dem Degengriff und der Feder zerstrend in das Zerfallende
hineingegriffen, hatte eine Schpfung hingestellt, die der Gegenwart angehrte.
Freilich hatte er diesen Vorwurf in seinem Sinne nicht deutlich ausgesprochen,
noch begriffen es Alle, aber man fhlte es.
    Ein peinliches Schweigen war eingetreten. Einige Damen lobten hinter dem
Rcken das sonore Organ des Redners: leise aber laut genug, da er es hren
konnte. Man begegnete ihm mit groem Respekt, aber - es galt seinem Stande. Der
junge Mann fhlte sich unbehaglich, er verschwand bald; er war noch zu Hofe
geladen.
    Dennoch hatte sein Rede einen Eindruck hinterlassen.
    Ob die Frstin das Lob der Nationalitt, die Hoffnung auf Ruland, fr ein
Kompliment genommen?
    Was sagen Sie dazu? sprach sie, aus ihrem Nachsinnen erwachend, als ihr
Blick auf einen Mann fiel, dessen Stirn, Auge, Haltung den Knstler nicht
verkennen lieen, der sich mit dem Stolz des Bewusstseins in dem Kreise bewegte,
welcher an Stand und Geburt weit ber ihm stand. Aber sein Blick, seine Sprache,
die Nonchalance seines Wesens bekundete, da er sich, wenn nicht ihnen gleich,
doch frei und unberhrt von der Prponderanz dieser Geburts- und Standesvorzge
fhlte, ohne doch in das umgekehrte Extrem einer brusken Nichtachtung zu
verfallen. Er hatte der Rede des jungen vornehmen Mannes mit zugehrt, anfangs
aufmerksam, dann hatte er mit dem Kammerherrn von St. Real eine Marmorgruppe
betrachtet, und schien ihn jetzt auf einige Fehler derselben aufmerksam zu
machen.
    Ich habe, die Eloquenz admirirt, entgegnete der Knstler. berhaupt, wenn
in den Schulen etwas dafr gethan wrde, mchte die art rhtorique auch in
Deutschland Progressen machen. - Ich meine, was Sie zur Sache sagen. Was
halten Sie von der Nationalitt, Schadow? Ein Knstler mu darber ein Urtheil
haben. - Meine gndige Frstin, entgegnete der Bildhauer, wenn man die
Menschen nackend auszieht, so sieht Einer aus wie der Andere, und wir Skulpteurs
haben's eigentlich nur mit nackten Menschen zu thun. - Aber die Rassen sind
anders gebildet. Wo wren die Gtterbilder der Griechen, wenn ihre Phidias und
Praxiteles nur nackte Hottentotten gesehen htten. - Ich parire darauf, wenn
Phidias sich nur eine hbsche Hottentottin ausgesucht, er wrde auch eine Venus
zu Stande gekriegt haben, die unsere Amateurs admiriren mssten. Und was die
Rassen betrifft, so ist unsere deutsche auch eben keine Schnheit gewesen. Nach
den Deskriptions der Historiker und den Skulpturen an den Sulenbildern waren
unsere barbarischen Vorfahren auch barbarisch hsslich. - Die Kultur also hat
die Rassen veredelt. Das ist Ihre Meinung? - Sie knnte noch immer etwas mehr
thun, als sie gethan hat; indessen wir Knstler drfen es nicht zu genau nehmen.
Wo wir nichts finden, borgen wir, hier einen Arm, da ein Bein, eine Hfte, eine
Schulter - Und das Beste thun Sie selbst hinzu, die Harmonie. Die Kunst ist
Stckwerk, wie Alles unter dem Monde, der Geist mu in die Formen fahren, um
ihnen eine Seele zu geben. Aber Sie wollen mich nicht verstehen und verstehen
mich doch. Die Griechen waren eine Nation, die Rmer - Die Juden sind auch
eine, fiel Schadow ein, und doch rmpft man in der Socit die Rase.
    Ich will Ihre Meinung wissen, Schadow, sagte die Frstin mit entschiedenem
Ton. Ihre Moquerien ein ander Mal.
    Wenn man meine Skulpturen so gtig ist zu rhmen, sagte der Knstler,
ist's jetzt so Mode, ein Schwanzende dran zu setzen, da wir uns von der
franzsischen Imitation losreien mssten. Ich habe auch nichts dagegen; wer
frei stehen kann, mag sich losreien, aber ein Kind gebiert sich nicht selbst.
Es ist dazu eine Mutter und ein Vater nthig, und die mussten wieder Vter und
Mtter haben. Meine ersten Vter waren die franzsischen Maitres, die der grand
Frdric herbeirief. Was fngt die junge Welt jetzt an gegen sie zu schwtzen!
Auch meine Jungens, der Rudolf und Wilhelm, thun's, seit sie den Mund aufthun
knnen, als msste es so sein. Habe auch nichts dagegen, denn Schwatzen gehrt
zum Leben, aber ich lache so im Stillen, was wre ich denn, und was wret Ihr
und wir Alle ohne die Franzosen! Und die Franzosen ohne die Italiener und die
ohne die Griechen und Rmer! Und die Griechen vielleicht ohne die Aegypter und
so weiter. - Sie mgen Recht haben.
    Da wollen sie jetzt auf Goldgrund malen, lange Engelsgesichter mit
Wickelkinderleibern und mit Schleppkleidern, und das nennen sie deutsch, weil
sie vor vierhundert Jahren, als das Gold noch wohlfeiler war, die Leinwand so
angestrichen haben. Als ob der Fiesole und die Florentiner so gemalt htten,
wenn sie damals schon Besseres gesehen. - Sie springen ab. Ist die
Nationalitt Ihnen gar nichts?
    Das Kleid, was der Mensch sich anlegt, weil wir nun einmal nicht nackt
gehen sollen. Sie sagen, es schickt sich nicht, ich aber meine, weil wir zu
eitel sind. Weiter nichts, um unsere Gebrechen und Unschnheiten zu bemnteln,
legen wir Cotillons, Surtouts und Redingoten an. Und gar nicht nach unserer
Wahl, wie wir's von unser Voreltern berkommen haben. Wir ndern nur den
Schnitt. Und von wem kommt der? So weit Sie zurckgehen, aus Paris. Nehmen Sie
mir Stck fr Stck vom Leibe, was vom Auslande stammt, und ich wrde wirklich
mich nicht unterstehen, in dem Kostm, was die Natur mir lsst, vor Euer
Erlaucht stehen zu bleiben. Was ist's nun mit der Nationalitt anders, gndigste
Frau, verschieden geschnittene und gefrbte Rcke um dieselben Menschen.
Freilich pressen enge Schuhe den Fu der Chinesinnen klein, und der des Trken
wchst plump in seinen weiten Pantoffeln, aber der Fu bleibt Fu, und mit der
Sohle treten sie in Grnland auf und in Konstantinopel. Ist der Franzose ein
Anderer, weil er mehr auf den Zehen geht, und wir mehr auf den Hacken? Wo wir
nun Alle bettelarm wren, und zottig umherlaufen mssten in unserer Ble, lohnt
sich's da, um den Schnitt und das Kostm uns zu hassen? Denn weiter ist die
Nationalitt nichts.
    Einem Bildhauer vergebe ich diese Naturauffassung. Aber Sonne, Klima, Luft
wirken verschieden auf die Kreatur Die Nationen sind verschieden in Gemthsart,
Intentionen, das knnen Sie nicht abstreiten.
    Ja, in jedem Lehrbuch steht's, da der Franzose leichtes Blut hat, der
Spanier schwarzes, der Italiener heies, der Deutsche warmes. Der Franzose ist
leichtfig und eitel, der Italiener znkisch und rachschtig und der Deutsche
keusch und treu. Eigentlich brauchte man nur an den Puls zu fassen, und gleich
htte man weg, von welcher Nation Jemand ist. Schade nur, Prinzessin, da ich in
Italien die liebsten Menschen fand, von warmem Blut und dem besten Herzen,
fleiig, emsig, rechtschaffene Familienvter und treue Freunde. Sollte ich sie
darum hassen, oder die Franzosen, weil Montesquieu und Rousseau, weil Buffon und
Laplace Franzosen waren, oder alle Deutsche darum lieben, weil sie alle grad,
ehrlich, Mnner von Wort, Biedermnner und keusch wie Joseph sind?
    Herr Schadow hatte dabei wie zufllig den Blick auf dem Kammerherrn von St.
Real ruhen lassen, welcher etwas unruhig ward. Es giebt Thiere und Menschen,
welche das Fixirtwerden nicht vertragen. Die Frstin, sichtlich bewegt, nahm
wieder das Wort: Sie haben Recht, die Nationalitt ist auch nur ein Gtze,
geknetet und angestrichen aus Leim und Koth, aus Trumen und Blut. Aber, Herr
Schadow, ein schn geformtes Gtterbild bleibt's, schner als Ihr Apollo und
Jupiter.
    Der Meister hatte eine Prise genommen: Ja, die Kostms sind recht hbsch,
ich zweifle gar nicht, da der Patriotismus einst eine Rolle spielen wird.
    Wie wir Alle! sagte die Frstin, indem ihr Blick die Gesellschaft
berflog. Die Gitelbach und Laura gingen vorber; sie nickte ihnen zu, aber ihre
Gedanken waren mit Anderem beschftigt, und die Worte kaum an den Bildhauer und
den Kammerherrn gerichtet, so wenig als an den Rittmeister Dohleneck, der eben
aus dem andern Zimmer auf sie zuschritt. Sie sprach mit sich selbst: Wir Alle
spielen eine Rolle, vor Andern oder vor uns selbst. Wenn wir uns doch darber
nicht tuschen wollten! Schadow hat Recht, was ist denn unser eigenstes Eigenes?
Die Scene, wo wir auftreten, das Licht, das uns anleuchtet, das Kleid, das sich
an unsere Glieder schmiegt, es bt Einflu, es macht uns erst zu dem, was wir
scheinen; das Lcheln der Lippen, es ist angeblasen vom Augenblick, der
Stimmung: Alles, was wir zu besitzen glauben, ist Geborgtes, und wir nur
Molusken, die Farbe und Gestalt annehmen von der Flssigkeit, die sie einsaugen,
Schmetterlinge, denen der Blthenstaub den Duft leiht, und der Finger des Knaben
entfrbt sie wieder; Irrlichter sind wir, schaukelnd in der Vibration der Luft,
und unsere thrichtste Rolle, es ist die unverschmte Lge, wenn wir wahr zu
sein glauben.
    Dazu, meinen Einige, wren wir auf der Welt, entgegnete der Meister. -
Schadow, haben Sie nie die ungeheure Leere empfunden, dies ghnende, graue
Mibehagen der Kreatur? - Niemals, meine Gndigste. - Ich kann den Trinker
begreifen, der ausstrzt Becher ber Becher, immer feurigern Wein, es ist die
Molluskensehnsucht nach einer Existenz, nach einer Verkrperung des Geistes. -
Wenn ich den brennenden Durst empfinde, den Erlaucht meinen, sagte Schadow,
dann knete ich ihn in Thon und meile ihn in Stein. - Und das todte Werk vor
sich, sind Sie befriedigt? - Da ist's heraus, fix und fertig, was mich plagte,
nach allen Regeln steht's vor mir, und ich bin frei. - Glcklicher -
Unglckseliger! Bis Sie wieder von Neuem geplagt werden. - Dann schaff' ich's
von Neuem aus mir raus. - Und kme eine andere Zeit, die alle diese Regeln
zusammenwrfe? - Dann habe ich fr meine geschaffen und genug gethan.
    War das Zustimmung, war es Schadenfreude, oder wo kam der Funke her, der
pltzlich ber ihr Gesicht zuckte: Und Sie haben Recht. Wir, wir leben ja Alle
nur fr unsere Zeit. Nur unsere Rolle gut durchgespielt, das ist die Aufgabe.
Harmonie hineinbringen mssen wir, nicht aus den Sphren, die bringt schrillende
Disharmonieen. Die Harmonie des Scheins. Sie schaffen, was heute gilt, der
Komponist, was heute die Ohren kitzelt, der Philosoph, der Politiker, - ach,
mein Gott, wohin verirrten wir uns, lieber Schadow, schwrmen und Philosophiren,
heit das nicht aus der Harmonie unserer Rolle fallen, und unsere lieben Gste
blicken verwundert nach uns.

                          Dreiundsechszigstes Kapitel.



                                  Sie hassen.

Der Rittmeister von Dohleneck hatte die Frstin in Beschlag genommen. Ein Wort
nur, gndigste Frau, eine Bitte! - So dringend? - Ja. - Sie sind ihr
Schutzengel. - Ich ein Engel! Wen beschtze ich? - Auguste - die Baronin
Eitelbach! korrigirte er sich. - Ach so! Eine schne Frau hat berall
Schutzengel. Jeder Kavalier ist es. - Die Comte Laura hat sie an ihrem Arm
gepackt, und schleppt sie wie ihr Opfer mit sich. Sie ist zu arglos, zu gut, sie
begreift nicht, da diese Kompagnieschaft ihrem Ruf schadet. Es verdriet mich
schon den ganzen Abend, aber - Da ist ja ihr Gemahl, der Baron. - Der! -
Er ist freilich ein seltsamer Freigeist. - Was schiert er sich um seine Frau
und ihren Ruf. Er freut sich, da sie mit einer vornehmen, bei Hofe gern
gesehenen Dame intim scheint. - Dann sprechen Sie doch selbst mit ihr. Sie
wissen ja, wie gut sie von Ihnen denkt. - Erlauchte Frau, Sie wissen, wie wir
-  Das htte ich beinahe vergessen. Kinder, was trbt Ihr Euch das kurze
Schmetterlingsleben durch Skrupel. Was hilft Euch die Pein? Wenn Ihr Euch noch
so ehrbar grt, so kalt an einander vorbergeht, dem bsen Leumund entgeht Ihr
doch nicht. Am wenigsten Sie, Dohleneck, wenn Sie sich der lieben Frau zum
Ritter aufdringen, wie Sie jetzt thun.
    Der Rittmeister war um einen halben Schritt zurckgetreten, wre es keine
Dame und nicht die Frstin gewesen, htte er die Hand vielleicht an den Degen
gelegt. Er erkannte schnell seine Position. Gndigste Frstin, ich wollte
keinem Kavalier Anspielungen gerathen haben, die der Ehre meiner tugendhaften
Freundin zu nahe trten. Aus Ihrem Munde nehme ich dankbar die Worte als eine
freundliche Warnung.
    Sie blickte ihn mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit an: Die arme
Laura! Da scheut Ihr Herren der Schpfung Euch nicht, um einer Frauen Ehre zu
erhhen, die von andern zu vergiften. Ist das ritterlich, Herr von Dohleneck?
Was sie von meiner Laura schwtzen und plaudern, was geht es mich an?
    Sollten Sie nichts gehrt haben?
    Ich kam als Fremde her, ich bin es noch, ich nehme die Personen, wie ich
sie finde, was in der Gesellschaft von Traditionen umgeht, kmmert mich nicht.
Sollte ich bei allen Gsten, die mich mit ihrem Besuch beehren, danach mich
erkundigen, so wei ich wirklich nicht, ob mein Salon nicht leer bliebe.
Ueberdem sagten Sie selbst, da der Hof sie protegirt. Ich sollte meinen, das
sei genug, um dem Vorwurf zu begegnen, der in Ihrer Bitte fr mich liegt.
    Aber der Rittmeister hatte Succurs bekommen. Herr von Fuchsius und eine
Hofdame waren hinzugetreten. Auch der Legationsrath schlo sich der Gruppe an.
Die Hofdame hatte Zweifel, ob der Hof die Comte noch lnger halten werde, seit
der letzte Skandal laut geworden. Herr von Fuchsius wusste, da der Knig sehr
aufgebracht sei, und der Legationsrath, da die alte Vo das Ohr der Knigin
belagere, welche noch die meiste Prdilektion und Entschuldigungen fr die
schne Comte htte.
    Auch die alte Vo! wiederholte mit einem eignen Lcheln die Wirthin. Da
ist ja eine vllige Verschwrung gegen ein armes Mdchen, das sich nicht
vertheidigen kann. Ich verstoe wohl schon, wenn ich es versuche?
    Ihre Erlaucht wollen gtigst vermerken, sagte die Hofdame, es ist noch
nichts darber ausgesprochen. Bis jetzt ist sie recipirt, und Frstin Gargazin
knnen sie ohne Gefahr bei sich sehen. - Sie wrden mir einen groen Gefallen
erweisen, liebe Almedingen, wenn Sie mich davon avertirten, sobald ich es nicht
mehr darf. - Sobald man ihr die Thre weist; Erlaucht knnen sich darauf
verlassen, da ich mit der ersten Nachricht zu Ihnen fliege. Die Frstin
drckte ihr verbindlich die Hand: Von Ihrem Eifer bin ich berzeugt. Als dahin
hat es aber wohl noch einige Zeit? - Es sind vielleicht doch nur
Miverstndnisse, warf der Legationsrath ein. Oder sie bessert sich auch. Man
mu ihr nur Zeit lassen, meinte Herr von Fuchsius. Ein zehn - fnfzehn Jahr,
murmelte der Legationsrath, dann macht sich das von selbst. - Macht mir das
junge Reh auf der Maienwiese nur nicht scheu, sagte die Frstin. Wenn Ihr ihr
bestndig von der Arglist und Tcke der Menschen vorerzhlt, glaubt Ihr, da Ihr
sie dadurch schtzt? In ihrer Angst und Verwirrung luft sie von selbst ins
Netz.
    Das junge Reh stand pltzlich unter ihnen. Laura hatte wohl nur durch das
Zimmer gewollt, denn der Glanz ihres Auges verrieth nicht, da sie gelauscht,
noch von dem, was hier ber sie gesprochen worden, eine Ahnung hatte. Auch
verrieth die Miene der Frstin nichts von Betroffenheit, als sie die Flchtige
erhascht, und den Arm um ihre Schulter, wie eine Mutter um ihr Lieblingskind,
schlang. Haben Ihnen nicht die Ohren geklungen? Wenn Sie wssten, was wir
gesprochen, wrde Laura bis ber die Ohren roth werden. Die Comte meinte, es
wre sehr hei. Nun mchte der Wildfang gleich aus Fenster strzen, um sich zu
erklten. Nein, Comte, hier ist ein Familienrath, ich stelle die Mutter vor,
und alle diese Freunde werden mir beistehen, Sie zu hten. - Ich bin Ihnen
sehr obligirt - Aber das Kind wei selbst, was ihm am besten ist! Nicht wahr?
So lese ich Ihre Gedanken, die geheimsten auch, aber - ich verrathe nichts. Ist
sie nicht ein Feenkind, wandte die Frstin sich zu den Andern; da ist doch
kein verborgenes Fltchen, nichts Angelerntes, nichts von Verstellung. - Sehn
Sie in dies Gazellenauge; nur etwas zu munter noch, leichtsinnig', flatterhaft,
ein Schmetterling, der lauter Honig naschen mchte, aber mit der Zeit pflckt
man Rosen, mit der Zeit wird sie auch den rechten Weg finden. Ach, das macht
sich Alles von selbst. - Sehn Sie! Jetzt sollte ein Maler diesen
Augenniederschlag, diese Grbchen am Kinn malen. Herzens-Engelskind -
    Die Frstin wollte sie embrassiren, aber statt des Feenkindes mit den
Pfirsichwangen stand ein blasses, scharfgeschnittenes Gesicht vor ihr, statt des
blhenden Hauptes mit dem phantastischen Lockenbund eine eng anschlieende Haube
mit Spitzen, und statt der Gazellenaugen, die gutmthig und gedankenlos
umherschweiften, fuhr ihr ein stechendes kleines Augenpaar entgegen. Die
Geheimrthin Lupinus war unangemeldet eingetreten.
    Mein Gott, welche berraschung!
    Die Gargazin spielte hier keine Rolle, als sie mit den geffneten Armen
zurck fuhr. Es war eine vollkommene natrliche berraschung; denn sie war jedes
andern Besuchs gewrtig, als der Lupinus, die zwar zu ihren Soireen ein fr alle
Mal formell eingeladen, aber noch nie gekommen, auch nie erwartet war. Ob sie
aus Nachlssigkeit der Domestiken unangemeldet bis in das Zimmer gedrungen, ob
die Frstin im Eifer des Gesprches die Meldung nicht gehrt, lassen wir
unentschieden, aber Thatsache war, da sie unbemerkt mitten im Zimmer stand und
der Wirthin in dem Augenblick sich nherte, als die Comte durch eine
Seitenbewegung sich den Armen der zu gtigen Frstin entwunden hatte.
    Alle waren berrascht; nur die berraschende schien sich in der Wirkung, die
ihre Erscheinung hervorrief, zu gefallen. Sie hatte etwas gestrt, vielleicht
zerstrt, eine Gruppe voll Liebe und Einigkeit. Die Lust, welche das Zerstren
veranlasst, wird von Vielen als eine Wollust geschildert.
    Die Lupinus war eine Andere geworden, als wir sie kennen gelernt. Die bunten
Farben waren aus ihrer Kleidung verschwunden, aus ihren Zgen der Liebreiz, der
noch fesseln konnte, whrend die Schrfe derselben zurckschreckte. Ihre Augen
konnte man nie eigentlich schn nennen, aber es lag zuweilen etwas
Schmachtendes, Sehnschtiges darin, was mit dem lauernden Aufblitzen vershnen
mochte. Man bedauerte sie, man las die Unbefriedigung, welche als Unruhe in ihr
aufzuckte. Diese Unruhe schien einer eiskalten Ruhe gewichen. Schien, sagen wir,
so lange sie Herrin ber sich blieb, aber in Momenten zuckte das Feuer der
Unruhe wieder heraus, ihr Auge scho Blitze, die wehe thun konnten, vor denen
ein sanftes Auge sich verschlo, wie ein keusches Gemth vor einem Anblick, den
es nie gesehen, und doch hat es die Empfindung, da es so etwas nicht sehen
darf. Und doch, wie schnell war die Ruhe wieder ber das Gesicht ausgegossen und
ein Lcheln schwebte um die Lippen, das ein Maler vielleicht mit dem einer
Heiligen verglichen, die unter Folterqualen zu den Umstehenden spricht: Es
schmerzt nicht.
    Die Frstin und die Geheimrthin hatten einen Versuch gemacht, sich zu
embrassiren, ein Versuch, der, an irgend etwas gescheitert, in einem
wiederholten Hndeschtteln sich aufgelst.
    Ich werde Ihnen das nie vergessen, da ich wei, was Sie mir bringen, waren
die nchsten Worte der Gargazin, und die Freude schien auf ihr Gesicht
zurckgekehrt, als sie den neuen Gast neben sich aufs Kanap gezogen. Ihr Auge
streifte ber die Andern hin, es lag darin ein gtiger Befehl an die
Freundesgruppe, sich aufzulsen. Die Hofdame hatte sich mit dem Regierungsrath
schon fortgeschlichen. Der Comte nickte sie zu: Geben Sie Ihren Arm getrost
dem guten Rittmeister. Ich versichere Sie, Comte Laura hat keinen bessern
Freund als Herr von Dohleneck.
    Ich wei, was ich Ihnen bringe, hatte die Geheimrthin erwidert. In das
Haus der Freude eine Trauergestalt, aber die Pflicht der Dankbarkeit geht ber
diese Rcksicht.
    Dankbarkeit? rief die Frstin mit einem erstaunten Blick, indem sie die
Hand der Geheimrthin an sich zog. Sie stehen noch immer, Herr von Wandel,
wollen Sie nicht neben uns Platz nehmen, meine Freude theilen. - Madame Lupinus
spricht von Dankbarkeit! - Nur von einer Pflicht, gndigste Frstin, die ich
so lange aufgeschoben. Sie haben sich meiner Pflegetochter wie eine wahre Mutter
angenommen. - Ach das! - Ich bitte Sie, kein Wort davon. - Gnnen Sie mir
das Wort. Ja, ich bekenne es, ich bringe ein Opfer, um endlich auszusprechen,
was ich ber Ihre Handlungsweise denke. - Egoismus, nichts als Selbstsucht!
Weil Adelheid mir gefllt, weil ich mein Haus, meine Gesellschaften durch ihre
Schnheit schmcken will.
    Die Frstin fhlte ihre Hand sanft gedrckt: Warum das wiederholen, was der
Pbel ber uns urtheilt. Adelheids blhende Jugend gehrt nicht in mein
Krankenhaus. Sie erkannten es - und - ich gestehe es Ihnen, im ersten Augenblick
schmerzte mich die Art, wie das theure Kind mir entfhrt ward; jetzt preise ich
den Himmel, da er es so gefgt hat, und - da er Ihnen den raschen Entschlu
eingab. Die schnen Seelen verstanden sich; das vorhin versuchte Embrassement
erfolgte wie von selbst. Einen Fingerzeig des Himmels wollen Sie darin
erkennen, sagte die Frstin. Ich kann noch immer nicht umhin, mir einen Raub
vorzuwerfen. - Lassen wir den Streit darber, gndigste Frau. Adelheid gehrt
in Ihr Haus, es ist meine aufrichtige Meinung. Der Legationsrath kann bezeugen,
wie oft ich es aussprach. Bei mir wre sie verkommen. - Sie spricht nur mit
der grten Liebe von dem Guten, was sie durch meine Freundin erfahren. - Es
thte mir leid um das Kind, wenn sie unwahr wrde. - Warum so
selbstqulerisch. Sie wissen selbst, bis zu welcher Verirrung das
Dankbarkeitsgefhl sie trieb. - Und doch hat sie mich nicht ein einziges Mal
besucht.
    Das hatte die Geheimrthin nicht sagen wollen; es war heraus, ehe sie es
verschlucken konnte, und, was schlimmer, die Frstin hatte es aufgefangen. -
Sie sind leidend, sprach sie mit bewegter Stimme. Und Sie berwanden sich,
verlieen Ihr stilles Asyl, und - Ich wei ja, wie ich dieses Opfer zu schtzen
habe.
    Die Geheimrthin war wieder ganz Herrin ber sich geworden: Doch ist es
nicht ganz so. Warum zwischen uns eine Verheimlichung? berwindung kostet es
mich, ja, sehr groe, diese Festkleider wieder anzulegen. Ich erwarte auch nicht
Erheiterung, noch suche ich Zerstreuung, denn ich betrachte es als eine Pflicht
gegen mich selbst. Sie sehen also, mein Opfer ist reiner Egoismus. - Wie Sie
da wieder tuschen wollen! Sie thun es um der Gesellschaft selbst willen, Sie
erkennen die Pflicht, da wir nicht uns, da wir fr Alle leben sollen. - Oder
sie fr uns! rief eine Stimme in der Geheimrthin, die aber diesmal auf den
Lippen erstarb. Die Gargazin musste den Sinn verstanden haben, so deutete ein
Blick ihr an; es war ein merkwrdiges Verstndni zwischen beiden Frauen. Sie
liebten sich gewi nicht, aber zum Ha war fr die Frstin kein Grund. Sie sah
sich um, ob Niemand lauschte. Der Legationsrath war unschdlich, er bildete eine
Schutzmacht gegen die Andern.
    Wir verstehen uns, glaube ich, besser, als wir einen Ausdruck dafr
finden, hub die Frstin an, der Lupinus nher rckend. Was ist uns die
Gesellschaft? - Ich setze voraus, da wir Beide jetzt ber die kleine Rivalitt
recht herzlich im Innern lachen, ich meine die, welche die Leute uns anlgen.
Ich gebe auch zu, da in der Lge etwas Wahres war. Wir spielten Schach
miteinander, weil sie uns dazu nthigten, zwangen. Genug, wir haben gespielt.
Weiter war es nichts. - Und Euer Erlaucht gewannen. - Die Erlaucht hatte
nichts damit zu schaffen. Wir gingen unserm Penchant nach, und in einem Punkte
stieen wir aneinander. - Ich gebe keine Gesellschaften mehr. Mein Haus ist
ein Haus der Trauer geworden, mein guter Mann - Wird gewi unter solcher
Pflege genesen. Wer redet davon! Wir wollen ja nur unsere Gedanken ber das
Wesen der Geselligkeit einklingen lassen. Lieben wir sie etwa um ihrer selbst
willen? Um daraus Belehrung, Trost, Hlfe zu schpfen? Sind wir lstern, wie die
unsterblichen Gtter im Olymp, die den Opferduft der Menschen mit Wohlgefallen
einschlrfen sollen? Oder ist es bei uns die Neigung, das Verlangen, mit unsers
Gleichen zusammen zu sein? Sehn Sie, wie unser Freund lchelt. Nicht wahr, das
brauchen wir Beide nicht, wir haben Ressourcen in uns, um uns vor der Einsamkeit
nicht zu frchten.
    Ich lchle nur, sagte Wandel, weil Sie von Ihres Gleichen sprechen.
    Und mit Ihrer Bosheit treffen Sie es. Wir zaubern das um uns, was uns doch
nicht entgeht. Weil wir unter Thoren leben mssen, verschaffen wir uns einen
kleinen Hof von allen Thorheiten um uns her. Wer dreist einer Gefahr entgegen
geht, hat sie halb berwunden. Eine Welt en miniature sollen unsre Salons
bilden. Was im groen, wirklichen Leben uns anwidert, das erscheint uns auf
dieser Bhne geflliger, weil wir damit spielen, es regieren zu knnen meinen.
Am Ende bilden wir uns ein, dieser Mikrokosmus ist unser Werk, und wir htten
alle diese Puppen uns zum Vergngen ausgestopft und in Scene gesetzt.
    Man mu nur nicht die Drahtfden merken lassen, sagte der Legationsrath.
    Zum Vergngen! fiel die Geheimrthin ein, die aufmerksam gefolgt. Wo wir
wissen, wie Einer den Andern verredet, hier mit Lob ihn berschttet, um, wenn
er ihm den Rcken gedreht, ihn zu verspotten; wissen, wie die mit Honiglippen
uns Kuhnde zuwerfen, gegen uns kabaliren. Hier drckt ein Beamter dem andern
die Hand, und empfiehlt sich seiner Gewogenheit, whrend die Entlassung oder
Versetzung des zweiten schon in der Kanzlei ist, und er hat sie betrieben, um in
seinen Posten zu rcken. Wo sie uns schn und geistreich finden, um sich nachher
vor Lachen auszuschtten, da wir es geglaubt! Die Tugend in Aller Munde, und
die Kuppleraugen schleichen, um ihre Opfer sich auszusuchen. Nur die absolute
Mittelmigkeit ist sicher, denn was hervorragt, worin es sei, ist den Pfeilen
ausgesetzt. Sie zumeist, die whnen, sie zu regieren. Man preist ihr Zauberfest
man erhebt es beim Abschied in den Himmel, aber ehe sie nur in den Wagen
springen, klagen sie ber Langeweile, Zurcksetzung, gemischte Gesellschaft, da
die Wirthin es nicht verstanden, die Gste zu placiren, sie klagen vielleicht
ber Hochmuth, Anmaung, ber das Essen und Trinken auch, Gott wei, worber
nicht. Ich begreife, wie man mit diesen Puppen spielen, aber wie es ein
Vergngen sein kann, das bleibt mir ein Rthsel.
    Ihre Kritik geht ber die Gesellschaft hinaus, sagte der Legationsrath.
Das Rthsel ist die Welt -
    Und wehe, wer nicht mit ihm spielen kann. rief die Frstin aufstehend,
denn neue Gste waren im Vorzimmer eingetreten. Wer auf diesem bunten,
beweglichen Teppich nicht mit den Fen einer Tnzerin wandelt, hier ber
Gegenstnde springt, dort sie fortstt wie Glaskugeln, der ist verstrickt, der
ist verloren. - Es giebt noch einen andern Weg - wo man fest stehen kann -
entgegnete die Geheimrthin, indem sie auch aufstand. Es war ein Metallklang in
der Stimme, wie ein Grabgelut.
    Den Weg, unterbrach die Frstin, den Weg haben Sie doch nicht gefunden!
Sie blickte ihr forschend ins Auge; als die Lupinus antworten wollte, rief die
Gargazin, wie von etwas berwallt: Sie hassen! - O. unglckliche Frau, der Ha
ist ein zu frchterliches Spiel fr uns; der Ha hat einen unergrndlichen
Fonds, Sie wissen nicht, was da herauskommt aus der ghnenden Kluft - selbst der
Schmetterling flattert nicht lange darber -
    Sie ward unterbrochen. Ein freudiges Ach! musste sich aus ihrer Brust
ringen, um eine andere Erscheinung zu begren, wir wissen nicht, wen? Es ist
uns auch gleichgltig: der unerwarteten Erscheinungen, die alle aus dem Fonds
ihrer Liebe mit einem gleichen Ton der freudigen berraschung bewillkommt
wurden, waren viele. Die Lupinus aber htte, noch nicht in die Gesellschaft
eingefhrt, allein gestanden, wre nicht der Legationsrath gewesen. Im
Nebenzimmer arrangirte man Spieltische, es wurden schon Karten umgereicht.

    Werden Sie spielen? fragte Wandel. - Werden Sie reisen? entgegnete die
Geheimrthin. - Ich riethe Ihnen eine Karte zu ergreifen. - Und ich Ihnen zu
reisen. - Warum? - Aus demselben Grunde, weshalb Sie mir zur Karte rathen.
Man ist der Mhe berhoben zu antworten, wenn man frchtet gefragt zu werden. -
Gilt der Ha, dem Sie die Gesellschaft geweiht, auch mir? - Ich bin es mde,
Rthsel zu lsen. - Im Augenblick, wo Sie den Schlssel fanden? - Um auf
einen neuen Verschlu zu stoen. Viel Glck, Herr Legationsrath, in Ruland. -
Will ich, gehe ich denn dahin? - So wollen Sie Jemand damit tuschen? -
Meine Feinde. - Kennen Sie meine Feinde? - Nicht alle - Einige. - Verlangen
Sie, da ich die Sorgen, unter deren Wucht ich meine Freundin erliegen sehe,
noch durch Mittheilung von Verhltnissen erhhe, die nur mich allein betreffen!
Nicht mich allein - nein, gewi nicht, ich bin der letzte - aber Niemand, der
mir persnlich theuer ist. - Ihre Sachen sind gepackt, Extrapostpferde stehen
fr Sie tglich im Hofe des franzsischen Attach bereit. - Das ward Ihnen
bekannt? - - Durch Zufall. -
    Er sah sich um: Wenn Sie eines Morgens hrten, da ich ber Nacht
aufgegriffen, ber die Grnze geschleppt ward, und wenn am andern Abend die
Nachricht kme, da er mich fsiliren lie, so wrden Sie den Grund der Vorsicht
wissen. - Wer? - Napoleon. - Da wrden Ihre Pferde doch nicht beim Vicomte
Marvilliers stehen. - Der Lwe sucht nach dem Raub nicht in seiner Hhle. -
Aber der junge Attach! - Wenn ich Ihnen sagte, da er darum wei, wre ich
ein Verrther. Ich will kein Verrther werden, lieber - scheiden. -
    Er hatte sich halb umgewandt, um rasch die Hand der Geheimrthin zu
ergreifen: Leben Sie wohl, lispelte er.
    Nur Eines - ist Ihr Leben in Gefahr?
    Noch nicht, aber - gtiger Gott! Die peinliche Erwartung einer Entscheidung
in der ich tglich schwebe, verschliet mir die Lippen, wenn ich sie ffnen
msste, um Vertrauen zu gewinnen. Ich klage Niemand, Sie am wenigsten an. Im
Gegentheil, Sie haben Recht, da Sie mir dies Vertrauen nicht schenken, ganz
Recht; verdammen Sie mich als Lgner, der die Pflicht hatte zu sprechen, und
wenn er den Mund ffnen sollte, ihn verschliet, als kaltherzigen Intriguanten,
der mit den Gefhlen spielt, der edle Herzen zerreit, verdammen Sie mich, Sie
haben Recht aber - wenn es vorbei ist, widmen Sie mir eine Thrne der
Theilnahme, wenn Sie erkannt, da ich nicht anders handeln durfte.
    Wandel! sie hielt inne - Wann - wann kommt die Entscheidung? - In einer
Woche, vierzehn Tage - hchstens einen Monat, wenn aus Warschau - Aus
Warschau? - Ich betheure Ihnen, es ist nur eine Vorsichtsmaregel; vielleicht
zerluft Alles wieder, wie so oft, in Luft und Wind. - Wer ist in Warschau?
150; Entfiel mir das Wort? - Ich bin verwirrt - Das mu Entsetzliches sein,
was Sie auer sich bringt. - Was ist entsetzlich, Freundin, in diesen
Weltkrisen? Seine Hand zitterte in der ihren. Ihr Scharfblick errieth es. Nun
bin ich in Ihre Hand gegeben. Mein Leben hngt von Ihnen ab. Gehen sie zu
Laforest und - Sie phantasiren. Als ob er nicht wsste, da Sie mit der
Russischen Diplomatie verhandeln.
    Auch da man mich verstrickt, nennen Sie es Zufall, in ein Netz gezogen,
dessen Zipfelende die Bourbonen halten; da Ludwig XVIII. wieder in Polen ist,
da Dinge in Frankreich vorbereitet werden; da in Napoleons nchster Umgebung
Personen gewonnen sind; da ihm die Flaschen mit dem Kellersiegel, die er mit
sich fhrt, nichts helfen; da die Suppe, die er kostet, das Geflgel, das er in
den Mund fhrt -
    Schweigen Sie, um Gottes Willen, schweigen Sie -
    O, ich mchte Alles, was man mir eingefllt, ausgieen, es zersprengt meine
Brust; denn bei Gott, nur mein bses Glck, nicht mein Wille, hat mich hier
verstrickt. - Ich fhle mich schon erleichtert, da ich eine Miwisserin habe,
bei der mein Geheimni wie im Sarge ruht - Man wird auf uns aufmerksam werden,
da wir uns so lange absondern. - Sie haben Recht, und ich die Beruhigung,
da, wenn ich pltzlich verschwinden sollte - Ihr Verdacht mir nicht wie ein
ngstlicher Schatten auf der Heerstrae nachschleppt - Um Gottes Willen,
meinen Sie, da Sie diese Nacht schon verschwinden mssen? - Ich meine nichts,
ich wei nichts; ich sollte meine Lippen verfluchen, da sie zum Verrther
wurden, aber mir ist wohl zu Muthe, wohl wie einem Kinde, das seinen ersten
Fehltritt beichtete. Nein, nein, es war wohl nur die Angst, erpresst durch Ihre
Drohung. - Warum strzen Sie sich in diese Lage? - Warum bin ich ein
Mensch? - Reien Sie sich los - wenn es sein mu, reisen Sie auf der Stelle
fort! - Ich lebte nur fr Andere. - Nein, nein, ich wei es, ich bin nthiger
hier. Ich will fr Andere leben - sein Sie unbesorgt - Nur um etwas Geduld flehe
ich noch - o, knnten Sie in mein Inneres blicken - Pflichten hier, Pflichten
dort, Verlockungen - aber - sein Sie berzeugt, als Mann, als Sieger werde ich
daraus hervorgehe. - Man kommt. - Ein Freundesrath - Ich werde Sie nicht
bemerken, wenn Sie verschwinden. - Heiter! meine Freundin. Es war sehr gut,
da Sie herkamen, aber Sie kamen als Trauergestalt. Sie freuten sich des
Eindrucks. Um des Himmels Willen, mit Geistererscheinungen darf man nicht
spielen. Fort die Trauer, einige bunte Bnder, stimmen Sie ein in den frivol
geistreichen Ton. Man mu mit ihnen tnzeln, die Gargazin hat Recht. Sie hat
erkannt, da Sie hassen. Das kann schlimm werden. Werfen Sie die Maske ab, nicht
hastig - lassen Sie sich allmlig erheitern durch die liebenswrdige
Gesellschaft. Da bringt man Ihnen eine Karte, nehmen Sie, spielen Sie, mit wem
Sie wollen, es sind Alles Puppen; aber nicht zerstreut.
    Die Eitelbach prsentirte jetzt der Geheimrthin eine Karte: Wollen Sie? -
Mit dem grten Vergngen. - Ihnen prsentire ich keine Karte, denn Sie
mogeln, sagt mein Mann.
    Damit ging die Baronin schnippisch am Legationsrath vorber, der scherzhaft
die Finger nach einer Karte gespitzt hatte. - Sie wird immer schner, sagte
eine Stimme hinter dem Legationsrath.
    Kann man schner werden, wenn man eine vollkommene Schnheit ist,
entgegnete Herr von Schadow.

                          Vierundsechszigstes Kapitel.



                 Der verlorene Sohn und die heilige Magdalene.

Das Spiel war zu Ende. Die Geheimrthin hatte allein gewonnen, und bedeutend.
Sie war gesprchig, sehr liebenswrdig gewesen. Jetzt sah sie neben sich nur
verdrieliche Gesichter. Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb, legte man es
ihr als Freude ber den Gewinnst aus, den die andern Mitspieler berechneten. Sie
war rasch aufgestanden, um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen.
    Es war hoch gespielt worden. Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren. Er
zankte sich mit seinem vis--vis um einige Points. Die Wechselreden wurden jetzt
so anzglich, da die Baronin Eitelbach die Herren bitten musste, sich zu
menagiren. Der Kammerherr warf dem Andern einen malicisen Blick zu, den Jener,
den Stuhl heftig fortrckend, durch ein Murmeln erwiederte: wer krumm ginge,
knne auch nur krumm handeln. Der Kammerherr gehrte zu Denen, welche das Glck
haben, zuweilen taub zu sein.
    Die Baronin hatte ihre Brse ausgeschttet: Mehr habe ich nicht; mein Mann
mu zahlen. - Das geht immer so, wer Glck in der Liebe hat, sagte der Baron,
verdrielich die lange Brse ziehend. Ich verbitte mir alle Gemeinpltze,
hatte sie erwidert. Er wollte nicht glauben, da sie so viel verloren haben
knnte, als sie angab, sie warf ihm den Btezettel hin, er rechnete, wollte
zanken, es war aber Niemand mehr da, mit dem er zanken konnte. Indem er die
Geldstcke hinwarf, zischelte er der Baronin etwas ins Ohr. Sein Auge begleitete
dabei den Rittmeister. Sie ward hochroth, stand rasch auf und warf ihm mit einer
Replik einen verchtlichen Blick zu, um ihm darauf den Rcken zu kehren.
    Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung. berhaupt
schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie, welche vorhin geherrscht,
etwas zerrissen. Ein erwarteter Gast war noch nicht da. Der Duft der Speisen
drang schon verlockend aus den Souterrains, aber es - sollte noch gewartet
werden; der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen.
Einigen Herren schien dies sehr unangenehm. Man fragte, ob er denn berhaupt
kommen werde? Jemand meinte, die Anwesenheit des Geheimraths Lupinus drfe Seine
Hoheit schwerlich locken.
    Ein besternter Herr entgegnete lchelnd: Das wrde wohl nicht der einzige
Gegenstand sein, der einem Kniglichen Prinzen hier nicht verlockend vorkme.
Man mu gestehen, wenn man die Socit berfliegt, da unsere gute Prinzessin
mit asiatischem Geschmack eine kleine Vlkerwanderung zusammengetrieben hat.
    Sie liebt die Quodlibets, aber das Kostm ist gewhlt, sagte die
Almedingen. Herr von Fuchsins spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit
dem zweiten Lupinus an. Die Hofdame hatte davon reden gehrt, sie wusste auch,
da man bei Hofe choquirt gewesen, sie hatte aber noch nichts Nheres erfahren
knnen, und war so begierig wie der Besternte, es zu erfahren. Man zog sich in
eine Fensternische zurck.
    Eine der Plaisanterien Lombards, die gar nichts auf sich gehabt htte, wenn
nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf, die unter einem entsetzlichen
Eklat platzte. Ihnen ist bekannt, da Seine Knigliche Hoheit Lust bekamen, sich
in die Humanittsgesellschaft aufnehmen zu lassen.
    Was er nur in all den Gesellschaften sucht! sagte die Almedingen.
    Man sagt, den Geist, den er - an einem andern Ort nicht finden kann. Ob es
ihm in der Humanittsgesellschaft gelingt, lass' ich auf sich beruhen. Die
Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt, in dem noch Niemand
durchfiel. Nur eine schwarze Kugel war in der Urne, die sich seltsamerweise bei
jeder Aufnahme findet. Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darber,
und uerte, er mchte wohl Den kennen, der ihn aus der geehrten Gesellschaft
hinaus ballotiren wolle. Lombard, der bei sehr guter Laune war, rgerte sich
gerade ber den Geheimrath, der zu eifrig eine farcirte Fasanenbrust tranchirte,
auf die er vielleicht selbst reflektirt hatte. Er flsterte mit ernsthafter
Miene, die Augen auf Lupinus gerichtet, dem Prinzen etwas ins Ohr, und die
Achseln zuckend, schlo er halb laut: er ist sonst ein braver Mann, man begreift
nicht, wie er dazu gekommen ist. Der Prinz starrte lachend den Regenten der
Vogtei an. und wenn er es nicht selbst bemerkte, so flsterten seine Nachbarn es
ihm ins Ohr. Nun htten sie den unglcklichen Geheimrath sehen sollen. Ein
Schauspiel fr Gtter, wie er auffuhr, Messer und Gabel fallen lie, kreidewei,
der Stuhl hinter ihm fiel nieder. Man kann buchstblich sagen, die Augen gingen
ihm ber, und die Stimme versagte ihm. Er wehte sich mit den Hnden Luft zu.
Endlich brach es los. Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen, sah er
alle Augen auf sich gerichtet, und der Prinz hatte die Grausamkeit, mit dem
Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren. Nun, meine
Damen und Herren, die Beredtsamkeit des Geheimrath Lupinus mgen Sie sich
denken. Nachdem er die Wolken der unerhrten, frchterlichen Verleumdung zu
zerstreuen gesucht, kam er auf sein theures Ich zu sprechen, natrlich
franzsisch, welches von der Muttermilch an nur in Devotion fr das Knigliche
Haus sich gesugt. Nach vielen Endlich - Aber - Rckfllen - Wiederholungen -
gerieth er in eine Art dithyrambischen Schwunges, und aus der Kehle oder der
Brust kam ein Lobgesang auf das Knigliche Blut, das so rein und heilig, wie es
im Herzen pulst, durch alle Glieder stiee, da jeder Tropfen davon reiner sei,
wie der Purpur des Morgenrothes. - Alle sahen auf den Prinzen, der bis da mit
unvernderter Miene den Mann angeschaut - er mochte eine Viertelstunde
gesalbadert haben - als er rasch aufstand, das gefllte Glas in die Hand nahm
und die Lippen ffnete. Ringsum gespannte, bange Erwartung. Mais - riefen Seine
Knigliche Hoheit, - eine kleine Pause -c'est assez! - Kein Wort weiter. Sie
strzten das Glas runter, stampften es auf den Tisch und konversirten mit ihrem
Nachbar weiter ber die Trffelpastete.
    Der Besternte, einem fremden Hofe angehrig, schwellte sichtlich von einem
innern Behagen, das er zu verbergen sich Mhe gab, whrend die Hofdame erblasst
war: Entsetzlich! Und -?
    In der Gesellschaft war eine Todtenstille, Jeder sah auf seinen Teller. -
Und der unglckselige Prinz? - A mit groem Appetit. Vielleicht dachte er
nach, ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls werth war. Lupinus sa, was
man in Berlin sagt, wie bergossen. Er lie alle Schsseln vorbergehen. -
Unglaublich! riefen beide Zuhrer, jeder dachte etwas andres. Da solch ein
Mensch sich nicht vernichtet fhlt, sagte die Almedingen. Weshalb, meine
Gndigste? - Weil er die Ursach war, da ein Prinz von Geblt sich selbst
verga. Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drckte, ich wsste doch nichts
anderes, als da ich mir das Leben nehmen msste. - Die Gewissen sind
verschieden, entgegnete Fuchsius. Das ist eine wunderbare Gabe Gottes. Herr
Lupinus gehrt zu der groen Klasse Menschen, die man wie die Frsche mit Keulen
in den Sumpf stampfen mag, sie stecken die Kpfe doch wieder raus.
    Das zarte Gefhl der Almedingen erlaubte ihr nicht lnger dem Gesprche
zuzuhren. Als sie gegangen, sagte der Besternte: Mich dnkt, zu dieser Klasse
gehrt die Majoritt der Menschen. Der Regierungsrath erwiderte: Wenigstens,
wenn die Keulenschlge, die sie tglich empfangen, sie zur Besinnung ihres
Unwerths brchten, wre die Welt eine andere, als sie ist.
    Die Nachricht lief um, der Prinz werde gar nicht kommen. Es seien Depeschen
vom Rhein hchst betrbenden Inhalts eingelaufen, darauf er zu Hofe berufen.
Und sie lsst noch nicht serviren! seufzte ein Prsident, die Uhrkette
ziehend.
    Die noch nicht serviren lie, hatte whrend dessen die Goldstcke vom
Spieltisch eingesammelt und, nachdem sie dieselben in Papier gewickelt, in den
Pompadour der Geheimrthin gleiten lassen.
    Wollen Sie mich bestechen? - Ich knnte Sie doch nur belohnen wollen, da
Sie meinen Abend durch ihre Heiterkeit geschmckt. - Ich bin schon belohnt
durch den Genu, den mir Ihre Pikturen gewhren. Von wem ist dieser verlorene
Sohn? - Von einem Spanier. Ein Ribera, sagt man; Einige wollen gar von
Murillo. Betrachten Sie diese Schwielenhaut, diese Kruste von Schmutz, man sieht
ordentlich die verschiedenen Lager, auf denen er sich gewlzt. - Ich bewundere
nur das Gesicht. Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung, aber wie glht das
Auge! - Einige finden hnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand. - Wie bla,
bemerken Sie, Erlaucht, bei dieser Beleuchtung. Ich mchte eher an den jungen
Bovillard erinnert werden. - In der That. Die schwarzen Brauen, auch im Kinn.
- Warum ist diese herrliche Parabel nicht weiter gefhrt? Wir sehen nur die
Vaterfreude. Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlorenen
entgegen breitete, wie viel rhrender wre die Geschichte. - Sie knnte auch
aus Verzweiflung verloren, vielleicht die Magdalene selbst geworden sein. - Da
hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen. Wenn man die zwei
Rahmstcke ausschnitte, wre es ein Bild. Dieselbe Gre, dieselbe Frbung. -
berraschend! Worauf Sie mich aufmerksam machen! - Erlaucht haben viele
Magdalenbilder! Wohin ich sehe - Hier Battoni, da Correggio; da ist auch ein
Murillo - den liebe ich weniger - dort ein Carlo Dolce, ein Vau der Werff, Guido
Reni. Von geschickten Malern kopirt; ich gab ihnen meist selbst Anleitung.
    Seltsam. sagte die Geheimrthin, ich erinnere mich keiner Magdalene von
Raphael.
    Der divino mastro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben! Fr
mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes. Leben wir nicht Alle der
Erde nher, keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit, athmet die
Nelke nicht ihre Wrze, fhlt unsere Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt
vom Duft der Nachtschatten! Die Marien bewundern, die Magdalenen begreifen wir.
Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt, msste es, dnkt mich, die
Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein! wenn die heilige Magdalene ihn
sanft um uns schlingt, o, wie anders, wie gern wrden wir uns von ihr heben
lassen, schweben durch die Wolken, die sich ffnen, denn sie flstert uns
Balsamworte zu: auch ich kannte Deine Schmerzen und Deine Wonnen. Fr mich ist
die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der gttlichen Liebe. -
Hat sie denn wirklich geliebt, sagte die Geheimrthin. Mich dnkt, ihre Art
von Liebe konnte nicht zum Glauben fhren! - Weil sie changirte? - Ja, wre
sie eine Sultanin gewesen, die ihre Lieblinge sich whlte und entlie, um
endlich ihr Ideal zu finden. Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mdchen.
Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht, um alle die fortzulieben, die mit
Seufzern und Schwren kamen, mit Betheuerungen und Gluth, die Lieder und Geld zu
ihren Fen streuten, und ghnend fortgingen, um nicht wieder zu kommen?
Vielleicht ward sie auch gemihandelt, und von denen, die sie wirklich zu lieben
geglaubt; ihre edelsten Empfindungen, wenn sie sich zu uern wagten, wurden
verspottet. Und das durch Monden, Jahre wiederholt. Solchen Fonds von
Erfahrungen hinter sich, Tuschungen darf man es nicht mehr nennen, erwarten wir
von ihr etwas anderes als Verachtung, Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht! Ich
knnte sie mir denken als eine Intriguantin, welche ihre Lust darin findet, die
Mnner gegen einander zu hetzen, als ein Brandstifterin, eine Semiramis, eine
Amazonenknigin, die die Brandfackel in Lander und Stdte wirft -
    Vielleicht auch als Brinvilliers - das ist das richtige Argument des
Verstandes, meine theure Frau. Das wahrhaft von der Liebe erfllte Gemth - Was
ist Ihnen?
    Nichts - ein vorbergehender Stich vom langen Sitzen.
    Die Liebe sucht nichts, die Liebe findet Alles, fuhr die Frstin mit ser
Stimme fort. Wer nur ein Ohr dafr hat, nicht muthwillig es schliet, wo der
Spring unter der grnen Tiefe rauscht, aus Furcht, da er zu furchtbar
vorbricht. O, die Thrichten! Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach! Wo
Alles sich findet, was sich nur suchen will, gehen sie wie Wachspuppen einander
vorber.
    Mich dnkt, Adelheid und der junge Bovillard thun das auch. - Kinder, die
Versteck spielen. - Ich glaubte, sie in Feuer und Flammen zu finden. - Im
hellen Zimmer jagen, im dunkeln fangen sie sich. - Mamsell Alltag ist bla. -
Unter den vielen Geschminkten. - Der Marmorausdruck ihres Gesichts -
    Geliehen, theuerste Frau! Was das arme Kind sich Mhe giebt, ihr Gefhl uns
zu verbergen, die tausend Nadelstiche, die das kleine Herz durchbohren! Solche
widernatrlichen Affekte rchen sich. - Aber eine mtterliche Freundin, wie
Erlaucht, wird der Leidenden zu Hlfe kommen. - Da darf kein Fremder helfen
wollen. Wahr und wahrhaftig nicht. Die Natur findet ihren Weg und die Knospe
bricht auf, wenn die Blume reif ist.
    Schade nur, wenn das arme Mdchen sich wieder tuschte! sagte die Lupinus
nach einer Pause. - Wie meinen Sie das? - Der junge Herr von Bovillard ist
zwar, was man nennt, in der Gesellschaft wieder ehrlich gemacht, aber - ein Sort
kann er ihr doch nicht machen. Ich glaube schwerlich, da man ihm eine
Anstellung gbe, wie jetzt die Dinge stehen. Sein Vater hat auch nicht mehr den
frheren Einflu. Der alte Alltag wrde mit der Mariage ebensowenig zufrieden
sein.
    Ein vornehmes Lcheln schwebte um die Mundwinkel der Frstin: Daran habe
ich wirklich nicht gedacht. - Hat Ihre Majestt noch das Verlangen. Adelheid
zu sehen? - Die Knigin hat wirklich an Anderes zu denken. Da fllt mir ein,
in der Magdalena, die hier die Arme, nach Ihrer glcklichen Entdeckung, dem
verlorenen Sohn entgegen hlt, findet Schadow hnlichkeit mit unserer Adelheid.
    Die Geheimrthin lorgnettirte: Der Schnitt des Gesichtes, aber - ich mochte
eher eine Verwandtschaft mit der Comte Laura entdecken. - Wie sein wieder Ihr
Blick, Sie sind eine geborene Kunstkennerin. Merkwrdig, Laura ist fast ganz so
kostmirt. Wir wollen die schnen Mdchen uns herrufen, um zu entscheiden, wer
ein nheres Anrecht darauf hat, eine Heilige zu werden.
    Die schnen Mdchen waren nicht im Magdalenen-Zimmer. In dem Kabinet hinter
den Feuerlilien stand Adelheid, an derselben Thrpfoste, wo die Comte
gestanden; fast in derselben Stellung, auch sie blickte durch die Thrritze,
theilnahmlos. zerstreut, wenn Vorbergehende sie anredeten. Die Gargazin und die
Lupinus sahen sich bedeutungsvoll an. Es war nicht Zeit mehr zu seinen
Beobachtungen. Das war kein eitles Spiel einer Koketten, die auf neue
Eroberungen sinnt, die sich im Gedanken vor dem Spiegel schmckt und, in der
Phantasie ihr eigen Bild malend, sich fragt: wirst du ihm so gefallen? Sie
athmete nicht, sie zitterte nicht, aber der Rand des Blumentisches, den sie
krampfhaft fasste, htte, wenn er Empfindung gehabt, einen eiskalten Druck
empfunden. Sie wusste nicht, da ihr Lockenbund sich gelst und eine Flechte,
sie entstellend, auf die Seite fiel, sie fhlte den Boden unter sich brennen,
und ihr war eiskalt zu Muthe; nur scho es zuweilen glhend hei durch die
Adern, und gegen die Augen drngte es wie ein Strom, der einen Ausweg sucht,
aber die Wchter haben die Schleusen zugezogen. Die Gargazin drckte die Hand
ihrer Begleiterin und flsterte ihr ins Ohr: Die Knospe bricht; heute
entscheidet es sich.
    Zu mehr war nicht Zeit. Gruppen drngten sich um einige spt Angekommene.
Prinz Louis kommt nicht, lautete die eine Botschaft. Ein Zweiter wusste von der
eingelaufenen Nachricht: der franzsische Kaiser habe Distrikte und Orte am
Rhein besetzt, die unzweifelhaft zu Preuen gehrten, und mit dem bermuth der
Reunions-Kammern sie fr franzsisches Staatsgut erklrt. Der Ministerrath war
nach dem Palais berufen. Man hatte auch Generale in uerster Erhitzung dahin
strzen sehen. Einige wollten wissen, man werde ber Nacht dem franzsischen
Gesandten die Psse zustellen. Die Frstin rief nach dem Geheimrath Johannes von
Mller. Er war nicht mehr in der Gesellschaft; schon vor einer halben Stunde war
er abberufen. Eine andere Botschaft aus dem Hause der Geheimrthin: der Herr
Geheimrath befinde sich in heftigem Fieber und phantasire, indem er wunderbare
Namen anrufe. Will denn Alles heut den schnen Abend uns stren!
    Die Geheimrthin war nicht der erste Gast, welcher Abschied nahm. Die
Geheimrthin hatte eine Ahnung den ganzen Abend durch geplagt. Ihr sei,
versicherte sie, als wenn ein furchtbares Gewitter, ein Erdbeben im Anzuge sei.
Um so grer war Ihre Geflligkeit, den ganzen Abend die Heitere gespielt zu
haben - Dafr hatte die Frstin sie weiter begleitet, als die Etiquette
forderte, vielleicht billigte: Ich mchte von Ihnen den Muth lernen, wie man
bei einem Erdbeben lchelt.
    Die Frstin lchelte aber nicht, als sie zurckkehrte, man konnte vielmehr
ein leichtes Schaudern bemerken: Ich hoffe, es war das erste und letzte Mal.
Ein Vertrauter, wie Wnde und Mbel es sind, vor denen man nichts verbirgt, aber
sie erwidern das Vertrauen nur durch Schweigen, ein russischer Kavalier hatte
den Herzensergu gehrt und wagte darauf zu antworten: Warum behandelten
Erlaucht die Frau mit der Aufmerksamkeit? - Weil ich sie frchte, hatte die
Frstin dem Mbel erwidert, weil - ich mu Wandel fragen.
    La table est servie! meldete der erste Kammerdiener.
    Auch Wandel war verschwunden. Der erste Gast war jetzt der Prsident, die
vornehmeren waren fort: Es wird doch auch diesmal nur blinder Lrm gewesen
sein! sagte die Frstin. - Gewi, entgegnete der Prsident, indem er ihr
respektvoll den Arn: reichte. Man wird schon wieder ein Auskunftsmittel finden,
und wir knnen - Ruhig essen, Herr Prsident. Meine Herren fhren Sie die
Damen, unsere Ordnung ist zerrissen - wie es sich findet.
    Die Ordnung war zerrissen, die Tischgnger wurden gepaart, wie Niemand es
erwartet hatte.
    Wir haben Louis Bovillard in dieser Soire nur einmal ins Auge gefasst, und
auch da nur durch die Vermittelung anderer Augen. Vielleicht verloren wir
nichts. Den vernichtenden Titanenhumor, der ihn fr Viele interessant machte,
lie er nur noch selten spielen. Was gehrte er in die Gesellschaft? War er doch
auch vielleicht entwichen in einem langen Siechthum! Was der Strmung der Zeit
angehrt, wird heut von ihr auf der Woge hoch getragen, da es die Wolken
ansprtzt, um morgen im Abgrund zu versinken. Der Kothurn, den wir heut
bewundern, morgen belcheln wir ihn. So liefert die Tragdie von gestern immer
Stoff zur Komdie von heute.
    Louis Bovillard sahen wir durch die Thrritze als Trumer. Im Kostm des
englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt. Die jungen mochte er
nicht verletzen wollen, denn er war pltzlich ein anderer geworden. Er war in
ihrem Kreise voll Laune, Witz, liebenswrdig vom Wirbel bis zur Zeh, aufmerksam
auf jede Neckerei, die er in dem Tone wiedergab, von dem sie ausging.Was hatte
ihn so verwandelt? Die Liebenswrdigkeit der jungen Damen oder die steinernen
Gesichtszge, die Adelheid ihm zeigte? Man kann ja nicht immer in einer
Gesellschaft den Trumer spielen, sonst wird man langweilig; und Adelheid mochte
das auch denken, denn nichts verrieth, da sie sich ber diese Vernderung
wunderte. Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgefhrt beim Klange des
Klaviers. Aber Louis musste lngst vergessen haben, um was er am Instrumente
sa. Er trumte wieder, denn er hatte sich in Akkorde vertieft, die wohl zu
einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck passten, aber nicht zu der
harmlosen Situation aus der jngsten Reichard'schen Oper, noch zu den Scherzen
des Suchens nach der Musik. Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt? denn sie
war allmlig verschwunden vor den dumpfen, langaushallenden Tnen, die er den
Tasten entlockte. Nur Eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben, und als er
die Phantasie mit einem Tonschlage schlo, der wie ein tief aufseufzender
Meeressto gegen das Eis brach, respondirte ein Ton der Bewunderung aus ihrer
Brust.
    Das war zu gttlich! Eigentlich verdiente es einen Kranz! Comte Laura war
aufgesprungen, und ehe der Fortepianospieler es sich versah, fuhr ihr weicher
Arm um seine Schulter und steckte das Bouquet feuriger Nelken, das sie in der
Schrze getragen, rasch ihm an die Brust. Als er den Arm fassen wollte, um den
Dank auf die Hand zu hauchen, war die Nymphe entschlpft. Das Unglck aber
wollte, das die Zipfel ihres garnirten Tuches an seinen Rockknopf sich
genestelt. Das Tuch war lang und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne,
da sie an ihn gefesselt war. Sie zerreien mein Tuch. Er zog sie langsam an
sich. Was wollen Sie? - Sie strafen, da Sie entfliehen wollten. Sie musste
ihr Tuch mehr lieben, als die Strafe frchten, sonst htte sie doch das Tuch
losgelassen und wre entflohen.
    Als er ihr jetzt entgegensprang, um sie zu strafen, erschreckte ihn nicht
ihr leichter Schrei, mit dem sie dem strafenden Arm sich zu entwinden suchte,
sondern - eine Erscheinung. Adelheid stand zwischen der Thr und ihm, die Hand
ans Herz gepresst, als fhle sie einen Schmerz, bla, mit Geisteraugen, wie eine
Bildsule.
    Meine Herren, schnell den Arm der Damen! riefen mehrere Stimmen, als durch
die offene Thr der Zug zum Speisesaal vorberging. Sans gne, Jeder wer ihm
zunchst steht.
    Ob er, ob die Comte das Tuch vom Knopfe losgenestelt, wissen wir nicht,
aber es musste losgemacht sein, denn Bovillard fand kein Hinderni mehr, als er
der ihm Nchststehenden den Arm ffnete. Es machte sich von selbst, es ging
nicht anders, ohne einen Versto. Es war Adelheid, die der Strom auf ihn
zudrngte, whrend er die Comte fortschob. Auch sie musste, sie stand ihm zu
rechts. Aber sie weinte. Eigentlich bebte nur ihre Brust. Ihre Schlussakkorde -
es war mir, als ob - als ob etwas sprang -
    Darf ich? rief die nselnde Stimme des Baron Eitelbach zur Comte, ohne
sich tief zu neigen. Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an, und
steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem qu'importe! Es machte sich auch
von selbst. Es waren die letzten Gepaarten.
    Drei Paare folgten einander zu Tisch, von denen Keiner am Abend erwartet,
da der Zufall ihn zu dem Andern fhren wrde. Die zwei sahen wir eben; ihnen
voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach.
Spottvgel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter.

                          Fnfundsechszigstes Kapitel.



                          Ein belauschtes Intermezzo.

Im Vorzimmer des neuen Ministers stand Walter van Asten. Es war Vieles
vorgefallen, was diese Audienz, um die er nicht nachgesucht, immer wieder
aufgeschoben hatte. Der Minister war einmal zum Knige berufen gewesen, eine
dringende Konferenz hatte sich ein ander Mal in die Lnge gezogen. Man hatte ihm
hinaus sagen lassen, es thue dem Minister sehr leid, aber um ihm seine Zeit
nicht zu rauben, werde Excellenz ihm einen andern Tag bestimmen lassen.
    Am heutigen war Walter mit frohem Herzen aus dem Hause gegangen. Nicht weil
ein entfernter Bekannter, der sich pltzlich seinen Freund nannte, heut Morgen
zu ihm gestrzt war, mit der frohen Kunde, die er vom Schwager des Bruders eines
Kanzleibeamten gehrt, da derselbe seine Brochre auf dem Arbeitstisch des
Ministers liegen gesehen. Seine Schrift hatte Walter fast vergessen. Was war es
jetzt Zeit zu Organisationen. Es war kein anderer Impuls in ihm. als die Lust
des Atoms, sich aufzulsen in das Allgemeine. Nur rasch wnschte er die
Operation. Es ist ja Alles vergnglich; auch der tiefste Seelenschmerz, von dem
wir nie zu genesen glauben, ist nur ein bitterer Rausch, der sich verflchtigt.
Wie furchtbar er auch die Brust des Ruhigen, Verschlossenen durchwhlt, so, in
stillen Augenblicken, da er die Sonne untergesunken sieht, um nirgend wieder
aufzugehen, auch der Schmerz arbeitet doch nur wie Alles, was Odem hat, bis sein
Athem ausging! Dann - ja dann, was uns ins Auge fllt, der Abendstern oder ein
Abenteuer, ein Problem oder ein Bild aus dem Alltagsleben, Hitze oder Klte,
Hunger oder Durst, die Neugier oder die Mdigkeit, sie erregen neue Wnsche,
neue Anstrengung, neue Arbeit, neues Leben. Was wre auch das menschliche, wenn
es an einem Schmerz schon verblutete, und Jedem sind der Schmerzen so viele
zugemessen! Die Sonne der Liebe, die so wunderbar bei ihrem Aufgang in sein
graues Leben gestrahlt, war versunken. - freilich, er hatte ihr Licht schon
lange immer matter, immer klter werden sehen, aber so pltzlich untergesunken,
so dunkel, unheimlich war auf einmal die Nacht, da mit ihr Alles versunken
schien, was er gebaut, getrumt. Fr sich, was sollte er da noch bauen,
schaffen, wollen? Wozu? Was er fr sich erstrebt, es hatte ja keinen Zweck mehr!
Ehre? Wo war denn Ehre berhaupt zu gewinnen? Eine Existenz? Brauchte er um die
zu ringen? Ein dampfender Schlund schien sich vor ihm zu ffnen, in den er, ein
anderer Curtius, unverzagt gestrzt wre. Er hatte den Kanonendonner bei den
Revuen gehrt, das Geprassel des Pelotonfeuers. Wenn das Ernst wre, die breite
Brust den dampfenden Batterieen entgegen zu halten, msste es nicht eine Lust
sein!
    Der Minister lie ihn lange warten. Seine Ercelleuz waren in eifrigem
Gesprch mit einem vornehmen Besuch. Wenn sie sich der Thr nherten, schallten
Worte und ganze Stze zu ihm; dann, die Klinke an der Hand, machten sie wieder
Kehrt, es schien neues l in die Flamme gegossen, und indem sie sich tiefer ins
Zimmer entfernten, gingen die Worte in unartikulirte Tne ber. Er glaubte den
Titel seiner Schrift zu hren. Er konnte sich aber auch getuscht haben. Er
nherte sich unwillkrlich dem Tische, worauf die letzte Lektre des Ministers
lag. Obenauf seine Schrift. Sie war an vielen Stellen eingeknifft. Er sah dicke
rothe Striche, Frage- und Ausrufungszeichen. - Also doch darum! Sie hatte die
volle Aufmerksamkeit des ausgezeichneten Mannes erregt. Musste er sich nicht
vorbereiten? Er trat zaudernd noch nher. Da stand ein Bravo! dick neben einer
Stelle. Sein Herz klopfte.
    Schon griff seine Hand nach dem Buche, als die Thr aufsprang und der
Minister seinen Besuch hinaus begleitete. Sie bemerkten ihn im Eifer der
Unterhaltung nicht; der Fremde mochte zur englischen Gesandtschaft gehren, sie
sprachen englisch.
    Mylord, Preuen ist durch den neuen Vertrag ohne Schwertstreich aus der
Reihe der europischen Mchte gestrichen. Sie knnen's in hundert Schriften
lesen, sprach der Minister. Was verlangen Sie noch von uns? - Und doch hat
Seine Majestt, Ihr Knig, Laforest's Antrag nicht gewillfahrt, sagte der
Englnder. - Weil der unverschmte Mensch forderte, er solle Lombard fr etwas
belohnen, wofr - Sie und ich ihm einen andern Lohn gnnen, fiel der Gesandte
ein. Indessen hatte Lombard nichts gethan, als was Seine Majestt billigen
mussten, er hatte Hangwitz whrend dessen Abwesenheit vertheidigt, das heit,
den Vertrag, den der Knig selbst ratificirt hat. - Die Patrioten htten
Lombard in Stcke zerrissen, wenn man ihn noch dekorirte und beschenkte. -
Seine Majestt hrten auf die Stimme des Volkes, aber auch auf die Ausflle des
Moniteur. Um Napoleon zu gengen, hat man den Baron Hardenberg entlassen. -
Kmmerchen vermiethen, warf der Minister hin. - Excellenz, nichts desto
weniger mu ich Ihnen bekennen, da mein Kabinet gerade dies am wenigsten
versteht. Und wenn mein Kabinet, das englische Volk begreift es nicht. - Giebt
die Diplomatie niemals mit der einen Hand, um mit der andern zu nehmen? -
Nicht in Krisen, wo man nicht wei, ob man noch Zeit hat, den ausgestreckten
Arm zurckzuziehen.
    Der Minister, der eine Weile vor sich hingeblickt, zuckte mit den Achseln:
Und doch irren Sie, Mylord. Die Uhren auf dem Kontinent gehen langsam. Die
Stunde ist noch nicht so weit vorgerckt. - Seiner Majestt Uhr ging rascher,
als Sie uns Hannover nahmen, Ihre Hfen uns verschlossen. - Weil Napoleon
schneidend auf die Ausfhrung des Vertrages drang. Er stand mit dem Hammer des
Auktionators da. - Und jetzt mit dem Liktorenbeile, Excellenz. Er legt den
Vertrag aus, wie es ihm gefllt. Er hat vor der Zeit Ihre Besatzung aus Wesel
verdrngt. Der Kommandirende derselben hat, beinahe ausgehungert, in seiner
abgeschnittenen Lage um die zurckgelassenen Vorrthe bitten mssen. Murat, der
neu creirte Groherzog von Berg, hat, auch nach dem schmhlichen Vertrage,
unbestreitbar preuische Bezirke, Alten, Essen, Werden besetzt. Er zieht die
Kassen ein, requirirt fr die Magazine, setzt Beamte ein und ab. Der Kaiser
bleibt, aller Remonstrationen ungeachtet, herrisch dabei. Ihr Staat ist so
absolut isolirt, da er von Frankreich abhngig sein mu, und doch gengt das
Napoleon nicht. In seinem bermuthe spielt er mit Preuen, wie der Tiger mit
seinem Opfer, ehe er es zerreit. Wozu Schonung, er spricht es deutlich aus
gegen Jeden, der es hren will, nicht vor seinen Ministern, vor seinen
Stallknechten ruft er: was Rcksichten gegen einen Staat, der so tief in der
ffentlichen Meinung sank, da er nirgends Freunde hat; da die es waren, am
lautesten vor Schadenfreude lachen werden, wenn er zusammenstrzt. Napoleon
sucht Krieg, er will Krieg, er provocirt ihn - Und findet lmmermthige
Geduld, fiel der Minister unerwartet ein. Mit ironischem Lcheln fgte er
hinzu: Sollte Seiner Majestt dem Kaiser der Franzosen da nicht am Ende selbst
die Geduld ausgehen?
    Der Brite fixirte ihn: Eine Maske, Excellenz, thut zuweilen ihre Dienste,
wenn man sich noch verstellen kann; wenn man aber sich so deployirt hat, da der
Feind alle Schwchen und Hlfsmittel kennt, ist es zu spt. Und wenn Sie es noch
lnger hinhalten, Ihr Volk hlt es nicht lnger aus. - Kennt man das auch in
Paris? sagte der Minister mit einem eigenthmlichen Ton, zwischen tiefem Ernst
und leichtem Spott. - Ihre Staatsmnner zhlen noch nach Jahren, hub der Brite
wieder dringender an. Ich nach Monden, Wochen, vielleicht nach Tagen. Wissen
Sie hier nichts von den Verhandlungen mit den deutschen Frsten im Westen und
Sden? Um das Reich Karls des Groen zu stiften, mssen die Wittekinde vorher im
Staube liegen. Er darf auch den Schein eines Sachsenreiches nicht dulden.
Wssten wirklich Ihre Staatsmnner nichts davon, verschlssen sie in
unglaublicher Verblendung ihr Ohr, oder glauben Sie noch, ihr Veto einzulegen,
wenn Alles abgemacht ist?
    Der Minister war bewegt, nicht durch die letzte Mittheilung des Englnders.
Er hatte nur bis jetzt seine Stimmung durch Einwendungen in ironischem Tone zu
verdecken gewusst. Wie tief er in eignen Gedanken versenkt war, beweist der
Umstand, da er das Vorzimmer verga, und Walter nicht bemerkte, obschon dieser
keinen Versuch gemacht, sich zu verbergen. Der Englnder mochte ihn gesehen,
aber fr einen Vertrauten, zum Hause gehrig angesehen haben; auch setzte er
vielleicht nicht voraus, da ein Sekretr die englische Sprache verstand. Der
Minister ging unruhig einige Schritte auf und ab. Walter hielt es sogar fr
seine Pflicht, durch ein Gerusch seine Anwesenheit zu verrathen, aber ohne
seinen Zweck zu erreichen.
    Wir wissen noch mehr, Mylord, sprach der Minister, vor dem Briten stehen
bleibend. Eine Revolution ist im Ausbruch, eine Revolution, welche allen, die
gewesen sind, die Krone aufsetzt. Sie spielt in der Hofburg zu Wien. Der
Steuermann springt in den Rettungskahn, Fahrzeug und Volk sich selbst, den
Wellen berlassend. Franz II. legt die rmische Kaiserwrde nieder, er will
seine deutschen Provinzen los und ledig erklren von allen Pflichten gegen das
Reich. Das Reich mag an der nchsten Klippe zerschellen, damit Oestreich
gerettet wird.
    Mich dnkt, einen preuischen Staatsmann sollte diese Nachricht nicht
erschrecken, sagte ruhig der britische Diplomat.
    Wenn er aus Herzbergs Schule ist! Wir fragen, hat er ein Recht dazu, darf
er preisgeben ein ihm anvertrautes, heiliges, das hchste Amt der Nation, der
Christenheit, ohne Die zu befragen, die durch freie Wahl es ihm auftrugen? Das
deutsche Volk behlt das unveruerliche Recht auf sein Dasein.
    Der Brite fixirte ihn: Sprechen Eure Reichsfreiherrliche Gnaden da als
preuischer Minister?
    Im Staatsmann arbeitete ein Feuer fort, er hrte nicht den Einwand: Das ist
der Fluch jener franzsischen Revolution, die aus dem nackten Begriff schpfte,
und in den Hexenkessel roher Begriffe Alles einwarf, Todtes, Lebendiges,
Ungebornes und Verwestes, aber auch das Heiligste und Gerechteste. Was blieb
denn noch brig, woran wir uns halten, wo der Vielfra Zeit Alles aufzehrte, als
das Vaterland! Zersetzen wir auch das auf seine Knochen und Fasern, dann Valet
die letzte Sprungkraft, die uns aus dem Schlamm aufreit. Ohne da wir an
Deutschland festhalten, ist kein Hessen und kein Sachsen, ja, kein Preuen und
kein sterreich. Sie, Mylord, wenn ich nicht irre, rhmen sich Walliser Abkunft,
was hlt denn Ihr grobritannisches Reich zusammen, als da es Eins ward, Briten
und Sachsen, Sachsen und Normannen, Englnder und Schotten, selbst das
widerstrubende Irland hat der Nationalsinn mit eisernem Arm an die gemeinsame
Brust geklammert. Wre es Bonaparte damals gelungen, htte er Ihre Schiffe
gesprengt, Ihre Strandbatterieen durchbrochen, Ihre Armee geschlagen, London
genommen, htte er die Mythe ins Leben und die Kronen von Frankreich und England
auf eines, sein Haupt gesetzt, htten Sie sich gengen lassen mit einem kleinen
Walliser Reich oder Piktenreich? Zerfallen und zerfahren war Ihr schner
germanischer Staat, wenn der Nationalsinn kein Herz mehr hatte, von dem alle
Adern ihr Blut empfingen. Uns hat man die Adern unterbunden, seit Jahrhunderten
das Blut abgezapft und es in andere Kanle zu leiten gesucht, und doch wallt und
strmt es immer wieder nach dem Herzen hin. Es sucht es und kann's nicht finden,
das ist seine Qual, aber es mu, es wird es wieder finden, - oder der deutsche
Name ist ausgestrichen aus der Geschichte.
    Und in England, wollten Sie sagen, fuhr der Brite, ohne aus seiner
Gelassenheit zu kommen fort, als der Minister pltzlich inne hielt, da die
getrennten Stmme dies Herz erst gefunden haben. Richtig; es war ein
glcklicher, aber ein knstlicher Proze.Die Fusion des Blutes ist hergestellt,
aber der Stempel darauf ist das Interesse. Das sollten Sie doch nicht vergessen,
Sie lesen es ja auch in allen Journalen und Schriften. Ja, Excellenz, wir drfen
uns darber nicht tuschen, es ist das Interesse, was uns zusammenfgte und
hlt, ein Band, das Napoleon durch seine Kontinentalpolitik tglich fester
macht. Aber wenn wir sehen, da die Kontinentalmchte, in deren Interesse es
lag, mit unserm zu gehen, ihr eigenes vergessen, wenn wir sie schwanken sehen
von einem Tage zum andern, ihre Entschlsse ndern, dann - mein Herr, wir sind
Kaufleute, Phantasieen und Fanatismus, zu manchen Geschften gut, um den Impuls
zu geben, tragen wir in unserm Kontobuch nur unter dem Riskontro ein. Napoleon
ist ein groer Spekulant, er setzte bisher Alles auf eine Karte; so lange
trauten wir ihm nicht. Seit er aber im fortdauernden Gewinnen und sich immer
konsequent ist, drfte England dahin kommen, ihn als einen solidern Kaufmann zu
betrachten, mit dem es sich wohl einmal auf ein Geschft einlassen knnte.
    Pitts Nachfolger werden und knnen sich auf eine Associschaft mit
Bonaparte niemals einlassen. - Alle Vorstellungen tuschen, sobald die
Rechnung eines andern Facit giebt. - Der deutsche Staatsmann sah ihn scharf an:
Mylord, ich habe mir die Achtung vor dem Charakter bewahrt, auch in der Politik
- und ich glaube, nie falsch gerechnet zu haben. Ein wirklicher Charakter stimmt
mit den Gesetzen der Mathematik. Die Maske ist zu durchsichtig. Wo knnte
England gewinnen?
    Wenn es die schwankende, haltungslose Politik Derer, die seine Freunde sein
mssten und es nicht sind, sich selbst berlsst. und mit dem starken Feinde ein
einfaches Geschft macht, Zug um Zug. Der Brite sah sich vorsichtig um. Indem
sein Blick auf Walter fiel, dmpfte er die Stimme. Es war ein stilles
Zwiegesprch von einigen Sekunden. Der Minister horchte, den Kopf etwas
vorgebeugt, zu, bis er ihn wieder in die Hhe warf. Er war ein ganz Anderer
geworden. Alle Unruhe und Agitation war fort. Sein Auge lachte sogar etwas
hhnisch, als er mit lauter Stimme sprach: Da er die Proposition machen lie,
bezweifle ich gar nicht, wenn er aber England Hannover zurck anbot, so kenne
ich die klugen Kaufleute in der Downingstreet zu gut. Fehlgeschossen, Ihr greift
nicht nach dem Danaergeschenk. Wie! Eine Heerde Euch schenken lassen, und wenn
sie Euch gehrte seit Abrahams Zeit, aber um Haide und Stall haben sich Wlfe
gelagert! Wollt Ihr sie annehmen unter der Kondition, da Ihr die Wlfe nicht
bekriegen drft, da Ihr Eure Lmmer unter der Aufsicht der Raubthiere scheert
und die Wolle holt? Glaubt Ihr zu besitzen, was nur auf einem Vertrage beruht,
und wenn der Wolf hungrig ist, wollt Ihr ihm das Papier entgegen halten?
Nimmermehr, Mylord, lehren Sie mich von Ihren Staatsmnnern nicht kleiner
denken, nicht an sie den Mastab von diesen hier anlegen. Ja, sei es, das
Interesse allein trennt und verbindet, und darum bleibt England uns verbndet,
wie gut oder wie schlecht wir's ihm gelohnt. Und doch rechne ich nicht darauf -
ich habe gelernt, auf nichts mehr zu rechnen, ich rechne allein - doch das
gehrt nicht hierher. Im brigen, Mylord, jetzt ist es Sommer, aber Bonaparte
fngt erst im Herbst Krieg an.

                         Sechsundsechszigstes Kapitel.



                         Ein Plagiarius wird entdeckt.

Walter hatte auf den ersten Blick in dem Minister den Mann erkannt, mit dem er
zufllig in Sanssouci zusammengetroffen war - nicht zu seiner berraschung; eine
leise Ahnung war schon frher in ihm aufgestiegen. Dennoch fhlte er sich
angenehm berhrt. Er war bei dem ausgezeichneten Manne eingefhrt, er kannte den
Minister, der Minister ihn, er durfte hoffen von einer vorteilhaften Seite; so
waren die ersten lstigen Formalien beseitigt. Nachdem der Englnder gegangen,
durchschritt der Minister noch einmal das Vorzimmer. Die Mittheilungen des
Briten beschftigten ihn, die Lippen bewegten sich, die Hnde spielten ein
Pantomimenspiel, als er sich jetzt rasch nach dem Tische umkehrte. Wer sind Sie?
Was wollen Sie hier? fuhr es heraus, als er Walter erblickte, und um die
Augenbrauen wlbten sich gefhrliche Runzeln. - Euer Excellenz haben mich
beschieden. - Wer - Sie sind doch nicht? - Mein Name ist Walter van Asten.
Wenn keine Verwechselung unterlief, ward ich von Excellenz erwartet.
    Der Minister sah ihn von oben bis unten an. In den Runzeln der Augenbrauen
sammelte sich ein Gewitter des Zornes, aber whrend um die Lippen ein
spttischer Zug bemerkbar ward, glnzte in den Augen, die ihn scharf
durchbohrten, etwas von Mitleid mit Verachtung gemischt. - Sie - Sie haben das
da - er griff nach Walters Brochre, und indem er sie mit zwei Fingern
verchtlich aufhob, hielt er sie ihm pltzlich mit beiden Hnden vors Gesicht,
um sie eben so rasch wieder an, den Tisch zu werfen. - Das haben Sie
geschrieben - ich meine, Sie haben es drucken lassen? - Ich habe keinen Grund
es zu leugnen. - Und mir unterstehen Sie sich diese Schrift zu unterbreiten?
- Ich erfuhr erst heute, da Euer Excellenz von meiner Schrift Notiz genommen.
- Der Rittmeister Dohleneck ist Ihr Freund? - So viel ich wei, steht er zu
meinem Vater in Verhltnissen. - Doch noch etwas Bescheidenheit, durch den
Papa und die Freundschaft mir in die Hnde zu spielen, wozu Ihnen selbst die
Unverschmtheit abging. Gut gespielt, mein Herr, Sie knnen sich rhmen, da ich
Sie einen Augenblick fr ehrlich hielt. - Wenn meine Ansichten oder meine
Darstellung Euer Excellenz Mifallen erregten, so glaube ich wenigstens diese
Behandlung nicht verdient zu haben, da ich mich Ihnen damit nicht aufgedrngt
habe. - Wenn Euer Excellenz mich nur deshalb rufen lieen so glaube ich jetzt
entlassen zu sein. - Unversch - Ihre Ansichten! Herr, in drei - hat ein
Plagiarius Ansichten? Kann ein Dieb sagen, der einen Kasten aus dem offenen
Fenster stahl, da ihm die Sachen darin gehren, wenn er sie in seiner Spelunke
in Schrnke und Fcher gestellt hat?
    Walters Blut strzte gegen seine Brust, er presste die Lippen, seine Stirn
glhte, und wie ein eiskalter Strahl zuckte es ihm zugleich vom Wirbel bis zur
Zeh: Was haben Euer Excellenz mir zu befehlen? Er sprach es mit fester Stimme,
aber es war der letzte Moment der Fassung. Scheeren Sie sich zum -, wo Sie
hergekommen und unterstehen sich nicht, mir wieder unter die Augen zu treten.
Der Minister hatte mit einer halben Wendung ihm den Rcken gekehrt.
    Ich werde nicht gehen! hrte er hinter sich eine klar tnende Stimme.
Denn darum haben, darum knnen Excellenz mich nicht herberufen haben. Ich gehe
nicht, weil ich es mir schuldig bin, und ich gehe nicht, weil ich es Euer
Excellenz schuldig bin. Ich habe ein Recht, vor Ihnen gerechtfertigt zu werden,
wie der Minister ein Recht hat, vor mir gerechtfertigt zu stehen, und wre ich
die unterste menschliche Kreatur in diesem Staate. Der Freiherr sah ihn ber
die Schulter an: Im Mundwerk ein Virtuos wie im Styl; aber ich liebe nicht
Virtuosen, ich will Charaktere. Was haben Sie vorzubringen? Kurz! - Da hier
ein Miverstndni sein mu. - Es ist Alles klar. Mit abgeschriebenen Gedanken
wollen Sie sich brsten. Gehen Sie zu andern Staatsmnnern. Ich will Ihnen den
Gefallen thun und Sie vergessen. Verstanden? Ganz vergessen! Machen Sie da Ihre
Fortune. Aber, junger Mann, wenn es ernst ist um das Vaterland, und wo es sich
handelt um seine heiligsten Interessen, da dulde ich keine Escroquerie.
    Es war nicht mehr die Gluth der Entrstung und des Zornes, es war eine
lsende Wrme, welche unsern Bekannten aus seiner Erstarrung ins Leben rief.
Hier war ein Miverstndni. Er fhlte sich so muthig wie je. Der Minister, der,
ohne ihn noch eines Blickes zu wrdigen, gegangen war, und schon die Thr in der
Hand hielt, hrte den entschiedenen Tritt des Andern hinter sich, er hrte ein
Halt! ihm zurufen. Vielleicht wre der Dreiste ihm ins andere Zimmer gefolgt,
wenn er nicht an der Schwelle Kehrt gemacht. Vorhin hatte Walters Stimme ihn
sanfter gestimmt; der klare, ruhige Blick, die gesetzte Haltung, mit der er ihn
jetzt ansah, hemmte noch einmal das Gewitter, das im Losbruch, entweder gegen
einen unerhrt Unverschmten oder gegen einen Unschuldigen. Das klare blaue Auge
sprach fr die Unschuld.
    Excellenz, ich wei, was ich begehe, und wei, da ein Klingelzug, ein
Rufen aus Ihrem Munde, ber mein Loos entscheidet. Lassen Sie mich durch Ihre
Diener hinauswerfen, ins Gefngni schleppen, mir den Proze machen wegen
Attentats gegen einen hhern Staatsbeamten im Dienst. Ich will nichts ableugnen,
und wei, da es mehrere Jahre Festung, meine Karriere kosten kann. Dennoch! -
So heilig Ihnen Ihr unbescholtener Ruf ist, so heilig mir meine Ehre. Der
Staatsmann, den ich nicht mit den brigen verwechsele, der die Dinge nach ihrem
Werthe prft, und die Menschen nicht nach ihrem Kleid und Namen, er hat mich,
den er freundlich in sein Haus lud, hier in seinem Hause einen Plagiarius
gescholten, er hat mich des Diebstahls, der Escroquerie bezchtigt. Ich habe ein
heiliges Menschenrecht dafr Rechenschaft zu fordern. Von Andern wrde ich sie
nicht fordern, die in brutalem Dnkel den Untergebenen nicht fhig halten zu
denken, was sie nicht selbst gedacht; von Euer Excellenz fordere ich sie, und
Sie werden sie mir gewhren. Wessen Gedanken habe ich entwendet, wessen Schrift
nachgedruckt? Wen habe ich um seinen Vortheil betrogen? Diese Schrift, die
Ansichten darin, falsch oder richtig, sind meine. Ich bin auf Tadel gefasst, ich
werde auch Verspottung zu ertragen wissen, aber ich will mein Recht als
Eigenthmer.
    Er hatte das Heft vom Tisch ergriffen. Der Minister sah ihn mit einem
durchdringenden Blicke eine Weile an, aber whrend der Zorn noch auf den Lippen
schwebte, und den unteren Theil des Gesichts durchzuckte, gltteten sich schon
die Falten der Stirn und unter den Brauen wurden die Augen klar, ja, ein
spttisches Lcheln fing an, sich ber die Mundwinkel zu legen. Die Gedanken,
mein Herr, sind meine.
    Walter hielt zum ersten Mal den Blick nicht aus, er senkte seine Augen; der
Blick wurde ganz sarkastisch. Meine eigenen, wiederholte der Minister in einem
Tone, der dem Blicke entsprach. Ihre Artigkeit wird doch nicht Beweise
fordern? - Und wre das, mein Gott! - So wre das noch keine groe Snde.
Gedanken fliegen durch die Luft. Der Eine, arglos, im Eifer des Gesprchs, lsst
sie ber die Lippen, und sie vibriren von Ohr zu Ohr. bis der letzte Horcher sie
in Worte fasst und sie fr die seinen hlt, weil er sie zu Papier bringt. Diesen
Diebstahl will ich Ihnen verzeihen, aber -
    Darauf war Walter allerdings nicht vorbereitet gewesen, aber ein Blick auf
das Exemplar der Druckschrift in seiner Hand gab ihn den Muth zurck. Er hielt
das dicke Bravo! mit Rothstift dem Minister entgegen: Hier fanden Excellenz -
Einen meiner Gedanken ausgefhrt, wie es mir gefiel. Nein, ich bekenne mehr.
Was ich erst flchtig hingeworfen, auf eine andere Zeit die Ausfhrung
versparend, fand ich so entwickelt, es bekam Hand und Fu, es ward durch die
Wendung ein neuer Gedanke. Es berraschle mich, und ich war froh, da Jemand
mich verstanden hat, in meinem Sinn gedacht, weiter gedacht als ich - Gott sei
Dank! brach es von Walters Lippen. Er verga in dem Augenblick seine Stellung,
selbst die peinliche Lage, in der er sich noch befand. Er zuckte mit der Hand,
als wolle er nach der des Ministers greifen. Gott sei Dank, ich bin
gerechtfertigt. Diese Wendung werden Sie mir doch als Eigenthum lassen!
    Indem der Staatsmann ihn unverwandt anblickte, schien, die Wolke von vorhin
sich wieder auf seinem Gesicht zu sammeln, aber es war eine Magie, um nicht zu
sagen Sympathie in Beider Augen, welche den Ausbruch des Gewitters noch nicht
zulie. Auch die darauf folgenden Seiten? Sehen Sie nach. Walter bltterte.
Sie waren mit Rothstift an der Seite von oben bis unten angestrichen. Es ist
nur die Entwicklung jener Wendung des Gedankens. Ich glaube, sie ist
folgerichtig und nicht Unglcklich. - Ich glaube es auch, sagte der Minister.
Es wetterleuchtete wieder. Er sprach rasch in abgestoenen Stzen: Also Ihre
Entwickelung? Mit Ihren Fingern geschrieben? Zweifle ich nicht. - Und der
Rittmeister, Ihres Vaters Freund, hat nicht mit Ihrem Wissen gehandelt? Ich will
es glauben. Kennen Sie den Regierungsrath Fuchsius? Still! Es kommt nichts
darauf an. Die Verlegenheit will ich Ihnen sparen. Gedanken fliegen nicht allein
durch die Lfte, auch durch die Finger von Abschreibern. Sind Sie ein
Clairvoyant? Ja, ich hrte, aus der romantischen Schule. Sahen Sie die
Ausfhrung, Seite fr Seite, Satz fr Satz Wort fr Wort durch die Mauer
schimmern? Sie schrieben vermuthlich um Mitternacht, beim Vollmond. Sagen Sie
ja. Auf eine Illusion mehr kommt es einen Romantiker nicht an, und wir scheiden
in Freundschaft. Ich kann Sie noch als einen ehrlichen Menschen aus dem Sinn
schlagen, wenn Sie mir ehrlich versprechen wollen, knftig zu wachen, wenn Sie
ber Dinge schreiben wollen, die Sie zu verstehen glauben.
    Ich bin kein dipus, Excellenz, und stehe sprachlos vor dieser Sphinx. Der
Minister nahm ihm die Brochre aus der Hand, aber indem er demonstriren wollte,
zerdrckte er sie in der Heftigkeit seiner Gestikulation. Als ich sie
vorgestern in die Hand bekam, war ich entzckt. Der Anfang superbe. Das Vorwort
ist von Ihnen, das kann ein Geschftsmann nicht. So wollte ich die Verordnung
vors Publikum gebracht, so eingeleitet. Selbst die Perrcken, durch die ich mich
schlagen mu, wrden einigen Respekt vor dieser berzeugungskraft, vor dieser
Gesinnung in blhender Sprache, die zum Herzen dringt, gewinnen. Das kommt von
Ihnen? Nicht? Wenn nicht ein unsichtbarer Geist es mir eingab, der sein
Eigenthum reklamirt. - Machen Sie Ihre Sache nicht schlechter, als sie ist,
junger Mann. Gestehen sie offen Ihren Fehltritt ein. Von da ab hat der Teufel
der Eitelkeit Sie geplagt - Wort fr Wort abgeschrieben. - Von wem? - Ich
will's noch glauben, da Sie das Original selbst nicht kannten. Der Minister
war mit einem stummen Wink da der Andere ihm folge, in sein Arbeitszimmer
getreten. Vom Schreibtisch nahm er ein sauber mundirtes Promemoria und reichte
es Walter: Lesen Sie, die Ausarbeitung des Herrn von Fuchsius, welche dieser
geschickte Arbeiter auf die von mir ihm angegebenen Ideen entwarf, ganz zu
meiner Zufriedenheit, ganz in meine Ideen eingehend. Walter las, bltterte,
berflog mit steigender Verwunderung. Das Thema dasselbe, die Einleitung die
formelle eines Geschftsmannes, die Eintheilungen fast die nmlichen mit seiner
Schrift, dann eine Ausfhrung - es war fast Wort fr Wort die seine - nur der
rhetorische Schlu ein anderer im Aktenstyl.
    Er lie das Papier sinken. Ein Lichtstrahl zuckte durch das Zimmer und auch
in seine Seele: So ist der Streit nur um die Prioritt! - Der Streit ist
entschieden, fiel der Minister scharf ein, Meine Gedanken ber die
Regeneration des Bauernstandes sind lter als - was geht das Sie an. Fuchsius
theilte ich sie Ende des vorigen Jahres mit, wir hatten darber Gesprche, seit
sechs Monaten ist er mit der Ausarbeitung des Promemoria beschftigt, stckweise
kannte ich die Arbeit schon frher, in ihrer vollendeten Gestalt legte er sie
mir vor drei Monaten vor. Ihre Brochre trgt die Jahreszahl 1806 an der Stirn.
Die Sache ist damit zu Ende.
    Walter verbeugte sich und ging. Der Minister schien es nicht erwartet zu
haben: Sie haben mir nichts mehr zu sagen? wandte er sich noch einmal um.
    Seit Sie mir zu sprechen verboten haben. Ich wrde sonst, was Excellenz
vielleicht entgangen, bemerklich gemacht haben, da es Buchhndlerart ist, auf
Druckschriften, die am Ende eines Jahres erscheinen, die Jahreszahl des
folgenden zu setzen; da ferner unter meinem Vorwort das Datum steht, an dem ich
die Schrift vollendet, und das war schon in der Mitte vorigen Jahres, also ehe
Euer Excellenz Herrn von Fuchsius die Aufgabe stellten; ferner, wenn es in einer
so unwichtigen Angelegenheit darauf ankme, knnte ich durch den Buchdrucker
mein Manuskript, durch das Zeugni von Freunden darlegen, wie ich die
betreffenden Stellen bereits Anfang vorigen Jahres niedergeschrieben hatte. Ich
knnte auch bemerken, da aus einer gedruckten Schrift, welche beinahe ein Jahr
cirkulirt, sich leichter Auszge machen lassen, als aus einer schriftlichen, die
im Bureau eines Ministers unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit bewahrt
ist.
    Halt! Die smmtlichen Exemplare Ihrer Schrift sind aufgekauft und makulirt
worden, ehe sie ins Publikum kamen. - Wer that das? rief der Erstaunte. - -
Ihr eigener Vater. Weil er es bereute, lie er mir das letzte Exemplar durch
Herrn von Dohleneck zustellen. - So knnte ich schlielich darauf aufmerksam
machen, sagte Walter, da ich mit dem Herrn Regierungsrat in durchaus keinen
Relationen stehe. - Kennen Sie Herrn von Fuchsius? unterbrach ihn der
Minister, der schon in der Mitte de Rede mit eigenen Gedanken beschftigt
schien. - Man rhmt ihn als einen unserer befhigtesten jngeren Beamten, dem
eine glnzende Karriere bevorsteht. - Ich frage, ob Sie ihn kennen?
Persnlich? Schickten Sie ihm wirklich kein Exemplar? Wissen Sie, da er keines
besessen? - Als Walter den Mund ffnete, scho wieder ein Lichtstrahl durch das
Zimmer. Er erinnerte sich, als er bei jenem anderen Minister eine Audienz
erhalten, da Herr von Fuchsius damals aus dem Zimmer gegangen, da dem Minister
kurz zuvor ein Vortrag ber die Schrift gehalten sein musste. In dem ersten
Moment fuhr ein Lcheln ber sein Gesicht. Er erinnerte sich, da Fuchsius, als
er durch das Vorzimmer an ihm vorber ging, eine Druckschrift aus der Tasche
sah.
    Herr Regierungsrath von Fuchsius! meldete in dem Augenblick der Amtsbote.
- Soll warten! sagte der Minister. Im Bureau! rief er dem Voten nach. Er
schien mit Gedanken beschftigt, als er, die Hnde auf dem Rcken, aus dem
Fenster sah. War Walter vergessen? Hatte der Staatsmann angenommen, da er gehen
msse? Sollte er jetzt gehen? Sich ruspern? Pltzlich wandte er sich um. Er
hatte ihn nicht vergessen, aus dem Pult ri er ein Konzept, und warf es hin:
Versuchen Sie sich daran. Hier auf der Stelle. Da ist Papier und Feder. - Eine
Ausarbeitung - ganz nach Ihrem Sinne - an die Lineamente brauchen Sie sich nicht
zu halten; da ist viel dummes Zeug darin. - Eine Stunde haben Sie Zeit. Ich habe
Geschfte, die mich wohl noch lnger abhalten

                         Siebenundsechzigstes Kapitel.



               Blicke aus eines Ministers Fenster ins Volksleben.

Die Thr schlug hinter ihm zu. - War das eine Rechtfertigung, da der Minister
dem jungen, ihm fremden Mann das Heiligthum seines Arbeitszimmers mit den offen
stehenden Schrnken berlie? Walter konnte wieder lcheln, als aus einem
halbgeffneten Schubfach ein Krbchen mit Goldstcken ihm entgegenblitzte. Da
lag auch ein versiegeltes Packet mit der Aufschrift: Nach meinem Tode zu
verbrennen. Vornehme Leute haben oft eigene Vorstellungen, wie sie die von
ihnen verletzte Ehre ihrer Untergebenen herstellen. Jedenfalls war es nur eine
halbe Rechtfertigung; der Minister wollte ihn durch die neue Aufgabe prfen, ob
er im Stande sei, selbststndig Gedanken zu entwickeln und auszuarbeiten. Das
Konzept, das ihm bergeben war, enthielt flchtige, von des Ministers Hand
hingeworfene Stze, etwa folgender Art: Was allgemeine Stimmung, wenn kein
gesetzliches Organ dafr existirt! - Jeder Minister ausschlielich in seinem
Geschftskreise - ein Knig oder Gliederpuppe. Fehlt jedes Element, den Knig
aufzuklren ber den wahren Status. - Geheime Kabinetsrthe. - Dahinter war ein
dicker Dintenklecks. Der Schreiber hatte mit der stumpfen Feder aufgestaucht.
Absolut nicht mehr mglich. Aut! - aut! - Fein anzufangen. - Dummes Zeug! So
Hardenberg nach heutiger Konferenz. Blcher wrd's besser verstehen. - Dahinter
einige Striche, Federproben, Eselsohren!
    Daraus ein Promemoria entwerfen! Allerdings das Zeichen eines groen
Vertrauens. War Excellenz' Denkweise so bekannt, da er aus Chiffren und
Hieroglyphen ein System konstruiren konnte? Oder hatte er ihn absichtlich in ein
Labyrinth gesetzt, um ihn auf bequeme Weise los zu werden, wenn er den Ausgang
nicht fand? Feder und Papier waren zurecht gelegt, aber Gedanken sollen dem
Schreiben vorausgehen. Sie im Promeniren zu sammeln, war die Stube zu klein. Und
es war drckend hei. Er lehnte sich aus dem Fenster, um Luft zu schpfen. Die
Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Straen
Berlins. Die geputzten Spaziergnger, die nach dem Thiergarten eilten, suchten
die schmale Schattenseite. Er hrte ihre Gesprche. Nicht Einer, der nicht dem
Andern zurief: Das ist mal hei! Jener machte die Bemerkung: Anno 99 wre es
doch noch heier gewesen. - Ja, ja. so geht's! schlssen zwei Bekannte mit
einem vielsagenden Hndedruck ein Gesprch, in welchem sie sich eben nichts zu
sagen gewusst. Schlechte Zeiten! - Wenn nur Friede bleibt! - Meinen Sie? -
Ja - ja - wer wei! - Hab' ich's Ihnen nicht immer gesagt, es geht oder es
geht nicht. - Ja, wenn nicht der Bonaparte wre! - 'Ne sappermente
Wirtschaft! - Na, man wird ja sehen. - Und das Bier auch immer schlechter.
- Saure Gurkenzeit, Herr Gevatter! - Die armen Komdianten! rief eine
geputzte Dame. Nein, an solchem Tage spielen zu mssen! - Und Belmonte und
Constance! - Und in Pelzen, hu, Einem schaudert! - Und wie leer wird es
sein! - Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opferthier, nicht eins, das
erst gebraten werden sollte, sondern das gebraten war vom Sonnenbrand, ein
junger Bursch im Sonntagsrock. Der Mund offen, die blablauen Augen unter den
glatt herabhangenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele. Pltzlich
aber belebten sie sich von Pfiffigkeit; halb pustete, halb pfiff er, und war
seitwrts gesprungen nach dem Straenbrunnen. Rasch klirrte die Pumpe, und seine
Lippen schlrften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl. Warum
musste er es so laut machen, da die Schwestern sich umsahen: Aber Karl, Potz
Wetter, wie unanstndig! - Nein Mutter, sieh! der Karl! der Junge hlt doch
nie auf Reputation. Als ob er von 'ner Schusterfamilie wre! Wie ein lebendiger
Straenjunge! - Warte nur, wenn der Vater! - Du kriegst ja drauen Weibier,
Karl, rief die Mutter. Wenn nur die wirklichen lebendigen Straenjungen es
nicht gehrt htten. Es schnalzte und grinste: Straenjungen! Wer sind denn
Eure Straenjungen! - Und wer sind sie denn! Aus der Fischerstrae! - Wenn
man sie nicht kennte! Die nht Pantoffeln. Selbst Schuster! - Und die Andre -
Schneidermamsell bei den Komdianten. - Dicke thun hilft nichts. - Htten die
geputzten Damen nur geschwiegen! Aber sie schwiegen nicht. Sie mussten ihre Ehre
vertheidigen. Die Straenjungen lieen sich in Berlin nicht berschreien. Die
korpulente Mutter ermahnte ihre Tchter, sich mit dem Kropzeug nicht
abzugeben. Selbst Kropzeug! war das Echo. Das war natrlich nicht zu ertragen.
Die Frau rief aus Leibeskrften nach ihrem Manne: ob er das dulden wolle, seine
Frau Kropzeug genannt! Der Mann schien schon vorausgeschickt, das jngste Kind
auf dem Arm, damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittirt werde.
Sein blauer berrock mit dem hochstehenden Kragen, in den der Kopf beinahe
versank, die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen hervorblickende
Pfeifenrohr passten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Theils der
Familie, und man durfte annehmen, da er sich bei Hofjgers an einen aparten
Tisch setzen msse. Aber in der Noth hrt solche Distinktion auf. Whrend der
Mann zurckkeuchte, so hastig, da der Pfeife die Spitze abbrach, und er jetzt
vollkommen Grund hatte zum Zorn, hatte der Auftritt schon eine andere
Physiognomie angenommen. Fritz war von den Schwestern animirt worden. Da einer
der Straenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge geblkt, durfte er
doch nicht dulden. Der Thter lag auf dem Boden, und Fritz auf ihm, es war inde
zweifelhaft, ob er nicht bald unter ihm liegen wrde. Da war es eben so
natrlich, da der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr darunter sprang. Es
war auch nicht mehr Geschrei, kaum mehr das, was man in Berlin ein Aufgebot
nannte, es war das nchste daran. Vorbergehende standen schon, wie es sich
schickt, entweder still oder nahmen Theil, als ein Einspnner um die Ecke bog
und den Knuel in etwas trennte.
    Es waren anstndige Leute auf dem Wagen, der Herr Hoflackirer und seine Frau
mit ihrer Cousine Charlotte, deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimni
blieb. Anstndige Leute stoen Achtung ein, besonders, wenn sie Wagen und Pferde
haben. Anstndig will Jeder sein. Der Herr Hoflackirer hatte aber seinen Rock
geknpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann, auch kutschirte er selbst,
und das Gestrnge glnzte, wenn auch nicht von Silber, doch von etwas, was wie
Silber aussah. Htte er nun die Peitsche knallen lassen, und ein donnerndes Wort
gesprochen von Auseinander! und Ruhe und Ordnung, und htte den Wagen
durchrollen lassen, dann wre Alles gut gewesen; aber er fragte: Was ist denn
hier los? Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger. Bei dem Durcheinander
von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen. Wenn man nicht
darber ins Reine kam, wer ausgeschlagen habe, was weniger darber, wer
ausgeschimpft hatte? Die Frau Hoflackir schien fr die geputzten Damen mehr
Sympathie zu empfinden, whrend ihre Cousine die armen Jungen in so fern in
Schutz nahm, als man nicht gleich losschlagen msse, wenn Einer mit der Zunge
blkt. Wenn die Damen im Wagen schon verriethen, da sie im Inquiriren nicht
geschickt waren, so viel weniger der Hoflackir, der sich einige Blen gab,
welche auch von diesem Auditorium gefhlt wurden. Schwierig war allerdings seine
Stellung, wenn er auer den Parteien auch noch den Meinungszwiespalt zwischen
seinen Beisitzerinnen schlichten sollte; man soll sich aber nicht zum Richter
bestellen, wenn man nicht das Zeug dazu hat, sagte nachher ein ehrbarer Mann.
    Die Frau Hoflackir musste durch eine sehr unanstndige Geste eines
Straenjungen in ihrem Zartgefhl verletzt sein, denn sie schrie auf, wie ihr
Mann auch dazu komme, unter dem Pbel sie zur Schau zu halten! Hatte sie dabei
unglcklicherweise auf die geputzten Schwestern ihren Blick gerichtet, denn
diese - der Zorn macht blind - nahmen den Affront auf sich. Pbel! Wer ist denn
hier Ihr Pbel! griffen aber zehn Stimmen zugleich die Beleidigung auf. Jetzt
war es an Charlotten auch die ihre zu erheben: Und wer sind Sie denn, meine
Damen, wenn ich fragen darf? Das ist meine Cousine, die Frau Hoflackir, und der
Herr Hoflackir, mein Cousin, hat immer nur mit anstndigen Leuten zu thun. -
Sie meinen wohl, wir wren nicht anstndig, schrie die eine Geputzte, die den
im Streit ihr abgerissenen Hut wieder auf das glhende Gesicht gesetzt hatte,
nur nicht ganz in der vorigen Faon. - Da msste doch die Polizei mitsprechen!
rief die Zweite - Die Polizei, rief Charlotte, die kennt ihre Leute, und
wei, wer sich Abends, wenn er aus der Tanzstunde nach Hause geht, von
Referendarien in Konditorlden fhren lsst. - In Konditorlden! Das ist eine
ausverschmte Lge! Das sollen Sie mir vor dem Kriminal beweisen, meine Dame.
Der Herr Referendar invitirten mich, aber ich sagte: das wrde sich wohl nicht
schicken, Herr Referendar! Und wir sind da nicht hineingegangen. - Es kommt
mir auch gar nicht darauf an, wo Sie die Rosinen gegessen haben, replicirte
Charlotte mit einem sehr feinen Blick. - Die zweite Schwester hielt die
Hflichkeit nicht mehr fr angebracht: Und woher Sie die Rosinen in Ihrem
groen Munde haben, wei man auch! - Ja, manche Leute, fiel Charlotte ein,
manche Leute haben einen sehr groen Mund, und sehen Wunder wie aus, Sonntags
vorm Brandenburger Thor, wo sie Keiner kennt, aber vorm Hamburger Thor kennt man
sie auch. - Vorm Hamburger Thor! schrie die Eine. Vorm Hamburger Thor!
wiederholte die Andere. Da htte man sie ja raus geschmissen, Knall und Fall,
wenn's nicht der Herr Wachtmeister gewesen wre. - Mit Schmiedegesellen geben
wir uns allerdings nicht ab, trumpfte Charlotte drein, die sind uns zu
russig! - Sie ist ja eine Kchin! fuhr die Jngste auf. Eine
Geheimrathskchin! Und eine fr Alles! Die ursprnglichen Parteien waren
aufgelst, vermischt; es gab nur einen gemeinsamen Kampf gegen die im Wagen
Sitzenden. Wer die allgemeine Lachlust gegen sich hat, ist verloren. Wie schwer
der Herr Hoflackir auch zur Empfindung zu bringen war, denn die Frau Hoflackir
musste ihm mit der Faust in den Rcken pauken, damit er nur merkte, da sie
ohnmchtig ward, jetzt glaubte er fluchen zu mssen. Es geschah zwar mit einer
gewaltigen Bierstimme, aber weder mit den rechten Ausdrcken, noch mit der
rechten Folge. Zuerst Flche aus dem Stall, dann Grnde. Ein Donnern, das mit
dem Suseln des Windes endet, verfehlt seine Wirkung. Im Hohngelchter der Buben
blieb ihm nur das letzte Mittel, nach der Polizei zu rufen, und er schwor, so
wahr er Seiner Majestt Hoflackirer wre, wolle er sie alle durch die Bank in
die Stadtvogtei schmeien lassen. Ehe sich einer dessen gewrtigte, war
Charlotte pltzlich vom Sitz aufgesprungen, hatte sich bergelehnt, dem Schwager
Zgel und Peitsche entrissen, und lie mit einem: Platz! die Peitsche knallen.
Das muthige Pferd, des langen Geredes berdrssig, bumte sich mit einem Satz,
der dem Wagen zwar einen Sto versetzte, da die Frau Hoflackir ihre Ohnmacht
vergessen musste; aber der Peitschenhieb hatte auch den gordischen Knoten
zerhauen, den zu lsen dem Herrn Hoflackir am schwersten geworden wre. Der
Haufe, der auf die Rodomontade schon zu Thtlichkeiten Miene machte, flog
auseinander, und Kies und Funken stoben.
    Kikelkakel Polizei! rief Charlotte, als sie Zgel und Peitsche dem
verdutzten Herrn Schwager wieder in die Hand warf. Darum lohnt sich's auch!
Die aus der Ohnmacht erwachende Frau Hoflachir sthnte: das komme davon, wenn
man sich mit gemeinen Leuten einlasse. - Gemeine Leute, das geht schon,
entgegnete Charlotte, deren Herz jetzt warm wurde, und ihre Zunge lste sich.
Aber wenn gemeine Leute wollen gebildet thun, Cousine, das ist um die Crepance
zu kriegen. Die Schmiedetchter da an der Panke, Hufschmied war er fr die
Fuhrleute und Bauern! Aber seit er den Knopfladen in der Stadt angenommen, da
sollte es oben raus. 'Ne Mamsell lsst sich auch gleich machen, habe ich oft zu
meinem Geheimrath gesagt. Das kostet Geld und Bildung, mit nem langen
Plunderkleid ist's nicht gethan. Da mussten sie in die Komdie, vom Tanzboden
ins Corps de Ballet. Ging's nicht so, dachten sie, geht's so. Das kennt man ja.
Und Airs geben sie sich, wenn ein Offizier mal auf der Redoute: Meine Damen!
gesagt hat. Als ob man nicht wsste, wie sie mal barfu laufen mussten und
Reisig auf der Hucke tragen, das ist noch keine Snde nicht, aber pfui, wer sich
schmt, was er gewesen ist. Und gegen den Vater wre auch gar nichts zu sagen,
wenn er nicht so schreckliche Manieren htte. Man merkt doch gleich den
Grobschmied raus. Und wo er zuschlgt, wchst kein Gras. Aber er ist doch mal
ihr Vater, und gestohlen hat er doch auch nicht. Aber die Mutter, na, lieber
Gott, wenn man von der erzhlen wollte! Unter der Haube ist sie nun mal, aber
von vorher wei man Geschichten. Gott bewahre mich, da ich was sagte. Wer Allen
die Haube vom Kopfe reien wollte, die jetzt hochmthig thun, und auf Andere
schief runter sehen, da htte man viel zu thun. Einer den Andern verreden, da
ist die Schlechtigkeit der Menschheit, und bis das nicht abgeschafft ist,
Cousin, da knnen Sie mir glauben, ist's nichts in der Welt.
    Einmal auf dem Einspnner, mussten wir ihn doch bis ans Thor begleiten. Wir
zweifeln nicht, da Charlottens Lunge, die das auf dem damaligen Berlier
Strahenpflaster vermocht, auch drauen auf dem welchen Erdreich des Thiergartens
noch lange fortgefahren ist. Sie verschaffte dem Hoflackirschen Ehepaare
jedenfalls den Vortheil, nichts von den Spitzreden zu hren, die unter lautem
Hohngelchter ihnen nachschallten.
    Hier war nur eine Partei zurckgeblieben, man mchte sagen, eine
Herzensseligkeit, und die geputzten Mamsellen fielen sich mit den Straenjungen
um die Wette ins Wort, um den Fortgerollte etwas Krnkendes nachzuschicken. Der
Zorn, wenn er auch nicht mehr trifft, mu sich selbst gengen. - Nein, wenn
solche Leute sich herausnehmen wollen, die nichts sind! - Wer unter der
Gassenjugend kannte nicht die Geheimraths Charlotte! Wenn die anfngt, mssen
die Fischweiber unterducken. - Ja, mit den Fischweibern mag sie Trdel anfangen,
da ist sie unter ihres Gleichen, aber sich unterstehen, anstndige Personen auf
der Strae zu attaquiren! - Eine Kchin so aufgedonnert, ein Skandal, was die
Polizei verbieten msste. - Die Polizei fragt freilich nicht, wo eine Kchin ihr
Umschlagetuch her hat. - Vom Wachtmeister hat sie es gewi nicht erhalten? -
Wenn Charlotte sich einbildete, da der Geheimrath sie heirathen wrde, hier auf
der Strae war es eine ausgemachte Sache, da sie die Rechnung ohne den Wirth
gemacht. - Und ihre Cousine, mit der sie so gro that! - Ja, wenn man nicht
Alles wsste, wenn man sie nicht gekannt htte! - Ja, der Herr Hoflackir war ein
honetter, proprer Herr, der auf sich was hielt. Immer adrett. Er zahlte baar.
Der arme Hoflackir, da er sich von der Person hat herumkriegen lassen! Aber es
war ihm schon recht, warum war er ein solcher Schafskopf! - Die Wage des armen
Hoflackirs ward immer leichter. Arbeiten verstnde er, das msste man ihm
lassen, aber sonst - ein Einfaltspinsel. - Und ohne die Weiber was wre er! -
Barfu, die Stiefel auf dem Rcken, war er durchs Hallesche Thor einwandert. Aus
dem Voigtlande! Ja, wenn seine Meisterin nicht ein Auge auf ihn geworfen! Und
wie hatte er es ihr vergolten! - Alls dem Voigtlande musste er herkommen, um
Andern das Verdienst wegzuschnappen, und dann will er er noch Polizei spielen
ber Berliner Stadtkinder! Himmelschreiende Anmaung!
    Der honette, propre, adrette, immer baar zahlende Herr Hoflackirer wre
gewi noch schlimmer mitgenommen worden, htte nicht die Polizei jetzt wirklich
mit vielem Gerusch versucht, die Gruppirung auseinander zu treiben. Sie jagte
sich mit den Gassenjungen. Die anstndigen Leute ersuchte sie auseinander zu
gehen, denn je weniger jetzt zu sehen war, um so mehr drngten sich, um noch zu
sehen, was Andere vor ihnen gesehen hatten. Die ursprnglichen Tumultuanten
waren langst entwischt, und die ehrbare Familie des weiland Hufschmied, jetzigen
Knopfhndlers, schon auf dem Wege nach dem Hofjger, wo sie, nach einigen
Nachrichten, die wir aber nicht verbrgen wollen, sich mit der des Hoflackirers
verstndigte, indem sie herausfanden, da es nichts als ein Miverstndni
gewesen, was sie an einander gebracht.
    Unter den ehrbaren Brgern war sehr ernsthafter Disput ber den Vorfall. Um
so besseres Streiten, als kaum Einer von denen, die stritten, noch mit Augen
gesehen, um was es sich stritt. In einem Punkt nur waren Alle einig: Warum war
die Polizei nicht frher gekommen? War denn die Polizei berhaupt nthig?
sagte der Begleiter einer ltlichen Dame, der etwas Fremdartiges an sich hatte.
Er war aus Amerika nach einem langen Aufenthalt daselbst in seine Vaterstadt
zurckgekehrt. Man sah ihn verwundert an. Haben Sie denn da keine Polizei? -
Wo man sie braucht. Was sich von selbst schlichtet, dazu ruft man sie nicht. -
Die ehrbaren Mnner schttelten den Kopf: Es war ja ein Skandal! - Doch nur fr
die, welche sich um solche Bagatellenstritten. Aber es ward ein Auflauf: es
htte noch schlimmer werden knnen. Einer musste doch beispringen. Htten die
Nachbarn und ehrbare Brger sich nicht selbst helfen knnen, wenn es ihnen zu
arg ward? Man verstand ihn nicht. Das wre noch hbscher, ehrbare Brger um so
was zu inkommodiren! Die meisten Nachbarn meinten, es liege an der
Unvollkommenheit der Gesetze, man solle andere machen; nur waren sie
verschiedener Ansicht ber das wie? Den Straenjungen sollte verboten werden,
auf der Strae zu schreien, verlangte der Herr Tabakskrmer drben. Der
Schullehrer meinte: den Frauenzimmern msse untersagt sein, in einem Putz auf
der Strae zu erscheinen, der ber ihren Stand ginge, denn daher komme doch die
ganze Geschichte. Ein Dritter: man solle nicht Jedem erlauben, auf der Strae zu
plumpen, denn das sei der eigentliche Quell. Man kam zu keiner Einigung.
    Als die Leute erfahren, der Mann sei ein Amerikaner, erregte er den Respekt,
welchen in Berlin Alles beansprucht, was weither ist. Mehrere der ehrbaren
Leute, die zugleich auch wibegierig waren, umringten ihn mit bescheidenen
Fragen ber amerikanische Einrichtungen. Einer, der ihm aufmerksam und
beistimmend zugehrt, sagte: In alledem, mein geehrter Herr, mgen Sie Recht
haben, aber ich frage Sie, wenn Sie keine Schilderhuser und Schildwachen in
Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten, wer reit denn den
Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund? - Niemand. - Ja, mein Gott, wie
kann denn aber da Ordnung in Amerika sein!
    Die guten Brger schttelten den Kopf. Die ltliche Dame, welche sich von
dem Amerikaner fhren lie, und zu ihm in dem Verhltni einer Verwandten oder
Bekannten stehen mochte, die, einst seine mtterliche Lehrerin, die langen Jahre
vergisst, welche den Knaben zum Mann erhoben, sagte mit der Feierlichkeit
berlegenen Wissens und doch mit dem gutmthigen Lcheln einer mtterlichen
Freundin, die Verirrungen sanft aufnimmt, weil wir Alle irren: Du wirst berall
Unglubige treffen, mein lieber Friedrich, wenn Du von den Vorzgen Deiner neuen
Welt da drben sprichst. Und Dir selbst wird, wenn Du Dich nur wieder zurecht
findest, auch das Auge aufgehen, da in keinem Staate so vterlich fr das Wohl
der Brger gesorgt ist, als in dem unseren. Nur in dem Einen hast Du Recht, da
ist es besser bei Euch, da sie die Kirchen heizen! - Ja, ich habe es immer
gesagt, wenn die Obrigkeit dafr bei uns sorgte, was htten die Leute dann noch
zu klagen! - Nun, wer wei, wenn ich die Augen schliee, kommt man wohl auch
noch dahin! Die groen Herren hier haben immer an Anderes zu denken, was ihnen
wichtiger scheint, darber vergessen sie das Nchste. - An diesem heien
Augusttage ist es doch wohl nicht das Nchste, liebe Tante, entgegnete der
Amerikaner. - Wenn wir aber nicht im Sommer fr den Winter sorgen, dann ist es
im Winter zu spt. Im Winter aber denken sie, nun, es ist ja noch Zeit, es kommt
ja der Sommer. So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts.
    Es war eine alte bekannte Dame der Residenz, gleich geschtzt wegen ihrer
Wohlthtigkeit und Frmmigkeit als wegen ihres klaren Geistes. Nur war sie eben
so bekannt wegen dieses Steckenpferdes, das ihr zur fixen Idee geworden. Sie
meinte, die Armuth fhle sich erst recht, wenn sie in ihren Lumpen in den kalten
Gotteshusern stehe, wogegen die Verlassenen und Gedrckten mit einem ganz
anderen Gefhl gegen ihren Schpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen
zurckkehren wrden, gleich wie ein Satter gegen die Verdrielichkeiten des
Lebens geharnischt sei, wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fllt. So
wusste sie zu beweisen, da aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich
frommer Sinn, allgemeine Menschenliebe, sondern auch Zufriedenheit,
Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit, kurz ein glckliches,
vollkommenes Gemeinwesen entspringen msse.
    Die Strae war wieder still geworden und Walter sa am Schreibtisch. Er
schlug die Augen nieder. Es war eine ermattende Luft. Er schttelte die Trume,
aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurck. Eine Seite stand fertig
geschrieben, als er die Feder wieder fortlegte und sich zurcklehnte: Lohnt es
sich denn um dieses Volk! Will es anders sein als es ist! Wei es, was es wollen
mu, um aus der Dumpfheit der Eristenz -
    Er trat noch einmal ans Fenster.

                          Achtundsechszigstes Kapitel.



              Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben.

Es war nicht gerade khler geworden, aber die Sonne prallte nicht mehr vom
Pflaster und den hellen Husermauern zurck. Sie war hinter das Dach eines hohen
Hauses gesunken. Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Thore hinaus.
Da ging sein Vater, im Arm den Rittmeister von Dohleneck. Seltsame Freundschaft
vom neuesten Datum! Er lchelte ber das Gercht, das der Witz der Berliner
Brse erfunden: sein Vater wolle ihn enterben, weil er keine Schulden gemacht,
um den Rittmeister zu adoptiren, der viel Schulden hatte; denn die Firma Walter
van Asten verdanke ihren Kredit Denen, die keinen htten. Ihre Schuldigkeit sei
es daher, das Schuldenmachen zu begnstigen. Er wusste nun, was seinen Vater und
den Offizier aufs Neue verband. Es war kein angenehmer Gedanke. Er wollte nicht
durch einen Vater, noch weniger durch einen Gensd'arme-Rittmeister, es war sein
Stolz gewesen, nur durch sich empfohlen zu sein. War das nicht auch vielleicht
Phantasie, fuhr er aus seinen Trumen auf, eine fixe Idee, wie die der guten
alten Oberkirchenrthin? Bewegen wir uns nicht Alle in einem groen Gespinnst,
ber das wir nie hinausfliegen, wie wir uns auch anstrengen? Wir sehen nur nicht
das Gngelband, an dem man uns fhrt. Ja, Alle sind wir eingefhrt in die
Kreise, wo wir wirken sollen; der durch seinen Namen, Herkunft, der durch die
glatten Wangen, das Geld des Vaters, es war ihm mitgegeben, als er geboren ward.
Der ruft den Schneider, den Coiffeur, den Tanzmeister zu Hlfe. Sie lesen,
bilden sich, um zu wirken. Was wre unser ernstestes Studium, wenn uns nicht
doch, als endliches Ziel, ein Wirkungskreis vor Augen stnde, der uns gefllig
machen soll, uns unter den Menschen erhebt, einen Einflu verschafft! Warum nun,
wo wir immerfort Hlfe suchen mssen, um die Lcken unseres drftigen Ichs
auszufllen, die von uns stoen, die man uns darreicht, die von selbst da ist!
Das Netz, das uns umschlingt, heit Konnexionswesen. Ist's nicht in unsere Natur
eingeimpft, bedingt durch unsere Gesellschaft, unser Gemeinwesen, lag es nicht
ausgeprgt in unserm znftigen, deutschen Sippschaftswesen? Der Sohn schlpfte
in die Kundschaft, Rstung, die Lehen seines Vaters, die Gesetze drckten ein
Auge zu, die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem
Recht. So berall. Wir sehen freilich Lumpe auf diesem Wege steigen, wo das
Verdienst zur Thr hinausgewiesen wird. Warum lsst es sich ausweisen? Warum
greift es nicht zu den Mitteln, welche die Vorsehung ihm bot? Ist das nicht viel
mehr Hochmuth, vielleicht der impertinenteste Dnkel, sich nur selbst gengen zu
wollen? Sollen wir nicht klug sein, wie die Schlangen? Und was Klugheit!
Grassirt nicht unter diesen Menschen die Manie zu protegiren? Sie locken uns;
wir brauchen nur zuzugreifen. Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit
Derer, die aus sich nichts machen knnen, Andere zu erheben, die sich ihnen
fgen, ihren Launen schmeicheln, in ihre Gedanken hineinlgen. So entstanden
Schulen, knstlerische, philosophische, religise, so erwuchs das Knigthum zu
der mythischen Gre. Man erhob sich, weil man Kleinere unter sich gro werden
lie. Man unterlie den Pyramidenbau, weil man inne ward, da man doch nicht
ber die Wolken dringe; aber je mehr Abstufungen man zu seinen Fen
betrachtete, um so erhabener dnkte man sich selbst. Es ist ihr Spielzeug, warum
erfassen wir es nicht, und lassen sie spielen zu unserm Zwecke!
    Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe, schrg dem Hotel gegenber. Ein Theil
dieser Fenster war mit grnen Jalousieen verschlossen; sie schienen nicht erst
heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen, der dicke Staub darauf sprach von
einem langen Verschlu. Das ganze Haus sah still und de aus wie eines, worin
Krankenluft wehte. Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren. Er
hielt seitwrts. Man streute das Stroh langsam auf das Pflaster vor dem Hause.
Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf, eine
weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus. Die Geheimrthin Lupinus gab den
Leuten Anweisungen, die er nicht hrte. Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde
und wehte sich frische Luft zu. - Man nannte die Lupinus eine unglckliche,
schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau. Man rhmte sie wegen der stoischen Ruhe,
mit welcher sie die harten Unflle, die Schlag auf Schlag sie trafen, ertrug.
Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten, und musste von
ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden, zuweilen auch an sich selbst zu
denken. Die Zuflle des Geheimraths sollten besonderer Art sein, und er seine
Pflegerin durch wunderbare Phantasieen plagen. Von alledem merkte man nichts,
wenn sie in der Gesellschaft erschien. Sie sprach von dem, was ihr bevorstehe,
mit Ruhe und Fassung. Sie mache sich keine Illusionen, wenn auch die rzte ihr
Trost zusprchen: mit einem Seufzer fgte sie hinzu, sie habe in ihrem Leben die
Trugschlsse dieser Wissenschaft hinlnglich kennen gelernt. Sie citirte gern
Stellen aus Mendelssohns Plato. Was sei denn das Leben anders, als ein Gefngni
oder ein Wachtposten, aus dem die Seele sich hinaussehnt nach Befreiung oder
Ablsung. Sie blickte auch wohl nach den Sternen, und schien ber sich selbst zu
lcheln, wenn sie in zwei kleinen, die sie bezeichnete, die lieblichen Kinder zu
sehen glaubte, die unter ihrer mtterlichen Pflege in das Jenseits entschweben
mssen. Halten Sie mich um deswillen nicht fr eine Schwrmerin, setzte sie
mit einem sanften Hndedruck hinzu, dazu bin ich verdorben. Meine Freunde sagen
zu oft, da ich es am Ende glauben mu, ich sei eine Philosophin. Die
Leidenschaften, die uns verwirren und aufregen, wer kann von sich rhmen, da er
sie ganz bewltigt, um zu der Ruhe der Seele zu gelangen, welche uns zu wahrhaft
Freien macht! Bin ich nicht eine schlechte Philosophin, wenn ich nicht einmal so
weit Herr ber mich ward, wie mein guter Mann? Er sieht seiner Auflsung mit der
Ruhe des Gerechten entgegen, froh wie ein Kind jeden Augenblick genieend, der
ihm noch geschenkt ist; der Sonnenstrahl, der in sein Zimmer fllt, presst ihm
ein Lcheln aus, er weht mit der Hand durch die Sonnenstubchen; er streichelt
den Kater ber den Rcken: was wird aus Dir nach meinem Tode werden? Er kann
noch scherzen: ob man nicht Versorgungsanstalten fr treue Hausthiere einrichten
solle? Mein Herz blutet bei diesen Scherzen, und das sollte eine Philosophin
nicht. Sie sollte auch nicht mehr hoffen, wo der Verstand ihr sagt, da hinter
der Hoffnung ein Strich gemacht werden mu. Ich kann es noch nicht, sprach sie,
sich pltzlich abwendend, das Tuch am Gesicht, da sehen Sie, was ich fr eine
Philosophin bin!
    Die Geheimrthin Lupinus ward allgemein bewundert, aber man frstelte bei
dieser Bewunderung und man vermied sie. Walter hatte scharfe Augen. Das Gesicht
kam ihm heute besonders spitz vor. Sie schielte ja. Fiel nicht ihr Blick
seitwrts ber die ganze Strae? Wie kam ihm die Vorstellung von einem
Brennglas, das in der Ferne znden soll? Er hatte niemals Zuneigung fr sie
empfunden. Wie oft hatte er im Gesprch ber ernste wissenschaftliche
Gegenstnde die Schrfe ihres Verstandes, ihre Phantasie im Kombiniren
bewundert, aber es war, als ob ein bleigrauer Schleier gleich darauf die
Anschauung berzog, eine tzende Substanz, welche die eben noch blhenden Farben
verzehrte; aus dem Gemlde ward ein blauer Kupferstich. Er war nie erhoben durch
ihr Gesprch, er ging nie froh von ihr. Was wollte diese Frau? Jetzt eine
Philosophin, die das Firmament durchdringen will nach dem Ewigen; jetzt schien
ihre Brust sich zu heben von Hochgefhlen fr Vaterland, Freiheit, fr die
Heroen der Menschheit. Fand sie eine Schranke, eine eiserne Wand, vor der sie
zurcksank nach verzehrendem Kampf? - Nein, ihre Flgel schienen schon erlahmt,
wenn die Zuschauer fortsahen. Und dann wie das Vogelgeschlecht, das auch Flgel
hat, aber nie in die Wolken sich erhebt, flatterte sie im Frivolen, Eitlen,
gehoben von keinem andern Drang als dem der Gefallsucht. Tausende, die nach dem
Interessantsein haschen, zufrieden, wenn irgend etwas als vorzglich anerkannt
wird, sei es auch nur eine Lieblingsarie am Klavier, ein kleiner Fu. ihr feines
Whistspiel. Wo blieb sie denn stehen, woran hielt sie sich? fragte er sich. Wre
sie sich selbst genug? Auch die Vorstellung, von Allen verkannt zu sein, es ist
eine bittere Wollust, aber sie mag zur Sule werden, auf die zuletzt allenfalls
eine Sulenheilige klettert und in schwindelndem Stolz auf das Gewhl
herabsieht.
    Aber - nein, dazu pulste ihr Blut zu ruhig. Der holde Wahnsinn spielte nicht
um ihre Schlfe, sie, jeden Augenblick die sich bewusste Beherrscherin ihrer
Worte, ihrer Mienen. Wusste sie ja sogar, da sie den Mnnern nicht gefiel, da
Frauen vor ihren Liebkosungen erschraken. Gefhlvolle erkltete ihr Gesprch,
Geistvolle fhlten sich gelhmt, nur Solche geriethen in Entzckungen ber ihren
Geist, die von ihr sich heben und tragen lassen wollten, und auch diese nur so
lange, bis sie ihrer nicht mehr bedurften. Und auch das wusste die
Unglckselige! Wohin er blickte, was sie gelten wollte, sie erreichte es nicht.
Schwrmte sie fr Napoleon, studirte sie Plato, begeisterte sie Fichte, erglhte
sie fr die Schnheitsformen des Alterthums, war sie pltzlich von patriotischen
Gefhlen fr die Ehre des Vaterlandes erweckt, war sie die liebevolle Pflegerin
des krnkelnden Gatten? Nichts von alledem! Walter hatte mathematische Beweise
dafr.
    Sie schlo jetzt wieder die Jalousieen. Die spitzen Finger der magern Hand
waren noch sichtbar, wie sie sich mhten eine Schlinge an einen Wandnagel zu
befestigen. Es gelang nicht so schnell. Das Spiel der einsamen Hand hatte etwas
Unheimliches fr Walter. Was wird sie nun drinnen in der dunklen Stube anfangen?
Handarbeiten? Sie nahm sie nur vor, wenn Fremde da waren, gewisse angefangene
Stcke, die er gut kannte. Stickereien, Nhtereien, die aber nie fertig wurden.
Wrde sie sich ans Bett des Kranken setzen, den Schwei von seiner Stirn
wischen, seine magere Hand liebevoll streicheln? Er glaubte durch die Mauer zu
sehen, da sie mit Schaudern vom Kranken sich abwandte. Vielleicht ergriff sie
eine Lektre? - Was sollte sie lesen? Und am Krankenbett! Da lagen gewisse
Bcher, Mendelssohns Plato, Tiedge's Urania, Fichte, Schleiermacher,
aufgeschlagen oder mit Zeichen unter ihrem Arbeitstische. Je nach dem Besuch,
der sich meldete, ward eins auf den Tisch gelegt. Die Geheimrthin galt fr eine
sehr belesene Frau, sie sprach mit Geist ber die Novitten, die - sie nicht
gelesen hatte. Walter hatte sie fr sie lesen, ihr den Inhalt vortragen mssen.
O er wusste Bescheid im Hause; und wie viel hatte ihm Adelheid mitgetheilt! -
Ein Schmerz, ein Gedanke, ein Blitz zuckte durch seine Brust. Was hatte sie mit
Adelheid gewollt? - Nicht drei Tage waren vergangen, und sie hatte sie geqult,
alle tzende Schrfe des Verstandes auf das Kind der Natur ausgegossen. Was war
denn ihre Absicht? Sein Herz pochte immer heftiger. Ein Mbel, ein Schmuck des
Hauses, den man ankauft, um Gste anzulocken, verdirbt man nicht, man bemht
sich nicht, ihm die natrliche Farbe, seinen Glanz zu rauben. Aber hatte nicht
diese Frau - Adelheid hatte es nie ausgesprochen, in ihrem stocken, ihrem
Zittern hatte er es gelesen. Mein Gott, was sie gewollt! - Dunkle Bilder wogten
vor seiner Stirn - der Legationsrath, sein rthselhaftes Verhltni zur Lupinus!
Hatte sie einen Kuppelhandel treiben wollen? - Nein, vergiften - sie vergiften.
Aber warum, womit? Weil Unglckliche den Anblick von Glcklichen nicht ertragen
knnen? Weil der Adel einer rein gottgeschaffenen Seele zum bestndigen Vorwurf
fr Die wird, welche diesen Adel eingebt. Es war pltzlich eine berzeugung.
die ihn durchdrang. Aber war es nur Instinkt gewesen, oder hatte sie
systematisch gearbeitet? Mein Gott, ist es denn mglich, da eine Frau
systematisch an ein solches Geschft geht! Es war wohl nur ein Gebilde des
Argwohns, und doch - alle ihre Handlungen - und boten Erfahrung und Geschichte
ihm. nicht hundert Beispiele einer solchen Verfhrungslust blos aus dem Gelst
zu verfhren? Wie man dem Tobschtigen Wasserstrze giebt, hatte sie auf alle
ihre warmen Gefhle einen Eisgu geschttet. Das junge warme Herz, ja es sollte
systematisch erkalten, vor der Zeit absterben, - nicht an eigenen bitteren
Erfahrungen, an denen einer egoistischen Seele, die nicht mehr Liebe, Glaube,
Hoffnung kannte. Ein blhendes Geschpf, von der Natur mit allen
Frhlingsregungen begabt, wollte sie zum ausgebrannten Vulkan machen. War sie
das selbst? - Nein, etwas lebte doch in der Frau, ein geheimes Feuer - Ha,
Neid, eine stille Wollust des Egoismus. Eine kaltherzige Egoistin ist zu Allem
fhig. - So wollte sie Adelheid prpariren, zu einer Mitsnderin, einer
Verlorenen, Trostlosen.
    Und er selbst! - Stand er ohne Schuld da? Hatte ihn nicht lngst eine Ahnung
berschlichen, da die Lupinus dies beabsichtigte? Und hatte er die Ahnung nicht
aus dem Sinn geschlagen, und aus Eigennutz? War es nicht sein Wunsch gewesen,
da seine Braut dort aushalte, weil er in diesem Hause freien Zutritt hatte,
weil in letzter Zeit wenigstens die Geheimrthin seinen Wnschen entgegen zu
kommen schien, weil er unter andern Verhltnissen, in einem andern Hause fr
seine Hoffnungen frchten musste? Darum hatte er, zwar nicht gegen seine Pflicht
gehandelt, aber doch - die Gedankensnde begangen. Selbst ein Egoist, wagte er
Andere anzuklagen!
    Da rollte die Equipage der Frstin vorber, im Fond diese mit Adelheid, auf
dem Rcksitz sa Louis Bovillard. Die Frstin schien zu schlummern. Adelheid und
Louis sahen nichts, sie sahen nur sich. Der Wagen war verschwunden, eine
Erscheinung.
    Ein Gott sei Dank! lste sich aus Walters Brust, vielleicht von seinen
Lippen. Er fhlte eine wohlthtige Transpiration. Das Schicksal hat es so, es
hat es vielleicht zum Besten gefgt. Ja, im Kontobuch stand noch seine Schuld
auf der Seite Soll,.aber sie war ausgeglichen auf der Seite Hat. Er hatte
nichts mehr. Seine Geliebte war die Geliebte eines Anderen. Sie war gerettet,
und er - verloren? Nein, er war nur frei geworden, um sein ganzes Ich, ohne
Egoismus, hinzugeben einer andern Geliebten, liebten, dem Vaterlande, der Idee,
als deren letztes Ziel in der Ferne - Deutschlands Errettung vom Fremdjoch
schwebte.
    Mit Eifer setzte er sich an den Schreibtisch und seine Arbeit frderte sich.
Er war fertig, als der Minister eintrat.

                          Neunundsechszigstes Kapitel.



                            Alles fr einen Andern.

Die verfinsterte Stirn des Ministers, mit welcher er eingetreten, erheiterte
sich nicht, als er das Papier durchlas. Er flog es nur noch ber, als er es auf
den Tisch fallen lie.
    Das ist nichts - gar nichts. - Euer Excellenz Ideen - Die Ausfhrung
taugt nichts. Dilettantenarbeit fr Herrn Merkel in den Freimthigen. Oder an
die Zeitung da in Leipzig. Wir arbeiten hier nicht fr die elegante Welt.
Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verengte sich, den Entlassungswink
anticipirend.
    Empfindlich! Das taugt nicht fr die Staatskarriere. - Da meine Schrift
nichts taugt, kommt wohl darauf nichts mehr an. - Man darf nicht der
Empfindlichkeit nachhngen, wenn man sich berufen fhlt, fr das Gemeinwesen
thtig zu sein. - Mir wird eben der Beruf abgesprochen.
    Der Minister hatte, ohne ihm zu antworten, das Papier wieder in die Hand
genommen, und klopfte, indem er sprach, mit der umgekehrten Hand darauf. -
Drfte - sollte - wagte! Wie soll das wirken! Das gleitet an den
blasirten Ohren vorber, wie eine obligate Flte, die den Waldsturm
akkompagniren will. Das Gleichni vorn, machen Sie ein Gedicht daraus. Diesen
hier mu man derb, Schlag auf Schlag, die Nothwendigkeit vors Auge fhren. Da
ist ein guter Passus, aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt. Und wie
sollten sie die Anspielung verstehen? Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen, es
ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen.
    Walter uerte etwas davon, da die Stellung eines Anfngers, der kaum in
das Geschftsleben geblickt, ihm nicht erlaube, sich so fort in die Stellung des
Ministers gegen seine Kollegen, oder gegen die Majestt des Knigs zu finden.
Das glaube ich gern, sagte der Minister, der, sichtlich erschpft und mit
andern Gedanken beschftigt, sich auf das Ruhebett geworfen. Man mu Vieles
erst lernen.
    Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung. Der Minister
bltterte in einem Notizbuch. Hatte er ihn vergessen? Pltzlich sprach er:
Setzen Sie sich und schreiben! Walter folgte mechanisch. Nein, hier neben
mir; ich will Ihnen ins Gesicht sehen. Der Minister sah ihm, kaum zwei Schritte
entfernt, ins Gesicht. War das wieder eine seiner eigenthmlichen rparations
d'honneur oder sollte es eine Prfung sein? Der Minister dachte an beides nicht.
Er bersann ein Thema, mit dem er nicht fertig werden mochte, er steckte das
Gedenkbuch wieder in die Tasche: Es ist gut, ein ander Mal.
    Was sollte das heien? - Er bestimmte ihm einen anderen Tag. Nein, morgen:
berhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde. Weshalb? Wozu?
    Die Form Ihrer Anstellung wird sich spter finden. Die Branche, fr die Sie
sich eignen, mu sich erst ermitteln.
    Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an: Eben war ich auf das
Schmerzlichste in meiner Ehre gekrnkt - Das ist ausgeglichen, fiel der
Andere ein. Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben, sich dem Staatsdienst widmen.
Ich nehme Ihr Anerbieten an. Wie gesagt, bis sich etwas Bestimmteres findet,
betrachte ich Sie als meinen Privat-Sekretr. Ich kann in vielen Dingen Ihre
Feder gebrauchen. - Ich bin noch nicht gereinigt. Nach einer so schweren
Anklage mu der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen. - Sind
Sie so punktilis? Ich sprach mit Fuchsius. Die Sache klrt sich einfach auf.
Whrend er in der Bearbeitung meines Entwurfs war, kam ihm Ihre Schrift zu
Hnden. - Er rumte ein -? Da er sie benutzt hat. - Wer gab ihm ein Recht
dazu? - Er hielt die Schrift fr eine preisgegebene, verschollene - machen Sie
das mit ihm aus. - So entbldete er sich nicht, eine fremde Arbeit fr die
seine auszugeben. - Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Grnde, die
Ausfhrung - Dreiviertel seiner Schrift - Unter anderen Verhltnissen auch
wrde ich es nicht gut heien. Hier galt es, eine schwierige Arbeit bald und zum
Zwecke tauglich herzustellen. Die suprema lex, das salus reipublicae. Warum
doppelt schreiben, was einmal zum Zweck genug ist?
    Der Minister wollte den Regierungsrath gerechtfertigt sehen, es wre von
Walter thricht gewesen, jetzt mit Hartnckigkeit auf seiner Meinung bestehen.
Er gab sie nicht auf, aber er schwieg, weil er auf des Staatsmannes Stirn andere
Gedanken gelagert sah. Ich brauche Jemand, auf den ich mich verlassen kann,
der, offenen Kopfes, fhig ist, im Umgang, in der Gesellschaft sich geltend zu
machen. Verstehen Sie, Jemanden, der nicht mit de Thr ins Haus fllt, was man
mir wohl zum Vorwurf macht der das Metall der Gesinnung in eine gefllige Form
zu schmelze wei. Nicht ein Haarbreit darf er abgeben, aber den Widersten soll
er eine gewisse Elasticitt entgegensetzen. Ich mu ihn brauchen knnen, nicht
zu frmlichen Missionen, fr die Form ist Vorrath die Flle, aber zu
gelegentlichen. Keinen Spion, aber er soll die Sinne wach haben. Keinen - der
Minister hielt inne, und als er Walters sich rthende Stirn bemerkte, kam er
schnell dem Miverstndni entgegen. Er mu von Geburt sein, einen Namen haben,
der ihm berall Eingang verschafft, auch am Hofe. Das ist das Traurige, da die
Minister nie mit voller Kraft nach auen und nach innen wirken knnen, da sie
der Vermittler, Unterhndler bedrfen, nennen Sie's immerhin Kundschafter, die
sie mit dem Hofe, den hchsten Personen in Rapport setzen und zugleich
Kabinetsrthen aufpassen. Jammervoll, unnatrlich ist es, ein Kraftzersplittern,
was die besten Intentionen erlahmt, aber es ist nun mal so, und gegen ein Gift
braucht man ein Gegengift.
    Unter den Mnnern von Geburt werden Excellenz eine reiche Auswahl haben.
Der Staatsmann verstand den kleinen Parirhieb, aber mit einem vornehm leichten
Aufzucken ging er ber etwas hinweg, was zu beachten er nicht fr werth hielt.
    Die besten sind geschulte Puppen, wenn redlich, steif wie ein Wegweiser.
Sie machen Front dahin, wo sie vor zwanzig, dreiig Jahren den Feind sahen; da
die Dinge sich verndert, da er jetzt von den Flanken, vom Rcken droht, ist
ihnen nicht begreiflich zu machen. Friedrichs Schule hat sich schlecht bewhrt.
ber das Militr rede ich nicht, nur vom Civil. Da stehn die Posten, wo man sie
hingestellt, sich brstend, da sie die Stelle nie um einen halben Fu breit
verlassen, aber unaufmerksam, wenn die Contrebande drei Schritte von ihnen bei
hellem Tage ber die Grenze dringt. Was geht es sie an, sie thun ihre Pflicht!
Wenn die dumpfe Tugendtreue, eigentlich nur Bequemlichkeit, sie auszuhalten
drngt, so wre ihre hhere Tugend und Treue, ihre Befehlshaber aufmerksam zu
machen, da man ihre Krfte besser verwende. Vor dieser Anmaung, berschreitung
ihres Dienstes, erschrecken diese Menschen wie vor einer Snde gegen den
heiligen Geist. Mag das Vaterland untergehen, wenn sie nur an ihrem Schilderhaus
prsentiren. So nicht Einer, nein, Alle, keine Freiheit des Urtheils, keine
selbsteigene Bewegungskraft. Je besser die Normalpreuen geschniegelt, gebrstet
und geschnrt sind, so kleiner der Kern des Menschen darin. Ja, in Manchem, wenn
man ihn aushlst, ist's hohl, das Mark in die Rinde geschossen.
    Die Klage der Patrioten ist doch, da von dieser Schule sich nur zu Viele
frei gemacht, entgegnete Walter. -
    Wo aus dem Leibe die Seele lngst entwichen ist, was wundern wir uns ber
die berlufer zum andern Extrem? Diese Ungebundenheit, Frechheit, Lascivitt in
der Meinung und den Sitten, preise man sie immerhin als Geistesfreiheit,
Aufklrung und Liberalitt, es sind nur die Symptome einer Auflsung - Vor der
Gott uns bewahre! fiel Walter ein. - Und nicht bewahren wird, wenn wir nicht
selbst etwas dazuthun, wenn wir nicht - Der Minister war aufgesprungen, er
unterbrach sich selbst gewaltsam. Da er so weit in der ersten Stunde des
Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen, schien diesem ein besseres
Zeichen der Ehrenrettung. - Kennen Sie den Legationsrath Wandel? fragte der
Minister pltzlich. - Er ist ein Auslnder. - Auslnder! - Mit einem Lcheln
fuhr der Minister fort: Scheint doch dieser Staat destinirt, von Auslndern
seine Impulse und seine ausgezeichneten Mnner zu empfangen. Schwerin war ein
Schwedisch-Pommer, Keith ein Brite, Derfflinger ein sterreicher; auch ist der
wackere Blcher ein Mecklenburger, Hardenberg ein Hannoveraner. Moses
Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken, und die Vter eines guten Theils
unserer Diplomatie, unserer Staatsmnner und Offiziere wussten vor den
Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes,
das Brandenburg heit. Vergessen Sie auch nicht, junger Mann, da die
Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind. Eingewanderte, wenn Sie
wollen, ich hielt sie fr mehr, fr Eroberer, - wie der Nilstrom gypten erobert
hat. - Man sagt, Herr von Wandel sei im Thringischen angesessen. Noch Andere
geben ihm die Niederlande oder eine dnische Kolonie zum Vaterlande. -
Meinethalben Island oder Teneriffa, wenn - man mu sich gewhnen, Preuen
anders zu betrachten, als nach dem Naturproze. Nation und Staat waren hier
nicht eins, sie wurden es. Es kostet auch mich zuweilen Mhe, von den
mitgebrachten Vorstellungen zu lassen. Aber es geht nur so, nicht Anders, oder
Alles zerfllt. Es war allein der Geist dieser groen Frstin, der das
Verschiedene, Fremdartige aneinander kittete, einen Hauch hineingo. Diesen
Geist mu man lebendig erhalten, immer wieder wrmen die junge Tradition, damit
sie nicht alt wird. Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht und
Wrmestoff. so greifet nach drauen. Was anderwrts Verbrechen, hier ist es
erlaubt, Gebot der Notwendigkeit, der Selbsterhaltung.
    Ich habe nicht die Ehre, Herrn von Wandel nher zu kennen.
    Das Mysterise, womit er sich umgiebt, schreckt die Menschen zurck. Ich
mag Die nicht tadeln, welche sich hier vor den Blasirtenen verschlieen. Eine
eiserne Maske vors Gesicht, um die warmen Pulsschlge des Herzens nicht zu
verrathen! - Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu, als abzustoen. -
Charaktere und ernste Sitte bedarf die Nation; der Staat darf es nicht so genau
nehmen. Eine Libertinage, die nicht die publiken Sitten verletzt, darf ich
bersehen. Er wei das Siegel des Anstandes darauf zu drcken. Er beobachtet
scharf, hat merveillse Kenntnisse, Takt, mit seiner Suada entlockt er
Gestndnisse, ohne selbst etwas zu verrathen, er ist bei den Frauen beliebt,
eine fast unerlssliche Eigenschaft eines Diplomaten, den man brauchen will,
setzte der Minister lchelnd hinzu. - Seine Liaisons mit der Frstin Gargazin
sind Stadtgesprch. - Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich. Und
zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden, er frchtet ihn. Das spricht zu seinen
Gunsten. - So haben Excellenz bereits entschieden - Wenn er Feuer in der
Brust sich bewahrt hat. Er mu noch glauben knnen, wenn er nicht mehr lieben
kann, hassen, doch aus Herzensgrunde, das Schlechte, Erbrmliche, die
Verrtherei, das Schnthun mit den Fremden; er mu noch hassen knnen, denn wer
nur im Sumpfe fortschwimmt, mit der Resignation, endlich doch zu ertrinken,
passt nicht fr mich. - Er gilt als in intimem Conner mit den Mnnern der
Lombardischen Clique. - Wissen Sie, ob er diese Kreaturen nicht nur
belauschen, durch Geflligkeiten ihre innerste Natur, wenn sie eine haben, ihre
geheimsten Gedanken herauslocken will? Wissen Sie, ob hinter dieser Indifferenz,
diesem blasirten Weltbrgerthum nicht ein Ha glimmt, wie ich ihn wnsche? Ja,
dahin sind wir gekommen: bis er seine philanthropischen Schwrmereien, jenen
Allerweltsgerechtigkeitssinn, ohne sich selbst je gerecht zu werden, nicht durch
Kasteiungen und Blut shnt, bis er nicht wieder zum Egoisten wird, ist
Deutschland verloren.
    Ich glaube, Excellenz, in diesen Studien befindet sich auch unser Volk. -
Studien! Da liegt das Elend. Studien vor einer Krisis! Der Ha, der seine
Verwnschungen ins Firmament speit, thut es nicht, der Weltsturm treibt die
Dnste fort, ehe es zum Gewitter kommt! Handeln! und bis dahin lieen wir's
kommen, da wir nicht mehr offen handeln drfen; die Tugend, die Thatkraft mu
sich verbergen, hinter einer Larve agiren. Schlimm, da es ist, aber es ist. Wir
brauchen die Tugenden der Brutus, behte uns Gott vor ihren Dolchen, aber jener
zhen Festigkeit, die ihre Gefhle nicht bei jedem Gegenstand aufflackern lsst,
sondern sie verschliet, im Stillen nhrt, bis der Augenblick der That kam.
Weshalb preisen wir jenen Mann, mit dem unsere Geschichte anfing? Spielte der
rmische Rittmeister in Rom den deutschen Patrioten, radotirte Arminius in den
Kaffeehusern ber Deutschlands Unglck, sang er Lieder zur Guitarre, zum Ruhm
seines unvergnglichen Vaterlandes, damit die Rmerinnen dem blondhaarigen
Schwrmer Bravo klatschten? Er schwieg und hatte die Augen auf, er schwieg und
diente, um zu lernen, er schwieg und sammelte Ha und Ha, bis es ein Stock
ward, den Feind zu zermalmen. - Wir sind herabgedrckt, entwrdigt, bis zu
dieser Lage. fuhr der Minister nach einer Pause fort; aber noch schlimmer als
die wirkliche Thatsache. wenn wir sie uns zu verbergen suchen. Offen es uns
selbst eingestanden, da ist der erste unerlssliche Schritt zur Rettung. Mir
graut vor diesem Bramarbasiren, vor diesem Kornetsdnkel. Ich liebe die stillen
Menschen, die sich des Urtheils enthalten, weil ich denke, sie knnten doch
Vernnftiges, denken, wo die lauten Denker nur Unsinn zu Tage bringen. Der
Minister hatte ausgesprochen. Er ging noch in Aufregung umher, aber sein Blick
forderte unsern Freund auf, seine Meinung auszusprechen.
    Einige, dnkt mich, sind still aus berzeugung, weil ihre Ansicht nicht
verstanden wrde, Andere aus Furcht, die Mehrzahl aber, meine ich, aus
Spekulation, um sich nicht zu kompromittiren, wenn die Dinge anders ausschlagen,
als sie berechnet hatten.
    So kennen Sie Wandel? fragte der Minister scharf, vor ihm stehen bleibend.
- Ich sehe ungern in dies unbewegliche Gesicht. - Das stimmt mit Fuchsius.
Weiter! - Ich kenne - ihn wirklich nicht, Excellenz. - Weiter! sprach der
Minister. - Wenn der tiefste Grund des Menschen sich auf dem Gesichte irgend
ein Mal abspiegelt, so erschrecke ich, da ich nie einen Zug auf seinem sah, der
den Menschen verrieth. Die Diplomatie mag andere Gesetze haben, ich aber knnte
Dem nie vertrauen, der stets Herr ist ber sich. Wer alle Gefhle und
Leidenschaften kostete, wie Mithridates die Gifte, um sich ihrer zu erwehren,
hat den gttlichen Menschen in sich ertdtet. Wer den Ausdruck fr Liebe, Ha,
Furcht, Ehrgeiz, Lsternheit und Habgier bis zum unkenntlichen Schattenspiel
berwunden hat, scheidet fr mich aus der Reihe der sinnlichen Geschpfe. Ohne
Sinnlichkeit kann ich mir aber keine Sittlichkeit denken, und keinen Charakter,
der nicht die Sitte zum Fundament hat.
    Der Minister sah ihn eine Weile an. Die Schrfe seines Blickes ging in
Wohlgefallen ber. Er klopfte ihm auf die Schulter: Wir werden uns nher kennen
lernen. - Aber - ich will ihn doch noch nicht aufgeben. Ich glaubte inde, das
in ihm zu entdecken, was ich hier nirgend finde. Dies unausstehliche Sich
spreizen und Knistern, um vornehmer scheinen zu wollen, als man ist, macht fr
mich diese Menschen um zehn Prozent schlechter, als sie sind. Wir wollen ihn auf
die Probe stellen, Sie sollen behflich sein. - Als Kundschafter! - Ihr
Vater steht mit ihm in Relation, wie Fuchsius mir mittheilte. Ein guter Kaufmann
giebt nur Kredit Dem, der Kredit hat. - Auch ein Kaufmann ist Illusionen
unterworfen. - Das sollen Sie ermitteln, mit Fuchsius sollen Sie sich darber
verstndigen. Fuchsius hat Antipathieen gegen Wandel. Das mu ein Staatsbeamter
sein lassen, ich meine persnliche Antipathieen. Aber er will Renseignements
haben, erinnere ich mich recht, aus den Niederlanden, da hssliche Schatten ihm
folgen. - Irgendwo hat ein Glcksritter - es ist ein Entfhrungsroman, mit Tod,
Erbschleichers und so weiter gekuppelt, - - fr Romane habe ich keinen Sinn,
Fuchsius wird Ihnen das Nhere mittheilen. Aber auch er mag in seinem Argwohn zu
weit gehen. - Haben Sie Bedenken? - Ich kenne bis jetzt weder den Roman, noch
die Wahrheit. - Oder wissen Sie ein taugliches Subjekt? Ein seiner Beobachter,
oder ein blitzendes Talent. Auch Sarkastik oder Humor wren treffliche
Eigenschaften, Feuer, wenn auch mit etwas Qualm, da die Salonmenschen hinreit.
Mag er auch sonst ein verlorener Sohn sei, wenn er nur kein verlorener Sohn vom
Vaterland ist. Es giebt viele verlorene Shne, die nur eines Impulses bedrfen,
damit das erstickte Feuer aus der Schlacke auflodere. Englands erste
Staatsmnner gingen diesen Weg, aus einem Roun ward ein Charles For. - Sie
denken an Jemand. Sinnen Sie nach. Er darf nicht scheuen, die Stellung
anzunehmen. Es ist ein Sort. Den Rathcharakter, mit einem ansehnlichen Gehalt,
habe ich, um der Form zu gengen, fr ihn bereit; die eigentlichen Dienste
ergeben sich mit der Zeit. Morgen sehen wir uns wieder. - Jetzt gehen Sie ins
Bureau, und besprechen sich mit Herrn von Fuchsius.
    Walter trat einen Schritt zurck: Excellenz. eine erste Bitte, und wenn sie
mir abgeschlagen wrde, meine letzte, erlassen Sie mir diese Konferenz. Ich kann
nicht mit Herrn von Fuchsius - dienen. - Die Brauen des Freiherrn zogen sich
zusammen, die Augen wurden kleiner, ohne die Schrfe ihres Blickes zu verlieren.
Er warf einen Gegenstand, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. Soll ich
etwa ihn um Sie aufgeben! - Herr, ihn kenne ich, Sie noch nicht. Er wandte sich
wieder, um nach einigen Schritten zurckzukehren. Das Ungewitter war verzogen
und die Stirne war heiterer, als er zum zweiten Mal die Hand auf Walters
Schulter legte: Junger Mann, Sie mssen noch viel lernen. Glcklicherweise nur,
was jeder Fant, der ein Jahr in der Routine ist, an den Fingern weg hat. Ist ein
Staatsmann ein Gott, ein Deukalion. da er seine Menschen sich machen kann, wenn
ihm die nicht gefallen, die ihm das Schicksal zuweist? Er hat genug gethan, wenn
er Jeden an den Platz stellt, den er fllt. Findet er nur das heraus, ist er
schon weise. Den er zum Steineklopfen braucht, von dem darf er nicht fordern,
da er Nhnadeln spitzt. Und wen er zum Schatzmeister gemacht, und seine Lden
bleiben verwahlt, soll er ihn fortjagen, weil er sich einmal einfallen lie, in
seines Herrn Sonntagsrock auf der Promenade zu stolziren? Hab' ich etwa hier
Vorrath, da ich nur zu whlen brauche? Wollte ich Alle um solches Vergehen
fortjagen, so knnte ich vom Thrsteher bis zum ersten Geheimrath die Geschfte
allein bernehmen. Herr von Fuchsius ist ja jung, und sieht in die Zukunft, er
denkt ans Vaterland und denkt richtig, soll ich ihn zum Teufel schicken, weil er
nebenher auch an sich denkt? Fordere vollkommene Menschen, und Du wirst als
Eremit zu Grabe gehen. Kein Wort mehr davon. Die Ehre meiner Beamten, die ich
mir bildete, ist meine Ehre. Es kann Ihnen auch einmal zu Gute kommen.
    Jetzt war Walter entlassen. An der Thr blieb er stehen. Ich wsste - Er
stockte; es schickte sich nicht mehr. - Presst es die Brust, heraus damit -
Einen Mann - Der geeignet. Nennen Sie ihn. Ich sann eben auch nach. - Er
ist mein Freund - Walter stockte. - Desto besser. - Ja, ich kann aus vollem
Herzen sagen, er ist der Mann, wie Excellenz ihn suchen. - Sein Name? - Wird
ihn hier nicht empfehlen. - Wenn es ein guter ist? - Der Sohn des Geheimrath
von Bovillard. - Der Tolle? - Louis von Bovillard. Fr sein Herz, das frs
Vaterland schlgt, sag' ich gut. Das erstickte Feuer kann aus der Asche zu einer
Flamme aufglhen, wenn er an edle Schmiede kommt.
    Walter blickte zweifelnd auf den Minister, der nachdenkend stand: Senden
Sie ihn zu mir, ich glaube, Sie haben gut getroffen. Er hat seine Wiener Mission
mit mehr Eifer ausgefhrt, als Haugwitz wnschte. Aber - Euer Excellenz
Bedenken soll mir Befehl sein. - Nein - der alte Bovillard hat ja seinen
provencalischen Adel renoviren lassen. Es sind die Bovillard Maitres de Cerise.
Ich danke Ihnen, Herr van Asten, da Sie mich an ihn erinnert haben. ber wen
diese Menschen hier entrstet sind, mu kein gewhnlicher Mensch sein. - Bringen
Sie ihn mir. - Ist er noch mit seinem Vater berworfen? Gleichviel. Die
Bovillard de Ceris waren schon in den Kreuzzgen genannt, und was mehr ist,
wahrscheinlich von reiner keltischer Abkunft. Fast unbegreiflich, wie ein
solches Mondkalb von Vater da hinein kam. Schicken, bringen Sie ihn bald. - Da
erinnere ich mich, dem jungen Mann wird eine fixe Anstellung jetzt sehr gelegen
kommen. - Um die Ausshnung mit dem Vater zu erleichtern? - Nein, die
Gargazin sagte mir neulich, er ist so gut wie verlobt mit einem schnen jungen
Mdchen, einer Beaut der Stadt, es wre aber viel Jammer von beiden Seiten,
weil nichts daraus werden kann. Nun kann ja etwas daraus werden. Wie gesagt,
fhren sie ihn zu mir, und freuen sich, da Sie Ihres Freundes Glck machen.
    Ich freue mich, entgegnete Walter mit voller Stimme, aber sie klang wie
ein Grabesgelut, und entfernte sich.

                             Siebenzigstes Kapitel.



                        Theorie und Praxis des Egoismus.

Als Walter aus dem Hause trat, war es nicht mehr so hei, da er darum die Weste
sich aufreien musste. Er wollte auch nicht Khlung, der schwere Athemzug
bedeutete etwas anderes.
    Er eilte nach Louis Bovillards Wohnung. Noch eine schwere Last von der Brust
und dann war er frei. Die Vorbergehenden dnkte der junge Mann mit der
gertheten Stirn, dem stieren Blick, der nicht um sich sah, nicht auswich, ein
Trunkener; sie wichen ihm aus. Er hrte nicht das Rollen der heimkehrenden
Wagen, nicht den Tambour, der den Zapfenstreich schlug, er hrte berall nur ein
dumpfes Grabgelut.
    Auch den Wagen der Frstin sah er nicht, die doch dicht an ihm vorber fuhr.
Er hrte nicht Adelheids Stimme mit einem so schelmischen Silberklang, wie auch
wir seit den Tagen ihrer kindischen Lust sie nicht gehrt. Es waren
Nachtigallentne mit Lerchengewirbel, in denen sie der Wonne, die die Brust
sprengte, Luft machte, nur Accorde, aber wer, der ihr ins Auge sah, verstand sie
nicht! So sahen wir es niemals glnzen, lachen; sie neckte den ernsten
Geliebten, sie war Muthwillen und Ausgelassenheit. Louis' Auge glnzte auch,
dunkel schn, nur auf sie den Blick gerichtet, aber den Zug des Muthwillens. des
bermuths, der seinen Ironie, die sonst um seine Lippen spielten, in seinen
Augen blitzten, suchte man umsonst. Die Frstin, in ihre Wagenecke gedrckt, sah
mit stillem Lcheln zu. Walter sah und hrte nichts. Auch Die im Wagen bemerkten
ihn nicht. Es war fr Beide gut.
    Je nher er dem Hause kam, so langsamer ging er. Nicht da er unschlssig
geworden, er sann nur ber die Weise, wie er dem Freunde sein Glck mittheilen
wolle, ohne seinen Stolz zu verletzen, ohne ihn auf immer zum Sklaven der
Dankbarkeit gegen sich zu machen. Wusste, ahnte Bovillard, da er der Ruber
grade an seinem Glck war? Er hatte Grund zu glauben, da es Bovillard bis jetzt
verborgen geblieben, und er scheute eine Scene, die das Verhltni enthllt. Er
war in einer heroischen Stimmung, und wnschte sie durch einen Auftritt nicht
gedmpft, der ohne sentimentale Regung nicht abgehen konnte.
    Oben auf der Treppe hrte er eine znkische Frauenstimme, er glaubte sie zu
kennen; eine andere schchterne, die er nicht kannte. Eine Mdchengestalt kam
ihm, die Treppe herab, entgegen: ihre bestaubte Kleidung, ihr schwankender Tritt
schien von Ermdung, vielleicht nach einer weiten Fuwanderung zu sprechen. Ihr
Gesicht sah er nur halb, sie hielt das Taschentuch vor. Als sie ihm rasch
vorber war, brach das unterdrckte Weinen rasch heraus. Unten noch eine Weile
zaudernd, strzte sie nach einem noch heftigeren Aufschluchzen zur Hausthr
hinaus.
    Die Wirthin kannte Waltern. Der Herr von Bovillard war nicht zu Hause, aber
er knne wohl jeden Augenblick kommen. Als Walter seinen Wunsch ausgesprochen,
ihn zu erwarten, hatte sie kein Bedenken, ihm die Wohnung aufzuschlieen und
Licht anzuznden. Denn, setzte sie schmunzelnd hinzu, ich wei wohl, wen ich
einlassen darf, und wer mir nicht ber die Schwelle darf. Nein, machte mir die
Person nicht ein Lamento. Der Herr van Asten mssen's ja noch gehrt haben.
Aber, wenn sie noch mal kommt, la ich die Polizei rufen. - Wer ist sie? -
Die Wirthin verzog noch spitziger den Mund: Ja, wer wird sie sein! - Sie wird
keine andere geworden sein, als sie damals war, wir aber sind andere geworden,
und das msste solche Person doch bedenken Und diese vor Allem. So nobel und
honorig haben Herr von Bovillard sich gegen sie benommen, da es ihre verfluchte
Schuldigkeit wre, nun uns nicht mehr zu belstigen. Aber nein - Walter wollte
nichts davon hren, aber die Frau wollte noch reden. Sie achtete sein
abwehrendes Zeichen nicht. Nein, Herr van Asten, von dieser grade ist's
ausverschmt. Sie hat dazumal hinten im Stbchen auf dem Hofe gewohnt, das ihr
der gndige Herr chambregarnirt hatte. Gott wei, was er fr einen Narren an ihr
gefressen. Sie lieen zwar mal fallen, das Mdchen htte Ihnen das Leben
gerettet. Na, was das sein wird, kennt man schon. Ein paar Ritze hat sie
allerdings an der Schulter. I Gott, solche Mdchen lassen sich auch nicht gleich
fr Einen todtstechen, Ich kenne sie ja. Ist's nicht Der, so ist's ein Anderer.
    Waltern durchzuckte eine Erinnerung. Erst spter hatte er den Zusammenhang
der Geschichte gehrt. Da war es, wo.Louis Adelheid zuerst gesehen! Mit einem
Seufzer, den die Frau nicht hren sollte, warf er sich auf das Kanap. Die gute
Frau hatte ihn aber doch gehrt. Sie haben schon recht, ber solche
Undankbarkeit mu man seufzen. Er hatte sie von Kopf bis zu Fu gekleidet. Sie
hatte ja keinen ganzen Strumpf auf dem Leibe, als sie aus dem Prison kam. Und
dann, wie's nun genug war. hat er ihr Geld auf den Weg mitgegeben, ich will gar
nicht sagen, wie viel, denn ich wei es nicht; aber wenig war's nicht, denn das
Halsband von der seligen Frau Mutter und die emaillirte Uhr gingen drum zum
Pfandjuden, dem alten Joel. Er hat's mir selbst gezeigt, nmlich der alte Joel;
er war kein bler Mann, und schund die jungen Leute nicht so, wie jetzt sein
Sohn. Aber geben mussten wir's, da htte auch gar keine Raison geholfen; denn er
hat ein gar zu gutes Herz. Diese Ohrringe habe ich auch von ihm, aber Alles in
Ehren. Als Sie von Ihrer groen Reise retournirten, und krank wurden, ich habe
ihn gepflegt, rechtschaffen, das kann ich wohl sagen, und der alte Geheimrath
haben's auch gesagt: wenn sein Sohn immer mit so rechtschaffenen Weibspersonen
zu thun gehabt htte! Jetzt sind wir nun, Gott sei Dank, besser situirt, und
wenn uns mal was fehlt, brauchen wir nicht zu dem Judenschinder.
    Das ist schon lange her, da er das Mdchen fortschickte? unterbrach
Walter, eigentlich nur, um den Redeflu zu unterbrechen.
    I freilich, das war ja - warten Sie mal - nun, das thut nichts zur Sache -
richtig, wie sie ihn todtschieen wollten, er ward aber nur eingesperrt. Das
Mdchen machte da noch Spektakel, nmlich, das mu ich sagten, ganz in der
Stille. Sie weinte auf ihrer Kammer, da es zum Herzbrechen war. Manchmal
glaubte ich doch, sie wrde - wenn ich sie aufrichtete, sank sie zusammen. Mein
Kind, das hilft doch nun mal nichts, sagte ich, raus musst Du, fort musst Du. -
Und da packte sie ihre Schelchen ins Bndelchen. Na, wenn ich denke, wie sie
die Treppe runter ging, und unten blieb sie noch stehen und japzte nur so.
    Und seitdem hat sie ihn nicht wieder gesehen?
    Gott bewahre, was denken Sie? - Heute morgen zuerst, da war ich nicht zu
Hause, er auch nicht. Und kommt wieder! Ich war wie aus den Wolken gefallen! Na,
ich habe ihr denn aber auch das Kapitel gelesen. Jetzt, wo der Herr Vater sich
wieder nobilitiren lassen, - wir haben noch nicht das neue Schild an der
Klingel, aber ich hab's bestellt. - Jetzt untersteht sich das ausverschmte
Mdchen, meinen Herrn in Disreputation zu bringen. Jetzt, mein Kind, wenn er so
was will, wird er sich anderwrts suchen, sagte ich. - Und sie? - Na, Sie
knnen wohl denken. Thrnen haben die immer parat. - Nicht Alle. Was wollte
sie? - Was wird sie wollen! - Lieber Gott, man hat doch auch ein Herz, wenn's
auch solche Menschen nicht verdienen, und da lie ich sie denn hier am Tische
kritzeln. Da liegt ja das Schnitzel. Aber ich lie sie nicht aus den Augen.
Stibitzt hat sie nichts, obgleich ich ihr nachsagen mu, reine Finger hatte sie
immer.
    Sie sah wie eine Unglckliche aus.
    Das mag schon sein, mein Herr van Asten, mu man aber Andere darum
unglcklich machen wollen, wenn man's selbst ist! Jetzt kann man wohl davon
sprechen, unser junger Herr ist ein Brutigam; wenn's auch noch nicht deklarirt
ist, das wei jedes Kind. Freilich, der alte Geheimrath wollen nicht recht dran,
denn die Mamsell hat Nichts, das ist wahr, und sie sagen auch, er knnte sie
nicht gut ansehen, weil sie bei der Lupinus Kind im Hause gewesen, und da
berrieselt's ihn immer, weiter die nicht ausstehen kann.
    Die Per - meine das unglckliche Mdchen macht doch nicht etwa selbst
Ansprche? - Ein unbeschreibliches Erstaunen malte sich auf dem Gesichte der
Frau Wirthin. Worte fand sie nicht sogleich, bis die ganze Wucht ihrer Gedanken
in der Silbe Die! sich konzentrirte. Walter war beruhigt, wenn er berhaupt der
Beruhigung bedurfte; aber er wollte Ruhe haben, nmlich von der Gegenwart des
geschwtzigen Weibes befreit sein. Sie ging in einen weinerlichen Ton ber,
indem sie ihren Drahtleuchter ergriff.
    Viele haben schlecht von ihm gedacht, das wei ich, denn die Welt ist auch
schlecht, und Iugend mu austoben; und wer wei, wer besser ist, ob der alte
Herr, oder mein junger. Und wie's bei den vornehmsten Geheimrthen aussieht,
Herr Jesus, lieber Herr van Asten, bei diesen vornehmen Herrschaften, da ist ja
eine Zucht, da mal der Gottseibei uns drein schlagen mchte. Er thut's auch
noch, glauben Sie's mir, und die Julchen, die wir auf der Strae nicht ansehen
mgen, ist nicht schlechter, als viele von den vornehmen Damen in Brsseler
Spitzen. Wenn die sich schmen wollten, man sieht's nur nicht, weil sie so dick
geschminkt sind. Jugend mu austoben, sonst kommt's nachher, aber dann einen
Strich gemacht. So hab' ich's auch meinem Seligen gesagt: nu sei zufrieden, was
Du hast, und um was rckwrts ist, da hast Du Dich nicht zu kmmern. Mein guter
Herr, nun ja, tolle Streiche genug. Nchtern ist er nicht immer nach Haus
gekommen, und ist allerdings auch sonst nicht immer nach Haus gekommen, und den
Regenschirm hat er im Theater aufgespannt, dafr ward er arretirt und er ist oft
arretirt worden, aber wenn sie Alle ins Prison bringen wollten, die's verdient
haben, da ist der Knig nicht reich genug, um Gefngnisse zu bauen. Und wenn ein
Armer kam, da blieb kein Groschen in der Tasche. - Und nun hat er sich
gebessert, und ich wollte ja Jeden die Treppe runter schmeien, der sich mausig
machte und ihm vorhielte, was sonst geschehen ist. Das ist jetzt vorbei, mein
Herr! wrde ich sagen. Und alle seine Freunde mssten das sagen, denn ich bin
nur eine arme Frau, und verstehe mich viel darauf, wie sie da parliren und mit
den Augen zwinkern. Aber Freundschaft ist Freundschaft. Und wer ein rechter
Freund ist, der mu seinem Freunde Alles hingeben, auch sein Liebstes. Das ist
Freundschaft, und wenn Alle so thten, dann wre die Welt gut.
    Ob sie dann wirklich gut wre! dachte Walter, als er allein war. Wenn wir
den Egoismus ausgerottet, wie die Raubthiere, wie ein schdlich Unkraut, ob sie
die vollkommene wrde, von der wir trumen! - Sprang der erste Schiffer in den
schaukelnden Kahn, um den Vater zu retten, wie die Idylle erzhlt, oder war's
ein Kaufmann, ein Verfolgter, ein Ruber, der sein Leben retten, der Frchte,
Gold, Mdchen, Sklaven von den reichen, im goldnen Meere dmmernden Inseln holen
wollte? Und fing das Menschengeschlecht wirklich an mit einer Idylle, so war es
eine kurze; ein sanfter Hauch der Engel, der am rauhen Hauch der Elementgeister
erstarrte. Die kurze Idylle war aus, und die lange Gechichte fing an - mit
Brudermord. Wir Alle aber sind nicht die Kinder der Idylle, sondern die
Erzeugten der Geschichte. Der Egoismus fhrte uns ber Meere, grndete Staaten,
erhob Knige auf den schwindelnden Thron, schuf Republiken, er trieb uns in die
Schachte der Erde, in die Lfte auch, da wir den Lauf der Gestirne berechneten.
Alles, Alles, wir wollten Gold machen und fanden, nicht Regenwrmer, die Knste,
die uns zu Gebietern der Natur erhoben. - Und dieses mchtige Movens unseres
Daseins sollten wir ausrotten, ausbrennen, wie den Nerv in unsern Zhnen, damit
wir nicht mehr Zahnschmerzen haben! Thorheit, die materia peccans bleibt, und
wirst sich nur auf andre Theile, edlere vielleicht. Emancipiren sollten wir uns
wollen, von unsrer Bildung, aus der Geschichte, die uns machte, heraus und
zwngen in ein wesenloses Dasein, in das Traumleben einer schnen Phantasie, das
nie existirt hat, nie existiren wird. Und doch fordern es Religion und
Philosophie, beide, schroff und mild, je nachdem; aus dem Gewissen, weil es
verderbt ist, sollen wir uns ins Vage setzen, den Reiz ertdten, der uns ber
das Thier erhob, zu den wunderbaren Erfindungen trieb, das Menschengeschlecht zu
seinen groen Thaten inspirirt hat. Und grade, die sich am hchsten dnken ber
das Thier, die fhlen wieder den Drang, den Feuerathem in der Brust, mit Flgeln
wollen sie in ther schweben, gttergleich sein, sich vergessend, nur fr das
All, und - sind aus Koth!
    Er ging mit sich unzufrieden auf und ab; er griff nach dem Zettel auf dem
Tisch und warf ihn wieder hin. Was wird sie ihm schreiben! - Er soll sie wieder
lieb haben, ihr Geld geben! Warum warf er das Papier so verchtlich fort? War
das ein spezieller Egoismus, den er nach der Verteidigungsrede fr den
generellen verwerfen musste?
    Er hatte sich mit untergeschlagenen Armen an die Fensterbrstung gestellt.
Er bereute nicht, da er der Geliebten entsagt, nicht, da er sie dem Freunde
berlie, ohne Klage, nicht, da er ihn noch auerdem in den Stand setzen
wollte, sein Glck zu genieen; das lag hinter ihm als abgethane Notwendigkeit.
Er war ein deutscher Denker, klar wollte er sich machen, warum er gegen ein
Prinzip gehandelt, das er sich eben knstlich entwickelt. Weil sie ihn nicht
mehr liebte, weil sie ihn vielleicht nie geliebt? Diesen einfachen, natrlichen
Grund schien er bei Seite zu schieben, und fand den wahren nur in dem Drange,
sich dem Vaterlande ganz hinzugeben. Was ist die Wahrheit einer berzeugung'?
Der hchste Verstandesrausch, ber den wir nicht hinaus knnen. Wo wir dies
endliche Ziel im Irdischen fanden, sollen wir stehen bleiben, darauf alle unsere
Gedanken, Krfte werfen. Und es giebt keinen hheren Begriff, als das Vaterland.
Wir haben humanistisch, philanthropisch auch dies zu ersetzen versucht, und
wohin hat es uns gefhrt! In ein Meer von schwimmenden Inseln und Fata Morganen.
Wenn wir unser Schiff herantrieben, landen wollten, verschwanden die Thrme und
die Berge in die Wolken, die Grten der Armida wurden schillernde Sumpfpflanzen,
die der Sturm auseinander wehte. Keine dieser Ideen, wie auch vom Morgenroth
gefrbt, gewann einen Leib, den wir umarmen, keine ward eine Sule, ein Fels, an
den wir uns im Sturme klammern konnten. Nur das Vaterland ist die Eiche, an die
wir uns klammern knnen, nur sie hat das Recht, Opfer von uns zu fordern, das
hchste, letzte auch, uns selbst. Die tausend Gtzen sonst haben keines. Ihnen
gegenber tritt das volle, heilige Recht des Ichs ein.
    Louis kam noch nicht zurck. Das Talglicht auf dem Tische brannte immer
dsterer. Sein halb verkohlter Docht beugte sich in einer Wlbung immer hher
ber die Flamme. Walter hatte aufmerksam dem Verbrennungsproze zugesehen, ohne
sich gemuthet zu fhlen, nach der Putzscheere zu greifen. Er brauchte kein
Licht. Das ewige Gleichni der Kerze und des Lebens gaukelte vor ihm in den
matten Schwingungen der Flamme. Da fiel das dicke schwarze Kopfende von der
eigenen Schwere herab auf den Zettel; der noch glimmende Schweif fing an in das
mrbe Papier ein Loch zu sengen. Walter lschte, ehe es ein Brand ward. Dabei
musste er den Zettel wieder aufnehmen. Die Schriftzge verriethen keine ganz
ungebildete Hand, sie flogen ber das Papier. Er fing an zu lesen, und hrte
erst auf, als es zu Ende war.
    Du mein Alles! Ja. die bse Frau hat Recht, Du darfst mich nicht
wiedersehen. Die Frau ist nicht bse. Wer Dich lieb hat, ist gut. Wer Dir
Schmerzen sparen will, ist ein Engel. Nein, Du sollst mich nie mehr sehen. -
Vergieb mir, Du mein einzig Geliebter, da ich darum kam. Nur darum - mein Kopf
brennt mir, ich wei nicht, was ich schreibe. Ich sah Dich nur unglcklich, nun
wollte ich Dich glcklich sehen. Ist das auch eine Snde? - Es sollte meine
einzige letzte Freude sein. Mit einer einzigen Freude aus der Welt gehn, ist das
zu viel gefordert! - Sie sagte - ach Gott, ich klage sie nicht an. Wahr und
wahrhaftig, Louis, bei Allem, was Dir theuer ist, glaube mir, ich kam nicht, um
von Dir zu pressen, nicht, um Dein Glck zu stren - ich Dich stren! - Und Du
sollst mich auch nicht fr eine ausverschmte Person halten, die Dich aussog und
es lderlich verbracht hat, und wenn das Geld fortgerollt, kommt sie wieder.
Glaube ihr nicht, Louis, und darum schon mu ich Dir schreiben. Ich vergebe ihr
auch das, denn sie hat's nicht gesehen, wie ich damals aus dem Thore wankte. Ich
glaubte, die Luft wrde es gut thun, aber die Luft that's nicht gut. Irgendwo,
ich habe den hsslichen Ort vergessen, blieb ich liegen - nein, ich wollte da
nicht - drauen auf der Landstrae aber fiel ich um, da hoben sie mich auf einen
Leiterwagen und fuhren mich rein, in ein groes Haus. Ach, die hsslichen
Gesichter, wie sie sich stritten; Der Brgermeister war sehr zornig, er wollte
mich wieder aufladen lassen und zur Stadt hinaus, Gott wei wohin. Sie fluchten.
Ich habe Dich fluchen gehrt, aber so nicht. Einer schrie, das gbe eine
Untersuchung und mache noch mehr Kosten. Aber wie kommen wir zu der Last!
schrieen sechs Andere. Sie mssen's uns ja vergten auf Heller und Pfennig! -
Eigentlich msste der Abdecker auch solche kriegen! lachte Einer. - Louis!
Louis! ich lag da, sinnlos, starr, wie ein gefallen Thier, um das die Raubvgel
sich streiten. Wer das erlebt - der hat kein Recht mehr auf dieser Welt. Und ich
sollte noch Dein Glck stren wollen! Endlich hie es, man mu doch was finden,
wo sie hingehrt, und dann htten sie mich wieder auf den Karren geladen, und
das htte ich nicht ausgehalten; es wre wohl so am besten gewesen. Aber als sie
darauf suchten, fanden sie Dein Geld. Htte ich schreien knnen: es gehrt ja
Dir, htte ich es ihnen fortreien knnen. Aber ich konnte keinen Finger rhren,
keinen Laut rausbringen. Da ward es stille: sie schmunzelten und fhrten wieder
hssliche, lustige Reden. Der Inspektor sagte, die wolle er schon gut und lange
pflegen. Da ward mir das Haar geschoren, da strzten sie kaltes Wasser ber den
Kopf mir, o, es war doch immer so hei! Da sah ich immer Dich, wenn mir wohler
ward. Du zucktest die Achseln und sagtest: Sie ist doch auch eine Kreatur
Gottes. Ach, Du warst nur wie ein Nebel auf dem Berge. Wrst Du in Person
dagewesen, Du httest ihnen wohl gesagt, da sie's sanfter machten, die rohen
Mnner, die mich bei den Armen und Beinen in den Badekbel warfen. Es that weh,
aber ich fhlte es ja nur halb.
    Ich ward gesund. Gott wei wozu. Sie gaben mir ein langes Papier, das war
meine Rechnung, und den Geldbeutel, der war ganz klein geworden. Louis, ich
hatte noch keinen Groschen davon ausgegeben. Ich wanderte nun nach meiner
Vaterstadt. Unterwegs habe ich nicht an Dich gedacht, nur an meinen alten Vater,
und was ich ihm sagen wollte, wenn ich vor ihm auf die Knie strzte. Ich wusste
es Alles auswendig. Ich Habs ihm aber nicht gesagt. - Als ich durch's alte Thor
kam, trugen sie ihn heraus. Ich stie einen Schrei aus, sie stieen mich fort.
Ich lief ihnen nach. Als sie die Bahre auf dem Kirchhof niedersetzten, drngte
ich mich durch; da warf ich mich auf die Knie, wollte es dem Todten sagen, was
ich dem Lebendigen nicht mehr sagen konnte. Da haben sie mich erkannt. Da wiesen
sie mit den Fingern auf mich, und zischelten. Dann murrten sie laut. Endlich sah
ich Gesichter, o Herr Gott, dem Brgermeister und dem Inspektor seine, die waren
freundlicher, htten sie doch nur laut geflucht! Aber der Herr Prediger that es.
Als mich der Bttel am Armgelenk gefasst und aufgerissen - an der eingefallenen
Kirchhofsmauer lie er mich wenigstens, da durfte ich knieen - da hrte ich des
Herrn Predigers Rede. Mich lieen sie keine Erde ihm in die Gruft nachwerfen,
aber auf mich warf der Herr Prediger - das kann ich nicht wieder schreiben. Und
es war nicht wahr - ich habe meinen Vater nicht umgebracht! - Und die Blicke
nachher, wie sie an mir vorbergingen! Gott sei Dank, dann ward es frei, der
stille Abend, da lag ich ber seinem Grabe, und der Lindenbaum fluchte nicht, in
seinen Blttern suselte es wie se Lieder, und ich schlief ein, bis das
Morgenroth mich aus dem Frieden weckte. Um die Mauer schlich ich von hinten nach
dem Hause, wo er starb, wo ich geboren bin. War denn das ein Verbrechen, da ich
es zum letzten Mal sehen wollte! Brgerfrauen hatten mich bemerkt. Der
Rathsdiener, mit dem Schild auf der Brust, kam und sagte - ach, was er mir
sagte, ich wei es nicht: von lderlichem Gesindel und auf die Finger sehen, und
hinausbringen, und ich htte kein Heimatsrecht mehr!
    Nein, Louis, ich habe keine Heimat; wie ich da am rauschenden Wasser stand,
da sahen keine rothen Gesichter heraus vom Brgermeister, und nicht die
hsslichen spitzen der Brgerfrauen - und da - da hrte ich, da Du glcklich
wrst - ich wusste es schon, unter der Linde auf dem Kirchhofe hatte ich Dich
gesehen, und die Herrschaften, die im Wagen vor der Schenke schwtzten, derweil
ihre Pferde Muth tranken, und ich trank auch Muth, sie sagten mir nichts Neues -
und da stach es mich, und trieb mich, Dich wollte ich noch einmal glcklich
sehen. - Und das hab' ich nun auch aufgegeben, da ich wei - - 
    Hier waren einige Zeilen von Thrnen verwischt.
    Das Geld brauchst Du nicht - das kmmert mich auch nicht mehr, - und mich
wirst Du vergessen - aber wenn ich nur etwas wsste, was Dir recht lieb wre,
ich wollte Alles thun, mir einen Finger abschneiden, mich wieder verkaufen, wenn
ich nur wsste - Und nicht wahr, das war nicht unrecht von mir. Manche hat sich
betrunken, ehe sie ins Wasser sprang. Ich wollte ja nur Dich noch einmal sehen,
Dich sehen, wenn Dein schn Auge so recht aus voller Seele lacht. - Nein, ich
werde es nicht mehr sehen - Lebe wohl, Du mein Alles -
    Die Unterschrift war wieder von den Thrnen ausgelscht. Aber dahinter noch
einige kaum lesbare Zeilen: Aber ich mu Dich sehen - hilf mir Gott, wenn ich
mein Wort breche. Wenn Du in die Kirche gehst mit ihr. Ganz von ferne - sieh
Dich nicht um, Du wirst mich nicht entdecken. Trinken mu ich den Strahl aus
Deinem Auge, und dann -
    Die letzten Worte gingen in ein fieberhaftes Gekritzel ber, Walter war von
der Lektre aufgeregt; aber sein Entschlu schnell gefasst. Es giebt doch etwas
auch neben dem Vaterlande, um was der Mensch sein Hchstes einsetzt, sich
selbst. Und wo ist der Sittenrichter, der es kalt verdammt? Er nahm das Papier,
salzte es und that es in seine Brieftasche: Ich will ihr Testamentsvollstrecker
sein. Wenn sie nur etwas wsste, was ihm recht lieb wre, was sie zu seinem
Heile thun knnte! Ich bernehme es fr sie. Sein Liebesglck darf durch diese
Erinnerung nicht vergiftet werden. Was knnte er ihr helfen, ohne ihre Liebe zu
erwidern! Sie bleibe vor ihm verschwunden, spurlos. Die Wirthin werde ich
instruiren. Was er - ohne Liebe, aus Erbarmen fr sie thun knnte, kann ich
ebenso gut.
    Seinen Vorsatz, auf Louis' Rckkehr zu warten, um mndlich der berbringer
der frohen Botschaft zu sein, gab er jetzt auf. Der Freund weilte zu lange bei
seinem Glck. Er nahm Papier und Feder und theilte ihm kurz und klar, was seiner
warte, was von ihm gefordert werde, mit. Er stellte sich in den Hintergrund und
lie den neuen Minister selbst den sein, der zuerst sein Auge auf Louis
Bovillard geworfen, fr sich die bescheidene Rolle eines um Rath Befragten
vindicirend, welcher nur aus vollem Herzen die Eigenschaften besttigen knnen,
welche der Minister bereits in ihm entdeckt.

                          Einundsiebenzigstes Kapitel.



                             Ein volles Bekenntni.

Im Hause der Frstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend Vieles ereignet,
von dem wir nicht Zeuge waren; es drckte sich auf den Physiognomien ab.
Adelheid war heut beim Theetisch eine Hebe; sie ging nicht, sie schwebte. Sie
schien fortwhrend zu singen. Man hrte es nicht, aber man fhlte es. Ihr
Gesicht hatte einen andern Ausdruck. Der Legationsrath bemerkte es gegen die
Frstin.
    Ei! sagte die Gargazin mit einem besondern Blick. Ich glaubte, dafr
htten Sie keine Augen? - Fr die Schnheit! - Nur fr die, welche Sie
zergliedern knnen. Adelheid giebt das den Reiz, was Sie nicht lieben, die
Harmonie der Seligkeit. - Ein Nebelbild! -
    Wandel blickte dabei scharf aber ruhig auf Louis Bovillard, der in sich
versunken im Fauteuil sa, und die Theetasse mit einem verstohlenen Ku auf die
Hand hinnahm, welche sie ihm reichte. Die Beiden htten das Gesprch kaum
gehrt, auch wenn es laut gefhrt worden. Wer sich aber wundert, den
Legationsrath auch in dem kleinen Kreise zu erblicken, in dem Louis Bovillard
ihm gegenbersitzt, dem sagen wir, da in der Stadt ein Gercht umlief, da zwei
Kavaliere neulich in der Jungfernhaide ihre Pistolen versucht; es sei kein Blut
geflossen, aber einige drre Zweige wren abgefallen. Was ging Louis der
Legationsrath noch an? auch der Legationsrath hatte an anderes zu denken. Er war
heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen, nachdem die Familie
aus dem Thiergarten zurckgekehrt.
    Was geht Sie das an? replicirte die Frstin, ihre Stickerei wieder
vornehmend. - Alles Leben ist ein Traum! rief der Legationsrath nach einer
Pause.
    Die Frstin hielt die Nadel an: Fallen Sie nicht aus der Rolle, Herr von
Wandel? - Welcher? - Die Sie die Gte haben, vor sich selbst aufzufhren. A
propos, ich bemerke, Sie fangen an, wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen.
Das ist fr Berlin zu spt, man kennt Sie einmal als Gutschmecker. Sparen Sie
sich die Rolle des St. Germain fr Sibirien. Sie knnen sich dort mit einem
Schamanenzauberer associiren. Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen
Incarnation nach Europa zurck.
    Wandel bewunderte die Laune der Frstin und die Farben ihrer Stickerei. Sie
stie halb muthwillig seine Hand fort. - Mir ist immer bange, wenn Sie etwas
anfassen, da die Farbe ausgeht. Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur
an der Hand kleben? - Erlaucht vergessen, da die Chemie die schnsten
Farbestoffe prparirt. - Bis sie nicht die Schminke erfindet, die einen Todten
lebendig macht, geb' ich nichts auf Ihre Wissenschaft. - Sie fordern zu viel.
Den Schein des Lebens herzustellen, gilt doch fr das hchste - Was sie
geleistet hat, fiel die Frstin ein, und eben darum hasse ich sie. Eine
scheinbare Tugend, ein scheinbarer Reichthum, ein anscheinend blhender Staat,
und Alles bertnchte Grber - durch Ihre Chemie. - Was fixiren Sie Adelheids
Freund?
    Wandel senkte die Augen: Hippokratische Zge. - Qu'importe! Schmeckt der
Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger s, weil sie nur ein
Schmetterlingsleben fhren? - Der Schmetterling wei freilich nicht, wie lang
sein Lebensfaden ihm zugemessen ist, aber - der Legationsrath beugte sich nher
zur Frstin - aber, ich kann Ihnen nicht verhehlen, man begreift meine
erlauchte Freundin nicht. Sie begnstigten das Verhltni, und thun nichts, ihm
eine Zukunft zu sichern. - Was heit Zukunft? - Der alte Bovillard stellt
sich auf die Hinterfe. Seit er die Flasche alten Weines, die seinen
provencalischen Adel enthlt, entkorkt, ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen.
Er will nichts fr seinen Sohn thun. Mamsell Alltags Vater ist eben so nrrisch
von seiner neuen Wrde benommen. Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den
jungen Wstling. Wenn Niemand etwas fr sie thut! Verschaffen Erlaucht ihm bei
Ihrer Legation eine Stellung, und er ist vernnftig genug geworden, um zu
wissen, was der Begriff Vaterland werth ist. - Haben Sie fr nichts Anderes zu
sorgen? sagte die Fistin, wieder mit ihrer Arbeit beschftigt.
    Der Legationsrath griff gedankenlos nach dem Hut. Es kam zwischen Seufzen
und Ghnen heraus: Wenn man nur nicht so viel Geflligkeiten bernommen htte!
- Und sich nicht so rcksichtslos fr seine Freunde und Freundinnen opferte!
fiel die Gargazin ein. - Spotten Sie nur! Mir wird der Kopf zuweilen wst. -
Dafr haben Sie ja Arkana zur Hand. - Die larmoyante Liebelei des
Rittmeisters und der Baronin ennuyirt die Freunde. - Les Georges Dandins l'ont
voulu. - Nun soll ich die Platoniker wieder auseinander bringen, oder vielmehr
aneinander. Man wnscht ein Geznk, wobei sie sich in die Haare geriethen, einen
Eclat, einen coup de main, eine Pulverexplosion. - Ich auch, sagte die
Frstin. Die Luft wird unertrglich schwl. - Der Mann, der Baron, ist zu gar
nichts zu gebrauchen. Das ist das Schlimme. - Die Baronin scheinen Sie seit
einiger Zeit wirklich in Affection genommen zu haben. - Ich? - Pardon! Ich
verga, da Sie keine Affrktionen haben. Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus?
- Die unglckliche Frau bedarf des Trostes. - - Der Mann wohl nicht? - Er
ist in Momenten so glcklich. Er kann sich ber das Geringste, was seinen
Phantasieen schmeichelt, wie ein Kind freuen. Ein alter Einband, eine neue
Lesart, die er entdeckt zu haben glaubt. Auch., meine erlauchte Freundin wrde
ihre Lust daran haben, denn man kann sagen, es schwebt gewissermaen schon die
Glorie der Erlsung um seine Stirn. Lange wird er es nicht machen. Da ist es
denn Pflicht seiner Freunde, was sie vermgen, die letzten Augenblicke ihm zu
versen. - Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein. Nehmen Sie sich in
Acht. - Die Geheimrthin ist zu eifrig in ihrer Pflege, zu excentrisch, um
immer die gehrige Vorsicht zu beobachten. Sie erinnern sich, bei dem Jean
Paulfeste, wie Adelheid beinahe verbrannt wre.
    Die Frstin sah ber die Arbeit starr vor sich hin: Es ist etwas eigenes,
das Kapitel von Sympathieen und Antipathieen. - Von den Sympathieen haben wir
das corpus delicti vor uns, lchelte Wandel, auf das Liebespaar blickend. -
Aber die Antipathieen haben etwas Monstrses, sagte die Gargazin, weil wir
sie mit allem Verstande uns nicht zu erklren wissen. Giebt es einen Gegensatz
zum Magnet, einen Stein, der abstt? - Feuer und Wasser mischen sich nicht.
- Das ist es nicht, was ich meine. Das eine lscht doch, das andere durchglht
das andere. Aber wer erklrt diese innere Seelen- und Krperangst, die ein
vernnftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet? den
angebornen Widerwillen, den geheimen Schauder, wo gar kein vernnftiger Grund da
ist? - Doch vielleicht der Kitzel zu Paradorieen! Das hlich zu finden, was
Andere entzckt, fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf, der gerade
begabten Naturen eigen ist. - Warum frchtet sich Haugwitz vor Ihnen?
    Wandel schien etwas betroffen. Er wollte von dem Unglck sprechen, von
geheimen Feinden verredet zu werden, wo ein Ehrenmann sich nicht veitheidigen
kann, weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb. Das war es nicht, was die
Frstin meinte.
    Warum hat Louis' Vater einen angebornen Widerwillen gegen die Lupinus? Ich
wei, er hat diese Antipathie. Er kann sie weder sich noch Andern erklren.
Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben, unzertrennbar von unsrer
Persnlichkeit, wie wir von unserm Schatten. Was ist das nun? Ich, von meinem
Standpunkte, knnte es mir deuten; aber ich wnschte Ihre Ansicht zu zu kennen.
Sie Rationalist. Ihre Wissenschaft mu wenigstens vor sich selbst Alles zurecht
legen knnen, was in der Natur erscheint.
    Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstoenden Krften, von
den Stoffen, die als Wrmeableiter dienen, er ging zur Electricitt ber und
stand beim Blitzableiter, ohne da wir wissen, wie weit er sich in die Wolken,
und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt htte, als ihn die
Frstin abermals unterbrach. Mglich, da er nicht ohne Absicht in die Doctrin
sich verlor, weil er wute, da die Frstin nie aufgelegt war, Vorlesungen
anzuhren, und er in dem Augenblicke noch weniger, sie zu halten.
    Warum ist sie auch mir zuwider? - Zwei Sonnen vertragen sich nicht am
Himmel, pflegt man zu sagen. Aber von Rivalitt kann nicht mehr die Rede sein,
wo die eine unterging. - Wenn ich Ihnen auch zugestnde, da ein solches
Gefhl einmal da war, das ist es nicht. Es ist etwas Anderes. Ich kann mit ihr
Komdie spielen, aber nachher berfrstelt es mich, wie Jemand zu Muthe sein
mu, der erfhrt, da er mit einem von der Pest Inficirten Hnde geschttelt.
Nach jenem letzten Abende erschien sie mir im Traum. Ihre kostbaren Kleider
fielen in Lumpen, eines nach dem andern, ihr vom Leibe. Ich schrie aus, ich floh
vor dem scheulichen Gerippe. Ich war pltzlich aus dem Bette, und es stand noch
immer vor mir, ja es dauerte eine Weile, als ich schon die Augen mit Gewalt
aufgerissen hatte, bis es in den Boden versank. Was ist das? Erklren Sie's
mir. - Vielleicht die polarische Attractionskraft der Gegenstze. Wir trumen
das Gegentheil von dem, was wir fhlten, dachten, erlebten, liebten. Das ist der
Inhalt der Traumbcher. Die Geheimrthin ist immer sehr gewhlt gekleidet, sie
spricht und denkt ebenso, alles Rohe und Nackte berkleidet. - Darum erschien
sie mir roh, nackt, scheulich. - Wandel, ich mchte Sie einmal im Traum sehen.
    Der Haushofmeister war schon ein Weile nher getreten, als er sich jetzt
ber den Stuhl der Frstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flsterte. Die
Frstin lie die Arbeit sinken, sie sttzte den Kopf im Arm. Die verbissenen
Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht. Der Haushofmeister flsterte
sie auch dem Legationsrath zu: Er ist eben verschieden! - Le pauvre diable!
- sprach Wandel, die Achsel zuckend. Hat er noch viel gelitten? Ich meine, hat
er noch wie neulich phantasirt? - Er warf sich noch einige Male unruhig,
kreuzte sich, wiederholte den Namen der Frstin, japste ein paar Mal auf, als
wollte er etwas sagen. Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder! hatte der
Haushofmeister erwidert.
    Warum musste auch jetzt gerade diese Strung kommen? sagte der
Legationsrath und beugte sich ber den Lehnsessel der Frstin. Wissen Sie
theuerste Freundin, mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft. Sie
blickte verwundert zu ihm auf.
    Ihre beredte Vertheidigung hat mich allerdings von der Naturnothwendigkeit
des Institutes berzeugt. Ich erkenne, welche unaussprechliche Wohlthat sie fr
diese Geschpfe, Familien, ja diese ganzen Vlkerschaften ist, die sich ber
ihre Naturdumpfheiten nicht erheben mgen. Ja, es ist ein berauschendes Gefhl
fr die von Gott dazu Erwhlten, fr diese Armen, Verlassenen, Urtheilsunfhigen
ihr Alles zu sein, Vater, Mutter und Vormund, fr sie zu fhlen und zu denken,
die Sorge fr unser eigen Wohl hintenanzusetzen, um fr Hunderte und Tausende
von Seelen zu sorgen, welche die Vorsehung in unsre Hand legte. Von dieser Seite
erscheint auch mir die Institution eine wunderbare, heilsame, aber der Exce der
Gefhle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches. Sie verstand ihn
nicht.
    Was hat diesem Menschen den Tod gebracht, nachdem er in der Genesung so
vorgeschritten, der Arzt hatte zuversichtlich seine vllige Heilung versprochen,
als die Angst, Gewissensbisse kann man sagen, da er so lange nutzlos liegen
musste, ohne die Gte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu knnen. Wie
durchzuckte es ihn. als er hrte, da Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher
interimistisch angenommen. Er bi sich in die Lippen und ballte die Hand, dah
ein Anderer, ein Fremder, seine geliebte Herrin fahren sollte. Wir verbargen es
Ihnen, er sprang nachher heimlich auf, kleidete sich an, und war schon auf dem
Wege nach dem Stall. Wir kamen noch zur rechten Zeit. Als man ihn wieder ins
Bett brachte, berfiel ihn der Parorysmus; er phantasirte nur von Peitsche und
Pferden, er umklammerte sein Kopfkissen, wie man Einen erwrgt, und nannte es
Christian. Nenne man es Eifersucht, Brodneid, es war etwas Edleres, meine ich,
aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf. Es thut mir leid, von einem
Todten es zu sagen, aber der Mensch hat sich selbst umgebracht. Ein Selbstmord
aus Pflichtgefhl. Diese Excesse des Gefhls, Sie mgen mich darum tadeln, aber
ich kann sie nicht gut heien. Etwas Egoismus ist jeder Creatur nothwendig, oder
sie hrt auf zu existiren. Selbsterhaltungstrieb und einige vernnftige
berlegung wren Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst
schuldig.
    Die Frstin warf ihm einen dankbaren Blick zu. Es giebt Momente, wo ein
Kluger von einer groben, handgreiflichen Lge angenehmer berhrt ist, als von
einer feinen, die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu
schmeicheln sucht. Ihr zweiter Blick war auf die Andern gerichtet; aber sie
waren schon verschwunden. Es war ihr lieb: Adelheid darf nichts davon
erfahren, sprach sie, zum Haushofmeister sich umwendend.
    Sie sind nun ganz d'accord, wie Sie es wnschen? warf der Legationsrath
hin. - Heut im Thiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen. -
Welche? - Die Affektion fr ihren Lehrer. Sie haben Recht, Wandel, es giebt
auch Excesse einer geistigen Leibeigenschaft. - Ich hielt diese frberwunden
seit jenem Abend. - Das Bekenntni der Liebe sthnte noch immer unter den
Fuklammern des Gewissens. Was der Mensch sich selbst qulen kann! Sie hat ihm
bekannt, wen sie um seinetwillen geopfert, das hat einige Thrnen, Schluchzen,
platonische Herzschlge verursacht, denn die Rivalen waren Freunde, aber sie
sind auf gutem Wege.
    Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage, welche die Frstin verstand.
Wollen Sie mit mir - den guten Paulowitsch sehen? fragte die Frstin den
Legationsrath. Wandel schien ungewi, welche Antwort sie erwartete: Man hat es
der Geheimrthin Lupinus verdacht, da sie die Leiche ihres Dieners wie die
eines Familiengliedes pflegte und schmckte. Es ist hierorts nicht Sitte. -
Man mu sich in die des Ortes fgen, sagte befriedigt und laut die Frstin,
und richtete den Blick nach oben. Ich werde den treuen Paulowitsch noch oft
sehen. Den irdischen Qualen enthoben, schwebt sein verklrter Geist in die Rume
des Lichtes. Ob es da Hohe und Niedere, ob Herren und Leibeigene giebt, ob wir
Alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen, die nichts Gesondertes duldet,
alle Accorde in dem groen Hallelujah, Glockentne in der ewigen Harmonie!
    Sie sprach es, sich selbst anregend, mit silberreiner Stimme. Aus dem andern
Zimmer respondirte das Klavier, in Phantasien, die der Stimmung entsprachen; ein
ernster Grundton, wie das Wogen des Meeres, aber wie Schaumwellen sprhte die
Freude dann und wann auf. Es war Adelheid.
    Wandel hatte, um der Stimmung auch zu entsprechen, die Hnde vor sich
gefaltet. Als die Frstin es bemerkte, trat sie an ihn und ri seinen Arm
zurck: Das sollen Sie nicht. Sie knnen gehen. Er schien einen andern Befehl
erwartet zu haben, aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie: Gute Nacht,
Herr von Wandel, ich will im Thomas a Kempis lesen. Die Lektre interessirt Sie
nicht.
    Als der Legationsrath langsam die Hintertreppe hinunter ber den Hof ging,
sah er auf dem Balkon, der nach dem Garten fhrte, Louis Bovillard auf einer
Bank ruhend. Unter Myrthen- und Orangestcken schien er, den Kopf im Arme, auf
die Tne im Zimmer zu lauschen. Oder auch nicht. Als der helle Mondenstrahl,
hinter einer Wolke vorkommend, auf sein Gesicht fiel, wre der Beobachter vor
dem finstern Ausdruck erschrocken, wenn es in Wandels Art gelegen htte, zu
erschrecken. In den einsamen Gngen des Thiergartens erst hatte Louis erfahren,
wem er sein Schnstes geraubt. Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte;
aber der dunkle Schatten, der auf seine Stirn fiel, zeigte die Gegend ringsum
nur um so lachender. Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten! Darum ihre
Klte, Scheu; und nun hatte ein Wort sie frei gegeben, Alles gelst, sie wollte
ihm Alles geben, was sie so lange ihm vorenthalten. Und was hatte er denn dem
Freunde geraubt? Sein Schnstes, ja, aber nicht sein Alles. Hatte nicht Adelheid
gestern einen Brief empfangen von Walter, einen freundlich heitern, eine Urkunde
war es, worin er das ihm anvertraute kstliche Gut, wie er es nannte, der
Eigenthmerin zur freien Disposition zurckstellte. Mit welchem Scharfsinn hatte
er auseinandergesetzt, da er nie ein Recht darauf gehabt, da es hchste
Undankbarkeit sei, was die Dankbarkeit im berstrmenden Gefhl des Augenblicks
auf den Altar legt, als verfallen anzunehmen, als unwiderrufliches Eigenthum.
Hatte er nicht klar auseinandergesetzt, da er nicht die Eigenschaften besitze,
um Adelheid so glcklich zu machen, wie sie verdiene, dahin, in die glnzenden
Hhen sie zu fhren, wozu ihre Schnheit, Natur, die sichtliche Fgung des
Himmels sie bestimmt. Er sei ein stiller, sinnender Mann, sie berufen zu
glnzen. Sein Verdienst wre vielleicht, da dieser Glanz ein echter werden
msse, da er sie gehtet vor dem Flitter und Schimmer, da er die Hochgefhle
einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt; darauf sei er stolz; aber hatte er sich
nicht zugleich angeklagt, da er diese berzeugung, gewaltsam unterdrckt, da
er so lange sich getuscht, da er, schon mit dem Bewusstsein, wie ihre Liebe
nur Achtung sei, ein Pflichtopfer, sich fort und fort getuscht, es knnten doch
andere Gefhle fr ihn zum Durchbruch kommen, und da nicht ein freies Opfer von
seiner Seite, sondern erst ein Zufall, ein Impuls des Momentes, die lange Kette
des Truges gesprengt habe? Und hatte er nicht endlich versichert, auch er fhle
sich jetzt frei, glcklich, sie drfe um ihn nicht sorgen, denn er sei nun
zurckgegeben der heiligen, ernsten, hchsten Pflicht des Mannes, ganz seinem
Vaterland zu leben.
    Mit Begeisterung hatte Adelheid den Brief vorgelesen, dort auf der unter
Brombeeren und Hagebutten versteckten Birkenbank, whrend der Wagen der Frstin
auf der Chaussee langsam auf und ab rollte. Nun bist Du doch zufrieden, hatte
sie gesprochen, und mit der Hand die Falten aus seiner Stirn geglttet. Er hatte
geschwiegen, und seine Zufriedenheit in einem Ku auf ihren Arm gehaucht. -
Jetzt fuhr sie wieder mit der Hand ber seine Stirn: Kalt und feucht! Die
Abendlust knnte Dir schaden!
    Die Nachtvgel zeigten ihnen den Weg. Sie flatterten, an die hellen Scheiben
der Glasthr die Kpfe stoend. Trb brannte das Licht im kleinen Gartenzimmer.
Sie hatten sich noch so viel ohne Zeugen zu sagen. Es war still im Hause, nur
aus dem Souterrain tnte dumpfes Geflster der Leute, die Frstin sa in ihrem
Armstuhl und hrte ber den Thomas a Kempis nicht, wie Adelheid durch die Thr
blickte. Aber als sie zurckkehrte, hrte auch Louis nicht ihr Kommen. In sich
zusammengesunken, sa er auf dem kleinen Kanap. Es war nicht die Erwartung, von
der der Dichter gesungen.
    Erst ihr Arm, der sich sanft um seinen Nacken schlang, erweckte ihn. Noch
immer - Walter! Ist das recht! sprach sie. Der ist glcklich! seufzte Louis.
Glcklich! Sie blickte ihn vorwurfsvoll an. - Ist's die Lerche nicht, die in
den Morgennebeln nach der Sonne steigt. Ist's der Trumer nicht, der die ganze
Menschheit an die Brust schlieen mchte! Ich mchte sie lieber erwrgen! -
Sprich nicht so. Das ist der Nest Deiner Krankheit.
    Vielleicht ein anderer Nest! - Er blickte starr vor sich nieder. Bin ich
nicht ein Feuerbrand, bestimmt, was er anrhrt, zu zerstren! Sie hatten's mir
verhehlt, aber ich erfuhr es: als ich geboren ward, hab' ich meine Mutter
umgebracht. Der Zerstrungstrieb war die Mitgift an meiner Wiege, und hat sie
nicht in meinem Leben lustig gewuchert! Meinen Vater - doch davon still. Ich
ward ein wster Mensch auf der Universitt, nicht so ganz schlecht als Andere,
aber indem ich gegen die Schlechten losging, ward ich ein Strenfried unter den
Guten. Die Guten sagen, um das Leben gut zu machen, mu man sich vertragen
lernen, auch mit den Schlechten. Ich habe es nie gelernt. - Ich habe in's Leben
gerast. Ich wollte Niemand vernichten, und wie Viele habe ich zertreten. Kennst
Du denn mein Leben, Adelheid? Soll ich das Alles herausziehen aus dem Sumpfe,
denn zwischen uns mu Wahrheit sein. Wie sie mich aus den Husern gestoen, auf
der Strae mir auswichen, mit den Fingern auf mich gezeigt, bis -
    Bis Du Dich selbst aufrafftest!
    Nein, bis ich auch Dich ins Verderben ri - damals - bis ich auch den
einzigen, den treuesten, wahrsten Freund nun um sein Heiligthum betrgen mu.
Was ich berhre, opfere ich. Soll ich es hinnehmen, wie die Gtter der Alten an
dem rauchenden Blut der ihnen geschlachteten Menschen sich weideten! Was ist's
denn in mir, frage ich, dies dster glhende Auge, das Zucken meiner Lippen, der
nie gestillte Durst meiner Seele, da mir das Beste, Kstlichste aufbewahrt ist!
- Nun ich siech bin, trostlos hinter mir, trostlos vor mir, willst Du blhendes,
junges, reines Leben Dich an den morschen Stamm ranken, ich soll, mu Dich
zerstren, weil Du mein bist. - Ja, Walter hat Recht, nicht fr ihn, aber Du
bist auch nicht fr mich.
    Fr wen denn? sprach sie, und der Ernst, der aus Louis' Worten hauchte,
schien pltzlich auf sie bergegangen. Aber Louis' Ernst war ein dsterer, ihre
Worte waren ein sonorer Metallklang. Er hatte es nicht gesehen, wie sie in
krampfhafter Erschtterung den Arm von seiner Schulter zurckgezogen hatte, und
das Gesicht mit beiden Hnden bedeckte. So setzte sie sich in die andere Ecke
des Sopha's, und eine Pause trat ein.
    Weinst Du? Habe ich Dich gekrnkt, Adelheid?
    Ich weine nicht, sagte sie im selben Tone, und Du kannst mich nicht
beleidigen. Ich dachte nur ber mein Schicksal nach, und - bei Deinen Worten
brach es heraus, ach, von so lange her! Louis, das Schicksal schleudert mich ja
in Deine Arme. Was wrde ich denn, was bin ich? O, mein Gott, es ist
schrecklich, wenn die Binde so mit einem Mal von den Augen fllt! - Du bist
die gefeierte - Puppe von - ich wei nicht wie Vielen. War ich denn nicht
herausgerissen auch dem Schoo meiner Familie, dem Glck, der Bildung, fr die
ich geboren war, haben sie nicht Alle an mir gearbeitet, mich zu erziehen, der
Eine so, der Andere so, um aus mir zu machen, was ich nicht war, um mich
zuzustutzen zu etwas, sie wussten selbst nicht, was, aber ihr Ziel haben sie
Alle erreicht, die vielen Knstler, ich bin wie der Vogel, den man aus dem Neste
nahm und buntes Gefieder ihm anklebte. Die, denen das Gefieder gehrt, erkennen
ihn doch nicht an, sie spotten still ber den Eindringling, aber zu den Seinen
darf er auch nicht zurck. Er gehrt da nicht mehr hin.
    Welche Phantasieen, meine Adelheid!
    Ich sehe nur zu klar, und nur zu lange lie ich mich von der sen, eitlen
Gewohnheit einschlfern, da ich die Augen nicht aufschlug, da ich die Stimme
nicht hrte, die im Innern immer deutlicher rief. Jenes abscheuliche Weib - o
sie war noch die Beste, sie wollte mich nur einfach verderben; da war ich
unschuldig: wie der Vogel, der aus dem Neste flattert, fiel ich in das Netz, das
sie ausgespannt. Aber die Andere, o, mein Geliebter, ich fhle das Gift, das sie
in meine Adern spritzte, es schleicht noch jetzt, es zehrt noch. - Die
Geheimrthin wollte Dir wohl! - Sie will, sie kann Niemand wohl wollen, glaube
es mir, Louis. Sie hat kein Herz; darum wird ihr unwohl, wo ein Herz warm
schlgt. Ich las von einem Gespensterthier, das Nachts sich auf die Schlafenden
legt und das Blut ihnen aussaugt. Sie saugt auch das Blut aus, mit ihren spitzen
Reden, ihren spitzen Blicken. Ich wre schlecht geworden, Louis, das fhle ich,
ich ward schon eine Andere, wie ein in Eis getauchtes Tuch warf sie's um die
Brust, wenn edlere Empfindungen aufzuckten.
    Was wollte sie mit Dir? - Martern will sie, sie mu martern, was
glcklicher ist. Sie konnte den Kanarienvogel qulen, wenn er zu lustig
schmetterte; sie beneidete das arme Thier im Kfig, sie marterte ihre
Domestiken, ihren Mann, sich selbst auch, wenn sie sich ertappte, da sie
lebhafter gewesen, als sie scheinen wollte. O, Liebster, es ist entsetzlich,
wenn ich daran denke, ein Traum, und mich schaudert, er ist vielleicht noch
grlicher, als ich zu trumen wagte! - Und alle Welt bewundert sie. - Die
Welt hat Recht. Diese Frau und dieser Mann dazu - Welcher? - Der
Legationsrath. - Sie sind Beide - hohl, verrathe mich nicht, Louis, ausgehhlte
Gespenster. Sie habe alles menschliche Gefhl aus sich gesogen, gepresst. -
Man mu die Empfindungen und Regungen, die uns stren, aus sich heraus
destilliren, hrte ich ihn einmal sagen, und das haben sie, sie haben daraus
prparirt die schne Gltte, den glnzenden Firni, den die Welt bewundert. -
Mein Gott, woher kam Dir die Erkenntni? - Wei ich's? Sie hielten mich fr
das Schookind, das man ausputzt, in den Armen schaukelt, mit Glanz und
Sigkeiten nhrt, von dem man alles Unangenehme fern hlt, auch die Gedanken -
und die Gedanken kamen doch, von selbst - ich war unaussprechich unglcklich! -
Dich mihandelt?
    Sie nickte: Es waren unsichtbare, feine Geielschlge, die Luft fhlte sie
kaum. Wie ein feiner, tzender Staub auf die Lunge geworfen. - Und Du musstest
es dulden? - Wie schliet man das Auge vor dem Zucken des Blitzes, das blaue
Licht schiet durch die geschlossenen Lider. - Ich musste es dulden, ohne ihr
entfliehen zu knnen, und es war mir auch nicht erlaubt zu klagen. Und ich
musste immer lgen - lgen von unermesslicher Dankbarkeil; wenn ich es nicht
ausgehalten, wre ja das Urtheil der Welt ber mich zusammengebrochen - Er
warf, die Hnde faltend, sein Gesicht in ihren Schoo: Und daran war ich
schuld! - Nein, klage Dich nicht an. Es war eine Kette von Bestimmungen. Aber
untergegangen wre ich in der Lge, das fhle ich. Je grer sie ward, so klter
schlug's mir ans Herz. - Gott sei Dank, eine Frau, die warm fhlt, nahm Dich
zu sich.
    Adelheid war aufgestanden. Sie schttelte den Kopf. Eine hohe Rthe berzog
ihr Gesicht, als sie sich zu ihm umwandte, die Hnde sanft auf seine Schultern
legte und seine Augen ksste: La uns davon nicht sprechen, Liebster. - Du
zweifelst an der Gte der Frstin? - Meine Augen wurden geffnet, wunderbar
klar liegt es vor mir; Blicke, um die mich Niemand beneiden darf. Das ist die
entsetzliche Schule der Lupinus. Nein, mein Geliebter, la uns davon schweigen.
- Auch hier nicht glcklich? - Ich werde glcklich, denn ich werde wieder ich
selbst. Er blickte sie fragend an.
    Bin ich denn mehr, als ich dort war! Da wollte man den seltenen Vogel in
ein Bauer sperren, dort flatterte ich an einer unsichtbaren Kette, hier lsst
man mich frei fliegen, weil man wei, ich kann nicht entfliehen. Ich habe ja
kein Haus, wohin. Eine Leibeigene bin ich, nicht anders als die da unten auf
den Bnken schlafen mssen. Jeden braucht man, wozu er gut ist, und so lange er
dazu gut ist. Mich staffirt man aus mit allem Glanze, so lange es sich lohnt.
Wenn ich nicht mehr hbsch bin, nicht singen, Musik machen, nicht mehr tanzen
kann, nicht mehr muntere Antworten gebe, nicht mehr die Herzen entzcke, dann
wirst man mich fort, wie jedes andere unntze Werkzeug. Sie hat so wenig ein
Herz fr mich, als die Lupinus. Und die Andern! Sehe ich denn nicht, wie man
mich abschtzt? Gehre ich zu diesen Erwhlten? Fhle ich nicht unter ihren
Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus, was ich ihnen bin, was ich ihnen
wre ohne den geliehenen Lustre? Rmpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase,
wenn ihre Tchter mich einladen, mich mit ihren Freundschaftsversicherungen
berschtten? Zittern die Mtter nicht, wenn die Shne mir zu viel
Aufmerksamkeit erwiesen? Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen
Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen? Herr von Fuchsius ist ehrlich genug:
er trat bald zurck, weil ich kein Vermgen besitze. Die Andern sagten es nicht,
aber ich lese ihre Gedanken. Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit, der Pracht
und rauschenden Lust, bin ich eine Fremde, mitten in den Schaaren, die mich
umdrngen, eine Gemiedene. Wer wird sie denn nehmen! hrte ich eine vornehme
Dame zu einer andern flstern, nachdem sie nachher nicht Worte genug gefunden,
mir Schnes zu sagen. Sie ist doch nur eine Gesellschafterin, erwiderte die
Andre; ein vornehmer Lockvogel. - Dann kommt zuletzt doch noch Einer, der
erste Beste, setzte die Andere trstend hinzu. Und unter der Haube ist unter
der Haube.
    Warum hrt Adelheid auf das Geschnatter!
    Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen wrde. Ja, ich bin eine
Gebrandmarkte - erschrick nicht, Louis, vor dem Wort, es ist nicht so bel, es
sind viel bessere als ich, ich knnte zuweilen sogar stolz darauf sein. So
stolz, da ich auch meines Gleichen suche. Brauchst Du noch Beruhigung um Deinen
Freund, so wisse, ich htte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht. Er war
mein Mentor, mein Schutzengel, er hob mich, ihm danke ich, da ich nicht
unterging in dem Sumpfe; aber nun steht er mir auch so hoch da, da ich den
stillen, reinen Strom seines Lebens durch meine Berhrung nicht trben, nicht
stren darf und will. - Du bist mein Retter. Wir haben uns nichts vorzuwerfen,
wir sind beide Fremde, Miverstandene, Gemiedene, Ausgestoene, und unsere
Herzen schlagen zu einander. Das hinter uns lassen wir ruhen, und blicken - wir
flchten Beide - in eine bessere Zukunft.
    Wie Du selbstqulerisch Dich erniedrigst, sprach er, ihre Hand an sein
Herz drckend. Wenn der gerechte Richter die Wage hlt, ist die Schwere Deiner
Schuld wie die Flaumfeder, die in der Luft sich wiegt.
    Die Welt ist kein gerechter Richter; sie wgt auch nicht die Schuld, sie
wgt nur die Verhltnisse ab. Auch der gerechte Richter fragt, was ich bin,
nicht was ich htte sein knnen. Was bin ich denn! Nicht hier, nicht dort eine
Wahrheit! Ein halbes Kind, herausgerissen aus dem elterlichen Hause, lernte ich
tnzeln, ehe ich gehen konnte, Komdie musste ich spielen, ehe ich von dem etwas
wusste, was ich spielen sollte. Ehe ich eigen gedacht, empfunden, gelebt, lernte
ich reflektiren. Die schlichte Brgerstochter, pltzlich gestoen in Kreise der
ersten Geister und der vornehmen blasirten Menschen, musste ich Angelerntes
hersagen. Louis, erschrickst Du nicht, wie ich rede! Ist das die natrliche
Sprache eines zwanzigjhrigen Mdchens? Soll, darf sie reflektiren, wie ein
Mann, der die Lebensschule durchgemacht hat! Ich erschrecke oft vor mir selbst;
ich schaudere, wenn ich in den Spiegel sehe. So haben sie mich herausgeschraubt
zu einem unnatrlichen Dasein. Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung:
kann mich wer so lieben? wer sich mir so vertrauensvoll hingeben? Statt eines
kindlichen Mdchens eine, die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde
kennen gelernt -
    Aber unberhrt von ihr blieb. Deine schne Natur hat gesiegt.
    Sie strich ihm die Locken aus der Stirn: Sei ehrlich! Wre es Dir nicht
lieber, wenn ich ein Kind wre, das arglos, neckisch, vertrauensvoll sich in
Deine Arme wrfe? So zerdrcke ich oft eine stille Thrne, wenn ich im Hause
bin, wo ich nicht mehr zu Hause bin, wenn die jngern Schwestern mich mit
neugierigen Fragen bestrmen, ber die ich lcheln mu. Wre ich wieder so! ruft
es, aber ich mchte doch wieder nicht so sein, ich knnte nicht wieder so sein,
- es ist eine Kluft gerissen, und ich gehre hierhin, nicht dorthin. Das ist der
Fluch -
    Nicht Deiner Schuld.
    Sie blickte sinnend vor sich hin und schttelte langsam den Kopf: Wenn mein
Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske, log ich nicht,
indem ich nicht aus der Rolle fiel? Mischte sich nicht da etwas Falschheit
unwillkrlich in mein Denken und Thun? Ich log mir Entschuldigungsgrnde vor.
Die Phantasie ist unerschpflich. Ich log mir vor die Vortrefflichkeit meiner
zweiten Mutter, der Gesellschaft, der Welt, bis es nicht mehr ging, bis das
Bewusstsein herausplatzte. Schon da an dem schrecklichen Orte! Dein Blick hatte
mich verwundet, aber die Wunde that nicht weh. Hatte sich Dein Gesicht mir nicht
eingeprgt! Es durchschauerte mich mit Angst, als Du mich verfolgtest, aber es
war eine bange, se Angst, bis an jenem Abend, wo Du -
    Da schon! Entzckendes Bekenntni!
    Sie nickte, die Hnde vorm Gesicht. Ja, da schon, wie ich Dich mit kaltem
Mitleid von mir stie, Dir verzieh unter der Bedingung, da Du mich nicht wieder
shest, als ich Dir sagte, ich knne Dich nie lieben, es war schon eine Lge.
Ich presste das Feuer mit aller Gewalt in die Brust zurck. Ich log mir vor, da
es nur Mitleid, da ich Dich verabscheue, und ich log weiter. Es war die Angst
vor Dir, vor mir selbst, ich wollte mich retten aus dem Strudel, aus dem Haus,
Selbstsucht war's, als ich an Walters Brust bekannte; ja es war Liebe, aber
nicht ihr Sonnenschein, ein ses Mondenlicht, die Liebe der Achtung, der
Dankbarkeit, der Bewunderung. Jahre sind ber diese Lge hingegangen, sie machte
mich bitter, unzufrieden, ich musste mich selbst verachten, und - ist das keine
entsetzliche Schuld, da ich zwei Jahr das Lebensglck des edelsten Mannes
erschttern musste? - Schuld gegen Schuld, Geliebter, wir haben Beide zu ben
und gut zu machen. Einer mu sich am Andern sttzen, aufrichten, - Einer dem
Andern Muth zusprechen. Das Leben hinter uns begraben und wir fangen Beide ein
neues an.
    Von der dster brennenden Kerze war ein verglimmendes Dochtstck nach dem
andern gefallen; hier ohne Schaden auf die Marmorplatte des Tisches. Auch war es
nicht dunkel im Zimmer, der Mond und das dmmernde Morgenlicht erhellten es.
Das Licht ist mein Vaterland! murmelte Louis, in das Licht starrend.
    Adelheid fhlte wunderbare Kraft; er schien zerknickt. Mit wie leuchtenden
Blicken er auch ihren Reden zugehrt, das Leuchten verschwand allmlig, das Auge
ward matt, ein wehmthiges Lcheln spielte um seinen Mund, und die Augenwimpern
senkten sich wie die eines Einschlummernden.
    Und sie hatte doch, eine begeisterte Prophetin, gesprochen. Den Weg zum
neuen Leben hatte sie ihm gezeigt - es gab nur einen - das Vaterland. Und das
eine Vaterland war ein greres geworden. Es war nicht heut erst der Gegenstand
ihres Gesprchs. Warum hatte Louis immer durch ein stilles Nicken, was eben so
gut dem schnen Munde und den schnen Worten galt, geantwortet? Er seufzte tief
auf: Wo ist denn Deutschland?
    Ich spreche nicht von dem Traum hinter uns, Lieber, sagte sie lchelnd,
nicht vom Kyffhuser und der Kaiserherrlichkeit. Du moquirst Dich darber. Das
deutsche Vaterland liegt vor uns - Das Walter Dir malte, unterbrach er. -
Walter und Hunderte und Tausende unserer Edelsten! - Was in der eigenen Brust
des Schwrmers lebt, bertrgt er auf die Millionen Kreaturen, in denen nichts
lebt, als der Gedanke, wie sie morgen satt werden. - Als wsste ich nicht, wie
Du voriges Jahr in edler Begeisterung selbst Deinen Vater aufwecktest! -
Damals! Seitdem - Gieb die Hoffnung auf. - Dies Volk erwacht nicht wieder, es
ist kein Volk. - Deutschland ist ein Traum der Dichter! - Und eben flo Palms
Blut dafr. Es raucht zum Himmel. - Und ist bermorgen vergessen. - Ueberall
knirscht die verhaltene Entrstung. Greise, Knaben, schwache Frauen, kannst Du
ihre Stimmen verleugnen, die Thrnen der Wuth, die am stillen Herde geweint
werden!
    Es lebt nur Einer, rief er aufstehend - er, der Gigant, vor dem diese
Misere daliegt, wie das Blachfeld vom hchsten Thurm gesehen. Er wird ihr
Wohlthter werden, nicht wie unsere Philanthropen faseln, nicht weil er sie
erheben, verstndiger, besser, glcklich machen, weil er die Qual ihres Daseins
enden wird. Wer, die nicht glauben knnen, schnell sterben lsst, ist ihr
Wohlthter. Sein Siegeswagen mit schnaubenden Rossen wird ber die Staaten und
Throne rasseln, und die zerbrochenen Szepter liegen wie Spreu an den
Landstraen. Was bauten sie die Throne nicht fester, warum stahlen sie der Sonne
den Schein, um ihre Kronen zu vergolden! Beim feuchten Herbstwinde kommt das
schlechte Metall zum Vorschein. Warum brauchten sie die Stbe nicht als weise
Richter, warum als Korporalstcke! Warum ward die Weisheit schimmlig, die Kraft
stockig? Ihnen geschieht Recht und den Vlkern. Zum Kehraus wird geblasen, mit
Posaunen, Pauken und Kanonen. Er ist der Mann dazu, seine Seele Stahl. Die
Weichherzigen, die Gemthlichen haben ausgespielt; die Menschheitsthrnen sind
in den Sumpf gefallen, aus dem kein reiner Bach mehr entspringt; es mu wettern,
blitzen, donnern, da das Unterste sich zu oberst kehrt. Meine Seele jauchzt,
ein Weltgericht ist im Anzug und das neue Evangelium in Blut und Brand getauft.
    Adelheid erschrak nicht, es zckte ein Freudenstrahl in ihrem Auge. Das war
ja das Schtteln eines Fiebers. Louis zitterte, indem er den Rock vor der
Morgenluft sich zuknpfte; aber ein hitziges Fieber bringt eine Krisis hervor,
das schleichende nur ist ohne Hoffnung. Stahl war noch in dieser Seele.
    Du bist fr ihn begeistert? sprach sie rasch.
    Du bist ein freier Mann, fuhr sie fort, als er schwieg. Senke nicht den
Blick, ich erschrecke nicht darber, ich freue mich, da Du begeistert bist.
Louis Bovillard, ist das franzsische Blut in Dir erwacht? Du begehst dann kein
Verbrechen, wenn Du das erworbene Land Deiner Vter abstreifst, wo Dich nichts
mehr fesselt. Du kehrst zurck in das Land Deiner Vorfahren. Siehst Du da nur
Leben, Rettung, fr einen groen Gedanken, fr Dich, o so zaudere nicht, aber
offen, ehrlich, kehre dahin zurck, zu ihm, den Du fr einen Heros und Heiland
hltst, schlrfe den Feuerathem ein aus seiner mchtigen Brust, diene ihm, wie
Du willst, Du wirst in jeder Gestalt willkommen sein, und lebe auf als Mann. -
Er schwieg noch immer. - Dein Vater hat es Dir ja leicht gemacht. Er hat seine
franzsischen Erinnerungen wieder ans Licht gezogen, so etwas gefllt jetzt an
Napoleons Hof. Er schwieg noch immer, dann brach es heraus: Ich kann ihn aber
nicht lieben.
    Aber, Louis, Du bist ein Mann. Ein Mann mu lieben oder hassen; in
wetterschweren Zeiten darf er nicht die Hnde in den Schoo legen, abwarten, was
kommt. Mein innig Geliebter, Du darfst nicht unter die Alltagsmenschen
versinken. Dein edles Selbst darf nicht untergehen in dem Schwarm, den Du
verachtest; nein, aufrichten sollst Du Dich, strken am Anblick der
Jmmerlichen, deren Unentschiedenheit das Elend ber uns gebracht. Du musst Dich
entscheiden; hast Du gewhlt, o, dann wird der Funke wieder sprhen, er wird
Dich drngen zum Handeln. Wo Du whlst, ich folge Dir.
    Er hielt seine Hand auf ihre Stirn: Wre ich Sachse gewesen, und htte den
groen Karl bewundert, ich glaube doch nicht, da ich gegen mein Volk streiten
knnte. Ihr Auge blickte ihn freudig an. In dieser Luft bin ich, sind meine
Vter geboren, in diesen Sitten, Gewohnheiten sogen sie das Leben ein, zeugten
ihre Kinder. Wir erwarben ein Vaterland, und es hat uns erworben. Ich htte in
den Reihen der Sachsen gestritten, Adelheid, auch wenn ich gewusst, da Karl sie
zertreten musste.
    Sie hatte gesiegt, er war wieder gewonnen, doppelt gewonnen. Es waren
Momente der Seligkeit, die Feder und Farbe umsonst zu malen versuchen. Die
Morgenluft wehte schon frisch ins Zimmer, als sie die Balkonthr ffneten, die
ersten Vgel erhoben ihre zwitschernden Stimmen in den dunkeln Gebschen und ein
rthlicher Streifen frbte den stlichen Horizont. Im Himmel und in den Bschen
war noch Poesie.
    Adelheid fhrte ihren Freund auf dem Wege, den vorhin Wandel genommen, durch
das Souterrain nach der Hofpforte. Als sie die steinerne Wendeltreppe hinab
waren, kam ihnen Lichtschein entgegen. In der Mitte des Flurs lag eine Leiche,
die Diener hatten Kerzen darum angezndet. Sie starrten zurck. Eine Leiche!
Adelheid unterdrckte einen Schrei.
    In dem Augenblick ward ihr Name oben von der Frstin gerufen. Wir mssen
scheiden! - Bei einer Leiche! Das ist ein bses Omen, Adelheid. - Ein
gutes! rief sie an seinem Halse. Auch der Tod soll uns nicht erschrecken, auch
der Tod nicht trennen!
    Die Frstin war sehr bla. Mit glsernen, durchwachten Augen starrte sie das
junge Mdchen an, aber nicht verwundert, sie noch wach zu finden. Sie fragte
auch nicht woher sie komme. Es war eine innere Bewegung, als sie Adelheid an
sich drckte und sie bat, bei ihr zu wachen, oder auf dem Sopha zu schlafen. Sie
hatte gelesen, das Buch war ihr entfallen, und sie hatte bse Trume gehabt,
oder Visionen, wie sie sagte. Man sah, sie frchtete sich in der unheimlichen
Einsamkeit des grauenden Morgens. Adelheid wollte die Kammerfrau wecken. Die
Frstin schttelte den Kopf: Thun Sie es diesmal selbst mir zu Liebe. Sie
zitterte heftig, als Adelheid sie entkleidete; sie hatte nie die Frstin zittern
gesehen. Auch war sie seit lange nicht so zrtlich gewesen. Als sie ihr zum
Schlafengehen die Hand drckte, sprach sie: A propos, ich verga Ihnen zu
sagen, die Knigin hat sich wieder durch die Vo nach Ihnen erkundigen lassen.
Bereiten Sie sich vor, bei nchster passender Gelegenheit werde ich Sie der
Majestt vorstellen. Sie werden ihr sehr gefallen.
    Die aufsteigende Sonne konnte nicht durch die schweren Jalousielden in das
dunkle Zimmer dringen, sonst htte sie auf dem Sopha ein sehr frohes Gesicht
gesehen. Das Lcheln blieb, als Adelheid einschlief. Sie hatte sich bis heut vor
der angekndigten und immer wieder aufgeschobenen Vorstellung vor der Knigin
gescheut. Heut trumte sie, da Engel sie zu ihr fhrten.
    Als Louis Bovillard in sein Zimmer trat, go die Tagesknigin ihr erstes
Roth durch das Fenster. Alle Gegenstnde waren purpurn, am leuchtendsten aber
sein Gesicht, als er in dem Goldschein Walters Brief las und berlas. Er mochte
zuerst glauben, es sei ein Traum. - Er zerdrckte eine Thrne, die sich ber die
Wimpern schleichen wollte, ri das Fenster auf, schlrfte die wonnige Morgenluft
ein und warf sich dann lchelnd aufs Sopha. Es war am spten Vormittag, als er
erwachte, aber sein Gesicht lchelte noch immer.

                         Zweiundsiebenzigstes Kapitel.



                              Verfallene Wechsel.

Wer nicht beobachtet sein will, verhngt seine Fenster. Wer Geheimes schafft,
verstopft auch die Schlssellcher. Das wei ein Dummkopf, aber den Klgsten,
welche den Luftzug berechneten, der durch ein Mauseloch dringen mag, passirt
wohl, da sie vergaen, den Schlssel in der Thr umzudrehen. - Weise sagen,
wenn den Klugen das nicht zuweilen passirte, wr's in der Welt nicht
auszuhalten; die Affekte, die sie unbesonnen handeln lassen, seien das Salz,
welches das Leben vor der Fulni schtzt. Behaupten doch noch Weisere: wenn
alle Menschen verstndig wren und Charakter htten, msse die Welt vor lauter
Reibung in Flammen aufgehen. Der Legationsrath von Wandel wollte heute gewi
nicht beobachtet sein. Er war in seinem Laboratorium, eine kleine alte Kche
nach dem Hofe hinaus, die, unbenutzt zum gewhnlichen Gebrauch, an seine Zimmer
stie. Es war kaum nthig gewesen, die Fenster mit Matten zu behngen; durch
ihre, alle Farben schillernden, mit Staub und Spinneweben umzogenen Scheiben
wre kein Blick gedrungen. Hier durfte kein Diener Ordnung schaffen, keine
Aufwrterin den Staub wegkehren. Es ward Niemand eingelassen, auer bei
besonderen Gelegenheiten der Assessor und Apotheker Flittner, der Geheimrath
Hermbstdt und andere bekannte Chemiker. Aber dann hatte die Kche ein etwas
verndertes Ansehen. Um irgend ein glnzendes Experiment zu zeigen, waren Tpfe,
Tiegel fortgestellt, es war der brige Apparat mehr theatralisch geordnet. Auch
wurden ein Gerippe, und zwei Frauenbilder, die an der Wand hingen, beseitigt.
Wahrscheinlich sa auch der Legationsrath nicht ganz in dem Kostm wie heute vor
der Retorte - in Hemdsrmeln, weiten Unterbeinkleidern, um den Kopf einen
turbanartigen Bund gewickelt, auf der Nase eine groe Brille mit Ohrenklappen,
und mit einem seidenen Halstuch, das ber die Lippen und halb ber die Ohren
ging.
    In dem einen Tiegel kochte ein Stoff. Er schob das Tuch hher und drckte
den Turban tiefer in die Stirn, wenn er mit einem Spahn darin rhrte, und neue
Ingredienzien hinzuthat. Alsdann schien er dem Kruseln des Rauches, der sich in
den Schlot verlor, mit Aufmerksamkeit zu folgen. Das erste Experiment musste
geglckt sein, das Residuum des Tiegels ward in eine Retorte gethan, und der
Legationsrath sah dem Entwicklungsproze des Gases mit einem stillen Vergngen
zu. Darauf deutete wenigstens der halb verzogene Mund und der schlaue Blick des
halb schielenden Auges, whrend er auf dem Schemel zurckgelehnt sa, ein Bein
ber dem andern wiegend.
    Sein Blick siel aber auch auf die beiden Frauenbilder. Wie er mit den Augen
zwinkerte, schien er mit ihnen ein eigenthmliches Gesprch zu fhren. Seine
Lippen bewegten sich, er gestikulirte mit den Hnden. Ein Diagnostiker htte
vielleicht bemerkt, da ihm die Unterhaltung einige Anstrengung kostete. Wenn er
noch schrfer sah, wrde er aber auch bemerkt haben, da es Wandels Absicht war,
sich zu etwas zu zwingen, was ihm Pein verursachte. Es giebt eine Wollust, die
auch den Schmerz aufsucht. Die beiden Bilder waren in Wasserfarben, beide schne
Frauengesichter. Die Aeltere, bla und krnklich, hatte einen schmachtenden
Blick; die jngere Nubraune schaute mit ihren funkelnden Augen kecker in die
Welt hinein. Wandel schien sich lieber mit der Aelteren zu unterhalten, als
einer genaueren Vertrauten. Wohl nickte er der Jngeren und warf ihr eine
Kuhand zu, aber es war, als ob er das Funkeln ihrer Augen nicht lange ertrug.
Er schlug zuweilen seine Augen nieder. Beide waren unzweifelhaft Schwestern, dem
wohlhabenden Stande angehrig, wie ihre reichen Kleider, nach der Mode der
vergangenen Jahrzehnte, andeuteten. Seine Lippen flsterten, Laute, freilich nur
fr die Geister, welche im Sonnenstrahl als Stndchen sich schaukelten, aber
auch der Dichter darf sie hren:
    Schne Molly, warum lieest Du nicht den Vorwitz! Deine Kohlenaugen
funkelten vielleicht noch, munterer als auf dem Bilde, und Dein Leib wre so
wonnig und voll, denn Du hattest Anlage zum Embonpoint, als Deine arme Schwester
da tglich magerer und drrer wird. Wenn ich nicht mit Draht hlfe, fiele sie
auseinander. - Arme Angelika, Dir konnte ich nicht anders helfen. Hadre mit der
Natur, da sie Dir keinen besseren Brustkasten schuf. Du dankst mir auch, da
ich Deine Schmerzen schneller endete. Ja, ich wei es, Angelika, wir sind
Freunde geblieben - wenn die Wolke durch den Mond streift, und Du mir im
Nebelgeriesel einen feuchten Ku auf die Wange hauchst, es ist ein Ku des
Dankes und der Liebe. Ich versichere Dich auch, ich habe Dich geliebt. Du warst
sanftmthig, voller Ergebung, eine Schwrmerin freilich, aber klug genug, von
einem Manne nicht mehr zu fordern, als er geben kann. Ein Mann hat viele
Ausgaben, das sahest Du ein. Und darum Dein schnes Testament, das wahrhafte
Zeichen einer schnen Seele, obgleich ich gestehen mu, da ich es eigentlich
diktirt. Um dieses Testamentes willen wirst Du mir ewig unvergesslich bleiben!
Nein, ohne Spa, das Andre seitdem ist alles Spa, Du gabst Alles fr mich auf,
in Brssel Deinen Mann, in Paris Dich selbst. Mit solcher Aufopferung,
Entsagung, solchem Fanatismus hat mich Keine geliebt. Um deswillen versprach ich
Dir, was Du in der Fieberhitze des Todtenbettes fordertest - das letzte heilige
Gelbni, Dich auch im Tode nicht von mir zu lassen. Vernnftige Menschen wrden
es eine unsinnige Plackerei nennen! Ich habe Dich verstanden - nicht Dein Geist,
das ist eben Alfanzerei! aber Deine Materie, was sich von Dir erhalten lie,
soll mich umschweben. Ein bescheidener Platz am Nagel. Nein, mehr. So hast Du
meinen Muth geliebt, der sich nicht scheute, Dich schneller ausleben zu lassen,
Du wolltest, da ich an diesem Anblick die Nerven immer sthle, wenn sie schwach
wrden, immer mehr Herr ber jene Empfindungen wrde, die der Mensch sein
Erbtheil nennt. Wenn Du Deine Augen aufschlagen knntest! Wie hat das Recipe
gewirkt. Ich schttle Deine Hand, klapperndes Gebein. Ich frchte mich nicht vor
Dir, vor nichts!
    Und doch schienen seine Knie beim Niedersetzen nicht ganz so fest, als das
Todtengerippe an der Wand noch hin und her rasselte, bis es die vorige Ruhe
gewonnen. Er bi sich in die Lippen. Dann schlug er das Auge zum andern Bilde
auf:
    Die Schelmin! - Noch sehe ich Dich, Du allerliebstes Geschpf, wie ich Dich
am Schlsselloch ertappte. War es denn Lge, als ich Dir die Kehle zuhielt und
den Mund mit Kssen erstickte. Ich liebte Dich ja, das war Wahrheit. Nur Dir zu
Liebe htte ich's! Was ging's Dich an, ob das auch Wahrheit war? - Du wardst
glcklich, selig in meinen Armen. Die todte Schwester hinderte es so wenig, als
die kranke es gehindert hatte. Sie wusste es, sie hat sehr viel gewusst, ehe sie
starb, und mich darum nicht minder geliebt. Eine Nrrin, Molly eine abscheuliche
Thrin warst Du, Du httest noch lange glcklich sein knnen, wer wei wie
lange! Denn Du hattest die Kunst, Dich zu konserviren, Du wrst witzig geblieben
und httest meinen Geist aufgefrischt - ich htte es Dir wirklich nachgesehen.
Aber Du bekamst Gewissensbisse - Thorheit, es war zu spt, meine liebe Molly; es
war auch nur die Angst, da es Dir wie Angelika erginge. Das wollte ich Dir
verzeihen, liebes Mdchen, aber so dumm zu sein, da Du es nicht bei Dir
behieltest, da Du es mir in einer schwachen Stunde vertrautest! Das war die
grte Snde, die der Mensch begeht, die Snde gegen sich selbst, und Du musst
gestehen, das verdiente schon die Strafe. Nachher ward der kleine Schelm
pfiffig. Allen meinen Kssen, Seufzern widerstandest Du, Du wolltest kein
Testament machen. Ich verdenke es Dir nicht. Es verlngerte Dein Leben, und mich
zwang es zur Verschwendung. Musste ich nicht meine ganze Liebenswrdigkeit auf
Dich ausschtten, musste ich nicht allen zarten Saiten meines Daseins se Tne
entlocken, um Dich nur zum Schweigen zu bewegen? Mein Kind, das hat mich viel
Anstrengung gekostet, denn Du warst mir sehr gleichgltig geworden, und mir
entging darum eine schne Irlnderin, auf die ich mein Aug' geworfen. Nachher
schwiegst Du nicht - Du schriebst einen Brief - Du schriebst Dir selbst Dein
Urtheil - darber kannst Du nicht klagen. Aber ich -
    Er verzog das Gesicht und ballte die Faust gegen das Bild: Der Brief - den
ich fand, ist zu Aschenstubchen aufgelodert, aber es stand darin von einem
andern Briefe, der meiner Wachsamkeit entschlpft war - Molly! Molly! - Sein
Gesicht bekam einen furchtbar hsslichen Ausdruck; die Zhne fletschten zwischen
den zurckgekniffenen Lippen wie die Hauer eines Ebers, die Augen sprhten das
grnliche Feuer einer wilden Katze. Aber der Parorysmus der Wuth und Angst war
schnell vorber, die aschgraue Urnenruhe lagerte sich wieder auf dem gelben
Gesichte, die Finger entklammerten sich. - Possen! In einem Dutzend Jahren und
nicht zum Vorschein gekommen! Feuer - Regengsse - Feuchtigkeit - Staub und
dnnes Briefpapier! - Lacht Ihr, da ich mich zuweilen ngstigen kann! - Mes
dames! was wollen Sie? Ich beweise Ihnen ja das vollste Vertrauen - Ja, Sie
sehen Alles. Sie brauchen jetzt durch kein Schlsselloch zu observiren, ich
verhnge nicht einmal Ihr Gesicht. Was verlangen Sie mehr? Einige Galanterie? -
Mes dames de Bruckerode, je vous assure, que tout ce que vous voyez n'est que
moutarde aprs dner, rien qu'un dessert maigre aprs un repas dlicieux. -
Wirklich, Angelika - das waren andere Zeiten, andere Gensse, voller Empfindung,
Sympathieen, Leidenschaften. Was ist es jetzt? Asche! Damals glhende Kohlen!
Calculatorische Geschfte! Wo sind Deine s schmollenden Lippen, meine Molly?
So etwas giebt es nicht mehr. Deine ngstlichen Blicke, als Du die Chocolade
trankst, ich musste vorher nippen, und dann, o das war Wonne! O Du meine
Angelika, Du hattest nicht genippt. Fest mich anblickend, ohne Angst, Vorwurf,
nur das tiefe Seelenverstndni im Auge, leertest Du die Schaale, und drcktest
mit der feuchten kalten Hand meine. Du hattest mich verstanden, ich Dich. Ils
sont passs, ces jours de fte!
    Schnen guten Morgen, mein lieber Herr Geheimer Legationsrath! unterbrach
eine heisere Bastimme diese Schwrmereien des Einsamen, und vor ihm stand der
Kaufmann van Asten. Es war so, - keine Erscheinung der Traumwelt. Der alte van
Asten war der letzte Mann, der in ein Traumgewebe gepasst htte. Trotz seiner
schweren rindsledernen Schnallenschuhe war er unbemerkt durch die beiden Zimmer
gekommen, und drckte jetzt die Thr hinter sich zu, whrend dem Legationsrath
die Binde vom Kinn rutschte, und er, aufspringend, an der Lehne des Stuhles sich
hielt. Na, wie gehts Ihnen denn, mein lieber Herr von Wandel. Haben sich ja so
lange nicht sehen lassen. Ist das Freundschaft?
    Der Turban und die Brille waren vom Kopf des Legationsrathes verschwunden,
eine Operation, die ihm Zeit lie, seine Fassung wieder zu gewinnen. So war es;
man merkte nichts von Bestrzung, kein Zittern mehr, es war das feste eiskalte
Gesicht, mit den durchforschenden Augen, als der Legationsrath den Kaufmann
anredete. Wie kommen Sie hierher?
    Durch die Thre. Herr Legationsrath hatte vergessen, den Schlssel
umzudrehen. Sehen Sie mal, liebster Herr von Wandel, in unsern unsichern Zeiten!
Wie viel Gesindel schleicht um. Htten ja Ihren Sopha forttragen knnen. Sie
htten's in Ihren Meditationen nicht gemerkt. Aber ich habe hinter mir
zugeschlossen; wir knnen jetzt ganz sicher sein.
    Tausendmal Vergebung, mein theuerster Freund, da Sie mich in diesem Kostm
und hier - Kommen Sie in meine Wohnstube. Diese unerwartete Freude - Er wollte
ihn unter den Arm fassen; eben so schnell aber hatte der Kaufmann einen Schemel
vor die Thr gestellt und darauf Platz genommen. Wo van Asten einmal Platz
genommen, htte es anderer Krfte bedurft, ihn wieder fortzubringen. Breitbeinig
sa er, die Fe fest auf den Boden, die Arme auf den Stock gesttzt. Der Stock
schon hatte etwas Respekt gebietendes, er schien mit Blei ausgegossen, als er
auf die gebrannten Fliesen sank. Werde mich ja nicht unterstehen, Sie zu
derangiren. Wo ich Sie finde, sind mir Herr Legationsrath lieb.
    Wie Sie wollen! sagte Wandel und nahm auf dem Stuhle Platz, so nachlssig,
wie seine innere Aufregung erlaubte, den Rcken dem Herde zugekehrt, ein Bein
ber das andere streckend. Wie der Kaufmann in seiner Positur dem Rath den Weg
durch die Thr versperrte, schien dieser den zum Herde zu verbarrikadiren. Der
Kaufmann lie seine Augen im Laboratorium wandern. Was sind denn das fr
Frauenbilder? - Wren Ihnen die Zge vielleicht bekannt? fragte Wandel, ihn
scharf fixirend. - Kam nie aus Berlin heraus. Aber das sind keine deutschen
Frauenzimmer. - Welcher Kennerblick! Die Aeltere eine Schwedin, die Jngere
eine Italienerin. - So! so! Ich htte sie fr Schwestern gehalten, und sie
kommen mir so niederlndisch vor. Sie mssen nmlich wissen, ich bin auch aus
flmischem Blute.
    Der Legationsrath verzog faunisch das Gesicht: Ich strenge mich vergebens
an, eine Aehnlichkeit zwischen Ihnen und den Damen zu entdecken. - So wenig,
als zwischen mir und dem Skelett da. - War auch wohl eine Dame? - Ich fhre es
mit mir zu anatomischen Studien. Schon seit lnger. Ich kaufte es einmal von
einem Todtengrber, ich erinnere mich wirklich nicht, wo. - Gleichviel! Der
Tod ist jetzt umsonst, und Leichen wohlfeil. Aber die italienische und die
schwedische Schwester, das mssen ein paar hbsche Mdchen gewesen sein. Gnne
es Ihnen, Recreations der Jugend, geht mich nichts an.
    Die umschweifenden Blicke schienen je mehr und mehr den Legationsrath in
eine unbehagliche Spannung zu versetzen. Er kmpfte sichtbar mit einem
Entschlu, der ihm ebenfalls schwer ward, aber es brach heraus: Was verschafft
mir die Ehre Ihres Besuchs? - Eine kleine Geschftssache. - Welche,
theuerster Freund? Doch nicht - Ein kleiner Wechsel - Richtig! Der
Legationsrath schlug sich an die Stirn. Der ist aber erst in acht Tagen
fllig! Freut mich, da Sie sich so genau erinnern. Ich habe immer gesagt, Sie
sind ein prompter Mann. Ja, in acht Tagen fnftausend Thaler. - Die Sache ist
mir sehr erinnerlich - zu Ende der Hundstage, aber ich glaubte, Sie htten die
Bagatelle lngst abgegeben. - Auch geschehen, mir aber wieder zurckcedirt.
Hat viele Herren gehabt; das macht sich wohl so im Geschft.
    Als der Kaufmann sein Taschenbuch aus der Brust zog, wobei er aber etwas
sorgsamer zu Werke ging, als an jenem Abend, wo er die Wechsel vor dem
Rittmeister auf den Tisch ausstreute, fiel Wandel ihm ins Wort: Aber lassen wir
das bis nachher. Die Sache ist ja kaum der Rede werth. Wie geht es jedoch Ihnen?
Sie sehen nicht ganz wohl aus. Da die Partie Ihres Herrn Sohnes rckgngig
ward, konnte Sie doch nicht touchiren. Er ist im Gegentheil in sich gegangen und
hat beim neuen Minister eine kleine Stellung angenommen. Ich parire, er wird ein
vernnftiger Mensch werden.
    Kann sein. Shne kosten immer Geld, so oder so; ob sie vernnftig sind oder
toll. - In jenem Zustande wird er auch die vernnftige Partie, welche ein
geliebter Vater fr ihn ausgesucht, nicht lnger von der Hand weisen. - Kann
sein, kann auch nicht sein. So oder so. Hilft auch nichts, wenn Krieg wird. Es
wei Niemand, wo den Andern der Schuh drckt, mein Herr Geheimer Legationsrath.
- Ich bin simpel Legationsrath, lchelte Wandel. - Sie sind ein geborner
Geheimer. Ja, wenn Sie das wssten, Sie mssten aber noch mehr wissen.
    Wandel hatte unverwandt das etwas schwer zu studirende Gesicht des Kaufmanns
beobachtet, und glaubte darauf gelesen zu haben, was ihm Ruhe gab. Der Mann war
innerlich bewegt. Pltzlich griff er nach seiner Hand, oder vielmehr nach dem
untern Arm, es ist aber mglich, da der treuherzige Freundesdruck auch der
Wucht des Stockes galt, den er mit dem Arme schttelte und sehr schwer fand. Mit
einer Stimme, dem Widerhall eines vollen Herzens, sprach er: Herr van Asten,
Sie drckt etwas. Ich bedaure, da es mir nicht gelungen, Ihr volles Vertrauen
zu erwerben. Knnten Sie an der Brust eines Freundes Ihren Kummer ausschtten,
schon das wrde Sie erleichtern. Ein unbefangener Freund sieht aber oft klarer,
und Auswege und Mittel, die dem selbst Bedrngten entgehen. Mein Gott, sollte
der drohende Krieg - aber ich schweige -
    Mit voller Ruhe erwiderte der Kaufmann: Geheimes will ich Ihnen gar nichts
sagen, aber was die ganze Brse erfahren hat, das knnen Sie auch wissen. Wir
hatten fr 10,000 Thaler Weine aus Bordeaux bestellt - Wir? - Ah, das ist das
kleine Kompagnongeschft mit Seiner Excellenz. Sie exportirten dafr Holz und
Bretter von Seiner Excellenz Gtern. - Wissen Sie das auch? - Schadet nichts.
- Das Schiff mu jetzt in Stettin angekommen sein. - Ist! - Mit Weinen,
delikaten Weinen - volle Ladung zum Werth von 100,000 Thalern unter Brdern. -
Hundertausend! Eine volle Null zu viel. - Da liegt es, das Geheime, mein Herr
Legationsrath. Nur eine einzige Null zu viel bei der Bestellung. Der Casus ist
klar - ein Schreibfehler. Wer ihn beging ist gleichgltig. Der Zufall kann einen
Artillerielteutenant auf den Kaiserthron bringen, und der Zufall ein groes
Reich strzen, warum nicht auch ein groes Handlungshaus. - Es beweist nur,
welchen Kredit Ihre Firma in Bordeaux haben mu. - Es beweist, da Einem auch
der Kredit den Hals zuschnren kann. - Ich begreife Ihre Lage, die Waare ist
fr den Augenblick nicht abzusetzen, sie bersteigt weit den momentanen Bedarf.
Alles schrnkt sich ein. Inde wird jetzt Ihr Kredit sich beweisen. Ihre Freunde
werden sich zeigen. - Haben sich schon gezeigt. - Sie werden Ihnen
beispringen. - Sind schon gesprungen. Kommen lauter kleine Wechselchen zurck:
Werden noch mehr kommen. - Excellenz der Minister - Pst! Excellenz sind ja
kein Kaufmann, lassen mich nicht vor. Verdenk's ihnen auch nicht, sind ja nicht
in die Gilde eingeschrieben. Wollten nur gelegentlich eine kleine Chance
mitmachen. Alles kordial, mndlich. Setzten ein groes Vertrauen in mich, was
ich sehr stimire. Wenn wir den Profit gemacht, war's ja beim alten van Asten,
ob er die Hlfte auszahlen wollte. Verklagt htte er mich nimmer. - Aber er
setzte den Werth seiner Hlzer auf's Spiel. - Wird kein Narr gewesen sein! Auf
Hhe dessen hatte er sich vorher auf mein Haus in der Spandauerstrae
intabuliren lassen. Jedes Kind sieht nun ein, da ich mit Excellenz nicht die
Schuld eines Schreibfehlers halbiren kann, und Excellenz haben zwar einen
vortrefflichen Magen, aber die Hlfte von meinem Wein trinkt auch er nicht aus.
    Eine Pause trat ein. Der Legationsrath blickte mit verschrnkten Armen vor
sich nieder: Ihre Lage ist traurig, aber nur wer sich selbst aufgiebt, ist
verloren. Die Weine unter dem Steuerverschlu, gleichviel ob hier oder in
Stettin, sind ein todtes Kapital, welches das grte Haus ruiniren knnte. Wre
Ihr Medoc nicht ein Kapital, das zwei-, dreihundert Prozent eintrge, wenn Sie
es an einer Nordkste lagern htten, wo Napoleons Kontinentalsperre schon Kraft
hat? Wird die Schifffahrt geschlossen, sind Sie wieder ein Krsus.
    Alle Zeichen deuten, da wir Krieg anfangen.
    Alle Zeichen sind trgerisch, wo kein Wille ist. Noch schwankt die Wage.
Die Kabinetsrthe sehen es ein, der Knig mchte den Frieden erhalten, und wenn
sie doch das Wort Krieg aussprechen, ist's weil sie gezwungen werden, weil sie
keine Untersttzung gegen die jungen Schreier und Fanatiker finden. Mein Herr
van Asten, warum treten denn nicht die Patrioten zusammen, ich meine die, welche
Mittel haben, warum untersttzen sie nicht des Kabinet? Das ist noch mglich.
Fragen Sie sich doch, was es gilt? Bleibt Friede, bleibt er nur durch eine
Allianz mit Napoleon, es giebt nichts Drittes. Krieg mit ihm oder Anschlu. Im
letzten Falle Beitritt zu seinem Kontinentalsystem, die Hfen sind gesperrt, und
Ihr Bordeauxwein, ohne Konkurrenz, ist wenigstens dreihunderttausend Thaler
werth. Nun rechnen Sie, wenn Krieg wird, wenn es nur bleibt, wie es ist! Ihr
Wein ein todtes Kapital, Ihre Glubiger lebendige Qulgeister, Ihr Haus
erschttert, vielleicht - Man schtzt Sie auf ber zweihunderttausend, wenn
inde Ihre Aktiva nichts werden, Ihre Passiva - ich schweige davon. Aber in
solchem uersten Fall mu der Mann das Aeuerste wagen. Und sind Sie allein in
dem Falle? Verabreden Sie sich, schieen Sie zusammen. Lucchesini, Haugwitz,
Lombard, sie Alle sind ja zugnglich, die freundlichsten Mnner. Sie erwarten ja
nur, da man sie untersttzt, gewichtige Stimmen aus dem Publikum. Schaffen Sie,
womit man Ihnen hilft, um den Schreiern den Mund zu stopfen. - Mit
hunderttausend Thalern bernehme ich's.
    Der Kaufmann verstand jetzt, aber er war sichtlich von einer Vorstellung
betroffen, die ihn schwindlig machte. Das Argument des Legationsraths hatte
etwas Verfhrerisches, die Verhltnisse waren, wie er sie schilderte, aber er
erschrak zuerst vor dem Gedanken, da ein einfacher Brger sich unterfangen
drfe, in das Schicksal eines Staates einzugreifen, dann, da er dies sein
knne; zuletzt, wenn er die angenehme Maske von der Sache fortzog, erschrak er,
denn was war die patriotische Operation -? Van Asten war ein rechtlicher Mann.
    Mein theuerster Herr! sprach der Legationsrath wieder mit der gewohnten
Ueberlegenheit des vornehmen Mannes, und auch sein Kostm hinderte ihn nicht,
die Situation, die er liebte, einzunehmen, ein Bein ber das andere, den
Hinterkopf mit der Lehne, die Finger der rechten Hand mit sich selbst spielend.
Mein theurer Herr, wenn wir uns doch gewhnten, die Verhltnisse zu betrachten,
wie sie sind. Was sind die Menschen in ihrer Massenhaftigkeit anders, als
Heerden zweibeiniger Geschpfe, bestimmt, von Anderen, die klger sind, geleitet
zu werden. Fragen wir uns: Wer denn berhaupt die Welt beherrscht? Einige wenige
Knige, die Genies waren oder Feldherrn aus Passion; das waren seltene
Ausnahmen. In der Regel waren es kluge Minister, schlaue Favoriten, noch
schlauere Maitressen. Sie herrschten um so sicherer, je feiner sie es zu
verstecken wussten. Oder wollen Sie nach Klassen gehen? Die Hohenpriester fingen
an, dann kamen die Knige, dann militrischer Adel, dann Priester, Knige und
Feudalritter im bunten Gemisch, bis die Knige wieder glaubten, das Oberwasser
zu haben; da nahmen es ihnen die Philosophen. Das Schiboleth, frher Glauben
geheien, hie nun Aufklrung. Bei allem diesem Wechsel, mein theuerster Freund,
ist nur das bestndig, da die Pfiffigsten das Heft in der Hand behalten. Nun
sehe ich aber nicht ab, warum die reichen Leute nicht einmal den Priestern,
Rittern und Philosophen das Geschft abnehmen, warum sie nicht auch einmal
pfiffig sein und regieren wollen? Sie ahnen nicht, mein werther Herr, welche
Macht in Ihren Komptoirstuben, Ihren Wechseln, in Ihren Federstrichen ruht,
durch welche Sie Welttheile verbinden. Im vollen Ernst, Ihnen, den groen
Kaufleuten, Fabrikanten, blht die knftige Weltherrschaft entgegen. Wenn Sie
nur sich etwas verstndigen wollten, etwas mit den Ackerbau treibenden
Herrschaften, etwas mit den Herren von der Feder, es braucht da nur kleine
Aufmerksamkeiten und Geflligkeiten, ein klein wenig auch mit den Ideen, welche,
was man nennt, beim Volke im Schwunge sind, so prophezeie ich Ihnen, Sie, die
Herren von der Industrie, werden bald die wahre, reelle, effektive
Universalmonarchie in Hnden haben, wie die groen Handelsherren in dem kleinen
Venedig ehedem, wie im groen England und im noch greren Amerika jetzt schon
und in Zukunft noch mehr. Sie, Sie, Theuerster, fingen ja schon an. Bravo! Ihre
Associschast en commandite mit der Excellenz war eine groartige Idee, nur mu
man sich von den vornehmen Herren nicht bers Ohr hauen lassen. Wenn Sie
geschickt agiren, haben Sie den Herrn ja noch jetzt in Hnden, er mu jeden
Eklat vermeiden, whrend Sie vis--vis de rien Alles einsetzen mssen. Also,
Courage, fr Frieden und Ruhe Alles dran gesetzt, Frieden und Ruhe, welche die
Nation und Ihr Knig wnschen. Also warum nicht frisch und khn, ein Auge
zugedrckt und in die Tasche gegriffen!
    Herr van Asten griff auch in die Tasche, aber nur, um seine Brieftasche
vorzuholen. Er war whrend der langen Rede wieder seiner Herr geworden: Weil
mir ein Sperling auf der Hand lieber ist als eine Taube auf dem Dache. Weil mein
Fu zu dick ist, um ihn in Diplomaten schuhe zu stecken. Weil ich auf glattem
Boden nicht gehen kann, und weil ich in der Schule gelernt habe, da, wer
besticht, eben so ein Schurke ist, als wer Bestechung nimmt. - Hier ist Ihr
erster Wechsel. Das Bleistift, welches die Brieftasche verschlossen, zwischen
den Zhnen haltend, zog der Kaufmann den Papierstreifen heraus.
    In acht Tagen stehe ich zu Dienst, entgegnete Wandel mit einem Versuch zu
lcheln. Pressirt es so, Herr van Asten? - Mich nicht. Glaubte vielleicht,
da es Sie pressiren wrde, den Wechsel einzulsen. - Zeigen Sie. Sollt' ich
mich im Datum geirrt haben!
    Der Kaufmann hielt den Wechsel seitwrts in die Hhe. Sein Bein und Stock
blieben die Barriere. Sie haben ja wohl gute Augen. - Sehen Sie? - Sie sehen
vielleicht nicht Alles. Ich auch nicht. - Die Schrift ist bla. Herr
Legationsrath, seit acht Tagen wird sie jeden Tag blsser, und in acht Tagen
htte ich einen weien Papierstreifen in der Tasche. Ist das nicht kurios?
    Wandel hielt die Hand vors Gesicht, um besser zu sehen. Pltzlich drehte er
sich auf dem Hacken um, und sank auf den Stuhl zurck mit einem lauten
Auflachen. Van Asten verlor keine seiner Bewegungen aus dem Auge. - Das ist
kurios. - Nur kurios, Herr Legationsrath? - Waren Sie besorgt, da ich den
Wechsel um deswillen nicht honoriren wrde? - Besorgt eigentlich nicht, Herr
Legationsrath, ich lie nur, als ich's merkte, vom Notar eine vidimirte
Abschrift nehmen, und den kuriosen Fall ad protocollum vermerken. - Die
Geschichte wird immer hbscher. Ich hatte damals eine sympathetische Dinte
prparirt, und tauchte wahrscheinlich aus Versehen die Feder beim Ausfllen des
Wechsels hinein. Wollen Sie geflligst hergeben, der Schade ist im Moment
reparirt. Er stellte eines der Kohlenbecken vom Herde auf den Fenstersims. Wie
Sie wollen, lchelte der vornehme Mann, als van Asten das Papier hinter seinen
Rcken hielt. Probiren Sie selbst, eine Sekunde leise ber den Kohlendampf und
die natrliche Schwrze ist wieder hergestellt. Der Kaufmann besann sich einen
Moment. Er schien seine Position nicht verndern zu wollen, bei der Operation am
Fenster htte er dem Rath den Rcken wenden mssen. Er berreichte ihm den
Wechsel, von dem er ja eine vidimirte Kopie besa, strengte aber jetzt seine
Augen noch mehr an, jede Bewegung des Andern zu verfolgen. Wandel fuhr nur
leicht ein paar Mal ber das Kohlenbecken und reichte den Wechsel, ohne ihn
selbst anzusehen, zurck: Prfen Sie jetzt selbst.
    Die Schrift stand wieder schwarz da, aber das Papier schien sehr mrbe
geworden. Soll ich Ihnen vielleicht einen neuen Wechsel schreiben? - Sie
scheinen etwas ngstlich. - Ich vergebe Ihnen, ein Kaufmann soll vorsichtig
sein. Mit dem grten Vergngen. Er schob aus dem Winkel einen kleinen Tisch
mit Schreibzeug hervor, bestimmt, um seine Notate bei den chemischen
Experimenten zu machen, und - schrieb.
    Van Asten hatte zu dem Anerbieten weder ja gesagt, noch nein. Er benutzte
den freien Moment, sich umzuschauen. Es war ein stiller Sonntag Nachmittag, das
ganze Haus schien ins Freie ausgeflogen, er war auf der Treppe Niemand begegnet.
Im Hofe knarrte nicht der Brunnen, keine Stimme; man hrte nur das Zwitschern
der Sperlinge, in der Kche das Picken des Holzwurms in dem alten Geblk. Van
Asten war auch ein muthiger Mann, aber ihm war eigen zu Muthe, wenn sein Blick
auf das Gerippe fiel, auf die eisernen Gerthschaften, die eben so viel Waffen
werden konnten. Waren nicht auch vielleicht auf dem Herde, in den Tiegeln und
Destillirkolben geheime Waffen! Wenn der Koch mit dem Lffel daraus auf ihn
spritzte, mochte nicht eine Essenz darin enthalten sein, die ihn betubte, ihn
selbst im Augenblick bla machte wie die Schrift auf dem Wechsel?
    Waren nicht die Blicke, die der Schreibende seitwrts dann und wann auf ihn
gleiten lie, auch Waffen! Der Kaufmann stand hinter seinem Schemel, den darauf
gestemmten Stock noch fester in die Hnde pressend.
    An einer schwarzen Tafel standen mit Kreide arithmetische Figuren, darunter
Berechnungen, die des Kaufmanns Aufmerksamkeit anzogen, groe Zahlen addirt. An
der einen Ecke:

        80,000 + 15,000 - 40 Jahr p.p. + + + zu viel.
        Summa: 95,000 - 40 Jahr p.p. + + + zu viel.

an der andern:

            90,000 + 28 Jahr - Verstand.
        p.p. 90,000
            180,000 + 28 Jahr - Verstand.???

    Der Legationsrath war fertig und hielt ihm die Schrift hin: Wollen Sie
probiren - englische Immortell-Dinte, neueste Erfindung von Parry - es liee
sich darin ein Geschft machen. Um alle Simulation zu vermeiden, habe ich unter
heutigem Datum acceptirt. - Wollen Herr Legationsrath noch geflligst darunter
notiren: Duplikat des an dem und dem acceptirten Solawechsels. - Wozu,
theuerster Mann, wir tauschen die Papiere aus und damit ist die Sache
abgemacht. - Mchte gern den ersten Wechsel auch behalten, nur aus Kuriositt,
von wegen der sympathetischen Tinte. Geschieht Ihnen ja kein Schade dadurch,
lieber Herr Legationsrath. Knnen noch, der Sicherheit wegen, hinzubemerken:
Duplikat u.s.w. wodurch der Primawechsel auer Kraft gesetzt ist Weiter nichts.
Bin ein Rarittensammler, und trenne mich nicht gern von Seltenheiten.
    Wandel war in die Hhe gesprungen, wie der Tiger beim Gerusch des
herangeschlichenen Jgers. So funkelte auch sein Auge, als er krampfhaft die
Stuhllehne presste. Der Stuhl in seiner Hand htte zur Waffe werden knnen, aber
nicht gegen Den, der ihm gegenber stand. Die markigen Hnde des Kaufmanns
umklammerten den Stock, sein Kinn lehnte sich darauf und seine hellblauen Augen
fielen ohne Blinkern auf die gelbglhenden des Andern. Was wollen Sie noch?
fragte Wandel. - Sie haben noch einen Wechsel, von mir acceptirt, auf Hhe von
zehn Tausend Thalern. - Der am vierzehnten Oktober fllig ist, mein Herr. -
Wei es, wir knnten aber doch vielleicht noch ein Geschftchen machen.
Schreiben Sie mir noch ein solches Duplikat - der Wechsel wird auch bla. -
Wandel verkniff die Lippen. Nach einer Pause sagte er: Wie Sie wnschen. -
Ist mir lieb, da Sie so gefllig sind; den Verfalltag wnsch' ich nur etwas
anders. Schreiben Sie gtigst: acceptirt zum ersten September. - Herr! Das
sind nicht vierzehn Tage. - Wei es. - Das knnte mich derangiren. - Wrde
mir sehr leid thun. - Das ist unverschmt. - Kann sein. Ein Kaufmann mu die
Konjunkturen benutzen. Ist sich Jeder selbst der Nchste, darin werden Sie mir
Recht geben - Ihre Grnde, Herr von Asten! Durch das Duplikat verschwindet
jede Besorgni wegen der Dinte. - Grnde wollen Sie! So viel Sie wollen: bis
zum vierzehnten Oktober kann Krieg ausgebrochen, Sie knnen todt, bankerott, Sie
knnen nach Asien und Sibirien gereist sein. Ich knnte Ihnen noch viel mehr
Grnde sagen, der Hauptgrund aber ist, ich will mein Geld haben. - Das ist ein
sehr verstndlicher, mein Herr van Asten. Wenn ich mich recht besinne, knnte
ich mich dazu bestimmen lassen. Ich erwarte Rimessen aus Thringen, die jeden
Augenblick eintreffen mssen. Indessen, Kaufmann gegen Kaufmann - dies
unbeschadet unserer Freundschaft - was geben Sie fr die Geflligkeit? - Die
Wechsel frs Geld. - Und die Prima fr die Anticipation?
    Beide sahen sich durchdringend an. Beide waren Kaufleute durch und durch in
dem Augenblick, die durchbohrenden Blicke wurden milder, die Drohung schmolz in
ein Lcheln. Wandel schrieb auch den zweiten Wechsel um, und nachdem van Asten
ihn sorgsam geprft, tauschte er beide neue Wechsel gegen die Primawechsel aus.
Von dem geschraubten Ton vorhin merkte man nichts mehr. Die Unterhaltung flo
noch einige Augenblicke ber gleichgltige Dinge, wie zwischen Geschftsmnnern,
die eine unangenehme Disharmonie durch freundliches Entgegenkommen verlschen
wollen. Van Asten versicherte, da er die Differenz schon so gut wie vergessen
habe, Wandel lobte es, wer erfolgreich leben wolle, msse an die Zukunft und so
wenig als mglich an die Vergangenheit denken. Auch vor Raritten msse man sich
hten, sie wrden am Ende todtes Kapital, in welchem unser Lebensstock immer
sparsamer, dnner wird. Da! - er ri aus einer Lade unter der schwarzen Tafel
eine Partie Papiere hervor - was habe ich davon, da ich diese Assignate zwlf
Jahre aufhob, eine halbe Million und darber!
    Freilich jetzt nur Raritten, sagte nachdenklich der Kaufmann. Kein
Glubiger ist mehr so dumm, sie fr Activa anzusehen. Vor fnf bis sechs Jahren
konnte man wohl noch etwas darauf erschwindeln. - Fidibus, Theuerster! Zum
Feueranmachen brauche ich sie. - Ueber eine halbe Million! Na - sie werden
Ihnen auch nicht so viel gekostet haben. - Es kommt darauf an, entgegnete der
Legationsrath mit einem eigenen Zucken um die Lippen. Was haben Herr
Legationsrath denn da an der Tafel ausgerechnet? Thaler und Verstand ist ein
kurioses Additionsexempel. - Phantasiebelustigungen! Vielleicht Geschfte, die
ich vor habe. - Das sind hohe Summen. - Ich habe grere Geschfte gemacht.
- Das Facit des einen ist fnf und neunzig Tausend, das des andern hundert und
achtzig Tausend ohne den Krimskrams dran von unbekannten und irrationalen
Gren. - Sie sind ein unbefangener Mann, aber von glcklichem Takt. Beide
Geschfte kann ich nicht zusammen machen. Es gilt die Wahl. Zu welchem rathen
Sie? - Wenn ich hundert und achtzig Tausend machen kann, ziehe ich sie fnf
und neunzig Tausend vor. - Ich auch, lachte der Legationsrath. Nur habe ich
die achtzig Tausend so gut wie in der Hand; beim andern Geschft aber sind
Schwierigkeiten zu berwinden; es ist, wrde der Englnder sagen, ein steeple
chase mit Hindernissen. - Sie winden sich durch, Herr Legationsrath. - Ich
nehme es als ein gutes Omen an, lchelte Wandel. Wir scheiden doch als
Freunde. - Wie vorher.
    Der Legationsrath hatte den Kaufmann bis zur Thr begleitet.
    Nun sehen Sie, da wir als Freunde scheiden, und Sie sich so honett gezeigt,
ist ein Dienst des andern werth. Sie haben mich gerettet, ich gesteh's Ihnen,
fr den Moment. Und aus purer Geflligkeit! Der alte Asten ist aber kein
Bettler. Er nimmt nichts umsonst. Also erstens dafr: tiefste Verschwiegenheit;
von mir hrt Keiner eine Sylbe. Zweitens eine Maxime: ein Kaufmann darf nicht zu
viel Speculationen vor sich haben. Wenn er zu lange whlt, entschliet er sich
zu spt. Sieht er zu eifrig nach der Taube auf dem Dache, so fliegt ihm auch der
Sperling aus der Hand. Merken Sie sich das; rasch zugegriffen. Und drittens ist
mir lange schon fr sie was eingefallen. Machen Sie sich doch an Madame
Braunbiegler. Das wre eine Partie fr Sie, so reich wie dick. Hundertzwanzig
Tausend unter Brdern. Der alte Braunbiegler verstand's. Lauter solide
Hypotheken und Pfandbriefe. Und die halbe Fabrik! Unter uns hundertfunfzig
Tausend wenigstens. Und Sie mit Ihrer Chemie, knnen das Tuch noch dnner
strecken! Zugegriffen; ein Bischen Schwierigkeiten, aber Sie kriegen sie.
    Die Treppen drhnten unter den schweren Tritten des Kaufmanns, er sah nicht
mehr die Blsse auf dem Gesicht des Legationsraths; nicht, wie er in die Kche
zurck wankte, nicht, wie er an der Thrpfoste stehen bleibend, das kalte
Gesicht mit beiden Hnden bedeckte. Da verlie ihn seine Kraft. Ihn schwindelte,
es drehte sich um ihn wie im Kreise, die Bilder, das Gerippe, die Retorten. Er
fletschte die Zhne, die Augen traten aus den Hhlen, er ballte die Faust gegen
die Bilder: Lachen Sie nur, Mes dames de Bruckerode! Dann wankten die Knie. Der
starke Mann sank auf den Schemel, es war auch ihm zu viel gewesen. Die Retorte
fiel von der Erschtterung vom Gestell und verschttete ihren Inhalt in die
Kohlen, der Staub whlte auf, die Bilder bewegten sich, das Gerippe rasselte an
der Wand.

                         Dreiundsiebenzigstes Kapitel.



                      Eine Spinne in ihrem Netz gefangen.

Sie kommen so vergngt von ihm? empfing die Geheimrthin den eintretenden
Legationsrath. Er sah allerdings anders aus, als wir ihn neulich verlieen. In
sorgfltiger Toilette und Coiffre, ein Ordensband im Knopfloch, ein anderes,
das sich unter dem Halstuch versteckte, schien er mehr zum Besuch bei Hofe als
im Krankenzimmer ajustirt. Es ist inde zu bemerken, da er seit Kurzem seiner
Kleidung eine Sorgfalt widmete, welche seine Freunde in der letzten Zeit
vermisst hatten. Der Kleidung entsprach der heitere Gesichtsausdruck. Wie haben
Sie ihn gefunden? setzte die Lupinus hinzu.
    Wie meine Freundin mich findet - vergngt. Sie blickte ihn verwundert an.
Sie wissen, da er in seiner Kollektion eine seltene Ausgabe des Horaz nicht
besitzt, die mit verschlungenen Hnden und einem Todtenkopf unter dem Druckort.
- Leyden, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, Initialen von der und der Form,
unterbrach ihn die Lupinus; ich habe es oft genug hren mssen. Er hatte alle
Kommissionre in Requisition gesetzt und groe Summen geboten, immer umsonst. -
Und jetzt hat er sie. - Wie ist das mglich! Sie selbst sagten, die Ausgabe
wre nicht mehr aufzutreiben. - Um einem Sterbenden einen letzten heitern
Augenblick zu machen, dnkt mich, ist Alles mglich und - erlaubt. - Erlaubt!
wiederholte die Lupinus betonend, und blickte ihn fragend an.
    Es thut mir leid, da Sie nicht zugegen waren. Wie seine Augen aufblitzten;
er traute ihnen kaum, und hatte auch gewissermaen Recht. Bekanntlich ward diese
Ausgabe in Leyden whrend der schweren Belagerung der Stadt gedruckt. Die Setzer
waren einer nach dem andern auf den Mauern gefallen. Die Typen wurden zu Kugeln
umgeschmolzen. Aber der Faktor, der Letzte in der Druckerei, hatte selbst sein
Letztes daran gesetzt, diesen Horaz, die Ehre der Offizin, zu vollenden. Mochte
dann die Freiheit, der Protestantismus, Holland, die Stadt Leyden untergehen,
wenn nur die Leydener Horazausgabe fr die Nachwelt lebte. Von allen seinen
Typen, die schon als Kugeln um die Schanzen pfiffen, hatte er nur so viel sich
losgebettelt, um den Titel noch zu drucken, er selbst Setzer, Drucker. Da, im
Vorgefhl seines Schicksals, setzte er unter die Jahreszahl und das Wort Leyden
einen kleinen Todtenkopf. Nur eine geringe Zahl Exemplare hatte er abgezogen, da
verlieen ihn die Krfte. Er sank um, mehr vom Hunger als von der Arbeit
erschpft. Die Soldaten drangen ein, auch die letzten Buchstaben fortzunehmen,
als die Glocken der Stadt ertnten. Der Entsatz war gekommen. Leyden war frei,
der Faktor starb zwar am selben Tage, auch der grte Theil der Brgerwehr war
von Hunger, Seuchen, Kugeln fortgerafft, aber er starb mit frohem Gesicht -
seine Horazausgabe, Leydens Ehre, war gerettet. - Ist es nicht ein rhrendes
Kapitel aus der Geschichte der Menschheit? Erhebt es nicht das Gefhl, da ein
armer Setzer fr eine Idee sein Leben daran setzte und glcklich starb?
    Allerdings, aber -
    Wer glcklich starb, hat glcklich gelebt. Es waren nur fnf und neunzig
Exemplare des Titels mit dem Todtenkopf gedruckt. Sie sollten das Ehrendenkmal
fr den Patrioten bleiben. Der Magistrat lie die brigen Titel mit einer
Aenderung abziehen. Auch sie sind von hohem Werh; dia aber mit dem Todtenkopf
und dem Todtenschwei des Armen unschtzbar. Sie wurden an hohe Potentaten
verschenkt, sie finden sich jetzt nur in den Kniglichen Bibliotheken von
Schweden - Gustav Adolf fhrte sein Exemplar im Felde immer mit sich -, England,
Dnemark. Durch die Einnahme von Breda kamen mehrere nach Spanien. Man hielt es
in Holland fr eine groe Kalamitt. Bei den endlichen Friedensverhandlungen gab
dies manchen Ansto. Die Generalstaaten gaben sich umsonst alle Mhe, die
Exemplare zurck zu erhalten. Spter sind durch die Verfhrung des Geldes und
die Macht des Handels auch Exemplare nach Amerika gegangen.
    Von daher haben Sie keins bezogen. - Gewi nicht, sie sind auch gar nicht
mehr im Handel. - Sie haben ihm ein nachgemachtes Exemplar gebracht.
    Mit einem weichen Lcheln drckte er ihr die Hand: Finden Sie das unrecht,
Freundin, wenn ich seit Wochen ein solches Titelblatt nachbilden lie? Es
kostete einige Mhe, Druckerschwrze und Papier dem Braun des Alterthums hnlich
zu vergelben, allein die geschickte Unger'sche Offizin berwand alle
Schwierigkeiten. - Er ist so glcklich wie jener Setzer in Leyden, ein letzter
Sonnenstrahl fiel in den Dmmerschein seines Lebens. Schadet es ihm, da es nur
eine Illusion ist! Was ist denn unser Aller Glck anderes. Sind nicht alle
unsere frohen Stimmungen auch nur das Produkt von Illusionen! Die frohen, meine
Gnnerin, wie die bsen. Die Wahrheit finden wir nur in uns selbst, wenn wir
alle Tuschung abgestreift.
    Ihre Leydner Geschichte, so rhrend sie ist, erinnert mich nur zu sehr an
die Kindheit des Menschengeschlechts. Ueber diese naiven Zustnde von Ehre
sollten wir doch hinaus sein! Sie saen auf dem Kanap der halb dunklen Stube.
Sollten! rief er, sich in die Ecke zurcklehnend, und wir sind immer nur
Kinder wie am ersten Tag. Nur das Spielzeug wechseln wir, oft auch nur wie es in
Familien mit beschrnkten Mitteln geschieht. Die Mtter nehmen ihren Kleinen die
Puppen und Soldaten allmlig fort, an denen sie sich das Jahr durch satt
gespielt, um sie ihnen frisch lackirt und neu angezogen zu Weihnachten wieder zu
schenken. Die klgsten Kinder merken es nicht. So das ganze Menschengeschlecht.
Nur die Erwhlten kommen mit sich ins Klare. - Ja, wenn sie so weit sind, wenn
alle Nebel, Dmmerscheine, chromatische Tuschungen, Vorurtheile gesunken, wenn
sie wissen, ihre Kreise und sich selbst zu beherrschen, wenn sie sich das
Zeugni ablegen knnen, da sie durch nichts sich beirren lassen, keine
Missgriffe thun, rein und grad auf ihren Zweck hinsteuern, - dann - das mu ein
Gttergefhl eigener Art sein. Die Geheimrthin senkte in ihrer Sophaecke den
Kopf: Wer kann das von sich sagen! - Ich kenne eine Frau, die das kann! Er
sah vor sich auf die Diele. Es war etwas Eigenes heut im Benehmen des
Legationsrathes. So weich sein Ton, so sanft vorhin sein Hndedruck, so
geschmeidig, fast herzlich sein ganzes Benehmen; aber er sah sie nicht an, er
streckte nicht die Hand aus, um sie auf ihren Arm zu legen, er sa isolirt wie
ein Trumer, und nur durch das Medium der Tne waren sie in Berhrung. - Die
Klgste kann sich darin tuschen!
    Er schien es nicht gehrt zu haben. Er legte den Arm auf die Lehne und seine
Finger hmmerten gedankenlos auf das polirte Ebenholz, whrend seine Augen jetzt
an der Decke hafteten.
    Mgen Sie sich immerhin momentan isolirt fhlen, was ist das gegen das
beruhigende Gefhl, wie ein Gott in Ihren Kreisen gewaltet zu haben. Sind nicht,
seit Sie mit sich klar wurden, Ihre Wnsche in Erfllung gegangen; ich meine,
ist nicht Alles geschehen, was Sie fr gut, fr nothwendig erachteten? Jenes
undankbare Mdchen, das wirklich Ihr Lebensglck strte, musste sie verlassen,
ohne da Sie der geringste Vorwurf trifft. Man entfhrte sie Ihnen, die Menschen
bedauern sie sogar wegen der hinterlistigen Art, wie es geschah, ohne zu ahnen,
welche Wohlthat Ihnen damit widerfuhr Damit wurden Sie zugleich die lstigen
Gesellschaften los, die sie hinderten, ganz sich selbst zu leben. Wie oft fand
ich meine Freundin in Sorgen um das Schicksal des krnklichen Bedienten. Was
stand dem armen Geschpf bevor, sobald Sie sich seiner nicht mehr annehmen
kannten? Bettelstab, Hospital! Da hat Gott seiner sich erbarmt, ihn zu sich
genommen. Gott nimmt sich aber nur da der Menschen an, wo er ihren ernsten
Willen, ihre angestrengte Thtigkeit sieht, sich selbst zu helfen. - Wie
belohnten jene unartigen Kinder Ihre mehr als mtterliche Aufmerksamkeit! Ich
darf Ihnen wohl sagen, man verdachte es Ihnen, da Sie sich selbst diesen
verwahrlosten Geschpfen opferten. Man hielt es fr eine Art Ostentation, man
meinte, Sie wren auf die Sprnge der Frstin Gargazin gekommen. Das sind die
Urtheile der Menschen! Kann ein Vernnftiger noch davor Respekt haben! Sie
lernten nur zu bald, da fr diese Unglckseligen nichts Besseres sei, als -
wenn auch ihrer eine unsichtbare Hand sich erbarme. Diese so frh verdorbenen
Kinder wren ja unter der Aufsicht des nichtigen, lppischen Vaters, unter der
Erziehung dieser Kchin in Grund und Boden verworfene Geschpfe geworden. Und am
Ende htte Sie noch ein Vorwurf getroffen. Aber das Unkraut konnten Sie nicht
mehr ausziehen, Sie nicht mehr Weizen sen. Verzeihung, da ich so offen es
ausspreche, auf die Gefahr hin, Sie zu beleidigen, die Kinder mussten sterben.
    Mussten - wiederholte mehr fragend als trumpfend die Geheimrthin. Ja,
theuerste Frau, sagte er mit Nachdruck. Ich habe es mir oft berlegt. Htten
Sie einen Vortheil davon gehabt, da sie starben, wre eine Erbschaft im Spiel
gewesen, dann war es anders. Was jetzt die Leute sagen, darauf kommt es nicht
an.
    Sie schielte innerlich bebend zu ihm hinber, wagte aber die Frage: was
sagen denn die Leute? nicht ber die Lippe zu bringen. Die Geschichte der
Medea halte ich fr eine unglcklich erfundene Fabel, fuhr er in derselben Ruhe
fort. Eine Mutter ihre Kinder schlachten, um ihren Geliebten zu retten! Das
wre eine Verirrung der Natur. - Ja, wer ber diese Empfindungen hinaus ist; ich
knnte mir eine Medea denken, ohne die brennende Gluth des Sdens, eine, deren
Blut eiskalt geworden, eine Seherin des Nordens, die abgerissen, abgeschttelt
hat alle die Fibern und Blutadern, die sie mit den Lebendigen zusammenhalten,
eine Norne, welche im ehernen Becher die Loose der Menschen schttelt; wer
fallen mu, der fllt, sie kann nicht weinen, sie kann nicht lcheln, es mu. -
Sind wir nicht Alle auf diesen Proze angewiesen, ist es nicht der natrliche
des Daseins? Das Blut wird mit den Jahren klter, was uns in der Jugend
entzckte, gleichgltig. Unsere Trume, Phantasieen, Projekte belcheln wir.
Werden die Menschen mit Runzeln liebenswrdiger? Wir erkennen ihre Schwchen,
die Ideale sind lngst gesunken, ihre Eigenheiten treten heraus, sie werden uns
widerwrtig. Nein, nicht widerwrtig, Freundin, nur gleichgltig. Wir hren eine
Todespost verwundert an: Hat Der noch gelebt, wir dachten, er sei lngst todt?
Wir sterben mit, wo Alles um uns stirbt, und lassen darum sterben, was nicht
leben kann! Einer weniger, der Anderen in die Quere kam. Einer weniger, der mit
verbrannten Flgeln nach der Sonne flattern wollte? Wem sind sie denn nicht
verbrannt? Wir sind allezeit bereite Todtengrber - aus Mitleid, Adepten der
Nothwendigkeit. - Das ist weit natrlicher als die andere Erklrung, da wir's
aus Neid wren, aus Ha, Ha gegen die ganze Menschheit. Ist denn die Menschheit
werth, da wir sie hassen? So wenig als unserer Liebe. Allerdings lehrt uns der
Instinkt, zu stechen, wo wir gestochen werden. Sticht uns ein Grerer, stechen
wir den Kleineren. Dagegen ist nicht anzukmpfen, es ist das Naturgesetz der
Kreatur. Wo wir's berwinden, ist Unnatur; die Verweichlichung der Moral, die
wir umsonst Religion taufen, es bleibt Verkehrtheit, die sich rcht. Aber nur
nicht aus Ha, Erbitterung; wir spielen mit Tod und Leben, wie man mit uns
spielt; die Folterschrauben, die man uns ansetzt, probiren wir an Andern, um zu
erfahren, wie viel ein Mensch aushalten kann. Das fhrt zu einem Ziele; der Ha
ist immer eine irrationale Potenz, die ins wste Blaue treibt, wo Niemand das
Ende absieht. Pfui, Blutrache! pfui, das alte mosaische: Zahn um Zahn! Wem hat
es genutzt, und alles Unntze ist Verbrechen. Dagegen begreife ich wohl, was der
Alltagsmensch Rache nennt, und was doch weiter nichts ist, als der Schu nach
einem Ziele. Napoleon hat Palm erschieen lassen. Er hat Recht gethan, man soll
ihn frchten. Die Schriftsteller sollen sich nicht unterstehen, ihn unangenehm
zu kitzeln. Das Recht hat Jeder - sich furchtbar, sich gefrchtet zu machen.
Aber mit Klugheit, mit Vorsicht es benutzt! Nicht Jeder ist Napoleon, aber Jeder
kann wie die kleine Spinne aus seinen eigenen Sften ein Netz sich weben, um Die
zu fangen und zu verderben, die sich in seine Region drngen. Haben Sie einmal
die Spinne beobachtet? Es ist fr mich ein furchtbares Thier. Da liegt sie
still, zusammen gekauert, ich mchte sagen, fromm, im Centrum ihres Kreises, sie
scheint zu schlafen, aber sie ist nur pensiv, sie brtet ber ihr ungerechtes
Loos. Warum gab die Natur den Fliegen, Bremsen, Mcken, Wespen Flgel? Sie
flattern, spielen in den Lften ein gedankenloses Spiel, sie naschen an den
Blumen, sie schlrfen den Mondenschein. Die Spinne ist stiefmtterlich
behandelt, sie, die arbeitsame, denkende Schpferin, mu an Mauern kriechen, in
Winkeln ihr Gehnge spinnen, aus ihrer besten Kraft, nur um sich zu halten, zu
existiren. Sie ist gescheut, verachtet. Soll sie nicht dem Schicksal, dem
ungerechten, zrnen, nicht Grimm im Herzen tragen! Beim Allmchtigen, meine
Freundin, welcher Gerechte fordert das von ihr! Sie fgt sich in das
Unabnderliche, sie wartet und lauert; einmal kommt doch der Augenblick, um das
Gefhl der Rache zu khlen. Dann - auch dann strzt sie noch nicht wie eine
Harpye auf ihr Opfer los. Sie scheint fortzuschlafen, bis der unbesonnene
Wildfang sich in das Netz verwickelt hat, strampelt. Dann - Was ich plaudere! -
Da halte ich Sie ab von der Pflege des armen Kranken. - Es wird ja ohnedem nicht
mehr lange dauern. - Sollte der Krieg losbrechen, ach Gott, eine wahre Wohlthat,
wenn der liebe Gott den Dulder frher zu sich nimmt. Denken Sie den armen
Gelehrten, wenn der Feind einrckte! Oder Berlin wird gestrmt; welches Loos,
wenn er mit seinem noli turbare circulos meos dem franzsischen Chasseur
entgegentrte. Im besten Fall, es ist Napoleons Art, alle Einwohner einer
eroberten Stadt mssen zum innern Schutz in die Nationalgarde treten. Stellen
Sie sich den Geheimrath vor mit dem Gewehr auf dem Rcken, einen Sbel an der
Seite! - Nein, aus Liebe fr ihn mu man ihm bald den ewigen Frieden wnschen. -
A propos, ich verga, womit haben Sie denn vorhin geruchert?
    Die Geheimrthin hatte vielleicht mit ganz andern Empfindungen auf dem Sopha
Platz genommen. Sie ahnte nicht, da eine Schreckensstunde ihres Lebens nahte.
In ein laues Bad, umduftet mit Wonnegerchen, glauben wir gefhrt zu werden, und
sie haben uns in ein kaltes Sturzbad gelockt. O, das ist nichts, wo es mit einem
Male herabrauscht, aber wenn man uns festgebunden, und tropfenweis strker und
strker, fllt es auf unsern Schdel, endlich ffnet sich das ganze Reservoir -
    Sie versuchte zu ihm aufzusehen, aber sie ertrug nicht den eiskalten,
durchbohrenden Blick. Wie meinen Sie das? Ich meine, welche Ingredienzen
schtteten Sie in die Kohlenpfanne? Denn da Sie ruchern, dagegen ist nichts zu
sagen, es ist vielmehr nothwendig. Der Staub, die Ausdnstungen, der
Katergeruch, es hat Alles zusammen genommen etwas Eblouirendes. Es mu dagegen
gewirkt werden. Aber Vorsicht, meine Freundin, man mu sich gegen den Verdacht
im Voraus schtzen.
    Sie wollte aufstehen; sie sank aufs Kanap zurck. Mit nichts, als was ich
von Ihnen habe, sprang es aus der gepressten Brust. Sie meinen die kleine
Apotheke, meine Gnnerin, die ich Ihnen aus Herrn Flittners Apotheke zum
Hausbedarf zusammenstellen lie. Die wird vor jedem Medicinalkollegium die
Prfung bestehen. Es sind die unschuldigsten Mittel, wenn man sie unschuldig
gebraucht. Freilich, wenn man sich vergreift, dann stehe ich fr nichts. Wasser
das beste Heilmittel, man kann auch mit Wasser ermorden.
    Ein zweiter Versuch, aufzuspringen, scheiterte an der Schwche ihrer Knie;
aber sie lehnte sich zurck und die Kraft hatte sie gewonnen, ihm starr ins
Gesicht zu sehen. - O, dies unvernderliche Gesicht! War es nur auch eine
Muskelbewegung, die eine Aufregung, Furcht, Schadenfreude, Mitgefhl verrieth!
So htte er eine Liebeserklrung machen, so ein Todesurtheil aussprechen knnen.
Er erfasste die Spitze ihrer Hand: Verstndigen wir uns doch! Das Nothwendige
erkenne ich an. Wo der Bruch da ist, der zur Auflsung fhrt, soll der
Wahrhaftige nicht Salbe darber streichen. Er mu sich in das finden, was nun
einmal nicht zu ndern ging; ich kann es auch nicht tadeln, wenn er der
Nothwendigkeit einen Schritt entgegen that. Aber -
    Bei allen Mchten, warum foltern Sie mich? -
    Opiate, narkotische Mittel, alle Sfte aus Vegetabilien dunsten und
verdunsten, wie Veilchen und Rose duften und verduften. Sie lassen Materielles
nicht zurck, wogegen alles Mineralische ein Residuum, einen Satz, einen
Ausschlag zurcklsst. In wie vernderter Form es auch sei, die Wissenschaft
findet ihn. Wenn wir doch diese wohlthtige Weisung der Natur nie aus dem Auge
lieen! Das Lebendige im Pflanzen- und animalischen Leben ist bestimmt, zu
blhen, reifen, um sich dann zu verflchtigen, damit es, im Aether scheinbar
verschwimmend, irgend wo wieder ansetzt zu neuem Leben. Diese Aussicht kann uns
angenehm berhren, zu welchen Trumen giebt sie nicht Stoff! Aber erschrecken
kann es uns nicht. Dagegen reprsentirt der Stein, das Metall die irdische,
niederdrckende Schwere. Wir mgen den Stein noch so hoch in die Luft
schleudern, er kehrt wieder zurck. Er kann uns auf die Brust fallen, unser Fu
stolpert daran, und wenn wir ihn zerreiben zu Pulver, Staub, er fllt wieder auf
die Lunge, und bei der Sektion findet ihn der Arzt.
    Die Geheimrthin hatte sich jetzt aufgerafft; mit beiden Hnden an die
Sophalehne sich haltend, sah sie ber die Schultern auf den Sprecher zurck:
Welche Verstndigung, - was wollen Sie?
    Ich, fr mein Theil, meine Gnnerin, was kann ich wollen! Was knnte ich
bezeugen? Gar nichts! - Da ich bei Herrn Flittner auf Ihren Wunsch eine
Hausapotheke entnahm! Das ist Alles dort in die Bcher eingetragen. Eine exakte
Apotheke. - Und wer sagt denn, da das Physikat zu einer Obduktion zu schreiten
sich veranlasst finden wird! Reine Vermuthungen von mir. Nur in Ihrem Interesse,
ein Freund stellt sich oft das Schlimmste vor. Denn wer in aller Welt drauen
wird auf die Vermuthung kommen, weil in diesem Hause so kurz hinter einander
bedenkliche Todesflle eingetreten sind, da hier eine ungesunde Luft ist, aus
irgend einer nicht ergrndeten Ursache. Die Polizei hat jetzt an Anderes zu
denken.
    Aber wenn - wenn sie daran dchte? - Da sind tausend Mglichkeiten, wie
man ihr ein X fr ein U macht. - Aber wenn man Sie - Sie meinen, wenn man
mich als Zeugen aufriefe. Frau Geheimrthin, das ist eigentlich eine
Beleidigung. Zweifeln Sie, da ich gegen mein Herz reden, und nicht meine
hchste Achtung vor Ihrem Charakter aussprechen wrde? - Nach meinem Charakter
wrde man nicht fragen.
    Man wird Thatsachen fordern. Was kann ich denn ber Thatsachen aussagen!
Da die Kinder nschig waren, da sie zugriffen, wo sie nicht sollten; da sie
in ihrer Naschgier eine schdliche Speise vom hchsten Kchenbrett holten. Oder
wird man mich inquiriren, ob ich den Geruch in der Krankenstube abscheulich
fand? Da wrden die Experten sich nicht mit Meinungen befassen. - Doch, was ich
Ihnen zu sagen verga, es war sehr klug, da Sie dem todten Johann den
Blumenkranz so tief in die Stirn drckten. Da kam ein hlicher blauer Fleck
ber der Schlfe zum Vorschein - Es war der entsetzlichste Blick, den wir von
ihr sahen - nein, den sahen wir hier noch nicht. - Es war einer, der einen
Abschnitt im Leben bedeutet. Mit solchem warf der Wtherich den Schlssel zum
Hungerthurm, worin er seinen Freund gesperrt, in den Flu, mit solchem scheidet
man von der Hoffnung, man stt den Kahn zurck ins Meer, der uns an die Wste
trug, um darin zu verschmachten. Aber ein Blick war's, wie ein Eisendruck, der
die erschlafften Nerven pltzlich sthlt.
    Herr Legationsrath, was fordern Sie von mir? - Fordern - ich! - Ihre
Prinzipien verbieten Ihnen, etwas Unntzes zu thun. - Kurz, schnell, damit wir
ins Reine kommen. - Ich wollte Sie weder ngstigen, noch derangiren - nur eine
kleine Bitte. Eine Zahlung von fnftausend Thalern bermorgen genirt mich, weil
mir eine Deckung aus Hamburg ausblieb. Sie haben wohl die Gte, mir mit den
fnftausend, welche Sie asserviren, augenblicklich beizuspringen, bis meine
Rimessen aus Thringen ankommen. - Ich - ich werde sie Ihnen schicken. -
Wozu Dritte impliciren - es giebt so leicht Nachfragen. Nur eine Feder, meine
Gnnerin, um die Schuldschrift aufzusetzen.
    Sie wankte an den Sekretair; die Goldrollen aus dem verborgenen Fach lagen
auf der Platte. Sie wies stumm darauf hin. Er machte das Zeichen des Schreibens.
Wozu das? - Es ist doch der Ordnung wegen. - Um ihm zum Schreiben Platz zu
machen, trug sie die Rollen auf einen andern Tisch. Die Rollen waren schwer,
ihre Glieder waren wie gebrochen. Eine entglitt ihr, einige Goldstcke rollten
umher, die sie aufzuheben sich bckte. O, mein Gott, Sie geben sich meinetwegen
so viel Mhe! rief er, auf dem Stuhl sich umwendend, schrieb aber weiter. Er
wandte sich wieder um: Wie wollen Sie es mit den Zinsen gehalten haben? Sie
antwortete nicht.
    Es ist doch wegen des Lebens und Sterbens, verehrte Freundin. Ich wrde
sechs Prozent schreiben, aber Sie knnten, da Sie nicht kaufmnnische Rechte
haben, dadurch in Verlegenheiten kommen. Sehr mglich auch, da der Zinsfu in
dieser Krisis noch steigt. Ich setze daher lieber; je nach dem hchsten
Brsensatz.
    Sie winkte ihm Schweigen mit einem krchzenden Hohngelchter. Er schrieb
weiter. Was schrieb er noch! Er war aufgestanden und hatte ihr mit einer
verbindlichen Verbeugung den Schuldschein berreicht. Sie warf ihn auf den
Tisch, ohne ihn anzusehen. Jetzt war nichts mehr von Angst, Scheu, Bangigkeit in
diesem Gesichte, es wogte ein wildes Feuer in der Brust, ihre Augen vermieden
ihn nicht, sie sah mit einer Art bser Freude auf ihn: Was ist Ihnen noch sonst
gefllig? - Da ist der Schrank mit meinem Silberzeug - dort meine Geschmeide,
Ketten, Ohrringe - meine Juwelen. Da im Korb die Schlssel zum ganzen Hause.
Erbrechen Sie, nehmen Sie fort, was Sie Lust haben.
    Ich erkenne Ihre Gte, unter welcher Form sie sich auch ausspricht. In
Bezug darauf habe ich mir noch eine zweite Bitte erlaubt. Zum ersten September
luft ein Wechsel auf mich von zehntausend Thalern ab. Nur fr den unerwarteten
Fall, da meine Rimessen auch bis dahin nicht eintrfen, wnschte ich mich hier
sicher zu stellen. Fr Frau Geheimrthin Lupinus liegen fnfzehntausend Thaler
auf der Seehandlung disponibel. Ich habe mir erlaubt, ein Cessionsinstrument auf
Hhe von zehntausend dort aufzusetzen. Zugleich ein eventuelles Recipisse. Wenn
Sie die Cession geflligst unterzeichnen, befreien Sie mich, ich gestehe es, von
einer momentanen Verlegenheit. Momentan, sage ich, denn - er lchelte - meine
Aussichten sind gut. Es kostete nur den Entschlu zu einem sehr glcklichen
Geschft, dessen Chancen so gut wie in meiner Hand liegen. Glauben Sie mir, ich
bin sicher auf hher als diese Bagatelle.
    Wie hoch schtzen Sie sich, mein Herr? Der Hohn in der Frage berhrte ihn
nicht. Auf ber zweihunderttausend Thaler, meine Gndige, antwortete er
freundlich und berreichte ihr die eingetauchte Feder. Sie warf sich auf den
Stuhl, sie berlas, ohne zu lesen, sie schrieb ihren Namen darunter; zu seiner
Befriedigung, indem er ber die Achsel sah, deutlich genug. Sie stand auf, sie
sah, sie hrte nichts mehr, quer durch das Zimmer wankend, strzte sie auf's
Sopha. Thrnen, um zu weinen, fand sie nicht, die Augen brannten unter den
vorgehaltenen Hnden. Endlich ward es ein krampfhaftes Schlucken, Schluchzen,
ihre Fe klappten auf dem Boden, ihre Brust hob und senkte sich, sie holte
Luft.
    Wandel falzte das Papier und steckte es in die Brieftasche, die Goldrollen
hatten in den Taschen nicht rechten Platz. Er schlang um einen Theil sein
seidenes Tuch, legte das Pack in den Hut und wollte leise zur Thr hinaus, als -
ihm ein anderer Gedanke kam. Er sa neben der Lupinus, als sie die Augen
aufschlug. Noch martern! rief sie zusammenzuckend. Nein, war die Antwort mit
fester Stimme, nur zu sthlen wnschte ich meine Freundin. - Das Wort nicht
mehr aus Ihrem Munde! Kennen Sie, was Erbarmen heit, bte ich Sie, mir aus den
Augen, aus meiner Nhe! Ein Todtengerippe knnte mit seinen hohlen Augen mich
nicht so entsetzlich anstarren.
    Denken Sie, ich wre eines, lchelte er. Ich habe ein solches stets neben
mir - eine einst heigeliebte Freundin. Wenn ich verzweifeln wollte, das Blut
gegen die Stirn presste, wenn ich einen dummen Streich zu begehen im Begriff war
- dumm sind alle Handlungen, deren Impuls im Blute liegt - dann drck' ich ihr
die Knochenhand, ich presse mich an ihre Brust, sie mu neben mir ruhen und ich
werde gesund. Sie war ein liebliches Wesen, das nur den Impulsen des Herzens
folgte, sie kannte keinen andern Regulator ihrer Handlungen, und - was ist sie
nun? - Ein Traum ihr Leben, nur ihre Treue, Hingebung war mehr - sie, im Tode,
giebt mir Kraft im Leben, sie giet Eisen in mein Blut, Stahl in meine Nerven.
O, erheben Sie sich, - so drfen wir nicht scheiden. - Die Kette ist gesprengt
- auf ewig. - Wenn uns die Verhltnisse auseinanderreien, warum denn in
Feindschaft? - War denn unsre Freundschaft auf Affekte begrndet? - Ruhe ist die
erste Pflicht, um in einem Schiffbruch nach dem Kahn auszublicken, der uns
retten kann. Ich bewunderte Ihre klare Ruhe und Klugheit, die Ihnen die
Entschlossenheit gab - wie lange handelten Sie in dieser Konsequenz, und nun
soll die Aufwallung eines Augenblicks - Wo die Hlle sich vor mir aufthut -
Gut, nennen Sie es Hlle, mich einen Dmon, Teufel, weil ich nach derselben
Konsequenz handle, wie meine Freundin gehandelt hat. Aber wer in die Hlle
steigt, um in dem Bilde, was Sie beliebten, zu bleiben, wrde dort sehr einsam
leben, wenn er nur mit Heiligen umgehen wollte. Wir selbst sollen uns das Ziel
sein, aber die Association ist das Mittel. - Ist das undenkbar, da wir uns
gegenseitig noch Hlfe leisten knnten! Weil Sie mir jetzt helfen - meinethalben
helfen mussten, - knnen Sie nie in die Lage kommen, wo Sie von mir Hlfe
erwarteten? - O still, meine Freundin, ich wei, was dieses Aufathmen sagen
soll: Sie strzten lieber in den Abgrund, als sie von mir annehmen! Ich lasse
diesem natrlichen Gefhl sein Recht, wie die Alten schreien mussten, um ihren
Schmerz loszuwerden. Schreien Sie, meine Freundin, innerlich, weinen Sie, wenn
Sie wieder Thrnen finden, verfluchen mich! Nichts von Resignation, Vergebung
edler Seelen; ein Palliativ, was die Natur abschwcht. Nein, ergehen Sie sich in
Ihrem ganzen Ha, aber dann - dann bedenken Sie, da wir Beide uns kennen, da
der Zufall in der Welt eine bedeutende Rolle spielt, da, wo kein Thron mehr
sicher steht, die sicherste Stellung es im Leben nicht mehr ist, da Flle
denkbar sind -
    Sie sah ihn scheu an: Sie meinen - Ich gebe nichts auf Ahnungen, aber -
einen Wunsch, eine Weisung lass' ich Ihnen zurck, als letztes Angebinde. Sie
haben sich stark gezeigt, bleiben Sie es, wenn das Unglck da ist. Welches Recht
haben diese Menschen, die wir kennen, ber uns? Etwa uns ins Herz zu schauen!
Der Pbel! Wer in aller Welt giebt ihnen das: unsre innersten Gedanken
auszufragen? Ins Gefngni mgen sie den Freien schleppen, auf den Rabenstein
uns schleifen, nicht uns zwingen, da wir uns selbst verrathen und verdammen.
Das Recht hat keiner Mutter Sohn, er stehe so hoch er will. Der Pbel kann uns
nicht, wir knnen ihn, wenn wir fest bleiben, berwinden. Die Mrtyrer wurden
mit Recht Heilige, nur da sie thricht waren, sich fr Andere martern zu
lassen. Wir wrden es fr uns. Sie versprechen es mir, Schwester im Bunde, ewig
zu schweigen, ich schweige auch. Darauf ein Bruderku!
    Er war fort; seine letzten Tritte verhallten auf der Treppe. Sie hrte die
Hausthr ffnen, zuschlagen. Aber er war noch bei ihr. Sein Bruderku brannte
wie Feuer, jetzt wie Eis. Sie war gebrandmarkt, der Druck des Stempels drang von
der Stirn bis ins Herz; sie fhlte ihn von den Fingerspitzen bis zur Zeh.
    Warum bin ich ein Weib! lachte es in ihr. Vergeltung - - Ohnmacht! - So viel
kleine Opfer, und der Dmon selbst, sein Hohngelchter zitterte in der Luft, er
umschwirrte sie, unerreichbar. Und htte er zu ihren Fen gelegen, ohnmchtig
gebunden, woher denn Marterwerkzeuge nehmen, die ihren Rachedurst gestillt!
Welche Schmerzen konnten das Ma ihrer Schmerzen ausgleichen! Und durfte sie's?
Ein Laut, ein Schrei, ein Wort des Gemarterten, und die Klingeln und Glocken
htten in den Lften geklungen bis ans Ende der Welt, wo Gerechtigkeit ist. Wo
ist denn Gerechtigkeit!
    Nein, sie war noch an ihn gekettet an einer feinen, unsichtbaren Stahlkette
- jede Rachezuckung und sie vibrirte wieder, elektrisch, in ihm, er hob die
Faust - nein, er lachte sie nur an, mit seinen Haifischzhnen: Wenn mich,
vernichtest Du Dich! - Zu entsetzlich, er war, er blieb ihr unsichtbarer
Bundesgenosse. - Wer in diese Strudel trieb, mu eine Sule finden, woran er
sich aufrecht hlt. - Ein Todtengerippe! Was ist ein fhlloses Todtengerippe
Schreckliches mit einem verglichen, was die Augen noch rollen kann in den
Hhlungen? Ja, sie bedurfte solches Stahlgusses, solcher Strkung, des glhenden
Eisens, das zur Wollust werden kann, wenn es den Nerv in dem nagenden Zahne
ausbrennt. Sie strzte in das Krankenzimmer.
    Ja, das war noch schrecklicher als ein Gerippe an der Wand. Er stand
aufrecht. Wie die letzte Flamme in einem verglimmenden Feuer auflodert, spielte
der letzte Athem in dem lebendigen Knochenmann. Er musste furchtbar gespielt
haben. Da lagen zerschlagene Glser, Geschirre, die kostbaren Horazbnde auf die
Erde geworfen; ein dicker Staub wirbelte durch das Sonnenlicht, das ohnedem nur
dunstig durch die trben Scheiben drang, wie eine dumpfe abendliche
Kirchenbeleuchtung durch gelbe Scheiben. Auch die Decke vom Schreibtisch
herabgerissen und der Kater oben, mit gekrmmtem Rcken und orangeglhenden
Augen, spinnend. Was hatte das ruhige alte Thier in diese Unruhe versetzt!
    Hatte er, vom Schmerz ergriffen, diese Verwstung angerichtet? Krperliche
Schmerzen waren es nicht. Diese schienen berwunden. Das Gespenst, den
Schlafrock weit auf, ein Gerippe darunter, so wankte er auf die Frau zu. Die
Brust schlug noch - heftig, in den Skelethnden hielt er ihr ein Buch entgegen.
Das Buch zitterte durch die Luft. Das war ein wster Blick in dem Auge, sein
letzter, das war ein Schrei aus tiefer Brust, auch sein letzter: Weib! es ist
falsch - Alles falsch!
    Alles ist falsch! antwortete sie tonlos.
    Er hatte nicht mehr die Antwort gehrt. Er lag auf der Diele, er hatte
ausgelitten. Der Kater war vom Tisch gesprungen und bumte sich ber den
Leichnam. Die Geheimrthin irrte in der Stube umher und konnte den Spiegel nicht
finden. Als sie ihn gefunden, konnte sie nichts drin sehen. Sie rieb und rieb,
aber der Spiegel blieb blind. Mein Gott, ich mu doch die Wahrheit sehen! rief
sie und suchte nach einem Tuche. Jetzt meinte sie, der letzte Hauch sei
abgerieben. Sie sah sich und sie sah sich nicht. Allmchtiger -! schrie sie
auf und presste die Hnde ber ihren Scheitel. Diese Bewegung sah sie, aber
sonst nur Umrisse. Umsonst quollen die Augpfel aus den Hhlungen hervor. Mit
einem neuen, entsetzlichen Schrei fuhr sie zurck. Die Gestalt im Spiegel fuhr
auch zurck: Ich bin ja hohl! Es war ein heulender Ton.
    Ihr Diener fand sie nachher halb auf der Erde liegend, den Kopf aufs Sopha
gefallen. Sie strubte sich verzweifelt, als man sie ins Bett bringen wollte und
rief einmal ber das andere, man werde gewi nichts finden.

                         Vierundsiebenzigstes Kapitel.



                        Ein treuer Freund seines Herrn.

Noch lag ein offizieller Schleier ber der nchsten Zukunft, aber er war so
durchlchert, da wer nur das Auge aufri, durchsah. In Paris war der Rheinbund
gestiftet und Preuen war nicht dazu geladen, ja es hatte noch nichts davon
erfahren. Die Frsten, welche an der Leimruthe saen, auffliegen konnten sie
nicht mehr, aber frei mit ihren Flgeln flattern, und der Gromthige hatte sie
dafr entschdigt mit den Beutestcken in seinem Netze, mit den freien Stdten,
den Gtern der Stifter, Klster, der Reichsritterschaft, mit der Souvernitt im
eigenen Lande. Frei, von Niemand behindert, durften sie mit den Flgeln Die
schlagen, die darunter ein Recht hatten auf Schutz. Ihre Rechte, die besiegelt
standen in allen Vertrgen, waren durch einen Federstrich ausgelscht. Und die
duftende Zeitungsphrase des Moniteurs sagte: Des Kaisers Absichten htten sich
hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands bereinstimmend gezeigt.
- Und wohin sollten sie schreien, wohin Hlfe flehend die Arme strecken? Der
Kaiser hatte die rmische Kaiserwrde niedergelegt, da er auer Stande sei,
seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfllen. Wo war das Reich, wo
das deutsche Volk! Osterreich, des langen, ehrenwerthen Kampfes mde, hatte sich
in sein Schneckenhaus gezogen, das halbe Reich hing im Netz des Eroberers, und
nur Preuen stand allein im Winkel, ohne den Muth, ohne den Beruf, ohne die
Mittel.
    Das fhlte Jeder in Preuen. Wenn eine Ueberzeugung auf dem trocknen Boden
aufschiet, von dem wir reden, so haben Sptter behauptet, da sie, wie ein
Unkraut, das die Wolken sen, pltzlich die Felder berwuchert, oder wie ein
Haidebrand ber Berge und Thler sich ergiet. Dann ist kein Widerstand mehr.
Aber jeder Fanatismus berhrt in der Regel nur gewisse Kreise, nur die an der
Strae Wohnenden, die auf den Hhen Sichtbaren. Die in den tiefen Niederungen
nur sich selbst leben, unbekmmert um was nicht ihre nchste Sorge angeht,
berhrt er nur selten. Aber der Fall war hier. Des Herzogs von Enghien Aufhebung
und Fsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fhlenden getroffen, was
gehen den guten Brger Staatsakte an! Darum haben sich Die zu kmmern, die dazu
geboren sind, oder dafr bezahlt werden. Aber da er den Buchhndler Palm in
Braunau erschieen lassen, berhrte das Gefhl des Menschen, sogar den Gedanken
des Brgers. War Palm nicht ein Brger, eingeschrieben in die Brgerrolle, der
ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte? Was
ging ihn die Schrift an, die er verlegt, und noch dazu starb er den Heldentod,
weil er Den nicht nennen wollte, dem er sein Wort gegeben zu schweigen! Das
konnte Jedem passiren! Ist ein guter Brger da, um den Heldentod zu sterben!
Es war ein Brand, der durch alle Glieder ging, vom Wirbel bis zur Zeh. Die
Entrstung fand keine Worte dafr, und je gebundener die Meinung in dem andern
gefesselten Deutschland war, so lauter sprach sie sich in Preuen aus. Man
fhlte, was Freiheit war, und fing an zu begreifen, da sie ein Gut, ein
heiliges Menschenrecht ist. Zur Untersttzung der Familie des ermordeten Mannes
wurden berall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet, und die Regierung
schritt nicht ein, weder aus Furcht vor dem Kaiser, noch wegen unbefugten
Kollektirens.
    So sah es in den Brgerhusern aus. Wie es in den Palsten der Groen, in
den Hotels der Minister aussah?
    In dem des neuen Ministers sa in dem Zimmer, das wir schon kennen, Walter
van Asten am Schreibtisch. Aber die Flgelthren waren zu dem neben anstoenden
Audienzsaal geffnet, wo der Regierungsrath von Fuchsius auf und ab ging.
Zuweilen bltterte er in Schriften, zuweilen trat er zu dem neuen Sekretair, um
Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Er wartete auf eine Audienz und hatte schon
lange gewartet, der Minister war in den oberen Zimmern mit dem jungen Bovillard.
Walter war bei einer Arbeit, aber er lie oft selbst die Feder ruhen, und das
gelegentliche Gesprch mit dem Rathe schien ihm keine unangenehme Unterbrechung.
    Sie haben sich da einen gefhrlichen Rivalen zugefhrt, sagte der Rath. 
Sie beschftigt er mit Berichten ber sein Papiergeld und Herrn von Bovillard
schliet er in seinen Intimis das Herz auf.
    Das war die ihm zugedachte Stellung, entgegnete Walter, die Feder
weglegend, und stand auf. Wir sind Jugendfreunde, die Verhltnisse haben darin
nichts gendert, und wenn sie es htten, was kommt es jetzt darauf an, wo der
Beste ist - der handeln kann.
    Wer handeln kann! rief Fuchsius mit einem wehmthigen Lcheln. Welche
bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor!
    Denen Herren von Fuchsius enthoben ist, weil er freiwillig seine Stellung
aufgab.
    Das soll eine Spitze sein, lieber Asten, aber sie verwundet mich nicht. -
Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere
zurckgekehrt, trotz alledem, was Sie das Gegentheil zu glauben berechtigt.
    Ich setze voraus, sagte Walter und reichte ihm die Hand, da Sie nach
dem, was zwischen uns darber verhandelt ist, in mir keine persnliche Rancune
mehr vermuthen. Sie wre jetzt ein Verbrechen.
    Der Rath drckte die gebotene Hand. Ich bin keinen Augenblick in Zweifel
ber Ihre Intentionen, und eben darum thun Sie mir leid. Sie werden das Meer der
Tuschungen von vorn an ausschlrfen. - Zugeben will ich Ihnen brigens, da
jener Umstand vielleicht der uere Anla war, aber der Entschlu datirt von
lnger. Der Gedanke, da Seine Excellenz, von jetzt ab, meine Arbeiten mit einer
Reserve von Mitrauen kontrolliren drfte, nderte meine bisherige Stellung zu
ihm; indessen, werthester Freund, was sind Stellungen, wo Alles Schattenbilder
sind in einer Laterna magica, wir Alle Tropfen in einem Meer - Sie einer,
Bovillard, der Freiherr selbst, Alle, Alle, die das Bessere wollen.
    Wer sich verloren giebt, ist verloren, entgegnete Walter. Wir sind
knstlich isolirt, ja, umgrtet von Grben, Wasser, Sandwllen, und unser Feuer
droht in sich selbst sich zu verzehren. Das ist Ihre, das ist Vieler Ansicht.
Aber wer berechnet die Macht des Feuers, wo ringsum trockene Stoffe lagern! Mag,
einmal entzndet, es nicht zu einer Lohe aufschlagen, die ber Deutschland sich
ergiet. Mag sie nicht Europa in Flammen setzen!
    Und was dann! - Ich redete nicht davon. - Der Krieg liegt, ein so wstes,
trostloses, verworrenes Bild vor mir wie der Friede. - Ihr wollt das Volk
wecken, einen Nationalkrieg entznden - die Idee liegt doch dunkel im
Hintergrunde?
    Und Sie theilten sie nicht?
    Ich habe sie getheilt - aber das ist vorber. Einen Sturm wollen Sie los
lassen, und was wirbelt er auf? - Staub.
    Und wofr leben Sie jetzt?
    Fr die Verbrecherwelt. Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des
Staates nicht fand, suche ich in der der Gefngnisse. Es ist eigentlich derselbe
Stempel, nur ursprnglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich
hier viel conciser, konkreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie
an, um rasch grer zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht;
dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort
sehen wir nur Stckwerk, hier Totalitten.
    Aber nichts, was das Gefhl erhebt.
    Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt,
wie die erste Unterlassungssnde, die Scham darber, das Streben, es zu
verbergen, ebenso oft als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt, gbe
das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da, in der groen Geschichte
vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein
Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schn malen,
dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur giebt sich, wie sie ist,
und versucht's ein Verbrecher, durch Lgen sich einen besseren Schein zu geben,
so braucht man ihn nur fortlgen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte
tiefer, unlsbarer, und die Wahrheit fllt wie der reife Apfel vom Baume. Und
wenn mitten aus der Verworfenheit ein schner menschlicher Zug, wie ein Licht
aus bessern Welten, vorschiet, da kann dem Kriminalisten eine Thrne ins Auge
treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen mu. Ja, Theuerster,
der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist fr mich zur Rettung
geworden aus einer Welt der Verwesung, ber der der gleiende Schein immer mehr
reit, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschn, meinethalben
ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln
sollte, gewi, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife
ich die Vlkerwanderung. Die Barbaren, welche die rmische Kulturwelt mit ihren
Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter
ihnen grassirten Laster, Blutsnde und Gruel aller Art, aber sie waren der
frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts.
    Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Voigteien? Ich
konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbni betrachten.
    Nun, so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.
    Aber wo unter hundert Fllen neun und neunzig nur die Verwechselung des
Mein und Dein zum Gegenstand haben.
    Fuchsius sah ihn lchelnd an: Ist das nicht die groe Frage, die Alles
regiert! Nur da die Groben fr Andere die Feinen fr sich einen Mantel darber
hngen. Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst tuschen, es ist
daher viel leichter, die Bemntelung abzureien und der Sache auf den Grund zu
kommen. Uebrigens versichere ich Sie, da ich die interessantesten Studien
vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern
Abklatsch der hheren Stnde erblicken. So zergliedere, arrangire ich sie mir;
ich finde die Erklrung fr Vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem
Schattenreich. Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien, auch
in recht angesehene, und finde immer den Abdruck desselben Stempels. Die
Zerlassenheit, das laxe Wesen, die Maximen, Prinzipien dringen von oben nach
unten durch wie eine tzende Sure. Hier verschenkt man freilich nicht
Staatsgter, die Hunderttausende werth sind, zur Erinnerung fr gute
Compagnieschaft bei einer Orgie, noch schwarze Adlerorden an Rous fr eine
Galanterie; man giebt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judasku seiner
Maitresse um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen,
damit, wenn er die Augen geschlossen, man sie auf die Wache schickt. Noch trifft
man auf vornehme Damen, die, wenn die Snde sie verlsst, doch von der Snde
nicht lassen knnen, und unbescholtene Tchter guter Familien in ihre
Zauberkreise verlocken, nicht aus Eigennutz, rein aus Vergngen, und noch
weniger verstehen meine Schelme, Betrger, Galgenvgel, darber den Schleier von
Philosophie und Humanitt zu breiten, aber - Sie werden vielleicht nchstens
Dinge sehen, die Sie nicht erwarten, und die Gesellschaft wird die Augen
aufreien. Leben Sie wohl - Excellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von
Bovillard.
    Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur. Fuchsius nickte. Dann
mssten Sie eilen. Mich dnkt, das groe Ungeheuer Krieg verschlingt die
kleinen.
    Falsch geschlossen, Herr van Asten. Die Kriminalistik hat die Bestndigkeit
vor der Politik voraus. Wer auch siegt, das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf
die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet. Spitzbuben, Ruber und Giftmischer
liefern die Kriegfhrenden sich mit gegenseitiger Kourtoisie aus, und der Strick
ist der sicherste Orden fr den, der eine Expectanz darauf erwarb. Der Rath
schien doch noch etwas sagen zu wollen, als er den Thrgriff langsam aufdrckte,
Walter kam ihm zu Hlfe. Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mittheilen
knne, mge er kommandiren; er glaube nicht zu versichern nthig zu haben, da
er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen knne.
    Fand in letzter Zeit eine Communication zwischen dem Minister und dem
Legationsrath Wandel statt? - Ich glaube, es positiv verneinen zu knnen. Der
Rath schien zufrieden: Sie selbst kamen nie mit ihm in nhere Berhrung? - In
keine andere, als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der
Geheimrthin Lupinus mit sich brachten. - Mit der schien er in Relation zu
stehen - Welche das Gekltsch zu andern machte, als sie vielleicht waren.
Sprach man doch auch, da die Geheimrthin sich scheiden lassen und ihn
heirathen wolle. Da, so viel mir bekannt, ihre Verbindung seit dem Tode des
Geheimraths sich gelst hat, so war auch das gewi ein falsches Gercht. - Um
so mehr, als jetzt verlautet, da Herr von Wandel auf Freiersfen bei der
reichen Braunbiegler aus und ein geht. - In der That?
    Der Rath fasste freundlich Walters Hand und mit demselben Tone sagte er:
Herr van Asten, verzeihen Sie die Indiskretion, an der Brse meint man, da
Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen. Er hat sich in einer
Spekulation verrechnet -
    Und wird hoffentlich, wenn sie fehl schlgt, der Mann sein, der seinen
ehrlichen Namen mit dem Letzten, was er besitzt, lst.
    Daran zweifle ich nicht, und wnsche ihm, da er ohne dieses Opfer sich aus
der Klemme zieht. Aber er steht in Geschftsverkehr mit Wandel, er hat Wechsel
von ihm, er hat Mittel gefunden, whrend man glaubte, da Wandel auf
Prolongation dringen werde, ihn zu bestimmen, da er diese Wechsel in andere auf
krzere Sicht umschrieb. Schon das ist merkwrdig. Noch aufflliger, da,
whrend man Ursache hatte, an des Legationsraths Verlegenheit zu glauben, dieser
aus Mitteln, die man nicht kennt, Ihren Vater prompt befriedigt hat.
    Man drfte doch auch bei den Gerichten wissen, was in der Stadt ein lautes
Geheimni ist, da Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten
Relationen steht.
    Pah! sagte der Rath. Spione hier werden nicht mehr theuer bezahlt, seit
man die Geheimnisse wohlfeiler hat. So viel haben wir heraus: was seine
politischen Mysterien anlangt, ist er ein Windbeutel, nur mit der Russin steht
er noch in einer Verbindung. Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit
der Mnze, die er bringt. Mit Versprechungen lst man aber nicht Wechsel von
zehn- und zwanzigtausend Thalern. Ich will, mein theuerster Herr, nicht hoffen,
da Ihr Vater sich nher mit ihm einlie. - Sie erschrecken mich - Wenn Sie
fr Ihren Vater einstehen, gewi ohne Grund. Aber warnen Sie ihn, soweit ein
Sohn es darf, der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die
Gerechtigkeit. Er zog Walter an sich, und die Hand am Munde, sprach er ihm ins
Ohr: Ich habe den dringendsten Verdacht, da dieser Herr von Wandel -
    In dem Augenblick hrte man starke Futritte auf der Treppe. Der Minister!
- Und sehr ungndig, sagte Fuchsius, die Thr ffnend. Die Audienz ist
ungnstig ausgefallen. - Schade, da Bovillard nicht Ihr Rival ist, er wird
unfreundlich entlassen, und ich habe nicht Lust, den Zornergu Seiner Excellenz
auf mich zu laden. - Von dem Bewussten ein ander Mal. Bis dahin
Verschwiegenheit!
    Der Rath war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangsthr geeilt,
ehe der Minister in jenes eingetreten war. - Der Minister war aufgeregt. Auf-und
abgehend lie er seinen Getreuen ber den Grund nicht lange im Unklaren. Ihm war
es darum zu thun, dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben, die
ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe. Bis gestern hatte man ihm Hoffnung
gemacht, heut war Bovillard durch Vertraute insinnirt worden, da er, um der
Person des Ministers einen abschlgigen Bescheid zu ersparen, lieber freiwillig
zurckstehen mchte.
    Excellenz' Feinde also auch da geschftig! - Diesmal sind sie
unschuldig. - Htte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit -! Ein Freilich!
wer denn sonst! sprudelte von den Lippen, und verbot dem Sekretr fortzufahren.
    Warum hat er nicht wie ein Karthuser gelebt, warum hat er tolle Streiche
gemacht, warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt, als die Thrnen
um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen. Also der Zorn war Ironie.
Walter lie eine Bemerkung fallen, da fr Jugendsnden die Zeit das beste
Heilmittel sei. Der Freiherr war noch nicht in der vershnlichen Laune. Jede
Snde rcht sich, rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln, aber die
Gedanken waren weit darber fortgeflogen.
    Warum hat er nicht Komdie gespielt wie die Andern? Warum sich nicht mit
Tugend und Anstand geschminkt! War das so schwer. Brauchte nur seinen
trefflichen Vater zu imitiren.
    Geheimrath Bovillard ist mir in der That unbegreiflich. Wiegt ihm die
Gunst, die Euer Excellenz seinem Sohne schenken, das Glck desselben auf! Ihm
wre es doch ein Leichtes, Haugwitz und die Andern umzustimmen.
    Was kmmern mich Die! Die Knigin will ihn nicht.
    Die Knigin! - Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang.
    Wenn sie's wre! - Freilich, sie msste drei Viertel des Hofes fortjagen. -
Nun hat sie sich auf Diesen gesetzt. Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher
Sittenlosigkeit geschildert. Sie betrachtet es als einen Hohn, einen Kavalier
von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen. Sie hasst auch wohl im Sohn den
Vater. Kurzum, Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen.
    Ein Ausruf des Sekretrs protestirte dagegen.
    Frauen, mein Lieber, wollen besonders behandelt sein, auch die
ausgezeichnetsten. In ihren Vorurtheilen gegen Personen gehorchen sie dem
Impulse. Sie kme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem, was sich
schickt: Da fragt nur bei edlen Frauen nach! Und sie htte Recht. Schne Seelen
werden nicht durch Grnde, nur durch eine schne Regung berwunden. Wenn er
nicht darauf eingehen will, was ich ihm sagte, so ist es nichts.
    Es stnde in Bovillards Willen?
    Seine Braut ist die schne Person, die neulich die Geschichte mit Ihrer
Majestt hatte. Ich wei es bestimmt, die Knigin ist, wie hohe Personen sind,
fr das Mdchen enthusiasmirt; wenn er den Vortheil benutzte - -
    Der Minister hielt inne; nicht weil er die Rthe auf Walters Gesicht
bemerkte, sondern weil er selbst etwas von Errthen fhlte. Ein ernster
Staatsmann darf auch die Intrigue spielen lassen, weil leider keine Staatskunst
ohne sie bestanden hat, aber schon der Schein ist gefhrlich, da er im Ernst
sich in ihr Spiel verliert. Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch
und schien von der Lektre absorbirt, whrend Walter mit einem wehmthigen
Lcheln einer Erinnerung nachhing.

                                     * * *

    Der Vorfall, auf den der Freiherr angespielt, war eine bekannte
Stadtgeschichte, die vor einigen Tagen sich ereignet. Wir mssen mit unsern
Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem ffentlichen
Ball thun, den eine Korporation zu Ehren der Majestten veranstaltet hatte. Die
Knigin Luise hatte das schne Mdchen bemerkt und ein Dienstthuender mochte aus
Unkenntni eine miverstandene Vorstellung gemacht haben, als sie im
Vorbergehen die Frage an Adelheid gerichtet: Was sind Sie fr eine Geborne?
Die Baronin Eitelbach, welche neben Adelheid gestanden, wollte, erschrocken, dem
jungen Mdchen zu Hlfe kommen, und hatte die historisch gewordene Antwort
gegeben: Ach, Ihre Majestt verzeihen, sie ist gar keine Geborne. - Nur die
Gegenwart der Knigin hatte ein Gelchter zurckgehalten, was wie ein
Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte. Ihre ganze Huld und
Majestt hatte die Frstin zusammengenommen, um jene strafenden Worte zu
sprechen, die ebenfalls in die Geschichte bergegangen sind, und nach
verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten: Ei, Frau Baronin,
Ihre naiv satirische Antwort sollte gewi das junge Mdchen nicht krnken. Von
Geburt sind wenigstens alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Ist es auch
ermunternd und erhebend, von Eltern und Vorfahren abzustammen, die sich durch
Verdienst und Tugenden auszeichneten, und wer wollte den Werth nicht anerkennen
und sich nicht selbst geehrt fhlen durch de Ehre, aus einer guten Familie zu
sein! Aber Gott Lob, das gilt fr alle Stnde gleich und aus den untersten sind
die grten Wohlthter des Menschengeschlechts hervorgegangen. Stand und Wrde
kann man erben, aber innere persnliche Wrdigkeit, worauf am Ende doch Alles
ankommt, mu Jeder sich selbst erwerben. Der Weg dahin ist die
Selbstbeherrschung, und ich bin berzeugt, wenn ich in den Zgen des jungen
Mdchens lese, da ihre Seele diesen Weg lngst gefunden hat. - Ihnen, liebe
Baronin, danke ich, da Sie mir Gelegenheit gaben, den Anwesenden meine Meinung
darber zu sagen. Es ist die Meinung, welche auch im Herzen meines Gatten, des
Knigs, lebt. Der strafende Blick der Knigin, der leichthin ber die Reihen
flog, hatte sich in den huldvollsten verwandelt, als er Adelheid wieder traf.
Sie wechselte einige Worte mit ihr, die nur die Wenigsten hrten, aber Beider
Augen verriethen den Sinn. Mit dem gndigsten Nicken war sie vorber geschwebt.
    Die Scene hatte sich im Augenblick verwandelt. Die moquanten Mienen von
vorhin waren zu langen Gesichtern geworden. Das junge Mdchen war noch eben als
ein Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden; fast isolirt
hatte sie neben der Eitelbach gesessen, kein Tnzer sich ihr genaht. Welche
Urtheile waren hinter ihrem Rcken gefllt worden! Ach, selbst ihre
Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen. - Ist das die! hatten zwei Hofdamen
sich erschreckt angeblickt, mit dem Versuch, ber die Erinnerung zu errthen,
der inde unter dem dicken Karmin erstickt war.
    Und nun, wie Nebel bei einem Sonnenblick, war Alles anders geworden.
Woltmann berichtet von der Knigin Luise, da, wenn sie mit Hlichen
gesprochen, auch diese allmlig den Umstehenden schn gednkt; solchen Zauber
strahlte die Flle ihrer Anmuth aus. Eine hnliche Magie hatte Luise hier gebt.
- Nein, wie schn sie ist! hrte die Eitelbach jetzt hinter sich flstern.
Welcher Anstand! - Es ist etwas Geborenes darin! - Die Eitelbach war ohne Neid;
mit Vergngen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schtzling gerichtet. Sie
lchelte die Dame an, die sich an ihren Arm hing: Nein, liebste Baronin, was
mssen Sie fr eine Freude haben, einen solchen Engel zu bemuttern! Aber sie ist
auch der besten Obhut anvertraut. - Damen und Herren lieen sich Adelheid
vorstellen. Ihre Antworten entzckten. - Da, um das Glck vollstndig zu machen,
hatte sich auch der Knig ihr genhert. Auch er sprach gndig; freundlich sah er
zum schnen Mdchen nieder, man hrte durch das Gerusch huldvolle Worte; viel
von gehrt haben - sehr freuen - einen braven Vater haben. - Auch die jngeren
Prinzen waren herangetreten, der Knig scherzte mit ihnen. Ein Scherz von den
gewichtigsten Folgen. Bald durchflog die Sle die Neuigkeit: die Prinzen tanzen
mit der Alltag.
    Sie war der Stern des Abends. Sie blieb der Gegenstand des Gesprches in den
Equipagen, die nach Hause rollten. Ueber ihre Schnheit war nur eine Stimme. Nur
etwas zu ernst! Aber die Holdseligkeit der Knigin hatte ihr auch davon
angehaucht. Welche naive, frappante Antworten sie gegeben! Wie hatte sie den
jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen! Aber wie hatte
der ltere Bruder, Prinz Louis, sich benommen? - Eine solche spirituelle
Schnheit musste doch auf den galantesten Ritter wirken. - Er war an ihr
vorbergegangen. - Unmglich! hie es; aber Viele versicherten es. Der
unglckliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster! Die Aussicht auf den Krieg
schttelt in ihm wie ein kaltes Fieber. - Aber nein, er war zurckgekehrt, er
hatte mit ihr Worte gewechselt. Es klang unglaublich, was der Lauscher gehrt.
Er hatte sie wehmthig angeblickt, wie Hamlet Ophelien: Was wollen Sie in
dieser Atmosphre? Die ist nur fr kranke Seelen. - Und sie, was hatte sie
geantwortet? Gndigster Herr, ich meinte, wer gesund ist, bringe Lebensluft in
jede Atmosphre mit. - Unbegreiflich fanden es Viele - ein simples
Brgermdchen, die Tochter von dem alten Geheimrath Alltag! Er wird wohl nun
geadelt werden, meinten Einige. Andere schttelten schlau den Kopf: Wer wei
denn, ob er ihr Vater ist! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Zge, die an den
vorigen Knig erinnerten.
    Drei Tage lang sprach man am Hofe, sieben in der Stadt, nur von der schnen
Adelheid. Dann waren andere Gegenstnde gekommen. Die Knigin hatte sie nicht
rufen lassen, die Knigin hatte an Anderes zu denken. Die Frstin mochte auch an
Anderes denken, sie sagte nichts, aber wenn sie Adelheid sah, schien ihr
lchelnder Blick zu sprechen: wenn eine Knigin verga, uns rufen zu lassen, so
wre es an uns, sie anzurufen, damit sie sich unserer wieder erinnere. Zur
Diplomatin ist sie nicht geboren.
    Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung lngst vergessen haben,
indem er mit der Schrift sich auf das Kanap geworfen und mit dem Daumennagel
Zeichen am Rande machte, als er auch das Papier sinken lie.
    Lesen Sie! sprach er.
    Walter nahm das Papier, welches Jener auf das Kanap fallen lassen. Der
Minister schttelte mit dem Kopf.
    Zuvor die Hauptpassus, die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben. Man
mu sich diese erst vergegenwrtigen. Es wird nicht mehr Alles fr heute
passen.
    Walter griff nach einem andern Heft und las: Bedrohte Selbststndigkeit -
Unwille der Nation ber den Verlust ihres alten, wohlerworbenen Ruhmes. Der
Minister schttelte den Kopf: Dies bleibt nun weg. Wster Lrm genug. Walter
las weiter: Affiliirung der Kabinetsregierung mit Haugwitz. An den Ministern
haftet die Verantwortlichkeit fr das, was sie nicht beschlossen, vor dem
Publikum. Oeffentliche Meinung! korrigirte der Minister. Weiter. Man schmt
sich einer Stelle, deren Schatten man nur besitzt. Habe ich das im April
geschrieben? seine Lippen warfen sich zu einem hhnischen Lcheln. -
Illusionen! Wenn sich Einige geschmt haben, jetzt haben sie sich anders
besonnen. Das bleibt weg. Walter fuhr fort: Das Ehrgefhl der Beamten wird
unter einer solchen Regierung unterdrckt, ihr Pflichtgefhl abgestumpft. -
Subalterne gehorchen nur noch halb, sie suchen ihr Heil bei den Gtzen des
Tages. Das bleibt. Das hat gewirkt, es kann noch wirken. Fr die Reputation
ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre. Weiter! Der Monarch lebt in
vlliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern. Von Allem, was geschieht, erhlt
er nur einseitige Eindrcke durch das Organ seiner Kabinetsrthe. Sie halten
inne. Haben Sie da Bedenken? - Knnten wir nicht die Person des Monarchen aus
der Sache lassen?
    Wir leben nicht in England. - Wir leben in Preuen, wo der Monarch mit dem
Volke identisch ist. Es scheint eine Anomalie, aber es ist eine Wahrheit. Wehe
ihm und dem Volke, wenn es nur ein Schein werden knnte. Wo ein Frst diese
abnorme Stellung hat, wo der Kopf sich eins fhlt mit dem Krper, mu er auch
das vertragen knnen, was die anderen Glieder. Preuens Knig ist so wenig ein
Kaiser Karl und Knig Artus, die als Pagoden dasitzen, drei Kpfe hher als ihre
Tafelrunde, als er ein Frst ist, dem die Konstitution ein glnzendes Altentheil
angewiesen hat. Er ist nur der er ist, indem er eine Partikel seines Volkes ist.
Exceptionell, ja, ja, durchaus exceptionell, aber so ist's. Wir drfen's nie aus
dem Auge lassen. Er mu empfinden wie wir - das Streicheln und die Schlge. Man
mu ihn anfassen knnen, schtteln ein wenig, ein derbes Wort sagen. Vertrgt er
es nicht - doch weiter, weiter! - Nun folgen die subjektiven Grnde. Wer hat
dies unbedingte knigliche Vertrauen? Beyme und Lombard, von ihnen ganz abhngig
Haugwitz. Jener - guter Jurist, ward bermthig, absprechend, korrumpirt -
Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit - gemeine Aufgeblasenheit
seiner -
    Der Minister wehte mit der Hand. Die Frauen mgen jetzt fortbleiben.
    Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik: Physisch und moralisch
gleich gelhmt und abgestumpft. Seine Kenntnisse franzsische Schngeisterei.
Ernsthafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschftigt,
frhzeitige Theilnahme an den Orgien der Rietzischen Familie sein moralisches
Gefhl erstickt. Soll das auch bleiben? - Weiter! - In den unreinen und
schwachen Hnden eines franzsischen Dichterlings von niederer Herkunft, eines
Rous, der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen, mit Spiel und
Polissonnerien vergeudet, ist die Leitung der diplomatischen Verhltnisse, und
in einer Periode, die in der neuern Staatengeschichte nicht ihres Gleichen
findet. Auch das? - Ist's nicht wahr? - Aber wozu der Vorwurf niederer
Herkunft? - Das verstehen Sie nicht. Der Minister war aufgesprungen. Brstet
er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit, da er der Sohn eines
Perrckenmachers ist! Ein Skandal! eine Verworfenheit ohne Gleichen. - Ja, wenn
sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depravirt htten, es stnde anders. -
Ihnen geschieht recht. - La sie an der Frucht ihrer Schuld nagen.
    Das folgende, persnlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft
gesagt - Kann aber nicht oft genug wiederholt werden. Walter las mit Zaudern:
Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschrobenheiten oder Aeuerungen von
Verderbtheiten. Sein Urtheil seicht und unkrftig, sein Betragen slich und
geschmeidig. - Als Gelehrter Phantast - dann Mystiker aus Liederlichkeit -
Geisterseher aus Mode - Herrenhuter aus Bequemlichkeit - verschwendet die dem
Staate gehrige Zeit am Lhombretisch. Abgestumpfter Wollstling, gebrandmarkt im
Publikum mit dem Namen eines listigen Verrthers seiner tglichen Gesellschafter
und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit.
    Walter hielt inne und blickte auf den Minister.
    War's eine zu schwere Aufgabe fr Ihre Feder? - Ich frage mich nur, ob
dieser persnliche Angriff nothwendig ist? - Man mu Personen ndern, wenn man
Maregeln will, habe ich Ihnen diktirt. Man mu die Personen niederschlagen, da
sie das Aufstehen vergessen, wenn sie zur Vordertreppe hinabgeworfen, auf der
Hintertreppe immer wiederkommen. Man mu sie zertreten, tdten, vernichten, wenn
mit ihnen die Maregeln unmglich sind. Schonung aus Mitleid wird Verbrechen.
    Wenn wir auf den Erfolg rechnen knnen! Seine Majestt erwiderten auf das
erste Memorial, worin Excellenz auf Aenderung des Kabinets drangen: Sie
wnschten nur, da man Ihnen Beweise der Verrtherei dieser Leute gbe, so
wrden Sie keinen Anstand nehmen sie zu entfernen. Die Beweise - sagt wenigstens
das Publikum - liegen seitdem zu Tage - und -
    Es bleibt Alles, wie es gewesen. - Und das, Herr, soll uns bestimmen, nicht
unsere Pflicht zu thun? Nicht zu rtteln an den faulen Aesten, so lange wir Mark
in den Gliedern haben, nicht zu schreien, rufen, warnen, so lange wir Athem
haben und man uns nicht den Mund verbindet. Wie?
    Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Excellenz gerechter Entrstung. -
Nein, Sie sollen sprechen, Ihre Meinung sagen, dazu sind Sie hier; darum lie
ich mich in das Gesprch mit Ihnen ein. - Sie meinen, auch diese Denkschrift
wird ohne Wirkung bleiben? - Man wei, da auch der alte General Blcher
deshalb vergebens an den Knig geschrieben hat.
    Und jetzt werden diese Denkschrift die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Louis,
Ferdinand, Rchel und ich unterzeichnen. Damit keiner meiner Freunde mir
vorwirft, da sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist, wird Johannes
Mller sie vor der Unterschrift berarbeiten. Wenn solche Namen zusammenklingen,
solche Mnner die Arme verschlingen, solche Grnde ihm ins Ohr donnern, ber
welche Zaubermacht mssten diese Wichte gebieten, wenn er widerstehen kann. -
Hier ist Mllers Konzept. Er schliet: Dieses Kabinet, welches nach und nach
zwischen Eure Majestt und das Ministerium sich eingedrungen hat, da Jedermann
wei, was bei uns geschieht, geschehe nur und allein durch die drei oder vier
Mnner, hat, besonders in Staatssachen, alles und jedes Vertrauen lngst
eingebt. Ja, Majestt, die ffentliche Stimme redet frchterlich deutlich und
bestimmt von Bestechung.
    So wird er Ihnen entgegnen: Beweis't es! Excellenz, dies eine Wort kann
Alles verderben. Knnen wir, kann irgend Einer den Beweis fhren? Ja, die Hand
aufs Herz, kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die
Betheuerung aussprechen: ich bin fest berzeugt, da franzsisches Geld in ihren
Taschen klimpert! Haben wir nicht vielmehr die moralische Ueberzeugung, da sie
mehr aus Indolenz, Eitelkeit, Dnkel, aus eigener Ueberhebung, aus Schlaffheit
und Faulheit im Denken, sich gegen das Vaterland versndigen, als da sie
wirklich Verbrecher sind!
    Der Minister machte, die Hnde auf dem Rcken, die Augen niederschlagend,
wieder seine Zimmerpromenade: Sie mgen Recht haben, Gott hat sie nicht in
seinem Zorn erschaffen, nur in seinem Mimuth: da, zu unserer Beschmung, auch
solches Gewrm herum kriechen mu. - Vermge ihrer zwei Beine mssen sie doch
aufrecht gehen, und aufrecht gehend mssen sie die Augen aufschlagen, sie mssen
sehen, was vor ihnen ist. In Augenblicken, wo sie aus ihrem wsten Taumel
erwachen, mssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken. - Was
kmmert dies Gesindel die Nachwelt! Den Bauch vollgeschlagen, die Taschen
gefllt, so weit es die Honettitt erlaubt, das heit die Rcksicht vor den
Leuten, mit denen sie mal Lhombre spielen knnen, und nach ihnen die Sndfluth!
- Das Gefhl fr Schimpf und Schande - Prallt von den bunten Blechschilden
ab, vorausgesetzt, da sie mit Gehalt, Pensionen, Gterschenkungen gefttert
sind. - Excellenz, Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg, Lucchesini
erklrt laut und offen, es ginge nicht anders, Haugwitz lsst den Kopf hngen -
Weil sie sich vor'm Pbel frchten. - Kann der Strahl nicht auch in Ihnen
gezndet haben?
    Noch ein Optimist! Da walte Gott. Pack sie am Kragen und schmei sie zur
Thr hinaus, so kommen sie zur Hinterthr wieder hereingetnzelt und fragen mit
einem sen Hndedruck, es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen? Wirf ihnen
einen Schurken ins Gesicht, so lcheln sie ber den liebenswrdigen Scherz. Was
ist ein Futritt in einen Plunderhaufen! Sie wollen Minister bleiben,
Geheimrthe, weiter nichts, und sie haben Recht. Was wren sie, wenn sie es
nicht sind!
    Und wenn denn doch eine innere Rthe der Scham -
    Wenn die einmal herauskommt, treten sie vor den Spiegel und liebugeln mit
sich wie der Phariser. Werfen sich in die Brust, denn was sie vor sich sehen,
ist ja ein treuer Diener ihres Knigs. Das ist der rechte bequeme Bettelmantel
fr diese Menschen. Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht, was sie vor
Gott und Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen knnen, haben sie es nur
als treue Diener ihres Herrn gethan. Alles fr ihren Knig! Mag Land und Volk
darber untergehen, wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft
salvirt sind. Scham in diesen Lakaienseelen! Die sich nicht schmen, ihre
eigenen Fehler und Snden Dem aufzupacken, als dessen Gtzendiener sie sich
anstellen! Der, den sie als das strahlende Abbild gttlicher Majestt anpreisen,
als Kratzbrste zu brauchen, an der ihr Schmutz kleben bleibt! - O dies Gezcht
schmt sich auch nicht, wenn es umschlgt, die Achseln zu zucken und mit den
Augen zu zwinkern: Er wollte ja nicht anders, wir konnten nichts thun! Wer seine
eigene Menschenwrde opfert, dem ist nichts heilig, er opfert Alles, zuletzt den
Gtzen selbst, wenn ein mchtigerer da ist.
    Walter sagte nach einer Pause: Sind Eure Excellenz berzeugt, da Haugwitz
auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat? Der Minister fasste leicht
seinen Rockzipfel: Ein Knig, mein Lieber, ist ein Mensch, und ein Mensch noch
nicht ein Chamleon, wenn die Meinungen in ihm schwanken. Die Friedrich und
Joseph, die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen. Die Mehrzahl der
Frsten sind Menschen wie wir. Das Gute und das Bse, das Richtige und das
Falsche rollirt in ihnen wie in einem Glcksrad. Da ist es Pflicht der
gewissenhaften Rthe, den Augenblick ergreifen, wo das Gute und Richtige oben
liegt. Da mssen sie das Rad stille halten, sie mssen es, sage ich, auf die
Gefahr hin, da es sie ergreift und zerdrckt. Trauen sie sich das nicht zu,
sollen sie in der Schreibstube bleiben, oder ihrem Ehrgeiz mit
Kammerherrnschlsseln gengen lassen. - Wer so dreist ist, da oben stehen zu
wollen, hat vor Gott, vor dem Volke, vor seinem Knige selber die Pflicht, ihm
dreist ins Gesicht zu sehen. Nicht seine gute Launen soll er belauschen, um
Geflliges sich und Anderen zu wirken, seine ernsten Augenblicke soll er ihm
abstehlen, und wollen sie entfliehen, soll er sie festhalten, mit eisernem
Hndedruck, er darf die Runzeln des Unmuths nicht sehen, er soll den sprudelnden
Zorn nicht achten. Es ist ein anderer Zeuge dann ber ihm, ber Beiden steht ein
anderer Knig, vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind. - Und
dringt er absolut nicht durch, soll er vor seinem Knige sich neigen und
sprechen: nimm das Amt zurck, das noch rein ist in meinen Hnden! Wehe dem, der
ein leichter Gewissen hat, es zu beflecken. Das ist ein wahrhaft treuer Diener.
Die armen Knige, die keine Mnner finden, nur treue Diener wie diese hier!
setzte der Minister mit gedmpfter Stimme hinzu und trat, die Arme
unterschlagend, ans Fenster. - Die armen Knige! wiederholte er, ich knnte
sie bedauern. Solche treue Diener waren es, die die Throne unterhhlt, Dynastien
gestrzt. Ein arglistiger bser Staatsmann hinterlsst Flecke; die kann man
auswaschen, ausbeizen. Ein Chamleon, das von jedem Regenbogenstrahl der
kniglichen Laune durchschauert ist, und ihn in Reskripten und Gesetzen
austrufen lsst in alle Adern des Landes und Volks, dem Flchtigen den Stempel
der Autoritt aufdrckend, der verdirbt die Vlker und die Monarchien. Ich sage
Ihnen, -
    Ein Gerusch in der Ferne unterbrach ihn, zugleich brachte der Diener Licht.
Es war Abend geworden.

                         Fnfundsiebenzigstes Kapitel.



                                Gewetzte Degen.

Der Lrm war ein wirres Stimmenmeer, unterbrochen von schallendem Gelchter. Ein
schrfer Ohr htte das Klirren von Stahl herausgehrt, aber die Fenster, die
ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden, lieen es nicht zu. Auch der
Minister ffnete einen Flgel: Wahrscheinlich wieder ein Theaterfurore! - Die
Schick spielt heut die Elisabeth und die Unzelmann die Maria Stuart, bemerkte
Walter. Man sprach davon, da es unter ihren Anhngern einen Skandal geben
knne. - Der Minister blickte hinaus: Ich sehe Uniformen, wenn ich nicht irre,
Gensdarmen. - Der Lrm kommt nher. Das Gelchter war jetzt mit lebhaften
Hussas, Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt. Etwa noch eine
Schlittenfahrt! Da Gott erbarm, diese Menschen lernen nichts. Eine
Menschenmasse wlzte sich auf die Strae zu, und die klappenden Hacken auf dem
Pflaster deuteten auf ein Laufen. Eine Art Verfolgung musste sein, aber die
Verfolgten, wie immer Straenjungen voran, jauchzten zugleich wie in einem
Triumphgesang. Die Sache wird ernsthafter. Sie mchten sich umsehn, Asten, was
es giebt.
    Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam
eben mit einem Rapport herauf, der von den Ausrufungen, die man jetzt deutlich
von der Strae hrte, untersttzt ward.
    Es war allerdings ein Straenskandal, doch ernsterer Art. Viel junge
Gensdarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg
spt zurckgekehrt. Der Wein sollte in Strmen geflossen sein. Glser klangen,
zerbrachen, einige waren sogar durch die Fenster geflogen. Es galt aber weder
der Schick noch der Unzelmann, sondern den Franzosen und Napoleon. Man hatte
sich in einen Harnisch getrunken, gesungen und votirt. Beim weiten Wege durch
den nchtlichen Thiergarten war der Rausch nicht verraucht, vielleicht hatte der
Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Thore ihn noch erhht. Die Khnsten
vorauf waren als Sieger durchgesprengt. Wo es beschlossen worden, ob hier erst,
oder schon in Charlottenburg, wei man nicht. Pltzlich war man abgesessen und
nach dem Hotel des franzsischen Gesandten gezogen. Der eigentliche Hergang ward
verschieden erzhlt, man hatte Ursache, die Sache zu vertuschen. Ob man
Spottweisen angestimmt, was man schrie, welche Reden man sich gegen den
Bevollmchtigten des franzsischen Kaisers erlaubt, blieb unausgemacht, aber
junge Offiziere hatten ihre Sbel gezogen, und auf den Treppenstufen zum Hotel
gewetzt. Es konnte im Dunkeln geschehen. Weder die Sterne am Himmel, noch die
sprliche Straenbeleuchtung machten die Uebermthigen kenntlich. Aber
pltzlich, wie durch einen Zauberschlag, wurde es im Hotel hell. Die Fenster,
von denen man die Lden fortri, glnzten von so schnell angezndeten Kerzen,
da die Vermuthung wenigstens da war, der Ambassadeur habe, wie von Allem, auch
von diesem Impromptu Witterung gehabt. Symbol fr Symbol. Wir kndigen den
Frieden, rief der Klang; ich nehme die Kndigung an, antwortete der
Lichterschein. Uebrigens blieb es todtenstill im Haus, kein Kopf zeigte sich an
den Fenstern.
    Die lteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen
Manifestation zurckgesprungen, und hllten sich in ihre Mntel. Nur einige
jngere, in denen der Wein glhte, waren durch den Lichtschein, auch wohl durch
die Akklamationen des Straenpublikums, das sich in immer dichteren Schaaren
sammelte, noch mehr entzndet. Aber whrend ihre geschwungenen Pallasche
funkelten, vernahmen Andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide
klirrende Sbel. War auch hier ein Verrath, eine Denunziation, eine geheime
Sympathie im Spiele? Die Thatsache war, im Gouvernementsgebude musste der
Feldmarschall Mllendorf, oder wer ihn vertrat, wach gewesen sein, denn Husaren
und Polizeidiener sprengten heran, um dem Unfug zu steuern, die Thter zu
ergreifen.
    Der Lrm wuchs. Die sympathisirenden Zuschauer bildeten noch einen Wall
gegen die andringende Polizeimacht. Unter den besonnenen Theilnehmern an dem
Abenteuer war die Gewissensfrage, ob sie fr ihre Personen sich ins Dunkel
salviren, und die jngern Unbesonnenen, die nichts von der Gefahr ahnten, ihrem
Schicksal berlassen sollten, oder ob ihre Pflicht erheische, sie mit ihnen zu
theilen? Bei einem Rittmeister, den mittleren Jahren nher als denen der Jugend,
war der Entschlu schnell zum Durchbruch gekommen, denn aus dem Dunkel der
Bume, wo er sich den Mantel schon fest umgeknpft, sprang er pltzlich zurck,
umfasste einen jngern Offizier, der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im
Fenster des Erdgeschosses berhrte - in welcher Absicht, wusste der junge Mensch
nachher selbst nicht - und mit den Worten: Fritz, bist Du toll? schleuderte
oder ri der starke Mann ihn zurck. Fritz schrie Worte, die vor jedem Gericht
als Landesverrath gelten mussten, der Rittmeister ksste sie ihm von den Lippen:
Ja, Fritz, wenn's losgeht, schlagen wir ihn mit einander todt. Du nicht allein.
Fritz, Respect, ich bin Dein Onkel, Dein Chef, ich schlage mit. Aber jetzt,
Ordre parirt! - Muschenstill! Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen
und um die Schultern des Neffen geknpft. Der Neffe parirte auch, er schulterte,
ein Gliedermann, aber in der Hand den blanken Degen. - Platz! Platz! riefen
die Polizeimnner. - Retten Sie sich! riefen viele Stimmen aus den Gruppen;
die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern, deren Uebermuth
so oft doch ihre lauten Aeuerungen des Unwillens hervorgerufen hatte. Der
Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen und
ebenso rasch hatten wohlmeinende Brger den jungen Offizier untergefasst und ins
Gedrnge gefhrt. Er war gerettet, aber sein Retter - in der leuchtenden
Uniform, den blanken Degen in der Hand! Da steht er! rief der Kommandirende
der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen, den die Reiter schon von fern
gesehen, mit der Degenspitze an den Fenstern klirren. Platz! Platz! Der Platz
aber war gerade das, was fehlte und wo er noch war, trat die hlfreiche
Straenjugend ein, ihn zu versperren. Es war von je in ihrer Art, die Polizei zu
necken, und wir verschwren nicht, da sie der Patrouille falsche Weisung gab,
um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken.
    Aber auch der Rittmeister fhlte sich pltzlich von einem Mann unter den Arm
gefasst und fortgerissen. Eilen Sie, schnell dort um die Ecke! rief eine ihm
nicht unbekannte Stimme. Als sie um die Ecke waren, und der Offizier einen
Augenblick Athem schpfte, erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn
seines Freundes van Asten, der nur einen andern ihm frher erzeigten Dienst
vergolten hatte; es berkamen ihn aber andre Empfindungen, als die des
Dankgefhls, indem er den Schwei von der Stirn wischte. Ein Offizier darf doch
nicht Reiaus nehmen!
    Nicht vor dem Feinde, entgegnete Walter, aber vor einem Skandal. Schnell
fort, bester Herr von Dohleneck.
    Der Herr von Dohleneck, der, wenn auch nicht so viel als sein Neffe, doch
auch viel des sen Weines getrunken hatte, erhob den blanken Degen in die Luft:
Stehen oder fallen!
    Gegen die Franzosen, Rittmeister, nicht gegen die Polizei.
    Er zog ihn weiter. Aber der Rittmeister blieb wieder stehen. Er lehnte sich
an einen Brunnen. Das ist ja eine verfluchte Geschichte - Die noch bler
werden kann. Eine Verhhnung des Gesandten, eine Verletzung des Vlkerrechtes.
Um Gotteswillen kommen Sie, schnell - weiter. - Werfen Sie den Degen fort! -
Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen! - Wer sagt das! - Es ist ja
nicht Ihr Degen. Ein fremder Pallasch, den Sie einem Ruhestrer aus der Hand
rissen. Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide. - Ich will's bezeugen, wenn's zum
Schlimmsten kommt. Sie wollten nur Ordnung herstellen, Sie haben Ihren Degen
nicht gewetzt. - Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen. Es knnte sehr schlimm
werden, auerordentlich schlimm, Herr von Dohleneck.
    Hol' mich der und jener, das ist grade eine Geschichte wie damals bei der
Schlittenfahrt - Schlimmer, drngte Walter; damals profanirten Sie Luther,
der es Ihnen gewi vergeben hat, heut Bonaparte, der es nie vergiebt, nicht
Ihnen, nicht uns, nicht dem Knige. - Der Knig auch nicht! rief der
Rittmeister. Ach Gott, ich bin ja Katharina von Bora. - Besinnen Sie sich. -
Nein - richtig - ich war nur ihr Kammermdchen. Das ist alles eins. Wenn er's
erfhrt, bin ich kassirt. - Theuerster Herr von Dohleneck, ich wnschte, die
Weihe der Kraft berkme Sie, und Sie beschleunigten Ihre Schritte.
    Dabei blickte sich Walter um, ob nicht irgendwo eine Hausthr sich ffne, in
die er seinen Begleiter schieben knnte. Aber es war einige ruhige Strae, man
hatte mit der Brgerglocke geschlossen. Nur an den erhellten obern Fenstern
blickten Neugierige heraus. Es war nicht der aufsteigende Weingeist, der
schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte. Jene berchtigte Schlittenfahrt der
Gensdarmen-Offiziere, in der sie Luther, Katharina von Bora und deren
Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt, ein
Ereigni, das ganz Berlin in Aufruhr gebracht, hatte den langmthigsten Knig
aufs Empfindlichste gereizt: sein eigner Wille war diesmal durchgedrungen, und
wenn die Thter auch nicht so gestraft wurden, wie er fr angemessen hielt,
wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft, seit langer Zeit ein Ereigni, was
noch mehr berraschte, noch mehr von sich sprechen machte, als der tolle Streich
selbst. Er brauchte nicht der Erklrung, die man versucht hatte, da dieser oder
jener Minister, oder ihre Frauen, eine Pique gegen einen oder den andern der
Offiziere gehabt, es war der religise Sinn des Monarchen, der die Profanationen
rchte. Man wusste auch schon, da er derartige Krnkungen nicht verga, und
Die, welche damals der Strafe entgangen waren, blieben doch in seinem
vortrefflichen Gedchtni notirt.
    Da rollte eine Equipage vorber, von links und rechts, von beiden Seiten der
Strae zeigten sich berittene Piquets. Das Halt! welches Walter dem Kutscher
zurief, hatte eine glckliche Wirkung. Das war ein Moment. Im zweiten hatte er
den Kutschenschlag aufgerissen. Es sa nur eine Dame darin. Walter rief hinein:
Wer Sie auch sind, es gilt, einen Verfolgten retten. Kein Widerspruch, kein
Laut!
    Man wird sich nicht wundern, wenn die Dame, trotz des kategorischen Befehls,
ihm nicht ganz nachkam, denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin
Eitelbach erschrke nicht, wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem
Degen ohne ein Wort, ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt. Sie schrie
auf: Herr Jesus, was ist das! - Das folgende: Er bringt mich um! erstickte
aber schon auf ihren Lippen, als von denen des Offiziers unter einem schweren
Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach, dann die Worte: Ich kann nicht dafr!
Sie mochte die Stimme frher erkannt haben als den Mann, der auf den Rcksitz -
halb sank er hin, halb warf er sich. Der Degen rollte aus seiner Hand. Die
Baronin fing ihn auf; er war scharf - natrlich er war gewetzt, und an den
Sandsteinstufen des franzsischen Gesandten! - und sie verwundete ihre Finger. -
Nach Hause -- das schicken wir hier vorauf - kam sie, die Hand umwunden mit
ihrem Battisttuch. Ob sie sich selbst verbunden, ob der Rittmeister den
Chirurgen gespielt, darber schweigen unsre beglaubigten Nachrichten. Das war
der zweite Moment gewesen. Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen
und dem Kutscher zugerufen: Nun zugefahren, was das Zeug hlt! Der Kutscher
gehorchte pnktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl und der Wagen
kam unangefochten durch das Polizeipiquet.
    Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon. Das Husarenpiquet,
welches eben um die Ecke schwenkte, als der Wagen abfuhr, schien Miene zu
machen, ihm nachzusetzen. Der Kommandirende, welcher unsern Freund zu kennen
schien, salutirte ihm schon von fern leicht mit dem Sbel, um die Frage
einzuleiten: ob nicht ein Militair in die Kutsche gesprungen sei?
    Der Schlag ward geffnet, entgegnete Walter, und die darin sitzende Dame
nahm, wenn ich nicht irre, einen Bekannten auf.
    Ein Offizier mit blankem Degen? - Der Degen, wenn ich recht verstand, war
mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berhrung gekommen. - Kornet
Wolfskehl, rief der eine Husarenoffizier. Sagt ich's nicht! - Ich lasse mich
nicht tuschen, erwiderte der Kommandirende, das war Dohlenecks Statur. Sie
mssen ihn ja kennen, Herr van Asten? - Sollte der Rittmeister so jugendlicher
Tollheit zugnglich sein! Es war zu dunkel. Aber meine Herren, da entsinne ich
mich ja, der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine
Lhombrepartie eingeladen, Exzellenz Blchers wegen. War Lombard oder Herr
Crelinger der Vierte, darber bin ich nicht recht gewi, aber - warten Sie, - es
wird mir gleich einfallen - Der Kommandirende lchelte: Wir danken fr den
Avis. - Kornet Wolfskehl wird wohl zu fangen sein, meinte der Zweite.
    Die Husaren sprengten ihrer vorausgeeilten Patrouille nach. Wir verschwren
nicht, da in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretr nicht die
wohlmeinende Absicht mitgespielt hat, dem Verfolgten Zeit zu lassen.
    Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glcklich der Polizei und den
Husaren, und als er vor dem Hause der Madame Braunbiegler hielt, war nichts
Gefhrliches passirt, als da eine Scheibe im Kutschenschlage - wahrscheinlich
durch einen zuflligen Ellenbogensto - entzwei gegangen war. Auch hatte sich
seltsamer Weise ein Fugnger, nach einer Verstndigung mit dem Kutscher, zu ihm
auf den Bock gesetzt. Dieser war, schneller als der Kutscher herab gesprungen,
und bereits verschwunden, als letzterer sich langsam herunter machte, um, in
Ermangelung eines Bedienten, den Wagen zu ffnen. Ehe das geschah, hatte sich
aber die Wagenthr gegenber schon von selbst geffnet und der Rittmeister war
nach einem langen zrtlichen Ku auf die Hand der Baronin entschlpft.
    Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft
hinaufgestiegen. Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu
thun. Ein Glck, da die groe Gesellschaft, welche sich noch spt bei der
Braunbiegler versammelt, mit andern Dingen beschftigt war, um auf ihre
Verlegenheit Acht geben zu knnen. Diese Verlegenheit htte sich eigentlich noch
um ein Bedeutendes steigern mssen, als die Wirthin ihr mit dem Bedauern
entgegen kam, da sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe, sie hoffe,
es werde doch nicht ble Folgen haben. Die Wirthin hatte nicht Zeit, ihr
Errthen zu bemerken, sie hatte berhaupt in dem Gewirr nicht Zeit fr einen
einzelnen Gast. Auch Andere, die an ihr vorber streiften, beklagten die schne
Hand. Es wird aber gewi nichts auf sich haben. Wusste denn Jeder nicht nur
die Thatsache, sondern schon das Mrchen, was sie sich knstlich zurecht gelegt,
um die Wahrheit verbergen zu drfen? - Von wem hatten sie's erfahren? - Gott sei
Dank, da sie wenigstens das nicht gehrt, von dem nichts wussten, was - es war
das erste Geheimni, was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg. Die Brust
blutete vielleicht heftiger als die Hand.
    In solchen Stimmungen kann eine groe Gesellschaft, wo Keiner Zeit und Raum
hat, auf den Andern Acht zu geben, zur Wohlthat fr ein gengstetes Gemth
werden. Ein Hofmann htte es eine gemischte genannt, sie bestand mehr aus den
Optimaten des Reichthums als der Geburt. Der Reichthum hing von den Decken als
Kronenleuchter, Armleuchter, Festons, Seiden- und Damastgardinen; er lastete in
den Aufstzen der Nischen und Ecktische, in den Teppichen auf dem Boden, vor
allem auf und an der Wirthin. Zum Schildern ist nicht mehr Zeit. Die Juwelen,
Ketten, Ringe, Aufstze, die Madame Braunbiegler vom Wirbel bis zum Grtel, von
den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug, waren in Berlin sprichwrtlich.
Reichthum, berall, wohin man sah, nicht ausgebreitet, sondern aufgeschichtet,
lastend, prahlerisch, ohne Geschmack. In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung
der Lebendigen, der Hauch, der ber eine Gesellschaft hinfliegen soll, den
Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen.
    Der Patriotismus hier war anderer Schattirung als der, welcher den Scheiben
des franzsischen Gesandten gedroht. Das groe Ereigni, welches die Straen,
die hheren Kreise heut Abend in Bewegung versetzt, die diplomatischen in
Entsetzen, hatte weniger Wirkung hervorgebracht. Man betrachtete den Krieg als
etwas Ausgemachtes, Nothwendiges, die Dehors desselben kmmerten die Anwesenden
weniger. Nur die jngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die
sechs neuen eben erschienenen Kriegslieder, komponirt von Helwig, zu singen.
Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preuen von Karl Mchler,
komponirt von Mappes: Endlich tnt der Ruf der Lust!
    Aber es war ein anderer, nher liegender Gegenstand, der die praktischen
Leute beschftigte. Gestern war eine Frage entschieden, die schon Wochen lang
die Gemther beschftigt hatte: ob die Infanteristen Mntel haben mssten? Es
war eine Frage gewesen, so wichtig, so ernst behandelt und so lebhaft als irgend
eine, welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin,
von den Spitzen der Thrme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden
und dort ihre Streiter gefunden hat. Fragen wie die, ob das neue Jahrhundert um
Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden msse, ob Fleck oder Iffland
ein grerer Schauspieler, Friedrich oder Napoleon ein grerer Feldherr
gewesen?
    Es war eine ungeheure Neuerung, das gestand sich Jeder, Vielen schien sie
gefhrlich, weil den Franzosen nachgebildet. Ja, ein Husar, ohne Mantel gedacht,
war kein Husar mehr; aber was blieb er noch, wenn auch Musketiere, Fsiliere,
Grenadiere Mntel erhielten! Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie
schien ber den Haufen geworfen, ein so unbersehbarer Eingriff in die
bestehende Ordnung, als heute Vielen eine Gemeindeordnung bednkt, die den
Unterschied von Stadt und Land aufhebt. Friedrich hatte mit einer Infanterie
ohne Mntel gesiegt, er musste doch wissen, warum es so besser war. Ein guter
Soldat mu nicht frieren, wenn sein Knig befiehlt, da er warm ist. Aber die
Neuerer hatten eingewandt, da auch der Infanterist ein Mensch ist, und da
jeder Mensch friert, wenn es kalt ist, da der Regen den einen durchnsst wie
den andern, da der Krieg seit Friedrich eine andere Faon angenommen, da
Napoleon die Winterkantonirungen nicht mehr respektire, da er seine Feinde zu
Winterfeldzgen nthigte.
    Die Mntelpartei hatte gesiegt. Gestern hatte ein Erla der Geheimen
Ober-Finanz-, Kriegs- und Domainen-Direktion das Publikum davon avertirt: wie
Seine Majestt, der Knig, schon lngst darauf Bedacht genommen, da der Soldat
im Kriege nicht frieren drfe, und wie es Seiner Majestt Wunsch sei, da alle
seine braven Krieger eine wrmere Winterkleidung erhielten, namentlich die
Infanterie Mntel mit Aermeln, die Kavallerie wollene Unterhosen. Da aber
selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwrtiger Zeit auf
mannigfache Schwierigkeiten stoe, so werde die Bereitwilligkeit der Nation
angerufen, das Unternehmen des geliebten Landesvaters zu untersttzen und ihren
warmen Patriotismus durch die That zu bewhren.
    Mntel! war das Loosungswort durch die Stadt, im Civil, whrend das Militr
nur Krieg wollte, mit oder ohne Mntel. Zum ersten Mal war das Publikum
aufgerufen, ein groes Werk des Allgemeinwohls zu untersttzen, ja die
Initiative war ihm in die Hand gegeben. Wen darf es wundern, wenn es umher
brauste und schwirrte, eine Thtigkeit sich entwickelte, die sich selbst hemmte
und verwirrte. Der Staat hatte bisher fr Alles gesorgt, nun sollte der Brger
nicht allein fr sich, auch fr den Staat sorgen! Kommissionen und Ausschsse zu
bilden, wo sollte man gelernt haben, was sich jetzt von selbst macht! Der
Magistrat, der es in die Hand genommen, fand dafr kein ander Mittel als eine
Subskription, die von Stadtverordneten Haus fr Haus umhergetragen werden
sollte. Das war ein langer Weg. Aber nun fhlte sich Jeder berufen, auf seine
Hand es in die Hand zu nehmen; die Nhterinnen und die Geheimrthinnen, auf den
Kanzeln und in den Werkstuben, im Theater und in den Weinhusern, auch in andern
Husern, es war berall nur ein Wort, berall wollte man helfen, noch lieber
Rathschlge geben, wie man helfen knne.
    In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite.
Auf dem Conto Debet stand Patriotismus und Tuch. Was Madame Braunbiegler
gezeichnet, konnte man auf ihrem strahlenden Gesichte fast in Zahlen lesen. Die
Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gste ab; auch sie las auf jedem
Gesichte, wie viel ist der Mann werth? Wie viel htte er zeichnen mssen? Wie
viel hat er zu wenig gezeichnet? Wie viel zu viel, um sich hher zu stellen?
Endlich - wie tief stehen sie alle unter dir!
    Ihr zunchst musste der Baron Eitelbach stehen. War er doch ihr Kompagnon! -
Aber er stand nicht, er ging, er flankirte mit seinem strahlenden Gesicht durch
die Gruppen.
    A propos, ma belle! rief der witzige Baron, als er seine Gattin zu Gesicht
bekam, was ist denn das fr ein Kutschenfensterscheibengestoe? Denkst Du, Glas
kostet kein Geld? Werde die Thren mit Brettern vernageln lassen, profit tout
clair! Dann sieht auch Keiner, mit wem Du drin sitzest. - Du weit - Ihre
weien Perlenzhne starrten ihn an. Ziert sich, weil er ihr den schnen Arm
kssen will, und stt dabei die Scheibe ein. Ihre Perlenzhne verschlossen
sich, aber ihre schnen Augen wurden grer. Mir schenkt man reinen Wein. -
Jetzt erst platzte das Um Gotteswillen wer? heraus. Wer anders als der
Legationsrath! Was war's denn nun, da er zu Dir in die Kutsche sprang? Mu man
sich darum so haben? - Der Legationsrath? - Ist ein gescheidter Mann und
wird nicht plaudern. - Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn. - Man kann
Viele nicht ausstehn, ma chre, und trinkt doch mit ihnen Brderschaft.
    In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an. Ma chre, verstehe mich.
Die Sache ist ganz simpel. Wandel reitet mit Achten vorgespannt ins Herz der
Braunbiegler - Wenn's zum Klappen kommt, wird sie - den Teufel - so dumm sein
und einschlagen. Aber 's ist doch die Mglichkeit, wer kennt die Weiberherzen. -
Und ein solcher Kompagnon ins Geschft, na, da gratulire ich! Also - Was
denn? - Um's kurz und klein zu machen, la ich Dir von ihm die Cour machen, so
viel er Lust hat, und wenn er zu Dir in den Wagen springt, schrei nicht auf. -
Der Legationsrath! Weiter wusste die schne Frau nichts zu sagen, denn der
Legationsrath stand vor ihnen. Es ging zur Tafel. Der Baron legte den Arm seiner
Frau in den des Rathes: Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung. Sein Sie
liebenswrdig, so viel Sie knnen, es wird Niemand eiferschtig - In sich
lachend, setzte er hinzu: - auer wer es soll!
    Das Opfer ging neben Dem, dem sie geopfert schien. So roh, widerwrtig, war
ihr Gatte ihr nie vorgekommen. Wandel ging im wrdigsten Ernst. Er sprach
Gleichgltiges, unbefangen. So war er bei Tisch der liebenswrdigste Nachbar,
aber sein Gesprch, seine Erzhlungen waren fr Alle, sie mussten Jeden
interessiren. Der Baron hatte seine Absicht nicht erreicht, die Braunbiegler
ward nicht eiferschtig, die Baronin aber sa auf Kohlen.
    Nachher kam ein Moment, um mit Wandel, in eine Fensternische von den
Aufbrechenden zurckgedrngt, unbemerkt ein kurzes Gesprch zu pflegen. Um
Gotteswillen, was ist das? Wandel antwortete, mit der Quaste der Gardine
spielend, als unterhalte er sich mit seiner Dame ber irgend eine Trivialitt:
Seien Sie unbesorgt. - Ich bin, ich bleibe der Wchter Ihrer Ehre - der
Kutscher ist von mir gewonnen: es wird noch Alles gut werden, wenn Sie sich
nicht selbst verrathen. - Mein Gott, Herr von Wandel, wie komme ich dazu! -
Still! Ich beschwre Sie, nur keine Emotion! Sie haben sich beherrscht, ich
habe Sie bewundert. Fahren Sie so fort. In meiner Brust ruht Ihr Geheimni wie
im Schoo der Erde - vertrauen Sie mir - Aber, lieber Gott, wenn ich's recht
bedenke, was ist es denn eigentlich - Denken Sie nicht, um Gotteswillen,
denken Sie jetzt nicht. Dem Reinen ist Alles rein, aber wer ist vor Diesen rein?
Ein Rendezvous in der Kutsche - bei Nachtzeit - Ihre verwundete Hand! die
zerschlagene Scheibe - die Lge! O verzeihen Sie, ich rede nur, was Diese reden
wrden. Grsslich, wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprchs - Nein,
nimmermehr! Denken Sie nicht, Sie sind in Agitation - lassen Sie jetzt Andre fr
sich denken, die ruhiger sind, die wenigstens ruhiger scheinen, setzte er
seufzend hinzu. Sie reichte ihm bewegt die Hand: Sie meinen es gut. - Gndige
Frau, sagte er, respektvoll zurcktretend, Mancher ist doch besser, als man
glaubt.
    Charmant! sagte der hinzutretende Baron, um seine Frau fortzufhren.
Kontinuiren Sie, Herr Legationsrath, noch bin ich nicht eiferschtig. Aber was
nicht ist, kann noch werden.

                         Sechsundsiebenzigstes Kapitel.



                             Nur eine Kleinigkeit.

Es war schon Nacht, als Walter mit seinen Erkundigungen in das Hotel des
Ministers zurckkehrte. Depeschen wichtigen Inhalts waren diesem kommunicirt
worden: Napoleon hatte endlich offiziell dem Berliner Kabinet die Stiftung des
Rheinbundes notifizirt mit einer formellen Aufforderung, dieser Konfrderation
zum Wohl des gesammten Deutschlands beizutreten. Ein bittrerer diplomatischer
Hohn lie sich kaum denken. Eben als Laforest von seiner Meldung zurckgekehrt,
hatte er die Serenade der Gensdarmen empfangen!
    Walter meinte, da Laforest zu verstndig sei, eine Insulte trunkener
Jnglinge anders zu betrachten, als sie war.
    Gewi, hatte der Freiherr erwidert, Napoleon wird um dieser Albernheit
willen keine Stunde frher losschlagen, als seine Absicht ist. Aber eben, weil
wir und er noch nicht gerstet sind, weil wir beide die Maske der Freundlichkeit
noch nicht abwerfen drfen, zu welchen Lgen zwingt uns abermals die
Unbesonnenheit! Man mu die jungen Leute hrter strafen, als nthig. Hardenberg
mu wieder mit sschwellenden Lippen Betheuerungen unserer freundschaftlichen
Gesinnung machen. Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit, setzte er hinzu,
des Allesgehenlassens, da sich Zustnde, Stimmungen entwickeln, die naturgem
heraus mssen; wir lieen sie zu, wir nhrten sie sogar, und wenn es zur
Explosion kommt, erschrecken wir, stehen rathlos, und mchten mit Keulen das
Kind zurckschlagen, das aus der Mutter Leibe will.
    Der Minister stand wieder am offenen Fenster. Athmete er die frische
Herbstluft ein, oder verfolgte sein Auge das sternenbesete Firmament? Zuweilen
schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen, deren Tne der Luftzug aus
entfernten Tabagieen und Grten herantrug. Es war immer der Dessauer Marsch.
    Der alte Dessauer sang ja auch wohl die Kirchenlieder nach der Weise! - Es
ist Alles hier eine Weise. Das ist's, was den Muth dmpft. Walter meinte, in
Ansichten sei doch eine Musterkarte vorhanden. Nein, die Uniform ist ins Blut
gedrungen. Das ist's! das ist das Uebel. Ein Knig war einmal ein Wtherich der
Sitte, da wurde das Volk puritanisch, ein anderer ein Freidenker, da wurden sie
Freigeister. Dann Libertins, zur Abwechselung Trumer, magnetisch verzckt,
Geisterseher. Aus Ueberdru auch wieder tugendhaft, huslich. Sie wren
Encyklopdisten, Freimaurer, bureaukratisch fischbltige Jacobiner geworden,
wenn Menken lnger gelebt, und Beyme nicht in die Stricke der Andern gefallen
wre! - Und was das Uebelste vom Uebel, sie halten diese Virtuositt des
Nachspringens noch fr Bravour und Tugend. - Und hat nicht diese Virtuositt
oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht, was er ist? - Respekt vor dem
Geschlecht, junger Freund! Die groen Mnner waren es, die Riesengeister, von
jenen Bergen stammend, auf denen auch der Hohenstaufen in die Wolken sah.
    Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken. Der
Minister musste den lchelnden Zug um seine Augen verstanden haben; es lag
wieder etwas wegwerfende Hrte in seinem Ton: Sie knnen nicht dafr, da Sie
es nicht begreifen. Ihre ganze Erziehung, die Bildung hier ist daran schuld. -
Es war ein Experiment, wie es in der Weltgeschichte noch nicht einmal
vorgekommen. Da eine Dynastie, ein Frstengeschlecht ein Volk machte!
Zusammengeleimt widerstrebende Theile mit seinem Blute. Ich sage Ihnen, ich habe
den hchsten Respekt vor diesem Blute. Welche Eisentheile, welche
Attraktionskraft, Klarheit mu die Schpferin Natur da einmal in ihrer
bermthigen Laune hineingegossen haben! Aber wenn ein Volk, wenn Stmme, wenn
die Natur selbst darber untergingen, dann erlaube ich mir wenigstens eine
Thrne an ihrem Grabe. -
    Nach einer Pause hub er wieder an: Ich sage Ihnen, ohne Aristokratieen ist
kein Leben in der Natur, kein Fortschritt in der Menschheit. Die Weltgeschichte
wre ein mongolisch-chinesischer Brei, ohne Halt, Erhebung, tragische Gre.
Wenn man die Kirchtrme abbricht und die Schornsteine hher mauert, die Berge
planirt und mit Schubkarren Hgel auffhrt, ist das Ersatz? Was wre der Erdball
ohne sein Granitgerippe, das ihn zusammenhlt gegen Orkane und Fluthen, Wlle
gegen Sonnenbrand und Steppensand! Wo entspringen die Flsse? In dem ewigen
Schnee, der auf ihren Firnen lagert. Die Menschennatur ist nicht anders. Hab'
ich eine Stimme wie die Catalani? Sind Sie schn wie Adonis? Knnen wir's uns
geben? Sie wrden mich, ich Sie einen Thor nennen, wenn wir danach trachteten.
Wohin hat die Gleichmacherei der Jacobiner gefhrt! Frankreich seufzt unter
einem neuen Marschallsadel; so dnn plattirtes Gold es sei, das Volk mu es von
seinem Schweie hergeben, wie es die Sckel der Direktoren fllen, die
Guillotinen mit seinem Gelde bauen musste! Ist der alte Adel darum todt? Er
lauert nur, und lsst seine Ngel wachsen, ums wieder an sich zu scharren, wenn
die Gelegenheit kommt. Das die Wirkung der Impetuosen.
    Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahrhunderts und darber. Wir
sehen nicht mehr die Arbeit, nur das fertige Werk. - Ist es fertig? - Er
schttelte den Kopf. - Was wre der schnste Gliederbau werth, dem der Kopf
fehlte? - Man fngt an, auf Friedrich zu schmlen. Man hat Unrecht, auch der
wackere Arndt irrt. Was er als Snde des Individuums zchtigt, war nur der
Instinkt des Blutes, es war die wunderbare Aufgabe der Dynastie, die Naturen und
ihre Summitten zu ertdten, um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen.
Wr's ihnen gelungen, gelingt es ihnen, dann sind sie im Recht, es war eine
Mission, eine Aufgabe von Gott, aber -
    Das pltzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet,
welche den Willen, ein Gesprch abzubrechen, andeuten. Er wollte Widerspruch.
Walter aber lenkte es von einer Seite ab, von der er wusste, da sie fr den
Freiherrn immer empfindlich war. Er lenkte es auf die Fragen hin: ob denn die
groen Reorganisationsplne des Staatsmannes grade in dem kritischen Augenblicke
an der Zeit seien?
    Jetzt oder nie! fiel der Freiherr ein. Preuens Geschichte la ich als
eine seltene Raritt unberhrt. Wir empfingen das Werk mit dem Stempel, den
seine Schpfer darauf gedrckt. Diese Schpfer sind todt. Und wenn sie als
Geister aus ihren Grften um uns schwebten, sie knnten uns doch nicht
zuflstern, was wir thun mssen, denn ihre Kenntni ist aus ihrer Zeit. Wir
mssen aus der schpfen, die ist. Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im
strmischen Meere. Seine Kapitne und Steuerleute sind gestorben, ihre Papiere
verloren, selbst die Traditionen, wohin es steuern msse, sind es. Was soll man
thun? Die Hnde in den Schoo legen, es den Winden berlassen, wohin sie
treiben? - Ja, dann verdienten sie, Mann und Maus, elendiglich auf dem Wrack
umzukommen. - Nein, das Volk wird zusammentreten, berathen, die Tchtigsten aus
sich, die Erfahrensten, die Khnsten auswhlen, sie in die Masten schicken,
ihnen das Steuer in die Hand geben, und, mit Gott, sie werden thun, was an ihnen
ist, sich und das Fahrzeug zu retten. - Ein solches Schiff ist Preuen, ein
solcher Augenblick ist dieser. - Jetzt gilt es das Volk aufrufen, jetzt oder
nie. Erwacht, erwgt, was es Euch ist, dies Vaterland, ob es werth, da Ihr
Alles dran setzt, Alles, nicht nur Gut und Blut, auch die Gewhnung, das
eingeschrumpfte Dasein, den Stolz. Sie mssen neu geboren, sie mssen wieder
Kinder werden, um der Gnade empfnglich. - Und wenn das Volk den Ruf nicht
hrte! - So haben wir gerufen, und der Schall vibrirt fort durch die Luft - er
weckt nach uns, Andre werden uns hren, wenn wir lngst untergegangen.
    Der Freiherr ging wieder in Gedanken versunken auf und ab. Er blickte noch
einmal zum Fenster hinaus, und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und
Klarheit auf das charakterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben, als er
zurckkehrend sich Walter gegenber am Tische niedersetzte. Wir drfen uns
nicht in Empfindungen verlieren, es drngt. Nehmen Sie wieder die Feder -
Walter schrieb - hingeworfene Stze, die von den Lippen des Ministers, wie ein
immer lebendigerer Quell, sprudelten. Gedenken Excellenz auch dieses Memorial
durch die Hand der Knigin an die hchste Stelle zu befrdern? - Ja, die
Knigin - wenn sie -! Die Gedanken flogen, sie drngten und berstrzten sich,
konvulsivisch, wie die Bewegungen der Lippen. Und warum es uns verhehlen, was
eine nur zu sichere Ahnung uns sagt! Auch dieser Versuch wird scheitern! Zu
einem Titus in Tagen des Friedens war er geboren. Die Zeit forderte einen Sulla.
Dieser brgerliche Gerechtigkeitssinn reicht aus in Zeiten, wo das Rechte
aufhrt. Da es da ein Hheres giebt, was der geweihte Priester aus den Wolken
greifen mu, wer darf ihn tadeln, da ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht.
Er hat eine Scheu vor auerordentlichen Schritten - es wird ad acta gelegt
werden wie das andere. Sollen wir darum nicht unsere Pflicht thun? - Wir werden
Napoleon unterliegen. - Seiner Uebermacht? - Nein, unserer Unmacht! Unserm
Dnkel, der den im Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht. -
Schreiben Sie weiter - Und mit dieser Vorahnung - Vorbewusstsein,
korrigirte der Minister, will ich ihnen einen Spiegel hinhalten. Desto besser,
wenn sie ihn im Zorn zerschlagen, weil sie so hsslich darin aussehen. Wenn die
Zuchtruthe des Herrn ber sie kommt, lernen die Vlker beten. Mit Gebet allein
aber, mit dem Insichgehn ist's nicht gethan, sie sollen aus sich herausgehn. An
Verstand hat's nicht gefehlt, aber an Muth, ihn auszuprgen. Wir werden nicht
ernten, aber sen wollen wir. Der Krieg wird die Saat zerstampfen, aber ein
Krnlein geht doch auf.
    Es war lange nach Mitternacht, als Walter die Feder niederlegte. Es war
nicht ungewhnlich, da der Minister nach gallichten Ergssen seiner Heftigkeit
selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte. Zur Ruhe zurckgekehrt, hrte
er sie auch ruhig an. Walter glaubte, da er in mehreren Punkten die
Wirklichkeit schwrzer gemalt, als sie sei.
    Das ist nur der Fluch der Parteistellung. Im Eifer fliegen wir ber das Ma
hinaus, in der Anschuldigung wie in der Vertheidigung. Es lsst sich nicht
anders thun, der redlichste Wille wird unterthan dem Zwecke. Gtter sind wir
nicht, und der Allmchtige wird wissen, warum er uns nicht Engelsseelen gab. -
Uebrigens solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel. Heim braucht
jetzt Arsenik, wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will.
    Walter legte aufstehend die Papiere zusammen. Die Sitzung war geschlossen.
    Drauen klirrten Schleppsbel auf dem Pflaster, junge Offiziere, von einem
verspteten Zechgelage heimkehrend, gingen lachend und singend vorber.
    Es sind Theilnehmer an der Bravade von heut darunter, sagte Walter, der
sich dem Fenster genhert hatte. Sie sind des Erfolges sicher.
    Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulte: Und welchen andern, mein
Freund, htte diese Bravade gehabt, wenn ein Jahr frher! Damals htte es znden
mssen. Damals, als das Pulver gestreut lag. Laforest htte seine Psse fordern
mssen, es ging nicht anders. Hardenberg htte sie ihm auf der Stelle zugesandt
- der Sturm war los, die Schleusen gebrochen, und die Sonne von Austerlitz wre
anders untergegangen! Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern!
- Warum da nicht? Warum zu spt? Das sind die Fragen, die unsere Philosophie aus
ihren Angeln heben.
    Der Ministerialsekretr war schon aus der Thr, als er ihn wieder
zurckrief. Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten, klein fr Sie,
gro fr mich. Es liegt mir viel, sehr viel daran, da Bovillard Zutritt bei
Hofe erhlt. Grade jetzt, wenn das Memorial eingeht. - Er wird eigensinnig
bleiben. - Thun Sie mir da den Gefallen und gehn zu dem schnen Mdchen, ich
meine seine Braut. Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor, da ihr eigen Glck
davon abhugt, seine definitive Placirung. Wenn sie um Audienz bei der Knigin
bittet, wenn sie das Sentiment, ihre eigne Herzenslage schildert, wird es ihr
nicht schwer werden, auch Luisens Herz zu rhren. Die Lafontaineschen Romane
spuken da noch immer. Ein Familienjammer ist auerordentlich wirksam. Sie kann
ja auch einflieen lassen, da nur auf diese Weise die Abneigung des alten
Bovillard zu bewltigen ist.
    Walter schwieg: Liegt denn Euer Excellenz so - beraus viel an - An
Kleinigkeiten, fiel ihm der Freiherr ins Wort. Die Kieselsteine, die in ein
Rderwerk, der Staub, der in eine Taschenuhr fllt, soll der Mller und der
Uhrmacher sie liegen lassen, weil er der Vortrefflichkeit seiner Maschinen
vertraut? Ja, Lieber, der Staatsmann, der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten
brauchte, wre grer, als je Einer in der Welt es war. Sie sind da, um unsern
Scharfsinn wach zu halten, und der sie nicht ergreift, wo sie ihm gnstig sind,
versndigt sich vor dem, der sie ihm in die Hnde spielte. Also morgen schon, wo
mglich. - Excellenz, wie komme ich dazu? - Sie waren ja ihr Lehrer. Einige
Schmeichelworte, einige Autoritt. Einem so beredten Lehrer schlgt eine
Schlerin nichts ab. - Excellenz, diese Aufgabe - Kostet Sie Ueberwindung.
Desto ehrenwerther. Haben Sie vielleicht selbst einmal - zu tief in die schnen
Augen geblickt? - Um so schner noch Ihre Aufgabe. Wir sind Alle zur Entsagung
geboren.

                         Siebenundsiebzigstes Kapitel.



                                  Zur Knigin.

Es war ein seltsames Zusammentreffen. Die Frstin Gargazin war heute mit einem
Gedanken aufgestanden, der sie beim Frhstck beschftigte. Sie wollte bei der
Knigin eine Audienz erbitten, um Adelheid zu prsentiren. Vielleicht die Frucht
eines Traumes; auch unsere Trume sind nur die Frchte einer Saat, die wir
selbst geset. Adelheid fing an sie zu geniren. Weshalb? - Das Gesetz ihres
Zusammenlebens war ja, da Keine die Andere geniren durfte! Und doch - zuweilen,
wenn ihre Blicke sich begegneten, schlug die Frstin die Augen nieder. Die Augen
des Mdchens leuchteten so hell und klug. Sie erinnerte sich unwillkrlich an
das, was Wandel ber sie gesagt. Warum blieb er kalt vor dieser Schnheit? Warum
empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart? - Wandel war ein blasirter Mensch,
aber - ein Menschenkenner, es war etwas, worin Beide in ihren Gefhlen stimmten.
- Und was sollte das Mdchen noch in ihrem Hause! - Kaiser Alexander war fern,
er hatte andere Gedanken; wenn er kam, kam er im Kriegerrock, und dann - dann!
Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl. - Und wenn Krieg ward, was
sollte Adelheid in ihrer Begleitung! - Aber was sollte sie bei der Knigin? -
Das wrde Gott am besten fgen. Die Frstin war heute von einem Gottvertrauen,
das durch die Ereignisse bestrkt werden sollte. Denn whrend sie noch am
Frhstckstisch sa, war die Hofdame der Knigin, Frulein von Viereck,
vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Knigin
gesprochen, da Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestt noch nicht
vorgestellt. Die andern Dinge waren bald bei Seite geschoben, die Viereck war
nur darum gekommen. Die Knigin durfte es nicht offiziell wnschen, auch war die
Faon schwer zu finden, wie die Frstin das junge Brgermdchen prsentiren
solle. Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangirt werden. Die
Kammerfrau der Knigin, Mamsell Schadow, war eine Bekannte der Alltagschen
Familie. Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen, und so wenig dabei etwas
Aufflliges war, konnte es sein, wenn Ihre Majestt bei der Gelegenheit das
junge Mdchen traf.
    Die Frstin war ber den Vorschlag um so mehr erfreut, als sie nicht nthig
hatte Mutterrolle zu spielen. Sie frchtete nur Widerstand von dem kaprizisen
Kopfe ihres Schtzlings, eine Befrchtung, die um so grer ward, als sie hrte,
da Herr van Asten sich schon frh am Morgen bei Adelheid melden lassen, da er
angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei. Was wollte der abgesetzte
Liebhaber bei ihr! Er konnte doch nicht beabsichtigen, seinen Nebenbuhler und
Freund wieder aus dem Sattel zu heben? Das Kammermdchen hatte zwar an der Thr
gehorcht, aber nichts von Thrnen und Betheuerungen. Die Sprache hatte so ernst
geklungen, feierlich und - doch auch zrtlich, meinte das Kammermdchen. Sie
musste die Sprache, welche drinnen gesprochen ward, nicht verstehen.
    Jetzt ging er. Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe. Die Frstin
sah durch die Glasthr wenigstens den Abschied. Der junge Mann schien verndert,
aber zu seinem Vortheil, seine Haltung war fester, entschlossener, vornehmer. Er
ergriff Adelheids Hand, er schien sie an die Lippen bringen zu wollen, aber
besann sich. Er hob sie nur bis ungefhr an die Brust und drckte dann seine
Hand darauf. Er sah sie dabei nicht zrtlich, aber innig an. Sie musste ihn
wieder so ansehen. Sie sprachen noch einige Worte, welche die Gargazin nicht
hrte. Dann war es Adelheid, welche ihm krftig die Hand schttelte und etwas
ihm nachrief. Als er verschwunden, kehrte sie um und trat durch die Glasthr.
    Sie war nicht betroffen, als sie der Frstin hier begegnete. Das
Betroffensein war an der Gargazin, als Adelheid ohne Umschweife, bescheiden,
aber kurz und entschlossen, mit der Bitte vorrckte, die Frstin mge ihr
vergnnen, die Knigin heut um eine Audienz angehn zu drfen. -
    Mamsell Schadow empfing das schne Mdchen mit Herzlichkeit, obwohl sie
wusste, da der Besuch nicht ihr gelte, und fhrte sie sogleich in den Garten
und in den Gang, wo die Knigin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte.
    Wir gehen hier an den Gebschen langsam auf und ab, und wenn sie kommt,
thun wir, als shen wir sie nicht. Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen
will, was man gleich merkt, treten wir ins Gebsch zurck. Will sie uns aber
sehen, dann thun wir sehr berrascht und etwas erschrocken. Das lieben die hohen
Herrschaften und dann encouragiren sie uns.
    Eine Mittheilung der Schadow war aber nicht geeignet, Adelheid zu
encouragiren. Ihr Vater, der Geheimrath, hatte vor einigen Tagen eine kurze
Unterhaltung mit der Knigin gehabt. Adelheids Name war dabei genannt worden.
Das ist schade, das darf nicht sein! hatte die Knigin geuert. Nachher hatte
die Schadow Ihre Majestt zur Viereck sagen gehrt: Ich mu das junge Mdchen
einmal sprechen. Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit
Louis Bovillard. Die Mutter betrachtete sie als ein Glck. Sie wusste von
huslichem Verdru deshalb. Ueber diesen Kampf war Adelheid hinaus. Beim
kindlichsten Gefhl der Dankbarkeit fhlte sie sich frei geworden. Sie hatte es
keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt: Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andere
Welt, wo andere Gesetze gelten. Wenn ich mich den Pflichten unterwerfen musste,
die sie fordern, so darf ich auch ihre Rechte fr mich anrufen So war ungefhr
der Sinn eines Gesprches, in dem der Vater unterlegen war. Es war ja nicht
eigentlich sein Departement; er fhlte, da der Geist seiner Tochter auf
Fittigen flog, die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen. Nun, wenn er in
seinem Mimuth Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben, so
fhlte Adelheid eine andere Lebensluft in sich. - Sie fhlte sich nicht
decouragirt.
    Die Knigin kam, aber nicht allein. Ein Kavalier ging an ihrer Seite, mit
dem sie in lebhaftem Gesprche schien. Es war ein stattlicher, schner Mann, von
einem gewinnenden Ansehen, jede Bewegung weltmnnische Grazie, obwohl sein
rechter Arm, frh vom Schlage getroffen, gelhmt an der Seite hing. Graf Hoym,
flsterte die Schadow, der Viceknig von Schlesien. Wir mssen zurcktreten.
Beide gingen vorber, und die Knigin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich
nicht.
    Palm! Palm! lieber Hoym, das bleibt doch das Abscheulichste. - So
unschuldig, in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern - um - o mein Gott,
ich glaube oft seinen Schatten zu sehen, wenn ich unter diesen Bumen gehe. -
Die Hunderttausende, gndige Frau, die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel
traf - Nein, Hoym, das ist nicht das. Er schreitet ber Leichen, das ist der
Weg des Grsslichen. Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater - Das
Suseln der Bume und die grere Entfernung nahmen die andern Worte fort.
    Wie fhlen Sie sich, meine Liebe? fragte die Schadow, um ihr Muth zu
machen. Nur Geduld es wird Alles ganz gut gehen. - Mich dnkt, die arme
Knigin ist in groer Aufregung. Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter? -
Die arme Knigin! Sie haben Recht, sie so zu nennen. Ach, unter uns, sie hat
Niemand, dem sie ihr Herz ausschtten knnte. Ihr Herz? Das war ein kluger
Blick, welcher der Kammerfrau Muth machte, mehr zu sagen, als Kammerfrauen
eigentlich drfen.
    Ja, wenn sie ganz ihrem Herzen leben drfte! Dafr hat sie ihre Kinder,
ihren Gemahl, sich selbst; aber die groen Staatsangelegenhriten mssen
frchterlich stehen. Das, ich mchte sagen, zersprengt ihr oft das Herz. Liebe
Demoiselle Alltag, ich mchte Manchen, der die Knige beneidet, einen Blick da
hinein thun lassen, und sie wrden Gott danken, da sie so glcklich in ihrem
Hause sind.
    Die Spaziergnger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorber. Die
Knigin schien noch immer in derselben Stimmung: Er sieht die ganze Gefahr,
klar und deutlich. Er knnte retten, und diesen einzigen Mann, der retten
knnte, ihn lsst man brach liegen. Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte
hren: Aber der Freiherr von Stein -
    Die Schadow hatte Adelheid tiefer ins Gebsch gezogen.
    Das ist ihr Hauptkummer jetzt. Unsereins darf freilich nichts davon wissen,
und noch weniger sich darum kmmern, aber man msste ja nicht Ohren und Augen
haben. Je mehr es eine hohe Person schmerzt, um so heftiger bricht es
unwillkrlich heraus, und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Geschpfe,
die es angeht und die es verstehen. - Ihre Majestt wnscht den Freiherrn von
Stein zum Rathgeber des Knigs? Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an: Das
wissen Sie auch! - Man mag im Publikum freilich Manches wissen, von dem die
hohen Herrschaften glauben, da sie es allein besitzen. Es ist so. Der Herr hat
sich bei Hofe nicht beliebt gemacht; er hat viel Feinde. Das geht bis zu den
Lakaien hinunter, Sie wissen nicht, wie das bei uns ist. Wen sie oben von
Einflu sehen, dessen Worte sprechen sie nach.
    Aber wenn die Knigin -
    Es ist das Schlimme, liebe Demoiselle, da der Knig selbst den Herrn nicht
liebt - er ist ihm unbequem. Ganz unter uns, er fhlt oft, da es besser wre,
wenn die Andern, gegen die jetzt das Geschrei ist, fort wren, er mchte sie
auch zuweilen los sein, denn er ist der edelste, beste Herr von der Welt, aber
sie sind ihm bequem, er hat sich an sie gewhnt. Er entlsst ja keinen seiner
alten Diener.
    Die Spaziergnger waren abermals zurckgekehrt.
    In den Provinzen theilt man Ihro Majestt Entrstung, sagte Hoym, Allen
ist es ein Rthsel: Friedrichs Staat in den eines franzsischen Roturiers! Die
Knigin blieb stehen: Sagen Sie lieber, eines charakterlosen Libertins, der mit
den hchsten Gtern, den Tugenden, der Ehre des schnsten Reiches leichtsinnig
spielt wie mit den Geldrollen, die er alle Abend am Pharotisch verliert. -
Jammerschade, da unser Haugwitz sich von ihm leiten lsst. Sonst ein so
liebenswrdiger heller Geist. - Mich dnkt, es ist der hchste Grad des
Unverstandes, das Werkzeug der Verworfenheit And rer zu werden.
    Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Knigin mu der Unterthan in
Ehrfurcht schweigen. Hoym schwieg; auch die Knigin schwieg einen Augenblick,
wie im Gefhl, mehr gesagt zu haben, als die Etikette einer Knigin zu sagen
erlaubt. Die leichte Rthe war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht
verschwunden, als sie fortfuhr: Ihm, ihm allein verdanken wir es, da das
Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt. Er verachtet unsre Machthaber,
weil wir solchen an ihn bevollmchtigten. Ich sage nichts davon, wie er in Brnn
sich fortschicken, in Wien behandeln, in Schnbrunn dupiren lie; ich zerdrcke
meinen Schmerz, da er es war, der Hannover uns schenken lie, der Brocken, an
dem unser Adler ersticken sollte. Da er aber nach dieser Erfahrung, belastet
von den Verwnschungen einer ganzen edlen Nation, jetzt in Paris wieder dieselbe
Rolle der Insouciance spielen konnte! - Er war vielleicht, wie Lombard in
Brssel, von der Grandeur der neuen Majestt eblouirt. Il est un peu phantaste,
Mystiker, er glaubt zuweilen an Geistererscheinungen. - Nein, Hoym. Er glaubt
nur an sich. Er schrieb damals her: Sobald ich ihn gesehen, ist Alles abgemacht;
ich wei ja, was er in Wien zu mir gesagt hat. Solcher naive Glaube wre
rhrend, wenn er nicht ein Staatsminister des Knigs wre, wenn nicht Seine
Majestt das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt htte. Da,
in der schrecklichen Audienz, die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und
Dringen erhielt, musste er sich von Bonaparte die Schmeichelei in's Gesicht
sagen lassen: Sie sind ehrlich, ich wei es, aber Sie haben keinen Kredit mehr
in Berlin; Hardenberg und ein paar andre hirnkranke Narren whlen das Volk auf
und beherrschen Ihren Knig. Das musste er hren, der Abgesandte Preuens, aus
dem Munde des Corsen, und - schwieg - musste schweigen - und - und -
    Als sie wieder vorber waren, meinte Adelheid, die Knigin sei jetzt wohl
schwerlich gestimmt, ein unbedeutendes Mdchen zu empfangen; ob es nicht
schicklicher wre, wenn sie sich zurckzge? Die Schadow verneinte es: Das geht
bald vorber. Sie kann nicht lange zrnen, das ist ihr himmlisches Gemth. Es
ist, wie wenn ein Gewittersturm vorberzog und dann die Abendsonne scheint. Dann
athmet sie auf, sie kann sich an einer Feldblume freuen, und gerade dann wird
sie erst recht gtig, wenn sie aufgebracht war, und mchte es an Allen, denen
sie begegnet, wieder gut machen.
    Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorber. Es war nur auf dem Rckzuge.
Die Knigin wandte in krzeren Abstzen um. Diesmal schien Hoym der Anklger
gewesen zu sein. Die Frstin schttelte den Kopf: Ich hielt ihn fr ehrlich. Er
hat ein so angenehmes Wesen. - Leider ist es in Paris so bekannt wie hier, da
Lucchesini nach Berlin nur das berichtet, was uns schmeichelt. Die Hauptsachen
hat er verschwiegen. - Er ist ein Italiener. Ich will zugeben, da seine Lust
das Intriguiren ist, aber, Graf, er sieht sehr scharf die Dinge, wie sie sind.
- Das streitet ihm Niemand ab, Ihre Majestt, aber sein Gesandtenposten in der
franzsischen Hauptstadt gefiel ihm so auerordentlich, da er das geschickt
cachirt hat, was unser Kabinet genthigt htte, ihn auf der Stelle
zurckzurufen. Noch weniger als er hatte seine Frau Lust Paris zu verlassen. -
Mu auch das in unser Unglck hineinspielen! - Madame la Marquise hat ihre
Schwester, die Bischofswerder, auf Tod und Blut. Sie hat ihrem Gemahl erkrt,
da sie an Krmpfen verginge, wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt
leben msste. Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann! Ich kann ihn nicht
entschuldigen; in milderem Lichte aber darf ich Haugwitz's Versehen betrachten.
Ward er nicht immerfort, durch falsche Berichte getuscht? - Ich mchte so
ungern auch diesen Mann aufgeben! Ist sein Eifer jetzt fr den Krieg auch
Verstellung? - Nein, nur aufrichtige Erbitterung gegen Napoleon, der ihn nie
leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschaffte. - O, lieber Hoym - fuhr
die Frstin mit der Hand an die Stirn, Menschen, wie sie sein sollten! - Sind
denn die Knige verdammt, da ihr Glanz nur die an sich zieht, die nicht sind,
wie sie sein sollen!
    Jetzt entlsst sie ihn bald, flsterte die Schadow. Geben Sie Acht, sie
wenden noch krzer. Adelheids Herz schlug lebhafter. Eine angenehme Wrme
durchdrang sie, sie fhlte eine Lust, dieser Knigin Angesicht gegen Angesicht
zu stehen. Es waren wirklich die Abschiedsworte, als sie zum letzten Mal vorber
gingen.
    - Und diese Mntelgeschichte, welche das Land in Aufruhr bringt, wird man
es knftig glauben, da man erst jetzt, im letzten Augenblick daran denkt! Eine
Sottise, bedrfte es noch der Epigramme, es giebt kein schlagenderes auf die
Unfhigkeit unserer Verwalter. Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn
die Schuld auf sich zu nehmen, lassen sie Seine Majestt den Knig in klglichen
Lauten zum Publikum sprechen, sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund, ber
die ich mich in der Seele schme. Sie haben nicht daran gedacht, und ihre
Pflicht war es. Ist das Loyalitt? - Auch im Kriegswesen sagte mir Rchel
Unbegreifliches. Fr das Nthigste nicht gesorgt! Unsre Festungen zu armiren,
dazu schickt man sich jetzt erst an. Es ist unerhrt, man wird es knftig nicht
glauben. Wozu bezogen sie die groen Besoldungen, wozu wurden ihnen Gter ber
Gter geschenkt! - Nein, lieber Graf, das Kabinet, was diesen grlichen Zustand
mglich machte - es kann, darf nicht bleiben - oder -
    Die Worte verhallten. Am Ende der Allee war der Viceknig von Schlesien
entlassen. Louise stand eine Weile sinnend. Ihre schne, anmuthige Gestalt im
weien einfachen Morgenkleide ward noch vortheilhafter gehoben durch den grnen
Rasenfleck, gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt. Ein Sonnenstrahl, der
durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel, setzte ihr eine goldene Krone auf,
aber er go zugleich ein wunderbares Leben auf das schne Gesicht. Es war keine
Bildsule; die Knigin schwebte die Allee wieder herab. Auf ihrem Gesicht schien
jede Spur der Agitation verschwunden, als sie nher kam. Sie ging auf Beide zu.
    Ihre Majestt entschuldigen, wollte die Schadow anfangen, es ist zufllig
eine liebe gute Freundin -
    Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Besuch, unterbrach die Frstin.
Wir sind ja hier unter uns, wozu die Komdie! - Es freut mich, Sie wieder zu
sehen, liebes Kind, so wie Sie sind. Ich meine, setzte sie lchelnd hinzn, wie
Sie bei Gottes schnem Sonnenlicht aussehen. Das Lampenlicht tuscht immer, und
es ist mir lieb, da ich mich nicht getuscht habe.
    Eine gebietende, aber grazise Bewegung forderte Adelheid auf, an ihrer
Seite weiter zu gehen. Der Schadow schien es zweifelhaft, ob sie nach diesem
Empfange respektvoll unter dem Baume stehen bleiben, oder in ebenso
respektvoller Entfernung folgen solle. Da wandte sich die Frstin freundlich um:
Ach, liebe Schadow, da fllt mir ein, ich verga, als Hoym sich vorhin melden
lie, da meine Lieblingsbcher auf dem Nhtisch liegen geblieben sind. Sehen
Sie doch nach, damit die Kinder nicht darber kommen.
    Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelst, sie verneigte sich und die
Knigin und Adelheid waren allein. Es war ein wunderschner Herbstmorgen, kein
Wlkchen am sonnendurchglhten Himmel, die laue Luft spielte durch die
angegelbten Baumwipfel, Sperlinge zwitscherten in den Bschen, weie Herbstfden
flogen umher. Es war kein gezwungener Anfang des Gesprches, wie von selbst
kamen die Worte von den Lippen der Knigin: Sind Sie auch eine Freundin der
Natur?
    Sie streicht Balsam auf die Wunden der Leidenden und wessen Herz vor Freude
jauchzt, wo findet er Laute dafr, als in ihrer stummen Sprache!
    Das war zu starke Farbe fr die Stimmung, sagen wir fr die Poesie der
Knigin, aufgetragen. Sie blieb einen Augenblick stumm. Dann sprach sie Worte,
die auch Andere behorcht haben mssen, denn wir finden sie schon verzeichnet.
    Ich mu den Saiten meines Gemthes jeden Tag einige Stunden Ruhe gnnen,
und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen, damit sie den rechten Ton und
Anklang behalten. Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit, aber nicht im
Zimmer, ich mu hinaus in die freie Luft, in die stillen Schatten der Bume.
Unterlasse ich es, dann tritt gewhnlich Verstimmung bei mir ein, und je
geruschvoller es um mich wird, um so rger wird sie. Ach, es liegt ein
ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst.
    Das war viel von einer Frstin gegen ein junges Mdchen, welches keine
Ansprche an ihre Vertraulichkeit hatte, welches sie zum zweiten Mal sah.
Adelheid fhlte das Viele, es drckte sie inde weder nieder, noch erhob es sie.
Jene hatte wohl Recht: die auf den isolirten Hhen thronen, fhlen auch das
Bedrfni, ihre Gefhle mitzutheilen. Wenn sie keine Herzen, Seelen, Geister
finden, die sie verstehen, klagen sie's der sternbeseten Nacht. Sie schtten in
der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwnden, lieber als vor
marmorkalten und glatten Menschengesichtern. Adelheid gestand sich, sie war in
diesem Augenblick nur eine Wand, ein Baum, an den die Frstin ihr Herz
ausschttete. In der Art lag aber zugleich eine Korrektion. Die Knigin hatte
die Saiten auf den Ton gestimmt, der im Gesprche durchklingen sollte, es war
ein elegisch-sentimentaler. Er passte nicht zu der Stimmung, welche Adelheid
mitgebracht, und die in dem belauschten Gesprche neue Nahrung erhalten hatte.
Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen, schwieg sie, in Erwartung, da
der Einklang mit der Frstin sich herstellen werde.
    Sie sind eines von den glcklichen Wesen, hub die Knigin an, an deren
Wiege, wie die Dichter sagen, gtige Feen standen. Adelheid ffnete die Lippen,
aber verschluckte das Wort. Die Frstin hatte den fragenden Blick aufgefangen
und verstanden: Wre ich nicht die - stnde ich Ihnen nicht so fern und fremd,
so wrden Sie mich gefragt haben: Was ist denn Glck? - An Ihre Maiestt
erlaube ich mir nicht die Frage, aber an mich selbst: Was macht das Glck dieses
Lebens aus? - Mich dnkt, der Stempel, den der Schpfer seinen Geschpfen
aufgedrckt hat, ist die beste Antwort. Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu
sehen. Sehen Sie nur die Miene der Leute, denen Sie begegnen. Die schne
Adelheid Alltag ist berall willkommen. - Und doch verdankte ich neulich nur
der Huld einer hheren Zauberin, da ich dem Spotte und der Krnkung entging. -
O das waren Unarten. Neidische und bse Menschen knnen den Frieden der
Glcklichen nicht verkmmern. Dieser Friede ist ein Gut, was tiefer liegt. Ihre
hsslichen Hnde reichen da nicht hin. - Gndigste Knigin, ich preise
allerdings mein Glck, weil ich frh einen Lehrer fand, der mich auf das Wahre
hinwies. - Ich kenne Ihren Vater; er ist ein trefflicher Mann und treuer
Staatsdiener, der nichts Hheres kennt, als die Erfllung seiner Pflichten. -
Mein Lehrer lehrte mich, fuhr Adelheid rasch fort, da Leiden unsere besten
Erzieher sind. Aus der Schule groen Unglcks entwickelt sich die Seele zur
Freiheit und Selbststndigkeit. - Haben Sie auch diese Schule durchgemacht! -
Doch das ist ja nun vorber. - Wer kann sagen, da er aus der Schule entlassen
ist, so lange er lebt! Und wer sieht unter dem frhlichen Gesicht die Schmerzen
in der Brust! Das war ein Ton, welcher anschlug, er vibrirte durch die Seele
der Knigin: Und wer sieht heute, was morgen kommt!
    Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft. Da flog, von einem leisen
Luftzug getragen, einer jener weien flockigen Herbstfden, wo die Allee sich
bog, von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um Beider Brust, indem er, von
ihrer Bewegung festgehalten, sie umschlang. Beide waren durch ein Spiel der
Natur an einander gefesselt. Adelheid hob den Arm, um den Faden vom Hals der
Frstin los zu machen, aber - es war die Wirkung und die That des Momentes, jene
Einwirkung unsichtbarer Geister, die wir umsonst erklren, und, wenn erklrt, so
wre es nichts - die Thrnen strzten aus den Augen der Knigin und sie drckte
Adelheid an ihre Brust. Niemand sah es, es war weite sonntgliche Einsamkeit im
Park. Die Sonne, obgleich sie Alles sieht, ist eine schweigende Zeugin, die
Kfer schwirrten, die Frsche chzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen;
vom Kirchthurm luteten die gedmpften Glocken zum Begrbni einer alten Frau.
Die Lippen der Frstin berhrten Adelheids Wangen: Ach, liebes Mdchen, wer
wei, was morgen kommt! Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen
vorgegangen, als Worte aussprechen. Die Knigin sprach: Sie schickte mir der
allgtige Vater im Himmel zu einer Stunde, wo ich Trost bedurfte. Was man so
gefunden, lsst man so leicht nicht wieder von sich.
    Die Emotionen haben ihr ewiges, unverjhrbares Recht, unter den goldenen
Decken der Schlsser wie unter den Schilfdchern der Htten; aber hier drfen
sie austoben bis zur Erschpfung, dort ist ihnen ein Ma gesteckt. Luise war
wieder die Knigin geworden, als sie weiter gingen, aber von einer Huld, welche
die Majestt berstrahlte. Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach,
auf einer kleinen Hhe vor ihnen: Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen.
Ihr Gesprch, bis sie den Punkt erreicht, war lebhaft, aber es flo ruhig hin.
Adelheids Aeuerungen mussten die ganze Aufmerksamkeit der Frstin erregt haben.
Sie hatte sie oft forschend angeblickt. Als sie auf der lndlichen, von
Blthensten geflochtenen Bank Platz genommen, sagte Luise: Sie sind noch so
jung, und schon solche Erfahrungen!
    Adelheid errthete.
    Sie kamen, wie Sie mir sagten, nie aus der Residenz, Sie lebten nur in
guten Husern, unter respektabeln Familien, und zuweilen blitzt es aus Ihren
Reden, als wssten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen.
Ich glaubte, das wre uns nur aufgespart, die wir von oben so Vieles sehen, was
Ihnen unten verborgen bleibt. Wie die Motten nach dem Licht, so flattern uns Die
zu, welche fr ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fnden. Wir mssen
sie dulden, weil - ach, aus vielen Grnden! whrend die stillen, sittlichen,
brgerlichen Kreise ihnen die Thr verschlieen drfen. Man thut daher sehr
Unrecht, uns zu beneiden, liebe Mamsell. Wir, die wir andern Pflichten zu
gehorchen haben, knnten die Niederen beneiden, welche diese Rcksichten nicht
kennen. Sie drfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den
Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen. - Ihre Majestt, ich
meine, es giebt Rcksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise. - Ganz gewi,
aber es ist leichter, in den Htten ein stilles Glck sich zu bereiten und doch
keine Pflicht zu vergessen, als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand.
    Die Frstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone, der keinen
Widerspruch zulsst. Ihr Auge sah dabei wie verklrt in die Ferne. Wo ihre
Gedanken waren, lie sie die Zuhrerin nicht lange errathen: Auch ich habe
einen Blick in dieses Glck gethan. Es waren die schnsten, glnzendsten Stunden
meines Lebens. Damals, liebes Kind, hielt ich es auch fr das hchste Glck, was
das hchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewhren knne, Knigin
zu sein ber ein glckliches Volk.
    Die Gedanken der Knigin verfolgten die berhmte Huldigungsreise, welche sie
nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. mit ihrem Gemahl gemacht. Luise
letzte sich an der Erinnerung. Sie malte einzelne jener schnen Zge, von denen
uns die Zeitgenossen berichten. Die Erscheinung des Knigs und der Knigin,
einer jungen, von Liebreiz und Gte umflossenen, in Provinzen, wo auch die
ltesten Greise sich nicht erinnern knnen, je eine Knigin gesehen zu haben,
glich der Erscheinung von Schutzgttern des Vaterlandes, von erhabenen Genien
der Gerechtigkeit und Milde, die berall wo sie sich zeigen, unberwindliche
Eroberer, jedes Herz gewinnen. Eine Reise war es gewesen fortwhrender Triumphe,
nein, eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten. Da brannte die Sonne herab,
da man die Augen nicht aufthun konnte, und doch wich Keiner vom Platze, bis er
seine Knigin mit Augen gesehen. Da waren neunzehn weigekleidete Mdchen an
ihren Wagen gesprungen. Eines hatte der Knigin zugeflstert: Wir sind
eigentlich zwanzig, aber die Eine ist nach Haus geschickt. Warum denn, liebes
Kind? - Weil sie so hsslich ausgesehen. Da hatte Luise nach der armen
Hsslichen geschickt und sprach am lngsten und freundlichsten mit ihr. - Und
jener alte Bauer, der sie so gern sehen wollen, und immer wieder von den Andern
und den Gensd'armen zurckgedrngt war, die Knigin hatte ihn wohl gesehen und
heranrufen lassen, und noch sah sie ihn, wie der Greis sein Haupt entblte und
stumm, aber unverwandten Blickes, die Landesmutter anschaute. In dessen Herzen,
wusste sie, lebte ihr Bild ewig fort! Und wie in einem andern Dorfe in Pommern
die Bauernschaft den Wagen umringt hatte, und die Bauern in ihrem Plattdeutsch
durchaus darauf bestanden, da sie aussteigen msse und sich traktiren lasse,
damit die Stdter nicht dchten, sie htten das Vorrecht allein. Und die Knigin
war lchelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten, und hatte von dem
groen ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stck gegessen, und versichert, da er
sehr schmackhaft sei. Und wie der Knig im Zelt an der Weichsel wo er als Gast
der Elbinger tafelte, zu dem Landmann, der mit einer Bittschrift sich auf die
Knie geworfen, in edlem Unwillen gerufen; Nur vor Gott knien! Ein Mensch mu
nicht vor einem andern Menschen knien!
    Da habe ich Blicke gethan auf den Herd meines Volkes, schlo die Knigin,
und wei, wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt. - Sie frsteln, liebes
Kind, Sie schaudern sogar - Ach, Ihre Majestt, es waren Gedanken - Die
Frstin hatte sie gelesen: Freilich wei ich, nicht berall stehen Htten von
Philemon und Baucis, aber die Immoralitt hat da keinen dauernden Wohnsitz, wo
bewhrte Tugenden, Patriotismus und Menschenliebe die Seelen umschlingen. Wenn
wir wieder Ruhe und Frieden nach Auen haben, dann hoffe ich, soll es in den
hheren - Gott gebe auch in den hchsten Kreisen besser werden. Aber Sie, liebes
Mdchen, knnen doch nicht klagen, Ihr guter Genius fhrte Sie nur unter edle
Menschen -
    Erlauchte Frau! ich meine, die Menschen sind in allen Kreisen Menschen, und
verzeihe mir der Allgtige, wenn es Snde ist, sie kommen mir oft wie ein Knuel
von Schlangen vor. Wenn Eine mich recht liebevoll anblickt, denke ich an den
Tiger, der den Kopf auf die Krallen drckt, zum Satz auf sein Opfer. - Was
sind das fr Phantasieen! - Ich wei es nicht. Aber ich sehe berall Larven
und dahinter Verbrecher. - Calmiren Sie sich. - Es ist nun einmal mein
Schicksal, ich ward von ihm herumgeschleudert, ich bin keine, ich will keine
Clairvoyante sein, aber wie Vieles musste ich wider Willen belauschen, und da
ist mir, wenn ich einen stillen Teich sehe, den kein Lftchen kruselt, als
werde er pltzlich ghren, sich heben, toben und Ungeheures zu Tage kommen. Wo
wir's am wenigsten erwartet, in den friedlichen Kreisen, die wir die glcklichen
nennen, als braue unter der Ruhe Entsetzliches. Die Luft drckt mich, und
zuweilen wnsche ich, da der Sturm komme, die Elemente toben; ein Krieg
erscheint mir nicht mehr so schreckenvoll, wenn diese brtende Stille nur
aufhrt.
    Das sind Imaginationen, vielleicht aus den neuen Bchern. Diese Schlegel,
Tieck, Novalis sind aber eine excentrische Lektre, welche das Blut erhitzt;
keine fr ein junges Mdchen, das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen
Menschen ausbilden will. - Mich dnkt, Ihre Majestt, die Zeit ist auch zu
ernst, und fordert von uns andere Pflichten, als in der Mrchenwelt zu
lustwandeln. - Das ist verstndig von Ihnen. Man eifert auch gegen das Lesen
von Romanen und Schauspielen, aber man thut Unrecht. Unser Iffland fhrt uns
doch immer rhrende Beispiele vor, wie wir uns glcklich finden knnen in
beschrnkten Verhltnissen. Sie wollen es tadeln, da er die bsen Menschen
immer aus der vornehmen Welt nimmt. Aber hat Iffland Unrecht? Ich wenigstens und
der Knig sehen uns immer mit Befriedigung an. Sie sollen sich nur ein Exempel
dran nehmen, die es trifft, sagte neulich mein Gemahl. - Den Lafontaine mchten
sie uns auch verleiden, aber wie viele herzliche und frohe Stunden verdanken wir
ihm, wie vielen Trost, wenn wir Abends nach einem verdrielichen Tage uns mit
ihm auf dem Sopha vom Gewhl zurckzogen. O es giebt solche Tage, wo Frsten
nichts hren als Klagen, Gegenanschuldigungen, wo uns die Welt wie ganz verderbt
erscheint, ein Knuel von Schlangen, sagten Sie, wir wollen es nur ein
Durcheinander von bsen Menschen nennen. Da, wenn wir uns frchten mussten vor
Allem, was uns nahe kam, da erquickte uns Lafontaine mit der rhrenden Einfalt
seiner Person, wir sahen uns an, und wenn wir uns nicht aussprachen, dachten wir
es: es giebt doch noch gute Menschen. Warum sind die es nicht, welche die
Vorsehung uns in den Weg fhrt. Zuweilen erhrt dann der Himmel unsern Wunsch,
und wenn wir es am wenigsten erwarten. Der gtigste Blick ruhte auf Adelheid.
Was sind denn Ihre Lieblingscharaktere in Lafontaine? fragte die Frstin, um
sie in ihrer sichtbaren Verlegenheit aufzumuntern. Die Gtige sah wohl die
Wirkung, aber nicht die Ursache. Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack
finden knnen: sie hatte die wenigsten durchgelesen. Sollte sie lgen vor einer
Monarchin, die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt, und nur in ihrem
edelsten Selbst sich gab! Adelheid htte in diesem Augenblick aufstehen und ihr
zu Fen strzen knnen, um die Wahrheit in ihr zu verehren, die nicht in
schnerer Gestalt sich verkrpern konnte, aber die Unwahrheit sprechen konnte
sie nicht.
    Es flo von ihrem Munde, was sie dachte, mit einer kleinen Einfassung von
Schmeichelei, die darum nicht Unwahrheit war: Mich dnkt, des Dichters Aufgabe
ist, die Menschen zu schildern, wie sie sind. Weil er Dichter ist, darf er das
Schne und Erhabene in seinem wunderbar geschliffenen Spiegel vergrern und
verschnern, und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein, das Hssliche und
Schlechte noch etwas hsslicher zu machen. Doch das verstehe ich nicht und
bescheide mich deshalb. Das Groe und Schne soll er inde nicht hsslich und
niedrig malen, sonst widersteht er unserm Gefhl, denn von der Dichtung
verlangen wir Frauen wenigstens, da sie unsre Gefhle erheben und uns die ewige
Schnheit ahnen lassen soll. Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Hssliche
ausschmckt, und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmuthes umhngt,
damit uns das gefalle, was wir meiden und verabscheuen sollen, dann kommt es mir
vor, als versndigte er sich an seinem hohen Beruf. Wenn ich durch die Wimpern
einer edlen Frstin eine Thrne sich drngen sehe, weil sie bang einer schweren
Zukunft entgegen sieht, fr ihre Familie, ihr Volk, ihr Land, oder ist's eine
der Freude, da ihr Gemahl siegreich aus dem Felde zurckkehrt, ihre Kinder ihr
Freude bereiten, ihr Erstgeborner einen ersten Zug entfaltet, der an den
Edelmuth und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert - das, dnkt mich, ist eine
Thrne, die der Dichter auffassen mu wie ein Juwel im Sonnenschein. Aber
entweiht er die schne Thrne nicht, wenn er auch alle seine unbedeutenden
Personen bei jeder Gelegenheit gerhrt sein und weinen lsst, um Kleines und
Geringfgiges, und wenn er dann die Thrne so schn ausmalt, da die armen Leser
mitweinen mssen! Sie wissen am Ende nicht recht, warum, aber er erhlt die
weinerliche Stimmung, weil er darauf rechnet, da wir Alle schwach sind und es
uns am Ende an ihn fesselt. So kommt mir Lafontaine vor, erlauchte Frau, er
wei, wo wir Alle schwach sind, und da versucht er uns zu streicheln, er drckt
wehmthig die Hand, schlgt verfhrerische Akkorde an, bis wir fortgerissen
sind, und wenn wir wieder zu uns kommen, schmen wir uns darber, denn er hat
uns weich gemacht, wo wir stark sein sollten, und wo haben wir dann noch Gefhl,
Stimmung, die unentweihte Thrne fr das groe Schicksal wirklicher groer
Menschen
    Die Knigin hatte mit Aufmerksamkeit zugehrt. Von Spttern waren ihr
hnliche Urtheile ber ihren frhern Lieblingsdichter schon zugedrungen. Dieser
Ton war anders. Sie stimmte nicht bei, sie widersprach nicht, sie schien die
Sache zur weitern Ueberlegung zurckzulegen, als sie sich seitwrts wandte.
    Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter? Dieser Liebling der Museu erhebt uns
in die Hhen, wo unsre Adelheid sich wohl befindet. Ich liebe ihn auch, aber mir
schwindelt zuweilen in seinen lichten Rumen, mitten in meiner Begeisterung und
Bewunderung fr ihn fhle ich mich beklommen. Da ich es gerade heraussage, die
Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein, meine Neigungen sind doch noch zu
irdisch, ich fhle da ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle
spielen wrde. Es ist vielleicht die Eitelkeit - setzte sie lchelnd hinzu -
die Knigin mchte nicht gern die Magd spielen in der berirdischen
Gesellschaft des edlen Dichters.
    Ihre Majestt verzeihen, wenn ein schlichtes Brgermdchen diesen Stolz
auch empfindet. Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und
Sonnenstrahlen gewebt. Wenn man sich an sie hielte, zerflssen sie -
    Das drfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen, sonst verketzern sie uns,
fiel die Frstin noch im selben Ton ein. - Nein, alle Admiration dem herrlichen
Manne, aber Sie haben wohl Recht, unsere Zeit fordert Mnner, auch Frauen,
welche den Dingen und Verhltnissen ins Gesicht zu sehen verstehen, und vor
einer rauhen Berhrung nicht zurckschrecken. Sie fordert, da wir unsere
Empfindungen beherrschen. Es ist schwer, mein liebes Kind, schwer fr einen
Jeden, die schlechten Menschen nicht merken zu lassen, da man sie hasst,
verachtet, was mehr fr uns Frsten! Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit,
wir mssen sogar freundlich scheinen gegen unsere Feinde, denen die Hand
drcken, von denen wir wissen, da sie in der Tasche den Dolch gegen uns
versteckt halten. Das kostet etwas - eine Resignation, die oft unsere schwache
Kraft bersteigt. - Wir trumen zu viel von dem Guten und Bessern. Das ist
schn, aber wir drfen nicht mehr trumen, wir Alle nicht. Jede mu ihre ganze
Kraft anrufen, um gerstet dem gegenber zu stehen, was Gott zu unserer Prfung
schickt. Wir mssen uns bezwingen, entsagen zu knnen, auch dem, was uns das
Theuerste, Liebste ist!
    Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung pltzlich verwandelt. Es
war auch um sie her anders geworden; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken
getreten, die Vorlufer des Windes hatten schon lnger die gelben Bltter ber
die Fe der beiden Frauen getrieben, jetzt fing er an in den Bschen das
Gezweig zu rtteln, in raschen Sten rttelte er von den entfernten Baumwipfeln
das Laub. Die laue Luft hatte, wie auf einen Zauberhauch, einer empfindlichen,
scharfen Klte Platz gemacht, da die Damen die Tcher enger um den Hals zogen.
    Sie mssen Alle entsagen, sprach die Knigin feierlich, auch Sie,
Adelheid werden die Kraft haben. Ich habe das schne Vertrauen, nachdem ich Ihre
schne Seele kennen gelernt.
    Da war auch ein schner Vorhang pltzlich gefallen, ein Vorhang gewebt aus
Sonnenstubchen, die in anmuthigem Spiel hin und her geschaukelt, und die
bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen, das, warum die Frstin Adelheid zu sich
beschieden; auch das blickte schon verrtherisch hervor, warum Adelheid gekommen
war.
    Es giebt im Seelenleben Augenblicke, wo der Klgste sich keine Rechenschaft
zu geben wei, woher ein Gedanke aufquillt, dem er pltzlich zu folgen sich
gedrungen fhlt, auch wenn er entgegen der Strmung ist, der all sein Fhlen und
Denken sich hinneigt. Bei groen Mnern ist es ein Kitzel, mitten in Plnen,
welche die Welt verrcken sollen, sich starr auf einen einzelnen Punkt zu
setzen, der damit nichts zu thun hat, sorglos, ob die Emsigkeit, welche sie der
Bagatelle widmen, sie an ihrem grern Schaffen hindert. Csar, mit dem Plan die
Welt zu erobern im Kopfe, beschrieb, wie ein Liebender die Augen der Geliebten,
die Konstruktion der hlzernen Rheinbrcke, die er erfunden. Es ist die ewige
Mahnung an die groen Geister, da all unser ernstes Thun vor einem hhern Auge
Spielwerk ist. An Frauen es zu rgen, ist keinem Billigen eingekommen. Wenn sie
gar nicht mehr spielen sollten, was wren sie sich - uns! Auf Knigin Luisens
Seele lastete Ungeheures. Seit der vorjhrigen Gruftscene in Potsdam schien sie
Vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht. Sie las nicht mehr Lafontaines Romane,
da sie heute sie gerhmt, war nur piettvolle Erinnerung gewesen, sie lebte der
ernsten Sorge vor der Gefahr, die ber dem Hause ihres Gatten, dem Lande ihrer
Liebe und Wahl schwebte. Keine Frau, vielleicht wenig Mnner fhlten so schwer,
innig, zuweilen klar die Bedeutung der Zeit, und doch hatte sie ein Etwas, was
ganz auer diesem Kreise lag, mit Eifer aufgefasst. Sie hatte sich fr das
schne Mdchen interessirt, von dem der Ruf so viel sprach, die erste Begegnung
hatte dies Interesse erhht. Sie wollte Adelheid, nach dem gelegentlichen
Gesprch mit ihrem Vater, vor einer Verbindung bewahren, welche dieser beklagt,
welche ihr als Unglck erschien. Wie ihre Phantasie pltzlich sich dieses
Gegenstandes so bemchtigen knnen, bleibt uns ungesagt, aber es war so, es war
nicht unnatrlich, und die Knigin sprach wie eine lebende, zrtlich besorgte
Mutter zu ihrem Kinde.
    Luisens Beredtsamkeit ward von ihren Zeitgenossen als so bezaubernd gerhmt.
Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens, ein Klang der Seele
gewesen, da wo eben das Wort nur die wahrhafte Aeuerung des wahrhaft im Innern
Lebenden war. Der Zauber dieser Beredtsamkeit sei gewesen, da sie nicht eine
Kunst war, sondern eine Tugend. Wie ihre Briefe ein voller unverkmmerter
Herzensergu waren, so folgten in ihrer Rede, wenn das Herz sie diktirt, die
Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken.
    So hatte die Knigin zu Adelheid gesprochen. Sein Sie, zeigen Sie sich
jetzt stark. Drcken Sie Ihre Hand an das blutende Herz - ich wei, da es
blutet, ich kenne auch diesen Schmerz - aber man kann ihn berwinden! Reichen
Sie mir die andere, dann sehen Sie mich mit Ihren klaren Augen, die nicht lgen
knnen, an und sprechen: Ja, ich will entsagen. So schlo die Knigin und hatte
vielleicht erwartet, da Adelheid auf die Kniee sinken, ihre Hand an die Lippen
pressen, das Gesicht in ihrem Schoo verbergen wrde. Gerhrt von so vieler Gte
und Theilnahme, musste sie das Gelbni stammeln, und Luise htte sie dann in
ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen: Nun sind Sie mir doppelt
gewonnen!
    Aber Adelheid sank nicht auf die Kniee, sie presste nicht die knigliche
Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht. Sie blickte so klar und
ohne Trug, wie die Frstin es verlangt, diese an und sprach:
    Gegen wen, erlauchte Frau, wre es Pflicht, dem schnsten Traume meines
Lebens zu entsagen? - Gegen sich selbst! Knnen Sie keinen noch schneren sich
denken, das Bewusstsein, Ihre Tugend und ihr besseres Sein vor Ihren Affekten
gerettet zu haben? - Ich fhle in mir nicht den Beruf eine Heilige zu werden,
erwiderte Adelheid. Ich bin was ich bin, und will nicht mehr sein, ein Mdchen
wie andere, von nicht zu heiem und nicht zu kaltem Blute. Ich glaube mich
berwinden zu knnen, wenn ich mu, wo ich aber die Nothwendigkeit nicht absehe,
glaube ich ein Recht zu haben, wie jedes lebende Wesen, wo Gottes Sonne auf mich
scheint, mich zu freuen in ihrem Strahl.
    O mein armes Kind, fiel die Frstin ein, ich sehe die Gluth Ihrer
Leidenschaft, aber tuschen Sie sich nicht. Ich sehe mehr, Ihre tugendhafte
Seele empfindet mit dem Verlorenen Mitleid, Sie wollen sich ihm opfern, um ihn
glcklich zu machen, Sie fhlen den Drang schner Seelen, eine Mrtyrerin zu
werden. Kennen Sie ihn ganz? Fragen Sie sich, ob er es werth ist, der Mann, der
- wie viele, so unschuldig als Sie, mag er auf seinem Gewissen haben! Danach
fragt die Welt freilich nicht, und die vornehmen jungen Wstlinge machen sich
daraus kein Gewissen. Aber Sie beobachten doch wenigstens den ueren Anstand.
Was man vom jungen Bovillard erzhlt, o mich schaudert, ihn an Ihrer Seite zu
sehen! - Ist er darum schlechter, weil er keinen Schleier um seine wste
Jugend gebreitet! Mich schaudert vor Denen, die die Welt lobt, weil die Welt nur
das feine Kleid und die feine Miene sieht, hinter denen ihr verwsteter Geist
sich verbirgt. - - Man spricht ihm kein langes Leben zu, die Frucht seiner
Ausgelassenheit. - Rechnet die Liebe nach Jahren? - Doch soll die Ehe ein
Bund der Seelen, eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein. - Ist sie's denn
immer? - Aber der Mann mu wenigstens die Gefhle einer edlen Frau zu wrdigen
wissen, wenn er auch dem khnern Schwunge ihres Geistes nicht folgt.
    Adelheid lchelte; Sein Geist, gndige Frau - O knnte ich Ihnen diesen
edlen Geist malen, der rein blieb wie der Aether ber dem aufgewhlten Schlamm,
knnte ich Ihnen sein Herz ffnen, wie es mchtig pulst, fr die Leiden, die
Ehre des Vaterlandes, wie nur die Schmach, die er ansehen musste, Gift in die
Adern spritzte - Lassen wir die Poesie, liebes Mdchen, es handelt sich von
ernsten Dingen. Ich will Ihnen glauben, da ein besserer Keim in ihm ist, da
groe Talente in ihm schlummerten, da Charakterstrke ihm von Gott gegeben war,
ich will zu Ihrem Besten Alles zu seinen Gunsten glauben, aber warum gab er sich
keiner geordneten Thtigkeit hin, warum zersplitterte er und vergeudete er diese
Gaben. Bei seiner Geburt, dem Einflu seines Vaters wre ihm ein Wirkungskreis
leicht geworden.
    Adelheid sah die Knigin mit einem eigenthmlichen Blicke an, es lag Frage,
Bitte, ein Forschen darin. Darf ich? Sie hielt die Hnde auf der Brust. Der
Augenschlag der Knigin winkte Gewhrung. Ich kenne Jemand, den die Geburt hoch
gestellt, hher steht nur Einer. Sein Herz schlgt fr das Vaterland, sein Blut
glht fr seine Ehre. Mit dem ritterlichen Feuermuth der alten Zeit, schlgt
doch dies Herz weich fr das Edle, Schne, Groe, das alle Zeiten schmckte. Er
mchte, er knnte ein Volk erheben, es glcklich machen, denn seine Gaben
befhigten ihn zu dem Hchsten. Und klar liegt vor seinem Gesichte die
Vergangenheit, sein Auge blickt in die Zukunft. Warum ist dies Auge trb? - Weil
der Horizont trb ist. Warum sank dieser Feuergeist, dessen Flgel der Sturm
durchschnitt, der der Sonne entgegenblickte, ohne zu zucken, in den Schlamm
zurck? Weil die Atmosphre zu schwer ist, sein Feuerathmen sie nicht
durchdringt, seine beredte Lippe umsonst redet, seine khnen Vorstellungen an
der Macht der Menschen, an der Zhheit, der Gewhnung, an der Macht der grauen
Alltglichkeit abglitten. Da ward er muthlos, er verzweifelte. Erhabene Knigin,
wie sollte ich es wissen! Ich spreche nur, was die Stimmen der Tausende, die
Lfte mir zutragen, aber sie flstern und rufen es laut: Das ist unser Loos.
Dies Firmament erdrckt Die, die zum Besseren aufwallen. Es ist einmal so in
diesem Reiche. Wer daran Schuld, sagten sie nicht, aber sie zhlen viele, viele
edle Geister, die im fruchtlosen Kampf verkamen, untergingen. Wenn der edelste
Prinz, der tapferste Held, dessen Lob auf allen Zungen, den die Armee
vergttert, diesem Loose nicht entging, drfen wir Die verdammen, die dasselbe
gewollt, und auch ihre Flgel verbrannten, sie sanken, tief, tief - Drfen wir
sie versinken lassen.
    Luise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen.
    Meine Knigin ist nicht die grausame Richterin, welche die Edlen ben
lsst, was Elende verbrachen! Man sagt - fuhr Adelheid mit gedmpftem Tone fort
- der Prinz wre zu retten gewesen, wenn er ein edles Weib gefunden, das seine
Gedanken und seine Sorgen getheilt, wenn eine seiner wrdige Gattin, seinem
Geiste nahe, seiner Liebe werth, ihn aufgerichtet. Er suchte, und - fand sie
nicht. Man sagt, man flstert es wenigstens, da er Eine gesehen, und er wre
gerettet, er wre geworden, sie sagen ein Gott. Aber er verschlo, entsagend,
die brennenden Wnsche in der Brust denn - die Eine gehrte schon einem Andern!
    Adelheid fhlte, was sie gewagt, aber es war eine Macht ber sie gekommen,
der sie nicht widerstand, Auf Eine Karte war Alles gesetzt - Tod und Leben hie
die Krisis, es gab kein Mittel. Fieberhitze durchglhte sie, und sie schttelte
vor Frost, als sie aufgestanden. Auch die Knigin stand auf. Noch wandte sie ihr
Gesicht ab. Es war etwas - war's ein Kampf? - was sie vor sich selbst verbarg.
Wenn sie sich jetzt umwandte, ein zrnender Blick, eine Handbewegung Adelheid
zurckwies, wenn sie ohne eine Silbe den Hgel hinabschritt, Adelheid jetzt
allein lie, verstoen verloren - Nein, sie wandte sich um, und im nchsten
Augenblick drckte sie das verlassene Mdchen an ihre Brust. Worte sprach sie
nicht, nur eine Thrne fhlte Adelheid ber ihre Wangen rinnen. Als sie
schweigend die Allee zurckgingen, hatte das Sterbegelute vom Kirchthurm
aufgehrt; dafr schmetterten Trompeten, und ein kriegerischer Marsch der
Garnison des Stdtchens tnte ber die Baumwipfel. Gott sei Dank! sprach die
Knigin. Das erleichtert das Herz. Am Schlosse beim Scheiden reichte sie
Adelheid die Hand zum Kusse. Dabei flsterte sie ihr zu: Wir sehen uns bald
wieder.
    In ihren Appartements befahl die Knigin ihrem Kammerherrn, zum Minister
Stein zu fahren. Sie wnsche ihn zu sprechen.
    Darauf hatte sie eine lngere Unterhaltung mit der Viereck. Die Hofdame
erklrte nachher den Hofleuten, da Ihre Majestt endlich so huldreich gewesen,
in den Wunsch einzugehen, den sie schon lngst gehegt, nmlich bei ihrem
geschwchten Gesundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen, welche in
ihren Appartements wohnen drfe. Sie denke die Tochter des Geheimraths Alltag,
die sich dazu anstellig zeige, zu acquiriren.

                          Achtundsiebzigstes Kapitel.



                         Eine Maus und eine Mausefalle.

Bei Madame Braunbiegler sollte Whist gespielt werden. Die Gesellschaft war nur
klein, kam aber nicht zur Ruhe. Wenn man kaum die Karten gezogen, strte eine
Nachricht, eine Person, die unerwartet hereinstrzte. Es war nun einmal Unruhe
in der Stadt, die mit dem besten Willen sich nicht bewltigen lie. Man wusste
schon, da das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfu gesetzt werden solle. Wenn
man nur abgewartet htte, bis die Mntelgelder beisammen waren! hatte Madame
Braunbiegler gemeint; aber es waren noch nicht siebzigtausend Thaler gesammelt.
- Und was hilft das Geld, wenn die Schneider fehlen! hatte der Legationsrath
gesagt. Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht, welche alle bisherigen in
den Hintergrund drngte. Die Knigin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den
jungen Bovillard aufgegeben, er war ihr vorgestellt worden, sie hatte ihn gndig
aufgenommen, sich gnstig ber ihn geuert, zu Andern aber spitz gesagt, er
msse wohl viele Feinde haben, da er ihr ganz anders geschildert worden. Er war
Tages darauf zum Legationssekretr, Andere meinten sogar zum Legationsrath
ernannt worden, beauftragt zu gewissen Vortrgen im Kabinet und in der
persnlichen Nhe der hchsten Herrschaften. Man war getheilter Meinung, ob
dahinter eine Intrigue des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard.
Fuchsius lchelte, als eine Dame mit einem andern: Wissen Sie schon?
hereinplatzte. Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt. Sie
zieht ins Palais! - Ins Palais! - Was das zu bedeuten hatte, darber war Niemand
im Zweifel, als man auch von der gndigen Audienz erfuhr, welche die Knigin dem
schnen Mdchen gewhrt. - Nun wird's ja Alles klipp und klar. Ja, wer nur 'ne
hbsche Larve hat und Counexionen, dem fehlt's nicht.
    So hatte Madame Braunbiegler gesagt. Madame Braunbiegler war ihrer Zeit eine
berhmte Persnlichkeit in Berlin, was man heut nennen wrde ein ffentlicher
Charakter, von der sehr viele Dicta noch umgehen. Wenn der Raum unserer
Erzhlung, die zu Ende geht, es erlaubte, htte sie das Recht und die
Antwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber
der Rahmen schliet sich, und die Rcksicht auf den deutschen Stil und die
Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Krften beachtet, verbietet uns,
ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches fr viele Leser unverstndlich
bliebe, ohne eine vorausgeschickte Abhandlung ber den Mark-Brandenburgischen
Unterschied zwischen Mir und Mich. So genge denn fr dieses Mal - denn es ist
wohl mglich, da wir ihr knftig wieder begegnen - ein Dictum, welches mit
stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist. Ex ungue
leonem. Madame Braunbiegler hatte das Gesprch ber den betreffenden Gegenstand
mit den Worten geschlossen: Denn heirathet er ihr och noch! Da gratulir' ich.
Er hat nischt und sie hat nischt. Des wird 'ne magere Kalbfleischsuppe. Ne sage
ich doch, wenn pover Volk noch dicke thun will und vornehm sind, die knnen mich
gestohlen werden.
    Madame Braunbiegler musste sich dabei echauffirt haben; es kostete ihr immer
eine Gemthsbewegung, wenn sie von ordinren Leuten sprach, die es den Reichen
gleich thun wollten. Sie war den liberalen Ideenabgeneigt und hielt auf
Standesunterschied. Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden
Schultern gerutscht. Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wiederum: Sie knnten
sich erklten, gndige Frau, flsterte er mit der sanftesten Stimme.
    Der Ritter begehrten nicht den Dank der Dame. Wie zufllig, hatte er sich
auf einen Stuhl am Spieltisch niedergelassen, wo Frau Geheimrthin Lupinus schon
mit der Karte in der Hand sa. Was sagt meine Freundin dazu?
    Was ich dazu sage? Das kommt doch nicht in Betracht. Was aber wird die
Gargazin dazu sagen?
    Sie ist vielleicht auch froh, da sie das Wunderthier los ist, sagte
Wandel leiser. Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knpfen und Lsen. Mit
dem Knpfen werden die Meisten bald fertig, aber am Lsen, weil sie nicht voraus
daran gedacht, scheitert ein Bischen Verstand, und an den ungelsten Knoten des
Daseins ging so Mancher unter. Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwhlten,
diese Kunst sich anzueignen, bei Allem, was sie schaffen und wirken, schon an
die Auflsung zu denken. O wer es dahin gebracht - Wenn Alles aufgelst ist,
was ist denn dann? unterbrach ihn die Wittwe. Freiheit, Chaos, wie Sie es
nennen wollen, allgemeine Glckseligkeit: denn ist es nicht ein Glck, wenn wir
nicht mehr zu sorgen und zu denken brauchen um Bagatellen! - Ist das Leben mehr,
meine Freundin! - Pardon, ich halte Ihr Vergngen auf, Madame wartet -
    Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht, die sich mit ihrer Karte dem Tisch
nherte. Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitelbach
getreten, die am Fenster stand. Er klopfte auf ihre schne Hand, er brachte die
Fingerspitzen an den Mund. Immer pensiv? - Sagen Sie mal, Legationsrath, was
sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus? Er ist doch nicht in sie verliebt?
    Ei, meine Freundin, eine so scharfe Beobachterin; man mu sich vor Ihnen in
Acht nehmen. - Nein, er observirt, er lsst sie nicht aus den Augen. Ich sehe
das schon eine halbe Stunde an. - Nun, wenn es ein ses Spiel der Liebe wre,
was kmmert es uns Beide. - Ich bitte Sie! - Die Lupinus- Lassen Sie doch
die arme Wittwe in Ruh. Haben Sie nicht an Anderes zu denken. - Sie sind ein
guter Mann, ich kenne Ihr Herz und Sie meinen es von Herzen, sagte die Baronin,
aber warum mssen Sie mich immer bei Seit ziehen? - Um alle Gedanken
abzulenken. Denn mich, sagte Wandel mit einem Seufzer, wird man doch nicht fr
den Glcklichen halten knnen. Im Uebrigen bis jetzt geht Alles gut. Wenn wir
nur auf seine Verschwiegenheit rechnen knnten. Offiziere plaudern gar zu gern -
in der Wachtstube, bei einer Flasche Wein -
    Er ward unterbrochen, durch den Eintritt einer neuen Person. Eben hatte sich
Madame Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen, mit einem: Na, kommt man
denn endlich zur Ruhe. Das war doch heut eine Strung - als eine neue schon
wieder da war. Der Geheimrath Lupinus, nicht der selige, sondern von der Vogtei,
war eingetreten, und sofort schien man zu wissen, weshalb. Die Wirthin gab dem
allgemeinen Gefhl den Ausdruck: Ach Gott, die Flanellleibbinden fehlten noch!
    Die neueste Thtigkeit des Vogtei-Lupinus musste also eine bekannte Sache
sein; was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache. Wer etwas gelten
wollte, musste sammeln, natrlich fr die armen Krieger; wer sich hervorthun
wollte, fr einen neuen Zweck. Von Winkelsammlern wimmelte es in den Husern und
auf den Straen. Der Geheimrath sammelte fr wollene Leibbinden. Die Mntel
waren fr die Infanterie, die wollenen Leibbinden fr die Kavallerie. Weshalb
grade der Vogtei-Lupinus diese Sache mit Eifer ergriffen, dafr wusste der bse
Leumund auch einen Grund. Nachdem der Geheimrath seine Papiere und Listen aus
der Mappe genommen, welche ein Beamter ihm nachtrug, hub er an von dem Nutzen
der Leibbinden im Allgemeinen, er citirte Hufeland und Heim ber die
Wichtigkeit, da der Magen eines Menschen warm gehalten werde; wenn die
Funktionen desselben in Ordnung, sei der ganze Mensch in Ordnung. Das gelte aber
ganz insbesondere von Soldaten. Er ging dann auf die Kavallerie ber, und
beschrieb, wie, Luft und Wind ausgesetzt, ein Kavallerist leichter am Magen sich
erklte, als ein Infanterist, der durch die Bewegung des Marschirens schon den
Magen sich warm mache. Wenn nun der Letztere jedoch berdies noch Mntel
erhalte, so erfordere die Humanitt und Billigkeit, da man fr den Soldaten zu
Pferde auch etwas Uebriges thue. Er ging dann auf die drohende Herbst- und
Winterkampagne ber, und schilderte, wie ein Kavallerist friere, wenn er auf der
Erde schlafen mu, denn die Zelte schtzen nicht vor der Klte, die aus dem
Boden dringt und zuerst in den Magen geht, zumal, wenn er leer ist. Nun aber
sorge ein guter Kavallerist allemal zuerst fr den seines Pferdes, und komme es
auf diese Weise oft, da er fr seinen eigenen nicht gesorgt hat. Mit einer
glcklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurckgekehrt, zeigte er, wie sie
am besten zugeschnitten und gebunden wrden, gab zu, da die von Wolle
gestrickten allerdings zweckmiger, aber nicht so schnell zu beschaffen seien,
daher die von Flanell dem Bedrfni und Zeitgeist entsprchen, und schlo mit
einer rhrenden Deklamation an die Anwesenden, da sie fr Knig und Vaterland
und die leiden de Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer milden Gabe
ffnen mchten. Auch die geringste sei ihm willkommen, lieber jedoch die
greren.
    An der Aufnahme sah man, da auch hier schon fertige Parteien waren,
Infanteristen und Kavalleristen, Mntel und Leibbinden, Tuch und Flanell.
Indessen siegte der Flanell. Wer widersteht, wenn Andre ihm vorangehen und der
Kontrolleur dabei steht. Nur Madame Braunbiegler fand es impertinent, grade ihr
damit ins Haus zu rcken. Sie gehrte natrlich zur Tuch- und Mntelpartei, und
erklrte, sie wrde nicht einen Pfennig rausrcken. Eine Kleinigkeit doch!
flsterte ihr der Legationsrath zu. Das brachte sie nur noch mehr auf: Wenn sie
gbe, lasse sie sich nicht lumpen, und wenn's honorig sei, greife sie in die
Tasche, da es sich sehn lassen knne, aber Bettelei knne sie nun ein fr alle
Mal nicht ausstehen. Und wie kommt er denn dazu! Wandel zog seine edle
Freundin bei Seite. Er theilte ganz ihre Ansichten, ob sie es ihm aber
verzeihen werde, wenn er eine Kleinigkeit nach Krften beisteure: Meine
Stellung zum Hofe bringt es mit sich, und der Geheimrath ist wohl nicht ohne
Auftrag hier. Dies wirkte. Es konnte bei Hofe vermerkt werden, da Madame
Braunbiegler nichts fr die Kavallerie gethan. - Schreiben Sie mir auf mit
zwanzig Thaler, Geheimrath! rief die Wirthin, und die Blicke der stattlichen
Frau berflogen die Gesellschaft, um fr die Thaler das Erstaunen zu ernten.
Eine Prise, Baron! Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und
schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlrfen, whrend sie nicht mit
gleicher Worte ihres Kompagnons vernahm: Lupinus, Sie, hren Sie - notiren Sie
mich auch mit zwanzig! - Na, na, Baron, nur keine Extravaganzen nicht! Seit
wann haben Sie's denn so dicke sitzen? - Allerdings hatte der Baron es nicht so
dick sitzen als sein korpulenter weiblicher Kompagnon, aber er schlug mit der
Hand an die Brust: Wenn's Vaterland ruft! Lupinus hatte die Hand, welche eben
in der Dose gewhlt, mit Entzcken ergriffen und an seine Brust gedrckt: Ah!
Madame Braunbiegler est un ange. Votre exemple glorieux rendra notre chose
victorieuse!
    Umgeguckt, Geheimrath, Ihre Schwgerin winkt, will Ihnen auch vielleicht
'nen Fuchs geben. Stecken Sie ein, was Sie kriegen. Der Geheimrath Lupinus
prallte buchstblich zurck, als er sein Ohr an den Mund der Geheimrthin
gelegt, und diese einige Worte ihm zugeflstert hatte. Hun - hundert! - Ich
bitte, Schwager, sein Sie kein Narr! sagte sie mit leisem, strafendem Ton und
bittendem Blick. Hundert Friedrichsd'or! - Aber ich habe Sie doch sehr
gebeten; das war ja unter uns - Sie sind wirklich ein abscheulicher Mensch. -
Hundert Friedrichsd'or! lief es durch die Versammlung. - Hundert
Friedrichsd'or fr Flanell! Starre Blicke, geffnete Mnder. Am weitesten hatte
die Wirthin ihn auf, es kam aber kein anderer Laut heraus, als ein: Na nu -!
    Die Geheimrthin Wittwe empfand das Unangenehme der Situation. Sie erhob
sich etwas vom Stuhl: Warum musste mein guter Schwager ber Etwas an die groe
Glocke schlagen, was ganz unter uns abgethan werden sollte! Da es aber einmal
ist, so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig.
Ich bin nicht so reich, um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke
beizusteuern. Ich erflle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen
Gemahls. So wenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten
kmmerte, sah er doch mit bangem Blick schwarze Gewitterwolken nahen, und es
waren seine letzten Unterhaltungen mit mir, da fr diesen Fall ein guter
Patriot, was er knne, zum Wohl des Ganzen beisteuern msse. Namentlich ging ihm
die Lage unserer armen Soldaten zu Herzen; er, den jedes kalte Lftchen wie ein
Eishauch berhrte, erschrak vor dem Gedanken der Winterfeldzge, die er fr eine
Barbarei der neueren Kriegskunst erklrte. Er malte sich in seinen letzten
Fieberphantasien besonders lebhaft das Bild des Bivouaks, und rief mehr als
einmal aus: Und sie haben nicht mal warme Kleider! Wenn ein unerforschlicher
Rathschlu ihn nicht pltzlich abgerufen, wrde er in seinem Testament gewi
Legate dafr ausgesetzt haben. Wollen Sie es mir daher nicht verargen, wenn ich
dies Testament fr geschrieben halte, und in seinem Sinne zu handeln denke,
indem ich thue, wie ich gethan. Nicht ich thue es, mir darf Niemand danken, mir
Niemand Verschwendung vorwerfen, es ist sein Geist, der mich in diesem
Augenblick umschwebt.
    Whrend die Geheimrthin es sprach, waren Aller Blicke auf sie gerichtet. Es
war eine Feierlichkeit in ihrem Wesen, ein sonorer Ton in der Sprache, der
selbst der Braunbiegler imponirte. Mit ganz besonderen Blicken beobachteten sie
aber zwei der Anwesenden, Wandel und Herr von Fuchsius; jenes Gesicht erheiterte
sich, dieser behielt denselben Ausdruck. Nun aber, lieber Schwager, ging die
Lupinus pltzlich in einen andern Ton ber, thun Sie uns den Gefallen und gehn
zu Andern, denn Ihre Flanellbinden drfen unsere Heiterkeit nicht stren. Was
Sie mir gethan, ist vergeben und vergessen. Sie sehen, wir haben die Karten in
der Hand, und brennen zu spielen. Die Liebenswrdigkeit selbst! - Nein, eine
Vornehmheit doch, und diese Sanftmuth dazu! - Wenn es nicht gesagt, wurde es
gedacht. Wie herzlich, zutrauend, um es wieder gut zu machen, hatte sie dem
Schwager, der so tief unter ihr stand, die Hand gereicht zum Abschied. Lupinus
hatte die Hand an die Lippen gedrckt - etwas schauspielerhaft, sagten Einige.
Wie ein Polisson - Andere. - Er ist doch immer der Bruder meines seligen
Mannes, der einzig Hinterbliebene der Familie! hatte sie geseufzt. Und was man
auch immer gegen ihn sagen mag, von Herzen ist er gut.
    Man erwhnte, da die Knigin sich gnstig ber den Eifer des Geheimraths in
dieser Angelegenheit geuert. Es sei schn, wenn ein alter Snder durch gute
Thaten seine schlimmen wieder gut zu machen suche.
    Wenn's nur von ihm kme! sprach die Braunbiegler. Da habe ich auch nichts
gegen. Er ist ja ein Mann in Amt und Brod, und der Knig wird wissen, warum er
sich solche Geheimrthe gemacht hat. Aber alle Welt wei auch, er ist nichts im
Hause. Da steckt die Charlotte hinter, seine Kchin. Ich wei nur gar nicht, wie
die Familie den Skandal zulassen kann. Wenn das in meiner wre, ich wrde mich
ja schmen -
    Madame Braunbiegler haben anzusagen. sprach mit groer Milde die Lupinus.
- Mein Seliger. setzte sie hinzu, musste doch wissen, warum er mit seiner
unendlichen Gte den Schwachheiten seines Bruders nachsah. Ich bin nur seine
Erbin. Sein Wille ist meiner.
    Das Spiel ging gut. Die Braunbiegler gewann. Das khlt den Unmuth. Aber
hinter dem Spieltisch ward das Gesprch etwas laut. Verschiedene Personen saen
an dem groen Trumeau, der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing.
    Sie sind ja so munter, liebe Eitelbach? fragte die Lupinus hinber. - Der
Regierungsrath erzhlt uns allerliebste Kriminalgeschichten. Fuchsius hatte
einen dankbaren Hrerkreis. Das ist noch gar nichts, sagte er. Dann wird Sie
eine andere Geschichte, die ich in einer englischen Zeitung las, noch mehr
interessiren. Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit
seiner Frau, wahre Muster in Sittlichkeit und Wohlthun. Man stellte die beiden
Leute wirklich als Exempel auf. Sie waren schon in vorgerckten Jahren und ohne
Kinder und, da ihnen Alles glcklich ging, bedauerte man sie nur, wenn ein Gatte
dem andern in jene Welt vorausgehen sollte. Der Mann starb zuerst. Es hie, er
htte sich zu wenig Bewegung gemacht, der viele Staub seiner Bibliothek, den er
eingeschluckt, htte sich auf seine Lunge geworfen.
    Die arme hinterbliebene Frau! sagte die Eitelbach.
    Frau Geheimrthin haben vergeben, rief ein Spieler am Tisch. Excus! es
flimmerte mir etwas vor den Augen.
    Sie ward auch allgemein bedauert, fuhr Fuchsius fort, ertrug aber ihr
Schicksal mit wunderbarer Fassung. Sie lebte nur dem Gedchtni ihres Mannes und
fhrte mit groen Opfern Alles aus, was er angeordnet. Man betrachtete sie als
eine Art Heilige. Da fgte es der Zufall, da durch einen Gewitterregen der an
einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgesplt und durch die Gewalt
des Wassers mehrere Srge den Abhang hinuntergestrzt wurden. Darunter war auch
der, worin der selige Friedensrichter lag. Er zerbrach, und mit Erstaunen sah
man die wohl konservirte Leiche, als wenn er noch lebte. Von einer besondern
Luft konnte es nicht herrhren, denn die andern Leichen waren zerstrt. Man fand
aber bald die untrglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung. Werden Sie es
glauben, wenn ich Ihnen sage, da es sich ermittelt hat, die eigene Frau hat ihn
umgebracht. Einem unterdrckten Schrei folgte eine lange Stille: Aber wie ist
denn das gekommen? Warum denn? Sie hat ihn ja so geliebt! rief die Baronin.
Fuchsius, der mit bergebeugtem Leibe auf dem Stuhle sa, wie wohl Erzhler
thun, die fr eine lange Erzhlung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus
sich herausspinnen, und dabei nicht rechts und links blicken, Fuchsius sah dabei
unverwandt vor sich auf den Spiegel. Gott sei Dank, das ist nicht mglich!
rief die Eitelbach. Aber ungleich interessanter, fuhr der Rath fort, und
vollstndig ermittelt ist, wie sie ihren Mann umgebracht hat. Knnen Sie sich
das denken, sie puderte ihn, in dem Puderstaub aber war Arsenik.
    Am Spieltisch war eine Strung. Der Geheimrthin waren die Karten aus der
Hand gefallen; sie sah bla aus, ihr Kopf senkte sich. Das hatten aber die
Wenigsten gesehen. Im selben Moment schon war der Legationsrath aufgesprungen:
Eine Maus! Er zog das Taschentuch; damit fuhr er und schlug er an der Wand
entlang, nach dem Boden. Eine Maus, eine Maus! - Vergebens schrie Madame
Braunbiegler auf: Wir haben keine Muse! Es hatten noch Andre die Maus
gesehen, denn worauf htte sonst der Legationsrath sich so lebhaft geworfen! Wie
auch die Wirthin dagegen protestirte, in ihrem Hause seien nie welche gewesen,
noch sollten sie sich je zeigen, sie kam in dem allgemeinen Allarm nicht auf,
besonders als auch der Regierungsrath, an ihr vorberstreifend, ihr zuflsterte:
Sie mssen sich schon zufrieden geben, es war eine Maus, Madame Braunbiegler.
An der Thr sagte er halb fr sich: Eine Falle wird ja auch im Hause sein. Die
Baronin meinte, er gehe eine zu holen, als er sich unbemerkt im allgemeinen
Aufstand entfernte.
    Es war ein verdrielicher Aufstand, am verdrielichsten fr die Geheimrthin
Lupinus, welche die Ursache gewesen, denn sie konnte nun einmal keine Muse
sehen, ohne einer Ohnmacht nahe zu kommen. Aber wie schnell hatte sie auch jetzt
sich erholt, sie war die erste, welche ihre Karten wieder in der Hand hielt:
Warum mussten Sie mich verrathen! schmollte sie mit einem eignen Blick zum
Legationsrath. Das Thier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand
hervor. Was that das! Die Gesellschaft wre doch in ihrer Assiette geblieben.
    Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette, aber die Maus noch nicht
fort. Man erzhlte von andern bekannten Personen, die auch eine Idiosynkrasie
vor Musen htten. Auch Herr von St. Real ward erwhnt. Er sprnge trotz seines
Krckenstockes, wenn er eine wittere, auf Stuhl und Tisch. Sprang! rief eine
Stimme vom Spieltisch: Ach, wissen Sie noch nicht, er ist todt, pltzlich am
Schlagflu gestorben. - Ein allgemeines Bedauern, das sich in ein allgemeines
wohlgeflliges Lcheln auflste. Nicht der Kammerherr, sondern sein Onkel, der
reiche Johannitercomthur Graf St. Real, war gestorben und sein Neffe Erbe seines
Vermgens und seiner Titel geworden. Der Tribut allgemeiner Theilnahme ward dem
unsichtbaren Erben gezollt.
    Ach, ein so liebenswrdiger Herr, dem gnne ich's, sagte die Wirthin.
Charmanter Kavalier, schmunzelte ihr Kompagnon, der Baron. Gefllig gegen
Jedermann, hat noch die feinen alten Hofsitten. Wenn solchem Mann ein Glck
zufllt, da kann man doch noch sagen, es ist Gerechtigkeit drin. Die Glckspilze
sind mir zuwider. Die Braunbiegler meinte, er wre todt, und nun knnte man ihn
in Ruhe lassen. Wenn mir nu noch Ener kommt, trumpfte sie auf den Tisch, ob
er todtig ist oder lebendig, des wee ich, denn schmei ich die Karten fort. Zu
ville ist zu ville. - Aber, Frau Geheimrthin, mssen Sie denn allemal
vergeben?
    Der Bediente war eingetreten, offenbar mit einer Meldung, aber er schien zu
zaudern, als er die Lupinus im Begriff sah, die wieder aufgenommenen Karten zu
mischen. Es ist drauen - es steht drauen - es will Jemand Frau Geheimrthin
Lupinus sprechen. - Wir haben hier auch zu sprechen. - Der sagt aber, er mu
absolut. - Na, wer ist es denn, Jean? - Ich kenne ihn nicht, Madame
Braunbiegler, - aber - aber er ist sehr dringend, er hat ein Schild auf der
Brust und sagt, er mu partout.
    Wandel hatte die Geheimrthin fixirt. Ein  merveille! entstieg unhrbar
seinen Lippen, als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand. Sie verzog
keine Miene: Ich kann mir denken, was es ist; wahrscheinlich wegen eines
Dokumentes aus meines Mannes Nachla, auf das eine auswrtige Behrde aus
archivalischen Grnden einen Anspruch geltend macht. Es thut mir unendlich leid,
da ich abermals die Gesellschaft stren mu, hoffentlich nur auf einige
Augenblicke. Sie rckte den Stuhl zurck. Wandel reichte ihr den Arm und fhrte
sie bis an die Thr. Ob und was er mit ihr gesprochen, wei man nicht. Sie haben
sich nicht wieder gesehen, heit es.
    An der Thr blickte die Lupinus noch einmal ber die Schulter, und die ihren
Blick damals sahen, wollten ihn nie wieder vergessen haben. Mit einem Lcheln
rief sie: Ich bin am Geben, meine Damen, vergessen Sie es nicht und ich werde
nicht wieder vergeben.
    Es war eine peinliche Stille von einigen Minuten. Im Augenblick, wo man
einen Wagen abfahren hrte, trat das Stubenmdchen ein, bla, wie verstrt: Ach
Gott, wissen Sie schon - Die Sprache versagte ihr. Was? - Sie wird abgefhrt
- sie ist kriminalisch - die Thrnen strzten dem Mdchen aus den Augen. Ach
Gott, ach Gott! da solchen Leuten auch so was passiren mu. Die gute Frau
Geheimrthin! - Unmglich! - Ein Miverstndni! Die Karten fielen, die
Sthle und die Tische rckten. Ueberall blasse Gesichter. Mehrere Herren waren
hinausgeeilt. Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestrzt. Es ist eine
fatale Wahrnehmung fr unser Humanittsgefhl, aber es steht unstreitbar fest,
mitten aus diesem Humanittsgefhl schiet oft eine kannibalische Lust, wenn wir
ungewhnliches Unglck, von uerem Schrecken begleitet, hren. In das Bedauern
fr die Leidenden mischt sich ein wollstiger Kitzel. Es ist nicht immer
Schadenfreude, oft nur die Freude, aus dem Alltglichen heraus in die Regionen
des Ungewhnlichen uns versetzt zu sehen. Hren wir, da es nur blinder Lrm
war, kein Feuer, eine Mystifikation, so werden wir still. Wir uern vielleicht
ein Gott sei Dank! Aber ganz recht ist es uns nicht, da die wunderbare
Aufregung ohne Resultat geblieben.
    'S ist richtig! Wissen Sie's? schrie der Baron. Um des Himmels Willen,
was? - Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben. - Die Leiche ist heimlich
ausgegraben - secirt. O wir werden noch mehr hren.
    Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben, unternehmen wir nicht, die
aufgerissenen Augen, die bleichen Gesichter, die Taschentcher, die Eau de
Cologneflaschen. Die Unmglichkeit! Es ist Verleumdung! welche zuerst von den
Lippen brachen, verstummten allmlig. Es kamen immer Mehr zurck, die es
besttigten, neue Details angaben. Die hatten die Gerichtsdiener, Andere
Fuchsius, einen Kriminalrath, einen Gerichtsarzt gesprochen. Die Gesellschaft
war aufgelst; die Nachrichten wuchsen mit den Vermuthungen. Sie hatte nicht nur
ihren Mann vergiftet, auch die Kinder, ihre Dienerschaft. Sie war eine
Giftmischerin aus Profession, eine Brinvilliers. Sie hatte aus einer Apotheke
alles Rattengift aufgekauft. Daher kann sie keine Muse und Ratten sehen.
    Eine Dame entsann sich, da sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und
traktirt, und die Kinder waren nachher krank geworden. Sie hatte die ganze
Schule vergiften wollen, das war keine Frage. Wir wissen nicht, ob in derselben
Gesellschaft, aber am selben Abend schon erzhlten Einige, da die Lupinus die
Intention gehabt, ihre Nachbarschaft, ja die ganze Jgerstrae aufzurumen. Und
in unserer Stadt! - In dem aufgeklrten Berlin! - Man wird es auswrts nicht
glauben. - Aber wir werden noch mehr hren.
    Nachdem Madame Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt, war sie die
aufgeregteste, wenigstens die lauteste: Wenn man sie nur gefragt, sie htte es
lngst gewusst - nein, das freilich nicht, aber vorgeschwant htte es ihr, da
es so oder so etwa kommen werde. Und der Frau htte sie ja nicht um die Ecke
getraut; so etwas Malicises im Gange und den Fingerspitzen, in den Locken und
Lippen, und die cachirte Vornehmheit! An ihrem Gesichte konnte man ihr die
Giftmischerin ansehen. Und wenn sie nur Den wsste, der sie ihr zuerst ins Haus
gebracht!
    War dies vielleicht die arme Baronin? Sie sa ber ihren Stuhl gelehnt wie
ein Bild des Entsetzens, bla mit weit aufstarrenden Augen, sprachlos. Es war
ihr Vieles im Leben begegnet, sie hatte einmal geglaubt, noch vor Kurzem, was
sie dulden msse, das dulde Keiner auer ihr, aber das, was sie jetzt erlebt,
war mehr, es war zu viel. Sie hatte dafr keine Sprache, vielleicht auch keine
Gedanken. Die Lupinus galt ihr, und war ihr immer vorgestellt worden als ein
Muster von feiner, edler Bildung, von Herzensgte und Verstand, das sie zwar
nicht erreichen, aber auf das sie zur Nacheiferung, blicken, woran sie sich
halten knne. Und glaubte die Eitelbach nicht, da sie schon eine Andere,
Bessere geworden! Hatte sie nicht erkannt, woran es ihr fehle, hatte sie es in
einem gerhrten Augenblicke nicht geradezu ausgesprochen, und die Lupinus hatte
ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Gte gesagt: die einfltigen
Herzens sind, denen ist das Himmelreich offen! - Und ja, sie war es wirklich,
welche die Lupinus zuerst mit der Kompagnonin ihres Mannes bekannt gemacht
hatte. Da brach es heraus. Schmerz, Aerger, Wuth: Herr Gott, wenn die 'ne
Giftmischerin ist, was sind wir dann Alle!
    Der Legationsrath Wandel schien in dieser frchterlichen Scene nicht die
Fassung behalten zu haben, welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag
gelegt. Das Unglck einer theuren, langjhrigen Freundin musste auch ihn
momentan erschttert haben. Er war wenigstens fr die nchsten Minuten nicht
ganz Herr seiner selbst. Er sa auf einem Stuhle, den Rcken der Gesellschaft
zugewandt. Sein Kopf sank ber. Pltzlich aber stand er auf, und trat in die
Mitte des Zimmers. Sein Auge leuchtete, indem er die Anwesenden berschaute, ein
hochmthiger, fast verchtlicher Ton in seiner gehobenen Stimme: Und wer sagt -
ich frage, wer wagt die Frau, welche man aus unserm Kreise gefhrt, eines
Verbrechens anzuklagen! Hat Jemand von Ihnen Beweise? Liest man in ihrem Herzen!
Wer, ich frage, traut sich zu, auf bloes Geschwtz, Vermuthungen hin, ein
Urtheil ber eine Dame zu fllen, die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis
da in unserer Mitte stand? Wer? wiederhole ich, fhlt sich so reinen Herzens, um
den Stein auf sie zu werfen! - Warum senken Sie die Kpfe? - Wie! Weil die
Dienstleute ein Gercht hereintrugen, ungebildete Gerichtsdiener, bereifrige
Beamte sie verhaftet, vielleicht auf ein bloes Miverstndni, eine
Verwechslung - Kommt das nicht vor? Giebt es nicht Justizmorde? - Wie, darum
verdammen wir Die, die Sie Alle durch lange Jahre mit Bewunderung, Respekt
betrachtet, die uns galt fr ein Wesen hherer Art! Diese Bewunderung fr ihre
guten Eigenschaften, der Eindruck, den sie unwillkrlich auf uns Alle gebt,
wre erloschen, fortgewischt durch ein einziges Wort! O mein Gott, lassen Sie
mich nicht so schlecht von uns Allen denken, da ein unbesonnenes, berhastetes
Wort die Thaten eines ganzen Lebens verlschen knnte -
    Aber - fiel ihm Jemand ins Wort. Wandel lie ihn nicht zu Worte kommen.
    Sie haben Recht, der Schein ist gegen sie. Ich vermesse mich auch in keiner
Art hier Richter zu sein, noch ableugnen zu wollen, was etwa von emsigen
Polizeibeamten zu Protokoll gegeben ist. Nein, von solcher Anmaung bin ich weit
entfernt. Aber meine verehrten Freunde, hten wir uns Schlsse zu ziehn aus dem,
was scheint, was wir vermuthen. Wollte ich meinen Vermuthungen nachtrumen, dem
Scheine trauen, der eben wie ein Blitz vor mir aufzckt, ich msste zum Anklger
werden gegen die edelsten Mnner, die lautersten Charaktere Berlins. Sie traute
keinem Arzte mehr, sie glaubte ihre Schwchen durchschaut zu haben, sie nannte
sie insgesammt Charlatane; das wussten Heim, Selle; Mucius hat es auch gewusst.
Sie prparirte sich selbst ihre Hausmittel, sie hatte sich eine kleine Apotheke
von Herrn Flittner verschafft, wie ich ihr auch abrieth und vorstellte, da es
zu Mideutungen eben von Seiten der Aerzte fhren knne. Es hat dazu, meine
Herren, gefhrt, man hat Urtheile ber sie ausgesprochen, die ich nicht
wiederholen will. Wie nun, wenn ich diesem Schein nachginge, argumentirte: sie
war eine sehr kluge Frau, die tiefer sah als Andere, darum waren Die, denen sie
ins Handwerk schaute, ihre gebornen Widersacher, die ihr auf den Dienst
lauerten, jede ihrer Handlungen mideuteten; diese Aerzte sind es, die, weil sie
dieselben vom Todtenbette ihres Gatten fern gehalten, weil sie dieselben
beleidigt, verhhnt, an Ruf und Praxis geschdigt, sie sind es, welche den
Verdacht gegen die Unglckliche ausgestreut, bis andere daraus eine Denunciation
gebildet. O nein, meine Freunde, ich unterdrcke diese Vermuthung, und noch
andere, ich versichere Sie, Vermuthungen, die einem Andern als mir zu Schlssen
wrden. Nein, sie steht mir zu hoch, als da ich ihr helfen sollte durch das
Verderben Anderer. - Sie wundern sich ber meinen persnlichen Eifer. Nun wohl
denn, wenn Ihnen die Entrstung eines Edelmanns ber das Unrecht, das man einer
edlen Frau anthut, nicht Grund genug ist, so habe ich keinen, unter so nahen
Freunden zu verschweigen, da meine Achtung und Bewunderung fr Madame Lupinus
mich nach dem Tode ihres Gatten trieb, um ihre Hand zu werben. Ich sprach es
noch nicht aus, um ihre Gefhle zu schonen, aber schon bei einer bloen
Annherung kam sie schonend, doch mit einer Wrde mir entgegen, die alle meine
Hoffnungen zurckwies. Sie gehre dem Todten wie einem Lebenden an, und nichts
drfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drngen. Brauche ich Ihnen
zu sagen, wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte, da Jeder von
Ihnen wei, da ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat. Und diese Frau wagt man
zu beschuldigen, da sie Hand gelegt an das theure Haupt ihres Verewigten! Diese
Mittheilungen bin ich dem Kriminalgericht schuldig. Ich werde sie machen und zum
Richter sprechen: Untersuchen Sie streng, das ist Ihre Pflicht, aber erlauben
Sie mir auch, eine moralische Ueberzeugung vor Ihrem Stuhle auszusprechen.
Mglich ist Alles, aber nur Die, welchen die Snde in ihrem ersten Stadium, im
Argwohn und Neid gegen die Besseren und Glcklichen, genaht ist, werden die
Beschuldigung aussprechen, sie werden ein Behagen daran finden sie zu glauben,
eine edle, reine Seele wird die Worte ausrufen, welche mir vorhin ins Ohr
klangen: Wenn sie eine Giftmischerin ist, gtiger Gott, was sind wir dann Alle!
    Der Eindruck der Rede war gro. Er hatte seinen Hut ergriffen, sich gegen
die Gesellschaft verneigt, am tiefsten gegen Madame Braunbiegler. Die
Gesellschaft verstand die Bedeutung. Trotz des allgemeinen Schauers, trotz der
Unruhe des Aufsbruchs, denn die Meisten nahmen Abschied, bewunderte man den
ritterlichen Mann, welcher so der Ehre einer Frau sich annahm, die ihm den Korb
gegeben! Und seine hohe Gestalt, sein tiefglhendes Auge unter einer Stirn, die
sich im edlen Zorn immer hher zu wlben schien! So hatte man ihn nur gesehen,
als er im Hause der Obristin als Retter auftrat.
    Niemand schien vergngter als Baron Eitelbach, er htte, als Beide im
Vorzimmer sich begegneten, dem Legationsrath um den Hals fallen knnen: Seine
Frau bernahm es statt seiner. Eine Thrne glnzte in ihrem schnen Auge, als
sie, vom Arm ihres Mannes sich losmachend, ihre Hnde auf seine Schultern legen
und, auf den Zehen sich erhebend, einen Ku auf seine Stirn hauchte: Eine
schne That verdient eine Belohnung. Eigentlich, da Sie's wissen, habe ich Sie
nicht leiden knnen - Sie sind ein guter Mensch, das wusste ich, aber es war mir
doch immer daneben, als wenn sie ein schlechter Mensch wren - heute aber nein,
Sie sind gar kein Mensch nicht, heute waren Sie wie ein Gott.
    Schade, da die schne Scene durch ein kreischendes Gelchter unterbrochen
ward. Nicht das des Barons, der nur etwas grinste und sich vor Schadenfreude
die Hnde rieb, sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf, und der
Rittmeister schrie schon von drauen sein: - Tralirum la! Krieg! Krieg!
Ausmarschordre! - Laforest kriegt seine Psse!
    Es war ein Intermezzo, das berhaupt zu dem, was hier geschehen, nicht
stimmte: Trompetengeschmetter, das einen Choralgesang, die Trauermusik eines
Grabeszuges unterbricht. Glhte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom
Wein? Gleichviel, es glhte und er war trunken. Er fiel um den Hals, wer ihm in
Weg trat. Krieg! es geht los! begleitete den Ku. Er hatte den Baron Eitelbach
so umarmt, er drckte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die
Wangen. Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsraths wich er zurck, um den
General-Stabs-Chirurg Grecke ans Herz zu schlieen.
    Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu
sehen. Er flsterte ihr ins Ohr: Nicht verzweifelt, meine Freundin. Man mu in
solchen Momenten der Aufregung auch einer Rohheit nachsehen, die unter anderen
Umstnden unverzeihlich wre. - Er kann sich bessern, obgleich - doch es kommt
eben darauf an, ob er ein Diamant ist, oder nur ein Kieselstein.

                         Neunundsiebenzigstes Kapitel.



                       Wir werden Alle Blut sehen mssen.

Die blaugraue Dmmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der
innern Wrme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Frstin, als diese im
Neglig aus ihrem Kabinet trat. Wandel, der hinter ihr die Thr schlo, war
schon fertig angezogen. Er sah blasser als gewhnlich aus und schlang ein
wollenes Tuch gegen die Morgenklte um den Hals, ehe er sich anschickte, den
Mantel umzuwerfen. Die Frstin wies auf die Thr zur Hintertreppe: Sie knnen
durch den Gartensalon. Adelheid schlft schon seit gestern nicht mehr hier. -
Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rhrend? Die Gargazin
sagte nach einigem Besinnen: Ja - ich habe geweint. Was sie noch sagen wollte,
verschluckte sie.
    Tant mieux, Madame, sie kann uns nun protegiren. Le temps se change, mais
pas les hommes. - Ich wnschte, Sie changirten, sagte die Frstin ernst. Hat
Sie der Anblick des jungen Mdchens nie gerhrt? Zuweilen - wenn ich sah, wie
alle Verlockungen und Verfhrungsknste von ihr abglitten - ja, zuweilen berkam
es mich, ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze stehe. - Die Hand des
Schutzengels, den der Himmel ihr gesandt, drck' ich jetzt an meine Lippen. Au
revoir! Uebrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agirt. Die Gargazin ri
die Hand zurck und ihr strafender Blick htte ihn zum Schweigen auffordern
sollen, aber er schwieg nicht: So war uns die Rolle des Verfhrers zugewiesen.
Jede Rolle ist gut, wenn man sie nur gut spielt. - Sie schaudern, es ist ein
frostiger Oktobermorgen. Sie werden sich erklten, Sie sollten sich wieder zur
Ruhe legen. - Ich schaudre, doch ich friere nicht. Er sah verwundert, als sie
nach der Klingelschnur griff. Ich will nach der Hedwigskirche. - Wenn Sie
gesndigt, fhlen Sie dann nie das Bedrfni, Ihr Herz auszuschtten? Haben Sie
gar keine Empfindung, keine Ahnung davon, welche Erleichterung, Wohlthat es ist,
so belastet und gedrckt sich in den Staub zu werfen, und im Bekenntni, in der
Beichte zu den Fen eines plnipotentiaire der Allmacht alles das
niederzulegen, und jeden Winkel in uns auszukehren?
    Ich begreife es - ich begreife es vollkommen! - Und Sie verschmhen die
Wohlthat. - Was dem Armen ein Schatz ist, wirft der Reiche oft aus dem
Fenster. - O Sie reicher Mann! Es war ein bser, aber scheuer Blick. Weil
sie so gewaltig stark sind. Weil Sie die Schwche nicht kennen! - Ich htte Sie
von Anfang an hassen mssen - Aber Sie wollten mich bekehren, darum erbarmten
Sie sich meiner und liebten mich. - Nein! - Eigentlich bewundere ich in Ihnen
die Allmacht der Natur. Wie es mglich war, ein Geschpf in Menschengestalt ohne
Blut und Herz zu bilden! Sie waren mir neu, interessant, ich wollte Sie
studiren. Ich klopfte an, ob nicht irgendwo eine schwache Seite herausklinge -
aber kalter Marmor von auen und noch klter von innen. Ich fragte mich, was
bewegt denn diesen Block, den irgend ein Dmon aus dem kalten Gestein loshieb
und gemeielt ins Leben setzte, mit tuschender Menschenhnlichkeit, aber er
ward kein Mensch. - Einige wollten behaupten, der Egoismus sei es allein, der
diesen - Marmorblock in Thtigkeit bringt. - Aber die Lichter des Himmels
blitzen Sie doch an, die Tne der Natur finden in Ihnen einen Widerhall. Es
rauscht und strahlt zuweilen so harmonisch heraus, da Sie blenden, berauschen,
verfhren. Sagen Sie, ist das Alles nur der Reflex eines Spiegels, den selbst
nichts rhrt? Haben Sie keine Seele, oder ist sie wie das Meer am Eispol,
eingefroren seit ihrer Schpfung?
    Viel nher, theuerste Freundin, lge doch der Vergleich mit dem Dmon, den
der groe Dichter ins Leben rief. Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des
Mglichen und Unmglichen, statt Goethe's Mephistopheles zu citiren? Die Ehre
erzeigten mir Andere, sie nannten mich den Geist, der immer verneint. Hflichere
hatten sogar die Freundlichkeit, den Schalk in mir zu wittern, von dem es dort
heit, da unter allen Geistern, die verneinen, er dem Herrn der Schpfung am
wenigsten verhasst sei. Doch das lass' ich auf sich beruhen, es ist
Geschmackssache, wie Alles in der Welt, Antipathieen und Sympathieen. Was sich
anzieht, was sich abstt, es ist Alles ein Spiel der Laune, die wir nicht
ergrnden, der Kern des Kernes, die Ursach der Ursach, nach der die schne
Knigin Charlotte selbst einen Leibnitz umsonst fragte und qulte. Nein, danach
mssen wir nicht grbeln, um Gottes willen; wir Alle sind ja nach Ihrem Glauben
- Erwhlte oder Verstoene, denen die Gnade leuchtet, oder es blieb in ihnen
finster. Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen, er kann ja
nicht fr seine Maulwurfsaugen, noch da sein Blut so kalt blieb als das
arktische Meer. Wenn Sie da weiter fragen wollten, hohe Frau, auf welche Fragen
stieen Sie, Rthsel, die selbst Ihr Glaube, der Berge versetzt, nicht lst. Zum
Exempel, warum gab der Panurg sich die Mhe, Meer da oben am Nordpol zu
schaffen, wenn es sofort zu Eis erstarrte? Wir Skeptiker wrden fragen, warum
schuf er nicht sogleich Eis? es wre doch einfacher, bequemer, consequenter
gewesen, Was hat dies arme Salzwasser verschuldet, da es die schmerzliche
Metamorphose erduldete? Mu es wie ein neugeboren Kind, die Snden seiner
Erzeuger ben? und warum ben in alle Ewigkeit, denn bis nicht ein Komet an
diese alte Erde stt, der Weltenbrand alles verzehrt, wird dies unglckliche,
verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlst.
    Der Weltenbrand! rief pltzlich die Frstin auf, und ihr Gesicht glhte.
Nicht die Wrme von innen, es war eine Purpurgluth, die von Auen daran schlug.
Die Sonne war aufgegangen, die Wolken zerrissen, eine unfrmlich groe
Feuerkugel tanzte im Dunstlicht. Aber bald sah man sie nicht mehr vor der
Frbung, die sie dem ganzen Dunstmeer mittheilte. Das Firmament schien Feuer.
Das Zimmer, eben noch im unheimlichen Grau, war von rothem Gefunkel
bersprenkelt. Rasch hatte die Wirthin das Fenster aufgerissen, und die Dcher
der Huser, die weite Stadt, so weit man sie bersah, schwammen in einem
Blutroth. Wenn sie berrascht war, schien es nicht die Ueberraschung des
Schrecks, sondern einer dmonischen Freude. Sie streckte ihren entblten Arm
hinaus in die kalte Luft, whrend diese Klte sie doch nthigte, die Enveloppe
mit der andern Hand fester um Brust und Hals zu drcken. Sehen Sie! - Die
Nebel zertheilen sich. Es wird ein schner Herbsttag werden. - Der Tag der
Vergeltung! Er bricht an. Feuer und Blut gemischt. O ich knnte mich freuen, ein
entzckendes Schauspiel, wenn die wogenden Flammen ber die Dcher sausten, das
Lied der Vergeltung heulend. Des neuen Attila Mission ist gro, und ich sehe,
sie ist noch nicht zu Ende. Die Leichen sollen sich noch zu Bergen thrmen und
das Blut in Strmen flieen, wo wir noch kein Bett dafr sehen. - Ei, Sie
schaudern, das freut mich. So blutig roth, wie dieser Morgen -
    Wandel schauerte wirklich, er zog den Mantel um die Brust: Sie wissen, ich
kann kein Blut sehen, Alles - Andre - nur kein Blut - Die Gargazin schien sich
an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden: Steigt Ihnen es auch zu
Wangen! - Wir werden Alle Blut sehen mssen, mein Herr von Wandel. Ohne das
keine Erlsung aus diesem Dasein. Entweder stockt es, und wir gehen in
Konvulsionen unter, oder es strmt in hellen Purpurquellen aus und das ist die
leichtere. - Hren Sie die Trommeln wirbeln? Wie muthig und froh gehen die
Tausende dahin, wo die eisernen Wrfel fallen. - Ja, das Spiel ist aus, der
Ernst beginnt, mein Herr. Verspren Sie keine Lust? Hrten Sie's nicht singen:
Im Felde, da ist der Mann noch was werth! Regte es sich da nicht in Ihnen? Hier
ist er gar nichts mehr werth.
    Welcher Dmon war in die Frau gefahren? dachte der Legationsrath. Um ins
Feld zu ziehn, mu man - Muth haben, unterbrach sie ihn. Bewahre Ihr Genius
oder Ihre Heiligen die Liebenswrdigste Ihres Geschlechts davor, eine Amazone zu
werden! Sie schien ihn nicht zu hren. So rottenweis sie fallen, Reihe um
Reihe unter dem Karttschenhagel strzen, das Feld sich lichten zu sehen, fr
einen Feldherrn soll es ein Gtterschauspiel bieten. Da, wenn er auf der Hhe
hlt, den Tubus in der Hand, sein Schlachtro unbeweglich unter seinen Lenden,
da soll Napoleon ein Gott sein. Ein Bewegen mit dem kleinen Finger, ein
Seitenblick, ein Zucken mit der Lippe, die Adjutanten verstehen es, neue
Bataillone wlzen heran, sie fllen die Lcken, um wieder - Lcken zu werden. -
Ich kann die Frau da begreifen, wenn es wahr ist, was sie von ihr erzhlen. Mit
Menschenleben spielen wie mit Schachpuppen, warum soll es nicht zum Kitzel
werden, dem man nicht widersteht.
    Die Unglckliche! Sie wollte gewi keine Verbrecherin werden. - Wer will
das! Sie wollte nur Glck um sich verbreiten, aber weil die Menschen eigensinnig
sich ihres auf eigne Weise suchen, ward sie erbittert, bis - bis - Ja - weil sie
nicht Muth hatte zu sndigen, darum ward sie Verbrecherin. Eine Philosophin -
sie hat ihre Gtter sich selbst geknetet, - wei ich, aus welchem Koth! - Wer
den Gott des Lebens nicht kennt, seine Beseligung, drstet doch nach einer
anderen. Der Gott des Todes gewhrt sie auch, und wem die groen Wrgeengel
nicht zu Kommando stehen, wie Bonaparte, lsst sich mit den kleinen gengen. Die
Gemeinheit sagt, sie htte es aus Rache gethan. Nein, ich vertheidige die Frau.
Auch sie nur ein Werkzeug in seiner Hand. - Sie wrde mit ihrer erlauchten
Vertheidigerin schwerlich zufrieden sein. - Herr von Wandel wird sie
allerdings besser vertheidigen, weil er sie besser kennt. War das ein
Basiliskenblick? - Er wollte sprechen - aber er stotterte nur von Gott und
reinem Bewusstsein. Wenn sie unschuldig, werde jener sie schtzen, dieses sie
trsten.
    Reden Sie doch nur in Sprachen, die Sie verstehen. herrschte die Frstin
ihn an. Wenn Gott seine Zuchtruthe am Himmel aushngt fr die Vlker, straft er
auch die Einzelnen. Merken Sie sich das, Herr von Wandel. Wenn Pestilenz, Krieg,
Verderben in einem Lande ausbricht, kommt es nicht angeweht vom Winde, es bricht
von Innen heraus, wie ein Geschwr von den faulen Sften. Merken Sie das. -
Werden Sie noch hier bleiben? Mich dnkt, hier ist nicht Ihres Weilens. Mich
dnkt, Ihnen knnte Gefahr drohen. - Mich dnkt, man glaubt Sie zu kennen -
Wer? - Ich nicht, rief mit Nachdruck die Gargazin. Ich will nicht, mir
graut, Sie kennen zu lernen. Die Akademie will Sie nicht, aber fr Gelegenheit
nach Ruland lassen Sie mich sorgen - ich knnte Ihnen eine Professur in Kasan
verschaffen.
    Der Legationsrath verneigte sich zum Abschied: Die Luft dort ist mir zu
streng. - Was fesselt Sie hier? - Erlaucht wissen - Unmglich - nein -
abscheulich - das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu. - Eine mariage de
raison, weiter nichts. Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasien zu Rande
sind, behlt die Vernunft das letzte Recht. - Mir aus den Augen! - Was that
Madame Braunbiegler, Euer Erlaucht Zorn zu erregen? - O mehr als abscheulich -
widerwrtig - eine Versndigung gegen Geschmack, Gefhl, Aesthetik! An einen
trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hngen, da war im Epheu holder Wahnsinn -
aber das Thier, das im Schlamme der Gemeinheit sich wlzt, das wagten die
Griechen selbst nicht - Und mit Bewusstsein, klar sehend - Mir aus den Augen -
da ist die Treppe - wenden Sie sich nicht um - Ich will Ihnen nicht wieder ins
Gesicht sehen - nie, nimmermehr!
    Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und - er stand schon auf der Treppe.
Da aber wandte er sich doch um. Es musste ein eigner Blick sein. Sie ward roth
und bla: Erinnern Sie sich, rief sie ihm nach, da Sie keine Zeile
Schriftliches von mir in Hnden haben. - Ich kenne Sie nicht. - Fort - hinunter
- Scheusal - schneller!
    Er war symbolisch die Treppe hinuntergeworfen. Er machte sich keine
Illusionen darber. Aber warum? - Weil er das sthetische Gefhl der Frstin
verletzt? Weil grade diese Rivalitt ihren Schnheitssinn emprte? - Ein
hhnisches Lcheln schwebte auf seinen Lippen. Er litt zum ersten Male
ungerecht. Er hatte nie im Ernst an die Heirath gedacht. War es nur eine
Weiberlaune, welche pltzlich in ihr aufgestiegen, und hatte die Aufwallung
einer Phantasie so lange, knstliche, wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt?
Oder lag etwas Bestimmtes zu Grunde?
    Mit jedem Schritte gewann die letzte Vorstellung an Gewicht. Eine
frchterliche Ueberzeugung, aus Kettengliedern zu einer Kette geworden. Er war
nicht mehr, oder vielmehr, er galt nicht mehr, was er gegolten. Wer giebt einem
fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder! Sein Kopf senkte sich, seine Fe
wurden schwerer. Der frhe Morgen war ein Glck fr ihn; er begegnete keinen
Bekannten. Der groe Menschenknstler htte seine Aufregung nicht verbergen
knnen. Dort stand er an der Ecke, zaudernd, drei Wege vor ihm, der eine fhrte
zur Post. Seine rechte Hand griff unter den Rock, an die Stelle wo das Herz
sitzt. Ob er dessen Pochen hrte, es unterdrcken wollte? Ueber dem Herzen war
aber auch die Brusttasche des Rockes, in dieser sein Taschenbuch, und in
demselben steckte ein von allen Gesandschaften visirter Pa ins Ausland. Es
waren auch vielleicht mehrere Psse auf mehrere Namen. - Sein Sinnen in dem
Augenblicke war, ob er nach der Post eilen, Extrapost nehmen, und die Stadt und
das Land auf immer verlassen solle? Vielleicht lie er damit mehr hier zurck,
als den Staub seiner Fe - seinen Namen. An einem andern Orte tauchte er unter
einem andern neugeboren auf; die Welt ist gro.
    Aber vor seinen Augen musste sie nicht so gro erscheinen, als er, mit den
Zhnen die Unterlippe kneifend, vor sich hinstarrte. Auf der Landkarte, die sein
Auge in der Luft vor sich zeichnete, sah er vielleicht Stdte und Lnder, die
ihm schon verschlossen waren. Indem schallte Reitermusik die Strae herauf.
Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte:

Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!

Sie schaukelten sich dabei, noch ungeschult, in toller Lustigkeit in den
Stteln. Was ist diesen Bauernlmmeln Freiheit - was Vaterland! rief es in
ihm. Der Stock ihr Meister, und doch gehn sie muthig dem entgegen, dem sie
nicht ausweichen knnen; sie mssten denn desertiren. Und das Desertiren hat in
diesem Lande mehr Gefahr, als - dem Feinde stehen. Ich will auch nicht
desertiren.
    Er ging weiter; nicht nach der Post, aber doch schien er noch unschlssig,
wohin. War es Zufall, da seine Schritte sich nach dem Hotel des franzsischen
Gesandten lenkten? Alles war hier in Thtigkeit, Packwagen standen unter dem
offenen Thorweg; aber auch eine Kutsche angespannt auf der Strae. Laforest
wollte Abschiedsbesuche machen. Wenn Wandel hier angeklopft, wrde er
bereitwillig aufgenommen sein; er ging unschlssig bis an die Stufen, aber - er
musste Grnde haben, weshalb er nicht anklopfte. Er ging rasch vorber, und
athmete auf. Er ist doch nur ein Meteor! sprach er fr sich. Wenn er
untersinkt, wo bleibt Napoleons Schweif! Wir glauben, da Wandel sich hierin
selbst belog. Er hatte andere Grnde, weshalb er Frankreich nicht mehr betrat.
    Er war auf eine Bank unter den Linden hingesunken. Zwei Morgenspaziergnger,
die einen Brunnen tranken, setzten sich ebenfalls. Nachdem sie ber die
Wirkungen des Wassers sich des Lngeren unterhalten, sprachen sie auch von der
Lupinus und ihrer Verhaftung. Die Geschichte erhielt neue Wendungen. Sie war
nach des Einen Konjektur eine geborne Giftmischerin aus Instinkt. Er wollte
gehrt haben, sie htte schon in der Schule angegiftet, dann als
fnfzehnjhriges Mdchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter komplet
vergiftet. Die Zahl ihrer brigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen, und sie
thue es ohne allen Zweck und Vortheil, nur weil es in ihrem Blut liege. Sie
knne es nicht lassen. Der Andere wollte entgegengesetzte Nachrichten haben: sie
sei eine wohlerzogene und treffliche Frau gewesen, aber die Neigung zu einem
fremden Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht. Sie htte sich zuerst selbst
vergiften wollen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert, ihre Blicke nicht
verstanden. Dann aber htten sie sich verstndigt, und der fremde Herr merken
lassen, da, wenn sie frei wre, und nicht Manches sonst im Wege stnde, er sie
gern heirathen wrde. Darauf htte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres
Schwagers vergeben. Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden
und man htte sie aus dem Hause geschafft; die Kinder wren daraufgegangen. Der
fremde Herr htte darauf gesagt: so sei es gar nicht gemeint gewesen, und er
habe auf immer von ihr Abschied genommen. Da aber htte sie grade schon auch
ihren Mann vergeben gehabt, und wre von der Alteration auer sich gerathen.
Alles wre ja umsonst gethan. Ich wei nicht, Herr Geheimsekretr, sagte der
andere Geheimsekretr, ich wei nicht, ob ich nicht den andern vornehmen Herrn
auch bei den Ohren fasste. - Wird auch geschehen, rief der Angeredete dem
klugen Manne ins Ohr. Gestern im Kasino hrte ich so etwas, unter uns gesagt,
da der Herr Regierungsrath von Fuchsius auf ihn vigilire. Es ist da was, - man
wei nur nicht, was - inde man wird ja davon hren. -
    Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rath Fuchsius, auch noch
in frher Morgenstunde, denn der Rath sa im Schlafrock und Pantoffeln beim
Kaffee und Pfeife. Ein fremder Herr wnschte in einer dringenden Angelegenheit
ihn zu sprechen, und ehe noch der Bescheid hinausging, war der Legationsrath
eingetreten.
    Zwei fein gebildete Mnner sind um den Anfang eines Gesprchs nicht
verlegen, ohne das Wetter zu Hlfe zu rufen. Aber Wandel unterbrach den
schnsten Flu der Introduktion, bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt, was
ihm die Ehre des Besuches verschafft, indem er den Hut auf die Erde fallen lie
und, mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich sttzend, die Hnde gegen die
Stirn drckte: Mein Gott wozu das Alles! - Sie wissen, warum ich hier bin. -
Die Arme, Unglckselige! - Sie sehen mich in unaussprechlicher Angst und
Verwirrung - ich kann kaum meine Worte fassen - Verzeihen Sie, wenn ich
Ungehriges rede - Sie wissen aus eigner Anschauung, in wie naher Verbindung ich
mit ihr stand - Um so schmerzlicher, kann ich mir denken, entgegnete
Fuchsius, mu die Beschuldigung, welche die Dame trifft, einen edelgesinnten
Freund berhren. - Ich danke Ihnen fr diese schonende Sprache. Eine Bitte
voraus - wenn sie schuldig ist, ich meine nach Ihrer Ansicht, gleichviel, ob es
nur Ihre moralische Ueberzeugung ist, oder eine die sich auf Beweise grndet,
erlauben Sie mir wenigstens, ihrem ltesten Freunde, sie in unserm Gesprch als
eine arme, unglckselige Dulderin zu bezeichnen.
    Da der Jurist die Regel gelten lsst: Quilibet bonus praesumitur, donec
contrarium probetur, versteht sich dieses Recht fr einen so intimen Freund von
selbst.
    Und nun, sagte Wandel mit fester Stimme, - ohne Umschweife, wie es sich
unter Mnnern ziemt: was haben Sie ber mich disponirt? - Sie vergessen, da
ich mit der Diplomatie nichts mehr zu thun habe. - Mein Gott, wozu die
Komdie! bin ich ein fugae suspectus? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause? Mit
einem Worte: werden Sie mich verhaften lassen? - Ich - Sie? - Das ist eine
sonderbare Frage. Sind Sie denn angeklagt? - Qui s'accuse, wollen Sie damit
sagen. Wohlan, ich betrachte mich als ein Angeklagter, und frage Sie offen
heraus: habe ich mich als ein Surveillirter zu betrachten, oder habe ich die
Captur zu gewrtigen? Um Anordnungen wegen meiner Gter zu erlassen, liegt mir
viel daran, es zu wissen, und ich wrde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir
gradeaus Ihre Absicht mittheilten.
    Die Criminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgrnde
zur Captur.
    Nun, sind das fr Ihre Justiz nicht dringende Grnde, da eines intimen
Umganges mit der Geheimrthin das Gercht mich bezchtigt, und ich rume ein, es
war mehr als Gercht. Ich war fast tglich in ihrem Hause, ich fhrte ihre
Geldgeschfte, ich wusste um Dinge, die Niemand sonst wei. Sie war eine
nervs-hysterische Kranke, eines jener zartgestimmten Instrumente, die eine ganz
besondere Behandlung erfordern, um nicht immer Disharmonien zu hren und von
sich zu geben. Sie hatte einen Widerwillen gegen die Aerzte, welche sie nicht so
zu behandeln verstanden, oder es nicht wollten. Ich musste ihr kleine
sympathetische Mittel verschreiben; es war oft Betrug dabei, das gestehe ich
ganz offen, denn solche Kranke, die sich stets selbst tuschen, verlangen, auch
von ihren Aerzten getuscht zu werden. Im Verlauf der Zeit war sie auch damit
nicht zufrieden, sie wollte selbst operiren. Wie ich auch dagegen mich strubte,
sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapotheke, und ich musste
den Vermittler spielen. Herr Regierungsrath, alles das sind schon
Verdachtsgrnde, auf die ein gewhnlicher Richter mit beiden Fusten zugreifen
wrde. Aber - ich empfand eine Achtung fr die seltene Frau, die mit jedem Tage
wuchs, die, weil ich sie erwidert glaubte, zu einer Seelenharmonie ward. Ich
hatte daran gedacht, wenn sie frei ward, um ihre Hand zu bitten, mein Interesse
war daher des Geheimraths frher Tod; er ist frher gestorben, als man erwartet,
es heit, nicht auf natrlichem Wege, ich war bis dahin, wenn nicht tglich,
doch sehr oft, in ihrem Hause, im nchsten Verkehr mit der, welche man der
Giftmischerei bezchtigt, sie empfing Spezereien, wobei mein Name genannt ward -
ich will mich auch gar nicht darauf berufen, da ich grad in letzter Zeit
seltener ansprach - ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an, wollte also
meinen Vortheil geltend machen. Nun, mein Herr, entscheiden Sie, ob das in Ihrem
Lande dringende Verdachtsgrnde sind.
    Fuchsius hatte ihn fest angesehen: Ich kehre die Frage um; was wrden Sie
in meiner Lage thun? Sie haben die Rechte studirt. - In Amerika liee ich den
Mann auf der Stelle verhaften. Ich erinnere mich eines hnlichen Falles, wo ich
als Friedensrichter so handelte. Es ergab sich nachher, er war unschuldig. Aber
Sie mssen den amerikanischen Charakter, die besonderen Verhltnisse beachten.
Standesrcksichten giebt es nicht; die feineren Bezge der Seelenkunde gehren
dort nicht vor Gericht, nichts als die matter of fact. Ich wei, ich stoe so
oft an, indem ich mich in die europischen Verhltnisse noch nicht wieder
zurechtfinde. - Ich hre zum ersten Mal, da Sie in Amerika waren, Herr
Legationsrath. - Eine Vorahnung, was die Revolution uns bringen wrde, trieb
mich schon bei ihrem Ausbruch dahin, sagte Wandel mit einem Seufzer. Wre ich
doch nie zurckgekehrt! Man mu gestehen, die Revolution hat mehr und Tieferes
zerstrt, als Knigreiche und Frstenthmer. - - Vielleicht auch dem nur den
letzten Sto gegeben, was lngst in sich zerstrt war, sagte der Rath. - Sehr
wahr! Eine tiefe Wahrheit, Herr Regierungsrath. Wenn ich der schlichten Sitten,
der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe, nicht bei den Landbewohnern allein,
auch in unserer Familie, wie sie traulich Abends unter den Lindenbumen vor der
Thr des reinlichen hollndischen Hauses saen und ihren Thee tranken bei der
weien Thonpfeife. Wer dachte bei diesen glcklichen Landbewohnern an das alte
Herrengeschlecht der Vansitter. Und als ich zurckkehrte - Vansitter!
wiederholte Fuchsius, und blickte mit einer nicht erknstelten Verwunderung Den
an, von dessen Lippen dieses Wort geflossen war. Wandel, der sich nicht aus
seiner Ruhe bringen lie, lchelte fein: Ja, wie Ihnen wohl auch schwerlich
geheim blieb, gehre ich zu dieser, leider nur zu ausgebreiteten Familie. -
Sie stammen aus Geldern? - Wo die Familie herstammt, darber befragen Sie die
Heraldiker. Ja, ein groer Theil von Geldern, Yssel, glaube ich doch sogar
mehrere der greren friesischen Inseln, gehrten zu den Besitzthmern dieser
alten sassischen Dynastien. Soll ich etwa stolz darauf sein? Von der
Herrlichkeit der Familie blieb nichts ber als die Vansitter in Kopenhagen, und
dies reiche Handlungshaus, welches vermuthlich Ihre Notiznahme veranlasst, ist
schon lngst durch eine Erbtochter in andere Hnde bergegangen. Sic transit
gloria mundi, mein Herr Regierungsrath. Die echten Abkmmlinge der Vansitter
sind ber die Erde zerstreut, wie Ihre Becker und Schulzen. Der Zweig, dem ich
angehrte, war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dnemark
bergesiedelt, aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der groen Firma bin ich
nicht im Stande Ihnen anzugeben, denn schon mein Gro-Oheim, der Gouverneur von
Surinam, uerte lachend: wenn man alle Vansitter in einen Sack wrfe, wrde
Gott im Himmel selbst seine Mhe haben, sie wieder zu rangiren und Jeden an
seinen Platz zu stellen. Ehe ich nach Amerika ging, hatte allerdings mein Vater
mit seinem Bruder Moritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Geldern,
Wandel, von entfernten Vettern wieder erstanden. Aber lassen Sie mich davon
schweigen, wie ich es nach meiner Rckkehr wiederfand. Nach der Schlacht von
Gemappes war's geplndert, ecrasirt, die Srge meiner Vorfahren - doch genug
davon! Dennoch fand ich mich bewogen, wieder den Namen Wandel anzunehmen, mit
welchem Recht, das interessirt Sie nicht - aber beruhigen Sie sich, ich htte
nthigenfalls verbriefte Nachrichten ber diese Berechtigung nachzuweisen, -
aber das Motiv knnen Sie sich leicht denken. Nicht wegen des Vansitter, der von
den hollndischen Patrioten gehngt war, angeblich als preuischer Spion - der
politischen Sphre war ich lngst fremd - aber ein anderer Vansitter hatte ja, -
wars in Brssel oder Brgge, die famose Entfhrungsgeschichte in der Familie
Bruckerode - selbst bis in die amerikanischen Urwlder verfolgten mich die
Zeitungen mit diesen saubern Familienerinnerungen. A propos, wei man gar nicht,
was aus diesem, meinem unglcklichen Vetter geworden ist?
    Wer wei von allen Opfern, die im Strudel der Revolution untergingen! -
Desto besser fr ihn. Ich hrte einmal dunkel, er sei mit Napoleon nach Egypten
gegangen, und in Syrien wie die andern Zurckgelassenen aus dieser Welt
geschieden. Wie dem sei, er hat seine Thorheiten oder seine Vergehungen gebt,
und so wenig ich auf meine altaristokratische Abkunft stolz bin, fhle ich mich
verlegen durch die prsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien. Wir Alle, mein
theuerster Regierungsrath, leben noch fr die Gegenwart. Ihr und uns gehren wir
an; ein Thor, wer weiter hinaus will, und nun, Excus fr die Abschweifung, zu
unserer unglcklichen Geheimrthin zurck. - Hat sie wirklich noch nichts
eingestanden? - So nehmen Sie an, da sie etwas einzugestehen hat?
    Wandel war aufgestanden. Er schien ein schweres Wort aus der Brust zu
pressen: Ja, wie die Dinge stehen, kann ich einer Vermuthung mich nicht
erwehren. Und - offenherzig - kann man ein notorisches Faktum bestreiten? Sie
hat die ganze Schule an Knigs Geburtstag nach den Zelten eingeladen; sie hat
sie dort bewirthet mit Kaffee und Kuchen: sie selbst bereitete den Kaffee, sie
hatte den Zucker mitgebracht, den Kuchen zu Haus gebacken. Die Lehrer und
Hunderte von Zeugen standen umher und sahen - Da drei oder vier Kinder unwohl
wurden und nach Hause gefahren werden mussten, weil sie sich den Magen berladen
hatten. Alle sind wieder hergestellt. Das ist ein leeres Stadtgeschwtz. -
Gott sei Dank! Aber, unter uns, wir Beide waren im vorigen Jahre selbst Zeugen
von der pltzlichen, unerwarteten gefhrlichen Erkrankung der Kinder ihres
Schwagers - Die ebenfalls auf dem natrlichsten Wege von der Welt erfolgte. -
Das konnte sein, Herr Regierungsrath. Aber in Verbindung mit jenem
nachfolgenden Faktum gewann die Sache fr mich - ja, vor dem Richter ist es
Pflicht, die innerste Ueberzeugung auszusprechen - sie gewann dadurch ein mehr
als bedenkliches Ansehen. Fuchsius blickte ihn verwundert an.
    Mein Herr Regierungsrath, Hamlets Wort von dem zwischen Himmel und Erde hat
eine Bedeutung, die wir mit unserer Philosophie nicht lsen. Erklren Sie mir
den Instinkt der Kinder, der vielen jungen Mdchen, die ohne allen Grund, ohne
ein denkbares Interesse, nur einem dunklen Triebe folgend, Feuer anlegen. Wie
viele hnliche, grauenhafte Erscheinungen zeigt die Kriminalgeschichte aller
Vlker, von sonderbaren Gelsten, die zum Verbrechen, zur entsetzlichsten
Atrocitt sonst gut geartete Seelen antreiben. - Die Lupinus hat keine Kinder,
ich wei, wie der Mangel, die Sehnsucht danach auf Seiten ihres Gemths hmmert.
Sie springt Nachts aus dem Bette, wandelt umher, die Leuchter in der Hand - so
sagten mir wenigstens ihre Kammermdchen - sie sucht an den Wnden und ruft: wo
sind meine Kinder! Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der
Gegenstze. War der Proze so undenkbar, da sie pltzlich das tdtlich hasste,
was sie liebte und entbehrte, da sie die glcklichern Eltern, die sie
beneidete, verfolgte! Es ist ein schauerliches Geheimni der Natur, eine
Exception von der Regel, aber diese ganze Frau ist eine Anomalie. Angenommen
dies, konnte ich sie nicht vertheidigen, vielleicht nicht mal entschuldigen,
aber als mitfhlender Nebenmensch konnte ich an ihre That glauben und sie doch
nicht verdammen.
    Ich kann Ihnen die Beruhigung geben, sagte Fuchsius, da so wenig als die
Schulkinder in den Zelten durch Kaffee, die der Lupinus durch die Chokolade
vergiftet sind.
    Wandel richtete sich auf, ein tiefer Athemzug schien ihn zu erleichtern und
sein Gesicht klrte sich auf. Ehe Fuchsius sich dessen versah, fhlte er sich
embrassirt: Mein theuerster - Sie edler Mann, Ihr Wort ist Leben. Es hat eine
Last, eine Angst, eine unbeschreibliche Angst von meinem Herzen gewlzt. Sie war
rein, ich bin der Snder, der das fr mglich hielt, der mit seinem heillosen
Argwohn - o Gott, ich wei nicht, was ich rede - Dank, tausend Mal Dank, sie ist
gerettet - Gemach, mein Herr! - Sie ist fr mich gerettet. Um das Uebrige
kmmere ich mich nicht. - Es bleibt, dnkt mich, noch viel brig. - Das
Andre, ich bitte Sie - nicht wahr, sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet
haben, und ihren Mann mit Bcherstaub, und ein Attentat mit Trffelwrsten, die
sie ihrem Schwager Lupinus schickte. Erlauben Sie mir, da ich darber lache.
Nach einer so ernsthaften Stunde fhlt man zuweilen das Bedrfni. Nun
inquiriren Sie, Liebster, so viel Sie wollen, wenn Sie mir nur sagen, sie hat
keine Kinder vergiftet - Das sagte ich nicht unbedingt. - Bedingt oder
unbedingt, mir gleich viel. - Man hat eine Substanz gefunden - Die wie
Arsenik aussieht. Liebster Fuchsius, ich will Ihnen etwas zugeben, ich will sehr
viel zugeben, es ist Arsenik. O es ist zum Todtlachen! In den Bcherstaub soll
sie ihn gemischt haben! Nicht wahr? Da mu sie ihn vorher im Mrser stampfen,
reiben, ausschtten, in ein Behltni, eine Schachtel fllen, damit gar nichts
vorbeifllt; dann mu sie es in eine Streusandbchse thun und nun in die Stube
schtten, schwenken, sprengen. Erlauben Sie mir, wenn das die Frau vermochte,
ohne sich selbst zu vergiften, verdiente sie ein Prmium der Akademieen.
    Der Staub auf seinen Lieblingsbchern ist untersucht und Hermbstdt hat
Arsenik darin gefunden.
    Der gute Hermbstdt! Verstehen Sie mich recht, ich zweifle gar nicht daran,
ich wundre mich nur, da Hermbstdt ihn gefunden hat. Ich will ihn finden, wo
Sie wollen: da hier im alten Lederrcken des Stuhls, in Ihren Pantoffeln,
Arsenik ist berall, selbst in Ihrem Blute. Es kommt nur darauf an, ihn zu
sekretiren. Da rufen Sie mich, Theuerster, wenn Sie die Untersuchung nicht
aufgeben, und Sie sollen das Wunder sehen, aus seinen schweinsledernen Folianten
will ich, vor Ihren Augen, so viel Arsenikstaub entwickeln, um das ganze
Kammergericht vom Prsidenten bis zum letzten Nuntius, damit zu vergeben. Da
wrden manche Leute triumphiren, die immer gesagt, da in den Bchern Gift
steckt! - Au revoir!
    Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz. Wie
erklren Sie das?
    Wandel verbeugte sich: Gar nicht; wo das Mrchen anfngt, kriecht die
Vernunft in ihr Schneckenhaus. Wenn der Mrchendichter ein Motiv erfindet, warum
die Lupinus ihren Hausknecht vergiften musste, um ihn los zu werden, wo es ganz
einfach bei ihr stand, ihn fortzujagen, wenn er ihr nicht mehr gefiel, wird er
auch ein Motiv dafr finden, warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner
Trffelwrste servirte. Mein Verstand steht still, ich wei aus dem Mrchen
keine andere Moral zu ziehen, als da ein Hausknecht von einer Geheimrthin sich
nicht mit Trffelwrsten mu traktiren lassen.
    Er hatte schon vorhin Hut und Stock genommen und drckte jetzt dem Rath die
Hand.
    Wohin so eilig? - Zu meinem alten Geschftsfreunde, dem unglcklichen van
Asten. - Es kam ja noch nicht zum Aeuersten. Der Wein lagert in Stettin. Bis
der Konkurs regulirt ist, finden sich doch vielleicht Abnehmer.
    Wer redet davon! - Sein Sohn, sein einziger Sohn knnte ihn retten, wenn er
das Mndel des Alten heirathet. Sechszigtausend - nein, mit den Zinsen mssen es
jetzt achtzigtausend Thaler sein, und Demoiselle Schlarbaum ist ein hbsches,
sittsames Mdchen, er hat nichts gegen sie einzuwenden, er bekme eine
vortreffliche Hausfrau, aber - der junge Mann denkt hher hinaus, sie ist ihm
nicht sthetisch genug, er hat dem Vater erklrt, betteln wolle er fr ihn, nur
knne er das Glck seines ganzen Lebens nicht tdten, das wre Selbstmord an
seiner Bestimmung, er gehre nicht sich allein an, es gebe hhere Pflichten, und
was der sentimentalen Redensarten mehr sind. Ich sah eine Thrne im Auge des
Alten, als er es erzhlte. Und um dieser Tiraden und Sentiments willen lsst der
junge Herr, der als ein Muster von Tugend verschrieen ist, den wrdigen alten
Mann, seinen Vater - ruiniren. Und das loben noch Einige, er hat doch seinen
Gefhlen gehorcht! - O Menschen!
    Als der Legationsrath hinaus war sprach Herr von Fuchsius: Sollte ich mich
doch getuscht haben? Aber der Legationsrath trat wieder ein, ohne anzuklopfen;
ja in seiner Aufregung verga er, den Hut abzuziehen. Sie fanden ein Residuum
von Arsenik im Magen des Menschen, des Bedienten oder Hausknechts? -
Unzweifelhaftes Arsenikprparat
    Wandel fuhr mit beiden Hnden an die Stirn, der Hut flog ab, er selbst sank
auf einen Stuhl, einige Minuten sprachlos: Dann bin ich sein Mrder - ich
verschulde indirekt seinen Tod - ich gab den Rathschlag. - Erklren Sie sich
deutlicher, wenn ich bitten darf. Es ist vermuthlich nur eine Phantasie. -
Nein, Wahrheit! Der Mensch litt an einem perennirenden kalten Fieber. - Die
Aerzte hatten es nicht erkannt, getuscht durch zufllige Symptome. Heim macht
jetzt Versuche, das Wechselfieber mit Arsenik zu kuriren. Er wendet es bei
Unbemittelten an, seit die China durch den gehemmten ostindischen Handel so
enorm aufschlug. Ich erzhlte in einer Gesellschaft von der ersten glcklichen
Kur. - Jetzt entsinne ich mich, die Lupinus hrte mit besonderer Aufmerksamkeit
zu - dieser Blick, den ich damals nicht verstand! - Ihre Wibegierde, ihre
unselige Lust, alles Gewagte zu versuchen - o arme Freundin, jetzt wird mir
Alles klar, und ich - Dein Mrder! Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen; Sie
haben ja ein vollstndiges Bekenntni! sprach der Legationsrath aufstehend.
    Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen; aber als er jetzt hinaus war, um
nicht wiederzukehren, sagte der Regierungsrath: So kann man sich in einem
Menschen tuschen. Das ist der Fluch der vorgefassten Meinungen.

                              Achtzigstes Kapitel.



                              Verschlungene Hnde.

Ob die Frstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschttet, wissen wir nicht,
aber einige Stunden, nachdem wir sie verlassen, finden wir sie schon in
vollstndiger Morgentoilette, wie sie mit einiger Verwunderung die Meldung eines
Besuches anhrt. Der Besuch ward angenommen und der Gesandte, Herr von Laforest,
erschien im Zimmer, um bald darauf im Fauteuil ihr gegenber zu sitzen. Die
Frstin hatte diese - Aufmerksamkeit, wie sie sagte, nicht erwartet. Die
Scheidestunde ist so ernst, da man ber die gewhnlichen Hflichkeitsformeln
wegsieht, setzte sie hinzu. Warum ernster, Frstin, als jede andere Trennung?
- Weil es eine auf immer ist. - Das Wort immer und ewig ist, dnkt mich, aus
dem Lexikon der Diplomatie gestrichen. Nmlich aus dem zum Gebrauch der Adepten.
In der Ausgabe, die ins Publikum kommt, ist es freilich dick unterstrichen; wir
schlieen immer ewige Vertrge. Die Formeln aber drfen wir nicht aus dem Auge
lassen, sie sind die ewigen Fden, an denen ein zerrissenes Gewebe wieder
zusammengeknpft wird. Man mu auch mit dem Teufel hflich sein, weil man nie
wei, ob man nicht seine Allianz einmal braucht - Sie knnen unmglich
glauben, da man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet. - Mit Diesen hier?
Nein. Gott sei Dank, die Saat ist reif, zur Ernte, und die Sicheln geschliffen;
fr Krbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben. Preuen hat uns
viel, sehr viel Geld gekostet. Es wird mit Zins auf Zins Alles wieder zahlen
mssen, auch wenn es darber drauf geht. - Ihre Assurance lass' ich auf sich
beruhen, aber wir sind Preuens Alliirte.
    Laforest fixirte sie lchelnd: Ist der starke Mann, der einen Knaben hinter
sich aufs Pferd nimmt, weil das Kind allein durch den Wald sich frchtet, der
Alliirte desselben? Eigentlich ist's ein Zwerg, der sich an die Croupe des
Riesen klammert. - Durch zehn Jahre hat das groe Frankreich unter allen
seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt. - Um so
verdrielicher sind wir gestimmt, und um so schrfer wird die Zchtigung
ausfallen. - Wenn der Riese es zugiebt! - Das ist der Punkt, Prinzessin. Wir
mssen uns darber klar werden. Der Zwerg hinten auf der Croupe wird auf die
Lnge dem Reiter eine lstige Zugabe, er hindert ihn in seiner freien Bewegung
und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken. Wenn man ihn vor aller
Welt aufhob, und von seiner Gromuth ein Fait machte, kann man ihn nicht immer
ohne Weiteres wieder in den Staub setzen. - Lassen wir die Gleichnisse. Sie
sind merveills in Ihrer Zuversicht auf Sieg. - Mein Kaiser schlgt nur los,
wenn er ihn schon in Hnden hat. - Das kontrastirt furchtbar gegen den Glauben
hier. - Desto besser. Seit Friedrichs Auge erlosch, sieht man hier durch eine
Brille, die ihnen immer das Gegentheil von dem zeigt, wie die Dinge sind. Eine
wahre Wohlthat der Vorsehung. Was braucht ein Maulwurf in die Sonne zu sehen!
Den Lauf der Gestirne berechnen Andere. - Sie gefallen sich heute in
Paradoxieen.
    Ohne alle Gleichnisse, Prinzessin, und aufrichtig, Gedanke gegen Gedanke!
Wenn groe Mchte ber groe Fragen miteinander in Streit liegen, so ist die
Einmischung der kleinen immer verdrielich. Was haben sie in die Wagschale zu
legen, wo Kraft, Wille, Genie auf beiden Seiten stehen? - Wo das Znglein der
Wage hin und her schwankt, dnkt mich, giebt grade ein kleines Gewicht den
Ausschlag. - Das bestreite ich. In der Theorie mag es richtig sein, in der
Praxis grundfalsch. Bundesgenossen bringen Prtensionen mit, und beschweren, und
hemmen die Macht, die zu entscheiden hat. Wodurch siegte Friedrich? Weil er
keine Bagage von Alliirten hatte, weil er immer frei handeln konnte. Wodurch ist
dies deutsche Reich mit seinem Knig und Kaiser rmischer Nation, das ehedem die
Weltherrschaft prtendirte, untergegangen? Weil seine Kaiser nie frei handeln
konnten; an den Rcksichten, die sie allen mglichen Berechtigungen in dem
bunten Reiche gewhren mussten. Oesterreich verblutet, England lassen wir auf
seinem Brett im Meer Rule Britannia singen, die Frage steht nur noch zwischen
Frankreich und Ruland. Ich bin wenigstens des Glaubens, da Rulands groe
Staatsmnner die Sache so ins Auge fassen. Es ist der Kampf um die Herrschaft
auf dem Continent zwischen dem Occident und dem Orient. Was soll, was hat da
mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Kolossen, die Bagatelle Preuens?
    Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede. Sie ruft unsern Beistand an,
wir gewhren ihn ihr. Alexander lsst marschiren. Herr von Laforest. Mge Ihr
Kaiser auf einen ernsteren Zusammensto bereit sein, als - Sie denken. - Wir
sind bereit und - freuen uns darauf, denn endlich mu es doch entschieden
werden, wem zwischen zwei gleich groen Spielern das Schachbrett gehrt. Aber
das ist ein Kampf, der im Jahre 1806 noch nicht ausgefochten wird. Jetzt rumen
wir nur das Feld von kleinen Mitspielern, unntzen Rathgebern; es knnte
eigentlich beiden Gromchten gleichgltig sein, welche es ber sich nimmt,
diese Parteignger fortzukehren, denn Beide haben den Vortheil, wenn das Feld
frei wird. Ihre Armeen knnen sich entwickeln. Und - setzte er aufstehend hinzu
- sie knnen ihre ganze Strke zeigen, sie kmpfen nicht fr einen Vorwand, sie
kmpfen fr sich - wer wei, ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt, ob
beide Gewaltige sich nicht besser im Frieden ber die Theilung der Erde zu
verstndigen wissen.
    Nur nicht Menschheitsbeglckungstrume, Herr von Laforest! sprach die
Frstin. Mit dem Ossian konnten Sie diese hier nicht beschwatzen; uns in
Ruland - Mnner wird Napoleon nicht mit Kinderspielzeug fangen wollen. Die
Welt bedarf der Autoritt. Ein Stempel der Kraft mu den Vlkern wieder
aufgedrckt werden, damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand
durcheinander treiben. In Frankreich hat sein Fu die Jakobiner zertreten, er
hat die zerrttete Ruhe und Ordnung der Gesellschaft wiedergeschenkt, er ist des
Willens, sie auch den Vlkern wieder aufzudrcken, wenn - wenn nicht, die seine
Bundesgenossen darin sein sollten, mit dem gemeinschaftlichen Feind
gemeinschaftliche Sache machen.
    Die Frstin blickte ihn scharf an. Sie war verwundert, sie wollte mehr
hren. Der Mund schien, halb geffnet, als ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aber
er spitzte sich auch wohl schon zu einer satirischen Entgegnung, whrend
Laforest fortfuhr: Ist dies Preuen nicht das wahrhafte Wespennest der
Sektirer, Illuminaten, wo tglich Ideen und Neuerungen geheckt werden, Laiche
und Brut zu neuen Revolutionen? Und das Schlimmste, sie wurden von oben
untersttzt, oder gingen von oben aus; die Philosophen lsst man Systeme bauen,
man schmeichelt ihnen, ruft sie in den Staatsdienst, und was man niedertreten
und ausrotten sollte, begiet man noch! Knnen wir, nach solchen Erfahrungen,
uns noch tuschen, wie weit diese Systeme tragen, wie sie das Blut vergiften,
den Glauben an die Autoritt in Kirche und Staat untergraben, wo jeder drftige
Verstand sich anmat, selbst Alles von vorn an zu prfen, bis in den Grund der
Dinge hinein! Tuschen wir uns auch darber nicht, da die Knige von Preuen
noch die Macht htten, wenn sie wollten, das Unkraut auszujten. Wir sahen ja,
wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen milang. Es hat sich so eingefressen
in den fruchtbaren Boden, da es den Weizen nicht mehr aufkommen lsst; ja, man
wird noch oft Versuche machen, aber ich besorge, immer vergebens. Was hat selbst
in Oesterreich das kurze Beispiel Josephs geschadet; nun bedenken Sie, was und
wie tief eine sechsundvierzigjhrige Regierung, und eines Friedrich, das Blut
des Volkes vergiften musste! Voran dem Reigen ging, um das Ma voll zu machen,
sogar eine philosophische Knigin! Es ist in der Nation zur Tradition geworden,
da die Macht ihres Staates auf der sogenannten Intelligenz beruht, und sie hat,
meines Dafrhaltens, darin nicht so ganz Unrecht. Darum, Prinzessin, darf dieser
Staat keine Macht bleiben, oder wird der Funke zu einem Brande fr alle Staaten.
Und welche Verpflichtungen haben denn die alten Mchtigen, in ihrer Mitte einen
Emporkmmling zu dulden, der auf seine Bildung sich geckenhaft brstet, und sich
zuweilen die Miene giebt, sie zu verachten; stand er nicht jetzt eben noch, es
war unerhrt, wie der Minos da, und mate sich an, zwischen den Kombattanten
ber Europa's Schicksal zu richten?
    Die Gargazin war ihm mit gespannter, dann, wie es schien, gesttigter
Aufmerksamkeit gefolgt: Herr von Laforest berraschen mich. Wer htte das
vermuthet. Auch Ihr Kaiser will, als ein neuer Sankt Georg, den Drachen des
Unglaubens zertreten! Seit wann ging diese remarquable Vernderung in Sr.
Majestt vor?
    Knnen Sie mit Spott das Einmaleins umndern, oder einen mathematischen
Lehrsatz umstoen? Der Satz heit in diesem Falle: er folgt den Maximen, die er
zu seiner Selbsterhaltung fr nothwendig hlt. Seine Plne gehen tiefer, als Sie
glauben. Von wo entspringt alles das Unheil, an dem die Vlker leiden? Aus den
Beispielen, die wir unvorsichtig aus dem Alterthum holten, aus der
unverstndigen Anwendung der Begriffe, die damals galten, auf die Verhltnisse
von heut. Schon lange geht er mit dem Projekt um, das Studium der Klassiker von
den Schulen zu verbannen. Das, was uns ntzlich ist, soll daraus bersetzt
werden, eine Uebersetzung unter dem Stempel der Autoritt; mit dem anderen
klassischen Kram fort als Zeitvertreib oder Gift. Stimmte dies nicht mit den
Ansichten meiner erlauchten Frau? Ihre Kirche giebt aus der Bibel dem Volke nur,
was sie fr gut hlt. Napoleon will dasselbe, das Heidenthum will er verbannen.
Mich dnkt, da gehen wir noch Hand in Hand. Er hat die Pariser Universitt zum
Instrumente seiner Macht umgeschaffen. Sind wir da nicht auch einig? Er will
nicht, da, wie in Deutschland, so viel Lehrsthle sind, so viel Irrlehren der
Jugend gepredigt werden. Der Staat soll eine Lehre prfen, als gut und richtig
approbiren, und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden. Stimmen wir
darin nicht? Er hasst die Ideologie, weil sie den Menschen vom Praktischen und
Nothwendigen entfernt, weil sie ewig an der Autoritt rttelt, Stolz,
Ueberhebung, Schwrmer hervorruft. Will Ihre Kirche die? darf der Staat des
groen Czaren sie dulden? Deutschland ging daran unter. Preuen schmeichelt
ihnen, weil die ganze Nation aus Ideologen besteht. Darum nennt mein Kaiser sie
die Jakobiner des Nordens. Mich dnkt, eins der treffendsten Worte, die aus
seinem Kopf entsprangen.
    Und was ist der langen Rede kurzer Sinn? - Das nur andeuten wollen, wre
Vermessenheit, wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und -
Frstin Gargazin das, was einschlgt, ihm anrathen wird. - Was aber wrden Sie
an meiner Statt meinem Kaiser rathen? Versetzen Sie sich einmal in meine
Stelle. - Frs Erste wrde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen, wie sie's
verdienen. Wer den heien Brei angerichtet, kann ihn aufessen. Ihnen ihren
Willen gelassen! - Sie lcheln, das wre gut franzsisch gerathen, und so
arglistig dumm, da es eigentlich eine Beleidigung sei, einer Frstin Gargazin
es ins Gesicht zu sagen. - Erlauben Sie mir die Bemerkung, es ist nicht so ganz
dumm. Buxhvden hat in Riga den Befehl, zu rsten. Vergnnen Sie mir auch, zu
bemerken, der Befehl ist etwas spt an ihn ergangen, viel zu spt. Ich tadle
darum Ihre Staatsmnner nicht, denn konnten sie wissen, da es hier endlich
Ernst, da man sich nicht doch einmal wieder anders besinnen werde? Eine
Mobilmachung kostet viel Geld; man thut es doch nicht immer blos zum Vergngen,
besonders dann nicht, wenn eine ernsthafte, groe Rstung uns bevorsteht. Fr
die spart ein weiser Staatsmann die vollen Krfte. Nun rstet Buxhvden. Es ist
jetzt Anfang Oktober. Bis sptestens Ende Oktober stoen die preuischen und
franzsischen Heere auf einander; irgendwo im Herzen von Deutschland, geht es
nach den Feuerkpfen hier, so weit wie mglich nach dem Rheine zu. Nun bitte ich
Sie, wie viel Truppen kann der wackere Buxhvden bis dahin disponibel machen,
bis dahin durch Kurland, Lithauen, Preuen, Pommern, Brandenburg, durch
unwegsame Sandsteppen, aufgewhlte Wege, dem Gros der Preuen nachschicken? Ich
will das Hchste annehmen, da dreiigtausend Mann in forcirten Mrschen bis zum
Entscheidungstage die Preuen erreichen, da sie dieselben noch nicht geschlagen
finden: wrden diese dreiigtausend abgematteten Krieger, aus Complaisance auf
die Schlachtbank gefhrt, das Schicksal ndern? Sie wrden mit den Preuen
aufgerollt, vernichtet. Und gesetzt, die Preuen siegten, wie viel Brosamen Ehre
wrden die Bramarbasse dem russischen Succurs zukommen lassen? - Ruland wre
noch einmal moralisch geschlagen, ohne geschlagen zu haben. - Nein, erlauchte
Frau, ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klugen Staatsmnner, und spreche
zugleich im Stolz eines Franzosen, wenn ich sie sagen lasse: Ruland ist es sich
selbst schuldig, nicht mehr durch Echantillons seiner Macht gegen den Giganten
zu kmpfen, es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich fr Andere, es
ist Pflicht seiner Ehre, Gehorsam gegen seine Machtstellung, seine ganze Macht
zusammenzuhalten, um sie fr sich auf den furchtbaren Rivalen loszuwlzen, wenn
- die Zeit kam.
    Nachdem die preuische Armee vernichtet ist! - Die wird es ohnedies. In
ihrem Dnkel wollen es die Herren, die den Knig zum Kriege zwingen, auf einen
Schlag ankommen lassen. Durch einen Effektstreich soll wieder gut gemacht
werden, was so lange Jahre durch versumt ist. Sind sie besiegt, so ist Preuen
zertrmmert, das Land liegt vor uns, eine offene Beute. -
    Und Ruland, das zusieht? - Behlt die Kraft, auf einen Feind sich zu
strzen, der zwar Sieger ist, aber blutet. Denn auf einen verzweifelten
Widerstand dieser zweimalhunderttausend Preuen sind wir gefasst. Was dann
weiter, steht im Rath der Gtter, aber ich meine, da Kaiser Alexander, an der
Spitze seines Reiches, soutenirt von seiner Grenze, ein Wort darin mitsprechen
wird, das nicht verhallen kann. Wo zwei Gleiche sich gegenberstehen, ist aber
Zeit zum Verhandeln.
    Ich knnte es eine Gnade Gottes nennen, da Preuen keine Staatsmnner hat,
wie Herrn von Laforest.
    Und ich Ruland Glck wnschen, da sein Czar eine Freundin hat, deren
hellerem Blick er traut. Unter uns, Napoleon hat keine solche Freundin, er
glaubt nicht an das wunderbare den Frauen geschenkte Ahnungsvermgen. Er traut
nur auf sich. Das ist - ein Unglck, denn ber aller menschlichen Weisheit
schwebt doch ein Etwas - was wir mit dem Verstande nicht ergrnden. - Gleichviel
nun, ob Sie Buxhvden die Regimenter, die er zusammentreibt, marschiren lassen,
oder ihn freundlich warnen, da er die Dinge sich vorher ansieht, da er mehr an
Rulands Ansehen denke, als an die momentane Freundschaftsaufwallung Alexanders
fr Friedrich Wilhelm - das, theuerste Frau, sind Bagatellen - so oder so, ein
hherer Wille lenkt dennoch Alles, und - ich denke, unser Abschied ist nicht auf
lange, wir sehen uns bald unter andern Verhltnissen wieder. -
    An der Thr war der Gesandte noch einmal umgekehrt, und zog ein gedrucktes
Blatt aus der Brusttasche: A propos, Prinzessin, Sie kennen vermuthlich das
noch nicht. Ein Korrekturabzug, durch Zufall mir in die Hnde gerathen, ein
Avantcoureur des kommenden Manifestes, in die Erfurter Zeitung gestreut.
Bemerken Sie den Passus!
    Die Frstin berflog das Blatt: Nicht blos Preuen, die deutsche Nation
sollte, ihrer Selbststndigkeit beraubt, aus der Reihe unabhngiger Vlker
gestoen, einer fremden Souverainett untergeordnet werden. Diesem Schlage, dem
schrecklichsten, der Deutschland noch treffen knnte, zu begegnen, ehe es zu
spt ist, dieses ist, nach glaubwrdigen Nachrichten, der einzige Zweck von
Preuens gegenwrtiger Rstung.
    Qu'en dites-vous, Madame? Preuen rstet nicht fr sich, sondern fr die
deutsche Nation! Wenn es nicht so entsetzlich naiv wre, knnten Andere als wir
vor den Konsequenzen erschrecken. Aber ich hoffe, man wird weder in der Hofburg
zu Wien bla werden, noch in Sanct Petersburg roth, noch wird mein Kaiser
fragen: wer in aller Welt gab denn Preuen die Vollmacht fr die deutsche
Nation? Denn in Wien, Petersburg und Paris wei man, da Phrasen tnender Wind
sind. Nicht wahr? Aber ein wenig Achtung giebt man doch, wenn die Kinder in
Phrasen zu sprechen anfangen, die sie freilich gelernt haben, aber man fragt
doch: von wem?
    Der franzsische Gesandte, Herr von Laforest, war lngst in seinem Wagen
fortgerollt. Und doch betrgt er mich nur! war das Ende eines langen
Selbstgesprches, aus dem die Frstin bei diesen Worten zu erwachen schien.
Aber man lsst sich zuweilen gern betrgen. Sie setzte sich an ihren Sekretr,
und schrieb hastig. Das Billet auf Rosenpapier mit der Aufschrift: An den
Legationsrath, Herrn von Wandel, ward einem Diener bergeben, mit dem Befehl,
auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen. Die Antwort lie doch
eine Stunde auf sich warten, welche fr die Prinzessin in sichtlicher Spannung
verging. Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt, aber Alles,
was sie angefangen, gefiel ihr nicht, sie zerri es wieder. Es geht nicht
schriftlich, sprach sie. Solche Botschaft kann nur mndlich an Buxhvden
gebracht werden. Endlich kam Wandels Antwort. Sie lautete:
    Die ehrenvolle Mission, welche Frstin Gargazin mir zugedacht, wie sie auch
laute, ist mir der sicherste Beweis fr das, was mein Herz mir sagt, da es eine
Selbsttuschung war, als ich einen Moment glaubte, da sie im Zorn von mir
scheiden wollte. Eine Heilige kann nicht zrnen.
    Um so schmerzlicher trifft es mein Herz, da ich dem Rufe nicht folgen kann.
Meine Verhltnisse, meine Ehre gebieten mir, hier zu bleiben. Die Dame, um deren
Hand ich mich bewerbe, wird eine Aufwallung, zu der ich mich hinreien lie,
vergessen, und die Gerchte, die man ber eine Entzweiung aussprengt, selbst
widerlegen. Wenn die geringen Gaben, welche die Natur mir schenkte, die
Kenntnisse, welche ich mir erwarb, in Mancher Augen mir vielleicht eine hhere
Sphre anweisen, so fhle ich doch nur zu sehr, da der Mensch, der immer in
weiteren Peripherieen sein Glck sucht, so oft das bersieht, was ihm zunchst
liegt, und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstie. Meine physikalischen
und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben, da ich in der
Tuchfabrikation Verbesserungen einfhren werde, welche dem Lande, dem ich fortan
gehren will, von, wenn auch nur geringem, doch von Nutzen sein werden. Lchelt
Frstin Gargazin darber, so denkt sie doch vielleicht milder, wenn sie den
Spruch sich zuruft von dem, der sich selbst erniedrigt.
    Und doch wrde ich Ihrem Rufe folgen, wenn nicht die heiligste Pflicht mich
fesselte. Jene Aussichten bei Seite gesetzt, in diesem Augenblick kenne ich nur
eine Pflicht, eine unschuldig verfolgte Frau, die mir einst theuer war, gegen
die Barbarei der Gesetze zu schtzen. Ja, ihr gehrt mein Leben.
    Urtheilen Sie ber mich, verdammen Sie mich, ich werde nie vergessen, was
seiner Wohlthterin, der edelsten Frau des Jahrhunderts, der Frstin Gargazin
verdankt
                                                          Ihr unterthnigster -

    Die Frstin zerri mit einem verchtlichen Lcheln den Brief in kleine
Stcke: Nun mu ich selbst - In ihrem Hause war helle Unruhe. Um Mittag fuhr
ihr Reisewagen, mit vier Courierpferden vorgespannt, aus dem Thore von Berlin.
Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus. Von der Hhe drauen wandte sie
sich noch einmal um: Lebe wohl, Babel! du und dein Reich sollen vergehen!

                           Einundachtzigstes Kapitel.



                       Sie sind die Puten von Excellenz.

In einem ffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schnen
Oktobernachmittage eine ungewhnlich groe Zahl von Gsten versammelt. Jene
Zeit, wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenber standen,
als es spter der Fall war, hatte doch den Vorzug, oder, wenn man es nicht so
nennen will, sie bot fr das gesellige Leben den Vortheil, da die ffentlichen
Vergngungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren, da die
Anwesenheit von im Leben niedriger Gestellten die hher Gestellten abhielt, auch
ihr Vergngen zu suchen. Wo der Handwerksbursch Kegel schob, konnte auch der
hhere Brgerstand mit Ehren Weibier trinken; Beider Gegenwart schreckte sogar
den Kniglichen Staatsbeamten und - was mehr sagen will - den Offizier nicht ab,
seine Pfeife zu rauchen. Wenn auch der Respekt die Stnde nicht an denselben
Tischen vereinigte, wie es im glcklicheren Sden der Fall ist, so war doch
Gottes freier Himmel, die bretternen Lauben und der schmucklose Saal, wenn es
regnete, fr Alle ein gleiches Asyl, wenn sie aus dem Staub und Gerusch der
Stadt sich retten wollten.
    Zwar dem Staub und dem Gerusch waren Diese hier nicht entflohen, denn der
Garten lag an der Landstrae und auf derselben wlzten sich vom frhen Morgen an
die Zge der ausmarschirenden Truppen. Der Wind trug die Staubwirbel und Wolken
bis mitten in die groe Stadt, und die dicke Lyciumhecke, welche den erhhten
Garten wie eine Mauer von der Strae trennte, lag in einem braungrauen
Puderkleide, welches nichts mehr von dem ursprnglichen Grn zum Vorschein
kommen lie. Auch gaben sich die Mgde und die Gste gar nicht mehr Mhe, den
dicken Staub von den Tischen abzuwischen, und empfahlen nur, die Porzellandeckel
sorgsam wieder auf die Weibierglser zu stlpen. Gegen Staub, meinten die
Herren, sei der Tabaksdampf die beste Waffe. Man war ja zu Staub und Gerusch
gekommen, und von den offenen Balkonen oder Estraden an der Hecke konnte man den
braven Kriegern, die zum Tod fr Knig und Vaterland auszogen, ein Lebewohl
rufen, man konnte seinen Bekannten allenfalls die Hand reichen oder einen
frischen Trunk auf den Weg - den schon von der Sonne Gebrunten; denn wie weit
her waren die Meisten marschirt und wie lange hatten sie auf den Sammelpltzen
stehen mssen, ehe die Trommel zum Abmarsch wirbelte. Wie die Lyciumhecke, Alle
vom Staub gepudert, vom Blau ihres Rockes, vom schnen weien Mehl ihrer Locken
war nichts mehr zu sehen. Aber die Spontons und Bajonette funkelten in der
Sonne, die Federbsche schttelten in ihrer bunten Farbenpracht den Staub ab und
- Alle sangen. Ohne Gesang kein deutscher Soldat. Die Disciplin kann Alles; das
Singen wagt sie nicht zu verbieten. Lieder waren es, die kein Dichter fr sie
gedichtet, am wenigsten brauchten die Soldaten in Deutschland einen Tytus; von
den Zeiten des dreiigjhrigen Krieges, der Landsknechte, ja noch weiter hinauf,
sie machten sich ihre Lieder selbst, oder die Luft hauchte sie ihnen zu. Einige
aus alter Zeit vom Scheiden und Meiden, von frhem Tod und Morgenroth, von
grner Erde und Lindenbumen, klangen wohl noch wie das Wehen eines
Frhlingshauches durch Blthenwipfel, aber sie klangen selten. Der Soldat auf
dem Marsche sehnt sich nach cannibalischem Wohlsein. Wenn Einer die
Tabaksfreude anstimmt, den Krambambuli, das von den Mllerscken und
Mllermdeln, da stimmte der ganze Chorus ein; Lieder sind es, welche der
Schrift nicht angehren, aber sie leben, schon viele Jahrhunderte, und wollen
auch wohl noch Jahrhunderte leben.
    Daher mochte der Leiermann im Garten, so er wollte, seine Ballade anheben,
die ein patriotischer Poet, um der Begeisterung aufzuhelfen, gedichtet, und die
etwa anfing:

Grad fnfzig Jahre sind es her,
Da zog der groe Knig aus
Und hinter ihm sein muthig Heer,
Den Feinden all zu Schreck und Graus.

Die Militrs hrten gar nicht, die Brger nur halb zu, trotz dem, da jeder Vers
eine Schlacht des alten Fritz illustrirte, von Mollwitz bis Torgau. Wenn aber
die Fsiliere: Ein Schifflein seh ich fahren anstimmten, war Alles Aug' und
Ohr und die Zuschauer schienen stumm die mit greller Lustigkeit gekreischten
Verse mitzusingen:

Wie kommen die Soldaten in den Himmel?
Kapitn und Lieutenant, auf einem weien Schimmel,
Da reiten die Soldaten in den Himmel.
Kapitn und Lieutenant, Fhndrich, Sergeant,
Nimm das Mdel, nimm das Mdel bei der Hand,
Soldaten, Kameraden, Soldaten Kameraden!

Wie kommen die Offiziere in die Hllen?
Kapitn und Lieutenant, auf einem schwarzen Fohlen,
Da wird sie der Teufel schon alle holen.
Kapitn, Lieutenant, Fhnderich, Sergeant,
Nimm das Mdel u.s.w.

    Es saen viele Offiziere, darunter sehr vornehme, auf den Estraden, den
Scheidegru ihren Kameraden zu geben, den sie morgen von den nach ihnen
Scheidenden empfangen wollten. Aber die ernste Wehmuth, welche ernste
Scheidestunden hervorrufen, httest du auf wenigen Gesichtern gefunden.
Pltzlich war der Gesang des Leiermanns verstummt, und eine grelle Beckenmusik
schallte bertubend aus dem Garten herauf - wie zur Freude Aller. Der General,
den wir einst in der Gesellschaft der Lupinus kennen gelernt, und der jetzt auf
einen der grern Balkone trat, hatte es im Vorbergehen so angeordnet.
    Das war ja nicht mehr zum Aushalten, sprach er zu den Offizieren, die sich
respektvoll erhoben. Was soll das Krchzen! Wenn der Soldat ins Feld zieht, mu
er fidel gestimmt sein. -
    Der General hielt auf seine Autoritt und duldete keinen Widerspruch von
unten; nach oben erlaubte er sich aber Widerspruch, weil er auch dahin auf seine
Autoritt hielt. Er galt fr streng, tyrannisch in seinen Launen, ja Einige
nannten ihn barbarisch in der Strenge gegen den gemeinen Soldaten, und von
brutalem Stolz gegen das Civil. Heut erschien er milder. War es der Anblick der
wohlgeordneten Kriegerscharen, war es die Assurance, mit diesem Heer zu siegen,
oder der Ernst, welcher sich der Seele jedes denkenden Kriegers vor einer
Schlacht bemeistert. Wei vielleicht Einer von den Herren, unterbrach er das
Schweigen, was aus dem Obristwachtmeister von Eisenhauch geworden? Nach
Oesterreich kam er voriges Jahr zu spt, die Campagne war vorber. Demnchst
schrieb man, da er aus Alteration gefhrlich erkrankt sei. Es sollte mich doch
wundern, ob er sich nicht wieder bei uns einfindet, wenn es Ernst wird.
    Auf die Frage wusste Niemand Bescheid; sie wussten eben so wenig, ob der
General etwas zum Lobe oder zum Tadel des genannten Offiziers hren wollte. Sie
schwiegen.
    Meine Herren, er ist ein Genieoffizier von admirablen Kenntnissen, hat auch
manche vortreffliche Konceptionen. Ich gestehe Ihnen, einige waren wirklich
acceptabel, und es that mir leid, als er den Abschied nahm. Verdachte es ihm
freilich nicht. Wollte nicht blo Rath geben, drauf los, ins Feuer;
chevaleresque und von exemplarischer Conduite. Aber, offenherzig, es ist mir
heute doch lieb, da er nicht bei uns blieb. Wir wren auf manche Vorschlge
eingegangen, wir htten Vieles gendert. Vielleicht zum Guten - wer wei es, wer
hat die Probe gemacht! Heute gereicht es mir nun zur Genugthuung, da auch
nichts in unserm Armeewesen gendert ist. Wenn der groe Knig aus den Wolken
blickte, she er seine Armee, wie er sie verlie, kein Knopf an den Kamaschen
mehr oder weniger. Und so soll und wird sie Bonaparte sehen. Meine Herren,
Attention! Das ist etwas, was wir nicht zu gering anschlagen drfen. Er mu bei
dem Anblick gleichsam fhlen, da er mit dem Genius des vorigen Jahrhunderts
sich schlagen soll. Und da er ein Mann von einem gewissen Sentiment ist, mu
dies einen moralischen Eindruck auf ihn machen. In seinem Moniteur lsst er uns
Don Ouixoten nennen. Nun, wir wollen doch abwarten, wer Mhlenflgel und wer
Geister gesehen hat!
    Man konnte aber jetzt kaum noch etwas sehen und noch weniger hren. Der
Staub war unertrglich geworden, zu Wolken aufwirbelnd fiel er als trockner
Regen nieder. Dazu war ein Toben, Peitschengeknall, ein Gewieher der Pferde und
ein Gekreisch der Troknechte, da die Kommandoworte nicht mehr durch das Gewirr
drangen. Was halfen die Flche und Klingen der Offiziere, die auf den Rcken der
Sumigen fuchtelten, wo Alles stockte! Drei Batterieen hatten, nachdem die
Dragonerregimenter das Ihre gethan, die Strae in Grund und Boden aufgewhlt,
und jetzt, so weit das Auge vor und zurck sehen konnte, war sie mit
Bagagewagen, Fourgons, mit Kaleschen und Kchenwagen bedeckt. So breit der Weg,
hatten die Fuhrwerke sich doch verfahren und grad am Garten war eine totale
Stockung eingetreten. Auch im Fuhrwesen war die alte Ordnung, aber in jeder
Ordnung giebt es Ausnahmen, und Kutscher und Fuhrknechte sind darin verstockte
Aristokraten, die auf Rang und Stand im Vorfahren unerbittlich halten. Wessen
Generals, Obristen oder Kapitns eigne Wagen vorfahren wollen, und dadurch die
Verwirrung verursacht, war nicht mehr zu ermitteln; kurz, Rder, Deichseln, die
Pferde und ihre Geschirre waren in ein wstes Knul gedrngt, da die
Campagnepferde der Offiziere dazwischen in Gefahr geriethen, und nicht Reiter
noch Fugnger mehr hindurch konnten, um zu sehen, wo die Stockung anfing und
Abhlfe nthig war. Die kommandirten Aufseher und Offiziere mussten ber die
Wagen wegklettern und springen, und wo sich auch das nicht thun lie, schwangen
sich Einzelne ber die Hecke und suchten durch den Garten den Weg zu ihrem Ziel.
    Die Lyciumhecke war kein schirmender Wall mehr. Tische, Bnke und Estraden
wurden, weil Alles berstieg und durchbrach, verlassen, um doch gleich wieder
von Neugierigen besetzt zu werden. Eine Gefahr erschreckt nur im ersten
Augenblick, im nchsten erregt sie schon den Kitzel, es mit ihr zu versuchen.
Die rohe Wuth, die Leidenschaften waren entfesselt. Manches Gesicht glhte auch
vom Branntewein, es konnte aus der Znkerei ein Kampf werden. Die verschiedenen
Truppentheile haben immer gegen einander Eifersucht. Da warfen sich die
Feldkutscher vor, wer wider Recht den Vorrang erstreiten wollen; dort hechelten
sie sich ber den Inhalt und die Gre der Bagagewagen, und aus ihren
versteckten Winken - wo man diese Rcksicht noch beobachtete - erfuhr das
Publikum, da mancher Offizier Dinge oder Gegenstnde mitnahm, die eigentlich
nicht ins Feld gehren. Wer daran zweifelte, sah wohl vorn aus dem Rstwagen ein
halbverhlltes Frauengesicht scheu vorblicken, das nicht fglich zu den
Marketenderinnen zhlen konnte. Doch waren das nur Ausnahmen. Aber zwischen dem
Schreien, Fluchen und Wiehern tnten noch andere Stimmen, die weder Pferden noch
Menschen angehrten, sondern eher auf das Dasein einer Menagerie schlieen
lieen.
    Die Menagerie war inde gar kein Geheimni, und wenn die groen Hhnerkrbe,
hinten oder vorn auf den Generalswagen, bis da mit Decken verhngt gewesen, so
waren diese beim Zusammensto, dem Klettern und den Manipulationen der
Helfenwollenden von den Meisten abgefallen. Das gengstete Federvieh flatterte
und gackerte und schien selbst wieder einen Brgerkrieg in den Gitterkrben zu
fhren, als durch das Zurckstoen eines Wagens mit Zeltstangen diese an den
Fourgon eines Generals stieen. Der Wagen schwankte und fiel auf die Seite ber,
ohne doch ganz fallen zu knnen, der Hhnerkorb aber brach, strzte, und die
gefiederten Innewohner, so weit sie nicht von den Zeltstangen getdtet waren,
krochen, flatterten und flogen heraus. Da der Korb nach der Seite der Hecke
bergestrzt war, entlud sich die lebendige Bescherung in den Garten. Die
Hhner, in glcklichem Rettungs-Instinkt, drngten sich nicht wie die Schafe in
einen Keil, sondern ber Kpfe und Tische flatternd, krochen sie hier unter die
Hecke, dort zwischen die Beine der Gste oder suchten in sympathischem Zuge den
Hhnerstall des Kafetiers. Der Aufruhr war damit in den Garten getragen.
    Wo war die Disciplin, wenn rohe Trainknechte ber die Hecke auf den Tisch
springen konnten, wenn die Glser von Stabsoffizieren unterm wuchtigen Tritt
ihrer gespornten Reiterstiefel zitterten, wenn sie ohne Rcksicht auf Orden und
Epauletten, nicht einmal die Honneurs machend, auf die Erde platzten, wenn
entlaufenes Federvieh fr diese Menschen alle Rcksichten, die der Autoritt
gebhren, aufwog! Wo, wenn selbst ordnungsliebende Brger nicht davor
schauderten, sondern es in der Ordnung fanden, denn durch den Garten verbreitete
sich ein geflgeltes Gercht. Es sind ja Obrist Kckeritzens Truthhne! -
Nein, riefen andere Stimmen, es sind Excellenz Feldmarschall Mllendorfs
Puthhner!
    Der Garten erstreckte sich weit in die Sandebene. Solche Grten hatten auch
stille Pltzchen, wohin gefhlvolle Gemther sich aus dem Gerusch des
Kegelschiebens und dem Klirren der Glser zurckzogen. Auf einer Bank unter dem
Lycium, das seine ausgewachsenen und schon vertrockneten Zweige zu einer Art
wilden Laube ber ihre Kpfe rankte, saen Charlotte und ihr Wachtmeister. Es
war die bittere Scheidestunde. Auch wir nhern uns der von unsern Lesern und
scheuen uns deshalb, ihnen eine neue Figur vorzufhren, die - sie vielleicht
nicht wiedersehn. Uebrigens sah ein Wachtmeister wie der andere aus. Charlotte
musste das auch denken. Sie hatte geweint und hielt das Tuch noch an die Augen.
Der Wachtmeister hatte wohl nicht grade geweint, aber sein Gesicht war roth, als
er die rechte Locke unter dem Hute ajustirte. Es geht nun mal nicht anders in
der Welt; aber mit Kourage geht Alles. - Halten Sie sich nur recht warm.
schluchzte sie, da Sie sich nicht verklten. - Halten Sie nur Ihren
Geheimrath warm, sagte er. Darauf kommt Alles an. Denn die Civilversorgungen,
das ist die Schwerenoth, die sind verflucht mager. - Und trinken Sie nicht so
viel Schnaps, - und wenn eine Kugel kommt - Dann schreib ich's Ihnen. - Und
wenn Sie mir nicht schreiben?
    Da hub das Schluchzen von Neuem an; aber es war nur Charlotte. Der
Wachtmeister hatte seine Handschuh angezogen, den Pallasch in die rechte Lage
gebracht und sich grad aufgerichtet: Demoiselle Charlotte, wozu hilft das
Greinen! Sie mssen bedenken, der Soldat ist Soldat. Ist's nicht so, so ist's
so. Sterben mssen wir Alle, und wenn's uns noch so gefllt in einem Quartier,
einmal ziehen wir raus. Drum sagt unser Obristwachtmeister: Kerle, Ihr msst
denken, da Andere nach Euch kommen, die wollen auch was finden. Und warum
nicht! Sie sind ja auch Menschen. Und so ist das ganze Leben, sagt er, wir
ziehen aus einem Quartier ins andere. Und wem's sein letztes war, das wei
Keiner nicht, denn 's kommt auf einmal, auf den Plutz. Da steht der Tod vor ihm
roth und bla auf der Mauer und krht ihn an, und eh es ausgekrht -
    Charlotte schrie auf. Es krhte ihn ja an. Auf der Hecke stand ein
Kalekuter, seine rothen Lappen von der Sonne beschienen, seine Augen funkelnd
vor Angst oder Zorn. Und eine Pute flog auch ber die Hecke und ihr gar in die
Arme. Aber auch die Trainknechte flogen den Gang herauf, schreiend, fluchend,
die bsen Trainknechte, mit so zornfunkelnden Augen als der Hahn. Charlotte
hatte sich wirklich die Pute nicht aneignen wollen, die sie unwillkrlich an ihr
liebebedrftiges Herz gedrckt. Charlotte war selten um eine Antwort verlegen,
aber kaum, da sie ber die Lippen war, musste sie es mit eignen Ohren hren,
da der Knecht sie anschrie: Selbst Pute, sie! und mit eignen Augen musste sie
es sehen, da der Wachtmeister, statt ihr beizuspringen, mit nach dem Kalekuter
haschte. Es sind ja Excellenz Mllendorfs eigene Truthhner! rief ein Anderer,
um sie zu Respekt und Raison zu bringen.
    Der Puter und die Pute waren lngst fort, denn als Charlotte die Arme
ffnete, hatte die letztere es vorgezogen, einen Satz in die Luft zu machen, als
in die Arme des Knechts zu fliegen. Bestien ihr, wartet! war das letzte Wort,
das sie hrte, und leider war ihr die Stimme sehr bekannt. Das wilde Heer war
verschwunden, und das war der letzte Abschied von ihrem Wachtmeister. Die Frau
Hoflackir, die herbeikam, fand Charlotten in Thrnen. Der Herr Hoflackir, der
seiner Gemahlin die beiden jngsten Kinder auf den Armen nachtrug, derweil das
Aelteste an seinem Rockschoo ging, fragte, warum die Cousine weine. - Das
frgt er noch! sagte die Frau Hoflackir. - Es frgt sich vieles, sprach
Charlotte mit einem Blick gen Himmel. Ach, lieber Cousin, die Militrs in
Ehren, aber ihnen geht doch das ab, was ein empfindungsvolles Gemth bedarf,
wenn es sich ber das Gemeine des irdischen Daseins erheben soll. Die Montur und
die Uniform sind etwas sehr Schnes fr Knig und Vaterland, aber mehr Gefhle
fr Frauenwrde findet man doch beim Civil - selbst bei meinem lieben
Geheimrath.
    Und da Puter und Pute, dieselben, noch ein zrtliches Paar aufschrecken,
noch einen Abschied stren mussten! Den Obristwachtmeister Stier von Dohleneck
und die Baronin Eitelbach, die in der einfachen Allee am Rande des Gartens
promenirten. Es war die se Verstndigung nach so langen, langen Zweifeln. Und
nun grade uns trennen mssen! Seltsam! war es doch hier das Widerspiel der
anderen Abschiedsscene. Er schien der Geknickte und strich ber die
Augenwimpern. Thrnen waren es nicht, aber ein Jucken und Drngen an den Augen,
als frchte er sich vor ihnen.
    Wissen Sie, mir ist's manchmal, als wren wir Alle nur da, um uns zu
trennen, sprach die Baronin und sah in den blauen Himmel. Und wir lebten nur,
damit wir uns darauf vorbereiteten. Er blickte sie verwundert an. Die zu
einander gehrten, mssten sich ihr Leben lang suchen, und wenn sie sich
gefunden haben, wre es nur, um von einander Abschied zu nehmen. Da geht Mamsell
Alltag mit ihrem Vater in den Salon. Das ist doch ein kreuzbraves, schnes und
gescheites Mdchen. Was hat die ausstehen und sich versuchen mssen, darber ist
doch nun alle Welt im Klaren, und nun's ihr endlich gut geht, und die schlechten
Zungen schweigen mssen, und die Knigin sich ihrer angenommen hat, und sie Den
nun endlich heirathen soll, den sie von ganzem Herzen lieb hat da - da mu er
den Tag vor der Hochzeit spornstreichs auf und davon. - Nur auf einer
dringenden Mission vom Knige. Er wird wiederkommen. - Wenn sie ihn nun als
Spion hngen!
    Der Obristwachtmeister sah sie noch verwunderter an. Welche Lichter zckten
pltzlich durch diese Seele! Alles kommt anders, als wir's uns gedacht, fuhr
die Baronin fort, und es ist berall so. Die arme unglckliche schreckliche
Geheimrthin! Ich mag's noch immer nicht glauben, da sie so schlimm ist, aber
wenn sie ihn liebte und heirathen wollte, und es darum gethan hat, nun ist sie
auch auf immer von ihm getrennt. - Von wem? - Vom Legationsrath. A propos,
der ist Ihr aufrichtiger Freund, Dohleneck, Sie mgen es nun glauben oder nicht.
Ein Freund in der Noth ist er, das kann ich Ihnen sagen. Sie packen ihm Alles
auf, wer was zu tragen hat und wen was ngstet, und dafr verreden sie ihn noch.
Aber er trgt es und lchelt. Er wei auch, Dohleneck, da er Ihnen
unausstehlich ist, und doch sorgt er um Sie wie ein Vater, nein, wie ein Freund,
der Alles thun mchte, um mir meinen liebsten Freund zu erhalten. Was giebt er
mir nicht fr Rathschlge, da Sie in der Campagne zu Ihrer Gesundheit thun und
mitnehmen sollen, und bittet mich, da ich Sie beschwren soll. Sie mchten sich
nicht zu sehr exponiren. - Wenn er mir den Rath ins Gesicht gbe, wrde ich
wissen, wie ich ihm ins Gesicht antworte; ein Soldat thut nur seine
Schuldigkeit.
    Sie lchelte ihn ruhig an: Ich wei es schon. Grade so wrden und mssten
Sie sprechen, hat er zu mir gesagt. Darum hat er mir auch verboten, Ihnen von
den Salben und Pulvern zu geben; Sie wrden lachen und den Plunder in den Graben
werfen. Der Beste und der Klgste ndert's nicht, was kommen soll, und das ist
das Wunderbare in unsrer Bestimmung, sagt er, da man das wei, und sich doch
immer wieder gedrungen fhlt, den Rath zu geben, der nicht befolgt wird. So hat
er's auch mit der Lupinus gemacht. Wie er es ihr auch zu verstehen gegeben, da
es nur Achtung und Verehrung von ihm sei, sie hat's fr Liebe gehalten. Und wie
er jetzt auch sich Mhe giebt, da ihre Unschuld an den Tag kommen soll, er wei
doch, sie werden nicht auf ihn hren, denn die Menschen rennen alle in ihr
Verhngni, und er preist die am glcklichsten, die nicht klug sind, und nicht
Alles sehen wollen, denn ihnen werden viele Qualen gespart. Darum, sagt er, hat
er uns so lieb, ob er schon wei, da ich ihm nicht gut bin und Sie ihn gar
nicht mgen. Da ist auch alle Mhe umsonst, setzte er hinzu, alle Beweise helfen
nichts, und der Mitrauische wei sogar in der guten That die man ihm erzeigt,
eine heimliche bse Absicht herauszulesen.
    Dem Herrn von Dohleneck ging es dumpf durch den Kopf: Wenn man sich doch
getuscht htte!
    Das sagt er ja auch. Wenn in der letzten Stunde nur die Enttuschung kme!
Wenn er da liegt auf dem Felde der Ehre, und die Lfte trgen mir wenigstens mit
Aeolsharfenklang sein Gestndni zu: Ich habe mich in Dir geirrt! Das wre
wenigstens ein Trost! - Donner und - Himmeldonner! Er macht mich doch nicht
bei lebendigem Leibe todt!
    Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck hatte nicht die Vernderung
gesehen, die auf dem Gesicht der Baronin vorgegangen. Die Thrnen strzten aus
ihren groen, schnen Augen; sie zitterte: Ja, mein inniger, einziger Freund,
er hat eine Ahnung - er wollte schweigen - ich erpresste ihm das Gestndni -
Ihr zgelloser Muth - er sah Ihr Blut flieen - Wir ndern's nicht - ja, es ist
nur zu wahr, es findet sich Alles nur, um sich zu trennen, die Herzen, um von
einander gerissen zu werden, die Seelen und Geister, um sich schtzen zu lernen,
wenn sie sich verloren haben, und das Glck ist nur da auf der Welt, da es
zerbricht! - Es ging ja auch nicht anders, sagte sie, sich zurckbeugend, und
blickte ihn mit freudiger Wehmuth an. Wir konnten uns ja nur finden, um uns
wieder zu trennen! - Freiwillig, nicht wahr, hatten wir es gethan? Und nun
trennt uns eine hhere Hand. - Aber warum denn auf immer! sagte der Offizier,
ihre Hand an die Brust drckend. Ohne Hoffnung - Darf der Mensch nicht leben
und nicht sterben, fiel sie ein. Das hat er auch gesagt. Und sah dabei in den
Himmel, und das war ein Blick! - Nein, nicht auf immer! sagte er, wer
unvergnglich liebte, der liebt auch in die Ewigkeit. Ist denn das Blut ein
Strom, der uns vom Jenseits trennt? Da liegt er auf der Haide, purpurn strmt es
aus Brust des Redlichen. Sein letzter Hauch ist seine Freundin, sein letzter
Blick fr Sie. Wenn er Sie im Tode sah, warum sollen Sie ihn denn nicht im Tode
sehen! Sie werden sich wiedersehen! - Nun, um Gottes Barmherzigkeit willen,
ja, wir werden uns auch wiedersehen! rief Dohleneck in ungewhnlicher
Aufregung. Kein Krieg ohne Blut, aber warum gleich maustodt! Wozu giebt's denn
Charpie und Pflasterkasten? Das Blut mag zwischen uns flieen, ja, ein tiefer
Flu, aber warum soll ich denn nicht rberspringen und -
    Wir werden uns wiedersehen! und die Baronin ffnete die Arme und der
Obristwachtmeister auch - Da musste es um sie sausen, krchzen, und die wilde
Jagd kam hinterher. Fangt sie! - Da sind sie! - Die Brut!
    Als die Unholde heranstrmten, war die Baronin schon durch die Oeffnung der
Hecke geschlpft. Der Obristwachtmeister warf einen Zornblick auf die
Strenfriede, ja, seine Linke ruhte auf dem Degengriff. Ob Herr von Dohleneck
ihn gezogen htte, wir wissen es nicht; aber es war ja sein Wachtmeister, der,
in Respekt erstarrend, vor ihm schulterte und aus den Lippen des vorgestreckten
Kopfes die Worte flsterte: Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, sie sind
die Puten von Excellenz Feldmarschall Mllendorf!

                          Zweiundachtzigstes Kapitel.



                           Die Scheidestunde schlug.

Als die Baronin durch die Hecke geschlpft - sie hoffte, unbemerkt von den
Verfolgern, - befand sie sich in einem schmalen Gange, der eigentlich nicht zum
Spazierengehen, sondern zwischen der beschnittenen Baumhecke und einem alten
Plankenzaune, mit Unkraut bewachsen und fr den Kehricht des Gartens bestimmt
war. Ihre Absicht war auch wohl gewesen, wenn das wilde Heer vorber, in die
Allee zu ihrem Freunde zurckzukehren. Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch
einen andern Mann, den sie nicht als ihren Freund betrachtete, abgehalten. Nein,
sie frchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard, und glaubte dazu
hinlnglichen Grund zu haben, denn hatte nicht der Legationsrath in einer
vertrauten Stunde ihr - wir sagen nicht Alles, aber doch Vieles vertraut, was
sie nie erfahren durfte, wenn man nicht ohnedem wsste, da das Amtssiegel der
Verschwiegenheit ber die geheimen Staatsangelegenheiten in der Hinterstube des
Geheimraths Bovillard nur zu oft erbrochen war. Und diesen selben Bovillard, der
mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt, dem sie in in ihrer
Entrstung geschworen, nie mehr ins Gesicht zu sehen, traf sie an dem einsamen
Orte, er kam grad' auf sie zu, und hob grade den Kopf, den er gesenkt trug, ehe
sie ausweichen konnte. Zu anderer Zeit kochte es in ihr, ihm Sottisen oder die
Wahrheit zu sagen, was sollte sie ihm jetzt sagen, wenn er mit seinem medisanten
Witze sie raillirte! Ach, aber der Geheimrath war ein Anderer, in kurzer Zeit
schien er um Jahre lter geworden. Wohin war der elastische Schritt, die
Jugendlichkeit, die er im Umgange affectirte? Er ging bedchtig und gesenkten
Hauptes. Er litt an fixen Ideen, sagte man. War es sein Stammbaum, dessen
Wurzeln bis zur Schpfung der Welt zurckwuchsen, was seinen Blick auf der Erde
wurzeln lie? Man hielt es nur fr eine momentane Phantasie des aufgeklrten
Lebemannes; er benutzte sie, um seinem Depit gegen die Verbindung seines Sohnes
mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen. Er litt, wer
sollte es glauben, an einer andern Idee, die er zwar nicht deutlich aussprach,
aber aus seinen hervorgestoenen Reden erschien es, da er an gewissen Tagen
sich fr vergiftet hielt, von wem anders, als der Lupinus! Auf vernnftige
Vorstellungen gab der vernnftige Mann zu, da dies unmglich sei, da er jede
gesellige Berhrung mit ihr vermieden hatte; aber er nahm doch in jenen Tagen
viele und starke Laxanzen. Er, der erklrte Gegner der Romantik und alles
Mysticismus, las in Bchern, die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen, und
an Aerzte, die sich jener Richtung nherten, stellte er die verblmte Frage, was
sie von dem bsen Blick hielten, an den die sdlichen Nationen glauben, und ob
nicht eine physische Mglichkeit sei da er der Gesundheit Anderer schaden
knne? Der Geheimrath Bovillard war bereits als malade imaginaire
sprchwrtlich. Sein Gnner, der Minister mit der aufrechten Haltung, hatte ihm
seine Universalkur, Karlsbad, wiederholentlich empfohlen, der Geheimrath den
Rath aber von der Hand gewiesen - fr jetzt. Er frchte, es werde ihm als Furcht
ausgelegt, wenn er sich aus Preuen entferne, er sei ein Patriot, darum msse er
es zeigen. Darum zeigte er sich an ffentlichen Orten; wenn auch nicht grade an
dem, wo die Baronin ihm begegnete.
    Ach, meine gndige Frau, sagte er, nachdem von seiner Seite weder eine
freudige noch eine andere Ueberraschung stattgefunden, er brachte vielmehr die
Worte mit einer Art innerem Ghnen heraus, indem er neben ihr herging. Ach,
meine gndige Frau, die Moralisten sagen, Alles in der Welt ist eitel; aber es
ist nur die Wirkung aus der Ferne. Ich sehe in der Welt nicht ab, warum das
eitel sein soll, was ich geniee, und es schmeckt mir. Eitel, das heit, es
verdirbt und vergeht, wird es nur durch die Einflsse von auerhalb. Knnte
Jeder seinem Penchant nachgehen, dann gbe es keine Eitelkeit und keine Snde,
nur vergngte Menschen. Sie lieben im Frhling die Veilchen, ich die Maibutter,
wie schn duften sie am Morgen, wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum
Frhstck! Da mu ein Weltkrper viele Millionen Meilen von uns entfernt, so
einwirken, das das Veilchen am Abende welk ist, auch die Philosophie hilft
dagegen nicht. Der bse Magnet, Dmon, was es sei in der Ferne, unsere Pfeile
erreichen ihn nicht, und, was noch schlimmer, wir wissen gar nicht, wo unser
Feind sitzt. So ist der Klgste nicht sicher, woher's ihn einmal berkommt, ob
er auf dem Eis einbrechen, oder im Tanzsaal ein Bein brechen soll. Was ist der
Krieg? Die Soldaten bilden sich ein, sie trgen ihn, und sie bluteten fr uns.
Aber, contrair, sie haben das Vergngen, und der Civilist hat die Leiden; er mu
zahlen und zahlen, Handel und Gewerbe stocken und wir mssen Spott, Uebermuth
und Einquartierung ertragen, bis wir aus der Haut fahren. Ich will mich nicht um
die Welthndel kmmern, sagt der gute Brger. Und hat er dazu nicht ein Recht?
was er nicht eingerhrt hat, braucht er nicht aufzuessen. Hat der Weizenbauer in
Pyritz die franzsische Revolution gemacht, hat er consentirt zur Pillnitzer
Alliance, oder hat er Napoleon zum Kai er ausgerufen? Gott bewahre, er wei von
alledem nichts, hat nie was von dem wissen wollen; aber ben mu er jetzt:
seine Pferde werden ihm ausgespannt, Fourage mu er liefern, seine Shne mu er
hergeben zum Todtschieen, und wenn die Franzosen gewinnen, frit und prgelt
ihn die Einquartierung, sie schmeit ihn am Ende aus Haus und Bett, wenn er eine
Frau hat, alles das die Wirkung aus der Ferne, und Niemand wei, meine theuerste
Baronin, wo das Uebel ihm sitzt und von wo es kommt.
    Die Baronin schenkte ihm einen Blick, der zu verrathen schien, da sie
wenigstens die Ferne kenne, aus welcher sie die Wirkung empfunden. Der
Geheimrath hatte fr solche Blicke keine Augen und kein Gefhl.
    Meine Beste, sagte er, das Gesicht in eigenthmlicher Weise verkneifend,
und beide Hnde gegen die Seiten stemmend, denken wir nicht an vergangene
Thorheiten. Sie sollten nach Karlsbad. Hier, Gott wei, was hier kommt; die
schwere Luft und Niemand wei, was er in den Sonnenstubchen runterschluckt, die
er einathmet, wenn er den Mund aufthut. - Da - da knnen Sie ungenirt und frei
leben. Ich ginge ja auch herzensgern, aber - ein Staatsmann und die Rcksichten.
- Excuse!
    Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurck, aus dem er die Baronin
unter so liebenswrdigem Gesprch bis in den Garten zurckgefhrt hatte. Da
trafen sich im Gewhl viele Bekannte, die wieder auf die Estraden stiegen. Die
Stopfung auf der Strae war gelst. Der Abendwind trieb den Staub nach einer
jenseitigen Richtung. Herr von Fuchsius, der die vereinsamte Frau zuerst
gewahrte, hatte ihr seinen Arm angeboten. Sie htte wohl einen bessern Fhrer
gewnscht, sagte er lchelnd, aber in dem Gedrnge msse man sich schon dem
ersten Besten anvertrauen. Wer in der Gefahr vereinsamt steht, ist verloren.
Ueberall Abschiedsscenen, Thrnen, Tcher. Sie waren eben Zeugin einer der
tragischesten Abschiedsscenen! Die Baronin sah ihn verwundert an. Herr von
Bovillard scheint frmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben. Es ist
der Abschied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute. Er ist auf dem
Wege, ein vollstndiger Hypochonder zu werden. - Aber beachten Sie den Abschied
dort, er ist weit trauriger, zwischen Vater und Sohn.
    Zieht der junge van Asten auch ins Feld? fragte die Baronin, denn dieser
war es, dem sein Vater nach einem langen, wie es schien, eindringlichen Gesprch
pltzlich den Rcken wandte. Nur in die Freiheit - und der Alte vielleicht in
das Schuldgefngni. Das Verhltni war stadtkundig: Mein Gott, wer hat denn
da nun Recht? Der junge Walter ist auch ein so braver Mann! Der Rath zuckte die
Achseln: Barone, das sind Fragen, auf die nur der liebe Gott Antwort wei.
    Die Baronin drckte pltzlich die Hand ihres Begleiters und der
Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen, da der liebe Gott wohl Antwort
gegeben habe. Der alte van Asten, der noch eben den Stock mit beiden Armen
unmuthig auf die Erde gestampft und den Hut in die Stirn gedrckt hatte, um den
Garten zu verlassen, war pltzlich stillgestanden. Eben so rasch wandte er sich
um, und fiel dem Sohn, der ihm wehmthig nachgesehen, um den Hals. Ob sie etwas
gesprochen und was, wer konnte das hren, besonders jetzt, wo wieder ein
feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dmmerung
schmetterte. Die Baronin ri ihren Fhrer auf die Estrade. War erst jetzt die
Ordre gekommen? Die Gensdarmen zogen aus der Stadt, um in einem benachbarten
Dorfe Nachtquartier zu halten. Noch war es hell genug um sich zu erkennen, und
ein letzter rother Schimmer frbte die Federbsche und Gesichter der Reiter. Die
Baronin lie ihr Tuch wehen, er sah es und salutirte mit dem Degen. Sie sprach
kein Wort, aber unverwandten Blickes starrte sie hin, bis die Gestalt sich in
der Menge verlor, dann lehnte sie sich, wie erschpft, auf die Schulter des
Rathes. Wir werden uns wiedersehen! kam es wie aus tiefster Brust. - Unfern
von ihr schrie eine andere weibliche, Stimme: Ich werde ihn nie wiedersehen!
Was soll aus mir werden! Charlotte war auf eine Bank gesunken. Zum Glck stand
jetzt neben ihr ein ltlicher Herr - denn unter den brigen Zuschauern schien
keiner sich um den andern zu kmmern, ihre Blicke und ihre Gedanken gehrten den
schnen, jungen ausmarschirenden Reitern allein an. Der ltliche Herr klopfte
ihr auf die Schultern: Charlotte, weine Sie nur nicht, gebe Sie sich zur Ruhe,
es wird sich schon Alles finden, und ich verlasse Sie nicht.
    Es war eine besondere Stimmung unter Allen, sehr verschieden von der lauten
beim Vorberziehen der frhern Regimenter. Hatte der Abend sie gemacht? Waren
die Gensdarmen grade die Lieblinge der Zuschauer? Man hrte keine lauten
Hurrahs, keinen jubelnden Zuruf, nur unterdrcktes Schluchzen. Vielleicht that's
die Regimentsmusik; sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von
Morgenroth und frhem Tod. Nachher flsterte man sich zu: Prinz Louis sei in
seinem Mantel verhllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschirt. In
den Slen, die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen
Restaurationsgebudes in den Garten ausliefen, hatten einzelne Familien und
Gesellschaften zum Abendbrod sich vereinigt. Die Lichter wurden schon
angezndet, es sah aber wenig festlich aus, trotz der Astern und anderer
Herbstblumen, die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt.
Luft und Boden, die Dielen auf dem Erdreich liegend, waren kalt und feucht, die
Frauen hatten ihre Enveloppen, die Mnner ihre Ueberrcke umgethan. Es war auch
sonst ein Etwas, was die helle Freude nicht aufkommen lie.
    In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrath Alltag seine Familie
und einige Bekannte vereinigt. Als Fuchsius die Baronin vorberfhrte, um sie
nach ihrer Equipage zu geleiten, rief sie, durch die hellen Fenster blickend:
Herr Je - da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten. - Er war ihr
hochverehrter Lehrer, sagte der Rath, und der alte Alltag hat zum Abschied
alle nchsten Angehrigen zu sich gebeten - Geht er auch mit in den Krieg? -
Er nicht, aber seine Tochter. Die Knigin folgt ihrem Gemahl ins Hauptquartier,
und Mamsell Alltag ist, als Gesellschafterin der Viereck, bestimmt. Ihre
Majestt zu begleiten. - Das ist eigen, sagte die Baronin, das schne junge
Mdchen in den Krieg! Was man nicht erlebt! Wissen Sie wohl, was ich glaube? -
Gewi etwas Richtiges. - Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft. Jetzt,
glaube ich, gbe er etwas drum, wenn die Adelheid beim jungen Asten geblieben
wre. Er ist ein solider Mensch, und die Leute meinen, er wird eine gute
Karriere machen. Hbsch ist er nicht, aber es ist so etwas in ihm - man traut
ihm aufs Wort.
    Mglich, da die Baronin das Richtige getroffen hatte. Der alte Alltag, der
schweigsam in der Gesellschaft umherging, drckte bei einer Gelegenheit ganz
besonders die Hand des jungen Asten, dankte ihm mit gerhrter Stimme, da er
seine Tochter zu dem gemacht, was sie sei. Rhrung war weder sonst noch jetzt
das Departement des Geheimen Kriegsrathes. Die Geheimrthin brachte selten das
Tuch von den Augen. Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten, er musste ihr
vom Krieg erzhlen, wie weit man sich herangetrauen knne ohne Gefahr, ob die
Franzosen auch auf Frauenzimmer schssen? Nie war sonst ihren Gedanken etwas
entfernter gewesen. Sie ist noch gar nicht gereist, das Kind, einmal nur bis
Potsdam, und nun mu ihre erste Reise gleich in den Krieg sein! - Wer htte das
nur als mglich gedacht; es wird doch Alles anders, als es sonst war. - Alles
- Alles! sagte der alte Major, den Kopf schttelnd, die Pfeife musste ihm heut
nicht schmecken. 'S ist Fgung des Himmels; das mu uns wohl trsten, sagte
die Geheime Kriegsrthin, aber - aber - Der Himmel fgt es, da Alles aus dem
Gefge geht, und es wird noch mehr losgehen. Er wei, warum. Es mu wohl nicht
recht zusammengefgt gewesen sein.
    Eine Konversation kam nicht auf. Wer zu sprechen anfing, brach pltzlich ab,
im Gefhl, da es Wichtigeres zu sprechen gab, und die Zeit war kostbar. Und
dann hatte Jeder mit dem Andern etwas Besonderes zu sprechen. Wenn er
fortgegangen, fiel ihm ein, da er das vergessen, was ihm besonders auf dem
Herzen lag. Welch ein Strom mtterlicher Ermahnungen war von den Lippen der
Mutter geflossen, und immer besann sie sich, da sie doch noch etwas Anderes,
etwas Neues zu sagen hatte.
    Jetzt nahte die Scheidestunde. Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben,
der Wagen der Hofdame, der sie nach dem Palais bringen sollte, war angemeldet.
Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen. Jetzt legte er seine
Arme auf ihre Schultern: Du, mein geliebtes Kind, mein Bijou! Nun ich Dich
verlieren soll, begreife ich erst, was ich in Dir gehabt habe. Und was ich htte
in Dir haben knnen, dann wre ich Dir mehr gewesen und Du mehr mir. Ich htte
Dich besser verstanden, und Manches wre besser - vielleicht! Aber es hat nicht
sein sollen. Andere sagen, der Mensch gehre zuerst sich selbst und seiner
Familie, und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat. Ich verstand es anders.
Gott wird wissen, wer Recht hat. Wenn Alles in der Welt wechselt, so wechseln
wohl auch die Ansichten ber die Pflichten. Aber ich glaube doch, wer das thut,
was er gelernt hat, da es recht sei, der thut Recht, und der himmlische Vater
wird ihm vergeben, wenn er dabei auch mal Unrecht thut. -
    Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen, da ihr Vater gegen sie
Unrecht gethan; sie habe sich anzuklagen, da sie nicht alle Pflichten eines
Kindes gegen ihn erfllt.
    Er schttelte den Kopf: Du warst ein ausgezeichnetes Kind, und fr die hat
die Vorsehung wohl besondere Gesetze. Sie fhrt sie Wege, die uns nicht gut
dnken, aber sie leiten zum Ziel, das wir nur nicht sehen. So ist's mit Dir
gekommen, und so wird es noch weiter kommen. Es wird Vieles besser werden, als
wir denken - und - wir werden uns wiedersehen und froher als heut -
    Endlich musste doch die Glasthr geschlossen werden, von der Zugluft
schmolzen schon die Talglichter. Die Geschwister wollten mit; anfnglich die
Mutter auch, sie fhlte sich zu schwach. Die Kinder aber konnten sich im Gedrng
und der Finsterni verlieren. So machte es sich denn wie von selbst, da van
Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete.
    Die Sterne funkelten hell am klaren Herbsthorizont, als sie aus dem Baumgang
traten. An der Hinterpforte stand der Wagen. Sie reichte ihm die Hand. Mit ihrer
Silberstimme sprach sie: Walter, hinter uns ist es klar; ich hoffe es wird auch
vor uns immer klar bleiben. Er schlug ein: Es werden noch viele Nebel
aufsteigen, bewahre Deinen hellen Blick und dann bleibt es zwischen uns klar. -
In keinem Fltchen Deines Herzens ist ein Groll, sprach sie nicht wahr? - Das
giebt mir Muth. Aber - Sie zauderte. Sprich es aus! sagte er. Es soll gar
kein Fltchen zwischen uns bleiben. - Ich mchte Dich auch ganz zufrieden,
ganz klar mit Dir selbst verlassen. Bin ich's noch, Walter, die wie eine
Nachtwolke zwischen Dir und Deinem Vater schwebt, den Wnschen des Mannes,
dessen Glck und Frieden Dir das Theuerste sein msste?
    Und wenn Du es wrest, was kannst Du dafr? Kann der Nordpol dafr, da der
Magnet nach ihm zeigt? Es wre die Arbeit eines Narren, den Magnet zwingen zu
wollen, da er nach einer andern Himmelsgegend weist. Das sind ewige
Nothwendigkeiten, vor denen sie sich beugen sollen und mssen, die nicht Muth
haben, sie freiwillig anzuerkennen. Dieser berreichen Welt an Allem fehlt nur
etwas - Charaktere. Ich bilde mir nicht ein, sie bessern zu wollen, dazu fhle
ich mich zu schwach, aber ich bin stark genug, mich nicht von ihr bilden,
fortreien zu lassen.
    Lebe wohl, Walter! sprach sie mit erstickter Stimme. Ich habe den
Glauben: es ist kein Lebewohl fr immer. Wir sehen uns wieder. Sie drckte,
sich auf den Zehen hebend, einen Ku auf seine Stirn; dann schwebte sie in den
Wagen, er rollte fort.

                          Dreiundachtzigstes Kapitel.



                         Der Schler des Schauspielers.

Es war eine wunderbar bewegte Nacht vom 13. zum 14. Oktober. Die Sterne warfen
kein Licht auf das tiefe Saalethal, und die Tausende von Lichtern, die auf
Befehl an den Fenstern der Stadt Jena brannten, verbreiteten nur einen
ungewissen Schimmer, der die Dunkelheit noch dunkler zeigte. Durch die
Krmmungen der Schlucht, so weit das Auge getragen htte, das Ohr reichte, wogte
und wallte es; es war kein Strom, der durch die Rippen der Erde bricht, keine
Windsbraut, die die Wolken peitscht, keine Feuersbrunst, die ber Dcherreihen
prasselt, es war ein heimliches dumpfes Wirken und Schaffen, wie eine Sprache,
die keine artikulirten Tne findet. Wie die Riesenschlange die Erde umfasst: in
lautloser Wuth und Kraft drckt sie ihre Weichen, und da steigen gepresste
Schmerzenstne in die Luft, so durchbrach die Monotonie hier ein Schrei, dort
ein Hallo, ein Zusammensto der Geschtze und Rstwagen, ein Peitschenknallen,
ein grsslicher Fluch. Dann aber tiefe Stille, man hrte nur den dumpfen,
drhnenden, ehernen Tritt der Tausende, die Erde stampfend, das Wiehern der
Rosse, das wuchtige Rasseln der Kanonen.
    Die Heeressulen der Franzosen wlzten sich durch das tiefe Saalethal; wie
die fabelhafte Heerschlange, die im Thringer Walde sich zeigt, eine Kette, Mann
und Ro, von den Hhen der Berge bis schon hinaus viele Meilen ber Jena, da, wo
die Unstrut in die Saale fllt. Die Thringer, die das Weh aller groen Kriege,
welche Deutschland zerfleichten, in ihren schnen Thlern, an ihren Berggelnden
recht aufgesogen und eingesammelt, hatten solche Massen Krieger nie gesehen.
Eine Vlkerwanderung schien es.
    Wo die Schlange sich in dem Lichtschein ringelte, blitzte es auf von den
Bajonetten und Flintenlufen, den funkelnden Sbeln, von umbauschten Helmen. Da
auf dem Markte preschten die Chasseure, Raum machend fr den Gewaltigen, und die
Glieder standen und prsentirten. Es war eine kurze, aber ernste Heeresschau.
Tausende und Tausende wlzten sich durch die Thore weiter, aber Tausende und
Tausende verschwanden aus der lichthellen Stadt, man wusste nicht, wohin. Keiner
legte sich zur Ruhe, der Kaiser wachte! Fr nicht wie viel Tausende sollte es
die letzte Nacht sein, eine schlaflose Todesnacht.
    Steile Felsberge gipfeln sich ber der Stadt; die Knaben ben sich im Spiel
zu klettern, der Jenaer Bursch wagt in kecker Laune den gefhrlichen graden
Aufweg; wie wollen Mann und Ro und Kanonen zu uns herauf? scheinen die kahlen
Berge hhnisch zu fragen. Aber ein siegreiches Kriegsheer hat fr jede Mauer
eine Leiter. Es ward eine Nacht voll Bewegung und Leben; Fackeln, brennende
Kienscheite erhellten die Berge, die Axtschlge krachten durch das Thal. Es
giebt keine noch so nackte und steile Hhe, die nicht durch Schlingungen und
Wendungen zu gewinnen ist. Einige hat hier die Natur oder Vorzeit schon
gebildet, der Berg am Mhlthal heit die Schnecke, andere kann ein gebter Blick
suchen, und wo die Natur vorgearbeitet, hilft die Kunst nach. Napoleon hatte in
jener Nacht auch die Hlfe der deutschen Wissenschaft. Ein gelehrter Militr in
seiner Suite, welcher einst in Jena studirt, wies den Ingenieuren die Stege, die
er im tollen Uebermuth der Jugend erklettert. Was man in einer Wette thut um
Kannen Bier, soll man's nicht, wo der Einsatz die Weltherrschaft ist! Schaufeln
und Aexte halfen nach; Gerll, in die Tiefen geschleudert, Baumstmme wurden zu
Brcken und das Saalufer von Jena war kein schneebedeckter Simplon. Wo die
Pferde nicht konnten, zogen Menschenarme das Geschtz. Napoleon schmhte in
dieser Nacht nicht auf die Ideologie der deutschen Studenten.
    Lange, ehe der erste Hahn krhte, war es vollbracht. Die Massen der
kaiserlichen Garden und Linientruppen standen, ein dicht gedrngt Quarr, auf
dem Bergufer, und auf dem Landgrafenberg, dem hchsten Punkte, von dem das Auge
eine weite Aussicht hat auf die Hochebene, die sich nach Weimar erstreckt,
erschien der Feldherr in der Mitte der Seinen. Fackeln beleuchteten den
Mantelrock, das schne, prfende Auge des Siegers, whrend er lngs der Reihen
ritt, und den Jubel, der ihn begrte und verdoppelt bei jeder neuen Reihe in
die Luft schallte, mit dem Lften seines Hutes erwiderte. Seine Lippen blieben
verschlossen, die Augen sprachen um so beredter: es ist morgen ein grerer Tag
denn je!
    Der Jubel verhallte, er war in das Gebsch geritten, um - zu ruhen, bis der
Tag der Entscheidung anbrach. Auch seinen Kriegern war es jetzt vergnnt. Sie
sanken hin, wo sie in Reih und Glied gestanden, die neben dem Pferde, die unter
der Kanone; die kalte Nacht ihr Mantel. Hier brannten wenige Feuer, auch diese
halb versteckt hinter Gebsch und Erderhhungen. Die Augen schlossen sich, ein
allgemeines Schnarchen, ein Bild des Friedens wenige Stunden vor einem Gemlde
des Todes, und welchem!
    Nicht Alle schliefen. Die dunklen Gestalten dort vorn, in ihre grauen
Kapotmntel gehllt, das Gewehr in den Arm gedrckt, gegen einen Baum gelehnt,
an einen Steinhaufen gekauert, hatten scharf das Aug geffnet. Es verfolgte
jeden Rauchwirbel, der ber den Wachtfeuern des Feindes sich kruselte, jeden
Windzug, der in der Zeltleinwand spielte. Seit die Rotten und Glieder sich auf
die Erde gestreckt konnte man das Schauspiel frei bersehen. So weit das Auge in
die Nacht reichte, Wachtfeuer und Zeltreihen. Durch sechs Stunden dehnte sich
das Schlachtfeld der Preuen aus, hell, licht, Alles in bequemer, hergebrachter
Ordnung. Und hier auf engem Raum, um einen bewaldeten Berg zusammengedrngt, im
Dunkel seiner Schatten und Nacht, und am Rande eines Abgrunds hinter ihm, der
Feind. Die Wachtposten standen kaum auf Schuweite von einander entfernt; aber
es fiel kein Schu, kein Allarmzeichen, kein versprengtes Pferd strte die Ruhe.
Schien es doch ein stillschweigend Abkommen, sie bedurften Beide der Ruhe, um
morgen sich zu morden.
    Nicht Alle schliefen, auch von Denen nicht, welchen es vergnnt war. Unter
einer Eiche lag ein zum Tode Verurtheilter. Der Offizier, der ihm zur Bewachung
zubeordert, hatte ihm doch hflich das Bund Heu, das fr sein Pferd bestimmt,
zum Kopfkissen gegeben, da er, so bequem es ging, eines letzten Schlafes vor
seinem letzten Tage sich erfreue. Aber Louis Bovillard konnte nicht schlafen,
oder er hatte schon genug geschlafen; er richtete sich auf und sttzte den Kopf
auf seinen gesunden rechten Arm. Der linke war verwundet, ein Verband war darum
geschlungen. Vorgestern war er, als er, aus dem Saalethal aufgescheucht, ber
die Schwarzach setzen wollte, von franzsischen Jgern angerufen worden. Als er
die Antwort schuldig blieb, hatten sie gefeuert. Am Arm verwundet, war er vom
Pferde abgeschleudert und gefangen worden. Man hatte ihn nach Kahla gebracht und
vor ein Kriegsgericht gestellt. Da er nichts sagen konnte oder wollte, als da
er in Auftrgen seiner Regierung nach Franken geschickt gewesen, und, beim
Rckwege unter die Schaaren der Franzosen gerathen, den Versuch gemacht, durch
den Thringer Wald sich nach dem Hauptquartier seines Knigs durchzuschlagen,
hatte das Gericht ihn fr einen Spion erklrt und zum Strang verurtheilt. Irgend
ein Zufall, der schnelle Abmarsch, hatte die Exekution verhindert; man hatte ihn
mitgeschleppt bis Jena. Auch hier war dazu keine Zeit, man hatte ihn auch auf
den Berg mitgeschleppt. - Betrachtete er jetzt ber sich den drren Ast der
Eiche, von dem er morgen herab schweben sollte, eine kalte Leiche? Oder suchte
sein Auge durch den nebelgrau belegten Himmel nach einem Stern, an den er seine
Hoffnung knpfen wollte? Es war keine Hoffnung, die noch mit diesem Leben
liebugelt: das sprach sein umflorter Blick. Man hatte ihn immer menschlich,
zuletzt mit chevaleresker Hflichkeit behandelt. Sein Wchter hatte ihm vorhin
eine Cigarre angeboten, mit dem seltsamen Trost, wie in Spanien, woher er sie
gebracht, die Sitte fordere, da der Henker mit seinem Opfer eine Art
Friedenspfeife raucht. Der Tod ist ja der Frieden! hatte der Gefangene
erwidert.
    
    Eine Schaar Krhen, von der momentanen Stille getuscht, hatte sich auf den
Aesten des Baumes niedergelassen; auch sie schienen wie der kluge Feldherr das
groe Feld zu berschauen, wo morgen Abend eine Tafel, und eine wie groe, fr
sie gedeckt sein sollte. Der Offizier, der, mit verschrnkten Armen auf einem
Sattel sitzend, die Augen auf einen Moment geschlossen, schien durch das
Gekreisch der Thiere erweckt, und sah mit Verwunderung die Stellung seines
Gefangenen. Der Gedanke an einen Fluchtversuch konnte ihm nicht kommen:
Schreckten bse Trume Sie auf, oder die geflgelten Bestien da? - Ich bin
auf mein Schicksal gefasst. - Der Gefangene schwieg, der Andere sagte nach
einer Pause: Kamerad, aus Vorsicht mchte ich Ihnen anrathen, prpariren Sie
sich noch fr einige Momente auf das Leben. Sahen Sie nicht, da der Kaiser
einen eigenthmlichen Blick auf Sie warf? Er wandte noch einmal sein Pferd, um
Sie wieder anzusehen. - Wie der Tiger sein Opfer, ehe er es zerreit. Das war
sein Blick auf Leichenhaufen. - Die sieht er vor jeder Schlacht. Ob eine mehr
oder weniger, darauf kommt es - Dem Grohndler ber Menschenleben freilich
nicht an. - Sie haben den unnatrlichen Ha Ihrer Nation gegen ihn
eingeimpft. - Nein! antwortete Bovillard nach einigem Besinnen. Dann wrden
Sie sich selbst sagen: wenn ein Frst einen zum Tode Verurtheilten vor sein Auge
lie, bedeutete es sonst Gnade. - Sonst! - Sie prtendiren doch nicht, da
Napoleon einen persnlichen Ha gegen Sie hat, da er an Ihrer Angst sich weiden
wollte? - So wenig, als ich glaube, da er den Herzog von Enghien persnlich
hasste, auch nicht den Buchhndler Palm. - Sie nhren selbst einen bittern Ha
gegen den groen Mann. Das thut mir von Ihnen leid. - Gegen den groen Mann!
Nein. Es gab Stunden, wo ich ihn bewunderte. Ja, in dieser meiner letzten, darf
ich es aussprechen, Momente, wo ich in ihm den neuen Heiland der modernen
Weltordnung erblickte. Seitdem - genug! Der edle Prinz, den ich bei Saalfeld
strzen sah, war ein Bewunderer Ihres Kaisers. Einst rief er aus: Ich erlaube
ihm ja, uns zu vernichten, aber moralisch zu meuchelmorden, das emprt.
    Eine seltsame Konversation, Kamerad! Der zum Tode Verurtheilte richtet
seinen Richter. Ich htte gewnscht, da Sie heute wenigstens noch sein
Bewunderer wren, da man ihn darauf aufmerksam machen knnte - Und da er vor
der Schlacht einen Komdienakt spielen, gromthig mit einer Tirade aus Racine
oder Corneille mich begnadigen knnte! - Was kmmerte Sie die Posse, wenn sie
den ernsten Schlu htte, da Sie mit dem Leben davon kmen, vielleicht gar mit
der Freiheit. Nachher knnten Sie darber lachen, so viel Sie wollten. - Nun, im
Ernst gesprochen - man wei in seiner Suite, wer Sie sind - Da wei man sehr
viel! - Der Sohn eines Mannes von Einflu, der lange die franzsische Partei
an Ihrem Hofe gehalten, vielleicht noch jetzt. Das hat die Gemther sanft
gestimmt; Gott wei, welche Konjekturen die Herren daran knpfen, genug - ich
glaube, es kme nur auf Sie an - Ich sterbe in der grten Tragdie, in der
mein Vaterland untergeht.
    Die Augen des Verwundeten stierten mit einem Fieberglanze auf die Wachtfeuer
im Thale, deren Flammen jetzt sichtlich niederbrannten. Der Offizier sah ihn
verwundert an: Wir werden siegen, denn ich glaube fest an Napoleons Stern. Aber
Sie, ein Preue! Der kleine Sieg bei Saalfeld -
    Ward zum entscheidenden, da Ihre Feldherren ihn benutzten, die Saale in
reiender Schnelligkeit zu okkupiren. Sie haben das preuische Herr umflgelt,
von den Marken und Sachsen, woher es seine Lebenssfte erhlt, abgeschnitten,
Sie haben die Hhen des Flusses, die Uebergangspunkte besetzt, Sie greifen es im
Rcken an, und drngen es mit Ihrer Uebermacht in die Positionen, wo Sie Herren
sind. Und hier vor meinen Augen sah ich die Nacht, das Lager von Hochkirchen
wieder, sogar der verhngnivolle Jahrestag ist's der Schlacht! Dort die weit
zerstreuten Feuer der sorglos Gelagerten, ohne Schanzen, Verhau, natrliche
Grenzen; hier zusammengekeilt auf der Hhe, welche das Plateau beherrscht, eine
strkere Kriegsmacht, die, beweglich und elastisch, wie ein Bergstrom
hinabrauschend, die zerstreuten Feinde durchbrechen, trennen, aufrollen,
vernichten mu. Und der grte Feldherr des Jahrhunderts gebietet ber ein Heer,
das eine Einheit ist. Ja, mein Herr, Diese verdienen vernichtet zu werden, die
Sie auf die steilen Wnde klimmen lieen, ohne den Versuch nur, Sie daran zu
hindern. Die mit Mann und Ro und vollem Geschtz mig, zaudernd, unschlssig
zusehen konnten, wie Napoleon sich auf diesen Hhen formirte, die keinen Angriff
wagten und Ihre Kolonnen nicht in den Abgrund strzten - die sind schon
geschlagen, vernichtet. Der Sprecher sank zurck und drckte sein Gesicht in
das Heu. Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte der Kapitn ihm zugehrt. Mit
Voranschickung eines franzsischen Fluches schlo er: In Ihnen ist ein Soldat
verloren! - Verloren - verloren! murmelte Bovillard dumpf in sich. Warum,
Kamerad? Der Mann ist's nie, wenn er sich nicht selbst verloren giebt. - Oder
eine hhere Hand ihn schlug! - Da wieder!
    Er athmete krampfhaft auf. Die brennenden Augen stierten in den Morgennebel.
Die Hand machte eine konvulsivische Bewegung, er war im Fieber: - Morgen,
morgen hinab - mit meinem Vaterland! - Sehn Sie Geister?
    Der Kapitn fuhr mit Franzbranntwein ber die eiskalte Stirn des
Verwundeten. Er erholte sich, er hatte sich wieder aufgerichtet. Die Krhen
flatterten, durch etwas erschreckt, schreiend in die Hhe, die Morgenluft strich
durch die Wipfel des Holzes. Es war ein Bedrfni, sich selbst Luft zu machen,
als Louis mit tonloser Stimme vor sich hin sprach: In Rudolstadt, am Tage vor
seinem Tode, hatte der Prinz an der frstlichen Tafel gespeist. Die Familie nahm
ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemcher; er winkte mir im Abgehen, da ich
auf ihn warte. Dort warf er sich ans Klavier und berlie sich seinen
Phantasien. Er hat nie so schn gespielt. Ich stand allein in dem Saal, ein
alterthmlich Zimmer, es dunkelte. Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler und sah
den Wolken zu, die ber den Horizont strichen. Ich schlo wohl die Augen. Das
waren Tne, die nicht die Finger den Tasten entlockten, die Seele wogte in
dstern und schmerzlich weichen Melodien; er schttete sein Innerstes aus. Die
Prinzessinnen weinten. Wolken, nichts als Wolkengetreibe mit blutrothen
Streifen. Da fuhr eine kalte Hand ber meine Stirn, die Hand des Todes, und vom
Druck ffneten sich meine Augen. Es gleitete an der Wand hin, ein Schein, ein
Licht, wie ich es nie gesehen - ein Ro in den Wolken, Pulverdampf, Staub. Es
bumte sich mit seinem Reiter - ein Blitzschlag, oder ein Strahl, aus den Wolken
niederzckend - der Schdel spaltete - die Brust klaffte - der Reiter sank vom
Pferde - und es ward wieder Nacht. - Im selben Augenblicke schlo das Spiel am
Klavier mit einer grellen Dissonanz, als sprngen die Saiten. - Der Prinz,
blasser als je, trat heraus und winkte mir, ihm zu folgen. Er blieb einsilbig.
Als er mich entlie, sprach er dumpf: Ich habe meinen Tod gesehen - Er hatte
gesehen, was ich sah. - Und? - Er fiel am nchsten Tage. - Und Sie? -
Ich bin kein Fortepianospieler, der auf den Wellen der Melodien sein Schicksal
beschwrt. Und doch, vorhin drckte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn,
die Wolken theilten sich und ich sah - ich sah nicht mehr, als ich schon lngst
gesehen, und ich sehe es wieder - Er richtete sich pltzlich auf, er stand
aufrecht. Lachen Sie doch! - Wenn Sie ein Schler von Voltaire und Diderot, so
mssen Sie mich auslachen - ich sah mich selbst.
    Der Kapitn lachte nicht, ihn frstelte. Er sah eine Patrouille mit einem
Ordonnanzoffizier heraneilen. Er reichte dem Gefangenen die Hand: So wnsche
ich Ihnen wenigstens Eines - vor Ihrer letzten Stunde einen letzten
Sonnenblick. Bovillard schttelte die dargereichte: Das ist ein guter Wunsch.
Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer, ist's doch nur ein Rest,
den ein Verschwender lie - aber scheiden mit einer hellen Aussicht, von
Harmonien umrauscht - und es ist mir gewhrt, ich sah ein Bild - Der
Ordonnanzoffizier war herangetreten: Der Gefangene soll schleunigst vor Seine
Majestt den Kaiser gebracht werden. - Glck auf! flsterte der Kapitn ihm
zu. Das ist Ihr schnes Bild.
    In der kleinen Htte eines Haidewrters stand der groe Mann des
Jahrhunderts. Sie war so klein, da der Adjutant, der die Feder fhrte, sich in
den Winkel drcken musste, um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen. Den
Hut auf dem Kopfe, den Kapotrock ber der Uniform, schritt er auf und ab, den
Tubus in der behandschuhten Hand. Er diktirte, er sprach zu den Generalen, die
im Halbkreis drauen standen, durch die offene Thr. Durch diesen vornehmen
Wchterkreis war auch der Gefangene in die Htte gebracht worden. Der Kaiser
hatte ihn offiziell nicht bemerkt; er diktirte weiter, er observirte mit dem
Tubus durch das Fenster. Wenn die Sonne aufgeht, okkupiren am linken Flgel die
Tirailleure das Kiefergebsch! kommandirte er zur Thr hinaus. Ein Adjutant
flog fort. Jetzt, als er sich umwandte, bemerkte er den Eingebrachten offiziell.
Ein Spion! - Ein Gefangener, Sire!
    Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie, er zitterte
nicht, er ertrug den kaiserlichen Blick, fest, ruhig. Vier Augen, die sich
begegneten, ohne zu zucken. Ihre Generale lassen die Spione hngen, ich lasse
sie laufen. Der Gefangene strzte dem Gromthigen nicht zu Fen, er ksste
nicht seine Fe. Der Angriff war fehlgeschlagen. Sonderbar, und doch stimmten
Beide in ihren Empfindungen. Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus ans
Fenster trat, glaubte der Adjutant ein Lcheln ber seine Lippen schweben zu
sehen. Auch ber Bovillards Gesicht flog unwillkrlich eine Bewegung, die man so
htte deuten knnen.
    Wieder stand im Vorbergehn, wie zufllig, der Imperator vor dem Gefangenen
still: Ihr Knig hat Krieg gegen mich angefangen; ich wei nicht warum. - Ich
gehre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestt, meines gndigsten Knigs, auch
nicht zu seinen Rthen, entgegnete Bovillard. Meine Rthe haben mir ein
gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt. Da steht lauter Unsinn drin. Ich kann
nicht glauben, da der Knig von Preuen drum wei. Der Gefangene schwieg. Der
Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle. Es lichtete sich
vor der Htte. Ihr Knig ist ein guter Mann, fuhr der Csar fort, aber er hat
bse Rthe. Sie sind von England bestochen. Er hrt nicht die Wahrheit. Ich habe
einen Brief von ihm erhalten, er schreibt, er will nicht Krieg. Ich will ihn
auch nicht. Aber die Konspirationen meiner Feinde zwingen mich; sie sind auch
seine Feinde, aller Welt Feinde. Sie leben von Intriguen, sie mchten in ihrem
Ehrgeiz, ihrer Rachsucht, die ganze Welt gegen mich aufwiegeln. Der Gefangene
schwieg.
    Der Brief kam zu spt. Sagen Sie das Ihrem Knige. Das Blut, was vergossen
wird, komme ber ihre Hupter. Ich kenne sie - Alle - Alle! Der Csar musste
noch Zeit haben zum Zorn; aber die Gelegenheit war ungnstig. Wenn ein Gegner,
der uns in Zorn bringen soll, schweigt, mssen wir uns selbst in Harnisch
setzen. Sie waren bei dem Prinzen Louis, fuhr er dazwischen, - ich meine in
Saalfeld - Sie waren sein Freund. - Ich sah ihn fallen, den ritterlichen
Frsten, das edelste Blut, was fr eine heilige Sache geflossen ist. - Er war
betrunken, als er ausritt. - Er war der grte Bewunderer des grten
militrischen Genius dieser Zeit, und sprach von Eurer Majestt mit der hohen
Achtung, welche jeder groe Mann einer andern Gre schuldig ist.
    Die Antwort kam dem Csar ungelegen. Indem er sein Auge nach einem Punkte
drauen richtete, rief sein Blick einen Obristen heran. Er mochte etwas sehen,
was dem Feldherrn nicht gefiel. Nachdem er dem Unwillen gegen den Offizier Luft
gemacht, hatte er den Ton gefunden, in dem er gegen den Gefangenen einfiel:
Diese Hitzkpfe sind es, diese Kriegspartei von hirnverbrannten Phantasten,
diese Ideologen und Studenten! Der Prinz hat seinen Lohn weg. Viel zu gut! Wie,
ist es erhrt, hier schreibt mir der Knig von Preuen, er wnscht Frieden, er
wnscht eine Zusammenkunft, eine Vermittelung. Die htte sich so leicht gemacht.
Und whrend sein Knig das mir schreibt, verlsst der Tollkopf seinen Posten,
greift im rasenden Ehrgeiz meine Truppen an. Gleichviel ihm, wie viel Tausende
darum ihr Leben lieen. Wollte durch die Attaque zur Schlacht zwingen. Und das
nennt er Gehorsam gegen seinen Monarchen. Unerhrt!
    Es war die ernsteste Stunde in Louis Bovillards Leben. Dem grten Genius
des Jahrhunderts stand er, der Unbedeutende, gegenber, gewrdigt einer
Unterhaltung, um die ihn Millionen beneidet htten, und in der brennenden Krisis
welchen Momentes! Und wie kam es, da nicht Schauer vor der Gre, nicht Ha und
Bewunderung wie Fieberfrost und Hitze, in ihm wechselten? Nein, er entsann sich
des spttischen Artikels einer englischen Zeitung, worin der angebliche
Unterricht geschildert ward, den Talma dem neuen Kaiser im Ausdruck tragischer
Affekte gebe. Er sah nicht den Gewaltigen vor sich, sondern den Schler des
Schauspielers. Sire, entgegnete er, es ist die Taktik der Preuen, einen
gewissen Angriff nicht abzuwarten, sondern ihm zuvor zu kommen.
    Seine Majestt der Kaiser musste aus irgend einem Grunde auch diese Antwort
nicht gehrt haben. Er fuhr im vorigen Tone, als wre gar nicht dazwischen
geredet, fort: Fsiliren liee ich ihn, wre ich Ihr Knig, wenn er noch lebte.
Wei Ihr Knig nicht, wie auf diesen Prinzen die Hoffnungen der preuischen
Jakobiner gerichtet waren? Wer stand ihm dafr, da sein Ehrgeiz nicht weiter
ging? Von politischer Freiheit sprach er, er klagte, da ich die liberalen Ideen
ersticke - ich kann Briefe des Todten vorlegen - eine Krone wre ihm nicht zu
hoch gewesen, wenn seine Freunde sie ihm boten. Kennt Ihr Knig diese Freunde?
Hab' ich umsonst die Jakobiner in Frankreich zertreten, damit sie in Preuen ihr
Haupt erheben? Ihr Knig dauert mich. Er ist von Schwrmern und Jakobinern
umgeben. Man will nicht sein Wohl, man will liberale Ideen. Ja, die will man! -
Lasst die Todten ruhen! sprach Bovillard. Und die Weiber auch. - Mit toll
gewordenen Frauen kmpfen mssen! Und man soll nicht in Harnisch gerathen! - Ich
wei Alles. - Warum ist die Knigin bei der Armee? - Was thut eine Frau, wo die
Waffen entscheiden? Ihre alten Generale sind auer sich. Weiber im Train, Weiber
im Hauptquartier und eine Armee ist verloren. Ich sollte mich freuen. Nein, ich
wei, was sie soll. - Den Knig warm halten. Sie ist im Dienste Englands, von
Alexander beschwatzt; sie ist die Hoffnung oder die Puppe der Schwrmer fr
Deutschland. Sie hat ihn angetrieben, sie das Feuer geschrt, sie ist die -
Sire! fuhr Bovillard auf, mu ein Gefangener auf Alles schweigen!
    Napoleons Schlachtro war vorgefhrt. Gebt ihm die Briefe! rief ihm der
Kaiser, und das schnellste Pferd aus meinem Stall. Das Ro stampfte. Der
Kaiser war so dicht an Bovillard getreten, da die Gesichter sich fast
berhrten. Junger Mann, die Sterne gehen ihren Lauf trotz der Weiberlaunen, und
wehe, wenn in das Rad der Weltgeschicke eine Frauenhand greift. - Ich biete dem
Knige von Preuen noch einmal meine Hand. Fliegen Sie mit dem Schreiben in sein
Hauptquartier. Keinen Moment Rast, das Leben von Hunderttausend hngt an einem
Haar. Dringen Sie zu ihm durch, selbst bergeben Sie ihm die Briefe, denn er ist
von Verrthern umringt. Ich will den Angriff von Saalfeld, ich will Alles
vergessen, aber keine Weiber zwischen uns. Die Knigin mu fort. Sie bringen
ihm, Ihrem Vaterlande Frieden, junger Mann. Rasch, ohne sich umzusehen, ohne zu
athmen, wie der Blitz!
    Das Schlachtro bumte sich unter dem Imperator. Der erste Kanonenschu
tnte dumpf aus der Tiefe, und in dem Augenblick ging die Sonne auf, eine
unfrmliche, bluthroth dunstende Kugel, den Herbstnebel frbend, der nicht
weichen wollte. Auch des Imperators Haupt war einen Augenblick von ihr
angeglht, der Jubelruf seiner Garden schwellte in die Luft. In Louis Bovillard
rief eine Stimme: Dieser Sieger bringt der Welt nicht das Heil, er bringt ihr
den Sieg der Lge.
    Kaum da der Kaiser fortgesprengt, stand der schnste andalusische Renner
vor der Thr, man hob ihn hinauf, vornehme Offiziere waren dabei geschftig, man
empfahl ihm dringend Eile, die Richtung, die er zu halten habe, rechts am linken
Saaleufer fort, damit er aus dem Bereich der scharmutzirenden Parteignger
komme, dann msse er nordwestlich nach der Gegend zwischen Weimar und Auerstdt
sich halten, rasch direkt nach des Knigs Hauptquartier. Der Kapitn geleitete
ihn wieder bis zu den uersten Vorposten. Las er die Fragen und Zweifel auf der
Stirn des Entlassenen? Er flsterte ihm zu: Ein Emissr Napoleons, ein Herr von
Montesquieu ist, wie ich eben hrte, von preuischen Parteigngern gefangen. Ihm
knnte das Schicksal drohen, dem Sie entgingen. Die Gromuth ist vielleicht das
Facit einer Rechnung. Gedenken Sie daran. Das konnte es nicht sein! Auf einer
Hhe hielt er einen Moment, um Athem zu schpfen. Der mit Millionen
Menschenleben spielte, konnte zu einem solchen Spiel in solchem Augenblick sich
nicht gedrngt fhlen - um einen seiner Offiziere! Da hrten die einzelnen
Signalschsse auf, das Knattern der Tirailleure verstummte vor dem Krachen der
Geschtzsalven, es donnerte an den Bergen und die Erde unter ihm zitterte. Jetzt
trieb ein frischer Morgenwind die Nebel aus einander. In dem Rahmen breitete
sich zu seinen Fen ein sonnenerhelltes Bild - die Schlacht von Jena.
    Und in ihm ri auch ein Vorhang, es ward heller und heller: dort will er den
Frsten von Hohenlohe schlagen, und er wird vernichtet, wenn das Hauptheer ihm
nicht zeitig zu Hlfe eilt. Den Knig soll der Brief zweifelhaft machen, er
soll, der Sirenenstimme der Friedenslockung horchend, den Moment versumen, er
soll zaudern, um selbst vernichtet zu sein! Louis Bovillard fhlte an sein Herz.
Es schlug nicht, wie es sollte, er fhlte seinen Puls, er konnte die Schlge
nicht zhlen, er drckte die Hand an seine kalte Stirn. Ein tiefbanger Seufzer
stieg aus seiner Brust: O Du Lenker des Weltalls! - nur bis dahin - warum so
gro die Mission, wenn der Athem so kurz ist. Kraft nur - dann - dann - Der
Andalusier unter ihm scharrte und schnaufte in frischer Morgenjugendlust: Dank
fr das Geschenk! rief Louis. Trage mich, mein Segler, durch die Lfte. Du und
ich, wir mgen in Staub sinken, wenn der Athem nur ausreicht zu einem Wort - ein
letztes Wort!

                          Vierundachtzigstes Kapitel.



                               In der Dorfkirche.

Im letzten Dorfe, welches die Knigin passirte, hatten die Relaispferde gefehlt.
Der Geistliche hatte seine Ackerpferde vorgespannt; aber sie waren auch mde,
eben von einer Vorspannfahrt zurckgekehrt. Die Knigin glaubte dem alten Manne
die Sorge um seine Thiere anzusehn; sie hatte sich anfnglich geweigert sie
anzunehmen. Der Prediger hatte erwidert: wer wei, was heute sein ist, ob es
morgen sein bleibt! Wer es hingiebt zu einem guten Werke, hat das Bewusstsein
hinter sich.
    Es war noch keine Flucht; die Monarchin hatte endlich, von den tausend
Stimmen, die laut und lauter gegen ihre Anwesenheit beim Heere sich aussprachen,
gedrngt, das Hauptquartier verlassen; sie wollte ber Naumburg nach ihrem
geliebten Magdeburg zurck. Es war ein herzzerreiender Abschied gewesen von dem
Gemahl - der Schatten einer Leiche schwebte schon ber der Umarmung. Ihr
schwarzes Kleid galt der blutigen Erinnerung an den Prinzen Louis Ferdinand.
    Tausend wste Nachrichten schwirrten durch Weimar, als sie es verlie. Alles
hatte sich verndert, der Feind kam nicht von daher, wo man ihn erwartete,
sondern griff vom Rcken an. So viel wusste man schon, nicht, wie weit er
vorgedrungen. Die festen Positionen an der Saale mussten ihn doch aufhalten!
Aber Wirrwarr berall auf der Strae: verfahrenes Fuhrwerk, Marodeure, Kranke,
umgestrzte, geplnderte Bagagewagen, versprengte Flchtlinge, die, jenseits der
Saale durch die ersten Angriffe der Franzosen geworfen, jetzt ihre Corps
aufsuchten. Viele suchten sie auch nicht. Bei Lobeda war die schsische Bagage,
ehe die Franzosen erschienen, von den eignen Trainknechten aufgegeben,
berfallen und geplndert worden. Wer mochte unter den Hunderten, die davon auf
der Strae erzhlten, die Vorfallenheiten vergrerten, ausschmckten, die
Beraubten immer von den Rubern unterscheiden! Wohin war schon jetzt der Zauber
der Autoritt, wenn man Mhe hatte, fr den kniglichen Wagen Platz zu machen.
    In jenem Dorfe mochte die Ankunft der Monarchin eine Katastrophe abgewendet
haben. Verwilderte Schaaren Zersprengter, die sich eingelagert, machten Miene,
das Mein und Dein zu vergessen. 'S ist Krieg, da hrt Alles auf! hrte die
Knigin mit eignen Ohren. Welche Schadenfreude auf den Gesichtern jener
Soldaten, die an der Hecke nicht schulterten, und sie trugen den preuischen
Rock, sie wussten, da es ihre Knigin war. Es sind ausgehobene Polen! Sollte
die Monarchin dies zugeflsterte Wort beruhigen? Unter dem blauen Rock sei Herz
und Verla, hatte man sie gelehrt. Wenn nun Tausende von Herzen darunter
schlugen, auf die kein Verla war, und Friedrichs Disciplin fehlte! Da diese
nicht mehr sei, hatte sie in Weimar, Naumburg, selbst in Berlin von so vielen
klagenden Stimmen gehrt. Auf dem Kirchhof sangen Marodeure, die ihre Beute von
Lobeda theilten, unter wildem Gekreisch das Ruberlied: Ein freies Leben fhren
wir, ein Leben voller Wonne! - Die Knigin, whrend der Umspannung einen
Augenblick abgestiegen, hatte in die offene Kirche treten wollen, der Geistliche
aber bat sie, umzukehren, es seien da Verwundete, Sterbende untergebracht. Es
mochte noch mancher andere Anblick sein, nicht geeignet fr die Augen einer
zarten Frau. Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes Weib bemerkt, die Zge des
Todes auf ihrem blassen, schnen Gesicht. Der Prediger wollte den Anblick mit
seinem Rcken decken, aber die edleren Zge des Mdchens in der widerwrtigen
Umgebung interessirten unwillkrlich die Knigin. Wie kommt die Unglckliche
hierher? Der Geistliche hatte die Achseln gezuckt: Eins von den Geschpfen,
welche die Soldaten mitschleppen, oder sie laufen ihnen von selbst nach. So was
gehrt freilich nicht in ein Gotteshaus, aber wer kann's hindern. Sie haben sie
auch wohl arg mitgenommen da bei der Plnderung in Lobeda und geschlagen. Sie
blutete. Die Knigin fhlte das Bedrfni, der Armen etwas Wohlthtiges zu
erweisen. Ach, sie hatte nichts, nicht einmal das, was jeder ihrer Diener bei
sich fhrte, eine Brse. Sie wollte einen heranwinken, aber der Stallmeister
stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wagenschlag. Aller Mienen sagten:
hier ist nicht lnger zu verweilen!
    Es war stiller geworden auf der Strae. Der Wagen mit den mden Pferden fuhr
aber nur langsam in den aufgewhlten Wegen. Zuweilen lie der Wind den
Kanonendonner von der Mittagsseite herbertnen. Es schien eine stillschweigende
Uebereinkunft, nicht darauf zu achten. Die Hofdamen, von Ueberanstrengung
erschpft, nickten. Auch die Knigin hatte den Kopf in die Ecke gelehnt, zu
schlafen geschienen. Jetzt richtete sie sich auf, warf den Schleier zurck und
bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden. Nach einem krftigen Athemholen lste
sich ihr Schmerz in Thrnen, sie glaubte ohne Zeugen; aber ihr gegenber in der
Wagenecke wachten zwei Augen. Adelheid Alltag, die hier in bescheidener
Zurckgezogenheit gesessen, wagte die Hand der Frstin zu ergreifen und, halb
auf das Knie sinkend, sie an die Lippen zu drcken.
    Es ist ja noch nichts verloren.
    Nichts! sagte die Knigin und schttelte wehmthig den Kopf. - Aber Ihr
Anblick, liebes Kind, sollte mir eigentlich Strke geben. Wrden Sie denn den
Muth gehabt haben, Alles zu ertragen, wenn Sie voraus gewusst, was Ihnen
bevorstand? Die gtige Vorsehung verhllte es mit einem Schleier. So hat der
Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefgt. Htte ich das, was ich jetzt
erlebe, noch vor zwei Jahren ahnen knnen, und wer sagt, was mir noch
bevorsteht! Da tnzeln wir im Flgelkleide der Lust und sehen berall
Sonnenschein und Wiesengrn um uns, whrend die Herbststrme schon heranziehen.
Aber es ist in seinem unerforschlichen Rathschlu, da wir nichts davon ahnen,
um gesund zu sein und stark, wenn sie hereinbrechen.
    Adelheid versuchte von einer besseren nchsten Zukunft zu sprechen. Der Ton
ihrer Stimme verrieth, da sie nicht daran glaubte.
    Nein, liebes Kind, ich tusche mich nicht mehr; es ist vieles in diesen
Tagen vor meinen Augen gerissen. Es ist nicht mehr, wie es war. Wohin ist unser
Ansehen, wohin die Kriegszucht, wenn so kleine Derangements schon solche
Unordnung bringen. Die Offiziere mussten ein Auge zudrcken. Wenn das die
preuische Armee betrifft! Wie hat man uns belogen! Ich hrte Stimmen aus dem
Volke -
    Wir sind hier nicht in Preuen.
    Auch in unserem Heere selbst. Ich hatte nicht geglaubt, da unsere
Offiziere so gehasst sind! Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft! Und sah
ich's nicht mit eignen Augen! Die Brutalitt gegen die armen Menschen, und diese
alten Generale, denen drei Mann helfen mussten, um aufs Pferd zu steigen. Die in
Weimar lachten, unsere Soldaten verzogen auch den Mund. Der wackere Rchel
suchte es mir zu verbergen. Ach, er ist auch gefrchtet und gehasst - Desto
allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestt der Knig. - Gott sei Dank!
Aber auch ich bin verredet, gehasst, verleumdet. - Um Gotteswillen, Ihro
Majestt, es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung -
    Durch einen Lrm drauen wurden sie unterbrochen. Eine durchdringende Stimme
hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes Zurck! gerufen. Die Pferde, entweder
scheu geworden oder angehalten, hatten eine Bewegung nach rckwrts gemacht,
auch der Wagen war davon zurckgestoen, als man das Fenster von innen
niederlie. Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhngtem Zgel ihnen
entgegen. Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staubwirbeln, die um ihnen
aufflogen, nicht gesehen. Jetzt hielt er am Kutschenschlag. - Da kam ein Schrei
aus dem Wagen. Der Anblick konnte wohl ein zartes Frauenherz auer sich bringen.
Er hing mehr, als er sa, auf dem Pferde, ein leichenblasses Todtengesicht mit
glsernen Augen und stierem Blick. Der Hut war ihm vom Kopf geflogen, die Haare
hingen in zerrissenen Streifen vom Scheitel. Wie gnzlich vom Ritt erschpft,
hielt er sich mit den Hnden am Sattelknopf, whrend die Lippen konvulsivisch
bebten im Versuch, Worte hervorzubringen. Jetzt gelang es ihm, er ri zugleich
Briefe aus der Brust, die Worte kamen abgebrochen vor: Zurck - die Knigin mu
zurck - die Feinde in Naumburg - die Brcken genommen, Franzosen auf den Hhen
von Ksen - ein Angriff von dort! - Die Franzosen! schrien zehn Stimmen. Wir
sind verloren! die Hofdamen. Kehrt! Kehrt! Auf der Stelle Kehrt gemacht!
kommandirten die Stallmeister. Ist schon Gefahr? rief die Knigin zum Fenster
hinaus. Ihr Blick schien dem Erschpften auf einen Augenblick Besinnung und
Kraft wiederzugeben. Noch nicht - noch um Stunden sind sie zurck - mein guter
Renner - aber Majestt mu nach Weimar zurck, ber den Harz ist noch ein
sicherer Rckweg. - Diese Schreiben an den Knig! - Schreiben der Arglist -
traue Niemand.
    Die Briefe flogen aus seiner zitternden Hand grade noch in den Wagen, als
dieser Kehrt machte und die Insitzenden den Reiter aus dem Gesicht verloren. Es
war gut, da die Hofdamen Riechflschchen bei sich fhrten, ein Hndedruck der
Knigin wirkte inde vielleicht doch belebender. Luise hielt mit der Linken
Adelheids Hand, whrend sie aus dem Fenster mit den Stallmeistern und den
begleitenden Offizieren sprach. Die Gefahr ist vorber! sagte sie, den Kopf
zurckziehend. Er stirbt! rief Adelheid mit einer ohnmchtigen Bewegung, sich
aufzurichten. Dann ward sie still und blickte ruhig vor sich hin. Wer Zeit und
Sinn dafr gehabt, sie zu beobachten, wrde jetzt ein Lcheln auf ihrem Gesicht
erblickt haben. Wer hatte Sinn dafr, wer Zeit! Der Wagen schien sich nicht
fortzubewegen: alles Peitschen und Fluchen war vergebens bei den mden Thieren.
Endlich strzten sie; es war aber am Eingang ins Dorf. Gefahr war nicht mehr,
denn von der preuischen Avantgarde war das Dorf schon besetzt. Rchel hatte
einen Adjutanten der Knigin nachgesandt, dessen Meldung mit der des Reiters
bereinstimmte, sie msse in Eil nach Weimar zurck, von dort seien Relais und
Escorte nach Sondershausen und dem Harze fr sie bereit. Aber noch fehlten die
Pferde, auch am Wagen war etwas zu bessern.
    Die Knigin ging ins Dorf zurck. Sie sprach lebhaft mit den Offizieren. Sie
schien in raschen, scharfen Fragen den Sinn jeder Falte auf ihrem Gesicht
entdecken zu wollen. Adelheid wankte allein. Er kam noch nicht. Sie wagte nicht
zu fragen; sie stand, ohne zu wissen wie und warum, auf dem Kirchhof. Ein
angelehntes Hinterpfrtchen fhrte in die Kirche; eine einfache gothische
Landkirche von Steinquadern, mit einer Balkendecke. Und doch hatten Reste von
bunten Scheiben in den Spitzbogenfenstern sich erhalten; spinneumwebt,
verdunkelt von Staub und Wetter, und doch genug Farbe enthaltend, um dem
Sonnenschein, der eindrang, eine dumpfe, gelb brennende Frbung zu geben. Sie
passte zu ihrer Stimmung. Ob der Schein sie lockte, ob eine Ahnung?
    Sie war eingetreten. Sie sah nichts von den Schrecken. Vielleicht waren sie
schon entfernt. Auf den Stufen am Hochaltar lag der Bote, welcher der Knigin
die Rettungspost gebracht. Sein Pferd hatte sich losgerissen von den Vorreitern,
die es auf einen Wink des Stallmeisters am Zgel fhren sollten. Der Mann selbst
war ja nicht mehr im Stande, es zu lenken. Im Dorfe war das Thier gestrzt mit
seinem Herrn - ein heftiger, tdtlicher Blutsturz. Louis Bovillard hatte sich
nicht mehr aufrichten knnen, der Pfarrer hatte ihn in die Kirche tragen lassen.
    Der Sonnenschein fiel durch die gelben Scheiben grade auf sein Gesicht, als
Adelheid eintrat. Sie schrie nicht auf, sie rang nicht die Hnde, ihre Knie
zitterten nicht. Schien es doch, als sei es nur die Erfllung von etwas, was sie
lngst gewusst. Die Hnde faltend blieb sie noch in der Entfernung stehen und
blickte auf ihn, wie man zum ersten Mal den Grabstein eines theuren Verblichenen
erblickt. Nicht einmal eine Thrne strzte aus ihrem Auge. Aber etwas htte sie
befremden mgen, - auf der Stufe drunter die jugendliche Gestalt eines Weibes;
sie hatte ihr Tuch ber seine Fe gebreitet und ihr Gesicht in seinen Schoo
gedrckt. Ein Bildhauer htte die Figur der Trauer nicht besser dargestellt. Ihr
aufgelstes Haar wallte um ihren Nacken.
    Auch die Anwesenheit dieser Trauernden strte sie nicht. Sie war jetzt neben
ihm niedergekniet und hatte die kalte Hand erfasst, die sie an die Lippen
drckte. Sie schien zu beten, als es hinter ihr rauschte; die Knigin legte die
Hnde sanft auf ihren Scheitel; Mein Kind, es trifft Jeden sein Theil und Du
warst darauf vorbereitet. - Wenn er nur noch einmal die Augen aufschlge!
athmete sie leise. - Um meinen Dank in den Himmel mitzunehmen, denn er hat
seine Knigin gerettet. Ich kann ihm nicht mehr danken. - Doch, Knigin.
sprach Adelheid, sich umwendend. Gnnen Sie mir die Freiheit, lassen Sie mich
hier zurck. Ich war seine Braut vor Gott und vor Ihnen, er darf nicht verlassen
sterben. Die Pflege ist spt, aber den letzten Dienst kann ich ihm erzeigen.
Lassen Sie mich ihm die Augen zudrcken. Da richtete sich das verwilderte
Mdchen etwas auf und starrte die Hinzugekommenen an. Der Traum der Wahrheit
schien durch ihre brechenden Augen zu dmmern.
    Die Grfin Vo war an die Knigin, die zweifelnd dastand, getreten und
flsterte ihr zu: Wenn Ihro Majestt das zugeben, ist es absolut unmglich, da
die Demoiselle ferner, in welcher Stellung es sei, in Dero Nhe verweilt. Ja,
wenn sie nur getraut wren - In dem nchsten Augenblick geschah vieles. Der
alte Geistliche hatte sich ber den Sterbenden gebeugt: Er athmet noch. - Das
Mdchen zu seinen Fen rief wie in wahnsinniger Freude: Louis schlgt die
Augen auf. Der Sonnenschein hatte eine rothe Scheibe getroffen, und ein rosiger
Schein breitete sich ber die eng zusammengedrngte Gruppe aus. Der Todte lebte
noch, er schien zu lcheln, er erkannte die Gegenstnde. Die Knigin aber hatte
im nchsten Augenblicke mit dem Prediger heimlich gesprochen. Ich bernehme
alle Verantwortung.
    Der Geistliche erwiderte: Auf die wage ich es selbst vor dem hchsten
Richter, wo ich bald mit ihm erscheine. Aber hat er die Besinnung - und die
junge Dame? - Sie wird ihr Ja deutlich sprechen, hatte die Knigin
geantwortet und flsterte Adelheid etwas ins Ohr: Bleib' knieen, mein Kind!
    Da wollte es der Zufall, whrend der Pfarrer in Krze die liturgischen
Formeln der Trauung sprach, da ein Knabe des Ksters auf der Orgel intonirte.
Der Sterbende wollte den Kopf aufrichten, das gelang ihm nicht, aber von seinen
Lippen kam es: Da rufen sie uns! Der Prediger sah froh der Knigin ins
Gesicht, welche Adelheid schnell einen Ring an den Finger gesteckt hatte. Das
fremde Mdchen aber hielt den Kopf des Sterbenden, whrend der Prediger die
Ringe wechselte. Als er die entscheidende Frage that, antwortete ein Ja so
wunderbar laut, da es die Orgel bertnte. Es war sein letztes Wort. Kaum da
der Segen gesprochen, sank er rchelnd nieder. Der Brautku war der Sterbeku.
Das fremde Mdchen weinte und lachte: Ich habe doch seinen letzten Hndedruck.
- Die Knigin sagte: Ich konnte ihm doch danken.
    Der Wagen stand fertig vor der Kirchenthr. Frau von Bovillard! sprach
feierlich die alte Vo, Ihro Majestt sind bereit. Die Frstin sah fragend auf
die Trauernde. Ihr Blick schien zu sprechen: Willst Du mich jetzt verlassen!
Der Geistliche sagte: Fr die Todten sorgt Gott und die Kirche. Wer noch
Pflichten im Leben hat, fliehe von hier. Den Todten ist wohler in der Erde als
den Lebendigen, wo die Verwstung ihr Reich aufschlgt.
    Das fremde Mdchen schrie wie im Irrsinn auf: Er wird nicht allein begraben
werden.

                          Fnfundachtzigstes Kapitel.



                           Ein Frhstck bei Dallach.

Es ist in der Luft eine Magie, die unsere Wissenschaft noch nicht erklrt hat;
eine Kommunikation durch unfassbare Organe, welche die Begebenheiten verbinden.
Unergrndlich nannten unsere Vter eine Tiefe, die sie noch nicht ergrndet;
unfassbar htten sie das Lichtbild genannt, wir lernten es fassen und festigen
auf der Platte, und an Drahtseilen fliegt der Gedanke hunderte von Meilen in
Sekundenschnelle, und drckt sich auf die Tafel in bunten Buchstaben, fr jedes
Auge lesbar. Dieses Lichtbild spiegelte sich auch schon vor den Augen unserer
Vter, der Gedanke flog auch da mit derselben Schnelle, nur fassten sie ihn
nicht, weil ihnen die Verbindungsmittel unbekannt waren; weil sie die Platten
und die Drahtseile nicht sahen, tauften sie es Wunder. Alte Leute entsinnen
sich, da man in der Stille der Nacht nach dem 14. October vor Berlin auf der
Erde die Schlge des Kanonendonners von Auerstdt hatte hren knnen. Von Andern
sagt man, da sie am folgenden Tage schon den Ausgang der Schlacht gewusst.
Aufgeklrte meinten, das sei nur die Nachdrhnung gewesen von dem unglcklichen
Gefecht von Saalfeld, die als Vorahnung gespukt.
    Nicht Alle waren es, es waren nur Wenige, darunter zwei, die wir kennen. Der
Rath Fuchsius konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Bengstigung ward gegen
Morgen immer grer. Er horte die Kanonenschlge, sein Bett schien unter ihm zu
zittern; wie fest er auch die Augen zudrckte, er sah immer wieder den hellen
Schein, wie ein Nordlicht, das am uersten Horizont aus der Erde quillt. Er
zndete das Licht an und ergriff eine Lekture, es war ein Band des Shakespeare.
Die Stelle aus Macbeth, die er aufschlug, war nicht geeignet, seine Trume zu
beschwichtigen:

Die Nacht war strmisch; wo wir schliefen, heul' es
Den Schlott herab; und wie man sagt, erscholl
Ein Wimmern in der Luft, ein Todessthnen,
Ein Prophezein in frchterlichem Laut,
Von wildem Brand und grflichen Geschichten,
Neu ausgebrtet einer Zeit des Leidens,
Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch:
Man sagt, die Erde bebte fieberkrank.

    Er sah die Schlacht, die meilenweit sich dehnende, mit ihren wankenden und
wogenden Linien, den dampfenden Batterieen, den Kavallerieattaquen, und so gewi
er das Herz unter der Brust pochen hrte, so centnerschwer drckte ihn eine
Gewiheit - da er nichts Frohes sah.
    Um den frchterlichen Alp los zu werden, zndete er noch ein Licht an und
begrub sich unter seinen Akten. Auch aus diesen Bergen stiegen Dnste, tiefe
Schachte ffneten sich, deren Ende er nicht sah, und Sphinxe lagerten sich vor
dem Eingang.
    Ein Weib, das selbst eine Sphinx ist, rief er, sich im Armsessel
zurcklehnend, und der Oedipus will nicht erscheinen. Die Thatsache liegt nackt
da, und alle Bezge, Fden, die zu einem Motiv fhren, pltzlich abgeschnitten!
    Er bltterte weiter in einem Konvolut. Es waren Privatkorrespondenzen der
gefangenen Geheimrthin: Welcher Verstand! welche klare Erwgung der
Verhltnisse, welche ruhige treffende Beobachtung im Urtheil ber Personen! Und
nirgends nur ein Wink von auswrts her! Alle ihre Verbindungen bestehen die
Probe. Und vor allem dieser! Er berlas noch einmal die Billette, welche Wandel
an die Lupinus gerichtet, und die mit ihrer ganzen Korrespondenz zu den Akten
genommen waren.
    Er fuhr, wie ein Unzufriedener mit sich selbst, mit beiden Hnden ber das
Gesicht: Wie ein Kriminalrichter sich in Acht nehmen mu, auch auf den
dringendsten Verdacht hin, eine bestimmte Meinung zu fassen! Wie leicht verfhrt
er sich, und wie schwer wird es ihm, dann wieder auf den richtigen Weg
einzulenken! - War ich nicht schon innerlich berzeugt von der Identitt jenes
von der franzsischen Justiz verfolgten Aventuriers mit Herrn von Wandel! -
Seine Verbindung mit meiner Giftmischerin erschien mir als ein nur zu deutlicher
Fingerzeig! - Selbst die kecke Weise, wie er sich mir damals aufdrngte, konnte
mich noch nicht ganz berzeugen. Man hat Beispiele - und er ist klug, sehr klug!
- Aber diese Briefe an die Lupinus! - Der klarste Spiegel einer unbefangenen
Seele, besser als er sich selbst darstellt. Er mag anderweitig - aber in dieser
Sache ist er nicht implicirt. Nichts von Ostentation, Raffinement! Er schreibt
wie ein welterfahrener Mann. Seine Rathschlge, wie vernnftig! Er warnt sie vor
der Exaltation, ihr aufrichtiger Freund; anfnglich zwar scheint ein anderes
Gefhl im Spiele, die Neigung steigert sich, aber dann dies allmlige
Zurckfallen in den Ton der Achtung und des Respektes. - Schade, da ihre Briefe
fehlen! ja eine Ahnung von dem, was in ihr vorging, mag er gehabt haben, darum
zog er sich zurck. Und soll ich es ihm als Verbrechen anrechnen, da er sich
jetzt Mhe giebt, eine von ihm hochverehrte Frau zu vertheidigen? - Als
Kriminalist sollte ich es vielleicht, als Mensch kann ich es nicht.
    Fuchsius war an ein anderes Konvolut, das auf einem Nebentisch lag,
getreten. Es waren franzsische Akten, er nahm eine Silhouette heraus und hielt
sie ans Licht: Und was bedeutete die Aehnlichkeit eines Schattenbildes mit
einem lebendigen Menschen, wenn sie zu entdecken wre! - Und dann, wie vieler
Jahre Staub hat an diesen Papieren gezehrt! - Uebrigens - sagte er mit
wehmthigem Lcheln - mu man die Geflligkeit der franzsischen Behrden
bewundern. Da wir in einem Kampf auf Leben und Tod sind, in einem Kriege, der
sie verpflichtet, Tausende und aber Tausende der Unsern umzubringen, hindert sie
nicht, uns in unserm kstlichen Rechte beizustehen, damit wir ja nicht fehl
gehen, ein uns verfallenes Justizopfer, und wre es auch aus ihren Reihen, zum
Tode zu fangen! Welche Zuvorkommenheit! Es war Laforest's letzter Akt hier,
unserm Kanzler die Akten aus Paris zu kommuniciren. Eine schne Sache um das
Band der Civilisation! Die Revolutionen, die groe Verbrecher krnen, retten die
kleinen nicht vorm Galgen. Die ganze Welt wird fr ihn zum Netz und ein
Verbrecher findet in keinem Staat und keinem Volke mehr ein Asyl!
    Er war ans Fenster getreten. Als er nach den Sternen ausschaute, sah er
einen fernen Lichtschein. Es kam aus einem Hoffenster in einer jenseits
gelegenen Strae. Er kannte die Strae, das Haus, das Fenster. Hier wohnte der
Legationsrath. Das Fenster gehrte zu seiner Kche, die Kche diente ihm zum
Laboratorium. Was konnte Wandel so frh hier zu schaffen haben? Er war ein
Nachtschwrmer; er experimentirte nie anders als bei Tageslicht, hatte er selbst
zu Fuchsius gesagt. Was prparirte er jetzt? Es war zwischen drei und vier. Und
das Licht verschwand nicht. Gedanken durchzuckten ihn in rascher Folge. Was kann
er in dieser Nachtstunde experimentiren? Warum die Heimlichkeit? Warum hat er,
bei aller Offenherzigkeit in andern Dingen, Niemand klaren Wein ber seine
Vermgensverhltnisse eingeschenkt? Warum schweigt ber ihn der alte van Asten,
der einmal merken lie, da er etwas wisse, und jetzt behauptet, da er nichts
wei? Er hatte Wechsel von ihm in der Hand! - Wechsel! Fuchsius sah Wandel
schreiben. Er rieb sich wieder die Stirn. Pltzlich sa er am Tisch und whlte
in den franzsischen Akten. In einem kleinen vergilbten Handbillet verfolgte er
mit dem Auge und mit dem Finger die Buchstaben. Ebenso rasch ri er das vorige
Aktenstck herbei, und verglich Wort um Wort, es schien Buchstabe um Buchstabe.
Es war ein franzsisch geschriebenes Billet Wandels an die Lupinus: Welche
tuschende Waffe die Aehnlichkeit der Schriftzge! Wie man auch da sich in Acht
nehmen mu! Aber pltzlich vergrerten sich seine Augen, sein Mund ffnete
sich - ein, zwei - drei Worte - nicht nur die Schriftzge der Buchstaben, die
Schleifzge, die Abbreviaturen waren dieselben, auch die ungewhnliche
Orthographie.
    Florestan Vansitter! rief er aufstehend, und es schien, als frstele ihn.
Er warf einen Blick in den Spiegel, sein Auge glnzte ihm entgegen, ein Glanz,
den man der Freude beimisst. Pfui, entfuhr es seinen Lippen. Ist das nicht
die kannibalische Lust des Menschenfressers, wenn er sein Opfer auf Schuweite
erblickt! O du Mantel der Humanitt, der uns so schn sitzt, aus welchen
Mondscheinspinnefden bist du gewebt!
    Als er sich angekleidet und der graue Tag schon durch die Fensterscheiben
blickte, stand ein junger Mensch in unansehnlicher Kleidung vor dem Rathe.
Nichts von Wichtigkeit, antwortete der Eingetretene auf eine Frage des Rathes.
Ihr Benehmen im Gefngni bleibt dasselbe. Sie lie den Hofrath Heim, der ihr
die Wahrheit sagte, anlaufen und verbat sich seine fernere Theilnahme. - Sie
kennen wir , entgegnete Fuchsius, aber mein Auftrag war, da Sie auf alle
Ereignisse und Bewegungen in dem Kreise Acht htten, dem sie bis jetzt angehrt.
Was haben sie da beobachtet, Eckard? - Nicht das Geringste, was zur Sache
gehrt, erwiderte Eckard mit einiger Selbstzufriedenheit. Ob es dazu gehrt,
werde ich beurtheilen. Was macht ihr Schwager? - Er wird sich doch nicht
freuen, da er pensionirt ist. Der Auszug aus seiner Amtswohnung in der Voigtei
liegt ihm noch in den Gliedern. Er spuckt. Neulich in der Weinstube bei Sala
Tarone lie er einen Witz los. Sie haben darber gelacht. Das passirt ihm jetzt
selten, - - Welchen? - Damals, als er wirklich eine Btise begangen, sagte
er, nmlich mit den Gefangenen, sei er mit blauem Aug' davongekommen, und jetzt
msse er ben, wo er unschuldig sei wie ein neugeboren Kind. Er htte doch
seinem Bruder nie was zu trinken gegeben. Nun msse er aus Haus und Brod, blo
weil es sich nicht schicke, da er der Kerkermeister seiner Schwgerin wrde. -
Die Justiz ist blind, trifft aber in der Regel doch am rechten Fleck. Noch
etwas von ihm? - Er heirathet sie. Das ist abgemacht. Im Dom ist schon die
Trauung bestellt. - Aus Depit, da er die Voigtei verlor? - Nun ja! Er sagt
aber, weil er das Heulen der Charlotte nicht lnger aushalten knnen. Das ist
wahr, ihr Wachtmeister ist bei Saalfeld niedergehauen, als er den Prinzen
raushauen wollte. - Was ist denn nicht wahr? - Da der Major Stier von
Dohleneck auch da geblieben wre. Der ist nur blessirt vom Pferde gefallen. Sie
haben ihn splitternackt ausgezogen, dann gefangen genommen, dann hat er ihnen
sein Ehrenwort geben mssen, und so kommt er retour nach Berlin. Die Barone
Eitelbach wei es nur noch nicht; sie geht schwarz.
    Der Vigilant musste sehr genau, auch mit den inneren Familienverhltnissen,
vertraut sein. Ein flchtiges Lcheln ging ber die Lippen des Rathes. Was
macht Geheimrath Bovillard? - Sieht schon wie eine Leiche aus. Larirt einen
Tag um den andern; zur Abwechselung nimmt er auch Vomissements. Der
Legationsrath Wandel sagt, wenn er so fortfhre, wrde es ihm ans Leben gehen.
Es sei kein Spa damit. Die Ruhr geht ohnedies bei der Witterung um, und die
Werderschen bringen unreifes Obst. Man wisse aber garnicht, was noch daraus
werden knne, denn die Ruhr knne noch was ganz Anderes sein, woran jetzt kein
Mensch denkt. Fuchsius hatte nur auf den einen Namen Acht gegeben: Lt der
Legationsrath sich viel beim Kranken sehn? - Nicht eben. Er steckt ja fast
immer bei der Braunbiegler. Auch mit dem Baron Eitelbach hat er viel zu
schaffen. Der mag ihn nicht; aber er lt ihn nicht los. Besonders wenn er in
der Fabrik ist, da spricht er in allen Dingen mit. Der Baron sagte: wenn er
mal in den Farbekessel fiele, dann wre auch nichts verdorben, als die Farbe. -
Eckard! Der Rath zog ihn in den Winkel, als knnte die Luft hren, was er ihm
zu sagen hatte. Er schlo: Von jetzt ab vigiliren Sie auf ihn, Schritt und
Tritt. Sie lassen ihn keinen Moment aus dem Auge, wo er hingeht, an wen er
Briefe abschickt, von wo er Briefe empfngt, und wo mglich sehen Sie durch
seine Wnde.
    Auch der Legationsrath konnte in der Nacht nicht schlafen, auch er hrte den
Kanonendonner, auch unter ihm zitterte das Bett, der Himmel leuchtete, er sah
die Bataillelinien hin und her schwanken und war aufgesprungen, um Herr zu
werden seiner Sinne.
    Er zndete eine chemisch prparirte Kerze an, welche einen besonders hellen
Schein warf, und trat, was er wirklich selten bei Nacht that, in sein
Laboratorium. Alles, wie er es am Abend verlassen, dort hingen die Bilder, da
das Gerippe, die Retorten, Kolben, Tiegel auf dem Heerde; einige kleine
Flschchen, auf die sein Auge zuerst fiel, standen wie zur Abkhlung am Fenster.
Er hielt den Athem an, wie um zu horchen. Es bewegte sich auer ihm etwas. Er
bi sich in die Lippen: Thorheit! es ist die aufgeregte Phantasie!
    Da bewegte sich das Gerippe sichtlich, ein schrillender Ton kam aus der
Mundhhlung, es rauschte etwas heraus, es wehte durch die Luft und das Licht
erlosch. Wandel sank nicht zu Boden, aber er presste den Leuchter so fest, da
das Metall eingebogen war, der Todtenschwei, der von seiner Stirn tropfte,
hatte ihn aus seinem Starrkrampf geweckt.
    Von einem Nachtvogel sich erschrecken lassen, der in seiner Angst durch den
Schornstein eindrang! rief er, nachdem er mittelst eines chemischen Feuerzeuges
das Licht wieder angezndet. Flattre nur, Unhold, Du bist kein Leben, und lgst
keines mehr der schnen Hlle an. Es giebt keine Geister, nur Spuk, den, den die
Schwche unserer Nerven gebiert. Aber ein Spuk und eine Verhhnung unserer
Kraft, da wir uns zumeist von Denen in Angst setzen lassen, die selbst vor
Angst aus sich herausgehen. Aber weshalb war er hier? Um mit den Gespenstern,
an die er nicht glaubte, eine Lanze zu brechen? - Warum hatte ihn die Drhnung
des Kannonendonners, warum das Phantasma der Schlacht aufgeschreckt? Berhrte
ihn der Ausgang, welcher es sei? - Doch! rief er pltzlich. Das ist der
Vortheil jener chaotischen Katastrophen, welche die kleine Menschenwelt und ihre
Ameisenhaufen, Staat und Gesellschaft genannt, durcheinander werfen, da wir uns
da frei fhlen. Wo das Haus ber ihren Kpfen zusammenbricht, merken sie nicht
das Insekt, das sie sticht. - Die Kerker ffnen sich - vielleicht! Es wird
vergessen, Alles - nein, doch Vieles - auch das? - Vielleicht. Er nahm die
Flschchen, hielt sie gegen das Licht und that sie dann in ein Etui So viele
Arbeit um - eine Bagatell. Ich ging doch an schwerere mit leichterm Muth, fast
im elastischen Tnzerschritt. Aber der alte Asten hatte Recht. Die
Polypragmosyne hat mir Schaden gethan. Das erste Gesetz lautet: nicht zu Vieles
im Aug! Dies Abwgen verwirrt und schwcht unsere Sehkraft. Rasch drauf los. Die
Weisheit unserer Vter: Frisch gewagt, halb gewonnen! Es ist eine ewige alte
Fabel vom Hunde und dem Fleisch, und doch, wer wehrt sich vor dem Blendwerk, da
ihn das groe Bild im Wasser verlockt. Und das: Morgen, morgen, nur nicht heute
- wie viel khnen Entschlssen brach es den Hals. Und doch schien er selbst
durch hervorgezogene Sprchwrterphilosophie entweder sich Muth einzusprechen,
oder sich immer noch einen Aufschub abzulisten. Er packte die Flschchen aus, um
zu sehen, ob sie auch eingewickelt, waren. Er befhlte auch Gegenstnde, die er
nicht mitnehmen wollte. Es war so hei in der Kche, ob von der eingeschlossenen
Luft oder von seiner inneren Hitze? Schon hatte er die Thr in der Hand, als er
zurckkehrte. Ihm fiel ein, da er auch auf die schlimmste Eventualitt sich
waffnen msse. Sie drfen auch nicht das finden, was sie bei der Lupinus
gefunden. Er musste schon vorgearbeitet haben. Nur aus einem Tiegel schabte er
vorsichtig den Bodensatz und warf ihn in den Abzugsgraben. Dann streute er
verschiedenen Farbenpuder verschwenderisch umher. Die Kche bekam dadurch einen
Wohlgeruch: In meinen Schminkprparaten mgen sie meine Arkane entdecken.
    Dann nherte er sich dem Gerippe: Wieder eiferschtig? Gieb mir die Hand,
Angelika. Sie gab sie ihm, aber schttelte er so heftig, oder war der Wandnagel
lose? Das Knochenweib strzte herab. Wir wissen nicht, ob er geschaudert, doch
schnell hatte er sich und das Gerippe gefasst: Das htte ein bser Fall werden
knnen, wie damals, als Du vom Pferde sprangst und ich Dich auffing. Du nanntest
mich Deinen Lebensretter. Ja, ein theurer ward ich Dir. Zwei Mal fr das eine
Bischen Rettung nahm ich Dein Leben. Ihr armen jungen Weiber! Mit Eurem warmen
Blut und leichten Sinn seid Ihr nun einmal vom Fatum destinirt, in unsere Netze
zu flattern. Hier lernte ich Klgere, Kltere kennen, die auch denken, sogar
berechnen konnten. Das war Euch unmglich. Und doch wei ich nicht, ob Ihr nicht
die Glcklicheren seid. Ihr nipptet und dann schlrftet Ihr die Wonne des Lebens
in vollen Zgen. Dann - mit einem Mal - war es aus! Aber jetzt - jetzt - mach'
mir das Leben nicht schwer. Du knntest hier an der Wand in einem unbedachten
Augenblick plaudern. Dort im Kasten bist Du nicht gefhrlich, Du bist ein
Prparat, eine anatomische Studie. Ruhe da sanft, und was wrdest Du sagen,
Liebchen, wenn ich Dir ber Jahr und Tag eine Gesellschafterin zulegte? Schn
und gro wie Du, aber etwas dumm. Was thut das? Sie wird Dich nicht langweilen.
Sie ist stumm wie Du. Und wenn Ihr Beide dann friedlich neben einander ruht,
sieh, den Trost gebe ich Dir, bei Dir wird mein Sinnen bleiben, wir werden nach
wie vor kosen, bei Dir werde ich mir Rathes erholen, Du wirst mich verstehen.
Die Andere ist eine Gliederpuppe, jetzt gelenkig, dann wie Du, aber Deine Folie.
Adieu, mein Herz!
    Und wer behauptet, da seines nicht doch schlug, da der kalte, grssliche
Hohn auf seinen Lippen nicht nur der Mantel war, der die Natterstiche, das
konvulsivische Aechzen, die Qualen, die keinen Namen haben, bedecken sollte?
Nicht tglich, wie er der Lupinus log, drckte er das Gerippe an seine Brust. Es
waren nur die frchterlichsten Momente, wo er Kraft bedurfte, und er konnte sie
in sich nicht finden. Wer sah den Angstschwei auf seiner Stirn, wer, wie die
Kniee wankten, wie er sich an das Treppengelnder hielt, als er herunter stieg.
Es war ein saurer Gang. Warum? das wusste er sich nicht zu sagen. Er hatte schon
viele Gnge der Art gemacht.
    Aber drauen sah man ihm nichts davon an. Wie der Hahn, um die Witterung
anzukrhen, schlrfte er sie ein. Die Luft war grau, regenhaltig, eine bange
Stimmung, wie sie einem groen Unglck vorangeht. Der Tausendknstler hatte
schnell die Physiognomie sich angeeignet. Wo fand er nicht auf der Strae
Bekannte! Wo sah man sich nicht ngstlich an, hatte sich trbe Nachrichten,
bange Ahnungen mitzutheilen. Schon wandelten Frauengestalten in Trauer, die
frhe Nachwirkung des Gefechtes von Saalfeld.
    Der Baron Eitelbach ging zur Brse. Er ward unterwegs von Mehreren
angesprochen. Man kondolirte ihm. Wie nahm sie's auf? - Ich kann wohl sagen,
sie deployirt eine groe Seelenstrke. - Ist's denn auch ganz gewi? - Na,
warum denn nicht? Sein Neveu, der Wolfskehl, hat ihn selbst vom Pferde hauen
sehen; er hat's hergeschrieben.
    Der Legationsrath trat in dem Augenblick an die Gruppe, und es war der
vollste Ausdruck inniger Theilnahme, mit der er dem Baron die Hand drckte: Sie
sind ein Mann. Er zog ihn etwas bei Seite. Und sie ist eine Frau, die durch
Leiden geadelt wird. Ich bin berzeugt, da dies Unglck den wahren Bund Ihrer
Seelen nur fester schlingen wird. Es ist schn, es ist edel - ich sage nicht
gro von Ihnen, da Sie ihre Empfindungen durch solche Theilnahme ehren. -
    Als noch Jemand an die Gruppe getreten, war der Legationsrath pltzlich
fortgesprungen. Fuchsius sah ihm verwundert nach, aber noch verwundeter sah er
dem zu, was Wandel begann. Er unterhandelte mit einer Obsthkerin. Er zog die
Brse und schien eine ahnsehnliche Summe ihr in die Hand zu drcken. Dann nahm
er pltzlich die Krbe mit Birnen und Pflaumen, den ganzen Vorrath der
Hndlerin, und warf ihn in einen der tiefen Rinnsteine, die den ganzen
schwimmenden Vorrath alsbald in ein Abzugsloch trieben. Die Straenjugend
jubelte, Andere jubelten nicht, sie schimpften auf den vornehmen Herren, der so
mit Gottes Gabe umgehe; statt armen Leuten sie zu schenken, verderbe er sie. Es
gab einen kleinen Auflauf, aus welchem Wandel sich nur mit einiger Mhe
losmachte. Die Herren in der Gruppe hatten zwar mit Verwunderung zugesehen, doch
ahnten sie die Aufklrung. Wahrscheinlich war das Obst unreif, oder der
Legationsrath hielt es dafr. Er hatte schon an mehreren Orten von der
unverzeihlichen Nachlssigkeit der Polizei gesprochen, da sie solchen Verkauf
zulasse, wo die Ruhr in der Stadt grassire, man wisse ja nicht, was noch daraus
entstehe. Ihre Intention in Ehren. sagte Jemand zu dem Zurckkehrenden, in
dieser allgemeinen Kalamitt ist es aber nicht recht, Anla zum Skandal zu
geben. Das Volk ist ohnedem aufsssig. - Und was helfen zwei Krbe weniger! -
Sie haben vollkommen Recht, meine Herren, sagte Wandel, doch wer ist Herr
ber seine Impulse! Zudem sehe ich ein Gespenst, welches mir frchterlicher
dnkt als alle Kriegskalamitten, die uns noch drohen mgen. Noch ist es nicht
hier, aber es wogt aus dem fernen Asien herber, eine Pest, gegen die der
schwarze Tod, das gelbe Fieber, und was sonst den Namen fhrte, unbedeutend
erscheinen werden. Eine Krankheit, die ganze Ortschaften, Landstriche hinrafft,
entwickelt sich in dem britischen Indien. Die englischen Aerzte geben
entsetzliche Schilderungen und behaupten, da sie ihren Siegerzug durch die
ganze Welt halten werde. Sie nennen sie Cholera morbus, und was das
Schrecklichste, es ist kein rztliches Mittel dagegen zu entdecken. Sie fngt
mit Vomiren an, heftiger Dyssenterie, dies steigert sich in wenigen Stunden bis
zum Tode. Der geringste Ditfehler, namentlich der Genu von unreifem, ja,
selbst von reifem Obst ruft sie hervor. Ich kann Ihnen meine Besorgni nicht
verhehlen, ich hrte durch Selle vorhin von Fllen, die mich frchten machen,
da sie schon in den Ringmauern von Berlin ist. - Ich bitte, lassen Sie sich
nicht ngstlich machen, meine Herren, aber hten Sie sich ja vor jeder
Erkltung, vor Obstgenu. Ja, ja, meine Herren, wir wissen alle nicht, was uns
bevorsteht, und welche neue Wendung das Schicksal nimmt. Wo diese Krankheit
grassirt, hrt der Krieg von selbst auf. - Sie fhlen sich doch nicht unwohl,
liebster Baron, Sie fassen sich an den Magen?
    Der Baron hatte Melonen gegessen. Die Gesichter einiger Andern verriethen
die Nachwirkung einer zu lebhaften Schilderung. Da erst erblickte Wandel den
Rath Fuchsius. Er ergriff seine Hand: Ach, mein werthester Freund! Vorsicht,
Vorsicht, meine Herren, weiter nichts! A propos, was macht denn unser Freund
Bovillard? Ich sah ihn seit vorgestern nicht.
    Der Rath zuckte die Achseln: Durch seine Selbstkur -
    Thut er Bue, fiel der Baron ein, fr die Gnseleberpasteten und
Trffelwrste, um die er seine Nebenmenschen bervortheilt hat. Es hat Einer
ausgerechnet, was er in seinem Leben verschlungen hat - die Summe ist gar nicht
auszusprechen.
    Ich bin sehr um ihn besorgt, sagte Wandel, den Kopf schttelnd. Die fixe
Idee kehrt immer wieder. Und sonst die Raison selbst! Besttigt sich noch das
grssliche Gercht, da sein Sohn gefangen und als Spion - das Leben verloren
hat - so gebe ich auch den edlen Mann verloren. Heim will es nicht Wort haben,
aber - glauben Sie mir - sprach er, Fuchsius bei Seite ziehend, das sind schon
die veritablen Symptome der Cholera. Ach, mein Gott, sprach er, seine Hand
drckend, theuerster Freund, was macht denn unsere Freundin?
    Sie wird mit der Rcksicht behandelt, die ihre Bildung beansprucht. -
Davon bin ich bei solchem Inquisitor berzeugt. Aber noch kein Gestndni,
keine Regung des Gewissens? - Stolz, fest, starr wie immer. - Dann bin ich
von ihrer Unschuld berzeugt. Jedes Weib verrth sich, wenn der rechte Inquirent
zu ihrem Gefhle spricht. - Dieser Ausspruch des vollendetsten Weiberkenners
sollte auch mir Beruhigung geben. - Nein, nein, inquiriren Sie, scharf und
schrfer, nehmen Sie sie ins Gebet, wie ich jetzt meinen Baron. Er will noch
nichts davon wissen, er ist ein starrer Anhnger des Alten, der gute Eitelbach,
aber bei einer Flasche Burgunder hoffe ich es ihm einleuchtend zu machen, denn
er ist doch ein guter Patriot - Was? - Da wir unpatriotisch,
unverantwortlich handeln, wenn wir nach wie vor unser Tuch mit Indigo frben.
Wozu den Englndern den Gewinnst gnnen, wenn wir das Blau im Lande haben? -
Wollen Sie die Uniformen in Berliner Blau tauchen? - Kein Scherz. Die Mark
producirt seit alter Zeit einen Frbestoff in ihrer Waidpflanze, welcher bis zur
Entdeckung der Schifffahrt nach Ostindien nicht nur fr das Bedrfni
ausreichte, sondern fr Brandenburg zum ergiebigsten Handelsartikel ward. Da
verlie man die Produktion, natrlich, weil der Indigo wohlfeiler, besser
prparirt war. Jetzt, durch die Kriegsverhltnisse, ist er nicht mehr wohlfeil,
durch Sperrung der Schifffahrt kann er uns sogar ganz abgeschnitten werden, es
ist also Aufgabe der Industrie, ein Surrogat zu finden, welches in diesem Falle
schon vor uns liegt. Ich wage zu behaupten, der Indigo ist jetzt nichts gegen
den Waid. Im Ernst, die Sache verdient Aufmerksamkeit. Uns in jeder Beziehung
unabhngig vom Auslande zu machen, ist, dnkt mich, die erste Aufgabe jedes
Patrioten. Bester Rath, beehren Sie uns mit ihrer Gegenwart bei Dallach, und
helfen Sie nur unsern Baron von seinem eigenen Vortheil berzeugen.
    Fuchsius war vermuthlich der Ansicht, da es fr einen Patrioten in dem
Augenblick nher liegende Aufgaben gebe, als die Blaufrberei; er lehnte die
Einladung ab. Auch der Baron schien nur ungern vom Arm des Legationsrathes
fortgerissen zu werden. Aen Sie viel Melone? hrte man im Abgehen Wandel zum
Baron sagen. So springen wir vorher bei Selle an; er verschreibt Ihnen eine
kleine Magenstrkung. Die Zurckbleibenden hrten nicht die Antwort, sie haben
den Baron nicht wieder gesehen.
    Die Indigo- und Waid-Angelegenheit schien diesen um so weniger zu
interessiren, je mehr der Legationsrath in ein wahres Feuer der Begeisterung
gerieth. Auf dem Frhstcktisch, in einem separaten Zimmer der Restauration
gedeckt, nahmen die Proben Tuch, mit Indigo und Waid gefrbt, und die Flschchen
mit Frbesaft fast mehr Platz ein, als die Teller und Flaschen aus Herrn
Dallachs Keller.
    Alles ganz schn, sagte der Baron, wenn nur - In Gedanken! Was ist's?
- Wenn wir berhaupt noch blaues Tuch brauchen! - Was, Sie Patriot und
verzweifeln! Was wollen Sie da am Fenster? - Ich dachte, wenn es ein Courier
wre. Wir sind unter uns, Patrioten Beide. Hren Sie, liebster Baron, und
wenn's denn wre, Tuch brauchen sie, so lange die Welt steht. Ist's nicht
blaues, dann grnes - Und wenn wir franzsisch wrden? - Changiren wir nur
etwas das Blau. - Qu'importe! Der Weltbrger ist auch ein Patriot. Aber Sie
trinken nicht. Schmeckt Ihnen der Burgunder nicht? - Das knnte ich Ihnen
wiedergeben. - Ich bin etwas trunken, nicht vom Wein; aber ich mchte heut
aller Welt um den Hals fallen. Mir ist, als stnde mir etwas Erfreuliches
bevor.
    Herr Dallach war eingetreten und erlaubte sich, seinen Stammgsten eine
Prise zu offeriren: Herr Baron sehn etwas angegriffen aus. Ihnen ist doch
wohl? - Es wird vorbergehen sagte Eitelbach. Er ist ein Anglomane, will an
seinem Indigo festhalten, da sehn Sie, Dallach, das ist mit Waid gefrbt, wie
ich Ihnen sagte - halten Sie's gegen's Licht - Der Baron krmmt es sich
einzugestehen, das passirt so obstinaten Leuten. Aber was Teufel, Eitelbach!
htte er sich beinah vergriffen und aus der Frbeflasche eingeschenkt.
    In der Stadt ist man sehr unruhig. sagte Dallach. Niemand wei recht was,
aber es sollen beunruhigende Nachrichten eingelaufen sein. - Pah! nichts von
Politik. - Herzensmann. Sie essen zu viel Kompott! Nach der Melone, Vorsicht!
Vorsicht! Das merken Sie sich auch, Herr Dallach, nicht zu viel Obst Ihren
Gsten, Sie haben es zu verantworten. Schicken Sie uns Portwein, der wird dem
Magen des Barons gutthun.
    Ein Zeichen fr Herren Dallach, sich zu entfernen. Auch der Baron war einen
Augenblick aufgestanden und wiedergekommen. Der Portwein schien ihm wohlzuthun.
Und doch sa er wieder in sich versunken. Es war nicht seine Art: Eine
niedertrchtige Geschichte. Denken Sie sich, der Schmeckedanz, der Kerl auf dem
Mhlendamm - ein verfluchter Jude - Hat doch nicht Wechsel auf Baron
Eitelbach? - Aber Dohlenecks Wechsel aufgekauft, Gott wei wie. - Und nun der
todt ist - Bravo! kann er sich Fidibus davon machen. - Nein, er schickt sie
meiner Frau. -O, das ist zum Todtlachen. - Nein, zum Einlsen. - Ist der
Kerl verrckt? - Wenn nur nicht ein Brief dabei wre - Von wem? - Vom
todten Rittmeister, ich meine, vom Major Dohleneck. - Schreiben die Todten
wieder Briefe? - Nein, eh' er ausmarschirte. Solch ein Galimathias. Wenn er
fiele, sollt' er sich nur an meine Frau wenden, die sei so sterblich in ihn
verliebt, da sie seine Ehre auch nach dem Tode nicht sitzen liee. Bei
Lebzeiten htte er sie knnen um den Finger wickeln, und sie htte gehrig
blechen mssen. Und wenn sie nach seinem Tode nicht zahlen wollte, so -
Schnell noch ein Glas Port. Ich kann mir denken, wie die Niedertrchtigkeit Sie
afficirt.
    Der Baron sa zurckgelehnt auf dem Stuhl, leichenbla. Die Erzhlung hat
Sie angegriffen. Hoffentlich hat der Jude nicht die Effronterie gehabt, Ihrer
Frau Gemahlin den Brief zu schicken. - Hat's! Das ist es eben. - O pfui!
Sind Sie auch sicher, da der Brief wirklich von Dohleneck ist? Ich hielt ihn
fr sehr beschrnkt, aber ehrlich. - Das ist's eben - darber heult sie mehr,
als da er todt ist. - Gemeine Seelen! - Nun hat sie ihn kennen gelernt. - Sie
hat doch den Brief in gerechtem Zorn zerrissen und die Wechsel auch? - Nein -
sie will sie auslsen - sie ist obstinat. Ich soll's aus ihrem - O, das mssen
wir hindern - auf der Stelle - wir wollen zu ihr - Was ist Ihnen? -
    Der Baron strzte hinaus. Er kam nach einer Weile, von einem Kellner
gefhrt, wieder herein. Wandel schien die Verwandlung auf seinem Gesicht nicht
zu bemerken; in solcher Agitation ging er im Zimmer auf und ab: Ich kann's mir
denken - ihren Seelenzustand! Sie verachtet ihn. Und doch, sie will sich dadurch
an ihm rchen, da sie seine Manen beschmt. Das soll das letzte Opfer sein, was
sie aus ewig von ihm scheidet. O, dort in jener Ewigkeit - mit welchem stolzen,
vernichtenden Blicke wird sie ihm entgegentreten -
    Der Baron hrte nichts davon, er konnte nichts davon hren. Der
Legationsrath that einen Schrei - er ri die Thren auf. Herr Dallach und die
Kellner, die hereintraten, sahen die liebende Theilnahme, mit welcher Wandel dem
Erkrankten den Kopf hielt. Ein Arzt! - Ein Wagen! - Die verdammte Melone!
Habe ich ihn nicht gewarnt?
    Herr Dallach reichte dem Kranken wieder ein Glas Portwein. Er wehrte es mit
der Hand ab, Wandel schenkte ihm ein Glas Wasser ein. Er athmete wieder auf.
Ach, das Wasser, sagte Wandel, wenn die Aerzte erst seine wunderbare
Heilkraft ganz kennten! - Jetzt nur frische Luft!
    Es kam kein Arzt, kein Wagen. Die Stadt ist in Verwirrung. Wrden Sie
sich stark finden, theuerster Baron, zu Fu nach Ihrer Wohnung - ich fhre Sie.
Der Baron war aufgestanden: Es wird gehen, es wird schon besser werden. Ich
erhole mich. - Die verfluchte Melone! knirschte Wandel und stampfte; er
stlpte den Hut auf. Er zog den Wirth noch ein Mal bei Seile: Herr Dallach,
habe ich's nicht gesagt? O, es wird noch rger kommen. Wir knnen uns
gratuliren. - Was ist denn, Herr Legationsrath? - Die Cholera! schrie er
ihm ins Ohr. Ein Anfall der asiatischen Cholera morbus! Und der Leichtsinn!
Aber still, liebster Dallach, erschrecken Sie nicht Ihre Gste; wir werden bald
mehr hren.

                          Sechsundachtzigstes Kapitel.



                             Das groe Trauerhaus.

Wo der Trauerhimmel ber eine ganze Stadt ausgespannt ist, wer achtet da sehr
auf ein einzelnes Trauerhaus! Die Aerzte, nach denen Wandel geschickt, waren
nicht zu Hause gewesen. Sei doch der Krankheitsanfall einer Art, da ein
gesunder Krper sich selbst heile, hatte er geuert, oder wenn - dann war er
pltzlich aufgesprungen, und lie doch noch einen Arzt rufen. Er hatte ihm im
Vorzimmer die Symptome beschrieben, sie hatten gelacht, und als der Doktor ins
Zimmer trat, hatte er lchelnd den Puls des Kranken befhlt und auch lchelnd
zum Baron gesagt: Etwas Kamillenthee und Einreibungen - das wird den Patienten
bald auf die Beine bringen, aber wenn er auf den Beinen ist, gndige Frau, dann
thun Sie mir den Gefallen und lassen ihn nicht wieder Melone essen und sich
erklten. Liebevoller, aufmerksamer, aufopfernder, htte ein Bruder den Baron
nicht pflegen knnen. Tag und Nacht sa er abwechselnd mit der Baronin an seinem
Bette. Er trocknete, er rieb den Leib er schenkte ihm den Thee, den er selbst
vorher kostete. -
    Wandel stand am Fenster. Lrm, Unruhe, Hin- und Hergelaufe, kernige
Fluchworte, dazwischen ein Geschrei, das hier in Heulen berging. Ein Reiter
sprengte auf der Strae vorber: Das ist der Rittmeister Dorville. Ich frchte,
er bringt Uebles vom Schlachtfelde. Eine Stimme rief zum Fenster hinauf:
Verloren! Es ist Alles verloren. Was eine Stimme, was Stimmen! Es war Alles in
der Stadt nur eine, und das war ein entsetzlicher Wehruf. Wohl Denen, die ihn
laut machen konnten; der stumme Schmerz ist der tiefere. Er sprengt nicht immer
die Brust, aber er stopft die Adern, er wirkt einen Niederschlag, der alle
Funktionen der Glieder lhmt. Das Herz, das so muthig noch eben schlug, scheint
still zu stehen, die Gedanken, die gradaus schossen, zittern und verirren. Es
war kein lauter Aufschrei in der Stadt; kein Todeshieb, der eine Wunde ffnete,
aus der das Herzblut mit einem Mal ausstrmt; es war eine Quetschung, ein
Niederschlag. Ein Uhrwerk war's, dessen Rder noch gingen, aber keines griff ins
andere.
    Ein Knuel von Hiobsposten wlzte, flog durch die Straen. Die Franzosen
hatten gesiegt, die Armee war in die Flucht geschlagen; die Besonnenen hatten
wohl Recht, wenn sie schrieen, man solle zukochen, heizen, fr Stroh, Decken,
Quartiere und Lazarethe der Flchtlinge sorgen, Andere schrieen nach Waffen und
Widerstand. Da schreckte Beide die Nachricht zu blassem Verstummen: Nichts von
Flucht und Widerstand! Unsere Armee ist aufgerieben, vernichtet, alle Generale,
der Knig, der Prinz gefallen! Das ward zwar von Unterrichteten dahin korrigirt:
die preuische Armee sei von den Franzosen nur umgangen worden, Napoleon habe
sich zuerst bei Jena auf das Corps Hohenlohe geworfen und es vernichtet, darauf
oder zugleich sei die Hauptarmee, wo der Knig und die Prinzen, bei Auerstdt
total geschlagen, der Herzog von Braunschweig, der Oberfeldherr im Getmmel
erschossen, und beide geworfenen Corps, auf einander gedrngt, wrden von den
Franzosen nach dem Rheine zu verfolgt; aber fr die Begriffe der Masse war das
zu schwer zu entwirren. Wenn auch einige Kluge kalkulirten, dann entferne sich
ja die Gefahr, wenn noch Klgere meinten, es sei nur eine Kriegslist, um den
Krieg nach Frankreich zu wlzen, so hrten Andere dafr schon, wenn ein Piket
Husaren durch eine entfernte Strae preschte, die Vorposten der Franzosen in die
Stadt einreiten. Andere aber hatten besser gesehen oder gehrt, es waren Russen
oder Englnder, die gelandet oder geflogen waren um Berlin beizustehen.
    Man sah Einige durch die Massen sich drngen. Aber wo Rathes sich erholen?
Die Lenker des Kabinettes sollten im Hauptquartier sein. Hier klopften sie
umsonst an die Thr eines Groen. Er lag in einer heftigen Kolik und hatte
befohlen, Niemand vorzulassen. Ein Anderer war bei einem Andern, der Andere war
aber wieder anderswohin geeilt. Im Gedrnge trafen sich Zwei, die sich einst
gesehen und seitdem nicht wieder, Walter und der alte Rittgarten. Zum
Gouverneur! rief der Invalide. Er mu die Trommel rhren lassen. - Trommeln!
Das fehlte noch, rief ein gutgesinnter Brger, um den Wirrwarr voll zu
machen. - Es giebt nur Einen, und wenn Er nicht Hlfe wei -
    Walter ward durch einen lauten Aufschrei unterbrochen, der durch die Stimmen
von Tausenden immer neu anwuchs. Das waren Laute des Schmerzes, aber auch der
Freude - Die Knigin! die Knigin! In der Entfernung, bog ein Reisewagen um
die Straenecke. Thrnen, Schluchzen, Jubelrufe! Es war in dem Gewirr nichts zu
verstehen. Ein Tuch, ein Arm wehte heraus. Die Beiden, die sich eben gefunden,
wurden wieder getrennt. Jeder hatte ein anderes Ziel. Aber die Stimmung schien
sich gendert zu haben. Der Anblick der Knigin hatte gewirkt. Der alte
Rittgarten traf auf entschlossene Gesichter. Kernworte, Flche! Da schttelte
Einer seinen markigen Arm. Rittgarten ergriff ihn. Er sprach Worte, die zum
Herzen drangen. Als sie das Hotel des Ministers erreicht, hatte sich die Zahl
bedeutend verstrkt; es waren krftige Mnner, alte Soldaten darunter. Wuth und
Freude strahlte auf den Gesichtern.
    Wo war die alte Ordnung, die heilige Ruhe, wenn man berute Arme,
Schurzfelle auf den Treppen sah, Einige sogar bis in das innere Heiligthum
gedrungen. Es musste hier schon viel vorgegangen sein, wenn wir den Minister,
denselben, welcher den jungen Walter nach Karlsbad schicken wollte, zwischen
diesen, selbst fr die Antichambre ungeeigneten Gestalten umhergehen sehen, ohne
da sein Auge Blicke der Entrstung warf. Nein, er trug weder Uniform noch
Hofkleid, auch keinen Stern an der Brust, er ging nicht aufrecht und die Stirn
leuchtete nicht vom Widerschein seiner unantastbaren Wrde. Meine lieben
Freunde! sprach er, zwischen den Eingedrungenen sich bewegend. Seine feinen
aristokratischen Hnde, stets in einer Position erhalten, die sie vor jeder
Berhrung schtzen sollte, berhrten doch freiwillig die Arme der Brger, er
drckte dem Nagelschmied die Hand, er legte sie dem patriotischen
Stadtwachtmeister auf die Schulter: Mein liebster guter Freund, nur keine
Uebereilung.
    Aber, Excellenz, sie strmen Ihnen das Haus! riefen drei, vier Stimmen.
Der Hausflur war voll, die halbe Treppe, sie drngten von auen, Andere standen
im Hofe und gafften mit hsslichen Blicken die Reisewagen an, die in Hast
bepackt wurden. Die Excellenz beugte sich bers Gelnder, sie rang die Hnde, es
war der mildeste, freundlichste Ton: Um Gottes Willen, meine Freunde, keine
Uebereilung! Was wollen Sie? Da brach es los, wie, ich wei es nicht; es war
aber das Unglck, da Keiner wusste, was er wissen sollte. Es war die Wuth, die
in hundert Lauten sich Luft machte. Wir sind verrathen! - Der Knig und die
Knigin sind verrathen! - Das Vaterland ist in Gefahr - Die Franzosen sind
vor der Thr!
    Ja, ja, meine lieben Freunde, um Gottes Willen ja, es ist wahr, wir sind
Alle in Gefahr - aber was wollt Ihr was sollen wir thun? Die im Hofe zeigten
auf die bepackten Reisewagen: Er kratzt aus, uns lsst er im Stich. Ein
hhnisches Gelchter verschlimmerte die Lage der Autoritt, die es nicht mehr
war. Da ward der Ruf laut: Widerstand! Waffen! Ein Schuft, wer seinen Knig
verlsst!
    Um Gottes Willen, verehrte Mitbrger! Ich beschwre Sie, bedenken Sie Ihre
Familien, Ihre lieben Kinder, Ihre Lage, diese Stadt! Es ist ein Unglck, ja ein
groes, ein unermessliches Unglck, unsre Armee ist geschlagen, total
geschlagen, wir wissen nicht wo sie ist. Wo eine so tapfere Armee erliegen
musste, ist es Thorheit, ich beschwre Sie, es ist Raserei an den geringsten
Widerstand noch zu denken. - War's Thorheit, rief eine Stimme, es war der
alte Rittgarten, als Haddick in unsre Straen sprengte, da die Berliner nicht
zu Kreuz krochen? Raserei, da sie Schanzen aufwarfen, da wer eine Muskete
tragen konnte, der Trommel folgte, als die Russen ihre Kugeln in die
Friedrichsstadt warfen? Des Knigs Hauptstadt ward gerettet! - Meine lieben,
theuren Mitbrger, bedenken Sie doch die vernderten Verhltnisse. Wer war
Haddick, wer die Russen! Der Kaiser Napoleon ist unberwindlich. Sie waren
selbst Militr. O erklren Sie Ihren Mitbrgern, da aller Patriotismus und alle
Bravour gegen ein disziplinirtes Heer nichts ausrichten. O mein Gott, stehn Sie
mir doch bei, diese braven, rechtlichen, unsere Mitbrger vor einer
entsetzlichen Verirrung zu bewahren.
    Excellenz, erwiderte Rittgarten, eine Schlacht knnen wir den Franzosen
nicht liefern, noch besteht Brger und Bauer vor Denen, die den Krieg erlernt.
Das wei ein Kind. Aber hier gilt's, was Keiner erlernt, was geboren ist: das
Herz zeigen am rechten Fleck. Ist der Knig geschlagen, so gilt's, ihm
aufbewahren als treue Unterthanen, unsern Muth, unsre Treue, uns selbst. Er wird
wissen, ob er Berlin halten soll oder aufgeben, und an uns ist's, ihm die
Entscheidung offen erhalten. Das ist unsre Schuldigkeit. Es gilt, der Obrigkeit,
die er zurcklie, gehorchen, und wenn sie stumm bleibt, sie fragen was mssen
wir thun, da dem Knige seine Hauptstadt gerettet wird? Sind Soldaten da, so
sammelt sie, sind's Invaliden, ruft sie auf, sie werden dastehen. Sollen die
Brger ihnen zutragen, schanzen, Wache stehen? Sollen Wagen und Proviant hinaus,
die Flchtlinge einzuholen? Soll ihnen ein Lager abgesteckt werden? Soll junge
Mannschaft geworben werden? Sollen wir Pulver holen, Kugeln gieen, abkochen fr
die Ankmmlinge? Alles das wei der Brger nicht, Excellenz, aber er hat ein
Recht, von Denen es zu erfahren, die der Knig zurcklie an seiner Statt. Die
mssen es wissen, Die uns vorangehen. Und Die und wir Alle haben die
Verpflichtung, uns so zu zeigen, da der Feind erfhrt, er hat eine Stadt von
Mnnern vor sich, nicht von Memmen.
    Gewirkt htte die Rede, wenn nicht zwei Umstnde die Wirkung paralysirten.
Von drauen schrie es: die Knigin! die Knigin flieht aus Berlin! - Die
Knigin redet zu den Brgern! Darauf eilten die Entschlossensten nach dem
Palais. Vielleicht war dort Rath und Hlfe. Im hintern Hofe aber hatten Andere
einen Reisewagen umgestrzt. Wo mischt sich nicht schlechtes Gesindel hinein,
wenn der Patriotismus aufbraust! Sie plndern! Herr Major, hindern Sie's! Man
wei nicht, was draus wird! - Es sind Soldaten dabei. Es bedurfte fr den
Offizier kaum der Aufforderung.
    Die Excellenz lie ihren Wagen im Stich, sie hatte eine hhere Aufgabe, das
Terrain war gnstiger, die Haufen gelichtet, er glaubte geneigtere Gesichter zu
sehen. Er war auf die letzte Stufe in ihren Kreis getreten: Mitbrger!
Theuerste Freunde! Der Augenblick ist entsetzlich, aber lassen Sie sich von
unruhigen Kpfen nichts aufreden. Hier ist nicht zu helfen. Der Himmel hat es so
gefgt, wir mssen uns drein finden. Der mindeste Widerstand, irgend ein
unruhiges Benehmen von Ihrer Seite knnte die schrecklichsten Folgen haben.
Denken Sie an Ihre Frauen, Ihre Kinder, denken Sie an Wien! Wie ungndig hat
Seine Majestt der Kaiser Napoleon das trotzige Benehmen der Brger aufgenommen.
Er ist nun einmal der Sieger. Er wird ein gromthiger Sieger sein, wenn Sie der
Vernunft Gehr schenken. Seien Sie freundlich, seien Sie sehr freundlich gegen
ihn. Ueberwinden Sie sich; wenn er einzieht, rufen Sie Vive l'Empereur. Ich
wei, es wird Ihnen schwer werden, aber der Mensch kann sich berwinden, meine
Herren, der Mensch kann viel, wenn die Noth ihn zwingt. Recht friedlich, recht
besonnen! Illuminiren Sie! Das wird ihn berraschen, sein Herz wird sich
aufschlieen. Liebe Mitbrger, hren Sie auf den Rath eines Mannes, der's mit
Ihnen wohl meint, es ist nicht fr mich. Bedenken, erwgen Sie, ich wiederhole
es nochmals, wie schrecklich sein Zorn auf Wien fiel. Sie sind keine Wiener, Sie
sind Berliner, und das Beispiel wird Sie lehren, da eine mnnliche, ruhige
Hingebung im Unglck es allein ist, die den Patrioten ehrt.
    In den Akten der Zeit wird man freilich diese Rede nicht aufgeschrieben
finden. Aber man findet mehr - ein gedrucktes Aktenstck. An allen Straenecken
stand - an einem sptern Tage - folgendes Proklama und in den Berliner Zeitungen
las man es am 21. Oktober 1806.
    In dem Proklama hie es:

    - Nur festes Anschlieen an Diejenigen, welche das mhselige Geschft
bernehmen, die von einer solchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu mindern,
so wie die, mehr als jemals nthig gewordene Ordnung zu handhaben, kann die
schrecklichsten Folgen abwenden, welche der mindeste Widerstand oder irgend ein
unruhiges Benehmen der Einwohner ber die Hauptstadt verbreiten wrde, und das
noch neuerliche Andenken des Betragens, welches die Einwohner Wiens in einer
hnlichen traurigen Lage beobachtet haben, mu die Einwohner Berlins belehren:
da der Ueberwinder nur ruhige mnnliche Hingebung im Unglcke ehrt. - - - Ich
ermahne Jeden (denn - hoffentlich werde ich es nicht nthig haben zu befehlen) -
- ruhig bei seinem Gewerbe zu bleiben, und alle Sorgen Denjenigen zu berlassen,
welche sich rastlos mit seinem Wohl beschftigen werden. Ich verbiete durchaus
alles Zusammenlaufen, alles Schreien auf den Straen, alles ffentliche
Theilnehmen an denen so verschiedentlich einlaufenden Krieges-Gerchten; denn
ruhige Fassung ist dermalen unser Loos, unsere Aussichten mssen sich nicht ber
dasjenige entfernen, was in unsern Mauern vorgeht; dieses ist nur unser einziges
hheres Interesse, mit welchem wir uns allein beschftigen mssen - - -
    Berlin, den 19. Oktober 1806.
                                                            Frst von Hatzfeld.

    Es mussten schon Flchtlinge in der Stadt sein; vielleicht verbargen sie
sich vor der Neugier oder dem Grimm des Volkes in den entfernteren Theilen. Aber
das Volk suchte nach ihnen. Da hielt es eine staubbedeckte Reisekalesche an, und
zwang einen Offizier herauszusteigen. Vergebens protestirte er, da er die
Schlacht nicht mitgemacht, nicht vom Schlachtfeld komme, vielmehr ber Schlesien
aus Oesterreich; der Wagen kam vom schlesischen Thor. Zum Gouverneur wollte er
sich fhren lassen, obgleich die Eskorte ihm unangenehm war, als Herr von
Fuchsius ihm begegnete und von der verdchtigen Begleitung befreite.
    Zu spt! - Wieder zu spt! erwiderte Eisenhauch und drckte die ihm
entgegen gehaltene Hand. Das ist mehr als Austerlitz. - Zum Gouverneur!
Kommen Sie mit? - So lange die Mglichkeit da ist - Die Gewiheit! unterbrach
der Rath. Auch Sie ohne Trost und Hoffnung? - Die Gesetze der Natur sind
ewig. Die Kugel rollt nur, bis sie den Abgrund erreicht, und der Verbrecher
bleibt nur ungestraft, bis sein Ma voll ist. Welche fast lsterne Freude
glnzte auf Fuchsius' Gesicht, als er dem alten Bundesgenossen die Hand rasch
zum Abschied gedrckt. Wohin? Wohin? - Das im Kleinen thun, was Gott im
Groen vollenden wird, wenn - auch da das Ma voll ist. Jetzt entlarven - ein
Scheusal!
    Eisenhauch begriff ihn nicht. Wer konnte einer Bagatelle jetzt nachgehen!
Das Reich der Pygmen war ja aus. Er bedachte nicht, da um dewillen noch nicht
das von Titanen beginnt. Er traf den Minister auf dem Flur - er kannte ihn, er
wute, was er unter andern Umstnden von ihm erwarten durfte, aber jetzt. - Der
Minister war zugleich preuischer Krieger, ein hoher General, er hatte einst ein
Armeecorps kommandirt. Jetzt musste er den Zopf fortgeworfen haben, jetzt in
Stahl und Eisen aufspringen, und wirklich der Minister schien erfreut, wie man
erfreut ist nach einer guten That. Er erkannte sogleich den Freiherrn: Gott sei
Dank, mir gelang eben etwas, was von dieser Stadt eine groe Gefahr abwendet.
    Da rckte Eisenhauch rasch in kurzen Worten mit seinen Antrgen vor: er bot
seine Dienste an, er stellte sich zur Disposition, wohin man ihn brauchen knne,
er wollte noch mehr: einen unterwegs entworfenen strategischen Plan andeuten,
wie man durch rasches Zusammenziehen der gebliebenen militrischen Krfte und
Benutzung der Lokalitten Positionen einnehmen knne, nicht stark genug, um
einem ernsten Angriff des siegreichen Feindes zu widerstehen, doch ausreichend,
um die Hauptstadt vor dem ersten Anprall zu schtzen, die zersprengten und
flchtigen Truppen aufzunehmen in Cadres, zu sammeln - als der Minister mit
Entsetzen ihn unterbrach: Sind Sie rasend! In ein brennend Haus sich strzen!
Wir - wir werben nicht - was neue Soldaten - sollen wir noch den Kaiser reizen!
Wir knnen Gott danken - Wenn wir unser elendes Leben salviren, rief eine
stimme von der Hofthr her.
    Machen Sie sich aus dem Staube, liebster Freiherr Eisenhauch, verschwinden
Sie, schnell, schnell, ehe ein Spion Sie erblickt. Gott sei Dank, mir gelang
wenigstens eins: das Pulver ist aus Berlin, ehe er eintrifft. Er wittert berall
Verschwrungen, Emprungen, Herr Gott, er htte in Zorn gerathen knnen -
    Ueber die Kreatur, die er zum Mann schuf, und sie ward ein Wurm! rief eine
Stimme und der alte Rittgarten hob seinen Stock. Es war ein erschreckender
Anblick, der Greis, der sichtlich auf den Fen schwankte, seine Brust bebend,
sein Gesicht vom Blutandrang gerthet, aber weie, verrtherische Streifen zogen
sich von der Nasenwurzel bis an die Mundwinkel. Seine Stimme polterte, aber die
Laute waren nicht mehr artikulirt. Man konnte auf einen Schlaganfall aus
Gemthserschtterung schlieen. Und den Stock in der Luft schwingend, drohte er
das Gleichgewicht zu verlieren. Eisenhauch hatte ihn rasch unterfasst. Mit
uerster Anstrengung stie der alte Krieger Worte vor: Fluch - ber die
Verrther! - Diese Sykophanten an Friedrichs Thron, die sein Volk fr nichts
achteten - sie werden die ersten sein - die ihm die Fe lecken, dem neuen Herrn
- Stempelt diesen, zeichnet ihn, da man ihn wieder erkennt, - er wird die
fremde Livre tragen. - O fort, - hinaus, die Luft hier erstickt.
    Rittgartens Stock hatte den Minister nicht getroffen, aber sein Blick und
Wort. Er war verschwunden, in der nchsten Stunde auch aus Berlin. Die
Prophezeiung des Sterbenden ging in Erfllung. Der Minister - aber er nicht
allein - lie wenig Monate darauf sich ein neues bordirtes Galakleid anmessen;
er antichambrirte im Ministerrock des Knigs von Westphalen, so stolz und
aufrecht, die Brust so reich geschmckt, und er sah so gndig und herablassend
auf Niedere, als damals, wo er nichts war und sein wollte, als ein treuer Diener
seines Herrn, des Knigs von Preuen. Kleider machen Leute, sagt das Sprchwort,
aber nicht auf Alle passt es, denn in der Politik giebt es Mnner, fr die alle
Kleider passen.
    Ein Sterbender war der Major Rittgarten. Er athmete drauen noch einmal die
freie Luft, er schien Eisenhauch zu erkennen, er erschrak nicht. Der fhrte ihn,
den er einst auf Tod und Leben gefordert. Ein Anderer hatte die Loose geworfen,
eine andere Hand die Kugel abgedrckt. Aber da lief ein Mann mit Pinsel und
Zettel heran und klatschte ein Plakat an die Thr. Als er das gelesen, zitierte
er zusammen, Eisenhauch fhlte eine Erschtterung in den Gliedern des Greises.
Auf dem Plakate standen die Worte:

    Der Knig hat eine Bataille verloren. Seine Majestt und dessen Brder,
    Knigliche Hoheit, sind am Leben und nicht verwundet. Ruhe ist die erste
    Brgerpflicht. Ich bitte darum.
                                                                   Schulenburg.

    Es wird besser, antwortete Rittgarten auf des Majors Frage, der
Hlfeleistende heranwinkte. Ja, es wird besser, es mu besser werden, rief
Eisenhauch. O mein Gott, mein Vaterland! - Er kann nicht mehr allein stehen,
sagte Jemand. Preuen! athmete der Sterbende, an des Freiherrn Brust sinkend -
es war sein letztes Wort. Kann nicht mehr allein stehen, wiederholte
Eisenhauch dumpf. Es htte nicht allein stehen drfen ohne Deutschland. Der
Schlag hatte den Invaliden getroffen.

                                     * * *

    Im Trauerhause, dem Hotel des Minister gegenber, hatte auch ein Schlag
getroffen. Die Baronin lag auf ihren Knieen am Bette, ihr Gesicht verbergend.
Gott verzeih ihrer Seele, wenn sie nicht fr die des Mannes betete, der eben,
nach furchtbaren Konvulsionen, sanft entschlummert war. Warum war's eine Snde,
wenn ein edles Weib in ihrem Gebet an eine andere Seele dachte, wenn sie fr
diese um Vergebung flehte. Der Todte vor ihr hatte nie Jemand getuscht, was er
war, hatte immer zu Tage gelegen, der Richter berm Sternenzelt kannte ihn und
wrde nach seinem Werth oder Unwerth das Urtheil fllen. Aber die Seele des
Einen war mit einem Fleck dahin gegangen. Ein einziger Fleck hatte die reinste
Seele getrbt, und ehe er sich verantworten knnen, hatte das blitzende Schwert
den Helden niedergeschmettert. Wute sie, in welchen Aengsten, da er Keinen
hatte, dem er beichten, gegen den er sich von dem einzigen Fehler, der ihn
drckte, entlasten konnte! Und war es denn eine Snde, hatte er nicht wissen
knnen, da sie gern Alles fr ihn hingab, da sie mit Freuden seine Schulden
bezahlt htte, wenn er sich nur an sie gewandt! War das nicht edel, da er es
nicht gethan! Nur in einem schwachen Augenblick hatte er sich verfhren lassen,
auch nur vielleicht in Betreff des Wucherers, der ihn aus der Noth ziehen
sollte. Und darum auf ewig verdammt! Nein, wenn Einer, er bedurfte des Mitleids.
Und sie hatte zum Vater, von dem alle gute Gaben kommen, gebetet, da er
Dohleneck vergebe. Da war sie, fast erheitert, aufgestanden, sie hatte des
Todten Hand gedrckt, auch er wrde im Leben nichts dagegen einzuwenden gehabt
haben, und in stiller Fassung sa sie im Lehnstuhl, die Augen schlieend, als
ein heftiger Schrei sie aufschreckte. Der Legationsrath, der, um Nachricht, ob
Gefahr sei, einzuziehen, sie verlassen, war zurckgekehrt, er hatte sich ber
das Bett geworfen, der sthnende konvulsivische Schrei kam von ihm.
    Da ist ein edler Freund mir hingegangen. Er da oben nur wei, was er mir
war! rief er, sich erhebend, die Hnde ber's Gesicht deckend. - Nur auf kurze
Sekunden. Den nchsten Augenblick beugte er sich ber die Wittwe, sie fhlte
einen langen Ku auf ihre Stirn gedrckt: Das ist der Bruderku, der Schwester
gegeben. Die Sterne wollen es so. Edler Todter, Deine Seele blickt auf uns, aber
ich sehe Dich ruhig lcheln, denn Du weit, da ich Deine heiligen Pflichten
gegen Dein Weib erfllen werde. Durch diesen Ku besiegle ich mein Gelbni.
    Sie war vorhin berrascht worden, jetzt, als seine Lippen sich ihr nherten,
stie sie ihn zurck. Sie wollte sich auf die Leiche werfen, aber mit eben
solcher Entschlossenheit ri er sie am Arme zurck: Unglckselige! Wissen Sie,
was Sie thun? Er ist an der Cholera gestorben. Sein Hauch ist Pest. Er mu noch
heut unter die Erde. Er stand gebieterisch zwischen ihr und der Leiche. Ehe sie
Zeit zu antworten hatte, fhrte er sie schon, halb zwang er sie an den
Schreibsekretr: Schnell, keine Minute verloren! Ihre wichtigsten Papiere,
Kleinodien, was Sie an Geldeswerth fassen knnen - in einen Kasten, was es ist.
Ich besorge mit Ihrem Kammermdchen die nthigsten Kleider. Der Wagen rollt vor
- Was ist's, mein Herr! - Sie wissen nicht! In einer Viertelstunde
sptestens mssen wir fort. Auf der Schneberger Hhe sieht man schon die
Avantgarde. Alles flieht, wer nur Pferde auftreibt. Die Knigin beinahe in
Lebensgefahr. Sie wird jetzt schon aus dem Thore sein. Gestreckter Galopp. Die
Franzosen werden plndern, vielleicht die Stadt in Brand stecken. Napoleons Wuth
ist unaussprechlich. Nur keine Frauen zurckgelassen, ruft es durch alle
Straen. Sie mihandeln - Ihre Brutalitt ist ohne Grenzen. Unglcklich Weib!
Keinen Augenblick verloren!
    Er hatte den Sekretr aufgerissen. Mechanisch folgte sie seinem Befehl; sie
hatte keine Luft, keinen Athem zum Denken, zum Erwgen. Das Rdergerassel
drauen, das Stimmengewirr untersttzten, was Wandel sagte. Eine Chatoulle war
in lautloser Angst gepackt. Nur nichts Unntzes! rief er, als sie ein Pack
erffneter Briefe hineinwerfen wollte. Wozu sich mit Erinnerungen beschweren!
Nur nichts hinter uns. Die Briefe fielen zerstreut auf die Tischplatte. Sie
lie Alles geschehen in sprachloser Erstarrung. Da nahm er einen: Ah,
Dohlenecks Hand. Selig sind die Todten, aber sie haben nichts zu schwatzen. Ehe
sie es hindern konnte, hatte er den Brief in kleine Stcke zerrissen. Aber sie
hatte den Blick gesehen, der auf das Papier scho, die Freude, die aus seinen
Augen blitzte - es war eine ganz eigenthmliche Freude - das Weie des Auges
verzog sich, er kniff die Unterlippe mit den Zhnen ein. Da blitzte etwas in
ihr; es war, als ob ein Vorhang ri. Einige Schritte zurckfahrend, ma sie ihn
von Kopf bis zu Fu. Es war ein frchterliches Licht, das in ihr aufscho. Ihr
Gesicht rthete sich, ein Strahl von einer Freude scho darber, whrend sie
unwillkrlich die weien Zhne zeigte, und die Finger der schnen Hnde sich
krmmten. Warum vernichten Sie gerade den Brief?
    Weil - weil ich im Interesse dieses heiligen Todten seiner Wittwe
Erinnerungen sparen will, die den Seelenfrieden einer treuen Gattin trben
knnten.
    Der imponirende Ton verfehlte seine Wirkung. Ein krampfhaftes Lachen
erheiterte ihre Brust: Falsch! es ist Alles falsch an Ihnen - jetzt - ich -
ahne - Sie sind ein Mensch, dem Niemand trauen durfte - o mein Gott! - und da
der todte Mann - Wer schtzt mich!
    Wir zweifeln nicht, da der Legationsrath auch jetzt noch Mittel gefunden -
wenigstens wrde er danach gesucht haben, das Mitrauen der Wittwe zu
beschwichtigen, wenn sein Blick nicht pltzlich durch einen Gegenstand an der
Thre absorbirt worden wre. Es lag in der Natur der Dinge, da, nachdem durch
die Diener die Nachricht von dem Tode des Barons bekannt geworden, eine Anzahl
Freunde, Angehriger und Theilnehmender sich in das Haus drngte. Eben so
natrlich war es, wenn bei der obwaltenden Krisis Einige unangemeldet in das
Zimmer drangen, zur Frmlichkeit eines Trauerbesuches war nicht mehr Zeit.
Wandel glaubte, als die Thr aufgerissen ward, den rothen Kragen eines obern
Polizeibeamten entdeckt zu haben. Der war zwar noch nicht eingetreten, aber wie
aus einer geffneten Schleuse ergossen sich Nachrichten, die ihm nicht alle
angenehm waren. Dem Wissen Sie schon? der und jener Freundin folgte eine Reihe
von Unglcksfllen und eine Todtenliste. Der ist erschossen, der gefangen, der
niedergehauen! Rittmeister Dorville schien die Pandorabchse, welche alle diese
Hiobsposten ausgeschttet hatte. Sah er auch den Major Dohleneck fallen?
fragte sie sich selbst berwindend die Baronin schchtern. Den hat Dorville
selbst gesprochen.
    Gesprochen! eh' er fiel? - Nur verwundet, aber nicht schwer. Er ist
ranzionirt, oder losgegeben, er kommt direkt nach Berlin, nur darf er nicht mehr
dienen in dem Kriege. Wandel hatte nicht mehr Zeit den Blick zu sehen, den ihm
Auguste Eitelbach zuwarf, ein triumphirender, durchbohrender Blick. Er sah auch
nicht, wie ihre Brust sich hob, wie tief sie Athem schpfte, um dann aus dem
Stuhl zusammenzusinken, ihre Hnde zu falten und ihr Gesicht zu verbergen. Der
junge Mensch, den wir am Morgen bei Fuchsius sahen und den er Eckard nannte,
hatte sich hinter ihn geschlichen und ihm zugeflstert: Es will Sie drauen
Jemand sprechen. Wandel fixirte den Menschen, ob er ihn einer Antwort zu
wrdigen habe, als sein Auge auf Fuchsius fiel, der unbeweglich an der Thr
stand. Ah, ein alter Freund! sagte er. Das glaube ich nicht, entgegnete der
junge Mensch.
    In dem Augenblick ffnete sich die Thr und ein Polizei-Inspektor schritt
zum Befremden der Anwesenden auf Wandel zu, und sprach mit tnender Stimme: Auf
Requisition des Tribunals der Seine zu Paris, und auf ausdrckliches Ansuchen
des Kaisers der Franzosen durch seine vormalige Gesandtschaft hier verhafte ich
Sie.
    Todtenstille. Wandel erblasste, doch nur auf einen Augenblick: Das ist ein
Miverstndni! er knpfte sich zu, verbeugte sich leicht gegen die Anwesenden
und folgte rasch dem Inspektor. Hinter ihm schnitt ein greller Pfiff durch die
Luft. Der junge Vigilant hatte sich einen Spa gemacht. Er schien ihn
fortzusetzen, indem er beim Hinausgehen zu einem Angehrigen des Hauses sagte.
Sehen Sie nur im Sekretr nach, ob da nichts fehlt.
    Der Inspektor brachte den Gefangenen in ein abgesondertes Zimmer zu flacher
Erde, bis der bestellte Wagen ankam. Fuchsius Gesicht war undurchdringlich
geblieben, als Wandel an ihm vorberging. Das des Polizeimanns versprach ihm
vielleicht mehr, als er mit verschlungenen Armen ihn beweglich anblickte: So
will man mich wirklich ausliefern - auf Requisition des Napoleonischen
Gerichts? - Sie hrten es. - Wissen Sie, was mit mir geschieht? In vier und
zwanzig Stunden bin ich erschossen. Ich wusste um eine Verschwrung gegen
Bonaparte's Leben, ich war vielleicht selbst dabei implicirt. Der Kaiser wei
es; mein Loos ist entschieden. Ist Ihre Regierung so verzagt, mich ihrem Feinde
auszuliefern, weil er droht, so sind vielleicht doch noch Patrioten im Volke,
die den Vortheil ihres Vaterlandes und ihren eigenen bedenken. Der fatale Pfiff
des Vigilanten antwortete von drauen. Der Inspektor erwiderte ruhig: Sie sind
wegen Giftmordes verhaftet. - Das ist eine andere Sache, hatte Wandel auch
ruhig erwidert und sich nach dem Fenster gewandt.
    Nach einer kleinen Weile trat Herr von Fuchsius ein. Wandel begrte ihn
hhnisch: Ich gratulire, Ihr Staat macht noch in seinem Untergang Progressen
zur Gesetzlichkeit. Als wre ich in dem glcklichen England, hat man mir so eben
das Verbrechen benannt, um was man Lust hatte, an mir einen Justizmord zu
begehen. Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Regierungsrath, fr die
Bercksichtigung, da ich wei, da ich nach der alten Observanz sehr wohl ein
halbes, auch Jahre in Ihrem freien Quartiere schmachten knnen, ohne mit einer
Sterbenssilbe zu erfahren, was mir die Ehre verschaffe.
    Guido Florestan Baron Vansitter, genannt von Wandel! redete Fuchsius ihn
an. Er irrte, wenn er auf eine Bestrzung des Gefangenen gerechnet hatte. Nur
ein moquanter Zug schwebte, um die Lippen desselben, als er erwiderte: Ich
bedaure die Mhe, die es Ihnen machen wird, meine Identitt mit der meines
genannten Vetters herzustellen. Die meisten Zeugen sind gestorben; bis Sie die
berlebenden auftreiben und nach Berlin schaffen, darber knnen Jahre vergehen.
Der Untersuchungsrichter hat ein saures Geschft, mein Herr von Fuchsius, wenn
er Inquisiten vor sich hat, welche die Gesetze, die Menschen und ihre
Inquirenten kennen. Aus persnlicher Freundschaft und Respekt vor Ihrem
Charakter wrde ich Ihnen rathen, die Untersuchung abzugeben. Sie erscheint
Ihrem Ehrgeiz lockend, ich versichere Sie aber, ich rgere Sie zu Tode.
    Aus Respekt vor Ihrer Bildung, und nur darum, habe ich zwei Worte mit Ihnen
allein zu reden. - Allen Respekt vor Ihrer Versicherung, aber ich glaube Ihnen
nicht, weil die Pflicht der Selbsterhaltung mir gebietet. Ihnen zu mitrauen.
Allein Ihnen, was Sie wnschen, aber vorher die Gewiheit, da hinter der Tapete
kein Protokollfhrer lauert. - Wandel schien sich diese Gewiheit verschafft zu
haben: Was steht zu Ihren Diensten? - Fhren Sie Gift bei sich? Ich meine
Mittel, die es Ihnen ermglichen, sich der Schande und der weltlichen Strafe
Ihres Richters zu enziehen? Es ist meine Pflicht, mich davon zu vergewissern.
    Soll ich Ihnen mit Macbeth antworten:

Weshalb sollt' ich den rm'schen Narren spielen.
Sterbend durchs eigne Schwert? So lange Leben
Noch vor mir sind, steh'n denen Wunden besser.

So lange ich athme, will ich von dieser sen Gewohnheit des Daseins nicht
lassen. Besser Kerkerluft und schimmliche Brodrinde, als schwimmen ein Atom im
grauen Nebel der wesenlosen Leere. Nein, da beruhigen Sie sich, Sie sollen mich
als Epikurer kennen lernen. Ich wollte Viel, ich lasse mich aber auch gengen
am Wenigen. Die Welt ist ein Kerker, warum sollte nicht der Kerker zur Welt
werden fr Den, der noch Lust am Leben hat! Ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde
mich vertheidigen - besser als Ihr Staat gegen seinen Ueberwinder. Gewissermaen
soll jetzt mein Leben erst anfangen. Sie kennen mich doch einigermaen, und
wissen, wie ich in die Schranken trat. Man meinte, ich war ein glcklicher
Advokat, ich setzte manches durch, noch mehr wandte ich ab. Alles fr Andre!
Nun, mein Herr, jetzt gilt es fr mich selbst. Werde ich mich schlagen, wie Ihre
Soldaten, fr Kommisbrod, aus Furcht vor dem Korporalstock? Nein, wie der Pirat,
den die Fregatten eingeholt. In dem Todeskampfe siegt er wohl zuweilen gegen die
Uebermacht. es kommt fter vor, da er die Verfolger mit sich in die Luft
sprengt. O, es soll ein Kampf werden, auf den ich mich freue; eine Beschftigung
fr den Geist, wie ich sie wnsche. Sperren Sie mich in den engsten Kerker; je
kleiner der Kessel, um so grer die Expansionskraft des Gases. Mein Kompliment
Ihnen, ich wei, wen ich vor mir habe: keine plumpe Kriminalspinne, die auer
ihrer Aktenhhle, bldsichtig, nicht um sich wei, nein, einen feinen Welt- und
Lebemann, der mit seinen Kenntnissen und psychologischen Erfahrungen mich
umgarnen und harmlos saugen mchte. Grad auf solchen Gegner freue ich mich. Ich
schtze Sie. Wir wollen uns in Minen und Contreminen begegnen. Das wird meinen
Geist frisch erhalten; das erfrischt auch das Blut; weit mehr, als die
krperliche Bewegung. Ich werde ein gesunder Gefangener bleiben. Auch Sie sollen
Ihre Freude an mir haben. Ein Inquisitor verliebt sich am Ende in seinen
Inquisiten - er sehnt sich in der Nacht auf den nchsten Morgen, wo er ihn
wieder erblickt -
    Bis er ihn an einem Morgen dem Richter abliefert, der ihn nicht
zurckliefert.
    Das bilden Sie sich ja nicht ein. Sie meinen das Schaffot. Was wollen wir
wetten? Auf's Schaffot bringen Sie mich nicht. Ich kenne Ihre Gesetze, die
Ansichten Ihrer Richter. Hchstens, wenn Alles gut geht, nmlich fr Sie, eine
auerordentliche Strafe. Zehn, fnfzehn, vielleicht zwanzig Jahr Gefngni. Die
ganze Welt ist ein Gefngni; wie angestrichen, schwarz-wei, blau, grn,
schwarz-gelb, das ist am Ende gleichgiltig. Ja, wenn Sie mich nach Frankreich
auslieferten, das wre eine andere Frage, vor den Geschwornen, da hrt unsre
Logik auf. Aber Sie sind ein zu guter Patriot, und die Sache ist doch auch fr
Sie zu interessant, um sie aus der Hand zu geben.
    Der Baron Eitelbach ist nicht an der Cholera gestorben. sprach Fuchsius,
ihn fixirend. Dann wre es mir doch sehr interessant, zu erfahren, was man bei
ihm finden wird! - Nichts Mineralisches, darauf knnen Sie sich verlassen, -
sprach Wandel mit hhnisch freundlicher Stimme, indem er die Frechheit hatte,
dem Rath dabei sanft auf die Schulter zu klopfen. Scheusal! rief dieser
zurckweichend.
    Der Wagen, der Wandel nach dem Gefngni schaffen sollte, war vorgerollt. An
der Thr wandte Fuchsius sich noch einmal um:
    Herr von Wandel, es ist mglich, da Sie Recht behalten, da die Gerichte
mit ihren groben Werkzeugen nicht in alle verborgenen Winkel Ihrer Verbrechen
dringen, ich aber habe die volle moralische Ueberzeugung. Um deshalb werde ich
die Untersuchung vielleicht einem unbefangenern Richter abgeben. Hier aber, vor
Gott, vor der Ewigkeit, oder, wenn Sie wollen, vor der wesenlosen Leere, deren
Annahen Sie grauen machte, mchte ich in Ihre Seele schauen und eine Frage thun
-
    Deren Inhalt ich mir denken kann. Geben Sie sich nicht die fruchtlose Mhe.
Nur ein Wort. Nicht wahr, vor dieser Ihrer moralischen Ueberzeugung bin ich ein
grlicher Verbrecher, weil - weil ich mit Menschenleben gespielt habe, das
nehmen Sie an, zu meinem Vortheil, der Wibegier, des Vergngens wegen, was es
sei. Nun blicken Sie um sich, links und rechts, in West und Ost, in Nord und
Sd, auf die groen Spieler. Die haben gespielt und spielen fort, mit tausenden,
mit hunderttausenden von Menschenleben, und ich kleiner bescheidener Bankhalter!
- Ja, die haben Motive, antworten Sie, Menschenliebe, Allgemeinwohl, Religion,
Freiheit und Gleichheit, Thron und Altar, Sitte und Nationalitt - Herr, wer
sagt Ihnen, da ich nicht auch Motive habe, Ideen, vor denen alle Rcksichten
schwinden mssen? Kann ich sie nicht auch berkleistern mit Goldschaum und
Tugendfloskeln? Das wahre Motiv, Herr, das ist berall dasselbe: der Grere
frit den Kleinern, wenn er Appetit hat und sein Magen es vertrgt, und der
Unterschied ist nur der: die groen Verbrecher kommen in die Geschichtsbcher
und wir kleinen irgendwo in ein Kriminalregister. Wenn der Wurm auf uns Mahlzeit
hlt, ist's uns Beiden gleichgltig, ein Stein ist mir vom Herzen gewlzt, ein
Quell sprudelte in der Wste - ich habe nichts mit der verfluchten Politik zu
thun. Dieser Verstellung, dieser Heuchelei, fr Andre denken, fhlen zu sollen,
bin ich quitt. Mgen sie sich todtschlagen, betrgen, verreden, glorificiren,
wie sie Lust haben, mich kmmert's nicht mehr. Von nun an bin ich wahr, ja, mein
Herr, ich fhle ganz die Seligkeit der Wahrheit, ich athme, kmpfe, lebe nur fr
mich.
    Die Gerichtsdiener waren eingetreten. Haben Sie mir nichts mehr zu sagen?
Wir sehen uns wahrscheinlich zum letzten Mal.
    Das wrde ich aufrichtig bedauern. - Nicht die Baronin Eitelbach, deren
- Deren Glck ich gemacht, wollen Sie andeuten, lachte Wandel auf. Wider
Willen allerdings, wenn es wre! Wenn ihre Wunden und seine Wunden geheilt, die
Trauermonate mit honetten Thrnen anstndig verweint sind, wird sie ihn
heirathen, und wenn ich an das Glck dieser geistreichen Ehe denke - wahrhaftig,
dann wird mein Gefngni mir noch einmal so interessant erscheinen. - Und
keinen Wunsch mehr? - Nur eine Bitte. Haben Sie die Gte und empfehlen mich
der Frau Geheimrthin Lupinus. Ich traue ihr zwar zu, da wenn sie von dem
Evenement hrt, eine kleine Schadenfreude in ihr aufblitzt. Warum nicht, sie
bleibt doch eine charmante Frau. Wir verstanden uns, es war eine wirkliche
Sympathie. Durch Mauern und Rume getrennt, werden wir noch mit einander leben,
eine platonische Ehe; um so sicherer, denn unter einem Dach htte sie mir doch
vielleicht, aus Rache oder Liebe, einen ihrer Trnke gereicht, die fr meinen
Geschmack zu stark sind. Es hat sich so besser gefgt.

                                     * * *

    Die Kutsche mit dem Gefangenen musste oft anhalten. Wagen, schwer rasselnd
unter starker Militrescorte, versperrten die Strae. Es waren die Kassen,
welche der neue Minister fortschaffen lie. So wird doch etwas gerettet,
murmelte der Transportirte. Und wenn Preuen sagen kann: Tout est perdu, sauf
l'argent, ist's am Ende ein Anfang zu einer neuen Existenz. Walter van Asten
gab aus dem Fenster des Ministers den Kommandirenden beim Transport Anweisungen.
Auch der Geheimrath Alltag schien unter Denen, welche auf ihn hrten. Wandel,
der den Zusammenhang gefasst, lchelte: Die Welt dreht sich um: das kann was
werden! Wer Geld bringt, kann eine Karriere machen. Die beste freilich wre es,
wenn der junge Mensch damit nach Amerika liefe.
    Walter, der sich dem Auftrage des neuen Ministers mit Eifer unterzogen, war
gekommen, um seinen letzten Bericht abzustatten. Er hoffe das Geld mit sichern
Renten an den Ort seiner Bestimmung abzuliefern, aber - sein Bericht ber die
Volksstimmung war traurig, er hegte keine Hoffnungen, nach dem, was er gesehen,
gehrt. Wie Jeder beobachtet. sagte der Bankodirektor Niebuhr der ebenfalls
vom Minister Abschied nahm. Niemand kann an allen Orten zugleich sein. Diese
jubelnden Tramknechte, diese gepressten Bauernbengel die froh sind, dem Stock
und der Fuchtelklinge einmal entlaufen zu sein, sind freilich so wenig das Volk,
als da die zitternden Ksekrmer und Schnittwaarenhndler, hatte der Minister
nachdenkend erwidert.
    Und doch, Excellenz, fiel Niebuhr ein, auch unter ihnen regt sich schon
eine andere Stimmung. Ich lernte, wie Sie, dies Volk erst kennen. Aber wenn Sie
es jetzt kennten, wie ich, Sie wrden es Ihrer Liebe werth finden. Ich habe in
diesen Tagen nirgend mehr so viel Kraft, Ernst, Treue und Gutmthigkeit zu
finden erwartet. Von einem groen Sinne geleitet, wre dieses Volk immer der
ganzen Welt unbezwingbar geblieben, und wie sturmschnell auch die Fluth unser
Land berschwemmt, noch jetzt drngte ein solcher Geist sie wieder zurck. Aber
wo ist er, der groe Geist, der es vermchte!1
    Er wird erscheinen, rief der Minister und seine Stirn leuchtete, indem er
Niebuhrs Hand drckte, die andere reichte er Walter. Warum sollen nur die
Vlker des Alterthums ihren Phnix haben! Ist das Christenthum nicht basirt auf
dem Mysterium der Wiedergeburt! Sollten nur die germanischen Vlker bestimmt
sein, auszugehen und berzugehen in andre! Ich glaube an den Phnix, aber der
Scheiterhaufen ist noch nicht hoch genug. Es mu noch vieles Morsche, Faule,
Wurmstichige darin verbrennen, viel mehr, als wir whnten, vieles, was wir
gestern noch fr gesund hielten, vielleicht was uns das Liebste und Theuerste
war. Leben Sie wohl, meine Freunde, wir sehen uns wieder, wenn noch nicht in
besserer Zeit, doch in einer, wo wir wieder hoffen drfen.
    In den Geschichtsbchern steht, und es ist daraus nicht wegzulschen, da
viele der gutgesinnten Brger Berlins die Mahnung jenes Ministers befolgten. Sie
schickten sich in die Zeit, denn es war bse Zeit. Sie schwenkten die Hte vor
dem einziehenden Napoleon und riefen Vive l'Empereur, und illuminirten ihre
Huser, da der Kaiser selbst in jene Worte der Verwunderung, und der Schmach
ausbrach, die wir nicht wiederholen wollen. Aber es gab Mnner und Frauen auch,
welche das Uebel beim rechten Namen nannten, und nicht erschraken, wenn es ihnen
ein bses Gesicht machte. Diese Einigen waren die Kieselsteine, an denen der
Stahl Funken schlagen sollte, aus denen der stille Brand ward, welcher spter
zum allmchtigen Feuer aufloderte. Gut Ding will Weile im deutschen Lande. Viele
hat die Geschichte genannt, oder fngt jetzt an, ihre Namen zu nennen, aber wie
viele sind schlummern gegangen, auf ihren Grabsteinen wchst Moos, und die
Geschichte kratzt es nicht mehr ab, um von ihrem stillen Wirken Zeugni zu
geben. Da darf die Dichtung, die so viel Trauriges und Schlimmes nicht
verschweigen durfte, auch an den einzelnen Muthigen erinnern, und wo wir solche
Bilder muthloser Zerschlagenheit aus der preuischen Hauptstadt hinstellen
mussten, um wahr zu sein, wird es zur Pflicht auch einiger Zge zu gedenken, die
schon wie das ferne Wetterleuchten einer besseren Zeit am Horizont erscheinen:
    Da stand eine Deputation vor dem Gewaltigen, und er erwartete stammelnde
Unterwrfigkeit, Bewunderung und demthiges Flehen. Er konnte es erwarten nach
dem, was vorging. Aber Einer im Priesterkleide trat vor und sprach: Sire, ich
wre nicht werth des Kleides, das ich trage, des Knigs, dem ich diene, des
Wortes, das ich verkndige, wollte ich nicht bekennen, ich sehe - Eure Majestt
nicht gern in Berlin. - Was Napoleon erwidert, haben die Kinder der
Zeitgenossen vergessen, aber im Verlauf des lebhaften Gesprchs, worin der khne
Mann den Sieger fragte, ob er denn in der Geschichte lieber als ein Ruber
dastehen wolle, denn als ein christlicher Herrscher, trat der alte Erman
pltzlich herzhaft auf den Kaiser zu, fasste seinen Arm, schttelte ihn und
sagte: Ce bras victorieux sera bienfaisant! Es wird erzhlt, Napoleon sei
erschrocken zurckgetreten. Das htte er aus Berlin nicht erwartet. Spter habe
er zu seinen Adjutanten geuert: quel gant que ce vieux druide! Jamais prtre
ne m'a dit cela.
    Erman, so wei man, aber nicht aus dem Munde des bescheidenen Mannes, der
selten davon sprach, wute das Gesprch, als Napoleon eine gndige Miene annahm,
auf die Knigin Louise zu lenken. Als warmer Lobredner der erhabenen Tugenden
seiner Monarchin habe er versucht, die bse Meinung oder den bsen Willen des
Kaisers zu beschmen. - Darber ruht ein Schleier, den Niemand lften wird. Nach
der Rckkehr des Knigspaares nach Berlin berreichte die Knigin selbst Erman
die Dekoration, welche der Knig ihm verliehen, mit der Anrede: Mon chevalier!
    Der vor Kurzem verstorbene Sohn jenes alten Erman, der auch wieder der alte
Erman genannt ward, der berhmte Professor und Chemiker, schrieb in einem Briefe
an eine Verwandte zur Zeit der Mobilmachung im Herbste 1850: Ich denke jetzt
oft an die Worte, die Napoleon an meinen Vater richtete: Votre reine m'a fait
une guerre de petit fille et de petit garon. Schon sieben Jahre spter waren
die Kinder der Knaben zu den Mnnern der Katzbach und von Leipzig erwachsen!
    Eine andere Deputation berief spter der zrnende Kaiser nach Paris. Es
waren Mnner des Gerichts, eines hohen Tribunals, das gewagt, ein Urtheil zu
fllen, welches dem Gewaltigen nicht gefiel. Sie hatten Einen, der von Paris aus
verfolgt ward, freigesprochen, und Napoleon wollte ihn verurtheilt wissen.
Napoleon donnerte sie an und schlo mit der Drohung, wenn der Fall wieder
vorkme: Je vous fusillerai! Der Prsident des Tribunals erwiderte dem
Imperator: Sire, vous fusillerez la loi. Napoleon leitete gegen ihn ein
Disziplinarverfahren ein. Der Mann Rechtes, der die mnnliche Antwort gab, hie
Sethe.
    Ob der Fall in unsere Geschichte gehrt? - Er geht ber sie hinaus. Wandel
ward von Paris aus verfolgt, das preuische Gericht fand aber die Beweise nicht
zur Ueberzeugung gefhrt. Auch in Bezug auf seine Verbrechen in Berlin hatte
Wandel gegen Fuchsius richtig vorausgesagt. Trotz der moralischen Ueberzeugung,
welche das Gericht gewann, gengten die Beweise nicht, um gegen ihn die letzte
Strafe zu diktiren. Er bte, wie die Lupinus, fr seine schweren Verbrechen nur
durch eine lange Freiheitsstrafe. Beide berlebten sogar ihre Strafzeit.
    Viele von den Personen, die wir hier vorgefhrt, haben auch den Tag
berlebt, mit dem wir unsere Geschichte beschlieen, es wre sogar mglich, da
sie noch heute leben. Wenn sie die Theilnahme unserer Leser sich erwarben, wre
es mglich, da wir auch von ihren ferneren Schicksalen Kunde gben, denn es ist
viel vorgegangen seit fnfzig Jahren und heut.

                                     * * *

    Das war der traurigste Auszug, den je Berlin gesehen. Selbst der Jubel des
Volks, als die Wagen der Knigin vorm Schlosse hielten, um Wsche und das
Nthigste zu einer Reise ohne Ziel einzunehmen, war herzzerreiend fr die hohe
Frau. Sie hatte nicht Worte, nur Thrnen. Dann die Straen, die Tausende, die
dem Wagen folgten, die zum letzten Mal die geliebte, schne, milde,
brgerfreundliche Knigin sehen wollten. Auch da schrien Viele, sie wollten ihr
Gut und Blut lassen, man solle sie nur rufen. Was sollte Louise antworten! - Auf
Wiedersehen, auf Wiedersehn! schluchzte es aus den Fenstern. Was konnte sie
darauf antworten! Die Fenster alle aufgerissen, berall Kopf an Kopf, Tcher
wehten und Tcher trockneten die Augen. Sie konnte nicht mehr hinauswehen, sie
lehnte sich erschpft zurck. Und doch fielen ihr zwei stattliche Huser auf, da
war es still, die Fenster, auch hie und da die Laden, waren geschlossen. Die
Blicke ihrer Begleiter sahen mivergngt dahin. Die milde Frstin sagte: Gewi
sehr Kranke! - Da wohnt der Geheimrath Bovillard, sagte die Hofdame verlegen,
er soll in der That krank sein! Die Knigin schtterte zusammen und fragte
nicht mehr, auch nicht, wer in dem andern Hause wohne? Der Adjutant zu Seiten
des Wagen flsterte der Vo zu: 'S ist doch unglaublich vom Grafen St. Real. Er
hat Angst, da Napoleon es ihm bel vermerken knnte. - Aber ein nobler
Kavalier sonst, bemerkte die alte Grfin. Auch ein Kranker, sagte sie zur
Knigin.
    Da war die Strae gesperrt in der Nhe des Doms. Ein Hochzeitszug kam aus
der Kirche. Die Leute lachten, die Straenjugend war sogar sehr laut; sie
machten ihre Glossen zum Brautpaar. Auch die Kassenwagen hatten hier Halt machen
mssen, und Walter war mit dem Geheimrath Alltag aus dem Wagen gesprungen, nicht
aus Theilnahme fr die Hochzeitleute, sondern weil Jeder den Augenblick nutzen
wollte, um Abschied von einem Angehrigen zu nehmen. Walter presste seinen Vater
an die Brust: Ich suchte Sie vergebens in - Ihrem Hause. Aber, was bedeutet
das, die Siegel waren abgenommen? - Freude, mein Sohn, es knnen ja nicht Alle
trauern. Die Welt ist ein groes Kaufmannsspiel: wenn Viele verlieren, mssen
doch Einige gewinnen, wo bliebe es sonst! Der Rothwein steigt, die Hfen werden
gesperrt. Er ist schon gestiegen. Gestern bot man mir zehn Prozent ber den
Einkauf, heute zwanzig, wenn die Franzosen da sind, bieten sie funfzig. Soll ich
mich freuen, da die Franzosen da sind, oder soll ich weinen, da unsre
Junkeroffiziere Schlge bekommen haben? Dein Vater ist ein reicher Mann, er hat
Kredit, Freunde berall, die ihm lngst htten helfen wollen, wenn sie nur
gewusst, da er in Noth war. Nicht wahr, die Menschen sind doch besser, als wir
denken, wir merken's nur nicht! Lebewohl, mein Junge, behalt' im Gedchtni, da
der beste Rechner oft die grten Fehler macht. Wer wei, wenn der Bonaparte mal
'ne Null zu viel schreibt! Drum rechne nicht zu viel, schone Dein Leben, denn Du
musst rechnen, da Du wieder eines reichen Mannes Sohn bist und sein Erbe; und
Minchen Schlarbaum, vor der brauchst Du Dich nicht zu frchten, wenn Du
wiederkommst, sie wird wohl den Herrn Fuchsius heirathen. Drum bleibe
meinethalben romantisch, hast Recht, ich mu ja jetzt auch romantisch sein, auf
jeden Fall aber bleibe - ein Patriot!
    Platz! rief es, der Hochzeitszug bewegte sich fort. Aber als der
Geheimrath Lupinus mit der ihm eben angetrauten Geheimrthin nach dem Lustgarten
schritt, rief es wieder: Platz! Ihre Majestt die Knigin! Der Zug stiebte
auseinander, als der Wagen sich langsam Platz machte. Charlotte hatte in der
Kirche viel geweint vor Gemthsbewegung, und sie hatte Grnde:
    der Tod ihres Wachtmeisters, die unverhoffte Ehre, zu der er ihr endlich
verhalf, und der Verdru, da sie keine Kutschen und Pferde erhalten knnen. Die
waren alle requirirt zum Transport und fr die Fliehenden. Ein Brautzug zu Fu
hatte ihr eine Entwrdigung der Ehe gednkt. Was aber war das gegen ihr Gefhl,
ihre Bestrzung, nein, es war ein Donnerschlag, als man ihr auf die Schulter
stie: Zurck! die Knigin! Die Knigin hatte halten und warten mssen um
Charlotten! - Sie sah das holdselige Gesicht der Knigin, das verwundert ber
das Unerwartete zum Kutschenschlage herausblickte. Da war's um sie geschehen; es
war zu viel. In ihrem Brautanzuge, der sehr kostbar war, aber doch vielleicht
aus der Garderobe der seligen Frau Geheimrthin, war sie auf die Knie gestrzt,
das schwere bauschigte Damastkleid im Gemll der Strae! Gnade,
allerdurchlauchtigste Knigin, aber ich kann nicht dafr. Er hat mich
geheirathet. Als die Knigin, die vielleicht ein Bittgesuch vermuthete, den
Kopf weiter vorbeugte, setzte der Geheimrath mit tiefer Verbeugung hinzu:
Majestt, nur wegen der allgemeinen Kalamitt.
    Ob die Knigin in ihren Schmerzen gelchelt, ob sie wirklich eine Bewegung
mit der Hand gemacht, die fr eine Segnung gelten konnte? Sie hatte sich schnell
wieder in die Kutsche zurckgelehnt. Alles war das Werk des Augenblicks. Walter
zuckte pltzlich auf. Der Brautzug trennte ihn noch von jener Wagenreihe; aber
er sah eine weibliche Gestalt in Trauer sich aus der dritten Kutsche
hinauslehnen und dem alten Alltag einen Scheideku geben. Es war Adelheid. Ihre
Augen trafen sich. Eine junge Wittwe, die Frau von Bovillard, sagte Jemand
neben ihm. Der Wagen rollte den andern nach. Adelheid sah noch einmal hinaus und
winkte mit dem Tuche, er wusste nicht, ob ihm, ob ihrem Vater. Durch die Pappeln
schwirrte ein Luftzug; ihm war es, als susele er: Auf Wiedersehen!
    Rebutant! sagte die Grfin Vo, als die kniglichen Wagen auer dem Thore
waren. Da Ihro Majestt zuletzt ein solcher ridiculer Auftritt in Dero
Residenz begegnen musste. Man sieht, es ist mit aller Ordnung und Dehors dort
aus.
    Man musste Zeit gehabt haben, vielleicht um sie zu zerstreuen, die Frstin
von den Verhltnissen zu unterrichten. Auch hatte man sie aufmerksam gemacht,
da der alte wohlbekannte Kaufmann van Asten lchelnd an der Strae gestanden:
Er htte doch wenigstens in solchem Augenblick seine Freude verbergen mssen.
    Die Knigin hatte schweigend dagesessen. Jetzt ffnete sie die Lippen:
Weshalb, meine Freunde, weil wir traurig sind und Millionen mit uns, sollen
Alle trauern? Hat die Vorsehung es nicht so gefgt, da whrend es hier Nacht
ist, jenseits der Erde die Sonne scheint, und wir wissen, da, wenn es dort
dunkelt, hier der Tag anbricht. Wenn wir Alle in Finsterni und Trauer
vergingen, wie sollte der Hoffnungsstrahl uns erleuchten! Freuen wir uns doch,
da nicht alle Herzen brechen, da sie sogar noch lachen knnen, whrend wir
blutige Thrnen weinen. Die heute ausruhen, sind morgen wach. - Ich will es als
eine gute Vorbedeutung nehmen, da wir eine Hochzeit, Lachende und Frohe sahen
beim Abschied aus Berlin.
    Als sie, um von der Hhe einen letzten Scheideblick auf die Knigsstadt zu
werfen, den Kopf aus dem Fenster steckte, theilte sich der Herbstnebel am
Horizont und die Sonne strahlte aus dem blauen Firmament. Sie horchte auf die
Lerchen in der Luft. Ob sie das Lied verstand? Es war kein letzter Seufzer des
Mohrenknigs, als er sein Wehe mir, Alhama! auf dem Berge sang, von dem er zum
letzten Mal sein geliebtes Granada sah.

                                     Ende.

                                    Funoten


1 Historische Worte Niebuhrs aus jener Zeit.

