
                                 Gutzkow, Karl

                             Die Ritter vom Geiste

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                                  Karl Gutzkow

                             Die Ritter vom Geiste

                                    Vorwort

Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leser, zu der ich Dich
auffodere! Rste Dich mit Geduld, mit geschftlosen Sonntagsvormittagen und
einem guten aushaltenden Gedchtni! Vergi mir nicht morgen, was ich Dir heute
erzhlt habe! Werde nicht mde, wenn Du unabsehbare Ebenen erblickst, sich der
Weg zwischen gefahrvolle, nicht endende Gebirgspsse zwngt oder die Landstrae
pltzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint!
    Was Du Alles auf dieser Wanderung wirst zu sehen bekommen, die Landschaft
und die Dir begegnenden Menschen, ihr Werth, ihr Charakter, ihre Wahrheit ....
da sieh zu, wie Dein Geschmack mit ihnen fertig wird! Ich bitte um Schonung;
aber wenn sie mir von Deiner Strenge verweigert wird, mu ich mir's schon
gefallen lassen. Nur ber die lange Dauer dieser Wanderung, ber das
weitentrckte, sozusagen atlantische Ziel, ber den groen, groen Proviant von
Zeit und Geduld, den ich beanspruche, mu ich Dich bitten, mir ein
entschuldigendes Vorwort zu erlauben.
    Thu' mir nicht von vorn herein das Unrecht an und sage: Ich htte in meinem
ber das bliche deutsche Ma hinausgehenden Werke die Franzosen nachahmen
wollen! Der ewige Jude, die Geheimnisse von Paris sind deshalb geschrieben
worden, weil in einer Zeit, wo Alles spricht, Menschen, die geneigt sind
zuzuhren, eine Eroberung sind. Diese glcklichen Zeitungseroberer von Paris
haben ihre Beute nicht wieder wollen fahren lassen und fhrten deshalb den Stil
ein, den sie von den Taschenspielern auf Jahrmrkten borgten, die ihre
Productionen von heute immer mit einer Ankndigung auf morgen schlieen. Die
Feuilleton-Romane, wie man sie drben berm Rheine nennt, oder die
Fortsetzung-folgt-Romane, wie man sie nennen sollte, sind nur fr groe Kinder
geschrieben, zu denen man sagt: Heute war's gewi schn, morgen wird's aber doch
noch viel schner werden!
    Also Das nicht, lieber Leser! Ich wollte wol, unser strenges Publicum ahmte
dem franzsischen an gutem Willen beim Hren und Hinnehmen nach, aber ich selbst
bin nur deshalb so lang geworden, weil ich beim besten Willen nicht kurz sein
konnte. Sollen wir zurckgezogenen einflulosen Schriftsteller, die wir doch
auch gewohnt sind, den Samen reeller Thatsachen von den Blten der Erscheinung
abzustreifen und in unserer Art auch Etwas fr die Geschichte zu thun, die
Grndlichkeit nur der Paulskirche und den Protokollen unserer Stndekammern,
Interims- und Verwaltungsrthe berlassen? Schlimm genug, da man so ernst, so
nachdrcklich, so systematisch mit unserer Zeit sprechen mu! Anekdoten thun's
nicht mehr. Was ist Euch Boccaccio? Eine bunte Federflocke vom classischen Wind
bewegt! Es finden sich ihrer allerdings genug, die der Zeit entrinnen wollen und
lieber einer vom classischen Wind bewegten bunten Federflocke nachirren, als dem
Jahrhundert, das sie hassen; allein mit diesen mag ich nicht reden. Ich will es
mit Denen, die ihrer Zeit vertrauen, Hoffnungen auf sie setzen und die da sagen:
Eine Nacht, um ein zweckloses Mrchen zu hren, die hab' ich nicht, aber tausend
und eine Nacht, die htt' ich und schenke sie Dem, der sie im Scherze lehrend
auszufllen versteht!
    Wohlan denn, Du wunderlicher Heiliger, ich halte Dich beim Wort! Ich sage
Dir im Vertrauen, da eine Nacht und ein Mhrchen mich selbst, den Erzhler,
nicht befriedigen wrden. Und erzhlt' ich Dir das sinnigste und Arabiens
wrdigste Mhrchen, ich selbst wrde in unsern sternenlosen Nchten dessen nicht
froh, und wo dem Schpfer nicht wohl wurde bei einem Werke, da kann's dem
Beschauer ewig nur weh sein. Schnheit ist ja Ruhe; Ruhe des Gemths quillt in
den Betrachter vom befriedigten Schpfer, und der Schpfer, der hier dies
vielleicht bervoll aufgeschossene Werk Dir vorlegt, diesen endlos scheinenden
Park mit Seen und Brcken und Wasserfllen, gesteht aufrichtig, da er jenen
einzigen Wassertropfen, der jetzt die ganze Welt abspiegelte, nicht hat finden
knnen. Er wei wohl, es gibt Dichter, die mit einem Wassertropfen die Welt
abspiegeln; und noch mehr solche, die glauben, diesen Wassertropfen zu besitzen.
Er ging auch hinaus vor's Thor und nahm von der Flur einen Thautropfen, der
glnzte in der Sonne - grn - aber die Welt ist blau. Ein anderer glnzte blau -
aber die Welt ist roth. Ein dritter glnzte gelb und grn, und die Welt
schillert jetzt in allen Farben. Es ist nichts mehr mit dem Thautropfen, dachte
er. Es mu mehr sein und etwas Anderes, wenn auch noch keine Douche und noch
kein Regenbad.
    Macht ihr Geschichte, dachte er, wir wollen Romane schreiben.
    Er dachte an die Geschichtsmacher von heute, die aus dem Staube der Ruinen
neue Tempel bauen wollen. Er dachte an die Flicker und Leimer, in deren Hnde
die Organisationen gerathen sind, und die uns nachgerade die Lust genommen
haben, nur nothdrftig auf ihre Baupltze zu blicken, mgen sie nun in Paris,
Rom, Wien, Berlin oder in Gotha und Erfurt liegen. Baut ihr und flickt an den
alten Welten, wir wollen neue bauen, wenigstens in der Idee. Jeder groe Mnster
hat anfangs sein kleines Modell. Die alten Erbauer, wenn sie ein Denkmal
bekamen, trugen diese kleinen Modelle in der Hand; diese mochten nicht schwerer
wiegen als so ein Roman von mehr Bnden als blich, ein Roman in dem neuen Stil,
der in der That architektonisch ist, sehr mislich nachzuahmen, und auf den uns
Professor Gervinus zu seinem rger doch noch ein literarhistorisches Patent
geben soll.
    Denn ich glaube wirklich, da der Roman eine neue Phase erlebt. Er soll in
der That mehr werden, als der Roman von frher war. Der Roman von frher, ich
spreche nicht verchtlich, sondern bewundernd, stellte das Nacheinander
kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar. Diese prchtigen Romane mit ihrer
classischen Unglaubwrdigkeit! Diese herrlichen, farbenreichen Gebilde des
Falschen, Unmglichen, willkrlich Vorausgesetzten! Oder wer sagte Euch denn,
ihr groen Meister des alten Romanes, da die im Durchschnitt erstaunlich
harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effecte der
Unterhaltung sammelt, da ohne Lge, ohne willkrliche Voraussetzung, sich alle
Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten? Die
seltenen Flle eines drastischen Nacheinanders greift das Drama auf. Sonst aber
- lebenslange Strecken liegen zwischen einer That und ihren Folgen! Wieviel
drngt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort! Und
Ihr verbandet es doch? Und was dazwischen lag, Das warft Ihr sorglos bei Seite?
Der alte Roman that Das. Er konnte nichts von Dem brauchen, was zwischen seinen
willkrlichen Motiven in der Mitte liegt. Und doch liegt das Leben dazwischen,
die ganze Zeit, die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit, die Widerspiegelung,
die Reflexion aller Lichtstrahlen des Lebens, kurz Das, was einen Roman, wenn er
eine Wahrheit aufstellte, fast immer sogleich widerlegte und nur eine Thatsache
gelten, siegen lie, die alte Wahrheit von der - unwahren, ertrumten
Romanenwelt!
    Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinanders. Da liegt die ganze Welt! Da
ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch! Da begegnen sich Knige und Bettler!
Die Menschen, die zu der erzhlten Geschichte gehren, und die, die ihr nur eine
widerstrahlte Beleuchtung geben. Der Stumme redet nun auch, der Abwesende spielt
nun auch mit. Das, was der Dichter sagen, schildern will, ist oft nur Das, was
zwischen zweien seiner Schilderungen als ein Drittes, dem Hrer Fhlbares, in
Gott Ruhendes, in der Mitte liegt. Nun fllt die Willkr der Erfindung fort.
Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der
Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der der Wirklichkeit
gegenber. Er sieht aus der Perspective des in den Lften schwebenden Adlers
herab. Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu,
eigenthmlich, leider polemisch. Thron und Htte, Markt und Wald sind
zusammengerckt. Resultat: Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der
Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schpfen, da auch die moralisch
umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch knne gttlich
regiert werden.
    Ein solcher Versuch, die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen
Brennpunkt zu sammeln, ist die Geschichte, die ich Dir, lieber Leser, hier
aufgerollt habe. Sie ist in den Thatsachen und dem sozusagen allegorischen
Rahmen nicht neu, aber neu in der Verknpfung. Kurz konnte sie ihrer Natur nach
nicht werden, denn um Millionen zu schildern, mssen sich wenigstens hundert
Menschen vor Deinen Augen vorberdrngen. Denke nur immer, da der Zweck und die
Aufgabe so lautet:
    Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren
Gemeinden schuldig, ihnen zu zeigen, wie die ganze Flle des Lebens von ihrem
neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen
athmen lasse, berall, in jedem Winkel Gottes, den der neue Luftzug der Idee,
der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht. Die uere Welt ist durch
Knstlerhand allein nicht zu ndern. Lat vorlufig unsere Minister und die
Soldaten dafr sorgen! Aber die innere Welt, die, welche Jeder in seiner Brust
trgt, die kann schon eine umfassende, in allen Hhen und Tiefen des Lebens aus
einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegrndete sein. Diese
Allseitigkeit war mein Ziel. Ich sage nicht, da ich ein Panorama unserer Zeit
geben wollte. Wer vermchte Das? Die Aufgabe wre nicht zu lsen, und anmaend
erklnge es, wollte sich ihrer Jemand anheischig machen. Aber ein gutes Stck
von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden, eins, gerade
gro genug, um ein Menschenleben zu ermuntern, da es nicht verzage, sondern
getrost in dem einen Geiste der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die
laufenden, tagesblichen Bedrngnisse der innern berzeugung nicht zu sehr
verdrieen lasse.
    La Dich denn also von mir, lieber Leser, in diesen Blttern einspinnen, wie
der werdende Schmetterling sich in den Cocon spinnt, wo er Blatt und Baum, auf
dem er hlflos kroch, preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen
Lichtlebens begrbt. Die Kunstrichter mgen richten; die voreilige Kritik mag
Dir die Lust nehmen wollen, dem Erzhler zu folgen; achte ihrer nicht und bleibe
treu dem Dich einhllenden Gespinnst, bis dem weitern Verlaufe zu die Hlle
bricht, und in anschauender Prfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten
Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und
Vesten, der Ritter vom Geiste, aufsteigt, von deren Schicksalen diese Bltter
erzhlen.
    Dresden, am Pfingsttage 1850.
                                                                   Karl Gutzkow.


                                  Erstes Buch

                                 Erstes Capitel

                          Das Kreuz und das Kleeblatt

An einem heien Sommernachmittage sa ein junger Mann, von summenden Kfern
umschwrmt, das Haupt auf eine ber die Knie ausgebreitete Mappe beugend, vor
einer einfachen lndlichen Dorfkirche, um sie zu zeichnen. Die Formen des
bescheidenen und doch ehrwrdigen Gebudes wiesen auf einen ziemlich alten
Ursprung hin. Leicht und schlank sprang der spitze Thurm in die blaue therhhe.
Die alten grngerosteten Glocken hingen in ffnungen, deren Rnder ein zierlich
geschweiftes steinernes Bltterwerk schmckte, willkommener Schlupfwinkel fr
ein Heer von Spatzen, das den Thurm lrmend umschwirrte. Das Schiff wlbte sich
mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als lnglich um den Glockenthurm,
dessen Portal ein groes, halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte.
Dieser einfache Bau, umgrenzt von grnen Haselnuhecken und gehtet gleichsam
von zwei alten Lindenbumen vor der Eingangspforte, schnitt sich an dem
duftreinen Horizont so gefllig, so lieblich ab, da man dem jungen, ber seiner
Arbeit trumenden Knstler nicht verargen konnte, sich daraus fr sein
Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten. Aber der alterthmliche
Reiz dieser Scene wurde noch durch die Trmmer eines Gebudes erhht, das einst
dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden mute gestanden haben. Noch waren
einzelne verwitterte Mauern hier und da brig geblieben und nun auf lbliche
Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet. berall, wo eins der alten Trmmer
aufhrte, begann in der Umzunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher,
freilich etwas zerfallener Bretterzaun, bis diesen wieder ein morsches Stck
alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern ablste, deren Trmmer sich in das
innere lauschige Gezweig von weien, wrzig duftenden Fliederbumen, die sie
berschatteten, verloren. Kirche und Friedhof lagen auf einer migen,
grasbewachsenen, mit weien Sternblmchen wie bestreuten Anhhe, die eine
Fernsicht auf diejenige groe und berhmte deutsche Hauptstadt erlaubte, welche
der Schauplatz der nachfolgenden Mittheilungen sein wird.
    Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene
Drfchen - es hie Tempelheide - von der groen lrmenden Stadt hinausgewandert,
hatte sich, rings den Hgel musternd, die gnstigste Stelle fr seinen Plan
auserlesen, und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse, das
nicht blos ein knstlerisches genannt werden konnte. Er wute nmlich, da diese
Trmmer Reste eines alten Tempelhofs waren. Das groe Kreuz ber der Kirche, in
eigenthmlicher Form, bewies, da einst die Tempelritter, die hier gewohnt
hatten, auch die Grnder und Erbauer dieser Kirche waren. In seinen
Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus, die Zierde seiner im Harz
gelegenen Vaterstadt, vielfach gemthlich verwiesen, nahm er um so lebendigeres
Interesse an diesen ehrwrdigen historischen Resten, als ihm auch sein erstes
Probestck beim Eintritt in die groe Genossenschaft der sozusagen
losgesprochenen Knstler, Jakob Molay's Feuertod, so brav gelungen war, da er
schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neuern Malerkunst gerechnet werden
konnte. Dankbarkeit auch gegen den glcklichen Gegenstand seines Bildes, den
Mrtyrertod der alten franzsischen Tempelherren, hatte ihn hierher nach dem
Drfchen Tempelheide gefhrt, wo auch einst Tempelherren gehaust, auch einst
Tempelherren jene Kirche und das Profehaus gebaut hatten, von dem noch jene
malerischen in den Friedhof verlorenen Trmmer hinterblieben waren.
    Wie Siegbert Wildungen - so hie unser junger Maler - auf einem Stein unter
einer Brombeerhecke lngst Platz genommen hatte und im nothdrftigen Schatten
des stachlichten Gebsches endlich einmal auch seinen breitrandigen Calabreser
lftete, um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn
zurckzustreichen, bemerkte er pltzlich, da er nicht allein war. Aus dem
gelben Kornfelde, das die ffnung zwischen dem Hgel und dem Aufgang zu einem
nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfllte, erhob sich, ghnend und wie nach
gehaltener Mittagsruhe sich reckend, eine Gestalt, die weder oben dem
herrschaftlichen Wohnhause, noch unten dem Dorfe anzugehren schien. Es war, so
weit man sie im Liegen beurtheilen konnte, eine lange hagere Figur im leichten
Sommerrock wie Siegbert, aber die Pantalons verwaschen, an den Knieen
hervorstehend, das Hemd zerknittert, die Halsbinde weggeworfen und die Weste
fast zu kurz und wie verschnitten. Die seltsame Gestalt, die sich aus dem Korn,
in dem sie geschlafen hatte, herauswand, war jung und wie es schien verwhnt
bequem. Der Mittagsschlfer ghnte mit mehr Behaglichkeit, als er wrde
empfunden haben, wenn ihn der Bauer, dem das Kornfeld gehren mochte, in der
Verwstung seines Eigenthums betroffen htte. Wie er den Maler entdeckte,
sttzte er, wieder lang sich hinwerfend, den Kopf auf den Arm und schickte sich
an, in grter Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten. Die rechte Hand steckte
er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons; die linke kratzte sich
die hren aus dem etwas rthlich kurzgeschorenen Haar. Statt den Maler
anzureden, pfiff er sich eine Melodie, die nicht zu den gewhnlichen gehrte und
Bekanntschaft mit den Modeopern verrieth. Siegbert Wildungen war der neuesten
Opern sicher unkundiger, als jener bequeme und in seinen Blicken fast
zudringliche dreiste Gesell.
    Whrend Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des
Thurmes bald den vollen Schlag der fnften Stunde voraus anzeigte, hrte man
einen Wagen in der Nhe. Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee, die
zur Stadt fhrte, die Anhhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in
Siegbert's Rcken liegenden herrschaftlichen Gartens. Er hatte des
geschmacklosen kleinen Schlosses, das dem Besitzer von Tempelheide zu gehren
schien, anfangs wenig Acht gehabt. Der Park, der es einschlo, schien ihm von
vielem Nadelholze fast zu dster; nur ein sonderbares Etablissement am Rand
desselben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lcheln abgelockt. Es war ein
groer hlzerner Regenschirm oder ein Riesenpilz, dessen Dach eine unter ihm
gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne schtzte. Der Besitzer des Schlosses
nennt unstreitig diesen Regenschirm oder Pilz seinen chinesischen Pavillon,
hatte er sich gedacht und dabei eingestanden, da ein Abendimbi in dieser
freien Luft, beim wrzigen Hauche der dstern Tannen des Parkes, dem Dufte des
weien Flieders und der Linden von der Kirche her, bei alledem hchst erfreulich
und lndlich-anmuthig sein konnte. Sein Nachbar schielte schon lange von Zeit zu
Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weien gedeckten Tische und den Glsern
und Tellern, dem Silberzeuge, den Messern und Gabeln, und sein Schweigen
brechend, rief er, auf die dreiig Schritte, die er von der Brombeerhecke etwa
entfernt war, in gutem geschultem Deutsch, die satirischen, auf die Kutsche
bezglichen Worte hinber:
    In der alten Carrte da haben sie gewi schon Ziethen aus dem Busch
begraben.
    Siegbert Wildungen verstand ganz gut, da die Carrte die eben angefahrene
Kutsche sein sollte, blickte aber nicht hin. An ihrem Gepolter schon hrte er,
da sie baufllig und altmodisch sein mute. Sie aber auf den alten Ziethen aus
dem Busch zurckzufhren, das war eine Landesanschauung, die ihm, obgleich er
demselben Staate angehrte, nicht gleich ganz gelufig war. Er beantwortete die
Bemerkung nicht.
    Nach einer Pause lachte der junge Rothhaarige wieder hell auf und sagte:
    O Je! O Je! Die alten Schindmhren hat schon Methusalem gefahren.
    Siegbert Wildungen fhlte sich vom Ton des Sprechers und noch mehr von
seiner Absicht, ein Gesprch anzuknpfen, nicht eben angenehm berhrt und
antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblicken. Es schien ihm so unwrdig,
sich gleichsam auf Gehei eines solchen Menschen umwenden zu sollen und seine
selbstgengsamen Witze beifllig zu besttigen. Dennoch regte ihn unwillkrlich
die Vorstellung von Pferden, die schon Methusalem gefahren htte, an, und es
half nichts, er mute nun ber seine Mappe hin wenigstens zu dem Gesellen im
Kornfelde einmal hinberlugen. Als dieser mit sphendem Auge das erwachende
Interesse des Malers bemerkte, fuhr er, wie dadurch ermuthigt, fort:
    Fallen Sie nicht, Excellenz! Immer langsam voran, altes schweinsledernes
Porcus Juris! So! Kommen Sie zum Handku bei Ew. Gnaden, Phylax und Sultan?
Ktzchen darf auch guten Tag sagen? Miau! Miau! Und der schwarze Spitzbub, der
Rabe, hui! was der ihm wol ins Ohr geplauscht hat von Galgen und Rad! Ein
Compliment von Khnapfel und Tschech? Nicht wahr, Du alter Kster vom
Rabenstein! Jetzt wird wol gefrhstckt? Lat's Euch gut schmecken! Prosit die
Mahlzeit!
    Whrend dieser sonderbaren, mit scharfem malizisen Ton vorgetragenen Worte
schnarrte die alte Thurmuhr Fnf. Siegbert konnte jetzt nicht umhin, sich vllig
umzuwenden und sich die Scene anzusehen, die ihm ebenso barock geschildert
worden war.
    Die mehrerwhnte Kutsche fuhr eben am Gartenstackete entlang, um in die
entfernter liegende Hofthr einzulenken. Im Garten und vor dem Schlosse sah er
Niemand mehr.
    Schade, da Sie zu spt kamen, sagte Siegbert's immer zutraulicher werdende
Bekanntschaft.
    Wer stieg denn aus? fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und
sanften Tone.
    Der, dem das Schlo da gehrt, antwortete der Fremde, kennen Sie ihn nicht?
    Gibt's vielleicht einen Herrn von Tempelheide? bemerkte Siegbert.
    Tempelheide? Das nicht! Da wohnt der alte von Harder im Sommer.
    Wer ist der alte von Harder? fragte Siegbert, ohne in seiner Arbeit
aufzuhren.
    Es gibt zwei Excellenzen von Harder. Eine junge und eine alte. Also die
Excellenzen von Harder kennen Sie nicht? Da sind Sie fremd. Die junge Excellenz
verwaltet die kniglichen Grten, wie Erzengel Michael das Paradies, aber blos
mit der Giekanne und dem Rechen in der Hand. Der Alte aber trgt's Schwert und
die bekannte Wiegeschale. Der ist bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf
Erden, wenigstens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft.
    Also wol der Justizminister?
    Beinahe, aber noch mehr! Es ist der Prsident des Obertribunals! Neunzig
Jahr alt! Halbblind, wie's Madame Themis verlangt, wackelig wie ihr Wiegebalken.
Die Der schon alle hat kpfen lassen, die wrden drben nicht auf den Kirchhof
hin knnen! Ein Todesurteil besttigen, ist ihm wie 'ne Prise Schnupftaback
nehmen. Die Leute haben groen Respect vor ihm; mir kommt er aber kindisch vor.
Man mu ihn nur sehen, wenn er mit Hunden und Katzen, besonders aber, wenn er
mit einem gewissen Raben spricht.
    Wer neunzig Jahr alt geworden ist unter den Schlechtigkeiten der Menschen,
bemerkte Siegbert, doch angezogen von der abgerissenen Rede des Nachbars, Dem
ist nicht zu verdenken, da er uns vernnftige Zweibeine lngst satt hat und
sich mit den unvernnftigen Thieren unterhlt. Thut er denn Das?
    Der Nachmittagsschlfer pfiff sich statt der Antwort ein Lied, reinigte
seinen Hut und band die Halsbinde um, dann sagte er, als htte er die Frage erst
berlegt:
    Schlechtigkeiten? Schlechtigkeiten ist manchmal so - so - bei der
Handthiererei, dem Rechtsverdrehen.
    Er sang dann weiter.
    Nach einer kleinen Pause, die nun auf die letzten mit groer Bitterkeit
gesprochenen Worte auch Siegbert machte, bemerkte dieser ruhig fortzeichnend:
    Haben Sie wol einen Proce verloren?
    Einen? Mitunter ein Dutzend, antwortete der Fremde und setzte pfiffig hinzu:
    Noch fter aber welche gewonnen. Gerade wegen der gewonnenen Processe legt
sich der Respect vor der Justiz. Aber's Obertribunal ist gut; es kommt nur
darauf an, da Einer soviel Lunge, d.h. Geldbeutel hat, um sich nicht auer
Athem zu laufen, bis er bei der neunzigjhrigen Unparteilichkeit da oben
angekommen ist.
    Siegbert antwortete nicht; auch der Fremde schwieg eine Weile, ordnete sein
Hemd, zog an seinen Pantalons, an denen er die gelsten Sprungriemen wieder
befestigte, zog eine Taschenbrste und strich sich sein rthliches Haar. Als
diese Toilette, die er immer noch im Liegen machte, vorber war, warf er, auf
Siegbert's Arbeit deutend, leicht hin:
    Sie zeichnen die Kirche? Ist denn die Kirche da hbsch?
    Das mssen Sie doch selbst beurtheilen knnen, erwiderte Siegbert, ein wenig
empfindlich ber diese Bemerkung, die fast spttisch klang.
    Wie soll ich Das wissen! antwortete der Fremde. Hbsch? Der Mnster in
Strasburg soll hbsch sein. Er ist gro, und der Dom in Kln soll noch grer
werden. Auch unser Dom ist schn - Hm, hm - Die Kirche da! Ei ja! Die Linden
machen sich ganz artig und bei Mondenschein lt sich's vielleicht noch schner
an! Dann prsentirt man so was einer schnen Demoiselle, die legt's in ihr Album
und schreibt darunter: Liebe mich, ich liebe dich - junger Maler - blondes Haar
- Calabreser - gestern kennen gelernt, heute geliebt - morgen vergessen. Kennen
Sie solche Albums?
    Diese wieder mit groer Bitterkeit gesprochenen fast fein satirischen Worte
aus dem Munde eines sich doch so roh geberdenden Menschen berraschten Siegbert.
Waren ihm schon seine frhern uerungen befremdlich gewesen, so widersprach
doch diese letzte so sehr der Vorstellung, die man von dem Bildungsgrade eines
wie ein Vagabond sich ankndigenden Menschen haben konnte, da er voll Erstaunen
fragte:
    Haben Sie sich in der groen Welt bewegt?
    Wie so? lachte der Fremde hhnisch und stand jetzt auf.
    Indem er seine Kleider abputzte, die Weste zuknpfte, den zerknitterten Hut
brstete, erschien er, wenn auch kleiner, doch stattlicher als vorhin und zeigte
sich als ein junger blasser Mann mit hellblauen scharf durchdringenden Augen,
zartem Teint und fast weiblichen Gesichtsformen. Er war nicht so gro, als er im
Korn liegend erschien. Alles an ihm war schmchtig, zart, unausgebildet. Er
schien im Anfang der zwanziger Jahre zu sein, whrend um den Mund, um die bitter
sich zuweilen aufwerfenden Lippen viel ltere Erfahrungen zuckten. Das ganze
Erscheinen war verstrt, berwacht, wie an einem Menschen, der den Tag zur Nacht
und die Nacht zum Tage macht.
    Sie denken wol Wunder, was Einer sein mu, sagte er die Augen fast verletzt
zusammenkneifend, um von Albums zu sprechen? Dazu braucht man nur ein Buchbinder
oder ein Bedienter zu sein. Ein Lakai, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist,
knnte bessere Geschichten erzhlen, als die er seinem Frulein aus der
Bibliothek zum Lesen holen mu. brigens bin ich weder ein Buchbinder noch ein
Lakai. Adieu!
    Siegbert erschrak. Er war gutmthig genug, dem Fremden, der wirklich ging,
nachzurufen:
    Wer hat Sie denn fr etwas so Geringes gehalten! Bleiben Sie doch, Sie
empfindlicher Mann!
    Seine Worte verhallten aber. Der Fremde war schon den Hgel hinaufgestiegen,
weniger, wie es schien, um sich ganz zu entfernen, als um dort oben sein
zweckloses Schlendern fortzusetzen.
    Siegbert machte sich nun Vorwrfe, ihn verletzt zu haben. Er gehrte zu den
rcksichtsvollen Naturen, die Jeden gern in seiner Art gewhren lassen. Dazu
kamen seine Begriffe ber die sittliche Hebung der niedern Stnde, die Ideale,
die auch er, wie jetzt soviel edle und trumerische Menschen, sich ber die
mgliche nderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet
hatte.
    Betriffst du dich nicht immer, klagte er sich in Gedanken selber an, auf dem
Widerspruch, da du wol die Menschheit im Ganzen und Groen liebst und den
Menschen selbst geringschtzest! Du fhlst mit dem Unterdrckten, hassest diese
ungerechte Vertheilung der Erdengter, bewunderst die wohlmeinenden Geister, die
das Geld abschaffen wollen, um von dem Ersatz dafr Jedem soviel zu geben, als
er fr sein Dasein braucht, und jedes mal, wenn du wirklich mit dem Volke in
Berhrung kommst, wird es dir so schwer, ber schlechte Kleider, entstellte
Mienen, rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen!
    Siegbert war ber sich selbst so misgestimmt, da er aufstand und seine
Arbeit fr beendigt erklren wollte.
    In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon
zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame, die einen uralten
gebckten Greis am Arme fhrte. Ein gleichfalls alter Diener folgte in
bescheidener Entfernung. Unstreitig war dies der Prsident des Obertribunals,
der wol jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte.
Die sanftblickende Dame ging schweigend, in liebevoll herabgebeugter Haltung,
neben dem Greise, der noch in wrdiger schwarzer Amtstracht, an den heien
Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien. Langsam die Stufen zum Pavillon
hinanschreitend, nahm er Platz vor einem der gedeckten Couverts, die sorgende
Begleiterin an dem zweiten Couvert. Der kleine sauber gedeckte Tisch war nur fr
zwei Personen, hchstens noch einen Gast berechnet. Ein solcher sa auch schon
am Tisch, kein Mensch, sondern ein groer Rabe, der mit seinem Schnabel die
Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute,
ehe er von einigen Krnern pickte, die auf dem Tische fr ihn ausgeschttet
lagen. Ehe der alte Herr nicht den Lffel zur inzwischen von einem zweiten
Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte, rhrte der verstndige und
hfliche Vogel selbst nichts an, wofr ihn die Dame mit freundlichen Worten,
deren sanfter Ton bis zu Siegbert herberdrang, ausnehmend lobte. Der junge
Maler, von dem Stillleben dieser Scene wohlthuend angeregt, schob den Entschlu,
sich mit der Copie der Kirche begngen zu lassen, noch eine Weile auf und
richtete seinen Standpunkt nun so ein, da er die Kirche und zugleich den
Pavillon beobachten konnte. Die hochgewachsene, edle, in jngern Jahren gewi
sehr schn gewesene Frau schien den alten Herrn auf ihn aufmerksam zu machen.
Ohne sich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Antheil an den gesprochenen
Worten seiner Tischgenossin zu geben, a der Greis ruhig die Speisen, die ihm
von ihr vorgelegt und sogar geschnitten wurden. Statt aus einem Glase trank der
Alte den Wein aus einem groen silbernen Becher; wie Siegbert bemerkte, wol
deshalb, weil er mit beiden Hnden ihn zum Munde fhren mute, so zitterten sie.
Bis die Mndung eines Glases zum drstenden Munde gekommen wre, htte sie lange
gewhrt; der Becher war leichter zu treffen. Die beiden Diener verrichteten ihr
Geschft lautlos - Alles war still - nur der Rabe grammelte und krchzte
zwischen den Reden der freundlichen Dame.
    Sehen Sie, wie die Welt ist! sagte in diesem Augenblick wieder der Fremde,
der hinter Siegbert stand.
    Er mute, whrend Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte, von
dem Hgel herabgekommen sein.
    Sehen Sie, wie die Welt ist, sagte er mit schneidendem Spott. Gesetzt, der
silberne Becher da, den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann, kme
pltzlich fort - Was geschhe nun? Man wrde uns Beide fr verdchtig halten.
Sie wrden nur Ihren Namen zu nennen brauchen, um gleich davon zu kommen; ich
aber, weil ich ihnen ein herrenloser Bedienter zu sein scheine, wrde sofort
arretirt, se sechs bis acht Wochen, bis ich nur inquirirt bin, dann wrde ich
in zwei Instanzen hchst wahrscheinlich mindestens zu sechs Monaten Zuchthaus
verurtheilt, und erst in der letzten entdeckte der alte Methusalem da selber,
da sein Rabe es gewesen, der den Becher gestohlen hat. Und warum? Das kommt
Alles daher, da Einer von Albums spricht und selbst nicht in Goldschnitt
gebunden ist.
    Sie krnken mich, antwortete Siegbert, wenn Sie glauben, da ich Jemanden
seines Rockes wegen geringschtzen kann. brigens scheint Ihre Phantasie so mit
Gerichtsscenen erfllt, da ich mich zu frchten anfange und allerdings nicht
zurckbleibe, falls die Herrschaften da fortgehen und den silbernen Becher ohne
Obhut zurcklassen.
    Damit wollte Siegbert, berdrssig der ihm nun lstigen Gesellschaft, rasch
seine Mappe zusammenlegen und sich wirklich entfernen. Der Fremde streckte aber
den dnnen knchernen Finger auf sein Skizzenbuch und sagte:
    Erlauben Sie erst noch, mein Herr, da ich Ihnen zum Dank fr Ihre
Unterhaltung auf Ihrer Zeichnung einen Fehler sage!
    Es sind deren viele, antwortete Siegbert kurz. Ich werde sie ein andermal
verbessern.
    Nein, nein, sagte der Fremde - den Fehler bemerken Sie doch nicht. Sie haben
da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht.
    An welchem Kreuz?
    Dem da ber der Kirchthr. Sie haben - sehen Sie - die Enden der vier
Kreuzes-Flgel bald mit einem dreiund bald mit einem vierbltterigen Kleeblatt
bezeichnet. Sehen Sie aber hin; es sind immer nur vier Bltter. Nur die
Tempelherren der alten deutschen Zunge hatten immer das dreibltterige
Kleeblatt.
    Voll Erstaunen ber diese Auskunft sah Siegbert nach der Kirche und fand die
Bemerkung ebenso richtig, wie fr ihn des fremden Menschen Kenntnisse in der
christlichen Ornamentik berraschend waren.
    Wo haben Sie diese architektonischen Feinheiten studirt? fragte er.
    Der Fremde sagte lachend:
    Freimaurer sollte heut' Einer sein! Glauben Sie mir! - dann macht er sein
Glck! Leider hab' ich's verpat, als ich's konnte, und jetzt nimmt mich keine
Loge mehr auf. Oder bin ich zu jung? Doch was das Kreuz anlangt, so hab' ich Das
von vielen Husern her in der Stadt da unten! Diese Huser gehrten frher dem
Orden der Tempelherren an. Dann kamen sie an die Johanniter, von diesen an die
Stadt. Die Stadt hat aber mit dem Staat seit Jahren einen groen Proce darber,
bei dem Millionen auf dem Spiele stehen, viel alte Huser und eine Menge anderer
Liegenschaften aus alten Zeiten her, die aber an den Kreuzesenden Vierbltter
hatten - warum wei ich nicht - ist auch wenig daran gelegen - drei - oder
vierbltterige Kleesaat - das Vieh frit Alles durcheinander.
    Damit ging er wieder, eine abscheulich gleichgltige Miene schneidend, auf
die schon vorhin von ihm geknickten Kornhren zurck und warf sich, eine Arie
trllernd, auf seine alte Lagerstatt, als wre sie sein gewhnlicher Aufenthalt.
    Nun wieder zu sehr erregt und gebannt, um sich entfernen zu knnen, wollte
Siegbert noch eine kurze Weile bleiben. Wie er so wieder zu zeichnen anfing und
das Kreuz nach des Fremden Angabe verbessern wollte, kommt aus dem Garten der
alte Diener zu ihm herber und berreicht ihm im Auftrage seiner Herrschaft eine
reiche Spende Weines in einem groen krystallenen Wasserglase. Es ist heute
hei! war Alles, was der alte Mann als Veranlassung dieser Artigkeit dabei
sagte. Siegbert, ganz betroffen, blickte zu dem Pavillon hinber. Die holde,
gute Dame grte gar artig, winkte lchelnd und drckte Das, was eben der Diener
gesagt hatte, in freundlichen, aber ihm nicht hrbaren Worten und mit holden
Blicken aus. Whrend sie sprach, krchzte der Rabe, als fhlte er etwas von
Neid. Der greise Neunzigjhrige aber zeigte auch jetzt nicht die geringste
Theilnahme, und erhob sich nun von seinem kurzen Mahle, ohne von Siegbert's
Gegenwart oder von dessen Dank fr seine Aufmerksamkeit irgend Notiz zu nehmen.
Die freundliche Dame folgte. Siegbert, befremdet ber all dies Pltzliche,
Unerwartete, trank. Die Hitze war allerdings sehr drckend, und fast htte er
ausgetrunken, wenn er nicht fr den Fremden die theilnehmende Regung empfunden
htte, ihm Halbpart anzubieten. Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld
die beiweitem noch grere Hlfte des Pokals. Ein sonderbares Lcheln berlief
des Fremden Zge, als er erst zgerte, dann aufstand und das dargebotene Glas
mit einem Zuge leerte. In dem: Ich danke! das er vor sich errthend hinsprach,
als er Siegbert den Pokal zurckgab, lag ein Ausdruck von Gefhl, der dem jungen
Maler, gewohnt, scharf zu beobachten, nicht entging. Wie sich Siegbert umwandte
und mit dem leeren Becher, den Diener suchend, dastand, war der Fremde pltzlich
wirklich verschwunden. Nun kam aber der Bediente heran und that sehr
erschrocken.
    Gott sei Dank! sagte er, da man Den da bei Zeiten entdeckte, und man lt
so sein Silberzeug unbewacht auf dem Tische liegen!
    Wie so? Kennen Sie den jungen Mann? fragte Siegbert.
    Ei wohl, sagte der Alte in unmodischer Livree; er hat den Prsidenten
tausend mal um Arbeit ersucht und will heute gewi wieder herein. Wir haben
nichts fr ihn. Es ist ein gewisser Hackert, frher Schreiber bei einem Notar.
Ein verdchtiger Mensch! Sieh! Sieh! Das Silberzeug! Das Silberzeug!
    Damit ma er nun auch Siegbert mit mistrauischem Blick und lehnte das
Trinkgeld ab, das ihm dieser anbot. Er eilte, was er konnte, in den Garten
zurck, um den mit Silberzeug bedeckten Tisch rasch abzurumen. Siegbert
schttelte den Kopf.
    Der hlt mich auch fr nicht geheuer! sagte er und wanderte, ber die
Civilisation der neuen Zeit nachdenkend, sein Portefeuille unterm Arm, den Hgel
hinunter, dem Dorfe zu wo er die Allee einschlug, die ihn zur Stadt zurckfhren
sollte.
    Noch einmal war es ihm, als sh' er durch das Kornfeld auftauchend des
Fremden Hut. Doch ebenso rasch verschwand die Spur.

                                Zweites Capitel



                               Dankmar Wildungen

Die Pappeln der Allee suselten von einem leichten Winde bewegt, der sich
inzwischen lind erhoben hatte.
    Links und rechts standen noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von
den Regenschauern in der verflossenen Woche nur in langen Schwaden
niedergedrckt. Die Obstbume, die im Felde standen, versprachen fr den Herbst
eine gute Ernte. Bald kam das mit einem zierlichen Grtchen umfriedigte Huschen
des Chausseegeldeinnehmers, dann der Durchschnitt einer Eisenbahn, die sich quer
ber die Strae hinwegzog, und schon fingen einzelne Landhuser die unmittelbare
Nhe der Stadt zu bezeichnen an.
    Siegbert's trumerisches Gemth hing noch eine Weile an der verlebten
tempelheider Scene, bald aber verwischte sich der Eindruck, und sein Auge
schweifte nur noch mit jener fast bewutlosen Ruhe umher, die reinen Seelen
eigen ist. Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege, von einem
verdorrenden Baume innigst beschftigt werden. Was er deutlicher ansah,
entlockte ihm eine Betrachtung, und da er Knstler war, hatte er den Vortheil,
dem Vielen, was ihm in dieser Weise gerade kein Urtheil abgewann, doch immer,
wenn auch mit flchtiger Anschauung, eine eigenste Form abzugewinnen. Eine von
dem niedergeworfenen Korn erdrckte Blume, ein dunkler Schmetterling auf einer
noch stolzen, hohen hre sich wiegend, eine kleine Wolke wie ein durchsichtiger
oder zerrissener Schleier durch den blauen ther flieend, Alles das waren fr
ihn Ruhepunkte des Gefhls und des innern Auges, die nur dann mit wirklich
nachdenkenden Reflexionen abwechselten, wenn er einem Handwerksburschen
begegnete, der ihm zu stolz schien, um sich das Almosen zu betteln, dessen er
vielleicht doch bedurfte, oder wenn er steineklopfenden Chausseearbeitern oder
der langsamen Arbeit zusah, wie einige wenige Hnde ein Wohnhaus aufrichteten.
Er glich darin den alten Knstlern, da er sich nicht ganz auf seine Kunst
allein beschrnkte, sondern, wie Michel Angelo, Tizian, Benvenuto Cellini,
Rubens thaten, sich an den allgemein menschlichen Dingen gern betheiligte. Und
wenn man ihm auch sagte, Rubens wrde sicher in seiner Frbung voller und
ppiger gewesen sein, wenn er statt mit Staatsactionen sich mit seinem, wenn
auch genialen, doch in der Ausfhrung oft flchtigen Pinsel allein beschftigt
htte, so erwiderte er, da Rubens, ohne den Verkehr mit der groen Welt, in
einer der Geschmacklosigkeit schon zusinkenden Zeit sich doch nicht die Flle
productiver Anschauungen wrde erhalten haben, die wir an diesem reichen Geiste
bewundern.
    Siegbert war schon der Stadt ziemlich nahe, als er aus einem rasch auf der
Chaussee herrollenden Wagen sehr freundlich gegrt wurde. Die Dame, die ihm
nickte, gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten.
    Siegbert sprang hinzu und erwartete einen Befehl; denn er wute, Frau von
Trompetta gehrte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen.
    Frau von Trompetta, eine kleine, dicke, kugelrunde Frau mit immer lebhaften
Geberden, gesprchig wie ein Mhlrad, sa im ceriserothen leichten Sommershawl
neben einer sehr einfach und bescheiden gekleideten geflligen jugendlichen
Blondine.
    Bester Wildungen, rief Frau von Trompetta, man sieht Sie ja gar nicht mehr;
man hrt nichts von Ihnen! Nur Ihr schrecklicher Molay vertritt Ihre Anwesenheit
in der Gesellschaft, und man wei doch, da Sie noch andere Flammen entznden
knnen, als diesen entsetzlichen Scheiterhaufen, in dem Sie sich leider auch als
ein Tendenzmaler gezeigt haben.
    Ich bin im Atelier des Professor Berg allerdings viel fter zu finden als in
der Gesellschaft, gndige Frau, antwortete Siegbert.
    Und wenn ich kme, wenn ich Ihre neuesten Arbeiten belauschte, wrden Sie
wol fr uns arme Sterbliche, die nur bewundern knnen, ein Auge haben? Man wei
es ja. Ganz erfllt Sie nur die Eine, die Einzige, Melanie, die
Unvergleichliche, oder wie Sie sie in Ihren Briefen nun anreden mgen, seit sie
verreist ist.
    Melanie? Sie sprechen von Melanie Schlurck? Allerdings ist sie verreist,
antwortete Siegbert, und seine Wangen berflog ein leichtes Roth; aber von einem
Briefwechsel ist keine Rede. Ich wei nicht einmal den Ort, wo sie sich
befindet.
    O Sie Heuchler! Warten Sie! Warten Sie! Zur Strafe mssen Sie einsteigen!
ffne den Schlag, Christian! Ich mu mit Ihnen plaudern.
    Gndige Frau -
    Frulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz, sagte Frau von Trompetta, auf
die junge Blondine zeigend, die neben ihr stumm und ernst im Wagen sa.
    Und ohne diese ihre Begleiterin weiter zu fragen, nahm sie keinen Anstand,
Siegbert aufzufodern, einzusteigen.
    Wir fahren nach Tempelheide, fuhr sie lebhaft fort, zu Anna von Harder, der
Schwiegertochter des alten Prsidenten. Sie lernen dort die edelsten Wesen von
der Welt kennen .....
    Siegbert war unschlssig, ob er der Auffoderung folgen sollte. Aber das
Gefhl, das ihn schon den ganzen Tag beherrschte und in Spannung gehalten hatte,
brach sich ihm in den Worten Bahn:
    Vergebung, gndige Frau, ich erwarte heute meinen Bruder Dankmar, ich mu
nach der Stadt zurck .....
    Ihr Bruder Dankmar! spottete Frau von Trompetta lchelnd; immer Kastor und
Pollux, David und Jonathan! Freilich ist bekannt, da sich die Gebrder
Wildungen in einem Grade lieben, der eigentlich das weibliche Geschlecht
eiferschtig machen sollte, wte man nicht, da es noch eine Melanie Schlurck
gibt. Aber ich mu Sie doch sprechen, trotz Ihrer Eile, und so schlage ich vor,
machen wir es umgekehrt; steigen wir aus und eine Viertelstunde begleiten Sie
uns. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine?
    Das junge Mdchen nickte ernst, hob ihre langen herabhngenden blonden
Locken, die wie Mhnen schwer sich senkten, in die Hhe, ergriff den
Sonnenschirm und war im Begriff, der etwas schwerflligen, aber doch hchst
lebhaften ltern Freundin zu folgen.
    Siegbert, berrascht von der ihm ganz unerwarteten Zuvorkommenheit dieser
ihm nur entfernt bekannten Frauen, ffnete den Schlag und bot ihnen beim
Aussteigen die Hand. Frau von Trompetta, eine Vierzigerin, hatte mit ihren
runden, genhrten Formen bei dieser Operation Vorsicht nthig. Die Blondine, in
weier Kleidung und sonderbar genug mit schwarzem Grtelbande, zeigte sich jetzt
von schlanker Gestalt. Sie war nicht mehr in erster Jugendblte, vielleicht
schon in der Mitte der Zwanziger.
    Sie wten also nicht, wo Melanie Schlurck ihre Sommervillegiatur hlt?
begann sogleich Frau von Trompetta im neckenden Tone. Sie scherzen! Ein so
zrtliches Verhltni! Ich wette, Sie waren in Tempelheide, weil Sie wissen, da
die auf diesem Wege zurckkehren mu.
    So sind Sie unterrichteter als ich es bin, wiederholte Siegbert. Da ich drei
Tage lang nicht im Atelier war, hre ich erst von Ihnen, gndige Frau,
besttigt, da Melanie wirklich verreist ist.
    Sie ist auf dem Schlosse Hohenberg, wohin sie den Vater auf Geschften
begleitete, antwortete Frau von Trompetta. Pinsel und Palette wurden bei Seite
geworfen, Mandoline und Harfe an die Wand gestellt, rasch und zauberhaft schnell
entschlossen, wie in Allem, was sie thut, war auch dieser Reiseplan gefat. Das
ist der Weg nach dem Schlosse Hohenberg. Genug, Wildungen! Thun Sie uns den
Gefallen! Sie mssen noch heute mit uns zu Harders kommen. Da ist ein Park, ein
chinesischer Pavillon. Da gehen Sie morgen, tglich, wieder hin, bauen sich eine
Laube von Tannenzweigen, ein Weidenhttchen, wie ich einmal aus Shakspeare bei
Tieck in der Vorlesung mich entsinne, ein Weidenhttchen - Tieck sprach das Wort
so zart - und werfen, wenn Melanie auf der Rckreise vorberfhrt, ihr Rosen und
Vergimeinnicht zu. Die gute Anna Harder hilft. O Das ist etwas fr Anna!
Romantik! Romantik! Ach, Sie sollten diese himmlische Seele nicht schon kennen?
    Ohne sich auf die Scherze wegen Melanie Schlurck, einer Schlerin des
berhmten Professor Berg, Scherze, die ihn mehr zu verwunden, als zu erheitern
schienen, einzulassen, bemerkte Siegbert, da er Anna von Harder seit heute
schon zu kennen glaube, und erzhlte Alles, was ihm vor einer Stunde vor der
Kirche zu Tempelheide begegnet war.
    O Das ist ja herrlich! rief Frau von Trompetta. Das ist ja ganz Mittelalter!
Anna als Burgfrau, der labende Becher, Sie der Troubadour! O so ist sie nun!
Jeder Zug entspricht ihrem seelenvollen Herzen. Ich habe das Bild ganz vor mir.
Sie zeichnen, Prsidents speisen. Anna's holder Sinn, gehoben von der Nhe des
Friedhofs und der Kirche - nicht wahr, sie trug schwarz? - zart gedenkend des
andchtigen Malers, fromm gedenkend der gastfreundlichen Sprche aus der
Bergpredigt des Heilands, und der alte Johann - gelb und blaue Livre - etwas
verschossen zwar - aber liebevoll - hchst liebevoll - ein Becher Weins! Da,
nehmet hin! Erquicke dich, Wanderer! Thu' es zu meinem Gedchtni! Allerliebst!
    Um Gotteswillen, rief Siegbert lachend aus. Sie thun ja so feierlich,
gndige Frau, als wenn es sich um die Einsetzung des Abendmahls handelte.
    Frau von Trompetta blickte auf diese Bemerkung pltzlich sehr ernst.
Friederike Wilhelmine von Flottwitz schlug gleichfalls die Augen nieder, und es
trat eine Pause ein, die Siegbert gern benutzt htte, um von der Begleitung
dieser ihm wenig zusagenden Damen loszukommen. Er besann sich jetzt erst, da
Frau von Trompetta, trotz ihres leichten Tones und ceriserothen Shawls, zu jener
gesellschaftlichen Fraction gehrte, die man in frivolen Kreisen
Schwanenjungfrauen oder Diakonissen auer Diensten nannte. Er besann sich, da
bei Gelegenheit der Errterungen ber innere Mission Niemand fter genannt
wurde als Anna von Harder auf Tempelheide, Frau von Trompetta, Grfin Museburg
und viele andere Damen, die Siegbert theilweise persnlich kannte, und schon
hoffte er, da er dieser Richtung nur sehr bedingungsweise zugethan war, mit
seinem das heilige Abendmahl profanirenden Vergleiche loszukommen.
    Es war aber nur eine vorbergehende Wolke, die sich auf die Stirn der beiden
Damen gelagert hatte. Sie nahmen gerade jetzt erst den jungen schlankgewachsenen
Maler, dem sein lockiges Haar, der blonde Kinnbart, sein weier Hut, das
schwarze Sammtrckchen, die weien weiten Pantalons, das lose um den Hals
geschlungene rothe Tuch sehr anziehend standen, in die Mitte, und Frau von
Trompetta zgerte nicht, den pltzlich zerrissenen Faden des Gesprchs wieder
weltklug anzuknpfen.
    Sie sind ein Sptter, sagte sie. Man wei, da Sie leider nicht zu den
Glubigen gehren. Professor Berg's Schler wachsen alle etwas wild auf. Wissen
Sie wol, da ihm Das sehr schadet?
    Freilich schadet ihm Das, sagte Siegbert, der sich nicht verstellen konnte,
mit einiger Bitterkeit. Mein braver alter vortrefflicher Berg! fuhr er
begeistert fort, und in der Erinnerung an den genialen, mannichfach
zurckgesetzten Lehrer funkelten ihm die Augen. Armer Berg, da du den
feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen hast! Welch ein
Verlust fr dich, diese Uniformen, diese Guirlanden, diese weigekleideten
Mdchen, die die neue Jubelhymne singen werden! Alles das sollst du nicht malen!
Armer Rubens, der von Don Philipp von Spanien eine Bestellung entzogen bekommt
und nichts zum Troste brig behlt, als da er Rubens ist, ein Genius und ein
freier Niederlnder!
    Bester Freund, sagte Frau von Trompetta, pltzlich den Ton ndernd und mit
groer Bestimmtheit, whrend es Siegbert schien, als wenn sich die Wangen des
blonden Fruleins mit Zornesglut frbten; bester Freund, Rubens wrde weit
weniger bermthig, weit weniger ehrschtig gewesen sein, wenn er in einer Zeit
gelebt htte, wo man malen mu, nicht was man selber will, sondern was gefllt.
Ihr seid in Euerm schnen Atelier recht wild, recht zgellos! Groe
bewundernswerthe Talente! Aber sehr ungebundene Gesinnung!
    Wir suchen das Schne, gndige Frau.
    Und spotten der Welt!
    Und unser selbst.
    Bei diesem Zugestndni kehrte Frau von Trompetta, die etwas auf dem Herzen
zu haben schien, wieder in ihren frhern leichten Ton zurck, hielt, da ihr das
Gehen doch sauer wurde, einen Augenblick inne und sagte mit eigen-thmlichem
Ausdruck:
    Ein hbsches kleines Genrebild auf der Ausstellung bewies mir, da Sie
allerdings Ihrer selbst spotten! Ha, ha! Allerliebst! Professor Berg, der einem
schnen Mdchen Unterricht im Malen gibt - und die Schler, die diese Collegin,
ohne da sie es wei, gleich als Modell benutzen - Melanie Schlurck natrlich -
Siegbert Wildungen ..... ha, ha, ha - vortreffliches Bildchen. Nicht wahr,
Friederike Wilhelmine?
    Siegbert bi sich auf die Lippen. Dieses Bild existirte und galt in der That
ihm am meisten. Die Gruppe, die Frau von Trompetta andeutete, war vorhanden und
gefiel sehr. Es war ein kleines lgemlde von einem talentvollen Freunde, Namens
Leidenfrost, das ihn und das ganze Atelier persiflirte. Denn whrend die im
Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schlern auf ihren
Bildern bald als Grtnerin, bald als Tnzerin oder von Einem sogar als lockende
Lurleynixe wiedergegeben wurde, hatte der portraithnliche Siegbert,
liebeglhend und liebeverblendet, sie als Modell zu einer Madonna benutzt und
sie in Andacht wie der Himmlischen Eine verklrt und im Heiligenschein gemalt.
Das Bild wurde auf der Ausstellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von
Denen, die die Personen kannten.
    brigens glauben Sie mir, fuhr Frau von Trompetta fort, das Bild des
Professor Lders: Die Einholung des Prinzen Ottokar nach Unterdrckung der
stlichen Unruhen, wird dennoch seine Schnheiten haben; hier Frulein
Friederike Wilhelmine von Flottwitz hat ihm erst heute dazu gesessen.
    Himmel, nun besann sich Siegbert. Schon mehre mal hatte er den stolzen
sichern Gang des neben ihm gleichgltig wandelnden Mdchens bemerken mssen. Sie
warf ihr schnes Profil verchtlich in die Hhe und hrte dem Geplauder ihrer
ltern Freundin nur mit halber Theilnahme zu.
    Siegbert erinnerte sich. Diese junge, ihn wol tief verachtende Dame war ja
jene patriotische Jungfrau, die sich in den letzten Parteikmpfen den Namen
einer Jeanne d'Arc erworben hatte. Tochter des pensionirten Oberstlieutenants
von Flottwitz, Schwester von sieben Brdern, die in der Armee theils als
Lieutenants ersten oder zweiten Grades oder noch als Cadetten vom Staate
ehrenvoll versorgt wurden, hatte sie ein hbsches Talent des Reimens zu
patriotischen Huldigungen an das angestammte Frstenhaus benutzt, auch in
ffentlichen Gesinnungskundgebungen war sie bereits so oft aus dem Kreise des
Gewhnlichen heldenmthig herausgetreten, da man ihr unstreitig einen Anflug
hherer inspirirter Schwrmerei zuerkennen und den strengen Aufschlag ihrer
groen blauen Augen unter solchen Verhltnissen bedeutend finden mute. Siegbert
betrachtete sie nun nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht. Denn dies feierliche
Mdchen war es ja, die neuerdings auch den sogenannten Reubund mit hatte stiften
helfen. Eine Anzahl verwandter Seelen war ja aus eigenem freien Triebe vor
kurzem zusammengetreten, um durch mancherlei Einwirkungen auf die ffentliche
Meinung dem Frstenhause zu erkennen zu geben, da das Volk, fr dessen wahre
Vertreter sie sich erklrten, die Art und Weise, wie es bei den letzten Strmen
den Frsten gewisse Concessionen abgetrotzt hatte, jetzt bereue. Keine Dame, die
mit einem Offizier oder Beamten verheirathet war, unterlie es, sich in diesen
Reubund aufnehmen zu lassen, fr dessen Seele und eigentliche hhere Schwinge
Friederike Wilhelmine von Flottwitz gelten konnte. Wo nur irgend ein tapferes
Regiment triumphirend zu empfangen, eine Kaserne mit zweckentsprechenden Blumen
zu schmcken war, ordnete sie diese vom Reubunde untersttzten Manifestationen
in eigener Person an. Manchen Ku schon hatten ihre jungfrulichen Lippen auf
die Hnde eines tapfern alten Generals gedrckt; zu ihrer seligsten Befriedigung
auch schon einen auf die silberne Schrpe des Prinzen Ottokar, als dieser von
der Unterdrckung einer anarchischen Bewegung im Osten siegreich zurckkehrte.
    Whrend sich Siegbert ber diese unerwartete und jedenfalls hchst
interessante Bekanntschaft in schweigende Bewunderung verlor, fuhr Frau von
Trompetta mit immer festerer Bestimmtheit und ihres hohen Einflusses bewut
fort:
    Ihr Bild, bester Freund, ist wunderschn, vortrefflich der Ausdruck des
Molay und der Tempelherren, die mit ihm verbrannt werden, ich sage ganz
hinreiend, aber -der Kunstverein ist schwierig. Wissen Sie's schon?
    Ich wei, was Sie sagen wollen, gndige Frau, fiel Siegbert errthend ein,
Propst Gelbsattel hat Alles, was an den Lessing'schen Hu und die
Physiognomieen der Cardinle erinnert, die ihn verbrennen lieen. Propst
Gelbsattel bestimmt die Meinung des Kunstvereins; folglich wird man meinen Molay
nicht ankaufen .....
    Es wre nicht unmglich, sagte Frau von Trompetta; allein, geben Sie mir den
Arm - man hat Connexionen, Gelbsattel protegirt mich, und Frulein Friederike
Wilhelmine interessirt sicher auch den Reubund fr den Ankauf Ihres Bildes. Aber
dann mu ich mir bedingen, Wildungen, da Sie mir auch in mein Gethsemane ein
Blatt malen, hren Sie, da ist die Bedingung! Wann darf ich Ihnen das Format
schicken? Was wollen Sie malen? Und wann hab' ich Ihren Beitrag zu erwarten?
    Siegbert war schon vollkommen unterrichtet, was das Gethsemane der Frau von
Trompetta zu bedeuten hatte. Unter dem Titel jenes Gartens, in welchem der
Heiland der Welt unter Thrnen betete, ehe er den schweren Gang seiner Leiden
antrat, beabsichtigte die rhrige und in der systematischen Wohlthtigkeit
unbertreffliche Frau ein Album anzulegen, in welches ihr die vorzglichsten
Knstler die einzelnen Bltter, wie sich von selbst versteht unentgeltlich,
malen muten. Durch diese Zumuthung war die gute Frau freilich eine rechte Plage
der Kunstwelt geworden, der Schrecken aller Ateliers; allein die lblichen, von
dem Hofe protegirten Zwecke dieser Dame machten eine Weigerung, ihren Ansinnen
zu entsprechen, kaum mglich. Das Gethsemane sollte, wenn es vollendet war,
entweder vom Hofe angekauft und im Landesmuseum niedergelegt oder auf dem Wege
einer Lotterie fr irgend einen glcklichen Treffer ausgespielt werden. Welchem
barmherzigen Institut, welchem mildthtigen Zwecke der Ertrag dann zuzuwenden,
behielt sich Frau von Trompetta noch vor, und man kann sich denken, wie sehr ihr
deshalb von vielen Seiten ebenso sehr gehuldigt, wie von den unglcklichen
gepreten Malern heimlich und wol auch offen geflucht wurde.
    Um heute nur von ihr loszukommen und der durch diese Begegnung angeregten
schmerzlichen Gefhle Herr zu werden, sagte Siegbert in Gottes Namen zu und
gelobte, auch seinerseits in das Gethsemane irgend ein frommes buntes Blatt zu
stiften. Als er ihr feierlich die Zusage gegeben hatte, binnen vier Wochen
seinen Beitrag abzuliefern, winkte Frau von Trompetta dem Wagen, der ihnen
langsam gefolgt war.
    Frulein Wilhelmine, die unterwegs jeden Krieger, der ihnen begegnete,
liebevoll und fast vertraulich gegrt hatte (denn es war eine Hauptaufgabe des
Reubundes, das durch jene erwhnten Concessionen untergrabene Selbstvertrauen
des Kriegerstandes wieder mehr zu heben und zu krftigen), wandte sich rasch dem
geffneten Wagenschlage zu, als belstige sie die berzeugung, da Siegbert's
Gesinnung der ihrigen nicht verwandt war. Frau von Trompetta aber hatte alle
strengen Falten ihres Antlitzes nun verscheucht und lobte den jungen Maler
berdiemaen, da er sie begleitet, vortrefflich unterhalten und vor allen
Dingen sich fr ihr Gethsemane hatte gewinnen lassen. Beim endlichen Abfahren
rief sie ihm noch zu:
    Zur Belohnung, Wildungen, sage ich Ihnen, da Ihr Bruder Dankmar angekommen
ist. Ich sah ihn unter dem groen Thorweg der Lasally'schen Reitschule.
    Damit rollte der Wagen die Chaussee entlang, dem schon ganz nahen
Tempelheide zu, dessen kleine Kirchenfenster in den goldener werdenden Strahlen
der sich senkenden Sonne feurig herberblitzten.
    Mein Bruder schon da! rief es laut in Siegbert, whrend er sich eilends in
Bewegung setzte, um die verlorene Strecke wieder einzuholen. Diese abscheuliche
Frau! Sie erfuhr von mir, wie sehnschtig ich den Bruder erwartete, und statt
mir seine Ankunft sogleich herzlich mitzutheilen, schleppt die Falsche, die
Heuchlerin mich den Weg zurck nur um ihres Vortheils willen, um dieses
zudringlich erbettelte Gethsemane! Welche Lge! Welche Verstellung und wie viel
erborgter Schein einer Religiositt, die eine solche Seele nimmermehr wahrhaft
erfllen kann!
    Unser junger Freund war sonst zurckhaltender in seinem Urtheil ber Andere.
Eine Zeitlang tobte er so fort; dann tadelte er sich aber doch ber den raschen
Ausbruch seines Unmuthes und lachte, des Bruders gedenkend, bald freudig auf.
Sein gerechter Sinn sagte ihm sogar, da doch wol nur die groe Verschiedenheit
der Richtung und Gesinnung ihn bestimmte, Das als ganz lgnerisch zu
verdchtigen, was er eigentlich nur bekmpfen konnte. Er fand sogar in
Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewissen Ausdruck der Seele, der ihn
zwang, einen Augenblick langsamer zu gehen und ber sie nachzudenken.
    Dies Mdchen, sagte er sich mit einem leisen Anflug von Ironie, ist wirklich
eine mittelalterliche Schwrmerin, ja eine Roland, eine Corday! Fr Das, was sie
als besser und richtiger erkannt hat, glht sie. Sie ist voll Dankbarkeit fr
die Wohlthaten, die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhlt!
Ohne die gestrzte Regierungsformen, die sie und in gleicher Lage der ganze
Reubund wiederhergestellt wnschen, mte sie vielleicht darben: ihrem alten
Vater wrde vielleicht etwas von den Subsistenzmitteln entzogen, auf die er nach
den schrecklichen Mhseligkeiten des Friedensfues von 1815 bis jetzt rechnen zu
drfen glaubte .....
    Siegbert lachte fr sich. Er htte dem Professor Lders, der den Empfang des
Prinzen Ottokar malte, etwas von der Begeisterung seines Gegenstandes gewnscht;
denn er wute von diesem Knstler, da nur die niedrigste Servilitt ihn zum
Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte. Er wute, da er das Portrait des
inspirirten Fruleins wol treffen wrde in dem Momente, wie sie dem Prinzen
Ottokar die Sbelquaste und Leibschrpe kte, aber von der innern Seele, von
ihrer Jeannen d'Arc-haftigkeit dabei, wute er, wrde der oberflchliche Mann
nichts wiedergeben.
    Mehr aber als alle diese politisch-artistischen Empfindungen, beschftigten
Siegbert das vielfache Erwhnen und die Erinnerung an Melanie Schlurck. Er hatte
sich so oft gelobt, dieses Bild von seinem innern Auge wegzubannen. Er hatte so
geheimnivoll selbst dem eigenen theuren, ber Alles geliebten Bruder dies
Gefhl verborgen gehalten, das er still fr sich in seinem Herzen hegte, und so
oft, so oft vergebens mit Gewalt ausreien wollte, und nun mute er sich mit
seinem Heiligsten von dieser Frau profanirt sehen. Diese Trompetta, die seit
einem halben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte, hatte ihm sein Interesse
fr eine Schlerin des Professor Berg abgelauscht. Einige indiscrete
Kunstgenossen, besonders Heinrichson und Reichmeyer, hatten leichtsinnig den
Commentar zu jenem Bilde des Max Leidenfrost ausgeplaudert, das ja
mglicherweise ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Costme weit eher fr
ein Atelier Tizian's als eines modernen akademischen Professors pate. Und auch
ber dem Einzigen, was ihn fr diese so heraufbeschworenen Empfindungen htte
trsten knnen, seinem schnen, von allen Kennern, wie vom groen Publikum
theilnehmend umringten Bilde, dem Feuertode des standhaften und ehrwrdigen
Comthurs des Tempelherrnordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der
Zeichnung und dem farbensatten Colorit der Ausfhrung, hingen die trben Wolken
einer Intrigue, wie er aus den Worten jener aller Verhltnisse kundigen Frau nur
zu deutlich vernommen hatte.
    Ach, es trieb ihn nun recht, sich bald an das Herz seines treuen starken
Bruders Dankmar zu werfen! Sehnsucht beflgelte seine Schritte. Er eilte wie
Einer, den die Nacht zu berfallen drohte, und doch schlich der milde, goldene
Abend nur langsam ber die gelben Felder, die des Sonnenlichts nicht satt zu
werden schienen.
    Endlich bei den Grten und den Wirthshusern der Vorstadt schon angelangt,
entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben. Er erinnerte ihn
sogleich an Dankmar, und er war es auch, der theure, geliebte, seit einem Monat
abwesende Bruder.
    Er kannte sogar das Pferd in der Ferne. Es gehrte dem Stallmeister Lasally,
einem fashionablen jungen Mann, der zu den Beaux der Residenz gehrte. Siegbert,
um das schnelle Vorbeischieen des Bruders zu verhindern, sprang mitten auf das
Straenpflaster, das hier schon die Chausse ablste. Dankmar auf seinem Thiere
stutzt, hlt an, steigt vom Gaule und fliegt in die Arme seines Bruders, dem er
entgegengeritten war.
    Mensch, wo steckst du, begann sogleich Dankmar. Ich suche dich berall, bis
ich hre, du bist in Tempelheide. Ich wollte dir entgegenreiten, ich habe dir
Wunderdinge zu erzhlen ....
    Die nicht Zeit hatten bis zum Abend? fiel Siegbert lachend ein, und hielt
dabei den Gaul fest, dessen Zgel Dankmar in der Freude der Begrung sich fast
hatte entgleiten lassen. Und ohne darauf zu erwidern fiel Dankmar ein:
    Was thun wir nun mit dem Gaul? Jetzt ist das Thier fast berflssig.
    Du setzst dich wieder auf, meinte Siegbert, und ich gehe ruhig neben dir
her.
    Ruhig? Nebenher? Jetzt, wo ich endlich mein Herz von all den Dingen, die ich
in Angerode erlebte, ausschtten, erleichtern will? Ich dachte, ich berrasche
dich noch in Tempelheide, stelle den Gaul dort in den Silbernen Mond, gehe mit
dir ins Feld oder wir setzen uns in einen Garten, wo ich dir ungestrt meine
Herrlichkeiten bescheren kann -
    Das knnen wir ja noch, fiel Siegbert sich umschauend ein. Hier sind berall
Gasthuser und Ausspannungen. Da der Blaue Engel, hier das Goldene Ro. Pappeln
und Linden und Kegelbahnen die Hlle und Flle! Wo kein Garten ist, findet sich
ein Wirthszimmer ....
    Sieh! Da ist der Pelikan unten! Da mu ich ohnehin anfragen, ob Peters, der
Fuhrmann von Angerode, angekommen ist. Wir wollen zum Pelikan.
    Damit fhrte Dankmar den Gaul neben sich her und begann nun, seines
wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend, wie Jemand, der sich eine wichtige
Mittheilung aufspart, von gleichgltigen Dingen zu reden, vom Wetter, von der
Stunde der Ankunft, von ihrer gemeinschaftlichen Wohnung in der Neustrae, ihrer
berraschten Wirthin Frau Schievelbein, vor allen Dingen aber von ihrer Mutter
in Angerode, die ihrem ltesten Sohne Siegbert durch den jngern Dankmar viel,
viel tausend Gre und Ksse sandte.
    Dankmar zeigte sich bald als ein leichter, lebensfroher, munterer Kopf. Er
war etwas kleiner als sein lterer Bruder, erschien aber bei seiner geraden
Haltung fast grer als Siegbert, der sich nicht gut hielt und gern zur Erde
niederbeugte. Dankmar hatte dunkleres, fast lichtbraunes Haar, scharfe braune
Augen, frische Lippen, blendende, gesunde Zhne, einen um das Kinn gehenden
stattlichen Bart und einen so zierlichen, ebenmigen Wuchs, da ihm seine
gewhlte Toilette wie angegossen sa. Der leichte Reitfrack war bis zum Halse
zugeknpft mit weien metallenen Knpfen. An einer Stelle, wo er offen stand,
sah ein rothes Taschentuch hervor. Sporen, Reitgerte, der schwarze Castorhut,
Alles verrieth den sich mit Gewandtheit in der Welt bewegenden jungen Dandy, der
aber in seinem uern nichts suchte und nicht im mindesten von seiner
anziehenden Erscheinung eingenommen war. Sein Blick war geistreich, sein Lcheln
schalkhaft und gleich nach den ersten Worten, die er sprach, sah man, da der um
zwei Jahre jngere Dankmar - er war Referendar eines Gerichtshofes - den
trumerischen Siegbert an rascher Combination und energischer, ihres Zieles
bewuter Thatkraft beiweitem berflgelte.
    Er hatte auch auf seine Umgebungen nicht die mindeste Rcksicht. Da sein
Pferd am Zgel zu fhren und zu plaudern, whrend er sich an den Sattel drckte,
bot ihm nicht den mindesten Zwang.
    Siegbert aber, dem alles Auffallende ngstlich war, meinte gleich, zum
Pelikan sei es doch noch zu weit, er solle sich wieder aufsetzen, denn schon
hatten sich Neugierige genug um sie versammelt.
    Dankmar that Das nicht, und der Straenjugend rief er zu, ob sie Maulaffen
feil htten. Noch sinnend, wozu er sich entschlieen sollte, hrte er sich
pltzlich angeredet. Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen, trat Jemand, der
hinter ihnen hergegangen war, hervor und fragte, ob er vielleicht den Gaul in
die Stadt zurckreiten sollte?
    Siegbert wandte sich um und erkannte seine Bekanntschaft von Tempelheide,
den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann.
    Hackert's Anerbieten wurde von seinem staubbedeckten uern sehr wenig
untersttzt, und Dankmar wollte schon aussprechen, da er ganz so ausshe wie
Einer, dem man einen Gaul anvertrauen knne, als der Andere sagte:
    Ich kenne das Thier! Es steht bei Lasally im zweiten Stalle links. Wirklich,
wenn Sie zu Fu gehen wollen, machen Sie keine Umstnde, ich nehme Ihnen die
Sorge um das Thier ab und reite es in den Stall zurck.
    Dankmar sah sich den verlegenen Bruder an, der ihn am Kleide zupfte, als
wollte er ihn warnen, sich auf das Anerbieten einzulassen.
    Es ist schon gut, erwiderte Dankmar kurz, wir danken!
    Ja so, fiel Hackert mit Bitterkeit ein, Sie glauben, ich knnte Ihnen mit
dem Fuchs durchgehen. Ich dachte, weil mich doch der andere Herr schon kennt
....
    Siegbert bejahte diese Berufung, doch mit einigem Zgern, das Dankmar in
seiner Hast nicht bemerkte.
    Das ist etwas Anderes! sagte er. Du kennst den Herrn? Dann steigen Sie nur
auf und bringen Sie mir den Gaul geflligst zu Lasally zurck. Sagen Sie nur dem
Levi - Sie wissen doch -
    Dem Bereiter Levi -
    Ich wrde ihm sein Sattelgeld das nchste mal zahlen -
    Kann's ja auslegen -
    Bemhen Sie sich nicht. Bin oft auf der Bahn. Das ist ja sehr gut! So!
Steigen Sie auf! Schnallen Sie sich den Riemen lnger. Alle Wetter, Sie haben
verteufelt lange Beine!
    Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung. Im Geiste sah er diesen
verlorenen Gaul schon ber alle Berge; er sah den Stallmeister Lasally mit einer
Rechnung von 30 Louisdors bereits vor ihnen, bereits einen flligen Wechsel,
eine Verpfndung seines Bildes -
    Um Gotteswillen, raunte er dem Bruder zu, siehst du denn nicht? Das ist ja
ein Proletarier!
    Betroffen wandte sich Dankmar und sagte:
    Donnerwetter! Was machst du mir fr Dinge! Ich denke du bist mit dem Kerl
bekannt.
    Dabei war aber Hackert schon im Sattel und schickte sich an, mit seinen
abgelaufenen geflickten Stiefeln dem Thiere sogar noch bermthigst die Weichen
zu kitzeln.
    Halt da! fiel ihm Dankmar in die Zgel. So haben wir nicht gewettet. Ich
glaubte -
    Was denn? richtete sich Hackert auf; doch nicht, da man ein Spitzbube ist?
    So etwas allerdings! Herunter! Steigbgel vom Fu! Sind Sie des Teufels?
    Hackert lie sich nicht irremachen und blieb. Pltzlich griff er, glhend im
Gesicht wie sein Haar, in die Rocktasche, holte ein schmuziges ledernes
Portefeuille hervor, ffnete es in lichterlohem Zorn blitzschnell, langte ein
Pckchen heraus und warf es mitten auf die Landstrae, Dankmar fast an den Kopf,
mit den Worten:
    Galgen und Rad! Da haben Sie hundert Thaler zum Pfand! Und nun hol' Sie der
Teufel!
    Damit schlugen seine dnnen Beine an und fort sprengte er mit dem Miethgaul,
den Thoren der Stadt zu, zum Gelchter der vielen Gaffer, die sich schon um die
lebendige Scene versammelt hatten.
    Siegbert hatte das Pckchen aufgehoben. Er glaubte sicher und fest, ein
Paquet Lumpen in der Hand zu haben, und war todtenbla vor Schrecken und
Erwgung ihrer ohnehin bedrngten Finanzen. Wie erstaunte er aber, als er den
Pack entfaltete! Es waren in der That Thalerscheine, dicht aufeinandergelegt und
ohne Zweifel betrugen sie soviel, als auf einem Papierstreifen, der sie
zusammenhielt, bezeichnet war: Hundert Thaler.
    Wenn Der uns durchgeht, sagte Dankmar lachend, so hat er immer noch ein
gutes Geschft gemacht. Fnfzig Thaler werden wir noch drauflegen mssen.
    Nein, nein, brach Siegbert voll Beschmung und in freudigster Erregung aus,
dieser Mensch ist ehrlich. Ich schme mich, ihn so verkannt zu haben. Himmel,
warum soll denn Jeder, dem die Natur rothes Haar und eine unheimliche Gestalt
gab, der Zufall abgetragene und bestubte Kleider, auch den Charakter haben, den
wir in unserer Furcht, in unserm jmmerlichen Dnkel ihm aufdrcken? Dieser
Mensch gibt sein Letztes hin, um zu beweisen, da er ehrlich ist! Es ist der
Stolz der Armuth, der ihn fortri. Ich schme mich. Er war gro und wir sind
klein.
    Das mu ich sagen, fiel Dankmar ein. Eine schne Armuth, die hundert
wohlgezhlte Kassenscheine mir nichts dir nichts aufs Straenpflaster wirft ....
    Es ist vielleicht das einzige Besitzthum dieses Menschen, fuhr Siegbert in
seiner Erregung fort, ohne sich von Dankmar's leichterer Auffassung stren zu
lassen. Der Zorn, von uns fr unehrlich gehalten zu sein, ri ihn hin, sein
Alles zu opfern. Wer wei, welche Sorge, welche Entbehrungen an diesem Gelde
kleben! Dieser Mensch ist ein Schreiber, er heit Hackert. Ich wei, da er sich
vergebens um Arbeit bemht hat. Ich erfuhr, da er dem Prsidenten des
Obertribunals seine Dienste anbot. Aber man stt ihn von sich, weil seine Augen
ein unheimliches zehrendes Feuer haben. Man weigert ihm die Aufnahme in die
gebildete Gesellschaft. Htten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand, wer
wei, ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemth nicht den Glauben an die
Menschen wiedergegeben htten! Wie bitter war sein Lachen, als er davonsprengte
und seine Ehrlichkeit bezahlen mute! Ja bezahlen mute! Und ich selbst, ich
selbst, ich ein halber Socialist, war der Mistrauischste und Kleindenkendste!
Pfui, pfui! Ich schme mich ber mich selbst.
    Ja, Das wird dir bel bekommen, Bruder, fiel Dankmar spottend und mit groer
Geistesberlegenheit ein, wenn du einmal wieder mit Max Leidenfrost einen
Handwerkerverein besuchst und mitten in einem schnen Sermon ber Philanthropie
und Socialismus das rothhaarige Fragezeichen da dich interpellirt, ob du der
Brger Siegbert Wildungen wrst, der dem Brger - Hackert hie ja wol der Kerl?
- ein Pferd auf der Landstrae nur gegen eine Caution von hundert Thalern
anvertrauen wollte? Armer Bruder, das kann dir deine ganze Popularitt kosten!
    Und mit Recht! sagte Siegbert, der Reden Hackert's auf dem Kirchhofe
gedenkend; mit Recht! Spotte nur! Ich wei, was ich verdiene ....
    Dabei steckte er behutsam die Summe, die in seiner Hand geblieben war, in
die Brusttasche, vorsichtig untersuchend, ob auch nirgends eine Nath aufgegangen
oder eine verdchtige Falte da wre und das ihm auf so wunderbare Art
anvertraute Pfand unversehens entgleiten knnte.
    Die Brder traten nun in den Thorweg des Pelikan, um unter dessen
schtzenden Fittichen ein Abendessen einzunehmen. Dankmar hatte keine Ruhe mehr,
ber den Bruder den langverhaltenen Strom seiner Neuigkeiten auszuschtten.

                                Drittes Capitel



                                  Der Pelikan

Von dem wunderbaren Vogel, der sich selbst die Brust aufschlitzen soll, um seine
Jungen vor dem Verhungern zu schtzen, war auf dem Wirthshause, das seinen Namen
trug, ein hlzernes, ziemlich verwittertes Abbild ber dem Thorwege zu sehen.
Auch der rothe, bluthnliche Anstrich des zweistckigen, mit mehr Holz als
Steinen aufgebauten Hauses erinnerte an jene Sage, die die Naturforscher leider
nicht besttigen wollen. Ob im brigen der aufopfernde Geist eines Pelikans in
dieser Fuhrmannsherberge waltete, mute erst die Rechnung ausweisen, die die
Brder spter zu bezahlen hatten. Vorlufig sahen sie sich vergebens nach einem
wrdigen Empfange um. Der Thorweg war leer. Keine dienende Pelikanschwinge flog
ihnen entgegen und schon schickte sich Dankmar, ungeduldig das Pflaster des
Thorwegs stampfend, an, einige allarmirende Donnerwetter in den stillen
Sommerabend, in dessen Ruhe sich auch der Pelikan wiegte, und ein jetzt
ertnendes Hundegebell zu schleudern, als pltzlich einem freudigen Aufschrei
auf dem Hofe folgende, im Harzdialekte gesprochenen Worte sich anreihten:

Ei der Tausend! Sind Sie's denn wirklich? Musje Dankmar und Musje Siegbert!
Kennen Sie mich denn nicht mehr? Die Kathrine Bollweiler aus Thaldren, die bei
Ihrem Herrn Vater selig gedient hat? Besinnen Sie sich nur! O Gott, o Gott, wie
kommen Sie denn nur daher?
    So und hnlich variirte noch der Gru fort, mit dem die beiden Brder beim
Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden. Hier unter halbabgeladenen
Fuhrmannswgen, unter Strohhaufen, pittoresken und nicht nach Alpenflora
duftenden Dngerhgeln, nicht minder stark parfmirten Stalleimern wurden sie
von einer kleinen Frau begrt, die eben aus der Kche trat mit einer Schssel
voll frischen Salats, an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte, um ihn zu
waschen, sie erst gro und starr anblickte und musterte und dann, die Schssel
geradezu auf den Mist stellend, in obige Worte ausbrach.
    Gr Gott! Gr Gott! Sie ist die Kathrine aus Thaldren! sagte Dankmar, die
muntere Kchin erkennend. Das trifft sich ja gut und besser als gut! Wie kommt
Sie denn funfzig Stunden weit vom Harze her in die Kche hier vom Pelikan?
    Aber Kathrine konnte sich nicht sammeln. Ihre Freude hatte noch nicht
krftigen Ausdruck genug gefunden. Besonders hing ihr Auge an dem Siegbert, der
ihr freundlich die Hand bot.
    Musje Siegbert! rief sie einmal ber das Andere. Ach, was fr Herren sind
das geworden! Gesehen hab' ich Sie beide schon oft, wenn Sie hier vorbei gingen.
Immer wollt' ich Ihnen nachlaufen und rufen: Pst! Pst! Aber ich hatt's Herz
nicht und da dacht' ich: du sparst es dir einmal auf einen Sonntag Nachmittag
auf, um sie lieber einmal ordentlich da zu besuchen, wo Sie wohnen; denn ich
wei, wo Sie wohnen, in der Neustrae. Nicht wahr?
    Das weit du? sagte Dankmar mit gutmthigem Spott. Und Sonntags Nachmittags?
Sieh! Sieh! Gerade das ist die Stunde, wo wir immer ganz sicher zu treffen sind!
Das htte sich ja nicht schner machen knnen, Kathrine Bollweiler.
    Siegbert, den es rhrte, eine Magd seiner ltern hier anzutreffen, und der
Dankmar's Spott nicht leiden mochte, fiel ihm in die Rede:
    Woher denn weit du unsere Wohnung, Kathrine, und kommst nicht sogleich?
    Das will ich Ihnen sagen! antwortete Kathrine und stellte die Schssel mit
Salat vom Miste weg auf einen Strohhaufen, whrend die Hhner gackernd
herbeiliefen und der groe Hofhund an der Kette, der anfangs ganz allein die
Fremden mit seinem frchterlichen Bellen begrt hatte, sich endlich beruhigte:
    Mein Mann ist ja der Fuhrmann Peters aus Angerode, der alle Augenblicke
einmal etwas bei Ihnen zu bestellen hat, und da hat er mir gleich, wie wir
hierher zogen, gesagt, wo die Kinder meiner alten braven Herrschaft wohnen -
aber man kommt so schwer ab.
    Abzugeben? Wohnen? fiel Dankmar hastig ein. Peters? Wo steckt er denn?
Seinetwegen kommen wir ja hier in den Pelikan.
    Ich pass' auf ihn jede Stunde! fiel Kathrine ein. Wir sollten ihn schon
heute Morgen von Schnau her erwarten, was immer seine letzte Station ist, aber
es mu ihm etwas passirt sein ....
    Das will ich nicht hoffen! polterte Dankmar. Ich erwarte, da er mir einen
groen Schrein bringt, der mir wichtig ist ....
    Wei ich ja, sagte Kathrine pfiffig. Hat's mir ja geschrieben von Angerode.
Aber das Wetter macht zu hei. Da zieht sich's langsam im Sande. Die Gule
verschmachten und die Fliegen thun auch das Ihrige. Heute Abend kommt er aber
noch ganz gewi. Es schwant mir so.
    Weit du was, Kathrine? Wir warten hier die Erfllung deines schwanenden
Gemthes ab. Kann man denn in diesem Pelikan ein Pltzchen finden, im Freien,
ohne Stallgeruch, einen Trunk aus gutem Keller, einen Nachtimbi aus deiner
bewhrten Kche? Mir brenzelt's und prasselt's im Gemth, seit ich dich sehe,
wie von Eierkuchen und andern holden Jugenderinnerungen .... ....
    Hurtig! Hurtig! rief eine feine, sonderbar keuchende Stimme hinter ihnen.
Sie wandten sich um und bemerkten eine dicke Figur, die sich inzwischen zu den
Redenden gesellt hatte. Ohne Zweifel war dies der Wirth zum Pelikan. Der
stattliche Herr war im leichtesten Sommerneglige. So fett, da sein Schwei,
wie Falstaff sagt, die Erde spicken konnte, befrderte er auch in seiner
Kleidung diesen heilsamen Einflu auf die Fruchtbarkeit des Bodens, Hals und
Brust offen, die Hemdrmel aufgestreift. Er schien unter dem hohen Stand des
Thermometers schrecklich zu leiden. Keuchend und mit dnner Stimme sagte er:
    Hinter der Scheune ist ein Garten, meine Herren, und die Kegelbahn. Aber
Wochentags kommt keine Gesellschaft. Wenn's Ihnen nicht zu still da ist und zu
einsam ...
    Grade recht, wenn's still ist, fiel Dankmar ein. Und nun, Herr Wirth,
Zauberwinke! Herrscherbefehle! Bier, Wein, Cotelettes, Salat ....
    Nein, Eierkuchen! fiel Kathrine lachend ein. Eierkuchen, wie man ihn in
Thaldren backt.
    Eierkuchen, wie man ihn in Thaldren backt! riefen die Brder fast im
einstimmigen Ton.
    Der dicke Wirth lachte und wackelte voraus, ihnen das Gartenstacket zu
zeigen. Kathrine hinterher voll seliger Freude. Sie war sauber und reinlich
gekleidet; die Haube, ihren verheiratheten Stand anzeigend, bedeckte das Gesicht
einer noch recht schmucken Dreiigerin. In ihrer Zerstreuung nahm sie die
Schssel voll Salat mit in den Garten.
    Frau Peters, was soll denn der Salat wieder im Garten? fragte der Wirth und
lachte.
    Ach, ich bin ganz confus! sagte Kathrine Peters und schlug sich vor die
Stirn, indem sie nun wieder nicht wute, sollte sie an den Brunnen oder in die
Kche oder im Garten ihren jungen Pfarrersshnen aus Thaldren einen Platz
anweisen, der ihr der schnste schien.
    Geh sie nur in die Kche, Frau Peters! Ich werde die Herren schon
zurechtweisen!
    Dies krftige Wort des Wirths gab den Ausschlag.
    Gut, Gevatter! sagte sie, nahm ihren Salat und kehrte in den Hof zurck.
Eins, zwei, drei und Sie sollen prchtig bedient sein!
    Durch einen kleinen Garten von Rasen, Gemsebeeten und einigen Obstbumen
vom Pelikanwirthe gefhrt, fragte Siegbert:
    Ei der tausend, Herr Wirth? Die Kathrine nennt Sie Herr Gevatter?
    Das kann sie, antwortete der Dicke schnaufend, sie kann's, weil ich's bin.
Die Peters ist sozusagen nicht blos meine Magd, sondern sie fhrt mir sozusagen
die ganze Wirthschaft. Mein Weib ist todt, und den Spectakel mit den Mgden
hatt' ich satt. Da sagt' ich zu meinem alten Freund Peters, der schon seit
zwanzig Jahren bei mir einkehrt und mein Gevatter ist von Kindern, die todt
sind: wt' ich eine brave Frau in gesetzten Jahren, die mir Ordnung im Hause
hielte, ich heirathete wieder. Thue Das nicht, Alter! meinte Peters. Sieh! Ich
mache dir den Vorschlag, ich ziehe von Angerode daher. Die Eisenbahnen machen
unsere Fuhren immer leichter; es dauert eine Ewigkeit, bis so ein Wagen jetzt
voll geladen ist und abgehen kann. Da lieg' ich denn auf der Brenhaut und bin
mehr hier als in Angerode. So mu ich zwei Wirthschaften fhren. Besser ich
ziehe hierher und sorge nebenbei fr deinen Stall, da du alter Kerl bald so dick
wirst, da du nicht mehr hinein kannst, wenn du dir keine breitere Thr baust.
Nun, und Das bin ich eingegangen, und das Ende vom Lied ist, da der Peters
seine Wirthschaft hier herbergefhrt hat und die kleine Gevatterin hier jetzt
uns Alle im Sack hat. Mir ist's recht. Sie sehen, ich komme nicht dabei zurck.
    Der behaglich schmunzelnde Wanst rckte den Brdern am Ende der Kegelbahn
dicht an einem Bach, der den Garten begrenzte, einen Tisch zurecht. Das
Pltzchen lag gar angenehm im Grnen. Ein voller Apfelbaum beschattete den Tisch
mit seinen zackigen sten. Die im Untergehen begriffene Sonne warf ihre letzten
rthlichen Strahlen herber. Kfer summten, Vgel zwitscherten von den
Nachbargrten her. Sie konnten fr die Mittheilungen, die dem ungeduldigen
Dankmar auf der Zunge brannten, keinen stillern Ort finden. Schon kam auch
Kathrine wieder zurck mit vollen Flaschen, einem Windlichte fr die Cigarren
und einem Teller voll groben und feinen Brotes zur beliebigen Auswahl.
    So! sagte sie; da sitzen Sie ja schon traulich beisammen. So schn wie in
Thaldren ist's freilich nicht. Die Aussicht fehlt - aber so ein Pltzchen gab's
doch auch im Garten hinterm Pfarrhause. Und der Herr Vater - Gott hab' ihn
selig! - wie gern sa der so Abends im Freien, wenn die Sonne unterging, und
sprach dann wie ein Buch, trotzdem da er's schwer auf der Brust hatte. Ich
sagt's gleich, als es hie, er ist Oberpfarrer in Angerode geworden. Ich war
dazumal schon ber sechs Jahre an den Peters verheirathet. Ich sagt's gleich,
als er in das alte steinerne Pfarrhaus von Angerode zog, da hat's keine Luft fr
den braven Herrn und seine kranke Brust. Alles von Stein da und die hohen Zimmer
und keine Wrme, wenn auch die fen gro genug waren und das Freiholz nicht
gespart wurde. Wie lange hat er's drin gemacht? Zwei Jahre! Du lieber Heiland,
der brave Mann! Wohnt denn die Mutter noch ihr Witwenjahr in dem Hause? Ich
wei, sie haben's ihr nehmen wollen. Feinde hatte Ihr Herr Vater immer; Das
wuten Alle und Keiner begriff's warum? So ein engelguter Herr und doch sollt'
er nicht in die Stadt kommen, bis es vor seinem Ende doch sein mute und da
war's sein Tod. In dem kalten Ritterhaus!
    Frau Peters, der Eierkuchen! rief der Wirth zum Pelikan, der neugierig
zugehrt hatte, dann aber die trumerische Versunkenheit seiner Gevatterin nun
im Interesse der Bedienung vom Vergangenen doch aufstren zu mssen glaubte.
    Es ist auch wahr, fiel die ganz weinerlich gewordene Frau ein und lief
hurtig wieder davon.
    Nun lassen Sie's sich gefallen, sagte der Wirth zu den durch die Erinnerung
an den Vater bewegten Brdern; wie Sie's finden, ist's einmal, und wenn Sie
Etwas wnschen, was wir haben, so rufen Sie nur!
    Damit setzte er seinen schwerflligen Mechanismus in Bewegung, wieder dem
Hofe zu, und lie die Brder endlich allein in behaglicher, stiller Ruhe.
    Ein eigenes Zusammentreffen, begann Siegbert und fhlte an die Tasche, ob er
sein anvertrautes Pfand, die hundert Thaler, auch noch bei sich hatte; diese
Kathrine hier im Pelikan! Wir waren wol Jungen von etwa zwlf und vierzehn
Jahren, als sie einen Fuhrknecht heirathete. Wir selbst kommen uns kahl und
schaal, zwecklos und ziemlich unntz in der Welt vor, und ihr gehen wir auf wie
die Engel und Propheten! Der Mensch wei nicht, was Einer dem Andern ist! Sie
hat nach uns geforscht, und beobachtet, ein Wiederbegegnen mit uns fr ein
groes Lebensglck gehalten, das sie sich auf einen schnen Sonntag Nachmittag,
vielleicht nach der Predigt, aufsparte, und ich wette, sie trumte im selben
Augenblick glckselig von uns, whrend wir ber irgend Etwas in Verzweiflung
waren und keinem Menschen in der Welt von Wichtigkeit zu sein glaubten, als nur
unserer Mutter und allenfalls unsern Glubigern!
    Daraus siehst du, theurer Communist, sagte Dankmar, indem er seine Cigarre
an dem von Kathrine hingestellten Lichte anzndete, da die Armen auch nicht so
ganz elend sind, wie du dir denkst. Sie haben wirklich mehr Paradies als wir uns
einbilden und selbst besitzen. Eine Landpartie Sonntags ist dem Handwerksmann
eine so groe Freude, wie dir vielleicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar
sein wrde. Doch lassen wir jetzt unsere socialen Betrachtungen und besprechen
wir ernstere Dinge. Weit du, bester Bruder -
    Nichts weiter! unterbrach ihn Siegbert, ehe du nicht die Hauptsache
berichtet hast: wie geht's der Mutter?
    Sie ist wohl, sagte Dankmar und schenkte die Glser voll. Wohlan! Das geht
voran! Die Mutter lebe hoch!
    Die Brder stieen an. Die groen braunen Methglser wollten nicht recht
klingen. Der Wirth zum Pelikan schien keinen Wein zu fhren. Doch war das Bier
schmackhaft und lie sich trinken.
    Und nun, Bruder, fuhr Dankmar fort, hre mir zu! Es ist eine feierliche
Stunde!
    Ich bin begierig, welche Narrheit du auf dem Tapet hast, ergnzte Siegbert,
whrend Dankmar sich rusperte und also begann:
    Siegbert Wildungen, lterer Bruder des sehr ehrenwerthen Dankmar Wildungen,
malendes Vorbild eines malerischen Referendars! Es kann dir nicht unbekannt
sein, da sich die Geschichte unsers Hauses in die ltesten Sagen der Vorzeit
verliert. Ich will nicht untersuchen, ob sich schon unter den Rittern der
Tafelrunde ein Wildungen durch seinen Durst - ich meine nach Abenteuern
-auszeichnete; soviel ist gewi, da am Hofe Karl's des Groen ...
    Theuerster Bruder, fiel Siegbert ein, sparen wir unsere Genealogie fr lange
Winterabende. Der Apfelbaum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus, da wir
bei ihrem Duft in solchem alten Moder stbern. Johannisbeerhecken? fragte
Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an. Johannisbeerhecken?
    Oder Stachelbeeren! Was scheidet uns da von den freundlichen Grten der
Nachbarschaft? Der Bach und die Hecken -?
    Johannisbeerhecken! In der That! wiederholte Dankmar hinberblickend. Seit
ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe, stutz' ich bei Allem, was an
Johannes, gleichviel ob den Tufer oder den Apostel, erinnert.
    Bist du Freimaurer geworden? fragte Siegbert staunend.
    Gewissermaen, ja! sagte Dankmar. Ich war so frei, in Angerode zu mauern,
Wnde zu durchbrechen und Johannisbeeren, ... sieh, sieh, in welchem
Zusammenhange knnten wol diese Beeren mit einem der beiden Johannes stehen?
Warum nennt man berhaupt diese Beeren Johannesbeeren?
    Ohne Zweifel hat sie der Tufer Johannes in der Wste gegessen, erklrte
Siegbert.
    Oder ... weil sie um Johannis reif sind - fiel Dankmar ein. Schade, da
meine Auslegung prosaischer ist!
    Ich glaube, du bist nrrisch, erwiderte Siegbert, ein wenig rgerlich ber
den Humor des Bruders, der heute nicht ganz in seine Stimmung passen wollte.
    Genug, lieber Bruder, Johannisbeeren oder Stachelbeeren, fuhr Dankmar fort,
soviel ist richtig, da du selbst sehr eitel auf den alten Ursprung unserer
Familie bist; denn auf deinem Molay hast du einen deutschen Tempelritter
angebracht, der mit dem franzsischen Heermeister des Ordens stirbt, in deinen
Flammen, die wunderschn gemalt, aber in dieser Weise historisch nicht motivirt
sind.
    Das that ich aus gutem Bedacht, antwortete Siegbert; denn ein Hugo von
Wildungen war der Ahn unsers frher adeligen Hauses, und wenn nicht Templer,
doch Johanniterherr der deutschen Zunge in einem ehemaligen thringischen
Tempelhause.
    Und Gott segne diesen Hugo von Wildungen! fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit
ein. Er hat dir den anachronistischen Frevel, ihn zweihundert Jahre vor seinem
in Rom erfolgten Tode schon in Paris verbrennen zu lassen, aus Anerkennung
deiner dabei gehegten guten verwandtschaftlichen Absicht gndiglich verziehen.
Denn wenn ich in Halle und Berlin mein l nur einigermaen nicht ganz verloren
habe - oleum perdere, lieber Bruder, eine schne lateinische Redensart fr:
seine Collegiengelder zum Fenster hinauswerfen -, so werden wir mit Hlfe dieses
von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Besitzer einer kleinen,
runden, gemthlichen Million.
    Siegbert konnte ber diese Bemerkung nicht lachen; denn Dankmar sprach sie
mit einem solchen Ernste, das Blut scho ihm dabei so in die Wangen, der Eifer
trieb ihn so convulsivisch vom Tisch empor, da er im ersten Augenblicke
glaubte, sein sonst so nchterner, nur im Praktischen lebender Dankmar wre von
einer fixen Idee befallen. Du staunst? fuhr Dankmar fort. Aber ohne einen
triftigen Grund habe ich keine so wahnsinnige Eile gehabt, dich zu sprechen.
Ohne einen solchen Sporn htt' ich keine Sporen angeschnallt und mich auf einen
jetzt vielleicht mit dreiig oder funfzig Thalern Verlust gemietheten
Lasally'schen Fuchs gesetzt. Da mute etwas vorgefallen sein, Herz, was sich der
Mhe verlohnte, den Hals zu brechen; denn ich hatte die Absicht, dich
aufzusuchen, wo du nur zu finden wrst, und nur dieser rothhaarige Proletarier,
diese Kathrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert,
dir Das sogleich mit der gehrigen Feierlichkeit anzukndigen, was mir seit fnf
Tagen wie glhendes Feuer im Munde flammt.
    Siegbert, erstaunend ber die Aufregung des Bruders, konnte nichts als, alle
Gegenrede vermeidend, ihn bitten, deutlicher zu werden und in Ruhe zu erzhlen,
was er ihm anzuvertrauen htte.
    Wohlan! Du bist von Thaldren und dem angeroder Lyceum zur Akademie
gegangen, fuhr Dankmar, sich wieder setzend, fort, ich zur Universitt: wir
haben in Angerode, aber nicht im Pfarrhause gewohnt, wo der Vater uns allzu frh
starb. Seine frommen Collegen gnnten ihm nicht, da zu wohnen, wo er sterben
sollte: denn es war bekannt, da er sich gern des alten Ursprungs unserer
Familie rhmte und von der Pfarrwohnung in Angerode, dem ehemaligen Profehause
der thringischen Tempelherren, im Scherz wie von einem Stammsitz seiner Familie
sprach. Bei dem kurzen Besuche, den du gerade beim Tode des Vaters in Angerode
machtest, wirst du dich des alten verfallenen Nebengebudes an dem Tempelhause
erinnern -
    Das ganze Gebude, ergnzte Siegbert, regte mich immer auf's lebendigste an.
Das Tempelhaus zu Angerode ist einer der schnsten Reste des Mittelalters. Die
herrliche Faade mit den symmetrisch geordneten Doppelfenstern, deren zwei immer
ein Spitzbogen vereinigt, die beiden Giebel, ganz erinnernd an das alte,
restaurirte Haus des Martin Behaim in Nrnberg, und selbst der Anbau, den man
nicht zur Pfarrwohnung geschlagen hatte, obgleich verfallen und in gedrcktern
Formen gehalten, doch gar lauschig und traulich. Dieser Anbau gehrte so
unzweifelhaft zu dem Ensemble dieser ehrwrdigen alten Niederlassung, da ich
mich freute, zu hren, wie nun auch diese Rume bestimmt sind, mit der Wohnung
des knftigen Oberpfarrers und dem Schulhause verbunden zu werden.
    Und gerade in dem Augenblicke, ergnzte Dankmar, wo diese bergabe erfolgte,
kam ich nach Angerode. Man wollte der Mutter erst ihren einjhrigen Witwensitz
im Hause streitig machen, es wurde mir leicht, ihr Recht bei der Stadt
durchzufhren. Schwieriger war es, ihr auch die Nutznieung des Anbaus zu
sichern. Sie selbst verzichtete darauf. Du weit, wie wenig sie bedarf. Aber ich
wollte vom Rechte nichts vergeben sehen und bestand darauf, da ihr auch diese
jetzt freien Rume zur Verfgung gestellt wurden. Es war das Archiv und die
Bibliothek des ehemaligen Tempelhauses, sptern Johanniterhofes. Das war ein
Hetzen mit den Gerbern und Seifensiedern der Stadt! Die Einen wollten in dem
alten Gemuer ihre Felle aufbewahren, die Andern ihre Lichtdochte. Auch die
Regierung kam und reclamirte den Ort zum Besten der wollenen Socken und leinenen
Kostbeutel des Militairs. Aber ich trat als Advocat auf. Ich sagte ihnen: Diese
Stadt Angerode hatte einst die Ehre, der Sitz eines reichen und mchtigen
geistlichen Ritterhofes zu sein. Der Orden hat die Wohlfahrt der Stadt
begrndet. Als er in Folge der Reformation sich auflste, wurde bestimmt, da
seine smmtlichen Besitzthmer in Angerode an die Pfarrei der St.-Johanniskirche
bergingen. Mit dem Tempelhause selbst geschah Dies. Eure Pfarrer konnten in den
kalten groen Rumen mit den steinernen Fubden, die nur fr Ritter bestimmt
waren, alle eines frhen Todes an Gicht und Rheumatismus sterben, aber den Anbau
nahmt ihr zu diesem und jenem profanen Zwecke. Aus dem alten Archiv und der
Bibliothek machtet Ihr das Unwrdigste! Gott sei Dank! Jetzt ist der Fleisch-
und Mehloctroi daraus vertrieben, denn Ihr Angeroder habt dem Staat den Mehl-
und Schlachtzins durch directe Steuern abgekauft. Nun falle dieser Raum an Die,
denen er gehrt, an Eure Seelsorger oder deren Witwen! So sprach ich und ich
htt' es doch ohne Proce nicht durchgebracht, wenn sich nicht politische
Freunde gefunden htten, die die Sache ordentlich nach einem Princip auffaten.
Wie Das mglich war, wei ich noch bis zur Stunde nicht; aber die Anbaufrage
wurde Tendenzfrage, man machte einen Antrag bei den Stadtverordneten, und weil
man Aufregung bei dem jngern Theile der Bevlkerung und der mir rasch
zugethanen arbeitenden Classe frchtete, so hatten wir die Majoritt, und die
neuen Gelasse fielen nicht an die reichen Gerber und Seifensieder, nicht an die
Regierung, sondern an die Geistlichkeit und deren Angehrige.
    Eine seltene Ausnahme in diesen Tagen, bemerkte Siegbert, wo dieser Stand
eher herauszugeben als zu gewinnen gewohnt ist.
    Der Stand that da nichts, fuhr Dankmar fort, das Recht und meine Popularitt
entschied. Den alten angeroder Lyceisten kannten Alle, feierten Alle. Das
Gefhl, mit dem die groe eisenbeschlagene Eichenthr, die von unserm
Schlafzimmer in den Anbau fhrt, von mir feierlich geffnet wurde, entlockte der
Mutter einen unwillkrlichen Seufzer, denn gerade da hatte das Sterbebett des
Vaters gestanden. Da war er in deinen Armen gestorben, Siegbert, du kennst die
Stelle. Die Thr krachte in ihren Angeln. Seit drei Jahrhunderten war sie nicht
geffnet worden. Der alte verrostete Schlssel lag so lange auf dem Rathhause!
Ein Schlosser hatte einen ganzen Tag daran zu putzen, ihn nur einigermaen
wieder brauchbar zu machen. Der Gewinn an Rumlichkeiten war nicht gering, aber
da sie im verwildertsten Zustande sich fanden, konnte man sie jetzt schon zur
Wohnung unmglich herberziehen. Da lagen die Acten der Mahl- und
Schlachtsteuerschreiberei in Haufen aufgethrmt. Eine Auction erst entfernte
sie. Von der Verbindungsthr stieg man einige Stufen hernieder und befand sich
dann auf einem Gange, der mit Bildern alter Heiligen geschmckt war. Ob
Boissere daraus etwas herausfinden wrde, was abgewaschen und mit Lack frisch
berzogen an einen Knig von Baiern als altdeutsche Schule sich verkaufen liee,
wei ich nicht. Dnnbeinig genug sahen die Kriegsknechte und die heiligen drei
Knige vom Morgenlande aus, die man da auf Holz geklext hatte -
    Still! Still, Dankmar! Deine Frivolitt wird bestraft, unterbrach Siegbert
den Bruder, Kathrine hemmt deinen Redeflu und zwingt dir eine unwillkrliche
Pause auf.
    Dankmar sah sich um. Kathrine brachte den Salat und ihr
schnittlauchduftendes Backwerk. Selbstzufrieden trug sie das gelbe Erzeugni
ihrer Kunst. Die sesten Kindheitserinnerungen gingen den Brdern auf. Siegbert
htte sie gern gleich ausgesprochen, aber Kathrine fiel ihm ins Wort und sagte
pltzlich mit trauriger Stimme:
    Eigentlich sollt' ich gar nicht vergngt sein, Sie so bedienen zu knnen.
Lieber Gott, es vergeht doch kein Tag, wo nicht was Schlimmes kommt! Auf eine
Freude immer zehn mal ein Unglck.
    Was ist denn, Kathrine? fragten die Brder theilnehmend, schnitten aber
schon tapfer ihr Gebck in gleiche Theile.
    Da fhrt ja eben, sagte sie klagend, der Fuhrmann von Quedlinburg vorber -
er spannt im Engel aus - und erzhlt mir ein Unglck mit meinem Peters.
    Das wre! sprang Dankmar auf und seine Zge verfrbten sich.
    Nein, nein, sagte Kathrine beruhigend, es ist weiter nichts, als die Achse
hat er gebrochen -
    Die Achse?
    Und seine Ladung - Mein Schrein? rief Dankmar.
    Ist Alles, wie es sein soll; beruhigte ihn Kathrine; aber so
niedergeschlagen, sagt der Fuhrmann, ist mein Mann, so rabiat htt' er ihn
angetroffen, als wenn er seine ganze Fracht verloren htte.
    Das wre mir schn! bemerkte Dankmar, sich nur mit Mhe sammelnd und auf dem
Rasen hin und hergehend.
    In Hohenberg ist's ihm passirt! berichtete Kathrine weiter. Wie? Das wird er
wol erzhlen. Er mu in einer Stunde eintreffen, so lange hat's gedauert, bis
das Rad wieder hergestellt war. Aber woher kommt's? Von den schlechten Wegen.
Seit die Eisenbahnen sind, geschieht nichts mehr fr die Landstraen, und doch
mu man's segnen, da es noch Gegenden gibt, wo der Gottseibeiuns selbst nicht
mit Feuer und Dampf ber die Wiese fhrt. Schlimme Zeit! Aber jetzt lassen Sie's
sich's schmecken und sowie er sich auf der Chaussee blicken lt, meld' ich's
an. Freude ist nicht viel an der Fahrt, wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung
fhrt und ihm 's Rad bricht.
    Damit ging sie. Aber Dankmar hatte eine unbeschreibliche Unruhe. Das Essen
mundete ihm nicht.
    Ich htte den Schrein nicht von mir geben sollen! rief er einmal ber das
andere und rannte dabei auf und ab.
    Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein, sagte Siegbert. Ist denn das
die Bundeslade selbst? Du hrst ja, da sie da ist -
    Ehe ich sie nicht sehe, mit Hnden greife, habe ich keine Ruhe mehr -
    Siegbert mute lachen und meinte:
    In meinem Leben hab' ich nicht gesehen, Dankmar, da dich etwas so ernst
stimmen kann wie dieser Schrein. Was hat es denn mit diesem Heiligthume? Man
mchte glauben, es enthielte das goldne Vlie und kme direct aus Kolchis.
    Siegbert, sagte Dankmar, seit einer merkwrdigen Nacht, die ich in dem Anbau
des Tempelhauses zubrachte, ist mir nichts mehr so wichtig wie dieser Schrank
...
    Den du hoffentlich aus dem Eigenthum der Stadt Angerode nicht mitgenommen
hast ...?
    Allerdings hab' ich Das. Dieser Schrank enthlt Schriften, die sich
lediglich nur auf uns und unsere Familie beziehen -
    Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen, sagte Siegbert
lachend, deine ersten schriftstellerischen Versuche im Geschmack der
Bernsteinhexe oder der schlesischen Sybille, die man so lange fr echt
bewunderte, bis sich entdeckte, da irgend ein ruhmschtiger pommerscher
Landpastor oder ein gelangweilter schlesischer Stadtschreiber diese Mrchen
erfunden hat!
    Spotte nicht! sagte Dankmar, in drei Jahren werden wir anders sprechen.
    Sich setzend und ohne viel Appetit seinem Abendimbi mig zusprechend, fuhr
er nun in seinen Mittheilungen fort und erzhlte dem erstaunenden Bruder die
Entdeckung von Thatsachen, die in das Leben dieser beiden jungen Mnner
merkwrdig genug eingreifen und auch uns im Laufe dieser Erzhlung mannichfach
beschftigen sollen, wenn wir auch gestehen, da die Brder selbst ohne
Dankmar's Traum von einer Million beneidenswerth waren. Sie hatten Geist, Herz,
Talent, jede Anwartschaft auf eine glckliche Zukunft. Ihren reichsten Schatz
aber kannten sie nicht einmal. Es war dies die goldene poetische Jugend, die
Jugend mit dem Zauberstabe, der Quellen aus Felsen schlgt, luftige Palste in
den Wolken bewohnbar macht und jeden schon am Gemthe prickelnden Schmerz, jede
kleine schon am Herzen nagende Tuschung mit dem Troste heilt: Du bist jung!
Noch gehrt dir das ganze Leben, noch gehrt dir die ganze Welt!

                                Viertes Capitel



                           Der Schrein im Tempelhause

Eines Abends, erzhlte Dankmar, lockte mich der Ton der Orgel in der
Johanniskirche, deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden
war, in den grern Saal, in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliothek
des Ordens stand, und die kleinern Nebengemcher, wo sich sein Archiv befunden
haben soll. Es war eine gewisse Ordnung in das Huschen gekommen. Die alten
geistlosen Schreibereien ber Rinder und Mehl waren entfernt, das Erdgescho war
vom Schmuz, das obere Stockwerk vom Staube gereinigt. Unten sollte eine
Waschkche angelegt werden, ein Trockenplatz fr den Winter, oben der kleine
Saal, einfach gewlbt, und die Nebenzimmer trocken und warm, standen unserer
Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer. Es wre in ihnen traulicher zu hausen
gewesen als in den hohen Zimmern des groen Prunkgebudes nebenan. Die Orgeltne
in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer, der sich zum nchsten
Sonntagsgottesdienste bte. Es war mir eine eigene Empfindung, wenn ich
zurckdachte an die frhere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes. Man hat
noch viel zu wenig ber den Zweck, die Bedeutung und die Schicksale dieser alten
Ritterorden nachgedacht. Ihr Ursprung ist mrchenhaft und dunkel, ihr Ende
sicherlich nicht so, wie es erzhlt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist.
Wer kennt die geheimen Fden, die aus den Bauten der Indier herberreichen in
den Tempel Salomon's und das Grab des Erlsers, das die Tempelritter hteten?
Wer weist nach, welche noch geheimern Fden sich von ihnen bis in die neuere
Gesellschaft ziehen, whrend wir jetzt schon wissen, da vielleicht die
Freimaurer, trotz alles Leugnens der Forscher, das Geheimni der Tempelweihe in
sich aufnahmen! Diese geistlichen Ritterorden standen zwischen den Weltlichen
und zwischen den Geistlichen in der Mitte, vom Papste und den Knigen zugleich
geehrt und zugleich verfolgt und immer ehrwrdig durch sich selbst, durch ihre
Entsagung, durch ihre Tapferkeit. Sie retteten die Weltlichkeit vor allzu
gedankenloser und unheiliger geistiger Richtung, sie retteten den geistlichen
Stand vor allzu mnchischer Verdummung und thatenloser Beschaulichkeit. Das
Schwert war ihre Inful, der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium. La mich's dir
sagen, Bruder, heute zum ersten male in Worten, die meiner stillen Bewunderung
ein lautes Zeugni geben, da dein herrliches Bild, der Feuertod Jakob's von
Molay, auch mich tiefinnig ergriffen hat. Ich habe dir bisher nur in lauer
Weise, scherzend fast, darber gesprochen, weil du weit, wie ich dich verehre,
und wie Alles, was von deiner Knstlerhand kommt, mir schon von selbst sich
anpreist. Aber ich sehe ein, da Diejenigen wenig verstehen, mit schaffenden
Genien umzugehen, die nicht Alles und Jedes, was diesen entstammt, immer wieder
neu begren, neu anerkennen. Nichts kann im Knstler eine bloe Fortsetzung
seiner einmal aufgezogenen Thtigkeit sein. Jeder Gedanke, den er verkrpert,
entspringt aus einer neuen Offenbarung seines Geistes, die heute durch die Luft,
morgen durch Feuer und Wasser zu ihm spricht. Vergib mir, da ich dir erst heute
so theilnehmend und hingegeben von deinem Werke rede!
    Dankmar! sagte Siegbert tief gerhrt und ergriffen. Eine Thrne stand ihm im
Auge, er fate zitternd des Bruders Hand, die dieser an sich zog und ans Herz
drckte. Dankmar! Du bist gut! war Alles, was Siegbert sagen konnte.
    Ja, fuhr Dankmar begeistert fort, die Prophezeiung, die man dir und dem so
frh sich verrathenden Genius des Knaben stellte, erfllt sich doch wunderbar.
Erlebte Das der Vater, der so frh auf unsere Gaben lauschte, und in mir nur den
kalten Verstand des Advocaten, in dir die Wrme und das Talent des Knstlers
entdeckte! Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen, geschtzt vor rauhem
Sturme der Sorge; hat er nicht selbst gedarbt, um uns den Weg des Glcks zu
bahnen?
    Auch Dankmar's Augen zitterten. Auch ihm feuchteten sie sich. Seine Nerven
schienen erregter als sonst. Es mute mit dieser starken, metallenen Natur
wirklich eine gewaltige Erschtterung vorgefallen sein, da sie einmal so ihre
gewhnliche Weise von sich warf. Doch war es nur ein Augenblick. Whrend
Siegbert seinen Gefhlen der Erinnerung an einen sorgsamen, liebenden, zu frh
dahingegangenen Vater freien Raum lie, fuhr Dankmar, schon wieder gesammelt,
fort:
    Alles Das bewegte mich in dem Bibliothekzimmer der Tempelherren beim Klange
der Orgel aus der St.-Johanniskirche. An die kahlen Wnde zauberte ich mir dein
Bild. In dem dunkeln, von den Flammen rembrandtisch erhellten Vorgrunde, das
Antlitz Knig Philipp's des Schnen, der am Vorsprung eines Fensters es wagte,
dem Tode der Opfer seiner Habgier beizuwohnen, neben ihm der Legat des Papstes,
der seinem noch zgernden und vielleicht nicht ganz erstickten Ehrgefhl den
Muth zuzusprechen scheint, diese Hinrichtung deshalb zu wagen, weil die
Tempelherren falsche Gtzen anbeteten und gotteslsterliche Ceremonien bten!
Auf hundert Schritte von diesen beiden Kpfen, neben denen sich im Vorgrunde
eine Reihe anderer mit dem gemischtesten Ausdrucke und in wunderherrlicher
Flammenbeleuchtung hinzieht, der edle Ordensmeister auf dem Holzstoe, hinter
und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter, alle von den Flammen
umzngelt und glcklicherweise im Rauche schon erstickend, ehe sie noch das
grausame Feuer erreicht. Die weien Ordensmntel mit den eingestickten Kreuzen
wehen schon angesengt und halb verbrannt im Winde. Hier und da sieht man unter
ihnen noch einen geschuppten Waffenrock und auf der Brust das Wappen der Ritter,
wozu du bei einem, der dem Vater hnlich sieht, unser altes Wappen nahmst und
dir darunter Hugo von Wildungen dachtest. ber dem Ganzen aber im Wiederschein
des Qualms und der Flammen gegen den reinen ther schwebt eine wie zufllig
aufflatternde Taube, die so majesttisch in dem feurigen Lichte schwebt, da sie
Jeder fr das Symbol des siegreich aufsteigenden heiligen Geistes erkennen wird.
    Ich entlehnte, fiel Siegbert lchelnd ber des Bruders Beschreibung seines
Bildes ein, ich entlehnte diesen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Hu.
    Gleichviel, fuhr Dankmar fort; auch von diesem Aschenhaufen des Jahres 1314
stieg die Taube der Unschuld, das Symbol der Liebe empor, wenn auch vielleicht
noch nicht das der Gedankenfreiheit, in dem ich mir lieber einen Adler mit
trotzig ausgebreiteten Schwingen denken mchte. Der in Frankreich, Italien und
England aus Habsucht verfolgte Orden erhielt sich lngere Zeit in Deutschland,
wo ihn, wie manchen andern bessern Gedanken, gerade die Zerrissenheit des Staats
zu retten schien. Ein Frst gnnte des Ordens Besitzthmer dem Andern nicht und
so wre er vielleicht von allen verschont geblieben, wenn ihn eine Bulle des
Papstes nicht gezwungen htte, ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden.
Auch im Harze hatte der Orden Tempelhfe, und sandte von ihnen Ritter aus, die
fr das Grab des Erlsers in Syrien kmpften. Als die Tempelherren Johanniter
wurden, kmpften sie auf Rhodus und Malta. Andere standen im Dienste der
Republiken Venedig und Genua, immer um gegen die Unglubigen und fr die
Wiedereroberung des heiligen Grabes zu fechten. Sie gewannen dabei kostbare
Schtze, die jedoch nicht ihnen, sondern dem Orden gehrten. So hatte Hugo von
Wildungen dem in einen Johanniterhof verwandelten Tempelhause von Angerode die
uneigenntzigsten Dienste geleistet, als die Reformation sich im Harz
ausbreitete, die Klster entvlkerte und auch die Ritterorden auflsend ergriff.
Noch wurde im Schooe des erschtterten Ordens die Partei, die am Papste
festhielt, von dem katholischen Fanatiker Heinrich von Braunschweig geschtzt.
Noch fielen die Anhnger der Reformation am Fue des Harzes auf dem Blutgerst
oder schmachteten in Heinrich's und Georg's von Sachsen tiefsten Kerkern. Aber
der Geist der Zeit untersttzte alles Das nicht mehr, was nur noch durch die
Schrfe des Schwertes behauptet werden konnte. Auch der Johanniterhof von
Angerode rstete sich zum protestantischen Glauben berzugehen, und wandte
bereits den Ertrag seiner Reichthmer dem zum Orden gehrenden Adel als in
seiner Familie erbliche Besitzthmer zu. Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen
auf, er, der Einzige, der katholisch blieb, er, der es noch da zu bleiben wagte,
als auf Heinrich und Georg Regenten folgten, die der Reformation huldigten. Nach
der Schlacht von Mhlberg, als die deutschen Frsten in Halle vor Karl dem
Fnften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief: Nicht Kopf abe!
besttigte der Kaiser feierlich den St.-Johannesritter Hugo von Wildungen als
Comthur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholisch gebliebenen
Johanniterhofes von Angerode. Mit dem Heere des Kaisers aber zog auch seine
Macht ab. Die abtrnnigen Ritter lieen sich von einem Papier aus ihrem Raube
nicht verdrngen und Hugo von Wildungen mute weichen. Um ihm aber, den Alle
achteten, einen Beweis der Verehrung zu geben, um ferner das Beispiel zu
beschnigen, das sie selbst von eigenmchtiger Habsucht durch Aneignung der
Gter des alten Tempelhofes gaben, setzten die bergetretenen Ritter ihrem
katholischen Meister, der erst nach Baiern, dann nach Rom und Malta auswanderte,
die letzten Huser und Liegenschaften des Ordens aus, die sie noch in groen
Stdten, unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptstadt, besaen. Die
frmlich darber aufgesetzte Urkunde schickte jedoch Hugo aus Venedig zurck,
weil er erklrte, es einem Fluche gleichachten zu mssen, vom Gute des Ordens
fr sich zu stehlen, wie es die andern ketzerischen Ritter gethan htten. Bis
soweit reichte, wie du ja selber weit, die Tradition unserer Familie .....
    Siegbert besttigte Dies und sagte:
    Wie oft mgen unsere spter auch zum Protestantismus bergegangenen,
verarmten und durch sich selbst entadelten Ahnen beklagt haben, da ihrer
Familie ein so starrkpfiger Charakter angehrte, der diese wichtige Urkunde
zurckschicken konnte! Und wenn sie sich auch fnde, sie wrde uns jetzt nichts
mehr helfen.
    Diese schwerlich, sagte Dankmar. Die Erben des vierbltterigen Kreuzes
wrden immer sagen ...
    Des vierbltterigen Kreuzes? fiel Siegbert befremdet ein.
    Das Kreuz in seinen vier Enden, sagte Dankmar zum staunenden Bruder, mit dem
dreibltterigen Kleeblatt blieb das katholische Symbol. Die protestantischen
Johanniter jener Gegend jedoch - abweichend vom gewhnlichen Johanniterkreuze -
behielten das Kreuz, setzten aber in seine Enden statt drei vier Rundungen, die
das vierbltterige Kleeblatt bezeichneten. Dieser Zwiespalt whrte bis zum
Dreiigjhrigen Krieg, wo die Ordensbekenner ausstarben und die noch
vorhandenen, nicht vertheilten Gter des Ordens den aufgesparten und seinen
Angehrigen vorbehaltenen Antheil Hugo's von Wildungen Dem lieen, der die Macht
hatte, sie zu nehmen. Merkwrdig, da die Huser und Besitzungen, die die
Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat, bis 1636 in seinem Namen und zu
seinen Gunsten verwaltet wurden. Schon damals erhob sich ein Proce, der in Wien
gefhrt wurde. Der Papst hatte eine Bulle ausgestellt, der zufolge alle
geistlichen Ritterhfe protestantischer Lande ausnahmsweise nun wirklich
Eigenthum, aber nur derjenigen Ritter werden sollten, die dem katholischen
Glauben treugeblieben wren. Man hatte in Rom gehofft, auf diese Art durch das
Privatrecht und dessen locale Gel-tendmachung sich einen festen Fu in den
ketzerischen Landen zu erhalten. Darauf hin hatte Hugo von Wildungen spter
nicht nur seinen ihm an der groen Theilung freiwillig zugestandenen Antheil,
sondern den ganzen Vollbesitz des Ritterhofes Angerode erb- und eigenthmlich
fr sich und seine Angehrigen verlangt. Der wahre Grund war der
Rckhaltsgedanke, das Eigenthum bei dem Orden nur solange aufzuheben, bis ihm
Gelegenheit geboten wrde, sich in Zukunft wieder zu sammeln. Lieber hob man in
Rom einstweilen ein kanonisches Gelbde auf, als da man dem Protestantismus so
reiche Mittel, sich zu krftigen, freiwillig berlassen htte. Wie viel
Feindschaft auch zwischen der Priesterschaft und den geistlichen Ritterorden
waltete, in den uersten Fragen trat die Eine schtzend fr die Andern ein. Wie
oft dacht' ich nun: Wenn jetzt eine Cession, eine Abtretung der Eigentumsrechte
an seine Familie von der Hand des Ritters Hugo existirte, wenn man ein Testament
finden knnte, das auswiese, der fanatische Ritter htte nicht der Kirche,
sondern den Seinigen berlassen, was er, wenn auch nur fr seinen Theil, vom
Vermgen des Tempelhofes beanspruchen durfte! Wren solche Urkunden da, so liee
sich darauf hin ein juristischer Feldzug erffnen, der ...
    Dankmar! unterbrach Siegbert den Bruder. Welche Trume! Welche Phantasieen!
Soviel lernt' ich schon von dir, da es in dem Rechtsleben Verjhrungsfristen
gibt, wo keine Klage ber eine stehengebliebene Schuld mehr angenommen wird.
    Wie aber, lieber Bruder, sagte Dankmar sicher und bedeutsam lchelnd, wenn
in dieser Angelegenheit, wie im Wallenstein'schen und andern noch schwebenden
uralten Processen, merkwrdigerweise deshalb nichts verjhrt ist, weil sie alle
funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Communen
mit den Regierungen ber jene Hinterlassenschaft gestritten haben? Wie, wenn
sogar unser Staat, unser jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt
hier einen Proce wegen siebzehn alter Tempelhuser begonnen hat, dessen
Zulssigkeit in hchster Instanz lngst entschieden ist? Endlich, Bruder, wie,
wenn ich dir beweisen knnte, da diese Huser - Doch genug, hre, was ich
erlebte.
    Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten
aber doch zweifelnden Erstaunens.
    Als ich nun an jenem Abend, begann Dankmar wieder in seine Erzhlung
einzulenken, in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer
Benutzung dieser Rume mich orientiren wollte, entdeckte ich an einigen Stellen
der Wnde des Archivs, da durch die Reihe der Jahre hier und da Mrtel
losgesprungen war. Mir fiel Dies auf, weil es mir vorkam, als wenn unter der
obern Decke, die nur leicht berkalkt schien, sich noch eine andere befinden
mte, die man nur drftig berzogen hatte. Ich ziehe mein Taschenmesser und
fange zu brckeln an. In der That! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken
berwurf noch eine andere geglttete Wand, die mir immer deutlicher
entgegentritt, jemehr ich den sptern, jedoch sehr alten berputz ablse. Noch
konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken fhren als den, da man
vielleicht die frher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen. Pltzlich
aber fhrt mein Messer in eine Ritze. Ich kratze sie weiter auf. Es ist ein
frmlicher Spalt. Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg; da wird die
untere ein von Kalk bespritzter breterner Widerstand. Ich arbeite weiter. Bald
entdeck' ich, da diese Wand gefelgt ist. Ich klopfe. Es klingt hohl. Ich habe
ohne Zweifel einen Schrein vor mir, einen in die Mauer gebauten Wandschrank.
Jetzt hatt' ich keine Ruhe mehr. Ich mute grndlicher untersuchen, koste was es
wolle. Es war Nacht geworden. Ich kehrte ber den Gang nach der alten
Verbindungsthr mit dem Tempelhause zurck. Die Mutter schlief schon. In der
Kche holt' ich mir ein Licht, ein Beil und einen kleinen Holztritt. So
ausgerstet, kehrte ich an meine Arbeit zurck. Bis zwei Uhr in der Nacht hatt'
ich daran gearbeitet, den obern Putz des ganzen gewlbten Zimmers
herunterzuschlagen; ich selbst und meine Lampe, wir erstickten fast im
Kalkstaub, den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte, sondern wie einen
Dampf durch die Thr auf den Gang und zum Kirchhofe hinausstreichen lie. Fr
die erste Nacht begngte ich mich mit der Entdeckung, da die letzten,
wahrscheinlich protestantischen Ritter, die das Tempelhaus noch bewohnten, ohne
Zweifel vor den Schrecken des Dreiigjhrigen Krieges dies Archiv hatten
schtzen wollen und ber die in die Wnde gemauerten Schrnke, um sie am
sichersten zu verbergen, eine ganz neue Wand gezogen hatten. Am Tage darauf
setzte ich meine einsame Arbeit fort. Niemand hinderte mich, auch der Mutter
entdeckt' ich nichts. Ich kannte ihre ngstlichkeit und die allgemeine Scheu, in
solchen Dingen etwas zu thun, ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen. Die
Benutzung dieser Rume stand ihr ja frei. Die Wandschrnke der Zimmer, die wir
im Tempelhause hatten, standen ihr ja auch offen. Auch hier fanden sich nun
Wandschrnke. Was sollt' ich zgern, sie, so gut es ging, fr unser Bedrfni zu
ffnen! Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht mglich. Ich fand
glcklicherweise einen, der es ganz in der Ordnung fand, da die Mutter diese
Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte. Der entfernte Schutt konnte ihn auf
keinen andern Gedanken bringen, als da hier noch einige Repositorien zur
Mahl-und Schlachtsteuerverwaltung briggeblieben waren, zu denen denn, wie
gewhnlich, fgte er hinzu, die Actuare den Schlssel verloren htten. Als der
Schrank geffnet war und wieder neue Schublden zeigte, die dem Schlosser
aufzuziehen nicht einfallen konnte, war ich geborgen. Ich entdeckte das
vollstndige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode, seit dem
bergang der Templerei in den Bruderorden des St.-Johannes im Jahre 1320 bis zum
Jahre 1636. Alles Das, was sich auf die Geschichte des johannitischen
Tempelhofes seit seinem bertritt zum Protestantismus bezog, war
auffallenderweise in einem groen eichenen braungebeizten Schrein vereinigt, der
auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte, dessen Enden in
vierbltterige Kleebltter ausliefen. Diesen Schrein nun -
    Um Gotteswillen, rief Siegbert, den hast du doch nicht aus dem Amtsgebude
entfernt?
    Dankmar wollte antworten, aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des
Hofhundes, das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte, unertrglich.
Die Brder, ganz vertieft in ihre Mittheilungen, sahen sich um. Die Nacht hatte
sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt. Johanniswrmchen
funkelten schon im Grase. Alles war still, traulich, nchtlich, nur der Hofhund
machte einen Lrmen, der den gereizten Nerven der Brder frmlich Schmerz
verursachte.
    Die Bestie! rief Dankmar und wollte schon hinaus, um das Thier zur Raison zu
bringen, als Kathrine die Gartenthr aufstie und herber schrie:
    Er kommt!
    Gott sein Dank! rief Dankmar, nahm seinen Hut und eilte ber alle Beete weg
den krzesten Weg zum Hofe des Pelikan. Siegbert folgte ihm langsamer und
fhlte, als umgbe ihn geisterhafter Spuk, nach seinen Taschen. Er erstaunte,
wie Hackert ber das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn so richtig hatte
aufklren knnen. Am Stil der Kirche, mute er sich jetzt sagen, fand er, da
sie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herrhren konnte. Aber zu
der Aufregung des Bruders wute er nicht, ob er sich ihrer freuen oder betrben
sollte. Sie schien ihm zu krankhaft, zu unnatrlich, an Dankmar ganz ungewohnt.
Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite. Wenn
ihn zum ersten male hier etwas tuschte, wenn er statt nach dem langsam zu
erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimthigen
Gesinnung nach einem Luftphantome griffe! Er folgte tief bekmmert dem Bruder,
indem er die kleinen Wege einhielt, die in dem bescheidenen Grtchen von den
Beeten bezeichnet waren.
    Es war fast Nacht geworden. Aber im Hofe des Pelikan wurde es lebendiger wie
am Tage. Der Hofhund lie sein Bellen nicht, ja einige kleine Klffer hatten
sich ihm noch zugesellt und fhrten ein ohrenzerreiendes Concert auf. Woher sie
die Witterung hatten, da der Fuhrmann Peters von Angerode, der Eheherr ihrer
jetzigen Herrin Kathrine, ankam, ist schwer zu sagen. Nur das elektrisch bewegte
Schalten und Walten Kathrinens, ihr pltzlicher Aufschrei: Er kommt! mute ihnen
das Zeichen gegeben haben, da etwas im Werke und Werden war. Der dicke
Pelikanwirth schlorrte, auch seinerseits insoweit erregt, als in diese
Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte, auf und ab. Der gute Mann mute
gewohnt sein, beherrscht zu werden, sonst wrde er nach dem Tode der
Pelikanwirthin sich nicht so ganz fremden, untergeordneten Menschen in die Arme
geworfen haben. Kathrine zeigte sich jetzt in der Art, wie sie einen Stall- und
Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs zurechtwies und eine andere Magd
schalt, die die Einfahrt des Thorwegs mit Kcheneimern und Besen verstellt
hatte, als die eigentliche Herrin des Ganzen, die die Umstnde dieses Gasthauses
klug zu ihrem Vortheil benutzt hatte.
    Doch war sie heute nicht ganz so froh, wie sonst, wenn Peters von Angerode
anfuhr.
    Ich wei nicht, sagte sie, ist er so mde oder was hat er, da er auch nicht
einmal mit der Peitsche klatscht! Sonst hrte man ihn schon vom
Chausseeinnehmer her, soviel knallte er, da es die ganze Vorstadt wute: der
Peters ist da. Und heute ... es mu wol das Rad sein. Wo soll's auch hinaus,
wenn man in schlechten Zeiten auch noch die Achse bricht! Der Wagen geht ihm
nahe, das ganze Geschft! Er wei, da es nichts mehr taugt und in den Ofen
geschoben werden mu, statt in die Remise.
    Die Erwhnung der Remise brachte sie wieder darauf, da der Hausknecht ihre
Thorflgel nicht weit genug geffnet htte.
    Mu man denn berall seine Augen haben! polterte sie sich in einen
knstlichen Zorn hinein. Wird denn nichts geschafft, wenn man's nicht selber
angreift und Jeden mit der Nase darauf stt! Ja, ja, Musje Siegbert, da sehen
Sie, da es in Thaldren nicht allein etwas zu schaffen gab! Hier fehlt uns aber
so ein langer Matthes, wie auf dem Pfarrhofe, der den ganzen Tag wetterte und
die Faulen anhetzte. Matthes fluchte den ganzen Tag, und wenn's der Herr Vater
merkte und's ihm verwies, sagte der alte Spitzbube: wo soviel gebetet wird, Herr
Pfarrer, kann auch einmal ein bischen geflucht werden, sonst kommt Eins in den
Himmel zu zeitig.
    Siegbert freute sich der Erwhnung des alten Matthes aus ihrer Knabenzeit,
Dankmar aber hrte nicht mehr darauf, so erfllte ihn Peters' Ankunft. Er sah in
dem von einigen Lmpchen erhellten Zwielicht der Landstrae den groen Wagen auf
dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln. Hohl drhnten die krachenden
groen Rder herauf. Er blieb wieder stehen, nachdem er dem Wagen einige
Schritte entgegengegangen war. Kathrine, die bald in der Kche, bald im Stall,
bald auf der Strae war, sagte jedesmal, wenn sie wieder ausschaute:
    Ach! ach! wie 'ne Schnecke! Was wird er mde sein und wie rgerlich! Und er
klatscht nicht! Er klatscht nicht! Das ist schlimm ...
    Endlich war denn der groe, mit grauen Leinen berspannte Wagen dicht am
Pelikan. Drei schellenbehangene Pferde zogen ihn. Peters in blauer Blouse
schritt zur Linken. Er hinkte etwas. Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne
Dankmarn erkannte, sagte er mit sonderbarem heisern Tone:
    Dacht' mir's! Dacht mir's! Guten Abend -!
    Ihr habt Unglck gehabt, Peters? begrte ihn Dankmar. Doch Alles wohl
verwahrt? Sonst keinen Schaden genommen?
    Jesus! schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau; du hinkst ja, Mensch?
Du hast Schaden genommen ...
    Guten Abend! sagte Peters mit gedmpftem Ton und lenkte die mden Pferde in
den Thorweg ein. Dem dicken Wirth galt ein zweiter Gru. Doch htt' er ihn bald
an die Wand des engen Thorwegs anquetschen knnen, wenn er nicht rasch in die
Wirthsstube retirirt wre. Endlich standen Pferde und Wagen im Hof. Kathrine,
Siegbert, Dankmar drngten sich an den Fuhrmann, der in dem Augenblicke, als er
das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte, einen Schmerzensschrei ausstt und
zusammensinkt.
    Was ist? Gott im Himmel! Peters! so scholl es durcheinander. Kathrine wirft
sich ber ihren Mann. Der Wirth zum Pelikan ruft: Wasser! Siegbert tritt
gengstigt nher. Dankmar fat des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand.
Was ist Euch, Peters? Seid Ihr krank? Erholt Euch!
    Ich berleb's nicht, sthnte der von innerer Qual gefolterte Mann, ich
berleb's nicht.
    Aber Peters, suchte ihn sein Weib zu beruhigen, erkennst du nicht die jungen
Herren? Was hast du? Ist's dein Bein, was dich schmerzt? Der Wagen ist auf dich
gefallen, als das Rad brach? Sollen wir Leinen in Wasser tauchen? Willst du
nasse Leinen auflegen? Sprich nur was, um Gotteswillen!
    Statt aller Antwort schttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der
Hand jede Hlfleistung ab.
    Ich erkenne die Herren wohl, begann er endlich, als Alles gespannt lauschte,
aber vergeben Sie's mir, Herr Dankmar, ... Gott ist mein Zeuge ...
    Peters! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen; der Schrein -
    Ist fort! sagte Peters dumpf und seine Gesichtszge verzogen sich wie das
Lcheln eines Wahnsinnigen.
    Grimmiger Zorn packte Dankmarn.
    Mensch! schrie er und rannte an den Wagen, um das Leintuch abzureien. Er
sah Kisten, Fsser, Ballen genug. Der Schrein ist da! Verpackt unter den andern!
Du irrst, Peters!
    Fort! sthnte Peters dumpf.
    Kathrine brach in ein lautes Schluchzen aus. Die Hunde bellten nicht mehr.
Der Pelikanwirth mute sich erschpft und ermdet auf einen Futterkasten an dem
Stalle setzen. Der Hausknecht lste still die Pferde von der Deichsel und nahm
ihnen die Schellenhalfter ab. Md und wie traurig und mit bsem Gewissen
schlichen die armen Gule in den Stall. Alles stumm im Hofe und fast
gespenstisch ...
    Siegbert, der seinen Bruder frchterlich leiden sah, nicht minder wie den
unglcklichen Fuhrmann, ergriff endlich das Wort und sagte:
    Erinnert Ihr Euch auch, den Schrein wirklich aufgeladen zu haben?
    Ha! ha! war die ganze Antwort.
    Wo entsinnt Ihr Euch, da Ihr ihn zuerst vermitet, fuhr Siegbert fort.
    Hinter Hohenberg und Plessen! antwortete der Fuhrmann.
    Auf freiem Feld?
    Im Dorfe Plessen, an der Schmiede.
    Wo Ihr das Rad herstellen lieet, das gebrochen war?
    Dort.
    Der Wagen mute abgeladen werden?
    Das mut' er.
    Ihr waret inde in der Schmiede, wo das Rad hergerichtet wurde?
    Ich lag halbtodt.
    Armer Mann! Man mu Mitleid mit Euch haben. Aber der Schrein war meinem
Bruder von Werth. Er enthielt Documente von seltener Wichtigkeit. Er wrde ihn
selbst mit sich gefhrt haben, wenn er nicht noch im Harz Geschfte gehabt
htte. Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben.
    Er war's auch.
    Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmchtig. Ihr wutet vielleicht
nicht, da man, um das Rad herstellen zu knnen, die Last des Wagens erleichtern
mute. Man packte ihn ab, und als Ihr Euch erholt hattet, als das Rad fertig war
und Ihr, untersttzt von den Leuten in Plessen, weiterfahren konntet, vermitet
Ihr erst das anvertraute Gut?
    O nein, sagte Peters und richtete sich mhsam auf. Als ich mich erholte,
schalt ich, da man in der Schmiede so schlechte Hebebume hatte, um nicht
einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen. Ich fluchte, wie man mir
meine Fracht abladen konnte. Ich raffte, es war in der Dmmerung des Morgens -
denn ich fuhr der Hitze wegen in der Nacht - ich raffte gleich Alles zusammen,
was um die Achse zerstreut herumlag. Ich wute, wo der Schrein stand, ich hatte
ihn immer im Auge, ihn, der mir so heilig anvertraut war. Ich fate wol alle
Stunden an die Leinwand, ob ich auch noch das Kreuz auf dem Deckel fhlte. Nach
dem fat' ich zuerst. Ich find' es nicht, das Kreuz auf dem Holze ist nicht da.
In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen, Alles auf dem Wege liegen lassen und war
mit dem Rad an die Schmiede gegangen, von der mir funfzig Schritte weit das
Unglck passirte. O Gott! Wie war mir, als ich den Schrein nicht fand! Noch vor
einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefhlt .... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich
aus. Um halb Drei brach das Rad; der Wagen strzte so, da mein Bein gequetscht
wurde. Ich schrie auf und rief und jammerte. Man kam zur Hlfe. Eine halbe
Stunde mocht' ich betubt gelegen haben. Nachdem hink' ich und sehe mich allein
unter meinen abgeladenen Gtern. Der Mond stand noch am Himmel. Alles still.
Kein Mensch um mich. Nur im Schlosse Hohenberg oben entdeckt' ich helle Fenster
.... Musik, wie von einem Tanz her, den sie dort bis an den Morgen hielten, und
von der Schmiede hrt' ich die Hammerschlge. Der Morgen graute. Ich bersehe
meine Gter. Die kalten Umschlge, die man dem Bein gegeben, hatten ihm gut
gethan. Ich konnte leidlich gehen. Da! Mein erster Blick sucht den Schrein, ich
find' ihn nicht. Jesus! Es war mir in meiner Betubung, als htt' ich einen Mann
gesehen, der ihn forttrug; einen Mann in einem Mantel .... Ich hrte den Schrein
an einem Steine poltern; denn er war schwer zu tragen, genau gewogen,
sechsundvierzig Pfund und ein halbes. Ich sag' es noch - es war kein Traum -
geraubt ist der Schrein. Gestohlen ist er, das schwr' ich zu Gott. Ich schlug
Lrm, rief den Schmied, seinen Gesellen. Ich will den Schrein sehen! Die Leute
waren halb verschlafen, hatten kaum gewut, was sie abluden. Sie hatten nur auf
mein Jammern und das Winseln meines Hundes gehrt ...
    Wo ist Bello? rief Kathrine, jetzt erst fhlend, was ihr gefehlt hatte.
    Bello ... Bello hat bei dem Sturz ein Bein gebrochen, sagte der Fuhrmann
chzend.
    Bello ist todt! jammerte sein Weib.
    Wenn ihn der Schmied nicht heilt, vielleicht! sagte Peters und fuhr mhsam
fort:
    Das Schreien und Winseln des Thieres weckte den Schmied, ich lag in
Ohnmacht. Bello blieb beim Wagen und winselte. Ich hrte ihn in meinem Zustand,
als man mir die Umschlge machte. Ich frug ihn, den Bello, ja den Hund, als ich
erwachte, nach dem Schrein. Das Thier verstand mich und heulte und winselte und
hrte nicht auf zu bellen. Aber es hatte den Dieb nicht festhalten, mich nicht
wecken knnen. Da lag ich elend, da lag mein treues Thier, zerstreut meine
Fracht und ein Ruber umschlich uns, der, ich schwr's - uns bestohlen hat!
    Sich aussprechen und sein Unglck erzhlen knnen, schien den Fuhrmann etwas
zu erleichtern. Nach einer Weile fuhr er, whrend Dankmar starr brtend zuhrte,
fort:
    Das Dorf Plessen liegt am Fue des Schlosses Hohenberg. Mit meinem hinkenden
Beine schleppte ich mich an alle Thren und rief den ganzen Ort wach. Es war
vier Uhr. Oben auf dem Schlosse erloschen allmlig die Lichter. Einzelne Wagen
fuhren herunter. Man hatte ein Fest gefeiert, das nun zu Ende war. Jeden Wagen
hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute. Die geputzten Gste lachten
mich aus und antworteten, ich sollte sie schlafen lassen. Den Ortsvorstand holt'
ich aus dem Bett. Ich verlangte, da der Schmied und sein Gesell festgenommen
wrden, und doch kannt' ich Beide als ehrliche Leute seit Jahren, und ich
schmte mich, sie fr Diebe zu halten. Auch lie ich sie frei und bei meinem
Rade. Der Schmied ist blind, sein Sohn taub. Die sind ehrlich. Aber das ganze
Dorf bot ich auf und gesucht wurde berall, hinter jedem Strauch, in jedem
Graben; aber der Schrein blieb verloren. Gott wei es, in welches Teufels Hand
er gekommen! Was sollt' ich thun? Das Rad war hergestellt, der Wagen fertig,
mein Hund blieb beim Schmied, der ihn heilen will. O Gott! Was sollt' ich thun?
Der Ortsvorstand versprach mir auf Ehr' und Seligkeit, Alles anzustellen, um den
Gaunerstreich zu entdecken. Meine Lieferungszeit fr die Gter ist auf Tag und
Stunde berechnet. Ich mute fort. Die Thiere zogen den Wagen und mich. Gehen
knnt' ich wenig, ich hinkte. Da bin ich nun, Herr! Machen Sie mit mir, was Sie
wollen. Der Schrein ist gestohlen.
    Nach einigem Bedenken sah Dankmar nach seiner Taschenuhr. Es war halb Zehn.
    Wie weit ist's bis Hohenberg und Plessen? fragte er rasch.
    Wir rechnen vierzehn Meilen. Es sind dreizehn ein halb, sagte Peters.
    Bin ich mit einem Einspnner morgen Mittag da? fragte Dankmar weiter.
    Bis morgen Abend, wenn's ein guter Gaul ist und Sie ihm dann und wann einige
Ruhe gnnen.
    Herr Wirth, sagte Dankmar, ich sah in Ihrer Remise einen Einspnner stehen.
Pferde haben Sie im Stall. Wollen Sie fr mich einspannen lassen? In zwei, drei
Tagen bin ich wieder da.
    Bruder, fiel Siegbert erschrocken ein, ist dir der Verlust denn wirklich
soviel werth, da es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an
die dortige Behrde nicht gengt?
    Ich bitte dich! erwiderte Dankmar mit groer Bestimmtheit. Mache gegen ein
Unternehmen keine Einwendung, das mit meinen knftig wichtigsten Lebensplanen in
zu naher Verbindung steht. Es ist ja nicht um diesen Schrein; es ist nicht um
diesen zeitlichen Gewinn; es ist um etwas Hheres, das in mein und dein ganzes
Leben eingreifen soll ...
    Damit trat er nher und flsterte dem Bruder halblaut zu:
    Siegbert, hast du Geld bei dir, so gib! Oder meinst du, da der Wirth uns
zwanzig Thaler vorschiet? Du schickst sie ihm morgen wieder.
    Siegbert schien der Sckelmeister der Brder zu sein. Er verwaltete das
hchst schwierige Amt, zwei jungen Mnnern, die noch keine sichere
Lebensstellung hatten, soviel Hlfsmittel durch weise konomie beisammen zu
halten, da sie immer mit leidlichem Anstand in der Welt bestehen konnten.
    Er murmelte einige sonderbare Worte, die wie ein keineswegs gnstiger
Kassenberschlag klangen.
    Die Reise nach Angerode hat Geld gekostet, sagte Dankmar ungeduldig ...
    Und mein Bild ist noch nicht verkauft, fiel Siegbert in jenem murmelnden
bedenklichen Tone ein, der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten
schien.
    Aber was machen wir uns denn fr Sorge! fuhr Dankmar pltzlich auf. Du hast
ja hundert Thaler bei dir.
    Ich - hundert Thaler? Was fllt dir ein?
    Wozu die Bedenklichkeiten! Der Rothkopf ist ein Capitalist, der mit unsern
Zinsen zufrieden ist. Sahst du denn nicht, da er uns ein Zwangsdarlehen
aufdrngte? Gieb nur her! Zwanzig Thaler gengen. Fr das brige wird unser
Schutzgeist sorgen.
    Siegbert, fast voll Entrstung, zgerte ... Es ist Unrecht von dir, mich in
solche Versuchungen zu fhren! sagte er; dein abenteuerlicher, mir jetzt noch
lcherlicher Schrein! Ich verstehe dein archivalisches Unglck gar nicht, kann
deine finanzielle Ungeduld gar nicht schtzen .... Was wei ich denn, was hier
so Wichtiges auf dem Spiele steht! Ich will nicht sagen, da ich - er lenkte
dabei freundlicher ein - zu Hause aus unserm Staatsschatze diese zwanzig Thaler
nicht wieder ergnzen knnte ...
    Das kannst du? rief Dankmar. So gnstig steht die Bilanz der Gebrder
Wildungen? Und da qulst du mich mit einer Miene, die aussieht wie ein
sterreichischer Bankbericht? Her das Packet! Zwanzig von hundert bleiben
achtzig! Wir sollten geizen, wir, die wir Pferde an Landstreicher verschenken,
classische Bilder malen, ohne sie zu verkaufen, wir, die wir eine Anstellung im
Staate so lange verachten, bis sich der Staat gebessert hat und wrdig zeigt,
einem Mann von Grundstzen jhrlich achtzehnhundert Thaler Gehalt zu geben, wir,
die wir die arrangirtesten jungen Weltverbesserer sind, die nur jemals das Wort
Credit und das Geld berhaupt verachtet haben!
    Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerstehen. Er trat hinter den groen
Packwagen, griff in die Tasche, lste das Packet und zhlte dem Bruder soviel
Scheine ab, als er gewnscht hatte. Whrenddem wurde schon die kleine Kalesche
aus der Remise gezogen, die Stalllaterne leuchtete einem Pferde voraus, das
langsam mit gebcktem Halse ber den Hof schlich, in die Gabel des Wgelchens
vom Hausknecht eingeschoben und angeschirrt wurde. Kathrine und Peters waren
inzwischen verschwunden.
    Und nun ... wer fhrt Sie jetzt? fragte der Pelikanwirth, der mit
Gutmthigkeit an Dankmar's Verlust den innigsten Antheil nahm.
    Ich selbst! Ich selbst! Nur die Peitsche her!
    O, Das nicht, Herr! Das macht Sie md und mat. Kaspar, da mein Knecht, geht
mit. Die Peitsche geholt, Kaspar! Die Decke auf den Bock! Sapperlot, schlft der
Kerl schon um die zehnte Stunde im Gehen! Hrt und sieht nicht, was um ihn
vorgeht! Kaspar!
    Schon wollte sich Kaspar, aufgerttelt von seinem Herrn, der in fremder
Ermdung nur seine eigene vertuschen wollte, anschicken, dem Befehle zu folgen,
als aus der Dunkelheit eine Stimme ertnte und die Worte vernehmbar wurden:
    Wecken Sie doch den Kaspar nicht aus seinen sen Trumen, Herr Wirth. Er
sehnt sich, sehen Sie nur, nach einem tiefen Chausseegraben, in den er den Herrn
hineinfahren wird. Wenn Sie erlauben, meine Herren, mach' ich mir das Vergngen
und ...
    Der Sprecher brach ab und trat vor. Es war Hackert. Die Stalllaterne
beleuchtete seine magere Gestalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches,
verwittertes Aussehen. Er hatte die Hnde in den Beinkleidertaschen, als frstle
ihn. Das Halstuch hing ber dem zugeknpften Frack herab in langen, losen
Zipfeln.
    Sind Sie schon wieder da? fragte Dankmar erstaunt, whrend Siegbert in eine
unbeschreibliche, fast komische Angst gerieth. Er gedachte, wie es nun werden
sollte, wenn der sonderbare Fremde jetzt sein veruntreutes Pfand wieder
verlangte.
    Ich habe den Levi auf Ihren nchsten Hndedruck vertrstet, sagte Hackert.
Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln trgt. Der alte
Schimmel, der unter Rotuschern gro geworden ist und mehr Hengste gewallacht
hat als mancher Beschnittene Dukaten wallacht, ist mein Freund nicht. Er meinte,
es hat gute Wege -
    Und war doch froh, da er sein Pferd wieder bekam? entgegnete Dankmar
forschend und wiederum zu Siegbert hinberlugend, der vor Schreck ber diese
rasche Wiederkehr Hackert's fast sprachlos geworden war.
    Die Mhre lt sich's schmecken, als wenn sie ein Wettrennen mitgemacht
htte. Sie sehen brigens, da ich mit Pferden umzugehen verstehe. Wenn's Ihnen
recht ist, fahr' ich Sie nach Hohenberg und helf' Ihnen die Kiste mit dem Kreuz
suchen. Sehen Sie, Herr Maler da hinten, ich bin curios, ob das ein drei-oder
ein vierbltteriges Kreuz sein wird! Gleichviel, wenn wir das Ding nur
wiederfinden!
    Dankmar horchte hoch auf. Siegbert erzhlte dem Bruder in wenig Worten, da
er die Bemerkung ber ein hnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide diesem
geflligen Herrn Hackert verdanke.
    Hackert! Ganz Recht! Das ist mein Name! sagte dieser, und ich denke, ich
fahre Sie nach Hohenberg. Wir treffen dort Gesellschaft. Lasally und seine
Jokeys sind dort - sonst freilich ...
    Sonst? wiederholte Dankmar, als Hackert stockte.
    Sonst - sagte Hackert und griff nach der Peitsche, die Kaspar geholt hatte.
Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte. Er schien die Antwort
vermeiden zu wollen.
    Kaspar und der Pelikanwirth schienen wenig Vertrauen zu dem aufdringlichen
Mann zu haben und brummten vor sich her. Siegbert kmpfte wieder mit dem Gefhl,
da Hackert doch wol ein zweideutiger, ihres Vertrauens unwrdiger Mensch wre,
und bangte vor dem Gedanken, den geliebten Bruder mit einem im Feld
herumschleichenden Tagediebe, einem abgesetzten Schreiber, allein zu lassen.
Allein Dankmar, der vom Bruder besorgen mute, da er, um nur den Antrag
Hackert's ablehnen zu knnen, die ihm eben zugezhlte Summe von zwanzig Thalern
zurckfodern wrde, schnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab:
    Steigen Sie auf, wenn's Ihr Ernst ist! Machen wir nun vorwrts.
    Gut denn! Es ist mein vlliger Ernst. Aber wenn ich nun bitten drfte ...
    Dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben. Der Wirth warf die Decke
und einen alten Mantel nach.
    Erlauben Sie aber noch, sagte Hackert, sich zu Siegbert umwendend, erlauben
Sie nur noch - zur Reise braucht man Geld - darf ich um mein Pfand bitten -
    Ihr Pfand behlt mein Bruder, sagte Dankmar rasch entschlossen. Wer verbrgt
mir, da Sie den Gaul richtig abgeliefert haben?
    Henker! Was? rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke hoch auf. Sie
wollten ...
    Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das
Thier ein, rief: Allez! und ohne weitern Abschied zu nehmen, jagte er aus dem
Thorweg hinaus, schwenkte rechts um und hielt Hackerten, der immer schrie: Halt!
halt! Lassen Sie mich! auf dem Bocke fest, wie Einen, den man mit Gewalt
entfhrt. So flogen sie von dannen ......
    Siegbert wute nicht, wie ihm dabei geschah. Es schien ihm bald, als wenn
Hackert, wie er das Pferd entwendet htte, so vielleicht auch Absichten auf das
Fuhrwerk hegte. Bald schlug er sich wieder an die Stirn ber die Gefahr, in die
er seinen Bruder sich strzen sah. Zuletzt mute er lachen, wenn er bedachte,
mit welcher Geistesgegenwart Dankmar pltzlich alle Verlegenheiten ber die
Rckgabe der hundert Thaler abgebrochen hatte. Ein Eingestndni an Hackert, da
man von ihm das im Augenblicke so nthige Reisegeld htte borgen mssen, wr'
ihm zu peinlich gewesen. Ihm schwindelte, wenn er bedachte, wie fast gewaltsam
der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrngt hatte - und nun war er
mit dem Bruder unterwegs! Der Wagen rasselte noch eine Weile. Dann keine Spur
mehr.
    Wer ist der Mensch? fragte der Pelikanwirth. Als Siegbert schwieg,
besttigte Kaspar, da er whrend Peters' Erzhlung in den Hof hineingetreten
wre und zugehrt htte. Siegbert besann sich, da er dem Bruder die zwanzig
Thaler glcklicherweise hinter dem groen Frachtwagen, also von Hackert
ungesehen, zugezhlt hatte. Erst wieder von da hervortretend, wurden sie von ihm
angeredet.
    Zu dem Allem kam noch Kathrine weinend ber das Elend ihres Mannes. Er hatte
ihr die smmtlichen Declarationen seiner Fracht eingehndigt und sich wie ein
Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten: Mach du nun Alles ab: ich werde wol
recht lange krank liegen! Von da an htt' er nichts mehr hren und sehen, auch
nichts mehr genieen mgen. Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von
seiner Theilnahme, bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirth
aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken.
    Er ging und zuerst zu dem nchsten Arzte, den ihm der Pelikanwirth
bezeichnet hatte. Dann aber trieb es ihn in die Lasally'sche Reitbahn, um zu
hren, ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert.
    Im Gewhl der Stadt angekommen, hrte und sah er nichts von den Menschen,
die an ihm spt Abends noch vorberstreiften, so erfllt war er von Angst und
Schrecken ber die fernern Begegnisse seines Bruders, der ihm einem Phantome
nachzujagen schien, fr das ihm jede reelle Anknpfung fehlte! Nur der eine
Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar, der ihm heimlich und
geisterhaft zuflsterte:
    Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht! Dankmar wird Melanie sehen!
Melanie unter geputzten Gsten! Melanie, die Schnste der Sylphiden, die im
Mondenschein schlpfen! Melanie in Hohenberg, umschwrmt von Lasally und den
jungen Stutzern der Residenz, die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind!
Melanie, der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden
Gesellschaft .... Die Geigen tnen - die Sle sind erleuchtet - die Blumendfte
einer schnen, reizenden Natur dringen durch die geffneten Fenster - die Sterne
funkeln - der Mond flimmert - Melanie und mein Bruder in Hohenberg ...
    Da bemerkte Siegbert, da er schon auf der Ottokarstrae war, in welcher die
geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag. Es
schlug zehn Uhr, als er heftig die Glocke des groen Thorwegs zog.

                                Fnftes Capitel



                                 Der Heidekrug

Dmmerung umhllte die kleinen tempelheider Anhhen. An einem linden Hauch aus
Westen erfrischten die Bume am Wege ihr bestubtes Laub. Leichte Wlkchen, die
sich am Rande des tiefblauen Horizonts vor die blitzenden Sterne legten,
verhieen vielleicht fr den Morgen einen erquickenden Regen, dessen die Natur
so bedrftig war. Von der groen Stadt her, die fern im Thale abwrts noch wie
ein Lichtmeer wogte, schlugen die Thurmuhren die zehnte Stunde. Deutlich trug
der Westwind Schlag auf Schlag herber zu dem einsamen Fuhrwerk, das der aus dem
Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirthes noch ziemlich langsam zog; denn auch der
Weg ging jetzt steil aufwrts.
    Den beiden Passagieren, die wohl fhlten, da ihnen vor allen Dingen
Verstndigung noththat, kam dieser mige Schritt zustatten. Dankmar drckte
sich in die Rckwand des kleinen Wagens, Hackert fhrte auf dem Vordersitze die
Peitsche. Beide schienen ernstlich zu berlegen, wie sie so pltzlich in diese
nahe Verbindung gekommen waren. Dankmar, der auer der nchsten Unbequemlichkeit
einer zweideutigen, an ihn geketteten Bekanntschaft noch die viel grere Last
des Verlustes seiner werthvollen Papiere zu tragen hatte, entschlo sich, um
Raum zur Erwgung seines pltzlichen Reisezwecks zu gewinnen und ungestrt ber
die Wege nachdenken zu knnen, die er zur Wiedererlangung seines Schatzes wrde
einschlagen mssen, lieber vorerst das nchste Unbehagen abzuschtteln und sich,
soweit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit seines Vordermannes mglich war,
ber diese wunderliche, aufdringliche Begegnung zu verstndigen. So begann er
denn kurz vor Tempelheide, als sie langsamer die Hhe hinauffuhren:
    Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder bekanntgemacht?
    Hackert antwortete nicht.
    Sie haben ihm Aufschlsse ber eine gewisse Gattung protestantischer
Johanniterkreuze gegeben? fuhr Dankmar fort.
    Das Korn der blinden Henne! war Alles, was Hackert kurzab antwortete.
    Damit war die erste Annherung schon wieder abgebrochen.
    Dankmar kopfschttelnd, sah zur Kirche, zum Parke, zum Schlosse des alten
Prsidenten hinber. Tiefe Stille, nchtliches, friedliches Walten ....
    Eben wollte er wieder eine abgerissene Bemerkung an Hackert richten, als von
dem dstern Parke her die Tne einer wahrscheinlich dort aufgehngten olsharfe
erklangen.
    Es war ein zauberhafter Accord, der der schweigsamen Nacht eine geisterhafte
Feierlichkeit, die Stimmung einer wehmthigen Melancholie gab.
    Die Anhhe ging steil. Dankmar konnte den weichen Tnen aufmerksam lauschen
und einige noch helle Fenster des kleinen Schlosses lnger im Auge behalten. Es
war ihm, als bemerkte er an diesen Fenstern eine weibliche Gestalt, die sicher
wie er, aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Gefhlen, dem
sanften, melodischen Gesusel des Parkes lauschte ....
    Hackert erkannte die Dame, die Siegbert Wildungen den labenden Trunk
geschickt hatte. Fr die olsharfe, fr den trumerischen Blick jener, wie es
schien, leidenden und tieftrauernden Frau zu den Sternen empor hatte er keine
Empfindung. Er schien in vllige Apathie oder in tiefes nachdenkliches Grbeln
versunken.
    Die nchtlich stille Scene, verklrt von den Sternen und dem klagenden
Lufthauche vom dstern Parke her, wurde oben von einem heftigen thierischen
Gekrchze gestrt, das die Accorde der olsharfe bertnte. Dankmar besann sich.
Er wute, da der oberste Chef aller Justizcollegien ein groer Freund der
Thierseele war und sich in Studien ber die Temperamente, Instincte und
Angewhnungen wilder und zahmer Bestien einen Namen erworben hatte. Er sah noch,
da die weibliche Erscheinung, wol auch erschreckt durch die Strung ihrer
stillen Abendandacht, vom Fenster verschwand, und fuhr jetzt bergab, verfolgt
von einem wirren Durcheinander der, wie es schien, durch Hackert's Peitsche
wachgewordenen Menagerie des alten Prsidenten. Ein dsterer Tannenwald nahm
bald das kleine Fuhrwerk auf.
    Wie Dankmar seinen Vordermann so schweigsam und stillergeben in seine
Kutscherrolle fand, rckte er zur weitern Verstndigung mit der aufrichtigen
Erklrung heraus:
    Sagen Sie mir aber bei dieser Gelegenheit, bester Freund, fr was halte ich
Sie? Sind Sie Cavalier oder eine Art Commissionair?
    Sie staunen ber meine resolute Art, Geschfte zu machen? sagte Hackert,
ohne sich umzuwenden.
    Allerdings. Sie reiten mir ein Pferd in den Stall, Sie bieten sich mir als
Kutscher an. Ich berlege, wieviel ich Ihnen fr diese Expedition nach dem
Schlosse Hohenberg zu bezahlen habe.
    Bieten Sie! sagte Hackert fast hhnisch.
    Bieten Sie? wiederholte sich Dankmar. Gut, dachte er, wir wollen bieten.
    Drei Thaler, bester Freund! Ich rechne dabei noch die Mhe fr das
hoffentlich abgelieferte Pferd.
    Wie Dankmar hierauf gespannt die Erwiderung abwartete, hielt Hackert
pltzlich still, legte die Peitsche neben sich hin und wendete sich mit
verdchtiger Miene rckwrts.
    Nun? sprang Dankmar auf und ma seinen Vordermann, dessen Benehmen in diesem
dstern Tannenwalde sonderbar genug aussah.
    Das Pferd hab' ich geritten, sagte Hackert ergrimmt, weil ich's gern that
und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies, ohne mich zu kennen. Ich hab's
gethan aus noch einem andern Grunde, den Sie knftig einmal hren sollen, wenn
wir uns besser verstehen, als es bisjetzt den Anschein hat. Zum Fahren nach
Hohenberg erbot ich mich, weil ich in Hohenberg zu thun habe. Ein Kutscher bin
ich nicht, fahre auch jetzt keinen Schritt weiter, wenn Sie mir hier nicht auf
der Stelle gestatten, neben Ihnen zu sitzen. In Hohenberg aber fahren Sie, ich
steige dort aus oder bin gleichsam Ihr Freund, verstehen Sie? Nicht um hundert
Thaler fahre ich Sie in Hohenberg.
    Damit wollte er ber die Lehne springen und an Dankmar's Seite sich setzen.
    Halt da! sagte dieser und wehrte dem Beginnen mit Entschlossenheit.
    Sie als Freund anzuerkennen, hab' ich keine Veranlassung, erklrte er.
Behagt es Ihnen nicht, vor mir zu sitzen, so sind wir noch nahe genug am
Pelikan, da Sie umkehren knnen ....
    Hackert's Antlitz verzog sich zu einem bitter grimmigen Lcheln. Der
innerlich in ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grinsendes. Er fhlte, da er seinen
Mann gefunden hatte, und blieb, niedergedrckt von dem viel strkern Dankmar,
auf seinem alten Platze.
    Also welches waren die Bedingungen? sagte Dankmar. Wir wollen eine nach der
andern prfen und zugestehen, was den Umstnden angemessen ist.
    Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleichgewicht herzustellen. Er
streckte sich nachlssig auf dem Kutscherbock, zog eine Cigarre aus einem schn
gestickten, einst gewi farbig frischen, jetzt etwas abgetragenen Etui, zndete
sie an einem portativen Streichfeuerzeuge an und blies die Wolken vor sich
hinaus, als verachtete er Den, der ihn mit Gewalt in eine niedrige Stellung
hinabdrcken wollte.
    Also welches waren die Bedingungen? wiederholte Dankmar. Erstens, Sie sitzen
vor mir. Zweitens ...
    Hackert blieb ruhig und rauchte.
    Zweitens, fuhr Dankmar fort, bei Hohenberg ergreife ich Peitsche und Zgel.
Zugestanden in dem Falle, da Sie aussteigen und mir die Gnade nicht abschlagen,
dann drei Thaler fr Ihre Dienste anzunehmen.
    Hol Sie der Teufel! rief Hackert lachend, hieb wild auf den Gaul ein und
klatschte mit der Peitsche so bermthig, da es laut durch den stillen Wald
widerhallte.
    Dankmar schwieg. Er hatte einen Anmaenden zchtigen, einen Verdchtigen in
die nothwendigen Schranken zurckweisen wollen. Den ihm von Pelikanwirth
geborgten Mantel ber die Fe schlagend, gab er sich nun mit ganzer Seele der
berlegung alles Dessen hin, was er anordnen wollte, um wieder zu seinem
verlorenen Gute zu kommen. Da ihm dieser Unfall begegnen konnte, mitten in dem
Gedrnge der Hoffnungen, die sich ihm an die Angeroder Entdeckung knpften,
erfllte ihn fast mit Groll gegen die Launen des Geschicks. Er sah sich nicht
etwa gestrt in dem Genusse von Reichthmern, die ihm seine Entdeckung gewinnen
konnte, er hatte diese Trume so entschieden abgelehnt, da wir seinem ehrlichen
Worte glauben drfen ... es erfllten ihn andere, uns noch dunkle Vorstellungen.
Vielleicht begeisterte ihn nur der juristische Kampf um die Geltendmachung
seiner Ansprche. Vielleicht spornte ihn die Vorstellung: Du trittst jetzt mit
einem verjhrt scheinenden Rechte auf, weckst vergangene Misbruche aus dem
Moder der Schreibstuben, kmpfst gegen Besitzthmer, die sich vielleicht in
ihrer Begrndung unendlich sicher dnken! Vielleicht verglich er die Zeit selbst
mit seinem persnlichen Interesse. Dankmar war Jurist und Politiker. Sein Vater,
ein denkender, ernster Beobachter, hatte frh in dieses Kindes Talenten die
Fertigkeit der Rede, die schnelle Auffassung, den unverwstlichen Trieb der
Gerechtigkeit erkannt, und Dankmar, dem vielleicht ein anderer Beruf
augenblicklich lieber gewesen wre, mute sich doch spter sagen, da die
Bestimmung des Vaters einer tiefen Beobachtung entsprungen und eine richtige
war. Man rhmte allgemein seine juristischen Deductionen. Nur zur rein
formelhaften Erfassung des Rechts konnte er sich nicht abtdten. Ein Unrecht
vertheidigen, das Recht suchen je nach der spielenden Beleuchtung scheinbarer
Rechtsstze und zweideutiger Gesetzesstellen, war ihm auf die Lnge unmglich.
Deshalb auch whrte die Begrndung einer festen Stellung fr ihn lnger als bei
manchem geringern Talente. Er hatte schon seit fnf Jahren die Universitt
verlassen, alle Prfungen bestanden, war vor den Gerichten, wie in der
Gesellschaft wohlgekannt und seines Freimuths wegen gefrchtet, von der jngern
Frauenwelt, seines mnnlichen uern, frhlichen Humors und seiner ritterlichen
Galanterie wegen ebenso geschtzt wie sein sanfterer Bruder von der ltern
Frauenwelt; aber zu einem ergiebigen Anhalt an mter und Wrden hatte er es noch
nicht gebracht. Nur hier und da flossen ihm zuweilen in Diten die Mittel zu,
die ihm erlaubten, seinen Antheil an dem hinterlassenen kleinen vterlichen
Vermgen zum grten Theile noch der Mutter anheimzustellen. Die Urkunden, die
ihn vielleicht als den rechtmigen Erben eines vermoderten Hugo von Wildungen
erwiesen, verwandelten sich in seiner Phantasie keineswegs in die Millionen, von
denen er dem Bruder gesprochen. Er wute, da der Staat in diesem Augenblicke
Alles daransetzte, jene allerdings seit Jahrhunderten offene Erbschaftsfrage in
seinem Interesse zu lsen und die stdtischen Besitzungen dem Fiscus zu
gewinnen. Ihn reizte nur die Theilnahme an diesem Kampfe. Er wollte dem feudalen
Staate zeigen, wie sich seine Anmaungen in den Angeln eines Erbrechts bewegten,
das zuletzt jedem Andern ebenso gut zustattenkommen knne wie einem Frsten. Er
knpfte an diesen Proce nur seine Wissenschaft, seine Kunst und die auf ihr
sich grndende Zukunft seines Berufs, fr den er ebenso viel Ehrgeiz besa wie
sein Bruder fr die Malerkunst. Und nun sollten diese Trume an dem
misgnstigsten Zufall, der einen einsamen auf der Landstrae preisgegebenen
Frachtwagen treffen konnte, scheitern? Er sah den Schrein erbrochen, die
werthvollen Papiere zerstreut, zu gewhnlichen Zwecken gedankenlos misbraucht,
ja vielleicht gar in den Hnden der beiden Parteien, denen vor allen der Besitz
dieser uralten, glcklich aufgefundenen Verschreibungen zu entziehen war! Er
verfiel in tiefes, unmuthiges Sinnen.
    Wenn Sie darber nachdenken, fing Hackert jetzt, der sich in sein Schicksal
ergab, von selbst an, wie Sie zu Ihrem Verluste wiederkommen knnen, so rechnen
Sie dabei nur nicht auf die hohenberger Justiz. Mit der sieht's nicht zum besten
aus.
    Dankmar bemerkte:
    Sind Sie in Hohenberg bekannt?
    Bekannt eben nicht, antwortete Hackert; schlechte Justiz merkt man nie so
gut in der Nhe wie in der Ferne. Den dortigen Patrimonialrichter kenne ich
aber. Er war oft in der Residenz. Er soll nun in die ordentlichen Gerichte
aufgenommen werden, und handelt noch mit der Regierung ber seinen knftigen
Titel. Frstlich hohenbergischer Justizdirector hie er und mchte den langen
Schwanz nicht gern aufgeben, wenigstens seine Frau nicht, wenn auch die Stellung
draufgehen wird.
    Wir treffen also ein Patrimonialgericht? sagte Dankmar. Das ist mir fr
unsern Fall erwnscht. Es geht da mit einem Processe kurz und bndig zu.
    Ja, ja, antwortete Hackert, die Hohenberger haben gleich ihren Thurm, drei
Klafter tief, bei der Hand. Der Thurm ist Inquisitoriat, Spinn-, Zuchthaus,
Festung, Alles in einem Loche. Nach den allgemeinen vaterlndischen Zuchthusern
schicken nmlich die Patrimonialrichter nicht gern, das wissen Sie wol? Da
mten sie ja ans nchste Landesgericht referiren, das gibt Schreiberei,
Untersuchung; da werden von oben her Nasen ber schlechte Proceduren
ausgetheilt, und so kann Einer einen Mord anstiften, stehlen, einbrechen, falsch
schwren und so lustig fort; der Herr Justizdirector findet immer soviel
mildernde Umstnde, da der Mrder mit einem halben Jahre Localhaft davonkommt
und die Regierungsjustiz nicht genirt wird. Ein halbes Jahr, lnger darf der
Frst von Hohenberg Keinen strafen, sonst mu der Spectakel gleich an das
allgemeine Landgericht.
    Dankmar empfand jetzt fast Reue ber die entschiedene Art, wie er Hackert
entgegengetreten war. Er sprach da so kundig ber Rechtsverhltnisse, da fast
ein collegialisches Gefhl in ihm auftauchte. Um Hackert's zurckgekehrte gute
Laune im Zuge zu erhalten, sagte er:
    Ihre Schilderung ist nicht bel. Apropos! Sie erwhnen den Frsten von
Hohenberg. Wissen Sie etwas von ihm? Ich wunderte mich, was mein verdammter
Fuhrmann von einem Balle auf dem Schlosse fabelte. Der alte Frst Waldemar von
Hohenberg ist todt. Der junge Prinz Egon ist ja wol verschollen?
    Prinz Egon, sagte Hackert, der ber diese Verhltnisse allseitig
unterrichtet schien, Prinz Egon ist in Paris oder sonstwo und kommt schwerlich
mehr nach Hohenberg zurck. Wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist, halten Hunde
und Katzen Hof. In Hohenberg auch die Fchse und Wlfe und Blutegel. Die drei
Hauptcreditoren der frstlichen Masse sind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind
und Kegel, um Luftbder zu nehmen. Justizrath Schlurck it gern Forellen, frisch
aus dem Murmelbach, wie die Frau Justizdirectorin sagt, die Schlurck's schwache
Seiten kennt ......
    Hat denn Schlurck die Curatel auch ber die Hohenberg'sche Masse? fragte
Dankmar, der den Namen des gefeierten und vielgesuchten Advocaten Franz Schlurck
sehr wohl kannte.
    Wo htte Franz Schlurck nicht seine Finger im Spiel! war Hackert's
scharfbetonte Antwort. Seit dem Tode des Frsten von Hohenberg geht dort Alles
durch seine Hand, bei Lebzeiten des Frsten war er schon Administrator. Es ist
prchtig Das mit so einer Administration! Die Glubiger jagen den Besitzer von
Haus und Hof, setzen einen Verwalter ber die verschuldeten Huser und Gter,
lassen Den den Rahm oben abschpfen und nehmen Das, was zuletzt von dem Spae
brigbleibt, als Abschlag fr die Zeit, wo's besser wird. Alle Jahre feiern sie
eine allerliebste Assemble, die sie die Besprechung der Masse-Creditoren
nennen. Man rechnet erst, man schimpft, man droht, man lrmt, aber Abends ist
Ball, Vershnung, Hndedruck und wol auch Gnschen, du liebes Gnschen, was
rasselt im Stroh!
    Die letzten Worte sang Hackert mit frivolem Ausdrucke und nach bekannter
volksthmlicher Melodie.
    Dankmar fhlte zwar, da Hackert aus seinem Schreiberamte eine vielfach
unterhaltende Bekanntschaft mit allerhand Privathndeln sich erworben hatte,
mochte ihm aber doch, um seine eigenen Angelegenheiten bewegt, in den innern
Zusammenhang seiner Ansichten und Empfindungen nicht zu weit folgen. Er begngte
sich, auf alle diese Mittheilungen vorerst zu schweigen. Auf die Lnge - die Uhr
einer Dorfkirche schlug die zwlfte Stunde - fhlte er eine Anwandlung von
Schlaf. Wirklich sah er auch nur mit halbwachem Bewutsein, da sie in ein
stilles rtchen kamen, wo nicht einmal das Bellen eines Hundes sich hren lie.
Ein Brunnen pltscherte laut vor einem Hause, das vielleicht eine Herberge war.
Dankmar sah nothdrftig, da Hackert abstieg, den Gaul bei Seite und an den
Brunnen fhrte. Hackert nahm ihm die Halfter ab und lie ihn an den Rand des
Wassers. Dabei langte er ein Stck Brot aus der hintern Rocktasche und theilte
mit dem Gaul. Ein groes Messer, das er aufklappte, schnitt bald fr das Thier,
bald fr ihn einen Bissen ab. Auch in das Wasserbecken des Brunnens beugte sich
Hackert, trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab, die ihm dabei auf
Halstuch und Weste gefallen sein mochten. An diesen sorgsamen Verrichtungen
hatte Dankmar, durch die mden Augen blinzelnd, seine Freude. Sie gaben ihm so
sehr das Gefhl der Sicherheit, da er, ohne gerade Neigung fr seinen
Vordermann zu gewinnen, ihm doch volleres Vertrauen zu schenken anfing und den
Schlummer immermehr ber sich Herr werden lie.
    Doch schlief er nicht so fest, um nicht zuweilen, aufgerttelt von dem
inzwischen wieder weiterrollenden Wagen, seinen Gedanken klarer nachzuhngen.
Wie man so oft an sich erfhrt, da jede im ersten Sturme ergriffene
Unternehmung nicht immer standhlt, wenn die zu ihrer Ausfhrung nothwendige
Zeit langsam schleichend an uns vorberzieht, so bermannte auch Dankmarn bald
das Gefhl der Ergebung in Das, was das Schicksal ber seinen Verlust nun wrde
bestimmt haben. Er konnte sich ausmalen, welche Freude ihm das Wiederfinden des
Schreines bereiten wrde; aber ebensosehr rstete er sich auch schon auf die
Gewiheit, da er all den Plnen, die er an jene Entdeckung im Archivsaale des
alten Tempelhauses geknpft hatte, entsagen mte. Er warf diese Thatsache wie
so viele andere, denen der Erfolg fehlte, in jenes groe weite Meer, auf dem
schon so viel Hoffen untergegangen, so viele Trume gescheitert sind. Und das
Gefhl einer gewissen Leere bermannte ihn so gewaltig, die Gleichgltigkeit
gegen jedes Geschick berschlich ihn mit der schwindenden Kraft des jungen,
schlafgewohnten Krpers so unwiderstehlich, da er nach einiger Zeit sich
aufraffend den mit groen gespenstisch offenen Augen in die Nacht
hinausstarrenden Hackert anrief:
    Freund, ich will Ihnen sagen, woran wir besser thun.
    Nun? fragte Hackert wie aus Trumen erwachend.
    Beim ersten Wirthshause, das wir entdecken, halten wir, trommeln die Leute
aus dem Schlafe, fhren den Gaul in den Stall und schlafen im Bette oder auf der
Diele oder im Stroh eines Stalles, gleichviel. Was meinen Sie?
    Mir ist's recht, sagte Hackert und zeigte auf ein Licht, das in einiger
Entfernung am Saume eines Waldes sichtbar wurde. Wo sind wir wol hier?
    Kennen Sie nicht einmal den Weg, fragte Dankmar, den Sie so muthig fahren?
    Dies ist die erste Reise, die ich in meinem Leben mache, sagte Hackert. Ich
habe den Sndenpfuhl, in dem ich geboren bin, noch auf zwei Meilen nie
verlassen.
    Nun begreif' ich, sprach Dankmar lachend und doch wieder von Mistrauen
ergriffen, da Sie die Gelegenheit einer Luftvernderung beim Schpfe
festhielten. Wenn man Sie anschaut, mchte man nicht glauben, da Sie in irgend
Etwas noch ein jungfruliches Gemth sein knnen. brigens will ich hoffen, da
wir nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig, statt nach Hohenberg sind. Sie
machen mir schne Sachen! Jetzt auf das Licht zu! Und da bleiben wir, bis es
hell wird und wir wissen, wo wir hier unter den Sternen herumkreuzen.
    Hackert pfiff dem Gaule zu, der von dem Lichte auch eine freundlichere
Ahnung zu bekommen schien und sich wacker in Trab setzte.
    Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre alt, sagte Hackert, gleichsam um sich
zu entschuldigen. Was wei ich, wo die Wegweiser da all am Wege hinzeigen!
    Zweiundzwanzig Jahre erst? antwortete Dankmar staunend und ma dabei, sich
vorneigend, die Furchen auf Hackert's Stirn, die tiefliegenden Augen, die
schlotterige, entnervte Haltung. Seine Lippen waren fahl, das Auge nur dann
feurig, wenn es in unheimliche Erregung kam. Zweiundzwanzig Jahre, wiederholte
er, wie haben Sie das gemacht, schon wie ein Sechsunddreiiger auszusehen?
setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu.
    Ich habe geschrieben, antwortete Hackert. Wer von seinem vierzehnten Jahre
an nur auf dem Schreiberbocke reitet, kann keine so farbigen Wangen haben, wie
meine Haare sind. Sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenstaub
geschlrft und Procegift eingeathmet. Abends und Sonntags hab' ich gelebt ....
....
    Gelebt? wiederholte Dankmar. Was nennen Sie leben? Es scheint, leben hie
bei Ihnen soviel als sich langsam umbringen.
    Hackert gab auf diese Bemerkung keine andere Antwort, als da er nach einer
Weile bemerkte:
    Das Licht ist ein Wirthshaus.
    Ein gewaltiges Hundegebell begrte die nchtlichen Ankmmlinge. Sie standen
vor der Pforte eines groen Gehftes, aus dem im Dmmerlichte Leitern, Stangen
und Scheunen hervorsahen. Ein dem dunkeln Walde zu gelegenes stattliches
Wohnhaus schien geschlossen, oben aber in den Fenstern des ersten Stocks
brannten noch Lichter. Hackert sprang vom Wagen und stie mit dem Griffe der
Peitsche an den Thorweg, da die Hunde nur noch zorniger bellten. Auf ein
mehrmaliges Heda! kamen endlich ber den gepflasterten Hof die Pantoffeln des
Hausknechts angeschlorrt. Ein groer Holzriegel wurde von innen zurckgeschoben,
eine Stalllaterne warf ihre trben Strahlen auf Hackert's bleiches Angesicht.
    Knnen wir Nachtquartier haben? war Hackert's Frage, der berhaupt so
gewandt sich in Alles zu finden wute, als wenn er Jahrelang auf Reisen
zugebracht htte.
    Nur herein! rief der Hausknecht mit einem sonderbar frhlichen Tone. Hier
seid's gut geborgen, Kinder! Juchhe! Du armes Thierchen du! wandte sich der
frhliche Hausknecht zum Pferde. Komm! komm! mein Hhnchen! Fri Vogel und stirb
mir nicht! Ja! Ja! Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer so wr'.
    Hier geht's ja spahaft zu, sagte Dankmar und sprang von seinem Sitze
herunter. Ihr singt ja wie die Nachtigall im Busch.
    Hrt Ihr sie schlagen, Herr? fragte der Hausknecht. Ihr kennt mein Lieschen
im Busch? Noch drei Tage, dann sagt sie: Adieu Dietrich, Adieu Heidekrug! Und
erst ber's Jahr kommt sie wieder. Fahr' wohl!
    Hackert erklrte diesen Humor fr die Folgen eines gut angewandten
Trinkgeldes. Dabei fielen sie fast ber einen andern Knecht, der lang auf einem
Strohhaufen ausgestreckt im Hofe lag.
    Dietrich und Heidekrug! bemerkte Dankmar. Soviel haben wir jetzt weg. Der
Heidekrug ...
    Ja, ja, der Heidekrug - komm, Schimmel! Im Stall - im Stall - im Stall ist's
khl.
    Damit zog der frhliche Hausknecht vom Heidekrug singend den Gaul von dem
Einspnner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuschirren.
    Heidekrug? sagte Hackert. Wohnt denn hier der Heidekrger?
    Ja, Kutscher, das habt Ihr gut gerathen. Hier wohnt der Heidekrger.
    Dankmar, dem der Name ebenfalls auffiel, bemerkte:
    Der Heidekrger? Das wird doch nicht Herr Justus sein?
    Just Herr Justus, sagte Dietrich und fhrte den Gaul in den Stall.
    Kennen Sie den gelehrten Gastwirth auch? fragte Hackert.
    Ich wundere mich, da Sie ihn kennen.
    Hackert wurde ber diese Replik wieder verdrielich. Dankmar's
unausgesetzter Zweifel an seiner Bildung und die offenbar geringschtzige
Ansicht von seinem Herkommen verletzten den bizarren und, wie es schien,
mannichfach mit der Welt bekannten und wieder mit ihr zerfallenen jungen Mann.
    Whrend Dietrich mit dem Gaul beschftigt war, hatten sich die beiden
Gefhrten im Hofe des Heidekrugs genauer umgesehen. Er machte einen
freundlichen, willkommenheienden Eindruck. Rings begrenzten ihn Scheunen und
Schuppen. Im Stalle hatten sie mehre Pferde bemerkt. Der Rinderstall grenzte
dicht daneben. Ein wohlgehaltenes Stacket schied den Hof von einem reichen
Baumgarten ab, der sich hinten zum Walde verlor. Die Dngerhaufen hier und dort
gehrten zum Wesen einer groen konomie. Das Wohnhaus hatte hinterwrts einen
Anbau fr die Kche. An der Seite, die nach dem Hofe ging, zog sich ein Spalier
in die Hhe, das den weien Kalk mit grnem dichten Weinlaub bedeckte. Vor den
untern Fenstern waren groe Blumentpfe und Rankengewchse in Ksten
aufgestellt, auf deren einem gerade eine Katze lag, die mit funkelnden Augen
hier wahrscheinlich das Schlafzimmer der Herrschaft htete. Der Eingang des
Hauses nach vorn war geschlossen, aber hinterwrts, von dem Eingange zur Kche
her, fanden sie eine offene Thr und unter ihr eine Magd sitzend, die hier auf
der Schwelle ebenfalls eingeschlafen war, vom Lrm der in ihren Htten
festgeschlossenen Hunde aber nun erwachte. Als sie die Augen aufschlug und die
Fremden erblickte, griff sie rasch nach einem glnzenden Gegenstande, der in
ihrem Schooe lag und ihr entfallen schien. Es war ein neuer blanker Thaler. Wie
sie sich besann und ihr Geldstck in Sicherheit gebracht hatte, sagte sie den
Ankmmlingen, da dies der Heidekrug, ihr Herr, Herr Justus, der Heidekrger
wre. Oben fnden sich Zimmer genug und kalt essen knnten sie auch noch und wie
sie wol oben am lauten Sprechen im Saale hrten, auch Gste fnden sie noch. Der
Herr, dem der Wagen da unten gehre, wolle noch heute weiter, um mit
Sonnenaufgang in der Residenz zu sein.
    Ja, ja, sagte sie etwas polternd, bei uns geht's bunt her! Hier machen wir
die Nacht zum Tage und die Tage zur Nacht. Wir sind hier Alle berstudirt!
    Hackert hatte bereits den von der verdrielichen, aber rhrigen
berstudirten Magd erwhnten Wagen der oben befindlichen Herrschaft bemerkt.
Er stand auf der andern Seite des Hauses, bereit zum Vorfahren. Ein Kutscher in
Livree sa eingehllt in einem leichten Staubmantel auf dem Bocke und schlief.
    Wem gehrt der Wagen? fragte Dankmar, die Livree des Schlafenden ins Auge
fassend.
    Einem prchtigen Herrn aus der Stadt, sagte die Magd. Er ist erst drei mal
auf dem Heidekrug gewesen, und ich denke, wenn er fter kommt, werden die Leute
nicht mehr sagen: Auf dem Heidekrug wird die Milch schon in der Kuh sauer.
    Sagen Das die Leute?
    Ja, Herr, ich wei nicht, ob Sie ein Studirter sind. Aber ich denke immer,
der Bauer soll dem Herrn Pastor das Latein lassen. Die Ochsen lernen doch im
Leben kein Hebrisch ...
    Wenn sie nicht an Moses und die Propheten verpfndet werden ... fiel Dankmar
lachend ein. Wenn ich hier wirklich auf dem Gute des Heidekrgers Justus bin, so
merk' ich fast, das Gesinde theilt nicht die Leidenschaft seines Herrn fr
Politik ....
    Die Magd hrte nicht. Sie war hinterher, ein Licht anzuznden und den
Ankmmlingen hinaufzuleuchten in die Zimmer, die sie ihnen anweisen wollte.
    Dankmar beobachtete Hackert, der sich inzwischen mit scheuem Blicke dem
eleganten Reisewagen genhert hatte und prfend vor ihm stand und vor sich hin
murmelte:
    Neumann! Bei Gott, er ist's! Es ist Neumann.
    Was murmeln Sie denn? Kennen Sie den Wagen?
    Hackert zeigte auf die Chiffre am Schlage.
    Man mute nahetreten, um sie in dem nur sternenhellen Dunkel zu erkennen.
    F.S. Nicht wahr? sagte Dankmar.
    F.S. wiederholte Hackert besttigend und gab die Erklrung:
    Franz Schlurck.
    Meinen Sie wirklich? Der Justizrath Schlurck? Der Kutscher schlft. Wir
wollen die Magd fragen. In dem Falle bleib' ich noch auf. Ich htte Lust, den
berhmten Juristen kennen zu lernen.
    Hackert schwieg. Er war nachdenklich vor dem Wagen wie festgebannt,
streichelte die Pferde und lachte mit einem eigenen, fast schwermthigen
Ausdrucke in sich hinein.
    Kommen Sie mit hinauf, Hackert! Hren Sie nur, wie man noch die Glser
anstt! Es ist mir, als drnge bis hierher ein duftender Punschgeruch. Essen
wir in der lustigen Gesellschaft oben zu Nacht und stoen wir frhlich mit den
Frhlichen an!
    Hackert hrte nicht. Er stand wie abwesend vor den Pferden und streichelte
sie. Diesen that der nchtliche Gru wohl. Die prchtigen Thiere schnaubten
leise und reckten die Ohren. Hackert aber fuhr ihnen sanft ber die Mhne. Da
strichen die Rosse die Hufen auf dem Pflaster und schlugen die langen Schweife
in die Hhe. Die Mhnen der Thiere bewegten sich unruhig und ihre dunkeln groen
Augen blinzelten in der Nacht ganz geheimnivoll, als wollten sie sagen: Sieh
da, Hackert, wir kennen dich, warum sehen wir dich nicht mehr?
    Gute Nacht! sagte darauf Hackert, der alles Dies nachzufhlen schien, und
wandte sich dem Stalle zu.
    Die mit dem Lichte wartende Magd, drngend und freundlich gestimmt,
bemerkte:
    Ei kommen Sie doch. Es sind oben auch Zimmer fr die Kutscher!
    Geh' Sie zum Henker mit Ihrem Kutscher! sagte Hackert und schlenkerte die
mden Glieder dem Stalle zu, wo er, auf Dankmar's Nachruf nicht hrend, rasch
und gleichgltig verschwand.
    Er will im Stalle schlafen, sagte die Magd. Es ist besser, er ist bei Ihrem
Pferde. Dem Dietrich bekommt's nicht, wenn der gute Herr oben bei uns zu oft
einkehrt.
    Zahlt der immer so gute Trinkgelder?
    Er will nur, da Alles lustig ist, gibt gleich Wein und Geld und unsern
Herrn wechselt er auch ganz aus. Kommen Sie! Ich geb' Ihnen ein gutes Zimmer und
gehen Sie getrost noch in den Saal.
    Nun gut! sagte Dankmar. Etwas kalte Kche! Braten, Wein, wenn man ihn haben
kann! Dann mach Sie's Bett! Ich will noch einen Augenblick in den Saal treten.
    Dankmar kannte nur den bedeutenden Ruf des Justizraths Franz Schlurck. Er
war der gesuchteste Anwalt der vornehmen Welt, hatte Huser und Gter in
Administration, verwaltete minorennen reichen Erben ihre knftigen Besitzthmer,
galt fr einen der beliebtesten Gesellschafter und war besonders durch das
glnzende Haus, das er machte, und die Schnheit seiner Tochter Melanie
Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Dankmar kannte die reizende Melanie nur
von flchtiger Begegnung, hatte auch Schlurck nie persnlich gesehen. Er fand es
ganz in der Ordnung, die Gelegenheit zu benutzen, einen vielbesprochenen Mann,
der ihm gewissermaen als nachahmenswerthes Vorbild seiner eigenen Laufbahn
gelten konnte, kennen zu lernen. Da Schlurck allein reiste, ohne seine Familie,
hatte er schon vernommen. Er rechnete darauf, auer Schlurck nur noch den
Heidekrger Justus zu finden, einen gleichfalls bekannten ffentlichen
Charakter, der schon seit Jahren viel Wunderliches von sich reden machte.
    Als Dankmar die Treppe hinaufgestiegen war und die Thr, hinter der er
sprechen hrte, geffnet hatte, blendete ihn anfangs der entgegenstrahlende
Lichtschimmer, soda er erst fast nichts von Dem sah, was er hier antreffen
sollte.
    Auf seinen Gru antworteten ihm mehre Stimmen zugleich mit einem theilweise
berraschten: Guten Abend!
    Um ein Uhr des Nachts hatten im Saale des Heidekrugs aber nur noch drei
Mnner beisammengesessen, die eingehllt vom feinsten wohlriechendsten
Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen begren zu wollen schienen. Den
Heidekrger und den Justizrath glaubte Dankmar sogleich zu erkennen. Es war aber
noch ein Dritter anwesend, der entfernt von diesen Beiden mit einer blauen
Blouse bekleidet in einem dstern Winkel sa.

                                Sechstes Capitel



                                Die blaue Blouse

Das ziemlich gerumige, aber etwas niedrige Gastzimmer des Heidekrugs war von
vier Wachslichtern, die auf dem lnglich durch die Mitte gehenden Tische dicht
zusammengerckt standen, heller erleuchtet, als solche Rume es sonst zu sein
pflegen. Die vier Kerzen standen so, da sie zu gleicher Zeit im Spiegel sich
verdoppelten. Zwischen der zweiten und dritten Kerze stand ein silbernes Gef,
das der Kundige auf den ersten Blick als einen Champagnerkhler erkannt htte,
wenn nicht auch der daraus hervorragende Hals einer Flasche mit gerolltem Blei
umlegt gewesen wre. An der Seite des silbernen Gefes stand einer jener
gelbirdenen Tpfe, in welchen die strasburger Gnseleberpasteten versandt
werden. Eine Blechbchse schien eine andere Nscherei zu enthalten, die jedoch
mit dem groen Laib groben Brotes, der auf einem Teller daneben lag, in
sonderbarem Widerspruche stand. Einige Bchschen mit Etiketten - in der Form
erkannte sie Dankmar als englische - schienen pikante indische Saucen zu
enthalten. Alle diese Herrlichkeiten standen vor einem mit groer Behaglichkeit
gesticulirenden und eben einen silbernen Becher mit Champagner an die Lippen
setzenden Herrn. Seiner Gourmandise nach htte man vermuthen sollen, er wre
rund genhrt und bte ein behagliches Embonpoint. Im Gegentheil aber sah
Justizrath Franz Schlurck sehr mager und drr aus. Die Zge des klugen und
beraus verschmitzten Antlitzes konnten nicht trockener sein. Im Munde war auch
nicht ein ganzer Zahn mehr brig, wie man deutlich sah, wenn der von Weinlaune
erregte Mann dann und wann einen Zug aus seiner sehr kostbaren Cigarrenspitze
zwischen den behutsam aufgesperrten schlaffen Lippen von sich blies. Den
Ausdruck der Augen zu erkennen, war schwer; denn eine goldene Brille verdeckte
sie. Das dnne graue Haar sa so sprlich auf dem wohlgebauten und gefllig
geschweiften Schdel, da man ordentlich erblickte, mit welcher Sorgfalt die
einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her ber die Glatze
herbergekmmt waren. Ein feiner blauer Frack mit gelben Knpfen, ein weies
Halstuch und eine weie Piqueweste gaben der Toilette etwas ebenso Gewhltes,
wie die mit groen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewutsein
der Zierlichkeit derselben verrieth.
    Neben diesem Sybariten an der Ecke des Tisches sa der Wirth, eine starke,
stattliche Gestalt von gewaltigem Knochenbau und einem sichern festen Auge. Das
Wesen dieses Mannes war kein gewhnliches. Die Kleidung ging ber den lndlichen
Schnitt hinaus, die Haltung war des Welttones nicht unkundig. Man glaubte eher
den Brgermeister einer Landstadt als einen hier in der Einsamkeit des Waldes
Wirthschaft treibenden konomen vor sich zu haben. Eine lebhafte
Auseinandersetzung schien ihn zu beschftigen; nicht nur der Champagner, von dem
er aus einem groen Wasserglase trank, hatte ihn gerthet, vielleicht auch das
Feuer einer Ansicht, die er in dem Augenblicke, als Dankmar eintrat, sehr
lebhaft vertheidigte. Als Dankmar einen Guten Abend! gesagt hatte, stand der
Heidekrger auf und lftete ein kleines Sammetkppchen, das mehr zur Zierrath
als aus Rcksicht auf seinen starken Haarwuchs den Scheitel bedeckte.
    Sie werden sich wundern, sagte Dankmar, noch so spt Besuch zu bekommen. Ich
will nur eine Kleinigkeit zu Nacht nehmen, eine kurze Bettruhe halten und morgen
in der Frhe mit meinem Einspnner weitermachen.
    Haben Sie sich bestellt, was Sie wnschen? fragte der Heidekrger mit einem
gewissen Gentlemanton, als wollte er sagen, ich bin kein Wirth im gewhnlichen
Sinne des Wortes, sondern verweise Sie auf die Bedienung, die hier ganz eine
Privatsache meiner Leute ist.
    Als Dankmar bejahte und bat, sich nicht stren zu lassen, fuhr der
Sprechende, als wre er gar nicht unterbrochen worden, mit krftiger Stimme
fort:
    Woran liegt's, als an der gnzlichen Unbekanntschaft mit dem Zustande auf
dem Lande selbst? Wir haben's erst versehen, da wir Leute hineinschickten, die
am schnellsten mit dem Munde voraus waren. Sie haben die Verwirrung nur noch
grer gemacht, vom Hundertsten ins Tausendste gesprochen, Alles sehr schn,
aber ohne Kenntni. Denn warum? Es waren Doctoren, die ihre Praxis aufgaben ....
    Wenn sie welche hatten, lie Schlurck lchelnd einfallen.
    Auch das, sagte der Heidekrger. Es waren Schullehrer, Advokaten, aber keine
Geschftsleute. Die werden wir diesmal schicken; aber auch die Beamten und die
Angestellten nicht, die die Regierung geschickt wnscht.
    Schlurck schien im Grunde nicht geneigt, dies Gesprch fortzusetzen,
wenigstens htte sich sein glatter Weltton erst lieber mit dem neuen Ankmmling
vermittelt. Dieser hatte dicht ihm gegenber Platz genommen und die hier
ausgebreiteten Delicatessen mit einem sehr deutlichen ironischen Lcheln
gemustert. Diese Kritik setzte den Epikurer in Verlegenheit und mit einem
eigenthmlichen Hinaufziehen der Stirnfalten, das dem Munde und den Schlfen
einen nicht unheimlichen, aber sonderbar faunischen Ausdruck gab, wandte er sich
an Dankmar mit den Worten:
    Wenn man berall so gut aufgenommen wre wie bei dem in allen Wassern
erfahrenen Herrn Justus, wrde man nicht nthig haben, sich fr eine Reise in
diesen Gegenden so zu verproviantiren. brigens ist nur das Eis eine Contrebande
von mir selbst, der Champagner, vortrefflicher Geldermann-Deutz, kommt aus dem
Keller des Heidekrugs. Ich zahle kein Korkgeld.
    Der Geldermann-Deutz ist auch, antwortete Justus lachend, mit der neuen Zeit
da hineingekommen. Seit die Wahlbesprechungen die Zungen trocken machten und
alle mglichen Stnde, Leute, die ich nie bei mir gesehen habe, Offiziere,
Landrthe, Prsidenten bei Einem vorkommen, hat die Nachfrage nach dem sen
Zeug auch die Anschaffung nthig gemacht. Ich bezahl' ihn fr echt. Ich will
hoffen, da er's ist.
    Schker! Schker! drohte Schlurck mit affectirter Schelmerei. Nicht echt?
Hab' ich Ihnen nicht, als ich die Ehre Ihres Besuches geno, die besten Quellen
genannt? Wenn unsere junge Freundschaft sich so echt erweist wie dieser
Geldermann-Deutz, Justus, so knnen wir schon zusammenhalten. Darf ich Ihnen
anbieten, mein Herr?
    Damit hatte Schlurck ein Wasserglas, mit perlendem rthlichen Bouzy gefllt,
auf einen Teller gestellt und ihn Dankmarn prsentirt.
    Dieser lehnte jedoch ab und brauchte dafr den hflichen Scherz, da er
sagte:
    Ich trinke keinen Geldermann-Deutz.
    Warum nicht? Das Haus ist sehr beliebt.
    Der Name Deutz, sagte Dankmar lachend, erinnert mich immer an den Verrther
der Herzogin von Berry und ihre Gefangenschaft auf dem Schlosse ... wie heit es
doch? ...
    Blaye ... rief eine Stimme von einer entlegenen dunklen Ecke des Saales
herber. Dankmar wandte sein Auge zu dem Sprecher. Das franzsische Wort kam von
jenem dritten Anwesenden, der in blauer Blouse gleich beim Eintreten Dankmarn
aufgefallen war. So weit er ihn im Dunkeln erkennen konnte, war der junge so
unterrichtete Mann von schnem hohen Wuchs. Die blaue Blouse ging ihm dicht bis
an den Hals, der mit einem leichten seidenen Tuche umschlungen war. Ein Stock,
ein geflliger Ranzen, eine Mtze lagen neben ihm. Er stemmte den Kopf auf die
Hand und streckte das Bein lang ber einen Sessel hin, den er vor sich stehen
hatte, ohne ihn mit den Stiefeln zu berhren, was sich ohne Zweifel der
Heidekrger wrde verbeten haben. Der Ausdruck des Kopfes entging Dankmarn
leider, da er ihn niederbeugte und mit der Hand verdeckte.
    Richtig, Blaye! sagte Dankmar erstaunt; denn er fand gegen die zugeflsterte
Bemerkung der eben mit kalter Kche eintretenden Magd, da der Dritte ein
Handwerksbursch wre, dem uern nach kaum etwas einzuwenden.
    Es ist nicht der erste Beweis, begann Schlurck halblaut zu dem sein
bescheidenes zweites Nachtessen anschneidenden Dankmar; es ist nicht der erste
Beweis, den uns der vortreffliche junge Mann dort in der Ecke von seinen
Kenntnissen gibt! Er ist, sagt er, in dieser Gegend zu Hause. Daher unstreitig
Whler und whlbar, wie alle diese jungen Menschen jetzt, wenn sie nmlich
nachweisen, da sie keinem Andern die Stiefeln putzen und dreiig Jahre alt
sind, was er doch wol zu sein scheint.
    Sind Sie ein Gegner des allgemeinen Wahlrechts? bemerkte Dankmar, mit einem
Stck Kalbsbraten beschftigt.
    Wie knnt' ich das in einer Zeit, sagte Schlurck ironisch, wo die untern
Stnde sich so ausgezeichnet entwickeln, da sie sogar die Geschichte der
Herzogin von Berry wissen! Schon einige male bot ich dem jungen hoffnungsvollen
Tischler - es ist ein Tischler, der junge Mann - von unserm Geldermann-Deutz,
aber, erstaunen Sie -
    Er hat dieselbe Antipathie gegen Verrtherwein wie ich? bemerkte Dankmar
lachend, setzte nun aber, um nicht zu verletzen, hinzu:
    Das edle Getrnk soll indessen unter seiner Etikette nicht leiden. Wenn Sie
erlauben, thu' ich Ihnen Bescheid.
    Schlurck, auerordentlich geschmeichelt und gleichsam glcklich, einen
Bundesgenossen gegen den jungen Tischler, der ihn schon lange zu necken schien,
zu finden, schenkte, um die Schumung recht frisch zu geben, noch einmal in
einem nahestehenden Glase ein und berreichte es Dankmarn, der freundlich
Bescheid that.
    Der Heidekrger aber lachte und schraubte den Justizrath, indem er anfing:
    Ei, ei, Herr Justizrath, was haben Sie mir da fr eine Etikette empfohlen?
Das htt' ich wissen sollen, als ich wegen meiner kleinen Hkeleien mit der
hohenberg'schen Masse bei Ihnen war und Sie um eine Empfehlung guter Weine bat,
wegen der bevorstehenden Wahlmanver und Zweckdemonstrationen!
    Geldermann-Deutz wird mir hier verworfen, sagte Schlurck mit halb ernster,
halb komisch sein sollender Entrstung. Da mssen Sie zur Strafe jetzt alle
zusammen einem Montebello oder einem Mot den Hals brechen. Was befehlen Sie?
    Damit langte er neben sich hinunter und griff in einen zierlichen
Flaschenkeller, der neben ihm auf der Erde stand und in seinen Rumen noch Platz
hatte fr die kstlichsten Speisen und sogar das Eis, das er im blechernen Boden
der ganzen Maschinerie beisichfhrte.
    
    Nehmen Sie vom alten ehrlichen Jaquesson, rief der junge Tischler herber
und nderte ein wenig seine bequeme Stellung. Im hohenberger Schlokeller lagen
von dem Hause Jaquesson noch vor einigen Jahren ein Dutzend Krbe der
bewhrtesten Etikette.
    Schlurck richtete sich auf und blickte mit entrstetem Antlitz zu dem khnen
Sprecher hinber. Die Brille auf seine hohe Stirn ziehend, stierte er ihn jetzt
mit den unbewaffneten grauen Augen an; denn Schlurck gehrte zu denjenigen
Weitsichtigen, die gerade erst die Brille absetzen, wenn sie gut sehen wollen.
    Woher wissen Sie Das, junger Mann? fragte er mit gezogenem Tone.
    Ich habe im hohenberger Schlokeller an den Gestellen fr die Weinflaschen
gearbeitet, antwortete der Tischler lachend, und Dankmar konnte ihm jetzt in
sein schnes edles Antlitz sehen. Sein Haar war brunlich und gelockt wie das
seinige, der Mund voll der schnsten Zhne. berhaupt hatte der Fremde einige
hnlichkeit mit Dankmar.
    Sieh, sieh! bemerkte Schlurck mit sonderbarem Dehnen der Stimme; sieh, sieh,
ich habe in der That nur Jaquesson bei mir.
    Dann sich setzend und die Brille wieder ber die Augen werfend, rief er:
    Vive la gaiet, meine Herren! Rcken Sie nher, junger whlender und
whlbarer Tischler! Justus, Sie deutscher Patriot, herbei! Sie stoen auf die
nchste Wahl in Ihrem Bezirke an, id est auf Ihre eigene Wahl! Ha, ha, alter
Snder! Das ist's doch nur, was Ihr so im Stillen ambirt! Papst Sixtus! Papst
Sixtus! Der hat's auch so gemacht. In Demuth dem Herrn gedient, gechzt,
gesthnt, die hchste Wrde abgelehnt, abgelehnt bis er sie hatte und Papst war!
Justus, edler Mrtyrer alter Beamtenwillkr! Heran! heran! Eins, zwei, drei!
Krach, das Eisen ist ab und nun die Eimer her! Vollgeschpft!
    Dankmar hielt getrost hin. Was sollte er da lange zgern? Der Heidekrger
aber legte die Hand auf sein Glas und sagte ganz verstimmt:
    Das bitt' ich mir aus, Herr Justizrath! So haben wir nicht gewettet. Ich
sollte daran denken, gewhlt zu werden? Darum all' mein Eifer fr Ihre gute und
rechtschaffene Wahl? Nein, nein, bester Herr! Ich bin ein schlichter, einfacher
Mann. Ich hab' Ihnen gesagt, wie ich mir Alles denke, wie's werden mu im
Staate, und nun kommen Sie an und thun, als htt' ich den Hinterhalt ...
    Hi, pfiff gleichsam Schlurck und gab einen eigenen Ton des zahnlosen Mundes
von sich, einen Ton, der List und Unglubigkeit ausdrckte. Was ist da mehr?
Kommen Sie, whlender whlbarer Tischler, thun Sie Bescheid! Sie haben schon
manches gute Wort in unser Gesprch hineingegeben. Ich ehre auch die Arbeit! Ich
ehre auch die Herren Arbeiter! Die Herren Arbeiter sollen leben! Wir whlen
Freunde der Arbeit! Feldarbeit, Werkstattarbeit, Geistesarbeit; nicht wahr, mein
Herr, Sie sind Geistesarbeiter? ...
    Diese Frage war an Dankmar gerichtet. Er bejahte sie.
    Nun sehen Sie, fuhr Schlurck fort und reichte, um den Heidekrger zu
vershnen, diesem seine goldene Dose hinber, aus der er vorher selbst eine
Prise nahm, was murren Sie, Justus? Es ist Alles Windbeutelei mit der jetzigen
Politik! Kenntni vom Recht? Gleich Null. Ehrgeiz ist die Achse des ganzen
Getriebes. Steck da Einer seine Finger hinein, sie werden ihm bald zerquetscht
werden. Die beste Politik ist gewi die, aus dem Staate Alles hinauszufegen, was
in diesen Begriff seit hundert Jahren hineingepfercht ist. Wer sagt so etwas?
Eine gute Polizei, das ist Alles, was man vom Allgemeinen verlangen sollte. Das
brige bleibt der Gesellschaft berlassen. Verwaltung und Schule kommt an die
Gemeinde, die Kirche bete und singe, was sie will. Die Provinzen halten jede fr
sich! Die Stndekammern sind bloe Abrechnungsconvente. Man kommt zusammen, um
Soll und Haben auszugleichen. So ist's in Amerika, so in England, und das Beste
dabei ist, da die Menschheit vergngt bleibt und Jedermann das angenehme Gefhl
hat, in seinem Kreise so viel zu gelten, als er mit seiner Person behaupten
kann.
    Bravo, sagte Dankmar, die Ansicht ist fast die meinige. Doch sind Sie dabei
auf dem besten Wege zur Republik.
    Wenn wir uns, fuhr Schlurck behaglich lchelnd fort, wenn wir uns eine
Republik denken knnten comme il faut, warum nicht? Aber Das ist ja der ewige
Jammer. Die heutigen Republikaner wollen mit dem Staate auch wieder nur Staat
machen. Da soll Alles von unten aufgebaut werden, symmetrisch, Alles in die
Hhe, Alles Pyramide, Alles Centralisation. Der Mensch, die Gemeinde, die
Gesellschaft werden nur ausgesogen zu einem groen Allgemeinzwecke, der im
Grunde wieder nicht besser ist als die alte Knigs Majestt von Gottes Gnaden.
Diese Wuth, den Einzelnen fr nichts mehr zu erklren, die ist ja so allgemein
jetzt, da die Lumpe in dem verdammten Communismus ihr Heil finden, als wenn
dann der Einzelne was htte, wenn Alle nicht viel haben! Meine Herren, die Erde
ist ein hchst unvollkommener, hchst kleiner, obscurer Planet und wird's
bleiben, bis er sich einmal an einem grern ganz die Nase zerstt oder
wohlbehalten in ihm aufgeht. Wir Menschen sind vielleicht vollkommener als die
Bewohner der groen Planeten; denn allerdings schon die Gastronomie belehrt uns,
da die kleinen Krabben besser schmecken als die groen. Mglich, weil die Erde
klein ist, sind ihre Bewohner feiner organisirt als die Bewohner des Saturn.
Aber bis zur Vollkommenheit bringen wir es nicht. Wir sind ein wimmelndes
Geschlecht fleischfressender Vernunftsthiere. Was wir fr Moral halten, ist
veredelte Gesundheitslehre; was uns Metaphysik scheint, ist nichts als die
Reflexion der einen Sinnentuschung in der andern. Denn da diese gnzliche
Rathlosigkeit ber unsern Ursprung und unsers Hierseins Zweck und Absicht
bereits mehrere Jahrtausende dauert, so hat sich von den Millionen Blasen, die
darber in unsern Kpfen schon aufgestiegen sind, ein solcher Blasebalg von
Traditionen gebildet, da Keiner mehr wei, was er selbst oder was Andere
gedacht haben und woher der Wind eigentlich weht. Verdauen Sie gut, meine
Herren, haben Sie das einzige Glck, das die Erde gewhren kann, so schreiben
Sie lustig an den gestirnten Himmel: Das Prinzip des Alls ist die Liebe.
Verdauen Sie aber schlecht, meine Herren, und mchten Sie nach jeder
Gnseleberpastete des Teufels werden, so schreiben Sie voll Zorn auf dieselbe
Stelle: Das Prinzip des Alls ist der Ha. Was ist da nun Wahrheit?
    Herr Justizrath! rief der Heidekrger, wenn Sie so zu den Bauern sprechen,
bekommen Sie in Schnau nicht Eine Stimme.
    Wirklich? Wie so?
    Jeder Wahlmann wird Ihnen sagen: Das sind Lsterungen!
    Hm! hm! Glauben Sie Das?
    So mssen Sie diese Naturmenschen nicht fassen, Herr Justizrath.
    Wissen Sie was, Justus! sagte Schlurck nach einigem Besinnen und vom
Champagner nippend; der Henker hole Ihre ganze Whler- und Whlerei! Wenn's
nicht jetzt Mode wre, Politik zu treiben, und die unhflichste Vergessenheit
ber Jeden kme, der nicht auch in einem Club sitzt und in die allgemeine
Confusion mithineinbrllt, ich wrde mich wol in Acht nehmen, meine Zeit und
Mue zum Opfer zu bringen. Ich habe ein paar Ressourcenfreunde gesehen, die nur
drei mal im Constitutionellen Club waren und um zehn Jahre lter wieder
herauskamen. Sie hatten ein Gesicht - so lang! - gekriegt. brigens irren Sie,
werthester Freund, wenn Sie glauben, da die Bauern blos patriotische und
politische Salbung hren wollen. Die Leute ahnen auch lngst, da die Welt ein
groes Loch hat, wo all der Wind, den man ihnen seit tausend Jahren vorgemacht,
zwecklos wieder durchblst ins Leere, und unsere Existenz eine bloe Flause ist.
Es soll ihnen nur Einer einmal von Grund aus zeigen, wie die Welt damals aussah,
als sie blos fr Adam und Eva geschaffen wurde; ich wei nicht, Freundchen, ob
Sie fr Ihre schnauer Loyalittsadresse die fnfhundert Unterschriften bekommen
htten, die Ihnen in der Zeitung schrecklich viel Insertionsgebhren mssen
gekostet haben.
    Sind Sie jetzt ein Loyalittsadressenschreiber? fragte Dankmar ganz erstaunt
den Heidekrger.
    Justus sttzte den Kopf auf den linken Arm und antwortete, Dankmarn scharf
ins Auge fassend:
    Ich wei nicht, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe; aber Das wei man vom
Heidekrger Justus zehn Meilen Weges, da ich das Bischen Einflu auf unser Land
und unsere Gegend nicht zum Unrechten verwende. Mit den Whlern hab' ich niemals
gehen mgen. Ich wurde schon verfolgt vor zehn Jahren von der alten
Polizeiwirthschaft. Warum? Weil ich verbotene Bcher las, in den
Provinziallandtagen manchmal ein Wort ber die Beamtenwirthschaft, ber
Grundsteuer und die Chaussebauten sprach. Das war ein Hetzen, ein Untersuchen,
ein Incriminiren ....
    Sie haben sich damit einen Namen erworben, fiel Dankmar ein. Ich bin
angenehm berrascht, die persnliche Bekanntschaft des freisinnigen Heidekrgers
Justus zu machen ....
    Justus zog, etwas geschmeichelt, sein Kppchen.
    Schlurck schnitt eine ironische Miene und blinzelte zu Dankmarn hinber, als
wollte er sehen, ob man wol von ihm verstanden wrde, wenn man in scheinbar
ernster Miene etwas blicken liee, das etwas soviel sagte als: Der eingebildete
Esel!
    Schlurck war ein vllig negativer Kopf, vor dem nichts festen Bestand hatte.
Er leitete fast Alles aus dem Interesse her, auch Justus' politische Stellung,
die in der That keine geringfgige war, wenigstens in den Tagen vor den neuesten
Bewegungen.
    Die Whler, sagte Justus, haben Jeden verdchtigt, der keine Schulden auf
seinem Eigenthum hatte. Sie haben sich hier an einige bankrotte Mller und
Wirthe und vorlaute Tagelhner gehngt und Die in die Stadt geschickt, um fr
sie zu sprechen. Ob es anderswo anders war, wei ich nicht; genug, wir Alten von
sonst sahen dem Treiben ruhig mit zu. Die Regierung foderte Die, die sie noch
fr das Bessere treugesinnt hielt, durch Circularausschreiben auf, man sollte
durch Adressen seine wahre Gesinnung kundgeben, und was versprochen wre, Das
wrde auch gehalten werden. Nun, darauf hin, Herr, wenn man uns Das hlt, was
versprochen ist, darauf hin konnten wir sagen, da wir an unserm angestammten
Knig festhalten und uns von keinerlei Rottirung wrden irremachen lassen. Es
haben's Vierhundertneunzig unterschrieben und viele Arme darunter, die aber
vollkommen klar wissen, was sie thaten, als sie die Feder fhrten.
    Sie sehen, sagte Schlurck mit feinem Humor, unser braver Herr Justus gehrte
sonst zu den Demagogen, jetzt zum rechten Centrum. Das rechte Centrum ist die
Gegend, wo die Portefeuilles wachsen. Wenn das Glck gut geht, Justus, und Sie
die Stimmen haben, werden Sie doch noch bei irgend einer Krisis Excellenz ....
    Nein! Wenn Sie so ber Alles spotten, Justizrath, sagte Justus fast
rgerlich und wollte aufstehen.
    Sitzen geblieben! rief Schlurck. Altes Haus, Spa verstehen! Hier Jaquesson
getrunken! Alles Andere ist eitel .... Sie sind auch eitel.
    Dabei fllte er die Glser, bemerkte aber, da der Tischler vorhin das seine
nicht geholt hatte. Als er sich umwendete, um ihn dazu aufzufodern, fand er, da
der sicher sehr ermdete Wanderer schlief.
    Der junge whlbare Whler schlft, flsterte Schlurck. Und um ein Uhr Nachts
wach zu sein, ist allerdings eigentlich nur das Privilegium der Gebildeten.
    Der Heidekrger, verstimmt, gab ihm einen Wink und sagte leise:
    Schlimm genug, da wir in Zeiten leben, wo man nicht einmal einem reisenden
Handwerksgesellen sagen kann: Scher' er sich auf den Heuboden!
    Was, Herr Justus ist nicht nur rechtes Centrum, bemerkte Dankmar, sondern
auch Aristokrat geworden?
    Ich bin ein ehrlicher Mann geblieben, antwortete der Heidekrger; ich gebe
Gott was Gottes, und dem Knige was des Knigs ist. Jeder Stand soll in seinen
Grenzen bleiben, der Dienende sich nicht zu dienen, der Arbeitende sich nicht zu
arbeiten schmen.
    Und der Wirth, fiel Schlurck mit jovialer Bestimmtheit ein, der Wirth soll
sich nicht irre machen lassen, sein Hausrecht zu gebrauchen. Wenn Sie, bester
Freund, nicht auf Popularitt speculirten, htten Sie den Burschen da lngst zur
Thr hinausgeworfen.
    Sie knnen's, seh' ich, Justizrath, sagte Justus, nicht lassen, mich fr
einen ehrgeizigen Mann zu halten. Es sollte mich kein Mensch hindern und keine
Rcksicht auf Whlen oder Nichtwhlen bestimmen, Einem zu sagen, was ich von ihm
denke. Aber betrachten Sie doch nur den Mann! Ich halte ihn fr Das, was er von
sich aussagt, aber die Meisten sind heute etwas Schlimmeres, als was sie sein
wollen. Der kommt mir aber vor, als knnte er etwas Besseres sein.
    Schlurck und Dankmar betrachteten den Schlfer in der blauen Blouse noch
einmal aufmerksamer. Es war ein schner, schlank gewachsener junger Mann. Er
hatte den Kopf dicht unter beiden gekreuzten Hnden auf den Tisch gelegt. Dem
dadurch recht sichtbaren krausen hellbraunen Haar sah man die sorgsamste Pflege
an. Ein um das Kinn rundherum gehender Bart hob die blassen, edlen Zge nur noch
lebendiger hervor. Auf der hohen Stirn schien ein anderer Beruf zu schlummern,
als ihn die Blouse verrieth. Und doch war auch diese feiner als die eines
gewhnlichen Handwerkers. Sie war rings am Kragen, an den rmeln und auf der
Brust einfach, aber sehr sorgfltig gesteppt. Die bunten Beinkleider waren von
einem gewhlten Muster, die Stiefel saen auf einem zierlichen Fue, dem das
Wandern auf der Landstrae nicht gelufig schien. Als Dankmar bemerkte, da an
den Hacken dieser Stiefeln sich sogar ein kleiner Absatz Sporenleder befand,
berflog den Justizrath eine dstere Wolke pltzlichen Unmuths. Es schien, als
htte er sagen wollen: Alles Fremde ist mir unheimlich. Auch Dankmar blieb ihm
ohne Zweifel zu lange namenlos. Er griff nach der Uhr, zog sie an einer langen,
schweren goldenen Kette hervor und lie sie repetiren. Sie schlug ein Viertel
auf zwei.
    Jetzt, bester Freund, begann er, zu Justus gewendet, ist es Zeit,
aufzubrechen. Die Pferde werden vom Warten mde. Mein Kutscher fllt wol gar vom
Bocke und es ist hei hier, recht hei ....
    Damit wollte er aufstehen. Aber Justus, der breite Auseinandersetzungen
liebte, war eben erst im Begriff, sich recht gehen zu lassen. Man hatte seine
Offenheit bezweifelt; jetzt kam ihm erst das Bedrfni, sich vollstndiger
auszusprechen.
    Nein, sagte er, nun lass' ich Sie nicht. Nun mssen Sie auf ein Stndchen
bleiben. Die Nacht ist einmal verdorben. Sie fahren mit Ihren Staatsfchsen in
zwei Stunden nach der Stadt, was wollen Sie frher ankommen als mit
Sonnenaufgang?
    Bester Freund, mich erwarten Geschfte ....
    Sie bleiben noch! Auch der fremde Herr; ja! ja! Das la ich mir nicht
nehmen, mich gegen ungerechten Verdacht zu vertheidigen. Mein ehrlicher Name ist
nicht von gestern. Auch wir Alten, die wir sonst etwas waren, mssen uns wieder
aussprechen drfen. Oder sollen nur die Communisten, nur die Reubndler reden?
    Die Reubndler stachelten Schlurck auf. Sie werden doch nichts gegen die
Reubndler zu sagen haben, Justus? bemerkte er.
    Gegen die Reubndler? Warum nicht? Sind Sie Mitglied des Reubunds?
    Allerdings.
    Ein Mann von Ihrem Geiste? bemerkte Dankmar.
    Sehr schmeichelhaft, mein Herr! erwiderte Schlurck.
    Allein ich versichere Sie, der Reubund ist eine der merkwrdigsten
Neuerungen, die ich unserer an Ideen so armen Zeit kaum zugetraut htte.
    Das mssen Sie beweisen, Justizrath! rief Justus donnernd und zwang den
Epikurer, der diese Nacht einmal beschlossen hatte, die Gewalt des Sohnes
derselben, Morpheus, nicht anzuerkennen, eine so khne Behauptung zu
rechtfertigen.
    Schlurck sah sich noch einmal mistrauisch zu der schlummernden blauen Blouse
um, schenkte noch einmal die Glser mit seinem Jaquesson aus der hohenberg'schen
frstlichen Kellerei voll und begann mit einer Dankmarn wohlverstndlichen und
ihn sehr angenehm unterhaltenden Ironie:
    Eh' ich denn also vom Reubunde spreche, lassen wir erst noch den Heidekrger
reden! Entfalten Sie sich, Justus! Entwickeln Sie sich in Ihrer ganzen Bedeutung
fr das vaterlndische Allgemeine!

                               Siebentes Capitel



                                  Der Reubund

Nun wohlan, sagte der Heidekrger und warf sich dabei gewichtig in die Brust;
hier und anderwrts sind Viele aufgestanden und haben gesagt: Seht den Justus,
den Heidekrger, der einst jedes verbotene Buch las, einst fr die Polen
sammelte, in ewiger Untersuchung stand, Justus, der ...,
    Der selbstzufriedene Mann stockte.
    Nein, nein, half Schlurck nach, sagen Sie offen, da Sie der Mirabeau der
Provinziallandtage waren, der Schrecken der Landrthe, der O'Connell des alten
Liberalismus ...
    Er ist doch recht schlimm! bemerkte Justus mit einem Blicke auf Dankmar und
meinte den satyrischen Justizrath.
    Doch gestand Dankmar die Bedeutung des Heidekrgers vollkommen zu und machte
ihm damit Muth, sich in seinem ganzen Werthe zu fhlen.
    Nun meinetwegen, sagte Justus, ich bin ein Landwirth, habe mir einige
Kenntnisse erworben, die ber die Pflugschar hinausgingen, und lag mit dem alten
Polizeisysteme in Hader, seit ...
    Ihre Frau todt ist, schaltete Schlurck ein. Doch hrte Justus nicht darauf,
sondern fuhr fort:
    Kinder hab' ich nicht und los und ledig mu Eins sein, wenn man nicht
erschrecken will vor einer Haussuchung durch Gendarmen oder hnliche Visiten bei
Nacht und Nebel. Nun gut! Die neue Zeit ist gekommen. Nun sagen die Leute: der
Heidekrger galt sonst fr einen dreisten Mann und gab der Regierung etwas zu
rathen auf. Warum rckt er jetzt nicht mehr mit der Farbe heraus? Warum hat er
einen Bund mit dem Feinde gemacht?
    Warum will er Minister werden? schaltete Schlurck parodirend ein und stie
mit Dankmars Glase an.
    Ja! Auch Das haben sie gesagt, fuhr Justus fort. Aber ich, Justus ...
    Der Heidekrger ...
    Sage! Das ist erlogen ...
    Und dreimal gelogen!
    Die Loyalittsadresse aus dem schnauer Kreise kam vom Herzen ...
    Und vom Geldbeutel ...
    Nein, Justizrath! ...
    Unterbrechen Sie Herrn Justus nicht so oft, Herr Schlurck, sagte Dankmar
lchelnd.
    Nein warum? meinte Schlurck. Ist der Mann denn nicht reich? Gehrt ihm nicht
der Heidekrug mit Wald, Wiese und so und soviel Morgen Kornland? Hat er nicht da
unten in seinem grnbewachsenen Stbchen neben einem Schranke weiland
verbotener, jetzt erlaubter Bcher, mehre Ausgaben des Conversations-Lexikon
nebst einem eisernen feuerfesten Schranke voll kostbarer
Provinzialcreditkassenscheine und den frequentesten Eisenbahnactien? Die
Loyalittsadresse ...
    Kam vom Herzen, sag' ich nochmal, rief Justus, sich erhebend mit donnernder
Stimme und ganz mit dem Feuer und der Stentorbrust eines zu einem
Prsidentenstuhle sich eignenden parlamentarischen Lwen. Sie kam nicht vom
Geldbeutel, Justizrath! Auch nicht von der Furcht! Kein Gendarm hat uns
Fnfhundert dazu gezwungen, wie's anderwrts geschehen ist, wo die Leute um
Gotteswillen geqult wurden, ein gutes Zeichen vonsichzugeben und den
Landesvater durch Zustimmung zu retten. Allein, wenn wir in unserer festen
Gesinnung eine Erklrung gegen die Whlerei, die Demokratie und den Communismus
abgaben, so ist darum noch nicht gesagt, da wir Reubndler sind.
    Was wollen Sie nur mit Ihren Reubndlern?
    Wenn Justus etwas beginnt, so kennt er die Grenze, wo er aufhrt. Vor ein
paar Tagen hat man mir einen Brief geschickt, ich sollte mich in den Reubund
aufnehmen lassen. Graf Bensheim lobte unsere Fnfhundert-Adresse. Herr von
Sengebusch kam selbst von Randhartingen, um mir die Statuten des Reubundes zu
bringen. Der frstlich hohenberg'sche Rentmeister von Snger schickte einen
Expressen ...
    Htte Ihnen der Alte seine reizende junge Frau geschickt ... unterbrach
Schlurck den salbungsvollen Redner, der sich als das Wahrzeichen der ganzen
umliegenden Landesgesinnung darstellte.
    Justus hrte nicht auf diese Zwischenrede, da es ihm eben war, als wenn sich
der Tischler in der Ecke in seinem Schlafe regte.
    Nun? Sie blieben beim Rentmeister von Snger stehen, rief ihm Dankmar zu,
als er auf den Schlfer blickend stockte.
    Als dieser sich nur auf einen andern Arm gelegt hatte, fuhr Justus fort: Ja,
man verhie mir die besonderste knigliche Gnade, wenn ich diese ganze Gegend
auf zehn Meilen in der Runde fr den Reubund gewnne ...
    Der Orden ist da! meinte Schlurck ironisch.
    Er ist nicht da, Justizrath! schlug Justus auf den Tisch. Ich habe
geantwortet: Ich wte zur Zeit noch nicht, was ich zu bereuen htte, und wem's
hier, ich zeigte aufs Herz, reumthig auf der Seele brenne, Der solle in sein
Kmmerlein gehen und auf die Knie fallen und Gott um Gnade und Vergebung seiner
Snden bitten. Aber so vor aller Leute Augen sich auf die Brust schlagen und ich
wei nicht, was ffentlich bereuen, Das mchten Die thun, die die Komdie
bezahlt kriegen. Das hab' ich geantwortet und das ist meine Meinung von dem
Reubunde.
    Bester Freund, sagte jetzt Schlurck, da haben Sie sehr thricht gehandelt.
    Wie so? fragte der Heidekrger, erhitzt von innerer Glut, vom Weine und vom
Selbstgefhl. Soll ich Ihnen sagen, was hinter dem Reubund steckt? Muckerei
steckt dahinter. Es ist die alte pietistische Betkammer wieder, aber in neuer
Form. Alle Offiziere, die frher beteten, stehen an der Spitze.
    Sie irren sich!
    Was? General Voland von der Hahnenfeder? Leitet der nicht auch den Reubund?
    Sie irren sich!
    Probst Gelbsattel ...
    Tuschung!
    Stehen nicht Frauen an der Spitze? Die Geheimrthin Pauline von Harder?
    Die auch eine Betende? lachte Schlurck. Sie verwechseln Pauline von Harder
mit ihrer Schwester, Anna von Harder. Nein, nein, bester Heidekrger, fuhr
Schlurck fort, Sie mgen vortrefflich ber die Hypotheken, Creditbriefe und
Vicinalwege dieser Provinz unterrichtet sein ...
    Ich halte sieben Zeitungen ...
    Deswegen eben! ... Aber Sie werfen Namen zusammen wie Kraut und Rben!
Namen, die mit dem Reubunde nichts zu thun haben! Pauline von Harder ... ich mu
lachen ...
    Ist sie nicht Gromeisterin?
    Wohl, wohl! Aber, bester Freund, Pauline von Harder ist Alles, nur keine
Betschwester.
    Irr' ich nicht, bemerkte Dankmar, so ist Pauline von Harder eine geistvolle
Schriftstellerin.
    Allerdings, sagte Schlurck. Nein, nein, Justus, da reimen Sie sich hier auf
Ihrem Freihofe, unter den Tannen, Birken und beim schnen Gesange des Kukuks
zuviel ungereimte Dinge zusammen ...
    Ich bleibe dabei, sagte Justus, der Reubund ist Muckerei.
    Mglich, sagte Schlurck pfiffig, aber nicht in Ihrem alten lichtfreundlichen
Sinne! Bester Heidekrger, Sie nehmen mir nicht bel, Sie sind etwas zh, etwas
starrkpfig in Ihren alten Anschauungen ...
    Im Reubund ist Muckerei!
    Ja, ja, in gewissem Sinne, aber nicht in Ihrem! Ich sag' es ja! Sie denken
noch immer an die alten Provinziallandtage und Ihre dummen verbotenen Bcher ...
    Im Reubund ist Muckerei.
    Er ist nicht zu widerlegen, meinte Schlurck zu Dankmar gewandt. Er bleibt
bei seinem Satz und wird Recht behalten, trotzdem, da im Reubund die lustigsten
Leute essen, trinken, tanzen und an Alles, nur nicht ans Beten denken.
    Justus brummte nichtsdestoweniger immer fr sich fort.
    Im Reubund ist Muckerei.
    Der Heidekrger war so befangen in den alten Voraussetzungen seiner
improvisirten Bildung, da er zwar conservativ geworden war, aber in die
Fuangeln des Mysticismus, als alter Gegner desselben, den Reactionairen nicht
folgen wollte.
    Ich bin aber doch begierig, bemerkte Dankmar nun zum Justizrathe gewandt,
Ihre Analyse des Reubundes zu hren. Sie werden ihn wirklich vertheidigen?
    Wenn Justus conservativ geworden ist, antwortete Schlurck mit ernster Miene,
so mute er auch keinen Anstand nehmen, in den Reubund zu treten.
    Warum? donnerte Justus und hob sein mit dem Kppchen geziertes rundes,
starkgerthetes Antlitz wie ein erzrnter Olympier oder der Prsident irgend
einer verfassunggebenden Nationalversammlung.
    Weil jede Zeit ihre eigene Sprache hat, bester Mann, begann Schlurck fest
und bestimmt, die Sprache, alter Freund, in der man allein von ihr verstanden
wird. Wenn der Unsinn siegt, geht man eben mit dem Unsinn. Ist es Mode, die
Augen zu verdrehen, so spricht der Vernnftige von der Erleuchtung. Ist es Mode,
mit den Pensionairs, den Offizieren und Beamten das Lied von der Majestt zu
singen, so singt man's, wie man vor einigen Monaten, als die Taschendiebe und
Whler Volksversammlungen hielten, whlte, die Volksversammlungen besuchte,
immer Bravo rief und blos hinten seine Rocktaschen zuhielt. Bester Freund, was
wollen Sie nur gegen den Reubund? Ich bin selbst Mitglied. Ich denuncire Sie.
Ich klatsche Ihnen einen Proce an den Hals, bei dem Sie zehn Monate Wasser und
Brot besehen knnen, trotz Geschworenengericht und allem mndlichen Zubehr.
    Das begreif' ich aber denn doch nicht, begann Dankmar, wie Sie bei der
klaren Beurtheilung der staatlichen und allgemein menschlichen Verhltnisse, die
Sie vorhin zu erkennen gaben, doch so sich der allgemeinen Meinung, die Sie
selbst schwerlich theilen, unterordnen und gleichsam mit den Wlfen heulen
knnen. Der Reubund scheint mir wirklich eine der trostlosesten Ausgeburten
eines Volks, das fr politische Bildung seine vllige Unreife zur Schau stellt.
Er ist das vollstndigste testimonium paupertatis des Geistes, das sich eine in
Servilitt und Beamtenschmeichelei grogezogene Bevlkerung nur stellen kann. Er
ist eine Zuflucht der absolutesten Gedankenlosigkeit, ein Schafstall der Furcht
und des panischen: Rette sich wer kann! Ein strenger Absolutist sogar, z.B. der
geistreiche vorhingenannte General Voland von der Hahnenfeder, wird nicht im
Stande sein, sich diesem Bunde anzuschlieen; denn der Absolutist bedarf Ideen
und dort findet er nur Gtzendienst.
    Ganz Recht, bemerkte Schlurck und zog, um doch den feurigen Sprecher
schrfer zu betrachten, die Brille auf die Stirn; ich stimme Ihnen vollkommen
bei, und dennoch hab' ich die Mode mitgemacht, eben weil sie Mode ist und man
sich nur in Weitlufigkeiten und lstige Auseinandersetzungen verwickelt, wenn
man den Leuten sagen soll, warum man die Mode nicht mitmacht. Darum tragen wir
ja die allgemeine franzsische Tracht, um uns das Echauffement zu ersparen bei
Auseinandersetzung der Grnde, die uns bestimmen knnten, diese oder jene uns
viel geschmackvoller erscheinende Kleidung zu tragen. Sie knnten nicht nur ewig
zu thun haben, um geschmacklosen Leuten auseinanderzusetzen, warum spanisch
schner als byzantinisch ist, sondern auch auffallen, sehr auffallen, und ich
gebe Ihnen die Versicherung, Sie sind jung, Sie streben vielleicht erst nach
einer festen Lebensstellung, ich bitte um Verzeihung fr diese Voraussetzung,
aber haben Sie eine feste Lebensstellung erreicht, so ist Ihnen nichts strender
als das Auffallen. Das Auffallen zwingt Sie, mit Ihrem Dasein immer wieder von
vorn anzufangen, immer wieder erklren, immer polemisiren zu mssen. Ich bin
z.B. Jurist -
    Ein sehr gesuchter, fiel Dankmar ein.
    Bitte! erwiderte Schlurck nicht ohne Artigkeit. Meine Praxis ist gro.
    Sie stehen mit der halben Welt in Verbindung, scherzte Dankmar und sagte
doch aufrichtig Das, was er dachte.
    Wollen Sie's so ausdrcken, fuhr Schlurck ohne alle Eitelkeit fort, ja! Ich
habe durch meine Administrationen Gelegenheit, alle Stnde kennen zu lernen,
Frsten und Handwerker, Grafen, Barone, Juden, Trken, Maitressen,
Betschwestern, was Sie wollen ... denn das Geld, das Geld regiert Alles, das
Geld und der Genu. Soll ich nun mitten im Strom der Tagesmeinungen und der sich
berstrzenden Begebenheiten immer mein apartes Glaubensbekenntni auskramen?
Das ist sehr weitlufig. Nein! Ich war Mitglied aller Bibelgesellschaften, aller
Missions-, aller Gustav-Adolfvereine. Ich hielt mich anfangs zum
constitutionellen Angstclub, ich bin jetzt ... Reubndler; was soll ich mich
dabei aufhalten, den Leuten zu sagen, warum ... ich es nicht bin!
    Und doch wollen Sie, sagte Dankmar, trotz dieses indifferenten Interesses an
den ffentlichen Angelegenheiten theilnehmen und sich wahrscheinlich hier in der
Gegend whlen lassen?
    Ich thu's mit schwerem Herzen, antwortete Schlurck; denn ich fhle, da ich
unglcklicher Mann immer rechts stimmen mu, und ich lebe wieder von sehr, sehr
vielen Menschen, die auerordentlich links denken, und denke selbst links. Ich
darf mich leider nicht weigern. Ein Mann in meiner Stellung - Sie scheinen sie
zu kennen - was kann Der thun, wenn man ihm sagt: Das Interesse des Staats
verlangt jetzt auch Ihre Beihlfe! Auch Sie mssen theilnehmen an der
Wiederherstellung der Monarchie und des sichern Kraftgefhls der Regierung! Es
ist nun einmal oben die Idee vorherrschend, der Regierung mten vor allen
Dingen wieder die Prdicate des Zermalmens und Zerschmetterns zurckgegeben
werden. Dazu bedarf man der unbedingtest Ergebenen, entweder der Fanatiker der
Theorie, Das bin ich nicht, oder der Fanatiker der reubndlerischen Schwrmerei,
zu denen gehre ich nur formell, oder der Fanatiker der Ironie, zu denen gehre
ich ganz. Ich werde in der Kammer nur Ja und Nein! sagen und meine Freude daran
haben, da wenigstens vorlufig die bermige Verwirrung aufhrt, wenn auch mit
Aufopferung der Debatte. O, mein Herr, man mu in der That wieder anfangen
knnen, von diesem kleinen Planeten, Erde genannt, soviel Vergngen
abzugewinnen, als der tckische Erdenklo, der uns mit feuerspeienden Bergen
antwortet, wo wir Neapelwonnen erwarten, herausgeben will. Sehen Sie, schon Das
ist ja etwas werth, wenn es die Reaction durchsetzt, da Einer mit Behaglichkeit
wieder in ein Bad reisen kann. Nennen Sie mir Das nicht Indifferentismus! Die
Staatsformen, mein bester Freund, wechseln, aber die Forellen bleiben. Und was
mir lieber wre als alle Politik, das brauch' ich Ihnen eigentlich nicht zu
sagen. Aber wenn Sie's wissen wollen, junger Mann ... nein, nein, Sie wissen es
selbst ....
    Ich wei es nicht, Herr Justizrath ... sagte Dankmar, sich besinnend und in
den Ideengang des alten Epikurers sich versetzend.
    Ah! ah! rief Schlurck ablehnend.
    Belehren Sie mich: was steht hher als Staatsformen und Forellen? Ich wei
es wirklich nicht.
    Gehen Sie weg, Sie junger, hbscher Lovelace ....
    Lovelace? Ah! Sie meinen ...
    Ja natrlich mein' ich! Was ist lieblicher als ein schnes Weib? Herr! Was
ist die Bestimmung der Erde anders, als die, ein Stelldichein fr Verliebte zu
sein? Ich bitte Sie, wo soll es hinaus mit unsern fnf Sinnen, unsern Lippen -
der Glckliche, der sie noch frisch und rund hat, wie Sie! - wo soll es hinaus
mit der Poesie des Daseins, wenn diese verdammte Politik den kleinen Gott Amor
so langweilt, da er unsere Erde fr eine unntze Station seiner Wanderungen
erklrt? Die Attraction der Leidenschaften, der Magnetismus der Gefhle, Das ist
der Erde edelster, hchster Zweck. Hole der Henker die Politik und die
Revolutionen!
    Dankmar hatte nicht den Idealismus seines Bruders, der solche Reden
verabscheut htte. Er war beweglich und praktisch. ber diesen Materialismus
mute er wirklich lachen, und da er, unterhalten wenigstens von so frivolen
Grundstzen, schwieg, fand Schlurck volle Gelegenheit, unbeirrt durch den
mrrischen Heidekrger, fortzufahren:
    Von allen neuen Systemen der Weltverbesserung und Menschenbeglckung hat
mir, aufrichtig, das des Franzosen Fourier am besten gefallen. Sehen Sie, dieser
Fourier gesteht es ein, da ein frisches Stck Rheinsalmen mehr Werth fr das
Jahrhundert hat als confuse Begriffe ber den Ursprung der Gesellschaft. Er
ladet seine Jnger in schne luftige Palste ein, spielt ihnen herrliche Musik
auf, arrangirt amusante Blle, schmckt die reichbesetzten Tafeln mit Blumen,
die er, glauben Sie mir's, ebenso sehr liebt wie Forellen, und was das Beste
ist, seine Menschen sind gut, sie amusiren sich, sie sterben mit dem Bewutsein,
da sie die ihnen verliehenen Organe zweckentsprechend benutzt haben ......
    Wollen Sie, fragte Dankmar spottend, im Reubund diesem doch revolutionairen
Systeme Anerkennung verschaffen?
    Das hoff' ich! sagte Schlurck. Gerade dieser Bund ist auch deshalb der
vernnftigste, der seit dem Jahre 1720, ich meine, seit der ersten englischen
Freimaurerloge, entstanden ist. Warum? der Reubund versteht unter dem Vorwande
loyaler Gesinnungsverbrderung eigentlich eine Allianz zur gegenseitigen
Lebensverschnerung. Bester Freund, die wahren Reformatoren unsers Jahrhunderts
kommen erst noch! Das werden Die sein, die von den Ideen sprechen und darunter
die Cotillons und die Schnheitslinien der Polka verstehen. Im Reubund zeigt
sich schon die Ahnung dieses neuen Evangeliums. Man hat seine Logen, seinen
ersten und zweiten Grad, es gibt Brder, es gibt Schwestern, es gibt
Erkennungszeichen, verstohlene Handgriffe, geheime Einweihungen, und was
vorlufig dort das Beste ist, man it nicht schlecht, jedenfalls besser als man
gewhnlich bei Gesinnungsfesten solcher Art zu speisen pflegt.
    Ich gestehe Ihnen, sagte Dankmar, da ich eine ernste, keine humoristische
Vertheidigung des Reubundes erwartet hatte.
    Ich bin wirklich ganz ernst, antwortete Schlurck; man mu wirklich wieder
Orden stiften wie ehemals Zechbrderschaften, Trinkstuben, Massenien.
Gleichgesinnte mssen zusammentreten unter geflligern Formen, als Tabacksdampf
und offene, von Spionen belauschte Sitzungen sind.
    Er warf dabei einen eigenen Blick auf den Schlfer in der blauen Blouse.
    So etwas wie die alten Ritterorden, fuhr er fort, mu man wieder
auferwecken, den Templerorden z.B., wo es auch frhlich herging und man sich um
den Papst und den Kaiser nicht scherte und mit den Trken, die man bekmpfen
sollte, Frieden schlo, weil sie schne Weiber hatten und prchtige
Weisheitslehren. Nur keine Duckmuserei! Ah! Meine Tochter fhrte mich neulich
in den Egmont. Ich geh' ungern ins Theater, und zwar deshalb, weil die Komdie
doch die rechte Pflanzschule aller falschen und unmotivirten Begeisterung, die
rechte Schwatztradition der tausendjhrigen Dunstreflexionen ber Tugend, Moral
und ewige Vergeltung ist. Aber der frische, phrasenlose Ritter Egmont gefiel
mir! Seine Ansichten ber Politik bringt er ganz gelegentlich an, spricht wie
ein Cavalier ber ein paar Pferde mitten im Zorn ber den Alba'schen
Belagerungszustand, und als er zum Tode geht, vermacht er seine Maitresse einem
Andern, der sie aushalten soll: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war.
Ha, ha, ha! Meine Melanie sang, als wir nach Hause fuhren, immer: Freudvoll und
leidvoll! Ich mute dagegen sagen: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein
war. Prchtiges Wort Das! Glauben Sie mir, junger Mann, wenn man das Leben gar
zu ernsthaft nimmt, sagt wiederum dieser capitale Ritter, der die einzige
Dummheit beging, dem Generalissimus Alba nicht die Statuten eines kaiserlich
spanischen Reubundes vorzulegen, was ist denn dran? Was ist denn dran? Am Leben
nmlich, wenn man's gar zu ernsthaft nimmt, was ist denn dran? Justus, nichts!
Nichts, Justus! Gute Nacht, junger Mann! Besuchen Sie mich. Sie finden eine
kluge Hausfrau und eine Tochter ... sie heit Melanie ....
    Melanie Schlurck ist die erste Schnheit der Stadt, bemerkte Dankmar.
    Sagt man Das?
    Man urtheilt selbst dann so, wenn man ihr auch nur flchtig begegnet - zum
Beispiel zu Pferde ....
    Nicht zu Pferde! Nicht zu Pferde!
    Man sieht sie viel ber die Promenade reiten.
    Halsbrechende Geschichten! Lassen wir Das! Besuchen Sie mich, mein Herr! Ich
wohne in einem merkwrdigen Hause, in einem Hause, das mich auch an die
mittelalterlichen Reubnde erinnert ....
    An die Templer, wie Sie sagten?
    An die Templer, die die besten Zechbrder des Mittelalters waren, an die
Johanniter, die Palstina Palstina sein lieen und das Grab des Erlsers da
vertheidigten, wo ihre Gter angetastet wurden, ihre Schlsser, ihre
Ordenseinknfte. Ich wohne in einem dieser Huser, fr die ich jetzt den
merkwrdigen Proce mit dem Fiscus fhre. Ah Processe! Processe! Das mahnt mich
aufzubrechen. Gute Nacht, Justus!
    Sie, Herr Justizrath, fhren den Proce wegen ... Dankmar wagte seine
berraschung kaum auszusprechen.
    Nichts als Processe! Ich, der friedliebendste Mann von der Welt! Gute Nacht,
Justus! Helfen Sie mir mein Reisenecessaire packen.
    Er zeigte auf den Eiskhler, den strasburger Pastetentopf und den
Flaschenkeller.
    Justus griff zu und half ihm beim Einpacken, erklrte auch, da die Bedienung
schlafe, ihm Alles an den Wagen tragen zu wollen, und plauderte von den
schnauer Wahlen noch Dies und Jenes durcheinander ......
    Dankmar aber htte jetzt so gern von dem Gegenstande begonnen, den Schlurck
nur flchtig berhrte. Er htte so gern gehrt, ob der Justizrath wirklich sein
knftiger Gegner in diesem Processe sein wrde. Aber Schlurck's Entschlu, nun
aufzubrechen, stand fest .....
    Schon hatte er den Hut ergriffen, schon einen flchtigen Abschiedsblick auf
den schlafenden Fuwanderer geworfen, sich angeschickt, Dankmarn um seinen Namen
zu ersuchen .....
    Justus, um einen Versuch zu machen, sein Mdchen zu rufen, ffnete die Thr
.....
    In dem Augenblick sieht Schlurck flchtig hinaus auf den Corridor und reicht
eben Dankmarn die Hand. Dieser will sie ergreifen, als Schlurck pltzlich einen
Schreckensruf ausstt und fast in Ohnmacht sinkt. Dankmar's Hand lt er
pltzlich wie gelhmt fahren und hlt sich mit der Linken schwindelnd an der
Wand. Dankmar springt hinzu, der Heidekrger lt den Korb aus seiner Hand
sinken und ruft:
    Was ist Ihnen Mann?
    Auf dem Corridor, dicht an der Thr des Saales vorberschleichend glaubten
sie ein Gespenst zu sehen. Halb entblt, auf dem obern Krper nur im Hemd,
stand mit geschlossenen Augen eine Gestalt dicht vor ihnen. Verworren und mit
Heu untermischt hing ihr das Haar ber die Stirn. Strohhalme schleppten die
Schuhe mit sich fort ber die Treppe und den Corridor. An dem halbnackten Arm
hing mechanisch getragen eine Laterne, die dster den Gang erleuchtete. Die Magd
stand hinter diesem grauenerregenden Aufzug und deutete mit zusammengefalteten,
fast wie betenden Hnden an, da man um Gotteswillen schweigen mchte.
    Aber schon hatte Schlurck mit Entsetzen: Hackert! gerufen.
    Hackert war es, als Nachtwandler .... Auf den Ruf seines Namens ffnete er
die Augen und taumelte fast zusammen.
    Dankmar, von innigstem Mitleiden fr den Unglcklichen, der ein Nachtwandler
war, ergriffen, fing ihn rasch auf. Der Lichtglanz blendete den auf seinen Namen
erwachten Trumer. Er schien sich nicht sogleich sammeln zu knnen, als er aber
Schlurck in der Thr sah und erkannte, besann er sich und wollte anfangs lachen.
    Dankmarn war diese Situation furchtbar. Er rief dem noch immer vor Entsetzen
starr dastehenden Mdchen zu:
    So zeig' sie uns doch unsere Zimmer! Sie sieht ja, mein Kamerad hat zu Bett
gewollt!
    Die Magd entnahm Hackert die Laterne und ging rasch voran, um sie eine
Stiege hher zu fhren. Hackert folgte stumm, und nur zuweilen war's Dankmarn,
als hrte er ihn hinter sich keuchen und seufzen. Die Magd wie von einem
Gespenst verfolgt, ffnete rasch zwei Zimmer, lie die Laterne stehen und eilte
hinunter. Dankmar zndete ruhig zwei Kerzen an, die in einem der Zimmer
bereitstanden, schlo die Fenster sorgfltig und verwies Hackert, der wie
trumend dastand, auf ein Bett des einen Zimmers. Gute Nacht! sagte er ihm und
ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan. Er rckte behutsam sein Bett
an die Verbindungsthr, um lauschen zu knnen, ob sich Hackert legte. Als er
bemerkte, da dieser vllig ruhig war, das Licht lschte, die Thr zuriegelte
und sich aufs Bett warf, entkleidete er sich selbst. Er hatte von dem Gesprch,
dem Wein und der Entdeckung ber Hackert's unglckliche Nervenstrung selbst
halb verwirrt, sich kaum niedergeworfen, als er in der Ferne Schlurck's Wagen zu
hren glaubte, so spornstreichs und im heftigsten Anlauf war der pltzlich
verschwundene genuschtige Sptter aus dem Hofe gefahren. ber die Beziehung,
in welcher Schlurck zu dem Nachtwandler stand, noch lnger nachzudenken, fehlte
ihm die Sammlung der Sinne.
    Unten aber hatte der Heidekrger, als er erfuhr, da der Nachtwandler des
fremden jungen Mannes Kutscher war, erst noch wissen wollen, ob der Justizrath
diesen kenne, dann aber, als Schlurck leichenbla schwieg und sich nur eilig in
seinen Wagen setzte, ihn mit der Bemerkung: Der Reubund ist doch Muckerei!
wieder zur Besinnung bringen wollen. Schlurck aber scherzte nicht mehr. Mit der
Bemerkung: Gehen Sie zu Bett, Justus, Sie haben zuviel getrunken! hatte er ihn
vom Wagenschlage entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewechselt,
deren Inhalt wir im nchsten Capitel erfahren werden.
    Justus, der Heidekrger, hatte, wie freundliche Herrschaften, die ihren
Dienstboten gern Trinkgelder gnnen, die Gewohnheit, sich jedesmal, wenn seine
Gste die Brse zogen, zu entfernen und seinen Dienstleuten die Abrechnung zu
berlassen.
    Wir wissen nicht, ob auch dieser Charakterzug in dem Buche erwhnt ist,
welches vor mehren Jahren erschien und unter Anderm auch Justus' Portrait und
Lebenslauf enthielt. Es hie, wenn wir nicht irren: Deutschlands Biedermnner.
    Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit, bis er, erschreckt von allen
diesen Erlebnissen, in dem endlich stillgewordenen Heidekrug entschlief.

                                 Achtes Capitel



                                   Der Spion

Der Morgen brach unfreundlich an. Die Westwolken, die schon die Nacht drohten,
hatten sich ber den ganzen Horizont gezogen. Das liebliche Blau der vergangenen
Tage war verschwunden; die Schwle der Luft war noch wie bisher dieselbe. Blte
und Blatt schmachteten der endlichen Erfrischung durch Regen entgegen. Noch
standen die Wolken starr und fest, noch wollten sie sich auf die staubige Erde
nicht niedersenken.
    Schon arbeiteten die Schnitter im Felde, um vor den drohenden
Gewitterstrzen die Ernte in Sicherheit zu bringen, als Dankmar mit Hackert
ausgefahren war, um die begonnene Reise fortzusetzen. Der Heidekrger schlief
wol noch, aber die kluge geschftige Hausmagd, die sich Liese nannte und der die
Sorge fr das groe Hauswesen ganz allein obzuliegen schien, war schon frh bei
der Hand in dem von Arbeitern und Mgden belebten Hofe. Auch das Stdtchen
Schnau erblickte Dankmar jetzt am fernern Rande des Waldes und mancherlei
lebhaften Verkehr, durch welchen diese Wirthschaft des Heidekrgers Justus
bedeutsamer mit der ganzen Gegend verbunden wurde. Es erklrte sich ihm jetzt
das sichere Gefhl, mit dem der Heidekrger von seinem Einflusse auf die
nchstbevorstehenden Wahlen sprechen konnte.
    Als Dankmar in den Hof gekommen, fand er Hackert schon mit Aufzumen des
Pferdes beschftigt und vor ihm die Liese, die ihm mit furchtsamem Ausdruck,
eingedenk des gestrigen Abends, zu seinem Erstaunen eine gefllte Brse mit den
Worten hinhielt:
    Die Herrschaft in der Nacht hat Dies fr Sie dagelassen.
    Wer? fragte Hackert verdrielich.
    Der Herr Justizrath! sagte die Liese.
    Sie irrt sich wol. Das Geld ist wol fr Sie bestimmt ....
    Die Magd Dankmarn erblickend, rief ihm, ihr beizustehen. Der Herr Justizrath
htten, erzhlte sie, dem Heidekrger gestern Nacht diese Brse mit all' dem
Gelde drin geben wollen, der htte aber wie immer gethan, als knnte er blank
nicht fnf zhlen ....
    Was? sagte Dankmar. Eine gute Magd, die so ihren Herrn verleugnet?
    Liese wurde roth.
    Ich merkte schon lange, setzte Dankmar scherzend hinzu, da Liese mit ihrer
Herrschaft nicht im Reinen ist ....
    Ach, sagte das schon ltere Mdchen, der Heidekrger ist ein braver Herr,
aber zu hoch studirt. Wie ich herzog zu ihm - es sind jetzt an acht Jahre, die
Frau Heidekrgerin lebte damals noch - ging Alles nach der Schnur; denn die Frau
fhrte das Regiment. Als sie starb, wollt' ich fort, weil mir der Herr zu
hochgestapelt war und fr Unsereins kein Gehr hat ....
    Der Heidekrger hochgestapelt? Kein Gehr? Ein Volksmann? sagte Dankmar.
    Ich lie mich beschwatzen und blieb, und es ging auch, weil Die von der
Polizei dem Herrn alle Bcher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde
von ihm im Loche sitzen muten. Da lie er die groen Staatssachen und das
Geschft hier kam wieder in Gang. Aber seit ein paar Monaten ist wieder Alles im
Brand. Nicht eine vernnftige Antwort hat man von dem steifen Mann. Was soll ich
da? Ich will in einen andern Dienst.
    So, so, Liese! Nun, als ehrlich kann man Sie empfehlen. Was soll die
gefllte Brse?
    Hackert stand in einiger Entfernung und horchte halb herber.
    Der Justizrath wollte die Brse dem Heidekrger geben, da er die Zeche
abzieht und den Rest da an den ...
    An meinen Kutscher ... sozusagen ...?
    Ja Herr, an den ...
    Sie blinzelte Dankmarn zu, als wenn man nicht recht wisse, wie man mit dem
gespenstischen jungen Menschen dran wre und ihn nher bezeichnen solle ....
    Schon gut, sagte Dankmar, der steife Heidekrger hat viel Vertrauen zu
seiner ungetreuen, unpolitisch gestimmten Liese ....
    Gezhlt hab' ich's nicht. Aber Das merk' ich schon, es ist mehr als mein
ganzer Lohn auf drei Jahre betrgt. So nehm' er doch! Damit wandte sie sich,
fast collegialisch, wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren.
    Hackert wies sie finster zurck.
    Als Dankmar zureden wollte, bat er ihn ungeduldig, endlich einzusteigen und
die Gans schnattern zu lassen.
    Gib mir den Beutel, setzte er noch rasch hinzu und betrachtete die
Hkelarbeit der Brse. Es war rothe Seide mit Gold durchzogen, das Ganze sehr
kunstvoll durcheinandergewirkt. La mir den Beutel! Behalte nur getrost das
brige; Verrtherin, die ihren Herrn verleugnet!
    Als ihm die Magd den Beutel reichte, schttete er den ganzen Inhalt erst in
seine volle Hand und sagte wirklich:
    Halt' die Schrze auf, Hexe!
    Dann warf er die aus Gold- und Silberstcken bestehende bedeutende Summe der
Liese in den Schoos und murmelte:
    Die Brse will ich behalten. Was drin war, gib entweder deinem Herrn, er
soll's dem Schlurck wiederzustellen, oder behalte es selbst.
    Ich will nichts behalten. Wir stehlen hier nicht, antwortete die Magd,
empfindlich ber Hackert's grobes Benehmen und sein ... Anhexen.
    Ist Sie gromthig? Eine Tugendprahlerin? So gibt sie auf Heller und
Pfennig, fuhr Hackert fort, dem Heidekrger das Geld da oder stellt in meinem
Namen, in Fritz Hackert's Namen, hrt Sie, Fritz Hackert's, dem Justizrath
Schlurck das Ganze zurck, wenn er des Weges kommt, oder schickt's ihm.
Verstanden?
    Lateinisch redet Ihr nicht! brummte die Magd rgerlich und zugleich doch
aufs uerste erstaunt.
    Der Herr da will zahlen, fuhr Hackert resolut fort, indem er Dankmarn, der
ihm jetzt ernstlich das Geld zu behalten zureden wollte, die Rede abschnitt. Was
ist er schuldig?
    Einen Thaler fnf Groschen, sagte die Magd, und berreichte eine Rechnung.
    Dankmar nahm einen der Hackert'schen Scheine aus seiner Tasche, nicht ohne
Verlegenheit zu ihrem seit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher
hinberblickend. Hackert erwiederte diesen Blick und schielte, indem er die
Rechnung einsteckte, zu den Thalerscheinen, als kennte er sie. Ist der
Nachtwandler verschwenderisch und geizig zugleich? dachte Dankmar und wute sich
diesen Gegensatz nicht zu reimen. Doch war Hackert's Blick auf den Inhalt seiner
Rocktasche nur ein flchtiger. Die von der Magd erhaltene Brse fesselte ihn
lebhafter. Er betrachtete die Hkelarbeit mit der Andacht eines Menschen, der an
der Echtheit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt, weil er das tiefe
Bedrfni fhlt, sie zu verehren. Wre Hackert allein gewesen, er htte die
Brse, deren Inhalt er so stolz verschmhte, vielleicht gekt. Mindestens
betrachtete er sie mit andchtigster Theilnahme.
    Jetzt hinter einem Manne zu sitzen, von dem er wute, da er bei Nacht im
Schlafe wandelte, war Dankmarn natrlich peinlich genug. Die Erinnerung an die
Erlebnisse der vergangenen Nacht berhaupt und die aufregenden Gesprche trat
verworren und wst in ihm auf. Der Gedanke an seinen eigentlichen Reisezweck,
die Wiederentdeckung eines ihm verloren gegangenen werthvollen Besitzes, wrde
vielleicht in den Hintergrund getreten sein, wenn Schlurck's Reden ihn nicht
aufs lebendigste geweckt htten. Was er in diesen Tagen nur ber die alten
Zeiten schon in dem Tempelhause von Angerode nachgedacht hatte, stimmte mit den
uerungen Schlurck's, das Wesen der Ordensgesellschaften betreffend, merkwrdig
zusammen. Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklrten
Mrtyrerglanze erschienen, wie sie auf dem Bilde seines Bruders strahlten.
Schlurck sprach zwar auch in seiner Weise hochachtend ber sie. Diese war aber
fr ihn eine geringschtzende. Endlich gewann ihm Das, was Schlurck ber den
Reubund gesagt hatte, ein lebhaftes Interesse ab. Hinter dem Spotte des
Justizraths lag ein gewisser Ernst, dessen einschmeichelnde Macht er nicht
zurckweisen konnte. War die Zeit von Ideen nicht wirklich bis zur Armuth
verlassen? Schmachtete sie nicht nach Thaten des Geistes und neuen
Offenbarungen? Einen Augenblick berkam ihn der Gedanke: Wie, wenn du in diesen
von der Regierung geduldeten Modebund trtest und ihn zu deinen Ansichten
herberleitetest! Wie, wenn Das, was ein Bollwerk des Absolutismus sein soll,
eine Schutzmauer des Kampfes gegen ihn wrde? Hatte er neben sich in Hackert
einen Ausnahmemenschen, dessen Zustand auf dunkle Nachtseiten der Natur fhrte,
so war ihm auch das Ordenswesen pltzlich eine geheimnivolle Nachtseite der
Gesellschaft und er konnte nicht umhin, sich selbst zu sagen: Wer sieht schon
jetzt die ganze Reihenfolge Dessen ab, was Alles im Menschen- und Vlkerleben
als Keim zuknftiger Entwickelungen liegt? Kein sterbliches Auge verfolgt die
schlummernden Mglichkeiten. Wer ahnte einst die Gestaltungen, die nun voll und
krftig in der Gegenwart reifen? Wer verfolgt die Wege, die sich tief im Schooe
der Erde der Maulwurf des Weltgeistes grbt? Welche wunderbare Entwickelung
htte der Tempelherrnorden nehmen knnen, wenn ihn vereinte weltliche und
geistliche Macht nicht unterdrckt und aus der Wettbahn der Krfte, die das
Mittelalter strzten, hinausgedrngt htte? Die Ppste bereuten spter bitter
genug, da sie im franzsischen Exil, abhngig von der Willkr franzsischer
Herrscher, den Templerorden aufgehoben hatten, diesen gewaltigen Arm, der ihnen
nach dem Verluste des heiligen Grabes und einer vernderten Bestimmung des
Ordens im Herzen der weltlichen Gewalt die Waffe htte fhren knnen, die ihnen
spter erst das Gift und die Intrigue des Jesuitenordens wurde! Dreiigtausend
Tempelherren htten - Philipp der Schne frchtete es - bewaffnet in Frankreich
allein gegen die Ausbildung der weltlichen Tyrannei auftreten knnen, und was
wre es denn auch fr ein Unglck gewesen, wenn immerhin der Geist eines
Innocenz des Dritten ber den weltlichen Supremat gesiegt htte? Es frge sich,
ob wir uns nicht besser stnden, wenn der Monarchismus in der absoluten Weise,
wie er jetzt auf den Vlkern Europas lastet, im theokratisch regierten Europa
niemals sich htte entwickeln knnen? Es frge sich, ob wir nicht durch die
Kirche, die doch allein die Bewahrerin der Bildung geblieben ist, trotz ihrer
theilweisen Verfinsterung doch wol zu grerer Wahrung unserer Menschenfreiheit
gediehen wren, als durch den Staat, der uns Revolutionen ber Revolutionen
brachte und jetzt erst recht im neunzehnten Jahrhundert begonnen hat, ohne alle
Rcksicht auf Leben und Tod, mit grausamster Consequenz, fr sein frivoles,
irdisches, egoistisches Bestehen frmlich, wir sehen es tglich, zu wthen! Das
erkannte Philipp der Schne, der klgste politische Kopf seiner Zeit, und
rottete die bewaffneten Vertheidiger der Hierarchie mit Hlfe eines von ihm
eingesetzten lasterhaften Papstes aus. Das templerische Element flchtete sich
in den Johanniterorden, der leider keines grern Gedankens mehr fhig war. Man
fhlte Das. Man dachte an Erneuerung. Immer und immer sollte der Bund
wiederhergestellt werden, der dem Papste Kraft ber die Gemther gegeben htte
und zugleich seinen Arm bewaffnet. Aber erst, als das Papstthum sich berlebt
hatte, gelang ihm der alte rmische Plan durch Ignaz Loyola und Franz Lainez.
Eine geistliche Ritterschaft war nun wieder da. Freilich bewaffnet mit dem
Schwerte der Scholastik. Das Kreuz des reinen Templermantels ... mit heimlichem
und offenem Blute gefrbt. Diese versptete Ritterschaft kmpfte fr eine
verlorene Welt, fr eine verwelkte Blte der Jahrhunderte ..... Warum aber erhob
sich nicht die Reformation zu einem Gegenbunde gegen die Jesuiten? Warum brachte
sie es nicht weiter als bis zu den allgemeinen und indifferenten Anschauungen
der Maonnerie? Die Freimaurer sind der Gegenbund der Jesuiten, aber welch ein
Feld ist noch brig, um aus dem Logenschurzfelle des Maurers einen echten
Templermantel zu machen, aus der Kelle einen wehrhaften Schild zu schmieden, aus
dem Hammer ein Schwert, blank und im Kampfe haarscharf?
    Diese Gedanken regte bei Dankmarn Schlurck's Wort im Allgemeinen an. Im
Besondern aber trat ihm auch die uerung, da er jenen berhmten Proce fhrte,
der ihn nun bald selbst betreffen konnte, mit beklemmender berraschung
entgegen. Durch den Verlust Dessen, was er eben so bedeutungsvoll gewonnen
hatte, sah er sich zwar ausgeschlossen von der Theilnahme an einem alten
Rechtshandel, dessen Fhrung bei Schlurck in den gewandtesten Hnden war; allein
sollte er das Verlorene wiederfinden, wie konnte er in diesem Falle nicht noch
mit Schlurck in Gegenstze gerathen, die greller waren als die der verflossenen
Nacht? ... Doch warf Dankmar bald diese Grbelei aus seinen Betrachtungen fort
und hielt sich an das Nchste, an die Natur und an die Abenteuerlichkeit seiner
Reise, zu deren Rthseln vorzugsweise Hackert und jetzt auch seine Beziehung zu
Schlurck gehrte, dessen Geschenk an den nervenkranken Nachtwandler von einer
auffallend innigen Theilnahme zeugte.
    Hackert strte die unhrbaren Selbstgesprche seines Gefhrten nur durch das
Knallen der Peitsche, die am Walde widerhallte, und ein Locken und Pfeifen des
Mundes, immer wenn er Vgel sah und diese vom Wege in die Schatten der Bume
zurckhpften. Als er merkte, da Dankmar geneigt war, auf ihn zu hren, begann
er:
    Im Stalle gestern lag ich schlecht; ich zog doch vor, oben in einem guten
Bett zu schlafen. Haben Sie gut geruht?
    Dankmar bemerkte wohl, da Hackert seine pltzliche Erscheinung im obern
Corridor auf natrliche Weise erklren wollte, als einen freiwilligen Entschlu.
Warum sollte er ihm diese Beschnigung seiner Krankheit stren? Es rhrte ihn
vielmehr, da der Mensch ber Etwas, das ein angeborenes Schicksal ist, das
Gefhl der Scham haben konnte! Er erinnerte sich, da Siegbert oft beim Anblick
elend geborener oder krperlich verwahrloster Menschen gesagt hatte: Wie finden
sich diese Menschen nur mit ihrem Schpfer zurecht! Wie tragen Sie nur ihr Leid,
nicht sehen, nicht hren, nicht sprechen zu knnen! Welche langen Kmpfe des
Gemths gehren dazu, bis der unheilbar Kranke, der ewig liegen mu, sich nicht
mehr frei bewegen kann, sein Schicksal als unabnderlich hinnimmt und sich von
den Freuden des Lebens noch soviel in die Vorstellung bringt, da er denkt: Das
bleibt dir doch noch; Das lohnt sich doch noch, all diesen Jammer zu tragen, und
mit ihm auszuharren, und wr' es nur der warme, milde Sonnenschein! Dankmar, um
sich dem Kranken gegenber ganz unbefangen zu zeigen, vermied jede weitere
Frage, auch die wegen Hackert's nherer Beziehung zu Schlurck. Er lenkte von
Allem, was seine Neugier reizte, auch von dem Inhalt der Brse, die er
zurckbehalten, und der schnen Hkelarbeit, auf Etwas hinber, das ihm jetzt
schon fr gleichgltiger erschien, seine Ankunft in Hohenberg und die
Untersuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrscheinlich verbten Raubes.
    Bei den Leuten auf dem Heidekrug, sagte Hackert, hab' ich mich erkundigt.
Wir passiren noch eine kleine Stadt, Dassel geheien, dann kommen wir ins
Hohenbergsche nach Berghbel und gegen Abend sind wir in Plessen am Fue des
Schlosses Hohenberg. Es ist ganz Recht, dort treffen wir noch lustige
Gesellschaft. Alle Creditoren der Hohenberg'schen Masse, Schlurck's Frau, seinen
Buchhalter Bartusch, dann einen Bankier von Reichmeyer und ein Dutzend Vampyre
aus der Stadt, die alle in den frstlichen Zimmern rumoren und sich geadelt
glauben, weil sie unter adeligen Wappen schlafen knnen. Wenn Prinz Egon - aber
sehen Sie nur - Sie werden ja da gegrt!
    Dankmar hatte mit Theilnahme sein Auge nur auf Hackert ruhen lassen und
forschte in seinen Zgen nach einem Verstndni dieser jedenfalls noch
unentwickelten und doch schon so berreifen, in sich wohl unklaren Natur. Das
Wgelchen ging langsamer, weil sich der Wald in die Hhe zog. Sich nun
umwendend, erblickte er am Rande des kleinen Grabens, der frisch ausgehhlt
neben der Strae sich zog, den Tischlergesellen von gestern Nacht. Er trug den
leichten Ranzen ber dem Rcken, hatte ein sauberes Taschentuch vorn in der
Brusttasche seiner blauen Blouse stecken und schritt mehr im Gange eines
Lustwandelnden als eines ermdeten und schwertrabenden Wanderers. Dankmar hatte
ihn seit gestern Abend, wo er bei den politischen Unterhaltungen einen
schlafenden Zeugen abgab, aus dem Gedchtni verloren; jetzt aber trat er ihm
wieder mit der ganzen Bedeutsamkeit, die ihn schon gestern in seiner
zurckgezogenen Bescheidenheit umgab, auffallend genug entgegen. Sein Gru war
hflich, ohne unterwrfig zu sein. In seinen schnen Zgen lag ein feines
Lcheln. Kein Wunder, dachte sich Dankmar, da eine franzsische Dichterin in
unsern vorschreitenden Zeiten gewagt hat, einen sogenannten Kunsttischler in
einem ihrer communistischen Romane so liebenswrdig hinzustellen, da er selbst
das Interesse einer hohen gebildeten Dame erwecken konnte!
    Wir sollten den Mann einladen mitzufahren, meinte Dankmar. Es ist ein
Tischler und von berraschender Bildung ....
    Hflich sein auf der Landstrae? antwortete Hackert kalt und wollte das
Pferd antreiben. Er machte ein Gesicht, das alle Merkmale eines Neides
ansichtrug, der aus ihm ber die Theilnahme, die der Handwerker fand, deutlich
zu sprechen schien.
    Es ist ja Platz neben mir; fuhr Dankmar fort.
    Neben Ihnen? Warum denn nicht hier vorn? Wir vergessen berhaupt unsern
Vertrag, fiel Hackert unruhig und fast heftig ein.
    Nur Mitleid mit einem so groen Unglck Hackert's, wie er es gestern
entdeckt hatte, bestimmte Dankmarn darber zu lcheln.
    Das wr' ein Tischler, sagen Sie? fuhr Hackert fort. Den Gauner hab' ich
heute frh schon im Hofe als verdchtig erkannt. Ein Batisttasehentuch in der
Blouse! Wenn er's nicht gestohlen hat, ist's ein Beweis mindestens fr Spionage.
Sei Einer ja behutsam jetzt, wenn man sogenannte Arbeiter sieht, die von dem
Rechte der Arbeit reden, aber keine Schwielen in der Hand haben. Die Polizei
wei sehr gut, was sie jetzt Alles auszustbern hat. Hier herum wimmelt's von
jungen Accessisten, die ihr Probestck ablegen mit einem falschen Pa ....
    Probestck mit falschem Pa? Was heit Das? fragte Dankmar.
    Lieber Gott, die alten Unteroffiziere und Wachtmeister reichen jetzt fr die
sogenannte praktische Polizei nicht mehr aus. Um jetzt eine
Polizeicommissariusstelle zu bekommen, verkaufen hundert Referendare, Assessoren
sogar und Lieutenants ihre Seele, wenn sie eine haben, und leisten, was
Blindschleichen und Menschen nur knnen, die eine Anstellung finden und gern
heirathen mchten.
    Wie kommen Sie auf einen solchen Verdacht? fragte Dankmar, doch erstaunt,
weil er sich gewisser uerungen erinnerte, die auch Schlurck gestern fallen
lie.
    Ach! Es sind jetzt wenig Menschen Das, was sie scheinen, sagte Hackert. Wie
bei gewissen Koffern, mit denen man nach Frankreich und Ruland reist, haben
zahllose Menschen jetzt einen doppelten Boden. Ich wohne in der Brandgasse. Mein
Vicewirth, Hausmann, oder wie Sie den Kastellan einer Armenkaserne nennen
wollen, ist ein Schlosser, seine Frau eine Flickschusterin, und Abends treibt
der Mann Polizeigeschfte, und sie - nun sie kuppelt. Nebenan wohnt ein
verdorbener Klempner. Das ist ihr und sein College. Nach oben hinauf ist's nicht
besser. Die Politik hat ja die Menschen so vielseitig gemacht! Der schnffelt,
Der heuchelt, Der gibt an! Und Den da, den hab' ich auch schon lngst weg.
    Fr was halten Sie ihn?
    Im Heidekrug beschnffelte er Alles. Eine Dreschmaschine sah er zehn mal an,
wie die Kuh das neue Thor, und einen Pflug zeichnete er sich sogar ab. Ich gebe
mein Wort. Es ist entweder Assessor Mller selbst, der auf dem Polizeiprsidium
arbeitet, oder sonst Einer, der von ihm hierher geschickt ist, um Recherchen zu
machen, natrlich politische. Die Spitzbuben haben ja jetzt die schnsten Tage.
Die Polizei sprt nur nach Revolution. Neulich sagte ein junger Mensch, der seit
mehren Jahren unter polizeilicher Aufsicht steht, weil er in seiner Kindheit
einmal in aller Unschuld wo eingebrochen ist: Es ist ordentlich beleidigend,
sagte er, fr unsereins; wir sind ganz aus der Mode gekommen! Wenn Einer bei dem
Hofjuwelier selbst einbrche, nicht drei Tage wrde davon gesprochen!
    Dankmar fand diese Vermuthung ber den Tischler nicht ganz unwahrscheinlich,
und so wenig Neigung er sonst hatte, mit Spionen oder den offenen unsanften
Armen der weltlichen Hermandad in Berhrung zu kommen, so htte er doch
vielleicht noch Gelegenheit finden knnen, sie heute fr sich in Anspruch zu
nehmen. Seines verlorenen Schreins gedenkend, sprang er aus dem Wagen und wandte
sich zum groen rger des scheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hinber.
    
    Haben Sie in dem Wirthshaus eine gute Nacht gehabt? fragte er, als der
angebliche Tischler ihm nahe genug war und sich ihm so anschlo, da Beide
nebeneinanderschritten.
    Ich schlief spter noch in einem Zimmer neben Ihnen! antwortete der Fremde.
Aufrichtig! Ich hatte mich nur so gestellt, als wollt' ich im Wirthshaussaale
bleiben. Der Schlemmer interessirte mich, und als vollends noch Sie hinzukamen
und das Gesprch belehrend fr mich wurde, schlo ich die Augen ohne zu
schlafen. Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett.
    Da haben Sie uns also ... belauscht? bemerkte Dankmar, erstaunt ber diese
Offenheit.
    Wenn Sie's so nennen wollen! sagte der Fremde; ja! Htt' ich mich wach
gezeigt, so wrd' ich dem Manne haben sagen mssen, warum ich nicht von ihm zu
trinken annehmen wollte, oder was noch schlimmer gewesen wre, ich htte mich
hinreien lassen, seinen jmmerlichen Lebensansichten zu widersprechen ....
    Dem Wirth, glaub' ich, sagte Dankmar lachend, wrde dann doch die Geduld
gerissen sein. Er schien Sie lngst nur mit groer Selbstberwindung in einem
Saale zu dulden, wo einer seiner Gste Trffeln und Champagner ausbreitete.
    Ich wei! Vor unserer Umwlzung htt' er mich zur Thr hinausgeworfen und
auf den Heuboden verwiesen, antwortete der Wanderer. Die Zeiten werden schon
wiederkommen und vielleicht mit Recht. Was anmaend und zudringlich ist, bleibt
zu allen Zeiten besser vor der Thr als drinnen.
    So wandeln Sie wohl, sagte Dankmar, in politischen Dingen den Mittelweg des
vortrefflichen Herrn Heidekrgers?
    Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck
eines Lchelns, das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu fr fein und geistreich
zu erkennen. Dies Lcheln entwaffnete ihn. Er mute einen Augenblick schweigen.
    Nach einer Weile begann der Fremde von selbst:
    Ist denn Das auch ein System? Ist denn Das auch eine Meinung? Was diesen
Heidekrger beseelt, ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit! Dieser
Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten, die unter seinem
Dnkel leiden. Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern?
Er krankt, jedes seiner Worte verrth's, an der traurigen Gromannssucht, welche
die Hauptrolle in unsern politischen Kmpfen spielt. Er kommt mir vor und
Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer, die bei Anlegung einer neuen
Eisenbahn durchaus verlangen, da die Linie an ihrem Eigenthum vorbergehen
soll. Ohne sie gibt es nichts. Ohne sie kein Wind und Wetter. Ohne sie nicht
Sonnenschein und Mondschein. Es ist dabei ein Trost, da diese Menschen nicht
ganz servil sind. Sie stellen sich der Regierung gegenber doch manchmal ein
bischen auf die Hinterfe und wollen erobert, wollen gesucht, wollen
geschmeichelt sein. Aber erst groe Worte! Erklrungen! Die Hand aufs Herz!
Lafayette! Lafayette! Hat man jedoch einen solchen Provinzial-Cato endlich an
der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwche gefangen, so kann man
Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen grern Ochsen sehen als
ein solches, um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes, frher liberal
gewesenes Hornvieh.
    Dankmar fhlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernuerung, da, wenn
der Fremde ein Spion war, er als Agent provocateur in der That Talent besa.
Unmglich konnte er ein Tischler sein. Er beschlo jedoch, harmlos zu bleiben,
nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen
berzeugungen, die er immer frei bekannte, keine Furcht zu verrathen. Da ihn
diese Unterhaltung bei dem trben Wetter und der einfrmigen Gegend nur erfreuen
konnte, trat er ohne weiteres Mistrauen, ohne ngstliche Furcht, ganz offen mit
seinen Empfindungen hervor.
    Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen, sagte er, die leider zu
sehr den Schwerpunkt unserer Zustnde bilden! Sahen Sie nicht, wie scheinbar
uneigenntzig dieser Biedermann jeden Anspruch auf persnliche Auszeichnung
vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade
so nur stellte, da sie auf ihn allein zutreffen muten? So machten es Csar und
Cromwell auch, als sie in Versuchung geriethen, sich krnen zu lassen, und nicht
wuten, was ihnen grer stehen wrde, die Krone oder der Schein, sie
ausgeschlagen zu haben! Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen
Tartffe vom Lande, den deutschen patriotischen Ehrenmann, der nur das Gute
will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt, wo man vor
dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt!
    Ja! Ja! Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube! sagte der Fremde mit
nachdenklichem Ernst.
    Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten
Heuchler, diese doctrinair gewordenen Spiebrger!
    Auch der Nihilismus taugt nichts, sagte der Fremde, der sich immer
gebildeter zeigte und Dankmarn berraschte. Aus nichts wird nichts. Ein Nihilist
bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist. Der Nihilist
springt von Meinung zu Meinung, gehorcht Jedem, der gerade die Gewalt hat, und
ist der rechte Widersacher, der Erzfeind aller guten Dinge. Wir leiden an keinem
bel so sehr, als an der Eitelkeit und an der Genusucht. Die Genusucht ist der
eigentliche rothe Faden der Revolution, der sich durch alle unsere
Gesellschaftsschichten zieht. Die Genusucht strzt die Staaten im Grunde um,
sie lockert das unterste Gebude. Sie lehrt jenes berma im Siege bei allen
Parteien. Paris! Paris! Das ist nicht der Heerd der Gedanken, sondern der Heerd
der Genusucht! Wissen Sie, was die ganze, die ganze Welt regiert? Der Cours der
franzsischen Rente. Ich war in Frankreich. Der Franzose arbeitet bis in sein
funfzigstes Jahr. Dann will er noch zwanzig Jahre genieen. Er kauft sich
Staatspapiere und lebt von ihren Zinsen. Um diese Zinsen auf hohem Fue zu
erhalten, werden in Paris alle Heiligthmer des Himmels und der Erde verrathen.
Ein pltzlicher Sturm kann den Rentenfu herabdrcken, man wird soviel lgen,
soviel verrathen, soviel preisgeben von Dem, was vielleicht die Menschheit aus
ihren Nthen htte herausbringen knnen, bis wieder die alte trgerische
Windstille da ist und zur Beglckung aller in Europa lebenden
Gesellschaftsdrohnen, die vom todten Ertrage des Capitals leben, die Renten
hinaufsteigen. Die franzsische Brse, die Vertreterin der lungernden,
arbeitsmden oder arbeitsscheuen Genusucht, regiert die Welt. Die Capitalisten
werden, dazu sind sie zu feig, sich einem groen Sturm nicht mit Gewalt
widersetzen, aber sie werden Alles aufbieten, allmlig wieder die Zgel in die
Hand zu bekommen und der Politik eine solche Wendung zu geben, bis sie wieder
auf ihrem Lebensthermometer, auf dem Courszettel das Quecksilber der Rente auf
dem Grade sehen, wo es in den Tagen stand, wo ein Bankier auf dem Throne
Frankreichs sa.
    Fgen Sie aber noch Etwas hinzu, sagte Dankmar, ergriffen von der wahren
Schilderung dieses gebildeten Mannes, der ihm pltzlich wie verklrt vor Augen
stand .... Fgen Sie noch Eins hinzu! Das Unglck der Welt verschuldet Paris
auch dadurch, da das Princip der Genusucht dort auch Die ergreift, die eine
Zeitlang im Dienste der Ideen gestanden haben. Mchte man, wenn man sieht, wie
dort die Dinge jetzt gehen, nicht glauben, alle diese tonangebenden Charaktere
wren nur so lange ehrlich und heldenmthig, bis sie sich eine Stellung erobert
haben und an der Quelle der Gewalt sitzen? Dann schpfen sie diese Quelle rasch
ab. Sie ahnen, da ein Windsto morgen sie wieder ins Nichts strzen kann. Nun
soll es im Fluge gehen, da sie sich bereichern und dem steilen Felsen der
Existenz einen californischen Goldklumpen frs ganze Leben abgewinnen. Nun wird
gelogen, betrogen, die alte Gesinnung Lgen gestraft. So kamen die Heerfhrer
der Franzosen einst als Herolde einer neuen Zeit, und diese alten Republikaner
waren nur beuteschtige Genumenschen, die fr ihr Alter Vorrthe sammeln
wollten. So haben jetzt in Paris alte Demokraten conservative Bedenklichkeiten,
ja sogar junge Wstlinge, Spieler von Baden-Baden, die mit einem kindischen
Napoleoniden in Strasburg und Boulogne eine Emeute versuchten, die durch
Theatercoups lcherlich wurde, sprechen jetzt vom Jahrhundert, von der Migung,
von der Philosophie des Bestehenden, von der Grenze der Freiheit. Nein! Die
Genusucht ist ihre wahre Philosophie. Ihre Maitressen sind die wahren Egerien
dieser neuen, meist militairischen Numas in rothen Hosen.
    Der Wanderer in der blauen Blouse nickte beifllig. Dankmar ersah daraus,
da er auch feinere Anspielungen vollkommen verstand.
    Welche Mittel gibt es aber dagegen? fragte der Wanderer, dem auch Dankmar zu
gefallen schien.
    Ich sinne tglich darber nach. Wo soll man die Besserung suchen?
    Ich finde sie in der Heiligung der Arbeit, sagte der Fremde nicht ohne
Feierlichkeit; in der alleinigen Bekrnzung Dessen, der sich beschftigt und
reelle Werthe erzeugt. Es gibt zu viel Geistesarbeiter und zu wenig wahre
Handarbeiter. Die Handarbeit mu in den Vordergrund aller unserer politischen
Beziehungen treten, ihr mssen die grten Belohnungen zufallen; denn nur durch
die spartanische Erziehung der Menschen zur Arbeit kann sie von Grund aus
gebessert werden. Ich bin kein Socialist. Ich werfe gerade den Communisten vor,
da sie die Arbeit viel zu sehr als eine Last, als einen Fluch hingestellt
haben, als einen Jammer, der einmal die Menschen drcke und den man ihnen
versen, erleichtern msse. Ist Das nicht wiederum Genusucht? Ist Das nicht
wiederum dasselbe bel, an dem wir die ganze Gesellschaft kranken sehen? Nein;
gerade im Gegensatze zu den Communisten mu die Arbeit als eine Quelle der
hchsten Freuden dargestellt werden, und Institutionen mssen auftauchen, die
die Arbeit und Alles, was mit ihrer Frderung zusammenhngt, in den Vordergrund
aller Politik stellen.
    Verstehen Sie darunter Belohnungen? fragte Dankmar gespannt und tief
ergriffen von diesen Worten, die aus dem Munde eines Denkers kamen.
    Belohnungen, Auszeichnungen, Erhhungen des Lohnes, Sorge fr die
Angehrigen der Arbeiter, unmittelbare Beziehung der Staatsformen nur zu der
Arbeit, Vertretung der Gewerbe im Vorzug gegen alle andern Stnde, die, sei es
Kaufmanns-, sei es Gelehrtenstand, nur die Diener Dessen sein knnen, der
arbeitet. Wenden Sie mir nicht ein, da die Bildung immer den Vorsprung vor dem
Arbeiter gewinnen wird, auch da, wo jene vielleicht nur eine und dieser zwei
Stimmen hat! Ich will, da auch der Arbeiter gebildet ist. Ich will ihm nichts
entziehen von Dem, was sich der Bevorrechtete zum Schmucke seiner Seele
verschaffen kann. Der Staat soll es ihm geben. Der Staat soll aufhren nur die
Garantie des Besitzes zu sein, er soll einzig und allein eine Schutzwehr und
Garantie der Arbeit werden. Die Franzosen haben mit ihrer Garantie der Arbeit
nur einen halben Schritt gethan. Fr die Arbeiter zwar Summen aussetzen und die
Arbeit erleichtern, dabei aber die ewige Rente behalten und die Staatspfrnden
und das Militair und die ganze Maschinerie der knstlichen Arbeit, der
sogenannten Geistesarbeit, und die Reprsentationsarbeit der Beamten im alten
Bestande zu lassen, Das ist es nicht, was helfen kann. Auf einen Arbeiter mssen
zwei Miggnger aufhren mig zu sein; Das nur kann helfen. Machen Sie die
Arbeit zur einzigen Garantie der Rente, und Sie werden sehen, wie Alles die
Arbeiter umschmeicheln, wie man bedacht sein wird, ihre Arbeit ertragsfhig zu
machen und in dieser Eigenschaft zu erhhen. Sie sehen an solchen Eisenbahnen,
die einen niedern Curs ihrer Actien haben, wie das dabei betheiligte Publicum
Alles aufbietet, um diesen Curs zu heben und den Werth der Schienenlinie zu
erhhen. Dies ist nur ein ungefhres Beispiel jener organischen Verschmelzung,
in der ich mir die Arbeit in das allgemeine Leben des Staats aufgenommen denke.
Die Arbeit mu endlich aufhren, eine Ausgesetzte, ein Paria der Gesellschaft zu
sein.
    Dankmar war entzckt. Er theilte diese Meinung theoretisch nicht ganz; ihn
ergriff nur der Contrast der Blouse und dieser geistreichen Worte. brigens
zweifelte er nicht, da er hier doch wol einen jener socialistischen Schwrmer
vor sich hatte, der sich Handwerker nannte, weil er es wirklich einmal war,
lngst aber in einen hhern Bildungsstand bertrat und nur die alte Weise
beibehielt, um den Arbeitern nher zu stehen und ihnen Vertrauen zu erwecken.
Nach einigem Bedenken entgegnete er:
    Ich habe lange Zeit, um den gewaltsamern radicalen Mitteln zur Besserung der
Welt auszuweichen, mich mit diesen linderen beschftigt, die Sie andeuten. Oft
habe ich mir die Menschheit als einen kranken Organismus gedacht, wo der rasche,
vielbeschftigte und ungeduldige Arzt sogleich Eisen und Feuer verordnet, der
tieferblickende, wohlwollende und prfende aber nur eine Umstimmung der
Functionen. Wenn ich dann aber zuletzt doch sah, da zur Umstimmungsmethode
Jahrhunderte gehren wrden und vor allen Dingen solche Staatsformen, wie wir
sie eben von dem Status quo nicht erlangen knnen, so bin ich immer wieder
darauf zurckgekommen, da wir bei der alten Methode der Franzsischen
Revolution, bei der Zerstrung des Feudalstaats, zur Zeit noch leider mssen
stehen bleiben. Wir mssen - es hilft doch nichts - nivelliren. Die Frsten und
der Adel mssen durchaus dem Vorrecht des Bluts entsagen, der Begriff der Gewalt
mu in die Souverainett des Volks gelegt werden und alle bisherigen Sttzen der
Macht in den Dienst der neuen Staatskrfte treten. So nur finden wir Zeit und
Gelegenheit, jene grern, anfangs vielleicht nationalen Naturprocesse
durchzumachen, die in der Triebkraft aller solcher Vlker liegen, denen die
Geschichte die Einwurzelung in ihre Heimatlichkeit und den Glanz und die Gre
dieser Heimatlichkeit raubte. Dann knnen nach den nationalen Wiedergeburten die
Vlker jene noch grern Beglckungen der Gesellschaft anbahnen, die in einer
vernderten Gliederung des Menschengeschlechts berhaupt liegen und in jenen
Neuerungen, die Sie andeuten. Ich verkenne keineswegs, wie gefahrvoll die
Entwickelung jener Zustnde ist, die man die Herrschaft des Volks, Demokratie,
nennt. Allein die Reformation hatte auch ihre Bauernkriege, ihre
Bildersturmexcesse und ihre Wiedertufer. Ihr besserer Kern erhielt sich und
lie nicht einmal dasjenige Gute verkennen, das auch in jenen gruelvollen
Misverstndnissen noch theilweise lag. So mu es auch mit der Demokratie werden.
Oder glauben Sie wirklich, da unter der Alleinherrschaft der Knige das Alles
sich ausfhren lt, was Sie sich unter der Heiligung der Arbeit gedacht haben?
Ich glaube an die Monarchie, als an eine in der menschlichen Natur begrndete
Staatsform; aber die edle ideelle Monarchie ist die Monarchie der Zukunft, nicht
die der Gegenwart. Mit der Monarchie der Gegenwart, die sich aufs Mittelalter,
auf den Adel, das Militair, die Beamten, die gottbegnadete Berufung sttzt, ist
nichts Derartiges anzufangen, wie Sie sich's als heilsam denken. Blicken Sie um
sich! Die deutschen Frsten haben pltzlich aus der demokratischen Frage eine
nationale und nun aus der nationalen gar eine Cabinetsfrage gemacht! Dynastie
wetteifert mit Dynastie, und die alten verjhrten Vorurtheile der Vlker und
Stmme werden aus der Trdelkammer der Geschichte wieder hervorgesucht,
abgestubt, mit dem Firni neuer Redensarten berputzt und so zum Gefechte
gefhrt. Kommen wir da weiter? Werden da, wenn diese nutzlosen Kmpfe, die nur
Blut, Geld und frivole Gedanken kosten, vorber sind, nicht wieder dieselben
alten Schden bald zum Vorschein kommen? Oder ist es nicht gleich besser, zu
sagen -
    Fort mit allen Frsten und reinen Tisch gemacht? fiel der Fremde lchelnd
ein.
    Dankmar schwieg, weil ihn der satirische und durchdringende Blick seines
Gefhrten jetzt pltzlich befremdete. Es spielten ihm um die zusammengekniffenen
feinen Mundwinkel soviel pikante Schattirungen, da er sich pltzlich vornehmen
mute, in seinem Vertrauen nicht zu weit zu gehen. Der Fremde strich seinen
schnen Kinnbart, der sich rund um das lngliche Oval seines edlen Gesichts zog
und ihm viel hnlichkeit mit Dankmarn selbst gab, und sagte:
    Ich mu lachen, wie ich als einfacher Tischler dazu komme, Ihnen, einem
studirten Herrn, so ernst entgegnen zu wollen, und doch bin ich nicht Ihrer
Meinung ....
    Sie wirklich ein Tischler? sagte Dankmar, fast verletzt darber, da der
Fremde noch jetzt sein Incognito in dieser Weise aufrechterhalten wollte.
    Ja! Ja! Ich bin ein Tischler, sagte der Fremde. Warum denn nicht? Ich knnte
Ihnen manchen eleganten Stuhl zeigen, den ich zusammenleimte, und noch viel mehr
hab' ich mich gebt, Meubles zu zeichnen, hbsche Formen zu erfinden. Doch
gesteh' ich Ihnen sehr gern, da ich auch, wenn ich will, auf meinen Arbeiten
selbst sitzen darf und sie nicht zu verkaufen brauche. Ich bin ein Tischler,
aber ich trage diese Blouse nur, weil es, wie Sie sehen ... stubt.
    Frchten Sie da aber nicht, da man Ihnen einen Pa abfodert und Sie ein
Incognito, das Sie zu bezwecken scheinen, lften mssen? fragte Dankmar.
    In diesen Zeiten fodert man keine Psse; antwortete der Fremde; ich gehe
auch nur bis Hohenberg.
    Bis Hohenberg? sagte Dankmar. Hohenberg ist auch mein Reiseziel.
    Sie werden frher dort ankommen als ich. Von hier werd' ich noch zehn
Stunden zu gehen haben und Sie wol nur noch sechs zu fahren.
    Sie sollten mit meiner schlechten Kalesche vorlieb nehmen, bemerkte Dankmar.
Er that Dies nicht ohne Zgern, da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und
lrmend mit der Peitsche klatschte.
    Der Fremde sah sich den Wagen an und blieb mit den Worten: Der Staub ist
allerdings sehr lstig! stehen.
    Hackert rhrte sich nicht vom Platze, ffnete auch den Schlag nicht, sondern
schien ruhig abzuwarten, ob Dankmar ihn ganz als Kutscher behandeln und jetzt
sogar zwingen wrde, einen wandernden Handwerksburschen zu fahren .....
    Beide Flle, ob nun die blaue Blouse zu Dankmar oder zu ihm gesetzt wurde,
waren seinem empfindlichen Ehrgefhl peinlich. Er schnitt die grimmigsten
Gesichter, sprach von Ermdung des Gauls, schlechtem Wege, engem Platz. Der
Fremde, erstaunt ber die Unhflichkeit eines Menschen, den er nur nach dem
Bock, auf dem er sa, beurtheilte, schien einen Augenblick zu vergessen, da er
diesem doch auch nur ein wandernder Tischler sein konnte, und ber die von
Hackert's Mienenspiel ihm gegebene Andeutung, sich, wenn er aufstieg, vorn zu
ihm zu setzen, scho ihm fast das Blut ins Gesicht; doch schien er sich sogleich
zu fassen, als Dankmar, alle weitern Errterungen mit dem widerwrtigen, ewig
nergelnden Hackert abschneidend, diesem den Zgel und die Peitsche aus den
Hnden ri, sich selbst auf den Bock setzte, Hackerten und den Tischler auf den
Wagen verwies und mit den Worten: Ich fahre gern einmal selbst! vorn Platz nahm
und selbst das Rlein des Pelikanwirthes nun zu rascherm lustigen Trabe
anfeuerte.

                                Neuntes Capitel



                         Die Visitenkarte des Tischlers

Der Wald war zurckgelegt. Zu dem Stdtchen Dassel hinab ging es im raschen
Trabe. Einige Regentropfen fielen schon, ohne jedoch sehr zu belstigen.
    Dankmar, wie er so dahin jagte ber die staubige Strae, schttelte ber
sich selbst den Kopf. Er suchte einen Schatz, der ihn, wie er vielleicht
scherzte, zum Millionair machen sollte, und um ihn zu finden, fuhrwerkte er eben
eigenhndig einen Handwerksburschen und einen elenden abgedankten Schreiber! Es
ging ihm wirklich unwirsch und rgerlich im Kopfe hin und her. Auch der Umstand,
da er das Gesprch mit dem geheimnivollen und ihm jetzt wieder zweideutig
gewordenen Fremden gerade da abgebrochen hatte, als er - ohne das vernnftige
granum salis hinzugefgt zu haben - smmtliche deutsche Frsten wie alten
Sauerteig ausfegen wollte, drckte ihn .... Es ist so lstig, in extremen
Behauptungen ohne Vermittelung dazustehen. Wir Alle leiden ja berhaupt mehr
darunter, da man uns nicht ausreden lt, als darunter, da man uns absichtlich
misversteht. Man glaubt uns so oft zu verstehen und Das eben erscheint uns so
gefhrlich! Man unterbrach uns nur oder das Schicksal unterbricht uns in
Augenblicken, die uns gerade die wichtigsten waren. Der Tod, welche schreckliche
Unterbrechung fr einen Menschen, der sich noch aussprechen, seine Gefhle
rechtfertigen, seine Gedanken erlutern mchte! Und doch ist der Tod noch der
geduldigste unserer Zuhrer. Selten, da er uns mitten in einer Periode einer
Auseinandersetzung fr unser ganzes Leben berrascht. Die ungeduldigsten und
qulendsten Strer sind aber gerade die, die uns immer vortrefflich verstanden
haben wollen und gleich in die Rede fallen. Sie verlassen uns wie in schnster
bereinstimmung und wir bleiben mit dem Gefhle stehen: Der geht doch mit einer
Voraussetzung von uns fort, die nicht zutrifft! Es sind doch nicht meine
Gedanken, die er da als die meinen mit fortnimmt! Himmel, er wird sie
verbreiten, er wird mich nach ihnen beurtheilt machen, er hat mich nicht
ausreden lassen und macht mich unglcklich.
    So lagen auch offene Gewaltthtigkeiten Dankmar's politischen Meinungen ganz
fern. Er wollte immer nur das Nothwendige und Vernunftgeme und hier fhlte er
nun, da er doch weit mehr noch htte sagen mssen, um ganz verstanden zu sein.
Diesem drckenden Gefhle half etwas die Ankunft in Dassel ab. Es zerstreute
doch, durch eine kleine gewerbfleiige Stadt zu fahren, und wenn auch nur im
Vorberfluge hier und da von einem freundlichen Gesichte begrt zu werden.
    Hinter Dassel belustigte Dankmarn, der sich eine Cigarre angezndet hatte
und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu knnen, schweigen mute, ein
Gesprch, das Hackert mit dem Fremden anfing. Hackert hielt diesen fr Das, was
er gleich anfangs vermuthet hatte, einen Spion, redete ihn aber fr Das, fr was
er sich ausgab, an und sagte ganz dreist:
    Tischlergesell bist du?
    Tischlergesell - wiederholte nach einigem Zgern der Fremde.
    Wo bist du her?
    Hier aus dem Hohenbergischen.
    Wo standest du zuletzt in Condition?
    In Paris.
    Donnerwetter, Das ist weit. Von da kommst du direct und verlegst dich nicht
aufs Fechten? Hast wol in Paris geschafft? Ich seh' es. Deine Mtze ist bei
Noack in der Fischerstrae ganz neu gekauft und deine Blouse, glaub' ich, hab'
ich schon 'mal auf dem Maskenball im Opernhause gesehen.
    Diese Wendung frappirte den Fremden.
    Dankmar lachte in sich hinein:
    Siehst du! dachte er; du kommst da an den Rechten.
    Tischler ist kein bles Handwerk, fuhr Hackert behaglich fort. Aber immer
Wiegen zu machen, wre mir zu lppisch, und immer Srge, zu schwermthig. Wobei
hast du denn am meisten den Hobel angesetzt?
    Ich bin ein Kunsttischler, mehr zum Luxus ....
    Aha! Luxus ... Mahagony? Nicht wahr? Drum gefiel dir auch wol die neue
Dreschmaschine beim Heidekrger?
    Der Fremde lie sich durch diese verschmitzte Frage nicht irremachen,
sondern setzte umstndlich das Getriebe einer solchen Maschine auseinander,
trotzdem, da sie nicht von Mahagony war. Er wollte eben zeigen, da er die
Praxis verstand.
    Dankmar, der aufmerksam zuhrte, mute fortgesetzt lachen; denn Hackert
verstummte pltzlich ber die Schrauben, Ventile, Stempel, von denen der Fremde
sprach. Sein Plan, den verkleideten Regierungsassessor Mller aufs Glatteis zu
fhren, war gescheitert.
    Das darauf eintretende Stillschweigen whrte lngere Zeit. Dankmar rauchte.
Hackert schickte sich zum Schlafen an. Der Fremde sah auf die Gegend und notirte
sich zuweilen Etwas, was ihm pltzlich einzufallen schien, in einem kleinen
zierlichen Buche. Das dauerte so fort, bis er hinter einem Dorfe, das sie wieder
zurckgelegt hatten, Namens Helldorf, zu Dankmar sagte:
    Da sind wir jetzt in einem Lande, wo ja mit einem Frsten, wie wir vorhin
sagten, reiner Tisch gemacht worden ist! Es ist wahr, es lebt sich darin nach
wie vor. Die Menschen gehen und wandeln, die Bume tragen schwer an den sten,
die Ernte ist reif, das Gras schon zum zweiten male gemht. Es hat sich nichts
verndert.
    Wo wren wir denn da? wandte sich Dankmar um.
    In dem Frstenthume Hohenberg, sagte der Fremde; hier beginnt die kleine
Herrschaft, die so verschuldet ist, da selbst eine Lotterieanleihe sie nicht
mehr retten konnte. Heben Sie den Glanz und das Glck der kleinen Herrscher auf
und sie gehen von selbst.
    Und die groen? fragte Dankmar, der nicht abgeneigt schien, das begonnene
Gesprch fortzusetzen.
    Halten Sie es fr mglich, sagte der Fremde, unbekmmert um den in
politischen Dingen schweigsamen und nun schlafenden Hackert; halten Sie fr
mglich, da jemals Staaten wie Preuen, sterreich, Baiern ganz aufhren
knnen? Diese Sondergeschichte ist nicht auszulschen und in den Frsten
erhalten sich die Erinnerungen der Vlker und werden durch sie getragen.
    Dankmar antwortete ironisch:
    Ich bewundere, wie Sie glauben, die Hebel der Gesellschaft, die Organe der
Menschheit in Bewegung setzen, neue Sitten, neue Gesellschaftsformen bilden zu
knnen und doch an dem Bestande von Dynastieen wie an etwas Ewigem haften! Wie
gern auch shnt' ich mich mit diesem Bestande aus, wenn ich darin nur die
Fortbildung unserer Freiheit gesichert she! Wissen Sie, was mir durch diese
Monarchieen allein gesichert scheint? Ein bel, das mir noch gefhrlicher dnkt
als die von Ihnen gergte allgemeine Genusucht. Es ist Dies die allgemeine
persnliche Eitelkeit, begrndet auf eine durchgreifende Erniedrigung des
Menschengeschlechts. Wir hrten ja gestern vom Reubunde. Wie erscheint der
Ihnen?
    Ein wenig lcherlich, war die Antwort.
    Mir scheint er gefhrlich, sagte Dankmar. Gefhrlich deshalb, weil er mit
einigen guten Eigenschaften des civilisirten Menschen ein unverantwortliches
Spiel treibt. Liebe und Hingebung sind himmlische Thtigkeiten der menschlichen
Seele, aber sie haben ihre Grenzen. Sagen Sie selbst, ob nicht in jener
Monarchie, zu deren Erhaltung und Untersttzung der Reubund gestiftet wurde, das
eigentliche Hinderni freier Entwickelung die tief in den Institutionen und den
Erinnerungen des Volks wurzelnde Eitelkeit das Hinderni der wahren Freiheit
ist? In diesem Staate entwrdigt sich der Mensch als Gattungsbegriff, um sich
als brgerliche Person hochzustellen. Das Individuum will bedeutend sein auf
Kosten des Geschlechts. Oder woher denn sonst dieses rastlose und die
Menschenwrde beschmende Drngen nach Auszeichnung? Eine Unzahl von
Ehrenzeichen und Titeln wird in Massen verschleudert, die allgemeine
Militairpflicht untergrbt das krftige Selbstgefhl der Heimat und ordnet Jeden
einer abstracten Ehre, der Soldatenehre, unter. Wo Sie im Bereich dieser
Monarchie hinkommen, berall bilden sich die Menschen ein, in unmittelbarer
Beziehung zum Frsten zu stehen. Jeder glaubt sich von ihm persnlich gekannt;
Jeder drngt sich vor, um irgendwie zur Notiz der hohen Behrde genommen zu
werden. Wie eilt nicht Alles zu Unterschriften, zu namentlicher Nennung bei
jeder Gelegenheit! Streiten Sie mit diesen Menschen, so hat Jeder eine Meinung
fr sich, Jeder wei es besser als der Andere, und wenn man sich unterordnet, so
ist es nur einem hochgestellten und betitelten Manne. Einer Berhmtheit die
Schleppe zu tragen, die Kundschaft einer Excellenz zu genieen, von einer
erlauchten Person angeredet zu werden, Das ist dort wie in Ruland der Bindekitt
des ffentlichen Geistes und die Bedingung seiner Formen. Wenn Montesquieu die
Ehre als das Wesen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und
nicht etwa damit seinem Souverain ein leeres Compliment machen wollte, so kommt
dieses Merkmal, das nur aus Mangel eines tiefern Begriffes erfunden zu sein
scheint, in jenem Staate zu seiner kleinlichsten, aber auch gefhrlichsten
Anwendung.
    Der Fremde schwieg eine Weile. Dann nahm er, als er Hackert wirklich
schlafend fand, das Wort und sagte:
    Auch ich hasse die gedankenlose Hingabe an den flchtigen Glanz des
Bestehenden, nur um an diesem Glanze theilzuhaben; besonders ist mir, trotz
meiner conservativen Gesinnung die Coquetterie mit dem Heere unerfreulich. Es
ist Dies ein Stolz, der denn doch auf nur hchst unglckliche, den groen
Menschheitszwecken widerstrebende Anomalieen sich begrndet! Nie wird ein Staat
eine Zukunft haben, der sich nur auf die Institutionen der Gewalt sttzt und
darauf hinarbeitet, im Volke das Staatsleben nur wie einen Formel- und
Gtzendienst zu begrnden. Auch das Beamtenwesen ist eine solche morsche Sttze
des dauernden Bestandes. Eine einzige verlorene Schlacht strzt alle diese
blankgeputzten und zierlichen Gtzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit
ihnen! Aber dennoch sind Sie ungerecht, wenn Sie glauben, da die Dynastie von
dieser Hingebung allein zehren will. Ich hoffe doch, sie strebt nach der
Befestigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Industrie, des Handels, der
Ackerbauerleichterungen. Freilich auf gewhnlichem Beamtenwege wird hier nichts
bewirkt. Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron fr sich redend tritt und
die Bureaukratie aufhrt, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein,
kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmnner, die ihre Schule im
Volke gemacht haben.
    Dankmar fhlte sich durch die Ideen seines Reisegefhrten oft so angezogen,
da er sie fr die seinen erkannte, oft aber auch wieder ganz von ihnen
abgestoen. Er schwieg eine Weile und berlegte das Gesagte. Als ihn darauf der
Fremde ersuchte, anzugeben, wie er sich's denn mglich dchte, jenen Geist der
eitlen ehrschtigen Selbsterniedrigung in der Monarchie zu dmpfen, antwortete
er:
    Dadurch, da man diesen falschen und unwrdigen Royalismus auf seine wahren
Quellen zurckfhrt, die Quellen der Eitelkeit und der speculirenden
Selbsterhaltung. Denn leider auch deshalb wird jetzt ein so bertriebenes Spiel
mit monarchischen Formen getrieben, weil man einen Damm sucht gegen die
drohenden Fluten der allgemeinen Zerstrung, gleichviel aus welchem Material
gebaut. Ehrlich sind unter den Reubndlern nur Die, welche sich einbilden, vom
Glanz der Monarchie falle etwas auf sie selbst, und unehrlich alle Die, welche
zum Royalismus aus Angst fr ihr Eigenthum flchten oder die sich, wie dieser
Schlurck, vor dem Auffallenden frchten und der Mode folgen, weil sie Mode ist.
Es mu Etwas erfunden werden, mein' ich, was das Individuum vernichtet, ohne die
Person zu zerstren.
    Das ist ein tiefes, aber dunkles Wort! unterbrach ihn der Fremde. Das
Individuum vernichten, ohne die Person zu zerstren?
    Wir mssen, erluterte Dankmar, eine andere Gleichheit predigen als z.B. die
der Volksversammlungen. Gleichheit mit dem Pbel ist die Sehnsucht der Denkenden
nimmermehr. Gleichheit der Ansprche auf die groe Ehre, die in einem
Allgemeinen, uns Alle Bindenden liegt, Ehre, zurckstrahlend auf Alle von einem
Begriff aus, der Ehre verdient, da ist Etwas zu suchen, zu erfinden, was uns
rettet vor dem Rckfall in die Barbarei, da wir aus Furcht vor Revolutionen der
Anbetung des Bestehenden verfallen.
    Als Schlurck's Name genannt wurde, erwachte Hackert. Die beiden Andern
schwiegen, und die Nothwendigkeit, dem Pferde einige Ruhe zu gnnen, trennte vor
einem am Wege gelegenen Wirthshause auf einige Zeit die drei Gefhrten. Als der
Fremde, um nach einem Mittagsimbi zu fragen, ins Haus getreten war, winkte
Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taschentuch, das Jener hatte liegen lassen.
Mit geheimnivoller Miene bedeutete er ihn nher zu treten und hielt ihm
verstohlen den Zipfel des Tuches hin. Es war sehr fein eine Krone mit dem
Zeichen 100 und dem Buchstaben E darin gestickt.
    Das heit, sagte Hackert, der Mensch, von dem er dieses Taschentuch
gestohlen, hatte deren hundert, war mindestens kein Tischler und fngt in seinem
Vornamen mit einem E an.
    Oder es gehrt ihm wol selbst, sagte Dankmar.
    Das ist auch mglich, antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht, fr
das Pferd zu sorgen. Dann knpfte er sich den Rock zu, streifte Beinkleider und
Rockrmel glatt und benahm sich affectirt genug wie ein Gentleman.
    Schneiden Sie kein so schlimmes Gesicht! sagte er zu Dankmar; jetzt, wo wir
Hohenberg nher kommen, wird's mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel
werden. Wenn Sie indessen in Ihrem eleganten Costm fahren, wei man, da Sie es
nicht nthig haben und es nur aus Vergngen thun. Wenn ich es aber thue, so sagt
jede Canaille, Das wre mein Beruf. Wenn wir in Hohenberg sind und Sie leichten
Herzens, aber schwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zurckfahren, so sag' ich
Ihnen, warum das Alles so sein mu, wenn Sie nmlich Lust haben, es zu hren.
    Es ist eine verkehrte Welt, meinte Dankmar kopfschttelnd nachgiebig und
steckte das Tuch zu sich. Wir wollen sehen, ob wir da auch Etwas zu essen
finden.
    In der Wirthsstube trafen sie einen Jger. Ein stattlicher Fnfziger, wie es
schien. Seine Jagdtasche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern. Sein
grauer Rock mit grnen Aufschlgen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten.
Das gebrunte mit fuchsrothem Barte umschattete Antlitz trug einen
unverkennbaren Ausdruck offenster Ehrlichkeit und treuherzigsten Vertrauens.
Seine groen wasserblauen Augen grten die Ankmmlinge ebenso freundlich, wie
er schon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem schngewachsenen jungen
Mann in der Blouse war. Eine Menge kleiner Kinder tobten um ihn her, spielten
mit seinem Hunde, zupften an den Troddeln und dem Netzwerk seiner Jagdtasche und
whrend er mit der Blouse, ja schon mit Dankmar und Hackert sprach, ging er doch
dabei zu gleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder ein, die er
hinterwrts mit den offen gelassenen Fingern haschte und neckte.
    Sie sind hier im Gelben Hirsch! erklrte er den Ankmmlingen. Ihr
Mittagsmahl mssen Sie nehmen, wie Sie's finden. He da, Lenchen! Jungfer
Drossel!
    Ein junges hbsches Mdchen, die die Wirthstochter schien, brachte schon fr
den jungen Mann in der blauen Blouse einige Teller von ihrem eigenen
Mittagsmahle. Nun mute aber auch noch genug fr die beiden Andern da sein.
    Ja, sagte der Jger, wenn der Drossel nicht immer im Busch se und seine
politischen Lieder pfiffe!
    Wie? erstaunte Dankmar, auch hier, wie auf dem Heidekrug, die Politik
Strerin der huslichen Ordnung?
    Das nicht, meinte der Jger begtigend; die Frau und das schmucke Lenchen da
sehen schon nach dem Rechten. Aber es ist Alles mehr vollauf, wenn der Hausherr
selbst fr seine trockene Zunge sorgt. Wer viel spricht, mu auch sich und dem
Magen viel bieten. Wir im Wald sind immer allein und reden nur einmal mit unserm
Phylax oder mit den Grnspechten oder den Maulwrfen und da thut ein Stck Brot,
ein Trunk Wasser oder einer aus der Korbflasche seine Schuldigkeit. Zur Nacht
freilich gibt ein Jgersmann seinem Magen auch volles Gehr. Da knurrt der und
will fr sein Tagewerk ein krftiges Futter ....
    Das Euch wohl bekommt ... sagte Dankmar, auf des Jgers frisches Aussehen
deutend.
    Besser als vielleicht Herrn Drossel das Essen auf sein vieles politisches
Reden, fiel der Fremde ein, der sich bei Seite gesetzt hatte.
    Ach nein, meinte begtigend der Jger, es folgt Jeder seinem Geist.
    Damit wandte er sich zur bedienenden hbschen Lene, den Kindern und dem
Hunde Phylax. Er wollte es wol vermeiden, den Wirth zum Gelben Hirsch so
anzuklagen, wie die Liese den Heidekrger angeklagt hatte.
    Lenchen, sagte er ablenkend, wirst immer schmucker! Blitzaugen hat das
Mdel! Ganz wie ihre selige Tante! Bist aus einem Tiegel mit ihr geschmolzen!
Gott verzeihe mir die Snde, da ich von Feuer rede ....
    Die letzten Worte brummte der Jger mehr vor sich hin.
    Warum nicht vom Feuer? meinte Dankmar, eine dargereichte Weinkarte musternd.
Die Menschen sind mehr durchs Feuer als durchs Wasser geschaffen.
    Er bestellte eine Flasche Hochheimer.
    Lenchen ging mit dem ganzen Kindertro, der sie in den Keller begleiten
wollte. Auch Phylax wrde gefolgt sein, wenn ihn der Jger nicht zurckgehalten
htte.
    Das Feuer im Wein la' ich mir gefallen, sagte der Jger freundlich, die
Bestellung gleichsam lobend. Aber, setzte er mit zusammengedrckten Augen hinzu,
das Feuer, das ich meinte, ist ein anderer Brand. Hier das Haus ging vor nunmehr
sechzehn Jahren einmal in Feuer auf und mit ihm ... die Schwester Drossel's ...
ein junges Wesen ....
    Verbrannte?
    Verbrannte.
    Der Jger wandte sich auffallend erschttert zum Fenster hinaus. Die
Reisenden aen. Lenchen kam bald mit dem Wein zurck. Die Kinder lrmten wieder
und litten nicht, da der Jger nach der Flinte griff, die an der Wand hing, und
gehen wollte.
    Ei, Onkel Heunisch, schon fort? sagte Lene Drossel. Vater und Mutter mssen
von Schnau bald zurck sein. Ich dachte, Sie erzhlen uns noch von Franziska's
letztem Brief ....
    Komm ins Jgerhaus, Lenchen! Kannst ihn selbst lesen!
    Ins Jgerhaus komm' ich nicht.
    Frchtest dich? ...
    Vor der Eule nicht.
    Vor der Ursula. Ich wei es. Bist ein Kindskopf.
    Dabei lachte er wieder und verharrte dabei, da er gehen msse. Es wr' eine
tchtige Strecke nach Hause, meinte er.
    Dann gren Sie aber die Frnz und danken Sie ihr fr das hbsche Band!
sagte Lenchen.
    Solltest ihr selbst schreiben, Lenchen! Legst es an die Tante bei -
    Das drfen wir nicht!
    Die Tante Pfannenstiel? Ist die so ungefllig? Die reiche ...
    Die!
    Sieh! sieh! So schreib' der Frnz durch die Post. Sie hrt gern Etwas von
Hohenberg, vom Wald und Gelben Hirsch. Mein Schreiben ist nicht viel nutz.
Franziska Heunisch, beim Tischlermeister Mrtens auf der Wallstrae ....
    Franziska Heunisch? unterbrach Hackert das Verzehren seiner Mahlzeit, ein
Geschft, da er mit vielem Appetit verrichtete.
    Kennen Sie die Frnz Heunisch, Herr? fragte der Jger, angenehm berrascht.
    Hackert kaute und antwortete nicht. Er schien nicht das Gemth zu besitzen,
dem Onkel, der seine Nichte zrtlich zu lieben schien, eine Auskunft zu geben,
die den freundlichen Waldbewohner glcklich gemacht htte.
    Als der Jger die Frage: Ei! Kennen Sie die Frnz Heunisch? nochmals
wiederholt hatte, stie Dankmar rgerlich mit dem Ellenbogen den kauenden
Hackert an und sagte:
    Hren Sie denn nicht?
    Frnzchen Heunisch, antwortete Hackert mit zweideutigem Lcheln; eine
angenehme kleine Putzmacherin ....
    Ja, Herr, sagte der Jger, sie macht Putz.
    Dann aber, da er Hackert's Lcheln sonderbar fand, setzte er, indem ihm das
Blut in die Wangen scho, mit unterdrcktem Zorn hinzu:
    Wissen Sie von Frnz Heunisch etwas Unrechtes?
    Ich wei von ihr nichts, bester Jgersmann, sagte Hackert, als da sie
allerliebste Zhne, hbsche rothe Wangen, braune Augen, schwarzes glattes
Seidenhaar und um die Augen eine gewisse reizende Haut wie von Wachs hat und in
der Wallstrae Nr. 14 im zweiten Hofe links eine Treppe hoch wohnt.
    Herr, da wohnt sie! sagte der Jger und warf sich jetzt die Flinte so zornig
ber die Schulter, da die Jagdtasche hin- und herflog. Was aber nun? Was nun?
    Was nun? Nun? Nichts nun! Sie wollten ja die Adresse genau wissen.
Wallstrae Nr. 14 im zweiten Hofe links. Ist's nicht so?
    Der Fremde, der an dem Jger Wohlgefallen zu finden schien und einen blen
Ausgang dieser Reibung frchtete, hielt es fr das Angemessenste, dem Gesprch
eine andere Wendung zu geben.
    Eilen Sie schon so? sagte er zu dem kirschroth gewordenen Mann, der auf
Hackert Blicke scho, die im Grunde doch mehr rhrend als erschreckend waren. Er
frchtete sicher, Franziska Heunisch mchte wirklich auf schlimmen Wegen sein.
    Die Jagd kann Sie nicht rufen, fiel Dankmar ein, der in dem Jger den ber
seine Nichte aufsteigenden Verdacht gleichfalls zerstreuen wollte; ich denke, in
den Wldern hier mag es im Herbst lustig zu pirschen sein ...
    Es gibt nicht mehr viel Wild in den frstlichen Wldern, sagte der Jger,
sich sammelnd, aber noch mit zitternder Stimme.
    Sind Sie Hohenbergischer Jger? fragte der Fremde.
    Das bin ich.
    Frher Militair?
    Militair.
    Dem alten Feldmarschall nahe gestanden? Nicht wahr?
    Nicht so nahe. Der selige Feldmarschall war kein Jger.
    Und doch kein Wild? bemerkte der Fremde, der sich so benahm, da ihn Niemand
mehr fr einen wandernden Handwerker halten konnte.
    Doch kein Wild! fiel der Jger, der sich rascher beruhigte, als Dankmar
erwartet hatte, ein. Das machen die Finanzen ....
    Wie so die Finanzen? sagte Dankmar.
    Weil die Juden den alten Frsten ganz in Hnden hatten. Wie ihm kein
Strohhalm mehr im Lande gehrte, lieen sie dann auch frisch aufs Wild
losschieen, Reh' und Haas, Alt und Jung, nur um Geld herauszuschlagen. Jetzt
sind sie ja in Hohenberg All' versammelt; sie wollen zur Jagd wiederkommen,
sagten mir neulich ein paar Steifbcke; aber ich lachte und dachte mir: Bringt
wieder, was Ihr schon Alles in unserm Wald vertilgt habt, dann wird sich's der
Mhe lohnen. brigens schwieg ich; denn kein Mensch wei, was aus der Herrschaft
werden soll und wer uns insknftige was zu befehlen hat.
    Wer ist denn Alles oben? fragte Dankmar, der den etwas frugalen Fremden in
der Blouse gebeten hatte, sich des Weins gemeinschaftlich zu bedienen.
    Ich kenne sie nicht Alle, die geputzten Leute, sagte der Jger. Aber Das
wei ich, solche sind's nicht, wie Die, die zur Zeit, als der Frst und die
Frstin im Glanze lebten, da zu Besuch gekommen sind. Der Frst ist in der
Residenz gestorben, kam auch nie hinaus nach Hohenberg, schon die zwlf Jahre
nicht, da die Frstin da wohnte. Als die fromme Frau noch lebte, durfte sich
Niemand von den Creditores auf dem Schlosse sehen lassen. Das war so ausgemacht.
Als sie aber die Augen zuthat, es sind nun zwei Jahre her, da ging's lustig los.
Erst fing's auf den Wirthschaftshusern herum und in der Rechnungskammer an zu
rumoren. Hui, was fr fremde Vgel, die da durcheinander zwitscherten: Das ist
fr meine Kralle, Das fr meinen Schnabel! Das Schlo blieb noch unangefochten,
aber seit den drei Monaten, da nun auch der Frst in Gott entschlafen ist - ja,
ja! - in Gott - Gott hab' ihn selig, es war ein guter, aber auch wieder ein
recht schlimmer Herr - Da - Hurrah! Da kamen sie denn Alle an, in groen
Staatskutschen. Ritsch! Ratsch! Jetzt zerhackt und zerstckt das Ganze! Wenn
sich Keiner findet, der die halbe Million zahlt, die allein schon als Schuld auf
dem Ganzen steht, ist's aus! Es ist nun drei Wochen her. Schnedderedeng!
Trarara! Das ganze Dorf unten - es heit Plessen - kam zusammengelaufen und
gaffte die Postillone all und Kuriere an, und die Herrschaften stiegen aus. Das
sind nun Die, die viele Jahre lang erst auf den Boden, dann auf den Wald,
zuletzt auf Gerth, Leinenzeug, Tisch- und Bettzeug und den letzten Spahn Holz
im Schlosse Geld geliehen haben. Der Frst lie ja - Gott sei's geklagt! - seine
alte kostbare Lebensart nicht, brauchte zehn mal mehr als er einnahm und so war
er zuletzt dermaen herunter, da sein Sohn in Paris die Erbschaft nicht
antreten will und.. nicht antreten kann und.. nicht antreten wird.
    Whrend der Frster so plauderte, verzehrten die drei Reisenden vollends ihr
bescheidenes Mahl. Dankmar hatte in der Zerstreuung das Taschentuch an den
Fremden zurckzugeben vergessen. Hackert blinzelte ihm deshalb einige mal mit
den Augen zu, ohne sich aber Dankmarn verstndlich machen zu knnen.
    Liegt nicht am Fue des Hohenbergs, fragte Dankmar, seine eigenen
Angelegenheiten erwgend und darin, da der Fremde in tiefes Nachdenken
versunken schien, nichts Auffallendes erblickend, liegt nicht in Plessen eine
Schmiede?
    Ja wol, lautete die Antwort.
    Kennen Sie den Schmied?
    Er heit Zeck! Ist blind und sein Sohn ist taub.
    Hackert lachte und fgte hinzu:
    Und hoffentlich sind bei ihm recht viel Pferde lahm?
    Der Jger sah den Witzmacher finster an und wandte sich in seinen
Erluterungen zu den Andern, Hackert den Rcken kehrend.
    Die Zeck'sche Schmiede war sonst in Flor. Alle Fuhrleute haben da
angesprochen und sparten ihre Reparaturen auf die plessener Schmiede; jetzt
kommt selten noch ein Wagen den Berg herunter.
    Wenn jetzt da oben Alles aus Rand und Band ist, fragte Dankmar, so gibt es
wol viel verrufenes Gesindel auf der Herrschaft?
    Das doch nicht! Dann und wann einmal ein Wilddieb. Und Das selten, weil
nichts zu dieben da ist. Ja! Holz wird gestohlen ....
    Und Das tchtig! schaltete Lenchen ein, die ab-und zuging und manchmal ein
Wort dreinredete, wie es einem resoluten Mdchen zukommen mag.
    Ja! sagte der Jger lachend; mehr als billig.
    Aber wie reimt sich Das, bemerkte der Fremde, mit der allberhmten
Frmmigkeit, durch die sich ja die ganze Gegend auszeichnen soll?
    Der Jger lchelte nicht ohne Feinheit.
    Es wird wol so dick damit nicht aussehen, meinte Lenchen und lachte, indem
sie abdeckte.
    Ich will Ihnen sagen, nahm der Jger das Wort; es mag mit der Frmmigkeit,
die man so offen zur Schau trgt, nicht weit her sein; Das lernt man im Walde,
wo man an jedem stillen Pltzchen denkt: hier ist's so gut wie in der Kirche!
Aber wenn's auch nicht mehr sehr lange nachwirken wird, die selige Frstin hielt
doch viel auf's Christenthum. Sie theilte Bibeln aus und sammelte jeden
Sonnabend die Leute um sich und las irgend was Andchtiges vor, oder irgend ein
fremder Herr mute vorlesen und die Leute sangen dazu. Manchmal kamen Menschen,
die frher ein Handwerk gelernt hatten, dann aber, wie sie's nannte, die
vortreffliche Dame, die Erleuchtung bekommen hatten und Missionre wurden, fr
die Heiden zu bekehren. Die stellte sie dann Sonnabends der Gemeinde vor und
Alle muten beten, da Gott die frommen Apostel, wie sie sie nannte, in Gnaden
beschtzen und behten mchte. Ach, Das war oft recht rhrend, so einen guten
Menschen zu sehen, der nun da hinaus mu ins Hottentottenland und die
Buschmnner bekehren. Alle muten weinen und Jeder gab ihm die Hand und sah den
armen Menschen sich noch einmal erst an, ehe er gespiet und gebraten war.
Manche freilich ....
    Der Jger machte eine schlaue Miene.
    Nun, Manche? fragte Dankmar.
    Manche von den Missionren gingen gar nicht hin zu den Hottentotten! sagte
der Jger pfiffig und kratzte sich hinterm Ohr. Wenn Die das Gute genossen
hatten und recht ausstaffirt waren mit allerhand kostspieligen Geschenken,
blieben sie in Bremen oder Hamburg ganz geruhig liegen oder schrieben, sie
htten schon bei England herum Schiffbruch gelitten und mten wieder umkehren
oder es mte was Neues nachkommen. Ach, lieber Heiland, was sind da fr Sachen
vorgefallen!
    Der Jger war so gutmthig, da er diese Worte in einem entschuldigenden
Tone und wie ber den Lauf der Welt kopfschttelnd vortrug.
    Kein Missionr, erzhlte er weiter, ging von Hohenberg fort, ohne nicht noch
einen ganzen Koffer voll Hemden und Strmpfe mitzunehmen. Die lie die gute Frau
Frstin im Lndchen herum weben und stricken. Sie theilte das Garn und die Wolle
aus, aber nur an Die, welche in die Betstunden kamen. Wer fromm zugehrt und
andchtig seinen Vers gesungen hatte, kriegte nachher, wenn die Andacht aus war,
einen Napf voll Warmbier und etwas frisches Weibrot - was die alte Brigitte
schn backen kann - und beim Nachhausegehen bekam jede Frau und jedes Mdchen
einen Korb voll Arbeit fr die Heiden mit.
    Hackert lachte ber diese Schilderung so unverschmt laut auf, da es ihm
Dankmar fast verwies. Dennoch mischte er sich dreist in das Gesprch und sagte:
    Ich kenn' einen ehemaligen Missionr. Der Schlingel hat mir's erzhlt, wo
die Strmpfe und Hemden all' hinkommen, die man ihnen nachschickt. Die
Augenverdreher verkaufen sie an das erste beste Kauffahrteischiff, das sie am
Meere antreffen. Nach Hause aber schreiben sie: Dank fr das bersandte! Die
Heiden wandeln bereits im Licht und auf euren Strmpfen. Schickt nur mehr von
der Sorte!
    Hackert hatte die Genugthuung, da seine Anekdote gefiel. Der Fremde aber
verlie das Zimmer. Die Erzhlung des Jgers schien ihn wol zu interessiren,
ihre heitere Wendung aber zu verletzen. Da sein Ranzen liegen blieb, so war
nicht anzunehmen, da er sich schon wieder auf den Weg gemacht hatte.
    Und wer zahlt nun die Leute aus, die noch im Dienste der Herrschaft stehen?
fragte Dankmar.
    Der Justizrath Schlurck, antwortete der Jger. Der ist schon seit zehn
Jahren der eigentliche Frst von Hohenberg. Der administrirt mit dem Director
von Zeisel Alles durch- und bereinander. Die Creditores halten sich an
Schlurck. Noch gestern war er auf dem Schlo, mu aber rasch eine Ordre gekriegt
haben, so schnell ist er auf und davon. Seine Frau aber, die ist noch da mit dem
Commerzienrath von Reichmeyer und Frau Commerzienrthin von Reichmeyer und Herr
Bartusch und mit Respect zu vermelden ...
    Der Jger sah sich nach den Kindern um.
    Diese spielten mit dem Hunde, und da er auch Lenchen Drossel nicht sah, so
flsterte er:
    Drossel's Schwester ist auch dort.
    Wer?
    Frau Pfannenstiel.
    Auch eine Creditorin?
    Durch ihren Mann. Frau Wirthschaftsrthin Pfannenstiel. Ihr Mann war frher
Pachter bei dem Frsten, brachte dabei sein Schfchen ins Trockene, zog in die
Residenz, bekam den Titel Wirthschaftsrath durch den Frsten und wurde gerade
sein schlimmster Blutsauger. Kurz, Sie finden da allerlei Volk, Christen und
Trken und ...
    Melanie Schlurck, des Justizraths Tochter, hat sich also einen ganzen Hof
mitgebracht? schlo Dankmar.
    Von Der wissen Sie schon? Ja! Das ist ein Engel oder ein Satan. Die macht
Alle verdreht. Zu Fu, zu Pferde, bald im Feld, bald im Walde, und hol' mich
Dieser und Jener, sagt' ich noch neulich zur Ursula; sollte man nicht glauben,
sie tanzte immer? Noch hat Die kein Mensch mit ruhigem Fu gesehen und Augen hat
sie im Kopf, Zhne im Mund ..... Ja! Die hat's Allen angethan, und was man ihrem
Vater fr Fluch und Malefiz nur anwnschen mag, der Mamsell kann man nicht gram
sein; sie macht Alles wieder gut. Auch ein feiner junger Herr aus der Stadt ist
mitgekommen ... er heit ... ich wei es nicht ... kurz und gut, so lustig ist's
seit zwanzig Jahren da nicht hergegangen. Jemine! Sh' es die alte Frstin, sie
drehte sich im Grabe um.
    Der Jger trank seinen Labetrunk Bier aus, wnschte den Herren gute
Verrichtung, schttelte Dankmarn sogar die Hand und ging. Dankmar erwiderte
freundlich, fate aber Hackert ins Auge, da er dessen Angesicht pltzlich wie
mit Blut bergossen sah; seine Wangen glhten, seine Stirn schien hei; von der
Farbe des Haares und der Haut entdeckte man kaum einen Unterschied mehr.
Dankmar's erster Gedanke war, da von dem Jger Lasally angedeutet wurde, an sein
Pferd. Er glaubte in der Verlegenheit, die er auf Hackert's Antlitz bemerkte,
als der junge fremde Herr, der wol nur Lasally sein konnte, erwhnt wurde, das
Zugestndni der Befrchtungen zu finden, die er seinem Bruder Siegbert geuert
hatte, als dieser fr Hackert's Ehrlichkeit gutsagen wollte. Aufs allerheftigste
wurde er wieder von dem Gedanken ergriffen, da zuletzt dieser Hackert doch wol
nur ein Gauner sein mchte, der sich ihm noch zu irgend einem bsen Zweck
angeschlossen htte. Und dennoch fhlte er Mitleid mit ihm. Der Nachtwandler
stand wieder vor ihm; der wste schauerliche Eindruck, wie Hackert mit halb
herabgefallenen Kleidern, mit Stroh und Heu im Haar, mit offenem Hemd, in der
Hand die verlschende Laterne vor ihm stand und Schlurck vor Entsetzen das Wort
ausstie, das ihn weckte! Die Erinnerung an diesen Anblick trat ihm so mchtig
in diesem Augenblicke vor die Seele, da er fast erschrak, Hackert mchte eben
wieder in einen hnlichen Zustand verfallen. Denn er bemerkte, da Hackert wie
in Gedanken verloren zur Thr hinausging, geduldig den schon zur weitern Reise
gersteten Gaul bediente, geduldig die Peitsche ergriff und, als wte er es
nicht, vorn auf dem Bocke sa. Alles Das hatte er mechanisch, ohne berlegung
gethan. Seine Absicht, in der Nhe von Hohenberg Jedes zu vermeiden, was seine
Eitelkeit in ein falsches Licht stellen konnte, hatte er in dieser trumerischen
Abwesenheit ganz vergessen, und Dankmar stand und staunte, diesen Zustand still
beobachtend.
    Was ist dem Menschen? dachte er.
    Der angebliche Tischler hatte sich inzwischen drauen mit dem Jger noch
einige Augenblicke unterhalten und dann seinen leichten Ranzen geholt. Er wollte
den weitern Weg zu Fu machen und verabschiedete sich von Dankmarn. Dieser hielt
ihn aber zurck und sagte:
    Wir haben jetzt nur noch drei Stunden bis Hohenberg zu fahren; es hat
inzwischen geregnet, der Weg ist zu feucht fr Ihre dnnen eleganten Stiefel.
Bleiben Sie bei uns!
    Der Fremde stieg nachgebend ein, Dankmar bezahlte fr sich und Hackert die
Rechnung, folgte dann in den Wagen und rief: Fort! Hackert schien nicht zu
wissen, wo er war, sondern gab sich willenlos dem Thiere preis, das im raschen
Trabe weiterfuhr.
    Der Regen hatte in der That mit einem einzigen und gewaltig starken Ergu
die Natur erfrischt. Wie erhob sich Baum und Blatt, wie blickte der Grashalm so
gekrftigt zu der Sonne auf, die hier und da schon aus den grauen, sich
zertheilenden Wolken wieder hervorbrach! Auch die Gegend nahm jetzt einen viel
geflligern Charakter an. Die groen Flchen hrten auf. Der Boden hob sich
wellenfrmig, am Rande des Horizonts stiegen schon die blauen Conturen einer
nicht hohen, aber anmuthig geformten Bergkette empor. Hier und da verrieth sich
ein hinter Bschen geborgenes Dorf durch seine Kirchthurmspitze. Der Weg war mit
Obstbumen besetzt, die pfel und Birnen in reicher Ernte versprachen. Auf den
Feldern war fast berall schon die Frucht geborgen, soda man mit dem Blicke
weithin ausschweifen und die Krmmungen kleiner Bche verfolgen konnte, die den
Boden fruchtbar bewsserten und die Gegend lebendiger machten.
    Der Fremde betrachtete die Flur mit einem ernsten, sinnenden Blick.
    Es ist meine Heimat, sagte er. Ich bin in diesen Thlern geboren. Frh schon
verlie ich sie und doch kenn' ich jedes Dorf, jede Anhhe wieder.
    Wie traurig, sagte Dankmar, da so schne Besitzungen von einem
leichtsinnigen, weltlustigen Herrn verschleudert wurden! Die Bauern haben sicher
die Vortheile der neuen Zeit hier wahrgenommen, sie haben sicher die Laudemien
und Geflle abgekauft. Vielleicht ist die Summe, die dadurch auf einem Brete
gezahlt wurde, fr den knftigen Unterhalt des Prinzen Egon ausgesetzt, das
Einzige, was ihm sein Vater zu erben mag hinterlassen knnen. Die brigen
gewhnlichen Abgaben von Grund und Boden laufen ohne Zweifel in die Kasse der
Glubiger, die in den jetzigen schlimmen Zeiten wol sich vergebens nach einem
reichen Capitalisten umsehen, der hier das ganze Besitzthum mit Activen und
Passiven bernimmt!
    Es ist wenig Heil noch auf Grund und Boden, sagte der Begleiter trbe
gestimmt. Die Masse der Lasten drckt zu sehr. Wo der Staat etwas gewinnen will,
denkt er immer gleich an das Erdreich und Den, der es anbaut. Immer den Zollstab
an die Erde gelegt! Warum nicht an den Handel? Die Kaufleute, die jetzt die Welt
regieren, wissen sich zu schonen. Da sie meist von den Handwerkern leben, so
schtzen sie allenfalls diese noch eine Zeitlang und auch mit Recht. Weil aber
dem gefrigen modernen Staate die Mittel der Existenz immer knapper werden
mssen, so sagen die regierenden Kaufleute und Brsenmenschen: Haltet Euch an
Grund und Boden! Grund und Boden sind ewig! Welche Ungerechtigkeit aber! Es ist
wahr, die alten aristokratischen Regierungen haben es mglich gemacht, da Grund
und Boden bei den groen Ansprchen des Fiscus an die Staatskrfte oft
steuerfrei durchschlpften und meist mit einem blauen Auge davonkamen. Es ist
wahr, da der Grund und Boden in den Katastern oft falsch veranschlagt ist.
Allein diese relativen Vortheile sind im Preise von Grund und Boden schon mit
angeschlagen, und wie ich jetzt zwei mal mehr Steuern geben soll, so vergit
man, da ich das Gut nur in der Voraussetzung kaufte, da es beim Alten bleiben
sollte und nur einfach zu zahlen htte.
    Ich kenne diese Streitfrage, bemerkte Dankmar; aber ich wei nicht, ob man
es nicht darauf knnte ankommen lassen, einmal der Aristokratie des
Grundbesitzes die nothwendigen Folgen ihrer alten Regierungsmethode fhlbar zu
machen. Man spricht von der Nothwendigkeit des isolirten Reichthums. Ich kann
sie in diesem Sinne nicht anerkennen. Die gefhrlichste Aristokratie bleibt die
des Blutes, wenn sie sich auf einen groen und mglichst ungehemmt verwalteten
Grundbesitz sttzt. So lange wir, aufrichtig gestanden, das Adelsinstitut
behalten, seh' ich kein Heil fr die Menschheit. Der Adel ist hier und da
zuweilen liberal aufgetreten und hat sich dem Volke angeschlossen; aber wie
selten diese Ausnahmen! Ich anerkenne den Unterschied der Menschen, den die
verschiedenen Stufen der Bildung und auch des Besitzes mitsichbringen, aber
einen durch die Geburt, durch Namen, durch Ahnen begrndeten Unterschied sollte
die Aufklrung nicht mehr dulden.
    Ich theile Ihre Ansicht in gewissem Sinne, erwiderte der Fremde. Nicht da
ich den Adel ausrotten will; denn ich halte Das fr unmglich; ich halte die
Umwandelung eines berhmten Geschlechts in eine einfache brgerliche Familie
hchstens fr eine komische Episode der Geschichte, die nur auf kurze Zeit
mglich ist. Aber man soll erstens die berwucherung des Adels beschneiden durch
das Erstgeburtsrecht und zweitens den Nachwuchs des Adels edler anpflanzen als
es unsere Frsten thun. Den Adel fr Geld ertheilen oder fr hchst zweifelhafte
bureaukratische Verdienste, Das ist eine tgliche Herabsetzung desselben
Instituts, auf das sich doch die feudale Monarchie so gern sttzen mchte. Der
Adel an sich kann nicht verdchtig sein. Man verdchtigt ihn nur dem Volke durch
die Art, wie man neuen Adel macht. In jedem Wald und jeder guten Waldhutung
herrscht ein natrliches System des Nachwuchses; nur beim Adel hat man dieses
Nachwuchssystem nie beobachtet und deshalb sank die Achtung vor demselben.
    Das ist eben das Wort, das ich verbannen mchte, rief Dankmar; Achtung des
Adels! Wozu eine Kaste von Menschen, die sich eines Vorrechts vor Andern
berhmt! Der Staat schafft die Vorrechte vor dem Gesetz ab. Das ist wahr. Der
Brgerliche kann alle Rechte genieen wie der Adelige. So heit es in den
Gesetzbchern! Und doch bleibt diese sonderbare geheime Verbindung unter den
Adeligen. Es bleibt dieser geschlossene Bund, der sich immer wieder mit seinen
Maximen hervordrngt, wenn ihn auch noch soviel Revolutionen zurckgeworfen
haben. Sie wollen den Adel vermindern durch englisches Erstgeburtsrecht und
besser anpflanzen durch Adelserhebungen wahrscheinlich an einen tapfern Krieger,
einen geschickten Arbeiter, einen glcklichen Erfinder. Aber die Nachkommen der
Letztern werden ebenso Aristokraten werden, wie es die Nachkommen der weiland zu
Rittern geschlagenen Knappen und Kaufleute wurden. Es ist eben ein Institut, das
ewig auf die Vegetation der Freiheit wie Mehlthau sich ansetzen und sie
verderben wird.
    Die Franzsische Revolution hat den Adel abgeschafft, sagte der Gefhrte,
und er ist wiedergekommen. Napoleon hat ihn noch mit seinen geadelten Corporalen
vermehrt, und die jetzigen Brsenmkler lieen sich mit Freuden adeln, wenn sie
nicht frchteten, sich lcherlich zu machen ....
    O, so wnscht' ich, wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf: da einmal
eine kleine Sndflut kme und dieses nrrische Menschengeschlecht wenigstens
partiell verschlnge! Es ist nichts mit ihm anzufangen.
    Das Gesprch ging jetzt ber leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich
aus der Betubung, in die er so pltzlich verfallen war. Jetzt erst schien er
sich zu besinnen, da er wieder als Kutscher galt. Er wurde ber diese
unwillkommene Entdeckung unruhig, blickte bald zur Seite, bald hinterwrts, ma
den Fremden bald mit einem wthenden Blick, bald begann er etwas an dem Riemzeug
und der Peitsche zu bndeln und zu knpfen, bis er pltzlich ganz still hielt.
Auf ein starkes Nun? das ihm Dankmar zurief, hieb er zwar wieder gewaltig auf
das ermdete Thier, dem die allmlige Annherung an Hohenberg ebenso noththat,
wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar, aber Dieser wute nun
in der That nicht mehr, wessen er sich noch Alles von Hackert zu versehen und
worauf er sich zu rsten hatte ......
    Es war schon vier Uhr. Die Sonne lachte wieder freudig vom Himmel. Alle
Wolken hatten ihn verlassen. Das schnste Ultramarin erquickte das Auge, wenn
man empor, das lachendste Grn der Wiesen und Bsche, wenn man zur Seite
blickte. Die Gegend wurde immer reizender. Nach jeder Anhhe, die das mde Ro
erklimmte, ffnete sich ein immer lieblicheres Thal. Die Vegetation, statt
gebirgig zu werden, wurde eher sdlicher. Kastanien-, Ahorn- und Nubume
standen auf kleinen Anhhen am Wege neben Kirchen und Pachthfen. Der weie
Flieder, der sich traulich an Stlle und Scheunen schmiegte und jeder
verfallenen Mauer einen malerischen Reiz verlieh, konnte wol den Fremden
bewegen, auszurufen:
    Wie erinnern mich diese weiblhenden Gebsche an das sdliche Frankreich,
wo es freilich der Feigenbaum ist, der mit seinen groen Blttern, seinen
labyrinthischen Ranken und den versteckten grnen Frchten sich so an jede
nackte Felsen- und jede kahle Mauerwand lehnt, sie verschnernd durch seine
trauliche Ansiedelung!
    Vor den Reisenden lag dann auch endlich auf eine Stunde Weges entlegen das
Schlo Hohenberg. Schon lange konnten sie das im Geschmack der ersten Hlfte des
vorigen Jahrhunderts errichtete stattliche Gebude unterscheiden. Je nher sie
diesem ihrem gemeinschaftlichen Reiseziele kamen, desto unruhiger wurde Hackert,
desto heftiger seine Antworten, desto ungeduldiger das Seufzen, das ihm zuweilen
entfuhr. Er wandte sich jetzt wieder zu Dankmarn und uerte:
    Bis hierher, Herr! Fahren Sie jetzt!
    Dankmar beherrschte sich und erwiderte:
    Bis ich die Cigarre fertiggeraucht habe!
    Die Aussicht auf das Schlo verschwand. Man war in einem anmuthigen
Buchenwalde, der sich bis nach Plessen hinzuziehen schien. Welch frisches Laub!
Welche zauberhaften Lichter, wenn die Baumgattungen abwechselten und Tannen sich
an Birken reihten, um gemeinschaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu
unterbrechen! Welcher Smaragdschimmer, wenn grnbewachsene Pltze
zwischeninnelagen und von der Sonne beschienen wurden, die schon groer
ffnungen bedurfte, um mit ihren sich senkenden Strahlen hier durchzudringen! Da
sprangen ja noch Rehe erschreckt von ihrem grnen Lager unter einem groen
freistehenden Eichbaum auf! Es mute mit des Jgers Kummer ber die
ausgeschossene Belebung dieser Wlder nicht so schlimm stehen.
    Der Fremde war im Anblick dieses stillen Friedens wie verloren.
    In dem Augenblicke hrten sie in der Ferne Pferdegetrappel. Hackert springt
auf. Man sieht einen Zug von etwa fnf Reitern dahertraben, in der Mitte eine
Dame, wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte. Hackert
wirft Peitsche und Zgel fort, springt vom Sitz, schiet wie besessen ber den
Chausseegraben und ist im Nu im Wald verschwunden. Der Gaul, erschreckt von der
heransprengenden Cavalcade, bumt sich. Die Zgel schleifen schon an der Erde.
Dankmar wirft eiligst die Cigarre fort. Der Fremde hlt ihn, damit er nicht
hinausspringt. In dem Augenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern, an deren
Spitze Dankmar den Stallmeister Lasally erkannte, vorber. Es war Dies ein Glck
fr den bescheidenen Einspnner; denn dem stutzigen Gaul wurde die Gelegenheit
zum Durchgehen genommen. Die Cavalcade nahm sie im Vorbeireiten in die Mitte.
Die Dame lachte vielleicht ber die komischen Capriolen des zgelfreien Thieres
und die verlegene Besorgni der beiden Mnner. Mit einem Sprung war Dankmar, als
der Gaul glcklicherweise stand, hinaus und griff nach dem Zgel. Mit
Verwnschungen gegen den Betrger, der sie hier so pltzlich im Stich gelassen
und ihm auch die Gelegenheit genommen hatte, die Dame zu fixiren, hieb er auf
das erschreckte Thier zu und ohne sich weiter um Hackert's Rckkehr zu
bekmmern, jagte er auf und davon.
    Was hatte nur der tolle Mensch? fragte der Fremde, ber das Zusammentreffen
aller dieser Vorflle erstaunt.
    Ich sehe, er ist verrckt, antwortete Dankmar.
    Ich glaubte diese Eigenschaft schon lngst an ihm bemerkt zu haben.
    Es erleichterte Dankmarn, seinem Begleiter zu erzhlen, wie er an diesen
Gesellen gekommen wre. Als er dabei einen Bericht ber den eigentlichen Zweck
seiner Reise erstattete und den Schrein erwhnte, den er in Hohenberg verloren
und dort suchen wollte, unterbrach ihn der Fremde mit den Worten:
    Einen Schrein? Etwa von drei Fu Lnge?
    Wie? fragte Dankmar gespannt; allerdings ... etwa drei Fu Lnge ...
    Eiserne Bnder an dem Deckel?
    Wohl! Und am Boden ...
    Zwei Fu breit mit ausgefelgten Rndern?
    Zierlich geschnitzt ...
    Auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz ...
    Himmel, wo haben Sie diesen Schrein gesehen? Er ist es!
    Wo hab' ich ihn gesehen! fragte sich der Fremde selbst. Besinn' ich mich
wol, wo mir noch gestern dieser Schrein auffiel!
    Ich beschwre Sie, rief Dankmar, forschen Sie in Ihrem Gedchtni. Die
wichtigsten Angelegenheiten knpfen sich fr mich an diesen Schrein.
    Das Kreuz hatte nicht die gewhnliche lngliche Form der Kirche ...
    Doch! doch!
    Es war ein Malteserkreuz!
    hnlich!
    Ganz recht! Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattfrmigen Rundungen.
    Das ist er!
    Dankmar war wie auf glhenden Kohlen. Das Pferd hielt er an, da der Fremde
ohnehin gewnscht hatte, aussteigen und nach Plessen einen Seitenweg einschlagen
zu drfen. Endlich, als Dankmar fast krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden
Hand ergriffen hatte, rief Dieser aus:
    Ich wei es. Den Schrein sah ich gestern Abend im Hofe des Heidekrugs auf
Schlurck's Wagen.
    Auf Schlurck's ...? wiederholte Dankmar und stockte.
    Auf Schlurck's Wagen, versicherte der Fremde, der sich ihm in diesem
Augenblick in einen Boten des Himmels verwandelte; es war nach vier Uhr. Es
dmmerte aber noch sternhell, als ich im Heidekrug ankam. Anfangs wollt' ich die
Nacht benutzen und nach einer Erfrischung weiterwandern. Da sah ich im Hof einen
Reisewagen stehen, leicht bepackt, elegant. Der Kutscher zndete die beiden
Laternen an, als wollte er weiterfahren. Der Wagenschlag hatte eine Chiffre, die
mich fesselte. Ich blieb in der Nhe stehen. Ich sah dem Kutscher zu, wie er die
Laternen befestigte. Dann ordnete er an seinem Fuhrwerk Dies und Jenes. Unter
seinem Sitze hatte sich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert. Er ri
es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an. Einen in der Vache liegenden
Gegenstand schien er frisch emballiren zu wollen. Bei der Gelegenheit sah ich
deutlich jenen Schrein, der mir wegen seiner alterthmlichen Form und des auf
ihm sehr zierlich angebrachten Kreuzes, da der Deckel zur Seite lag, auffiel.
Ich wrde mich an dem Wagen nicht solange verweilt haben, wenn mir nicht das
verwischte frstlich Hohenberg'sche Wappen an dem Schlage und das frisch und
lebhaft darunter aufgetragene F.S. aufgefallen wre. Ich fragte, wem die
Kalesche gehrte. Es hie: Dem Justizrath Schlurck. Ein lebhaftes Interesse, das
ich an diesem Namen nehmen mu, veranlate mich zu bleiben und hinaufzusteigen
in den Saal, wo Sie mich spter fanden. Unten rief mich der Kutscher, ein
brutaler Mensch, als ich ihm zusah, wie er den Schrein mit frischem Stroh
umwand, mit groben Worten an. Ich gedachte meiner Blouse, blieb demthig und
machte die Bekanntschaft Schlurck's, der mir fr mein Leben ebenso wichtig ist,
als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann.
    Und auf wessen Zeugni, fragte Dankmar im Ausbruch seiner jubelnden Freude,
auf wessen Namen kann ich mich berufen, wenn ich von Schlurck mein Eigenthum
zurckfodern werde?
    Mu Dies sein? sagte der Fremde zgernd und stieg von dem Wagen herab,
whrend Dankmar die Zgel stark, aber auch den Fremden sanft festhielt.
    Da Sie der Tischler nicht sind, sagte er dabei, der Tischler, fr den Sie
sich ausgaben, ist gewi. Sie mssen mir das Zeugni ausstellen, da ich discret
war und nicht in Ihr Geheimni drang. Aber jetzt durch Ihre mir ewig
dankenswerthe Entdeckung wird es mir zur Pflicht, Sie um Ihren Namen zu bitten;
denn ich wei nicht, es ist mir, als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf
haben werde. Schlurck ist ein Mann, der mir vorkommt, als knnte man ohne Zeugen
und Proce kein vor seinen Augen verlorenes Taschentuch wiedererhalten.
    Wie der Fremde noch zgerte und mit verlegenem Lcheln sich wegen seines
Geheimnisses entschuldigen zu wollen schien, griff Dankmar, der nicht ohne Grund
das Beispiel vom Taschentuche gewhlt hatte, rasch in seinen Frack und langte
das dem Fremden gehrende Tuch hervor:
    Hier! sagte er, dieser Verlust mu uns nherbringen.
    Mein Taschentuch! bemerkte der Fremde.
    Ihr Taschentuch? Wirklich das Ihrige? Das eingestickte Zeichen ... die
Krone? E. und die Zahl 100? Wohlan, mein Herr! Ich will Ihnen das Gestndni
erleichtern. Tauschen wir unsere Karten?
    Damit zog Dankmar sein Portefeuille hervor und berreichte dem Fremden seine
Karte.
    Dankmar Wildungen, sagte er, indem der Fremde seine Karte las; Dankmar
Wildungen, ein obscurer, junger Mensch, Prtendent des Glcks, wo er es findet,
ein junger Jurist, Brger kommender Jahrhunderte, ein Posa, den Knig Philipp
mit dem entschuldigenden Titel: Sonderbarer Schwrmer! entlassen haben wrde,
wenn er gerade in der Laune gewesen wre, einmal von seinen Autosdaf sich
auszuruhen.
    Nun denn, Sie junger, lieber Malteser! sagte der Fremde, so will ich Ihr
Carlos sein; unter der Bedingung, da Sie feierlichst geloben, mich nicht zu
kennen, wo Sie mir hier auch in und um Hohenberg begegnen werden ....
    Mein Ehrenwort gengt! sagte Dankmar mit ernstem Nachdruck.
    Lassen Sie uns Freunde bleiben, fuhr der Fremde fort. Ihre Offenheit kam aus
edlem Herzen. Der Menschheit kann eine Zeit nicht verloren gehen, wo noch solche
Flammen lodern wie in Ihrem Herzen, selbst wenn sie sich und Ihre Trume
verzehren sollten. Aber nochmals ...
    Schwren soll ich? sagte Dankmar lchelnd. Wobei wnschen Sie?
    Der Fremde schttelte den Kopf. Er hatte ein elegantes Portefeuille
geffnet, Dankmar's Karte hineingelegt und die seine hervorgezogen. Er
berreichte sie Dankmarn mit einem herzlichen Hndedruck, klopfte, wie zum
Abschiede und Dank dem Gaul ein paar mal auf den schweigebadeten Rcken und
verschwand dann rasch hinter einem ganz in der Nhe befindlichen Gebsch, von
dem sich nach Plessen zu ein kleiner Fuweg durch die Wiesen schlngelte.
    Als Dankmar, unendlich glcklich ber die vorlufige Beruhigung wegen seines
ihm so werthvollen Verlustes, vorzog, nun erst am Fu des Schlosses Hohenberg
ber Nacht auszuruhen, bis er zu der ihn jetzt magnetisch wieder zurckziehenden
Hauptstadt umkehrte und er dann in leichtem Trabe nach dem unter dem Schlosse
Hohenberg friedlich von der Abendsonne beleuchteten Flecken hinabfuhr, las er
auf der Karte einen Namen, der ihn nach Allem, was er seither auf dieser Reise
selbst erfahren und von Andern erzhlt bekommen hatte, auf das angenehmste
berraschen mute. Die Visitenkarte lautete ganz einfach: Le Prince Egon de
Hohenberg. 7 Rue d'Auteuil.

                                Zehntes Capitel



                            Der Glubiger vom Throne

Das Schlo Hohenberg liegt auf dem ersten Vorsprung eines allmlig oberhalb des
Fleckens Plessen sich erhebenden, unten mit Wiesen, oben mit Tannenwldern
bedeckten nicht unansehnlichen Bergrckens. In einem etwas schnrkelhaften Stile
gebaut, besteht es aus einem dreistckigen Hauptgebude mit zwei fast gleich
hohen hervorspringenden Seitenflgeln. Beide Flanken sind vorn durch ein etwas
verwahrlostes, aber einst kunstvoll aus getriebenem Eisen verfertigtes Gitter
verbunden. Das frstlich Hohenberg'sche Wappen aus verwittertem Sandstein
gehauen, ziert oberhalb des Sulenportals die Spitze der ber den Fenstern mit
behelmten Rmerkpfen gezierten Hauptfront. Im untern Stock gehen die Fenster
wie Thren auf den gepflasterten schattigen Hof, den in schneren Tagen
Orangenbume zierten in groen buntgestrichenen Kbeln. Nach dieser durch groe
grne Holzjalousieen noch gehobenen sehr stattlichen Vorderseite ist der
emporgehende Fuweg unmittelbar von der Kirche und dem Pfarrhause zu Plessen her
ziemlich steil. Sanfter aber dacht sich nach hinten der Berg so abwrts, da man
von dorther mit einem Umweg, der gleichfalls an der Vorderfront mndet, auch zu
Wagen sehr bequem in dies einfache wrdige Schlo gelangen kann.
    In den Zeiten der Frstin Amanda, besonders als sie durch ihren religisen
Hang noch nicht zu sehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war, bertraf
die hintere Seite des Schlosses noch die stolze vordere beiweitem an traulicher
Wohnlichkeit. Dort schlo sich dem Bau unmittelbar ein kunstvoller Garten an.
Die Fenster des Erdgeschosses waren im Sommer geffnet und fhrten unmittelbar
aus etwas steif gegipsten und bemalten, aber doch anmuthigen Slen ins Freie. An
den Fenstern, wo groe hellgrne Vorhnge sich niedersenkten, wohnte die Frstin
im Sommer selbst und hatte um sich den ganzen Reichthum von Erinnerungen und
Andenken, die sie so sehr liebte, ausgebreitet. Damals standen in dem von einem
pltschernden Springbrunnen heiter belebten schattigen Quadrat des hintern Hofs
und besonders an der Spitze des einen Flgels (whrend an dem andern sich einige
unerlliche Wirthschaftsgebude anlehnten) kleine gefllige Statuen auf
zierlichen Postamenten. Ein wohlunterhaltenes grnes Heck zeigte an, da hier
die stille trauliche Gartenwelt der Besitzerin begann, zu der die Abends und
Morgens geffneten Fenster dieses Flgels unmittelbar den Eintritt erlaubten.
Auf leichten, vom Regen zwar verwitterten, aber doch bequem ebenen Steinstufen
kam man, whrend sich links am kleinen Anbau der Fahrweg hinunterschlngelte,
rechts in diesen wohlgehaltenen, terrassenfrmig sich abdachenden Garten, von
dem aus dem Bassin des obern Springbrunnens herab ein knstlicher Wasserfall
sich in immer behendern Sprngen bis in das Bchlein ergo, von dem die
plessener Mhlen getrieben wurden, die liebliche, baumbeschattete Ulla, die aus
dem Ullagrunde herunterhpfte. Diese Welt war schn. Die Natur bot der
nachhelfenden Kunst die Hand, um sie liebevoll ansichzuziehen. Whrend rings die
Berge schweigsam und feierlich herniederblickten, aus der Ferne Glocken
luteten, die Khe auf den grnen Wiesenabhngen am Fue der Berge weideten, war
auch das Nchste hier innig und das Herz erhebend. Diese nhere Umgebung des
Schlosses war halb ein Park, halb ein Garten. Man hatte Das, was die Natur bot,
nur geordnet und zur Unterlage der Kunst gemacht. Da standen Beete von stolzen
Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebsch von Hngeweiden, das
man nicht erst zu pflanzen nthig gehabt hatte. Da schimmerten weie Birken
neben Rosen oder diese rankten sich freigelassen an eine einsam stehende Tanne
empor und umschlangen den trauernden Winterbaum so zrtlich, als wollten sie ihn
trstend erheitern mit duftender Frhlingsumarmung. Dann kam zum Ausruhen und
Genieen gleich eine steinerne Bank dicht unter dem Schatten einer
Hollunderhecke, die in sich selbst einen artigen Versteck barg, wenn man nur in
den dicht zusammengewachsenen Zweigen genauer forschen wollte und den Eingang da
suchen, wo man ihn am wenigsten vermuthete. Jetzt lag auf der Steinbank freilich
Moos und Verwitterung. Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem
Gestein, bis sie verdufteten oder eingesogen waren. Aber man fand doch auch
neuere, grngestrichene hlzerne Ruhepltze. Zu den Feldern und Wiesen abwrts
hin, die dann wieder zu dem hhern und waldumkrnzten Gebirge hinauf sich
lehnten, dehnte sich der Garten in die Breite, aber noch immer ebenso traulich
wie oben auf den sich allmlig abdachenden Terrassen. Da lag das von wildem Wein
ganz eingehllte Haus des Grtners, lagen Treibhuser, Stlle, Remisen, aber
Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen. Eine Mauer, dann und wann
von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen, umzog hier die ganze
Besitzung. Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des
Verfalls. Ein Wasserbassin, eine ehemals gewi lustig und schwatzhaft genug
belebt gewesene Volire mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem
Gefieder, kleine Pavillons, Postamente, auf denen Gtter standen, die wol schon
in den letzten Zeiten der Frstin Amanda verschwanden, alles Das hatte sein
frheres Leben verloren und stand wie mige Denkmale des Vergessens da. Aber
besonders gefllig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der
Grenzmauer, von dem aus man die Aussicht halb in die Thalebene, halb in das
Gebirge geno, das hier ein Echo wiedergab. Um sich mit dem ursprnglich
heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu vershnen, hatte die Frstin, die ihn
liebte, ein schnes, noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden
Kuppel errichten lassen. Hier, erzhlte man, hatte sie stundenlang gesessen und
die Gre der Vorbergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen
strengen Ernst erwidert, als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der
Seele blicken und fragen: Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht, oder
fhlst du, da du nur durch die Gnade Gottes lebst? Hier hatte sie Greise,
Mnner, Frauen, Kinder angehalten, nach ihren Schicksalen, Wnschen und
Hoffnungen befragt und sie oft mit Untersttzungen, immer aber mit einem
Fingerzeige auf den Erlser, der Alles zum Besten kehren wrde, entlassen. Dabei
las sie meistens ein Buch ihres gewhlten Geschmacks, blickte ber die Gitter
des Tempels zum dstern Walde hinber, wo die Ulla aus den grnen Berglehnen
hervorbrach, lie die alte Brigitte hinter sich plaudern, nahm des alten Winkler
Berichte ber die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch, obgleich sie bei
noch nicht funfzig Jahren sehr krank war, immer hflich empor, wenn der Pfarrer,
Guido Stromer, ihr tglicher Umgang, zur gewohnten Stunde eintraf. Als sie unter
diesem durch das goldene Kreuz entsndigten heidnischen Tempel nicht mehr
sitzen, die Vorbergehenden nicht mehr gren und im Herrn ermahnen konnte,
nahte sich ihr Ende auch in raschen, von dem drben in Randhartingen wohnenden
Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten.
    Hier, in der Nhe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schn
angestrahlten Tempels, erblickte man noch die meiste Pflege der im Ganzen
verfallenen und vernachlssigten Besitzung. Der alte Grtner Winkler, der fr
einen Grtner galt, weil ihn die Frstin in den Zeiten, wo schon ihr Sinn fr
die geschmckten Schnheiten der Natur zu ersterben anfing, fr einen Grtner
nehmen wollte, der alte Winkler, sonst nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener (in
den Tagen der Hoffahrt, wie sie sie nannte), hatte den Gartenrechen in der Hand
und zog mit Zittern und kaum sich aufrechthaltend im Sande die kleinen Striche,
die hier Pflege und Ordnung bedeuten sollten. Die alte Brigitte, sonst die
allgewaltige Beschlieerin des Hauses, sah ihm, auf einer Bank sitzend, zu und
seufzte einmal ber das andere. Sie wehklagten, was ihnen Beiden die nchste
Zukunft bringen wrde. Noch war Brigitte schwarz gekleidet, noch trug sie die
Trauerkleider ber die vor zwei Jahren heimgegangene Gebieterin, die ihr
testamentarisch angefertigt wurden, trotzdem, da es an solchen dsterfarbenen
Kleidern im Nachla der Frstin nicht fehlte .... Die Trauer sollte echt sein
und aus der Flle des Herzens flieen .... Der alte Winkler aber nahm sich in
seiner hellblau-rothen Hohenberg'schen Livre schon recht abgeschabt und
verkommen aus.
    Gott walt' es, sagte die alte Brigitte; der Herr hat die Haare auf unserm
Haupte gezhlt ....
    Der schon etwas kindisch gewordene Grtner entblte seinen kahlen Scheitel,
auf dem keine Haare mehr standen, und meinte auch:
    Ja, ja; er hat die Haare auf unserm Haupte gezhlt ...
    und kein Sperling fllt vom Dache ohne seinen Willen; setzte er hinzu.
    In dieser Weise hatten die Dienstleute der Frstin Amanda sich auszudrcken
gelernt.
    Wenn sie uns hinausstoen, begann Brigitte mit praktischer Anwendung ....
Was thun wir? Wer nimmt uns arme Snder auf?
    Der Herr wird ihre Herzen lenken, meinte der alte Grtner. Und der Prinz
wird's nicht geschehen lassen ....
    Ich hab' ihn auf meinen Knieen geschaukelt ... er wird's aber vergessen
haben ....
    Er wird's nicht vergessen haben ....
    Als er vor sechs Jahren noch einmal da war, sah er uns nicht mehr an ....
    Sah er uns nicht mehr an ...
    Er war noch zu jung ....
    War noch zu jung..
    Sein Herz lag noch im Argen ....
    Es lag im Argen ....
    Die Frstin sah's wohl ....
    Die sah's wohl ....
    Und sie weinte darber ....
    Der alte Winkler besttigte alle diese rhapsodischen Bemerkungen und weinte
auch, als Brigitte die Schrze nahm, um sich das Auge zu trocknen.
    Aber die Frstin sagte doch, fuhr dann nachdenklicher die alte Beschlieerin
fort, sagte doch: Auch seine Stunde wird schlagen ....
    Sie wird schlagen ...
    Und die Erleuchtung kommt von oben!
    Kommt von oben! wiederholte Winkler und harkte wieder und fgte sich wieder
in Geduld und berlie wie immer die praktische Seite ihrer Verhltnisse der
geisteskrftigern Brigitte.
    Wie die alten Diener des Hohenberg'schen Hauses, fr die der verstorbene
Frst, der berhmte Generalfeldmarschall Waldemar von Hohenberg, wenig gesorgt
zu haben schien, noch so ihre bangen Sorgen aussprachen, welche Zukunft ihnen
bei dem rathlosen Zustande der Verwaltung dieser schnen Besitzungen werden
wrde, redete sie pltzlich ein langer, feingekleideter, mit steifer Haltung
einherschreitender Herr an und lchelte dabei mit einem sonderbaren Ausdruck.
    Excellenz! riefen Beide erschrocken aus einem Munde und wandten sich
bestrzt um.
    Der lange Herr nickte sehr gndig und ging ruhig lustwandelnd auf dem frisch
geharkten Wege, ihn mit seinen Fustapfen vertretend, weiter.
    Das wre eine Herrschaft fr uns, sagte die alte Brigitte, als dieser
lakonische Herr vorber war und Winkler sich anschickte, wieder jene Fustapfen
zu berharken .... So vornehm, so apart! O die Zeit, da nur solche Menschen hier
verkehrten! Ja, ja, Das ist eine Excellenz!
    Hochmuth kommt vor dem Falle! meinte Winkler.
    Er hatte eine Meinung geuert, die jedoch hierher nicht zu passen schien.
    Wie so Hochmuth? meinte Brigitte, die in dieser selbstndigen Antwort nicht
viel Vernunft fand.
    Als der Alte schwieg, schttelte sie den Kopf und flsterte vor sich hin:
    Er wird recht schwach!
    Der Grtner hatte kaum die Fustapfen des Mannes, den sie so ehrerbietig mit
Excellenz begrt hatten, ausgeglichen, als diese gemessene steife Figur wieder
zurckkehrte. Brigitte stand wieder auf, knixte wieder, Winkler zog wieder sein
Kppchen und Beide sagten wieder:
    Excellenz!
    Der groe zugeknpfte Herr nickte herablassend mit dem kleinen Kopf, blieb,
ohne etwas zu sagen, einen Augenblick stehen und entfernte sich mit einem
Ausdruck, als wollte er uern: Ich freue mich, da ihr mir die Hochachtung
erweist, die ihr meinem Stande schuldig seid! Doch sagte er nichts, sondern
schwieg und lchelte.
    Brigitte setzte sich und der geduldige Winkler harkte zum zweiten mal die
Fustapfen der Excellenz aus ....
    Wenn's nach mir ginge, meinte Brigitte, ich wnschte, so eine Excellenz
kaufte das Schlo ....
    Kann man das Schlo kaufen? meinte Winkler, pltzlich ganz verdutzt.
    Natrlich kann es Einer kaufen. Aber reich mu er sein, fuhr Brigitte fort,
ohne auf die Narrheit der Winkler'schen Einwrfe zu hren. Der wr' es da! Sein
Bedienter ... der Franz ... hat's gesagt; die Meubles alle kauft er schon; aber
fr den Knig.
    Fr den Knig? die Meubles? verwunderte sich Winkler und mit Recht.
    Alle Schlsser vom Knig hat ja die Excellenz da zu regieren, erklrte
Brigitte.
    Wer regiert die Schlsser? fragte Winkler.
    Der da! Und alle Grten! fuhr Brigitte fort. Alle Schlsser und Grten des
Knigs und viele hundert Grtner und Grtnermdchen stehen unter ihm ....
    Jetzt bekam der alte Mann einen Einfall. Nun fhlte er sich. Er glaubte mit
seinem verwilderten Garten, der doch so schn grn noch aussah, der doch soviel
bunte Blumen noch trieb, eine Ehre einzulegen, vielleicht Anerkennung,
Befrderung zu finden. Aber bis zu dem Muth, Frau Brigitte aufzufodern, sich
nach des vornehmen Herrn, den sie nur als Excellenz kannten, Namen zu
erkundigen, die Idee auszusprechen, ob er nicht noch ein Pltzchen im
Staatsdienst offen htte fr eine alte zitternde Grtnerhand, soweit reichte
sein, wie man wol annehmen kann, durch die formelle Religionsbung und die
systematische Selbstbeschrnkung verengter Horizont nicht, obschon ihm in der
That die Auszeichnung zutheilwurde, da der herablassende vornehme Herr zum
dritten male zurckkam, wieder den geharkten Weg zertrat, wieder sich eines
beiflligen Nickens befleiigte, endlich aber doch mit Kennermiene sich als ein
mit Sprachwerkzeugen begabter Sterblicher zeigte und dahin uerte, da er ganz
kurz und gar leise, gar leise die Worte flsterte:
    Schn geharkt! Richtiger Strich Das! Seid's braver Grtner! Kenne Das! Schn
geharkt! So fortgefahren! Brave alte Leute!
    Brigitte dankte fr sich und fr den alten Winkler, der ganz sprachlos vor
Spannung dastand und die leisen Worte nicht gehrt hatte.
    Ach, Excellenz sind gar zu gndig, ergriff sie, sich Muth fassend, rasch das
Wort; gar zu gndig gegen uns geringe Leute. Gott wird Excellenz dafr lohnen,
zeitlich und ewiglich, denn bei Dem da oben gilt kein Ansehen der Person. Aber
wenn Excellenz (die vorige Phrase choquirte weder ihn noch sie), wenn Excellenz
das ganze Schlo kaufen sollten und nicht blos das Mobiliar der in Gott ruhenden
Frstin, der ich funfzig Jahre treu gedient habe, wenn Excellenz dann zwei alte
Diener nicht verstoen mchten, die jeden Riegel hier im Schlosse kennen -
    Schn geharkt! Richtiger Strich! Braver Grtner! Ich kenne Das!
    Diese Worte waren Alles, was der vornehme Herr, sie unterbrechend, als
Antwort gab. Er lchelte dabei sehr herablassend und ging, nachdem er Winkler
und Brigitte auf die Schultern geklopft hatte, vorber, ohne sich auf ein
Dienstgesuch einzulassen, da man ihm wahrscheinlich schriftlich einreichen
mute. Ein Gefhl, da er da Menschen zurcklie, von denen er mit vollem Rechte
annehmen durfte, da er sie auerordentlich glcklich gemacht und durch seinen
Beifall mit einer der angenehmsten Hoffnungen fr ihre noch kurze Lebenszeit
erfllt hatte, berkam ihn dabei wol mit einschmeichelndem Behagen, aber nur
flchtig, nur obenhin.
    Dieser vornehme Herr war nun, wie wir bald besttigt erhalten werden, Se.
Excellenz der Herr Intendant smmtlicher kniglicher Schlsser und Grten, eine
im Lande wohlbekannte und gefrchtete Persnlichkeit, der wirkliche Geheimrath
Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein, zweiter Sohn jenes
neunzigjhrigen Obertribunalprsidenten, der bei Tempelheide mit Anna von
Harder, der Witwe seines ersten Sohnes, in so stiller Zurckgezogenheit lebte.
Der neunzigjhrige Hohepriester der Themis hatte bekanntlich zwei Shne; einen
feurigen, hchst talentvollen, unternehmenden, aber frh verstorbenen, den
Gatten eben jener Anna von Harder, die Frau von Trompetta als ein so seltenes
Muster edler Weiblichkeit gerhmt hatte und nach Allem, was wir jetzt schon von
ihr wissen, ein solches wol auch sein mute. Der jngere dagegen war diese
sogenannte junge Excellenz von Harder, die nicht ganz in die Richtung des
Harder'schen Hauses pate. Der alte Vater war ein scharfsinniger und sehr
bedeutender Kopf, dem der ltere Sohn in jeder Hinsicht entsprach; der Jngere
dagegen, frh etwas verwhnt, wurde durch einen Zufall, den der Vater ewig
bereute, fr den Hof erzogen, war anfangs Kammerpage, dann Kammerjunker, zuletzt
Kammerherr und hatte keine andere Bildung sich angeeignet als die, die er auf
Reisen mit dem verstorbenen Monarchen, dem Vater des jetzt regierenden, sich
sammeln konnte. Es war durch die Richtung, die der Kammerherr Kurt Henning
Detlev von Harder nahm, eine groe Spannung zwischen Vater und Sohn eingetreten.
Berhrungen fanden seit Jahren zwischen ihnen nicht mehr statt und konnten es um
so weniger, als sich der wunderliche alte Herr nur auf seine Gerechtigkeitsbung
beschrnkte, in frhern Jahren allenfalls noch nebenbei die Maurerei, die er
sehr liebte, eifrig trieb, gegenwrtig aber auf seine sonderbaren
psychologischen Studien ber die Thierseele, die ihn von den Menschen ganz
abzog, sich beschrnkte. Sptter bei Hofe, die den spter zum wirklichen
Geheimrath und Intendanten der kniglichen Schlsser avancirten Kammerherrn von
Harder nach seinem Geistesgrade kannten, behaupteten, da sein Vater, als dieser
sein Sohn von Reisen mit dem verstorbenen Landesfrsten und besonders von einer
mehrjhrigen Abwesenheit in Paris zurckkehrte, gerade durch das Wiedersehen
desselben auf die Idee gekommen wre, sich knftig nur noch mit den
Geistesanlagen der Thiere zu beschftigen. Ehemalige Sptter behaupteten Das.
Denn wie wir bald sehen werden, in der Nhe des gegenwrtigen Herrscherpaares
durften sich solche Plaisanterien, Wortspiele und kleinen Frivolitten nicht
mehr hrbar machen. Nach anderer Version verdankte Henning von Harder seine
Stellung nicht den Rundreisen mit dem verstorbenen Monarchen, sondern dem
eminenten Geiste seiner Gattin, die zuflligerweise auch seine Schwgerin war.
Die beiden Harders hatten Schwestern geheirathet, die geborenen Freiinnen Anna
und Pauline von Marschalk. Wie Dem auch sein mge - die Zukunft wird uns ber
diese in unsere Geschichte eingreifenden Persnlichkeiten Aufklrung geben - wie
Dem auch sein mge, Se. Excellenz der Geheimrath von Harder war auf dem Schlosse
Hohenberg als Glubiger vom Throne erschienen und hatte in der That den Befehl
zu vollziehen, sich das Mobiliar der verstorbenen Frstin Amanda vollstndig
anzueignen.
    Frst Waldemar von Hohenberg, der Verstorbene, zu allen Zeiten Verschwender
und geldbedrftig, verkaufte nach einer Sinnesart, die wir noch deutlicher
werden kennen lernen, auf seinen Gtern das Ei unterm Huhne und wie dann auch
das Huhn dazu, so auch sogar die letzten Erinnerungen an seine Gattin. Zu diesem
Schritt entschlo er sich einige Wochen vor seinem vor drei Monaten erfolgten
Tode. Wie die Intendantur der kniglichen Schlsser eigentlich darauf kam, sich
so geflissentlich diesen Erwerb anzueignen, war dem Publicum noch ein Rthsel.
Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung, die jedoch Andere gnzlich
in Abrede stellten. Viele sagten, die Einrichtung der Frstin Amanda von
Hohenberg war zwar nicht kostbar, aber sie war sinnig und geschmackvoll. Sie
liebte Rococombeln, sagten die Einen. Im Gegentheil berichtete Frau von
Trompetta (und sie, die zu den Wenigen gehrte, die Hohenberg besucht und sich
der verschollenen frommen Frstin manchmal erinnert hatten, konnte es wissen);
im Gegentheil, ihre Wohn-, Schlaf- und Betzimmer wren ganz in altdeutschem
Geschmack gewesen: man fnde daselbst nur groe Tische und gewaltige Schrnke
mit gewundenen Fen und Sulen, Alles pechbraun oder rabenschwarz gebeizt;
ausgezeichnet, gestand sie zu, sind die Gegenstnde, die auf einem rings an den
Wnden angebrachten zierlichen Holzsimse stnden. Da she man Schnitzarbeiten
von Elfenbein und Hirschhorn, gueiserne Crucifixe, das Abendmahl von Leonardo
da Vinci aus Wachs bossirt, ein Meisterstck von einem tiroler Mnche .... Ja!
fgte die Trompetta in ihrer Weise erregt hinzu, und der vielen Lithophanieen an
den Fenstern und all der bunten Glasbehnge nicht zu gedenken, die ihren Zimmern
einen wahrhaft heiligen, das Gemth sanft zur Ruhe wiegenden Dmmerschein gaben!
Nach dieser Mittheilung der Frau von Trompetta kam dann eine mysterise
Schalkheit dieser Frau. Frau von Trompetta, behauptete man, htte bei einer
Audienz, wo sie die Knigin zur Theilnahme an einem neu von ihr begrndeten
Kleinkinderbewahrinstitute aufgefodert, sich erlaubt, der erlauchten hohen Dame
eine solche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen, da diese eine groe Neigung
fate, die Hinterlassenschaft zu erwerben. Man liebte ja bei Hofe die
Dmmerungszustnde .... Man hllte sich ja so gern in diese bunten Lichter des
Rthselhaften und Ahnungsvollen ein .... General Voland von der Hahnenfeder, der
berhmte militairische Diplomat, hatte ja den Hof und dessen Liebhabereien mit
seinen Sammlungen von Glasmalereien, Elfenbeinschnitzarbeiten, Handschriften
ganz in der Gewalt und auch fr diese Idee, obgleich sie vielleicht von der ihm
nicht sehr zusagenden quecksilbernen Frau von Trompetta angeregt, von dem
geistreichen artistischen Tonangeber, dem Probste Gelbsattel, den Voland wie
alles lutherisch Kirchliche nicht gern zu ppig und breit aufkommen lie,
untersttzt war, lautete sein Votum doch durchaus empfehlend. Fr den Leonardo
da Vinci aus Wachs hatte Voland sogar schon einen Platz in der Privatkunstkammer
des Knigs, wo bereits mehre Kunstwerke standen, die Voland bei seinen Reisen
durch sterreichische Klster gesammelt hatte. So vermutheten die Tiefern, die
Bedeutenden und Ahnungsvollen .... Doch gestehen wir, da es auch noch eine
andere sehr nchterne, kalte und rationalistische Partei bei Hofe gab, die diese
Acquisition ganz vom finanziellen Standpunkte beurtheilte. Diese sahen eine dem
berschuldeten Frsten Waldemar von Hohenberg aus der kniglichen Chatulle
gezahlte Summe von dreitausend Thalern rein als eine einfache Untersttzung an,
die man dem vom hchstseligen Landesfrsten abgttisch verehrten tapfern Husaren
Waldemar von Hohenberg, einem der glorreichsten Haudegen der Armee, in dieser
harmlosen Form wollte zuflieen lassen, und darauf das Mobiliar der Frstin als
eine Verpfndung. Um den Bruder des Knigs, den Prinzen Ottokar, der den
Oberbefehl der Armee fhrte, gruppirten sich Diejenigen, die sich fr diese
nchterne Auslegung verbrgen wollten und die Mission des Geheimraths Henning
von Harder zu Harderstein als eine einfache, nur dem kniglichen Kmmerer, der
die Chatulle verwaltete, bekannte finanzielle Eintreibung einer verfallenen
Schuld ansahen.
    Dann begreif' ich aber nicht, hatte Bartusch, das Factotum des Justizraths
Schlurck zu diesem noch vor einigen Tagen auf Schlo Hohenberg gesagt, dann
begreif' ich nicht, wie Herr von Harder mit so ungestmer Eile, mit so
ngstlicher Sorgfalt von dem Inhalt dieser drei Zimmer Besitz nehmen konnte. Wie
rasch die Siegel an die Zimmer gelegt wurden! Kaum, da der Frst die Augen
geschlossen, lag schon das Siegel der Hofkanzlei auf Thr und Fenster. Jetzt,
statt einfach einen Commissar zu senden und den Inhalt auf Treu und Glauben
verladen zu lassen fr dasjenige Schlo, wohin jene Schnurrpfeifereien nun
bestimmt sein mgen, kommt die Excellenz da mitten in der Nacht in hchst
eigener Person, einen Tag darauf folgt ein groer Meubles- und Transportwagen,
wie fr ein Paar Elefanten, und jetzt soll Einer die Angst sehen, mit der zwei
Bediente ber die drei Zimmer wachen, da auch nicht eine Stecknadel hinaus
kann. Was steckt dahinter?
    Sie kennen, hatte dagegen Schlurck zu seinem treuen Bartusch gesagt, Sie
kennen die ngstliche Gewissenhaftigkeit dieses musterhaftesten aller
Staatsdiener. Henning von Harder, der nichts von Dem sehen und hren will, was
die nrrische Pauline in seinem Hause tglich anrichtet und in der Welt schon
Alles angerichtet hat, wei dennoch mit genauester Bestimmtheit, ob gerade in
dieser Minute ein Rhododendron in dem kniglichen Schlosse zu Buchau am Rheine
blht oder geblht hat oder blhen wird. Dieser Mensch ist eine Uhr. Im Gefhl
seiner Pflicht einmal aufgezogen, schnurrt er sich in mathematischer Genauigkeit
Minute um Minute ab, bis er sich mit dem Gefhl seiner Wrde wieder neu aufzieht
und wieder da anfngt wo er geendet hat.
    Hm! Hm! Hm! hatte damals der kluge und schlaue Vertraute aller
Schlurck'schen Geheimnisse fr sich in den Bart gebrummt und dann noch diese
oder jene Vermuthung einstreuen wollen ..... Schlurck aber hatte kurz vor seiner
schnellen Abreise nach der Residenz einfach die Weisung gegeben:
    Bartusch, behandeln Sie die Excellenz mit all der Achtung, die ihrem
einflureichen Stande, noch mehr aber der gefhrlichen Intrigue seiner uns sonst
innigst zugethanen Frau gebhrt! Ich wrde frchten, nicht mehr lachen zu
knnen, wenn diese leicht verletzbare Frau, die mich jetzt verehrt und schtzt,
zufllig meine Feindin wrde. Lassen Sie ihn die besten Zimmer bewohnen, bieten
Sie den beiden Schlingeln von Bedienten die freundlichsten Worte und getrost
soviel Wein wie sie wollen. Mein Princip ist auch das, immer die Huser von
unten aufzubauen. Wissen Sie noch, Bartusch, ich habe darber einmal in der Loge
zu den drei Triangeln eine Rede gehalten, als das beste Princip aller znftigen
und unznftigen Maurerei? Mit der brigen Gesellschaft, die sich hoffentlich
auch bald verzieht, wird sich der vornehme Herr wenig in Gemeinschaft setzen.
Darauf aber mach' ich Sie aufmerksam: Einen gewaltigen Fehler hat er - alle
kniglichen Grtnermdchen wissen davon zu erzhlen - der schon alte Knabe ist
sehr verliebt. Melanie liebt Spe ... und die, hoff' ich, werden nicht in Ernst
ausschlagen. Ich will keinen Kastellanposten in Buchau oder Sansregret oder
Solitude haben, verstehen Sie, Bartusch! Sagen Sie Melanie Das: Ihr Vater will
nicht kniglicher Schlokastellan werden. Und noch Eins! wenn die Zimmer
geffnet sind, so behalten Sie ...
    Die Familienbilder, fiel Bartusch mit Nachdruck ein.
    Wohl, sagte Schlurck, die Familienbilder. Denn die Clausel steht in der
Verkaufsurkunde: die Familienbilder gehen smmtlich an den Prinzen Egon zurck.
    Damit hatte sich Schlurck seinem treuen Geschftsbeistand Bartusch empfohlen
und in der That raffte Dieser, ein sonst nicht sehr glatter, wenn auch
geriebener Weltmann, alle ihm ungewohnten, nur aus alten dienenden Zeiten ihm
erinnerlichen Hflichkeitsformen zusammen, um gegen den Intendanten der
kniglichen Schlsser und Grten mglichst unterwrfig zu sein. An diesem
Morgen, nach Schlurck's rascher durch irgend ein ihm unbekanntes Erlebni
veranlaten Abreise hatte Herr von Harder die drei Zimmer ffnen und mit
Untersttzung des Justizdirectors von Zeisel, der unten in Plessen wohnte, ein
Inventar aufnehmen lassen, das mit dem vom Frsten Waldemar vor nunmehr etwa
fnf Monaten bergebenen verglichen wurde und stimmte. Das Geschft war im Laufe
des Vormittags beendigt. Die Verpackung sollte morgen vorsichgehen und den Tag
darauf wollte Herr von Harder abfahren, als Sauvegarde jenes ungeheueren
Transportwagens, der unten noch im Dorfe stand. Man htte glauben sollen, die
unruhige Gesellschaft, die eben das Schlo bewohnte, mte ihm bei dieser
wichtigen Staatsaction sehr strend gewesen sein und Bartusch, der eben zu ihm
herantrat, als er die alte Brigitte und den greisen Winkler durch seine
Herablassung so glcklich gemacht hatte, sagte auch:
    Ew. Excellenz werden froh sein, endlich einmal einen ruhigen Augenblick
genieen zu knnen.
    Der Intendant lchelte und meinte bedeutungsvoll:
    Hm!
    Bartusch entschuldigte den verwahrlosten Zustand des Gartens, der einem
Kennerblick gewi sehr misfallen msse.
    Hm! Hm!.. Bleiben recht lange aus; war darauf die ganze Antwort.
    Bartusch wute aus Schlurck's groer Praxis, da vornehme Menschen selten
auf Das Acht haben, womit sie Einer zu unterhalten sucht, und ahnte sogleich,
da Excellenz einen andern Gedankengang verfolgten. Es war, Das sah er wohl, die
Cavalcade gemeint, der Dankmar im Walde begegnet war.
    Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart
verschnern, bemerkte Bartusch unterthnigst.
    Abendcirkel? wiederholte der Intendant. Wie gestern so etwas? Hm!
Gesellschaft - ein Bischen gemischt - Was?
    Leider! sagte Bartusch, sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der
Mauer sich hinziehenden Strae hinausblickenden Cavalier anschlieend. Das
bemerk' ich nirgend mehr als in meinen Bchern, wo wir nun diese schreckliche
Confusion einer hchst zerrtteten Verlassenschaft zu ordnen haben. Da stehen
Jud' und Christ nebeneinander, Civil und Militair, Kaufmann und Handwerker, wer
nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte.
    Der Intendant lchelte wieder und meinte:
    Recht schlimmer Herr gewesen - der Frst Waldemar Durchlaucht; - aber viel
Bravour im Kriege gehabt - hoch gespielt in den Bdern - aber - hchstselige
Majestt ihn sehr geliebt - bewundernswrdiges Attachement gewesen ....
    Und die Damen, nicht wahr, Exzellenz? bemerkte Bartusch lauernd. Auch davon
wissen die Bcher in Zahlen zu erzhlen, die in alle Brche gehen.
    Der Intendant erwiderte hierauf blos ein schmunzelndes Lcheln, was indessen
einer jener Gesichtszge war, mit denen er in gewissen Fllen Ermuthigung
bezeichnen wollte.
    Die Tnzerin Persiani! sagte Bartusch; die Polin Sobolewska - die
Kunstreiterin La Houppe - die drei Wandstablers - Dore, Flore, Lore -
    Ein leichtes Meckern, ziegenartig, verrieth, da Excellenz sich dieser Namen
wohl erinnerten und piquanten Antheil nahmen. Doch schien sie das Gehen zu
echauffiren. Herr von Harder nahm den feinen weien Castorhut ab und strich
einige mal sehr behutsam ber seine auerordentlich glatt anliegende Tour vom
glnzendsten pariser Bagnohaar ... ein sehr schnes sdeuropisches Schwarz
bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest ... Herr von Harder war zwar schon in
den Sechzigen, doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jngern
Mannes bewahrt und konnte auf den ersten Blick jeden Prfer zweifelhaft lassen,
ob er ihn der noch anspruchsvollen, unternehmenden Generation zurechnen sollte
oder der schon entsagenden.
    Er fing nun von der Gesellschaft an.
    Da ist eine Frau von Pfannenstiel ... Wer ist Das? fragte er.
    Madame Pfannenstiel? antwortete Bartusch achselzuckend; Wirthschaftsrthin.
    Nicht ble Frau - ein bischen dumm. Was?
    Excellenz wissen in diesem Punkte gewi das Richtige zu treffen ....
    Aber reich?
    Leider!
    Wie so leider?
    Weil sie Geld hat, ist sie hier. Dumme Menschen sind lstig. Mir wre
lieber, ihr Mann wre da. Es lt sich leben mit ihm.
    Warum ist der Mann nicht da?
    Wagt's nicht. Da er frher hier wirthschaftete und das Volk geschunden hat,
wie seinen armen Frsten, so traut er sich nicht herzukommen.
    Ah! ... Madame Schlurck ist eine charmante Frau ... fuhr der Geheimrath
fort, der nun gesprchiger wurde.
    Bartusch schlug die Augen nieder, aus Grnden, die der Geheimrath nicht zu
kennen schien und die auch wir erst spter kennen lernen werden.
    Die muntere Blondine ... sehr charmant ....
    Frau von Snger ....
    Frau von? ...
    Frau von Snger, die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von
Snger. Sind nach Randhartingen zurckgereist.
    Wohin?
    Randhartingen, Excellenz! Dort hinber - zwei Stunden weit - rechts beim
Ullagrund.
    Ah! ... Allerliebste Frau.
    Bartusch lie dem Geheimrath Zeit, sich zu besinnen. Er kam, da er eine
junge erwhnt hatte, jetzt auf eine ltere.
    Die magere? sagte er.
    Welche, Excellenz?
    Die mit der - die mit dem - die ...
    Mit den groen Zhnen, wenn sie lacht ....
    Ah!, Ja!
    Frau Pfarrer Stromer.
    Keine schne Frau.
    Gute Frau. Hat viel Kinder.
    Und die starke? Wissen Sie, die kleine runde!
    Frau von Reichmeyer, die Schwester des Herrn Lasally ...
    Nein, die nicht!
    Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel, eine geborene von
Nutzholz-Dnkerke.
    Nutzholz-Dnkerke? Gute Familie! Apropos. Was will denn der famose
Stallmeister Lasally hier?
    Der Geheimrath fragte fast unmuthig und nicht ohne besondern Nachdruck.
    Es ist des Commerzienraths Schwager, Bruder der Frau von Reichmeyer, wie Sie
vielleicht wissen; Reichmeyer hat 50.000 Thaler noch von der groen Lotterie her
zu fordern ....
    Lasally hat doch wol schwerlich dabei eingeschossen ... meinte der
Geheimrath; sein Stall ist ja, soviel ich wei, sequestrirt; seine Pferde auf
dem Rennen gewinnen nicht mehr. Lasally mu ganz im Misre stecken ....
    Wei ich nicht, antwortete Bartusch diplomatisch - die Pferde, die er
mitbrachte, reiten sich gut. Dies bemerkte gestern Frulein Melanie ....
    Hat Pferde mitgebracht! Famose Idee! Warum - Pferde?
    Man glaubte, der Aufenthalt wrde sich in die Lnge ziehen, man rechnete auf
ein frhliches Beisammenleben. Da sollten Blle gegeben werden, soweit die
Jahreszeit und die plessener Musik das Tanzen mglichmachte, da sollte gehpft,
gesprungen, gesungen und geritten werden. Jeder versprach seine rosenfarbene
Laune mitzubringen und Freunde, soviel deren von vertrglicher Sorte nur
aufzutreiben waren. Was ist nun geworden? Einer versteht den Andern nicht und
mit Schlurck's Abreise ist Alles wie auseinandergesprengt.
    Der Intendant sagte:
    Brave Leute Das hier, aber kein Ton! Graf Bensheim, Frau von Sengebusch
eingeladen - wie war Das mglich! Pure Dissonanz! Haltung - Haltung ist viel -
sehr viel ist Haltung. Feste zu arrangiren, erfodert Kopf und wie gesagt ....
Geburt ....
    Was Feste arrangiren heit, sah man am letzten Geburtstage der Knigin,
bemerkte Bartusch mit hflicher Verbeugung. Das arkadische Schferfest suchte
seines Gleichen, Excellenz ....
    Recht schn gewesen, uerte der Intendant geschmeichelt und fast
gleichgltig. Ich war wegen der Costms selbst in Dresden - wissen Sie - um mir
die Porzellansammlung anzusehen. Alle Menschen ... sehr hbsch wie von Porzellan
gewesen - war sehr niedlich und richtig! Alles nach echtem meiner Porzellan.
Professor Lders hat Alles sehr richtig gefunden.
    Nur eine Stimme darber! bemerkte Bartusch. An uns gewhnliche Menschen
kommt davon nur so ein Blick durchs Gitter und auch der ist verboten; aber
Excellenz sollen sich in dem Porzellanball wirklich selbst bertroffen haben.
    Als der Intendant lchelte, verbeugte sich der schlaue Graurock, der es in
der Kunst, mit allerlei Gemenschel, wie er zuweilen verchtlich sagte,
umzugehen, weit gebracht hatte. Doch kaum hatte er sich empfohlen, kehrte er, da
er Etwas vergessen zu haben schien, zurck und sagte zu dem Intendanten, der
seinen Blick unverwandt in die Gegend schweifen lie, von wo die Cavalcade
zurckkehren mute:
    Noch ein Wort, Excellenz. Die Bilder wollt' ich doch gehorsamst erinnert
haben -
    Bilder? Was fr Bilder?
    Die Familienbilder! - Morgen bei der Verpackung! betonte Bartusch.
    Welche Familienbilder? sagte Herr von Harder pltzlich mit Amtsmiene und
fast ungehalten.
    Bleiben bei der Masse - testamentarische Verfgung -
    Wei Alles. Schon gut -
    Drft' ich mir erlauben, diese Stcke an mich zu nehmen und zur weitern
Verfgung zurckzubehalten?
    Verfgung? Zurckzubehalten? Wer verfgt? Ich verfge!
    Bartusch erstaunte ber diese kategorische Antwort, die von einem so bsen
Blick begleitet war, da die ganze freundliche Herablassung des vergangenen
Gesprchs wie in Nichts verronnen erschien. Bartusch stand einen Augenblick
rathlos, ob er unterwrfig bleiben sollte oder entschieden auftreten. Noch zog
er den ersten Ton vor und sagte:
    Excellenz kennen des seligen Frsten letzte Bestimmung, da die
Familienbilder von dem Kauf ausgeschlossen sind. Es war das Gewissen, das aus
ihm sprach, die Ehre ....
    Familienbilder! sagte der Intendant mit groem Nachdruck, und verrieth durch
seine Sicherheit, da er hier nicht aus sich, sondern nach einer Instruction
sprach. Se. Majestt werden den letzten Willen Sr. Durchlaucht wohl zu ehren
wissen, ... indessen, mein lieber Herr - was reden Sie von Gewissen, von Ehre?
Herr - ...
    Bartusch! ergnzte dieser, als der brske Intendant den Namen suchte.
    Bartusch, mein lieber Herr Bartusch! Der Intendant sprach diese Worte mit
einem Anflug von Schlauheit, der den starren Zgen etwas hhnisch Lchelndes gab
- Was sind Familienbilder?
    Bilder der Frstin, des Frsten, des Prinzen Egon - fiel Bartusch erregter
ein.
    Haben Sie den Frsten gekannt?
    Ich denke wol - antwortete Bartusch malitis.
    Die Frstin haben Sie nicht gekannt.
    Wenn nicht ich, so kennt sie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind.
    Kind ... im Dorfe? Ist das eine Autoritt? Eine Autoritt fr einen
allerhchsten Specialbefehl, den ich zu vollziehen die Ehre habe? Kannten Sie
die geborene Grfin von Bury, welches die Mutter der Frstin gewesen ist?
Kannten Sie den k.k. sterreichischen Generalfeldzeugmeister Grafen von
Hohenberg, der in zweiter Linie mit dem Frsten von Hohenberg Durchlaucht
verwandt war? Familienbilder sind ein sehr allgemeiner Begriff - mein lieber
Herr Bartusch - ein sehr allgemeiner. Man wird die Bilder nach der Residenz
nehmen, alle - alle - alle - und Prinz Egon, Prinz Egon wird entscheiden, welche
davon zur Familie gehren oder nicht. Haben sie verstanden, Herr Bartusch? ...
Wer verfgt? Ich verfge! Verstanden?
    Mit diesen kurz abgestoenen, kalten, schneidenden, bsen Worten entfernte
sich der vornehme impertinente Mann. Bartusch hatte Mhe, ansichzuhalten. Er
besa Verstand genug, einzusehen, da diese berlegung nicht aus Herrn von
Harder's Kopfe kam, sondern der Wortlaut einer ausdrcklich ihm gegebenen
Instruction war. Die Wendung, die so krftig betont wurde: Familienbilder sind
ein allgemeiner Begriff entsprach den Begriffen des Intendanten keineswegs.
    Das hat ihm Jemand so oft vorgesagt, bis er das schwere Wort behielt und
sich Etwas darunter vorstellen konnte! murmelte Bartusch vor sich hin, und in
der berzeugung, da es mit den Zimmern der Frstin eine doch sonderbare, seine
ganze Neugier spannende Bewandtni haben msse, lenkte er nachdenklich seinen
etwas schlorrenden und schleichenden Schritt dem Tempel zu, wo er mehre von den
Damen, die jetzt das Schlo bewohnten, Andere, die es eben besuchten, erblickte,
wie sie nickend mit Tchern in die Ferne wehten. Dieser Gru galt Melanie und
ihren Begleitern, die soeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe
zurckkehrten.

                                 Elftes Capitel



                                Melanie Schlurck

Das war ein Lrmen, ein Lachen, ein Jubeln, als die schne Amazone vom hohen
Sattel gehoben wurde und die dampfenden Pferde um sie her im Hofe des Schlosses
stampften und wieherten. Reichmeyer's und Lasally's Bediente und Jockeys hielten
die Renner am Zgel und fhrten sie nach den unten am Fue des Berges gelegenen
Stllen zurck, nicht ohne dazwischengeworfene, den Pferden gespendete
Liebkosungen oder Scheltworte, jenachdem die Reiter mit ihren Thieren zufrieden
gewesen waren oder nicht.
    Die Thiere gingen  merveille! rief Melanie unter fortwhrendem Gelchter,
das dem klagenden und trostlosen Commerzienrath galt; man mu nur reiten knnen!
    Arme Laura, sagte sie zu dem von Reichmeyer gerittenen Pferde, es
streichelnd; du hattest es so gut mit deinem Reiter im Sinn! Er sollte dir deine
Gedanken ablauschen und du lauschtest sie ihm ab. Du sprangst, du stutztest vor
jedem Ast, du schlugst mit den Ohren hochauf, wenn ein Vgelchen geflogen kam,
du schwenktest dich anmuthig nach der rechten Seite hin, wenn auf der linken ein
Hund kam und bellte, und alles Das will die gefhlskalte Geldseele jetzt nicht
anerkennen und schilt dich, arme Laura! Fliehe die Commerzienrthe! Diese
Menschen verstehen nicht, was sensible Naturen sind.
    Die ltern Damen, die unten im Tempel gewartet, hatten sich auch inzwischen
oben am Schlosse eingefunden und begrten die ziemlich lange Ausgebliebenen in
dem hintern Hofe.
    Ohne Spa, sagte der Commerzienrath zu seiner ihn ngstlich anblickenden
Gemahlin, einer Dame in rauschenden Stoffen, ich habe meine Noth gehabt. Man hat
mir bei Gott das wildeste Pferd gegeben. Eugen htte auch mehr Einsicht haben
sollen.
    Frau von Reichmeyer warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder, den
Stallmeister Lasally, der sich indessen nur mit Melanie beschftigte und dieser
Querelen nicht achtete.
    Ging es mir denn besser? sagte der Justizdirector von Zeisel, eine lange,
hagere Figur mit grauen Haaren und zugeknpftem blauen Frack mit gelben Knpfen,
eine Bureaugestalt voll Hflichkeit und geschmeidig. Ging es mir denn besser?
Mir platzte der Sattelgurt! Denken Sie sich, Frau Justizrthin, mein Malheur,
wie ich pltzlich ins Schwanken gerathe und auf meinem Fuchs hin- und
hertaumele. Ist mir nur in jngern Jahren passirt! Die Geistesgegenwart des
liebenswrdigen Herrn Eugen hat mich gerettet, sonst wr' ich, ich kenne Das,
vielleicht geschleift worden.
    Billigerweise htte Frau von Zeisel, geborene von Nutzholz-Dnkercke, die
sich gleichfalls unter den Begrenden befand, diesem mglichen und glcklich
abgewandten Unglck ihres Gatten die theilnehmendste Aufmerksamkeit schenken
sollen, aber die noch sehr anmuthige und von den runden wohlgenhrten
Krperformen noch jugendlicher, als sie war, aussehende kleine Frau nahm wenig
Notiz davon und berlie es der guten Madame Schlurck, die Mglichkeiten eines
solchen Unfalls theilnehmend zu durchdenken, whrend sie mit dem inzwischen
herzugetretenen Bartusch sprach und sich ber das betrbende Ereigni der
pltzlichen Abreise des immer so liebenswrdigen und jovialen Justizraths
Schlurck nicht trsten konnte.
    Eine sehr unbedeutende und nur mit lchelndem Nichtssagen zugaffende Rolle
spielte die reiche Madame Pfannenstiel, geborene Drossel, die die frhere
Wirthschaftsinspectorin nicht verleugnen konnte, trotz ihrer dicken goldenen
Erbskette und der gromchtigen Brillantuhr, die sie fast bis unten auf die
Hfte ihres schmchtigen Krpers trug.
    Melanie war die Seele dieses bunten Kreises, den das Geld hier
zusammengewrfelt hatte. Geist, Neigung, hatte sie frher gesagt, bringen
Gleichartiges zusammen. Das Geld kann nur Vermittler des Zuflligen sein. So
beschlo sie denn, Geist und Neigung in diese widerstrebenden Elemente zu
bringen. Es gelang ihr aber nur theilweise und durch nichts Anderes als durch
ihre eigene Persnlichkeit.
    Wie reizend stand sie da im Schlohofe! Das lange, enganschlieende
Reitkleid war von einem silbergrauen leichten Stoffe und lie die lieblichsten
Formen der schnen Gestalt bewundern. Von der Halskrause, die ber dem ganz oben
geschlossenen Kleide zierlich gefltelt lag, bis zu den Hften herab zeigte sich
das schnste Ebenma der uern Bildung. Die Schultern hoch und gerundet. Wenn
sich der holde, liebliche Kopf, mit den braunen brennenden Augen, dem schnen
Munde und den weien Perlenreihen der Zhne lchelnd ber die Schulter wandte,
gab der Winkel, der sich dann aus dem Kopf und der Schulter bildete, die reinste
Schnheitsform. Halb noch auf den schwarzen, hinten ber Flechten
zurckgekmmten Locken, sa ein kirschrothes, silbergesticktes kleines
Sammtgewinde, ber dem der Reithut mit blauem Schleier gebunden war. Lngst
hatte sie diesen Hut weggeschleudert. So hoch Melanie und fast mit dem Wuchse
der Pappel aufgeschossen war, so behend lieen doch ihre Bewegungen. Ihr Fu
schien kaum den Boden zu berhren, so schwebte sie dahin, mit der linken Hand
die lange Schleppe des Kleides nach vorn an sich drckend, mir der Rechten die
am Griff von blauen Steinen geschmckte elegante Reitpeitsche in die hohe
krftige Hfte stemmend. Mit innigster Herzlichkeit gab sie ihrer Mutter einen
Ku, worauf sie den Kopf in den Nacken warf und mit komischer Feierlichkeit
erklrte:
    Ich danke Ihnen, meine Herren, fr Ihre ritterliche Begleitung! Sie haben
Noth und Gefahr mit mir getheilt!
    Sie haben, als wir im Walde einem scheu gewordenen Einspnner, auf dem zwei
Handwerksbursche sich vom Fuwandern auszuruhen schienen, begegneten, die
mgliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Rosse muthvoll berstanden! Sie
haben an der Frsterwohnung vor einer alten roth- und weihaarigen Hexe, die
alle Pferde stutzigmachte, hochherzigen Muth bewiesen. Sie haben sich wrdig
gezeigt, von mir, der dermaligen Frstin von Hohenberg, heute Abend beim Thee zu
meinen Cavalieren und Vasallen geschlagen zu werden. Ich hoffe, da Keiner
meiner Getreuen fehlen wird! Und damit seid Ihr fr jetzt entlassen!
    Die Herren applaudirten. Melanie entschlpfte in eines der unten geffneten
Schlofenster und verschwand. Die Gesellschaft trennte sich vorlufig mit dem
Versprechen, um acht Uhr an den geffneten Fenstern der Zimmer, die Schlurck fr
die Seinigen gewhlt hatte, sich zum Genu der milden Abendluft und zum Thee zu
versammeln. Die Einen begaben sich in den Garten, die Andern ins Schlo, Andere
wandten sich hinunter dem Orte zu.
    Mit groem Wohlgefallen hatte diese Scene von fern der Geheimerath Henning
von Harder beobachtet. Se. Excellenz standen am offenen Fenster eines der ihm
zur Disposition bergebenen Zimmer der verstorbenen Frstin und kniffen eine
goldene Lorgnette so scharf in die Augenhhle, da ihm auch keine Miene der
schnen und verlockenden Melanie Schlurck entgehen konnte. Als sie sprach mit
ihrem wohllautenden, vollen, aus der Brust quellenden Organe, bedeutete er seine
beiden Bedienten, Ernst und Franz - die auf dem Futeppich saen und hmmerten
und packten -, einen Augenblick in ihrem Diensteifer innezuhalten. Er verschlang
Melanie's Worte und tuschte sich dabei keineswegs in der Voraussetzung, da sie
sich von ihm beobachtet glaubte. Er gehrte zu den Mnnern, die sich in ihrer
Jugend wol hatten sagen knnen: Du bist glcklich bei den Frauen, weil du eine
schne Gestalt hast und eine gewisse Kunst sie geltendzumachen. Sein Haar war
einst lockig gewesen, sein Auge nicht ohne Feuer. Er konnte diese Triumphe
seiner Jugend nicht vergessen. Daher kam es, da er an Jahren zunehmend, immer
wieder einen neuen Reiz an sich zu entdecken glaubte, der ihm ebenso fesselnd
vorkam, wie es frher seine Jugend gewesen war. Nur schlimm, da er diesen Reiz
nicht in geistigen Dingen, sondern in uerlichen fand! Geist verleiht dem
uern des Mannes mit den Jahren einen vernderten Ausdruck, der wol die Frische
der ersten Jugend ersetzen kann. Die Liebe des Jnglings ist eine andere als die
des Mannes und wer wrde so oberflchlich und sinnlich sein, die Poesie und die
fesselnde Schwrmerei allein nur dem zwanzigjhrigen Blute zuzuerkennen? Im
Gegentheil mischt sich in die erste se Liebe des Jnglings nur zu wild und
bitter oft die Ghrung der noch unfertigen Charakterbildung, whrend eines
lteren Mannes Liebe eine Kette reinster Hingebung, uneigenntziger Aufopferung
und jener hhern Poesie sein kann, die aus einem gebrochenen wehmthigen
Bewutsein fliet. Mit diesen Erscheinungen hatte das noch immer lodernde Feuer
des fast sechzigjhrigen Henning von Harder zu Harderstein nichts gemein. Er
gehrte zu den Thoren, die im zwanzigsten Jahre ihre Eroberungen auf ihre
wirkliche Schnheit fuen knnen, im dreiigsten auf das Glck dieser Schnheit
und den Ruf ihrer Eroberungen, im vierzigsten Jahre aber schon nur noch auf ihre
gesellschaftliche Stellung und gewisse jugendliche Reminiscenzen, vom
funfzigsten an aber auf die verzweifeltste Eitelkeit, die sich an diesen oder
jenen kleinen Rest frherer Vorzge klammert, an eine weie kleine Hand, einen
zierlichen kleinen Fu und hnliche, in den meisten Fllen auch unleugbare
Vollkommenheiten, die aber einen ganzen Menschen nicht mehr ersetzen knnen. Der
Geheimrath hrte nichts lieber, als da er eine schngeformte Nase und niedliche
kleine Hnde htte. So manche verschmitzte Coquette, die nach seinem durch
Pauline von Marschalk erworbenen Reichthum blinzelte, konnte ihn in jugendliche
Flammen und wahnsinnige Trume versetzen, wenn sie seinen niedlichen kleinen Fu
lobte. Manche versicherten, da man auch durch das Lob seiner kleinen Ohren eine
Wirkung auf ihn hervorbrachte. Sie waren in der That niedlich, diese Ohren. Kein
Spiegel bestritt diese Wahrheit. Warum sollte er nicht sonst noch allerlei
Fesselndes besitzen, da er doch dies Eine, die Werkzeuge des Hrens, wirklich in
einer so unbestrittenen Vollkommenheit besa! Hier nun vollends auf Hohenberg,
wo er, zur Entschdigung fr eine lstige Reise, zu der ihn mit sonderbarer
Bestimmtheit seine ihn, wie noch viel andere Menschen beherrschende geistreiche
Gattin gezwungen hatte, das Zusammentreffen mit einer der gepriesensten
Schnheiten der Residenz geno, hier hielt er einen angenehmen Eindruck auf
Melanie Schlurck fr um so leichter, als er einerseits mit nicht ganz
kurzsichtigem Auge entdeckt hatte, da dies eigene Mdchen gewohnt war, ber
gewhnliche Grenzen hinauszugehen, und andererseits seine gesellschaftliche
Stellung die aller brigen Besucher des Schlosses beiweitem berragte. Er stand
ja doch, dachte er, dem Landesfrsten auerordentlich nahe, war ja durch
unbedingt gehorchende knechtische Umgebung himmelwrts hier erhaben, strahlte ja
durch uere Haltung wie immer so auch hier im Vollglanze seiner mit Orden
emaillirten Excellenz und fate in der That um so rascher eine Flamme fr
Melanie, als dies kluge Mdchen bereits beim ersten Zusammentreffen seine weie
Hand, den zierlichen Fu und sogar schon das Profil seiner Nase bewundert hatte.
Sie entdeckt, hatte er sich im Stillen gesagt, sie entdeckt gewi auch noch
meine Ohren! Er wiederholte sich diese Hoffnung mit Wohlgefallen, als ihn einer
seiner Bedienten darauf aufmerksam machte, da das Frulein merkwrdig oft nach
Excellenz sich erkundigt htten, als Excellenz heute frh mit der Registratur
des Nachlasses der Frstin Amanda beschftigt gewesen wren ....
    Nur eine Persnlichkeit war ihm bei der schnen Hoffnung eines Erfolgs ein
gefhrlicher Nebenbuhler, jener Schwager des Commerzienraths von Reichmeyer,
Eugen Lasally. Dieser nicht mehr ganz junge Mann war ein ffentlicher Charakter
der Residenz. Vllig abweichend von Dem, was christliche Spottsucht ber die
Juden einmal festgestellt zu haben glaubt, war Eugen Lasally im Gegentheil eine
hchst chevalereske Erscheinung. Nicht gro, von behendem Krperbau, leichten,
zarten Gliedern, hatte er sich frh eine groe Fertigkeit in Leibesbungen
erworben. Er scho, focht, ritt auf eine Art wie der gebteste junge Dandy der
vornehmen Welt. Seine ltern gehrten den ersten jdischen Familien an und
htten ihm gern die bliche artistische Bildung dieser Kreise gegeben, ihn zum
Maler, zum Musiker bestimmt. Doch zeigte Eugen fr diese Berufswege nicht die
geringste Empfnglichkeit, ebenso wenig wie zum mercantilischen Fache oder zu
irgend einem wissenschaftlichen Studium. Als seine ltern starben, ging sein
ererbtes Vermgen sehr rasch auf die Lebensweise hin, die er seit seiner ersten
Selbstndigkeit ergriffen hatte. Cavalerieoffiziere, junge Stutzer, Adelige
waren sein alleiniger Umgang. Durch eine Reihe muthig bestandener Duelle hatte
er gelernt, sich in dieser Sphre zu behaupten, und als er durch Spiel und
Vergngungssucht an den Rand des Abgrundes gebracht, von seinem Schwager
Reichmeyer nur noch soviel erhielt, um aus einem der ersten Wettrenner fast in
Verzweiflung erst ein Pferdekenner, dann ein Pferdehndler und zuletzt
Errichter einer Reitschule zu werden, blieben ihm seine alten Gefhrten getreu.
Das Pferd ist auch darin ein so edles Thier, da es fast Alles adelt, was mit
ihm umgeht. Ein Bedienter mag sich hher dnken als ein Bereiter. Mehr Muth und
mnnliche Entschlossenheit, mehr Charakterstrke findet sich gewi bei Letzterm.
Eugen Lasally war als Besitzer einer Reitbahn und was damit zusammenhngt sogar
Pferdeverleiher, doch nur um so enger mit einer gewissen fashionablen
Gesellschaftsclasse im Zusammenhang, und wre nicht sein aristokratischer Tic
gewesen, seine Sucht in Allem und Jedem es mit seinen Freunden aufzunehmen, der
alte Levi, den er sich aus einem mecklenburgischen Pferdemkler zum ersten
Bereiter umgeschaffen hatte, wrde ihn gewi durch seinen Flei und seine
Umsicht und kluge Geschftskenntni oben erhalten haben. Er war aber im Sinken
begriffen. Die Verzweiflung, da ihm seine Plane nicht gelangen und er von
Glubigern unablssig gehetzt wurde, machte ihn oft zornig und gab ihm einen
menschenscheuen finstern Charakter, der zuweilen ins Brutale ausartete. Er war
auch gefrchtet wie der schlimmste Gast.
    Als auch ihn der Intendant der kniglichen Schlsser und Grten so mismuthig
durch die Lorgnette betrachtete und dabei die hchst vernnftige Vermuthung
uerte, da ihn wol hauptschlich die Speculation auf Melanie's groes Vermgen
an diese bunte kleine Schlange fesselte, sagte eben Eugen zu einem seiner
Jockeys, der die Pferde hinbergefhrt hatte und nun heraufkam, um die Kche zu
besuchen:
    Kannst du dich nicht entsinnen, Jack, was mit dem Einspnner im Walde war?
    Der Einspnner? wiederholte Jack, ngstlich vor dem immer misgestimmten, zum
Zorn gereizten Herrn ....
    Kannst nicht hren? sagte auch Dieser sogleich aufbrausend. Der Einspnner
im Walde - es sprang Einer vom Bock herunter - ich hab's deutlich gesehen - hast
du die Augen zugehabt?
    Als der peitschenscheue Jack sich noch nicht recht zu besinnen vermochte,
sagte Eugen Lasally:
    Er ist ein blinder Hess'! Scher' Er sich!
    Jack wollte gehen ....
    Lasally rief ihn noch einmal zurck und schwang die Reitgerte.
    Jack blieb in einiger Entfernung.
    Fhre die Laura, sagte dieser, in die Schmiede unten! Das Thier hat Etwas.
Es quihnt. Die Rackerei mit schlechten Reitern schadet einem guten Pferd. Es
wird selbst ngstlich, wenn Einer auf ihm Angst hat. Der Schmied soll der Laura
Rhabarber geben. Aber mit dem Alten sprich -
    Mit dem Blinden?
    Mit Dem! Der Blinde ist pfiffiger als der Junge, der taub ist.
    Jack, zwar rgerlich, da er nicht in die Kche konnte, wo Melanie's
Mdchen, Jeannette, die Manieren ihrer Herrin nachahmte und unter der
Dienerschaft ebenso belebend und animirend wirkte, wie Melanie in ihrem Kreise,
wandte sich jedoch gleich wieder um, sklavisch ergeben, stieg wieder den
Schloberg abwrts und wollte die Laura in die Schmiede bringen.
    Lst die Laura keine Minute aus dem Auge! rief ihm Lasally noch nach.
    Wie Jack ging, wandte sich Lasally an Bartusch, der gerade vorber wollte:
    Wissen Sie, wen ich im Wald gesehen habe, Bartusch?
    Eine alte Hexe, hr' ich ja.
    Lieber den Teufel selbst, sagte Eugen - Hackert hab' ich gesehen.
    Ach! meinte Bartusch mehr komisch als ernst verwundert; was denken Sie?
    Ich gebe Ihnen mein Wort! Nehmen Sie's mit der Canaille nicht so leicht!
    Wie kme Hackert ...
    Ich will beschwren, da auf einem kleinen Einspnner Hackert sa und als er
uns bemerkte, ins Dickicht sprang ....
    Da dich -! Aber was wre dabei zu frchten?
    Zu frchten? Seit dem Abend ... seit dem Vorfall hinterm Zaune ... in der
Knigsvorstadt ...
    Es war auch arg genug, Herr Lasally!
    Arg? Ich begreife Euch nicht! Ihr schont diesen Menschen.
    Schonen, Herr Lasally? ...
    Es kommt mir vor, als htte Schlurck Angst vor ihm ....
    Herr Lasally!
    Ihr werft den Schlingel aus dem Hause und habt eine Zrtlichkeit fr ihn
....
    Zrtlichkeit?
    Er mu Euch in Hnden haben ....
    Uns? In Hnden? Weil ihm Schlurck Vertrauen schenkte?
    So etwas. Alle denkt Ihr an den Burschen, und Keiner spricht von ihm. Ihr
hat ihn und gebt ihm tglich Beweise von Liebe. Dahinter steckt ein Geheimni
... ich bin nur zu stolz, auf Dienstboten zu hren.
    Dienstboten, Herr Lasally -?
    Sagen Sie der Jeannette, sie mchte, wenn sie Abends Punsch macht, unter den
Bedienten, Kutschern und Jockeys nicht soviel in Euren Familiengeheimnissen
kramen ....
    Die Jeannette?
    Ich sag' Ihnen soviel, Bartusch, wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den
Weg kommt ... ich kenne mich selbst nicht. Es ist mir, als wre Das mein bser
Feind. Ich bin im Stande und schie' einmal den Hund nieder.
    Herr Stallmeister!
    Warum schonen Sie ihn? Warum dulden Sie, da er zudringlich ist? Was ist er?
Was kann er wollen? Was kann er fr Ansprche haben?
    Ansprche? Sieh! Sieh! Hat die Jeannette etwas von Ansprchen gesagt?
    Ich wei nichts, was die Jeannette gesagt hat und habe meinen Leuten
verboten, bis in die Nacht um die Punschterrine des tollen Mdchens zu sitzen
und abscheuliche Indiscretionen anzuhren.
    Wirklich die Jeannette?
    Lasally antwortete nicht und lie den erschrockenen grauen Actenwurm, Herrn
Bartusch, mit der Dose in der Hand, die er ergriffen hatte, um sich zu fassen,
stehen ....
    Lasally verfiel sogleich wieder in die ihm eigene blasirte Ruhe. Seine
Mienen verzogen sich nie, sein blasser, etwas gelber Teint blieb bei der grten
Aufregung fast unverndert. Um elegantere Toilette zu machen, ging er auf das
ihm angewiesene Zimmer, das von denen Melanie's und ihrer Mutter entlegener war,
als er wnschte.
    Melanie's Mutter sa schon oben vor dem Theetopf und erwartete ihre Gste.
    Man konnte die Frau Justizrthin Schlurck nicht im geringsten ehrwrdig
nennen, wrde aber auch sehr Unrecht thun, wollte man einen gewissen Werth an
ihr unterschtzen. Im Gegentheil besa die Frau des philosophischen Epikurers
Franz Schlurck hchst merkwrdige, hchst anerkennenswerthe Eigenschaften. Ohne
eigentliche Bildung hatte sich die gewandte kleine Frau einen seltenen Reichthum
von Erfahrungen erworben und eine gesunde natrliche Anlage zur Lenkerin aller
ihrer oft treffenden Urtheile gemacht. Ohne ein besonderes religises Bedrfni
war sie mitleidig, gab gern, untersttzte Hlflose. Noch mehr, sie erkundigte
sich nach den Ursachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab. Wer Geld haben
wollte, Dem gab sie Lebensmittel, und wer Lebensmittel begehrte, dem gab sie
zugleich Arbeit. Eine Wchnerin in elenden Umstnden erregte ihre ganze
Theilnahme; doch bediente sie sich dabei keiner Phrase, sondern griff zu,
handelte, wirkte, ri die Fenster auf, wo es dunstig war, schalt, strafte, wo
sie eigene Vernachlssigung bemerkte. Kinder, die bettelten, schickte sie in die
Schule oder zeigte sie ohne Weiteres der Polizei an. Halbes und Quengeliges,
wie sie's nannte, konnte sie nicht leiden. berwiegend setzte sie bei den
Menschen, wie sie sagte, leider, das Schlechte voraus. Gute und aufopfernde
Thaten muten ihr erst bewiesen werden, bis sie daran glaubte. In ihrem Hause
herrschte neben merkwrdiger Ordnung doch eine sehr groe ppigkeit, weniger
weil sie selbst ihrer bedrftig war, als aus Rcksicht auf ihren Mann und
Melanie, das besonders von diesem verwhnte, aber keineswegs verquengelte
einzige Schookind ihres Glckes. Denn glcklich schien Alles um sie her zu
sein. Sie duldete wenigstens keinen andern Anschein. Gute Laune ging ihr ber
Alles. Mrrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder
schlechterzogen. Sie duldete an ihrem Manne nie das trge schleichende Aufkommen
einer griesgrmigen Stimmung, von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei
war. Sie lie allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zgel
schieen, befrderte sie sogar oder schlo die Augen zu denen, die seinem Alter
nicht ziemten. Das waren Erscheinungen, die uns wol misfallen knnen, aber mit
ihrer Wahrheitsliebe und ungeschminkten Natrlichkeit nicht im geringsten im
Widerspruche lagen. Sie wollte eben nur das Natrliche. Sie war eine Frau, von
der man sagen mochte: Sie ist eine Najade; ihr Element ist das reine, frische,
klare Quellwasser. Sie badete auch tglich. Und so war ihr auch zugleich geistig
jedes Muffige, wie sie's nannte, verhat. Ein langer Kampf mit Leidenschaften
schien ihr vllig nutzlos. Sie nahm ihren Mann, wie er war; sie nahm Melanie,
wie sie war. Nur reinlich, nur sauber, nur frische Wsche und frischer Muth! Das
brige war ihr, wie sie's nannte, meistentheils dummes Zeug. Hannchen
Schlurck, aus einer einfachen, aber bemittelten Brgerfamilie, war dabei gar
nicht unbelesen, gar nicht ungebildet und vollkommen fhig, in der groen Welt
zu reprsentiren. Schlurck's Hannchen war ein Philosoph wie ihr Gatte. Auf den
Genu hielt sie selbst fr sich gar nichts. Sie schenkte Andern Champagner in
Strmen ein, trank aber selbst nicht. Und Melanie hatte hnlichkeit mit ihr. Die
Mutter, verschweigen wir es nicht, die Mutter htte von ihrer Tochter das
Schlimmste vernehmen knnen, sie wrde nur bedauert haben, wenn Melanie dabei
dumm gehandelt htte. Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete? Ob sie sich in
allen Beziehungen beherrschte? Es ist darber schwer Etwas zu sagen .... Nur
behauptete man, da Bartusch, das Factotum ihres Mannes, einen grern Einflu
auf sie hatte als Schlurck selbst, der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch
war. Das hinderte aber nicht, da der Justizrath mit vollem Rechte oft laut
rhmen durfte: Er bese in seinem saubern, klugen, runden, netten Hannchen die
vernnftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt!
    Frau Pfannenstiel, die hier nur geduldet wurde aus Rcksichten, die
elegante Frau von Reichmeyer hatten sich bereits eingefunden. Etwas spter kam
in sehr gewhlter Toilette auch Frau von Zeisel, eine sehr bestimmt auftretende
unruhige, anspruchsvolle und doch gar kleinstdtische Dame. Auch die bescheidene
Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein. Herr von
Zeisel, dem zuviel daran lag, die Gunst des allgewaltigen Administrators zu
behalten, schlenkerte neben seiner Gattin her; so lang und weitlufig er an
Gestalt war, hatte er doch etwas Windspielartiges. Auch Herr von Reichmeyer kam
mit Briefen und Zeitungen, die man ihm natrlich sehr gern fr sich zu lesen
gestattete, um nur seine ble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht
gnstigen Resultat der Massa-Bilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen,
die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte.
    Dem Pfarrer Guido Stromer htte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen
mssen, in denselben Rumen, wo er so oft mit der frommen Frstin Amanda und
allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte, jetzt einer sehr
weltlichen Gesellschaft beizuwohnen. Allein dieser eigenthmliche Mann schien
sich ziemlich leicht in die vernderte Stimmung dieser Atmosphre zu finden. Es
waren dieselben hohen Zimmer, die von seinem Gebete sonst widerhallten, es waren
dieselben groen geffneten Fenster, durch die die balsamische Khle des
Sommerabends jetzt erquickend hereinstrmte, wo sonst die Stickluft der vielen
zusammengedrngten Bauern und Buerinnen die Brust beengte. Aber ihm selbst
schien es ganz wohl zu sein, von der Vergangenheit sich erlst zu sehen. Ob er
freilich in seiner Unterwrfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die vernderten
Umstnde des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging, mag sein Gewissen
entscheiden. Die alte Brigitte z.B., die im Schlosse hin- und herwandelte und
sich an die Wnde drckte, um von all den neuen Kammerzofen, Kchinnen, Jgern,
Jockeys, Bedienten nicht umgerannt zu werden, klagte den Pfarrer Guido Stromer
laut genug an, da er allerdings seinen Sinn gendert htte. Oft stand er sonst
bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem, von dem er wissen konnte,
da sie der Frstin davon wiedererzhlen wrde; jetzt aber, in gewhlterer
Kleidung, mit bunten Tchern und Westen, rannte Guido Stromer gleich allen
andern Weltkindern an ihr vorber und that, als wenn er sie nicht mehr kannte
und ihm eine Minute verlorenginge, die er hoffen durfte, in der Nhe dieser
neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen! Schon in den zwei
Jahren, als der Frst allein hier walten durfte (jedoch niemals ernstliche
Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien), hatte sich Stromers frhere
Gesinnung sehr abgekhlt, wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin
klagte. Diese, eine sehr einfache und nur in ihrem nchsten Kreise wirkende, mit
vielen Kindern geprfte und, man kann wol sagen, von ihnen vllig zerbrckelte
und zermrbte Frau, lie sich nicht gern auf Dinge ein, die ihr in Allem stark
und sehr selbstbewut auftretender Mann allein vertheidigen mochte. Stromer
gehrte zu einer gewissen Classe von Gelehrten, die man ewige Studenten nennen
mchte. Entweder war er wirklich ein Genie oder, was fr die Beurtheilung seiner
Stimmung wol Dasselbe sagen will, er hielt sich dafr. Pietismus ist solchen
Naturen der willkommenste Ableiter eines berstarken Selbstgefhls. Der
Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich ber das Urtheil der
unausgewhlten Menschen hinweg. Guido Stromer war Pietist, solange die Frstin
lebte. Jetzt aber, wo sich die uern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung
nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten,
jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu
nichts Gewhnlichem berufen dnkenden Gemths hervor. Es war ihm oft, - seine
arme Frau litt sehr darunter - als mte er beengende Fesseln brechen, als wre
diese husliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht wrdig, als wren ihm
dieses Weib, diese fnf Kinder nur wie von einem bsen Traume angezaubert
worden. Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen. Die
Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglcklichen, unruhigen Manne. Er sah
das Leben in neuen ihm bisher fern entrckt gewesenen Erscheinungen wieder so
sonderbar lcheln, so eigenthmlich nicken und winken. Die nchsten Ansprche
seines Berufs kamen ihm so qualvoll, so geringfgig vor, und obgleich er daheim
immer eine gewisse Tobsucht, selbst in seiner frhern demthigen Periode gezeigt
hatte, so war er doch seit einiger Zeit, wie Alle wuten, frmlich aus Rand und
Band, warf, die Mgde erzhlten's, schon in der Frhe seine Kleider dahin und
dorthin, perorirte laut, wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und
sogar der Spiegel Beifall schenken wollte. Er war sich unbewut ein Vierziger
geworden. Er sah, da ihm die Harmonie der Seele zwischen ihm und einer
frstlichen Durchlaucht die schne, unersetzliche Zeit von seinem
achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte. Er hatte nie
zurck, nie vorwrts geblickt. Er hatte sich die groe Herrschaft, die er auf
die Frstin ausbte, mit all den interessanten damit verknpften Anregungen, den
Correspondenzen, den Beziehungen zu vornehmen Menschen gengen lassen. Er hatte
fast mehr auf dem Schlosse als unter seinem Pfarrdache gelebt. Und nun war die
Frstin todt. Der ausgestreute Same brachte keine Frchte. Er sah, da er seine
Jugend verstreut, verzettelt hatte. Was besa er? Das Gefhl einer unsglichen
innern Nichtbefriedigung. Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn. Er
rannte im Hause, im Felde, im Walde mit seinem langen gelbblonden, wirren Haar
wie ein Besessener umher. Er qulte seine seit Jahren tief verschchterte Frau,
zankte ohne Grund die Kinder. Wie glcklich war anfangs die gequlte Mutter
derselben, als die Fremden auf's Schlo kamen! Da wurde ihm anfangs wohl, da
schien sein ganzes Wesen elektrisirt. Er bekmpfte wohl Schlurck's Neologie,
tadelte wol Reichmeyer's Indifferentismus, aber es waren doch Damen da, die ihn
ehrten, anerkannten, die Grfin Bensheim machte wieder einmal einen flchtigen
Gegenbesuch auf Hohenberg, Frau von Sengebusch, die liebenswrdige Frau von
Snger, ... alles Das gab wieder eine Sammlung, eine Anregung, einen Reiz und
die innere schlummernde Poesie wachte auf; vollends, als Melanie zuweilen an
seiner Seite rauschte .... In der Art, wie manchmal Guido Stromer jetzt sein
hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte, wie er
noch die rstigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialitt
aus seinen Gesichtszgen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte,
glich er dem Geheimrath von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre. Auch ihm
war Melanie gefhrlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an, was in ihm
wol schlummern, in ihm ghren mochte ...
    Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt
von der um einen runden Tisch sitzenden und Thee trinkenden Gesellschaft an die
offenen Fenster postirt, wo er eine Cigarre rauchte, deren Dampf er in den
Garten hinausblies, als endlich die Flgelthr aufging und Melanie eintrat. Der
Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens. Sie hatte
eine vllig vernderte Toilette gemacht. Etwas bla von dem Ritt, der nach einer
momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und
Erschpfung zurcklt, hatte sie, dieser Erfahrung sich wohl bewut, ein Kleid
von rosafarbenem Krepp gewhlt, das in drei mchtigen mit Atlasbndern
verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umflo. Hals und Arme von blendender
Weie waren unbedeckt und lieen nur an den Rndern ein gesticktes
spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern. Dann und wann
zog sie in einer sehr anmuthigen, grazisen Bewegung eine Echarpe von weiem
Chinakrepp ber Schultern, die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides
verfhrerisch hervorglitten und den schnen gerundeten Nacken zeigten, den die
Echarpe ebenso rasch wieder verbarg. ber dem vollen zierlich zusammengelegten
schwarzen Haar lagen, zurckgekmmt mit goldenem Kamm, die Vorderlocken und
lieen die Schlfe so frei erblicken, da man das vollendete Bild griechischer
Schnheit zu sehen glaubte. Die Centifolie, die voll und schwer noch als letzter
Schmuck im Haar befestigt war, gebhrte ihr mit ganzem Rechte, wie ihr jede
Blume, jede Frucht gebhrt htte, wenn sie ein anderer Paris der grten
Schnheit htte zuerkennen sollen.
    Eugen Lasally warf sogleich die Cigarre, Herr von Reichmeyer die Zeitungen
von sich. Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Theetassen auf den
Tisch. Sie hatten ihr Erstaunen ber die rasche Metamorphose auszudrcken, deren
einzelne Bestandtheile zum Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von
den Frauen analysirt wurden.
    Ich bitte, sagte Melanie, schweigt nun! Lst mir nicht Alles, was da jetzt
fertig und angepat an meiner irdischen Hlle sitzt, gleich in Stoffe und in
Ellenwaren auf! Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins. Wer mir jetzt von
Volants und dergleichen spricht, thut meinem Herzen weh, zu dem sie ... ja, ja -
seht sie Euch an! - sie reichen fast hinauf zu ihm. Nein! Ich sage Euch keine
Adressen. Kein Wort von Putzmacherinnen! Wollt Ihr still sein von Mademoiselle
Florentine, von Frnzchen Heunisch und Luise Eisold! Die Rose drft Ihr
besprechen. Von der sag' ich Euch: von wo sie kommt! Auch wissen sollt Ihr,
wohin sie geht ... Ich trage sie als Preis fr Den, dem ich heute Abend die
Gunst meiner Seele schenke.
    Und was mu man thun, um diese Gunst zu erobern? fragte der Pfarrer, der
redegewandt nicht ansichhalten konnte und die Aufmerksamkeit davon abzulenken
suchte, da er aus seinem Garten Melanie mit Blumenzusendungen berhufte.
    Nichts thun, Herr Pfarrer, sagte Melanie ... Nein! Nichts thun! Was mu man
sein? Was besitzen? Danach soll gefragt werden und lassen Sie mir nur Zeit, ber
das Seltenste und Schnste nachzudenken, wodurch sich ein Mann auszeichnen kann.
Aber wir sind noch nicht vollzhlig. Noch fehlt unser alter brummender Hauskater
Bartusch und demthigen Sie sich, meine Herrschaften, noch fehlt der Glanz von
Hohenberg, Se. Excellenz, der wirkliche geheime ...
    Mit diesen knstlich gezogenen Worten ffnete sich, wie Melanie hinter sich
gehrt hatte, die Thr und Herr von Harder trat ein. Alles erhob sich. Es war
wirklich ein unleugbarer Effect in seinem Auftreten, ein Effect, dem diesmal
Niemand widerstehen konnte. Lag die Wirkung nun in dem kleinen silbernen Sterne
auf der Brust oder in der gebrannten Perrcke und der hchst gewhlten Toilette;
oder lag sie in dem Zuletzterscheinen ... genug die Wirkung war da und Excellenz
setzten sich, sehr befriedigt von dem Eindruck, den ein Mann seiner Stellung in
einem solchen doch nur mittlern Kreise hervorrief ... Wir werden knftig sehen,
wie Herr von Harder in der groen Welt doch auch nur klein erschien, hier aber
gaben ihm Tournure und selbstgespendete Sorgfalt in der That einen Schimmer von
Interesse, der nur bei lngerer Dauer sich dann nicht hielt, wenn er nicht
knstlich immer wieder angefacht wurde. Melanie bernahm dies Amt. Ob aus
neckender Spottsucht oder Coquetterie, ist schwer zu sagen. Soviel aber stand
von ihr fest, da sie sonst wirklich nicht zu den guten lieben Frauennaturen
gehrte, die, wie z.B. die edle Anna von Harder that, die Schwester Paulinens,
in einer Gesellschaft immer gerade den Bescheidensten hervorsuchen. Melanie hing
sich an Den, der der Lwe des Cirkels war. Geist besa sie wol genug, um Das
herauszufhlen, was ihr geistig am meisten htte gengen mssen; aber ihr Herz
schlug nicht warm genug, um zu ertragen, da man durch die Beschftigung mit
einem Bescheidenen selbst in den Hintergrund tritt. Hier war Herr von Harder der
wichtigste und effectvollste und ihm widmete sie sich. Wre ein berhmter
Virtuose in diesem Augenblicke eingetreten und htte wieder den Geheimrath
verdunkelt, so wrde sie sich mit Diesem vermittelt haben. Sie war ein
Schmetterling, der die Sonne und die leuchtenden Blumen liebt.
    Man sprach Viel ber Vieles. Die Menschen sind nie so mechanisch und
willenlos, wie da, wo sie sich in starker Anzahl ohne einen Zweck vereinigen.
Man glaubt dann in der That unter Wesen zu sein, die ursprnglich niederer,
halbthierischer Abstammung, nur durch eine eingelernte und angewhnte Ausbildung
sich hher aufschwingen. Man spricht um zu sprechen. Ein Jeder klammert sich an
das Unbedeutendste, um daraus eine Art Friction, die man Geselligkeit,
Gesprchigkeit nennt, hervorzubringen. Man ergreift Strohhalme und raisonnirt
ber sie, wie ber die Achse der Erde. Ist eine solche Gesellschaft vorber, so
kriecht Jeder wieder in das Schneckenhaus seines Interesses zurck, bleibt Dem
Feind, den er scheinbar heute als Freund begrt hat, und spinnt die wahren
geheimen Fden seines Daseins und Charakters so fort, wie er sie einmal anlegte,
um sich durch das Labyrinth des Lebens fhren zu lassen.
    Man bedauerte die Mhe, die der Intendant mit dem Transport des frstlichen
Mobiliars htte ...
    Fr welches Schlo, fragte der Commerzienrath, ist diese Einrichtung
bestimmt?
    Mein allergndigster Knig, antwortete der Befragte, haben darber noch
nichts befohlen.
    Mit dieser kurzen Erwiderung war eigentlich dies Thema abgeschnitten. Allein
Stromer, der sich seit einigen Tagen wieder in jener feurigen, vulkanischen
Stimmung befand, brach bei dieser Veranlassung durch und sprach folgendes
Bedeutungsvolle:
    Wenn nur Alles zusammenbleibt! Wenn nur Keins vom Andern getrennt wird! Das
ist ja ein Leben, ein ganzes Dasein, was in einem solchen durch Jahre hindurch
gesammelten Hausrath liegt! Man wrde ja hier einer Blume die Staubfden
entreien und sie fr echt und vollkommen nicht mehr auszugeben wagen drfen,
wenn man dieser Einrichtung irgend etwas entzge oder sie wol gar theilte! Ja,
ich gehe soweit, da ich das Verwehen des Staubes, des Duftes beklage, den
solche gewohnte Spuren eines bedeutenden Lebens - und ein solches hat mit der
Frstin ausgeathmet - zuletzt annehmen! Wie stand da nicht Eines neben dem
Andern in gewohnter Symmetrie! Das Bild des Heilandes prangte in einem
geffneten Flgelschrank von ausgelegter altdeutscher Arbeit. Immer schmckten
Blumen diese der Frstin heilige Sttte. Wie oft betrachtete sie die Hupter der
Blumen, die sich hier so sanft, so allmlig neigten, immer matter, immer matter,
und zu den Fen des Erlsers allmlig welkten, sowie er. Es sind Das da Kronen,
sagte sie mir einmal, Diademe sind's und Ritterhelme, die so vergnglich vor dem
Herrn und Knig der Welt versinken. Und sie duldete nicht immer tglich frische
Blumen, sie wollte erst die alten sterben, vergehen sehen, todt und geknickt,
wie der Erlser. Sie war so sinnig, die liebe Frau in ihrer stillen Schwrmerei!
Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle, die wir sie umgaben, wie von einem
schweren Traume befreit sind, der unsere Sinne gefangen nahm und uns zu sehr, zu
sehr von der blichen Ordnung des Lebens abzog, so ist ihr doch nur das Lob der
edelsten Eigenschaften nachzusagen, und wenn ich wagen knnte, durch Ew.
Excellenz Mund zu unserer zartfhlenden Landesmutter zu sprechen, so wrd' ich
bitten: Lassen Sie diese sinnige Einrichtung beieinander! Stellen Sie diese
Schrnke, diese Tische, Sthle mit den vielen Andenken der Liebe, den
gestickten, von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kissen, den eingerahmten
Blumenstcken, den gueisernen, bronzenen, elfenbeinernen kleinen Nippsachen,
die treffend gewhlte Bibliothek und besonders die werthvollen Bilder, die das
Beste in Stichen wiedergeben, was Overbeck, Wach, Veit geleistet haben, der
Gemlde nicht zu gedenken, von denen einige Originale sind und keinen
vorbergehenden Werth ansprechen drfen, stellen Sie alles Das in irgend einem
Landsitze des erhabenen Knigspaares auf! Man bewahrt auf diese Art ein
Gemeinschaftliches, das mir vorkommt wie ein wandelbarer, fernwirkender,
geheimnireicher, elektrischer Leiter. Aus der Liebe geboren, weckt es Liebe.
Ich bin gewi, Niemand wird diese drei Zimmer der Frstin, selbst wenn sie, wie
weiland die heilige Krippe von Bethlehem nach Loretto, anderswohin bersiedelt
wrden, ohne innerlichste, tiefste Anregung betreten und von dem Odem
unergriffen bleiben, der frher in ihnen wehte.
    So sprach Guido Stromer, den wir bei dieser Gelegenheit schon vollstndiger
kennen lernen. Als er diese Worte, die fast eine Rede waren, geendet hatte,
blickten natrlich Aller Augen zum Intendanten und erwarteten von ihm eine
Erwiderung. Guido Stromer hatte einen Wunsch vom Herzen geschttet, der etwas
Feierliches hatte. Der Geheimrath reprsentirte in dem Augenblicke. Die Einzige
jedoch, die den gewaltigen Widerspruch einer so beredt vorgetragenen geistvollen
Bitte und eines so unglaublich beschrnkten Kopfes, wie Henning von Harder,
sogleich ganz bersah und nachfhlte, war vielleicht nur Melanie's Mutter.
Melanie hatte fr lange Perorationen berhaupt keinen Sinn. Hannchen Schlurck
aber, die Mutter, berdachte in ihrer blichen trockenen Weise diese Situation
ganz kurz und sprach ihr Resultat leise zur Frau von Reichmeyer, die in ihrer
Nhe sa, mit den Worten aus:
    Was nutzt der Kuh Muskate!
    Herr von Harder schwieg nmlich ganz und nickte nur, statt aller Antwort. Er
nannte sonst, von seiner Gattin unbelauscht, uerungen, wie sie der Pfarrer
hier vorgetragen hatte, schwlstig und verwies auch ihre Beantwortung meist an
seine Frau, die ein Organ dafr hatte. Er belchelte Alles, was ihm zu
schwunghaft auftrat. Wute er doch von seiner Gattin, wie knstlich oft die
Schwingen erst angebunden werden mssen, mit denen die groen Geister vorgeben,
natrlich zu fliegen ...
    Melanie bernahm es daher, das Gesprch fortzufhren.
    Ich wre gerade im Gegentheil dafr, sagte sie, da eine so werthvolle
Einrichtung ganz getheilt und berallhin zerstreut wrde. Gehet hin in alle Welt
und lehrt und prediget! Das kann man auch diesen kleinen Herrlichkeiten der
frommen Frstin zurufen. Da kommt ein Briefbeschwerer Dem wieder vor Augen,
dessen Briefe oft darunterlagen, eine kleine Stickerei Dem, der dazu
Subscriptionen sammelte, und wenn sich dann in Allem, wie Sie versichern, Herr
Pfarrer, jenes gewisse Parfm, der schne Duft der Liebe und Andacht
wiederfindet, so wirkt Das sogar noch Wunder. Es macht Proselyten, bekehrt
Heiden. Es gewinnt, ohne da ein starres Herz es ahnt, wie ich immer, wenn ich
bei der unglcklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke
flstern und klagen hre, von Gefhlen bewegt bin, die ich selbst nicht habe,
mir aber aus Andern herausdenke.
    Man fand auch diese Auffassung charmant. Der Geheimrath lchelte wieder und
dachte bei sich, wozu diese Reden alle! Ich halte mich an den Buchstaben meiner
Instruction! Was kann ich von meiner sentimentalen Schwgerin Anna und ihrer
Windharfe im Dienste meines Monarchen brauchen?
    Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Finger und mit blitzenden
exaltirten Augen.
    Zu weltlich! zu weltlich! sagte er. Aber Sie mgen in Ihrem Sinn Recht
haben! Ich wollte nur in dem meiner verstorbenen Gnnerin mich aussprechen. Wenn
man so viele Beweise der Huld empfing, wie die Frstin mir zutheilwerden lie,
so ist man verpflichtet, das Gedchtni der Spenderin in ihrem Geiste
aufrechtzuerhalten. Ach! Ich fhle wohl, wie mit den Menschen auch die Gedanken
sterben, die sie zu verwirklichen schienen. Ich bin jetzt ber zwlf Jahre in
diesem Orte und habe zehn Jahre lang tglich mindestens einige Stunden hier oben
zugebracht. Die Frstin war von einer bewundernswrdigen Offenheit und fand
eigentlich eine Art von Genugthuung darin, sieh durch Aufrichtigkeit zu
demthigen. Sie gestand jede Unwissenheit ein. Sie hatte, ich darf es so nennen,
ein katholisches Princip, das ich natrlich nicht ganz billigte. War sie von
irgend einem Gegenstande lebhaft erfreut, so schenkte sie ihn sogleich weg. Sie
wollte ihr Herz an nichts hngen, auer an die Betrachtung des Ewigen. So gern
htte sie die allgemeine Beichte unserer Kirche in eine Ohrenbeichte verwandelt
und sich ber jeden Fehler umstndlich und unter Thrnen ausgesprochen. Denn
erst dadurch, sagte sie oft, kommt mir die Erleichterung von dem Druck, da ein
Anderer ganz wei, was ich that. Was sind Snden, die man nicht bekennt! Sie
schrieb viel, zerri es wieder, lie aber auch Manches stehen. Ich warnte sie
oft vor der Gefahr, die mit dem Buchstaben verbunden ist, aber es erleichterte
sie, sich schriftlich auszusprechen. Einige solcher Betrachtungen hab' ich ja
als Manuscript fr Freunde spter drucken lassen. Sie gefielen natrlich nur da,
wo man die rechte Stimmung mitbrachte. Jetzt freilich wrd' ich mich weniger so
ganz darin verlieren, da die persnliche Beziehung fehlt und nur fr das
Persnliche sprech' ich ja.
    Melanie's Mutter, um der drckenden und allzu persnlichen Vortragsweise
Stromer's einen Damm zu setzen, sagte mit angenehmem Lcheln offen und ehrlich:
    Ja, ja, Herr Pfarrer, tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bischen mehr nach
oben und lassen Sie die alten Zeiten ruhen! Es sind nun Leute in dies Schlo
gekommen, bse, bse Leute, die sich gern freuen, da es in der Welt hbsch
munter und lustig hergeht. Wer nach uns einzieht, kann man freilich nicht
wissen. Aber wer's auch sei, Herr Pfarrer, bleiben Sie nur jetzt bei unserm
Glauben. Wollen Sie Das? Immer! Wissen Sie, es hlt oben, und einmal lebt man
nur. Das ist zwar Alles recht dumm geredet, aber gesund ist's, darauf verlassen
Sie sich, und Ihre liebe Frau blinkt mir schon zu und meint: Justizrthin, da
treffen Sie, was ich seit zwlf Jahren dachte. Nicht wahr?
    Alles lachte ber dieses derbe, ehrliche Votum. Melanie sprang auf, die
Mutter zu umarmen.
    Du bist kstlich, Mama! sagte sie; ja baue du die Brcke, auf der der Herr
Pfarrer wieder ins Leben zurckkehrt. Ein so junger liebenswrdiger Mann! Ich
sage Das, Frau Pfarrerin, Ihnen zum Trotz! Ich sollte nur hier wohnen und eine
Zeitlang die Frstin von Hohenberg spielen drfen! Wie wollt' ich die Fenster
aufreien und Luft hereinlassen! Wie wollt' ich in die Htten gehen, wo frher
fr die Heiden gesponnen und genht wurde, und die Leute lehren, auch noch an
viel schlimmern Menschen Geld zu verdienen! Und dann kme Excellenz und
zauberten uns hier einen seiner schnen Grten wie in Buchau oder Solitude, wo
die herrlichen Fontainen springen, die Wasserflle rauschen und die Schwne auf
den Teichen schwimmen ...
    Eines Inspectors Mangold, der des Geheimraths rechte Hand war und nach
englischen Studien alle diese Verschnerungen angegeben und lenkte, wurde dabei
natrlich nicht gedacht ...
    Habe zwei neue Schwne kommen lassen - sagte der Intendant - aus Island -
diplomatische Vermittelung mit Dnemark - seltene Race - sehr elegante Thiere -
allerliebst!
    Ich kenne sie ja, sagte Melanie. Im Atelier des Professors Berg wurden sie
copirt zu einem reizenden Ledabilde, das Heinrichson entwirft ...
    Heinrichson - ganz recht! fiel der Intendant ein. Meine Frau protegirt
Heinrichson und hat mich veranlat, ihm die beiden islndischen Schwne aus
Island kommen zu lassen, wollt' ich sagen, zu versprechen, ... ... da sie ...
ich meine, da sie ihm aus dem kniglichen Ankauf geliehen wurden ...
    Das mehrfache Versprechen war fr Diejenigen komisch, die da wuten, da
Frau Geheimrthin von Harder fr den schnen und eleganten Maler Heinrichson wol
noch grere Opfer gebracht htte, als nur eine Veranlassung, da zwei schne
wilde Schwne ... vom Knig fr ihre Privatinteressen angekauft wurden ...
    Lasally kannte dies Verhltni und wollte sich einige spottende Bemerkungen
darber erlauben. Doch unterbrach ihn Melanie:
    Heinrichson war von dieser Aufmerksamkeit so gerhrt, da er auch der
Freundin der Geheimrthin, Frau von Trompetta, versprochen hat, ein Blatt fr
ihr Gethsemane zu malen.
    Bitte, sagte der Geheimrath scherzend, bitte Frulein Melanie, nicht der
Frau von Trompetta, sondern mir, mir direct hat er es versprochen. Ich hab' ihm
die beiden Schwne, festgebunden natrlich, selbst gebracht, wie sie vom Schiff
kamen und war dabei, als er sie zeichnete ... Sie waren schrecklich wild ...
    Ganz Recht, fuhr Melanie lachend fort, aber Frau von Trompetta stand doch
whrend dem Acte hinter einer spanischen Wand -
    Ofenschirm, verbesserte der Geheimrath.
    Gut, Ofenschirm ... und gedeckt von diesem Sittlichkeitsfcher unterhandelte
Frau von Trompetta mit Heinrichson ber das Gethsemane und schrie entsetzlich
ber die bsen Schwne und verwnschte die frivole Malerkunst und eine groe
hlzerne Puppe ....
    Melanie konnte vor Lachen nicht weiter.
    Ja, sagte der Geheimrath, ganz Recht! Die groe hlzerne Puppe sollte
nmlich den Moment bezeichnen, wo die Lady von den Schwnen bengstigt wird. Die
Puppe stellte die Lady vor -
    Die Leda, corrigirte Melanie - Leda, Excellenz!
    Ganz Recht! Die Puppe war die Lady und der Schwan, nicht wahr? Der Schwan
war eine verkleidete Gottheit ....
    Jupiter! rief Melanie, whrend alle Die, die ein wenig Mythologie
verstanden, sich auf die Lippen bissen und die brigen gespannt zuhorchten ....
    Ganz Recht, Jupiter ... in einem Travestissement ... es ist nur eine
Maskerade ... und mein Franz hielt den einen islndischen Schwan so fest an den
Flgeln, da das wilde grimmige Thier furchtbar tobte und mit den Flgeln
ausschlug ....
    Und Frau von Trompetta hinter dem Ofenschirme schrie - erzhlte Melanie
unter fortwhrendem Lachen - schrie, als stke sie am Spie und rief: Excellenz,
er beit! er beit!
    Er bi auch, sagte der Geheimrath. Bei Gott! Er hat Franzen gebissen ...
schickte deshalb in die Thierarzneischule ... ... beinahe htte ja das wilde
Thier die ganze hlzerne Lady in Grund und Boden zertreten ....
    Leda! Leda! Excellenz; eine allerliebste Nymphe aus dem Alterthum -
berichtigte Melanie.
    Enfin, schlo Baron von Harder, der sehr angenehm ins Feuer gerieth, enfin,
Frau von Trompetta fiel ber diese antike Scenerie in Ohnmacht, und meine Frau,
die ja dabeistand, wute nicht, womit wir sie anders trsten sollten, als ....
    Ich zeichnete im Nebenzimmer, unterbrach Melanie, und beobachtete den ganzen
Vorfall. Die geistreiche Frau Geheimrthin schalt Frau von Trompetta in einem
kaum unterdrckten Zornausbruch kindisch und sagte vor allen Malern: O, schmen
Sie sich, Trompetta. Sie frchten sich vor Schwnen und reden den ganzen Tag vom
Schwanenorden! Das sagte sie und fgte hinzu: Das ist nun da ein Schwan, ein
echter islndischer! Und nun machen Sie den Lrm! Aber, bei aller Achtung vor
der Geheimrthin von Harder, ich hielt diese Vorwrfe fr ungerecht. Ich glaube,
Frau von Trompetta fiel in Ohnmacht nicht ber das Beien der Thiere, sondern
ber das Sujet des Herrn Heinrichson, ber die Puppe, ber die Idee des Ganzen.
Heinrichson zeichnete lachend und freute sich, je wilder und toller sich das
abscheuliche Thier gebehrdete ....
    Die Schwne machten Aufsehen, fuhr Herr von Harder fort. Man wollte sie
sehen, alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei,
und Frau von Trompetta ... denken Sie sich, Frau von Trompetta gewhnte sich an
das Schauspiel und hatte spter selbst darum gebeten, noch einmal dabei sein zu
knnen, falls sie von der Estrade in dem Atelier aus zusehen drfte. Aber wie
gesagt, das erste mal, aus Furcht, gebissen zu werden, fiel sie in Ohnmacht,
soda meine Frau nichts Anderes wute, sie wieder ins Leben zurckzurufen, als
da Heinrichson - ein berhmter Maler, sehr ausgezeichneter Knstler und
Weltmann - versprach, meiner Frau zu Gefallen und aus Dank fr die kniglichen
Schwne ihr nun auch ein schnes Blatt fr das Gethsemane zu machen.
    Ah! sagte man allgemein, von der Anekdote vortrefflich unterhalten. Alle
lachten, selbst Frau Pfannenstiel. Nur Einem schien dieses Durcheinander von
Lachen, Erzhlen und Fragen im hchsten Grad unheimlich, dem Pfarrer Guido
Stromer. Die Ausdrcke: Maler, Schwan, Schwanenorden, Leda, Solitude, Gethsemane
- gingen so bunt an seinem Ohr bereinander weg, da ihm schwindelte. Aber die
heilige Entrstung, die er sonst bei einer Erzhlung wrde gefhlt haben, die so
ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Rume pate, berkam ihn zu
seinem eigenen Staunen nicht mehr. Zu lachen vermochte er freilich nicht.
Fehlten ihm doch die Verbindungsfden nherer Bekanntschaft mit den Personen und
die genauern Details. Aber es war da Etwas in ihm von eigenthmlichen
Jugenderinnerungen, die ihn ergriffen und ihn wonnig berrieselten. Er gedachte,
so im Stillen grbelnd, der Zeiten, wo er noch in akademischen Jahren den Trieb
hatte, bei einem berhmten Archologen Kunstgeschichte zu hren, wo er noch mit
aufmerksamer, herzinniger Betrachtung durch die Sle einer Kunstausstellung
schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Tholuck, den er in Halle spter
hrte, noch nicht Gtzenbilder nannte! Er strich sich nachdenkend ber die
Augen, er, der auer Melanie der Einzige war, der etwas Genaueres von der Mythe
der Leda, die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte,
verstand und diese Mythe zu deuten wute. Als nach dem Lachen eine Pause
eingetreten war und Alles nun zu ihm, dem heiligen schweigenden Manne, mit einer
gewissen Befangenheit hinblickte, sagte er mit sehr leiser Stimme:
    Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben, was es mit dem vorhin
mehrerwhnten Gethsemane der Frau von Trompetta fr eine Bewandtni hat?
    Melanie erklrte es ihm, indem sie noch einige Entdeckungen ber die Art,
wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen geruschvollen
Wohlthtigkeit zu widmen verstand, zu erzhlen wute.
    So! so! war Stromer's ganze Antwort. Er versank in ein stilles Nachdenken
und spann Betrachtungen fr sich aus, die ihn auch auf die groe hnlichkeit
fhrten, die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie
und der reizenden Melanie bestand. Er blickte nieder, brtend, abwesend und nur
unheimlich scho sein Auge zuweilen einen Blick empor, der forschend ber die
Versammlung glitt. Er berdachte einen andern Entwickelungsweg, den er htte
zurcklegen knnen, wenn die hohe Frau, die ihn an den Pietismus, an sein
einfaches Weib, an seine fnf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte, nicht eine
Frstin gewesen wre ....
    Nachdem sich, wie immer, wenn ein Gegenstand erschpft ist, um den Theetisch
eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefhl,
durch interessante Entdeckungen eine ganze, wenn auch seiner nicht wrdige
Gesellschaft angeregt zu haben, sich wiegte, versuchte nun auch der
Commerzienrath von Reichmeyer sich geltendzumachen. Er stellte seine Theetasse
auf den runden Tisch, auf dem inzwischen schon die groe Lampe aufgetragen
wurde, rusperte sich und bemerkte:
    Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris.
    Wer kennt den Prinzen Egon? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit, ohne
jedoch aufzuhren, sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos
und fast abgespannt mit einem Fcher von Maraboutfedern zu spielen.
    Als Alles schwieg, richtete sie ihren Blick auf den Intendanten und sagte:
    Sie vielleicht, Excellenz?
    Ich habe nicht die Ehre, Se. Durchlaucht zu kennen, bemerkte Herr von
Harder.
    Commerzienrath von Reichmeyer theilte daher mit, was er wute.
    Der Prinz, sagte er, kann jetzt etwas ber sechsund-zwanzig Jahre alt sein.
Er wurde von seinem zwlften Jahre in Genf erzogen, kam achtzehn Jahre alt nach
Deutschland zurck, um jedoch sogleich die Universitten von Bonn und Heidelberg
zu besuchen. Er versuchte dann ein Jahr in der Nhe seiner Familie zu leben, war
aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen, da er
Deutschland wieder verlie, nach der Schweiz zurckkehrte und auf Reisen theils
in Frankreich, theils in England zubrachte. Eben im Begriff nach Nordamerika
sich einzuschiffen, traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls. Mit
der bestimmten Erklrung, sich den Antritt seines berschuldeten Vermgens noch
vorzubehalten, einer Erklrung, die er an die Curatoren der Masse
vorausschickte, ist er nun zurckgekehrt; indessen hoffen wir Alle, da er sich
von diesem Entschlusse abbringen lt und durch weise Sparsamkeit von den
Besitzungen, die einmal seinen Namen tragen, soviel rettet, als noch zu retten
ist.
    Melanie nannte Das geschftliche uerlichkeiten. Sie wollte Anderes von dem
Prinzen Egon hren. Wie sein ueres wre, sein Wuchs, die Farbe seiner Haare,
sein Wesen und Benehmen ....
    Nach Allem, was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat, sagte sie mit
trockenem ironischem Humor, mu man wol darauf rechnen, in ihm eine groe
hnlichkeit mit Sr. Excellenz zu finden.
    Diese Bemerkung fiel natrlich allgemein auf.
    Wie so? In der That? Mit Excellenz?
    Da wir nicht hoffen knnen, fuhr der Schalk fort, da der Prinz mit meinem
guten Vater, den er zu hassen scheint, weil er sein Herz nicht kennt, verkehrt,
so bleibt uns nichts brig als uns an Diejenigen zu halten, die ihm hnlich
sehen. Man rhmte mir schon oft den eleganten Fu und die kleine weie Hand des
Frsten ....
    ber diese Spitzbberei brummte die Mutter etwas erschrocken vor sich hin
und Alle fhlten, da Melanie die Gesellschaft auf Kosten eines Mannes, der den
Spott nicht merkte, unterhalten wollte. Harder errthete, er wurde unruhig. Er
rckte mit dem Stuhl und schien pltzlich sprachunfhig.
    Auch Eugen Lasally erschrak. Er schien an Melanie's Komdienstreichen keinen
Gefallen zu finden und drckte Dies genugsam durch die Schrfe des Tones aus,
mit dem er das Wort ergriff und sagte:
    Prinz Egon gilt unter den Leuten, die ihn kennen, fr einen halben
Gelehrten. Manche seiner Universittsfreunde nennen ihn berstudirt. Er soll
erst die Rechte getrieben haben, jetzt aber ein Narr sein. Man sagt, er hat drei
Handwerke, Tischler, Schlosser und noch eins gelernt, ich wei nicht,
Horndrechsler, Friseur, Kammmacher oder welches andre solide Metier!
    Whrend jetzt besonders Herr und Frau von Zeisel ber diese uerung eines
kecken jungen Fremdlings erschraken, bestand Melanie sogleich darauf, diese
dritte Profession mte die Kammacherei sein ....
    Das Haar ist die schnste Zierde des Menschen, rief sie. Ob ein Haar sich
gefllig lockt oder schlicht am Scheitel fllt, ob es die Stirn bedeckt oder
ihre Flche frei erglnzen lt, immer ist es der lebendigste Sprecher fr den
Charakter, der in dem Kopf unter ihm schlummert. Kammmacher, nicht wahr,
Excellenz?
    Herrn von Harder war diese Bemerkung allein gewidmet. Sie galt seinem Haar.
Aber, im Hause des Gehenkten ist nicht gut von Stricken reden. Der Blick auf
seine pariser Bagno-Perrcke, die Franz, sein Bedienter, wie das natrlichste
Haar zu kruseln verstand, erschreckte ihn doch. Es war ihm daher nur erwnscht,
da man vom Scherz auf Ernstes zurcklenkte ....
    Wir lachen, sagte der innerlich etwas entrstete Justizdirector von Zeisel
mit beklommener Stimme, wir lachen ber die wunderlichen Sagen, die man sich von
Sr. Durchlaucht, meinem gndigsten Prinzen Egon erzhlt. Soviel steht allerdings
fest, da Prinz Egon ein ... ein ... ein sehr unglcklicher junger Mann ist.
Denn ... erlauben Sie die Bemerkung ... denn denken Sie sich eine Jugend, die
allerdings nicht behaglicher, angenehmer sein konnte, als noch die reichen
Mittel des Vaters, ich sage, als diese noch ... noch beisammen waren. Aber schon
im genfer Pensionat mu er gefhlt haben, wieviel ... sozusagen ... wieviel
Strungen in dem Hauswesen seiner ltern eintraten. Als er, es war gerade Winter
und die Frstin in der Residenz, von Genf zurckkam ... entdeckte er ohne
Zweifel die gewaltige, wie soll ich's nennen? allerdings ... die Zerrttung des
schon lange gestrten ... oder ist Das zuviel gesagt? ... nein! allerdings - des
gestrten huslichen Friedens zwischen den beiden hohen Personen. Wir sahen ihn
hier gar nicht. Er bezog sogleich im nchsten Frhjahr die Universitt. Nach
seinen akademischen Studien lebte er mit seiner Mutter einige Wochen auf den
Gtern der Familie, ber die sie damals noch ... hm! hm! ... ja noch! ... im
obern Gebirge frei ... ja allerdings - frei zu schalten hatte. Dann ist er, wie
ganz richtig erzhlt wurde, sozusagen verschollen, und was man von ihm erfuhr,
war in der That ein wunderbares Durcheinander der seltsamsten Dinge, die er, wie
man erzhlt - hm! hm! treiben, wenn man diesen Ausdruck brauchen darf - treiben
soll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht ber seinen Entschlu, sich
... wie soll ich's nur nennen? ja allerdings ... sozusagen, sich mechanische
Fertigkeiten anzueignen.
    Und niemals war er in Hohenberg? fragte man, nach dieser hchst discreten
Rede eines taktvollen und feinfhlenden Beamten, allgemein erstaunt und sah
dabei auf Guido Stromer, der noch immer abwesend und wie in Trumen verloren
schien.
    Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! hie es, wo waren Sie?
    Ei! ich wette, sagte Melanie, Sie sind noch immer bei der Scene mit dem
Maler Heinrichson. Ja! Ja! Sie berlegten, wieviel Genu Ihrer verstorbenen
Freundin, der Frau Frstin, die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von
Trompetta verschafft haben wrde.
    Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene, aber im vllig andern
Sinne. Dennoch sammelte er sich und sagte:
    Ich leugne nicht, da ich das Vertrauen der Frstin in seltenem Grade besa,
und berlegte bei mir im Stillen, wie sie wol eine so erprete Wohlthtigkeit,
von der Frulein Melanie erzhlte, beurtheilt haben wrde. In ihrem Geiste sagte
ich mir: Wenn der Knstler soll mit Gewalt gezwungen werden, in das Gethsemane
einen Beitrag zu stiften, so ist ja in der That dieses Album recht ein
Thrnengarten, wie der Name bedeutet, und Judas der Verrther lauert ja mit dem
falschen Ku der Liebe an seinem Eingang. Frau von Trompetta gleicht da dem
heiligen Crispinus, der den Reichen das Leder stahl, um den Armen daraus Schuhe
zu machen. Nimmermehr wrde die selige Frstin eine solche Unternehmung, etwa
durch bernahme von Loosen, untersttzt haben. Denn es liegt doch wol kein Segen
in Dem, was nicht aus reiner Quelle fliet ....
    Nun, Herr Pfarrer, meinte Herr von Reichmeyer, der erst seit seinem letzten
Knaben Christ war, wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und
der Betrag, ich will einmal sagen, an das Waisenhaus kme, um den Kindern daraus
warme Jacken anzuschaffen; die Jacken halten ebenso warm, ob nun das Album
zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde.
    Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene.
Und gleichsam als wrdigte er ihn keiner Antwort, wich er der weitern Debatte
mit den leisen Worten aus:
    Irr' ich nicht, so hrt' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwhnen?
    Melanie, die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte
aufkommen lassen, besttigte diese Bemerkung.
    Allerdings! sagte sie. Er ist ganz frisch von Paris angekommen. Kennen Sie
ihn, Herr Pfarrer?
    Geistig sehr wohl, sagte Stromer. Gesehen hab' ich ihn niemals.
    Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg? bemerkte Herr von Zeisel und
fgte bei:
    Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend.
    Doch! doch! lieber Herr Justizdirector, erzhlte Stromer; Prinz Egon lebte
bis in sein vierzehntes Jahr grtentheils hier in Hohenberg. Mein Amtsvorgnger
war damals sein Erzieher. Spter verbrachte er, nach vollendeten
Universittsstudien einmal acht Tage hier - acht Tage - wo Sie eine
Inspectionsreise machten und ich, entsinnst du dich, Linchen, lag ja wol krank?
    Linchen, seine Frau, nickte. Sie war so schchtern, kaum ein leises Ja! zu
flstern.
    Als ich wieder vom Krankenlager erstand, fuhr Stromer fort, erzhlte mir die
Frstin, wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verstndigen knne. Beide Gemther,
in so vielen Dingen nahe verwandt, trennten sich gerade in den wichtigsten
Lebensfragen. Sie liebte den Prinzen, ihr einziges Kind, mit einer Leidenschaft,
deren Ausbrche mich oft in Angst versetzten. Nie konnte sie seiner ohne Thrnen
gedenken. Wenn sie einen Brief von ihm empfing, klopfte ihr das Herz mit
hrbaren Schlgen. Sie schluchzte, indem sie ihn las, und gestand mir, da sie
sich durch dies Kind oft unglcklicher fhle, als selbst ein Mutterherz tragen
knne. Rudhart, mein Amtsvorgnger, hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen
seiner Bildung gegeben. Es war Dies ein strenger, unfreundlicher Mann, der in
der Religion nur eine gegenseitige bereinkunft der Menschen sah, sich nicht zu
morden und zu bestehlen. Diese bereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so
oder so verbrmt, bunt und willkrlich ausgeschmckt, soda er Christenthum und
Islam ineinanderwarf, wenn nur der uerste Zweck einer gewissen moralischen
Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde. Als dieser
Seelsorger, ein sonst sehr achtbarer Mann, unserer Gemeinde entsagte und zu
einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog - er scheint jetzt verschollen
-, war mit der Frstin schon lngere Zeit jene Vernderung vorsichgegangen, die
sie bestimmte, nicht nur einen Geistlichen der jngern und neuern Richtung zu
whlen, sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die
Anstalt des Professors Monnard, wo sie gewi sein durfte, ihn nach ihren
Principien erzogen zu sehen. Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte,
erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte, aber doch in religiser Hinsicht
beruhigende Briefe. Man konnte oft zweifeln, ob diese Briefe der reine Ergu
seines Innern oder nur Schulbungen waren. O Gott, rief sie einst aus, wenn
diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen wrden, um auch ihren Geist so
zu corrigiren wie die Sprachfehler! Wenn Egon nur aus Furcht, seinen Lehrern zu
misfallen, so schriebe, wie ich wnschte, da es ihm aus innerster Seele kme!
Als ich sie dann, die treffliche Frau, damit zu beruhigen suchte, wie ja Allem,
was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle, doch wol erst etwas
uerliches und anderswoher Entlehntes vorangehen msse, antwortete sie: Wie
aber, wenn dies ungern Aufgenommene in Egon's Seele nicht haften bliebe, sich
nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedrfni nach
himmlischer Strke ergnzt wrde! Leider trafen diese Befrchtungen ein. Als
Prinz Egon, neunzehn Jahre alt, in der Residenz mit der Mutter zusammentraf und
die Universitt beziehen wollte, schrieb sie mir, wie kalt, ich wiederhole ihre
Worte, wie kalt sie sein Herz gefunden htte. Eis, sagte sie, gab er mir fr die
Glut meiner Liebe. Ich suchte sie damals zu trsten; ich verfiel, ich wei nicht
wie, auf die Wendung, da vielleicht einmal ein groes Unglck ihm heilsam
werden knnte. Diesen Gedanken hielt sie, als sie nach Hohenberg zurckkam, mit
auffallender Zhigkeit fest. Immer wieder kam sie darauf zurck, da man nur
durch Trbsale und Prfungen zur Erkenntni seines wahren Heils gelange. Und
Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! rief sie eines Tages ganz krampfhaft aus und sank
erschpft in ihren Sessel zurck. Die zerrtteten Finanzen des Vaters gaben viel
Veranlassung, dem Prinzen fhlbar zu machen, wie abhngig er doch im Grunde von
uern Umstnden und Bedrngnissen war. Aber der Bruch blieb. Mit dem Vater und
der Mutter zerfallen, lebte er auf der Universitt, ich kann wol sagen, wild in
den Tag hinein, schrieb oft in einem halben Jahre nur einmal nach Hause; dem
Vater ohnehin nie. Zuletzt bezog er die Summen, deren er benthigt war, vom
Herrn Justizrath Schlurck, der ihm auch den Tod der Mutter, spter den des
Vaters anzeigte. In den letzten Wochen vor ihrem Tode hatte die Frstin die
Freude, auf Anla ihrer immer mehr zunehmenden Krankheit noch einen hingebenden,
recht zrtlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten. Sie kte ihn unter Thrnen,
sagte dann aber, ernst sich aufrichtend und auf ein Bild des Erlsers blickend:
Der ist die Wahrheit und das Leben! - Sie hatte damals noch ihre letzten Krfte
zusammengerafft, um ihr Testament, ein lngeres Vermchtni, an ihren Sohn
niederzuschreiben. Ob es in die Hnde des Vaters gekommen; ich wei es nicht.
Sie starb, ich wiederhole Brigitten's Erzhlung, mit dem sonderbaren Ausrufe:
Das Bild -! Mit diesen, wahrscheinlich auf ein Crucifix sich beziehenden Worten
lhmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war sie verschieden.
    Auf jenen letzten Ruf der Frstin hin, ergnzte der inzwischen leise
schleichend eingetretene Bartusch die eine feierliche Stille verbreitende
Erzhlung; auf diesen Ruf hin hat der Frst beim Verkauf des Nachlasses seiner
Gemahlin auch angeordnet ...
    Bartusch stockte, mit einem Blick auf den Geheimrath, der vom Tode nicht
gern erzhlen hrte.
    Was angeordnet? fragte man allgemein.
    Ich vermuthe wenigstens, sagte Bartusch, den Geheimrath dreist fixirend; ich
vermuthe, da die letztwillige Erklrung des verstorbenen Frsten, alle
Familienbilder auf Hohenberg sollten dem Sohne bergeben und von dem Verkauf an
das knigliche Haus ausgeschlossen bleiben, auf diesen letzten Worten seiner
Gemahlin beruht.
    Der Geheimrath machte eine unruhige Bewegung.
    Herr von Zeisel glaubte ihn zu verstehen und fiel rasch ein:
    O, mein Herr Bartusch, es ist diese Anordnung doch wol nur die schuldige
Rcksicht eines berhmten Geschlechts auf seine eigene Ehre oder sozusagen ...
den Glanz seines Hauses. Nicht wahr, Eugenie?
    Eugenie, seine Gemahlin, besttigte diese Worte mit einem kurzen vornehmen:
    Allerdings!
    Sie war eine geborene von Nutzholz-Dnkerke.
    Nun! Nur soviel wei ich, vertheidigte sich Bartusch mit vieler Trockenheit
und wollte den ihm von der Justizrthin zugeworfenen Wink nicht verstehen;
soviel wei ich, die Frstin war ohne alles Vermgen. Prinz Egon konnte ein
mtterliches Eigenthum nicht beanspruchen. Die Familienbilder und eine aus der
Verwaltung des Schuldenwesens fr ihn sich herauswerfende Apanage von jhrlichen
sechstausend Thalern bilden in diesem Augenblick seinen ganzen Besitz. Es wird
ihm in Deutschland nicht lange behagen, zumal wenn es wahr ist, da er Bier
trinkt, in die Vereine der Handwerker geht, Colonieen stiften will und hnliche
Phantastereien treibt, mit denen man sich bei uns hchstens eine vorbergehende
Popularitt erwirbt, aber die vielen Feinde, die sich das Haus Hohenberg so
schon zugezogen hat, in den obern Regionen leicht vermehren wrde.
    Frau von Reichmeyer, die es fhlte, da sie zu lange geschwiegen hatte, um
nicht fr beschrnkt zu gelten, ergriff diese Gelegenheit zu der Frage:
    Woher kommen nur diese Feinde?
    Liebe Schwester, sagte Eugen, wer kein Geld hat, hat keine Freunde, und
keine Freunde haben ist soviel, wie Feinde haben.
    Der Frst, erklrte Herr von Zeisel, setzte leider seine Wrde zu oft aufs
Spiel und verdarb es mit denselben Protectoren, denen er es mislich, ja schwer
machte, das Wohlwollen, das sie fr ihn fhlten, immer auch ffentlich zu zeigen
...
    Nein, nein, seien Sie aufrichtig, fiel Stromer ein. Verschweigen Sie nicht,
Herr Justizdirector, wovon wir bei unsern nhern Beziehungen zur Frstin so oft
Gelegenheit hatten, uns zu berzeugen; verschweigen Sie nicht, da es wirklich
eine geheim angelegte sonderbare Mine der Intrigue gegen die Frstin gegeben
hat! Sie wissen, wie oft sie ber die Bosheit und Heuchelei der Menschen bei
wirklich rthselhaften Veranlassungen klagte. Sollte Ihnen entfallen sein,
welche Namen sie nicht selten als die ihrer rgsten Feinde bezeichnete? Ich
erinnere Sie an eine Dame -
    Stromer hielt absichtlich inne. Herr von Zeisel wurde unruhig, berroth,
seine Gemahlin erblate, Beide blickten erschrocken bald auf den heute sehr
tapfern, angeregten Pfarrer, bald auf Herrn von Harder, dem seit Erwhnung der
Bilder dies Gesprch verdrielich, ja unehrerbietig erschien.
    Genug, sagte Stromer. Die Feinde des frstlichen Hauses mgen verschuldete
sein, es sind ihrer aber auch solche, die wol nur dadurch entstanden, da die
Frstin Amanda in ihrer Jugend sehr schn, sehr liebenswrdig und von aller Welt
angebetet war ....
    Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder. Er ahnte in ihnen eine
Beziehung zu seiner Gemahlin. War er auch wenig in die eigenen Lebensbezge
derselben, die erst seit zehn Jahren seine Gattin war, verwachsen, so wute er
doch, nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung, sehr
vollkommen, welche Farbe er in dieser, berhaupt in jeder Gesellschaft halten
mute. Sie sagte ihm ja immer: Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen! Und
ohne da er die Grnde dafr erfuhr, war er dann eiskalt gegen Den oder in
seiner Weise glhend gegen Jenen. Er wute vollkommen, da seine Gattin in
ltern Tagen, noch whrend ihrer ersten Verheirathung - mit ihm fhrte sie die
zweite Ehe - mit der Frstin verfeindet war; er hatte noch neuerdings, wo gerade
auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenberg'schen Einrichtung betrieben wurde
und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in
der Residenz bedingte, bei Auseinandersetzung der Grnde, die sie scheinbar dazu
bestimmt htten, das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens
beobachten knnen, und somit berstieg das Gesprch das Maa Dessen, was er als
Gatte und berhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhren zu
drfen ....
    Melanie aber rief:
    Lat die Todten ruhen! Was qulen wir uns damit, zu erforschen, was die
Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefhlt haben mgen! Zrnen Sie nicht, Herr
Pfarrer, da wir so oberflchlich und weltlich sind! Unsere Religion ist die
Natur, die Kunst, die Freude! Kommen Sie, wir wollen etwas Musik machen, wenn
dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat, noch einige Klnge
herzugeben.
    Damit ffnete sie den Flgel, der noch in diesem Saale von den ehemals hier
gehaltenen Betstunden stehengeblieben war. Es war ein altes verbrauchtes
Instrument, dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte, leidlich eine
Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen
Bauernchor zu verhindern, nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen
oder einen Vers um eine Terz hher zu schlieen als man ihn angefangen hat ....
    Melanie schlug eine Polka an. Manche Saite war schon gesprungen, manche
sprang jetzt erst. Sie lie sich jedoch nicht irremachen, sondern begleitete die
leicht tndelnde Melodie, die sie spielte, mit den entsprechenden Bewegungen
ihres Krpers. Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klgliches
Durcheinandersummen der ungestimmten Tne. rgerlich brach sie ab. Sie konnte
aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation. Man
war die feierliche Stimmung los, stand auf, nahm einige kalte Speisen zu sich,
die Madame Schlurck nach dem Thee herumreichen lie, und stellte sich in Gruppen
an die Fenster, an den Flgel, an das Kanapee der freundlichen Wirthin.
    Guido Stromer aber war nicht der Mann, der sich so leicht entthronen lie.
Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends, lobte
Melanie's Spiel, rhmte die Speisen, errterte die kleinsten Dinge durch
piquante Commentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist,
der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente, sie auszuspinnen und sinnig zu
verknpfen, finden konnte. Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann.
Ohnehin neckte ihn Melanie und wute ihn, gleich einem Magnet, der in einer
Wasserschssel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht, bald in diese
bald in jene Ecke zu locken, soda er nahe daran war, von dem Nimbus seiner ihn
umstrahlenden Wrde viel einzuben und sich wie Einer der Andern unter den
Andern zu verlieren. Als er anfing, doch auch zu freundlich zu zerschmelzen, zu
geziert, wie Malvolio in Shakspeare's Was Ihr wollt, nach geschnrkelten
Phrasen wie nach Fliegen zu haschen, entwand sich ihm das listige Mdchen und
ging gerade da, wo er schon zweideutig zu flstern begann, in einen lauten Ton
ber, den Alle hren sollten. Man gruppirte sich um sie. Sie neckte Alle. Sie
neckte den Commerzienrath mit seinen Staatspapieren, den Justizdirector mit
seinen Processen, Eugen Lasally mit seinen Wettrennen, fr die er Pferde und
Jockeys hungern und mager werden lassen msse .... So hatte sie es dahin
gebracht, da Alles wieder sa und sich gefallen lie, Rthsel und Charaden zu
lsen, die sie in schnellster Gewandheit, den anwesenden Personen angepat, zu
erfinden verstand.
    Die berladung, die das eigentmliche Kennzeichen der Huslichkeit
Schlurck's war, brachte auch fr diesen Abend, wie fr jeden noch eine Collation
Champagner. Dieser Wein war bei Schlurck so eingebrgert, da man wol sagen
konnte: er flo bei ihm in Strmen. Es mochte dieser Luxus daher kommen, da
Viele seiner Committenten, Viele der Personen, denen er Huser, Gter, Geschfte
verwaltete, ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten. Ein gewisses
prahlerisches Wohlleben war leider die tgliche Ordnung im Schlurck'schen Hause
und fr so besonnen und klug Melanie's Mutter auch im Praktischen gelten konnte,
nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es,
jeden Tag als einen Tag der Freude zu begren und zu beschlieen, als ein Fest,
wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkrnzten.
    Ja! ja! rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer, der kein Auge fr
Linchen, seine bescheidene Frau, den ganzen Abend ber gehabt hatte, jetzt aber
doch einmal zu ihr, der Dulderin, hinberschritt mit dem Champagnerglase in der
Hand; ja, ja, Lina, wie ist die Welt so schn, wenn man mit der Natur auf
vertrautem Fue steht! Da blitzt der Krystall, da lacht die Rebe, da funkeln
Diamanten, auch wenn man Krystall und Diamanten nicht selbst besitzt! Im Auge
liegt die Welt, im frhlichen Auge der Liebe liegt sie gewi; Liebe verklrt,
Liebe besitzt, Liebe verjngt! O wer sie nie gesehen htte die schaurigen
Schatten der Einsamkeit, wer nie erbebt wre vor dem Anblicke des Todes! Da
wrden sie fern geblieben sein die dstern Gedanken, mit denen der grbelnde
Mensch sich seinen Sonnenschein verhngt, seine Lauben in Grfte verwandelt,
seine lachenden Fernsichten in Abgrnde! Ein Kind, ein Kind zu sein unter Blumen
und Frchten! Lina, nichts schleppen als, jenen lieblichen dicken dresdener
Jungen des Rubens hnlich, Trauben, Trauben und Pfirsiche und kleine Kaninchen;
o Seligkeit, es ist vielleicht die des Himmels auf Erden. Und wenn wir einst an
die Pforte des Paradieses klopfen und sie im Jenseit genieen wollen, sagt uns
Petrus: Ihr Thoren, was sucht Ihr hier oben? Die Seligkeit habt Ihr Euch auf
Erden ja entgehen lassen! Steigt nun hinunter in das Zwischenreich, wo nicht die
Seligen, nicht die Verdammten wohnen. Ach, ich wei, was da hauset! Es ist die
Reue! Die bittere nagende Reue!
    Bravo! rief Melanie berlaut und strzte sich mit komischem Affect Stromer'n
fast zu Fen.
    Bravo, Priester! sagte sie und sprach damit die allgemeine den Pfarrer
bewundernde Stimmung aus. Auf diesen Glauben gib mir deinen Segen!
    Stromer'n, dessen allerdings geistreicher, eigenthmlicher und fr deutsche
Zustnde bezglicher Natur wir immer nher kommen werden, Stromer'n zitterte das
Champagnerglas in der Hand. Einige Tropfen fielen auf Melanie's entblte
Schultern.
    Guido! schalt Linchen, seine Gattin.
    Mag' es flieen, rief Melanie, whrend Alle lachten; er taufte mich auf
seinen neuen Glauben! Pfarrer! Sie mssen sich zu uns bekehren. Wollen Sie?
    Damit stand sie auf und schttete ihr Glas in das seinige. Wie eine Hebe so
schn, hob sie den gerundeten nackten Arm und lie von oben herab in
wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten, da es in Stromer's Glase
aufzischte und wie mit tausend Perlen schumte. Geblendet sa der glhende Mann
da und setzte taumelnd das Glas an die Lippen! ... Ah! rief Alles pltzlich
erschrocken. Noch nachtrglich zu den vielen gesprungenen Saiten im alten
Pianoforte der Frstin sprang eben noch eine der letzten .... Diese Mahnung wie
von Geisterhand brachte Guido Stromer'n zur Besinnung. Es berrieselte ihn ein
Schauer, als er der Tage gedachte, wo er hier betete und von der Sndhaftigkeit
der Creatur sprach .... Aber so wirkte noch die warme Berhrung seiner Kniee
durch die vor ihm fast niedergesunkene Melanie in seinen zitternden Nerven nach,
da er nur noch in ihrem Anschauen lebte und mit wonniger Spannung zuhrte, als
sie in ihr dunkles Haar greifend rief:
    Jetzt zum Abschied fr heute Abend: Wem la' ich die Rose hier zum Andenken?
Ich wollte sie verschenken. Wehe! Sie ist vom Stiel gebrochen! Armes hlfloses
Hundertblatt, wer soll nun deine Sttze, dein Stab und Stengel werden? Wer soll
dich mitnehmen und an sein Herz oder in sein Stammbuch oder auch nur in eine
einfache Cigarrentasche legen und sich dabei sagen: Melanie gedenkt Deiner,
gedenke du ihrer!
    Alles sah gespannt auf den Pfarrer und Dieser, bebend, schlug die
Augenwimpern nieder.
    Ich concurrire nicht, sagte Eugen sogleich mit einer spttischen, ernsten
Miene ber Melanie's berma von Coquetterie.
    Sie ziehen Ihren Einsatz zurck, Stallmeister, antwortete sie, und wissen
nicht, wie Sie gewinnen, ... wenn Sie schweigen! Sie haben heute soviel
geschwiegen, Lasally; wten Sie nur, welchen Respect man vor Ihnen bekommt ....
    Melanie sprach diese Worte so scharf, da sie unwillkrlich belacht werden
muten, zum groen rger der Commerzienrthin von Reichmeyer, die ihren Bruder
liebte und Melanie's Gefallsucht umsomehr verabscheute, als auch ihr Gatte von
den Netzen derselben umstrickt war. Eugen aber war eine viel harmlosere Natur.
    Mein Frulein, sagte er, Sie wissen, da ich auf Geist keinen Anspruch
mache. In meinem Kreise amsirt man sich, wenn man gut reitet, gut schiet,
Glck bei den Damen hat und die besten Cigarren hlt. Um mich grndlich zu
bilden und bei einem groen Genie in die Lehre zu gehen, hab ich einmal
angefangen, nicht nur Schiller, sondern auch Goethe zu lesen. Ich las Wilhelm
Meister's Lehrjahre.
    Nun, rief Stromer wild. Wie wurde Ihnen da? Ergriff Sie Achtung vor der
Bildung?
    Bester Herr Pfarrer, antwortete Lasally trocken, als ich las, da dieser
Wilhelm Meister, dieser junge Commis und Ladenschwengel -
    Entsetzlich! rief Frau von Zeisel, die Etwas auf Autoritten hielt und auf
Erziehung Ansprche machte.
    Als ich sah, lie sich Lasally nicht irremachen, da dieser Wilhelm Meister
seine Liebhaberei fr Puppenspielereien einer hbschen Schauspielerin erzhlt,
die dabei einschlft und immer noch von Puppenspielen erzhlt, whrend Marianne
schon in seinen Armen schnarcht, habe ich das Buch weggeworfen und mir
vorgenommen, bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen ... man wird da
lcherlich, ohne es zu merken.
    Melanie strafte ihn aber fr diese bse, gegen Stromer gerichtete Anmerkung.
    Ein Goetheverchter, sagte sie, bekommt meine Rose nicht.
    Es wuchs die Spannung, wem sie ihre Gunst zuerkennen wrde.
    Dem Witzigsten! hie es.
    Dem Artigsten! .....
    Dem besten Reiter! sagte man mit Spott auf den Commerzienrath.
    Melanie ging mit der Rose im Kreise umher und whlte und whlte ...
    Ich suche seltene Vorzge, sagte sie, irgend etwas Neues, Bedeutendes ...
Wer meine Gunst verdient, mu ... Ah Bartusch!
    Mich lassen Sie aus dem Spiele! rief Dieser komisch erschreckt und wehrte
die Rose ab zum Gelchter der brigen.
    Da Sie heute nicht mit den Fingern rechneten, rief Melanie, nicht an den
Ngeln kauten und Ihren alten bsen Husten einmal bei sich behielten, verdiente
in der That eine Auszeichnung, und wenn ich bedenke, da Sie heute sogar noch
ein hbsches, glattes, sauber rasirtes Kinn haben -
    Der graue Schleicher, verfolgt von Melanie'n, rief kichernd: Gute Nacht!
ergriff schnell einen Leuchter und lief unter allgemeinem Spotte davon.
    Die doch etwas verletzten Damen wollten seinem Beispiel folgen und
aufbrechen.
    Nein! sagte Melanie, ihr misgnstigen Schwestern, wird Frauengunst so
verschmht? So wenig Werth gelegt auf eine Rose, die ein Mdchen im Haar
getragen? Zur Strafe fr die studirten Herren, deren Gattinnen am meisten mit
den Sthlen rcken, bekommt die Rose der, der die grte uere Schnheit
besitzt, den kleinsten Fu und die weieste Hand .... Herr Justizdirector,
strecken Sie Ihren Fu vor!
    Dieser zog seinen furchtbaren Elefantenfu rasch zurck. Henning von Harder
aber merkte etwas .....
    Die Hand des Commerzienrathes wurde gerhmt. Sie war rundlich und
wohlgepflegt, aber viel grer als Harder's. Und seine Gemahlin bedeckte sie;
sie wollte der Posse ein Ende machen .....
    Harder war entzckt ..... er zitterte .....
    Ich hab's! rief Melanie. Meine Rose ist erobert. Excellenz .... Excellenz
hat das Seltenste, was ich je gesehen ....
    Was? fragte man erstaunt.
    Die kleinsten, zierlichsten Ohren von der Welt! sagte Melanie.
    Der Contrast der Wrde, die dieser Mann behauptete, und die allgemeine
lautlose, starre Bewunderung seiner Ohren, die er mit geschmeichelter
Befangenheit wirklich nun zulie, war im hchsten Grade lcherlich. Die Ohren
fand man rings um die Excellenz herumgehend, in der That so klein, da Herr von
Harder nicht ohne Schchternheit gestand, da er diesen Vorzug allerdings schon
oft an sich htte rhmen hren. Mit einer Bescheidenheit, als wenn er fr eines
der grten Geistestalente nichts knne, da es ihm die Natur einmal gegeben,
nahm er dann von der in seinem Anschauen wie selig schwelgenden Melanie die Rose
entgegen und richtete an die bestrickende Circe eine so verwirrte Anrede, da
man sich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten Galanthomme grndlichst
weiden konnte. Schwerlich hatte sie bei dieser Neckerei ein Interesse. Was war
ihr der Geheimrath? Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes, sie, die
die zudringlichen Antrge junger Grafen und Frsten tglich abzulehnen hatte und
deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrschen und consequentes
Nein-Sagen sein mute .... Prinz Ottokar selbst, des Knigs Bruder sogar,
hatte sie schon auf Bllen ausgezeichnet ... sie floh nur immer, wich immer nur
aus. Was war ihr also die grenzenlose Verwirrung, die sie ber den Geheimrath
hervorbrachte, anders als eine Tndelei der Lieb' im Mssiggang?
    Als sich die ganze Gesellschaft empfohlen und zerstreut hatte, brach
Melanie, die Mutter umarmend, in die Worte aus:
    Zrne mir nicht, gute Mutter! Wir tanzen solange ber den Blumen des Lebens
hin und blicken dabei unvorsichtig nach der Sonne empor, bis wir einmal
zerschmettert an einem Abgrunde liegen, den wir in unserer Lust doch bersahen!
    Welch ein Bild! Kind! Das wolle Gott verhten! antwortete die Mutter
besorgt. Was hast du?
    Kopfweh fr heute! sagte sie abgespannt. Und nun ... gute Nacht!
    Damit kte sie die Mutter, der sie fr weitere Fragen, Mahnungen,
Besorgnisse mit graziser Handbewegung rasch den Mund zuhielt, und verschwand in
ihrem Zimmer, wo Jeannette, ihre hbsche Zofe, sie schon ungeduldig mit einem
Licht erwartete ....
    ... Das Mdchen kaute Kaffeebohnen, um an ihrem Athem zu verbergen, wie man
unten im Erdgescho oben den Herrschaften nachahmte und sich wrdig zeigte, in
einem Hause zu dienen, wo nur der Materialismus herrschte ....
    Melanie, in Gedanken versunken, merkte nichts von den Kaffeebohnen, nichts
von dem glhenden, punscherregten Gesicht des Mdchens. Sie lie sich ruhig
entkleiden. Sie duldete ohnehin niemals, da man sie vor dem Schlafengehen aus
ihren Trumen durch Plaudereien weckte, besonders so indiscrete und zweideutige,
wie sie Jeannette meist zu verfhren pflegte.

                                Zwlftes Capitel



                               Eine berraschung

Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem groen Salon getrennt.
In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begren und gemeinschaftlich zu
frhstcken, wenn sie nicht vorzogen, die balsamische Frische der Natur und den
Kaffee in dem Garten einzuschlrfen.
    Schon lange hatte am nchsten Morgen die Mutter gewartet und sich, als
Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhpfen wollte, erlaubt, leise an
die Thr des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte
und sie es acht Uhr schlagen hrte, klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein
wenig leise an ...
    Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter
trat ein.
    Wie erschrak sie, als sie ihr Kind noch im Bett fand! Melanie erklrte sich
leidend. Sie htte eine unruhige Nacht gehabt, und fhlte sich unvermgend schon
aufzustehen.
    Die Mutter gerieth in nicht geringe Bestrzung.
    Nein, nein, sagte Melanie, bekmmere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht
einschlafen. Wie ich so mit mden Augen lag, die sich nicht schlieen wollten,
glaubte ich, vielleicht wre die Hitze des Zimmers an dieser Aufregung der
Nerven Schuld. Ich stand auf, zog die Vorhnge zurck, da der helle, volle
Mondenschein hereinfiel ...
    Da hast du dich erkltet, sagte die Mutter, als Melanie stockte ...
    Sie schttelte den Kopf.
    Was ist es denn? Sprich, mein Kind!
    Wie ich das Fenster ffnete ..., glaubt' ich unten eine Gestalt zu sehen,
die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war.
    Hackert! sagte die Mutter mit blinzelnd zugedrckten Augen und sich
abwendend.
    Ja Hackert! wiederholte Melanie seufzend. Ob ich sagen soll, da er in
seinem gewohnten nchtlichen Zustande war, wei ich nicht. Er schien mir wach zu
sein. Das Weie seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft
an. Ich schlug entsetzt das Fenster zu. Als ich dann noch einmal hinblickte, war
Fritz verschwunden. Ich schlief ein, ward aber so von Trumen gengstigt, da
ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschpft als gestrkt fhle.
    Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nhe besttigen. Lasally wollte ihn
gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Theetisch
zugeflstert ....
    Du hast keinen Geist gesehen! sagte sie seufzend.
    So sind wir denn berall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf sich wie
verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers.
    Gutes Kind, begann bekmmert die Mutter, beruhige dich! Ach, es ist ber
diesen Gegenstand schon soviel von Deinen ltern gejammert worden, da deine
Klagen unsern Schmerz nicht erreichen! Der Vater nahm Hackert aus dem
Waisenhause. Alles, was man von seiner Geburt erfahren hatte, war so dunkel und
abenteuerlich, da er unser Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen
Arbeiter, den er sich von unten auf selbst erziehen wollte. Er lie ihn
unterrichten; er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich frh schon von
einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen, da er mit des Vaters
geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde, als selbst Bartusch es ist. Die
Folge davon war die grte Vernachlssigung seiner selbst und eine
Vertraulichkeit mit der Familie ...
    Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Ausdruck des grten Schmerzes.
    Ich denke mit Entsetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort,
da wir so blind sein konnten, in der Freude unsers glcklichen Aufschwunges, im
Genusse der vielen Heiterkeit, die uns auf unserm Lebenswege lachte, das
Ernsteste zu bersehen, das Gefhrlichste, was sich neben uns entwickelte.
Dieser Knabe wuchs mit dir auf. Listig wie er war, gewann er bei aller
Hlichkeit, aller Widerwrtigkeit seines uern, an die wir uns gewhnt hatten
- die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor - unser Aller Vertrauen. Ob
wir, um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen, den Bedienten schickten
oder Fritz diesen Dienst verrichten lieen, schien uns unglcklichen Menschen
einerlei; ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor, da er verllicher schien als
Alle und fast im Hause wie dein Bruder gehalten wurde. Unselige Vertrautheit,
die ihn ermuthigte, Hoffnungen in ihm nhrte und seine Sicherheit bis zum
bermuth steigerte!
    Melanie schwieg eine Weile, stemmte ihr schnes Haupt auf eines ihrer Kissen
und sagte zu der ngstlich sie anblickenden Mutter:
    Und doch war die Strafe, die ihr ber ihn nach jener schrecklichen Nacht
verhngtet, zu hart! Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden fr uns Alle
geworden! Aus dem Hause wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich
nie an ihm kannte, fast mit Fen getreten, irrte er wie ein rachschtiges Thier
umher und droht uns mit Allem, was er in unserm Hause erlebte, erfuhr, entdeckt
hat ... droht uns ...
    Entdeckt hat? unterbrach sie die Mutter erschreckend. Was kann er entdeckt
haben als den regelmigen Gang eines groen ehrenvollen, vom Flei und dem
Genie des Vaters geleiteten Geschfts? Das Einzige, was man frchten konnte, war
der lose freche Mund des frhverdorbenen jungen Wstlings. Ich zitterte, wenn
ich nur daran dachte, wie ...
    Die Mutter stockte.
    Was dachtest du? sagte Melanie.
    Ach, ich will nichts mehr sagen! La es gehen!
    Mit euerm ewigen Gehenlassen! Dieses stete Vertuschen und Verschweigen! Was
nur dachtest du?
    Melanie -!
    Frchtest du, da er den Menschen erzhlt, wie frh dieser sozusagen
Halbbruder, der mit mir aufwuchs, versucht hat ...
    Deine Phantasie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenstcke
erfhre -
    Mutter! rief Melanie hastig auffahrend, als knnte sie doch die zu
grndliche Untersuchung dieser Wunde, die sie selbst veranlate, nicht lnger
ertragen. Schweige! Schweige! Vergi nicht, da dieser Unselige vorgibt, mich zu
lieben, mir treu sein will mit unglaublicher Anhnglichkeit und niemals wagen
wird ...
    Anhnglichkeit, die ich Wahnsinn, Frechheit nenne! unterbrach sie die
Mutter, vor Zorn sich rthend.
    La es gut sein!
    Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmlig.
    Erst erwartete sie, da Melanie ihr zusprechen sollte. Da die Tochter aber
in ihrer trumerischen Lage verblieb und mit keinem trstenden Blicke sich ihrer
Pein erbarmte, streichelte die Mutter die heie Stirn des Kindes und kte die
zarten blauen derchen, die sie in Melanie's Augenwinkeln entdeckte.
    Weg, weg mit diesen Sorgen, rief sie, sei heiter, Melanie! Noch gestern hast
Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen. Die gefeierten
Ohren des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht, als wenn Du dem
Lieutenant von Aldenhoven gesagt httest, er gliche dem Adonis. Was willst du
mit dieser Eroberung?
    Melanie verzog ihre ernsten, schmachtenden und erschpften Mienen zu einem
Lcheln, dem ein wehmthiger Zug beigemischt war. Ohne auf die Frage der Mutter
zu antworten, lenkte sie das Gesprch wieder auf Hackert zurck.
    Gern wollt' ich beruhigt sein, sagte sie, beruhigt ber Alles, was uns
Hackert Schlimmes etwa anthun knnte, wenn ich ihn nur berzeugen knnte ....
    Wovon? Wovon, Kind? fragte die Mutter erstaunend. Kehrst Du wieder auf
diesen unheimlichen Gegenstand zurck?
    Melanie gab anfangs keine Antwort, dann aber sagte Sie:
    Ich thue Niemanden gern weh.
    Aber ich bitte Dich, Kind, Erklrungen! Erklrungen gegen einen solchen
Menschen! Ein halbes Thier ist dieser Hackert ....
    Mutter!
    Ja Melanie! ... Die Mutter lie sich in ihrer Auffassung nicht stren und
hob absichtlich das an Hackert Ungefllige hervor - ja, Melanie, es ist ein
Mensch von einer Unreife, die mir ein Grauen einflt. Dies Haar, dieser Gang,
diese Magerkeit! Und diese Bosheit, dies verruchte Herz -
    Du bertreibst ....
    Nein, Kind, Das ist ein Wesen, wie ich mich entsinne, einst in einer
Gesellschaft gehrt zu haben, zu der mich Frau von Trompetta mitnahm. Wie hie
das Stck, das der berhmte Dichter vorlas, das Stck, wo ein so unfertiger
Halbmensch vorkommt, den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und
seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt?
    Der Sturm! Der Sturm, liebe Mutter!
    Der Sturm! Und der bse Gast, den der Zauberer auf der wsten Insel findet -
    Caliban!
    Caliban! Das ist's! Ein solcher Caliban ist dieser Fritz, fhig, seine
eigenen Geschwister ... zu verzehren, wenn ihn grade Hunger triebe! Ein
Halbmensch, ohne Gemth, ohne Liebe, ohne einen Funken edler Hingebung! Nur
sinnlich, nur ein Wesen, das blindlings seinem Instincte folgt ....
    Er ist krank ...
    Durch sich selbst! Die Zerrttung seiner Nerven, wer verschuldet sie?
    Sein Nachtwandeln ist erst ber ihn gekommen, als man ihn so grausam
verstie. Als man ihn vollends mishandelte, als Lasally -
    Nein, die Wuth, der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen ....
    O Mutter! Ich wei, was ihn nicht schlafen lt! Ich lasse mich nicht
irremachen. Ich habe nachgedacht ber Fritz. Ich habe ber ihn geweint. Das ist
der Mensch, wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne
den Sonnenschein des Geistes aufwchst -
    Ja! Ja! Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel, als der Sturm vorgelesen und
Caliban's Charakter errtert wurde?
    Mit diesen Betrachtungen, meinte Melanie, schwatzen wir unser Unrecht nicht
weg. Wenn ich ihm sagen knnte: Fritz -
    Melanie, fiel die Mutter ein, Du wirst doch keine Errterungen mit ihm
herbeifhren, seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen?
    Der Schein, Lasally's emprendes Benehmen zu billigen, drckt mich ....
    Nimmermehr! Wie geht Das! entgegnete die Mutter besorgt. Die Mihandlung,
die ihm Lasally angethan hat, war roh, aber sie brachte gute Folgen. Sind wir
nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben? Konnten wir
sonst einen Schritt vorm Thore, im Park thun, ohne ihn aus den Bschen
heraustreten zu sehen? Konnten wir das Theater besuchen, ohne beim
Nachhausefahren ihn im Gedrnge der Menschen an unserer Seite zu finden? Seit
einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal, da er sich wieder in unsere Nhe
wagt. Er wird Lasally und seine Jockeys sehen und sich vor ihren Reitpeitschen
zum zweiten male in Acht nehmen ....
    Erinnere mich nicht, fuhr Melanie entsetzt auf, an diese brutale Scene! Sie
hat mir Eugen, den ich seines ehrlichen und offenen Charakters wegen zu schtzen
im Begriffe stand, aufs tiefste entfremdet. Ich gestehe, da ich an Lasally
Gefallen hatte. Gerade, da er als geborener Israelit nicht eine einzige der
Eigenschaften zeigte, die man sonst an diesem Volke tadelt oder lcherlich
finden will, hatte mich zu ihm hingezogen. Sein trockener Witz ist ganz anders
als der Witz seiner Glaubensgenossen. Er gibt sich fr beschrnkter,
ununterrichteter als er ist. Er will, whrend alle seine Glaubensgenossen nach
Geist streben, keinen Geist haben und hat ihn. Wie er mich reiten lehrte, that
er es mit soviel Bonhommie, soviel Humor, da ich ihm wahrhaft gut war. Was soll
aus mir werden? Eine Knigin? Eine Herzogin? Eine Offiziersfrau? Eine Frau
Assessorin? Ah ... Bah! Ich konnte mir denken, der Vater stellt dem Eugen durch
meine Mitgift seine Finanzen wieder her, wir bauen eine prchtige Arena, den
Tummelplatz der ganzen eleganten Welt, wir verbinden sie mit einer glnzenden
Erleuchtung, mit Lauben, mit Treibhusern fr Die, welche nach dem Ritte sich
erholen wollen. Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen
brgerlichen Sphre, in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war,
der Gedanke, durch die Verbindung mit Lasally knnt' ich die Aufmerksamkeit der
ganzen Stadt fesseln, mit den schnsten Damen, den elegantesten Mnnern in
Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln, bis ich
freilich durch die grere Bekanntschaft in dieser Sphre Eugen's, der mich in
sie eingefhrt hatte, ihrer berdrssig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn
doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung
erhalten wrde. Es war eine Verirrung. Und doch whrte es lange, bis sich meine
Phantasie von Lasally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller
Damen, dem galanten khnen Reiter und gesuchten, bei allen Kunstausstellungen
auf ein Dutzend Bildern dargestellten ffentlichen Charakter, lossagte. Erst als
ich den Abend in unserm Garten vorm Thore, wo Lasally mit mir scheinbar harmlos
lustwandelte und ich pltzlich erzrnt ausrufen mu: Gott, da ist schon wieder
Hackert ber den Zaun gestiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's
klgliches Geheul hrte, als Lasally selbst, wie ein Rasender, seine ganze
Kaltbltigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen mu,
wie zwei seiner Bereiter den Unglcklichen mit langen Peitschen grausenhaft
mishandeln und Lasally, Eugen Lasally selbst, ihn mit der Reitgerte wie ein
Rasender gerade ber den Kopf hieb, whrend die Hunde seine Kleider zerrissen -
    Rege Dich nicht auf! sagte die Mutter. La die Erinnerung, Melanie! Es ist
ein Jahr her. Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du
wrdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen.
    Ihr verschwiegt mir, da Hackert auf den Tod lag, sagte Melanie.
    Der Vater lie fr ihn sorgen ....
    Ich erfuhr spter Alles, fuhr Melanie erregter fort.
    Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen. Doctor
Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufllig in einer Gesellschaft
begegnete, erzhlte mir, da er Anflle von Raserei htte. Wie ein wthendes
Thier schlge er dann um sich, fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in
eine Erschpfung, die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwche zur Folge
haben wrde ....
    Es ist traurig. Aber was lt sich thun? sagte die Mutter bestimmt, jedoch
ohne Klte. Und der Vater handelt edel an ihm ....
    Doctor Hammer erzhlte zuerst von seinem Nachtwandeln - in groer
Gesellschaft - vor aller Welt ... Meine Verzweiflung, Das anhren zu mssen! Ich
htte in die Erde sinken mgen -
    Schon bei uns hie es, er wandle bei Nacht!
    Nie! sagte Melanie bestimmt.
    Woher kannst Du Das so bestimmt versichern?
    Nie! sag' ich! wiederholte sie der staunenden Mutter. Sein damaliges
Nachtwandeln war etwas Anderes .... Und nun genug davon!
    Melanie schwieg und warf sich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kissen
whlend.
    Die Mutter, des Justizraths gutes Hannchen, gehrte zu den Wesen, denen
nichts unbequemer war, als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen, die nur auf
Unerfreuliches fhren konnten. Sie war eine durchsichtige, verstndige,
scharfblickende Frau. Sie ahnte durch Inspiration rascher Etwas, als manche
schwerfllige Untersuchung langsam ergab. Aber sie liebte es, sich ber Das, was
ihr mglich, ja wahrscheinlich dnkte, dennoch keine Rechenschaft abzulegen. Sie
wollte das Geschick immer nur en profil, nie en face sehen. So lie sie denn
auch ber dies sonderbare Nie getrost den Schleier fallen. Sie wute, da in
ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von
dessen zgelloser Frhentwickelung in bedenkliche Gefahren gerathen war, von
denen das aufgeregte, ebenso ber die Liebe frh nachgrbelnde Mdchen noch zur
rechten Zeit wie der Vater damals sagte, befreit wurde .... Und so alles
Unangenehme vertuschend, verwischend, beschwichtigend sprach sie mit heiterm
Ton:
    La Das nun gehen, Kind! Wir htten einen solchen Caliban nie ins Haus
nehmen sollen! Es geschah. Es sollte so sein. Wir hatten Mitleid mit dem
ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings,
hielten ihn hher, als wir ihn htten halten sollen, und mssen uns vorwerfen,
da wir nicht strenger wachten, als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und
sich und Andere zu verderben. Geliebt kann er dich nie im Ernste haben; denn
seine Auffhrung bewies es nicht. Es kam spter Alles zu Tage, was er war und
wie er auf die Zerstrung seiner Jugend wthete! Jeannette hat viel gebeichtet.
Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag. Am Bureau neben dem Vater schlief
er mit offenem Auge. Da mute er in den Nchten wol mit geschlossenen Augen
wachen. Die Lection, die ihm Lasally gab, war nicht nach unserm Sinne, sie war
grausam; aber sie hat ihm gezeigt, da wir ihn nicht frchten, mag er auch noch
soviel drohen, noch soviel mit seiner Kenntni der Geheimnisse des Vaters
prahlen. Wir boten ihm, wenn er uns nicht mehr belstigen wollte, Geld an; er
nahm nicht mehr, als wir ihm frher schon ausgesetzt hatten, bis er eine Stelle
fand. Und doch, sagt man, soll er so trge sein, da er nicht die geringsten
Anstalten trifft, seine Zukunft von der Abhngigkeit, die ihn an den Vater
fesselt, zu befreien. Ach! Kind, es war immer eine bse Natur! Bald
Verschwender, bald geizig. Bald offen, bald hinterlistig. Und welche malose
Eitelkeit! Ich will nicht davon sprechen, da er mit seiner abschreckenden
Figur, seinem rothen Haar, seinen abgerissenen Stiefeln und seiner
unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann, noch einen Eindruck auf Dich
zu machen .... Ist es nicht die tollste Eitelkeit, da er uns hat sagen lassen,
er schone den Vater bis zu seinem fnfundzwanzigsten Jahre, wo ihm Dieser
versprochen htte, ihm das Geheimni seiner Geburt zu entdecken?
    Der Vater wei darum, sagte Melanie.
    Nicht ein Wort wei der Vater, sagte ihre Mutter. Er hat einzelne Anzeichen,
einzelne kleine Zuflligkeiten entdeckt (z.B. einen zerbrochenen, bei dem
Findelkinde gefundenen Ring), die auf ein nicht ganz gewhnliches Herkommen
dieses Menschen schlieen lassen; aber die wenigen Worte, die der Vater einmal
bei guter Laune darber fallen lie, haben ihm so den Kopf verwirrt, da er sich
einbildet, sicher ein Baron zu sein. Genug von ihm! Steh' nun auf! Sei heiter!
Geniee das himmlische herrliche Wetter! Sieh! Sieh! Die goldene Sonne!
    Damit ri die Mutter die Vorhnge auf, der lichte Sonnenschein fiel in das
dunkle, pltzlich erhellte Zimmer.
    Auf! Auf! Tummle dich, Melanie! ermdete die Mutter nicht zu rufen. Nimm an
mir ein Beispiel! Schon war ich im Bade! Schon trank ich Wasser an der frischen
Quelle im Garten. Wasser, Sonne, Luft, Licht, Blumen! ... Mdchen, weit du denn
nicht mehr, was schn und jung macht, schn und jung -
    Erhlt! fiel Melanie schmeichelnd ein, wandte sich und reichte der frisch
und rosig strahlenden Mutter die Hand.
    Indem klopfte es.
    Wer klopft?
    Eine Stimme wisperte am Schlsselloch:
    Darf ich?
    Jeannette?
    Nein, sagte die Justizrthin; es ist Bartusch.
    Str' ich? rief Bartusch durch das Schlsselloch. Kommen Sie heraus! Es sind
merkwrdige Briefe vom Justizrath da.
    Vom Vater?
    Die Mutter ging hinaus.
    Nach einigen Secunden kam sie wieder und rief:
    Melanie! Denke dir, wer angekommen ist?
    Erschrecke mich nicht! Ich rathe nicht gern. Meine Nerven sind angegriffen
...
    Der Prinz Egon!
    So? Das wissen wir ja schon.
    Prinz Egon von Hohenberg!
    Angekommen? In der Residenz?
    Nein, hier! Hier auf dem Schlosse.
    Sonderbar, wie diese Worte auf Melanie wirkten! Sie kannte den Prinzen nicht
und mute eher im Interesse ihrer Familie vor ihm auf der Hut sein, als dabei
interessirt, ihn gerade hier zu sehen, wo sie Alle von seinem Eigenthum fast
Besitz genommen hatten .... Dennoch sprang sie jetzt aus dem Bette, lie Hackert
Hackert sein, kmmerte sich nicht mehr um Lasally, nicht um den Intendanten,
verga die Nacht, verga ihr Kopfweh, verga ihre Schlaflosigkeit und trieb nur
die Mutter an, ihr zur nothdrftigsten Toilette beizustehen. Wie ihre Fe in
die seidenen Pantffelchen schlpften, die leichten Nachtgewnder abgeworfen
wurden, wie sie an den Toilettentisch eilte und sich in flinkester Behendigkeit
Angesicht und Nacken benetzte, wie sie dazwischen an dem Schellenzug ri, um den
Bedienten das Zeichen zum Serviren des Frhstcks zu geben ... man htte nicht
glauben sollen, da Dies dasselbe Wesen war, das noch eben wie leblos, ganz in
Trumerei und Erinnerung versunken, zwischen den grnseidenen Couverten des
Bettes gelegen hatte. Das einzige Wort: Ein Prinz, der Prinz Egon, ist hier auf
Hohenberg! hatte sie elektrisirt. Sie herzte die Mutter und trstete sie mit den
Worten:
    La es nun gut sein, sonst mu ich ber mich selbst lachen! Ja! Ja! Wasser!
Luft! Sonnenschein! Die Mutter hat Recht.
    Damit drngte sie die kleine runde Mama, die schon so frisch, so sauber
ausschaute, durch die Thr und hpfte ihr mit den Worten nach:
    Nun guten Morgen, Bartusch, was haben Sie? Was schreibt Papa? Wo ist hier
ein Prinz? Wer hat den Prinzen? Her mit ihm!
    Bartusch war schon ganz in seiner gewohnten Toilette. Einfach, aber sauber.
Weie Halsbinde, weies Vorhemd, schwarze Weste, grauer berrock, weite lichte
Beinkleider, Schuhe mit grauen Kamaschen. Er wiederholte die Zeichen, die
Stillschweigen bedeuten sollten, mit um so grerm Nachdruck, als ein Diener in
Schlurck's geschmackvoller Livree eintrat und das Frhstck beim offenen Fenster
auf einem runden Tische auftragen wollte, an dem zwei Sessel standen. Bartusch
lie ihn gewhren. Als er gegangen war und einige kleine Befehle, die Melanie's
Ungeduld folterten, fr die Wirthschaft mitgenommen hatte, schlo Bartusch
wieder behutsam das Fenster und zeigte einen Brief, der diesen Morgen von der
Residenz mit einem Expressen angekommen war, viele geschftliche Anweisungen des
Justizraths und unter Anderm auch folgende Stelle enthielt:
    Schlielich, liebster Bartusch, mach' ich Sie auf ein merkwrdiges Gercht
aufmerksam, das hier zu meiner Kenntni gelangte. Prinz Egon ist vor einigen
Tagen hier angekommen und hat sich, wie man fr gewi behauptet, in einer
Verkleidung nach Hohenberg begeben. Zu welchem Zwecke ist mir unbekannt. Wenn er
wirklich streng incognito reist, um uns wahrscheinlich zu belauschen und sich
Hohenbergs Zustnde anzusehen, wrde Ihnen eine genauere Beschreibung seiner
Person, die ich nicht einmal ganz geben kann, wenig ntzen. Doch drfte es immer
rathsam sein, wenn Sie sich merken wollten, da Prinz Egon mir allgemein jetzt
als ein ziemlich schlankgewachsener, doch nicht bergroer junger Mann von mehr
lichtbraunem als blondem Haar geschildert wird. Seine Augen wren braun, seine
Hnde und Fe zierlich, was wei ich von den Schnheiten allen, die er besitzen
soll und ber die man am besten thte, erst bei den schnen Frauen in Paris
Erkundigungen einzuziehen.
    berflssige Anmerkung, die wol von Ihnen kommt? unterbrach Melanie den
schmunzelnden Vorleser ...
    Dieser fuhr fort:
    Das Beste an der Sache ist, da ich ohne Zweifel den Prinzen Egon auf
seiner Incognitoreise gesehen habe. Im Heidekruge, bei dem ehrlichen Manne, dem
Volksfreunde Justus, der mich mit seiner Verwendung fr meine schnauer Wahl
betrgen und sich selbst whlen lassen wird, lernt' ich einen jungen Mann
kennen, dessen ueres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entspricht. Er
fiel mir im Gesprch sogleich durch geistvolle Wendungen sehr auf, und da er
liberale Ansichten aussprach, bin ich berzeugt, da es der Prinz war, den die
diesseitige Gesandtschaft in Paris sehr oft als einen Communisten bezeichnet
hat. Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entsinne, hatte dieser Fremde
hellbraunes Haar, trug sich mit einem der modernen Brtchen, deren Namen ich
nicht kenne, war ohne Stutzerei gutgekleidet und sprach hchst angenehm und
fertig. Folgen Sie diesem Signalement. Forschen Sie Egon's Schritten nach.
Begierig bin ich, was der Prinz in Hohenberg beabsichtigt. Mglich, da seine
geheime Besichtigung der Familienbesitzungen ihn bestimmen knnte, die
Verwaltung derselben noch einmal zu versuchen und sich mit den Glubigern seines
Vaters abzufinden. Sie fhlen, da mir mit einem solchen Entschlusse wenig
gedient sein kann, denn er wrde meine Administration aufheben, die doch, so
Gott will, bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreiig Jahre ber mein khles
Grab noch hinausdauern knnte. Also beobachten Sie ihn und schlagen Sie in
unserm Verhalten zu ihm den Weg ein, der Ihnen der ntzlichste scheint. Entdeckt
er sich nicht, so wr' es am gerathensten, ihn harmlos von selbst aufzusuchen
und unter irgend einem Vorwande im Schlosse anstndig zu fesseln, ohne da man
dabei sein Incognito verletzt. Vielleicht hilft dabei meine gute und kluge
Melanie ...
    Helfen? Ich? sagte Melanie fast errthend.
    Melanie, fuhr Bartusch zgernd fort; der ich brigens wnschen mu ...
    Die Mutter nahm den Brief, den ihr Bartusch jetzt zum Einsehen hinreichte,
zgernd.
    Melanie, gespannt und ungeduldig wie sie war, wollte kein Geberdenspiel und
sagte, indem sie den goldenen Kaffeelffel vom Munde absetzte und in die Tasse
senkte:
    Was soll es denn mit der guten klugen Melanie? Was ist ihr zu wnschen?
    Sie kann es hren, meinte die Mutter, die weiter gelesen hatte. Ich sagte
ihr ja schon, welche Belstigungen uns bevorstehen, da sich Hackert erlaubt hat,
hierher zu folgen. Der Vater warnt uns vor ihm, da er ihn auf dem Heidekruge
gesehen htte und vermuthen msse, er wrde die Dreistigkeit haben, sich hierher
zu begeben. Er bedauere, schreibt er, nicht gefragt zu haben, auf welche
Veranlassung Hackert im Heidekrug wre ...
    Lassen wir Das, sagte Melanie, und bleiben wir beim Prinzen Egon stehen. Was
wei man von ihm? Ist Jemand angekommen, der dem Signalement hnlich sieht?
Schne Kennzeichen sind das! Wer findet sich aus solchen Allgemeinheiten
zurecht? Lichtbraunes Haar, zwischen blond und braun in der Mitte spielend - ein
unglaubliches Phnomen! Und die kleinen Hnde und Fe, der namenlose Bart und
die Franzsinnen, die Papa wol htte auslassen knnen! Er meint die Grfin
d'Azimont, von der ich schon gehrt habe ....
    Bartusch unterbrach sie mit dem Bemerken, es fnde sich in dem wider
Schlurck's Gewohnheit sehr langen, aber durch die Wichtigkeit der Veranlassung
begrndeten Briefe noch ein interessantes Postscriptum.
    Wie in einem Frauenzimmerbriefe? sagte Melanie.
    Whrend sie ihr feines von der alten Brigitte jeden Morgen frisch gebackenes
Weibrot zerkrmelte, las Bartusch:
    Nachtrglich noch eine Notiz fr die Erkennung des Prinzen. Soeben war Frau
von Trompetta bei mir, um einmal wieder eine ihrer tausend Unterschriften zu
sammeln. Sie antwortete mir auf meine Frage, ob sie nichts Genaueres ber die
uerlichkeit des Prinzen Egon wisse, er hnele, sie sagte es freilich mit
sonderbarer Neckerei, dem jungen schnen Maler Siegbert Wildungen ....
    Siegbert? unterbrach Melanie erstaunend ....
    Siegbert Wildungen, den ich mich entsinne einige mal bei uns zum Thee
gesehen zu haben. Und in der That ....
    Sie erfinden da Etwas, Bartusch, sagte Melanie und ri den Brief an sich.
    Sie konnte nun selbst weiter lesen:
    In der That entsinne ich mich, da mein rthselhafter Fremder im Heidekrug,
nach dessen nherm Reisezweck, Namen und etwaniger Gesellschaft ich mich leider
zu erkundigen vergessen habe, mir den Eindruck einer groen hnlichkeit mit
Jemanden machte, den ich erst krzlich mute gesehen haben. Mglich, da sich
mir die Gesichtszge des jungen Malers Wildungen von den kleinen
Theegesellschaften eingeprgt haben. Ich knnte Ihnen von Egon's hiesigem
Auftreten mancherlei Wunderliches erzhlen, besonders von seinem Reisebegleiter,
einem Franzosen, Namens Louis Armand; doch verspar' ich Das auf Eure Rckkunft.
Behandeln Sie den Prinzen mit Discretion und tragt Alle dazu bei, Kinder, da
der Ha, mit dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt, sich mildere und die
ungemein wichtige Verstndigung, die ich mit ihm durchfhren mu, vernnftig
abluft .... In groer Eile! ....
    Siegbert Wildungen! wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer
Gesichtszge, der vielleicht sagen sollte: Wie mischt sich dieser reine Name in
meine Lust und meinen Frohsinn?
    Diese Trompetta! sagte sie zur Mutter. Es ist kein Wort wahr, da Prinz Egon
dem Maler Siegbert Wildungen hnlich sieht; sie wollte mir nur den Stich geben:
Bedenke, wen du schonen solltest! Bedenke, wer dich zu lieben vorgiebt! Der
sanfte gute Siegbert!
    Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verchtlich den jungen Maler
geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier.
    Ich wette, diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen: Melanie,
verlieb dich nicht in den Prinzen, nicht in die Excellenz, den Gatten meiner
guten Freundin Pauline von Harder, sondern denk' an Siegbert! ... Bei all ihrer
Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf.
    Und, Frulein Melanie, sagte Bartusch, hier ist noch eine frhere Stelle des
Briefes, die wir bersehen hatten.
    Ich will nun nichts mehr wissen, antwortete das Mdchen trumerisch, von der
Erwhnung Siegberts erschreckt.
    Vorher noch, fuhr Bartusch fort, ohne sich irremachen zu lassen, vorher
noch, sagte der Justizrath - die Erwhnung des Fritz machte, da wir die Stelle
bersprangen ....
    Welche denn?
    Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der
Entfhrung des Mobiliars seiner Mutter zusammen. Die Trompetta htte erzhlt, er
wre darber bis aufs uerste entrstet. Frau von Trompetta htte bemerkt, man
beabsichtige bei Hofe vielleicht die schnsten Andenken dieser Einrichtung dem
Frulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren, als Anerkennung fr
ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen
Reubundes ....
    Der Vater schriebe Das? rief Melanie lachend; von dieser blonden Magdalena?
Das sind satyrische Arabesken!
    Sie nahm den Brief, fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz
scherzhaftem Zorne hinzu:
    Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon
in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein
liebloser Vater die theuersten Andenken an seine Mutter. Der alte Frst, der
Alles verspielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die
Mutter seines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung,
und statt sie dem Sohne zurckzugeben, schenkt man das Beste davon meiner
blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine
geschichtliche Person zu werden. Das seh' ich vor mir! Der Prinz bittet um die
Erlaubni, bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu drfen. Er sieht
die Briefbeschwerer und Crucifixe und kt die Stickereien, und vergit sich und
kt auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott fr den Knig,
das Vaterland und fr - sich! Nein, nein, diese Verschwrung ist entdeckt, die
Fden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so, da der Prinz Egon nicht der
Grfin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehrt, sondern zu unserer Fahne schwrt,
und Das gleich. Fort Bartusch, holen Sie ihn nur her! Wo ist der Prinz?
    Die Mutter rief lachend:
    Gemach! Gemach!
    Es ist mein Ernst, sagte Melanie, sprang empor und stampfte mit komischem
Zorn so auf, da die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantffelchen
zitterten.
    Nur ruhig! Nur behutsam, bitt' ich, meinte Bartusch, der gewohnt war, sich
immer streng an des Justizraths Befehle zu halten. Discretion!
    Vor allen Dingen wei man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der
Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist.
    Darber, sagte Bartusch pfiffig, darber kann ich Bericht erstatten ....
    Rasch! Bartusch; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf!
    Mu ich nicht? Mssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen
systematischen Grndlichkeit ...
    Nichts von Grndlichkeit! Die Mutter erlt Ihnen heute Ihre gewhnliche
Spionage! Also ...?
    Erstens htt' ich denn zu melden, fing Bartusch behaglich an, da die alte
braune Kuh, die Frau Justizrthin so lieb haben ...
    Was? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee. Fort doch mit der alten
braunen Kuh!
    La ihn nur, meinte lchelnd die Mutter. Es ist besser, in solchen Dingen
nichts zu bereilen. Du weit, wieviel dem Vater an der Administration liegen
mu ....
    Aber die alte braune Kuh! ...
    Die vorgestern vom grnen Abhang fiel, ist wiederhergestellt; der blinde
Schmied curirte sie ... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmthige
Justizrthin.
    Weiter!
    Zweitens, die kranke Frau Mllerin -
    Bartusch! Ich sterbe ...
    La doch Kind! Was ist mit der Frau Mllerin?
    Sie will nicht aus der Mhle ...
    Wirklich nicht?
    Sie will da sterben, wo sie gelebt hat.
    In dem dumpfen, feuchten Gemuer? Bei dem ewigen Klappern der Rder? Bei dem
Schaume, der fast auf ihre Betten spritzt? Wie kann da die Frau je gesund
werden?
    Hannchen Schlurck war wirklich auer sich ber diese hartnckigen
Gewohnheitsmenschen; aber Bartusch sagte:
    Leben in der Mhle und sterben in der Mhle. Doctor Reinick meinte auch:
Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen.
    Melanie konnte ber die Spannung, in der sie Bartusch erhielt, nicht
entrsteter sein als ihre Mutter ber Menschen, die an der Schwindsucht leiden
und nicht das Geringste fr das Einathmen einer gesunden Luft thun ....
    Drittens, der Bauer Sandrart ...
    Ach! Ach! schmachtete Melanie, fast verzweifelnd.
    Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen, vor uns die Mtze
abzunehmen, wenn wir in den Ullagrund fahren.
    Warum nicht? sagte die Mutter aufwallend.
    Der Justizdirector meint, es wre nun einmal der reichste, freieste und
impertinenteste Mensch im ganzen Frstenthum .... Jetzt, da sein Sohn in der
Garde sogar Sergeant geworden wre, km' ihm Keiner gleich, es wre denn der
Frst von Hohenberg selbst ....
    Egon, heit der! Gott sei Dank! Sie lenken ein! Bleiben Sie auf der Fhrte!
    Oder der Feldwebel seines Sohnes, der in der dritten Compagnie des
Leibregiments steht, unter dem Major von Werdeck ...
    Bartusch!
    Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas;
sagte Bartusch immer ruhig.
    Berichten Sie's nur, beschied die Mutter, Herrn von Reichmeyer! Er war ber
diesen Sandrart am meisten indignirt ....
    Was das Schlo anbetrifft, fuhr Bartusch unerschtterlich fort, so scheinen
Herr und Frau Commerzienrath von Reichmeyer sehr angenehm geruht zu haben. Sie
sind schon frh im Felde spazieren gegangen, haben mit Arbeitern herablassend
gesprochen und sich die Wirthschaftsgebude wiederholt angesehen. Man kann
daraus schlieen, da von dieser Seite der Gedanke, Hohenberg anzukaufen noch
immer nicht ganz fallen gelassen wird.
    Die Mutter nickte ....
    Lasally - fuhr Bartusch fort ...
    Was Der gethan oder nicht gethan, knnen Sie berschlagen! rief Melanie,
aufs uerste gereizt.
    In der That wei ich auch nichts Weiteres von Lasally, sagte Bartusch
gemthlich, als da er noch schlft und sich gestern Abend ber Ihre Coquetterie
bitter beklagt hat. Ein Opfer derselben -
    Mehr Thatsachen, weniger Betrachtungen!
    Ein Opfer derselben, wiederholte Bartusch sehr nachdrcklich, der Pfarrer
...
    Guido Stromer ...
    Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer huslichen Scene
gegeben haben. Ob Eifersucht der Gattin, Verzweiflung ber seine seit dem Tode
der Frstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des
Champagners -
    Bei diesen Vermuthungen klopfte es. Man wollte die Strung nicht, deshalb
sprang Melanie, ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und ber die halboffene
Brust zusammenschlagend, an die Thr des Zimmers, um zuzuriegeln. Doch war es
nur ihr Mdchen Jeannette, die, schon zierlich geputzt, einen groen
Blumenstrau in der Hand hielt. Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als
Morgengru fr Frulein Melanie Schlurck bestimmt. Jeannette lchelte bei dieser
Meldung etwas malicis.
    Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks, bemerkte Bartusch, als
Jeannette auf spter beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte;
im Entzcken ber den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen, heute frh
wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden, und dieser Plan gab ohne Zweifel die
Veranlassung zu einem Ausbruch lngst verhaltener Gefhle.
    Whrend die Mutter den groen frischduftenden Strau zertheilte, um ihn
vorlufig in die kleinen Wasserglser, die mit dem Frhstck gekommen waren,
setzen zu knnen und kein weiteres Klingeln erst nthig zu haben, sagte Melanie,
die das Geschenk mit aufrichtiger Theilnahme entgegengenommen hatte:
    Und wer wei, kluger Mann, ob diese Blumen nicht heute ganz frh in der
Stille im Pfarrgarten gepflckt wurden, whrend die gute treue Gattin und die
fnf Schreihlse von Kindern noch schliefen! Lat mir den Pfarrer!
    Und die gestrige Scene? fragte die Mutter.
    Die stille Frau, die hier sa, als knnte sie nicht Fnf zhlen und zu Allem
lchelte, sagte Bartusch, hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr
geweint. Stromer aber schlug auf die Tische, drohte mit allen mglichen
Entschlieungen und die Kinder, aufgeschreckt aus den Betten, in denen sie schon
schliefen, warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu
stiften, bis die Hunde der Mhle anfingen zu bellen und die Eheleute zur
Besinnung auf die geistliche Wrde des Hauses zurckriefen. Die Frau schwieg,
aber, wie sie gesagt haben soll, nur aus Schonung fr die kranke Mllerin.
    Unglckliches Bild der Ehe! seufzte Melanie's Mutter, die zwar aus ihrem
eigenen Leben solche Scenen nur von ganz frh kannte, die Welt aber hinlnglich
beobachtet hatte, um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen
Abende, wo der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne nicht vollkommen
zufrieden war, zu verstehen.
    Melanie aber, aufgeregt, sagte noch nachdrcklicher:
    Lat mir nur den Pfarrer gehen! Guido Stromer kommt mir vor, wie ein
Apfelbaum, dem, nachdem er lange keine Frchte getragen hat, pltzlich einfllt,
im November zu blhen! Der Mama gesteh' ich's, er hat mir gar nicht misfallen.
Er ist nicht schn und schon ber die Jahre hinweg, wo man noch eines angenehmen
Eindrucks durch sein ueres gewi ist, und dennoch besitzt er eine Frische, die
auf ein nur gehemmtes, nicht erstorbenes Bedrfni zur Lebensfreude schlieen
lt. Ich denke der Zeit, wo die kleinen Linien, die ich da im Spiegel im Zorn
ber Bartusch's mich qulende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der
Stirn und den Schlfen gezeichnet sehe, einmal auch garstige Furchen sein
werden, die weder Schminke noch ein Schnheitswasser fortjagen kann! Da wr' es
vielleicht nur der Verstand, der sie auslscht. Jung erhlt nur der Geist. In
dem Pfarrer schlummert viel.
    Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen? sagte fast erschrocken die
Mutter.
    Warum nicht ich? Jeder! antwortete Melanie. Guido Stromer hat groe schne
Augen, die er oft so gewaltig lftet, als sollte man in eine ganz helle
Krystallwelt sehen, auf der Alles anders aussieht, wie auf der unsern. Wenn der
Mann mich lange und prfend betrachtet, fhl' ich Etwas von den Vampyren, die
schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen. Verpflanzt doch nur einmal
einen solchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen
Schulmeister, dem groen Winkelmann, erzhlt hat, verpflanzt ihn aus einem
Stdtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Bchern und seinen huslichen
Jmmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Gttern Griechenlands .... Doch
wohin verirr' ich mich? Was sind Ihnen, Bartusch, die Gtter Griechenlands!
Bellen Sie weiter, alter Cerberus!
    Das Gebell der Hunde, fuhr Bartusch fort, indem er an den kleinen
Backwerkresten kaute, die sich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde
kann indessen auch von mancherlei Abends und ber Nacht angekommenen neuen
Besuchern und Durchreisenden des Orts herrhren.
    Endlich! Endlich!
    Da ist zuvrderst zu erwhnen, sagte Bartusch, da mitten in der Nacht eine
Depesche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt sich aus der groen Eile
abnehmen lt, mit der heute schon in aller Frhe das Geschft der Einpackung
begonnen hat.
    Daher also das frhe Hmmern und Poltern, das mich nicht mehr einschlafen
lie? sagte Melanie und trat ans Fenster.
    Himmel, rief sie, was soll der geschmacklose Wagen?
    Man legte die Gardinen zurck und entdeckte im innern Hofe einen langen und
breiten Transportwagen der Art, wie man sie in groen Stdten bei Umzgen
braucht. Die Pferde waren ausgespannt. Hinten der weitlufige Raum halb
geschlossen. Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flgel schon die Excellenz
mit ihren beiden Bedienten in voller Thtigkeit, Befehle ertheilend, hier und da
beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend, sonst aber schon in gewhlter
Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend, ob der geffnete Zipfel des Vorhangs
an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen
Bewohnern zeigen wrde. Als er eben gren wollte, lie die Mutter rasch den
Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Pathos hinter dem
schtzenden Versteck:
    Bist Du es denn, Mann mit den himmlischen kleinen Ohren? Alp meiner Seele,
der mich eine Nacht gekostet hat, die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe
als eine verlorene ausstreichen mu! Blinzle nicht so gefahrvoll herber! Mige
das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quixote! Frchtest Du nicht, da ich,
angezogen von dem sen Lcheln Deines mit so kunstvollen pariser Zhnen
geschmckten Mundes zu Dir hinberfliege und da das prchtige Buch in dem grnen
Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reie und rufe: Mein!
Mein? Ja mein, weil Du es berhrtest! Schlag es nur auf, Mann! Lchle nur! Es
ist die Bibel, das Buch aller Bcher, worin das Hohe Lied Salomonis steht, das
ich singen werde zur Geige und Flte, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit
Rosen zu umkrnzen! Da notirt er es in einem langen Buche, vielleicht gerade
Nummer sechzig, die eine schnde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthlt!
Aber Bartusch, Mutter, seht nur, es ist ein Staatsdiener, der das Vertrauen
seines Frsten verdient, selbst die verwesten Blumen, die da noch in der
chinesischen Vase stehen, betrachtet er, ob sie dem Staate verfallen sind oder
nicht? Nimm sie! Nimm sie! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfden fr das
Haar unserer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz,
die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich sagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber
der bewaffneten Macht, bereits nrrisch geworden ist ....
    Kind! Kind! sagte die Mutter, nimm Dich nur selber in Acht! Das Abentheuer
mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft. Es ist nichts damit; denn
Bartusch scheint uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar
nichts zu wissen.
    Doch! fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort; wir haben
nunmehro die Wahl zwischen drei fremden Personen, die seit gestern Abend
angekommen sind. Denn den Kurier, der wahrscheinlich wegen der hier vermutheten
Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der
Frstin gerathen hat, rechne ich nicht ....
    Rechnen Sie ums Himmels willen nicht! rief Melanie ungeduldig. Sagen Sie,
wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen hnlich sieht?
    Ich kenne den jungen Maler nicht, bemerkte Bartusch; aber eine gewisse
Person, die man gestern tief in der Nacht hier ums Schlo hat schleichen sehen
und die durch dieselben Hunde, die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen
lie, verscheucht wurde, kann es nicht sein. Sie hatte rothe Haare ....
    Das war Hackert, sagte die Mutter unmuthig ....
    Melanie schwieg.
    Er mu sich den Garten heraufgeschlichen haben, verschwand auch dorthin, als
die Bedienten des Intendanten, die drben in den Zimmern abwechselnd wachen, ihn
entdeckten, das Fenster ffneten und anrufen wollten. Wo er Obdach gefunden,
wei man nicht; auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im Dorfe unten gesehen.
    Mutter und Tochter schwiegen ernst.
    Dann, fuhr Bartusch, die Pause benutzend, fort, dann ist zu nennen ein
lterer Mann, der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben.
Der Fremde nennt sich Ackermann. Herr Ackermann soll sich geuert haben, er
kme von einer weiten, weiten Reise und hat hier im Dorf Aufsehen gemacht durch
das viele Seltsame und Abenteuerliche, das er gestern Abend den Leuten im
Wirthshause von Amerika erzhlte. Nun ja! Das fehlte uns noch, da zu allen
Calamitten, die wir schon auf dieser Herrschaft zu berstehen haben, sich noch
das Auswanderungsfieber gesellte und durch irgend einen gewandten Agenten, Das
wird Herr Ackermann sein, die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Lust und
Liebe mehr behielten! Ich lie darum schon heute in aller Frhe genauer nach
diesem Herrn Ackermann forschen und erstaune, da auch er, wie der Letzte und
Beste von Allen, ber Die ich zu berichten habe -
    Endlich der Prinz? unterbrach ihn Melanie mit uerster Ungeduld.
    Nun wol, sagte Bartusch, der Prinz, glaub' ich, ist da. Aber Sie wrden mich
auerordentlich verbinden, wenn sie in dem uern Antheil, den Sie an diesem
Abenteuer nehmen, mein Frulein, nicht vergen, wie streng die Vorschriften des
Justizraths sind und wieviel mglicherweise darauf ankommen kann, ob und wie wir
hier mit dem Erben der frstlich Hohenberg'schen verwickelten Masse
zusammentreffen.
    Ja, Melanie, sagte nun die Mutter, durch Hackert's Erwhnung streng und
ernst gestimmt; la Bartusch seine ganze Meinung sagen, damit wir wissen, wie
wir uns zu verhalten haben .... Des Vaters halbe Existenz beruht auf dieser
Administration.
    Melanie, befriedigt schon von der Thatsache, da der vielbesprochene und
abenteuerliche Frst nun wenigstens da war, nahm aus einem der Glser einige
Blumen des Pfarrers und schwebte, ihren Duft einathmend und in sorgloser
Spannung sich wiegend, im Zimmer leise auf und ab. Die Melodie, die sie dabei
trllerte, strte nicht.
    Der dritte Fremde, berichtete Bartusch, kam denn also gestern Nachmittag in
einem kleinen Einspnner mit einem sehr ermdeten Pferde an.
    Gestern Nachmittag? unterbrach Melanie. Mit dem kleinen Wgelchen, das wir
im Walde trafen? Wir ritten pfeilschnell vorber. Aber es waren zwei Herren -
    Einer nur! sagte Bartusch.
    Es waren zwei, erklrte Melanie. Einer fate nach den Zgeln des
scheugewordenen Pferdes, die ihm entfallen waren. Der Andere, der Andere in
einer blauen Blouse, war gleichfalls im Wagen aufgesprungen und half ihm. Wir
ritten zu schnell, um genauer zu beobachten. Mein Schleier flatterte zu sehr im
Winde, die Mienen konnt' ich nicht unterscheiden. Auch waren Beide jung und der
Eine ... der Eine schien mir viel eleganter, als fr den schlechten Wagen pate
....
    Von Zweien wei ich nicht, sagte Bartusch. Der da unten in der Krone
abgestiegen ist, hat in der That lichtbraunes Haar, zarte Hnde, modernen Bart
und gleicht ganz dem Signalement, das uns der Justizrath vom Prinzen gegeben
hat. Bald nach ihm kam auf der andern Strae von Randhartingen her der
Amerikaner, der sich Ackermann nennt, mit einem Knaben. Der wahrscheinliche
Prinz hat keinen Namen genannt. Die eingeschlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs
in den Gasthusern haben ihn auch nicht aufgefodert, einen zu nennen. Beide, der
Braunblonde und der Amerikaner, schienen sich fremd und doch haben sie gemein,
da sie sich mit auffallendem Eifer nach den kleinsten Details des Schlosses und
der Familie Hohenberg erkundigten. Und noch mehr, Beide fragten nach dem blinden
Schmied im Dorfe ....
    Nach Dem frgt ein Jeder, der mit einem eigenen Wagen kommt und sein Pferd
beschlagen lassen will.
    O nein -
    Sei doch ruhig! sagte die Mutter ernst; und la Bartusch reden!
    O nein, nahm Dieser wieder seine Ermittelung des Thatbestandes wie ein
Jurist auf; nicht wegen der Pferdehufe geschah Das. Der Amerikaner fragte nach
dem Schmied Zeck und nach dessen alter Schwester, die im Walde beim Frster
Heunisch wohnt. Der Prinz aber, wenn er es ist, machte sich mit demselben alten
Schmied Zeck zu schaffen, indem er behauptete, ein Schrein der ihm gehre, wre
krzlich von einem Fuhrmann, der ihm das Frachtstck aus der Stadt Angerode
htte berbringen sollen, bei einer Reparatur seines Wagens hier entweder
verlorengegangen oder nach allen Anzeichen gestohlen worden. Den Lrm wegen
jenes Schreins kennen Sie ja! Wie kommt der Prinz zur Kenntni dieses Vorfalls?
Welchen Antheil hat er daran? Ja noch mehr, wie konnte er zu dem alten Zeck
sagen: Der Schrein ist gefunden worden, bemht Euch nicht, mir den Jammer wieder
auszumalen, an dem noch Peters krank darniederliegt! Ich reise morgen zurck und
lasse den Schrein mir von Dem zurckstellen, der ihn gefunden hat, dem
Justizrath Schlurck.
    Wie, Schlurck? rief Melanie's Mutter und auch Melanie, die von dem ganzen
Vorfall nichts wute, blickte staunend ....
    Ich entsinne mich des Morgens, sagte Hannchen Schlurck, wo das Geschrei
eines Fuhrmanns das ganze Schlo in Aufruhr brachte. Wir hatten unsern
verunglckten Ball gehabt, auf dem nur die Brgerlichen aushielten. Schlurck war
trotzdem von der heitersten Laune. Nachdem wir kaum vom ersten Schlaf erwachten,
wird es unter unsern Fenstern laut. Ein Fuhrmann hat, um die Hitze zu vermeiden,
in der Nacht statt am Tage fahren wollen. Beim Herabfahren vom Berge, dicht an
der Schmiede, bricht die Achse und der Wagen schiet ber ihn her. Erst mu er
eine Weile so gelegen haben, bis das Bellen seines Hundes die Leute weckt. Noch
war hier oben Alles wach. Der Schmied wird aus dem Schlafe gerttelt. Man packt
den Wagen ab. Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen. Man stellt seinen
Wagen wieder her. Der arme Mensch kommt zur Besinnung, ladet wieder auf und
vermit einen Schrein, um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird.
Er beschwrt Alles, was lebt, um sein verlorengegangenes Frachtstck, klagt den
Schmied an, das Schlo, das ganze Dorf. Der Justizdirector wird geweckt, man
nimmt ein Protokoll auf, der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung
wieder ab, und nun sagt Prinz Egon, wenn er es ist, das geraubte Gut befnde
sich in den Hnden meines Mannes? Wie ist das mglich?
    Der Fremde scheint darber so beruhigt zu sein, fuhr Bartusch ebenfalls
erstaunt fort, da zuvrderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist
....
    Der alte Schmied, sagte die Mutter, hat ein unheimliches Aussehen und
erinnerte mich, ich mu es wol sagen, oft an Hackert. Doch achtet man ihn
allgemein. Gehrt er nicht zu den Frommen, wie auch seine Schwester im Walde?
    Die Hexe? ergnzte Melanie. Als wir gestern beim Frster vorbeiritten,
graute uns vor dem Grue der Alten, die unter den Tannen am Wege sa, wie eine
der alten schottlndischen Nornen ....
    Wenn diese Leute den Schrein genommen htten? meinte die Mutter.
    Der blinde alte Zeck? bezweifelte Melanie.
    Wie kme aber der Vater dazu? Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen groen
Schrein, der auerdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll, aufladen sehen?
    Nein! war die Antwort.
    Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache htte, es zu verschweigen,
da er vielleicht einen irgendwo vermiten Gegenstand entdeckte, wo htte er ihn
finden sollen? Es war zwei Uhr, als sich das Unglck mit dem Fuhrmann ereignete.
Der Schrein ging um zwei Uhr verloren. Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr
die jngere forttanzende Gesellschaft verlassen, die Justizdirectorin, die sich
mit den Adeligen entfernen zu mssen glaubte, frh nach Hause begleitet und
mute lngst wieder zurck sein, da man den Weg hin und her von der Zeisel'schen
Wohnung in einer halben Stunde macht ....
    Mute zurck sein! sagte Bartusch mit einem Ernste, dem ein boshaftes
Lcheln folgte.
    Melanie's Mutter fixirte ihn.
    Mute? sagte sie errthend ....
    Es trat ein peinlicher Augenblick ein. Offen lagen da pltzlich gewisse
geheime Schden dieser frivolen Familie, die bisher vom absichtlichen
Nichtwissenwollen verdeckt waren .... Schlurck verehrte Frau von Zeisel ....
Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen .... man konnte
Vermuthungen Raum geben .... man konnte Schlsse ziehen .... man konnte ...
    Genug! rief Melanie; weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung!
Ist es nicht, als se man hier auf dem Armensnderstuhl und mte seine
unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben! Schmen Sie sich, Bartusch, mit
Ihrer grbelnden Weisheit, die doch nichts zu Tage frdern wird, als da Sie
unter Thoren der Thrichtste sind. Ein Schrein - eine Justizdirectorin - zwei
Uhr - was ist das Alles? Gehen Sie hinunter in die Krone, richten Sie an den
hellbraunen Lockenkopf, der uns hier Fallen legen, auf falsche Fhrten bringen
und dem Vater, den er hat, schlimme, bse Streiche spielen will, den Gru
meiner vortrefflichen Mutter, Johanna Schlurck, geborenen Arnemann, aus, und
sagen Sie ihm: Diese noch junge, schlanke, sehr liebenswrdige Johanna Schlurck
htte eine Tochter, die verhltnimig jnger, noch schlanker, aber nicht
liebenswrdiger wre als die Mama, und sich erkundigen msse, ob ihm gestern im
Walde mit seinem strrischen Thiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wre?
Verstehen Sie? Und die Antwort darauf, fahren Sie fort, die Antwort, wrden die
Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber hren, falls er geneigt wre, bei
uns heute einen Lffel Suppe zu essen. Brgerlich um halb zwei Uhr. Bist du's
zufrieden, Mama?
    Die Mutter war noch erschttert davon, da Bartusch auf die Artigkeit
anspielen konnte, die der Justizrath der Frau von Zeisel erwies ....
    Einen Korb nehmen wir nicht, fuhr Melanie den Unmuth verscheuchend fort. Das
ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Husern Hohenberg und Schlurck, alle
diese Feindschaften lass' ich nicht aufkommen. Der Vater soll uns keine
Vorschriften machen, die wider die Natur der Frauen gehen. Hier lebe die
Galanterie! Sie machen sich sogleich auf den Weg, Bartusch, bei Strafe meiner
Ungnade, und knpfen die Verbindung auf feine diplomatische Art an! Lcheln Sie
mir aber nicht etwa, wie's im Hamlet heit, als wollten Sie sagen: Wir wissen
recht gut, Sie sind Prinz Egon, aber wir drcken die Augen zu! Oder: Wir
scheinen dumm und sind klug! Wir wollen Sie nur nicht kennen! Verstehen Sie?
Nicht so! Will der Prinz sich verborgen halten, so nehmen Sie ihn ernst und
heilig fr Das, wofr er sich ausgibt, und wr' es ein gewhnlicher Kammerjger,
der hier oben auf dem Schlosse nur die Ratten und Muse verjagen will ....
    Wer wei, ob Das nicht seine wahre Absicht ist! sagte die Mutter, die sich
jetzt erst sammelte.
    Nein, ich stifte Frieden zwischen den Husern Friedland Piccolomini! sagte
Melanie und drngte Bartusch zur Thr hinaus, indem sie ihm noch nachrief:
    Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch!
    Bartusch zgerte.
    Melanie gab ihm kein Gehr mehr. Sie drckte gewaltsam hinter ihm die Thr
zu.
    Mutter! sagte sie, jetzt gilt es schn sein!
    Sie klingelte und rief ihrem Mdchen.
    Bartusch wollte drauen immer noch zweifeln, klopfte, begehrte Einla,
erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement ....
    Melanie rief hinaus:
    Wir werden bald wissen, woran wir sind. Der Wink der Trompetta soll nicht
verloren gehen ....
    Leiser und fast fr sich setzte sie hinzu:
    Wir werden ihn sehen und uns bald berzeugen, ob er einem jungen Manne
hnlich sieht, den wir ja wol sehr genau kennen, dem guten Siegbert Wildungen.
    Damit denn ging Bartusch. Melanie bedeckte die Mutter mit zrtlichen Kssen,
umarmte sie, tanzte mit ihr und suchte sie mglichst aufzuheitern. Davon, da
der Geist der Wahrheit, des Ernstes und der heiligen Pflichterfllung bestimmt
schien, hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe
Demthigung zu bereiten, konnte sie keine Ahnung haben ...
    Nicht ohne einen Anflug von Rhrung lie die ernstgestimmte Mutter die
Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung,
gemeinschaftlich zu berathen, wie dieser Mittag angeordnet, vor allen Dingen,
welche Gste noch und welche Kleider gewhlt werden sollten.
    Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das
Garderobezimmer traten, schritt Bartusch nachdenklich die Anhhe herab dem
Wirthshause von Plessen zu, genannt: die Krone.

                            Ende des ersten Buches.


                                  Zweites Buch

                                 Erstes Capitel

                           Ackermann, der Amerikaner

Dankmar Wildungen befand sich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er selbst fr den
Prinzen Egon gehalten wurde, in der That noch am Fue des Schlosses Hohenberg.
    Seit der von dem Fremden in der blauen Blouse empfangenen Beruhigung ber
seinen Verlust, einer Versicherung, an deren Zuverlssigkeit er keinen
Augenblick zweifelte, war sein Gemth leicht geworden, der Freude zugnglich und
auch der Freude bedrftig. Nach jeder groen abgenommenen Sorge will ja das
erschpfte Herz sich wieder fllen und strken und wie in eine groe Lcke und
Leere strzt das Leben dann nur mit so ungefesselterer Gewalt. Warum sollte er
schon wieder nach der Residenz zurckkehren, jetzt, wo keine Last mehr auf
seinem Gemthe lag und sich so Manches begeben hatte, dessen nhere Entwickelung
seine Neugier spannte?
    Zuerst war es Hackert's pltzliches Verschwinden, ber das er doch eine
irgend zutreffende Aufklrung wnschen mute. War ihm auch diese Bekanntschaft
eine solche, von der er lieber gewollt htte, er htte sie nicht gemacht, so
peinigte ihn doch jetzt die vllige Ungewiheit ber das, was er von diesem oft
aller Theilnahme wrdigen und dann wieder so fremdartig abstoenden, ja niedrig
und geringfgig denkenden Menschen halten sollte. Stndlich erwartete er seine
Wiederkehr. In dem Gasthause zur Krone glaubte er bestimmt, von ihm erfragt zu
werden. Aber vergebens! Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war
verschwunden.
    In noch hherem Grade als die Enthllung der Hackert'schen Persnlichkeit,
fesselte Dankmarn die Aussicht, hier irgendwo, wenn auch unter dem schtzenden
Deckmantel der ihm gelobten Unbekanntschaft, dem Prinzen wieder zu begegnen. Er
konnte kaum daran zweifeln, da der von seinem Vater so schmhlich verkrzte
Erbe der Hohenbergischen Besitzungen wirklich hierher gekommen war, entweder um
einen Act der Piett, ein Opfer des Herzens, zu vollziehen oder sich ungekannt
von dem wahren Zustande dieser Besitzungen zu unterrichten. Die letzte Annahme
schien ihm nach lngerer Erwgung fast die richtigere und der Natur des Fremden
entsprechendere. Denn so edel und mnnlich ihm Alles erschien, was der junge ihm
an Jahren nur wenig vorangeschrittene Fremde in Worten und Benehmen geuert
hatte, so war doch Dankmar Wildungen schon Kenner der menschlichen Seele genug,
um sich zu sagen, da bei Egon von Hohenberg, wenn er es war, die Krfte des
Verstandes das vielleicht verstecktere oder unentwickeltere Gemth berwogen.
Wie wenig hatte er sich von dem Frster Heunisch auf dem gelben Hirsch ber
seine Mutter berichten lassen! Weit mehr dagegen, besonders als sie beide vor
die Thr des Wirthshauses gegangen waren und Dankmar ihr lautes Gesprch hren
konnte, hatte er der gegenwrtigen Verfassung dieser seiner mehr als zweifelhaft
gewordenen Besitzungen nachgeforscht. Dankmar griff in solchen Beurtheilungen
nicht fehl. Wie sich eine seelenvolle, rein gemthliche Natur uert, konnte er
durch keinen Vergleich sicherer treffen, als durch den mit seinem theuern,
ltern Bruder Siegbert, der einen kindlichen Glauben an die Menschen besa und
die Jahre, die er vor Dankmarn voraus hatte, nur gewonnen zu haben schien, um
immer wrmer, immer ergebener und nachsichtiger zu fhlen, whrend Dankmar
dagegen schon an sich selbst gestehen mute, da er mit jedem Jahre, an dem sein
Alter zunahm, im Gegentheil klter zu denken lernte. Die Klte des Fremden
schien ihm nicht Klte des Herzens, sondern gerade auch diese Klte der
Erfahrung, diese Klte des Unglcks und des innersten Mismuthes.
    Aber auch von diesem Fremden sah Dankmar nichts mehr. Zu den Behrden zu
gehen, seinen Verlust dort noch einmal anzuregen, schien ihm, nach dem tiefen
moralischen Eindruck der Versicherung des angeblichen Egon, nicht mehr
nothwendig. In der Schmiede, wo er vorsprach, hatte er einen stumpfsinnigen
tauben jngern Gesellen, den Zeck Sohn angetroffen, der keine einzige seiner
Fragen beantworten konnte. Mit dem ltern, dem Zeck Vater, schien es ihm
anfangs, als wrde er, wenn er viel forschen mte, noch schlimmern Stand haben;
denn dieser war stockblind. Die Unruhe, die den groen athletisch gebauten alten
Mann ergriff, wie Dankmar sich als Eigenthmer des neulich geraubten Frachtgutes
zu erkennen gab, fiel ihm allerdings auf. Allein einem Verdachte gab er keinen
Raum und konnte es nicht, da die Aussagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns
stimmten. Kannte er doch auch hinlnglich diese, man mchte sie geistig
halbwchsige Menschen nennen, aus seiner eigenen juristischen Praxis! Er wute
ja, wie selbst der Unschuldigste vor einem Richter zittert und sich verfrbt,
wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in solchen Fllen blichen
Feierlichkeiten inquirirt. Hatte er nicht Flle erlebt, wo diese beschrnkten
Menschen, besonders wenn sie in einer gewissen religisen Dumpfheit lebten,
unter den Fragen eines Richters so ber sich in Unklarheit geriethen, da es
ihnen allmlig wurde, als htten sie in der That, vielleicht in einem
unzurechnungsfhigen, von bsen Geistern ihnen angezauberten Zustande, die
Verbrechen begangen, deren sie verdchtig erscheinen sollten! Des Menschen Seele
ist ein schchtern Ding, ein zitternd flimmerndes Beben. Nur darin erschien
Dankmarn der alte Zeck wunderlich, da er bei seiner Mittheilung, Zeck mchte
sich beruhigen, Justizrath Schlurck htte den Schrein gefunden, htte ihn mit
sich nach der Hauptstadt genommen, ..... sich verfrbte und stutzte ..... Statt
sich zu freuen, da seine und seines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellste Licht
gesetzt war, griff der Alte sich in sein weies Haar, ri die starren blinden
Augen bis zu den dicken weien Augenbrauen auf und tastete so krampfhaft erregt
um sich her, als wre ihm die niederschlagendste Mittheilung von der Welt
gemacht worden. Darauf lnger zu achten und zu forschen, behielt sich Dankmar
vor. Er mute die Natur dieser Menschen erst kennen lernen. Die sonderbar und
falsch angebrachten Bibelsprche, die der alte Zeck, wie nach seiner sogleich
gemachten Entdeckung Viele in und um Plessen, im Munde fhrte, deuteten auf
seltsame Anomalieen. Statt diesen nachzuforschen, beschftigte sich Dankmar
einstweilen lieber mit einem alten Bekannten, den er hier zu seiner Freude
wiederfand.
    Es war dies Niemand anders als Bello, der Hund des Fuhrmanns Peters. Er und
der kleine bejahrte unansehnliche Spitz kannten sich schon von Angerode her,
schon vom Lyceum, das die Gebrder Wildungen dort besucht hatten. Wie Dankmar in
die Schmiede trat, wo der Blinde noch mit gewaltigem Arm, wie in mechanischer
Gewohnheit, auf glhende Hufeisen schlug, whrend der Taube den Blasebalg am
Feuer zog, bis sich Beide ablsten und umgekehrt ihr Geschft verrichteten,
sprang das noch immer lahme Thierchen, das lange zottige Haar vom Dampf der
Feueresse ganz geschwrzt, zu Dankmar hinauf, winselte, schmiegte sich, blaffte
vor Freude, als wollte es sagen: Da ist Einer, der sich meiner erinnert! Ich
wei, du kommst um mich zu holen, du alter Gnner vom Gasthof zum Einhorn in
Angerode, wo du als Lyceist zu Mittag speistest, du bringst mir Gre von meinem
Herrn und meiner Frau! ... Und des Thierchens Erregung war so lebenvoll, in dem
Grade fast sprechend, da es Dankmarn, wenn er noch unruhig gewesen wre ber
seinen Verlust, so htte zu Muthe werden mssen, als sprche ihm Jemand: Das
Thier will dir ja etwas sagen, es wei ja, wer der Ruber deines Eigenthums ist
und wird ihn dir ohne Zweifel bei erster Begegnung zeigen, verrathen!.. Bald
sprang Bello zu ihm, bald gegen den alten Schmied auf, zerrte an Dankmar's
Rockschoo, bellte den Blinden an, bis dieser, den Moment wahrnehmend, so
gewaltig mit dem Fu gegen den Strenfried austrat, da er sich, an seinem
wunden Bein getroffen, heulend und winselnd in eine dunkle Ecke der Schmiede
verkroch. Ei, wie grob! rief Dankmar. Nennt Ihr das Pflege? Ich denke, Ihr seid
ein Arzt fr Thiere?
    Nehmt den Bello nur mit!.. hatte darauf der alte Schmied gesagt; er ist
geheilt, so weit wie's mglich war, bei seinem strampligen, unruhigen Wesen! Die
Bestie ist wie alle Fuhrmannshunde nur auf's Klffen dressirt; fr Bandage und
Kost verlange ich nichts! Ich mag den Hund nicht!
    Seitdem hatte Dankmar den fr immer lahmen Bello zu sich genommen, in der
Krone ihn subern und waschen lassen und war von ihm auf seinen kleinen
Spaziergngen, trotzdem er klglich hinken und humpeln mute, schon allwrts
treu und munter begleitet worden.
    Die schne, liebliche, sonnenhelle Natur war es zuvrderst, die Dankmarn
bestimmte, dem magern Gaule des guten dicken Pelikanwirthes einen ganzen Tag
Ruhe zu gnnen.
    Bring' ich doch Freude mit! sagte er sich. Trost und den Hund fr Peters!
Dem Bruder die Beruhigung ber mein eigenes Unheil und, was auch etwas werth
ist, die Erzhlung meiner Abenteuer.
    Dankmar fhlte, wenn er die Fenster des kleinen Zimmers, das er in der Krone
bewohnte, ffnete, so recht jene reine selige Stimmung, die Jeder kennen mu,
der einmal von einer groen Gefahr oder den Ursachen einer groen Befrchtung
befreit wurde und dann zugleich die Mue fand, diese Seligkeit der Erlsung ganz
zu genieen .... Die rebenlaubumkrnzten Fenster gingen nach dem schnen Dorfe
Plessen hinaus. Jedes Haus hatte da seinen Garten, den die Natur pflegte, wenn
auch vielleicht die Menschenhand erlahmt war, seit die Zustnde der Herrschaft
sich so ins Ungewisse verliefen. Auch ordnen die Geringen sich lieber einer
kraftvollen Macht unter, als einem schlaffen und ungeregelten Regimente. Diese
Bauern und Husler waren frei, aber nicht in dem Grade, sich ganz auf eigene
Hand unabhngig zu fhlen. Ihre Abgaben an den Frsten Waldemar waren schon seit
lange capitalisirt. Die neue Zeit hatte wol an den vielen kleinen noch
briggebliebenen Laudemialgefllen rtteln knnen, aber nicht an den einmal
bestimmten Abfindungssummen. Da gab es nun Mismuth, Unfriede, Zorn, Gewaltthat
genug. Doch wirkliche Widersetzlichkeiten zeigten sich nur in Randhartingen, dem
grten und selbstndigsten Orte im Hohenberg'schen, im Ullagrunde, wo neben
einem reichen Bauer, Namens Sandrart, viele Arme wohnten, in Schnau, wo dem
Frsten von Hohenberg manche Gerechtsame gehrten und der Haidekrger Justus,
noch entschiedener aber Drossel, der Wirth zum Gelben Hirsche, die
Leidenschaften in Ghrung hielt. Hier in Plessen merkte der Herrschaftsdirektor
von Zeisel nicht so auffallend, wie bedenklich seine Stellung wurde. Plessen
hing vom Schlosse und dem Leben auf ihm seit Jahren ab. Und schon seit Jahren
fehlte die von oben strmende Befruchtung. Die Menschen lieen recht den Kopf
hngen und welkten in ihren Hoffnungen so hin oder verwilderten wie ihre Grten
und die kleinen Hecken, die sie trennten. Plessen war sonst so lieblich! Die
Ulla flo vom Ullagrund in zwei Armen hernieder, von denen der eine raschere und
bewegte die Mhle bewsserte, die, wie wir wissen, die kranke Mllerin nicht
verlassen wollte; der andere schlngelte sich hier und da durch den Ort und
machte eine Menge kleiner Stege und Brcken nothwendig, die ein Haus mit dem
andern gar traulich verbanden. In der Mitte des baum- und buschdurchzogenen
Ortes lag ein kleiner Teich, auf dem Enten sich tummelten. Zur Seite, von
dstern und verschnittenen Linden beschattet, lag des Pfarrers Wohnung, vor der
die Stromer'schen Kinder spielten und baarbeinig, gleich allen andern Kindern
des Ortes, mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten. Hher
hinauf lagen dann herrschaftliche Gebude, vor allen das Amt, nach alter
Bauart, von einem Hofe mit Portal und Einfahrt umschlossen. Dankmar konnte von
der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinberblicken und bemerkte wol
die kleine, sehr geputzte Dame, die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges
Fragezeichen an den hohen Fenstern sa und bald an feiner Wsche arbeitete, bald
in einem Buche las, bald zum Fenster hinausschaute, bald in einem der
Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Krbchen unterm Arm sicher und
bewut auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Wrde und zufriedener Stimmung
schritt. Zur Linken ging's dann nach dem Schlosse hinauf. In der Mitte zwischen
dem Schloberg und dem Amt lag auch jener gewaltige Thurm, von dem Hackert
Veranlassung genommen hatte, seine erbauliche Schilderung der
Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen. Es war ein festes und gutes Stck
Arbeit dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Trster der etwa Reuevollen.
Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam, ganz am Ende des Ortes. Denn hinter
ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel berwlbte fruchtbare
Ebene sogleich die blauen Rnder der Berge, die dem nach ihnen pilgernden
Wanderer, wie Dankmar gehrt hatte, die reichste Mannigfaltigkeit von
Tannengeschmckten Grnden, Wildbchen mit kleinen Wasserfllen, schroffen
Abhngen und lieblichen Thlern bieten sollten. Auch von Kohlenmeilern,
Steinbrchen und besonders einer Sgemhle wurde gesprochen, die Dankmar
besuchen sollte. Die Sgemhle konnte nicht zu weit sein. Dankmar hrte
deutlich, wenn die von einem Waldbach getriebenen Rder wahrscheinlich standen
und die groen Sgen wieder frisch geschrft wurden. Es klang das so hell und
klingend herber, da er anfangs glaubte, in dem Walde da oben lge eine Kirche
verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz, sie in ihrem grnen Verstecke
aufzusuchen.
    Dankmar war eine verstandesklare dialektische Natur; doch wenn auch das
Gemth bei ihm fters schlummerte, so lebte es doch unter der Decke der
Gedanken. Er besa unter Anderm auch die schne Eigenschaft gemthlicher
Naturen, da er das Anmuthige und Wohlthuende nie fr sich allein empfinden
mochte, sondern zugleich auch mit fr Die, die er liebte und die er bei seinem
Genusse anwesend wnschte. Er gedachte, als er am Abend seiner Ankunft sogleich
noch einen Spaziergang im Orte und seiner nchsten Umgebung machte und die
Schnheiten des Eindrucks in vollen Zgen einsog, sogleich seines geliebten, zu
frh geschiedenen herrlichen Vaters, der, wie hier in Plessen jetzt der ihm
unbekannte Pfarrer, so in Thaldren still und reichern Looses wrdig gehaust
hatte. In den kleinen Kindern, die da im Entenpfuhl wateten, erkannte er sich
und Siegbert wieder. Er betrachtete wehmthig die dunklen, von den Lindenbumen
allzudster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung. Der Pfarrer und
seine Frau, beide fast festlich geschmckt, verlieen gerade, als er so in
Gedanken und Herzensvergleichen stand, die Wohnung ... wir wissen, da sie zum
Schlosse hinaufgingen. Dankmar trat zurck, um nicht gesehen zu werden. Er
vergegenwrtigte, Guido Stromern prfend, sich den doch viel ehrwrdigern Vater
und die theuere Mutter, die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode
ihre Wittwenzeit vertrauerte. Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm, so kalt
neben einander! Stumm und kalt? sagte er sich ... und gedachte der
Vergangenheit. Ach! Er mute sich gestehen, da auch seine ltern nicht immer in
jngeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren .... Eine Thrne stand ihm im Auge,
als er der Zeiten sich entsann, die ihm als Kind nicht verstndlich waren, jetzt
aber klarer vom Jngling begriffen wurden, der Zeiten, wo der Vater auch oft
Noth hatte, sich mit einer schnen, gutherzigen, aber zuweilen anspruchsvollen,
aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln. Spter, als die Mutter an
ihrer eigenen Familie, besonders an einem heigeliebten verschollenen Bruder
viel Leids erfuhr, ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und
manches wrmere Wort entquoll den welkeren Lippen, die damals, als sie rosig
waren, selten gebebt, selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert,
wenn den Vater der Schmerz darber verzehrte. Das sind so Stimmungen in den
Herzen der Kinder, wo sie die Erde aufwhlen und die theuern Todten aus der
Gruft wecken mchten, um ihnen zu sagen: Was hast du gelitten und wir verstanden
es nicht? Was hast du von uns fodern drfen und wir ersetzten dir nichts? Warum
lebtet ihr nicht so lange, da ihr euch ganz verstandet? Warum sieht nun jetzt
Einer nicht die Trauer des Andern? .... Bei solchen Erinnerungen kommt natrlich
auch in ein sonst so weltliches Gemth, wie das unsers Dankmar, ein ernster
Anflug jener Stimmung, die uns ja auch die unerschtterliche, auf die ewige
Gerechtigkeit begrndete Nothwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben
wie eine Gewiheit in die Hand giebt, die dem Granit der Berge gleicht.
    Von den Gsten, die zum Schlosse gingen, sah Dankmar auch den Justizdirector
mit seiner kleinen anspruchsvollen, runden Frau, von der Hackert gesagt hatte,
sie kenne Schlurcks schwache Seiten. Dankmar vermied auch dies Paar, indem er um
die Mauer ging, die das Amthaus und den dazu gehrigen Garten umschlo. Wie
prangten da die Obstbume in ihrer schweren Last! Wie guckten die schwanken
Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde ber den weien Kalk herber! Wol,
dachte er, mu es diesen kleinen Paschas, die bisher auf den adeligen
Herrschaften Justiz bten, bel bekommen, wenn sie aus solchen anmuthigen
Wohnungen, wo sie die Herren waren, in die Landstdte versetzt werden, wo sie,
nach der gewhnlichen Beamtenelle gemessen, auf der allgemeinen Bleiche des
Staates nur ein bescheidenes Stckchen Tuch, vielleicht nicht lnger als ihr
Ordensbndchen, vorstellen. Nher besichtigte er sich jetzt den gefhrlichen
Thurm. Dankmar wnschte Siegberten den Anblick dieses malerisch gelegenen alten
Mauerwerks mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Ebene und das Gebirge. Mit
Lcheln betrachtete er sich diesen berrest alter feudaler Zeiten genauer. Der
Thurm lag etwas erhht und war gewissermaen das Wahrzeichen des Ortes. Neben
ihm wohnte ohne Zweifel der Bttel, Gerichtsbote und sonstige Amtsgehlfe, der
dies wahrscheinlich alles in einer und derselben Person vorstellte. Der Eingang
in den Thurm zeigte sich schauerlich genug. Die Thr war mit Eisen beschlagen
und das Schlo von einem gewaltigen Umfange. Die untern Fenster deckten
hlzerne, quer ber die Gevierte genagelte Latten. Ganz oben aber waren die
wahrscheinlich dort befindlichen Gefngnisse mit vergitterten kleinen Fenstern
versehen, denen fast smmtliche Glasscheiben fehlten. Vgel hatten daselbst ihre
traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen, wie
Condorcet sich mit den Spinnen unterhielt. Dankmar mute lachen, wenn er
gedachte, da hier eine gute Leiter und eine Feile, geschickt von einem guten
Freunde bei Nacht dirigirt, jeden Gefangenen befreien konnte; denn der Thurm lag
ganz frei, ganz auer dem Orte, in dem offensten Zusammenhange mit der
Landstrae, dem freien Felde und dem Gebirge. Er legte sich, behaglich
angemuthet, eine Cigarre rauchend, am Fu des criminalischen Gemuers nieder,
recht in die Mitte unter frischen, duftenden Feldblumen, unter gelbweien
Kamillen, dunkelrothen Klapperrosen, blauen Glockenblumen, Winden und zwischen
hochstmmige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel- und Staudenpflanzen.
    Da fhl' ich's, dachte er im Sinne des Bruders, da fhl' ich's, was doch zum
Ergreifen des Pinsels treiben kann! Wer mchte dies weite Feld, diese Wiesen,
diese schlngelnden Bche mit den Thurmspitzen und blitzenden Fenstern der
Meyerhfe nicht dauernd festhalten! Wr' ich ein reicher Mann, trotz meines
Bruders historischem Pinsel, nur Landschaften gewnn' ich mir! Die andern Maler
geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich, der Landschafter giebt nur
das, was ich brauche, um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche
aber freie Stimmung zu setzen. Auch ein Genrebild will, da man gerade diesen
Moment und nur diesen, den der Knstler darstellt, geniet. Bei jeder
Verschiebung der Gruppe hrt das Bild schon auf, die Veranlassung gemalt zu
werden, zu verdienen. Aber die Landschaft, die bleibt sich immer gleich! Der
Beschauende wechselt. Er wechselt nicht in seinen Stimmungen, denn die sei eine
und dieselbe durch jedes Landschaftsbild, aber in seinen Gedanken, in seinen
Betrachtungen, Anknpfungen, Auslegungen. Knnt' ich dort den Waldesrand auf dem
Berge so nun fr ewig mit mir fhren! Es wre ein Gefhl damit verbunden, das
mir immer und immer gleich bleiben wrde. Das Pnktchen da oben am Bergrcken
ist fast eine Kappe von dunklerm Grn, die der hellgrn gekleidete Berg sich
aufgesetzt hat! Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen, singen, flstern!
Htt' ich das nun immer so bei mir, knnt' ich's in einem Bilde so mit mir
fhren, wie gewi wr' ich, da mir nicht nur diese Vergleichungen, sondern
diese ganze selige Stimmung, hier unter dem plessener Gerichtsthurme und am Fue
des Schlosses Hohenberg, nie verloren ginge! Es knnte nun kommen im Leben, was
da wolle, ich she mein Bild, und immer gen' ich das wieder, was ich jetzt
geniee ... Ich mu mir den Siegbert einmal hier hinaus plaudern. In dem
Atelier, bei dem Theelffelgeklapper seiner vornehmen Protectricen, in den
Salons und Coterien, wo er sthetisirt und sich verdftelt, wird er mir - jetzt
besinn' ich mich auf sein Aussehen im Pelikan - ohnehin ganz bla ... und
verschmachtet mir wol gar ... an einer geheimen Liebe?
    Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den wrzigen Krutern und
bescheidenen Blumen, den Kopf auf den Arm gestemmt, in die Gegend blickte, die
ihm, dem Unruhigen und Rastlosen, so viel Friede in die Seele go, verweilte
sein Auge, das anfangs nur summenden Kfern und Schmetterlingen, dann und wann
einem Landmanne, einem Bauermdchen, einem Wagen nachhngender folgte, auf einem
ltern Manne und einem Knaben, die beide hinter dem Thurme dahergeschritten
kamen und sich wie er in der Gegend umschauten. Es war dies jener Fremde, der
Ackermann heien sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in
der Krone Nachmittags eingefunden hatte. Der zierliche, auerordentlich behende,
schne Knabe, der ihn begleitete, war sein Sohn. Er nannte ihn, wie Dankmar von
den Leuten in der Krone schon gehrt hatte, mit einem Namen, den Jene offenbar
verwlschten. Er wute von diesem Namen nur erst so viel, da er dem seinigen zu
hneln schien .... Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht, wohl aber sein kleiner
Begleiter, der sein grendes Nicken mit Anmuth und so bescheiden erwiderte, da
er vor Verlegenheit roth wurde. Welch' ein anmuthiges Kind! sagte Dankmar
unwillkrlich, als Beide vor ihm auf der Landstrae der Ebene zuschritten. So
behend, so zrtlich, so verschmt! Das Bild eines Ganymed!
    Vater und Sohn waren fast gleich gekleidet. Leichte Strohhte mit weiten
Rndern schtzten vor dem Sonnenstrahl. Der Vater trug einen berrock von
demselben halbwollenen Zeuge, von dem der Sohn ein Jckchen trug. Die
Beinkleider waren weit und von einem gestreiften Zeuge. Der Vater hatte die
Brust halb offen und hielt nur den Hemdkragen mit einem bunten Foulard zusammen,
dessen lange Zipfel ber die weit ausgeschnittene Weste fielen. Der Sohn dagegen
trug ein zierlich geflteltes Chemisett, das oben in eine Art Halskrause endete
und seinem Antlitz mit den schnen dunkeln Locken, die ber die Schultern
herabrollten, etwas Neckisches, ja Zierliches, Stutzerhaftes gab. In der rechten
Hand trug der Knabe ein Stckchen mit einem goldenen kleinen Knopf und fuchtelte
damit in der Luft hin und her, whrend sein linker Arm in dem des Vaters hing,
neben dem er grazis und sich ihm fast zrtlich anschmiegend einherschritt, fast
wie ein Mdchen.
    Dankmar konnte beide Lustwanderer genau betrachten; denn oft standen sie
still, wandten den Blick wieder rckwrts und sahen sich die Gegend, die sie
ebenso wie ihn zu erfreuen schien, grndlichst an. Endlich hielten sie an einem
der Wege, die zum Schlosse hinauffhrten, inne. Sie schienen unschlssig, ob sie
ihn einschlagen und auch Hohenberg besichtigen sollten. Der Kleine verrieth
durch seine zuredenden Gebehrden, da ihn die Neugier recht stachelte, zum
Schlo hinaufzusteigen. Zu den Gsten, die dort oben ihr Wesen treiben, dachte
Dankmar, gehren sie nicht. Oder ist der Vater vielleicht geneigt, diese
Besitzung zu kaufen? Er mute sich sogleich sagen, da der Fremde trotz
unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte. Seine Gesichtszge waren
sehr fein und edel, ja sie hatten sogar etwas, was ihn durch irgend eine ihm
unbewute hnlichkeit so mchtig ergriff, da er htte betheuern mgen, einen
solchen Mann einmal als einen hhern Staatsdiener oder einen berhmten Gelehrten
irgendwo schon gesehen zu haben, dann aber fand er wieder, da der Fremde sich
doch nur als ganz schlichter Naturfreund gab, der zuweilen hren raufte und sie
prfend betrachtete, einen Stein vom Wege aufgriff, in der Sonne funkeln lie
und wieder gleichgltig wegwarf, das Stackett, mit dem der zum Schlosse gehrige
Baumgarten hier schon umzunt war, mit dem Fue rttelnd prfte und an
schadhaften Stellen, um zu zeigen, wie vernachlssigt es war, sogar eine morsche
Planke etwas losri, kurz er war bei allem Anstand der Haltung doch eine derbe,
der Natur des Landlebens kundige Persnlichkeit, die sicher einem konomen oder
hnlichen Geschftsmanne entsprach. Endlich folgte der Fremde der berredung des
Knaben und that ihm mit sichtlichem Widerstreben den Gefallen, mit ihm zum
Schlo hinaufzusteigen.
    Dankmar stand nun auf und wre gern gefolgt. Der Fremde und sein Knabe
fesselten ihn. Er beschlo, sich ihnen zuzugesellen, um auch seinerseits das
Schlo in Augenschein zu nehmen. Da Schlurck dort oben gewohnt hatte, konnte er
vielleicht erfahren, wie der Justizrath zu seinem Schrein gekommen war. Auch die
schne Melanie, von der er die Erinnerung hatte, sie schon in der Stadt gesehen
zu haben, Melanie Schlurck, von der er so viel Phantasieanregendes vernommen,
die er selbst im Walde an sich hatte vorbeisprengen hren - genauer nach ihr zu
sehen, war er durch Hackert's Flucht und den Zustand seines Pferdes verhindert -
auch diese konnte er vielleicht hoffen, irgendwo an einem Fenster zu erblicken.
Sein Bruder, mehr wute er nicht, hatte sie im Atelier des Professor Berg, wo
sie malte, zuweilen beobachtet. Da Siegbert, der neuerdings sogar in ihrem
Hause war, durch ein Bild wegen ihrer verspottet sein sollte, wute er nicht.
Alle diese Dinge waren whrend seiner Abwesenheit in Angerode vorgefallen. Er
selbst, zu voll von dem, was er dem Bruder zu erzhlen hatte, war noch nicht
dazu gekommen, ihn nach seinem eigenen inzwischen Erlebten zu befragen. Von den
andern Namen, die Hackert und der Frster Heunisch genannt hatten, kannte er
Niemand, selbst Eugen Lasally nicht persnlich, obgleich er zuweilen eines
seiner Pferde ritt. Die Sphre, in der Lasally lebte, war ihm aus vielem
Betrachte widerwrtig und auch unzugnglich.
    Als er einige Schritte dem Fremden und seinem Knaben nachgegangen war, blieb
er stehen. Man wird dich, wenn du dich ihnen anschlssest, fr zudringlich
halten! sagte er sich. Und da oben um das Schlo herumschnuppern und der
Eitelkeit der dort hausenden Menschen die Folie der Neugier geben, ist doch auch
wol deine Sache nicht!
    So blieb er unten, blickte noch einmal dem leicht hinaufhpfenden Knaben
nach, durchschritt einige Feldwege und kehrte wieder in die Krone zurck, wo er
besttigt erhielt, da der Fremde wirklich aus Amerika kme und Ackermann hiee.
Aber dem Namen des Knaben kam er wieder nicht bei. Man hatte ihn offenbar nicht
verstanden und sprach ein Wort aus, das ihn mehr an einen indianischen
Huptling, als an einen christlichen Taufnamen erinnerte.
    Frh zur Ruhe sich legend, das stille Einathmen eines lndlichen Abends
unter Sternengeflimmer und beim vollen goldgelben Julimondenschein
sentimentaleren Naturen berlassend, hatte er die Absicht, am nchsten Mittag,
wenn er sonst von Hackert und dem Prinzen nichts erfuhr, mit seinem Einspnner
und dem anschmiegsamen Bello sich auf den Rckweg zu begeben. Kaum hatte er wol
am Abend gedacht, da am folgenden Morgen nicht nur eine nhere Bekanntschaft
mit Ackermann und seinem Knaben ihm diesen Entschlu vereiteln, sondern auch
eine abenteuerliche Kette von Misverstndnissen aller Art ihn so umstricken
wrde, da er sich fr's Erste vom Fue des Schlosses Hohenberg nicht wieder
loswinden konnte und der Lage sich aussetzen mute, dort die seltsamsten Dinge
zu erleben.

                                Zweites Capitel



                                Selmar Ackermann

Als Dankmar zwar in aller Frhe aber doch wiederum wahrnahm, da Niemand sich
nach ihm erkundigte, der Prinz und Hackert wirklich verschwunden waren, wollte
er noch einmal zur Schmiede gehen und vor seiner Abreise von dem alten und
jungen Zeck, die ihm doch ein gar sonderbares Paar schienen, prfenden Abschied
nehmen.
    Bello begleitete ihn. Das kranke und sonst so schweigsame Thier wurde an der
Schmiede sogleich wieder unruhig und gerieth in sein schon bezeichnetes, dem
alten Schmied so widerwrtiges Klffen und Bellen.
    Es schien ihm schon von Ferne ziemlich lebendig unter und vor dem Dache der
Schmiede. Da standen Wagen und Pferde, die die Hlfe dieser Dorfvulkaniden in
Anspruch nahmen. Bauernbursche, herrschaftliche Stallknechte, auch einer von
Lasally's Jokeys, der die quihnende Laura eben wieder in die Stlle des
Schlosses zurckfhrte. Nher gekommen, merkte er, da die meisten der hier
Haltenden ungeduldig waren, lrmten und abgefertigt sein wollten. Aber nur der
junge Zeck war zugegen und nahm in Ruhe, da er die Flche nicht hrte, eine
Arbeit nach der andern vor. Die Lrmenden muten sich gedulden und zerstreuten
sich durch Possen, die, seit sie Dankmar hrte, nur ausgelassener wurden; denn
die Menschen sind geborene Schauspieler und werden, beobachtet, im Guten und
Schlimmen nur rhrsamer.
    Bello sprang zwischen diesen Tumult mitten hinein und stberte einen
Flchtling auf, dem seine Lebhaftigkeit doch bedenklich vorkam. Es war dies der
junge Ackermann, der an der Schmiede unter ihrem von zwei Holzsulen getragenen
Vorbau dem Hufbeschlag zugeschaut hatte. Als die Reden der Bauernbursche zu derb
wurden - sie kamen meist aus dem Ullagrunde, besonders vom reichen Bauer
Sandrart - wandte er sich schon dem grnen Rasen zu, der rechts vom Hause lag
und mit Obstbumen bepflanzt war. Dort witterte ihn Bello und bengstigte ihn.
    Dankmar sah schon lngere Zeit, wie der Knabe, der ihm denselben geflligen
Eindruck wie gestern machte, auch einer alten Magd zuschaute, die zwischen den
Obstbumen eine Leine zog, um auf ihr Wsche zu trocknen, und ihr allerhand
Antworten abzugewinnen suchte. Doch ein weichliches Ding! sagte er sich. Was
nimmt er an der Wsche fr einen unmnnlichen Antheil! Wie er die Sacktcher
mustert! Ich will glauben, er ist nur neugierig und will die Buchstaben lesen,
mit denen sie gezeichnet sind.
    Bello hatte es vielleicht eigentlich nur auf die Alte abgesehen und
erschreckte nur zufllig auch den Knaben. Dankmar bedeutete ihm Ruhe, trat dem
Rasen und den Obstbumen nher und knpfte mit dem jungen errthenden Amerikaner
ein Gesprch an.
    Wo ist dein Vater, Kleiner? fragte Dankmar mit einer Stimme, die ihm selber
komisch vorkam, denn er suchte ihr den Ausdruck des Holden zu geben, weil sie
Holdes anredete ...
    Oben bei dem Schmied! war die schchterne, verlegene Antwort; ich erwarte
ihn hier.
    In der That war das Feuer in der Esse am Verglimmen. Ein Eisen auf dem Ambos
verglhte. Die Gerthschaften lagen alle so durcheinander, als wenn sie eben
Einer im Nu weggeworfen htte. Der junge Zeck konnte die Arbeit kaum allein
zwingen ...
    Wie gefiel es dir gestern auf dem Schlosse oben? sagte Dankmar, um sein
Gesprch nicht sogleich wieder abzubrechen.
    Mir weit besser als dem Vater! sagte der Knabe.
    Der hat freilich wol schon Vieles gesehen, was schner ist, entgegnete
Dankmar. Ihr kommt ja weit her?
    Von Amerika, sagte der Knabe, und setzte nach einigem Besinnen hinzu: Aus
Missouri.
    Aus Missouri! Ja, ja! Man erzhlte mir's schon in der Krone, bemerkte
Dankmar. Da seid ihr wol nur zum Besuche hier und werdet gewi wieder bers Meer
zurckwollen?
    Das wissen wir selbst noch nicht, erwiderte der Knabe. Wenn es dem Vater
wieder in Deutschland gefllt, bleiben wir; wo nicht, kehren wir nach Columbia
am Missouri zurck, wo wir gewohnt haben.
    Nach Columbia! Am Missouri! ..... sagte Dankmar herzlich; so will ich
wnschen, da euch Alles hier erfreuen und befriedigen mge, damit wir nicht nur
gute Menschen an Amerika verlieren, sondern deren auch welche von da wieder
herbergewinnen.
    Der Knabe schlug zerstreut mit seinem Stckchen auf einige hochstehende
Grashalme .....
    Dankmar fhlte, da ein lngeres Gesprch mit dem schchternen und
bescheiden die Augen niederschlagenden Kinde es ngstigen wrde und brach, wenn
auch ungern, seine Unterredung ab. Er konnte nicht umhin, dem Knaben flchtig
die errthenden Wangen zu streicheln, worauf dieser vollends feuerroth wurde und
sich gengstigt abwandte.
    Dankmar nickte noch einmal und wandte sich links zur Schmiede. Ein Wagen
fuhr eben davon. Zwei Pferde, hinten angebunden, hpften ihm, mit neuen Hufeisen
beschlagen, lustig nach. Lasally's Jokey war gleichfalls verschwunden. Nur noch
ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules, dem der junge Zeck, in Hemdrmeln,
ganz schwarz berut, die Hornhaut vom Hufe abstach. Dankmar sah eine Weile zu.
Der junge Zeck grte flchtig und eilte sich in der Arbeit, was er nur konnte.
Der junge Ackermann hielt sich inzwischen in der Ferne auf dem Rasen und schien
sich mit Bello ausgeshnt zu haben. Kaum hatte sich Dankmar wieder nach ihm
umgesehen, war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet. Der Knecht
bezahlte und eilte mit seinem Pferde davon. Der junge Zeck verschwand in dem
innern kohlengeschwrzten Hause.
    Dankmar beschlo, sich dem blinden Alten vor seiner Abreise doch noch einmal
zu empfehlen. So folgte er in die dunkle leere Werkstatt und sah eine kleine
schmale Treppe, die oben in die Wohnung des Schmieds fhrte. Er trat behutsam
auf. Die Nachwirkung des Eindrucks, den der Knabe in seiner Sanftmuth auf ihn
gemacht hatte, lie ihn leiser auftreten, als er sonst wrde gegangen sein. Man
hrte ihn nicht. Wie erstaunte er daher, als er unerwartet oben, eine Thrklinke
niederdrckend und in ein niedriges Gemach eintretend, den blinden Zeck eben im
Begriffe fand, einen ganzen Tisch voll flimmernder, hellblitzender Goldstcke
einzustreichen! Der taube Sohn stand gierig gaffend daneben und der Amerikaner
wollte eben gehen ....
    Wer da? rief der Blinde mit Heftigkeit, als er sich so pltzlich berrascht
fand. Sein sonst so feines Gehr mute ihn bei dem Fhlen und Tasten nach den
schweren Goldstcken verlassen haben, sonst wrde ihm wol schwerlich das wenn
noch so stille Hinaufsteigen Dankmar's entgangen sein ....
    Beruhigt Euch! sagte Dankmar. Ich wnsch' Euch alles Glck, wenn Ihr in der
Lotterie gewonnen oder eine Erbschaft gemacht habt. Ich wollt' Euch nur sagen,
da ich aufbreche und wenn Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu bestellen habt -
    Nichts! Nichts! Was Peters! Herr! polterte der Blinde grob und unhflich.
Seit dem pltzlichen Reichthum schien er auch schon alle Fehler der Reichen
bekommen zu haben. Sein Zorn erinnerte Dankmarn an die Bosheit, mit der er
heimlich gestern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen. Der Alte hatte
sein schon halb lose hngendes Schurzfell rasch abgebunden und es wie zum Schutz
auf den Tisch so geschwind gebreitet, da einige Goldstcke auf die Erde
rollten. Der Blinde tastete, der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsd'oren
mit der Gier einer Katze. Es war ein hlicher, ngstlicher Anblick ....
    Dankmar hatte schon die Thr in der Hand und entfernte sich, den
feinlchelnden Amerikaner flchtig grend, mit den Worten:
    Ich sehe, da ich stre. Geniet Euer Glck in Frieden! Lebt wohl!
    Damit kletterte er getrost die Hhnersteige wieder hinunter zu Bello und dem
Knaben, der inzwischen drauen im Vorbau der Schmiede auf einen dreibeinigen
Schemel sich niedergesetzt hatte und dem Hund, der sich ihm jetzt nach
Entfernung der garstigen Magd, die hinten an einem Ziehbrunnen wusch, traulicher
anschmiegte, nach seinem traurigen Schaden sahe ....
    Wetter! sagte Dankmar aufgeregt zu dem Knaben, wenn ich gewut htte, da
dein Vater oben Geldgeschfte mit dem impertinenten alten Schmied hat, wrde ich
mich wol gehtet haben, ihn zu stren ....
    Es ist eine Erbschaft, sagte der Knabe, die ihm der Vater aus Amerika
mitbringt.
    Eine Erbschaft! Und das so aus freier Hand, ohne gerichtliche Vermittlung?
Erbschaften sollen nur durch die Behrden gehen. Verstehst du etwas vom Recht?
    Der Knabe schttelte den Kopf.
    Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen seidnen Wimpern des braunen
Auges, die der kleine Amerikaner niederschlug, ohne eine gewisse Pfiffigkeit und
Schlauheit verbergen zu knnen, die hinter seiner Scheu verborgen lag.
    Ihr wit von unserm Amtswesen und unsrer Federfuchserei nicht viel? sagte
Dankmar, um sich von dem unangenehmen Eindruck, den ihm der oben erlebte
Augenblick hinterlassen, zu zerstreuen.
    Doch, Herr, antwortete der Knabe und stemmte den einen Fu wie spielend
rckwrts an ein zerbrochenes Rad; doch! doch! Der Vater hat sich freilich
gestern nach dem Schmied und seiner Schwester erkundigt und sich nachschlagen
lassen, was man auf dem Amt von ihnen wei und da er fand, da es die Richtigen
sind, denen er das Geld zu bringen hat, so hat er's ihnen nun wol oben gegeben.
Es war uns schwer genug. Um den Leuten Freude zu machen, wechselte er das Papier
in pures blankes Gold.
    Die Schwester des Schmieds? wiederholte Dankmar, erfreut durch die
ermuthigte und gesammelte Antwort und den gutmthigen Zug des Vaters. Also eine
Schwester hat der Schmied? Er ist blind, sein Sohn taub, was mu da wol die
Schwester fr ein Gebrechen haben?
    Das Alter, hr' ich; sagte der Knabe lchelnd.
    Das Alter! .... wiederholte Dankmar.
    Die Antwort gefiel ihm. Er schaute ganz betroffen auf, vergrerte die Augen
und htte fast Brav, mein Junge! gesagt.
    Der Knabe aber, seine angenehme Erregung bersehend, fuhr harmlos fort:
    Sie sollte erst in die Schmiede kommen, da wir ihr hier ihren Antheil auch
auszahlten und das schwere Geld loswrden. Aber sie soll seit Jahren ein Gelbde
gethan haben, nicht weit vor die Thr zu gehen und so mssen wir ihr's nun wol
selbst bringen .....
    In diesem Augenblick rief vom Innern der Schmiede her eine starke sonore
Stimme:
    Selmar!
    Dem nun aufspringenden Knaben trat sein Vater entgegen. Wie dieser Dankmarn
erblickte, sagte er freundlich:
    Sie waren sehr rcksichtsvoll, mein Herr! Wie rasch Sie sich entfernten! Ja,
ja! Der Blinde oben ist auer sich, da Sie uns da so pltzlich berrascht
haben. Diese Leute wollen um jeden Preis etwas besitzen, es aber um's
Himmelswillen Niemanden sehen lassen.
    Er kann schon sicher sein, sagte Dankmar, da ich weder, was ich sah, noch
was mir mein kleiner Freund Selmar erzhlte, ausplaudern werde .....
    Dankmar benutzte die Gelegenheit, zu bemerken, da er endlich den Namen des
jungen Ackermann erobert htte.
    Freund Selmar! Ausplaudern! Diese Worte schienen einen Eindruck auf den
Vater zu machen. Er warf einen eigenen verlegenen Blick auf sein Kind.
    Selmar fate ihn unterm Arm. Beide schickten sich an die Schmiede zu
verlassen.
    Sie kommen aus Amerika! sagte Dankmar, sich anschlieend und die
fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend. Sind die Amerikaner denn
auch so wunderlich in Geiz, Habsucht und Verstellung und unsern andern
versteckten europischen Lastern?
    Ackermann antwortete im Gehen lchelnd:
    Der Amerikaner trgt gern offen zur Schau, was er besitzt, prahlt auch wol
ein wenig .... aber die schnde Furcht des Besitzes ist selten. Findet sich dies
Laster, so ist es aus Europa mit hinbergebracht.
    Wie bei Morton? Nicht wahr? sagte Selmar.
    Dem Vater schien Selmar fast mit Dankmarn schon zu vertraut geworden. Er
blickte Dankmarn wiederholt an und schien sich zu berlegen, ob sein Sohn gut
gethan htte, sich dem jungen Fremden schon so weit zu vertrauen, da er von
einem gewissen Morton sprach .....
    Morton? wiederholte er und schwieg.
    Die Stimmung, die durch diesen wiederholten Namen und das pltzliche
Stillschweigen des Vaters zwischen allen Dreien entstand, lste der junge Zeck,
den Dankmar jetzt erst hinter ihnen bemerkte.
    Dahin wohnt die Tante! sagte er und zeigte dem Walde zu.
    Er sah dabei Dankmarn stutzig an und schien fragen zu wollen, ob dieser zu
der Partie gehren drfe .....
    Alle Vier waren aber schon auf dem Wege und der Fusteig von hier nach dem
Walde zu gehrte zuletzt Jedem.
    Dankmar, der sich nicht irre machen lie, gab wol die Frage nach dem
Geizhalse Morton auf, bemerkte aber, zu Ackermann gewandt und innerhalb der
Grenze erlaubter Neugier:
    Sie sind in Deutschland geboren? Vielleicht schon frh ausgewandert?
    Vor einigen zwanzig Jahren! sagte der Fremde und blickte sich nach Selmar
um, der sich eben von ihm getrennt hatte. Diese Trennung galt Bello, auf den der
Knabe sich schon soviel Einflu zutraute, da er diesen von dem Unmuth
beruhigte, der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel.
    Ich habe mich in der Union drben viel herumgetummelt, sagte dieser
sogenannte Ackermann, bis ich endlich am Missouriflusse in dem Stdtchen
Columbia mich niederlie. Mein Weib, das ich aus Deutschland mitgefhrt hatte,
starb vor noch nicht lange und hinterlie mir da den spt gebornen Jungen. He
Selmar! Selmar! La doch dem Thierchen seine Freude! Der Junge ngstigt sich..
Sie wissen wol, in Amerika bellen die Hunde nicht..
    Der taube Zeck ffnete ein Stacket, durch das man erst zu einer Wiese und
dann zum frisch sie anwehenden Walde gelangte. Er blieb, als Selmar und sein
Vater passirt waren, stehen und machte eine hmische Miene, indem er in der den
Tauben eigenen leisen Art, aber dummdreist, zu Dankmarn sprach:
    Wir gehen aufs Jgerhaus!
    Dankmar achtete nicht.
    Aber auch Ackermann schien Dankmar's weitere Begleitung nicht vorauszusetzen
und blieb stehen, wie wenn man sich empfehlen wollte .... Selmar aber hatte den
lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten: Armes Thierchen, das Laufen
wird dir schwer; ich trage dich! an die Brust gedrckt und war ohne Rcksicht
auf den Vater und den Fremden schon ein Stckchen Weges weiter gegangen.
    Kinder und Thiere bringen die Menschen zusammen! dachte Dankmar und schritt
ber die Wiese getrost mit zum Wald hinber.
    Vater, sagte Selmar sich umwendend, so mchtig wie unser Bffelforst ist ein
deutscher Wald doch nicht!
    Das wollt' ich meinen, Junge! antwortete der Vater, der sich in Dankmar's
Begleitung nun ergab. Hast du das Stacket bemerkt? Kein Jagdgesetz hegt unsern
Urwald ein!
    Wohl Vater .... aber..
    Aber?
    Lieblicher ist der deutsche Wald!
    Was lieblicher!
    Sieh, bei uns unter den riesenhohen Bumen mit dem rothen Holze und den
ellenlangen Nadeln, wer kann da lustwandeln? berall Stmme, deren Wurzeln hoch
aus der Erde herausstehen und quer ber Das hinweglaufen, was ungefhr wie ein
Weg aussieht und doch keiner ist! Dazwischen ganze Bume, die whrend der
berschwemmung des Missouri ausgerissen wurden und hoch in den Zweigen der
andern stecken blieben, wo sie jeden Augenblick niederstrzen knnen; der
frchterlichen Steine garnicht zu gedenken, die von uraltem Moos zerfressen
berall umherliegen und die ganze Ordnung so einer friedlichen Baumgruppe
stren. Sieh nur, Vater, wie die Sonne so heiter durch das Hellgrn der Buchen
schimmert! Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fllt nur von oben so
geheimnivoll herab, da man sich nach dem Felde hinaussehnt, wo sie frei
scheint. Und auch dort, gesteh's nur, Vater, was hat man als die unabsehbar
groe Prairie, die wie ein grnes Meer ist, endlos, unheimlich und recht
melancholisch!
    Da sehen Sie es, sagte Ackermann nach dieser gewandten Schilderung, die
Dankmarn berraschte und fast erschrecken lie, da er den gebildeten Knaben
ohne Weiteres mit Du angeredet hatte; da sehen Sie's, Selmar hat es darauf
angelegt mich hier zu behalten. Wie gefiel ihm nicht das abscheuliche London,
das garstige Hamburg! Gestern auf dem Schloberge oben bekam er Gefhle, wie ein
junger, unter Klosterruinen erzogener Siegwart! Ein Amerikaner! Ein praktischer
Verstandesmensch! Schme dich!
    Selmar lachte. Er hatte es schlau angefangen. Erst den Vater durch ein Lob
Amerika's gewonnen und dann doch seine Meinung gesagt.
    Dankmar hrte schweigend zu. Er lchelte mit Wohlgefallen und berraschung.
Die gebildeten uerungen des Knaben, der freundliche Scherz des geistreichen,
pltzlich so fein und unterrichtet sich ausdrckenden Vaters erfreute ihn
innigst.
    Der Trumer trifft dich, Vater, sagte jetzt Selmar, lie den unruhig
zappelnden Bello wieder laufen und hpfte zu Ackermann heran, ihn zrtlich
umfangend.
    Wie so mich?
    Er trifft dich, Vater! Besinne dich nur auf Gestern! Erst wolltest du nicht
hinauf auf's Schlo, weil du wol dachtest, da fallen mir all' die schnen
Mhrchen und Geschichten ein, mit denen du und die Mutter mich in der langen
trben Regenzeit in Columbia unterhieltest! Weit du noch die Sagen vom Kynast,
vom Falkenstein, vom Kyffhuser und vom Drachenfels? Immer zanktest du, wenn die
Mutter von diesen Geschichten anfing, und sagtest: La das dumme europische
Zeug! Wenn aber die Mutter doch erzhlte und nicht recht weiter konnte oder eine
Sage nicht mehr recht im Zusammenhange wute, fielst du ein und erzhltest mehr
als sie.
    Ja, ja! Aber oben ..... was ist oben auf dem Schlosse gewesen?
    Verstell' dich nicht! Wie du oben an dem Schlosse warst ... rhrte dich
Alles, der kleine Pavillon im Garten, die Grotte, die kleinen Wasserflle, die
du, um nur spotten zu knnen, kleine Fingerhut-Niagaras nanntest; Und mit der
alten Beschlieerin und dem weihaarigen Grtner, mit dem besonders, hast du
gesprochen, als wenn sie Kuno und Kunigunde hieen und seit tausend Jahren da
wohnten ....
    Brigitte, heit die Alte, Kind! Das ist ein ganz romantischer Name! Aber du
irrst, mein Junge, die thaten mir's nicht an. Jedes dritte Wort war ein
Bibelvers. Das knnen wir in Philadelphia auch haben. Ja! Das war's, was mich
ergriff, Kind, die Erinnerung an Philadelphia .....
    O du entkommst mir nicht! sagte der liebliche Knabe, immer zrtlich und dem
Vater so treu ins Auge blickend, da im Vaterauge wirklich eine Thrne der
Rhrung quoll; gestern hast du beim Anblick des Schlosses oben eher an die
Hngematte eines Negers gedacht, als bei den beiden alten Leuten, die es hten,
an Philadelphia!
    Junge, was soll der Herr da von deinem Geschmack denken? Das alte
Rococo-Mbel.. im Commodenstyl! Wie kann uns das an deutsche Sagen erinnern!
    Erzhltest du nicht von der alten Geschichte des Hauses Hohenberg? Und von
den Grafen Bury, die mit ihm verwandt sein sollten? Und dir gefiel auch das alte
Mbel mit seinem geschnrkelten Eisengitter, den vergoldeten Namenszgen und den
wunderlichen Fratzen ber den Fenstern! Und wie du erst hineintratest in den
Hof.. oben war bunte frhliche Gesellschaft,.. da schautest du in die Fenster so
nachdenklich, so feierlich, als wolltest du dir schon die Stelle aussuchen, wo
du deine Bcher hinstellen knntest, hier die deutschen, da die englischen und
franzsischen, und wie du hinaufblicktest auf die Krone, die ber dem Giebel des
Portales schwebte, da dachtest du dir gewi: da setz' ich meinen durchbrochenen
Himmelsglobus hin und betrachte mir von seinem Innern aus in schnen
Winternchten die Sterne.
    Wenn keine Krhen drin nisten! sagte Ackermann und fuhr nach einer Weile
fort: Du bist ein Phantast! Man sieht, da du von deutschen ltern stammst und
deutsche ltern ihre eigne Heimathssehnsucht in dich hineingeseufzt haben. Im
Gegentheil! Ich habe Mitleid mit Denen, die sich da oben hinpflanzten und
Einsiedler sein wollten. Reuige Menschen zogen oft in die Wste, aber sie nahmen
keinen Spiegel mit, der dazu dienen sollte, sich doch immer noch selbst nicht zu
vergessen. Thaten sie es, wie Timon der Menschenhasser, so wollten sie im
Spiegel nur ihren Verfall, ihr Elend erblicken. Der Ort da oben kommt mir wie
ein Spiegel vor, in dem eine Berin beschaut, wie sie bei aller Reue sich doch
noch immer schn ausnimmt ....
    Die Bewohnerin des Schlosses, sagte Dankmar, war die Frstin Amanda von
Hohenberg.
    Ich wei es, bemerkte Ackermann ernst und mit auffallender Bestimmtheit.
    Sie wurde fromm, fuhr Dankmar fort, als sie sich unglcklich fhlte und
keine irdische Rettung mehr kannte. Ihr Gatte trug einen berhmten Namen ohne
Wrde. Er verschleuderte sein Vermgen. Die Arme lie nichts zurck, als ein
gesegnetes Andenken und einen Sohn, der, wenn ich nicht sehr irre, gelernt hat,
irdische Auszeichnungen entbehren.
    Dankmar sprach diese Worte mit fester und doch bewegter Stimme. Er hatte
eine so tiefe Achtung vor seinem Reisebegleiter in der Blouse gewonnen, da er
glaubte, hier fr ihn einstehen zu mssen, wo seiner unglcklichen Mutter
vorgeworfen wurde, sie htte mit ihrer Frmmigkeit es doch wol nur auf die
hergebrachte weibliche Eitelkeit, wenn auch in andrer Form, abgesehen gehabt und
es wre ihre Reue von Selbstzufriedenheit begleitet gewesen.
    Ackermann wandte sich auf diese Worte pltzlich, blieb einen Augenblick
stehen und sah Dankmarn mit fragendem Ernste an.
    Kennen Sie den Prinzen Egon? sagte er, hochroth erglhend.
    Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar mit einer Erregung, die ihm gleichfalls in
die Wangen stieg. Ich verbrge mich fr ihn; setzte er entschieden hinzu.
    Es kennt ihn hier Niemand, sagte Ackermann, es kannte ihn in der Residenz
Niemand, er lebte in Paris; und Sie ... kennen ihn?
    Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar bestimmt und war fast entschlossen
abzubrechen und umzukehren.
    Ackermann schwieg, betroffen, wie es schien und seine Anklage bereuend. Er
wandte sich wie in tiefes Nachdenken verfallen, zu dem jungen Zeck, der mit
schwerem plumpem Gang voranschritt und einmal ber das Andere fr sich ber das
Glck seines Vaters und seiner Tante in sich hinein lachte. Die fr die Letztere
bestimmten Goldstcke mute Ackermann in der weiten Brusttasche tragen, denn mit
stierer Neugier und einem gewissen vertraulichen Zublinzeln zu dieser Stelle
schien der Taube sagen zu wollen: Nicht wahr, da steckt das Geld fr die Tante?
Nur zu Dankmarn wandte er sich dann wieder mit mistrauischer Furcht und
betrachtete ihn noch ngstlicher als gestern schon, wo er sich als Eigenthmer
des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte ...
    Selmar blieb bei Dankmarn zurck.
    Es scheint, sagte Dankmar, als wenn ihr Beide, du und dein strenger Vater,
im Streite wret, wo ihr knftig leben solltet, hier oder wieder drben, jenseit
des Meeres .....
    Das eben ist es! sagte der Knabe.
    Der Vater mu eine ble Meinung von Europa haben. Ich hrte es an der
heftigen Anklage gegen die frmmelnde Frstin Amanda ...
    Er war gestern anders .... Sonderbar..
    Kannte er sie?
    Die Frstin Amanda? sagte der Knabe erstaunend. Ich glaube: nein!
    Ist der Vater reich, so sollte er diese Besitzung kaufen ...... Sie ist zu
haben.
    Ja zu haben! rief der Knabe lachend und schttelte den Kopf, als glaubte er,
dazu gehrten Millionen.
    Dann fuhr er fort:
    Nein, nein! Der Vater kmpft mit sich, was er mehr lieben soll, die alte
oder die neue Welt. Erst zog es ihn mit so groer Gewalt nach Europa zurck, er
traf alle Einrichtungen, nie wieder zu kommen, lie Haus und Hof in getreuen
Hnden, die, im Fall er nicht wiederkme, ihm dafr den baaren Betrag einer
ansehnlichen Kaufsumme schicken wollen und nun gefllt ihm ja das alte
Heimathland nicht mehr! Jede Gegend, die er von frher sieht, erweckt ihm
traurige Erinnerungen und whrend er so rstig, so gesund und sonst so heiter
ist, ruft er hier berall aus: Ich bin alt geworden, alt! ... und blickt dabei
so wehmthig gen Himmel, ... da ich weinen mchte!
    Selmar weinte ...
    Armes Kind! sagte Dankmar, den Knaben trstend. Und dir geht es umgekehrt?
Dir gefllt die Heimath deiner Mutter. Dich kann ein Land nicht befriedigen, wo
wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen. Dich reizt
das Gewhl unserer Stdte, die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen, die
Verschiedenheit der Sprachen, der Luxus, die Pracht der Lebensweise, die schnen
Krieger in glnzenden Uniformen - nicht so?
    Selmar wurde ber und ber roth und lachte pltzlich.
    Ei bewahre! sagte er endlich ganz verschmt.
    Doch! doch! fuhr Dankmar fort. Das ist's, was dich fesselt! Fr ein so
schnes Schauspiel, wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmckten Krieger in
funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klngen, giebst du noch Amerika's ganze
Freiheit hin, alles das, was ohne Zweifel die wahre Fessel ist, die den Vater an
Amerika kettet; denn aus seinen uerungen ber das Schlo dort oben seh' ich,
da er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt.
    O gewi, Wahrheit und Vernunft liebt der Vater! sagte Selmar mit leuchtenden
Augen. Dann fuhr er fort:
    Glaubt nur nicht, da ich kein Herz fr die Gre der Union habe und die
freie Staatsform, in der wir leben, geringschtze. Indessen -
    Warum stockst du?
    Ich will es auch nur aufrichtig sagen, fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit
fort. An dieser Lust, die ich empfinde, Europa und Deutschland zu sehen, ist die
Mutter Schuld. Sie schlft drben in amerikanischer Erde! Aber ihre Seele, wenn
es Gott gestattet, da sie zuweilen noch auf Erden weilen darf, wrde am
glcklichsten sich fhlen, drfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen.
Sie umschwebt uns gewi berall, wo wir weilen werden und zgen wir in die
Wildnisse Asiens. Aber das reinste und schnste Opfer, das man ihr bringen kann,
wre das, wenn wir da lebten, wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann,
die sie hier liebte und verlie, als sie nach Amerika zog .....
    Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen, tief empfundenen Worte in
ihrer ganzen Wahrheit. Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von
denen, die ihr hier nchst dem Gatten das Liebste waren und mit halbgebrochenem
Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schnen, edlen Manne folgen, der da vor
ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare, noch stolz und mnnlich! Er konnte
nachfhlen, wie hier ein Kinderherz frh getheilt war zwischen dem, was den
Vater beglckte und dem, was die Sehnsucht der Mutter war. Vielleicht lebten
hier noch viele Menschen, denen Selmar die Zge der frhvollendeten Mutter
zurckrufen sollte; vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz fr Das werden,
was sie an ihr selbst verloren .....
    Um der wehmthigen Stimmung Selmar's keine neue Nahrung zu geben, lenkte
Dankmar das Gesprch darauf hinber, da er sagte:
    Ich kann mir denken, was die gute Mutter von Europa Alles mag erzhlt haben
und wie das frh in deinem Kopf gezndet hat. Httest du in New-York gelebt,
wrde das Gerusch einer groen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so
mchtig in dir haben aufkommen lassen; aber eine solche kleine Niederlassung am
Missouri, unter Urwldern und Prairien! Da mag es melancholisch genug sein und
ich kann mir denken, die Sagen vom Kynast und Drachenfels, die dir in der trben
Regenzeit erzhlt wurden, kamen nicht vom Vater -
    Nein! fiel der Knabe ein, die kamen von der Mutter, der guten Mutter. Sie
war nur Liebe und Gte.
    Wie hie sie? sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen ...
    Der Knabe errthete, fast erschreckend. Er that, als htte er die Frage
berhrt und machte sich mit den Struchern am Wege zu schaffen, von denen er
einen kleinen Zweig abbrach.
    Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage fr zufllig. Nur da der
Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb, wie Einer, der nicht zu den
Andern gehrte und sich doch wol nur als einen Aufdringling betrachten msse,
war ihm peinlich. Er blieb stehen und htte die Fremden vielleicht ohne Abschied
gehen lassen, wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in
einem grnen Thalgrunde, der abwrts vom Walde nun in die Tiefe ging, aber rings
vom Walde noch eingeschlossen blieb, gezeigt htte mit den Worten:
    Da ist das Jgerhaus!
    Offenbar wollte er sagen: Sie begleiten uns doch?
    Aber Dankmar fhlte etwas, was ihm zuflsterte: Das Geschft dieses Mannes
im Jgerhause ist wol so eigner Art, da du nur ein unwillkommener Zeuge sein
wrdest. Er sagte daher krzer und fast schroffer, als er wollte:
    Entschuldigen Sie meine Begleitung! Ich konnte dem lockenden Walde nicht
widerstehen.
    Damit lftete er den Hut und nickte dem Knaben, der nachdenklich und wie
eingewurzelt stand, ein freundliches Adieu! zu.
    Auch Ackermann schien betroffen, wandte sich aber ...
    Lstig war das erneute garstige Bellen des Hundes, der seinen Namen Bello
von der Schnheit seines uern weit weniger, als vom Bellen verdiente. Whrend
Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete, gingen die Wanderer schon weiter, ohne sich
anfangs nach ihm umzublicken. Nur Selmar, als sie im Grunde waren, that es noch
zuweilen, aber wie verstohlen. Dankmar's Augen waren scharf genug, noch einige
Zeit zu verfolgen, wie traurig dabei des Knaben Miene schien und da beide stumm
nebeneinandergingen.
    Warum folgst du nicht? schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte
sich selbst: Warum folgst du nicht? .....
    Der Weg, der zum Jgerhause fhrte, erstreckte sich ziemlich lang am Rande
des Waldes und der Wiese hin, die rings vom Walde eingeschlossen war und zu
abschssig ging, als da man quer ber sie htte hinwegschreiten knnen. Dankmar
stand an einem alten Eichenbaum und sahe, die Arme verschrnkend, dem Amerikaner
und seinem Sohne nach.
    Was zieht mich euch Beiden nach, sagte er sich, dir du strenger Mann und dir
du holder Knabe! Ist es die wunderbare ferne Welt, aus der ihr wiederkehrt und
die vielleicht auch einst nur das Land sein wird, wo meine Trume reifen knnen?
Warum trennen wir uns, da wir uns kaum begrten? Warum kann ich nicht gleich
tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen, tchtiger Mann, der du gewi
von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und
den Spiegel kennst, in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte?
Warum hab' ich nun kein Zeichen, das dir gleich gesagt htte: Ich fhle
Ehrfurcht vor deinem Antlitz, deinem Auge, deinem leise angegrauten Haar! Wenn
ich dich selbst nicht lieben knnte, so lieb' ich dich in deinem Sohn! Ich wei
es schon, du Krftiger, da in dir Gedanken leben, die hher hinaufweisen als
die gewhnlichen Wegweiser unserer grauen Theorie! Du hast nachgedacht, du hast
gefhlt, gelebt, geliebt! Ich wei schon Alles ..... Ein Weib folgte dir und
verga ihre Thrnen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses
Schmerzes, das Denkmal einer Liebe, die sich noch im Tode bewhrte ... und die
du selber ehrst, sonst wrdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen, dies
Land, das dich doch sicher - denn du heiest schwerlich so, wie du dich nennst!
- von seinem Herzen stie! Wo kann ich dir wieder begegnen, edler Mann? Wo mich
an deiner starken Hand fhren? Nie also, nirgends mehr? Das wre so verloren!
Und warum verloren? Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon? Nein!
Weil du mich fr einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit hltst, der nichts kann,
als fremde Menschen belstigen und zwecklos ausfragen! Ich mifiel dir; du
kennst mich nicht! Warum ist nun kein Wort mglich, das mit einem Hauche sagt:
Hier ist auch ein Mensch, ringend, wie du einst gerungen hast, ein Mensch ohne
Ehrgeiz fr sich, aber voll Ehrgeiz fr das Allgemeine! Das Allgemeine? Ja das
Allgemeine! Das nicht Einen, nein Tausende, Hunderttausende Gleichgesinnter
braucht! Sind wir beide gleichgesinnt? Warum erkennen wir uns nicht? Die
Freimaurer erkennen sich!
    Gerechter Gott, und was drckt das aus: ein Freimaurer! Wenig genug, wenn
man Lessings Gestndnisse liest. Und doch gren sie sich geheim, wie mit einem
Grue in der Wildni! Man ist mit diesem Grue nicht mehr dunkel ber sich, man
hat doch Eins gemein, Eins, das Gefhl der Brderlichkeit, so misbraucht es auch
wird und so lstig es dem sein mu, der das Zeichen dem erwidern soll, der ihm
gleich beim ersten Blicke misfllt. Aber was fhrt die Mnner, die sich gefallen
sollten, zusammen? Wer lt den Geist den Geist erkennen? Was krzt uns durch
einen einzigen Blick den langen Umweg ab, den wir brauchen, um die, die uns
gleichgesinnt sind, erst zu erkennen - ach, wo anders erkennen wir uns, als ...
auf dem Schlachtfelde ..... in den Gefngnissen ... im Grabe!
    Dankmar blickte auf. Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herbergeschaut wie
mit traurigem Vorwurfe ...
    Um sich einem Anblick zu entziehen, der ihn zu heftig bewegte, trat Dankmar
zurck und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche, den die dichten Zweige
der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten ...
    Er spann die Gedankenreihe aus, in der wir ihn schon so oft, am meisten nach
Schlurck's uerungen ber den Reubund, belauscht haben und die, das merken wir
nun wol, mit seinem glcklichen Funde in Angerode zusammenhing. Er
vergegenwrtigte sich die alten Zeiten, wo das Christenthum ganz allein die
Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat, wie sie jetzt die Menschheit
beherrschen. Er sah die damalige Bildung, die christliche, da nicht dem Zufalle
preisgegeben, sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes,
den sogleich die Verbrderungen, die Herbergen, die Agapen und dann die
Mnchsorden vertraten. In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der
Gefahren, die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung
der Ideen mit sich bringen konnte, wenn es ausschlielich wurde. Die Orden waren
Jedem zugnglich, selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen. Wenn er dann die rege
Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an
Gleichgesinnte, die man durch uere Kennzeichen in der ganzen damaligen
christlichen Welt antreffen konnte, bewundern mute, so flte ihm vollends die
feine und durchdachte Gliederung besonders des spteren Jesuitenordens als Form,
als kunstmig angelegter Bund, die grte Achtung ein ...
    Warum geht bei uns Alles so in der Irre! dachte er sich. Warum gruppirt man
sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung! Warum verschwrt man
sich nur blindlings mit abenteuerlichen, leicht enthllten Masken ... Wer uns
eine Stiftung brchte, die unabhngig von jeder zunchst auf der Tagesordnung
stehenden Frage nur die Verstndigung ber sie im Allgemeinen, die Einigung ber
die ersten Grundstze erleichterte! Wer uns etwas ersnne, das wie ein
elektrischer Schlag Jeden trfe, der mit uns in einem geistigen Rapport steht
und uns dann immerhin so ganz zufllig begegnete! ... Man wrde sich gleich
erkennen. Wie wrde man seine Erfahrungen austauschen, wie wrde man sich zu
einem geordneten, sicheren System des Handelns rascher vereinigen! So viel
Verstand und keine Verstndigung!
    Und wenn sich Dankmar dann gestehen mute, da alle die, die etwas Groes in
dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen, Mittel besitzen mssen, um die
Zweifelnden und Lssigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung, das so
Mancher in seiner Groherzigkeit giebt, fr die Andern auch nicht gar zu
abschreckend zu machen, so gedachte er der Papiere, die er in jenem Schreine
gefunden hatte. Eine alte berlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte
sich pltzlich in eine mit Hnden zu greifende Wahrheit verwandelt. Die
Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein, die in einem gesitteten
Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen, keimen, ausschlagen, blhen
konnten. Er hatte die Mittel in Hnden, einer seit zwei Jahrhunderten
schwebenden Verhandlung ber ein immer grer angewachsenes Vermgen von Husern
und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben, die sich auf die Annahme
grndete: Wenn der Staat begonnen hat, jene Verlassenschaft, die Jahrhunderte
lang gleichsam herrenlos war, fr sich in Anspruch zu nehmen und den
gegenwrtigen Nutznieern zu entziehen, warum kann sich nicht mit den sichersten
und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkmpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite
stellen und Alles das, was Jener zur Begrndung seiner Ansprche mhsam und aus
Zwangsstzen der Gewalt zusammenstellt, mit weit grerem Fug und Recht aus
verbrieften historischen Thatsachen herleiten?
    Wer wei, fuhr er innerlichst zu erwgen fort, ob in jenem Processe, dessen
inneres Getriebe mir bald kein Geheimni mehr sein soll, nicht Assertionen genug
vorkommen, die mir unbewut ber das, was noch sonst dem eingebildeten
Entwickelungsgange dieses Processes einen pltzlichen Umschlag geben knnte,
meinen Wettlauf mit dem Staate und jener groen mchtigen, von Schlurck
vertheidigten Commune erleichtern?
    
    Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe, die er sich gestellt hatte
und die er nicht zu seinem Vortheil, sondern in der That zur Durchfhrung einer
groen socialen Idee lsen wollte, da ihn nun eine namenlose Angst berfiel,
welches Schicksal die in Schlurck's Hnden befindlichen Papiere treffen knnte
... Mit dem Entschlusse, jetzt unmittelbar nach der Residenz zurckzueilen,
sprang er auf, warf, um nicht gefesselt zu werden, keinen Blick mehr nach dem
grnen Plane und dem Jgerhause zurck, sondern lief fast mit beflgelter Eile
denselben Weg zurck, den er eben neben dem Knaben so gemthlich geschlendert
war ...
    Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen. Dankmar rief, feuerte ihn
an und trieb zur Eile .... Da grte ihn ein freundliches Wort aus dem Busch.
Ein Bekannter hielt ihn an, der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und
pltzlich, ihn fast erschreckend, vor ihm stand. Es war der Jger Heunisch.

                                Drittes Capitel



                                 Das Jgerhaus

Heunisch, die Bchse auf dem Rcken, eine sorgfltig geschlossene Pfeife im
Munde, schien so eben nach seiner Wohnung einlenken zu wollen. Er erkannte in
Dankmarn sogleich jenen jungen Mann, dem er gestern frh auf dem Gelben Hirsch,
whrend es so heftig regnete, von alten und jungen Zeiten auf Schlo Hohenberg
hatte erzhlen mssen. Seinen freundlichen Gru erwiderte Dankmar mit den
Worten:
    Eilen Sie, da Sie nach Hause kommen! Sie haben Besuch ...
    Ich erfuhr es schon in Plessen, sagte der Jger. Wie ich in der Schmiede
vorsprach, sagte mir's der alte Zeck. Wenn die Ursula so ins Feuer gerth ber
den amerikanischen Besuch, wie ihr blinder Bruder, der wie nrrisch herumtastete
und herumgrabbelte, so mu es ein sehr naher Freund zu ihr sein.
    Oder er bringt Gre von einem Freunde aus Amerika, bemerkte Dankmar, der es
vorzog, das, wie es schien dem Frster unbekannte Geheimni der Erbschaft zu
verschweigen.
    Auch mglich, sagte der Jger. Die Zeck's sind alle heimlich.
    Heimlich? fragte Dankmar. Was verstehen Sie unter heimlich?
    Dankmar htte sie lieber unheimlich genannt.
    Nun! sagte der Jger. Es soll mir nicht einfallen diesen Leuten etwas
Schlimmes nachzusagen, sie stehen in bravem Rufe und gehrten frher auch zu den
Frommen, die die hochselige Frstin beschtzt hat. Aber es kommt mir mit ihnen
vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrockneten Teich. Man
kann nicht darber gehen ohne da es einem immer ist, als knnte da wieder
einmal Wasser zum Vorschein kommen.
    Wir nennen das, sagte nun Dankmar, unheimlich. Sie nennen's heimlich. Worin
finden Sie denn, da diese Familie etwas Verstecktes und Unzuverlssiges hat?
    Der Jger kratzte sich hinterm Ohre und erbot sich Dankmarn, der eine kaum
angerauchte Cigarre mechanisch in der Hand hielt, Feuer anzuschlagen, wenns
auch, wie er sagte, eigentlich nicht gestattet wre im Walde Cigarren zu
rauchen.
    Dann lassen Sie's! sagte Dankmar.
    Aber der Jger meinte:
    Ach was? Wie lange wird's dauern, so lassen die oben doch all die Stmme
hier abhauen, um zu Gelde zu kommen. So ... oder ... so! setzte er lachend
hinzu.
    Und so rauchte Dankmar die Cigarre an des Jgers geffnetem Pfeifendeckel
an. Den Deckel dann in Erwgung der Waldordnung krftig zuschlagend und selbst
durch einige Zge sein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend, fuhr der Jger
fort:
    Die Zecks in der Schmiede gelten fr ehrliche Leute und sind's auch, aber
sie kommen Manchem vor wie Welche, die mit einem Strick am Halse leben. Drossel
auf dem Gelben Hirsch sagte noch vor Kurzem, er htte immer gehrt, wenn ein
Vornehmer 'mal einen Knecht erschlgt, so kann er sich vom Galgen loskaufen
durch eine runde Summe, aber auf den Boden stellt ihm die Justiz auch was Rundes
hin, nmlich's Rad, damit er immer einen Augenspiegel in der Nhe hat. Ob's wahr
ist, wei ich nicht. Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer, der auf'm
Boden auch so sein Rad stehen hat. Von meiner alten Ursula gar nicht zu reden,
die die Leute eine Hexe nennen. Aber die Leute sind nrrischer als sie.
    Wie kommt denn Zeck's Schwester in Ihre Jgerwohnung? fragte Dankmar, den
eigentlich der Rckblick auf Ackermann und Selmar fesselte.
    Ei, sie war ja meines Vorgngers Frau! sagte der Jger. Ich habe sie ja mit
bernehmen mssen, als ich vor Jahren hier in den Posten kam! Damals warf sich
ja die Alte auch auf die Frmmigkeit, um die Frstin zu rhren. Und so kam's
auch. Heunisch, sagte die Frstin, (Gott hab' sie wirklich selig, es konnte
Jeder, der die Augen verdrehte, mit ihr machen, was er wollte!) Heunisch, sagte
sie, Ihr seid mir gut empfohlen worden und der Frst hat nichts dagegen, da ich
Euch Marzahn's Stelle gebe - Marzahn hie der frhere Frster, mein Vorgnger -
aber sagte die Frstin - Ihr seid jung und rstig - damals war ich's mehr als
jetzt - und die Marzahn bleibt in dem Hause bis an ihr Ende. Sie knnen sich
denken, Herr, was ich fr ein Gesicht dazu schnitt! Ich wollte mich just
verheirathen und die Ursula Marzahn, hie es, ist von jeher ein Drache voll Gift
und Bosheit gewesen. Ich sagt's auch der Frstin - Gott hab' sie selig -
Durchlaucht, sagt' ich, die Marzahn? ...... Und mehr braucht' ich eigentlich
garnicht zu sagen; denn sie mute es gleich fhlen, da das so viel hie, als in
einen Thurm geworfen werden, wo unten nichts als Krten und Schlangen sind.
Nmlich die dummen Leute hatten der Urschel den Ruf gemacht. Sie kam schon
ziemlich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an, mit dem sie anfangs
wild gelebt hatte und erst verheirathet wurde, als er den Posten bekam. Der alte
Sgemller im Gebirg, auch der reiche Sandrart, den ich manchmal im Ullagrund
besuche - ein stattlicher aber grober Bauer - haben mir Teufelsdinge erzhlt,
wie die Urschel anfangs hier auftrat. Sie war schon fast an die Funfzig und soll
frher bei einem Scharfrichter gedient haben, von dem sie Doctorei mit Vieh,
aber auch mit Menschen gelernt hat. Genug, von ihren jungen Jahren wei man
nichts, als da sie bei dem Doctor Lehmann, so hie der Scharfrichter, von dem
Sie wol gehrt haben ...
    Ich kann nicht sagen, bemerkte Dankmar lachend ...
    Bei dem, der meilenweit immer verschrieben wurde, fuhr Heunisch fort ....
    Verschrieben?
    Zu den Armensnderfrhstcken, Herr! Nun, bei dem hat sie ja gedient und war
dann an den Marzahn, einen ausgedienten Soldaten, gekommen und mit ihm hierher.
Wie sie eine Weile im Walde war, kam auch der Bruder nach, der auch mit Vieh
Doctorei treibt ....
    Dankmar mute zur Besttigung auf seinen schlechtgeheilten Bello sehen, der
sich mit dem Hunde des Jgers zu vertragen schien und ruhig neben diesem
aushielt.
    Genug, sagte Heunisch; Marzahn starb bald, was kein Wunder war ...
    Ich will hoffen, bemerkte Dankmar lchelnd, da seine Frau, die Ihr wie ein
Gespenst schildert, ihm keinen Trank eingerhrt hat ....
    Keinen Trank? sagte Heunisch, der die Redseligkeit selbst war. Trank genug!
Er trank den ganzen Tag. Ursula hatte schlimme Tage bei ihm ... sie hat's in
Geduld ertragen ... Die Urschel kennen die Menschen gar nicht ...
    Ihr mt einen Schatz an ihr haben, da Ihr so allein mit ihr leben knnt
und sie vertheidigt!
    Ich sage Ihnen, Herr, die Urschel ist bei alledem treu wie Gold. In jungen
Jahren soll sie's arg mit Mnnern gehabt haben, aber seit sie alt geworden ist
...
    Hoffentlich auch seit sie der schreckliche Doctor Lehmann in der Cur gehabt
hat ...
    Davon wei ich nichts. Ich sage Ihnen aber, sie hat an dem Marzahn, der sie
schlug und mit Fen trat, wie ein Kind gehangen ...
    Kthchen von Heilbronn unterm Galgen.
    Nicht von Heilbronn, Herr; und Ursula! Ursula! Nicht Kthchen!
    Ich verstehe! Aber ich kann mir schon denken, Ihr habt die Ursula bei Eurem
Frsterposten als Inventarium oder sogenanntes eisernes Vieh, wie wir Juristen
sagen, mit in Kauf nehmen mssen ...
    Beinahe so! lachte der Frster. Heunisch, sagte die Frstin, ich wei, was
Ihr sagen wollt, aber die Marzahn ist durch den Tod ihres Mannes erleuchtet
geworden und der Erlser ist ihr im rechten Lichte aufgegangen, und was solche
schne Sachen mehr sind, die aber bei der Marzahn, wer sie nmlich kannte,
eigentlich zum Lachen waren. Jetzt will ich Ihnen nur sagen, bester Herr ....
Ich wollte nmlich heirathen und nahm die Stelle und auch, weil's nicht anders
ging, die Marzahn mit. Und wie gesagt, sie war eigentlich bei alledem eine
charmante Person! Sie wollte sich auf ein einziges Zimmer einrichten und sie
that's auch ganz bescheiden bei alledem!
    Bei alledem?
    Ja, bei alledem! Ich dachte, sie macht nicht lange ... aber wer starb, war
nicht die Alte ... wer starb, war ... Doch was halt' ich Sie da auf, guten
Morgen, Herr! Guten Morgen!
    Dankmar fand an dem treuherzigen Manne Gefallen und bat ihn, doch
fortzufahren ...
    Nun, wer starb, war meine Braut, und als ich nach drei Jahren wieder ein
nett Mdchen kennen lernte - wer da wieder starb - war wieder meine Braut - und
Das berwand' ich seit vierzehn Jahren, und nun bin ich zweiundfunfzig. Man
sieht's mir nicht an, gelt? Aber ich bin's. Und die Ursula Marzahn hustet und
hustet und chzt und sthnt und ist jetzt dreiundsiebzig Jahre und sie ist bei
mir geblieben und ... was die Leute reden ....
    Was reden die Leute? fragte Dankmar den Jger, der nun gehen wollte.
    Ich sag' immer, der Mensch soll leben, als ging' er grade der Nase lang!
sagte Heunisch und steckte die Pfeife ein, die ihm ausgegangen war.
    Schlecht und recht, meint Ihr?
    Das zuerst und dann nicht links, nicht rechts sehen und sich kmmern, was
wol Alles an Dem sein mchte ....
    Die Wahrheit fliehen, Heunisch? Den Glauben theil' ich nicht .... Was sagen
die Leute?
    Es ist besser, Herr! Ich hab's auch der Frnz geschrieben, die mir einmal
Etwas von dem seligen Frsten klagte. Kind, schrieb ich ihr, la die
Nachforschung und thu' deine Arbeit ohne Nachdenken!
    Dankmar mochte nicht weiter forschen, erstaunte aber ber des Jgers
pltzlich bleicher gewordenes Antlitz.
    Ich halt' Euch auf ... sagte er.
    Nein, nein, meinte Heunisch; ich plaudere mit Ihnen aus dem nmlichen Grund.
Ich mag nmlich gar nicht in mein Haus, solange die Fremden da sind. Ich drnge
mich nicht in die Heimlichkeiten der Ursula ....
    Ihr habt viel Zartgefhl, Heunisch ....
    Nennen Sie Das so? Es knnte vielleicht auch anders heien ....
    Nichts Schlimmeres aber! Ihr seid die Rcksicht selbst.
    Doch! doch! Nennen Sie's nur Furcht ....
    Furcht?
    Furcht, Das zu wissen, was Eins besser nicht wei ....
    Wie Heunisch diese Worte sprach, stand er nachdenklich und blickte mit
starrem Auge bei Seite.
    Was ist Ihnen, Heunisch? fragte Dankmar, erschrocken ber des Mannes
nachdenklichen Zustand. Es steigen Ihnen unfreundliche Erinnerungen auf?
    Ja! ja! Aber lassen Sie nur, bester Herr, sagte Heunisch, fast tonlos. Ich
habe an meine erste Braut gedacht und an die zweite - ich kann's ja allein hier
bedenken an dem alten Doppelbaum, der in zwei Stmmen aufschieen wollte und in
beiden verdorrt ist. Gehen Sie nur weiter! Ich mag nicht nach Hause; ich setze
mich so lange daher.
    Dankmar legte dem bewegten Jger die Hand auf die Schulter und sagte:
    Ihr denkt Eurer beiden Verlobten! Beide starben! Beklagenswerther Mann! Und
Ihr mutet ein Ungethm neben Euch dulden, das Euch Eure einsamen Tage zu einer
ewigen Folter machte. Habt Ihr Das ertragen knnen?
    So nicht! So nicht! bester Herr! sagte der Jger. Ihr hrtet's ja, der
Brunnen ist verschttet und der Sumpf ist ausgetrocknet. Die Ursula hat mich nie
geqult, niemals, ich mte lgen. Sie hatte einen heftigen, rohen Menschen
geheirathet, meinen Vorgnger, den Marzahn. Der schlug sie und sie duldete das.
Als er starb, es war ein noch junger Kerl, aber er hatte sich dem Trunk ergeben
und ging vor der Zeit hin, als er starb, htte sie sich erlst fhlen sollen.
Aber so verblendet war die Narrheit der Frau, die ber zwanzig Jahre mehr
zhlte, als ihr Mann, da sie ihn wie eine Verrckte beweinte und damit die
Frstin rhrte, da Die sie wohnen lie, bis ich kam. Von Stund' an hat sie sich
auf eine kleine Stube, die dunkelste, beschrnkt, die ich gar nicht gemocht
htte, weil sie mir vorkommt, als mt' es drinnen spuken. Sie hat mich
gepflegt, wenn ich krank war, die Ursula, mich bedient wie eine Magd, die
Ursula, sie hat - sollten Sie's glauben, Herr ....
    Es ist zum Lachen? Warum lacht Ihr, Heunisch?
    Ich kann's gar nicht sagen ....
    Wetter, Ihr seid ja verschmt wie ein Mdchen ....
    Ich mchte nur wissen, ob die Ursula dahintersteckte ....
    Hinter welchem Busch denn?
    Da ich sie heirathen sollte, Herr!
    Dankmar wollte lachen und konnte nicht.
    Mein Seel! Kein Spa! Der Blinde, der sich nach Marzahn's Tode in Plessen
angesiedelt hatte, sprach mich darum an, ich sollte die Schwester doch heirathen
....
    Hm! Und beide Brute starben Euch - vor oder nachher?
    Vorher! Ich lachte blos und schlug's aus. Seitdem sprach der Bruder kein
langes Wort mehr mit mir, so oft ich in der Schmiede vorsprach. Heute seit
Jahren gnnt' er mir einmal wieder die erste Anrede. Aber die Ursula ... nein!
nein! die konnte von dem tollen Antrag nichts wissen oder sie hat sich damals
ihrer sechszig Jahre geschmt. Sie ist freundlich und gut mit mir geblieben, ob
ich sie gleich manchmal recht frchte und ein Grauen vor ihr habe ....
    Dankmar voll Theilnahme meinte:
    Geht denn doch lieber ins Jgerhaus! Wenn Ihr wie andere Menschen seid,
freut Ihr Euch gewi, wenn um Euch her Alles heiter und glcklich ist. Ursula's
Besuch wird sie berraschen und wenn sie keine Geheimnisse vor Euch hat, theilt
sie Euch mit, was sie Frohes erlebt hat, und erfreut Euch selbst.
    Nein, nein, ich bleibe noch fort! sagte der Jger, der sich jetzt wieder
erholte und seine Pfeife anzndete. Ich will nicht in ihre Karten sehen. Darin
liegt's gerade, was ich heimlich nenne. Seitdem mir meine zweite Braut so
pltzlich und so schrecklich starb - sie glitt im Gebirge aus und brach sich das
Genick ....
    Um Gottes Willen! unterbrach Dankmar.
    Ja, ja, Herr, die erste ...
    Die Jungfer Drossel auf dem Gelben Hirsch ...
    Ihr erinnert Euch ...
    Starb in den Flammen ... Das wei ich schon! Aber die zweite ...
    Des Sgemllers Tochter da oben aus dem Gebirge ... ...
    Verunglckte so entsetzlich?
    Brach den Hals!
    Armer Mann! Jetzt begreif ich Eure Liebe zur Frnz in der Stadt.
    Der Frster schwieg eine Weile schmerzbewegt und fuhr dann fort:
    Seitdem, Herr, bin ich eigentlich wenig daheim in meinem Hause, wandere
immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem, was whrend meiner
Abwesenheit im Jgerhause geschieht. Die Ursula ist ganz froh, wenn ich komme,
denn ich seh's ihr an, sie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Noth gehabt
... wirklich, Das hat sie ... aber wiedererzhlt wird nicht. Da hab' ich dann
schon gesagt: Ursel, du kommst mir vor, als wenn du immer in meiner Abwesenheit
die Geister bei dir tractirtest und mit dem Teufel manchmal lustig zu Nacht
speistest! Da sagt sie denn wol seufzend: Hast Recht, Junge! Ich habe meine
Noth! Aber dann ist sie still, macht ihre Arbeit und ist froh, wenn's mir nur
schmeckt. Straf mich Dieser und Jener, ich htte die Alte in ihren jungen Jahren
wirklich geheirathet; denn soll ich's nur gerade heraussagen, so glaub' ich, sie
war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt, und wei der Geier, sie war auch noch
ganz hbsch und sauber. Nun ist sie elend und hinfllig und wird kindisch. Ihre
Gespensterseherei macht mir besonders im Winter arg zu schaffen ....
    Dankmar nahm diese letztere Mittheilung fast so scherzend, wie sie der Jger
gab, fuhr daher auch in diesem Tone fort und sagte:
    Nun denn, so macht, da Ihr nach Hause kommt! Der Besuch aus Amerika ist
kein Gespenst und prft sie einmal, ob sie aufrichtig ist. Ihr seid ein so
ehrlicher und biederer Mann, da ich Euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit
verrathe: Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefllt.
    Sie spaen? sagte der Jger erstaunt.
    Ja, Heunisch. Nach Allem, was Ihr mir von diesen Zeck's und der Ursula
erzhlt habt, vom Tode Eurer beiden Brute und den Gespenstern, die diese fromme
Witwe sehen will ...
    Nun, was stocken Sie, Herr? Was sehen Sie mich so gro an?
    Nach alledem mcht' ich doch, da Euer unbefangener, offener und glubiger
Sinn im Jgerhause nicht misbraucht wrde. Versteht Ihr?
    Wieso misbraucht? Ich verstehe nicht ...
    Dieser Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes, die einen
ganzen Tisch bedeckte -
    Was? meinte der Jger ... Das mssen ja ber tausend Thaler sein!
    Und ebensoviel empfngt jetzt die Schwester. Gebt Acht, sagte Dankmar, ob
sie wahr gegen Euch ist und ...
    Dankmar stockte.
    Nun da bin ich doch curios! Ja, ja, sie sagte mir heute frh, da ihr etwas
Merkwrdiges bevorsteht ....
    Pat Ihr mehr auf, Heunisch! Seid nicht so sorglos!
    Hm! Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im Schlafe gestrt. Die Hunde
bellten. Ich sah den Mond so gruelich durch den groen Kastanienbaum scheinen,
der vor meiner Schlafkammer steht. Es war mir einmal, als hrt' ich die Ursula
hlich schreien. Aber es war wol nur ein Traum und ohnedies wei ich ja, da
sie immer laut redet und ganze Nchte in Bewegung ist. Wie sie mir das Frhstck
bringt, frag' ich sie: Aber, Urschel, frag' ich sie, was war denn Das die Nacht?
Hast ja geschrien! Und gro mich anglotzend, als wr' ich ein ganz Anderer als
der frstlich Hohenbergische Revierjger Heunisch, sagte sie: Fritze, was hast
du fr garstige rothe Haare! Wenn Das deine Grfin sieht! Ei Mutter, sag' ich,
ich heie Leberecht Heunisch und meine Haare schimpf' mir nicht, die haben bei
keiner Grfin am Feuer gestanden. Da kicherte sie und meinte, sie htte in der
Nacht das Fenster aufgemacht und hinaus in den Wald gesehen. Da wr' ihr
verstorbener Bruder, von dem sie oft wie von einem Baron faselt, ber die grne
Wiese gegangen, ganz wie er noch in seiner Jugend gewesen wre, lang und schlank
und sehr vornehm, aber im Gehen htt' er geschlafen, sie aber doch artig gegrt
und sich dann still ins Gras niedergelegt unter dem Ebereschenbaum, der auf der
Wiese steht. Und sie wiss' es, sie erfhre nun auch heute was Neues. Na, sagt'
ich, Urschel, dann will ich hoffen, da es was Rechtes ist. Stellen Sie sich
aber Eines vor, als ich nachher ausging, um in Plessen auf dem Amt Etwas ins
Reine zu bringen, seh' ich hinber nach dem Ebereschenbaum, den ich lieb habe,
weil er im Herbst so prchtige rothe Beeren trgt, die ber die ganze Wiese
leuchten, wie Sgemllers Nantchen ihre rothen Ohrbommeln ... Seh' ich ja, da
das Gras wirklich an dem Baume niedergetreten ist, gehe hinber und finde an dem
Baum im Grase die Spur, da hier ein Mensch gelegen hat und noch ganz frisch,
ohne Widerrede erst in der letzten Nacht. Und da ich mich wirklich nicht
tusche, liegen ja drei vollwichtige neue Spitzkugeln im Grase, eingewickelt in
dies Papier. Da! Ohne Zweifel war's ein Wilddieb, und nun will ich meiner Alten
doch sagen, da sie diesmal Menschen und keine Geister gesehen hat, und auf der
Hut mssen wir sein, so wie so. Sehen Sie! So was passirt im Walde.
    Damit wog der Jger die ziemlich schweren, sonderbar geformten, nur fr eine
eigens eingerichtete Bchse passenden Kugeln.
    Dankmar nahm die Kugeln und wog sie gleichfalls. Sie waren in ein Papier
eingewickelt.
    Diese Kugeln sind aber sonderbar, sagte Dankmar. Ich mchte fast glauben,
da es keine Kugeln, sondern eher kleine Gewichte sind ....
    Es sind Spitzkugeln, ich versichere Sie! sagte der Jger.
    Indem betrachtete Dankmar das Papier, in dem das Blei eingewickelt war. Wie
erstaunte er, als er in ihm eine Rechnung aus dem Heidekruge erkannte, dieselbe,
die auf Zehrung fr zwei Personen und ein Pferd lautete, vom gestrigen Datum ...
ein Thaler acht Groschen!
    Sonderbar! sagte er und war von einer Ahnung ergriffen; behalten Sie das
Papier, lassen Sie mir die Kugeln!
    Der Jger besann sich erst und fragte:
    Haben Sie denn einen Verdacht?
    Als Dankmar betroffen das Papier von allen Seiten betrachtete, fuhr Heunisch
fort:
    Ich wollte erst die Kugeln aufs Amt tragen; nachher besann ich mich und
dachte: du machst dir den Spa und gibst sie der Urschel als Erinnerung an ihren
rothhaarigen Fritze!
    Lassen Sie mir wenigstens das Papier! wiederholte Dankmar.
    Da! Nehmen Sie Beides! sagte der Jger. Sie sind ein feiner Kopf, Das merk'
ich wol. Sind Sie einem Strauchdieb auf der Fhrte, so vergessen Sie nicht,
diese Kugeln lagen in dem Papier und unter dem Ebereschenbaum schlief Einer die
Nacht im Grase. Aber mehr knnen wir nicht bezeugen; denn was die Urschel vor
Gericht vorbringen wrde, wre gewi so grulich, da die Schreiber davon
liefen, auch hat sie's nicht gern mit dem Amt und geht berhaupt nicht drei
Schritte vor die Thr. Also soviel Gold! Nun mu ich doch sehen, ob's die
Amerikaner uns wirklich auch gebracht haben und ob sie's mit dem Golde heimlich
hat. Einen ganzen Tisch voll? Ist's auch wahr, Sie haben Ihren Spa mit mir. Sie
merken schon: ich bin ein bischen leichtglubig.
    Verlassen Sie sich darauf - sagte Dankmar.
    Und wo soll ich Ihnen denn sagen, ob die Alte mir den Schatz auch anvertraut
hat?
    Der Jger sprach diese Frage mit einem zgernden Ton, als wnscht' er,
Dankmar theilte ihm seinen Namen und die Gelegenheit einer Wiederbegegnung mit.
    Dankmar aber unterbrach ihn mit den Worten:
    Noch Eins! Sahen Sie Niemanden von meiner Reisegesellschaft?
    Ihren Kamerad ... der Sie begleitete ... den in ...
    In der Blouse?
    Nein, den vorwitzigen Burschen ... im Gelben Hirsch ... den Andern!
    Meinen Kutscher?
    War's Ihr Kutscher? Das htt' ich wissen sollen!
    Er sprach Euch nicht angenehm zu Ohre. Er ist vorlaut ....
    Wer wei! Wenn er ber die Frnz Recht htte ...
    Beruhigt Euch! Er verleumdet gern ...
    Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe gegeben ...
    Die Frnz wird tugendhaft sein ...
    Wenn die Frnz - das Kind ist mein Augapfel, meine einzige Lebensfreude! Es
ist meines Bruders Kind und die Erbin von dem Bischen, was ich habe ... Wenn die
Frnz ....
    Seid doch kein Thor! Niemand hat sie verleumdet! Und wenn auch, der Bursche
verdient keinen Glauben.
    Dem Jger funkelten die Augen.
    Das Mdchen soll zu mir! Sie mu aus der Stadt heraus! sagte er.
    Hierher in den Wald?
    Sie war schon einmal da ....
    Eine Putzmacherin hier unter den Tannen? Bei der Ursula? Ich wette, da es
ihr nicht bei dem guten Onkel gefallen hat ....
    Das abscheuliche Wort Putzmacherin!
    Ich denke doch, es hie so?
    Ja, sie schneidert und nht und stutzt Hauben und Hte ....
    Also ...
    Und hbsch ist sie ....
    Also ...
    Und sie arbeitet bald da, bald dort ....
    Also! Eine Putzmacherin!
    Aber rechtschaffen, Herr! Ein Kind wie ein Engel. Ich nahm sie hierher in
den Wald, weil bse, giftige Menschen ihr nachstellten ....
    Sie nannten ja den alten Frsten .... Die Durchlaucht wird doch nicht? ...
    Herr, wer gibt uns Lohn und Brot? Also: Kusch! Ich nahm sie hier heraus, und
sie war so munter anfangs wie da die Eichktzchen. Aber mit der Ursula ...
    Die wurde eiferschtig ...
    Meinen Sie?
    Ich denke fast, nach dem Frhern zu schlieen ...
    Unfriede, Jammer und Noth gab's. Die Frnz frchtete sich vor der Alten,
wurde elend und krank und da gab ich sie in die Stadt zurck.
    Daran thatet Ihr am besten, und ich versichere Euch, Frnz Heunisch ist
gewi eine tugendhafte Putzmacherin, die allen ihren Kameradinnen als Muster
aufgestellt werden kann.
    Sind die so -?
    Ich verspreche Euch, Heunisch, mich nach ihr zu erkundigen, und seid gewi,
ich brauche nur zu horchen, was sie fr Umgang und allenfalls was fr einen
Liebhaber sie hat, so wei man schon ...
    Keinen Liebhaber! Ich versichere Sie, Herr! Keinen Liebhaber!
    Warum nicht, Heunisch? Wenn's der rechte ist? Es gibt tugendhafte
Putzmacherinnen, die sich die Mnner erst ansehen, ehe sie mit ihnen Landpartien
machen. Verlat Euch darauf! Ihr verdient es, eine brave Nichte zu haben. Auf
Wiedersehen, Frster! Eilt jetzt, da Ihr zur Ursula kommt!
    Der Jger, Dankmarn freundlich die Hand schttelnd, wandte sich um und ging
mit beschleunigten Schritten vorwrts, seinem Hause zu. Dankmar aber blieb eine
Weile stehen. Er htte schwren mgen, diese Rechnung betrfe nur ihn, Hackerten
und das Ro des Pelikanwirths. Die Speisen waren nicht genau angegeben, sondern
in Bausch und Bogen die ganze Zehrung genommen .... Der nchtliche Waldbesucher
war doch wol nur Hackert, dessen Spur ihm so ganz entschwunden war .... Unter
dem Ebereschenbaum hatte er geschlafen .... Wie kam er zu diesen Kugeln? Wie war
es mglich, da ihn diese Ursula als das verjngte Ebenbild ihres Bruders
erkannte? Als einen Verwandten, den sie mit Hflichkeit wie etwas Vornehmes
auszeichnete? ... Alle diese Betrachtungen liefen darauf hinaus, da ihm, wenn
Hackert in diesem Augenblicke pltzlich aus dem Gebsch getreten wre, das
Wiederfinden einen nicht eben sehr erfreulichen Eindruck gemacht htte. Dazu die
verworrenen Reden ber jene Ursula Zeck ... ber das Unglck, vielleicht ... den
gewaltsamen Tod zweier jungen Mdchen .... Die Stille des Waldes weckte
Dankmar's Phantasie und die unheimlichsten Gestalten umgaukelten den einsamen
Wanderer. Erst als er endlich den Weg sich am uersten Ende lichten sah, wurde
ihm freier zu Gemth, und vollends erlst athmete die Brust erst auf, als er,
die ihm jetzt doppelt widerwrtige Schmiede vermeidend, durch die Grten von
Plessen ber den Mhlbacharm der Ulla in das Wirthshaus zur Krone zurckkehrte
und berall wieder Sorglosigkeit, wieder Unschuld, wieder ergebene Ruhe aus den
Augen der arbeitenden Mnner in den Grten und der beschftigten Frauen und
spielenden Kinder ihm entgegenlachte. Es war ihm nach der Waldscene wie dem an
Kohlendunst fast Erstickenden, der im Nebel und Dampf eines Zimmers nur noch
soviel Kraft besitzt, das Fenster aufzureien und die Frische der reinen Luft in
die sich gewaltsam hebenden Lungen einzuathmen ....
    Die berraschenden Einladungen, die er in der Krone nun vorfand, konnte er
nicht ahnen. Es waren deren zwei. Eine ins Schlo und eine zweite, merkwrdig
genug ... in den Thurm, an dessen Fue er gestern im Grase trumend gelegen
hatte.

                                Viertes Capitel



                                   Der Thurm

Als sich Dankmar der Krone nherte, war es ihm auffallend, da ihm schon in der
Ferne die Wirthsleute winkten und ihm anzudeuten schienen, er mchte sein Kommen
beschleunigen.
    Bello sprang so gut er konnte voraus und nicht wenig erstaunt war Dankmar,
schon das Thierchen vom Wirth, der Frau Wirthin, allen Hausknechten und Mgden
mit einer Art von Feierlichkeit begrt zu sehen. Wie stieg aber sein Befremden,
als man endlich vor ihm selbst die Mtze zog und sich wie vor einem groen Herrn
verneigte! Man zeigte ihm nmlich im sonderbarsten Durcheinander zu gleicher
Zeit an, da er aufs Schlo - nein! riefen Andere, die sich neugierig dazu
gesellten, in den Thurm! ... Was in den Thurm? sagten Jene wieder, ins Schlo -
geladen sei.
    In den Thurm? Aufs Schlo? wiederholte Dankmar befremdet.
    Einer suchte dem Andern den Rang abzulaufen und ihm zu erzhlen, wer ihn zu
sprechen wnsche. Man konnte dabei kaum begreifen, wie ihm die Erluterung
seiner Einladung in den Thurm weit wnschenswerther war, und immer wieder fingen
sie von einem kleinen sehr wichtigen Herrn an, der eigens vom Schlosse
heruntergekommen wre, sich mit der grten Artigkeit nach ihm erkundigt htte
und ihn bte, heute Mittag mit den gndigen Herrschaften oben zu speisen. Das
war der Inhalt der klaren Rede, die sich die Frau Kronenwirthin durch all das
Geschwirre endlich angebahnt hatte.
    Viel gespannter aber sah Dankmar dabei auf die inzwischen stummen Gruppen
der Umstehenden, die ihm von einem auf dem Schlosse gefangenen Taugenichts
erzhlten, der in seiner Todesangst bte, man mchte den jungen fremden Herrn im
Reitrock aus der Krone zu sich ins Gefngni fhren ... ehe er baumeln msse,
sagten die Leute lachend.
    Dankmar hatte noch keine Veranlassung gefunden, in der Krone seinen Namen zu
nennen; aber die Beschreibungen sowol von Seiten der Schlobewohner, wie von
Seiten des Thurmgefangenen, trafen so vollkommen auf ihn zu, da es gar keiner
Frage, ob man sich auch nicht in seiner Person irre, bedurfte, sondern seine
eigene Neugier nur zu erwarten hatte, wie sich ein so vielfach begehrter Herr in
diesen auf ihn gerichteten Ansprchen benehmen wrde ...
    Dankmar fand zunchst in der Einladung, auf dem Schlosse zu speisen, nichts
als eine freundliche Aufmerksamkeit gegen einen Fremden, von dem man vielleicht
- so dachte er - erfahren hatte, da ihm der Justizrath Schlurck durch das
berbringen seines verlorenen Schreins einen Dienst, den er schon kannte, erwies
und dem man fr diese angenehme Entdeckung Gelegenheit zu einem Dank fr die
ganze Familie geben wollte. Aber von einem im Schlosse ertappten Diebe zu hren,
der ihn sprechen wolle, schien ihm selbst in dem hchstwahrscheinlichen Falle,
da Hackert der betroffene Verbrecher wre, weit grerer Aufmerksamkeit werth.
Unmuthig gedachte er der Mglichkeit, ber seine Verbindung mit einem ihm
selbst, seit Entdeckung der drei Spitzkugeln, gefhrlich scheinenden Menschen
vor einer umstndlichen und in kleinlichen Dingen pedantischen Justiz vernommen
und wol gar an dem endlichen Beginn seiner Rckreise verhindert zu werden.
    In dieser seiner verlegenen und unmuthigen Stimmung trafen ihn die Worte
eines sich sehr hflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herabgezogenen
Mtzen begrten Mannes:
    Mein Herr, schon einmal war ich in der Krone, und ich wiederhole jetzt den
mir von der Frau Justizrthin Schlurck gegebenen Auftrag, Sie ergebenst zu
bitten, heut' Mittag oben auf dem Schlosse einen Lffel Suppe einzunehmen ....
    Einige Bursche lachten ber die sonderbare Zumuthung, einen so starken
krftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Lffel Suppe bewirthen zu wollen.
    Bartusch (denn Dies war der Sprecher) fuhr fort:
    Es ist elf Uhr, mein Herr! Man speist um Eins. Knnen wir auf die Ehre
rechnen?
    Dankmar erwiderte leichthin:
    Mein Herr, ich bin hier ohne alle Garderobe und hre auch soeben von einem
Vorfall auf dem Schlosse - von einer sonderbaren Einladung in den Thurm - ...
    Erfuhren Sie schon den kleinen Spektakel auf dem Schlosse? fragte Bartusch.
    Dankmar, von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichste berhrt, konnte seine
Verlegenheit nicht ganz bemeistern und sagte stockend:
    Ich will hoffen ...
    Der Lrm hat nicht die geringste Unordnung hervorgerufen, fiel Bartusch
sogleich ein. Se. Excellenz der knigliche Intendant Herr von Harder zu
Hardenstein lieen einen Fremden verhaften, der sich mit sonderbarer,
zudringlicher Neugier in der Nhe der Zimmer aufhielt, deren Inhalt vom
verstorbenen Frsten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten ist. Seine
Diener meinten, der Fremde htte es geradezu auf einen Diebstahl abgesehen
gehabt. Und da der Intendant in Erfllung seiner ihm allerhchsten Orts
aufgegebenen Pflichten, wie weltbekannt, sehr streng zu Werke geht, so hat man
den Fremden nach einem kurzen Verhr, in dem er sich vorlufig fr einen
harmlosen Wanderer und einen Tischlergesellen ausgab, bis auf Weiteres in den
Thurm gesteckt ...
    Einen Tischlergesellen? rief Dankmar, von einer Ahnung ergriffen. Ihn in den
Thurm?
    Ich hre, da der verdchtige Mensch sich auf Sie berufen hat, fuhr Bartusch
mit scharf gespitztem Auge fort. Ohne Sie, mein Herr, zu kennen und zu nennen,
bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden Gnner, der ihn gestern in
seinen Wagen aufgenommen und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem
Schlosse wiederzufinden gehofft htte ....
    Ich gestehe Ihnen jedoch, fuhr Bartusch mit lauerndem Spherblick fort,
seine Aussagen liefen dermaen wirr durcheinander, da man fast glauben mchte,
dieser Fremde wre kein Handwerker, sondern vielleicht der Freund, der
Reisebegleiter irgend eines im Incognito ... reisenden ....
    Bartusch zog und blinzelte so eigenthmlich, da Dankmar das Incognito nur
auf sich beziehen konnte und daher die Vermuthung des alten Schleichers, in ihm
wirklich den Prinzen zu treffen, nun erst recht dadurch besttigte, da er
betroffen ber die Khnheit, ihn zum Mitschuldigen eines jedenfalls auf dem
Schlosse fr einen verdchtigen Menschen genommenen Abenteurers zu machen,
sagte:
    Mein Herr! Wie kommen Sie -
    Bartusch fhlte aber sogleich, da er sich nicht gut ausgedrckt hatte, wenn
er berhaupt das vermeintliche Incognito des in Dankmar vorausgesetzten Prinzen
Egon schonen wollte. Er verbesserte sich daher rasch, indem er sagte:
    Frulein Melanie, die, weil wir den Frauen alle Aufregung ersparen wollten,
den Arrestanten nicht gesehen, erzhlte gestern vom Zusammentreffen mit Ihnen im
Walde. Sie erwhnte dabei eines Begleiters in blauer Blouse, der allerdings
derselbe zu sein scheint, den Herr von Harder soeben verhaften lie ....
    Blaue Blouse? sagte in schmerzlicher Verwirrung Dankmar, und doch auch von
der Mglichkeit ergriffen, da ihn ein Fremder dupirt htte. Lichtbraunes Haar
...?
    Ein Kinnbart, fgte Bartusch hinzu, wie man ihn nur in Paris zu ziehen
pflegt ....
    Es ist der Prinz! rief es in Dankmar mit unwiderstehlicher Gewiheit. Seine
Sehnsucht, klar zu sehen, dem Prinzen beizustehen, beflgelte sich, jemehr
Bartusch ihm lstig wurde ....
    Werden wir die Ehre haben? fragte Dieser lauernd.
    Ich bin ermdet, entgegnete Dankmar leicht und fast abstoend. Entschuldigen
Sie mich! Ich habe frh schon das Lager verlassen, einen tchtigen Spaziergang
gemacht und bitte mich zu entschuldigen ... ja, ja, entschuldigen Sie mich ...
    Aber ....
    Mein lieber Herr! Sie sehen ja! Ich bin gar nicht ausgestattet, Besuche bei
Damen zu machen. Sowie ich hier bin und stehe ....
    Wozu bedrfte es der Frmlichkeiten? sagte Bartusch verschmitzt. Ein Mann
von Welt wird aus jeder Hlle erkannt, wie ich auch an dem vermeintlichen
Tischler sogleich erkannte, da er wol der Kammerdiener, vielleicht auch der
Freund eines Prinzen sein knnte, wenn nmlich ... das Incognito ....
    Kammerdiener? Freund eines Prinzen? wiederholte Dankmar von einer Ahnung
ergriffen. Wie meinen Sie Das?
    Wenn nmlich ... Bitte recht sehr ... Also ... Knnen wir auf die Ehre
rechnen? war die Antwort Bartusch's, der sich nicht, wie man sieht, ganz an
Melanie's Vorschriften hielt und grade in jene Zeichensprache berging, die
Hamlet an Rosenkranz und Gyldenstern so sehr tadelte.
    Wetter, dachte Dankmar bei sich und wandte sich ab, wenn man dich wol gar
selbst fr den Prinzen Egon nhme und den Gefangenen ... fr deinen Vertrauten?
    Und indem er noch darber nachsann, welche Vortheile oder Nachtheile fr ihn
oder den wahren Prinzen aus einem solchen Misverstndnisse entstehen knnten,
sammelte sich seine juristische Geistesgegenwart zu einer bedachteren Erklrung!
    Mein Herr, sagte er kurzweg, richten Sie der Frau Justizrthin meine
ergebenste Empfehlung und mein Bedauern aus, diesen Mittag auf die Ehre
verzichten zu mssen. Ich hre von einem Gefangenen, der sich auf mich beruft,
mich sprechen will. Ich bin Dankmar Wildungen, Referendar am kniglichen
Appellhofe, lernte auf meiner Hierherreise einen jungen Handwerker kennen, den
ich aus Rcksicht auf die erst staubigen, dann nassen Wege in meinen Wagen nahm.
Ist der Gefangene derselbe und beruft sich auf mich, so bin ich es meiner
Pflicht als Jurist schuldig, ihn in seiner Haft zu besuchen und ihm meinen Rath
und Beistand zu ertheilen. Wenn die freundlichen Bewohner des Schlosses mir aber
bis zum Abend ihre wohlwollenden Gesinnungen erhalten wollen und mich nicht noch
anderweitige Grnde bis dahin zur Abreise bestimmen, so werd' ich nicht
verfehlen, mich bei Ihnen zum Thee einzufinden. Haben Sie die Gte, Dies der
Frau Justizrthin anzuzeigen.
    Dankmar verbeugte sich leicht, brach rasch ab und ging in die Krone.
    Bartusch stand verdutzt. Diese runde Abfertigung! Diese raschen, ihm
eingelernt scheinenden Worte! Diese Namenangabe! Dankmar Wildungen! Referendar
am kniglichen Appellhofe .... Wildungen! Derselbe Name, der schon in des
Justizraths Signalement genannt worden war! Woher kommt Das? dachte er.
Wildungen? ... hat der Justizrath vielleicht ... der Justizrath hat ihm wol
selbst diese hnlichkeit auf dem Heidekruge angedeutet und nun benutzt sie der
Prinz ... denn er ist es, jedes Wort ein Frst! ... und nennt sich Dankmar
Wildungen. Diese kurze, fast brske Art, dieses bestimmte, sozusagen grobe
Wesen, diese Betroffenheit ber die Verhaftung eines mindestens sehr neugierigen
Eindringlings in die innern Rume des Schlosses! ... Bartusch blieb bei der
Voraussetzung, da, wenn einmal der Prinz Egon im Incognito das Schlo Hohenberg
zu besuchen sich aufgemacht htte - wofr Schlurck ohne Zweifel die sichersten
Beweise hatte - der Prinz Niemand anders sein knne als dieser Fremde, der sich
nach Mittheilungen, die Schlurck wahrscheinlich schon im Heidekrug selbst
erzhlt hatte, ein Geschft mit einem verlorenen Frachtgute mache und sie Alle
irrefhren wolle. Sehr erbaut von seinem Scharfsinn, unzufrieden nur mit der
Erklrung des Fremden, erst am Abend kommen zu wollen, stieg Bartusch, um der in
brennender Ungeduld harrenden Melanie Bericht zu erstatten, schon heute zum
zweiten male wieder zum Schlo empor.
    Dankmar aber wartete jetzt nur noch das allmlige Verlaufen der Leute ab, um
sich sogleich zum Justizdirector von Zeisel und von da zum Thurm zu begeben.
    
    Kaum konnte er sich fassen ber den Gedanken, wie ein so unglckliches
Begegni auf den jungen hochgestellten Mann, der ihm sicher der Prinz Egon von
Hohenberg war, hereinbrechen und auf ihn wirken mute. berfallen, dachte er
sich, vielleicht mishandelt, unter Zulauf der Menschen wie ein Verbrecher durch
den Ort gefhrt!.. Diese Besorgni milderte jedoch der Wirth, der erzhlte, man
htte den Dieb sogleich auf dem krzesten Wege, ohne alles Aufsehen, hinter dem
Ort in den Thurm gebracht ...
    Dankmar begab sich jetzt aufs Amthaus, wo ihm die Dfte der von Zeisel'schen
Mittagstischvorbereitungen entgegenwallten und er erfuhr, da der Justizdirector
mit dem Schreiber bereits drben im Thurme wre. Dort angelangt fand Dankmar
noch ein Dutzend Neugieriger, die an der geffneten Verliethre gafften, als
wenn hier Jemand Pranger stehen sollte.
    Geht nach Hause, rief er rgerlich; die Grtze wird Euch kalt!
    Beim Eintritt in den Thurm wute sich Dankmar nicht gleich zurechtzufinden.
Das alte Gebude sah von auen kleiner aus, als sich die innere Rumlichkeit
darstellte. Der Boden war der reine bloe Sand; unterirdisch schien es also hier
keinen Gewahrsam zu geben. Das durch die Thr hereinfallende Licht lie zur
Rechten eine schmale hlzerne Treppe erkennen, die empor fhrte. Dankmar bestieg
sie und entdeckte sogleich einen der wahrscheinlich Herrn von Harder
angehrenden Bedienten; wenigstens war dieser von Bartusch ausgesprochene Name
Schuld, da er beim Anblick des Bedienten sich sogleich der bekannten Uniform
jener vielvermgenden Familie der Harder's entsann, deren Haupt der alte
neunzigjhrige Chef der ausbenden Justiz des ganzen Landes war. ...
    Wir haben Sie schon kommen sehen, sagte der Bediente kurz und ziemlich
impertinent, treten Sie nur hier ein!
    Eine kleine niedrige Thr ffnete sich und in einem grern Gemache, das die
ganze Rundung des Thurmes begriff, von einem Fenster aber nur sprlich erhellt
war, fand er den Justizdirector, einen Schreiber und den neben dem Thurm
wohnenden Wchter, der eine alte abgeschabte frstlich Hohenberg'sche Livree,
hellblau mit roth, und ein gelbes Schild auf der Brust trug ....
    Dankmar erfuhr hier, was er schon ber den Schlovorfall wute und
wiederholte ber den Gefangenen Dasselbe, was er zu Bartusch gesagt hatte. Die
Absicht des Gefangenen, im Schlo zu stehlen, wurde von dem Justizdirector zwar
nicht entschieden bestritten, aber doch auch gegen den unziemlich lrmenden
Bedienten in Abrede gestellt.
    Er griff erst nach den Bildern herum, sagte dieser; dann hob er sie von der
Wand, und whrend wir auf einen Augenblick uns entfernt hatten, wollte er sie
geradezu stehlen. Excellenz verlangen, da Das streng genommen wird, und er mu
doch noch vors Hofgericht in die Stadt!
    Herr von Zeisel, den ein Grauen berfiel, als vom Hofgericht die Rede war,
uerte, da hier vielleicht nur eine leichtverzeihliche Neugier obgewaltet
htte, mindestens knne er nicht begreifen, was ein reisender Handwerksgesell,
den der Anblick schn ausgestatteter Zimmer gefesselt htte, mit einem alten
unansehnlichen Bilde anfangen sollte, whrend doch viel kostbarere, kleine
transportable Sachen in der Nhe gestanden htten, die man mit einem khnen
Griff sich htte aneignen knnen. brigens knne ihm in der That nicht
zugemuthet werden, diesen Gefangenen auf derlei geringfgige Aussagen hin der
annoch zu Recht bestehenden Ortsjustiz zu entziehen, es mte denn von einem
hohen Obergerichte ihm ausdrcklich befohlen werden. Weit bedenklicher scheine
ihm allerdings des Gefangenen gnzlicher Mangel an Legitimation und sein
trotziges, hartnckiges Ablehnen jeder nhern Erklrung, weshalb er auch
durchaus nichts dagegen htte, da sich der von ihm mehrfach um Vermittelung
ersuchte anwesende Herr zu ihm verfge und von ihm selbst die Willfhrigkeit zu
Gestndnissen zu gewinnen suche.
    Dankmarn fielen hier Hackert's Mittheilungen ber die Hohenberg'sche
Justizpflege ein. Er verstand vollkommen des mildgesinnten Justizdirektors
Absicht, dieser Untersuchung so viel wie mglich berhoben, noch mehr aber vor
einer Verschleppung derselben an die Kreisgerichte gesichert zu sein. Der
Harder'sche Bediente murmelte Vielerlei gegen diese Erklrung, aber die
Versicherung des Amtsboten und Gefangenwrters, der Inculpat se ja nun
criminalisch, bewirkte denn doch, da der Justizdirector, der wie Alle auf dem
Lande gegen zwlf Uhr a, die Sitzung aufhob und Dankmarn bat, ihm um drei Uhr
Nachmittag, wo er seinen rztlich befohlenen Ruheschlaf beendigt htte,
geflligst mitzutheilen, was er von dem strrischen und trotzigen jungen Manne,
der sich nur ihm htte anvertrauen wollen, denken solle. Dem Wrter die
strengste Obhut anempfehlend, stieg er mit dem Schreiber, der seinen ziemlich
leeren Protokollbogen in eine Mappe legte, die baufllige Treppe behutsam
hinunter. Der Bediente, Dankmarn mit mistrauischen Blicken musternd, folgte. Der
Wrter aber winkte dem staunenden Dankmar und fhrte ihn noch eine Treppe hher.
    Diese brachte ihn erst zu den eigentlichen Gefngnissen, deren der Zahl der
kleinen vergitterten Fenster nach zu schlieen, die Dankmar auen beobachtet
hatte, etwa vier oder fnf hier sein konnten.
    Sind sonst noch Gefangene da? fragte Dankmar beim Hinaufsteigen.
    Nein, erwiderte der Wchter, es fllt jetzt im Ganzen nicht viel vor, und
was Politische sind, die kommen gleich weiter ins Provinziale!
    Jetzt stand Dankmar im zweiten Stock vor einer stark verriegelten Thr, die
erst zu einem Vorplatze fhrte. Hier umgab ihn vllige Finsterni. Der Vorplatz
war nur von der aufgehenden Thr erhellt, die der Wchter gleich ansichzog.
    Ich mu Sie mit einschlieen ... sagte der Mann zu Dankmarn, und war dabei
nicht ohne Hflichkeit.
    Thut nichts! erwiderte Dankmar.
    Sie brauchen nur aus dem Fenster zu rufen: Pfannenstiel! Dann hre ich's
schon und komme.
    Gut! gut! sagte Dankmar und hrte mit pochendem Herzen, wie Pfannenstiel,
dessen Namen er fast berhrte, in der Dunkelheit den Schlssel an ein Schlo
setzte und ffnete.
    Die Thr eines kleinen niedrigen Gemachs ging auf und in der That, vom
sprlichen Lichte, das durch die Gitterfenster fiel, beleuchtet, sa an einer
Pritsche, den Kopf aufgesttzt, derselbe Fremde da, der sich Dankmarn allerdings
nur durch eine Visitenkarte, aber denn doch auch durch seltene Bildung und die
feinste Erziehung als Prinz Egon von Hohenberg zu erkennen gegeben hatte.
    Da ist der Herr, den Sie sprechen wollen! sagte Pfannenstiel. Und wie ist's
nun mit dem Mittagessen? setzte er hinzu.
    Gehen Sie in die Krone! sagte Dankmar nach seiner Gewohnheit rasch
entschlossen; bestellen Sie das beste Mittagessen, das der Wirth fr zwei
anstndige Personen nur auftreiben kann. Um ein Uhr mu es hier sein! Auch eine
Flasche Wein! Verstehen Sie?
    Damit drckte er dem Meister Pfannenstiel ein Trinkgeld in die Hand.
    Dieser, schon an die mglichen berbleibsel der Mahlzeit denkend und von
dergleichen freigebigen, luxurisen Inculpaten und Zeugen, die hier selten
vorkamen, berrascht, erbot sich zur pnktlichsten Besorgung, rckte mit aller
Beflissenheit einen alten Tisch ans Fenster und fragte, ob wol noch ein Stuhl
nthig sei?
    Dankmar, mit Gefngnissen vertraut, ergriff die Pritsche, auf der ein alter
verfaulender Strohsack lag, warf diesen herunter, rckte das Holzgestell an den
Tisch und sagte:
    Das ist gut genug zum Sitzen. Viel Meubel machen's hier zu eng ....
    Wie Sie wollen, sagte Pfannenstiel und ganz erstaunt, die beiden jetzt zu
Inhaftirenden so curios sicher und vertraut sich begren zu sehen - der Andere
war allerdings anfangs kaum aufgestanden - schlo er die Thr wieder ab und
polterte drauen so grulich mit seinen Schlssern und Riegeln, da nach jener
Seite hin an ein Entrinnen nicht zu denken war.
    Als man das letzte Eisen vorgeschoben hrte, sprang der Gefangene von einem
Schemel, auf dem er whrend der Verstndigung zwischen Dankmar und Pfannenstiel,
unbeweglich den Kopf in beiden Hnden sttzend, gesessen hatte, auf und rief:
    O mein Gott! Was sagen Sie nun dazu?
    Durchlaucht sehen mich hier, antwortete Dankmar, um von Ihnen Etwas zu
vernehmen, das soviel wie eine Aufklrung ist. Ich bin ganz Ohr!
    Dankmar war sonst kein Freund von Titulaturen. Er hob die Wrde des
Gefangenen nur darum so nachdrcklich hervor, um zu sehen, ob dieser sie
wirklich zu behaupten verstand ....
    Nichts von Durchlaucht! sagte der Fremde; keine Frmlichkeiten, die ich
schon drauen in der Freiheit hasse, und die hier in diesem abscheulichen Loche
am wenigsten am Platze wren. Ich habe Sie auf unserer Reise schtzen, ja lieben
gelernt. Vor allen Dingen! Seien Sie mir Freund, Wildungen!
    Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von seinem eben Erlebten zitternde
Hand.
    Dankmar ergriff sie etwas zgernd. Er konnte denn doch nicht umhin, sich zu
sagen:
    Wunderliche Herablassung eines gefangenen Diebes, der vielleicht wirklich
unschuldig, aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon
ist!
    Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir, Wildungen! sagte der Fremde. Und ich
Wahnsinniger verdien' es auch nicht! Wie kann ich mir einbilden, da Sie meinen
Worten trauen knnen! Wie kann ich glauben, da Sie mich fr Egon Hohenberg
halten! Hchstens, da Sie mich fr keinen Tischler nehmen! Und was das
Schlimmste ist, Wildungen! Ich bin ...
    Der Gefangene stockte ....
    Als ihn Dankmar erwartungsvoll fixirte, sagte er leise:
    Ich bin wirklich ein Dieb.
    Durchlaucht ...
    Ich habe auf dem Schlosse wirklich stehlen wollen ....
    Dankmar besann sich bald.
    Mein Frst, sagte er, man nennt Das nicht stehlen, was das Antreten einer
Erbschaft, das Besitzergreifen von einem Eigenthum ist. Allein ...
    Nun? Nicht wahr? Auch dieser Act mu in gesetzlichen Formen geschehen?
    Allerdings, sagte Dankmar. Ich kann nicht glauben, da Sie sich in der That
auf dem Schlosse irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen.
    Der Fremde schwieg und suchte nach Fassung.
    Nach einem Augenblick strich er sich mit der Hand durch das lichtbraune
Haar, das von dem blassen edeln Angesicht jetzt noch schner abstach, und sagte:
    Weg mit den Grillen! Bedenk' ich es genau, so ist das Ganze ein Abenteuer
und ich wnschte, der Wein aus der Krone wre schon da, damit Sie mit mir auf
die Befestigung unserer Freundschaft anstoen.
    Dankmar konnte sich in diesen bergang zur Heiterkeit nicht finden. Es
berfielen ihn pltzlich alle nur mglichen Zweifel an dem Fremden, von dem er
sich dpirt zu werden als Etwas dachte, was ihm das Blut in die Wangen trieb
....
    Er sah sich um und kam auf die Widerwrtigkeit eines solchen Ortes zurck,
in dem sie sich wiederfinden muten ....
    Es ist toll! sagte der Fremde. Aber wie glauben Sie nur, da ich aus diesem
Rattenneste frei werde?
    Vor allen Dingen, meinte Dankmar mit bestimmter Betonung, vor allen Dingen
mt' ich doch wissen, mit welchem Rechte Sie hierher kamen?
    Weil ich stehlen wollte..
    Wie? Scherzen Sie?
    In der That! Ich bin ein Dieb ....
    Ich habe nicht gesagt, Durchlaucht, beweisen Sie, da Sie der Prinz Egon von
Hohenberg sind; aber da Sie ein Dieb sind, mssen Sie jetzt wirklich beweisen
.... ....
    Was soll ich zuerst beweisen? Ich sehe, Sie glauben Beides nicht.
    Ohne zu schmeicheln, mcht' ich fast glauben, wenn Sie mir beweisen, da Sie
der Prinz Egon von Hohenberg sind, so htten Sie kaum nthig, entschuldigend von
Ihrem sogenannten Diebstahl zu sprechen ....
    Ah! Sie Demokrat! Finden denn die Frsten bei Ihnen noch so ein gutes
Vorurtheil?
    Dankmar schwieg mit seinem feinen geistreichen Lcheln und erwartete mit
einer Art strengen Prfung die Mittheilungen, zu denen sich der Fremde nun
anschickte.

                                Fnftes Capitel



                                    Der Dieb

Wohlan! sagte der Gefangene nachdenklich, sttzte das Haupt auf und sah
trbsinnig durch das enge Fenster in die schne, sonnenhelle Gegend. Vernehmen
Sie, Wildungen, ich bin hier geboren, bin hier erzogen. Da am Rande jener Berge
hab' ich kletternd die erste jugendliche Kraft erprobt. Viel ist schon
hinweggezogen von neuen Erfahrungen und neuen Eindrcken ber die erste
Kinderzeit, aber noch taucht aus ihr in strahlendem Glanze auf ....da das Schlo
mit seinem alten geschnrkelten Baustil ...der Hohenberg selbst, an den sich die
ltesten Erinnerungen unserer Familie knpfen. Wissen Sie, frher stand auf dem
Hohenberg eine Burg, zu der dieser Thurm, der jetzt hier den letzten Sprossen
dieses Hauses gefangen hlt, als ein ueres Bollwerk, eine Art Warte, gehrte.
Ich habe in der Beschftigung mit ernsten und nchternen Lebensaufgaben doch
lngst abzustreifen gesucht das dmmernde, trumerische Gefhl der Wehmuth, das
uns nur einlullt zum sen Nichtsthun und zur Beschnigung unserer rathlosen
Thatkraft ... Aber wie ich da wieder im Walde die alten Wipfel rauschen hrte,
wie ich am Jgerhause stand, wo ich auf einer grnen Wiese von einem frheren
Soldaten, Namens Marzahn, die Bchse spannen lernte und manchmal das an einen
Eichbaum gesteckte bunte Ziel traf, wie ich wieder die Mhle rauschen hrte, die
ein Ullaarm, aus dem Gebirge niederstrmend, in Bewegung setzt und mich an die
Regenbogen erinnerte, die die Sonne auf dem gespritzten Wasserstaube malt ...
ein Anblick, der mich beim majesttischen Rheinfall in Schaffhausen ausrufen
lie: Rhmt mir nichts von Dem, was ich am Mhlbach auf dem Schlosse meiner
Vter fast ebenso schn, fast schner, kindlich glcklicher, schon gesehen habe!
... wie ich so wieder gedachte des Heimwehs der Kindheit und der Sehnsucht nach
einem Lande des Glcks, das - ach! es ist nur zu wahr! - niemals vor uns, immer
nur hinter uns liegt! ... da, Freund ... nein, nein, Sie zweifeln ja! Sie
verstehen ja meine Empfindungen noch nicht!
    Bei diesem gemthvollen Ausrufe muten Dankmar's Bedenklichkeiten schwinden.
    Prinz, sagte er, tief erschttert und innigst berzeugt, die Augenblicke
sind gezhlt; sie sind kostbar, wenn man an die Erlsung von diesem jammervollen
Zustande denkt ... Was beginnen wir zu Ihrer Befreiung?
    Ich denke nun nicht mehr daran, sagte der Gefangene mit feiner Ironie, in
die sich fast ein leiser, artiger Vorwurf mischte. Erst haben Sie Aufklrung
begehrt, nun fhle ich nicht einmal so lebhaft mehr das Bedrfni, frei zu sein.
Jetzt will ich gefangen sein, um reden, mich aussprechen, mich erinnern zu
knnen. Ja, ja! So ist der Mensch! Wenn er gesund blht, ist er vor nichts so
besorgt, wie vor einer Krankheit. Da erfat sie ihn denn und nun findet er bei
allem Schmerz des uern Menschen auch eine Freude fr den innern. Man kehrt auf
dem Krankenlager bei sich ein, wird reifer, geluterter und steht geistig besser
vom Lager auf, als man sich niederlegte. Schenken Sie mir jetzt nur ruhig Ihre
Gegenwart, Wildungen, hren Sie mir nur still, mit Theilnahme zu und bereiten
Sie sich darauf vor, da ich Ihnen vielleicht ...
    Der bewegte Sprecher stockte.
    Dankmar schwieg, aber seine Blicke sprachen ihm jede Ermuthigung.
    Da ich Ihnen vielleicht eine Bitte vortragen werde, deren Erfllung Sie nur
dann erfreuen kann, wenn Sie mein vergangenes Leben kennen.
    Dankmar uerte schon jetzt fr das Vertrauen des Gefangenen seinen Dank und
bat ihn, sich offen mitzutheilen. Er wrde sich ihm in Nichts entziehen.
    Der Erzhler fuhr nun fort:
    Ich lebte hier in Hohenberg mit jeweiliger Unterbrechung, wo wir unsere
andern Gter und die Hauptstadt besuchten, fast bis in mein dreizehntes Jahr.
Der Vater, kurz vor meiner Geburt in den Frstenstand erhoben, hatte um dieselbe
Zeit ein groes Vermgen durch einen unerwarteten Tod des Stammhalters der
sterreichischen Seitenlinie gewonnen und war von seinem pltzlichen Glcke so
gehoben und getragen, da er nur auf der hohen Flut des Lebens schwamm und sich
wenig um seine Huslichkeit kmmerte. Der Vater war Militair und hatte Lust,
auch mich im zartesten Kindesalter schon fr diesen Stand zu bestimmen und
abzurichten. Die Mutter aber erkannte in dem Plan, mich in eine milltairische
Erziehungsanstalt zu schicken, nur den Egoismus eines Weltmannes, der die
Erziehung seines Sohnes sich so leicht als mglich machen wollte. Sie trat
diesem Plane mit Entschiedenheit entgegen. Das leider sehr tief eingerissene
Zerwrfni der ltern machte eine unter ihrer gemeinschaftlichen Aufsicht
genossene Erziehung fast unmglich. So beschlossen sie mich ganz hierher nach
Hohenberg zu versetzen, soviel wie mglich hier zu leben und mich mit Lehrern,
Hofmeistern und Aufpassern aller Art so zu umgeben, da ihr Gewissen beruhigt
sein durfte. Meine Mutter liebte damals noch die Welt. Sie war noch nicht in die
Krisis getreten, die sie spter zu einer sehr unfruchtbaren und meiner innersten
Natur heterogenen Frmmigkeit gefhrt hat. Es lebte damals hier im Orte ein sehr
braver Pfarrer, Namens Rudhard. Dieser strenge und doch keineswegs gemthlose
Mann erhielt ber meinen ganzen Bildungsproce die obere Aufsicht, und noch
jetzt - er weilt fern an den Ufern des Schwarzen Meeres in Odessa - noch jetzt
dank' ich ihm fr die spartanische Strenge, mit der ich in jenen Tagen erzogen
worden bin. Zwar strubte sich in mir etwas und wollte sich bumen und das oft
drckende Joch des Gehorsams abschtteln; aber Dank sei es der damaligen
Charakterfestigkeit meiner Mutter, sie widersetzte sich jeder Intrigue, die vom
Schlosse aus und sonst gegen den Pfarrer gesponnen wurde. Wie auch die Lehrer,
die mir oben beigegeben waren, gegen den unten ber sie wachenden Rudhard
polterten, wie sehr auch einer von ihnen, ein Franzose, Namens Sylvestre
Rafflard, frmlich intriguirte, Rudhard behielt Recht. Auch mein Vater hatte bei
aller Zerfahrenheit seines Charakters eine gewisse mnnliche Entschlossenheit,
die ihn Windbeuteleien sehr leicht als solche erkennen lie, und wenn mich
Rudhard's strenge gewaltige Hand nicht gefhrt htte, ich wre umsomehr
misrathen oder doch in meinen ersten Entwickelungen geradezu gesagt verpfuscht
worden, als die Mutter in ihrer Behandlungsweise im hchsten Grade unregelmig,
launenhaft und willkrlich verfuhr. Bald warf sie sich mir mit brennender Liebe
an den Hals, kte mich und benetzte mich mit tausend Thrnen, deren Grund ich
nicht kannte, bald wieder war sie schroff und behandelte mich mit einer
Fremdheit, die frh mein Herz gegen sie eingenommen hat. Scheiterte ihr in der
groen Welt irgend ein Lieblingsplan, fhlte sie die Hand irgend einer Intrigue
kalt und ertdtend in ihr Herz greifen, so kam ein reitender Bote, um mich
augenblicklich in die Stadt zu rufen. Auf Wolkenflgeln sollt' ich dann zu ihr
eilen, das Muttergefhl sollte sie trsten fr allen Kummer, alle Entbehrungen!
Und wenn ich ankam, frhlich, berglcklich, im prchtigen Palais der ltern
mich umschauend, fand ich sie schon abgekhlt, schon getrstet, schon zerstreut
durch etwas Neues, dem ihre nie zu befriedigende Sehnsucht nachjagte. Dann blieb
ich wol einige Wochen bei den ltern, wurde verwhnt, verhtschelt, war ihnen
aber bald so im Wege, wurde so unwillkommener Zeuge der unglcklichsten
huslichen Zerrttung, da man dann sogleich hundert Grnde hatte, mich wieder
nach Hohenberg zu meinem gestrengen Rudhard, den franzsischen und musikalischen
Maitres zurckzuschicken. Zu diesen Maitres! Diesen Erziehungsvirtuosen, die ich
spter zu entlarven Gelegenheit hatte! O, durch welches Wirrsal mu sich ein
Kindesherz durcharbeiten! Wenn ich daran denke, da ich dabei immer noch mit
Dem, was aus mir wurde, leidlich zufrieden sein darf, so kann man wol sagen: Die
Jugend ist eine Pflanze, die wchst und ans Licht mu, auch wenn man unter dem
Namen der Erziehung einen schweren Stein auf sie legt!
    Sie beurtheilen Ihre ltern streng, sagte Dankmar, und der Gefhle
gedenkend, die ihn gestern ber seine eigene Mutter beschlichen, fgte er hinzu:
    Es ist eigentlich ungerecht, Menschen nur deshalb streng zu nehmen, weil sie
das Schicksal zufllig unserm Herzen so nahegestellt hat, da wir sie leichter
ergrnden knnen als Andere! Wir sollten da gerade doch duldsamer sein und den
Vorsprung nicht benutzen, den uns der nhere Besitz gestattet. Doch vergeben Sie
... ich gedachte eigener Erfahrungen ....
    Wohl! Wohl! sagte der Fremde nachdenkend und tiefmelancholisch .... Die
Liebenden qulen sich wechselseitig am meisten ... und Keiner wol bereitet sich
das Gift des Todes oft willenlos geflissentlicher als Die ... die sich das Leben
sind!
    Nach einigen Augenblicken schwermthigen Sinnens fuhr der Fremde fort:
    Sie strafen mich, Wildungen, da ich so streng von meiner Mutter spreche und
den Vater vollends nicht schone. Aber werfen Sie einen Blick auf meine Lage, ist
diese nicht entsetzlich? Ein tapferer Krieger wird von seinem Monarchen, der ihn
liebt und verwhnt, in den erblichen Frstenstand erhoben. In demselben
Augenblicke fallen ihm in der Ferne Besitzungen im Werthe einer Million zu. Er
veruert sie und statt die flssigen Gelder auf einheimischen neuen Grund und
Boden und dessen Ankauf oder die Verbesserung seiner alten Besitzungen zu
verwenden, werden sie in flchtigen Tndeleien, in luxurisen Einrichtungen,
einem prchtigen Palais, in Pferden, in Marstllen, im Spiel, ja ich mu es
sagen, sogar im Trunk vergeudet! Man drngt in ihn, ein Fideicommi zu stiften
fr die Familie und ihre dauernde Anlehnung an einen Besitz, der wol entwerthet,
aber nicht ganz veruert werden kann. Der Staat begnstigt solche Majorate und
wnscht sogar hnliche Bestimmungen, um einen vornehmern Adel zu gewinnen, als
das bliche adelige Gesindel ist, das uns die ganze Frage vom Adel verdorben
hat. Man wollte die Ausfhrung der damaligen Idee von einer knftigen
Pairsschaft durch Majorate anbahnen. Aber nicht nur, da mit der Zeit jene
Capitalien verschwendet und auf eine nutzlose Prachtliebe verwandt waren, die
mir in der Residenz allerdings ein sehr schnes Palais hinterlassen hat, dessen
innere Einrichtung zu sehen Ihnen einmal Freude machen wird ... auch die alten
grflich Hohenberg'schen Gter Plessen, Randhartingen, Wiesbach, unsere Antheile
an Schnau, Berghbel, sind so durch darauf geborgte Summen berschuldet, in
ihrer konomie vernachlssigt, da ich zweifelhaft bin, ob ich berhaupt ihre
Herrschaft antrete und sie nicht lieber ganz, wie der Lateiner sagt, unter den
Spie stelle, das heit, wie Sie wissen, sie losschlage. Erwgen Sie diesen
Zustand und fragen Sie, ob hier das Gedchtni eines Sohnes Alles liebend
beseitigen und ber die Vergangenheit nur Blumen der Vershnung streuen kann!
Nein! Nein! Ich kann nur mit bitterstem Unmuthe diese Gedanken an das Vergangene
in mir vorberziehen lassen; ich habe Stunden erlebt, wo ich meine Mutter kalt
bemitleidete, aber noch unglcklichere, wo ich meinen Vater bis aufs Blut hate.
Denken Sie sich den einen Zug! Dieser Mann, der meine Mutter mishandelt hat, sie
zuletzt in ihrem Nothdrftigsten beschrnkte, dieser Mann, der dennoch vor dem
jungen Monarchen weinte, als er ihm den Tod meiner Mutter anzeigte, weil ein
ernster Blick der Umgebungen des Frsten ihm sagte: Hohenberg, Sie haben da ein
Herz brechen helfen! ... dieser Mann verkauft, weil die frhere Grfin Bury
nichts besa und ich keine Ansprche auf ihren Nachla habe, die Einrichtung
ihrer Zimmer, verkauft den stillen Frieden ihrer liebsten frommen
Abgeschiedenheit von der Welt, verkauft die Thrnen, mit denen sie ihre Polster
und Gebetbcher benetzte, verkauft - o mein Gott, Wildungen, Ihr wit nicht, wie
weit die Herzlosigkeit dieser vornehmen Stnde geht! Wenn ich in Lyon einen
armen Seidenarbeiter sterben sah, ja, da gehrte wol schon das Stroh, auf dem er
endete, dem reichen Fabrikanten, dem er all sein Hab und Gut verpfndet hatte;
aber ein Crucifix, Wildungen, auf das die blassen Lippen ihre letzten Ksse
gedrckt hatten, ein Gebetbuch, aus dem seine weinenden Kinder, die zu kurz die
Schule besucht hatten, um lesen zu knnen, die letzten Trstungen der Religion
stammelnd buchstabirten, ja vielleicht der letzte Stab, Wildungen, der ihn
sttzte, der letzte Rock, der seine Ble deckte und die letzten Schuhe, die er
auszog, als er sich auf das Lager warf, auf dem er sterben sollte - die waren
noch sein, um die bat er den Fabrikherrn fr sein Weib und seine Kinder,
verpfndete sie nicht, um der Liebe willen nicht ...um seines Heilandes willen
nicht ... ach, mein Freund, vergeben Sie mir, wenn Sie einen Sohn hren, der vor
seinem Vater keine Achtung hat.
    Erschpft von seiner Aufregung warf sich Egon auf die hlzerne Pritsche und
schien die Hrte dieses Lagers kaum zu fhlen.
    Von tiefster Theilnahme ergriffen beugte sich Dankmar zu ihm herab und bat
ihn, seine Empfindungen nicht zu heftig aufzuregen.
    O, warum bin ich auch hierher zurckgekehrt, rief Egon leidenschaftlich,
ausgesetzt einer ewigen Verhhnung durch mich selbst! In der Ferne, ja da war
ich glcklich! Ich galt fr Den, fr den ich mich gab. Wildungen! Glauben Sie
mir's, ohne mich einen Wahnsinnigen zu schelten, ich habe in den Werksttten von
Paris gearbeitet, ich galt fr einen deutschen gebildeten Arbeiter. Niemand
wute etwas von den Schulden meines Vaters; mit Dem, was sie mir briglieen,
konnt' ich fleiige Arbeiter belohnen, manche ntzliche Unternehmung befrdern,
... selbst leben ... ich war glcklich ....
    Setzen Sie dies Leben hier fort! sagte Dankmar innigst theilnehmend und vor
Freude bewegt, endlich einmal einen Vornehmen zu finden, der wie jeder andere
Mensch sich fhlte und gab. Man wird sich mit dem Vater ausshnen, der einen
solchen Sohn hinterlie. Man wird milder von der Aristokratie denken, sich dem
Adel verwandter fhlen ...
    Man wird mich auslachen! unterbrach ihn der junge Frst. Unsere Verhltnisse
bieten keinen Boden fr eine solche Umkehr der Stellungen.
    Warum nicht? sagte Dankmar.
    Der Fremde schwieg ....
    Nach einer Weile fuhr er fort:
    Aber hren Sie von dem Vergangenen!
    Sich aufrichtend erzhlte er weiter:
    Ich hatte kaum das dreizehnte Jahr erreicht und sollte nach des Vaters
Wunsche jetzt unmittelbar fr den Kriegerstand gebildet werden. Da kam ber
meine Mutter jene Erleuchtung, die denselben bigotten Zustand zur Folge hatte,
von dem noch die spahaften Erzhlungen des Jgers vom Gelben Hirsch Ihnen im
Gedchtni sein werden. Sie hren, wie wenig erbaut ich von dieser Erbauung
spreche und ich kann Sie versichern, Wildungen, da ich hier nicht wie der
Blinde von der Farbe rede, sondern eine Zeit lang war ich selbst einer der
Hellsehenden, Einer der von Angesicht zu Angesicht Schauenden und der
Gotterleuchteten.
    Dankmar lchelte wie der Erzhler. Er htte manche, so auch diese uerung
von ihm anders gewnscht; doch hrte er mit Aufmerksamkeit zu.
    Wie meiner guten Mutter dieser traurige Zustand anflog, wei ich nicht. Ich
glaube, diese Frmmigkeit war damals in der groen und kleinen Welt eine Sache
der Mode. Man betete viel und gern laut, und wissen Sie, Wildungen, fr die
Politik war Das sehr gut. Es bewahrte vor bereilung in Entwickelungen, fr
welche der beschrnkte und philisterhafte Sinn unsers Volkes kaum jetzt schon
reif ist, wie viel weniger damals ...
    Die jmmerlichen Staatsmnner jener Zeit, sagte Dankmar, diese
Polizeiseelen, Creaturen Metternich's, fanden in der Bigotterie eine Sttze des
Absolutismus, eine Art Chinin gegen das Constitutionsfieber.
    Wohl! Wohl! sagte der Frst. Genug, ich fr mein Theil hatte einige sehr
angenehme Folgen von dieser Sinnesnderung meiner Mutter zu erfahren. Erstens
wurd' ich nicht zum Soldaten bestimmt. Im Gegentheil wollte die Mutter jetzt nur
noch durch mich Gott ... und durch Gott mir leben. So sagte sie selbst! Sie zog
fr immer hierher nach Hohenberg und richtete sich so ein, als wollte sie ihre
Tage hier fr immer beschlieen. Anfangs verursachte mir diese Entdeckung einen
lhmenden Schrecken. Ich sehnte mich ja hinaus in die Welt, ich wollte Schulen
besuchen, wie Andere, wollte die Freundschaften unterhalten, die ich bei meinen
kurzen Anwesenheiten in der Residenz im Fluge knpfte. Ich wollte der junge
Frst von Hohenberg sein! Aber die Mutter hatte es anders beschlossen. Sie
gedachte mich in ihre ausschlieliche Obhut zu nehmen. Rudhard wurde entfernt,
weil seine Auffassung des Christenthums der ihrigen nicht entsprach. Man
versetzte ihn, ich wei nicht, ob auf ihren Betrieb oder freiwillig, in andere
stliche Gegenden. Tief betrbt sah ich ihn scheiden, denn so streng er war, die
Gediegenheit seines Charakters konnte selbst dem Kinde nicht entgehen. So wenig
er meiner Eitelkeit als einem jungen Frsten schmeichelte, so besa ich doch
Lernbegierde genug, von seinem reichen Wissen Vortheile zu ziehen. Ja wie Knaben
mit ihren Lehrern pflegen, in meiner eitlen Bewunderung stellt' ich ihn wol gar
noch hher als er stand. Seinen Nachfolger whlte die Mutter auf Empfehlung der
pietistischen Kreise in der Residenz. Es war dies ein junger, gewandter Theolog,
Namens Guido Stromer. Wenn ich nicht irre, brachte er sich sogleich eine Gattin
mit und gewann das Herz meiner Mutter in dem Grade, da es ihm gelang, einen
andern Plan mit mir durchzusetzen, fr den ich ihm eigentlich Dank wei. In
seiner Furcht, meine Erziehung auf dem Schlosse wrde doch einen ewigen Ab- und
Zustrom von Hofmeistern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu ndernden
Bedingung machen, uerte er der Mutter die Idee, mich nach Genf in ein
Pensionat zu geben. Naturen wie Sylvestre Rafflard gewesen war, blieben ihm
gefhrlich. Die Mutter, nicht ahnend, da er nur in der ihm natrlich sehr
wichtigen Gunst seiner Kirchenpatronin die Nebenbuhlerschaften entfernen wollte,
ging auf diesen Plan mit Begeisterung ein. Sie hatte Genf selbst gesehen,
schwrmte fr den reizenden bergumkrnzten Leman, trumte oft von dem Glcke,
dort zu wohnen, dort ihre Tage zu schlieen, was ihr bei der Beschrnkung ihrer
Mittel nicht beschieden sein konnte ... und alle diese Reize erhhte ihr zuletzt
noch das Bewutsein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung
herrschenden Geistes der strengen Kirchlichkeit. Die Sekte der Momiers war
damals neu in der franzsischen Schweiz erst aufgekommen. Sie erkannte in ihnen,
nach den Berichten einer von ihr nach Krften untersttzten Kirchenzeitung, eine
Gemeinde Wiedergeborener, die sich nur an den reinen biblischen Geist des
Christenthums hielte. Es wurden Erkundigungen eingezogen ber die Pensionate von
Lausanne, von Vevey, von Neufchatel, Genf. Das war ein Geschwirre von Briefen
der Pastoren jener herrlichen Gegend, die Alle mit Empfehlungen der christlichen
Institute zur Hand waren und dabei die Gelegenheit benutzten, mit einer
deutschen Dame von Stande in Rapport zu treten. Denn diese Pfaffen dort, mssen
Sie wissen, haben keinen grern Ehrgeiz, als mit der halben vornehmen Welt
Europas in Rapport zu stehen und sich mit den Briefen zu brsten, die sie selbst
aus Petersburg, Stockholm und Neuyork erhalten. Damit ist zugleich ein
eigenthmlicher Menschenhandel verbunden. Kennen Sie Casanova?
    Dankmar verneinte befremdet.
    Casanova, sagte der junge Frst, Casanova, den ich im Pensionat des Herrn
Monnard mit aller Bequemlichkeit gelesen habe ....
    Im Pensionat? sagte Dankmar erstaunt.
    Casanova, fuhr Egon ruhig fort, erzhlt von den in Europa zerstreuten
italienischen Sngern und Tanzmeistern und plaudert uns deren Memoiren aus; ich
versichere Sie, der fromme Menschenhandel mit Bonnen, Gouvernanten, Hauslehrern
aus der franzsischen Schweiz ist so organisirt, da ich eine groe hnlichkeit
finde. Sie haben keine Ahnung, welche Dinge in einer franzsisch-schweizerischen
Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht werden. Ich knnte Ihnen
Frstinnen nennen, die auf europischen Thronen sitzen und von den Fden einer
ehemaligen, glnzend pensionirten, bei Genf in ihren Verbindungen schwelgenden
alten Erzieherin gelenkt werden. Sie erfahren in einem frommen Thee in Lausanne
mehr Cabinets- und Hofgeheimnisse, wie in Berlin in dem engern Cirkel eines
Ministers.
    Dankmar fiel lachend ein:
    Das htte ja fast hnlichkeit mit dem Einflusse, den zehn Meilen weiter von
Lausanne die freiburger Jesuiten ber das brige Europa ausben ....
    Die vollkommenste! besttigte der junge Frst. Sie knnen aber auch in
Lausanne die Politik der Jesuiten und in Freiburg die Politik der Momiers
studiren. Es ist ganz dieselbe Sache, wie sie auch von Menschen vertreten wird,
die sich untereinander vor Brotneid aufzehren mchten. Das ist eine Sucht, dem
andern eine Beute abzujagen! Denken Sie sich diese Correspondenz der reformirten
Geistlichen mit den hchststehenden Familien! Der Reiz der franzsischen
Sprache, die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung, die den
gutkatholischen Fnlon zum Ideal auch dieser Protestanten gemacht hat, ...
genug, die gute Mutter war auf Grund meiner Versendung nach Genf so lebhaft in
Verbindung mit den schnsten, durch die Fremdenbesuche an Neuigkeiten
ergiebigsten Gegenden der groen europischen Route, da sie sich in ihren
Briefen hier auf Hohenberg schon da vortrefflich unterhielt, noch ehe ich
abreiste. Wie aber nahm Das erst zu, als ich wirklich in Genf war! Wie wurden da
ber mich, ber meine Erziehung, meine Anlagen, meine Irrthmer, meine Tugenden
und Gebrechen soviele Anfragen an Geistliche, Professoren, Syndics, Knstler, am
Genfersee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von diesen
beantwortet! Nun war ich der einzige Gedanke der Frstin, ja der Angelpunkt und
die Achse ihres ganzen Daseins geworden. Welche Briefe lie mich Professor
Monnard und sein boshafter erster Lehrer, Sylvestre Rafflard, schreiben ....
    Rafflard? unterbrach Dankmar. Sie erwhnten ja seine Anwesenheit in
Hohenberg ....
    Rafflard war, berichtete der Erzhler, ursprnglich aus Genf, kam nach
Deutschland, zu uns als Lehrer der franzsischen Sprache, von da nach Kurland,
wo er mit Rudhard wieder zusammentraf und zwar feindselig genug, dann kehrte er
nach Genf zurck, wo ich ihm im Monnard'schen Institute wieder begegnete. Jetzt
ist er Jesuit ....
    Das ist eine lehrreiche Biographie! sagte Dankmar.
    Sie werden noch Manches von Sylvestre Rafflard hren; schaltete der Erzhler
ein und fuhr fort:
    Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monsieur Sylvestre ausgestrichen
und unter dem einfachen Scheine stilistischer Vernderungen in ihren Thatsachen
so umgewandelt, da wei erschien, was ich als schwarz hatte melden wollen -
kurz, mein Freund, ich wurde in geistigen Dingen so methodisch zur Lge und zur
Phrase erzogen, so auf eine gewisse herzlose Regelmigkeit abgerichtet, so nach
dem Modell einer gutgearbeiteten genfer Uhr knstlich zusammenspintisirt, da
ich in meinem achtzehnten Jahre wirklich als ein heilloser Schlingel, voll
Verstellung und Einbildung, zur Mutter zurckkehrte und die Vorwrfe der
inzwischen gar dster gewordenen und gramverschleierten Frau im reichsten Mae
verdiente.
    Natrlich misfiel es hier einem jungen Taugenichts, der statt im Thomas a
Kempis im Pensionat heimlich den Casanova las, im hchsten Grade. Ich entfloh,
so zu sagen. Als die Mutter mir in die Residenz nachreiste und ich auch mit dem
Vater in Hndel gerieth, dankte sie Gott, wie ich wenigstens soviel guten Willen
zeigte, da ich mich entschlo, in Bonn, Heidelberg, Gttingen zu studiren.
Erlassen Sie mir, Ihnen davon eine Schilderung zu machen! Die akademische Zeit
eines jungen deutschen Adeligen, der die Universitt besucht ohne einen andern
Zweck als den, einmal dagewesen zu sein, wird fr Sie keiner Schilderung
bedrfen. Man geniet, was das Leben bietet und was der von Hause bezogene
Wechsel sich zu verschaffen mglich macht. Durch Unterwrfigkeit und Kriecherei
der sogenannten Philister, ja der berhmtesten Professoren, lernt man frh die
Niedertrchtigkeit der Menschen kennen und man verlt die Hochschule,
bersttigt, verdrielich, reizbar, im Jugendlenz schon ein Misanthrop. Die
Mittel flossen meiner Lebenslust gering zu. Der Justizrath Schlurck, derselbe,
der im Besitz Ihres verlorenen Schreins ist, derselbe, den wir beobachteten, wie
kostbar ihm Pasteten und Champagner schmeckten, die er sich bei solchen
Administrationen, wie die Hohen-berg'sche ist, verdient, schickte ein, was die
ganz in seinen Hnden befindliche Verwaltung der Angelegenheiten meines Vaters
zu schicken erlaubte. Der epikurische Spitzbube war dabei sehr hflich, sehr
devot, aber karg. Ich hate ihn, vielleicht mit Unrecht. Aber er war der
Nchste, der meinen beleidigten aristokratischen rger, meine gentlemanliken
Vorwrfe auffangen mute. Die Mutter sprach oft davon, man msse seinen Feinden
vergeben: ich entnahm dieser Wendung ihrer Briefe weiter nichts, als da ich
mich auch wirklich vor Feinden zu hten htte .... War sie doch selbst seit der
frhesten Zeit, der ich mich entsinnen kann, von den Gespenstern unsichtbarer
Gegner verfolgt! Frh schon prgte sie dem Kinde die Vorstellung einer groen
Verschwrung gegen ihr Lebensglck ein. Sie machte mir Begriffe, als wenn die
Welt voll Teufel stke und an der Spitze dieser Hlle, sagte sie mir einst,
stnde eine Frau ... eine Frau, die frher ihre zrtlichste Freundin war,
Pauline von Harder, sonderbarerweise wirklich die Gattin jenes Mannes, dessen
schlingelhafter, frecher Bediente mich, den Besitzer von Hohenberg, in seinen
eigenen Thurm hat werfen lassen!
    Pauline von Harder? wiederholte Dankmar und gedachte der Erwhnung derselben
auf dem Heidekrug. Er kannte sie nur als eine Schriftstellerin, von der er
jedoch nichts gelesen hatte ...
    Sie ist mir unbekannt, fuhr der junge Frst fort, wie die meisten erlauchten
hoch- und hochwohlgeborenen Hupter unsers Adels, einige Jngere ausgenommen,
mit denen ich in Bonn und Gttingen verkehrte. Prfungen zu bestehen und mich um
ein Amt zu bewerben, lag nicht in meinem Plane: der Vater, der sich ber seine
Verhltnisse gern in einem vlligen Dunkel erhielt, um von ihnen das Bessere
annehmen zu drfen, glaubte noch hinlnglich vermgend zu sein, mir eine
standesmige Existenz auch ohne Arbeit und Amt zu sichern. Dies war aber nicht
der Fall. Ich fhlte mich so gezwungen und nach allen Richtungen hin so gehemmt,
da ich vorzog, wieder auf Reisen zu gehen und mich deshalb der Schweiz, Italien
und Frankreich zuwandte. Die Beziehung zur Mutter blieb leider unerfreulich. Sie
hatte in ihrer Art das Beste im Sinn, aber sie gab es entweder nicht in der
richtigen Form, oder mein Herz ist kalt, ich wei es nicht, ich kam nie mit ihr
zu einem warmen offenen Wahrheitstone. Oft empfand ich Hinneigung zu meinem
derbnatrlichen Vater. Die Mutter unterbrach aber jedesmal diesen Strom meiner
Empfindungen und lenkte ihn wieder auf sich zurck, wo er jedoch nur knstlich
flo. Ihre trbe Auffassung des Lebens entsprach meinem heitern Sinne nicht.
Rudhard's Unterricht hatte schon tiefe Wurzeln in meinem Herzen geschlagen und
mich gegen allen Schein und die Charlatanerie gesthlt, mit der in Genf die
Erziehung betrieben wurde. Ich gewann dort einige Bekanntschaften, die der
allgemeinen Pietisterei in der dortigen Lebensweise gegenber mir reinere
Begriffe von Gott und seinem weisen Erziehungsplane der Menschheit einflten,
und wenn ich Ihnen erzhlen sollte, wie es vor fnf Jahren etwa ber mich kam,
welch ein neuer Geist mich gerade in der franzsischen Schweiz und dem sdlichen
Frankreich ergriff .... Sie wrden sagen, die dumpfe, hier auf dem Schlosse
wohnende protestantische Ascetik konnte mich nicht erwrmen, selbst wenn sie von
der zrtlichen Frsorge einer Mutter betrieben wurde! Ach ja, Wildungen! Ich
gedenke des Tages, wo ich von Genf zu Fue wanderte, die Rhone entlang durch
Savoyen ber den Jura nach Lyon! O dieser Tag! Diese Welt! Diese Freiheit!
Vergebens hatte ich auf Briefe von Schlurck gewartet, vergebens auf eine
Mittheilung von meiner Mutter, die wegen meines pltzlichen Entschlusses zu
reisen, mit mir boudirte, vom Vater hatt' ich eine lngere freundliche
Zuschrift, in der er mir nach seiner Weise kurze Verhaltungsmaregeln schrieb,
etwa in dem Stile: Junge! Mach Schulden, aber meide die Wucherer und borge immer
vier Wochen frher, ehe du das Geld brauchst, sonst pret dir die Noth die
niedertrchtigsten Zinsen ab! Verlieb' dich nie ernstlich und lerne aus der
Liebe zu den Weibern die leichteste Methode, sie zu verachten ... und
dergleichen epikurische Stze mehr, die er mit Herzensgte verband ... er war
leichtsinnig, doch wohlwollend und nur durch eine unmige, vom verstorbenen
Monarchen geschrte militairische Eitelkeit aus Rand und Band gegangen ....
Diesen Brief hatt' ich, aber keinen Wechsel. In der Ungeduld, ihn erwarten,
Stunde um Stunde, Minute um Minute zhlen zu sollen, ging ich mit der letzten
Baarschaft, zu Fu, in einer Blouse, wie Sie mich jetzt hier sehen, von Genf
nach Lyon .... In der Meinung, nach vierzehn Tagen kehrst du zurck und findest,
was zu erwarten dich so peinigt, schritt ich muthig vorwrts. O, welch eine
Erinnerung! Wie lange hielt ich sie fern, Wildungen!
    Gedenk' ich dieser himmlischen Maitage, als ich von Genf auswanderte, die
grnen Ufer der Rhone entlang, bei jedem Blicke aufwrts die blauen Hhen des
Jura, bei jedem Blicke rckwrts die weien, unter dem reinsten blauen Himmel
ausgebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamounixthales .... Wildungen ...
An der kleinen, hoch in den Lften schwebenden Bergveste des Forts de l'Ecluse
warf ich noch einmal den Blick in das Genfer und Savoyer Thal zurck. Lebe wohl,
du schne Ebene! Lebe wohl, du theures Land! Es war wie ein Abschied von meinem
ganzen Dasein ... Ich setzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder
von einem leichten Lftchen bewegte Grashalm rhrte mein junges, sich damals so
arm, so arm fhlendes Herz. Jede kleine Glockenblume, die mein Fu htte
zertreten knnen, schien mich mit bittendem Auge anzuflehen: Schone mich! Der
Vogel, der von dem Felsen in die Ebene hinunterscho mit wellenartig wogenden
Flgeln, schien mir im Einverstndnisse mit meinem innersten Leben und auf der
gewaltigen flachen Felswand, die dem Fort de l'Ecluse gegenber ausgebreitet
liegt und die andere Seite der Schlucht bildet, ber welche ein schmaler Engpa
durch diese kleine Festung nach Frankreich fhrt ... las ich wie auf einer
groen, vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein knftiges Schicksal ....
Ich grbelte und forschte, zu erkennen, welche Figuren das Moos und die Bume
und die Strucher und die zerbrckelten Risse auf ihr bildeten. War es ein
geharnischter Ritter zu Ro? War es der Gott Vulcan, der mit aufgehobenem Hammer
vor der Esse stand? Es schien mir ein riesiger Adler mit weit ausgebreiteten
majesttischen Flgeln. Ich sprang auf. Wie Ganymed wollt' ich mich von diesem
Gttervogel forttragen lassen in alle Himmel und Fernen sehnschtigster Ahnung
.... Ich kannte kein Bleibens mehr. Hinber zog es mich ber den kahlen Rcken
des Jura, und als ich niederstieg an den gewaltigen Rhonefllen vorber, durch
tannenbeschattete Schluchten, an Eisenhmmern und Kohlenhtten vorbei ... in die
burgundische Ebene, als mich neue Menschen, neue Sitten, neue Erinnerungen der
Geschichte begrten ... wie hab' ich da meinen Hut in die Luft geworfen und
allen Bumen zugerufen: Warum habt ihr hier schon geblht? Warum nicht gewartet
auf diesen Maitag und auf mich? Warum liegen eure Flocken schon alle auf der
Erde? Und wenn ich einen Pfirsichbaum sahe, der sich versptet hatte, der noch
blhte, ach, da htt' ich ihn umarmen mgen wie mich selbst, wie mein Bild, wie
meinen Kameraden, so kam ich mir jung, glcklich und wie umgeboren vor! In
solcher Stimmung kam ich, die Ufer des Ain entlang wandernd, in Bauerhtten
einkehrend, mit Fuhrleuten sprechend, die leichte Kost des Landes genieend, mit
einem Freunde, den ich mir unterwegs erwarb, wie ich Sie erwarb ... in dem
schnen Lyon an, wo ich nicht die Villen, nicht die prchtigen italienischen
Luxushuser der reichen Kaufleute an den weinbekrnzten Ufern des Kanals
besuchte, sondern - doch was unterhalt' ich Sie mit Empfindungen und
Rckblicken, auf ein Leben, das keinen Werth fr Sie haben wird! ... ach,
vielleicht auch keinen mehr fr mich selbst!
    Doch, doch! rief Dankmar, fast mit Egon weinend vor Rhrung. Ich nehme den
innigsten Antheil, Prinz!
    O fort mit dieser Benennung, Freund! sagte Egon. Prinz! Durchlaucht! Ich
habe sie nie geliebt, diese alten Reliquien pedantischer Kanzleisprache, diese
geschmacklosen berlieferungen italienischer und spanischer Etikette. Und Das
jetzt? Jetzt, Wildungen? Der Frst soll sich ehren durch seine Weisheit, der
Adel durch seine Tugend und durch die Ehre seiner Thaten und Gesinnung, der
Brger durch seinen Beruf, und der einfache Name ist es, der uns der schnste
Gru, die wrdigste Anrede erscheinen sollte. Entwhne sich Einer, wie ich, mein
Freund, vier Jahre lang aller Erinnerungen an uere Lebensstellung, sei Einer
eine Zeit lang nur Das, was sein Talent oder wenigstens sein guter Wille aus ihm
macht, und man wird die Hohlheit aller uern Formen fr immer gewahr werden.
Wildungen, ich habe das Leben an seiner reinsten Quelle erkannt. Nicht die
Schichten, wo man nur Abstractionen geniet und den Flei anderer Hnde und die
Gedanken anderer Kpfe, nicht diese bieten uns ein Bild des wahren Lebens,
sondern da rinnt sein Quell, wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Gestalt
hervorzaubert, da strmt sie, wo die ewige Schpfung Gottes von der Hand des
Menschen fortgefhrt wird. Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker,
kehrte nicht nach Genf zurck, lebte in und mit dem Volke und liebte seine
Leiden und seine Freuden. Was mich dahin fhrte, welcher Irrthum vielleicht oder
welche Tuschung oder welche richtige, hhere Bestimmung ... wie ich veranlat
wurde, die Blouse, die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte,
in Lyon nicht wieder abzulegen, Das, mein Freund, erzhl' ich Ihnen ...
    Egon stockte.
    Dankmar schien schon jetzt um Mittheilung zu drngen.
    Nein, sagte Egon, den Ausdruck in Dankmar's Mienen wohl verstehend, Das
erzhl' ich Ihnen, wenn Sie einmal Abends in der Residenz auf meinen Polstern
und Divans sitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines kostbaren
Kronenleuchters, den mein Vater in ein liebliches Gewchshaus hat hngen lassen,
wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerstrahlen, eine Thrne auffallen
wird, die sich mit dem Glockenschlage Elf - in mein - umflortes Auge schleicht.
    Egon schlug sanft die Arme unter den schnen mnnlichen Kopf und streckte
sich auf das harte Holz, auf dem er sa, fast der Lnge nach ....
    Die Erzhlung hatte ihn erschpft, schon in Dem, was er sagte, und schien
ihn noch mehr zu erschttern in Dem, was er verschwieg.
    Dankmar wollte, um den schmerzlichen Eindruck zu verwischen und sich selbst
von einer ihn drckenden wehmthigen Stimmung zu befreien, das Wort ergreifen,
als sie Schlo und Riegel rasseln hrten. Pfannenstiel, der Wchter des Thurms,
brachte ihnen das Essen aus der Krone und mochte bei sich denken, da ein
offenbarer, berwiesener Spitzbube - denn als solchen hatte ihn noch immer mehr
drauen der Thatbestand festgestellt - wol noch nie hier so gut und behaglich
gespeist htte. Dem jungen Frsten waren der Speisen fast zu viel. Er a nur
einige Lffel von der Suppe, Dankmar gestand von sich einen lebendigern Appetit
ein, worber Pfannenstiel, der auf die berbleibsel rechnete, wol nur wenig
Freude empfand. Dennoch schien er dem ganzen und dem halben Gefangenen nicht
gerade abgeneigt und lie sich auf mancherlei Plaudereien ber das Schlo, seine
ehemaligen und auch gegenwrtigen Bewohner ein. Es wurde dabei nur das uns
Bekannte wiederholt und besttigt. Neues aber lag in folgender Bemerkung:
    Das Glck ist ungleich vertheilt, sagte Pfannenstiel. Das ist schon so und
man mu es sich vom lieben Gott gefallen lassen. Aber schlimm ist's, wenn der
Hochmuth die Menschen noch weiter auseinanderbringt, als es das Gold schon thut.
Ich habe da oben auch auf dem Schlo eine Schwgerin. Die ist reich geworden,
weil mein Bruder, der des Frsten Wirthschaftsinspektor war, zu seinem Vortheil
rechnen konnte. O liebe Zeit, sie ist eine simple Wirthstochter hier aus der
Gegend und hat eine Zeitlang nicht gewut, soll sie meinen Bruder nehmen oder
den Jger Heunisch dazumal oder mich, der ich Schreiber war im Amt und den
Amtsdienerposten nehmen mute, weil ich mir beim groen Brand auf dem Gelben
Hirsch hier da den Daumen verbrannte ... und nun stolzirt sie wie ein
kalekutischer Hahn und wei nicht, ob sie ihren armen Schwager noch kennen und
gren soll. Eine Gans war sie schon immer. Ich glaube nicht, da sie jetzt
schon ihren Namen schreiben kann ....
    Die beiden Freunde erinnerten sich der Erzhlung des Frsters im Gelben
Hirsch. Der junge Frst wute aber von diesen Dingen noch mehr, als er auf dem
Gelben Hirsch verrathen hatte.
    War Das bei dem Brande, sagte er, wo das junge Mdchen verunglckte, die
Schwester des jetzigen Wirths Drossel?
    Vor funfzehn Jahren, ja! sagte der Wchter verwundert; die Tochter auf dem
Gelben Hirsch, die Braut vom Jger Heunisch ... Ei, woher wei Er ... wissen Sie
... woher wei Er ....
    Als Egon kopfschttelnd ber seine Lage, die einen solchen Mann zweifelhaft
machte, wie er ihn anreden sollte, schwieg, sagte Dankmar seinen Appetit
unterbrechend:
    Mein Freund ist aus hiesiger Gegend. Das sehen Sie doch nun wol, da Ihr
hier keinen Verbrecher vor Euch habt, sondern einen gebildeten jungen Mann, der
sich das Schlo und allenfalls auch die Bilder nher besehen hat, weil sie ihm
gefielen.
    Das wird wol auch herauskommen, ja! ja! entgegnete Pfannenstiel, den
Essenden zusehend. Die Bedienten des Herrn von Harder sind gerade so grob, wie
ihr Herr stolz ist. Den alten Grtner Winkler hat einer so umgerannt, da er auf
den Tod liegt und als die alte Brigitte darber klagen wollte - sie wei warum
Einer sein Mundwerk hat - drohte man ihr, sie solle sich vor Schlimmerem in Acht
nehmen. Solche Bengel! Ordnung ist oben keine mehr. Die Weiber tanzen und
musiciren. Der alte Schleicher, der Bartusch, kriecht herum wie's bse Gewissen
und mchte mir die Knpfe von der Livree abschneiden, weil er denkt, es ist noch
Silber darin; so geizig und gierig sind die Menschen, in deren Rachen hinein uns
der alte Frst in Gnaden verkauft und verjubelt hat.
    Dankmar frchtete, diese Mittheilungen wrden eine Wendung nehmen, die
Egon's Wunden aufrisse und beschleunigte die Befriedigung seines Appetits, um
nur den geschwtzigen Bttel loszuwerden.
    Egon aber schien an dessen Mittheilungen Gefallen zu finden und sagte, ohne
seine Theilnahme verbergen zu knnen:
    Also die alte Brigitte lebt noch und der alte Winkler!
    Kennen Sie denn Die? fragte Pfannenstiel erstaunt. Freilich, wer hat Die
hier in der Gegend nicht gekannt! Sie sind wol aus -?
    Aus Schnau! sagte der Frst.
    Aus Schnau! Ja! Da wei man's auch. Wenn die selige Frstin die gemeinen
Leute einlud - sie muten freilich singen und beten und Manchem konnt's gar
nicht schaden - theilte die alte Brigitte das Warmbier aus, das immer vor'm
letzten Vaterunser den Leuten schon von der Kche herauf in die Nase kribbelte.
Ach du liebe Zeit, es waren curiose Geschichten; aber doch noch besser als
jetzt, wo kein Mensch wei, was nun aus Hohenberg und Plessen und den herrlichen
Gtern werden wird ....
    Was wnschtet Ihr denn am liebsten, da daraus wrde? fragte Dankmar, der
Egon's Gedanken errieth.
    Das ist schwer zu sagen! bernimmt der junge Frst das Ganze und befriedigt
die Creditores, so stehen wir uns natrlich Alle hier am besten; denn wir
bleiben doch, hat erst neulich der alte Winkler gesagt, in der Familie. Er hat
Recht, der alte Mann, der's in seiner Kinderei oft noch trifft. Eine Herrschaft,
die ein gutes Herz hat, behandelt ihre Angehrigen, als gehrten sie in ihre
eigene Familie. Uns hier vom Amte kann's am Ende gleich sein, denn die
Gerichtsbarkeit kommt doch wol nunmehro an die Regierung. Aber - so ist's und so
wird's kommen - fr die Andern ist von dem Prinzen Egon nichts zu erwarten.
    Warum nicht? fragte Dankmar.
    Der verkauft das Ganze, bezahlt die Schulden, nimmt den Rest und geht damit
nach Frankreich, wo er ja - es ist 'ne Schande! - mit einem ganz gewhnlichen
Frauenzimmer so gut wie verheirathet sein soll und berhaupt ein curioser Hanns
geworden ist ...
    Verheirathet? sagte Dankmar und blickte dabei mit unglubiger Ironie auf
Egon.
    Wie ich Ihnen sage! fuhr Pfannenstiel fort. Der Prinz ist hier wie aus der
Welt. Sonst wute man doch, da er in der Schweiz auf Schulen und am Rhein auf
Universitten war; und man konnte sich bei der Frau Frstin recht insinuiren,
wenn man ihr begegnete und ihr sagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geschrieben
Prinz Egon Durchlaucht? Frher nmlich, als wirklich Briefe von ihm kamen, hatte
sie's gern. Dann aber soll er drei Jahre lang nicht geschrieben haben, drei
Jahre lang vor ihrem Tode; da hat sie's nicht gern gehrt, wenn Einer sagte: Nun
Durchlaucht, lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht? Wer Das sagte,
mute entweder dumm oder ein rechter Spitzbube sein. Denn Alle wuten, da er in
Frankreich war, sich mit gemeinen Leuten herumtrieb und die Tochter von einem
Tischler gerade nicht geheirathet hatte, aber, verlassen Sie sich darauf ... mit
ihr lebte ... und Kinder hat ... und ... wie gesagt, ganz verwilderte
Geschichten.
    Die Thrne unter dem Kronenleuchter, Freund - warf Egon Dankmarn anblickend,
mit schmerzlichem Lcheln hinein - verstehen Sie?
    Pfannenstiel sah auf seinen Gefangenen, dessen Bemerkung ihm wunderlich
vorkam.
    Wie meinen - Wie meint Er - Thrne unterm Kronenleuchter? ... fragte er,
stockend und in dem Glauben, es wre wol mit dem Gefangenen nicht recht richtig.
    Herr Pfannenstiel, sagte Egon, um diese ihm peinlichen Mittheilungen
abzubrechen; Sie sehen, wir sind gesttigt. Nehmen Sie den Rest und lassen Sie
den Herrn noch bei mir. Sie wissen, da es der Justizdirektor ja gestattet hat.
    Pfannenstiel packte die Reste ein und sagte whrenddem mit einiger Ironie:
    Lassen Sie sich nicht durch den Justizdirektor und seinen Doctor irremachen,
der schlft auch ohne den Doctor bis vier Uhr; wenn's Ihnen sonst hier gefllt,
bleiben Sie in Gottes Namen. Khler ist's als unten in der Krone; es ist wahr.
Aber - Wetter, da hab' ich ganz vergessen ... Ich soll Ihnen sagen ...
    Der Bttel wandte sich an Dankmar.
    Mir? Was ist noch?
    Es hat Einer instndigst nach Ihnen in der Krone verlangt ....
    Ich sehe, ich bin der Vielgesuchte, sagte Dankmar. Wahrscheinlich der
Amerikaner mit dem freundlichen Knaben?
    Nein, erwiederte der Schlieer, der Herr Ackermann, der prchtige Sachen von
Amerika erzhlte, ist abgereist, gerade wie ich das Essen holte. Vielleicht
kommt er wieder. Er lobte unsern Boden. Der Knabe lt Sie noch gren und hat
eine solche Angst um Sie gehabt, da Sie hier im Thurme wren, da ich meine
Noth hatte, ihm zu erklren, Sie sitzen hier nur zum Spa ....
    Welcher Amerikaner? fragte der Frst.
    Dankmar erzhlte ihm in einigen Worten die Bekanntschaft, die er gemacht und
setzte hinzu, da er einige Zeit geglaubt htte, dieser Fremde knnte vielleicht
an eine Ansiedelung, an einen Gterkauf denken ....
    Nein, fuhr der Schlieer, der sich inzwischen besonnen hatte, fort, ein
Anderer wollte Sie dringend sprechen und wenn ich richtig gehrt habe, es soll
just kein feiner Herr gewesen sein und wenn mir recht ist, der Wirth sagte, er
htte ... rothe Haare.
    Hackert! sagte Dankmar. Wahrscheinlich mein davongelaufener Kutscher,
bemerkte er zu Egon hingewandt.
    Mit dem Bescheide, da dessen Nachfrage nicht viel auf sich htte, entfernte
sich endlich Pfannenstiel und lie die beiden Freunde allein, die ihm bei der
betroffenen Art, wie sie bei Erwhnung des Rothhaarigen sich anblickten und
gleichsam verstohlene Zeichen gaben, doch wieder etwas zweifelhaft vorkommen
muten. Er schien mit gutem Gewissen die Thr zuzuschlieen. So krftig klangen
die Schlssel, als wollte er sagen: Es ist doch besser, da ihr Beide da
festsitzt!
    Da sehen Sie nun, begann Egon, als die Schlssel des Wrters nicht mehr
hrbar waren, da sehen Sie, wofr ich hier gelte. Und doch wei ich nicht, ob
ich mich nicht freuen soll, wie schon alle Bande der Anhnglichkeit, die mich
bestimmen knnten, die Besitzungen zu behalten, gelst sind. Jener Amerikaner -
Ackermann nannten Sie ihn? - lobte den Boden. Nun wohl! Mir ist er nicht gnstig
und trgt keine Frchte. Man spottet meiner Mutter. Man sehnt sich neuen
Zustnden entgegen. Man gibt mich auf. Kann mich Etwas bestimmen, mich hier zu
entdecken? Kann ich wnschen, hier erkannt zu sein? Ein unendlich schnes
poetisches Verhltni, das mich in Frankreich fesselte, ist so elend entstellt
hierher gedrungen! Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt; bei mir,
den Niemand kennt, dessen Zge Keinem wieder einfallen, hchstens vielleicht dem
alten Grtner, wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gste nicht vielleicht
gemihandelt htten. O da ich mich entschlsse, diese Wechsler aus dem Tempel
meiner Familie auszutreiben! Wrde mir nicht Gehorsam geleistet werden mssen?
Knnt' ich nicht die Genugthuung haben, da ich oben auf dem Schlo erschiene
und Allen zuriefe: Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rathe euch, da
ihr Alle zum Teufel geht!
    Zorn hatte Egon ergriffen. Er stand mit leuchtenden Augen da und seine
schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs. Er ffnete das
Fenster und rttelte an den Stben, die fester saen, als Dankmar geglaubt
hatte.
    Und was kann ich anders thun, um hier zu entkommen, als mich zu entdecken?
fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmar's Schweigen fr Zustimmung
nehmend fort. Dieser Harder ist ein kniglicher Hofbeamter, sein Wort hier wirkt
allmchtig. Jedes Gutsagen fr mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen
scheitern. O fhl' ich da nicht jetzt pltzlich die alte feindselige Hand
wieder, die schon meine Mutter verfolgte? Es war doch wol keine Grille ihrer
erregten Einbildungskraft, da sie diese Harders fr die Erbfeinde ihres Glckes
erklrte ....
    Der Absicht, sich zu entdecken, stimmte Dankmar bei. Er wute selbst kein
anderes Mittel freizukommen, als da der junge Frst das Gedchtni der
Menschen, die ihn noch als Knaben oder Jngling hier gesehen haben muten,
gleichsam aufrttelte, sie auf Wiedererkennung seiner Zge lenkte und wenigstens
durch dieses uere Zeugni ergnzte, was ihm an Documenten fehlte.
    Nicht Jeder - sagte Egon lchelnd - nicht Jeder glaubt wie Sie, einer
Visitenkarte!
    Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mittheilung der Bitte, die er ihm hatte
stellen wollen.
    Wird sie sich ausfhren lassen! sagte Egon zweifelnd. Sie sind auf dem
Schlosse nicht bekannt ....
    Ich werde es heute Abend besuchen. Man lud mich ein, sagte Dankmar.
    Was hilft es, sagte der Frst; ich verlange von Ihnen Etwas, das Sie
verabscheuen werden.
    Sie stocken? ... Haben Sie kein Vertrauen?
    Ich verlange von Ihnen Dasselbe.. was ...
    Sagen Sie es, Prinz!
    Da Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen ...
    Noch immer dieser Scherz?
    Vergessen Sie nicht, da ein Dieb zu Ihnen redet!
    Wohlan! Redete er nur!
    Wenn Sie meine Bitte erfllen wollen, mssen Sie Das ausfhren, was mir
gescheitert ist, Wildungen!
    Was Ihnen unbedenklich schien, soll an meinem Gewissen kein Hinderni finden
....
    Dankmar sagte diese Worte klar und frei, fhlte sich innerlich aber doch
beklommen. Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit, mit der
Siegbert gerufen hatte: Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses
entfhrt und ihn Dir eigenmchtig angeeignet? Er gedachte sogar wieder der
Mglichkeit, da der Fremde nicht der Prinz, sondern nur ber ihn vollstndig
unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlat
werden knnte, einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen ....
    Der Gefangene sagte:
    Sehen Sie! Sie werden nachdenklich ... Ich verlange von Ihnen die rascheste
unbelauschte Aneignung eines Bildes!
    Eines Bildes? fragte Dankmar erstaunt.
    Eines Bildes meiner Mutter ....
    Als Act der Piett?
    Nicht die bloe Folge erwachter kindlicher Liebe ....
    Ich wrde diese Regung loben; aber warum ein gefhrliches Geheimni?
    Weil mit dem Bilde selbst ein Geheimni verbunden ist.
    Es ist zwei Uhr, sagte Dankmar, auf die Thurmuhr, die eben schlug, deutend.
Sie werden noch Zeit haben ...
    Ihnen mein ganzes Herz auszuschtten? Wohlan! sagte Egon, nahm wieder auf
dem schrgen Brett, das vielleicht fr die nchste Nacht seine Lagersttte
werden mute, Platz und fuhr, durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas
gestrkt, in seiner Erzhlung fort.

                                Sechstes Capitel



                                    Das Bild

Als ich in Lyon unterm Volke lebte, erzhlte der Gefangene, empfing ich noch
zuweilen, jedoch natrlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch
die gewohnten Mittel zu meiner frhern Existenz. Die Mutter blieb sich in ihren
christlichen Ermahnungen gleich. Da aber jeder Brief, den sie schrieb, mit einer
Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknpften Betrachtung endete, so
wirkte es nur wenig auf mich, als sie eines Tages mir wieder schrieb, ihre
Stunden wren nun gezhlt, sie wrde sterben. Ich sollte eilen, schrieb sie, auf
Flgeln der kindlichen Liebe eilen, sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges
letztes Vermchtni, das sie in ihrer Drftigkeit mir geben knnte,
entgegenzunehmen .... Sollte aber Gottes ewiger Rathschlu sie schon frher
abrufen, ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete, so wrd' ich
hinter einem Bilde, das ich wol kannte, einem gewissen runden Pastellgemlde aus
ihrer Kindheit, das sie selber darstellte, die Worte finden, die sie mir auf die
weite Bahn meines Lebens und an der Schwelle ihres eigenen zurufen msse,
gewichtige, inhaltschwere Worte.
    Dankmar, der jetzt das Geheimni des Diebstahls erkannte, konnte nicht
umhin, den Erzhler zu unterbrechen und unwillig auszurufen:
    Aber welch ein Platz! Welche Stelle, einen letzten Willen niederzulegen, der
hoffentlich nur in Betrachtungen besteht!
    Fr den Fall wichtigerer Mittheilungen doch nicht so bel gewhlt! sagte der
Erzhler. Da die Mutter von meinem Vater die feierliche Zusage empfangen hatte,
ein Jahr lang den ganzen Zustand Hohenbergs zu lassen, wie er bei ihrem Tode
gefunden wrde, dieselben Wohlthaten zu spenden, dieselben Diener zu
unterhalten, an der innern Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeste zu
verrcken, ja, auf dem Schreibtische die Feder so zu lassen, wie sie sie
niedergelegt htte in dem Augenblick, als die Todtenglocke ihr schlagen wrde;
jedes Buch, jedes Glas so zu lassen, wie es sein wrde, wenn ihr Auge brche
....
    Ah! Ah! rief Dankmar, Egon unterbrechend. Vergeben Sie mir, da ich meine
Empfindungen ausspreche. Ehre Ihrer Mutter! Aber welche fromme ...
    Coquetterie! sagte Egon schmerzlich. Aber dieser Beweis ist nicht so
triftig, wie mancher andere, wo Sie die Mutter schon vertheidigen wollten. Hier
hatte sie Grund zu solchen gesucht erscheinenden Anordnungen. Denn sie schrieb
mir, da sie diese Verfgung vom Frsten bewilligt erhalten htte, so wrd' ich,
selbst wenn ich versptet ankme, den Lebensschatz da unberhrt finden, wohin
sie ihn aus Furcht vor der Bosheit sndiger Menschen verborgen htte ....
    Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenschen? Geistliche? Notare? Advocaten?
sagte Dankmar, ber die Letztern selbst lchelnd.
    Auch Guido Stromern, dem Pfarrer, schrieb die Mutter, fuhr Egon fort, knne
sie dieses Testament nicht anvertrauen, denn man wisse nicht, ob die Furcht des
Herrn in ihm dann noch stark bliebe, wenn sie dahin wre. Sie htte zuviel Bume
sich herbstlich frben schon gesehen.. Zuviel wanken und scheitern, und sie
glaube nur an einen einzigen ewigen Frhling, wo das einmal Entbltterte wieder
ausschlge und wieder blhe im Lande der ewigen himmlischen Palmen. Das Bild,
das ich wohl kannte, beschrieb sie mir noch einmal und erwhnte das Geheimni
der ffnung. Ein starker Druck auf das Glas und die hintere Wand sprnge auf und
in einer Kapsel wrde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden, die Enthllung
eines Geheimnisses.
    Und Sie reisten nicht sogleich ab? fragte Dankmar gespannt und sich in die
Grille der sonderbaren und eigenthmlichen Frstin ergebend.
    Ich that es nicht, sagte Egon fast mit dem Gefhl der Beschmung.
Verurtheilen Sie mich deshalb nicht! Die Trgheit des Herzens ist wol eine der
sieben Todsnden, die nicht vergeben werden knnen. Dennoch war mein Herz damals
nicht trge. Es litt, rang, klopfte mit strmischer Bewegung in andern
Verhltnissen, als in meinen Beziehungen zu einer Mutter. Sagen Sie Dem, der
unter einer Brcke zu ertrinken im Begriff ist und mit der letzten Anstrengung
seiner Krfte gegen die Wellen rudert, er soll ein wildes Ro anhalten, das ber
ihm auf der Brcke sein Theuerstes schleife; er hrt wol den Hlferuf, aber kann
er mehr, als sich ergeben, die letzte Kraft verlieren und selbst untergehen? So
eingewachsen war ich in mein neues Leben, da ich das Absterben des alten dem
Tode berlassen mute.
    Eine Weile hielt Egon inne, dann fuhr er fort:
    Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mutter erfuhr, fand ich reichere
Mue, um sie zu weinen. Es waren Thrnen, die von einem andern Leide noch brig
waren und mit denen um dieses zusammenflossen .... Ich war mir eines Unrechts
bewut und fhlte, da sich das Schicksal wol die Klage der ohne mich sterbenden
Mutter gemerkt haben wrde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafr
strafen soll. Aber der alte Spruch, da Niemand ber seine Krfte hinaus Etwas
vermag, trocknete mir das nasse Auge und ich selbst sprach mich frei, wenn mich
auch irgend eine Nemesis verdammen wird.
    Ich kenne, sagte Dankmar, das strkere Gegengewicht nicht, das auf der
Wagschale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Hhe schnellte; aber die
geheimnivolle Andeutung ber das Bild der Frstin mute Sie doch veranlassen,
nach ihrem Tode wenigstens aufzubrechen und an Ort und Stelle von diesem und
manchem andern Nachlasse der Mutter Besitz zu ergreifen ....
    Auch Das versumte ich, sagte der Gefangene. Schtze konnt' ich keine
erwarten, nicht einmal gesammelte Sparpfennige. Meine Mutter, eine geborene von
Bury, besa schon anfangs wenig und von einem sptern mtterlichen Vermgen war
noch weniger fr mich die Rede. Eher noch hinterlie sie in Folge ihrer
unbegrenzten Wohlthtigkeit Verlegenheiten, die mein Vater abzuwickeln hatte.
Und da dieser mir vollends schrieb, da er den Tod der Mutter aufrichtig beweine
und sich eine heilige Pflicht daraus mache, ihrer letzten Anordnung zu folgen
und Alles ein Jahr lang unverrckt und unverndert in ihrem Sinne bestehen zu
lassen, ja immer, immer, mein theurer Sohn, schrieb er, bis dein alter morscher
Vater selbst zusammenbricht und du dann ber unsern Grbern zu Gericht sitzen
wirst, hoffentlich nicht zu streng, Junge -! Da mir der Vater so geschrieben
hatte, lie ich das Bild Bild sein und berredete mich: Was wird es enthalten?
Fromme Ermahnungen und ihren letzten mtterlichen Segen!
    Sie haben wol Recht! sagte Dankmar. In der That .... Ich glaube nicht mehr.
Dem Charakter der frommen Frau angemessen war eine solche letzte mtterliche
Ansprache an ein Herz, das sie nach ihrer Auffassung auf dem Wege der Verdammni
sah. Ein wirkliches Geheimni konnte sie an einer solchen Stelle nicht
niederlegen.
    Nicht anders dacht' auch ich damals, sagte Egon, und folgte, unbekmmert um
die Heimat, in der Fremde meinem Stern. Von Lyon fhrte mich dieser nach Paris.
Die groe Stadt, die ich zum ersten male sah, ergriff mich gewaltig. Im Gewhl
der sich hier durchkreuzenden Interessen fhlt' ich mich wie von einem Elemente
gehoben, das denn doch strker war als meine bisherige kleine Welt, die ich mir
in Lyon aufgebaut hatte. Sowie mir es damals war, mu es einem frh aus seiner
Heimat entfhrten Menschen sein, dem die Erinnerung an sie vllig entschwunden
ist und der, pltzlich in sie zurckversetzt, an den kleinsten Dingen, einem
Laute, einem von ihm beobachteten Kinderspiele sich auf ein altes Dasein
erinnert. O, mein Freund, ich wollte, ich htte damals in Paris diese lockende
Musik nicht verstanden. Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, das hhere
gesellige Leben fingen an mich pltzlich hinwegzufhren, wie eine anschwellende
Flut, von der Ebbe, wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieselsteinen und
Muscheln und Binsen ein Httchen gebaut hatte. Die groe Flut kam gewaltig ....
Sie verschlang die Htte und die Muscheln und die Binsen ... und mich warf sie
in Strudeln auf und ab, hoch zu allen weien Schaumkronen der Wogen empor und
wieder nieder in die ghnenden Schlnde, wo die Ungethme der See berrascht
entgleitend ihre misgestalteten Formen verbergen ... bis ich betubt niedersank
und erwachte - an dem frischen Hgel eines Kirchhofes. Es war wieder nicht der
Hgel meiner Mutter, auch nicht der meines Vaters. Es war ein anderer, mir nicht
minder heiliger ....
    Egon hielt eine Weile inne; dann fuhr er fort:
    Fast zwei Jahre waren in Paris so hingegangen. Ich war mehr Franzose
geworden als ich noch Deutscher blieb, verfolgte immer noch meine alten
populairen Neigungen, wenn auch in anderer Form, bis mich die Nachricht vom Tode
meines Vaters und sein letzter Gru, etwa in diesen Worten traf. Wildungen,
wollen Sie eine Probe vom Stile meines Vaters hren?
    O, sagte Dankmar, die Sprache des alten berhmten Kriegers, der mit den
Truppen in den kstlichsten Lakonismen sprach, ist gewi auch in diesem Falle
originell gewesen.
    Egon hob den Kopf empor, blickte auf die Decke des Gefngnisses und besann
sich.
    Er schrieb, soviel ich mich aus dem Gedchtni entsinnen kann, sagte er,
ungefhr so: Mein guter Egon, der alte Generalissimus da oben lt gewi
nchstens bei mir Appell blasen, und deinen Vater kennst du als einen guten
Soldaten, der, wenn die Trompete ruft, pnktlich auf seinem Posten steht. Da die
Reise weit ist, mein Junge, so nehm' ich viel Gepck mit. Mit Dem, was ich
zurcklasse, sieh zu, wie du fertig wirst! Du bist wenigstens der Frst Egon von
Hohenberg, Das fhrt dich immer noch gut ins Leben ein, wie mich leidlich
heraus. Wenn du Ursache haben wirst, manchmal zu wnschen, dein alter Vater
htte in dieser Welt bessere gute Freunde gefunden, als seine Glubiger waren,
so bemitleide mich! Schlurck sagte mir immer: Durchlaucht, Sie ruiniren sich
.... Ich sagte ihm: Canaille, Geld, aber keine Moral! Von dir nicht! Von euch
Allen nicht! Schlurck sagte auch: Durchlaucht, Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn!
Das war richtiger .... Aber darum sag' ich doch: Pass' dem Kerl auf die Finger,
Junge! Es bleibt dir noch genug, um bei Hofe manchmal mit vier Pferden
aufzufahren, bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deutschen
Weiber mit deinen Franzsinnen zu vergleichen. Da ich mit Freude gehrt habe,
da du solid geworden bist, wie mich Graf d'Azimont versichert, dessen junge
Frau du verfhrt hast, da du ferner deine verfluchten Muckerstreiche mit
Metierlernen, Hobelfhren und solche verrckte Angedenken an die Pension und
deine selige chre Mre aufgegeben hast .... Gott hab sie selig ... so zweifle
ich gar nicht, da du hier im Lande noch eine gute Partie mit Geld und Gtern
machst und unser Wappen ein Bischen neu vergoldest. Von deiner Mutter nochmals
zu reden, so nimm mir's nicht bel, mein Sohn, da ich in einem Anfall bler
Laune und schlechter Kasse ihre hohenberger Hinterlassenschaft in Bausch und
Bogen losgeschlagen habe. Die Harders sind eigentlich zunchst Schuld daran und
qulten mich um die Einrichtung. Pauline, die in ihren jungen Tagen, ich will
nicht wissen warum, deiner Mutter das Leben nicht gnnte, hat seit ihrem Tode
gethan, als wenn sie in Mama ihre letzte Freundin verloren htte. Kaum hatte
Mama die Augen zu, so kam sie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt
ihren ganzen Nachla, um ihn in ihrem neuen Landhause vor der Stadt
aufzustellen. Natrlich kuflich. Du weit, da ich vor einem Jahre nichts daran
rumen und ndern durfte. Als aber das Jahr um war, lieber Junge, kam sie wieder
mit dem alten Jammer um die edle Freundin, aber sie ist schlau dies Weib! Was
den Nachla anlangte, ber den wir um dreitausend Thaler schon einig waren, so
wollte sie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskosten fr die kniglichen
Lustschlsser ankaufen lassen. Sie wute es richtig so zu drehen, da der Hof
Wind bekam und in seiner mir immer bewiesenen Gnade gleich das Geld gab, das ich
gerade den impertinentesten meiner Manicher, den Hund, den Pfannenstiel -
brenne die undankbare Canaille im ewigen Feuer dafr! - zu befriedigen dringend
brauchte. Siehst du, Junge, so ging das Mobiliar zum Teufel! Jetzt aber noch
Eins! Weil ich nicht begreifen konnte, wie das weiland so bse Weib, die
Pauline, zu so schrecklicher Zrtlichkeit fr unsere Familie kam und mich
Schlurck, der berhaupt mit allen Hunden gehetzt ist, einfach und trocken
versicherte, die gute Geheimrthin frchte den geschriebenen Nachla ihrer
ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender
alter Geschichten dadurch ersticken, da sie die Macht bekme, auf Hohenberg
jeden Winkel zu durchstbern ... so hatt' ich, - lobe mich dafr! - die
Vorsicht, erst alle Schrnke ffnen und jeden Schnitzel Papier, der sich
vorfand, verbrennen zu lassen. Glcklicherweise fand ich nichts als das
Geschreibsel von allen Pfaffen der Erde an die Mama, an die sie das Geld verthan
hat, und an die Heidenbekehrer und Hottentotten noch dazugenommen. Ich war
dabei, als der ganze fromme Gestank im Kamin prasselte, und fast htten wir
Hohenberg damit in Brand gesteckt. Nun mag die Hexe, die Pauline, den Rest
durchstbern! Sie wird nichts mehr fr ihren Schnabel mit den falschen Zhnen
finden! Die Familienbilder, mein Sohn, versteht sich von selbst, sind von dem
Verkauf ausgeschlossen und bleiben dein. a commande le nom de la famille ...
Also, mein lieber Sohn, nun mach' ich dir Platz in dieser Welt, die gerade nicht
schlecht ist, wenn's kein Podagra und keine Wucherer gbe! Thu' mir die Liebe
und folge nicht berall meiner Spur, sie verlor sich manchmal ein Bischen ins
Holz, wo der gute Weg aufhrt und die Irrlichter zu plnkeln anfangen - aber -
duld' aber auch nicht, da Buben ber mein Grab springen, Hunde darauf u.s.w.
drfen! Mit einem Wort, bleib ein Cavalier, wie ich einer war, wenn's auf
Bravour ankam, und verstehst du, auf ein honettes Sentiment. Mein Sohn! Meine
Orden schickst du an die Herren Souverains zurck, die meine Brust damit
geschmckt haben. Es sind ihrer eine schwere Menge. Thu' Das mit Anstand und
feiner Etiquette! Vielleicht lt dir Einer oder der Andere so ein Kreuz oder
Band auf Abschlag fr knftige Verdienste gleich um den Hals zurck und sagt:
Ich wte keinen bessern Erben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn! Es fhrt
gut in die Gesellschaft ein und macht sich immer artig, wenn man, wie du, eine
Figur danach hat. Die Verdienste kommen schon spter. Sorge nur, ich bitte dich
darum, fr meine alten Pferde, fr meine Hunde und auch die Diener! Auch Das
noch: Wenn einmal Einer mit zerschossenem Bein kommt und sagt: Unter Ihrem Herrn
Vater Durchlaucht hab' ich bei Leipzig den Schu gekriegt, so lass' ihn, wenn er
auch lgt ... denn die Jungens sind Alle todt oder versorgt ... so lass' ihn
nicht ohne ein paar Groschen gehen! Hrst du? Das eigentlich groe Denkmal setzt
mir der Knig, mein guter Herr! Leb' nun wohl, Egon! Das ist mein letzter Brief.
Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquartier unter der Erde. Nimm meinen
Segen. Brauchst ihn nicht zu verschmhen. Ein Husar, der ehrlich stirbt, ist
doch so gut, wie ein Pfarrer. Adieu, mon fils! Pour jamais! Dein treuer Vater
Frst Waldemar von Hohenberg. Postscriptum: Verkauf getrost meinen ganzen
Nachla, aber die Uniformen la beisammen als Familienstck! Ich mchte, da Das
aufbewahrt bleibt. Vielleicht wird einer von deinen Jungens Soldat und lacht,
wenn erst die neuen Theatersoldaten zugeschnitten sind, lacht als Cadett ber
einen alten Generalfeldmarschall von ehemals. Dies entre nous! Zeige den Brief
Keinem vom Hofe ... verstehst du? Hte dich vor den Harders und thue Recht und
scheue Niemand! Adieu, mon fils!
    Als Egon diesen Brief aus dem Gedchtnisse fast wrtlich wiederholt hatte,
konnten sich Beide, so traurig die Veranlassung war, einer heitern Stimmung
nicht erwehren.
    Ich fhle denn doch, sagte Dankmar, wie in diesem martialischen Herrn, den
ich gar oft noch habe reiten sehen und dessen feierliches Begrbni die ganze
Stadt in Bewegung brachte, der Kern jener Gesinnung lag, die man die gute alte
deutsche nennt .... Was wollte er nur mit dem Postscriptum und dem Verbot des
Zeigens bei Hofe?
    Es ist das Postscriptum sptern Datums als der Brief selbst, erklrte Egon,
und offenbar in groem Unmuth geschrieben. Die Jugend dieser alten Haudegen fiel
in Zeiten, wo die Fackel des Kriegs durch ganz Europa loderte und an eine edlere
Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Glckes nicht zu denken war. Die
darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines
gefeierten Namens nicht trben knnen, aber nur zu bald stellte sich heraus, da
die Helden des Feldlagers Sitten nach Hause brachten, die ihrer hohen, Aller
Augen zugnglichen Stellung nicht entsprachen. Da sollte denn uerer Glanz,
vornehmer Prunk die innere Leere ersetzen. Im Widerspruch mit einem jngern
heranwachsenden Kriegergeschlecht, das aus Bchern und in einer stillen
Friedenswrme fr seinen Beruf sich bildete, machten jene alten Helden gerade
ihre wilden Sitten, Trunk, Spiel und Galanterie um so zgelloser geltend, als
der politische Horizont sich manchmal doch wieder zu umwlken und irgend ein
kriegerisches Zeichen am Himmel noch hervorzuzucken schien. Spter, wo die
bedenklichen Krisen der europischen Staaten friedlich verliefen und die alte
militairische Tradition sich immer mehr verlor, gewann auch die geistige
Richtung beim Militair so die Oberhand, da man die alten Helden des Lagers, die
Ritter vom Schwerte, nur noch aus Piett schonte und diese, um sich nur zu
behaupten, sogar auf Moderichtungen des Tages sich verlegten. Mein Vater soll in
seinem Bestreben, sich hoffhig zu erhalten und modern geistreich zu werden,
hchst komisch gewesen sein. Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum
Thee war, erzhlte man mir in pariser Cirkeln, schenkten ihm die Bedienten, die
dafr reichliches Trinkgeld erhielten, statt Thee Rum ein und whrend die junge
Knigin mit Bewunderung sah, welche artigen Sitten der alte Frst Waldemar
angenommen hatte, pries er so lange seine Vorliebe fr die von ihr protegirten
Migkeitsvereine, bis er unter irgend einem Vorwande sich still entfernte. Die
Zarten, Empfindsamen freuten sich, da wahrscheinlich das Gefhl der Wehmuth,
das am Hofe sehr cultivirt wurde, auch schon solche derbe Naturen bermannte.
Andere meinten aber, nur der Rum htte ihn bermannt, wieder Andere aber, die
ihn noch besser kannten, sagten geradezu, er ginge, weil ihm der Rum der jungen
Landesmutter zu schwach war, zur Prinzessin Ottokar, wo er eine gewisse
schrfere, weie Sorte Rum vorfand, die er vorzog und die ihm die bereits
unterrichteten Bedienten dort feierlich und schweigsam in den Thee gossen. In
den Cirkeln der Prinzessin Ottokar war man nmlich mit den Anfoderungen der
Armee vertrauter als bei der jungen Knigin, ihrer Schwgerin.
    O mein Gott! rief Dankmar, der ber diese Anekdote, die Prinz Egon mit
lchelndem Schmerze vortrug, nicht lachen konnte; wie wenig verdienen Sie die
Vorwrfe, die Sie sich jetzt zu machen scheinen, Prinz, Vorwrfe, da Sie von
solchen zerrtteten Zustnden fernblieben ....
    Sie knnen sich denken, fuhr Egon nach einer Pause fort, da ich nach dem
Tode meines Vaters nun doch nicht lnger in der Fremde verweilte. Es waren
Umstnde eingetreten, die mir die Rckkehr, die jetzt eine Pflicht der Vernunft
war, auch zu einer Trstung des Herzens machten. Ich betrat den deutschen Boden
und den unserer engern Heimat. Aber ein solches Grauen empfand ich, in das
Palais meines Vaters, so schn, so prachtvoll es ist, einzuziehen, da ich erst
in einem entlegenen Gasthofe abstieg und im Grunde nicht recht wute, was ich
nun eigentlich hier beginnen sollte. Es meldeten sich sogleich Haushofmeister,
Secretaire, Kammerdiener, Lakaien. Alles huldigte mir. Ich antwortete zerstreut
und planlos. Der Einzige, der mich in mein Eigenthum, in die zerrttete Lage
meiner mehr als zweifelhaften Besitzungen einfhren konnte, der Justizrath
Schlurck, war nicht zugegen. Ich erfuhr, da er in Hohenberg war. In Hohenberg,
mut' ich mir sagen! Und ich sagt' es nicht ohne Bitterkeit. Da kam mir ein
Gedanke: Hohenberg und das Bild meiner Mutter! Du sollst nun handeln, schaffen,
wirken: entledige dich zuerst eines Opfers der Liebe, rief es in mir, suche die
Grabsttte deiner Mutter und rette dir das Bild, wenn es noch mglich ist, und
das wichtige Geheimni, das es enthalten soll! Meines Vaters Diener erzhlten
mir, da das hohenberger Mobiliar soeben von dem Geheimrath von Harder in Besitz
genommen wurde.
    Ich erwhnte die Familienbilder. Man sagte mir, sie blieben die unsrigen,
aber erst mten - den Bedienten war alles Das so bekannt, wie den Herrschaften
selbst - auch diese wie alle Gegenstnde nach der Residenz gefhrt werden. Man
wute, da die Geheimrthin von Harder einen Antheil an dieser Procedur nahm,
den sich Niemand erklren konnte .... Mich ergriff nun ich wei nicht welche
Beklemmung. Die Worte des Vaters, seine Warnung vor den Harders kamen mir so
bengstigend in den Sinn, da ich mich rasch entschlo und theils um Hohenberg
in der Stille zu beobachten und mich fr meine knftigen Plane ber Behalten
oder Nichtbehalten vorzubereiten, theils um auf irgend eine Art das Bild meiner
Mutter mit dem pltzlich mir selbst geheimnivollen, vielleicht schon geraubten
Einschlusse zu retten, mich auf den Weg machte. Ich that es in einer
Verkleidung, die Sie kennen. Ich begegnete auf dem Heidekrug Schlurck, den
wahrscheinlich die Nachricht von meiner Ankunft schleunigst zurckrief. Wir
lernten ihn in seinem ganzen Leichtsinn kennen. Ihnen entdeckt' ich mich,
Wildungen, weil ich Sie liebgewann und mir denken mu, Sie werden mein ganzes
Leben hindurch mein Freund sein und bleiben. Sagen Sie mir's, aber aufrichtig!
Irr' ich mich?
    Dankmar reichte ihm gerhrt die Hand ....
    Diese festhaltend, schlo Egon mit den Worten:
    Ich habe es eine Weile bereut, diese Reise unter solchen Umstnden gemacht
zu haben, jetzt nicht mehr. Ich wollte erst zum Frster Heunisch, den wir auf
dem Gelben Hirsch gesehen hatten, mich dort zu erkennen geben und die Nacht bei
ihm bleiben. Ich blieb, um ihn zu erwarten. Ein altes widerliches Weib schreckte
mich ab ....
    Ursula Marzahn! sagte Dankmar.
    Marzahn? bemerkte Egon. Ist das die Frau des wilden Soldaten, der mich
schieen lehrte! Sie mu kindisch sein ....
    Was that sie Ihnen? fragte Dankmar erstaunt.
    Als ich warten wollte und mich fr einen reisenden Tischler ausgab, sagte
sie: Ich kenne dich wohl, du bist ein Tischler und machst Srge! Geh! Geh! Hier
ist Niemand zu begraben! Das schreckte mich doch. Ich mute ihre Art fr
wahnsinnig halten. Noch lange rief sie mir nach: Ich kenne dich! Ich fing an
mich zu frchten und lief fast. Es war mir als hetzte mich ein bser Geist, so
rannte ich durch den Wald vor dieser grulichen Alten, auf die ich mich ... ja!
ja! ... ich besinne mich, es war die schon damals alte Frau des jngern,
lderlichen Marzahn, schon damals verrufen als ein schlimmes, unfreundliches
Weib!
    Wo blieben Sie aber diese Nacht? fragte Dankmar theilnehmend.
    Da die Alte von den Todten gesprochen hatte, so fhrte es mich unwillkrlich
auf den hiesigen Kirchhof. Da sucht' ich erst das Grab meiner Mutter und fand es
in einem einfachen von einem goldenen Kreuz gezierten Mausoleum. Es war Nacht
geworden. Auf dem Schlosse oben sah ich erhellte Fenster. Ich hrte die Klnge
eines Flgels durch den stillen Frieden herber. Es war fremde Gesellschaft in
Rumen, die doch noch mir gehren! Unter dem Scheine einer Besprechung der
Glubiger geno man die Vorfreuden des knftigen Alleinbesitzes. Wenn ich in dem
Augenblicke, wo Alles der Freude und dem Scherz hingegeben, das Schlo zu
betreten wagte, die mir wohlbekannten Zimmer aufsuchte und jetzt gleich mit
eigener Hand das Bild rettete, das mir eine sterbende Mutter auf die Seele
gebunden hatte? Ich entschlo mich rasch und stieg hinauf. Die angefesselten
Hunde bellten nicht, sie schienen den lebhaften Verkehr im Schlohofe gewohnt.
Die Thren des Gitterwerks standen weit offen, obgleich es lngst die zehnte
Stunde geschlagen hatte. Den groen Eingang fand ich aber verschlossen. Nur mein
Klingeln htt' ihn geffnet. Dazu fehlte mir der Muth, die Fassung. Ich setzte
mich, umspielt von einem leisen balsamischen Abendwind, auf die Schwelle eines
der innern Fenstervorsprnge. Der Mondschein fiel auf die entgegengesetzte
Seite. Ich sa im Schatten und blickte zu den Sternen aufwrts. Hinunter sah ich
dann in die dunkeln Gebsche des Gartens, von wo der mir so wohlbekannte kleine
Wasserfall herbermurmelte. Ich hrte einzelne Worte des oben gefhrten
Gesprchs. Es schien mir fast, als sprche man von mir selbst. Ich hrte oft den
Namen meiner Mutter und fand diese Umkehr der Dinge, diesen Wechsel des
Geschicks so traurig, so jammervoll, so entwrdigend fr mich, da ich den Muth
zur That verlor und meine Gedanken hinausspann bis nach dem Genfersee und der
Rhone, wo ich solcher Abende ach!
    soviele erlebt habe, soviele, die mir im Angesicht der majesttischen
Gebirge und im Rauschen der Wogen hingingen wie jene Gebete, die meine Mutter
von mir in einsamer Kammer oder vor dem Altar einer Kirche verlangte ....
Endlich ging die Gesellschaft oben auseinander. Noch lachte und neckte sich
Alles beim Abschied und dem Herunterkommen von der groen steinernen
Haupttreppe. Man entfernte sich nach vorn, nicht durch den innern Hof. Hier und
dort wurde ein Fenster hell und verlosch wieder .... Wie in einem Gasthofe! Man
sah, da berall die Menschen sich wie huslich niedergelassen hatten. Endlich
wurde Alles still, alle Lichter erloschen, nur in den Zimmern meiner Mutter
schien noch der matte Schein des Lmpchens zu glimmen. Ich mute annehmen, da
sie bewacht wurden. Dennoch nahm ich meinen Entschlu wieder auf. Ich umging den
rechten Flgel des Gebudes. Ach! hier lag noch der kleine Kieselsand auf dem
Boden und knirschte unter meinen Schritten, hier waren noch die Stellen auf ihm
eingedrckt, wo sonst einige Orangenbume in groen hlzernen Gefen prangten.
Einer kleinen Seitenthr nherte ich mich, ich drckte darauf, auch sie war
verschlossen. Dann sah ich empor, ob ich nicht wagen knnte, hinaufzuklettern;
aber die Stuccaturvorsprnge der Mauer waren zu schwach. Sie wrden mich nicht
getragen haben, selbst wenn ich mich mit den Ngeln in den Kalk htte einkratzen
wollen. So konnte denn nur eine Leiter helfen und diese zu suchen entfernt' ich
mich. Wie ich so vorsichtig, geschtzt von den langen Schatten des Schlosses, in
der nchsten Umgebung hin und her sphe, hr' ich ein Knistern auf dem
Kieselboden. Aus dem Garten schleicht sich ein Mensch behutsam nher. Es war
hell genug, in ihm denselben kecken Burschen zu erkennen, mit dem ich Sie zuerst
erblickte, und der uns im Walde so pltzlich verlie.
    Hackert? fragte Dankmar.
    Derselbe Mensch mit dem rthlichen Haare, sagte der Frst, derselbe mit dem
hmisch lauernden Ausdruck der Augen, derselbe, der mich fr einen politischen
Spion hielt.
    Er wandelte im Traume? sagte Dankmar.
    Wie? antwortete der Frst, der diese Frage nicht ganz verstand. Im Traume?
Er war in einem vllig bewuten Zustand. Eine Weile stand er lauschend still.
Ich drckte mich hinter eine Karyatide, die eine der Fensternischen ziert und
folgte dann behutsam und sprte seinem Treiben nach. Er blieb, ringsum sphend,
in dem innern Schlohof. Wie er an einem der Fenster das Merkmal gefunden zu
haben schien, das er suchte, blieb er an der entgegengesetzten Wand im vollen
Mondscheine stehen und blickte unverwandt wie ein zweiter Ritter Toggenburg auf
jenes Fenster. Endlich regte sich etwas an dem von ihm beobachteten Punkte.
Vorhnge wurden zurckgeworfen und eine, wie es schien, jugendlich schne
weibliche Gestalt im Nachtkleide ffnete das Fenster. Kaum hatte sie einen Blick
in den Mondschein geworfen, als sie laut und mit Entsetzen jenen Namen rief, den
Sie vorhin nannten. Ja!
    ja! Hackert war es! Das Fenster wurde von dem lieblichen Wesen, das mich
selbst bezauberte, wie in der Eile der Angst zugeworfen, die Vorhnge fielen
zurck, der abenteuerliche Mensch lachte grell auf, polterte, lrmte, als wollte
er sich hrbar machen, und sprang pfeifend und singend wie besessen davon. Ich
eilte ihm nach. Er hpfte den groen Fahrweg hinunter. Ich folgte ihm zuletzt
mit Mhe. Zuweilen stand er ganz still und sprach laut lachend, sah sich um und
wiederholte mit kindischen Gebehrden seinen eigenen Namen. Unten aber wandte er
sich dem Walde zu, wohin ich ihm nicht folgen mochte, da ich pltzlich im Dorfe
lautes Sprechen hrte. Ich folgte diesem Lrm. Man schien im Pfarrhause laut zu
peroriren. Kinder schrieen. Als ich nher kam, war es still. Da gab ich denn fr
diese Nacht mein Vorhaben auf, blieb auf dem Kirchhof und warf mich unter dem
Vordache des Mausoleums meiner Mutter zum Schlafe nieder. Erstaunen Sie darber
nicht! Es ist nicht das erste mal, da ich unter freiem Himmel schlafe ....
    Ich wnsche, sagte Dankmar gerhrt, da in der heiligen Nhe Ihrer Mutter
Sie ein Traum beseligt haben mge, worin sie Ihnen die Palme des Friedens und
der Vershnung reichte ....
    Dieses Glck wurde mir nicht zutheil! sagte Egon. Ich trumte auf dem harten
Boden nur von jenem Bilde, das mich nicht mit der Zrtlichkeit einer Mutter,
sondern erst todt und kalt, dann immer hlicher, zuletzt in wilden Fratzen
anblickte, bald von Schlangen umringelt war, die es bewachten, bald sich in
einen derartig gewhnlichen Gegenstand verwandelte, da ich im Traume gelacht
haben mu. Ein mal war es ein zinnerner Teller, den die alte Brigitte in der
Hand hielt! Darauf war ich so ermdet, da ich ziemlich fest und lange schlief.
Als ich erwachte, fiel mein Auge auf den marmornen Sarg, der hinter dem Gitter
von einem Engel gehtet, in nicht bel ersonnener Architektur, vor mir stand. An
der Hinterwand las man die mit Gold eingegrabenen Worte: Kommt zu mir Alle, die
Ihr mhselig und beladen seid, ich will Euch erquicken! Erst sah ich neben dem
Kirchhof in einem freundlichen Garten, wo ich in der Nacht das laute, heftige
Sprechen vernommen hatte, den Pfarrer, Guido Stromer wahrscheinlich, den ich
nicht kenne, von Blumenstrauch zu Blumenstrauch gehen und mit sinnender
berlegung ein Bouquet zusammensetzen, das er wahrscheinlich nach einer
huslichen Scene zur Vershnung seiner Frau auf den Frhstcksteller legen
wollte .... Frhstck! Ich gedachte dabei meiner eigenen Nahrung und besann
mich, da ich ganz prosaischen Hunger hatte. Ich erquickte mich, die Ulla
entlang wandernd, in entlegenen Bauernhusern an frischer Milch. Da sah ich
pltzlich gegen neun Uhr einen groen Transportwagen zum Schlosse hinauffahren.
Der Gedanke: Noch ist es Zeit! elektrisirte mich. Ich fate wegen des vielleicht
noch zu rettenden Bildes einen letzten Entschlu. Entweder, dacht' ich, kannst
du dir noch glcklich durch Gewandtheit dein Eigenthum erobern oder du entdeckst
dich dem Geheimrath von Harder und machst diesem Maskenspiel ein Ende, selbst
mit Gefahr, seiner Gattin gerade das Bild zu verrathen, an dessen Besitz, wenn
sie das Geheimni kannte, ihr soviel gelegen schien wie mir. Ich komme aufs
Schlo, das Durcheinander und Lrmen der Diener begnstigt mein Vorhaben. Man
trgt einen Tisch nach dem andern, Sessel, Fauteuils, ja selbst das
geschmackvolle, gothisch geformte, auseinandergenommene Bett der Mutter in jenen
groen Wagen, bei dem der Geheimrath Wache zu stehen schien, wenn ich anders
eine hagere, mit Orden geschmckte Figur dafr halten mu. Bei einer solchen
Demthigung meines Namens mich zu entdecken - ich htt' es nicht vermocht. Ich
betrat das Schlo, erstieg die Treppe ... man sah soviel Menschen durcheinander,
da ich nicht auffiel. Ich gelange in die Zimmer meiner Mutter. Welche
Verwstung! Welche Zerstrung! Alles durcheinandergewhlt, Fetzen Papier auf der
Erde, die Wnde halb zerschlagen, die Kamine, wahrscheinlich vom Verbrennen der
Papiere, mit Ru und Rauch berzogen. Das war ein Chaos! Ich sehe Leute, die
packen und tragen ... ich schreite weiter, als gehrt' ich zu ihnen. Im
Schlafzimmer der Mutter hngen noch Bilder, mein eigenes Bild als Knabe. Das
Bild des Vaters, das Bild der Gromutter und ber dem Platze, wo das Bett stand,
ber einem Crucifix, das unberhrt hing, sehr hoch, still und schweigsam, ja
gespenstisch, das bezeichnete runde Pastellgemlde! Ich suchte nach einem
Sessel. Ich ergreife den ersten besten, steige in die Hhe, reiche nach dem
Portrait, hab' es in der einen Hand und fahre schon mit der andern ber die
Glasflche, als ich mich an den Fen gepackt fhle. Der Bediente, den Sie hier
sahen, reit mich hinunter, schleudert das Bild aus meiner Hand,
glcklicherweise auf nebenanliegende Betten, ruft Hlfe! Man umringt mich, der
Intendant mit groen dummen Schafsaugen mit mich auf zehn Schritte Entfernung,
weil er meine zornfunkelnde Miene frchtete, und befiehlt zitternd und bebend
meine Verhaftnahme .... Man packt, hlt mich, fhrt mich den Weg hinunter in
diesen Thurm, und nun sagen Sie, was ich anders thun kann ....
    Als sich eine Weile ergeben, Prinz! erhob sich Dankmar jetzt mit sorgloser
froher Bewegung, und von Ihrem Freunde Alles erwarten, was nur in seinen Krften
steht! Wie Sie ungekannt von hier entkommen knnen, wei ich noch nicht, aber
weder das Geheimni des Bildes noch Ihr eigenes drfen Sie preisgeben. Nach
dieser Behandlung ... nein, knnen Sie sich nicht entdecken! Niemals! Niemals!
    Ich fhle Das, Wildungen!
    Sie mssen fr immer auf diesen Tag einen Schleier fallen lassen und das
brige ...
    Das brige?
    Dankmar stockte und sagte dann nachdenklich:
    Ist es nicht wunderbar, da ich mit Ihnen durch das gleiche Schicksal
verbunden bin? Scheint es nicht ein Fingerzeig des Zufalls zu sein, der
scherzend die ernsten Missionen des Verhngnisses erfllt, wie wir so
zusammengefhrt werden durch eine hnliche, ja fast gleiche Aufgabe! Wie sich
mir an jenen Schrein eine groe Aufgabe knpft, die ich Ihnen einst
ausfhrlicher entwickeln werde, so verbirgt Ihr Bild ohne Zweifel Thatsachen,
die tief in Ihr Leben eingreifen und der Schlssel zu den dunkelsten
Verwirrungen werden knnen, die Ihnen noch fr Ihr Leben aufbewahrt scheinen!
Bedenken sie diesen verdchtigen Eifer einer Frau, die Ihrer Mutter Freundin
war, dann sie hate und sie nun auch im Tode verfolgt und jede Spur von ihrem
Dasein - Sie sehen es ja - vertilgen mchte.
    Was man von dieser Pauline Harder wei, sagte Egon ergriffen von der
Theilnahme des Freundes, ist nur zu sehr geeignet, ihren Schutz fr ebenso
allmchtig, wie ihre Verfolgung fr eine Hlle auf Erden zu erklren. Was
beherrscht sie nicht? Ich wei es aus den diplomatischen Kreisen in Paris. Sie
regiert durch die verzweigtesten Fden ihrer gesellschaftlichen Beziehungen
einen Theil der ffentlichen Meinung. Was hat sie nicht schon Alles unternommen!
Was nicht gefrdert und gehemmt! Wo nur eine Idee ins Leben treten soll, find'
ich ihren Namen, als Beschtzerin oder Gegnerin und grade, weil sie Denen eine
starke Macht verleiht, die sie aufsuchen, frcht' ich fr Die, die sie
vermeiden, umgehen wollen ... Eine Freundin von ihr, die Grfin d'Azimont ...
    Egon stockte.
    Sie nannten jene Dame, die Ihr Vater in seinem originellen Briefe erwhnte,
bemerkte Dankmar.
    Der junge Frst schwieg, fast verlegen. Dankmar schonte sein Gefhl, nahm
das Wort und sprach die Vermuthung aus:
    Ihre Mutter hat ohne Zweifel Erinnerungen ihres Lebens geschrieben; die
groe Welt frchtet ihren Wahrheitseifer. Das Gercht von Memoiren der Frstin
Amanda wird sich verbreitet haben, und diese, diese werden gesucht, vielleicht
Briefe aus alten Zeiten, die manches Geheimni enthllen. Geben Sie die
Eroberung nicht auf!
    Aber wie? sagte Egon. Ich bin gefangen und schon in diesem Augenblicke
vielleicht ist der Wagen gepackt, schon jetzt rollt er vielleicht der Residenz
zu und die genaueste Untersuchung eines vor Enthllungen zitternden Weibes
durchstbert jedes kleinste Theilchen seines Inhaltes und wird auch bald
entdecken, da die Rckwand des Pastellbildes auffallend stark, ja fast einem
Kstchen hnlich ist ...
    In der That? bemerkten Sie Das? sagte Dankmar.
    Aufs Deutlichste.
    Geben wir dann nur Eins nicht auf, rieth Dankmar. Das ist die Zeit! Jede
Stunde kann noch einen Gewinn bringen, jede Minute das Schlimmste abwenden. Ich
bin auf das Schlo geladen. Ich werde alle Fragen wegen meiner eigenen
Angelegenheit fallen lassen, da ich Ihr Zeugni habe, da Schlurck meinen
Verlust schon mit sich gefhrt hat. Sie und Ihr Interesse sollen mein einziges
Augenmerk sein. Ich werde horchen, ich werde forschen, ich werde mir irgend eine
Gelegenheit zu Nutze machen, Ihnen zu dienen; aber Sie mssen sich entschlieen
- so peinlich der Gedanke ist ...
    Wozu? sagte Egon, indem er Dankmar's, die kleine Zelle musternden Blicken
folgte; ... Sie meinen, ich mu den Gedanken an Freiheit fr heute aufgeben -
    Das ist es! sagte Dankmar. Nur um Zeit zu gewinnen, setzte er hinzu. Zeit,
sich der einen Sache, der im Augenblick wichtigern, widmen zu knnen. Warum soll
ich nicht das Gesprch auf dieses Bild fhren knnen, es nicht ansehen drfen,
warum durch den raschen Druck auf das schtzende Glas den Inhalt nicht zum
Vorschein bringen? Denken Sie sich diese berraschung! Ich wrde sogleich als
Jurist auftreten, ich wrde Beschlag auf diese Papiere legen, ich wrde sie
nicht eher aus der Hand lassen, bis ich nicht den Gefangenen aus dem Thurm
befreit htte, dem sie allein gehren, dem Prinzen Egon von Hohenberg!
    Wildungen! rief Egon, sprang auf und warf sich ihm an die Brust, indem er
mit strmischer, Dankmarn fast seltsamer Freude den Bruderku auf die Lippen
drckte. Wildungen! Sei mein Bruder!
    Dankmar, ablehnend, fast erstaunend, ungewohnt solcher Regungen in dieser
khlen Zeit, wollte scherzend erwidern. Aber Egon litt es nicht und sagte:
    Eine Vergleichung mit Posa und Carlos wre lcherlich. Ich habe kein Spanien
zu erben! Aber ein Posa bist du, Freund, wie wir, weit du, schon einmal
scherzten. Das Kreuz des Malthesers wrde deinen Mantel zieren, wie den
tapfersten Ritter, der fr das Grab des Erlsers focht ...
    Dankmar war erst erschrocken ber diese strmische, ihm doch etwas peinliche
Empfindsamkeit, dann aber betroffen ber diese Erinnerung an seine eigensten,
geheimsten Ideengnge ... dachte er an Siegbert, an Ackermann und den Knaben ...
und er htte sie gern in diesem Bunde gehabt, in diesem Bunde der Freundschaft,
der Liebe und des einen Geistes! ...
    Eben sagte Dankmar liebevoll und gerhrt:
    Egon! Gibt es denn noch Freundschaften in unserer Zeit?
    Egon wollte erwidern -
    Da hrten sie drauen den Riegel gehen. Der Schlssel im Schlosse drehte
sich und schon auf dem Vorplatz machte sich der Thurmhter vernehmbar mit den
Worten:
    Ich komme frher, als Sie mich rufen.
    Wie er die zweite Thr aufgeschlossen hatte und eintrat, reichte er Dankmarn
einen Brief hin.
    Der sonderbare Mensch, sagte er, der nach Ihnen in der Krone fragte, hatte
keine Ruhe und wollte Sie sprechen. Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht
herauflassen durfte, schrieb er diesen Zettel an Sie und hat ihn mit vier
Siegeln zugeklebt, als frcht' er, ich wrde seine Staatsdepesche lesen.
Eigentlich lass' ich mich da auf Sachen ein ...
    Dankmar nahm den Brief und erstaunte sowol ber die wunderbar schne, wie in
Kupfer gestochene Handschrift, wie ber die Adresse, die wrtlich lautete: An
den Ritter vom vierblttrigen Kleeblatt.
    Dankmar mute auflachen.
    Pfannenstiel sphte und fragte:
    Ist Das wirklich an Sie?
    Er mute wol glauben, hier hinter eine verzweigte Gaunerbande zu kommen, die
sich in einer eigenen Spitzbubensprache verstndigte.
    Egon las auch die Adresse und sagte:
    Aber Das ist ja erstaunlich! Da ist ja der Ritter Posa schon anerkannt und
von einem Schreiber - von einem Schreiber ... diese kupfergestochene Handschrift
kenn' ich -
    Sie ist von Hackert, der mich nicht nennen will! sagte Dankmar. Jetzt glaub'
ich wol, da er nicht die Peitsche zu fhren versteht. Das ist ja meisterhaft
geschrieben! Er wollte mich nicht mit Namen nennen, der schlaue Fuchs, und so
erinnert die Adresse an einige Errterungen, die ich mit ihm ber das Kreuz auf
dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte. Bester Pfannenstiel, der Brief ist an
mich ... und enthlt hoffentlich kein Gaunerlatein!
    Schlurck? sagte Egon und setzte leise hinzu:
    Alle Briefe, die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing, waren von
dieser nmlichen Hand geschrieben.
    Natrlich, sagte Dankmar ebenso. Hackert war Schlurck's Schreiber ...
    Und whrend noch der junge Frst seinen Erinnerungen ber diesen Gesellen
und sein nchtliches Treiben nachhing, erffnete Dankmar den Brief und las fr
sich.
    Betroffen fuhr er sich mit der Hand ber die Stirn, las noch einmal, lachte
dann, nahm rasch seinen Hut und sagte zu Egon:
    Nun keine weitern Errterungen mehr, Freund! Sie wrden - er sah auf
Pfannenstiel - hier nicht am Platze sein. Noch heute Abend oder morgen frh
hrst du mehr von mir. Ergib dich in dein Schicksal! Trume vom Genfersee, von
Lyon, von Paris, von der Zukunft und wenn du willst, von der Grfin d'Azimont!
Leb wohl!
    Und damit entfernte er sich wirklich zum groen Erstaunen des Schlieers,
der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechselte, ihm alle Bequemlichkeiten
versprach und dem Ritter vom vierblttrigen Kleeblatt folgte, den er unten an
der Thurmpforte zu finden hoffte. Dankmar war aber schon weit von dannen ...
Pfannenstiel schlo die Thr mit gewaltigem Schlssel zu. Er dachte doch wol:
    Wir haben einen curiosen Fang gemacht! Das Examen wird unserer Justiz viel
rger und Mhe kosten.
    Egon nahm aber den Brief, den ihm Dankmar in seiner eiligen, ihn fast
verwirrenden Entfernung zurckgelassen hatte.
    Er las:
    Ew. Wohlgeboren werden heute Abend auf dem Schlosse sein. Sollte die Rede
auf mich kommen, Fritz Hackert hei' ich, so knnen Sie Vieles von mir sagen,
was Sie wollen, selbst da ich Ihnen wie ein Esel erschienen bin. So etwas
schadet mir da nichts, weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe.
Aber, wenn Sie ein Mann von Ehre sind und Sie es gern hren, da ich auer einem
Wesen, das vielleicht kein Mensch ist, keinen Menschen in der Welt so lieb habe,
wie ... nicht etwa Ew. Wohlgeboren, sondern Ihren Herrn Bruder, der mich in
einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menschenliebe erquickte, so beschwr' ich
Ew. Wohlgeboren, sprechen Sie von mir auf dem Schlosse nie wie von Ihrem
Kutscher! Ich bin ein elender Mensch und kmpfe mit allen niedrigen
Leidenschaften eines jmmerlichen Kerls, der das Gute will, ohne die Organe
dafr zu haben, aber ich unterliege wenigstens nicht ganz, wenn ich mich hher
hinauf halte, als wohin mich ein grausames Schicksal geworfen hat. Erniedrigen
Sie mich da nicht, wo Sie heute wahrscheinlich sehr hoch stehen werden! Denn ich
mu Ihnen im Vertrauen mittheilen, da man im Orte unten und schon oben auf dem
Schlosse anfngt, Sie fr den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten, der im
Incognito hierher gekommen wre, um sich vom Zustande seiner Gter zu
unterrichten .... Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus bester Quelle
geschpfte Misverstndni Spa. Ich wnsche, da Sie Ihren Schrein gefunden
haben. Noch einen Rath: Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Lasally! Dies unter
uns! brigens nochmals: Nicht Kutscher! Ich nenne Sie nicht, wie Sie heien,
sondern wie die Aufschrift lautet, weil es Sie vielleicht unterhlt, das
Vorurtheil zu benutzen und auf dem Schlosse einige Stunden lang den Frsten Egon
von Hohenberg zu spielen! Etwas vom Teufel haben Ew. Wohlgeboren doch auch im
Leibe oder sind wenigstens ein Mensch, der mir vorkommt, als knnte er mit der
ganzen Welt Fangball spielen!
    Aus diesen zwar rasch, aber ebenso in der Rechtschreibung sicher wie in der
Kalligraphie bewunderungswrdig correcten und gefllig geschriebenen, ihm in den
Hauptsachen aber dunklen Worten, ersah Egon sehr wol den Grund, warum Dankmar
pltzlich laut auflachte und rasch einen Entschlu fassend, so auerordentlich
muthig und fast drollig aufbrach. Mit dem heitern und erwrmenden Gefhl,
vorlufig einen wahren Freund gefunden zu haben, ergab er sich nun ruhig in ein
Schicksal, das durch die Aussicht, wol gar von Dankmar Wildungen jetzt auf dem
Schlosse vertreten zu werden, an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher
Verwirrung noch gewonnen hatte.

                               Siebentes Capitel



                                Der Doppelgnger

Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirth
gesagt hatte, es gbe tglich Gelegenheit, Briefe zu befrdern, schrieb er aus
Rcksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlngernden Aufenthalt an
seinen Bruder Siegbert Wildungen:
    Lies den Ariost, theuerster Bruder, und du wirst eine Vorstellung von
meinen gegenwrtigen Schicksalen haben! Htte jener fabelnde Snger den Zug der
Argonauten geschildert, die auszogen gen Kolchis, um das goldene Vlie zu holen,
ich wette, seine Erfindungen wrden den Abenteuern gleichen, die ich wirklich,
ich sage wirklich erlebe. ber mein goldenes Vlie sei vorlufig beruhigt! Ich
glaube, da es in sicherer Hand ist. Willst du ein briges thun, so besuche den
Justizrath Schlurck und zeig' ihm an, da er keine Schritte thun mchte, den
Eigenthmer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu
entdecken. Er wrde in der Person deines liebenswrdigen ihm schon bekannten
Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen. Auch Peters beruhige und
erfreu' ihn mit der Nachricht, da ich Bello mitbringe, leider nur mit einem
solchen Bein, das sich wird heilen lassen, wenn man es noch einmal zerschlgt.
Dies Hundeleid, lieber Bruder, ist das einzige Herzeleid dieser Hohenberg'schen
Reise! Sonst rste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung, wenn ich
anfange dir zu erzhlen, was hier schon Alles hinter mir liegt, noch mehr, was
bevorsteht. Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene
Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern berhellen Tagen trumerische
Mrchen und unglaubliche Fabeln. Ich sage dir, Horatio, es gibt mehr Dinge im
Himmel und auf Erden, als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich trumen
lassen. Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird, dann sagt man
vielleicht: es war gewhnlich! Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen,
fragwrdigen Umstnden der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen, hat es
etwas von Prospero's Insel. Ich wnschte, du shest, wie ich in meinem Elemente
pltschre! Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und
vernnftigen Bruder nur, um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor
Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens. Fge nur getrost hinzu: Er wird
das Traurige haben, da ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit
vielen trben Stunden werde bezahlen mssen. Aber Das ist hoffentlich das
einzige Aber an meinem heutigen frohen Glauben. Zhme deine Neugier und
erwarte nichts Gewhnliches!
    Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden, Bruder, hchstens
manchmal knstlich, ach gar, gar zu knstlich eine derbe Posse, wie sie
Policinell mit der Pritsche und mit Prgeln im Kirchweih-Kasten spielt. Heute,
lieber Junge, erlebt' ich Dinge, die, wenn du willst, dem Sommernachtstraum
angehren, den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust, seinen verzauberten
Eselskpfen, seinen herablassenden kritischen Knigswitzen und besonders dem
Elfenspuke und ihrem die schmachtende Sehnsucht erweckenden Augenbalsam - auch
wir verwandeln uns und werden verwandelt, Bruder, und wir wissen wol, Prinz, was
wir sind, aber nicht, was wir sein werden ... Hamlet-Ophelia. Meine Gleichnisse
erschpfen sich. Du siehst, mein Junge, ich wollte gern in Deiner Sprache reden.
Ich wollte gern deinen Dsseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen
treffen. Was wrdest du fr gebeizte Augen machen, wenn dich Das trfe, was ich
schon Alles hier sah und sehen werde, und wie wrdest du dir vorkommen? Ich she
dich, Siegbert, umwunden von Blumen, mit einer Krone auf dem Haupte ... Elfen
umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher, der so etwas nur gemalt und
gedichtet sich denken kann, strubst dich vielleicht gar und sagst zu den
neckenden Baumnymphen: Meine Damen! Ich bitte, bitte Sie instndigst,
inkommodiren Sie sich nicht! Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode,
der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochlblichen
Kunstverein den Ankauf eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet; ich
bin ein realistisches Wesen geworden; lat mich, ihr schnen Frulein mit blauen
Krnzen in dem Haar und dem Maaliebchen auf der Brust, lat mich in Ruhe;
unsere Schule trumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender
Salondamen, edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen. So hr' ich dich, du
blder, schnder Vernnftling! Aber es wrde dir gar nichts helfen. Die Frulein
von der Wiese im Mondschein wrden dich auslachen, dich kichernd verfolgen:
Schaut! Schaut! Der strubt sich und will nicht der Sohn des Knigs Phantasus
sein! Der kennt uns nur aus Bchern und Bildern und wei nicht, da wir seine
Schwestern sind! Ach, ich wette, du schmst dich dann doch, Bruder, in der Kunst
immer khn und im Leben so bedchtig zu erscheinen, du fngst doch mit den
kleinen Creatrchen zu tanzen an im Mondenschein unter den Sternen, die - siehst
du denn Das auch jetzt des Nachts? - so schwer und voll wie Traubengehnge auf
dich niederlangen, und du nimmst auch das funkelnde Krnlein, das dir in grnen
Livreen die Kammerherren der Mondfrulein, die Eidechsen, mit schwnzelnder
Hflichkeit prsentiren! Leider bist du nun aber nicht hier und deine
Sommernachtstraum-Rolle mu ich spielen, so gut ich kann, wenn auch nimmer so
wrdig, wie du! Und noch Eins: Erzhl' ich dir einst meine Hohenberger
Erlebnisse - ein Einst, das sich in drei Tagen hchstens erfllen wird -, so
setz' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn,
wie du sie gerunzelt hast im Pelikan unter dem Apfelbaum, als ich in feierlicher
Stunde bei Froschgequak, Johanniswurmleuchten und beim Duft eines
erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im
Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungen'schen Recesse und
Cessionen erzhlte; jammre mir etwa nicht und lamentire ber gewagte,
unglaubliche, ungesetzliche Dinge und stell' dich nicht wieder, als wolltest du
eine Anstellung haben als officieller Pinsel, Constablerhutlackirer oder
Criminalmaler, der die Verbrecher malt, die man in effigie verbrennt! Ich sehe
nicht ein, warum die Komdie der Irrungen nur auf der Bhne gespielt werden
soll. Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete? Die Sonne nicht
berechtigter als eine llampe? Kann ... ich sage kann ... hrst du? Kann der
Acteur jemals stocken, der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und
sich dabei, wenn nicht an die Regeln des Aristoteles, doch an smmtliche Regeln
des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons hlt (Harmonie der
Handschuhe, der Cravatte und der Weste), und sich nur Eines als freie Muse
ausbedingt, die himmlische, mrchengeborene, traumbeglckende, se
Unwahrscheinlichkeit! Siegbert! Siegbert! Ich bestreite es dir mit dem
bereinstimmenden Zeugni aller Elemente, aller Jahreszeiten, aller Krebs- und
Nicht-Krebs-Fischerei-Monate und aller himmlischen Zeichen des Thierkreises ...
ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen fnf Sinne, die doch die
gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urtheils sind ...
    Die Welt sieht nicht so aus, wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses, wo
es nur Zeitungen, Kellner, Fidibus, Cigarren und klappernde Dominosteine gibt!
Ich bestreite dir, da Coak-Gas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das
Finsterste. Wie ... o wie wnscht' ich, da ich - manchmal du wrest ... Wie
wnscht' ich, da du zuweilen spazieren gingest aus deiner knstlichen,
gemachten Phantasterei heraus und vor den Thoren die Romantik erlebtest, die du
nur zu malen verstehst! Reie dich los, Bruder, von der classischen
Walpurgisnacht deiner Anschauungen, wo nur theoretische Schemen und Larven dich
umtanzen, nur alte Weiber, aufgeputzt mit Phrasen, beim Klitschklatsch der
Theelffel-Imagination, die Zaubereien bewundern, die du mit Hlfe der
Bcher-Nekromantik, mit Hlfe der grauen Theorie und des sthetischen
Hllenzwanges aus dem Boden der Trompetta'schen, Museburg'schen, Harder'schen
Salons steigen lssest ... wirf die Fesseln ab, die dich an diese tapezirte Welt
des Scheines bindet, strze dich ins Rauschen der Begebenheit, in die immer
offenen Arme der Natur und Geschichte, wo du allein erwarmen und nur etwas
Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst, auch wenn ihn der flammende
Ketzerrichter des Geschmacks und rothe Kunstvereins-Cardinal Propst Gelbsattel
verwirft. Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder, sonst ein passives
Meisterstck der Schpfung, heut' aber ein activer Stmper im Wettkampf mit dem
groen Michel Angelo des Lebens, genannt: die Gottheit.
    Wie Dankmar diesen tollen Brief berlas, that es ihm doch fast leid, da
eine so scherzhafte Absicht, die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte,
zuletzt in eine ernste Wendung bersprang, die seinen Bruder vielleicht
verwunden konnte. Er berlas ihn daher nochmals und voll Besorgni. Doch lie er
ihn, wie er war, schlo ihn, siegelte mit einer Krone, dem Wappen des
Kronenwirthes, und legte ihn getrost zum Absenden zurecht. Er htte ja nur,
sagte er sich entschuldigend, auf sein altes Thema spielend angestreift, das ihn
im Gesprch mit dem Bruder schon so oft ergriff. Er htte ihn ja nur wieder
aufgefordert, sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als
natrlichen Begeisterung fr seine Kunst. Siegbert's Geschmack schien ihm
zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedrfnisses zu sein. Alle
Anspielungen Dankmar's auf Meister William und die Elfen, auf Ariost und die
Abenteuer, auf Goethe und die Gespenster waren kleine Spttereien auf Siegbert,
der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr
gefiel. Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft, wenn Siegbert in vornehme
Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhrte den Vorlesungen ber Kunst
und Poesie, die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren, besonders als
noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton
angab und Alles um sich versammelte, was in Wissenschaft und Kunst glnzend
hervortrat ... Mag er's nehmen, sagte sich Dankmar, wie er's immer genommen hat!
Als Anregung zur Selbstprfung oder Gelegenheit, mich eines Bessern zu belehren
und ihn um Verzeihung zu bitten.
    Mit diesem Briefe, mit den Erzhlungen des Wirths ber Hackert's ngstliches
Forschen, mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch im
Stall, endlich mit der nicht leichten Aufgabe, aus seiner beschrnkten
Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegliges herzustellen, verging die
Zeit bis zur sechsten Stunde. Endlich setzte er den wohlausgebrsteten, von
Staub gereinigten weien Castor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel
seines Zimmers, dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der
eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab, der sich in ihm erkennen wollte.
Diese Fragmente sagten Dankmarn, da er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen
gleich war. Er hatte sogar eine gewisse hnlichkeit mit ihm, nur da sein
brunliches Haar heller, gelockter, das schlichtere kurzgeschnittene Egon's
dunkler war. Sein kleines Stutzbrtchen kleidete ihn zierlichst und die klugen
Augen funkelten so unternehmend, da sie wol dem Zuge von Ironie und Schalkheit
an den Mundwinkeln entsprachen, der Hackerten bestimmen konnte, mit soviel
Respect von dem Manne zu reden, der ihn, ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug
gesehen, so krftig im Zaume hielt. Gewhnt, sich immer gut zu halten, konnte
Dankmar keinen Ansto nehmen, sich so wie er war auf dem Schlosse zu zeigen.
Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst gesucht, ihre Einladung nicht
erwartet. Sein zerknittertes Halstuch bgelte ihm die Magd frisch auf. Leicht
schlang er es um den Hemdkragen, der ihn am meisten beunruhigte, wenn man nicht
die Blicke, die er auf seine Handschuhe warf, noch besorgter nennen will.
Indessen sagte er sich:
    Bin ich oben Dankmar Wildungen, so bin ich auf dem Impromptu einer Reise
begriffen. Bin ich Prinz Egon, so hab' ich noch den Vortheil voraus, als
Tischlergesell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communisten
zu spielen, das heit, mit einer groartigen Verachtung des uern Luxus meine
geheimen Plne untersttzen zu knnen.
    Als Dankmar zum Schlosse gegen Abend hinaufstieg, war es ihm unangenehm, da
er merken konnte, er vertriebe fr heute die gewohnten Gste. Einige Damen
schritten an ihm vorber und betrachteten ihn zwar hchst neugierig, aber
misgnstig. Dankmar kannte nur zwei, die Eine, die ihm noch die freundlichste
war, die Pfarrerin, die duldend und nachgiebig schien, und die Andere, die im
vollen Staate befindliche aber zornglhende Frau Justizdirektorin von Zeisel,
die Dankmar's Gru hchst spttisch erwiderte.
    Himmel, dachte Dankmar, du erregst schon Misgunst, statt Theilnahme. Das ist
kein guter Anfang! Und noch schlimmer, da Niemand an mein Incognito glaubt.
Hackert hat gelogen. Keiner denkt daran, mich als etwas Geheimnivolles zu
bewundern.
    Weiterhin rollte ein Wgelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an
ihm vorber und gleichfalls den steilen Berg hinunter. Eine Dame mit zwei Herren
saen darin. Alle Drei lorgnettirten ihn. In dem jngern erkannte er den
Stallmeister Lasally, von dem er oft einen Gaul gemiethet hatte, ohne indessen
mit dem schroffen und etwas unzugnglichen Herrn selbst in Berhrung zu kommen.
Er warf Dankmarn einen entschieden verchtlichen Blick zu und musterte ihn von
unten bis oben, soda sich Dankmar fast beleidigt fhlte.
    Unentschlossen, ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte, hrte er
sich von einem andern ausfliegenden Gaste angeredet, von einem Manne, in dem er
den Pfarrer erkennen mute. Diesem schien die Abweisung am allerverdrielichsten
zu kommen. Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen, als er dem
Gnstling des Abends begegnete ...
    Sie sind erwartet, mein Herr, sagte Stromer. Man mu Sie glcklich preisen,
mit Frulein Melanie den Thee trinken zu drfen ...
    Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging der erzrnte, fast verwirrte Mann
vorber.
    Dankmar wute nicht, wie ihm geschah. Er kannte alle diese Menschen nicht,
in die er so pltzlich wie ein brennender Schwrmer hineinfuhr und die er zu
ihrem rger auseinandersprengte! Der Geistliche schien ihm vollends die
Besinnung verloren zu haben. In seinem Auge lag etwas Irres. Er bersah sehr
rasch, da diese Gste heute sich wie tglich von selbst eingefunden hatten und
mit der Bitte begrt worden waren, sie mchten entschuldigen, da sie diesmal
nicht gebeten wrden, den Abend ber dazubleiben, da ein der Familie Schlurck
sehr werther Fremder sie aus mancherlei Rcksichten allein in Anspruch nhme ...
Wenn Dem so war, so durfte er darin eine hchst feierliche Vorbereitung erkennen
und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht ber seine Person oder
eine Hackert'sche Flunkerei. Als ihm aber dann doch der alte Herr, der ihn
eingeladen hatte, auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte, die
Herrschaft wisse ihm fr die Annahme seiner Einladung den grten Dank, als
Dankmar sah, da man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte, konnte er
nicht umhin, ganz aufrichtig zu sagen:
    Ich bin berrascht, mein Herr, wie die Reise, die ich zur Wiederauffindung
eines mir sehr werthvollen Eigenthums machen mute, mich in eine so freundliche
Berhrung mit der Familie des Mannes fhrt, dem ich ohnehin schon, wie ich
zufllig unterwegs im Heidekrug erfuhr, die Rettung meines Verlustes verdanke.
    Bartusch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge, rusperte sich und bat
den Gast, er mchte, er bte sehr darum, des Schreins, von dem auch er schon
gehrt htte, keine Erwhnung thun. Die Wiederauffindung desselben wre zufllig
mit Umstnden verknpft, die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen
hervorriefen ... Gedanken, die sie doch lieber nicht wecken wollten. Es thte
ihm leid, darber dunkel bleiben zu mssen.
    Eine so geheimnivolle uerung mute Dankmar's Neugier eher steigern; doch
fgte er sich gern der sonderbaren Bitte, die einen Gegenstand betraf, ber
welchen er sich jetzt vollkommen beruhigen zu drfen glaubte.
    Auf dem Schlohofe trafen sie dann den groen Transportwagen des
Intendanten.
    Welch ein Ungethm! rief Dankmar. Das ist ja kein Wagen! Das ist ein
wandelnder Salon, in dem man tanzen knnte ....
    Bartusch erklrte ihm mit lauerndem Blicke die Bestimmung dieses groen
Behlters.
    Doch nicht Alles schon gepackt? fragte Dankmar dringend.
    Zum grten Theil, antwortete Bartusch, berrascht von dieser Frage. Noch
heute Abend wird Herr von Harder abreisen. Zwei Gendarmen sind ihm vom Landrath
als Begleitung zur Verfgung gestellt ...
    Dankmar schttelte rgerlich den Kopf, blieb stehen und ffnete die
Hinterthr des Wagens.
    Derselbe Bediente, den er im Thurm gesehen hatte, sa vllig aufrecht wie
ein Wchter auf den sehr geordnet zusammengestellten Mbeln und grinzte ihn
boshaft an ...
    Lieber Himmel! uerte sich Dankmar lachend zu Bartusch, zwei Gendarmen? Wie
streng wird Das hier genommen! Es scheint, als wenn in Plessen die Justiz viel
zu thun hat. Die arme Blouse im Thurm leidet darunter.
    Ihr hat, wie mir der arme Mensch erzhlte, ein Bild gefallen, weil es nicht
wie die Andern glnzend, sondern nur wie mit buntem Staub gemalt ist. Er wollte
sich diese Art zu malen genauer betrachten und - Gehen denn die Familienbilder
auch schon in die Residenz?
    Die letzte uerung Dankmar's wurde von ihm so hingeworfen, um ihre Wirkung
zu beobachten.
    In der That war aber diese Wirkung nicht gering. Bartusch ri die Augen auf,
richtete sich in die Hhe und zweifelte keinen Augenblick, da eine solche
uerung nur von dem Prinzen selbst oder dem intimsten Vertrauten desselben
kommen konnte.
    Die Vermuthung, da der im Thurm Sitzende ein Jger oder Kammerdiener des
Prinzen Egon war, stand lngst bei ihm fest.
    Leider, sagte Bartusch, hat der Vorfall von heute frh den Geheimrath so
alterirt, da er nun auch smmtliche Bilder sogleich in den Wagen tragen lie!
    Smmtliche Bilder? sagte Dankmar, unangenehm betroffen.
    Allerding's! fuhr Bartusch lchelnd und fein fort. Ich zweifle indessen
nicht, da sich der Monarch ein Vergngen daraus machen wird, nicht nur, wie
ausdrcklich bedungen ist, alle Familienbilder zurckzustellen, sondern auch den
jungen Prinzen durch manches andere werthvolle Andenken an seine Mutter zu
erfreuen. Was die Administration der Masse thun kann, um alle diese
Verwickelungen angenehm zu lsen, alle diese herrlichen Besitzungen beisammen zu
lassen und dem jungen Frsten an ihnen Freude und Gewinn zu sichern, wird gewi
geschehen. Es ist viel von der Vergangenheit gut zu machen, aber bei einigem
guten Willen von Seiten Derer, die hier zu fodern haben, und bei Kraft und
Ausdauer von Seiten Derer, die wol fr den Augenblick verlieren mssen, lt
sich fr die Zukunft mancherlei wiederherstellen.
    Dankmar nickte beifllig. Die wohlgesetzten Worte gefielen ihm an und fr
sich schon. Dann aber an die Bilder sich erinnernd, warf er einen schmerzlichen
Blick auf den groen bewachten Wagen, von dem sie sich nun entfernten und
unterdrckte den Seufzer nicht, der Bartuschen auszudrcken schien, als wollte
er sagen: Sie sprechen gut, aber Ihre Wnsche sind vergebens!
    Mag er ihn in diesem Sinne nehmen, sagte sich Dankmar, der trotz der
Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Muth nicht verlieren wollte;
mag er denken, ich bin der Prinz! Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin, was
thut Das hier!
    Still jetzt bei sich berlegend, was sich nun wol noch wagen und unternehmen
liee, folgte er dem Fhrer ber die groe steinerne Treppe, die in den ersten
Stock ging. Einige hbsche Mdchen betrachteten ihn neugierig und sehr pressirt,
einige leichtfertige Bediente mistrauisch. Vom Intendanten entdeckte er nichts,
obgleich sein Blick in die Reihe der Zimmer fiel, die Se. Excellenz mit so
strenger Consequenz ausgeleert hatten. Er hoffte nicht, da auch der Geheimrath
zu den abgewiesenen gehrte. Diesem noch begegnen zu knnen, schien ihm
unerllich. Bartusch ffnete eine hohe Saalthr. Dankmar durchschritt einige
Gemcher, bis er endlich in dem von Melanie eigens zu seinem Empfang
vorbereiteten Flgel- und Eckzimmer eintrat.
    Die beiden Damen, die sich ihm heute ganz allein widmen wollten, waren schon
zugegen ....
    Melanie's seit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachsene, durch die
abschlgige Mittagsantwort nur gesteigerte Spannung war denn nun endlich gelst.
Die Erfllung ihrer Sehnsucht stand vor ihr. Sogleich erkannte sie die in der
That treffende hnlichkeit dieses Besuchers mit jenem Siegbert Wildungen, der
ihr soviel Aufmerksamkeit, Verehrung und Liebe zollte, und sogleich begann sie
von diesem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schnheit, ihre reizende
Toilette und die in ihm geweckte Voraussetzung, der Bruder htte ihm doch lngst
von ihr erzhlen sollen, was nicht geschehen war, in eine Verlegenheit, bei der
er sich verwickelte und sich nicht sogleich fassen und sammeln konnte. Das traf
denn allerdings rasch mit einem schlauen blitzschnell zugespielten Winke
Bartusch's zusammen und in glcklichster berraschung wisperte Melanie bei einer
leichten Wendung des Kopfes der Mutter zu:
    Es ist der Prinz!
    Dankmar gehrte zu denjenigen jungen Mnnern, die frh unter Frauen und
Mdchen sich tummelnd dem Reiz des andern Geschlechts, den es so berwltigend
auf unreife Neulinge ausbt, schon abgestumpft haben. Siegbert floh in seiner
ersten Jugend aus Schchternheit die Frauen und erlag deshalb spter um so mehr
ihrem Reiz und fast jeder vertrautern Annherung. Dankmar dagegen hatte schon
als reifender Knabe gebildeten Frauen im Gesprche sozusagen standgehalten,
kleine Liebschaften mit jngern gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig
vor der zauberischen Gewalt des Weibes. Aber diese Melanie blendete ihn doch.
Und wie sollte sie's nicht in dem weien, sich aufbauschenden Kleide, das sie
umflutete wie eine leichte Wolke? Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht
doch fast nichts als sie selbst! Sie selbst in der plastischen Schnheit ihrer
Formen, im Ebenma ihrer leicht behenden Glieder, im frischen Ton des Incarnats,
dem man von Dem, was unverhllt sich zeigte, ahnend ins Verborgene folgte.
Melanie besa heute noch mehr Anziehung als je; denn sie hatte warten, sich
sehnen, sich vor sich selbst demthigen mssen. Diese Sehnsucht malte sich in
ihren Augen, die feuchter als sonst strahlten. Auf der kleinen, edlen Stirn und
an den hohen, frei leuchtenden Schlfen lag ein Ernst, der ihr sonst fremd war.
Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren, da sie
heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein mute. Wie malte sie sich
nicht den Tag ber aus, was sie Alles vom Prinzen schon wute und noch im Laufe
des Tages erfuhr! Wie verlor sie sich in Mglichkeiten der Zukunft! Wie
berdachte sie die Abenteuer, die schon von dem Prinzen alle erzhlt wurden! Wie
natrlich fand sie diesen geheimnivollen Besuch auf einem Schlosse, das er mit
seinem wahren Namen nicht sehen mochte, um nicht vor Denen gedemthigt zu
werden, die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte! Wie hatte sie diese
Glubiger im Laufe des Tages verspottet, wenn sie rechneten und maen, ob sie
wol vorziehen sollten, selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr
Deficit ruhig zu ergeben! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch fr heute
zurckgewiesen, um dem unglcklichen jungen Frsten die Demthigung zu ersparen,
Menschen zu sehen, zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters
gemacht hatte! Bartusch hatte die grte Mhe gehabt, diese Ablehnungen so
hflich wie mglich einzukleiden ...
    Dankmar, seine bedenklichen Handschuhe allmlig ganz unbelauscht ausziehend,
begann mit Entschuldigungen ber seine Garderobe, die nur fr eine pltzliche
Geschftsreise eingerichtet wre ...
    Als er dafr von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen
hatte, sagte er:
    Meinem Bruder mu ich die bittersten Vorwrfe machen, da er mich von dem
Glck einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat, die er mir vielleicht nicht
gnnte. Seit wann kennen Sie ihn?
    Seit einigen Wochen, erwiderte Melanie ... unglubig lchelnd und mit den
Augen blinzelnd, als mte sie sich beherrschen, nicht laut in Lachen
auszubrechen.
    Dann entschuldigt ihn, sagte Dankmar, meine lngere Abwesenheit. Finden Sie,
da wir uns hnlich sehen?
    Erstaunlich, sagte die Mutter. Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus grern
Gesellschaften, die wir gaben, erinnerlich, allein meinst du nicht, Melanie -
die Augen - ich meine die Augen -
    Warum nicht gar! sagte Melanie. Es ist eine groe hnlichkeit da, aber der
Ausdruck und die Art ist eine vllig andere. Von den Augen zumal, Mutter, darfst
du nicht reden. Siegbert's Augen haben einen schnen frommen, leuchtenden Glanz;
entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost, auf dem ich und Herr Siegbert
verspottet sein sollen? Man erkennt die verklrte Stimmung einer nur zu regen
Begeisterung bei ihm, aber die Ihrigen, mein Herr, sind etwas unheimlich, etwas
bs; man mchte ihnen kein Vertrauen schenken ....
    Dankmar bedankte sich fr eine Rge, die doch nichts als eine coquette
Schmeichelei war. Das Gemlde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt. Ein
Gemlde, auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wren? Sein Bruder
verspottet? Verspottet von dem ihm wohlbekannten, Siegbert befreundeten
Leidenfrost? Darber verfiel er in eine wahre, gar nicht erknstelte
Verlegenheit und wute nicht, was er dazu sagen sollte.
    Die Justizrthin, diese Verlegenheit vollkommen durchschauend, nahm das Wort
und entschuldigte den so kleinen Cirkel, mit dem man ihn begre. Sie htte ihn
anfangs fr menschenscheu gehalten. Man htte ihn hier und dort allein
lustwandeln sehen; zum Schlosse empor htte er nie blicken mgen ... so wre es
gekommen ... da ...
    Sie lieben die Einsamkeit, unterbrach Melanie die ehrliche Mutter, die nicht
gut Komdie spielen konnte. Es ist bekannt, Mutter! Herr ... Herr ... Herr
Wildungen sind ein Einsiedler.
    Dankmar mute sich im Stillen sagen, da bei ihm gerade das Gegentheil
stattfand; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst, sich die
schwermthige Miene zu geben, die Melanie's Ausspruch voraussetzte ...
    Als er lchelnd verlegen niederblickte, sagte Melanie rasch:
    Kennen Sie den Prinzen Egon?
    Den Prinzen? - Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne
berlegung.
    Wie, fuhr Melanie elektrisirt auf, Sie kennen Jemanden, den Niemand kennt?
Wo ich gefragt habe: Wer ist Prinz Egon? Wie ist er? Wo ist er? Nirgend hab' ich
eine klare und deutliche Antwort bekommen. Es ist der Mann der Sage, der
Anekdote, der Fiction. Und Sie wollen ihn kennen?
    Dankmar fhlte wol, da er sich hatte fangen lassen. Aber einmal im Netze,
beschlo er, das Netz auch nicht mehr zu zerreien und lieber von der
Mglichkeit, ihn selbst fr Egon zu halten, die Vortheile zu ziehen, die sich
ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten wrden.
    Es ist zu weitlufig, sagte er, Ihnen zu erzhlen, wo ich den jungen
unglcklichen Erben dieses Frstenthums kennen lernte, aber ich kenne ihn.
    Melanie bi sich, um nicht zu lachen, auf die Lippen. Sie errthete und
sttzte sinnend das Kinn auf ihre Arme, die sie im Schoo zusammenlegte. Von
unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer, das gleichsam zu sagen schien:
Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert, ich froher Schmetterling, aber von
allen Huldigungen, die ich empfing und als Siegerin zurckwies, knnte mich
keine mehr zur Sklavin machen, als die deinige, du schner, mnnlicher,
liebenswrdiger Schalk ....
    Wird der Frst in der Residenz wohnen? fragte sie dann, sich allmlig
sammelnd.
    Er wird in der Residenz wohnen, sagte Dankmar bestimmt.
    Also behlt er das herrliche Palais seines Vaters? fuhr die Mutter neugierig
und schon ermuthigter fort.
    Das Testament bestimmt es so. Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht
entziehen, sagte Dankmar.
    Das Palais soll wunderschn eingerichtet sein, forschte Melanie.
    Unter den brennenden Kronenleuchtern, erwiderte der kecke, bermthige
Dankmar, unter den Blumen und Lichtern, deren Widerschein sich in den Spiegeln
des Pavillons bricht, wird er der Vergangenheit gedenken.
    Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben.
Das Quiproquo fing an, ihm Vergngen zu gewhren. Er dachte sogar: Wartet nur,
ich will Euch fr Eure Eitelkeit, Eure Genusucht, Euer irdisches Behagen
strafen ....
    Melanie sprang auf. Sie konnte kaum zweifeln, den jungen Frsten vor sich zu
haben. Rasch, aber ihrer Empfindungen vllig Herr und jetzt sich wol htend, die
strmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen, sagte sie mit spottendem
Humor:
    O liebe Mutter, sieh, hier geht der Tisch auseinander! Man wird eine Einlage
machen mssen! Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel! Der gute Prinz soll ein
Tischler sein ... hoffentlich hat er es so weit gebracht, einen solchen Schaden
zu heilen. Er wird hier viel zu thun bekommen. Ich mchte nur wissen, ob er sich
bei uns einen Gewerbeschein lsen wird ....
    Hannchen Schlurck, die Mutter, sah bald zu Melanie strafend, bald zu
Dankmarn bittend und hchst verlegen hinber ....
    Dankmar aber fate sich sehr rasch und bemerkte in vlliger Ruhe:
    Mein Frulein, diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser. Er
nimmt zwei eiserne Krammen, macht sie glhend und schlgt sie, gerade whrend
sie glhen, hier an den Ecken - der Tisch erlaubt es, da er ja nicht immer
bedeckt ist - so ein, da sie im Holze selbst abkhlen. Verstehen Sie? Die
Abkhlung zieht dann die beiden Tischbltter allmlig zusammen. Erkaltend werden
die Eisen kleiner.
    Melanie lachte laut auf und klatschte in die Hnde.
    Das ist symbolisch zu verstehen! rief sie. Das ist das Bild einer guten
vernnftigen Ehe, liebe Mutter. Die Abkhlung durch die Vernunft, sagtest du ja
immer, ziehe nur um so enger zusammen. brigens, Herr von Wildungen, Das werd'
ich dem Maler, meinem Freunde Siegbert Wildungen, erzhlen. Er wird erstaunen,
einen Schlosser zum Bruder zu haben. Ha! ha! ha! Ihr klugen Mnner!
    In dieser Art tndelte sie fort. Ihre Neckereien galten Allem, was man vom
Prinzen Egon wute, und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par dpit in
demselben Doppelsinne. Was er im Thurm erfahren hatte, kam ihm dabei zustatten.
Er gab ber Egon's Plane so grndliche Auskunft, wies so entschieden jede
Aufklrung ber die Art, wie er dessen Bekanntschaft gemacht htte, zurck, da
Melanie allmlig wirklich vorsichtiger wurde. Die Vorstellung, fr diesen bei
allem Unglcke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer
Leidenschaft ergriffen zu werden, machte ihr bald das Herz beklommen. Die Folgen
waren so unabsehbar, die mglichen Verwickelungen viel ernsterer Natur, als sie
den kleinen Tumulten ihrer Gefhle bisher gestattet hatte.
    Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein.
    Dies war ein Zeichen fr die Mutter, sie allein zu lassen. Die ngstliche
Frau, die von Bartusch's Andeutungen ber Schlurck's nchtliche Wanderungen noch
nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte, auch in dem Erscheinen
des Prinzen auf Hohenberg kein fr die Angelegenheiten ihres jetzt von der
Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte, lie das jugendlich schne,
leichtsinnige Paar allein. Bediente brachten auf den Zug einer Schelle fr
Melanie einen leichten berwurf von blarother Seide, rings am Rande mit den
feinsten schwarzen Spitzen besetzt. Bei der Art, wie sie im Garten diese
Mantille trug, htte man glauben sollen, sie wre mehr bestimmt gewesen, von der
Schulter herabzufallen, als sie zu bedecken. Denn Dankmar konnte sie nicht oft
genug ber den schnen Bug des Rckens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft
genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen, bis sie sie zuletzt gewaltsam
griff und wie einen altdeutschen Radmantel ber die eine Schulter warf und unter
der andern sie mit beiden Armen ohne Rcksicht auf die Falten zusammenprete.
    Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Frstin, die nun
ganz leer waren, wie Dankmar zu seiner groen Betrbni bemerkte. Unten spottete
er mit wirklichem Zorn ber das Ungethm des Wagens und ereiferte sich gegen den
Geheimrath, der aus einem Fenster etwas steif grte.
    Ich halt' ihn jetzt fr meinen Feind! sagte er zu Melanie, die ihm mit
neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den
kleinen Roman erzhlte, den sie mit diesem gewissenhaften Manne aus Langerweile
angesponnen htte ...
    Denken Sie sich, sagte sie, als sie in den Garten traten und sie beim
Hinabsteigen von den kleinen Stufen und hgelartigen Abdachungen sich zuweilen
auf Dankmar's Arm sttzte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen ber die
Arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkrlich fhlen lie; denken Sie
sich, da ich entdeckt habe, wie man dieser hlzernen Exeellenz beikommen kann,
um sie lcheln zu machen! Ich versuchte es mit vielen Huldigungen, aber er blieb
ungerhrt. Endlich bemerkte ich, da es die gtige Natur freundlicher mit ihm
gemeint hatte, als er es verdiente! Trotzdem, da er Alles in Allem genommen ein
Esel ist, hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf
gesetzt. Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im Staate vor mir so
klein geworden, da er jetzt, weil ich ihn nicht erhrend aufhob und in seine
natrliche Hhe richtete, mit mir boudirt. Er bildet sich ein, ich wre Mitglied
einer Verschwrung gegen seine Wrde und Amtsehre, die ihm deshalb sehr schwer
zu behaupten wird, weil die Natur nicht gewollt zu haben scheint, da er etwas
Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters.
Denken Sie sich, dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa!
Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz, der in der That, wie Themis es
ganz sein soll, halb blind ist und nur noch Hunde, Katzen, Affen, Raben und ein
herrliches Geschpf liebt, das sich Anna, nicht Pauline von Harder nennt, seiner
gutmthigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt, sondern weil es ihm selbst,
dem Sechziger, ein gar kindlich rhrendes Aussehen gibt, noch in seinen Jahren
von einem Papa zu reden. Wissen Sie denn, bester Wildungen, da Der, der schn
sein will, immer eine hliche Folie neben sich haben mu und da die alten
Coquetten gar zu gern von ihren Mttern sprechen?
    Ich lerne Weltkenntni von Ihnen, Frulein Melanie, sagte Dankmar zu dem ihn
plaudernd unterhaltenden Mdchen. Aber welche Verschwrung erwhnten Sie da?
Erzhlen Sie doch! Jener Auftrag, den der Geheimrath hier mit brutaler Strenge
vollzieht, interessirt mich ....
    Melanie, die im Stillen dachte: Das wollt' ich meinen! fuhr fort:
    Ich hatte bereits die schnste Toilette zu unserm durch sie verunglckten
Diner gemacht und dem Geheimenrath zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen, als
ich ihm selbst eine in den Zimmern der Frstin machte. Ich wollte jenes Portrait
sehen, von dem es hie, da es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen
gefallen htte ....
    Wohnten Sie der Scene bei? fragte Dankmar gespannt.
    Nein, antwortete Melanie. Vor rohem Lrm flieht eine Furchtsame wie ich bin,
und doch bedaur' ich, da ich nicht in den Hof hinunter sah, als man einen Mann
fortschleppte, der doch sehr leicht, wie Bartusch vermuthet, ein verkleideter
Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte. Sie werden Das besser wissen, wie
ich, denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Thurme ein Tte  Tte gehabt?
    Es brannte Dankmarn auf der Zunge, mit seinem Anliegen offen hervorzutreten,
sich entweder diesem klugen Mdchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn
des Misverstndnisses weiter zu gehen. Melanie durfte eine Antwort, eine
Aufklrung ber den Gefangenen erwarten. Sie sah ihn forschend an. Dankmar
schlug in ganz natrlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer
Pause:
    Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe ... der
Prinz kann wol Ursache haben, jenes Bild vor den Trdlern zu retten. Es ist
mindestens das Bild seiner Mutter!
    O welche lieblichen Zge! sagte Melanie mit Innigkeit. Wie htt' ich das
Bild mit Kssen bedecken mgen! Die herrlichen braunen Augen! Die edle Stirn!
Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes. Wissen Sie, wen
ich mir so denke, Prinz?
    Nun? sagte Dankmar gespannt und die Anrede: Prinz! vor Erwartung ganz
berhrend.
    Prinz? ... wiederholte sich Melanie fast erschreckend im Stillen. Sie
staunte, da er diese Anrede so ruhig geschehen lie und nichts erwiderte, als
drngend noch einmal: Nun? Nun? Wem sieht das Bild hnlich?
    Ich denke: der Grfin d'Azimont! sagte Melanie mit gezogenem Tone und wandte
sich rasch, als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten, den dieser Name auf
ihn hervorbringen wrde.
    Dankmar kam aber in der That in Verlegenheit. Er hatte den Namen der Grfin
d'Azimont im Thurm nennen hren, wute auch, da ein franzsischer Attach einst
in der Residenz so hie und die Grfin jedenfalls eine Schnheit war, weil sie
sonst Egon's sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht, wie es schien, wrde
unterbrochen haben; aber es blieb doch die reinste Natrlichkeit, als er ganz
unbefangen fragte:
    Was wollen Sie mit der Grfin d'Azimont?
    O Sie Schelm! sagte Melanie, den Finger aufhebend. Sie wollen den Prinzen
Egon kennen und wissen nicht, was mir die Excellenz erzhlte, als sie mit dem
grten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben, um es in
den Wagen zu tragen? Die Excellenz war erschrocken sogar ber ihre eigene
Unfreundlichkeit. Excellenz, sagt' ich, ich wre im Stande, Sie an einem Ihrer
kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen. Wie knnen Sie mich so abscheulich
anfahren? Er sprach ein Kauderwlsch durcheinander von gefhrlichen Intriguen
und hhern Befehlen und endete dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen,
damit, da er sagte, dies Bild der jungen Frstin Amanda erinnere ihn sehr an
die Geliebte des Frsten Egon, die Grfin d'Azimont?
    Dankmar lchelte, aber bedeutsam ....
    Zum Glck, fuhr Melanie wie eiferschtig fort, zum Glck ist diese schne
Dame verheirathet. Ich bemerkte Das schon Herrn von Harder. Sie lebt in Paris,
setzte er plaudernd hinzu, um mich zu zerstreuen und das alte Vertrauen wieder
zu gewinnen. Lebe sie wo sie wolle! Sie verderben mir die Freude an diesem
Bilde, sagte ich.
    Er misverstand meinen Unmuth, glaubte, ich neckte ihn und lie mich die
Folter ausstehen, da er mir nach Tisch, er nahm Ihre Stelle ein, in einer
Fensternische Dinge sagte, wie sie Prinz Egon der Grfin d'Azimont nicht
feuriger vortragen kann. Alles Das kommt von Ihrer Grfin, die in Paris
vergessen hat, da sie verheirathet ist! O gehen Sie, Wildungen, mit Ihrer
leichtsinnigen Grfin d'Azimont!
    Frulein ...
    Ja, ja, Sie .... Schmen Sie sich solcher Verhltnisse ....
    Welcher?
    Eine verheirathete Diplomatin! Gewi ist sie sehr schn, aber auch gewi
sehr intriguant! Gewi sehr coquett! Ich habe das Schlimmste von der Grfin
d'Azimont erfahren .... Und wenn sie nun gar der Frstin Amanda gleicht, kann
ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken.
    Ich mu gestehen: Sie haben die Phantasie dafr! sagte Dankmar.
    Gleichviel! Sie mgen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den
gtigen Schpfer .... Wenn die Grfin d'Azimont dem Bilde gleicht ... ich tadle
sie doch .... Die Nase auf dem Pastellgemlde war nicht schn.
    Dankmar mute ber diese Wendung lachen. Melanie boudirte knstlich .... Er
war entzckt von der Coquette-rie des eiferschtigen Mdchens.
    Mit halb knstlichem, halb natrlichem rger und von einer Eifersucht
gefoltert, als wenn sie alle die Menschen, die sie doch nur dem Namen nach
kannte, leibhaftig schon vor sich she, hpfte Melanie fort.
    Dankmar ihr nach ....
    Melanie sprang Stufe von Stufe die Terrassen herab bis zu jenem griechischen
Tempel hinunter, der einen so stillen Fernblick in das waldige Gebirge und die
unterhaltende Nhe der sich hier kreuzenden Wege erlaubte. Melanie war so
geeilt, so hastig an der alten, eben von dem kranken Grtner kommenden und
kopfschttelnd stehenbleibenden Brigitte vorbergeschritten, da sie auf eine
Bank des Pavillons niedersank und Dankmarn das schne Schauspiel ihrer
mchtigsten Erregung bot. Den berwurf hatte sie im raschen Gehen und dem
Herabspringen von den Stufen, eine zweite Atalante, um ihn aufzuhalten,
unterwegs fallen lassen. Er mute auch, whrend sie lachte, innehalten und ihn
aufheben; jetzt schlug er den berwurf ber den Nacken und die wogend sich
hebende Brust. Auf der Erde suchte er eine groe goldene Nadel, die gleichfalls
ihrem Haar entfallen war und die zurckgesteckten Locken gehalten hatte ...
    Lassen Sie nur, sagte sie und strich sich die Haare hinters Ohr, wo sie
nicht halten wollten, und von der einen Seite nach vorn fallend, ihr einen
schwrmerischen Ausdruck gaben ...
    Lassen Sie nur! ... Sie mssen mir jetzt sagen, fuhr sie nach einer Weile,
whrend sie Dankmar glckselig betrachtete, gesammelt fort; Sie mssen mir jetzt
sagen, wie die Grfin d'Azimont das Haar trgt. Ich will gar keine knstliche
Frisur mehr tragen, bis ich nicht wei, wie diese abscheuliche Coquette sie
trgt ....
    Dankmar war in der That von der Liebenswrdigkeit des Mdchens, das sich in
den gewagtesten Capricen gefiel, bezaubert ....
    Gehen Sie doch, theure Melanie, sagte er unternehmend und sich ihr zur Seite
niederlassend; gehen Sie doch mit diesen Erinnerungen. Diese Zeiten sind
vorber. Egon hat sich dem Vaterland zurckgegeben. Er wird es lieben, trotzdem
da es ihn so unfreundlich begrt. Sie haben Recht, auch der Intendant gehrt
zu seinen Feinden und wenn Sie versprechen knnten ....
    Ich verspreche nichts, sagte Melanie und meinte doch das Gegentheil.
    Eben wollte Dankmar sich zu einer Erklrung zusammennehmen, als er
aufhorchen mute. Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen
schien an sein Ohr zu dringen. Er stand auf und beugte sich ber die Balustrade
des Pavillons. Von Randhartingen her sah er die zwei Gendarmen reiten, die
wahrscheinlich den Transport des Mobiliars schtzend begleiten sollten. Die
beiden Schnurrbrte grten militairisch und wandten sich dem groen Aufgang zum
Schlosse zu.
    Die gewaltigste Unruhe folterte Dankmarn. Schon sah er alle seine Hoffnungen
vernichtet, schon den Preis der Rolle, die er hier, wenn auch ohne Mhe, doch
zur Qual seines Wahrheittriebes durchfhrte, seiner Hand entwunden.
Unwillkrlich stand er da wie Jemand, den ein Geheimni pret, zu dessen
Entdeckung er gern von einem prfenden Blick in das Auge Dessen, dem er sich zu
vertrauen im Begriffe steht, ermuthigt werden mochte ....
    Was haben Sie? fragte Melanie, diesen Zustand nachfhlend.
    Wann reist der Intendant ab? fragte Dankmar entschlossen.
    Noch heute Abend!
    Er, der Sie liebt, bewundert, ... trennt sich sobald?
    Da ich ihn ber Das, was er heute in der Nische zu mir sprach, ausgelacht
habe, noch heute Abend ....
    Er kann sich trennen? Von Ihnen, Melanie? Von Ihnen, die Sie Alle zu
fesseln, Alle zu bezaubern verstehen ....
    Er kann's und hofft morgen Abend in der Residenz zu sein ....
    Nein, nein, er bleibt! Er bleibt, weil er die Schnheit bewundert, er
bleibt, weil er nichts frchtet, als ...
    Er frchtet Alles. Wie Sie sehen, diese Gendarmen hat er sich vom nchsten
Landrath erbeten, weil er frchtet!
    Sie sehen daraus, rief Dankmar, da die Entfhrung dieser Angedenken an eine
unglckliche Frau, die man noch im Tode verfolgt, ein Act der Gewaltthat ist!
Jenes Bild, das Sie in Hnden hatten, das der Gefangene im Thurme sich aneignen
wollte, ist mir ber Alles, ber Alles werth und theuer. Es enthlt das
wichtigste Geheimni einer edeln Familie! Wir mssen es besitzen. Sagen Sie ein
Mittel, es zurckzuerhalten!
    Ich erstaune! erhob sich Melanie mit verklrtem Blick, unendlich erfreut und
tiefgefesselt. Sie sind also nicht durch Zufall hier? Sie hatten eine Absicht,
verlangen Vertrauen zu Ihnen und erwidern es nicht einmal Denen, die nicht zu
Ihren Feinden gehren, mag auch die Stellung des Frsten Waldemar zu meinem
Vater noch so schwierig gewesen sein! Warum sagten Sie nicht sogleich offen -
    Ich gestehe Ihnen Alles, unterbrach sie Dankmar! Himmlisches,
liebenswrdiges Mdchen! Melanie, einer Gttin gleich! Wenn ich Ihnen sagen
wollte ...
    Schweigen Sie jetzt! rief das hocherglhte Mdchen rasch und zeigte
verstohlen nach dem Eingang des Pavillons hinter sich. Ich will Ihr Vertrauen
erwidern; flsterte sie. Nur jetzt nicht, jetzt nicht, Durchlaucht ...! Wir sind
nicht allein.

                                 Achtes Capitel



                         Das Geheimni der drei Kugeln

Lasally, Herr von Reichmeyer, der unvermeidliche Guido Stromer, Lasally's
Schwester und Madame Pfannenstiel traten hinter dem Gebsch hervor und wollten,
wie sie Melanie und den Fremden allein erblickten, umkehren, als frchteten sie
lstig zu fallen. Sie hatten von ihrer Unterhaltung nichts gehrt, wol aber,
nach ihrer Rckkehr von einer Spazierfahrt und im Dorfe sich vereinigend, das
schne Paar im Auge behalten und beim Lustwandeln im Garten, der auch von unten
her dem Kundigen zugnglich war, so gethan, als wrden sie Denen nur zufllig
begegnen, die, wie sie wol sahen, ungestrt zu sein wnschten ....
    Man that nun, als wollte man sich gegenseitig nicht hindern, und verwickelte
sich gerade deshalb absichtlich in ein lstiges Gesprch. Um ja nichts zu
sprechen, sprach man. Die Gegend, das Wetter, zuletzt sogar die Zeit und ihre
Verwirrung mute den Stoff hergeben, Reden zu wechseln, bei denen man die
Absicht, sich nur zu schrauben und auszuhorchen, schlecht verdeckte .... Wer war
dieser Fremde? Es peinigte Alle.
    Lasally schien in eigenthmlicher Unruhe. Er hielt sich fr einen der
bevorzugtesten Verehrer Melanie's der sich Hoffnung machen durfte, sie immerhin
nach mancherlei flatterhaften Abirrungen zuletzt doch wol noch zu gewinnen. Die
Gelegenheit, seine Schwester hierher zu begleiten, untersttzte seine Bewerbung.
Auch Reichmeyer wnschte, um Eugen's Finanzen geordnet zu sehen, glcklichen
Erfolg .... Lasally schien es Ehrenpflicht, sich jetzt an Melanie zu halten. Er
strte absichtlich.
    Dazu noch die geldstolze Einfalt der Pfannenstiel und das unruhige
Geisthaschen des Pfarrers, dem durch Melanie offenbar eine Verzauberung gekommen
war, die ihn aus seinem bisherigen Murmelthierschlafe zu einem nochmaligen
Lebensversuche - Beides Ausdrcke von ihm selbst - wecken sollte ...
    Melanie, aufgeregt durch das Band des Geheimnisses, das sich eben mit dem
bedeutendsten Manne, der ihr je begegnet war, knpfen wollte, litt entsetzlich
unter der Pein dieser Strung. Diese Fragen, die da aufgestellt wurden, wie
lstig waren sie nicht! Melanie wurde vor Zorn sogar boshaft, gab schnippische
Abfertigungen, hatte aber das Unglck, dadurch die Eitelkeit umsomehr
anzustacheln. Froh war sie, als Dankmar wenigstens eine dieser kichernd
Zudringlichen mit der Bemerkung abtrumpfte und entfernte, da er bei dem Namen
Pfannenstiel aufhorchte und an den Wchter des Thurms und den Amtsboten gleiches
Namens erinnerte. Die Tochter des frhern, Schwester des jetzigen Wirths vom
Gelben Hirsch gestand diese Verwandtschaft mit Errthen ein, sammelte sich aber
doch zu einer Antwort, die Dankmarn ein ueres Interesse an dieser Frau
einflte, was sie schwerlich ahnte ...
    Ich besuche meinen Schwager selten, sagte sie, weil er mich an ein Unglck
meiner Familie erinnert.
    Sie meinen die unglckliche Katastrophe jenes Brandes, sagte Dankmar, bei
welchem er vor vielen Jahren den Gebrauch seiner rechten Hand verlor?
    Welch ein Brand? fragte sogleich die Gesellschaft.
    Auf dem Gelben Hirsch, erzhlte der Pfarrer, der nicht gern lange schwieg,
brach aus Ursachen, die noch bisjetzt unentdeckt geblieben sind, vor Jahren ein
Feuer aus, bei welchem ein junges blhendes Mdchen, die Braut unsers
gegenwrtigen Frsters, den Tod in den Flammen fand ....
    Es war Dies meine Schwester! sagte die Frau des Wirthschaftsraths.
    Dankmar besa nicht seines Bruders Siegbert Weichherzigkeit. Dennoch entging
ihm nichts, was nur irgend einer gefhligen Stimmung hnlich sah. Er bereute in
seinem Herzenstakte jetzt die Erwhnung so trauriger Erinnerungen und wrde es
ganz in der Ordnung gefunden haben, wenn die inzwischen so wohlhabend gewordene
Hirschentochter sich verstimmt gefhlt und entfernt htte. Die blieb aber und
fand sich gar nicht wenig geschmeichelt, pltzlich der Mittelpunkt eines
gewissen Interesses geworden zu sein. Sie erzhlte mit der grten
Umstndlichkeit alle einzelnen Vorkommnisse jenes Brandes, die herrlichen
Eigenschaften ihrer ltern unglcklichen Schwester, die Aufopferung der Mnner
bei der schrecklichen Gefahr, die Verzweiflung des Frsters, der mit den Frauen
kein Glck haben sollte, denn drei Jahre spter wr' ihm eine neue Verlobte im
Gebirge von dem jhen Felsrande eines Waldbaches gestrzt und htte
zerschmettert ihren Tod unter den Steinen im fast leeren Flubette gefunden. Das
wre die Tochter des Sgemllers oben in der Ullaschlucht, ein Mdchen von
zwanzig Jahren gewesen. Sie htte gerade hier nach Plessen in die Kirche gehen
wollen, wo sie zum ersten mal aufgeboten wurde ....
    Ich entsinne mich sehr wohl, sagte Guido Stromer, es war ein rhrender
Anblick! Das schne sonntglich geputzte Mdchen hatte sich vielleicht versptet
und hrte schon die Glocken rufen, die den Beginn ihres Ehrentages einluteten.
So nahm sie einen krzern Weg, hpfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein
zu Stein, Vorsprung zu Vorsprung, bis sie fehltrat, ausglitt, sich nicht halten
konnte und in der einen Hand ein gesticktes Taschentuch, in der andern ihr
Gesangbuch festhaltend, zerschmettert in der Tiefe lag. Das letzte Bewutsein
schwand in dem doch noch ziemlich rauschenden Wasser. Noch im Tode hielt sie ihr
Taschentuch und das Gesangbuch krampfhaft fest. Am Ausgange des Waldes stand der
geschmckte, stattliche Jger, harrte und harrte, der Gottesdienst begann, man
schickt in die Sgemhle und erst am Abend entdeckten Kohlenbrenner das
geschehene Unglck. Die Frstin, voll Theilnahme und sinnig wie immer, lie oben
an der Stelle, wo der Sturz begonnen haben mute, ein einfaches Kreuz mit
Erwhnung Dessen errichten, was hier so leidvoll und wie ein schwermthiges
Idyll geschehen war ....
    Dankmar's ernstes Nachdenken ber die Erzhlungen nahm die leidenschaftlich
aufgeregte Melanie fr eine Erinnerung aus seiner Jugend. Sie hrte Dem, was
Alle erschtterte, kaum zu und erwachte erst aus ihrem Trumen und dem trunkenen
Einathmen der sie so tief anregenden Erscheinung dieses jungen Mannes, als sie
einen Namen nennen hrte, den sie jetzt nicht erwartet htte. Lasally war
nmlich boshaft genug, Melanie grade in dem Augenblick, wo seine Hoffnungen
wieder entrckt zu werden schienen in eine ungewissere Zukunft, in dem
Augenblick, wo ein unbekannter und ihm nur uerlich bedeutend erscheinender
junger Mann Melanie so mchtig fesseln konnte, sie mit Erinnerungen zu qulen,
die ihr schmerzlicher waren, als der Wirthschaftsrthin die an ihren Schwager
und ihre unglckliche Schwester. Lasally wollte sie hinabschleudern in das
beschmende Gefhl der Abhngigkeit von mnnlicher Gromuth und so sagte er nach
einer Pause, die jene Mittheilung halb vergessener und verschmerzter
Unglcksflle ablste:
    Irr' ich nicht, mein Herr, so sah ich Sie gestern im Walde mit einem
Kutscher, in dessen Hnde Sie wol nur durch einen unglcklichen Zufall knnen
gerathen sein. Es war ein magerer blasser Mensch mit rthlichem Haar. Als er uns
anreiten sah, entsprang er pltzlich. Ich glaube Ursache zu haben, in ihm einen
gewissen Hackert zu vermuthen, der erst Schreiber bei des Fruleins Vater war
und nach und nach eine Reihe der verschmitztesten Bosheiten ausgefhrt hat, die
ihn wol bestimmen konnten, vor uns, die wir ihn sehr gut kennen, die Flucht zu
ergreifen ....
    Melanie scho auf Lasally einen vernichtenden Blick, der Dankmarn
befremdete. Jetzt begriff er fast, warum Hackert ihn gebeten hatte, ihn hier
nicht in der Eigenschaft eines Dieners aufzufhren und so gro war seine
Antipathie gegen den kalten Ton der eben gehrten Bemerkung, da er, trotz des
Verdachtes, den ihm die im Walde von Heunisch gefundenen Kugeln einflten,
Hackert in diesem Augenblick zu seinem besten Freunde, ja zu einem Baron und
Seigneur htte machen mgen ...
    Sie irren! sagte er, eingedenk des kalligraphischen Hackert'schen Zettels.
Ich fhrte mein kleines Fuhrwerk selbst. Die beiden Gefhrten waren ein
Handwerker, dessen Fuwanderung mir leid that, den ich aufnahm und vorhin im
Thurm leider unter zweideutigen Inzichten wiedergefunden habe; der Andere, auf
den Ihre Beschreibung pat, ist ein junger Mann, den ich im Heidekrug fand,
gerade im Begriff, hierher nach Hohenberg zu reisen in Zwecken, die ich nicht
kenne. Ich vermuthe, es ist ein Jagdliebhaber.
    Herr von Reichmeyer lachte laut auf und Lasally sagte etwas malicis:
    Er verlie Ihren Wagen, angezogen wahrscheinlich von einem Wilde, das er
zwischen den Schatten der Bume entdeckt zu haben glaubte.
    War er bewaffnet? fragte Frau von Reichmeyer sehr besorgt.
    Du hrst ja, liebe Schwester, sagte Lasally, er war diesmal ein Jger ohne
Flinte. Er sprang vom Wagen, aus freier Hand einen Hasen zu schieen ....
    Dankmar, der nicht begreifen konnte, wie man dazu kam, ihn ber Hackert so
scharf und beleidigend ins Verhr zu nehmen, fixirte Lasally mit unwilligem,
zornfunkelndem Blick.
    Melanie, die zwischen diesen Mnnern eine Scene frchtete, trat dazwischen
und wollte den Streit scherzhaft wenden, indem sie sagte:
    Ich bitte! Ich glaube, wir vergaen die Herren bekannt zu machen ... Herr
Lasally! Herr Wildungen!
    Dankmar, der fhlte, da er bei seiner Aussage bleiben mute, wandte sich
unmuthig ab und sagte:
    Herr Lasally! Warum soll ich von dem jungen Mann nicht annehmen, da er die
Jagd liebt? Er war vielleicht doch bewaffnet. Hier sind noch drei Kugeln, die
Herr Hackert im Wagen zurcklie. Wollen Sie sie ihm zurckerstatten? Ich
bedauere, ihn nicht wiedergesehen zu haben ....
    Als Dankmar die Kugeln vorzeigte, erschrak er ber die mchtige Wirkung
dieser Mittheilung.
    Lasally, der sich erhitzt hatte, erblate. Der Commerzienrath griff nach dem
Blei und rief entsetzt:
    Es sind dieselben!
    Frau von Reichmeyer hielt sich halb ohnmchtig an dem Pfarrer, der wie
Dankmar und die Wirthschaftsrthin von Alledem nichts begriff und Melanie,
todtenbla, bi die Zhne zusammen, indem sie Lasally mit halb erstickter Stimme
zurief:
    Es ist emprend!
    Da man Hackerten in diesem Kreise hate und frchtete, war Dankmarn nun
gewi, wenn er auch die Grnde dafr nicht begreifen konnte und sich im
Gegentheil sagen mute, da Schlurck auf dem Heidekrug sich gegen den
Nachtwandler uerst liebevoll benommen hatte.
    Lasally war doch nicht der Mann, sich vor einer Kugel zu frchten, selbst
wenn man annehmen wollte, da Hackert ihm eine zugedacht htte? Dankmar wute zu
gut, da der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war. Und doch dieser
Schreck vor den drei Kugeln? Selbst Melanie, die von Ungeduld und Verzweiflung
ber die lstigen Intermezzi gefolterte Melanie, schien diese Furcht zu theilen.
Was war es mit den drei Kugeln?
    Noch rthselhafter wurde Dankmarn das Geheimni, als Lasally einen in der
Nhe befindlichen Jockey, der zu seinen mitgebrachten Leuten gehrte, anrief und
ihn fragte:
    Ist den Pferden nichts? Was lauft Ihr da herum? Warum nicht im Stall? Was
hab' ich Euch gestern Nachmittag eingeschrft?
    Der Reitknecht gab jede nur wnschenswerthe gute Auskunft ber die vier
schnen Reitpferde, die Lasally von der Residenz mitgefhrt hatte.
    Herr von Reichmeyer fragte, ob sie Hackert's nicht ansichtig geworden wren?
    Die Antwort lautete, da man ihn allerdings dann und wann am Schlosse htte
umherschleichen, auch mit dem Kammermdchen des Fruleins, Jeannette, sprechen
sehen, doch wren sie Alle auf der Hut, ihn bei erster Annherung
niederzuwerfen. Die Pferde wren im sichersten Gewahrsam ....
    Die Kugeln beweisen seine schlimme Absicht. Es sind dieselben wie frher,
sagte Reichmeyer.
    Warum denn dieselben? Warum denn? rief Melanie. Ich beschwr' Euch, lat
diese Unwrdigkeiten.
    Mein Herr! sagte Lasally jetzt zu Dankmarn im entschiedenen aber sehr
hflichen, fast vershnten Tone; mein Herr, ich ehre die gute Meinung, die Sie
von einem der abgefeimtesten Bsewichter haben. Sie kennen ihn eben nicht.
Wrden Sie die Geflligkeit haben, mir diese drei Kugeln zu lassen?
    Dankmar gerieth nun in Verlegenheit. Er hatte das Eigenthum an diesen Kugeln
auf nur vllig uere Anzeichen hin - ja er mute sagen nur auf die Vision der
Ursula Marzahn unter dem Ebereschenbaume - Hackerten zugeschrieben und nun
begrndete sich auf diese willkrliche, wenn auch sehr wahrscheinliche Annahme
eine frmliche Anklage ...
    Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und streckte die Hand, sie wieder
an sich zu nehmen. Er bat darum.
    Lasally aber verweigerte sie aufs entschiedenste und sagte kategorisch:
    Haben Sie keine Sorge fr Ihren Schtzling, mein Herr! Er ist zu feig, von
diesen Kugeln einen offenen und ehrlichen Gebrauch zu machen. Wissen Sie aber,
wozu diese Kugeln dienen sollten? Ich will es Ihnen sagen. Zum teuflischsten
Morde an armen, edlen, unschuldigen Thieren! Wissen Sie, da ich in einer Nacht
drei meiner schnsten Pferde - ich bin der Stallmeister Lasally - habe mssen
niederschieen lassen, weil sie toll wurden, toll durch eine Ursache, die wir
nicht entdecken konnten?
    Lasally zitterte. Seine Schwester bat ihn, sich zu beruhigen. Melanie wandte
sich ab. Die brigen hrten gespannt zu, Dankmar mit einer Theilnahme, die ihn
seine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Thurme fr einen
Augenblick fast vergessen lie.
    Auf einer Partie in den am Wasser gelegenen Fichtenwald, begann Lasally, -
Sie werden ihn aus der Residenz kennen - auf dieser Partie, wo eine Gesellschaft
von Damen und Herren im sogenannten Jagdhause von den elegantesten,
preiswrdigsten Pferden stieg, um eine Stunde im obern Stock zu frhstcken,
vernachlssigten meine Leute die Aufsicht auf die drauen festgebundenen Pferde.
Wir kommen nach einer Stunde herab, wir wollen aufsteigen und finden drei meiner
Thiere in der sonderbarsten Aufregung. Sie schleudern mit dem Kopf, schnauben
mit den Nstern, schlagen wild aus und Niemand wagt, sie zu besteigen. Wir
erkundigen uns, was geschehen ist. Niemand wei eine Auskunft. Wir glauben, die
Thiere scheuen vor irgend einem uns selbst fremden Gegenstande. Wir binden sie
los und machen das bel rger. Zorn erst ber die Thiere, dann ber meine Leute
ergreift mich. Niemand wei, was den Pferden geschehen ist. Ich besteige endlich
mein liebstes Ro, um es zu bndigen. Es wirft mich fast ab, rennt wie rasend
davon und wirft sich der Lnge nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche
bohrend. Die Gefahr fr uns selbst, bei dem Ausschlagen und wilden Toben, wuchs.
An ein Besteigen war nicht mehr zu denken. Meine Leute unternahmen, um das
Versehen zu ben, die schwere Aufgabe, die drei Thiere in die Stadt zu
geleiten, whrend die nun pltzlich Unberittenen auf einem in der Nhe
gemietheten Leiterwagen bis zu dem Stadthore zurckfuhren. Schon unterwegs brach
sich mein Renner beide Schenkel und blieb fr todt liegen. Mit genauer Noth
kamen die beiden brigen, auf den Straen wie rasenden und tobenden und von
einem Volkshaufen verfolgten Thiere in den Stall. Die Knechte haben Lebensgefahr
berstanden. Dort, wo wir nun Ruhe hofften, begann von neuem erst der Schrecken.
Die Thiere schlugen ber die Stangen, die sie trennten, rissen sich von der
Kette los und verwundeten sich in wilder Wuth so heftig, da ich die Heilung
aufgeben mute, selbst von Zorn bermannt, ein Doppelpistol ergriff und mit
einer Ladung in blinder Wuth sie niederscho. Bei der Obduction entdeckte der
Veterinrarzt in den Ohren jedes dieser Thiere eine kleine Kugel, die,
hinuntergeglitten bis ans Hirn, sie rasend gemacht hatte. Mein erster Gedanke,
wer diese teuflische That vollbracht haben konnte, war aus Grnden, die Sie
nicht wissen knnen, Hackert. Und nun urtheilen Sie, ob diese drei Spitzkugeln,
die, wie Sie sagen, diesem uns hierher nachgeschlichenen, Bses im Schilde
fhrenden Menschen gehren und vllig jenen andern hnlich sind, mich nicht mit
Schaudern erfllen sollen und bestimmen mssen, meine Thiere zu hten, zugleich
aber auch diese Kugeln als gerichtliches Zeugni in Verwahrsam zu nehmen?
    Lasally schwieg, noch zitternd. Er konnte gewi sein, auch Dankmarn
erschttert zu haben.
    Dankmar war erblat. War es das Entsetzen von einer an den armen edlen
Thieren begangenen so ruchlosen Frevelthat, war es die wie ein lhmender Schlag
ihn treffende Vorstellung, da er noch vor zwei Tagen ein Ro aus desselben ihm
hier begegnenden Mannes Marstall Hackerten zur Obhut bergeben hatte, - er mute
sich an einer ihm grade nahestehenden Marmorvase halten, um nicht seine
Empfindungen zu sehr zu verrathen ....
    Entsetzlich! sprach er dumpf vor sich hin. Dann aber doch aufgeschreckt von
einem Unrecht, das er Hackerten thun knnte, indem er doch nur seiner Vermuthung
folgend diese Kugeln als wirklich von ihm herrhrend bezeichnet hatte, fragte
er:
    Sind Sie aber auch ganz gewi, da gerade Hackert Ursache haben kann, sich
auf eine so nichtswrdige emprende Art an Ihrem Eigenthum zu rchen?
    Als Lasally diese Frage belchelte und die beiden Reichmeyers den uns
bekannten Vorfall der Zchtigung andeutend, diese Ursache verkleinern und
geringfgig darstellen wollten, rief Melanie mit glhender Entrstung, sich
stolz erhebend und aufrichtend wie eine Knigin, ein stolzes, wie Glocken
tnendes:
    Ja! Er hatte sie!
    Alles blickte auf Melanie und war von dem Ausdruck ihrer Mienen, die einen
nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernst verriethen, so staunend ergriffen, da
unwillkrlich eine feierliche Pause eintrat.
    Als Niemand etwas erwiderte, sagte sie, den gespannten Ton fallen lassend
und mit gemildertem Ausdruck, fast scherzend:
    Und jetzt wnsch' ich, ja befehl' ich: Genug hiervon!

                                Neuntes Capitel



                                Die Mitschuldige

Die Sonne war eben mit reinster Klarheit untergegangen, als die Gesellschaft
oben am Schlosse ankam. Die Mutter und Bartusch traten ihr entgegen und baten
Alle zu einem leichten Nachtimbi zu bleiben. Melanie untersttzte diese Bitte.
Sie bedurfte eines bergangs aus ihrer vielfachen Aufregung zu jener einfach
seligen Empfindung zurck, die sie in dem Augenblicke mit berstrmender Gewalt
ergriffen hatte, als ihr Dankmar ein Gestndni machen wollte. Wie dringend es
war, einen Entschlu zu fassen, riefen ihm die bewaffneten Organe des
Landfriedens zurck, die beiden Arme der Gerechtigkeit. Der Wagen war
geschlossen. Eine eiserne Stange ging quer ber die hintere Thr hinweg. Die
Rettung des Bildes war fr den Augenblick unmglich.
    Dankmar ergab sich vorlufig mit stummer Resignation in das Unabnderliche.
Die letzte Entdeckung ber Hackert und das lstige Gefhl, bei alledem, da er
diesen unglcklichen Menschen nun hassen mute, Schuld zu sein an seinem Unglck
(denn Lasally behielt die Kugeln), und ihm vielleicht noch gar Unrecht zu thun,
alles Das drckte ihn so, da er wirklich der zrtlichen Blicke und zutraulichen
Trstungen Melanie's bedurfte, die ihn aufzurichten und zu ermuthigen suchte. Er
begriff dabei nicht vollkommen was in ihm vorging. Und als nun gar noch die
Excellenz von Harder schon im Reiseanzug vor dem Beginn des Nachtessens sich
melden lie und sein bequemer Landau vorfuhr, der ihn aufnehmen und noch heute
entfhren sollte, als Melanie dem Abschied von dieser ihm zum ersten male
entgegentretenden Persnlichkeit eine heitere, fast ausgelassene Wendung gab,
verstand er nicht das Geringste mehr von ihren Absichten.
    Die Couverte des gedeckten Tisches wurden complettirt, die Zahl der Messer
und Gabeln vermehrt, die nun doch noch  la fortune du pot festgehaltenen Gste
standen rings erwartungsvoll und ihren verschiedenartigen Empfindungen
hingegeben sich lehnend an Mbel und Fenstersimse .... Dankmar hrte den
geheimen Neckereien zwischen Melanie und dem Intendanten befremdet zu und
belchelte doch wieder, bei aller innern ernsten Aufregung, die Einbildung eines
alten vornehmen Herrn, der in der That zu glauben schien, er htte auf ein
solches Wesen Eindruck gemacht .... Melanie's knstliches Schmollen hielt die
Excellenz fr Verzweiflung ber die Abreise. Lasally und auch Dankmar
schttelten den Kopf ber dies Flstern, dies Blinzeln, dies huldvolle
Vertrsten auf die nun bald in der Residenz sich hoffentlich inniger anknpfende
Freundschaft .... Melanie nahm den Intendanten bei Seite, zog ihn an eine
Gardine des Fensters und scherzte so drollig mit seiner Schwche, so beflissen,
so zuthunlich, da Frau von Reichmeyer ungeduldig wurde, von Unsittlichkeit
sprach und mit einem Blick auf ihren gleichfalls eiferschtigen Gatten laut
erklrte, sie frchte, solche Grundstze steckten an. Endlich brach die
Excellenz auf und ri sich aus dem tte  tte am Fenster mit den Worten los:
    Sie tuschen mich! Warten Sie, warten Sie!
    Sie werden sehen, Excellenz, rief dagegen Melanie, Sie werden sehen, ich
tusche nicht ....
    Wirklich! sagte der Intendant, Sie wollten -
    Melanie rief laut:
    St! Die Wette gewinnen ...
    Damit drngte sie den verklrt Leuchtenden frmlich aus dem Zimmer ....
    Herr von Harder nahm von Melanie's Mutter einen hchst herablassenden,
zerstreuten Abschied, von den brigen einen hher herablassenden, verwirrten,
Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes Wesen, ignorirte
er gnzlich.
    Als der Geheimrath fort war, der Landau und der Transportwagen dahinrollten,
das Sbelklappern der Gendarmen verhallte und die Gste ihre Pltze zgernd und
um Entschuldigung bittend eingenommen hatten, erklrte Melanie pltzlich, da
sie morgen in aller Frhe aufbrechen und nach der Residenz zurckkehren wrde.
    Wie? rief man allgemein. Ist das Ernst?
    Sie brachte fr ihren pltzlichen Entschlu so viel wohlgeordnete,
berlegte, entschiedene Grnde vor, da man erstaunt war ber eine bei ihr im
Stillen gereifte Erklrung ....
    Wenn Melanie mit solcher Sicherheit ein Vorhaben behauptete, war ihre Mutter
nicht gewohnt ihr zu widersprechen.
    Wohlan! sagte sie. So reisen wir!
    Reichmeyer staunte erst, erklrte aber dann auch, da er sich berzeugt
htte, ein Ankauf der Herrschaft wrde sich ihm nicht lohnen. Lasally war schon
seit lange durch diesen Aufenthalt verstimmt, durch Hackert's Nhe jetzt
vollends beunruhigt, und Bartusch gab den letzten Nachdruck noch dadurch, da er
sagte, die Verabredungen der Glubiger wren geschlossen, die Verstndigungen
ziemlich klar errtert, man wisse, was Jeder zu fodern htte und wie er sich
wolle befriedigen lassen ... es bliebe nun nichts brig, als die letztliche
Erklrung des inzwischen in der Residenz angekommenen Prinzen Egon ....
    Dies leuchtete ein ... Bartusch's Blinzeln auf Dankmarn verstand man nicht.
    Melanie berlie Jedem sich die Grnde zurechtzulegen, die ihn bestimmen
konnten, das Schlo schon jetzt zu verlassen ... sie, sagte sie, wrde es morgen
in aller Frhe thun. Sie bat Lasally, dazu die Pferde in Bereitschaft zu halten,
denn sie wrde bald fahren, bald reiten. Auch Dankmarn bat sie, ihrem Beispiele
zu folgen und sich eines der Pferde des Stallmeisters zu bedienen, sein Wagen
knne ja, gefhrt von einem der Leute Lasally's, folgen ....
    Nicht wahr? sagte sie neckisch.
    Dankmar gestand zu, was sie nur verlangte.
    Die Mutter, fuhr sie fort, schliet sich uns in der Mitte in unserm neuen
Coup an. Ja, ja, wir werden bald fahren, bald reiten und uns die Rckreise
nicht etwa wie einen bittern Nachgeschmack von vielen hier gehofften und nicht
eingetroffenen Freuden bekommen lassen, sondern wie Etwas, das den ganzen
Aufenthalt auf dem Schlosse allein aufwiegen und alles Vorangegangene
bertreffen soll ....
    Die Einwendungen der Mutter wegen doch allzu groer Beschleunigung
widerlegte sie durch ihre Bereitwilligkeit, ihr die ganze Nacht hindurch packen
zu helfen. Ihr Entschlu stnde nun einmal fest und was sich nicht sogleich
mitnehmen lasse, knnten die als zuverlssig erprobten Leute schon nachbringen.
Auch die Nothwendigkeit, Abschied zu nehmen von Zeisels, von Sngers, von Doctor
Reinick, von Bensheims, Sengebuschs und mancher andern Bekanntschaft, lie sie
nicht gelten. Allen solchen Bedenklichkeiten abzuhelfen genge die Visitenkarte.
    Und den Einzigen, fuhr sie fort, von dem der Abschied uns schwer geworden
wre, unsern theuern Herrn Pfarrer Stromer, den haben wir ja hier und knnen ihm
all unser Bedauern gleich ins Angesicht sagen. Ja! Lieber Pfarrer! Sie kommen
gewi recht bald zu uns! Sie mssen Domprediger werden! Schade, da Sie keine
Tchter mehr aus der Propstei heirathen knnen! Propst Gelbsattel hat noch ein
halbes Dutzend, aber die lteste liebt den Candidaten Oleander und die Jngste
der fnf Andern - sind es nicht soviel, Mutter? - wrde noch zu alt fr Sie
sein, fr einen Mann, der anfngt nur das Schne zu lieben. Zum Glck besitzen
Sie die beste der fr Sie passenden Frauen. Aber kommen Sie! Irgend eine Kanzel
findet sich schon .... Ich kenne an dreiig junge Frauen und Mdchen, die Alle
nicht mehr wissen, wem sie ihre Snden beichten sollen .... Der Eine ist zu
rauh, der Andere zu sanft, der Dritte zu gelehrt, der Vierte zu oberflchlich.
Und die abscheuliche Anzglichkeit dieser Modeprediger! Dieses Schlagen auf die
Kanzellehne, dieses Lrmen und Poltern ber die verstockten Snderherzen, diese
dstere Lehre vom Blute Christi .... Propst Gelbsattel, der sonst so beliebte
letzte Rettungsanker, ist gar nicht mehr zu verstehen seit den Revolutionen. Er
wei nicht, wohin er sich wenden soll, ob zum Volke oder zum Knige. Seine Zeit
ist um, sagte er krzlich in einem Anfalle von Wehmuth, weil er bei Hofe nicht
geladen war. Vielleicht werden Sie Propst, Herr Stromer! Kommen Sie! Ich habe
Verbindungen und bring' es schon dahin, da wir Sie irgendwie den Unserigen
nennen; Das bin ich Ihnen ja schuldig fr den schnen Blumenstrau, mit dem Sie
mich heute wieder beglckten ....
    Als Stromer hocherrthend niederblickte, gedachte Dankmar der Erzhlung
Egon's und seiner Vermuthung, der Pfarrer htte wol die Blumen seiner guten Frau
nach einem nchtlichen Zwist als Morgenselam der Vershnung bestimmt. Es machte
ihm einen eigenen Eindruck, als er sich so im Irrthum entdeckte und der immer an
sich zu denken scheinende und seiner klar bewut bleibende Pfarrer mit gewhltem
hchst sicherm Ausdruck sagte:
    So schwindet denn wieder eine Freude hin, die ach! nur allzu kurz einer
rosigen Wolke gleich an unserm grade nicht grauen, eher heitern und immer
gleichen, aber eben in seiner unermelichen freundlichen Identitt so lstigen
Horizonte aufzog! Wir haben am Ende nichts, was uns bleibt, als Blumen, die
Symbole der Begrung und des Abschieds. Eines und Dasselbe drckt Freude und
Trauer aus. Doch ich sehe Sie morgen noch einmal und nehme einen gesammeltern
Abschied und hoffentlich nicht fr immer. Erblicken Sie mich auch nicht wieder
als Domprediger in Ihrem Sinn, so denk' ich, einen Dom wlbt sich das Auge bald
ber sich her und auf der Kanzel des Herzens und in dem Beichtstuhl der
Gesinnung treff' ich Sie schon noch im Leben wieder - Alle! Alle!
    Damit erhob sich der sonderbare Mann, in der That nicht ohne eine gewisse
Rhrung zu hinterlassen. Heilig konnte Dankmar den Eindruck, den des Pfarrers
Ergriffensein in ihm hervorrief, nicht gerade nennen. Die Weise eines Pietisten
war Das auch nicht mehr: im Gegentheil kam ihm das Feuer seiner Augen unlauter
vor, fast weltlich. Fr einen weichen Anempfindler sprach er zu fest und
krftig. Er interessirte ihn, ohne ihn anzuziehen ...
    Alle diese Betrachtungen stellte Dankmar nur flchtig an, denn die ganze
Gesellschaft erhob sich. Der frmlich als Befehl gegebene Entschlu, sobald
abzureisen, erfllte Jeden mit seiner nchsten Aufgabe, die im Rumen und Packen
bestand. Man trennte sich in der Erwartung, morgen in frhester Stunde sich zur
Abreise beisammen zu finden ...
    Als auch Dankmar unschlssig stand und eben Hannchen Schlurck's Hand gekt
hatte, da ihm die ruhige, klare und lebensfrohe Weise der Frau, die wieder den
Champagner wie gewhnliches Getrnk hatte einschenken lassen, ganz wohl gefiel,
rief ihm Melanie leise zu:
    Bleiben Sie doch noch!
    Als Lasally noch ber die morgende Equipirung sprach und nun der Knuel der
Gesellschaft wieder nicht recht auseinandergehen wollte, streifte sie an Dankmar
vorbei und flsterte die Worte:
    Gehen Sie lieber! In einer Viertelstunde an der steinernen Vase im untern
Garten ...
    Dankmar winkte ihr leise bejahend zu, sprach noch einmal laut seine Freude
aus, morgen in so angenehmer unterhaltender Gesellschaft seine Rckreise
antreten zu drfen und empfahl sich.
    Die noch Gebliebenen flsterten erstaunt hinter ihm her. Er hatte das Talent
gehabt, trotzdem da er wenig sprach, sich doch immer als den Mittelpunkt des
Abends zu erhalten und jedem Worte, jeder Bewegung, die von ihm ausging, die
allgemeinste und seinem Zweck und Wesen nachsprende Aufmerksamkeit zu sichern.
Das Gercht, das ihn zum Prinzen Egon machte, hatte sich bis zu ihnen noch nicht
verbreitet ...
    Es schlug vom Dorfe herauf zehn, als Dankmar an die steinerne Vase im untern
Garten trat, wo er Melanien erwarten sollte. Es war dieselbe, an die er sich bei
der ihn wie ein Schlag treffenden Erzhlung ber Hackert's Frevel hatte lehnen
mssen. Wie bewegt war sein Herz! Wie flossen die wunderbarsten Erfahrungen und
Eindrcke in seinem Innern zu einem Gefhle zusammen, das nicht mehr jene
behagliche Sorglosigkeit ber ihn ausgo, die er in dem ersten Anfang des ber
ihn verhngten Misverstndnisses empfand! Wie neu war das Alles und wie
folgenschwer konnte es werden! Schon sah er sich als gerichtlicher Zeuge in der
Nothwendigkeit, seine gegen Hackert ausgesprochene Beschuldigung zurcknehmen
oder beweisen zu mssen. Eben so verwickelt konnten sich die Beziehungen zum
Frsten gestalten. Und diese bedenkliche Melanie! Was bezweckte sie? Wohin ri
sie der Muth, den der von ihm doch nur wenig genhrte Glaube an seine
Einerleiheit mit Egon dem jungen, waghlsigen Mdchen einflte? Scheiterte Das,
was sie vielleicht unternahm ... mute er es nicht verantworten? Wie erschrak da
sein rechtskundiger und bei allem Freimuth an Gesetzmigkeit gewhnter Sinn!
... Und doch traten alle diese Bedenklichkeiten gegen den allgewaltigen Zauber
zurck, mit dem ihn Melanie in so kurzer Zeit wie seinen Bruder Siegbert
umstrickt hatte. Gibt es denn auch ein wonnigeres Gefhl, als so im Fluge, ohne
Anstrengung, ohne lange Werbung, von Frauen zrtliche Hingabe zu gewinnen? Noch
hatte Dankmar sich keiner Gunst von Melanie rhmen knnen, aber er fhlte es
dieser zarten Hand, wenn sie ihn flchtig berhrte, der Brust, wenn sie in
seiner Nhe sich hob, dem Hauch ihres Mundes an, wenn sie ihm leise ein Wort der
Vertraulichkeit zuflsterte, da ein excentrisches Wesen, welches vielleicht
Allen gefallen wollte und Keinem sich ergab, ihm den Siegespreis der Liebe
bieten knnte ... Dankmar war, sonst vielgeliebt, selbst eher kalt gegen die
Frauen. Sie beschftigten ihn nie so ausschlielich, wie andere junge Mnner,
deren ganzes Fhlen und Denken sich nur um die Liebe spinnt ... Aber Melanie's
Herz ... das klopfte schon dicht an seinem eigenen Herzen. Ihre Wange ... er
fhlte es, sie schmiegte sich schon zum Kusse seines Mundes hin ... Er griff in
die Luft ... doch wute er, da diese Arme sich nicht mehr lange vergebens nach
den schnsten und liebenswrdigsten Formen ausstrecken wrden ... So stand er,
der junge leidenschaftliche Mann, den wir entschuldigen mssen, eine Weile
harrend an der Marmorvase, berwltigt von Sehnsucht, zitternd auf den Triumph
ber ein liebendes Weib, den Fu auf den Sockel der Vase, das Haupt in den Arm
sttzend und hinaufschauend in den mondscheinumflossenen Flgel des Schlosses,
den Melanie bewohnte.
    Endlich kam sie.
    Unter den Blumen, den Sternen, dem Mondglanz hier in der Stille der Nacht,
von keinem Zeugen gestrt, als dem pltschernd herabhpfenden Wasserfall, wollte
Dankmar sie gleich mit dem Entzcken der rasch aufgeloderten Liebe begren.
    So dacht' er's sich, als er sie die Gartenstufen herniederschweben sah, in
eine Mantille von purpurrothem mit weiem Schwan besetzten Sammt gehllt und auf
dem vollen schweren Geflecht des Haares ein weies Schleiergewebe tragend, das
hinten herabfiel fast bis in den Nacken ... Doch sprach sie ihn schon aus der
Ferne an, redete schon im Herabsteigen fast gleichgltig mit ihm und schnitt
durch Vermeidung einer Pause und aller Feierlichkeit die frmliche Begrung
ihres schnellgewonnenen Freundes ab, dessen Aufmerksamkeit nun sogleich von der
Galanterie abgezogen und von ihrem Plane gefesselt wurde.
    Endlich ein freier Augenblick! sagte sie schon auf mindestens zwlf Schritte
entfernt; ein Augenblick, wo ich Ihr Vertrauen erwidern darf! Aber nur ein
kurzer! Die Zeit drngt. Sie sollen sehen, da Sie sich in dem Muthe eines
nrrischen Mdchens nicht irrten. Sie erhalten das Ihnen so theure Bild zurck,
irgendwo auf der Reise, wo wir den Train des Herrn von Harder einholen werden.
Aber die Mittel, die ich anwenden werde, es zu erobern, drfen Sie mir nie, nie
anrechnen. Versprechen Sie mir Das?
    Wie Das so klang in der stillen Nacht! Wie die Bsche dabei so flsterten!
Wie so milchweie, bluliche Lichter ber die Sprecherin glitten und Alles so
magischumflossen, so bebend, so fast ohnmchtig und wie schattenhaft war!
    Melanie! rief Dankmar, Sie sind ein Engel! Wenn ich nicht annehmen mte,
da nur der Reiz des Abenteuers Ihren Geist in dieser Angelegenheit beseelt und
Ihnen die Flgel des erfindenden Genius an den ebenso schnen wie schelmischen
Nacken setzt ... (er wollte ihn kssen; sie wehrte es) ich wrde es wagen, mich
Ihnen zu Fen zu werfen und von Liebe zu sprechen ...
    O Sie Bser! sagte Melanie. Wenn die Grfin d'Azimont Das hrte ...
    Was soll mir diese Frau! war Dankmar im Begriff auszurufen und
einzugestehen, da er selbst ja nimmermehr der Prinz wre. Aber die Vorliebe,
mit der Melanie auf diese ertrumte Rivalin zurckkam, war ihm wie ein Nebel,
den er zu verwehen frchtete. Dennoch sagte er:
    Melanie, ich bin nicht der Prinz, aber ich bin sein bester Freund auf der
Welt. Was Sie thun, thun Sie fr ihn! Sie thun es fr mich; denn Niemanden kann
Egon's Glck mehr am Herzen liegen als mir! Kann Egon hier Egon sein? Kann er
den Muth, die Selbstberwindung haben, sich da zu verrathen, wo man sein und
seiner Mutter Andenken mit Fen tritt? Ich bin der Theil des Prinzen, der noch
Vertrauen zu den Menschen hat, der Theil, der nicht verzweifeln will, wenn er
noch Geschpfen begegnet, die in Krpern der Engel auch eine berirdische Seele
tragen ...
    Melanie schlug ihre mchtigen braunen Augen zu ihm empor, da das volle
Licht des Mondes in sie fiel und ihre Schimmer in jenem feuchten Glanze
zitterten, der ihnen etwas Verklrtes gibt ...
    Sie sah ihn fragend und mit zrtlicher Innigkeit an. Melanie hatte Das
erreicht, wohin vielleicht ihr Ehrgeiz dunkel tastete, vielleicht war es Zufall,
da ein Mann, der ihr ein Frst schien, auch zugleich der erste sein mute, dem
gegenber sie sich klein, ja demthig vorkam - es war ihr, als wenn sie, ein
bunter, flatternder, leichtsinniger Schmetterling, die Flamme gefunden htte,
die ihr gewisser Tod werden sollte, ihr Tod wenigstens fr dies leichtsinnige
Schmetterlingsdasein ....
    Melanie wehrte Dankmar's verlangenden Arm zurck, aber nur um ihn aus
einiger Ferne inniger betrachten zu knnen. Eine Locke seines Haares, die ihm im
Sturme seiner aufgeregten Sinne auf die Stirne fiel, streifte sie ruhig zurck,
als hinderte sie ihr die Aussicht in sein Auge und seine Seele.
    Lassen Sie! sagte sie sanft.
    Melanie! rief Dankmar noch einmal mit gesteigerter Glut der Empfindung und
wollte sie ansichziehen ...
    Seiner mnnlichen Kraft gelang es; aber sie wandte, in seinen Armen liegend,
rcklings das Haupt und verweigerte ihm die zrtliche Berhrung der Wangen, nach
der er schmachtete. Sie that Dies so entschieden, da er es lie und sich an
einem Bilde begngte, das den Meiel des Bildhauers herausfoderte ...
    Gute Nacht! sagte sie, losgewunden, mit lchelnder Lieblichkeit, und auf
Wiedersehen fr Morgen!
    Damit war sie fr Dankmar fast einem Traume gleich entschwunden.
    Wie er sich nun anschickte, hinunter zu wandern und durch das erste beste
Seitenheck auf den groen Weg zu springen, fhlte er eine so herausfodernde, ihn
riesig durchstrmende Kraft in sich, da er fast laut zu jubeln begann. Alles
lachte ja in ihm. Jeder Gefahr, jedem drckenden Gedanken wurde die Volte
geschlagen, jeder Bedenklichkeit die Anlehnung aus seinem Innern wegescamotirt.
Ja, er htte sich mit dem Arm gegen die Bume stemmen und sie niederbeugen
mgen! Es war ihm, wie dem biblischen Erzvater gewesen sein mochte, als er auf
der Heide mit einem unsichtbaren Engel rang. Er htte den Dmon niedergeworfen,
so titanisch fhlte sich seine Muskelkraft. Er lachte ber sein Abenteuer
selbst. Selbst des Gefangenen im Thurme, dem er jetzt noch vor dem Gitterfenster
hinauf Muth und Trost zuzusprechen beschlo, gedachte er im heitersten Humor und
sagte sich:
    Ich bin wahr gewesen! Ich war Dankmar Wildungen! Ich habe meine eigene Rolle
gespielt und deine Frstenkrone mir nicht aufs Haupt gesetzt. Ich! Ich fhlte
den Druck ihrer Hand! Wie schlug diese warme Brust an der meinen, wie strmte
das elektrische Feuer der Berhrung aus ihren Adern in die meinen, und wenn ihr
die Schuppen vom Auge fallen, wer wei, ob der Wahn siegt oder die Wirklichkeit!
Sie liebt nicht Das, was ich scheine, sie liebt Das, was ich bin!
    Und in diesem Hoffen und Entzcken, das seine Adern schwellte, seine Sehnen
strkte, konnte ihm zuletzt auch nichts Willkommneres geschehen, als der
pltzliche Anblick Hackert's ... Er war es, der hinter den Bschen rauschte ...
Das schleichende Rascheln um Dankmarn her verrieth ihn schon lngst ... Er sah
ihn jetzt am Fue des Weges sich ducken und lauern ... ob auf ihn, ob auf Die,
an denen er sich auf dem Schlosse so teuflisch gercht hatte ... er wute es
nicht, mute aber annehmen, da er auf ein neues Verbrechen sann; denn an dem
Rauschen hrte er, da es war, als streifte er mit einer langen Stange an dem
Laube der hohen Hecken. Bald sahe er deutlicher; Hackert hielt eine Leiter in
der Hand, die er in dem Augenblicke fallen lie, als er Den, der noch so spt
den Schloweg herunterkam, erkannte.
    Elender Hallunke! rief Dankmar zornentbrannt schon von Ferne. Mrder! Dieb!
    Wie Hackert - er war es wirklich - diesen zornigen Anruf hrte, sprang er
ins Gebsch.
    Er mochte sich diese Begrung nicht haben trumen lassen.
    Dankmar in einer Stimmung, als mte er die lngst ihn schon qulende
Spannung und Ungewiheit ber Hackert durch irgend eine Probe seiner mnnlichen
Kraft und wre sie mit der Faust endlich lsen, rief:
    Steh, Bube! Steh!
    Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch nachrief: Eine Kugel in dein
Ohr, Mrder! Wo ist mein Pferd, Gauner? ... war er pltzlich ganz verschwunden.
    Dankmar fhlte sich in einer Stimmung, als htte ihm Liebe und Wein die
Zunge gelst und zum Redner gemacht, dem Worte nur ein drftiger Nothbehelf fr
Thaten sind. Er schickte Hackerten die tollsten Shakspeare'schen Flche und
lange, kunstvolle Verwnschungen nach, bis er zuletzt ber sich selbst lachte
und im steten Hinblick auf die Stelle, wo Hackert verschwunden war, fast ber
die Leiter stolperte, die quer im Wege lag.
    Was hat er mit dieser Leiter gewollt? sagte er sich, und darber sinnend,
fiel ihm der Thurm ins Auge, der nun dicht in der Nhe stand. Der Gedanke, mit
kurzem Proce seinen theuern neuen Freund, den gefangenen jungen Frsten, zu
befreien, ergriff ihn so lockend, wie der Kitzel zu dem frhlichsten Abenteuer.
    Nun sind wir einmal im Zuge! sagte er sich, lud die schwere, irgendwo aus
einem Bauerhofe entwandte Leiter, an der er mit Vergngen bemerkte, da sie fr
das Thurmfenster lang genug sein mute, sich auf und schleppte sie an dem einen
Ende auf dem Rcken, an dem andern hinter sich her im Grase zu dem kleinen Hgel
hin, wo der Thurm vllig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche
Warte und Einsiedelei lag. Die Eisenstbe oben aus der Mauer auszuwhlen, war
schwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbrckelung des Kalkes
nicht unmglich, wenn nur Egon die Messer und Gabeln von ihrem Mittagessen
zurckbehalten hatte.
    Sorgfltig schaute sich Dankmar um. Hackert war verschwunden, Alles still.
Nur Kfer summten im Grase und dann und wann platzte ein humoristischer
Froschruf auf vom Felde her, wo es moorige Stellen gab .... Dankmar war so guter
Laune, da er sich zu seinem Unternehmen erst noch eine Cigarre anzndete.
    Die Leiter, aufgerichtet an dem Thurm, reichte vollkommen an das vergitterte
Fenster, das zu Egon's Gewahrsam gehrte. Vorsichtig kletterte er, noch einmal
sich mit Behutsamkeit umblickend, die Sprossen hinauf. Leider sah er schon auf
halber Lnge, da die Eisenstbe dick waren, und als er ber sich hinaufgriff,
fhlte er wol auch, wie fest sie saen ....
    Das Fenster stand auf. Der volle Mondenschein fiel in die dunkle Kammer, die
er schon von unten als die rechte erkannte.
    Egon! rief er bis hinauf und lauschte.
    Keine Antwort.
    Er stieg hher und blickte in das offene Fenster.
    Wie gro war sein Erstaunen, als er drinnen nirgend eine Spur des Prinzen
entdeckte! Vielleicht htte er versteckt in einem Winkel schlafen knnen ... er
sphte ... er bersah das ganze kleine Gemach. Er rief einige male mit
unterdrckter Stimme:
    Egon! Egon!
    Es gab keine Antwort.
    Um ganz sicher zu sein, zog er ... die Cigarre war in der Aufregung
weggeworfen ... noch sein Streichfeuerzeug und machte mit mehren
zusammengehaltenen Zndhlzchen, um die Wirkung des Scheines zu verstrken,
Licht ...
    Der hellere Glanz besttigte ihm nur, was er schon im Mondenscheine gesehen
hatte. Der Gefangene war entweder schon befreit oder von selbst entflohen.
    Die Empfindungen, mit denen Dankmar nun die Leiter hinabstieg, waren
getheilt. Ehe er jedoch nicht alle Umstnde genau kannte, wagte er kaum ein
Urtheil zu fllen. Wenn ihn Egon schon in der Krone aufgesucht htte? Beim
Schlieer nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen. Da im Anbau der
Wohnung war Alles so still, so finster und schlfrig. War Egon entflohen, warum
die Hscher wecken? Auch drben im Amthause sah man kein Lichtchen mehr. Im
Dorfe nichts als Anzeichen des tiefsten Schlafes aller seiner Bewohner. Selbst
in der Krone, zu der er langsam und nachdenklich schritt, hatte er Mhe, die
Leute, die ihn erwarteten und im Erwarten eingeschlafen waren, zu wecken. Als er
hrte, da Niemand, auch nicht Einer, nach ihm gefragt hatte und somit der
Gefangene ihm fast spurlos verschwunden war (denn morgen in der Frhe hatte er
wol keine Zeit mehr, ihm nachzusphen), berkamen ihn die sonderbarsten und
qulendsten Zweifel. Es war ihm fast, als wenn sein Fu nicht mehr die Erde
berhrte, als wenn er mit seinen guten Absichten, mit all seiner Liebe und
Aufopferung, wie ein Getuschter, in der Luft schwebte und wahrhaft komisch
erschien er sich, wenn er an seine Figur auf der Leiter dachte, wie er einen
Gefangenen befreien wollte, der ihm vielleicht, es war ihm Dies ein hhnischer
Gedanke, ein tolles Mrchen aufgeheftet und zu einer Posse misbraucht hatte! Die
Einsamkeit der Nacht, die Qual der Schlaflosigkeit mehrte den lstigen Reichthum
der Vorstellungen, die er sich ber dies pltzliche Verschwinden machen mute.
Er sah sich mitten im Zuge von Dingen, die ihm pltzlich nun wie die Neckereien
eines bsen Geistes vorkamen ... und wenn ihm nicht Eines sicher geblieben wre,
das Gefhl, mitten in diesem Spuk doch ein wahrhaft Wirkliches gehabt zu haben
... das warme Klopfen eines schnen Mdchenherzens an seiner von Lust und Liebe
erfllten Brust ... er wrde wie in einem Chaos der unleidlichsten und leersten
Eindrcke rathlos umhergetaumelt sein.
    An diese eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Thatsache hielt
sich denn auch Dankmar. Sie gab ihm Besinnung, Ruhe, Gefhl der Sicherheit,
Behaglichkeit und Schlaf.
    Er schlo aber doch die Augen viel zu spt fr die frhe Stunde, in welcher
er Befehl gegeben hatte, ihn am nchsten Morgen zu wecken.

                                Zehntes Capitel



                                   Heimwrts

Nach einem ereignireichen Tage, an welchem sich vielfache Fden fr zuknftige
Erlebnisse angesponnen haben, spornt bei tchtigen Naturen das Erwachen nur zum
Muth und zur Entschlossenheit. Alles Das, worauf man in der Frhe sich vom Abend
her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu ndern ist, tritt jetzt
in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzufhrenden Aufgabe vor die
Seele zurck und weit entfernt, zu klagen und sich in Betrachtungen zu
verlieren, wie das Alles htte mglich sein knnen, rhrt ein entschlossener
Geist die ihm zugebotestehenden irdischen Hnde, kmpft sich durch die
Schreckbilder eitler Erwgungen hindurch und beginnt oft von einem solchen
schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens.
    Dankmar, ein freier Naturmensch, war noch keineswegs ein fertiger
abgeschlossener Charakter. Er fhlte zu oft noch, da immer wieder neue
Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten rttelten, neue Bekanntschaften, neue
Thatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten Gleichgewichte werfen konnten. Aber bis
zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht, da er nicht mehr von
jedem Eindrucke, der ihm unvorbereitet kam, sogleich willenlos hin und her
geschleudert wurde.
    Whrend Siegbert mehr ein Gemths- und Phantasieleben fhrte, hatte Dankmar
die thatkrftige und verstndige Richtung seines Innern vorzugsweise schon
entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzgen seine etwanige knftige
Laufbahn entworfen. Er liebte das Recht, dessen Studium und Praxis er sich zur
Lebensaufgabe gewhlt hatte, er liebte es auch an und fr sich selbst. Er hatte
schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte
Denen, die seinen fr Das, was ihm wahr schien, aufflammenden Eifer
misverstanden, heftig, ja gewaltthtig erscheinen. Er scheute schon als Knabe
keine Gefahr, wo ihn das Bewutsein einer richtigen Handlungsweise, einer
Ausgleichung fremder Unbill begeisterte. So war er auf der Universitt nicht nur
oft in Zweikmpfe verwickelt, die er ohne Tollkhnheit mit besonnenem Muthe
bestand, sondern noch weit fter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhndel und
nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen, wo er den Ausbruch einer bereilten
Berufung an die Waffen hintertrieb. Sein mnnliches Wesen gewann ihm alle
Herzen. Bei jedem Anla, wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander
platzten, whlte man ihn zum Vorsitzer der Debatte. Er hatte berall die
angenehme Genugthuung, da sich ihm die tchtigsten Menschen unterordneten,
worber er nicht um seinetwillen, sondern um der Sache selbst willen Freude
empfand. Bunten Seifenblasen lief er nicht nach. Er lie das se Geschft des
Trumens seinem weichern Bruder.
    Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert's Richtung noch nicht. Er hielt hier
eine mnnliche Befruchtung, dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern
fr nothwendig; denn die Geister, sagte er, haben kein Geschlecht. Fr sich
selbst aber behielt er Das als Richtschnur, was seinem Wesen entsprach. Er
scherzte oft tndelnd ohne gedankenlos zu werden, er spottete ohne zu verwunden.
Im brigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste, den er gefllig, leicht,
ohne Kopfhngerei zur Schau trug. Untersttzt von einer sehr edlen Gestalt, die
sichtbar die Kraft und Flle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug, htte er in
der Welt groes Glck machen mssen, wenn ihn nicht die sprlich zugemessenen
Mittel beengt und von einer freien Bewegung in greren Kreisen entfernt
gehalten htten. Wie oft rief er nicht mit dem Dichter: Ich bin ein Fisch auf
drrem Sand!
    Seine einzige Schwche war vielleicht die, da er auf eine pltzliche
Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte .... In diesem Sinne war er
romantischer und aberglubischer als Siegbert. In diesem Sinne glaubte er an
Wunder. Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem gnstigen
Zufalle, in der Liebe oder wol gar in einem persnlichen Unglck bestehen wrde,
war ihm fast gleich. Genug er glaubte an die Nothwendigkeit, da an jeden
Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird, der ihn aus der
Gewhnlichkeit und dem trge sich fortspinnenden Genu eigener Hnde- und
Geistesarbeit herausschleudern msse. Die Das bestreiten, sagte er einmal zu
Siegbert, der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen praktisch, ja
nchtern sein konnte; die Das bestreiten, Bruder, haben wahrscheinlich nicht den
Muth gehabt, den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger, das zugeworfene
Ankertau khn zu ergreifen! Wer da zgert und frchtet, man knnte vielleicht
mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen pltzlich losgelassen werden
oder das Tau knnte reien, Der versumt sein besseres Erdenloos durch eigene
Schuld. In sptern Jahren, wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfaten
Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Huschen zur Unterkunft gegen
Regen und Ungemach gefunden hat, spter entsinnt man sich dann sehr wohl, da
man einst an einem Seitenwege gestanden hat, wo uns ein unerklrliches Etwas in
der Brust zurief: Lenke hier ja ein! Man steht vielleicht nicht sehr hoch und
bersieht nun doch, da jener Weg zur eigentlichen Hauptstrae fhrte und da
Viele, die ihn wandelten, es weiter brachten als wir. Eine einzige unterlassene
Bekanntschaft kann sich so empfindlich rchen! Ein einziges Wort von einem
edlen, einflureichen Menschen, nicht aufgegriffen und befolgt, war so fr immer
verloren. Ja ein Besuch, den man den Muth htte haben sollen, einem freundlichen
Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schnen Frau zu machen, die in einer
Gesellschaft, wenn auch nur drei holde, ermunternde Worte zu uns sprach, konnte
fr uns Vortheile, Lebensplane, Lebensrichtungen zeitigen, die sich blde
Zaghaftigkeit kaum mglich gedacht hatte. Und in diesem Sinne, sagte er sich
immer, greif' ich einmal irgendwo ganz keck zu, wenn ich bemerke, da an der
Wand Etwas, wenn auch nur vom leisesten Schatten einer Schicksalshand spukt und
dmmert, und wenn ich Gefahren erblicke, wenn ich selbst vor khlerm Urtheil
gestehen mte, eine Thorheit zu begehen, ich finde mich schon aus ihren Folgen
wieder heraus, versinke nicht, kmpfe solange ich kann mit den Wogen und bin,
wenn ich aus der Betubung erwache, entweder drben am andern Ufer, wo Glck und
Freude blhen, oder ich erwache nie mehr aus ihr, und Das wre dann auch gut.
    Ein solches geheimnivolles Schattenspiel an der Wand war Dankmarn nun der
Verlauf des ganzen gestrigen Tages. Er htte, wenn er Siegbert's Wesen folgen
wollte, jetzt fliehen mssen. Ein Brief an diese gefhrliche Melanie, der
Vorwand pltzlicher Abhaltung, vielleicht die ausdrckliche Berichtigung ihres
Misverstndnisses, wenn sie es, wie Dankmar kaum wissen konnte, noch hegte,
alles Das wre Siegberten nun sogleich gebieterisch in den Sinn gekommen. Er
htte alle Fden abgerissen und sich wieder in sein Atelier geflchtet, den
Pinsel ergriffen und in Gott und sich vergngt Leinwand bemalt. Ganz anders der
entschlossene feurige Dankmar. Der hielt nun fest, was ihm der Zufall an Drhten
von der groen Weltkomdie in die Hand gespielt hatte. Prinz Egon war nicht mehr
zu finden. War es ein Betrger gewesen, so ergab er sich darein und nahm Das,
was sich aus unangenehmen Irrthmern als angenehme Wahrheit ergeben hatte, fr
ein briges, fr einen reellen Gewinn. Zum Justizdirector von Zeisel konnte er
nicht mehr gehen, denn es war zu frh am Tage. Der Thurm, an dem der Bttel
wohnte, lag ihm sogar zu fern. War der Prinz entflohen, so konnte ihm nur damit
gedient sein, einen Vorsprung zu gewinnen, den er durch seine Meldung vielleicht
verloren htte. Auch hatte er genug zu thun mit seiner Reiserstung. Schon
schlug es fnf Uhr und um sechs wollte Melanie vor der Thr der Krone halten, so
meldete ein Jockei Lasally's, den dieser geschickt hatte, um den Einspnner des
Fremden in Empfang zu nehmen. Dankmar berwies ihm sein geliehenes Fuhrwerk mit
strenger Weisung zur Obhut und Schonung. Auch Bello wurde ihm anempfohlen, den
er sorgsam zu hten versprach. Die Rechnung beim Wirthe wurde berichtigt. Er sah
dabei mit Schrecken, wie seine zwanzig kleinen Papiere schon zusammengeschmolzen
waren, und wenn er vollends gedenken mute, da diese Summe fast eine bei
Hackert gemachte Anleihe war und da ihn ohne Zweifel in der Residenz die
Nachricht empfangen wrde, ein ihm von Lasally's Bereiter, dem alten Levi,
anvertrautes stattliches Pferd wre wieder von Hackert auf irgend eine Weise
wenn nicht ganz zugrundegerichtet, doch vielleicht gemishandelt zurckgeschickt
worden, so ergriff ihn vor den mglichen knftigen Verwickelungen fast ein
Anflug von Muthlosigkeit.
    Melanie aber erschien ihm bei solcher Stimmung wie Ariadne. Sie war ihm die
Retterin aus dem Labyrinthe jeder Gefahr. Wie er sie und Lasally und das ihm
bestimmte Pferd und einen Reitknecht dahersprengen hrte, verschwand jede
Besorgni. Er trat auf die Schwelle des Gasthauses und empfing schon in der
Ferne Melanie's freundlichen Morgengru. Sie nickte ihm alle Trume der
vergangenen Nacht zu. Sie sagte ihm nicht durch Worte, sondern durch einen
einfachen Blick: Ich bin Dieselbe, die ich gestern war! Ich bin Die, die sich in
der Mondnacht deiner Umarmung nur darum entwand, um dir, wenn du willst, fr's
Leben zu gehren! Lasally sprach Einiges ber den Gaul, den er Dankmarn hatte
satteln lassen. Dieser, seit frhen Jahren ein gebter Reiter, fand sich bald
auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht wenig durch seine kundige Haltung der
Bgel und der Lenkseile. Sie trug einen grauen Hut mit schattiger breiter
Krempe, einen blauen Schleier und ein weites, bis oben geschlossenes,
gleichfalls blaues Reitkleid. Die Reitgerte hielt sie unter dem linken Arm
angepret, whrend die linke Hand die Zgel hielt, denn in der Rechten hatte sie
ein weies zierliches Papier, von dem sie Verse ablas, die ihr heute schon in
aller Frhe berreicht waren. Sie kamen vom Pfarrer, der sie ihr am Fue des
Schloberges entgegengehalten und einen Abschied genommen hatte, von dem Melanie
versicherte, er htte sie mehr bengstigt als erfreut.
    Denn ich bin wol glcklich, sagte sie, Die zu erobern, die mir gefallen,
aber geschtzt zu werden, wo man es am wenigsten erwartete, setzt in
Verlegenheit!
    Am Ende des Dorfes, dicht vor Zeck's Schmiede, hielten drei Reisewagen, die
schon die ganze brige Gesellschaft aufgenommen hatten. Nach der Abreise
Melanie's und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem Schlosse zurckbleiben.
Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und sich mit wenigen Stunden Schlaf
begngt. Diese lebensfrohen, vom Dasein so begnstigten Herrschaften reisten mit
allem Comfort des Besitzes. Die Wagen waren elegant und bequem, die Kutscher in
Livreen. Recht gromthig theilte Melanie's Mutter noch an die Diener des
Schlosses Geldspenden und Geschenke aus; krglicher zeigte sich Reichmeyer, der
sich zu seinen Zeitungen und Cursen zurcksehnte. Die Wirthschaftsrthin war
geradezu geizig. Bartusch, der Hannchen Schlurck gegenber sa, theilte auerdem
noch an die alte Brigitte manche Befehle aus und verhie eine baldige Rckkehr,
worauf sie nicht zu erwidern verfehlte, da sie Alle in Gottes Hand gegeben
wren und da der alte Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen sehen.
Dann wandte die Alte sich zu Dankmarn hin, der eben mit Melanie von der Krone
dahersprengte und beantwortete Bartuschens heimlich an sie gerichtete Frage, ob
sie nicht glaube, da dieser Herr der Prinz Egon wre, mit den Worten:
    ber ein Kleines wird man ihn sehen und ber ein Kleines wird man ihn nicht
sehen!
    Bartusch machte ihr seine Frage deutlicher.
    Der Prinz! Der Prinz! sagte er. Kennt Sie ihn nicht mehr?
    Die Alte hatte so viel Angst vor diesen fremden Leuten, da sie Alles, was
man sie fragte, nur halb verstand. Da meinte sie denn:
    Viele sind berufen, aber Wenige auserwhlt!
    Bartusch htte sie nun lieber sollen stehen lassen. Diese gute Alte war eben
durch die lange Gewhnung an kirchliche uerungen, durch berirdische
Sehnsucht, zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von
vielleicht noch einigen Jahren der Entbehrung, in einen solchen Zustand der
Verdumpfung gerathen, da sie nur das allernchste Wirthschaftliche noch begriff
und auf Bartusch's erneuertes Drngen, ob sie jenen jungen Mann nicht fr den
Prinzen Egon halte, unfhig war, sich zu sammeln und vernnftig zu antworten.
    Auch die beiden Zecks standen schon vor der Schmiede und gafften, der Blinde
als wenn er sehen, der Taube als wenn er hren knnte. Seit Jahren schon waren
sie gewohnt, ihre Sinne gegeneinander auszutauschen, und so kam es fast, da der
Blinde besser sah als der Taube, und der Taube besser zu hren schien als der
Blinde. Sie faten sich Beide an; denn das Pferdegetrappel machte den Stand
selbst unter dem Vordache der Schmiede gewagt. Der alte Zeck lchelte, weil er
viel zu wissen schien, der junge lchelte, weil er entschieden nichts wute und
einfltig war. Jener grte in einem fort und sprach laut die lebhaftesten
Reisewnsche aus, dieser nickte Allen zu und besttigte stumm, was der Vater
hastig und von innerer Unruhe getrieben fast in die Luft sprach, denn Niemand
hrte auf sie; selbst Dankmar nicht, dem diese Menschen seit dem Besuche des
Amerikaners und Heunisch's harmlosen Mittheilungen nicht mehr gefielen. Nur
Bello kmmerte sich um sie und klaffte auf seinem zum Fourgon umgewandelten
Einspnner viel unfreundlicher, als sich fr den Abschied und die Ohren der
Damen geziemte. Dankmar hrte dem Thiere die Freude an, zu seinem Herrn, dem
Fuhrmann Peters, zurckzukommen, von dessen Schicksalen an der Schmiede es mehr
zu wissen schien als Peters selbst. Doch suchte er den Lrmmacher ernstlich zu
beruhigen.
    Als sich denn endlich der Zug in Bewegung setzte und die Reitenden noch eine
Weile an den Wagenschlgen sich hielten, kam man noch einmal auf den sonderbaren
Abschied des Pfarrers zu sprechen, der am Wege oberhalb einer Anhhe stand und
mit dem Tuche Allen nachwehte.
    Dankmar sagte zu Melanie:
    Den haben Sie auf dem Gewissen! Der ist an Ihrem Sonnenstrahl noch einmal
wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor, als wenn er beschlossen htte, den
nchsten Schnee auf diesen Bergen nicht mehr abzuwarten!
    So soll er uns willkommen sein! sagte Melanie. Seine Verse verrathen
denselben Geist, den Sie ihm auch in seinen Reden werden angemerkt haben. Ich
glaube es ist ein Poet.
    Etwas viel Gefhrlicheres, sagte Dankmar. Es ist ein Genie; wenigstens
glaubt er es zu sein. An Betrachtungsformen der Dinge, an Reflexionen, sie bald
so, bald so spielen zu lassen, scheint er in der That berreich zu sein. Von
dieser Gattung Menschen hatt' ich immer eine Ahnung, wie sie wol sein knnten
und nun bin ich begierig, ob sich jetzt mit Ihrer Abreise das in Aufruhr und
wilde Ghrung gebrachte bedeutende Element in diesem da legen wird und er
zurckkehrt zur gewohnten Ordnung und Resignation seines Lebens, oder ob es ihn
nicht mehr ruhen lt und er noch einmal den Faden seines Lebens, den er frher
mit der Frstin im Pietismus fast versponnen hat, zu einem neuen Gewebe anlegt
....
    Wre das ein Doctor, sagte Lasally kurz und mit einer Art trockenen Humors,
wie Alles was er sprach; wre Das ein Doctor, von dem lie' ich mich nicht
curiren, und wenn mir nichts als ein Finger weh thte.
    Es ist wol mglich, sagte Dankmar, da er Ihnen soviel von dem Wesen einer
Entzndung der Hand sprche, soviel geistreiche Wendungen fr die Wichtigkeit
der Fnfzahl im menschlichen Krper vorbrchte, bis ein ganz prosaischer Chirurg
kommen und Ihnen von Ihren fnf Fingern den einen kranken abschneiden mte.
    Dankmar sagte Das an der Stelle, wo ihm der vermeintliche Egon die
Visitenkarte gegeben hatte ....
    Darber zwar geneigt, in Betrachtungen zu versinken, konnt' er doch solchen
ernstern Stimmungen nicht nachgeben; denn Melanie duldete keine Pause. Man kennt
ja jene Stimmung der glcklich Liebenden, wenn sie ihr Geheimni unter
gleichgltig scheinenden Scherzen zu verbergen suchen und von der innern, ihre
Brust mit dem Gefhl aller Seligkeiten zu sprengen drohenden Macht getrieben, in
holdem Muthwillen bald nach diesem, bald nach jenem Gegenstande und Gedanken
greifen, deren wirres Durcheinander wol den oberflchlich Blickenden dann
tuscht, dem tiefern Forscher und Kenner der Herzen aber sich gar bald verrth!
    Wenn auch hier die Forscher und Kenner fehlten, so fehlten doch Die nicht,
die Melanie's Natur kannten. Alle wuten, da der junge Fremde, der auf die
Lnge ihnen immer hher wuchs und fr den Bruder eines in Melanie ohne Erhrung
verliebten Malers fast zu hoch von ihr verehrt wurde, nicht Das sein sollte,
wofr er sich ausgab. Man flsterte staunend vom Prinzen Egon. Hatte man doch
auch von einem Diener gehrt, da er einen mit einer Krone gesiegelten Brief zur
Post gegeben! War man doch betroffen ber seine genaue Kenntni aller innern und
uern Beziehungen der frstlich Hohenberg'schen Familie! Nur das Wohlwollen
schien ihnen befremdlich, das er ihnen Allen nicht entzog. War es der junge
Frst, so hatten sie Alle das Gefhl, da er ihnen Etwas schenkte, worauf sie
kaum Ansprche machen durften. Und war er freundlich, ihrer finanziellen
Ansprche wegen, so lag darin Etwas, was ihn wieder geringer erscheinen lie,
als seiner Art zu entsprechen schien. Herr von Reichmeyer fate ihn schon
gering. Er nahm oft Gelegenheit, seine Unzufriedenheit mit Vielem auszusprechen,
was sich ihm auf der Reise durch die Herrschaften des Frsten zur Anerkennung
oder Rge darbot, und machte sich in der ganzen vollen Bedeutung geltend, die er
dem bedrngten Erben haben mute.
    Dankmar, unbekmmert, geno nur den Augenblick.
    Er lie ihn nur noch von Melanie erfllen. Sie hatte ihm gesagt, da sie den
Intendanten auf dem Heidekruge einholen wrden und da bis morgen das Bild in
seinen Hnden sein wrde .... Mehr bedurfte es nicht ... Er lie Alles geschehen
um des Bildes und um des sen Abenteuers willen. In vollem Zuge geno er das
Glck des stillen Einverstndnisses mit einem reizenden Weibe. Beseligt empfand
er die Macht eines einzigen jener Blicke, die aus Melanie's dunkeln,
liebeverheienden Augen ihn fr tausenderlei gleichgltiges Geplauder, Forschen,
Blinzeln, Moquiren entschdigen sollten. Konnte ihm denn entgehen, da Melanie
nur seinetwegen so muthig auf ihrem Rosse aushielt, da sie nur seinetwegen mit
den Leuten am Wege scherzte? Zwar gab sie sich die Miene, von einer brennenden
Sehnsucht nach dem Intendanten verzehrt zu werden. Sie fragte Jeden, ob sie
nicht den schnen Mann in dem eleganten Reisewagen hinter der groen Thierbude
gesehen htten und da durch diese rter noch der Transport des Mobiliars bei
Nacht geschehen war, so stellte sie sich untrstlich, von Niemanden Auskunft zu
erhalten ....
    Hier hat er geschlummert, rief sie, hier haben seine kleinen Ohren sich in
die Kissen seines Wagens gedrckt! Hier ber diesen Stein rollten vielleicht die
Rder seines Landaus und weckten ihn aus einem Traume, wo ich vielleicht eben
vor ihm niederkniete und ihm sagte: Einziger! Nur du! Nur du!
    Und wenn die Leute ber eine gefahrene Thierbude, von der sie sprach,
erstaunten, hier und da wol auch Jemand von dem ungeheueren Wagen gehrt hatte,
so sagte sie Andern wieder, es wre eine Htte, die ihr Geliebter mit sich
fhre, dieselbe Htte, wo er sie zum ersten male gesehen und die er deshalb mit
in sein Schlo nhme, um sie unter eine Glasbedeckung zu stellen ....
    Mit solchen Scherzen vergingen die ersten Stunden des Morgens, bis man sich
am Gelben Hirsche sammelte und dort ein Frhstck einzunehmen beschlo.
    Comfortables Geschirr und feine Kche hatte man bei sich. Eier und Butter
gab die Wirthschaft, die von dem Bruder der hier nicht gern verweilenden
Wirthschaftsrthin gefhrt wurde. Zu verwandtschaftlichen Begrungen blieb hier
nicht viel Zeit; denn die so auerordentlich zahlreiche Gesellschaft drngte und
setzte alle Hnde des Wirthshauses in Bewegung. Der Bruder der Frau Pfannenstiel
war wiederum nicht zugegen. Man sagte ihr, sie knnte ihm vielleicht noch
begegnen; er wre in Helldorf, wo die angesehenen Eigenthmer der Gegend sich zu
einer Wahlbesprechung unter dem Vorsitz des Heidekrgers Justus versammelt
htten. Die Wirthschaftsrthin wute, da ihr Bruder stark Politik trieb und war
froh, da sie sein drittes Wort nicht hrte: Schwester, thu' Etwas fr mich! Ich
habe ein halbes Dutzend Kinder .... Diese Kinder schmiegten sich denn auch,
whrend die Mutter von der Verlegenheit ber soviel Gste fast berwltigt war,
an die Tante, bekamen aber wenig andere Zrtlichkeit von ihr erwidert, als da
sie sich das Zerdrcken und Beschmutzen ihres seidenen Kleides verbat. Sie wrde
ihnen gern, sagte sie, von den Leckerbissen der Wagenvorrthe abgegeben haben,
wenn sie nicht dann jene Beschdigung htte frchten mssen .... Lenchen
lchelte dazu fein, unglubig und betrachtete sie kaum .... Was ist
Blutsverwandtschaft, wenn sie nicht durch den ebenbrtigen Geist vermittelt
wird!
    Unter einem Apfelbaum hinterm Hause nahm die Gesellschaft Platz und breitete
ihre Vorrthe aus, whrend die Dienerschaft auf Kse und Butter aus der
Wirthskche und eine schnelle Revision aller Hhnernester angewiesen war. Frau
von Reichmeyer vertheilte Teller, Servietten, Glser, putzte und reinigte, was
ihr nicht sauber schien, whrend die Justizrthin mit gutmthigen
Entschuldigungen ihre scharfe Kritik wieder kritisirte und Alles zum Besten zu
kehren trachtete.
    So heiter man schien, so entging es Dankmarn doch nicht, da er anfing die
Gesellschaft zu drcken. Seine Anwesenheit belstigte wol nicht, im Gegentheil
mute sie Allen, selbst Lasally, der oft von seiner Anklage gegen Hackert
sprach, interessant erscheinen; allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein
befangener. Bartusch hatte sich entschlieen mssen, Schlurck's Brief
mitzutheilen. Er ging heimlich von Einem zum Andern. Man las, man verglich, man
zweifelte und glaubte, jenachdem Dankmar in der Laune war, die geheimen Zeichen
des Zweifels und des Glaubens, deren Grnde er wol errieth, durch sein Benehmen
zu untersttzen oder zu widerlegen. Htt' er nicht immer noch annehmen mssen,
diese doch hochstrebende, von der groen Gesellschaft verwhnte Melanie gbe
sich seinen Planen vielleicht doch wol nur hin, weil sie in ihm die Eroberung
eines Frsten zu haben glaubte, er htte dem zweifelhaften Schimmer seines Ichs
bald ein Ende gemacht und sich offen als das anspruchlose Glied der Gesellschaft
zu erkennen gegeben, das er wirklich war.
    In dieser Stimmung kam ihm ein Gru sehr willkommen, den ihm ein an dem
Apfelbaume Vorbergehender schenkte. Es war Heunisch, der Jger. Alle kannten
ihn. Es befremdete nicht wenig, da Dankmar, den das seinetwegen stockende
Gesprch fast verlegen machte, aufstand, Heunischen, der ins Haus gehen wollte
(er kam durch den Garten, vom Felde her) auf die Schulter schlug, ihm freundlich
die Hand schttelte und mit ihm nach der Strae zu durch das Haus ging. Die
Kinder umjubelten den fleiigen Besucher dieser Sttte, auf der ihm so
Schmerzliches begegnet war. Sie grten seinen Hund, den sie liebkosten. Sie
nahmen dem Onkel, wie sie Heunisch nannten, den Hut und selbst die Flinte ab,
die er ihnen heute gab, weil sie nicht geladen war. Das Pulverhorn behielt er.
    Dankmar knpfte gleich an Heunisch's Erinnerungen an und wollte von
Ackermann, von Selmar, von der Ursula und ihrer Erbschaft hren. Whrend die
Gesellschaft im Garten frhstckte, setzte er sich mit Heunisch auf die Bank vor
dem Gelben Hirsch, dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes, das ber
der Thr als Wahrzeichen einer Herberge hing, die man nach der Gesinnung des
Herrn Drossel ein demokratisches Widerspiel des Heidekruges nennen konnte.
Gelb hie der Hirsch wol deshalb, weil das Haus grell gelb angestrichen war oder
... umgekehrt.
    Wir werden begierig sein, wie die Ansichten des lebhaften, unruhigen, in
seinen Finanzen zerrtteten Hirschenwirthes in Helldorf mit denen des
Heidekrgers ber die Wahl des Justizraths Schlurck zusammentreffen mssen,
wollen uns aber einstweilen mit Dem begngen lassen, was uns unser alter Freund,
der gutmthige Jger, noch aus seinem grnen Reviere erzhlen wird.

                                 Elftes Capitel



                           Ein Nachhall aus dem Walde

Heunisch, der Frster, war ein so zerstreuter, gutmthig vergelicher Mann, da
er nicht errathen konnte, was er eigentlich Dankmarn zu berichten versprochen
hatte.
    Er fing sogleich, als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte, den er
neben sich auf die Bank stellte, whrend Dankmar durch Abrcken Platz machte ...
er fing sogleich von Dem an, was Dankmar bereits wute.
    Ja, ja, sagte er, hier hab' ich meine erste Braut, das Riekchen Drossel
verloren. Da die Scheune ist, wie Sie sehen, neu gebaut und auch das Wohnhaus
ist fast neu; doch sind's schon wieder fnfzehn Jahre her und Alles sieht
schwarz und vergessen aus. Haben Sie denn in der Ullaschlucht das Kreuz gesehen?
    Welches Kreuz? fragte Dankmar, selbst zerstreut.
    Das Kreuz um Sgemller's Nantchen! Die Leute weisen ja jeden Fremden dahin
und erzhlen ihm mein Elend ...
    Dankmar besann sich und bedauerte, sich die Sttte nicht angesehen zu haben.
    Das Kreuz an dem Wasserstrudel, sagte Heunisch, ist gleich von Hause aus
schwarz. Drum hlt sich's immer wie neu. Die Frau Frstin lie es setzen. Sie
war doch gut ... und eigentlich ist's nicht recht, da ich fter hierher gehe
als an das Kreuz.
    Warum nicht? Hier findet Ihr Trost und Labung.
    Nein Herr, sagte Heunisch, oft werf' ich mir's wirklich vor, da ich lieber
hierher gehe und mich gewhnt habe, fast alle drei Tage bei Drossel's zu sein,
als auf die Sgemhle zu, wo ich selten hinkomme und doch wei ich nicht, wessen
Tod mich mehr geschmerzt hat ... Nantchen's oder Riekchen's. Nantchen war
schelmisch und behend wie ein Reh; sonst htte sie mich Riekchen nicht vergessen
lassen, die so freundlich hier die Gste empfing und gleich wenn sie bedient
hatte, sich wieder zum Arbeiten hinsetzte, da hinter die Blumen am Fenster.
Lieber Gott, ich rede von damals! Damals lag das Fenster hier unten rechts und
Blumen waren dahinter gezogen wie eine Laube. Ich sehe sie noch mit ihrem Kamm
von Schildpatt und Elfenbein hinterm Goldlack .... Jetzt ist der Flgel ganz
abgebrannt und neu angebaut, die Scheune ist neu und der Stall. Der Wind trieb
den Brand nach Scheune und Stall und im Hause verbrannte Die nur, die verbrennen
sollte.
    Verbrennen sollte? fragte Dankmar verwundert. Wer wollte denn, da sie
verbrannte?
    Ist's denn nicht Gottes Rathschlu, so wie so, und was uns bestimmt ist, wer
kann ihm entgehen! antwortete Heunisch nachdenklich.
    Er kam dann auf die Schwester seiner Braut, die er wol erkannt, aber nicht
gegrt hatte ... die Frau Wirthschaftsrthin. berhaupt war er erschrocken, da
unter dem Apfelbaum so die ganze Bescherung vom Schlosse anzutreffen ....
    Was sie wol mgen herausgebracht haben ber unser Aller Schicksal, fragte
er; denn - nehmen Sie mir's nicht bel, Herr ... Sie gehren doch wol auch ...
    Zu den Glubigern? sagte Dankmar kopfschttelnd und gab ihm den Trost, da
sich der Prinz ohne Zweifel noch entschlieen wrde, die Herrschaft
beizubehalten, worber Heunisch groe Freude bezeugte. Dann aber fuhr Dankmar
fort:
    Aber Heunisch, Sie sind mir ja noch Eins schuldig ... wissen Sie denn nicht
mehr? ...
    Ich wollt' Ihnen was erzhlen? Von der Frnz in der Stadt? Nicht wahr?
    Nein! Nein!
    Von den Kugeln unterm Ebereschenbaum?
    Erfuhr ich schon ... Nein, nein! ... Ob die Ursula Marzahn ... gestanden
hat, da ihr der Amerikaner ...
    Ah Das, Herr! Ja offen und ehrlich hat sie's! sagte Heunisch lachend. Alles
hat sie gestanden, das Geld hergezhlt und mir bergeben, freilich in ihrer Art,
accurat so, da Einer, der sie nicht kennt, lieber nichts davon htte wissen
mgen ...
    Wie denn? fragte Dankmar, mehr wegen Ackermann's und des Knaben, als wegen
der Ursula gespannt.
    Wie ich hinber kam in mein Haus, erzhlte Heunisch, da begegnete mir schon
an der Wiese der fremde stattliche Herr mit dem lieben Jungen. Allerliebstes
Kind Das! Nach seinem Geschft, wenn es doch ein geheimes sein sollte, mochte
ich ihn nicht fragen und er sagte selbst weiter nichts davon und grte blos. Da
er denn aber doch in meinem Hause war, so blieb ich stehen und er fing an recht
freundlich zu werden und meinte, da ihm die Alte nicht gefalle. Ei, Herr, sagt'
ich, die hat schon Manchem nicht gefallen, kommen Sie aber nur wieder mit
zurck; es hat eben Jeder seine Art. Nein, nein, sagte er und der kleine Bursch
schmiegte sich ihm ordentlich furchtsam an, sie hat den tauben Schmied da
behalten, mit dem sie sich so wahnwitzig curios verstndlich macht, da Leute,
die hren knnen, besser die Ohren zuhalten und davongehen. Htte mein Junge
Drsen am Hals oder sonst ein Kinderbel, so km' ich schon wieder; denn die
Alte scheint mir zu den Wahrsagerinnen, Kartenlegerinnen, und ums gerade
herauszusagen, zu den Hexen zu gehren!
    Das war rundweg gesprochen, Heunisch!
    Da ich mich dagegen im Grunde nicht struben konnte und es geschehen lassen
mu, wenn man die Ursula so nimmt, wie sie sich eben gibt, so mut' ich ihn wol
ziehen lassen. Nun aber hielt der Amerikaner mich selber auf und fragte die
Kreuz und Quer, nach Feld, Wald und Wiese in Hohenberg und wollte Tausenderlei
von unserer konomie wissen. Endlich kam ich in mein Haus, wo ich denn richtig
die Ursula mit der goldenen Bescherung antraf. Sie hatte all ihr Gold, es waren
hundert doppelte Friedrichsdore, in der Schrze und rief mich gleich an:
Schnappauf, Junge!
    Schnappauf Junge? wiederholte Dankmar. Das klingt ja ganz kindlich!
    Ich mute gleich die Mtze hinhalten und in die Mtze, die ich hinhielt,
schttete sie's mir, Alles baar und blank und tanzte dabei wie nrrisch ....
    Tanzte?
    Sie hielt's fr Katzengold, sagte sie.
    Katzengold? Heunisch, dann mt Ihr's doch wol wiegen lassen.
    Wie so?
    Sie kann's ja gleich verhext haben.
    Ach Spa! Ich sah schon, da die Friedrichsdore echte Landsvaterwaare sind
und ber Nacht nicht wieder Kohlen werden. Nchsten Sonntag sollen die Zeck's
bei uns zu Mittag speisen und da wollen sie denn zusammen abmachen, was sie mit
dem vielen Gelde beginnen.
    Seht! Seht! sagte Dankmar, da werdet Ihr ja einen feierlichen Sonntag haben
....
    Ich mag nicht dabei sein; antwortete der Jger.
    Wo man vielleicht Wein trinkt?
    Der Blinde verdirbt mir den Appetit ....
    Ihr shnt Euch aus ...
    Mit einem Habgierigen nicht!
    Ist Das so ein Whrwolf?
    Ein Blutsauger, was das Geld anlangt ...
    Der blinde Zeck?
    Der Mensch ist heimlich, wie ich Ihnen schon gesagt habe ....
    Unheimlich ...
    Aber man knnte ihn in Ehren grnen und blhen lassen, was die Arbeit, den
Flei und die gute Auffhrung anlangt ....
    Und dennoch?
    Seine Habgier! Das ist die Plage!
    Er scheint doch in leidlichen Umstnden ...
    Fr sich bedarf er nichts, aber sein Junge ... den liebt er, wie ein Affe
seine Jungen ...
    Macht ihm Ehre ...
    Wol! Das sag' ich auch. Aber Alles in seinen gehrigen Grenzen ....
    Da habt Ihr Recht!
    Wie qult er seine Schwester!
    Seine Schwester? Qulen? Erkennt die Ursula einen Meister?
    O Herr, Das ist nicht zu sagen! Ich warf ihn schon oft zur Thr hinaus!
    Was, glaub' ich, nicht leicht ist. Er hat Arme!
    Da er nicht sehen kann, ist sein einziger Jammer ... aber am Zuschlagen
hindert's ihn nicht.
    Er sucht wol, wo es etwas zu fischen gibt?
    Fr seinen Jungen, fr den er sammelt, fr den er spart und geizt ... denn
es ist wol ein elender Mensch, der Sohn, wenn der Alte einmal ...
    Die Augen zuthut, kann man nicht sagen ...
    Kann man nicht sagen ... Aber doch sieht er mit den Hnden, mit den Fen,
mit der Nase, mit den Ohren. Da ist in unserm Forsthause ein Schrank ... Sie
htten uns doch besuchen sollen ...
    Das nchste mal, Heunisch!
    Den Schrank hab' ich der Ursula gelassen, weil er ihr schon bei Marzahn
gehrte. Da hat sie alle ihre Papiere drin und Geldsachen und Quacksalbereien
und was wei ich ...
    Ihr seid, bei Gott, nicht neugierig!
    Nein, Herr! Vertrauen und Accuratesse! Das war immer mein Wort! Ich lasse
die Ursula in ihren Schrank legen, was sie will. Und wenn der Schlssel auf dem
Tisch lge ....
    Ihr nhmt ihn nicht?
    Ich nhm' ihn nicht ....
    Aber Zeck? Der wre nicht so rcksichtsvoll?
    Auf den Schrank hat er's! Den umschnffelt er! Da wittert er Gold und Silber
und Erbschaften und Verschreibungen ....
    Alles fr seinen Sohn?
    Fr den Jungen, der einmal blinder als blind ist, wenn der Alte nicht mehr
ist.
    Doch immer eine vterliche Frsorge! Etwas Achtbares dabei!
    Ei ja! Ich will's gelten lassen. Ich gnn' ihm sein Geld, ich gnn' ihm die
Erbschaft, die der feine Herr aus Amerika gebracht hat ... aber ...
    Von wem kommt denn die Erbschaft?
    Im Vertrauen, glaub' ich - von einem verstorbenen Bruder, der hoffentlich
ein seligeres Ende genommen hat als er es verdiente ....
    Eine seltsame Familie!
    Lassen Sie's gut sein, Herr! Ich hab's nie wissen mgen, warum sie seltsam
ist und so wei ich auch nicht, warum Schwester und Bruder an das Gold nicht
glauben wollen ....
    Das sie doch mit Hnden greifen?
    Das sie mit Hnden greifen! Katzengold, sagt die Ursula ....
    Der Bruder war doch etwa ... kein Falschmnzer?
    Stille! Stille! Das ist wieder mein vergrabener Brunnen .... Ich war gestern
Abend noch an der Schmiede. Der Blinde sitzt vor seinen Goldstcken und klingt
Eines an das Andere an, ob es auch echt ist ....
    Das nenn' ich Mistrauen!
    Ja, ja, Sie lachen, bester Herr! Ich sitze, wei Gott, recht unter tollen
Geschichten und wenn sie mir denn doch zu bunt werden, geh' ich hier hinauf in
den Gelben Hirsch. Hier ist's luftig und frei. Ein gesunder Zug in die Brust
hinein strkt mir die Lungen hier, und htt' ich nicht Hunde daheim und ein paar
alte Eulen und eine ganze Stube voll Vgel und freilich auch mein Brot im Walde
und die Hoffnung, die Frnz kommt einmal aus der Stadt fr immer wieder heraus
zu mir, ich ginge am liebsten nicht wieder hinein, so schwl wird's mir
manchmal, denn die Gespensterseherei der Alten nimmt berhand ....
    Dankmar nahm innigen Antheil an dem guten treuen Menschen und erzhlte ihm
auch seinerseits Einiges von der Verlegenheit, in die er durch die bei einem
ihrer Gespenster gefundenen Kugeln kme ...
    Das Gespenst da, sagte Heunisch rasch, hab' ich seitdem auf dem Strich und
bin ihm schon so nahe beigekommen, da ich ihm ein Halt da! Steh Canaille! htte
zurufen knnen.
    Wirklich? fragte Dankmar gespannt und fast in der Hoffnung, der Frster
mchte ihm nun ja Hackerten als den Verdchtigen bezeichnen, seinen Begleiter,
den er von seinen Anzglichkeiten auf die schne kleine Franziska schon kannte.
    Es kam auch so zum Vorschein. Der Jger sagte:
    Da Sie selbst darauf kommen ... will ich auch nicht zurckhalten ....
    Sprecht offen! sagte Dankmar. Wir sind gute Freunde ....
    Drum thut mir's leid, da Sie mit dem ...
    Also der Rothhaarige, der mit mir hier auf dem Gelben Hirsch ...
    Der Buschklepper, den ich seitdem hier und da herumspuken sehe ... Gestern
Nacht hatt' ich mich bei den Holzschlgern versptet. Die Leute mssen bis in
die helle Mondnacht schlagen, um nur fr die Nimmersatts da unterm pfelbaum aus
unsern jungen Pflanzungen, die sich kaum erholen knnen, Silber zu mnzen.
    Sprechen Sie leiser!
    Ach was! Sie knnen's hren! Mit der Frau Wirthschaftsrthin, Herr, knnen
Sie doch nicht unter einer Decke stecken ....
    Nein! Heunisch, und wenn's eine seidene wre! sagte Dankmar lachend und
gespannt.
    Nun ja! Es mochte gestern schon stark nach zehn Uhr sein, als ich meinen
rothen Burschen ber die Wiese streifen sah, die vom Plessener Thurm her,
hinterm Gebsch um den Schloberg, in den Wald fhrt. Er rannte mehr als er
ging.
    Mein rother Begleiter?
    Ich denke wol! Ich stelle mich hinter einen Baum, um ihn besser zu
beobachten. Er sieht sich berall um, und Jeder htte geschworen, der Kerl hat
ein bses Gewissen. Endlich ging er langsamer, ich ihm nach. So mocht' ich eine
halbe Stunde hinter ihm geschlichen sein, als ich sehe, da Dies der Weg zum
schwarzen Kreuz ist, wo mein Nantchen vom Felsen glitt. Es ist ein gespenstiger
Ort, fast wie eine Kirche bei Nacht. Rings ber dem Wildbach stehen gerade hier
rundum alte Bume und uralte Felsensteine und sehen so zackig und knorrig in die
Flut hinunter, da ich mir schon manchmal gedacht habe, wenn die alten ste
einmal lebendig wrden und husch! wie Schlangen durcheinander fhren und dich
einmal packten, Heunisch!
    Ihr habt Phantasie, Heunisch!
    Es pret mir immer die Kehle, wenn ich an den Ort komme und das Kreuz so
ernst, gerade als ob es reden wollte, da oben steht und mir vorwirft, da ich am
Ende das Riekchen hier doch lieber gehabt htte, weil ich immer auf dem Gelben
Hirsch bin ....
    Ihr seid zu gewissenhaft, Heunisch! Nantchen von der Sgemhle freut sich im
Grabe, wenn Ihr getrstet seid.
    Da bin ich denn umgekehrt und hab' den Schelm aus dem Gesicht verloren. Nun
hab ich's aber der Ursula erzhlt ... wissen Sie, was Die sagte?
    Ich bin begierig ...
    Es ist zum Lachen, fuhr Heunisch fort; das schwachsinnige alte Weib lie
sich nicht ausreden, da sie ihren Bruder gesehen htte. Es ist ja Fritze aus
Amerika, sagte sie, der uns das Katzengold gebracht hat und sieh Einer nur nach,
unten, im Bach, wo Schn Nantchen stolperte, da liegt noch weit mehr von dem
Dreck. Geh hin, Heunisch, da liegt ein ganzer Schatz! Ja Schatz! Mein Schtzchen
liegt da! sagt' ich aus Spa und doch betrbt; mein Schtzel war hbsch, aber
reich war sie nicht, Urschel! Da schwieg sie und meinte blos: La den Fritze
nicht hereinkommen, Heunisch! Wir haben nichts mehr fr ihn hier zu suchen, es
ist Alles fort, Alles fort. Es braucht auch keinen Tischler zu schicken, um
nachzufragen, ob wir nicht den Sarg bestellen wollten. La ihn aber auch gehen!
Wer auf Geister schiet, trifft sich. Damit war sie wieder vergngt und ging in
die Kche und richtete ein gutes Essen an.
    Wetter, sagte Dankmar, Das wiederholt noch einmal, Heunisch: Wer auf Geister
schiet, trifft sich, sagte sie?
    Eine alte Regel, Herr, die lter ist, als ...
    Der Doctor Lehmann am Rabenstein! Wer auf Geister schiet, trifft sich! Das
ist so alt, wie der bethlehemitische Kindermord und die Aussetzung Mosis am
Wasser und die Inquisition und die Censur.
    Ja, ja! lachte Heunisch. Im Walde lernt man sein Bischen schwarze Kunst. Wer
auf Geister schiet, trifft sich!
    Dankmar berlegte. Er sahe, da sich Egon's Erzhlung von der bsen
Aufnahme, die er im Forsthause fand, nun zusammenschlo mit Dem, was er hier von
Heunisch vernahm. Er wollte aber noch genauer forschen. Ohne ihm Etwas von dem
Gefangenen im Thurm zu sagen, kam er auf den Tischler zurck und fragte
Heunischen, was die Alte mit dem Tischler gewollt htte?
    Heunisch erzhlte ihm dann Alles, was Dankmar, freilich in anderer
Auffassung, schon wute und bemerkte auch ganz richtig, da Dies ohne Zweifel
jener junge schne Handwerker gewesen wre, den er hier mit im Gelben Hirsch
gesehen htte.
    Freilich! freilich! sagte Dankmar. Der war's. Wute sie nicht mehr von ihm
zu sagen?
    Heunisch, seine drngendere Neugier nicht bemerkend, sagte ganz ruhig:
    Sie hatte genug, als er von sich als einem Tischler sprach. Denn ihre Furcht
vorm Tode ist eine Schande. Sie wird auch aus purer Todesfurcht steinalt und
berlebt mich zehn mal. Ich hatte meinen Spa mit ihr und sagte: Urschel,
Urschel, der Tischler hat ja nur vorlufig 's Ma nehmen wollen! Da schluchzte
sie, fiel wieder in eine andere Narrheit und meinte: So gro wie seine Mutter
brauch' ich's nicht.
    So gro wie seine Mutter? fragte Dankmar erstaunt. Wessen Mutter meinte sie?
    Das kann ich nicht sagen, Herr, sprach Heunisch; man mu auch Nichts drin
suchen. Die halb Verrckten und Geisterseher haben's immer mit zweierlei
Menschen zu thun, mit Kindern und mit Mttern. Bei ihrem gespenstischen Bruder
kommt sie immer gleich auf Kinder, die er wol kann hinterlassen haben, und beim
Tischler kam sie gleich auf seine Mutter. Der frhere Pfarrer in Plessen - wie
hie er doch -
    Rudhard, ergnzte Dankmar.
    Ei sieh, woher wissen Sie Das? fragte Heunisch erstaunt, Rudhard ...
Richtig! Ganz richtig! Das war ein anderer als der jetzige, der erst ein
Augenzwinkerer war und nun ein Schwtzer ist. Der Rudhard sagte einmal: Im
Menschen wre Alles, was auf eine Mutter und auf ein Kind ginge, ein gttliches
Geheimni. Ich hab's deutlich behalten, weil's die erste Predigt war, die ich in
Plessen hrte, und ich kann Ihnen wol im Vertrauen sagen, die letzte seit meiner
Confirmationszeit. Der Mann sagte auch: Da ein Kind Kind sein knne und eine
Mutter Mutter sein knne, Das wre so schwer zu begreifen, wie Gottes Wesen
selbst und drum haben's auch, wie ich an der Urschel sehe, die Hexen und die
Teufel immer mit Kindern und mit Mttern. Das mu wol der Eingang in die Hlle
sein.
    Oder der in den Himmel, Heunisch! sagte Dankmar und schttelte ihm nun wie
zum Abschied die Hand. Ja, ja! In den Himmel! setzte er hinzu. Haltet noch eine
Weile unter diesen Menschen aus, die Eurer nicht wrdig sind, bis die Frnz
kommt, die besser, tugendhafter sein wird, als sie der Hallunk, von dem Ihr mir
leider zu wenig erzhlt habt, Euch darstellte.
    Heunisch hielt Dankmarn und sah ihn treuherzig mit seinen mnnlichen Zgen
ohne Falsch und einem guten sorglosen Auge an.
    Nicht wahr? Das meinen Sie auch? sagte er bewegt; und nun, bester Herr, wir
sind uns immer so angenehm begegnet; wenn ich einmal in die groe Stadt
dahinunter komme und Sie mir erlauben wollen, wieder mit Ihnen ein Bischen zu
plaudern ...
    Er zgerte, sein Anliegen auszusprechen.
    Offenbar wollt' er Dankmar's Namen wissen und Dieser, nach der ihm
einwohnenden offenen Weise, unbekmmert ber die mglichen Folgen, hielt es fr
seine Pflicht, dem Ehrlichen gegenber ehrlich zu sein und sagte:
    Ich heie Dankmar Wildungen, bin ein Referendar beim Gericht. Wenn Sie den
Namen behalten, finden Sie mich wol auf oder fragen Sie nur bei dem Gericht.
Dankmar ...
    Dankmar Wildungen! wiederholte Heunisch langsam und nachdenkend, als wollt'
er sich den Namen des ihm so liebgewordenen jungen Mannes recht einprgen.
    Dabei hielt er aber noch immer Dankmar's Hand fest ....
    Und als dieser die Wagen vorfahren hrte und sich ihm nun langsam entziehen
wollte, brach Heunisch gerade mit Etwas hervor, was er noch auf dem Herzen
gehabt hatte und was auch vielleicht die Ursache seiner groen Offenherzigkeit
gewesen war ....
    Und wenn nun, sagte er fast schlau lchelnd, wenn nun die Zeck's nchsten
Sonntag bei mir zu Hirsebrei in Milch und einem Rehbock oder was sonst die
Urschel und meine Flinte bescheren wird, kommen und Rath schlagen, wo sie mit
den vierhundert Friedrichsdoren - denn so viel sind's - hin sollen und Heunisch
auch ein Wort mitsprechen mchte: Was rathen Sie mir da wol? Wo legt man nun
solch Geld jetzt am besten an?
    Aha! dachte Dankmar bei sich. Nun kommt der Schlssel zu all den offenbarten
Geheimnissen ... Wie schlau ist mein Waldsohn!
    Nur nicht in Staatspapieren! war seine rasche Antwort.
    Sagte mit heute der Amerikaner auch, meinte Heunisch.
    
    Der Amerikaner? Heute? Haben Sie ihn denn wiedergesehen?
    Vor einer Stunde! Er mu des Weges kommen.
    Hierher?
    Dankmar war ergriffen von Freude und fast mute er sich sagen, von Schreck.
Dieser Fremde und sein holder Sohn hatten sich ihm eingeprgt wie eine Mahnung
immer nur an sein edelstes Selbst. Sie waren sein Gewissen geworden. Und so
erschrak er fast ber die Mglichkeit, da dieser Fremde, mit dem schlichten
Namen Ackermann, pltzlich von den Abenteuern Einsicht bekommen knnte, in die
er sich hier verwickelt hatte ...
    Der Jger erzhlte ihm, da er auf seinem krzern Wege, den er von Plessen
eingeschlagen htte, Ackermann mit seinem Sohne begegnet wre und wenn ihm Recht
wre, she er sie dort - damit zeigte er auf einen Weg, der sich hinter dem
Gasthause heraufzog - in dem kleinen Wgelchen schon herkommen -
    Dankmar blickte hinber.
    Ackermann und Selmar saen in einem leichten Wagen und grten ihn schon von
ferne ... Da aber stand auch schon Lasally mit dem Rosse neben ihm, das er
besteigen sollte. Die ganze Gesellschaft drngte, die Wagen fuhren
durcheinander, die Pferde stampften, die Bedienten riefen, Heunisch trat zurck
und lftete die Mtze und Dankmar, der nicht mehr wute, wohin er hren und was
Alles sehen sollte, verlor fast die Besinnung ...
    Euer Geschft, sagte er zu Heunisch, indem er fast mechanisch auf sein Ro
stieg, also Euer Geschft, bester Freund ... Ich will Euch sagen, rief er ganz
laut, kommt in die Residenz und fragt beim Prinzen Egon, Euerm Herrn. Oder
schreibt! Bei uns sollt Ihr die beste Auskunft finden! Ich bin fr Grundbesitz
oder Industrie und Das httet Ihr ja in Plessen oder bei Hohenberg gleich in der
Nhe, um immer Euer Auge in die Benutzung des Geldes einsehen zu lassen. Wer
wei, was man jetzt in Hohenberg nicht Alles fr Mittel brauchen kann. Euer Herr
gibt Euch die besten Hypotheken! Also kommt nur zu mir! Beide gehen wir dann zum
Prinzen Egon! Oder es macht sich Alles schriftlich, wie Ihr wollt!
    Damit sa Dankmar im Sattel. Heunisch trat dankend und fast erschrocken, da
man so laut von dem Gelde gesprochen, zurck. Einige Wagen fuhren ab. Dankmar's
Gaul folgte mechanisch dem stattlichern Renner Lasally's. Dankmar wandte sich
um. Selmar grte noch immer und Ackermann nickte freundlich. Zur Erwiderung zog
er sein Taschentuch und schwenkte es in der Luft hin und her, zog auch seinen
Hut und lie die winkende Hand Das sagen, was sein Mund in die weite Entfernung
nicht mehr hinbertragen konnte.
    Nun lie er dem Pferd die Zgel schieen und sprengte der brigen
Gesellschaft nach, die an ihm schon vorberfuhr.

                                Zwlftes Capitel



                                 Melanie-Spe

Als sich Dankmar auf seinem Rosse gesammelt hatte, sah er sich nach Melanie um.
Er entdeckte sie nicht. Neben ihm fuhr Herr und Frau von Reichmeyer. Er
erkundigte sich nach Melanie. Das reiche Ehepaar stand im Wagen auf, um
rckwrts zu sehen, und zeigte ihm den Wagen der Justizrthin, der noch fern am
Gelben Hirsch hielt. Er sah das leere Pferd, das Melanie geritten hatte, von
einem der Jockeys gefhrt, ihm lngst voraus. Es schien also wol, da sie fahren
wollte. Endlich entdeckte er sie, wie sie in den Wagen stieg mit vernderter
Toilette. Sie hatte sich aus einer Amazone in eine Dame der neuesten Mode
verwandelt und trug einen weien Seidenhut, ein weies Kleid und einen leichten
rothen Krepp de Chine-Shawl. In dem Augenblick fuhr sie ab, wo Ackermann und
Selmar anlangten.
    Kommen Sie denn endlich zur Besinnung? rief sie Dankmarn entgegen, als der
Wagen schnell ihm nachflog und der Staub sich so verzogen hatte, da man im
langsamern Fahren sprechen konnte.
    Dankmar bat um Entschuldigung ber sein langes Gesprch mit dem braven
Waidmanne, den er auf dieser Reise sehr liebgewonnen htte.
    Er fgte hinzu, er knne die Zerstreuung um so weniger bereuen, als sie ihm
jetzt die volle berraschung ihrer pltzlichen Metamorphose gewhre ....
    Sie sollten sich zu uns setzen, sagte Melanie mit Vertraulichkeit. Bartusch
rckt und ist berhaupt der bequemste Reisegesellschafter von der Welt, ein
Reisenecessaire in Taschenformat ....
    Sie zeigte dabei auch auf die Geldbrse, die der kleine schlaulchelnde Mann
in der Hand hielt, whrend er die Ausgaben im Hirsch verrechnete.
    Prinz! Hier ist Platz! rief Bartusch, ganz in seine Rechnung verloren.
    Wie Dankmar die Worte hrte und Melanie ihn ber sie fixirte, bergo es ihn
purpurroth und wie mit einem Seitensprunge das Pferd vom Wagenschlage ablenkend
jagte er, seine Verlegenheit zu verbergen, Lasally nach.
    Hast du bemerkt, wie er errthete? sagte Melanie zur Mutter.
    Diese wandte sich, noch ganz erschrocken ber Bartusch's Auffoderung zu
diesem hinber und fragte:
    War Das mit Absicht, Bartusch?
    Nein, sagte Bartusch, die Augenbrauen in die Hhe ziehend, es kam mir
zufllig ...
    Seither war ich im Zweifel, sagte die Mutter, und kann mir nicht denken, da
sich ein junger Mann, der uns so wenig Ursache hat befreundet zu sein, uns
dermaen vertrauensvoll anschliet. Melanie ist freilich sehr unvorsichtig ...
    Mutter! sagte Diese und legte, da Hannchen Schlurck recht zrnend
ausschaute, den Arm um ihre Schulter, um sie zu beschwichtigen ... Mutter, zanke
mich nur aus!
    Ich werde dir nie rathen, sagte die Mutter, da du Lasally erhrst, aber ich
bewundere die Geduld dieses treuen Menschen. Er hatte sicher gehofft, in der
Einsamkeit des hohenberger Aufenthaltes wrden seine Wnsche dir nicht misfallen
und nun mu er erleben, da du von dort mit einer doch im Grunde sinnlosen
Leidenschaft zurckkehrst, die dich heute noch nrrisch macht ....
    Du meinst doch meine Excellenz? fragte Melanie mit Schalkhaftigkeit.
    O geh mit dieser Posse! sagte die Mutter, fast verstimmt. Immer freu' ich
mich, da deine Spe ihre Lacher finden, heute aber wundere ich mich darber.
    Mutter, sagte Melanie, du wirst bitter! Du willst meine Erfolge stren? Das
ist ... fast htt' ich das vierte Gebot verletzt.
    Frau Justizrthin ist trben Humors, meinte Bartusch und spielte boshaft
genug auf den Eindruck an, den der sonst so heitern und duldsamen Frau die
Enthllung einer sonderbaren nchtlichen Wanderung ihres Gemahls gemacht hatte,
als Bartusch von dem gefundenen Schrein erzhlte. Ein ernster Blick der
nachdenklichen Frau verbot ihm weitere Errterungen ....
    Die lstige Pause, die eintrat, unterbrach Melanie mit Wiederholung der
Worte, die sie von Dankmar am Gelben Hirsch gehrt hatte:
    Also kommt nur zu mir und Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon!
    Es ist deutlich genug! sagte Bartusch.
    Und der Jger, meinte die Mutter. Schien er nicht ganz erschttert, da wir
ihm die Muthmaung mittheilten? War es nicht, als wollte er sagen: Nun gingen
ihm ja pltzlich die Augen auf und er erkenne, mit wem er sich so oft und so gut
unterhalten htte?
    Ich habe, sagte Melanie ernster gestimmt, ich habe diesem Fremden, ob es nun
der Prinz oder nicht der Prinz ist, einen Dienst zu leisten versprochen, dessen
Ausfhrung mir viel berwindung kostet. Ich leugne nicht, da er sogleich mein
Herz gewann und zum Zeichen, da ich beim Anblick dieses liebenswrdigen Mannes
mehr empfinde, als ich bisher fr irgend Jemand in der Welt empfunden habe,
wollen wir morgen in aller Frhe, gegen sein Wissen, vom Heidekrug weiter
reisen, damit wir ... doch wol nicht zu weit gehen. Hab' ich dem Drange genug
gethan, ihm mich so weit zu widmen, als ich sehe, da er Liebe, Hingebung und
die Aufopferung eines treuen Herzens nthig hat, so hrt mein Spiel auf und es
ist dann an ihm, zu zeigen, was er fr soviel Freundschaft mir Ernstes erwidern
will ...
    Kind, rief die Mutter, denkst du so hoch?
    Ich denke gar nicht, liebe Mutter, sagte Melanie ruhig.
    Denn wenn ich dchte, wrde Das, was ich heute noch Alles ausfhren soll,
kaum mglich werden. Ich fhle nur. Nur ein Instinct, ein wunderbarer Reiz ist
es, der mich seit dem Augenblicke leitet, da ich diesen Fremden sah -
    Nein, verbesserte die Mutter, seit der Vater schrieb, der Prinz wre im
Incognito am Fue des Schlosses, und wir annahmen, die von ihm gegebene
Beschreibung passe auf jenen Fremden, der uns vielleicht Alle tuscht -
    Er tuscht uns nicht, sagte Melanie, er nennt sich Dankmar Wildungen. Ist es
der Prinz nicht ... so werden wir ihn um so leichter vergessen knnen.
    Ich dagegen hoffe, sagte die Mutter, da es wirklich der Bruder des blonden
Malers ist, den du bei uns eingefhrt hast. Denn ein Roman mit einem Manne, der
zu hoch steht, als da er dich heirathen knnte, wre bei den mancherlei Sorgen,
die so schon unsere Brust drcken, vollends eine Qual ....
    Denke nicht an die Zukunft, Mama! sagte Melanie. Das Nchste ist, da ich
bitte, mich auf dem Heidekrug rumoren zu lassen, wie ich will. Morgen frh mit
Sonnenaufgang bin ich vielleicht vor Euch Allen schon auf dem Wege nach Hause
und spreche den Fremden nicht mehr ... vielleicht nie mehr.
    Was hast du denn nur vor? fragte die Mutter, die jetzt erst die Andeutungen
eines Planes verstand, mit gesteigerter Besorgni.
    Einer Antwort ward Melanie dadurch berhoben, da Dankmar und Lasally jetzt
dicht bei den Schlgen des Wagens ritten, Einer rechts, der Andere links.
    Melanie knpfte rasch ein unverfngliches Gesprch an und verlangte zu
wissen, was Das fr Fremde wren, denen Dankmar so freudig zugewinkt htte?
    Der Befragte theilte so viel von Beiden mit, als sie interessiren konnte,
ohne Dinge zu erwhnen, die vielleicht unbekannt bleiben sollten.
    Der Knabe, sagte Melanie nach einigem Nachdenken und stockte ...
    Nicht wahr? Ein liebes Kind? fiel Dankmar ein.
    Ja, ja, der Knabe schien mir ein verkleidetes Mdchen ... sagte Melanie.
    Melanie! rief Dankmar sich vergessend und begriff nicht, wie ihn diese
uerung so erregen, so in allen Adern durchbeben konnte.
    Sie erschrecken? Was? Eine neue Rivalin? Eine Rivalin der Grfin d'Azimont
wollt' ich sagen. Kommt das Alles von Paris?
    Dankmar mute lcheln, weil ihm die Misverstndnisse des gestrigen Abends
einfielen. Doch wnschte er sie abzubrechen und sagte:
    Wer die Grfin d'Azimont ist, wissen wir; lieber mcht' ich Herrn Lasally
veranlassen uns zu erzhlen, welches die schnsten und gewandtesten Amazonen der
Residenz sind ....
    Man blickte zu Lasally hinber, der nachdenklich schien.
    Hren Sie denn nicht, Lasally, sagte Melanie, wer reitet von den Damen
besser als Melanie mit dem abscheulichen Namen Schlurck?
    Die Frau Major von Werdeck reitet besser! sagte Dieser kurz und bestimmt.
    Man lachte ber seine Offenheit.
    Sie sind kurz angebunden! Wie knnen Sie eine Polin mit mir vergleichen ...
eine wilde Demokratin!
    Demokratin? fragte Dankmar.
    Eine Sarmatin, die auf einem Pferde zur Welt gekommen scheint ... sagte
Lasally, um sich zu entschuldigen.
    Stille! Stille! Es wird immer besser! rief Melanie und wollte von der Frau
Major von Werdeck nichts mehr wissen.
    Auch die Damen von Wachendorf, die Baronin Spitz und Frau von Landskrona
sind in der Zgelfhrung anzuerkennen, sagte Lasally.
    Die Erwhnung so vieler Damen fhrte auf die Chronik der groen Welt. Man
zeigte sich ber alle hervorragenden Persnlichkeiten derselben ziemlich
unterrichtet. Dankmar hrte Namen, die er mit Siegbert in Verbindung wute,
andere, die ihm ganz fremd waren. Er hrte, da sich auch Reichmeyer's in diese
Errterungen mischten, kaum zu und verlor sich in Erinnerungen an Egon und die
so schnell gewonnene Freundschaft jenes Gefangenen im Thurm, der nur der junge
Frst sein konnte. Als er von seinen Grbeleien erwachte und man noch von den
Damen der Residenz sprach, benutzte er die Gelegenheit, sich ber Egon's
Vorsicht in Betreff der Harder'schen Familie zu unterrichten und fragte:
    Wir haben Herrn von Harder kennen gelernt. Nicht wahr? Es gibt mehre Damen
von Harder ... was wei man von ihnen?
    Melanie begann sogleich:
    Mit den Harder's bitt' ich vorsichtig umzugehen. Jede uerung, die einen
Verwandten meiner Excellenz betrifft und fr seinen geliebten Namen ungnstig
ausfiele, knnte mein Herz verwunden ...
    Melanie! rief die Mutter ...
    Lat mich, sagte sie. Spottet nicht! Sie am wenigsten, Lasally! Ich habe
euch eitle und schwankende Mnner lange studirt und mir wol die Fhigkeiten
erworben, das Echte vom Unechten zu unterscheiden. Meine Excellenz gehrt zu den
Bessern ihres Geschlechtes. Ich will nicht in Abrede stellen, da auch Harder
von Harderstein Schwchen besitzt, allein wenn er nun auch eitel wre, darf er
es nicht sein? Hat er nicht die kleinsten Ohren, die ich je am Kopfe eines
Mannes erblickt habe? Ist er nicht schlank gewachsen wie eine Pappel und hlt er
sich nicht ganz so gerade, wie es seiner Stellung am Hofe angemessen ist? Nein,
nein, ihr Mnner wit nicht, worin eigentlich der Zauber liegt, den gewisse
Blten eures Geschlechtes auf uns ausben. Scheltet mir meinen Geheimenrath
nicht!
    Nach der Heiterkeit, die diese muthwilligen Scherzreden hervorbrachten,
bemerkte die Mutter, ohne Zweifel htte die Frage ihres Herrn Begleiters den
Damen gegolten, die den Namen von Harder fhrten.
    Von Pauline von Harder, sagte Melanie, red' ich nicht. Ich hasse sie. Sie
ist die Gemahlin meines Ideals. Aber Anna von Harder kenn' ich. Dieser Dame
verdanke ich mehr, als man fr glaublich halten mchte. Ihr Schwager, der
Intendant, lehrte mich fhlen, sie selbst, Anna von Harder, lehrte mich Etwas,
was man mir ebenfalls allgemein absprechen will, nmlich ... rathen Sie?
    Die Mutter sagte lachend:
    Singen, mein Kind!
    Das ist wirklich das Unmglichste, was Sie zu leisten gelernt haben,
Melanie! fiel Lasally spottend ein.
    Sollte Ihnen, mein Herr, wandte sich Melanie zu Dankmar, diese boshafte
uerung Lasally's unverstndlich sein, so mssen Sie nmlich wissen, da ich,
wie man allgemein behauptet, keine Stimme habe. Ich spiele Klavier, Harfe und
Guitarre. Aber dennoch fand ich immer, da wirklich zur Musik nur
Mittelmigkeiten Talent haben, was ich Ihnen durch Lasally's Beispiel beweisen
knnte, der ein ganz vorzglicher Blser auf dem Cornet  piston, dem
Postillonshorne ist. Ich selbst strebte immer nach dem Ruhme, in meiner Art das
Beste zu leisten und da mir eine gewhnliche mittelmige Fhigkeit im Singen
nicht gengt, so zog ich es vor, zum Davonlaufen schlecht zu singen. Das
hinderte aber doch nicht, da ich einige Zeitlang die Akademieen der guten Anna
von Harder auf Tempelheide untersttzt habe.
    Bis sie dich ersuchte, fiel die Mutter lachend ein, lieber deine andern
Talente zu pflegen, als die zweifelhafte Gabe des Gesanges, wie sie dir einmal
selbst schrieb.
    Mit Gnsefen! Zweifelhaft mit Gnsefen, liebe Mutter! rief Melanie. Die
zweifelhafte Gabe des Gesanges waren meine eigenen Worte, mit denen ich mich von
Frau von Trompetta und der neuen Jungfrau von Orleans, der Flottwitz, bei ihr
einfhren lie. Die falschen Noten, die ich sang, waren nicht Schuld, da ich
wegblieb, eher noch die vielen heiligen und langweiligen Sachen, die wir
auffhrten ...
    Heilige, langweilige Sachen? fragte Dankmar, der das Gesprch von den
Nachforschungen ber seine Person und dem Drucke des zunehmenden
Misverstndnisses ablenken wollte.
    Melanie erklrte ihre uerung.
    Sie wissen vielleicht nicht, sagte sie, da Anna von Harder whrend des
Winters in der Stadt und im Sommer auf dem Gute des alten
Obertribunalprsidenten in Tempelheide von jungen Dilettanten und Dilettantinnen
geistliche Musiken auffhren lt? Sie ist nicht fromm, Anna von Harder, aber
sie liebt alles Das, was zur Frmmigkeit gehrt. Diese Akademieen ...
    Bitte! bitte! unterbrach Dankmar die Mittheilung des schnen neckenden
Mdchens, das sich, wie wir hren, auch nthigenfalls selbst persifliren konnte.
Sie sagen da ein Wort, das wiederholt zu werden verdient. Nicht selbst fromm
sein, aber Alles lieben, was zur Frmmigkeit gehrt?
    Ich wei es kaum anders auszudrcken ...
    Sie bezeichnen damit eine Geistesrichtung, die ziemlich allgemein verbreitet
ist und mir sehr gefhrlich erscheint ...
    Es ist die der Schwanenjungfrauen und Diakonissen, sagte Melanie. Allein
spotten wir nicht! Anna von Harder ist keine Museburg, keine Trompetta ...
    Sie hat in ihrer Jugend die tiefsten Herzensprfungen bestanden ... ergnzte
die Mutter.
    Und wei noch jetzt, was ein Herz ist! fiel Melanie ein, sich vielleicht
irgend einer vergangenen Scene mit ihr entsinnend.
    Aber die Musiken in Tempelheide sind darum doch lcherlich! meinte Lasally.
    Wer sagt Das? fragte Melanie.
    Hauptmann Thielo sagt's, Rittmeister Konnewitz ... fragen Sie, wen Sie
wollen.
    Diese competenten Richter! Sie sind komisch, diese Musiken, aber Thielo und
Konnewitz sind die ernsthaften Menschen nicht, die sie komisch finden drfen.
    Frulein, Sie berbieten sich in geistreichen Aperus, fiel Dankmar ein. Sie
sagten eben wieder ein Wort, das ich bewundere. Es kann Etwas lcherlich sein,
aber nicht Jeder hat das Recht, es lcherlich zu finden. Wie erscheinen denn
Ihnen diese Musiken?
    Im Grunde, sagte Melanie mit den Augen blinzelnd und schelmisch, im Grunde
ganz ebenso wie dem Thielo und Konnewitz ... aber ...
    Man wollte dies Aber nicht hren. Man wollte wissen, warum Melanie diese
Musiken komisch fnde.
    Nun ... Denken Sie sich nur die ewige alte classische Musik, sagte sie. Nie
etwas Weltliches! Ewig und ewig: Heil dir Israel! und Jauchze, Juda! und so
Alles durch, was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt
haben. Mit Trompeten und Pauken in groen Kirchenrumen macht sich Das prchtig,
aber so mit dnnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen, ganz
labyrinthisch verwickelten Fugen von zimperlichen Chren gesungen - ich gebe
Ihnen mein Wort, man wird vom Zhlen allein schon confus, wie sehr erst von dem
Durcheinander, wo der Eine Juda! der Andere Israel! der Dritte Jerusalem!
jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und
summt ... Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand
gefallen, aber die Andern strmten fort wie die Makkaber, und die gute Anna,
die das Ganze am Klavier dirigirte, verlor fast die Besinnung, bis wir zuletzt
am Finale ankamen und wie ankamen! Der Eine um acht Takte zu frh, der Andere um
zwlf zu spt. Kurz es sind geistliche Charivaris ...
    Die aber doch sehr belustigend gewesen sein mssen, sagte Dankmar, ber
diese Schilderung lachend; warum haben Sie sie aufgegeben?
    Ja! Sie waren drollig, fuhr Melanie fort. Denken Sie sich nur, wenn Sie sie
kennen, die dicke kleine Trompetta; denken Sie sich diese Frau mit glhender
Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in
hhern Sphren und ihre blonden Tirebouchons wie eine Lwin vom Stamme Juda
schttelnd, als wollte sie die Demokratie radical zu Grunde singen ... Die
Herren sind theils junge Assessoren, theils Lieutenants, drei Brder der
Flottwitz allein schon, und der Vierte, der noch in der Cadettenschule ist,
wrde sich auch schon angeschlossen haben, aber seine Stimme setzt sich eben ...
    Melanie lachte ausgelassen.
    Ich habe von diesen Akademieen gehrt, besann sich Dankmar. Der alte
Prsident soll sie sehr lieben ...
    Dankmarn wurde nmlich erinnerlich, da sich Einige seiner juristischen
Collegen der besondern Protection dieses ehrwrdigen Greises erfreuten, weil sie
gute Stimmen hatten ...
    Gewi liebt er diese Concerte, aber nicht der Musik wegen! sagte Melanie.
    Weswegen denn?
    Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund, warum ich ausgetreten bin.
Ich fhlte nmlich allerdings, da ich weltliches Kind den anwesenden Damen
nicht begeistert genug fr diese Art von Musik vorkam. Ich singe herzlich
schlecht, aber Das wei ich, ich zhle gut. Und eigentlich ist Das bei diesen
Motetten und Oratorien die Hauptsache. Die Flottwitz gerieth nun beim Zhlen
immer ins Schwanken. Sie zerstreute sich, wenn 38 oder 49 ber einem
Pausenzeichen stand und wir blos von Anna von Harder's Blick abhngig waren, um
uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden. Die Flottwitz sah nmlich bei
einer solchen groen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Brder und
verlor sich in Betrachtungen ber die Zahlen der Regimenter, die auf den Knpfen
derselben zu lesen stehen. Wahrhaftig, sie war weit mehr beim 38sten und 49sten
Linien-Infanterieregiment, als bei dem Chor der Phariser und Schriftgelehrten,
den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Mdchen vom Stamme Benjamin oder Ruben
ablsen muten. Nein, nein, zhlen konnt' ich wirklich ganz allein, und Takt
glaub' ich immer zu haben. Aufrichtig, ich sehnte mich nach frischerer,
lebendigerer Musik, so gering ich sie auch untersttzen konnte. Als ich einmal
die Jahreszeiten zu singen vorschlug, kam ich gar bel an. Man erklrte die
Jahreszeiten, besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses, der
sich um die sanfte, treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie
tyrannisirte, fr eine im Grunde frivole Musik, die alle Kennzeichen ihres
Ursprungs aus dem Wiener Prater an sich trge. Minder leichtfertig erschien die
Schpfung. Als dann abgestimmt wurde, was man whlen sollte zum nchsten
Winterstudium, blieb ich mit zwei Lieutenants und drei Assessoren fr die
Jahreszeiten und, in Folge eines Amendements, sogar fr die Schpfung in der
Minoritt. Der Tod Jesu siegte.
    Ist doch auch ziemlich modern! warf Dankmar ein, den diese Mittheilungen aus
gewissen exclusiven Kreisen der Gesellschaft interessirten ....
    Wrde auch nicht gesiegt haben, erzhlte Melanie, wenn nicht die Flottwitz
das Wort ergriffen und dem Tod Jesu, auer seiner grern Heiligkeit noch
besonders eine militairische Ehrwrdigkeit zuerkannt htte.
    Militairische? fragte Dankmar erstaunt.
    Militairische! Der Tod Jesu, sagte die Flottwitz, wre ein
Garnisonkirchen-Oratorium, Graun wre Kapellmeister des groen Friedrich gewesen
und htte die Mrsche fr Trommel und Querpfeife componirt, die noch jetzt ein
gewisses glorreiches Kriegsheer tglich spiele und kurz und gut die rein fromme
Partei und die Partei der musikalischen Puristen wurde untersttzt von der jetzt
so fanatisch patriotischen des Reubundes. Man machte aus dieser Wahl eine
Tendenz- und Zeitfrage. Ich blieb fr den sterreichischen Haydn in der
grodeutschen Minoritt. Die beiden Lieutenants, die Brder der Flottwitz, die
mich aus Galanterie untersttzt hatten, bekamen von Friederiken Wilhelminen,
ihrer Schwester, einen ihrer bekannten durchbohrenden Blicke. Sie behandelte die
armen Menschen fast wie Fahnenflchtlinge, die ihrem Knige den Eid gebrochen
htten. Groer Gott, sagt' ich, liebes Frulein von Flottwitz, beruhigen Sie
sich, Ihre beide Herren Brder werden das Vaterland darum noch nicht verrathen,
da ihr Ohr nicht gebt genug scheint, aus dem Tode Jesu den alten Dessauer
herauszuhren.
    Wie scharf! rief Dankmar lachend.
    Melanie fuhr fort:
    Lste dieser Verfall fast ohnehin schon das lockere Band -
    Dem Ihre Schnheit, sagte Dankmar, Ihr Vorzug vor den andern Nachtigallen,
noch weniger Festigkeit wird gegeben haben -
    Spotten Sie nur! erwiderte Melanie. Ich nehme das Compliment doch an.
Allerdings behauptete man, besonders der Ausschu, der so gelb war, wie das alte
Notenpapier, das wir absangen, ich machte durch Coquetterie die Bsse und Tenre
im Zhlen irre. Jetzt frag' ich Sie, kann ich dafr, da ich so gut zhlen kann?
Kann ich dafr, da man den Wink, den ich immer den Bssen und Tenren gab, wo
sie anzufangen htten, so misverstand, als wollt' ich ihnen etwas zublinzeln,
was ganz auerhalb des Generalbasses lag? Diese Eselskpfe brachten mich mit
meinem Kunsteifer auch leider selbst in dies falsche Licht. Wenn ich nickte und
damit blos sagen wollte: Jetzt kommen Sie! Aufgepat! so wurden die Tenre roth
und die Bsse verwirrten sich, fragten mich: Wie befehlen Sie, Frulein? und
setzten regelmig falsch ein, bis endlich eine der giftigsten vom Ausschu, die
Grfin Museburg, die sogenannte Chinesische-Missions-btissin, rief: Frulein
Melanie, die Direction sitzt hier am Klavier und wird schon angeben, wann die
Herren einzufallen haben. Schonen Sie das Feuer Ihrer Augen!
    Diese btissin! rief man scherzend und untersttzte dadurch den lustigen
Humor, in dem Melanie plaudernd fortfuhr:
    Auf diese fanatische Bemerkung schwieg ich und berlie meine Vertheidigung
der guten Anna von Harder, die fr mich das Wort ergriff, meine gute Absicht
anerkannte und mein Talent im Zhlen so ausnehmend rhmte, da ich froh war,
nicht die Tochter eines Kaufmannes zu sein, wie eine solche neben mir stand und
sich auf die Lippen bi, aus Furcht, von meinem Lobe etwas abzubekommen. Der
Friede war nun zwar hergestellt und das Misverstndni ausgeglichen, allein mein
Entschlu auszutreten stand fest ....
    Und der wahre Grund? fragte Dankmar.
    Als ich wegen der Menagerie des alten Prsidenten zum dritten male in
Ohnmacht fiel -
    Ja Das ist der Grund! sagte die Justizrthin; ich glaubte anfangs immer,
wenn Melanie nach Hause kam, es griff sie das Singen an, wofr wirklich ihre
Kehle nicht gebaut ist -
    Mutter auch du? rief Melanie komisch.
    Liebes Kind, Sanittsrath Drommeldey hat dich untersucht und Alles gesagt,
was dir in der Kehle ...
    Abscheulich! Was soll diese Anatomie!
    Genug, fuhr die Mutter fort, ich glaubte immer, du strengtest dich ber die
Gebhr und gegen dein Vermgen an. Da kam's denn heraus, da sie frmliche
Nervenzuflle gehabt hat ber das garstige Gethier, mit dem sich der alte
kindische Mann, der Obertribunalprsident, umgibt ....
    Nenn' ihn nicht kindisch! rief Melanie. Um Gotteswillen nicht! Ich verehre
ihn wie einen Heiligen. Nein! Nein! Mutter! So denk' ich mir die Hohenpriester
aus dem Alten Testament.
    Und fast wie Siegbert einst zu Hackert bei Tempelheide gesagt hatte, fuhr
sie fort:
    Da ein Mann, wie der, der neunzig Jahre zhlt und siebzig Jahre lang die
Acten der Erbrmlichkeiten aller der Menschen, die unsern groen Staat bewohnen,
zu sehen bekommt, sich zuletzt den Thieren zuwendet, nimmt mich nicht Wunder.
Aber noch mehr, er liebt die Thiere nicht als Thiere, sondern er beobachtet und
zhmt sie und hat die erstaunlichsten Beweise, wie bildungsfhig z.B. die mir in
den Tod fatalen Katzen sind ...
    Ist Das nicht Tollheit? sagte die Mutter.
    Dankmar berichtigte gleichfalls diese rasche Auslegung und behauptete, da
man ber diese Dinge wol auch eine tiefere Auffassung haben knne. Die bergnge
der Natur in den Geist wren wunderbar genug. Wer knnte die Grenze bestimmen,
wo der Mensch willenlos wrde und einer dmonischen Macht seiner Triebe wie ein
von ihnen gefesselter Sklave anheimfalle? Dankmar erwhnte ohne Weiteres ... das
Nachtwandeln ...
    Frau von Reichmeyer, die in ihrem Wagen ganz nahe war und von dem lauten
Gesprche Vortheil zog, bat, dies Thema doch ja nicht zu verlassen ... Sie
gehrte zu denjenigen Jdinnen, von denen man nicht blos sagen konnte, da sie
Christinnen geworden waren, sondern da sie, wie man es gennant hat,
christelten. Es war lngst ihr Wunsch, da sie Stimme besa, an den berhmten
geistlichen Akademieen in Tempelheide theilzunehmen, an Gesangleistungen, fr
die sich sogar der Hof interessirte ... diese Vorliebe fr alte Musik spielte ja
auch in die ganze eigenthmliche Romantik hinber, mit der sich der Thron des
Staates, in dessen Grenzen wir uns befinden, so bedeutsam umsponnen hatte ...
    Sie bat Melanie, den Gegenstand doch ja nicht zu verlassen und aufrichtig zu
sagen, was ihr denn eigentlich in Tempelheide so Abschreckendes begegnet wre?
...
    Melanie aber, weit mehr jetzt von der Erwhnung des Nachtwandelns
erschreckt, antwortete nicht.

                              Dreizehntes Capitel



                                Natur und Geist

Als Melanie, auf die Alle blickten, zu lange schwieg, ergriff Dankmar das Wort,
knpfte wieder an das abgebrochene Thema an und sagte:
    Der alte Obertribunalsprsident ist fr seine Liebhabereien ja weltbekannt.
Man verdankt ihm werthvolle Versuche ber die Schmiegsamkeit und
Bildungsfhigkeit der Thiere: seit Jahren sammelt er an einem Werke ber die
Thierseele. Demnach kann ich mir wol denken, wie peinlich es sein mu, auf
Tempelheide aus- und einzugehen und unter all den Raben, Kranichen, Kaninchen,
Affen, Meerschweinchen, Hunden und Katzen sich durchzuwinden, Thieren, von denen
er behauptet, da sie eine Art Vernunft haben.
    Gerade diese Thiervernunft, sagte Melanie, die etwas die heitere Stimmung
herzustellen versuchte, ist so peinlich. Ich wei nicht, ob ich es nicht lieber
htte, in allen diesen Thieren gewhnliches dummes und bses Vieh zu vermuthen,
vor welchem man nur einfach sich zu hten hat, als anzunehmen, das Alles sind
gezhmte edle Charaktere, die uns, wenn sie nur sprechen knnten, die
wunderbarsten Geheimnisse verrathen wrden ...
    Nein, nein, sagte die Mutter nun auch lachend und die heitere Stimmung
festhaltend, nein, nein, gesteh' es nur ganz einfach, Melanie! Du hast eine
Antipathie gegen Thiere, selbst gegen Hunde und Katzen, frchtest dich vor
Truthhnen und Enten und schreist auf, wenn dich ein groer Vogel nur von der
Seite ansieht. Wie ich von der Viehwirthschaft auf Tempelheide erfuhr, litt
ich's nicht mehr, da du hinausfuhrst, und so haben deine Gesangsstudien ein
vernnftiges und vllig begrndetes Ende genommen.
    Aber erklren Sie mir nur, meine Damen, sagte Lasally, wie verhalten sich
denn nur die Katzen zu diesen Concerten?
    Frau von Reichmeyer verwies ihrem Bruder seine profanirende Zwischenrede.
    O, sagte Melanie, die Katzen sind gerade der Grund, warum der Prsident
diese Concerte besonders liebt. Er sitzt nebenan, in seinem groen Saale, unter
seinen rings in Kfigen aufgestellten Thieren und freut sich der angenehmen
Wirkung, die auf sie nebenan die Musik hervorbringt. Da ist auch kein Miston,
der dieses Concert strt. Er hat es dahin gebracht der alte Herr, da die
geschwtzigen Thiere still sind, wenn sie unsere Akademieen hren, und nur wenn
wir gar zu sehr in die Doppelfugen gerathen, hrt man manchmal einen Papagai
aufkreischen, da es Einem durch die Glieder fhrt.
    Ich will hoffen, sagte Lasally, da Sie sich auerdem jedesmal hinreichend
mit Esbouquet versehen hatten -
    Auch darber erzhlt Melanie wunderbare Dinge, sagte die Mutter; es soll
gerade durch die groe Reinlichkeit der Thiere von dem alten Mann bezweckt
werden, da sie von ihrer gewohnten Art lassen, und Das ist wirklich vernnftig.
Die Reinlichkeit veredelt jedes lebende Wesen. Des alten Prsidenten Leute sind
angewiesen, in der Haltung der Thiere das Sauberste zu leisten und durch die
Sauberkeit bekommt das Vieh etwas Vernnftiges.
    Bartusch schttelte den Kopf und meinte, sie wrden morgen Abend an
Tempelheide vorbeifahren. Er wnsche doch, sagte er, es liee sich ein Umweg
machen, so sonderbar wr' es Einem, an einen Ort zu denken, wo ein Mensch lebt,
der Thiere wie Wesen hherer Art behandelt ....
    Der alte Herr, erklrte Dankmar, unbefangen ber Egon, der schwerlich in
Paris soviel vom Leben dieser Residenz hatte erfahren knnen; der alte Herr ist
ein ausgezeichneter Jurist und wird wol nie von seinem wichtigen Amte
zurcktreten. Er arbeitet fleiiger als mancher Jngere. Man hlt ihn fr streng
und Viele behaupten, er ist es deshalb, weil er keine Religion htte. Man will
ihn noch nie in einer Kirche gesehen haben und doch erzhlte man mir, da er der
Chef aller Maurerlogen des Landes ist und fr einen tiefen Kenner der
maurerischen Geheimnisse gilt ...
    Ich sage Ihnen, ergnzte Melanie, da ich diesen alten Mann liebe und
bewundere.
    Wie seinen Sohn! fiel Lasally spottend ein und wiederholte die Scherze, die
er ber die Thierseele des Intendanten in der groen Welt gehrt hatte.
    Ich lasse nichts auf meine Excellenz kommen, fiel Melanie ein. Ich gebe Euch
allerdings zu, man kann ein sehr geistreicher Vater sein und einen hchst dummen
Sohn haben. Beispiele finden sich genug. Es gibt auch Viele, die regelmig, um
diesen Satz zu beweisen, den alten Harder und unsern Intendanten citiren. Ich
gebe sogar zu, da ein Sohn seine eigenen Wege wandelt und von einem Vater
aufgegeben wird, wenn er sich in uerlichkeiten und Eitelkeiten gefllt. Aber
wer sagt Euch denn, da mein so rasch, so wunderbar gewonnener Freund dumm ist?
Im Gegentheil leuchtet aus seinen schwarzen Augen Klugheit und mitunter etwas
Pfiffiges. Er geht seinen geraden Weg, weicht nicht rechts, nicht links, thut,
was seine Pflicht und Schuldigkeit ist. Ist Das nicht Weisheit? Und hat er nicht
vom Vater die Talente geerbt, die den Frsten bestimmten, ihm alle seine
kostbaren Schlsser und herrlichen Grten anzuvertrauen? Hat er nicht beim
Verpacken des Mobiliars eine Umsicht und praktische Kunde verrathen, die eines
Tapeziers wrdig war? Und bei seinen Wanderungen durch den hohenberger Garten
bin ich erstaunt gewesen, wie heimisch er in Allem ist, was sich auf Giekanne
und Rechen bezieht. Es ist eine praktische Natur, die vom Vater zwar nicht
seinen speculativen Geist erbte, aber seinen Adel, sein Geld, seinen hohen,
geachteten Namen und eine gewisse Betriebsamkeit, die sich bei Jenem in der
Liebhaberei fr die Seele der Thiere und bei diesem in der Pflege der todten
Natur uert. Berhren Sie bei der jungen Excellenz irgend einen in ihr Fach
einschlagenden Gegenstand und Sie werden erstaunen, da er Ihnen auf Heller und
Pfennig sagen kann, wieviel ein chinesischer Pavillon in einem kniglichen
Garten am Rhein oder der Elbe gekostet hat. Ist Das auch nichts? Lasally, Sie
schlechter Rechnenmeister! Sehen Sie nur, mit welcher Sorgfalt er seinen Auftrag
schon in Hohenberg ausfhrte. Und hier im Sande glaub' ich nun auch die Spuren
seines groen Mbelwagens zu entdecken. Nennen Sie mir den Cavalier, der seinem
Frsten soviel Hingebung zollt und sich auf Staatskosten selbst vor dem Stempel
des Lcherlichen nicht scheut, der leider oft den besten und solidesten
Bestrebungen in dieser Welt aufgedrckt ist!
    Mir fallen da wirklich die Hofmarschlle ein, sagte Dankmar, diese Beamten,
die in melancholische Betrachtungen versinken, wie sie's machen sollen, um
jhrlich einige hundert Thaler an l und Wachslichtern zu ersparen ....
    Die denn doch, ergnzte Bartusch artig und sich fast verbeugend, irgend
einem Knstler oder Gelehrten zugutekommen, dem man ein Bild abkauft oder eine
Dedication durch ein Geschenk vergilt ....
    Bartusch wollte eigentlich nur dem vermeintlichen Frsten ein Compliment
machen und gab doch dem jungen Demokraten eine bittere Lehre.
    Wie es schien, waren, wie es immer nach zu ausgelassenen Scherzen zu gehen
pflegt, pltzlich Alle verstimmt. Die Mutter und Lasally ber den viel zu lang
ausgesponnenen Scherz mit dem Geheimenrath, Melanie ber den schwerzulsenden
Widerspruch zwischen einem Vater, den sie verehren, und einem Sohne, den sie
lcherlich finden mute, Dankmar ber eine Wahrheit, die ihm aus dem Munde eines
gesinnungslosen politischen Unterwrflings misfiel. Nur Bartusch frohlockte;
denn durch seine Bemerkung und Dankmar's Stillschweigen darauf schien er die
vermeintliche Wrde ihres Begleiters getroffen zu haben, whrend dieser gerade
an seinen Bruder Siegbert und dessen unverkauftes Gemlde dachte ...
    Die andern Wagen waren alle nher gekommen. Man befrchtete einen
Regenschauer und foderte die Reiter auf, gleichfalls Platz zu nehmen. Es war
ber Mittag, die Reiter waren ermdet, sie stiegen ab, gaben die Pferde den
Reitknechten und Bartusch war hflich genug, sich in den zweiten Wagen zu
Reichmeyer's und der Wirthschaftsrthin zu setzen, whrend Dankmar und Lasally
Melanien und ihrer Mutter gegenber Platz nahmen.
    In Helldorf beschlo man, das Mittagsmahl ausfallen zu lassen und erst im
Heidekrug zu soupiren. Im besten Wirthshaus zu Helldorf war auch kein Platz zu
finden; denn der groe Saal hallte von einer Versammlung wider, in der mehre
Redner laut durcheinander sprachen. Man hatte auf dem Gelben Hirsch schon
erfahren, da hier eine politische Besprechung stattfand. Die Wirthschaftsrthin
behauptete, deutlich ihren Bruder zu hren. Man horchte auf und richtig drangen
die donnernden Worte an das Ohr der Reisenden: Wenn man Familie hat, wenn man
wie ich sechs Kinder ernhren mu ... Man klatschte Beifall.
    Es ist sein ewiges Lied, sagte sie, und ich mcht' es heute am wenigsten
gern hren: wir fahren wol hier weiter?
    Dankmar dagegen htte gern etwas von dieser wahrscheinlich der
Schlurck'schen Wahl gewidmeten Besprechung gehrt. Er sah durch die
Fensterscheiben auch den Heidekrger Justus, dessen gewaltige athletische Formen
ber Alle hinwegragten und den man sich auch, seiner Stellung auf einem
Musikchore nach zu schlieen, als Prsidenten dieser Vorberathung gewhlt zu
haben schien. Viele Bewohner von Helldorf standen an der Thr und den Fenstern
und lauschten .... Dabei gingen Mgde auf und ab und trugen Bier. Die Einen
lachten, die Andern zankten. Alle Leidenschaften waren in Bewegung. Der ganze
Ort sah aus wie zur Zeit der Kirchweih.
    Dankmar, der eine Erfrischung nahm, konnte an der Thr kaum durch. Er hrte
drinnen die donnerndsten Schlagworte, hrte Parteien sich befehden, hrte
Persnlichkeiten, die Jubel oder Drohungen nachsichzogen ...
    Fr Wen entscheidet sich's denn? fragte er die Leute.
    Man wute noch keine Auskunft. Die Zuhrer waren Urwhler. Die eigentlichen
Whler saen drinnen und lrmten die ihnen gegebenen Auftrge aus.
    Schlurck wird da schwerlich gewhlt! sagte er sich.
    Solchem Tumult ist der feine satirische Philosoph nicht gewachsen. Ein
Schlurck kann Alles, nur das Schreien nicht ertragen ....
    Er hatte die Absicht, an die Wgen zurckzugehen und die Gesellschaft darauf
aufmerksam zu machen, da eben Herrn Justizraths Schlurck politische Laufbahn
hier entschieden wrde. Aber Melanie hatte mit einem andern Gegenstand vollauf
zu thun. Bei einer Gruppe Umstehender fragte sie nach dem Wagen des Geheimraths.
Man erzhlte ihr, da der groe Behlter vor noch nicht vier Stunden hier
durchgekommen und allgemein wre angestaunt worden. Die genauere Erkundigung,
die sie nach den Gendarmen, den Bedienten einzog, verdrngte in Dankmarn das
politische Interesse und erfllte ihn fast mit Rhrung. Er sah, wie das
waghalsige Mdchen treu und fest an dem Gedanken hielt, ihm, wie sie versprochen
hatte, das geheimnivolle Bild zu erobern ....
    Als man weiter fuhr, betrachtete Dankmar auch Melanien lange mit einem
Interesse, dessen eigentliche Natur zu bezeichnen ihm fast schwer wurde. War es
die unwiderstehliche Macht ihrer Schnheit, die sich gleich blieb, auch wenn man
sich an ihre erste blendende Erscheinung gewhnt hatte? War es ihre in aller
Bestimmtheit verrathene Absicht, ihm und nur ihm zu gefallen? War es die
Bescheidenheit, mit der sie sich ihm als ein Wesen von migen Ansprchen auf
Geist und hhere Empfnglichkeit gezeigt und sich andern pretentiseren
Erscheinungen, von denen sie erzhlte, unterordnete?
    War es der neckende humoristische Vortrag ihrer Erzhlungen, der pltzlich
einem halb scherzenden, halb ernsten Unmuth Platz gemacht hatte? Wie erstaunte
Dankmar, als er sich nach allen diesen Regungen zuletzt auf einem Gefhle fr
Melanie ertappte, das er fast Mitleid htte nennen mgen ...
    Mitleid? Nimmermehr! rief es in ihm. Und doch war es Mitleid. Mitgefhl fr
Etwas, was er in Melanie's Wesen sich kaum selbst bezeichnen konnte, was aber
Niemand mehr zu fhlen schien als sie selbst. Ist es nicht unser Mitgefhl
erregend, ein Wesen zu beobachten, das im vollen Bewutsein ihres Sieges ber
die Mnner, doch ein edleres Bedrfni zu empfinden scheint als die bloe
Genugthuung ihrer Eitelkeit, und das dennoch trotz dieses bessern Gefhles von
ihrer leichten, ihr einmal zur andern Natur gewordenen Art nicht lassen kann?
Menschen, die unter dem Druck ihres Schicksals leben, knnen wir bemitleiden,
ohne da uns dies Gefhl gerade fr sie erwrmt. Menschen aber, die unter dem
Drucke ihres Charakters leben, bemitleiden wir oft von Herzen oder wir knnen
oft nicht sagen, sollen wir sie hassen oder lieben.
    Lasally bemhte sich Anekdoten zum Besten zu geben. Er war stark darin und
nicht eben whlerisch. Als ihm Melanie sagte, sie htte sie schon zu oft von ihm
gehrt, begann er vom Residenzleben, den Matadoren der jungen fashionablen
Gesellschaft und trug alle seine Mittheilungen so vor, als knnte er sich dem
Fremden, von dessen rthselhaftem Charakter er Dasselbe vernommen hatte wie die
Andern, dadurch fr die Zukunft empfehlen. War es der junge Frst von Hohenberg,
so konnte er sich um so sicherer dnken, da Melanie wol mit einer Leidenschaft
fr ihn spielen, aber doch bei ihrem im Ganzen besonnenen Charakter mit ihr
nicht Ernst machen konnte. Als es Lasally heute nicht gelingen wollte, durch
seine kurze, trockne und nicht unliebenswrdige Art Lachen zu erregen, lenkte er
wieder auf das frher abgebrochene oder steckengebliebene Gesprch ein und
sagte:
    Aber Frulein, noch sind Sie uns schuldig, Ihre nhern Berhrungen mit den
Thieren des Prsidenten zu schildern. Wir wissen nun, da die geistlichen
classischen Musiken in Tempelheide aufgefhrt wurden, um Katzen daran so zu
gewhnen, da sie nicht mitwirkten; aber muten Sie denn die Menagerie selbst
passiren, um in den Saal der Akademie zu gelangen?
    Melanie war ernst geworden und antwortete nicht.
    Ich denke mir Das allerdings recht gefhrlich, fuhr Lasally fort. Schon wie
Sie anfuhren, grte Sie am Thorweg ein widerlicher Truthahn, der sich wie ein
Reactionair nach etwas Rothem an Ihnen umsah, um in Zorn zu gerathen. Nun kamen
wol kleine Schafe mit Silberglckchen und wollten Ihnen das Futter aus der Hand
fressen, aber dazwischen drngte sich ein Ziegenbock, den der Prsident gewi zu
einem gesinnungsvollen Schneider abrichtet und mustert Ihre Toilette. Die Enten,
besonders die Erpel, haben es immer mit den Beinen der Menschen zu thun. Ich
hre Sie schreien, Melanie, wie so Einer von diesen Erpeln angewackelt kam und
hchst neugierig nach Ihren Schuhen sah. Nun setzte sich wol gar Einer von den
Raben des Prsidenten, die seine klgsten Thiere sein sollen, weil sie direct
mit dem Galgen verkehren, auf Ihre Schulter und zauste an Ihrem Kopfputze. Nicht
wahr? So ging es Ihnen wrtlich und ich wei, Ihre Nerven sind schwcher als die
der Flottwitz, die wir auf dem Jockeyclubb gewhnlich die Schwester des
Regiments nennen.
    Beinahe so, lieber Freund, sagte Melanie verchtlich und schwieg.
    Dankmar, um vor der entscheidenden Ankunft im Heidekrug eine bessere
Stimmung zu erzeugen, spielte diese Spttereien auf etwas Ernsteres hinber.
    Alles zusammengefat, sagte er, bleibt der steinalte Chef unserer
praktischen Justiz ein merkwrdiger Mensch. Ich halte ihn nach Allem, was ich
nun von ihm wei, fr einen Naturphilosophen. Er gilt bei manchen frommen
Beamten, und wir haben deren noch viel, fr einen Neologen, einen Atheisten.
Viele beschuldigen ihn, er glaube an die Seelenwanderung und nur die Freimaurer
nehmen ihn in Schutz. Ich gehre diesem Bunde selbst nicht an, was ich aber von
ihm zu wissen vermuthe, so denk' ich mir, der alte Harder ist ein Priester der
Naturreligion und liebt das Geheimm, nicht weil es Geheimni, sondern ein Weg
zur Offenbarung ist. Da er an die Perfectibilitt der Thiere glaubt, scheint
mir eine Grille; denn was hilft es, einen Hund und eine Katze so zu gewhnen,
da sie sich nebeneinander vertragen -
    Und in dem Falle nicht accompagniren, fiel Lasally ein, da Frau von
Trompetta Solo singt -
    Der Naturzustand, fuhr Dankmar fort, ist der, der doch zuletzt allein und
einzig ber das Wesen der Thiere entscheidet. Kann man eine ganze Race nicht
umformen, nicht aus Lwen (fr Jeden, nicht blos fr den Wchter) Schooshndchen
machen, so entscheidet am Ende die Zhmung sehr wenig und beweist berhaupt
nichts fr die Thiere, sondern nur fr die groe Kraft des Menschen und seines
bermenschlichen gewaltigen Geistes ...
    Sie mssen den Prsidenten kennen lernen, sagte Melanie -
    Aber rasch, ergnzte Lasally; es ist bei ihm die hchste Zeit ... Gerade
noch eine halbe Minute vorm Abfahren.
    Diese eigenthmlichen Menschen, fuhr Dankmar fort, diese Originale, diese
Wundermenschen sterben leider fast Alle aus ...
    Welche Menschen? fragte Melanie's Mutter, die Dankmar's ernster, wrdiger
Errterung nicht recht gefolgt war.
    Die Denker, sagte Dankmar, die Menschen von Eigenthmlichkeit und apartem
Forschergeist, die praktischen Philosophen, die Autodidakten, die Sternseher auf
eigenem Dachgiebel, die Mathematiker auch in der Form und der Weise ihres ganzen
Lebens, die Sonderlinge, mit einem Worte alle Die, welche, ohne eitel zu sein,
sich merkwrdig von der Masse unterscheiden ...
    Ich verstehe, sagte Lasally. Sie meinen z.B. solche alte Uhrmacher, kleine
vertrocknete Mnnchen, die alle Vierteljahre in die Huser kamen und die
Wanduhren ausbliesen und vom Staube putzten. Zu meinen ltern, weit du noch,
Schwester, kam immer Einer mit einem ganz kleinen Zpfchen, das er hinten in der
Weste versteckt hatte .... Er kam jeden Monat zu uns, als wir noch alte
Schlaguhren hatten. Ob das alte Eisoldchen noch lebt?
    Der alte Eisold? Ich kenn' ihn wohl, sagte Frau Schlurck.
    O, fuhr Dankmar fort, ich kenne das alte Eisoldchen nicht, aber verlassen
Sie sich darauf, er ist todt! Alle gehen hin, die noch etwas von der Art des
vorigen Jahrhunderts in seiner Bltezeit haben. Vielleicht gelingt mir's durch
Ihre Protection, Frulein, den Prsidenten einmal in Tempelheide zu sprechen. Er
ist fr die Juristen sehr unzugnglich und gibt in Tempelheide vollends nur
Denen Audienz, die sich ihm im Interesse seiner Studien ber die Thierseele oder
mit dem Zeichen der Freimaurer nahen.
    Melanie lchelte ber die consequente Art, wie Dankmar seinen Charakter als
Rechtsverstndiger festhielt.
    Anna von Harder, sagte sie, kann Sie bei ihm einfhren ...
    Zufllig war der Wagen, in welchem Bartusch fuhr, fast dem der Justizrthin
dicht zur Seite gekommen. Bartusch griff von den letzten uerungen eine auf,
die sich auf den alten Uhrmacher Eisold bezog, und rief herber:
    Behte! Der alte Eisold lebt. Brandgasse Nr. 9. im dritten Hofe drei Treppen
hoch. Hackert wohnt ja bei ihm ...
    Damit fuhren die Wgen wieder hintereinander und in der frhern Ordnung.
    Die Erwhnung Hackert's brachte einen Miston in die Stimmung der jungen
Gesellschaft, die im Wagen der Justizrthin sa.
    Lasally, der unterwegs immer an seine gerichtliche Untersuchung denken
mochte, sagte:
    Beim alten Eisold wohnt Hackert? Sieh! Sieh!
    Die Justizrthin, die Melanie's Unruhe bemerkte, wollte die Wiederaufnahme
dieses Gegenstandes vermeiden und fiel sogleich ein:
    Brandgasse Nr. 9. Groer Gott! Wohnt der alte Mann in den jammervollen
Husern, wo die Armuth und das Elend hausen ......
    Ist die Brandgasse nicht eine schmale, enge, alterthmliche Strae? fragte
Dankmar.
    In der Altstadt ....
    Wo nicht Sonne, nicht Mond scheinen?
    Uralte Huser, die mein Mann administrirt ...
    Es sind Huser ...
    Die der Commune gehren; Huser, die alle an dem Eingang mit dem Kreuz und
dem vierblttrigen Kleeblatt bezeichnet sind ....
    Dankmar horchte staunend auf.
    Die Stadt zieht aus diesem Elend und Jammer, sagte die Justizrthin,
jhrlich bedeutende Summen. Man glaubt es nicht, was Alles auf den Ertrag dieser
Hhlen der bittersten Armuth angewiesen ist. Ich versuchte sonst, sie zu
durchwandern und mich nach den Leiden dieser hier eingepferchten Bevlkerung zu
erkundigen; aber ich verzweifelte bei dem Anblick und hielt ihn auf die Lnge
nicht aus ... ich konnte zuletzt nicht mehr thun, als mich an die Gesellschaft
der Frauen anschlieen, die diesen Armen beizuspringen sich zur Lebensaufgabe
gemacht haben und gern wrde ich thtiger im Frauenverein mitgewirkt haben, wenn
ich nicht immer von diesen Damen htte hren mssen: das Christenthum wre
solchen Unglcklichen ntzlicher als frische Wsche. Zu dumm fr solche Stze,
zog ich mich zurck und beschrnkte mich auf Geldbeitrge.
    Diese Huser gehren zu der Erbschaft ... sagte Dankmar vor sich hin und
verfiel in ernstes Nachdenken.
    Lasally erwachte aber aus seinem Grbeln und sagte mit einem Griff in die
Tasche:
    Beim alten Eisold! Himmel! Jetzt begreif' ich die Form dieser Kugeln. Es
sind ja Uhrgewichte ....
    Damit zeigte er die bleiernen, kleinen runden Krper, die man anfangs fr
Spitzkugeln gehalten hatte und die in der That auch fr Uhrgewichte gelten
konnten.
    Lasally wnschte weitere Errterung, Dankmarn drngte die Frage nach dem
Verhltni des Justizraths zu jenen Husern in der Brandgasse, von denen man
sagte, da die stdtische Commune von ihnen mit unnachsichtlicher Strenge
Abgaben eintreibe .... Melanie aber machte durch ein einziges: Ich bitte! und
ein Zurckstoen der von Lasally dargehaltenen Kugeln oder Uhrgewichte der
weitern Errterung ein Ende und brach kurz und entschieden von einem Gegenstande
ab, der jede der in diesem Wagen befindlichen Personen anders und
entgegengesetzt, aber Keinen in erfreulicher Art aufzuregen schien ...
    . .....Mit der flachern Gegend war auch das Wetter unfreundlicher geworden.
Es fing an zu regnen. Man schlug hinten wol die Wgen auf, aber nach vorn
blieben die Herren ungeschtzt und muten sich mit Regenschirmen behelfen. Das
gab nun eine unerquickliche Fahrt. Man lachte zwar, aber nur um sein Unbehagen
nicht zu ernst auszulassen. Melanie und die Mutter hllten sich in Mntel. Jene
band sogar einen Schleier ber den Hut und verbarg sich in einer Wagenecke wie
eine verhllte Nonne, sich ganz ihren Betrachtungen berlassend. Nur zuweilen
blitzten die groen braunen Augen zu Dankmarn hinber, wenn er gerade
nachdenklich in den Wald starrte oder zu den immer dichter heranziehenden Wolken
aufsah. Die Kutscher peitschten zur Eile ...
    Dankmarn waren trotz des strmenden Regens alle Stellen erinnerlich, wo er
vor wenig Tagen mit dem jungen Prinzen, fr den er hier selbst gehalten wurde,
in nhere Berhrung gekommen war und seine Gedanken mit einem Manne ausgetauscht
hatte, der kein Tischler sein konnte. Was lag da nicht Alles auf seiner
belasteten Seele! ... Um sechs Uhr war man im Heidekrug. Er erkannte den
lustigen jetzt aber nchternen und verdrielichen Hausknecht Dietrich und die
rhrsame unpolitische Liese, deren Rechnung Hackerten noch in schlimme Hndel
bringen konnte. Aber zu lange konnte er kaum beim Vergangenen verweilen; denn
Alles, was ihn an Schlurck, den Heidekrger, die Wahlen und den Wagen, der hier
mit seinem wiedergefundenen Verluste, den alten Papieren des Tempelhauses in
Angerode, gestanden hatte, erinnerte, verdrngte jetzt die berzeugung, da sie
hier wirklich den Geheimrath von Harder eingeholt hatten. Da stand sein Landau,
vom Regen triefend, da war der Mbelwagen, die Arche Noh, wie sie jetzt von
Melanie genannt wurde; da sah er am Stalle die beiden Gendarmen und die Leute
des Intendanten, die von da aus den mit einer eisernen Stange verschlossenen
Wagen streng behteten ..... Wie sich Alles sammelte, ber das Wetter klagte,
Zimmer, Speisen verlangte, wie die Hunde an den Ketten rissen, Bello klffte,
Einer da, der Andre dorthin sich verlor, war Das ein Durcheinander zum Einben
aller Besinnung. Melanie flsterte Dankmarn, als er in das Zimmer trat, das ihm
die Liese fr diese Nacht anwies, die kurzen aber bedeutungsvollen Worte zu:
    Wie und wo das Bild herkommen soll, wei ich noch nicht! Aber Sie haben es
bis morgen!
    Dankmar wollte etwas Verbindliches erwidern. Sie schnitt seine Worte ab und
sagte nur:
    Lassen Sie, da ich nicht wei, wie ich Ihnen das Bild zustellen kann, die
Nacht ber die Thr Ihres Zimmers offen! Hren Sie?
    Damit verschwand sie und berlie Dankmarn dem Erstaunen ber Etwas, was ihm
vllig unmglich schien. Er ffnete das Fenster des kleinen dumpfen Zimmers, um
trotz des Regens frische Luft zu gewinnen. Es war ihm nicht lieb, da er diese
Kammer als jene erkannte, in welche man Hackerten gefhrt hatte, als man ihm
nicht sagen wollte, da er im Schlafe wandelte. Das Heu, das damals von Hackert
aus dem Stalle mitgebracht wurde, lag nicht mehr im Zimmer. Dafr war der
Heidekrug zu reinlich gehalten. Aber die Erinnerung war da und die erschreckte
ihn doch mchtig.
    Den Abend ber ging es nun verworren genug in diesem Hause und auf dem Hofe
zu. Die schne Einheit der Gesellschaft war durch das Wetter und die breite
Souverainett, mit der sich die Excellenz des Wirthshauses und seiner besten
Zimmer bemchtigt hatte, gestrt. Jeder a fr sich. Die Damen hatten sich ganz
zurckgezogen. Der Versuch, nachdem der Regen mit Sonnenuntergang aufgehrt
hatte, das Freie zu gewinnen, den Garten zu besuchen, in den Wald, an den er
grenzte, einen Blick zu werfen, scheiterte an den stehenden Wassern und dem
feuchten Grase. Dankmar war berrascht, sich so pltzlich allein zu wissen, kaum
noch selbst von Melanie beachtet. Er hrte viel Trepp auf, Trepp ab gehen, sah
auch den Geheimrath fters den Kopf zum Fenster hinausstecken, vernahm auch, da
die Bedienten immer in Bewegung waren. Aber so sehr seine Neugierde durch dies
Alles gesteigert werden mute, so ergab er sich doch vllig ungewi in das
Unabnderliche und berlie es der Zukunft, in das Chaos, das auf seine Brust
gewlzt war, Licht zu bringen und seine Stimmung in heitere leichtere Gefhle
aufzulsen.
    Im Wirthssaale traf er bald mit dem reichen Banquier von Reichmeyer, bald
mit dessen Schwager Lasally zusammen. Man berathschlagte ber die vorsichtigste
Art, zur sichern Entdeckung der Hackert'schen Frevel zu gelangen. Dankmar,
dessen Besorgni ber das von ihm an Lasally abzuliefernde Pferd immer mehr
stieg, schlo sich ihrer Entrstung mit aller Entschiedenheit an und weigerte
sich keineswegs, etwa verlangte gerichtliche Zeugnisse abzulegen. Reichmeyer war
ber Hackert weniger unterrichtet als Lasally. Dieser gestand, als Dankmar von
dem krankhaften Zustande des Nachtwandelns sprach, dies bedauerliche bel des
Burschen, wie er ihn nannte, ein, bemerkte aber, die Discretion verbte ihm,
ber die wahren Ursachen dieses Zustandes ausfhrlicher zu sprechen.
    Jedenfalls, sagte er, knnen Sie berzeugt sein, da Das ein Mensch ist, der
alle Fhigkeiten besitzt, Einem ber den Kopf zu wachsen, wenn man ihn nicht zur
rechten Zeit mit Fen tritt. Sie werden doch jedenfalls zugestehen, da es ein
Unglck ist, wenn Spitzbuben groe Mnner werden? Deshalb ist die Polizei, das
Zuchthaus und im Nothfall jede andere eclatante Beschimpfung da, um die
bergroe ppigkeit solchen Talenten fr immer zu vertreiben.
    Dankmar verstand nicht recht diese gewaltthtigen uerungen und fand sie
auch zu unbehaglich, um lnger ber sie nachzudenken oder gar ber sie zu
fragen. Er beschlo die Erinnerung an diese Begegnung, wenn irgend mglich, ganz
aus seinem Gedchtni zu werfen und unterhielt sich mit Lasally ber andere
Dinge. Im Ganzen fand er ihn klug und sehr klar, aber von merkwrdig geringem
Fond. Es war ein junger Mann, den man zum Gentleman erzogen hatte und der
deshalb, weil ihm die Mittel dafr zu fehlen anfingen, in einer verdrielichen
Stimmung war. Es gefiel ihm, da Lasally etwas Offenes und Aufrichtiges hatte.
Als sie Beide im Saale allein waren und einander ihre Cigarren anrauchten, sagte
der Stallmeister auch ganz frei heraus:
    Sie sind Prinz Egon von Hohenberg! Man wei es. Warum wollen Sie sich auch
vor mir maskiren? Ich stand sonst mit dem Grafen d'Azimont in Verbindung. Er kam
vor einigen Jahren aus Paris, ich sollte ihm damals einen Stall completiren und
bin darber noch mit ihm in Verrechnung. Von seinem Verwalter erfuhr ich, da
Sie im Incognito Ihre Gter besuchen wollen, zum grten Jammer der Grfin, die
Sie liebt ...
    Dankmar redete ihm diese Ansicht ganz entschieden aus, indem er ihm die
Wahrheit gestand, soweit sie hierher gehrte.
    Ich bin ein einfacher Jurist, sagte er, Dankmar Wildungen ist mein Name,
aber ich bin ein Freund des Prinzen. Ich bemerke, da man gegen mich vorsichtig,
behutsam, ja mistrauisch sich benimmt. Reden Sie doch Jedem den wunderlichen
Verdacht aus!
    Auch Melanien? fragte Lasally, die Augen halb zudrckend.
    Auch ihr, sagte Dankmar. Sie hat mir Theilnahme bewiesen, aber es fngt mich
zu verdrieen an, wenn sie mich nicht wegen meiner selbst schtzt, sondern aus
einem Misverstndnisse.
    Sie selbst lieben sie also schon! sagte Lasally. Und deshalb mcht' ich, Sie
wren wirklich der Prinz Egon ....
    Man strte Beide in dieser wunderlichen Erklrung. Lasally wurde abgerufen
und Dankmar schritt in der verdrielichsten Stimmung im Wirthszimmer auf und ab.
Sein Abenteuer war ihm wie zerstrt. Er war mit der Nothwendigkeit, ehrenhaft
und aufrichtig zu sein, in eine Collision gerathen, wo diese siegen mute. In
diesen gemischten Empfindungen strte ihn nun auch noch der Heidekrger, der von
der Helldorfer Wahlbesprechung zurckkam und sehr berrascht war, sein Haus so
reich an Gsten zu finden. Er erkannte Dankmarn sogleich wieder, hrte von ihm
die genaue Angabe aller der Personen, in deren Gesellschaft er angekommen war
und erwiderte auf die Frage wegen der politischen Versammlung, die Dankmar an
ihn richtete, mit einem sonderbaren Gemisch stattlicher Wrde, aber auch ebenso
groen Selbstvertrauens.
    Es wird nun doch dahin kommen, da man mich, nicht den Justizrath whlt,
sagte er. Es ist nicht mglich, sich dem Vertrauen seiner Mitbrger zu
entziehen. Ich habe mich lange gestrubt, ein so wichtiges Amt, wie das eines
Volksvertreters, anzunehmen, allein der groe Augenblick und die Gefahr, in der
sich unser Vaterland befindet, reit Jeden fort, auch Den, der nur geringe Gaben
hat und die, die er vielleicht besitzt, nicht wie ein Gelehrter ausbilden
konnte. Das Ministerium schwankt. Es wird sich nicht halten knnen und was an
mir ist, wrd' ich der Letzte sein, der es von seinem Falle rettete. Es gengt
Keinem; dem Adel nicht, dem es zu frei, dem Pbel nicht, dem es zu gemigt ist.
Die Verwirrung in der Hauptstadt soll grenzenlos sein und umsichtiger,
besonnener, ruhiger Vaterlandsfreunde bedarf es mehr denn je. Ich bringe
wenigstens meinen guten Willen mit.
    So htte also der Justizrath Recht gehabt? sagte Dankmar, erstaunend ber
die gewandte Art des Heidekrgers, sich zu fassen und auch in Worten
auszudrcken.
    Ich schlug ihn vor, sagte Justus, die Achseln zuckend. Ich nannte Alles, was
man zum Lobe eines so gelehrten Mannes sagen kann, der in groem Ansehen steht.
Aber man scheut sich jetzt, von Advocaten zu hren. Man hat kein Vertrauen mehr,
seitdem Die, welche am gewandtesten von den Rechten der Menschen sprachen, kein
Wort mehr fr die Pflichten hatten. Das Eigenthum ist es, bester Herr, das nicht
in Gefahr kommen darf. Man mu nicht zittern drfen vor einem tollen
Durcheinanderwhlen von Mein und Dein. Man mu sich sogar nicht frchten mssen
vor Dem, was man uns von den Rechten der Andern schenkt; denn wie bald wrde man
wieder von Solchem, was uns nun gehren soll, doch wieder Andern abzugeben
haben!
    Sie sind conservativ geworden, sagte Dankmar, und haben als reicher Mann
alle Ursache, vor einer zu wilden Ghrung der Kpfe Haus und Hof zu sichern.
Aber der Justizrath wre doch unstreitig auch ganz Ihrer Meinung gewesen ....
    Der Heidekrger wurde nachdenklich. Er sah voraus, da seine Stellung dem
Justizrath gegenber recht rgerlich war ...
    Dankmar erleichterte ihm seine Verlegenheit und meinte: der Justizrath wrde
wol zu weit rechts gesessen haben?
    Es ist sehr schlimm, sagte der Heidekrger kopfschttelnd, da es soweit hat
kommen mssen, jeden Menschen gleich links oder rechts unterzubringen. Wenn es
nach mir ginge, setzte ich mich auf die uerste Linke und stimmte rechts! Was
sollen denn diese Unterschiede? Wozu denn dieser Zwang, den der Parteigeist
schon ausbt, eh' man nur den Saal der Sitzungen betritt? Ich kann den
Schwtzern nicht folgen und ich kann auch der Regierung nicht folgen ... sagen
Sie mir die Stelle, wo ich mich hinsetzen soll?
    Ins Centrum, meinte Dankmar ironisch, und da mssen Sie denn doch noch
Minister werden, wie der Justizrath gesagt hat ...
    Indem brachte die unpolitische Liese ein Packet neuer frischangekommener
Zeitungen, das sie unwirsch vor ihrem begierig darber herfallenden Herrn
hinwarf. Es waren deren eine so reiche Auswahl, da Dankmar sagte:
    Alle neuen Zeitungen? Sie treiben ja die Politik wie Metternich!
    Das sollte Sie freuen, bester Herr, erwiderte Justus, die Bltter begierig
auseinanderfaltend. Das Licht besserer Erkenntni, die Verbreitung der
Hlfsmittel, um das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, that endlich noth.
Wir haben auch frher in den Zeiten des Druckes, wo unsere Klagen in dem
jmmerlichen Institut der Provinzialstnde ungehrt verhallten, nicht die Hnde
in den Schoos gelegt. Sehen Sie, da ich mich wohl vorbereitete auf eine bessere
Stunde und las, was uns frommen kann, nun sie endlich geschlagen hat.
    Damit ffnete Justus nicht ohne einige Zaghaftigkeit und geschmeichelte
Verschmtheit die Thr eines Nebenzimmers. Es war ein Cabinet, recht traulich
und fast wie das Studierzimmer eines Gelehrten anzusehen. Da waren Epheuranken
am kleinen Fenster, Vogelbauer hingen mit einigen schon schlummernden
Canarienhhnen, ein Stehpult mit einem Drehstuhl davor zeigte Spuren fleiiger
Benutzung sowol des Tintenfasses wie der Streusandbchse. Das Auffallendste aber
war eine reiche Bibliothek. Hinter den Glasfenstern eines hohen Bcherschranks
las Dankmar in der Abenddmmerung an dem Rcken der Bcher: Rotteck's
Weltgeschichte, Das Pfennigmagazin, Welcker's Staatslexikon und eine Menge von
Schriften, die frher zu den verbotenen gehrten und meist in Altenburg, Hamburg
oder im Auslande erschienen waren ...
    Diese verbotenen Bcher, bemerkte Justus, enthielten viel Falsches, allein
man mute sie sich anschaffen, um auch das Gute sich anzueignen, das sie mit dem
Falschen zugleich brachten. Wahrheitstrieb erschien damals fr unerlaubte
Freisinnigkeit. Ich galt viele Jahre fr einen schlimmen Feind des Knigs und
wurde von seinen bsen guten Dienern arg verfolgt. Diese Schriften, die ich mir
mit List und Gefahr verschaffen mute, lagen alle versteckt und sind erst jetzt
gebunden worden. Es war wahrhaft traurig, da man etwas hten und heimlich
schtzen mute, was man nur las, um es sehr bald als bertreibung zu vergessen.
Doch war auch manches gute Korn unter der Spreu, und Das soll jetzt aufgehen und
gute Frucht bringen. Nicht wahr, Herr?
    Dankmarn war sonderbar zu Muthe. Er mute den Mann, der sich da so ganz aus
eigenen Mitteln emporgerafft, eine Bildung und sogar eine Meinung sich erworben
hatte, von ganzem Herzen achten und doch misfiel ihm das Selbstgefhl des
Heidekrgers, sein gewichtiger, feierlicher und dann wieder naiver und gemachter
treuherziger Vortrag und mehr noch als Dies seine egoistische Auffassung des
Staats. Als der Heidekrger das Kmmerchen wieder schlo und nach den Zeitungen
griff, um mit groer Spannung selbst noch in der Dmmerung, ehe man Licht
brachte, ihren Inhalt zu berfliegen, mute er sich sagen, da ja zuletzt der
Absolutismus eines Frsten von Gottes Gnaden nicht schlimmer ist als so ein
Patriot von Gottes Gnaden, der ganz wie Jener den Staat aus seinem eigenen Ich
herleitet. Dennoch gefiel ihm wieder, als dieser Mann, den er fast fr den
rechten Urtypus des politisirenden deutschen Michels htte nehmen mgen, beim
Umblttern der Zeitungen sagte:
    Diese albernen sogenannten Eingesandts! Ist's denn mglich! Die Gesinnung
mcht' ich hingehen lassen, obgleich sie in bertriebener Unterwrfigkeit nur
den Rckschlag in die alte dumme Zeit zu weit befrdern, aber sieht man nicht
jeder Unterschrift an, da sie von Menschen herrhrt, die gleichsam dem
Landesfrsten sagen mgen: Merkst du dir denn auch meinen Namen? Untersttzest
du mich denn nun auch bei Gelegenheit oder befiehlst den Ministern, meinen Sohn
zu befrdern? Da flucht ein Rittergutsbesitzer der Umgegend hier ber die
Demokraten und unterschreibt sich gro und breit mit seinem ganzen Major auer
Diensten und allen Kreuzen, deren Inhaber und Ritter er ist. Aber wir Alle
wissen, da dieser Herr Vom Busche neulich die Dreistigkeit hatte, an den Knig
zu schreiben, seine Tochter mte doch nun wol auch das Pianoforte lernen, er
knnte ihr, da er fnf Kinder htte, kein Instrument kaufen, ob sein
allergndigster Frst und Herr nicht die Gnade haben wollte und ihm fr seine
treuen Dienste -
    Ein Pianoforte kaufen? sagte Dankmar, zornglhend, und setzte hinzu:
    Und ich glaube fast, da der Mann das Pianoforte bekommen wird?
    Er hat es schon, sagte Justus. Ja, ja, die Geheimnisse unserer frstlichen
Chatoulle gben das unterhaltendste Buch, das einem hamburger Buchhndler nur
knnte verboten werden ...
    O, rief Dankmar, mte den Knig nicht Zorn, ja Scham ergreifen, wenn er
she, worauf er die Behauptung seiner Vorrechte grndet, wenn man solche
Adressen schreibt und schreiben lt! Sind es denn freie, unabhngige Menschen,
die da mit sich selbst beschrnkendem, lohndienerischem Verstande seiner Gewalt
zustimmen? Nein, es sind Die, denen die alte Ordnung der Dinge Vortheile
brachte, die sie bei der neuen zu verlieren frchten. Die Demokratie mag viel
zgellose Elemente in sich hegen und manchen verdchtigen Ansprchen einen
schimmernden Namen geben, aber so auf die Lge gebaut ist sie nicht, wie bei uns
die Vertheidigung des alten beschrnkten Landeskinder-Gehorsams. Menschen, die
nie einen andern Blick in die Zukunft warfen, als der bis zu ihrem nchsten
Gehaltstage oder bis zu ihrem Avancement reichte, geben sich pltzlich das
Ansehen, politische Gedanken zu haben und wollen den Thron befestigen, indem sie
ihn auf ihren eigenen Egoismus bauen! Htte sich das Regiment bei uns wirklich
gendert, auch dieser Major Vom Busche wrde sich verndert haben und sein
Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln, der ihm gerade dem
Staatsschatze am nchsten sitzend erscheint ...
    Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg! sagte der Heidekrger etwas spitz.
    Und darum, fuhr Dankmar ungehindert fort, da solche Zumuthungen, solche
Misbruche nur bei der gegenwrtigen Form der Regierung, ihren militairischen
Erinnerungen und ihrem patriarchalischen Verwachsensein mit dem Dnkel der
isolirten Nationalitt mglich sind, darum soll das Bessere, Vernunftgemere
gefhrlich und verderblich sein? Den Schmarotzern am Tische der Monarchie allein
ist es verderblich und darum auch der Monarchie selbst gefhrlich. Knnen sich
Throne auf die Lnge behaupten, die auf den Egoismus einzelner trger Classen
gebaut sind? Wird man nicht endlich einsehen, da, wie die Schrift sagt, die
Lge der Leute Verderben ist und jedes Knigshaus entweder der Republik oder
einer radicalen monarchischen Verjngung weichen mu, wenn es, wie einst die
Stuarts, selbst eine Partei im Staate vertritt?
    Republik? sagte der Heidekrger lchelnd. Bitte! Bitte! Nicht Republik!
    Und den Kopf schttelnd, ergriff er wieder die Zeitungen und bltterte in
ihnen; denn es war nun auch Licht gebracht worden und sein Nachtessen wartete
...
    Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl sich kurz, um
auf sein Zimmer zu steigen ... Lasally, Reichmeyer und einige der Frauen, die
ihm begegneten, Alle verfolgten ihn neugierig und fast zuthunlich. Aber er war
in einer Stimmung so vlligen sich Vereinsamtfhlens, da er am liebsten zu
Melanie gegangen wre, an ihre Thr gepocht und sich ihr mit ganzer Seele
anvertraut htte. Wo ist auch noch ein Trost fr unbefriedigte Gemther, wenn
sie die Shne unserer Zeit sind, als allein in der Liebe? Wo ist die Brgschaft
noch, da in den Schrecken der Emprungen und Kriege, in den schaudervollen
Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menschlichen sich
erhlt, als in der Liebe? Wo werden noch Worte des Lebens gesprochen, wo rinnen
noch Thrnen der Freude, wo weht noch der Hauch des stillen Einverstndnisses,
wo ist noch Liebe, als in der Liebe!
    Dankmar lehnte jede Einladung ab. Er warf sich auf das Lager in seinem
kleinen Zimmer ...
    Es mochte gegen zehn Uhr sein. Er htte schlafen sollen; denn die
Erschpfung dieser Tage hatte seine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgespannt.
Schon vor bermdung konnt' er nicht schlafen. Er hatte die Fenster geschlossen
... er ri sie wieder auf. Die runde volle Mondscheibe konnte am bewlkten
Himmel nicht berall hervortreten, noch drckte Gewitterschwle die Luft, so
feucht schon die Erde war, so frisch es schon herberduftete von den durchnten
Tannen des Waldes ...
    Es war nicht ruhig im Heidekrug. Er hrte die Sbel der Gendarmen. Er hrte
laut lachen und ein Hin - und Wiederhuschen auf dem Corridor. Die Thre lie er
unverschlossen. Mut' er nicht annehmen, da ihm Melanie pltzlich wie im Traum
erscheinen wollte? Was hatte sie vor? Wie konnte sie sich das Bild aneignen aus
einem Raume, der bewacht und verschlossen war? Wird sie den Intendanten
berreden? Seiner Eitelkeit schmeicheln? Ihm unmgliche Versprechungen machen?
    Sogar die Eifersucht ergriff ihn, so lcherlich der Gegenstand war.
    Unter ihm, im Wirthszimmer, glaubte er jetzt die Diener des Intendanten, die
Gendarmen, die Jockeys Lasally's zu hren. Er warf sich nieder auf das Bett,
dessen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte. Er blieb
angekleidet, wie er war ... Nach einer Weile lie sich doch der Schlaf nicht
mehr zurckweisen. Er verfiel in einen halb wachen, halb trumenden Zustand, der
ihm eine Zeit lang bleischwer aufs Auge sich senkte ... Dann fuhr er wieder
empor. Er mute eine halbe Stunde so gelegen haben. Das Zimmer war hell. Die
Wolken hatten sich etwas verzogen und lieen dem Monde Raum, sein goldgelbes,
fast zehrendes Licht auszugieen. War es die Erinnerung an Hackert, an dessen
nchtlichen Gang auch am Schlosse, den Egon beobachtet und ihm erzhlt hatte,
war es die Erinnerung an Hackert's gespenstisches Hinschreiten ber die Wiese
zum Ebereschenbaum, von dem der Jger gesprochen, seine eigene Begegnung mit ihm
am Thurm und sein Verschwinden zur Waldschlucht und dem Kreuze hin, wo des
Sgemllers Nantchen verunglckt war; waren es alle diese Erinnerungen an das
fast dunkle phantasmagorische Leben eines Andern ... oder war es seine eigene
nervsen Reizung ... es kam ihm vor, als fhlte er recht die ziehende, magische
Gewalt der Mondstrahlen, das Verzehrtwerden von diesem trockenen, ausgebrannten
Himmelskrper, der so geheimnivoll auf die Erde wirkt, fhlte er recht das
Schwinden in das geisterhafte Licht hin ... Er legte sich und glaubte zu
schlafen, schlief und wachte ...
    War es Traum? War es wirkliche Erscheinung? ... Er sah die Thr sich leise
ffnen ... er hrte sie knarren ... Tritte schleichen ...
    Ach, kam ihm der Gedanke, Das ist Melanie! Er blinzelte einmal auf, lchelte
und schlo die Augen wieder ... bleischwer lag eine rthselhafte Gewalt auf
seinen Sinnen ... er mochte sich erheben und konnte nicht ... er mochte reden
und der Mund war wie krampfhaft geschlossen ... Wie Musik flo es um ihn her ...
Er fhlte jene Schwingungen der Seele, die uns oft sind, wie die Vorahnungen der
Seligkeit ... wie der Tod uns nahen mag ... So zerflieen ... so hinbergehen
... so sterben!
    Er tuschte sich aber nicht. Es war ein nchtlicher Besuch, den er zu
begren, anzureden keine Kraft hatte ...
    Nicht aber Melanie war es.
    Eine mnnliche, edle Gestalt beugte sich auf ihn nieder ... Er sah, er
fhlte sie ... Er lchelte zu ihrem lchelnden, freundlichen Gru empor.
    Der Fremde hatte ein Bild in der Hand ... es war rundoval ... die Farben
bla ... Der goldene Rahmen glnzte matt im Mondenschein ... Es war das Bild
einer jungen schnen Frau und Der, der es trug, war Ackermann, der Amerikaner.
Leise trat der nchtliche Besuch nher, neigte sich ber Dankmar, kte
abwechselnd das Bild, abwechselnd die Stirn des halbwachen Schlfers ... Dann
war das Bild verschwunden, aber der Fremde, derselbe, den man Ackermann nannte,
des holden Selmar Vater, blieb noch. Nach einer Weile zog er das Portefeuille
aus der Brust, neigte sich ber Dankmar und ... Was that er nur? Dankmar hrte
etwas, wie das Klingen eines Instruments - er hrte den Schnitt wie eines
Messers - nein, er fhlte etwas an sich selbst, das aber nicht schmerzte, nicht
verwundete ... Seine mden Augen blinzelten ... Er wollte den Traum nicht stren
... Das Mondlicht that den Sternen der Sehkraft wehe ... Aber die Gestalt war
keine Tuschung. Der Amerikaner trat zurck und betrachtete eine Locke, die er
sich eben von Dankmar's Haupte geschnitten, kte sie und legte sie mit Rhrung
in sein Portefeuille. Das Zimmer wurde dunkler, die Wolken traten vor den Mond
... Die Erscheinung war verschwunden.
    Als Dankmar sich aufrichtete, war es ihm fast, als hrte er noch die Thr
klinken. Alles war still. Alles dunkel, der Mond war dicht verhllt ... er
konnte nichts unterscheiden ... Du hast getrumt! sagte er sich, und schn
getrumt! ... Und Dankmar glaubte getrumt zu haben, so schwer lag die Ermattung
auf ihm, da er fr Alles, was Wahrheit sein mute, jene se Gleichgltigkeit
empfand, die die gewaltigste Reaction der Natur verrieth. Er sah nach seiner Uhr
und glaubte den Zeiger schon auf Eins zu erkennen und doch war es finster ... Er
kleidete sich in zwei Minuten vllig aus und warf sich ins Bett, unbekmmert um
Alles, was ihm noch eben Freude oder Schmerz, Antheil oder Widerwillen
eingeflt hatte ...
    Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als Dankmar erwachte. Er sprang aus
dem Bett und erstaunte, da seine Uhr bereits ber Sieben zeigte. Seine Toilette
machen, nach frischem Wasser klingeln war das Eiligste, was er thun mute.
    Du hast dich versptet, sagte er sich, den lang' entbehrten strkenden
Schlaf hat die Natur in dieser Nacht fr sich mit Gewalt eingefodert ... Von elf
bis sieben Uhr. Ei, du Schlfer und welch ein Schlaf! Wie bleiern lag es in
deinen Gliedern ... du weit nichts ... nichts ... Himmel, ein ganz neues Leben
erquickt deinen mden Krper ... aber die Zeit hast du doch verschlafen ... Das
steht fest.
    Und so tummelte er sich fort ...
    Da fhrt er mit der Brste durch sein Haar. Er steht vorm Spiegel und will
sich den gewohnten Scheitel ordnen ... Was ist das? Die Lage der Locken ist
nicht die alte ... der gewohnte Strich, der Fall der Haare ist gestrt ... Ein
Bschel sich rundender Haare fehlte ihm dicht ber den linken Schlfen ...
    Er besinnt sich ... auf die Nacht! Auf den Traum! Nein, kein Traum!
Wirklichkeit! Hier fehlt das Haar ... die Locke wurde abgeschnitten. Die
ermatteten Augen hatten nur nicht die Kraft gehabt, sich lnger offen zu halten;
die Willenskraft, der Widerstand war von der bermdung gelhmt gewesen. Die
Locke fehlte. Er sah sich im Zimmer um. Der Gedanke an das Bild ergriff ihn mit
Zauberkraft. Es war da gewesen. Ackermann hatte es gekt, hatte sich ber ihn
geneigt mit dem Bilde. Selmar's Vater! Wie war Das? Er rckte den Tisch, die
Sthle, er warf das Bett auseinander ... noch einmal ... er fat nach dem
Kopfkissen. Da ist ... da fllt etwas in die Betten ... ein harter Gegenstand
... ein rundes Bret ... er wendet es um. Es ist das Bild!
    Egon und Melanie hatten das Bild Dankmarn beschrieben, sowie er es fand. Ein
weiblicher, schner Kopf in blassen Pastellfarben ... ein goldener Rahmen gab
ihm die Form eines Medaillons ... Hinten ein strkeres Bret ... das Bild viel
schwerer, als es seinem Umfange nach sein konnte. Er zweifelte nicht, da es ein
Geheimni enthielt. Die Feder, die es durch einen Druck auf das Glas ffnete, zu
suchen, trieb ihn zwar die Neugier. Aber als er einige male vergebens ber das
Glas gefahren war, hier drckte, da schttelte, es von allen Seiten betrachtete
und nichts sogleich von der geheimen ffnung entdeckte, war er fast froh nicht
in Versuchung zu gerathen und Dinge zu erfahren, die nicht fr ihn bestimmt
waren.
    Jetzt htte er rufen mgen: Melanie! Selmar! Er htte Ackermann sich an die
Brust ziehen mgen ohne Erkennungszeichen, ohne Geheimbund, ohne zu wissen, wer
er war und was er glaubte und dachte ... Er ri die Thr auf und rief nach
dienenden Wesen, der Liese, dem Dietrich. Niemand hrte ihn. Doch war Alles in
Bewegung. Trepp auf, Trepp ab hrte er rennen, toben. Man klopfte, schrie, man
drohte. Was war? Was ist? Hatte man das Bild vermit?
    Rasch kehrte er zurck und verbarg es.
    Da tritt die Magd ein und erzhlt ihm in ihrer polternden Art: Es wr' ein
Unglck geschehen, man knnte den Intendanten nicht finden. Der Heidekrger wre
auer sich ... alle seine Bcher hlfen ihm nun doch nichts. Ein vornehmer Mann
wre auf dem Heidekrug verloren gegangen!
    Dankmar bittet, ihm ruhiger zu berichten.
    Gestern Abend noch spt, sagte die Liese, erlaubt der gndige Herr den
Gendarmen und Dienern im Saale auf sein Wohl zu trinken und geht dann zu Bett.
Die zechen etwas lang und stehen schwer im Kopf auf und gehen zu Bett und es
wird Tag und der groe Wagen fhrt fort, ehe noch der gndige Herr geweckt ist.
Der einzige Diener, der zurckgeblieben, wartet und wartet, der Herr kommt
nicht. Excellenz! Excellenz! heit es. Man findet die Thr offen, das Bett so
gut wie unberhrt, der Herr mu in der Nacht aufgestanden sein und ist nun nicht
da. Man sucht ihn berall. Er ist nirgend. Ganz gewi, er hat ein Unglck
erlebt. Diese Zeit! Dies Leben! Wer hlt Das auf dem Heidekrug aus!
    Aber so fragt die Damen, mit denen ich kam, rief Dankmar erstaunt und ber
Melanie's Geheimni grbelnd ....
    Die sind in aller Frhe fort .... sagte die Magd.
    Melanie, Madame Schlurck und die Andern?
    Alle fort, schon um fnf Uhr. Das Frulein sagte, Sie wollten mit Ihrem
Einspnner allein bleiben und spter fahren. Der steht unten und wartet. Das
Hndchen winselt nach Ihnen. Hren Sie's?
    Bello kratzte an der Thr. Dankmar ffnete. Das Thierchen humpelte freudig
an seinem interimistischen Herrn hinauf ....
    Aber Ackermann und Selmar? sagte Dankmar.
    Wer? fragte die Magd.
    Dankmar dachte:
    Wahnsinn! Du frgst hier nach Traumgestalten?
    Und doch sagte er:
    Kam nicht gestern Nacht noch ein stattlicher Herr mit einem Knaben hier an?
    Freilich! freilich! sagte die Magd. Es war ja fast zwlf. Sie waren so
durchnt, da wir Angst hatten, sie wrden uns krank werden .... Aber die sind
nun auch schon fort. Eine Stunde spter als die Andern. Und eben vor einer
halben Stunde fhrt der groe Wagen ab, die prchtige Karosse des Geheimraths
steht unten, man denkt, er steigt jeden Augenblick ein und nun suchen wir ihn
...
    Man hrte jetzt drauen auch den Heidekrger lrmen und laut sein Befremden
uern.
    Excellenz! Excellenz! Herr Geheimerrath! rief man in alle Winkel hinein, und
in alle Gruben hinunter, ja in solchen suchte man den geheimen Rath, die man
sonst nur fr geheimen Unrath bestimmte -
    Dankmar, in seinem Taschentuche sorgfltig das Bild verbergend, stieg die
Treppe hinunter, sah sich die Verwirrung eine Weile mit an und erstaunte, da
der Heidekrger, der Staatserretter, der Lafayette und Washington, hier schon
den Kopf verlor.
    Denken Sie sich, sprach er zu Dankmarn mit leichenblasser Miene, wie mir so
etwas begegnen mu! Wie sonderbar kann man Dergleichen auslegen! Ein hoher
Beamter des Hofes, Mitglied des Reubundes, eine Sttze der Reaction, Gatte einer
einflureichen Dame, die in unserer Politik eine groe Rolle spielt,
verschwindet spurlos in der Wohnung eines zwar nicht whlerischen, aber
freigesinnten Gesinnungsmenschen ... o mein Gott! habt Ihr denn berall
geforscht, Alles aufgedeckt? Alle Gruben? Alle Gelegenheiten, wo Jemand in
stiller Nacht mit einem Licht verunglcken kann? Was werden die Snger's, die
Vom Busche's und die Sengebusch's sagen!
    Dankmar beschwichtigte seine Besorgnisse mit der festen, ungeheuchelten
berzeugung, da sich diese Angelegenheit vllig natrlich lsen wrde. Da er
wute, da hier eine Schelmerei Melanien's im Spiele war, zeigte er selbst ber
sein natrliches Mitgefhl hinaus sich fast ausgelassen und lachte, als er sah,
wie und wo man die vornehme, aufgeblasene Excellenz Alles suchte ...
    ber Ackermann's Benehmen und mgliche Beziehung zu Melanie oder zum
Geheimrath erfuhr er nichts. Hier war ihm ein vllig unlsbares Rthsel. Mit dem
letzten Reste der Hackert'schen Anleihe bezahlte er seine Zeche und wollte von
dannen fahren unter lautem Jubelgebell seines Hundes. Da trat die Liese heran
und Dietrich und Beide wollten Dankmarn die Zgel nicht geben ...
    Auf wen wartet Ihr denn noch? sagte Dankmar.
    Auf Ihren Kutscher, Herr! ... Hier ist auch noch das Geld von neulich. Wir
haben's an den Justizrath noch nicht anbringen knnen ... er mag es ihm selbst
geben.
    Wer? Welches Geld?
    Ei, das Geld aus der schnen Brse! Von der Nacht her, wo Ihr Kutscher das
bse bel hatte ....
    Hackert? Wo ist denn Hackert?
    Er kam doch mit Ihnen?
    Hackert? Mit mir? Ich kam allein. Hat man den Rothkopf hier gesehen ....
    Lichterloh, sagte Dietrich. Der schlft wol noch auf dem Heuboden? Da mu
Eins die Spritze bereithalten ....
    Ihr Leute irrt Euch! Ich kam allein. Kein Wort wei ich von meinem
Reisebegleiter von neulich .... Und Ihr saht ihn wirklich?
    Dietrich pfiff, als wollte er Hackerten ein Zeichen geben. Die Liese
drngte, Dankmar sollte das Geld ansichnehmen.
    Dieser weigerte sich aber und erklrte, mit dem unheimlichen Gaste in keiner
Verbindung mehr zu stehen.
    Da Hackert auf dem Heidekruge in dieser Nacht gesehen worden, blieb
ausgemacht. Die Aussagen der Leute stimmten zu sehr berein. Alle hatten
geglaubt, er wre mit der groen Gesellschaft zurckgekehrt. Man suchte nun auch
ihn.
    Da sich aber keine Spur mehr weder von ihm noch von dem Geheimrathe finden
wollte, so fuhr Dankmar von dannen, nicht wenig betroffen und tief erstaunt ber
das sonderbare Zusammentreffen so vieler hchst rthselhaft sich durchkreuzenden
Thatsachen.
    Eine Gewaltthat, Das wute er, war nicht an dem Geheimrath verbt worden,
hchstens ein lustiges Abenteuer, von dem Melanie den Schlssel und dessen
eigentlichen Kern, das Bild, er selbst besa. Im brigen gnnte er dem
Heidekrger diesen kleinen Kummer als Strafe fr die heuchlerische Art, mit der
er anfangs versprochen hatte, Schlurck's Wahl im schnauer Bezirke zu befrdern
und sich nun selbst vorschob. Der Liese aber sah er die Freude an, ihren
steifen und hochgestapelten Herrn einmal mit seinem Gesinde wieder auf
gleicher Linie stehen zu sehen, wieder von Dem bewegt und erregt, was zu dieses
Hauses eigentlicher Ordnung gehrte. Das Geld versprach sie Hackert zuzustellen,
wenn er sich noch fnde ....
    Dankmar fuhr rasch von dannen und konnte wol die Gleise der Wagen und Pferde
sehen, die den Langschlfer im Stiche gelassen hatten. Er erreichte sie aber
ebenso wenig wie den Wagen, mit dem Ackermann und Selmar, vielleicht auf
Nebenwegen, abgefahren sein sollten.
    Gegenstnde zum Nachdenken hatte er fr die Reise den Tag ber genug!
Abenteuerliches begegnete ihm nichts mehr. Er htte es zu Dem, was ihn Alles
schon in Anspruch nahm, kaum noch aufnehmen knnen.
    Es wurde schon Nacht, als er sich Tempelheide nherte. Er warf einen Blick
auf den Landsitz des alten Prsidenten. Ein Rabe sa auf dem Schornstein und
schien fr die sternhelle und monddmmernde Nacht das Wunderhaus zu bewachen.
Dankmar berlie es seinem lahmen Begleiter Bello, zu dem steif und ernst dort
oben thronenden Vogel verdutzt und wie auf dem Anschlage hinberzuschauen. Er
kmmerte sich um nichts mehr, was rechts und links lag. Mit unwiderstehlicher
Macht nur trieb es ihn zu der groen Stadt hin, die schon zu seinen Fen lag
und der Schauplatz neuer Erlebnisse werden sollte.
    Wie der Wagen die kleine tempelheider Anhhe hinunterrollte und er zur Allee
einlenken wollte, die an den Eisenbahndurchschnitt fhrte, hrte er dasselbe
melodische Gesusel wieder aus dem Schlosse, das ihm noch von seiner Ausfahrt
erinnerlich war. Er mute stillhalten, so bewegte ihn der harmonische Lufthauch.
Es war nchtliche Ruhe um ihn her. Im abgemhten Felde, auf der Wiese zirpten
nur die Grillen schon ihre Herbstesvorahnungen. Die Kirche stand feierlich im
Mondscheinlichte. Die Bume suselten und die Lfte klangen von der Harfe
zauberhaft belebt in wehmthigen Accorden. Es war ein sanftes Moll, in dem die
Windharfe gestimmt unter den Tannen hing .... Ach, es war ein Accord, der die
ganze Stimmung seiner eigenen Seele aussprach. Zrtlich hoffend, aber tief
wehmthig ....
    Ja, sagte er sich, noch geschehen Wunder! Noch helfen unsichtbare Geister an
unsern Werken mit und das Schicksal ist keine leere Fabel.
    Anna von Harder, die Lenkerin der musikalischen Akademieen, sah er nicht
.... Die Fenster blieben geschlossen ... er htte doch gern die weibliche
Gestalt an ihnen wiedersehen mgen, die an jenem Abende seiner Ausfahrt der
Windharfe lauschte ... er htte ihr doch gern die Gefhle bertragen, die diese
Tne in ihm selber weckten ....
    Sie kam nicht und so mute er selbst sein Herz ffnen, selbst diese Tne in
seine Brust einlassen und die Geister nahen hren, die ihm sagten:
    Wandle nun hin unter dem schtzenden Sterne, den dir die Gottheit unter
diesen Millionen Lichtern am Himmel dort aufgestellt hat und den du nicht
kennst! Verknpfe dir das Leben zu immer rthselhaftern Knoten, die du einst
ungeduldig mit dem Schwerte wirst lsen wollen und deren Fden vielleicht
pltzlich klar und unverwirrt in deinen Hnden liegen, wenn dein Schutzgeist
sich dir naht, vielleicht so auf einem Accorde der Freundschaft schwebend, so
auf einer kleinen nchtlichen Luftwolke des Zufalles, so auf dem Mondenstrahl,
der, wie da hinter den Tannen, so aus dem Auge der Liebe bricht! Gehe hin! Noch
mu sich dir viel erfllen, viel begeben! Aber vertraue! Siegbert und Dankmar
Wildungen! Euer Genius spricht aus diesem Lufthauche der olsharfe im Tannenpark
von Tempelheide!
    Das mde Pferd zog an; weiter ging es bergab in unfreiwilliger Eile .... Von
allen Thrmen der Stadt schlug es Zehn, als Dankmar mit seinem mden Gaule nach
einer ereignireichen Reise von vier Tagen in den Thorweg des Wirthshauses Zum
Pelikan wieder einlenkte. Das Bild an sich pressend, des doch wohl auch ihm
sichern Schreines gedenkend, mute er sich sagen, da er mehr zurckbrachte als
er verloren hatte, mehr gefunden als er suchte. Und dennoch war es ihm, als
riefe ihm eine Stimme zu: Nun erst beginnt dir der Ernst des Lebens und die
Schranken deines Wettlaufes mit dem Schicksal ffnen sich!

                              Vierzehntes Capitel



                                 Neue Menschen

Die vielthorige, in breiter Flche gelegene, laut rauschende Residenz hatte seit
einigen Jahren ein neues Viertel gewonnen, das man seiner vielen schnen, von
den vornehmsten Herrschaften bewohnten Huser wegen das diplomatische nannte. Es
lag auerhalb der lngst durchbrochenen Ringmauer in einer Gegend, wo es frher
nur Felder gab. Eine rund sich schlngelnde Nebenstrae lenkte von der staubigen
schnurgeraden Hauptallee ab und bot rechts und links zwischen hohen Bumen,
Grten und jungen Anlagen ein Gemisch von Villen dar, die ohne nach einem
bestimmten Plane angelegt zu sein, doch darin eine harmonische Wirkung bten,
da sie im Stile und der geflligen berschmckung der nur aufs Comfortable
gerichteten Theile sich fast wechselseitig berboten. Vor den Villen lagen
Grten mit kleinen Springbrunnen oder einfache englische Boulinggreens. Selbst
in der geflligen Form und Verzierung der eisernen Gitter suchten sich die
Besitzer oder die reichern Abmiether anderer auf Speculation gebauter Huser zu
bertreffen.
    Ziemlich in der Mitte dieser vom Gewhle der Stadt entrckten Niederlassung
lag ein ganz besonders hervorstechendes, geschmackvoll angelegtes Landhaus. Es
war von stattlicher Breite und mit den obern Mansarden gerechnet fast
dreistckig. Das obere Dach war in italienischer Weise platt und rings mit einem
eisernen Gitter geschmckt. Zwei Balcone hingen an den Fenstern der Hauptetage,
zeltartig berwlbt mit roth - und graugestreiftem Damastzeuge und unter diesen
vor der Sonne schtzenden Dchern mit den farbigsten Blumen geschmckt. Die
Einfahrt geschah durch eine gueiserne Pforte von geschmackvoller Zeichnung. Auf
einem gekieselten Wege gelangte man dann zu einem epheu - und weinumrankten
berbau an der rechten Seite des Landhauses, wo die Wagen anfuhren und
Strohdecken bis zu den Stufen des Einganges hinaufgelegt waren. Ein Gebsch von
Rosenhecken an dem Gitter entlang versteckte den Einblick in den einfachen
Vorgarten. Zierlich rankten sich die Rosen durch das eiserne Gitter hindurch,
ein Anblick, bei dem mancher sinnige Wanderer stillstehen und freudig oder
wehmthig Italiens gedenken mute .... Die weien Fenster waren mit langen,
gleichfalls roth - und graugestreiften Staubgardinen von auen verdeckt ....
Nach hinten lagen auf der einen Seite Stlle, Remisen und ein
Wirthschaftsgebude; nach der andern erstreckte sich ein Anbau bis in den
Garten, der umfangreich die sorgsamste Pflege verrieth und in seinen uersten
Grenzen noch von den Treibhusern und der Wohnung des Grtners eingefat war.
    Der nur einstckige hintere Anbau des Hauses endete nach dem Garten zu in
einem Salon und einer Veranda. Beide hingen fast zusammen und waren nur durch
hohe Glasthren getrennt. In diesem Salon sahe man Divans, Causeusen und die
ganze bliche Ausstattung einer reichen und, wenigstens nach der Mode gerechnet,
geschmackvollen Ausstattung. Die Fenster waren von buntem Glase und warfen blaue
und rosige Lichter von magischer Wirkung auf das glatte Getfel dieses
geflligen Gesellschaftsraumes. An den Wnden, die mit eingebrannter
Wachsmalerei geziert waren, rankten sich Epheustcke aus weilackirten
Unterstzen empor und versteckten ihre uersten Spitzen hinter den schweren
gelbseidnen Gardinen, die, oben von den Fensterrundungen herab sich senkend,
hinter schweren Rosetten zurckgesteckt waren. Die grnen Zweiglein suchten nach
der Sonne, deren Licht ja die Nahrung ihres Lebens ist. Vom Plafond, der
gleichfalls mit enkaustischer Malerei glnzend berzogen und mit Goldleisten
eingefat war, hing ein sehr geschmackvoller Kronenleuchter von Bronce und
Krystall herab. An den Wnden sah man zwischen den sechs Fenstern ... drei lagen
auf jeder Seite ... Beleuchtungs - Glocken, die Abends ihren Schimmer durch ein
mattes rothes Glas warfen.
    Durch diese Rume nun schritt, von der Garten - oder Hofseite herkommend, in
Begleitung einer ltern Dame stattlichen Aussehens, die Besitzerin dieser
comfortablen Wohnung. Es war eine hohe magere Gestalt, in eleganter
Morgenkleidung. Die Dame war nicht mehr jung und schien auch auf den Schein
Dessen, was sie nicht mehr besa, keinen allzu lebhaften Anspruch zu machen. Sie
trug ein weiseidnes Bandeau um das strenge, frher vielleicht wenn nicht
schne, doch interessant gewesene Haupt mit den dunkelumschatteten,
scharfstechenden Augen. Der groe weie Kaschmir - Schlafrock war mit grellstem
seidenen Roth gefttert und gab, wenn er aufschlug, der stolz daher schreitenden
Frau fast ein Ansehen, als wre sie fr den Purpur geboren. Sie hatte ein fein
battistenes Spitzentuch in der Hand, mit dem sie zuweilen ber die hohe Stirn
fuhr, um die Spuren der Hitze oder irgend einer gewaltigen Anstrengung, die sie
berstanden zu haben schien, zu tilgen. Das weiseidene Bandeau, das mit einem
Zipfel ber den noch an den schwrzesten Haaren recht reichen Hinterkopf fiel,
gab ihrem Blick etwas ungemein Scharfes und Stechendes, fast wie vom Ausdruck
eines Raubvogels. Nach vorn war ber dem sonst gewi ebenholzschwarz gewesenen
Haare schon ein leichter Anflug von knftigem Silber sichtbar. In einem
gewellten Scheitel lag dies grauschimmernde Haar ber der Stirn und den
Schlfen. Das Bandeau schien die Unentschlossenheit anzudeuten, ob sich die Dame
bereit erklren sollte, vielleicht ganz im grauen Haare, das mancher
geistreichen und noch leidenschaftlichen Matrone auerordentlich schn stehen
kann, ihren Stolz zu suchen oder es vorlufig doch noch so viel wie mglich zu
verbergen.
    Hinter der Dame und ihrer ltern Begleiterin, die etwas gebckter, etwas
hinflliger, aber doch unter der feinen breitkantigen Spitzenhaube die List und
Schlauheit ihrer Augen nicht verbergen konnte, folgte ein Bedienter, der ein
silbernes Wasserbecken und ein feines damastenes Handtuch trug. Seine Gebieterin
tauchte die schn gepflegten langfingerigen Hnde mehrmals in das Wasser, ihre
Begleiterin nahm von einer in einer Ecke des Saales stehenden Etagre ein
Krystallflacon und spritzte etwas von dessen wohlriechendem Inhalt noch in die
silberne Schssel. Dann nahm die Gebieterin das Handtuch, trocknete sich
sorgfltig und schickte den Bedienten mit dem Befehle fort, da Ernst, sowie er
vom Schlosse wieder da wre, unverzglich zu ihr kommen sollte. Als der Bediente
gehen wollte, rief sie ihm noch die Frage nach:
    Und Franz mit dem Landau noch immer nicht da?
    Vor einer Viertelstunde ist er gekommen, Excellenz! war die Antwort.
    Ich will ihn sogleich sprechen!
    Excellenz haben bestellt, da er auf's Schloamt komme, sowie er steht und
geht; bemerkte zgernd der Diener.
    Und ich sage, er soll erst zu mir kommen und nicht wie er steht und geht. Er
soll sich reinigen und wie es sich gehrt anziehen. Wenn ich ihn gesprochen
habe, geht er zum Geheimrath.
    Der Bediente murmelte ngstlich ein Zu befehlen!
    und ging mit dem Wasserbecken und dem Handtuche ber die Veranda in den Hof
zurck, von wo alle Drei und zwar aus der groen Wagenremise hergekommen waren.
    Pauline von Harder - denn in ihrem Hause befinden wir uns - warf sich
erschpft und migestimmt auf eines der rings im berflu vorhandenen Polster
und sprach zu Charlotte Ludmer, ihrer vieljhrigen Wirthschaftsfhrerin und
innig befreundeten Vertrauten, die eben ein groes langes Papier auf den Tisch
gelegt hatte, mit matter Stimme die Worte:
    So haben wir denn wirklich Nichts gefunden und alle Mhe, alle Umsicht und
Sorgfalt sind vergebens gewesen!
    Ich komme immermehr zu der berzeugung, sagte Charlotte Ludmer, die
Vertraute, indem sie eine kleine Dose von gedrechseltem Horn aus ihrem
Rockschlitz griff und wie ein Mann in aller Form eine Prise nahm, ich komme
immermehr zu der berzeugung, da die Sage von den fr die Verffentlichung
bestimmten Denkwrdigkeiten der Frstin Amanda von Hohenberg ein leeres Gercht
ist.
    Unsern Untersuchungen nach zu schlieen, sagte die Geheimrthin Pauline von
Harder, mchte man glauben, da du Recht hast, Charlotte. Haben wir wol eine
Spalte, eine Ritze unerforscht gelassen! An jeden Boden klopften wir, ob er hohl
ist, in jedes Polster fuhr ich mit diesem spitzen Dolche, den mir Rodewald einst
in Italien schenkte, und von dem ich nie geahnt htte, da ich mit ihm noch nach
den Spuren seines Verrathes suchen wrde - o Charlotte, wie schmerzliche
Erinnerungen weckt mir dies Andenken alter Zeit!
    Gieb ihn her, Kind, sagte die ltere und griff nach einem verrosteten
Stilet, das die Geheimrthin aus dem Brustschlitz des eleganten
Kaschemirschlafrockes gezogen hatte. Es war ein florentinischer Dolch mit
damascirter Arbeit auf den drei Kanten, von zierlich gearbeitetem Griff, eine
Schlange vorstellend, die sich so eigenthmlich ringelt, da die Hand bequem in
einer ihrer Windungen ruhen konnte. Der Dolch selbst aber war eine lang aus dem
geffneten Munde herausgestreckte Giftzunge, dreikantig, dnn und vom hrtesten
Stahl gearbeitet.
    Gieb ihn her, Kind, wiederholte die Ludmer, als ihn Pauline zu ernst
betrachtete ...
    Ha! Es war in Verona, sagte Pauline trumerisch. Wir hatten Romeo's und
Julien's Grab gesehen und scherzten darber, da der Unverstand der Zeiten einen
Futtertrog fr Pferde daraus gemacht hatte oder aus dem alten Futtertroge, wie
Rodewald in seiner scharfen und unglubigen Weise sagte, spter das Grab der
Julia! Es ist dreiig Jahre her und noch seh' ich uns wie heute, als ich an
seinem Arme, krank damals und elend, hing und wir vom Tode sprachen, der mir
damals so mglich bevorstand ... Rodewald stieg langsam mit mir auf einen Hgel
vor der Stadt und zeigte mir die groe im Sonnenglanze hingegossene Ebene.
Ergriffen von dem Lichte und dem Sonnenschein, dem Grn und dem duftigen Nebel,
dem Violet der fernen Berge und dem blauen Aufblitz einer Ecke vom Lago di
Garda, sagte er: Wenn du stirbst, Pauline, so wirst du mir nicht ein Restchen
Gift zurcklassen, wie Romeo Julien. Da mu es ein anderes Mittel sein! .... und
damit zog er den Dolch, da ich laut aufschrie und bebend zurckfuhr. Es war
aber nur ein Scherz von ihm, er glaubte an meine Krankheit nicht, er glaubte
nicht an meinen Tod und an den seinen noch weniger. Es stand ihm aber so schn,
so halb zu spielen und halb zu philosophiren! Ich entri ihm den Dolch, er
lachte und sagte: er htt' ihn sich bei einem Alterthmler gekauft, whrend ich
in der Santa Maria die Grber betrachtete. Mir Albernen war es Bedrfni, seine
Worte fr Ernst zu nehmen, ich ergriff das tdtliche Instrument, verbarg es, gab
es ihm nicht zurck ... Zwei Jahre darauf, in Landeck, htt' ich es ihm in die
Brust stoen mgen und als ich genas, in Ems ... da mir selbst!
    Pauline! Pauline! rief die Ludmer und verbarg den Stahl; wie kommst du auf
diese alten Dinge zurck! Konnten wir auch nichts Anderes finden, um staubige
Polster zu durchstechen!
    Wie ich so in den alten Gerthschaften Amandens whlte, fuhr die
Geheimrthin fort und sttzte den Kopf auf, der ihr brannte; wehte mich's ganz
gespenstig an und es war mir, als lebten sie Alle noch, sie, die Elende, - ich
selbst noch wie einst - und Zeck stand pltzlich vor mir - ach, was nicht Alles!
Man soll den alten Plunder, mit dem sie noch im Tode auf dem Schlosse
coquettiren wird, hinbringen, wohin man will! Es mag in ihm Lge und Verlumdung
wie Gift gegen Ungeziefer verborgen und versteckt liegen - ich will nichts mehr
wissen - nichts, nichts! - ich habe dies Leben satt! Leben mit Furcht ist mehr
als der Tod.
    Damit erhob sich die wild erregte und leidenschaftliche Frau und schritt,
heftig und von unstillbarer Unruhe geqult, im Saale auf und ab.
    Die Ludmer nahm aber in aller Ruhe eine Prise und lachte, da das zahnlose
Kinn wackelte.
    Hi! Hi! Hi! schallte es durch den Gartensalon.
    Was ist? wandte sich Frau von Harder.
    Alles Das der Zorn, Tubchen, sagte die Alte, da unsere Mhe und Plage
vergebens war? Nachla! Nachla! Schulden hat sie nachgelassen. Das ist ihr
Nachla! Die Geschichte von ihren Papieren war ein Schreckschu. Wer htte sie
fortnehmen sollen? Ihre Pfaffen? Zeisel lie ja sogleich Alles versiegeln und
mit Beschlag belegen. Der Frst wollt' es so und sie hatt' es selber angeordnet.
Zwei Jahre stand's unberhrt. Die Papiere sind verbrannt, wo kann etwas
hingekommen sein? Und unten in der Remise ... da haben wir seit heute frh fnf
bis jetzt um elf Alles untersucht, wir sind matt und mde davon, wir haben uns,
gut gerechnet, sieben mal waschen mssen von all' dem Staub und Moder, und
hinter keinem Bild, in keiner Schublade ist Etwas zu finden. Von dieser Seite
aus sind wir vor bsem Leumund sicher und du hast alle Aussicht, unter die
Heiligen zu kommen, was du doch wol willst! Vergib, da ich spotte.
    Noch vor sechs Jahren, sagte die Geheimrthin ruhiger, htte ber mich
erzhlt werden knnen, was da wollte! Es war eine Zeit, wo man noch die
Leidenschaften als die Quelle edler Gefhle erkannte. Aber jetzt, wo sich Alles
verndert hat, wo das junge Herrscherpaar einen neuen Ton in die Gesellschaft
einfhrte, jetzt wo sich Alles dadurch auszuzeichnen sucht, so gewhnlich und
unscheinbar wie mglich zu sein und nur den nchsten Pflichten zu leben, jetzt
knnt' ich in der wilden Zgellosigkeit der Urtheile und der vlligen
Schutzlosigkeit des Einzelnen gegen das Gewhl der Zeit, die Alles, das Beste,
rasch verbraucht und als Dnger fr Neues von sich wirft, eine solche
ffentlichkeit der Rache nicht ertragen. Und glaubst du nicht, Charlotte, da
sie Alles wei, von Allem unterrichtet ist? ...
    Die Alte schwieg und zuckte bedeutsam die Achseln.
    Du httest sie in deiner Amarantha schonen sollen, sagte die Ludmer.
Jedermann rieth auf Amanda, und der Spott war unverkennbar. Nach Allem, was
zwischen Euch einst vorging, nach Allem, dessen du dir, als kitzlich und zu hei
zum Anfassen, bewut warst, httest du lieber schweigen sollen, und du weit,
was ich berhaupt davon dachte, als du die Feder ergriffest ...
    Die Geheimrthin seufzte.
    Das ist vorbei, sagte sie dann. Ja! Ich htte dir folgen sollen. Ich
schrieb, weil Alles schrieb, und da ich nichts erfinden konnte, erzhlt' ich,
was ich oder Andere erlebt hatten. Ich streifte mit genauer Noth an Partien
vorbei, wo ich mich und Andere zu schonen alle Ursache hatte, und doch reizte
mich der Kitzel des Spottes und der Trieb der Vergeltung. Ich fhlte, da ich
pltzlich in der Feder eine Waffe hatte, die mir damals allmchtig schien. Ja!
Amarantha ist Amanda und sie ist es nicht. Ich lie eine Magdalena fromm werden,
aber Amanda konnte sich doch wol in allen Snden Amaranthens nicht wiederfinden.
Dennoch nahm man sie fr Amarantha und ich erschrak genug, als ich eines Morgens
einen Brief mit dem Postzeichen Plessen empfange und die einfachen, von einer
mir wohl erinnerlichen Hand geschriebenen Worte lese:
    Die Frstin Amanda von Hohenberg schreibt keine Romane, aber sie schreibt
Bekenntnisse, die Gott richten wird. Damals lacht' ich darber. Es schien mir
die Drohung der Ohnmacht. Ich schwelgte in den Huldigungen, die die Gesellschaft
meiner jungen Feder zollte. Aber die Gesellschaft ist nicht mehr die
Gesellschaft, die Frstin ist gestorben, alle Welt erzhlt von
Denkwrdigkeiten, an denen sie in ihren letzten Lebensaugenblicken schrieb und
Eines, Eines, Charlotte - die Zecks lebten auf ihren Gtern - hab' ich nicht
Ursache zu zittern?
    Die alte Freundin blieb in ihrer unerschtterlichen Ruhe und erschpfte sich
in einer Menge von Trost - und Gleichgltigkeitsgrnden, die alle auf eine sehr
leichte und fast kecke Ansicht vom Leben hinausliefen. Pauline hatte diese
Ansicht frher auch getheilt. Da sie aber jetzt, nicht mehr von ihr getrstet
wurde, hing nicht etwa mit einer gesteigerten Innerlichkeit ihres Wesens, mit
dem Gefhl der Reue und Besserung zusammen, sondern mit einer eigenthmlichen
Wendung der ffentlichen Verhltnisse, die ihrem Ehrgeize Schranken setzte, an
denen sie bis zur Verzweiflung bohrte und rttelte, ohne sie erschttern oder
hinwegrumen zu knnen. Diese Beziehungen mssen wir genauer anfhren, da sie
zugleich fr einen gewissen Umschwung des Zeitgeistes auch im Allgemeinen
bezeichnend genug geworden sind und die Grundlage unsrer fortgesetzten Erzhlung
bilden werden.

                              Funfzehntes Capitel



                  Die Gesellschaft und die kleinen Cirkel

Auf dem Throne des Staates, in dessen Residenz wir uns befinden, sitzt ein erst
krzlich an die Regierung gekommenes junges Herrscherpaar. Der frhere Monarch,
ausgezeichnet durch hohe Tugenden der Migung und Gerechtigkeit, hatte
gewissermaen die Zgel der Geistesrichtungen seines Landes sich selbst
berlassen und dadurch mglich gemacht, da sich in der Familie und Gesellschaft
ein von ihm selbst vllig verschiedenes Wesen entwickelte, eine gewisse ihn
selbst vllig ignorirende Genialitt oder Starkgeistigkeit, wie man diese
leichte Auffassung der Sitten und berlieferungen im Gegensatz zu einer auf der
andern Seite berwuchernden Bigotterie nennen konnte.
    In dieser Zeit hatte Pauline von Harder geglnzt. Es war die Zeit gewesen,
wo sie zwar den Ansprchen ihrer damals noch sehr anziehenden Gestalt, den
Ansprchen der schnen Reste einer jugendlichen Epoche noch keineswegs entsagt
hatte, aber doch schon nach mancherlei Untersttzungen des Einflusses greifen
mute, den sie auf die Gesellschaft ausben wollte. Sie war lange zweifelhaft,
ob sie, um bedeutend zu bleiben und zu erscheinen, mit den Empfindsamen gehen
sollte. Sie sahe, da diese Partei groen Einflu hatte und auf den nicht mehr
verheiratheten greisen Landesfrsten Alles vermochte. Doch war die Maschine des
Staats damals so einfach, der Gang der Geschfte so trocken, die Politik so
wenig anregend, da es fr guten Ton galt, sich nicht um das ffentliche zu
bekmmern und lieber fr Italien, die Kunst, die Literatur, die Dichter, die
Virtuosen und die starken Gefhle zu schwrmen, als fr die Welt und ihre
nchsten Aufgaben. Pauline schlug sich zur frhlichen Partei, zu Denen, die
sogar am Schmerz eine eigene Freude hatten, durch unverstandene Stimmungen sich
verstndlich machten und in der Zerrissenheit ihre wahre Einheit fanden. Sie
hatte frher gemalt. Da aber die Malerei nicht aufregt und im Gegentheil groe
Ruhe bedingt, so ergriff sie die Feder und warf in zwei Romanen, Amarantha und
Nadasdi, eine Menge jener vulkanischen Stoffe aus sich heraus, die sie, wie so
viele andere weibliche Naturen damaliger Zeit, so auch in sich vorgefunden haben
wollte. Amarantha galt fr ein Bild aus der Wirklichkeit und wurde reiend
gelesen. In der That hatte Pauline hier Alles zusammengerafft, was sie nur, ohne
zu auffallend indiscret zu erscheinen, von gestrten Eheverhltnissen,
unverstandenen Seelenleiden, zerrissenen Freundschaften in der hhern
Gesellschaft beobachtet hatte. Sie hatte einige Grfinnen, Baronessen,
Frstinnen in Conflicte ihrer nchsten Herzensinteressen gebracht und dabei die
jungen Offiziere und Legationssecretaire die Rollen spielen lassen, die in alten
Zeiten die St. - Preuxs, die Werthers oder Roquairols spielten. Amarantha war
die Heldin dieser Abenteuer, eine eitle aus einer Hand in die andere fliegende
und fr jede neue Liaison und jede alte Rupture immer die triftigsten Grnde
anfhrende Coquette, die zuletzt, da sie Niemanden mehr gewinnen kann, fromm
wird, ins Kloster geht und dort einige komische Wunder thut. Das Ganze war mit
Bosheit geschrieben und deshalb gewi nicht ohne Unterhaltung, denn leider
gehrt die Malice jetzt auch zu den Musen; Apollo wrde sie in unserm
Jahrhundert als die zehnte seines Bundes nicht zurckweisen drfen. Die Malice
erfindet, schafft, sie macht. Eine Zeitlang wenigstens dauern ihre Werke. Eine
Zeitlang fesseln, unterhalten sie, dann zerstiebt ihre Composition und diese
zehnte Muse, die eben noch wie ein leichtes duftgewobenes Traumbild lchelnd
vorberschwebte, verwandelt sich in ein garstiges altes Hexenweib, mit Krallen
an den Fingern und einem giftschumenden Mund voll unheimlicher Zhne ...
    Nach der Dame Tausendschn, d.h. Amarantha, sollte der Roman Nadasdi
eine eigene Erfindung der Geheimrthin vorstellen. Doch machte sie mit diesem
jungen Magyaren Nadasdi ein klgliches Fiasko. Kein Mensch mochte ihn lesen, so
langweilig war die Geschichte eines schwrmerischen und sentimentalen
ungarischen Husarenoffiziers, der in ihrem Roman sechsmal ber Briefe, die er
erhlt, in Ohnmacht fiel. Man brachte in diesem selben Strudel, genannt die
Gesellschaft, das Wort auf, wenn man sich langweilte, zu sagen: Ich
nadasdisire mich. Man lie z.B. in einem ffentlichen Blatte das Zeugni eines
Brieftrgers abdrucken, der erklrte, Nadasdi wre beim Empfange seiner Briefe
niemals ohnmchtig geworden, sondern htte regelmig sein Porto bezahlt, ohne
die Adresse zu lesen, sich auf sein Kanapee niedergestreckt, trkischen Taback
gekaut und seine Lieblingsbeschftigung ergriffen, zu schlafen, was schon damals
seine Kameraden nadasdisiren genannt htten .... O, an erfinderischer Bosheit
fehlt es in der Gesellschaft fr Den gar nicht, der sich in ihr zu weit
hervorwagt, mehr Geist als ein Anderer haben will und dann einmal einen Unfall
erlebt! Ein Kleiderhndler mute sogar in den Zeitungen Nadasdi - Schlafrcke
ankndigen, wo nicht nur auf das Langweilige dieses Buches im Allgemeinen,
sondern auch auf die Beschreibung eines Phantasie - Schlafrocks ihres Helden
angespielt war, dem die unglckliche Dichterin mehr als drei volle Druckseiten
ihres Werks gewidmet hatte.
    Pauline gab nach dieser Demthigung die literarische Laufbahn auf und
befleiigte sich einer neuen Luterung. Sie nannte nmlich die Metamorphosen
ihrer Beschftigung Luterungen. Sie wollte alle Schlacken unreiner
Empfindungen, wie sie in der Vorrede zu Amarantha und Nadasdi gesagt hatte, von
sich werfen und sich in einen reinern ther tauchen. Ist Dinte ein reinerer
ther? hatte zu ihr einmal der Baron Otto von Dystra, der berhmte Reisende,
gesagt. Zwar erwiderte sie diesem Sonderling, dem eben eine schwarze Sklavin
gestorben war, die er sich aus Afrika mitgebracht hatte, sie htte gehofft,
allmlig so oft in diesem ther zu baden, bis sie seinem Geschmacke entsprechen
wrde ... allein ihre Luterungen wurden ebenso verspottet, wie Nadasdi,
dessen Schlafrock und seine Ohnmachten.
    Unentschlossen, wohin sie sich in ihrer Rathlosigkeit wenden sollte,
berraschte sie und alle Welt der Thronwechsel .... Ein junger Herrscher ergriff
das Scepter anfangs mit schchternen Hnden, als er aber eine junge
liebenswrdige Gattin gefunden hatte und mit ihr einen sehr gewhlten Beirath
vom Hofe seiner Schwiegerltern, als Mitgift, wie man spottete, erhielt, trat er
sicherer und selbstndiger auf. Anfangs war nichts so sehr aus der Mode als das
junge Knigspaar. Man beachtete es kaum. Man bespttelte seine Neigungen und
erklrte beide Theile fr beschrnkt. In kurzem aber wendete sich das Blatt. Das
Herrscherpaar wurde Mode. Seine Gesinnung fing an den Ton anzugeben. Alles
richtete sich nach der neuen Sonne, der es wirklich, so hoch sie stand, zwei
Jahre mhseligen Ringens gekostet hatte, durch die Wolken der Gesellschaft
hindurchzudringen.
    Pltzlich kam nun das Einfache, Seelenvolle, Bescheidene, Beschrnkte,
Husliche in die Mode. Das Geniale wurde verabschiedet. Man las gerade nicht
fromme oder frmmelnde Schriften, aber man las unschuldige, reine,
seelenluternde, naive. Die frivolen Sittengemlde der groen Welt wurden
ignorirt. Man portirte sich fr das Einfache, Naive, Lndliche. Pauline, noch
niedergedrckt von ihrem Nadasdi, sah aus einer gewissen Einsamkeit, in der sie
sich nach ihrem Falle hielt, dieser Wendung der Dinge mit Ruhe zu. Sie wollte
anfangs dieser neuen Mode nicht folgen. Sie hatte manche Luterung
durchgemacht; aber bis zur Beschrnktheit, sagte sie ffentlich, beschrnk' ich
mich nicht. Sie wollte jetzt Reisen machen und als Touristin wirken, worin schon
andere schriftstellernde Damen soviel Muthiges und Leserliches geleistet hatten.
Da brachen jedoch die groen politischen Umwlzungen aus. Das Reisen wurde
unmglich. Sie blieb daheim und gerieth in die groe Strmung des Tages. Einen
Augenblick schwankte sie, ob sie abwarten sollte, woher der Wind kme und wohin
er fahren wrde. Sie fand die Heldengre der Charlotte Corday ihr nicht
ebenbrtig, aber die Roland, die hatte der Gesellschaft angehrt, die Roland
war gro in der Gironde gewesen, und sie versuchte es etwas mit der Demokratie.
Sie kam aber glcklicherweise zu spt. Die Demokratie hatte schon ausgespielt
und kurz vor Thoresschlu konnte sie Niemanden mehr compromittiren. Die
sogenannte Reaction gab Paulinen nun Gelegenheit, viel verschlagener zu wirken
und mit geringerm Einsatze persnlicher Gefahr. Wie frher nichts unmodischer
war, als sich um das junge Frstenpaar und seine kleinen Theezirkel zu kmmern,
so wurde jetzt gerade der Cultus der Anbetung des Monarchen zu einer
Leidenschaft ganzer Stnde. Pauline, am Bestande der Monarchie in der That doch
auch durch ihren zweiten Gemahl interessirt, durch ihren Gemahl, der ihr jetzt
pltzlich werthvoll und rcksichtswrdig erschien, Pauline warf sich nun endlich
fast ber Hals und Kopf in das neue Element und leistete in dem Systeme der
unbedingten loyalen Hingebung und der conservativen Huldigung weit, weit mehr,
als sich von der Gattin eines Hofbeamten von selbst verstand. Sie war eine
Hauptanstifterin contrerevolutionairer Schlge, sie half den Reubund begrnden,
sie whlte bei den Wahlen mit beispiellosen Umtrieben, sie organisirte im Groen
die Brotlosigkeit aller der Kaufleute und Handwerker, die nicht unbedingt so
whlten und stimmten, wie die Vornehmen und Beamten es verlangten ....
    Alles Das konnte jedoch nicht gengen, einen so unerschpflichen Ehrgeiz
ganz zu befriedigen. Pauline erkannte pltzlich, da sie da doch im Grunde nur
Das that, was jetzt Jeder that, den sein in dieser Weise aufgefates
Pflichtgefhl trieb und spornte. Himmel! sagte sie sich eines Tages, was ich da
Alles jetzt treibe, was ist denn das anders bei Hofe als meine Schuldigkeit!
Wozu ntzt mir denn Das? Hebt mich, frdert mich Das? Welche Belohnung hab' ich
denn davon? Pauline dachte in zu groartigem Stile, als da ihr dabei eine
gemeine Anerkennung uerer Form und uern Erfolgs htte einfallen knnen. Sie
hatte vielmehr nur ihre Stellung, ihre gesellschaftliche Bedeutung im Auge.
Stand sie jetzt den Ereignissen nahe? Lenkte, leitete sie die hohe Politik?
    Als sie in dem Gartensalon so verzweifelt auf - und abging und die leichten
Trostgrnde und Zureden der alten muthigern Charlotte Ludmer nicht hren wollte,
wurde gerade die junge Flottwitz gemeldet, in dringenden
Reubundsangelegenheiten; man wollte weibliche Arbeiten fr verwundete Krieger
verkaufen, die Ordnerinnen des weiblichen Reubundes sollten selbst vor den
Verkaufsbuden zierlich gekleidet stehen und Kufer in einen Saal locken, ber
dessen Wahl die Flottwitz eben Raths erholen wollte ....
    Nein, nein! sagte Pauline. Ich bin nicht zu Hause.
    Die Flottwitz wurde abgewiesen ...
    Was soll ich mich, rief Pauline erregt aus, was soll ich mich ferner mit
diesen albernen Dingen qulen! Mgen Das die Frauen der Offiziere, die Weiber
der Beamten und die Verwandten der Hoflieferanten betreiben! Bin ich dazu da, in
der Masse unterzugehen? Hab' ich fr all meine monatlange Hingebung auch nur ein
Wort der Anerkennung von oben her erhalten? Sie thun ja dort, als verstnde sich
Das von selbst. Sie halten es ja fr eine gemeine Pflicht, die uns Allen mahnend
und schwer genug aufliege und wo wir unsern Dank darin finden sollten, da man
ja nicht selbst guillotinirt wird und noch seinen Adel behlt! Nein! Ich habe
diese Demonstrationen satt. Die Flottwitz ist entweder eine Nrrin, und dann
pass' ich nicht fr sie. Oder sie ist eine durchtriebene Coquette und wei, wie
schmachtend ihr diese Schwrmerei steht, dann pass' ich wieder nicht fr sie;
denn dieser uerlichen eitlen Art, sich in die ffentlichkeit zu stellen, hab'
ich lngst entsagen mssen. Selbst die Trompetta hat den richtigen Instinct
gehabt, sich von Dem, was groe und massenhafte Demonstration ist,
zurckzuziehen und sich ganz auf Mission und hnliches zu beschrnken. Sie hat
wieder ihre alte kleine Industrie hervorgesucht, whlt sich kleine bescheidene
Zwecke, die sie allein vertritt, luft, rennt, bettelt, macht sich lcherlich,
berall, und doch wird sie's erreichen, da man drei Tage lang, wenn es
erscheint, von ihrem Gethsemane spricht und da sie die Ehre hat, in den kleinen
Cirkeln des Hofes einen halben Abend lang besprochen zu werden, vielleicht es
gar selbst den Herrschaften vorzulegen. Ah! Meine Schwester! Meine Schwester!
Ah! Die wei, wie man jetzt wirkt! Die lebt zurckgezogen, eine Einsiedlerin!
Sie stickt, sie strickt, sie liest Pascal und Fnlon, sie musicirt Bach und
Hndel und ich schwre, die Knigin hat frmlich ein Gelst, sie einmal bei
ihrer Windharfe zu sehen und wre glcklich, sie in dem alten Tannenparke von
Tempelheide sprechen zu drfen!
    Die Schwester Paulinens ist, wie wir wissen, Anna von Harder .... Beide,
geborene Freiinnen von Marschalk, leben schon seit Jahren in gespannten
Verhltnissen. Es ist Dies um so auffallender, als auch Beide gegenseitige
Schwgerinnen sind: sie heiratheten, freilich zu verschiedenen Zeiten, zwei
Brder. Dennoch fand keine Beziehung zwischen ihnen statt. Ob Anna von Harder
wirklich so ein edles Wesen war, wie man nach der einstimmigen Verehrung Derer,
die bisher von ihr sprachen, schlieen sollte, mssen wir der knftigen
Erzhlung berlassen. Man kann nicht sagen, da sich die Schwestern haten. Sie
lebten nur nicht freinander, sie hielten sich gegenseitig fr todt, und Anna
von Harder pflegte, wenn man sie darum fragte, seufzend und tief erschttert
hinzuzufgen:
    O! Wir haben Ursache dazu! ...
    Paulinens Ehrgeiz war jetzt der, in einer merkwrdig aufgeregten, alle
geistigen Krfte in Anspruch nehmenden Zeit von Wirkung und wahrem Einflusse zu
sein. Andern und immer nur Andern die Wege ihrer Interessen zu bahnen, wurde ihr
nachgerade zum berdru. Sie war viel genannt, viel gerhmt, aber auch viel
geschmht worden fr Das, was sie krzlich zu Gunsten der reinen Monarchie
eingesetzt hatte. Und dennoch stand sie der eigentlichen Quelle der Ereignisse
fern! Sie hatte auf allerhchste Anerkennung, Theilnahme an den innern Vorgngen
der Politik gehofft und nichts an jener Stelle gefunden, wo allein die
Ereignisse bestimmt wurden, nichts als einen kalten Dank fr ihre warme
Hingebung an die gute Sache. Das war ihr denn doch zu wenig. Die Ministerien
wechselten, die Kammern, kaum zusammengetreten, wurden wieder aufgelst, da war
nichts zu erfahren, nichts zu erffnen, nicht einmal ein Salon von Notabilitten
.... Die alten geistigen Namen, die sie sonst fast jeden Abend bei sich
versammelt hatte, waren erbleichte Sterne. Maler, Bildhauer, Dichter, Gelehrte -
wer fragte nach ihnen in einer Zeit, wo nur Stimmen und nur Stimmen - Stimmen
haben! ... Sie hatte sie auch nicht mehr einladen lassen, die groen Mnner von
ehemals. Wer sprach von ihnen? Wer bewunderte ein Gedicht, wer ein Bild, wer
eine astronomische Entdeckung? Arme Begrabene! Von den Todten konntet ihr nur
auferstehen, wenn ihr die Raserei der politischen Mnaden mitmachtet und in den
Demonstrationen des patriotischen Clubs eure Wiedergeburt feiertet! Armseliger
Anblick eines mit Orden geschmckten berhmten Forschers der Wissenschaft ... im
patriotischen Club lrmend, polternd, erhitzt neben einem Hoflieferanten, der
sich durch den gemeinen Muth, die ausbende Polizei zu untersttzen,
ausgezeichnet hatte, neben kleinen, leidenschaftlichen Geistern des Bureaus und
der Kaserne, deren ganze Weisheit im Tumulte des patriotischen Zornfeuers
aufprasselte! ... Dann kamen die Deputirten an die Reihe der Gunst, Menschen ...
welchen die Zeit eine Bedeutung gab. Nur Wenige behielten sie, wenn sie nach dem
Puppenspiele wieder in den Kasten der Verborgenheit zurckgelegt wurden .... In
dieser Sphre fhlte wol Pauline den Puls der Begebenheiten schlagen, aber dicht
am Herzen wollte sie sein, da, von woher alle Arterien lebenskrftig strmten.
Und dies Herz war nicht einmal in den Ministerien zu suchen, sondern es schlug
nur Abends zwischen acht und zwlf Uhr in den sogenannten kleinen Cirkeln, die
sich um das junge Herrscherpaar versammeln durften.
    Die kleinen Cirkel waren nicht nur die grte Auszeichnung des Hofes,
sondern auch ein Beweis seines intimsten Vertrauens. Hier trat nur ein, wer der
kniglichen Familie die Brgschaft der tiefsten Erkenntni der Zeit gab. Die
kleinen Cirkel regierten das Land, bestimmten die Richtung der auswrtigen
Politik. Hier legten Gesandte ihre Beichte ab, hier las man die Depeschen, die
eben mit Kurieren oder dem Telegraphen eingelaufen waren. Hier trugen berhmte
Gelehrte, die das besondere Vertrauen genossen, bei einer einfachen Tasse Thee
ihre Ansichten ber die Zeit vor oder erzhlten, was sie auf Reisen neuerdings
beobachtet hatten. Die kleinen Cirkel waren der Alpdruck der Ministerien.
Selten, da Einer von den Mnnern, die die Woge des Augenblicks dem Hofe als
Minister zuwarf, hier Zutritt erhielt. Es gehrten dazu Eigenschaften, die nicht
in der Kunde des Staats und seiner Verhltnisse allein lagen. Man mute
sozusagen auf den Ton des Herrscherpaars, besonders der jungen Knigin, gestimmt
sein. Wie Wenige waren Das von den trockenen Bureaukraten, den barschen
Kriegern, den verschmitzten Rechtsgelehrten! Und doch fhlten sie Alle, da in
den kleinen Cirkeln die Parole des Systems ausgegeben wurde. Manches, was man
hier wnschte, scheiterte vielleicht zum ersten male am Widerstande der
Minister, zum zweiten male aber nicht mehr. Es gab tausend geheime Fden, die
pltzlich die scheinbar gesichertste Stellung von den kleinen Cirkeln aus
umgarnt hatten und sie zum Falle brachten. So allmchtig ist in der Monarchie
Das, was von einem Dutzend kluger und treuergebener Menschen - Sklaven als Idee
des Frsten und seiner nchsten Umgebung treu aufgegriffen und mit heiligem
Eifer fortgepflanzt wird!
    Zu den Theilnehmern der kleinen Cirkel gehrten auer dem General Voland von
der Hahnenfeder, den man allgemein sozusagen fr einen ideellen Goldmacher und
sympathetischen Zauberer hielt, auer einigen gestrzten Staatsmnnern des alten
Regiments, einigen vielbelesenen, aber urtheilslosen Gelehrten, die man als
Nachschlagewrterbcher und Dictionnaires de poche benutzte und wie eine bequeme
Lesebibliothek gern immer gleich bei der Hand hatte, mehre Damen: einige fremde
Gesandtinnen, einige Frauen vom Hofe, vor allen Dingen die kluge und strenge
Oberhofmeisterin Frau Grfin von Altenwyl. Diese, die frhere Erzieherin der
jungen Monarchin, war ihr mit von der Heimat gefolgt ... Pauline von Harder, die
Gattin eines der ersten Hofbeamten, die Schwiegertochter des Chefs aller
Gerechtigkeit im Lande, eine Marschalk, eine Baronin Ried aus erster Ehe,
brannte vor Begier, in diese Cirkel aufgenommen und, wenn Dies nicht, ihnen
wenigstens wichtig zu werden. Das konnte sie seit lange um keinen Preis
erreichen. Frher, als man das Herrscherpaar in der tonangebenden Gesellschaft
umging und fr beschrnkt erklrte vom Standpunkte der Genialitt, frher suchte
sie eine Auszeichnung nicht, an der ihr jetzt Alles lag. Sie htte sie aber auch
schon damals nicht gefunden. Es gehrte eben zum Charakter der Bildung, die in
den kleinen Cirkeln waltete, die Stoffe, aus denen Erscheinungen wie Pauline von
Harder gefgt waren, gerade nicht zu verachten, wol aber zu frchten, zu
vermeiden. Es war ein inneres tiefes Abgeneigtsein, was besonders die junge
Monarchin gegen diese Richtung der freien Selbstbestimmung seiner Schicksale und
wie die Lieblingswendungen einer schrankenlosen Leidenschaftlichkeit hieen,
beherrschte. Der Monarch liebte die Geschfte und pflegte kleine
wissenschaftliche und Sammlerneigungen, seine junge Gattin aber, im Bunde mit
der etwas prden und ber den Monarchen mehr wie ber seine Gemahlin wachenden
Altenwyl, hielten einen groen gewaltigen Schild vor ihn, um nichts an ihn
heranzulassen, was irgendwie zu frivol in der Sprache der Zeit redete. Religise
und sittliche Begriffe waren eben hier in einer sehr starken Steigerung auf eine
fast schroffe Hhe getrieben, whrend wiederum eine gewisse kindliche, fast
biblische Auffassung ihres schwierigen Lebensberufs diesem hohen Ehepaare das
Geprge naiver Einfachheit gab. Whrend der Adel, die Beamten, das Militair wild
tobten und rasten, um sich nicht aus althergebrachten Ansprchen entwurzeln zu
lassen, sah das Monarchenpaar dem Kampfe der Zeit mit Schchternheit zu, rief
oft, als wre ihm hier nur eine Gottesprfung beschieden, die innere Stimme des
Gewissens in sich wach und wre vielleicht nicht abgeneigt gewesen, gegen ein
ertrumtes schferhaftes Arkadien, wo Wohlthun und Liebe der einzige Beruf ihres
Lebens htte sein knnen, eine Zeitlang vom Throne zu steigen und ihn ...
freilich dann auch keinem Nachfolger, sondern immerhin der Republik zu
berlassen, bis man eines Tages sie oder ihre Kinder aus dem Arkadien irgend
einer Verbannung glorreich wieder zurckberufen wrde. Obgleich nun aber ihre
Ehe mit Kindern nicht gesegnet war und Prinz Ottokar, ein gewaltiger
Kriegesfrst, ihnen folgen sollte, so lieen sie sich doch von diesem zu keinem
gefhrlichen Entschlusse drngen, sondern wogen mit vieler Sicherheit Das ab,
was zur Zeit noch ihnen, nicht ihm gehrte und was sie, nicht er zu verantworten
htten .... Ihre Hauptkraft lag in dem besonnenen Verstande der Altenwyl und
einem gewissen mystischen Glauben an die Inspirationen des vielfach
angefeindeten und von den strengen Monarchisten sogar gehaten Generals Voland
von der Hahnenfeder.
    Fr diesen Kreis war Pauline nun eine frmliche Idiosynkrasie. Man wute
zuviel des Zweideutigsten von ihr und ahnte dessen noch mehr, als man wute oder
wissen konnte. Schon eine Frau, die so gewaltig ber einen beschrnkten Mann,
wie den geduldeten Intendanten der Schlsser und Hofgrten, emporragte, war in
jenem Kreise anstig, denn man liebte zwar das weibliche bergewicht sehr,
achtete aber uerlich doch das schicklich Gleichartige in der Ehe und hielt auf
Sitte und Gesetz. Von Verhltnissen, wie sie nicht sein sollten, galten
Beispiele sogar schon fr gefhrlich. Man tadelte Paulinen vielleicht niemals,
weil man berhaupt vor fertig ausgesprochenen Urtheilen groe Scheu hatte, aber
der Trieb der Hinneigung fehlte. Pauline existirte natrlich fr den Hof in
Allem, was die allgemeineren Rechte der hhern Gesellschaft waren, sie fehlte
nie auf der Liste der groen Einladungen, aber sie nahm diese nicht an, weil sie
eben fr die kleinen Cirkel nicht existirte. Sie besuchte nie eine Cour, nie
einen Hofball, nie ein Concert, wozu die leidenschaftliche Musikliebhaberei des
Knigs oft die Veranlassung gab ... sie wollte nur bei den kleinen Cirkeln sein,
und da man sie dort nicht wnschte, so hate sie eigentlich jene Personen, die
es ertragen konnten, sie nicht zu sehen, sie nicht zu kennen! Sie hate
eigentlich in den Personen heimlich sogar dasselbe Princip, dessen Vergtterung
sie in ihrer berstrzung loyaler Demonstrationen ffentlich so angelegentlich
betrieben hatte.
    Ist es nicht emprend, rief sie nach der Abweisung der Flottwitz, da ich
mich nun zwei Monate lang vergebens angestrengt habe, die Aufmerksamkeit der
kleinen Cirkel auch nur obenhin zu erregen? Ich habe Altre gebaut, haushoch mit
Blumen bestreut, habe Weihrauch angezndet, da der ganze Staat wie eine Kirche
nach dem Ambra der Liebe und des Vertrauens duftet und mit alledem hab' ich nur
meine Schuldigkeit gethan! Was stemmt sich mir entgegen? Bei dem Ankauf des
Nachlasses der Hohenberg hofft' ich auf eine Annherung. Ich fhlte, da ich
Misdeutungen zu vermeiden hatte und Das, was ich besitzen mute, um nicht neue
Qualen zu erleben, nicht selbst ankaufen durfte. Ich bringe Hardern, auch
gelegentlich die Trompetta dahin, die Damen am Hofe zu interessiren. Ich erlebe
erst, da aus einer von mir eingeleiteten Idee fr mich selbst eine frmliche
Demthigung entsteht. Doch ich dachte: Lobt und preist nur die Frstin, um die
Verfasserin der Amarantha zu krnken! Ich habe doch meinen Plan! Allein der
alte Feldmarschall in seiner Beschrnktheit glaubte wirklich, mein Vorschlag
wre ein Act der Vershnung, sprach darber in den kleinen Cirkeln in meinem
Interesse und der alte, freilich kindische Graf Franken nahm meine Partie und
rhmte schon damals, wie ich von meiner frhern Art ganz abgelassen htte ...
Und doch ... doch! Da schon keine Antwort aus dem Munde der Knigin! Nicht ein
Wort, nichts, nichts, als ein gndiges Urtheil ber Nadasdi, den sie nicht so
schlimm fnde, als die Welt sagte. Dafr dann ein freundlicher, die Milde ihres
kniglichen Herzens rhmender Blick der Altenwyl - es ist mir Alles erzhlt
worden - und dabei blieb's und weiter sind wir nicht, weiter kommen wir nicht.
    Sind das auch alles Berichte, auf die man sich verlassen kann? sagte die
kltere Ludmer kopfschttelnd.
    Der alte Graf erzhlte ja den Vorfall bei der Werdeck ... Wie kannst du auf
die Urtheile dieser wilden Frau hren!
    Wild? Weil Sie eine Polin ist, weil sie ein Vaterland hat, das sie liebt,
weil sie den Frsten, alle Knige der Erde hat ...
    Pauline!
    Ha, ich fhle die Sigkeit des Hasses! Ich hasse die Menschen, die sich
einbilden unentbehrlich zu sein! Wer gibt Euch denn das Recht, Euch fr so
unendlich sicher zu halten, Ihr ...
    Pauline! Pauline!
    Die alte Gefhrtin und Freundin schalt ernstlich diesen Ausbruch einer sich
sogar den hchsten Personen jetzt feindselig zeigenden Gesinnung. Sie tadelte,
da Pauline von Harder den Major von Werdeck in ihren Cirkeln duldete, einen
Offizier der Garde, der fr liberal galt, weil seine Gattin, eine geborene
Polin, ihn in andern Anschauungen erhielt, als die hier zu Lande in
militairischen Kreisen blich waren ...
    Pauline hrte auf nichts mehr. Sie hatte mit ihrem Dolche alle Polster des
Mobiliars von Hohenberg durchstochen, alle Schrnke, alle Schublden untersucht
und nichts von den Denkwrdigkeiten der Frstin Amanda, die diese ihr fr ihren
Tod als Antwort auf Amarantha angedroht hatte und obgleich, wie man allgemein
sagte, wirklich vorhanden, seit zwei Jahren nicht erschienen waren, gefunden ...
sie war unglcklich. Ein Schmerz weckt den andern. Die Last ihrer ganzen
Stellung fiel ihr aufs Herz und mit einem Jammer, den die Ludmer nicht mehr
trsten konnte, stie sie Klagen aus, die Derjenige kaum verstehen wird, der so
glcklich ist, nicht in der Sphre der Hofgunst zu leben.
    In diesem Augenblicke trat der Bediente Ernst ein.
    Es ist dies derselbe kecke Bursch, dessen Art und Weise wir schon vom Thurme
in Plessen her kennen.
    Er wollte nur einfach berichten, da endlich Franz mit dem Landau angekommen
wre und sich sogleich melden wrde ...
    Als er rasch gehen wollte, hielt ihn die Ludmer zurck.
    Dageblieben! sagte die Alte schnarrend und mit giftigem Blick. Wir haben nun
noch miteinander zu reden.
    Ja, sagte die Geheimrthin, aus ihrem Unmuth sich gleichfalls zornig
aufraffend; Das haben wir! Warum kommt Franz versptet?
    Warum kommt der Landau nach dem Geheimrath? Was ist das Alles? Was sind
gestern Nacht auf der Reise fr Dinge vorgefallen? rief die Ludmer schnaubend.
    O weh! Jetzt kommt das Examen ber den Heidekrug! dachte Ernst und bi die
Lippen zusammen.

                            Ende des zweiten Buches.


                                  Drittes Buch

                                 Erstes Capitel

                                   Das Examen

Die Geheimrthin Pauline von Harder winkte ...
    Ernst, der Bediente, der an der Thr des Gartensalons verlegen harrte,
verstand das Zeichen seiner strengen Gebieterin, trat an's Fenster, ffnete - da
ihn die bunten Malereien der Scheiben ungesehen machten - und rief hinaus in den
Hof ...
    Nach einigen Secunden trat noch der Bediente Franz ein ...
    Franz sah verstrt und berwacht aus ...
    Die Ludmer fixirte ihn mit Habichtsaugen und griff zur Erhhung ihrer
geistigen Kraft und zur Untersttzung ihrer Wrde in die Horndose diesmal mit
einer gewissen Feierlichkeit.
    Ernst hat uns von einem Bilde gesprochen, begann die Geheimrthin zu Franz
gewendet, von einem Bilde, das der verdchtige Gefangene, von dessen Haft im
Thurme zu Plessen ich Bericht erhalten habe, htte von der Wand nehmen wollen.
Er entsinnt sich nicht, was es darstellte?
    Eine schne junge Frau ... sagte Franz.
    Schn? wiederholte die Geheimrthin mit einem eigenen spttischen Tone.
    Ganz bla gemalt, sagte Franz und beschrieb ausfhrlich das uns bekannte
Gemlde, indem er von seiner Verlegenheit sich allmlig sammelte.
    Die Geheimrthin betrachtete die Ludmer mit den ihr gleichfalls eigenen
groen stechenden Raubvogelaugen. Entsinnst du dich ein solches Bild in der
Remise gesehen zu haben? fragte sie erstaunt.
    Es sind im Ganzen vierzehn Bilder, sagte die Ludmer. Ja, ja und auch runde
sind darunter und Pastellbilder ....
    Im Verzeichni steht Alles genau angegeben, meinte Ernst, und auch dies mu
darunter sein.
    Die Ludmer sah nach dem Verzeichnisse, das auf einem der kleinen
Marmortische lag.
    Die Geheimrthin zhlte die angegebenen Bilder und fand zu ihrem Erstaunen
... eins durchstrichen.
    Wie kommt der Strich durch diese Nummer? fragte sie mit groer Strenge.
    Die Bedienten sahen auf das Verzeichni und zuckten die Achseln ...
    Sie wuten nichts, als da Excellenz selbst die Liste bei sich getragen
htte ...
    In der Geheimrthin stieg ein Verdacht auf, ein immer lebhafterer, ohne da
sie recht wute, wo sie ihre Vermuthungen anknpfen sollte.
    Hier las sie von einem runden Bilde, in Medaillonform ... ein solches hatte
man entwenden wollen ... und nun fehlte es!
    Zornig fuhr die Ludmer die Diener an, sie sollten jetzt nur gleich gestehen,
wo dies Bild hin wre und warum berhaupt Franz nun erst mit dem Landau nachkme
....
    Die Diener standen verlegen ....
    Sie blieben stumm. Die Frauen wuten, da Beide gewohnt waren, immer nur den
Willen ihrer Herrin zu thun und vom Geheimrath keine Notiz zu nehmen ... sie
konnten kaum mistrauen.
    Es kam aber doch zu einigen Errterungen.
    Die Diener sollten erzhlen, was Alles zuvor auf dem Schlosse sich
Verdchtiges ereignet htte ....
    Wie gro war da freilich Paulinens Bestrzung, als sie die durch Melanie's
Mdchen entstandene Plauderei, die Hackert erfahren und Dankmarn gemeldet hatte,
nun auch ihrerseits in Erfahrung gebracht zu haben gestanden und der
Geheimrthin erffneten, es wre spter ein verdchtiger Mensch, der mit dem
Handwerker im Thurme auffallend vertraut gewesen wre, auf dem Schlosse
erschienen, htte dort bei den Damen auerordentliches Glck gemacht, den
Geheimrath sogar in seinem Glanze sozusagen ausgestochen und man htte sich
zugeflstert, dieser junge Mann wre kein Anderer als der Prinz Egon von
Hohenberg ....
    Einen heftigern Schlag konnte Pauline nicht fhlen. Der Sohn ihrer
Todfeindin, ein junger Mann, der ihr aus vielen Grnden selbst verhat war,
erscheint auf dem Schlosse halb unerkannt und in dem wichtigen Augenblicke, wo
sie sich jedes von seiner Mutter nachgelassenen Schnitzelchens und Spahnes
bemchtigen wollte, um ...
    gewisse alte Dinge im Keime zu ersticken! Sie wute, da der Prinz von Paris
hier angekommen, dann pltzlich sogleich verschwunden war, sie hatte durch
Rapporte aus dem hohenbergischen Palais eine Ahnung von Dem, was die Diener
erzhlten und dafr als Jeannettens Quelle einen vom Justizrath Schlurck
angekommenen Brief erwhnten .... Sie sah ihre gewagtesten Vermuthungen
eingetroffen und mute sich auf einem ihrer seidenen Polster erst sammeln, bis
sie reden konnte.
    Die Ludmer, umsichtiger, weil minder leidenschaftlich als ihre Gebieterin,
setzte das Examen fort.
    Die Bedienten kamen auf die Vorflle im Heidekrug ...
    Da dort der Fremde, in dem sie den Prinzen vermutheten, wieder auftauchte,
erschien ihnen, sagten sie, auch da im hchsten Grade verdchtig, sie htten dem
Geheimrath es, wie sie sagten, stechen wollen, aber ... hier fingen die beiden
geschftigen Livree - Sklaven an zu stocken ... zu errthen, sich gegenseitig
verlegen anzublicken.
    Den Frauen entging davon nichts.
    Was habt Ihr? hie es.
    Nichts! war die zgernde Antwort ...
    Aber bald sahen die Frauen, da ihnen gewisse Dinge verschwiegen geblieben
waren und da sie sehr gut gethan hatten, dem spter angekommenen Franz zu
verbieten, sich erst auf's Hofamt zum Geheimrath zu begeben.
    Was wuten sie? Die Bedienten berichteten ...
    Sie wuten, der Geheimrath war gestern Nacht mit dem groen Mbelwagen
angekommen, auf dessen Bock er, wie er sagte aus Vorsicht, bis zum Stadtthore
selbst gesessen htte. Spter nahm er am Thor einen Fiaker ....
    Man hatte den Geheimrath Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein beim
Thee, nachdem sich der Maler Heinrichson entfernt hatte, ber diese Sorgfalt
schon gestern sehr ausgelacht und in der Freude, den mglichen Versteck von
Memoiren, die zwei Jahre lang nicht erschienen waren und doch existiren sollten,
in der Wagenremise unten ganz sicher zu wissen, ihn sehr anerkannt und gelobt,
trotz der lcherlichen Figur, die der ernste Mann auf dem Bock des Mbelwagens
gemacht haben mute ...
    Jetzt aber erschien seine Aufopferung pltzlich verdchtig.
    Man begriff nicht, wie er Franzen hatte, wie dieser sagte, verschweigen
knnen, da er mit dem Transportwagen fahre und als dieser sich verwirrte und
sein spteres Eintreffen keineswegs, wie der Intendant, mit irgend einem bel
der Pferde entschuldigte, mute denn vorlufig schon diese Wahrheit an den Tag,
da auch Ernst gestand, die Excellenz keineswegs gleich beim Ausfahren auf dem
Bocke bemerkt zu haben. Man wre mit dem Transportwagen vorausgefahren, in der
festen Meinung, der Landau kme sogleich nach, und als das eine Weile gedauert
htte und man an eine Ecke und sonst sich schlngelnde Wege gekommen wre und
sich dem Glauben hingegeben htte, der Landau wrde schon nachkommen, da ...
    Da?
    Da ...
    Um des Himmelswillen, riefen die Frauen, wo war denn da die Excellenz?
    Franz war nun ebenso neugierig wie die Damen und blickte Ernsten an ...
    Als Ernst in uerster Verlegenheit erst schwieg, dann zur Erde blickte und
von der Ludmer ein wenig in handgreiflicher Sokratischer Methode an der Schulter
gerttelt worden war, sagte Franz endlich:
    Wir suchten Excellenz im ganzen Heidekrug und ich htte schwren mgen, er
wre uns gemordet worden. Sein Bett war nicht berhrt. Wie er am Abend ging und
stand, so war er am Morgen verschwunden.
    Nun war es an Ernst, zu reden.
    ber und ber roth, schwieg er aber noch immer ...
    Pauline pflegte in jungen Jahren bei hnlichen Fllen an ihren Leuten durch
eine krftig eingesetzte, mit Geschicklichkeit an die Wange applicirte Ohrfeige
deren Trieb nach Wahrheit zu untersttzen. Schon fhlte Ernst etwas von den
Vorbereitungen eines Rckfalls in diese freundliche Ermunterungsmethode, als er
lieber aus eigenem Anreiz der Wahrheit entgegen kam und seine Bereitwilligkeit,
Gestndnisse zu machen, durch ein schadenfrohes, boshaftes Lcheln nun schon im
Voraus ankndigte.
    Aha! Er lacht! Was ist? sagte die Ludmer.
    Ernst wandte sich nun wie verschmt um, und meinte ganz einfach:
    Es ist eine curiose Geschichte!
    Diese Einleitung gengte vollkommen, spannte aber auch die Neugier der
Frauen auf's Hchste.
    Geheimrath waren wirklich mit uns gefahren auf dem Transportwagen, sagte
Ernst schlau; wir hatten ihn nur nicht gesehen.
    Nicht gesehen? fragte die Ludmer und ihre Gebieterin ergnzte mit ganz
gewhnlicher auf die Wrde des Intendanten nicht Rcksicht nehmender
Phraseologie:
    Wo steckte er denn?
    Drin im Wagen, sagte Ernst und platzte mit lngstverhaltenem Lachen so
hervor, da die Toilette der Damen fast in Gefahr kam.
    In dem Transportwagen drin? riefen die Frauen.
    Excellenz saen im Transportwagen drin und hatten auch drin geschlafen, fuhr
Ernst fort. Ja! ja! aus Wachsamkeit ganz inwendig geschlafen! Erst nachdem wir
eine Stunde gefahren waren, hrten wir immer was so sonderbar rufen. Es war, als
spukt' es oder als wren Ratzen in den Mbeln, so sonderbar klopfte es. Erst
wute die Gendarmerie nicht, wo's herkam. Hernach aber merkten wir's, da es
doch von inwendig kam und keine Ratzen waren. Halt! dachten wir, da hat sich
Einer drin gefangen, und schon berathschlagten wir, was nun zu thun. Das Klopfen
aber hrte nicht auf und statt jeder Antwort auf unser: Wer ist denn da drin?,
bekamen wir wieder das Klopfen. Da machten wir denn die Stange los und ffneten
behutsam, wie wenn Einer Vgel lebendig gefangen hat und die Falle aufmacht. Wer
kroch in Lebensgre heraus? Excellenz! Von Fragens war natrlich keine Rede;
denn Excellenz waren furchtbar ungndig, winkten mit der Hand und setzten sich
vorn auf den Bock, wo sie sehr wenig gesprochen haben, nichts aen und nichts
tranken als eine Tasse Kamillenthee in einem Dorfe ... und mir verboten haben
...
    Verboten? rief die Geheimrthin mit satirischer, von der Vorstellung des aus
dem Kasten kriechenden Gatten zum Lachen hchstgeneigter Miene; verboten, von
dieser Aufopferung zu sprechen? Das Abenteuer ist so amusant, was ist da zu
verbieten?
    Sie betrachtete dabei mistrauisch mit den Augen zwinkernd die Ludmer.
    Die Ludmer aber, die nie etwas ganz schwarz sehen konnte, lachte ber die
Maen. Das Kinn wackelte ihr vor Entzcken ber den eingeschlossenen Geheimrath
und weit entfernt, dem Zusammenhang sothaner Misverstndnisse nachzuspren,
hielt sie sich ganz einfach an das komische Factum, wie der hagere, steife,
stolze Herr mte ausgesehen haben, als er aus seiner Falle herausgekrochen
gekommen wre.
    Falle sagst du, Charlotte? wandte sich die Geheimrthin zu ihr. Falle? Wer
hat ihm denn eine Falle gestellt? Wie ist denn der Geheimrath hineingekommen in
den Wagen, von dem mir doch gesagt wurde, da er von Euch und zwei Bewaffneten
bewacht war?
    Jetzt blickten die Diener wieder scheu zur Erde und verriethen, ohnehin
durch die Confrontation verlegen, was ihnen Ferneres vorgestern Abend begegnet
war.
    Dies kam denn darauf hinaus:
    Der Geheimrath htte die brige von Hohenberg nachkommende Gesellschaft, wie
sie dachten des Prinzen wegen, mit groer Spannung im Heidekruge erwartet, wre
aber den ganzen Abend ber nur mit Madame Schlurck und Frulein Tochter
zusammengewesen, wre dann zu ihnen in den Hof gekommen, wo es vom Regen fast
nicht zum Aushalten gewesen und htte ihnen gesagt:
    Kinder, wir sind hier sicher, ich will nicht, da ihr des Wagens wegen um
einen trocknen Platz kommt! Da geht hinauf und trinkt auf des Knigs Wohl! Damit
htte er ihnen einen Thaler gegeben. Sie wren hinaufgegangen in die Wirthsstube
und mten sich freilich schmen zu gestehen, da sie auf des Knigs Wohl ber
Krfte getrunken htten, woran die Gendarmen Schuld wren und wie gesagt, des
Knigs Wohl. Nach einer halben Stunde wren dann Excellenz gekommen und htten
den Schlssel zu der Eisenstange am Wagen verlangt. Er wollte etwas nachsehen,
htt's geheien. Sie htten ihn natrlich begleiten wollen, allein Excellenz
htten es nicht leiden mgen und so htten sie fr des Knigs Wohl gesessen bis
in die Nacht hinein. Nachher wr' ihnen aber denn doch der Schlaf gekommen und
die Sorge fr den Wagen. Wie gro wr' ihr Erstaunen gewesen, als sie den Wagen
in der Dunkelheit offen, die Stange aber mit dem Schlssel an einem Ende
baumelnd gefunden htten. In Angst, es mchte der Geheimrath aus Vergelichkeit
hier Gelegenheit zu einem Diebstahl gegeben haben, wren sie rasch bei der Hand
gewesen, die Thr wieder zuzuschlieen. Und da htten sie denn ihren Herrn, der
auf einem der Fauteuils wahrscheinlich entschlummert wre, wider Wissen und
Willen mit eingekerkert und einen so vornehmen Herrn gezwungen, die ganze Nacht
in dieser hchst elenden und bejammernswrdigen Lage zuzubringen.
    Pauline hielt beide Hnde ber die Stirn und rief halb im Zorn, halb doch
von der komischen Situation ihres Gatten amsirt, laut aus, ob denn so etwas
mglich, nur denkbar und wirklich glaublich wre!
    Dann aber des sicher bei dieser Gelegenheit verloren gegangenen Bildes
gedenkend, rief sie:
    Was hatte er aber so spt in der Nacht in dem Wagen zu schaffen! Der
furchtsame Mann, der nicht allein des Abends oben auf sein Zimmer gehen kann!
Der Verschlafene, der wie die Hhner nach Sonnenuntergang kein Auge mehr offen
behlt!
    Ernst, wie immer lebhaft, und an diese vertrauliche Art, ber den
Intendanten zu sprechen, im Hause lngst gewhnt, lachte und platzte mit den
Worten heraus:
    Nun, die ugelchen hat wol an dem Abend das Frulein wach gehalten.
    Das Frulein -?
    Einem solchen Verrathe, der aus einer recht bsen Lust zu schaden
hervorging, aus einer absichtlichen Reizung zum Unfrieden, muten denn freilich
jetzt die umstndlichsten Gestndnisse folgen ...
    Welches Frulein? Demoiselle Melanie? Melanie Schlurck? Wie war Das? Was sah
man? Was hrte man? ...
    Wir lassen nun einen Vorhang fallen ber die fernere Entwickelung dieser
huslichen Angeberei, die zu den allerdings wiederkehrenden tglichen
Erscheinungen groer Huser gehrt, zugleich aber zu den widerlichsten Belegen
raffinirter Entsittlichung.
    Die Diener wurden mit dem Bemerken entlassen, da sie zwar fr die
Vernachlssigung ihrer Pflichten auf dem Heidekrug Strafe verdient htten,
indessen wolle man in Anbetracht ihrer sonst aufrichtigen Gestndnisse Gnade fr
Recht ergehen lassen und nur diese Bedingung noch ihnen ernstlich einschrfen,
da sie die Mitwissenschaft der Frauen ihrem Herrn zu verschweigen und sich
berhaupt im ferneren Verlauf dieser Dinge zu erinnern htten, von wem ihr
lngeres Verweilen in einem so guten Dienste, mit dem gewhnlich eine knftige
Staatsanstellung als Kastellan eines kniglichen Schlosses verbunden war,
abhinge, ob von Excellenz dem Geheimrath oder Excellenz der Geheimrthin ...
    Die Diener gingen leise und erleichtert.
    Pauline winkte der Ludmer und schlpfte ber einen kleinen Verbindungsgang
aus dem Gartensalon in ihre Zimmer.
    Diese lagen je nach ihrer Stimmung nach vorn oder hinten.
    In dem Zimmer nach vorn empfing sie nhere Bekannte, in dem, das nach hinten
lag, dachte und grbelte sie; beide waren durch ihr Schlafzimmer, einen nach
beiden Seiten hin offenen Alkoven, getrennt.
    Das vordere Boudoir war ungemein geschmackvoll und auch ganz so
eingerichtet, als wenn sie immer in ihm verweilte. Ein Schreibtisch von
Jacarandenholz, sehr zierlich gearbeitet und mit den reichsten Schnitzereien
eingefat, trug alle jene kleinen Gerthschaften, Briefbeschwerer, Siegel,
Statuetten, Visitenkartenhalter, wie man sie bei einer so gewhlten Einrichtung
anzutreffen pflegt. Alles lag hier zierlich und wohlgeordnet nebeneinander. Das
Zimmer war hellblau. Die Sessel alle mit gelbem Plsch berzogen. Auch die
Vorhnge fielen gelb von den im Sommer sonnengeplagten Fenstern herab. Hier sah
man eine Bibliothek mit kostbaren Einbnden, eine Etagre mit den Souvenirs
und Geschenken einer ziemlich langen Lebensperiode, dazwischen Blumen, jedoch
nur geruchlose, des Schlafzimmers wegen, das durch einen schweren auch
gelbseidnen Vorhang von diesem Zimmer getrennt war.
    Das Schlafzimmer hatte kein eignes Fenster und wurde nur durch die Fenster
der beiden Zimmer, die es verbanden, gelftet. Das Bett war einfach und verrieth
in seiner geringen Aufladung einen abgehrteten fast mnnlichen Sinn. Das war
kein Bett zum sen Trumen, sondern zum wirklichen Ausruhen von ernstem Wachen!
    Ebenso war das zweite vertrautere Boudoir, das nach hinten hinausging zu dem
Winkel, den im Garten der vorgeschobene Anbau des Gartensalons und das
Frontgebude bildeten, sichtlich nicht zum bloen Staate bestimmt. Hier lebte
Pauline wie sie war. Zur Rechten lag der Eingang in eine groe Garderobe, wo in
Schrnken rings an allen Wnden ihre Kleider hingen. In diesem zweiten Boudoir
war Alles grn. Auch der Vorhang, der nach dieser Seite das Schlafzimmer
trennte, war grn, von einfacher Seide. Hier lagen Bcher und Schriften wild
durcheinander, Papiere zerrissen im Papierkorbe, Siegel und Siegelwachs in
reichster Anzahl und von wirklichem Gebrauche zeugend. Im blauen Zimmer mit den
gelben Vorhngen sah man wol auch Spuren von Thtigkeit, auch einen Papierkorb,
auch Siegelwachs und Petschafte, aber Alles zierlich, lieblich, grazis, wie fr
den Gebrauch eines Elfen, einer Sylphide bestimmt. Im hellgrnen Zimmer mit den
dunkelgrnen Vorhngen und Mbeln dagegen traf man das wirkliche Leben ihrer
starkgeistigen Bewohnerin. Da waren Schubfcher mit geheimen Druckern, Schrnke,
festverschlossen, und Polster, die wirklich zerlegen und zersessen waren. Hier
war Pauline wahr. In dem Vorderboudoir gab sie einen geflligen Schein. Wohnlich
und traulich war es dort ... Man mute glauben, in ihre geheimste innere
Werkstatt zu kommen, wenn man durch eine lange Reihe Gemcher endlich durch den
allgemeinen Empfangsalon bis in jenes blaue Zimmer gelangte. Da war Alles
fesselnd und sinnvoll, gemthlich und beziehungsreich. Man mute die sinnige
Frau, den still waltenden Geist bewundern, der hier wirkte und schaffte und sich
mit dem bescheidenen, anspruchlosen Bett begngte. Aber ... Pauline wohnte nicht
hier. Sie wohnte in dem Zimmer Grn in Grn mit dstren Vorhngen, schattig und
dunkel und in hundert Spuren die Wildheit ihres Innern verrathend. Htte sie
noch so lieben knnen, wie sie einst liebte und Niemanden leidenschaftlicher,
als jenen Heinrich Rodewald, sie wrde auch diesen Raum zu einem Tempel der
Liebe erweitert und verschnert haben ... Jetzt trug er keine Spuren mehr davon.
Mit ihrer letzten lngern Liaison, dem franzsischen Attach Grafen d'Azimont,
hatte sie diesen sie ganz allein erfllenden Anregungen ihres Innern Lebewohl!
gesagt und sich berhaupt, in Rcksicht auf die kleinen Cirkel, einer
musterhaften Auffhrung befleiigt. Man mu gestehen, da sie Ursache hatte,
endlich etwas zu finden, was sie ganz erfllte. Sie hatte zu Vielem entsagt, um
nicht Ansprche auf die strkste und umfassendste Befriedigung ihrer nach
Thtigkeit schmachtenden Seele zu haben. Das Verhltni zu dem Maler Heinrichson
war jetzt ein letzter sanfter Abendschimmer der Vergangenheit. Dieser junge,
schne, elegante Salonmaler besuchte sie tglich, aber sie gefiel sich darin,
vor der Welt die Miene anzunehmen, als wenn er in ihr, der bald Sechzigjhrigen,
nur eine Mutter bese, eine ltere, rathende, anregende Freundin ... Wie htte
sie auch sonst von Heinrichson's kleinen Aventren sprechen und oft zur
Trompetta, zur Museburg, zur Werdeck, zur Landskrona, zur Spitz sagen knnen:
Ach, ich bin recht verstimmt ... Heinrichson hat so viel Unglck mit einer
kleinen Blondine oder einer Brnette, die er liebt! Ich habe das Mdchen
besucht, ihr einen Shawl geschenkt ... oder einen Hut ... aber sie liebt ihn
nicht und macht mich unglcklich!
    Die Ludmer folgte Paulinen in das Zimmer Grn in Grn. Aufmerksam hrte sie
ihrer Gebieterin und Freundin zu, als diese auf eine Ottomane sich werfend,
nunmehr ausrief:
    Welche Entdeckungen! Welche Enthllungen! Henning im Mbelwagen! Prinz Egon
auf Hohenberg! Eine junge Kokette, die so liebenswrdig und geistreich sein
soll, da der Geheimrath ganz aus der Faon gekommen sein mu und seine
Grandezza und seine pariser Perrcke einmal vergessen hat! Ein Bild, das ber
dem Wirrwarr verloren geht, vielleicht geraubt wird! Wer bringt Licht in dies
Dunkel? Wer entwirrt uns eine Intrigue, die doch an den sichtbarsten Fden uns
umsponnen hlt? Und bei dem Allen, mag es sich entwirren wie es will, wer bringt
uns das von Harder hier ausgestrichene Bild zurck, das vielleicht grade die
Denkwrdigkeiten meiner Feindin, die Rache einer Heuchlerin enthlt! Denn ich
besinne mich! Die Frstin starb mit dem letzten Ausruf:
    das Bild! Und die Familienbilder sollte Prinz Egon behalten ...
    Ach! Man verlangt von Hardern, sagte die Ludmer beruhigend, einen genauen
und unverhohlenen Bericht.
    Was kann uns der helfen? antwortete Pauline, wenn er selbst, wie es scheint,
zu Denen gehrt, Die irgend eine schlaue Berechnung tuschte. Hat er wohl ein
Wort von Prinz Egon's Anwesenheit gesprochen? Er wird uns vielleicht nicht
betrgen, gehrt aber, wie wir Alle, zu den Betrogenen! Es ist gar zu
lcherlich, in einem Mbelwagen verschlossen zu werden und statt im Bett, auf
einem Fauteuil in einer ambulanten Remise einzuschlafen. Und gib Acht! Wir
werden forschen drfen, so viel wir wollen, wir werden nichts von ihm erfahren,
als da er htte gewissenhaft sein wollen.
    Es kommt auf eine Prfung an, sagte die Ludmer, die sich mit Recht von der
Furcht Henning von Harder's vor seiner Gattin viel versprechen durfte.
    Und Schlurck, fuhr Pauline fort, der sonst so aufmerksame Schlurck, der mir
nie etwas verschwieg, was sich auf Egon bezog, er verschweigt mir diese Reise
nach Hohenberg! Auch Zeisel hat mich vergessen, weil ich es nicht mglich machen
konnte, ihm eine seinem alten Range angemessene Versetzung zu verschaffen. Er
soll die Arrestation des neugierigen, sicher verkappten Handwerksburschen ganz
oberflchlich betrieben haben. Kurz, ich bin nicht mehr Die, die ich war ... ich
existire nicht ... man ignorirt mich, man durchkreuzt mir die besonnensten
Plne.. man operirt, da sie scheitern mssen!
    Du unternimmst zuviel, antwortete die Ludmer, und war erfreut beim ruhiger
ausstrmenden Schmerz der Gebieterin mit Anstand wieder eine Prise nehmen zu
drfen. Du wagst dich an die schwierigsten Dinge, ohne dafr eine Anerkennung zu
finden. Ich wnschte wol, du htetest dich vor Schlurck -
    Vor Schlurck? Wie so?
    Seine Spe sind oft bitter! Seine Mienen haben etwas Suerliches, als
wollte er sagen: ....
    Nun? Was sagen?
    Die Ludmer stockte ...
    Foltre mich nicht! fiel die Geheimrthin ein. Verdchtige mir nicht die
besten Freunde!
    Die dich benutzen und fallen lassen, wenn sie dich auspreten ....
    Schlurck mich benutzen? fragte verdrielich die Geheimrthin, deren
Geschmack zugleich an dem Bilde von der ausgepreten ... Citrone kein Gefallen
fand.
    Schlurck ist mir verdchtig ... sagte die Ludmer. Ein so boshafter kalter
Egoist ....
    Ah! Bah! antwortete die Geheimrthin. Das verstehst du nicht. Das ist ein
Philosoph und nach dem Abenteuer seiner Tochter mit Harder zu schlieen, hat das
Mdchen Laune und Geist ... ich mu sie kennen lernen ....
    Damit sie dich immermehr umstricken? Immermehr misbrauchen!
    Misbrauchen? Wozu? fragte die Geheimrthin ungeduldig.
    Der Obercommissair hat mir Alles erklrt und auseinandergesetzt ....
    Man mu gestehen, sagte die Geheimrthin bitter, deine Verwandtschaft wirkt
sehr ungleichartig auf dich. Deiner Nichte weisest du die Thr ... und deinem
sogenannten Neveu, der dich beerben wird, der jetzt schon sogar deine
Verwandtschaft erbt, ohne je etwas Anderes gewesen zu sein als ein gewandter
Intrigant und dein Liebhaber ....
    Pauline! Du bist gereizt! sagte die Alte mit rgerlichem Tone, aber doch von
dem Worte: Liebhaber! angewandt auf ihre alten welken Zge, ein wenig
geschmeichelt .... ....
    Was sagte denn Pax? fragte die Geheimrthin.
    Als Obercommissair der Polizei kann Pax klar sehen, antwortete die Ludmer.
Er warnt vor Schlurck. Wenn Prinz Egon die Verwaltung seiner Gter bernimmt,
verliert der Justizrath die Hlfte seiner Einknfte. Die andere Hlfte kommt von
der Administration der alten stdtischen Huser .... Mit der sieht es
gleichfalls nicht besser aus.
    Er wird sie behalten!
    Denkst du? Jetzt, wo das Ministerium Alles daran setzt, diesen Proce zu
gewinnen?
    Der Hof ist fr die Ansprche der Commune.
    Dank deinem Einflusse! Wie schlau wei ihn dieser Schlurck nicht zu
benutzen! Wie zerflo er in Rhrung, als du ihm sagtest: Die Knigin misbilligt
die Handlungsweise des Ministeriums und bietet Alles auf, der Commune ihre alten
Schtze zu erhalten!
    Kind! Er lachte darber! sagte die Geheimrthin. Er lachte ber die
Geistesrichtung des Hofes, da dieser sogar gegen seinen eignen Vortheil
gestimmt ist, wenn es sich um eine mittelalterliche Trumerei handelt. Du
sprichst von meinem Einflusse! Soll Das Spott sein? Anna! Anna! Meine Schwester!
Das ist die Quelle, zu der Schlurck Zugang finden mte! Anna wird entscheiden
knnen ....
    Warum Anna?
    Durch unsern Schwiegervater! Das Obertribunal wird in letzter Instanz Recht
geben und behalten. Wer wei, ob das dringende Verlangen des Hofes, Annen's
Bekanntschaft zu machen, nicht mit jenem Proce zusammenhngt!
    Nimmermehr, sagte die Ludmer, die sich auf die Lnge immer mehr als eine
kluge, praktische Frau zu erkennen gab, nimmermehr, Herz! Solche Einwirkungen
knnen wol den Untergeordneten einfallen, aber die Oberhofmeisterin, die
Altenwyl, denkt an solche Plne nicht. Man schtzt Anna, weil sie fr
anspruchslos gilt und sich ganz und ausschlielich der Pflege eines ehrwrdigen
Alten widmet. Auch treibt sie alte Musik. Das ist allein schon hinreichend, ihr
ein Lstre zu geben, wie man's nun oben einmal liebt. Rechnet man noch die
Neugier hinzu, eine Frau kennen zu lernen, die von dir so verschieden sein soll,
so ist Alles beisammen, was dort fr sie spricht. An den Proce denkt Niemand.
Pax meint Das auch.
    Ich will es glauben, sagte Pauline, was Anna's Beziehung zum Papa anlangt.
Allein der Gegenstand, um den mich Schlurck neuerdings besucht, ist dem Hofe
wirklich sehr wichtig. Er wird viel besprochen und auf die Lsung ist man
allgemein gespannt. Und so wunderlich ist dabei die Stellung der kleinen Cirkel
zum Ministerium, da beide ganz verschiedene Zwecke verfolgen. Die Ministerien
wollen die alte Erbschaft fr den Staat und die kleinen Cirkel sind dafr, da
sie der Stadt verbleibt. Das wissen sehr Wenige und Keiner wird es begreifen,
der sich nicht in die Natur dieser trumerischen Menschen oben hineingefhlt
hat. Und sind wir doch selbst an der Entscheidung betheiligt? Unser altes
Familienhaus in der Stadt ist ein Johanniterlehn. Jahrhunderte lang zahlten die
Marschalks eine sehr geringe Abgabe an die Stadt, der die Rechte und Besitzungen
bertragen wurden, als die alten Ritterorden protestantisch wurden und ihre
groen Gter auseinanderfielen an den Ersten Besten, der in Zeiten allgemeiner
Verwirrung von ihnen Vortheil zog und Besitz zu ergreifen verstand. Wenn wir nun
vom Staate abhngig werden, wrde der Zins ohne Zweifel erhht. So geringfgig
dieser Grund sein mag, der auch uns sollte wnschen lassen, die Sache bliebe
beim Alten, so habe ich doch dadurch ein geeignetes Mittel, den intimsten
Wnschen der eigentlich einflureichen und das Ganze regierenden Partei
entgegenzukommen, und es ist wiederum eine unbegreifliche Vernachlssigung
Schlurck's, da er mir so lange auch nicht ber den Gang dieser Angelegenheit
berichtet hat.
    Lange wogte so das Chaos von vielen ungewissen und qulenden Stimmungen und
Betrachtungen in der ehrgeizigen, thatendrstenden Frau auf und ab. Was war da
nicht Alles, das schattenhaft vor ihr auf - und niedergaukelte! Liebe, Ha,
Streit, Friede, Staat, Familie, die Welt, ihr Haus, ihr Herz .... Alles war in
Aufregung und keine Idee war da, die ihr als Sttze und Anlehnung in dieser
Verwirrung htte dienen knnen.
    Sie warf einen Rckblick auf die Vergangenheit ....
    Ach! sagte sie; wo sind die Mnner, die uns einst zur Seite standen?
    Lass' Das! rief Charlotte Ludmer. Sieh, da geht der Commissionair des Hotel
garni am Paradeplatz ... er kommt zu uns ....
    Ich will nichts wissen von der Gegenwart, sagte Pauline. O diese
Vergangenheit! Diese kraftvollen Arme, die uns einst emporhielten ber diese
schaale Welt ....
    Ein Bedienter geht ber den Hof und bringt eine Karte, sagte die Ludmer, die
von dem grnen Zimmer zuweilen in das gelbe schritt ....
    Erst dieser Ried, mein erster Mann! Ich war jung, kindisch. Ich nahm einen
reichen Finanzier. Er war alt, dick, unausstehlich, aber in seiner Weise
anerkennenswerth, unternehmend, speculativ. Dann Anton.. auch Eduard ... aber
Heinrich Rodewald! Welch ein Heros! Welcher Titan an Gre des Geistes! .... Mit
seiner Untreue brach meine Kraft.
    Du wirst in den Blttern deines Lebens nachschlagen, sagte die Ludmer
spottend, bis du auf Zeck kommst ....
    Charlotte!
    Denselben Zeck, den Schlurck schon einige Male in deiner Gegenwart so
zweideutig genannt hat!
    Schlurck? Es ist wahr ...
    Wenn Schlurck die Denkwrdigkeiten der Frstin Amanda lngst bese!
    Charlotte!
    Eben wollte die Ludmer sagen: Warum vermeidet dich seit einiger Zeit der
Justizrath? als der Bediente Ernst eintrat und zwei eben abgegebene Gegenstnde
brachte, eine Karte und einen Brief.
    Auf der Karte stand: Justizrath Schlurck wird sich die Ehre geben, binnen
einer Viertelstunde, wenn erlaubt, aufzuwarten ...
    Triumphirend blickte die Geheimrthin, die viel Neigung fr Schlurck's
philosophische Weltanschauung hatte, auf die auch gar zu kluge, wie sie sie
fters nannte, geheime Vertraute.
    Und als sie vollends den vom Commissionair gebrachten Brief entgegengenommen
und die Aufschrift gelesen hatte, gerieth sie in ein hchst angenehmes
Erstaunen.
    Von der d'Azimont! rief sie. Ist es mglich? Aus Paris?
    d'Azimont? Kommt der Graf zurck? fragte die Ludmer gedehnt und gedachte
dabei im Nu der Mglichkeit neuer Strungen des sittlichen Verhaltens, das
Pauline dem Hofe gegenber behaupten wollte.
    Pauline durchflog das Billet in gespanntester Aufmerksamkeit und lie
whrend des Lesens die Worte hinfallen:
    Nein - der Graf nicht - von ihr - Was? - krank - Wer? Prinz Egon ist krank?
- Der Arme - sie hat sich brouillirt - mit dem Grafen? - Nein, mit Egon auch? O!
-Sieh! Sieh! - Sie ist rasend - sie verzweifelt - sie wird abreisen? - sie kommt
von Paris - Nein, was les' ich denn! Sie ist schon da! Himmel der Brief ist ja
von hier -
    Die d'Azimont ist hier? fragte die Ludmer.
    Die d'Azimont! Helene d'Azimont, Egon's Geliebte! Hier?
    Sie war dir immer zugethan ... aber ....
    Indem fuhr ein Wagen vor. Ohne Zweifel schon der angekndigte Besuch des
Justizrathes ...
    Unterhalte dich eine Weile mit Schlurck, sagte Pauline rasch, legte das
empfangene Billet zurecht und setzte sich zu einer Antwort hin. Schlurck soll
nicht gehen, hrst du? Der Bediente der d'Azimont soll warten. Ernst soll sich
erkundigen, ob Prinz Egon wirklich wieder sichtbar, wirklich krank ist und seit
wie lange? Ich vermuthe, er verleugnet sich nur der Armen wegen, mit der er
brechen will, der alberne Sohn einer albernen Mutter - Franz soll auf's Hofamt
sagen, da ich den Geheimrath um drei Uhr zu sprechen wnsche - wir essen um
vier ... Um acht heute Gesellschaft ... Wenn Schlurck fort ist, mach' ich
Toilette ....
    Die Ludmer ging gehorsam nach vorn in's Empfangzimmer und brummte lachend
vor sich etwas hin, als wollte sie sagen:
    Nun ist ja Alles wieder im besten Zug!
    Und in der That schien es wirklich zu gehen. Da war ja mit einem Male Alles
wieder wie es sein sollte. Menschen, Briefe, Neuigkeiten, Situationen ... Alles,
was Pauline haben mute, um leben zu knnen.
    Mit rascher Hand warf sie auf ein zierliches Blatt die Worte:
    Tausendmal gegrt, liebenswrdige Freundin! Engel, wie schn, da Sie da
sind! Zittern Sie doch nicht um Ergon! Wenn er seiner Mutter gleicht, ist er
sanft und wenn er dem Vater gleicht, nur leichtsinnig! Kommen Sie an mein Herz!
Haben Sie Thrnen zu weinen, in meiner Brust ist eine Stelle, wo Thrnen nicht
entweiht werden! Kommen Sie! Kommen Sie! Um Eins! Toute  Vous! Um Eins, oder um
Sechs, wie Helene will! Ach Helene, wie lieb' ich Sie! Nein da Sie da sind! Wie
berraschend! Wie Helenisch! Willkommen! Willkommen!
    Rasch gesiegelt, geklingelt, abgegeben. Den Kopf geordnet, das Bandeau ber
das Haar gezogen, die langen spitzenbesetzten Zipfel noch einmal zu einer
schnen Schleife geknpft, die Falten der Morgenrobe geglttet, ein Batisttuch
in die Hand genommen, noch ein Blick in den Spiegel und dann nach vorn
geschwebt, durch das Schlafkabinet aus dem Zimmer Grn in Grn in das Zimmer
Gelb in Blau. Die Thr geffnet ... alle unmuthigen Mienen verschmolzen in
holdseligstes Lcheln -
    Schlurck trat ein ...

                                Zweites Capitel



                               Was ist Romantik?

Die Ludmer hatte sich entfernt, um noch einmal den Versuch zu machen, ob sich
nicht unter den Gerthschaften, die von Hohenberg gekommen waren, doch noch das
fehlende Bild fnde.
    Sie hatte bei ihrer Gebieterin zu oft erlebt, da diese im strmischen Eifer
ihres Temperamentes etwas zu vermissen glaubte, was sich spter doch so vorfand,
ganz wie es sein sollte ....
    Wir berlassen sie ihrer, im heutigen Falle fruchtlosen Arbeit.
    Die Geheimrthin und Schlurck saen sich indessen schon auf bequemen
Polstern gegenber.
    Der Schimmer der gelben Decorirung that seine Wirkung. Pauline erschien
frischer, als sie heute schon htte in Folge der gewaltigen Aufregung aussehen
knnen.
    Wenn man glauben wollte, diese beiden Naturen, die von Ehrgeiz zernagte
Pauline und der ruhige Epikurer, htten freinander so gepat, wie Pauline
glaubte, wrde man irren. Sie verstanden sich gegenseitig, aber sie gaben keinen
gleichen Accord. Sie schtzten sich, ohne sich zu lieben. Schlurck war dies
Feuer denn doch zu zehrend, Paulinen sein Phlegma denn doch zu lhmend. Sie
htte immer strmen, drngen, wirken mgen, er lchelte nur und glossirte. Er
arbeitete nur, um die Mittel zum Genu zu haben, den sie verschmhte, deshalb
vielleicht verschmhte, weil sie ihn besa, ohne ihn erwerben zu mssen.
    Schlurck fhrte auch ihre sehr gnstigen alten Ried'-schen Finanzen, die von
denen des minder begterten Gemahls gesondert verwaltet wurden.
    Des Jahres zwei- oder dreimal gab er ihr eine bersicht ihrer Einnahmen und
gern hrte sie ihm zu, auch wenn er dann gelegentlich von andern Dingen sprach.
    Heute nun erklrte Pauline sogleich, ber Vieles mit ihm Rcksprache nehmen
zu mssen und Schlurck, lchelnd seine Brille abnehmend und die Glser mit dem
einen seiner gelben Glacehandschuhe, den er auszog, putzend, antwortete:
    Ich habe zwar nicht viel Zeit, indessen fangen Sie an! Sie verstehen zu
fesseln.
    Wollen Sie heute mit mir rechnen? fragte Pauline, um Zeit zu gewinnen, alle
ihre Fragen sich erst vorsichtig zurecht zu legen.
    Nein, meine Gndige, erwiderte Schlurck, ich komme nur, um mein Bedauern
auszusprechen, da es mir nicht gelingen wird, die mir vom Reubunde zugedachte
Rolle zu spielen. Wollen Sie mich an ein anderes Wahlgebiet verweisen, in der
Vorversammlung zu Helldorf ist meine Bewerbung durchgefallen. Mein eigener
Lobredner, Justus, der Dorftartffe, der groe Mirabeau der gemigten Dummheit,
wird die meisten Stimmen davontragen.
    Wahlen sind immer interessant, wie auch fr Die, die nicht in der Lotterie
spielen, die Nachricht von groen da- oder dorthin gefallenen Gewinnen
unterhaltend bleibt.
    Pauline sprach ihr Bedauern aus und verhie, anderweitig sorgen zu wollen.
    Nein, sagte Schlurck, ich bitte! Lassen Sie mich lieber ganz davon, gndige
Frau! Ich passe in diesen Wirrwarr nicht. Meine Geschfte wachsen mir ber den
Kopf, ich mte sie so vernachlssigen, da ich in meiner Praxis zurckkme. Was
hlfe mir ein Portefeuille, das ich vier Wochen lang verwaltete? Ehe ich mich
noch in der Ministerstrae eingerichtet htte, mt' ich schon wieder ausziehen
und einen rger htt' ich vielleicht davon, so empfindlich, da ich meine
Verdauung schwchte. Ich werde recht difficil mit meinem Magen.
    Aber wenn Sie sich nun behaupteten, Justizrath! Wenn Sie eine Partei
bildeten!
    Behaupten kann ich mich schon deshalb nicht, weil ich zu leise spreche, und
von Parteibildung ist noch weniger die Rede, da ich zu sehr Advocat bin, um
nicht jede Ansicht, die uns Vortheil bringt, vernnftig zu finden. Was soll ich
fr eine Partei bilden? Die der uersten Austernesser wre mir die liebste, und
auch bei denen gibt es nicht immer einerlei Meinung. Die Einen ziehen die
Austern mit Porter, die Andern mit Rheinwein vor und schon ber die obligate
Anwendung der Citrone hab' ich mich mit mehren meiner Collegen zuweilen
berworfen. Nein, nein, keine Politik mehr! Ich habe Flle erlebt, da einige
meiner Austernfreunde, die sich whlen lieen, pltzlich Gesinnung bekamen.
Denken Sie sich, friedliche, ruhige Menschen, die nichts in der Welt mehr
kmmert, als da der Kanzleidiener richtig jedes Quartal ihre Gage bringt, diese
kommen pltzlich in Unruhe, weil zweifelhafte Flle ihr Gewissen bengstigen.
Sie erinnern sich dann, da sie einmal von einem gewissen Papinian auf der
Universitt gehrt hatten, der lieber den Kopf verlieren, als eine ungerechte
Sentenz fllen wollte, und wirklich, meine Freunde verloren den Kopf. Das
Gewissen, die aufgerttelte alte akademische Erinnerung guillotinirte sie. Sie
hrten von zwei Parteien, saen mitten drinnen zwischen Baum und Borke, das
Beispiel steckt an, die Whler drohen auch, was macht nun so ein unglcklicher
Appellationsgerichtsrath mit Weib, Kindern und seinen alten Collegienheften?
Immer schwebt ihm der kopflose Papinian vor Augen und richtig, er legt sich auch
auf den Block, stimmt glorreich, wie es die feierlichen Momente, wo Jahrhunderte
auf dich herabsehen, edler Staatsbrger, mit sich bringen und ist fr ewige
Zeiten - geliefert! Ich habe die harmlosesten Menschen aus dem Austernclub
verschwinden sehen, denen jetzt kaum etwas Anderes brig bleibt, als sich einen
Hut mit rothen Federn und eine Bchse zu kaufen, um auf Leben und Tod unter die
Freischrler zu gehen.
    Pauline lachte und erwhnte einige Namen, denen es freilich so ergangen war
... andere, die sich durch die schamloseste Reue im Reubunde wieder zu
rehabilitiren suchten.
    Nein, fuhr der Justizrath fort, keine Politik! Ich habe wirklich zuviel in
meinem nchsten Beruf zu thun. Das huft sich unglaublich. Prinz Egon ist nun
zurck und die groe Hohenbergische Auseinandersetzung nimmt ihren Anfang. Auch
dem Proce, den ich fr die Commune fhre, Sie sind selbst daran betheiligt,
droht pltzlich eine ganz neue Wendung ...
    Ja! fragte Pauline, wie steht es damit? Siegt das Kreuz mit den drei oder
mit den vier Blttern? Bei Hofe wird viel davon gesprochen.
    Ich wnschte, sagte der Justizrath und rckte dabei die Brille auf dem
Augenknochen zurecht, ich wnschte, wir wren mit dieser Sache ber allen und
jeden Klee hinweg, den drei- und den vierblttrigen; den Luzerner Jesuitenklee,
den ich dabei wittre, gar nicht zu rechnen. Es ist gar nicht unwahrscheinlich,
da sich zu den beiden streitenden Parteien auch noch eine dritte gesellt ...
    Eine dritte? Wie wre Das? fragte Pauline gespannt. O reden Sie!
    Lassen Sie mich noch davon schweigen, meine Gndigste, erwiderte Schlurck;
nur soviel ahn' ich, da die Verwickelung den hchsten Grad erreichen kann, so
sehr, da ich zwischen zwei Feuer gerathe und diesen ganzen Gegenstand in andere
Hnde geben mu.
    Sie spannen meine Neugier! sagte Pauline.
    Als Schlurck aber schwieg, fuhr sie fort:
    Sie wissen doch, da der Hof an diesem Proce Interesse nimmt? So geben Sie
mir auch Materialien, auf den alten Grafen Franken oder meinen Mann oder sonst
einen Kanal dort wirken zu knnen!
    Es ist merkwrdig, antwortete Schlurck, da die Minister fr eine
Entscheidung kmpfen, die den kleinen Cirkeln gar nicht lieb wre.
    Verstehen Sie diesen Widerspruch?
    Ich glaub' ihn zu verstehen, sagte der Justizrath und schttelte den Kopf.
    So klren Sie mich darber auf!
    Meine Gndige, sagte Schlurck, wir leben im Zeitalter der Confusionen. Was
der Krper begehrt, darber scheint unser Jahrhundert einig zu sein. Da der
Magen in den materiellen Fragen die Hauptrolle spielt, haben die Proletarier
sowol wie die uersten Austernesser hinlnglich entschieden und man kann von
diesem Standpunkte dem Kampfe ruhig zusehen. Es ist ein Kampf der
Verdauungsorgane. Siegen Die, die nur Brot haben wollen, d.h. Brot im weitesten
Sinne, als da sind: Trffeln, Austern und Seefische (denn Das ist der ganze
Sehnsuchtsjammer auch Derer, die nur Brot! Brot! schreien), so werden sich ihrer
so viele wieder den Magen verderben, da Brot, einfaches Brot, eine Delicatesse
wird und wir da ankommen, wo wir ausgegangen ...
    Das ist die materielle Frage, sagte Pauline, aber auf die Materie folgt ...
    Das Herz! sagte Schlurck galant und doch ausweichend. Was das Herz anlangt,
meine Gndigste, so ist das Ihr Capitel! Die Verfasserin der Amarantha - wissen
Sie, da ich altbackner Mensch aus dem empfindsamen Zeitalter von Hlty und
Matthison dies Meisterwerk immer noch nicht gelesen habe?
    Sehr Unrecht von Ihnen, Justizrath!
    Aber Nadasdi hab' ich gelesen, schaltete Schlurck pfiffig ein und runzelte
damit Paulinen die Stirn.
    Alte Snden, sagte sie, lngst vergeben!
    Nein, meine Beste, bemerkte Schlurck, Nadasdi las ich, weil ihn Alle
verurtheilten, Amarantha nicht, denn die priesen Alle. Der gute Advocat nimmt
sich immer des Bedrngten an; so zog's mich zu dem schnen Ungar, der mich ganz
gut unterhalten hat. Und wissen Sie warum? Weil ich darin eine Frau fand, die
sich in nichts als Frau verlugnen konnte und ganz meisterhaft nach der Natur
copirt war, nmlich die Verfasserin selbst.
    Pauline wollte entgegnen und abbrechen ...
    Erlauben Sie, sagte Schlurck. Ich habe eine groe Bibliothek und gelte fr
einen Literaturfreund. Allein ich sammle und steigere meist auf die Werke, die
die berhmten Autoren gern von sich verstecken mchten. Die allgefeierten
Schriften belehren mich lange nicht so wie die mislungenen. Und ohne nun sagen
zu wollen, Nadasdi wre mislungen -
    Sie haben keine Zeit, sagten Sie, und spotten so behaglich? bemerkte Pauline
und drohte mit dem Finger -
    Ohne sagen zu wollen, wiederholte Schlurck sehr nachdrcklich, Nadasdi wre
mislungen, so fehlt ihm gerade deshalb die knstlerische Abrundung, weil Sie
zuviel von sich selbst gegeben haben. In der Amarantha hr' ich, da Sie,
schlimme Frau, Andere geschildert haben - Andere kenn' ich genug - die Familie
der Andern, ach, die ist so gro! Aber Sie, Sie in Ihrer Unruhe, Ihrer
Sehnsucht, Ihrem Bedrfni nach Anlehnung, Sie hab' ich in Nadasdi gefunden. Ich
sah eine Frau, von der ich wute, warum sie liebt. Sie lieben deshalb, weil
Ihnen die mnnliche Ergnzung Bedrfni ist und wer mir gesagt hat, Sie wren
von einem mnnlichen Geiste, dem hab' ich geantwortet:
    Nein, diese Frau ist ganz Weib und wenn man's nicht glauben will, so lese
man den Nadasdi.
    Schlimmes Compliment! antwortete Pauline berrascht von Schlurck's
Artigkeit, hinter der ihr etwas verborgen schien. Sie wollen doch wol nur
andeuten, da wir nichts ohne die Mnner vermgen und da wir, wenn wir einmal
selbst etwas schaffen wollen, hchstens einen misrathenen Roman zu Stande
bringen?
    Vergebung, sagte der Justizrath halb und halb beistimmend und das Bittere
seiner uerung durch einen Handku berzuckernd, ich wollte nur sagen, warum
ich die berhmten Schriftsteller gern aus den Werken studire, die sie nicht
gesammelt haben. Ich komme darauf zurck, da ber die Stellung, die das Herz zu
unserm Jahrhundert einnimmt, doch wol die Damen entscheiden mgen.
    Nun aber der Geist? sagte Pauline. Sie vergessen die Erklrung des
Widerspruchs, in dem die kleinen Cirkel ber jene Angelegenheiten befangen sind.
    Beste gndigste Freundin, sagte Schlurck, der Geist ist ein Chamleon oder
einer jener delicaten Fische des Alterthums, der sich in italienischen Seen
finden soll und ber dessen Geschmack ich nichts sagen kann, ebensowenig wie
ber seine zweckmigste Zubereitung. Dieser Fisch aber, soviel wei ich, meine
Beste, hatte die curiose Eigenschaft, da er, gekniffen und gemartert, in
hundert Farben spielte. ber den Magen, ber das Herz ist man einig; man wei,
da speisen und lieben oder, um mich anstndiger auszudrcken, geliebt werden in
dieser Beziehung die befriedigendsten Seligkeiten gewhren, aber der Geist,
dessen Nahrung, dessen Befriedigung, darber rennen sich die Behlter des
Geistes, die Kpfe, blutig aneinander. Was im Mittelalter Geist war, nun wohl,
das wute man damals, es war Religion und Scholastik. Was in der Reformation
Geist war, das wute man auch, es war Bibelerklrung und hebrisches
Wortgeklaube. Was im vorigen Jahrhundert Geist war, das kannte man unter dem
Namen Esprit, Voltaire, Hume. Aber was jetzt Geist ist, gndige Frau, was jetzt
dem Einen tief, dem Andern oberflchlich erscheinen soll, darber herrscht mehr
Anarchie als in der Gesetzgebung ber die Einreden und Verjhrungen. Erstaunen
Sie nicht, die kleinen Cirkel halten es geradezu fr geistreicher, der Commune
den Sieg in dieser Frage zu gnnen als dem Fiscus.
    Fr geistreicher? wiederholte Pauline lachend. Das zu fassen, bin ich zu
geistesarm. Romantischer, sagen Sie!
    Meine Beste, fuhr Schlurck fort, der an Paulinen oft gemerkt hatte, da sie
sich belehren lie; sehen Sie, das ist etwas, was sich mehr fhlen als
beschreiben lt. Ich will Ihnen eine Analogie sagen. Wenn ich Caviar esse, den
ich sehr liebe, falls er im Rathskeller frisch und hbsch grokrnig angekommen
ist ... wenn ich Caviar esse und der grne Rmer, mit Rdesheimer gefllt, steht
vor mir und man fngt an zu streiten ber Das, was wahrer sei: der Ausspruch
eines Weisen oder der eines Narren, so gefllt mir der Narr besser. Ich hre oft
feinstilige Autoren verurtheilen, weil sie bestechlich waren und mich prickelt
mein Caviar und mein Rdesheimer so, da ich's laut ausrufe: Bestechlich hin,
bestechlich her! Schreibt erst so wie sie! Tischt mir Eure Tugenden in einem
Stile auf, der so glnzend ist, wie seine Laster schrieben, und dann mcht' ich
manchmal in meine Bibliothek und solchen Schwtzern gleich die ganze Sammlung
von zwlf oder zwanzig prchtig eingebundenen Werken dieser angefeindeten
Lebemnner an den Kopf werfen! Ich liebe nun den Witz, die Bosheit und die
schlagenden Antithesen in der Schreibart, Andere lieben das Bauschige, das
Prchtige, das Rauschende, das Stoffene, Andere wieder das Harmlose,
Bescheidene, Fromme, Gnseblmige, Veilchene. Aber ...
    Sie schildern ja unsere kritische Anarchie, Justizrath! unterbrach Pauline.
    Ich schildere unsere ganze Geistesverwirrung. Sie findet sich berall, auf
allen Gebieten. Das Wunderliche erscheint den Leuten wunderbar. Das Seltsame ist
ihnen die Regel. Das Aparte sogar soll ihnen das Allgemeine sein. Gesinnung! Ich
hre nicht gern davon, weil nachgrade das Verlangen danach unbequem wird. Aber
diese geistreichen Empfindler nennen die Gesinnung unschn. Warum? Sie erhitzt!
Sie spricht viel! Sie zwingt zur Kameraderie! Sie luft! Sie rennt! Sie trumt,
wenn sie vom Zweikammersystem reden soll, nicht ber den Humboldt'schen Kosmos,
nicht ber Goethe's Morphologie der Pflanzen, nicht ber Dante's Paradies und
Hlle ... wie kann man so geistlos sein und von der Zeit, von Tendenzen, von der
Gesinnung reden! Verstehen Sie? ....
    O ich merke etwas von den kleinen Cirkeln, sagte Pauline lchelnd.
    Nun nehmen Sie einmal unsern Proce, fuhr der feine Ironiker fort. Siehe! Da
gab es eine Zeit, die da geheien ward: die mittlere. Und siehe! Da gab es eine
Ritterschaft, die da geheien ward: die geistliche. Die Einen trugen einen
weien Mantel mit rothem Kreuz und hieen Templer, und die Andern trugen einen
schwarzen Mantel mit weiem Kreuz und hieen Johanniter. Beide erwarben Schtze,
beide legten Comthureien und sozusagen Relais fr die Kreuzzge an, Stationen,
wo nur Tapferkeit, dummer Glaube, alter Wein und baares Geld zu finden war. Man
kaufte Gter, baute Burgen, baute Huser in den Stdten und wute mit dem
Schwerte Das gewaltsam einzutreiben, was nicht mit dem Klingelbeutel von selber
kam. Diese Ritter waren halb Soldaten, halb Mnche. Sie knnen sich denken,
welches bermthige Volk! Die Frsten ertrugen's auch nicht gar lange und
verbrannten und verbannten die Templer, die schon die ppigsten von Allen waren,
wie Sie in der Oper sehen knnen, wenn sie einmal (der Templer und die Jdin)
wieder gegeben wird. Die Johanniter duckten sich und hielten sich lnger ... Das
schadet aber Alles nichts. In den Gemthern, die, wie schon gesagt, das
Bauschige, Prchtige, Rauschende, Stoffene lieben, bleiben diese Gestalten der
Vorzeit ehrwrdig. Und nun kommt die Reformation, dieses in gewissen Kreisen so
wenig geachtete Lichtexperiment, das wie unsere neue Gasbeleuchtung dem Einen
nicht hell genug, dem Andern viel zu hell erscheint fr's Sehen und Gesehen
werden - in Diebsprocessen kommen darber Beschwerden vor - und die reichen
Gter dieser Orden fallen da und dorthin, wer sie gerade in der groen Flut der
Religionskriege und Scularisationen auffischt. Hier unsere Stadt fischte sich
siebzehn Huser, darunter das sptere Wohnhaus der Marschalks, das Sie nher
angeht, die Grundgerechtigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer
Grundrechte, die alle einst dem Johanniterhof von Angerode gehrt hatten. Und
Das ging so vom Jahre 1550 bis in Zwischenrumen von immer funfzig, sechzig
Jahren, wo der erstarkenden Souverainett unserer alten allmlig avancirenden
Markgrafen einfiel, da herrenloses Gut doch wol eigentlich den Landesherren und
nicht den Stadtgemeinden gehre. Jetzt, wo man Geld braucht und unsere Communen,
die sich gern, wie man zu sagen pflegt, volksthmlich gebehrden, empfinden
lassen mchte, da sie kein Staat im Staate sind, jetzt hat unser whlerischer
Finanzminister auch diesen alten Posten wieder aufgewhlt und verlangt eine
Wiederaufnahme dieses alten Handels und zwar mit einer solchen Energie, wie der
preuische Friedrich den alten schlesischen Proce dadurch revidirte, da er
Schlesien ohne Weiteres gleich in die Tasche steckte.
    Ist denn der Betrag erheblich? fragte Pauline.
    Doch! sagte Schlurck. Es beluft sich der jhrliche Ertrag dieser alten
Geflle an die Stadtkmmerei auf achtzigtausend Thaler, woraus sich ein Capital
von zwei Millionen ergeben wrde ...
    Und dies sollten die kleinen Cirkel dem Staate nicht gnnen? erwiderte
Pauline erstaunt.
    Gnnen? wiederholte Schlurck. Das wol! Aber nun denken Sie sich, ber den
siebzehn Husern, von denen nur zwei in der Brandgasse noch die alten in ganz
alter Form sind, thront als Wahrzeichen das Kreuz, das Kreuz mit seinen
ritterlichen Erinnerungen, in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz,
Tempelheide ... Heidentempel ... Christentempel ... Tempelchristen ... und die
alte Stadt, die ist doch so etwas Ehrwrdiges mit ihren drei Schlsseln im
Wappen, und die besten Prediger die sind auf diese Gelder angewiesen und es
lutet so schn mit den Glocken, wo diese Prediger wohnen und sie ihre Kirchen
haben und die Geschichte und die Sage, die webt ber das Ganze so einen
undurchsichtigen, feierlichen Matthison'schen Nebelschleier, der sich in der
stillen Abenddmmerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von
der Hahnenfeder, der uns durch die Burgverliee der Jahrhunderte fhrt, so
silbergrau, so patriarchalisch, so mystisch ausnimmt ...
    Pauline unterbrach den Justizrath mit lautem Lachen. Hren Sie auf! rief
sie, Sie sind prchtig, Justizrath! Ja, ja! Sie haben Recht! So ist's! So ist's!
Von solchen Empfindungen werden wir jetzt regiert. Himmel! Von solchen Motiven
werden die wichtigsten politischen Schritte geleitet! Aus dieser Dmmerung webt
sich Voland von der Hahnenfeder seine schwache, haltlose Spinnenwebenpolitik!
Darum kein energischer Aufschwung! Darum keine That! Kein Handschuh, khn der
Zeit hingeworfen! Darum die Unterordnung unter Rom, unter andere alte
Frstengeschlechter, nur weil sie fabelhafte Wappenthiere haben und die
Tradition der lteren Vergangenheit! O Das ist die romantische Dmmerung, in der
die Nachteulen fliegen mssen, die das Schlo besuchen drfen.
    Nicht wahr! sagte Schlurck mit satirischem Lcheln. Was lt sich dagegen
sagen! Solche Anschauungen kommen aus Dem, was die Herrschaften ihren Geist
nennen, wie wir wieder die Anschauungen Voltaire's unsern Geist nennen. Aber
wissen Sie, welch ein Sonnenstrahl jetzt, wie das Schwert des Erzengels Michael,
dies ganze Helldunkel durchschneiden kann? Will man denn doch die Verjhrung
nicht gestatten, will man sich immer darauf berufen, da alle funfzig Jahre vom
alten Zeitgeist gegen den neuen protestirt wurde, so ist es leicht mglich, da
sich ein dritter Bewerber einfindet, der in dem Augenblicke, wo der Staat zwei
Millionen Capital in sein groes Buch einzutragen die Feder ansetzt, dazwischen
tritt und sagt:
    Halt da! Halbpart! Dies ganze alte Wesen ist mein Eigenthum und Ihr knnt
zufrieden sein, wenn ich mich mit der Hlfte noch gar begnge!
    Das ist eine Allegorie! rief Pauline. Wie wre diese Einrede mglich?
    Keine Allegorie! sagte Schlurck, zog seine goldne Dose und nahm eine Prise;
ich habe fast Ursache zu vermuthen, da dieser Rival, der sich so zu sagen
zwischen Frst und Volk, alte und neue Zeit drngt ... der Prinz Egon ist.
    Wie? rief Pauline und erhob sich. Prinz Egon? Wie kmen die Hohenbergs zu
solchen Ansprchen?
    Das ist es eben, sagte Schlurck, was ich erfahren, von Ihnen erfahren
mchte, gndige Frau. Sie sind, Ihre Amarantha beweist es, mit der Geschichte
der Hohenbergs sehr vertraut. Sie waren einst die Freundin der Frstin Amanda.
Ist von Seiten der Grafen von Bury ein Zusammenhang mit dem alten Tempelhause
von Angerode und einem alten Johanniter Hugo von Wildungen denkbar? Was die
Hohenbergs selbst anlangt, so kenn' ich deren Geschichte genau und kann
versichern, da ich von dieser Seite nicht begreifen knnte, wie sich Prinz Egon
an diesem Processe betheiligen sollte.
    Prinz, Egon? Haben Sie denn dafr Beweise? fragte Pauline.
    Beweise? wiederholte Schlurck. Ich habe vorlufig nur einen Verdacht und ein
eigenthmliches Corpus delicti, das sich an meine letzte Anwesenheit in
Hohenberg knpft ... Ist Ihr Herr Gemahl zurck?
    Seit gestern! Aber reden Sie doch! Erzhlen Sie doch! Sie finden mich ja im
lebendigsten Antheil, Schlurck!
    Der Justizrath zog seine Uhr und hielt sie an's Ohr ....
    Wir haben etwas lange philosophirt! sagte er.
    Ich bitte! Bitte! Weg mit der Uhr!
    Es ist schon spt ... Ich habe ...
    Sie haben nichts, als mein Freund, mein liebenswrdiger Freund zu sein ....
    Ah, gndige Frau ....
    Kssen Sie mir ein andermal die Hand!
    Nun wohlan denn, so wollen wir uns beeilen, auf das Gebiet der Thatsachen zu
kommen.
    Die Geheimrthin hrte mit lautloser Spannung.

                                Drittes Capitel



                                  Ein Bndni

Ein junger Mann, begann Schlurck, der sich Wildungen nannte, erschien vor
einigen Tagen am Fue des Schlosses in Hohenberg, um dort einen Gegenstand zu
reclamiren, der nichts mehr und nichts weniger als ein Schrein, eine einfache
Kiste ist. Er gibt vor, da ein Fuhrmann, dem er diesen Schrein anvertraute, ihn
verlor. Und in der That bin ich es selbst, der durch Zufall diesen Schrein
gefunden hat. Ich lie ihn, um des Eigenthmers sicher zu werden, angezogen von
einem merkwrdigen Zeichen auf seinem Deckel, ffnen. Er enthlt die
beglaubigten Ansprche der Nachkommen einer Familie Wildungen auf gewisse, ihn
vom Johanniterorden vor Auflsung des alten Tempelhauses in Angerode, zuerkannte
Gter. Diese Gter sind alle die stdtischen Besitzungen, die sich jetzt in den
Hnden unsrer Commune befinden. Ein alter Comthur, Hugo von Wildungen, trat sie
nicht an, weil er katholisch blieb und die Plnderung der Verlassenschaft des
protestantisch gewordenen Ordens verabscheuen mute. Spter ertheilte ihm der
rmische Stuhl einen Dispens. Aus politischen Grnden, um katholische Interessen
mitten in protestantischen Landen gefrdert zu sehen, durfte er nun den Besitz
antreten. Er starb. Die Documente wurden nach Angerode geschickt. Whrend die
Stadt die Verwaltung der demnach der Familie Wildungen gehrenden Besitzungen
fr sich antrat, gingen die Documente im alten Tempelhause zu Angerode verloren.
Sie sind jetzt gefunden worden. Wo? Wie? Von Wem? wei ich nicht. Ich wei nur,
da Jemand irgendwo im Mondenschein vom Anblick des vierblttrigen Kreuzes so
berrascht wurde, da er ... Genug, die Documente ber die Ansprche der Familie
Wildungen sind da und wer sie besitzt, wer sie mit Eifer in Plessen, wo sie
verloren gingen, suchte, ist - sonderbar - Prinz Egon!
    Pauline hrte voll Aufmerksamkeit zu, schttelte den Kopf und meinte:
    Ich erfuhr schon, da Prinz Egon auf dem Heidekruge sich Wildungen nannte
....
    Dort sah ich ihn ja selbst!
    Sie selbst, Justizrath?
    Bei meiner neulichen Rckkehr von Hohenberg ...
    Wildungen! Wildungen! sagte die Geheimrthin nachdenklich und in ihrem
Gedchtnisse forschend ...
    Es gibt einen Maler dieses Namens, fuhr Schlurck fort, einen Maler, der
einen Bruder hat, Namens Dankmar Wildungen, einen jungen Referendar. Ich
schickte heute in aller Frhe, als mir mein Bartusch diese Dinge erzhlte, in
die Wohnung dieser jungen Leute. Man fand sie nicht.
    Ich schickte zu Prinz Egon. Er ist abwesend gewesen, gehtet gleichsam von
einem gewissen Louis Armand gestern Abends zurckgekommen, elend, krank und hat
sich sogleich abgeschlossen und zur Ruhe gelegt. Man vermuthet eine hartnckige
Unplichkeit, ... Meine Tochter darf kein Wort davon erfahren. Dies wunderliche
Mdchen hat einen frmlichen Roman mit dem Prinzen, falls er es war, gespielt,
ich glaube sogar, sie hat eine Leidenschaft fr den jungen Mann gefat, den ich
begierig bin, kennen zu lernen. Ist es der Prinz -
    Warum sollt' er es nicht sein? rief Pauline bitter. Eine Million wird grade
hinreichen seine Verhltnisse wieder herzustellen ...
    Sie berstrzen die Dinge, gndige Frau! Wenn Sie nicht wissen, da die
Burys mit dem alten Geschlecht der Wildungen verwandt sind, so kann von einem
solchen Gewinn nicht die Rede sein. Wr' es aber, welche wunderliche Stellung
dann fr mich, der ich die Sache der Commune vertheidige und mich doch auch zu
sehen - hm! hm! - zu sehen freuen mte, da die Schulden des alten Frsten dann
pltzlich getilgt sind ...! Ich will noch einmal in die Wohnung der Gebrder
Wildungen und hren, ob es wirklich ein echter oder erborgter Dankmar Wildungen
war, der mit den Meinigen reiste. Im letzteren Falle ist Prinz Egon Jemand
anderes gewesen ...
    Aber wer? fragte Pauline.
    Ein junger Handwerker, sagte Schlurck ruhig, der im Schlosse Hohenberg ein
gewisses Bild stehlen wollte ...
    Nein! sagte Pauline lebhaft, das ist nicht mglich ...
    Warum nicht, gndige Frau?
    Dieser Verdchtige sitzt bis auf weitre Ordre - wir haben schon mit dem
Obercommissr Pax Rcksprache genommen - er sitzt im Plessener Thurme ...
    Und?
    Und? Wenn der Prinz sich so compromittirte, da er sich eine in diesem Grade
schimpfliche Behandlung mute gefallen lassen, so konnte er Ihre werthe Familie
nicht begleiten, konnte nicht die Liebe Ihrer schnen Tochter - die ich nun
kennen lernen mu, Justizrath - gewinnen ... konnte auf dem Heidekruge nicht das
Bild ... doch genug! Es kann kein Prinz Egon im Hohenberg'schen Palais krank
liegen, wenn der echte die Folgen eines gewagten Incognitos im Plessener Thurme
bt.
    Sehr scharfsinnig! antwortete Schlurck, zog aber einen Brief aus der
Brusttasche hervor und sagte:
    In dem Falle thut mir nur Eines leid ...
    Sie stocken? Was?
    Frau von Zeisel, die mir ihr besonderes Vertrauen schenkt, schreibt mir
soeben und im grten Zorn auf meine Familie. Man htte sie und ihren Gatten
mishandelt, man htte vor Fremden ihr, einer Nutzholz-Dnkerke, ein Dementi
gegeben und was dergleichen Aufwallungen einer in einem kleinen Orte mit ihrem
Ehrgeize eingetrockneten, aber sonst ganz charmanten Dame mehr sind. Das
Wichtigste ist, da Herr von Zeisel, wahrscheinlich von dem Zorn seiner in einer
Einladung oder Nichteinladung gekrnkten Gattin ermuthigt, den Gefangenen aus
dem Thurme lngst entlassen hat.
    Pauline sprang auf.
    Ist Das mglich? rief sie.
    Bei Patrimonialrichtern, sagte Schlurck, ist Alles mglich.
    Emprend! Dieser Gefangene ...
    Dieser Gefangene wre ja durch nichts Erhebliches gravirt gewesen, schreibt
die liebe, etwas polternde, aber wie gesagt charmante Frau. Man htte sich in
Plessen nie lange mit fremdem Gesindel aufgehalten und wie sie denn dergleichen
sicherheitspolizeiliche, ganz stichhaltige Grnde mehr anfhrt, die jedoch wol
zunchst nichts, als eine Rache dafr zu sein scheinen, da auf dem Schlosse
pltzlich andre Menschen erschienen, die sie verdrngten. Herr von Zeisel greift
mit Freuden zu, wo ihm eine Gelegenheit geboten wird, mit den
Provinzialgerichten auer Berhrung zu bleiben. Also gndige Frau, dieser
Gefangene ist nicht mehr im Thurm.
    Pauline brach in die heftigsten Verwnschungen und Drohungen aus. Diese
Nichtachtung gegen einen so hohen Beamten wie ihren Gemahl, sagte sie, wrde dem
Justizdirector theuer zu stehen kommen!
    Schlurck suchte sie im Interesse der ihm sehr werthen Frau von Zeisel zu
beschwichtigen. Einem feinen Beobachter konnte kaum entgehen, da ihn auch
vorzugsweise wol nur diese Angelegenheit hergefhrt hatte. Offenbar bereute Herr
von Zeisel die schnelle bereilung eines Entschlusses, den er nur auf Antrieb
seiner Frau fate ...
    Pauline nannte nun den ganzen gegenwrtigen Staatszustand anarchisch und war
pltzlich wieder so ultrareactionr, da sie mit Spitzkugeln und Shrapnels dem
Universum drohte.
    Auffallend! sagte Schlurck, um die Geheimrthin nur auf andre Gedanken zu
lenken, auffallend bleibt es, da der Bilderdieb mit dem sogenannten Dankmar
Wildungen im Einverstndnisse war, denn jener berief sich auf diesen ...
    Ein Helfershelfer! Ich wut' es ja schon! Ein Chaos! Ein Chaos! Es soll
diesen Zeisels theuer zu stehen kommen! rief Pauline und zeigte nicht wenig
Lust, auch den Justizrath empfinden zu lassen, wie sehr sie sich durch seine
Vertheidigung anarchischer Zustnde verletzt fhle.
    Sie ging im Zimmer auf und ab, ignorirte den bei ihrer Aufregung so ruhig
bleibenden Besuch und htte ihm bald verchtlich den Rcken gewandt, wenn
Schlurck nicht ein Mittel zu finden wute, sie pltzlich zu zhmen.
    Andrerseits bin ich berrascht, fuhr er nmlich mit lauernder Miene fort,
wie der wahrscheinliche Prinz Egon soviel mit den Zecks verkehrte.
    Die Wirkung dieses Namens war erstaunlich. Pauline erblate. Krampfhaft
hielt sie sich an ihrem Schreibtisch fest und richtete starr ihre Augen auf den
spitzen Blick des Justizrathes, der fast gleichgltig und lchelnd, aber
tiefforschend hinzufgte:
    berall sah man ihn, auch bei der Ursula Marzahn im Walde!
    Worin der Stachel dieser neuen Erwhnung nun auch liegen mochte, ob Schlurck
auf Dinge anspielte, die er kannte oder nur erforschen wollte, Pauline war fast
einer Ohnmacht nahe. Ihre Lippen erblaten. Die Augen bergo ein eigner
verglaster Ausdruck starrer Abwesenheit. Das Weie trat schreckhaft blendend
hervor. Die Hand fuhr ber das Bandeau, ri die Schleife auf und warf es zur
Seite.
    Wie hei! sagte sie mit bebender Lippe.
    Schlurck meinte boshaft:
    Und in solcher Hitze trgt man im Sommer diese Verhllungen? Die Mode! Die
Mode! Aber, ich halte Sie auf! Ich habe versprochen, bei Lippi griechischen Wein
zu kosten. Ich sehne mich nicht nach dem griechischen Wein, aber nach Lippi's
khlem Keller. Sie haben hier wirklich sehr hei, Gndigste. Leben Sie nun wohl,
Excellenz!
    Damit stand Schlurck auf, um zu gehen.
    Aber Pauline rief:
    Wo wollen Sie denn hin? Bleiben Sie doch, Justizrath. Ich habe Sie jetzt
nthiger, als Sie glauben. Griechischen Wein ... ich fhre ihn leider nicht
selbst ... aber ein Glas Capwein, Justizrath?
    Gndige Frau, ich danke ... was befehlen Sie noch?
    Keinen Befehl, Schlurck! Nur Freundschaft und Theilnahme fr ein
unglckliches Geschpf, das Vertrauen zu Ihrem Herzen hat und es selbst zu dem
ihrigen verdient.
    Excellenz -
    Ich beschwre Sie, lassen Sie doch die Frmlichkeiten! Ich verachte ja diese
Formen, ich sehe in ihnen das Flchtigste, das Erbrmlichste von der Welt! Ich
fhle Gott sei Dank! mehr innern Werth in mir, als da ich mich durch einen
uern untersttzen mte. Ach! Ich bin von einer Gefahr umgeben, Schlurck, die
ich mir vielleicht zu lebhaft ausmale! Aber gegen seine Phantasie kann Niemand
etwas. Die hngt vom Blute ab und ich wei nicht, wie ich es machen soll, da
mein Auge nicht zu schwarz sieht -
    Ein Arzt macht Das, sagte Schlurck. Cremortartari wird auch mein armer
Zeisel nehmen mssen, wenn der Intendant von ihm den Gefangenen heraushaben will
und den guten Mann in Teufels Kche bringt.
    Wo denken Sie hin, Schlurck! Wenn ich wei, da Sie durchaus diesen Vorfall
vergessen mchten ...
    Gndigste, Sie knnten die Gte haben, den Geheimrath zu bestimmen, den
Zornausbruch einer gebornen Nutzholz - Dnkerke ...
    Ach, scherzen Sie nicht! Schlurck! Das Vergessen! Das Vergessen!
    Wenn es nicht mehr ist als diese Angelegenheit!
    Meinen innigsten Dank!
    Pauline nahm Platz und fuhr in leidender Aufregung, indem sie den Justizrath
zum Bleiben nthigte, fort:
    Schlurck, ich hatte ein bewegtes Leben, aber ich sehne mich nach Ruhe. Ich
mag die alten Aufregungen nicht mehr, ich habe den Muth nicht mehr, gegen das
allgemein Gltige zu trotzen. Ich will mein Leben abschlieen, irgend noch einem
guten vernnftigen Gedanken nachleben und vom Vergangnen mich lossagen. Aber ich
will mich auch ganz lossagen. Ich will keine Erinnerungen in mir und in Andern
und durch Andere noch weniger. Sie kennen die Macht der Antecedentien.
    Ja, ja, beste Freundin! sagte Schlurck lchelnd ber die pltzliche Zhmung
der wilden Frau; warum sollt' ich die Antecedentien nicht kennen! Sie sind ja
nchst der Cholera die verdammteste Krankheit der Zeit und eine ganz unheilbare!
Wir sind die Censur der Schriften los, haben aber dafr die Censur der Sitten
bekommen. Mit der Prefreiheit, die vielleicht ein gesunder Zustand sein kann,
ist die Krankheit der Antecedentien gekommen. Und wenn Sie wissen wollen, warum
ich mich nicht whlen lassen mag, so ist es auch die Scheu vor einer
allzufrechen Analyse meiner Persnlichkeit. Ich bin mir leidlicher Soliditt
bewut ....
    Aber Sie haben gelebt!
    Gelebt! O das ist viel gesagt. Alles, Alles, Frau von Harder!
    Ja! Leben! Gelebt haben, Schlurck! Geschleudert gewesen sein hin und her,
heute von einem Wahn, morgen von einer Leidenschaft, geschleudert nicht immer
durch das Schicksal, das uns unverschuldet traf, sondern auch durch das, was wir
uns selber zugezogen und bitter bereuen. Wer kann dafr, da man fast fnfzig
Jahre zhlt!
    Gndige Frau!
    Ja Schlurck, fast fnfzig Jahre! Ich besitze den Heroismus der Wahrheiten,
die unleugbar sind.
    O Sie sind ein Engel! meinte Schlurck und lchelte im Stillen, da er wute,
da Frau von Harder htte sagen mssen: Fast sechszig Jahre! Ja, ja, die
Antecedentien! fuhr er fort. Da setzen sich Grnschnbel hin, die nichts
erlebten, nichts erleben konnten, weil sie jung, oder wenn alt, zu dumm waren
und analysiren Lebenslufe! Nein, ich gestehe Ihnen, um diesen Preis wnsch' ich
mir die alten Conduitenlisten der Behrden zurck. Die waren doch geheim, selbst
die Register der Inquisition, in denen wir Beide vielleicht aufgezeichnet
stehen, wir wissen's selbst nicht, selbst die sind mir nicht so zuwider, wie
dies ffentliche Gerichtsverfahren ber Menschen, die - gelebt haben!
    Ah, das war eine bereinstimmung! Es fehlte nicht viel, da Pauline den
Justizrath umarmt htte ....
    Erkennen Sie daraus meine Verlegenheit, sagte sie nach einer freudigen
Pause. Amanda von Hohenberg war meine Feindin. Ja! Hren Sie! Ich sage Alles!
Sie hat Denkwrdigkeiten hinterlassen, in denen, wie sie mir selbst einst
schrieb, Gott richten wrde. Fr diese fanatische Person war Gott so sichtbar
schon auf Erden, da ich gewrtigen kann, eine groe Strung meiner Ruhe zu
erleben, wenn diese Denkwrdigkeiten in unberufene Hnde kommen. Zwei Jahre sind
vorber. Die Memoiren sind nicht da, sie erschienen nicht. Bei Ihnen wurden sie
nicht deponirt, bei Niemandem und dennoch sollen sie vorhanden sein. Alle Welt
erwartet sie. Die wahnwitzige Trompetta hat den Hof darauf schon vorbereitet.
Jedermann ist gespannt. Sie finden sich aber nicht. Ich wei es, Egon soll sie
verffentlichen. Egon sollte die Einrichtung ihrer Zimmer so treffen, wie sie
sie sterbend verlassen hatte. Das Bild! war ihr letztes Wort. Alles ist nun, was
sie schrieb, theils verbrannt, theils unter meinem Verschlu. Alles ist da, nur
ein Bild nicht, ein Bild, das man in Hohenberg hat stehlen wollen. Alles ist da,
nur die Memoiren sind es nicht und dies Bild. Dies Bild also enthlt die
Memoiren. Auf dem Heidekrug ist es entwandt worden. Entweder mit Wissen oder
gegen Wissen meines Mannes. Darber werden wir von ihm selbst bald Aufklrung
haben, aber denken Sie sich, wenn Egon diese Denkwrdigkeiten drucken liee!
    Hm! hm! rusperte sich Schlurck. Wenn ich mir's genauer berlege ... das
Geplauder einer alten Rivalin, die sich von der Welt zurckzog, weil sie
vielleicht keine Verehrer mehr fand ... kann das schaden? Was machen Sie sich
aus solchen kleinen Nadelstichen? Verbrechen werden Sie gegen keinen andern Gott
begangen haben, als gegen den kleinen Gott der Liebe ... ber die Streiche
dieses Kindes lacht man.
    Pauline schwieg und sah Schlurck von der Seite mit groem Mistrauen an,
gleichsam um heimlich auszusphen, ob dies seine wahre Meinung wre. Als er die
Brille wieder aufgesetzt hatte, sagte sie:
    Nein! Auch lachen soll man nicht mehr ber mich. Ich leide in der
Gesellschaft noch zu sehr daran, da man ber Nadasdi lachte. Ein Buch von mir
und ein Buch ber mich ist ein groer Unterschied.
    Die Bilder der Familie, meine gndigste Freundin, fuhr Schlurck ruhig fort,
die Bilder der Familie Hohenberg sollen an den Prinzen Egon zurck. Sie stehen
genau in dem Inventarium verzeichnet, das beim Verkaufe des Mobiliars
angefertigt wurde. Ich werde sie vom Geheimrath alle in Anspruch nehmen mssen.
Meinen Sie vielleicht ein Bild im Medaillonformat, das Pastellportrait der
weiland jungen Frstin?
    Suchen Sie es! sagte Pauline. Dies gerade wird fehlen ....
    Schlurck blickte nieder und spielte mit dem leichten Stckchen, das er in
der Hand trug. Er legte den Perlmutterknopf des Stockes bald an die Lippen, bald
klopfte er damit auf die Flche der linken Hand.
    Pauline fhlte sich gefoltert.
    Sie wissen etwas von dem Bilde -Justizrath? sagte sie.
    Und wenn ich etwas davon wte? Das Bild ist mein! Es gehrt dem Prinzen
Egon!
    Und Sie wren im Stande, es ihm auszuliefern ... auszuliefern, ehe man es
untersuchte? Wenn es eine Kapsel enthielte, unter der die Denkwrdigkeiten
verborgen wren ... Schlurck, wrden Sie ihm diese ausliefern? Wrden Sie ruhig
mit ansehen, da mein Ruf, meine Ehre, in die Hnde meiner Feinde kme?
    Hm! hm! sagte Schlurck, schwieg dann, wiegte das Stckchen hin und her und
schien zu berlegen, wie er diese Chancen der Aufrichtigkeit einer gefhrlichen
und einflureichen Frau mit seinem Vortheil vereinigen sollte. Er ging von dem
Grundsatz aus: Gegen schlimme Menschen mu man selber schlimm sein.
    Auch Sie sind mein Feind, rief Pauline und sprang bebend vor innerer
Erregung auf; ich sehe es, auch Sie!
    Nach einer Weile warf sie sich in einen andern Sessel und bedeckte das
Antlitz mit beiden Hnden.
    Schlurck stand auf und zog seine Handschuhe wieder an, als rstete er sich
zum Gehen ...
    Wir klagen, sagte er, und jammern ber ein Bild! Htten wir es nur erst!
Wissen Sie, wo ich es vermuthe?
    Wo?
    In den Hnden meiner Tochter.
    Schlurck?
    In den Hnden meiner Tochter.
    Sie scherzen ....
    Lassen Sie mich diese Vermuthung, die sich auf allerhand Plaudereien
Bartusch's, die ich fast berhrte, grndete, genauer untersuchen. Ich hoffe,
mich so zu benehmen, da ich Ihnen nicht misfallen werde.
    Pauline richtete noch einmal erstaunt den Kopf auf und fragte nochmals:
    In den Hnden Ihrer Tochter?
    Sie wissen doch, sagte Schlurck, da ich eine Tochter habe, die ich Melanie
nannte, weil mir der Tonfall dieses Namens Das auszudrcken schien, was sie Gott
sei Dank!
    zu meiner Freude wirklich geworden ist. Sie schwebt vorurtheilsfrei ber die
Erde hin und hat dazu von den Gttern die entsprechenden leichten Schwingen
bekommen. Ich glaube, da sie einmal der Sonne zu nahe kommen und sich elend
verbrennen kann; aber wenn sie strzt, wird sie nicht auf's Gemeine fallen. Ich
liebe sie doppelt, einmal, weil sie mein Kind ist und zweitens, weil sie
Verstand hat.
    Sie liebt den Prinzen Egon.. Sie wird die Frstin von Hohenberg! sagte
Pauline.
    Ich bitte Sie, rief Schlurck, dann nehm' ich mein Wort zurck und erklre,
da sie keinen Verstand hat - Was glauben Sie? Ich wiederhole nur, was mir
Bartusch, mein alter Maulwurf und Sprer, heute frh zugetragen hat. Da mich
weit mehr der groe Proce und die Administration beschftigte, als all diese
kleine Romantik; da ich ferner jeden Augenblick zum Prinzen gehen wollte, um
ber alles Zuknftige klar zu sehen, so hrt' ich nur halb und halb auf dies
Tuscheln und Flstern und merkte nur obenhin, da der Alte von meiner Melanie
viel Krauses und Buntes erzhlte. Sie hat viel unterwegs gelacht und, wenn ich
aufrichtig sein soll, gestern ber Niemanden mehr -
    ber Niemanden mehr- wiederholte Pauline gespannt. Schon wollte sie sagen:
Als ber meinen Mann? doch sie besann sich ... der Gedanke des im Mbelwagen
eingesperrten Intendanten war ihr denn doch zu demthigend ... Sie wiederholte:
    Als ber wen?
    Nun nannte Schlurck, mit einem wohlangebrachten Handku, in aller
Delikatesse und mit viel Schelmerei wirklich den Geheimrath ...
    Die Gewiheit, da nun also doch Henning von Harder der Dpe irgend einer
von weiblicher Hand im Interesse des Prinzen geleiteten Intrigue gewesen war,
lag klar vor den Augen der klugen Frau. So wie sich weibliche Schnheit und
Liebenswrdigkeit in die Verknpfung der ihr so rthselhaften einzelnen
Thatsachen mischte, ging sie nicht mehr irr, denn da hatte sie einen sicher
leitenden Faden. Vom weiblichen Herzen wissen Frauen immer wohin es zielt und
wofr allein es schlgt und wofr allein es etwas wagt. Ebenso klar war ihr aber
auch, da sie sich auf Schlurck jetzt nur noch halb verlassen konnte. Zu blind
hatte sich ihr seine Liebe fr das einzige Kind zu erkennen gegeben. Prinz Egon
und Melanie im Bunde waren, das sah sie, unberwindlich ... Und da in demselben
Augenblicke die Ludmer schon mit einem zartduftenden Antworts - Briefchen von
der d'Azimont kam, worin diese schrieb: Das erste Wort der Freundschaft, das
mich hier begrt, kommt von Ihnen, Pauline! Von Ihnen! Edles Herz (noble coeur,
der Brief war franzsisch), Edles Herz, ich kann nicht um Eins kommen, aber um
Sechs ... heut Abend um Sechs umarm' ich Sie - als Pauline diese Zeilen gelesen
und von der Ludmer noch leise vernommen hatte, da all' ihr erneutes Suchen nach
dem Bilde vergebens gewesen wre, entwarf sich ihr in solchen Dingen rasch
erfindender Geist einen andern Plan, der so lautete:
    Mgen Egon und die d'Azimont stehen, wie sie wollen, so gro sind noch ihre
Ansprche an diesen jungen Mann, da eine brgerliche kleine Kokette nicht wagen
wird zu ihm aufzublicken, sieht sie erst die vielbewunderte junge Frau, der nach
allgemeiner bereinkunft in der Gesellschaft der wahre Besitz dieser von Melanie
gemachten flchtigen Landstraen - Eroberung gehrt ....
    Sie hoffte die d'Azimont noch nach sechs Uhr festzuhalten bis zum Thee,
durch sie auf Egon zu wirken, durch sie den Bund zwischen Melanie und Egon zu
sprengen. Als einzigen und ausdrcklichen Beweis der Freundschaft verlangte sie
jetzt vom Justizrathe nur noch, da er heut' Abend zur nhern Besprechung dieser
Angelegenheiten vor dem Thee wiederkme und zugleich endlich seine bewunderte
Tochter Melanie ihr auffhre.
    Ich mu den schnen Bsewicht kennen lernen, sagte sie verschmitzt, den
Engel, der es gewagt hat, die alten schlummernden Empfindungen des Geheimraths
in Aufruhr zu bringen. Ist hier ein komischer Roman im Gange, so soll er unter
meinen Augen fortgespielt werden. Ich bin eiferschtig, ich will Melanie sehen.
Verlass' ich mich darauf, da sie kommt?
    Schlurck erwiderte, er wolle versuchen, seine Tochter zu berreden.
    Nichts berreden! Sie befehlen! sagte Pauline.
    Befehlen? sagte Schlurck und griff verlegen nach seiner Percke. Nun ja ...
wir wollen befehlen.
    Und wenn das Bild noch zu retten und nicht in Egon's Hnden ist, sagte
Pauline, indem sie dem Justizrath lchelnd die Hand hinhielt, wer erhlt es?
    Der Prinz das Bild, sagte Schlurck; etwaige Contrebande -
    Die Denkwrdigkeiten seiner Mutter? ...
    Die ... jetzt wurde Schlurck schelmisch ... die trag' ich zum Buchhndler
und lasse sie als zweiten Theil des Nadasdi drucken.
    Mit dieser humoristischen Wendung wollte er zur Thr
    Nein! Nein! So entkommen Sie mir nicht! sagte Pauline in wirklicher Angst.
Ein klares Wort, keine Galanterie! Kein Humor! Ich bin berhaupt keine Frau fr
den Humor ....
    Haben wir nur erst das Bild! sagte Schlurck drngend.
    Justizrath, knnen Sie mich auf dieser Folter zurcklassen -?
    Ludmer, setzte sie rasch hinzu, nimm ihm Hut und Stock ab!
    Nein, nein, sagte Schlurck fast sich flchtend, ich mu zu Lippi und
griechischen Wein kosten und nachher noch einmal zu den Wildungens, dann zum
Prinzen, wohin ich einen gewissen Ackermann bestellt habe, der sich zur Pachtung
seiner Gter meldete. Auch die Krankheit der jungen Durchlaucht bekmmert mich
... Er ist denn doch der Sohn des alten Frsten, dem ich soviel Beweise ...
    Und kein Wort der Beruhigung, der Theilnahme, des Dankes fr mein Vertrauen?
unterbrach Pauline mit allem Aufwand von Liebreiz, dessen ihr Auge und ihre
Mundwinkel noch fhig waren.
    Schlurck kte ihr wiederholt die magere Hand und sagte:
    Bezaubern Sie mich nicht! Ich bin im Geiste noch nicht so alt wie im
Kirchenbuch steht!
    Ah! Frau von Zeisel sollte nur hier sein! Die sollte nur ihre Bitten mit den
meinigen vereinen und gewi, wir wrden das harte Herz schon erweichen -
    Es war viel Anmuth in diesen Worten der Geheimrthin.
    Schlimme Frau, was sprechen Sie? lchelte Schlurck. In der That, man wei
nicht, soll man Sie frchten oder lieben? Ich will Sie lieben, Frau
Geheimrthin! Verlassen Sie sich auf meinen Verstand und beten Sie zu irgend
einem der Gtter, zu dem Sie das meiste Vertrauen haben, da es noch Zeit sein
mge, bsen und albernen Dingen der Art, wie Sie sie frchten und wie ich sie
selbst niemals habe leiden mgen, mit Klugheit vorzubeugen. Ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort. Mein Instinct spricht fr Ihre Interessen! Heilig und gewi! Auf
Wiedersehen, vielleicht heut' Abend ...
    Damit ging Schlurck ...
    Nein, ganz gewi! rief ihm Pauline noch nach, blieb dann eine Weile, um die
beengte Brust durch einen tiefen Athemzug zu lsen, stehen, erwiderte nichts
mehr auf die besorgten, fragenden Blicke der Ludmer und winkte nur, die halb
tonlosen Worte ausstoend:
    Er ist fort ... Auf alle Flle macht man jetzt Toilette!
    Damit hob sie den Vorhang ihres Schlafcabinets und schritt aus dem gelben
Boudoir durch den Alkoven in das grne und von diesem in ihr Toiletten- und
Garderobe - zimmer.
    Die Ludmer war gleichfalls verstimmt ...
    Ihre Nichte hatte ihr ein altes Bettelweib geschickt, um wieder von ihr eine
Untersttzung zu begehren ...
    Sie hatte zwar drauen nur die einfachen Worte gesagt:
    Ich kenne keine Auguste Ludmer, die sich meine Nichte nennt! ...
    Sie hatte die Thr dem Bettelweib von der Nase zugeworfen, aber es alterirte
sie doch. Sie mute etwas Melissengeist auf Zucker nehmen, um sich von denselben
Aufregungen zu erholen, von denen Pauline von Harder sich nur ein wenig durch
die Wahl der Toilette erholte, die sie eben machen wollte ....
    Als die Ludmer in das Garderobezimmer, wo ihre Herrin und Freundin noch
whlte, nachkam, sagte diese nur die einzigen Worte:
    Da hast Recht, Charlotte! Vor diesem Schlurck hab' ich heute zum ersten Male
ein Grauen empfunden. Es ist mir, als htt' er ber uns Leben und Tod in seiner
Hand.
    Und das Bild? fragte die Alte.
    Hat seine Tochter Melanie durch irgend eine Schlauheit, im Einverstndni
mit Egon, meinem Mann abgelistet ...
    Diese Kokette! Wie war Das mglich?
    .... Das Heranrollen eines Wagens vor dem offnen Thore des Hauses, die
sichere Anfahrt und die Art der ffnung des Schlages - man hrte das auf's
Deutlichste -verrieth, da der Geheimrath angekommen war.
    Die Bedienten klopften leise an die Garderobe und berichteten:
    Excellenz? Excellenz!
    Etwas langsam und bedchtig schallten die Futritte, mit denen der zum
Beichten beschiedene alte Herr in den ersten Stock aufstieg, den er bewohnte ...
    Wir werden ja hren! sagte Pauline ruhiger und entschied sich heute aus
Rcksicht auf die zwei schnsten weiblichen Wesen, die man sich nebeneinander
denken konnte, Melanie Schlurck und Helene d'Azimont, fr einen Stoff von
Silbergrau, auf den Abend aber fr ein Costm, das sie seiner malerischen
Einfachheit und eines gewissen orientalischen Turbans wegen immer das biblische
nannte.
    Wir werden Gelegenheit haben, diese von Heinrichson ihr entworfene Toilette
spter genauer zu berichten ...
    Von Schlurck aber, den wir zum ersten Male in seinem geschftlichen Tone
kennen lernten, mssen wir gestehen, da er nicht ganz derselbe war, wie wir ihn
beim Kredenzen von Jaquesson und Geldermann - Deutz kennen lernten. Vielleicht
findet er bei dem Italiener Lippi wieder den gewohnten Gleichmuth seiner
Stimmung und strkt sich zu den Geschften, die ihn in das Hotel des Prinzen
Egon rufen, von denen das ber Ackermann angedeutete ebensosehr unsere Neugier
spannen wird, wie die endliche Aufklrung ber die Persnlichkeit der Prinzen
Egon, mit dem sich Schlurck, nach Allem, was er ber die Rckreise seiner
Familie von Hohenberg fast Unglaubliches vernommen hatte, jetzt auf die
leichteste Art zu verstndigen hoffen durfte.

                                Viertes Capitel



                               Die rettende Hand

Das groe Palais des verstorbenen Frsten Waldemar von Hohenberg lag im
lebhaftesten Theile der Residenz. Der Park und die Grten, die sich ihm
anschlossen, waren von hohen Mauern umgeben und konnten von entgegengesetzten
Huserreihen nicht beobachtet werden. Es standen theils die Bume des Parkes an
den Mauern so hoch, da sie die innern Parthieen verdeckten, theils lagen in
nchster Nhe nur freie Pltze. Das Hauptgebude selbst war alt und in jenem
geschweiften Commodenstil gebaut, der die architektonischen Verzierungen der
ausgeschweiften Krmmungen und Windungen wirklich nach der Form der menschlichen
Knochen bestimmte, wie Hogarth fr den Geschmack seiner Zeit in seiner barocken
sthetik ausfhrt. Die hohen Fenster waren mit jenen bekannten Knaufen und
Rundungen versehen, die in Sandstein den knchernen menschlichen Schlsselbeinen
und Gelenkpfannen nachgemeielt schienen. Dazwischen ein Helm oder der Kopf
eines sterbenden Kriegers oder ein Medusenhaupt. Im Einzelnen zergliedert
mochten diese Ausschmckungen der Portale, Fenster, Vorsprnge und Friese
schwerlich vor der Kritik einer geluterten Geschmackslehre Stand halten; allein
der Totaleffect, das Ensemble war auch hier, wie beim hohenberger Schlosse, der
einer gewissen Wrde und vornehmen Stattlichkeit. Auch dies Palais hatte zwei
jedoch nur sehr kurz vorgeschobene Seitenflgel mit verschlossenen hohen
Eingngen. Der grasbewachsene und etwas verwilderte Vorhof, der durch die Flgel
vor der langen Fronte gebildet wurde, war durch Ketten von der Strae
abgesondert. In der mittlern Thr war die groe Einfahrt eine Faade von sechs
dnnen Sulchen, von denen je drei dicht beieinander standen und in der Mitte
ein groes eisernes Becken zur Pechbeleuchtung bei feierlichen Gelegenheiten
einschlossen. Das Schwrzen der Sulen hatte man dabei nicht zu frchten, da das
ganze Gebude durch die allmlige Verwitterung des Sandsteins und die in der
Stadt neuerdings stark betriebene Steinkohlenfeuerung ein dunkelgraues Ansehen
hatte; nur die weien Vorhnge an den groen Fenstern der ersten Etage und im
Parterre einige Blumenstcke gaben ihm den Charakter einer gewissen
Wohnlichkeit.
    Hatte Frst Waldemar auch die uere Erscheinung seines Palais nach vorn so
gelassen, wie er es damals, als ihm vor etwa dreiig Jahren die groe Erbschaft
zufiel, von einem Seitenverwandten des regierenden Hauses erstand, so hatte er
doch im Innern und nach hinten zu auch uerlich bedeutende Verschnerungen im
neuern Stile angebracht. Auf eine harmonische Verbindung dieser Anbauten mit dem
Vorgebude war dabei nicht gesehen worden. Man stellte einen Pavillon dicht
hinter das Hauptgebude und verband ihn mit diesem nur durch einen bedeckten
Glasgang. Dicht an diesen Pavillon reihten sich, jedoch ohne Verbindung, die
Gewchshuser. Die eine Seite des von einer hohen Mauer eingefriedigten Gartens
war hell und freundlich, die andere der hohen Bume des kleinen Parkes wegen
etwas dster und bei heftigem Sturme, wenn die Gipfel schwankten und krachten,
gar unheimlich. Den Park hatte der alte Frst, dem die schne Natur sehr
gleichgltig war, vernachlssigt, und dem Garten wrde es ebenso gegangen sein,
wenn ihm sein Pavillon nicht sehr am Herzen gelegen htte, in dem er kleine
Diners und vertraute Soupers gab. Die Jalousieen dieses von ihm mit besonderer
Vorliebe gepflegten Gartenhauses waren zwar immer herabgelassen ... doch zeigte
er wol einmal seinen Gsten die Aussicht in's Freie, Grund genug, sie dem
Pavillon entsprechend zu erhalten. Denn wir knnen annehmen, da dieser eine
ebenso reiche Einrichtung enthielt wie die groen Gemcher des Hauptgebudes.
    Sogleich, wenn man das Innere des Portals betreten und links an der Loge des
Portiers, rechts an der Wohnung des Hauptverwalters des Schlosses und sozusagen
Haushofmeisters, Herrn Wandstabler, vorber war, verwandelte sich der ganze Stil
des Hauses. Der Treppenaufgang entsprach vielleicht noch dem Charakter des
ursprnglichen Baues. Es waren zwei Aufgnge, die links oder rechts zu demselben
Ziele fhrten. Aber die kostbaren Teppiche, ber die man schritt, die
Marmorstatuen, die auf dem Absatz der Treppen aufgestellt waren, die Form der
das Gitter unterbrechenden Karyatiden, die ber den Huptern groe vergoldete
Laternen trugen, die Frescomalerei der Decke und die getfelten Corridore, die
man, oben angelangt, rechts und links sich ausbreiten sah, alle diese
Verschnerungen gehrten der neuern Zeit an. Ebenso kostbar war die innere
Einrichtung. Die alterthmliche Form der groen Zimmer war ganz verschwunden
unter den Tapeten, Malereien und Stukkaturen im neuern Geschmack. Groe Gemlde
bedeckten die Wnde, Tische mit Marmorplatten und vergoldeten oder bronzirten
Fen von Bildhauerarbeit, Consolen mit Statuen aller mglichen Auffassungen der
Venus und Amor's und Psyche's, Gemlde, von denen viele ihrer allzusinnlichen
Sujets wegen mit grnen Vorhngen bedeckt waren, groe Kronenleuchter von
Krystall, Teppiche, kostbare Ofenschirme, Das waren die Liebhabereien des alten
Herrn, der hier ber fnfzehn Jahre allein hauste und diese Pracht sich bei
Denen, die er schalten und walten lie, blindlings bestellte, ohne Rcksicht auf
seine Mittel und ohne Rcksicht auf sein eigenes Verstndni. Es war ein wilder
Krieger, der gleichsam im Felde gute Beute gemacht hatte und ein Halsgeschmeide
fortgab, um, wie jener Kroat in Wallenstein's Lager, eine hbsche Mtze dafr zu
erhandeln oder der um ein Halsgeschmeide, das gerade so und nicht anders sein
sollte, soviel ausgab, als drei, viel werthvollere gekostet htten. Was er
irgend sah, mute er kaufen. Er glaubte, sein Stand brchte Das mit sich und
gerade, weil seine Frstenschaft neu war, that er Alles, um an Glanz zu
ersetzen, was ihr an Alter fehlte. In's Gelag hinein bestellte er bei Knstlern,
die er bei Hofe hatte rhmen hren, Arbeiten, und wenn sie in seinen Slen
aufgestellt wurden zur Besichtigung der Kunstfreunde und der eleganten Welt, so
machte er in dem Falle, da schne Damen kamen, selbst die Honneurs und war
immer bei der Hand, Denen, die ihm besonders gefielen, Aufmerksamkeiten und
kostbare Andenken auf eine, oft nicht feine, aber keineswegs verletzende Art
aufzuzwingen. Ohne Bildung und geringen Verstandes, war er im hchsten Grade
gutmthig und gefllig. Dieser tapfre alte Herr brachte seine ganze mit Lorbeern
geschmckte Veteranenzeit damit zu, kleine Galanterien zu treiben, von Boudoir
zu Boudoir zu fahren, mit seiner Husarenuniform zu kokettiren und so lange des
Tages den Heros der Jugendlichkeit und des galanten Ritterthums zu spielen, bis
sich Abends wieder der alte Landsknecht in ihm regte und er dem Spiele, dem
Glase, ja zuletzt der Bowle verfiel.
    Frst Waldemar hatte eine Eigenschaft, die man eine positive Tugend nennen
mu. Er war sehr reinlich. Noch jetzt, drei Monate nach seinem Tode, entdeckte
man in seinem Palais berall die Spuren dieses einzigen Verschnerungsmittels,
das eigentlich unmittelbar aus ihm selber, seiner angeborenen Natur, kam. Das
war noch der alte Soldat, der die Sauberkeit und Propret, wie er's nannte,
ber Alles schtzte. Er wute vielleicht selbst nicht einmal, da er mit diesem
schnen Triebe der Reinlichkeit ein auerordentliches Verjngungsmittel besa
und dadurch in der That den Damen gefllig erscheinen konnte. Sein halbweier,
nie gefrbter Bart mute, wie er es nannte, appetitlich sein. Seine Wsche wurde
tglich gewechselt. In dem Seitengemache seines Pavillons hatte er ein Bad
eingerichtet, voll Eleganz und Geschmack und nicht blos zum Staat oder Amsement
seiner Freunde, die die hier aufgehngten indiscreten Bilder und umstehenden
kleinen Statuetten belachten, sondern zur wirklichen Strkung seiner einst gewi
sehr schn gewesenen Gestalt. Noch jetzt zeigten sich alle Spuren dieses Cultus
der Reinlichkeit. Fr ein so groes Haus, dem eine weibliche Herrin seit Jahren
fehlte, herrschte eine groe Sauberkeit. Der Staub war berall gekehrt. Alles,
was an Stoffen und Farben leicht von der Sonne litt, war verhangen, die
Zimmerteppiche wurden noch immer gelftet und nur sehr dnn war jene
Sonnenstaublinie, die sich in jedem halbgeschlossenen, von der Sonne
beschienenen Zimmer zeigt. Es war, als wenn noch immer des alten Frsten Geist
hier befehlend waltete, als wenn sich noch Alles beeiferte, seinen in diesem
Punkte unvershnlichen Zorn zu vermeiden.
    Die Dienerschaft des Hauses bestand noch jetzt aus einem Portier, drei
Bedienten, einem Koch, einem Kutscher, zwei Reitknechten und dem Kastellan oder
Haushofmeister, der, wie schon gesagt, Wandstabler hie. Das Eigenthmliche
aller dieser Menschen war, da sie, auer dem pariser Koch, smmtlich dem
Militairstande angehrt hatten. Es waren ehemalige Soldaten, blessirte, brave,
gutempfohlene Unteroffiziere, Sergeanten, Feuerwerker, je nach ihrer
Waffengattung. Wandstabler war bei denselben Husaren, deren Uniform der Frst am
liebsten trug, Wachtmeister gewesen und hatte ihm im Felde die treuesten Dienste
geleistet, ja sogar mit Aufopferung des eignen Lebens einmal das seine
beschtzt. Wandstabler war dadurch zum eigentlichen Chef der ganzen
Hausverwaltung des Frsten allmlig avancirt. Keineswegs durch sein groes
Rechnungstalent oder seine Ordnungsliebe oder seine nchterne Aufmerksamkeit im
Dienste, sondern lediglich durch die Erinnerung an die alten treuen Dienste und,
um es nur hinzuzufgen, noch einen Vorschub, den er in seiner eignen Familie
besa. Wandstabler hatte drei Tchter, die, von nicht unangenehmem uern, Eine
die Andere so in Jahren ablsten, da immer, wenn die Eine verblht war, die
Andre gleichsam an ihrem Stamme frisch aufscho. Die drei Demoiselles
Wandstabler spielten eine sehr einflureiche Rolle in der Lebensgeschichte des
alten Frsten Waldemar. Sie regierten das Haus und fast Alles, was dem Frsten
nach seiner berschuldung an eigner freier Disposition brig blieb. Die drei
Demoiselles Wandstabler waren jetzt sechsunddreiig, dreiig und vierundzwanzig
Jahre alt, hieen Florentine, Doris und Laura, wurden aber der Krze und
Harmonie wegen: Florette, Dorette und Lorette genannt, oder wie sie der Frst
nannte: die Flore, die Dore und die Lore. Darin waren sie fast eine einzige
Person, da ihnen die ganze ausbende Gewalt der Hohenberg'schen innern
Angelegenheiten gehrte. Wodurch sie diesen Einflu errangen, wodurch sie ihn
behaupteten, ist kein Geheimni. Der Frst hatte einen Kammerdiener vor der
Welt, aber keinen in seinem nhern Bedrfni. Er hatte nur Bediente, die die
uern grbern Arbeiten verrichteten. Man sagte aber, da eben die Demoiselles
Wandstabler beim alten Frsten die wahren Kammerdienerdienste verrichteten und
da er ohne sie nicht gehen, stehen, essen, trinken u.s.w. konnte. Jede
Handreichung von Morgens in der Frhe den Bdern und dem Frhstck an bis
Abends, wenn er von den Spiel- oder Trinkabenden heimkehrte, leisteten weibliche
Hnde unter oberer Leitung der Demoiselles Wandstabler.
    Der Frst ist dahingegangen ... Wir kennen das Folgende ... Sein Erbe
scheint eingezogen und wird jetzt als krank gemeldet, krank nach einem kurzen
Ausfluge, den er, man ahnte nur wohin, kurz nach seiner Ankunft aus Paris
gemacht hatte. Zitterten ber ein Dutzend Menschen fr ihre Zukunft, als der
alte Generalfeldmarschall die Augen schlo, erwarteten sie im bangen Vorgefhl,
was ihnen von einem als wunderlich und launenhaft bekannten jungen Manne
bevorstehen wrde, so mute ihnen jetzt, da dieser so pltzlich erkrankte,
vollends bange werden ber eine Zukunft, die der Frst beim besten Willen nicht
sichern konnte, da er keine Mittel dafr besa. Der alte Wandstabler verlor
gleich nach dem Tode des Frsten den schon immer schwachen Kopf. Vormittags nur
war er sonst gewohnt, ihn noch einigermaen zu gebrauchen, Nachmittags schlief
er und gegen Abend folgte er dem Beispiele seines Herrn und ergab sich allen nur
mglichen schlimmen gebrannten Geistern. Er war dick und schwammig, hatte eine
frchterliche Rthe im Gesicht und wichste sich seinen martialischen Schnurrbart
mit dem besten nur aufzutreibenden ungrischen Firni. Der Contrast dieser dicken
Figur und des schwammigen, schwarzbrtigen, weihaarigen Kopfes zu dem schwarzen
Frack und den kurzen, engen Beinkleidern und weien Strmpfen, die er tragen
mute, war sehr barock. Er sollte den Haushofmeister spielen und stand kaum auf
der Stufe des Portiers. Wenn ihn nicht seine drei Tchter gehalten htten, er
wrde sich in dieser noblen Stellung nicht haben behaupten knnen. Diese aber
dachten statt seiner, ordneten und regierten statt seiner und sowie er eine an
ihn gerichtete Frage nach einem brummischen Ruspern nicht beantworten konnte,
rief er eine seiner -oren oder -etten zu Hlfe, die Dore, die Flore oder die
Lorette und lie den Fall entscheiden ... sie waren alle auf dieselben Dinge
abgerichtet und leisteten in jedem das Mgliche.
    Seit drei Monaten war Wandstabler nicht aus der Rhrung herausgekommen.
Seine ohnehin sehr leicht thrnenden Augen flossen bei jeder noch so leisen
Berhrung an die gefhrlichen Fragezeichen seines knftigen Schicksals. Der
junge Prinz war ihm von frher nur ziemlich flchtig erinnerlich. Er ahnte, da
er von seinem Leben nicht vielen Vortheil haben wrde, wute aber auch, da er
nun heftig erkrankt war, da mit seinem Tode vollends jede Hoffnung schwand. Die
Tchter waren nicht minder erschrocken. Den jungen neuen Herrn hatten sie
eigentlich kaum noch gesehen, und Anfangs auch noch nicht recht frchten wollen.
Alle weiblichen Dienstboten des Hauses, die unter dem alten Frsten trotz ihrer
eignen groen Geltung doch immer jung und gefllig sein muten, waren zwar rasch
abgeschafft worden, aber.. Lorette, die Vierundzwanzigjhrige, hatte eine schne
Gestalt, eine gewisse Anmuth, ja sogar die Dreiigjhrige, Dorette Wandstabler,
konnte unter gewissen Umstnden sich zutrauen, wenn auch keinen Eindruck, doch
sich gefllig, angenehm, beliebt zu machen. Frauen frchten sich vor Mnnern
nie. Und so hofften Flore, Dore, Lore auch hier schon fertig zu werden.. nun
aber wurde der Prinz krank und die rzte machten die bedenklichsten Mienen.. Sie
sprachen vom Nervenfieber.. einer Krankheit mit so tckischen Mglichkeiten.
    In der schnen Wohnung, die Wandstabler im Parterre rechter Hand inne hatte,
saen Dorette und Lorette am Fenster auf einem Tritt und richteten ihr Auge bald
auf die Wgen zweier rzte, die vorm Hause standen, bald auf einen wrdigen
hohen, stattlichen Mann, der in Begleitung eines schnen Knaben auf einem Sopha
sa und mit ernster, fast trauriger Miene die Bilder an den Wnden musterte.
    Es waren dies Ackermann und Selmar.
    Sie hatten in der That bei Schlurck in aller Frhe einen Besuch gemacht,
waren von ihm in das Palais des Prinzen beschieden worden, wo er ihnen auf
Ackermann's berraschenden Antrag, die Hohenberg'schen smmtlichen Gter in
Pachtung zu nehmen, Bescheid geben wollte.
    Nun saen sie schon eine Stunde und harrten.. und erfuhren, da Prinz Egon
von einer Reise krank zurckgekehrt war..
    Die rzte waren am Lager des jungen Prinzen, sie erblickten berall traurige
Gesichter, Ackermann sprach nichts und Selmar konnte die Thrnen nur mit Mhe
unterdrcken.
    Zuweilen kam der Haushofmeister Wandstabler in's Zimmer, schttelte den
Kopf, sthnte und sprach die traurigen Worte:
    Es kann ihn Niemand sprechen! Niemand! Aber der Herr Justizrath vielleicht
... Der Herr Justizrath!
    Er ging dann an einen kleinen Wandschrank, ffnete ihn, klapperte mit
Schlsseln, die daselbst in aller Ordnung aufgehngt waren, benutzte aber auch
regelmig diese wahrscheinlich zu seinem Amte nicht gehrende stete Revision
der Schlssel, um aus einigen Flaschen, die neben den Schlsseln im Wandschranke
standen, sich eine kleine Herzstrkung zu holen. Wenn seine jngern Tchter nach
der ltern Schwester fragten, sagte er, sie wre oben und hre die Befehle der
rzte. Dann sah man einen Bedienten mit Recepten eilen.. ein andermal kamen
vornehme Lakaien von da und dort und erkundigten sich nach dem Befinden Sr.
Durchlaucht ... Es gewhrte einen schmerzlichen Anblick.
    Ackermann hatte die Mdchen gefragt, wann der Prinz von seiner Reise
zurckgekommen wre?
    Gestern Abend; hatte es geheien.
    Und Sie glauben, da er in Hohenberg war? hatte Ackermann gefragt und ein
kurzes Ja! war die Antwort der beiden etwas stolzen Damen gewesen, die sein
Anliegen nicht kannten und ihn nur hier duldeten, weil ihnen der Name Schlurck,
auf den er sich berief, nach Umstnden ein Gespenst des Schreckens war.
    Da bei allem Leide diese Frauen doch immer noch Zeit fanden, zu jedem
Vorbergehenden hinauszublicken und nach dem Kettengelnder hin ihre langen
Hlse auszustrecken, da sie berdies geputzter waren, als ihrem Stande zukam,
mifiel Ackermann genug und die zarte Hand seines in eine schmerzliche
Beklommenheit versunkenen Knaben ergreifend, sagte er zu den Mdchen:
    Wer wei, wann der Justizrath kommt! Erlauben Sie wol, da wir so lange in
den Park gehen, den wir am Palais bemerkt haben? Es wird uns wohlthun, dort an
der frischen Luft zu warten.
    Die Mdchen sahen sich an.
    Ist der Pavillon verschlossen? flsterte die Dore.
    Da hngt der Schlssel! sagte die Lore.
    Gehen Sie dann nur! antwortete kalt die ltere; wenn der Herr Justizrath
kommt, werden wir Sie rufen lassen.
    Selmar's Vater athmete frei auf, als er die beklemmende Atmosphre dieses
Zimmers hinter sich hatte. Es war gro und gerumig, auch khl gewesen und doch
lag etwas in dem Zimmer, was ihm die Luft verdickte ...
    Komm, mein Kind! sagte er drauen und fate Selmar's Arm, der sich an ihn
hing, und wie ein zrtliches Paar schritten sie ber die Einfahrt, den etwas
dstern Hof, dem Garten zu, wo sie unter den hohen Bumen aufathmeten und sich
gegenseitig das Herz auszuschtten begannen.
    Wer htte erwarten knnen, begann der Vater, da dieser junge krftige Mann
von den Anstrengungen seiner Reise so konnte darniedergeworfen werden! Es mssen
doch die Reichen und Vornehmen fr die Bequemlichkeiten, die ihnen das Leben
gewhrt, auch wieder viel ben.
    Sollte ihn nicht eher der Kummer ergriffen haben, sagte Selmar, da er sein
Eigenthum unter so betrbenden Verhltnissen antritt und fremde Menschen da
schalten und walten sieht, wo sein Herz gewi am liebsten verweilt, an der
Grabessttte seiner Mutter?
    Wenn er dir hnelte, Kind, sagte der Vater, gewi nicht! Du denkst an den
Ocean schon gar nicht mehr zurck und unsere Farm, unsere Rinder, unsere Lmmer,
unsere Wiesen und Pflanzungen mit der Trauerweide, die am See den kleinen Hgel
beschattet, hast du ganz vergessen!
    Ach! sagte der Knabe schmeichelnd, verstell dich nicht, Vater! Ich sehe
dir's an, da auch du nicht mehr daran denkst, nach Amerika zurckzukehren! Der
Geist der Mutter ist bei uns. Der lenkt und fhrt uns und hat uns auch nach
Hohenberg begleitet in den Wald, an die Mhle und das rauschende Berggewsser!
Wenn ich auch zurckkehren mchte.. ich sag's nicht.. deinetwegen.
    Meinetwegen? fragte der Vater mit sinnendem Ernst. Da irrst du!
    Ja deinetwegen, fuhr der Knabe fort. Wie bist du gerhrt von Allem, was du
hier wiedersiehst! Gesteh' es nur, du trugst das Land deiner Jugend im Herzen,
wie die heimwehkranke Mutter. Sie sprach nicht davon und du sprachst nicht
davon! Beide ertruget ihr die wechselseitig aufgelegte Pflicht, Beide entsagtet
ihr Dem, was Euch lieb war, mit schwerem Herzen. Und nun du hier bist, kannst du
dich nicht mehr losreien von diesen Husern und Pltzen, wo du schon einmal
gelebt hast und glcklich warst ....
    Glcklich? sagte der Vater ernst und wiederholte mit wehmthiger Erinnerung:
    O ja, recht glcklich!
    Und du wirst es wieder sein! sagte Selmar. Ich sah es dir an, gleich seit
wir in Hohenberg waren, das ich so lieb gewann, weil ich dich zum ersten male
wieder nach langer Zeit weinen sah. O Vater, wenn du so trben Ernst im Auge
hegst, wenn es dir so dunkel in den Hhlen sich schattet und sie bleiben trocken
und sie erquicken sich nicht mit dem Thau der Thrnen, ach dann mu ich statt
deiner weinen und mchte Gott bitten, er gbe dir meine eignen nassen Augen..
    Wo weint' ich denn bei Hohenberg? fragte der Vater, fast gleichgltig.
    Auf dem Kirchhofe, Vater, sagte Selmar. Wir hatten ja den hlichen Leuten
ihr Geld gezahlt, wir waren im Walde bei der alten Hexe gewesen, wollten nun
fort und konnten nicht mehr von dem jungen Freunde, den wir gefunden, Abschied
nehmen. Da gingen wir noch zum Lebewohl auf den Kirchhof und du lasest ber
einem Grabe: Kommt zu mir Alle, die ihr mhselig und beladen seid, ich will euch
erquicken! Und als du nachsahest, wer dort lag, weintest du ...
    Weint' ich? fragte Ackermann.
    Ja, Vater! Und so schwer trennt' ich mich von dem Grabe, rief Selmar, und
nun bist du jetzt berall ein Anderer. Du nimmst Theil, du bist bewegt, du
erzhlst, du erinnerst dich von der Stelle da in Plessen an hundert alte Dinge,
und wie du gar von dem Jger am Gelben Hirsch erfuhrst, unser lieber Freund
mchte wol mit dem Prinzen Egon verwandt, es vielleicht gar selber sein, wie du
im Heidekrug noch so spt aufstandest um ihn zu sprechen, und ganz verstrt und
doch beseligt wiederkamst, da du schnell abreisen mutest, um dich nur zu
sammeln und deine Freude zu beherrschen, da mu in dir so viel Glck und Lust
der alten Zeit aufgestanden sein, da du pltzlich wieder Liebe zu Deutschland
fatest und dich entschlossen hast, zu bleiben. Denn, da du an die Verwaltung
der Gter des Prinzen denkst, nur um meine Zukunft zu sichern und wenn diese
sich entschieden, mich verlassen und wieder meerwrts ziehen knntest, das
glaub' ich nicht, Vater!
    Nein, mein Kind, rief Ackermann mit berschwellendem Gefhl und drckte
Selmar's bewegte Brust an die seine; nein, wie wrd' ich dich je verlassen
knnen! Ich will bleiben. Ich bin es einem Gelbde deiner Mutter auf ihrem
Sterbebette schuldig, dich in die Verhltnisse sanft zurckzufhren, denen du
angehrst, und wenn ich dich dann verliere, wenn du dann nicht mehr mein bist
und eine neue Mutter findest ...
    Vater! rief Selmar, wie knnte das je geschehen? Wer kann meine wahre Mutter
gewesen sein, als Die, die dich liebte? Dir hat sie mich geboren, dir hat sie
mich gegeben fr ein ganzes Leben! Die Gromutter eine neue Mutter fr mich?
Nein! Willst du zurckkehren, ich folge dir! Um meinetwillen steh' von dem
Gedanken ab, den du in deiner Liebe jetzt ausfhren willst, dem, deine reichen
Erfahrungen und Kenntnisse hier in Europa zu bewhren. War ich es denn, Vater,
der dir den Gedanken einflte, am Fue von Hohenberg zu wohnen und Egon's
Eigenthum zu verwalten, dies schne Frstenthum vielleicht vor dem Untergange zu
retten?
    Nein, mein Kind, sagte Ackermann mit einer besondern Feierlichkeit; nein,
das kam aus eignem Herzen! Ich will versuchen, noch einmal in der Heimat Anker
zu werfen. Ich will dein und mein Wohl begrnden, indem ich mich entschliee,
einem Herrn zu dienen, der es vielleicht nicht verdient.
    Nicht verdient? sagte Selmar. Warum sollte es unser Freund nicht verdienen?
O, da er krank ist, da ich nicht an seinem Lager stehen und seine Wnsche
hren kann! Wie wollt' ich ihn pflegen, jeden Trunk mt' er aus meiner Hand
nehmen! Ich wre eiferschtig, wenn ihn ein Andrer mehr lieben sollte als ich!
    Kind! Kind! Was sprichst du? sagte der Vater.
    Ich sag' es nur, antwortete Selmar mit einem leisen Errthen ber das Feuer,
das ihn ergriffen hatte; ich sag' es nur, weil du meintest, er ... verdiene es
nicht.
    Er ist vornehm, sprach der Vater mit ernstem Tone, er ist vornehm und
leichtsinnig.
    Nennst du ihn leichtsinnig? war des Knaben verwunderte Frage.
    Ich kenn' ihn nicht mehr als du, sagte der Vater, aber seine Auffhrung
verdiente wenig Anerkennung. Statt sich genau nach Allem zu erkundigen, was etwa
noch fr die Rettung seines Eigenthums gethan werden knnte, streifte er um das
Schlo gedankenlos, besuchte die Schmiede, wo ihn der Eine nicht sehen, der
Andre nicht hren konnte, plauderte im Walde mit dem Jger ber Alles, nur nicht
ber Das, was ihm zu wissen nthig war. Auf dem Schlosse kann er kaum etwas
Andres gewollt haben, als eine leere Neugier befriedigen. Eine Kokette tndelte
mit ihm ...
    Wirklich, Vater?
    Die Tochter desselben Mannes, der an seinem Erbe nicht viel Redlichkeit
gezeigt haben mag, konnte ihn so bestricken, da er nur noch fr sie einen
Gedanken hatte -
    Nur fr sie? fragte Selmar traurig.
    O, diese leichtsinnigen Jnglinge, sprach Ackermann mit Nachdruck und
schrferer Betonung, als fr diese uerung natrlich schien; diese jungen
Mnner sind flatterhaft und jedem Winde preisgegeben! Ihr Gewissen gibt ihnen
keine Schwere, da sie Stand halten knnten. Dieser da war schon in Paris und
hat dort schwerlich in der Spreu das gute Korn gesucht, sondern eben nur die vom
Wind getriebene leichte Spreu und das Angenehme. Wir wnschen, da er von seiner
Krankheit genesen mge und ist er geheilt, ist er vom Lager wieder erstanden, so
will ich hoffen, da die Welt, in der er lebt und die uns verschlossen ist, ihn
nicht zu sehr verderbe!
    Selmar schwieg und verfiel in eine groe Traurigkeit. Nach einer Weile sagte
er:
    Warum aber konnte das schne Mdchen mit ihm tndeln, da sie doch nicht
seines Standes ist?
    Ackermann belehrte ihn mit sonderbarer, ernster Umstndlichkeit und
entgegnete:
    Der Leichtsinn, den die meisten Mnner fhlen, ist ja auch vielen Frauen
eigen. Dies Mdchen ist schn und sie glaubt, sie wird es immer sein. Deshalb
versumt sie, schon jetzt durch Tugend und Zucht edlere Schnheiten zu sammeln,
die sie ewig schmcken wrden.
    Warum warst du nur in jener Herberge so erregt ber sie? forschte Selmar
....
    Wann? fragte der Vater.
    Da, als du ihr noch in spter Nacht auf dem Gange begegnetest? Du schienst
ihr damals nicht zu zrnen.
    Ich war erstaunt, sagte Ackermann. In Begleitung des unheimlichen
rothhaarigen Menschen, der sich zu uns gesellte, kamen wir spt in der Nacht an,
du legtest dich zum Schlafe, der mich noch floh. War ich von dem strmenden
Regen fiebernd durchkltet oder bewegte mich zu lebhaft der Plan, in der Art
einer groen amerikanischen Niederlassung hier einen landwirthschaftlichen
Versuch nach meinem Geschmacke zu wagen, ich konnte nicht schlafen. Was sollt'
ich nun von einem Mdchen denken, das tief in der Nacht, whrend Alles in dem
groen Hause ruhte, im leichten bergewand ber den Corridor huscht und das
Zimmer eben ffnen will, wo ich wute, da Prinz Egon schlief .... Sie erschrak
so heftig, da sie entfloh .... Seit jenem Augenblicke wei ich, da der junge
Mann seine Neigungen zu leicht verschenkt und wrde Niemanden beneiden, der sich
rhmt sein Freund zu sein.
    Das kann dein Ernst nicht sein, Vater, sagte Selmar und schmiegte sich,
schalkhaft lchelnd und in sein groes, festes und sicheres Auge blickend, zu
ihm empor; wie wrdest du nur sonst so lebendig den Gedanken ergriffen haben,
des Prinzen Gter zu verwalten, ihn vielleicht vor dem drohenden Zusammensturz
seines Erbes zu bewahren, ihn zu schtzen vor schlimmen Haushaltern, die nur von
ihm rauben, nicht durch Untersttzung seines Erwerbes den ihrigen verdienen
wollen! Gestern, als wir noch einen Umweg einschlugen, um ein anderes Gut des
vornehmen Freundes anzusehen, wie hast du da geschwrmt fr den Gedanken, ihm
wieder das Leben zur Freude zu machen!
    Hab' ich geschwrmt, Herz? sagte der Vater fast scherzend. Geschwrmt!
Geschwrmt! ber Kartoffelbau nach unserer Art, Rben, lpflanzen, Dresch-,
Se-, Egge-Maschinen hab' ich geschwrmt! berall sah ich meinen neuen Pflug
durch die Erde gehen, sah, wie die Bauern ringsherum staunen werden, wenn ich
Taback baue von virginischem Samen, sah Felder mit Runkelrben beset und die
Schornsteine von Laboratorien rauchen, die aus solchem Material noch Werthe
erzeugen sollen, das man hier gewohnt ist als unntz wegzuwerfen. Das war meine
Schwrmerei. Nun wohl, ich schwrmte fr die Sache an sich. Da dieser Plan auch
den jungen Mann, dessen Krankheit hoffentlich Gott wenden wird, um ihm
Gelegenheit zu geben, noch sehr an Herzensgte und Sittenreinheit zuzunehmen,
mit betrifft, ist ein Zufall, der mir nicht viel sagen will. Jetzt aber genug
von ihm! Ich mchte ihn noch rger schelten, wr' er nicht krank.
    Selmar schwieg. Er hatte sich in seiner Vertheidigung erschpft. Das Letzte,
was er fr den vermeintlichen Prinzen noch anfhren konnte, seine bedenkliche
Erkrankung, hatte ja der Vater schon vorweggenommen. Er wute, da er diesen
erzrnen wrde, wenn er einen von ihm fr erledigt erklrten Gegenstand von
freien Stcken wieder aufnahm. Er sah zur Erde und schleuderte mit dem schwanken
Stckchen, das er in der Hand trug, hier und da einen kleinen Stein zur Seite
auf die Beete, die nicht gut gehalten waren .... Die Blumen wuchsen fast wild.
Die Hecken trugen Beeren, die berreif vertrockneten, weil sie nicht abgelesen
wurden. Die Bltter der verwelkten Rosen lagen zerstreut unter den grnen
stachlichten Stmmen. Niemand hatte die Rosen gebrochen, bis sie mit
auseinanderfallenden Blttern von selbst niederglitten. Tausende verwelkter
Bltenkapseln lagen auf den Wegen und mischten sich mit dem Kieselsand. Es war
hier weder die Hand der Liebe, noch die der Furcht sichtbar und Ackermann sagte
einige Male mit Recht:
    So sieht es aus, wo kein Herr ist!
    Einige Male trennten sich unsere harrenden Wanderer, die wol schon zehnmal
Park und Garten auf und ab durchmessen hatten. Den Vater fesselte dann ein Baum,
den Knaben eine Blume und dadurch geriethen sie zuweilen auseinander. Einmal
stand Selmar an dem Pavillon und betrachtete von allen Seiten das geheimnivolle
umfangreiche Gebude, dessen Fenster mit uern Jalousieen verdeckt waren. Es
waren Marquisen von schiebbaren Holzstben. An eins dieser Fenster trat Selmar
nher heran, hob den hlzernen Vorhang ein wenig in die Hhe, soda die Bretter
sich verschoben und einen Blick ins Innere erlaubten.
    Ha! Vater, wie schn! rief er pltzlich.
    Ackermann kam ruhig nher. Scheinbar ruhig .... Er war es vielleicht nicht.
Er sah wenigstens mit ngstlicher Spannung bald zur Gartenthr, bald zu den
Fenstern des Palais ... Die Krankheit jenes jungen Mannes, in dem er den Prinzen
Egon kennen gelernt zu haben glaubte, beschftigte ihn mehr, als er seinem Sohne
verrieth, dessen bergroe Freundschaft fr Egon er, wie wir wohl bemerkt haben
werden, absichtlich niederhalten wollte.
    Wie ihm Selmar, von dem Innern des Pavillons so berrascht, zurief, kam er
dem Fenster, wo Selmar lauschte, nher; aber kaum hatte er in der Meinung etwa
einen schnen Saal zu sehen, einen Blick durch die engen Bretter der Jalousieen
geworfen, als er sie voll Entrstung zuzog und seinen Unmuth ber Selmar
aussprach, den er jetzt neugierig, ja zudringlich nannte .... Es war das
Badezimmer des alten Frsten gewesen, das Selmar gesehen hatte, eine bunte,
magisch von oben herab beleuchtete Kammer mit Statuen und Gemlden in einem
Geschmacke, der das Auge der Sittlichkeit beleidigen mute .... Doch war Selmar
so unbefangen, da er nur an dem Gold und den Farben hing, nur die von einem
rothen Kuppelfenster angebrachte magische Dmmerung bewunderte und nicht
begreifen konnte, wie der Vater so zrnen und schelten konnte ...
    In diesem Augenblicke kam ein Bedienter und meldete mit leicht hingeworfener
verchtlicher Rede die Ankunft des Justizrathes:
    Er hat Sie ja wol bestellt? hie es.
    Gut, gut, mein Freund! sagte Ackermann. Wir kommen schon.
    Beide verlieen den Garten; Ackermann mit einem schmerzlichen Rckblick auf
den Pavillon, der ihm einen traurigen knstlerischen Irrthum, eine ansteckende
und gefhrliche Lebensansicht auszudrcken schien.

                                Fnftes Capitel



                                   Eine Scene

Ackermann und Selmar trafen den eben angekommenen Justizrath in dem untern
Zimmer, bei den Demoiselles Wandstabler. Verletzend genug fr Ackermann's Gefhl
war auch hier die berraschung, da sie beim Eintreten Schlurck in dem Versuch
einer flchtig scherzenden Umarmung der jngern, der Lorette, Lore oder Laura
Wandstabler antrafen ....
    Ackermann lie die Thr zu und blieb einstweilen drauen auf der Thorflur
stehen. Der Knabe war vor dem Anblick bewahrt geblieben ...
    Schlurck kam schmunzelnd, erhitzt, heraus und winkte, nach hflicher
Begrung, ihm ber die Treppe hinauf zu folgen. Er wrde versuchen, sagte er,
ob die rzte eine mndliche Unterredung zwischen Herrn Ackermann und dem Frsten
ber das von ihm gemachte dankenswerthe, den Wnschen aller Glubiger
entsprechende Anerbieten erlaubten.
    Ich habe nochmals, sagte Schlurck beim Hinaufsteigen mit prfender und den
Amerikaner scharf durchbohrender Miene, nochmals Ihre Offerten durchgelesen und
bin vollkommen berzeugt, da sie Sr. Durchlaucht genehm sein werden. Sie
stellen eine Caution von 10.000 Thalern und bernehmen die Pachtung smmtlicher
Gter des frstlichen Hauses Hohenberg. Sie zahlen jhrlich dreiigtausend
Thaler in die Masse, um damit theils die Zinsen der Schuld, theils das Capital
derselben allmlig zu tilgen und erbieten sich den Rest Ihrer Einnahme dem
Frsten zur Disposition zu stellen, nachdem Ihnen erstens die Verzinsung des
Capitals, das Sie selbst in die konomie stecken werden, gesichert ist und Sie
fr Ihre eigene Mhewaltung eine Summe von - wie viel war es? Tausend Thalern -
ergnzte Ackermann.
    Bester Freund, sagte Schlurck und blieb auf der Treppe, gerade an einer
Statue stehen. Lassen Sie uns erst aufrichtig reden! Tausend Thaler! Was ist
Das? Ich dachte heute frh, ich htte Sie misverstanden und nun wiederholen Sie
diese Bagatelle.
    berhaupt bin ich mit manchen Punkten noch nicht einverstanden, fuhr er
fort. Wie knnen Sie bei so geringer Einnahme bestehen? Sie opfern ja Ihr
Interesse dem eines Fremden! Sehen Sie hier! Das ist die Statue des Merkur. Ein
bedeutsames Wahrzeichen. Es mu Sie an Ihren Vortheil erinnern. Merkur war der
Gott des Handels ....
    Und der Diebe! sagte Ackermann scharf einfallend.
    Schlurck hob den Kopf, zog die Brille etwas in die Hhe und fixirte mit halb
unbewaffnetem Auge, mit dem er in der Nhe besser sah, diesen seltsamen Einfall.
    
    Ganz recht! sagte er und machte ein eigenthmliches Zeichen, das Ackermann
als Freimaurerzeichen erkannte, ohne es jedoch zu erwidern.
    Schlurck wollte sich ber diesen neuen Generalpchter orientiren, blieb
immer noch stehen und wiederholte seine Bemerkung:
    Aber - ob des Handels oder der Diebe, gleichviel ... Sie opfern ja Ihr
Interesse dem eines Fremden! Tausend Thaler!
    Das ist meine Sache, sagte Ackermann. Gengen Ihnen meine Zeugnisse, meine
Cautionsanerbietungen, meine Vorschlge fr die Creditoren, so hab' ich nur die
Absicht, mein Vermgen sicher anzulegen und im brigen durch diese Verwaltung
Gelegenheit zu haben, gewisse Grundstze der Landwirthschaft, die ich auch als
Kenner und Theoretiker treibe, praktisch anzuwenden. Die natrliche
Beschaffenheit dieser Gter kommt meinen Ideen entgegen. Die konomie auf ihnen
ist mehr vernachlssigt als irgendwo und doch sind es wieder meist dieselben
Fehler, die berall in Europa gemacht werden. Ich habe mir die Gelegenheit
angesehen, die ich an Ort und Stelle gnstig genug gefunden habe, etwas
Tchtiges zu schaffen und wenn ich fast fr gewi voraussehe, da Sr.
Durchlaucht noch zwanzigtausend Thaler reinen Gewinns brig behalten werden, so
knnen Sie schon getrost eine so vortheilhafte Anerbietung eingehen.
    Schlurck blieb, da man inzwischen weiter gegangen war, oben auf dem Corridor
stehen und lehnte sich an das Gitter der Treppe.
    Hm! hm! sagte er dehnend. Es ist aber doch nthig, da wir ganz im Reinen
sind, ehe wir den Versuch machen, die Meinung des Prinzen zu hren - Die
bisherige Verwaltung durch die im Dienste Sr. Durchlaucht Angestellten betrgt
etwa sechstausend Thaler. Sie war frher viel grer. Seit zwei Jahren hab' ich
sie auf das Nthigste reducirt. Dies Budget werden Sie ... wovon bestreiten?
    Von den Einknften des Bodens, aber auch von den Renten und Gefllen, die an
die Gutsherrschaft gezahlt werden.
    Bester Freund, sagte Schlurck, Renten, Geflle.. die sind meist aufgehoben
...
    So wurden sie abgekauft, sagte Ackermann. Dies Capital legt man an und
erzielt davon eine Rente, die um so angenehmer ist, als nun durch keine bse
Verstimmung mehr das Verhltni des Grundherrn zum Bauer getrbt wird ....
    Das Capital? sagte Schlurck lachend. Ja, guter Mann, Das, was die Bauern
schon eingezahlt haben, ging lngst in die Masse!
    O! das war hchst ungerecht, das war unverantwortlich! sagte Ackermann.
    Wie so? fragte Schlurck und rckte die Brille wieder empor.
    Das war unbillig, wiederholte Ackermann. Sie konnten dulden, da man so die
Rechte des Erben verkrzt? Die Laudemien waren eine jhrliche Rente. Von dieser
Rente, von diesen Zinsen durften die Glubiger nehmen.
    Die Ablsungssummen aber sind ein ganzes Capital, das an den Gtern haftet.
Sie konnten sozusagen eine Ernte verkaufen, aber nicht den ganzen Boden.
    Als Ackermann so laut und in den gewlbten Rumen widerhallend sprach,
ffnete man die Thr.
    Ein Frauenzimmer blickte heraus und schien eben in einen Strom von
Scheltworten sich ergehen zu wollen, als sie erschrocken den Justizrath erkannte
und ihrer Zunge augenblicklich Stillschweigen gebot.
    Wie geht es Sr. Durchlaucht? fragte der Justizrath ruhig und bei sich ber
den Wahrheitsfanatismus dieses imposanten Landwirthes lchelnd.
    Die Dame antwortete mit groer Unterwrfigkeit, da die rzte im Zimmer
wren, Niemanden zulieen und ihre Befehle nur dem franzsischen Bedienten
mittheilten, den Se. Durchlaucht aus Paris mitgebracht htten.
    Wir Alle stehen hier in schmerzlicher Erwartung, sagte sie mit gewhltem,
etwas geziertem Tone.
    Dabei ffnete sie die Thr und schien Schlurck einladen zu wollen, in den
Vorsaal einzutreten ...
    Es standen da einige fremde Bediente, andere saen. Der alte Wandstabler
ruhte auf einem Polstersessel und wischte sich die Thrnen, die auf seinen
grauen, heute nicht sehr gewichsten Schnurrbart rollten ... Es waren dies, da er
unten schon oft nach den Schlsseln gesehen hatte, Thrnen sehr zweideutigen
Ursprungs.
    Die Sprecherin war Demoiselle Florette Wandstabler, seine Tochter. Sie
erzhlte flsternd, da der Prinz drei Zimmer weiter lge, in der hochseligen
Durchlaucht Schlafgemchern ... da er im Fieber phantasire und nur auf
Augenblicke bei Besinnung wre ... Der Unglcksfall errege das allgemeinste
Interesse. Alle hohe und hchste Herrschaften schickten stndlich und lieen
Nachfrage halten ... Diese beiden Bediente dort gehrten der Grfin d'Azimont,
die jede halbe Stunde einen Rapport haben msse.. Diese schne
bewunderungswrdige Dame htte selbst an sein Lager fliehen wollen ... wre
schon auf diesem Vorsaale gewesen.. aber die dringendsten Befehle der rzte
htten gerade sie am meisten entfernt gehalten. Der franzsische Kammerdiener
Monsieur Louis htte sich ihr mit Entschlossenheit entgegen geworfen.. der wre
noch strenger, als die rzte.. und Sie kennen Sanittsrath Drommeldey! schlo
sie.
    Selmar, der alle diese Mittheilungen anhrte, fate krampfhaft die Hand
seines Vaters, dem sich eine Thrne ins Auge schlich ...
    Schlurck ersuchte jetzt Beide, in ein Seitenzimmer vom Entre links zu
treten und einen Augenblick zu verziehen.
    Ich sehe doch, sagte er mit scharfer und selbstzufriedener Betonung, da
diese Angelegenheit nicht so rasch wird erledigt werden knnen, wie ich gehofft
hatte ...
    Er zog halb die Thr zu und flsterte wieder mit Florette Wandstabler.
    Als Ackermann und Selmar allein waren, warf sich dieser an den Hals des
Vaters und weinte.
    Beruhige dich, mein Kind, sprach der Vater gerhrt.
    Unser Freund ist jung und von einer ungeschwchten Natur. Die gtige
Vorsehung wird ihn schtzen.
    Und siehst du nicht, fuhr er dann fort, da es Menschen genug hier gibt, die
auf seinen Zustand lauschen wie auf die Athemzge des geliebtesten Menschen? Er
ist in Sorgfalt und Pflege.
    Htt' er eine Schwester, sagte Selmar, einen Bruder! Htt' er eine Mutter,
einen so zrtlichen Vater, wie du! Wir knnten mit ruhigerem Herzen dies groe,
ngstliche Gebude verlassen. -
    Deswegen sei ohne Sorge! trstete ihn der Vater mit besonderem Nachdruck,
dieser feine, mehr schlaue als kluge Herr, der sich in meiner Person sehr zu
irren scheint, ist der Vater jenes schnen Mdchens, mit dem er in Hohenberg und
auf der Reise so leichtsinnig tndelte und die Grfin d'Azimont hrtest du doch,
eine vornehme und sehr gefeierte Dame aus Paris, diese nimmt vollends einen
Antheil an ihm wie an einem Bruder. Sie liebt ihn ja! So denk' ich, wird er von
zrtlicher Obhut nie verlassen sein ...
    Beklemmend war es fr Ackermann, da auch in diesem hchst elegant
eingerichteten Zimmer Vieles enthalten war, was er von Selmar nicht gesehen
wnschte ... Auf einem Sockel von grauem Marmor stand in einer Ecke eine Copie
der mediceischen Venus von Alabaster. Er konnte nicht hindern, da Selmar sein
Auge auf dies schne Kunstwerk richtete; ja htte er davon zu sprechen begonnen,
so wrde er jetzt auch ruhig geantwortet haben wie ber etwas Harmloses. Es that
ihm leid, da er sich vorhin im Garten von seinem Unwillen hatte fortreien
lassen und gerade das Arge erst vielleicht geweckt hatte dadurch, da er es
durch seine Entrstung als arg hinstellte.
    Nach einiger Zeit ngstlichen Wartens trat dann Schlurck leise und
schleichend wieder ein, nahm Platz und sagte mit verstimmter Miene:
    Der Prinz hat das Nervenfieber, eine Krankheit ebenso gefhrlich wie
langwierig. Man wird nichts abschlieen knnen, mein Bester ... Lassen wir dies
Geschft. Sie kommen aus Amerika? Darf ich ....?
    Ackermann, von gewaltiger Unruhe getrieben, lehnte die dargereichte Dose ab
und erwiderte:
    Gerade jetzt ist vielleicht noch der einzige gnstige Augenblick! Ein
langwieriges bel schiebt die Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinaus. Kommen
Sie, wir sprechen die rzte!
    Unmglich, sagte Schlurck und hielt Ackermann zurck. Wo denken Sie hin?
Auch bin ich selbst, aufrichtig gestanden, mit Ihren Vorschlgen nicht ganz
einverstanden. Sie bedingen sich nur Tausend Thaler eigenen Gewinnes. Ich finde
Das mindestens gesagt auffallend ... Welches Interesse knnen Sie haben, sich
solcher Mhe, so vielen Plagen zu unterziehen und dafr einen so geringen
Entgelt zu beanspruchen?
    Das ist ja meine Sache! wiederholte Ackermann.
    Ihre uerung ber die Capitalisirung der Laudemien, fuhr Schlurck fort,
frappirt mich; denn ich wei in der That nicht, da ich die ganze Last dieser
berschuldung auf mir liegen habe, wie ich es mit den laufenden Ausgaben z.B.
fr die noch nicht an den Staat bergegangene Gerichtspflege und etwa ein
Dutzend Angestellter des Frsten halten soll. Sie haben ganz Recht, Herr
Ackermann, da es Unrecht war, ein Capital, von dem nur die Rente disponibel
htte sein sollen, zur Masse zu schlagen. Aber ein Familienstatut, ein Majorat
existirt nicht. Was thun, um diese Lcher all zu stopfen?
    Ich will, sagte Ackermann, in ruhiger Auseinandersetzung, ich will noch die
sechstausend Thaler fr Gerichtspflege und Amtskosten auf den Ertrag der Gter
mit bernehmen, wenn ich die ganze Verwaltung der Grundrenten mit berkomme und
mir die Ablsungen zur Verfgung und Durchsicht gestellt werden.
    Schlurck erhob sich, schttelte mit dem Kopfe und sagte:
    Alles recht schn! Recht schn! Aber man kann Das nicht bers Knie brechen!
Es thut mir leid -
    Damit deutete er an, da die Unterhandlung abgebrochen wre.. Offenbar
erfllte ihn das sonderbare Drngen dieses Landwirthes mit Mistrauen. Er sah in
ihm etwas Andres als einen konomen, der nur landwirthschaftliche Versuche
anstellen wollte. Die Zumuthung, Einsicht in die Bcher zu bekommen und
gleichsam die frhere Verwaltung zu controliren, war ihm vollends lstig. Er war
sich zwar, soweit er sich auf Bartusch verlassen konnte, keiner auffallenden
Verste bewut, frchtete aber doch alles Schroffe, bereilte,
Leidenschaftliche und das Allzuwibegierige und Unbequeme ohnehin.
    Da Ackermann nicht nachgab, so antwortete er, um nur eine Ausflucht zu
haben:
    berdies gesteh' ich Ihnen, wir haben noch andere Anerbietungen, die
vielleicht gnstiger sind.
    Er wollte gehen und kniff Selmar'n freundlich wie zum Abschied in die
Backen.
    Ackermann schwieg einen Augenblick, fixirte dann aber noch einmal den
offenbar sich unbehaglich fhlenden Mann und sagte mit vieler Ruhe und Klte:
    Herr Justizrath, wenn ich die Verwaltung der Gter bekme, wrd' ich
erkenntlich sein. Ich bot zehntausend Thaler Caution und verlange nichts, gar
nichts vom Frsten, um in die Ameliorationen etwas hineinzustecken.. Ich gebe
das Alles selbst her, weil ich leidlich vermgend bin. Es ist mir nur um die
Gelegenheit zu thun, eine groe Wirthschaft zu fhren und den deutschen
Landwirthen amerikanische Erfahrungen zu zeigen.. Ich biete Ihnen ein kleines
Gratial.. zweihundert Louisd'ors ... Herr Justizrath, wenn wir ins Reine kommen.
    Dies gewagte Wort sprach Ackermann ganz ruhig hin und legte nicht den
geringsten Accent darauf.
    Schlurck aber sah ihn von der Seite an, zog seine Dose, nahm eine Prise und
machte eine sehr lange Pause. Dann wandte er den Kopf empor, lchelte, schnellte
den Rest des Tabacks aus den Fingern und sagte:
    Hm! Hm!
    Noch einmal dann den Fremden, der ihn sicher und vertrauend und seines
Mannes gewi anblickte, fixirend, fragte er mit einem Tone, der etwa sagen
wollte, als verstnde sich Das von selbst:
    Jhrlich?
    Es war ein gewagtes Wort dies Jhrlich! Es lie einen tiefen, gefhrlichen
Blick auf Schlurck's Lebensphilosophie und die ganze Geschichte seines Berufes
werfen ... Er sprach es aus, nicht etwa mit gemeiner schmeichelnder Gewinnsucht,
die ihm fremd war. Er sprach es mit dem Tone eines Weltmannes, der gleichsam zum
Andern sagen wollte: Die ganze Welt ist eine Komdie, wo Einer den Andern
prellt. Was wollen wir Narren sein und die Tugend lieben?.. Der alte Frst hatte
ihm ja immer erlaubt, bei Gelegenheiten, wo er den Mkler machte, auch an sich
zu denken und von den geschriebenen Rechnungen allein war der ungeheure Aufwand,
den er machte, nicht zu bestreiten.. Er fand es in der Ordnung, da er bei einem
guten Dienst, den er dem Andern leistete, auch eine Erkenntlichkeit fr sich in
Anspruch nehmen durfte ... Aber ... Jhrlich?.. diese Frage war doch gewagt.
Es war ihm eigentlich fremd, so zu feilschen und sein Gewissen in Fallen zu
locken. Er liebte es nicht, da er fodern sollte; er nahm, was man gab. Seine
Lebensphilosophie hate das Moralisiren auch nach dieser Seite hin und wenn man
ganz die Wahrheit sagen will, so war er im Grunde doch viel weniger schlecht,
als er sich im Allgemeinen schlecht gab. Es war ihm eine solche
Bestechungs-Angelegenheit nur der Humor des Lebens, der uns die Langeweile der
Alltglichkeit ausschmckt. Er hielt sich auch nicht lange bei solchen
Verhandlungen auf und htte vielleicht jetzt, wenn Ackermann die Achseln gezuckt
und gesagt htte: Nein, nur Einmal! Jhrlich ist mir zu viel! gelacht und die
tausend Thaler hingenommen, die er brauchen konnte, trotzdem, da man ihn fr
reich erklrte.. Er war nicht reich. Er nahm viel ein und da er viel einnahm,
dazu gehrte gerade, da man sich ber tausend Thaler, in Gold baar auf den
Tisch gelegt, nicht zuviel weitlufige Scrupel machte ...
    Aber schlimm! Tausend Thaler auf einmal waren Schlurck nichts werth, wenn er
die Administration dafr auf immer in andere Hnde geben sollte. Er behielt zwar
die Controle des Generalpchters, er vermittelte zwar die Ansprche der
Glubiger, aber es trat ein neuer Mensch in seine Kreise ein, zwei neue, scharfe
Augen sahen in seine Bcher und das fr einmal eintausend Thaler in Gold? Das
htte ihm in diesem Falle lcherlich erscheinen mssen und deshalb wiederholte
er noch einmal:
    Jhrlich?
    Aber nun war es bel, da auf Ackermann dies Wort fatal wirkte. Es war dies
ein leidenschaftlicher Mann; die ganze Situation peinigte ihn schon lange. Er
wollte mit seinem kleinen einfachen Anerbieten nur Schlurck auf den Zahn fhlen,
in welchem Sinne dieser Herr wol des Prinzen Egon Gter verwaltete. Er hatte
vielleicht Wunder geglaubt, was er schon dem Gelsten des Unrechts fr einen
gewaltigen Kder entgegenhielt. Als aber mit der Frage: Jhrlich? ihm die
Zumuthung eines perennirenden Betrugs gegen den Frsten gestellt wurde,
bermannte ihn so der Zorn, da er glhend von Unwillen bei Wiederholung des
Schlurck'schen Jhrlich ausrief:
    Nein, Schurke, nie!
    Schlurck sank fast in einen Sessel.
    Selmar sprang herbei, fate die Hand des Vaters ...
    Dieser lie ihm den Hut, wie zum Aufbewahren, ri die Thr auf, stie
Schlurck zurck und sprach mit Donnerstimme, da es Alle drauen hrten und ihn
fr wahnsinnig halten muten:
    Lat mich zum Prinzen! Ein lichter Moment wird hinreichen, ihn vor
Verrthern zu schtzen!
    Er strmte mit diesen Worten auf die Thr zu, die zu den Zimmern des Frsten
fhrte.
    Schlurck sa regungslos. Diese Scene! Diese Zuhrerschaft! Dies pltzliche
Erlebni, das er sich nicht hatte trumen lassen! Das war wie ein Einfallen des
Himmels. Wie kam ihm denn Das? Ihm? Hier? Unter solchen Umstnden? Hier bei der
ihm wohlbekannten alabasternen Venus von Medicis ... Scenen! Scenen! Sie waren
nie seine Sache gewesen. Er konnte geistreich, witzig, liebenswrdig sein; es
war ein Mann sogar von Mitgefhl, von milder Gesinnung, von Wohlthtigkeit; er
konnte auch einmal etwas begehen, was gewagt und gefhrlich war. Aber still
mut' es dabei sein, die Leidenschaften muten schweigen, das Tollhaus der
Tugend sich nicht entleeren, Scenen muten wegfallen ... Da er hier jetzt nur
schon so auf den Schurken antworten mute, so doch hinzuspringen, um den
gefhrlichen Mann von der Thr wegzureien, das war ihm entsetzlich ... Einmal
an sich entsetzlich, der Thorheit wegen, die er sich vorwerfen mute, dann aber
auch ebenso entsetzlich wegen der Exaltation, die solche Dinge in seinem trge
rinnenden Blute hervorriefen ... O, er war einer Ohnmacht nahe.
    Sein Schrecken wuchs, als sich die Thr ffnete, die rzte herbeistrzten
und zornig nach der Ursache des Lrmens fragten ...
    Ackermann, noch in der vollen Glut seiner Entrstung, rief:
    Meine Herren! Lassen Sie mich den Prinzen sprechen! Er kann davon nicht
sterben, wenn ein Freund zu ihm spricht! Es wird ihn erquicken, wenn er sieht,
da es noch Menschen gibt, die ihn lieben und fr ihn leben wollen.
    Noch hatte er kaum zum unwilligsten Erstaunen der rzte, unter denen sich
glcklicherweise Sanittsrath Drommeldey nicht befand, diese Worte geendet, als
ein junger Mann aus den Zimmern, deren Thren nun alle offen standen bis in das
dunkle hintere Schlafcabinet, heraustrat. Er war von mittler Statur, blassen
geflligen Mienen; das schwarze Haar lag kurz geschnitten auf dem Scheitel und
erhhte den Ausdruck des theilnehmend besorgten freundlichen Antlitzes. Nichts
verrieth einen Dienenden.. Schwarzer Frack und schwarze Beinkleider standen ihm
wie einem Weltmann, doch war das Halstuch nur lose geknpft und lie durch den
umgeschlagenen Hemdkragen in dem Eintretenden eher einen Studenten, als einen
Kammerdiener, was er nach Florette Wandstabler sein sollte, erkennen. Die Hnde
entsprachen nicht ganz dem geflligen Charakter des Gentlemans, sie waren zu
stark im Vergleich zur Proportion der brigen Formen und hatten nicht jene Weie
des Gesichts und des Halses, die zu dem schwarzen glnzenden Haare so auffallend
abstach. Kinn und Oberlippe waren mit einem schngekruselten Barte geziert.
    Was gibt's hier? fragte der Eintretende mit strengem, fast befehlenden Blick
in franzsischer Sprache.
    Ackermann zog die Thr an, die der Franzose noch in der Hand hielt und
begann im beredtesten Franzsisch wie der gebildetste Weltmann sein Anliegen
auseinanderzusetzen.
    Mein Herr, rief er strmisch erregt und ohne viel die Worte zu whlen; Sie
sind ein Freund des Frsten, denn er duldet Sie an seinem Krankenlager. Sagen
Sie ihm, da ein bemittelter und erfahrener konom aus Amerika sich anbieten
wollte, seine Gter zu verwalten. Sagen Sie ihm, da dieser Mann dabei nicht das
Interesse seiner eignen Bereicherung im Auge hat, sondern die Wohlfahrt des
Besitzers. Er erbietet sich eine Caution von zehntausend Thalern sogleich zu
zahlen als Brgschaft seiner Treue und Ehrlichkeit. Er erbietet sich, die Hlfte
seiner reinen Einnahmen auf die Befriedigung der Glubiger des Frsten, die
andere aber zur Befriedigung der Bedrfnisse des Frsten selbst zu verwenden.
Beide Summen werden Dank der Erfahrungen, die der fremde Landwirth machte, Dank
seines ehrlichen Willens, gro genug sein, um ihren Zwecken zu entsprechen. Der
Zuschlag mte mindestens auf zehn Jahre geschehen. Die Capitale, die der fremde
Mann auf seine Verbesserungen verwendet, gibt er selber her, unter der
Bedingung, da ihm eine Hypothek auf die Gter und die richtige Verzinsung
gestellt wird. Fr sich selbst verlangt er nur die Summe von jhrlich tausend
Thalern. Sagen Sie dem Frsten, da ich mich durch den Augenschein berzeugt
habe, wieviel sich fr seine Besitzungen noch thun lt. Sagen Sie ihm das
sogleich, mein Herr, ehe die Krankheit, die den jungen Prinzen bedroht, weitere
Fortschritte macht und einen Zeitverlust verursacht, der in Rcksicht auf die
nchstjhrige Ernte nicht wieder eingebracht werden kann. Nennen Sie ihm meinen
Stand und Namen! Ich bin ein Deutscher, komme aus Amerika, heie Ackermann und
biete alle Garantieen. Der Justizrath Schlurck ist zugegen, um die
Willensmeinung des Prinzen in Empfang zu nehmen und die Urkunden aufzusetzen.
    Der Franzose hatte ruhig, aufmerksam und ernst zugehrt.
    Monsieur, un instant! sagte er und kehrte in die Krankenzimmer zurck.
    Ackermann sah nun in hchster Spannung um sich.
    Alles haftete an ihm. Die Bedienten, die rzte standen starr. Selmar
schmiegte sich an den Vater und hielt ihm die eine seiner Hnde, in denen man
das Blut klopfen fhlte. Schlurck leichenbla und im hchsten Grade mit sich
selber unzufrieden, stand in einiger Entfernung am Fenster des Vorzimmers,
klopfte mit seinem Stckchen wie in der Zerstreuung an die Scheiben, Florette
Wandstabler schlich sich zu ihm heran und fragte besorgt:
    Was haben Sie, Herr Justizrath? Was ist Das nur?
    Wer ist der Franzose? fragte Schlurck fast tonlos.
    Monsieur Louis, antwortete diese ebenso leise. Sr. Durchlaucht gab gleich
nach der Ankunft von Paris Befehl, diesem Franzosen in Allem zu gehorchen. Erst
seit gestern wohnen Durchlaucht hier und Monsieur Louis sind erst eingezogen,
seitdem Durchlaucht sich fr krank erklrten. Denken Sie sich! Anfangs trug
dieser Louis ein berhemd wie ein Fuhrmann und wohnte vorm Thore in einem
elenden Gasthofe. Jetzt erst, wo er beim Frsten wacht, hat er sich so fein
gekleidet. Die Grfin d'Azimont, die heute frh hier fast in Ohnmacht lag, haben
die rzte und Monsieur Louis mit Gewalt von Sr. Durchlaucht fern gehalten. Wir
werden schlimme Dinge erleben, gleichviel, ob der junge Herr lebt oder stirbt
... was brigens Gott verhten mge ...
    Schlurck erwiderte auf diesen Bericht nichts, wandte sich auch nicht nach
ihr um, sondern sah auf die Strae hinaus. Er frchtete, wenn er sich wandte,
dem zermalmenden Blicke Ackermann's zu begegnen, den er berdies fr einen jener
exaltirten Menschen aus der Schule des Heidekrgers Justus hielt. Alle Strungen
der einfachen Lebenslogik waren ihm im hchsten Grade zuwider, vollends aber
Phantasterei ... Ackermann stand da wie ein antiker Heros. Das Feuer des Zornes
hatte alle seine Zge gehoben. Das braune lockige Haar, das nur wenig an den
Spitzen hier und da schon graute, hatte sich fast aufgerichtet. Die Nasenflgel
zitterten. Flammen eines jugendlichen Muthes blitzten aus den Augen und lieen
erkennen, da Ackermann sicher einst in seiner Jugend ein so schner Jngling
war, wie noch jetzt ein imposanter, anziehender Mann.
    Theatereffect! brummte Schlurck vor sich hin. Ich wette, es ist ein
verdorbener Schauspieler ...
    Und doch sagte er sich:
    In dem Stck spielst du eine miserable Rolle!
    Die Thr ging wieder auf.
    Louis trat herein und sagte mit Ruhe und Anstand auf Franzsisch zu
Ackermann:
    Entschuldigen Sie, mein Herr, der Prinz ist zu angegriffen, um die
Verhandlungen mit Ihnen selbst zu fhren. Auch verbieten es die Herren rzte. Er
frgt, ob er das Anerbieten, das Sie ihm stellen, mein Herr, die Ehre hat von
einem Amerikaner, Namens Ackermann, zu empfangen, der in Begleitung eines
kleinen Knaben vor einigen Tagen am Fue des Schlosses Hohenberg war und dort
die Bekanntschaft eines jungen Mannes, Namens Dankmar Wildungen machte?
    Ja, mein Herr, sagte Ackermann freudig erregt. Und auf seinen Knaben
zeigend, setzte er hinzu:
    Der bin ich. Das ist mein Sohn dort! Der Name Dankmar - wie sagten Sie?
    Dankmar Wildungen! war die Antwort.
    Ackermann schien pltzlich berrascht von diesem Namen, den er in Hohenberg
nicht gehrt hatte und den sich, wie er glaubte, der Frst selbst gab.
    Wildungen! Wildungen! wiederholte er.
    Eine neue ihn befremdende Gedankenreihe schien ber ihn zu kommen ...
    Der Franzose wiederholte ein wenig dringender, aber artig, ob er jener Herr
wre?
    Ja, sagte Ackermann, der bin ich; mein Knabe dort - ist es auch. Aber
Wildungen? Wie kommt dieser Name hieher?
    Es gengt, sagte der Franzose, da Sie Herr Ackermann sind und in Begleitung
Ihres Herrn Sohnes vor einigen Tagen in Plessen, am Fue des Schlosses
Hohenberg, sich aufhielten..
    Damit entfernte er sich ...
    Ackermann stand sinnend, strich sich ber die Stirn und wiederholte:
    Wildungen? Dankmar Wildungen? Warum Wildungen!
    Schlurck hrte alle diese Verhandlungen mit gekniffenem Lcheln an. Waren
sie ihm schon an sich peinlich, weil sie die Vorboten groer Strungen seiner
Einknfte schienen, trbten sie ihm schon an sich den Humor, mit dem er das
Leben zu fassen gewohnt war, so mute er im hchsten Grade berrascht sein, hier
Alles besttigt zu finden, was er von Bartusch und Paulinen ber die seltsamen
Abenteuer auf Hohenberg vernommen hatte.. Der junge Prinz war auf Hohenberg
gewesen, war unstreitig ein und dieselbe Person mit jenem Dankmar Wildungen, von
dem er noch immer nicht mehr wute, als da er von ihm etwas erfahren hatte, was
er ins tiefste Dunkel gehllt glaubte, den Fund jenes rthselhaften Schreines an
der Schmiede im Mondenlicht; er konnte keinen Zusammenhang, kein klares Licht
mehr entdecken. Er sah nur noch jenes Kreuz mit den vierblttrigen
Kleeblatt-Enden, das ihm in jener Nacht, als er aus dem Justizamte zurckkam,
pltzlich an dem zerbrochenen Wagen eines verwundeten Fuhrmannes in die Augen
fiel. Er gedachte des gewaltigen Eindruckes, den ihm da so pltzlich mitten in
der Nacht eine Erinnerung an seinen groen, wichtigen Proce ber den Nachla
einer geistlichen Ritterschaft machte, er gedachte der Mittel, die er brauchte,
um die Familie Zeck zu berreden, verschwiegene Zeugen einer Aneignung zu
werden, die fast auf einen Raub hinauslief ... er sah sich da von einem Netz
umstrickt, in dessen kunstvoller Anlage auch die kleine weie kncherne Hand und
das rothe Haar Fritz Hackert's ihm pltzlich entgegenfuhren, er sah um sich
Gestalten, die die Zhne fletschten, hrte ihr teuflisches Hohnlachen, fhlte
den Boden unter sich wanken ... und fate sich erst, als wieder die Thr aufging
und Monsieur Louis zu Ackermann sagte:
    Mein Herr! Der Prinz lt Ihnen sagen, Sie wren ihm durch die Erinnerungen
an Hohenberg und Dankmar Wildungen zu gut empfohlen, als da er nicht mit
Freuden die Gelegenheit ergreifen sollte, das unglckliche Schicksal seines
Erbes herzlich gern Ihnen anzuvertrauen. Sollte ich sterben, fgte der Frst mit
Standhaftigkeit hinzu, so wird die Seitenlinie unsres Hauses gewi meinen Willen
ehren, den ich die Herren rzte zu bezeugen bitte ... Die Herren rzte waren
anwesend. Der Prinz hat darauf befohlen, da Herr Schlurck die ganze Verwaltung
der Gter Herrn Ackermann bergibt und an ihr nur noch als Vertreter der
Ansprche der noch unbefriedigten Glubiger betheiligt bleibt. ber dies Alles
wollen Sie, mein Herr, in diesen Tagen gerichtliche Akte nehmen lassen! Die
rzte sind Zeugen und ich selbst bin es, Louis Armand, gebrtig von Lyon.
    Die wiederzurckgekehrten rzte besttigten diese uerung, die Schlurck mit
unfreiwilligem Lcheln entgegennahm.
    Louis Armand war sogleich wieder in die dunklen Krankenzimmer zurckgekehrt.
    Er wird leben! Der Prinz wird genesen! rief Ackermann und eine Thrne trat
in seine Augen, whrend Selmar die seinen verbarg, um nicht zu sehr zu
verrathen, wie der Ausdruck seiner Empfindungen sie schon lngst feuchtete ...
    Nachdem Schlurck mit einem schweren Seufzer sich noch kurz geuert hatte,
in seinem Bureau wrde Herr Aktuar Bartusch zu jeder Zeit und wenn man wnschte,
noch heute die nthigen Aufklrungen ertheilen und auch die Akte aufsetzen, die
man gerichtlich niederzulegen htte, schritten Ackermann und Selmar, Vater und
Sohn, langsam und schweigend, aus dem Zimmer. Der Stolz, verklrt vom Schmerz
der Liebe, ist ein Weiheaugenblick des Menschen, wo er am grten erscheint,
auch ohne uerlich zu triumphiren. Ackermann war zu gromthig, um auf Schlurck
verchtlich herabzublicken.
    Florette Wandstabler aber trat zu Schlurck heran und flsterte:
    Herr Justizrath, ist denn das Alles gut?
    Ihr Vater, der phlegmatisch, weinerlich und halb berauscht, dieser Scene
stehend beigewohnt hatte, trat gleichfalls, fast hinkend auf seinen
eingeschlafenen dnnen Beinen, deren Schuhe und Strmpfe in lcherlichem
Contraste zu der ganzen dicken soldatischen Figur und dem Schnurrbarte standen,
zu dem Justizrath heran, der bisher ihrer Aller Schutz und Hort gewesen war und
drckte Das, was er ungefhr fhlte, durch einen fragenden, tiefgezogenen
Seufzer aus.
    Schlurck, sich zum Gehen wendend, sagte drauen unbelauscht von den Dienern,
denen durch die franzsische Sprache diese aufgeregte Scene nicht ganz
verstndlich geworden war:
    Ja! Ja, seufzt nur Leute! Les jours de fte sont passs... franzsisch
sprechen kann ich auch ...
    Florette fate drauen seine Hand und meinte noch besorglicher:
    Also es ist nicht gut?
    Mit einem verzweifelten Versuche, seine alte Heiterkeit wieder zu gewinnen,
antwortete Schlurck:
    Mdchen, macht, da Ihr Mnner kriegt! Dem oben werdet Ihr keine Bder
machen und hbsche Schmetterlinge fangen. Maikferchen fliege! Schlaraffenland
ist abgebrannt.
    Aber den Franzosen htt' ich mir ganz anders gedacht, sagte Florette ...
    Beit wol nicht an, der Schwarzkopf? erwiderte Schlurck. Alte Knstlerin, da
mssen jngere Hexen kommen!
    Die Lore ist noch recht hbsch ... meinte doch Florette.
    Und in der That stand Lore Wandstabler unten und wartete mit Dore, der
mittleren Schwester ...
    Sie hatten sich, da sie alle mager und schwarz waren, mit grellen Farben
geschmckt.. und standen recht verfnglich da. Sie hatten das Schmiegsame und
Hingebende so in der bung, da sie den Justizrath, wenn man sagen will, ebenso
gut umstanden, wie schon umarmten ....
    Aber er hatte heute keinen Geschmack fr ihre lacertenartige Zrtlichkeit.
    Katzen, sagte er halb scherzend, halb rgerlich, lat mich heute los! Und
berhaupt ... setzte er hinzu, als sie ihm fr seine Stimmung doch zu schmiegsam
wurden.. Ihr seid mir immer zu mager gewesen.
    Mit dieser Grobheit lie er die erschrockene Familie Wandstabler in
Erstaunen und groer Bekmmerni zurck.. so unhold war er ja nie gewesen.
    Die Mdchen sahen sich fragend an, begleiteten ihn bis an das geffnete
Portal und staunten, welchem ruhigen, nachdenklichen Schlendergang sich heute
der Justizrath ergab. Franz Schlurck, der sonst hpfte und immer verrieth, da
die Welt eine Kugel ist, auf der sich Alles dreht und wendet ... schlich heute
schneckenartig.
    Wir zweifeln fast, ob unser alter Freund sich jetzt noch beim Italiener
Lippi zur griechischen Weinprobe einstellen wird.
    Es drckten ihn drei Widersprche und eine Thatsache.
    Erstens: War Prinz Egon jener Dankmar Wildungen vom Heidekrug, der gegen
seine Familie und vorzugsweise Melanie so liebenswrdig sich benommen hatte, wie
kam er jetzt auf diese offenbare Feindseligkeit?
    Zweitens: Welche Bewandtni hatte es mit den Andeutungen, die er von
Bartusch ber die Abenteuer auf dem Heidekruge erhielt und von denen er sich so
viel gemerkt hatte, da er glaubte, ein dem Prinzen werthvolles Bild befnde
sich noch gegenwrtig in den Hnden seiner Tochter?
    Drittens: Was sollte er auf die leidenschaftliche Caprice bauen, die seine
Tochter pltzlich fr jenen Mann gefat hatte, den sie fr den Prinzen Egon
hielt und der von seinem gefundenen Schrein mit dem Kreuze sprechen konnte?
    Das waren die Widersprche.
    Die Thatsache aber hie:
    Du hast die Administration des Frstenthums Hohenberg verloren!
    Er beeilte seine Schritte, um daheim fr das Chaos der Widersprche, in dem
er sich befand, bei Melanien Licht, fr Das aber, was unumstliche Gewiheit
war, heute einmal wieder seit lange bei der lebensfrohen Philosophie seines
guten Hannchens Trost zu suchen.

                                Sechstes Capitel



                                   Die Brder

Am Abend vor diesem Auftritte war die Freude gro gewesen, als Dankmar mit dem
Einspnner und dem vergngt bellenden, hin- und herwackelnden, fast tanzenden
Bello sich im Pelikan wieder einfand.
    Der dicke Wirth - er hie Hitzreuter - und Katharine Peters, geborene
Bollweiler, waren noch auf.
    Peters, der gerade nicht daheim war, hatte einige Tage gelegen, war aber
bereits von jener Gefahr fr sein Bein befreit und hatte nur noch gelitten unter
der Ungeduld, was sich aus Dankmar's Reise ergeben wrde ... Das lngere
Ausbleiben Dankmar's strte die guten Leute nicht. Sie hielten es eher fr ein
gutes Zeichen. In dieser Ansicht hatte sie auch Siegbert bestrkt, der jeden Tag
wol zweimal kam, um etwas Beruhigendes zu vernehmen, vielleicht auch nur eine
Botschaft von fremden Fuhrleuten. Von einem Briefe, den er aus Plessen vom
Bruder erhalten haben sollte, wute man im Pelikan noch nichts. Dankmar konnte
sich leicht denken, da das hier so sein wrde wie es in solchen Fllen immer zu
geschehen pflegt.. Er selbst kam vielleicht frher an als sein Brief.
    Das Beste, was Dankmar mitbringen konnte, war die Versicherung, da Peters
auer Sorge sein drfte, da er es ber den Schrein leidlich selber wre. Das
verlorne Gut htte einen Herrn gefunden, bei dem er nach Allem, was sich fr
Dankmar jetzt an Melanie anknpfte, in der Hauptsache geborgen war, mochte seine
Verwandlung aus einem Prinzen in einen gewhnlichen Sterblichen nun auch gern
gesehen werden oder nicht, mochte Schlurck auch noch so von dem Funde selbst
interessirt sein; Dankmar traute sich die Kraft zu, Melanie's Unwillen in seinem
ersten Ausbruche zu ertragen, ja hoffte, nach dem Grade seiner eignen Liebe,
auch sie selbst zu berwinden und vielleicht dauernd das Interesse zu behaupten,
das er doch wol auch durch seine Persnlichkeit ihr mute eingeflt haben. Denn
wie bescheiden auch ein Mann denken mag, den Werth, den er im Auge einer Frau
haben kann, schtzt er bald ab. Einige wenige Proben ihres Verhaltens gegen ihn
gengen, ihn aufzuklren. Und die Proben, die ihm Melanie gewhrt hatte, waren
so auerordentlich gewesen, da hier nur Liebe, oder wie er sich mit Schrecken
als Menschenkenner gestehen mute, Ha brig bleiben konnte.
    Den ehrlichen Peters htte Dankmar gern gesprochen, wr's auch nur gewesen,
um ihm zu sagen, da seine Verehrung vor den beiden Zecks auf geringere
Erfahrung im Umgang mit Menschen deutete, als er ihm zugetraut htte ...
    Auch die Umstnde, die Peters ber den Moment des Verschwindens seines
Frachtgutes angefhrt hatte, waren nach seiner nunmehrigen bersicht dieses
Vorfalles, so rthselhaft er ihm auch noch immer erscheinen mute, doch hchst
ungenau und fast flunkerhaft. Die Scherze, die er sich deshalb noch mit dem
guten Peters erlauben wollte, versparte er auf ein andermal, streichelte das
Pferd, dem die Fahrt unter seiner sorgsamen Hand durchaus nicht bel bekommen
war, vereinigte sich mit dem Pelikanwirthe ber eine Summe, die er ihn bat, bis
auf Morgen schuldig bleiben zu drfen - denn schon im Heidekrug hatte er den
letzten Thaler gewechselt - und ging dann, der etwas verlegenen Kathrine und dem
heute schweigsameren Wirth die Hand schttelnd, Bello noch einmal am Ohr
zupfend, sein Bild in ein Tuch gewickelt, zu Fu in die Stadt.
    Es war schon spt. Es zog ihn zu dem geliebten Bruder ... Und doch htte er
noch gern in Lasally's Stalle nachgefragt, wie es mit dem Pferde aussah, das er
einem so gefhrlichen Menschen, wie Hackert, bergeben zu haben schwer bereute.
Jetzt begriff er, wie Hackert, der ihm keineswegs unvermgend schien, sich aus
Rachsucht an sie hatte andrngen und sogar eine Geldsumme wagen knnen, um nur
Gelegenheit zu haben, seinem Feinde zu schaden ... Indessen dachte er, ist hier
etwas Widerwrtiges vorgefallen, so erfhrst du es zeitig genug und schon im
Begriff nach der Ottokarstrae, in ein neues entlegenes Viertel, wo sich jener
Stall befand, einzulenken, schlug er wieder den graden Weg zu seiner Wohnung
ein, die in der sogenannten Neustrae lag.
    Auf dieser Richtung lagen zwei Huser, die fr ihn jetzt eine groe
Bedeutung gewonnen hatten.
    Mitten in der Stadt, wo sich das Menschengewhl, trotzdem da die Wchter
schon die Stunden riefen, nicht ganz verloren hatte, (die Theater waren eben
beendet) stand er an einem Hause still, das er lngst als die Wohnung des
Justizraths Schlurck kannte. Schlurck galt unter den jungen Juristen als ein
Beispiel, das man oft anfhrte, um zu beweisen, wie gut sich ein Advocat stehen
knne, der das allgemeine Vertrauen gensse. Er wute dabei kaum mehr von ihm,
als da er in diesem alten Hause wohnte, mitten in der Stadt, dicht an dem
ehrwrdigen Rathhause, umgeben von ganz in der Nhe befindlichen alterthmlichen
Kirchen. Nie hatt' er auf dieser belebten Passage sonst stillgestanden. Heute
mute er es. Heute erst entdeckte er, da dies graue Haus in schner,
alterthmlicher Form gebaut war und mindestens zweihundert Jahre alt sein mute.
Die untern Fenster waren mit eisernen Gittern geschtzt. Die obern waren hoch
und mit Stukkaturen geziert.. An dem Thorweg hing eine groe blankgeputzte
messingne Klingel und auf dem daneben befindlichen Messingschilde las er ganz
einfach die krftig eingravirten Zge des unmelodischen hlichen Namens:
    Schlurck. Ihm klang dieser Name wie Musik und wie der Name Melanie selbst,
der ganz das Selige und Wonnige seiner Stimmung ausdrckte ... An den Fenstern
des zweiten Stocks entdeckte er Licht. Vor wenigen Stunden erst konnte die
Reisegesellschaft, die er nicht mehr hatte einholen knnen und auch nicht mgen,
angekommen sein.. Da ihm Melanie nicht zrnte, ber nichts zrnen konnte,
bewies sein erobertes Bild. Die Art freilich, wie sie es ihm gegeben hatte oder
hatte geben lassen oder wie sie es ihn hatte finden lassen, war und blieb
rthselhaft genug.. Er grbelte aber nicht darber nach. Morgen, dachte er,
klrt sich das Alles auf. Ich werde sie sehen und wenn sie zrnt, bedeck' ich
ihre schnen Hnde mit meinen Kssen und flehe um ihre Vergebung ... Von
Empfindungen so ser Art war er durchschauert, als er mitten auf der Strae
stand und zu den Fenstern hinaufsah. Er mute den prchtigen Kutschen
ausweichen, die an ihm vorberrollten, und doch htte er gern gelauscht, ob die
Schatten, die ihm an den Vorhngen vorberzuhuschen schienen, wol von Melanie
kmen? Sie verschwanden zu rasch!.. Vielleicht lscht sie das Licht aus, dachte
er, um sich auf's Lager zu werfen - und an mich zu denken? setzte er
wonnetrunken hinzu.
    Wie er noch so stand, bald hier einem Wagen, dort einem Fugnger auswich,
entdeckte er ber der Hausthr einen aus Sandstein gehauenen Schild mit einem
Wappen, das ihn wahrhaft berraschen mute. Er traute seinen Augen nicht, als er
dasselbe Kreuz, das auf dem Schrein aus Angerode stand, auch auf diesem Schilde
wiederfand, mit denselben vier Rundungen an den Enden, wie auf jenem Deckel ...
    Wie, dachte er, ist das vielleicht eins jener alten Huser, die entweder
selbst noch aus jenen Zeiten herstammen, oder auf dem Grund und Boden gebaut
wurden, der dem protestantisch gewordenen geistlichen Ritterorden gehrte, und
ist es wol gar eins von denen, auf die ich nun selbst glaube Ansprche machen zu
knnen?
    Fast ein leiser Schreck, ein dunkel ahnender leiser Schauer berlief ihn,
wenn er dachte, da Schlurck vielleicht dochwol zu dem Schrein, den er verloren,
in einem andern Verhltnisse stehen konnte, als dem eines.. ehrlichen
Finders..
    Doch dachte er dieser trben Vorstellung nicht weiter nach, sondern
entfernte sich von dem Hause, das ihm nun erst recht bedeutungsvoll erschien, in
dem guten Glauben, am folgenden Tage aller seiner Zweifel und Sorgen los und
ledig zu werden.
    Seine Schritte wandten sich jetzt beschleunigter jener Gegend zu, wo die
Wohnungen der Vornehmen an stolzen einsamen Pltzen lagen.
    Hier war es menschenleer und still. Dann und wann eine Schildwache, die ihm
der unruhigen Zeiten und noch oft sich wiederholenden Tumulte wegen ein Werda?
zurief ...
    Die Laternen warfen ihre Lichter ber kleine mit Rasen besetzte Beete.
Springbrunnen pltscherten da und dort und bewsserten das Gras, das sonst in
diesen freien Rumen, immer schattenlos der Sonne ausgesetzt, bald wrde
verdorrt gewesen sein.
    Hier lag auch das Palais des Frsten von Hohenberg, einsam, still, dunkel,
wie in Trauer gehllt.
    Hier htte er nun anhalten, klingeln, die Stille aufwecken, fragen mgen..
aber kein Licht im ganzen Gebude.. Alles wie ausgestorben.. Wie er sein in ein
Tuch gehlltes Bild an sich drckte und die Geschichte desselben mit dem groen,
stolzen, stummen Palaste da vor sich verglich, kam er sich erst fast
berfeierlich, dann aber doch pltzlich wie ein Thor, ja kindisch vor, schlug
sich an die Stirn und rief:
    Bist du wahnsinnig? Was ist mit dir? War das Alles in Hohenberg nicht ein
Traum, in dem dich tolle Geister geneckt haben?
    Diese Abendstille, - dieser ruhig blinkende Sternenhorizont - fern die
rollenden Wagen - die pltschernden kleinen Quellen - es war ihm, als sollt' er
das Bild nehmen und es wie einen zwecklosen Ballast in den Kanal werfen, der
einige Schritte weiter sich durch dieses einsame Viertel zog.
    Dann weckte ihn aber von dieser verzagten Stimmung ein Wagen, der langsam um
die Ecke des Palais von der Gegend herbog, wo dies mit einer hohen Gartenmauer
begrenzt war.. Der Wagen stand eine Weile still.. fuhr dann langsam an ihm
vorber und hielt vor den Ketten, welche das Palais von der Strae absperrten.
    Sollte hier Jemand noch so spt am Abend aussteigen wollen? Sollte es Egon
sein?
    Dankmar trat nher.
    Aus dem niedrigen Wagen blickte ein weiblicher Kopf, der zu den Fenstern
hinauf sah ... Vorn sa neben dem Kutscher der Bediente, der keine Miene machte
herabzuspringen und den Schlag zu ffnen. Dankmar sah nur, da die Dame einen
Strohhut mit dunklem Schleier trug.
    Er nherte sich. Die Dame zog sich zurck ...
    Wie er auf dem Trottoir an dem Wagen vorberging, sah er, wie sie sich in
die Ecke ihres Coup's drckte und den Schleier bergeworfen hatte.
    Er ging vorber und wandte sich doch, als der Wagen immer noch still stand.
    Du strst hier ein Stelldichein? dachte er endlich und wollte nun gehen.
    Die Dame aber, die sich beobachtet fhlte, gab ohne Zweifel ihren Leuten
rasch ein Zeichen und im Nu flog das kleine, elegante Fuhrwerk davon.
    Dankmar sah ihm lange nach. Einen Zusammenhang mit dem todtenstillen Palais
und dieser nach den Fenstern hinaufforschenden eleganten verschleierten Dame
konnte er sich nicht herstellen ....
    Aber noch etwas Anderes schien ihm abenteuerlich.
    Als er seine Schritte beschleunigend an der einsamen Gartenmauer des Palais
entlang ging und bald an ihr vorber war, um in sein Straenviertel einzulenken,
hrte er einen wunderschnen, mnnlichen Gesang vom Garten her.
    Er blieb stehen ....
    Der Snger mute dicht unter den Fenstern des Palais, die nach hinten
gingen, seinen Stand haben, so entfernt klangen die Tne und doch war es ihm,
als unterschiede er deutlich, da dies Lied nicht deutsch war. Es quoll aus
tiefer Brust und hatte etwas Melancholisches und dabei wieder Scherzendes, wie
alle Volkslieder, selbst die der Franzosen. Denn franzsisch schien ihm die
Weise.
    Nicht lange hatte der Gesang gedauert, als an dem wie ausgestorbenen Palais
ein Lichtschimmer sichtbar wurde. Er beobachtete dies Alles durch ein Gitter,
mit dem hier, wie an manchen Stellen, die Mauer unterbrochen war ...
    Ein Fenster hinterwrts erhellte sich.
    Die Bume aber verhinderten ihn, zu sehen, wer es vielleicht ffnete oder an
ihm erschien hinter den Vorhngen ...
    Bald verstummte der Gesang und bald erlosch das Licht.
    Es war wieder so still und finster wie vorher ... Zgernd machte sich
Dankmar auf den Weg, nun wo mglich noch gespannter auf die Enthllungen des
folgenden Tages.
    Daheim endlich mute er stark klingeln, bis ihm geffnet wurde. Es war ein
groes, von vielen Familien bewohntes, neues Haus, wo er seit lngerer Zeit
schon bei armen Vermiethern wohnte, die ihre ganze Habe in die Ausstattung
zweier Zimmer mit zwei Cabineten verwandt hatten. Nach vielem Pochen und
Klingeln erschien endlich seine Wirthin und sagte schon drinnen im Thorweg:
    Sie haben ja Ihren Schlssel mit, Herr Wildungen!
    Ich den Schlssel? dachte Dankmar. Aha! Mein Herr Bruder wird gemeint sein.
Sieh, sieh, der wre noch nicht daheim?
    So war es auch. Als die groe Hausthr aufging, traute die Wirthin ihren
Augen nicht, den jngeren Bruder zu finden und nicht den Maler.
    Sind Sie's denn? So spt! rief sie, indem sie die Hausthr wieder zuschlo -
Kaum angekommen, wieder wie weggeblasen!
    Dankmar beschrnkte sich auf die einfache Thatsache: Sehen Sie, Frau
Schievelbein, nun bin ich wieder da, unter Ihrem Schutz, Ihrer liebenswrdigen
Obhut.
    Was haben wir auf Sie gepat, sagte Frau Schievelbein, die eigentlich vor
Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher stand; wir glaubten
Wunder, was Ihnen widerfahren ist!
    Ja, ja, Frau Schievelbein, sagte Dankmar, Wunder sind mir auch widerfahren!
Ist mein Bruder nicht zu Hause? So spt? Wo steckt er noch?
    Damit waren sie erst eine Treppe hinauf.
    Seit Sie fort sind, Herr Dankmar, sagte Frau Schievelbein, sind Herr
Siegbert fast jeden Abend aus -
    Sollt' er sich frchten, da Hackert das Geld reclamirt! dachte Dankmar fr
sich.
    Kein Geld angekommen? sagte er dann laut; kein Brief aus Angerode? Keine
Besuche?
    Fr Sie nichts, antwortete die Wirthin, die mit einer Nadel etwas den Docht
ihrer Lampe heraufzog; ein Brief fr Herrn Siegbert liegt oben.
    Aha! Wahrscheinlich der meinige aus Plessen! dachte Dankmar.
    Aber Geld wird kommen, fuhr Frau Schievelbein fort, Geld wird viel kommen;
wissen Sie's denn noch nicht, das Bild ist ja verkauft!
    Das Bild ist verkauft? sagte Dankmar freudig. Gott sei Dank! Wenn's nur wahr
ist!
    Da Frau Schievelbein es besttigte fr ganz wahr und gewi, konnte Dankmarn
auch deswegen lieb sein, weil es ihm Muth gab, sich jetzt an die dritte Treppe
zu machen; denn auch die zweite fhrte noch nicht zum Ziele.
    Wer hat es denn gekauft, Frau Schievelbein? fragte Dankmar.
    Der Verein, Herr Wildungen, ja, ja, der Herr, der so schlimm sein soll, der
Herr Kunst - ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten.
    Aha, Herr Kunstverein, bei dem man einen Vetter haben mu, wenn er ein armes
Talent in Nahrung setzen soll!
    Derselbe! Fr Dreihundert Thaler hat's der Herr Bruder jetzt rundweg
losgeschlagen -
    Fr Dreihundert Thaler! Arme Seele, die du ein Jahr ber diesem Stoff
geschmachtet hast, drei Vorskizzen machtest, einen Carton, doppelte Untermalung,
zehn bermalungen - gewi, wir leben im Periklischen Zeitalter.
    Dankmar mute einen Augenblick stehen bleiben. Die geringe Summe that ihm
doch weh, und - die dritte Treppe war noch nicht die letzte. Es gab noch eine
vierte und diese fhrte nicht etwa auf den Boden, sondern wirklich erst in die
bescheidene Wohnung der Brder Wildungen. Freilich konnte Dankmar den Freunden
und Bekannten, die bei ihren Besuchen ber die vier Treppen fluchten und
wetterten, immer sagen: Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu sehr, als da ich
mich von ihm trennen knnte und mein Bruder ist ein Maler und Maler mssen gutes
Licht haben! Aber ebenso oft fhlte er doch selbst, da hier aus der
Nothwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er schon lange
gegen Frau Schievelbein das Complot, ob nicht auch mindestens drei Stiegen hoch
irgendwo ein gutes Malerlicht aufzufinden wre. War doch jetzt der Contrast
seiner ebengespielten Prinzenrolle zu dieser bescheidenen Existenz im vierten
Stock auch gar zu jh und abspringend!
    Die vierte Treppe hatte das Gute, da sie zwar sehr schmal, aber auch sehr
kurz war. Dankmar betrat sein Zimmer und das seines Bruders. Siegbert war
ausgeflogen und die Wirthin versicherte, er kme seit Dankmar's letzter
Abwesenheit fast jede Nacht erst gegen zwlf Uhr nach Hause..
    Diese Stunde wartet heute meine brderliche Liebe nicht ab, ich gehe zu
Bette! sagte er. Frau Schievelbein, einen Gru an Siegbert, wenn Sie ihn heute
noch oder morgen frher als ich sehen. Fr heute gute Nacht!
    Damit legte er schlaftrunken das Bild auf seinen Tisch, enthllte es,
betrachtete noch einmal die freundlichen, etwas vornehmen Zge der weiland
jungen Frstin Amanda, tastete an dem hintern Holze, das ihm verdchtig genug
vorkam, noch etwas hin und her, ohne das Glas heftig zu drcken, sah auf dem
Tische des Bruders wirklich seinen Brief aus Plessen, eben frisch angekommen,
mit dem Siegel der Krone, entkleidete sich, lschte das Licht, das ihm Frau
Schievelbein angezndet hatte, und warf sich auf sein Lager in einem Alkoven,
der jedoch auf dem Miethzettel der Frau Schievelbein an der Hausthr als
Cabinet paradirte. Das angenehme Gefhl, bei allem Merkwrdigen, das er erlebt
hatte, nun doch wieder in seiner eigenen Behausung zu sein und auf einem Bett zu
ruhen, das ihm selbst gehrte - die Mutter hatte es ihm aus Angerode geschickt -
erfllte ihn bald mit jenem traulich sichern Behagen, ohne das man sanft und
strkend nicht entschlummern kann.
    Es war heller, lichter Morgen, als Dankmar erwachte und im Erwachen fast
erschrak, erschrak ber Siegbert, der mit seinen reinen, klaren Augen eben ber
ihm in die seinen blickte. Siegbert hatte sich ber den Schlfer gebeugt und ihn
vielleicht mit dem Athem seiner sorgsamen Liebe aufgeweckt. Seine blonden Locken
ringelten sich fast auf Dankmars frische, schlaferquickte Wange herab.
    Nun da ist er ja, der Furioso der, sagte Siegbert zum Gru, er der mir
anrth, den Ariost zu lesen, um mich auf seine Abenteuer vorzubereiten! Schne
Dinge mssen Das gewesen sein, da man so alle Liebe vergessen und sich
hinsetzen kann, einem armen verlassenen Bruder dermaen bittre Dinge ber die
Kunst und seine besten Einbildungen zu schreiben. Wart! Jetzt sollt' ich dir das
Bett ber die Ohren ziehen oder hier die Kanne frischen Wassers nehmen, die
schon auf dich wartet, und sie dir ber den Pelz gieen!
    Damit ergriff Siegbert wirklich das Wasser und jagte damit den Bruder, der
sich vor einem solchen unfreiwilligen Bade schtzen wollte, aus dem Bett.
Dankmar besann sich jetzt erst auf die bittern Wahrheiten, die er in seiner
bermthigen Laune dem Bruder geschrieben hatte, um im Scherz ihm diejenige
berzeugung von seinen artistischen Irrwegen beizubringen, die er im Ernst
hatte.
    Siegbert hielt in der einen Hand den Brief, in der andern die Kanne und
stand in drohender Stellung.
    Dankmar mit einer geschickten Seitenwendung griff nach dem Briefe, eroberte
ihn wirklich und wollte ihn zum Zeichen seiner Reue zerreien.
    Halt! rief Siegbert. Er hat mich mein ehrliches Porto gekostet. Der Beweis
deiner Unbrderlichkeit ist nun mein und ich will mich bemhen, das Wahre davon
herauszufinden und danke dir fr die Anwendung des corpus juris auf die
sthetik. Abscheulicher Verrther du! Doch lassen wir jetzt unsere Fehde und nun
gebeichtet, was hast du Alles erlebt? Wo geschwrmt? Was getrieben? Ich sehe dir
an, da du so voller Schnurren, Brummkfer und Schmetterlinge steckst, wie
Faust's alter Mantel, als ihn Mephistopheles im zweiten Theil ausschttelt.
Jetzt schttle dich von selbst, wenn ich dich denn doch nicht schtteln soll!
    Lieber Junge, sagte Dankmar, indem er rasch die nthigsten Kleider anzog,
das Fenster seines Zimmers aufri, frische Luft schpfte und sich wusch, lieber
Junge, frs Erste gleich' ich Faustens altem Mantel darin, da mein Magen so
schlaff ist, wie ungekrmptes Tuch. Was hast du zu frhstcken? Mit gewhnlichen
Schievelbein'-schen Portionen bin ich heut' nicht zu befriedigen.
    Das dacht' ich schon, sagte Siegbert, du sollst deine Ankunft nach Gebhr
gefeiert sehen. Ich hoffe, da du mir die Ehre anthust, heute einmal in der
Akademie und nicht in der Aula zu frhstcken.
    Wenn deine Farben nicht zu sehr nach l duften, lieber Bruder, sagte
Dankmar, du kennst meine Antipathie gegen Eure Mischungen und wenn ich bei
Raphael frhstcken sollte ... ich ... ich dchte, wir blieben doch lieber in
der Aula.
    Nein, nein, sagte Siegbert, in der Akademie! Verdirb mir meine Freude nicht!
Die Farben sind eingetrocknet. Seit drei Tagen hab' ich zu Hause keinen Pinsel
berhrt ....
    Damit zog Siegbert seinen Bruder durch dessen Zimmer in das seinige. Sie
nannten das Zimmer Dankmar's die Aula und das von Siegbert bewohnte die
Akademie. Die Akademie hatte gleichfalls ein Cabinet.
    In der Akademie fand Dankmar in der That eine sehr festliche Zurstung. Der
runde Tisch, der vor einem mit Haartuch berzogenen, mit gelben Knpfen
beschlagenen Sopha stand, war zur Hlfte mit einer weien Serviette bedeckt. In
der Mitte stand ein Glas mit den frischesten, heute schon vom Frh-Markte
gekommenen Blumen. Daneben der Kaffee und die Milch in einer Maschine, in der
sich die Brder ihre Morgenstrkung selber brauten. Ein weit greres Quantum
von frischem Weibrot, als gewhnlich, lag aufgehuft in einem Korbe, von dem
zwar hier und da der Lack schon abgesprungen war, welcher Mangel aber durch
groe Reinlichkeit ersetzt wurde. Besonders wohlgefllig waren auer den beiden
Tellern und den blauweien Tassen heute drei Extraschsseln mit den
dazugehrenden Messern, Gabeln und kleinen Theelffeln. Es war dies erstens ein
frisches Stck ungesalzner Butter, das zierlich auf drei groen Weinblttern
ruhte und durch eine Form mit Sternen und kleinen Sonnen ausgeprgt war.
Zweitens ein Teller mit einer Serviette, in deren geheimnivollem Innern wie in
einem Neste eine halbe Mandel gekochter Eier sich traulich versteckte und
endlich drittens ein Teller voll malerisch geordneter roher Schinkenschnitte,
die wei und roth in angenehmster Abwechslung zwischen Fleisch und Speck den
Gaumen unwiderstehlich reizten. Auch hier war zur Verzierung eine Menge von
verstreuter Petersilie angebracht.
    Diese Strafe fr seinen wilden bermthigen Brief war fr Dankmar doch zu
gromthig. Er umarmte fast den Bruder und sagte:
    Siegbert, wie kann ich dein edles Herz jetzt herzlicher anerkennen, als
durch meinen Magen'. Mein Appetit sei der Dolmetscher meiner Gefhle!
    Die Brder setzten sich und begannen mitzutheilen und zu erzhlen.
    Wie hab' ich dich erwartet, sagte Siegbert, wie sah' ich dir an jenem
Abende, wo du wie im Traume von meiner Seite verschwandest, verzweifelnd nach!
Wie hat sich denn Hackert bewhrt? Bist du mit ihm wieder zurckgekommen?
    So war er also nicht da? fragte Dankmar. Hat sich noch nicht sein Geld
geholt?
    Zu unserer Ehre noch nicht, sagte Siegbert, ich htte ihm aufrichtig
gestehen mssen, da wir es angegriffen haben. Doch die Schievelbein erzhlte
mir schon, da sie dir den Verkauf meines Bildes mitgetheilt hat. Ja es ist
verkauft, Dankmar, und damit ein Stein vom Herzen!
    Dreihundert Thaler, sagte Dankmar, ich hrte es mit Ingrimm gegen diese
Kunstvereinsknauserei! Die Beleuchtung ist allein soviel werth. Bildchen von
zwanzig Thalern wollen sie kaufen, damit in ihrer Lotterie viel Gewinne fallen.
    Und ist es nicht traurig, sagte Siegbert, da ich kaum durch mich selbst und
meine Arbeit zu diesem Resultate wrde gekommen sein, wenn ich nicht fr das
Gethsemane der Frau von Trompetta ein Blatt malte? Und noch schrecklicher! Diese
Frau machte von meinem Bilde nicht etwa darum ein so groes Aufsehen, da man es
seines Werthes wegen ankaufen msse, sondern weil ein Albumsblatt von mir ihr
dann erst wichtig werden konnte, wenn ich eine ffentliche Anerkennung erhielt
und unter die gesuchten Maler versetzt wurde!
    Das mu ich sagen, fiel Dankmar ein und zerklopfte ein Ei, das nenn' ich das
Gelbe von der Sache! O, o! Welche Lgen! Welche Schndlichkeiten! Frau von
Trompetta heit die Posaune deines Ruhms? Was machst du ihr denn in ihr
Gethsemane? Hoffentlich etwas vom Schweie des Heilands, der sich auf dem Tuche
der heiligen Veronika abdruckt! Darunter wrd' ich schreiben: Aus der ewigen
Leidensgeschichte des Genius!
    Genug! sagte Siegbert. Das Bild ist nun fort und die dreihundert Thaler
werden uns Muth geben, so lange zu warten, bis du deine Million gewinnst. Ich
hoffe, diese Million wird uns doch recht bald ausgezahlt werden..
    Spottest du? sagte Dankmar und schnitt an dem Schinken, der trotz allen
guten Willens, trotz symmetrischer Anordnung, trotz der grnen Petersilie etwas
zh war. Spottest du und machst Witze, so ledern wie dein Schinken? Mache dich
wrdig, meine Abenteuer zu vernehmen, sonst hll' ich mich in ein
undurchdringliches Dunkel.
    Siegbert suchte aus dem Schinkenteller fr den Bruder weichere Stcke und
gerieth durch die Sorge fr Dankmar's leibliches Wohl ganz von Dem ab, was doch
seine Neugier reizte. Er rieth ihm ein schrferes Messer zu nehmen, die Stcke
kleiner zu schneiden; er htte doch der Schievelbein gesagt, sie solle ...
    Beruhige dich! Beruhige dich! rief Dankmar. Meine Zhne thun das brige und
die Eier sind vortrefflich, wenn auch ein Bischen klein. Ich hoffe sie kommen
nicht aus der Schievelbein'schen Kanarienhecke. I Bruder! Jetzt seh' ich erst,
da du etwas schmal ausschaust! Wie bla! Wie schmachtend! Was ist denn auch
Das, bis zwlf Uhr Nachts zu schwrmen? Hat's dir der Mond angethan? Verliebte
Kater und verliebte Maler, die an den Husern hinstreichen! Lernst Mandoline
spielen?
    Siegbert nahm diesen Scherz nicht auf, sondern blickte ernst.
    Viel wichtiger, sagte er darauf mit unbefangener Miene, viel wichtiger als
deine Kritik ber meine blassen Wangen ist die Mittheilung, was denn nun aus
deinem Wunderschranke geworden und wer der glckliche Finder ist? Erzhle!
    Dankmar hatte noch nicht Lust, sich in diese wichtigen Thatsachen und ihre
weitlufige Mittheilung einzulassen. Er sagte:
    Lieber Bruder, das sind so umstndliche Dinge, da ich sie nicht beim
Frhstck abmachen kann! Was ich dir von meinen seltsamen Begebenheiten schrieb,
ist wahr; aber sie sind verworren, so unglaublich, da ich wirklich von vorn
anfangen und ganz methodisch erzhlen mu. Sage mir vorlufig zur Beruhigung,
was hast du von dem Pferde gehrt, das uns jener Strauchdieb in die Lasally'sche
Reitbahn zurckfhren sollte?
    Er hat es abgeliefert, sagte Siegbert. Ich war selbst dort noch am selben
Abend und habe seitdem nur die Sorge gehabt, jene hundert Thaler wieder zu
vervollstndigen - Du nennst den Fremden einen Strauchdieb. Hast du Beweise, da
er diesen Namen verdient?
    Ich denke wol, entgegnete Dankmar, und sehr triftige. Indessen bin ich froh,
da sich das Pferd sicher in Lasally's Hnden befindet. Ich wnschte, wir htten
ihm das Pfand zurckgegeben und kmen mit ihm in keine weitere Berhrung. Leider
frcht' ich aber, da ich gerichtlicher Zeuge gegen ihn werden mu. Gerade
Lasally ist es, der diesen Hackert verklagen will und sich dabei auf mich zu
berufen gedenkt ...
    Siegbert war ber diese Nachricht sehr erstaunt. Er hatte von Hackert ein
gutes Vorurtheil gefat und bedauerte, da er es nun aufgeben sollte. Um
indessen dafr auch gerechte Veranlassung zu haben, fragte er Dankmar nach den
Grnden, die Lasally zu einem solchen Verfahren bestimmen konnten.
    Dankmar meinte, da auch diese Grnde in die lange und prchtige Erzhlung
gehrten, die er ihm noch heute auftischen wrde.
    Am liebsten, sagte er, heut' Abend, wenn ich noch weitere Ergebnisse
gewonnen habe! Denn aufrichtig gestanden, ich schme mich fast, vor einer
genauen authentischen Besttigung aller meiner Entdeckungen so sicher und
bestimmt von ihnen zu reden. Wie ich gestern Abend hier durch die stillen
Straen schlenderte, kam mir Alles wieder wie ein Traum vor, als htte mich
irgend eine Fee nur necken wollen und mich verzaubert. Aber, Himmel ...
    In dem Augenblick sprang er auf. Das Bild fiel ihm ein. Er hatte es gestern
in der bermdung aller seiner Sinne so gedankenlos auf seinem Tische liegen
lassen, dies wunderbar gerettete Bindeglied zwischen ihm und so vielen Menschen,
die er noch heute sich eilen wollte, als wirkliche Menschen und keine wesenlosen
Schatten zu erkennen ...
    Wie er mit dem Portrait, das er noch an der alten Stelle fand, drinnen
rumorte, um es wegzulegen, rief Siegbert zu ihm hinein:
    Welch' alten Zopf hast du denn da auf einem Trdel erstanden? Oder ist das
vielleicht eine Schwiegermutter, die du irgendwo auf der Reise erabenteuert
hast? Hbsch mu in diesem Falle die Tochter sein, aber ich wnschte, da sie
einen bessern Maler fnde als einst die Mama.
    Mein lieber Bruder, sagte Dankmar und legte drinnen das Bild in eine
wacklige nicht verschliebare Kommode; an diesem Zopfe hngt das Schicksal eines
Frstenthums. Auch Das ist eine Neuigkeit, die, jetzt schon aufgeklrt, lange
nicht so berraschend ist als im Zusammenhange meiner ganzen Geschichte. Sage
mir ferner lieber, wie es dir inzwischen ergangen und welche bsen Geister dich
verfhrt haben, Nachts um zwlf Uhr nach Hause zu kommen. Hat dich Leidenfrost
wirklich zum Mitglied seines Clubs gemacht, hltst du Reden oder hrst du
welche?
    Manches der Art! antwortete Siegbert, der sich bescheiden mute, seine
Neugier ber des Bruders Abenteuer, besonders ber eine etwaige Bekanntschaft
mit Melanie Schlurck gezgelt zu sehen. Ja, Freund, ich bin auf dem besten Wege,
in Untersuchung gezogen zu werden.
    Dankmar erschrak.
    Wie? fragte er. Mein besonnener Siegbert macht Thorheiten? Du weit, ich bin
dafr, da man links, aber nicht linkisch ist! Unser gewhnliches Clubwesen ist
das Grab der Freiheit, nicht ihre Wiege.
    Befrchte nichts, Dankmar, sagte der Bruder lchelnd, meine Unternehmungen
auf diesem Gebiete sind sehr friedlicher Natur! Auch ist Das, was aus meinem
nchtlichen Ausbleiben sich noch allenfalls entwickeln knnte, erst im Entstehen
begriffen und kann mit deinem Urtheile stehen oder fallen. Vorlufig sag' ich
dir nur, da ich in diesen Tagen deiner Abwesenheit zwei Menschen gefunden habe,
die sich inniger als jemals Andre an mich angeschlossen haben und von denen es
mich glcklich machen wrde, wenn sie auch dir gefielen.
    Um des vierblttrigen Kleeblatts willen, sei's! sagte Dankmar. Aber auf
einem und demselben Stengel mssen wir sitzen, sonst werd' ich auf deine neuen
Freunde eiferschtig. Wer sind sie denn?
    Dankmar wurde hier von Frau Schievelbein unterbrochen, die den Augenblick,
wo die Brder mit dem Frhstck fertig waren, belauscht zu haben schien. Sie
kam, theils ein Urtheil ber ihre Anschaffungen zu vernehmen, theils die Kleider
hinzubreiten, die sie geputzt hatte. Auch die Stiefeln gehrten, da sie es so
dringend wnschte, ihrem Wirkungskreise an. Sie lie sich diesen Verdienst an
ihren beiden Miethsherren nicht nehmen und war in der That sorgsamer, als in
diesem delikaten Punkte Frauenhnde zu sein pflegen.
    Dankmar berlie Siegberten das Lob ihrer Bemhungen fr diese
Empfangsfeier. Er selbst hielt sich mehr an die brstende Bestimmung seiner
Wirthin, schlo mit raschem Besinnen seinen Kleiderschrank, langte die beste
Garderobe hervor und bergab sie Frau Schievelbein zu behutsamster Reinigung.
Ihre Klage, da der Staub aus den Reisekleidern kaum auszutreiben gewesen wre,
lie er gelten. Auch auf die gewhnlichen Stiefeln verzichtete er. Er stellte
sehr glnzend gefirnite in die Aula, Alles zur Vorbereitung fr eine gewhlte
Toilette.
    Du ziehst dich ja an, sagte Siegbert, als Frau Schievelbein mit den Kleidern
sich entfernt hatte, als wenn du heute zu einem Frsten gingest?
    Das geschieht auch! sagte Dankmar. Verzeihe mir meine Zerstreuung, Bruder!
Ich schlage dir vor, heut' unser Mittagessen -
    Im Pelikan, fiel Siegbert rasch ein, an der Kegelbahn, neben den
Johannisbeerhecken!
    Nein, nein, erwiderte Dankmar und legte ein Hemde, weie Wsche und mit
Bedacht eine der Saison entsprechende Weste zurecht. Das ist zu entlegen und ich
gestehe dir, deine Verehrung vor dem Proletariat und wahrscheinlich auch wieder
vor Eierkuchen mit Schnittlauch theil' ich heut' nicht. Wenn ich zwei wichtige
Besuche, die ich machen mu, hinter mir haben werde, sehn' ich mich nach einer
Flasche Cantenac oder Leoville und will mit dir im Rathskeller, bei Lippi oder
lieber bei Grns speisen im kleinen Cabinet, wo wir abgeschlossen sind, von
keinem Hundegebell gestrt werden und ich dir mit Ausfhrlichkeit zwischen
Schssel und Schssel erzhlen kann, was ich erlebt habe!
    So sicher steuerst du wahrhaftig auf die Million zu? Rathskeller? Lippi?
Grn? sagte Siegbert, dem indessen der Vorschlag doch auerordentlich gefiel. Er
war gern bei einem gewhlten, gemthlich vorbereiteten Genusse und empfand schon
die Behaglichkeit, so allein mit dem Bruder eine Mahlzeit zu verzehren, die sie
nur bei auerordentlichen Veranlassungen sich gestatten konnten.
    Bist du's zufrieden? fragte Dankmar, immer in seinem Zimmer rumend und fr
seine Toilette Dies und Jenes zurechtlegend.
    Siegbert, der sich nun gleichfalls anzuziehen begann, antwortete aus seinem
Zimmer:
    Nichts soll mir lieber sein! Ich gehe jetzt in's Atelier, arbeite fleiig an
meinem Albumblatte fr die Trompetta, die damit drngt und jede Stunde gelaufen
kommt, meinen Eifer zu controliren. Dann hab' ich ein neues Portrait zu malen.
Bis zwei Uhr bin ich so weit, um mit mir hoffentlich zufrieden sein zu knnen.
Dann noch ein Besuch bei dem einen meiner Freunde und um drei speisen wir. Bei
Grns wird es dann stiller. Aber das Cabinet mssen wir belegen und nur gleich
sagen, da wir fr das Couvert einen Thaler zahlen, sonst nehmen es Reubndler,
Offiziere oder andre Privilegirte in Beschlag.
    Willst du das besorgen? fragte Dankmar. Deine Kasse reicht doch?
    Sie reicht! erwiderte Siegbert. Die Dreihundert sind schon eingerckt. Ich
verschwieg es der Schievelbein, um erst zu hren, wieviel du davon nthig hast.
Wenn du recht mittheilsam bist, nicht flunkerst und mir Gelegenheit zu
malerischen Situationen gibst, so kann auf den Leoville auch wol noch ...
    Champagner! rief Dankmar von drinnen scherzhaft drohend und von der Gte
seines Bruders gerhrt. Welche Excesse! Mensch!
    Pst! Ich spreche ja nur von Schaum, weil ich den Barbier hre! sagte
Siegbert lachend. Guten Morgen Herr Zipfel. Die Thr ging auf ...
    Es war in der That der Barbier, Herr Zipfel, der mit Frau Schievelbein, die
die Kleider zurckbrachte, zugleich eintrat.
    Andre Leute bekommen jeden Morgen zum Frhstck na und frisch die neueste
Zeitung. Die Brder hatten aber diese Ausgabe nicht nthig. Die guten Zeitungen
lasen sie Nachmittags im Kaffeehause, und fr die laufende Chronik, fr Das, was
sie das politische Wetter nannten, gengte jeden Morgen der Besuch des Herrn
Zipfel.

                               Siebentes Capitel



                             Das politische Wetter

Herr Zipfel war eine seinem blichen Berufscharakter entsprechende bewegliche
Figur. Er liebte die laufende Zeitgeschichte. Wenn er zu Kunden kam, die schon
die Morgenzeitung gelesen hatten, so erfuhr er von ihnen, was er Denen
mittheilen konnte, die nur die Abendzeitungen gelesen hatten. Manche Irrthmer
der Nachmittagspresse war er schon im Stande, durch die Morgenpresse zu
berichtigen. Viele Thatsachen aber schpfte er aus Quellen, die nur seinem
Scheermesser zugnglich waren. Sein frhbesuchtes Atelier, seine zeitigen
Ausgnge ber die Strae, seine Besuche von Haus zu Haus bei Kunden, die
zuweilen den Begebenheiten nahe standen, trugen ihm immer einen reichen Schatz
von Notizen ein. Er konnte schon jeden Morgen ungefhr die politische Witterung
des Tages angeben. Manches, was den Abend eintraf, sagte er schon am Morgen
voraus. Ebenso oft aber irrte er sich auch und mit der Vergrerung
geringfgiger Dinge nahm er es nicht zu genau. Es verschlug ihm wenig, bei einer
kleinen Arbeiterstreitigkeit die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Flaschen fr
Menschen zu nehmen und ohne Weitres von einem Dutzend Todter und einigen Dreiig
hchst gefhrlich Verwundeten zu sprechen. Es war nicht gut fr die auswrtige
Presse, da Zipfel auch einige ihrer Berichterstatter rasirte. Sie benutzten ihn
fr ihre Mittheilungen fleiiger, als die Glaubwrdigkeit jener Zeitungen htte
sollen wnschen lassen.
    Nach einer freundlichen Begrung des so lange erst im Harz abwesend und
dann kaum zurckgekehrt wieder verschwundenen Herrn Referendars Dankmar, machte
sich Zipfel daran, erst Siegbert von den Haaren zu befreien, die nicht zu seinem
schnen blonddurchsichtigen Barte gehren sollten.
    Auf ein einfaches: Nun, Zipfel, wie steht's? das ihm aus der Aula zugerufen
wurde, sagte er, den Schaum schlagend, mit ruhiger Miene, als wenn er von etwas
sehr Gleichgltigem sprche:
    Der Telegraph spielt!
    Zipfel wollte damit sagen: Im Werke ist irgend etwas und in ein paar Stunden
wird man's wol erfahren.
    Dankmar aber, der sich anzuziehen begann, wollte etwas von einheimischen
Dingen erfahren und fragte, ob Alles ruhig wre?
    Alles ruhig! sagte Zipfel mit einer Miene, als wollte er ausdrcken: Es ist
die Windstille vor dem Sturme! Im Grunde aber htt' er doch lieber gehabt, es
wre schon sogleich irgendwo wieder zu einem bedauerlichen Conflicte
gekommen.. Mit den letzten strmischen Aufregungen der Zeit hatte sich die
Phantasie ganzer Bewohnerklassen groer Stdte und des flachen Landes daran
gewhnt, jeden Tag mit Gier etwas Neues aufzuschlrfen. Das Bedrfni nach
starken Anregungen dieser Art war so allgemein, da man die Beruhigung gewi
sehr langweilig gefunden htte, wre sie nicht fr eine kurze Erholung des
Handels und der Gewerbe so dringend nthig gewesen.
    Als Zipfel das Messer geschrft und an Siegbert's Kinn gesetzt hatte, sagte
er:
    Alles ruhig, aber oben wackeln sie doch!
    Wackeln sie? fragte Dankmar und trat auf seine leichten Firnistiefeln auf.
Sie meinen die Kpfe der Minister, Zipfel?
    Um Gotteswillen, sagte Zipfel, machen Sie mir keine Blutgedanken, mein
Messer ist scharf! Die Kpfe oben haben die Gefahr berstanden. Das ist vorber.
Aber die Anstellungen! Die Anstellungen! Die mein' ich, die wackeln schon einmal
wieder!
    Wer soll denn nun an's Ruder kommen, Zipfel? fragte Dankmar. Ich habe eine
Ewigkeit keine Zeitungen gelesen.
    Reubund! Reubund! Alles jetzt Reubund! sagte Zipfel. Fix und fertig! In ein
Tager Vierzehn stehen wir wieder auf Anno Toback! Die Errungenschaften werden
zurckgenommen! Es ist Alles Schwrmerei gewesen!
    Glauben Sie doch Das nicht, liebster Zipfel! sagte Siegbert und wischte sich
die Seife von den Wangen, nahm Wasser, Handtuch und reinigte sich. Ein
Ministerium aus diesen Elementen kann sich noch nicht halten. Es wre zu offen,
zu ehrlich in seinem Wahnsinn. Erst mssen noch einige Lgner kommen, die mit
Phrasen um sich werfen und die Brcke fr Das bauen, was dann vielleicht kommen
soll. Eher vermuth' ich, da man einige Beamte und Offiziere whlen wird, die
durch ihr ueres Auftreten die Regierungsgewalt wieder sollen krftig und
nachdrcklich erscheinen lassen. So erzhlt' es gestern Professor Lders, der
das groe Empfangsbild vom Prinzen Ottokar malt. Ich mag den Mann nicht; aber er
sitzt jetzt an der Quelle oder die Quellen sitzen vielmehr ihm.
    Zipfel wusch sich die Hnde, um zu Dankmar's viel verwilderteren Wangen und
seinem krftigeren Kinn berzugehen.
    Er wiederholte sich dabei im Stillen:
    Professor Lders - Empfangsbild - Prinz Ottokar - sitzende Quellen -
nachdrckliche Regierungsgewalt - Beamte und Offiziere ...
    Er hatte damit einen ungemein ausgiebigen Stoff, der fr die ganze Krisis
und Windstille ausreichte. Es war Logik, Zusammenhang und feine Combination in
diesen Kettengliedern. Um sich die Schlufolge recht einzuprgen, ergriff er
auch bei Dankmarn Anfangs einen Gegenstand, der ihn weniger zerstreute. Er
drckte ihm sein Erstaunen ber den verwilderten Bart aus, behauptete, die
Winkel am Munde wren viel zu sehr berwachsen, auch der Kinnbart htte sich
schon zu hoch ber die Wange hin verloren. Dankmar berlie seinem Geschmacke,
ihn wieder nach der blichen Mode umzuformen. Whrend Zipfel fast wie ein Maler
mit dem weien schaumbestrichnen Finger die Conturen am Barte zeichnete, die er
mit dem Messer verfolgen wollte, sagte Dankmar:
    Zipfel, lassen Sie sich von meinem Bruder nichts aufreden! Der ist wie alle
Knstler ein halber Reactionair! Mit unsern Errungenschaften stehen wir doch
zuletzt fester, als die Reubndler glauben. Ich will Ihnen auch sagen warum? Die
Revolution hat leider den Staat jetzt noch theurer gemacht, als er sonst schon
war -
    Wirklich! unterbrach Zipfel. Sehen Sie 'mal an! Wirklich theurer? Gestern
bekamen wir Alle in meiner Nachbarschaft Zettel zugeschickt, wo Das auch gesagt
war und jeder rechtschaffene Brger wurde aufgefodert, bei den Wahlen nur Die zu
whlen, die der Reubund vorschlagen wrde. Sie meinen also wirklich theurer?
Hren Sie, da behalten wir die Errungenschaften nicht! Was dem Brger zu theuer
ist, Das kauft er sich nicht. Ich rede nicht von mir, aber von den Andern!
    Rasiren Sie mich nur erst! sagte Dankmar, ich werde Ihnen hernach meine
Ansicht sagen, Zipfel.
    Ansicht sagen - hernach - eine Ansicht!
    Das war fr Zipfel eine feierliche Pause. Seine Spannung drckte sich in
allen Mienen des kleinen verschrumpften Kopfes aus. Er hatte die ble
Gewohnheit, seine Kunden, um ihnen gut beizukommen, bei der Nase zu fassen und
ihnen manchmal durch einen Fehlgriff die Flgel so stark zuzudrcken, da sie zu
ersticken drohten und ihn mit Gewalt zurckstoen muten. Auch Dankmarn fate er
heute in seiner Spannung etwas zu kurz und erhielt dadurch trotz aller engern
politischen Vertraulichkeit einen gewaltigen Rippensto von seinem fast
gleichgestimmten Gesinnungsgenossen.
    Bitte! sagte Zipfel. Entschuldigen Sie!
    Bitte! antwortete Dankmar. Nichts fr ungut!
    Damit rasirte Zipfel fort und gerieth fast in Verzweiflung, als Dankmar in
aller Ruhe sein Werk im Spiegel musterte und erklrte, er msse heute noch
einmal nachrasiren. Er htte die Haarwurzeln nicht tief genug gefat ...
    Herr Referendar sind recht eigen geworden! meinte Zipfel und schickte sich
mit schwerem Herzen an das zu erneuernde Werk.
    Und wie schne Stiefel Sie anhaben! setzte er in Besorgni, eben etwas
Ungeeignetes bemerkt zu haben, bedchtig hinzu.
    Spritzen Sie nur keinen Schaum auf diese Stiefeln!
    Dankmar mute endlich zufrieden sein und die Spuren dieser wiederholten ihm
an jedem Morgen sehr fatalen Prozedur - sich selbst zu rasiren hatte er nicht
die Geduld - vertilgend, begann er dann, Herrn Zipfel folgende
Auseinandersetzung mit auf den Weg zu geben:
    Also, mein bester Herr Zipfel, wenn Ihnen irgend ein Geheimrath oder Major
auer Diensten, den Sie rasiren, sagt, die Revolution htte den Staat theurer
gemacht, so machen sie ihm nur ein Compliment von mir oder von wem Sie wollen
und sagen ihm, der Staat wrde nur dadurch theurer, da die Revolution nicht
ganz gesiegt htte.
    Ach! Also noch nicht ganz?
    Nicht ganz!
    Was Sie sagen! Also Sie meinten ...?
    Wenn die alten Machthaber, die sich gegen die vollendete Revolution
anstemmten, sich gutwillig gefgt htten, so wre das Staatmachen jetzt schon
wohlfeiler. Aber theurer ist der Staat nur dadurch geworden, da nun die alte
Zeit und die neue zugleich bezahlt sein wollen.
    Natrlich! Natrlich! Doppeltes Conto!
    Weil nun die Revolution nicht fertig geworden ist und die Frsten und ihre
Diener alles Erdenkliche aufgeboten haben, um sie nicht bis zur vollen Reife
kommen zu lassen, deshalb kostet der Staat jetzt das Doppelte.
    Allerdings! Ganz klar! unterbrach Zipfel und dachte bei sich: Wieder eine
Thatsache mehr!.. Das Schlagende in Dankmar's uerung entging ihm nicht; doch
besann er sich wegen der uerung: Die Revolution ist nicht fertig geworden! Bei
dieser beschlo er, sich doch erst die Leute anzusehen, wo er eine so
gefahrvolle, wenn auch scharfsinnige Bemerkung fallen lassen wollte. Die
Revolution ist noch nicht fertig! Bedenkliche Worte!
    Nun war aber noch der zweite befruchtende Gedanke zu erledigen, dessen Keim
Dankmar in den ergiebigen Boden der Zipfel'schen Empfnglichkeit geworfen hatte.
Und lern- und neubegierig wie er war, fragte Zipfel, seine Gerthschaften
zusammenbindend:
    Aber wie sagen Sie denn, Herr Referendarius, da justement, weil die ganze
Wirthschaft jetzt theurer geworden ist, gerade derowegen die Errungenschaften
nicht genommen werden knnen?
    Ganz einfach, antwortete Dankmar und schlug sich vor dem Spiegel die
Tragbnder ber die Brust und brstete darauf sein dichtes helllichtbraunes
Haar. Ganz einfach, Zipfel! Wenn der Staat jetzt mehr Geld kostet als sonst, so
mu vor allen Dingen das Geld wirklich da sein.
    Es mu da sein! Sehr richtig! antwortete Zipfel, Das Geld mu da sein.
    Wenn nun das Geld da sein mu, fuhr Dankmar fort, so mu die Regierung Sorge
tragen, welches herzunehmen, wo sie's nur irgend finden kann.
    Sehr natrlich! ergnzte Zipfel. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht
verloren.
    Was nun, sagte Dankmar, fr uns Errungenschaft ist, ist fr Die, die zur
Reaction halten, Verlorenschaft gewesen.
    Verlorenschaft! Sehr gut! Darum soviele Eingesandts in der Zeitung!
Verlorne Gegenstnde ...
    Der Staat aber, der Staat aber -
    Erlauben Sie, sagte Zipfel und sprang hinzu, Dankmarn hinten die Weste
zuzubinden, die er eben angezogen hatte.
    Der Staat also -
    Der Staat - nicht zu fest, Zipfel!
    Loser! Der Staat also -
    Der Staat, Zipfel, mu haben und nimmt, wo er etwas findet. Die Revolution
hat ihm die bisherige Steuerfreiheit des groen Grundbesitzes zum Geschenk
gemacht, hat ihm die Vermgenssteuer fr die reichen Bankiers prsentirt, die
gibt das gefrige Ungeheuer, der Finanzminister, nicht wieder heraus -
    Der Finanzminister? Ist der so ... sagte Zipfel erschrocken ber das
gewaltige Bild. Ah! Ja so! Sie meinen figrlich! setzte er sich
selbstberichtigend hinzu.
    Natrlich! Und der Finanzminister, sagte Dankmar, wird von jetzt an immer
liberal sein und wenn man den tollsten Reubndler zum Finanzminister nimmt, er
wird die groen Zahlen der Ausgabe sehen, die gierig wie der Rachen eines
Haifisches sind und ich gebe Ihnen mein Wort, er stopft alle Rittergutsbesitzer,
alle Bankiers, alle Majors auer Diensten und den ganzen Reubund hinein, um nur
Geld zu haben, und dadurch setzen die Herren selbst die Revolution fort und die
Errungenschaften bleiben uns sicher.
    Bleiben uns sicher! Hren Sie, Das ist fein! So klar hat noch Keiner im Club
gesprochen, obgleich.. ich ihn nicht mehr besuche. Es ist jetzt zu gefhrlich
... Ich lasse mir nur rapportiren. Aber schade ... Das mu wirklich unter die
Leute kommen. Denn warum? Wirkt so etwas nicht beruhigend? Ich gebe Ihnen mein
Wort, da die Menschen, die in unsre Barbierstube kommen - die, zu denen wir
gehen, sind wieder anders gesinnt - die aber, die zu uns kommen, sind so auf ihr
Wahlrecht versessen, wie beim Essen auf ihren eigenen Lffel und wenn er von
Blech ist und lange nicht von Silber. Aber ihr eigener Lffel! Ihr eigner!
Whlen - Das gehrt jetzt zur Reinlichkeit und gehrt sich gerade so fr den
Familienvater, wie alle zwei Jahre einmal seine Stube weien lassen. Es
vertreibt die Motten! Die Motten im Kopf, die Grillen, die Raupen, den rger,
den Kummer, die Sorgen, die Armuth, Alles, Alles, was Einen drckt und an sich
selber wissen Sie - pauvre vorkommen lt. Nur Whlen! Das erhlt den Anstand,
das hebt den ganzen Menschen, das ist wie eine reinliche Weste. Der Rock mag
noch so verschabt sein, die Stiefeln geflickt, die Hose zu kurz.. Nur 'ne
reinliche Weste. Meinen Sie nicht auch, Herr Referendarius?
    Zipfel sagte den Brdern mit dieser uerung zugleich eine Schmeichelei.
Denn auch Siegbert zog sich heute gewhlter an und legte eben ein schnes Gilet
fr sich zurecht. Zipfel, mit Dank gegen die sitzenden Quellen, die demnach
auch ihm zu Gebote standen, empfahl sich und berlegte die vier Stiegen entlang,
die er hinabzuhpfen hatte, fr welche von seinen Kunden Siegbert's Mittheilung
ber das nchste Ministerium und fr welche Dankmar's Auseinandersetzung ber
die Sicherheit der Errungenschaften am besten passen wrde. Er war bei aller
Gesinnungstchtigkeit doch etwas Diplomat und richtete sich nach den Umstnden,
wie die ganze Bourgeoisie jener Stadt, die im Herzen von einer weit freiern
Auffassung war, als sie seit einiger Zeit anfing, vor den Machthabern und den
bedenklichen Umstnden zu heucheln.
    Siegbert, ohne Empfindlichkeit, sagte jetzt zu seinem Bruder: Wie kommst du
nur dazu, mich fr einen Reactionair zu erklren? Wirfst du dich nicht so in
Toilette, so in's Zeug, da ich dich eher einen Aristokraten nennen sollte?
    Dankmar hatte in der That seinen eleganten Anzug fast vollendet. Noch war
der Frack nicht bergeworfen, aber schon legte er die Manschetten seines Hemdes
zurecht und wetterte ber einen an ihnen fehlenden Knopf. Auch ein Paar ganz
neue Handschuhe in Paille hatte er noch im Vorrath und schickte sich an, sie
wenigstens vorlufig einmal auf Probe anzuziehen.
    Warum mssen denn Glaeehandschuhe, sagte er, aristokratische Gesinnungen
verrathen? Du bist ein conservativer Halb-Communist und trgst doch keine
Blouse, nicht einmal im Atelier, wo man dich verspottet, weil du kein
malerisches Esprit de corps hast und wie die andern dummen und aufgeblasenen
Knstler die neue Zeit verachtest. Ich will hoffen, da deine beiden Freunde
nicht wieder Proletarier aus dem Material dieses Hackert sind?
    Der Eine doch! sagte Siegbert.
    Bruder, verschone mich! rief Dankmar. An Hackert haben wir von dieser Sorte
genug. Ich will, da man die Vernunft, die Gerechtigkeit und Natur in die
Politik einfhrt, aber ich mag nicht, da uns im Kampfe zuviel die Handwerker
untersttzen, die da fechten mgen ... auf der Landstrae.
    Wie viel Juristen fochten auf den Barrikaden? sagte Siegbert.
    Dankmar schwieg. Die Erinnerung an Hackert hatte ihn verdrielich gestimmt.
Er besorgte auch, das gute Herz seines Bruders liee sich zu oft von Menschen
gefangen nehmen, denen er mit seinem Mitleiden auch wol gar sein Vertrauen
schenkte.
    Nun wol, sagte er fast bereuend und zur Verstndigung einlenkend, du hast
Recht und doch erfllt mich's oft mit Unmuth, wenn ich sehe, wie auch von dieser
proletarischen Seite aus der Egoismus die Triebfeder zur Theilnahme an der
Politik ist. Diese malosen Ansprche auf die ungleich vertheilten Gter des
Lebens! Diese verrckten Begriffe vom Rechte der Arbeit! Wahrlich diese dumme
Diversion unsrer groen politischen Aufgabe hat uns mehr geschadet als gentzt.
Gib diesen Sozialisten ein Phalanstre, eine groe Kaserne gemeinschaftlicher
Familien-Kaninchenwirthschaft und Suppenaustheilung, und sie nehmen den
Despotismus, wenn ihnen dieser ein solches baut, lieber als die
Volkssouvernitt!
    Es frge sich fast, was besser ist! sagte Siegbert. Deshalb wnsch' ich, du
machtest die Bekanntschaft meines Sozialisten. Es ist ein Franzose.
    Gar ein Franzose! sagte Dankmar. Und der Andre?
    Ist Leidenfrost - antwortete Siegbert.
    Leidenfrost, fuhr Dankmar erstaunt auf und erinnerte sich nun erst
deutlicher, von Melanien diesen Namen gehrt zu haben. Apropos! Leidenfrost? Der
auf dich ein Spottgemlde gemacht hat? Was ist es nur damit? Ein Spottbild auf
dich? Und du ladest nicht deine Pistolen? Ich hoffe, da du der Freund eines
Menschen, der dich verspottet hat, erst geworden bist, nachdem ihr ein paar
Kugeln gewechselt habt?
    Mit diesen Worten war es Dankmarn wirklich Ernst. Er hatte oft der uerung,
die er in Hohenberg von einem Bilde des Malers Leidenfrost, das seinen Bruder
verspotten sollte, von Melanien selbst gleich bei der ersten Begrung hrte,
nachgedacht. Er war so empfindlich ber alles Das, was sich an die Ehre seines
Namens knpfte, da er schon dort ber diese Bemerkung in Verwirrung gerieth und
in dem Antheil, der davon seinen Bruder betraf, vergessen hatte, wie sich auch
Melanie, er wute nicht recht wie, als an dem Spotte Leidenfrost's betheiligt
darstellte.
    Hast du auch schon von dem Scherze gehrt? fragte Siegbert, der im Stillen
erschrak, da Melanie vielleicht von diesem Bilde erfahren und dem Bruder davon
gesprochen htte. Man mu einem Maler seine Ideen nicht verkmmern, nicht die
Rolle der abgeschafften Censur spielen. Frei sei der Genius und erfinde
Schpferisches, selbst wenn es auf unsre Kosten geht!
    Das knnt' ich denn doch nicht unterschreiben, sagte Dankmar. Ich wrde eine
Portraithnlichkeit berall da verbitten, wo es sich um kein Portrait handelt.
    Und was ist denn auch so Schlimmes geschehen? sagte Siegbert. Du kennst
Leidenfrost's humoristischen Griffel.
    Er schreibt ebenso witzig wie er zeichnet und dabei hat er eine Auffassung
seiner Kunst, da er sie nur fr eine Erholung seines Geistes erklrt und neben
der Malerei ein Dutzend andre Knste und Fertigkeiten treibt. Schon da er so
recht den alten Italienern gleicht und wie Michel Angelo, Leonardo da Vinci,
Benvenuto Cellini neben seiner Kunst auch in praktischen Dingen, sogar im
Maschinenbau, in der Baukunst, im Kriegswesen nachdenklich und erfinderisch ist,
Das allein schon knnte mich vershnen, wenn er mich wirklich verspottet htte!
    Lammsmige Geduld! rief Dankmar rgerlich. Und wenn er etwas erfindet, was
noch ber die Zndnadelgewehre hinausschiet, so wollt' ich ihm nicht rathen,
da er dich verspottet hat.
    Er berraschte uns, erzhlte nun Siegbert ruhig, nach vielem Hin- und
Hertasten einmal durch ein Bild von groer Vollendung: Ein Knstleratelier.
Professor Berg ist unverkennbar als Tizian wiedergegeben. Er unterrichtet in
einer schnen Nebenhalle seines Ateliers ein reizendes Mdchen, das von den
entfernt sitzenden Schlern, vielleicht ohne es zu wissen als Modell benutzt
wird. Der Eine malt sie als eine Amazone, der Andere als eine Melusine mit einem
Fischleibe, der Dritte als eine Sphinx, nur ich soll Derjenige sein, der in ihr
eine Madonna findet und freilich mu ich gestehen, da ich mich mit meinem
frommen Glauben und dem sichern Aufschlag der Augen gen Himmel auf dem Bilde
fast ein wenig albern ausnehme.
    Und Das beruht auf Wahrheit? fragte Dankmar erstaunt und gespannt.
    Gerade deshalb, sagte Siegbert errthend, nehm' ich es auch leichter. Ist
schon die Idee an sich gefllig und hchst launig ausgefhrt, zumal da auch die
Schlerin zu merken scheint, da sich das ganze Atelier sie zum Modell genommen
hat, whrend ihr der Professor recht beflissen eben den Pinsel aus der Hand
nimmt, um ihre eigne Leistung, die man nicht sieht, zu verbessern, so seh' ich
nicht ein, was ich meine Neigung verbergen und mich schmen soll, eine Madonna
in dem Wesen zu finden, das Andern nur als wilde Amazone, kalter Fisch oder
gefhrliche Halblwin erscheint. Es gibt kaum eine sinnigere Apotheose der Liebe
und so gro meine hnlichkeit mit dem verzckten Maler ist, ich habe sie
Leidenfrost nicht nachgetragen.
    Der Liebe? wiederholte Dankmar immer erstaunter. Aber was hr' ich denn?
Seitdem ich in Angerode war, sind ja mit dir Wunderdinge vorgefallen. Verliebt?
Wirklich, was man so nennt verliebt?
    Fast mcht' ich ber mich selbst erstaunen, sagte Siegbert, der eigentlich
aufathmete, da von ihm in Hohenberg bei Melanie nicht die Rede gewesen schien
und doch daraus ein schlimmes Zeichen fr sich htte entnehmen mssen. Ich habe
mich lange geprft, wie wol meine Empfindung fr jenes Mdchen beschaffen sein
mge. Aber seitdem ich sehe, da ich ihretwegen leiden kann und mich ordentlich
freue, durch den Spott eines Andern des eignen Gestndnisses berhoben zu sein,
fhl' ich auch, da dies die rechte Stimmung ist, der man trauen darf. Ja, ja,
Dankmar, du sprder, kalter Verchter der Frauen, ich bin auf dem Wege, viel
Thorheiten zu begehen.
    Damit umarmte Siegbert fast den Bruder und verlangte gleichsam durch eine
erhhtere Bezeugung seiner Liebe zu ihm die Erlaubni, sein Herz nun mit Jemand,
in dem Dankmar Melanie selbst nicht voraussetzte, theilen zu drfen ...
    Dankmar, der in einer fast gleichen Stimmung war, erwiderte nichts, sondern
fhlte stumm die Wonne nach, die seinen Bruder zu erfllen schien. Wirkte doch
auch in ihm die reizende Bestrickung durch eine Armida wie ein Opiumrausch! Er
sah nur Himmel, Glck und Seligkeit. Jeder Lufthauch, der durch das geffnete
Fenster ber die hohen Dcher wehte, war ihm wie ein balsamischer Ku von
Melanie's Lippen. Ein Zauber rieselte durch seine Glieder und gab ihnen das
Gefhl einer so therischen Leichtigkeit, als wenn er in den Lften schwebte. Er
hatte schon den Hut ergriffen, setzte ihn vor dem Spiegel auf, aber er sah sich
nicht, er sah nur ber seine Schultern sich hinlehnend das schne Mdchen, das
ihn in ihren Netzen gefangen hielt.
    Siegbert hielt dies Schweigen fr Das, was es wol auch zum Theil war, fr
das wrmste Mitgefhl und fast eine Besttigung, da Dankmar Melanien doch wol
nicht in Hohenberg gesehen htte, und erregt, wie schon den ganzen Morgen, fuhr
er, sich selbst zum Ausgehen vllig fertig rstend, fort:
    Das kleine Gemlde ist viel belacht und bewundert worden und Prinz Ottokar
selbst hat es fr eine Summe von fnfhundert Thalern angekauft. Leidenfrost war
aber ber dies Glck seines Spottes trostlos. Ich gestehe, da ich einige Tage
lang mit ihm nicht sprach. Er hatte das Bild in seiner Art so rasch hingeworfen,
so keck unter meinen eignen Augen vollendet, da ich denn doch etwas verstimmt
war, wie ich den Spott erkannte. Da ich aber das Modell liebe und dir gestehen
will, wie ich dazu kam, zu hoffen und was ich hoffe, so ertrug ich den Spott und
dachte: Lacht ihr nur! Wer im Weibe das Schne und Gute findet, gefllt doch den
Menschen, wie ihr auch seiner spottet! Kaum auf der Ausstellung, war das Bild
unter dem Titel: Ein Atelier schon verkauft. Am Tage nach unserer Scene im
Pelikan kam Leidenfrost auf der Strae zu mir, bot mir die Hand und sagte:
Wildungen, ich habe miserabel an Ihnen gehandelt! Ich habe ein Mdchen
portraitirt und Sie mit ihr! Ich soll fnfhundert Thaler fr den Fetzen
bekommen, aber ich will ihn zerfetzen unter der Bedingung, da Sie mein Freund
bleiben! Leidenfrost, sagt' ich, was fllt Ihnen ein? Ich finde das Bild
wunderschn. Es ist ein Gedicht. Der Gedanke ist gut und die Ausfhrung, wenn
auch flchtig, doch sicher, bestimmt und ganz grazis. Lassen Sie nur die
Menschen lachen und streichen Sie Ihre fnfhundert Thaler ein! Leidenfrost war
aber wahrhaft unglcklich. Er polterte hundert Dinge heraus. Um sich zu
beruhigen, sagte er: Sie mssen nun aber das Mdchen wirklich heirathen, damit
Sie Beide uns Alle auslachen! Oder, rief er dann sogleich wieder, Sie sollen mir
danken, da Sie nun erst gar auseinander kommen; es ist eine Melusine! Eine
gefhrliche Sphinx! Sie pat nicht fr Sie! Und so ging es durcheinander fort,
bis er endlich mit mir sich so weit geeinigt hatte, da ich ihm versprach -
    Siegbert schlo, da sie inzwischen gingen, die Thr zu. Dankmar zog schon
drauen auf der Flur seine Handschuhe an. Frau Schievelbein nahm den Schlssel
ab und wnschte fr den Tag gute Verrichtung.
    Da ich ihm versprach, sagte Siegbert, indem die Brder die Treppen hinunter
stiegen ... ihm versprach, wiederholte er, als die Uhr schon neun schlug und er
im Gehen seine Uhr aufzog -
    Dankmar zog halb nur zuhrend auch seine Uhr auf und richtete sie nach
Siegbert's.
    Da ich ihm versprach, sagte Siegbert, ihm jetzt mehr Freund zu sein als
sonst, und von den fnfhundert Thalern, die er durch mich eigentlich verdient
htte, von der Summe, die er ein wahres Snden- und Heidengeld nannte, whrend
ich fr meinen Molay nur dreihundert hatte, wenigstens die Hlfte als Vorschu
zu einem neuen Bilde anzunehmen. Ich bedankte mich. Aber nein, sagte er, ich mu
Ihnen doch irgend ein Opfer bringen, irgend eine Shne! Wollen wir uns
duelliren? fiel er ein. Auf Kanonen? war meine Antwort. Soll ich mit der neuen
Hebemaschine, die ich construire, sagte er, mich zur Probe so oft in die Luft
schleudern lassen, bis ich mich in einen unappetitlichen Brei verwandelt habe?
Als ich auch dies groartige Opfer nicht annehmen wollte, sagte er: Verlangen
Sie, da ich mich zur Strafe in meinen chemischen Tincturen vergreife und eine
Portion ther trinke und mit dem Motto: Leichte Lfte heben mich! in's
Unendliche verschwebe? Kurz ich lehnte alle seine komischen Opfer ab, bis wir
auf unserm Schlendergange in der Wallstrae vor einem Hause standen, wo wir
einen kleinen Schild ausgehngt fanden, mit der Inschrift: Armand Doreur de
Paris. Neben dem Schilde hingen in einem groen Glaskasten eine Menge sehr
feingearbeiteter, bronzirter Goldleisten. Da, Leidenfrost! sagt' ich, zur Strafe
sollen Sie zwanzig Thaler zahlen und wissen Sie, auf welche Art? Ich wei es,
sagte er: Wir gehen zu Lippi und bestellen zehn Flaschen Champagner, von denen
Sie eine trinken, ich mu die brigen neun vor meinen Augen von Ihnen zum
Fenster ausgegossen sehen und nicht einen Tropfen bekommen. Ist Das keine
Strafe? Zu hart! sagte ich. Gut denn, schlug er vor, so trink' ich davon so
viel, bis ich nicht stehen kann und dann jagen Sie mich auf die Strae, da die
Jungen hinter mir herlaufen und ich ein Pietist werden mu, um meinen verlorenen
guten Ruf wiederherzustellen. Noch zu stark! sagte ich. Zur Strafe sollen Sie
mir hier bei dem aus Paris neuangekommenen Franzosen, der allen Ateliers seine
Karte geschickt hat, einen prachtvollen Rahmen zu einem neuen Gemlde schenken,
durch das ich mich an Ihnen rchen will. Bravo! rief er und zog mich die Stiege
hinauf zu Monsieur Armand Doreur de Paris. Wie wir bei diesem eintreten ...
    Hier wurde Siegbert's Erzhlung und Dankmar's gespanntere Aufmerksamkeit
unterbrochen.
    Ein Offizier ritt eben vorber und hielt, da er Siegbert zu kennen schien,
mitten auf der Strae an.
    Siegbert zog artig den Hut und trat zu ihm vom Brgerstiege nher.
    Das Bild wird vortrefflich! sagte der Offizier, eine hagere, aber
strengmilitairische Erscheinung mit durchdringenden Augen und einem
eigenthmlichen Lcheln, das halb grazis, halb sarkastisch erschien.
    Ich danke Ihnen, Herr Major, fr die gute Vormeinung! sagte Siegbert. Doch
wissen Sie wohl, wie bedenklich es ist, ein Portrait in seiner ersten Anlage zu
beurtheilen ....
    Ich mu doppelt dankbar sein, sagte der Offizier, da meine Frau nicht genug
rhmen kann, wie anregend sie von Ihnen unterhalten wird..
    Bitte, Herr Major!
    Wann drfen wir Sie heute erwarten?
    Ich wollte eben der gndigen Frau anzeigen, da ich heute vielleicht eine
Sitzung berspringen werde und erst morgen fortfahre ....
    Wie Sie wnschen, Herr Wildungen! Soll ich Ihnen den Weg ersparen und es
meiner Frau selbst anzeigen..?
    Sie sind zu gtig, Herr Major!
    Meine Schuldigkeit! Guten Morgen, meine Herren!
    Damit lenkte der Offizier vom Trottoir zurck und sprengte mit einer artigen
Begrung, die auch Dankmarn galt, von dannen.
    Siegbert war von dieser Unterredung etwas verlegen geworden.
    Das mu ich sagen! begann Dankmar. Du bist mir vllig fremd! Du steckst ja
in lauter neuen Verhltnissen! Wer ist denn Das?
    Der Major von Werdeck, sagte Siegbert, dessen Frau ich male ....
    Frau von Werdeck, fiel Dankmar sich besinnend ein; eine Polin -?
    Ganz Recht, antwortete Siegbert, eine geborene Kaminska ....
    Eine vortreffliche Reiterin, eine Amazone, die dir scheinbar zu einem
Portrait sitzt und sich rgert, da du keine Tte  Ttes aus diesen Sitzungen
machst!
    Abscheulich! Dankmar! Dankmar!
    Die Welt taugt aber nichts, lieber Bruder!
    Aber die Menschen taugen noch hie und da etwas. Diese Polin liebt nur Eins,
ihr Vaterland..
    Hoffentlich nach dem Major von Werdeck ...?
    Ich glaube auch ihn nur, wenn er die Gedanken theilt, die durch ihr
glhendes Herz gehen ...
    Dankmar besann sich, da er auf der Rckreise von Hohenberg noch vorgestern
von der Majorin von Werdeck wie von einer Demokratin hatte reden hren ...
    Wem verdankst du diese Bekanntschaft? fragte er.
    Auch meinem Max Leidenfrost! sagte Siegbert. Er trat mir diese Bestellung
eines Portraits ab. Er ist rhrend in der Art, wie er mich vershnen will. Auch
glaub' ich wol, da Major von Werdeck Anstand nehmen mute, diesen Cyniker, den
er brigens sehr schtzt, in das Boudoir seiner Frau zu fhren. So entschlo ich
mich, die Bestellung zu bernehmen und freue mich, hier mehr als ein Portrait zu
liefern. Diese leidenschaftliche Frau trgt den Typus ihrer Nationalitt in
jeder Fiber ihres Antlitzes. Die Bitterkeit ihrer Ansichten ist so grell, da
ich sie oft ersuchen mu, sich zu migen, damit sie nicht unschn erscheint.
Ich opponire ihr meist nur aus sthetischen Rcksichten..
    Dankmar war durch den Anblick jenes Offiziers, der wieder etwas von der
fesselnden Ausstrmung besa, die ihn sogleich auch fr Ackermann gewonnen
hatte, noch theilnehmend beschftigt. Er verfiel in die Gedankenreihe, wie wol
ein Offizier in dem bekanntlich streng genug ihm vorgezeichneten officiellen
Ideenkreise sich behaglich fhlen knne, wenn ein geliebtes Weib ihm den ganzen
Schmerz einer durch die Politik zerrissenen Nation und die Hoffnungen, die diese
Nation gerade aus der Umwlzung aller Verhltnisse fr ihre eigene
Wiederherstellung schpft, tglich vergegenwrtigt und ihn allmlig doch dahin
bringen mte, entweder ganz mit seinem Innern oder seiner uern Stellung zu
zerfallen oder gar ein gedankenloser, unzurechnungsfhiger Heuchler zu werden
...
    Siegbert, der keine Ahnung von der gewaltigen Krisis hatte, in der sich die
berzeugungen seines Bruders befanden, lie von diesem Gegenstande ab und kehrte
auf die Erzhlung zurck, die der Major von Werdeck unterbrochen hatte.
    Wir knnen kaum zweifeln, da Louis Armand, der Vergolder, derselbe junge
Mann ist, der im Egon'schen Palais der Vermittler der Wnsche Ackermann's und
der Bewilligungen des jungen Prinzen gewesen war.

                                 Achtes Capitel



                                  Louis Armand

Als wir, Leidenfrost und ich, fuhr Siegbert im weitern Gange fort, bei dem
franzsischen Kunsttischler eintraten, trafen wir zuvrderst den Probst
Gelbsattel.. doch du bist zerstreut? Meine Ausfhrlichkeit langweilt dich?
    Nein, nein, fahre fort! sagte Dankmar. Doch will ich nicht hoffen, da eine
der hlichen und magern Tchter dieses alten Gnners unserer Familie dein
Madonnenideal ist!
    Gnner unsrer Familie, sagst du? Er war der rgste Feind meines Molay.
    Es ist ein Schulkamerad des Vaters noch von Schulpforte her ...
    Und gerade deshalb sein eifrigster Feind und auch uns misgnstig und hmisch
gesinnt! Die Schulkameradschaften! Von einem mislungenen Wettkampf bei einem
Exercitium spinnt sich oft ein Faden des Neides und der Misgunst an, der durch
das ganze Leben geht! Wie kann ich gute Bilder malen, da er unsern Vater kannte,
der neben ihm in ein und dasselbe Tintenfa die Feder tauchte!
    Bitter, Siegbert, aber wahr!
    Ich bin bitter, weil ich wirklich sagen mu, da erst Frau von Trompetta den
Ankauf meines Bildes durchsetzte! Nicht, damit ich erst etwas fr ihr Gethsemane
male, sondern weil ich ihr schon etwas malte, deshalb mut' ich erst durch
Ankauf meines Bildes ein geachteter, guter Maler werden!
    rgre dich darber nicht! Die Mysterien des Ruhmes haben schlimmere Dinge zu
berichten. Was wollte Gelbsattel bei dem Franzosen?
    Gelbsattel kaufte Rahmen zu einigen Bildern, die vom Kunstverein verloost
werden sollen. Er war ungemein freundlich, fast kriechend und erkundigte sich
nach dir mit einer Umstndlichkeit, die mir fast auffiel.
    Nach mir? sagte Dankmar, halb befremdet, halb theilnahmlos.
    Fast wie im Verhr mut' ich ihm hunderterlei Fragen beantworten, fuhr
Siegbert fort, die ich selbst kaum wute, und was das Auffallendste war, er
schien ber deine Anwesenheit in Angerode auf's Genaueste unterrichtet und
gerieth ber die Mutter in Ekstase, die ich seit dem schlimmen Tage, wo er einst
in Thaldren uns besucht hatte, nicht vermuthete.
    Die Lection, sagte Dankmar, die ihm der gute Vater damals gab, wirkte. Er
drohte ihm fr Alles, was ihm der Vater sagte, die furchtbarste Rache und doch
wurde er gleich darauf nach Angerode versetzt. Diesen Menschen mu man nur die
Zhne weisen und sie werden zahm.
    Nach Angerode, sagte Siegbert traurig, wo der Vater starb! Die Rache gelang!
    Nun? erinnerte Dankmar, diese Erinnerungen vermeidend, an die Fortsetzung
der Erzhlung ...
    Du httest Leidenfrost sehen sollen, fuhr Siegbert fort, wie der den Probst
sogleich hechelte, den Kunstverein geielte! Der kolossale Herr wurde zornroth
und warf mit Frivolitt der Genrebilder, satirischen Bambocciaden und hnlichem
Schwulst um sich, whrend er die Rahmen behandelte und von dem Franzosen immer
kurz und treffend, mit Wrde und einem gewissen Stolz bedient wurde. Leidenfrost
bestellte zwlf Ellen von der vorzglichsten Arbeit, die Monsieur Armand in
Proben ausgestellt hatte, und als ich lachte und sagte: Sind Sie toll? Was soll
ich denn da hineinmalen? Nun was denn sonst, rief er mit einem Seitenblick auf
Gelbsattel, was denn sonst als die Idee, die Sie mir eben so vortrefflich
geschildert haben, eine Sitzung der Akademie della Crusca! Gelbsattel horchte
hoch auf ber ein Bild, an das ich gar nicht gedacht hatte. Sehen Sie, sagte
Leidenfrost, zu Ihrem dicken Prlaten, der bei dieser Gelegenheit die Regeln des
guten Geschmackes definiren will, brauchen Sie allein drei Quadratellen
Leinwand. Der Kerl mu sich in seinem Lehnstuhle hinflegeln, wie eine in
Schweinsleder gebundene Ausgabe smmtlicher Werke des Aristoteles! Bis hierher
... Bitte um Entschuldigung, Herr Oberconsistorialrath! ... bis hierher mssen
wenigstens seine Beine reichen, bis dahin seine Arme, hier oben streckt er die
Hand auf den grnen Tisch und legt sie mit plumper Vollsaftigkeit auf einen
grnen Lorbeerkranz, der fr ein Reihe herumgehendes Gedicht von den
versammelten Kunstrichtern als Preis bestimmt ist. Der Eine rmpft die Nase, der
kratzt sich hinterm Ohr, der rechnet an den Fingern nach, da in der siebzehnten
Stanze Vers drei ein Fu zu wenig ist, der schlgt schon im Lexikon nach, aber
der dicke Prlat, der sich blht wie ein verdauender Kalekut, der gibt sich das
Air, als grbelte er nur dem Geiste des zur Prfung vorgelegten Gedichtes nach,
und die Lorbeerbltter mssen unter seiner schweiigen Hand schon anfangen gelb
zu werden. Wrde der Kunstverein, schlo Leidenfrost, wol einen solchen
Gegenstand ankaufen, Herr Probst? ... Gelbsattel stutzte, fate sich aber. Der
schne Rahmen, sagte er salbungsvoll und sich wohl getroffen fhlend, der schne
Rahmen, mein Bester, den Sie da bestellen, ist vorlufig eine sehr gute
Empfehlung dieser Sitzung der Academia della Crusca, die ich mir sehr treffend
und sogar witzig denken kann, vorausgesetzt, da der Pinsel des Knstlers edel
bleibt und durch Portraithnlichkeit nicht zum Pasquillanten wird!
    Aha! rief Dankmar. Siehst du, wie du die Unbesonnenheit dieses
unverbesserlichen Leidenfrost ben mut?
    Lieber Dankmar, sagte Siegbert mit groer Milde, ich fhle Das wirklich
weniger, als du und als es Leidenfrost fhlte. Der Probst ging und unser Sptter
warf sich voll Unmuth in einen Sessel. Der Franzose, der auffallenderweise recht
gelufig deutsch sprach, fragte, ob dieser Herr der Vorstand hiesiger Katholiken
wre? Als wir ihm diesen Irrthum benahmen, sagte er, er htte Dies geglaubt,
weil ein Jesuit, der mit ihm von Paris gereist wre, viel von dem Probst
Gelbsattel gesprochen htte. Ein Jesuit? fragt' ich zweifelnd; gibt sich,
namentlich in jetziger Zeit, ein Jesuit so offen? Der Franzose lchelte und
erwiderte: Er wre von Brssel bis Hannover mit ihm fast immer in einem Waggon
gefahren, aber schon in Aachen wre ihm kein Zweifel gewesen, da er einen
heimlichen Jesuiten neben sich gehabt htte. Auch wisse er ein Zeichen, mit dem
sich die Jesuiten zu erkennen gben, wenn sie verwandten Brdern oder
Affiliirten des Ordens zu begegnen glaubten. Einige Herren, die in Elberfeld
eingestiegen wren, htten dies Zeichen auch sogleich erkannt und sich mit
seinem Landsmann vielfach im Geheimen unterhalten, auch ein Geistlicher, der
sich in Bielefeld anschlo ... mit diesem wre oft vom Probste Gelbsattel in der
Residenz gesprochen worden.
    Schne Arsenik-Adern Das, die sich da durch Deutschland schlngeln! sagte
Dankmar.
    Du kannst denken, fuhr Siegbert fort, wie mich nach solchen Mittheilungen
dieser Franzose ansprach. Es ist ein noch ziemlich junger Mann, der
Kunsttischlerei und das Vergolden zu gleicher Zeit gelernt hat und es zu einer
Vollkommenheit in seinem Fache brachte, die noch bei uns Niemand erreicht. Seine
Spiegel- und Gemlderahmen sind von einem bewundernswerthen Geschmack. Er konnte
nur Proben auslegen, da ihm die Gewerbeordnung untersagt, anders hier
aufzutreten denn als Reisender und Commissionr. Er bernimmt aber jede
Bestellung und wird sie entweder von einem groen Lager aus, das er in Paris
hat, oder durch eine Verbindung mit irgend einer hiesigen Werksttte ausfhren.
Er wohnt schon deshalb bei einem guten soliden Tischler, Namens Mrtens ...
    Mrtens? fragte Dankmar ...
    Es war ihm, als htte er diesen Namen irgendwo gehrt.
    Mrtens in der Wallstrae ...
    Dankmar horchte auf. Doch fiel ihm nicht ein, da dies die Adresse war, die
auf dem Gelben Hirsch der Frster Heunisch von seiner Nichte, Frnzchen
Heunisch, gegeben hatte.
    Siegbert, der genauer ausfhren wollte, wie er dazu gekommen, in Dankmar's
Abwesenheit sich Leidenfrost und diesem Louis Armand nher anzuschlieen, fuhr
fort:
    Armand's Fertigkeit in der deutschen Sprache fiel mir auf. Er behauptete,
das Deutsche theils von einer halbdeutschen Mutter, theils von einem Beschtzer
gelernt zu haben, dem zu Liebe er hierher nach Deutschland gefolgt wre.
Vielleicht bliebe er, vielleicht ginge er wieder. Es hinge Das von seinem
Freunde und Beschtzer und dessen verwickelten Angelegenheiten ab. Er hatte kein
Hehl, mir diesen Protector, wie er ihn nannte, mit Namen zu nennen. Ich war
erstaunt, als er eine hochgestellte Person nannte, den jungen Prinzen Egon von
Hohenberg.
    Wer? fragte Dankmar erstaunt. Den Prinzen Egon?
    Von dem er nicht Rhmens genug wute, fuhr Siegbert fort, und bei dessen
Namen ihm die Thrnen in die Augen traten.
    Dankmar war jetzt berzeugt.. da der Gefangene im Thurm ihn nicht getuscht
hatte!
    Nun? Nun? drngte er den Bruder fortzufahren. Und der Prinz?
    Von ihm erfuhr ich nichts, sagte Siegbert. Aber Louis Armand, der Franzose,
interessirte mich. Er sprach Einiges von der Politik und nach wenig Augenblicken
entdeckt' ich, da dies ein pariser Sozialist ist. Leidenfrost, dessen
technologische und mathematische Studien ihn mit seiner Malerei verbunden zu
einem Genie im alten Sinne des Wortes, einem Albertus Magnus, Paracelsus, ja zum
Faust machten, wenn er nicht zu sehr Mephistopheles wre ...
    O! O! unterbrach Dankmar. Ich bitt' euch! Das ist ja schon eine Lobhudelei
unter euch, wie wenn sich zwei junge Studenten ihre ersten Gedichte vorlesen!
    Leidenfrost, fuhr Siegbert unerschttert fort, erhob sich aus seinem Sessel
und nahm an unserm Gesprch den lebhaftesten Antheil. Dieser Franzose nun ist
Schuld, da ich seit einigen Abenden so spt nach Hause komme. Gestern Abend
begleiteten wir, Leidenfrost und ich, ihn wirklich an das Palais des Frsten
Hohenberg. Er hatte wirklich einen eigenen Schlssel zu einer Seitenpforte, die
in den Garten fhrte, wo wir Abschied von ihm nahmen ...
    In den Garten sagst du? fiel Dankmar ein. War das nach zehn Uhr?
    Gegen eilf! antwortete Siegbert.
    Dankmar gedachte des Sngers von gestern Abend, gedachte Egon's. Die Brust
wogte ihm freudig auf. Er fhlte, da seine Erinnerungen keine Trume waren, da
sie aufleben sollten in einer neuen reizvollen Wirklichkeit ...
    Da Dankmar schwieg, schlo Siegbert seine Erzhlung, die er immer ruhig mit
dem Bruder fortschlendernd vorgetragen hatte, mit den Worten:
    Nun aber wird es an dir sein, endlich gleichfalls zu berichten. Wir sind am
Atelier. Um drei Uhr bei Grn oder jetzt; ich will dir ganz gehren, wenn du es
verlangst.
    Dankmar hielt ihn allerdings fest. Es war ihm noch, als wre nicht Alles los
und frei in seiner und des Bruders Brust. Er sah zu den Fenstern des eleganten
im italienischen Geschmack gebauten Hauses hinauf. Es bestand dies Haus aus zwei
Theilen, von denen der eine (beide hatten Plattdcher) fr die berhmte
Malerschule des Professors Berg bestimmt war. Der andre enthielt Wohnungen; sie
waren durch eine Terrasse verbunden, die mit Orangen-, Oleanderbumen und Cactus
verziert waren und einen Gang bildeten, ber den Professor Berg zu seinen
Schlern aus seiner Wohnung hinbergehen konnte.
    Eben ging auch der gefeierte Meister im leichten berwurfe aus der Glasthr
des Wohnhauses ber diese Verbindungsterrasse in's Atelier. Er hatte ein
ernstes, edles Gesicht, das mit langen grauen Locken beschattet war. Freundlich
grte er zu den Brdern hinunter.
    Aha! Dein Tizian! sagte Dankmar. Bruder, ich wei nicht, Leidenfrost ist
doch werth, da man ihn durchprgelt. Wie du Das so ertrgst! Htte der Vater
nicht auf dem Todtenbette zu uns gesagt: Wie lieblich, wenn Brder eintrchtig
beieinander wohnen! ich finge einen Heidenlrm mit dir an und zwnge dich mit
ihm wenigstens zu einem Gang auf geschrfte Rappiere! Wetter, Bruder! Wie kann
man harmoniren, wo eine solche unaufgelste Dissonanz doch immer nebenher
brummt!
    Hab' ich nicht, sagte Siegbert, durch dies Alles einen reichen Gewinn?
Leidenfrost's geniale Natur ist mir nher getreten: er zeigt mir aus Reue ein
Gemth, das er Allen verbirgt. Was htt' ich nun, wenn ich ihn hassen mte,
mich zwnge, ihn zu hassen, den wunderlichen, in sich doch auch nicht
glcklichen Menschen! Und bei dieser Freundschaft gewann ich noch eine andere,
jenen Louis Armand, der mir, fast mcht' ich sagen in reinlicherer, graziserer
Weise die Ideen von dem mglich gesteigerten Glcke des Volkes verwirklicht, als
ich sie an unsre schmutzigen, meist rohen und gedankenlosen Handwerker anknpfen
knnte. Wir sehen ihn vielleicht heut' Abend, wenn ihn der Frst von Hohenberg
nicht in Anspruch nimmt.
    Prinz Egon! wiederholte Dankmar mit einem Erstaunen, das der Bruder nur auf
den Rang eines Mannes bezog, mit dem ein einfacher Rahmentischler und Vergolder
bekannt sein sollte ...
    Und von dem Tizian sprichst du, sagte endlich Dankmar, als Siegbert ihm die
Hand gab, um in's Haus zu treten ... Von den Sphinxen und Melusinen sprichst du
und von deinen Freunden und deinen durch Gromuth beschmten Feinden.. Aber die
Madonna! Diese Vielgestaltige! Wer ist sie denn nun? Dieser weibliche Proteus,
Der Jedem anders und dir als eine Heilige erscheint? Ich habe geschwiegen ...
Ich wollte dir meine Bescheidenheit zeigen ... Aber du ehrst sie nicht. So werd'
ich indiscret und frage: Wer ist sie denn?
    Httest du nur nicht so viel Verstand, Dankmar! sagte Siegbert. Von der
Liebe schm' ich mich mit dir zu reden ...
    Wirst du nicht roth ber und ber? Ich wette, es ist Berg's Tochter! Der
alte Tizian in Venedig hatte ja wol auch eine Tochter, die mit ihres Vaters
Schlern ... seine Schule fortpflanzte? Wie? Frulein Berg ist's?
    Du kennst sie also nicht, sagte Siegbert. Und doch glaubt' ich ... in
Hohenberg ...
    In Hohenberg? fragte Dankmar erstaunt.
    Sie ist eine Schlerin Berg's, hat Talent, aber wenig Ausdauer. Seit einigen
Tagen ist sie verreist ... du solltest wissen wohin?
    Ich?
    Zuweilen war ich bei ihr eingeladen. Bis jetzt zog sie mich jedem Andern
vor. Was Viele als Koketterie an ihr tadeln, scheint mir ein knstlerischer
Sinn. Knnt' ich sie gewinnen, ich htte ein Ideal gefunden; denn sie ist
vollendet schn ...
    Dankmar wurde jetzt von einer Idee ergriffen, die ihn erstarren machte. Er
wute, da Siegbert heute hier, morgen da, in Soireen und Theegesellschaften
gebeten wurde. Da ihn Melanie Schlurck kannte, schien ihm sowenig auffallend,
da auch nicht ein Gedanke ihm gekommen war, der in seinem Geschmacke an Frauen
so whlerische Bruder mchte sich in die Netze gerade dieser Siegbert's ganzer
Natur widersprechenden Erscheinung verloren haben. Aber als er schon von deren
Abwesenheit hrte, von verreist, von Hohenberg, von Koketterie ... erschrak er
furchtbar und wie in dem sichern Gefhle einer Ahnung, mit der ihm die Schuppen
von den Augen fielen, sagte er:
    Doch nicht Melanie Schlurck?
    Du kennst sie? antwortete Siegbert hocherglhend und fast begeistert. Ja,
gerade Die ist Berg's Schlerin und die Madonna. Sahst du sie nicht in
Hohenberg? ... Du schweigst! So la uns abbrechen. Ich sehe du bist
verdrielich, - du verurtheilst sie wie - Alle - Alle - oder - was hast du?
    Nichts! - nichts -
    Du bemitleidest mich - du hast einen wehmthigen Zug um den Mund - warum
wendest du dich? Was ist dir?
    Ich will gehen und die Couverte bei Grns bestellen ... ...
    Du willst dort mit mir moralisiren! Thu' Das nicht, Dankmar! La mir diese
Tuschung, diesen Wahn! Ich liebe Melanie Schlurck und wenn ich das Gesptt der
Welt wrde.
    Und sie selbst?
    Darber heut' Mittag! Ich will an mein lblatt fr das Gethsemane ... Du
sollst mir Rath geben! Aber nicht moralisiren! Hrst du? Ich liebe wahnsinnig
...
    Siegbert hatte keine Ahnung, da sein kalter, gegen Frauen gleichgltiger
Bruder, sein Nebenbuhler sein knnte. Er hatte Dankmar's erkaltete Hand
geschttelt und nichts von dessen Leichenblsse bemerkt. Dankmar war gro in der
Kunst der Selbstbeherrschung.. Siegbert trat in das Atelier.
    Und doch htte Dankmarn, als er nun so allein stand mit dieser gewaltigen
Thatsache, sein erstes klares Gefhl, dessen er Herr werden konnte, Thrnen
abpressen mgen. Nicht an sich dachte er! Der gute kindliche Bruder! rief es in
ihm. Der tiefste Schmerz ergriff ihn, zu denken, da diese reine spiegelklare
Natur so von einem entschiedenen Irrthum, von einem Wahne vlligster
Unmglichkeit berhaucht werden konnte! An das sonderbare Schicksal, da zwei
Brder von einem und demselben Mdchen erfllt sein muten, dachte er gar
nicht.. Das war zu oft vorgekommen.. Ihn rhrte weit mehr der Schmerz um
Siegbert, den er, obgleich lter als er selbst, hier schon wieder unpraktisch,
trumerisch, zerflossen fand! Wie klar durchschaute er den niezulsenden
Widerspruch zwischen Siegbert und Melanie! Wie unmglich schien ihm fr jemals
diese Vereinigung! Wie scharf, treffend, nur fr seine Bruderliebe beleidigend
treffend war nun der Spott des kecken Leidenfrost, der diesen Contrast so
lebendig aufgefat und in seiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte! Und
wen er noch mehr hate als Leidenfrost, das war wirklich ... Melanie selbst!
    Ein Mann kann gar nicht lieben, sagte er sich, ohne da ihm ein Weib dazu
die Veranlassung gibt und Melanie hat sich einen Scherz erlaubt!
    Und als ihm diese Gedankenreihe zu tantenhaft, zu gouvernantenmig klang,
sagte er sich doch: O sie verdient uns Beide nicht! Er berraschte sich auf dem
Gestndni, da er sie vielleicht wirklich nicht liebe, nie geliebt htte, da
sie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht htte. Opium ist Das, was in
ihren Blicken liegt, sagte er sich. Ich knnte sie zermalmen, wenn es nicht
Leidenfrost auch schon mit ihr in seinem Bilde gethan htte. Prinz Ottokar hat
es gekauft!.. Das vershnt mich jetzt mit Leidenfrost! Das ist die schwerere
Schale, die seine Schuld gegen den Bruder aufwiegt!
    Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer
Hingebung vor seine Seele ...
    Er mute sich unter einige in der Nhe liegende Bume flchten, eine Bank
suchen um sich zu fassen, um sich zu sammeln ...
    Da fr ihn an Melanie nicht mehr zu denken war, schien ihm dem Bruder
gegenber unerllich.
    Da aber auch dieser von seiner Verblendung durch ein Mdchen, das er erst
jetzt erkannte, da er sie in der Seele eines Andern beurtheilte, geheilt werden
msse, erschien ihm ebenso nothwendig ....
    In dem Hin und Her dieser Empfindungen und berlegungen versank er auf der
steinernen Bank unter Kastanienbumen, umrauscht von dem Lrmen des fashionablen
Viertels, in dem er sich befand, in Wehmuth und in eine Traurigkeit, die fast
alle seine Entschlsse fr den heutigen Tag lhmte.. Sein Anzug kam ihm jetzt
lcherlich vor.. Er ri die Handschuhe von den Fingern. Prinz Egon, der Freund
des Kunsttischlers Armand, bedurfte dieser Aufmerksamkeit nicht.. und mit
Schlurck wollte er ungebundener sprechen.. Melanie, die ihm, wer wei durch
welche Zweideutigkeit, das Bild erworben hatte, wollte er nicht sehen. Er war
auer sich und unglcklich.
    Er sa dumpf brtend eine Weile, bis er die Augen aufschlug und auf der
entgegengesetzten Seite des Platzes, den die Kastanienbume beschatteten, eben
um die Ecke der dort einmndenden belebten Strae einen Mann und einen Knaben
schreiten sah, der ihm Ackermann und Selmar zu sein schienen. Erfllt vom
freudigsten Schreck sprang er auf und mit dem Ruf in seiner Brust: Es gibt noch
reine Fluten, in denen des Mannes Seele sich lutern, strken, erquicken kann!
eilte er strmisch nach der Gegend hin, wo die lieben, ihm so theuren Gestalten
eben aufgetaucht und wieder verschwunden waren. Sein behender Fu, hoffte er,
wrde sie noch sicher erreichen. Er eilte, als jagte ihn die Reue ber alles
Das, was er in diesen Tagen erlebt, begonnen hatte. Jeder rasche Futritt war
ihm, als mte er mit ihm zu gleicher Zeit abschtteln, was auf ihm Unwrdiges
und Zweideutiges lag.
    Hinweg! Hinweg mit diesem Ballast! rief es in ihm. Sei Mann! Schttle deine
Mhne! Lebe in der Wste deiner berzeugungen einsam, aber wie ein Lwe!
    Aber es war nur der Schmerz, der so in ihm schrie..
    Er irrte und irrte.. Ackermann und den Knaben zu finden; ... er hatte ihre
Spur verloren! Seine beflgelten Schritte ruhten erst, als er vor dem Hause
stand, an welchem er gestern Nacht auf messingner Platte den einfachen Namen
Schlurck gelesen hatte ...
    ... Ob Dankmar eintreten wird? ...
    ... Dies der Commune gehrende Haus mit dem Kreuze, gebaut auf Grundstcken,
die einst dem geistlichen Ritterorden und der Comthurei von Angerode gehrt
hatten, trug zwar alle Spuren seines alterthmlichen Ursprungs, war aber von
innen sehr wohnlich, bequem und in manchen Partien selbst elegant eingerichtet.
Die Bogenwlbungen der Decken und die winkligen steinernen hier und da
ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen. Viereckte, abgestumpfte Sulen
trugen die Treppenberbauten. Lange Gnge zogen ohne alle Symmetrie, rein nach
dem Grundsatze der Bequemlichkeit, durch die Stockwerke und gaben nach allen
Richtungen hin in den Zimmern Ausgnge, ohne da diese darum selbst, wie leider
bei den neuen Bauten, mit einer berzahl von Thren versehen waren. Fast in
allen Zimmern war darauf geachtet, da sie mindestens eine groe, vllig
thrfreie Wand hatten, an der die Wrme sich sammelt und der Rcken des
Bewohners traulich und sicher anlehnen kann. Wenn nun auch viele Alkoven etwas
Dsteres und kleine einfenstrige Durchgangszimmer etwas Weitlufiges darboten,
wenn die ausgebauten Erker, die Fenster mit breitem Simse, von denen man nur
durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aussicht auf die Strae haben
konnte, mehr altfrnkisch, als ehrwrdig erschienen, so hatte doch der lange
ungestrte Aufenthalt eines sehr wohlhabenden, Luxus und Comfort liebenden
Mannes in diesen Rumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedrckt, die
man in den alten Husern Nrnbergs oder, noch bezeichnender, Basels und Berns
antrifft. Was hier Malereien an den Wnden und moderne gefllige Formen nicht
bewirken konnten, wurde durch Sauberkeit und Gediegenheit erreicht. Die Fenster
der Treppen sogar hatten Gardinen, die Vorpltze der niedrigen Zimmer waren
gebohnt und mit kostbaren Blumenstcken in weien Porzellantpfen geziert. Die
inneren Zimmer waren prchtig tapeziert und wurden durch bunte Vorhnge gehoben.
Die Mbel entsprachen dem neuesten Geschmack und die reichbesetzten Etagren und
Servanten entfalteten einen berflu von Gold, Silber und Porzellan, der nur
einer bessern Beleuchtung bedurfte, um - dann vielleicht nicht einmal so
geschmackvoll zu erscheinen wie jetzt, wo gerade diese uerlichkeit dazu
gehrte, sie zur Staffage eines Wohlstandes zu machen, den man allenfalls
patrizisch nennen mochte.
    Schlurck bezahlte eine sehr geringe Miethe fr diese Wohnung, die zum
Complex aller der Huser und Liegenschaften gehrte, die er fr die Commune
verwaltete. Dieser Umstand allein htte ihn aber nicht hier festgehalten, wenn
es nicht seine Bequemlichkeit gewesen wre. Seit fast zwanzig Jahren hatte
Schlurck hier gehaust und in allen Dingen Gewohnheitsmensch war er auch nicht zu
bewegen, Melaniens Bitten um eine moderne Wohnung nachzugeben. Er gestattete ihr
lieber hundert andere Dinge, nur in diesem Punkte war er unerschtterlich. Dies
Winkelwerk war ihm lieb geworden. Er hatte ber sich Miethbewohner, die ihn
nicht strten. Stlle, Remisen, Alles gehrte ihm so, als wr' er in seinem
Eigenthum. Unten, hinter den vergitterten Fenstern, waren seine Schreibstuben,
wo oft zwanzig Federn unaufhrlich kritzelten, immer ein halbes Dutzend junger
praxisloser Juristen unter seiner Anleitung arbeitete und die Acten bis zu den
Decken in einer Menge Schrnken aufgethrmt lagen. Sein eigenes Audienzzimmer
lag nach hinten hinaus, war sehr dster, aber traulich, und die Wendeltreppe,
die er sich von hier aus in den ersten Stock hinauf hatte bauen lassen, that ihm
vielfach erwnschte Dienste. Dazu kamen die hohen, gewlbten Keller fr seine
Weine, die er als Kenner kaufte, lagern lie und nach einem gewissen System
verbrauchte. Dies ganze Winkelige, Versteckte, Alterthmliche war ihm nothwendig
geworden, und oft sagte er zu den Gsten, die er in dem kleinen oder dem grern
Saale oben versammelte:
    Wir Menschen mssen ber unsrer Wohnung stehen! Sie mu unsern eignen
Gehalt, unser Geprge annehmen! Eine Wohnung, die meinem Nachdenken, meiner
Phantasie voraus ist, wird mir unbequem werden und wre sie noch so schn! Was
sollen mir Balkone, Plattdcher, Veranden! Ich bin nicht italienisch gestimmt.
Eine Wohnung, die ich aus den alten Zeiten heraus mir nachbilde, selbst forme
und nach Laune schmcke, wird mein Schneckengehuse! Sie krustisirt sich aus
meinem eigenen Krper heraus.
    Fr Melanie war aber die Wirkung dieser Wohnung verderblich. Sie war durch
Bildung und Natur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck dieser ihr nicht
gleichmigen Existenz. Ihr war nie wohl daheim! Sie mute immer hinaus aus
diesen Fesseln ihres Geschmacks, mute immer trumen von ppigeren Existenzen
und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit, die sie schon zu so mancher
Thorheit verleitet hatte. Ihre Phantasie, immer in dem Drange, sich etwas Andres
zu schaffen, als was sie besa, war nicht gebunden durch jene Huslichkeit, die
beim Weibe die lebendigste und in manchen Fllen oft einzige Untersttzung der
Tugend ist. Wer sich in seinem gewohnten Dasein gefllt, gerth nicht in die
Strudel jener unbefriedigten Gemther, die das Glck berall, nur nicht am
eignen Herde suchen.
    Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behalten, bemerken wir, da Melaniens
Erwartungen fr den heutigen Tag auf's hchste gespannt waren. Sie durchflog die
trotz der Hitze drauen khlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab.
Einen stillen Platz, wo sie selber waltete, hatte sie nie gehabt. Den kleinen
Cultus sinniger Gemther, die sich irgend ein Zimmer und wr' es noch so klein,
irgend ein Pltzchen und wr' es noch so eng, nach ihrem eigenen Gefallen
ausschmcken, hatte sie nicht. Sie schrieb ihre Briefe, wo sie einen Tisch fand.
Kein Arbeitszimmer, das ihr allein gehrte. berall fand sich ein Stckchen Spur
von ihr. Sich einzuspinnen an irgend einem ihr allein angehrenden Orte, war ihr
unmglich. Sie hatte Schrnke, wo sie das Ihrige beisammen fand, andre, wo sie
Briefe aufbewahrte, sie hatte Nippsachen und Andenken genug; aber sich
anzusiedeln an einer und derselben Stelle mit Allem, was ihr theuer war, das
verstand sie nicht. Es war ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hngelampen und
rankenden Gewchsen in zierlich gebrannten, aufgehngten Tpfen, sie hatte
darunter einen kunstvoll gebauten Schreibtisch, sie sa aber nie davor. Das war
ihr Alles zu eng, viel, viel zu pedantisch. Entweder sa sie in einem der Erker,
wenn sie schrieb ... Konnte sie doch da bei jedem Federzug auf die lrmende
Strae sehen!.. Oder wenn sie zeichnete und malte, worin sie etwas Fertigkeit
errungen hatte, mute die Staffelei heute hier, morgen da stehen. Bald war sie
bei der Mutter, bald bei dem Vater und wenn sie Beide genugsam geqult hatte,
rief sie ihr Mdchen Jeannette, um sich anzukleiden, oder ging in ein
Hinterzimmer, wo sie Bglerinnen, Ntherinnen, Putzmacherinnen antraf, die immer
fr das groe Haus und seine verschwenderische konomie zu nhen, stricken, zu
wirken und zu arbeiten hatten.
    Am Abend vorher hatte sie dem Vater schon Einiges von Dem mitgetheilt, was
er von dem Hohenberger Aufenthalt wissen sollte. So sehr seine Neugier ber den
Prinzen gespannt war, so stand sie doch nur halb Rede. Man ging, ermdet wie man
war, frh zu Bette.. Am Morgen gab es dann Vieles zu ordnen, nachzusehen, zu
tadeln. Der Tag sollte wichtig werden. Man nahm die Vorbereitungen auf ihn nicht
leicht. Da waren Kleider zerdrckt, andre nicht mehr gefllig. Es gab ein
Whlen, Lrmen, Laufen hin und her. Des auch schon in der Frhe
vielbeschftigten Vaters wurde sie kaum ansichtig. Gegen zehn Uhr bekam sie
endlich eine ruhigere Stimmung. Am liebsten htte sie gewnscht, es htte schon
jetzt am Hause recht wild und stark geklingelt. Jeannette erzhlte ihr, sie
htte einen Bedienten des Geheimrathes von Harder schon auf der Strae gesehen,
die Excellenz wre also angekommen ... Ernst hatte Jeannetten Alles erzhlt, was
er so offen nicht einmal der Geheimrthin beichten wollte ... Melanie lachte
ber diese uns noch rthselhaften Vorflle und berlie ihrem Mdchen, den
Antheil, den sie daran hatte, nach Belieben zu errathen. Den wahren Schlssel
dieses Geheimnisses behielt sie noch selbst.
    Um elf Uhr war sie in einfacher aber geschmackvoller Kleidung bereit, Jeden
zu empfangen, und kme Kaiser und Frst! Den Gedanken an eine Selbsttuschung
ber Egon mochte sie durchaus nicht fassen ... Bekmmerter war sie um das Bild.
Sie schien mit der Art, wie es Dankmar empfangen haben mute, nicht zufrieden.
Oft wenigstens fragte sie Jeannetten, ob man sich wol auf Menschen verlassen
knnte, die von einem Manne, wie dem Prinzen, so freundlich gegrt wurden.. Sie
meinte den Amerikaner und seinen Knaben ... Dann kam sie auf diesen Knaben, den
sie anfangs und um Dankmarn zu necken, ein Mdchen genannt hatte und ein Sinnen
berfiel sie wirklich, ob nicht jener Knabe ein solches wre und in Beziehungen
zu ihrer neuen Eroberung stnde, die sie frchten msse! Etwas, was sie mit dem
Vater des Knaben im Heidekrug und mit dem Bilde der Frstin Amanda erfahren
hatte, schien sie darauf zu fhren, sich solche Vermuthungen lebhafter
auszumalen.
    Es schlug halb zwlf. Noch immer nichts, was sich zur Aufklrung der letzten
Tage anmelden wollte ...
    In ihrer Ungeduld rannte sie da und dorthin, endlich zu den Mdchen, die fr
das Haus zu arbeiten pflegten. Es war heute grade nur eine da, ein heiteres
junges Mdchen von geflligem uern. Sie arbeitete gerade an einem Besatz fr
Melanie. Jeannette stand neben ihr und Beide lachten eben, als Melanie eintrat.
    Ihr seid sehr lustig! Worber lacht Ihr? fragte Melanie.
    Das Mdchen stand ehrerbietig auf und wurde blutroth.
    Jeannette, eine Zofe, die sich gegen Melanie oft einen sehr vertrauten Ton
gestattete, woran aber diese wol selbst Schuld war, Jeannette antwortete fr die
Ntherin:
    Frnzchen ist verliebt, Frulein, und wie Sie sehen, bis ber die Ohren!
    Frnzchen, in wen bist du verliebt? sagte Melanie und setzte sich zu ihnen.
Erzhle mir wie verliebt du bist!
    Jeannette ist eine Sptterin, sagte das Mdchen, das man Frnzchen nannte.
Ein armes Mdchen fhlt leicht etwas, so gut wie Andre, aber sie nimmt sich wol
in Acht, es so rasch Liebe zu nennen, wie Die!
    Der Tausend! sagte Melanie. Das klingt ja wie aus einem Buch.
    O, sagte Jeannette, es mu auch etwas ganz Absonderliches sein, was ihr in's
Herz gefahren ist! Seit wir fort sind, ist Franziska Heunisch fast eine Gelehrte
geworden.
    Also ein Student? fragte Melanie die Nichte unseres guten Heunisch aus dem
Walde. Blond? Schwarz? Jura? Medicin? Frnzchen! Frnzchen! La dich mit
Studenten nicht ein! Ihre frischen Wangen mssen erst recht welk werden, bis sie
heirathen knnen und dann heirathen sie immer erst noch die Tchter ihrer
Vorgesetzten.
    Es ist kein Student, sagte Frnzchen Heunisch verschmt.
    Sie sagt's nicht, wer's ist! meinte Jeannette. Und doch ist er gewi viel
hbscher als der alte Frst von Hohenberg, den sie noch ein Jahr vor seinem Tode
lieben sollte.
    Jeannette lachte zu dieser uerung laut auf.
    Frnzchen aber warf ihr einen ernsten Blick zu und wurde noch rther,
diesmal aber vor Unwillen ber Jeannettens lose Zunge.
    Was ist Das? fragte Melanie. Verliebt in den alten Frsten Hohenberg?
    Frulein, sagte Frnzchen mit einem erneuten verweisenden Blick auf ihr
Mdchen. Jeannette ist oft recht schlimm ...
    Warum denn, sagte die Zofe keck; wissen wir's doch Alle! Armes Tubchen! Die
Wandstablers waren nahe daran, ihr recht die Federn auszurupfen.
    Melanie drang wiederholt nach Aufklrung. Frnzchen schwieg. Die Nadel
zitterte in ihren Hnden ...
    Jeannette aber sagte:
    Ach ziere dich nicht, Frnzchen! Abenteuer, wo man mit heiler Haut
davonkommt, sind immer lustig anzuhren. Frnzchen ist doch die Nichte des
Jgers Heunisch, den wir mit seinem groen Fuchsbart bei Hohenberg fters
gesehen haben. Als noch der alte Frst lebte, empfahl sie Heunisch an die
Wandstablers, um im Palais einen guten Posten zu bekommen. Sie kennen doch die
Wandstablers, Frulein?
    Melanie sagte, sie htte von den drei Geschwistern gehrt.
    Jeannette fuhr fort:
    Die Wandstablers lieen mein Frnzchen kommen und betrachteten es von allen
Seiten, ja untersuchten's, wie Herr Lasally thut, wenn er Pferde kauft. Endlich
behielten sie sie im Palais und Frnzchen zog heute hinein und morgen lief sie,
wie sie ging und stand, davon. Was mit ihr geschehen ist, davon hat nichts in
der Zeitung gestanden. Frnzchen! Ich htte dich sehen mgen, wie du in dem
goldenen Pavillon an Hnden und Fen gezittert hast, als -
    Frnzchen entrstet hielt Jeannetten den Mund zu.
    Und als jene doch reden wollte, sprang sie auf und drckte so gewaltsam auf
Jeannettens unsaubere Lippen eine gewisse Handbewegung, da deren fahles Gesicht
kirschroth wurde und sie allenfalls sagen konnte, ihr wre so gut geschehen, als
htte sie eine Ohrfeige bekommen.
    Mdchen! Mdchen! rief Melanie lachend. Du zerdrckst mir die Volants an dem
Kleide da! Wollt Ihr wol Beide Ruhe halten!
    Frnzchen war so zornig, da ihr die Thrnen in die Augen traten.
    Fr Melanie waren die Worte: Goldener Pavillon im Hohenbergschen Palais,
sehr gefhrlich gewesen. Indessen bekmpfte sie sich, warf Jeannetten einen
verweisenden Blick zu und sagte, um auf einen andern Gegenstand zu kommen:
    Also ein Franzose ist's! Frnzchen, wie verstndigst du dich denn mit ihm?
Oder geht das Alles durch die Augensprache?
    Frnzchen schwieg wieder.
    Jeannette aber statt ihrer sagte:
    Er kann ja deutsch und was er nicht zu sagen wei, macht er mit ihr
figrlich ab. Er wohnt in einem Hause mit ihr und mu es gewi sehr redlich im
Sinn haben, denn er hat ihr noch nichts geschenkt, obgleich er mit lauter Gold
umgeht.
    Melanie fand an Frnzchens verschmter Schweigsamkeit und Entrstung
Gefallen. Frnzchen war klein, aber sehr zierlich. Ihre Augen hatten etwas
Heiliges. Lange dunkle Wimpern lagen schwrmerisch ber den braunen
feuchtschimmernden Sternen. Die Haut war, wie Hackert im Gelben Hirsch gesagt
hatte, von jenem Wachs, das nicht schn ist, wenn es zu bla ist und an die
Bleichsucht erinnert, aber sehr anziehend, wenn mit ihm dunkle und frische Farbe
verbunden. Alle Formen dieser kleinen Schnheit waren im lieblichen Ebenma.
Melanie beobachtete Das heute zum ersten male. Kleine Gestalten haben den
Nachtheil, da man ber ihre Bildung zu flchtig hinwegsieht und erst nach
liebender Betrachtung pltzlich ihres Werthes inne wird.
    La sie selber sprechen, sagte Melanie zu Jeannetten; Frnzchen wei, da
ich gern hre, wenn sie glcklich ist.
    Wie bin ich denn glcklich? sagte das junge Kind endlich, hab' ich denn
schon ein Recht, so dreist zu sein, wie Jeannette? Er wohnt im Vorderhause und
kam einige male hinten in den Hof, wo ich beim Tischler Mrtens wohne. Er will
auf den Namen des alten Mrtens hier ein Geschft errichten von Spiegel-und
Bilderrahmen und hat einige male freundlich mit mir gesprochen. Leider gibt es
berall soviel Plaudertaschen, wie Jeannette ist ... Man hat ihm schon erzhlt,
was die bsen Wandstablers mit mir im Sinne hatten ... die noch ohnedies meine
Cousinen sind! Was der Franzose damals zu mir sagte, war so schn und gut, wie
wenn es ein Pfarrer sprche und wenn ich mich nicht geschmt htte ...
    Nun? fragte Melanie.
    Ich htte ... ich htte ihm alle meine Snden beichten knnen! sagte das
erregte, glhende Mdchen.
    Jeannette brach ber diese Worte in lautes Lachen aus, das ihr aber Melanie
verwies.
    Das ist viel, Frnzchen, sagte Melanie, fr einen Mann, der uns den Hof
macht, zuviel. Gleich niederknieen vor ihm und anbeten und seine Snden
beichten! Allein man sieht, da du recht verliebt sein kannst. Was hat er dir
denn so Erbauliches gesagt?
    Als die plauderhafte alte Mrtens, sagte Frnzchen, ihm die Schlechtigkeiten
der Wandstablers erzhlt hatte, pate er mir am Abend auf, wie ich von der
Arbeit nach Hause kam. Er that zwar, als wenn er mit dem alten Mrtens ber die
grere Tischlerei sprechen wollte, die er auf seinen Gewerbschein betreiben
mchte, aber wie er aus dem Hut ein zierliches Rosenbouquet zog und mir in
seiner wunderschnen Art zu sprechen sagte: Franchette, so nennt er mich,
Franchette, ein Tribut an die Unschuld, ein Geschenk an die Anmuth, die den
Stolz der Tugend kennt!.. da wut' ich doch -
    Weiter konnte das gerhrte Frnzchen nicht sprechen. Ihre Worte erstickten
in Thrnen..
    Kind! Kind! sagte Melanie und griff ihre Hand und fuhr, sie ermunternd, mit
den Worten fort, die sie hatte sagen wollen:
    Da wutest du doch, Frnzchen, da der galante Pariser - denn das wird es
hoffentlich sein - nur deinetwegen und nicht wegen des Gewerbscheins geblieben
war. Aber fr ein solches Compliment fllt man doch noch vor keinem Mann auf die
Kniee und beichtet ihm alle seine Snden! Es steht ja recht schlimm mit dir!
    Jeannette machte Melanien einen gewissen Seitenblick, als wollte sie sagen:
der arme Tropf ist nrrisch geworden. Und wirklich war Frnzchen in einer so
gehobenen feierlichen Stimmung, da ihr auch Melanie's Zureden gar nicht
gefallen wollte. Das war nicht der Ton, der ihr wohl that, Das nicht der Geist,
der ihr des Gedankens an jenen Mann wrdig schien! Dennoch raffte sie sich
zusammen und erzhlte weiter:
    Ohne Das zu erwhnen, was die alte Mrtens ihm gesagt hatte, sprach er ganz
zart von den armen Leuten, die wol auch ihren Stolz haben knnten. Er erzhlte
von einer Schwester, die ihm gestorben wre, gar jung und sehr unglcklich,
unglcklich, nachdem sie ein paar kurze Jahre berglcklich gewesen wre. Durch
die Liebe glcklich! sagte er; denn nicht Gold, nicht Edelstein knnen ein Weib
wahrhaft glcklich machen, sondern nur das Gefhl, geliebt zu werden, und darin
wren sie Alle gleich, die Vornehmen und Geringen, die Reichen wie die Armen.
    Melanie blickte gerhrt und sich getroffen fhlend nieder, whrend sich
Jeannette, um ihren Drang, ber diese verliebte Salbung laut zu kichern, zu
unterdrcken, auf die Lippen bi und immer so that, als wollte sie sagen:
    Das dumme Ding ist verrckt!
    Franchette, sagte er, fuhr Frnzchen fort, du mut die Welt nehmen wie einen
Spiegel, in dem du dich selber betrachtest. Meine Spiegelrahmen machen mich
nicht eitel, sondern sagen mir tglich: Sei aufmerksam auf dich selbst! Wo du
irgend etwas erfhrst und erlebst, was nicht so beschaffen ist, dir sogleich
dein Bild und nur dich, nur dich in voller Reinheit wiederzugeben, da zieh dich
zurck, denn es ist Gefahr da. Und wo du etwas erlebst und erfhrst und du
siehst dich zwar im Geiste leidlich dabei, bist aber nicht so gestaltet, wie du
dich sonst lieb hast, gewohnt bist, so fliehe wiederum, denn dann hast du dich
zwar nicht schon ganz verloren, aber du bist in Gefahr, es doch fr immer zu
thun oder eine Gestalt anzunehmen, die nicht mehr deine eigne ist.
    Himmel! rief Melanie. Das ist ja ein Pfaff, ein frmlicher Jesuit, der dich
katholisch machen will und statt in die Ehe, in ein Kloster praktizirt!
    Mir recht! sagte Frnzchen trumerisch. Aber ich denke Nein! Er sprach wenig
Gutes von Denen, die Alles von der Demuth verlangen! Er will den Menschen doch
recht stolz. Man soll sich nur vor Denen beugen, sagte er noch an dem Abend, die
man nachzuahmen wnscht. Wir knnten uns Gott nicht anders vorstellen, als wie
einen hochvollendeten, nachahmungswerthen Menschen und deshalb wre die
christliche Religion die beste, weil sie gelehrt htte, der vollkommenste Mensch
wre Gott.
    Frnzchen! Frnzchen! sagte Melanie. Das klingt nun wieder gar wie Ketzerei.
Nimm dich doch ja in Acht! Der Teufel nimmt allerlei Gestalten an und in diese
franzsische Maske bist du schon so verliebt, da ich fr meine Falbalas
frchte. Mit der Putzmacherei wird es wol aus sein, Frnzchen! Er wird sich
etabliren, dich heirathen und deine Freundin Melanie, die keinen so schnen
Franzosen findet, wird nichts zu thun haben, als sich auf ein hbsches
Hochzeitgeschenk zu besinnen.
    Behte! antwortete Frnzchen, erglhend und schamgefrbt. Wie knnt' ich
daran denken?
    Er hat sie ja noch nicht ein einz'ges mal gekt! fiel Jeannette ein.
    Das wird schon noch kommen, meinte Melanie. Wenn die Welt dir jetzt ein
Spiegel sein soll, der dir immer sagt, wie weit du bei gewissen Veranlassungen
gehen kannst, so erleb' ich, da du in seinen Augen dich ganz rein und
unschuldig erblickst, je nher er dir gekommen ist und jemehr er dich gekt
hat. Er hat gewi schwarze Augen?
    Wie Kirschen! sagte Frnzchen verschmt niederblickend.
    Da sieh Einer! rief Melanie, whrend Jeannette bermig lachte und doch
eigentlich von einem gewissen Neide berhrt wurde; wie Kirschen! Man sieht, da
Ihr schon im Obstgarten bei den Frchten seid! Da werdet Ihr bald an dem Beete
stehen, wo die verbotenen wachsen! Frnzchen! Frnzchen! Dein moralischer
Franzos gefllt mir. Kann man ihn nicht einmal hierher bestellen, um uns einen
Spiegelrahmen zu machen? Versteht sich, nicht von der Sorte, wie deine
Augenspiegel sein sollen! Wir haschen ihn dir nicht weg! Einen ordentlichen
Rahmen? Was?
    Frnzchen schien ber die Gefahr, ihren neuen Freund zu verlieren, ganz
beruhigt und hielt sich bei den Worten des Fruleins nur an die Mglichkeit, ihm
einen Verdienst zuzuweisen.
    Ich will es ihm sagen, antwortete sie, wenn ich ihn wiedersehe.
    Siehst du ihn denn nicht tglich? fragte Melanie.
    Sie hat ihn seit vorgestern nicht gesehen, die rmste! berichtete Jeannette.
    O Das ist garstig, sagte Melanie, er vernachlssigt dich schon, nachdem er
mit dir eben erst philosophirt hat? Das darf man nicht, oder man ist kalt oder
kokett. Auch die Mnner sind kokett, Frnzchen ...
    Frnzchen schttelte den Kopf und sagte:
    Hab' ich denn Ansprche auf diesen? Jeannette malt Alles anders aus, als es
ist. Er wohnt im Hause, kommt oft zu Mrtens und ist freundlich gegen mich. Das
ist Alles ...
    Wenn ein Mann mit einem Mdchen so philosophisch gesprochen hat, wie dieser
Franzos mit dir vorgestern, sagte Melanie, so ist man ein ganz abscheulicher
Mensch, wenn man am folgenden Tag sich nicht wieder sehen lt. Philosophiren,
meine liebe Franziska, ist bei allen Mnnern das erste Capitel der Liebe..
    Er konnte nicht kommen, entschuldigte ihn Frnzchen, die in den
Verhltnissen ihres Freundes doch schon bewanderter war, als sie sich den Schein
zu geben wagte; ein vornehmer Herr, den er sehr verehrt, war gestern Abend
angekommen. Er kennt ihn von Paris und ist die Nacht wol bei ihm geblieben, da
er viel mit ihm zu sprechen htte.
    Ein vornehmer Herr?
    Ein vornehmer Herr! besttigte Franziska mit der grten Zuversichtlichkeit.
    Melanie lachte laut auf.
    Frnzchen! rief sie, was bist du fr ein armer Tropf! Gesteh' es nur, du
bist mit dem philosophischen Spiegelrahmenmacher viel weiter, als du sagen
willst und der Bsewicht, der des Nachts nicht nach Hause kommt, macht dir
Windbeuteleien vor. Sag' ihm in meinem Namen: Mein lieber Herr ... Wie heit Er?
    Louis!
    Louis? Also schon beim Vornamen? Frnzchen! Du bist ein rechter Duckmuser!
Eine Putzmacherin! Wie kann man auch glauben, da eine Putzmacherin mit einem
Franzosen nicht weiter kommen wird als bis zum ersten Capitel der Liebe, bis zur
Philosophie!
    Er heit Louis Armand, sagte Frnzchen, gengstigt ber die Art, wie ihr
diese beiden Mdchen zusetzten.
    Also sag' ihm nur! fuhr Melanie fort, die diesen Namen doch schon einmal von
Bartusch gehrt, aber vergessen hatte; Monsieur Armand, Das sind Flausen! Wer
ist Ihr Freund? Ihr vornehmer Freund? Vertheidigen Sie sich, mein Herr! Sie
bleiben des Nachts aus! Daran ist eine Nebenbuhlerin, Ihre Untreue, Ihr
Wankelmuth Schuld! Schmen Sie sich!
    Er hat ihn mir schon genannt, den Freund! sagte Frnzchen kopfschttelnd. Es
ist Jemand, den er in Paris kennen gelernt hat und noch in einer andern Stadt,
die ich nicht behalten habe. Diesem zu Gefallen ist er nach Deutschland
gegangen. Ich wollt' ihn nicht gern nennen, weil ich dabei an meine Cousinen
denken mu, aber es ist Niemand anders als der junge Prinz Hohenberg. Nun werden
Sie nicht sagen, da es Flausen waren! Denn nach dem Prinzen Egon knnt' ich
mich bei meinen Cousinen leicht erkundigen und Armand wute ja auch Alles, was
ich mit diesen schon vorgehabt hatte!
    Kaum hatte Frnzchen den Namen des Prinzen Egon ausgesprochen, als Melanie
blutroth wurde und von Jeannetten, die ihre rasch aufgeschossene Neigung kannte,
scharf fixirt, aufsprang. Das Kleid, an dem Frnzchen arbeitete, hatte halb auch
auf ihrem Schooe gelegen. Sie streifte es rasch von sich, ungeduldig und
berrascht den Namen: Prinz Egon! wiederholend.
    Der Prinz ist gestern Abend spt von einer Reise zurckgekehrt? sagte sie.
    Armand erwartete ihn mit Ungeduld schon seit einigen Tagen, antwortete
Frnzchen.
    Er war in Hohenberg, auf dem Schlosse seines Vaters und hat auch mit Eurem
Onkel, dem Frster Heunisch, gesprochen?
    O Das wre ein Glck fr den Onkel, fiel Frnzchen lebhaft ein. So wird er
in seinem Amte bleiben! Da er nicht verheirathet ist, der gute Onkel, so hat er
mir versprochen, mich zu seiner Erbin zu machen. Doch mag er noch lange leben!
Zu jeder Weihnacht schickt er mir einen Dukaten.
    Wute Armand nicht, ob der Prinz in Hohenberg war? wiederholte Melanie mit
groer Dringlichkeit.
    Davon hat er nichts gesagt, erwiderte Frnzchen. Wo sollt' er aber anders
gewesen sein? Ich denk' es mir so. Er ist vor vierzehn Tagen hier von Paris
angekommen, hat sich ganz still in einem Gasthofe eingemiethet ... Armand suchte
einen Meister seines Gewerbes auf, bei dem er zwei Zimmer miethete, eins zum
Wohnen, eins fr seine Muster und Proben ...
    Aber warum wohnt er nicht bei dem Prinzen in seinem groen und prchtigen
Palais? fragte Melanie.
    Das hab' ich im Scherz ihn auch gefragt. Aber ganz ernst gab er mir die
Antwort: Der Prinz ist mein Gnner!
    Vielleicht sind wir sogar Freunde! Aber es ist besser, da Jeder in seiner
Sphre bleibt. Die Frsten wohnen in Palsten und die Tischler in Werksttten!
    Und doch blieb er die Nacht dort?
    Vielleicht, weil der Prinz spt ankam. Er wird schon wieder in die
Wallstrae No. 14 eine Treppe hoch zurckkommen.
    Melanie machte jetzt ihrem Besuche im Garderobezimmer ein Ende.
    Frnzchen, sagte sie zum Abschied, dein Franzos ist ein Phrasenmacher! Die
philosophischen Schwtzer wollen Alles, nur keine ordentliche, gerichtlich
bescheinigte, priesterlich eingesegnete Heirath. Sei auf deiner Hut! Wenn er
wieder einen Rosenstrau aus seinem Hute zieht und nicht wenigstens von Liebe
spricht - falls du so gromthig sein willst, ihm das Heirathen zu schenken - so
sag' ihm nur, solche verblmte Magister htten wir in Deutschland genug und
berhaupt bei einer Putzmacherin msse man sich mit Winkelzgen in Acht nehmen.
Die wten sehr bald, was echt und was Flitter ist! Den Besatz da, Kindchen,
setz mir etwas hher! Wenigstens drei Finger breit! Verstehst du? Und nun Adieu
und vertragt Euch besser!
    Damit lie Melanie die beiden Arbeiterinnen allein. Frnzchen wird
Jeannetten wahrscheinlich den Vorwurf der Indiscretion machen und diese
wahrscheinlich einen neuen Beweis ihrer Plauderhaftigkeit dadurch geben, da sie
ihr ber den Prinzen Egon und seine hohenberger Abenteuer mancherlei zuflstern
wird, was sie besser thte, im Interesse ihrer von Sehnsucht und Zrtlichkeit
fr Dankmar gefolterten Herrin zu verschweigen.
    Melanie, haltlos, schwankend, aufgelst, ging in die vorderen Zimmer zurck.
Auf allen Uhren des Hauses sah sie, da es gegen Eins war. Noch immer kein
Lebenszeichen von Dem, was in diesen Tagen sie so gewaltig erregt hatte! Sie
litt furchtbar. Sie hatte sich lngst darauf gefat gemacht, da irgend eine
Verwechselung stattgefunden und dennoch kamen immer wieder neue Anzeichen zum
Vorschein, da jener junge Mann, der sich fr den Bruder des Malers Wildungen
ausgab, nur Prinz Egon war. Und wenn er es nicht war, so stand er in nchster
Beziehung zum Prinzen! Mit Aufopferung jeder Rcksicht hatte sie ihnen Beiden
einen Dienst geleistet, fr den sie Anerkennung, Dankbarkeit, Enthusiasmus
wenigstens, wenn nicht Liebe verlangen durfte! Hatte ihre bermthige Laune auch
vielleicht nur die Gelegenheit benutzen wollen, einem eingebildeten lcherlichen
alten Herrn einen muthwilligen Streich zu spielen, so war doch das Mitergebni
desselben eine groe Geflligkeit fr den Prinzen gewesen. Und von alledem
schien nun nichts gewesen zu sein, nichts bot sich zur Wiederanknpfung dar als
hchstens eben die ihr sonderbar klingende Mittheilung, die ihr durch einen
Diener vom Parterre herauf gemacht wurde, der Herr Justizrath liee ihr sagen,
sie mchte diesen Abend ihre Gegenwart an Niemanden vergeben als an ihn, sie
mchte mit ihm zur Geheimrthin von Harder fahren, die sie kennen zu lernen
wnsche ...
    Im Begriff zur Mutter zu gehen und ihr diese Auffoderung des Vaters
mitzutheilen, hrte sie in dem Zimmer derselben laut und angelegentlich
sprechen. Die Mutter hatte Besuch. Es war die Stimme eines lteren Herrn, die
sie kannte, aber nirgend hinzubringen wute. Fremden Menschen, die mit ihrer
gegenwrtigen Erregung in keiner Verbindung standen, jetzt zu begegnen, war ihr
unmglich. Sie warf sich ungeduldig auf ein Canap des Nebenzimmers sprang nach
einem kurzen Augenblick der Ruhe wieder auf, sah in den Spiegel, sah zum Fenster
hinaus, horchte wieder an der Thr, ergriff ein in der Nhe liegendes Buch, las
eine Viertelseite, warf es wieder weg und verging fast in der Pein der Ungeduld.
Endlich glaubte sie die Stimme des Sprechers zu erkennen. Sie war zu fest, zu
feierlich, als da ihr nicht zuletzt einfallen sollte, wer es war. Sie glaubte
sich nicht zu tuschen, wenn sie annahm, da diese Stimme dem Propste Gelbsattel
gehrte. Und obgleich es ihr Religionslehrer und Beichtiger war, so wrde sie
sich doch nicht entschlossen haben, in's Zimmer der Mutter einzutreten, wenn
nicht pltzlich die Namen Hohenberg, Frstin Amanda, Plessener Pfarrei an ihr
Ohr gedrungen wren. Jetzt ffnete sie rasch und trat ein.
    Propst Gelbsattel hatte schon den Hut in der Hand und wollte sich eben von
der Mutter, die eine eifrige Besucherin seiner Predigten war, empfehlen. Seiner
Absicht, den Justizrath zu sprechen, kam die Meldung entgegen, da dieser ihn
unten bereits erwarte ....
    Propst Gelbsattel war eine hohe stattliche Figur, wohlgenhrt und vom
Lampenlicht der Studien seit Jahren schon nicht mehr angedmmert. Er htte
uerlich durch seine imponirende Wrde wol gut zu den Worten Veranlassung geben
knnen: Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen! Schon lngst hatte sich bei
ihm die Gottesgelahrtheit mit dem Studium der Welt so verbunden, da er mehr
einem Hofmanne als einem Geistlichen geglichen htte, wenn nicht sein noch immer
schwarzes glnzendes Haar in einen Scheitel gekmmt gewesen wre, dessen beide
gleiche Seiten, ziemlich lang ber's Ohr gestrichen, gar heilig niederflossen.
Dieses einzige Merkmal schlichter Sitte erinnerte an die fromme Bestimmung
seines Berufes. Sonst war er von gewandten, wenngleich immer wrdigen
Weltformen, scherzte mit Grazie, ohne ausgelassen zu werden, sprach ber alle
Vorkommnisse des Lebens, ohne den Schein bergroer Vertraulichkeit anzunehmen.
Seine Reden hielten Viele fr mustergltig. Sie waren nach einem immer gleichen
Schema gearbeitet und rafften Mancherlei in die Betrachtung der Kanzel, was
weniger mit dem Christenthume, als mit einer allgemeinen Lebensphilosophie
berhaupt zusammenhing. Er galt fr biblisch, ohne da er sich im Orthodoxen zu
weit erging. Ein leiser Anflug von Pietismus fehlte nicht, ohne da er darum die
Vernunft herabsetzte. Er hatte so seine eigene Art, allen Parteien zu gefallen.
Die Vornehmen und Reichen strmten auch seinen Vortrgen, die er wohlweislich
nur alle vierzehn Tage hielt, in groer Hingebung zu. Obgleich er bei der ersten
alten Pfarrkirche der Stadt angestellt und berhaupt der erste Geistliche der
Commune war, so kam doch regelmig auch der Hof zu ihm und gab den Ton an, sich
allgemein durch Propst Gelbsattel das christliche Gewissen wecken und rhren zu
lassen.
    Aber nicht nur auf der Kanzel war seine Wirksamkeit eine bedeutende, nicht
nur durch seine Seelsorge fr die vornehme weibliche Jugend und die
Beichtbeflissenen behauptete er einen groen Einflu in der Gesellschaft,
sondern ebensosehr auch durch seine rege Antheilnahme an fast jeder Frage, die,
in welchem Gebiete es auch sei, das allgemeine Interesse der Residenz in
Anspruch nahm. Die Stadt selbst bediente sich seiner zum Entwurfe von Addressen;
denn man bewunderte die Geschliffenheit und lapidare Wucht seines Stils. Der Hof
unternahm nie etwas, was artistisch oder irgendwie geistig in's ffentliche
Leben treten sollte, ohne Gelbsattel zu Rathe gezogen zu haben. Orden schmckten
seine Brust, wie einen Minister. In der Verwaltung der Schule und des
Kirchenwesens hatte er Sitz und Stimme. Seine Gutachten entschieden ber das
Schicksal mancher erledigten Professur und ihre neue Besetzung. Ein gelehrtes
Werk behauptete er schon lange unter der Feder zu haben, das ihm auch nach einem
verffentlichten Probestck den Eintritt in die Akademie des Landes, die
sogenannte Societt der hheren Wissenschaften gesichert hatte. Aber nicht nur
das Wissenschaftliche und Knstlerische hatte sich diesen hervorragenden Mann zu
einer entscheidenden Instanz gewhlt, sondern auch in Communalangelegenheiten
aller Art war er heimisch, ja bis zur gelegentlichen Begutachtung von Brunnen-
und Kanalanlagen. Die Residenz war seine Vaterstadt. Er hatte ihre Alterthmer
durchforscht. Er war wirklich im Stande, ber die frhere Geschichte derselben
kundigst zu sprechen und kannte alle kleinen Heimlichkeiten des Stadtlebens, um
auf diesem Gebiete immer etwas Schlagendes, Sach- und Fachgemes beizubringen.
Kurz man mag den vielen Gegnern, die ein so hochgestellter Herr, namentlich auf
seinem kirchlichen Gebiete und neuerdings durch die ihm viel zu ppig auf sein
Gebiet eingreifende innere Mission finden mute, auch in vieler Hinsicht Recht
geben, darin wrde man ungerecht sein, wollte man die gewaltige Rhrsamkeit und
praktische Umsicht dieses stolzen Kirchenlichtes irgend verkennen. Um Gelbsattel
recht schlagend zu bezeichnen, knnte man sagen, der Propst war auf dem Gebiete
der Kirche, was der Heidekrger Justus auf dem der Politik war.. Der groe Mann!
    Als Gelbsattel sein wildes Beichtkind, Melanie, begrt hatte, war er
auerordentlich freundlich und drohte ihr recht schelmisch mit dem Zeigefinger,
da sie so selten die Johanniskirche besuchte ... Und noch am letzten Sonntage,
sagte er, hab' ich ber die Vergnglichkeit alles Eiteln gesprochen, mein
schnes Kind!
    Ich war leider, sagte Melanie, an diesem Tage von der Vergnglichkeit meiner
Schnheit in einem Orte tief berzeugt, den ich Sie eben habe nennen hren, Herr
Propst, in Hohenberg. Kennen Sie Hohenberg?
    Denke dir, sagte die Mutter, die Frage unterbrechend.. Guido Stromer! Er
macht wirklich wahr, was er beim Abschied uerte ...
    Was ist mit ihm?
    Er will in die Stadt versetzt sein.
    Und Frulein Melanie, sagte der Propst, ist gewi das hpfende Irrlicht, das
ihn hierher verlockte. Kann ich zugeben, da er mir eine so brave Beichtbefohlne
raubt und mir wie ein Wolf in meinen Schafstall bricht?
    Ein so reicher Hirt! sagte Melanie. Geben Sie ihm getrost ein Paar von Ihren
doch verlorenen Seelen ab! Ich versichre Ihnen: Er predigt nicht so gut, als er
spricht! Wirklich, gibt es nicht irgendwo eine offne Nachmittagspredigerstelle?
Ich will mich, weil ich Guido Stromer lieb habe, mitten unter die alten
Spittelfrauen setzen, die wahrscheinlich doch allein seine Gemeinde bilden
werden?
    Weil Sie ihn lieb haben? rief der Propst mit seiner sonoren Stimme. Da werd'
ich eiferschtig! Wie? Meine vernunftklare, durchsichtige, krystallne Melanie
will zu einem Pietisten der alten Schule? Nein, meine kleine Snderin! Diese
Methode, Sie zu bessern, hat sich berlebt.
    Pietist? erwiderte Melanie. Guido Stromer Pietist?
    Herr Propst, ich glaube, Sie irren sich! Der Plessner Pfarrer ist nichts
weniger als Pietist.
    Aha! antwortete schmunzelnd der freundliche Herr, dessen Falten immer
gltter wurden; vor Ihnen schwankte der starre Dogmatiker! Haben Sie dochwol
nicht unter vier Augen einen Tartffe, einen innern Missionr, in ihm erkannt?
    Ich berufe mich auf das Zeugni meiner Mutter, sagte Melanie. Stromer hatte
vor uns Allen kein Hehl, da ber ihn eine ebensolche Revolution gekommen wre
wie ber die Staaten. Er hat jetzt entdeckt, da im Regenbogen wirklich sieben
Farben blinken! Ja sogar die Kunst lie er gelten und meinte, die griechischen
Gtter wren zu frh von der Erde verschwunden. Wenigstens vermuth' ich, da Das
seine Gedanken waren, als er von der Leda hrte oder, wie Se. Excellenz, Herr
von Harder, die Dame nannte, von der Lady, und so lange schwieg und grbelte ...
    Gelbsattel lachte ber die Kunstkenntni des genannten Hofmanns und uerte
dann:
    Haben Sie Kunstgeschichte mit dem Stromer getrieben? Machen Sie denn Alles
verwirrt? Die Maler und die Seelenhirten? Nein, nein, diesen vertrockneten alten
Pietisten, der mit der Frstin Amanda von Morgens bis Abends gebetet hat und
sich recht in dem Extreme der Momiers oder wie wir diese Form der Glubigkeit
unter dem Namen der Mucker erlebten, gefiel, diesen sollen Sie mir nicht auf
Bilder bringen, die man vom Kunstverein aus Rcksichten ankaufen oder empfehlen
mu, schon um die neue, vielgestaltige Melusine in jeder Form ihrer Zaubereien
zu haben. Nein, nein, der bleibt in Hohenberg und sorgt dort ein wenig besser
fr die Schulen, als er bisher gethan hat. Er schreibt von Zerstreuung,
unglcklicher Zerrissenheit und Zweifelsucht. Er soll Seidenzchter werden, wie
andre Pfarrer thun! Brav Maulbeerbume anpflanzen, Seidenwrmer hegen und Cokons
gewinnen! Die Regierung zahlt ja dafr nicht nur die hchsten Preise, sondern
theilt auch Denen, die sich in der Seidenzucht auszeichnen, Medaillen aus! Ich
kann ihm nicht anders schreiben, als: Guido Stromer! Hbsch Seidenwrmer ziehen!
Doch ich eile zum Justizrath, mit dem ich dringende Geschfte habe. Und wenn ich
nchstens von der Kanzel spreche, hoffe ich Frulein Melanie mir vis  vis zu
sehen. Ich werde ber jenen Spruch reden, ber den wir uns einmal erzrnt haben,
wissen Sie wol noch, Frulein? Vor wieviel Jahren war Das?
    Erzrnt? fiel die Mutter ein, die aufgestanden war, um dem Propste das
Geleite zu geben ...
    Lassen Sie sich's nur von ihr erzhlen! Dem holden Mdchen! Sie wei es
schon! Sie wird ganz roth! Ganz roth! Adieu meine Damen! Ha, ha! Auf
Wiedersehen!
    Damit kte der Propst der Mutter die Hand. Die Tochter litt diese Huldigung
nicht, sondern kehrte ihm schmollend den Rcken.
    Als Gelbsattel hinunter stieg zum Vater, fragte die Mutter, was Das fr ein
Streit gewesen wre?
    Ach! sagte sie, ich bin wenig in der Laune, an diese alten Thorheiten zu
denken. Ich sollte im Confirmationsunterrichte einmal den Spruch hersagen: Wenn
dich die bsen Buben locken, so folge ihnen nicht! Alle schnatterten, obgleich
sie im Geheimen kicherten, den Spruch nach, nur ich weigerte mich und war durch
nichts dahin zu bringen, ihn zu wiederholen. Ich glaube gar, ich ging soweit,
ihn fr einen dummen Spruch zu erklren, da anstndigen Mdchen niemals
einfallen wrde, bsen Buben nachzugehen, wenn diese auch noch soviel lockten!
Darber gab es denn viel Gelchter von den Mdchen und soviel Zorn von Seiten
des Propstes, da wir hart aneinander geriethen und ich meinen Shawl und Hut
nahm und davon lief. Hackert, der mich abholen sollte, wartete schon und wie ich
vor rger weinte, meinte der in seiner trockenen Art: Es wre fr junge Mdchen
doch der beste Spruch in der ganzen Bibel, nur mten die Pfaffen gleich
aufrichtig erklren, da unter den bsen Buben Leutnants und Referendare zu
verstehen wren! Ich bin damals mit Hackert, der mich in die Stunden bringen
sollte, zweimal lieber in's Feld hinausgegangen, nur um nicht wieder in die Lage
zu kommen, den garstigen Spruch herzusagen.
    Die Mutter gedachte gerhrt, aber auch erschreckt der alten Zeiten! ...
Melanie aber hrte mit Verzweiflung, da es nun voll ein Uhr schlug!

                                Neuntes Capitel



                             Ein lutherischer Papst

Ehe Propst Gelbsattel mit dem Justizrathe zusammentraf, war dieser schon seit
einer halben Stunde sehr mismuthig nach Hause gekommen.
    Unterwegs hatte mancher den sonst immer freundlichen Justizrath Franz
Schlurck gegrt, er hatte heute nur kurz und flchtig erwidert. Die Art, wie
ihm ein wildfremder Mann, der sogar von ihm etwas zu wnschen und zu ersuchen
hatte, im Hohenberg'schen Palais begegnet war, lag ganz auerhalb des Kreises
der Erfahrungen, die er tglich machte. Er hatte durch die glatte Art, wie sich
Menschen, die etwas begehren, gefgig zeigen und von selbst Das aufdrngen, was
eine Bestechung sein soll und nur als ein Geschenk geboten und genommen wird,
sich eine so heitere, sorglose Auffassung seiner Praxis angewhnt, da ihm heute
zum ersten male, als ihm das frchterliche Wort: Schurke! zugedonnert wurde, das
schne Rosenlicht, das ihn immer umflo, in Nacht verwandelt erschien. Er tappte
auf der Strae hin wie im Finstern. Zwar hatte er noch Geistesgegenwart genug,
dem berhmten Arzte, Sanittsrath Drommeldey, der ihm begegnete und ihm zurief:
Ei, ei, Justizrath, was machen Sie, Sie werden alt! zu antworten: Alt?
Nimmermehr! Das Altwerden ist eine dumme Angewhnung! Und der Arzt, der wie alle
Shne skulap's mehr das Geistreiche, Witzige, Abgerissene, als das
Systematische, Schulgerechte liebte, hatte ihn veranlat, diese paradoxe
uerung rasch, da er zu Egon mute, den er fr sehr bedenklich erklrte, zu
beweisen, aber an Das, was er sagte, glaubte er heute selbst nicht. Er hatte
gesagt:
    Nie werd' ich alt, Drommeldey! Das Altwerden ist eine dumme Angewhnung!
Nichts Anderes! Wir kommen der lahmen und hinflligwerdenden Natur ja immer auf
halbem Wege entgegen! Nehmen Sie schon in der Jugend! Der Knabe qult sich
frmlich ab, ein Jngling zu werden! Er raucht Cigarren, da ihm grn und gelb
vor den Augen wird! Er bindet sich Cravatten um den Hals und krht Alt wie ein
Hahn, whrend er noch den reinsten Kanarienvogelsopran in der Kehle hat! Ist er
dann mit Ach und Krach ein Jngling geworden, so qult er sich schon wieder ein
Mann zu sein! Er will heirathen, solid werden, spricht vom Glck der Ehe und
sieht Kinder an der Mutterbrust neben sich und schaukelt schon welche auf den
Knieen. Gut! Dann wird er ein Mann! Nun will er gravittisch erscheinen und
spricht von seiner Wrde. Bequemlichkeit wird die Belohnung seiner
Anstrengungen, Brot zu verdienen. Auf den Bllen tanzt er nicht mehr. Mit den
gesundesten Schenkeln gebehrdet er sich wie ein Casinogast und spielt Whist.
Setzt er sich ans Klavier, so konnt' er sonst ganz leidlich singen. Er kann es
auch noch; aber aus Bequemlichkeit hebt er nicht mehr die volle Brust, sondern
sthnt und chzt und lt die Flgel hngen. So geht Das fort, bis dann
natrlich das Alter wirklich da ist und die Natur frohlockt, ihren Sieg ber den
Geist davongetragen zu haben. Nein, nein, Doktor, sagen Sie's allen Ihren
Patienten! Das Alter ist nichts als eine dumme Angewhnung.
    Das war so flchtig und schalkhaft von ihm hingesprochen worden und der Arzt
hatte darber gelacht und sich's als Anekdote gemerkt - er heilte viele seiner
Patienten mit Anekdoten - aber Schlurck hielt heute seiner eigenen Laune nicht
Stand. Er knickte und sank recht erschpft in seinem kleinen dunklen
Arbeitszimmer in einem grnsaffianen Lehnsessel zusammen. Das emprende Wort des
Fremden hatte ihn zusammengerttelt, wie er sich selbst sagte, gleich einem
alten Sack Nsse. Das rasselte ohne Halt hin und her. Das lrmte wol und war
eine Art Widerstand, aber schlaff! schlaff! sagte er sich. Ich konnte ihm nicht
an die Kehle fahren, denn ich war ein Esel gewesen mit meinem: Jhrlich? Warum
lie ich nicht Bartusch etwas abmachen, wozu mir im Grunde das Geschick fehlt!
Und wenn ich auch nicht das wahnsinnige: Jhrlich? geflstert htte, bes' ich
denn die Kraft, ihm den Schurken zurckzuschleudern? Nein! Der Witz macht
schwach, nur Pedanten haben Kraft.
    Bartusch hatte seinem Principal eine Menge von Papieren vorzulegen, die er
ohne langes Besinnen und Prfen unterschrieb. Er bereitete jenen dann auf den
Empfang Ackermann's vor und erzhlte zu Bartusch's groem Erstaunen in der
Hauptsache Das, was er im Palais erlebt hatte. Bartusch sollte ihm alle nur
irgend geprften und sichern Papiere vorlegen und die Berathung mit ihm allein
pflegen. Er wnschte des Handels berhoben zu sein.
    Bartusch, stumm und ergeben, merkte gleich, da der Justizrath nicht in
bester Stimmung war und unterlie alles Fragen, pnktlich sich merkend, was ihm
geheien war. Sein berblick war so kundig, da es eigentlich keiner Worte
bedurfte, wie es mit den Papieren gehalten werden sollte.. Mit fast stummem
Nicken und kopfschttelnd flsterte er dann aber doch:
    Unsere Hohenberg'sche Verwaltung hrt also auf?
    Die Administration hrt auf, sagte Schlurck tonlos.
    Werden sich wol nun whlen lassen? setzte Bartusch noch leiser hinzu.
    Da ich ein Thor wre! antwortete Schlurck. Meinen Ruin mit eigener Hand
bereiten? Jetzt gilt es arbeiten, fleiig sein! Die Zeit der Allotria ist
vorber. Sind die polnischen Pupillengelder eingezahlt?
    Auf Heller und Pfennig ... Die beste Aufklrung ber Max Leidenfrost gab
Frau von Werdeck ... Die Familienlegate der Kaminski ...
    Genug! Wir mssen Revisionen halten, Bartusch! Uns rtteln, tummeln. Viele
Adelige mahnen um Erledigung ihrer Angelegenheiten. Die Familienhuser in der
Brandgasse zahlen zu wenig - der Magistrat wirft uns Saumseligkeit vor ...
    Zuviel Armuth, Justizrath!
    Das sollen die Staatskonomen und Philanthropen ausmachen! Die Commune will
Geld, Geld, Geld, Bartusch!
    Ich lasse pfnden Tag und Nacht!
    Setzen Sie Daumenschrauben an! Ich kann die Lage der Menschheit nicht
ndern. Das ist Gottes Sache. Seine Welt ist ein Chaos. Man tastet im Dunkeln,
greift und wrgt. Ich wei kein Mittel. Die Politiker sollen es ndern. Geld!
Geld, Bartusch! Die Commune ist in Verzweiflung ber die Johannitererbschaft und
die Hartnckigkeit des Ministeriums ... Wenn wir diese Branche meiner Geschfte
auch noch verlren ...
    Justizrath!
    Ich sehe heute schwarz.. gehen Sie Bartusch! Setzen Sie die Legitimation fr
den Generalpchter auf!
    Aber der Prinz ....
    Ist krank ....
    Hrt' es schon.. bedenklich?
    Adieu, Bartusch! Lassen Sie mir etwas Ruhe!
    Ich wollte auch nur noch ein Wort fallen lassen ber eine sonderbare
uerung des Prinzen in Betreff ....
    Bartuseh wollte an den Schrein erinnern ....
    Schlurck, obgleich er Vieles von ihm aufgeklrt wnschte, lie ihn doch
nicht zu Worte kommen, sondern seufzte so laut, da Bartusch vorzog, abzubrechen
und ihn sich selbst zu berlassen.
    Es waren die unmuthigsten Gedanken, die Schlurck bestrmten, als er allein
war und so das Haupt auf die Lehne seines Voltaire-Sessels sttzte. Er rieb die
hohe Stirn, um geflligere zu wecken. Er lftete die Kleider, putzte an den
Brillenglsern, es half nichts; er sah, wenn der Prinz genas, eine bedeutende
Clientel, die ihm viel Geld eingetragen hatte, vllig genommen und, was ihm noch
strender sein mute, die Vergangenheit derselben einer scharfen Prfung
ausgesetzt. Auch die Verhandlung mit Paulinen hatte ihn aufgeregt. Da der Prinz
sein Feind war, ahnte er. Er sah trotz der Rckreise mit seiner Familie deutlich
die Spuren davon. Wird er wieder hergestellt, sagte er sich, wr' es nicht
besser, mich mit seiner Feindin zu verbinden und sie mir zu verpflichten?.. Die
Frage nach dem Bilde, die er doch an Herrn von Harder richten mute, war er fast
geneigt, schon ganz fallen zu lassen.
    In diesen Betrachtungen fiel sein Blick auf den Schrein, der auf der Seite
seines Schreibtisches an der Erde stand..
    Er erschrak, da ihm hier eine neue Demthigung erwachsen konnte, wenn sich
Derjenige meldete, dem er gehren mochte.
    Heftig zog er jetzt die Klingel.
    Einer seiner Diener erschien und hastig ihm anbefehlend, da er warten
solle, ergriff er die Feder und schrieb:
    Da die vielfach angestellten Bemhungen, ein auf der Landstrae zwischen
Angerode und der Residenz bei dem Dorfe Plessen gefundenes Frachtstck an den
rechtmigen Eigenthmer gelangen zu lassen, vergebens gewesen sind, so wird
derselbe hierdurch ffentlich aufgefordert, sich beim Justizrath Schlurck in der
alten Johanniter-Comthurei parterre links in den Frhstunden bis neun Uhr zu
melden.
    Nachdem er diese Zeilen mit Goldsand bestreut hatte, bergab er sie dem
Diener und ertheilte den Befehl, sie sofort in die beiden Hauptzeitungen der
Stadt einrcken zu lassen. Schlielich rief er ihm nach, jenes Ersuchen an seine
Tochter auszurichten, das wir in Betreff des heutigen Abends und einer
Vorstellung bei Frau von Harder schon gehrt haben.
    Unwillig stie darauf Schlurck den Deckel von dem Schrein, den er mit seinem
blanken Firnistiefel erreichen konnte ...
    Der Deckel flog auf.
    Die alten vergilbten Papiere lagen noch wohlgeordnet, wie er sie bei der
eigenmchtigen und unverantwortlichen ffnung eines fremden Eigenthums
vorgefunden hatte.
    Er bckte sich nieder und fing an, in ihnen zu blttern.
    Wer wei, dachte er, welche neue Entwickelungen sich aus diesen
wurmstichigen Akten ergeben werden! Ist es nicht, als stiegen Geister aus der
Erde und schttelten sich noch einmal, um den Kampf mit den Lebenden zu
beginnen? Wer wird der Kmpfer sein, der diese Waffen fhrt? Wo sind sie
gefunden worden, unter welchem alten Hnengrabe? Fast glaub' ich, dem Schilde da
fehlt doch wol ein Arm, der ihn fhrt, dem Rosse da der Reiter:
    es sind vielleicht nur alte Manuscripte Dem, der sie entdeckte; nichts
Anderes! Da er dann nie ihre Bedeutung erkennen mge! Ich verlre den zweiten
Arm, der mir arbeiten hilft, nachdem ich den ersten gelhmt schon an diesen
Ackermann hingeben mute!
    Im bittersten Unmuth whlte Schlurck unter den Papieren und zerrte fast an
den Siegeln.
    Er berlegte, ob es besser wre, dem Besitzer, dessen Anmeldung er jede
Secunde erwartete, einfach zu gestehen, er htte, um den Eigenthmer zu
entdecken, die Kiste ffnen lassen, oder ob er sie - das Schlo war durch ihn
verdorben - mit einem neuen versehen sollte.
    Das Letztere war verdchtiger, als fr ihn, einen Notar, einen Mann der
ffentlichen Treue, das erste.
    Auch auf den Gedanken verfiel er: Wie? Wenn der Eigenthmer durch dich erst
belehrt wrde, welchen Gebrauch man von diesen Papieren machen knnte? Wenn du
dich anheischig machtest, ihm zu einem groen Reichthum zu verhelfen und er den
Gewinn mit dir theilte?
    Indessen erschrak Schlurck vor dem gefhrlichen Scheitern eines solchen
Planes und vor der Nothwendigkeit, sich dadurch fr immer das Patronat der Stadt
zu verscherzen, fr deren Interessen er nicht nur die alten Huser und
Grundstcke verwaltete, sondern auch in vielerlei anderer Hinsicht
fruchtbringend beschftigt war.
    In diese qulenden Betrachtungen vertieft, zog er diejenigen Urkunden
hervor, welche unstreitig die wichtigsten der ganzen Sammlung waren.
    Es war zuerst diejenige, in welcher der ppstliche Stuhl den Ritter Hugo von
Wildungen von seinem Ordensgelbde, kein Eigenthum zu haben, freispricht und ihm
gestattet, wie es darin hie: quasi ex pallio sancto ab haereticis et latronibus
dilacerato lumbum suum szippliciter adimere et togae suae equestri juxta crucem
immaculatam bona fide affigere, d.h. von dem durch Ketzer-und Ruberhand
gleichsam zerrissenen heiligen Mantel auch seinen Fetzen demuthsvoll anzunehmen
und auf dem Ritterkleide neben dem unbefleckten Kreuze in gutem Glauben zu
befestigen.
    Diese Urkunde war nthig um zu beweisen, da Hugo von Wildungen das ihm
zuerkannte Theil der groen Verlassenschaft des Ordens wirklich antreten durfte
und sein frherer Protest auf dieselben Grnde, die er fr ihn angefhrt hatte,
auch aufgehoben werden konnte.
    Seine Bereitwilligkeit, die ihm zuerkannten Huser und Gter von den
protestantisch gewordenen und sich auflsenden Brdern anzunehmen, lag hier in
dem Fascikel, das auf jene ppstliche Urkunde folgte. Frher kannte man nur
seinen Protest. Er war im Rathsarchive der Stadt niedergelegt und war die
Hauptkraft des Beweises, da der nchste Herr an diesen streitigen Gtern die
alte Commune war; hier in dem Schrein lag nun des Ritters Zurcknahme jenes
Protestes, unstreitig mit dem ppstlichen Dispens das wichtigste Document!
    Beide alte Bltter hatte der Justizrath in der Hand, als es klopfte.
    Rasch stie er den Deckel des Schreins und diesen selbst zurck und warf die
Urkunden in ein Fach seines Schreibtisches.
    Der Eintretende war Propst Gelbsattel ...
    Schlurck und Gelbsattel verstanden sich sehr gut ...
    Es waren Menschen, die eine ziemlich gleiche Lebensphilosophie hatten, nur
da sie sie anders aussprachen.
    Die gesellschaftliche Stellung und die uere Etikette seines Berufes
bestimmte den Einen, vorsichtiger und behutsamer zu sein als der Andere, aber im
Grunde kamen sie fast auf die gleichen Prinzipien zurck und hatten sich gern.
    Die kleine pietistische Frbung, die sich Gelbsattel gab, strte Schlurck
nicht; denn er war gar nicht in dem Grade Neolog, wie man seiner frivolen
uerungen wegen schlieen mochte. Er hatte sogar Anflle von Aberglauben, ja
von Mystik. Nur die kleinen hierarchischen Mucken, die Gelbsatteln zuweilen
anflogen, seine jeweilige sogar katholische Stimmung mochte Schlurck nicht
leiden und zuweilen in der Vertraulichkeit der Loge, deren Brder sie waren,
hatte er ihm oft ganz scherzhaft gesagt: Gelbsattel! Sie sind ein heimlicher
Jesuit! Davon abgesehen, vertrugen sie sich sehr gut, billigten fast Alles, was
sie wechselseitig mehr durch Andre, als unmittelbar von sich selbst erfuhren und
hatten jetzt auch durch den Proze ber die alte Johannitererbschaft
Berhrungspunkte des gemeinschaftlichen Interesses genug.
    In dieser Angelegenheit war es auch, da Gelbsattel seinen Freund zu
sprechen wnschte.
    Doch schickte er die zeitgeme Frage voraus:
    Nun Freund, wie ist es? Haben Sie Aussicht in Schnau gewhlt zu werden?
    Weder Aussicht, sagte Schlurck etwas erheitert durch diesen immer anregenden
Besuch, weder Aussicht noch Absicht.
    Sie ergriffen die Gelegenheit doch mit so groer Lebhaftigkeit.
    Beim Dessert, als wir Rosinen kauten und Mandeln knackten und einige
Reubndler mir zu viel Champagner eingeschenkt hatten. Die ruhigere Erwgung hat
mir gesagt: Schlurck, bleib' vom Feuer! Verbrenn' dich nicht! Es ruinirt deine
Praxis und zwingt dich, mehr Charakter zu haben, als fr deine Zufriedenheit
brauchbar ist!
    Aber Sie haben sich doch beworben und einen einflureichen Mann wie den
Heidekrger fr sich in Schnau werben lassen!
    Hab' ich, sagte Schlurck; aber der gerechte Verwalter meiner
Angelegenheiten, dieser treue negotiorum gestor, hat sehr ungerecht an mir
gehandelt. Er lobte mich und zeigte sich im fremden Lobe so edel, so
uneigenntzig, da man seinen Edelmuth und seine Entsagung bewunderte und ihn,
den Edeln und Entsagenden, nun selber whlen wird. Seine Rede soll ein
Meisterstck burischer Verschlagenheit gewesen sein, ein Seitenstck zu des
Antonius berhmter Rede gegen den Brutus am Leichnam des Julius Csar.
    Wenn Sie denn durchaus keine Neigung mehr haben, als Bewerber aufzutreten,
sagte Gelbsattel lchelnd, so ist wenigstens so viel erfreulich, da in Justus
ein liberal-conservativer Mann gewonnen wird ...
    Richtig, sagte Schlurck, das ist so eine Art hlzernen Eisens, wie es unsre
Zeit braucht. Liberal-conservativ! Es ist mir immer so, wenn ich Das hre, als
wenn mir Einer knstliche Artischocken aus Schweinsohren geformt vorsetzt. Man
bewundert den Koch, nicht die Natur, und lt die Schssel stehen. brigens
werden Sie erleben, da dieser groe Charakter, der schon fnfzehn Jahre lang
durch seine Neckereien die Regierung beschftigt hat, zuletzt doch in ein Extrem
fllt und in dem Falle, da er Minister des Ackerbaues werden kann, ganz rechts,
in dem Falle, da man ihm irgendwo die Pferde ausspannt, ganz links wird.
Verlassen Sie sich darauf! Oder er betrifft sich einmal bei einer unerwarteten
kleinlichen Dummheit und verkrmelt sich in's Unbedeutende.
    Sie htten selbst auftreten und sich persnlich bewerben sollen, sagte
Gelbsattel. Ihre natrliche Art besticht die Menschen. Ein glcklich
hingeworfener Scherz wirft den Effect einer ganzen pathetischen Rede um. Man
hatte im Wahlcomit des Reubundes so sicher auf Sie gerechnet ...
    Machen Sie noch immer diese abgeschmackten Spe mit? fragte Schlurck, der
nun einmal in seine negative Art hineingekommen schien und seine
Verdrielichkeit auspolterte. Ist auch Das nicht Unsinn? Ist da ein Zusammenhang
mit der gesunden Vernunft? Sieht man diesen Menschen nicht allen an, da ihnen
die Gesinnung aus dem Magen kommt? Wenn ich der Monarch wre, ich verbte dem
Volke ein solches Treiben! Unser Staat mu die Initiative des Verstandes, nicht
die der Dummheit haben. Der Knig mu in seiner Bildung viel, viel weiter sein
als seine dummen Brger. Kann Das ein gutes Beispiel wecken? Wahrlich, wenn sich
das Ministerium auf den reaktionren Wahnsinn der Beamtenweiber sttzen will,
ist es verloren. Die erste krftige, gesunde Idee eines starken Kopfes blst es
im Nu um und wenn es von allen Bajonetten der Welt gesttzt wrde!
    Sie sehen sehr schwarz, sagte Gelbsattel schlau lchelnd. Doch theil' ich
Ihre Misachtung vor dem Reubunde, von dem ich mich zurckziehen werde. Es ist in
der That nichts daraus geworden als eine groartig organisirte Gelegenheit zu
Bllen und zu Verheirathungen. Unter dem Verwande der Gesinnung drngt sich
jeder Familienvater hinzu, der eine Tochter zu vergeben hat und nicht hoffen
kann, in eine feinere Ressource oder das groe Casino aufgenommen zu werden.
    Ach, es lebe das Menschliche! fiel Schlurck mit komischem Seufzer lachend
und doch rgerlich ein. Es lebe die Naivett der praktischen Bedrfnisse!
Sokrates, Christus und ihr Alle, die ihr gestorben seid, um dem Menschen einen
erhabnen Gedanken aufzustellen, lehrt, was ihr wollt, der Mensch wei alle eure
Himmel sich immer wieder zur Erde herabzuziehen und seine liebenswrdigsten
Armseligkeiten in euren Paradiesen unterzubringen! Geben Sie mir eine Priese von
Ihrem Macuba, Gelbsattel!
    Gelbsattel zog eine der Schlurck'schen hnliche Dose hervor. Beide tauschten
ihren Taback. Denn Gelbsattel nahm aus Schlurck's Dose. Schlurck aus
Gelbsattel's. Beide wollten sich damit ein Zeichen ihrer Freundschaft geben.
    ber diesen Austausch lchelten Beide.
    Treiben Sie noch immer so ein bischen Mysticismus? sagte Schlurck. Freund,
ich wei, warum Sie mit dem Reubunde nicht mehr zufrieden sind. Er schien Ihnen
anfangs eine gewisse hierarchische Form anzunehmen. Er hatte so etwas von einem
offnen Maurerbunde. Was? Und nun hat es sich erwiesen, da auer einigen
respektablen, aber unzurechnungsfhigen militrischen Elementen und einem
horriblen Maximum von beschrnktem Unterthanenverstand das absolut Leere in ihm
steckt. Gedanken blieben fern. Das ist schlimm fr Euch Jesuiten; denn wo
Jesuiten wirken sollen, mu es Gedanken geben.
    Gelbsattel lachte wiederholt ber die Jesuiten und nahm diese Bemerkungen im
vollen Einverstndnisse harmlos und scherz-ernsthaft auf.
    Ja, sagte er, Das mag es sein. Ihre Jesuitenriecherei, die Sie noch aus
Ihrer alten Leipziger Schule haben, bester Freund, la' ich dahingestellt, aber
Gedanken mssen die Menschen regieren; die bloen Gefhle sind mir nur dann
nutz, wenn Gedanken sie zu regeln wissen, und das System, das nur aus der rohen
Geltendmachung der Interessen entsteht, das veracht' ich vollends. Diese
Landrthe und reaktionstollen Subalternen haben wirklich keine Gedanken. Was
lt sich darauf pfropfen? Man hat in lcherlicher Weise fr den Reubund etwas
von uns Maurern entlehnt, aber wissen wir selbst schon nicht, was wir von
unserer Symbolik Vernnftiges zu halten haben, was soll unter so oberflchlicher
Nachahmung entstehen? Sie sprechen von den Jesuiten! Knnen Sie lugnen, Freund,
da in dieser Gesellschaft, mag man nun ihre Tendenz auch noch so sehr
verwerfen, doch eine groe Kunst der Organisation und eine Vitalitt, eine
Lebenskraft liegt, die jeden Menschenkenner mit Respekt erfllen mu?
    Ohne Widerrede! sagte Schlurck und meinte Dies mit aufrichtiger
bereinstimmung.
    Und ist nicht das Ziel, fuhr Gelbsattel erwrmter und gesteigerter fort, ist
nicht das Ziel dieses Ordens in der That das zeitgemeste, das man sich denken
kann, wenn man erwgt, wie die bergriffe des Staates gerade erst durch den Sieg
des Liberalismus immer gewaltiger, immer nchterner, roher werden mssen? Und
die Kirche! Was erleben wir auf dem Gebiete unsrer Kirche? Die innere Mission
sogar unterwhlt jetzt ihren Bestand, die innere Mission ist unter dem Scheine
der Frmmigkeit und der Mehrung des Gottesreiches die eigentliche Demagogie der
Kirche, die sich liebedienerisch an den Staat lehnt und Das, was bisher fr
Kirche gegolten hat, unsre Gemeinden, unsere Beichtsthle, unsere praktische
Seelsorge in die Luft sprengen wird.
    Schlurck hrte aufmerksam zu ....
    Aber ich will auf den Staat zurckkehren, sagte Gelbsattel immer erhitzter.
Nehmen Sie doch nur unsern eignen Fall! Ich gelte fr einen Mann vom
conservativsten Wasser und bin es und predige in diesem Geiste. Die ltere Zeit,
die nun vorber sein soll, erlaubte, da eine gewisse Kirchlichkeit bei allen
ffentlichen Angelegenheiten bescheiden mitsprechen durfte. Die Periode ist
vorber. Ich mache theoretisch fr die Kirche nichts, gar nichts geltend, als
einen gewissen Einflu auf die Stimmung der Gemther, aber um diesen zu
behalten, kann man da ruhig ertragen, da in diesem politischen Wirrwarr jede
hhere geistige Frage als nebenschlich betrachtet wird und die Ministerien,
wenn sie's nicht mit der innern Missionswhlerei halten, rein nur noch
Triebrder der gedankenlosesten Geschftsroutine werden? Diese bermige
Verweltlichung erzeugt eine Isolirung der geistigen und geistlichen Interessen,
die so nicht fortdauern kann. Das absolut constitutionelle System ist der Tod
der Menschheit. Die leersten, erbrmlichsten Dinge werden auf die Ordnung des
Tages gesetzt: alles Groe vergangener Zeiten gilt fr nichts mehr in diesen
Kammern, wo Bauern, Pchter, Schreiber, Gastwirthe ber das Staatsleben zu
Gerichte sitzen. Was sind wir denn noch? Was gelten wir denn noch? Soll die
Geistlichkeit nur Bibeln austheilen, nur Magdalenenstifte besuchen und sich mit
dem Kehricht der Menschheit befassen? Nein, mein Freund, mag man von den
Jesuiten sagen was man will, sie haben sich die Aufgabe gestellt, die geistige
Herrschaft der Kirche aufrecht zu erhalten und den Menschen als Menschen zu
retten, ihn nicht im Staate, im Betkmmerlein oder irgend einer andern
Gemeinschaft mit Gott oder der Welt zu Grunde gehen zu lassen, und wenn der
dumme Reubund auf eine solche tiefe Idee sich htte erbauen knnen, dann wre
etwas mit ihm geworden, whrend er jetzt die Stelle der Heirathsbureaux vertritt
und die Politik nur verwirrt, statt vereinfacht.
    Schlurck wich von dieser Auffassung unstreitig sehr ab. Doch gehrte es zu
seiner Art, da er jedesmal, wenn er Jemanden von einer Idee recht warm erfat,
ja flammend durchglht sah, sogleich aufhrte sie zu bekmpfen. Denn er wute,
da ein solcher Kampf dann vergebens ist; ja er scheute sich sogar vor Allem,
was zu ernst und zu schwer auftrat, und so begngte er sich auch hier mit den
einfachen Worten:
    Sehr wahr! Sehr wahr!
    Gelbsattel, nun einmal im Zuge, fuhr, durch die scheinbare Zustimmung
ermuthigt, fort:
    Welche Anmaung dieses herzlosen, kaufmnnischen Ministeriums, das wir jetzt
halten und gegen die Demokratie schtzen sollen, der Proze, den Sie fr die
Stadt fhren! Man macht Ansprche geltend, als handelte es sich um einen alten,
durch Bswilligkeit oder Nepotismus unbezahlt gebliebenen Steuerrest! Immer nur
der Staat! Immer nur dieses gefrige Ungethm, das seine tausend Polypenarme,
die wiederum mit tausend Saugwarzen bewaffnet sind, berall hinausstreckt,
berall das Mark jedem Lebenden entzieht und nichts duldet, was nach seiner
eignen Verfassung leben mag. Der Hof billigt nicht einmal den Proze gegen die
Commune; aber der Hof ist selbst bei der freundlichsten Gesinnung viel zu
schwach, um diese Bankiers und Advokaten, die jetzt das Ruder fhren, in ihren
Unternehmungen zu verhindern. Man hat die Hofkammer zu einem vollstndigen
Proze gegen uns instruirt und ich bin jetzt begierig zu hren, bester Freund,
wie diese Dinge stehen.
    Schlurck rckte seine Brille in die Hhe, wie immer, wenn er scharf sehen
wollte.
    Die zweite Curie der Hofkammer, sagte er, hat uns alle nur erdenklichen
scheinbaren Rechtsansprche zugesandt! Hier liegen sie ...
    Er zeigte dabei auf ein Convolut Schriften, das in einem der Schubfcher
steckte.
    Sie sind, fuhr er fort, der Hauptsache nach schon vor funfzig und aber
funfzig Jahren geprft und wenn nicht unhaltbar gefunden, doch durch dazwischen
getretene grere Ereignisse unbenutzt geblieben. Jetzt will man nun Ernst damit
machen und verlangt entweder die reale berweisung aller jener Liegenschaften
oder eine Art Abkauf in Form einer von der Stadt zu emittirenden
Schuldverschreibung im Werthe von zwei Millionen. Man will zwei Millionen Thaler
Papierscheine, die man nicht den Stnden zu motiviren braucht, mehr in Cours
setzen. Das ist das ganze Manver, zu dem die Kmmerei-Kasse etwa 50.000 Thaler,
um allenfallsige Realisirungen der Scheine bewirken zu knnen, deponiren mte.
Was sagen Sie! Ich finde darin nichts als eine arge finanzielle Plusmacherei.
    Wrdig der Erfindungsgabe unsres jetzigen Finanzministers, rief Gelbsattel.
Wrdig der Theorie vom Staate als einem nimmersatten Vielfra! Glauben Sie
ernstlich, Schlurck, da eine solche Operation durchgeht, von den Schffen und
Beigeordneten der Stadt gutgeheien wird? Ich glaube es nicht! Eher wrde man
die Liegenschaften selbst abtreten und ermessen Sie, welche Nachtheile dann fr
Die damit verbunden sind, die auf den Ertrag derselben angewiesen leben! Sie
wrden dies Haus zu verlassen haben, ich selbst wrde in meinen besten
Einknften geschmlert werden und eine Menge der ntzlichsten, stdtischen
Einrichtungen geriethe in's Stocken, wenn z.B. nur die Miethen ausblieben, die
Sie von den Johanniterhusern zu verwalten haben, die Grundzinse hier und
auswrts gar nicht zu rechnen ...
    Es ist so schlimm, sagte Schlurck, da leider der Klger und Richter hier
fast in einer Person auftritt. Der Staat klagt und der Staat entscheidet..
    Ist der Staat wirklich auch schon in den Richtern? rief Gelbsattel immer
erhitzter. Ist es schon soweit, da auch die Gerechtigkeit nicht mehr eine
eigene unabhngige Institution ist? Nein, vom hchsten Gerichtshofe des Landes
kann, soll man Das nicht sagen. Und es freut mich, Ihnen mittheilen zu knnen,
da sich der alte Obertribunalsprsident fr diese Angelegenheit interessirt.
    Hat sie denn einen Zusammenhang mit der Zoologie? fragte Schlurck lchelnd.
    Wie Sie's nehmen! erwiderte Gelbsattel. Einen Zusammenhang mit der Loge hat
sie.
    Mit der Loge? fragte Schlurck erstaunt. Unser Gromeister mag im Grade der
eleusinischen Geheimnisse stehen, ich kenne sie nicht und hab's in unsrer edlen
Kunst nicht weiter gebracht als bis zum ersten gehobenen Isisschleier, aber was
dieser Proze mit der Loge zu thun hat, begreif ich nicht ...
    Mit der Loge wol auch zunchst nicht selbst, sagte Gelbsattel. Aber mit
ihrer Geschichte, wenigstens mit derjenigen Geschichte der Loge, fr die der
alte Herr schwrmt. Sie wissen, da er zu Denen gehrt, die unsre Kunst wirklich
aus urltesten Zeiten herleiten -
    Ah so! Aus den egyptischen, wo man die Pyramiden zu Ehren der Katzen baute,
in denen der alte Narr gttliche Offenbarung erblickt ...
    Er sieht in der Maurerei, sagte Gelbsattel, orientalische Tradition, die wir
im Abendland der Vermittlung der Kreuzfahrer, besonders aber der Tempelherren,
verdanken ....
    Haben die Tempelherren auch Katzen verehrt?
    Sie haben es nach vielen Zeugnissen! sagte Gelbsattel nickend und ganz
ernst.
    Hren Sie! rief Schlurck jetzt, indem er lachend und wieder ganz erheitert
aufsprang, so soll mir Einer jetzt die grte Thorheit erzhlen und mir
aufbinden, es gbe Menschen, die sie fr Weisheit hielten, ich glaube es! Wenn
die Katzen mit unserm Proze in Verbindung stehen, so nehm' auch ich an
Begeisterung fr ihn zu, denn alle Miether der Johannishuser klagen ber das
beispiellose Vermehren der Muse und Ratten so sehr, da Keiner mehr aushlt,
wenn ich nicht vierteljhrig einen Kammerjger dort auf die Jagd schicke.
    Ja noch mehr, sagte Gelbsattel, ich hege die Vermuthung, da der
Obertribunalsprsident schon aus eigenem Antriebe dem historischen Zusammenhang
dieses Prozesses nachforscht! Ein junger Referendar, der in der zweiten Curie
der Hofkammer, also in unserm Prozesse arbeitet und zuflligerweise ein
Nachkomme des Ritters Hugo von Wildungen ist, dem ursprnglich diese Gter
sollen gehrt haben, hat sich im alten Tempelhause von Angerode eine
eigenmchtige Untersuchung des dort seit undenklichen Zeiten vermauerten Archivs
erlaubt, was ohne Zweifel nur im Auftrage der Gerichte geschehen ist.
    Schlurck, der sich wieder gesetzt hatte, horchte hoch auf ... Die Brille
schob sich noch hher.
    Der neue Pfarrer von Angerode, erzhlte Gelbsattel, hat mir diese Thatsache
angezeigt. Man hat der Wittwe des verstorbenen Pfarrers die Nutznieung der
alten Amtswohnung in dem dortigen ehemaligen Tempelhause gelassen und ihr
neuerdings auch noch in einem Anbau Rumlichkeiten zugewiesen. Nach einem Jahre
hat diese Frau die Amtswohnung zu verlassen und es ist dem Nachfolger ihres
Mannes nicht zu verdenken, da er sich schon jetzt nach der Beschaffenheit
seiner knftigen Wohnung umsah. Man entdeckte dabei, da der Sohn jener Wittwe,
ein junger hier lebender Referendar, ob absichtlich oder zufllig ist unbekannt,
das alte Archiv des protestantisch gewordenen Johanniterordens wieder auffand
und einen mit Dokumenten gefllten Schrein hieher mitgenommen hat ...
    Schlurck, in der grten Spannung den Worten des Propstes folgend,
unterbrach Gelbsatteln mit dem Ausrufe:
    Einen Schrein?
    Mit dem Zeichen des Kreuzes auf dem Deckel, wie Beobachter versichern ...
    Mit einem Worte hier - diesen Schrein?
    Gelbsattel blickte erstaunt zur Erde nach der dunkeln Gegend hin, wohin
Schlurck in der gewaltigsten Aufregung halb mit der Hand, halb mit dem Fue
gezeigt hatte..
    Himmel, rief er, das Kreuz auf dem Deckel erkennend, wie kommen Sie zu dem
alterthmlichen Fund? Das Zeichen der protestantischen Ritter von Angerode! Die
vier Bltter des Kleeblatts an den Flanken des Kreuzes! Wre dies gelbe Papier
da auf dem Tisch schon ein Dokument, das zu den Akten unsres Prozesses gehrte?
    Schlurck hielt die Hand auf dem Papier, das Gelbsattel eben nehmen wollte
...
    Sein erstes Gefhl bei diesen Mittheilungen war das der Freude. Er sah
endlich einen Zusammenhang fr den Ursprung seines Fundes und eine Mglichkeit,
seine unredliche Verheimlichung desselben auf einen leicht zu entschuldigenden
Weg der Ausrede zurckzulenken ....
    Als der Propst in ihn drang, ihm genauere Auskunft zu geben, wog er ihm
langsam die Worte zu:
    Gemach! Gemach! Erst sagen Sie mir: Wer ist dieser Wildungen? Gibt es also
wirklich einen Bruder des Malers Wildungen? Was ich vor einigen Tagen schon
htte untersuchen sollen, als ich an Bartusch ....
    Es gibt deren zwei, unterbrach Gelbsattel mit einem eignen Ausdruck
forschender Ungeduld die Vorwrfe, die sich der Justizrath ber seine
Sorglosigkeit in so wichtigen Dingen machen wollte ...
    Von einem Maler hrt' ich, sagte Schlurck. Hat er also wirklich einen
Bruder?
    Einen jngern, berichtete der Propst, aber einen an Scharfsinn und
Unternehmungsgeist dem lteren weit berlegenen.
    Wie kommen diese Wildungen nach Angerode? fragte Schlurck zerstreut. Er
dachte nur an Egon, an den Heidekrug, an seinen Brief, an Melanie ...
    Durch ihren Vater, der dort die Stadtpfarrei vor einigen Jahren antrat und
seit einigen Monaten nicht mehr lebt, erzhlte Gelbsattel. Dieser Mann ist in
meine frheste Jugendzeit verwickelt. Man konnte uns Freunde nennen, wenn wir
uns nicht um eines Mdchens Willen berworfen htten. Eine gewisse Julie
Rodewald war der Zankapfel, der zuletzt zu ihm hinberflog. Es war ein
wunderlicher, grmlicher Mann, den die Ehe mit dem Mdchen, das wir Beide
liebten, nicht heiter stimmte. Er versauerte und verbauerte in Thaldren, einem
thringschen Gebirgsdorfe, wo man ihn als Pfarrer lie, weil er zu einer bessern
Stellung kaum pate. Bald Pietist, bald Rationalist, bot er dem Consistorium
kein klares Bild, keinen Henkel, schrieb ich ihm einmal auf seine ewigen Klagen
um Verbesserung, um ihn anzufassen. Auf einer Rundreise durch seine Gegend
wollt' es die Amtspflicht, da ich bei ihm vorsprach. Er wurde heftig. Er sagte
mir die bittersten Dinge und nannte seine Ehrlichkeit den Henkel, an welchem ihn
freilich die Lgner nicht zu fassen wagten. Auf so wildes Reden hin, that man
besser, ihm die nchste Vacanz zu geben. Er bekam sie nach Angerode als
Stadtpfarrer und starb in den kaltgrndigen alten Zimmern des Tempelhauses sehr
bald nach der bersiedelung. Von der Universitt und aus Schulpforte her, wo
ich, Wildungen, Rodewald und ein gewisser Rudhart Contubernalen waren, wei ich,
da diese Wildungen von dem Johanniter Hugo von Wildungen stammen und oft sagte
er mir, wenn sich gewisse Urkunden fnden, knnte er ein berreicher Mann sein.
Ich gestehe, da ich spter, da mir die Gegenstnde seiner etwaigen Ansprche
selbst so wunderbar zur Bedingung meiner eigenen Existenz wurden, mit einem
gewissen sonderbaren Mistrauen ihn nach Angerode ziehen sah. Wie nun, wenn sein
Sohn, auf Veranlassung des Prozesses, in dem er arbeitet, in Angerode
Nachforschungen gehalten hat, die mit Entdeckung eines eingemauerten Archivs
endeten? Ich habe sogleich Auftrag gegeben, dort weitere Untersuchungen
anzustellen und bin erstaunt, bei Ihnen schon die Spuren dieses unerwarteten
Incidenzfalles anzutreffen.
    Schlurck lchelte und sagte:
    Bester Freund, Sie nehmen mir eine groe Last vom Herzen. Dieses alte Ding
da ist auf nicht ganz ostensible Art in mein Haus gekommen; aber wenn ich dabei
etwas verbrach, so entschuldigt mich der Eifer fr unser gemeinschaftliches
Interesse. Ich will Ihnen diese Sache erzhlen.
    Gelbsattel's Neugier wurde durch eine Unterbrechung gestrt ....
    Bartusch war eingetreten und flsterte seinem Prinzipal ins Ohr, da der
Amerikaner da wre ...
    Rechnen Sie mit ihm, sagte Schlurck. Fhren Sie ihn oben in ein anstndiges
Zimmer! Zhlen Sie seine Caution und stellen Sie ihm Scheine dafr aus soviel er
will, ich werde sie unterschreiben. Den Knaben kann ja Melanie unterhalten ...
    Bartusch nickte und ging, die Hand voller Papiere ....
    Es whrte einige Sekunden, bis Schlurck den unangenehmen Eindruck dieser
Unterbrechung berwunden hatte. Dann erzhlte er dem aufhorchenden Freunde:
    Ich war vor etwa acht Tagen in Hohenberg. Die Theilhaber der frstlichen
Masse hatten sich dort versammelt und nach den bittern Betrachtungen des Tages
folgten Abends gesellige Trstungen und Erheiterungen, so gut es gehen wollte.
Ein kleiner Ball hatte ungewhnlich spt gedauert. Das schne Mondenlicht
verfhrte mich, eine Dame, die ich sehr schtze, nach Hause zu begleiten, und,
wie gesagt -
    Schlurck fuhr sich mit der Hand an den Hinterkopf, wie er pflegte, wenn er
eine knstliche Verlegenheit schildern wollte, strich das wenige dort sauber
gelegte Haar glatt und warf die Brille wieder auf seine frivol die ffnungen
aufblasende kleine Stumpfnase ...
    Nun - nun - unterbrach Gelbsattel schelmisch diese sonderbare
Gebehrdensprache. Sie verweilen ja sehr lange bei der Dame im Mondenschein ....
    Nicht im Mondenschein, fuhr Schlurck fort, dafr sind wir nicht mehr
romantisch genug; genug, es war ber zwei Uhr, als ich wieder aus dem Dorfe
Plessen zum Schlo zurck will. Komm' ich da an eine Schmiede, die am Fue des
Berges liegt, und sehe, da einem Gterwagen eben die Achse gebrochen ist. Der
Fuhrmann hatte ohne Zweifel der Hitze wegen in der Nacht fahren wollen und war
etwas im Schlaf gewesen. Genug, der Arme lag halbtodt unter dem Rade, dessen
gebrochene Felgen glcklicherweise nicht mehr von der ganzen Kraft des nicht
bermig bepackten Wagens gedrckt wurden. Das laute Winseln eines gleichfalls
verletzten Hundes, mein eignes Rufen weckte die Leute in der Schmiede. Man trug
den Fuhrmann hinein und entleerte etwas den Wagen, um ihn leichter zur
Verbesserung des Rades in die Hhe schrauben zu knnen. Bei dieser Gelegenheit
entdeckt' ich, als ich eben bermdet zum Schlosse hinaufsteigen will, einen
Gegenstand unter den ausgepackten Sachen, der mich wahrhaft berraschte.. diesen
alten Schrein! Es war das Kreuz mit den vier Kleeblttern in seinen Enden! Unser
Proze im neuen ernsten Beginnen, die Wichtigkeit der daran sich knpfenden
Verhltnisse, Befremden ber diese seltsame Erscheinung des protestantischen
Johanniterkreuzes von Angerode, eine Art von Aberglauben ber die Weisheit des
Zufalls, alles Das bestimmte mich, die Bewohner der Schmiede zu veranlassen, den
Schrein bei Seite zu stellen, wieder aufzupacken und dem Fuhrmann, wenn er sich
erholt htte, das Geschehene  tout prix zu verschweigen. Nachdem ich mich ber
den Fund orientirt hatte, konnte man ihn ja unter irgend einem Vorwande dem
Besitzer wieder zustellen.
    Gingen die Bewohner der Schmiede auf dies riskante Ansinnen ein? fragte der
Propst erstaunt, und waren Sie ihrer so gewi ...
    Ich hatte mit einem alten Manne zu thun, der blind ist, sagte Schlurck, und
seinem Sohne, der an Taubheit leidet. Meine Amtswrde nahm ich zu Hlfe und
wute ihnen begreiflich zu machen, da es sich hier um eine wichtige Entdeckung
im Interesse des Staates handelte. Sie trugen mir den Schrein an einen
verborgenen Ort. Kaum hatt' ich einige Stunden geschlafen, als der alte Schmied
sich von dem jungen zu mir hinauffhren lie und um Gotteswillen bat, ihnen zu
erlauben, den Schrein herauszugeben, der Fuhrmann gebehrde sich wie rasend, an
dem Schrein lge mehr, als ein Mensch ahnen knne ... denken Sie sich! Je mehr
sie baten, desto mistrauischer wurd' ich natrlich und zuletzt bestand ich
darauf, da der Schrein nur noch fr mich existire, und unverrichteter Sache
stiegen sie wieder hinunter ...
    Gelbsattel schaltete hier erstaunend wieder die Bemerkung ein:
    Das brachten Sie mit Ihrem einfachen Befehl zu Wege?
    Doch nicht! sagte der Justizrath. Ich ergriff ein mir glcklicherweise zu
Gebote stehendes Mittel, den Alten zum Schweigen und unbedingten Gehorsam zu
bringen. Ich raunte ihm ein paar Worte zu, die ihn so erschreckten, da er zu
Allem bereit war und mir den Schrein so lange bewahrte, bis ich ihn auf meinen
Wagen lud und mit ihm hier ankam.
    Ein paar Worte? fragte Gelbsattel erstaunt lchelnd. Sie sind ja ein wahrer
Zauberer! Lehren Sie mich doch auch so inhaltsschwere und mchtige Worte!
    Ich erinnerte die Leute, antwortete der Justizrath, einfach an eine alte
Geschichte, in der der Vater eine Rolle gespielt hatte, fr die ihm noch fr den
Rest seines Lebens eine gewisse fatale Belohnung gut ist, wenn man ihn entdeckte
....
    Sie Allwissender! bemerkte Gelbsattel kopfschttelnd.
    Vielerfahrener! antwortete Schlurck. Ich lie den Schrein hier ffnen und
fand darin Papiere, die mit unserm Proce auf's innigste zusammenhngen. Da
dies jener Gegenstand ist, den man in Angerode vermit, scheint mir
unwiderleglich. Es frgt sich nur, ob die Regierung selbst oder die zweite Curie
jene Untersuchung anordnete oder ob der junge Mann, den Sie erwhnen, ganz aus
eigenem Antriebe auf diese Entdeckung kam. Jedenfalls hab' ich jetzt das Recht
zu sagen, ich htte einen geraubten Gegenstand bei einem Hehler entdeckt und es
fr meine Pflicht gehalten, ihn mir bis auf Weiteres anzueignen.. Werden Sie
diese Wendung untersttzen?
    In einer so wichtigen Sache? sagte Gelbsattel. Ohne Widerrede!
    Meldet sich jetzt jener Wildungen, fuhr der Justizrath wahrhaft aufathmend
und herzerleichtert fort, so verweigern wir ihm noch obenein die Auslieferung.
Eine Anfrage in der Zeitung hat meinerseits dann nur den Zweck gehabt, hinter
eine unerlaubte Aneignung zu kommen. Wir geben den Inhalt des Schreins zu den
Akten ...
    Und was glauben Sie, fragte Gelbsattel gespannt, was glauben Sie, da durch
diese hchst wahrscheinlich in bestimmter Absicht verborgen gehaltenen Dokumente
bewiesen werden knnte?
    Nach flchtiger Durchsicht, sagte Schlurck ruhig, sprechen sie weder fr
uns, noch fr die Regierung. Eher mcht' ich glauben, da der Auffinder
desselben eine persnliche Absicht hat. Er erschien bald darauf in Plessen und
forschte mit Leidenschaftlichkeit nach der Art, wie jenes Frachtstck verloren
ging. Meine Schmiede scheinen nicht Wort gehalten zu haben; denn zu meinem
Erstaunen uerte er, ber den Verlust selbst beruhigt zu sein. Er wisse, da
ich den Schrein bese. Auf der andern Seite ist es auffallend, da Viele
behaupten, der Forscher nach dem Schrein wre der Prinz Egon gewesen.
    Prinz Egon von Hohenberg? fragte Gelbsattel erstaunt.
    Der junge Hohenberg! besttigte Schlurck.
    Wie wre Das? Er soll ja heftig erkrankt sein, erzhlte man.
    Die rzte frchten ein Nervenfieber. Ein Zusammenhang des Prinzen mit jenem
Wildungen, den Sie erwhnen, ist mir gewi, ja ganz fest bewiesen. Welches aber
der Zweck dieser Verbindung ist, wie er mit einer Reise jenes Wildungen oder
Beider zugleich nach Hohenberg zusammenhngt, welche Rolle darin das erbrochene
Archiv von Angerode spielt, Das bin ich zur Stunde unvermgend anzugeben.
    Gelbsattel fiel darauf ein:
    O, Freund, Ihr Scharfsinn wird binnen kurzem alle diese Dunkelheiten
lichten! Doch hten Sie sich vor diesem Dankmar Wildungen! Es ist ein
unternehmender verschmitzter Kopf, voll planmiger Schlauheit und mit einer
Federkraft begabt, die ihm fr die schwierigsten Dinge Muth und Ausdauer gibt.
Auch gehrt er mehr, als seinen Vorgesetzten gefallen will, zu den Demokraten.
    Schlurck gedachte nun voll Beschmung ber seine Champagnerverwirrung des
Fremden im Heidekrug und fragte:
    Er ist klein..
    Mittlerer Statur!
    Braunes Haar?
    Mehr braun als blond. Das ganze Wesen unternehmend und keck.
    Er trgt einen Bart auf der Lippe und am Kinn?
    Ich sah' ihn lngere Zeit nicht mehr. Seit den politischen Kmpfen meidet er
alle die feinen Cirkel, in die ihn sein Bruder, der Maler Wildungen, ein
ungleich geringeres praktisches Talent, obgleich nicht ohne Schwung und Poesie,
eingefhrt hat..
    Schlurck schttelte rgerlich den Kopf. Er sah ein, da er sich, wie er an
Bartusch schrieb, im Champagnernebel getuscht hatte, als er in Wildungen den
Prinzen Egon zu erkennen glaubte und seiner Familie diesen allerdings nicht
unbedeutenden jungen Referendar fr eine so wichtige respectwrdige
Standesperson angedeutet hatte.
    Der Unmuth ber diese Tuschung wuchs, als Melanie von oben die kleine
Wendeltreppe halb herabstrmte und ohne Rcksicht auf Gelbsattel oben auf den
Stufen in die ngstlichen Worte ausbrach:
    Vater! Eben will ich dem kleinen Amerikaner, da er so mdchenhaft aussieht
wie Cherubim, eine Haube aufsetzen, als er mir sagt: Ich mchte ihn schonen, er
wre betrbt ber die Krankheit des Prinzen. Ist der Prinz krank? So gefhrlich
krank, wie der Knabe sagt? Du warst ja dort? Sorgen die rzte wirklich um sein
Leben?
    Allerdings! sagte Schlurck. Doch geht dich Das wenig an. Du bist ber den
Prinzen in einem Irrthum ...
    Melanie blickte den Vater starr an.
    Ich habe eine sehr groe Thorheit begangen, sprach Schlurck in gewaltiger
Verstimmung zu ihr empor. Es war ein junger Referendar, Namens Wildungen, der
Euch im Schlosse besuchte! Es ist ein Freund des Prinzen! Es gibt zwei
Wildungen, einen Maler ...
    Und einen Referendar! fgte Gelbsattel hinaufschmunzelnd hinzu.
    Melanie entfernte sich erblassend und ohne zu antworten schwankte sie die
engen Stufen hinauf ...
    Bald aber hrte man, da oben ein Fenster aufgerissen wurde, das in den Hof
fhrte, und Melanie rief:
    Neumann! Anspannen!
    Gelbsattel, da es eben von seiner Kirche dumpf zwei Uhr schlug, empfahl
sich. Er sagte noch zu Schlurck:
    Sie haben viel auf dem Herzen, bester Freund, was Sie mir nicht mittheilen
wollen. Ich denke, Sie werden es, wenn es reif ist oder, um es zu werden, meine
Mitberathung vielleicht in Anspruch nimmt! Einstweilen hab' ich hier merkwrdige
Thatsachen erlebt! Soviel seh' ich wol, da wir verwickelten Schwierigkeiten
entgegen gehen und Manches erfahren werden, was wir in den bisherigen Stadien
unserer Angelegenheit nicht fr mglich hielten.
    Darin haben Sie recht, Freund, sagte Schlurck, sammelte sich, da es
Tischzeit wurde, zu seiner sonst blichen Heiterkeit und schlug seine Hand in
Gelbsattel's mit den Worten:
    Sie wissen, da ich das Altwerden fr eine schlechte Angewhnung halte. Noch
heute hab' ich's dem Sanittsrath Drommeldey gesagt. Aber auch dadurch bleiben
wir jung, da wir vor Schwierigkeiten nicht erschrecken. Immer die gerade Bahn
laufen macht krumm und schlfrig. Es ist eine dumme Wahrheit, die nur in der
Mathematik gilt, da der gerade Weg zwischen zwei Punkten der krzeste ist. Im
Leben ist im Gegentheil der gerade Weg immer der lngste. Nur was den Geist
spornt, in Thtigkeit setzt, zum Aufmerken zwingt, belebt ihn und der Geist
ist's doch allein, von dem die Maschine abhngt, oder meinen Sie, da die
Maschine den Geist regiert? Manchmal, wenn ich Appetit habe und mir die Gedanken
schwinden, mcht' ich fast das Letztere glauben!
    Lieber Freund, sagte Gelbsattel, den Thrdrcker ergreifend, Das machen wir
hier zwischen Thr und Angel nicht ab! Nur darum mcht' ich Sie noch bitten,
gben Sie mir wol fr einen Franzosen, der hieher gekommen ist, Herrn Professor
Rafflard aus Paris, eine Empfehlung an den Criminaldirektor?
    Empfehlung an den Criminaldirektor? sagte Schlurck lachend. Er soll einen
honetten Einbruch machen, dann braucht er meine Empfehlung nicht. Wie heit der
Herr?
    Gelbsattel erwiderte mit einiger Befangenheit:
    Professor Rafflard kommt von Paris, als Agent einer Humanittsgesellschaft,
um sich ber den Zustand der Gefngnisse bei uns zu unterrichten ...
    Aha! So ein philanthropischer Salon-Quker! sagte Schlurck; Einer, dem es
dafr um Orden, Titel und Einladungen zu thun ist! Wie viel gute Ideen mssen
doch dafr herhalten, da eitle Menschen auf sie reisen und sich lcherlich
machen! Ich denke, Sie sind nicht fr die innere Mission?
    Professor Rafflard ist sehr gut empfohlen, bemerkte Gelbsattel schon im
Gehen, whrend ihm Schlurck das Geleite durch einen dunkeln Gang gab; er hofft
an den Hof zu kommen und dient einem Zwecke, dem sich einige uneigenntzige
Gemther doch auch schon praktisch, ohne Phrasen, ohne Christelei gewidmet
haben..
    Verbesserung der Gefngnisse! sagte Schlurck. Eine Feile und ein Strick ist
fr die Spitzbuben die beste Verbesserung der Gefngnisse. Ich will's brigens
dem Criminaldirektor sagen ...
    Damit trennten sich die Freunde.
    Schlurck kehrte nun in sein Bureau zurck, schlo von innen ab und stieg
langsam und nachdenklich in den ersten Stock, um zu lauschen, wie weit Bartusch
in seiner Verhandlung mit dem Amerikaner gekommen war..
    Er begegnete Melanie, die ihm auf die Frage, ob sie heute mit ihm zur Harder
fahren wrde, keine Antwort gab.
    Sie hatte sich den Hut aufgesetzt, einen Shawl umgeworfen und strmte die
Treppe hinunter, um sich in den offenen Wagen zu werfen, der eben unten in der
Hausflur vorfuhr ...
    Wohin befehlen Frulein? fragte der Bediente, den sie getrieben hatte, jedes
andere Geschft, die Zurstung zum Mittagsmahl und was sonst zu seinen
Obliegenheiten gehrte, fahren zu lassen und sich nur in die Livree zu werfen
....
    In das Atelier des Professors Berg! rief sie und warf sich in die weien
Kissen des Wagens.
    Als ihr Vater vom Fenster nachsah, wie sie erst im Wagen sich die Handschuhe
anzog und mit kalter Verachtung der Welt um sich her blickte, dann den Schleier
berwarf und rasch davon fuhr, dachte er bei sich selbst:
    Wohin tobst du, um deiner Verzweiflung zu entfliehen? Armes Kind! ... Sie
hat sich doch wol eingebildet einen Frsten zu lieben und nun ist es nur ein
gewhnlicher Mensch, wie wir Andern auch! Begeh' keine Thorheit, wilde Tochter!
Wenn dieser gewhnliche Mensch so viel Verstand hat, wie Gelbsattel an ihm
frchtet, so knnte er mich, wenn er dich liebt, zum Schwiegervater eines
Millionairs machen ...
    Wie er so sinnend stand, brachte Bartusch Papiere zum Unterschreiben und
meldete zugleich, da ihn Lasally zu sprechen wnsche ....
    Lasally? sagte Schlurck gezogen. Er wird mich doch nicht zum Anwalt seines
albernen Prozesses gegen Hackert, den Ihr mir erzhlt habt, machen wollen? Er
soll zu meiner Frau gehen und heute einen Lffel gewrmter Suppe mit uns
speisen. Gewrmt! Dahin kommt es auch noch! Melanie wird hoffentlich nicht zu
lange bleiben. Die Papiere wollen wir in meinem Zimmer unterschreiben.
Mhseliger Tag! Er wiegt schwerer als seit lange einer, und doch gehrt er zu
denen, die ich in anderm Sinne als Kaiser Titus einen verlornen nenne!
    Bartusch ging zur Justizrthin, bei der Lasally schon wartete.
    Schlurck stieg mismuthig die Wendeltreppe hinunter in sein Zimmer zum
Abschlu der Verhandlung mit Ackermann, die seit lange seine schmerzlichste
Erfahrung war. Etwas Halbes war ihm ... Nichts.

                                Zehntes Capitel



                           Die Ganzen und die Halben

Eine Werkstatt der zeichnenden Knste mute so gebaut sein wie die des berhmten
Professors Berg, um neben der Bestimmung, dem Knstler Gelegenheit zu
ungestrtem Fleie zu geben, auch als ein freier Tummelplatz heitrer Laune und
scherzhaften Gesprches dienen zu knnen.
    Der groe Anbau seines italienischen Hauses war eine Halle, massiv gebaut,
aber doch in Form jener antiken Bauart gehalten, die den Ursprung aller
Architektur aus zusammengelegten Blcken durch bunte Malerei, Vergoldung und
Zierrath aller Art nicht verbergen will. Schimmerte auch die Decke nicht in
goldenen Verzierungen, so wurden ihre Balkengevierte doch durch Farbenschmuck
aller Art sehr frisch gehoben. Die Form der Halle war eine dreitheilige. Drei
groe nach Norden gehende Fenster warfen das der Malerei nthige Licht in den
gewaltigen Raum, der durch zwei von der halben Decke herabgehende schwere grne
Vorhnge in zwei kleinere und eine grere Abtheilung getrennt war. Lie man die
wuchtigen Vorhnge zufallen, so waren die hinter ihnen beschftigten Maler
voneinander getrennt. Standen sie offen, so gewhrten sie die Mglichkeit einer
gemeinschaftlichen Unterhaltung durch das ganze Atelier.
    In dem ersten Drittheil saen einige Schler und Anfnger, in dem groen
Zwischenraum die selbstndigen jngern Krfte, die sich um Professor Berg
scharten, im dritten war dieser selbst beschftigt.
    Die groe Sdwand, ganz massiv, war in pompejanischem Geschmacke gemalt. Die
rothe Farbe hatte in dem bunten Gemisch den Vorrang.
    An der Ostwand war der doppelte Eingang, einer von unten her und einer oben
von der Altane, die das erste Stockwerk des Hauptgebudes mit dem Atelier
verband. Auf der Hlfte der Stiege, die von oben her kam, schlo sich ihr von
unten herauf eine andere an, die in einer langen hlzernen, mit grauer lfarbe
gestrichenen Brcke endete, die durch das ganze Atelier ziemlich nahe an der
Sdwand sich hinzog - diese Brcke diente fr groe Gemlde, welche von dem
Fuboden aus nicht gemalt werden konnten. Hier und da lie sie sich
auseinandernehmen und auf Rollen nach Belieben vor groe Cartons oder lbilder
vorrcken. An der Westwand, im engern Atelier des Professors Berg, waren sehr
geschmackvolle Frescoverzierungen angebracht. Zwischendurch standen Statuen,
meist von einem Blumenetablissement umgeben. Die Teppiche und Wandsophas, die
ursprnglich in der ganzen Halle anzutreffen waren, hatten sich nur noch in dem
engern Raume des Lehrers in dem eleganten Zustande erhalten, wie ursprnglich
dieser ganze kleine Kunsttempel gedacht war. Hier fanden sich noch Sthle und
Polster, die man den Fremden anbieten konnte. An den andern Punkten hatte
jugendliche Zwanglosigkeit schon mancherlei Zierrath fr seine Bestimmung
untauglich gemacht, zum groen rger des mit berwachung dieser Rume
beauftragten Dieners. Auch die groen mit Steinkohlen nur heizbaren fen hatten
sich im Winter schon mit manchem anschwrzenden Protest gegen den Traum eines
sich hier nach Italien versetztglaubenden Idealisten geltend gemacht. Die
parkettirten Fubden waren selbst beim Professor nicht recht wieder zu erkennen
und trugen alle Merkmale, da der wahre Knstler, wenn er einmal in die freie
Ausbildung seiner Herrschaft ber Kreide und Farbe gerth, an uere Eleganz und
fashionable Bestimmung nicht mehr denkt.
    Siegbert arbeitete im Mittelraum.
    Nicht weit von ihm Leidenfrost.. Neben diesem ein junger schner schlanker
Mann, Namens Heinrichson, derselbe, dem zu Gefallen Frau von Harder den Ankauf
zweier Schwne aus Island fr die kniglichen Grten veranlat hatte. Neben ihm
stand jener Ofenschirm, hinter welchem Frau von Trompetta die Bewegungen jenes
Schwanes, der Jupiter vorstellen sollte, und seine Angriffe auf eine hlzerne
Figur, die die Leda sein sollte, mit so vieler Angst beobachtet hatte ...
    Dann kam ein junger Maler, Namens Reichmeyer, ein Verwandter des Bankiers
von Reichmeyer.
    Diese vier Maler arbeiteten in der mittlern Halle.
    In der Vorhalle standen drei oder vier Schler.
    Der Raum, den Berg allein einnahm, war noch mit einem kleinern, von Tapeten
gebildeten oben offenen Cabinet versehen fr die Aufnahme lebender Akte.
    Siegbert, Leidenfrost, Heinrichson und Reichmeyer waren in einem Gesprche
begriffen, wie man es mit Unterbrechungen, langen Pausen allenfalls bei
mechanischgeistiger Production doch fhren kann. Sie hatten vom Morgen an stark
an grern Arbeiten geschafft und nahmen jetzt gegen Mittag leichtere vor, die
wol erlaubten, da dann und wann ein Scherz die gesammelte Stimmung
durchkreuzte, die vielleicht gerade mit etwas vorher schon ernst Bedachtem
beschftigt war.
    Siegbert arbeitete an seinem Albumblatt fr Frau von Trompetta.
    Die drei andern Maler standen eben hinter ihm und wollten wissen, was er
in's Gethsemane stiften wrde.
    Man sah noch in schwachen Andeutungen eine orientalische Gegend ... Palmen,
Felsgestein, lbume. Am Boden ein schlafender Christus ... Vor ihm eine noch
nicht fertige undeutliche Figur ... Negerknaben mit Fackeln ... In der Ferne ein
Kameel mit Dienern.. Andeutungen am Horizont zufolge, die auf Sterne rathen
lieen, sollte die Beleuchtung Nacht sein.
    Ist das unklare Menschenbild da vielleicht, sagte Max Leidenfrost, eine
kleine Figur mit zusammengetrockneten, sogenannten Silen- oder Sokrateszgen,
ist Das vielleicht einer von den heiligen drei Knigen, der nach dreiig Jahren
einmal wieder nach Jerusalem kommt, um den inzwischen stattlich herangewachsenen
Heiland zu sehen? Er scheint sich recht zu verwundern, wie die kleinen Kinder
mit der Zeit so aus Krippen herauswachsen knnen..
    Siegbert antwortete, indem er mit dem Gummi die Negerknaben etwas corrigiren
wollte:
    Diese Jungen tragen Fackeln, um in die Nacht eine Art Rembrandt'scher
Beleuchtung zu bringen. Die schwarzen Mohrenjungen htten sich unter den Fackeln
so prchtig ausgenommen ... sie kommen auch nicht fort.
    Nein, Nein! sagte Heinrichson und hielt die Hand mit dem Gummi zurck, nicht
zu rasch mit dem ndern und Vertilgen! Ein vernnftiges Motiv mu man nicht so
bald aufgeben. Leidenfrost's Idee scheint nicht einmal die rechte zu sein. Ich
glaube nicht, da Sie der Frau von Trompetta humoristische Witze in's Album
malen wollen, die sich nicht biblisch rechtfertigen lassen ...
    Wre denn Das blos ein Witz, fragte Leidenfrost, wenn einer von den drei
Knigen einmal wieder einen Besuch in Galila machte? Knnt' er Jesus nicht
gesagt haben:
    Braver Mann, ich hielt so viel von Ihnen, aber Sie sind auf dem Wege sich
in's Unglck zu strzen! Sie wollen eine neue Religion stiften und ich komme,
weil ich mir etwas Anderes in Ihnen vermuthete, expre aus Indien, um Ihnen zu
sagen, da wir dort einige noch recht gute alte Religionen haben! Die beiden
Mohrenjungen mit den Fackeln wrden eine treffende Symbolisirung der nheren
Aufklrung ber diesen Gegenstand sein ... Lesen Sie die Zendavesta und die
Vedas, meine Herren! Selbst Gtzlaff gesteht, da Confucius kein Confusius war.
    Ich vermuthe eher, sagte Reichmeyer, der an Eleganz mit Heinrichson
wetteiferte trotz der Atelierberhemden, die sie trugen; ich vermuthe eher, da
wir einen Abgesandten des Hauptmanns von Capernaum vor uns haben, der Jesus zu
seinem Herrn beruft. Der Heiland versichert ihm, da er das Wunder bereits
verrichtet htte, er mge nur nach Hause gehen und sich schlafen legen ...
    Nein, meinte Leidenfrost trocken ohne die Miene zu verziehen, ich kann
nimmermehr glauben, da diese hohe, stattliche Figur, die ich da vor dem Heiland
entstehen sehe, ein Unteroffizier oder eine Ordonnanz ist. Ich will dem
militairischen Geiste der Juden nicht zu nahe treten, aber so stattlich war doch
wol die Rekrutirung ...
    Ich glaube, unterbrach Heinrichson diese frivolen Spe, ich glaube, da sie
gar kein Kriegsheer hatten und da der Hauptmann von Capernaum ein rmischer
Centurio war. Die Mohrenjungen sind dann schon eher angebracht. Man knnte
annehmen, da dieser rmische Hauptmann aus jener Armee hervorgegangen ist, die
schon unter Antonius bei der Cleopatra afrikanische Luxusstudien machte..
    Mein Himmel, unterbrach Siegbert, dem des Spottens und Schraubens doch am
Ende zu viel wurde, diese fr zwei Maler, die auf einige Ausstellungen schon
Heiligenbilder geliefert hatten, charakteristischen uerungen, mein Himmel,
welche Verwirrung ber die Auslegung einer sehr einfachen und, wie ich fast
glaube, nicht genug ansprechenden Idee! Ich will ja nichts Anderes, als hier in
einfacher Tusche die Thatsache wiedergeben: Nicodemus kommt zum Herrn bei der
Nacht. Hier schlafen unter freiem Himmel die Jnger, von denen nur einige
sichtbar sind. Christus wachend hat sich erhoben und empfngt den nchtlichen
Besuch des vornehmen Pharisers, der, von innerster Achtung vor dem
Religionswerke des Heilands durchdrungen, doch noch nicht den Muth hat, ihn
ffentlich zu bekennen. Die beiden Mohrenknaben leuchten ihm in den Garten.
Hinten steht das aufgezumte Kameel, auf dem er aus der Stadt gekommen, nur von
einigen vertrauten Dienern begleitet. Auch diese wie die Mohrenknaben wollt' ich
in ehrerbietiger Andacht erscheinen lassen. Hinten ganz fern sieht man die
Zinnen von Jerusalem.
    Sehr schn! rief Heinrichson mit einer gewissen gentlemanliken Herablassung.
Die Skizze ist wrdig, in l ausgefhrt zu werden. Wie herrlich diese
Beleuchtung durch die Sterne und die Fackeln! Schon seh' ich, da Sie
beabsichtigen, das rothe Licht grell auf die schlafenden Jnger fallen zu
lassen. Es kann ein recht sanftes Leben in das Ganze kommen! Diese Nachtstille,
diese schlummernde Pflanzenwelt! Und dabei das heilige Wachen des Glaubens und
die feierliche Beherrschung der schlummernden Natur durch die Macht des Geistes!
Ich sehe das Blatt schon fertig vor mir und verspreche Ihnen davon eine gute
Wirkung ...
    Auch Reichmeyer stimmte dem feinen und so ausnehmend wohlwollenden Urtheile
Heinrichson's, das Siegbert fast stutzig machte, bei und nannte das Ganze einen
guten Gedanken. Doch tadelte er die Mohrenknaben.. Siegbert htte selbst schon
angedeutet, da diese Vermuthung auf Abwege fhren und fr nicht echt jdisch
gehalten werden knnte. Die Juden htten niemals solche Sklaven gehabt ...
    Ach was! rief Leidenfrost. Welcher Knstler wird sich denn an solche
Niemals! Niemals! kehren? Wir haben auch keine Sklaven und doch Jockeys und wer
sich einen Neger halten kann und die Kreuzung der Racen unter seinem Gesinde
nicht frchtet, der lt sich gerade von einem Neger dahin begleiten, wo
einheimische Bediente vorlaut und unzuverlssig sind. Bleiben Sie ja bei den
Negerknaben, Wildungen! Auch bei dem Kameel! Die alten Italiener waren darin ja
so prchtig ungenirt. Auf Paul Veronese's groen neutestamentarischen Scenen
kommen alle die Neger vor, die man in den Husern der vornehmen Venezianer
damals herumlaufen sah, Papageyen und Affen, wie sie einmal zur orientalischen
Anschauung gehren ...
    Siegbert, ermuthigt durch diesen Beifall und sonst schon den ganzen
Vormittag in aufgeregter Laune, fiel mit den heitern Worten ein:
    Die Negerjungen lass' ich schon der Frau von Trompetta wegen. Sie werden ihr
die traulichsten Missionsgedanken wecken.
    Heinrichson und Reichmeyer lachten ber diesen Einfall.
    Leidenfrost trat nun nher, betrachtete noch lange die Skizze und sagte
endlich:
    Bedenklicher freilich, bester Freund, ist der geistige Ausdruck Ihrer
Skizze! Sie wollen doch gewissermaen sagen: Seht da Einen von Denen, die nicht
den vollen Muth ihrer berzeugung haben! Nicodemus hat einen Anflug von Christi
gttlicher Sendung empfangen, er fhlt, da dies der verheiene Messias ist und
hat doch nur den Muth, bei Nacht zu ihm zu kommen! Ich bin begierig, wie dies
Urtheil des Knstlers herauskommt! Denn urtheilen drfen wir doch? Nimmermehr
werd' ich die feigen Pinsel anerkennen, die nur die Thatsache geben wollen und
das Urtheil dem Beschauer berlassen. Der Knstler soll Partei nehmen, wie es
die Alten thaten. Die Alten malten im Glauben. Der Glaube war ihnen Partei. Der
Zweifel konnte nichts malen, er sah nur auf Effecte, wie es seit Guido Reni,
Carlo Dolce und meinem sonst prchtigen, theatralischen Guercino Mode wurde. Die
Neuen haben keinen Glauben und auch keinen rechten Zweifel; gut! sie sollen nur
gerecht sein und geschichtlich und wahr. Sie mgen eine Thatsache einfach
hinstellen, aber dann doch so gruppirt, da sie verrathen, sie htten selbst
darber nachgedacht und empfnden etwas ber ihr Bild, irgend eine warme
berzeugung. Wie kommt mir nun hier, bester Wildungen, die Erbrmlichkeit dieses
Nicodemus zur Anschauung, der nur bei Nacht den Muth hat, ein Christ zu sein?
Zeigen Sie mir diese seine Erbrmlichkeit! Diesen Augenspiegel unserer ganzen
Gegenwart!
    Ich wei zunchst nicht, antwortete Siegbert, die sthetische Tendenzfrage
fast vermeidend, soll ich ihn sehr reich oder recht arm kleiden? Das Erstere
wrde im Einklang zu seinen Dienern und den geschmckten Kameelen stehen, das
Letztere aber gerade durch den Contrast mit diesen Umgebungen andeuten, da er
demthig und voll Reue ist und seines Prunkes sich begeben will. Jesus sagt ihm
ohnehin, es knne Niemand selig werden, der nicht in den Schoos seiner Mutter
zurckkehre und von neuem geboren wrde. Arm aber oder reich gekleidet denk' ich
doch, da hier die einfache Thatsache ihre Auslegung in sich selber trgt. Wie
sollt' ich hier mein Urtheil anbringen, ohne nicht in Gefahr zu gerathen, den
Frieden der Situation zu stren? Sie mchten den Nicodemus mit dem Pinsel gern
geieln, Leidenfrost! Geht Das?
    O! rief dieser, prgeln mcht' ich ihn und nicht blos mit dem Pinsel!
    O nein! fuhr Wildungen lachend fort, bleiben wir in der Welt meines
Tuschkastens! Liegt nicht in des Heilands ernstem Blicke schon die ganze
vershnende Kritik seines nchtlichen Besuches? Wird Nicodemus nicht demthig
zur Erde schauen mssen und sich verneigen mit gekreuzten Armen, wie der
Andchtige vor dem Crucifix?
    Vershnt Das nicht? Und er kommt ja doch! Er folgt ja doch zu irgend einer
Stunde dem innern Rufe, wenn auch nur bei Nacht! Er bt doch seinen Fehler
dadurch, da.. er ihn bt! Mehr als das bloe Doch kommen, doch dem innern
Drange Erliegen mehr wrde Strafe sein, unmglich vorauszusetzen in der Absicht
des Erlsers. Ich theile wie Sie den Zorn ber die tglich uns begegnenden
Menschen, die nicht den Muth ihrer berzeugung haben, aber ich gestehe, ich habe
mit der schwierigen Lebensstellung eines Pharisers, wie Nicodemus, soviel
Mitleid, da ich ihn liebe, voll Wehmuth liebe, liebe seiner Schwche wegen. Und
gestehen Sie doch, wenn ein reicher Mann und gefeierter Schriftgelehrter zum
Herrn kommt, ist's doch wol etwas mehr, als wenn arme Fischer und Handwerker von
vornherein sich gleich zu ihm hielten?
    Hm! brummte Leidenfrost. Zumal wenn man bedenkt, da die Tausende von
Mssiggngern, die diesem galilischen Wanderprediger nachliefen, sich manchmal,
um satt zu werden, mit fnf Broten und zween gebacknen Fischen begngen muten
... Gut! Gut, Wildungen! Malen Sie Ihren Nicodemus, zu deutsch: Ihren Herrn von
Volksbezwinger so, wie er fr die fromme, weichmthige Welt pat und im
Gethsemane gewi bei Hofe groen Effect machen wird.. schon der
Fackelbeleuchtung wegen.. Aber, wenn ein Anderer einmal den Gegenstand ergriffe
...
    Schweigen Sie endlich! rief Heinrichson nicht ganz im Scherz. Ihre verdammte
Ideenflle, Leidenfrost, macht uns noch Alle confus! Wenn wir einen guten
Gedanken zu haben glauben, so setzen Sie immer noch einen Trumpf darauf und
bringen uns in Verwirrung ...
    Reichmeyer stimmte dieser Bemerkung krftigst bei und wnschte die Kritik zu
allen tausend Teufeln ...
    Malt was Ihr wollt! sagte Leidenfrost kurz und bndig und kehrte zu seiner
Staffelei zurck, auf der er architektonische Prospecte angefangen hatte.
    Siegbert aber fuhr ungestrt und nicht im geringsten zrnend in seiner
Bleistiftskizze fort.
    Wie kann Euch aber, sagte er, nachdem Alle wieder an ihre Arbeiten gegangen
waren, zu den beiden zrnenden Genossen, wie kann Euch eine fremde Auffassung
nur irre machen! Ihr wit, da ich mit dem Namen des Knstlers nicht so oft um
mich werfe, wie so viele Pfuscher unserer Kunst; aber darin hab' ich mich
wirklich doch als Knstler weg, da ich nicht von jedes Andern Idee so rasch
ergriffen werde, um aus meiner eignen Anschauung, aus dem mir nothwendigen Leben
des Gemths und den Grenzen meiner Phantasie herauszukommen. Ich wnschte
gerade, da Leidenfrost aufrichtig sagte, wie er diesen Stoff behandeln wrde!
Was thut Das? Ich mte mir vorkommen, als wre meine Malerei mein Elend und
Jammer, wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erschrke!
    Diese Meinung theil' ich nicht, sagte Reichmeyer. Hat man von einer andern
Auffassung den Effect erkannt, so bin ich der unglcklichste Mensch, wenn ich
bei meiner eignen, die vielleicht nchterner ist, bleiben mu ...
    Diese Empfindung, antwortete Siegbert, haben Sie nicht aus Italien, sondern
aus Paris mitgebracht. Sie Glcklicher, Sie hatten die Mittel, auf Reisen zu
gehen und whlen Paris fr Rom und Florenz! Was haben Sie bei Vernet und
Delaroche gelernt? Vortreffliche Farbenzusammenstellungen, rasche Pinselfhrung,
aber auch eine knechtische Verehrung vor dem Gtzen Effect, den Ihnen unser
guter treuer Eckart der Kunst, Professor Berg, nicht wieder austreiben kann. Ihr
seid die wahren Eklektiker der Kunst! Ihr malt die Heiligen, die Griechen, die
Fischerknaben, die Betteljungen, die Grenadiere, Alles durcheinander, wenn sie
einen brillanten Moment abwerfen, wie Schauspieler, denen jede Rolle, jeder
Geschmack recht ist, wenn sie nur Gelegenheit finden, sich darin als Virtuosen
zu zeigen.
    Die Deutschen malen langweilig, sagte Reichmeyer kurzweg. Jeder denkt, wenn
er sich selbst gegeben hat, wr' er ein Poet mit dem Pinsel. Das ist eine alte
Sage, die von unsern Akademieen und den bezahlten Professoren noch aufrecht
erhalten wird. Aber die Geldbeutel der Kufer glauben nicht mehr daran. Sehen
Sie nur zu, lieber Wildungen, was geschehen wrde, wenn man von unsern
kniglichen Frescomalern ihre Nibelungensuiten, nach der Elle gemessen, auf den
Markt brchte; wer wrde viel dafr geben, auch wenn er die Wnde htte, diese
schngezeichneten bunten Tapeten passend aufzukleben!
    Drum Dank dem Himmel, antwortete Siegbert, da noch Mglichkeiten sind, die
Kunst von der Liebhaberei des Privatgeschmackes frei zu halten! Sagen Sie nicht,
ein Frst, der auf groe Bauten viel verausgaben kann, folge in ihrer
Ausschmckung doch auch nur den Eingebungen seines Privatgeschmackes! Nein! Wir
mgen ber Geschmacksrichtungen streiten, soviel wir wollen, eine Kirche bringt
ihren eigenen Geschmack mit sich, ein Knigspalast gleichfalls, eine offene
groe Halle gleichfalls. Jede Anknpfung der Kunst an groe Institutionen
veredelt das versteckte Gelste der Privatliebhaberei und knnten wir es dahin
bringen, da alle Anknpfungen der Knste noch, wie in alten Zeiten, groartige,
allgemeine, vom ganzen Staatsleben untersttzte wren, so wrden wir aller
Willkr der Kritik, aller Anarchie der Production berhoben sein und Das malen,
dichten, meieln, componiren, was die Zeit wirklich will und was sich fr das
Allgemeine und die Wrde der Kunst schickt.
    Ein wahres Wort! mischte sich jetzt wieder Leidenfrost beistimmend ein. Ja!
Wildungen, Sie sind auch so ein Nicodemus, der nur manchmal bei Nacht in den Hof
der Wahrheit kommt! Sie wissen das Bessere und handeln nicht immer darnach, von
Heinrichson und seinem alten mythologischen Schwne-Kram und Reichmeyer's
Melodramen-Malerei ganz zu schweigen! Ich habe Sie gestern mit Champagner
gelabt, ich darf Ihnen heute Wermuth reichen. Wenn Ihr wahr sein wollt, gibt es
eigentlich keine ideale Malerei mehr, es gibt nur noch Landschaften, Jagdstcke,
Portraits und auch die sind schon verdrngt durch die Lichtbildnerei. Die wahre
Bestimmung der neuern Malerei ist Zimmerschmuck, und in allen andern
Bestimmungen erblick' ich nur Krcken, auf denen sie nothdrftig so
dahinhumpelt! Kirchengemlde! Wer baut denn Kirchen aus Kirchendrang? Sind denn
Kirchen nthig? Schmelzen nicht alle Gemeinden der positiven Staatskirche so
zusammen, da sie in einem migen Saale Platz htten? Und die Dissidenten, die
Sektirer, die eigentlich Frommen wollen keine Bilder. Um die paar Kirchen, die
der Gustav Adolf-Verein bauen lt, wird man doch nicht sagen, da noch das
Kirchenbauen an der Zeit ist! Cornelius mit seinem ganzen jngsten Gericht ist
eine alte Reliquie von Anno Schwartenleder. Da sind wol mehr Gedanken sichtbar
als bei Rubens mit seinen dicken zu Gnaden angenommenen Blondinen und den alten
wasserbuchigen Sndern, die von den Teufeln gepiesackt werden; ja, Cornelius
hat Kohlrauschen's deutsche Geschichte gelesen und wei, wer Segestes war und
Rubens hat nicht den Kohlrausch gelesen ... aber die ganze Geschichte mit den
jngsten Gerichten und den Posaunenengeln und den Zornschalen ist alte
Schweinsschwarte. Die Narrenspossen! Und nun Gott Vater, Gott Sohn, Gott der
heilige Geist und solches bunte Farben-Gepinsel mehr! Sind denn Ruhmeshallen an
der Zeit? Was ist denn Ruhm? Ein Knig setzt sich zu Gericht und sagt, was Ruhm
ist! Ich will ein Volk sehen, das seine Krnze durch millionenfache Acclamation
austheilt und was erleb' ich, Den, den ein paar Tausend bewundern, wollen ein
anderes paar Tausend mit Koth bewerfen! Ehe nicht unsre ganze Gesellschaft
gendert ist, ehe nicht die Herrschaft des Volkes entschieden hat, was
heutzutage noch die Schultern des Menschen tragen, seine Hirnfasern glauben
knnen, ist alle Kunstpflege Spittalsuppe. Der thut fromm und mischt seine
Farben statt in l in Thrnenwasser der Andacht, wie Sanct Fiesole; der malt
lange Hnen und ausgereckte Recken, die Cuvier zu Mammuthszusammensetzungen
htte benutzen knnen, zu pradamitischen Zeuglodons; der liebugelt mit dem
allgemeinen Begriff des Schnen und lockt sich ein Situatinchen aus einem
Gedichtchen oder einem Mrleinchen hervor - und das Gequngel und Gepimpel wird
noch dazu von einem ebenso confusen Geschmacke bezahlt, beliebugelt ... und
doch jammern die Herren, da diese Sachen nicht das Evangelium sind und die
Menschheit ummodeln knnen! Mit den Dichtern und Componisten ist es fast ebenso!
Alle leiden daran, da unsere Zeit erst zu einer neuen Herrschaft groer
Thatsachen im Durchbruch liegt, Alle klammern sich an Vergangenes und machen
sich eine knstliche Bildung, weil fr eine natrliche und zeitgeme die
Anknpfungen fehlen. Oft denk' ich: Kme nur einmal ein rechtes Wetter und
bergsse Alles mit Hagel wie Quadersteine so gro, was jetzt prangt und sich
brstet! Auch die Kalmcken nhm' ich zu dem Ende mit Vergngen an, wenn sie nur
Alles kurz und klein hackten wie die Trken in Alexandria, die nichts leben
lieen als den Koran.
    Unser ganzes Zeitalter ist ja ein solches buchmiges und schriftgelehrtes,
wie es das alexandrinische war ...
    Heinrichson war ber diese Humoreske sehr unwillig. Er nannte sie geradezu
eine outrirte Barbarei und warf Leidenfrost vor, da er sich in auffallenden
Behauptungen gefalle, die an burschikose Renommisterei grenzten..
    Sie wissen nicht recht, Leidenfrost, sagte er mit seinem feinen, spitzen
Tone, welcher Stimme Ihres Innern Sie folgen sollen! Bei uns Malern sprechen Sie
wie ein Maschinenbauer und wenn Sie hinausgehen in die groe Willing'sche
Maschinenfabrik und dort Modelle zeichnen, so werden Sie da gewi wieder von
schnen, idealischen Formen reden und hoffentlich die Lokomotiven mit hlichen
Tintenfssern vergleichen, ja nicht einmal mit diesen, sondern mit plumpen,
chemischen Zndfeuerzeugen oder Apothekerbchsen fr Pferdecuren. Ich wette, da
Sie eben im Begriff sind, einen neuen Hebebaum zu erfinden und wenn er gut ist,
wird der Knigshasser die Demthigung erleben, da man ihn beim Klner Dom in
Anwendung bringt.
    Aha! rief Leidenfrost und pfiff die Marseillaise.
    Die Politik, sagte Siegbert zur Vermittlung, die Politik, lieber
Heinrichson, spielt doch auch sehr in diese Fragen hinein! Sie sind conservativ
und haben Ursache dazu. Ein Maler, dem man zu Gefallen echte islndische Schwne
vom Knig ankaufen lt, wrde undankbar genannt werden mssen, wollt' er
demokratische Auffassungen theilen. Diese Gne macht ja leider uns Alle so zahm
und verpflichtet uns. Dennoch gibt es Demokraten unter uns. Auch Reichmeyer ist
Demokrat, solange die Demokratie sich nicht auf communistischen Gelsten
ertappen lt. Leidenfrost schttet aber das Kind mit dem Bade aus und ist in
seinen Irrthmern um so gefhrlicher, als er selbst die Geheimnisse unsrer Kunst
kennt und in Weihemomenten noch Glauben genug an sie besitzt, sie in seinem
Sinne zu ben. Warum wollen wir in der hereinbrechenden Barbarei des
Materialismus die Flucht ergreifen? Warum die Fahne Rafael's und Drer's im
Stich lassen und zu den Fabrikarbeitern und Ntzlichkeitslehrern bergehen! Auch
ich fhle fr die praktischen Bedrfnisse des Volkes und die Nothwendigkeit,
Alles zu bekmpfen, was die Tyrannei des alten Systems aus der Kunst entlehnt,
um sich zu schmcken und scheinbar als Blte der Humanitt darzustellen, aber
...
    Nun, rief Leidenfrost, nun? Sie sagen da etwas Entsetzliches, Wildungen! Sie
stocken schon! Die Tyrannei entlehnt aus der Kunst, um sich zu schmcken und
sich scheinbar als Blte der Humanitt darzustellen.. schlagendes Wort! Bricht
diese nichtswrdige Lge aber nicht der Kunst den Hals fr immer?
    Nein, sagte Siegbert ruhig, sie beschmt nur die Tyrannei. Die Kunst selbst
kann, darf nicht leiden unter ihrer falschen Anwendung. Der Sinn fr das Ideale
darf nicht aussterben, die neidische Feindschaft gegen das Schne nicht gehegt
und befrdert werden. Sagen Sie selbst, Leidenfrost, in unserm neuen Freunde,
dem liebenswrdigen Franzosen Louis Armand, liegt nicht bei all seiner
Vortrefflichkeit und seiner warmen Empfindung fr die Leiden des Volkes etwas in
ihm, was man einen mangelnden sechsten Sinn, den der Schnheit nennen knnte?
    Fnf Sinne brauchen wir nur! antwortete Leidenfrost trocken.
    Reichmeyer fragte noch einmal nach dem Namen des Franzosen, den er eben
erwhnt hrte..
    Louis Armand! wiederholte Siegbert.
    Louis Armand aus Paris? Ich kenne einen Vergolder dieses Namens, der dicht
an Delaroche's Atelier wohnte.
    Heinrichson, dem das Gesprch zu politisch wurde und es darum auf Anderes
lenken wollte, sagte:
    Gewi, derselbe, oder ein Agent seines Geschftes, der sich hier
niedergelassen hat. Man rhmt die Proben seiner Gemlderahmen und hat Vieles
bestellt ...
    Er hatte in Paris ein bescheidenes, aber gesuchtes Geschft, ergnzte
Reichmeyer. Das ganz Landhaus einer vornehmen Dame, der Grfin d'Azimont, sah
ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen, wo er vielen Beifall erntete. Ich habe
einige enkaustische Sachen fr diese Einrichtung gemalt ...
    Heinrichson verstand Reichmeyern und merkte die Absicht, da er ihm
behlflich sein wollte, den politischen Faden abzuschneiden, den er nicht
verfolgen wollte, da er ein leidenschaftlicher Anhnger des Bestehenden war und
nur mit Vornehmen umging.
    Ein Handwerker, sagte er, der von Knstlern lebt, sollte gegen die Knste
dankbarer sein. Ich finde es sehr komisch, Gemlderahmen zu machen,
Spiegelpalste zu zaubern und gegen Gemlde und den Luxus berhaupt,
wahrscheinlich als Sozialist, zu polemisiren. Apropos! Die Grfin d'Azimont..
    Tragisch ist Das, bester Heinrichson, unterbrach Siegbert, der, wenn er
einmal in Erregung war, von seiner Glut fr die richtige berzeugung nichts
vergab und nun nicht dulden mochte, da Heinrichson zu der ihm vllig
gleichgltigen Grfin d'Azimont ablenkte. Tragisch find' ich Das, wiederholte
er, wenn ein Mann, der in seiner Theorie etwas hat, in der Praxis davon zu
leben gezwungen ist. Erinnern Sie sich, Leidenfrost, wie erschttert Armand war,
als er zufllig auf jenen Spiegelpalast zu sprechen kam. Sagte er nicht, da er
dort den Prinzen Egon kennen gelernt htte?
    Nein, berichtete Leidenfrost, er hat ihn dort nur nach frherer
Bekanntschaft in Lyon wiedergefunden.
    Wohl! fuhr Siegbert fort. Aber darin mssen Sie mir Recht geben, da unserm
Armand doch ein gewisser hherer Sinn fehlt fr das Schne, das Trumerische und
Ideale in unserm Sinne. Ich gebe zu, da man im Schweie seines Angesichts, vom
untersten Schmuze der Arbeit niedergezogen, nicht im Stande ist, sich zu einer
reinen und heiteren Auffassung auch der Dinge aufzuschwingen, die zunchst
keinen handgreiflichen Nutzen tragen. Aber aus dem Nichtvermgen entstand hier
auch das Nichtwollen. Sie verwerfen die Kunst als Ausgeburt des Luxus diese
Communisten! Und kann man im Grunde den Ursprung der meisten Kunstwerke in etwas
Anderem, als in der Leidenschaft fr den Luxus finden? Solange noch dem
berflssigen die jammervolle Nichtbefriedigung des Nothwendigen gegenber
existirt, solange ist auch die Kunst zur Gesellschaft schief gestellt. Wer die
Kunst selbst anfeindet, weil sie berhaupt da ist, ist ein Barbar. Wer aber
begehrt, da die Kunst aus andern Beweggrnden da sein solle, als nur in Folge
der ungleichen und grausamen Eintheilung der Gesellschaft, dem mu ich Recht
geben und halte ihn fr einen um so greren Menschenfreund, je mehr er die
Kunst selber liebt. Jetzt sind wir die Sklaven der Reichen! Jetzt liegt an jedem
Pinselstriche, den wir ber die Leinwand ziehen, der Fluch des Elends der
Gesellschaft! Wer sich damit trstet, sich zu den Vornehmen, zu den Begterten
zu halten und in der Bezeichnung eines Reactionrs fr sich etwas Ehrenvolles
findet, der mag malen, dichten, componiren und von der Gunst der Groen Tausende
verlangen, um seine Schpfungen beim hellsten Lichte in's Leben treten zu sehen.
Ich kann nicht zu diesen Glcklichen gehren. Ich mchte, da die Kunst etwas
Nothwendiges wre und der Staat selbst, der durch die Volkssouvernett frei
gewordene Staat, sie mit in seine Sphre aufnhme. Welch ein Gefhl, zu schaffen
fr eine Nation! Welche Wonne, mit seinem Talent einem groen, schnen Ganzen zu
dienen! Nicht Aufdringling mehr, nicht geduldeter Sklave der Reichen,
beschtzter Schwchling, den die Tyrannen in ihre Obhut nehmen mssen; nein, ein
Priester des Volkes, berufen und geweiht vom Genius des Vaterlandes! Welche
Bilder, welche Gedichte, welche Gesnge sollten dann entstehen! Wie wrde die
schwache Kraft des Einzelnen wachsen und mit Adlerschwingen emporfliegen! Wie
wrde Feindschaft, Isolirung, Geschmacksanarchie weichen und Alles zu
Gesammtschpfungen sich vereinigen, da hinfort nicht mehr aus uns die Willkr,
sondern die Idee selbst herausbricht und in duftende, bunte Blten schiet!
Jetzt leben wir versteckt, fast, wie Lessing's Maler sagt, vom Diebstahl der
Natur; dann wrden wir geborne Krsusse sein und die Natur zu bereichern
scheinen!
    Heinrichson schickte sich nach diesen Worten an, zum Zeichen des Aufbruchs
seine Pinsel zu reinigen,.. eine lstige Arbeit, mit der die Maler, wenn sie in
l arbeiteten, ihr vormittgiges Tagewerk beschlossen. Des Nachmittags kamen
Wenige in das Atelier, so anziehend auch die Khle des Raumes war ...
    Reichmeyer aber lobte diesmal zu Heinrichson's rger Das, was Siegbert
gesagt hatte. Nur bedauerte er, da man selbst in Frankreich, wo doch das
nationale Leben am unmittelbarsten in jedem Einzelnen sich wiederfnde, es nicht
dahin htte bringen knnen, die von der Regierung selbst beschafften
knstlerischen Bestellungen ohne Neid von den Knstlern, die leer ausgingen,
betrachtet zu sehen. Indessen fgte er hinzu, ist es doch immer erhebend zu
beobachten, wie die gewhnlichsten Bauern und Handwerker durch das Museum von
Versailles wandern und sich die Heldenthaten der franzsischen Nation von
Chlodwig bis zu den Feldzgen in Algier betrachten. Auch die Theater und sogar
die Literatur sind in Paris weit mehr Volkssache als bei uns, und Niemand murrt
darber.
    Und doch noch Alles zu sehr Spekulation, sagte Siegbert, zu sehr Willkr des
Einzelnen!
    Mein Freund Wildungen, nahm Leidenfrost in seiner ruhigen kaustischen Weise
die Errterung auf, mein Freund Wildungen will Griechenland wiederherstellen und
wei nicht, was er da erst Alles abschaffen mte. Ich will von unsern zwanzig
Grad Reaumur im Winter nicht sprechen. Man hat bei uns die Kirchen gebaut, ohne
Rcksicht auf das Klima, rein aus Nachahmung der warmen Gegenden, die die Wiege
des Christenthums waren! Aber dies Christenthum selbst ist seinen Plnen im
Wege. Gerade dieser Religion verdanken wir die gnzliche Unmglichkeit, die
schnen Knste irgendwie anders in den Staatszweck einzufhren, als wir sie
jetzt haben. Schafft uns erst die Verachtung der Welt, die mnchische Isolirung,
den Miskredit des absolut Schnen, die Zweideutigkeit alles Formenreizes ab, und
hernach wollen wir mit der Menschheit sprechen! Das macht sich aber nicht.
Apollo steht auf dieser Wolkenschicht und Christus auf der andern. Die Menschen
fallen nicht dort, sondern hier nieder, nicht vor dem schnen griechischen Gotte
mit den menschlich vollendeten Gliedern, sondern vor dem ernsten, strengen
verhllten Lehrer der Entsagung! Die Tugend und Enthaltsamkeit ist den Menschen
so ehrwrdig, da sie aus Einem, der sie bis zur hchsten Vollendung bte, Gott
selbst gemacht haben. Ehe nicht einmal ein Prophet kommt und die beiden
Wolkenglorien verschmilzt, dem Apollo einen Heiligenschein, dem Christus eine
Leyer in die Hand gibt, ehe nicht Apollo das Kreuz trgt und Christus wie einst
die Ehebrecherin so auch die Musen, die vor ihm knieen mten, frei spricht,
eher wird sich auch in der Kunst und ihrer Stellung zum Leben nichts ndern.
Wildungen mchte gern olympische Krnze austheilen und zu einem theatralischen
Schauspiele ganze Vlker einladen wie zu einem alle Jahre einmal stattfindenden
Moment des flieenden Januariusblutes. Die Zeiten dieser Wunder sind vorber!
Und wen es anekelt, mit seiner Malerei um die Gunst der Groen und Reichen zu
betteln, Kritiken zu lesen und nach Schultheorieen gefuchst zu werden, der
verschnert die jungen Knste und Gewerbe, die einmal im Charakter unserer Zeit
liegen und malt, wenn es nicht anders geht, ... Pfeifenkpfe und
Porzellanteller. Das schnste Bild, das ich malen knnte, macht mir nicht soviel
Spa, als z.B. die Idee, dem Stallmeister Lasally einen idealen Pferdestall
nebst daran stoender Reitschule zu bauen ....
    Wenn es meinem Cousin gelingt, eine reiche Frau zu heirathen! fiel
Reichmeyer lachend ein, mit einem spottenden Blicke auf Siegbert, der roth
wurde, da durch Leidenfrost's outrirte Grillen das im Atelier beliebte
Melanie-Thema wieder in Gang kam.
    Heinrichson zog sich einen eleganten Frack an und rief:
    Leidenfrost profanirt das Atelier! Er zeichnet hier Grundrisse zu
Pferdestllen! Seine Phantasieen von Kalmcken und hereinbrechenden Baschkiren
sind nun erklrlich. Wie knnen Knstler so sich von der Unruhe des Tages
erschttern, ja wegreien lassen! setzte er rgerlich hinzu. Proletariat,
Communisterei ... welche Worte in einem Atelier, das Sie selbst so schn, so
poetisch in Ihrem gefeierten Bilde geschildert haben! Ist Das auch nichts, da
wir Knstler und Genossen von Ihnen Alle verspottet wurden, da Sie mich
darstellten, wie ich in Frulein Schlurck eine Sphinx sahe -
    Reichmeyer warf hinein:
    Und ich ein Meerweib mit goldenen Schuppen am Leib -
    Beide Collegen wurden boshaft, worunter mehr Siegbert als Leidenfrost litt,
der jedoch Siegberten durch eine Bemerkung beisprang, die er so obenhin einwarf.
    Warum nicht eine Leda! sagte er. Heinrichson htte dann nicht nthig gehabt,
die Auguste Ludmer zu copiren.
    Die Wirkung dieses Namens war auf die Maler eine komische. Man lachte und
sah zu dem rgerlich die Augen niederschlagenden Heinrichson hinber ...
Leidenfrost hatte ein zweideutiges Mdchen genannt.
    Wissen Sie, wo Auguste Ludmer jetzt wohnt? fuhr Leidenfrost boshaft fort. In
der Brandgasse Nr. 9, Zimmer Nr. 17.
    Sie sind malicis, sagte Heinrichson, und dennoch loben wir Sie! Solche
Gesinnung ist also auch nichts? Knstleraufopferung, Hingabe aller Eitelkeit,
rein der Idee des Schnen wegen, ist Das auch nichts? Oder ist es eine
Gesinnung, wrdig der bezahlten Sklaven, die den Reichen die Honneurs machen ...
Ich prophezeie Ihnen -
    Vergessen Sie Ihre Rede nicht, Heinrichson, sagte Leidenfrost, da will Sie
eben ein Abgesandter des versammelten Volkes von Athen sprechen! Freier
Knstler, wahrscheinlich sollen Sie fr den delphischen Apoll eine Skizze zu
einem geschmackvolleren Dreifu machen, damit Ihre Prophezeiung besser gedeiht..
    Heinrichson wandte sich um.
    Ernst, der Bediente der Frau von Harder, stand in glnzender Livree schon
lnger hinter ihm, hatte mit schlauem Lcheln die Spe ber die verstoene
Nichte der alten Ludmer gehrt und richtete den Auftrag aus:
    Frau Geheimrthin lassen Herrn Heinrichson ersuchen, heut Abend zum Thee zu
kommen. Es wird groe Gesellschaft sein.
    Als Heinrichson bejahend und etwas errthend genickt und Ernst sich kurz und
bndig entfernt hatte, rief Leidenfrost:
    Tusch! Hurrah! Tatterata! Tusch!
    Er blies dabei, als sollte ein ganzes Orchester sein Vivat untersttzen ...
    Bester Freund, setzte er zuletzt spottend hinzu, gilt die Einladung dem
Maler oder Ihnen selbst, sozusagen als schnem Modell? Ist Das einfache
Anerkennung oder Anerkennung der Anerkennung? Sollen Sie dieser alten Pythia an
dem Theekessel der Begeisterung Liebe einflen? O heiliger Apollo, ich schwre
dir, auf diese Verirrung eines Collegen mach' ich keine Satire, denn statt einer
Sphinx wre ich da versucht, eine alte Nachteule aus dem Geschlechte der groen
Neuntdter zu malen.
    Heinrichson bi sich auf die Lippen. uerlich aber nahm er den Spott nicht
bel, sondern antwortete in der ihm eignen feinen und gewandten Art:
    Damit wrden Sie die ganze Wahrheit treffen, bester Freund; denn die Eule
ist der Vogel der Minerva. Ich lerne Weisheit bei jener Frau. Man sieht Ihnen
an, da Sie nicht zu ihren Protg's gehren ...
    Reichmeyer wandte sich und bemerkte verstimmt:
    Gesellschaft bei Harder's? Schade!
    Wie so? fragte Heinrichson.
    Ich komme da in Verlegenheit ...
    Ruhe! Stille! rief Leidenfrost spottend. Apelles und Polygnot schtten ihre
Verlegenheiten aus ... Aspasia htte wol auch Beide zum Thee laden knnen!
    Leidenfrost, schweigen Sie! sagte Heinrichson zornig. Was ist? wandte er
sich leise zu Reichmeyer.
    Ich wollte den Abend zur Geheimrthin, sagte Reichmeyer, da mir die Grfin
d'Azimont, der ich heute freilich schon sehr frh um elf meine Aufwartung machen
wollte, um sie als Pariser Gnnerin zu begren, sagen lie, sie wre unfhig
mich anzunehmen und ersuche mich, wenn ich sie sehen wollte, heute Abend zur
Harder zu kommen, falls ich dort eingefhrt wre. Sie wrde sich dort einige
Augenblicke zeigen.
    Zweiter Tusch! rief Leidenfrost. Vornehme Verachtung! Sie wrde sich da
einige Augenblicke zeigen! Fr Geld sehen lassen! Vielleicht lt sie beim
Vorberschlpfen eine gndige Bestellung fallen, die Spiegelprinzessin!
    Siegbert lchelte still fr sich ber diesen ungeschlachten Gesellen und
arbeitete.
    Sie irren, sagte Reichmeyer zu Leidenfrost gereizt. Die Grfin wei sehr
wohl, da ich den Grund ihrer Zurckgezogenheit verstehe. Sie hat ein Verhltni
mit dem Prinzen Egon von Hohenberg, der in Paris mit ihr gebrochen hat. Sie ist
ihm nachgereist, hat ihn sehr krank gefunden und ist davon wahrscheinlich so
erschttert, da sie sich vor Niemandem sehen lt, auer, wo sie mu ...
    Auer auf der groen Parade heute bei Heinrichson's Minerva - ergnzte
Leidenfrost. Haltet Euch an sie, Jungen! Sie braucht eine ffentliche
Demonstration ihres Schmerzes. Wie wr's mit einer weinenden Heiligen aus dem
Kalender? Oder mit Miniaturen zu einem Gebetbuche, das ihre Augen benetzen
werden? Hundert Louisdors fr eine Magdalena, die zur Abwechselung einmal im
gelben Duft interessante Thrnen weint!
    Heinrichson, ohne auf diese impertinenten Zwischenreden weiter zu achten,
sagte zu Reichmeyer, er sollte ganz einfach zur Harder kommen, er wrde ihr so
willkommen sein wie immer und ihm gewi den Gefallen thun, auch ihn mit der so
vielgerhmten jungen Halbfranzsin bekannt zu machen ...
    Siegbert hatte bei seinem Schweigen besonders da mit stillem Sinnen an
Melanie gedacht, als die Rede auf Leidenfrost's Bild kam. Die Erwhnung aber,
da der Prinz Egon krank wre, machte ihn aufmerksamer. Er gedachte der nheren
Veranlassung seines Verhltnisses zu Louis Armand, den er in kurzer Zeit
schtzen gelernt hatte..
    Reichmeyer hatte sich gleichfalls zum Gehen gerstet:
    es schlug schon lange ein Uhr ... Professor Berg kam von seinem
abgeschlossenen Fenster her, um zu Tisch zu gehen ... Der lange freundliche Mann
mit grauem gelocktem Haare, entbltem Halse und altdeutschem Hausrocke sprach
mit den Malern einige wohlwollende aber gleichgltige Worte, sah auch nicht nach
ihren Staffeleien. Er that Dies nur bei den Schlern, die am Eingangsfenster
arbeiteten, dort hielt er sich einige Augenblicke auf und stieg, mit dem
Taschentuche sich die heie Stirn trocknend, die Stiege hinauf, die zu dem Altan
fhrte ...
    Auch die Schler gingen.
    Heinrichson aber trat zu Leidenfrost heran und sagte:
    Was hat nun wol der cynische Sptter gemacht, whrend andere Menschen ihrem
Berufe leben und die Schranken der berlieferten Ordnung in Ehren halten?
    Auch Reichmeyer nherte sich.
    Doch vortrefflich! rief Heinrichson mit wahrer und aufrichtiger Begeisterung
und Reichmeyer, der klter und kritischer, auch nicht frei von Neid war, mute
gleichfalls mit einstimmen und fragen:
    Das haben Sie in der einen Stunde gemacht?
    Als nun auch Siegbert hinzutrat, wollte Leidenfrost seine Skizze mit dem
Bret, auf dem sie ausgespannt war, rasch wegziehen, aber die Andern duldeten es
nicht.
    Leidenfrost! sagte Heinrichson; quand mme! Das mssen Sie ausfhren! Ohne
Kreide, ohne Bleistift haben Sie diese Idee so mit dem Tuschpinsel frei
hingeworfen und wie gelungen ist sie! Wie viel versprechend fr ein groes
Gemlde! Erschtternd! Wahr! Und durchaus neu!
    Ihr lobt mich nur, sagte Leidenfrost, um mich wieder in Eure Kunstspitler
zurckzukuppeln! Ihr denkt, wenn man mich recht streichelt wegen meiner
Tapferkeit, so bleib' ich bei der Bande! Ihr Ruber Ihr!
    Er wusch sich bei dieser Gelegenheit die rauhen Hnde und nothdrftig das
verschrumpfte zwetschenartig getrocknete Gesicht und rstete sich zu gehen.
    Siegbert, der heute bis zwei Uhr arbeiten wollte, betrachtete die Skizze,
unter der Leidenfrost mit dem Pinsel geschrieben hatte: Die Ganzen und die
Halben.
    Es war gleichfalls der Besuch des Nicodemus; aber in Leidenfrost'scher
Auffassung. Der Entwurf bestand aus drei Gruppen. In der Mitte stiegen von einem
Berge Weiber, Mnner, Kinder in frommer demthiger Haltung nieder, aber
vertrauensvoll zum Himmel blickend, Palmen schwingend und mit Eifer sich
Pergamente zeigend, auf denen sie nachzulesen schienen, was sie soeben ber die
alten Verheiungen gehrt hatten. Sie kommen von Christus, den man nicht sieht,
den man aber gerade Da ahnt, wo die volle Glut der Abendsonne wie eine
aufgesprungene Pforte des Himmels erseheint. Auf der ganzen Gegend sollte wol
Dmmerung, im Vordergrunde schon Nacht sein; die von Christus Heimkehrenden sind
wahrscheinlich hinterwrts mit der Glut der untergehenden Sonne beleuchtet ...
    In der zweiten Gruppe ganz in dem rechten Winkel des Papiers stehen die
Phariser. Meist nur die Kpfe sind sichtbar. Sie warten auf die Ankunft der
Christusanhnger. Echte Zeloten, boshaft und intolerant. Einige ausgestreckte
Arme drohen mit Stricken und Steinen. Die offenen Bekenner der Jesuslehre werden
so empfangen werden. Muthvoll und glubig gehen sie ihrem Schicksale entgegen
...
    Der dritte Punkt, der unsre Aufmerksamkeit fast als das Hauptschlichste des
ganzen Bildes in Anspruch nimmt, ist Nicodemus ganz allein. Dadurch, da er in
der Tracht, besonders am Haupte, wie die intoleranten Phariser erscheint,
erkennen wir sogleich, da er auch zu den Schriftgelehrten gehrt. Die Ruinen
eines alten Tempels verbergen ihn. Durch die zerbrochenen Sulen schimmert in
der knftigen Ausfhrung die Glut der Abendsonne. Ihn selbst umfngt schon
Nacht. Mit gesenktem Haupte, fast Thrnen im Blick, die rechte Hand an's Herz
legend, die linke eine Gesetzesrolle haltend, schreitet er dahin in der Nacht,
von woher die Armen und Todesmuthigen schon am Tage kamen. Weder die Phariser,
noch die Glubigen konnten ihn sehen, aber sein Emporsteigen lt keinen
Zweifel, da er dahin will, von wo die scheidenden Sonnenstrahlen kommen..
    Siegbert stand sinnend vor der flchtigen nur andeutenden, aber doch selbst
im mglichen Farbeneffect schon erkennbaren Skizze.
    Lassen Sie sich nicht irre machen, Wildungen, sagte Leidenfrost jetzt ruhig
und fast weich und seinen schlichten grauleinenen Gehrock berwerfend, es ist
zwar Glaube in dem Bilde, aber doch nicht der rechte, weil kein rechter
Christus. Die untergehende Sonne kann allenfalls auch die Feuerreligion
bedeuten, den Spinozismus oder die Hegelei. Bleiben Sie bei Ihrem Heiland und
wie Sie ihn faten. Den wollen die Menschen natrlich, den wollen sie leibhaftig
sehen, seine Ngelmale fassen, die Hand in seine Wunden legen, sonst glauben sie
nicht und sonst wirkt es auch nicht.
    Sie sagen da das Einzige, erwiderte Siegbert, was ich an dem Entwurfe
ausstellen mchte, die fehlende Person Dessen, der die Wahrheit lehrt, mag es
nun Christus sein oder Sokrates. Und doch vielleicht ist auch dies
geheimnivolle Ahnen schn! Ich finde das Ganze gut und bedeutend. Welch' ein
Ausdruck lt sich da dem frommen, freudig rckkehrenden Pilgerzuge geben!
Welche Wuth und Blutgier den Phariserkpfen, von denen Sie nur die Kpfe, die
Hnde, die Stricke und die Steine sehen lassen!
    Und hier Nicodemus aufsteigend hinter den Ruinen, bedeckt mit dunklem
breitblttrigem Feigenlaub. Die Fe sieht man nicht ... Fast Kniestck. Man
hrt ihn schleichen. Und welcher Schmerz im Antlitz! Welche Beklemmung und
welche Sehnsucht nach Wahrheit! Ich lie' ihn im Gehen das Alte Testament lesen
und sich vorbereiten, ob er den rechten, verheienen Messias finden wrde. Man
ist vershnt mit ihm, man zrnt ihm nicht, man ahnt, da er einst anstatt zu den
Halben, zu den Ganzen gehren wird und sich einst seines Glaubens wegen
steinigen lt!
    Halten Sie inne! rief Leidenfrost. Von Alledem steht noch nichts in der
Pinselei! Bleiben Sie bei Ihrer Auffassung!
    Besonders wenn Sie, sagte Reichmeyer, um mit einem Witze seinen Abgang
effectvoller zu machen, auer den glubigen Mohrenknaben und den Bedienten auch
das Kameel hinten recht fromm und bekehrt darstellen.
    Damit ging Reichmeyer, gefolgt von Heinrichson, der schon gelbe
Glacehandschuhe angezogen hatte ...
    Erbrmliche Effecthascher! rief ihnen Leidenfrost mit verbissenem Grimme
nach. Was mag Reichmeyer da wieder outrirt haben?
    Damit deckte er dessen Staffelei auf. Es war noch immer das Portrait seiner
Verwandten, der Frau von Reichmeyer, das er in den Spitzen, der Gewandung, den
Blumen und dem Sammetberzug des Sessels, auf dem sie sa, zierlich bermalte.
    Leider - sehr gut gemacht, sagte er. Es ist rgerlich, da man ihm nicht
Eins versetzen kann.
    Wozu? fiel Siegbert ein. Sein Spott ist lehrreich. Will ich mein Bildchen im
Charakter des Gethsemane halten, so mu allerdings das Kameel auch fromm sein.
Ich werde es ganz andchtig hinstellen.
    Sie sind ein guter Mensch, Wildungen! sagte Leidenfrost und reichte ihm die
Hand. Zu gut! Zu gut! Sehen wir uns heute? Meine Maschinenarbeiter, besonders
Alberti, Heusrck, Danebrand qulen mich, den Franzosen kennen zu lernen. Die
armen Jungen sind von unsern Demokraten zu lppisch an der Nase herumgefhrt
worden. Sie drsten nach Vernunft, Wahrheit und Uneigenntzigkeit.
    Seien Sie in dieser Angelegenheit nur behutsam, bester Freund, antwortete
Siegbert. Ich wnsche um Alles nicht, da man uns misversteht. Ehe ich mich mit
meinem Bruder nicht ganz verstndigt habe, gehe ich auf diesem Wege nicht
weiter. Heute hoff ich ihn mir in dieser Angelegenheit etwas nher zu bringen
und auch Armand mit ihm bekannt zu machen. Wo sind Sie denn Abends?
    Sind wir nicht zusammen, sagte Leidenfrost, so schlag' ich in meinem
Gedchtnisse nach, ob ich nicht Jemanden seit lngerer Zeit vernachlssigt habe.
    Da wnsch' ich, da Sie ein Mdchen finden mgen, fiel Siegbert lchelnd
ein.
    Ich mchte Sie wol einmal, sagte Leidenfrost kopfschttelnd, mit einer
Arbeiterfamilie bekannt machen, in die ich durch Willing'sche Maschinenbauer
eingefhrt wurde. Sie wrden staunen ber eine weibliche heroische Natur, die an
der Spitze dieses ganzen kleinen Gewhls von Kummer und kleiner Freude, von
Greisen und lallenden Kindern steht. Waren Sie noch nie in den alten von der
Stadt verwalteten Communal-Familienhusern?
    Niemals ...
    In der Brandgasse ... in dem Hause, wo die Auguste Ludmer Nr. 17 wohnt ...
    Wie km' ich dahin ... die schne Auguste! Die so tief gesunken ist!
    Heinrichson's Verdienst!
    Lassen Sie Das! Was geht Das uns an?
    Louise Eisold ist der Name des Mdchens, das ich meine ...
    Und das Sie lieben.. in einem solchen Hause?
    Lieben! Nein, Wildungen! Ich meine, Sie kommen doch auch noch dahin, sich
fr die Frauen zu interessiren, ohne gleich Ihr Herz in Brand zu stecken..
    Tndeln Sie mit dem armen Mdchen? Das wre noch schlimmer!
    Louise Eisold? Nein! Nein! sagte Leidenfrost fortgehend und sich Cigarren
aus seinem Portefeuille hervorsuchend. Ich lasse sie in ihrem Element und
beobachte nur, wie sich Das doch auch regt, doch auch bewegt, wie Das
pltschert, zappelt und nach Luft schnappt, gerade wie vielleicht die schne
Grfin d'Azimont! Sie werden doch bei der Werdeck, die ich Ihnen zu malen
berlie, nicht sogleich auch an Liebe denken?
    Ich bitte Sie, Leidenfrost..
    Es ist eine schne unternehmende Frau ... eine Polin! Wenn Sie wten, sagte
Siegbert fast errthend, wie verchtlich mir die Mnner sind, die bei jedem
weiblichen Wesen sogleich an eine Eroberung denken! Im Gegentheil weckt die
Bekanntschaft dieser Frau mir die dringendste Neugier, gerade ihrem Manne nher
zu kommen. Sie verachtet unsere politischen Zustnde und hat sie in einem
Grade, da ich nicht begreife, wie ein Offizier in ihrer Nhe sich behaupten
kann ohne ein Heuchler oder Tyrann zu sein, was Major von Werdeck doch wol nicht
zu sein scheint ... Woher kennen Sie diese Werdecks?
    In Werdeck's Innerm, sagte Leidenfrost ausweichend und fast geheimnivoll
zur Erde blickend, ghrt es wie in dem Herzen vieler Edlen, die in Verzweiflung
gerathen, ihre bessere berzeugung mit den Anforderungen ihrer Stellung in
Einklang zu bringen. Schlieen Sie sich dem Manne an, Wildungen!
    Seine scharfen Zge wirken fast abstoend auf mich ... Jede bedeutende
Capacitt, die handeln will, mu etwas vom Mephistopheles haben. Wir sind Alle
etwas borstig und widerhaarig, die wir eine Meinung behaupten. Ich wei wohl,
wie unangenehm ich durch meine berzeugungen wirke. Lieben kann man uns nicht.
Aber Major von Werdeck wird noch einst in der Geschichte Epoche machen, wenn er
nmlich auch von den Halben zu den Ganzen bergeht!.. Adieu, Freund! Vergessen
Sie nicht Ihren Bruder zu sondiren!
    Damit hatte sich Leidenfrost eine der Cigarren angezndet, seinen grauen
Filzhut ber den Kopf gestlpt und in ruhigem Schlendergange das Atelier
verlassen ...
    Die Worte: Wenn er von den Halben zu den Ganzen bergeht! hallten in dem
inzwischen leer gewordenen Atelier so nach, da Siegbert vor ihrem Widerklange
fast erschrak. Es lag in Leidenfrost's Betonung etwas, das ihn selber traf und
doch verdro ihn der Schein des Geheimnisses, der pltzlich die ihm so
liebgewordene Gestalt des talentvollen, mit sich und der Welt fast zerfallenen
jungen Knstlers umschleierte. Zum ersten male sprach in ihm eine Stimme: Folge
diesen dunklen Wegen nicht ohne Vorsicht! und dennoch stand er sinnend vor der
Skizze, die Leidenfrost vom Nicodemus entworfen hatte. Das schleichende,
ngstliche Aufsteigen des seines Irrthums sich bewuten Pharisers zum Tempel
der Wahrheit erschtterte ihn tief ... Er sah die ganze Zeit wieder, die ganze
Schwere, die auf den Gemthern lastet, den Widerspruch zwischen der bessern
berzeugung und der irdischen Rcksicht bei Hunderttausenden ... Nicodemus!
seufzte er.
    Es whrte lange, bis er zu seiner eigenen Staffelei zurckkehrte.

                                 Elftes Capitel



                                  Zwei Besuche

Siegbert war im Atelier allein, er wollte lange arbeiten und gegen drei Uhr zu
Grns gehen, wo er den Bruder zu finden gewi zu sein glaubte.
    Das behagliche Gefhl, mit dem er den Augenblicken des traulichen
Beisammenseins entgegen harrte, war ein wenig gestrt worden. Das Gesprch war
zu aufregend, zu beunruhigend fr sein innerstes Gefhl gewesen. Er hatte einen
so edlen, sittlichen Takt in allen Dingen ... Man hatte wieder von Melanie
gesprochen und wute doch, da er sie liebte. Man hatte mit der Einladung zu der
vornehmen Frau von Harder so laut geprahlt. Ja selbst da Leidenfrost, der ihm
seit kurzem erst sympathischer wurde, seine eigne Kunst so blindlings verwarf
und dabei so streng, ja vielleicht eitel sein konnte, ihm vor den Augen einen
Stoff, den er eben behandelte, anders zu gestalten, als er ihn sich gedacht
hatte, das Alles war doch fr sein weiches, offnes Herz eine nagende Pein ...
    Als er Leidenfrost's Skizze betrachtete und ihre Schnheit wiederholt
anerkennen mute, ging er noch weiter und hatte sich gesagt:
    Wie, wenn der strenge Freund dich nur erziehen, zum Tieferen und
Anschauungsreicheren zwingen wollte? Machst du dir dein Schaffen nicht zu
leicht? Denkst du genug ber Das, was zu existiren wrdig ist, nach und stehst
du ganz auf der titanischen Hhe der Bildung, mit der man jetzt die groen
Meister schaffen sieht?
    Tiefe Bekmmerni, ja Muthlosigkeit hatte ihn berfallen, als er dieser
Gedankenreihe weiter nachdachte. Es war ihm vorgekommen, als htte er alle
Theile der Kunst in seiner Hand und zu den mechanischen Fertigkeiten fehlte ihm
doch noch das geistige, sie zusammenhaltende Band. In tiefster Verstimmung hatte
er auf seine Skizze zurckgeblickt und siehe da!.. pltzlich wute er nicht, wie
sie ihn doch wieder so ermuthigend, so neubelebend ansprach ... Es war der Geist
der Ruhe, der in ihr waltete, eine Ruhe, die in Leidenfrost's Andeutungen
fehlte. Jene regten auf, seine Zeichnung fllte ihn mit lindem Trost, erquickte
ihn! Die Gestalt des Heilands, die dort fehlte, bte gerade hier den Zauber der
Erhebung und der wunderbarsten Strkung. Auf's neue tauchte er den Pinsel in die
zarten Aquarellfarben und begann mit jener eigenen gebundenen Wrme, aus der
allein der Knstler und Dichter Andre Erwrmendes schaffen kann, sein
bescheidenes, einfaches und sinniges Werk weiter fortzufhren.
    So in Gedanken, so in stilles, heiliges Schaffen war er verloren, da er
kaum aufsehen mochte, als er Jemanden an die Thr klopfen, dann eintreten hrte.
Mit zaghaften, knarrenden Tritten nahte sich ein Besuch. Es war jener Franzose,
den wir im Vorzimmer des Prinzen Egon gesehen hatten, Louis Armand, der
Kunsttischler und Vergolder.
    Siegbert erschrak ber Armand's verstrte Miene.
    Es war die ihm schon gewohnte und liebgewordene Erscheinung; aber auffallend
war ihm schon die uere elegante Kleidung. Der schwarze Anzug lie die blassen
Mienen des scharfgeschnittenen Antlitzes nur noch mehr hervortreten und stand in
einem sonderbaren Widerspruche zu dem lose um den Hals geschlungenen, fast
vernachlssigten Tuche, dessen aufgezogene Zipfel ber die Brust herabfielen,
ohne da es Armand zu bemerken schien. Tiefer Ernst lag auf seiner Stirn,
Schreck in seinen verstrten, dunkeln Augen ...
    In Hast und ngstlichkeit, mit der Absicht, sich keine Minute zu lang
aufzuhalten, trat Armand auf die Staffeleien zu.
    O c'est heureux! sagte er und fuhr dann in langsamer Betonung, aber in gutem
gewandtem, sonderbarerweise etwas polnisch accentuirtem Deutsch fort:
    Ich frchtete, Sie nicht mehr zu treffen, Herr Wildungen!
    Mein bester Armand! sagte Siegbert sich umwendend. Was bringen Sie.. Sie
scheinen erregt .... Was ist Ihnen?
    Ich bin sehr unglcklich..
    In der That! Wie sehen Sie aus! Setzen Sie sich, lieber Armand! Reden Sie!
    Wie ich gestern Sie verlie, erzhlte Armand, fand ich den Prinzen zwar
zurck von seiner Reise, aber so krank, da ich die ganze Nacht bei ihm gewacht
habe. Die rzte erklren seinen Zustand fr den Anfang eines heftigen
Nervenfiebers.
    Siegbert htte an dieser Mittheilung Theil genommen, auch wenn ihm Egon
seiner sonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tischler wegen nicht
liebgeworden wre.
    Wie kam Das so pltzlich? fragte er voll Theilnahme. Ein Nervenfieber!
    Ein Nervenfieber ist fast so viel wie der Tod.
    O machen Sie sich keine trbe Vorstellung, Armand! Wie kam Das nur?
    Der Prinz hat auf seiner Reise viel erlebt, sagte Armand. Das Wiedersehen
seiner Besitzungen, der Grabsttte seiner Mutter hat ihn erschttert. Er kam
schon krank nach Hause zurck.
    Wo ihn vielleicht noch, ergnzte Siegbert, die Nachricht von dem Eintreffen
einer schnen Frau beunruhigte, der Grfin d'Azimont.
    Woher wissen Sie - fragte Armand erstaunt.
    Hab' ich nicht Recht? Er hat mit ihr in Paris gebrochen und dennoch reist
sie ihm nach und wird seinen krankhaften Zustand nur noch gesteigert haben. Ich
erfuhr soeben diese Verhltnisse.
    Allerdings! So ist es! Aber ich erstaune, wie Sie Dies erfahren konnten?
    Lieber Freund, sagte Siegbert, das liegt in der Natur solcher Liaisons.
Diese Verbindungen haben fr manche Seelen, wenn sie verborgen bleiben sollen,
nur den halben Reiz. Die Frauen sind es oft selbst, die ihrer natrlichen Scheu
ungeachtet diese Verhltnisse mit Gewalt an das Tageslicht drngen. Wenn ich
mich nur einigermaen in dieser Dame orientire, so wird sie, wenn das Verhltni
nicht aus gegenseitigem berdru sich lste, ihren ehemaligen Freund jetzt so
beunruhigen, da Sie ihn vor ihr schtzen mssen ...
    Ich erstaune, rief Armand, Sie sagen Alles, was ich selbst denke. Und
deshalb mu ich eilen, zu meinem Kranken zurckzukehren. Ja! ja! Es thut Noth,
da ich ihn schtze, vor Allen! Allen! Dutzende von Menschen, die ihn bedienen
wollen und nicht ein Herz, das ihn mit Entsagung liebt!
    Armand erzhlte hierauf in flchtigen Umrissen Einiges von der ueren Lage
Egon's, wie wir sie schon kennen. Als er sein Erscheinen hier im Atelier dadurch
entschuldigte, da er von Siegberten htte fr ein lngeres Verschwinden
Abschied nehmen wollen, kam er auf Ackermann, durch dessen Anerbietung dem
Prinzen eine so groe Wohlthat geschhe und schlo mit einer Bemerkung, die
Siegberten berraschte.
    Es ist mir ein so ser und wohllautender Ton gewesen, sagte Armand, in den
Fieberphantasieen meines kranken Egon so oft Ihren Namen zu vernehmen..
    Meinen Namen? fragte Siegbert.
    Wildungen! Den Namen Ihres Bruders..
    Dankmar ...
    Dankmar Wildungen..
    Der Prinz kennt meinen Bruder? So hat er ihn in Hohenberg kennen gelernt.
    Der Gedanke an Ihren Bruder beschftigt ihn auf's lebhafteste. Gestern Abend
war er zu ermdet, mir Alles zu sagen, was er auf dem Herzen hatte; das
entsetzlichste Kopfweh peinigte ihn und in dem Ausbruch aller der Symptome, die
auf seine schnell entstandene Krankheit deuteten, konnte von einer Verstndigung
nicht mehr die Rede sein. Nur einmal, heute vor einigen Stunden, als ich ihm die
Anerbietungen jenes Herrn Ackermann vorzuschlagen wagte, trat ein lichter Moment
ein, indem er deutlich den Namen Ihres Bruders als den bezeichnete, der ihm
Ackermann schon genannt und empfohlen htte, sonst erwhnt' er ihn in seinen
Phantasieen bald als einen Gefangenen, spricht von einem Kerker, von
Eisenstben, erwhnt ein Bild und ruft: Da! Da! Verbergt es! Mit einem Worte, es
foltern ihn die verwickeltsten Erlebnisse. Gern hrt' ich, da Ihr Herr Bruder
beruhigende Aufklrungen gbe. Wie leicht wr' es dann, irgend etwas so
auszufhren, da er in seinen schmerzenfreien lichten Augenblicken davon einen
lindernden Trost htte!
    Siegbert versprach mglichst darin das Seinige zu thun.
    Louis Armand schied von ihm, nachdem er noch die Versicherung erhalten
hatte, Siegbert wrde in der Wallstrae Nr. 14 bei dem Tischler Mrtens die
Grnde angeben, warum er vielleicht auf lange Zeit von seiner Wohnung keinen
Gebrauch machen knne.
    Aber Ihr Geschft, Armand?
    Mrtens soll die Bestellungen annehmen. Ausfhren kann ich jetzt nichts.
Egon bedarf eines Freundes.. ich verlasse sein Bett nicht.. es ist mir, als
mte ein Cherub niederschweben, um ihn zu beschtzen.
    Sie sind dieser Himmelsbote, Armand! sagte Siegbert und klopfte dem jungen
Handwerker auf die Schulter. Tragen Sie mir alle Ihre Wnsche auf! Leidenfrost
wollte Sie bei den Arbeitern einfhren. Man sehnt sich nach Ihren Belehrungen..
    O, o! lehnte der junge Mann mit Bescheidenheit ab.
    Man ist gespannt auf Sie! berall, Armand, wo man Wahrheit und keine
Vorspiegelung der Phantasie will. Aber Sie werden nicht zu lange fern bleiben!
Befehlen Sie ber mich! Haben Sie irgend noch einen Wunsch?
    Louis Armand stand eine Weile trumerisch und hielt in den Schritten ein,
die beide junge Mnner whrend dieser Worte schon an die Thr des Ateliers
gerichtet hatten.
    Endlich sagte er mit einem angenehmen Lcheln und mit halblauter Stimme:
    Bestellen Sie, ich bitte, ein freundliches Wort einem kleinen guten Mdchen,
das bei Mrtens, dem Tischler, wohnt. Sie heit Franchette oder Franziska. Es
ist eine bescheidene Blume, die zwischen Felsen auf hartem Stein wchst, eine
jener unbeschtzten Seelen, die nur durch den Thau des Himmels gedeihen.
Vielleicht finden Sie einmal Mue, mir dies kleine Gedicht, das ich auf dies
liebe Mdchen entwarf, in deutsche Verse zu bertragen. Ich fhle mich doch
nicht stark genug in Ihrer Sprache, mich im Reim zu versuchen und Franziska
wrde meine franzsischen Verse selbst dann nicht verstehen, wenn ich sie ihr
bersetzte.
    Siegbert nahm dem bewegten Armand ein Blttchen Papier ab, das er ihm fast
zitternd berreichte.
    Ich will es versuchen, sagte Siegbert.
    Ein Scherz ber diese Mittheilung, eine Neckerei ber Armand's liebende
Galanterie lag ihm ganz fern. Es war ihm etwas Heiliges, da so einfach und still
in das Innere eines andern Menschen blicken zu drfen ...
    Meine grte Sorge, sagte Armand, indem ihn Siegbert an die Thr begleitete,
ist jetzt das Schicksal meines armen Egon! Ich glaube Ihnen Beweise gegeben zu
haben, da ich die Menschen nur nach ihrem wahren Werthe schtze, aber auf Egon
fllt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von seinem Stande. Ich
berschtze auch seinen menschlichen Werth nicht. Ich habe leider Ursache, ein
gewisses Schwanken seines Charakters als eine gefhrliche Klippe zu bezeichnen
und kann wohl sagen, da ich ihn mir ganz gewonnen habe nur durch den Schmerz!
Wenn wir uns nher stehen werden, Herr Wildungen, wenn Sie nicht ermden, einen
Mann meines geringen Berufes enger an sich zu ziehen, so werden Sie erfahren,
welches das schmerzliche Band ist, das mich in dem fernen Frankreich an einen
jungen vornehmen deutschen Herrn fesseln sollte! Ich htte ihn nie lieben
knnen, wenn nicht ein schner Enthusiasmus fr das Groe und Erhabene in ihm
gelebt htte und er war so weise, so gerecht, da er suchte das Groe und
Erhabene auch im Niedrigen zu finden. Er vermite Menschen, aber er fand sie. Er
hat sie dann verloren und hat sie wieder gewonnen.. Es gab Tage, wo ich ihm
mochte den Dolch in's Herz stoen und es gab andere, wo ich mute.. kssen -
seine Hnde ... Mag ihn der Himmel uns erhalten, mir und Ihnen; denn ich hoffe
viel von seinem Geiste auch fr die gute Sache Ihres Volkes, fr uns Alle.
    Die Thrnen standen Louis Armand in den Augen, als er diese Worte
halbgebrochen und nicht so zusammenhngend, wie wir sie wiedergaben, stammelte.
    Siegbert war selbst so ergriffen, da er nichts zu antworten vermochte,
sondern stumm und still von Louis Armand Abschied nahm.
    Schchtern und bescheiden wie er gekommen war, verlie Louis Armand das
Atelier.
    Siegbert sah ihm nach und kehrte langsam zu seiner Staffelei zurck.
    Er konnte nicht arbeiten ...
    Berg's Diener, der die Aufsicht ber die Rumlichkeit hatte, kam, um sie zu
schlieen. Siegbert bat, ihm die Schlssel dazulassen. Er wrde noch eine Weile
verharren und ihm dann das Schlieeramt abnehmen; er mchte gehen und seiner
Mittagsruhe pflegen.
    Wie Siegbert allein war, entfaltete er sogleich das Blatt, um die
franzsischen Verse zu lesen.
    Sie gestalteten sich ihm rascher, als er geglaubt hatte, zu einem deutschen
Gedichte.
    Doch mute er sich sagen, da in diesen Versen ein gewisser fr deutsche
Verhltnisse fast zu greller, fast schneidend scharfer Hauch wehte ...
    Er konnte begreifen, da man nur in Paris einer jungen Handwerkerin so
eigenthmlich huldigen knne und doch gestand er sich, es wre schon gut, wenn
auch die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Hhe edlerer
Empfnglichkeit und Charakterstrke sich hielten ... Er wute jetzt, was ihn
eigentlich an Louis Armand fesselte.
    Er selbst, doch ein Knstler von hherer, selbst gelehrter Bildung, nahm an
diesem Handwerker Interesse, nicht weil ihm seine socialistische Theorie gefiel
und er seine Trumereien von einer vernderten Gesellschaftsverfassung
vollkommen billigen konnte ... ihn zog das dstere, ernste Wesen, die
charakterfeste Persnlichkeit Armand's an und noch jedesmal, da er mit ihm
zusammentraf, nahm er einen neuen lebendigen Eindruck mit hinweg. So jetzt den,
da Armand auch dichtete!
    Louis Armand brachte aber in seinem mit den Worten: Fille du peuple, pauvre
mendiante! anfangenden Ne pleurez pas! berschriebenen Gedicht der Frnz
Heunisch etwa folgende sonderbare, halb ironische, halb wehmthige und fr
deutsche Handwerkerbildung vllig unpassende Huldigung:




                                  Weine nicht!


Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Der Unschuld Krone trgt dein schnes Haupt,
Und wenn ein Reicher ihr Geschmeide raubt,
Bist du nicht arm.. Was thut's? Sei klug! Nur weine nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtstuhl ein..
Geh hin! Er kt dich! Im Marienschein
Bist du nicht arm.. Sei klug und fromm! Nur weine nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Die Nachbarin lt ihre Truhe auf ....
Greif zu! ... Zum Bagno geht dein Lebenslauf;
Und wenn zum Tod .... Was thut's? Nur stolz!
Nur weine nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bebst zurck? Du liebst die Tugend noch?
Sieh da! Du kannst die Perlen fallen sehn
Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nhn!
Bist reich! Bist reich! - O Gott .... nun weinst ....
nun weinst du doch!

So ungefhr dachte sich Siegbert die bertragung dieses epigrammatisch endenden
wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken, ob wol einer deutschen
Nhterin ein solches Gedicht wirklich gefallen knnte, ob sie nicht vorziehen
wrde, sich denn doch in schmeichelhafteren Klngen besungen zu sehen und ob
nicht die se Phrase in Deutschland so regiere, da sie selbst in den untersten
Regionen das frische Gefhl und die wirklichen, nackten Thatsachen berpinselte
... Er nahm sich ernstlich vor, Armand zu warnen, mit einem solchen Gedichte bei
uns die Gunst eines Mdchens aus dem Volke erobern zu wollen!
    Unfhig zu arbeiten und doch noch in der Khle des Ateliers die Stunde
abwartend, wo er mit dem Bruder zusammenzutreffen gedachte, nahm er das Wasser,
das in verschiedenen antikgeformten gebrannten Krgen, weniger fr die
Erquickung als die Reinigung der Maler dastand und bego die Blumen, die hier
und da am zahlreichsten in der eleganten Abtheilung aufgestellt waren. Sie
hatten es nthig in der Sonnenhitze.. Der Diener vernachlssigte sie.. Sie
wrden verwelkt gewesen sein, wenn ein barmherziger Samariter da des Weges nicht
gezogen wre und sich der Sterbenden angenommen htte.
    Das aufregende, bittere Gedicht, die Blumen und Melanie verschmolzen sich in
Siegbert's bewegter Brust.
    Wie oft hatte nicht die liebliche Gestalt auf diesen bunten Teppichen
gesessen und nur mit halbem Ohre den Lehren gelauscht, die ihr der wrdige
Professor gab! Die Vorhnge waren herabgelassen gewesen ... Sie hatte im Grunde
kaum eine andere Beziehung zu den andern Malern gehabt, als da sie an ihren
vorberschwebte und mit holdseligem Lcheln die ihr dargebrachten Gre
erwiderte! Aber auch welches Schweben! Welches holdselige Lcheln! Blieb dann
einmal gar durch einen knstlich vorbereiteten oder natrlichen Zufall der groe
schwere Vorhang beim Lehrer eine kurze Zeit offen ... welche Verwirrung entstand
unter den Malern und wie zitterte Siegbert, der nur die Schnheit in Melanie
sahe und, da sie sich deren bewut war, wie das Erlaubteste entschuldigte.. Und
war es denn nur bloe Einbildung, wenn Siegbert annahm, da er diesem
liebenswrdigen Mdchen nicht vllig gleichgltig geblieben war? Fr
Leidenfrost's kurze, gedrungene, ja hliche Figur, seine dunkeln,
tiefliegenden, strengen Augen, sein sarkastisches Lcheln und vor allen Dingen
fr seinen grauleinenen Kittel und plumpen grauen Schlapp-Hut konnte sie keine
Sympathie haben. Reichmeyer war ihr ein zweiter Lasally. Heinrichson ihr sicher
zu elegant, zu sehr Gentleman und alle Welt wute, da er von alten Damen sehr
verwhnt war und den Petitmaitre der Salons abgab und noch fter abgeben mute
... was den schnsten Mann allmlig doch untergrbt und lcherlich macht ... In
Siegbert Wildungen aber war, was Melanie oft gefunden hatte, Haltung und Poesie
zugleich; er galt fr interessant, seine feuchten verklrten Augen zogen an, er
trug sich als Knstler, ohne ins Barocke zu verfallen ... Konnte Siegbert nicht
erhhteren Muth fassen, wenn Melanie fast absichtlich mit ihm Gesprche
anknpfte, ihn in die Gesellschaften ihrer Familie einfhrte, ja einige male
sogar pltzlich im Atelier erschienen war, wenn sie wissen mute, da Alle fort
waren und vielleicht nur noch Siegbert arbeitete? Sie hatte dann gewhnlich
etwas vergessen oder verloren, rannte an ihre Staffelei, beachtete den
berraschten gar nicht, bis sie ihn wie zufllig entdeckte und sich vielleicht
nur an seiner Verlegenheit weidete und den Triumph geno, einen Mann bewegt zu
sehen, einen Mann in der Rede stocken zu hren! Die Abscheuliche! Und doch hatte
sie ihn vielleicht gern und zrnte nicht, als Siegbert einmal in einem solchen
Augenblicke der berraschung ihre Hand ergriff und sie mit Kssen so lange
bedeckte, bis sie ihn mit dem - zufllig! - ausgezogenen Handschuh schlug und
vor seiner strmischer werdenden Bewerbung lachend davonflog!
    An diesen seligen Augenblick kurz vor Melanie's Reise dachte Siegbert und
fast dieselbe Glut, wie damals, durchstrmte seine Adern. So wirkte nur die
Vorstellung jener Scene schon! Wie? Wenn sie sich noch einmal wiederholte?
    Wre Dies, dachte er sich, so lg' ich zu ihren Fen! Ich liee sie nicht,
bis ich sie entweder zu mir nieder- oder sie mich zu sich emporgezogen htte!
    Wie Siegbert noch in diesen Erinnerungen schwelgte, sich ankleidete, mit dem
Bleistift an der bersetzung arbeitete, dann wieder einmal die Blumen
emporrichtete oder sich auf eins der Canaps in Professor Berg's Arbeitsraum
warf, geschah ihm das Wunderbare, da er einen Wagen vorfahren hrte, die Thr
aufreien und Melanie hereintreten sah.
    Sie war es.. Melanie Schlurck!
    Erst glaubte er sie in der weiten Entfernung vom Canap aus nicht zu
erkennen. Sie schien eine Andere, als sie eben in seinen Trumen gaukelte. Sie
schien hher, stolzer, strenger, und doch.. es war Melanie! Sie selbst im
rauschenden Gewande, sie selbst in dem zierlich leichten Strohhut, eine rothe
Echarpe ber den hellen Kleidern.. Melanie wieder mit ihm allein! Und er in
einer Stimmung, die fr ihn eine entscheidende werden konnte!
    Aber wie erstaunte er, als Melanie entschlossen auf ihn zuschritt und ihn
kurz mit den Worten begrte:
    Guten Tag, Wildungen! Da bin ich von der Reise zurck! Wie geht's Ihnen?
Sind Sie allein, Wildungen?
    Frulein.. sagte Siegbert, bergossen von dem edelsten Purpurroth, dem der
mnnlichen Verlegenheit. Frulein.. welche berraschung!
    Sie haben einen Bruder, fuhr Melanie kurz und entschieden und ohne allen
Umschweif fort. Er heit Dankmar. Nicht so?
    Dankmar, Frulein - Dankmar Wildungen ist mein Bruder.
    Er war in Hohenberg?
    Er war in Hohenberg!
    Mit dem Frsten Egon? Er ist ein Freund des Frsten Egon?
    Darauf kann ich keine bestimmte Antwort geben; doch hr' ich, da er dessen
Bekanntschaft in Hohenberg machte.
    In Hohenberg?
    Er sagte mir, seine Reise wre abenteuerlich gewesen. Doch wie und wodurch,
hoff' ich heute erst nher von ihm zu erfahren.
    Melanie hielt sich an eine der Staffeleien, die jedoch zu schwankend war um
Stand zu halten ... Sie mute ihre ganze Kraft aufbieten, nicht
zusammenzusinken.
    
    Siegbert begriff ihre Aufregung nicht.
    Mit einer Entschiedenheit, die in dieser Form nur dem Weibe eigen ist, es
aber auch dann nicht mehr schn erscheinen lt, sagte jetzt Melanie:
    Nun denn, so lassen Sie sich ber diese Reise von Ihrem Bruder erzhlen, was
Sie wollen, bedeuten Sie ihm aber im Namen eines Mdchens, das nicht ohne
Charakter ist, da ich ihm verbiete, ber Das, was zwischen ihm und mir
vorgefallen, auch nur eine Sylbe zu sprechen!
    Siegbert stand erstarrt..
    Bedeuten Sie ihm ferner, fuhr Melanie fort, da ich ihm untersage, dem
Frsten ein Wort zu erzhlen von der Art, wie er zu dem Bilde gekommen ist, von
dem Bilde, von dem Sie werden gehrt haben - ich sprach soeben den Amerikaner,
dem ich im Heidekrug durch Zufall es berlassen mute; er versicherte mich, da
es in die Hnde Dessen gekommen ist, dem ich es zugedacht hatte.
    Siegbert erinnerte sich des Bildes, er erinnerte sich der Reden, die vom
Prinzen Egon ihm eben Armand erzhlt hatte. Fast sprachlos aber ber Melanie's
Klte und ihren Zorn gegen den Bruder, verwirrt durch das ihm vllig dunkle
Chaos dieser Eindrcke, besttigte er einfach, da er von einem Bilde wisse..
ja!
    Sagen Sie Ihrem Bruder, unterbrach ihn Melanie im glhenden Zorn, da ich
von einem Manne, den ich Ursache htte zu verachten, noch soviel billige
Rcksicht erwarte, da er dem Prinzen das Bild einhndigt, ihm aber und jedem
Andern zu erzhlen unterlt, wie er dazu gekommen..
    Als sie sich wandte, um zu gehen, bestrmte sie Siegbert mit seinen Fragen
um Aufklrung. Er versicherte, da ihm und dem Bruder jeder ihrer Befehle eine
heilige Verpflichtung sein wrde.
    Sie werden ihn sehen, sagte er, ich schicke ihn sogleich! Wann darf er zu
Ihnen kommen, Frulein?..
    Nie! rief Melanie und wandte sich.
    Melanie, nie? wiederholte Siegbert und wie von einer rthselhaften
Ermuthigung ergriffen, hielt er sie mit mnnlicher Entschlossenheit fest ...
    Ich lasse Sie nicht! sagte er. Was haben Sie mit meinem Bruder! Er liebt
Sie? Gewi, er liebt Sie! ...
    Die Lippen bebten ihm, als er diesen ihm blitzschnell wie das Lachen eines
Dmons durch den Sinn fahrenden Gedanken aussprach ...
    Er liebt Sie? wiederholte er. Wie konnte er Ihnen so nahe sein, ohne Sie
anzubeten? Allmchtiger Gott! Was red' ich? Was mu ich reden? Er mu Sie
lieben; denn ich, sein Bruder kam ihm ja zuvor und mein armes Herz ist ja nur
bestimmt, zu entsagen und mich Denen zu opfern, die mir mein Leben sind!
    Als dem jungen Manne dieses furchtbar schmerzliche Gestndni, diese
qualvolle Ahnung in convulsivisch hervorgestoenen Worten von den Lippen
gekommen war und er fast ohnmchtig in einen Sessel sank, blieb Melanie eine
Weile stehen und sah nicht ganz ohne Mitleid zu Siegbert, dessen
leidenschaftlichem Festhalten sie sich entrissen hatte, nieder.
    Siegbert Wildungen! sagte sie dann mit ruhiger Klte. Lassen Sie diese
Thorheiten! Ich liebe Sie nicht. Und will auch Ihren Bruder nie mehr sehen ...
    Melanie! rief Siegbert und fate nach dem Herzen, das ein krampfhafter
Schmerz durchzuckte..
    Die kalte, in ihrem Innersten geknickte und verwundete Melanie fuhr fort:
    Sie haben Beide sich ohne Zweifel im Leben Ziele gesetzt, die ber eine
flchtige Mdchenliebe hinausgehen werden! Halten Sie mich nicht fr so
leichtsinnig, als ich Ihnen scheine! Auch ich habe mir ein Ziel gesetzt. Es
liegt nicht da, wohin Sie und Ihr Bruder steuern! Wiederholen Sie Diesem meine
Bitte, untersttzen Sie sie, wenn Sie noch etwas Neigung fr mich haben. Im
brigen denken Sie nicht mehr an mich!.. Sie mssen ein Weib lieben, Wildungen,
das wirklich eine Madonna ist, nicht Ihrer Phantasie und Ihrer Weltunkenntni
als eine solche erscheint. Ich bin keine Madonna. Und Ihr Bruder - den kenn' ich
nicht und mag ihn nicht kennen lernen ... nie mehr sehen ...
    Du widersprichst dir, Grausame! sagte Siegbert mit bitterstem Schmerz. Ach,
mein Bruder sucht keine Madonnen..
    Reden Sie nichts fr ihn! Nein! Nichts! Er trifft mich nie, heute nicht,
morgen nicht, nie! Leben Sie wohl, Wildungen! Glhen Sie fr Ihre Kunst, nicht
fr Mdchenherzen! Wenigstens nicht fr solche, wie das meine ist! Das sag' ich
aus Stolz, nicht fr mich, sondern.. fr Sie!
    Damit ergriff sie die Thr. Sie hatte das Letzte schon im Gehen gesprochen..
Sie verschwand. Der Wagen rollte dahin!
    Siegbert sank auf einen Sessel, neben den Blumen, die er eben erfrischen
wollte. Er war sterbender als diese ...
    So lag er ber eine halbe Stunde fast bewutlos ...
    Das furchtbare Wort: Ich liebe Sie nicht! ... whlte in seiner Brust, wie
ein zweischneidiges Schwert!
    Dann zog sich die klaffende Wunde etwas zusammen, als er dem letzten Worte
des stolzen, schnen, aber marmorkalt gewordenen Mdchens nachdachte:
    Das sag' ich aus Stolz, nicht fr mich, sondern fr Sie.
    Es sollte dies ein Balsam fr seinen Schmerz sein, aber er mochte ihn nicht
nehmen, er wies ihn von sich, er wiederholte sich nur:
    Ich liebe Sie nicht!
    Als sich der tiefgedemthigte und im innersten Herzen verwundete junge Mann
wie aus einem langen dstern Traume aufgerafft, schlug es drei Uhr ...
    Er ermannte sich soweit wenigstens, jetzt sich zu erheben, den Hut zu
nehmen, die Thr zu verschlieen, den Schlssel abzugeben und wie ohnmchtig
durch die Straen nach jener Promenade zu gehen, wo sich mitten in der Stadt der
berhmte Restaurant Grn befand ...
    Er traf den Bruder nicht, wohl aber ... einen Brief, den er in dem dennoch
von Dankmar bestellten Zimmer still fr sich allein las.

                                Zwlftes Capitel



                         Junges Leben, frisches Hoffen

Dankmar's Brief an seinen Bruder Siegbert lautete:
    Gute Seele! Ach! Ach! ... Dies Ach! bedeutet erstens: Wir werden keinen
Champagner trinken, wir werden keine Trffeln essen! La dir ein Beefsteak
geben, Herz, so zubereitet, wie du es liebst und hre dann gestrkt in Ruhe an,
weshalb ich mein Wort nicht halten kann! Es kommt jetzt das zweite: Ach!
    Wie du heute in dein Atelier tratest und mir zwischen Thr und Angel das
Gestndni deiner Liebe zu Melanie Schlurck machtest, hast du wol nicht geahnt,
da du mich mit zwei, dir genauer von mir zu spezificirenden Donnerschlgen
zurcklieest. Donnerschlag eins ... du siehst, ich bin noch immer bei gesunder
Logik ... betraf mich allein, Donnerschlag zwei mu aber durchaus dich auch noch
treffen.
    Dies Gewitter kann ich dir nicht ersparen. Kein Blitzableiter! Keine
Vertuschung! Es hngt aber Alles so zusammen:
    Beim ersten Gange unsres heutigen dinirenden Excesses wollt' ich dir
erzhlen, da ich die Thorheit gehabt habe, in Hohenberg einen Roman anzuspinnen
oder richtiger gesagt, mich zu verlieben.
    Beim zweiten, wollt' ich dir sagen, in Wen? oder mit Wem?
    Lieber Bruder! Die Gtter haben es gut mit uns im Sinn. Sie wollen, da wir
exemplarische Menschen werden oder wol gar zu jenen Sterblichen gehren, die sie
frh sterben lassen, damit sie nicht zu vorzglich werden.
    Das liebreizende Wesen, das mich gefesselt hat, ist Melanie.
    Einen sehr edlen Charakter wrde es eigentlich verrathen, wenn ich dir Das
nicht sagte. Es mte die Olympier zu Thrnen rhren, shen sie einen Menschen,
einen Bruder, einen Referendarius, der entsagt, eines andern Menschen, eines
Bruders, eines Malers wegen. Aber glaube mir, die Rolle, so dankbar sie sein mag
fr die Rhrung, fr den Beifall aller Gefhlvollen, so empfehlend sie sein mag
fr den bekannten Monthyon'schen Tugendpreis in Paris, sie gefllt mir nicht!
Warum nicht? Weil sie mir nicht stehen wrde! Natrlich mu der Mensch sein,
sagte Eva, als Adam neben ihr, von den peinigendsten Gewissensbissen gefoltert,
nicht schlafen konnte. Natrlich bin auch ich! Ich zerstre die Ironie des
Schicksals und sage dir offen, da ich auch beim dritten Gange noch von Melanie
gesprochen htte.
    Ich liebte sie!
    Ist Das erhrt, da ich das Mdchen liebe, das mein Bruder liebt?
    Es ist erhrt!
    Beim Dessert, wo wir vielleicht eine neueste frischangekommene Orange aus
Messina verzehrt htten, htt' ich dir gesagt:
    Feindlicher Bruder, die Braut von Messina verlangt ein Opfer! Du oder ich?
Und ich htte das Messer gehoben ... htt' ich Das? Ja! Und ich htte mit dem
Messer dich gemordet? Nein! Ich htte die Orange von Messina in zwei Theile
zerschnitten!
    Vielleicht aber auch nicht! Und vielleicht doch! Wer wei! ...
    Und jetzt kommt der zweite Donnerschlag, der dich mit betrifft!
    Ich werde moralisch, Bruder!
    Frage: Ist dir deine Liebe mit Melanie Schlurck Ernst? Bist du ein Thor, in
einem Wesen eine Madonna zu finden, die aller Welt anders als dir erscheint und
mir.. jetzt.. jetzt.. wie eine grngesprenkelte Eidechse. Eine Eidechse, Bruder,
denke dir das gefhrliche Thier! Man hat Flle, da Eidechsen zu den grnen
Zweigen hinaufblicken nach den freien Vgeln, die sich sorglos oben auf ihnen
wiegen. Denke dir den Aufblick einer Eidechse zu einem Vogel, der nichts
Schlimmes ahnt und singt und vielleicht zur Erde hpft, in den Busch, in den
Rosenstrauch, auf die blumige Wiese, wo die schne Lazerte haust, und.. verloren
ist er.
    Soll ich dir ein Stckchen von dieser unsrer Eidechse erzhlen?
    Deinem besten Freunde und einzigen Bruder Dankmar lag sehr viel an einem
gewissen hchst rthselhaften Bilde ... Dies Bild soll einen geheimen Druck und
an der Rckwand Papiere besitzen, die irgend einer Person, ich mu sie einen
Prinzen nennen, von Interesse sind ... die Eidechse hlt mich fr den Prinzen
... und will mir das Bild verschaffen; mir ..., weil ich ein Prinz bin.. zwar
arm, aber doch ein Prinz! Zwar verschuldet, aber doch ein Prinz! Verstehst du
... Das Bild liegt irgendwo versteckt, unzugnglich. Wo, frgst du? Ich sage, in
einem groen Mbeltransportwagen, der von Hohenberg nach der Residenz von zwei
Gendarmen zwei Bedienten und einer Excellenz, dem Geheimrath von Harder,
feierlich geleitet wird ... Melanie verspricht mir, was sag' ich, dem Prinzen,
das Bild zu schaffen.. Was thut sie?. Sie spinnt eine Intrigue mit der Excellenz
an.. die Excellenz geht in's Netz und ist verliebt, geschmeidig wie ein Aal. Es
hat Wolken herabgeregnet.. Alles ist na und feucht.. Man trifft in einer
Herberge, Namens Heidekrug, zusammen.. Die Excellenz verlangt Beweise von Liebe,
von Hingebung ... Er schmachtet, sie schmachtet.. Die Eidechse ist
liebenswrdig, aber doch zu schlau und zu grausam fr Unsereins.. Sie will das
Bild und die Excellenz will einen Beweis ihrer Liebe ... Was erfindet sie?.. Ein
Stelldichein!.. Sie soll ihm damit natrlich nichts Anderes gewhren, als nur
ein Zeichen Dessen, was sie ihm zu gewhren.. im Stande wre!.. So denkt die
Excellenz. Die Eidechse zgert, schlngelt, schwnzelt. Endlich sagt sie: Ja,
ich habe dir viel zu sagen, viel Gift in deine kleinen, schnen Ohren zu
trufeln! Ich bin unglcklich! Die Excellenz wird jung unter ihrem verjngenden
Athem. Sie wagt Alles fr einen zarten elastischen Druck der Eidechse. Da sagt
diese: Ich komme, aber ich bin bewacht, du bist bewacht, wir Alle sind bewacht..
wo sehen wir uns? Drinnen ist's zu laut, drauen ist's zu na! Wo seh' ich dich?
Wo sag' ich dir, was ich fhle, was ich empfinde, wenn ich freie Vgel auf den
Zweigen sehe und sie nicht mit einem Satz erschnappen kann? Wo? Wo? Die
Excellenz ist zu Allem bereit, und da schlgt die Listige vor: Kein Ort ist
sichrer als dein groer Wagen! Das ist ein Tanzsaal! Das ist ein
Gesellschaftszimmer! Dort flst're ich dir die drei Worte zu, die ich noch
Keinem sagte, die drei Worte, inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde.. Die
Excellenz macht Schwierigkeiten. Die Eidechse wei Alles zu beseitigen, die
Gendarmen, die Bedienten, den eisernen Schlagbaum.. Du ffnest um elf Uhr den
Wagen, komm' ich auch erst um zwlf! Ich gebe dir den Beweis, den du Einziger,
verlangst!.. Der Excellenz wird es schwindlig. Der Mann denkt an die drei Worte
inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde.. Was ahnt er nicht? Was hofft er
nicht? Es schlgt elf. Er hat die Wchter entfernt. Die zechen! Die trinken auf
Knigs Wohl! Der Wagen wird offen.. Er hatte nur etwas in ihm zu suchen, legt
die Stange an, als schlsse er wieder zu und geht auf sein Zimmer, um sich
sogleich heimlich wieder zurck zu begeben und die drei Worte zu vernehmen,
inhaltsschwer. Die Eidechse..
    husch.. rasch zur Hand.. kaum verschwand die Excellenz, war sie im Wagen und
hatte, was der Prinz wollte ... das Bild! Nun entschlpft sie.. aber hui! Da
erschrickt sie vor Etwas, das sie nicht ahnte.. Es war vielleicht nur eine
Katze, ein groer Kater, den sie frchtete und vor dem sie Entsetzen berlief.
Die Katzen lieben ja auch die freien Vgel auf grnen Zweigen und haben Brotneid
gegen die Eidechsen. Katze oder Iltis ... genug, die Eidechse erschrickt so
heftig, da ihr das Bild entfllt und sie vor der Thr des Prinzen fast die
Felsenspalte nicht wiederfindet, wo sie unterkriecht ... Es gab Lrm,..
wenigstens trat ein Reisender, ein Amerikaner, wenn nicht von Geburt doch von
Gesinnung, auf den Corridor. Er erhebt das Bild, nimmt an den im Mondlicht
erkennbaren Zgen ein Interesse, das dem Prinzen noch jetzt nicht erklrlich
ist, und folgt der Weisung der in der Ferne harrenden Eidechse, die ihm rasch
noch zunickt: Da! Dort! Dem schlummernden Prinzen gehrt's! Bitte! Wollen Sie?
... Der bringt's dem Prinzen und legt's ihm feierlich unter's Kissen, whrend
er schlft oder nicht schlft, gleichviel ... Das Bild ist da.. der Prinz hat
es daheim in der offnen Kommode seiner Aula ... Die Eidechse sagte dem
Amerikaner: Brav, mein Herr, ich danke Ihnen ... und verschwand.
    Und von wem wei ich das Alles?
    Eben jenes Gespenst hat's mir erzhlt, vor dem die Eidechse so erschrak..
ein somnambler Kater, der sich auf's Mausen versteht und den deshalb auch die
schne, buntgeringelte Eidechse nicht leiden kann. Du kennst den somnamblen
Kater.. Er heit Hackert.
    Brderlein! Die Geschichte ist eigentlich aus! Denn das lustige Nachspiel,
da die Excellenz zu spt kommt, sich in dem Mbelwagen huslich niederlt, auf
die Eidechse und die drei Worte, von Munde zu Munde Stunde zu Stunde vergebens
wartet, endlich einschlft, eingeschlafen und eingeschlossen fortgefahren wird
in die Residenz, Das ist nur ein humoristischer Schnrkel des Wortes: Punktum!
und das satirische Nachspiel des Dramas bei Mondscheinbeleuchtung. Das Bild ist
da, der falsche Prinz ist da, auch die Excellenz soll wieder aufgefunden sein..
aber die Eidechse! Die Eidechse!
    Darf ich nun moralisch werden? Darf ich sagen, da eine solche schne
liebenswrdige, aber tollkhne, listige Natter uns Gebrder Wildungen nicht im
Ernst bei den Fittichen fassen darf?
    Die drei Worte, inhaltschwer, sie gehen von Munde zu Munde - heien doch wol
nur: Ich liebe dich!
    Ich liebe dich! Himmlischer Weihegru reiner Seelen! Glockenaccord der
Andacht und Harfenton der reinsten Anbetung! La ihn aus deinem Herzen klingen,
wo er wrdig widerklingt; nur da nicht, Bruder, wo man ber Melusinen lachen,
mit ihnen kosen, mit ihnen im Krystallbache pltschern, aber immer auf den
sichern seichten Stellen bleiben mu, wo sie uns nicht hinunter ziehen knnen
in's ewige Vergessen und man ihnen nimmermehr auer dem Munde auch das Herz und
das Leben geben darf!
    Ich bin ber diese schne Eidechse hinaus!.. Ich will mich fassen und
trsten.. Aber du? Du, Siegbert? Du, den schon die Bilder wegen ihrer
verspotten? Du, der du Madonnen siehst, wo Andre schnflossige, geringelte
Fischweiber ... und nun gar dein eigner Bruder eine Eidechse?
    Denn Melanie ist die Eidechse! Ach Melanie! Melanie! Ihr Weiber! Wie
schmilzt uns bei euerm Namen so sanft und so weich das Herz gleich
Schneeflocken, die von dem Frhlingsveilchen der erste Mrzsonnenstrahl
hinwegkt! ... Ach! Wehe! Wehe! Aber der Name Schlurck.. Ha, dies Hinterher
rttelt auf, das mahnt gleich zur Besinnung! Ich dank' euch, ihr Gtter, da
dieser Name Melanie, der so sanft dahingleitet, selbst bei den verliebtesten
Menschen, deren Phantasie mit Dampf fhrt, doch durch den Namen Schlurck
gebremst werden mu!
    Nun knnt' ich wol sagen, Bruder, zum Tndeln fr mich, reicht sie immerhin
aus. Ich bin kein Mensch, dem sich viel in der Seele vergiften lt. Ich habe
innerlich zu viel Gegengift.. Rattenpulver heilt Schlangenbisse.. Aber du! Du,
mit deinem aetherreinen Auge! Du Sohn des Azurs ... sollst du ihr Azor werden,
belchelter, verspotteter Schoohund ihrer Laune? Nein, ich selber verschmhe
sie nun sogar zum Tndeln! Das bin ich dir schuldig, deinem Schmerze, deinem
Jammer, deinen Thrnen; denn ich wei, du bist Thor genug, zu weinen, nicht da
du Melanie verlierst, nein darber, da Melanie doch eine Eidechse ist!
    Zum Lachen ist das Abenteuer mit der Excellenz kostbar..
    Preisaufgabe fr ein Seitenstck zum Froschmusekrieg! ... Ferner, der
Besitz des Bildes kann sehr ntzlich sein - aber.. ber alles brige mach' einen
Strich, so dick, so fest, wie die Eisenstange ber dem Transportwagen war.
    Ich scherze, Bruder! Und doch bin ich betrbt, wenigstens nicht so heiter,
da ich bei Grns mit dir speisen kann! Ich bin unfhig, mich fr den ganzen Tag
zu sammeln. Erst deine Entdeckung, dann der Rapport des somnamblen Katers, den
du heute Abend wiedersehen sollst. Ich erwarte dich nach neun Uhr in der
Brandgasse Nr. 9 im zweiten Hofe, drei Treppen hoch. Adresse: Fritz Hackert.
Komm' aber allein, ohne deine neuen Freunde, die erst einen Scheffel Salz mit
mir essen mssen, bis sie die meinen werden. Die hundert Thaler kannst du auch
mitbringen, wenn du willst! Fritz Hackert, Brandgasse No. 9. Du wirst erstaunen
ber diese Annherung und Ausshnung. Hackert will Bekenntnisse machen, aber nur
in deiner Gegenwart, vor dir, von dem er sagte, du httest den ersten Funken der
Liebe in seine Nacht geworfen!
    Bis dahin forsche mir nicht nach! Die beiden Donnerschlge haben mich
erschttert und zu jedem Entschlusse fr heute unfhig gemacht.. Ich mu Natur
suchen, mu frische Luft athmen. Ich mu im Grase den Namen: Melanie! ausweinen
... Nein! keine Thrnen! Nein! Wir brauchen Kraft fr Das, was endlich beginnen
soll! Hinweg aus unsrer Bahn, entnervende Frauengunst! Wei denn ein Weib zu
wrdigen, was ihm ein Jngling, der sie liebt, zum Opfer bringt? Ich kehre
zurck zu unsrer groen Aufgabe, wie ich sie im Tempelhause von Angerode und im
Walde bei Hohenberg unter einer alten dreihundertjhrigen Eiche geahnt,
ergriffen, mit lebendigem Auge geschaut habe! Denk' an die Taube ber deinen
flammenverzehrten Templern! Denk' an das vierblttrige Kleeblatt am Kreuze, das
mir ein Symbol geworden ist, einen groen Gedanken zu suchen auf der platten
Wiese des Lebens, wie man ein Vierblatt im Klee sucht und freudig ruft: Ich
hab's! Am Abend, Bruder, gre mich stark und entschieden! Wir sind, denk' ich,
einig ber die Eidechse, und fliegen nicht von unsern Bumen zu ihr hinunter,
mag sie auch mit Augen wie Rubinen glnzen und ein Bett von eitel Rosen zeigen,
auf dem es schn dnken mag, unsterblich sterblich mit ihr zu ruhen! Bei dem
Geiste unsres Vaters! Dein ... Bruder!
    Nachschrift. Verschlie mir das Bild! Ich geb's Morgen an den Prinzen Egon
von Hohenberg ab, dem es gehrt.
    . ...Als Siegbert diesen Brief gelesen hatte, weinte er wirklich. Aber er
weinte nicht aus Schwche um Melanie's Verlust, sondern aus Liebe fr den
Bruder.
    Dies Wort: Beim Geiste unsres Vaters - ffnete die Schleusen seiner Seele!
Das war ein Zauberwort der Liebe und der krftigenden Erinnerung! Was hatte er,
wenn nicht die starke Hand des Bruders, den er gelobt hatte, zu erziehen und der
ihn erzog!
    Von dem Augenblicke an, wo er schon aus Melanie's gewitterblitzenden Augen,
aus der dunklen Glut ihres Zornes gefhlt hatte, da sie wol den Bruder oder der
Bruder sie liebe, war sein Entschlu fest, nach einer solchen Blte nicht mehr
aufzublicken. Die gab er hin! Mit Schmerz; denn er gehrte zu jenen Mnnern,
deren Bestimmung es zu sein scheint, gerade die Frauen zu lieben, die am
wenigsten fr sie passen. Aber er gab sie schon dahin! .... Nun aber bot der
Bruder auch einen Ersatz, eine Heilung dar, die Verachtung des ertrumten
Glckes und ein hheres Ziel. Er fhlte das Letztere nicht mit dem Feuer wie
Dankmar, er fhlte die Verachtung nicht so tief, wie Dankmar sie durch die
Erzhlung von einem gewagten, zweideutigen Abenteuer ihm.. er sah Das..
absichtlich und geschrft, frmlich eintzen wollte, ja es entgegnete seinen
scharfen Worten in ihm die Gedankenreihe: Wie kannst du, Undankbarer, Das so
heftig tadeln, was doch nur die rasendste Leidenschaft und Liebe fr dich
veranlat haben kann!.. aber der Rest seiner Betrachtungen war der, da er sich
sagte:
    Die schne Welt, die du dir aufgerichtet, ist zerstrt! Und wo ich nicht die
Blte mehr sehe, mag ich keine Frucht.
    Er entschlo sich, nur noch ... unglcklich zu lieben.
    Nachdem er sich fr sein langes Fasten durch mige Kost entschdigt hatte,
ging er, ruhig und mit gesenktem Haupte schlendernd, erst in die Wallstrae, um
Armand's Auftrag beim Tischler Mrtens und gelegentlich auch fr Franziska
Heunisch auszurichten, dann ging er nach Haus und zhlte sogleich das Geld fr
Hackert zurecht, ber den pltzlich so Gnstiges zu vernehmen ihm innigst
wohlthat.
    Die Wirthin wute ihm nichts zu melden, als da der Fuhrmann aus dem Pelikan
mit seinem lahmen Hunde dagewesen wre, auch ein anderer ihr ganz fremder Herr
von finsterem, strengem Aussehen, der seinen Namen nicht genannt, aber
versprochen htte, wiederzukommen..
    Fast antheillos warf er sich, halb entkleidet, auf das Canap, das in
Dankmar's Zimmer, in ihrer sogenannten Aula, stand.
    Eine Weile that diese Ruhe, dieses Brten, ihm wohl. Er schlug die hundert
Thaler ein, die Hackert heute Abend in einer Wohnung zurckempfangen sollte, die
ihm aus Leidenfrost's uerungen ber die berchtigte Auguste Ludmer, frher
Malermodell, sehr unheimlich vorgekommen sein wrde, wenn er nicht auch einer
dort hausenden Proletarierfamilie in wohlthuender Weise erwhnt htte.
    Aber so interessant es ihm war, diese neuen Anregungen, besonders ber
Hackert, zu dem er lngst wieder Vertrauen gefat hatte, seitdem er an Lasally
das Pferd richtig zurckgestellt gefunden, empfangen zu haben, diese
Gedankenreihe konnte ihn von seinem Kummer nicht loslsen.
    Er suchte nach andern Gegenstnden, um aus dem tiefen Unmuth, der ihn
umschattete, wieder zum Lichte eines freieren Gedankens zu kommen. Er fiel so
auf das Bild, dies vielbesprochene Bild! ... Dankmar hatte ihm ja aufgetragen,
es sorgsamer zu verwahren.
    Wie er an dem alten Rahmen des blassen Pastellgemldes mit den Fingern
streifte und den alten Staub auf der abgesprungenen Vergoldung tilgte, dann
hinten den neuangefgten Boden befhlte, der etwas einer bedeutenden Familie so
Wichtiges verbergen sollte, begriff er kaum, wer es gewesen sein knne, der mit
einem Andern auf so gefhrliche Weise htte sich verstndigen wollen. Durch ein
Bild! Er glaubte kaum daran, da das Bild in seinem Rcken Papiere enthielt ...
    Es war weniger Neugier, als die zufllige Absicht, sich irgendwie zu
zerstreuen, da er anfing, einem etwaigen Mechanismus des Bildes nachzuspren.
Der wahre Besitzer, dachte er, wird sich leicht helfen; er wei entweder das
Geheimni oder er zertrmmert den Rahmen. Das Letztere durfte er nicht und ein
Geheimni war nicht zu entdecken ...
    Er gab seine Neugier auf und machte den Versuch, irgend eine Beschftigung
vorzunehmen, vielleicht der Mutter zu schreiben, vielleicht etwas zu zeichnen.
    In den Zurstungen dazu traf es sich zufllig, da er auf einem Tische, auf
dem er neben sich das Bild gelegt hatte, einen harten Gegenstand, sein
Tintenfa, bei Seite stellen wollte, um Papier aus einer, groen Platz
wegnehmenden Mappe zu whlen. Nicht achtend, zufllig, stellte er das schwere
Tintenfa auf das Glas des Bildes. Doch ein starkes Glas! dachte er erschreckend
und nahm das Bild, um mit einem flchtigen Blick die Strke des Glases zu
wrdigen. Dies fhrte ihn zufllig darauf, mit Kraft auf den oberen Rand des
Glases zu drcken und im selben Augenblick sprang hinten der Deckel der Kapsel
auf. Durch Zufall hatte er das Geheimni der ffnung selbst gefunden.
    Erstaunt ber diese wunderbare Entrthselung des Bildes, zgerte er fast,
dem weitern Inhalt der Kapsel nachzuspren; doch fielen darin enthaltene,
zartgeschriebene kleine Briefbltter von selbst heraus.
    Die Versuchung, diese kleine gekritzelte, blagelbe Handschrift zu lesen,
war Anfangs nicht gro ...
    Auch widerstand ihr Siegbert. Er war ein Gewissensmensch, der selbst die
Geschenke des Zufalls zurckwies, wenn er annehmen konnte, da sie einem Andern
gehrten.
    Wer htte Siegbert ein groes Verbrechen daraus gemacht, wenn er diese
Papiere gelesen htte? Er wute so gar nichts vom nheren Zusammenhang dieser
Mittheilungen und kannte nicht im mindesten die Bedeutung, die sie dem Prinzen
von Hohenberg haben muten, ja er wute nicht einmal, von Wem sie kamen ...
Darauf hin durchflog er flchtig wenigstens die ersten Seiten ....
    Er fand, da darin eine Mutter klagt, wie alle Welt sich gegen sie
verschworen htte, wie sie keinen Freund mehr auf Erden fnde als Gott, und wie
sie nicht wisse, wie Das, was sie einem entfernten Sohne, der seinem Stande,
leider auch seiner Erziehung, seiner Bildung entsagt htte, nach ihrem Tode in
die Hnde kommen sollte. Jedes bei Gerichten oder Notaren niedergelegte Dokument
wrde Aufsehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch errathen werden. Wie oft
wren nicht durch scheinbaren Diebstahl Geheimnisse gewaltsam entdeckt worden!
Und doch wre, was sie zu sagen htte, so wichtig, so folgenschwer -
    Hier brach Siegbert schon ab und lie die Papiere wie glhende Kohlen
fallen.
    Nach einigen Augenblicken entschlo er sich, sie wieder zusammenzulegen und
das Kstchen zu verschlieen.
    Wie er sich eben dazu anschicken wollte und die Blttchen an einander
reihte, fiel sein Auge, das nur ganz obenhin und flchtig auf die Buchstaben
sah, auf einen Namen, der ihm im hchsten Grade auffallen mute. Dieser Name
hie: Rodewald. Rodewald war der Familienname seiner Mutter..
    Er wagte noch einen Blick und glaubte sich nicht zu tuschen, wenn er
annahm, da hier von seinem Oheim gesprochen wurde, dem Bruder seiner Mutter,
einem gewissen Heinrich Rodewald, von dem er viel Gutes und viel Schlimmes in
seiner Jugend gehrt hatte, viel Wstes und Verworrenes.. Heinrich Rodewald galt
als verschollen. Er hatte eine Partie gemacht, von der Siegbert ungefhr so viel
wute, da sie seinen Verhltnissen nicht entsprechend gewesen war.. Dann wute
er noch, da er nach Frankreich gegangen war - mehr hatte man von ihm nie
erfahren.. Heinrich Rodewald! Der Name stand jetzt fast auf allen diesen
Blttern. Er mute sie fallen lassen, sie mit Gewalt von sich thun, um nicht der
Verfhrung zu erliegen, sie im Zusammenhang zu lesen.
    Als er sich von dem Tische, der ihn magisch anzog, fast mit Gewalt getrennt
hatte, fhlte er, wie mchtig die Versuchung ihn doch gefangen hielt.
    Heinrich Rodewald! sagte er sich. Mein Oheim! Der verschollene Bruder meiner
Mutter, den sie so liebte, der so schn und so leichtsinnig, so geistreich und
so unglcklich gewesen sein soll! Wenn ich hier etwas von ihm erfhre! Wenn ich
meiner Mutter die Freude bereiten knnte, sie auf eine Spur des verlorenen
Bruders zu fhren, eines Menschen, dem Alle die glnzendste Zukunft prophezeiten
und der unter schner Frauen Gunst, unter Frauenanbetung und gerade durch die
Frauen zu Grunde gegangen sein soll!
    So nur zerstreut war Alles, was er von Heinrich Rodewald wute.. Noch fiel
ihm ein, da er ganz klein war, als sein Vater einmal gesagt hatte, als von des
Onkels Wanderungen die Rede war: Nach Amerika sollte Rodewald ziehen! Da mag er
Wlder roden! Dies Wortspiel hatte sich ihm tief eingeprgt und doch war es aus
so frher Zeit, da Dankmar nichts davon wute; denn es war im Hause
hergebracht, von dem Oheim wenig zu sprechen und ihn als verschollen zu
betrachten. Man sprach von Kriegsdiensten, die er in Spanien genommen htte oder
von der franzsischen Fremdenlegion in Algerien.
    Es war nicht ganz Neugier, was Siegbert reizte, es war der erwachte
Familiensinn, das wirkliche Interesse fr einen Mann, dem er so nahe verwandt
war. Wie bebte er aber zurck, als er, noch einmal die Papiere ergreifend und
sie durchbltternd, auf einer Seite den Namen Thaldren und nicht weit davon
auch das Wort Wildungen entdeckte!..
    Wieder lie er die Papiere fallen, aber jetzt in der bestimmten Absicht, sie
zu lesen.
    Warum sollt' ich nicht? sagte er zu sich selbst. Der wunderbarste Zufall
fordert mich ja auf, in die Geheimnisse meiner Familie zu dringen. Bin ich nicht
sogar gebunden, wenn ich von einem Menschen hre, dessen Schicksal uns
bekmmert, die, die von ihm wissen, auszuforschen, gleichviel ob sie offen von
ihm sprechen wollen oder ob ich sie nur belausche? Wissen ist noch nicht
ausplaudern. Wenn ich schweigen kann, wenn ich Das, was ich hier erfahre, tief
in mein Innerstes verschliee und die Gelegenheit ehre, die mich zum Mitwisser
fremder Tugend oder fremder Schuld machte, handle ich da gegen meine bessere
berzeugung? Ich sehe eine Quelle und sollte mich nicht an ihr erquicken, weil
eine Mauer zu bersteigen wre, die nicht mein ist, whrend ich vor Durst
verschmachte? Ich lese diese Papiere. Wer kann mich hindern? Wer sagt mir, da
ich sie nicht lesen darf?
    Damit ergriff er einen Stuhl, rckte ihn an den Tisch, den Tisch dem Fenster
zu, legte sich die Papiere zurecht und war eben im Begriff, mit dem ersten Bogen
zu beginnen, als es stark und krftig drauen an der vorderen Thr pochte.
    Diese Strung war unwillkommen. Er hatte vergessen zuzuschlieen oder sich
verlugnen zu lassen.
    Es klopfte noch einmal und whrend er rasch die Papiere, die ungeordnet
neben ihm lagen, bunt durcheinander wieder in die Kapsel steckte, zudrckte und
das Bild bei Seite legte, war schon Jemand in das vordere Zimmer, in die
sogenannte Akademie, eingetreten.
    Der Besucher war ein untersetzter Mann, wol schon ein Sechziger, aber fest,
gedrungen und fr sein Alter kerngesund. Er hatte eine Mtze auf, die er beim
Eintreten abnahm und einen Kopf von harten, strengen Zgen sehen lie. Die Stirn
trat etwas hervor, die Nase war nicht fein geformt; sie war kurz und von starken
ffnungen, das Auge lag tief in grauberbuschten Hhlen ...
    Das graue Haar mute einst dunkel gewesen sein; noch war es ungemein stark
und ging bis tief ber die Stirn herab. Der Mund war ernst, ohne das geringste
Zeichen von Sarkasmus oder Satire, aber auch ohne Zeichen irgend eines blen
Willens. Recht dster und streng war der noch wenig ergraute Backenbart. Die
Kleidung schlicht, aber sauber. Die Kamaschen an den Fen gaben dem Fremden
sogar ein gewhltes Aussehen, wozu freilich die grauen baumwollenen Handschuhe
ber den Fingern nicht paten.
    Siegbert hatte diesen Mann noch nie gesehen.
    Als er aufgestanden war und sich in das vordere Zimmer begeben hatte, wo er
den Fremden empfing, sagte dieser, da er schon einmal dagewesen wre, um einen
der Herren Brder Wildungen zu sprechen.
    Als ihm Siegbert entgegnete, da er der ltere dieses Namens und Maler wre,
nannte auch der Fremde seinen Namen.
    Ich heie schlechtweg Rudhard! sagte er.
    Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das,
was er von diesem Besuche wrde zu vernehmen haben.
    Auch diesen Namen hatte er noch nie gehrt.
    Ich mu es fr ein groes Glck halten, begann Rudhard, da ich in einer
Angelegenheit, die ich schon lngst zu einem guten Ende htte fhren sollen, nur
so kurze Wege einzuschlagen brauche. Ich dachte auf die grten Schwierigkeiten
zu stoen und bin erfreut, da sich mir Alles wie von selbst in die Hnde gibt,
den letzten Willen einer verstorbenen hohen Dame zu vollziehen. Sie kannten die
Frstin Amanda von Hohenberg?
    Siegbert verneinte diese Frage.
    So wird sie Ihr Herr Bruder gekannt haben?
    Auch fr seinen Bruder bestritt Siegbert eine genauere Bekanntschaft mit
einer so vornehmen Frau. Er htte davon Kenntni haben mssen.
    Dann bin ich erstaunt, sagte Rudhard, wie sie Beide, meine Herren, in eine
so geheimnivolle Angelegenheit verwickelt sein knnen, wie Die ist, welche mich
zu Ihnen fhrt.
    Sie spannen meine Neugier, sagte Siegbert und fand in dem Benehmen des
Fremden mehr Weltton und Formengltte, als dem schlichten uern und dem
strengen Blick der Augen zu entsprechen schien.
    Auch wird Ihnen dann mein Name fremd sein, fuhr Rudhard fort, und ich mu es
daher fr meine Pflicht halten, von mir selbst zu sprechen ... Ich war in dem
frstlich Hohenberg'schen Dorfe Plessen und fr eine ziemliche Anzahl in der
Nhe liegender Vorwerke vor Jahren Pfarrer und hatte wie es schien zur
Zufriedenheit meiner Gemeinde an diesem Orte eine lange Zeit gewirkt.
Befrderung hatt' ich freilich wenig zu hoffen, da mein religises
Glaubensbekenntni von jenem abwich, durch das allein man damals auf dem
kirchlichen Gebiete, leider auch in manchem andern, sein Glck machen konnte. Zu
heucheln war meiner nicht wrdig. So ertrug ich mein bescheidenes, oft drftiges
Loos. Ich konnte es, da Gott meine Ehe mit Kindern nicht gesegnet hatte und ich
nur fr mein Weib, einige Verwandte und mich zu sorgen brauchte.
    Siegbert fhlte sich von dieser Erffnung schon angezogen. Er gedachte,
ohnehin bewegt, seines Vaters und fhlte die Leiden auch seines
gesinnungsgetreuen Charakters um so schmerzlicher nach, als dieser gerade noch
die Noth um die Versorgung seiner Kinder gehabt hatte und sich selbst so Vieles
entzog, um nur die Seinen glcklich zu sehen.
    Er hrte, befremdet zugleich von der Ehre, wie er zu diesen Mittheilungen
kme, und mit gelassener, wehmthiger Aufmerksamkeit zu.
    Rudhard fuhr fort:
    Mein Loos schien sich zu verbessern, als die Frstin Amanda von Hohenberg
sich entschlo, ihren dauernden Wohnsitz in Hohenberg, ihrem dicht bei meiner
Pfarre gelegenen Stammschlosse, zu nehmen und ich daraus wol eine Erleichterung
meiner Lage, wenigstens eine freundlichere Anregung erhoffen durfte. Zu gleicher
Zeit wut' ich, da sie sich der Erziehung ihres einzigen Kindes, eines Knaben,
in dieser Zurckgezogenheit ausschlielich zu widmen gedachte. Ich erfuhr, da
sie sich sorgfltig nach mir erkundigte und die Absicht hegte, mich mit in ihren
neuen Lebensplan hineinzuziehen. Alle diese Anzeichen einer neuen bessern
Zukunft trbten sich pltzlich, als die Frstin mir gleich in den ersten
Gesprchen, die ich mit ihr nach ihrer vollstndigen Einrichtung wechselte, als
eine fanatische Anhngerin der neuen frmmelnden Richtung entgegentrat. Sie
betonte den Erlser, die Gnade, die Rechtfertigung und die Nichtigkeit der guten
Werke in einem Grade, der mich mit Befremden erfllte. Eine Weltdame, die sie
war, einst, wie ich gehrt hatte, vielfach gefeiert, Gattin jenes wilden,
berhmten Kriegers, ber dessen Sitten wie ber seine Tapferkeit nur eine
Meinung herrschte, schien es mir unglaublich, da sie in die Netze der neuen
Verlockungen durch eine trbe, oft unehrliche Welt- und Lebensauffassung fallen
konnte. Ich beging die Thorheit, mit ihr zu streiten. Der Streit war gerade Das,
was sie suchte. Aber weit entfernt, mir zu danken, wie ich ihr doch Gelegenheit
bot, fr ihre Wahrheit und fr ihren Heiland Zeugni abzulegen, warf sie
Mistrauen, Groll, ja zuletzt Feindschaft auf mich. Zwar erhielt ich die
Oberaufsicht ber den jungen Prinzen und begann mein Werk in meiner Weise,
allein es verging nicht ein Tag, wo ich ber unsre entgegengesetzten Grundstze
der Erziehung mit der Mutter nicht in Streit gerieth. Wie oft wollt' ich nicht
die Zgel meiner Aufsicht in ihre Hand zurckgeben! Eine gewisse Achtung vor
meinen mancherlei zerstreuten Kenntnissen, die Liebe und Anhnglichkeit des
Knaben an mich trotz meiner Strenge, endlich aber wol die Verlegenheit, dem
Kinde in dieser lndlichen Zurckgezogenheit irgend eine starke Nahrung des
Geistes zu bieten, bestimmte sie doch immer wieder auf's neue, mit mir
anzuknpfen, Ausshnungen vorzubereiten und Waffenstillstnde zu schlieen. Dies
dauerte einige Jahre, bis es nothwendig wurde, fachwissenschaftliche Lehrer mit
zu Rathe zu ziehen. Statt den Knaben in ein Institut zu geben, wollte die
Frstin ihn unter ihren Augen behalten und umgab sich mit fortwhrend
wechselnden Sprach- und Musiklehrern und andern Prceptoren, die im Schlosse
viel Unheil anrichteten und sich selten lnger als einige Monate auf ihren
Pltzen behaupteten. Ich litt bei diesem Wirrsal am meisten; denn selbst die
Kinderseele, fr die ich dabei am meisten frchtete, hielt die wilde
Planlosigkeit zur Noth aus. Wie stark ist nicht ein junges Gemth in seinem
ersten Wachsthum!
    Wieviel geht nicht in das drstende Herz hinein, wieviel hinaus, ohne ihm zu
schaden! Wr' es nicht so, so mte man die Kinder in einen durchsichtigen
Glasschrank setzen und von der ganzen Welt abschlieen!
    Ihr Werk ist gesegnet worden, bemerkte Siegbert. Der leider so heftig
erkrankte Prinz Egon soll sich in jeder Hinsicht auszeichnen.
    Siegbert sprach diese Worte mit einer Betonung, die seine ber diese
sonderbar aufrichtigen Mittheilungen zunehmende Verlegenheit deutlich zu
erkennen gab.
    Darber fehlt mir ein genaueres Urtheil, fuhr Rudhard ernst fort. Ich habe
nur die ersten Keime der Bildung in sein allerdings sehr begabtes Innere
pflanzen knnen. Es war ein liebes Kind, trotz Eigensinn und Starrheit und einer
berlebhaften Neigung zu Extremen! Ihn krank zu wissen, den nun herangewachsenen
Jngling, ja schon Mann, macht mich traurig.. Nach so vielen Jahren htt' ich
ihn gern freudiger begrt. Ich bin gewi, er htte sich meiner ohne strendes
Misbehagen erinnert! Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten
Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben, da sie in weiter Ferne meiner noch mit
Achtung, ja sozusagen Vershnung gedachte!
    Sie schieden also von Hohenberg? fragte Siegbert.
    Schon vor langer Zeit, fuhr Rudhard fort. Die Verstimmung zwischen der
Frstin und mir war nicht mehr zu heilen. Immer mehr Menschen, immer heftigere
Bedrfnisse religiser Schwrmerei drngten sich zwischen sie und mich, und als
sie sich entschlossen hatte, gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf
in eine bigotte reformirte Erziehungsanstalt zu schicken, war ich ohne ferneren
Halt auf meinem Platze und zog vor, Plessen zu verlassen. Bei der Frstin hatte
sich ein Predigtamtscandidat, ein sehr befhigter, aber grundsatzloser Mann,
eingenistet. Er wurde, da ich merkte, da ich in jeder Hinsicht unbequem war,
und nun eine andre Pfarre bernahm, mein Nachfolger. Ich darf, mein Verehrter,
bei Ihnen, dem ich ganz fremd bin, kein Interesse ansprechen, wenn ich von
meinen ferneren Schicksalen erzhlen wollte, ich berschlage daher die Bltter
meines Lebens bis auf den Augenblick, wo ich -
    Nein, nein, sagte Siegbert und ergriff treuherzig die Hand des Fremden, kann
einem jungen Manne etwas lehrreicher sein, als die Erfahrung des Alters sprechen
zu hren! Ich fhle und lebe das Alles mit Ihnen mit, was Sie erzhlen! Meine
Zeit drngt mich nicht und die letzte Aufklrung ber Das, was Sie zu den
Brdern Wildungen fhrte, bleibt mir ja doch wol gewi.
    Rudhard empfand ein sichtliches Wohlgefallen an diesen in so weichen Tnen
gesprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes. Er blickte auf ein reines
Gemth, wie er es lieben mute. Seine Augen milderten sich der sanften Klarheit
des Blickes gegenber, den Siegbert auf ihn ruhen lie. Doch that er Das nicht,
was vielleicht jeder Andere gethan htte und sprach etwa mit Anerkennung ber
die Gesinnung des jungen Mannes, die er doch schtzen mute. Er machte nur eine
kurze Pause und fuhr mit einer gewissen Strenge fort:
    Ich zog mit meinem krnkelnden Weibe an die fernste Grenze unsres
Vaterlandes, Ruland zu, in einen Ort Namens Schmalelinken. Dort in einer
Provinz, wo man klare Begriffe von der Provinzhauptstadt aus befrderte und
beschtzte, glaubt' ich, fr die sprliche Saat, die jetzt noch Geistliche in
die Herzen der Menschen streuen knnen, hinlnglichen Boden zu finden und fand
ihn. Die Nhe einer Rittergutsbesitzung, der angesehenen Familie von Osteggen
gehrend, machte mich ganz besonders glcklich. Diese Familie war am
begtertsten im benachbarten Kurland, lebte aber lieber als in Ruland auf dem
bescheidenen Schlchen Ostegg bei Schmalelinken, wo ich als Pfarrer wirkte.
Dieses Glck dauerte aber nur kurze Zeit. Meine Gattin starb. Ich htte es
verwinden knnen. Aber dem Tiefgebeugten, der gleichsam mit dieser guten Frau
auch die Kinder verlor, die sie ihm nicht hatte schenken knnen, der nun ganz
allein in der Welt dastand, entzog sich auch der Trost jener Beziehung zu der
Osteggen'schen Familie, wo ich zwei jungen liebenswrdigen Mdchen, Adle und
Helene, Erzieher geworden war. In Plessen war ich von bigotten Deutschen
verdrngt worden, in Osteggen verdrngte dagegen mein Erscheinen einen gewissen
Rafflard aus der reformirten franzsischen Schweiz. Ich erlste diese Familie
frmlich von der Sklaverei unter dem Joche dieses Rafflard, eines eiteln,
unwissenden Intriguanten und hatte die Genugthuung, da mein Wirken anerkannt,
gewrdigt wurde. Da starb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung, die
Osteggen'sche Familie, wurde durch die glnzende Heirath Adlens, der ltesten
Tochter, mit dem Frsten Wsmskoi bestimmt, nach Odessa zu ziehen, wo der Frst
am russischen Gouvernement wirkte. Was that ich? Ich entschlo mich, den
dringenden Bitten der Familie, der ausdrcklichen und ehrenvollen Anerbietung
des Frsten Wsmskoi zu folgen und ging, nahe meinem fnfzigsten Lebensjahre,
mit nach Odessa. Dort am Ufer des schwarzen Meeres, unter sdlichem
Himmelsstrich verlebte ich glckliche Jahre. Mancher dstre, trbe Zug meines
Charakters milderte sich. Was frher hart und starr war, wurde weicher und
ebener. Leider verschonten uns herbe Schicksalsschlge nicht. Die alte Baronin
Osteggen starb. Vor einigen Monaten ist auch ihr Schwiegersohn, der Frst
Wsmskoi, auf einer Reise nach der Krim an einem Fieber dahingegangen. So fiel
die Sorge fr die Frstin Adle und ihre drei Kinder auf mich. Ihre jngere
Schwester, Helene Osteggen, hatte in Odessa die Bekanntschaft des in Auftrgen
reisenden franzsischen Attach, Grafen d'Azimont, gemacht und war, nachdem er
sie geheirathet, erst nach hier, dieser Stadt, wo er fixirt war, dann nach Paris
mit ihm gezogen -
    Die Grfin d'Azimont? fragte Siegbert gespannt. Irr' ich nicht, so ist die
Grfin hier?
    Sie ist es, sagte Rudhard mit dstrer Miene, auch ihre ltere Schwester, die
Frstin Wsmskoi ist hier. Leider gerieth mein jngster Zgling, Helene
d'Azimont, so in den Strudel des modernen Weltlebens, da sie mit der ganzen
Familie brach und durch ihre wilde phantastische Lebensweise die Liebe und das
Herz der Mutter zu frhe knickte ... Seit mehren Jahren schon ist jeder Verkehr
zwischen den Schwestern Helene und Adle abgebrochen und selbst das unter andern
Umstnden sehr erfreuliche Zusammentreffen in dieser groen Stadt wird keine
Ausshnung zu Stande bringen. Ich erwhne da Dinge, die in der groen Welt
leider zu bekannt sind ...
    Auf Siegbert's Lippen schwebte die Frage, ob Rudhard wol wisse, welche
Beziehung zwischen dem Prinzen Egon und der Grfin d'Azimont stattfnde; doch
schwieg er, weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu thun frchtete, dem ohne
Zweifel das Werk seiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von
Osteggen nicht gelungen war.
    Rudhard nahm aber diesen Gegenstand selbst auf und zeigte sich ber die
Chronik der Schwester seines treugebliebenen Zglings, der Frstin Wsmskoi,
vollkommen unterrichtet.
    Wie schmerzlich mu es mir sein, sagte Rudhard, da sich die Nachrichten,
die wir dann und wann ber die Schwrmereien Helenens empfingen, an meinen
pltzlich in Paris wieder auftauchenden Schler Egon von Hohenberg anknpften!
Ich sah, da auch Egon durch seine Genfer Erziehung in den Strudel gerathen war,
in welchem Helene unterging, als sie sich verheirathete an einen Mann, der ihr
niemals eine sittliche Anlehnung bieten konnte. Wie tief hab' ich das
Conventionelle im Leben unserer vornehmen Stnde damals verabscheut, wie bitter
beklagt, da mir unmglich wurde, dies liebenswrdige, reizende, gutmthige
Kind, Helene Osteggen, nicht von einer, wie man sie nennen mute, glnzenden
Partie mit einem nicht mehr jungen, aber reichen und interessanten franzsischen
Diplomaten fern zu halten! Legte sich doch selbst der Wunsch des Kaisers in die
Wagschale, russische Unterthanen in Paris, an der Quelle der Begebenheiten, in
genauester Verbindung eben mit den Lenkern der Begebenheiten zu wissen! Ich
begehe keine Indiskretion, indem ich von diesen Dingen spreche; denn ich mu sie
Ihnen sagen, weil sie mit Dem zusammenhngen, was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder
fhrt.
    Ich erstaune ber Das, was ich hren werde, sagte Siegbert und strich sich
ber die Stirn, als knnte sie kaum alle diese wunderbaren Beziehungen fassen.
    Mein Unmuth, fuhr Rudhard fort, erstreckte sich in dem Grade auf Alles, was
mit Helenen zusammenhing, da ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf
als die Mutter Egon's, die Frstin Amanda, die mir so viele bittere Schmerzen in
meinem an Freuden nicht reichen Leben verursacht hatte. Was sollte ich dazu
sagen, da ich vor anderthalb Jahren einen Brief von der Frstin Amanda empfing,
den sie auf ihrem Todtenbette geschrieben hatte! Einen Brief, der mich erst in
Schmalelinken suchte und ein halbes Jahr brauchte, mich am Schwarzen Meere zu
finden; einen Brief, dessen Absicht ich versumt glaubte, als er ankam, ja der
selbst rechtzeitig htte eintreffen knnen und mir keinen Entschlu wrde
abgewonnen haben, so erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles,
was mich an Hohenberg erinnerte. Doch lesen Sie selbst diesen Brief und erfahren
Sie damit zu gleicher Zeit den Grund, der mich zu Ihnen fhrte und mich
bestimmte, Ihnen einen berblick meines Lebens zu geben. Um jedoch Ihre Spannung
nicht zu lange hinzuhalten, bemerk' ich, da mein Besuch mit einem Bilde der
Frstin Amanda zusammenhngt, das Sie besitzen.
    Mit einem Bilde? fragte Siegbert erstaunt ....
    Ist es nicht so? bemerkte Rudhard, der sich in seinem sichern Auftreten
nicht stren lie. Sie besitzen ein Bild der Frstin?
    Allerdings; aber ....
    So bitt' ich! Lesen Sie!

                              Dreizehntes Capitel



                               Eine neue Wendung

Rudhard zog ein groes Portefeuille aus der Brusttasche, schnallte es auf und
nahm aus mancherlei Papieren und Dokumenten, die in ihr angehuft lagen, einen
zierlichen Brief hervor, der durch seine mit hundert Notizen und Strichen
berkritzelte Adresse einen wunderlichen Anblick bot. Es waren darauf
ersichtlich die vielen Postzeichen und Bemerkungen des Hin- und Hersendens nach
dem Adressaten in deutscher und russischer Sprache, in blauer, rother, grner
Tinte und wer wei, setzte Rudhard mit einem leisen Anfluge von Lcheln hinzu,
ob nicht noch in unsichtbarer, sympathetischer Tinte, die nur die geheime
Polizei zu sehen und zu lesen im Stande ist!
    Der Brief selbst, mit schwacher Hand, unsicher, wie von einer Todtkranken
geschrieben, lautete:
    Nach Allem, lieber Rudhard, was zwischen uns auf dieser Erde vorgefallen
ist, werden Sie erstaunen, wie Sie noch, ehe ich dies Dasein verlasse, von mir
einen Abschiedsgru erhalten knnen! Ja, mein lieber Rudhard, ich stehe an der
Pforte der Ewigkeit. Die Stunden sind gezhlt, die mich die Langmuth des Herrn
noch athmen lt und ich frage mich, warum der erlsende Engel noch immer nicht
kommen, an mein Lager treten und mir die Augen zudrcken will! Ich frage: Was
gibt dir denn der Herr noch zu bedenken? Was sollst du noch in deinem Hause
ordnen, ehe du die Heimkehr zu deinem Erlser antrittst? Ich blicke um mich, wo
wol noch ein Herz schlgt, das ich betrbte, wo wol noch ein Fehl zu shnen und
zu ben ist, und der Erinnerungen an Schlimmes und Sndhaftes sind in mir so
viele, lieber Rudhard, da ich noch eine Ewigkeit leben mte, jeden nagenden
Gedanken aus meiner Seele zu tilgen. Ach, mein Heiland, mu ich beten, ich
ermde, mich so zu schmcken wie du mich haben willst! Nimm mich hin in deine
Arme und la die Gnade mich rein waschen von meinen Snden!
    Siegbert stockte, gerhrt von diesen innigen Worten.
    Ein Wink Rudhard's, ein leichtes Kopfschtteln, foderte ihn auf,
fortzufahren. Siegbert las:
    Dennoch nutz' ich jede Frist, die mir die Anflle der traurigen Krankheit,
an der ich sterbe, lassen, - es ist dies bel jenes schmerzlichste, an dem wir
Frauen uns auflsen mssen - um doch irgend Etwas abzuthun, was mit meiner
schwachen Kraft mir erreichbar scheint, und da bin ich zu einer ernsthaften
Betrachtung gekommen, die mich darauf fhrt, Ihnen zu schreiben.
    Sie wird Sie, unterbrach sich Siegbert, um Verzeihung bitten, da sie Ihnen
so weh gethan, Ihren aufrichtigen Sinn verkannt, Sie von Haus und Herd
vertrieben hat.
    O nein, sagte Rudhard, mit ironischer Miene. Erwarten Sie eine solche Reue
von einer Gottbegnadigten nicht! Auch ich erwartete, da sie vielleicht, alle
religise Parteiung bei Seite setzend, sich auf einen rein menschlichen
Standpunkt stellen und mir als Menschen, als ehemaligem Freund, als Erzieher
ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Vershnung zurufen wrde. Nein!
Davon finden Sie nichts! Im Gegentheil, sie verharrt in ihrem Bewutsein
reinster Gottseligkeit und berlt mir nur noch eine Gewissenspflicht, die ich
nach einer allgemeinen, rein praktischen und nur klugen Auffassung des Lebens
prfen solle. Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann; Das ist Alles!
    Aber viel! sagte Siegbert. Viel wenn es ein Auftrag ist, der einen
rechtlichen Mann erfodert und unter Hunderten, die sie whlen konnte, Sie es
sind, an den sie in der Sterbestunde dachte, Sie, der Jahre lang ihrem
Gedchtnisse entrckt war.
    Ich bitte, lesen Sie! sagte Rudhard ruhig und ohne den mindesten Anflug
eines geschmeichelten Gefhls.
    Was aus meinem unglcklichen Egon geworden, fuhr Siegbert fort, wissen Sie
vielleicht! Ich wei, da es Niemandem unbekannt geblieben ist. Die religise
Weihe, die ich seiner Erziehung geben wollte, hat keinen Widerschein in seiner
Seele gefunden. Mit zerrissenem Mutterherzen gesteh' ich Ihnen, da kein Sohn
seiner Mutter geringere Aufmerksamkeit zeigt, kein Sohn die Hoffnungen seiner
ltern mehr getuscht hat als dieser Unglckliche, Tiefverblendete! Da ihn die
innere Haltlosigkeit seiner Seele anekelte und ihn antrieb, nicht seinem Stande
gem zu leben, will ich nicht tadeln. Aber nicht das Gefhl der Reue ist es,
was ihn veranlate, sich das Kleid des Handwerkers anzuziehen, sondern leere,
nichtige Originalittssucht, der schlimmste von allen Trieben nach Auszeichnung.
Ich wenigstens kann nicht daran glauben, da die Erniedrigungen, die er in Lyon
und Paris ber sich verhngte, aus Liebe zum Erlser, aus Geringschtzung des
Lebens, aus wirklicher Demuth kamen. Eine Zeit lang hab' ich es geglaubt. Wie
ich erfuhr, mein Egon ist von Genf nach Lyon zu Fu gewandert, wie er mir einst
einen guten, edlen Brief von dort schrieb, wie ich hrte, ihn ekle die schaale,
groe Welt an, er htte fast denselben Beruf ergriffen, den Anfangs auch der
Heiland von seinem Vater Joseph erlernte, - Rudhard lchelte - berkam mich eine
Stimmung, die ich nicht schildern kann und doch hab' ich sie geschildert, habe
versucht, sie zu schildern und schrieb meinem Sohne einen Rckblick auf mein
Leben mit der Wahrheit, die aufgedeckt ist im Buche des Lebens und zu der es
mich drngt mit unwiderstehlicher Erleuchtung. Als ich diese Gestndnisse kurz
vor dem Augenblick, wo ich in einer Nacht glaubte, an meinem bel sterben zu
mssen, vollendet hatte, wut' ich nicht, wohin damit? Du stirbst und diese
Bltter, wer bringt sie dem Sohne und ruft ihm durch sie zu: Folge deinem Rufe!
be Demuth! Sei was dein Heiland war! Ach, es war Nacht um mich - die Wchterin
schlief. Da griff ich nach einem alten Bilde, das meine jugendlichen Zge
darstellte, es hing ber meinem Bette. Es hatte ein Geheimni, ein Kstchen, das
auf einen Druck am Glase aufsprang, ein Scherz, den ich in jungen Jahren zu
kleinem, verstecktem Krame benutzt hatte. Dort barg ich mein Gebet zu Gott, mein
Gestndni, das ich in einigen schlaflosen und doch entzckten Nchten
niedergeschrieben hatte, und glaubte nun zu sterben.
    Siegbert war ber die pltzliche Aufklrung des Bildes so erregt, da ihm
das Lesen der schwierigen Handschrift wunderbar von Statten ging. Er fuhr fort:
    Ich starb nicht. Dies bel ist frchterlich, lieber Pfarrer. Es gewhrt
augenblickliche Pausen, wo man an Genesung glaubt und dann bricht die Macht der
Zerstrung mit Hammerschlgen wieder auf die verwesenden Theile und man glaubt
zu sterben, ohne es zu knnen. Moschus und Opium fhren ber die grlichen
Krisen hinweg. Ich hatte oft Denkwrdigkeiten aus meinem Leben aufgesetzt und
wenn ich Bogen vollgeschrieben hatte, sie wieder verbrannt. Sie waren nicht die
reine Wahrheit, sie schlpften ohne Reue ber meine grten Snden hinweg, ich
vernichtete sie, weil ich mir vorkam wie der Phariser, der stolz auf seine
Brust schlug und sich rhmte: Ich danke dir Gott, da ich nicht bin wie Die! In
jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr gewesen; doch ich schauderte, wenn
ich bedachte, was ich geschrieben! Es war Anfangs meine Absicht, jenes Bild zu
versiegeln und bei Gerichten niederzulegen. Aber dann ergriff mich's mit
furchtbarer Angst. Wie kannst du Das von dir geben? Wie kannst du dir die
Mglichkeit nehmen, diese Bltter bei andrer Gesinnung rasch zu ergreifen und zu
zerstren? Nein, du mut sie zur Hand haben, und schon streckte die Hand sich
aus, um die Papiere zu vernichten. Da zgerte ich wieder und warf mir vor:
Siehst du, da du zitterst vor der Wahrheit! Siehst du, da du in Kleidern
prangen willst, wie die Gerechten und deine Ble verdeckst und sie nur Gott
gestehen willst! Als ich spter Schlimmes von Egon erfuhr, dacht' ich auch: O
wie gut wre dir's, Sohn, der Himmel schttete eine Schale ber dich aus, eine
Schale seines Zornes und du lerntest Demuth durch uere Dinge, da sie nicht in
dir ist!
    Was sagen Sie zu dieser Selbstqual? unterbrach Rudhard den Vorleser.
    Siegbert fuhr ohne zu erwidern fort:
    Ich schreibe an diesem Briefe schon den dritten Tag, lieber Pfarrer. Mein
Ende naht. Ich fhle Das an jenem Pochen, das nun schon oft bis an's Herz
reicht. Ein Schlag dieses Klopfers, der gut gezielt hat, und ich bin nicht mehr.
Ich habe inzwischen Manches angeordnet. Der Frst ehrte meinen Willen und lt
die Verhltnisse Hohenberg's ein Jahr so geordnet, wie sie sind, wenn ich die
Augen schliee. Auch die Einrichtung meiner Zimmer bleibt. Dem Sohne empfahl ich
durch einige Zeilen, die wol die letzten sind, die ich an ihn richtete, wirklich
das Bild und sein Geheimni. Zugleich aber, da meine Gedanken und Gefhle in
einen nimmer auszugleichenden Widerstreit gerathen sind, entschlo ich mich,
ber diese Papiere noch Einen zu Rathe zu ziehen, vor dem ich mich nicht scheuen
wrde, wenn er sie lse. Ich suchte lange, bis ich ein Wesen fand, das mir
wrdig schien. Ich fand zuletzt einige Wrdige. Aber unter den Wrdigen nur
Einen, der ntzlich, weltlich und klug genug schien, Sie, Rudhard. Da Sie
leben, wei ich; denn Ihren Tod wrd' ich in den Kirchenblttern, die ich halte,
erfahren haben. Wollen Sie mir das Versprechen geben, nach meinem Hingange, aber
ich beschwre Sie, ohne Kenntninahme des Frsten! sich das Geheimni jenes
Bildes zu verschaffen und selbst zu prfen, ob Egon diese Bltter lesen darf
oder nicht? Ihnen entdeck' ich mich, weil ich wei, da Sie schweigen, wenn Sie
zu schweigen gelobt haben, reden, wenn Sie zu reden gelobten. Sie werden aus
diesen Blttern erkennen, warum ich Christus suchte. Halten Sie sie schdlich
fr Ihren Zgling, der nach Allem, was er ber die Verlugnung seines Standes
und den Entschlu, in Frankreich ewig als ein Arbeiter zu leben, schreibt, noch
treu an Ihnen und Ihren Principien hlt, so vernichten Sie sie! Lassen Sie dann
meinen Sohn das Bild und nur - ich nehme Ihr heiliges Wort - mein Lieblingsbuch,
den Thomas a Kempis, darin finden. Das ist meine Bitte! Eilen Sie, um jedem
Misbrauch zuvorzukommen! Anliegend ein Wechsel fr Ihre Reise, Ihre Bemhungen!
    Wenn Sie mir schon in Ihrer umgehenden Antwort ein aufrichtiges: Ja! Ich
vollziehe diesen Auftrag, zukommen lassen!.. bestimm' ich, wie Ihre Mhe noch
ferner soll entschdigt werden. Eilen Sie! Einen Anfall wie den der verwichenen
Nacht berleb' ich nicht. Viel duldend, aber freudig im Herrn Amanda Hohenberg.
    Diesen Brief, ergnzte Rudhard, als Siegbert erschttert schwieg, erhielt
ich erst nach einem halben Jahre und wute an dem Datum und einer in Odessa
gelesenen Zeitungsnotiz, da sie schon einige Tage nach Absendung desselben
gestorben war. Ich gestehe Ihnen, da mein Eifer, dem Vertrauen der Sterbenden
zu entsprechen, nicht gro war.
    Sie waren in Odessa!
    Der Entfernung wegen nicht. Die Donaudampfschiffe vermitteln das Schwarze
Meer mit Deutschland ... Die Summe, die die Frstin anwies, war bedeutend ...
    Diese groartige Anerkennung auf dem Sterbebette! Sie fand in ihrem
Gedchtni keinen Redlicheren als Den, der ihre Ansichten nicht theilte, dem sie
bles gethan hatte ...
    Wohl! Aber es emprte mich wieder, da sie gerade durch diese Analyse ihres
Weges, wie sie zu Christus htte kommen mssen, sich vor mir rechtfertigen, mich
vielleicht in ihrem Sinne bekehren wollte. Ich sah die ganze Frau vor mir!
Dieses Gemisch der freundlichsten Eigenschaften mit einer unglaublichen Menge
eitler, unpraktischer, confuser Vorstellungen! Ich fhlte mich so erkltet durch
diese Widersprche von ihr selbst, die bis zum Rande des Grabes angedauert
hatten, da ich meiner Unentschlossenheit um so mehr nachgab, als ich von Egon
gerade damals hrte, da er die communistischen Thorheiten, die er getrieben
hatte, aufgab, wol wieder Frst war und zu einer wahrhaft verlorenen Seele, die
mir die bittersten Schmerzen schon gekostet hat, zur Grfin d'Azimont in eine
jener Beziehungen trat, die sich die verwerfliche Moral der hheren Stnde, wie
das Reinste und Edelste erlaubt. Sagen Sie selbst, ob ich tadelnswerth handelte,
indem ich den Ablauf des Jahres herankommen lie, ohne mich zu eifrig zu
bemhen?
    Ich wei nicht, entgegnete Siegbert, ob ich an Ihrer Stelle mich beruhigt
htte. Die Gestndnisse der Frstin waren hoffentlich nur fr den Handwerker
Egon bestimmt ...
    Rechnen Sie noch Dies, fuhr Rudhard fort, da ich erfuhr, Egon's Vater htte
die ganze Einrichtung des Schlosses Hohenberg unter der Bedingung verkauft, da
von ihr nichts verndert wrde bis zu seinem Tode, da ich ferner aus den
Nachrichten, die wir in Odessa ber die d'Azimont hrten, wute, Egon htte
nicht die Absicht jemals Paris zu verlassen. Frst Wsmskoi wollte eine Reise
hierher unternehmen und auf diese spart' ich meine etwa noch mgliche Erfllung
der mir zugemutheten Verpflichtung auf. Der Frst erkrankte aber auf einer
Dienstreise und starb. Da bedenken Sie denn die Verwirrung, in die eine mir
unendlich theure Familie gerieth! Bedenken Sie, wie ich alle meine schwindenden
Krfte zusammenraffen mute, um diesen Verzweifelnden Sttze und Stab zu sein!
Da gab es zu ordnen, zu rechnen, zu schreiben ... Die Reise hieher und ein
lngerer Aufenthalt in dieser Stadt wurde der Kinder wegen beschlossen, die hier
unterrichtet werden mssen, wenn etwas von tieferer Bildung in diese
gutgearteten Seelen kommen soll. Aber es verzgerte sich von Monat zu Monat.
Endlich komme ich hier an, hre von Egon's Anwesenheit, von Helene d'Azimont,
da sie seit einigen Tagen hier ist ... Wir richteten uns vor dem Thore in einem
dort durch die Gesandtschaft schon bereit gehaltenen Gartenlogis ein und ...
    Nun? sagte Siegbert gespannt, als Rudhard stockte.
    Nun wollt' ich doch sehen, ob es noch mglich ist, eine vielleicht durch die
Gunst des Schicksals selbst verschobene Sache wieder aufzunehmen. Ich besuchte
soeben das Palais des Prinzen, hre von seiner Krankheit, lerne einen Franzosen
kennen, der mir ein so lebhaftes Interesse fr den Prinzen, fr mich, den er als
frheren Lehrer desselben schon kannte, zu besitzen schien, da ich mich nicht
scheute, ihn in das Geheimni der Frstin Amanda, so weit thunlich, einblicken
zu lassen. Er sprach selbst von dem Bilde und nannte mir Sie und Ihren Bruder
als die zuflligen gegenwrtigen Besitzer desselben, und da bin ich denn nun, um
zu hren, was Sie selbst von allen diesen Dingen halten und was Sie beschlossen
haben, wie es damit ferner geschehen soll.
    Siegbert erhob sich, ging mit einigen entschlossenen Schritten in das
Nebenzimmer und kam mit dem Bilde wieder.
    Da ist das Bild! sagte er.
    Rudhard angenehm berrascht, erkannte es sogleich als das der Frstin in
jungen Jahren.
    Als er aber danach langen wollte, hielt Siegbert seine Hand darauf und
Rudhard trat zurck.
    Siegbert sprach nichts und doch lag in seinem Blicke die beredtsamste
Vertheidigung seines Vorenthaltes ...
    Sie haben Recht, sagte Rudhard. Ich kann keine Ansprche darauf machen. Auch
nur der Anblick der Frstin berrascht mich! Ich sehe die Spuren dieser
eigenthmlichen Frau in meinem Gedchtnisse wieder wie lebendig auftauchen. Die
Unglckliche kam schon krank nach Hohenberg und doch ... das schwrmerische,
schmerzlichblickende Auge rhrt mich. Vergib mir, liebe Frau, ich habe einen
recht bittern Groll gegen dich im Herzen gehabt, du hast mir viel Leides
angethan, vergib mir, da ich mich deinem Andenken nicht frher vershnte und
deine dargebotene Hand ergriff! Der Tod ist hart, aber er ist nicht die Grenze
unseres Lebens. Er soll nicht Alles ausgleichen. Der Tod soll Charakter haben,
wie das Leben. Wann der Tod jede That des Lebens auslschte, stnde schon seit
Jahrtausenden die Geschichte still!
    Sie klagen sich an, Herr Rudhard, begann Siegbert, indem Sie sich
rechtfertigen wollen! Nach meinem Gefhle haben Sie allerdings das Recht
verwirkt, die in diesem Geheimni enthaltenen Bltter zu lesen! Aber eben wie
Sie eintraten fiel mein flchtiger Blick in diese Papiere, deren ganze
Geschichte ich erst von Ihnen erfahre, und ich fhlte, da sie Schweres,
Bedeutungsvolles enthalten.
    Der Geist der Frstin Amanda ruft mir zu, da diese Bltter ungelesen
aufbewahrt bleiben sollten, bis Sie kamen ... Ich wrde Ihnen doch das Bild
geben, wenn nur mein Bruder damit bereinstimmt!
    Ihr Bruder? wiederholte Rudhard ... Er bot Siegberten die Hand und
betrachtete den jungen Mann voll Theilnahme. Er erkannte in ihm eine jener
schwrmerischen Naturen, die ihm nicht ganz sympathisch waren, aber das
Ehrenhafte, Wrdevolle und Sanfte seiner uerungen gefiel ihm doch so
auerordentlich, da er eine wahre Liebe zu dem jungen Mann fate.
    Nun wohlan! sagte er. Lassen Sie es von Ihrem Bruder, dessen Ansprche auf
das Bild ich nicht kenne, abhngen! Der Prinz wird hoffentlich genesen. Ich
durchfliege dann die Bltter und auf den ersten Blick werd' ich sehen, ob ihm
diese Gestndnisse einer bis ber's Grab hinausgehenden Wahrheitsmanie oder die
Bcher des Thomas a Kempis ntzlicher sind. Zrnen Sie mir deswegen, da ich die
Bitte einer Sterbenden nicht sogleich erfllte?
    Ja! sagte Siegbert mit edler Offenherzigkeit, die Rudhard anerkennen mute.
Ich wre nicht im Stande gewesen, eine solche Bitte unausgefhrt zu lassen.
    Werden Sie sechzig Jahre, mein junger Freund, antwortete Rudhard, indem er
seinen Hut ergriff, sehen Sie erst, was Alles auf unser Urtheil, unsere
Willenskraft mit Zumuthungen und Ansprchen einstrmt und Sie werden zhe werden
im Erfllen, wie ich es bin! Dieses Schwunges der Phantasie, mich in Odessa von
allem mir Theuren loszureien und eine Grille verkehrter Menschen auszufhren,
war ich nicht fhig. Verkehrt nenn' ich dich, arme Frau! Vergib mir auch dies
Wort! Ich mochte nicht in deine Falle gehen, die noch nach funfzehnjhriger
Trennung mir gelegt wurde, um mich zu bekehren! Denn Das ist es, lieber
Wildungen! Was Sie auch auf flchtigen Blick in diesen Papieren gefunden haben
mgen, sie sind nur fr mich berechnet, fr meine Erleuchtung, fr meine noch im
Tode von der Proselytin des Glaubens versuchte Erschtterung der eingebildeten
eigenen Vernunft!
    Siegbert schwieg ber diese wol zuweitgehende, aber charakteristische
Vermuthung eines starren Rationalisten und schlo das Bild in einen Schrank der
Aula.
    Nach einigen Worten, die die neuen Bekannten ber die Erklrung Dankmar's
und den Ort des baldigen Wiederzusammentreffens gewechselt hatten, sagte
Rudhard:
    Woher stammen Sie denn eigentlich? Der Name Wildungen ist mir so gelufig!
Er erinnert mich -
    Vielleicht an meinen Vater? fiel Siegbert ein.
    Wildungen! Wildungen! sagte Rudhard. Er war -
    Pfarrer in Thaldren und Angerode.
    Studirte aber mit mir - glaub' ich..
    Auf der Universitt schwerlich, sagte Siegbert. Lebt' er noch, mt' er erst
ein Funfziger sein.
    Wohl! Wohl! sagte Rudhard. Wildungen! Sieh! Es war mein Schler ... Sieh!
sieh! mein Zeltgenosse, contubernalis von dem Stifte her, das uns bildete. Im
schnen Saalthale bei Naumburg auf der Schulpforte wurden wir erzogen. Ich war
Primaner und nach damaliger Sitte hatt' ich jngere Knaben unter meiner
Aufsicht. Wildungen! Ich entsinne mich, Otto Wildungen.
    Otto Wildungen! besttigte Siegbert bewegt.
    Er war mein contubernalis, sagte Rudhard. Ich mochte sechs Jahre lter sein
als der kleine Quartaner, der meiner Aufsicht anvertraut wurde. Ich hatte deren
drei unter meiner Obhut. In meinem alten akademischen Stammbuch hab' ich von ihm
einen Denkspruch. Als ich zur Universitt ging, schrieb mir jeder der Kleinen
etwas zur Erinnerung, natrlich etwas, was ich ihnen dictirte, lateinisch oder
griechisch, anders verewigte man sich damals nicht in den Stammbchern von
Schulpforte, in mein Album.
    Siegbert bezeugte eine groe Neugier, dies Erinnerungsblttchen an die
frheste Jugend seines Vaters zu lesen ...
    Und als er gar noch vernommen hatte, da die beiden andern contubernales des
Primaners Rudhard Rodewald und Gelbsattel geheien hatten, wuchs seine Neugier
in dem Grade, da ihm Rudhard anbot, ihn doch nun gleich zu begleiten und sich
die alte Reliquie anzusehen ... Siegbert schlug es aus, da ihm doch die Sammlung
fehlte, mit Jemandem, der nicht ganz auf sein Innerstes gestimmt war, jetzt zu
lang' allein zu sein. Er lie sich genau von Rudhard die Wohnung der Frstin
Wsmskoi beschreiben und versprach, ihm schon morgen ber Das, was sein Bruder
wegen des Bildes beschlieen wrde, Bescheid zu geben.
    Rudhard ging mit den Worten:
    Ich freue mich nun doch, da ich dem Triebe folgen mute, Etwas zu thun, was
die auf mich abgesehene Bekehrungsmethode der Frstin Amanda erleichterte. Ich
habe Sie kennen gelernt, einen Sohn meines kleinen Wildungen, der so sinnig und
gut war! Und der ruht nun auch schon! Gelbsattel ist ein hochgestellter Papst
unsrer Kirche, Rodewald, nach dem Sie mich fragen, scheint verschollen, ich
verlor ihn ganz aus dem Gedchtni. Er war der Jngste von Allen, wild und
strrisch, aber der Begabteste! Und Sie sind nun Einer von unsrer jungen
Generation! Ein Maler! Neue Begriffe! Neue Lebensanschauungen! Auf eine Welt
versetzt, in Zeitwirren, aus denen wir bald erlst sein werden. Wir nmlich, die
wir sie nicht mehr verstehen! Ich bin nur ber Eins froh, da die Menschen
offner und gerader werden! Das ist noch das Beste von Dem, was uns diese Tage
gebracht haben. Das berma von Freimuth hat wenigstens das traurige Unterma
von frher, die Heuchelei und das Kriechen, entfernt. Im brigen find' ich mich
nicht mehr in dieser Zeit zurecht ...
    Sie kommen freilich aus Ruland, sagte Siegbert lchelnd.
    Aber nicht aus Sibirien, ergnzte Rudhard, schon die Thr ergreifend. In
Odessa friert der Verstand nicht ein und wo man das groe allmchtige Meer
sieht, das der menschlichen Dmme und Satzungen spottet, da wird man niemals
Sklave. Ja, ja! Des Meeres Anblick macht Alles gleich. Aber.. Aber.. es lehrt
auch die ewige Grenze des Irdischen, es lehrt uns Demuth und Bescheidenheit. Der
stolzeste Segler fhrt zerschmettert an ein verstecktes Felsenriff. Die
Menschen, die der Natur und ihren groen Weihestunden entrckt sind, bilden sich
zuviel ein auf ihre Pygmenkraft. Auf den Bergen wohnt die Freiheit! Hast Recht,
edler Schiller! Aber am Meere wohnt die Beschrnkung. Leider liegen Paris, Wien
und Berlin weder auf Bergen, noch am Meere. Der Dnkel des Flachlandes
beherrscht uns. Die Tumerei der nackten Erdscholle, die nur blauen Himmel um
und ber sich sieht, Die erfindet die Ideen, die jetzt die Welt erlsen sollen!
Ich vertheidige Ruland nicht: ich achte die Menschenwrde. Aber ein Land, in
dem man schweigen mu, lehrt uns denken. Da, wo man Alles sagen darf, denken die
Menschen nicht mehr.
    Mit diesen Worten trat Rudhard an die Stiege, bis zu deren Rande ihn
Siegbert begleitet hatte.
    Siegbert befand sich, als er wieder allein war, in einer eigenen Stimmung.
Er hatte Merkwrdiges, berraschendes erfahren, aber auch wieder eine Binde mehr
vor den Augen. Diese Bltter, die er eben hatte lesen wollen, die ihn so
fesselten, so reizten, schlossen sich nun wie ein heiliges Geheimni ... Er fiel
in die Wehmuth ber die Erfahrungen dieses Tages zurck ... Der Schmerz um
Melanie, um den Bruder, um Alles durchzuckte ihn.
    Dankmar kam nicht. Bei jedem Gerusch hoffte er, der Bruder wrde eintreten.
Er blieb aus ...
    Siegbert fhlte das Leid des Bruders wie sein eignes. Beiden war eine lichte
rosige Wolke entflohen! Beiden hatte derselbe Traum von Glck und Liebe
gelchelt! Des Jnglings ringende Seele hat ja nur Eins, was ihn ganz erfllen,
ganz und voll ergreifen kann: die Liebe! Alles Andre, was sonst in sein Inneres
drngt, ist ja noch unreif, unfertig und bedarf tausendfacher Besttigung durch
die Erfahrung und durch die unermeliche Bcherwelt! Nur die Liebe bedarf keines
Buches, sie liest die grten Schtze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der
Geliebten. Die Liebe bedarf keiner Prfung, sie sieht nur und glaubt ja und
vertraut. Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht, denn sie liegt vom Anbeginn in
unsrem Herzen!
    Und diese Zauberkraft war Beiden pltzlich gelhmt! Gelhmt Beiden durch
einen einzigen Schlag! Beiden war nichts geblieben als das Bewutsein ihrer
Unfertigkeit und vielleicht nie sich abschlieenden Vollendung! Siegbert fhlte
es an sich, was auch Dankmarn bewegen wrde.
    Er sucht, wie du jetzt, sagte er sich, die Fden, die ihn in die alte
gewohnte Auffassung seiner Mhen und Pflichten wieder zurckfhren sollen! Er
sucht, wie du jetzt, das in Kupfer verwandelte Gold seines Glckes in den Strom
des Vergessens zu werfen und steht am Ufer vielleicht in Thrnen dem schweren
Falle nachhorchend! Er bittet die Bume vielleicht auf einsamer Wanderung, ob
sie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen wrden, um ihn zu qulen! Er
bittet sie um mildernde Gedanken und Alles suselt und rauscht doch vielleicht
nur das alte se, verlorne, ertrumte Glck! Spare mir deinen Duft doch auf, du
treuherzige, vertrauliche Blume, spar' ihn mir auf ein knftiges Glck, wenn ich
es finde! Jetzt entlockt mir dein Gru nur Thrnen! Die Sprache, die du
sprichst, darf ich ja nicht mehr verstehen.
    So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder - und um sich!
    Ja, auch um sich! Gibt es denn nicht ein Mitleid auch um sich selbst?
    Habt Ihr nie Thrnen vergossen, trumte Siegbert, als er sich auf des
Bruders hartes Sopha streckte, um Euch selber? Nie geweint um die bittern
Schlge des Schicksals, die Euch trafen? Nicht, da Ihr erlaget, da Ihr
unglcklich waret, schmerzte Euch so tief - Ihr hattet Kraft und Muth, das
Widerwrtigste zu ertragen; aber da es kam, da es Euch gerade traf, da Ihr es
sein mutet, denen das Fllhorn Fortunas immer und immer nur stachlichte Frchte
zuwarf dies Mitleid mit Euch selbst war Euch rhrender als das Unglck selbst.
Lebensfrohe, hoffende, glckberechtigte Jugend, warum mut du weinen? Stolzes,
von Gttern geliebtes, riesenkrftig arbeitendes Genie, warum mut du leiden?
Edler, groer Wille, warum mut du scheitern? Warum du? Warum du? Diese bittre
Frage um Etwas, Das deine Kraft lngst stolz beantwortet hat, Die ist es, die an
deinem Herzen nagt und dein Gemth verwundet!
    ...Siegbert war von seinem Kummer fortgerissen und so erfllt von der
Vorstellung, da sein Bruder, der ihn erst um neun Uhr, bei jenem ihm pltzlich
sonderbarerweise so nahe gerckten Fritz Hackert in der unheimlich alten,
verrufenen Brandgasse sehen wollte, die Zeit bis dahin auf einer einsamen
Wanderung vor den Thoren, im Parke, am Schloteiche, in den Alleen, die zu den
Drfern fhrten, zubrchte, da er sich aufraffte und ihn dort suchen wollte.
    Es hatte sechs geschlagen. Die Sonne warf freundliche Lichter. Spaziergnger
suchten wie er die Thore. Er flog nach der Gegend hin, die ihm die stillste und
fr den Kummer einladendste schien ...
    In einer halben Stunde war er unter jenen Grten und Villen, die wir bei
Gelegenheit der Wohnungsangabe Paulinen's von Harder kennen lernten. Hier gab es
stille Pltze und enge Wege, die hinaus in's Feld fhrten. Kinder mit
Kornblumenkrnzen begegneten ihm. Liebende gaben sich hier hinter den Mauern der
Grten ihre unbelauschten Stelldicheins. Gelehrte setzten sich mit Bchern auf
eine einsame Bank und schpften freie Athemzge in ihre gebckte Brust.
    Hier siehst du, sagte sich Siegbert, den Bruder unter irgend einem
Lindenbaum! Du kennst einen solchen, dicht am Eingang in die Kornfelder! Dort
sitzt er gewi und denkt: Warum ist Siegbert nicht bei dir und wir plaudern ber
das Leben, die Tuschungen der Herzen, das allgemeine Ziel der Menschheit und
unser eigenes!
    So nachdenkend, bemerkte Siegbert kaum, da er in dieselbe Gegend kam, wo
ihm Rudhard gesagt hatte, da auch die Frstin Wsmskoi wohne ...
    Wie erstaunte er, als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten
pltzlich wieder denselben strengen Mann mit einem Buche lesend fand, umgeben
aber von zwei wunderschnen Kindern, einem Knaben und einem Mdchen ...
    Bald spielte der rstige Greis mit den Kindern, bald las er eine Stelle in
seinem Buche.
    Ein Teller voll Obst stand auf einem grnen Tische neben ihm. Die Kinder
naschten und er stellte sich, als she er es nicht ...
    Wenn eins eine Kirsche ergriffen hatte, fuhr er mit der Hand nach den
kleinen Dieben und diese freuten sich jubelnd ihn berlistet zu haben.
    Siegbert, der Das so beobachtete, wollte erst an dem Stacket vorber und
wute nun nicht, ob er sich nicht lieber zurckziehen sollte. Dem Besinnen ber
seinen Entschlu blieb aber nicht viel Zeit; denn Rudhard entdeckte ihn bei
einer Wendung, die er, um die Kirschendiebe zu haschen, nehmen mute. Er schien
sehr angenehm berrascht, seinen eben verlassenen Bekannten schon wiederzufinden
und lud Siegbert ein, jetzt nur gleich hereinzutreten.. Hier wohne er! Dies
wren die jngsten Kinder der Frstin!
    Siegberten war es, als wenn er zudringlich erscheinen knnte, als wenn man
glauben mte, er htte absichtlich schon jetzt diese Gegend aufgesucht.. Er war
in sichtlicher Verlegenheit.
    Aber Rudhard blieb dabei, er msse nun eintreten, sein Zimmer, seine Bcher,
seine Sammlungen sehen.
    Wir haben uns eingerichtet, sagte er, hier ein paar Jahre zu bleiben!
    Wie er aber das fortgesetzte Struben Siegbert's durch die Worte zu
widerlegen suchte: Und mein Stammbuch aus Schulpforte? Wie ist's damit? - da
konnte Siegbert nicht widerstehen, sondern trat durch die Pforte zur Wohnung der
Frstin Wsmskoi ein.
    Die von Gueisen gefertigte Thr drhnte gewaltig, als sie hinter ihm durch
ihre Wucht von selbst zufiel.

                              Vierzehntes Capitel



                                 Olga Wsmskoi

Die kleinen Wsmskoi's hieen Rurik und Paulowna, sprachen deutsch und glichen
sicher mehr ihrer deutschen Mutter, einer gebornen Adle von Osteggen, als ihrem
russischen Vater, dem Kns Wsmskoi.
    Zutraulich machten sie die Bekanntschaft Siegbert's, von dem ihnen Rudhard,
obgleich noch vllig unbekannt mit Siegbert's Talent, doch erzhlte, da er ein
Maler wre und herrliche Bilder machen knne.
    Gleich hatten sie ihm ihre eignen Versuche in dieser Kunst mitzutheilen und
versprachen ihm Proben zu zeigen.
    Siegbert fate die kleine Paulowna an der Hand, Rurik zog, ja zerrte ihn
fast die Treppe hinauf in das Zimmer Rudhard's, den sie Papa nannten.
    Dies Zimmer war sehr traulich von der eben sinkenden Sonne beleuchtet und
obgleich erst seit kurzem bewohnt, doch schon von Taback ziemlich eingeruchert.
    Ich bin kein eleganter Hofmeister, sagte Rudhard, wie der moschusduftende
Monsieur Rafflard in Schmalelinken, wo ich keine andere Unterhaltung als mein
Weib, die Besuche aus Osteggen und den Taback hatte.
    Die Kinder lieen ihm keine Zeit, seine eigene Einrichtung zu zeigen. Alles
wuten sie genauer als Rudhard. Sie schleppten Bcher, Zeichnungen, gestickte
Polster herbei, um ihren Besuch zu unterhalten. Ja es htte nicht gefehlt, sie
wrden eine altmodische Stutzuhr heruntergeholt haben, um ihm zu zeigen, da
daran in Bronze der Tod immer mit der Hippe aufklopfe, wenn es eine neue Stunde
schlge ...
    Endlich hatte Rudhard unter Papieren kramend sein altes Stammbuch gefunden
und zeigte es Siegberten, den theils die Kinder, theils der anmuthige Blick in
den Garten fesselten.
    Rudhard schlug in dem kleinen Buche mit altem abgestoenen Maroquinband die
vergilbten Bltter auf und zeigte Siegberten eins, wo sein Vater recht mit einer
Knabenhand die Worte eingeschrieben hatte:
    Nemo ante mortem beatus. In memoriam Ottonis Wildungen Portensis.
    Paulowna fragte, wie das hiee und Rurik konnte schon so viel Latein, da er
auf Rudhard's Aufforderung bersetzte:
    Niemand ist vor dem Tode glcklich. Zur Erinnerung an Otto Wildungen ...
    Bei Portensis stockte Rurik. Rudhard mute es erklren und sagte:
    Das heit Otto Wildungen, ein fleiiger und sehr braver Schler aus dem
berhmten alten Stifte zur Schulpforte.
    Rurik begriff nicht, wie ein einziges Wort Portensis so viel ausdrcken
knne und wurde ber die Vortrefflichkeit der alten Rmersprache sehr
nachdenklich.
    Siegbert fhlte die Wahrheit dieses Spruches aus dem kummervollen Leben des
Vaters ergriffen genug nach. Auf einem andern Blatte stand:
    Per aspera ad astra. In memoriam Theophili Gelbsattel Portensis.
    Rurik bersetzte wieder streng schlerhaft:
    Durch Rauhes zu den Gestirnen. Zur Erinnerung an -
    Gottlieb Gelbsattel, ergnzte Rudhard -
    Heit Portensis hier wieder ein fleiiger, braver Schler aus Schulpforte?
fragte Rurik.
    Hier heit es, sagte Rudhard, blos: Ein gut fortgekommener Schler aus
Schulpforte.
    Rurik begriff diese neue Feinheit der Sprache nicht und bersetzte jetzt
ohne allen Commentar das dritte Blatt von Heinrich Rodewald, das so lautete:
    Nec te vestigia terrent! In memoriam Henrici Rodewald Portensis.
    Und nicht dich Spuren schrecken! Was heit Das? sagte der Knabe.
    Rudhard antwortete:
    Dieser Spruch ist schwer, mein Sohn, fr einen Knaben zu begreifen und noch
unglaublicher, wie man ihn als Knabe schon zum Denkspruch whlen konnte. Sicher
hatte ein Lehrer diesen Spruch erlutert und fr den wilden unternehmenden
Rodewald pate er wol. Dich erschrecken nicht, heit Das, die Folgen deiner und
fremder Handlungen! Ein trotziges Wort! Und doch gefllt es mir, wenn es der
Muthige und der Tugendhafte sagt.
    Siegbert mochte nicht hinzufgen, da es hier der Tugendhafte nicht gesagt
htte. Dennoch mute er erstaunen, wie im Bruder seiner Mutter schon so frh
sich diese Sicherheit der eigenen moralischen Verantwortlichkeit ausgesprochen
hatte: Nec te vestigia terrent! Und Spuren, ob eigne oder fremde, Folgen oder
Gefahren, schrecken dich nicht!
    Rudhard ergriff die Feder und sagte:
    Zu Ihrem Vater aber mu ich ein Kreuz setzen zum Zeichen, da er dahin ist.
Niemand ist vor dem Tode glcklich. Wann fand der Gute sein Glck?
    Siegbert nahm ihm die Feder ab und schrieb in bewegter Stimmung den
schmerzlichen Todestag des Vaters hin. Unwillkrlich malte er dann das bei allen
Verstorbenen stehende Kreuz so wie es zu ihrer Familiengeschichte gehrte, mit
dem vierblttrigen Kleeblatt. Dazu schlug die merkwrdige alte Uhr ber ihnen
eben sieben und der Sensenmann schwang richtig siebenmal seine Hippe.
    Die Form des Kreuzes fiel Rudhard auf. Doch unterlie es Siegbert ihm
weitere Aufklrungen zu geben, weil der kleine Rurik durch die Devise: Niemand
ist vor dem Tode glcklich! auf das Auskramen seiner kleinen Weisheit gerieth.
Er wute nmlich, da diese Worte der weise Solon zum reichen Krsus gesagt
haben soll, als ihm dieser seine Schtze zeigte. Rudhard ermunterte ihn, diese
hbsche Geschichte seiner Schwester Paulowna zu erzhlen. Er wollte ihn
vorlufig los sein.
    Indem Rurik sich dazu mit vielfachen Selbstberichtigungen und Wendungen:
Nein, so war's, oder so.. in Athem setzte, bemerkte Siegbert, da sich die
Gesellschaft des nicht zu gerumigen Zimmers um eine Person vergrert hatte.
    Ganz leise und von ihm wenigstens unbemerkt war whrend des Bltterns in dem
alten Schulpforter Stammbuche ein junges Mdchen von eigenthmlichem Wesen
eingetreten und hatte sich ohne Gru, ohne Antheil zu bezeugen, ohne ein Wort zu
sprechen hinter Rudhard gestellt und den Erluterungen der einzelnen Bltter
zugehrt.
    Sie war lter als Rurik, der etwa zwlf Jahre zhlen mochte.. Paulowna
schien deren erst acht zu haben. Dennoch hatte sie etwas, was hinter ihren
Jahren zurck war und pltzlich wieder etwas, was ihnen weit voraus schien. Sie
war nicht gro, diese zarte Gestalt, von einer durchsichtigen weien Haut. Der
Kopf war entschieden russischnational. Die Augen mehr lnglich als rund, aber
sanft mit langen schwarzen Wimpern beschattet; die Lippen voll und schwellend,
aber etwas bleich. Die Form des Gesichtes sehr rund, die Nase zart, aber mehr
stumpf, als regelmig schn, die Augen blau, ruhig, tief und klar oder doch nur
so unheimlich wie ein zu stiller See, von dem man nicht wei, wo er das frische
Quellwasser, das in ihm rinnt, hernimmt, durch welche unterirdische Schleuse er
mit greren, unbekannten, geheimnivollen Gewssern zusammenhngt. Das starke
pechschwarze, glnzende Haar war vorn im Scheitel und hing in den Nacken in zwei
dick geflochtenen Zpfen herab. Da dies Mdchen noch feine battistene
Spitzenpantalons trug, war fast eine Anomalie und doch war bei allem Ernst ihres
Wesens, bei aller Reife des Blickes der ganze Eindruck unbestimmt, ja auf
Augenblicke vllig kindlich.
    Wie Siegbert diese stillgekommene Vermehrung der Gesellschaft bemerkte,
sagte Rudhard zur Vorstellung die einfachen kurzen Worte:
    Meine liebe Olga! Die Schwester meines guten Rurik, der so gut aus dem
Herodot zu erzhlen wei, den er binnen zwei Jahren hoffentlich im Urtext liest!
Der junge Maler, von dem ich der Mutter vorhin erzhlte, Herr Wildungen!
    Olga Wsmskoi achtete wenig auf diese etwas frmlichen Worte, sondern sah
fast todt und kalt in das Stammbuch, das Rudhard eben weggelegt hatte. Sie
betrachtete das Kreuz, das Siegbert gezeichnet und schien dabei fast ohne allen
Antheil, fast ganz apathisch.
    Siegbert, befremdet ber diese Art, hielt Olga mit Recht fr stolz und
besann sich, da sie nach russischem oder franzsischem Sprachgebrauch eine
Prinzessin war.
    Wir mssen in den Garten gehen, Sie mssen die Mutter dieser guten Kinder
kennen lernen, begann nun Rudhard.
    Siegbert entschuldigte sich und wies auf seine Kleider.
    Olga hob den Blick vom Stammbuche auf, stellte sich rckwrts an's Fenster
und betrachtete Siegbert mit einem Blicke, dessen Ruhe ihm wahrhaft
unbegreiflich war. Noch hatte sie kein Wort gesprochen, nicht das mindeste
Interesse verrathen und doch setzte sie ihn durch diese Art, ihn zu fixiren,
fast in Verlegenheit.
    Rudhard lachte aber ber Siegbert's Bedenklichkeiten wegen der Kleidung.
    In ein so frmliches Haus, sagte er, sind Sie hier nicht gekommen. Unsere
Jger und Haiducken lieen wir in Odessa. Wir brachten nur uns selbst mit,
Menschen ohne Ansprche, die hier leben wollen, um zu lernen, einsammeln fr die
Misjahre, die in Ruland genug noch kommen werden. Begleiten Sie uns nur in den
Garten! Sie sollen uns noch manchen Rath geben. Ja, ja, wir halten diese
Bekanntschaft fest!
    Die Kinder hpften voraus. Olga blieb zurck und folgte Rudhard und
Siegberten nur in gemessener Entfernung. Man trat aus dem Hause und bemerkte
leider, da ein Wagen vorgefahren war, der der Frstin wol einen Besuch gebracht
hatte. Siegbert entdeckte zur Mehrung seiner Verlegenheit sogar einen Bedienten
in Hoflivree.
    Wir lustwandeln etwas im Garten, sagte Rudhard, als ihm ein Diener der
Frstin gesagt hatte, die Oberhofmeisterin von Altenwyl wre bei der Herrschaft.
    Der Diener sprach diese Meldung aus, wie wenn es sich um das Gewhnlichste
handelte. Ein seltsamer Gegensatz zu Siegbert's Empfindung, der die hohe
Bedeutung dieser Frau Grfin von Altenwyl vollkommen kannte. Man lie nun, um
die Seitenfront biegend, die hintere Front des Hauses liegen. Hier gerade in der
Nhe eines grnen Rasens und eines Akazienbaumes, dicht an der mit wildem Wein
bezogenen Wand des Hauses, sa die Frstin mit weiblichen Handarbeiten
beschftigt auf einem Gartenstuhl vor einem einfachen lndlichen Tische, auf dem
bunte Wolle zu Stickereien, gemalte Muster, angefangene Teppiche ausgebreitet
lagen. Hier hatte die Frstin eben die Grfin von Altenwyl empfangen ...
    Die Kinder wurden natrlich herbeigerufen, um der Grfin, einer Freundin der
verstorbenen Mutter der Frstin, vorgestellt zu werden ...
    Die Kleinen trennten sich ungern von Siegbert, den Rurik und Paulowna schon
an der Hand gefat hatten, um ihm ihre groen Plne und Anlagen zu zeigen, die
sie im Garten anzuwhlen, denn das war der beste Ausdruck dafr, im Sinne
hatten.
    Rudhard, der ein schwarzes Sammetkppchen aufsetzte, grte im Vorbergehen
leicht. Siegbert zog den Hut mit schuldiger Ehrerbietung und bemerkte, da die
Frstin noch jung war, klein und zart und von einer Weie der Haut, die von der
Trauer, die sie noch trug, in einer dem Auge sehr wohlthuenden Art abstach.
    Als Rudhard und Siegbert allein waren, sagte jener:
    Diese Unmasse von Besuchen, die auf uns einstrmen, sind die lstige Seite
unsres hiesigen Aufenthaltes. Und das Kennenlernen von Menschen ginge noch, da
es lehrreich ist. Aber Jeder will noch mehr, als nur seine Person zeigen oder
die unsrige erforschen. Man bietet sich zu hunderterlei Liebesdiensten an, die
im Grunde keinen andern Sinn haben, als sich in seiner Macht, seinem Einflusse
und leider auch in seinen falschen Lebensauffassungen zu zeigen. Da werden
Bedrfnisse geweckt, die uns frher fremd waren, Meinungen, Unternehmungen sogar
werden als sich von selbst verstehend vorausgesetzt, die wir weder kennen noch
uns an ihnen zu betheiligen Verlangen tragen. Da hab' ich meine Noth im
Widerlegen, im Entfernthalten! Glauben Sie mir, Das, was man die Gesellschaft
nennt, ist der anmaendste Tyrann, den man sich nur denken kann! Er nimmt die
Menschen gefangen wider ihren Willen und bildet sie, ohne da sie seine
Berechtigung dazu anerkennen wollen.
    Der Eindruck dieser groen Stadt, bemerkte Siegbert, wird um so gefhrlicher
sein, als mir die Frstin noch jung scheint und unmglich zu den schon
abgeschlossenen Charakteren gehren kann.
    Sie zhlt doch, sagte Rudhard, schon etwa sechs und dreiig Jahre, whrend
Helene, die Grfin d'Azimont, etwa erst im dreiigsten steht. Sie haben Recht,
wenn Sie andeuten, da dies fr die Frauen gefhrliche Altersstufen sind. Diese
und die erste zarteste Entwickelung der Jungfrau! Die Knospe hat eine mchtig
berschwengliche Vorstellung von der Seligkeit ihrer knftigen Blte und lacht
ihrer Zukunft mit zitternder Ungeduld entgegen.
    Und die schon volle Rose, die dem Entblttern nahe ist, die strubt sich
dann auch noch gegen ihren Verfall. Eine Frau in diesen Jahren wei, da es nun
die Zeit des Abschieds ist, da Das, was ihr bis dahin nicht geblht hat, nie
mehr blhen wird, und so erlebt man oft, da die edelsten und besten Charaktere
von diesem Alter wahrhaft beunruhigt werden und in die gefhrlichsten
Schwankungen gerathen.
    Glauben Sie, da bei der Grfin d'Azimont dies der Fall war? fragte
Siegbert, den die vereinzelten Andeutungen, die er schon ber diese Frau
empfangen hatte, doch interessirten..
    Helene d'Azimont, sagte Rudhard, war ein liebes sanftes Kind! Als ich sie in
Osteggen kennen lernte, schlo sie sich mir mit wahrer Zrtlichkeit an, inniger
fast, als ihre ltere, eben sich verlobende Schwester Adele. Sie war damals
dreizehn oder vierzehn Jahre alt. In Odessa versank Helene fast in eine stille
Traurigkeit. Sie fand sich in der neuen Welt nicht zurecht, gerieth in ein
dumpfes Brten und wurde trg. Ich wollte sie durch die Bildung anspornen, aber
sie trug wahrhaft schwer unter der Last der Dinge, die sie lernen sollte. Da hat
man denn gern zugegeben, da ein von der franzsischen Regierung mit Auftrgen
fr Konstantinopel reisender Diplomat sie mit sich nahm. Es war ein frhlicher
Gesell, nicht mehr jung, dieser Graf d'Azimont, er fand gerade an der rein
physischen Schwere des Mdchens Interesse, was ich mir aus sinnlichen Grnden
wohl erklren kann. Denn es mag einen eigenen Reiz gewhren, ein solches Trumen
durch die Liebe zum Bewutsein zu bringen und das schlummernde Phlegma zu
beleben. Man lie Helene mit banger Besorgni ziehen. Sie ging schon frhlich,
schon fast ausgelassen. D'Azimont hatte sich nicht geirrt. Sein feiner Blick
hatte wol herausgefunden, da ein solches Wesen eigenthmlich beglcken kann.
Freilich hat das durch die Sinnlichkeit geweckte Glck keinen Bestand. Bot ihr
der blasirte Mann keinen Halt oder muten sich die versteckten vulkanischen
Elemente gewaltsam Bahn brechen, wir erfuhren, da sie erst auf die
wunderlichsten excentrischen Einflle gerieth, sich wie eine Verschwenderin
gebehrdete und jeder Grille kindisches Gehr gab. Alles Das war nur das Vorspiel
Dessen, was dann erfolgte. Der Ehebruch versteckte sich hinter dem Namen der
Liaisons. Wir hatten manchen Namen nennen hren, der mit ihr, wie man es nennt,
liirt war, bis sogar Egon's mir nur knabenhaft erinnerliche Gestalt in diesem
trben Nebel auftauchte, was mir denn, wie Sie wissen, doppelt wehe that ...
    Diese Liebe soll aber von seiner Seite nicht mit gleicher Neigung erwidert
werden, bemerkte Siegbert.
    Doch wohl! sagte Rudhard. Wie wre sie sonst ihm nachgereist! Ihre
Schwiegereltern sollen emprt sein. Graf d'Azimont droht mit einer Ehescheidung
und Enterbung. Es ist Dies ein Umstand, der mir im Interesse der Kinder Adelen's
nicht gleichgltig ist. Frst Wsmskoi war nicht reich. Es wre seinen Kindern
wol zu wnschen, da die Tante, die durch d'Azimont's Tod - er soll sich
physisch ruinirt haben - ein groes Vermgen erwerben kann, es nicht durch ihren
Leichtsinn verscherzt. Da sie der Zufall hierher fhrte, mit uns in eine und
dieselbe Stadt, so werd' ich mich durch die gereizte Stimmung, die zwischen den
Schwestern herrscht, nicht irre machen lassen, auf irgend eine Art in diese
Angelegenheiten einzugreifen. Ich habe dazu die Vollmacht des Herzens und der
auf mich vererbten, vterlichen Sorgfalt des braven Wsmskoi und der Autoritt
der alten Baronin von Osteggen, die ein Juwel von einer Mutter war.
    Rudhard gerieth ber diese seine eigenen Worte so in Feuer, da er
innehalten mute, um sich zu erholen.
    Siegbert fhlte, wie gro das Vertrauen war, das ihm dieser sonst so
besonnene, strenge Mann, dem selbst seine Scherze nicht ganz harmlos entglitten,
schenkte. Er wollte, ohnehin gedrckt und fast unfhig nachzudenken noch von
innerem Schmerze, es nicht misbrauchen und fing von dem Garten an, der zwar
nicht sehr kunstvoll und sorgsam angelegt, doch von manchen Naturreizen
verschnert war. Ein Grtner war schon in Thtigkeit, Manches zu verbessern. Es
wurde gepflanzt und geset, um fr die Zukunft noch mehr Bereicherungen der
Gartenzier zu gewinnen.
    
    Unter einem Spalier von Weinreben hinschreitend, das von zwei Seiten her zu
einem gewlbten Dache zusammengezogen werden sollte, begann Rudhard von dem
Plane, den Kindern eine systematische Erziehung zu geben, in der auch Musik und
Malerei nicht fehlen drften ...
    Reiten, schieen, schwimmen knnen wir, sagte er, selbst Olga reitet wie
eine Amazone! Heute erst wieder soll sie gegen mein Wissen auf einer Mange
tolle Streiche gemacht haben. Aber die Hauptsache mu jetzt kommen, die edlere
Bildung.
    Siegbert wurde dann von ihm frmlich angegangen, ob er nicht den
Zeichnenunterricht selbst bernehmen wollte. Wie er noch darber nachsann, ob er
wol Geduld genug bese, so tief zu den untern Elementen seiner Kunst
hinabzusteigen, wandten die beiden Spaziergnger in einen Gang, der sich in
einem Blumenrunde endete, das der Mittelpunkt mehrerer strahlenfrmig hierher
gefhrter Wege war. Noch die Schwierigkeiten solcher Unternehmungen errternd,
trafen sie in dem Blumenrunde an einem hohen Rosenstrauche von weien Rosen
wiederum Olga, die ihnen den Rcken kehrte und sie doch zu erwarten schien ...
Sie hatte sie kommen sehen, sich dann an den Rosenstrauch gestellt und beugte
die Blumen zu sich herab, als htte sie in ihren Kelchen etwas zu suchen und zu
forschen ...
    Wie Rudhard an ihr vorberging, strich er nur leise mit der Hand ber die
festangezogenen Scheitel ihres schwarzen Haares und sagte, ohne sich weiter
aufzuhalten, nichts als:
    Olga, suchst du aus Langerweile Marienwrmchen? Oder Was?
    Olga sagte nichts auf dies scharfe, absichtliche Wort, blickte auch nicht um
sich.. erst als beide Mnner vorber waren, bemerkte Siegbert durch einen
Seitenblick, da sie sich umwandte und ihm nachsah. Kaum begegnete sein Blick
dem ihrigen, als sie wahrscheinlich in einem pltzlichen Anfall kindischer
Verlegenheit so behend, wie ein flchtiges Reh, auf und davon rannte ...
    Das Fliegen der langen Zpfe bot einen fast komischen Anblick.
    Das ist ein eigenes Wesen! sagte Siegbert ...
    Eine Trumerin, bemerkte Rudhard lchelnd. Und wenn ich nicht wte, da sie
an dem traurigen bel junger Mdchen, der Bleichsucht, litte, wrd' ich fast in
Angst gerathen, sie htte mir zu viel hnlichkeit mit ihrer Tante d'Azimont. Nur
das schmiegsame, zrtliche, liebevolle Wesen Helenen's, ich mchte sagen, ihre
deutsche Natur hat sie nicht. Das ist eine Russin! Das Ebenbild ihres Vaters!
Eine fast immer ruhige Gemthlichkeit, ohne die angenehmen Worte dafr zu haben,
und pltzlich doch, wenn etwas gerade ihrem Sinne widerstrebt, eine Wildheit,
da man das stille Mdchen nicht wieder erkennt. Sie sollten Sie zu Pferde
sehen! Wenn es ihr einfllt, sich auf das Dach des Hauses zu setzen, so klettert
sie hinauf und ebenso langmthig und geduldig vollzieht sie wieder Alles, was
man ihr auftrgt. In Rurik und Paulowna herrscht berlegung, in Olga nur der
Instinct. Wohin sich noch ihre ganze Art werfen wird, ist jetzt schwer zu sagen.
Sie ist in der Entwickelungszeit und mu geschont werden. Von Lernen, festem
Einprgen, Nachdenken ist nicht viel die Rede. Was sie wei, mu sie sich selbst
auffinden oder durch eine Art connexer innerer Anschauung gewinnen. Doch hat sie
Anlage fr mechanische Fertigkeiten und gern htt' ich's, wenn Sie das kleine
Talent zum Zeichnen, das sie schon verrieth, vervollkommneten. Ein Jahr lang
geht Das wol noch ohne Gefahr fr zwei so junge Herzen, wie in Ihnen schlagen
... Nicht wahr?
    Siegbert wurde fast roth ber diese uerung und konnte jetzt vollends zu
keinem Entschlusse kommen. Glcklicherweise schnitten die kleineren Geschwister
seine Verlegenheit durch die im vollen Galopp berbrachte Aufforderung ab, die
Herren sollten doch Beide zum Thee kommen.
    Sollen kommen? rief Rudhard.
    Drften! schrie Rurik.
    Mten! verbesserte Paulowna.
    Weder drften, noch mten, noch sollten! sagte Rudhard. Ihr habt in uns
keine Leibeigenen vor Euch und auch Denen wrde man sagen, sie mchten kommen,
wenn's ihnen gefllig wre. Verstanden? So wird es wol auch die Mutter
ausgerichtet haben.
    Sollten! Drften! Mten! Mchten! rief der humoristische Rurik und fate
mit Paulowna Siegberten an beiden Armen und Beide zogen ihn so fort, da er fast
nur laufend ihnen folgen konnte.
    Die Frstin, die sich bei ihrer Annherung freundlich erhob, begrte den
fremden jungen Mann mit den leisen Worten, die sie in der eigenthmlichen
kurlndischen Betonung sprach:
    Sie sehen schon da, mein Herr, wie gern Sie aufgenommen sind!
    Die Grfin Altenwyl warf einen flchtigen strengprfenden, aber nicht
unfreundlichen Blick auf Siegbert und den nach ihm an die wilde Rebenwand
tretenden Rudhard ...
    Die Oberhofmeisterin der Knigin, Grfin von Altenwyl, schien im Sitzen eine
Gestalt mittleren Wuchses. Sie hatte durch ihre etwas runden Formen und eine
leichte Corpulenz etwas frauenhaft Wohlwollendes. Im Auge aber lag viel
Zurckhaltung und ein leiser Anflug von Mistrauen, das wol durch ihre schwierige
Stellung entschuldigt war. Sie war in reichen Stoffen, aber durchaus wie
unscheinbar gekleidet. Graue Farben waren fast wie absichtlich gewhlt. Der
durchbrochene Hut war mit dem unkleidsamsten dunkelbraunen Seidenband
durchzogen. Sie wollte einfach, hchst einfach und nur einfach sein.
    Whrend ein Bedienter Thee darbot, konnte Siegbert die Frstin genauer
betrachten, als vorhin bei der flchtigen Begrung ...
    Sie hatte die Zge ihrer jngsten Kinder, war von mittlerer Gestalt und
nicht eben auffallend durch irgend eine hervorstechende Schnheit. Sie schien
noch auerordentlich vom Todesfall ihres Mannes und der Reise angegriffen und
sprach mit sehr gedmpfter Stimme. Ihre Augen verriethen nicht gerade Geist.
Auch ihr Wohlwollen schien mehr eine Art beflissener Geschftigkeit, als der
starke Drang eines vollen, berquellenden Herzens ...
    Man sprach von unbedeutenden Dingen, von dem Residenzleben, dieser
Ansiedelung, der Furcht vor dem Winter.. erst die Kinder brachten durch ihre
Naivett Frische, Rudhard durch seine trockenen Bemerkungen Gedanken in das
Gesprch.
    Die Grfin Altenwyl, dieser von Pauline von Harder so gefrchtete Erzengel
Michael mit dem flammenden Hterschwert am Eingang der kleinen Cirkel, blieb
fast immer still, wie eine Frau, die sich nicht auslt, wo sie sich nicht auf
sicherem Terrain wei. Sie forschte zuweilen flchtig im Auge Siegbert's,
zuweilen warf sie einen Blick auf Rudhard hinber, dessen Stellung im Hause ihr
nicht ganz in der Ordnung zu sein schien. Sie verrieth, da sie an einen
passenden Moment dachte, sich zu empfehlen.
    Ein schlimmer Beobachter, wie etwa Leidenfrost oder Pauline von Harder htte
gewi gesagt: Die da ist das ganze Prinzip unseres Hofes, nmlich so viel Null
wie mglich zu sein!
    Man begriff hier den Schmerz Paulinen's, unmglich in jene kleinen Cirkel zu
dringen, die von so negativen, forschenden und immer nur ablehnenden Naturen,
wie diese Altenwyl, gehtet wurden ...
    Rudhard brachte sogleich die Malerei und die Kunst auf das Tapet ...
    Auch die Frstin Adle malte, Blumen wenigstens und Kfer, wie sie sagte ...
    Siegbert's uerung, da sie dann glcklicherweise ganz in derjenigen
Malerei sich be, welche, wie er gehrt htte, in Ruland neben dem Portrait und
der Landschaft am meisten getrieben wrde ... Genre und Historie wren ja wol
von Obenher nicht einmal gern gesehen ... Diese uerung war eigentlich in
solchem Kreise furchtbar gewagt und von unserm guten jungen Freunde fast ein
wenig taktlos ...
    Siegbert fhlte auch sogleich an dem Eindruck, den sie hervorrief, da er in
solcher Umgebung einen gewaltigen Schnitzer gegen die Schicklichkeit begangen
htte.
    Da die Frstin schwieg, da die Oberhofmeisterin ihn jetzt noch schrfer
und strenger mit ihren stummen Blicken examinirte, war ihm begreiflich. Da aber
auch Rudhard etwas die Stirn runzelte und dieser klare, durchgebildete Mann der
Anwalt russischer Regierungsmaximen sein konnte, erfllte ihn mit Befremden.
Indessen sammelte er sich rasch und lenkte auf einige russische Bilder ein, die
er sehr rhmte, besonders einige gewaltige Stdteprospecte, die in
Mondscheinbeleuchtung Alles wiedergben, was man nur von einem Zweige der
Malerei, der freilich zu sehr an die Decorationsmalerei der Panoramen erinnerte,
erwarten knne.
    Die Oberhofmeisterin wute auch sogleich den Namen jenes russischen
Knstlers zu nennen, auf den Siegbert anspielte.
    Sein hfliches: Ganz recht! erwrmte ein wenig wieder die gestrte
reciproque Stimmung ...
    Die Altenwyl hatte nun etwas gewut und glaubte, da Dies ein richtiger
Moment war, der sich zum Abschiednehmen eignete und von ihr eine gute Wirkung
zurcklie.
    Schon hatte sie sich erhoben, als der Bediente eintrat und einen eben
angefahrenen ferneren Besuch meldete:
    Frau Landrthin von Harder! hie es.
    Von Harder? Harder? sagte die Frstin.
    Wie die Oberhofmeisterin diesen Namen hrte, sagte sie:
    Doch nicht Pauline von Harder?
    Die Schwiegertochter des Obertribunalprsidenten, eine geborene Marschalk.
Meine Mutter hat einst Viel von ihr gesprochen. Ich bin sehr erfreut!
    Der Bediente ging nach diesen Worten der Frstin, die sich besonnen hatte.
    Die Oberhofmeisterin gerieth in groe Unruhe.
    Ja, ja, sagte sie, beide Harders sind Schwiegertchter - aber - ich hoffe
... die Landrthin von Harder! hie es.
    O, wenn es jene Harder wre, fuhr die Altenwyl fort, jene Harder, die jetzt
in Tempelheide wohnt, nicht die Geheimrthin Pauline von Harder, so wre sie zu
lebhaft gespannt. Sie htte des Schnsten und Gediegensten so Vieles von dieser
Anna von Harder gehrt, da sie bleiben msse, um sie endlich einmal von
Angesicht zu sehen. Sie wrde mit dieser Entrerevue dem Hofe und den kleinen
Cirkeln ja die grte, unverhoffteste Freude machen ...
    Die Frstin war wahrhaft glcklich, Veranlassung einer so ntzlichen
Begegnung zu sein, bei deren Wiedererzhlung doch am Hofe schon vor der
Vorstellung ihrer in Gte gedacht werden msse ...
    Siegbert fhlte wol, da er nun htte gehen mssen, aber der Gedanke: Das
ist ja sicher die gute liebe Dame, die dir vor noch nicht acht Tagen den Becher
mit Wein zur Erquickung in der heien Sonnenhitze schickte, die Dame, die dich
mit Hackert zusammenfhrte und heut' Abend noch die Veranlassung seiner
Erklrungen sein wird ... fesselte ihn.
    Er war nun schlau genug, sich den Kindern nothwendig zu machen und sich
durch diese zum Bleiben gleichsam nthigen und zwingen zu lassen. Zu dem kleinen
Cirkel, der durch das dampfende Theecomfort, den inzwischen gedeckten Tisch, die
Bedienung, endlich die Kinder etwas gar Wohnliches und Trauliches bekommen
hatte, trat jetzt die angemeldete Dame.

                              Funfzehntes Capitel



                               Ein olsharfenton

Wrde der Frauen! Du lehrst die ewige Schnheit der Seele und die tiefe Wahrheit
eines reinen kindlichen Herzens! Vergnglicher Reiz uerer Formen.. Dauernd
verdunkeln dich das fleckenlose reine Gemth - Liebe, Entsagung und das
unverdrossene treue Walten der Mhe!
    Die Mhe! Ach! Das ist der Schauplatz der kleinen Kammer, wo ein gutes
Frauenherz sich ewige Kronen erwirbt. Die Mhe, nicht die Gesinnung allein nur
adelt ihre Seele. Die Mhe! Von dem ersten Liebesdienst einer Schwester,
gewidmet der Sorge und Pflege ihrer jngeren Brder und Schwestern, von dem
ersten Pflegamte bei einem kranken Vater, einer leidenden Mutter ... welche
Stufenleiter edler Mhewaltung und schmerzverklrter Frauenwrde!
    Mhe! Diese Freudigkeit des Gebens, des Entsagens, des Opferns! Dies volle,
nicht berstrmende, nicht darbende, sondern gerade richtige Ma der erfllten
Herzenspflicht! Wo umstrahlt ein edles Weib die reinste Glorie ihrer Bestimmung,
als in der engen Klause, wo ein Mutterherz die ersten Pflichten seiner
gttlichen Sendung an ihrem Kind erfllt? Hlflos liegt der Sugling in ihrem
Arm; die stille Nacht hallt von dem Schmerzensschrei des seit wenig Wochen erst
geborenen Kindes; die Ungeduld der Umgebungen, selbst die schnell ermdete Liebe
des Vaters wei nicht zu helfen ... Die Mutter aber harrt aus, vergit den
Schlaf, versucht alle Beschwichtigungen der Schmerzen des noch mit seinem
Pflanzenleben ringenden kleinen Wurmes; der Mutter ist dieser Wurm ein Hlmchen,
das mit dem Sonnenschein der Liebe aufwachsen wird zum Allgemeinen und Ganzen;
sie sieht schon Bewutsein in dieser kleinen unreifen Bildung, sie hrt schon
eine Sprache in diesen Wehklagen, sie gibt diesem glimmenden Fnkchen den ganzen
Hauch ihres eignen nach Freude doch so begierigen, aber nun entsagenden jungen
Lebens, um ihn anzufachen zu einem flackernden starken Lichte ...
    Und wenn es erlischt! Diese Prfung traf Tausende und an keinem Weibe ging
in dieser oder anderer Form ganz die Mahnung ihres Berufes vorber ... aber die
verklrende Abendsonne des Schmerzes blieb doch nur bei Wenigen im vollen Glanze
abgedrckt! Wie bald erkennst du Die heraus aus dem Haufen, die ihr Leid fr die
Welt bald begruben und wieder frhlich wurden! Wie schwer Die, die es ewig leben
lieen in ihrem Herzen! Sanfte Seelen, die ihr wol noch lchelt, wol noch unter
den Menschen wandelt, noch die Pflichten eures Berufes erfllt und doch wie in
den Lften schwebt und uns erscheint, wie die Sendboten der Ewigen!
    Anna von Harder war eine Gestalt.. mehr gro, als selbst Mittelfigur ...
    Die Zge des Antlitzes waren sicher einst schn, jetzt waren sie verfallen,
von Leid durchfurcht; in den Augen lag etwas Bittendes, etwas Wehmthiges.
Dennoch war ein schnes Lcheln diesen ernsten Zgen geblieben. Die
unversehrten, blendendsten Zhne mit dem ihre Gesundheit bezeugenden leichten
gelblichen Schimmer, hoben dann die lchelnden Mienen und lieen sie noch
anmuthig erscheinen, wobei sie weit entfernt war von dem Fehler derjenigen
Menschen, denen die Natur den schnsten Schmuck, Zhne von Elfenbein, gab, da
sie mehr lchelte, als es in der Welt zu lcheln gibt. Sie brauchte diese
Wirkung der Schnheit, die Andere immer brauchen, fast zu selten. Wenn Anna von
Harder lchelte, war es, als fhlte sie sich von der Wirkung ihres schnen
Mundes berrascht und als thte sie es ungern. Sie lchelte aus Milde und
Wohlwollen, nie, weil sie wute, da es ihr schn stand.
    Die edle Frau war auch in Haltung und Toilette nicht von jener Einfachheit,
die im Einfachen etwas sucht, wie die Altenwyl, bei der durch ihre grauen und
braunen Farben auf schweren Kleiderstoffen ein anspruchsvolles Prinzip
ausgedrckt wurde. Sie drckte durch ihr ueres nichts aus als ihr einfaches
Bedrfni und ihren natrlichen Geschmack. Nicht einmal mit einer grauen Locke,
deren sie die Flle hatte, that sie schn, wie so manche junge Matrone, die ihr
graues Haar so nahe an ihr noch heies Auge bringt, da man vor den Flammen im
Schnee erschrecken mchte. Anna von Harder htte recht gern noch einen
natrlichen schwarzen Scheitel auf der Stirn getragen und versteckte lieber ihre
grauen Locken durch den niedergedrckten und innen besetzten Hut!.. Warum seinen
Winter zeigen in einer Welt, die des Frhlings bedarf, um weltglcklich zu sein!
Es gibt eine Diskretion des Alters gegen die Jugend, die nur ganz zarten Naturen
eigen ist.
    Was auch die Altenwyl von einem bescheidenen und doch bedeutenden Eindruck
erwartete, sie konnte nicht getuscht sein. Anna von Harder war eine
Erscheinung, die eben dadurch wirkte, da sie von ihrem Effekte keinen Vortheil
zog und sich gab in der vlligen Unschuld einer reinen Seele.
    Sie umarmte die ihr ganz unbekannte und nur durch ihre Mutter nahegerckte
Frstin und drckte sie zrtlich an ihr Herz.
    Da ihr eine Thrne in's Auge trat, whrend die Augen der Altenwyl trocken
geblieben waren, als sie die Tochter der Baronin Osteggen sah, die mit ihr einst
so viele Briefe gewechselt hatte, wer verdachte es ihr, wenn man wute, da sie
ihre einzige Tochter durch ein sonderbares Schicksal so gut, wie fr immer,
verloren und nie wieder gesehen hatte ...
    Mit stummer Rhrung nahm sie auch die beiden Kinder - Olga hatte sich
whrend aller dieser Scenen entfernt - und drckte einen Ku auf ihre Stirnen.
Sie hatte ihren Vater nicht gekannt, aber gleichviel, es war ein Vater, der den
Kleinen gestorben war!
    Von Ihnen wei ich schon, sagte sie zu Rudhard, ihm die Hand reichend. Die
Baronin schrieb Viel von Ihnen. Sie besaen ihr Vertrauen und sind nun wirklich
der Vater dieser Kleinen geworden. Nicht wahr? Sie sind Rudhard?
    Rudhard dankte fr diese freundliche Bewillkommnung und erzhlte, wie warm
die Mutter Adelen's der Landrthin Anna von Harder zu gedenken pflegte.
    Eine Vorstellung der andern Personen fand nicht statt, doch kannte Anna
sogleich von Ansehen die Oberhofmeisterin, der sie sich ehrerbietig verneigte.
    Auf Siegbert aber warf sie einen Blick, als wollte sie sagen:
    Ei! Du blonder junger Mann mit dem schchternen, ehrlichen Antlitz! Wo hab'
ich denn dich schon gesehen?
    Man hatte nun Manches auszutauschen, was zu gegenseitiger Annherung
diente.. Siegbert war ein wenig auf Kohlen, wie das Gesprch so gar persnlich
wurde und auf eine Menge Erinnerungen zurckging, bei denen Anna vertraulich die
Hand der Frstin hielt, ihr in's Auge sah und aus ihm die alte Zeit, die Mutter
und die Vorstellung von dem Vater dieser Kinder hervorsuchen wollte. Er dankte
recht der lustigen Paulowna, die allerhand Spe mit ihm trieb und ihn wol nicht
htte gehen lassen, wenn er nun auch aufgestanden wre..
    Auch Rudhard erzhlte vom Vergangenen, whrend die Altenwyl schweigsam
lauschte und fast lauerte, wie sich Anna von Harder entwickeln wrde, was sich
ihr wol abmerken liee und worin sie wol so eigenthmlich wre, wie man sagte.
Und sonderbar! Ihr Eigenthmliches war eben Das, da sie ganz einfach war und
immer nur ein gtiges Ja! und Nein! sagte, wo man vielleicht eine geistreiche
Entgegnung htte anbringen knnen. Zehnmal entfuhr ihr ein beistimmendes
herzliches So! Zehnmal ein verwundertes Ach! Ganz einfach, wie jedem natrlichen
Menschen, dessen Ohr und Herz dem Herzen Dessen folgt, der mit ihm spricht ...
    Vielleicht waren aber auch diese einfachen Zustimmungen ein klein wenig der
Ausdruck eines inneren Grbelns, wo sie Siegbert hinbringen sollte ...
    Endlich fand sie es ...
    Nach einer Pause, wo die Mittheilungen an die gefhrliche Grenze der
Erwhnung Paulinen's von Harder und der Grfin d'Azimont angekommen waren und
man ber die betrbende hnlichkeit in den Verhltnissen zweier sich
entfremdeter Geschwisterpaare mit verlegenem Stocken innehielt, sagte Anna von
Harder, die jedoch ber Helene d'Azimont mit Gte sprach, ber ihre Schwester
vllig schwieg, halb zu Siegbert, halb zu den Kindern die freundlichen Worte:
    Die kleine Paulowna bindet da an den Finger Ringe von Blumenstengeln und
wei doch hoffentlich, da sie die Hand eines Malers schmckt?
    Siegbert angenehm berrascht, richtete sich jetzt auf und verbeugte sich,
als machte er eigentlich nun erst die Begrung, die er nicht gewagt hatte.
    Sie kennen - sagte die Frstin fragend ...
    Rudhard hrte mit Aufmerksamkeit und sichtlicher Freude, da Siegbert so
bekannt war..
    Ich habe damals, erluterte Anna freundlich, ich habe damals nicht gewut,
als ich dem fleiigen Zeichner in Tempelheide fr das Interesse, das er an
unsrer alten Kirche zeigte, in der schrecklichen Hitze einen Becher Weins zur
Erfrischung anzubieten wagte, da ich den gefeierten Maler des Jakob Molay so
drftig bewirthet hatte. Frau von Trompetta und Frulein von Flottwitz machten
mir eine Stunde darauf diese angenehme Entdeckung.
    Siegbert dankte fr die schmeichelhafte Erinnerung und lehnte das ihm
gespendete Lob in aufrichtiger Bescheidenheit ab.
    Anmuthig und herzlich erzhlte Anna den uns bekannten Vorfall und verschwieg
auch den Raben, verschwieg auch den alten Schwiegervater, ja selbst die vom
Bedienten gemeldete Theilung mit einem Landstreicher nicht, wie sie doch wol
etwas zu schnell dem um den Becher gengstigten Diener das Urtheil ber Hackert
nachsprach.
    Siegbert hielt eine Berichtigung und Milderung dieses Urtheils fr zu
weitlufig, sagte aber doch:
    Ihn drstete, wie mich. Wir haben uns Beide erquickt ...
    Frau von Trompetta, fuhr Anna von Harder fort, whrend die Altenwyl immer
horchte und sich gleichsam wrtlich einprgte, was sie von diesen Begegnungen
heut in den kleinen Cirkeln berichten konnte, Frau von Trompetta ist glcklich
ber das Albumsblatt, das Sie ihr schenken werden. Wer Ihren Molay bewundert
hat, kann nur etwas Schnes erwarten. Ich freue mich, da der Kunstverein so
klug war, ihn anzukaufen und wrde noch glcklicher sein, wenn ich ihn mit
meinen armen drei Loosen gewnne ...
    Siegbert wuchs bei diesen Worten ordentlich in den Augen der ganzen
Umgebung. Die Frstin fixirte ihn mit erhhtem Interesse. Whrend er sich wie
eine Schnecke in ihr Gehuse htte zurckziehen mgen, beobachteten ihn die
Andern mit ehrfurchtsvollen Blicken, die Altenwyl besonders, die in ihrer
Stellung doch angewiesen war, jedem im ffentlichen Leben des Staates und der
Gesellschaft nur irgend hervortretenden Ereignisse oder Individuum eine gewisse
huldvolle Aufmerksamkeit zuzuwenden ...
    Die Majestten, sagte sie auch mit einer herablassenden Wendung ihrer
sitzenden Stellung, die Majestten haben dies Bild mit vielem Wohlgefallen
betrachtet und nicht begreifen knnen, warum der Propst, der den Cicerone
machte, soviel daran zu mkeln fand.. Man wird doch oft ganz irr an diesem Mann!
    Ein feiner Kopf konnte aus dieser uerung viel entnehmen.
    Htte sie Gelbsattel gehrt, er wrde gezittert haben. Denn sie bewies, da
man bei Hofe anfing, gegen ihn eingenommen zu sein.
    Solche schlaue Barometermesser fehlten hier aber. Nur Siegbert errthete und
sagte achselzuckend:
    Der Propst! Ich verkenne die Fehler meines Bildes nicht! Allein die Kritik
der Dilettanten ist wirklich unser Kreuz. Wir leiden mehr unter ihr als unter
der der wahren Kenner, die doch oft viel strenger sind.
    Rudhard hielt sich nicht und schnitt der Oberhofmeisterin, die in der
Furcht, fast zu viel gesagt zu haben, wieder durch ein Lob des Propstes das
Gleichgewicht herstellen wollte, fast die Rede ab.
    Ist das Propst Gelbsattel? sagte er. Mein ehemaliger Schler, der
Zeltgenosse Ihres Vaters! Tadelt das Bild von dem Sohn eines Schulkameraden,
jubelt nicht, so etwas begren, empfehlen zu knnen? Das ist garstig! Garstig!
Es war immer ein schlimmer Patron.
    Portensis! ergnzte Rurik, fast beleidigend fr alle Schulpfrtner.
    Siegbert lachte ber die Weisheit des Knaben und die Damen wollten wissen,
was dieser neue Charakter des Propsts zu bedeuten htte?
    Rudhard erklrte es. Whrend Anna von Harder dabei dies Kleeblatt dreier
Freunde sehr lieblich fand, ergnzte Paulowna, die auch etwas wissen wollte, die
Namen Wildungen, Gelbsattel und ...
    Bei dem dritten Namen stockte sie ....
    Rodewald, sagte Rudhard und lobte das Gedchtni der Kleinen.
    Wer? sagte Anna betroffen ....
    Rodewald! wiederholte die Kleine, der Alles bedeutend geworden war, was mit
dem lieben neuen Freunde, Siegbert, in Beziehung stand.
    Bei dem Namen Rodewald aber erblate Anna von Harder. Ohne da Einer in der
Gesellschaft begreifen konnte, wie sie diesen Namen sich mehremale wiederholen
lassen und fragen konnte, wann und wo Das war? versank sie in eine Stimmung,
deren Ernst gegen die durch die Scherze der Kinder angeregte Heiterkeit so
abstach, da Siegbert, der Dies bemerkte, nicht zu sagen wagte, da dieser
Rodewald sein Oheim wre.
    Die Altenwyl aber bemerkte die Vernderung nicht und nahm nur Gelegenheit
auszurufen:
    Schulpforte! O diese alten Stifte! Diese alten Klosterschulen! Die
Majestten lieben diese alten Stifte und Klosterschulen so sehr, da schon
lngst eine Rundreise auf ihnen im Werke ist ...
    Damit aber kam die Oberhofmeisterin trotz ihrer hohen Stellung bei Rudhard
schlimm an. Der wute eine solche Menge von Misbruchen in diesen alten Stiften
und Klosterschulen aufzudecken, da er fast pedantisch wurde und die Damen mit
Rgen unterhielt, die viel zu streng wissenschaftlich waren.
    Die Altenwyl nahm auch Veranlassung, ein einfaches, etwas kaltes: Meinen
Sie? fast wegwerfend zu uern und dann sogleich auf das Album der eben
erwhnten Frau von Trompetta berzugehen. Mit sonderbarer Gelassenheit und nicht
ganz ohne Ironie uerte sie:
    Also Frau von Trompetta sammelt wieder ein Album! Wei man denn schon fr
welchen Zweck? Glcklicherweise sind wir in diesem Frhjahr von berschwemmungen
verschont geblieben. Ich hrte krzlich, sie will jetzt die armen Weber
bedenken!
    Arme Weber sind allerdings zeitgemer! sagte Siegbert etwas ironisch.
    O, Sie schlimmer Sptter, rief Anna von Harder, die sich von dem Eindruck,
den der Name Rodewald auf sie gemacht, jetzt allmlig gesammelt hatte, Sie
drfen mir nichts gegen Frau von Trompetta sagen. Ich frchte, es finden sich
der Thrnen genug, die man mit dem Ertrage dieses neuen Albums trocknen kann!
Nur der Titel, den die gute Trompetta diesmal gewhlt hat, ist etwas zu -.. wie
soll ich sagen? Sie nennt es Gethsemane.
    Gethsemane! sagte Rudhard und schlug die Hnde zusammen ...
    Ja, bemerkte die Altenwyl, die es merkwrdigerweise auf die Trompetta
abgesehen hatte, es ist in der That ....
    Ach! fiel Anna durchaus entschuldigend ein. Es ist ihre Idee. Es klingt nur
ein wenig doch zu ...
    Muckerisch! brach Rudhard rund und kurzweg heraus.
    Die Wirkung dieser rationalistischen Derbheit war aber schlimm berechnet.
    Muckerisch! riefen die Kinder und machten lustige Wortspiele.
    O so nicht! sagte Anna fast verletzt.
    Die Altenwyl wandte gleichfalls ihr Haupt entrstet zu dem alten Herrn
hinber, der denn nun auch von der Frstin einen Wink bekam, fast, als wollte
sie sagen, es wre vielleicht besser, du gingest in den Garten oder auf dein
Zimmer, alter Br, oder schwiegest ...
    Auch dieser Gegenstand konnte also nicht fortgesetzt werden.
    Anna von Harder griff, da Siegbert diskret geschwiegen hatte, wieder den
Feuertod des Molay auf und sagte zu ihm gewandt:
    Sollten Sie glauben, lieber Herr Wildungen, da dies Sjet sogar meinen
guten alten Schwiegerpapa, den neunzigjhrigen Greis, interessirt hat? Ich mute
ihm ja Ihre Auffassung wrtlich erzhlen. Er nahm groen Antheil und lobte
Alles, was ich ihm mittheilte. Mit einer einzigen Ausnahme! Zrnen Sie mir
nicht, wenn ich Ihnen seine Rge wiederhole?
    Siegbert bat um volle Offenheit ... Eine uerung von diesem wrdigen Greise
knnte ihm nur lehrreich sein ...
    Anna, fast in Verlegenheit, dem jungen Manne weh zu thun, begleitete die
folgenden Worte mit einem auerordentlich milden und vershnenden Ausdruck:
    Er sprach, sagte sie, von der ber den Rauchwolken des Scheiterhaufens
schwebenden Taube, die mir so auerordentlich als die Idee der hheren
Vershnung und der gerechteren Zukunft gefallen hat.
    Die Idee ist einer Sage ber Hussens Feuertod entlehnt - ergnzte Siegbert.
    Gleichviel! Mein alter Papa meinte, fuhr Anna schchtern und mit groer
Spannung fr die auf jede ihrer kleinsten uerungen merkende Altenwyl fort,
Papa meinte, man knnte die in Paris verbrannten Templer nicht als Zeugen der
christlichen Wahrheit oder irgend eines geistigen Fortschrittes verehren, sie
htten im Gegentheil weit eher ein unheimliches Symbol, eine Eule oder einen
Raben, verdient.
    Wie so? fragte Rudhard wieder barsch und kurzweg.
    Die Templer, fuhr Anna fast erschreckend ber dies rauhe Wie so? fort, die
Templer haben nach des alten Herrn Meinung sich sehr in die Geheimnisse jener
Lnder verloren, wo sie fr die christliche Lehre streiten sollten, fter aber
vorzogen, mit den Einheimischen in friedlichem Verkehr zu leben, wie wol jeder
Feind, den man sich in der Ferne gehssig und abscheulich vorstellt, in der Nhe
von seinen schlimmen Farben verliert und uns wrdiger erscheinen kann, belehrt,
als bekmpft zu werden ...
    Diese Meinung macht dem alten Mann Ehre! sagte Rudhard. Aber die Templer..
die Templer.. Eulen und Raben?
    Ei! Ei! fiel forschend und lchelnd die Oberhofmeisterin ein, es wird Dies
doch nicht derselbe Rabe sein, den der alte Herr Prsident immer neben sich
sitzen hat und mit dem er sich, wie die Majestten dem General Voland von der
Hahnenfeder noch gestern bei Tafel nicht glauben wollten, ber die schwierigsten
juristischen Flle unterhalten soll?
    Sie lchelte forschend und Anna errthete fast.
    Das gibt ja etwas fr die Kinder, fiel jetzt die schweigsame Frstin, die
nichts von solchen ernsten Dingen, mit denen General Voland von der Hahnenfeder
den Kopf zu fasciniren wute, kannte, lachend ein. Solche Mrchen haben Sie um
sich, liebe Landrthin?
    Ja, ja, Ihr lieben Kleinen, sagte Frau von Harder, die auf den Scherz
einging, wenn Ihr mich besucht, und ich hoffe, da Dies bald geschieht, werdet
Ihr glauben, in der Arche Noh zu kommen, wo noch die Thiere alle fromm und
friedlich beisammen wohnten.
    Ein Mnnlein und ein Frulein! brummte Rudhard, der unverbesserliche
Rationalist, dazwischen.
    Ja! Ja! Bei uns werdet Ihr Hunde sehen, die sich mit den Katzen vertragen,
Katzen, die nicht naschen, Raben, die nicht stehlen, ja kleine Muse werdet Ihr
fangen knnen, mit denen die Katzen spielen, ohne sie zu speisen ...
    Und glaubt der alte Herr wirklich an die Seelenwanderung? fragte jetzt die
Grfin ungemein neugierig, fast zudringlich.
    O gndige Frau!
    Das war Alles, was Anna fast verletzt darauf antwortete.
    
    Die Oberhofmeisterin erschrak. Der General Voland von der Hahnenfeder hatte
bei Tafel doch gestern ausdrcklich gesagt, die alte Excellenz schiene ihm an
die Seelenwanderung zu glauben, und der berhmte eingeladene Professor, der
Egypten bereist hatte, bekam noch ausdrcklich vom Knige beim ersten Ragout das
Wort ber die Pyramiden, soda General Voland fast eiferschtig wurde, wie
Jemand bei kniglicher Tafel lnger als zwischen zwei Schsseln allein reden
knne und beim Fisch nicht ruhte, auch das Wort ber die Pyramiden zu ergreifen,
ber die er sich, wie ber Alles, zum Staunen der Herrschaften, als Kenner
erwies.
    Nun, wenn nicht die Seelenwanderung, so mchte man aber doch glauben, Sie
wohnten bei einem Hexenmeister? bemerkte Rudhard.
    Ja! Bei einem Zauberer! fiel die Frstin verbessernd ein.
    Die Kinder wollten von den kleinen Musen mehr erfahren.
    Erzhlen Sie doch! Erzhlen Sie doch!
    Ihr lieben Kleinen, sagte Anna fast verlegen, da ist nichts weiter zu
erzhlen. Da ist nur zu lernen und zu spielen, wenn Ihr zu uns kommt und hbsch
versprecht, unsern Thieren nichts zu geben, was sie etwa naschen sollen. Der
alte Gropapa ist strenge und nur mit seiner Art zu fttern und der Entfernung
alles Naschens bringt er es eben dahin, diese Thiere untereinander zu vershnen.
Das solltet Ihr sehen, wenn die Stunde der Ftterung kommt! Wie da die Hhner
krhen, die Enten schnattern, die Eichhrnchen springen und an ihren
Drahtgitterchen kratzen! Aber Grovterchen gibt nur Dem, der geschickt war, und
Alle wissen recht gut, ob sie ihr Futter verdienten. Wer etwas verbrochen hat,
winselt dann und bittet so demthig, bis man Mitleid bekommt. Wenn man nun Gnade
fr Recht ergehen lt, dann hpft das wilde Vlkchen und ist so lustig und so
dankbar, da es Einem die Hnde kssen mchte! Aber die Katze mu immer nur
neben dem Hunde essen und die Dohlen bekommen ihre Krner vom blanken Silber,
damit sie Silber nicht fr Futter halten und es stehlen ...
    Als die Herrschaft ber diese scherzhafte Mittheilung sich sehr unterhalten
fhlte, meinte Rudhard, ob der Herr Tribunalprsident nicht schon versucht
htte, auch in den Gefngnissen solche Zhmungen mit den Verbrechern anzustellen
und wohin der Thierbndiger denn eigentlich mit diesen Experimenten hinauswolle?
    Die andern Frauen schienen rgerlich ber diese Frage, die ihnen ganz unntz
vorkam. Ihnen gengte das Factum. Die Oberhofmeisterin schwelgte im Entzcken
ber die Thatsachen, die sie dem auf alles Aparte so begierigen und vom General
Voland nur fr Exclusives angeregten Herrscherpaare wrde zu erzhlen haben.
Anna von Harder aber nahm Rudhard's Frage auf.
    Ganz einfach zielt Gropapa auf die Ergrndung der Thierseele, sagte sie. Es
ist rhrend anzusehen, wie dieser alte Herr, der ganz auer seiner Zeit lebt,
sich nur mit zwei Dingen in seinen Muestunden beschftigt, mit der Freimaurerei
und den Untersuchungen ber die seelischen Regungen in der Thierwelt. In diesem
Sinne kommt er mir oft allerdings wie ein Zauberer vor. Die Maurerei und ihre
Geheimnisse kenn' ich nicht, aber er behauptet, sie hingen gewissermaen mit
seinen zoologischen Studien zusammen.
    Alles war ber dies Wort erstaunt.
    Selbst Rudhard, der sich als Maurer bekannte und gestand, er wre nicht im
Stande, hier ein Bindeglied anzugeben ...
    Es mu doch eins sein, sagte Anna von Harder. Und wenn ich mich nicht ganz
tusche, glaub' ich den Schleier damals etwas gelftet gesehen zu haben, als der
gute Greis kopfschttelnd wegen Ihres Bildes, Herr Wildungen, immer die Worte
wiederholte: Keine Taube! Keine Taube! Ein Rabe! Ein Rabe! Die Templer nannte er
keine Christen. Ich sollte nur Acht geben, sagte er, an unserer Kirche, die Sie,
Herr Wildungen, damals zeichneten, da wren in den Verzierungen der Fenster
Vgel und orientalische Thiere sichtbar und die von den Tempelherren an die
Johanniter bergegangenen Huser, wie sich deren mehre in unsrer Stadt befinden
und eins sogar an der Stelle stand, wo spter meine eigene Familie ein Haus
besa, alle diese Huser htten eine Architekturverzierung, die sich nur auf den
Orient, den Tempel Salomonis, die alten geistlichen Ritterschaften, die
Geheimnisse der Baugilden zurckfhren liee. Und ich gestehe, ich hre den
alten Mann gern sprechen, wenn er nicht von diesen dunkeln Sachen, wohl aber von
der gebundenen Thierseele spricht, von den wunderlichen Trieben zu einer
eigenthmlichen Moral in den Instincten, von der Vereinzelung oder der Paarung,
von der Treue der Thiere und ihrer Innigkeit in geschlechtlichen Beziehungen
ebenso wie von ihrer Gedankenlosigkeit. An einem Tage, wo ich ber eine
Trennung, die mein Innerstes traf, keinen Trost finden konnte, sprach er von den
Zugvgeln und ihrer Wiederkehr, von der Gewhnung der Taube und der traulichen
Anhnglichkeit der auch von Shakespeare so innig geschilderten Mauerschwalbe so
rhrend, da ich recht erkannt habe, wie doch Alles, was wir von Gott sagen und
lehren, nicht ausreicht, wenn wir nicht in jedem Dinge sagen und lehren: Er ist
die Liebe!
    Diese Worte brachten eine groe, aber nicht gesuchte Wirkung hervor ...
    Rudhard hatte die Maurerei wol nur in seiner frhesten Zeit getrieben und
vollends in Ruland, wo sie nicht geduldet ist, alle Verbindungsfden mit ihren
verschiedenen Sekten und Auffassungen verloren. In seiner Art witterte er auch
in dem Allen, was sich hier so wunderlich zu erkennen gab, nur Mystik, die er
hate ... Er schwieg.
    Die Grfin Altenwyl aber war tief ergriffen. Sie hatte eine solche reiche
Ernte heute fr den Hof nicht erwartet. Die Thierseele ... die Templer ... die
alten Johanniterstifte ... die Zugvgel ... Shakespeare und das Alles verbunden
und verquickt durch das Eine: Gott ist die Liebe! Was konnte es heute
Befruchtenderes, Anregenderes, Schlagenderes fr die kleinen Cirkel und jenen
eigenthmlichen Geist der Romantik geben, der die Schicksale dieses Staates und
durch ihn einen Theil Deutschlands regierte!
    Anfangs versuchte die allgewaltige Dame zu Siegbert's grter Spannung, das
Gesprch auf die schwebende Johanniterverlassenschaftsfrage zu lenken; da aber
Niemand darber unterrichtet schien und Siegbert von seinem Bruder damals im
Pelikan doch noch viel zu wenig darber erfahren hatte, wie sehr er selbst daran
betheiligt war, so ging die Oberhofmeisterin, um das Gesprch zu einem endlichen
Schlusse zu fhren, zu einem allgemeinen staatspolitischen Seufzer ber, des
Inhalts:
    O eine Idee, die die ganze Welt erquickt! Nur ein Wort des Friedens in
diesen Ha und diesen Hader! Wer wird dies Evangelium bringen, das allem Kampf
der Parteien ein Ende machte und die Erde in einen Wohnplatz von Menschen
umwandelt, die nur dem erlaubten Genu der irdischen Gter und der Bildung ihres
Herzens als Vorbereitung knftiger Seligkeit leben! Sie glauben nicht, meine
Liebe, (sie wandte sich an Anna), wie man bei Hofe nach Erlsung von diesem
Jammer, der ber unsere Erde verhngt scheint, schmachtet! Wo man auch nur in
seinem redlichsten Eifer etwas unternimmt, was jetzt dem Werthe des Ganzen
dienen soll, sogleich mu man bei jedem Schritt, den man wagt, um zu einem guten
Ziele zu kommen, hren, da man Andre verletzt htte! Ach, nicht vor- und nicht
rckwrts ist ein Weg mehr zu finden.
    Glauben Sie mir, liebe Frau von Harder, da die Menschen wol glcklich sind,
die die Seele in den Blumen oder in den Thieren suchen! Ach! Auch Sie haben ja
viel gelitten.. Liebe!
    Frau Grfin! war Alles, was Anna von Harder fast ablehnend und die Augen
niederschlagend auf diese etwas zudringliche Freundschaftsanerbietung erwiderte
...
    Die Knigin, sagte die Altenwyl, nimmt so vielen Antheil an Ihnen! Gibt es
nichts, was Sie der hohen Frau nher fhren knnte? O sie hat ein treues Herz.
Kennte die Nation nur alle diese Menschen da oben!
    Gndigste Grfin! sagte Anna. Mein Leben ist zu drftig fr den Glanz des
Hofes. Was soll ich dort! Ich pflege meinen alten Zauberer von Tempelheide, lese
ihm aus Bchern, wie er sie liebt, vor, sticke, wenn es mein Auge erlaubt, und
treibe etwas Musik. In der Musik hab' ich Alles hinbergeleitet, was in mir noch
sich regen, aussprechen, ja auch sich hingeben mchte. In der Musik lach' ich,
in der Musik wein' ich. Auf den Tnen Gluck's und Hndel's schweb' ich da und
dorthin, wo ich am liebsten sein mchte; es sind ferne Lnder, ferne Haine und
Wlder und ich wei nicht, gehren sie noch dieser Erde an oder sind es schon
Jenseitsahnungen.. Mit meiner Musik bin ich leider egoistisch. Ich frdere sie
nur fr mich. Die Trompetta hat mich oft gedrngt, Vorstellungen in
geschlossenen Kreisen zu geben. Wir wrden es wagen drfen, mit manchem lteren
Werke hervorzutreten, wir kleinen Dilettanten, die wir uns zur classischen Musik
verbunden haben. Wir haben einige gute Solistinnen. Die Flottwitz singt edel und
rein. Ich strube mich aber dagegen. Ich entziehe damit, ich wei es, eine
Einnahme, eine Untersttzung guten Zwecken, aber ich kann mich nicht
entschlieen, Andere durch unsere Versuche belstigen zu wollen. Ich wei, ich
bin egoistisch. Die Trompetta flammt fr die innere Mission. Da ich mich den
Werken derselben zu wenig widme, werf' ich mir oft bitter vor. Aber ich bin eine
Einsiedlerin und trge, trge, liebe Grfin.. Zu nichts zu bringen, am wenigsten
zum Hofe ...
    Grfin Altenwyl war ber diese bescheidenen uerungen etwas verstimmt.
    Anna hatte eine Huld, eine Gabe, die sie ihr verschaffen wollte, geradezu
zurckgewiesen. Die Knigin hatte sie kennen lernen wollen und das nahm Anna so
auf!
    Dennoch lie sich die Altenwyl nichts von ihrer Verstimmung merken, sie
lchelte nur und sagte, indem sie sich erhob, um zu gehen, Anna fast in's Ohr:
    Sie sind ein Engel!
    Nun noch eine halbe Umarmung mit der Frstin, ein freundliches Nicken zu den
Kindern, ein flchtiges Ignoriren der Herren ... und die einflureiche, kluge,
aber vom Geschmack ihrer Umgebung ganz beherrschte Frau war dann endlich
verschwunden. Siegbert hatte sich nur noch der flchtigsten Notiznahme, Rudhard
fast gar keiner mehr zu erfreuen gehabt.
    Man athmete auf.
    Anna, erlst von einem Druck, umarmte jetzt erst noch einmal die Tochter
ihrer Freundin..
    Was wird die Brust leicht, sagte sie, wenn man nach einer zuflligen
Annherung an diese Hofatmosphre wieder frei athmen kann! Und doch meint es die
Frau so gut! Sie, liebe Frstin, Sie mssen am Hofe als milder Stern aufgehen!
Sie sind jung und schn! Ihnen wird diese Welt allerdings keinen Trost gewhren,
aber doch Zerstreuung. Wenn Sie sich vorstellen lassen, schreiben Sie mir's ja!
Ich komme dann, erst Ihre Toilette zu bewundern. Darf ich mich darauf verlassen?
    Die Frstin sah lchelnd zu Rudhard hinber, als wollte sie von ihm eine
Ermuthigung zu irgend einer Antwort abwarten.
    Sie sind ein treuer, dankbarer Zgling, uerte Anna sogleich diese
Unentschlossenheit bemerkend. Sie hren noch jetzt auf Ihren Lehrer. Und Das
drfen Sie! Vertrauen Sie dem erprobten Rudhard recht, wenn er auch Unrecht
hatte, mir das Gethsemane der Trompetta gleich so rundweg mit dem garstigen
Worte zu verurtheilen ...
    Rudhard kehrte sich nicht viel an diese gemthliche Rge, sondern meinte in
seiner Art:
    In dieser Stadt, meine Liebe, mu man auf seiner Hut sein. Wir sind
schlichte Naturkinder, kommen aus den Steppen und Haiden des Ostens und wollen
uns recht grndlich hier Alles ansehen und erst prfen, was sich uns zum Kaufe
anbietet. Das Glnzende wird uns reizen, aber nicht bestechen. Die Wahrheit, die
wir fr's Leben eintauschen wollen, mu probehaltig sein ... Und wenn mein
Freund da, Herr Wildungen, eine noch so schne Zeichnung in das Gethsemane
liefert, ich wittere in dem Album doch Das, was man Muckerei nennt.
    Er blieb dabei, wie Justus der Heidekrger bei seinem Refrain ber den
Reubund.
    Die Kinder lachten ber das komische Wort und die Frauen errtheten ber den
doch allzuderben, allzunchternen Verstandesmenschen, der sich mit Anna, die ihm
doch entgegenkam, nicht einmal ber ein Wort vershnen konnte ...
    Siegbert fhlte, da es nun Zeit wurde, zu gehen. Er frchtete ohnehin schon
zu lange verweilt und Errterungen beigewohnt zu haben, die fr einen ersten
Besuch bereits zu vertraut waren ... Die Sonne sank an dem Rand des Horizontes
herab ... Er hatte es acht Uhr schlagen hren und gedachte seiner Verpflichtung,
sich in der Brandgasse an der bezeichneten Stelle einzufinden.
    Die Frstin forderte ihn mit grerer Wrme, als sie bisher gezeigt hatte,
auf, sie bald wieder zu besuchen ...
    Anna von Harder aber wnschte ihm die Gunst aller Musen und die frohesten
Stimmungen.
    Sie sprach dies Wort unendlich wohlwollend und gtig.
    Es lag Siegberten in dem Abschied von dieser Frau etwas, was ihm zu sagen
schien: Wir sehen uns gewi wieder und werden unsern gegenseitigen Werth noch
besser kennen lernen!
    Anna blieb. Siegbert trennte sich fast schwer von ihr.
    Die Kinder und Rudhard gaben ihm bis drauen das Geleite ...
    An dem Spalier der Seitenfront des Hauses, an dem man vorber mute, um in
den Vorgarten zu kommen, stand der alte Bediente von Tempelheide mit einem Shawl
auf dem Arm und wartete seiner Herrin.. Vor dem Thorweg stand die alte Kutsche,
die Hackert so verspottet und eine Karrete genannt hatte ...
    Nun, sagte Siegbert zu dem Alten in gelb und blauer Livre - es war
derselbe, der ihm den Wein gereicht - nun, es fehlte doch vor acht Tagen nichts
an dem Silberzeug auf dem Tische in Tempelheide?
    Der Alte horchte hoch auf und verstand nicht gleich.
    Als Sie mir den Wein gebracht hatten! Wissen Sie noch? sagte Siegbert mit
Nachdruck, um das Gedchtni des Alten zu strken.
    Ah! jetzt verstand der und sagte:
    Nein, nein, Alles ist richtig gewesen! Bitte! bitte!
    Siegbert ging nach dieser ihm und Hackerten gewordenen Genugthuung
wohlgemuth vorber ...
    Wie er eben an der Ecke der Seitenfront war, fiel von oben aus einem Fenster
eine Hand voll frischester Blumen ber ihn her..
    Sie kamen von Jemand, den man nicht sah.
    Die Kinder riefen: Olga! ohne da diese sichtbar wurde..
    Siegbert raffte sich eine weie Rose von den Blumen auf und sah empor, um zu
danken ...
    Es war aber Niemand da, den er dankend noch gren konnte ....
    An der Pforte versicherte er Rudhard, da er sich ihm auerordentlich
verpflichtet fhle fr die Einfhrung in diesen interessanten Kreis, morgen
schon hoffe er mit seinem Bruder verstndigt zu sein, um ihm, wenn es ginge, das
Geheimni des Bildes einzuhndigen.
    Welches Bildes? fragten die Kinder.
    Das Ihr bei Herrn Wildungen zeichnen lernen sollt! sagte Rudhard und whrend
die Kinder darber ihre Freude aussprachen, setzte dieser hinzu:
    Ich hoffe, da wir uns auch ber diesen Unterricht verstndigen werden.
    Siegbert mochte nicht widersprechen.
    Seine Rose betrachtend, antwortete er lchelnd, um nur der Errterung
auszuweichen:
    Freundlicher kann man, um wiederzukommen, doch wol nicht gemahnt werden?
    Mit diesen Worten zog er die Pforte zu und trat mit beschleunigten Schritten
seinen Rckweg in die Stadt an ...
    Vor einem, ungeachtet es erst dmmerte, doch glnzend erleuchteten Hause -
dem der Schwester Anna's - htte er unter vielen glnzenden Wagen, die vor dem
gueisernen Gitter auf der Chaussee warteten, auch einen, der dem Justizrath
Schlurck gehrte, leicht heraus erkennen mssen; doch war er zu bewegt, um jetzt
auf Dinge zu achten, die um ihn her vorgingen..
    Gerade durch die sich mhsam ausweichenden zur groen Soire beim
Intendanten heranrollenden, eleganten Wagen mute er hindurch ...
    Htte er aufgeblickt, wrd' er bekannte Menschen genug wahrgenommen haben,
die alle zu Paulinen's Festabend fuhren ... Auch Melanie!
    Er sah aber nicht auf. Er sah auf die weie Rose, die eben erst frisch
gebrochen schien, denn noch war sie feucht von der Abendluft oder durch die
erquickende Hand des Grtners, der die Beete Abends netzte ... Er gedachte der
andern Blumen, die er auf dem kleinen Rasen am Hause hatte liegen lassen, er
htte fast umkehren und sie sich noch holen mgen.
    Was Blumen! sagte er aber zu sich selbst und raffte sich gewaltsam aus
seinen Trumen auf.
    Es war die hchste Zeit, zur rechten Stunde in die entlegene, verrufene
Brandgasse und dort das Haus Nr. 9 zu kommen, wo ihn das Wiedersehen des Bruders
und die erneute Bekanntschaft Fritz Hackert's erwartete.

                            Ende des dritten Buches.


                                  Viertes Buch

                                 Erstes Capitel

                           Zwei unverstandene Seelen

Nicht hundert Schritte von der bescheidenen lndlichen Wohnung der Frstin Adele
Wsmskoi entfernt lag die uns schon bekannte reizende Villa der Geheimrthin
Pauline von Harder zu Harderstein.
    Gegen die stille, gemthliche Abendunterhaltung, der Siegbert Wildungen wie
durch die seltsamste berraschung des Zufalls in jenem von Rudhard etwas
despotisch beherrschten Kreise beigewohnt hatte, bildete den auffallendsten
Gegensatz die Vorbereitung der glnzenden Soire, die Pauline von Harder in
aller Eile noch fr den Abend improvisirt hatte ...
    Die Geheimrthin verfgte ber einen gewissen Kreis, den sie zu jeder Stunde
des Tages, wie es in ihrer raschen Sprache hie, zusammentrommeln konnte.
    Ein Besuch wie der der d'Azimont, eine Bekanntschaft wie die der gefeierten
allgemein bewunderten Schnheit Melanie Schlurck, mute ihre nothwendige
Staffage haben und soviel sie auch veranlat war, beide Frauen nur allein zu
genieen, die kleinen Etablissements fehlten in ihren Slen nicht, um mitten
im rauschenden Gewhle sich ungestrt allein zu fhlen und sich auszusprechen.
    Der Eifer, mit dem die Geheimrthin, untersttzt von der
Gesellschaftliebenden und fr ihr Alter sehr zerstreuungsschtigen alten
Charlotte Ludmer, diesen Abend in aller Eile arrangirt hatte, wurde noch
angespornt durch ein Billet des Justizrathes ...
    Franz Schlurck schrieb nicht nur, da seine Tochter sich hochgeehrt fhlen
msse, in die Nhe einer so vornehmen Dame dringen zu drfen, sondern fgte noch
hinzu, da er im Stande sein wrde ihr recht angenehme Dinge mitzutheilen und
sie sich darauf verlassen knnte, schon am morgenden Tage im Besitz des
verlorenen Bildes zu sein, dessen Spuren er entdeckt und auch gefunden htte,
da es mit diesem Bilde eine geheimnivolle Bewandtni haben msse. Er fhle,
da es Zeit zum Handeln wrde ...
    Dieses Billet kam freilich gerade mitten in eine sehr verdrieliche
husliche Scene hereingebrochen, die sie und die Ludmer mit der Excellenz
auffhrten ...
    Die junge Excellenz hatte sich in der That erst gegen Mittagszeit
eingefunden und verrieth so sehr alle Kennzeichen eines bsen Gewissens, da die
beiden Frauen (denn auch die Ludmer nahm sich von selbst die Freiheiten heraus,
die Pauline durch ihre Stellung behaupten durfte) in einen grimmen Zorn
geriethen und ihm kindische Streiche vorwarfen, ber die er beichten sollte.
    Der Geheimrath machte eine sehr verblffte Miene. Er legte sich aufs Leugnen
und blieb bei den Versicherungen seines Diensteifers und der in dem Mbelwagen
deshalb absichtlich zugebrachten Nacht mit aller Hartnckigkeit eines
Schulknaben, der den alten Satz der Jesuiten: Si fecisti, nega! mit einer
solchen Sicherheit durchfhrt, da die Lehrer selber an ihm irre werden und von
seiner Unschuld aufs vollkommenste berzeugt sein mssen.
    Excellenz gestanden den Verlust des Bildes ein, bekannten sich aber fr
vllig unschuldig und drohten mit einer Untersuchung, die sie schon auf's
Nachdrcklichste gegen den Hohenberg'schen Justizdirector von Zeisel htten
einleiten lassen. Kurt Henning Detlev Harder zu Harderstein vertrstete die
Frauen damit, da sie ohne Zweifel bald sehr klar sehen wrden ... Wie gesagt,
da die Geheimrthin den Brief von Schlurck empfing, so lie sie die Btisen
ihres Gatten so hingehen und schenkte ihm nach dem scharfen Verhr, in dessen
Klemme er mit Zittern gesteckt hatte, mit dem Bedeuten, er sollte die nhere
Unterhandlung mit Herrn von Zeisel ihr nur allein berlassen - Pauline war diese
Weisung, die ihrem Gemahl genug auffiel, der Frbitte schuldig, die Schlurck fr
seinen Freund von Zeisel am Morgen erhoben hatte - endlich die Freiheit.
    Bei Tische wurde wenig gesprochen. Pauline hatte der Gedanken zu viele zu
verarbeiten und Alles, was Herr von Harder etwa Neues brachte, z.B. das
allgemeine Aufsehen, das die Erkrankung des Prinzen Egon machte, die Ankunft der
d'Azimont, die Aussicht auf ihre Beziehungen zur Frstin Wsmskoi, die
Schwankungen des Ministeriums, die Wahlen, der Reubund, die drohenden
Zerwrfnisse zwischen der Stadt und der Regierung und das schlimme Beispiel, das
daraus fr die Provinzen entstehen wrde, alle diese Anspielungen, in denen sich
Excellenz, die sonst nur von ihren Schlssern und Gartenanlagen, den
Dienstvergehen der Castellane und Inspectoren, den Angebereien der Subalternen
und ihren Ersparnissen in der Verwaltung ihres Ressorts sprachen, heute
wahrhaft erschpften, um seine Gemahlin heiter zu stimmen und zu vershnen,
diente nur dazu, in ihr Gemth Stacheln und Dornen zu drcken. Sie sah da ja,
da so Vieles sich ereignete, was ohne sie Bestand hatte, ohne sie sich angelegt
hatte und historisch entwickelte!
    Ernst und Franz htten ihr nach Tisch beinahe auch einen unerwarteten rger
bereitet. Denn eben wollte sie sich vor ihrer Toilette noch im grnen Boudoir
ein wenig durch leichten Schlummer strken, als diese beide an sie herantraten
und um die Erlaubni baten, heute Nacht den groen Fortunaball mitmachen zu
drfen. Sie schmhte sehr gegen diese Vergngungssucht ihrer Leute, tadelte den
Ort, wo man Bediente ihrer Stellung nicht antreffen sollte und konnte sich erst
fr halb und halb einverstanden erklren, als Franz mit schlauer Miene sagte:
    Excellenz, es wird ein groer Ball. Tausend Billets sind verkauft. Man macht
Bekanntschaften. Die Wandstabler's kommen auch ...
    Schon oft hatten die Leute der Geheimrthin von diesen drei Geschwistern
Wandstablers erzhlt, die sich auf den Volksbllen fr die Zurckhaltung
schadlos hielten, die sie bei aller Freiheit doch im Hotel des Frsten von
Hohenberg beobachten muten.
    Auf diese Erinnerung hin, sagte Pauline von Harder, wolle sie den Abend noch
einmal auf die Sache zurckkommen ...
    Damit legte sie sich ein wenig zur Ruhe, ohne indessen wahre Strkung in
einem kurzen Schlafe zu finden. Sie trumte zu lebhaft. Nadasdi, der Held ihres
unglcklichen Romans, erschien ihr in dem verhngnivollen Schlafrock, in dem
dieser weichherzige Magyar soviel Thrnen vergossen haben sollte! Jedesmal, wenn
ein groes Ereigni sie beschftigte, erschien ihr Nadasdi in seinem Schlafrock
... Sie nahm ein kleines homopathisches Streukgelchen zur Beruhigung und war
froh, da sie auch fr den Abend Herrn Sanittsrath Drommeldey geladen hatte ...
Sie bedurfte, wenn Schlurck nicht etwas sehr Entscheidendes brachte, wirklich
der rztlichen Berathung.
    Gegen sechs Uhr begann dann die Toilette und heute gewhlter, als seit lange
... Whrend die Ludmer die oberen Salons hatte ffnen, mit frischen Blumen
garniren lassen, die Kerzen auf den Kronleuchtern untersuchen, vervollstndigen,
die Wandlampen schon am hellen Tage zur Probe anbrennen lie, nebenbei den Thee,
das Eis und die Confitren nach der Ordnung des Servirens angab, die ihr fr
heute die zweckmigere schien, schmckte sich die Geheimrthin mit den
frischesten Farben. Sie whlte heute einen leichten Seidenstoff, wei und roth
gestreift. Ihrem stolzen Semiramishaupte gab sie etwas von ihrer eigenen und
Heinrichson's Erfindung, eine Art biblischen Turbans, wie man sich etwa Rebecka
denken mochte bei Eliezer's Grue am Brunnen. Dies weie Kashemirgewinde, stolz
und frei getragen, stand ihr gar stattlich. Das eine Ende des Bundes, mit
goldenen Fransen, hing schwer ber die rechte Schulter herab, die natrlich, wie
die ganze Bste, sehr stark wei geschminkt wurde, um durch eine groe
umstndliche Florgeschichte, die wiederum ganz patriarchalisch, jedoch mehr im
Stile der Hagar, als sie mit Ismael in die Wste zog, um Nacken und Hals
geschlungen wurde, blendend hindurchzuschimmern. Die magern Arme hatten sich
derselben Prozedur des Puderns zu unterwerfen. Sie waren, ein seltenes Wagni,
heute ganz frei und wurden mit den schwersten Armbndern behngt. Wenn sie mit
einer leichten, wellenfrmig gerundeten Bewegung des rechten Oberarmes ganz wie
in Gedanken einmal an das hngende Ende ihres Turbans fuhr und die goldenen
Troddeln, schwerer wiegend, hin- und herschwankten, so gab das einen ganz
hbschen Effect, den der elegante Maler Heinrichson oft bewundert und erklrt
hatte, ihn sich fr ein Bild zu merken, das er noch einst von dem Antonius und
der Cleopatra malen wollte.
    In dieser Tracht, die ihr wirklich viele Frais verursachte, nmlich die
Mhe der berlegung und die moralische Mhe einer ihr gar nicht mehr
gelufigen Eitelkeit, stieg denn gegen sieben Uhr Frau von Harder in ihre
oberen Zimmer ...
    Sie durchmusterte sie und fand sie noch nicht gelftet genug. Es war ihr
hei in dem sommerlichen Abend geworden. Der Maraboutfcher mute die Glut ihrer
Stirn khlen, die leider zu roth, zu roth, ach zu roth war ... Sie hate
eigentlich diese oberen Appartements, der berzahl ihrer Spiegel wegen. Welche
Verschwendung, sagte sie oft, an dieser verleumderischen indiscreten
Composition! Und noch an jedem Spiegel waren zwei Wandleuchter und jeder
Wandleuchter mit mindestens drei Kerzen angebohrt! Aber sie mute diese Zimmer
und nicht den Gartensalon whlen; denn hier nur gab es Nischen zu traulichem
Zwiegesprch, zeltartig drapirte Alkoven mit Tapetenthren zu kleinen Cabineten
mit Divans, die unter Blumen versteckt waren. In einem dieser Zelte, das spter
von einer herabhngenden Ampel matt erleuchtet werden konnte, prfte sie, wie
wol ihr Anzug gegen den Hintergrund abstechen wrde ... Pauline war
geschmackvoll von Natur und nur durch ihre ppige Phantasie manchmal etwas zu
berladen. Aber darin zeigte sie sich als Virtuosin, da sie niemals in groer
Gesellschaft erschien, ohne nicht ihre Toilette nach dem Farbenton der Zimmer
einzurichten, in welchen sie erscheinen sollte. Sie besann sich regelmig, wenn
sie eingeladen war, in welchem Zimmer die Gesellschaft sie begren wrde und
whlte darnach die Farbe ihrer Kleider. Es war ihr schon geschehen, da sie bei
der Trompetta, die einmal nach Vollendung eines Albums, das sie fr arme
berschwemmte herausgegeben hatte, alle Dichter einlud, deren Beitrge das Album
fllten, ein neues wunderschnes grnes Kleid nur unter der Bedingung anzog, da
sie der Trompetta erst ein Sopha mit ceriserothem Sammet berzogen schicken
durfte. Die Trompetta hatte nmlich nur dunkle Mbel und strubte sich sehr,
besonders vor einigen frommen Lyrikern, sich auch auf ceriserothen Sammetmbeln
betreffen zu lassen. Die Geheimrthin kam aber nur unter dieser Bedingung, da
sie ihr grnes Kleid auf rothem Sammet zeigen durfte. Si non e vero ... man
erzhlte es wenigstens.
    Eben noch prfte Pauline den Effect ihres hellen biblischen Costms gegen
das dunkelblau mit Gold drapirte Zeltgemach und erfreute sich des
wirkungsvollsten Abhubes ihrer Figur von der dunklen Umgebung, als ein Wagen
vorfuhr und durch das offenstehende Portal gleich in das Haus einlenkte. Da
eine Dame leicht und behend vom schnell herabgelassenen Tritte herunter und auf
die Strohdecken sprang, die unter dem Unterbau des Hauses vor der Eingangspforte
ausgelegt waren, sah Pauline nicht; sie sah nur das Einlenken des Wagens in die
geffnete Gartenthr, ahnte aber wer es war, lie sich nicht erst anmelden, wer
kam, sondern ging der Kommenden entgegen. Sie war vollkommen darauf vorbereitet,
da sich ihr die Grfin d'Azimont mit einem Strom von Thrnen an die Brust warf
...
    Welch ein Gegensatz zwischen zwei Geschwisterpaaren! Drben die ruhige, fast
phlegmatische Adele Wsmskoi im Kreise ihrer Kinder, geregelt und bevormundet
von einem einfachen, strengen, mathematisch geordneten, praktisch brgerlichen
deutschen Verstandesmenschen; hier diese wilde leidenschaftliche Halbpariserin,
die schon auf der Treppe so laut schluchzte, da die Ludmer die erstaunten
Bedienten entfernen mute! ... Drben die weiche, sanftmthige Anna von Harder,
die ihren Lebensberuf in der Pflege eines wunderlichen Greises, in milden Werken
der Liebe und der prunklosen Ausbung der Musik fand und noch in diesem
Augenblicke die bescheidene Sorgfalt ihres Herzens gegen ihr fast ganz fremde
Menschen walten lie; hier ihre Schwester, im blendendsten Schmuck, ebenso
leidenschaftlich, nur uerlich klter, wie ihr Besuch, den sie nicht am kleinen
Theetisch, am dampfenden Comfort, unter einem Akazienbaum, an einer Wand
beschattet von wildem Weine empfing, sondern in das blau- und golddrapirte Zelt
fhrte, auf einen Divan, hinter Camelien und rankenden Gewchsen, die sich um
die schweren bronzenen Stbe des Zeltes und die herabhngenden goldenen Quasten
ringelten.
    Helene d'Azimont war klein und zart. Woher sie schner war, als ihre ltere
Schwester, konnte man kaum begreifen, wenn man fast denselben Schnitt des
Gesichtes entdeckte. Es war dieselbe Bildung der Formen und doch von unendlich
verschiedener Wirkung. Das Ensemble an der Grfin war reizend, die Linien
unendlich harmonischer, ihre Verbindung belebt und voll Anmuth. Sie lie sich,
obgleich der Frstin ganz hnlich, doch mit dieser kaum vergleichen. Jede
Bewegung der Helene d'Azimont war Leben. Die langen Augenwimpern zitterten, der
schne kirschrothe Mund bebte, die wie Emaille glnzenden Zhne zeigten sich
unwillkrlich, wenn die Lippen wie vom Schmerze offen standen. Die Form des
Halses, des Nackens, die Wlbung der Hften, Alles war zwar klein, zwar
zierlich, aber doch schlank und von regelmiger Harmonie und voll und
fleischig, trotz des Kummers, der doch an ihr nagte. Das Auge blau und im Nu so
gro geffnet, da es unter den schwarzen Wimpern wie eine leuchtende
Krystallkugel aufzugehen schien. Die ganze Schwrmerei einer italienischen
Sternennacht lag in diesem Auge, wenn es sich ffnend starr den Blick festhielt
und den Gegenstand, auf den es fiel, fast in sich aufsaugend verzehrte. Das
schwarze Haar lag im einfachen Scheitel dicht und glnzend ber der kleinen
Stirn. Wre diese Stirn ein wenig grer gewesen, man htte das Bild einer
religisen Denkerin, einer entzckten Schwrmerin gehabt. Da sie aber klein, von
dem Scheitel beschattet war, so versinnlichte sie nur das Gemth, die
Leidenschaft, die gleichsam vllige Abwesenheit alles Nachdenkens. Die Liebe
schien der Glaube dieser Frau zu sein; die Zrtlichkeit das einzige Bekenntni
ihres Herzens.
    Wir wissen, da Helene d'Azimont dreiig Jahre zhlt. Eine gewisse
schwellende Rundung ihrer Formen war die einzige Besttigung dieses Alters.
Sonst glaubte man ein Kind vor sich zu haben, eine zum ersten Male ins Leben
tretende Jungfrau, voll Vertrauen, Dreistigkeit, angeborener Sicherheit. Wie
dies Auge rollte! Wie diese Brust wallte! Pauline konnte sie ohne Hemmni an die
Flordraperie ihres Halses drcken, denn Helene war so einfach gekleidet! Sie war
schwarz vom Kopf bis zur Sohle. Man sah, da es nicht ihre Absicht war, heute
bis zur Gesellschaft zu bleiben. Und doch blendete die Weie ihrer Haut unter
den schwarzen Flren wie der schnste Schmuck! Sie trug an dem runden, vollen
Arme lange schwarze Florethandschuhe. Um den Hals funkelte wol ein Collier von
Brillanten, aber dies schwarze Florchiff ber dem Flechtenneste und halb dem
Scheitel der Haare, dieser Kopfputz mit den einfach in den Nacken herabhngenden
Spitzenzipfeln war so wenig auf gesellschaftlichen Reiz berechnet, da man an
die chtheit der Thrnen glauben mute, unter denen sie ausrief:
    Da haben Sie mich denn, Pauline! So komm' ich von Paris, so sehen Sie in mir
die Verzweifelnde, die Sterbende um einen Sterbenden!
    Helene, ist die Gefahr so gro? fragte Pauline halb wie zitternd.
    Egon stirbt! Egon wird dieser Erde nicht mehr angehren!
    Ich bitte Sie, Freundin! Ein junger, krftiger Mann! Wir haben keine
Epidemieen. rzte umstehen sein Lager. Sie selbst -
    Ich, Pauline? Ich? ... Ihr wit es ja Alle! Wo ich hinblicke, hat ja die
Welt kein Mitleid fr mich, nur lachende boshafte Augen! Die Menschen, die
Bume, die Vgel in der Luft lachen! Verstoene, verlorene Helene, ruft mir ja
jedes Atom, jedes Stubchen zu, ber das ich ohnmchtig hinschwebe! Zwei Jahre
des seligsten Glckes sind ja vernichtet, geschndet - o was sag' ich
geschndet! Egon! Was du thust ist wohlgethan. Tritt mich mit deinen Fen,
verstoe mich, morde mein Herz! Nur stirb mir nicht! Lebe! Lebe! Lebe!
    Helene lag schluchzend auf dem Sopha ...
    Pauline mute sich, selbst wenn sie der kltesten Fassung fhig war, von
einem solchen Ausbruch wildester Verzweiflung erschttert fhlen. Sie hatte seit
einiger Zeit in einer Welt gelebt, die sich um sie her immer mehr erstarrte; sie
hatte frher in dieser Weise selbst geliebt, selbst empfunden. Aber jetzt nach
so vielen Verkncherungen und Versteinerungen ihrer nchsten Lebensbedingungen
war ihr diese Scene fast wie Traum aus ihrer frhesten Jugendzeit. Die
fnfundzwanzig Jahre, die sie mindestens vor der jungen verzweifelnden Frau
voraus hatte, fhlte sie einen Augenblick nicht; sie konnte das Zittern ihrer
Hand nicht unterdrcken, konnte nicht von ihren Lippen wegwischen, da sie einen
Augenblick bebten. Sie dachte an Heinrich Rodewald und ihre Jugend ...
    Helene, sagte sie nach einer Pause allmliger Sammlung, Helene, Sie sehen
mich voll gerhrtester Theilnahme, aber auch voll berraschung. Ich wei so
wenig von Dem, was Sie betrifft. Ich hoffte dieser Tage durch einen Besuch bei
Ihrer Schwester -
    Schweigen Sie von dieser Schwester! rief Helene, und in die zarte
Erscheinung fuhr pltzlich eine so elastische Beweglichkeit, eine so
aufschnellende zornige Erregung, da man die in Liebe zerflossene Weiblichkeit
kaum wiedererkannte. Der Mund und das Kinn traten entschlossen hervor und die
Augen blitzten von einem wilden, trotzigen Feuer.
    Schweigen Sie, rief sie, von dieser Heuchlerin, dieser lieblosen Moralistin!
Fr die glhendsten Schilderungen meines Glckes, die ich ihr nach Odessa
schrieb, hat sie mir im Tone einer Predigt geantwortet. Wenn sie mich tadelte,
da ich fr Belcotti schwrmte, mit Addington tndelte, die Leiden des
polnischen Volkes mit dem jungen lithauischen Flchtling Bardansky verwechselte,
o, alle diese Vorwrfe waren gerecht und ich nahm sie mit schwesterlicher Liebe
hin. Aber endlich schrieb ich ihr, ich trenne mich von d'Azimont, ich liebe, ich
liebe zum ersten male, ich liebe, wie ein Weib lieben soll, ein Weib, das fhlt,
ein Weib, das da ahnt, in ihr ruhe das Geheimni der Schpfung. Als ich ihr
schrieb: Der, den ich liebe, ist ein Gott und seinen Namen nennen die Irdischen
Egon Prinz von Hohenberg, und als sie mir auch darauf Moral, ewig Moral und
immer Moral predigte, sehen Sie Pauline, ich habe geschworen, wer mir das
Kleinod meines Lebens beschmutzt, mir die Sonne verdunkeln will, die ich anbete
und mgen alle Priester der Erde sagen, die Anbetung der Sonne wre Heidenthum
... ich knnte den Dolch erheben und jeden Lsterer meiner Religion durchbohren,
sei's ein Bruder, sei's eine Schwester und diese Schwester existirt nicht mehr
fr mich.
    Pauline gedachte der Zeiten, wo sie auch mit Dolchen spielte! Wre sie eine
Philosophin geworden, so htte sie gelchelt; aber sie lchelte nicht. So wild
war zwar nicht ihr Ha gegen Anna, wie Helenens Ha gegen die Frstin Wsmskoi,
aber sie erwrmte sich daran, doch wieder einmal auf dem Bereiche der
Herzensgeltendmachungen etwas Kraftvolles, etwas Titanisches zu erleben. Sie
jubelte, jene halb wahnwitzige Sittenlogik anerkannt zu sehen, in der sie frher
selbst gedacht, dann geschrieben hatte und in deren ohnmchtigen letzten
Trmmern sie sich absterbend verzehrte. O sie stand auf! Sie hielt diese Sprache
der Liebe nicht aus, ohne dafr mehr zu haben als bloe einfache Zustimmung! Sie
wurde jung, indem sie auf-und abschritt und Helene, selig ber Paulinens
Erschtterung, umschlang sie und zog sie zu sich unter die Camelien und fuhr,
ihre Hand festhaltend, fort:
    Nichts von Adelen, Pauline! Sie wohnt hier in der Nhe, ich wei es. Ich
kenne sie nicht. Ich schrieb es soeben schon an d'Azimont nach Paris. Er wird
meine Meinung billigen; er ist sehr gut und was an ihm das Beste ist, er liebt,
wie ich, den Charakter!
    Wie geht es denn Desir? fragte Pauline.
    Recht bel! bemerkte Helene.
    Desir d'Azimont war ihr krnkelnder Gatte.
    Wie lange ist es her, da wir zum letzten male hier waren? fuhr Helene fort.
    Vor drei Jahren; sagte Pauline. Haben sich seine bel verschlimmert?
    Desir ist recht krank. Man frchtet fr ihn. Seine Corpulenz wird
beunruhigend. Die Mutter gibt ihn auf und Sie wissen, bse Augen sehen weiter,
als die Augen guter Menschen.
    Keine Vernderung in den alten Verhltnissen?
    Nur noch gesteigerter! Die Mama ist frmlich eine Megre und foltert mich.
Desir's himmlische Gte schtzt mich allein. Sie will die Scheidung vor
Desir's Tode und Desir, der Egon wahrhaft liebt -
    In der That?
    O Desir bleibt sich gleich. Desir ist ein Philosoph. Er gefllt sich
darin, wie Seneca zu sterben. Ich wei nicht, ob ich ihn fr grer halten soll
als ...
    Warum stocken Sie?
    Darf ich denn unbefangen ber Desir sprechen?
    Helene!
    Sie liebten ihn, Pauline, und waren glcklich, als er mich whlte. Sie
drckten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und nannten mich Schwester!
    Ich dchte, mein Kind nannt' ich Sie, Helene!
    O Sie sind gut, Pauline! Sie blieben mir die treueste Freundin trotzdem, da
es Ihnen wehe that, das Band, das Sie an den guten Desir fesselte, getrennt zu
sehen. Aber wie bewundert man Sie auch Beide in Paris ...
    O Helene!
    Ja, alle Cirkel sind noch jetzt von Ihnen voll. Balzac hat mir versprochen,
ber uns alle einen Roman zu schreiben. Ich verbot es ihm, weil ich nach dem
Nadasdi nichts mehr von Ihnen angezeigt fand.
    Deshalb? Warum Nadasdi -
    Ich vermuthete, da Sie selbst dieses Sujet behandeln wrden. Sie haben so
lange geschwiegen? Warum erscheint nichts von Ihnen?
    O! ... antwortete Pauline ablehnend.
    Wie lieb' ich Alles, was Sie schreiben, fuhr die gute, kritiklose Helene
fort, die gar nicht ahnte, welche wunde Stellen sie berhrte und wie sie
eigentlich hinter dem Gegenwrtigen zurck war. In Amarantha erkannt' ich Ihr
Herz, in Nadasdi Ihre vorgeschrittene Kunst. Wre ich nicht durch Egon um meine
Besinnung gekommen, ich htte ein Capitel von Nadasdi unter dem Titel: Moeurs
hongrois ... bersetzt. Welche Phantasie haben Sie! Hier dieses Zelt, Ihr
Costme, Pauline! Sie sollten in Paris leben. Man wrde Sie aufsuchen wie eine
Priesterin des Geschmackes, eine Velleda, eine Druidin der Inspiration. Wir
haben es jetzt sehr mit den Velleden und Druidinnen! Ach, was bleibt uns auch
nach dem Schmerze noch brig als die Weissagung! Auf unsern Trmmern wird man
uns entweder zerschmettert finden, oder wenn wir uns erheben knnen, so ist es
nur in der Mission der Prophetie!
    O meine liebe Pauline, was erlebt' ich seitdem! Shen Sie in Alles hinein
bis auf den Grund, wie wrden Sie, wenn Sie's beschreiben wollten, die Menschen
rhren, whrend denen freilich, deren Herz Sie sicher vertheidigen wrden, es
brche!
    Pauline war ber alle diese Bemerkungen berglcklich. Es waren ihr Das
nicht die Phraseologieen der neuromantischen Schule, sondern wirkliche Ergsse
reinster Aufrichtigkeit und Hingebung, ohne die Idee einer Ironie! Das Lob, das
sie so oft fr ihre Feder empfangen hatte, war meist satirisch gemeint gewesen.
Sie war weltklug und in einem gewissen Punkte nicht eitel genug, um auf diesem
Bereiche Wahres und Falsches nicht sogleich zu unterscheiden. Aber diese
Huldigungen der d'Azimont, das wute sie, die waren ganz naiv und aufrichtig
gemeint. Auch die frmlich auf den Kopf gestellte Moral der beiden Frauen war
zwischen ihnen chose convenue.
    Als ich von Odessa kam, sagte Helene, ich unerfahrenes dummes Ding, was
wut' ich von der Welt! Desir gestand mir, da Ihr Beide Euch geliebt hattet
und ich fand Das edel und gut von Ihnen, denn Desir verdient, da man ihm wohl
will. Sie drckten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und die Thrnen, die Sie
weinten, als Sie die kleine Comtesse d'Azimont zum ersten male sahen, werd' ich
Ihnen ewig gedenken. Wie oft fand ich diese Thrnen in dem Nadasdi und der
Amarantha wieder! Sie entsagten und frderten mein Glck. Ihre Liebe, Ihre
Freundschaft hat mich erst die Welt kennen gelehrt; denn o Himmel, was war ich?
Was wut' ich? Sylvester Rafflard in Osteggen war ebenso ein Ignorant, wie er
jetzt ein Bsewicht ist und aus Rache, da wir ihn, einem deutschen Pedanten zu
Liebe, verabschiedeten, mich noch jetzt verfolgt. Er ist der treueste Rathgeber
meiner Schwiegermutter geworden, dieser bsen Frau, die trotz ihres Strebens,
kanonisirt zu werden, mein Unglck will.
    Rafflard? sagte Pauline. Ich fand den Namen krzlich in den Blttern
angezeigt. Ein Name dieses Klanges, scheint mir, ist ... hier angekommen?
    Der Himmel gebe, da Sie sich irren! rief Helene entsetzt. Ich ha' ihn
trotz seiner Freundlichkeit und alle Welt sagt, es ist ein Jesuit.
    Ich entsinne mich, Rafflard! Professor Rafflard reist, um die Gefngnisse zu
studiren -
    Das ist er! Rafflard ist hier?
    In den Zeitungen las ich, da er einer Gesellschaft angehrt, die es sich
zur Aufgabe macht, das Loos der Gefangenen zu mildern ...
    Lug und Trug! Es ist ein Jesuit, wie nur irgend einer in der Rue Jean Jaques
Rousseau gebacken wird! Er verlie die reformirte Religion nach den schlimmsten
Streichen, die er sich in Genf erlaubte und mu durch den boshaftesten Zufall
von der Welt der Rathgeber meiner Schwiegermutter werden! Nach Egon's Abreise
flog ich dem Geliebten nach und glauben Sie mir, nicht die Gefangenen sind es,
die ihn herfhren. Ich bin es! Ich, die er wie eine Schlange umringelt hlt, um
mich von Egon loszureien ...
    Die Grfin theilt nicht die Toleranz ihres Sohnes?
    Sie betreibt eine Scheidung. Sie will das Vermgen, das nach Desir's
liebevoller Anordnung mir allein anheimfllt, sich, der Kirche, dem Beichtstuhl,
den Jesuiten erhalten. Rafflard hier! Auch Das noch? O ich bin sehr, sehr
unglcklich, Pauline.
    Damit flossen Helenens Thrnen, wie die eines Kindes, dem alle seine
liebsten Hoffnungen von der unerbittlichen Strenge eines Lehrers oder einer
weisen Mutter zerstrt werden.
    Pauline suchte Helenen zu trsten und versprach ihr Rath und Beistand. Nur
sammeln Sie sich, sagte sie und vertrauen Sie mir! Wie kommen Sie denn nur zu
dieser verzehrenden Flamme, zu dem Prinzen Egon?
    Ach! Als wir uns vor drei Jahren wiedersahen, Pauline, begann Helene mit
schwacher Stimme, da war ich im Begriff, aus Verzweiflung ber dies Erdenleben
irgend eine Thorheit zu begehen. War' ich katholisch, wer wei, ob ich nicht die
Mauern eines Klosters aufgesucht und in der Liebe zum Christ (Helene brauchte
diese franzsische Wendung) in der Liebe zum Christ meine unverstandenen
Schmerzen gesammelt htte! O eine so drstende Seele wie die meine und nichts
als das schale Wasser des Alltglichen zur Erquickung! Belcotti, Addington,
Bardanski ... ich schme mich! Abscheulich! Es waren Flmmchen auf diesem Sumpfe
gewesen, den ich Leben nannte. Ich hatte den Einen gern singen, den Andern gern
wetten, den Dritten gern raisonniren hren und mit allen gern zu vier Hnden die
Capricen Chopins und Liszt's gespielt ... Pauline! Das war Alles. Ich kann
sagen, ich hatte in diesen Flammen nur die Flgel verbrannt. Sie wuchsen wieder,
als ich diese Menschen verachtete. Ich wollte mich Desir widmen. Desir war
gut, o gut! Er fhlte sich krank und sagte mir oft: Helene, werde etwas
philosophischer! Wenn ich todt sein werde, kannst du ein neues Leben beginnen!
Eine Witwe von dreiig Jahren im Besitz einer Million und mit einem Herzen voll
Poesie und unerschpfter Hingebung ist die Knigin der Erde! Ich gelobte ihm,
sage zu sein und ich war es, bis meine Stunde schlug. Wir ziehen aufs Land.
Desir hatte eine wunderschne Villa am See von Enghien gekauft, sie ausbauen,
sie verschnern lassen. Ich lebte nur dieser Villa, auf die mich die Eisenbahn
von St.-Germain in zehn Minuten fhrte. O diese Villa ist so reizend, Pauline!
Man sagt, Rousseau habe sie einst bewohnt und dort einige Capitel der neuen
Heloise geschrieben. Ach, Sie wissen, wie ich die neue Heloise und Rousseau
liebe. Ich war glcklich! An unserm Schlchen pltschert der See von Enghien
und die lieblichsten malerischen Partieen sind durch die Eisenbahn recht der
Magnet derjenigen Pariser geworden, die idyllische Freuden lieben. Es war im
Juni. Ich wohnte erst vier Wochen in meinem kleinen Paradiese, malte, zeichnete,
componirte, wollte dichten, ich versuchte Alles, ich las, ich lachte, ich
weinte. Desir war glcklich, wenn ein Sterbender noch einige Zeit glcklich
sein kann. Ich dachte sogar an Ausshnung mit meiner Familie und schrieb
bogenlange Briefe nach Odessa, die ich mit einem Kurier unserer Gesandtschaft
ber Constantinopel expedirte. Da ereignete es sich, da eine muntere
Gesellschaft, Handwerker wie es schien, auf dem See an meinem Garten eine Partie
machte. Sie kamen vom jenseitigen Ufer und wollten die Runde fahren und die
Besitzer der Grten necken, die an den Ufern die Khle des Gewssers athmeten.
Da schlug das Boot der frhlichen Gesellschaft um, whrend ich an einem Tische
sitze und gedankenvoll auf die schkernde, bermthige, junge Welt hinausblicke.
Ich schreie, springe auf und strze die steinernen Stufen hinab, die am See
besplt werden von den Wogen, in denen sich unsere angekettete Gondel schaukelt.
Ich springe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine, eine natrliche
war, so entfuhr mir auch das deutsche Wort: Hilfe!
    Sie starke Seele! sagte Pauline bewundernd. Eine jede andere an Ihrer Stelle
wre in Ohnmacht gefallen und htte nichts gethan.
    In Ohnmacht gefallen? rief Helene mit flammender, guter, schner Erregung.
In Ohnmacht, wo Menschen ihren Tod in den Wellen finden? Ha! Retten konnt' ich
nicht, aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab, das uerste zu
wagen. Es war ein schner Jngling, der zur Gesellschaft gehrte, sich in die
Wogen strzte und mit krftigem Arme ein junges Mdchen emporhielt, das er in
den Wellen ergriffen hatte. Er schwamm mit seiner glcklich Geretteten an unsern
Garten. Ach! Sie knnen denken, Pauline, wie ich glcklich war, als man mir
zurief, nur das junge Mdchen htte das bergewicht verloren und wre, nach
Wasserlinsen haschend, ber den Rand des Nachens gestrzt, mit dem man
scherzhafter Weise schaukelte. Meine Diener kommen. Wir tragen das junge Mdchen
in's Haus, der junge Mann, der mein deutsches Wort: Hilfe! vernommen hatte,
sprach deutsch mit mir. Wie erstaunt' ich ber den gebildeten Fremdling! Er war
gro und schlank, von schwrmerischem Auge und sprach so geistreich, da ich auf
der Hut sein mute, ihm die richtigen Antworten zu geben. Das Mdchen, ein
zartes, etwas verblhtes Kind, eine echte Franzsin, erholte sich bald. Ich gab
ihr Kleider, lie ihnen Thee vorsetzen; aber sei es, da ihr Geliebter deutsch
mit mir sprach oder was war es, sie wollte fort. Sie schien mir hektisch,
krankhaft aufgeregt und beherrschte den jungen Mann mit einem einzigen Blicke.
Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eisenbahn zurck. Am Tage
darauf hatt' ich die Kleider wieder. Der junge Deutsche brachte sie selbst.
Vergeben Sie mir, Pauline, wenn ich Ihnen gestehe, da ich ihn schon liebte. Ich
erfuhr, da ein wunderliches Incognito ihn umspann, ich lftete das mysterise
Dunkel, in das er sich zu verbergen suchte, ich entdeckte, da dies jener
vielbesprochene, seiner Familie, seinem Stande abtrnnig gewordene Egon von
Hohenberg ist. Ein Frst! Solche berraschung! Pauline, ich schildere Ihnen die
Anstrengungen nicht, deren ich bedurfte, um Egon von seinen communistischen
Thorheiten zu heilen. Die Begeisterung fr all das Romantische, was ihn umgab,
lieh mir die Kraft, ihn wieder zu uns zurckzufhren, denn weil ich seine
Hingebung an die Sphre des Volkes schn fand, weil ich ihm Beweise gab, da ich
ihn verstand, ihn begreifen konnte, widersprach er mir nicht, als ich ihn
allmlig doch von seinen Kameraden, von armen Handwerkern und Grisetten trennte.
    Vortrefflich! Vortrefflich! Wie psychologisch! Sie sind eine Weise geworden,
unterbrach die Geheimrthin.
    Helene d'Azimont fuhr fort:
    Egon wurde mein! Ich durfte ihn mein nennen, denn ich hatte ihn mir erobert.
Er kehrte zurck in die Welt, die fr ihn bestimmt war und wie glnzte er in
ihr! Pauline, welch ein Triumph, den Mann zu lieben, der Alle blendete! Wenn er
in die Salons trat in seinem edlen Wuchs, mit dem fast lockigen Haar, dem
sanften blauen Auge, dem lchelnden Mund, um den ein gewisser Schmerz die ganze
Seele verkndete - o Pauline, ist es denn mglich, da Das war! Da ich ihn zwei
ganzer, voller, wie eine gttliche Minute dahingerauschter Jahre mein nennen
konnte. Mein, mein - und dann - dann -!
    Sie regen sich auf Helene! Lassen Sie Das! Erzhlen Sie nicht! Une rupture!
Das sagt ja Alles! Ich kenn' es ...
    O, in dieser Form nicht! Pauline, in dieser Form nicht! sagte Helene dumpf.
Das war ja nichts, was Menschen ertragen knnen! Das war ja nichts von dem
Jammer aller Derer, die schon vor uns am gebrochenen Herzen starben - Pauline
und wenn ein Messer vor meiner Brust zckte und Jemand sagte: Ich la dich
leben, aber du hast Das erlebt, so wrde ich antworten: La mich sterben; nur
nicht das erlebt! Da, da sa ich auf einem Sopha, es war dasselbe, auf dem einst
jenes Mdchen sich erholt hatte ... sein Arm war um meinen Nacken geschlungen,
ich sog die Ksse der Liebe von seinen Lippen ... da tritt ein Handwerker ein,
den ich seit einiger Zeit angenommen hatte, um meine Villa schner zu schmcken.
Desir war in Paris. Ich wohnte in Enghien ... Egon in der Nhe. Meine Phantasie
hatte ein Spiegelzimmer erfunden, mit dem ich ihn berraschen wollte. Ach! Egon
bewunderte meine Phantasie im Erfinden! O, sagte er oft, Helene, du bist die
Gttin des Erfindens! Du bist eine Schpferin, eine Knstlerin des Lebens! Deine
Phantasie ist orientalisch! Man sieht, da du eine Nachbarin der Cirkassierinnen
warst ... O Pauline ... der unglcklichste Zufall fhrte mich auf einen gewissen
Louis Armand, den Bruder jenes Mdchens, in deren intriguantem Netze der arme
Egon Jahre lang geschmachtet hatte. Louison hie dies Mdchen. Schon von Lyon
aus hatte sie den aus der Pension in Genf entflohenen halb unreifen Knaben zu
all' den Thorheiten verleitet, die hier und in Paris das Gelchter der groen
Welt machten. Egon wute nichts von den geheimnivollen Arbeiten dieses Armand,
nichts von den Malereien eines deutschen Malers, Reichmeyer, der mir heute
aufwarten wollte und den ich zu Ihnen beschied ... Vergeben Sie mir - die Maler
haben ja Zutritt bei Ihnen ... ich sehe Niemanden - Niemanden - Sind Sie nicht
bs?
    Pauline schaltete ein: Bitte! Er soll mir willkommen sein! und freute sich
zugleich ber die Aussicht, da die Grfin trotz ihrer furchtbaren Aufregung fr
den Abend vielleicht nun bleiben wrde ...
    Helene fuhr fort:
    Einige Tage war Armand nicht gekommen. Unwillig hatt' ich ihm geschrieben
und meinen Leuten gesagt, ich wollte ihn selbst sprechen, um ihn fr seine
Nachlssigkeit zu zanken. Da tritt er ein, schwarzgekleidet. Egon springt auf:
Louis! ruft er. Ich ahne, da er ihn kennt. Ohne auf Egon zu merken, antwortet
der Handwerker: Madame la Comtesse, ... Sie haben Recht, meine Verzgerung zu
tadeln, aber Sie werden entschuldigen, da ein Bruder am Sterbebette seiner
Schwester ... seine Pflichten als Arbeiter vergit. Ich bin im Begriff, sie
heute zu begraben und kam selbst nach Enghien, nur um mich auch fr heute noch
zu entschuldigen ...
    Das ist ja entsetzlich! rief Pauline. Das war Louison? Und Egon?
    Egon, fuhr Helene in fieberhafter Aufregung fort, Egon hrt diese dumpfen
Worte meines Mrders, stt mich zurck, mich Helene, die sich ermannen und den
Strenfried entfernen wollte, ruft: Louison ist todt! und reit sich von mir los
und den Bruder mit sich fort. Meine Leute hielten mich, denn was lag denn mir
daran, da man mich fr eine Rasende hielt! Ich sah, da Egon nach Paris
zurckwollte, ich ahnete, da er sich von mir trennen konnte; denn furchtbar
war, was er mir von der Macht dieses Armand ber sich geschildert hatte. Ich sah
Alles vor mir, hielt ihn krampfhaft mit den Armen, warf mich auf die Schwelle
vor die Thr des Hauses und schrie: Tritt mich Egon, ehe du mich verlssest,
mich die Lebende um die Todte! Mein Haar war aufgelst, meine eiskalten Hnde
bebten, meine Zhne klapperten vor Fieberfrost ... Und Egon - Egon schritt ber
mich hinweg ... schritt ber mich hinweg!
    Ha, er flog an den Bahnhof - schon war zufllig das zweite Zeichen gegeben
worden. Als ich aus meiner Betubung erwachte, ein Pfiff, er war davon, ich
allein. Er hatte mich zurckgestoen, mich, die ihn liebte und ihn noch liebte,
als er sie verlie! Ich fuhr nach Paris, ach! und konnte seine Spur nicht
entdecken. Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre drauen bei den
Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegngni der Louison
Armand gesehen haben, der dort die ffnung des Sargdeckels verlangte und die
Leiche mit seinen Kssen bedeckte. Man warf dann die Erde ber den Sarg und der
junge Mann, sagte man, soll bis in die Nacht auf dem Hgel geweint haben, einige
Grber weiter davon htte der Bruder der Todten gesessen, stumm die Hand auf das
Haupt gesttzt. Dann wre der Bruder zu jenem herangetreten und vershnt wren
sie Beide von dannen gegangen ...
    O, mein Kind! Das ist ja ein Roman! sagte Pauline erschttert. Das ist ja
furchtbar, entsetzlich! Ich sehe Das vor mir! Ein Bild, von dem man zu den
Knstlern reden mchte ...
    Und Sie sind parteiisch, Pauline? Denken Sie nicht an mich?
    Helene!
    Ich erhielt einen Brief von Egon, worin er von mir Abschied nimmt und mir
schreibt, er msse mich fliehen und die Mission seiner hheren Pflichten
beginnen. Er reise in die Heimat. Ha! Pauline ... ich ihn ziehen lassen? Nein!
Ich strzte zu Desir, der mein einziger Trost, mein einziger Freund war. Der
Gute gab mir Geld und zeichnete mir selbst auf der Landkarte den krzesten Weg
vor, um den Geliebten einzuholen. Ich kam zu spt. Hier bewacht ihn jetzt der
Tod und Armand - der frchterliche Rcher seiner Schwester. Ich habe Egon nicht
wieder gesehen und wenn er stirbt, sind meine Stunden gezhlt.
    Erschpft von dieser aufregenden Erzhlung sank Helene Grfin d'Azimont in
die Kissen des Divans zurck.
    Pauline suchte sie zu trsten. Sie verwies ihr die bergroe Heftigkeit und
den Sturm ihrer Empfindungen. Sie wrde den Freund damit nur erklten, sagte
sie. Sie schilderte ihr, wie sie ihre Plne mit Besonnenheit anlegen mchte. Sie
pries das Glck, in solchen Dingen von einem guten Gatten nicht behindert zu
sein, ja sie wies selbst auf die Mglichkeit hin, da Rafflard hier zu einer
Ausgleichung fhren knne, da er den jungen Frsten von Genf her kennen msse.
Sie bat sie ferner, diesen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu sehr zur Schau zu
tragen. Sie lebe nicht in Paris. Die Maximen der Gesellschaft htten seit kurzem
einen merkwrdigen Umschwung erlitten. Sie wrde sich und alle ihre Freunde
compromittiren, wenn sie diesen Roman hier so fortsetzte, wie sie ihn in Paris
begonnen htte. Der Hof wre in solchen Dingen von einer unglaublichen
Empfindlichkeit. Sie knnte sich den abscheulichsten Demthigungen aussetzen ...
    Helene blickte auf und sagte stutzend:
    Das Alles sind die Antworten einer Freundin? Einer Dichterin?
    Pauline raffte den letzten Rest von Schwrmerei, der ihr zu Gebote stand,
zusammen, warf das verlschende Licht ihrer Augen noch einmal empor, da das
Weie einen blitzenden Schimmer von sich gab, und sagte:
    Helene! Ach, ich verstehe Sie ganz. Aber ...
    Helene schluchzte.
    Pauline hielt sie trstend, aber auch seufzend, an ihrem mitfhlenden
Herzen.

                                Zweites Capitel



                                  Begegnungen

Als sich Helene etwas erholt hatte, begann die junge schne Frau mit leidender
Stimme:
    Ich hrte die gute, kluge Freundin, ich schtze Ihren Rath, aber um Egon
kann ich Alles dulden. Wie oft schon hat er in Zornausbrchen mich in meiner
Liebe gekrnkt; ich fhle die Bitterkeit seiner Worte wohl und jammere, aber
lieben mu ich ihn doch.
    Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten; ich beschwre Sie! Niemanden sonst!
sagte Pauline dringend.
    Ich versprech' es Ihnen, antwortete Helene. Ach, Sie sind glcklich. Ja! Sie
sind Dichterin. Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden, die Ihnen
die grausame Welt schlug, dem Tode nahe bringen, dann kommt die Muse als
Trsterin und Sie knnen sich wenigstens Ihre eigene Grabschrift schreiben. Ich
habe keine Kunst, die mich rechtfertigt; kein Talent, das mich trstet. Musik!
Ein wenig Musik! Aber nur im Tanze knnt' ich mich eigentlich aussprechen, im
rasendsten Tanze. Wie ein indischer Shamane mcht' ich mich so lange um mich
selbst drehen, bis ich rasend werde und todt niedersinke ...
    Sprechen Sie von der Kunst nicht, liebe Helene, sagte Pauline und legte die
frstelnde Hand auf Helenens heie Stirn. Die Zeit der Kunst ist vorber. Ich
bin die nicht mehr, die Sie vor drei Jahren kannten, Helene. Die starken Gefhle
sind einer frostigen, prden Analyse erlegen. Nur die Unschuld noch wird
bewundert und das Naive gro genannt. Tndelnde Kinder drckt man wie zarte
Lmmer mit rothen Bndchen und Silberglckchen an's Herz. Die liebenden und
aufopfernden Ehegattinnen sind die einzigen, die man von unserm Geschlechte noch
anerkennt. Die Politik soll, wie man sagt, eine Art Reinigung der Gemther
geworden sein. Ich wei Das nicht, aber es ist so; es soll so sein. Man mu sich
vor den allgemeinen Thatsachen demthigen.
    Es ist auch in Paris so, sagte Helene. Wenn aber eine gewisse Stabilitt
wieder hergestellt sein wird, wird sich auch diese Verirrung legen.
    Sie sagen: Verirrung? ... bemerkte Pauline lchelnd und fuhr fort:
    Glauben Sie daran! Sie sind noch jung, Sie vermgen noch alle diese
Erscheinungen mit einem liebebedrftigen Herzen abzuwarten. Fr uns aber, liebe
Helene, lassen Sie uns besonnen sein. Sie werden hier bleiben, bis Egon
wiederhergestellt ist. Auch ich nehme an Allem, was die Hohenbergs betrifft, den
lebhaftesten Antheil. Sprach Egon niemals von mir, nie von den Harders
berhaupt?
    Egon war ein Franzose geworden. Er kannte Deutschland nicht mehr; antwortete
Helene.
    Lie er sich niemals auf das Leben seiner Mutter ein? bemerkte Pauline
lauernd.
    Ich wei von ihr nicht mehr, als was ich von Ihnen erfuhr, sagte Helene
aufrichtig und offen. Wer Amarantha bewundert, kann nur erschrecken, da Egon
Amaranthens Sohn sein soll! Lassen Sie! Lassen Sie! Ja! Ja! Man sagte mir Das.
Was thut Das? Ich lebte der Gegenwart und Zukunft. Egon selbst sprach ungern vom
Vergangenen. Gerade zur Zeit, als seine Mutter starb, waren wir Beide die
glcklichsten Geschpfe der Erde.
    Sie sind auch darin so gut, Helene, sagte Pauline aufathmend, da Sie fr
Ihre Freunde Partei nehmen und fr Das, was Sie einmal warm und treu ergriffen
haben, Farbe halten. Schlieen Sie sich mir an! Ich bin zwar manchen Strmen
preisgegeben gewesen. Aber noch wurzl' ich in festem Boden. Bleiben Sie eine
Viertelstunde in der kleinen Gesellschaft, die ich heute um mich habe.
Beobachten Sie flchtig! Sie werden mit der Schrfe Ihrer Intuition bald
bemerken, was jetzt die Menschen hier beschftigt und beschftigen darf.
Versprechen Sie mir, besonnen zu sein? Besonnen um meinetwillen?
    Ich verspreche es, sagte Helene und reichte ihre weie schwarzbeflorte Hand
der auf Melanie, die jetzige Rivalin Helenens gespannten Freundin, die schon auf
Wagen im gekieselten Fahrwege lauschte und mit Helenen an ein von der Abendsonne
beschienenes Fenster der vorderen schon erleuchteten Salons trat.
    Sie wissen doch, da Adele Wsmskoi dort drben wohnt? fragte Pauline.
    Und noch ehe sie Helenens Antwort abgewartet hatte, brach sie schon in den
lebhaftesten Ausdruck ihres Erstaunens aus, die kniglichen Livreen vor dem
Hause zu erblicken ...
    Sehen Sie! rief sie. Die Frstin ist eine tugendhafte trauernde Gattin, eine
zrtliche Mutter! Da steht schon der Wagen der Oberhofmeisterin vor ihrer
Einfahrt!
    Meine Schwester scheint gefeiert zu sein; sagte Helene verchtlich. Der
zweite daneben haltende Wagen scheint ihr ebenfalls Besuch zugefhrt zu haben.
    Was seh' ich! rief Pauline. Das ist ja der alte Rumpelwagen meiner
Schwester? Anna mit der Altenwyl zusammen? Ludmer! Ludmer! Wo ist die Ludmer?
Anna hat ein Rendezvous mit der Altenwyl!
    Die alte Charlotte Ludmer hatte sich schon lngst in der Nhe gehalten und
besttigte, was sie schon ausspionirt hatte, da bei der Frstin drben, so
wurde bertrieben ein Wagen nach dem andern vorfhre, und eben wren Anna von
Harder und die Grfin Altenwyl dort zusammen ...
    Helene begriff nicht, was Pauline darin so Auerordentliches finden konnte
und hrte befremdet zu, als Pauline in die Worte ausbrach:
    So mssen sich denn die schnen Geister wirklich schon begegnen! O ich sehe
es, wie sie aufeinander lauschen, aneinander sich entznden und entflammen! Dort
die Tugend, da die Tugend und berall die Tugend! Ha! Ha! Ha! Ludmer, was
wettest Du, Anna wird morgen in die kleinen Cirkel eingefhrt! Was wird die
Knigin sie an ihr Herz drcken und ihr eingestehen, wie sehr sie nach dem
Umgang mit solchen Naturen geschmachtet htte! Pfui! Lcherliche Welt! Helene,
was sind die Mnner zu beneiden! Die Mnner knnen Das, was sie verachten, zu
strzen sich verschwren! Sie knnen Stirn gegen Stirn ihren Widerwrtigkeiten
entgegentreten. Wir Frauen mssen unsere Ideen, wenn wir welche haben,
niederkmpfen und nach Gebetbchern greifen, um nur nicht die Thorheit zu
begehen, einmal eine That zu versuchen ...
    Ich erstaune, sagte Helene, da man hier so vom Hofe abhngt! Noch vor drei
Jahren ...
    Alles ist anders geworden, unterbrach die aufgeregte Pauline. Wissen Sie,
Helene! Hier treiben die Frauen jetzt nichts mehr als Werke der Liebe, der
christlichen Liebe ...
    Oeuvres de charit! Wie in Paris! sagte Helene lchelnd.
    Wer liest noch ein Buch! fuhr Pauline fort. Wer spricht noch von einem
Roman! Verachtet ist jetzt jede Frau, von der man mehr wei, als da sie ihre
Kinder selbst wscht, selbst anzieht und die Zeit, die ihr sonst brig bleibt,
mit Kirchenmusik und Colportage von Loosen fr die Ausspielungen der
Frauenvereine zubringt. Man nennt Das die innere Mission! Man spricht von
Krankenpflege, von Wrterinnen in den Hospitlern, von der Armuth und den
unehelichen Kindern, von den Skropheln und Kartoffeln, von den Gefangenen und
ihrer Besserung ...
    Wie Rafflard und meine Schwiegermutter in Paris!
    O, es mag vortreffliche gutmthige Leute darunter geben, die sich gern damit
beschftigen, Charpie zu zupfen und die Warteschulen zu besuchen, aber ich kann
es nicht. Ich fhle mich zu schwach fr diese Tugenden ...
    Pauline von Harder konnte nicht ausreden; denn die Thr ffnete sich und
einige Gste traten schon herein ...
    Es waren zwei. Erstens der Hofmaler Lders, eine schleichende hfliche
Figur, ein Mann, der sein schnes Talent frh gelernt hatte an den
Meistbietenden loszuschlagen, und Sanittsrath Drommeldey.
    Ganz gegen die Abrede mit Paulinen strzte Helene gleich auf diesen Letztern
zu und fragte nach Egon, den er mit mehren andern rzten behandelte ...
    Drommeldey erwiderte mit einem eigenthmlich gekniffenen, lauschenden Blicke
seines scharfen Auges, da der junge Frst sich durch mancherlei Aufregungen ein
Nervenfieber zugezogen htte, dem er deshalb den glcklichsten Ausgang
vorhersage, weil es sogleich im ersten Stadium in ganzer Heftigkeit ausgebrochen
wre und den ganzen Organismus ergriffen htte. Wenn es eine schleichende,
unausgesprochene Form angenommen htte, sagte er, wrde er besorgt sein. Allein
eine so gewaltige Erschtterung und der schnelle Ausbruch des Phantasirens
erzeugt rasche und gute Krisen. Wir haben ein Nervenfieber, nicht den Typhus.
    Phantasirt Egon und was? wollte Helene in ihrer leidenschaftlichen
Theilnahme eben fragen; aber Pauline zog sie fort und flsterte ihr zu:
    Migung!
    Drommeldey mute sich nun mit Paulinen beschftigen, mit ihrem Pulse, den er
zu aufgeregt fand, mit ihrem Appetit, den sie fr gering erklrte ...
    Sie haben keine Badereise gemacht, sagte Drommeldey, Sie grbeln zuviel, Sie
nehmen das Leben zu ernst.
    Als Pauline diese Kur durch Leichtsinn ablehnte, vertiefte sie sich mit
Drommeldey in homopathische Gesprche, die ihr den Genu verschafften, mit sich
selber zu theoretisiren und eine Art von autodidaktischer Quacksalberei zu
treiben ...
    Sanittsrath Drommeldey war der gesuchteste Arzt der vornehmen Welt. Er
mischte das allopathische Princip mit dem homopathischen und praktizirte auf
diese Art  deux mains. Wer an das Eine nicht glaubte, dem half vielleicht das
Andere. Besonders behauptete der kleine, feine, magere, starkgerthete Herr mit
den stechenden listigen Augen, da die Seele des Patienten ein Hauptaugenmerk
des sorgenden Arztes sein msse. Er hatte durch dies Zauberwort alle vornehmen
Frauen gewonnen. Denn eine verstimmte Seele wollen sie alle haben und mehr durch
das Gemth und seine Anregungen, als durch die Pharmakope kurirt werden.
Drommeldey fhrte ein Buch ber seine Patienten, eine frmliche Chronik ihres
ganzen Lebens. Man kann sich denken, wie ihm die Glubigen anhingen. Die Malades
imaginaires behandelte er homopathisch und lie sie aus ihren kleinen
portativen Apotheken sich die unschdlichsten Dinge selbst dispensiren; die
wirklichen Kranken griff er aber mit vielem Geschick allopathisch an. Er galt
nicht nur bei Hofe, sondern mit gleicher Autoritt in einem ganzen Bezirk von
zwanzig bis dreiig Meilen bei allen Reichen und Vornehmen. Er war fast in jedem
Monat einmal auf einer greren Reise begriffen. Ihm ganz besonders kamen die
Eisenbahnen zu statten, denn sie gaben ihm eine Universalpraxis. Im brigen war
er keineswegs so kopfhngerisch, wie man nach seiner Verehrung vor der
Homopathie und der medizinischen Wichtigkeit, die er der Seele zuschrieb, htte
glauben sollen. Er liebte ein Glas herben Ungarweins und stritt oft mit dem
Justizrath Schlurck, ob die englischen oder holsteinischen Austern nahrhafter
wren. Seine Philosophie war so ziemlich die des vorigen Jahrhunderts. Er liebte
Anekdoten von Voltaire, Friedrich dem Groen und der Kaiserin Katharina. Ein bon
mot stand ihm hher als eine Abhandlung. Sein Wissen wurde besonders von den
jungern rzten sehr bezweifelt; allein darum htt' er es doch lngst zu einem
hhern Titel als dem eines Sanittsrathes - was in der medizinischen Welt soviel
wie ein Commerzienrath in der bureaukratischen ist - gebracht, wenn er nicht als
halber Homopath gewissermaen auerhalb der offiziellen Medizinalverfassung des
Landes stand. Die Homopathie war noch nicht akademisch vertreten. Er
verzichtete auf Ehrenmter, begngte sich mit seinen Orden und den Dukaten, die
ihm von allen Seiten zustrmten.
    Die Sle fllten sich ... Offiziere, Beamte, Knstler kamen, manche nicht
ohne Ruf. Es kann nicht unsre Absicht sein, sie Alle zu katalogisiren ...
    Es war da die stehende Garde der Geheimrthin zugegen. Sie bildete den Stamm
ihrer Gesellschaften und konnte recht verletzt werden, wenn sie bei irgend einem
grern Mittage oder Abende fehlte. Alle gehrten sie der Richtung an, die noch
bis vor kurzem von Pauline von Harder leidenschaftlich vertreten war. Da es ihr
nicht mglich wurde, sich nach der Krisis, in der ihre sthetische
Lebensauffassung zu Grunde ging, auf die Werke der Liebe, die Frauenvereine, die
Institute der inneren Mission zu werfen, eine graue Schwester, Diakonissin
oder Schwanenjungfrau zu werden, so hatte sie es leidenschaftlich mit der
Politik und dem conservativen Systeme. Alle diese Anhnger ihrer Fahne waren
Beamte, Adlige, Offiziere, auf's beflissenste damit beschftigt, die alte
Ordnung der Dinge wiederherzustellen und das demokratische Princip zu bekmpfen.
Einige von ihnen sahen in diesem Princip nur die rohen und gemeinen
Straenausbrche der Demokratie, Andere waren gerechter und gestanden zu, da
die Demokratie das Unglck hatte, in ihren ersten Bildungsformationen eine Menge
Schlacken involviren zu mssen; doch auch das reinere Metall erschien ihnen
verderblich und gefhrlich. Der Unschuldigste dieser Conservativen war noch der
alte Graf Franken, den nichts in seinem Hochtorysmus berhrte, an dem Alles
abglitt und der erst seit kurzem wieder dauernd die Gnade gehabt hatte, in der
Residenz zu wohnen. Viel schroffer schon war der Kammerherr von Ried, ein
Schwager Paulinens aus erster Ehe, ein sehr reicher Gutsbesitzer, der zu
verarmen frchtete, wenn die progressive Einkommensteuer und die neue
Grundzinsgesetzgebung in Kraft blieb. Die Gespenster des Communismus lieen
diesen Mann nicht schlafen. Er hatte eine groe Korn-Ligue gestiftet zwischen
allen Grundbesitzern des Landes, um den Ministern und Kammern die Spitze zu
bieten, ein Unternehmen, ber das der Hof nicht wute, sollte er Freude oder
Schrecken empfinden. Kammerherr von Ried organisirte Bauernvereine, die die
Gesellschaften der Demokraten bei passenden Gelegenheiten berfielen und Jeden
halbtodt prgelten, der sich nicht bereit erklrte, auf der Stelle eine gewisse
Landeshymne zu singen. Diese patriotischen Banden wurden fast in der ganzen
Monarchie organisirt und von Gendarmen oder eben ausgedienten Soldaten, die zwar
den Bauernkittel wieder anzogen, aber nicht viel Lust zum Arbeiten hatten,
geleitet. In groen Stdten wurden von Sackfiedern, Lasttrgern, Karrenschiebern
solche Kraft-Vereine gebildet. Der Kriegsrath Wisperling, der zugegen war,
gehrte zu den schleichenden Naturen, die es verstanden, unter Kanalarbeitern
und Schiffsabldern mit einer gefllten Brse Mannschaften zu werben zu solchen
loyalen knttelhaften Demonstrationen. Er mischte sich auf naive, kindliche
Weise unter Brcken-und Bauarbeiter, scherzte, spelte, theilte
Viergroschenstcke aus und veranlate eine Zeit lang jeden Sonnabend spt in der
Dunkelheit einen berfall der Clubs und einige halbtodt geschlagene Opfer dieser
unzurechnungsfhigen Loyalittswuth. Einige Sendapostel der
Enthaltsamkeitsvereine untersttzten darin diesen sanft flsternden, immer
liebevoll lauernden Kriegsrath Wisperling. Dafr, da er bei seinen
Sonnabend-Abends-Werbungen manchmal irre ging und an die unrechten Elemente im
Volke kam und frchterlich oft schon selbst geschlagen wurde, hatte ihn das
Bedauern, das Lob und manche Gratification seiner Vorgesetzten schadlos
gehalten. Er wute, da er auf der Liste stand, bei nchstens thatkrftigerem
Durchbruch der Reaction fr dieses eigenthmliche Rekrutiren Geheimer Kriegsrath
zu werden. Auch einer dieser Sendapostel war zugegen, Baron von Held. Er reiste
fr die Ausrottung der sogenannten Alkohol-Vergiftung und gehrte zu den
gewandtesten Colporteuren der innern Mission, die ja die politische Krankheit
der Vlker auch scharf genug in's Auge gefat hat und sie als Teufelswerk
auszurotten sucht. Das christliche Werben gibt sich da zum Deckmantel einer ganz
weltlichen Industrie, fr eine Menge Bcher, Zeitschriften, Gesellschaften
u.s.w. her, warum nicht auch fr das reactionre Whlen? Einen der kecksten
Agitatoren lernen wir in dem anwesenden Grafen Brenzler kennen. Dieser hatte, um
Conflikte herbeizufhren, sich nicht gescheut, schon an den Straenecken oft zum
Bau von Barrikaden aufzufordern und durch geschickte Manver in solcher Art
gleichsam den Feind herauszulocken, um ihn besser auf's Haupt schlagen zu
knnen. Graf Brenzler, noch jung, war ein frmlicher Flibustier seiner Partei
und lag in einem fortwhrenden bald listigen bald offenen Kampfe mit seinen
demokratischen Gegnern.
    Auch einige politisch sehr fanatische Frauen waren schon zugegen. Sie
gehrten zu den wildesten Parteigngern, unter denen man Erscheinungen in
neuerer Zeit getroffen hat, die die grausamere Natur der Frauen in ein
entsetzliches Licht stellen. Fr die Aussicht, ihre Mnner knnten jhrlich
hundert Thaler weniger Gehalt beziehen, waren manche vom schnen Geschlecht
Furien geworden. Von denen, die um einen bei dem Lrm der Aufstnde flatternden
Kanarienvogel, um einen winselnden Schooshund wthen konnten, will ich nicht
reden; auch die wollen wir bemitleiden, die auf der Strae von einem betrunkenen
Arbeiter bel angeredet, nach Hause kommen und in Ohnmacht fallen und die Welt
mit Feuer und Schwert vertilgt wissen wollen. Aber die Damen waren entsetzlich,
die die Besteuerung der Pensionen frchteten, die, die etwas von den Abzgen der
hohen Gehalte gehrt hatten. Diese glichen Mnaden und htten ruhig neben Karl
IX. in der Bartholomusnacht ausgehalten, als dieser mit der Flinte an einem
Fenster des Louvre stand und immer schrie:
    Tuez! Tuez! Tuez!
    Begren wir nun Diejenigen in Paulinens Salon, die wir schon einmal nennen
hrten oder genauer kennen.
    Vor allen ist die Excellenz selbst zu nennen. Kurt Henning Detlev von Harder
zu Harderstein kam mit dem Grokreuz auf der Brust, sehr gewhlt toilettirt, die
Percke frisch gebrannt und neu gelockt. Seine Haltung verlieh ihm Wrde. Er
belchelte Jeden sehr gndig und war gegen Helene d'Azimont in dem Zelte sogar
herzlich. Diese fand ihn, als er in dem blauen Zelte sich neben sie setzte,
auerordentlich vergngt. Sie gestand ihm, da ein gewisses Etwas in ihm lge,
was man kaum anders nennen knnte als Unternehmungsgeist ...
    Finden Sie Das?
    Unverkennbar. O! O! Sie haben etwas!
    Die Reisen auf die kniglichen Schlsser bekommen mir gut.
    Man athmet dort eine so gesunde Luft ...
    Das ist es.
    Auch die Zeit regt an.
    Die Zeit? Wie so, Frau Grfin? Die Zeit ... Ach! abscheulich! Sie thun, als
wenn ich ein Greis wre!
    Bitte! Ich spreche von der Zeit, nicht vom Alter.
    Ach so! ... Werden Sie Papa nicht besuchen?
    Papa? Wer ist Papa?
    Meinen Papa in Tempelheide ...
    Dies Gesprch wurde fr die erschpfte Helene schon zu angreifend. Es war
ihr drckend, leidlich heiter sein zu sollen. Sie machte Miene, sich doch zu
entfernen, whrend auerhalb des Zeltes Pauline empfing. Der Geheimrath hielt
sie aber mit Schmeicheleien auf. Er fand sie bewunderungswrdig. Verdrlich
antwortete sie:
    Wovon sprachen wir?
    Von Papa, Comtesse! Papa!
    Nein, nein, nein! Ihr Papa? Es mu Ihr Grovater sein! Sie sind zu
schalkhaft, zu jung, um nur noch einen Vater zu haben. Treibt er immer noch
Zoologie, der alte Herr? Gehen Sie zu ihm, Excellenz! Er mu Sie noch zhmen,
Sie blicken heut so wild! Und dabei ist nicht einmal Ihre Cravatte fest
geschnrt!
    Cravatte? Trgt man in Paris Cravatten? Der Graf versprach mir Moden zu
schicken ...
    Recepte!
    Recepte? O!
    Ach, Excellenz, fuhr Helene seufzend fort, so lang ich hier bin ... Schicken
Sie mir denn auch manchmal, wie sonst, Blumen aus Monplaisir und Sansregret?
    Wenn ich sicher bin, nicht durch die Eifersucht eines gewissen -
    Sprechen Sie von Blumen, Excellenz! Ich will Solitde besuchen ... Sie haben
dort Treibhuser. Was gibt es Neues in Solitde?
    Ich habe eine neue Methode des Bewsserns erfunden ...
    In der That? Erfinden Sie?
    Eine Giekanne, Comtesse, die aus verschiedenen Schluchen besteht -
    Eine Feuerspritze -! Excellenz, das ist nichts Neues.
    Doch! doch! Comtesse ... Die Majestten waren entzckt davon. Die Giekanne
ruht auf zwei Rdern; statt des einen Halses gehen zwei Schluche, etwa in der
Lnge von - erlauben Sie, da ich Ihnen Das genauer vormache! Hier steht die
Giekanne ...
    In dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die das Element des
Intendanten der kniglichen Schlsser war, wurde er aber durch seine Gattin
gestrt, die mit den Malern Heinrichson und Reichmeyer in das blaue Zelt trat
und Helenen in Letzterem einen alten Bekannten aus Paris zufhrte.
    Helene empfing den Maler ihrer Villa von Enghien sehr freudig und
tiefbewegt. Sie rckte sogleich so, da Reichmeyer die eben von Excellenz
verlassene Stelle des Divans einnehmen mute. Noch mit dem Worte: Giekanne! auf
den Lippen stand Herr von Harder einige Sekunden schwebend und lie sich dann
mit Heinrichson in eine weitere Auseinandersetzung ber diesen Gegenstand ein.
Harder gehrte zu jenen Menschen, deren Ideenarmuth es mit sich bringt, da sie
einen einmal gefaten Gedanken nicht wieder fallen lassen knnen. Ganz
unbekmmert darber, ob Heinrichson, der besondere Schtzling seiner Gattin, ein
Interesse haben konnte, die Construction einer neuen Giemaschine kennen zu
lernen, setzte er diesem doch jene durch den Mechanismus des Denkens einmal in
ihm aufgezogene Einrichtung des neuen Bewsserungswerkzeuges auseinander.
Heinrichson, der an Alles dachte, nur nicht an die Annehmlichkeit, mit der
Excellenz in ein hydraulisches Gesprch verwickelt zu werden, mute ausharren.
Mit den Bcken hier und dorthin forschend, die Grfin d'Azimont mit seinen
heien, sprechenden Augen fast verschlingend, dann einmal wieder auch
pflichtschuldigst mit einer gewissen Schwrmerei nach dem biblischen Turban
Paulinens blickend, unterbrach er die Auseinandersetzungen des Geheimrathes,
ohne ihrer im Mindesten zu achten, fortwhrend mit den nselnden Worten: Ah!
Sehr wohl! Sehr schn! Sehr praktisch! Aha! ... Und Excellenz waren entzckt
ber die Gelegenheit des Beweises, wie sehr das Vertrauen Sr. Majestt
gerechtfertigt war, als man ihm, dem altgewordenen Kammerherrn und ehemaligen
Reisemarschall des Hofes, die Intendanz der kniglichen Grten und Schlsser
berlie.
    Kaum war Heinrichson hierauf zu Paulinen geschritten und hatte sein Amt
angetreten, das eben darin bestand, ihr den ganzen Abend eine gewisse
Assiduitt zu widmen, das heit: eine gewisse beflissene Emsigkeit des
Aufmerkens und ein scheinbares leidenschaftliches Drngen, immer in ihrer Nhe
sein zu drfen, als die unvermeidliche Trompetta mit ihrer ebenso
unzertrennlichen Begleiterin, der blonden Friederike Wilhelmine von Flottwitz
eintrat.
    Man nannte sie die Inseparables, falls sich, wie Heinrichson boshaft
hinzusetzte, naturhistorisch nachweisen lt, da alte Kakadus sich mit jungen
Kanarienvgeln paaren ...
    Wie dem sei, die Trompetta brachte Leben in jede Gesellschaft. Die kleine
kugelrunde Frau rollte sich bald da, bald dorthin und schied von keinem Cirkel,
in dem sie nicht mehrfach jedem Einzelnen  part einen guten Abend gewnscht
hatte. Whrend Helene glcklich war, mit Reichmeyer allein von Paris, vom See zu
Enghien und ihrem Spiegelzimmer reden zu drfen, zu dem er einige enkaustische
Wachsmalereien geliefert hatte, wute die Trompetta, die ihrer noch nicht
ansichtig geworden war, sogleich eine Flle von Thatsachen ber die Zeit und die
Menschen anzubringen, die Alle anregte und unterhielt. Da sie Jedes im Tone der
Liebe und des herzlichsten Antheils vorbrachte, auch jede Verleumdung, auch jede
Nachrede eines schlimmen Gerchtes, so war es recht boshaft von Heinrichson, da
er zu Paulinen sagte:
    Da hat man schon wieder die gute Dame aus Sheridan's Lsterschule, die nur
deshalb die bse Lsterung der Andern tadelt, um wiederholen zu knnen, was ber
diese Menschen gelstert wird.
    Die Flottwitz aber war sogleich von einigen Militairs umgeben, die mit ihr
ber den neuen Achilles, den Prinzen Ottokar sprachen und ihr Manches im
Vertrauen mitzutheilen wuten, was sich auf der nchsten Avancementsliste
besttigen wrde. Sie erzhlte dafr ihrerseits, da im weiblichen Reubunde wre
beschlossen worden, fr Weihnachten in jedem Kasernenzimmer der ganzen Monarchie
einen Weihnachtsbaum anzuznden, jedem Krieger fr die bewhrte Treue pfel,
Nsse und einen Pfefferkuchen zu bescheeren, der wahrscheinlich den allgeliebten
Prinzen Ottokar darstellen wrde, falls es nicht schicklicher wre, den Knig
selbst in dieser Form seinen Landeskindern zum liebevoll flchtigen Andenken zu
bergeben. Das junge schwrmerische Mdchen war so demokratenfeindlich, da sie
mit groer Begeisterung auch von einigen neuen Verhaftnahmen sprach und die
guten Aussichten fr die nchsten Wahlen lobte.
    Frau von Trompetta musterte die Anwesenden und fand sogleich heraus, da sie
nur dem politischen Kreise der Geheimrthin angehrten. Pauline hatte sich also
noch immer nicht entschlieen knnen, die christlich soziale Richtung der Grfin
von Museburg einzuschlagen, mit der sie die Trompetta in ihrer Weise schon vor
einiger Zeit glaubte liirt, richtiger verkuppelt zu haben. Pauline hatte
wirklich einmal schon einen schwachen Versuch in der Krankenpflege gemacht, es
aber nicht sehr weit bringen knnen in so schweren, den ganzen Menschen und
seine Eitelkeit in Versuchung bringenden Aufgaben. Die Trompetta fand also nur
politische Elemente ... Ihr war Das ganz gleich, der betriebsamen Frau. Sie
pltscherte ja wie ein Meerufer-Fisch in beiden Elementen, im Swasser der
sozialen Richtung, wie im Salzwasser der Politik. War sie doch auch schon zu der
Erkenntni gekommen, da eine Frau, die etwas auf sich hlt, in Gemeinzwecken
nicht ganz zu Grunde gehen drfe! Sie hatte ihre aparten Liebhabereien. Sie
verffentlichte Bcher, Bildersammlungen, Stickereien durch wohlthtige
Lotterieen. Dies war eine Agitation, die sie ganz auf eigene Hand betrieb und
bei der sie sich eine gewisse Selbststndigkeit ihres Namens sicherte. Sie
fhlte sich gehobener, bedeutsamer durch die Bitten der Vereine, doch ihrer
eingedenk zu bleiben und fr sie zu wirken. Denn wenn die Trompetta wirkte, so
bekam ein Magdalenenstift, eine Diakonissenanstalt, ein Blindenasyl, ein rauhes
Haus fr verwahrloste Kinder u.s.w. gleich eine sehr bedeutende Summe. Mit den
schweren Liebesdiensten der christlich sozialen Richtung selbst gab sie sich
nicht ab. Dazu war sie zu flchtig, zu eitel, zu vergngungsschtig. Und oft
sagte sie so laut, da es ihre intimsten Freundinnen, Pauline von Harder und die
Flottwitz, hren konnten: Was thut denn auch die Grfin Museburg anders, als
da sie jeden Morgen die Rapporte von einer alten Kammerjungfer und von ein paar
alten Nhterinnen anhrt, die statt ihrer zu den armen Wchnerinnen, zu den
Kranken und Hilflosen gehen und ihr die Thatsachen mittheilen, denen sie durch
die disponiblen Fonds der Kassen auf ihrem Sopha eine andere Wendung gibt! Sie
notirt sich die Flle in ihren Bchern und setzt daraus die Statistik zusammen,
die sie dem groen Centralausschusse vorlegt!
    Besonders wegen der lieben Flottwitz sah die Trompetta heute mit Vergngen,
da im Salon der Geheimrthin die politischen Elemente berwogen. Die Flottwitz
und die Trompetta gehrten zwar zu den musikalischen Akademieen der feindlichen
Schwester in Tempelheide, allein Pauline hatte gerade gern eine Verbindung mit
dem jenseitigen Feldlager. Die Trompetta sagte oft zu ihr:
    Pauline, brauchen Sie mich bei der guten Anna als vershnenden Parlementr!
Aber Pauline schttelte den Kopf und sagte lchelnd, wie zum Scherz, aber sie
meinte es ernstlich: Nein, ma chre, als Spion! - Pfui! Pfui! hatte zwar die
Trompetta darauf erwidert, aber sie besa ein merkwrdiges Talent, in Form
harmloser spielender Berichte gleichsam nur wie beispielsweise und ohne alle
Absicht die ganze Chronik der groen Welt in Umlauf zu bringen. Sie entzweite
und verband, wie es kam. Junge Mdchen, die ein Herz schon gefunden hatten,
muten sich vor ihr in Acht nehmen. Sie hatte die Leidenschaft, unpassende
Parthieen zu hintertreiben und blinder Liebe bei Zeiten den Staar zu stechen.
Denen aber, die noch nichts gefunden hatten, hielt sie gern immer ein ganzes
Register vortrefflicher Parthieen entgegen, die sie allenfalls vermitteln
konnte. So der Flottwitz. Friederike Wilhelmine dachte, bei ihrem Verkehr mit
Offizieren, nur an das Wohl der Monarchie und die unbefleckte Ehre und Treue des
Kriegsheeres, nicht an eine prosaische Heirath; aber die Trompetta schob ihr
immer doch diese kleinlichen Gedanken an Liebe und Ehe unter. Die Augen der
lteren Freundin kuppelten fortwhrend fr die jngere und noch vorm Eintreten
in den Salon der Geheimrthin hatte sie auf der Treppe zur Flottwitz gesagt:
    Wenn wir unter den Malern, die bei Paulinen sich versammeln, heute einmal
den Siegbert Wildungen wiederfnden! Sie waren zwar schon auf dem Wege nach
Tempelheide verletzt, liebe Friederike Wilhelmine, durch seine demokratischen
uerungen, wie ich durch seine Blasphemieen; allein es ist doch ein hbscher,
artiger, recht idealischer Mann ...
    Die Flottwitz hatte darauf nichts erwidert, sondern nur noch beim flchtigen
Vorberstreichen an einem von Oleandern versteckten Spiegel ihre langen blonden
Tirebouchons geordnet. Aber als zu Aller Erstaunen jetzt ihre Antipathie,
Frulein Melanie Schlurck, mit einem alten Herrn eintrat, warf sie doch der
gleichfalls berraschten Trompetta einen Blick zu, der etwa sagen sollte: Das da
ist ja der Gegenstand, fr den dieser junge staatsgefhrliche Knstler entflammt
ist!
    In dies Geschwirre und Gesumse rauschte wirklich gegen neun Uhr, als man
schon die verschiedenen Sorbette herumreichte, Melanie Schlurck, gefhrt von
ihrem Vater.

                                Drittes Capitel



                            Meisterin und Schlerin

Melanie Schlurck hatte sich heute ganz wei gekleidet und glich Aphroditen, wie
sie dem Meeresschaume entstieg. Man konnte ihre Toilette einfach nennen, wenn
nicht hinter der gnzlichen Entfernung jedes Prunkes und jedes auffallenden
Behanges die Absicht durchschimmerte, sich nur ganz allein, ganz selbst zu
geben. Die Taille hielten die einfachsten langen weiseidenen Bnder zusammen.
Der Nacken war unverhllt. Das Haar in griechischer Einfachheit, ohne den
geringsten andern Schmuck, als den natrlichen der in den Nacken
zusammengewundenen starken Flechten, die von einigen Locken durchzogen waren.
Ein Fcher war das Einzige, was wie ein besonderer tndelnder Schmuck erscheinen
konnte.
    Franz Schlurck trug einen neuen grnen Frack mit goldenen Knpfen. Er liebte
das todtengrberische, leichenbittende Schwarz nicht und hatte sich von den
Gesetzen der Etikette hinlnglich freigemacht, um in solchen Dingen seinen
eigenen Eingebungen zu folgen. Er war wieder ganz frisch, ganz aufgeregt. Die
niederdrckenden Erfahrungen des Vormittags waren von dem leichtsinnigen Manne
vergessen und die unmittelbare Nhe seines geliebten Kindes elektrisirte ihn
immer.
    Pauline empfing Melanie mit groer Auszeichnung.
    Machte Melanie schon durch sich selbst den siegreichsten Eindruck, so mute
sie der Mittelpunkt des Abends umsomehr werden, als ihr die Geheimrthin
entgegenkam, sie mit unbeschreiblicher Holdseligkeit auf die Stirne kte und
sie auf das Hauptsopha des Salons zu sich niederzog, sie mit Liebkosungen und
steter Bewunderung ihrer Schnheit fast berschttend.
    Dieser Moment des Triumphes wurde nur leider zu frh dadurch abgebrochen,
da die Trompetta in ihrer Wanderung von Person zu Person und der Flottwitz
wegen Melanie vermeidend eben ins blaue Zelt gerathen war und dort hinter den
Camelien die Grfin d'Azimont entdeckt hatte. Dieser Moment! Dieses laute
Gerusch des Staunens! Dieses - was konnte man von der Trompetta anders erwarten
- exaltirte, frmliche Geschrei! Helene mute vortreten und ein Gemurmel der
Begrung ging durch den ganzen Saal.
    Helene lchelte und sagte, whrend sie nher kam:
    Liebe Frau von Trompetta! Ich sehe, Sie sind wohl! Ich begre Sie von
Herzen. Aber Begrung und Abschied in demselben Augenblick! In einem Besuche
bei meiner lieben Pauline berrascht mich diese glnzende Gesellschaft, fr die
ich nicht vorbereitet bin.
    Damit kam sie voll Grazie auf Paulinen zu, um von ihr fr heute Abschied zu
nehmen.
    Pauline, die in der linken Hand fast noch den zarten weien Handschuh der
rechten Hand von Melanie fhlte, gab ihr ihre Rechte und zog sie zu sich nieder
und wollte von der frhen Trennung nichts wissen. Sie hatte ja jetzt ihre
bestimmten Absichten mit den beiden Frauen, die sie umgaben. Zwar war sie durch
den Eindruck, den Melanie machte - fr so schn hatte sie dies vielbesprochene
Mdchen nicht gehalten! - in der Meinung, durch die d'Azimont sie zu
eklipsiren, ganz irr geworden. Doch sah sie eben, da auch Helene ihren Reiz
hatte. Ein so zartes sanftes Auge, wie Helene in schchternen Momenten
aufschlagen konnte, besa Melanie nicht, bei der das Auge im Grunde doch nur
schelmisch irrend und fast nichtssagend war. Helene erschien geistig,
seelenvoll, Melanie vielleicht nur schn, vielleicht fast kalt, nur eitel.
Trotzdem, da Schlurck Paulinen die Versicherung gegeben hatte, die Gefahr, in
die sie durch Egon's Kenntninahme von Enthllungen seiner Mutter in der
Gesellschaft auf den Rest ihres Lebens gerathen knne, liee sich noch abwenden,
fhlte sie doch die Nothwendigkeit, sich auf alle Flle mit Egon auf einen
sichern Fu zu stellen und noch glaubte sie mit begrndetem Rechte, da auf
jener Rckreise Melanie die siegende Rivalin Helenens geworden war. Sie trumte
von Vertraulichkeiten zwischen den beiden Reisegefhrten von Hohenberg, von
Complotten und allen mglichen bsen Dingen, die Melanie durch Bekanntschaft mit
dem Inhalte des Bildes schon ber sie knnte in Erfahrung gebracht oder
befrdert haben.
    Das befremdete Erstaunen des jungen Mdchens ber die Grfin d'Azimont
entging ihr nicht. Sie konnte nicht ahnen, wie es in ihr rief: Das ist nun die
schne Frau von Paris, mit der du einen Mann im Schlogarten von Hohenberg
geneckt hast, der dich tuschte!
    Helene nahm an Melanie, die ihr flchtig vorgestellt wurde, wenig Interesse.
Sie war ohne Neid. Sie duldete jeden andern Vorzug. Sie konnte sich freuen, wenn
Andere schn und glcklich waren. Diese im Grunde gute Natur gab Helenen etwas
auerordentlich Sicheres und einen gewaltigen Vorsprung vor einem Wesen wie
Melanie, das von einer fortwhrenden Unruhe und allen nagenden Bedrngnissen der
Gefallsucht gepeinigt wurde. Helene war aus einer vllig andern Form weiblicher
Schnheit geprgt. Sie zhlte zehn Jahre mehr als Melanie, aber da sie klein,
zart gebaut, von rundlichen Formen war, so that ihr die Zeit nicht so viel
Abbruch, wie sie greren, schlankeren, spitzeren Formen zu thun pflegt. In
Helenen lag der Zauber des rein Weiblichen, den Melanie nicht besa. Diese
konnte sinnlich blenden, aber kaum so das Bedrfni der hheren Liebe reizen,
wie die weichen Formen der d'Azimont.
    Melanie ihrerseits fhlte das mit gewaltigem Eindruck. Sie hatte doch irgend
eine geheimnivolle Beziehung zum Frsten Egon, das wute sie, wenn sie auch
schmerzlich darunter litt, da der mnnliche, herausfordernde, kecke Dankmar der
Frst nicht gewesen war. Wie hatte sie diesen mit der d'Azimont geneckt!
Purpurglut der Scham und jede Wallung des Zornes berkam sie, wenn sie daran
dachte, da Dankmar ihr ja immer die reinste Wahrheit gesagt und nur ihre eigene
tolle Verblendung, ihre eigene dem Hchsten nachstrebende Verkehrtheit diese
Wahrheit nicht hatte hren wollen. Das war nun die d'Azimont, mit der sie den
vermeintlichen Prinzen aufgezogen hatte! Das jene schne elegante Pariserin,
auf die sie einem Schattenbilde, einer Tuschung zu Liebe, Eifersucht gefhlt
hatte! Pauline bemerkte wohl, welchen forschenden Blick sie auf Helenen
richtete. Das ist der Blick einer Rivalin! sagte sie sich und beobachtete und
verglich Beide von ihrem Standpunkte.
    Auf die Strme von Fragen, in denen die Trompetta auf Helenen sich ergo,
antwortete diese lchelnd mit einer ihr sehr angenehm stehenden schmerzlichen
Resignation.
    Wre sie mager, flsterte Heinrichson Reichmeyern in's Ohr, ich wrde etwas
von der Madonna des Murillo in ihr finden. Der Blick ist vollkommen der des
Spaniers.
    Eine Spanierin, ja! sagte Reichmeyer. Aber es ist noch mehr die heilige
Therese, die leidenschaftliche btissin der unbeschuhten Karmeliterinnen. Ich
glaube, da sie alle Mysterien der irdischen Liebe kennt, wie die heilige
Therese die der himmlischen.
    Helene hielt solchen Kritiken und Vergleichungen nicht zu lange Stand. Sie
foderte die Trompetta auf, ihr die Stunde zu sagen, wo man sie sprechen knne.
Diese antwortete, sie wre zu viel in Bewegung, um eine feste Zeit einhalten zu
knnen, aber schon morgen kme sie selbst zu ihr.
    Helene nickte grazis und erhob sich dann wirklich, um zu gehen.
    Pauline begleitete sie. Wie die Kleine in ihrer einfachen schwarzen Tracht
neben der phantastisch aufgeputzten jugendlichen Matrone ber das Parkett
schritt, hatte sie den ganzen Zauber reinster und natrlichster Menschlichkeit
fr sich. Sie war von Dem, was sie heute Alles erlebt hatte, erschpft. Man sah
ihr die Abspannung an. In dem Vorzimmer umarmte Pauline sie noch einmal und
sagte:
    Helene, Sie sind gro! Sie haben sich wie eine Heldin bewhrt! Sie
beherrschten sich. Es wird Aufsehen machen.
    Als die Grfin statt aller Antwort die Augen gen Himmel aufschlug, in denen
eine Thrne glnzte, drckte sie die Geheimrthin noch einmal an's Herz.
    Morgen seh' ich Sie, sagte Pauline, und ich hoffe, Helene, ich bringe Trost
und finde Fassung.
    Bringen Sie Mitleid! sagte Helene mit leiser Stimme, drckte Paulinen die
Hand und ging ruhig ber die glnzend erleuchtete, blumenbesetzte, unter den
Teppichen knarrende Stiege hinab.
    Ihr Bedienter folgte mit einem Shawl, den sie umschlug, als sie in den Wagen
stieg ...
    Natrlich wurde im Salon jetzt ber nichts, als ber die Grfin d'Azimont,
ber Egon und ber die Frstin Wsmskoi gesprochen ... Ein Krnchen Wahrheit,
breitgeschlagen, wie unter der Hand des Goldschlgers, der aus einem Krnchen
Metall endlosen Goldschaum fertigt. Da wir die Verhltnisse genauer kennen,
berlassen wir die Erfindung den Uneingeweihten und beobachten nur Paulinen, die
sich frei genug fhlte, jetzt ganz ihren nchsten Unternehmungen zu leben. Auf
einen Blick sah sie sogleich, da zwischen Melanie und ihrem Manne eine Neckerei
stattfand. Melanie hatte ihm einen zu komischen Gru gegeben und er ihn zu
verblfft, fast schmollend erwidert. Melanie erschien ihr sogleich wie die
verdchtigste Kokette. Ruhig den linken Arm in die Ecke des Sophas sttzend und
sich in die Rckenkissen berlehnend, in der rechten Hand mit dem Fcher
spielend, sah Melanie den Gruppen zu, die sich im Salon gebildet hatten und gab
Jedem Gehr, der sich ihr nherte und sie in ein Gesprch zu intriguiren suchte.
    Die Trompetta brannte vor Verlangen, Melanie ber ihre Reise auszuforschen;
aber seit der letzten Strung in der Singakademie zu Tempelheide mute sie der
Flottwitz zu Liebe Farbe halten. Die Flottwitz ignorirte nmlich Melanie mit
consequenter Verachtung und sprach unausgesetzt und auf das lebhafteste mit dem
Grafen Brenzler ber eine neue Art beweglicher Barrikaden, mit welchen die
Truppen bei knftigen Revolutionen gegen etwaige Emprer besser zu operiren
lernen mchten; sie sprach so laut, da sie Melanien sogar etwas von der ihr
allgemein gewidmeten Aufmerksamkeit entzog.
    Sr. Excellenz der Intendant benutzte diese Pause, trat an die Sophalehne und
flsterte zu Melanie halblaut:
    Guter Gedanke von meiner Frau, Sie bei uns einzufhren, Frulein ...
    Bitte Excellenz, beschmen Sie mich nicht. Es ist doch nur Ihr Gedanke
gewesen ...
    Doch nicht! Bin Ihnen ja bs - recht bs - Das wissen Sie doch schon ... Sie
...
    Excellenz! Bs? Mir? Warum?
    Sind recht listig, recht gefhrlich - Ja, ja, ich schmolle ...
    Wie so? Sie? Welche Ursache htten Sie?
    Werden es schon wissen - Sie kleine Abscheuliche!
    Sie haben einen Katarrh, Excellenz! War es kalt im Mbelwagen?
    O Pfui! Pfui! Sie spotten - Recht lieblos! In der That! Recht lieblos!
    Ich ohne Liebe? Ich, die deshalb im Heidekrug verzweifelte, weil dort so
viel Katzen herumstreichen, die ich nicht leiden kann?
    Und bestohlen bin ich auch geworden! Habe einen schnen Auftritt gehabt mit
meiner Frau! Frulein ...
    Ich seh' es Excellenz! Die kleinen Ohren glhen ... Das bedeutet Blutandrang
... Kummer ...
    O ber Sie! O! o, Sie sind nicht gekommen! En vrit! Sie haben mich
gefoppt. Sie sind nicht gekommen!
    Excellenz! Welch ein Wort! Gefoppt! Ich versichere Sie! Die Katzen sind ganz
allein Schuld - Sie schliefen doch recht sanft in der kleinen transportablen
Htte? Die Gtter der Liebe wachten doch ber Sie? O Sie machen mich recht
unglcklich, da Sie sagen knnen, ich htte Sie gefoppt, Excellenz!
    Ah! Bah! Bah! Ich trau' Ihnen nicht mehr. Sie sind schlimm! Recht schlimm!
    Und die Menschen nennen mich alle so gut. Nur vor Katzen frcht' ich mich,
Excellenz. Und es war so finster und so na und die Gensdarmen fluchten so laut
und Ihre Bedienten tranken so viel - aber Sie hatten doch Ihr gesticktes
Nachtmtzchen auf, Excellenz, als Sie in das Httchen schlichen? Was? Ihr
Schlafrock steht Ihnen auch gar zu schn! O Hohenberg, Hohenberg! Unvergeliche
Stunden, die wir dort erlebten und ich gefoltert wurde von meinem vis  vis, das
mich anfangs nicht verstand, nicht verstehen wollte ... denn nur im Mtzchen und
im seidenen Schlafrock erschienen Sie anfangs am Fenster!
    Htt' ich ahnen knnen -
    Da diese kleinen Ohren mich entzcken wrden! Excellenz Sie sind heute zu
liebenswrdig! Gehen Sie! Gehen Sie! Oder ich komme heute doch noch in den
Mbelwagen ...
    Pauline trat bei diesen boshaften Worten hinzu. Sie hatte die letzten Worte
halb und halb verstanden und fragte, durch galante Herablassung ihr Erstaunen
mildernd:
    Wovon sprechen Sie? Sie flstern mit meinem Gatten?
    Ei, ei, die schne Melanie beunruhigt den Frieden meines Hauses! Henning ist
von Hohenberg zurckgekehrt wie ein neugeschaffener Mensch!
    Wir sprachen vom Heidekrug, gndige Frau, sagte Melanie mit einem so
zrtlichen Blicke auf Harder, da Pauline lachen mute. Es sind so viel Katzen
dort, sagte Excellenz und ich gestehe, vor Katzen hab' ich allen Respekt. Nicht
wahr, liebe Flottwitz? Sie wissen, was mich von unsern Maccabern und dem Stamme
Jud verscheucht hat!
    Die Trompetta und die Flottwitz waren nmlich eben nur so lauschend
vorbergegangen; Diese noch ganz erhitzt von den Auseinandersetzungen ber die
fliegenden Barrikaden und berall nur todte und verwundete Insurgenten
erblickend, Jene auf eine Gelegenheit lauernd, doch mit der ihr ganz
sympathischen Melanie anzubinden.
    Ah! rief die Trompetta erlst wie von einer groen Spannung. Nun schttete
sie ihre ganze Freude und Wonne des Wiedersehens und ihrer berraschung aus,
whrend Friederike Wilhelmine ernst und hoheitsvoll lchelte ...
    Das war ein Begren, ein Fragen, ein Forschen! Aber Melanie kehrte sogleich
auf die Worte zurck, mit denen sie, um den armen Henning von Harder von
weiteren Inquisitionen zu erlsen, der Unterhaltung eine andere Wendung hatte
geben wollen.
    Es ist nur gut, ses Kind, begann darauf erwidernd Frau von Trompetta mit
knstlichem Schmollen, da Sie Ihr Unrecht einsehen und von selbst auf diesen
Gegenstand kommen. Sie haben diesen schnen Concerten fr lange den Todessto
gegeben, Sie bses Kind!
    Wie so? fragte Melanie. Durch meine Antipathie gegen die Thiere oder meine
geringen Gesangsmittel?
    Pauline wnschte zu wissen, wovon die Rede war.
    Frau von Trompetta ergriff, mit aller in diesem Falle wegen Anna's von
Harder zu beobachtenden Discretion, das Wort und erzhlte von den musikalischen
Akademieen ihrer Schwester, den Zerwrfnissen der verschiedenen Singstimmen und
dem Austritte des Fruleins Schlurck ...
    Seitdem haben wir erlebt, schlo Frau von Trompetta, da die Zahl der Tenre
und Bsse sich auffallend lichtete. Ein Assessor, zwei Referendare und drei
Lieutenants sind gleich nach dem Frulein fortgeblieben. Sie knnen sich denken,
welche Lcke Das gibt! Die gute Anna ist in Verzweiflung und unsere Absicht, nun
den Paulus von Mendelssohn-Bartholdy zu versuchen, mssen wir geradezu aufgeben.
    Melanie stellte die Gefahren, die sie dem Paulus gebracht htte, ganz in
Abrede. Der Assessor wre versetzt worden, die beiden Referendare wren in einem
groen Prozesse beschftigt, den die Regierung mit der Stadt fhre und was die
drei Lieutenants anlange, so hiee das gradezu fr Frulein von Flottwitz das
Empfindlichste sagen, da es nur eines Wortes aus ihrem schnen Munde bedrfe, um
sie wieder unter die rechtmige Fahne zurckzubringen.
    Friederike Wilhelmine von Flottwitz entgegnete hierauf mit vieler Ruhe und
der vollen Wucht ihres schnen klangvollen Organs:
    Es ist besser, Frulein, die Akademieen bleiben einige Zeit ausgesetzt, bis
die Wahlen vorber und die ersten Sitzungen der neuen Kammern so geordnet sind,
da man wei, ob die gute Sache keine Gefahr zu befrchten hat. Es lebt ja Alles
unter dem Druck der ungewissesten Zukunft. Die Demokraten whlen mit unerhrter
Dreistigkeit.
    Der Kriegsrath Wisperling unterbrach die Sprecherin mit den unterthnigsten
Worten:
    Wie uns Frulein von Flottwitz eben von ihrem Herrn Bruder erzhlt hat ...
Schauderhaft!
    Wer kann singen, wollte die Flottwitz fortfahren, wer kann singen, wenn ...
    Ihr Herr Bruder? fragte Kammerherr von Ried. Was ist denn Neues? Was ist
denn schon wieder schauderhaft?
    O es ist unerhrt! meinte Wisperling und spannte noch mehr die Neugier des
reichen Herrn von Ried, der wieder ein neues Attentat auf die besitzenden
Klassen vermuthete.
    Man wnschte Aufklrung, was mit dem Bruder des Fruleins geschehen wre.
    Mein Bruder Wilhelm Friedrich, begann das Frulein ...
    Der Lieutenant? unterbrach sie Melanie.
    Nein der Cadett -
    Der zweite Cadett?
    Der dritte -
    Ihr fnfter Bruder?
    Der vierte -
    Sie meinen doch Friedrich Heinrich Wilhelm -
    Nein, Wilhelm Friedrich -
    Ah, der, dem sich jetzt die Stimme setzt? Richtig! Nun?
    Wilhelm Friedrich ging gestern ber die rasende Rolandsbrcke. Da trat ein
Demokrat geradezu auf ihn ein, schlug ihm vertraulich auf die Schulter und
fragte: Nun Herr General! Wie viel kostet denn die Schachtel von Ihrer Sorte?
    Ah! rief fast Alles mit hchster Entrstung.
    Man trat nher, man bat diesen Vorfall noch einmal zu erzhlen, man war
auer sich. Frulein von Flottwitz erzhlte ihn noch einmal mit erhhterer Glut,
als schon das erste und zweite Mal. Ihre zarte, durchsichtige Haut frbte sich,
die hellblauen Augen schienen Funken zu sprhen, ihre blonden Locken strich sie
mit einer raschen Handbewegung zurck und setzte, als sie geendet, hinzu:
    Im weiblichen Reubund hat der Vorfall allgemeine Theilnahme gefunden! Welche
Verwilderung, wenn die heiligsten Besitzthmer des Vaterlandes, die Brgschaften
unserer Kraft und Strke vor dem innern und dem uern Feinde, nicht mehr sicher
sind! Mein Bruder Wilhelm ist von dem Vorfall krank geworden und liegt zu Bett
...
    Die Trompetta fgte ergnzend hinzu:
    Ja! Der emprende Vorfall hat Gelegenheit zu einer sinnigen Demonstration
gegeben. Die Baronin von Astern und die Hoflieferantin Herold schlugen im
Reubund wie aus einem Munde vor, dem Cadetten von Flottwitz eine Sbeltasche zu
sticken, die wir ihm aufbewahren werden, wenn er einst zu den grnen Husaren
abgeht.
    O Das ist schn! O Das ist charmant! rief wiederum fast Alles einstimmig.
Nur eine mnnliche Stimme, die bisher nicht vernommen war, legte zum allgemeinen
Erstaunen folgenden Widerspruch ein:
    Um dem kleinen erschrockenen Cadetten von Flottwitz III. thut mir's leid.
Aber wir leben ja nun einmal im gegenseitigen Kriege. Unsere Offiziere verhhnen
jeden Bart, jeden grauen Hut; so verhhnen die Brte und grauen Hte wieder
unsre kleinen Spielereien. Wenn man die Cadettenhuser aufhbe, wrde man
jedenfalls den Federungen unsrer Zeit am besten entsprechen. Alle Achtung fr
Ihren kleinen Bruder, (denn ich wnsche, da er die unverdiente Sbeltasche bei
den grnen Husaren einst mit Ehre trage), aber solche Conflikte sind nicht zu
vermeiden, wenn der Knig diese kleinen Reprsentanten des alten soldatischen
Kastengeistes noch so herumlaufen lt. Die Zeit der Cadetten in dem alten Sinne
ist vorber.
    Der Sprecher dieser mit lautlosem Befremden aufgenommenen, bittern Worte war
selbst Militr. Eine hagere Figur, mehr gro, als mittel. Sein Haupthaar war in
sonderbarem Widerspruch zu der Jugendlichkeit seiner Zge grau, ebenso der Bart;
die starken Augenbrauen jedoch waren ganz schwarz und gaben dem scharfen,
habichtartigen Blicke eine Kraft, die niederschmetternd wirkte. Beim Sprechen
entdeckte man in dem schnen Munde die weiesten Zhne. Stirn und Schlfe waren
edel und klar. Nur um den Mund lag eine gewisse Bitterkeit, die den Zgen des
Antlitzes manchmal einen mephistophelischen Ausdruck gab, ohne ihn jedoch
unheimlich oder bengstigend erscheinen zu lassen. Er trug eine
Infanterieoffiziersuniform, die auf der Brust nach unten zu halb gelftet war
und ein Gilet von weiem Piquet sehen lie, und Epaulettes.
    Es war dies jener uns schon bekannte Major von Werdeck, ein Offizier, der
frher nur seinem militrischen Berufe und mancherlei Studien gelebt hatte, seit
dem neueren Umschwunge der Zeit aber vielfach in politischen Kreisen gesehen
wurde und durch manche scharfe uerung, die man von einem Manne seiner Stellung
nicht erwarten wollte, hier und da schon aufgefallen war. In neuester Zeit war
auch er in den Reubund getreten, wie Viele versicherten mit der bestimmten
Absicht, ihn zu sprengen. Dies unerhrte Attentat auf einen Verein, der es sich
zur Aufgabe gestellt hatte, alle die von dem Throne gegebenen Concessionen
zurckzugeben und gleichsam ihre Ertheilung zu bereuen, hatte ihn fast isolirt.
Auffallend genug war es daher, da er im Salon einer frher sehr eifrigen
Reubndlerin, Pauline von Hader, erschien. Pauline hatte ihn aber ausdrcklich
ersucht zu kommen; denn sie war jener Ultra-Partei mde und lngst auf den
Gedanken gerathen, eine gewisse Opposition gegen das Allgemeine gbe ihr doch
wol am Ende mehr Relief als das ewige Huldigen und Anerkennen.
    Major von Werdeck kam ohne seine Gemahlin, die, eine geborne Kaminska, zu
den lebhaftesten Opponentinnen der Gesellschaft gehrte. Man hatte schon
vielfach an dieser Frau Ansto genommen, ihr aber als einer Polin die extremen
uerungen hingehen lassen. Dem Gemahl aber, von dem man anfangs erwartete, er
wrde ganz in seinem militrischen Bereiche verbleiben und diese husliche
Whlerei nicht auf sich wirken lassen, galt im Geheimen schon die allgemeinste
Entrstung der Kreise, in denen diese beiden Gatten lebten. Es erregte eine
offenbar beklemmende Stimmung, als Major von Werdeck hier so unbefangen
eingetreten war und sich gleich als Opponent gegen die gemeinschaftliche
Empfindung uerte.
    Als ihn Pauline begrte und ihm gedankt hatte fr die Annahme ihrer
Einladung, antwortete er, seine Frau entschuldigend, mit feinem Lcheln, er
wrde sich nicht haben entschlieen knnen, heute Abend eine Vorlesung auf der
Universitt - Major von Werdeck schrieb sich dort alle Vorlesungen nach, die er
hrte - zu versumen, wenn er auf dem Zettel der Einladungen nicht auch Herrn
Justizrath Schlurck bemerkt htte - er grte diesen - er htte ihn dringend zu
sprechen ...
    Schlurck verbeugte sich berrascht ...
    Doch bitt' ich, sagte der Major, meine Privatangelegenheiten sollen die
Errterung wichtiger Dinge, z.B. die Cadettenfrage, nicht stren. Sie wollten
etwas sagen, Frulein?
    Die Flottwitz bemerkte khn und voll Verachtung vor diesem Offizier:
    Lngst, wei man es, Herr Major, da die Demokraten Sie zum knftigen
Generalfeldmarschall auserkoren haben. Die neuesten Schwankungen des Reubundes
sind Ihr Werk! Sie haben darauf angetragen, ich wei nicht, ob im Ernst oder aus
Ironie, da Jeder von dem Bunde der Reue ausgeschlossen wird, der eine Tochter
zu verheirathen hat!
    Natrlich wurde ber diese Bemerkung, trotz des Abscheus gegen Werdeck,
gelchelt ...
    Major von Werdeck whlte sich eben aus einer Schssel von Riz glac aux
confitures einige eingemachte Kirschen und erwiderte, ohne aufzublicken, ganz
ruhig, aber sehr scharf:
    Mein verehrtes, gndiges Frulein von Flottwitz! Sie sind bekannt fr eine
Schwrmerin! Sie glhen wirklich fr den Thron, dem Ihre Vter so viele Orden
verdanken! Die Andern sind aber leider nicht so uneigenntzig. Die Andern denken
grtentheils nur an ihr irdisches Wohl und wrden auch den Kosacken
Weihnachtsbumchen anstecken, wenn ihnen die Kosacken stilles Familienglck,
eine Pension und gute Schwiegershne garantiren. Es gibt Menschen, denen
unbedingt verboten werden mte, politische Meinungen zu haben oder wenigstens
sie zu uern. Ich rechne mehr Gattungen dazu, als ich in diesem Augenblick
aufzhlen darf; aber unbedingt sollten von allen politischen Demonstrationen
diejenigen Vter ausgeschlossen werden, die mehr als drei Tchter zu
verheirathen haben ...
    Diese Bemerkung schien auch gegen politisirende Frauen gerichtet und endete
vorlufig den unerquicklichen Streit.
    Werdeck sah sich nach Schlurck um, der ihm freundlich entgegenkam und an ein
Fenster tretend Rede stehen wollte ...
    In demselben Augenblick aber schlpfte auch der Arm der Geheimrthin unter
den des Justizrathes und Schlurck wurde in das trkische Zelt gezogen.
    Es hat Zeit! sagte Werdeck und verbeugte sich sehr artig gegen die Wirthin.
Er sprach inzwischen mit den Malern und erkundigte sich angelegentlich nach
Leidenfrost, der ihm, wie wir wissen, Siegbert Wildungen zum Malen eines
Portrts seiner Frau empfohlen hatte ...
    Schlurck fhrte indessen die Geheimrthin in das trkische Zelt und begann:
    Meine theuerste Gnnerin! Endlich ein ruhiger Augenblick ...
    Ich brenne vor Ungeduld, da Sie endlich sprechen, sagte Pauline. Welchen
trstenden Brief haben Sie mir geschrieben! Was gibt es Gnstiges?
    Ihr Scharfsinn hat manches Richtige geahnt; ... sagte Schlurck und spielte
mit seiner Dose. Meine Tochter beichtet aber nicht und da Sie das kleine Ding
nun heute gesehen haben, was denken Sie selbst aus ihr ergrnden zu knnen?
    O dies wunderbare Mdchen hat einen Willen! Ich sehe, da ich da auf Alles
verzichten mu ...
    Dennoch erfuhr ich soviel, da wirklich jenes Bild dem Prinzen von Werth ist
und von einem jungen Mann, Dankmar Wildungen, der ihm befreundet scheint, ohne
Zweifel in seinem Auftrage und durch Melanie's Vermittelung in einen Besitz
genommen ist, dem man ihm nicht bestreiten kann. Denn die Familienbilder bleiben
den Hohenbergs.
    Durch Melanie's Vermittelung? sagte Pauline berrascht. Gestand sie Ihnen
Das? Dankmar Wildungen? Wer ist Das?
    Ich durfte sie nicht examiniren, antwortete Schlurck, sich nach seiner
Tochter umsehend. Sie ist aufgeregt! Ich konnte nur Aussagen Anderer
zusammenstellen, die meiner Frau, die Beobachtungen Bartuschs: genug, wenn Sie
noch an dem Bilde hangen -
    Um Alles in der Welt!
    Ihre Freundin, diese liebenswrdige d'Azimont, sichert Ihnen ja Amandens
Sohn. Was frchten Sie?
    Glauben Sie Das? Sie irren sehr! Egon und Helene haben gebrochen ...
    Eine so schne einnehmende Frau wird den Genesenden leicht vershnen. Sie
erhalten dann die Denkwrdigkeiten in aller Gte von ihm. Bis dahin verachten
Sie die Welt um so mehr, als Sie ja Ihrer politischen Rolle eine neue Diversion
geben und zur Opposition zu gehen scheinen! Ich sehe schon, wie die Trompetta
und das loyale Wunderkind da diese Beziehung zu dem neuen Catilina, dem Major
von Werdeck, verbreiten wird. Die Thr der kleinen Cirkel ffnet sich, wenn
nicht aus Liebe zu Ihnen, doch nun aus Furcht ...
    Um so mehr mu die Vergangenheit beseitigt sein - antwortete Pauline, des
Spottes gar nicht gewahr werdend.
    Man mchte glauben, Sie htten einen Mord begangen.
    Wer wei! sagte Pauline lchelnd.
    Schlurck sah Paulinen gro an und zog die goldne Brille in die Hhe. Da er
aber an Paulinens Auge abnahm, da sie, wenn auch gewaltsam, doch scherzte, zog
er die Brille wieder herab und langte auf's neue seine Dose aus der Tasche.
    Was foltr' ich Sie? sagte er. Sie berhrten vorhin einen Namen: Dankmar
Wildungen. Morgen frh stellt die Polizei in der Wohnung zweier Brder Siegbert
und Dankmar Wildungen eine Recherche an. Der Obercommissr Pax, der Schtzling
Ihrer guten Madame Ludmer, deren Empfnglichkeit fr die neuen Fortschritte der
Kochkunst ich immer geschtzt habe, mute mit in unser Geheimni gezogen werden.
    Welches Geheimni? Wer sind denn diese Wildungen?
    Schlurck nahm Anstand, seiner Alliirten das Misverstndni
auseinanderzusetzen, das er durch seinen Geldermann-Deutz zuerst im Heidekrug
veranlat hatte. Er begngte sich zu wiederholen:
    Sie erinnern sich von heute frh, gndige Frau, da ich vom Prinzen Egon
wunderliche Dinge ber seinen Antheil an der Johannitererbschaft und hnliches
sprach. Alle diese Voraussetzungen haben eine andre Wendung bekommen, seitdem
sich herausgestellt hat, da ein gewisser Dankmar Wildungen es gewesen ist, den
man in Hohenberg fr den Prinzen Egon nahm. Dankmar Wildungen ist ein
Verbndeter des Prinzen. Ihm gelang es, - wie Melanie daran betheiligt ist, wei
ich nicht, - das Bild der Frstin Amanda sich anzueignen. Er besitzt es ... Wir
aber entnehmen es von seinem Zimmer morgen in aller Frhe ...
    Pauline erschrak ber diese Erffnung, erschrak ber den Schein der
Gewaltthat.
    Sie frchten das Aufsehen? fragte Schlurck.
    Ich glaube, Sie wollen mich verderben, meinte Pauline. In dieser Zeit! Bei
solchen Wirren dergleichen extreme Schritte?
    Ist Das mein Dank, da Sie mich fr beschrnkt halten? antwortete Schlurck
in seiner ganzen Behaglichkeit. Die Recherche hat einen vllig gesetzmigen
Zweck. Dankmar Wildungen hat sich in der Stadt Angerode eine eigenmchtige
Gewaltthat erlaubt, eine Aneignung ffentlicher Dokumente. Glcklicherweise sind
sie in die Hnde der Gerichte gefallen; allein, da anzunehmen steht, da er sich
mit Dem, was man wiederfand, nicht begngte, so werden die Betheiligten Sorge
tragen, um so mehr noch eine Haussuchung bei ihm vorzunehmen, als sich des
kecken jungen Mannes Spur seit einigen Tagen verloren hat - Verstehen Sie nun?
    Sehr gut! Man nimmt bei dieser Gelegenheit auch jenes Portrt, wenn es sich
findet?
    Es findet sich - Egon ist seiner Krankheit wegen unzugnglich. Was bei ihm
abgegeben wird, geht durch die Hnde der Wandstablers ...
    Ist jene Angelegenheit, die Grund zu der Recherche abgeben mu, bedeutend
genug, um fr sich allein eine so gewaltsame Handlung zu entschuldigen?
    Es ist die Angelegenheit wegen der Johannitererbschaft.
    Wie kommt aber jener verschmitzte junge Freund des Prinzen in so verwickelte
Verhltnisse?
    Das interessirt mich selbst. Vorlufig frag' ich: Mach' ich es recht?
    Sie sind ein Zauberer! antwortete Pauline holdselig und ihre Brust athmete
wie erlst und neu belebt.
    Das sagen Sie dem schnen eleganten Herrn dort, der eiferschtig zu uns
herberschielt ...
    Schlurck zeigte auf Heinrichson, der die Methode, ltere Damen zu verwirren,
sehr wohl verstand und nur herbersah, um sich gleichsam eiferschtig zu zeigen,
was er nicht im mindesten war.
    Mich aber entschuldigen Sie, liebe Freundin, da ich mich nun heimlich nach
einigen Worten mit dem hchst vernnftigen, aber unbesonnenen Major von Werdeck
empfehle und Melanie allein zurcklasse. Der Wagen wartet auf sie. Sie bedarf
meiner nicht.
    Was haben Sie denn noch? Man servirt ja jetzt den Liebhabern erst gefrorenen
Champagner. Sie Vortrefflichster aller Vortrefflichen! Wir bleiben nun erst
recht beisammen, hren Sie doch! Die Flottwitz singt!
    Lassen Sie mich mit der Flottwitz und mit dem Gesang! Um den Champagner thut
es mir leid. Ich mu in die Loge. Propst Gelbsattel will heute einen Fremden
einfhren. Ich habe viel heute erlebt, viel Widerwrtiges, viel Strendes. Ich
will den Tag fromm beschlieen und recht andchtig heut Nacht zu Tisch gehen.
Schade, da man viel Franzsisch wird parliren mssen! Ich htte Lust, heute nun
nichts mehr anzustrengen als nur noch meine Zhne, was mir leider Mhe genug
kostet, da es zwischen Zunge und Gaumen bei mir wie in Herkulanum und Pompeji
aussieht. Adieu! In aller Stille! In aller Stille! Ich nehme jetzt schon
franzsischen Abschied.
    Franzsisch, sagen Sie? Wer ist denn der eingefhrte Bruder?
    Ein gewisser Sylvester Rafflard. Er reist um die Gefngnisse kennen zu
lernen. Ein Menschenfreund. Wir werden viel Phrasen zu hren bekommen.
    Rafflard? Rafflard?
    Kennen Sie ihn?
    Rafflard? Wissen Sie, wer Das ist? Ich warne Sie, Das ist ein Jesuit.
    Ah!
    Ich gebe Ihnen mein Wort. Rafflard? Richtig. Rafflard! Ja, lieber Schlurck,
erwerben Sie sich ein Verdienst um die Loge und warnen Sie sie! Es ist ein
Jesuit.
    Ich danke Ihnen! Nicht wegen der Loge. Warnen? Warnen? Das gesteh' ich Ihnen
aufrichtig, der Loge wnscht' ich, es kme einmal wirklich ein recht gescheuter
Jesuit ber sie! Jesuiten haben wir genug, aber nur offene, nur sichtbare! Das
ist so schlimm. Diese Esel verrathen sich gleich. Aber ein geheimer Jesuit,
einer, der da reist, um die Gefangenen und ihr Loos zu - o Das ist prchtig!
Geheimrthin, der Mann macht mir Appetit, sogar auf seine Phrasen. Woher wissen
Sie Das nur? Er wird also ber die Menschenliebe sprechen und dabei
wahrscheinlich ganz auf etwas Anderes zielen! Das reizt meinen Verstand! Das
unterhlt mich! Warum? Sie denken vielleicht, ich gnne nicht meinen
Schurzfell-Collegen einmal ein Abenteuer, das sie belehrt? Fllt mir nicht ein.
Es ist ja unterhaltend zu sehen, wie eine Spinne mit Honigfen die Fliegen
fngt! Merci! Merci, Madame! Die Jesuiten sind die einzigen Menschen auf dieser
Viehweide, welche man die Erde nennt, die den Namen Mensch verdienen. Woher
haben Sie Das?
    Ich wei es.
    Dafr kss' ich Ihnen die Hand und wnsche Ihnen ganz in der Stille einen
guten Abend und fr morgen frh einen heitern glcklichen Tag! Die Polizei
besucht die Wildungens um vier Uhr Morgens, nimmt das Bild, Oberkommissr Pax
bringt es Ihnen um fnf, sechs, wann Sie wollen und ich will wnschen, da es
den Inhalt, den Sie ahnen, noch verschlossen enthlt ...
    Mit diesen Worten wollte sich Schlurck aus dem blauen Zelte zurckziehen,
als ihm Werdeck artig entgegentrat und bei Seite zog.
    Sie muten flstern.
    Pauline deutete auf den Salon, wo die Flottwitz eben am Piano sang ...
    Das enthusiastische Mdchen sang sehr ausdrucksvoll mit einer sonoren,
vollen Stimme ein neues Lied von der Majestt, das sich fnfzehn Componisten
bemht hatten in Musik zu setzen und deren Melodieen sie alle auswendig wute.
Sie wollte die Gesellschaft veranlassen, ihre Meinung ber diejenige Melodie
abzugeben, die ihr die gelungenste schien.
    Die Geheimrthin hrte erst in ihrer glckseligen Beruhigung theilnehmend
zu, unterbrach aber zuletzt doch die an sich so lbliche, aber wenig amsante
Absicht der Flottwitz, indem sie ein allgemeines Thema zur Unterhaltung angab
und dafr Sorge trug, da Melanie, Heinrichson und Reichmeyer, dem sie sehr
artig war, am meisten in den Vordergrund traten. Es wurde viel errtert, viel
Kluges und noch mehr Beschrnktes mit Redseligkeit vorgetragen. Pauline war ber
die Maen angeregt. Sie hatte eine Flle von Thatsachen, in denen sie sich
pltzlich wieder bewegen konnte. An Melanie, die ihr etwas Gleichartiges zu
haben schien, richtete sie die meisten ihrer Apropos und hielt diese dadurch
mehr wach, als heute in ihrem Charakter zu liegen schien. Heinrichson und
Reichmeyer waren Melanie vom Atelier nicht neu, die politische Debatte erschien
ihr zu schroff, der kleine Roman mit dem Geheimrath ermdete sie; es war unter
den zwlf bis zwanzig, selbst jngern Mnnern nicht Einer, der ihr den Gedanken
an den mnnlichen, feurigen, thatbewuten Dankmar htte verscheuchen knnen.
    Sie lieben! flsterte ihr Pauline, als sich wieder Gruppen gebildet hatten,
flchtig in's Ohr ...
    Melanie errthete.
    Sehen Sie! fuhr Pauline fort und Sie lieben erst seit kurzem.
    Gndige Frau, sagte Melanie schalkhaft und doch nicht ohne Ernst; ich mchte
wol von Ihnen erfahren, wie ich es mit meinem Herzen halten soll. Wie ein Mann
sein mu, um ihn zu lieben, wei ich. Wie er aber sein mu, um ihn zu heirathen,
Das bitt' ich, sagen Sie mir!
    Pauline lchelte, sammelte sich einen Augenblick und entgegnete:
    Nehmen Sie Den, der Sie entweder ganz zur Sklavin oder ganz zur Herrscherin
macht!
    Melanie berlegte sich diese Antwort und fuhr fort:
    Sklavin knnt' ich einem Mann gegenber nur dann sein, wenn ich ihn liebte
oder das Gefhl einer unaussprechlichen, unverletzbaren Schuld in mir trge.
Schuld! Schuld! ... ber Was setzt sich wol ein Liebender Alles hinweg?
    Wenn er Sie wahrhaft liebt, ber den Mangel an Schnheit. Wenn er Sie
wahrhaft liebt, ber den Mangel an Geist. Aber die Tugend, Melanie, ist wie der
Dichter sagt, kein leerer Wahn. ber die setzen sich nur die Mnner hinweg,
denen Sie eine Herrscherin sind! Allen diesen Schlssen zufolge drfen Sie also
entweder nur einen Bettler heirathen oder einen Frsten. Ein Frst wrde Sie
nmlich schon gar nicht nehmen, wrde durch Ihre Heirath von der gewhnlichen
Ordnung des Herkommens gar nicht abweichen, wenn er Ihnen nicht eben auch Alles
vergbe ...
    Melanie verfiel in ein ernstes Sinnen. Es war ihr, als riefe in ihr eine
teuflische hohnlachende Stimme:
    Entweder also Hackert oder Egon! Dazwischen gibt es nichts ...
    Pauline sah auf das trkische Zelt, wo noch immer Werdeck und Schlurck
flsterten ...
    Der Sanittsrath sprach gerade am lautesten. Er unterhielt die Gesellschaft
durch manche Mittheilungen aus den hhern Kreisen, in denen er sich bewegte und
die er ohne indiscret zu sein wiederholen konnte. Dem greren Theile der
Anwesenden hatte aber der Major Werdeck die Unbefangenheit genommen; man
glaubte, in keinem reinen Wasser mehr zu sein. Hier stritt man nicht gern,
sondern handelte. Die Enragirtesten scharten sich zur Trompetta und Flottwitz
und sprachen oft so leise, da der Geheimrath glaubte, es fehlte wol irgend an
etwas und die Bedienten rief. Harder's Anblick war es dann, der Melanie's
erschreckte Lebensgeister weder schrte und ihr Gelegenheit gab, eine leidliche
Unbefangenheit zu sammeln, um sich mit dem hinterlassenen Eindrucke, da sie dem
Rufe ihrer Liebenswrdigkeit vollkommen entsprche, vielleicht bald zu
entfernen. Pauline, die diese Absicht merkte, hielt sie aber fest und schien sie
veranlassen zu wollen, nach dem trkischen Zelte zu folgen.
    Was hat der Justizrath nur mit dem Major? sagte sie lauschend.
    Man hrte die abgerissenen Worte aus dem leisen Gesprche:
    Kaminska ... Sibirien ... Kloster zum Herzen Jesu ... Frankreich ...
Schwester Jagellona ... Vermgensvertheilung ... Certificate ... Leidenfrost ...
Depositalgelder ...
    Geschftssachen! sagte Melanie. Der arme Vater ist geplagt! Selbst hieher
verfolgt ihn die stndliche Mhe und Sorge!
    Pauline wute aber nicht, da sie nur das Wort Leidenfrost verscheuchte -
weil sie durch diesen Namen an ein Bild erinnert wurde, das ihr die
schmerzlichsten Empfindungen weckte ...
    Melanie ging im Saal auf und ab. Als sie zurckkehrte, war ihr Vater
verschwunden, Werdeck im Gesprche mit Paulinen ...
    Sie mute Heinrichson und Reichmeyern Rede stehen, die von ihrer Reise hren
wollten, von ihren Plnen, die Malerei fortzusetzen, von ihren Aussichten fr
die Geselligkeit des Winters ...
    Sie antwortete zerstreut, nicht in gewohnter Laune. Es war ihr zu
geruschvoll geworden, sie war nicht mehr der Mittelpunkt des Cirkels, die
Zudringlichkeit des Geheimraths verhinderte ihre Triumphe und sie fhlte
pltzlich, da eine ungeheure Last sie drckte. Es drngte sie mit tausend
Stimmen, die innerlich riefen: Fort! Fort!
    Sie ergriff die Hand der Geheimrthin.
    Gute Nacht, Excellenz! sagte sie.
    Keine Frmlichkeiten, meine Liebe! Aber Sie wollen wirklich gehen?
    Pauline erklrte, sie htte noch auf ein tte a tte am Schlu des Abends
mit ihr gehofft ...
    Ich bin noch von der Reise ermdet ... sagte Melanie.
    Ich rechnete auf eine vertrauliche Annherung ...
    Sie sind zu gndig ... Erhalten Sie mir diese Gesinnung!
    Nun denn, sagte Pauline und zog das ihr rthselhafte Mdchen noch einen
Augenblick bei Seite; soviel ich Sie heute kennen gelernt habe, liebe Melanie,
gehren Sie zu den Unruhigen und Strebenden! Sie haben ein Herz und frchten,
von ihm getuscht zu werden. Die Philosophie Ihres geistreichen Vaters, den ich
so hoch verehre und der mir tglich neue Beweise seiner Anhnglichkeit gibt, hat
Ihnen zu frh schon den Bltenstaub vom Leben gestreift: berall frchten Sie
Illusionen! Frchten Sie nicht zu lange, wagen Sie! Illusionen sind dazu da, da
man sie berwindet und sich in seinem Charakter strkt. Es hilft nichts, Sie
mssen schon einmal sich entschlieen, einem Schmerze die Brust darzureichen,
nicht ihm aus dem Wege zu gehen. Vertrauen Sie manchmal einem Freunde, einer
Freundin! Whlen Sie mich dazu! Ich bin so eine alte Wetterfahne, die schon
lange im Sturme des Lebens steht und andern Menschen zeigen kann, woher der Wind
und die Lfte kommen und die - nicht selbst mehr an ihren Sitz gelangt. Ich
wei, wie es in jungen Knospen wogt und strmt und wie die holden Bltter, die
zu schlummern scheinen, im Aufruhr sind! Mein Leben ist Erinnerung. Nutzen Sie
manchmal diese stille Arbeit meines Kopfes und Herzens. Sie finden eine
Mildthtige, die nicht fr sich, auch fr die Andern sammelte.
    Diese ungemein weich und fast lieblich vorgetragenen Worte erschtterten
Melanie. Dennoch konnte sie nicht umhin, whrend Pauline so sprach, einen
lchelnden Seitenblick auf den jungen Adonis Heinrichson hinberzuwerfen. Ach,
auch Pauline verstand dies Lcheln und erwiderte es mit einem gewissen
schwrmerisch gelassenen Blicke, als wollte sie sagen: Der Schatz der Liebe ist
ja unergrndlich! ... Auch der Ludmer erwies Melanie, die ihre Stellung kannte,
viel Artigkeit und Pauline konnte, als das junge Mdchen endlich verschwunden
war, nicht lugnen da Helene d'Azimont einen groen Kampf wrde zu bestehen
haben, wenn wirklich Melanie entweder unmittelbar mit Egon oder durch jenen
rthselhaften Freund, Dankmar Wildungen, mit ihm in Verbindung stand.
    Die Gesellschaft lste sich nun auf. Werdeck's Rckkehr aus dem trkischen
Zelte brachte nur Zndstoff zu Hader und Streit. Seine kaustische, scharfe Art
verwundete nach allen Seiten und die Flottwitz stritt mit einer Heftigkeit, da
die Grazien flohen. Drommeldey war lngst schon zu Egon's Krankenbett ins
Hohenberg'sche Palais gefahren, Graf Franken in die kleinen Cirkel. Graf
Brenzler, Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die scharfe Logik des
Majors. Endlich ging auch dieser, nachdem er Paulinen viel Artiges gesagt und
die universale Geschftsthtigkeit des Justizraths bewundert hatte, der ihm
einen Kopf wie ein Repositorium mit tausend Fchern zu haben schien.
    Was wollen Sie mit ihm? Doch kein Proze? fragte Pauline.
    Angelegenheiten meiner Frau ...
    Wie geht es ihr?
    Sie sollten uns besuchen! Sie sollten ihr Bild sehen. Sie lt sich fr eine
alte Gnnerin ihrer Familie in einem polnischen Kloster malen.
    Von Ihrem Protg, dem bizarren Leidenfrost?
    Von einem jungen talentvollen Maler, Namens Wildungen! Sehen Sie sich ja das
Bild an! Es wird vortrefflich! Gute Nacht, liebe Geheimrthin!
    Damit ging der Major und lie Paulinen in Erstaunen zurck, hier wieder den
Namen Wildungen zu hren ...
    Die Trompetta und die Flottwitz htten jetzt gern das Feld allein behauptet
und noch mit der Geheimrthin ber Wahlen und mancherlei Demonstrationen,
besonders ber den Bazar zum Besten der verwundeten Krieger, ja schon ber die
groe vorbereitete Weihnachtsbescherung in den Kasernen gesprochen ...
    Allein sie sagte ganz kurz und schroff:
    Lat mich heute mit Eurem dummen Zeug in Ruhe! Gute Nacht!
    Die beiden Inseparables gingen verdrlich. Doch hatten sie im Wagen der
Trompetta reichlichen Stoff zur Errterung aller Vorkommnisse dieses Abends. Sie
glossirten auch darber, da der einzige und letzte von Allen, der zurckblieb,
wirklich der Maler Heinrichson war ...
    Heinrichson mute jeden Abend bei solchen Gelegenheiten die Schlusentenz,
gleichsam die Moral des Abends, aussprechen ...
    Wie ist Ihnen, Pauline? fragte er auch heute.
    Still und bewegt! antwortete sie mit Goethe und reichte dem Freunde die Hand
zum Kusse und zum Abschied.
    Melanie aber war unten von ihrem Bedienten empfangen und in den Wagen
geleitet worden, auf dem Neumann inzwischen wohl geschlafen hatte ...
    Es mochte fast zehn Uhr sein.
    Die Luft war, man fhlte es an den geffneten Fenstern der Villa, linde und
mild. Zitternd bebten in ihrem Glanz am dunkelblauen reinen Himmel die Sterne;
nur da und dort zog ber sie her ein Nebelschleier, der vielleicht nur der
Widerschein von unzhligen unsichtbaren Sternen war.
    Noch einen flchtigen Blick warf Melanie durch den Vorgarten fliehend auf
die hellerleuchteten Fenster des oberen Stockes, bewunderte die elegante
Einrichtung des Vorbaus, die sorgsame Pflege der Beete ...
    Fliehend, sagten wir. Denn der jungen Excellenz, die ihr schon auf der
Treppe nachgetrippelt kam und durchaus noch mit ihr sprechen wollte, mochte sie
nicht Rede stehen.
    Als sie im Wagen sa und dieser langsam durch die andern, die auf ihre
Herrschaften warteten, sich durchwand, ergriff sie Mismuth und Schmerz.
    Sie hatte die leidenschaftlichsten Eingebungen ihres Ehrgeizes
niederzukmpfen und fhlte aus Grnden, die ihr selbst nicht klar waren, einen
unaussprechlichen Neid gegen Helene d'Azimont, in der sie etwas entdeckt hatte,
was sie selbst nicht besa ... Seelen-Poesie.
    Sie mute sich gestehen, da es Menschen gibt, die um sich her, selbst wenn
sie stumm und dem Allgemeinen abgewandt scheinen, einen Zauber verbreiten, mit
dem die vergngliche und noch so blendende Wirkung der Schnheit keinen
Vergleich aushlt.
    Melanie war besonnen genug, sich zu sagen, da sie sich diesen
geheimnivollen Reiz nicht geben konnte. Sie wurde geliebt von Menschen, die sie
nicht wieder lieben konnte. Selbst diese heutige Scene mit Siegbert Wildungen!
Dies war nicht jener unternehmende, starke, sie bndigende, sie in Asche
verwandelnde Geist! Dem gegenber war sie nicht Sklavin und auch nicht Frstin!
Sklavin an sich nicht, aber auch eine Herrscherin nicht. Sie htte ihren Sklaven
geringschtzen mssen und Das konnte sie wiederum mit Siegbert nicht. Dankmar
aber! Dankmar! Das war ein Sehnsuchtston, der durch ihr Inneres wehklagend rief.
Wie gewann Dankmar wieder, wenn sie ihn verglich mit den Mnnern, die sie eben
im Salon der Geheimrthin gesehen hatte! Dieser Reichmeyer, dieser Heinrichson!
Wie verchtlich erschien ihr diese Gattung von Salonmenschen, die ihr Glck
durch eine Lge machen und die Petitmaitres vornehmer Launen sind! Selbst
Lasally, der sie liebte und dabei offen gestand, da er durch ihr Vermgen doch
nur sich und seine Pferde retten wollte, selbst der war ihr bedeutender und
erschien ihr liebenswrdiger ... Lasally log doch nicht! Es war ein blasirter,
desparater, mrrischer, junger Mann; aber er kam von allen Mnnern, die sich
ihrem Herzen eingeprgt hatten, Dankmarn in der That am nchsten!
    In diesem Augenblicke gedachte sie auch Hackert's ... Kaum hatte sie mit
Grauen der Worte sich erinnert, die Pauline sprach, da den Mangel an Tugend ihr
nur ein Bettler verzeihen wrde oder ein Frst, als ihr etwas Entsetzliches
geschah ...
    Sich allein im Wagen glaubend, rollte sie durch die sternenhelle Nacht,
drckte die Augen zu, hllte sich in ihren Shawl und glaubte sich nur von dem
khlenden Lufthauche belauscht, der durch die herabgelassenen Fenster des
geschlossenen Wagens strmte ...
    Da fhlt sie sich pltzlich von einem krftigen Mnnerarme umfangen und ein
strmischer Ku brennt auf ihren Wangen ...
    Der Todesschreck hinderte ihren Aufschrei.
    Sie fuhr in dem niedrigen Raume empor ...
    Der aber, der sie mit gewaltigem Arme niederdrckte und mit glhendem Tone
das Wort: Melanie! Bist ruhig! flsterte, ... war Hackert.
    Sie sah's! Sie fhlt' es! ... Sie wollte schreien.
    Aber halb ohnmchtig, willenlos, elend, zum blassen Tod entsetzt sank sie
auf die Kissen des Wagens zurck, der funkenstiebend, donnernd in die Stadt
rollte.

                                Viertes Capitel



                            Brandgasse: Nummer Neun

Das Viertel, das zwei Stunden frher Siegbert Wildungen aufsuchte, ist das
lteste in der Stadt.
    Die Brandgasse selbst ist so schmal, da in ihr kaum zwei Wgen sich
begegnen knnen, ohne bis dicht an die Huser auszuweichen. Diese Huser sind
hoch und mit berhngenden Stockwerken so gebaut, da sie sich von oben mehr
nhern als von unten. Alle diese Huser, aus altem Sandstein und dicken
geschwrzten Eichenbalken gebaut, haben eine ungewhnliche Tiefe und werden
meistens noch durch Hfe verlngert, von denen einige neuer sind als die
Vorderhuser, da zu verschiedenen Zeiten in diesem alten Stadtviertel
Feuersbrnste wtheten. Ungeachtet der Name dieser Strae daher entstanden sein
mochte, da die Flammen sie fter heimsuchten als andere; ungeachtet eine
allgemeine durchgreifende Zerstrung zum Besten des gesunderen Luftzuges
vielleicht fr die Stadt selbst zu wnschen wre, so schreckte man doch bei dem
Gedanken zurck, welche groe Anzahl rmster Familien dabei in Lebensgefahr
gerathen wrde, denn keine Strae war volkreicher als diese Brandgasse.
    Der Verlust an Hab' und Gut wrde vielleicht durch die Mildthtigkeit
ersetzt worden sein, obgleich doch selbst in diesen dunklen alten Wohnungen mit
den Giebeln und Galerien sich mancher stille Sparer versteckt hielt und sich
durch weie Gardinen, Blumenstcke und Vogelkfige an seinen kleinen, mit Blei
zusammengeltheten Fensterscheiben als ein Wohlhabender verrieth. Freilich alle
Blumen und Vogelkfige vor den kleinen Fenstern in der Gasse selbst und den
Hinterhfen konnte man nicht fr ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooses
halten, denn diejenige Armuth wenigstens, die sich geistig nicht ganz
verwahrlost, schmckt sich gern mit Blumen und gibt selbst einem Vogel im Kfig
von ihres Daseins sprlichen Brocken ab.
    Mehre der ltesten dieser Huser in der Brandgasse waren mit jenem Angeroder
Kreuze der Ritter von St.-Johannes geziert. Doch sah man nur die drei Bltter
des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols, zum Zeichen, da diese Bauten
noch ber den Zeitpunkt hinausreichten, wo die grere Anzahl der Ritter dieses
Ordens in den Schoo der evangelischen Kirche berging.
    Aber auch diese Huser gehrten zu jener Verlassenschaft, die man damals dem
Ritter Hugo von Wildungen angewiesen, als die unrechtmigste und dreisteste
Besitzergreifung von der Welt durch die allgemeinen Wirren damaliger Zeit
zugelassen und stillschweigend anerkannt wurde. Auch diese Huser wurden von
Sehlurck fr die Commune verwaltet und oft genug sah man Bartusch in seinem
grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab schleichen und die gerichtliche Execution
den Miethern androhen, die ihm von den sogenannten Vizewirthen als saumselige
Zahler bezeichnet wurden.
    Diese Vizewirthe bewohnten oft die unsauberste Spelunke von allen; aber sie
zahlten keine Miethe. Nur muten sie sich als fleiige, zuverlssige Mnner in
der Hut des Hauses bewhren und die einzelnen Wochengroschen, die sie von den
Bewohnern sammelten, pnktlich in der groen Schreiberei des Notars und
Administrators Justizraths Schlurck abliefern.
    Der Vizewirth des Hauses Brandgasse Nr. 9 war ursprnglich ein Schlosser,
dann aber durch seine Frau halb ein Flickschuster, halb durch seine eigene
Brauchbarkeit Polizeidiener. Dieser vielseitige Mann hie Mullrich. Die
Flickereien alter Schuhe und Stiefel - neue zu liefern bernahm Mullrich nicht -
besorgte seine Frau, die diese Arbeiten in Pech und Leder von ihrem ersten
seligen Gatten gelernt hatte. Der zweite gab die Schlosserei auf, da er in die
Lage kam, dem Staate, dem Gerichts- und Polizeiwesen in treuen Funktionen zu
dienen, zu deren uerer Untersttzung sein mrrisches, brummiges Gebahren ihm
sehr zu Statten kam. Die Vergnstigung, Vizewirth in diesem Communalhause der
Brandgasse zu sein, verdankte er seiner polizeilichen Stellung; denn was gab es
hier nicht in diesen Spelunken, in diesen Hhlen des Jammers und Verbrechens zu
beobachten! Der ehemalige Schlosser war ein Dietrich der Polizei geworden.
    Seine Freiwohnung bestand aus zwei Stuben, nebst einem Kamin auf einem
dunklen Vorplatze, Alles im tiefsten Kellergeschosse des Hauses Brandgasse Nr.
9. Man behauptete, die kinderlosen Mullrichs htten durchaus nicht nthig
gehabt, in einem Souterrain zu wohnen, das bei den Frhjahrsberschwemmungen oft
unter Wasser gerieth und bei dieser Gelegenheit mit Glck die hhere Rattenjagd
zu betreiben erlaubte; allein man nannte dieses wrdige Ehepaar geizig, eine
Meinung, die wir durch das Wohnenbleiben in diesem Freilogis doch kaum besttigt
finden mchten. Ein Freilogis ist fr jeden Stand eine so unschtzbare Gabe
Gottes, da sich Frau Mullrich, von der wir diesen Ausdruck entlehnen, htte
der Snden schmen mssen, wenn sie es aufgegeben htte; zu geschweigen, da die
Einnahme von ihrem Verdienste als Flickschusterin noch durch die gnstige Lage
des Ortes und jene Superioritt untersttzt wurde, die der Vizewirth dieses
Hauses nicht nur ber einige leidlich respectable Einwohner des Vorderhauses,
sondern ber das ganze Gewimmel von drei groen Hinterhfen behaupten durfte.
Auch in polizeilicher Hinsicht hatte Mullrich durch dies Freilogis, das er im
Frhjahr mit den berschwemmungen und dem Hervortreten des Grundwassers und in
allen Jahreszeiten mit den Ratten zu theilen hatte, doch so viele
Annehmlichkeiten, da er die Gelegenheit, hinter manche Diebshehlerei zu kommen
und sich in seinem Spionirberufe preiswrdig zu bethtigen, nicht gern aufgab.
Frau Mullrich war eine Dame, die die emsigste Thtigkeit liebte. Wer wei, ob
sie in einem bessern Quartier htte auf ihrem Schuster-Dreibein sitzen und
zugleich durch ein kleines Schiebfenster, das durch die dunkle Hausflur und
durch das Kellerfenster, das auf die nicht viel hellere Strae ging, soviel ihre
Sprkraft Anregendes entdecken knnen. Mullrich ohnehin war den ganzen Tag
unterwegs und hatte Gelegenheit genug, auf den schnsten Promenaden, wo es
Taschendiebe zu beobachten und Steckbriefe zu vergleichen gab, frische Luft zu
schpfen.
    In der Regel kam er, wenn es nicht auerordentliche Fnge gab, um acht Uhr
Abends nach Hause, verzehrte dann sein Ks und Brot, trank ein hohes Glas des
besten, schumendsten Dnnbieres und legte sich zeitig zur Ruhe, whrend seine
Frau nun erst aufpate, wer zu spt nach Hause kam und fr das ffnen der
Hausthr einen Pfennig oder Dreier zahlen mute. Dem Nachtwchter, der
eigentlich dies Privilegium des Hausffnens fr die Sptlinge beanspruchte,
hatte sie glcklich diese nach Jahresschlu selbst bei den Armen nicht
unergiebige Quelle des Erwerbes abzuringen gewut. Einige Diebsthle, befrdert
durch den gutwillig hergegebenen Hausschlssel des Nachtwchters, hatten ihre
desfallsigen Auseinandersetzungen vor dem grauen Bartusch untersttzt. Rechnet
man nun noch hinzu, da die vermgenden Einwohner des Hauses Brandgasse Nr. 9
und seiner drei Hinterhfe einen Hausschlssel von ihr, fr monatlich drei
Groschen, miethen konnten und in der That vierzehn solcher Hausschlssel im
Gange waren, so ergab dies eine Summe, die, wenn man einige unvermeidliche
Ausflle dabei mit in Anschlag brachte, sich immer jhrlich auf das stattliche
Capital von etwa funfzehn Thalern belief. Die Pfennige aber oder die von
Betrunkenen in der Zerstreuung gegriffenen Groschen - manchmal freilich auch
zinnerne Knpfe! - brachten jhrlich mindestens eben soviel ein und da war es
wohl zu begreifen, wie Frau Mullrich, vor zwlf, ein Uhr nicht zu Bett ging und
des Morgens noch schlief, whrend ihr Gatte schon aus den Federn kroch, Feuer
anmachte und Sommers und Winters den Kaffee oder ein dem Kaffee nicht
unhnliches Surrogat selbst kochte fr die erste innere Erwrmung des innersten
Menschen.
    Es war nach sieben Uhr, als Mullrich seinen heutigen Abendimbi, der nicht
aus Kse, sondern einmal zur Abwechselung aus drei geschlagenen oder gerhrten
Eiern und Butter und Brot bestand, verzehrte und ruhig die Rapporte seiner Frau
anhrte.
    Die Pinnen sind all, sagte Frau Mullrich und meinte unter Pinnen gewisse
kleine Ngel, die unter die Schuhe geklopft werden.
    So? war Mullrichs bedeutungsvolle Antwort. Er wute, da es sich um eine
finanzielle Errterung handelte.
    Nummer 76 will uns welche verkaufen, das Schock zu fnf Pfennige -
    Der alte Nagelschmiedgesell sieht ja ganz reputirlich aus. Stiehlt denn der
Kerl? sagte Mullrich phlegmatisch.
    Bewahre! antwortete die Ehehlfte. Er mu sie wol verkaufen. Ist ja sein
Lohn! Jeden Sonnabend bringt er einen Sack Ngel mit. Baar Geld hat so ein
Meister nicht.
    Drum! Drum! meinte Mullrich. Dacht' ich doch neulich, der Nagelschmied
bettelte. Vorm Thor sah ich ihn so scheu immer in die Huser gehen, aus einem
heraus und in's andere hinein - und die Rocktaschen ganz voll und ganz schwer.
Dacht' ich nicht, er holte sich so Brot zusammen? Waren Das die Ngel! ... Fnf
Pfennige fr's Schock? Nimm sie! Er lt sie Einem auch fr viere! Wenn du zwei
Dutzend Schock nimmst, gibt er noch eine eiserne Kramme zu fr den alten
Spiegel, den die Mamsell Nr. 17 dagelassen hat. Das lange Windspiel hat uns doch
richtig betrogen. Brennt uns mit 14 Wochen Miethe durch, macht vier Thaler und
geht bei Nacht und Nebel davon. Sollen uns an die Sachen halten! Ein alter
zerbrochener Spiegel und eine Bettstelle -! Die Betten und das Waschlavoir nimmt
sie mit und was sie zum Anziehen hat trgt sie auf dem Leibe. Sie ist nach
Hamburg und es ist eine Schande, da man nun so Was nicht gleich mit dem
Telegraphen hinterher melden kann! Wozu sind nur die Dinger!
    Frau Mullrich berichtigte hier mehrfache Irrthmer ihres Mannes. Erstens
tadelte sie ihn bei dieser Gelegenheit, da er sich gerhrte Eier fr die Nacht
bestellt htte, was eine zu hitzige Speise wre; dann aber sagte sie:
    Eine Kramme noch fr ihren Spiegel? Und die Bettstelle auch behalten? Da
knnte Einer dabei bestehen!
    Heute gegen Uhrer viere war der alte Graue hier und ich sagt's ihm gleich:
Die Mamsell Nr. 17 ist durchgegangen, die Miethe ist nicht gezahlt, macht vier
Thaler und der Spiegel und die Bettstelle macht einen Thaler, ist fr Auslagen,
die sie mir schuldig geblieben ist, Seife und Licht und zwei Hausschlssel ...
bleibt immer vier Thaler!
    Zwei Hausschlssel? Wie denn so zwei Hausschlssel?
    Ha! Ha! Wie ich von zwei Hausschlsseln sprach, drehte sich der alte Snder
um und wollte sich nicht in dem Spiegel sehen lassen - weil er ganz roth wurde.
    Roth? Warum denn roth und zwei Hausschlssel?
    Ach! Schon vor elf Wochen! Wie ich ihm da gesagt hatte - Herr Bartusch,
sagte ich, die Mamsell Nr. 17 zahlt keine Miethe, da wurde er dazumal grob, wie
immer, und kletterte selbst zu ihr hinauf. Schon zwei Wochen nicht! rief ich ihm
nach. Nach einer halben Stunde kam er wieder und mit einer ganz jmmerlichen
Miene. Armes Mdchen! sagt' er. Mu sich von ihrer Hnde Arbeit ernhren - hat
keine Eltern - und wie er dann thun kann, als wenn er ein Erbarmen im Leibe
htte wie die ewige Gte - kaum ist er damals fort - das sind nun elf Wochen -
kommt die Lange herunter und will noch einen Hausschlssel fr einen Freund.
Aha! dachte ich, fr einen Freund! Ich gab ihr den Hausschlssel. Kostet drei
Groschen monatlich, Mamsell, sagt' ich. Wird Alles bezahlt werden, und so ging
sie schnippisch davon, als wenn sie einen Ehemann gekobert htte. Und richtig,
ich hab' ihn wohl erkannt, wie er dann am nchsten Abend ankam nach zehn Uhr, in
einem groen Mantel -
    Herr Bartusch! sagte Mullrich erstaunend, ber die Enthllungen seiner
Frau.
    Schleich du nur, dacht' ich, fuhr seine Ehehlfte fort. Wer sind Sie Herr?
Wo wollen Sie hier hin? rief ich. Nummer 17! piepte es und rasch in den Hof, wie
eine Katze, so genau fand er sich zurecht. Und das dreimal! Nachher ging's ja
mit Mann und Maus auf das Schlo von dem alten Frsten und richtig! Mein
Mnnchen kommt auch nicht wieder und den Hausschlssel hat er bei sich behalten.
Die Mamsell zahlt keine Miethe, zahlt keinen Hausschlssel, der Freund ist fort
und eines Abends sie auch, bis auf ihr Mobiliar, ihren Spiegel und ihre
Bettstelle. An die halten wir uns. Mnnchen mag nun sehen, wo er die Miethe
kriegt. Wer wei, wo die Lange steckt! Es hat schon oft einmal geheien:
Hamburg, und hernach war's blos die Hamburger Strae.
    Diese harten Verleumdungen ber Bartusch, den eigentlichen Regenten dieser
Huser, wurden von Passanten unterbrochen, die an dem Schaufenster des
Kellergeschosses von der dunklen Hausflur aus sich niederbeugten und in die noch
schummrige Stube des Vizewirths hinuntersprachen.
    Es waren dies zuvrderst Drehorgelspieler, die wegen eines Hausschlssels
parlementirten. Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodischen Klngen
zu bedienen, wo sie lange auszubleiben gedachten ...
    Er wurde ihnen leihweise fr einen Dreier und nur fr diese Nacht bewilligt
mit vielen Mahnungen, ihn zu schonen, nicht zu verlieren, Mahnungen, die sich
mit einem hflichen bergange in zweckentsprechende Drohungen verliefen.
    Es war nach sieben. Die Handwerker und Arbeitsleute, die im Hause wohnten,
kamen nun von der Arbeit. Kinder, Frauen, Mdchen, Mnner, rstig und hinfllig,
bunt durcheinander ...
    Frau Mullrich lie sie Alle mit scharfprfenden Augen die Revue passiren.
Bei Jedem, der ihr fremd schien, ffnete sie das kleine Schaufenster und sah mit
ihrer langen Spitznase hinterher ...
    Hat die Klapperfu wieder einen Neuen? fragte sie, aufmerksam auf einige ihr
unbekannte Passanten.
    Gemeldet ist keiner, sagte Mullrich und wies auf ein schmuziges Buch, in dem
die ganze Bewohnerschaft verzeichnet stand.
    Es gehen heute so viel fremde Gesichter aus und ein ...
    Bei Nr. 40 ist viel Verkehr ...
    Nein, Mannspersonen mein' ich! Mannspersonen! Da geht ja die Klapperfu!
Sieh den Staat! Guten Abend, Madame Klapperfu! Und die Mamsell Tochter!
Mullrich, ich glaube, da ist's schon wieder ...
    Nicht richtig! Das wre das Fnfte?
    Diese Menschen! Den frommen Herrn, der sie neulich ber ihr Sndenleben
ermahnen wollte, haben sie fast zur Treppe hinunter geworfen ...
    War lange keiner vom Verein da? Die Bibeln sind ja bald all ... Nur noch
zwei auf'm Lager ... Der Buchbinder in der Schulstrae hat erst neulich gefragt:
Herr Mullrich, keine neuen englischen Bibeln?
    Der Nagelschmiedgesell, dem wir eine anboten, ist recht fromm und will sie
behalten ... meinte Frau Mullrich, geschmeichelt von der Artigkeit des
geschftsfreundlichen Buchbinders.
    Aber Nr. 25 lie uns doch eine an Zahlungsstatt ... Wir mssen einmal bei
dem Verein anklopfen; es ist doch immer ein gutes Geschft.
    Sei vorsichtig, Mullrich! Die durchtriebene Person, die Louise Eisold, hat
uns erst neulich gedroht, sie wollte den ganzen Commersch mit den Bibeln
anzeigen.
    Mullrich schwieg erschrocken.
    Zum Verstndni dieser aphoristischen Abendunterhaltungen des Herrn und der
Frau Vizewirthin wollen wir aus der reichen Chronik dieses Hauses nur einige
kleine Personal- und Sittennotizen geben.
    Die mehrerwhnte Madame Klapperfu z.B. beherbergte im ersten Hinterhofe auf
vier Zimmern eine Anzahl von Gesellen, die sie kasernenartig in Schlafstelle
hatte. Die Zahl schwankte meist zwischen achtzehn bis zwanzig. Sie schliefen je
zwei und zwei in einem Bett und hatten fr Waschwasser, Handtuch, Bett- und
Leibwsche und Frhstck eine Summe in Bausch und Bogen zu zahlen, die jeden
Sonnabend berichtigt werden mute. Madame Klapperfu verdankte der Prcision,
mit der sie dies Schlafstellengeschft betrieb, die Mittel, sich auf Volksbllen
und Pikeniks der Vorstadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen. Ihre
Begleiterin vorhin war ihre Tochter Demoiselle Klapperfu, die von
verschiedenen, gerade nicht sehr stabilen, sondern ab- und zugehenden Vtern
eine Anzahl Kinder aufzuweisen hatte, die jedoch von der Gromutter mit ebenso
vieler Zrtlichkeit behandelt wurden, als wren sie der legitimsten Ehe
entsprossen.
    Die Vereine zur Bekmpfung der Unsittlichkeit des Volkes hatten hier in der
Brandgasse Nr. 9 ein weites Feld. Allein die Treppen waren sehr steil, die
Thren sehr eng. Den Missionren dieser braven Institute geschah zuweilen das
Widerwrtige, da die verstockten frechen Snder sie alle Unannehmlichkeiten der
Lokalitt empfinden lieen. Demoiselle Klapperfu hatte z.B. einen Abgesandten
der Kirche, der der am nchsten Sonntag stattfindenden Taufe ihres vierten
unehelichen Kindes eine strenge Rge, ja ein, freilich katholisch klingendes
Wort, von Kirchenbue zchtigend vorhergehen lassen wollte, jene schnde
Abfertigung angedeihen lassen, die Frau Mullrich vorhin andeutete.
    berhaupt konnten die Vereine ohne Mullrich's Autoritt und Untersttzung
hier nicht viel rein Moralisches und Lehr-Strenges zu Stande bringen. Nur das
baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank begrt. Ein- fr allemal lag auch bei
Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt, die er jedem sich der geistlichen
Erweckung zugnglich Erklrenden bergeben sollte. Mullrich war zu gewissenhaft,
diesen Auftrag unvollzogen zu lassen. Er bot die Bibeln in der That allen diesen
Armen und Elenden an. Sie nahmen sie auch, verwertheten sie aber sogleich an der
besten Quelle, die sich ihnen in Mullrich selbst darbot. Mullrich behielt das
Buch der Bcher gleich an Zahlungsstatt fr Miethe oder verfallenen Versatz -
denn auch auf Pfnder lieh die Frau Vizewirthin in aller Stille - oder fr
Hausschlssel oder Feuerung, die sie im Winter verkaufte oder Kartoffeln, deren
sie groe Vorrthe anschaffte, und Mullrich hatte dann in der Schulstrae einen
Buchbinder, der die Exemplare unter Verhltnissen kaufte, bei denen Mullrich nur
der Commissionr, der Bevollmchtigte der richtigen Empfnger jener Bibeln war
und per Stck immer zwei Groschen Vortheil zog, was bei einem jhrlichen Umsatze
von etwa funfzig Exemplaren immer eine Einnahme war.
    Freilich fanden sich denn doch auch manche trostsuchende, leidensmde
Seelen, wie jener arme Nagelschmiedgesell, der die Bibel behielt und nicht fr
die Miethe angab. Dieser rmste las sich Trost aus ihr, wenn er am Tage mit
seinem armen Meister Ngel geschmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags
frh in der Stille selbst hausiren gehen mute und seine Kinder gingen mit
hausiren und liefen auf die Drfer barfu und boten den Leuten Ngel an und ihre
Mutter wanderte sonst oft meilenweit mit, um Ngel zu verkaufen; aber mit den
letzten Ngeln, die sie an einen Schreiner verkauft hatte, ward ihr auch schon
der Sarg gezimmert ... sie war todt.
    Ach! welche Flle des Elends! Wieviel krperlicher und sittlicher Jammer ist
da zusammengedrngt, Ergebung in sein Loos neben der Verzweiflung, es gewaltsam
zu ndern. Armuth und Verbrechen und zwischen beiden alle Laster der Sinne.
Hundert Nummern waren in diesem Hause allein an Bewohner ausgetheilt und jedes
Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers. Da ein Kranker, dort ein
Sterbender, hier nebenan das kreischende Lachen einer unsittlichen Dirne oder
der tobschtige Ausbruch eines Trunkenbolds, der seinem Weibe das Wenige, was
sie besaen, in Scherben an den Kopf wirft. Arme Ksemaden, menschliche
Infusorien, die sich noch im Tod einander selbst verfolgen, mit Gier
verschlucken, einer von des andern Armuth zehren, mit ihr wuchern wollen. Wer
das Geheimni des Lebens studiren will, gehe hieher und beantworte die Frage:
Warum sind wir? Was sind wir? Was werden wir?
    In dem schmuzigen Buche, das die Bewohner nach ihren Nummern anfhrt, sind
an vielen Namen Kreuze gemalt. Das sind Observaten. Sie kamen aus dem Zuchthause
und stehen nun unter polizeilicher Aufsicht. Sie haben einen leidlichen
Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genossen, bis sie von
ihnen doch wieder heimgesucht werden. Mancher von diesen sie dann Versuchenden
und wieder Verfhrenden ist nur ein verkappter Verfhrer. Die Polizei gewann ihn
zum Spion.
    Wohl Dem, der seine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anschlge
spricht oder sie ausfhrt! In diesem Hause selbst wohnen Spione genug. Mullrich
ist der erste unter ihnen. Im dritten Hofe wohnt ein Schreiber Namens Schmelzing
- ein frherer Arbeiter bei Schlurck - auch er rapportirt an den Oberkommissr
Pax. Htet Euch, ihr Nachbarn! Seht Ihr nicht, wie rasch manchmal einer aus
Eurer Mitte verschwindet? Da hpfte noch vor kurzem ein keckes Brschchen die
Stufen der engen Treppen hinauf, scherzte mit den Nhterinnen und Fabrikmdchen,
die bis unter das Dach wohnen, und heute fhren ihn die Hscher davon. Ein
Bndel Wsche unter'm Arm geht er wol auf zehn Jahre in's Zuchthaus. Wer ahnte,
da er eingebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehrt? Wer nicht thtig ist
erregt Verdacht. Nur thtig, und sammelte man Glasscherben, wie die alte Frau
auf Nr. 43, oder ernhrte man sich vom Scheeren der Pudelhunde, was ein alter
Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr. 67 ausfhrt, der mit der Brille auf
der Nase im Hofe sitzt und die Pudel scheert, deren Wolle er sammt den Flhen an
Tapezirer verkauft. Harfenspieler, Tambourinschlger ben sich Morgens Gesnge
ein, die sie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkastenbesitzer ....
nein -Leiher sparen, um sich den musikalischen Brotbringer allmlig zu kaufen
oder von dem Mechanikus, der ihn verleiht, die Stifte zu einem neuen zeitgemen
Liede sich umsetzen zu lassen. Da taumelt ein Bierhaussnger daher, der in
seinen jungen Jahren auf den Bhnen Buffopartieen sang und jetzt so
herabgekommen ist, da er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit allerhand
Lazzis und in Scenen gesetzten Faxen singt. Ein Violinspieler begleitet ihn, der
in seiner Jugend ein Paganini zu werden versprach und durch den Trunk so herab
ist, da er mit jenem Snger abwechselt und auf der Violine mit Strohfden,
angezndeten Fidibus statt des Bogens spielt. Halb und halb sind beide
Improvisatoren geworden und wissen durch geschickt angebrachte Zweideutigkeiten
in einer von Tabacksqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden
Lachen zu bringen, whrend ihre Zuhlterinnen in einer Cigarrenaschen-Schale
das Honorar ansammeln und ihre Kinder von Tisch zu Tisch Strohblumengeflechte
anbieten, die von einer alten Frau auf Nr. 55 gemacht werden. Diese alte Frau
wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miethe, von der man nicht wei, durch welche
Talente sie wiederum ihrerseits einen gichtischen rckenkranken Mann ernhrt.
Madame Schlimpanzer und Frulein Klapperfu sind sich an Jahren gleich und
hassen sich und lieben sich, jenachdem sie sich Nachts auf den letzten Bllen
gegenseitig nicht geschadet und in ihren Wirkungskreisen beeintrchtigt haben.
Ach, die Polizei wei hier Alles! Lacht, was Ihr wollt, Sonntags frh, ihr
zwanzig Gesellen bei Mutter Klapperfu, wenn sie ihrer Betten wegen darauf
dringt, da Ihr Euch von Kopf bis zum Fu grndlich wascht; man wei doch, da
Eure Vorgnger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln gossen und
Patronen wickelten! Sie wurden alle eines Sonntags frh aufgehoben und mit allen
ihren Kugelformen und zinnernen alten Lffeln und bleiernen Fensterverlthungen
ber die Brandgasse hin in's Profoenamt gefhrt, von wo aus sie dann in's
Zuchthaus wanderten! Welch ein Kommen und Gehen in diesem Chaos! Auch die Geburt
und der Tod, die Hebamme und der Leichentrger, sind immer und immer zugleich
auf Besuch hier. Der Tod tritt gleich sicher auf. Er nimmt mit fester Hand. Die
Geburten sind zaghafter, mit scheuem Gewissen, mit wenig Freude. Manches Kind,
eben gekommen, erhlt gleich die Nothtaufe, wozu die Wchnerinnen, da meist die
Vter fehlen, den Vizewirth hinaufrufen oder den Alten, der die Pudel scheert,
oder den silbergrauen Uhrmacher Eisold vom dritten Hofe, der noch sein Zpfchen
trgt und mit philosophischer Ehrwrdigkeit in den Husern altmodische Uhren
reparirt.
    Ganze Tragdien spinnen sich da an und enden, ohne da sie ihren Dichter
anders finden, als hchstens bei Jahrmrkten die Bnkelsnger. In den
Criminalakten stehen die einzelnen Rollen geschrieben. Da heit's: Aus
Brandgasse Nr. 9 ein Observat ... lernte im Zuchthause eine Diebin kennen ...
sie hat Kinder aus frherer Bekanntschaft ... sie schlieen, frei gelassen, auch
eine wilde Ehe ... er kehrt die Gassen und reinigt des Nachts Cloaken ... sie
verdingt sich zu jeder groben Hanthierung ... die erwachsene Tochter der Frau
... natrlich unehelich ... geht in eine Fabrik ... ein junger Arbeiter, ihr
Liebhaber, zieht zu ihnen ... die Mutter gefllt ihm wie die Tochter ...
    wild geht das durcheinander ... der Trunk erhitzt den Zorn ... Eifersucht
und blinde Wuth ... der Gassenkehrer schlgt den Arbeiter ... die Tochter wrgt
fast die Mutter ... Und dieses Gemetzel noch nicht so schlimm, wie die sptere
Vershnung ... die Beruhigung bei dieser Verwirrung ... Trinkgelage, lustiges
Lachen ... die Tochter verlt die Fabrik und treibt sich auf den Gassen umher
... der Vater zweischlchtiger Bastarde erhlt seine Arbeiterstellen gekndigt
... dennoch flieen Mittel ... Woher? ... Heute Morgen wurde das ganze Nest
ausgehoben, Jung und Alt davon gefhrt ... der Gassenkehrer, die Mutter, die
Tochter, der Liebhaber ... Die brig gebliebenen kleinen Kinder holt die
Besserungsanstalt.
    Frau Mullrich erzhlte diese tragischen Begegnisse, die in der Brandgasse
gng und gbe waren, so leicht, so obenhin, wie wir etwa eine sogenannte
Mchler'sche Anekdote von Friedrich dem Groen erzhlen wrden.
    ... Mullrich, der Vizewirth, hatte sein Nachtessen beendigt und kehrte auf
seinen nchst dem Oberkommissr Pax wichtigsten Vorgesetzten Herrn Bartusch
zurck.
    Hat der Alte nicht nach 86 gefragt?
    Und das ordentlich und gezankt hat er, warum wir ihm nichts mehr ber 86
meldeten! sagte Frau Mullrich und klagte dann, da die Tage schon so kurz
wrden.
    War ja zehnmal da in der Kanzlei und hab's sagen wollen: 86 ist einmal
wieder heidi! Wie ich das elfte mal kam, ging ich zum Justizrath selber, der
eben von Hohenberg zurck war und da hie es: Danke, Mullrich, ich wei es
schon. Er gab mir einen halben Thaler.
    Wenn der Bartusch das Herz htte von dem guten Manne, dem Justizrath! Er war
heute ganz wild der Graue.
    Warum denn? Gewi weil Nr. 17 ausgeflogen war. Nicht? Ha, ha! Das wird's
sein, der alte Schleicher! Wenn nur 'mal die Justizrthin dahinter kme, die -
    Pst! Stille! Mullrich! We' Brot ich e' ... La ihn auf Nr. 17 gehen und
rede von solchen Sachen nicht. Nr. 17 taugte nur nichts, sonst htte sie ihr
Glck machen knnen, wie die Jule Spie ...
    Jule Spie! Die Frau Amtsdienerin? Ah! So, wie Nr. 17 hat sich doch die Jule
nicht aufgefhrt ...
    Ach! Ach! antwortete Frau Mullrich, die tiefer zu sehen, als ihr Mann, immer
das Privilegium hatte. Ach, Ach, das war eine Feine! Die wute es subtiler
anzufassen. Wie oft hab' ich zu Nr. 17 gesagt: Guste, hab' ich gesagt, Sie haben
anstndige Verwandte, Sie sind schn, wie ein Bild, Sie haben Freunde, die
vornehme Gnner haben: nehmen Sie die Mamsell Jule, die Frau Rathsdienerin Spie
geworden ist, und damit stichelte ich auf den Bartusch, der doch die Jule Spie
zur Rathsdienerin gemacht hat ... durch einen Rathsdiener und Executor, der sich
nichts daraus macht, da Bartusch seiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider
schenkt.
    Da gab Dir aber wol Nr. 17 eine Ohrfeige, die Auguste? Was?
    Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte sie mir ber den Kopf gieen. Das ist
ein Satan! Und doch war der Alte ganz zornig, als er hrte, Nr. 17 ist
ausgeflogen und hat uns blos die zerbrochene Kaffeekanne, den Spiegel und die
Bettstelle zurckgelassen.
    Ich bin froh, da sie fort ist; trstete sich Mullrich, der hier noch von
einer defekten Kaffeekanne hrte; ich bin froh; durch die Person wre noch
einmal Feuer ausgekommen. Mit Nr. 86 haben wir so schon unsere Noth, da der
nicht einmal die Huser ansteckt, wenn er die Nacht auf die Dcher ...
    Sei still von Dem, Mullrich. Sei still! Es ist mir immer ngstlich mit Dem!
unterbrach seine Ehehlfte und schttelte sich, als frstelte sie's.
    Mit diesen vorsorglichen, fast erschrockenen Worten wollte sie berhaupt
dies Gesprch abbrechen, aber der Diensteifer und die Dankbarkeit fr den
Justizrath Schlurck war fr den Viezewirth zu anregend. Er fuhr fort:
    Ich mchte nur wissen, was die Justizraths mit 86 eigentlich haben. So ein
grober, impertinenter, rothkpfiger Schlingel! Schreiben kann er schn! Das ist
wahr. Er hat mir manchmal was ins Buch hier geschrieben wie gestochen. Aber
seine Krankheit abgerechnet - -
    Er hat's ja nicht mehr. Sei doch still! Sei still!
    Mullrich lie sich nicht irre machen und fuhr um so mehr fort, als er wute,
da seine Gattin sich nur zum Schein gegen Schauerliches stemmte. Sie hrte
gerade um so lieber von Dingen, die ihr ber den Rcken liefen, je mehr sie sie
abzuwehren suchte. Mullrich fuhr fort:
    Der Justizrath sagte gerade, er hat die Krankheit noch. Erst neulich htt'
ers gesehen. Und so herzensgut ist der brave Mann, da er mir sagte: Mullrich,
sagte Herr Schlurck, der arme Mensch ist zu bedauern! Er hat fr seinen Stand
viel gelernt, wei Manches und hat Kopf. Er hat mein ganzes Herz gehabt, aber
aus dem Hause mut' er! Er stiehlt nicht, er ist ehrlich, Mullrich, sagte er,
aber geizig und verschwenderisch, znkisch, boshaft, je nachdem's kommt. Seine
Krankheit ist sein Unglck. Sind die eisernen Stbe auch noch in Ordnung,
Mullrich? sagte er. Ja, Herr Justizrath, sagte ich; vier Stangen vor jedem
Fenster! Und ganz traurig wurde er, als ich ihm erzhlte, wie wir sie ihm
eingesetzt hatten auf Herrn Justizraths Kosten und was er fr eine Miene gemacht
htte, als er eines Abends nach Hause gekommen wre und htte die Fenster
vergittert gefunden. Da weint' er fast, der Herr Justizrath. Ich ging zu ihm
hinauf, sagt' ich, Herr Justizrath, ich ging zu ihm hinauf und sagte: Musje
Hackert, nehmen Sie's nicht bel, Musje Hackert, aber Sie sind ja vorgestern
ordentlich auf dem Dach herum spazieren gegangen. Ein Freund von Ihnen wnscht
Das nicht, da Sie sich da mal den Hals brechen und hat Ihnen da einen kleinen
Denkzettel einmauern lassen, wenn Sie's vielleicht vergessen sollten, da Das
die Fenster sind! Er sah mich grimmig an. Ich hatte aber Muth. Lieber Gott!
sagte ich, auf dem Dach ist's kalt, und wenn Sie auch noch so schn klettern
knnen, Herr Musje Hackert, es bricht Einer doch mal den Hals. Was sagte er denn
da? fragte mich der Justizrath. Herr Justizrath, sagt' ich, es ist ein recht
tckischer, glup'scher Kerl! Nicht ein Wort hat er gesagt, hat auch nicht
gefragt, wer dieser edle Freund wre und nicht ein Wort hat er geantwortet
ber's Dachherumklettern und seine Krankheit. Aber wie gesagt, Herr Justizrath
war ganz gerhrt und wie gesagt, einen halben Thaler hat er mir geschenkt.
    Nun mu es aber doch anders sein, unterbrach Frau Mullrich diese etwas
weitschichtige Erzhlung und deckte den Tisch ab, wie auch das Bett, in das sich
ihr von den gerhrten Eiern angeregter Gemahl bald zu legen gesonnen war.
    Wie so anders?
    Wegen der Anfrage von Bartusch. Der hat ja so grimmig ber ihn hergezogen
und hat doch gesagt:
    Ein Jahr Zuchthaus wr' ihm nun gewi!
    Ei was? Zuchthaus?
    Es sind schlimme Sachen von ihm herausgekommen, hat Bartusch gesagt.
    Von Nr. 86?
    Wenn er sich nicht selbst davonmacht, knnt's ihm bel ankommen und er
wollte ihm im Ernst rathen, da er nun Paschol mache und am liebsten gleich
weit!
    War ich doch auf dem Criminalamte ... habe doch nichts
    gehrt ...
    Ob er zu Hause wre, frug Bartusch. Nein, sagt' ich. Bis Mittag war Das. Da
war ein Herr mit ihm gekommen, ein feiner, eleganter Herr -
    Mit Nr. 86?
    Ich sage Dir, ein ganz feiner, schner, junger Mann. Wie ein Baron! Die
kleine Riekel Eisold hat erzhlt, da sich der Herr zwei Stunden oben zu ihm
hingesetzt hat und immer geschrieben -
    Curios!
    Dem Grauen hab' ich den Mann beschreiben mssen. Er schttelte dann den Kopf
und sagte: Hackert mu fort! Wann glauben Sie wol, da ich ihn treffe, Frau
Mullrich! Das ist schwer zu sagen, Herr Bartusch, sagt' ich. Aber seit die
Eisolds oben Waisen sind, hat er den Hausschlssel abgegeben, er wollte
eigentlich um neun Uhr jeden Abend zu Hause sein. Ein paar Wochen ging's so,
Herr Bartusch, sagt' ich, bis er vor fnf bis sechs Tagen gar nicht mehr nach
Hause kam und nun erst seit gestern ist er wieder da und so unruhig, da ich
nicht glaube, er kommt vor neun. Es wre nicht das erste mal, da er die ganze
Nacht bis Morgens drei und vier ausbleibt.
    Ein Jahr Zuchthaus! wiederholte erstaunt Mullrich, sich ausziehend und die
Nachtmtze aufsetzend. Gewi falsche Schreibereien. Er kann wie in Kupfer
gestochen schreiben.
    Es soll mich gar nicht wundern, vermuthete seine Gattin, wenn Herr Bartusch
noch in der Nacht kommt. Er hatt' es zu eilig gehabt. Klopft es nicht drauen?
    In der That hatte es an jener Thr gepocht, die von der Hausflur erst in
einen Vorplatz fhrte, dem ein Kamin das Aussehen einer Kche gab. Mullrich,
eben im Begriff in sein Bett zu steigen, sagte: Mach erst die Thr zu. Ich will
schlafen gehen!
    Indem pochte es wieder.
    Die Frau Vizewirthin lehnte die Thr an, die aus ihrer Schusterwerkstatt in
die Schlafkammer fhrte. Mit den Worten: Es wird wol der arme Nagelschmied mit
den Pinnen sein! Er hatt' es mit dem Gelde nthig! ging sie hinaus und stieg die
Treppe hinauf, die zu der Hausthrflur fhrte.
    Wie unangenehm berrascht war aber Herr Mullrich, als er sich eben im Bett
behbig dehnte und seine Rhreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte, als
seine Ehehlfte nach einigen Augenblicken rasch die Thr aufri und mit
erschrockener Hast und Eile und hchst ehrerbietig ihm zurief:
    Mullrich! Mullrich! Es ist der Herr Oberkommissr!

                                Fnftes Capitel



                                 Die Lauscherin

O weh, dachte Mullrich, das raubt dir die Nachtruhe. Da soll etwas ausgefhrt
werden!
    Indem hrte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner
Frau gegen den Herrn Oberkommissr Pax, den sie zu unterhalten suchte, bis
Mullrich sich leidlich angezogen hatte, eintrat und kleinlaut grte:
    Guten Abend, Herr Oberkommissr.
    Guten Abend Mullrich!
    Es gibt wol noch etwas?
    Der Oberkommissr Pax, ein militairisch sicher auftretender Mann, mit
starker Bastimme, sagte:
    Mullrich, ja! Aber Sie knnen ein paar Stunden schlafen.
    Herr Pax, morgen frh um fnf Uhr hab' ich schon Was ...
    Mit Kmmerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustrae? Wei
ich schon. Aber es ist heute Nacht groes Gartenfest in der Fortuna. Da gibt's
allerlei Leute zu beobachten, die mir soeben signalisirt sind. Es hilft nichts.
Sie knnen zwei Stunden schlafen. Um zwlf mssen Sie aber in die Fortuna, wo's
bis zum Morgen hergeht. Dann machen Sie gleich mit Kmmerlein die Recherche bei
den beiden Miethsleuten der Schievelbein und dann knnen Sie sich den ganzen
Vormittag zur Ruhe legen. Hier sind ein paar Signalements, auf die in der
Fortuna gepat werden soll. Ich werde selbst in der Nhe sein, aber incognito
...
    Mullrich nickte etwas verdrielich und nahm einige dargebotene Papiere an
sich, whrend seine Ehehlfte die Auftrge des Herrn Oberkommissrs mit den
ergebensten Interjectionen als: Schn! Sehr schn! Sehr wohl! angenehm
ausschmckte.
    Der Oberkommissr Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein
seltener Glcksjger in dem Gebiete der praktischen Polizei. In jngern Jahren
Wachtmeister der Cavalerie, dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen,
hatte er Veranlassung gehabt, der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten
Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen, die Heinrichson jetzt ihrer
Gebieterin widmete. Aus ihrem Pflegling und Schtzling war Pax eine Zeit lang
der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden; jetzt galt der
vierzigjhrige, sehr stattliche Mann fr ihren Neffen und knftigen Erben. Ihr
verdankte er seine Anstellung, ihr eine sehr behagliche Existenz, die ihn jedoch
nicht hinderte, seinen Obliegenheiten mit seltener Pnktlichkeit nachzukommen.
    
    Er war der Ludmer und ihren Gnnern anhnglich und treu. Die Aussicht,
einmal die aufgehuften Ersparnisse der gefhrlichen Matrone zu erben, spornte
seinen Diensteifer ... Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimrthin
unterrichtet, wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte.
    Aber es gab noch manche andere Gelegenheit, sich seinen Gnnern dienstwillig
zu erweisen. Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage, die er an Frau
Mullrich richtete:
    Also die Maler-Guste ist ausgeflogen?
    Nr. 17 meinen der Herr Oberkommissr? fragte die Alte.
    Auguste Ludmer ...
    Richtig! Ha! Ha! Die Maler-Guste! Hat sie den Namen? Hier nannten sie die
Leute die Brennnessel ... weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte. Ja, Herr
Oberkommissr, vier Thaler, zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel
und einen ...
    Sie ist aber nicht nach Hamburg, sie ist hier ... Mullrich ...
    Mullrich war etwas schlfrig im Zuhren.
    Ja, Herr Oberkommissr, sagte er apathisch ...
    Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf.
    Ja? sagte sie. Die Maler-Guste? Nummer 17? Hrst du denn nicht?
    Passen Sie in der Fortuna auch auf die Maler-Guste ... Sie soll auf ganz
neue Sprnge gekommen sein ... bemerkte Herr Pax.
    Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad mssen! meinte Mullrich, nun sich
sammelnd.
    Seine Gemahlin schwieg jetzt. Sie kannte den Ha des Oberkommissrs gegen
ein Mdchen, das mit vollem Rechte behaupten konnte, die Nichte der Madame
Ludmer zu sein, whrend der Herr Oberkommissr, der sich den Neffen derselben
nannte, nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden
Maler-Guste in Anspruch nehmen durfte. Frher, als dies bildschne Mdchen den
Knstlern Modell stand und sich eines soliden Rufes erfreute, konnte ihr der
Oberkommissr wenig anhaben; seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr
gesunken war, hatte er Grund, eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen,
wodurch sie zuletzt veranlat wurde, in diese dunkle, abgelegene Brandgasse, in
diese armseligen Familienhuser zu ziehen, wo es ihr schlecht genug ergangen
sein mute, trotzdem, da sich Bartusch fr ihre noch immer nicht ganz zu Grunde
gerichtete Schnheit interessirte.
    Auguste Ludmer war durch eigenthmliche Schicksale, die wir noch nher
werden kennen lernen, ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden, in
die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrngnisse ein
ursprnglich nicht schlechtes weibliches Wesen fhren kann ...
    Der Oberkommissr schrfte Mullrich ein, ein fixes Auge auf die
Maler-Guste zu haben ... sie behielt diesen Namen, obgleich sie schon seit
langer Zeit der Knstlerwelt entrckt war und ihr nur noch in einigen ppigen
Bildern angehrte, zu denen sie frher die Anschauung ihrer schnen Formen
geliefert hatte ...
    Es war schon vllig dunkel geworden, aber das scharfe Auge des
Oberkommissrs entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes, mit dem
er in ziemlich naher Verbindung stand ...
    Ist Das nicht? ... sagte er.
    Herr Schmelzing! Soll ich rufen? Herr Schmelzing!
    Der Oberkommissr schrfte noch einmal die Signalements dem bewhrten
Vizewirthe ein und wandte sich zum Gehen mit den Worten ...
    Teufel, steckt doch hier Licht an! Man bricht sich ja den Hals bei Euch!
    Frau Mullrich fhrte den Herrn Oberkommissr an ihrer eigenen pechschwarzen
Hand durch die pechschwarze Finsterni der Treppe, die aus dem Keller aufwrts
fhrte, whrend ein grinsendes Gesicht von einer sich bckenden Gestalt auf der
Hausflur in die Wohnung des Vizewirthes fragend niederschaute ...
    Mullrich hrte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommissr die
Honneurs machen.
    Beide verschwanden.
    Mullrich wollte, als seine Gattin zurckkehrte, nun seufzend und wehklagend
in sein Bett zurckkehren und holte nur noch seine Brieftasche aus dem Rocke, um
die wichtigen Signalements hineinzulegen.
    Die verdammte Tnzerei da in der Fortuna! brummte er zornig. Alle Welt
schreit ber Noth und Elend und auf so ein Gartenfest gehen sie und jubeln, als
wenn es Tresorscheine geregnet htte. Leg' mir nur den guten Leibrock heraus! Im
Staat soll man auch erscheinen, damit man nicht gleich die Zuchthausschlssel
bei Unsereinem rasseln hrt.
    Das Elysium ist bankrott, sagte seine Gemahlin trstend, die Fortuna wird
auch nicht lange machen. Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat! Das soll
ja eine Pracht in der Fortuna sein ... Der Kmmerlein erzhlt ja die blauen
Wunder davon!
    Mullrich schwieg.
    Seine Gemahlin war etwas eiferschtig und hrte ungern, da es in der
Fortuna so wild und zgellos herging, ungern, da dort Alles von Krystall und
Bronze, gemalt und von Gaslicht erleuchtet sein sollte ... Mullrichs lustiger
College, Kmmerlein, hatte ihr schon die verfnglichsten Sachen von der Fortuna
erzhlt.
    Mullrich wollte schlafen und antwortete nicht.
    Die Gemahlin, die zwar von ihrem Gatten voraussetzte, da er sehr tugendhaft
war, von Kmmerlein aber oft gehrt hatte, da dieser die vielen delikaten
Begegnungen seiner sittenbefrdernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern
und Abirrungen auszubeuten wute, fragte:
    Was ist denn Das fr eine Frau Schievelbein in der Neustrae?
    Whrend Mullrich nun von einer Vermietherin brummte, von einer Haussuchung
bei einem Maler oder Referendar, von Beschlagnahme von Bildern und hnlichen ihm
gegebenen Winken, schlug seine pltzlich etwas gereizte Ehehlfte Licht an und
wollte eben die kleinen Lden der Kellerfenster schlieen, als sie auf einen
Tritt hinaufsteigend, berrascht uerte:
    Sieh! sieh! Da steht ja wieder der junge Herr von heute Vormittag auf der
Strae und lauert. Der pat auf 86 oder 87. Ich komme dahinter. 87 ist nicht
ganz ohne. Das schlgt die Augen nieder und trbt kein Wasser und dem Riekel
hab' ich gleich angesehen, da die Thr zwischen 86 und 87 aufgewesen ist. Wenn
ich doch einmal dahinter kme - aber! Du, Mullrich! Du, Mullrich! Schlfst du
schon? Schlft der schon! Schnarcht schon wie ein Ratz! Jetzt kann ich nicht
hinauf zu ihr ... Schlaf du und noch Einer! Hr'! Wie er sgt! Die Eier machen
ihn immer schlfrig. Er soll auch nicht so starkes Bier haben, wie seit ein paar
Tagen. In der Fortuna mag ich ihn gar nicht. Bei dem verdammten Hitzreuter
gibt's Punsch und Kuchen. Und so traktirt werden die Polizeidiener da, da ihnen
zu Hause nichts mehr schmeckt. Kmmerlein ist verdorben genug ...
    Und so fort und fort plauderte Frau Mullrich mit sich selbst, indem sie ihr
Dreierlicht ausputzte und sich anschickte, ein paar alte vom Trdel gekaufte
Pantoffeln durch hintern Ansatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln.
Sie setzte fr diese einem ihrer Miethsleute bestimmte Arbeit eine Brille auf,
nahm ihr Dreierlicht und stellte es hinter eine Glaskugel, die mit Wasser
gefllt war und an einem Riemen auf einer pyramidenfrmigen Erhhung einer
Schusterbank stand. Das Lampenlicht fiel durch diese Kugel rund und klar auf den
in einen neuen Schuh zurckzuverwandelnden alten Pantoffel. Dabei richtete sie
durch das halb offengelassene Bret der Fensterlade unverwandt auf den drauen
wartenden Herrn den Blick. Dieser stand mit einem leichten Spazierstckchen und
schien seine Ungeduld durch ein Liedchen wegzupfeifen, wenn er nicht alle die
Menschen musterte, die in der geruschvollen, menschenberfllten Strae an ihm
vorbergingen oder in Nr. 9 selbst eintraten. Frau Mullrich achtete schon auf
diese letzteren nicht mehr. Erst um 10 Uhr, wenn sie das Haus schlo und die
Pfennige bezahlt werden muten, fing eigentlich ihr groes Controlegeschft an.
    Heute aber fesselte sie doch von den Passanten ein kleines Paar, dem sie,
von ihrem Schemel aufspringend, durch das Fensterchen, das zur Hausflur fhrte,
nachrief:
    Heda! Line! Willem!
    Ein Knabe von zwlf Jahren in einer Blouse und ein kleines Mdchen von etwa
acht Jahren wandten sich um und blickten niederwrts zu dem kleinen Schaufenster
der gefrchteten Vizewirthin, vor dem man in diesem Hause gern rasch
vorberschlpfte.
    Da steht er ja vor der Thr ... sagte die Alte.
    Wer? fragten die Kinder.
    Der Herr, der zu Eurer Louise wollte!
    Zu Louisen? fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn, um einen solchen Herrn,
der zu seiner Schwester Louise wollte, sich erst anzusehen.
    Der junge Mann war etwas weiter gegangen und schlenderte in einiger
Entfernung auf und ab.
    Zu Louisen kommt kein Herr! sagte Wilhelm fast verchtlich zu Frau Mullrich
und ging weiter in den Hof.
    Linchen! Linchen! rief aber die neugierige Vizewirthin mit verstrkter
Stimme und reckte den gelben magern Hals durch das Schaufenster ...
    Linchen, wie Mdchen, neugieriger, blieb stehen und folgte nicht so rasch
dem Bruder.
    Linchen komm' mal her! Kennst du den Herrn nicht? rief die Alte.
    Linchen blieb unbeweglich.
    Er war wol bei Euerm Fritz? Was? Komm doch, Kindchen!
    Linchen sagte immer noch nichts.
    Er will wol auch zu Eurem Fritz? Was? Ist denn die Kchenthr bei Euch auf
jetzt, die in Fritzens Kammer fhrt? ...
    Linchen war diskret und schwieg, blieb aber doch stehen.
    Na, der Herr will wol zu Fritzen. Komm doch ein Bischen nher, Kind! Zeig
doch 'mal deinen Korb! Was hast du denn heute schon verdient?
    Nun wollte Linchen rasch davonlaufen. Es war dem kleinen achtjhrigen Kinde
schon zu oft geschehen, da die Mullrich ihr den Verdienst an der Thr
abgenommen hatte und sich selbst fr kleine Schulden aus Nr. 87 bezahlt machte.
Die Kleine frchtete, da ihr heute dies Schicksal wieder begegnen wrde und
lief davon.
    Bleibst du Range! kreischte aber die Alte jetzt aus dem Fenster, mit voller
Kraft ihrer hektischen Lungen. Ihr lag daran, Bartusch etwas ber Fritz Hackert
berichten zu knnen. Bleibst du! Willst du her? Soll ich -
    Dies Soll ich? - begleitete ein rascher Griff nach ihren eigenen Pantoffeln,
von denen der des linken Fues schon drohend zum Schaufenster hinauslangte.
    Linchen war wie vor Todesschreck im Hofe still gestanden und wandte sich
halb neugierig, halb ngstlich um, als sie die Worte aus der Alten Munde ihr
nachgekreischt hrte:
    Willst du her! Hier sind ja zwei Groschen fr den alten Mann. Da! zwei
Groschen! Nimm!
    Zwei Groschen fr den alten Mann? Das waren freilich verlockende Worte fr
das Kind.
    Linchen kam etwas nher.
    Komm, Linchen! Komm! Bist ja so hbsch gekmmt! Macht dir Louischen die
Locken? Komm, Hinkelchen. Der alte Mann hat zwei Groschen zu Gute fr die Uhr,
die er mir gestern ausgeblasen hat. Da!
    Linchen kam nun nher und hielt die Hand hin.
    Whrend die Alte unter ihre Schrze griff, an der sie eine Geldtasche
befestigt hatte und mit dem Gelde klapperte, sprach sie auf dem Tritt, der zu
dem Fensterchen fhrte und zu der Hausflur hinaus:
    Grovterchen hat mir die Uhr ausgeblasen - zwei Groschen - warte nur, ich
suche sie eben - Sag' einmal, kennst du den Herrn drauen?
    Das Kind sah auf die Strae und schttelte den Kopf.
    Zwei Groschen, fuhr die Alte immer suchend fort; er hat die Uhr schlagen
lassen, sie blieb immer stehen - sag's mir, es ist Louischens neuer Liebhaber?
Was? Der ist schn! Nicht wahr, der rothe Fritze gibt ihm wol den Hausschlssel
von Schmelzing ... Was?
    Das Kind langte nach den zwei Groschen und antwortete nichts.
    Ja, ja, die Uhr - sie ist ein Familienstck; aber im Keller ist's zu feucht,
sagte der Alte mit dem Zopf ... Wo war denn Fritze dieser Tage? Vier Tage nicht
zu Hause gewesen ... Klettert er denn noch manchmal bei Nacht? Was?
    Linchen Eisold blieb diskret ...
    Ich schenke dir zwei Pfennige, Linchen, wenn du mir sagst, wer der Herr ist
...
    O Armuth! Was ist dein Loos! Zwei Pfennige! Wer widerstnde da und thte,
was nicht gerade Unrecht scheint!
    Ich kenn' ihn ja nicht, Frau Mullrichen! sagte das Kind nun beredtsam mit
einem durch zwei Pfennige geffneten Munde. Aber als ich heute das Essen fr
Karl'n holte, sagte mir Riekchen, es wre bei Fritzen ein schner Herr zwei
Stunden gewesen und er htte auch unsere Louise gesehen und am Abend wollt' er
wieder kommen, um uns Alle zu besuchen und noch einen andern schnen, jungen
Herrn mitbringen. Wie ich's Karl'n sagte, war der recht neugierig und meinte, er
hlt Nichts von den Herren, die der Fritz Hackert kennt.
    Sieh 'mal an! Sagt' er Das? He? Hre Linchen! Wenn der Herr zu Euch kommt
und ... Der andere auch; erzhlst mir doch morgen, was sie gesprochen haben.
Willst du?
    Da schwieg nun Linchen wieder.
    Ich wollte dir ja zwei Groschen fr den Grovater geben! ...
    Und zwei Pfennige! sagte das Kind, das seinen Vortheil festhielt.
    Und zwei Pfennige - Willst du mir morgen Alles sagen, was die Herren oben
angegeben haben?
    Linchen schwieg.
    Noch einen Pfennig geb' ich dir, Linchen! Was? Willst du?
    Linchen lachte nun ... aber sie schttelte doch den Kopf, da die Alte
ungebehrdig wurde und schrie:
    Wetter! Range! Mach, da du fortkommst! Was hltst du mich hier auf?
    Mit diesen zornigen Worten schlug die Alte das Fenster zu, hrte mit dem
Geldklappern auf und stieg den Tritt hinab an ihren Schusterplatz.
    Linchen, die sich gefreut hatte, auer ihrem heutigen Verdienst, ihrem
Grovater noch zwei Groschen zu bringen, blieb traurig stehen.
    Was willst du? schrie die Alte, die jetzt fr Bartusch's spten Abendbesuch
schon Klatschgift genug hatte und sah wieder hinaus.
    Linchen zgerte noch immer ...
    Willst du nun gehen! rief Frau Mullrich und sprang zum Schustersitze, um
einen in der Arbeit begriffenen Pantoffel zu holen ...
    Was ist denn? Was soll's denn? sagte in diesem kritischen Augenblicke eine
energische Stimme auf der Hausflur. Sind wir Ihnen etwas schuldig?
    Nein bewahre, Musje Eisold! antwortete die Alte demthig und schlug rasch
das schon geffnete Fenster zu. Bitte! Bitte!
    Frau Mullrich hatte groe Furcht vor dem jungen stmmigen Manne von kaum
funfzehn Jahren, der seine Schwester an der Hand fate und mit ihr in die
hintern Hfe ging.
    Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold, der lteste Bruder der
mehrerwhnten Louise Eisold, ein hbscher, frischer, aber von seiner schweren
Arbeit etwas ermdeter junger Mann.
    Frau Mullrich hatte doch einige gute Thatsachen erfahren und war in der
grten Spannung, als in der That zu dem Herrn auf der Strae sich ein zweiter
gesellte, diesem herzlichst, ja berschwnglich die Hand schttelte und ihn dann
in die Hausflur zog. Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen, in dies
Obdach zu treten.
    Als Frau Mullrich nun gar merkte, da unter der Hausflur diese schnen,
jungen Herren laut zu sprechen anfingen, blies sie rasch ihr Licht hinter der
Wasserkugel aus, schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt, was diese
mit Nr. 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen wrden.

                                Sechstes Capitel



                   Nummer Sechs- und Nummer Siebenundachtzig

Als Siegbert Wildungen sich endlich gegen neun Uhr dem Stadttheile genhert
hatte, wo er den Bruder erwarten sollte, wurden alle seine gemischten
Rckerinnerungen auf Melanie, Rudhard, Olga Wsmskoi und besonders jenen tiefen
Akkord: Anna von Harder durch die Sorge unterbrochen, sich in dieser
verworrenen, dunkeln, menschenberfllten Gegend zurechtzufinden. Die weie
Rose, die er von dem ihm nachgeworfenen Blumenstraue bei der Frstin Wsmskoi
mitgenommen hatte, war in dem Gedrnge sogleich vom Stiele gebrochen und noch
ehe er sie hatte retten knnen, von den Vorbergehenden zertreten, vom
Straenkoth beschmuzt. Er mute sie aufgeben. Er mute jetzt nur noch nach den
Straenecken sehen, auf denen die Namen derselben kaum noch zu lesen waren,
trotz der nicht gesparten Beleuchtung dieses Viertels. Endlich entdeckte er die
Brandgasse und zhlte sich das neunte Haus ab. Eben hatte er es gefunden, als er
zur Hhe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt.
    Er kam von Dankmar, der ihn erwartete.
    Um nicht vom Gedrng gestrt zu werden, traten sie sogleich in die Hausflur,
die ihnen ein gesicherter und ruhiger Begrungsort schien.
    Nun, da bin ich! sagte Siegbert, voll Freude und voll Rhrung.
Abenteuerlicher Mensch! Wohin verlockst du mich? Ich brauchte einen freien
Platz, wo ich geschtzt vom Dunkel der Bume dir um den Hals fallen wollte, um
mein Herz zu erleichtern, und hier in dem Wagengerassel, in dem Tumult der
Menschen, hier auf der Hausflur dieser alten Ruberhhle, was soll ich da?
    Ganz gut! Ganz gut! sagte Dankmar lachend und gefat, aber voll Wrme. Ganz
gut, da uns die Umgebungen jede rhrende Scene abschneiden. Was ich heute frh
fhlte, als du mit dem Gestndnisse deines Glckes mir meine eigenen Trume
zerstrtest, Das hab' ich dir in meinem Briefe gesagt. Ich schrieb dir, weil ich
dir nicht mndlich verrathen mochte, da mir die Trennung von einem so
fesselnden Gedanken doch die schmerzlichste berwindung kostete! Zu Grn's htt'
ich nicht kommen knnen; es hat mir wirklich diesen ganzen Tag gekostet, mich zu
sammeln und zurechtzufinden! ... Die wichtigsten Dinge mut' ich aufschieben und
httest du mich noch vor wenigen Stunden gesehen, wrdest du gesagt haben, ich
gehrte jetzt zu den Trumern, whrend ich doch nicht einmal heute zu den
Schlfrigen gehre.
    Du hast dich von einer Quelle des Glckes losgerissen, sagte Siegbert, die
mir doch nie geflossen wre. Heute Mittag sprach ich Melanie und wohl sah' ich,
da ich ewig wrde vergebens gehofft haben.
    Du sahst sie? Und sprach sie von mir?
    Sie sprach von dir.
    Nun ...?
    Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute so Manches, da ich dir in
geeigneter Umgebung ausfhrlich davon reden mu. Soviel aber beobachtete ich
doch fast, da du nicht nthig gehabt httest, weil mir jene Quelle nicht rinnen
wird, dir sie selbst zu trben.
    Zu trben Bruder? Doch! Recht umgewhlt hab' ich sie! Recht das Unterste zu
oberst gebracht! Es mu so sein. Trinke nun daraus, wer mag!
    Siegbert seufzte und fuhr, sich im Dunkeln umsehend, fort:
    Was thun wir hier? Was sollen wir bei Hackert, den du mich so zu
verabscheuen gelehrt hast? Glcklicherweise habe ich sein Geld bei mir!
    Pst! sagte Dankmar und sah' sich um, als htte er bei Erwhnung des Geldes
etwas wispern hren.
    Dann fuhr er fort:
    Ich bin diesem zweideutigen Menschen heute doch nher gerckt und hab' ihn
zu meiner Freude in einer guten, mir aus Interesse an der menschlichen Seele
doppelt werthen Stunde gefunden. Bei ihm schrieb ich den Brief an dich. Den
Nachmittag verwandte ich darauf, Lasally zu bewegen, von einer Klage gegen
Hackert abzustehen, worber ich diesem heute Abend denn meinen Bericht abstatten
wollte. Da ich zugleich die Gelegenheit benutzen mochte, dich in eine rhrende,
deinem Geschmacke entsprechende Familienscene einblicken zu lassen, so beschied'
ich dich um neun Uhr selbst hierher. Wir finden im dritten Hof, drei Treppen
hoch, Hackert, dem ich leider keine gute Nachricht ber Lasally bringen kann.
Hoffentlich fhlt er sich aber dadurch nicht zu verstimmt, mir sein Leben zu
erzhlen, was er mir heute frh versprochen hat. Also du hast sein Geld bei dir?
    Ich hab' es, sagte Siegbert leiser, sah sich um und fate an seine Brust;
denn die verdchtigsten Gestalten drngten sich jetzt durch die enge Hausflur an
ihnen vorber: Bettler und Arbeiter der niedrigsten Klassen, die unheimlichsten
Figuren ...
    Bruder! sagte Siegbert flsternd. Hier scheinen alle Strflinge, die heute
Abend entlassen wurden, ihr Quartier zu suchen. Welche Dnste in dieser Strae!
Und hier der Gang fast zum Ersticken so schwl!
    Das eben war es, was ich dir zeigen wollte und ich wei, fr einen Blick in
das Innere dieser alten rucherigen Wnde wirst du mir dankbar sein. Komm, wir
wollen jetzt versuchen, ohne uns den Hals zu brechen, in Hackert's Wohnung zu
gelangen.
    Damit schritten die beiden jungen Mnner einem Abendlichtschimmer zu, der
aus dem ersten Hofe noch sprlich auf das uerste Ende dieses Ganges
hereinbrach ...
    Frau Mullrich erhob jetzt ihr mumienartig getrocknetes Haupt. Sie hatte zwar
sehr viel Worte gehrt, sehr viel Namen deutlichst verstanden, mute sich aber
doch gestehen, da diese Unterredung etwas hoch war, etwas zu schwunghaft fr
ihren niedrigen Kellerhorizont. Dennoch hatte sie Namen, wie Melanie, Hackert,
Grn's, Lasally ganz deutlich behalten, sogar von Geld etwas unwiderruflich
vernommen und auf Bartusch's nhere Angabe der Fhrte, auf die er sie bringen
konnte, hoffte sie schon, sich noch weiterer Dinge zu entsinnen aus diesem
Dialoge, den sie fr sich hoch, nher bezeichnet studirt nannte. Sie zndete
wieder ihr Dreierlicht an, dessen rasches Ausblasen einen abscheulichen Gestank
verbreitet hatte, kehrte zu dem in einen Schuh zu verwandelnden Pantoffel zurck
und dachte: Wenn es nur erst zehn Uhr schlgt, dann hab' ich Alles in der Falle
und Keiner kommt heraus oder herein, der hier nicht Stand, Namen und sein
Anliegen zu sagen wei.
    Die beiden Brder hatten nun inzwischen schon glcklich die beiden ersten
Hfe hinter sich und tappten im dritten eine schmale, finstere Stiege hinauf,
die unmittelbar von dem Hofe in die obern Wohnungen fhrte. Bei dem ersten
Absatz zeigte Dankmar seinem Bruder die hier beobachtete architektonische
Einrichtung. Von der Treppe links hinaus ging immer ein langer dunkler Corridor
um zwei Schenkel des Vierecks herum, das den Hof bildete und alle Zimmer lagen
mit ihren Thren auf diesen Corridor hinaus, mit den Fenstern in den Hof. Da
und wie die Zimmer numerirt waren, konnte man der Dunkelheit wegen nicht mehr
erkennen. Rechts von der Treppe ging eine offene Galerie hinaus um die beiden
andern Seiten jenes Vierecks, das den Hof bildete. Hier auf dieser
zerbrechlichen Galerie sah man wiederum eine Menge Thren, die alle zu
abgesonderten, meist nur aus einem Zimmer bestehenden Wohnungen fhrten, deren
Fenster grtentheils auf die Galerie hinausgingen. Dieselbe Einrichtung
wiederholte sich auf der zweiten Treppe.
    Schade, sagte Dankmar, da die Furcht vor Diebstahl alle Lumpen, alle
Wsche, Betten und Gerthschaften von den Galerien fr den Abend entfernt hat.
Am Tage war Das heute ein schnes Durcheinander! Jetzt ist Alles ngstlich
hineingenommen, da hier wol kein Nachbar dem andern traut.
    Wie Siegbert nun dem Bruder in den dritten Stock nachkletterte und er an
einem dicken, durch das viele Angreifen seifenglatt gewordenen Tau sich mehr
schwankend hinaufwinden mute, als sicher gehen konnte, wurde ihm die Erinnerung
an einen Menschen, der hier wohnte, in diesen Hhlen des Elends, und ein Packet
von hundert Thalerscheinen auf die Strae hatte werfen knnen, so unglaublich,
da er Dankmar'n darber flsternd sein Befremden ausdrckte.
    Still! wisperte dieser. Nichts von Geld hier gesprochen! Wenn du ihm seine
Summe einhndigst, thu' es stillschweigend. Die Nachbarschaft nach links von ihm
ist ehrlich, aber die nach rechts soll nichts taugen, obgleich sie sich fr
Hackert's Freund ausgibt und die Veranlassung ist, warum er hier wohnt.
    Indem waren die Brder oben. Dies Stockwerk, sahen sie wohl in der
Dmmerung, war nicht so vollstndig wie die andern. Links von der Treppe lagen
wol noch dieselben Zimmer wie unten, aber schon Dachzimmer, rechts ging die
Galerie nur halb in den Hof hinaus. Die andere Seite war ein Dach. Die Fenster
gingen hier auf diese Galerie alle selbst hinaus und wie sie ihre morschen,
durchsichtigen Bretter betraten, fiel Siegberten eine mit einer Zahl bezeichnete
Thr auf, die mit zwei mit Eisenstben vergitterten Fenstern zu einem einzigen
Zimmer zu gehren schien.
    Hier ist ja ein Gefngni, sagte Siegbert.
    Nein, antwortete Dankmar leise, das ist Hackert's Wohnung ... Aber, ich sehe
kein Licht. Sitzt der im Dunkeln oder hlt er nicht Wort?
    Indem klopfte Dankmar an diese Thr, die Nr. 86 bezeichnet war, und klinkte
am Drcker. Das Zimmer war verschlossen.
    Da haben wir eine beschwerliche Wanderung umsonst gemacht! bemerkte
Siegbert, dem dieser Schlu eines so aufgeregten Tages fast humoristisch vorkam.
    Vielleicht knnte man gleich bei Nr. 87 vorsprechen, flsterte Dankmar und
auch ohne Hackert die Scene erleben, die ich dir eigentlich bescheren wollte.
    Du machst mich neugierig, sagte Siegbert. Vielleicht ffnet sich eine dieser
Thren und wie in Tausend und eine Nacht sind wir statt in einer Hhle
pltzlich in einem wunderschnen Feenpalast.
    Romantiker! sagte Dankmar lchelnd und pochte jetzt so nachdrcklich an
Hackert's Thr, da aus Nr. 85 ein spitznasiger, bebrillter Kopf herausscho,
ein wahres Original zur Carricatur eines Schreibers.
    Ah, Herr Schmelzing! grte ihn Dankmar. Ich stre Sie doch nicht schon im
Schlafe? Herr Hackert nicht zu Hause?
    Herr Schmelzing war eben auch erst wieder nach Hause gekommen, voll vom
Herrn Oberkommissr, der ihm sein besonderes Vertrauen schenkte und stand in
Hemdrmeln. Rasch fuhr er wieder in sein Zimmer zurck und kam nach einer
Secunde in einer grnen Jacke mit einem groen grauen befestigten Dintenrmel am
rechten Arm heraus. Er hielt ein Licht, das seine Glotzaugen, seine stumpfe
kleine Nase, den zahnlosen Mund, die endlose Stirn, das thierische Kinn noch
mehr illustrirte.
    Ganz gehorsamster Diener, meine Herren - Herr Hackert? Ei ich meine doch -
    Damit drckte Herr Schmelzing auf die Klinke der Thr seines Nachbars.
    Nein, sagte er dann erstaunt und berrascht von diesem spten Besuche seines
Nachbars, Herr Hackert sind nicht zu Hause; kommen manchmal etwas spt. Wnschen
Sie vielleicht zu warten, meine Herren! Woher hab' ich die Ehre Ihrer
Bekanntschaft, meine Herren?
    Die saubere Aufschrift Ihrer Thr, Herr Schmelzing, die ich heut' frh schon
gelesen habe: Herr Schmelzing, Privatschreiber; nicht so?
    Schmelzing stand als wenn er diese Worte nicht verstanden htte.
    Dankmar untersttzte sie durch einen Fingerzeig auf die Thr.
    Schmelzing wandte sich nun erst an seine eigene Thr Nr. 85 und las den
Zettel, gleichsam als wenn er ihm unbekannt wre.
    Ja wol! Privatschreiber! Aber auch Herr Hackert sind ein Meister in diesem
Fache. Wnschen Sie vielleicht unsere Dienste im Kalligraphischen? Ich schreibe
fr viele der Herren Advocaten - auch dichterische Erzeugnisse -Rollen fr die
Herren vom Theater - wnschen Sie vielleicht einen Auftrag ausgefhrt?
    Whrend Schmelzing seine Dienste unterwrfigst anbot, hatte sich aber schon
die Scene verndert.
    Hier und da trieb die Neugier ber das spte Lautsprechen auf der Galerie
des dritten Stockes jene Gesichter zum Vorschein, die schon an der
Eingangspforte Siegberten so unheimlich erschienen waren. Auch Frauen in Hauben
oder aufgelsten Haaren fehlten nicht. Letztere mehr hexen- als lurleiartig. Die
angenehmste Vermehrung der Gesellschaft war aber aus Nr. 87 ein kleines Mdchen,
das wir schon kennen, Linchen Eisold, zu der sich sogleich auch Wilhelm, ihr
kleiner Bruder, gesellte. Dieser war schon ziemlich verschlafen und ghnte so
laut, da es fast auf der Galerie ein Echo gab. Jene aber knixte gar anmuthig
und sagte gewandt und hflich, ob die Herren nicht nher treten wollten; Herr
Hackert wrde gewi gleich kommen.
    Das ist nun gerade, was ich dir gnnen wollte! flsterte Dankmar und schob
Siegberten eine Thr weiter.
    Gute Nacht, Herr Schmelzing, rief er dann sehr laut (denn er hatte schon
weg, da Herr Schmelzing wol etwas taub war), entschuldigen Sie die Strung!
    Dieser mit halb geffnetem Munde und dem nachdrcklichsten und hflichsten:
Bitte, keine Ursache! das ihm aber doch vor Neugier zwischen den fahlen Lippen
halb stecken blieb, sah den jungen Mnnern kopfschttelnd nach, wie sie unter
der Thr Nr. 87 sich bckend verschwanden. Alle Augenblicke machte er sich
spter auf der Galerie etwas zu schaffen, um zu hren, was in Nr. 87 vorging,
einer Wohnung, die jedoch nur eine kleine Kche mit einem Fenster auf die
Galerie hinausgehend hatte. Des Hauptzimmers Aussicht ging hinterwrts in ganz
andere Hfe hinber.
    Der Raum, den Siegbert und Dankmar anfangs in Nr. 87 um sich hatten, war
nicht grer, als da er fr etwa acht Menschen, die dicht nebeneinander
standen, ausgereicht htte und doch stand hier erstens ein Feuerherd, zweitens
ein Kchenschrank, drittens ein Bett mit einer Menge geringfgiger Gegenstnde,
die alle Platz haben wollten. Eine Thr links fhrte zu Hackert's Zimmer; doch
stand zum Zeichen, da sie ignorirt wurde, ein Besen, ein Zuber, ein Eimer und
eine Waschbank davor und eine Thr rechts fhrte in das groe Wohnzimmer.
    Dies groe Zimmer war nun allerdings sehr gerumig und mute es sein; denn
nicht weniger als acht Menschen waren darauf angewiesen, hier zu wohnen und
theilweise auch zu schlafen. Das Zimmer hatte drei Fenster, von welchem zwei
geffnet waren und die khlende Abendluft der hintern Aussicht hereinlieen,
eins aber war verhngt und durch eine Schirmlampe beleuchtet. Hier war Nacht, an
den beiden andern kleinen Fenstern noch leidlicher Tag.
    An dem beleuchteten Fenster sa ein alter Mann, der auf einem Tische vor
sich zwei oder drei alte Uhren, in der Weise der Schwarzwlder Uhren, aber viel
grere und unfrmlichere, stehen hatte, in denen er mit einer Fahne von einer
Feder die Gnge und Triebrder vom Staube rein kehrte und dann und wann die
Uhren schlagen lie. Ein kleines Mdchen von vielleicht fnf Jahren stand hinter
ihm auf einem Fuschemelchen und lste ihm einen kleinen weigelben Zopf
auseinander.
    Der nach dem uralten, wie abgestorben scheinenden Greise lteste mnnliche
Bewohner dieses Raumes, ein junger Mann von vielleicht funfzehn Jahren, sa
neben ihm und benutzte das ihm zuschimmernde Lampenlicht, um in einem mit
mathematischen Zeichnungen ausgestatteten Buche zu lesen. Kaum blickte er zu den
Besuchern, die er ungern zu sehen schien, empor.
    Auf einem Tisch am zweiten Fenster standen mehrere, wie es schien eben
geleerte Npfe, in denen Suppe gewesen schien; denn noch stand ein Rest davon in
einer groen irdenen Schssel in der Mitte des Tisches. Ein Laib groben Brotes
mit einigen blankgeputzten Messern lag daneben. Eben streute sich ein winziges
Bbchen von vielleicht drei Jahren auf ein Stck Brot aus einem Salzfasse dicke
Krner Salz, um es mit dieser Delikatesse schmackhafter zu machen.
    Am dritten Fenster sah man einen gromchtigen aufgespannten Stickrahmen,
der auf zwei Sthlen lag. Daneben ein Tischchen mit allerhand bunter Wolle,
Schachteln mit weier Baumwolle, Zeichnen- und Stickmuster und kleine violette
englische Quadrat-Papiere mit feinen Nhnadeln.
    Auer dem alten Uhrmacher mit dem Zopfe bezeugten alle Anwesenden den
eintretenden Herren eine Art Aufmerksamkeit, bei der jedoch die berraschung und
Schchternheit die Hflichkeit milderte. Das freundliche Guten Abend! der Brder
wurde nur von einer einzigen wohltnenden unsichtbaren Stimme erwidert, die
hinter einem Bettschirme hrbar wurde, der in einer Ecke des Zimmers stand.
    Ich wundere mich, lauteten die angenehmen Worte vom Bettschirme her, ich
wundere mich, da Herr Hackert noch nicht zu Hause ist. Er wollte doch przis um
neun Uhr da sein. Es mu doch schon halb zehn geschlagen haben.
    Dabei schlug es an einer der drei Uhren, die der alte Eisold reparirte, mit
zwei Schlgen ... Bim! Bim!
    Es thut uns leid, sagte Dankmar, Sie zu stren, whrend Sie wahrscheinlich
schon Alle an's Schlafengehen denken.
    Ich noch nicht, sagte die Unsichtbare und die Groen auch noch nicht.
Grovater geht zu Bett! Die Kleinen haben auch schon den Sandmann im Auge.
    Gewi bringen Sie da hinten Ihr kleines Hannchen zur Ruhe.
    Ach, das schlft schon mit den Vgelchen ein, aber es ist recht unruhig
heute, wacht leicht auf und da hab' ich's einwiegen mssen und ihm ein paar
Lffel warmer Milch gegeben ...
    Darf man denn wol einmal hinter dem Vorhang die Bescherung sich ansehen? Ich
bringe meinen Bruder mit! Der malt gern die kleinen Engelskpfe ...
    Nicht Engelskpfe, sagte die Stimme bedenklich. Kinder soll man nicht Engel
nennen, sonst sterben sie ja.
    Sind Sie so aberglubisch, fragte Dankmar, whrend die Uhren einen
dreifachen Refrain gaben: Bim! Bim! Bim!
    Wo der Aberglaube ntzlich ist und wie hier vor Eitelkeit schtzt ...
lautete die Antwort.
    Darf ich nher? sagte Dankmar.
    Nein, nein! hie es hinter dem Schirme; dies ist eigentlich ein Zimmer ganz
fr sich. Der Kreidestrich da gilt fr die Thr. O wenn wir's genau nehmen,
haben wir eine zwar recht hohe, aber doch ganz vornehme Wohnung. Freilich geht
der Eingang durch die Kche! Aber wir haben eine Kche, die auch zugleich
Schlafzimmer ist, hier hinter dem Bettschirm ist mein, Grovaters und meines
kleinen Hannchens Schlafzimmer, hinter dem dunkeln Fenster ist Grovaters
Werkstatt, am zweiten Fenster unser Ezimmer, am dritten mein Arbeitszimmer. An
der Thr, wo Sie stehen, mssen wir leider unsere Besuche annehmen, das ist
unser Besuchzimmer und dabei sind wir so im berflu an Raum, da wir doch noch
an Herrn Hackert und Herrn Schmelzing zwei Zimmer vermiethet haben. Was sagen
Sie zu all' dem Reichthum?
    Die Uhren schlugen zusammen, als wenn ein Dirigent gerufen htte:Tutti!
    Die Sprecherin kam zum Vorschein. Mit beiden Armen hielt sie die ffnung
zwischen der Mauer und dem einen Ende des Schirmes zu; denn Dankmar wollte eben
dennoch Siegberten an die Wiege fhren.
    Als sie aber im Dmmerlichte bemerkten, da hier noch zwei Betten und ein
sehr weies und sauberes stand, das wol schon fr die Sprecherin selber
aufgedeckt war, zogen sie sich zurck und beobachteten nun bei halbem Sternen-
und halbem Lampenlicht das junge Mdchen, das die Mutter aller dieser Kinder
schien, aber in Wahrheit nur die ltere Schwester war.
    Louise Eisold mochte nicht viel ber achtzehn Jahre zhlen. Es war eine
blasse, wie verklrte Erscheinung, der man sogleich ansah, da ihr diese heitere
Plauderei nicht ganz natrlich kam. Die Zge waren von einer in solchem Stande
seltenen Feinheit und Regelmigkeit.
    Nase, Kinn, mehr spitz als rund, aber so anmuthig, da den Lippen mehr
Frische, dem Auge mehr unternehmendes Feuer, dem blonden Haare eine etwas
dunklere Frbung zu wnschen gewesen wre, um die Wirkung dieser geflligen
Erscheinung noch blendender hervortreten zu lassen. Ein leichtes Kattunkleid,
bis oben geschlossen, umgab die im Widerspruch mit dem zarten, wol etwas
abgehrmten und erschpften Gesicht stehenden volleren und runden Formen des
Krpers. Das volle, hellblonde Haar war in einen einfachen Scheitel gekmmt und
trug nur den einzigen Schmuck eines schwarzen Sammetbandes, mit dem hinten die
Flechten zusammengehalten waren. Dies Band erschien fast wie ein letzter Rest
von uerer Trauer, die in der That diese sieben Kinder erst vor wenigen Monaten
abgelegt hatten. Die bse Seuche der Cholera hatte ihnen in Zeit von wenig
Stunden Vater und Mutter geraubt, die Enkel des alten Uhrmachers, der demnach
eigentlich der Urgrovater dieser armen Waisen war.
    Aber wo werden denn all' die brigen Geschwister schlafen? fragte Siegbert,
den der Einblick in diese Welt der Entbehrung rhrte.
    Da werden Sie erstaunen, sagte Louise und rumte in Eile die Npfe und die
Schssel und Teller vom Tisch, bedeutete auch im Vorbeigehen dem kleinen
Heinrich, da er viel zu viel Brot auf die Nacht e und sich's gegen ihre
Erlaubni schon wieder selbst genommen htte ... Es ist nicht wegen des Brots,
aber er schneidet sich noch einmal in die Finger, der kleine Nimmersatt! sagte
sie, im Gegensatz zu dem Arzte, der sich hier doch wol der Skrophelkrankheit
wegen wrde umgekehrt ausgedrckt haben.
    Dabei zog Louise Eisold aus einem alten Sopha, das der Thr ziemlich nahe
stand, eine untere Schublade hervor und siehe! diese enthielt ein vollstndiges
Bett. Dann ergriff sie nacheinander vier Sthle und stellte sie in der Mitte des
Zimmers so auf, da fr den Besuch nicht mehr viel Raum brig blieb. Nun hpfte
sie hinter ihren Bettschirm, brachte einen groen Strohsack geschleppt, bei
dessen Transport sie jede Hilfe - weil sonst nur etwas knnte irgendwo gestoen
werden, sagte sie - ablehnte und zwei Breter. Die Breter legte sie auf die vier
Sthle, auf diese Unterlage warf sie den Strohsack, legte eine leinene Decke
darber, ein breites Kopfkissen, eine Decke, und hatte somit wieder fr zwei
Personen gesorgt. In der Kche schlft, sagte sie, mein ltester Bruder dort,
der unhfliche Mensch, der ber seinen Bchern Artigkeit und Schlaf vergit.
Hier hinten Gropapa, ich, Linchen und Hannchen; sind fnf. In der Bettlade da
Heinrich und Wilhelm; sind sieben. Hier auf den Sthlen Riekchen, die die
mdeste ist mit Wilhelm, dem armen Lufer und daher auch ein Bett fr sich
allein hat. Sind unserer acht, wie uns der liebe Gott wunderbar zusammengelassen
hat, als Vater und Mutter an der schrecklichen Seuche vor fast einem Jahr
hinbergingen.
    Der alte Eisold schlug wieder an auf einer seiner Uhren und da er wol halb
zuhrte, gab er auch acht Schlge und seufzte ... Sein Zopf war nun ausgelassen
... Riekchen stieg vom Schemel herab und lie offen das ehrwrdige weigelbe
Haar des alten Mannes sehen, der jetzt halbtaumelnd aufstand, von Karl gefhrt
wurde und ohne sich im mindesten um seine Umgebung zu kmmern, hinter dem
Bettschirm verschwand.
    Siegbert gedachte beim Schlagen der Uhr jenes Sensenmannes bei Rudhard und
fhlte an einem Schauer, der ihn berlief, da der Tod hier nahe sein mute ...
    Da Ihr Beruf der eines Engels ist, der ber Geschwistern wacht, sagte
Dankmar zu Louisen, sehen wir wohl! Aber was treibt denn der fleiige Leser
dort, der den Gropapa zu Bette bringt und die Uhren da an den Riegel henkt und
wovon ist Wilhelm so ermdet?
    O, antwortete Louise, die Betten auflockernd und ausglttend, schon wieder
Engel! Ich kann die Ehre und Gnade, ein Engel zu sein, noch nicht annehmen. Die
Engel im Himmel, nicht wahr, Heinerchen (sie zog den kleinen Heinrich aus) das
wissen wir schon, die haben hier genug herum zu fliegen mit ihren goldenen
Flgelchen und uns auf das nchste Christbumchen zu vertrsten, das wir uns
trotz unserer Armuth doch nicht entgehen lassen. Wir mssen arbeiten. Da sehen
Sie meine Tapisserie am Fenster! Aber es ist zu dunkel. Ich nehme, wenn
Grovater zu Bett ist, seine Lampe und sticke noch bis zwlf Uhr. Die Arbeit
drngt ... Sie ist fr eine Braut.
    Die Vergleichung mit einem Engel hatte ihre berlegung so in Anspruch
genommen, da sie Dankmar's eigentliche Frage berhrte.
    Siegbert aber gedachte des Gedichtes, das er fr Louis Armand bersetzt
hatte, und der letzten Strophe:

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Juwelen hast du und die Tugend noch!
Kannst deine feuchten Perlen fallen sehn
Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nhn!
Bist reich wie sie - o Gott, nun weinst du doch!

Wie, dacht' er, wenn dies das Mdchen wre, dem Louis Armand das Gedicht
gewidmet hatte und Max Leidenfrost, der mich auf sie aufmerksam machte, Nichts
von dieser Bekanntschaft wte! Aber er htte nicht einmal gewnscht, da
Armand's greller schmerzlicher Seufzer in der Brust dieses in ihrer Entbehrung
glcklichen Mdchens niedergelegt wurde, das in der unbefangensten Stimmung, als
er schon die Frage nach Max Leidenfrost auf den Lippen hatte, fortfuhr:
    Der Grovater, der eigentlich unser Urgrovater ist, was wir aber nicht
sagen, weil ihn die andern Leute schon den Uhrengrovater nennen ... ja er ist
auch wirklich der Pflegevater von all den Uhren, die noch nach dem alten Schlage
hier und da von den Leuten gehalten werden. Von Jahr zu Jahr nahmen die alten
Wanduhren ab; aber seit kurzem werden sie wieder Mode. Die reichen Herrschaften
kaufen sie auf dem Trdel und lassen sie schn aufputzen und so ist's auch dem
alten Vterchen da geschehen, da sein Zpfchen wieder seit einigen Jahren Mode
wird und er manche Kunden hat, denen er alle drei Monate einmal in's Uhrgehuse
blasen darf und die Rder mit l gtter machen. Das bringt Holz und Licht. Die
Miethe rechn' ich durch Hackert und Herrn Schmelzing. Essen und Trinken ist die
Sorge meiner Hnde und da die nicht klein ist, sehen Sie wol an den acht
gesunden Mgen, denn auch Grovterchen hat noch Gott sei Dank Appetit trotz
seiner zwei und achtzig. Kleider, Miethsabgaben, Schulgeld das verdienen die
Andern. Karl, der da in dem Buch studirt, ist Maschinenarbeiterlehrling in der
Willing'schen Maschinenfabrik. Das Buch da hat er wol aus dem Handwerkerverein
von heute mitgebracht. Nicht so, Karl?
    Von Herrn Leidenfrost hab' ich's, sagte Karl Eisold etwas artiger als
bisher.
    Siegbert blickte ihm ber die Schulter in's Buch und fand, da es ein
Lehrbuch der Mechanik mit Abbildungen war.
    Herr Leidenfrost besucht uns manchmal Sonntags, sagte Louise zur Erklrung
und Ablehnung jeder Voraussetzung einer nhern Bekanntschaft mit studirten
Herren.
    Siegbert ergnzte, da er ihn kenne, worber Louise eine aufrichtige Freude
empfand, da ihr Bruder Karl sich seines besonderen Schutzes erfreue und Herr
Leidenfrost bei Herrn Willing Alles vermge ...
    Nun, unterbrach Dankmar, Sie sind aber noch nicht fertig in Ihrem
Staatshaushalt. Miethe, Holz, Licht, Essen, Trinken ist da ... aber ... da
bleibt noch Manches brig.
    Die Kleinen da verdienen auch schon; sagte Louise. Wilhelm und Karoline
gehen Vormittags in die Schule, essen dann rasch und von zwei Uhr verdienen sie.
    Womit? Wenn wir fragen drfen?
    Sie sind in einer Druckerei beschftigt, die groe Zeitungen druckt. Bis
sechs Uhr legen sie die frisch gedruckten Zeitungen und bis neun Uhr Abends
tragen sie sie aus. Im Winter, wenn der Schnee die Posten aufhlt, mssen sie
oft noch um elf Uhr herumtrollen, die armen Trpfe, aber was hilft's! Die
Kaufleute und die Gelehrten wollen wissen, wie's in der Welt aussieht und wenn
sie noch so verschneit ist. Die drei Jngsten endlich verdienen auch ihren Theil
...
    Was? riefen die Brder erschrocken.
    Louise lachte und sagte:
    Ja! Ja! Riekchen verdient, wenn sie mir Garn wickelt, Heinrich, wenn er
hbsch artig ist und Hannchen, das dreizehn Monate alte kleine Schwesterchen,
das ich nach dem Tode der Mutter mit Milch aufziehe, durch sein gutes Gedeihen
und frohes Lcheln. Auch Das mu mit arbeiten. In Freude und Sonnenschein
gedeiht ja Alles besser. Aber ... Vergeben Sie mir! Herr Hackert! Wo bleibt er
nur! Und ich kann Ihnen keinen Stuhl mehr anbieten, auer den da vom Karl! Steh
doch auf, Karl!
    Lassen Sie, liebe Louise, sagte Dankmar. Wir sehen, Sie wollen Alle zur Ruhe
gehen. Hackert hat nicht Wort gehalten. Wir gehen und wnschen Ihnen eine
gesunde, strkende gute Nacht!
    Nein, nein, begann Louise mit ngstlichkeit, Das darf ich nicht; ich kann
Sie nicht fortlassen. Herr Hackert kommt sicher sogleich. Sie glauben nicht, wie
er sich auf Sie und den Herrn Bruder heute freute. Ach, es ist mir, als wenn ihm
ein Unglck droht, das Sie vielleicht abwenden knnen! Wie Sie heute bei ihm
drinnen schrieben und er so ruhig neben Ihnen auf dem alten harten Sopha lag,
das wir ihm doch noch hineinstellen konnten, da war ich recht froh, da ein
guter Geist ber ihn gekommen schien ...
    Nehmen Sie denn so warmen Antheil an Ihrem Miether? fragte Siegbert.
    Sollte es nicht jede Seele, die ein Herz in der Brust hat? war die Antwort.
Gibt es unglcklichere Menschen, als die in der Nacht wandeln.
    Siegbert sah Dankmarn erstaunt an.
    Hackert ist somnambul! sagte Dankmar zum Bruder. Die eisernen Stbe, die dir
auffielen, sind nicht ohne Absicht vor seinen Fenstern.
    Siegbert konnte sich kaum ber diese Mittheilung zurechtfinden. Er fragte
voll innigster Theilnahme, wie lange Hackert an diesem bel litte, wann man es
zuerst bemerkt htte, wie und wo? Der lebendige Antheil, den er seit dem
Nachmittag in Tempelheide an Hackert nahm und den nur die Mittheilung Dankmar's
von heute frh, Hackert verdiene seine gute Meinung nicht, etwas wankend gemacht
hatte, gab sich in so lebhaften Fragen wieder kund, da Dankmar ihn an die
Nothwendigkeit erinnern mute, diese des Schlummers bedrftige groe und kleine
Welt sich nun allein zu berlassen.
    Louise aber widerstand seiner Absicht zu gehen auf's bestimmteste. Sie
verrieth dabei einen Antheil an Hackert, der ber das allgemeine Mitleid wegen
seines krperlichen Zustandes hinauszugehen schien.
    Sie haben Recht, sagte sie, lassen Sie diese schlummern! Aber ich mache
Ihnen den Vorschlag, treten Sie in sein Zimmer selbst so lange ein, bis er
kommt.
    Es ist verschlossen; sagte Dankmar.
    Wohl, auch von dieser Seite da ... antwortete Louise.
    Sie ffnete die Thr und zeigte auf die durch allerhand Kchengerthschaften
verstellte Nebenthr, die zu Hackert's Zimmer fhrte ...
    Allein ich habe den Schlssel zu dieser Nebenthr! fuhr sie fort. Treten Sie
hier ein! Ich bringe Licht und Sie warten noch einige Augenblicke.
    Die Brder wurden so von des Mdchens bestimmtem Willen geleitet, so von den
kleinen Geschwistern, die ghnend aber auch neugierig sie umstanden, gedrngt,
da sie sich gefallen lassen muten, zu bleiben. Man rumte Alles von der
Verbindungsthr fort und schlo sie auf. Louise sagte den Kindern, sie sollten
den Herren Gute Nacht! sagen. Dies geschah und einige Sekunden darauf waren die
Brder in Hackert's dunklem vergitterten Zimmer ganz allein ... Louise rief von
der Kche, sie kme sogleich nach mit Licht ...
    Karl Eisold, der lteste Bruder, bewegte sich bei allen diesen
Unternehmungen seiner Schwester nicht im geringsten. Nur als sie einen zu
lebhaften Antheil an Hackert verrieth, schlug er das Buch, in dem er gelesen
hatte, fast heftig zu und ging hinter die Tapetenwand. Er schien mit seiner
Schwester ber irgend etwas gespannt zu sein ...
    Nun, hatt' ich Recht, begann Dankmar, als die Brder in Hackert's Zimmer in
der Dunkelheit allein waren, hatt' ich Recht, dir die Bekanntschaft dieser
eigenthmlichen, huslichen Existenz deines Schtzlings zu verschaffen? Was das
Gemlde, das du hier beobachtetest, doppelt anziehend macht, ist die Beziehung
auf Hackert, der, sprach ich auch heute in der Frhe gegen ihn, dein erstes
Gefhl nicht getuscht hat und wol mehr bemitleidenswerth als zu frchten ist.
Fast mcht' ich glauben, da ihn dieses edle Mdchen, das sich dem Wohle ihrer
Geschwister opfert, liebt ...
    Sprich nicht so laut, flsterte Siegbert, hier nebenan horcht der Schreiber
Schmelzing ...
    Es war so finster in dem, wie Siegbert wohl merkte, engen Zimmer, da sie
ungeduldig das Licht erwarteten, mit dem Louise zurckkehren wollte ...
    Indem fiel ein Lichtschimmer von der Galerie her durch die vergitterten
Fenster. Man hrte ein Rascheln, wie von Jemanden, der sich an dem Stricke der
Treppe hinaufwand; denn mehr sich daran hngend, als mit freiem Tritt auf den
schmalen Stufen, konnte man hinauf.
    Sollte Dies endlich Hackert sein? flsterte Dankmar. Es wre Zeit. Ich
glaube nicht, da man bis nach zehn Uhr gut in diesen Husern bleiben kann ...
    St! flsterte Dankmar und horchte.
    Der Ankommende hustete und bewegte sich sehr schwer. Er hatte ein Mtzchen
auf, das ziemlich weit ber den Kopf ging und sttzte sich auf einen Stock, den
man vielleicht gut that, in diesen Rumen immer bei sich zu fhren. Die Laterne,
die den Lichtschimmer verbreitete, hielt ein altes Weib, das die Brder nicht
kannten ... Es war die Vizewirthin Frau Mullrich.
    Da ist Nr. 86 flsterte die Alte. Herr Hackert mu doch zu Hause sein; die
Herren sind nicht wieder gekommen.
    Der Mann in der Mtze klopfte an die Thr des Zimmers, in dem Siegbert und
Dankmar noch im Dunkeln standen. Sie hielten sich zwischen dem Pfeiler der
beiden Fenster, um durch den von der Galerie hereinfallenden Lichtschimmer nicht
bemerkt zu werden.
    Der Mann in der Mtze klopfte wiederholt.
    Ei, ei, rief Frau Mullrich jetzt laut, Herr Hackert nicht zu Hause? Ei, ei!
Ei! Ei!
    Sie mnzte dieses Ei! Ei! auf die beiden Herren, die, wenn Hackert nicht
anwesend war, sicher zu Louise Eisold gegangen waren ...
    Klopfen Sie doch strker, fuhr sie boshaft fort. Herr Hackert schlafen
vielleicht schon.
    Ich glaube den alten Strenfried zu kennen, flsterte Dankmar seinem Bruder
zu. Irr' ich nicht, so ist es der Geschftsfhrer des Justizraths Schlurck, der
auch von diesen alten Husern die Verwaltung besitzt ... Du weit noch gar
nicht, welches Interesse wir an diesen Husern haben mssen ...
    Noch hatte er seine Rede kaum ausgesprochen, als sich beide Brder von einer
weichen Hand ergriffen fhlten und einen warmen Athem dicht an ihrem Ohre
fhlten ...
    Halten Sie sich ruhig! Der Alte ist Hackert's Feind! Er kann nichts Gutes
bringen. Wir sagen, er ist nicht zu Hause.
    Es war Louise, die leise hereingeschlichen war und ihnen diese
Verhaltungsmaregel zuflsterte.
    Kommen Sie, Herr Bartusch! Kommen Sie! Die beiden Herren sind bei Frulein
Louise! Ich irrte mich! Herr Hackert sind noch nicht zu Hause!
    Diese laut betonten, recht absichtlich hervorgekrchzten, boshaften Worte
der Frau Mullrich machten, da die Brder das pltzliche Kaltwerden der Hnde
des Mdchens fhlten, von denen jeder von ihnen eine in der seinen hatte.
    Wie? flsterte Dankmar; die Alte wre frech genug, anzunehmen, da wir ...?
Lassen Sie uns sagen, da wir in Hackert's Zimmer sind!
    Nein, nein, bedeutete Louise ...
    Aber selbst die beste Absicht Dankmar's, fr ihre Ehre einzutreten, war
nicht mehr rasch auszufhren; denn schon hatte sich Bartusch brummend wieder zum
Ausgang der Galerie gewandt und mit einem lauten zweideutigen Husten und
Ruspern den Rckweg angetreten.
    Frau Mullrich leuchtete ihm und kicherte so grell und hhnisch, da es
Louisen schauderte.
    Wie knnen Sie nur zugeben, sagte Siegbert, als sie wieder im Dunkeln waren,
da diese Menschen sich in der Meinung entfernen, wir wren bei Ihnen?
    Louise strich an einem Feuerzeuge und zndete nun ein Talglicht auf einem
blechernen Leuchter an ...
    Sie sprechen so leise, sagte sie lchelnd, da ich Sie kaum verstehe.
    Werden wir hier nicht belauscht von Schmelzing?
    Der ist sehr neugierig und boshaft genug, aber der glcklichste Zufall
wollte, da er schwer hrt. Ich bin berzeugt, er hat sich den alten
Kleiderschrank, der hier an der Thr steht, weggerckt und horcht jetzt. Aber
wenn Sie nicht zu laut sprechen, bleibt ihm Alles unverstndlich.
    Whrend sich Siegbert nun in Hackert's Zimmer umsah und eine gewisse Ordnung
an dem niedrigen Bett, dem schwarzbezogenen Sopha, dem Schreibtische, einem mit
einem Vorhange bedeckten Kleiderriegel, eine Waschbank mit Schssel und
Seifennpfchen, ja sogar einen kleinen Spiegel anerkennen mute, tadelte Dankmar
wiederholt, da sich Louise den falschen Schein gegeben htte, als wren sie bei
ihr.
    Nehmen Sie doch Das nicht so genau! antwortete Louise. Mir ist die Freude,
da dieser alte Schleicher Hackerten nicht getroffen hat, viel mehr werth als
der falsche Schein fr meine Person. Wir Mdchen aus den armen Stnden sind, was
wir sind. Unser ganzes Leben ist dem Verdachte preisgegeben. Nur die, die in
Wahrheit etwas zu verbergen haben, ereifern sich, wenn sie einmal in einem
falschen Lichte erscheinen. Und dieser Alte wei wohl, da ich mehr fr mich
habe als den bloen Schein.
    Wie so? fragte Siegbert. Kennen Sie ihn?
    Ich kenne ihn und er kennt mich. Hackert zog zu uns auf Empfehlung dieses
Nachbars, des Schreibers Schmelzing, der viel bei dem Justizrath arbeitete. Auch
entsann sich Hackert des alten Grovaters, der sonst bei Schlurcks gearbeitet
hatte, als noch die schne Melanie nicht regierte und alles Altmodische wegjagte
und wegrumte. Seitdem ist dieser Bartusch, Bartusch heit er, oft hier gewesen.
Er kennt jeden Winkel dieser Huser und wuchert und pret der Armuth ihre
Thrnen in Geld ab. Mich wundert, wie er sich so spt Abends noch in diesen
dritten Hof wagt, wo Manche wohnen, die ihm das Schlimmste geschworen haben ...
    Weiter lie sie sich in Errterungen nicht ein, bat sie nun, ihr Gehen zu
entschuldigen und ersuchte sie dringend, doch nur noch eine Viertelstunde zu
warten. Hackert wre gewi ohne seine Schuld versptet. Er kme sicher. Er htte
sich zu lebhaft gefreut auf diesen Abend. Ja sie msse ihnen sogar gestehen, da
sie selbst heute ausgegangen wre und Thee, gute Butter und Braten gekauft
htte, fr den erwarteten hohen Besuch. Ob sie denn in der Kche nicht den
siedenden Kessel mit heiem Wasser bemerkt htten?
    Die Brder gewannen jetzt erst die volle bersicht des Zimmers, in dem sie
sich befanden und entdeckten in einer dunkleren Ecke ein Tischchen mit Tassen,
einer Theekanne und einem gehuften Teller mit Braten. Daneben ein groes feines
Brot und Butter und Zucker und Messer ...
    O sagte Louise, das ist zwar Alles sehr einfach und nicht besser, als es
meine armen ltern hinterlieen, die beide in der Willing'schen Fabrik
arbeiteten und doch nur wenig erbrigten, um neben dem Nthigen auch fr den
Luxus zu sorgen. Fr uns ist eine Theekanne Luxus. Und doch ist sie da und ich
wnschte, da sie vielleicht nie gebraucht wurde, sie kme heute noch an die
Reihe, eingeweiht zu werden und Sie sen mit Hackerten bis in die tiefe Nacht.
Bis zwlf Uhr kann man aus und ein ... und auch spter noch. St! Hren Sie
nichts? Ich glaube, man kommt.
    Damit hpfte Louise wie ein raschelndes Muschen davon ...
    Es war aber nur eine List, da sie Jemanden zu hren glaubte; sie hatte nur
die Absicht, die beiden jungen Mnner festzuhalten.
    Ihr Bruder Karl schien aber damit nicht einverstanden. Er empfing, wie die
Brder hrten, Louisen mit Vorwrfen ber ihr Rumoren, ihr Spektakeln, ihre
Tollheiten ...
    Sie erwiderte gereizt und trumpfte ihn ab.
    Denk' an Danebrand! sagte der Bruder mit zorniger, lauter, fast donnernder
Stimme ...
    Darauf war Alles ruhig ... todtenstill ...
    Danebrand? Die Brder flsterten sich den Namen zu und sahen sich erstaunt
an. Danebrand war, wie Siegbert sich erinnerte, der Name eines
Maschinenarbeiters ... Ihre Situation kam ihnen, in dem sprlich erleuchteten
Zimmer, hinter den Eisenstben des Fensters, in der Nhe des zornigen jungen
Karl Eisold, vor diesem kleinen Tisch mit Ewaaren und der pltzlichen Ruhe
nebenan vor, wie die Verzauberung eines Mrchens.

                               Siebentes Capitel



                                    Caliban

Dankmar schwieg verstimmt ber Hackert's nicht gehaltenes Wort.
    Siegbert aber hatte, als sie sich auf das verbrauchte, harte Sopha
niederlieen, so viel Humor, da er anfing:
    Es scheint, lieber Bruder, als wenn wir jetzt erst an unser Grn'sches Diner
kommen! Ich habe Hunger und gestehe dir: Ich bin geneigt, dem Braten da
zuzusprechen, auch ohne Thee und ohne Hackert. Aber deine Aufklrungen wrden
dabei das bescheidene Mahl wrzen. Bin ich satt, so werd' ich auch dir noch
manches Seltsame vorzutischen haben.
    I, Siegbert! Greif zu! sagte Dankmar. Ich kann mir denken, da dich der
Herzensjammer heute von aller Befriedigung deines thierischen Menschen fern
gehalten hat und nun rcht sich die verstoene Mutter Natur und kommt von
selbst, ohne gerufen zu sein ...
    Siegbert begann wirklich das Brot mit einem etwas stumpfen Messer zu
zersbeln und dem Braten zuzusprechen, zu dem selbst das Salz nicht fehlte ...
Mit Butter war er sehr delikat. Er mute die Menschen schon sehr genau kennen,
ehe er ihre Butter a.
    Dankmar begleitete seinen Appetit mit der Bemerkung:
    Ich mu mir meine Hohenberger Reisebeschreibung auf gnstigere Zeit
aufsparen. Wozu ntzt sie auch? Ist doch mit dem Namen Melanie des ganzen Witzes
Spitze abgebrochen! Kommen wir darauf fr's Erste nicht zurck!
    Was trieb dich nur heute frh in diese Spelunke, wo wir, wenn wir's genau
nehmen, auf die gemthlichste Art im Handumdrehen verschwinden knnen? Da
nebenan jetzt ganz still ein Riegel vorgeschoben und wir sind in der Falle.
    Als ich mich heute frh von dir entfernte, begann Dankmar, hatte mir der
Name deiner Angebeteten einen Schlag vor den Kopf gegeben. Du weit, was mich
drngt und treibt! Du hast hundertmal gehrt, da ich einem Besitze nachjage,
der unserer Familie auf die rechtmigste Weise von der Welt gehrt -
    Auch dieser prchtige Palast hier ist ja wol in gewissem Sinne der unserige?
sagte Siegbert spottend.
    Spotte nur! Du hast ein Recht darauf! Denn aus Mismuth, eine so wichtige
Angelegenheit, wie die der Reclamation meines Schreins, von heute auf morgen zu
verschieben, das ist nur mglich, wenn man der Romantik etwas zu tief in die
verschwommenen Augen geblickt hat und sich recht grndlich ber die
Nothwendigkeit rgerte, einem Gedanken so verfhrerischer Art, wie dem an
Melanie, Laufpa geben zu mssen. Ich sa eben am Paradeplatz wie ein recht
lcherlicher Herzenskranker -
    Bruder! Ich kann das Selbstironisiren seiner Gefhle nicht leiden - sagte
Siegbert und legte das Messer fort.
    Nun i nur! Schone die Kche deines Proletariers nicht..! Ich will ernst
sein. Wie ich am Paradeplatz endlich mit einem vernnftigen Entschlusse mich
erhob und wegen meines Schreines zu Schlurck gehen wollte, glaubt' ich in einer
Strae einen Fremden zu entdecken, der mit seinem Sohne in Hohenberg mich
auerordentlich gefesselt hatte. Ich eile jener Strae zu und finde im Gedrnge
zwar den Fremden nicht, sehe aber pltzlich Hackerten. Du mut wissen, da ich
ihn mit der Bezeichnung: Schurke oder Schuft oder einer hnlichen Liebkosung
verlassen hatte.
    Und der Androhung einer Klage, die ihm Lasally anhngen wollte ...
    Richtig! Wegen Pferdemordes!
    Pferdemordes? Du willst mir den Appetit verderben -
    Wegen drei verdorbener Pferde!..
    Da, Bruder, willst du den Rest dieses Bratens? Ich esse nicht mehr.
    Dankmar erzhlte aber im Ernst mit kurzen Umrissen diese Begebenheit und
Hackert's so gut wie erwiesenen Antheil daran.
    Bruder, sagte nun Siegbert wirklich erschreckt. Ich erlebe, die Thr rechts
und links geht hier auf und wir werden von Mnnern mit langen Messern begrt.
Die Mondsucht ist nur ein reiner Vorwand fr diese eisernen Gitter ...
    Doch nicht! Da Hackert im Monde wandelt, sah ich auf dem Heidekrug mit
eignen Augen, es war ein Anblick, der mich und den Vater unserer Melanie tief
erschtterte. Genug, die Liebkosungen Schurke und Schuft, mit denen ich
Hackerten spter verlassen hatte, hinderten nicht, da ich ihm heute frh
zurief, wo jener Fremde, Ackermann und sein Knabe, eben verschwunden wren? Erst
gab er mir keine Antwort und wollte mich nicht kennen. Ich fing dann von seinem
dir bergebenen Pfande von hundert Thalern an, gratulirte ihm zu dem Sieg ber
sein Gelst, auch das vierte Pferd dem Lasally zu morden und gerieth darber mit
ihm in ein anfangs sehr hitziges Gesprch. Er fhrte mich bei Seite -
    Bruder! Brauch nicht so aufregende Wendungen! Bei Seite fhren - bei Seite
bringen - ich mchte gern, mein Appetit kme wieder.
    Gedulde dich ein wenig; er kommt ...
    Hackert? sagte Siegbert und sprang halb scherzend, halb ernst auf.
    Nein, nein, dein Appetit ...
    Dankmar freute sich, seinen Bruder trotz Melanie und der Entsagung so
scherzend angeregt zu finden.
    Ich wandte mich, fuhr er fort, mit dem Pferdemrder in eine entlegenere,
stille Gegend der Stadt und da erzhlte er mir, da er mit jenem Fremden und dem
Knaben die Rckreise von Hohenberg gemacht. Sie htten ihn freundlich
aufgenommen und ihm Gutes gethan. Gutes? fragt' ich. Was meinen Sie damit? Mich
milde getragen, wie ich bin und Nachsicht gehabt mit meinen Fehlern.
    Siegbert unterbrach und sagte:
    Was willst du mehr, ist Das nicht eine Sprache, die sich hren lt?
    Ich kam dann, fuhr Dankmar zustimmend fort, auf die unglckliche Krankheit
des Nachtwandelns. Er wich mir aus. Doch als ich ihm erzhlte, wie ich ihn auf
dem Heidekrug selbst in diesem Zustande beobachtet htte, sagte er: Auf dem
Heidekrug msse Magnet in der Erde sein; dort htte es ihn wieder getroffen,
gerade in dem Augenblick, als man mir das Bild brachte. Das Bild? fragt' ich
erstaunt. Denn ich mu dir gestehen, dies Bild ist mir auf die seltsamste Weise
in die Hand gekommen. Darauf hin ergab sich denn jene Erzhlung, die ich dir im
Bilde von der Eidechse und der Katze brieflich niederschrieb. Melanie hat mir
einen groen und anerkennenswerthen Dienst erwiesen, aber dabei so viel
Rcksichten geopfert, da ich ihr statt dankbar, gram wurde. Wenn du meine
Hohenberger Abenteuer erfhrst, wirst du klarer sehen und mir vergeben, da ich
aus Liebe zu dir und zu mir selbst beschlo, diesen Gedanken ganz an der Wurzel
aus unserem Herzen zu reien und Hohenberg fr einen Traum zu nehmen ....
    Dankmar erwartete eine Antwort, doch schwieg Siegbert und sttzte den Arm
auf die harte Holzlehne des Sophas.
    Nach Allem, was ich mehr gewaltsam aus Hackert herauslocken mute, als
freiwillig erzhlt bekam, fuhr Dankmar fort, hatt' ich mir auch eine
eigenthmliche Beziehung Hackert's zu Melanie zusammensetzen mssen. Er war in
Schlurck's Hause erzogen. Er ist pltzlich von dort entfernt worden. Man
frchtete seine Nhe und sorgte doch fr ihn. Lasally, der um Melanie's Hand
wirbt, mishandelt ihn. Er rcht sich durch eine scheuliche Gewaltthat an seinen
Pferden. Wie ich alle diese Dinge Hackerten vorhalte und mit der etwas groben
Logik, die uns Juristen eigen ist, ihm auf den Kopf meine Vermuthungen
zuspreche, milderte sich sein trotziger Ton, legte sich fast sogar das struppige
rothe Haar und mit weicher Stimme beginnt er: O, wenn Sie in mein Leben shen!
Wenn Sie Ihr Bruder wren, was wollt' ich nicht Alles sagen und meinen Kummer
vergessen! Diese Worte rhrten mich und herzlich sprach ich ihm zu, doch auch
mir zu vertrauen. Mit groem Blicke sah er mich darauf an und schwieg. Wie leben
Sie? Wo wohnen Sie? Was sind Sie? fragt' ich. Indem waren wir in unsern
Gesprchen in diese Gegend gekommen, und wie von einem guten Gedanken ergriffen,
sagte er: Wollen Sie meine Wohnung sehen? Kommen Sie! Ich bin Ihrer Theilnahme
nicht ganz unwerth. Ich folgte ihm und er fhrte mich hierher.
    Ich werde eiferschtig werden, da du mir einen Freund abwendig machst!
sagte Siegbert, die eigne Rhrung nur hinter Scherz verbergend.
    Hier lernt' ich nun diese Schwester, fuhr Dankmar fort, die sechs jngeren
Geschwister, Kinder zweier vor einem Jahre an der Cholera gestorbener ltern
kennen, den alten Uhrmacher, und so viel Bescheidenes, so viel Einfaches, Gutes,
Sittliches, da ich Hackerten aufforderte, mir dasselbe Vertrauen zu schenken
wie dir. Er lchelte unglubig und sagte: Sie werden gegen mich zeugen und ein
Jahr Zuchthaus ist mir wol gewi.
    Er stellt sein Verbrechen nicht in Abrede?
    Leider nein! Ja, im Gegentheil uerte er: Es ist gut, da ich dorthin
komme. Wer wei, ob ich Lasally nicht noch einmal selbst umbringe, wie seine
Pferde. Meine Fragen um den genaueren Zusammenhang seiner Feindschaft gegen
diesen Mann lie er unbeantwortet. Um Zeit zu gewinnen, da er zu mir Vertrauen
fasse, bat ich ihn, auf diesem Tische da am Fenster einen Brief schreiben zu
drfen. Er rckte mir Alles hin und schien ein Wohlgefallen daran zu finden, mir
die Ordnung seiner Schreibmaterialien zu zeigen. Whrend er hier auf dem Sopha
ausgestreckt lag und eine Cigarre nach der andern halb anrauchte und dann
zerknittert wegwarf, schrieb ich dort den Brief an dich. Als ich ihn
zusammengelegt hatte, fing er an: Und wr' es vielleicht besser, ich ginge nicht
in's Zuchthaus? Mu denn Lasally Recht behalten? Ich antwortete ihm: Hackert,
wie knnen Sie glauben, da ich mit Jemanden zehn Minuten unter einem Dache
zubringen, an seinem Tische sitzen und nicht Alles aufbieten wrde, um ein
solches Unglck abzuwenden? Wollen Sie Das? sagte er, immer noch mistrauisch. Es
ist nicht um mich, mir mcht' es doch wol am dienlichsten sein, aber diese
Menschen hier nebenan lieben mich. Die Louise macht ihren Bruder Karl auf mich
zornig. Sie soll einem Andern gehren. Ich kann sie nie lieben und hasse die
Weiber, fliehe wenigstens die guten; aber diese Louise liebt an mir Das, was
leidlich und wenigstens besser als mein briges Schlimmes ist. Sie will aus mir
einen braven Kerl in ihrem Sinne machen, wozu ich Talent htte, wenn ich wte,
wozu? Ein braver Kerl! Es ist das Langweiligste von der Welt! Fr mich so viel,
wie Ihnen vielleicht das Wort: ein guter Brger in's Ohr klingt. Gott verdamm'
mich! Ich wnschte, ich wre etwas Rechtes - nein, nein, lassen Sie nur!
Bezeugen Sie die Kugeln! Ich will in's Zuchthaus. Eine Bahn mu der Mensch
haben. Menschen, die unglcklich lieben, sind Narren ... Tollhaus oder
Zuchthaus!
    Unglcklich lieben? Wen liebt er denn?
    Er nannte seinen Gegenstand nicht. Aber was hindert mich, anzunehmen, da es
Melanie ist?
    Siegbert horchte unglubig auf ...
    Erkenne auch darin einen Grund zu den bestimmten uerungen und Abmahnungen
meines Briefes; fuhr Dankmar fort. Diese Melanie ist mit ihm erzogen worden ...
Unvorsichtig genug galten Beide so lange fr Geschwister, bis sie eines Tages
merkten, da sie es nicht sind. Wenn ich aus dunklen Andeutungen mir eine Idee
zusammensetzen darf, so glaub' ich, da Hackert nur um Melanie aus dem Hause
Schlurck's entfernt wurde und mit seiner verzehrenden, krankhaften Liebe fr
seine ehemalige Gespielin der Familie eine Last und Qual ist.
    Ich erstaune! Das hebt mir Hackerten! sagte Siegbert.
    Melanie aber setzt es herab, antwortete Dankmar. Das wirst du eingestehen?
    Ich fhle so etwas!
    Und ich freue mich, da du meinen Brief nicht mehr fr grausam hltst.
Endlich drang ich in Hackert, mir die volle Wahrheit zu sagen. Ich verspreche
ihm, sogleich zu Lasally zu gehen und Alles aufzubieten, ihn von einer weitern
Verfolgung dieser Angelegenheit zurckzubringen. Barmherzigkeit von diesem
Schurken? rief er. Sehen Sie das Maal hier an der Stirn! Fhlen Sie diese Ritze
in der Kopfhaut! Denken Sie sich diesen Kopf mit Blut besudelt! Wollen Sie
meinen Rcken sehen? Soll ich ihn entblen? Wollen Sie die Sporen erkennen, die
mir der Unmensch und seine Knechte in die Hfte traten?
    Um Gotteswillen -
    Ich erschrak wie du ber die furchtbare Heftigkeit der Erinnerung an eine
Brutalitt, die man sich mit dem kranken Menschen erlaubt hatte ... Ich begriff
seine Rache. Seine Stimme war so grell, so kreischend geworden, da Louise,
nicht durch diese Thr, sondern von der Galerie hereinstrzte und in allen
Mienen eine Besorgni aussprach, die sich mir sehr bald als eine solche
verrieth, die von hnlichen Wuthausbrchen nicht berrascht sein konnte, da sie
hufig vorkamen. Ich gehe, Hackert, sagt' ich. Migen Sie sich! Ich spreche mit
Lasally. Wann kann ich Sie heute noch sehen? Er schwieg und sttzte den Kopf
auf. Drinnen schlugen die Uhren des alten Mechanikers. Bim! Bim! wiederholte er
die Schlge und zhlte weit ber zwlf hinaus. Wo ist Riekchen? fragte er wie
abwesend. Als ihm Louise sagte: Sie wickelt mir Wolle, frug er: Und Hannchen?
Die schlft! sagte Louise. Kommen Sie doch hinber! flsterte er dann mit
schwacher Stimme und zog mich in das Zimmer, wo wir waren, den Weg, den wir
selbst vorhin nahmen. Da sah ich denn diese Armuth, diese Beschrnkung und als
ich von sechs Geschwistern hrte und da die alle hier des Nachts Platz htten,
sagt' ich zweifelnd, dann komme ich heute Abend um neun Uhr. Das mu ich sehen.
Ich bringe den Bruder mit. Ich ffnete dann den Brief noch einmal und schrieb
dir dieses Rendezvous. Er versprach mir nicht ausdrcklich hier zu sein. Aber
Louise winkte, ich sollte nur kommen. Er wrde nicht fehlen. In solchen
Stimmungen der Wehmuth kenne sie ihn ...
    Und doch hat sich das arme Mdchen geirrt! Hrst du drinnen die Uhren
schlagen? Es ist zehn ... Er ist nicht da ... Hast du denn bei Lasally etwas
ausgerichtet?
    Leider nein! antwortete Dankmar. Als ich den Brief bei Grn's abgegeben und
selbst in der Eile gegessen hatte, ging ich auf die Reitbahn und widmete mich
dieser Angelegenheit mit einem Eifer, der mich alle meine wichtigen eigenen
Interessen vergessen lie.. Es war zwei Uhr. Ich hrte, Lasally wre bei
Schlurck's zu Tisch. Anfangs wollt' ich ihn erwarten. Der alte Levi, Lasally's
Factotum, erzhlte mir, was ich schon wute: Die Entdeckung des Urhebers eines
an drei Pferden verbten Frevels -
    Durch Kugeln, die ihnen Hackert in die Ohren gleiten lie? wiederholte
Siegbert, was ihm Dankmar erzhlt hatte. Das ist ja entsetzlich!
    Siegbert sah das Bild dieser Scene als Maler vor sich. Er stand auf und
ging, von seiner Phantasie gefoltert, hin und her ...
    Komm! Komm! rief er. Ich kann mich mit Hackert nicht mehr ausshnen. Ich
sehe diese gemordeten edlen Thiere immer vor mir! Ich denke mir eine wilde Jagd
von Gerippen und Hackert auf diesen Gerippen ... geschleift von ihnen! Komm!
Komm!
    Beruhige dich! sagte Dankmar. Denke nicht mehr an diese Scene! Mach' es wie
ich in Lasally's Reitschule ... Mich amsirten die Reitstudien einiger
Hypochonder, die ihren Unterleib erschttern wollten und einigemale kopfber ihr
Gehirn erschtterten. Junge Stutzer kamen mit silbernen Sporen und den
elegantesten Reitgerten; sie setzten sich auf und im Nu war aller Pli, alle
Haltung, aller bermuth hin; der Mund stand ihnen ngstlich offen und
zimperlicher waren sie als zwei allerliebste russische Kinder, die sich in
Begleitung eines Bedienten auf den Pferden tummelten.
    Russische Kinder? fragte Siegbert.
    Ein junges Mdchen besonders, in Amazonentracht, war so keck, so gewandt,
da sie sich auf einem gar nicht berzahmen Pferde tummelte und whrend des
Galoppirens auf der Bahn wie eine Kunstreiterin erhob und die halbe Bahn entlang
an dem Zgel sich schwenkte und im Stehen sich aufrecht erhalten konnte. Man
nannte sie Olga, die Tochter einer Frstin Wsmskoi.
    Siegbert voll stillen Erstaunens lchelte bedeutsam ...
    Warum lachst du? fragte Dankmar. Mir wurde himmelangst ber das
halsbrechende Manver.
    Weil ich die Kleine kenne und Rurik, ihren Bruder ... Aber fahre fort!
    Ich bin mit meiner Odyssee zu Ende; sagte Dankmar. Die kleine Russin
interessirte mich so lange, bis ich merkte, die Kokette knnte sich, um ihre
Reitknste zu zeigen, mir zu Liebe den Hals brechen. Da ging ich wieder in den
Stall, wo mich mehre alte Bekannte, Lieutnant Aldenhoven, Rittmeister von Astern
und Andre veranlaten, mit ihnen auszureiten. Ich lie bei Levi die Bitte an
Lasally zurck, ihn noch heute sprechen zu knnen und ritt mit den Offizieren.
Die Erholung war angenehm, was den Ritt und die Natur, lstig, was die Gesprche
betraf. Die politische Reizbarkeit dieser Menschen nimmt in einem Grade zu, da
man mit ihnen nicht mehr verkehren kann. Die Entrstung, die man ber Major
Werdeck, der uns heute frh begegnete und den sie an uns vorbeireitend kaum
grten, weil er fr liberal gilt, uerte, fhrte fast zu Conflikten mit mir
selbst. Doch beherrschte ich mich, da ich der mich drckenden Sorgen genug habe
und keine neuen Verwickelungen wnschen kann. Wir verspteten uns bis gegen acht
Uhr. Im Vorbeireiten vor Egon's Palais vernahmen wir leider die Nachricht von
der traurigsten Verschlimmerung seiner Krankheit, und von Lasally, den ich in
seiner Reitbahn fand, mut' ich denn eben jetzt auch hren, da er von seinem
Vorhaben gegen Hackert nicht abstehen wrde. Die Familie Schlurck, wisse er
wohl, wolle alles Aufsehen vermeiden, er wisse wohl, da sie Hackert schonen
mchte, aber er she nicht ein, warum er Anstand nhme, da gewisse Dinge an's
Tageslicht kmen. Er war dabei so empfindlich, so gereizt gegen Melanie, da ich
frchten mute, mit ihm selbst mich zu berwerfen. Seine Bemerkungen ber eine
gewisse zweideutige Rolle, die ich in Hohenberg gespielt htte, streiften nahe
an's Verletzende. So kam ich denn her, um Hackerten zu veranlassen, mit Hlfe
seiner hundert Thaler diese Gegend rasch zu verlassen oder mir durch ein
aufrichtiges Gestndni aller der Umstnde, die sich auf seine Verhltnisse zur
Schlurck'schen Familie beziehen, die Mittel an die Hand zu geben, als
Rechtsbeistand fr ihn aufzutreten.
    Kaum hatte Dankmar diese, wie das ganze Gesprch gefhrt wurde, im
halblauten Tone gesprochenen Worte beendet, als sich pltzlich von unten her ein
lautes, heftiges Lrmen vernehmen lie, das von einem Zanke in den vorderen
Hfen herzukommen schien.
    Die Brder horchten auf.
    Einige abgerissene Worte konnten wol verstanden werden, aber der
Zusammenhang des Streites war nicht gut aus dem Lrm zu errathen. Soviel vernahm
man wol, da es nur eine einzige Stimme war, die allein das vorherrschende Wort
zu fhren schien und von den Andern mehr beschwichtigt wurde, als in gleicher
Heftigkeit erwidert bekam.
    Indem ri Louise die Thr auf und rief:
    Um's Himmelswillen! Das ist Hackert!
    Glauben Sie? Diese schreiende, gellende Stimme?
    So tobt er im Zorn! Was ist ihm nur?
    Das ist kein Zorn! Das ist bermuth! Hren Sie, er lacht! ... Er singt!
    Die Brder und das besorgte Mdchen horchten.
    Der Lrm kam nher. Schon nahmen andere Hausbewohner an ihm Theil. Schon
hrte man Ausrufungen, wie:
    Da hat ihn Einer! Packt ihn fest! Lat ihn nicht los! So ist's recht! Fallen
Sie nicht, Herr Mieths-Fra! Alte, dir geschh' es auch nach Verdienst, wenn er
dir deinen Zopf ausrisse! Ha, ha, die Hausschlssel werden wohlfeiler! Setz' Sie
doch den Preis herab; ein Hausschlssel kann auch einmal anderswohin, als auf
Nr. 17 fhren. Rutsch! Vorwrts!
    Es ist Bartusch! sagte Louise beruhigter.
    Nein! Auch Hackert! ergnzte Dankmar.
    Ja! Hackert, der mit Bartusch in Streit gerathen ist, sagte Louise.
    Der Lrm kam nher ...
    Jetzt war Hackert mit Bartusch, denn dieser zog ihn wirklich hinter sich
her, auf der obersten Galerie und die Mullrich mit der Laterne folgte schimpfend
und mit ihrem Manne drohend, der leider schlafen msse ...
    Schmen Sie sich in nachtschlafender Zeit einen solchen Lrmen zu verfhren,
Herr Hackert! sagte Frau Mullrich. Was haben Sie sich denn zu beklagen, wenn
Andre ihren Spa haben!
    Spa, alter Cerberus? rief Hackert. Lach' du, wenn du deine Pfennige zhlst
und recht viel Stiefeln zu flicken bekommst. Aber grinse nicht ber Besuche, die
in Nr. 87 auf Nr. 86 warten. Wart', ich will Euch subtrahiren lehren.
    Hackert, Sie sind im Rausch - schmen Sie sich, wenn ein Freund zu Ihnen
kommt - lauteten Bartusch's beschwichtigende Worte.
    Im Rausche bin ich, Gevatter, rief Hackert. Im Rausche! Lustig, morgen ist
Hochzeit! Willst du Pathe sein? bermorgen ist Kindtaufe. Du alter Grauschimmel
sollst mir zeigen, wo hier Nr. 17 ist. Schurke, was steht hier an der Thr, die
ich jetzt aufschliee? Steht da Nr. 17? Werden hier Besuche empfangen, die nicht
mir gelten!
    Sie sehen doch, da Licht in Ihrem Zimmer ist? sagte Bartusch zitternd,
whrend es im ganzen aufgeregten Hause aus allen Fenstern und Thren scholl:
    Nummer Siebzehn! Nummer Siebzehn ist ausgezogen!
    Man sah, da Bartusch's nchtliche Wanderungen zur Maler-Guste kein
Geheimni waren ...
    Festgehalten von Hackert, gezerrt am Rockkragen, geschttelt wie ein
Flederwisch, konnte Bartusch hier jetzt vielleicht das Ende seiner Tage
erwarten; denn die ganze Bewohnerschaft nicht nur von Brandgasse Nr. 9, sondern
auch von den brigen nachbarlichen Communalhusern hate ihn und hatte sich an
dem strengen Eintreiber der Miethen, der bei jedem Auszug die Miethe fr den
Nachfolger steigerte, oft genug schon thtlich vergriffen.
    Bartusch hoffte auf Rettung und Beistand durch die beiden Herren, die bei
Louise Eisold warten sollten und ihm nach Dem, was Frau Mullrich von ihrem
Gesprch an der Hausthr behalten hatte, nicht unbekannt sein konnten.
    Licht in meinem Zimmer?.. sagte Hackert. Licht in Eurem Kopf wrde Euch
besser sein! Heut' soll noch ganz anders illuminirt werden - meine Haare mssen
heut' noch in Feuer aufgehen, wie Ihr's mir lngst gedroht habt. Die Laterne
her, Cerberus!
    Mit diesen der Mullrich zugerufenen Worten schlo Hackert die Thr von der
Galerieseite auf und im aufgeregten, vielleicht halbtrunkenen Zustande, trat der
berhitzte, glhende, exaltirte junge Mensch herein.
    Bartusch und die Mullrich blieben im Schimmer der Laterne lieber auf der
Galerie.
    Louise hatte sich schon vorher entfernt und die Stubenthr rasch verriegelt.
    Her, Ratte du! schrie Hackert, als er die beiden Brder auf dem Sopha
sitzend fand, wo ist hier Hochzeit? Ist Das Nr. 17? Kommst her, altes Fell, oder
ich zieh's dir ber die Ohren, Maulwurf? Hast falsch gehorcht! Falsch spionirt,
Spitzbube? Was?
    Drauen aus allen Zimmern wurden diese Worte mit lautem Lachen und Hohn
aufgenommen, soda Bartusch nicht anders konnte, als sich auf's Bitten legen:
    Hackert, ich beschwre Sie, so schweigen Sie doch endlich still, sagte er
flehentlich. Ist Das der Dank fr die Wohlthaten, die ich Ihnen eben zu erweisen
gedachte ... Guten Abend, meine Herren! Ach, lieber Himmel!.. Was seh' ich? Irr'
ich nicht, so hatt' ich das Vergngen -
    Ja, Herr Bartusch, begann Dankmar, ich bin Ihr Reisegefhrte von Hohenberg.
Ich erstaune, Sie in einer solchen Situation wiederzusehen. Dies ist mein
Bruder! Wie kommen Sie nur zu dem rgerlichen Auftritt?
    Bartusch, der bereits in Erfahrung gebracht hatte, da das whrend der
ganzen Hohenberger Rckreise auf Dankmar ausgebreitet gewesene Dunkel sich
insoweit gelichtet hatte, als er in der That der Eigenthmer jenes Schreines
war, ber welchen ihm der Justizrath, der ihn in so subtile Sachen nicht
einblicken lie, keine nhere Auskunft gegeben hatte, aber nicht im
entferntesten Prinz Egon war; Bartusch, der von Seiten Schlurck's ein Inserat in
die Zeitung besorgt hatte, der Eigenthmer jenes Schreins sollte sich melden,
hielt es fr durchaus unverfnglich und ntzlich, Dankmarn mit den fr Diesen
erfreulichen Worten anzureden:
    Jede Stunde haben wir Sie erwartet, Herr Wildungen!
    Der Schrein ist in der That vom Justizrath aufgefunden worden und steht ja
zu Ihrer Verfgung. Ach, ach! Diese Hohenberger Reise!
    Dankmar fiel ein Stein vom Herzen und ein natrliches Gefhl der Dankbarkeit
war es, da er Hackerten, der ihm etwas zudringlich und unverschmt Cigarren
anbot und dabei in der That wie ein Trunkener grend sich gebehrdete, unsanft
abwies und ihm sein Geschrei und Poltern rgend vorhielt.
    Entschuldigen Sie nur, Herr Maler, wandte sich Hackert etwas beschmt statt
aller Antwort zu Siegbert; Ihr Herr Bruder ist mein Freund nicht und wird mein
Freund nicht und in die Schule geh' ich nicht mehr. Excusez! He, Bartusch!
Kommen Sie auf den Fortunaball? Was? Alle zusammen, meine Herren? Vier ist vier
- Mensch ist Thier - und auf Vieren mein Plaisir!
    O Gott! O Gott! rief die Mullrich, die mit der Laterne in der noch offenen
Thr stand. Was soll daraus werden!
    Und sich zu den neugierigen Horchern des Hauses zurckwendend, rief sie:
    Was steckt Ihr die Nasen aus der Thr? Ist's das erste mal, da einer in der
Brandgasse Nr. 9 in solchem Zustand nach Hause kommt?
    Zustand? Flickschusterin, stell' Sie die Laterne dahin! schnaubte Hackert.
Was fr ein Zustand? Ist Das ein Zustand, wenn man nach Hause kommt voll
Amsement und solche Ratten springen gleich an Einen heran und grunzen: Oben bei
Louise Eisold sitzen zwei Herren? Ist Das ein Zustand, wenn man dann so eine
alte Vettel beim Wickel nimmt und den Freund von Nr. 17 und von Mutter
Justizrthin mit dazu -?
    Hackert! Hackert! Ich beschwre Sie! Was reden Sie! sagte Bartusch, der sich
wieder am Rockkragen gepackt fhlte; undankbarer Mensch! Wissen Sie, da ich
hier bin, Ihnen einen neuen Beweis der langmthigen Geduld und Liebe dieser
Justizrthin zu geben; wissen Sie, da ich hier bin, um Ihnen ...
    Er zog sein Portefeuille ...
    Kein Geld! sagte Hackert und warf sich in die Brust. Wir brauchen nichts!
Nicht wahr, Maler? Wir haben Freunde, die einen Becher Weins mit uns theilen?
Kommen Sie mit auf den Fortunaball, meine Herren! Was?
    Siegbert, statt aller Antwort, tief abgestoen von dieser wilden,
thierischen Zgellosigkeit, griff in die Seitentasche und berreichte dem
verwahrlosten, ihm eine ganze Classe der zwischen dem Volk und der Bildung
schwankenden Mittelschichten groer Stdte darstellenden jungen Menschen sein
Packet mit hundert Thalerscheinen.
    Sie haben alle Ursache vergngt zu sein, bemerkte dabei Siegbert bitter
enttuscht. Wem die Hlfsmittel so zustrmen ...
    Und hier die gewissen drei Thaler, bemerkte Dankmar voll Entrstung. Da die
drei Thaler fr den Kutscher!
    Dankmar zog die Brse, aus der er drei harte Thaler nahm und auf den Tisch
legte.
    Sie wissen, was wir bedungen haben, im Walde hinter Tempelheide ...
    Hackert stie die drei Silberthaler von dem Tisch, da sie auf den Boden
hinrollten und katzenartig von der Mullrich unter dem Ausruf: O die Snde! Die
Snde! aufgesucht wurden.
    Geben Sie mir, wenn ich etwas verdient habe, setzte Hackert mit dumpfer
Stimme hinzu, geben Sie mir ...
    Nun, sagte Dankmar, ist's nicht so?
    Geben Sie mir - knirschte Hackert und stockte doch ...
    Sie waren mein Kutscher, Herr Hackert! Entsinnen Sie sich nicht, drei Thaler
Accord -
    Herr! schrie Hackert und stellte sich vor Dankmar mit einer Miene
grimmigsten Zornes.
    Nun? antwortete Dankmar, so entschlossen vortretend, da ihn Siegbert halten
mute.
    Geben Sie mir ... Papier! sagte Hackert dumpf und fast in sich hinein und
wandte sich an's Fenster, an das er trommelte.
    Als Dankmar ber diese uerung, als eine Frechheit, noch mehr in Zorn
gerieth, sagte Bartusch mit gekniffenem Lcheln:
    Bitte! Sie wissen also noch nicht, Herr Wildungen, da unser guter Herr
Hackert eine Aversion vor gemnztem Gelde hat? Man sollt's nicht glauben! Alle
Welt jammert ber das Papiergeld und chzt und sthnt, da man kein baares
Silber mehr zu sehen und zu hren bekommt. Und fr Herrn Hackert ist das
Papiergeld ganz wie erfunden.
    Er kann's Silber und Gold nicht vertragen. Aber Papier bekommt ihm. Das hrt
er gern knistern. Da Hackert'chen, da ist ein Fnfzigthalerschein! Justizrath
lt Ihnen etwas sagen, was ich Ihnen nur in's Ohr wiederholen kann ... Komm,
Fritzchen! Komm, Fritzchen! Sei doch ruhig und gib dich!
    Aus allen diesen abgerissenen Reden stellte sich fast heraus, da Hackert
eigentlich in dieser Umgebung, wie sehr er eben auch gewaltthtig und wild
verfahren war, wie ein Kranker behandelt wurde. Er hatte die Hnde in den
Rocktaschen, die Cigarre, ausgegangen, im Munde und stierte mit weien Augen auf
die Thr, die zu den Eisolds fhrte und hinter der Louise verschwunden war ...
    Sagen Sie's nur laut, begann er dumpf und unheimlich, ich wei es schon,
Bartusch, was der Alte will! Fort soll ich! Was? Von wegen der Reitpeitschen und
was damit zusammenhngt! Nicht? Aber das Zuchthaus geht selbst fr die
Spitzbuben nicht so rasch auf, wie die ehrlichen Leute meinen. Erst gibt's
Vorkmmerchen, wo inquirirt, geplaudert und aufgeschrieben wird. Protokoll Nr.
8, Nr. 9 oder Nr. 17, wenn's Ihnen ser klingt - Fascikel sechse: Beklagter
erzhlt die Grnde, warum ihn der Justizrath aus dem Hause geworfen hat. Was?
    Bartusch wandte sich zu Dankmar, der ber diesen Typus absoluter
Gemthlosigkeit starr war, whrend Siegbert sich in die abgerissene ganze Scene
nicht finden konnte und die Mullrich immer noch behauptete, Einen von den drei
Thalern .... knne sie nicht finden ...
    Sagen Sie selbst, werther Herr, richtete Bartusch das Wort an Dankmar, ob
Herr Hackert Recht thut, den Zorn Lasally's und der Reichmeyer'schen Familie
abzuwarten? Sie kennen ja das Alles von unsrer Reise her. Er will die
menschenfreundliche Absicht nicht nachempfinden, die mich hierher fhrte, da
man ihm die Mittel gibt - liebe Mullrich, haben Sie den Thaler gefunden? Gehen
Sie nur jetzt! ... Sie verstehen mich, was ich meine, Herr Wildungen! Nicht
wahr?
    Vollkommen, sagte Dankmar, und ich stimme ganz dafr, da Herr Hackert sich
bei Zeiten aufmacht und zu allen Teufeln schert.
    Menschenfreunde! bemerkte Hackert bitter. Barmherzige Samariter! Edle
Seelen, die Jeden verwerfen, der in ihre Modelle nicht pat!
    Aber noch bittrer fiel ihm Dankmar in's Wort:
    Menschenfreunde? Wenigstens Thierfreunde sind wir! Abscheulicher! Spotten
Sie nicht ber Dinge, die Andern heilig sein knnen. Ich finde den Vorschlag des
Justizraths edel und lobenswerth und wenn ich Ihnen leider sagen mu, da es mir
nicht gelungen ist, Lasally von seinem Vorhaben abzubringen - was bleibt Ihnen
anders brig als -
    Dankmar sprach gedmpft ... Pltzlich unterbrach ihn Hackert mit einem
donnernden:
    Ruhe hier!
    Und mit diesen Worten sprang Hackert auf Dankmar wie eine Katze zu ...
    Die Cigarre schleuderte er von sich.
    Die Hnde schlug er auf den Tisch, da die Theetassen klirrten ...
    Ruhe hier! schrie Hackert. Das ist meine Wohnung und ich bin Herr hier!
Lasally ist ein Hund! Wer sagt Ihnen denn, da ich vom Hunde einen Knochen haben
will! Zuchthaus will ich. Wissen Sie, da Lasally nicht daran denkt, meinetwegen
mit den Gerichten auch nur einen Schreiberbogen  drei Groschen zu wechseln?
Herr, es ist nun genug. Nimm deinen Funfzigthalerschein, graue Ratte! Geben Sie
mir fr die drei harten Thaler Papier, Herr Prinz von Hohenberg! Ja, ich habe
die drei Thaler verdient - aber Papier! Papier gibt bessern Fidibus - Und wenn
Sie wissen wollen, warum ich lieber mein Vermgen immer in Papier bei mir habe?
Wenn Einer ins Wasser fllt oder selbst hineinspringt, macht Papier nicht, da
man so schnell untergeht, wie mit Courant. Man behlt noch Zeit, diesem elenden
Leben zu fluchen! Adieu!
    Voll Unwillen und Abscheu vor einer so katzenartigen Natur, wie Hackert eben
offenbarte, sprang Siegbert jetzt auf und drngte zum Gehen.
    Komm, sagte er zu dem erschtterten Bruder, wenn irgend etwas davon wahr
ist, was du mir von Hackert's Reue und besserm Gefhl erzhltest, und an des
Bruders Worten zu zweifeln, hab' ich keinen Grund, so ist unter solchen
Umstnden doch unsere lngere Anwesenheit hier berflssig ...
    Hackert wandte sich dem Fenster zu und sah durch die Gitterstangen auf die
Galerie hinaus ...
    Dankmar nahm seinen Hut und bemerkte in einer sich selbst bekmpfenden Ruhe:
    Wird Sie Lasally verklagen?
    Nein! sagte Hackert dumpf, aber fest.
    Woher wissen Sie Das?
    Ich wei es ... seit einer halben Stunde wei ich es.
    Und nun bin ich Ihnen berflssig?
    Hackert schwieg.
    Dankmar fate sich und sprach voll bitterster Verachtung zu Siegbert:
    Ich kann nicht leugnen, lieber Bruder, da dein eigenes Interesse, das du an
diesem starren und lieblosen Manne nahmst, mich verfhrte, ihm gleichfalls meine
Liebe und Theilnahme zuzuwenden. Ich erkenne an, wie Herr Hackert nicht begehrt
hat, da wir uns in seine Angelegenheiten mischen. Wir sind von Lauschern
umgeben, wir revoltiren dies ganze Haus; ich sage nichts von der Schuld, die
sich Herr Hackert vorzuwerfen hat; der gebietende Herr dieser vier Pfhle mag
sich darber mit seinem Gewissen abfinden. Gelang es ihm, die Gefahr, die ihm
drohte, selbst abzuwenden, so kann er von Glck sagen. Ich finde Das ganz in der
Ordnung, da man nun seine Freude nicht etwa mit einem Geldbeutel am Halse im
nchsten Sumpfe, sondern mit geschenkten Tresorscheinen auf dem Fortunaball
austobt. Gehen wir, um Herrn Hackert nicht in seiner Toilette zu stren.
    Als Dankmar nun wirklich Bartuschen fortziehen wollte und Hackert
unbeweglich zum Fenster hinausstarrte und die Mullrich durch die eingetretene,
criminalische Stille veranlat wurde, lieber den lngst gefundenen dritten
Thaler auf den Tisch zu legen, als sich einer Untersuchung ihrer Schrzentasche
preiszugeben, blieb Bartusch noch stehen. Er machte die Thr zu und gebot der
Mullrich, mit der Laterne drauen auf der Galerie ihn zu erwarten.
    Hackert, sagte er, die Thr noch einmal andrckend und mit klglich
flehender, weinerlicher Stimme. Fritzchen, ich darf nicht diese Schwelle
verlassen, ehe ich nicht Gewiheit habe, da diese verdrlichen Strungen der
Schlurck'schen Familie aufhren. Lasally mag ein Amsement darin finden, Ihre
eben nicht artige Behandlungsweise seiner Pferde auch deshalb ffentlich zu
machen, damit eine Familie compromittirt wird, die sich nicht entschlieen kann,
ihn als Eidam anzunehmen. Machen Sie ein Ende mit diesen Abscheulichkeiten!
Woher wissen Sie, da Lasally nicht gegen Sie klagen wird?
    Wie Bartusch geredet hatte, schlugen bei der Eisold'schen Familie drei Uhren
durcheinander elf ...
    Hackert horchte gespannt auf und sprach dann die Worte fast fr sich hin:
    Neun - zehn - elf! ... Das Gewicht ist zu schwer ... Alter! Die zweite
keucht ja ...! Zuviel Gewicht! ... Eisoldchen! ... Zuviel Gewicht! Nimm eine
Kugel heraus!
    Die drei Mnner schwiegen ber dieses sonderbare Intermezzo ...
    Warum hngen Kugeln in den ledernen Beuteln, die deine Gewichte ziehen? fuhr
Hackert still fr sich fort. Deine Weiser sagen, was die Rder und der lederne
Beutel wollen ... Das Herz ist so ein lederner Beutel, die Rder sind das Gehirn
und dann schneide nur Einer auf dem Weiser die Fratzen, die die Welt schn
nennt! Ha, ha! Hurrah! - Da nicken sie schon wieder die Pferdekpfe! Die dummen
Thiere wiehern, als wollten sie mit mir sprechen! Hurrah! Hussah!
    Hackert, sprechen Sie vielmehr, fuhr Bartusch heraus, dem es in den
entscheidenden Momenten gar nicht an Muth fehlte; was wissen Sie von Lasally?
    Vgelchen, liebt die Justizrthin die graue Farbe? sagte Hackert mit
unheimlicher gemigter Stimme. Die Ohren eines Esels liebkosen kann nur Die,
der Grau ihre Leibfarbe ist. Aber die Katzen knnen sie Alle nicht leiden. La
sie nur! La die Justizrthin! Sorgt Euch nicht, die Muse nehmen berhand, aber
noch fressen sie Euch nicht! Tanzen wollen sie! Lachen! Fidelbogen streicht den
Kummer weg! Wer geht mit auf den Fortunaball und lt seine Muse im Kopf
tanzen?
    Diese Worte wurden so gesprochen, als wte Hackert nicht mehr, wer zugegen
war. Er suchte im Zimmer und sah sich die drei gegenwrtigen Personen wie Fremde
an.
    Hackert, ich wei sehr wohl, sagte Bartusch jetzt ngstlicher
zurckweichend, whrend ihm Hackert fast dicht in die Augen sah, Hackert, ich
wei sehr wohl, da Sie kleinmthig im Unglck sind. Ihr Jubel ist nicht der der
Verzweiflung - was murmeln Sie da so! Sie wollen uns nur schrecken!
    Nein, du schwrmerisches Einmaleins! rief Hackert laut lachend, als htte er
durch seine sonderbaren Geberden wirklich den grauen Aktuar nur ngstigen
wollen. Es ist keine Verzweiflung. Es ist Glck. Meine Herren! Sie kennen diesen
meinen vterlichen Freund noch gar nicht. Sehen Sie, mein Haar ist roth, aber
echt. Dem seines ist schwarz, aber ...
    Er griff nach Bartusch's Percke.
    Hackert! rief Bartusch und hielt seine Percke fest.
    Dankmar schleuderte Hackerten mit den Worten zurck:
    Machen Sie ein Ende mit Herrn Bartusch ... Sie sehen, der Mann meint es
besser mit Ihnen, als Sie's verdienen ...
    Prinz! antwortete Hackert bedeutsam, stemmte die Arme ein und stellte sich
vor ihn; moralisiren Sie nicht! Kommen Sie mit auf den Fortunaball, Durchlaucht!
Die Clarinette soll klingen. Zum Teufel mit Euern Pferdegerippen! Was haltet Ihr
mir vor, da Menschen wahnsinnig sein knnen? Soll ich um nickende und wiehernde
Pferdegerippe kummervolle Nchte haben und nicht mehr fhlen, was eine weiche
Hand, eine volle Brust, ein Mund wie der der Gttinnen auf ein armes zerrissenes
Herz fr Balsam trufeln kann? Bartusch, stecken Sie Ihre funfzig Thaler ein
oder ich mache heute Fidibus fr meine Cigarre daraus. Lasally klagt nicht. Das
ist abgemacht. Ich habe bessere Verbindungen als Sie Alle. Und nun Guten Abend,
meine Herren! Die funfzig Thaler, Bartusch! Sagen Sie ja dem Alten, da ich sie
nicht genommen htte! Hren Sie, da Sie mir keine falschen Quittungen
schreiben! Sie verstehen Das!
    Sie sind heute toll und Ihr Elend wird im Narrenhaus enden! antwortete
Bartusch verbissen und schickte sich an zum Gehen.
    Leucht' ihm, Hausdrache! fuhr Hackert fort, indem er die Thr ffnete.
Haltet den Strick fest, da er ihm nicht um den Hals geht! Pat auf Nr. 17, Frau
Mullrich! Da er nicht von Ungefhr hineintappt in die Maler-Guste! Wer noch
Miethe schuldig ist, heraus, ihr Lmmer, der Miethswolf ist da! Zahlt! Zahlt!
Aber schlagt ihn nicht todt! Groes Ungeziefer mu da sein, um das kleine zu
vertilgen! Schlaft nicht, Frau Mullrich. Wir mssen heute noch hinaus auf den
Fortunaball ...
    So wollen wir Sie nicht stren, fiel Dankmar ein, flehentlich gezerrt von
Bartusch, der nun ging und sich frchtete, allein zu gehen ...
    Sie brechen sich den Hals, bleiben Sie, rief Hackert und hielt Dankmar
zurck, ich fhre Sie nachher -
    Ich bitte, ich flehe, meine Herren, kommen Sie jetzt mit mir! winselte
Bartusch. Wir regen das ganze Haus auf ...
    Hackert hielt aber Siegberten zurck.
    Maler! Noch ein Wort! Sie bleiben, meine Herren!
    Es war jetzt den Brdern fast, als htte Hackert nur vor Bartusch Komdie
gespielt und als wollte er ihnen nun erst sein wahres Gesicht allein zeigen ...
    Meine Herren, es ist elf Uhr! Kommen Sie! flehte Bartusch dringender.
    Frau Mullrich gedachte ihres Gatten, den sie wecken mute. Sie gedachte der
spten Ankmmlinge, die mglicherweise vor dem Hause standen und Einla
begehrten und dann auf einmal eindrangen. Es entgingen ihr zuviel Pfennige durch
lngeres Warten.
    Da es im Hause wirklich stiller geworden war, zog sie Bartuschen mit den
Worten: Haben Sie doch keine Bange, Herr Bartusch! an die Treppe und gab ihm den
Strick in die Hand und leuchtete ihm mit der Laterne an die Fe, um ihm die
erste Stufe zu zeigen ...
    Bartusch ging schleichend, auf den Zehenspitzen, von dannen, immer noch in
der Hoffnung, die Herren wrden folgen.
    Sie wollen wirklich noch so spt auf den verrufenen Fortunaball gehen?
begann jetzt Siegbert, der sich mit Betrbni auch in die Stimmung der sicher
lauschenden Louise Eisold versetzte und jetzt, da sie allein waren, von Hackert
ein Abwerfen seiner Maske erwartete.
    Meine Herren, sagte Hackert und warf sich erschpft aufs Sopha, whrend die
Gebrder Wildungen gespannt erwarteten, was er nun fr eine Miene zeigen wrde.
Meine Herren, es stecken zwei Menschen in mir, ein Bettler und ein Knig. Sie
kennen nun den Bettler! Kommen Sie mit auf den Fortunaball. Sie sollen den Knig
kennen lernen.
    Wir gestehen Ihnen Beide, sagte Dankmar, da uns Ihre Bettlerstimmung von
heute frh mehr Vertrauen abgewann. Ich brachte den Bruder mit, weil ich
glaubte, Sie wrden in der warmen Hingebung, die Sie mir heute zeigten, unser
Vertrauen zu wrdigen wissen und die Hand, die wir Ihnen schon oft darboten,
nicht so bermthig von sich stoen!
    Sagen Sie mir Das morgen, erwiderte Hackert, und ich weine vielleicht wie
ein Kind. Morgen hngen mir vielleicht die Flgel matt und schlaff. Ich jammere
um meine Zukunft, ich geize und laure auf Erwerb, ich bin ein Hund, den man mit
Fen treten kann, Notabene morgen! Heute bin ich berauscht - nicht von Wein!
Ich trinke wenig Wein; nein vom Glck. Jubeln, jauchzen, lachen mcht' ich, weil
ich einen Becher wieder an meinen Lippen fhlte mit dem kstlichsten Rebenblute
des Glcks. Glck macht mich toll. Sie nicht?
    Wir bemitleiden Sie! sagte Dankmar und wollte gehen.
    O Ihr habt mich gut bemitleiden! antwortete Hackert. Euch sang eine Mutter
an der Wiege und geregelt gingt Ihr Euren Lebensweg. Wenn ich Dem nachdenken
wollte, raucht' ich keine Cigarre, dann lg' ich hier zusammengekrmmt auf dem
Sopha und chzte und wrde reif, betteln zu gehen, wie neulich in Tempelheide,
als ich im Korne lag. Dann geht mir einmal wieder die Pforte des Paradieses auf
und ich klirre mit meinen Ketten, verlache meinen Jammer, tummle mich wie ein
Mensch und fhle mich dem Strksten gleich. Ich kann Ihnen heute Nichts von
meinem Leben vorwinseln; die nchste Gefahr ist vorber. Lasally wird schweigen
und mein Blut ist in Wallung. Kommen Sie mit oder lassen Sie mich allein, bis
Sie mich einmal todt oder so lebend wieder sehen, da Ihre Theilnahme fr mich
nicht von der bereinstimmung mit Ihrem eigenen Herzen abhngt.
    Whrend dieser Worte war Hackert aufgestanden und hatte sich unter dem
Vorhang am Kleiderriegel einen Frack, eine Weste, einen Hut hervorgeholt und zog
alle diese Gegenstnde ohne Rcksicht auf seinen Besuch rasch und wie
elektrisirt an.
    Karl! schlfst du schon? rief er dann an die Nebenthr.
    Eine feine Frauenstimme fragte mit leidendem Tone:
    Was wnschen Sie, Herr Hackert?
    Ich lasse das Licht brennen, Frulein! Lschen Sie es aus. Gute Nacht!
    Die Brder sahen sich an und schttelten den Kopf.
    Sie wandten sich zum Gehen, ohne noch ein Wort zu sprechen. Dieser
ungeregelten Natur fhlten sie sich zu sehr entfremdet ...
    Hackert folgte.
    Als er aus seiner Thr Nr. 86 trat, kam aus dem auf gleiche Nummer laufenden
Zimmer Herr Schmelzing hervorgeschossen und leuchtete.
    Schlfst du noch nicht, altes Tintenfa? sagte Hackert und ging voran, um
den Weg zu zeigen.
    Bei so lebendiger Conversation! hustete Schmelzing hflich und schwnzelnd.
    Die du hoffentlich nicht stenographirt hast? antwortete Hackert
herabsteigend. Geh! Geh! Ich kenne den Weg. Mach' da du deine Rollen fertig
schreibst fr die Hoftragdie! Vergi die Stichwrter nicht! Nimm immer sechs
Worte statt drei zum Stichwort, damit du viel Bogen zusammenbringst und die
Schauspieler besser lernen! Verwelsche die Fremdwrter nicht! Sei nicht
gelehrter als die Dichter und verbessere nicht ihre Verse! Hrst du?
    Schmelzing, ganz frappirt von Hackert's elegantem Aufzug, wnschte den
Herren eine hfliche gute Nacht. Die Brder kletterten in der Dunkelheit den Weg
nach, den ihnen der pltzlich wie verwandelte ehemalige Schreiber des
Justizraths Schlurck angab. Nach langem Tasten, manchem Anrennen an
Gerthschaften, die dem Wege in den Hfen zu nahe lagen, kamen sie an die Thr,
die auf die Brandgasse fhrte.
    Hier klopfte Hackert stark und trommelte, sich niederbckend, an das Fenster
der Vizewirthin.
    Schon aber kam Frau Mullrich mit dem groen Hausschlssel.
    Aber noch ehe sie aufschlo, sagte sie mit einer schlauen Verbeugung:
    Macht drei Pfennige!
    Siegbert gab, was er in der Eile griff. Frau Mullrich schlo nun erst auf
und die Mnner traten auf die Strae ...
    Ob sie ihrer drei zusammenbleiben werden? ...
    Wie Frau Mullrich wieder die groe schwere Thr zuwarf, trat Bartusch hinter
der Thr hervor, die aus ihrem Keller auf die Hausflur fhrte.
    Es ist mir unbegreiflich, was mit dem Taugenichts vor sich gegangen ist!
sagte er. Er geht auf den Fortunaball!
    Wie schade, Herr Bartusch, antwortete die Mullrich, da Sie nun selbst nicht
hin knnen! Sie wollten doch da die Maler-Guste finden.
    Reden Sie auch solche Sachen? sagte Bartusch, der grndlich rgerlich
schien, da sich whrend seiner Hohenberger Abwesenheit in der Brandgasse Nr. 9
so viel verndert hatte.
    Und doch ist sie gewi dort, sagte die Mullrich, Alles rennt ja hin - schon
Sechs hab' ich heute aus unserer hiesigen Armuth allein hinausgelassen - mein
Mann mu um zwlf auch hinaus und wenn Sie nicht -
    Lassen Sie mich durch Ihren Mann wissen, ob Nr. 17 dort zu finden war.
    Verlassen Sie sich darauf! Aber, wie bla sehen Sie aus!
    Der rger mit diesem bsen Schlingel!
    Sagen Sie mir nur - was hat er denn in des Heilands Namen bei den Schlurck's
fr eine Greuelthat mit -
    Gute Nacht, Frau Mullrich! war die seufzende Antwort.
    Bartusch schnitt jedes weitere Forschen der Frau Mullrich ab, die heute so
viel erlebt, so viel gehrt und beobachtet hatte, da sie eines sehr
weitluftigen Commentars bedurft htte, um trotz ihres Scharfsinns sich alle
geheimen Verbindungsfden dieser Thatsachen zusammenzustricken.
    Eben war Bartusch verdrlich und sogar ohne Trinkgeld auf die Strae
getreten und noch glaubte Frau Mullrich seinen Tritt drauen schallen zu hren,
als sie von der eben geschlossenen Thr sich entfernend durch eine weibliche
zarte Hand aufgehalten wurde ...
    Frau Mullrich war im Finstern. Denn bei dem Zufallen der Thr war ihr durch
den Zugwind die Lampe ausgegangen ...
    Ei, wer ist - fragte sie erschrocken.
    Machen Sie auf! wisperte es.
    Wer? Wer ist da?
    Machen sie auf!
    Ach, wohl, Nr. 46, Frulein Klapperfu?
    Da! da! Machen Sie auf!
    Frau Mullrich fhlte einen Groschen in der Hand.
    Auch auf den Fortunaball? Aha! Aha! Nr. 35? Nicht wahr? Madame Hannemann?
Schlft denn auch Ihr Mann fest genug? Hi! Hi! Ei so lassen Sie doch sehen!
    Da ist ja der Groschen! Machen Sie nur auf!
    Ich will doch erst die Lampe -
    So enden Sie doch!
    Nun! Nun! Nun! Wie hastig! Sie wollen den ersten Walzer nicht versumen! Sa,
Sa, ein Walzer! Wenn der hbsche Feldwebel wartet - nicht wahr, Madame Drucker!
Um vier kommen Sie doch wieder? Nicht wahr, Madame Schlimpanzer? Ihr Mnnchen
steht ja wol schon um fnf Uhr auf. Verspten Sie sich nicht, wenn er's nicht
wei, Madame Trbensee! Er frug mich neulich nach dem Feldwebel -
    Indem ging doch die Thr auf ...
    Eine verhllte Gestalt huschte hinaus. Um den Hut hatte sie, um ihn
wahrscheinlich unkenntlich zu machen, ein Tuch gebunden. Aber den Mantel!
    Der Mantel verrieth sie! Frau Mullrich kannte alle Mntel des Vorderhauses
und der drei Hinterhfe.
    Ist's die Mglichkeit? Mamsell Nr. 87! rief sie.
    Und in der unerschtterlichen, durch den karrirten Mantel ber alle Zweifel
sichern Gewiheit, da Louise Eisold nur den beiden jungen Herren folgen knne,
kroch sie boshaft lachend und den Kopf schttelnd, in ihre Kellerhhle zurck,
zndete die Lampe wieder an, leuchtete nach der Uhr und bemerkte, da es die
hchste Zeit war, nun ihren Gatten zur Erfllung seiner polizeilichen Pflichten
zu wecken. Auf den Anruf: Mnnchen, du mut ja auf den Fortunaball! raffte sich
dieser aus seinen sesten Trumen empor, zog sich verschlafen, fast taumelnd
die beste seiner Staatslivreen an und hrte dabei nur halb, was ihm seine holde
Gemahlin ber die mannichfaltigen denkwrdigen Vorfallenheiten dieses Abends
erzhlte.

                                 Achtes Capitel



                                Der Fortunaball

Nachdem sich die Brder Wildungen vor der Thr der Brandgasse Nr. 9 von Hackert
kurz und kalt getrennt hatten und sie in einer andern Richtung den Weg nach
ihrer Wohnung einschlugen, begann Dankmar sein Bedauern auszusprechen, da
dieser Abend so ganz anders enden mute, als er ihn sich vorgestellt hatte.
    Welche Vorwrfe mach' ich mir, sagte er, in dir wieder das Interesse fr
diesen deinen Proletarier geweckt zu haben! Gibt es einen erbrmlicheren,
jmmerlicheren Gesellen! Und um eine solche verwahrloste, unsittliche,
tollgewordene Natur fhr' ich dich in diese Hhlen des Jammers und zeige dir,
da hier nicht blos Elend, sondern auch Lge, Verstellung, Geiz, Schlemmerei,
Nichtswrdigkeit und jedes Laster wohnt, wie wir es nur bei den Reichen und
Gebildeten vorauszusetzen gewohnt sind.
    Siegbert fhlte, da ihm Dankmar seine Abneigung gegen die sogenannte
soziale Frage zu verstehen geben wollte ...
    Das Bild des armen Mdchens mit ihren Geschwistern war aber doch rein und
ungetrbt! sagte er, um sich des Dranges, dem Bruder beistimmen zu mssen,
einigermaen zu erwehren.
    Ich wei nicht, antwortete Dankmar. Auch diese Farben werden mir vor den
Augen grau. Wir gingen gewi nicht ohne Grund von der Voraussetzung aus, da
Louise fr diesen Miethsbewohner ein warmes, menschliches Interesse hegt und
wenn sie an einer solchen bizarren, krampfhaften und lieblosen Persnlichkeit
Gefallen findet, so vermiss' ich dabei Alles, was mir diese Empfindung achtbar
und ehrenwerth erscheinen lt.
    Wir gingen vielleicht schon darin zu weit, eine solche Beziehung
vorauszusetzen, sagte Siegbert. Von Hackert's Seite schien irgend eine Rcksicht
auf seine Nachbarin gar nicht angenommen zu werden, und es war mehr sein
bermuth und seine Spottlust, da er der Verdchtigung des Mdchens durch den
alten hmisch schleichenden Bartusch, wie du ihn nennst, die Strafe auferlegte,
uns in seinem Zimmer zu finden. Auch hatte ihm dieser eine Mittheilung im
Vertrauen zu machen, wodurch mir seine Herbeifhrung des Alten in ganz anderm
Lichte erscheint, als wenn ich annehmen mte, er htte fr die Ehre seiner
Nachbarin eintreten wollen.
    Bei alledem bin ich erstaunt, sagte Dankmar, indem sie die Brandgasse
verlieen, wie Hackert Lasally's so gewi sein kann! Wer hat ihm die
Versicherung gegeben, da keine Anklage stattfinden wird? Noch vor wenig Stunden
fand ich jenen Mann auf's uerste erbittert.
    Wenn du eingestehst, da hier etwas rthselhaft ist, bemerkte Siegbert, so
mcht' ich noch, um den fatalen Eindruck der eben erlebten Scene zu mildern,
hinzufgen, da sie uns doch wol nur als eine neue Besttigung der Wahrheit
dienen kann, wie im Grunde jeder Mensch nach seinem eignen Standpunkte
beurtheilt werden mu. Wir haben uns ber diesen Hackert in so vielerlei,
theilweise sich sogar widersprechende Empfindungen hineinraisonnirt, da wir
gleichsam mit Gewalt verlangen, sein Charakter msse nun auch allen
Voraussetzungen, die wir von ihm haben, entsprechen. Wir dachten uns nach den
Prmissen des Vormittags am Abend eine rhrende Scene. Ein unglcklicher
Nachtwandler, in Gefahr, fr eine bse, rachschtige Handlung, die er lngst zu
bereuen scheint, bestraft zu werden, wird uns seine Geschichte erzhlen. Man ist
auf diesen Empfang vorbereitet.. Da stehen Tassen und siedendes Theewasser, ich
esse schon im voraus den fr diese gemthliche Scene bestimmten Braten und nun
kommt der Hauptheld, ein vllig anderer, alle unsere Ideen durch den tollsten
Rckfall in eine uns nicht homogene Natur durchkreuzend! An wem liegt da mehr
die Schuld? An unserer Kurzsichtigkeit oder an dem wunderlichen Charakter,
dessen rechten Schwerpunkt, dessen eigentlichen Schlssel wir noch nicht
entdeckt haben?
    Dein milder Sinn ist auf dem bestem Wege, sich diesem Taugenichts
unterzuordnen, sagte Dankmar. Dieser Hallunk wei, da wir die Absicht hatten,
zu ihm zu kommen und benimmt sich wie ein Gentleman, der sich nicht einmal
entschuldigt, wenn Andere auf ihn warten -
    Der Thee und der Braten waren leider nur eine Idee des Mdchens -
    Gut! sagte Dankmar. Ich werfe den Unglcklichen zu jenen immer nur als
halbfertig erscheinenden Menschen, die im Unglck feige winseln und im Glcke
sich hochfahrend bernehmen. Es fehlt ihm die Herrschaft des Geistes ber sich
selbst. Es ist der Mensch des thierischen Instinktes. Und ist Hackert nicht
eigentlich der Ausdruck des Volkes selbst? Jammervoll genug, da man eingestehen
mu, wir malen uns den Charakter der Massen ganz anders, als sie sind! Nimm den
Bauer; wie tckisch, wie hmisch, wie kurzsichtig, wie verschlagen! Nimm die
halbe Bildung; wie eitel, wie prahlerisch, wie lgnerisch, wie falsch! Wir
pinseln uns etwas vor vom Volke. Es ist nicht so, wie es die Touristen und
Genremaler geben wollen. Die treueste Magd, die ganz Liebe und Hingebung fr
ihre Herrschaft scheint, pruhstet wie eine Katze auf, wenn ihr Weihnachten zu
gering ausfllt. Egoismus regiert Alle und ich stelle mir eigentlich als
Politiker die Aufgabe, Hackerten fr das schwankende, unreife, halbfertige, oft
groartige, dann wieder kleinliche, bald herausfordernde, bald feige, bald
rhrende, bald abstoende, bald poetische, bald prosaische, nachtwandelnde,
ahnungsvolle und am Tage geistig verschlafene Volk zu nehmen und mir zu sagen:
Wie bndigt man das? Wie bessert man das? Doch sprechen wir nicht mehr von ihm.
    Die Brder waren eben im Begriff, am Schlurck'schen Hause vorber zu gehen,
an dem man Alles still und dunkel sah mit Ausnahme eines einzigen kleinen
Fensters im dritten Stock ...
    Es war vielleicht Melanie's Schlafzimmer ...
    Und wenn sie sich tuschten - eher mochte es das Zimmer Bartusch's sein, wo
auf dessen Rckkehr eine brennende Lampe wartete - sie blieben doch einige
Augenblicke voll Wehmuth stehen und gedachten aller Tuschungen ihres heute so
mannichfach geprften Herzens ...
    Dann gingen sie seufzend weiter.
    Bei alledem, sagte Dankmar nach einer Weile, whrend sie die schon leeren
Straen durchschritten, ist es mir lieb, von diesem Graurock die Besttigung
jener Angabe ber meinen Schrein zu hren, die ich dem Prinzen Egon verdanke -
Morgen in aller Frhe geh' ich - doch ich rede von Dingen, die ich dir nun
mittheilen sollte, wte ich nur an der rechten Stelle anzufangen -
    Bleib bei dem Prinzen Egon, sagte Siegbert. Denn auch ich habe eine
Beziehung zu ihm. Sie betrifft das Bild, das du mir zu sorgsamerer Obhut
empfohlen hast ...
    Das Bild - und du? antwortete Dankmar erstaunt.
    Whrend die Brder ber die stillen Straen gingen, erzhlte Siegbert seine
Berhrung mit Rudhard, dessen Anliegen und eigenthmliche Ansprche auf jenes
Bild, ber das sich Siegbert htete nach seinen eignen Entdeckungen zu sprechen.
Denn da ihm doch daran lag, seinem innern Triebe zu folgen und die bergabe des
Bildes an Egon's Lehrer und Erzieher wirklich zu vermitteln, so nahm er sich
wohl in Acht, seinen in solchen Fragen nicht wie er besonders bedenklichen
Bruder darauf aufmerksam zu machen, da er das Geheimni wirklich entdeckt, ja
sogar Enthllungen ber ihre eigene Familie gefunden htte. Verrthst du davon
etwas, dachte er, so wird Dankmar Anstand nehmen, durch freiwilliges Herausgeben
Das wieder gut zu machen, was Rudhard in seinen Ansprchen auf jene Prfung und
Mitwissenschaft eigentlich doch wol verscherzt hat.
    Vor dem Egon'schen Palais stand ein kleiner Einspnner. Dankmar noch ganz
erfllt von der sonderbaren Wendung, die das Schicksal jenes Bildes pltzlich
nehmen sollte, fragte den Kutscher, ob er nichts von dem Befinden des jungen
Prinzen melden knnte.
    Dieser gab die kurze Antwort, er stnde hier nur, um zwei Damen auf den
Fortunaball zu fahren ...
    Der Blick auf die Wsmskoi'sche Familie, auf die Ankunft der d'Azimont,
Alles, was Siegbert ber Rudhard, ber Anna von Harder erzhlen konnte, regte
Dankmarn so auf, da er statt heiter eher verdrlich wurde.
    Welche Last, rief er halb scherzhaft, halb wirklich unwillig aus, welches
Bleigewicht bindet uns das Schicksal an die Fe und hindert uns im eigenen
Gehen! Ich wte nur zwei Dinge, die mich wahrhaft erfreuen und beschftigen
sollten, meine Angeroder Papiere zurckzufordern und jenen Amerikaner und seinen
Knaben aufzusuchen, die, ich wei es, an mir das wrmste Interesse nehmen und
von allen diesen Vorstzen, die meinem Herzen am nchsten liegen, ziehen mich
die starken Seile immer neuer Verwickelungen ab! Wie froh bin ich, da ich in
vergangener Nacht so eisern geschlafen habe! Denn die Aussicht, morgen jenen
Rudhard zu begren, von dem ich des Guten soviel erfuhr, ihm getrost jenes Bild
zu berlassen, an das sich mir das hoffentlich in kurzer Zeit mgliche
Wiedersehen des unstreitig chten aber mit den fabelhaftesten Rthseln
umsponnenen Prinzen knpfen wird, das Alles lt mir keine Ruhe und ich sehe,
ich werde mich unschlssig und innerlichst gepeinigt auf dem Lager hin- und
herwerfen. Wie verwnsch' ich diesen Hackert! Wie ein Irrlicht hat er mich heute
von meinem vorgezeichneten Wege verlockt, und wenn ich ihm auch verdanke, da
ich ber die Nacht im Heidekruge einiges Licht erhielt -
    Sei still, Bruder! unterbrach ihn Siegbert scherzend. Aus dem einen Irrlicht
werden hundert! Ich glaube nicht, da wir dem bunten Schimmer da unten in der
neuen Feldstrae werden ausweichen knnen. Sieh nur, wie die Menschen dort
hinstrmen und die Wagen fahren! Das ist die Fortuna, bunt erleuchtet mit
chinesischen Ballons! Ich erlebe, da wir mit in den Strudel gerathen, uns am
Eingang des Gartens ein Billet kaufen und das venetianische Maskenfest, wie es
an allen Straenecken angekndigt ist, auf eine Viertelstunde nher mit in
Augenschein nehmen.
    Dankmar konnte in der That nicht umhin, den verlockenden Reiz dieses bunten
nchtlichen Prospektes am noch weit entlegenen Ende der neuen Feldstrae
anzuerkennen ...
    Diese vergngungsschtige Bevlkerung! schmhte er. Sie werfen den Sommer in
den Winter und den Winter in den Sommer! Die Politik hatte alle Meinungen
gespalten und ein erfinderischer Unternehmer wei sie alle wieder um bunte
Lampen und die Polkaklnge der Blechmusik zu versammeln. Pfui! Sieh diese
kichernden Mdchen, die ihre Larven in den Hnden tragen! Wollt Ihr auch auf der
Kugel der Fortuna tanzen, Ihr Schmetterlinge! Der Tanz auf einer Kugel ist
schwer -
    Immer rund - rund - rund! antwortete ein Trupp von einem halben Dutzend
Nhterinnen, die ihre luftigen Rcke hher gebunden hatten, damit sie nicht
den Staub der Strae fegten ...
    Der Umweg zu unserer Frau Schievelbein, die seit einiger Zeit mein Schwrmen
gewohnt ist, sagte Siegbert, wird nicht zu gro sein. Sehen wir wenigstens
einmal von auen diesen Tempel der Freude an und finden wir einen Ruheplatz, so
schttest du vielleicht endlich dein Herz aus und erzhlst mir die Hohenberger
Reise!
    Die Brder lenkten seitwrts in die neue Feldgasse ein, die sich fast
unabsehbar in die Lnge zog und am uersten Ende, dicht beim Thore schon, die
besuchtesten Vergngungsrter der Stadt enthielt.
    Die Fortuna war das neueste und grte Etablissement dieser Art. Der
Schein-Besitzer desselben, ein bankrotter Kaufmann, war ein anschlgiger Kopf,
der den Charakter der genuschtigen Bevlkerung zu treffen wute und mit bunten
Straenplacaten und den wunderlichsten Namen fr seine Festivitten die
Vergngungslust immer in Athem erhielt. Seine neue Anlage, die Fortuna, war nach
englischem Muster gebaut. Hier fanden sich Grten und Sle, Galerieen, Logen,
von denen man in die Sle hinabblickte, Tunnels, Schaukeln, Carrousels,
Rutschberge, kurz eine ganze kleine Welt, die, so lange kein anderes
Etablissement dieses neue verdrngte, in der Vogue war.
    Das fr heute angesagte groe venetianische Maskenfest im Freien fand trotz
der allgemeinen Klage ber die bedrngten Zeiten und die Unsicherheit der
Zustnde den lebhaftesten Zuspruch. Eine Menge von Wagen standen vor dem
Eingang, den helle Gasflammen magisch erleuchteten. Die goldene Kugel, die auf
der Fortuna ber dem Eingange schwebte, schimmerte im blendendsten Lichte. Von
etwa aussteigenden Charaktermasken war keine Rede. Ein Jeder kam in seiner
blichen Toilette. Nur die Spekulation des Wirthes verband mit dem niedrigen
Eintrittspreise noch die Nothwendigkeit, da sich Jeder eine Maske kaufen mute.
Bis zwlf Uhr sollte Jeder maskirt sein, worauf jedoch nur an der zweiten
Einlathr festbestanden wurde. Jeder Unmaskirte mute zurck oder sich
mindestens eine Wange oder eine Nase kaufen. Der Polizei war mit dieser
Verordnung wie berhaupt mit den Fortunabllen sehr gedient. Sie lockte alle
Gauner aus ihren Spelunken. Da sie maskirt kommen durften, blieben die, die ihr
Signalement frchteten, nicht zurck. Wenn die Vergngungslust nicht schon von
selbst die Fallen aufstellte, wo die meisten Verdchtigen gefangen wurden, sie
htten mssen vom Staate im Interesse der ffentlichen Sicherheit aufgestellt
werden. Ohne die Unmoralitt soll leider die Moral nicht bestehen knnen.
    Das Gewirre der Wgen vor der Pforte, das Geschwirre der luftigen Vgel, die
unter Fortunens goldner Kugel in die bunterleuchteten Grten einzogen, das
Schreien der Jungen, die die Wgen ffneten, die schmetternden Trompeten und die
Paukenwirbel der Ballmusik, alles Das gab so sehr ein den Begriff der Nacht und
das Bedrfni nchtlicher Ruhe verscheuchendes Durcheinander, da die Brder
fast willenlos mit in die allgemeine Strmung geriethen und an der Kasse ein
Billet, in der Garderobe zwei Stirnen und Nasen mit groen schwarzen
Schnurrbrten kauften und beschlossen, sich einen stillen Gartenplatz zu suchen.
Der Frack war hier keine Nothwendigkeit und die Glacehandschuhe muten schon
der drckenden Hitze weichen.
    Ah bah! Holen wir unser Grn'sches Diner nach! sagte Dankmar heiter erregt.
Was plagen wir uns! Vive la bagatelle! Ich erzhle dir meine Hohenberger
Abenteuer.
    Siegbert dagegen fhlte sich in dem Menschenstrom beengt und lchelte etwas
zaghaft, was ihm, wie Dankmar ihm sehr glaubwrdig versicherte, unter der
gewaltigen Nase mit den schwarzen Pferdehaaren philisterhaft komisch stand.
    Eine so neue Gartenanlage konnte natrlich nur sehr drftig sein. Die Beete
boten verwelkte Blumen und zertretenes Gras. Wo die Bume htten schatten
sollen, waren leinene Zeltdcher aufgespannt. Aber die schimmernden, grnen,
rothen, gelben Ballons gaben aller Drftigkeit ein freundlicheres Ansehen. Eine
Grotte von Blumen, berieselt von einem Wasserfall und erleuchtet von einer
groen Sonne aus einigen hundert Lampen, machte in der That einen grandiosen
Effekt und verdiente das Staunen, das sich auf den Rembrandtisch erleuchteten
Gesichtern, die herumstanden, rings zu erkennen gab. Rechts und links fhrte der
Garten in dunklere Partien, die nicht minder belebt waren und wie man hrte, im
zweiten Theile des Festes ganz besonders gesucht sein sollten. Geradeaus fhrten
Stufen, die links und rechts von Candelabern erleuchtet waren, zu einem wirklich
im Lichte schwimmenden brillanten gewaltigen Tanzsaale, wo sich Hundert von
Paaren schon in wildem Galopp tummelten und die rauschendste Blechmusik
schmetternd von den Wnden widerhallte.
    Hierher also zog es Hackerten! sagte Siegbert, indem er auf den ersten Blick
gleich nach ihm suchte. Kein Wunder, da es ihm hier mehr gefllt als im
vergitterten Galeriezimmer des dritten Hofes Brandgasse Nr. 9, neben einer Stube
schnarchender Kinder und den gespenstischen Uhrschlgen, die an die
schnellverrinnende Zeit und an den Tod erinnern.
    Auch Dankmar hatte Hackerten noch nicht gesehen.
    Hier und dort fesselte ihn eine Bekanntschaft; da ein Offizier in Civil,
hier ein junger Advokat, dort sogar ein junger Gelehrter, der durch die Brille
mit zusammengekniffenen Augen lchelnd ber die wilden Massen objektiv
philosophirte. Siegbert fand einige Maler, die da behaupteten, Modelle zu
suchen. Die Mehrzahl aber gehrte der dienenden und arbeitenden Klasse an. Hier
war die Frage vom Proletariat zwar nicht gelst oder widerlegt, aber doch eine
Weile suspendirt.
    Was dein Franzose Louis Armand wol ber einen solchen Ball sagte? flsterte
Dankmar dem Bruder zu. Ich frchte, er sieht in diesen Polkas und Cotillons die
bloe Desperation der arbeitenden Klassen.
    Siegbert, statt darauf zu antworten, zeigte dem Bruder die geschmackvolle
pompejanische Malerei des Saales, die hbsche Einrichtung der Logen, durch die
man durch versteckte Hintertreppen gelangte, das wirklich Gefllige und
Kunstgerechte, das sich heutiges Tages bis in die gewhnlichsten Bauten
erstreckt und den, freilich auch bedenklichen Schnheitssinn der Massen nur
entwickeln kann.
    Die Hitze war indessen hier trotz der geffneten Thren und Fenster so
erstickend, da die Brder wieder in den Garten zurckkehrten und sich ernstlich
nach einem Pltzchen umsahen, wo sie einigermaen ungestrt sich unterhalten
konnten. Sie fanden ein solches, wenn auch ziemlich entlegen, in jenen
unheimlichen dstern Regionen, wo nur die Liebenden sich wohlbefanden. Die
Trompeten und Pauken drhnten hier nicht mehr so ohrenerschtternd herber. Es
war ein einfacher Tisch, den sie fanden, mit zwei Sthlen an einem vielleicht
erst vor einigen Monaten eingesetzten Apfelbaum, der vielleicht noch nicht zwei
Blten getragen hatte, aber ein
    Stachelbeerstrauch bot doch eine Art Rckwand und vor allen Dingen man
konnte hier sein eigenes Wort verstehen.
    Wollte Siegbert eben die Bemerkung machen, es kme ihm hier vor wie an der
Kegelbahn im Pelikan, so mute Dankmar's Zustimmung zu dieser Vergleichung um so
treffender sein, als die Brder zu ihrem grten Erstaunen in dem Kellner, den
sie anriefen, ihnen Wein und die Speisekarte zu bringen, Niemanden anders
erkannten als den leiblichen Ehegatten der Kathrine Bollweiler aus dem Pelikan,
den Angeroder Fuhrmann Peters!
    Aber Peters, ist es denn mglich, Sie hier? riefen die Brder.
    Ach, du mein Himmel! war Peters' ganze auf den Lippen ersterbende Antwort.
    Sie hier in der kurzen Kellnerjacke? Was ist Das? sagte Dankmar lachend.
    Ja! Ja! stammelte Peters. Was ist Das? So heit's immer auf die zehn Gebote.
Und die zehn Gebote hab' ich immer perfekt gekonnt; aber beim Was ist Das? Da
hab' ich immer gestockt. Ja, ja! Was ist Das?
    Peters, Sie sind melancholisch? Freuen Sie sich denn nicht, da ich da bin?
Sagte Ihnen denn Hitzreuter, der dicke Pelikanwirth, da Alles in Ordnung ist?
Wo waren Sie denn gestern?
    Gestern wo ich heute bin!
    Sie sind Kellner in der Fortuna geworden! Ist es mglich! Wie hngt Das
zusammen? Haben Sie denn den Bello noch erkannt?
    Lahm ist lahm und hier soll Einer flink sein ...
    Peters Aufwrter auf dem Fortunaball! Aber wo ist denn die Kathrine?
    Unten im Tunnel!
    Im Tunnel? Peters, ich glaube wir trumen oder den Pelikan hat man hier in
die Fortuna verlegt ...
    Der Pelikan ist ein Thier, das sich die Brust aufreit fr seine Jungen,
fiel Siegbert ein. Sie haben ja keine Kinder, Peters! Wie kommen Sie ...
    Der Pelikan vorm Tempelheider Thor hat sich auch die Brust aufgerissen, aber
fr seinen Bruder ... sagte Peters mit einer sonderbaren Melancholie.
    Aufklrung, Peters! Das ist uns zu gelehrt! Zuviel Fuhrmannslatein!
    Mein Dicker hat das Geld hergeliehen fr einen neuen dummen Streich, den
sein Bruder macht - erklrte Peters.
    Ist Hitzreuter der Bruder des Hitz - Ah! Richtig! - Sind die Hitzreuter's
Brder?
    Das sehen Sie ja! Wo soll das Geld herkommen fr die Fortuna? Der Pelikan
hat auf die goldene Kugel da vorn eine Hypothek von fnftausend Thalern.
    Und auf dieser Kugel rollte auch die Kathrine in den Tunnel und Peters -
    In die Marqueurjacke! sagte Peters tiefaufseufzend mit einem
schmerzzerrissenen Blick zum Sternenhimmel.
    Aber das scheint Ihnen nicht zu behagen, Peters? Kein Wort ber Bello?
Nichts von dem Schrein? Keine Frage nach Euren ehrlichen Zeck's? Peters, was
habt Ihr?
    Was ich habe, ist Alles eins; aber Sie haben den Schrein und dafr bin ich
auf die Knie gefallen und habe Gott und allen himmlischen Heerscharen gedankt.
    Ja, Peters, wir wissen wenigstens, wer den Schrein gefunden hat. Der
Justizrath Schlurck hat ihn gefunden und morgen am Tage wird er in unser Palais
gefahren.
    Hrt' ich Alles schon vom Hitzreuter; aber wie der Justizrath ihn hat finden
knnen -
    Ist Euch nicht klar, Peters? Auch mir noch nicht. Aber gesteht nur, eine
Achse, die Einem vor der Nase bricht und ein Rad, das Einem auf den Kopf fllt,
nimmt die Sinne - Ihr hattet sie alle fnf verloren.
    Mag wol! Ich war elend und mocht's nicht sagen. Es war meine letzte Fahrt..
Angerode seh' ich nicht wieder und Das mu ein Glck sein. Fortuna ist ja wol
die Glckshexe - was?
    Richtig verdeutscht! Nicht mehr und nicht weniger. Aber zum Glck macht man
kein so saures Gesicht wie Ihr?
    Und Siegbert, der wohl verstand, was den Armen in der Jacke drckte und dem
als Maler die Poesie des deutschen Fuhrmannslebens gegenwrtig war, setzte zu
diesen Worten Dankmar's hinzu:
    Ihr wret lieber Fuhrmann geblieben? Das seh' ich, Peters.
    Das mcht's wol sein, entgegnete Peters mit einem sichtlichen Ausdruck von
verbissenem Kummer. O die liebe Zeit! Ich schme mich! ...
    Nach einem aus tiefster Brust gezogenen Seufzer fragte er die Herren, was
sie denn nun schafften? und zog dabei mit einer Art von stiller Wehmuth
langsam und wie verstohlen den Speisezettel aus der Brusttasche.
    Dankmar fand dies Bild sehr komisch.
    Peters, begann er, wenn Sie diesen Beruf wider Ihren Willen ergriffen haben
- setzen Sie sich doch! Sagen Sie uns doch -
    Du mein Himmel, ich setzen? Wie darf ich mich unterstehen und mich hierher
setzen?
    Seit wann treiben Sie denn dies Ihren Wnschen nichtentsprechende Metier?
    Erst seit drei Tagen. Die Fuhren zwischen hier und Angerode hren auf! Die
Ausspannung im Pelikan ist nicht mehr der Rede werth; der dicke Hitzreuter hat
Das so mit seinem Bruder abgemacht und wenn ich's auch nicht wollte, die
Kathrine will's.
    Die Kathrine! Die will's? Peters, Ihr ein Fuhrmann, ein Freiherr der
Landstrae, Besitzer einer sechsstrhnigen Peitsche - und die Kathrine will's?
    Das ist wahr! Freiherr war ich! Wenn ich mit meinen Gulen auf der
Landstrae fuhr, die Drfer schon von fern mit meiner Peitsche grte, wenn der
Schmied schielend und prfend auf meine Rder sah und ich mit dem
Schellengeklingel der Pferde, die mit ihren ledernen Kummten ordentlich den Kopf
schttelten und Nichts! sagten, ich auch Nichts! sagte und Alles stolz und solid
und im besten Geschirr war -
    Bis einmal eine Achse brach und ein gewisser Schrein gestohlen wurde - fuhr
Dankmar humoristisch fort.
    Ja, Das war meine letzte Fahrt! Ich wut' es nicht, aber keine Schraube war
mehr in Ordnung: am Wagen nicht und im Kopf nicht. Ich wute nicht, was ich
hinfort nun noch im Leben soll und htt' ich ahnen knnen, da mir mein Gevatter
Hitzreuter diese Jacke anziehen wrde, wer wei -
    Aber bester Freund, sagte Dankmar, Ihr Ehrgeiz ist hchst achtungswerth,
theilt ihn denn Ihre Frau nicht?
    Meine Frau! sagte Peters ergrimmt ... Heute Vormittag wollt' ich Sie ja
einmal besuchen ...
    Schn! ergnzte Siegbert, die Schievelbein sagte mir's! Es thut uns wahrhaft
leid - Sie haben Kummer und beklagen sich ber Ihr Weib. Was ist Das?
    Was ist Das? Immer was ist Das? So heit's immer hinter den zehn Geboten!
Die konnt' ich, aber was ist Das? nicht. Ich komme noch zu Ihnen derohalben ...
fr heute, sagen Sie mir, was Sie anschaffen? Der Rindsbraten soll gut sein und
vom franzsischen Wein sind alle gangbaren Sorten da. Die Namen kann ich nicht
lesen, aber wenn Sie recht deutlich Ihre Worte sagen, behalt' ich sie schon -
    Wohlan! Eine Chateau Margeaux -
    Schatten Margo ... wiederholte Peters mit groer Unsicherheit; und
Rindsbraten - Was? Nicht wahr?
    Gut behalten ... Peters macht sich!
    Bleiben Sie aber ja hier - damit ich mich zurecht finde! Seit den drei Tagen
hier in der Fortuna wird meine Grtze im Kopf immer dnner. Das halt' Einer aus
hier in dem Sndenspektakel!
    Peters ging, schwerfllig wie seine Gule.
    Dankmar mute herzlich lachen, whrend Siegbert wahrhaftes Mitleid mit dem
armen neubackenen Kellner empfand.
    Ich htte nie gedacht, da dieser Mensch ein solcher Esel ist, sagte Dankmar
und doch bin ich nun fast gewi, da ihn die durchtriebenen Zeck's in Plessen
gefoppt haben.
    Du urtheilst zu scharf! sagte Siegbert. Solche Menschen haben nur den
Verstand, der auf ihrer gewohnten, seit Jahren gefahrenen Strae liegt. Aus
ihrem Beruf heraus, sind sie um alle Besinnung. Ich begreife dies ganze
Verhltni im Pelikan nicht.
    Es liegt auf der Hand. Dieser alte Ausspnner Hitzreuter hat Geld und gibt
seinem Bruder Luftig die Mittel zu einem Etablissement, das besuchter ist als
die Strae nach Angerode. Ich bin berzeugt, die Kathrine regiert unten den
Tunnel und die Fortuna, wie den Pelikan und benimmt sich dabei geschickter als
ihr Mann, dem die Kellnerei eine ungewohnte Sphre ist. Wenn ich die
spitzbbischen Zeck's -
    Wer sind denn die Zeck's?
    Nun so hre!
    Hier begann denn nun Dankmar endlich die Mittheilung des seinem Bruder
versprochenen Reiseberichts. Die Behaglichkeit dazu gab die frhliche Umgebung,
der milde Himmel, der Sternenschein, das Flimmern der Lampen, vor allen Dingen
aber der Rindsbraten nebst dem Schatten-Margo, den sich Peters ausdrcklich
vom Besten erbeten hatte, weshalb er auch einen halben Thaler - mehr kostete,
als die Brder ihn bestellt hatten.
    Eine weitre Anknpfung des Gesprchs mit dem stillen Dulder in der
Kellnerjacke war nicht mglich; denn schon riefen ihn andre Gste.
    Mit einem schmerzlichen Seufzer und einem traurigen Blick zum bestirnten
Himmel empor, folgte Peters den Pflichten seines neuen Berufes, whrend die
Brder durch den Wein und die trauliche Mittheilung sich jene behagliche
Stimmung nachtrglich in der Nacht schufen, die sie sich unter freilich viel
comfortableren Verhltnissen fr den Mittag vergebens getrumt hatten.
    Indem wir sie diesem Austausch uns bekannter Thatsachen berlassen, folgen
wir in dem Gewhl der Menschen, die wir gern fr unsre Charakteristik
festhielten, vorlufig nur zwei ganz bescheiden auftretenden Mnnern, die ohne
Masken in das Innere der Grten auf ihr wohlbekanntes Antlitz freien Eintritt
haben. Es sind Dies Kmmerlein und Mullrich, die beiden Diener der
Gerechtigkeit.

                                Neuntes Capitel



                                Die Signalements

Nun, Das geht ja hoch her! begann Mullrich. Um solchen Heidenspektakel mu Eins
aus seiner Nachtruhe heraus! Bekanntes Gesindel wo man hinsieht, und Alles in
Sammt und Seide! Gott ist recht langmthig geworden ...
    Kmmerlein, Mullrich's College, trug den garstigen und allgemein kenntlichen
Dreimaster der Polizeiagenten etwas ber's Ohr, denn der kleinere, spitznasige,
scharfugige Agent liebte Frhlichkeit und Weiber und Musik und verlie diese
Festlichkeiten nie, ohne sich vom Wirth und den sogenannten Observaten, den
unter Aufsicht stehenden ehemaligen Verbrechern, regaliren zu lassen.
    Mullrich, sagte er, Sie werden je lter, je gottesfrchtiger. Das macht Ihr
Reichthum ...
    Reichthum, Kmmerlein? Von meiner frheren Schlosserei, meinen Sie? Wie so?
    Wer wie Sie, zwei, drei Geschfte betreibt, der braucht sich den Kopf nicht
zu illuminiren; der ist still lustig fr sich.
    Kmmerlein, Sie sind noch jung -
    Ach, Mullrich ... Sie drckt auch nichts als blos Ihr Geldsack!
    Meine Frau hat mir erst eine lange Predigt gehalten, eh' sie mir den
Dreidecker aufsetzte - ich glaube, wenn ich hier oft in die Fortuna mte, sie
wre im Stande, meinen Abschied zu fodern ...
    Thun Sie Das, Mullrich! Machen Sie rmeren Leuten Platz!
    Was? Einen Knochen fallen lassen, den man im Munde hat, weil Einem der im
Wasser grer ducht? Nein, Kmmerlein! Die Vizewirthschaft wird doch wol am
lngsten gedauert haben.
    Wie so?
    Wissen Sie denn nicht, da die alten Huser nun all an die Regierung kommen
und diese Posten, die ein paar Groschen einbringen, verauktionirt werden,
verpachtet oder sonst etwas?
    Da bieten Sie denn selbst fr Ihren Keller! Dreihundert Thaler zum Ersten -
was?
    Dreihundert Thaler? Freund, auf die geht eine halbe Million Pfennige - Wo
denken Sie hin!
    Nun ich parire, Mullrich, da Sie monatlich ... lassen Sie 'mal rechnen ...
    Diese Ergsse einer, wie Hegel sagt, rein auf sich selbst bezogenen
Reflexion unterbrach ein Herr in eleganter feiner Kleidung mit einem groen
Schnurrbarte.
    Wir kennen ihn bereits, wrden ihn aber jetzt fr einen reichen
Rittergutsbesitzer haben halten mssen, der die Sitten der Hauptstadt studiren
wollte, wenn nicht die dicken waschledernen Handschuhe ihm doch etwas mehr
Derbes und Militrisches gegeben htten.
    Es war Dies der Oberkommissr Herr Pax.
    Bleiben Sie nicht zu lange auf einem Punkt! sagte der imposante Herr. Sehen
Sie sich um! Es sind zwar viele von dem Schutzamt hier, wie Sie beobachten
werden, aber auch die Zahl der Vigilanden ist gro. Wo man hinsieht, alte
Bekannte. Nehmen Sie Ihre Stellung in der reservirten Loge Nr. 18 und beobachten
Sie von da aus den Ballsaal ...
    Nr. 18! Schn, Herr Oberkommissr!
    Haben Sie Ihre Signalements bereits verglichen? Nr. 1 ist nur einfach zu
beobachten; Nr. 2 aber sogleich festzunehmen. Es ist Polizei genug da, um auf
den Pfiff untersttzt zu werden. Sehen Sie sich auch die Frauenzimmer recht an!
... Die Maler-Guste nirgend entdeckt?
    Nein, Herr Oberkommissr! lautete die unisone Antwort. Auch Kmmerlein wute
gleich, wer die Maler-Guste war.
    Der Oberkommissr ging, wie ein stiller Beobachter, die Arme auf den Rcken
verschrnkt, weiter. Er war trotz des lauen Abends bis zum Halse zugeknpft und
drckte den Hut bis tief ber die Stirn.
    Das ist das Beste, begann der kleine Kmmerlein, da wir auf die
Frauenzimmer sehen sollen! Es ist hbsches Volk darunter, die schiefe Male hat
doch Augen, die Einem gleich unter die Weste brennen. Guten Abend, Male!
    Die schiefe Male lachte, scho aber in Privatangelegenheiten rasch vorber
...
    Kommen Sie, Kmmerlein, und lassen Sie uns lieber hier an der Laterne einmal
die Signalements vergleichen! sagte der dienstbeflissenere Mullrich. Wie viel
haben Sie denn?
    Ein ganzes Zuchthaus voll! Meine Brieftasche ist dick wattirt damit ...
    Ich habe aber nur zwei.
    Die von heute Mittag?
    Lesen Sie mir 'mal vor! Wei der Henker, ich kann immer aus Paxens seiner
Schreiberei nicht recht klug werden ... meinte Mullrich.
    Halten Sie 'mal meinen Stock! antwortete gravittisch der mit
Schulkenntnissen begabtere Kmmerlein.
    Die beiden Polizeidiener hatten einen stillen Ort gefunden, wo sie ziemlich
unbemerkt die beiden Signalements lesen konnten, die ihnen der Oberkommissr als
sehr dringend bezeichnet hatte ...
    Ein Franzose ... begann Kmmerlein; fnf Fu, acht ... Zoll, schwarzes ...
Haar, blasse ... Gesichtsfarbe, Mund ... mittel, Augen ... braun, Nase ...
gewhnlich, trgt ... einen ... Schnurrbart, 28 ... Jahre. Spricht gutes ...
Deutsch mit ... franzsischem ...
    Kmmerlein buchstabirte das folgende Wort:
    A-c-c-e-n-t.
    Franzsischem Azent - Richtig. Deutsch mit franzsischem Azent - das heit,
man hrt's ihm nicht an, da er kein Franzose ist - Oder vielmehr ...
    Grade! Man hrt's ihm an ...
    Aha! Also man mu franzsisch ...
    Ein Bischen mu man - Knnen Sie franzsisch? Kmmerlein?
    Kmmerlein behauptete, als ehemaliger Klempnergesell in Frankreich gewandert
zu sein; er wiederholte aber, da ja der Franzose deutsch sprche ...
    Richtig, sagte Mullrich; aber ... Azent!
    Kmmerlein war etwas verlegen ber die Auskunft, die er geben sollte und las
deshalb kleinlauter im Papiere weiter:
    Hier steht's wie er heit ... Louis ... Armand ... besondere ... Bemerkung:
Man hat ihn im ... Umgange mit ... Handwerkern, besonders ... Willing'schen
Maschinenarbeitern ... aha! ... zu beobachten -
    Ah so!
    Das ist politisch!
    Franzsische Aufwiegelei! Deutsch mit 'nem Azent! Da wollen wir doch
aufpassen; denn das Politische -
    Pst! Stille! bedeutete Mullrich und sah sich rasch um ...
    Eine maskirte Gestalt huschte an den beiden Lesern vorber und warf aus
einer grnen gemalten Brille ber der gewaltigen Nase einen scharfen Blick auf
die beiden in ihren Charakterstudien vertieften Polizeiagenten, indem sie eine
Secunde etwas hustend stehen blieb ...
    Wnschen Sie etwas? fragte Kmmerlein.
    Pardon! war die Antwort und die Maske mit der grnen Brille huschte rasch
wieder in's Dunkel und verschwand mit ihrem etwas rchelnden Husten hinter den
Bschen.
    Pardon? riefen die beiden Collegen ...
    Pardon? Das war ja -
    Franzsisch -
    Mit'm Azent -
    Kommen Sie doch! sagte Kmmerlein, ich glaube, der echappirte auf den Saal
zu und berhaupt sollen wir auf Loge Nr. 18 vigiliren. Eine grne Brille? Merken
wir uns Das, Mullrich! Es war ein Franzose!
    Mullrich konnte diese Bezeichnung Nr. 18 nicht hren, ohne gleich an die
Thren seines Familienhauses zu denken und bei Nr. 18 fiel ihm Nr. 17 ein.
    Indem er sich die Mglichkeit dachte, da diese abgefeimte Nr. 17, die
Maler-Guste, doch wol nicht nach Hamburg gegangen und mit ihrer Schuld an seine
Ehegattin leicht auf dem Fortunaball auftauchen konnte, folgte er Kmmerlein,
der durch das Gedrnge dem Saale zu sich Bahn machte und von dem Anblick der
Lichter, die aus den Saalfenstern schimmerten und manche Mdchen, die ihn
lachend grten, so verblendet war, da er die Spur der grnen Brille bald aus
dem Auge verlor und Mullrichen erinnerte, da sie ja noch das zweite Signalement
zu lesen htten.
    Um auf Nr. 18 zu kommen, durfte man jedoch nicht durch den Tanzsaal, auch
nicht durch die eleganten Restaurationszimmer gehen, sondern diese kleine Loge
war eigends in dem Bauplane des Unternehmers, des Kaufmanns Hitzreuter, von der
Polizeibehrde vorgeschrieben worden. Diese kleine versteckte Loge hatte einen
eignen Aufgang vom Tunnel aus und machte eine dauernde Beziehung zwischen der
Beobachtung des Tanzsaales und der Beobachtung des Tunnels mglich. Verbotener
Eingang lautete die Aufschrift der Treppe im Tunnel, die zu dieser Loge fhrte.
Es wurde diese kleine Loge Nr. 18 in der kecken Sprache dieser zweideutigen
Sphre die Sternwarte genannt. Hier vigilirte man. Von diesem Punkte aus
sollten sich heute Mullrich und Kmmerlein eine bersicht ber den Saal
erhalten. Da sie in Amtstracht waren, so hatte der kluge Pax wol nur im Sinn,
bei den zweideutigen Besuchern des Fortunaballes die Idee zu erwecken, die
Beobachtung wre ganz allein auf die Sternwarte beschrnkt, whrend die wahren
beobachtenden Fchse gerade da schlichen und witterten, wo man sie am wenigsten
vermuthete.
    Das zweite Signalement zu lesen, war es die hchste Zeit.
    Im Tunnel wurde man zuvrderst von einem undurchdringlichen Rauche
empfangen. Hier standen drei grnbezogene Billards und einige kindische
Glcksspiele, die aber gerade um so besuchter waren, je weniger sie Nachdenken
kosteten; denn mit den groen Geistern haben es die kleinen gemein, da sie,
wenn sie spielen, nicht denken wollen.
    Hier im Tunnel wurden die feineren Observanzen der oberen Rume nicht
beobachtet. Hier sah man den eigentlichen Stamm der Besucher solcher
Festlichkeiten, leichtsinnige, meist junge Geschftsmenschen, die das Vergngen
lieben. Whrend oben die im Tanze rasten, die vielleicht erst auf dem Wege zum
Verbrechen waren, hielten sich hier unten Manche auf, die, dem Arme der
Gerechtigkeit schon einmal verfallen, sich zu bessern suchten und einmal gewhnt
an Nachtschwrmerei, hier unten einen Schein brgerlicher Soliditt fanden, in
dessen Ausstrahlungen sie den Vigilanten bessergeworden erschienen.
    Nun so rasch? rief eine Stimme vom Bffet, wo man Getrnke verabreichte, den
auf die Thr: Verbotener Eingang zuschreitenden scharfsichtigen, sphenden
Dreimastern zu.
    Sie wandten sich um und traten nher.
    Man wich ihnen aus, so besetzt auch das Bffet war. Auf dem Fortunaball fand
sich jene Demokratie nicht ein, die im ewigen Hader mit den Dienern der
Gerechtigkeit lebte. Mancher scheue, trotzige Blick begrte sie freilich auch
hier; aber Zusammenrottungen, Verhhnungen uerer Amtszeichen fanden nicht
statt, umsoweniger, als sich der Ex-Kaufmann Hitzreuter als einer jener
outrirten Royalisten gebehrdete, die bei jeder Gelegenheit sich mit ihrer
Gesinnung vordrngten und aus Dankbarkeit, da man ihm sogar von Seiten des
Hofes eine Summe fr seinen Bau geliehen hatte, in den Reubund getreten war und
mit diesen Fortunafestlichkeiten zuweilen auch patriotische Zwecke verband,
berall royalistische Embleme anbrachte, die Landesfarben und die Landeszeichen,
und in seinen Rumen auf loyale Ordnung sah.
    Ei, Frau Peters, sagte Mullrich, wie kommen Sie denn daher?
    Es war Kathrine Bollweiler aus Angerode, die Vielgewandte, die Anschlgige.
    Ja, sagte die kleine hinter dem Tische Getrnke einschenkende und Geld
einnehmende Frau, die sich mit unglaublicher Behendigkeit und Naivett in ihre
neue Position zu finden wute; so sieht man sich wieder, wenn man einmal den
Pelikan seit Jahr und Tag nicht besucht hat!
    Eben nicht sehr zarte Anmerkungen, die sich Kmmerlein ber die geheimen
Pelikanzustnde hier erlaubte und vielerlei sich daran knpfende Scherze mgen
wir um so mehr unterdrcken, als in diesem Augenblicke Peters herantrat und
wieder einen Schatten Margo verlangte -
    Oben, oben, Mnnchen, oben! rief die Frau etwas ungeduldig.
    Es ist ja fr die Thringer - die zweite Fuhre!
    Sieh! Sieh! sagte Kathrine. Meine Thringer Jungen haben Durst. Kommen sie
denn nicht einmal hier herunter?
    Statt die Antwort abzuwarten, ging Kathrine in die innern Gemcher des
Bffets, wo sie diese ausnahmsweise hier unten effectuirte Bestellung besorgte,
weil Peters die Garantie haben wollte, fr die beiden jungen Thringer auch das
Beste und Unverflschteste zu bekommen ...
    Kathrine stieg durch eine kleine Nebentreppe selbst in das obere Bffet
hinauf. Sie hatte, so zweideutig uns auch die Stellung dieser runden kleinen
Frau erscheinen mag, doch ihre Anhnglichkeit an die abenteuergesegneten beiden
Pfarrersshne von Thaldren nicht aufgegeben. Sie gehrte zu den leichten, aber
htschelnden Frauennaturen, die eigentlich etwas unendlich Wohlthuendes im
weiblichen Charakter reprsentiren, wie gering auch sonst ihr innerer
moralischer Werth erscheinen mag.
    Sie sind hier noch nicht lange Kellner? begann Kmmerlein, indem er den in
seiner Jacke jmmerlich dastehenden und auf die zweite Fuhre Schatten-Margo
harrenden Peters betrachtete.
    Wie so? fragte Peters nicht ohne Empfindlichkeit.
    Weil Sie die Weine am unrechten Fasse zapfen. Hier ist ja der Keller oben,
sagte Kmmerlein.
    Die verkehrte Welt! brummte Peters.
    Der ist kurz angebunden! wandte sich Kmmerlein zu Mullrich, der eins der
immer schon eingeschenkt dastehenden Glser Bier ergriffen hatte und es mit
raschem Zuge leerte, indem er langsam den Beutel zog und noch langsamer
aufknpfte.
    Kurze Strnge, fhrt sich besser! sagte Peters.
    Der ist grob wie ein Fuhrmann, antwortete Mullrich.
    Und Euer Geldbeutel weit wie ein Bettelsack.
    Ein Gelchter der dicht Umstehenden begleitete diesen kurzen
epigrammatischen Dialog. Kmmerlein, eben im Begriff sich in seiner Wrde zu
zeigen und von Mullrich untersttzt, der einen gewissen strategischen Bogen, den
er sehr in der Gewalt hatte, um den rebellischen Kellner zu ziehen anfing, wurde
in dem Beginn thatschlicher Feindseligkeiten von Frau Kathrine unterbrochen,
die mit dem Schatten-Margo noch zur rechten Zeit herunter kam, um eine
schwierigere Verwickelung durch ihre Holdseligkeit und politische Migung
abzubrechen.
    Eben war wenigstens der durch Kathrinen's Zuhalten seiner Brse
beschwichtigte Mullrich im Begriff, beilufig nach den beiden Thringern zu
fragen, die vorhin so theilnehmend erwhnt und hier offenbar vor allen Gsten
bevorzugt wurden, als Kmmerlein seinen Kameraden anstie und diesen
verhinderte, etwas Nheres ber jene beiden jungen Mnner zu hren (bei zwei
Thringern sollten sie ja zwischen vier und fnf eine Recherche vornehmen) ...
    Pst! Sehen Sie da! Der Franzose!
    In der That stand die grne Brille vor der kleinen Thr, die auf die
Sternwarte fhrte und schien die Inschrift zu lesen.
    Die beiden Hscher schlichen nher.
    Die grne Brille schien sich erkltet zu haben. Sie hatte einen
rheumatischen Husten. Eben wollte sie die Thr aufklinkend die kleine Treppe
besteigen, als die Hscher herantraten und Kmmerlein von der eben genommenen
Herzstrkung noch resoluter geworden die Maske, weil es in Franzsisch mit
deutschem Azent nicht recht gehen wollte, einstweilen in Deutsch mit
franzsischem Azent so anredete:
    Erlauben Sie, Musje, da steht geschrieben: hier nix Passage!
    Ah Merci! sagte die grne Brille und war mit der Gewandtheit eines Aales den
beiden verblfften Agenten pltzlich entschlpft. Nur in der Ferne noch hrte
man sie hsteln.
    Verblfft war nmlich Mullrich besonders auch darber, da Kmmerlein
franzsisch konnte und Kmmerlein wiederum seinerseits erstaunte, da sein
gewagter Versuch, diese fremde Sprache wenigstens in Anklngen zu reden, ihm
wirklich so schn gelungen war. Staunend ber diese neuen Entdeckungen, die sie
darauf sich gegenseitig machten, verloren sie zwar die Spur des pltzlich wie
verschwundenen flchtigen Fremden, aber sie sagten doch:
    Nun, den kriegen wir heute Abend schon! Auch sollen wir ihn ja nur
beobachten -
    Vigiliren! meinte Mullrich und freute sich des auch ihm gelufigen
Fremdwortes.
    Mit dem Worte Vigiliren stiegen sie auf die Sternwarte hinauf, indem
Mullrich seinen Collegen wiederholt erinnerte, sie htten nun dringend Nr. 2 zu
lesen oder wie Kmmerlein sagte, zu collationiren, was ein ihm gelufiger
Ausdruck vom Polizei-Breau war.
    Da es auf der engen Treppe sehr dunkel war, so vertrstete Kmmerlein fr
dies wissenschaftliche Geschft auf die brillante Beleuchtung von Nr. 18, in die
der ganze Lichtstrom aller Gasflammen des Saales fiel.

                                Zehntes Capitel



                                Die grne Brille

Die aalglatt entschlpfte Maske hatte inzwischen den Tunnel verlassen.
    Sie bewegte sich, dann und wann von einem eigenthmlichen asthmatischen
Husten unterbrochen, mit groer Behendigkeit, aber auch in jener unsteten
Emsigkeit, die gewissen langen Wrmern eigen ist, welche auf einer ebenen Flche
bald hier- bald dorthin schieen und sich umwenden, man wei nicht warum, und
sich alle Augenblicke zu erschrecken scheinen, man wei nicht wovor.
    Die Behauptung, da diese grne Brille deshalb, weil sie zwei franzsische
Worte: Pardon! und Merci! gesprochen, auch sogleich ein Franzose und Monsieur
Louis Armand war, kann uns nur bereilt bednken.
    Noch weniger aber schien das von den Polizeidienern verlesene Signalement zu
passen.
    Unter der groen Brille, der Nase und dem gewaltigen Schnurrbarte steckte
zwar ein glattes Antlitz, aber dem Haare unter dem feinen Kastorhute ging alle
natrliche Frische ab. Es war jedenfalls eine sehr kunstvolle Percke.
    Wir, die wir Louis Armand kennen, und bedauern mssen, da der junge
Franzose, der eben mit so liebevoller Aufopferung an dem Krankenbette seines
Freundes und Gnners, des Frsten Egon von Hohenberg, wachte, schon den
Sicherheitsbehrden wahrscheinlich als ein communistischer pariser Agent
erschien, wir wrden fr Louis Armand gutsagen, da es ihm unmglich wre, wie
diese grne Brille so unter den Schatten der Bume herumzuschieen, jede
weibliche Erscheinung mit einer Lorgnette zu fixiren und dem zwecklosesten
Flaniren sich in einer Weise zu ergeben, die uns ber Zweck und Ziel dieser
Persnlichkeit vllig im Unklaren lt.
    Besonders schienen es zwei weibliche Gestalten, denen die grne Brille eben
eine sehr aufmerksame Verfolgung zugedacht hatte.
    Es waren schlanke, gefllige Wesen, die eine sehr sorgfltige Toilette
gemacht hatten und deren Auftreten zwar von ziemlich kecken Manieren, aber auch
einer gewissen Wohlhabenheit zeugte.
    Der zudringliche Ton der lustig und zweideutig hier herumflatternden Wesen
war ihnen nicht eigen, doch forderten auch sie heraus. An Verfolgern fehlte es
umsoweniger, als ihre Art, sich aneinander zu hngen und ohne zu verweilen bald
da, bald dort zu erscheinen, auffallend genug war.
    Zum Tanze schienen sie sich erst spter entschlieen zu wollen.
    Die grne Brille hatte die Gewohnheit, jedesmal, wenn sie an diesen, durch
weie zierliche Halbmasken noch unkenntlichen Damen vorbeischo, ein Compliment
hinzuwerfen, das immer mit einem gewissen Kichern aufgenommen wurde; ja als eins
seiner rasch hinfallenden franzsischen Worte sogar einmal durch ein: Bon soir,
Monsieur! erwidert wurde, wre er ohne Zweifel in ein nheres Gesprch
verwickelt gewesen, wenn nicht zwei elegante Herren unablssig bemht gewesen
wren, ihn von den beiden Weimasken zu entfernen.
    Auch diese durch groe Schnurrbrte und Nasen unkenntlich gemachten
eleganten Herren hielten sich unter den Armen aneinander fest. Sie waren fein
gekleidet, in schwarzen Fracks mit weien Piquewesten, weien Handschuhen,
weien Halsbinden. Man mute sie fr gewandte Erscheinungen der Salonwelt
halten, htte ihre Sprechart nicht auf einen geringeren Ursprung hingewiesen.
    Wie sich die grne Brille einige mal durch diese beiden Herren gewaltsam von
den beiden Weimasken abgedrckt fhlte, schlich er diesen vorsichtig nach und
hrte auf einem Seitenwege an den Hecken hin, da die eleganten Mnner folgende
Worte in gemeinstem Dialekt wechselten:
    Sie sind's!
    Glaubst du?
    Die mit der Rose im Haar ist die ltere -
    Doch nicht die lteste -
    Bewahre! Die mittlere! Sieh! Sie sehen sich um -
    Wenn sie uns erkennen, werden sie nicht mit uns tanzen.
    Glaubst du, da sie so stolz sind?
    Um uns zu heirathen, nicht. Aber so fr einen Ball sind wir ihnen zu gering.
    Man kennt uns nicht. Wir haben die feinste Garderobe ...
    Die Ludmer hat's gleich bemerkt, da wir auf fremde Unkosten hergingen ...
Sie wollte uns nachsehen, gut, da wir ausrissen ...
    Mein Frack ist mir doch zu eng ...
    Bewahre! Nach der Mode mu er eng sein ...
    Nun dann trifft sich's gut, da der Alte so hager wie eine Spinne ist ...
    Wenn er uns hier begegnete!
    Es wre das erste mal nicht, da ich ihn in seinen eigenen Kleidern foppte!
Aber er ist zu md von seinen Strapazen.
    Vom Mbelwagen!
    Den hat die schne Hexe, die Melanie, recht bei der Nase herumgefhrt. Wie
mag der Satan Das angefangen haben, den alten langen Storch in das Nest zu
locken?
    Wo Weiber Sprenkel legen, bleiben wir Alle sitzen.
    Weit du, was ich vorhin fr eine Idee hatte?
    Wegen Punsch?
    Richtig! Das lust'ge Ding - die Jeannette -
    Von Schlurck's?
    Die ist hier -
    Wo? Wo?
    Dann sollt' es amsant werden - Wir suchen sie -
    Wo sahst du sie -?
    Wenn sie's ist - ich glaube aber mit Neumann -
    Neumann ist ihr Brutigam -
    Dem plumpen Tolpatsch wird sie hier nicht die Vorderhand geben - die
Jeannette stie und stumpfte ihn zurecht, da er einen ordentlichen Chapeau
machen sollte -
    Wenn sie's nur war -
    Ich mchte darauf schwren! Nur ein Bischen fuchswild schien sie -
    Das kann sie sein.
    Wahrhaftig! Das ist sie wieder -
    Hier schienen die beiden jungen Stutzer, deren Incognito wir sehr leicht
erkennen, da wir wissen, da wir die vortrefflichen Bedienten Franz und Ernst
aus dem Hause der Geheimrthin von Harder in der Garderobe der Excellenz vor uns
haben, zu bemerken, da die grne, von ihrem asthmatischen Husten geplagte
Brille sie belauscht hatte. Sie verschwanden in einer Gruppe von Neuankommenden
und drngten dem Saale zu, wo auch die beiden Weimasken hin verschwunden waren.
    Die grne Brille war scharfsinnig genug, zu errathen, da sie sich hier
unter dienendem Personale bewegte und schnitt unter ihrer Nase und dem
Schnurrbarte einige sardonische Gesichter.
    Dennoch mute sie gestehen, da die Weimasken etwas Grazises hatten und
eine gewisse herausfordernde Leichtfertigkeit, die ihr zu pikant erschien, um
die Verfolgung aufzugeben.
    Indem sie sich anschickte, gleichfalls dem Saale zuzuschreiten, der
eigentlich von der grnen Brille vermieden wurde, hrte sie neben sich die Worte
flstern:
    Komm! Komm! Die Weimasken sind die Wandstablers - die Lore und die Flore!
La uns fort.
    Die grne Brille wandte sich auf den Namen der Wandstablers um.
    Ihr schien dieser Name bekannt zu sein.
    Die Wandstablers? verhauchte es auf den fahlen Lippen der schleichenden
Person, als sie sich umgewandt hatte zu hren, wer ihr diese angenehme
Aufklrung gegeben hatte.
    Wie erstaunte der hustende Schleicher, als er geradezu das Eleganteste
entdeckte, was er bisher auf dem Fortunaball angetroffen hatte!
    Zwei leichte, sylphidenartige Gestalten schlpften behend, wie Elfen im
Mondschein, vor ihm her. Sie hatten die Tracht der sogenannten Fledermuse, aber
angewandt vom winterlichen Carneval auf die laue, liebliche Sommernacht.
    Die eine grere weibliche Gestalt war ganz von einem leichten Rosastoff
umwallt und hatte eine weie Kapuze auf. Die andere, ebenfalls mit einer weien
Kapuze, trug die kostbarste Umhllung von demselben leichten Stoffe in
Himmelblau.
    Die Kapuzen entstanden aus weien berwrfen, die frei und lose bis ber den
Kopf gezogen waren und nichts von ihm sehen lieen als die maskirte Vorderseite,
deren die grne Brille, so sehr sie sich mhte, nicht ansichtig werden konnte.
    Denn die beiden Damen eilten wie auf geflgelten Sohlen und schnitten
dadurch jeden Versuch der Mnnerwelt, ihnen zu folgen, ab.
    Die grne Brille hatte das Wort: Es sind die Wandstablers! nicht vergebens
gehrt. Sie mute ein zu lebhaftes Interesse an diesem Namen haben und folgte
bis in die Dunkelheit, wo ihr die Blaue und die Rothe nicht mehr sichtbar waren.
    Etwas erschpft von diesen Anstrengungen setzte sich die grne Brille
hustend auf eine zufllig unbesetzte Gartenbank, lftete auch, da es berall
dunkel war, einen Augenblick ihre Maskirung und sammelte wieder Kraft zur
Fortsetzung ihrer Anstrengungen, die aus der Absicht, sich nur zu vergngen,
nicht ganz allein hervorzugehen schienen.
    Ein leises Lftchen, das ber die Grten und Wiesen herwehte, mute dem
Erschpften wohl thun. Die rauschenden Klnge aus dem Tanzsaale tnten hierher
nur noch matt und verhallend. Man befand sich hier am uersten Gitter der
ganzen Einfassung dieser neuen Anlage. Im Sternenlicht konnte man in nchster
Nhe nur eine kleine Wiese, dann aber ein groes festungartiges Bauwesen
erblicken. Die ungeheuren in die Hhe ragenden Schornsteine lieen dort eine
groe Fabrik vermuthen.
    Es war hier in der That ganz in der Nhe die groe Willing'sche
Maschinenfabrik, an welcher, um die Glut der fen nicht fr das Tagewerk
erkalten zu lassen, auch in der Nacht aus den langen Essen heller Schein und
glhende Feuerfunken knisterten.
    Wie die grne Brille sich auf der kleinen Bank ruhte, mit der einen Hand ein
seidenes ostindisches Taschentuch nach dem Gesicht fhrte, um sich den Schwei
zu trocknen, mit der andern an der weien Farbe der frischgestrichenen Bank
fhlte, ob sie nicht etwa noch abfrbte, dann aber eine Bonbonnire hervorzog
und einige Pastillen in den Mund steckte, hrte sie hinter sich, wo sie
Niemanden vermuthete und selbst durch die Wirkung der Pastillen und den
aufhrenden Husten unsichtbar war, zwei Mnner in einem ernsten, mit der heitern
Regsamkeit des Abends in keinem Zusammenhang stehenden Tone sich unterhalten.
    Die Mnner nahmen mit ihm Rcken gegen Rcken auf einer jenseit des
trennenden Gebsches in einem andern Gange stehenden Bank Platz und lieen sich
nur dann zuweilen unterbrechen, wenn von einem Vorbergehenden eine Strung
stattfand.
    Sie sind ein Thor, sagte der Eine ziemlich rauh und hart, da Sie Ihr junges
Leben so unntz verzetteln und nicht endlich einmal Anstalt machen, fr Ihre
Zukunft einen dauernden Grund zu legen. Was soll aus Ihnen werden? Sie haben
Talent, Kenntnisse, freilich keine geregelte Erziehung, aber dazu bedrfte es
einer nur kurzen Zeit und Sie wrden Vieles nachholen, was Ihnen noch fehlt. Nur
mten Sie dies Trumen und Lungern aufgeben und etwas Solides anfangen. Es ist
die hchste Zeit oder Sie sind verloren!
    Der Andere antwortete mit einer schwcheren, aber sanften und hochklingenden
Stimme:
    Ich bin krank. Mein Leben ist verpfuscht. Noch einige Jahre und ich breche
mir einmal den Hals durch Zufall oder mit Absicht. Das wird das Ende sein ...
    Gehen Sie weg! Sie sind ein Thor! sagte der Andere. Freilich mssen Sie sich
ruiniren, wenn Sie heute einmal im Felde schlafen, morgen eine ganze Nacht so
durchrasen, wie ich Sie vorhin im Saale bemerkt habe. Sehen Sie! Wie erhitzt Sie
sind! Wie Ihre Brust keucht! Wie Ihre Hnde glhen! Sie sind auf dem besten Wege
zur Schwindsucht!
    Das ist der Tanz nicht, sagte der Andere. Das ist mein Glck, meine Freude,
die an mir zehrt.
    Haben Sie Glck, Sie Freude? Ein Mensch, der im dritten Hofe eines
erbrmlichen Hauses wohnt, drei Treppen hoch, links und rechts von Armuth und
Elend umgeben? Ich wei, da Sie nicht darben. Der Justizrath liebt Sie
vterlich, liebt Sie wie einen Sohn. Und wissen Sie, manchmal kommt es mir vor -
    Halt! Mir ist schon Vieles vorgekommen ...
    Als wre der Justizrath selbst Ihr Vater.
    Da Sie der Teufel hole! Das wre mir nicht lieb! antwortete der Andere
rasch.
    Warum nicht?
    Mein Vater? Sagen Sie Das nicht wieder!
    Was wre da? Sie sind ein Waisen-, ein Findelkind! Sie fhren den Namen
Hackert von dem Pathen, den man Ihnen im Waisenhause gab. Es war ein Kaufmann,
der dem Waisenhause gerade gegenber wohnt und nichts dagegen hatte, Ihnen
seinen Namen zu geben, weil er vom Waisenhause lebt. Durch welche Teufelei, wenn
mich doch der Teufel holen soll, kamen Sie an den Justizrath?
    Das wei ich nicht - aber mein Vater! Nein, Das wre eine weinerliche
Komdie, wie ich sie einmal fr zehn Silbergroschen im Theater sah. Gehen Sie
weg, Herr Oberkommissr! Sie haben Mue Romane zu lesen. Pfui Teufel! Kommen
Sie; Das knnte mich rasend machen! Lassen Sie mich tanzen! Hren Sie:
Polkatne! Komme doch! Komme doch, holde Schne!
    Aha! Ich merke, Sie knnen meine Vermuthung nicht ertragen, weil Sie nun
merken, warum Schlurck -
    Der Andre pfiff.
    Sie aus dem Hause geworfen hat.
    Lassen Sie mich los! Die Polka fngt an ...
    Sie tanzen nicht! Sie sollen vernnftig sein! Wissen wir nicht Alle, da Sie
mit dem schnen, kecken Mdchen, mit der Melanie ...
    Stille! Erst: Wir? Wer sind die Wir?
    Die, die scharfe Augen und nebenbei mit Schlurck, Bartusch und andern
Sttzen der Gerechtigkeit mancherlei zu thun haben. Auch Dienstmdchen plaudern
- Eben sprach ich Jeannetten -
    Sie ist hier?
    Die Schlurck's mssen toll sein. Sie werfen alle Leute zum Hause hinaus und
bilden sich ein, wenn man auf den Mund fllt, wchst er Einem zu.
    Was ist mit Jeannette -?
    Der Kutscher Neumann brachte sie her. Sie wthet. Ihr Frulein hat ihr heute
Abend vor zwei Stunden den Dienst gekndigt.
    Sie tanzt aus Zorn - ich aus Freude! Ein andermal umgekehrt. Es werden mir
noch manche folgen.
    Reden Sie vernnftig! Diese Jeannette ist bs; und wenn Sie Melanie lieben -
    Meine Schwester?
    Wirklich? Glauben Sie's nun?
    Nimmermehr!
    Oder ob nicht - Sie schweigen doch wenigstens. Obgleich Sie viel verrckte
Streiche machen, schweigen Sie doch. Ich schtze an Ihnen Ihre Diskretion und
Ihre schne Handschrift, Hackert. Jeannette wird aber nicht schweigen. Sie rast,
sie droht ... Das Frulein wre heute Abend von Harder's nach Hause gekommen,
htte getobt und gelrmt, geweint, geschrieen, die Hnde gerungen, einen Brief
geschrieben -
    An Lasally ...
    Sie scheinen das Alles zu wissen?
    Dann? Dann? Fahren Sie fort!
    Dann wre sie in's Schlafzimmer gegangen, htte sich ausgezogen, das Licht
eben auslschen wollen und mit der Lichtputze in der Hand -
    Kennen Sie keinen Geschwindmaler? Ich wnschte, man knnte das Leben
stenographiren.
    Mit der Lichtputze in der Hand ihr gesagt: Jeannette, deine Plauderei in
Hohenberg, dein Zusammenstecken mit Hackert, deine gottlose Zunge mit den
Knechten Lasally's, dein Punschtrinken mit den Bedienten der Geheimrthin, deine
angeberischen Schndlichkeiten, da ich den Prinzen Egon von Hohenberg in einem
fremden Abenteurer vermuthet htte, alles Das macht dein Ma voll. Morgen frh
will ich dich nicht mehr sehen. Damit drngte sie Jeannetten zur Thr hinaus,
riegelte zu, lschte das Licht aus ...
    Und schlft und trumt ... von ihrem Bruder? Wo ist der Geschwindmaler?
    Bester! Sie spotten doch nur! Aber Jeannette ist viel schlimmer als Sie ...
die sagt rein heraus ...
    Man schneidet ihr die Zunge aus.
    Dann spricht sie in Zeichen, die so deutlich sind, da ...
    Man sie wrgt ...
    Sie, glaub' ich, knnten schneiden und wrgen ohne Messer und Stricke, Sie
haben den Verstand dazu - deshalb komm' ich auf meine Vorschlge zurck - whlen
Sie sich einen Beruf, zu dem Sie Talent haben -
    Die Jeannette! Die verlt auch das Haus?
    Die Zeit wird immer verwickelter. Sie braucht Kpfe -
    Blst das Licht aus und schlft ...
    Sie haben das wunderbare Talent einer Handschrift, in der Ihnen der erste
Schreibmeister der Akademie nicht gleichkommt ... Schmelzing ist ein Stmper
gegen Sie ...
    Blst das Licht aus und schlft - ...
    Geben Sie mir die Hand! Schlagen Sie ein! Sie werden von Morgen an, im
Einverstndni des Polizeiprsidenten, bei mir ...
    Hackert stand wie abwesend, gab die Hand und Pax wollte eben mit seinen
Antrgen deutlicher hervortreten, als die grne Brille die Worte rufen hrte:
    Maske vor! Getanzt! Getanzt!
    Dieser Ausruf kam nicht von dem Andern, berhaupt nicht von den beiden
Sprechern, sondern aus einem dritten und weiblichen Munde.
    Die grne Brille hatte sich leise umgedreht und erblickte mit Erstaunen, da
zwischen die beiden Sprecher eben die blaue und die rothe Maske gefahren waren.
    Die Rothe hatte den wenig Widerstrebenden, der auf die Vorschlge des Andern
halb schon einging, leidenschaftlich in dem Moment des Handeinschlagens
ergriffen und ihn mit den Worten: Getanzt! Getanzt! von der Bank auf- und
fortgerissen.
    Die kleine Blaue hpfte nach. Mit einem Fluche war der Andere, der
stattliche Herr Oberkommissr, aufgestanden, whrend die drei wie flatternde
Vgel davonschwirrten ...
    Hackert, denn dieser war der so pltzlich aus den Schlingen des
Oberkommissrs Pax Entfhrte, Hackert wute nicht, wie ihm geschah ...
    Die rothe elegante Dame war ihm vllig unbekannt. Ebenso wenig wute er, wer
die an seiner linken Hand nachhpfende Blaue war.
    Rasch durchflog er die Reihe seiner Bekanntschaften. Er hatte deren hier
unendlich viele. Denn wir sagten schon, da er zu den leichtsinnigsten jungen
Mnnern gehrte und so wenig ihn sein ueres, besonders aber das rthliche Haar
empfahl, so unfhig er war, dauernde Verbindungen zu schlieen, so konnte es wol
ein Act alter Anhnglichkeit sein, da ihn hier ein schwrmender Nachtvogel
entdeckte und zur Erinnerung alter Stunden zum Tanze, in dem er ein kunstvoller
Meister war, entfhrte.
    Dennoch kam er von dieser Vermuthung bald zurck.
    Der Anzug war so neu, so elegant, der Kopfputz so geschmackvoll und nach
eigner Idee ausgefhrt, die hnlichkeit der beiden Damen so auffallend und wie
im Einverstndnis angelegt, da er hin- und herrieth, aber von seiner
Begleiterin immer auf jeden Namen nur ein Kopfschtteln erhalten konnte ...
    Es war nicht mglich so rasch in den Saal zu dringen. Er hatte Zeit ein
Gesprch anzuknpfen. Er fragte rechts die Rothe, links die Blaue. Mit
verstellten Stimmen wichen sie ihm aus und spannten seine Neugier nur immer mehr
auf die Folter.
    Endlich waren sie im Saale und die rothe Dame, die sich im blendenden Schein
des Gaslichtes nur noch anziehender ausnahm und die grte Begier erregen mute,
ihre schwarze Maske gelftet zu sehen, trat mit Hackert zum Tanze an. Aber die
blaue, die nun allein stand, blieb jetzt auch nicht ohne Tnzer. Ohne lange Wahl
war sie in die Reihen mit hineingerissen und tanzte mit einem ihr vllig
unbekannten jungen Militair, der unter seiner Uniform eine feine elegante
Piquweste trug und an dem goldenen Streifen seiner Uniform zeigte, da er schon
einen hheren Grad erreicht hatte.
    Das Gewhl war zu stark. Man konnte nur einmal herumtanzen und mute dann
eine Weile auf frische Lcken warten ...
    Hackert aber lie sich nicht hindern, im Tanzen fortzufahren, es war ein
gewandter, wilder, allgemein bewunderter Tnzer, - wobei er aber statt rther,
nur immer blsser wurde ...
    Whrend die blaue Dame so neben dem jungen Militair stand und sich gefallen
lassen mute, da sie trotz ihrer Eleganz hier von Denen zum Tanze aufgefordert
wurde, die das Lokal einmal besuchten, hrte sie hinter sich die Worte flstern:
    Quelle aimable danseuse!
    Die Wirkung dieser franzsischen Anrede auf die kleine blaue Dame war
unglaublich.
    Sie wandte sich um, sah, da die grne Brille unter dem Barte ihr zulchelte
und gerieth darber so in Verwirrung, da sie sich von dem jungen, hbschen
Soldaten losri, um Entschuldigung bat und davonstrzte ...
    Dieser glaubte, sie wre krank und wollte ihr folgen.
    Nein! Nein! antwortete sie und hielt ihn zurck.
    Fast beschmt wurde der junge Krieger, als er glaubte, er htte wol Unrecht
gethan, eine so elegante Dame aufzufordern und traurig zog er sich an die Wand
zurck, um denen Platz zu machen, die ihren Tnzern nicht nach der ersten Tour
so sprde davongingen.
    Die grne Brille irrte sich durchaus nicht, wenn sie annahm, da ihrer
franzsischen Anrede wegen die Himmelblaue aus dem Saale eilte und ihren Tnzer
stehen lie.
    Sie benutzte die Wahrnehmung und ging ihr hstelnd nach.
    Die kleine Dame sah sich ngstlich um und floh frmlich.
    Mais, ma belle - rief die grne Brille und wagte es den Arm der kleinen Dame
zu ergreifen.
    Dieser zitterte ...
    O lassen Sie mich! Ich schme mich! waren die Worte, die an das Ohr der
grnen Brille drangen und darauf hin versuchte der Asthmatische ein deutsches
Gesprch anzuknpfen, dessen gebrochene Tne auf die kleine Blaue nur noch
erschreckender wirkten.
    Sind Sie's denn? O Gott, was werden Sie von mir denken? rief sie, als sie
Beide mehr in der entlegenen Partie des Gartens waren.
    Da Sie sind ein kleiner Engel - eine von den drei Grazien, die verstehen zu
tanzen  merveille. Machen Sie doch auf Ihre Maske, kleiner Engel!
    Die Blaue schien nach diesen Worten zu begreifen, da sie sich doch wol
geirrt haben mochte und viele Menschen in Frankreich wohnen, die gerade hier in
Deutschland anwesend sein konnten, nicht blos der Eine Einzige, von dem sie sich
zu ihrem Todesschrecken angeredet glaubte ...
    Dennoch vertraute sie noch nicht ganz ihrer Tuschung, sondern sagte mit
groer Naivett:
    Es ist mir nicht im Traum eingefallen, auf diesen Ball zu gehen, aber meine
Freundin hat mich berredet und ihren Bitten konnt' ich's nicht abschlagen -
    Diese rothe Tnzerin, sagte die grne Brille, hat sehr viel Geist zu
Unternehmungen und hat mich entzckt durch ihre Hardiesse ...
    Hardiesse? fragte die Blaue. Ist Das ...
    Die grne Brille lachte ber die Verlegenheit des Kindes und sagte:
    Sie kleiner Engel haben nicht so viel von Hardiesse ...
    Der blaue Domino glaubte, die grne Brille sprche von einem Gegenstande der
Garderobe und sagte in aller Unschuld, ob Das eine Mode wre?
    Ha! Ha! Hardiesse ist eine groe Mode aller Damen, sagte der Franzose, fr
die, welche besuchen die Blle der groen Oper. Ich bewundere Ihre Costmes! Es
sind Costmes der Phantasie!
    Von Flor, berichtigte die Kleine. Es sind Ballkleider, die nicht fr uns
gemacht wurden. Wie wir sie werden bezahlen knnen, mag Gott wissen!
    Auf diese uerung hin mute die grne Brille laut lachen.
    Die Naivett dieser deutschen Grisette die sogleich eingestand, da sie
hier mit unbezahlten Kleidern auf dem Balle war, machte die grne Brille soviel
Vergngen, da sie berdreist, ja widerlich wurde und auf eine volle Brse
deutete.
    Mein kleines Herz, sagte der Fremde, komm! Wir werden uns amsiren! Wir
wollen eine kleine Loge nehmen und speisen zusammen zu Nacht. Und morgen frh
werd' ich deine Kleider bezahlen ...
    Als die Blaue diese Zumuthung hrte und nun ihren vollen Irrthum erkannte,
schien sie in eine Verzweiflung zu gerathen, die nicht knstlich war.
    Die grne Brille hielt sie aber fr knstlich, schlang den Arm um die
schlanke Hfte der gewaltsam Widerstrebenden und zerrte sie in die dunkleren
Bosketts, indem er sich beugte, um das halb weinende Mdchen zu kssen ...
    Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe! sthnte das kleine Mdchen unter den
gewaltsamen Umarmungen des schleichenden Lstlings.
    In diesem Augenblicke aber fhlte er statt eines Kusses, den er auf der
rechten Wange erwartete, auf der linken eine gewaltige Ohrfeige.
    Der rosa-rothe Domino hatte ihn in dieser vertraulichen Form ihre weien
Handschuhe fhlen lassen.
    Lachend zog die Rosarothe die bengstete kleine Blaue aus des Erschrockenen
Armen und verschwand mit ihr hinter den Hecken.
    Die grne Brille stand von dieser Strung sehr unangenehm berrascht da.
    Es entging ihr nicht, da diese Scene Zeugen gefunden hatte. Man umschlich
ihn. Er glaubte sogar jenen Oberkommissr zu erkennen, der vorhin mit Hackert
gesprochen hatte und der ihn mit sonderbarem Blinzeln betrachtete, whrend er
die rechte Hand in die Brusttasche steckte.
    Eine lustig daherkommende Gesellschaft, Arm in Arm verschrnkt, befreite die
grne Brille zu ihrem Glck von einer unangenehmen ferneren Beaufsichtigung;
denn sie mischte sich, wie zu ihnen gehrend, unter die jubelnden Snger, die
auch seinen erwachenden Husten deckten.
    Hurrah! riefen diese, ihre Hte schwenkend und zogen mit kleinen
chinesischen Traglampen unter den Bumen vorber. Unter ihnen Mdchen, leicht
und behend. Hinterher schwerer Tretende in Reitstiefeln, die entweder wirklich
ihr bliches Costme angelassen hatten oder dies nur trugen, um Das zu scheinen,
was sie vielleicht nicht waren. Dabei wurden Flaschen, Glser, Hte geschwenkt
und Lieder halb angestimmt, halb wieder mit rauhen Dissonanzen abgebrochen ...
    Oberkommissr Pax fragte eine neben ihm stehende gleichfalls sehr
zugeknpfte Person:
    Ah! guten Abend. Herr Assessor Mller ... Sehen Sie sich auch dies Treiben
an? Wer sind diese?
    Der Angeredete, der nicht blos zum Vergngen anwesend war, antwortete:
    Der sogenannte Jockeyklub!
    Aus der Schlostrae doch nicht?
    Nein, nein, die wirklichen Jockeys, die sich wie ihre Herren auch zu einem
Verein gebildet haben.
    Die wsten Bursche - Ich kannte Einige - von Lasally - nicht wahr?
    Die mit den kleinen Reitgerten. Eingebildete Schlingel, die sich in ihren
kurzen Jacken und Schnren fr schn halten! In Schnurjacken durften sie
natrlich nicht kommen: aber Sporen und Reitgerten haben sie doch an den Fen.
Zu tanzen ist ihnen mit Sporen verboten worden. Deshalb lrmen sie hier herum.
    Wer mgen nur die eleganten Herren sein, die mit den Wandstablers dort
angebunden haben?
    Kann ich nicht sagen. Sie sind schon lange mit ihnen im Gesprch ...
    Die koketten Mdchen wollen heirathen, deshalb tanzen sie nicht und binden
lieber solide Verhltnisse an ...
    Mssen sie denn aus dem Hohenberg'schen Palais? fragte der Assessor Mller,
der auf der Polizei die ersten Verhre fhrte und von Hackert, wie wir uns
entsinnen werden, auf der Landstrae in der Blouse des Prinzen Egon vermuthet
wurde.
    Wenn der Prinz wieder gesund wird, gewi; sagte Pax. Jede neue Regierung
strzt die Creaturen der alten.
    Ich habe die Wandstablers gefragt, der communistische Franzose ist wirklich
nur des Prinzen wegen von Paris gekommen ... Wenn der Prinz gesund wird, werden
wir schne Sachen erleben. Der Polizeiprsident schttelte den Kopf ber diese
Verbindung ...
    Auf Bllen und bei den Arbeitern sieht man den Franzosen noch nicht - darin
waren die pariser Berichte falsch.
    Angekndigt ist Herr Armand im Maschinenbauverein, sagte der unterrichtete
Assessor Mller. Ich glaubte, vorhin ihn sogar hier zu entdecken. Aber es ist
ein Andrer. Wer mag nur hinter der grnen Brille stecken?
    Es scheint ein Mdchenjger zu sein. Politik treibt der nicht. Auch pat das
Signalement nicht.
    Hat man von Nr. 2 noch nichts beobachtet, ein Signalement, das uns durch
gesandtschaftliche Vermittelung ber England so dringend anempfohlen wurde?
    Von der schwarzen Binde? Noch nichts ...
    Sie kommt her, - behalten Sie ja das Signalement vor Augen - Kmmerlein und
Mullrich auf der Sternwarte sollen alle Tnzer fixiren -
    Sechs und fnfzig Jahre und noch tanzen, Herr Assessor?
    Wer sich so mit Gewalt jung macht? So seine Zge versteckt? So sich an die
Weiber hngt? Friseur Schmidt behauptet, er htte einen kahlen Schdel ...
    Begierig bin ich, fr wen er beim Juwelier Israli die vielen Ketten und
Brochen gekauft hat!
    Ein Englnder ist's nicht und wenn er zehnmal Murray heit und amerikanische
Piaster ausgibt.
    Pst, Herr Assessor! treten Sie geflligst zur Seite! Es kommt da Einer! Mit
Dem hab' ich zu sprechen.
    Hackert! sagte der Assessor Mller lachend. Angeln Sie immer noch nach ihm?
Der Narr soll in Gte kommen, da man ihn nicht einmal mit Gewalt holt!
    Der Assessor entfernte sich und der Oberkommissr trat auf Hackert zu, der
in groer Aufregung suchend, umsichblickend daherkam.
    Nun, sagte Pax, wen suchen Sie denn? Ihre Rothe? Was ist denn Das fr ein
Paradiesvogel?
    Das frag' ich Sie! So bin ich nie geneckt worden! sagte Hackert athemlos.
Mitten im Tanz ist sie von mir fort: dem Soldaten, der mit der Blauen tanzte,
ging's ebenso. Der sucht die Blaue, ich die Rothe - verdammte Fledermuse!
    Schonen Sie sich, Hackert! Sie lassen einmal recht wieder die Zgel
schieen. Vor zwei Jahren waren Sie durch Ihre Tanzwuth der Schwindsucht nahe
und noch geb' ich nichts auf Ihre Brust ...
    Und doch soll ich schreiben - immer schreiben - das niedertrchtigste
Metier, das nur fr die alten Mnche einmal gepat hat, die ihren Buchen von
Herzen die Schwindsucht wnschten!
    Und manchmal schlieen Sie sich doch ab, als wollten Sie in's Kloster. Die
Welt ist Ihr Schauplatz, aber Sie hren nicht auf die Stimme Ihres wahren
Berufes.
    Ich hre schon, wenn Sie mir nur nicht wieder einen Vater geben, den ich
nicht mag -
    Und eine Schwester, die Sie heirathen wollen oder schon geheirathet -
    Pax! Ich wrge Sie ... oder ich rufe nur Ihren Namen noch einmal und alle
Observaten schlagen den Oberkommissr nach 12 Uhr selbst todt.
    Die Rothe ist Melanie, Hackert ... Das erste Mal wr' es nicht, da Sie
Frulein Schlurck tiefmaskirt auf die Blle fhrten. Nachts schlief Alles im
Hause und Melanie schlpfte mit Ihnen auf einen Tanzsaal, den das Mdchen nur
sehen wollte, nur hren wollte. Das Abenteuerliche lockte sie ... Nicht wahr?
    Hackert schwieg. Der Oberkommissr wute zuviel von seiner Jugend, als da
er htte lugnen knnen.
    Jeannette, sagte er bitter, Jeannette wird Ihrer Wibegier viel erzhlen
mssen, Herr Pax ...
    Da wurd' es freilich schon anders, als die kam, fuhr Pax fort. Das Mdchen
bekam Begriffe von Schicklichkeit und die Augen der ltern setzten Brillen auf.
Aus Liebe wurde ja wol sogar Ha? Nicht? ... Aha! Sie schweigen! Werden Sie
vernnftig! Geben Sie Das auf! Schlurck's haben Engelseelen, da sie Ihnen noch
heute wie ihrem Kinde gut sind. Aber Melanie geht hoch hinaus. Jeannette spricht
von Frsten. Warum nicht? Sie ist das schnste Mdchen in der Monarchie glaub'
ich. Aber Sie sollten Ihre Trumereien in den Schornstein hngen oder vielleicht
Etwas werden, was sie hebt vor Schlurck's, Ihnen einen Charakter gibt. Verstehen
Sie? Dann knnten Sie hintreten und sagen: Melanie, ich bin jetzt ...
    Was?
    Das findet sich! Raffen Sie sich zusammen - kommen Sie morgen mit mir zum
Polizeiprsidenten - er hat etwas fr Sie - Wollen Sie? Schlagen Sie ein!
    Eben wollte der Oberkommissr aussprechen, wodurch Hackert's Genie sich eine
Bahn brechen knnte, eben reichte dieser mechanisch und trumerisch seine Hand
hin, als sie wiederum von der jungen, rothen, eleganten Tnzerin ergriffen und
dem drngenden Werber zu seinem grten eigenen Erstaunen entfhrt wurde ...
    Der blaue Domino hing schon halb widerstrebend am Arme des jungen hbschen
Soldaten ...
    Der Oberkommissr, von der Keckheit jener Unterbrechungen jetzt selbst
unangenehm berhrt, folgte den zum Saale fliegenden beiden eleganten Tnzerinnen
nun mit beschleunigten und, wie zu irgend etwas entschlossenen Schritten.

                                 Elftes Capitel



                                Der rothe Domino

Welch' ein Gegensatz zu jenem rauschenden Gewhl der Sinnenlust, der
Vergngungswuth und des gedankenlosen bermaes der Freude die dicht daneben
befindliche groe Willing'sche Maschinenfabrik!
    Am Tage rauscht es, lrmt es und tobt es auch hier.
    Da steigen schwarze Wolken aus zehn thurmhohen Schornsteinen, die
Eisenhmmer drhnen aus den gewaltigen Werksttten, in den Glhfen siedet es,
der groe Ventilator, mit dem gegen hundert Schmiedefeuer zu immer lichterloher
Gluth geblasen werden, stt chzende, singende Tne aus und zu dieser Musik der
menschlichen Arbeit und des die Materie bewltigenden Gedankens wiehern die
Rosse, die achtspnnig die hier gebauten Locomotiven in die entferntesten
Gegenden fhren, um Kunde zu geben von der gewaltigen Thtigkeit vereinter
Menschenhnde und der gefesselten Naturkrfte.
    Aber auch ein schlafender Riese schnarcht nicht wie ein gewhnlicher Mensch.
    Die Hmmer wurden zwar jetzt um zwlf Uhr in der Nacht nicht geschwungen,
die furchtbaren Raspeln drhnten nicht markerschtternd in den Werksttten, der
helle Metallklang der hohlen Cylinder erscholl nicht dazwischen, vielleicht
wohllautend fr das abgestumpfte Ohr, und doch war der Riese in seiner gewohnten
Thtigkeit nicht ganz erstorben. Er schlummerte nur, um neue Kraft zu sammeln.
Auch im Schlummer hielt er seine starke Hand geballt und zuckte zuweilen mit den
Augenliedern, als trumt' er von neuen Heldenthaten. Sein Schnarchen war wie das
lebendige Athmen gewhnlicher Menschen.
    In den Schmelzfen ging die Gluth die ganze Nacht nicht aus. Die langen
Schornsteine durften nicht kalt werden. Die groe Dampfmaschine, die das Geblse
zu den Cupolfen der Eisengieerei trieb, ruhte nicht. In langsam feierlicher
Bewegung gingen ihre Hebel und Stempel auf- und abwrts und hielten jene
furchtbare Kraft gleichsam in gelindem Athem, die in der Frhe um sechs Uhr
wieder gewaltig ausholen und wie mit vollen Lungen vereint die Kraft von tausend
Menschen ersetzen sollte. Die Nachtarbeiter lsten sich ab. Bei den Vorrthen
der Coaks, der Steinkohlen, der Holzkohlen fanden sich Wchter ebenso wie in der
angrenzenden Gasanstalt, durch deren unterirdische Rhren die ganze Fabrik in
Winterabenden durch tausend Gasflammen erhellt war und auch im Sommer fr die
Nchte die Bewachung erleichtern muten. In den Schmelzfen und an dem Druckwerk
des groen Ventilators ... berall kauert sich ein Wchter, der gelinde und
langsam das Tagewerk vorbereitet und die gewaltigen Krfte nicht zu vlliger
Ruhe kommen lt.
    Dicht an einem riesigen Krahnen vorbei, an einem Brunnen, der aus einem
groen viereckigen Thurme, dem groen Wasserbehlter, fliet und nur ein Zeichen
der vielen Wasserarme ist, die hier unterirdisch in alle Werksttten flieen und
berall nur durch einen umgedrehten Hahn jeder einzelnen Thtigkeit dies immer
nothwendige Element zufhren, erhebt sich ein freundliches Gebude mit groen,
bis zur Erde herabgehenden Fenstern.
    Hier im Mittelpunkt des Ganzen ist das Comptoir, wo die Bestellungen
angenommen, die Bcher gefhrt, die Zahlungen geleistet werden.
    Durch die groen Glasfenster kann man von allen Seiten die gewaltige Anlage
bersehen. Hier liegen nur die Glhfen in der Nhe, nicht die Werksttten, wo
das Eisen seine tausendfachen Formen empfngt und der Lrm zu gro gewesen sein
wrde, um nicht die Arbeit der Feder, die die Arbeit der Hand und des Dampfes
hier zu controliren hatte, zu stren. Hier war der Unternehmer Willing von
Technikern und Buchfhrern umgeben und beherrschte durch eine einfache,
freundliche, besonnene, nicht im Mindesten diktatorische oder sich in die Brust
werfende und doch mchtige Persnlichkeit das groe vulkanische Reich.
    Auch in dieser Nacht, whrend in der Fortuna die Trompete schmetterte und
die Pauke ihre Wirbel schlug, war es zwar ruhig auf den vom Sternenlicht matt
erhellten groen Hfen der Fabrik, aber im Innern heute lebendiger als sonst in
der Nacht.
    In jenem Comptoir, beschienen von dem blutrothen Abglanz der
danebenstehenden in Thtigkeit erhaltenen Esse sitzt eine Anzahl Mnner in
verschiedenen Gruppen zusammen.
    Es ist ein Uhr Nachts und zwei Gasflammen brennen noch so rein und hell auf
einem grnen Tisch, da sie die Vorstellung etwaigen baldigen Erlschens nicht
erwecken.
    Einige Flaschen Wein, von denen zwei geleert, stehen auf dem Tisch, auch
Braten, auch Brot, auch feineres Gebck, als htte sich ein Leckermund hierher
verirrt.
    In einem Nebenzimmer, dem abgeschlossenen Cabinet des Herrn Willing brennt
gleichfalls eine Gasflamme ber einem groen grnbezogenen Stehpult, vor dem
eben Herr Willing selbst auf einem emporgeschraubten Drehsessel jetzt sitzt, um
sich nicht zu bermden.
    Er raucht eine Cigarre nach der andern, whrend er rechnet und von einer
Menge vor ihm ausgebreiteter Zeichnungen bald diese, bald jene genauer
betrachtet und in ihrem Kostenanschlage zu taxiren scheint.
    In dem groen Raume vorher sitzen an dem grnen Tische bei dem einfachen
Nachtimbi zwei Mnner, der Eine jnger als der Andre, und sind in einem warmen,
angeregten Gesprche begriffen.
    Auch der Jngere raucht. Der ltere aber, ein hoher stattlicher Mann, spielt
mit einem silbernen Crayon, das er aus einer neben ihm liegenden Brieftasche
gezogen zu haben scheint. Noch liegen viele Zeichnungen, auch einige englische
Bcher mit eingedruckten Kupfern neben ihm ...
    In einem Winkel liegen drei schwarzruige Feuerarbeiter auf dem Boden und
sind vom halben Schlafe befangen. In einer Stunde schon werden sie wohl
aufspringen und ihre Kameraden an dem Glhofen ablsen mssen, dessen Schein
lebhaft ihr Lager auf Matratzen erhellt und einen andern dunkeln Winkel des
groen Zimmers, wo auf einem Sopha ein Knabe eingeschlummert liegt, mit dem wie
magisch vom Hofe hereinbrechenden Lichte berglht.
    Am Eingange der groen Glasthr steht ein einspnniger ziemlich bepackter
Wagen mit aufgerichteter Gabel, ohne Pferd.
    Der jngere Mann, der eben aus der dritten Flasche einschenkt und von der
Cigarre die Asche am Stuhlrande abdrckt, blickt aus einem scharf geschnittenen,
sarkastischen, zusammengetrockneten Antlitz mit Augen, die so hell blitzen, da
es uns gar nicht wundern wrde, wenn er nach einer wie es scheint jetzt
vollbrachten spten Arbeit noch auf den Fortunaball ginge. Er strich sich sein
struppiges, etwas langes Haar und den groen, blonden Knebelbart, den er bis zu
einer solchen Lnge trug, da er ihn leicht htte in Knoten schrzen knnen. Es
war dies der Maler Max Leidenfrost.
    Sein Gegenber, der noch immer sinnend und nachdenklich seinen silbernen
Crayon wiegt und zuweilen nach dem schlummernden Knaben auf dem rotherleuchteten
Sopha blickt, ist Ackermann ... Selmar hatte in jenem Winkel dem Schlafe nicht
widerstehen knnen.
    Das hat lange gedauert! sagte Ackermann. Ich glaubte nicht, da uns die
Garret'sche Hebelsemaschine so lange aufhalten wrde.
    In die hab' ich mich leichter gefunden, sagte Leidenfrost, als in Ihren
tollen Cincinnatipflug. Mit dem mssen Sie ja in die Erde hineinschneiden wie
mit einem Rasirmesser in frische Butter ...
    Es kommt auf den Boden an, sagte Ackermann. berall wrde er nicht zu
gebrauchen sein, wie denn berhaupt die Landwirthe darin fehlen, da sie
theoretische Verbesserungen fr berall anwendbar halten. Der Cincinnatipflug
soll mir auf moorigem Grunde vortreffliche Dienste thun, whrend ich fr kalkige
Gegenden mit der Zeichnung 14 besser fortkomme.
    Darf ich Ihnen einschenken, Herr Ackermann?
    Ich danke! Wenn ich in geistiger Anregung bin, ist mir eigentlich das
Element des Wassers lieber ...
    Sie sprechen ber die Bestimmung dieser Maschinen, die Ihnen Freund Willing
liefern soll, so feierlich, da auf ihnen ein Segen ruhen mu. Gebe der Himmel,
da Sie sich nicht tuschen!
    Leidenfrost schttete ein Glas hinunter.
    Amen! sagte Ackermann.
    Mir hat es immer einen wehmthigen Eindruck gemacht, fuhr Leidenfrost fort,
wenn ich eine Maschine fertig sah und mir ihre Anwendung dachte. Sie kommt an
den Ort ihrer Bestimmung. Macht sie Menschenhnde brotlos, so wird sie
betrachtet wie ein ruchloser Eindringling. Mit tausend Flchen beladen geht sie
an ihre Thtigkeit und leider haben wir die Erfahrung gemacht, je geistvoller
sie zusammengesetzt ist, je grer die Vortheile sind, die sie zu versprechen
schien, desto mislicher die Enttuschung. Man sollte groe Werksttten, sei's
nun im Ackerbau oder in der Technologie, von Staatswegen nur deshalb anlegen,
damit auf allgemeine Kosten vorher untersucht wird, ob ein solcher theoretischer
Traum sich auch der Anwendung lohnt und bewhrt. Ich gestehe Ihnen, wenn ich mir
denke, da alles Das oder nur ein Theil von Dem, was Sie so wahrhaft neu und
erfinderisch uns heute hier angegeben haben, sich nicht nach Ihren Wnschen
machte, mir Das wahrhaft leid thun wrde. Denn Sie sehen an der spten
Nachtstunde, mit welchem Vergngen ich Ihren gedankenreichen Angaben gefolgt
bin.
    Was verlangen Sie da vom Staat! sagte Ackermann. Selbst erforschen auf eigne
Gefahr und Kosten, was Andern schdlich oder ntzlich sein knnte? O mein Gott -
    Geschieht Das nicht wenigstens in Amerika?
    Auch da nicht! Das Leben ist uns Menschen gegeben wie ein roher Block, den
wir auf eigene Gefahr zu formen und zu gestalten haben! Wer seine Wnsche
erreicht, wohl ihm! Wer an ihrer Erfllung scheitert - sein Beispiel ist
belehrend fr Den, der auf seinen Trmmern weiter baut!
    Grlich ist's doch!
    Das ist's.
    Lie' es sich bessern?
    Annhernd.
    Warum nicht ganz?
    Weil alle unsre Staaten egoistisch sind. Die eingefleischtesten Ich-Staaten
sind erst die asiatischen. Nach ihnen kommen die europischen und ich wei
nicht, ob nicht noch in Asien mehr Garantie des allgemeinen Wohles vorhanden
ist! Denn die Dynastieen morden sich da und knnen die Staaten nicht auf die
Dauer fr ihr Eigenthum in Anspruch nehmen.
    Aber Amerika?
    Da ist man wenigstens verschont von dem Glauben, da die Staaten die
Emanationen irdischer Frstenerscheinungen, die nothwendigen Existenzbedingungen
noch nothwendigerer Dynastieen sind. Aber jede Gesellschaft, wenn sie auch auf
das Interesse der allgemeinsten Wohlfahrt begrndet wre, bekommt auf die Lnge
ihre Traditionen, ihre besonderen berlieferungen, die sich festsetzen, Form und
Gestalt gewinnen und Gesetze aufstellen, die mit der Zeit mchtiger werden als
das allgemeine Bedrfni. Das schaffende Individuum vollends wird sich immer
erst seinen Weg bahnen mssen und durch seine eigenen Unglcksflle weise
werden. Ist's im Moralischen nicht auch so?
    Sie haben eine trbe Lebensauffassung! bemerkte Leidenfrost.
    Ich erheitre sie mir durch die Natur und die Arbeit ...
    Ihrem Knaben werden Sie zuviel Philosophie mit auf den Weg geben. Man liebt
als Kind die Vter sehr, die zu leiden scheinen, aber sie frdern uns nicht.
In's praktische Leben damit! Mir ist's so gegangen. Ich habe nicht gewut, was
Vater und Mutter ist. Ich bin in einem polnischen Nonnenkloster erzogen,
obgleich ich gar nicht katholisch bin. Da wurde ich anfangs wol verhtschelt und
verzrtelt. Dann gab man mich in Warschau in ein Priestercollegium, ich sollte
convertiren, Mnch werden. Ich brachte mit Nichtsthun, mit Beten, Singen, Lesen,
Schreiben, Administriren beim Hochdienst (obgleich ich evangelisch war) bis in
mein fnfzehntes Jahr zu. Da sollt' ich zu den Weihen vorbereitet werden.. es
war in Warschau.. ich entfloh, ward erst Bedienter bei einem reichen russischen
Diplomaten, einem gewissen Otto von Dystra, einem geistreichen, buckligen Mann,
der mich nur aus Lust an dem Abenteuer und um die Mnche um eine Seele zu
prellen mitnahm ... dann ...
    Otto von Dystra, sagte Ackermann ... er ist jetzt russischer Consul in
Amerika?
    Sie kennen ihn ...
    Von Washington her ...
    Nun wohl! Wir reisten damals von Warschau bei Nacht und Nebel davon. Hier
angekommen, sagte er: Mein lieber Max, hier hast du hundert Louisd'ors! Zum
Mnch bist du zu verschmitzt, zum Bedienten zu dumm, lerne etwas und tummle
dich! Als Kind schon hatt' ich Heilige geschnitzt und den Erlser aus Brotkrumen
gedreht ... ich ging also bei einem Drechsler in die Lehre. Bald macht' ich
einiges Aufsehen durch meine Bildhauerarbeiten von Holz.. ich war damals so
geschmacklos, sie zu bemalen ... Aber weil die protestantisch- und
sthetischgesinnten Leute hier sie nun nicht mehr mochten, glaubt' ich, es lge
an meiner Unkenntni der Farbe.. so wurd' ich Maler.. die Malerei hab' ich dann
mit Leidenschaft erfat ... bin aber doch Alles durcheinander und ich kann wol
mit einigem Stolz sagen ... in keinem Dinge, das ich ergreife, ein ganzer
Pfuscher. Die Erziehung soll uns das Rstzeug fr gute und schlechte Zeiten
geben. Ich besitze durch fremde Gte und Liebe einiges Vermgen ... ich lasse es
stehen, wo es steht ... ich will es erst in Anspruch nehmen, wenn diese Hnde
lahm, diese Fe mde sind.
    Ich danke Ihnen fr diese interessante Biographie! sagte Ackermann voll
Theilnahme und gab Leidenfrost die Hand. Sie meinen, da ich melancholisch bin,
weil ich so wenig Wein trinke? Darauf schenken Sie ein und stoen an. Es lebe
... das Leben!
    Das Leben! Das bunte Leben! Die Schule des Lebens! sagte Leidenfrost und
ergriff die Flasche, um Ackermann's Glas bis an den Rand zu fllen.
    Als sie angeklungen hatten, erhob sich Leidenfrost, der sehr aufgeregt war
und ging zu Willing hinein, der zu ihm, ohne aufzublicken, lachend sagte:
    Da bist du nun schn angekommen! Wrst sicher lieber auf dem Fortunaball
drben und mut hier Zeichnungen machen und meine Calcls vergleichen bis nach
Mitternacht!
    Ein wunderlicher Mensch, dieser Amerikaner, sagte Leidenfrost mit gedmpfter
Stimme; aber so seltsam wie ein Prophet. Er hat mich gefesselt und ich bleibe so
lange, bis du zusammengerechnet hast, was alle diese Angaben etwa kosten wrden.
Ich will seine Miene sehen, wenn du eine Garantie verlangst ...
    Wr' ich reich, sagte Willing und mt' ich nicht mit fremdem Gelde arbeiten
und soviel arbeiten, um nur arbeiten zu lassen, ich knnte mich entschlieen,
ihm auch auf Treu und Glauben diese Maschinen auszufhren. Der Verlust brchte
immer noch den reichen Gewinn der Belehrung fr meine Techniker. Wie er in dem
Einspnner vorfuhr und mit der ruhigen Haltung eines Ministers fragte, ob ich
Zeit htte, ihm Maschinen zu bauen, und ich Ja! sagte, Zeit genug, wenn es keine
Locomotiven und nur kleine Sachen sind! ... Wie er dann sagte: Ob ich ihm den
Abend schenken wollte, um seine Plne anzuhren und ich dann antwortete: Gern,
aber ich mu zu meinem besten Zeichner schicken -
    Leidenfrost wollte eben das ihm gespendete Lob ablehnen, als Ackermann nher
trat. Er hatte einen kurzen Gang durch das groe Zimmer gemacht, einen
theilnehmenden Blick auf seinen schlummernden Selmar geworfen und stellte sich,
die Hnde auf den Rcken gelehnt, an die Eingangsthr, die in das kleine Cabinet
des Fabrikanten fhrte.
    Es luft wol hoch hinauf? sagte er gespannt, als Leidenfrost schwieg und er
ein Gesprch nicht zu stren glaubte.
    Es ist nicht leicht, sich jeden Anschlag ganz zu vergegenwrtigen,
antwortete Willing. Wenn Sie noch eine halbe Stunde Zeit haben -
    Ich raube Ihnen die Nacht. Ich schme mich, Ihnen zudringlich zu erscheinen.
    Wenn Sie sagen, da Sie Eile haben - und noch diese Nacht reisen wollen ...
Bestellungen, die auf mehr als tausend Thaler gehen, nimmt man auch bei Nacht
an.
    Whrend Willing fortrechnete und sich Ackermann und Leidenfrost vom Cabinet
entfernten, sagte der vielseitige Maler:
    Warum eilen Sie so? Bietet Ihnen die Hauptstadt Ihres Vaterlandes, nach so
langer Trennung, nicht mehr Zerstreuung, nicht mehr Gelegenheit, das inzwischen
entstandene Neue zu besichtigen? Und wenn Sie nicht fr sich bleiben, bleiben
Sie fr Ihren Jungen da!
    Ich habe gleich bei meiner Ankunft, sagte Ackermann bewegt, einen fr mich
sehr empfindlichen Schmerz angetroffen, die Krankheit eines mir sehr theuren
Menschen, des jungen Prinzen Egon - kennen Sie ihn?
    Er ist seit kurzem von Paris angekommen.. Ich kenne ihn nicht ...
    Er liegt am Nervenfieber so heftig darnieder, fuhr Ackermann fort, da ich
die fernere Entwickelung dieses Leidens nicht abwarten mag. Seine Gter gerade
sind es, die ich in Pacht genommen habe und auf denen ich meine Erfahrungen
geltend zu machen hoffe. Nichts ist unterwhlender, als von der Pein einer
ngstlichen Spannung tglich gefoltert zu werden. Gefat auf das uerste,
unvermgend zu helfen, geh' ich. Auch wei ich nicht, ob Sie mich darin
verstehen. Wenn Jemand jahrelang von der Heimat abwesend war und er sieht sie in
der Absicht wieder, sich nicht blos der Erinnerung gefangen zu geben, sondern
auf ihrem Boden auch zu wirken und zu schaffen, so soll man der Erregung des
Gemthes keine zu lange Herrschaft einrumen. Ich brauche meine Vorstze. Sie
sind meine Sttze. Ich brauche meine Lebensauffassungen, wie ich sie mir nun
einmal gebildet habe. Sie sind meine feste Anlehnung. Soll ich nun hier all' den
Menschen begegnen, die ich von frher kenne ... ja liebe, achte ... aber ... ich
frchte, mich an sie und sie an mich zu verlieren. Such' ich den Einen, so wr'
es lieblos, nicht auch den Andern zu suchen. Tht' ich nun Das, so fnd' ich
kein Ende und von meinen ernsten Aufgaben km' ich ganz ab. Deshalb hab' ich
mich entschlossen, dies Wiedersehen und Wiederbegren, dies Erinnern und
Gedenken, auf eine Zeit aufzusparen, wo ich mich schon wieder fester in dieser
alten Welt eingewurzelt fhle. Ich will rasch, ohne Zgern, an die Aufgabe
gehen, die mir fr's Erste die wichtigste ist.Leidenfrost konnte nicht umhin,
diese Absich vollkommen zu billigen und zu erklren, da er im gleichen Falle
ganz ebenso handeln wrde.
    Sie sind also Maler, hr' ich mit Erstaunen, bemerkte Ackermann, als sie
sich wieder gesetzt hatten..
    Da Sie aber auch mehr als konom sind, glaub' ich gleichfalls errathen zu
knnen, antwortete Leidenfrost.
    Allerdings, sagte Ackermann; ich bin meines Zeichens ein Stubengelehrter,
ein gelernter Jurist, dann Philosoph, Politiker - ich habe Vieles, wie Sie,
durcheinander studirt, bis ich von allen meinen idealen Flgen auf die alte
Muttererde zurckkam. Allein zu allen Zeiten bin ich doch immer nur sozusagen
Eins gewesen. Sie arbeiten aber  deux mains..
    Doch nicht! sagte Leidenfrost. Ich war immer Knstler, wie Sie vielleicht
immer Denker. Ich habe, als ich im Kloster unter den Nonnen war, schon Huser
von Pappe gebaut, Kstchen fr die kleinen zierlichen Ostereier, die die Damen
vom Herzen Jesu mit Seide umspannen und mit Goldfden ausschmckten. Dann gab
mich btissin Sibylle, damit ich ein Pole und ein Katholik wrde, nach Warschau
in ein Mnchskloster, wo ich Musik trieb und die alten Gebetbcher abschreiben
lernte, wobei ich zuerst mein Zeichnentalent in den bunten geschnrkelten
Initialen zu erkennen gab. Bei gewissen geistlichen Passionen, die wir in der
Charwoche und zur Weihnachtszeit auffhrten, war ich Schauspieler. Die Zeit, wo
ich Dichter war, berspring' ich. Es ist die Zeit einer hoffnungslosen Liebe.
Auch meine Bedientenrolle bei Otto von Dystra war eine Kunstaufgabe. Ich wollte
nur aus Polen entfliehen, unbekannt sein und meine Verzweiflung im Elend
ersticken. Der bucklige Baron war ein Sonderling ...
    Er ist es noch ... sagte Ackermann.
    Er liebte alle mglichen Raritten, fr die er ein ungeheures Geld
verschwendete. Damals hatte er es mit der vor funfzehn Jahren etwa zum ersten
male auftauchenden Phrenologie zu thun. Wo er einen interessanten Schdel
entdeckte, htt' er am liebsten den Kopf gleich abgeschlagen und mitgenommen ...
    Wie er in Niniveh die alten Tempeltrmmer mitnahm.. ergnzte Ackermann, der
diesen berhmten Reisenden Otto von Dystra genau zu kennen schien.
    Da sich diese Scharfrichterei aber nicht gut ausfhren lie, fuhr
Leidenfrost fort, so formt' ich ihm die Kpfe rasch aus Thon. Er gab mir die
hundert Louisdors, um Bildhauer zu werden; ich war bescheiden und wurde erst
Drechsler, bis sich der ghrende, brausende Knstlerdrang nicht mehr halten lie
und ich pltzlich Bildhauer, Maler, Architekt, Mechaniker war. Die
Maschinenbaukunde vertrgt sich vollkommen mit meiner Natur, die in der Kunst
nichts Trumerisches, sondern etwas Reelles sieht ... Wir haben zu vielen Dingen
zu gleicher Zeit Talent. Der Mensch hat viel mehr, als an jeder Hand nur fnf
Finger; er sieht sie nur nicht alle.
    Das ist wahr; antwortete Ackermann sehr befriedigt von dieser Bemerkung. Es
juckt uns oft in Fingern, die wir nicht haben und wenn ich schlechte Musik
hrte, kribbelte es mir in allen Nerven, bessere zu machen, obgleich ich nur
etwas Klavier spiele und auf einer italienischen Reise Guitarre klimperte.
Jedoch die mechanische Fertigkeit der fnf Finger, das ist etwas Anderes. Das
lt sich doch nur an diesen allein ben und deshalb erstaun' ich, da Sie Maler
und zugleich Techniker sind.
    Ich besuche Sie einmal auf Ihren Drfern und wenn die Maschinen anschlagen
und es abwerfen, bau' ich Ihnen noch eine Villa nach meinem Geschmack ...
    Ich halte Sie beim Wort! sagte Ackermann erfreut. Allein Eins nimmt mich
doch Wunder. Wie machen Sie es bei solcher Vielseitigkeit mit Ihrem Horizonte?
Die Anschauung eines Kunstateliers ist doch auch fr's Leben eine andere, als
die einer Maschinenfabrik.
    Glauben Sie Das nicht! sagte Leidenfrost. Unsere Maler sind nur meist so
toll, sich einen ganz kleinen Horizont abzuzirkeln, zu dem sie aufblicken. Den
nennen sie das Ideal. Woher kme denn anders die eunuchenhafte
Erfindungslosigkeit unserer Schulen, wenn die jungen Bursche, die Leinwand
vollklexen, nicht mit Gewalt in eine kleine Treibhauswelt eingepfercht wrden,
wo sie immer vom Schnen, vom Schnen sprechen und es nur in ein paar Begriffen
finden?
    Die Bibel z.B. ist doch ein groer Begriff ... sagte Ackermann.
    O ja! die Begriffswelt dieser Maler ist sogar noch ein klein wenig grer:
denn zur Bibel kommt noch bei ihnen ein deutsches Legendenbuch, ein paar
Volksbcher, die Nibelungen, Petiskus' Mythologie - voil tout! Ist Das nun
wirklich das Leben?
    Gut, erwiderte Ackermann, sagen Sie, da dieser Horizont klein ist, aber er
ist rein, er ist edel, ungeschwrzt! Nicht die Weite der Anschauungen ist es,
die den Knstler beglckt, sondern ihre Durchsichtigkeit und Klarheit. Sind Sie
nun z.B. in dem Qualm einer Feueresse derselbe Mensch, der Sie mit der Palette
in der Hand sein sollten?
    Ich heize ja hier nicht die fen ... meinte Leidenfrost lachend.
    Sie zeichnen hier nur! Aber Sie haben mathematische Anschauungen. Geht denn
die trockene Mathematik in den Kopf eines Malers?
    Leonardo da Vinci und Albrecht Drer waren groe Mathematiker und wohl dem
Maler, dem man ansieht, da er wei, was wage- und lothrecht ist.
    Nun wohl! sagte Ackermann und bot Leidenfrost die Hand; ich streite nur, um
zu streiten. Ich fhle mich vollkommen hinein in Das, was Sie denken. Ich habe
Deutschland zu einer Zeit verlassen, wo die Romantik alle unsere Anschauungen
mit einer Art Heiligenschein umgab. England und Amerika boten mir dagegen so
viel Realismus, so viel Ernchterung, da ich manchmal den Versuch machte, in
meinen alten romantischen Verklrungsdmmer wieder zurckzukommen. Es ist aber
wahr, man kann bei gesundem Sinne nicht zu lange in ihm verweilen ...
    Indem schlug es bereits ein Uhr an einer im groen Wasserthurme angebrachten
Uhr.
    Die Thr, die vom Hofe fhrte, ffnete sich nun und drei ruige, krftige
Gestalten traten mit einem sehr frhen: Guten Morgen! herein, whrend die Drei,
die auf der Matratze geschlafen hatten, sich anschickten, statt der Angekommenen
hinauszugehen.
    Es war eine Ablsung der Wachen.
    Einen Trunk erst! rief Leidenfrost und schenkte den abgehenden Mnnern ein.
    Diese leerten Jeder ein Glas und empfahlen sich freundlich ohne Kriecherei
und unverdrossen.
    Nun Alberti, sagte Leidenfrost zu einem der Neuangekommenen, der sich eben
etwas zu ruhen ausstreckte, es macht wol verdammt hei bei den Coaks? Soll
morgen viel in die Schmelze?
    Funfzehn Centner Roheisen - antwortete der Angeredete. Aber ich wette, fuhr
er scherzend fort, drben in dem groen Saale der Fortuna haben sie's fast eben
so hei. Zwei Tausend Menschen sollen da den Spektakel heute mitmachen.
    Sind wol aus der Fabrik welche drben? fragte Leidenfrost.
    Glaub' ich doch nicht.. sagte Alberti.
    Es hat einen Grund - setzte lachend der Zweite hinzu.
    Nun, Heusrck, welchen denn? fragte Leidenfrost.
    bermorgen ist erst Zahltag!
    Deswegen nur? erwiderte Alberti. Welcher brave Maschinenarbeiter wird solche
Narrenspossen mitmachen?
    Wer Zeit hat des Abends, geht in den Verein. Die alten Tanz- und
Juchhei-Zeiten sind vorbei ...
    Das wollt' ich auch meinen ... sagte der Dritte, eine groe, wunderlich
geformte Gestalt, ganz rgerlich ber Heusrck's Annahme, da Maschinenarbeiter
auf den Fortunaball gingen. Da mgen Bediente, Pferdeknechte, Schneider,
Lohnlakaien und Stiefelputzer hingehen. Selbst die Barbiere sind aufgeklrter
und wollen sich von den Friseuren unterscheiden. Wenigstens darf mir keiner an
den Hals, der von einer durchtanzten Nacht das Zittern in der Hand hat.
    Ei, Danebrand, sagte Leidenfrost, das ist ja lblich! Glatter Bart und
moralische Grundstze! Aber wie kommt's denn, da Ihr so lange nicht im Verein
war't?
    Kann ja nicht! antwortete der seltsame Mensch, der zu gro war, um ihn nur
breitschulterig und stmmig zu nennen, aber bei seinem schlanken Wuchse doch
unverhltnimig hohe Schultern hatte. Mu ja so lange fr den Eisold
einstehen, bis sein Karl heran ist und die Stelle des Vaters einnehmen kann ...
    Braves Haus, das Ihr seid, Danebrand! fiel Leidenfrost ein und wandte sich
zu Ackermann, der zuhrte. Dieser gute Danebrand, sagte er so laut, da
Danebrand es hren konnte, ein Schleswiger, wie Sie nach seiner sanften,
fltenden Lispelsprache vernommen haben werden, dieser brave Junge mit dem
Simsonskrper und dem zarten Stimmchen, das ihm auch in seinen zu hohen
Schultern sitzen geblieben scheint, ist die Menschenliebe selbst. Er arbeitet
erstens fr sich und Das mu nicht wenig sein, wenn Sie bedenken, da Freund
Danebrand einem schleswigschen Stiere den Appetit streitig macht. Zweitens
arbeitet er noch in Gemeinschaft mit einem jungen Lehrling, Namens Eisold, so
viel, als frher zusammen der verstorbene Vater des jungen Eisold allein
arbeitete.
    Warum thut er Das? fragte Ackermann freundlich zu Danebrand hinber
blickend.
    Weil er dem jungen Eisold die Stelle des Vaters offen halten will, bis er
sie allein ausfllen kann. Arbeitete er nicht fr den todten Vater mit, so wrde
man schon jetzt die Stelle des Verstorbenen besetzen. Das wird vielleicht Eure
Schultern schmaler machen, Danebrand! Ihr werdet viel schanzen mssen.
    Alberti und Heusrck lachten. Danebrand aber streckte sich auf die Matratze
an der Erde und sagte, den riesenhaften, blondhaarigen Kopf zur Ruhe auf die
Arme legend, die, wie die ganze Gestalt mit Ru und Dampf geschwrzt waren -
auch das Gesicht lie sich vor Kohlenschwrze nicht erkennen -:
    Was wird der Herr von mir denken? Er wird mich fr einen Narren halten, wenn
Sie ihm nicht sagen, warum ich Das fr den Karl Eisold thue?
    Nun, weil er sechs Geschwister hat! antwortete Leidenfrost, der von den
Verhltnissen dieser Arbeiter wie ihr Freund unterrichtet war.
    Liebe Zeit, sagte Danebrand, es gibt der Arbeiter, die an der Cholera
gestorben sind und sieben Kinder hinterlieen, die nun betteln mssen, genug ...
    Aber es gibt gewi nur einen Danebrand! sagte Ackermann, den die
Bescheidenheit des misgestalteten Feuerarbeiters rhrte.
    O Herr, antwortete dieser mit seinem spitzen schleswigschen Stimmchen,
ablehnend, das ist ja ganz natrlich. Das war vor anderthalb Jahren, als ein
groes Dampf-Pochwerk probirt werden sollte. Die Maschine ist schon im Gange und
ich wei es nicht ... Der Dampf steigt aus dem Kessel und das Ding fngt zu
arbeiten an, ehe ich mir's versehe. Donner! ich liege unten an den Stempeln und
will sie blos nur noch blanker putzen. Jesus! schreien die Leute, Danebrand!
Schon neigt sich von oben der furchtbare Hammer von zwanzig Pferdekraft nieder -
so mu einem Menschen zu Muthe sein, ber dem ein Berg zusammenbricht - Alle
schreien und nur Einer springt hinzu und reit das Ventil auf. Zischend fhrt
der Dampf heraus wie ein Ungewitter: der Hammer bleibt an der Spitze meiner
Haare stehen und der Arbeiter, der das Ventil aufgerissen hatte, war selbst
dabei gefallen und hatte sich eine Sehne zerrissen, da er sechs Wochen nicht
gehen konnte. Das war Eisold, der vor soviel Monaten mit seiner Frau an der
Cholera gestorben ist. So arbeit' ich nun so lange fr ihn mit, bis sein Karl so
weit ist wie der Vater ...
    Gott segne Sie fr diese dankbare Aufopferung! sagte Ackermann gerhrt und
zu Leidenfrost's Freude, dem der wohlthuende Eindruck, den die Erzhlung auf den
Fremden machte, gefiel. Doch war er zu sehr Humorist, um eine Rhrung zu lange
andauern zu lassen. Er wandte die Sache gleich in's Scherzhafte und sagte:
    Wetter, wenn der Danebrand sich immer so wei waschen knnte, wie er's eben
gethan hat und sein Barbier ihn rasirte, auf dem Fortunaball liefen ihm alle
Mdchen nach. Die Wahrheit hat er erzhlt. Der Hammer war eben im Begriff, ihm
von den Schultern das groe Stck herunterzuklopfen, das er zuviel hat. Aber
geflunkert hat er doch! Was Heusrck, Alberti, hat er nicht geflunkert?
    Freilich hat er geflunkert, sagte Heusrck. Er hat was ausgelassen ...
    Was hat er denn ausgelassen? fragte Ackermann mit freundlicher Theilnahme.
    Da er seit Eisold's zerrissener Sehne in seine Tochter bis ber die Ohren
verliebt ist; ergnzte Alberti.
    Danebrand brummte etwas und warf sich auf die andere Seite.
    Ist es nicht wahr, Danebrand? rief Leidenfrost. Jetzt thut er, als wenn er
schlafen wollte. Danebrand, ein Glas Wein! Hier auf Louise Eisold! Was! Was?
Thut Ihr nicht Bescheid auf Louise Eisold?
    Indem hatte Leidenfrost eingeschenkt.
    Als Danebrand zgerte, trank Alberti das Glas.
    Als es Leidenfrost noch einmal gefllt hatte und Danebrand wieder zgerte,
trank es Heusrck ...
    Und als Danebrand auch das dritte Glas ausschlug, war Leidenfrosten fast der
Muth entsunken, ihn zu fragen, was er gegen Louise Eisold htte?
    Danebrand schien so verdrielich, so mimuthig ber diese Erinnerung, da er
aufstand und sagte, er msse drben noch etwas am Ofen nachsehen.
    Damit ging er hinaus.
    Als die Andern der gewaltigen, kolossalen Figur, die aber in den Schultern
wirklich etwas von einem Buckligen hatte und mit dem ungeheuren Kopfe tief im
Nacken sa, nachsahen, fragte Leidenfrost, was Das denn mit dem Danebrand wre.
Er fnd' ihn berhaupt seit einiger Zeit verndert. Liegt ihm sein
meerumschlungenes Vaterland am Herzen? berarbeitet er sich? Was hat er? fragte
Leidenfrost die beiden andern Arbeiter.
    Er ist unglcklich aus Liebe, sagte Heusrck lachend.
    Das ist nicht zum Lachen; bemerkte Ackermann mit freundlichem Vorwurf.
    Wie so denn aus Liebe? fragte Leidenfrost.
    Ei, erklrte Alberti, Louise Eisold ist ein feines und sehr gebildetes
Mdchen, erst neunzehn Jahr alt. Seitdem Danebrand bei den Verbnden, die sie am
Fue ihres Vaters machte, sie sah, hat er den Muth gehabt, um sie anzuhalten. Er
ist gar nicht ohne Mittel, hat wohlhabende Bauern zu Eltern und wre lngst
weiter gewandert, wenn ihn Louise nicht gefesselt htte, wie man zu sagen
pflegt. Sie gab ihm kein Versprechen, denn bei Gott, so ein braver Kerl er ist
...
    Zum Lieben ist er nicht gegossen - sagte Heusrck.
    Warum? entgegnete Ackermann. Die Liebe hat seltsame Augen und ein treues
Gemth macht Jeden schn.
    Leidenfrost blickte bei dieser Bemerkung nachdenklich nieder und seufzte ...
    Es schien auch so eine Zeit lang, fuhr Alberti fort. Sie gingen Sonntags mit
einander, wenn die Eltern dabei waren und Danebrand kann ganz charmant sein,
trotzdem, da ein tanzender Br mehr zum Lachen, als zum Lieben ist. Da starben
die Eltern. Nun glaubte Danebrand Louischen die Hand anbieten zu mssen und zu
drfen, aber sie schlug's ihm rund ab. Sie bat ihn mit Thrnen um Verzeihung,
aber es kam dann bald heraus, da ihr etwas Anderes im Herzen spukt -
    Ist Das wirklich wahr? fiel Leidenfrost ein; was man von einem Menschen
erzhlt, der bei ihr wohnt? Ich war neulich dort, um den Karl Eisold zu
sprechen, dem ich Bcher gebe, sich mehr zu bilden ...
    O Das nicht! entgegnete Alberti -
    Wohnt der Schreiber nicht etwa bei ihr? fiel Heusrck ein.
    Bei ihr? Nun ja! Er wohnt bei ihnen Allen! Sie haben zwei Zimmer vermiethet,
und den Einen, einen schlimmen Burschen wie man sagt, soll sie gern haben und da
hat uns noch neulich Einer, der in demselben Hause wohnt, erzhlt, da es ihr
mit dem so geht wie dem Danebrand mit ihr.
    Er mag sie nicht? fragte Leidenfrost auf Alberti's freundliche
Vertheidigung.
    Whrend sich Heusrck eben anschickte, das Verhltni noch anders zu
erzhlen, bemerkte Alberti und Leidenfrost, da Ackermann sich pltzlich
umgewandt hatte und in einiger Unruhe schien. Er sah bald auf den Tisch, bald
unter den Stuhl, wo er gesessen; er schlug an seine Taschen und schien etwas zu
vermissen.
    Leidenfrost trat nher.
    Suchen Sie etwas? fragte er.
    Mein Portefeuille! antwortete Ackermann. Noch vor wenig Minuten sah ich es
auf dem Tische -
    Als ich einschenkte, fehlte es nicht -
    Es mu sich finden -
    Mein Himmel; es wird kostbare Papiere enthalten?
    Geld, und manches Werthvolle ...
    Es fehlt seit - Danebrand?
    Eben wollten die Arbeiter, erschrocken ber diesen entsetzlichen Verdacht,
aufspringen, als aus der dunklen Ecke, wo Selmar schlief, eine zarte Stimme
rief:
    Vater! Hier!
    Es war Selmar selbst, der die Brieftasche emporhielt.
    Kind, sagte Ackermann, was machst du fr Streiche.
    
    Ei, warum gebt Ihr nicht Acht? antwortete Selmar und sprang vom Sopha auf.
Whrend Ihr da im wrmsten Gesprch waret, hab' ich getrumt, die Locke wre
fort und in meiner Angst steh' ich auf, ihr seht und hrt nichts, und habe
nachgeschaut, ob die Locke noch da ist.
    Indem trat Danebrand ein.
    Ruhig und still ging er zu seinen Kameraden und legte sich auf das harte
Lager.
    Es lag eine gewisse Feierlichkeit in diesem Momente der Rechtfertigung eines
edlen Menschen ... der erste Verdacht war gleich gegen ihn gerichtet gewesen, er
stand in der Mglichkeit eines schlimmen Unternehmens da und wie er nach dem
sofort entdeckten Irrthume ruhig durch die Glasthr trat, lag auf ihm, trotz
seines schmuzigen Aussehens und seiner misgeformten Gestalt, fast der Schimmer
einer Verklrung.
    Die beiden Arbeiter fhlten Dies auch mit wahrem Stolz und Ackermann und
Leidenfrost mit Beschmung.
    Das Gesprch ber Louise Eisold war ohnedies abgebrochen und Ackermann
begann gegen Selmar einige ernstliche Verweise auszusprechen.
    Vater, vertheidigte sich dieser, ich wei ja kaum wie mir Das geschah! Ich
lag und trumte von unserer Locke. Bald war sie eine Schlange geworden mit einer
funkelnden Krone auf dem Haupte. Bald sah ich ein anderes Ungethm, das Hrchen
fr Hrchen an der schnen Ringellocke zerzauste. In der Angst um unser liebes
Angedenken an den armen leidenden Freund wacht' ich auf, tastete noch wie halb
trumend nach den Lichtern hin, trug die Brieftasche fort, wie in der Furcht,
die Locke knnte uns doch noch gestohlen werden!
    Und wahrscheinlich einige Tausend Bankzettel dazu, sagte Leidenfrost
scherzend, um wieder die frhere Heiterkeit herzustellen und des Vaters
pltzlichen dstern Ernst zu mildern. Aber in der That, hier hat man nur etwa
die Metallgeister zu frchten, nicht die Diebe. Unsere Willing'schen Arbeiter
sind die gediegensten von der Welt und sind nicht nur ehrlich aus Instinkt,
sondern auch ehrlich mit Bewutsein, was ich hher stelle. Der politische
Miscredit, in dem sie stehen, zwingt sie dazu, ber ihre Tugenden nachzudenken.
    Ackermann war von der Erwhnung der Locke mehr verstimmt als erfreut. Sie
erinnerte ihn ja an den vermeintlichen Egon, an dessen Leiden er ein so tiefes
Interesse nahm. Er hatte das Portefeuille eingesteckt und sah ungeduldig zu
Willing hinber, der noch immer mit dem Anschlag nicht fertig war. Selmar aber
schien bermig ermdet. Er schmiegte sich an den Vater so innig an, als wollte
er in seinem Arme schlummern.
    Eine Studie fr mich! rief Leidenfrost. Lear trgt Cordelien im Arm! Das
mcht' ich zeichnen! Halt! Halt!
    Damit wollte er ein Blatt aus seiner Mappe nehmen.
    Erschein' ich Ihnen so alt? fragte Ackermann mit freundlichem Scherz.
    Die langen im Winde flatternden weien Locken denk' ich mir hinzu - Selmar
ist Cordelia - dazu bedarf es nur eines andern Costmes - aber der Ausdruck
Ihres Antlitzes, Ihr Auge - man mchte glauben ... Aber was habt Ihr? Herr, das
Kind schlft ja nur, ist ja nicht todt - lassen Sie's doch gut sein, ich zeichne
Sie nicht ... Herr Ackermann!
    Der Amerikaner hatte wirklich mit einem Ausdruck dagestanden, wie Lear,
indem er von seinem todten Vgelchen spricht und die Menschen auffodert, mit
ihm zu weinen ...
    Nehmen Sie wie Knig Lear eine leichte Flocke, sagte Leidenfrost scherzend,
einen Federflaum und halten Sie ihn unter dem Athem des Kindes - es schlft ja
nur, Bester!
    Ackermann setzte sich erschpft und sprach mit leiser Stimme:
    Schon die Vorstellung, ein theures Kind zu verlieren, kann so berwltigen.
    Selmar aber, im Halbschlafe Leidenfrost's Anspielung auf die Federflocke,
wie sie Lear bei Cordelien anwendet, misverstehend, fuhr empor und fragte:
    Du hast sie doch? Hast du sie?
    Kind! Kind! beruhige dich - und mich! sagte Ackermann, Selmar damit zum
Schweigen verweisend.
    Leidenfrost aber meinte, ob es unbescheiden wre, nach dieser theuren so
ngstlich bewachten Locke zu fragen?
    O, sagte Ackermann mit einer Art Selbstbekmpfung, weniger die Locke hat fr
uns Werth, als die sonderbare Art, wie ich zu ihr kam. Vor einigen Tagen kehrt'
ich unterwegs in einem Wirthshause ein, wo mir die Leute mit sonderbarer Angst
von einem jungen Manne sprachen, der sich auf der Reise zu uns gesellt hatte.
Der Nachtwandler! riefen sie so deutlich, da ich ihr Grauen bemerken mute. Bei
genauerer Erkundigung hrt' ich, da der junge Mensch, der sich uns zutraulich
und doch scheu angeschlossen hatte, an dieser traurigen Krankheit leide. Es lie
uns die ganze Nacht keine Ruhe. Als ich gegen Mitternacht Gerusch zu hren
glaubte, stand ich, halb angekleidet, auf und finde eine sonderbare Scene. Ein
junges, wunderschnes Mdchen zeigt bald entsetzt auf den in der Ferne stehenden
Nachtwandler, den die helle Mondnacht hinausgelockt hatte. Sie lt ein Bild aus
der Hand fallen, zeigt stumm und starr auf eine Thr und verschwindet voll
Entsetzen. Ich hebe das Bild auf und gehe auf den Nachtwandler zu, der aber bei
voller Besinnung war, mich anlachte, mir die Besorgung des Bildes empfahl und
mit einem sonderbaren Ausdruck Gute Nacht wnschend, in sein Zimmer mehr entfloh
als mit gutem Gewissen ging. Ich glaubte mich nicht zu tuschen, wenn ich
annahm, da ich hier einen sehr zweideutigen Menschen kennen gelernt hatte, der
sich das Ansehen eines Nachtwandlers gab und vielleicht nur damit einen Vorwand
fr manchen schlimmen Zweck herauszukehren wute. Als er spter bis hierher mit
uns fuhr, war mein Vertrauen vollends gewichen und froh war ich, als wir von
seiner peinlichen Gegenwart befreit waren.
    Und die Locke? fragte Leidenfrost. Ich htte gewnscht, jener Nachtwandler
htte Sie nicht getuscht. Ich htte gewnscht, er wre wirklich somnambl
gewesen. Ich glaube an elektrische Leiter. Von wem nahmen Sie die Locke?
    Vom Haupte eines jungen Mannes, der in dem Zimmer schlief, wo ich im Auftrag
der erschrockenen Dame das Bild abgab. Es sollte ... Aber, wie sagen Sie, ein
elektrischer Leiter?
    Sie mssen nun schon Alles berichten. Ich will sehen, ob hier eine
magnetische Strmung stattfand ...
    Der Lockenraub sollte ... eine Strafe sein fr Menschen, die schlafen, ohne
ihre Thr zu verschlieen.
    Schade! Schade! Nur eine Strafe? Und da jener Mensch nicht wirklich
nachtwandelte!
    Erklren Sie sich deutlicher! Warum wirklich? Warum nicht Strafe?
    Denken Sie sich diesen elektrischen Strom! sagte Leidenfrost. Nacht ...
Mondenschein ... eine erschreckte junge Dame ... also Schrecken ... ein Sie
berraschender Auftrag ... also wieder Schrecken ... ein Nachtwandler ... das
Ihnen fremde Zimmer ... der Schlafende ... die Locke! Wenn das Alles so
zugetroffen htte, mte die Locke mit Ihnen in einem Rapporte stehen, da
diesem Menschen, dem die Locke gehrt, jeder Ku auf sie angenehme Gefhle
erweckte und wre er hundert Meilen weit von Ihnen entfernt.
    Selmar wurde blutroth vor Erstaunen ber diese Auseinandersetzung, die der
Vater mit einem lchelnden:
    Glauben Sie an so etwas? aufnahm.
    Schade! Schade! wiederholte aber Leidenfrost, da dieser Mensch ein
Spitzbube war! Zweifel, Lge, Unglaube, Strafe strt die Kette! Die Berechnungen
des Verstandes drfen den Strom der Gefhle nicht aufhalten.
    Nun, lenkte Ackermann mit ernster Miene ein, dann knnte ja noch der Fall
eintreten, da mich vielleicht das Bild selbst furchtbar berraschte -
    Auch Das noch? sagte Leidenfrost. Kannten Sie es?
    Ich erkannte es. Ich war auf den Tod erschttert ... Und nicht von Ahnung;
nein, es war Gewiheit. Was ich in dem elektrischen Zuge durch die Enttuschung
ber den Nachtwandler an Kraft verlor, die Verstandesreflexion, die meine
Nervenstrmung aufhielt und dmpfte, wurde hundertfach ersetzt durch das Staunen
ber jenes Bild;
    mein ganzer Mensch war ergriffen und so schnitt ich die Locke zur Erinnerung
-
    Zur Erinnerung? Sie sagten vorhin ... Zur Strafe fr den unvorsichtigen
Schlfer; Strafe ist Verstandesreflexion, Erinnerung wre besser. Erinnerung ist
Gefhl. Alles gut, Alles gut; aber in die Kette der berraschungen kam im
Momente des Zweifels eine Verstandesthtigkeit, die die glhende Nervenstrmung
aus den vier lebenden Wesen erkltete -
    Der falsche Nachtwandler also?
    Schade! schade, da der Nachtwandler ein Betrger war!
    Es war kein Betrger! rief in diesem Augenblick eine entfernte Stimme.
    Ackermann und Leidenfrost sahen sich um, whrend Selmar, die Brieftasche an
die Brust und die Herzgrube drckend, wirklich wie im magnetischen Schlafe zu
liegen schien.
    Der Sprecher war Danebrand, der sich aufgerichtet und zugehrt hatte.
    Wenn Das auf dem Heidekrug war - sagte er fragend.
    Ja! antwortete Ackermann. Es war auf dem Heidekrug.
    Wenn der Nachtwandler Hackert hie -
    Er hie Hackert. Sehr richtig!
    So war's ein echter Nachtwandler. Er kann aufgewacht sein, als Sie kamen.
Aber es ist ein rechter Nachtwandler ... Das mcht' ich nun wol von Ihnen hren,
ob das Nachtwandeln vom Himmel oder von der Hlle kommt?
    Whrend noch Ackermann betroffen von dieser Unterbrechung schwieg, sagte
Leidenfrost:
    Das sollt Ihr gleich hren, Danebrand! Die Nachtwandler treibt der Teufel
aus dem Bett und jagt sie auf die Dcher, aber ein Engel vom Himmel kommt und
fhrt sie so, da sie sich kein Haar krmmen. Es mssen denn Menschen so weise
sein wollen und den Namen rufen ...
    Eben wollte Danebrand aufstehen, nher kommen und sich vollstndiger ber
die gespenstige Natur seines glcklicheren Nebenbuhlers unterrichten lassen, als
aus seinem Cabinet Willing hereintrat.
    Da ist mein berschlag, sagte der Fabrikherr auf die in seiner Hand
befindlichen Papiere zeigend; so gut sich dergleichen im voraus bestimmen lt,
glaub' ich etwa fnftausend Thaler als die Summe bezeichnen zu mssen, die alle
diese Gerthschaften kosten wrden.
    Ackermann wurde jetzt Geschftsmann. Er verglich die einzelnen Anstze, fand
sie billig und erbot sich zu einer Anzahlung.
    Als Willing bedauerte, diese annehmen zu mssen und Ackermann seinerseits
als feste Ablieferungszeit den ersten Januar bedingte, kamen sie zu einer
Vorausbezahlung von fnfzehnhundert Thalern berein.
    Ackermann nahm Selmarn das Portefeuille aus der Hand, ffnete es und legte
diese Summe in Papieren auf den Tisch.
    Whrend darber die Empfangscheine ausgefertigt und berhaupt Geschfte
verhandelt wurden, zog sich Danebrand auf sein Lager zurck, nicht wenig
aufgeregt von den Worten, die Leidenfrost ber die Nachtwandler gesprochen
hatte.
    Selmar hielt sich jetzt mit Entschlossenheit wach.
    Der zarte Knabe fhlte, da er nun seinem Geschlechte Ehre machen, an den
Wagen, an das Pferd denken mte.
    Leidenfrost veranlate Alberti nach dem Pferde zu sehen, das im groen
Stalle der Fabrik so lange untergebracht war.
    Alberti unterzog sich diesem Auftrage mit Freuden.
    Whrend dieser Zurstungen und nach abgeschlossenem Vertrage trat Willing
mit Ackermann aus dem kleinen Cabinet heraus und wiederholte dasselbe Befremden,
das vorher Leidenfrost ber diese auerordentliche Beschleunigung des viel zu
kurzen Aufenthaltes in der Residenz ausgesprochen hatte.
    Ackermann wiederholte dieselben Entschuldigungsgrnde, indem er noch
hinzusetzte:
    Ich hoffe nach einem Jahre alle die Lebenden lebend zu finden, auf die ich
mich freue; hab' ich doch heute sogar einen wirklichen Todten hier lebend zu
finden geglaubt. Nicht wahr, Selmar?
    Morton meinst du? sagte der Knabe und nannte einen Namen, den wir schon
einmal in Plessen an der Zeck'schen Schmiede von ihm gehrt haben.
    Ja, denken Sie sich, fuhr Ackermann, der sich zur Abreise rstete, fort. Ich
nehme in New-York von einem Deutschen Abschied, der sich in Amerika Morton
nannte. Ich hatte ihn dann und wann in der Union gesehen und als Sonderling
schtzen gelernt, obgleich er ein wunderlicher und abstoender Mensch war. Noch
whrend ich in New-York bin und mich zur Abreise rste, erfahre ich, da er sich
in einem Anfall von Melancholie, an der er schon immer litt, das Leben nahm. Man
fand seine Kleider am Hudson, seine Leiche war ohne Zweifel in's Meer
geschwommen. Da er sich das Leben nehmen wollte, war aus einem Testamente
ersichtlich, das sich fr mich vorfand und worin er mir auftrgt, seinen
Verwandten in Deutschland einige nicht ganz unansehnliche Summen auszuzahlen und
seinen jammervollen Tod nicht zu verschweigen, er knnte ihnen als Lehre dienen
...
    Das nenn' ich Spleen! sagte Willing, seine Papiere zusammenpackend und
verschlieend.
    Aber sind wir nicht zu Tod erschrocken, als wir ihn heute auf der Strae zu
sehen glaubten?
    Er war es nicht, Vater, sagte Selmar. Die groe, schwarze Binde am Auge -
    Kind, die knnte sehr leicht eine sptere Zugabe sein ... doch glaub' ich
wol, da der alte Grmling im khlen Meeresgrunde schlummert. Aber ich sage
drum, hier wrd' ich jetzt mit Todten und Lebendigen zu thun haben und das spar'
ich mir auf, bis ich einmal Zeit habe zu einer vollstndigen Musterung.
    Eine groe, schwarze Binde? sagte Leidenfrost. Das ist doch nicht ein
Englnder, der - wie nannten Sie ihn?
    Morton.
    Nein, Murray, besinn' ich mich, hie der Alte, von dem mir Reichmeyer
erzhlt. Heut' Nachmittag um sechs Uhr etwa war ein alter hinflliger Englnder
mit einem bekannten, zweideutigen Frauenzimmer zu ihm gekommen und htte
verlangt, er sollte ihm diese anstige Dame ....
    Leidenfrost stockte, weil er nach Selmar sich umsah.
    Dieser aber hatte die Thr geffnet, da der volle Strom der rauschenden
Musikklnge von dem Fortunaball hereindrang.
    Nicht aber diese Musik beschftigte ihn so sehr, an die er in London sich
gewhnt hatte, als das Einspannen des Pferdes, das Alberti aus dem Stalle
brachte.
    Leidenfrost fuhr also unbekmmert fort:
    Dieser Murray hatte eine groe, schwarze Binde ber dem einen Auge -
    Und? fragte Ackermann gespannt.
    Verlangte, Reichmeyer, der ein rascher Portraitmaler ist, sollte ihm morgen
in einer einzigen Sitzung, diese mit Gold und Juwelen behangene, groe, schne,
aber sehr bekannte Person als Brustbild malen. Als Reichmeyer erklrte, Das
knnte er nicht, htt' er ihm sechszig Guineen geboten .... und Reichmeyer will
nun doch wirklich daran. Er ist ein Luca fa presto.
    Da bin ich ber die Auferstehung meines Todten beruhigt, sagte Ackermann.
Dieser Murray mit der schwarzen Binde ist mein alter geiziger Morton nicht. Der
Arme liegt im feuchten Meeresschoo! Wer wei, welche Mhlsteine ihn
niederzogen!
    Eben schttelten Willing und Ackermann sich zum Abschied die Hnde, eben
griff Leidenfrost nach seinem grauen Hut, um auf dem Wgelchen mit in die Stadt
zurckzufahren, eben erhoben sich die Arbeiter, um ihre schwarzen Hnde
darzureichen und Selmar hatte schon die Peitsche ergriffen, die auf das halbe
Stndchen der Rckfahrt Leidenfrost fhren wollte, als vom Hofe her ein
gellender Schrei: Hlfe! Hlfe! ertnte.
    Alles sprang erschrocken an die Thr.
    Im Sternenlicht sah man eine helle Erscheinung ber die von Kohlenschutt
geschwrzten Hfe daher fliegen.
    Dem Lichte, das aus den Gasflammen durch die Fenster des Comtoirs auf die
nchste Umgebung fiel, nher kommend, entwickelte sich die Hlferufende als ein
Weib, das in flatternden Ballkleidern und fast aufgelstem wirren Haare Rettung
vor einer Gefahr suchte, die Niemand erblickte.
    Die Klnge der Musik auf dem Ball schwiegen gerade. Von dorther mute die
Schreiende kommen. Wie sie Menschen sah, strzte sie auf sie zu und wiederholte
den Ruf:
    Hlfe! Hlfe!
    Alberti stand, mit dem Pferde beschftigt, am nchsten und glaubte sie zu
erkennen.
    Danebrand! rief er.
    Ist Danebrand da? Gott sei gelobt, chzte die Hlfesuchende und flog in die
geffnete Thr.
    Ein junges Mdchen im sonderbarsten Aufzuge stand vor den Mnnern. ber den
armseligsten Anzug, ein nicht gerade verwildertes, aber doch dem uern nicht
entsprechendes Haar, waren ein glnzendes rothes Ballkleid und eine Florkapuze
von gleicher Farbe geworfen. Eine schwarze Maske hielt sie in der linken, in der
rechten Hand die Florbehnge, die ihr wild vom Kopfe geglitten waren.
    Louise Eisold! sagte Danebrand mit erstarrten Lippen.
    Dann sich ihr nher wendend, flsterte er mit heftigstem Schreck:
    Was wollen Sie?
    Danebrand! Ich beschwre Sie um Gottes Willen! Sie schlagen ihn heute todt!
Kommen Sie! rief das Mdchen, das jetzt auch Willing erkannte.
    Louise Eisold! rief der Fabrikherr mit Entrstung.
    Ist Das Ihre Armuth, da Sie den Fortunaball besuchen? Schmen Sie sich!
    Verurtheilen Sie mich, Herr Willing! rief das Mdchen, verachten Sie mich,
nur Hlfe! Hlfe, Danebrand! Hackert's Leben ist in Gefahr. Ich habe Alles
gehrt. Lasally's Knechte, den Neumann vom Justizrath Schlurck und eine Horde
andrer Bsewichter hat diese teuflische Jeannette aufgehetzt. Hackerten soll sie
verdanken, da sie heute um den Dienst beim Justizrath gekommen ist und Neumann
wollte sie heirathen, wenn sie bliebe - was wei' ich! Gott, was wei ich! Aber
den Unglcklichen - sie schlagen ihn todt. Herr Willing, es ist Alles abgemacht
... Danebrand! Eine von den Wandstablers soll ihn in den dunkeln Garten locken!
Jesus! Danebrand! Alberti - Sie Herr Heusrck - helfen Sie!
    Der Fabrikherr war im grten Zorn.
    Welche Zumuthung, elende Dirne! rief er. Dieser brave Danebrand arbeitet fr
dich und deine Geschwister! Und du schndest das Andenken deiner ltern, auf
diesen Ball zu gehen? Und fr wen soll Danebrand sein Leben einsetzen, fr den
Burschen, den du seiner treuen Liebe vorziehst? Weit du, wem sein Leben gehrt?
Dem Schwur, den er deinen ltern that, deiner Mutter, als sie im letzten
Todesjammer beruhigt auf seine treuen Augen sah! Hinaus Dirne! diese Stelle ist
zu rein fr dich und deine Schande!
    Mit einem Schrei der Verzweiflung sank Louise zurck ...
    Wo sind die Kleider her, die du trgst? riefWilling, nach ihnen langend und
die entfallene Maske mit den Fen von sich stoend.
    Louise antwortete nicht ...
    Lumpen unter gestohlnem Flitter! sagte Willing. Ja gestohlen, gestohlen
deinen Geschwistern! Elende, wer sorgt fr das lallende Kind neben deinem Lager,
wenn du in den Nchten deine Gesundheit im Tanze verrasest? Hrst du das Kind um
Hlfe schreien - der alte Grovater stirbt vielleicht in diesem Augenblicke ...
und wir sollen hren, wenn du Hlfe rufst fr einen jmmerlichen Liebhaber?
Pfui! Hinweg von diesem Hause!
    Furchtbar tobte der Schmerz in des Mdchens Brust. Ihr todtenblasses Antlitz
zuckte und ihre Hand fate nach dem Herzen ...
    Das Kind - schlft - sthnte sie. Gott schtzt es -morden Sie mich nicht!
Hackert ist elend. Ich lernte ihn kennen, als er schon einmal fr todt in unsre
Wohnung getragen wurde ... Danebrand - ich verdien' es nicht um Sie - aber
retten Sie! Steigen Sie ber den Zaun! Noch eine Minute und es ist zu spt!
    Willing wandte sich mit der ganzen Strenge ab, die er behaupten mute, wenn
er in einem solchen Arbeiterstaate der Herrscher bleiben wollte.
    Von uns hier steigt Niemand ber fremde Zune! rief er. Hinaus hier!
    Danebrand aber ging nun zu Herrn Willing nher heran und sagte:
    Herr Willing ... ich habe ... Herr Willing ... ich habe im Buckel einige
Knochen zu viel, ... ich will ihr helfen. Was?
    Danebrand! rief Louise freudig und sprang wie neubelebt empor von einem
Sessel, den ihr die Arbeiter nher gerckt hatten.
    Willing sah auf Danebrand, der ihn treuherzig anblickte, voll Zorn ...
    Danebrand fuhr getrost fort:
    Nicht einmal um dich, Louise! Deine Thorheit zerreit mir das Herz. Aber
unser guter Maler, der hat gesagt, wer in der Nacht wandelt, den treibt der
Teufel auf die Dcher, aber ein Engel kommt vom Himmel und hlt seine Hand ber
ihn, da er nicht falle ...
    Damit griff er langsam und wie verstohlen hinterrcks nach einer eisernen
Stange, die in der Nhe stand, und sie pltzlich mit der ganzen Gewalt seiner
Muskelkraft ber'm Haupte schwingend, rief er:
    Wer will uns was?
    Dann aber, wieder wie bittend sprach er:
    Herr Willing!
    Willing wandte sich ab.
    Nun strzte Danebrand zur Thr hinaus, ber den Hof und rannte wie ein
Besessener davon.
    Louise folgte ihm, wie ein Blitzstrahl so rasch ihn berholend, um ihm den
Weg zu zeigen ...
    Willing schttelte den Kopf und sagte seine Erschtterung verbergend den
Andern Gute Nacht!
    Ackermann, Selmar und Leidenfrost, bewegt von der aufregenden, unerwarteten
Scene, setzten sich auf den Wagen und fuhren hinaus in die Nacht und mit dem
aufrichtigen Wunsche, da Danebrand's edle Selbstbeherrschung umsomehr von einem
glcklichen Erfolge belohnt sein mchte, als das allerdings in ziemlich
zweideutigem Lichte hier auftretende Mdchen ohne Zweifel durch Zrtlichkeit und
Mitleid an Hackert gebunden war und nicht so aussah, als wrde sie ihr Herz
einem Manne schenken, der nicht noch die Brgschaft einer besseren Entwickelung
bot.
    Alberti aber und Heusrck legten sich nieder auf die Matratze.
    Als sie gesehen hatten, da Herr Willing, nachdem er noch Geld und Papiere
in ein Portefeuille gesteckt, es dann mit sich genommen hatte und in einem
entlegenen Wohngebude das Licht eines kleinen Fensterchens ausgelscht, sich
also zur Ruhe begeben hatte, schlichen sie hurtig, sich auch mit Eisenstangen
bewaffnend, ihrem Kameraden an den hintern leicht zu bersteigenden Zaun der
Fortuna nach.
    Nicht um den Nachtwandler ist's! sagte Alberti. Aber um den guten
Schleswiger wr's doch Schade, wenn es zum Kampf kme und er ohne Hlfe bliebe!

                                Zwlftes Capitel



                                   Jeannette

Louise Eisold hatte Danebrand alle die Zeichen mehrmals wiederholt, die sie ihm
geben wollte, wenn die drohende Gefahr wirklich herangekommen wre.
    Danebrand kauerte inzwischen, ohne Vorwurf, aber auch ohne ein weiteres Wort
zu sprechen, mit seiner Waffe am Rande des Fortunagartens, wo ein niedriger
Schuppen leichter zu ersteigen war als das Einfassungsstacket.
    Dann flog Louise triumphirend und fast lachend vor Schmerz und doch
innerster Befriedigung mit Windeseile an den vorden durch mehre Gchen
abgesperrten Eingang der Fortuna zurck und reichte - unterwegs ihr Costm
wiederherstellend - an der Kasse die empfangene Contremarke hin.
    Sie hatte Hackert, der sie noch immer nicht kannte, nicht wieder aus dem
Saale, wo er mit Andern in toller Raserei und mit den kunstfertigsten
Schwenkungen und Figuren tanzte, herausbringen knnen. So sehr sie sich dagegen
strubte, ihm eine Theilnahme und Liebe zu verrathen, die er selbst nur
geringschtzte, htte sie sich ihm dann doch vielleicht entdeckt. Hackert war
ihr freundlich zugethan, hatte ihr oft Beweise von Dankbarkeit und Neigung
gegeben, herzte sogar in stillen und ergebenen Momenten ihre kleineren
Geschwister, aber im brigen waren seine Gedanken so weit von dem stillen,
beschrnkten Leben seiner Wirthsfamilie entfernt, da er sich unter der rothen
Dame jede andere seiner frhern Bekanntschaften dachte, nur nicht seine Wirthin
und sittsame Nachbarin.
    Als er die blaue Begleiterin am Arme des Soldaten erblickte, mochte er
glauben, die ihn neckende rothe Freundin derselben htte sich entfernt ...
    Der junge Militair war ein freundlicher, geflliger Mann. Er sagte seiner
ngstlichen und noch immer vor der grnen Brille, die sie wie die Schlange
umzirkelte, wie ein Vgelchen zitternden Begleiterin, da er Heinrich Sandrart
heie, aus dem Ullagrunde bei Plessen und heute zum Sergeanten befrdert wre.
Die Gewohnheit eines dann bewilligten freien Tages htte er einmal, nachdem er
drei Jahre lang nicht getanzt, zu seinem Vergngen, nicht zum Trinkgelage mit
seinen Kameraden benutzen wollen.
    Die kleine Blaue hrte mit Interesse zu, konnte sich aber nicht
entschlieen, ihre weie Maske anders, als in der Dunkelheit des Gartens
abzunehmen.
    Heinrich Sandrart war in den Fragen nach den Ursachen ihrer ngstlichkeit
zwar nicht zurckhaltend, denn der Anblick der schnen Augen und der reizenden
Jugendfrische des kleinen Mdchens zog ihn nur noch mehr an; allein in dem
Verlangen nach Gunstbezeugungen gab er sich so sittsam und wohlerzogen, da die
kleine Blaue ihn zu ihrem Schutze gern am Arme duldete und sich nur mit
ngstlichkeit nach der pltzlich verschwundenen Louise Eisold umsah, durch die
sie veranlat worden war, diesen gefhrlichen Boden zu betreten und die sie nun
verlassen hatte ...
    Im Saale wollte Heinrich Sandrart, die kleine Blaue am Arm, noch einmal
versuchen, ob man nicht die rothe Freundin entdecken knnte.
    Es war gerade eine Pause im Tanze eingetreten. Man besprengte den Fuboden,
um den immer lstiger gewordenen Staub niederzuhalten. Whrend sich das
Orchester selber ruhte, gingen die Paare Arm in Arm in der Runde da spazieren,
wo sie der Strahl des wassersprengenden Dieners nicht treffen konnte. Dabei
wurden die Spiegel an den Wnden zu flchtigen Musterungen der drangirten
Toiletten benutzt, tafftne Blumen am Haar wieder in Ordnung gebracht,
aufgegangene Schleifen auf's neue gebunden. Viele auch verloren sich in den
Nebenslen, um Herrn Hitzreuter's vielversprechende Speisekarte auf die Probe zu
stellen.
    Eben erzhlte Heinrich Sandrart seiner im Saale wieder maskirten Freundin,
da er der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus jenem Ullagrunde bei Plessen im
Hohenbergischen wre, einen guten Schulunterricht genossen htte, die
Landwirthschaft aus dem Grunde verstnde, lieber aber im Waffendienste bleiben
wolle, zumal wenn man unter einem so trefflichen Offizier stnde, wie sein
Bataillon, das der Major von Werdeck befehlige, als ein Schwarm junger,
eleganter Cavaliere ihnen begegnete ...
    Sandrart gerieth etwas in Verlegenheit, als er unter ihnen den Leutnant von
Aldenhoven, den Rittmeister von Asten, einen Herrn von Thielo, von Konnewitz und
viele andre Offiziere in Civil erkannte, von denen wenigstens der Erste, da er
zu Werdeck's Bataillon gehrte, ihn genau kannte.
    Guten Abend, Sandrart, redete ihn dieser an. Blitz, was hast du da fr einen
verschleierten blauen Nachtschmetterling?
    Herr Leutnant von Aldenhoven, sagte Sandrart mit einigem gereizten
Nachdruck, ich bin heute Sergeant geworden.
    Es hatte ihn vor seiner Begleiterin gekrnkt, noch mit einem du angeredet
zu werden, das man selbst als Gefreiter von seinem nchsten Vorgesetzten nicht
gern hrt, so vertraulich es klingen mag.
    Ah! gratulire Ihnen! war Aldenhoven's etwas hmische Antwort, der den Stich
wohl verstand.
    Nun fing aber Rittmeister von Asten, Leutnant von Salza und andre der jungen
von Champagnerlaune montirten Cavaliere an, der blauen Begleiterin des
Unteroffiziers, die so elegant gekleidet war, zuzumuthen, sie msse die Maske
abnehmen. Wer schn sei, verrathe es auch. Sie wollten die knftige Frau
Sergeantin sehen und schon zerrten sie an des armen gengstigten Mdchens Maske,
als Sandrart seine Schutzbefohlene zurckri und sich vor sie stellte, um jede
weitere Gewaltthat zu verhindern.
    Meine Herren, rief er, aufgereizt, wir sind nicht im Dienst!
    Ah! Sandrart, sagte Aldenhoven. Sie sind auch Demokrat und wollen keinen
Gehorsam auer dem Dienst! Bei Major Werdeck nicht anders zu erwarten ...
    Es lag in diesen Worten allerdings nur flchtiger Scherz; auch da alle
andern Militairs lachend sagten:
    Was? Ein Demokrat? und dabei den Ton auf Das Wort:
    Gehorsam auer Dienst legten, auch das war mehr aus heitrer Laune; allein
wenn einmal im menschlichen Gemthe eine Saite verstimmt ist, so kann sie ohne
Gefahr auch nicht einmal im Scherze berhrt werden. Sandrart rief, als
Aldenhoven dennoch nach der Maske seiner Begleiterin greifen wollte, mit festem
und gebildetem Tone:
    Ich verbiete Ihnen, Herr Leutnant, diese Dame zu demaskiren!
    Unter solchen Umstnden mute man wol von Glck sagen, da ein zweiter eben
vorberziehender Zug diese Verwirrung auf heitre Art lste.
    Ein junges bermthiges Mdchen, das in der einen Hand ein Champagnerglas
hielt, griff im Vorbergehen lachend mit der andern nach der Maske der kleinen
Blauen und whrend noch die Offiziere sich auf den kecken Ton Heinrich
Sandrart's ansahen und eben entschlossen schienen, mit ihm eine andere Sprache
zu reden, machte der Ausruf des Erstaunens: Frnzchen Heunisch! der Spannung ein
Ende.
    Jeannette war es, Melanien's heut' Abend entlassenes Mdchen. Sie hatte
Frnzchen Heunisch's Maske in der Hand und die kleine Blaue, unsers guten und
auf die Sittlichkeit seiner Nichte so tief vertrauenden Frsters von Hohenberg
ganze Hoffnung, bis hundert Klafter tief unter die Erde beschmt.
    Das Errthen, die Verzweiflung Frnzchens half da aber nichts. Jeannette
fhrte sie an einem Arm, Sandrart am andern und der lust'ge Zug, mit dem jene
gekommen war, sprengte die ganze Gruppe auseinander. Die Offiziere fanden die
Kleine allerliebst, schienen aber die Keckheit des Sergeanten nicht weiter
beachten zu wollen, da inzwischen schon wieder neue Gegenstnde ihre
Aufmerksamkeit fesselten. Nur Aldenhoven sah ihm lange nach und sprach mit
Thielo und Konnewitz ber das Thema der Disciplin und die Mannschaften des
Majors Werdeck, die sie demoralisirt nannten.
    Aber du Duckmuserin! rief jetzt Jeannette, in der der Geist des Tanzes, der
Musik und des Zorns wirbelte. Du frommes Mutterlmmchen, wie kommst du Snderin
denn hierher?
    Frnzchen Heunisch machte hundert Gebehrden, um sie zu bewegen, stille zu
sein; sie wollte die Maske zurckhaben, um sich zu verbergen ...
    Dummes Zeug! sagte Jeannette; wer kein Gesicht von Tannenzapfen hat, glatt
und hbsch ist, wie wir, der soll sich zeigen allen Leuten zur Lust; nicht wahr
Ernst?
    Ernst von Geheimraths besttigte diese Meinung und erklrte auf ein
eiferschtiges Befragen der Lore Wandstabler, da er das junge Mdchen nicht
kenne ...
    Die Wandstablers aber, die in die Falle gegangen waren, die beiden Bedienten
als Begleiter angenommen hatten und nach mehrmaliger Trennung von ihnen, in der
Hoffnung andere Gesellschafter zu finden, doch auf sie zurckkommen muten; die
Wandstablers kannten Frnzchen, ihre Cousine, sehr wohl ... Sie kicherten, ohne
sich sogleich dem armen Tubchen, das sie einmal so heftig erschreckt hatten,
zuzuwenden.
    Die Frnz! Die Frnz! sagten sie und steckten verwundert die Kpfe zusammen.
    Ja, ja, schme dich nur, begann die durchtriebene Jeannette zur Nhterin,
die heute frh noch so schwrmerisch ber die Tugend philosophirt hatte, jetzt
kommen wir hinter deine Schliche, du Tugendspiegel! Hier Herr Sergeant,
festgehalten! Drinnen steht unser Tisch -runde Tafel - Couvert zehn neue
Groschen - holen Sie nur Ihre Mutterpfennige hervor, Landsmann! Frnzchen mu
trinken lernen!
    Und dabei flsterte sie der Zitternden zu:
    Dein Franzose ist ja nicht hier! Sei doch lustig! Ich verrathe nichts.
    Frnzchen lie Alles willenlos geschehen. Sie htte in die Erde sinken
mgen. Sie konnte nicht Widerstand leisten, da man sie und Sandrart in die
Restauration zog und ihr einen Platz an einem mit Tellern und Glsern besetzten
Tische gab, wo sie noch Manchen antraf, der zur Gesellschaft gehrte, unter
Andern den Kutscher Neumann, einen mrrischen, widerlichen Menschen mit
fuchsigem, fast bis in's Auge gezogenen Backenbart, Ringen im Ohr und ein paar
ungeschlachten rothen Hnden. Sie wute, da Jeannette berall Liebschaften,
aber Neumann als wirklichen Verlobten fr die knftige Ehe hatte.
    Hier, Herr Sergeant, Sie rechts, sagte Jeannette und placirte die
Neuangekommenen; du hbscher Fratz, links bei deiner Cousine Dore? Oder willst
du lieber bei der Lore? Die Flore ist nicht da, obgleich dich Die am liebsten
hatte und bei der Durchlaucht dein Glck wollte, Nrrchen; hier hergesetzt und
sich ausgeshnt mit den Fruleins Wandstabler!
    Und dabei flsterte sie ihr in's Ohr:
    Halt' dich tapfer! Die haben schon deinen Franzosen auf dem Strich.
    Dieser Wink machte in der That, da Frnzchen aufschreckend etwas wieder von
Besinnung und Geistesgegenwart gewann. Wute sie doch nur zu gut, da die
schlimmen Cousinen das Glck hatten, jetzt tglich mit Louis Armand in Einem
Hause, vielleicht in Einem Zimmer zu sein, und wie die Liebe Jedem, auch dem
schwchsten Wesen, eine gewisse Kraft und einen muthigen Aufschwung verleiht, so
gewann nun auch Frnzchen eine krftigere Haltung ber sich und warf ihren
Cousinen einen dreisten, fast schnippischen Gru zu, der Frnzchens Reiz in den
Augen des von seinem Rencontre mit den Offizieren noch sehr bewegten Heinrich
Sandrart nur noch mehr hob.
    Franziska, sto an! sagte die mittelste Wandstabler, die Lore, deren magere
Gesichtsformen sich durch die Glut des Tanzes und der Atmosphre gefllt, ja
ganz angenehm gerundet hatten.
    Frnzchen stie mit dem Glase ihrer Cousine an und nippte ein wenig von
einem Getrnke, das vielleicht ein helles Bier, vielleicht knstlicher
Champagner war, sie wute es nicht ... bis der Sergeant aus dem Seitenfutter
seiner Uniform ein kleines Portemonnaie zog und sich, wie es schien, nicht ohne
eine gewisse berlegung, entschlo, zwei Papierthaler an eine wirkliche Flasche
Champagner zu wagen. Er mochte fhlen, da er sein Avancement etwas kostbar
feierte ... aber er bestellte echten Champagner!
    Die Wirkung dieses Momentes war gro. Alles um den runden Tisch blickte
staunend und voll Bewunderung auf diesen jungen militairischen Rothschild!
Echter Zwei-Thaler-Champagner! Dies hob oder setzte tief herab, je nachdem der
Schwung der Phantasie sich fr das Groe berufen hielt oder sich keiner solchen
Flgel bewut war. Man schwieg eine Weile und blickte feierlich um sich her, als
htte man fr diese Standeserhhung Zeugen gewnscht.
    Die Wandstablers beschlossen jetzt, mit Frnzchen, die einen solchen
Liebhaber aufweisen konnte, sich auszushnen.
    Dorette, die Jngste, mit der es Franz von Geheimraths sehr geschftig
hatte, war blsser, als ihre Schwester, auch etwas verstimmter. Sie hatte Ideen,
die hher hinauf stiegen als die Sphre, in der sie sich hier bewegte und die
eigentlich Jeannette so gewaltsam improvisirt hatte.
    Guten Abend, Frnzchen! sagte sie und reichte ihrer kleinen Cousine jetzt
erst die Hand. Mu es denn erst so kommen, da uns ein solcher Abend wieder
einmal zusammenfhrt?
    Ein solcher Abend? fragte Heinrich Sandrart fast verletzt, der seine zwei
Thaler los war, nun aber dafr auch lustig sein wollte. Kann man traulicher und
vergngter beisammen sitzen?
    Dabei wollte er Frnzchens Hand ergreifen und sie an sich drcken. Aber die
kleine, braunugige Sprde litt schrecklich, auch ber die Kosten, die sie ihm
verursachte, und zog die Hand zurck.
    Frulein Dorette schmachtet nach stiller Einsamkeit, sagte die nicht ganz
ungebildete, aber zgellose Jeannette parodirend, sie liebt! Sie liebt einen
Franzosen, stolz und feurig; o seit ich wei, da man diesem Franzosen so edle
Vorstze verdanken kann, selbst den Fortunaball nicht zu gering fr Liebende zu
finden, biet' ich mich ihm fr die Rckreise nach Paris als Gouvernante an; ich
arme conditionslose Person -
    Frnzchen war in der That von Eifersucht nicht frei. Sie sah ihre Cousine
Dorette starr an und mute sogleich fhlen, da diese wirklich bei dem Balle
nicht anwesend schien.
    Lorette aber, die Mittlere, sagte leise zu ihr:
    Du Glckliche! Herr Louis Armand hr' ich, soll dir Blumen schenken und ich
wette auch Gedichte macht er auf dich. Heute las er Floretten eins vor, das er
gewi auf dich gemacht hat!
    Frnzchen errthete. Sie wute wohl von den Blumen, aber nichts von dem
Gedichte, das ohne Zweifel ihr gelten sollte und Siegbert Wildungen erst
bersetzt und noch in seinem Portefeuille hatte.
    Indem knallte Sandrart's Champagnerkork und in einem der hingestellten
Spitzglser zischte vor ihr der perlende Wein, dessen Gte wir nicht zu
bestimmen wagen, da wir ber den Fortunawirth noch nicht wissen, ob er der
Ehrlichkeit seines Bruders, des Pelikanwirthes, entsprechen wird ....
    Kaum am Rande ihres Glases nippend, fragte sie jetzt Jeannetten, was diese
bermthige von conditionslos gesprochen htte?
    Ja, Schatz, sagte diese, Das haben wir uns heute frh nicht trumen lassen,
als wir Falbalas nhten, von der Tugend sprachen und die Fortunablle kaum dem
Namen nach kannten. Melanie kommt um zehn Uhr nach Hause, fordert mich wie vor's
Tribunal, hlt mir eine lange Predigt Salomonis, will in's Kloster gehen und
schickt mich vorlufig von Morgen frh an zu allen Teufeln.
    Jeannette! Du hast den Dienst verloren? Das ist ja unglaublich - sagte Frnz
voll kindlicher Theilnahme.
    Unglaublich? Seit ich dich hier Champagner trinken sehe neben einem so
liebenswrdigen Sergeanten, ist Alles mglich. Neumann, erklre du ihr's!
    Dieser, die bebuschten Augenbrauen zusammenkneifend, grunzte etwas hin, was
etwa soviel sagen sollte, als:
    Die Aufklrung wird bald hrbar werden. Habt Ihr ihn auf's Korn genommen?
    Das sagte er zu einigen jungen Burschen, Lasally'schen Reitknechten, die
eben eintraten.
    Macht's gndig! meinte Jeannette flsternd. Er hat's zwar um uns verdient,
aber wenn er noch einmal so traktirt wird wie damals, erleben wir, da ihn das
Frulein aus Mitleid heirathet ....
    Wo sie ihn nur gesprochen hat! bemerkte der Bediente Franz flsternd. Ich
gab ihr doch noch den Shawl um, die Excellenz war dabei und wir gingen fast bis
an den Wagen mit.
    Ich fuhr sie - sagte Neumann.
    Und kaum steigt sie aus, ergnzte Jeannette, so kam die Bescheerung. Diese
Verrther! schrie sie. Elende Menschen, die sie verkauften, umgben sie. In
Hohenberg htt' ich sie verrathen. Jeder bilde sich ein, ihr gefallen zu knnen
- und damit zerri sie ihre Kleider, weil sie nicht rasch genug vom Leib
wollten, und sagte mir auf.
    Das Frulein dir, Jeannette! Ich kann mich noch gar nicht finden ...
    Mir! Ja! Ja! Frnzchen! Das wre nun ein Pltzchen fr dich! Aber du bist
ihr nicht mehr tugendhaft genug. Seit heute frh hast du einen schrecklichen
Fehler angenommen. Du bist heimlich, gehst maskirt auf die Blle in Garderobe
wie eine Knigin - jetzt besinn' ich mich - du kamst ja mit einer Rothen. Wer
war denn Die?
    Ja, stimmten die Wandstablers neugierig ein, wer war die Rothe?
    Der junge Soldat schenkte ein, erschrak aber ber die bekannte Erfahrung,
da eine Flasche dieses tckischen Schaumweines sehr bald consumirt ist.
    Man wartete gespannt auf Frnzchens Antwort, die sich aber nicht herbeilie
eine Aufklrung zu geben ...
    Halt! rief Jeannette. Sie tanzte nur mit Hackert, rannte Dem nur nach, immer
nur Dem ... es war Melanie!
    Ah ... hie es bei den Harder'schen Bedienten und sonst herum; die Schlurck!
    Alle waren aufgestanden und sahen durch die Glasfenster, die den Saal von
der Restauration trennten. Es war ihnen, als wenn sie nun aufstehen und die
Rthselhafte verfolgen sollten.
    Hackert schreibt schn und tanzt schn ... fgte Jeannette diesem Tumulte
boshaft hinzu; es wre nicht das erste mal, da Schlag zwlf Uhr der Thorweg
leise aufknarrt und gewisse Leute in die Redoute gehen. Mach' uns keine Lgen
vor, Frnzchen! Sage, wer war die Rothe?
    Sandrart bot Jeannetten ein Glas mit den Worten:
    Lge, mein Frulein! Das ist Beleidigung! Sie mssen sich mit mir duelliren!
    Man setzte sich lachend nieder.
    Jeannette nahm das Glas, verneigte ihr niedliches, gerthetes, stumpfnsiges
Gesichtchen, den Typus der Verschmitztheit und jener flchtigen
Kammerzofenschnheit, die bei dunkler Beleuchtung mehr verspricht, als sich bei
hellerer motivirt findet, und sagte:
    Sehr artig, Herr Sergeant!
    Mit einem wohlgeflligen, herausfordernden Blick auf den jungen Krieger, der
ihr seit den Unterfutter-Geheimnissen seiner Uniform doppelt zu gefallen schien,
trank sie das Glas.
    Frnzchen aber mochte den falschen Schein des Leichtsinnes und der Heuchelei
nicht lnger auf sich sitzen lassen, sondern nahm das Wort:
    Wie ich hierher gekommen bin, sagte sie, ist mir wie im Traume geschehen. Es
war zehn Uhr. Eben wollt' ich zu Bett gehen und legte die Kleider, die ich von
der Putzmacherin auf dem alten Markte, der Florentine, zu besetzen hatte, sauber
zusammen. Ich war mde. Da klingelt es heftig im Vorderhause. Die alten Mrtens
schlafen schon. Ich denke, obgleich unser neuer Miether -
    Der feine gelehrte Franzos; lachte Jeannette.
    Ein Franzos? sagte Heinrich Sandrart, angeregt und eiferschtig.
    Nicht jung! Nicht hbsch! Nein, ein Alter mit einer Perrcke!
    Jeannette, die bei all ihrem Leichtsinn einige Gutmthigkeit besa, sagte
diese Worte mit Beziehung.
    Nicht wahr, ein Alter? Sowie der da!
    Damit zeigte sie in den gegenberstehenden Spiegel ....
    Man wandte sich theils um, theils zum Spiegel hin und bemerkte einen
schleichenden hstelnden Herrn mit einer groen Nase und einem dicken schwarzen
Schnurrbart, in dem wir die grne Brille wieder erkennen.
    Schon lange hatte sie lauernd den runden Tisch umschlichen und lsterne
Blicke zu dem demaskirten allerliebsten und rosig strahlenden Frnzchen hinber
geworfen. Seine Zudringlichkeiten schienen aber so allgemein gewesen zu sein,
da auch Jeannette schon die grne Brille kannte.
    Guten Abend! sagte ein Unisono des ganzen Tisches fast hhnisch zu dem
indiskreten Lauscher.
    Als dieser erschreckend merkte, da er Gegenstand der Aufmerksamkeit eines
ganzen Tisches wurde, entschlpfte er mit aalglatter Behendigkeit und nahm das
allgemeine ihn verfolgende Gelchter fr eine Warnung, sich solchen
Gesellschaften sobald nicht wieder zu nhern.
    Sandrart schenkte aufs neue die letzten Reste seines Excesses ein und rief:
    Also der alte Franzose klingelte ....
    Nein, nein, sagte Frnzchen Heunisch, nicht der!
    Ein Andrer -? fiel der Sergeant ein und rckte nher und legte ermuthigt den
Arm auf die Stuhllehne Frnzchens, indem er ihr weingerthet in die braunen
brennenden Augen sah.
    Genug, genug! unterbrach ihn Jeannette, die schon merkte, da der Sergeant
mit Frnzchens Verhltnissen vllig unbekannt war und vielleicht nicht einmal
wute, wo sie wohnte; es klingelte also Wallstrae Nr. 14, wo ich knftig auch
wohnen werde ...
    Du? fragte Frnzchen, erstaunt ber diese scharfbetonten Worte.
    Ja, Frnzchen, antwortete Jeannette, ich werde Gelegenheit nehmen, so lange
bei meiner Freundin Franziska Heunisch, Wallstrae Nr. 14 zu wohnen, bis meine
Angelegenheiten geordnet sind -
    Diese Erklrung, in scharfen Worten vorgetragen, erregte allgemeines
Erstaunen und bei Niemandem mehr als bei Frnzchen ...
    Dein Zimmer ist klein, - schadet nichts - ein Bett stellt sich schon noch
hin und -
    Aber Jeannette ...
    Mein voller Ernst ... ich spreche mit den Mrtens Wallstrae Nr. 14 ...
    Frnzchen konnte sich nicht fassen, so berrumpelte sie dieses verschmitzte
Mdchen, dem sie sich von frher gewohnt war, gehorsam unterzuordnen.
    Aber die Rothe! Die Rothe! hie es. Wer ist's?
    Sandrart merkte sich, mit einem dankbaren Blick auf die wilde Jeannette, die
Adresse des Mdchens, in das er wie verloren war und dem zu Liebe er, ein
wohlhabender Bauernsohn, zu rechnen anfing, ob er wol noch zwei Thaler aus dem
Unterfutter hervorziehen sollte ... Die Menschen sprechen vom Verschwenden! Die
Gerechtigkeit zwingt uns aber einzugestehen, da sich alle Dinge in der Welt,
selbst die bsen, nicht immer sogleich ganz bse machen.
    Ja, sagte Frnzchen kleinlaut ber die schreckliche Aussicht, an diese
Jeannette in ihrer bisherigen bescheidenen Existenz geknpft zu werden, ja es
klingelte. Ich dachte, es wre - unser Miether. Ich ziehe mich an und gehe
hinunter. Wen find' ich? Eine Freundin, die ich nicht nennen kann. Sie machte
sonst Putz mit mir auf dem alten Markt bei der Florentine. Franziska, du mut
mit mir auf den Fortunaball gehen, rief sie. Komm nur! Komm nur! Ich wei, du
kannst helfen. Damit zog sie mich durch den Hof, an der Werkstatt vorbei, in
mein Kmmerchen hinauf, das sehr eng ist, sehr eng, liebe Jeannette -
    O man richtet sich ein - ich will nur bei soliden Leuten wohnen. Wallstrae
Nr. 14, im Hofe zwei Treppen hoch!
    Damit sah Jeannette wieder Sandrarten scharf an -dieser nickte glhend, er
hatte schon dem Kellner zugeflstert, eine zweite Flasche zu bringen; Frnzchen
fuhr fort:
    Wie wir oben waren, weinte sie und jammerte. Sie msse auf den Fortunaball,
schrie sie. Sie msse wegen eines Menschen da sein, der ...
    Wegen Hackert? fragten Einige durcheinander, die am Tische saen und immer
noch an Frulein Melanie dachten.
    Frnzchen, Frnzchen, halt' dich an die Wahrheit, sagte Jeannette, es war
Melanie - Neumann wei es ganz genau! Neumann war im Hofe und fand da etwas
nicht in Ordnung. Der Thorweg ging einmal leise von innen auf. Es schlich sich
Jemand vom Hofe fort ....
    Jeannette! Schme dich! rief Frnzchen; das vornehme Frulein! Abscheulich!
Wie kann man so verleumden!
    Hm! hm! hm! ... sagte Jeannette mit Bosheit. Sie ist jetzt verschwunden die
Rothe, seit sie mich entdeckt hat.
    Nein, fuhr Frnzchen entrstet fort, meine Freundin heit Louise und Der,
den sie suchte, den kenn' ich nicht. Frnzchen, sagte sie, ich bin arm und du
bist es, wir haben keine Kleider, um auf den Fortunaball zu gehen. Aber unsre
Armuth kommt auch daher, da Die, die von uns leben, uns nicht bezahlen. Ich
wute, da du diese kostbaren Kleider fr die Florentine nhst. Ich sah selbst,
da Florentine sie dir zum Besetzen einhndigte, als ich bei ihr war und das
aufgeblasene, abscheuliche Weib, die mit fremdem Gelde ein Geschft etablirt, um
die mir nun seit drei Jahren schuldigen fnfzehn Thaler mahnte. Sie zahlt nie.
Diese Kleider sind fr den Verkauf in ihrem Laden bestimmt. Ich verlange sie von
dir! Hier ist Florentinen's Schuldschein und nun Muth, Franziska, mein ist
dieser rothe und dein ist dieser blaue Anzug!
    Bravo! rief die ganze Gesellschaft, ohnehin entzckt von der zweiten
Flasche, die inzwischen ankam, und klatschte in die Hnde. Der Spa, so zu einer
Garderobe zu kommen, gefiel allgemein.
    Das nenn' ich resolut -
    So mu man Schulden eintreiben!
    Louise soll leben!
    Holt die Rothe! Sie mu Champagner trinken!
    Sandrart sogar, der sonst gesetzte und ruhige Sergeant, rief in seinem
Wirbel und alle Bedenklichkeiten seines sonst sittsamen und vor dem strengen
Vater im Ullagrunde sich frchtenden Gewissens hinuntersplend:
    So commandirt ein General, wenn er sich in aller Krze in schwieriger
Position zu helfen sucht! Napoleon sagte:
    En avant! Und diesem Manver verdanken wir unser liebenswrdiges Frnzchen
Heunisch Wallstrae Nr. 14 auf dem Fortunaball! Hurrah!
    Jeannette blinzelte dem gebildeten Sergeanten, der eben franzsisch
gesprochen hatte und sagte ihm augenzwinkernd, als er ihr einschenken wollte:
    Comment vous portez vous, Musje?
    Sie knnen sich wol denken, fuhr Frnzchen unbekmmert um diese ihr ganz
ungelufigen Koketterieen einer doch mechanten Nebenbuhlerin fort, Sie knnen
sich wol denken, wie ich mich geweigert habe. Aber es half nichts. Eh' ich mich
versah, waren mir diese Kleider ber meine gewhnlichen kattunenen - wie Sie
Alle sehen knnen -bergezogen - das Haar verdeckte die Kapuze. Sie selbst nahm
den rothen Anzug - und so huschten wir ber den Hof, nahmen einen Fiaker und
hier kauften wir die Masken. So bin ich hergekommen und denke mit Schrecken an
Mamsell Florentinen auf dem alten Markt, die wegen ihrer Kleider zur Polizei
gehen wird.
    Sie soll ihre Schulden bezahlen! sagte Heinrich Sandrart und schlug mit dem
Glase auf den Tisch, da es fast zerbrach, zog wieder sein Portemonnaie und
wollte nun auch all' das Essen bezahlen, das immer whrend des Trinkens und
Erzhlens genossen wurde. Jeannette aber litt diese Gromuth nicht. Sie warf
Neumann einen Wink zu, der sich dann in die Brust warf und sich den Wirth der
Gesellschaft nannte. Indem er aufstand und etwas langsam berechnete, whrend der
Sergeant schon zahlte, kamen die Jockeys und flsterten dem Kutscher etwas in's
Ohr.
    Jetzt dran! sagte er mit brutalem Ton.
    Was ist? fragte der junge Soldat ...
    Wir wollen die Rothe suchen, sagte Jeannette, die die geheimen Zeichen
verstand. Steht auf, Kinder, der Tanz fngt wieder an. Es schlgt drei. Bis fnf
bleiben wir da, nicht wahr, Frnzchen? Siehst du, da die Welt viel lustiger
ist, als du dir's in deinem Hinterhof eingebildet hast, Nrrchen. Gieb mir einen
Ku und ngstige dich nicht um mein Bett ... ich ziehe nicht zu dir!
    Damit wute die Schlaue es so zu wenden, da sie zwischen das sich pltzlich
erleichtert fhlende Frnzchen und Heinrich Sandrart kam und diesem ihren linken
Arm zugeschoben hatte, er wute nicht wie. Sie hatte Frnzchen am rechten Arm.
Da es beim Eintritt in den Saal wieder sehr eng wurde, war sie des Sergeanten
Tnzerin zu seinem eignen Erstaunen und, wie es schien, unangenehmstem
Befremden.
    Noch merkte man nicht, da sich die zum Tanze antretenden Paare lichteten.
Der Garten mochte leerer sein, aber hier unter den drei mchtigen
Kronenleuchtern und oben in den berfllten Logen ringsum, wo die feinere
Gesellschaft tafelte, verrieth nichts die Annherung des Morgens, der sich mit
einer sanften Rthe in Osten schon ankndigte.
    Frnzchen hatte nach einer Tour in der Runde wieder Sandrart am Arm.
Jeannette huschte in den Garten ...
    Oben auf der Sternwarte lie sich das neuerdings wieder zusammenstrmende
Gewhl nun am besten unterscheiden.
    Dort saen Mullrich und Kmmerlein auf kleinen Sesseln und schauten
schlaftrunken in den Saal hinab.
    Zuweilen kam Pax, um Neues, besonders ber Signalement Nr. 2, die schwarze
Binde, wie er sie nannte, zu hren. Dann wieder schickte Frau Katharina Peters
aus ihren unerschpflichen Bier- und Punschvorrthen eine Strkung hinauf, die
ihnen einmal sogar Peters selber bringen mute. Sie wollte durchaus, da er sich
in seine neue Laufbahn fnde und sich mit so wichtigen Personen befreunde, die
er sehr oft auf ihr antreffen mute.
    Was machen denn Ihre Thringer? sagte Kmmerlein etwas spitz. Man sieht ja
Herrn Peters jetzt immer nur drben in Loge Nr. 13 unter den Offizieren; sind
die Landsleute doch im Garten nicht vergessen?
    Peters antwortete gleich lieber gar nicht, um nicht ausfallend zu werden.
Soviel konnte er aber doch nicht hinunterschlucken, da er die Bemerkung htte
verschweigen sollen:
    Lieber schon wr' mirs, es ginge diese verfluchte Treppe nicht erst in den
Tunnel und ich knnte gleich in Nr. 13 von hier hinber, wo meine Thringer mit
den Offizieren sitzen.
    Die Agenten, die um fnf Uhr etwas mit Thringern vorhatten, lehnten sich
ber die Brstung und versuchten in Nr. 13 zu sehen. In der That waren Dankmar
und Siegbert nach ihrem langen, stillen und traulichen Zwiegesprch, wo der
ltere ber die Abenteuer des Jngern fast sprachlos staunen mute, eben, wie
sie nach Hause gehen wollten, von den neuankommenden Offizieren und vielen
andern Bekannten, zu denen jetzt auch Reichmeyer und Heinrichson gehrte, so zu
sagen aufgegriffen und in die Loge Nr. 13, die gerumigste und comfortabelste,
zu einem dort veranstalteten Bankett fast gewaltsam entfhrt worden.
    Erst waren sie auf der Gartenbank, trotz des sie umgebenden Geschwirres von
Dankmar's Erinnerung an Hohenberg so gefesselt, da ihnen Stunde auf Stunde
verlief. Nun wollten sie, doch leidlich getrstet ber das viele Widerwrtige,
was sie an diesem Tage und Abende verlebt hatten, sich zur Ruhe begeben und nun
zwang sie Heinrichson, der den hchst Geflligen, hchst Liebenswrdigen machte,
zu bleiben und in den scheinbar genialen Ton, den er anstimmte, mit
einzustimmen. Sie thaten ihm den Gefallen, aber widerstrebend. Ihre Anwesenheit
hatte jedoch in der Loge schon den Erfolg, da bei der Abstimmung ber die
Frage, ob man die hbschesten Mdchen aus dem Tanzsaale in die Loge mit
hinaufnehmen wollte, die Minoritt zur Majoritt erhoben und mit 15 gegen 13
Stimmen den von Aldenhoven und Heinrichson beantragten Vorschlag eines
sabinischen Mdchenraubes oder einer Razzia, wie Aldenhoven sagte, zur
Niederlage brachten. Das Gesprch beschftigte sich also mit dem einzigen Thema,
das sich hier verhandeln lie:
    Frauen und Politik, ohne da die Ersteren daran Theil nahmen. Aber es wre
doch vielleicht besser gewesen, sie zuzulassen; denn der Streit ber die zweite
wrde dann weniger heftig geworden sein. Es flogen die spitzesten Pfeile, wie
immer, hin und her. Die politische Aufregung des Tages war so entzndlich, da
es im kleinsten Cirkel die schroffsten Gegenstze gab. Es ging oft unter den
jungen Mnnern, Juristen, Malern, Offizieren so heftig lrmend her, da Herr
Hitzreuter, der Fortunawirth, sich zuweilen in dieser Loge aufmerkend sehen
lie. Der allerdings gewandte Mann machte nur in den gewhlteren Kreisen die
Honneurs. Gro und stattlich von Figur, mit einem viel pfiffigeren Zuge, als
sein in pekunirer Hinsicht rangirterer Bruder, der Pelikanwirth, trug er durch
seine diplomatische Vermittlung, besonders aber durch eine Dose, die er
herumreichte, Vieles zur Milderung der sich etwas schroff gegenberstehenden
Ansichten bei. Schon, da er so beraus schwrmerisch fr Alles, was zur
Landesfarbe und zum uralt Bestehenden gehrte, sich aussprach, erzeugte
Einigkeit. Denn man mute ein solches Entzcken fr die Reaction doch komisch
finden ...
    Den Austausch dieser Ansichten schildern wir nicht. Nennt diese Streitenden
Shne der Zeit, nennt sie Dioskuren auf den weien Lichtrossen der Legitimitt,
nennt sie die gefesselten Titanen der Opposition; sie errterten nur Das, was
wir vorziehen, durch die Hebel des Volkes und an ihm selbst zu schildern durch
eine allmlige Entwickelung von Persnlichkeiten, deren Bedeutung fr den
modernen Volksgeist im spteren Verlaufe sichtbarer hervortreten wird.
    Es ist aber doch einzig, sagte Kmmerlein auf der Sternwarte, wir haben
jetzt bald drei Uhr und von der schwarzen Binde sieht man nichts.
    Sie haben wol nicht richtig gelesen, erwiderte Mullrich;
    steht wirklich was von einer schwarzen Binde auf dem Signalement?
    Wie ich gelesen habe ...
    Lesen Sie doch lieber noch einmal, Kmmerlein!
    Kmmerlein breitete sein Papier noch einmal auseinander und las wiederholt
das Signalement Nr. 2.

                              Dreizehntes Capitel



                               Die schwarze Binde

Murray, ein Englnder oder Amerikaner, las Kmmerlein; mittlerer Figur, schwarze
Perrcke, eine seidene schwarze Binde ber dem einen Auge, Mund fast zahnlos,
Kleidung: abwechselnd, ganz rmlich, bald ganz elegant. Geht etwas gebckt an
einem Bambusrohr mit goldenem Knopfe. Selbst bei rmlicher Kleidung sieht man
zuweilen goldene Ketten an der Weste und Ringe am Finger. Alter:
    etwa sechzig Jahre, obgleich er bei eleganter Kleidung viel jnger aussieht.
Im Falle zweideutigen Umganges zu verhaften.
    Als Kmmerlein geendet hatte, mute Mullrich besttigen, da Dies - er sagte
es wenigstens - auch ganz ebenso auf seinem Papiere stnde, allein darin kamen
sie berein, da eine schwarze Binde am Auge ein gutes Gewissen verrathe ...
    Denn, sagte Mullrich, einen bunten Hund kennt Jeder. Die den beiden
Gerechtigkeitsdienern auf den Lippen schwebenden kleinen Rgen ber Paxen's
bermige Feinheit und seine Leidenschaft, es einem gewissen groen
Polizeimanne, den sie nannten, gleich zu thun, verhallten im Lrmen des Saales.
Denn als sie auf ihren Uhren drei anrcken sahen, begann wieder die Musik des
Orchesters und das Rauschen des Tanzes.
    Die groe im Saale befindliche Uhr zeigte zwar die Stunde, schlug aber erst
von vier Uhr an. Dies war eine eigenthmliche Speculation des Herrn Hitzreuter
im Einverstndnisse mit der Kapelle. Schlug es nmlich zwlf, eins, zwei, drei,
so wurden die Besucher der Fortunablle, die absichtlich nach der Uhr nicht
sahen, doch in ihrem Taumel immer stutzig; sie fhlten sich gemahnt, zeitiger
sich zu entfernen, als dem Besitzer lieb war. Von vier Uhr an aber wnschten
Herr Hitzreuter und die Kapelle selbst, da man ging. Daher wurde das Schlagen
von zwlf, eins, zwei, drei verhindert. Mit vier aber fingen die Mahnungen zur
Entfernung an und sogar die Angaben der Viertel dienten gewissermaen als leise
winkender Kehraus.
    Eben wollten sich Mullrich und Kmmerlein wieder auf ihrer Sternwarte in die
Sessel strecken, die eben nicht sehr bequem waren, und ein bischen dmmern,
wie sie den diensterlaubten Halbschlaf nannten, als pltzlich an den
Ausgangsthren ein Drngen entstand ...
    Manche Paare hielten im Tanze inne und Mullrich fragte Kmmerlein:
    Kmmerlein, heda! Hren Sie nicht schreien?
    Schon aber hatten alle Tnzer, die den Saalthren nahe standen, sich nach
drauen gewandt. Denn ein so lauter Lrm, ein solches Rufen und Wehklagen konnte
man vom Garten her vernehmen, da die allgemeinste Neugierde geweckt wurde und
diese sich allmlig Allen, auch den in den Logen befindlichen Zechern und
Schmausern, mittheilte ...
    Mullrich kletterte die enge schmale Treppe hinunter, gefolgt von Kmmerlein,
dem eine Einmischung in handgreifliche Hndel immer unwillkommen war.
    Setzen Sie sich nicht aus, rief er Mullrich nach, Sie wissen, da wir nach
Vier eine Recherche haben ...
    Mullrich rgerte sich ber den Umweg durch den Tunnel, der schon leerer
geworden war. Denn Die, welche nicht tanzten, hielten sich nicht bis in den
frhen Morgen auf. Sogar Frau Kathrine war zu Bett gegangen und hatte ihre
Functionen einer andern weiblichen Bedienung berlassen und Peters war oben in
den Logen beschftigt.
    Die Polizeidiener fanden im Garten ihr Einschreiten nicht mehr nthig; denn
schon hatten sich mehre ihrer Kameraden ihres Incognitos begeben und halfen
einen jmmerlich zugerichteten Mann daher tragen, fr den um einen Wagen gerufen
wurde. Einige jngere Leute gingen schreiend und fluchend neben ihm her, whrend
eine Frauenstimme wehklagte und den Fortunabllen, wenn sie von Mrdern
berfallen werden knnten, den Untergang prophezeite.
    Man erzhlte dann, da eine Anzahl junger Leute mit diesem Schwerverwundeten
und Halberschlagenen einem Andern aufgelauert htte, um ihn fr irgend ein
Vergehen zu zchtigen. Auf das Hlfegeschrei einer Frau aber wren ber den
Zaun, an dem Holzschuppen rechter Hand - man zeigte in dem aufgehenden
Tageslichte nach jener Stelle - eine Menge Vermummter mit Stangen und Eisen
erschienen, htten jenen Bedrngten befreit, aber den wildesten seiner Gegner
auch in dem Grade kampfunfhig gemacht, da dieser schwerlich wieder aufkommen
wrde ...
    Den Verwundeten erkannte Mullrich sogleich.
    Es war Dies der Kutscher des Justizraths Schlurck, Neumann mit dem
Backenbart und den goldnen Ohrringen.
    Die wildaufgeregte, schreiende Anklage kam von Jeannetten, die im Augenblick
der Gefahr ihre Tndeleien nicht mehr durchfhrte und sich wohl
vergegenwrtigte, wie ihre fast dreiig Jahre es ihr zur Pflicht machten, eine
so solide Anhnglichkeit, wie die des Neumann, werth zu halten. Sie verwnschte
bald die Feigheit der Reitknechte Lasally's, die wohl Jemanden berfallen, aber
sich nicht vertheidigen knnten, wenn sie auf gefate Gegner stieen. Sie schwur
der Rothen Rache, die Hackerten diesen Schutz hatte herbeizaubern knnen und war
im ersten Zorn so heftig ber Frnzchen Heunisch, die von ihrem Tnzer gefhrt
wurde, hergefallen, da diese vorzog, zu flchten und sich umsomehr bald von
Sandrart nach Hause begleiten zu lassen, als Louise Eisold und Hackert
verschwunden schienen.
    Der Oberkommissr Pax verschaffte sich, whrend man Neumann mit Wasser
besprengte und in den Wagen trug, alle nur zu ermglichenden nheren Angaben
ber die Begebenheit, war aber insofern schon vllig im Klaren, da er den
Angreifern sagte, ihnen wre Recht geschehen. Seine Theilnahme fr Hackert gab
sich dabei vollkommen zu erkennen. Und von den sogenannten Vermummten hatte er
die berzeugung, da Dies Maschinenarbeiter von Willing's Fabrik gewesen wren,
am Zaune gelauscht und die Gewaltthat eben so gewaltthtig verhindert htten.
Auch er sah sich nach Hackert um, der ebenso wie der mehrfach erwhnte und ihm
selbst aufgefallene, noch immer nicht demaskirte rothe Domino, verschwunden war.
    Als die gleichfalls herbeigeeilten Kapellisten wieder an ihre Notenpulte
lachend zurckkehrten und der Tanz aufs neue nun gerade erst bachanalischer als
bisher begann, wollten auch die beiden Polizeidiener Mullrich und Kmmerlein
wieder auf die Sternwarte. Pax aber rief ihnen nach und fragte wieder bei Seite:
    Noch immer nichts von Nr. 2 gesehen?
    Nicht ein Haar, Herr Oberkommissr.
    Keine schwarze Binde berm Auge?
    Nirgends; aber ein Franzose war da, Herr Oberkommissr. Nichts Verdchtiges
an ihm bemerkt, als da er franzsisch spricht.
    Eine grne Brille -?
    Ein schwarzer Schnurrbart -
    Es ist der Franzose nicht, der beobachtet werden sollte und doch htt' ich
gern erfahren, was hinter der grnen Brille steckt ...
    Herr Oberkommissr, sagte Kmmerlein, der suchte nichts als die
Frauenzimmer!
    Schien mir auch so, antwortete Pax lchelnd. Als ich ihm einige Male
nachgegangen war und ein Gesprch anknpfen wollte, verschwand er. Ganz geheuer
ist es mit dieser grnen Brille nicht. Er schlich dem Sergeanten und dem blauen
Mdchen nach. Aber die schwarze Binde! Man versicherte uns, sie ginge auf den
Fortunaball ... Nun gute Nacht! Ich gehe. Sie bleiben wol bis zu Ihrer
Recherche?
    Es geht nun in Einem hin!
    Vergessen Sie nicht, die Gebrder Wildungen aus Thringen! Drei Treppen bei
Frau Schievelbein.
    Neustrae -
    Was wir finden, geht mit ...
    Besonders ein Bild ...
    Abzuliefern an?
    An Frau Ludmer, Kammerfrau der Geheimrthin von Harder.
    Gut! Besorgen Sie das Alles mit der grten Pnktlichkeit! Nun, gute Nacht!
    Damit verlie Oberkommissr Pax den Garten der Fortuna und seine getreuen
Organe kehrten auf ihren frheren Standpunkt, die Sternwarte, zurck ...
    Wie sonderbar gleicht aber das Schicksal aus! Was dem Einen Quell der Leiden
ist, wird dem Andern zum Quell der Freude! Wenn irgend etwas die Gre jener
unparteiischen Gewalt, die unsichtbar ber unsern Schicksalen thront,
vergegenwrtigt, so ist es dieser vollkommene Widerspruch in Dem, was dem Einen
ntzt und zugleich dem Andern schadet, ein Widerspruch fr uns, der aber fr
jene ewige Gewalt die eigentliche Seele ihrer Harmonie sein mu ...
    Eine solche Ahnung, nur nicht philosophisch ausgedrckt, lag im Auge des
Kellners Peters, der in der groen Loge bediente und seinen Thringern, die bei
dem Lrmen zu spt gekommen waren, mit vertraulicher Miene zuraunte:
    Eben ist der Kutscher des Justizraths Schlurck halbtodt vom Platze getragen
worden. Vor sechs Wochen kommt der nicht wieder auf, wenn er je wieder eine
Leine fhren kann. Was meinen Sie, wenn ich mich morgen bei dem Justizrath melde
- blos, da ich diese gottverdammte Schrze und kurze Jacke ablegen darf?
    Freier Phaethon, edler Sonnenlenker, thue Das! rief Siegbert, der
sonderbarer Weise von dem Tumulte dieses Festes und Dankmar's Reiseerzhlung
mehr gesteigert war als der nachdenkliche Dankmar, den grade in diesem Tumulte
Wehmuth und die ernste Mahnung an die Lsung einer groen Aufgabe, die er sich
fr eine edlere Welt gestellt hatte, still fr sich berfiel.
    Wirf sie ab, rief Siegbert und strich das blonde Haar aus dem erhitzten,
schnen Antlitz, wirf sie ab die Tracht des dienenden Heloten! Werde wieder
Freiherr von der Peitsche, Baron vom Sternenaufblick, Ritter zum
Schellengeklingel! Schleudere sie hin den Hitzreuters die Speisekarte, die
deines edlen Busens nicht wrdig ist, Landsmann! Schatten Margo zu apportiren
lasse Denen, die pudelhafter ihre Seele von einem Weibe verkaufen lassen!
Pegasus im Joche, schwing' dich in die Lfte und werde wieder, was du eher
warst, ehe du wurdest, was du bist!
    Peters machte Dankmarn ein Zeichen, als wollte er sagen, dem Bruder Maler
htte wol der Schatten Margo ...
    Zu viel Licht gegeben? Nein! antwortete Dankmar zur Ehrenrettung seines
Bruders; es ist seine wirkliche berzeugung! Wir bemitleiden dich, Peters!
Morgen frh um neun Uhr klingl' ich an Schlurck's Hausthr. Wartet da auf mich!
Hrt Ihr! Wir bringen dann alle unsere Angelegenheiten in's Reine.
    Herr Dankmar, wirklich - meinen Sie?
    Er ist reich, - er kann sich ohne Kutscher nicht behelfen -
    Dann bring' ich aber den Bello auch mit.
    Bring' auch den Bello mit! Gegen vier brechen wir auf. Vier Stunden Schlaf
ist genug fr einen so tollen Tag wie den heutigen, auf den drei Nchte gehren,
wenn man die verlornen Ruhestunden wett machen wollte! Wir wollten verdorbenes
Volksleben studiren, Schmerzen in uns selber tdten! Fr einmal und nicht
wieder! Also um neun Uhr -
    Mit Bello beim Justizrath!
    Abgemacht! Wenn du Anwartschaft auf den Posten bekommst, Peters, trgst du
mir den Schrein nach Haus? Nicht wahr? Oder wird er zu schwer auf deinen
Schultern drcken ...
    Nein! Mein Gewissen erleichtern, sagte Peters fast mit verklrtem Blick und
sah mit Ungeduld auf die Uhr, die nicht fortrcken wollte und trotzdem, da
schon der lichte Sommertag durch die Fenster graute, auf halb vier Uhr stand ...
    Die Zahl der tanzenden Paare hatte sich sehr gelichtet. Kmmerlein und
Mullrich ghnten und schliefen halb und halb wieder auf ihren Sthlen ein ...
    Kaum mochten sie zehn Minuten gedmmert haben, als bei dem geringeren
Toben der Menge es Mullrichen war, als wenn er an der Wand, die die Sternwarte
von einer kleinen Loge dicht neben ihr trennte, ein Gesprch hrte, das laut, ja
zankend war ...
    Sich sammelnd und aufrichtend horchte er und hrte leider nur den wilden
Galopp, den jedoch kaum noch dreiig Paare tanzten. Er htte sich gern umgebeugt
und in die Loge eingesehen, allein der kluge Erbauer des Fortunasaales hatte es
so eingerichtet, da Niemand aus einer Loge in die andere lauschen konnte. Sehr
geschmackvolle Stukkaturen und Bronzearbeiten waren an den Verbindungswnden zur
Zierde des Saales angebracht. Man htte sich weit ber die Brstung lehnen
mssen, wenn man um die Karyatiden herumsehen wollte, die die Logen von einander
trennten. Von der vollends etwas zurckgebauten Sternwarte war dies mit der
zunchst anstoenden sehr kleinen Loge durchaus nicht mglich.
    Kaum hatte sich Mullrich wieder an die Verbindungswand gelehnt, als er ein
jetzt pltzlich gar lautes und aufgeregtes Gesprch zu hren glaubte, jedoch nur
von zwei streitenden Personen.
    Er weckte Kmmerlein und machte, als sich dieser gesammelt hatte, ihm
Gebehrden, auf die Wand zu merken.
    Was ist denn? fragte dieser.
    Hren Sie nur! Hier!
    Beide legten ihr Ohr an die Verbindungswand, die die Sternwarte von der
kleinen, ganz unbeachteten Loge trennte.
    Was sie vernahmen, war ein grmliches Zanken zwischen einem wie es schien
lteren Manne und einer jngeren aber heiseren und tiefliegenden Frauenstimme.
    Schweig, Maulwurf! sagte die Frauenstimme, was hab' ich von dem Glanz, wenn
ich ihn nicht zeigen darf?
    Eine fast grunzende, mrrische Stimme grmelte irgend etwas dagegen, was man
nicht verstehen konnte.
    Gold und Juwelen, fuhr die Frauenstimme malicis fort, und in einem Kfig
sitzen? Nein, lieber Wasser und Brot, aber Polka tanzen! Ich hab's satt - morgen
gehst du oder ich.
    Die Stimme des Alten murmelte oder brummte wieder etwas Unverstndliches.
    Fnf Tage, nicht drei! sagte die Frauenstimme, hrst du? Fnf, nicht drei!
Dann thu' ichs! Was sind drei Tage? Oder nimm drei Tage, aber zwischen jedem
einen von deinen mageren Tagen dazwischen? Hrst du? Nicht drei fette Tage
hinter einander -
    Hintereinander! war die jetzt verstndliche, deutliche, entschiedene Antwort
des alten Mannes.
    Dann bleiben wir nicht zusammen, fuhr die Frauenstimme zornig fort. Drei
Tage im Monate, hast du mir versprochen, mir so zu schenken, da ich alle meine
Vergngungen und Wnsche befriedigen kann. Nun ja; ich habe gestern prchtige
seidne Kleider bekommen, heute Juwelen und Gold und morgen soll ich mein wahres,
mein echtes Bild haben, das ich wirklich bin und keine Andere ...
    Und gab ich heute nicht schon mehr? sagte jetzt deutlicher und mit gehobener
Stimme der Mann, als du begehrtest? Ist dieser tolle Nachtschmaus, wo man sich
vor dem anbrechenden Tageslichte schmen mu, nicht eine Zugabe zu den Juwelen
und dem Golde? Ich sah berall in die Logen dieses Saales. Diese kleine, stille,
verborgene ist die schnste. Hier sind Spiegel und weiche Polster! Hier duften
Blumen und da hngen reizende Bilder! Du hast Fasanen gegessen, Champagner
getrunken! Aber du weit nichts zu wrdigen. Im gierigen Genusse schlingst Du
Alles hinunter und hast wie die Heihungrigen erst dann einen Reiz dazu, wenn du
es schon verzehrt hast ...
    Nun gut! sagte lachend die Frauenstimme. Diesen Fortunaball schenktest du
mir auf den zweiten Tag als Zugabe; aber ich will tanzen, tanzen! Ich trinke
hier Champagner, esse Eis und verzehre mich vor Gier, hinunter in den Saal zu
drfen. Sieh, Alter! berall da unten sind meine Tnzer! Sieh den kleinen mit
den feurigen Augenerkennst du mich wohl - wenn ich - he Junge! He! He!
    Willst du - bleibst du wol zurck! Tritt nicht leichtsinnig mit Fen, was
ein Freund liebevoll heute ber dich hufte - -
    Man hrte fast, da die Hand des mnnlichen Sprechers die des weiblichen
packte und zurckri ...
    So komm mit! Ich will mit dir tanzen; Alter ... mit dir! Ha, ha, ha, Komm -
    La mich! Schme dich!
    So will ich nur einmal an deinem Arme durch den Saal schlendern. Sieh, es
ist gleich drei Viertel auf vier. Um vier Uhr hast du den Wagen bestellt. Komm,
schlendre mit mir durch den Saal, Brummbr!
    Das Alles ist wider die Abrede, antwortete die Mnnerstimme. Diese
Fortunablle werden sich oft wiederholen. Es werden andere Feste kommen, wenn
die Jahreszeit unfreundlicher wird und man die geselligen Vergngungen sucht. Du
hast dann wieder drei Tage des Glcks und der Verschwendung -
    Und siebenundzwanzig der Armuth und Langenweile, der schrecklichsten Folter.
Nein, Mnnchen, such' dir eine andere Nrrin fr deine Possen, ich kann arm
sein, aber Langeweile haben und nicht - nein! nein!
    Und nicht lieben, willst du sagen?
    Ich sagt' es nicht!
    Und doch ist es Das! Nur Mnner, die dich kssen, willst du um dich.
    Ich will nicht Mnner, die mich kssen ...
    Du sagtest mir Das vor vierzehn Tagen, als ich dich im Elend, in der
verworfensten Schande antraf, die Tochter eines Mannes, dem ich ewig
verpflichtet bin. Httest du mir gesagt, ich mu lieben, mu kssen und
leichtsinnig sein, ich kann die Tugend nicht ben, so htt' ich fr dich gebetet
- so aber sagtest du ...
    Ich habe nicht gelogen.
    Nun denn, wenn du die Freude, das Vergngen, die Pracht und die Trgheit
liebst, warum siehst du nach dem kleinen Schwarzkopf mit den feurigen Augen -?
    Er tanzt und du nicht! Komm, wenigstens durch den Saal mssen wir
schlendern. Es ist gleich vier.
    Wir sind ja nicht gebunden. Die Pferde warten ...
    Sie sind um vier Uhr bestellt ...
    Andre Wagen warten genug unten.. wir bezahlen beide ...
    Das kostet zuviel ...
    Was kmmert dich's, ob's an den drei Tagen deines Glckes mich etwas mehr
kostet oder weniger?
    Hier schwieg die Frauenstimme einen Augenblick.
    Ihre heiseren Tne waren pltzlich sanfter geworden.
    Mullrich machte Zeichen des grten Erstaunens und der unglaublichsten
berraschung.
    Nun? fragte Kmmerlein flsternd ...
    Da verwett' ich meinen Kopf ...
    Worauf denn?
    Das ist Nr. 17!
    Wo Nr. 17?
    Nr. 17 aus unserm Hause ... Die Maler-Guste ...
    Die nach Hamburg wollte?
    Die und Hamburg! Horch ... Wart'! Du sollst uns mit dem alten Spiegel und
mit der Bettstelle und dem Waschlavoir-St! Stille!
    Die ltere mnnliche Stimme begann wieder:
    Sonderbar! sagte sie. Schon die ersten drei Tage sorgst du ja fr mich,
Mdchen! Bedenkst ja meine Kasse! Sieh! Sieh! Wirst ja huslich, wirthschaftlich
...
    Ha, ha, ha, lachte spttisch das Mdchen, bilde dir nichts ein, Mnnchen ...
    Ich wette, du lernst noch mit der Zeit dich in Manches fgen -
    Die Zeit wird dir doch zu lang werden, Alter!
    Glaub's nicht ...
    Wollen wir wetten? Ich wette gern ...
    Heute hast du eine Broche, zwei Armbnder, Ohrringe bekommen, ich schenkte
dir ein Souper im Fortunaball als freiwillige Zugabe. Eine Wette spar' dir auf
deine nchsten drei fetten Tage im September.
    Die erleb' ich nicht mehr. In den siebenundzwanzig magern lauf' ich dir
davon oder sterbe!
    Bedenke, im Februar sind es nur fnfundzwanzig, wo du dich bezhmen und mit
mir Erdpfel essen sollst!
    Nie! Nie! Ich gehe nach Hamburg!
    Hier sprang Mullrich auf und sagte halblaut fr sich:
    Satan! Du bist's! Juwelen und Gold und Fasanen und sich malen lassen und mir
l'st du einen zerbrochenen Spiegel, eine lahme Bettstelle und ein Waschlavoir
fr drei Monate Hausschlssel und alles brige? Krte du!
    Mit diesem krftigen Worte, das alle seine Empfindungen und auch das
systematische Bestreben, reich zu werden, wie Kmmerlein gesagt hatte,
ausdrckte, fate er Kmmerlein's Hand, um von diesem einen localkundigen Rath,
irgend einen strategischen Angriffsplan auf die Nachbarloge zu hren.
    Kmmerlein aber winkte ihm mit sphend aufgerissenen Augen und zeigte stumm
auf die Wand, wo noch folgende Worte hrbar wurden:
    Hr' Alter, sagte die Frauenstimme, wenn die drei fetten Tage im September
kommen und ich sage an einem davon, wir gehen auf den Fortunaball und du mut
tanzen ... so mut du's auch. Das erfordert unser Contract.
    So werd' ich tanzen, antwortete der Alte.
    Ha, ha! Das lassen wir fr Geld sehen ...
    Gelernt hab' ich's ...
    Das mcht' ich sehen; aber mit mir nicht! Man lacht uns aus ...
    Man lacht dich nicht aus, wenn du schne Kleider trgst, von denen sie Alle
wissen, da ich sie dir schenkte ...
    O Das mu lustig sein, dich da unten hinken zu sehen. Komm! Es rckt auf
vier. Thu' mir wenigstens den Gefallen und mach' noch einmal im Saale mit mir
die Runde ...
    Um fnf!
    Nein, wir fahren jetzt ...
    Warum jetzt schon ...
    Was die Stunde kostet, da der Kutscher hlt, dafr ... dafr trink' ich
morgen Chokolade.
    Mdchen, weil du zu sparen anfngst, sagte der Alte lachend, will ich dir
den Gefallen thun und einen Gang durch den Saal machen. Glcklicherweise sind
die Logen fast leer und von den Tnzern nur noch ein paar Wilde da, die sich
nicht zur Ruhe geben wollen! Fhre mich, Auguste! Ich kann nicht gut sehen.
Komm, Auguste!
    Auguste! sagte Mullrich triumphirend.
    Ich kann nicht gut sehen? fiel Kmmerlein ein.
    Wer?
    Der da!
    Nun?
    Nichts begriffen?
    Es ist die Auguste, die mir fr vier Monate ...
    Zum Henker, ja! Aber der Andre ...
    Was denn?
    Kommen Sie, sagte Kmmerlein kopfschttelnd ber die Beschrnktheit seines
Collegen. Rasch! Der verdammte Tunnel! Es mu von hier noch eine Treppe gerade
in den Saal hinunter gemacht werden. Wir machen einen Capitalfang. Ziehen Sie
die Pfeife heraus, wenn Succurs nthig ist ...
    Mullrich, der immer nur an Nr. 17 und die ihm schuldigen vier Thaler dachte,
folgte verwundert dem klgern, an die schwarze Binde denkenden Kmmerlein ...
    Gerade aber fnf Minuten vor dem vollen Glockenschlag Vier begab sich unten
im Saale der Fortuna folgende seltsame Scene:
    Es war eben ein strmischer Galopp, den man den Tarantelstich nannte,
beendigt; die nur noch sprlichen Paare traten zurck und Manches rstete sich,
der tiefernsten, sittlicherhabenen Mahnung des durch die groen Fenster
hereinschimmernden Tageslichtes zu folgen und nun still niederblickend
heimzugehen. Die Kraft des zustrmenden Gases lie in den Kronenleuchtern nach,
ein unheimliches, gespenstisches Helldunkel verbreitete sich in dem staubigen
Raume. Die vorhin noch so freundlich schimmernden Toiletten wurden pltzlich
fahl und erschienen zerknittert, die Gesichter, eben noch prahlerisch, machten
sich hlich, alt, ja als ein Kronenleuchter pltzlich ganz verlschte, war es,
als sprche eine Geisterstimme pltzlich ein schauerliches Wort, das dem Feste
noch vor der Zeit ein Ende zu machen schien.
    In diesem Augenblicke stoben, vor einem seltsamen Anblick, entsetzt, die
Tnzer auseinander.
    Die wenigen Tnzerinnen, die eben eiligst ihre Shawls und Hte suchten,
stieen ein ngstliches unterdrcktes Ach! aus.
    Alles sah mit dem Ausdrucke des fragenden, unsichern Erstaunens nach einer
Erscheinung hin, die, durch die groe Hauptthr eintretend, erst Wenigen
auffiel, dann Alle in Furcht und Schrecken versetzte.
    Ein Tnzer, den Alle kannten, weil er sich als der Gewandteste, Witzigste,
Ausgelassenste in ihren Reihen getummelt hatte, kam in zerrissenem Anzuge,
verwilderten Kleidern, zerschlagenem Hute ber dem rthlichen Haar, Staub und
Gras an den Kleidern und Stiefeln, mit einem jener Lichter, wie man sie unter
Glasglocken, die die Flamme schtzen, in ffentlichen Grten aufstellt, herein,
feierlich schreitend, gespenstisch, mit geschlossenen Augen.
    Hinter ihm die rothe Dame, die Allen aufgefallen war und noch immer ihre
Maske trug.
    ngstlich besorgt folgte sie dem Wandelnden und hielt Alle, die von dem
Anblick berrascht erst lachend, dann entsetzt stillstanden, zurck, den Finger
auf den Mund legend und frmlich mit den Hnden um Schonung und Mitleid flehend.
    Die Musik begann nicht wieder.
    Die Tnzer flohen von jeder Seite weg, wo der gespenstische Wanderer mit dem
groen Windlichte daherkam.
    Auch zu den wenigen noch besetzten Logen hinauf zischte man und erzwang Ruhe
und allgemeine ngstliche Aufmerksamkeit.
    Ein Nachtwandler! ging es mit flsterndem Grauen durch die Reihen aller
Anwesenden, die beklommen den Athem anhielten und nicht wuten, ob sie bestrzt
sich entfernen oder das Ende dieses Zustandes und seine mgliche Entwickelung
abwarten sollten.
    Manche waren freilich so frivol gespannt, da es ihnen das Liebste gewesen
wre, der Unglckliche htte irgend ein gefhrliches Unternehmen begonnen und
eine Thatsache ihnen besttigt, von der man allgemein wol viel erfhrt, aber
selten so gnstige Gelegenheit findet, selbst von ihr etwas in Erfahrung zu
bringen.
    In diesem Augenblick schlug es voll vier ...
    Der Nachtwandler horchte auf und lchelte ...
    Er blieb stehen ...
    Seine schtzende Begleiterin war in Verzweiflung, weil sie nicht wute, was
sie thun, was unterlassen sollte.
    Indem setzt der Nachtwandler seinen groen Leuchter auf einen Tisch, sieht
sich nach der Uhr um, schlgt, als wenn er die acht Klnge der Uhr wiederholte,
acht mal mit der Hand langsam in die Luft und beugt sich bald nach rechts, bald
nach links, als suchte er etwas.
    Dabei lchelt er ...
    Dann nimmt er den Leuchter und gleichsam, als wenn er sich ber Schlafende
beugte, leuchtete er hin ... bald hier, bald dort ...
    Die Begleiterin ri sich jetzt die Larve vom Gesicht;
    denn die Thrnen rannen ihr aus dem Auge ...
    Alle starrten nach ihr hin ...
    Niemand kannte sie ...
    Dies Rathen und Forschen mehrte die ngstlichkeit der Scene ...
    Was thut er? Was bedeuten diese Bewegungen der Hnde, als wenn er ein Kind
schaukelte ...?
    So sprachen die stummen Mienen der Umstehenden und forschten leise die
weinende Fremde aus.
    Diese verstand sehr wohl, da der Unglckliche durch das Schlagen der Uhr an
den alten Grovater Eisold in der Brandgasse und an dessen Urenkel, die Kinder,
erinnert wurde und da diese Gebehrde, die er in seinem trumenden Zustande
machte, Scenen vorstellte, die sie oft zu ihrer innigen Freude erlebt hatte, wo
der Bemitleidenswerthe auf milder, weicher und ihr zugewandter besserer Stimmung
Abends kam, zu den schlafenden Kindern auf ihre Lagersttten niederleuchtete und
diesen eine gute von Engeln behtete Nacht wnschte.
    Der Nachtwandler hielt das Licht und leuchtete auf den Boden und lchelte
und die Flamme des Lichtes fate bereits sengend seine eigenen zerfetzten
Kleider ...
    Hackert! rief die Fremde jetzt vor Schreck und der Gefahr des Verbrennens
und in ihrem berwltigten Gefhle strzte sie auf diesen zu, dem aber schon ein
muthigerer Zuschauer die Lampe aus der Hand ri und auf den Tisch stellte und
ihn selbst auffangen wollte, wie er eben in Louisens Arme sank und sich
schaudernd besann auf Das, was ihm eben geschehen war und noch geschah ...
    Alles kam nher; Alles wollte fragen, die Pein war furchtbar fr Louise und
Hackert, der sich in diesem Aufzuge unter allen diesen Menschen und in seinem
Zustande sah ...
    Glcklicherweise dauerte diese Folterqual fr Hackert und Louise nur eine
Sekunde.
    Denn im Nu erscholl ein gellender markdurchbohrender Pfiff.
    Man sah sich um.
    Die Polizei umringte eben jenen Mann, der Hackerten mit raschem Entschlusse
das Licht aus der Hand gerissen hatte.
    Es war Dies ein gebeugter, lterer Mann, sehr fein gekleidet, mit dunkler
Perrcke und einer groen schwarzen Binde ber dem rechten aufstarrenden Auge.
    Auch ein junges, allgemein gekanntes Mdchen, Namens Auguste Ludmer, wurde
mit ihm zugleich verhaftet. Die groe, bildschne, schlanke Figur war so reich
gekleidet, so mit Gold und Edelsteinen geschmckt, da Alle starrten. Der Grund
dieses berraschenden Zwischenfalls konnte Niemandem auffallen. Der Mann mit der
schwarzen Binde hatte auf Kmmerlein's einfache Frage: Sie sind Murray? einfach
geantwortet:
    Ich bin Murray.
    Ruhig hatte er sich in sein Schicksal ergeben, whrend Auguste Ludmer,
genannt die Maler-Guste, sich wie verrckt gebehrdete, halb wthete, halb lachte
und Mullrich mit den Worten anredete:
    War Das ein Pfiff auf einem von deinen Hausschlsseln? Pechdraht du!
Diebsschlosser!
    Das Struben des schnen, ppig geformten, an die Staten der Griechinnen
aus dem Zeitalter des Alexander erinnernden Mdchens half ihr aber nichts. Zwei
Agenten, die Mullrich und Kmmerlein zu Hlfe gekommen waren, fhrten sie fort.
    Mullrich aber und Kmmerlein nahmen den Mann mit der schwarzen Binde, der
sich Murray nannte, in die Mitte.
    Er ging ruhig lchelnd.
    Hackert schlich am Arme des armen Mdchens, Louise Eisold, die die
entstandene Aufregung benutzte um Hackerten fortzuziehen. Sie ging still und
unscheinbar. Sie hatte den seidnen rothen Mantel ber dem Arm, die Maske in der
Hand.
    Die Tnzer, die Flten, die Geigen, die Posaunen folgten.
    Die Gaslichter erloschen.
    Der Fortunaball hatte ein Ende.

                              Vierzehntes Capitel



                               Eine Morgenstunde

Es war sieben Uhr Morgens, als Justizrath Schlurck mit seinem guten Hannchen
am Kaffeetische sa und das Frhstck verzehrte.
    Franz Schlurck war im seidenen, leichten Schlafrock, Johanna Schlurck in
einer leichten Morgenrobe, ber dem Haupte eine Dormeuse alten Geschmackes,
jedoch neuester Mode. Die Spitzen lagen bis tief ber die Stirn der klugen und
besonnenen Frau, die heute den Kaffee lobte, weil - ihn Jeannette nicht gemacht
hatte. Auch die Aufmerksamkeit des zweiten Mdchens, frische Blumen, die gestern
Abend geschnitten, aber frisch benetzt heute frh schon um sechs Uhr auf dem
Markte gekauft wurden, neben den Zwieback in einer Vase auf den Kaffeetisch zu
stellen, lobte Hannchen Schlurck ausnehmend und stellte dadurch die Ruhe des
Justizraths wieder her, die von der Nachricht, Melanie htte eben der Mutter aus
ihrem Schlafzimmer zugerufen, Jeannette wre von ihr verabschiedet, etwas
gestrt schien.
    Auch die Mutter hatte diese Nachricht ungern vernommen. Sie hate alles
Gewaltsame, alles Extreme.
    Da aber Melanie einmal darauf bestand, mute diese Anordnung so bleiben wie
sie war.
    Auf des Justizraths Einrede, da solch verletztes Volk viel Gift und Galle
verspritze, viel klatsche und austrge, erwiderte seine Gattin, die ebenso
gedacht, da man wol, wenn Melanie's Zorn vorberwre, Jeannetten diesen oder
jenen Beweis freundlicher Gesinnung geben knne, was Schlurck um so natrlicher
fand, als er sich auch noch damit trsten zu knnen glaubte, da Neumann mit der
Zeit doch wol die Jeannette heirathen wrde.
    Jetzt wartete aber bereits eine andere unangenehme Nachricht. Man hatte
Neumann, wie die Frau Justizrthin heute in aller Frhe schon erfahren, halbtodt
von einem nchtlichen Balle heimgebracht und whrend noch die bedchtige Frau
darber nachsann, ob sie oder Bartusch dies neue unangenehme Ereigni dem durch
solche Bedrngnisse der nchsten Umgebung beraus leicht zu verstimmenden Gatten
vortragen sollte, wollte dieser denn doch ein wenig genauer wissen, worber die
Jeannette nach dreijhrigem Dienst so ber Hals und Kopf aus dem Hause fort
msse? Er hoffe, sagte er, da sie noch auf ihrem Zimmer wre und nur verboten
erhalten htte, zum Serviren des Frhstcks herunter zu kommen ...
    Sie ist boshaft, gefhrlich und fgt sich nicht in Melaniens jetzt recht
empfindlichen Charakter! sagte die Mutter.
    Ja, ja, setzte Schlurck hinzu, Melanie ist seit kurzem wirblich und
wunderlich geworden! Ich glaube, da es Zeit ist, sie entschliet sich zu irgend
einer Partie. Diese Tndeleien und kleinen Romane stumpfen das Interesse fr ein
Mdchen ab. Man mu nicht zu lange gefallen wollen und Alle blenden. Das
Auftauchen einer hbschen Erscheinung sei wie das kurze Leben eines
Schmetterlings! Weibliche Liebenswrdigkeit mu ein Ziel haben, die Ehe. Hernach
kann sie sich ja noch einmal entpuppen und sehen, wie es sich in dieser Welt in
anderer Form leben lt. Die Ehe gibt ja erst die wahre Freiheit. Ich wnsche um
so mehr ein Ende, als es Zeit ist, auch einmal ber ihre Mitgift nachzudenken,
die nicht gro sein wird.
    Nicht gro? versetzte die Mutter etwas befremdet. Was verstehst du unter
gro?
    Ich habe Verluste gehabt, sagte Schlurck verdrlich, und werde deren noch
mehr haben. Die Verwaltung der Hohenbergischen Gter ist in andere Hnde
bergegangen, die Administration der Johanniterhuser wird mir auch noch
genommen werden -
    In Folge des Prozesses?
    So wie so! Bei der Stadt bleiben diese Gter und Huser nun schwerlich
lnger und der Staat wrde ihre Nutzung ganz anders ausbeuten, als wir bisher.
Man wird alle die milden Stiftungen, die auf sie angewiesen sind, wie frher
untersttzen, aber den Ertrag wird man zu erhhen, die Kosten der Verwaltung zu
vereinfachen suchen. Brechen damit zwei meiner Hauptsttzen zusammen, so wird
die Wendung unseres Gerichtsverfahrens mir nicht einmal mehr den alten Credit
als Sachwalter lassen; denn bei Einfhrung des mndlichen Verfahrens kann es nur
den Rednern gelingen, sich einen Namen zu erwerben und ich bin kein Redner. Das
Bischen Politik, das ich, angestachelt von den conservativen Vereinen und
besonders dem verdammten Reubunde, getrieben habe, hat mich bereits mit allen
meinen Arbeiten in Rckstand gebracht.
    Das sind ja traurige Aussichten! Wir wollen uns einschrnken ... sagte die
Justizrthin seufzend.
    Sprich das Wort nicht aus! antwortete Schlurck. Einschrnken! So wie mich
Mangel oder Sorge begrt, ist mein Lebensende da. Etwas entbehren, etwas gehabt
haben und sich's nun versagen mssen, nein, liebes Kind, Das wre mein Tod!
    Du sprichst wie ein Verschwender, Schlurck ...
    Der ich doch nicht bin, willst du sagen? Herz, wir haben keine bersicht
ber Das, was wir besitzen und brauchen. Wir geben aus und geben, weil wir
einnehmen. Pltzlich sich nun einrichten mssen, die Reflexion bei sich zu
Tische sehen und mit der Weisheit soupiren, das Alles wrde vielleicht uerlich
gehen, aber du wrdest erleben, da ich innerlich anfinge recht zusammen zu
fallen und an einem stillen Herzweh hinzusiechen. Ich wrde lachen, scheinbar
heiter sein, aber den Ruck htt' ich doch weg und eines Tages bliese mich ein
khler Abendwind von dieser schnen Erde weg.
    Franz! Franz! Welche dstere Gedanken!
    Frau Schlurck weinte fast.
    Sie hatte ihren Franz lieb, als Charakter, als Gemthsmenschen, wenn auch
die Sage ging, da der vorurtheilslosen Frau Bartusch nher stehen sollte.
Weltmann, wie Schlurck war, ignorirte er alle Mysterien und hielt sich an das
Offene, an das Nothwendige und Schickliche. Auch ihm war sein Weib so nthig wie
er ihr. Er hatte in ihr die mildeste Richterin und die bequemste Freundin. Sie
duldete alle seine groen und kleinen Schwchen, nahm sie fr gegebene
Thatsachen und qulte ihn nie mit etwaigen Zumuthungen, sich zu ndern, in sich
zu gehen oder dergleichen angewandter Moral, die er um so mehr ablehnte, als er
oft sagte: Kind, es gibt ein Dutzend moralischer Systeme! Welches ist das
rechte? Er liebte im Vollen zu leben, und sie rechnete nie, da sie reichlich von
ihm empfing. Sie schonte selbst seine geheimen, kleinen Neigungen, von denen er
nicht frei war. Gern hatte sie dabei freilich, da er sich unter seiner Sphre
hielt. Der kleine Roman mit der Justizdirektorin von Zeisel, geborenen
Nutzholz-Dnkerke, der sich unter ihren Augen in Hohenberg entsponnen hatte,
berraschte sie unangenehm und doch hatte sie sich auch bereits in diesen
gefunden.
    Du hast gestern Nachmittag nach Plessen geschrieben? sagte sie, um ihm einen
Beweis ihrer Gte zu geben.
    Ja, antwortete Schlurck etwas verlegen; ich habe dem Justizdirektor eiligst
angezeigt, da Prinz Egon die Verwaltung der Gter selbst antritt. Ich habe ihm
gesagt, er mchte auf seiner Hut sein vor dem neuen Generalpchter, einem
gewissen Ackermann, der aus Amerika gekommen ist, um seine Dollars in allerlei
agronomischen Experimenten zu verpuffen. Bis er vllig zu Grunde gerichtet ist,
wird dieser anmaende Sonderling viel Menschen zusammenhetzen und recht qulen
knnen.
    Du hast doch Frau von Zeisel gegrt? sagte die Justizrthin mit mildem und
vershntem Ton. Sie ist eine gute und liebe Frau, die uns wol einmal besuchen
knnte? Meinst du nicht, Franz?
    Schlurck war ber solche Beweise von Gte leicht gerhrt. Schwach,
charakterlos wie er war, hatte er wirklich ein weiches Herz und fhlte nie
unzart. Er sah scharf genug, da ihn seine Frau mit ihrer frivolen Philosophie
trsten und erheitern wollte ...
    Du bist wehmthig gestimmt ber unsere finanzielle Lage, sagte er. Noch lt
sie sich aber ertragen. Wir nahmen viel ein, aber leider wir sparten nicht.
Dennoch werd' ich Melanie, wenn sie endlich sich verheirathet, funfzehntausend
Thaler sogleich baar mitgeben knnen und mich gern verpflichten, meinem
Schwiegersohn jede Erleichterung zu gewhren. Viel grer, liebes Kind, ist
nmlich nicht mein baares Geld, das durch den Fall der Papiere um die Hlfte im
Werthe sank. Deine Zukunft, liebes Hannchen, sichert dir eine in dem Londoner
Janus eingeschriebene Rente und die Gothaer Bank ...
    Ich werde sie nie benutzen ... antwortete Madame Schlurck, die sich lange
nicht von ihrem Manne mit liebes Hannchen angeredet gehrt hatte und auch darin
ein ominses Zeichen sah ...
    Nie! Nie! wiederholte sie gerhrt und weinerlich.
    Das wre schlimm, Herz! sagte Schlurck jetzt wieder mit seinem gewhnlichen
Humor; soll ich London und Gotha reich machen, jhrlich Gelder einzahlen in
Kassen, die mir dann nicht einmal solvent wrden? Nein, Kind, den Gefallen thu'
ich ihnen nicht ... ich sterbe vor dir.
    Frau Schlurck brach diese Gedankenreihe, die zu trb' war und zu dem
comfortablen Frhstck, der hellen Morgensonne und den Blumen in den
Porzellanvasen nicht pate, ab und knpfte eine andere an.
    Fnfzehntausend Thaler! sagte sie. Wer gibt auch jetzt mehr von seinem
baaren Gelde einer Tochter mit? Bei den reichsten Familien erstaunt man ber die
geringen Summen, die die Schwiegershne baar in die Hand bekommen, und so viel
wei ich doch auch, da der Credit jede baare Summe im Geschftsverkehr
verdoppelt.
    Ganz Recht! Machte nur Melanie endlich Anstalten! rief Schlurck halb
zufrieden, halb rgerlich und sah dabei auf einige alte Papiere, die er unter
den Zeitungen neben sich liegen hatte ...
    Sie hat heute in aller Frhe schon geschrieben; antwortete die Mutter und
legte die Papiere so, da ihr alterthmliches Aussehen nicht die schne
Symmetrie und die Wsche ihres Frhstckstisches strte; um fnf Uhr war sie auf
und hier in den Zimmern. Um sechs schon mute Johann einen Brief forttragen. Sie
sagte mir nicht an wen? Aber Johann zeigte mir die Adresse: An Lasally.
    An Lasally! Hm!
    Ich glaube fast, da sie sich entschliet, dem wirklich treuen Bewerber nun
zuzusagen. Zwar in Hohenberg, wo sie sich einbildete, den Prinzen erobert zu
haben, hat sie ihn kalt, fast zurckstoend behandelt, allein Das ist noch kein
Beweis. Die Parthie hatte nie deinen Beifall ...
    Schlurck zog die Achseln.
    Ein junger Mann, sagte er; von sehr reichen ltern, zurckgekommen, aber im
Reichthum erzogen, mismthig, verstimmt, verlebt, halb bankerutt, ein Israelit
... ich mu gestehen, etwas Seltsameres konnte uns nicht begegnen. Aber aus dem
ganzen Leben wei' ich, nichts kommt so wunderbar wie ein Schwiegersohn. Man
trumt von einem Gelehrten und es ist ein Soldat, von einem Pfarrer und es ist
ein Schauspieler. Das menschliche Herz!
    Die Mutter suchte mancherlei Gnstiges fr Lasally vorzubringen. Er wre
lngst getauft, wre gutmthig, gefllig, oft edel denkend, nur etwas verwildert
und ohne Erziehung. Auch sie begreife nicht, wie ihnen Das geschehen mute, ihr
schnes, gefeiertes, liebenswrdiges Kind gerade zu solcher Parthie hergeben zu
sollen, aber ein nachdrcklicher Bewerber stellte sich sonderbarer Weise ja
nicht ein. Was wre da zu thun? Man wrde Lasally's Finanzen verbessern und dann
vielleicht die Gewiheit haben, da gerade Melanie in dem lebhaften Treiben
seines Berufes sich gefallen wrde ...
    Schlurck schttelte unglubig, verdrielich den Kopf.
    Sonderbar, sagte er, ich liebe Vieles, was gefhrlich ist, nur nicht die
ffentlichkeit, und auch du bist bescheiden und zurckhaltend und dies unser
Kind nimmt den Lasally vielleicht nur, um immer gesehen zu werden, immer von
Mnnern umringt zu sein, sich auffallend tragen zu knnen, auf allen Parthieen
und Corsos in der ersten Reihe zu stehen, zu Wagen, zu Pferde, wie eine
Komdiantin ... ich begreife nicht, welche Geheimnisse in der Natur liegen und
manchmal glaub' ich doch, da es mit den Sternen etwas Eigenes auf sich hat. Wer
wei z.B., ob ich nicht da etwas in der Hand habe, was uns doch von der
Nothwendigkeit, aus Melanien die Frau Stallmeisterin Lasally zu machen,
vielleicht befreit?
    In der Hand? Diese alten Papiere?
    Die Sterne bringen mich drauf. Es gibt mondhelle Nchte, Hannchen, in denen
die Geister geschftiger sind als sonst. So knnt' ich fast den Wallenstein
parodirend sagen. Du hast mir von der Verwechselung des Prinzen mit einem
jungen, hbschen Manne, Namens Dankmar Wildungen, gesprochen; Bartusch erzhlte
mir Wunderdinge ber Melanie's Gefallen an diesem Fremden ...
    So lange sie ihn fr den Prinzen hielt ... ergnzte die Mutter mit
achselzuckender Bitterkeit.
    Es wre mglich, da dieser junge Mann in die Lage kommen knnte, mit dem
Prinzen Hohenberg nicht zu tauschen.
    Wie? fragte die Justizrthin erstaunt ...
    In seltsamer Aufregung war Schlurck aufgestanden, die alten vergilbten
Papiere in der Hand, die er als die wichtigsten Dokumente aus dem im untern
Studirzimmer befindlichen Schrein mit dem Kreuze zu sich hinauf genommen hatte
... Eben wollte er sich anschicken, seiner Frau eine interessante
Auseinandersetzung zu machen, als ein Wagen an sein Haus rollte und er durch's
Fenster blickte.
    Was? rief er. Das ist ja Drommeldey's Wagen. Er steigt aus. Was will denn
Drommeldey bei uns so frh? Ist Jemand im Hause krank?
    Die Justizrthin errieth, da der Sanittsrath eben kam, um Neumann's ihm
gemeldeten Zustand zu untersuchen. Einen nahegelegenen, gewhnlichen Wundarzt
hatte man schon in der Nacht gerufen ... Sie verwnschte den unangenehmen
Zufall, da ihr Mann nun doch etwas erfuhr, was man ihm verschweigen wollte. Da
er aber diese Absicht sogleich merkte, drang er auf Wahrheit und ngstigte sich
schon, es mchte Melanien selbst etwas begegnet sein, da sie zu lange ausbliebe.
Nun mute ihm seine Frau erzhlen, was die Nacht geschehen war. Es berhrte ihn
das Alles hchst unangenehm. Die Nothwendigkeit, einen andern Diener fr seine
Pferde zu dingen, wenn auch nur fr einige Zeit, ja auch einen Kranken im Hause
zu haben, das Alles, sagte er, griffe seine Nerven an. Auch von moralischer
Seite zeigte er sich heute empfindlicher als sonst. Er fand dies heimliche
Auslaufen auf Blle und auf nchtliche Vergngungen abscheulich und als gar auf
Hackert die Rede kam und die Mutter sagte: Neumann wre eigentlich Recht
geschehen, da es wieder Hackerten htte gelten sollen! brach er in heftige
Verwnschungen gegen alle Welt und die Seinigen insbesondere aus und polterte
sich in diese Stimmung so hinein, da Madame Schlurck bedacht war, sie rasch auf
Hackert allein zu lenken und sagte:
    Bartusch ist auch unverrichteter Sache aus der Brandgasse wiedergekommen.
Fritz will Lasally's Proze abwarten und nicht von hier fort gehen.
    Diese Worte hatte die eben eintretende Melanie gehrt.
    Melanie war im weien Morgenkleide mit einem langen Kragen, der von den
reizenden Schultern fiel. Obschon sie ihr Haar bereits geordnet hatte, mute
doch etwas berwachtes, Gestrtes an ihr auffallen. Sie schien sehr erschpft,
fast hinfllig, fast leidend. In aller Ruhe bot sie den Anwesenden einen guten
Morgen und setzte sich zum Frhstck.
    Die ltern waren erstaunt. War Das ihre heitre Melanie, die immer so
sorgenlos hereinhpfte? War Das der Schalk, der dem Vterchen um den Hals fiel
und ihn herzlich kte? Sprachlos sahen die ltern auf diese feierliche
Umwandlung und hrten mit seltsamem Befremden, da Melanie, den Zwieback sich in
ihren Milchkaffee brockend, ganz kurz uerte:
    Lasally lt den Proze fallen. Das wird ja nun abgemacht sein.
    Schlurck nherte sich auf diese Worte. Sein Unmuth war vorber. Voll
Zrtlichkeit setzte er sich an die Seite seiner Tochter, fate ihren Arm, von
dem die weien seidenschnurbesetzten Oberrmel herabglitten und fragte:
    Mein Herzblttchen, was hast du denn nur?
    Spracht Ihr nicht eben ... sagte sie stockend.
    Von Hackert, leider von dem ewigen Thema unsres Hauses, antwortete Schlurck.
    Eure Besorgnisse werden nicht mehr nthig sein, fiel Melanie ruhig ein. Wei
der Himmel, es ist eine groe Plage, die auf uns ruht; aber sie wird ein Ende
nehmen. Lasally wird nicht so boshaft sein, diesen Gegenstand ffentlich zu
machen. Ich habe ihm geschrieben und ihm bei Allem, was ihn noch an uns bindet,
gebeten, die Vergangenheit ruhen zu lassen ...
    Kind, du hast ihm doch keine Versprechungen gegeben? fragte Schlurck
besorgt.
    Warum? Werden diese Dinge nicht damit enden mssen, da ich mich unter einen
sichern Schutz und in ein festes Schicksal flchte? Wessen Schuld ich so hart
ben mu, ... ich wei nicht, ob es ganz die meine ist!
    Diese Worte sprach Melanie mit groer schmerzlicher Bitterkeit.
    Du wirfst mir vor, da wir Hackert schonen? sagte Schlurck. Ich schone ihn,
weil er gefhrlich ist, Schlurck sprach Dies mit einer Miene, die es verrieth,
da er nicht im rechten Ernste sprach; - ich schone ihn, weil er in meinem
Geschftsgange manches Durcheinander beobachtet hat.
    Melanie lachte hchst bitter auf.
    Du bist erregt, sagte die Mutter zu ihr, ungemein besorgt. Schweig, Franz,
wir wollen nicht mehr davon sprechen ...
    Immer nicht sprechen, rief Melanie; immer nicht die Wunde berhren!
Allmchtiger Gott, was bin ich doch unglcklich!
    Damit strzten ihr die Thrnen aus den Augen ... Melanie weinte ... Sie, die
die Thrnen hate, vergo Thrnen und ihre ltern ... verstanden diese Thrnen.
    Nach einer langen, ngstlichen Pause sagte der Justizrath:
    Die Schuld ist unser! Ich nahm ein Kind aus dem Waisenhause, weil ich Kinder
liebe - und keins hatte. Ich whlte ein Findelkind aus Mitleid und erzog es wie
mein eignes. Da schenkt mir die Mutter dich! Das Findelkind wird eine Stufe
herabgesetzt. Ich erzieh' es fr mein Bureau. Es ist anschlgig, aber voll
schlimmer Eigenschaften. Wir achten ihrer nicht, weil wir das Vergngen lieben
und das Leben genieen wollen. Melanie und Fritz wachsen auf wie Geschwister und
sind es nicht. Was dann spter gekommen sein mag, was der schlimme,
leidenschaftliche Bursche gethan hat ...
    O! Franz! rief die Mutter vorwurfsvoll.
    Melanie sah in die Tasse und sttzte das schne Haupt auf den linken Arm;
der rechte spielte mit dem Lffel. Schlurck aber seufzte und sprach in sich
hinein:
    Es ist unsre Schuld ... und unser Kind mu uns vergeben.
    Melanie war da gewi nicht ohne Gefhl, wo es ihr nchstes eignes Empfinden
berhrte. Sie liebte ihren Vater, sie strzte auf ihn zu, sie weinte und
bedeckte ihn mit ihren Kssen.
    Von diesem Augenblicke an schwiegen alle drei und lieen die sonst so
stolzen Fittiche hngen ...
    Endlich begann die Mutter:
    Du wolltest von jenen Papieren sprechen?
    Schlurck sammelte sich.
    Er htte gern ein Thema angeregt, das ihn oft beschftigte, ob nicht eine
bessere Entwickelung Hackert's eine Heirath zwischen ihm und Melanie mglich
machte. Er wute, da er jedesmal mit Entrstung abgewiesen wurde, er wute, da
Melanie zitterte, wenn sie nur den Namen Hackert's nennen hrte. Er hatte
vielfache Forschungen nach seinem wahren Ursprunge angestellt. Er hatte sogar
einige Resultate, die er gern erzhlte. Er zeigte gern den zerbrochenen Ring,
der bei Hackert in dem Korbe, in dem man ihn am Waisenhause ausgesetzt hatte,
gefunden worden war ... er schickte Bartusch oft in das Rathsarchiv, um in den
hier gesammelten Registern der Gebornen und Getauften von der Stadt und der
nchsten Umgegend zu suchen ... er hatte eine Vermuthung von einer heimlichen
Geburt, die einmal unter sonderbaren Umstnden einige Meilen weit von der Stadt
vorgekommen war und betrieb lngst unter dem Deckmantel der grten Behutsamkeit
Nachforschungen aller Art, selbst in den hchsten Kreisen; ... aber er kannte
den Widerstand der Frauen, die einmal glaubten, ein Vorhang mte diese
Vergangenheit fr immer bedecken. Er liebte Hackerten, weil er anschlgig,
talentvoll und so bizarr war, wie er selbst zuweilen sein konnte. Selbst da der
unerzogne Knabe von Leidenschaft fr das ihm sorglos zur Gespielin gegebene
Mdchen entbrannt war, fand er menschlich und ganz in seinem Geschmack. Er hatte
wohl, als er erfuhr, da Hackert Melanie als Kind zu den wildesten Streichen, zu
Mnnertrachten, zu nchtlichen Spaziergngen, Maskeraden berredet hatte, im
wildesten Zornausbruche ihn schon fters aus dem Hause geworfen und fast mit
Fen getreten. Allein er nahm ihn immer wieder auf. Sah er doch, wie Hackert
die Herrschaft im Hause hatte, wie er Melanie und die Mutter tyrannisirte, ja
Allen nothwendig war! Spter aber kam rgeres. Da Melanie heranwuchs, durfte er
ihn nicht mehr dulden. Aber auch nun rhrte es ihn, als er hrte, da die
dmonische, kranke Anlage des Knaben sich bis zum Nachtwandeln da steigerte, als
Melanie in wachsender, jungfrulicher, klterer berlegung sich von ihm
abwandte, ihn hate und verabscheute und er dennoch nchtlich an ihre Thr
schlich und vor ihrer verriegelten Schwelle auf dem nackten Erdboden schlief,
ganze Nchte ihrer Rckkehr aus Gesellschaften wartete und sich in Sehnsucht um
seine Halbschwester verzehrte ... er war gerecht genug, so etwas wie
thatschlich, ohne Einmischung persnlichen Mismuthes, zu beurtheilen und htte
sein eignes Lebensglck hingegeben, wenn er die leichtsinnigste Erziehung von
der Welt durch feinere Ausbildung Dessen, der ihm so vielen Kummer machte, htte
wieder berichtigen und zu seiner eigenen Herzenserleichterung schlieen knnen.
Vergebens! Die Frauen strubten sich immer dagegen und glaubten, alle diese
Schwierigkeiten wrden sich befriedigend lsen lassen, bis dann wieder die
leidenschaftliche Liebe des verstoenen, kranken, sich mishandelt fhlenden
Pfleglings alle ihre Berechnungen durchkreuzte und Gewaltthtigkeiten
veranlate, wie jener gestrige berfall im Wagen war, dessen glckliches
Gelingen an dem berma gesteigerter Lebenskraft und entflammter, toller Freude,
die wir bei Hackert beobachteten, wohl sich abnehmen lt.
    Gern htte Schlurck diese hchst schwierige Angelegenheit in gewohnter Weise
zur Sprache gebracht, aber seine Frau duldete es nicht.
    Sie drngte nun um Das, was er aus jenen Papieren, die er auf den Tisch
hingelegt hatte, fr Melanie's Zukunft entnehmen wollte.
    Was ist's mit den Sternen? sagte sie fast frivol; du schlimmer Patron, was
soll's mit den Mondnchten?
    Schlurck zog seine Brille auf die Stirn und sah in die Papiere ...
    Ja, fing er an, wenn sich Alles so fgte, wie man hoffen mchte ... Melanie
mte die Frau eines Millionrs werden.
    La Das Vater, sagte Melanie ruhig und gefat; Eure Millionrs kosten
gewhnlich ein Leben. Ich rste mich in aller Duldsamkeit darauf, da Lasally
als Lohn fr meine Bitte meine Hand begehrt und ich gebe sie ihm.
    Ich beschwre dich, sagte die Mutter; nur keine bereilung!
    Ich gebe sie ihm. Lasally ist der einzige Mann, mit dem ich mich ber meine
Vergangenheit und Zukunft verstndigen kann. Er hat klare und vorurtheilslose
Anschauungen. Er bedarf mich, er liebt mich, Das seh' ich aus seinem Schmerz,
da er mich nicht nehmen knnte, wenn ich kein Vermgen htte. Nicht alle Mnner
sind darum nur Spekulanten, weil sie nach Vermgen heirathen. Das macht ihn in
meinen Augen nicht geringer.
    Aber Herzlieb! sagte Schlurck schmeichlerisch und ttschelnd. Was wird denn
aus jenem jungen Mann in Hohenberg! Jener prchtige Dankmar Wildungen! Ich
entsinne mich ja seiner - ei, ich sah ihn ja auf dem Heidekrug bei Justus dem
Gerechten! Er ist ja schn, geistreich, unternehmend; Himmel, ein Gott von einem
Mann!
    Vater!
    Kind! Wenn dieser Mensch mir sagt: Ich liebe Ihre Melanie, so sag' ich:
Herr, ich wiege Ihnen das Wort mit einer Million auf! Diese Papiere lagen in dem
Schrein, den der tolle Bursch sich anzueignen wute und den ich auffinden
sollte. Wei er sie zu benutzen, Kinder, so bringen sie ihm alle die Gter und
Huser und Liegenschaften, um die jetzt der groe Proce zwischen dem Staate
schwebt und der Stadt ...
    Die Frauen waren im hchsten Grade erstaunt und Schlurck setzte ihnen den
Zusammenhang auseinander.
    Natrlich war die Wirkung eine auerordentliche. Melanie liebte Dankmar als
Persnlichkeit, vergab ihm zwar nicht, da er ein unendlich Geringerer war, als
sie vermuthet hatte; vergab ihm nicht, da sie ihm lcherlich erschienen war;
vergab ihm nicht, da er nicht kam und selbst um Verzeihung bat. Sie htte ihn,
aus Wuth ber sich selbst, mit kaltem Blute morden knnen ... sie sagte das so
hin zur Mutter, aber ... glaubte sie es selbst? Es war ein Act von Verzweiflung,
wenn sie vorzog, Lasally's Gattin zu werden ... Dankmar hatte das Bild
empfangen, der Amerikaner hatte ihr es gestern in diesem Hause gesagt, wie
pnktlich er ihren stummen Auftrag vollzogen, als sie Hackert's Anblick unfhig
machte, es selbst in das offene Zimmer Dankmar's hineinzureichen ... Zerrissen
von der Vorstellung, nur misbraucht zu sein, nur getuscht von den abscheulichen
Mnnern, entrstet darber, da man ihr gestern nicht zu Fen sank, Niemand
sich zeigte und sie wie eine Gttin anbetete, ewig und ewig der schaudervollen
Mglichkeit ausgesetzt, von Hackerten gefoltert zu werden, wollte sie, wenn auch
verzweifelnd, selbst das uerste wagen, um wenigstens von diesem frei zu
werden, und Lasally nun erhren, wenn er auf die Bedingung bestand ... aber ihre
Liebe gehrte Dankmarn.
    Der Justizrath lie sich vollstndig ber seine Beziehung zu Dankmar
Wildungen aus, auch das Bild kam zur Sprache. Die Art, wie Melanie es gewonnen
hatte, verbreitete, da sie nichts verschwieg, sogleich wieder die heiterste
Stimmung. Als Melanie dabei nicht umhin konnte, errthend zu gestehen, wie sie
sich vielleicht entschlieen knnte, ihren Zorn gegen Dankmar Wildungen zu
migen, wenn ...
    Wenn er dir gesteht, da er dich feurig liebt! unterbrach sie Schlurck. Und
dir den Schein des Irrthums ersparte? Den Schein, dich lcherlich gemacht zu
haben, als du ihn fr einen Prinzen nahmst?
    Das wird er nicht! Er wird mich ewig verspotten, sagte Melanie. Ich werde
das Gelchter aller jungen Mnner der Residenz werden.
    Ah bah! antwortete Schlurck. Es kommt auf einen Versuch an. Wie die Dinge
jetzt stehen, sind zwei Flle mglich, entweder dieser Wildungen ist unser
Freund oder unser Feind. Ein unternehmender, kecker Mann mu es sein. Kann ich
Hand in Hand mit ihm gehen, so wird es einer kurzen Verstndigung zur
Freundschaft bedrfen. Dem, der um meine Tochter wirbt, Dem, der eingesteht, da
er mein Sohn werden knnte, geb' ich freudig die Mittel an die Hand, eine
Million zu erwerben. Hat er aber Melanien's Freundlichkeit nur misbraucht,
gehrt er zu dem rthselhaften Complot, das sich mit der Zurckkunft des Prinzen
Egon von Paris gegen mich zusammenzuziehen scheint, so zeig' ich ihm meine Stirn
und einen Ernst, den er schon heute frh kennen gelernt haben wird ...
    Man brachte dem Justizrath in diesem Augenblick ein kleines zierliches
Billet.
    Die Frauen wollten von diesem Kennenlernen seines Ernstes etwas wissen.
    Aber Schlurck erbrach das Billet.
    Es kam von der Geheimenrthin von Harder und lautete:
    Himmlischer Justizrath! Theuerste Freudesseele! Mit Zittern fhre ich die
Feder und danke Ihnen aus innigstem Herzen fr Ihre Gte! Das Bild ist da und
das Geheimni von mir endlich entdeckt. Ich lese - die Memoiren der Frstin
Amanda von Hohenberg! Jeder Nerv meines Daseins zittert. Fhlen Sie es diesen
Buchstaben nach, wie ich bebe! Aber auch der Dank meines Herzens ist ohne
Schilderung. Sie braver, guter, herrlicher, edler Freund! Um sechs Uhr hatt' ich
das Bild! Gott! Welch ein Moment. Das uere des Bildes geht zu den brigen
Gerthschaften, die heute noch, mit Ausnahme der Ihnen und dem Prinzen
gehrenden Familienportraits, an den Hof abgeliefert werden. Verschweigen Sie
Alles Ihrer Tochter, die hchst, hchst liebenswrdig war, Alles bezaubert hat
und ein wahrer Engel, das Idol meiner Zrtlichkeit werden soll. Einen Ku auf
diese edle Gtterstirn!
    Wann seh' ich Sie? Bester! Bester! Dank! Dank! -Ihre Pauline.
    Schlurck, von den Frauen beobachtet, lchelte und runzelte doch wieder die
Stirn.
    Er fhlte, wie ernst das Alles wurde, wie furchtbar seine Verantwortlichkeit
stieg.
    Man drngte in ihn, etwas von diesem Brief zu erfahren, seine Geheimnisse zu
durchschauen ...
    Er wich aus.
    Die Geheimrthin ist von deinem Erscheinen entzckt! sagte er.
    Melanie wollte Das selbst lesen ...
    Er bog den Brief um und zeigte ihr die Stelle, die ihr natrlich viel Freude
machte.
    Und das brige? fragte sie.
    Geschftssachen ...
    Frau Justizrthin schttelte den Kopf und seufzte leise.
    Es schien ihr fast, als wenn auch hier das stark pulsirende, aber flchtige
Herz des Gatten mit im Spiele wre. Sie wollte scherzen, aber Bartusch trat ein
...
    Bartusch berichtete ber Neumann, der wol ein Vierteljahr liegen knne, wie
Drommeldey gesagt htte, ber Jeannette, die die Nacht bei ihm gewacht und ganz
die Kokette verlugnet htte und auf diese Art auch wol nicht aus dem Hause
kme; zugleich auch ber einen Kutscher, Namens Peters, der sich melde, um fr
Neumann einzutreten und unten warte ...
    Schlurck's Erstaunen, wie doch auf jeden Verlust sich in diesem grausamen
Menschenleben gleich ein Ersatz drnge, seine weitern Betrachtungen ber Wiege
und Grab und hnliche Philosopheme, zu denen der sehr aufgeregte Justizrath
geneigt war berzugehen, unterbrach Bartusch durch die trockene uerung:
    Auch Herr Dankmar Wildungen ist unten. Es ist wirklich der junge Mann von
Hohenberg, den wir fr den Prinzen Egon hielten. Er fodert den Schrein mit dem
Kreuz und scheint in einer sehr entschiedenen Stimmung zu kommen.
    Schlurck mute sich zusammennehmen.
    Er wurde bla und die Papiere zitterten in seiner Hand.
    Die Frauen baten ihn, sich nicht aufzuregen.
    Schalkhaft aber drohte er doch seiner Tochter mit dem Finger und sagte:
    Wart', Hnschen, wart'! Wenn er nun sagte: Herr, Sie haben wie gegen einen
Spitzbuben gegen mich verfahren! und ich antworte: Spitzbube du selbst! Du hast
mir mein Tchterchen gestohlen! Was?
    Vater, ich beschwre dich! rief Melanie. Welcher Einfall! Was wrd' er
denken ber einen solchen plumpen Antrag ...
    Hm! Wenn ich aber nicht plump, sondern fein in meinem Antrage wre - und der
Trotzkopf sagte: Herr Justizrath, die Welt um Melanie!
    Nie sagt' er Das!
    So wie ich, sagt er's nicht! Nein, er sagt es schner, inniger, als meine
fahlen Lippen Das malen knnen ...
    und ich bte ihm dann die Rechte und sagte: Schlagen Sie ein! Hinfort gehen
wir, ausgerstet mit diesen hochwichtigen Papieren da, Hand in Hand, junger
Mann!
    Melanie fing hier in einer Weise an zu lachen, da man wohl sah, ein
Herzenskrampf mute sich Luft machen.
    Sie lachte so anhaltend, so ngstlich, da die Mutter in Sorge gerieth.
    Melanie nahm die Blumen, zerzauste sie, tanzte im Zimmer, klatschte mit den
Hnden und ri, um sich nur helfen zu knnen, das Fenster auf und lehnte, Allen
den Rcken kehrend, sich hinaus in die freie frische Luft, deren ihr krankhaft
erregter Zustand wirklich bedurfte.
    Schlurck, ergriffen von diesem Ausbruche der wahnsinnigsten Liebe, die
Melanie fr Dankmar gefat hatte, lie die wichtigen Papiere in der Zerstreuung
liegen und ging gefat nach jenem hintern Zimmer, von dem die Wendeltreppe
hinunter zu seinen Arbeitsrumen fhrte.
    Die Frauen aber und Bartusch, als sie Schlurck's seidenen Schlafrock nicht
mehr rauschen hrten, folgten ihm behutsam, um von oben zu horchen, was man
unten verhandeln wrde.

                              Funfzehntes Capitel



                                  Der Schrein

Die Lauschenden vernahmen erst das Klffen eines Hundes, das jedoch nicht aus
dem Zimmer des Justizrathes selbst emporscholl, sondern aus dem vor ihm
befindlichen und auf die Hausflur hinausgehenden Wartezimmer.
    Dann hrten sie, da der Justizrath Etwas zu rcken schien ...
    St! sagte Bartusch. Er versteckt den Schrein mit dem Kreuze! Das eigentliche
Mark, den Kern, die Blume hab' ich doch wol hier in Hnden!
    Er zeigte auf die alten Papiere, die er in der Hand hielt. Schlurck hatte
sie liegen lassen.
    Wieder bellte der Hund. Wieder brummte der Papa etwas Unverstndliches, dann
rckte er an den Sthlen, schlo das Fenster, stellte die Klingel auf dem Bureau
zurecht und schlo nun erst von innen die Thr auf, um aus dem Vorzimmer die
Besuche hereinzulassen ...
    Ein noch gewaltigeres Klffen war jetzt vernehmbar.
    Bello, zurck! hrte man scharf sprechen und ein lautes Schreien des Hundes
lie annehmen, da sein Besitzer oder sonst Wer ihn vielleicht beim Hals gepackt
und in das Vorzimmer zurckgeworfen hatte.
    Das ist das lahme Thierchen! sagte Melanie flsternd;
    weit du, das ihm nachgefahren wurde. Es war nicht sein. Er pflegte es wie
ein krankes Kind ...
    St! sagte die Mutter. Er spricht!
    Ja, er ist's, wisperte Melanie, es war seine Stimme!
    Ihr Herz bebte ...
    Ruhig, Frulein! flsterte Bartusch hflich, da man hren kann, ... wenn's
erlaubt ist.
    Bartusch war in dem Grade mit den Angelegenheiten des Hauses vertraut, da
seine Anwesenheit hier eher gewnscht wurde, als hinderte.
    Herr Justizrath! erscholl jetzt Dankmar's volle tnende Stimme, wollen Sie
erst diesen braven Mann abfertigen, der sich melden will, fr Ihren kranken
Kutscher einzutreten?
    Das hat Zeit, antwortete Schlurck sehr verbindlich, hchst geschmeidig und
liebenswrdig. Was steht zu Diensten, mein Herr! Ich erkenne ja mit Vergngen in
Ihnen den jungen Mann wieder, den ich im Heidekrug so frei und treffend ber die
Politik reden hrte.
    Umsomehr, Herr Justizrath, begann Dankmar mit pltzlich ziemlich starkem
Nachdruck, umsomehr mu ich auf's Hchste entrstet sein, da ich in Ihrer
Vorstellung fr nicht viel mehr oder weniger als ein Spitzbube gelte ...
    O! Urtheilen Sie nicht so rasch, mein junger Freund -
    nicht wahr, Herr Dankmar Wildungen? sagte Schlurck sich zusammennehmend.
    Dankmar und Siegbert heien die beiden Brder, fuhr Dankmar fort, die heute
frh von einem Ball, auf den sie der Zufall verschlagen mute, nach Hause kommen
und sich unglcklicherweise von den singenden Vgeln, dem frischen, anmuthigen
Anbruch des Tages, dem goldenen Lichte der Morgensonne verlocken lieen, statt
um vier, erst um halb sechs Uhr ihre Schwelle zu betreten, die inzwischen von
dem schndlichsten Attentate entweiht worden war ...
    Ei, ei, ei, ei!
    Zwei Hallunken, von denen ich nicht glauben kann, da sie mit einer
gesetzlichen Vollmacht erschienen, untersuchten unterdessen unsere Wohnung,
erbrachen unsere Schrnke, ffneten unsere Commoden und stahlen wie die Raben
hinweg, was mit der Angelegenheit, wegen der sie zu kommen vorgaben, nicht in
der geringsten Verbindung stehen kann ...
    Was Sie in diesem Falle wieder bekommen werden, mein Lieber! Es ist
unglaublich, was eine solche gerichtliche Requisition rasch geht. Sie waren gar
nicht zu Hause, meine Herren? Sie sahen die Sonne aufgehen?
    Schlurck that, als wr' er voll innigster Theilnahme und reizte dadurch
Dankmarn nur noch mehr.
    Ich strzte, sagte Dankmar, in meinem gerechten Zorn ber dieses Attentat
zum Oberkommissr Pax und hrte dort zu meinem Erstaunen, da Sie selbst, Herr
Justizrath Schlurck, Sie, den ein glcklicher Zufall zum Finder eines mir
zugehrigen Schreins machte, Sie, der Sie mich in den Zeitungen auffordern, mich
zu melden, Befehl gegeben haben, gegen mich auf so abscheuliche, ehrverletzende
Art einzuschreiten. Mein Herr, wie kommen Sie zu dieser Gewaltthat?
    Bitte! Bitte! Nicht zu rasch! Sie verwechseln die Momente ...
    Die Momente? Welche Momente? Zum Henker, Herr -Herr Wildungen - Ich - ich
ersuche Sie, leiser zu sprechen, wr's auch nur des Hundes drauen wegen, der
sich von Ihrem Lrm zu einem unaufhrlichen Accompagnement ermuthigt fhlt ...
    Schlurck konnte sich nicht ganz bemeistern. Denn in der That Bello gab keine
Ruhe. Das Thier schien auer sich, kratzte an der Thr und gebehrdete sich so
unmanierlich, da sich Dankmar selbst unterbrach und die Thr ffnen wollte, um
Peters zu bedeuten, seinen Hund besser in Obacht zu halten ...
    Ums Himmelswillen nicht, schrie Schlurck, machen Sie nicht auf! Die Bestie
springt herein. Ich frchte sehr, da ich einen Kutscher, der so zudringliche
Hunde hat, nicht brauchen kann.
    Und an die Thr gehend, rief er in der Gegend des Schlsselloches:
    Gehen Sie, bester Mann, die Stelle ist schon vergeben! O! Herr Justizrath,
sagte Dankmar gemigter, wie kann Das mglich sein? Im Gegentheil, ich ersuche
Sie selbst, diesen Kutscher zu nehmen. Er ist brav, sehr ehrlich und Sie haben
Etwas an ihm gut zu machen.
    Wie so? Was? Ich gutmachen?
    Es ist Dies jener arme Fuhrmann, der so unglcklich war, mir den Schrein zu
verlieren, den Sie so glcklich waren zu finden. Ich gestehe Ihnen, nach diesem
abscheulichen Attentat auf meine Wohnung, von dem wir spter sprechen wollen,
bin ich in der That begierig, zu hren, auf welche Art Sie zu meinem Eigenthum
gekommen sind?
    Eigenthum? sagte Schlurck lchelnd, aber schon mit ganz abgestorbener
Stimme.
    Die Anwesenheit jenes verunglckten Fuhrmanns von der Plessener Schmiede und
des ihm nun pltzlich erinnerlichen Hundes war ihm, verbunden mit dem heftigen
Tone des jungen Mannes, fast wie ein berfall, und es gereichte ihm sehr zur
Beruhigung, als er merkte, da seine Leute vielleicht oben ber der Wendeltreppe
lauschten.
    Mein verehrter Herr Wildungen, sagte Schlurck nach einer Pause der Sammlung
und whrend auch Bello schwieg - man konnte annehmen, da sich Peters mit ihm
entfernt hatte - lassen Sie mich zuvrderst Etwas zu meiner Vertheidigung sagen.
Sie kennen den Proze ber die St.-Johannes-Gter ...
    Ich arbeite selbst in ihm, sagte Dankmar.
    Wei ich jetzt. Um so mehr! ... Ich bin der Advokat der Stadt. Man schreibt
mir, als ich in Hohenberg bin, auf dem alten Tempelhause in Angerode wre von
einem jungen Rechtsgelehrten ein Archiv entdeckt worden mit wichtigen Papieren.
Herr Dankmar Wildungen, statt den Behrden davon Anzeige zu machen, eignet sich
seinen Fund selber zu, lt einen Schrein durch einen bereits gerichtlich
vernommenen Schlosser erbrechen und reist mit seiner widerrechtlichen Aneignung
in die Residenz. Der Schlosser gibt eine Beschreibung des Schreins. Selbst Ihre
Mutter, die Witwe des Predigers Wildungen, kann nichts gegen diese Entdeckung
den stdtischen Behrden einwenden. Da macht mich der Zufall zum Zeugen jenes
Unglcksfalles an der Schmiede zu Plessen. Ich sah einen zusammengestrzten
Frachtwagen, dessen lose gepackte Gter abgeladen werden mssen, um den Wagen
wieder herstellen zu knnen. Ich finde jenen Schrein, erkenne das genau
angegebene Signalement, das Zeichen des Kreuzes mit dem vierblttrigen
Kleeblatt, das Sie auch auf diesem Hause erkannt haben werden - ich lege
Beschlag auf den Schrein, weil ich wute ...
    Gerichtlichen Beschlag?
    Eine weitluftige Prozedur war im Augenblick nicht mglich; denn am Morgen
nach dieser Entdeckung fuhr ich von Hohenberg ab ... Verteufelter Hund! Gibt das
Thier wol Ruhe?
    Dankmar trat an die Thr und rief zum Schlsselloch hinaus:
    Peters, gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Bestie! Sie strt uns! Der Justizrath
wird Sie behalten, er mu es thun. Der Justizrath fhlt zu edel, um nicht zu
begreifen, wie grausam er gegen Sie gehandelt hat. Er fand Ihren Verlust, freute
sich des gelungenen Werkes und lie Sie jammern, verzweifeln, blieb taub bei
Ihren Klagen; arme Seele, er wird Sie schadlos halten. Gehen Sie auf die
Hausflur hinaus und machen Sie dem Geklff der Satansbestie ein Ende!
    Darauf wurde es still.
    Der Justizrath blieb in seinem knstlichen Humor und seiner erzwungenen
Selbstbeherrschung.
    Das mu ich gestehen! rief er. Sie wissen die Menschen in Angriff zu nehmen.
Sie disponiren vortrefflich ber mich! Entschdigung fr die arme verletzte
Seele eines Fuhrmanns! Wenn Sie darauf bestehen? Warum nicht? Ei! Sie gefallen
mir ... Bravo! Bravo!
    Sie aber, Herr Justizrath! sagte Dankmar mit schwcherer und wenn auch
scherzender, doch sehr entschiedener Stimme; Sie gefallen mir noch gar nicht.
Ich will Ihnen die glcklich bestandene Probe eines polizeilichen
Entdeckungstalentes in Plessen an einer gewissen Schmiede verzeihen. Was
geschieht nun, da Sie hier ankommen? Schickten Sie zu dem rechtmigen Besitzer
Ihres Fundes? Oder hatten Sie den Namen vergessen, den Sie schon in Hohenberg
wollen gewut haben?
    In der That hatt' ich Das! Ich lie Sie in der Zeitung auffordern, sich zu
melden ...
    Zwlf Stunden vor dem Attentat auf meine Wohnung? Die Anzeige sollte eine
Falle sein?
    Die Anzeige war in der Frhe des gestrigen Tages in die Zeitungsbureaux
gesandt worden. Inzwischen kamen von Seiten meiner Vollmachtgeber die rgsten
Anklagen gegen Sie und die erneuerte Nennung Ihres Namens. Sie arbeiteten selbst
in diesem Proze! Sie kannten die Geschichte desselben und eignen sich durch
Einbruch die Urkunden des alten Tempelhauses an!
    Zum Henker, Herr, dies alte Tempelhaus ist die Wohnung meiner Eltern
gewesen. Welches Gericht will mir verwehren, in meinen eignen vier Pfhlen eine
hohlklingende Wand zu untersuchen?
    Hr' ich da den Juristen sprechen? Unmglich! Gestehen Sie, da Sie sich von
dem Interesse, das Ihre Person, Ihre Familie an diesen Urkunden nehmen mu,
haben verleiten lassen, eine unerlaubte Handlung zu begehen!
    Meine Person? Meine Familie? Was wissen Sie -
    Glauben Sie, da ich den Inhalt des Schreines nicht kenne?
    Sie haben ihn -
    Wieder ffnen lassen, wie billig. War ich als Anwalt der Stadt nicht in
meinem Rechte? Sie haben wahrscheinlich noch mehr entwandt ... dies Mehr mute
bei Ihnen gesucht werden ...
    Dankmar schwieg, weil ihm die furchtbarste Aufregung die Worte raubte.
    Der Justizrath setzte ruhig hinzu:
    Die in Angerode gelegenen Besitzthmer der protestantisch gewordenen
Johanniter sind eine Dependenz der hiesigen St.-Johanniskirche. Der Schrein mit
dem Kreuz gehrt zu unserm Archiv und wird in unserm Proze eine Rolle zu
spielen haben.
    Das hoff' ich! sagte Dankmar mit groem Nachdruck. Ich begreife nun
vollkommen, da man mir, einem Hlfsarbeiter dieses Prozesses, zugetraut hat,
ich htte mir eigenmchtige Eingriffe in den Gang desselben erlauben wollen ...
    So ist es, Herr Referendar ...
    Man gibt mir vielleicht Schuld, ich htte im Interesse des Staates, dem ich
diene, gegen die Stadt Etwas unternehmen wollen ...
    Sie treffen das Richtige!
    Aber Sie haben in den Papieren gelesen?
    Geblttert ...
    Entdeckten Sie meinen Namen?
    Wildungen? Er ist seit dreihundert Jahren oft genug in diesem Prozesse
genannt worden.
    Fanden Sie nicht Urkunden, die Ihnen auf den ersten Anblick zeigten, da ich
ein sehr begrndetes, persnliches Recht fr meine Familie an diesen Akten
gefunden habe?
    Da ich ... nicht wte ... stammelte unentschlossen Schlurck.
    Nun, Herr Justizrath, ich hoffe Ihnen noch in Zukunft beweisen zu knnen,
da ich die entschiedenste Absicht hatte, nichts von meinen Entdeckungen zu
unterschlagen, sondern sie zu einer ganz neuen Diversion der groen Streitfrage
zwischen dem Fiskus und der Stadt-Kmmerei, zwischen dem Frsten und den
Brgern, ffentlich zu benutzen!
    Sie berraschen mich ...
    Ihr Mistrauen, das Mistrauen Ihrer Clienten hat Sie zu weit gefhrt. Sie
haben geglaubt, noch mehr Eroberungen aus dem Archiv von Angerode bei mir
anzutreffen -
    Allerdings ...
    Ich fehlte darin, da ich wute, Sie haben meinen Schrein gefunden und nicht
gestern schon bei Ihnen vorsprach -
    Es erweckte Verdacht ...
    Nun wohlan! So bitt' ich jetzt um zwei Dinge. Erstens -
    Nehmen Sie doch Platz! Regen Sie sich doch nicht so auf, mein Verehrtester!
    Erstens: Die Diener der hier so sonderbar eiligen Hermandad haben sich ein
Bild, ein mir und andern Personen sehr theures Bild angeeignet ...
    Das zum Angeroder Archiv gehrte?
    Die Dummkpfe mssen Das geglaubt haben ...
    Oder Ihre Instruction war zu allgemein. Was ist das fr ein Bild?
    Ein Bild, das einer Person gehrt, die Ihnen selbst sehr theuer sein sollte,
dem Prinzen Egon von Hohenberg.
    Wie kommen Sie ...
    Ich brachte es von Hohenberg ...
    Ei! ei! Ein Bild! Geheimrath von Harder wird das vermissen. Sie wissen doch,
da ihm die Verlassenschaft der Frstin Amanda nach der Residenz zu fhren
aufgetragen war. Doch thut Das nichts. Die Familienportraits, wenn es eins
derselben war, bin ich beauftragt, dem Prinzen zurckzustellen.
    Der Oberkommissr Pax, bei dem ich eben war, behauptet auch in der That, in
dem Bilde eine Reclamation des Geheimraths von Harder entdeckt zu haben und
schickte es Diesem zur Recognition ...
    Es ist der krzeste Weg, es in meine Hand und dann in die des leider
erkrankten Prinzen Egon von Hohenberg zu bringen.
    Aber Sie wissen nicht, da sich an dieses Bild Geheimnisse knpfen, die das
Interesse der ganzen Hohenbergischen Familie betreffen. Sie sind der natrliche
Anwalt dieser Interessen ...
    Sie berraschen mich ...
    Wenn eine unberufene Hand ...
    Geheimnisse? Ein Bild? Frchten Sie doch nichts!
    Alles! Alles! Auf dies Bild hat im Auftrage der seligen Frstin Amanda nur
Ein Mensch auf Erden die gerechtesten Ansprche, der ehemalige Erzieher des
Prinzen Egon, der frhere Pfarrer Rudhard ...
    Pfarrer Rudhard? Ich kenne ihn. Ich wei, da er hier ist, mit der Frstin
Wsmskoi! Aber ich staune ... Der? Welche Ansprche? Was ist damit?
    O Gott! Jede Minute der Verzgerung, jeder Augenblick, wo dies theure Bild
in den Hnden einer Pauline von Harder ist, kann die Quelle ewigen Leidens fr
den Prinzen Egon werden ...
    Ich zittere. Bester Freund, wie dank' ich Ihnen! Da soll eiligst - Aber
geben Sie mir Aufklrung!
    Rudhard soll sie Ihnen geben. Schicken Sie sogleich zu Herrn von Harder,
fordern Sie alle Familienbilder zurck! Sie wissen nicht, welcher unsgliche
Aufwand von Schalkheit, List und Charakter angewandt wurde, um dahin zu
gelangen, wo wir jetzt uns befinden, an der Gefahr, eingestehen zu mssen, da
Alles vergebens war!
    So schick' ich sogleich zum Geheimenrath! Warten Sie einen Augenblick!
    Schlurck schellte.
    Es kam ein Diener seines Bureaus. Er schrieb, whrend oben die drei Lauscher
sich bedeutsam und hoffnungsvoll anlchelten, einige Zeilen an den Geheimenrath,
siegelte sie, nachdem er sie Dankmarn hatte lesen lassen. Dieser war, eben so
von der verlorenen Nacht, wie von den gewaltigen Eindrcken des Morgens,
erschpft und sa fast abgespannt im Sessel ... Schlurck wurde immer
freundlicher und zuthunlicher. Seine Geistesgegenwart verlie ihn keinen
Augenblick. Als der Diener sich entfernt hatte und Melanie durch die
eingetretene Stille und die Erwhnung des Bildes, an dem sie so ernstlich
betheiligt war, sich auf eine gemthlichere und wrmere Wendung des Gesprches
gefat machte, begann Schlurck:
    Und nun: Ihr geflliges Zweitens? Sie sprachen doch von -
    Zweitens, sagte Dankmar, ich wnschte nun zu wissen, wo ich den nur mir
gehrenden, in der Wohnung meiner Eltern gefundenen Schrein mit dem Kreuze und
seinem wichtigen Inhalte wiederfinde? Wo ist er? Ich mu ihn haben ...
    Der Justizrath machte hier eine groe Pause.
    Deutlich hrte man, da er auf die Dose klopfte und sich zu einem
vertraulicheren Gesprche rstete.
    Bello war still.
    Melanie, die Mutter und Bartusch hielten den Athem zurck.
    Lieber Herr Wildungen, sagte Schlurck, erholen Sie sich. Sie haben die Nacht
durchwacht. Sie sind erschttert von den Erlebnissen des Morgens. Ich gestehe,
da ich ungern dem Drngen meiner Clienten nachgab. Sie glauben nicht, wie
reizbar ber diese Angelegenheit die ganze Commune ist und wie leidenschaftlich
sich einige der eifrigsten und hitzigsten Verfechter ihrer Interessen ber die
Angeroder Archiventdeckung und Ihr, lugnen Sie es nicht, eigenmchtiges
Verfahren ausgesprochen haben. Sie frhstckten noch nicht, lieber Herr
Wildungen, darf ich-?
    Bitte! Bitte!
    Ich freue mich wahrhaft, Sie wiederzusehen. Ahnte Das nicht im Heidekrug,
als Justus so wohlbehbig sein dummes Juste-Milieu auftischte und der kecke
Handwerksgesell am Fenster schnarchte! Ahnte auch nicht, da Sie meiner Familie
so viel Liebenswrdigkeit erwiesen ...
    O Herr Justizrath! Sie kehren die Rolle um. Ich bin der verpflichtete Theil.
Man war sehr liebenswrdig gegen mich.
    Nein! Meine Frau hat mir nicht genug erzhlen knnen von Ihrer Artigkeit,
Ihrer Zuvorkommenheit ...
    Es ist sehr komisch, ja! Man war hchst charmant gegen mich. Nur Schade, man
hielt mich fr den Prinzen Egon.
    Schlurck lachte berlaut.
    Mein altes Faktotum, sagte er und griff in seine Dose, mein alter Bartusch
will immer schlau sein und von dem vielen Ohrenspitzen wachsen die Ohren auch
manchmal zu hoch und aus einem Fuchs wird ein Esel.
    Bartusch zuckte oben, als er diese Anzglichkeit hren mute, mitleidig die
Achseln.
    Sie verwundete ihn nicht im geringsten, so laut sie auch Schlurck hervorhob,
um sie ihm anzuhren zu geben.
    Schlurck wute, da oben gelauscht wurde.
    Ich htte schon gestern Ihren Damen meine Aufwartung machen sollen, sagte
Dankmar gelassener. Ich bitte, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Sie waren sehr
gtig gegen - gegen den Prinzen Egon.
    Melanie bi sich auf die Lippen, was ihr immer ein sehr leidenschaftliches
Ansehen gab.
    Essen Sie heute bei mir! Was? Hm? Was? Wollen Sie? schmunzelte der Vater.
    Ich danke ... war Dankmar's kalte Antwort.
    Meiner Frau haben Sie's angethan, Herr Wildungen ...
    und Melanie ... nun, Das werden Sie besser beurtheilen knnen. Sie haben
Menschenkenntni, Mann!
    Worin?
    Schlurck blinzelte mit den Augen.
    Nun, sagte er mit knstlichem Lachen, ich versichere Ihnen, meine Frauen
sind fast verletzt, da Sie gestern nicht schon kamen. Ich lebe in zu drftigem
Zusammenhange mit den Meinigen - Htt' ich Sie schon gestern wiedergesehen, wie
leicht wrde man sich verstndigt haben! Ihr Feuer, Ihre Offenheit, das sind
unwiderstehliche Sieger, die sich den Eingang zu jedem Herzen zu bahnen wissen.
    Der Justizrath war dem jungen Manne, den er zu seinem Schwiegersohn haben
wollte, so nahe gerckt, da er ihm mit Vertraulichkeit auf die Kniee klopfen
konnte.
    Dankmar rckte seinen Sessel zurck und stand auf.
    Herr Schlurck, sagte er, ich bedaure, da ich nun fr's Erste aufbrechen
mu, um meinen Bruder zu beruhigen, der zu Rudhard geeilt ist. Wollen Sie mir
nun nicht sagen -
    Sitzen Sie doch noch! Ei was, zu den Geschften ist noch immer Zeit.
Referendar? Hm! Hm! Ein Bruder? Rudhard? Wie alt sind Sie denn, Herr Wildungen?
    Vierundzwanzig Jahre, Herr Schlurck.
    Vierundzwanzig Jahre! Hren Sie, da war ich noch nicht halb so weit wie Sie!
Das heit, an Witz und Verstand. Im Avancement freilich - Wollen Sie denn die
Richtercarrire -
    Bin noch unentschlossen, wozu ich mich ... doch genug, ich ...
    Das geht so. In diesen Zeiten! Ja, ja, Politik, Das wre ein Feld fr Sie!
Nur schlimm, da man zuviel einsetzt, wenn man freimthig sein will, und die
Zeit ist nicht reif fr uns; ein freimthiger junger Beamter ist bald abgenutzt.
Und dem loyalen geht's kaum anders. Man belohnt ihn mit dem Bewutsein seiner
erfllten Pflicht. Der Teufel auch! Wr' ich jung, ich hielte mich immer links
und nur Einmal pat' ich auf den rechten Moment, um nach Rechts zu springen.
Wetter! Warum lassen Sie sich denn nicht whlen? Von vierundzwanzig Jahren kann
man jetzt ein Perikles sein und ich glaube, Pitt und Fox waren noch jnger, als
sie in's Parlament kamen ...
    Es gibt bessere Krfte als die meinigen!
    Also auch bescheiden! Bravo! Bravo! Wissen Sie, da ich den Vorfall von
heute frh recht bereue? Aber diese Fanatiker des Egoismus! Was haben sie mich
geqult! In den Ohren lagen sie mir wie die Verzweifelnden. Ja! ja! Sie sollen
bei den Gerichten in dieser Sache recusirt werden. Man will Sie entfernt wissen
aus der zweiten Abtheilung des Obergerichts. Ja, ja! Das Alles geht vor ...
Wissen Sie's schon?
    Da ich bald selbst Partei in diesem Prozesse sein werde, so kann ich
natrlich fr eine andre nicht mehr arbeiten -ich finde Das in der Ordnung.
    Selbst Partei? Wie so? fragte Schlurck gespannt.
    Herr Justizrath, ich mu aufbrechen. Wollen Sie mir also nun nicht -
    Ei, sitzen Sie doch! Ein Glas Champagner? Was? Sie waren auf einem Ball: da
will der Magen eine Anregung. Es ist hei. Dieser Hundstagssommer! Ich klingle -
na? Ein Glas Madeira? Portwein?
    Sie sind zu gtig, Herr Justizrath! Auch meine Nerven laufen nicht zum
Feinde ber. Sie bleiben mir treu und sagen: Danke!
    O sehr fein! Sehr schlau! O ich wute es ja! Melanie war entzckt von Ihnen
... Ja, Sie Tausendsasa! ... Meine Tochter zum ersten Male gesehen?
    Zum ersten Male, Herr Schlurck. Ich sprach schon im Heidekrug bedauernd
davon, da ich nicht frher die Ehre hatte.
    Im Heidekrug? War etwas verwirrt im Heidekrug! Ja! Ja! Ich besinne mich. Was
war's doch?
    Sie erwhnten Egmont ...
    Aha! Freudvoll und leidvoll?
    Nein! Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war!
    Richtig! Geldermann-Deutz! Reubund! Nun wei ich Alles ... Was doch
Ideen-Association thut! Ja, ja, mein Tchterlein ... Etwas keck, wild, nicht
wahr? Sie ist hbsch, sagt man. Sie hat's von der Mutter! Die schlanke Taille
ist von mir; ich bin mager, spindeldrr. Aber eine Taille mu sein wie bei einer
Wespe. Die Neigung zu compakteren Formen kommt erst in sptern Jahren, junger
Mann! Wie sagt Heinrich Heine? Kolossale Gliedermassen ... oder wie? Ah! Es
gab eine Zeit, wo ich meinen Heine auswendig konnte. Ein gutes Mdchen, besser
als sie sich gibt, meine Melanie. Haben Sie sie reiten sehen?
    Sie wollten im Heidekrug nicht, da Ich von Frulein Melanie als einer
Amazone sprach.
    Ah, ja! Ah, ja! Ich entsinne mich - Richtig! ... Nun, wissen Sie ...
    Wahrscheinlich dachten Sie an Herrn Lasally ...
    Das war's! Sehen Sie, Sie kennen meine Empfindungen ... Ja, dieser Lasally!
Das ist auch so ein Thema, wo der Mensch ...
    Mein Bruder bewundert Ihr Frulein Tochter, wie ich es that, wie Alle!
    Ihr Herr Bruder? Haben einen Bruder? Ja, ja, ich besinne mich; aber hren
Sie, nicht Alle! Wozu Alle? Einer und der Rechte, der die Zgel kurz zu fassen
versteht. Das wre mir lieber ... ein Mann! Ein Eroberer! Ein rechter Held!
    Herr Lasally! sagte Dankmar boshaft. Der versteht sich auf kurze Zgel.
    Als Melanie diese uerung hrte, war es ihr, als drehte sich ihr das
innerste Leben um.
    Sie fhlte einen Schmerz zum Aufschreien.
    Mit einem erstickten Ah! lie sie die beiden andern Lauscher stehen und
schlich sich halbohnmchtig hinweg.
    Dieses letzte Wort war zu grausam gewesen. Schon die kalten Antworten, die
Dankmar vorher gab, durchrieselten sie; aber dies letzte: Herr Lasally! Der
versteht sich auf kurze Zgel! ging ber das Ma Dessen, was ihr Stolz, ihre
unleugbare Liebe ertragen konnte, hinaus.
    Schlurck hrte oben eine Thr gehen und verstand, da einer der Lauscher
sich entfernt hatte ... wer anders, als der wichtigste, ihm wie sein Leben
liebste ...
    Sie gibt die Partie auf! sagte er zu sich selbst mit Schmerz; hier ist keine
Freundschaft mglich, hier ist kein Bundsgenosse fr mich!
    Noch einmal versuchte er noch, an Dankmar's Herz zu klopfen. Noch einmal
sagte er:
    Heirathen Sie nur nicht zu frh! Ein junger Mann, der eine bedeutende
Zukunft erstrebt, darf nicht in die Knuel der Strickstrmpfe gerathen ...
    Ich danke Ihnen, Herr Schlurck, antwortete Dankmar kalt, fr diese
Rathschlge, die ganz mit meinen eigenen Empfindungen zusammenstimmen. Mein Herz
ist glcklicherweise derjenige Muskel meines Krpers, dem ich seit frhester
Jugend, vielleicht durch zeitige bung, eine groe Kraft verlieh. Dieser Muskel
besitzt viel Elastizitt und ich habe ihn darin mit einem guten Magen auf eine
Linie gestellt, ich fhl' ihn nicht zu lebhaft.
    Ein Weiberfeind?
    Geist und Schnheit knnen mich fesseln ... doch nur vorbergehend ...
flchtig.
    Und diese Erfahrung machen Sie berall?
    Bis jetzt berall! Ich habe einen zu kalten Verstand. Ich durchschaue zu
bald die Eitelkeit und die Schwche der Frauen, und wenn mich etwas entzckt hat
und ich sehe dann, da Das, was mich blendete, doch nur ein flchtiger Schimmer
ist und keine Grundstze, keine Brgschaften fr die Zukunft geboten werden, und
ich nun erst selbst, als Mann, ich Schwankender, ich Egoistischer, ich
Grausamer, nur auf mich und meine Eitelkeit ohnehin Bedachter ... doch was
verschwend' ich die Zeit! Der kleine Klffer, Bello, mahnt schon wieder, da wir
ein Ende machen ... ...
    Damit stand Dankmar auf und Schlurck wute nun entschieden, da er fr
Melanie nichts zu hoffen hatte.
    Er wurde ernst und nahm sich zusammen und fiel in seinem Zorn erst auf
Bello.
    Sie haben Recht, das Thier ist unertrglich, sagte er, und schien zu
erwarten, da sich Dankmar empfahl.
    Nun - sagte aber dieser staunend ... und der Schrein? Die Dokumente?
    Schlurck antwortete kalt:
    Sind im stdtischen Archiv. Die Papiere werden bei den Akten figuriren.
    In der That! Wirklich? O, Das ist seltsam!
    Schreiben Sie diese Unannehmlichkeiten dem Ihnen wohlbekannten Gange der
Gesetze zu!
    Wer hat die Aufsicht des stdtischen Archivs!
    Einer unserer gefeiertsten Alterthmler, dem wir die treffliche Abhandlung
ber die allmligen Vernderungen unseres Stadtwappens verdanken ... Propst
Gelbsattel!
    Dankmar stampfte zornig mit dem Fue auf.
    Er fhlte sich zu unglcklich ber diese ihm unerwartete Wendung der Dinge.
    Er sah den Schrein im Geiste geffnet, die Dokumente, die fr ihn und seine
Familie sprachen, vernichtet. Wer konnte ihn schtzen?
    Sie sahen die Papiere nicht? rief er. Wissen nicht, da ich in der Lage bin,
Das, was etwa fehlen sollte, mit Aufopferung meines Blutes zurckzuverlangen und
da ich beschwren wrde, Die, die etwa gewisse Papiere unterschlagen htten,
gehrten als Schurken und Bsewichter an denselben Pranger, der an der Ecke
dieses Rathhauses durch eine eiserne Kette bezeichnet wird?
    Ich wei nichts, was Veranlassung zu so gewaltsamen Reflexionen gbe;
antwortete Schlurck kalt.
    In furchtbarer Aufregung und wie von dem raschen Entschlusse, zu Gelbsattel
zu eilen, getrieben, ffnete Dankmar die Thr, ohne ein Wort des Abschieds.
    Bello, der lngst schon mehre Mal wieder an die Thr des Vorzimmers gekratzt
und sich nicht hatte beruhigen lassen, sprang nun wie wthend in das Zimmer und
fate, ungehindert durch sein lahmes Bein, in grimmiger Verbissenheit die Zipfel
von Schlurck's seidenem Schlafrocke, zerrte und kratzte an ihnen herum, da der
gengstete Justizrath im Zorn den in der Thr stehenden und die Mtze bescheiden
in der Hand haltenden Peters anfuhr:
    Die Bestie fort! Zum Haus hinaus! Zum Haus hinaus! Ihr Gesindel!
    Dankmar stutzte, bi die Zhne zusammen und sagte zu dem verdutzten Peters:
    Der Schrein ist verloren!
    Bello aber, das treue, wachsame Thier, hatte eine andre Fhrte, als dem
menschlichen Organe mglich war. Schon zehn Jahre war das kleine Thier ein
treuer Wchter auf den Gter-Wgen seines Herrn gewesen. Es schien den Duft von
Angerode, ja den Duft des Strohes zu erkennen, mit dem man in Thringen die
Frachtgter verpackt. Winselnd und wie lustig und ausgelassen klffend war es in
eine Nische des dunklen, nur von einem Hoffenster erleuchteten Zimmers
gesprungen, hatte eine Tapetenwand fast umgeworfen und Peters schrie schon
lachend:
    Nichts verloren! Da ist das Kreuz!
    Bello, ist's mglich? Rief Dankmar.
    Aufgeladen! sagte Peters, der den vorigen ganzen Streit gehrt hatte, zu
sich selbst, und in demselben Augenblicke schon hatte der treue Fuhrmann sich
gebckt, den Schrein gepackt, und war im Begriff, das gefundene Gut auf die
Schulter zu heben.
    Das war zuviel fr den Justizrath. Er stand todtenbleich, hatte aber doch
noch den Muth, rasch die Hand des Fuhrmanns zu halten ...
    Dankmar sprang hinzu, ri den Deckel auf, griff in den Schrein, fhlte, da
er voller Schriften war, fhlte die Siegel der Pergamente und im Triumphe fate
er an, schleuderte den Justizrath zurck und hob den eroberten Schatz auf
Peters' markige Schultern.
    Schlurck war einer Ohnmacht nahe ....
    Er klingelte. Bartusch fhlte, da es Zeit war, ihm beizuspringen.
    Er gab die allein wichtigen Papiere, die er in den Hnden hatte, rasch der
Mutter, die von Alledem nichts begriff und nur zu Melanie eilte, um ihr
zuzuschreien: Schlie die Papiere ein! ... und stieg polternd die Wendeltreppe
hinab ...
    Ah! rief der Justizrath und athmete auf. Bartusch, Sie werden eine neue
eigenmchtige Handlung des Herrn Wildungen bezeugen. Mein junger Mann, ich warne
Sie ernstlich! Sie werden Ihre Vermessenheiten bitter bereuen!
    Und Sie Ihre Lgen, Ihre Verstellungen, Ihre Heucheleien, Ihre
Sittenlosigkeit! rief Dankmar, als Peters schon vorausschritt und mit der
rechten, freien Hand seinen Bello liebkoste.
    Welche freche Stirn! antwortete Schlurck, der die verletzenden Erfahrungen
von gestern in seinem eignen Hause nicht wieder erleben wollte.
    Die Stunde wird schlagen, sagte Dankmar noch im Vorzimmer sich umwendend,
fr Vieles, was schlummerte! Die Zeugen gegen Ihr Haus mehren sich! Die, die auf
dem Krankenlager liegen, werden genesen! Die, die bei der Nacht wandeln, werden
noch auf andre Namen, als den Namen Fritz Hackert erwachen. Das geweihte Kreuz
auf dieser Truhe wird reinen Hnden den Muth zu einem Kampfe geben, dessen
Schlachten mehr erschttern sollen als nur die Ruhe eines gewissenlosen Notars!
    Damit ging Dankmar und suchte die Luft der Strae, um seine furchtbar
klopfende Brust zu erleichtern.
    Bartusch aber flsterte rasch dem entfrbt und erschpft in seinen
Voltaire-Sessel sinkenden Justizrath zu:
    Beruhigen Sie sich! Die Papiere, die doch der Rahm an der Sache scheinen,
liegen ja oben!
    O wren sie mit ihm gegangen! sagte Schlurck vernichtet. Wren sie in dem
Schrein geblieben! Ich fhle mich nicht stark, solche Scenen zu ertragen! Ich
bin kein Schurke! Ich bin kein Dieb! Weg von mir Bartusch! Weg! Weg! Ihr Alle
seid mein Verderben! Meine Schwche ist mein Elend! Ihr treibt mich auf schlimme
Wege, die mir fremd sind. Ihr treibt mich in die Schande! Tragen Sie ihm die
Dokumente nach! Fort! Fort!
    Nimmermehr! rief Bartusch. Justizrath! Besonnenheit, Muth! Bedenken Sie, was
der Propst sagen wrde! Mann! Warum haben Sie Heimlichkeiten vor mir, vor Ihrem
treuesten Anhnger, vor Ihrer linken Hand, wenn Ihnen die rechte zu mde wird,
ja vor Ihrer rechten, wenn Sie mich schalten lieen und Farbe halten knnten!
Justizrath! Justizrath! Wir unterschlagen diese Papiere! Wir vernichten, wir
verbrennen sie!
    Schlurck schwieg. Er war seiner selbst nicht mehr bewut. Ein Bild stand vor
ihm, das grauenhafteste, das Bild seiner Schande!
    In Todesangst griff er nach seiner kalten Stirn und flsterte:
    Welche Bahn wandl' ich!
    ... Ein guter Genius fgte nun aber Folgendes:
    Peters ffnet schon das Thor und tritt mit dem Schrein auf die Strae.
Dankmar liebkost den auf seinem lahmen Beine tnzelnden Bello und wirft im Gehen
einen flchtigen Blick auf die mit Bildern gezierte Treppe, die hinauffhrte zu
Melanie, zur Tochter eines solchen Vaters, zu ihr, der sen, himmlischen
Melanie; zu ihr, die im Mondenschein in seinem Arme lag! Zu ihr, die ihn noch in
diesem Augenblicke wie ein Zauber umstrickte, trotzdem, da sein sittliches
Gefhl sie verlugnen mute!
    Da hrt' er Gerusch, wie von einer leicht von einem Felsen herunter
springenden Gazelle.
    Er erstarrt ... Es ist Melanie!
    Freundlich und holdselig, wie in Hohenberg, ruft sie ihm von den letzten
Stufen, von denen sie sich herabbeugte, zu:
    Sie bser, undankbarer Mann! Das Bild, das ich Ihnen mit so vieler Mhe
erobert habe, lieen Sie sich wieder rauben. Ist Das wahr?
    Melanie! sagte Dankmar stammelnd und sprachlos.
    Hier, fuhr sie fort, hier, was ich Ihnen jetzt bringe, halten Sie Das
fester. Gehrt es nicht Ihnen?
    Dankmar nahm, was sie ihm darreichte ...
    Es waren, auf flchtigen Blick sah er's, diejenigen Papiere, auf die in
seiner Angelegenheit Alles, Alles ankam, die einzigen wichtigen, die
entscheidenden Papiere!
    Sein Schreck ber die Mglichkeit, ohne sie gegangen zu sein, die
berraschung, Melanie nun wiederum als eine treue, aufopfernde, hingebende
Freundin zu erkennen, wirkten so mchtig auf ihn, da er sich nicht sammeln
konnte und in ihrem Anblick verloren dastand ...
    Nun, sagte Melanie harmlos, es sind doch die Ihrigen, Wildungen?
    Wohl! Wohl! Wie soll ich Ihnen danken! stammelte Dankmar und griff nach
ihren Hnden, um sie beide zugleich zu kssen.
    O! sagte sie, sich leise entziehend; lassen Sie's, sehen Sie diese Hnde!
Voller Staub! Voller Moder! Es ist meine Schuld nicht, da Sie mir immer solche
tolle Auftrge mit alten Bildern und Papieren geben. Sie! Lassen Sie!
    O Melanie, wie tief beschmen Sie mich! rief Dankmar und gab die Hnde nicht
her, er kte sie und drckte sie an sein Herz wie ein Verzckter.
    Was wollen Sie denn? fragte sie mit Lippen, die ihr furchtbares Beben durch
scherzhafte Laune vergebens zu beherrschen suchten. Gren Sie Ihren blonden
Bruder! Lassen Sie sich nichts von ihm vorreden, was ich ihm fr Sie aufgetragen
htte! Er ist nur eiferschtig auf mich, weil ich den alten Professor Berg mit
den schnen, weien Locken mehr liebe als ihn und Alle - Euch Alle!
    Melanie! rief Dankmar, mute Das so kommen? Nach jener Nacht in Hohenberg?
Die wenigen Tage sind wie Monden.
    Er konnte sich nicht trennen.
    Hten Sie die Papiere besser wie das Bild! sagte Melanie. Was wird nun mit
dem Portrait, das der schnen d'Azimont hnlich sieht? Ja, die ist schn. Kennen
Sie sie? Die sollten Sie sehen! Die wrde Sie bezaubern ...
    Ein, ein Bild nur, das Ihrige, Melanie, lebt in meinem Herzen! rief Dankmar
und sah tief in die zitternden, braunen Augen des Mdchens.
    Die Mutter sagte mir, Sie htten dem Vater bse Dinge gesagt, fuhr sie fort.
Versprechen Sie mir, ihm einige Zeilen zu schreiben und ihn um Verzeihung zu
bitten? Wollen Sie Das? ... Sie zgern? ... Selbst Das nicht? Wildungen?
    Melanie, ich will zu ihm zurck, ich will ihm zu Fen fallen, ihm danken
...
    Das nicht! Das nicht! Jetzt nicht! Sie schreiben ihm und bitten um
Verzeihung? Thun Sie's meinem Kindesherzen zu Liebe! Ja? Weiter nichts! Nur
Achtung, Schonung, nur ein Wort der Bitte um Verzeihung!
    Ich thue es ... Melanie! rief Dankmar willenlos. Sie gehen? Sie bleiben
nicht? Melanie? Sie steigen die Stufen hinauf ... Sie fliehen ... Immer eine
Staffel weniger zu meinem Glcke und meine Seele folgt Ihnen? Melanie?
    ... Dankmar stand noch eine Weile, sich besinnend auf Das, was er erlebt
hatte.
    Melanie war verschwunden.
    Tief erschttert steckte er nun die wahren Beglaubigungen der Ansprche
seiner Familie zu sich und gab Peters, der am Thorwege wartete, ein stummes
Zeichen, voranzugehen.
    Er folgte schwankend. Er stand still ...
    Er wagte aber nicht, noch einmal aufzusehen zu den Fenstern, wo diese
Zauberin wohnte, die ihn so mchtig berrascht, so pltzlich auf's neue in den
Bann ihrer Liebenswrdigkeit und Schnheit eingeschlossen hatte. Er bedurfte des
ganzen Hinblickes auf die groe Aufgabe, die er sich gestellt hatte, auf die
neue und eigenthmliche Anwendung, die er im Interesse seines Vaterlandes und
des ringenden Geistes der Freiheit und der Menschheitserlsung von dem gehofften
glcklichen Erfolge seiner geltend gemachten Ansprche auf ein groes Besitzthum
versuchen wollte, um sich von diesen rasch aufeinander folgenden Schlgen des
Schreckens und der Freude zu einem klaren Bewutsein und der ihm eignen ruhigen
Selbstbeherrschung wieder zu sammeln.
    Schlurck aber, der sich mhsam die Wendeltreppe zu den Seinigen
hinaufgeschlichen hatte und von der zornfunkelnden Mutter, von dem die Hnde
entrstet zusammenschlagenden Bartusch, dann von Melanie selbst hren mute, da
sein Kind soeben dem abscheulichen jungen Manne die Papiere bergeben hatte,
deren ihm hchstwahrscheinliche Entscheidung ihm auch den zweiten Anhalt seiner
heitern, bisher so sorglos gewesenen Existenz rauben mute.. Schlurck zrnte
nicht ... nein, er umarmte sein Kind, drckte es wie seinen Rettungsengel an's
Herz, war sprachlos, zitterte vor Freude und konnte sich vor Wehmuth nicht mehr
fassen ...
    Die Mutter wollte verzweifeln, Bartusch wollte zanken ...
    Melanie aber sagte:
    Seid doch ruhig! Es ist noch nichts verloren ... Seht, der Vater weint!

                            Ende des vierten Buches.


                                  Fnftes Buch

                                 Erstes Capitel

                                    Genesung

Einem regnerischen, unfreundlichen Sptsommer folgte ein milder, klarer,
sonniger Herbst.
    Die Septembertage ersetzten, was man vom August gehofft hatte, gemigte
Witterung, linde Tage, erquickende Nchte.
    Es hatte gestrmt wie im April. Nun war es fast, als ginge noch einmal der
Mai ber die Erde und das kalte, steinerne Thor des Winters wrde sich noch
lange, lange nicht ffnen. Man fhrte nun doch noch die fast aufgegebenen
Reiseplne aus, man flchtete wieder auf's Land zurck, man begrte die Grten,
die sich durch all die Regenschauer nur erfrischt hatten und noch aus Florens
Blumenhorne reiche, bunte Spenden boten.
    Sechs Wochen nach den auf den voranstehenden Blttern geschilderten
Ereignissen, an einem Morgen dieser holden Septembertage, schritt eine schlanke,
mnnliche Gestalt, bla und hinfllig, am Arme eines andern jungen Mannes, durch
die Gnge eines kleinen Parkes, durch dessen hie und da schon gelbes Laubwerk
die Sonne mit der ganzen Wrme jenes Strahles brannte, an dem in gesegneteren
Gegenden, als die, wo wir uns befinden, die Traube auf den Bergen ihre letzte
Glut und Reife empfngt.
    Kein Lftchen regte sich. Kfer, die im feuchten August erstarrt schienen,
erhoben sich zu neuem Leben. Selbst noch ein dunkelfarbiger Schmetterling hpfte
von einer der vollen Blumenglocken der schlanken Malve zur andern; denn in einer
Seitenbiegung kam man aus dem kleinen Parke in einen Blumengarten. Hier und da
stand ein Obstbaum und verbreitete den vollen wrzigen Duft der reifenden pfel,
den milderen, weicheren von Birnen, ja an der Einfassungsmauer der ganzen Anlage
blickte aus dem dunkeln grobltterigen Grn eines Rebenspaliers sogar manche
Traube, die fr eine Pflege und Wartung lohnen und danken wollte, die das
Spalier in diesem Jahre nur sprlich empfangen zu haben schien.
    Der am Arme des Andern langsam schleichende junge Mann deutete erschpft auf
eine verwitterte steinerne Bank, die an der Grenzscheide des Parkes und des
Gartens stand.
    Hier mochte lange kein ruhiger Freund der Natur, kein so dankbarer Anbeter
der Herrlichkeit Gottes in stillergebener Betrachtung verweilt haben.
    Die Bank von einer Steinlehne bequem begrenzt, mit einem in diese Lehne
gehauenen Wappen im Rcken geziert, war verwittert, vom Regen zerbrckelt, Moos
berschimmelte sie wie eine flache Felswand. In der den Rcken zierenden Krone
und ihren durchbrochenen Henkeln, wenn man wie Richard II. bei Shakespeare die
Krone einem Eimer vergleichen wollte, stand noch Wasser, das die Luft oder der
Stein so rasch aufzusaugen nicht die Kraft gehabt hatte. Der Gefhrte des
blassen Spaziergngers war auf diese Unbequemlichkeit gerstet. Er trug ein
groes Polster, das er nicht der Lnge nach, sondern so in die Quere auf die
Steinbank legte, da der Ermdete sich auch zugleich durch eine weiche Rcklehne
erfreut fand, als er erschpft vom Arme des Gefhrten ablie und auf das Polster
niedersank.
    Ah, Das thut wohl! sagte der Leidende. Das ist kein Gefhl des Schmerzes
mehr in den schweren Gliedern; Das ist die Lust und Wonne der Genesung!
    Und zu seinem Gefhrten sich wendend, setzte er in franzsischer Sprache
hinzu:
    Aber Louis - der Stein ist kalt fr dich und hart ... Wir htten das Kissen
in die Lnge legen sollen.
    Damit wollte er aufstehen, stemmte sich schon an die Seitenlehne und hob
sich mhsam in die Hhe.
    Nein, nein, sagte der Andere in derselben fremden Sprache und hielt ihn
nieder, whrend er sich neben ihn setzte; diese Steinbank ist fr Gesunde, wie
ich es bin. Ja und die kleine Erhhung ber uns, die Wappenkrone, ist ein
Symbol, da nun bald die Rcksichten der Gesellschaft an die Stelle der
Freiheiten des Krankenzimmers treten werden. La es nur so!
    Der Genesene lie die groen, noch schweren Augen liebevoll auf seinem
Gefhrten ruhen, legte ihm die noch heien Hnde, in denen ein leises Zittern
bebte, in die seinen und sagte, die blassen Lippen des schngeformten Mundes
mig ffnend:
    O nie! Nie, mein Freund!
    Sieh nur, betonte lebhafter der Andere, wie uns diese Krone auf der Rckwand
trennt!
    Es ist noch Regen in ihr, erwiderte der Leidende mit scherzender, aber mehr
wehmthig gemilderter Miene, sie schwimmt fort! La sie dahintanzen auf den
Wellen des Lebens! Sinkt sie unter, ich lohnte dem Taucher nicht, der sie mir
wiederbringt.
    Sprich nicht zuviel, Egon! bemerkte sorgend der Gefhrte. Geniee die linde
Luft! Ziehe sie in deine Brust mit tiefem Athem ein! Sie wird dich strken.
    Egon gehorchte. Er war in jener gehorsamen Schwche, die dem Genesenden so
rhrend steht ... Der Kranke widerstrebt. Lange whrt es, bis er sich den
Anordnungen Derer fgt, die aus Liebe zu ihm streng sind. Endlich schwindet in
seiner gebrochenen Kraft das Bewutsein, die Macht des Widerstrebens lt nach,
er mu sich gefallen lassen, was besorgt mit ihm geschieht; denn er wei nicht
mehr, was die Welt um ihn her bedeutet, seine Sinne schwinden. Endlich aber
bricht der Lichtstrahl des Bewutseins wieder durch die Nacht des schon
drohenden Todes, das Leben fat mit starkem Arme den Wiedergewonnenen und drckt
ihn an's Herz und der Genesende wird ein Kind, ein neugeborenes, schwaches,
hlfloses Kind, gehorsam und ergeben, sanft und duldsam, wie umgewandelt, wie
neuerschaffen, jedes Gebot vollziehend, jeder Weisung gehorchend und gerhrt ...
ber sich selbst!
    Egon sah auf die Blumenbeete hinber. Die Zeit der Rosen und Nelken war hin.
Die Dfte hatten nicht mehr die se Wrze des Juli. Aber es waren noch Farben,
die seinem Auge wohlthaten und durch allzu lebhaftes Colorit es nicht reizten.
Er sog sich frmlich hinein in dies sichere, feste Leben der gesunden Natur.
Jeder Luftzug berhrte ihn wie die magische Gewalt eines Kusses, der alle
Lebenskrfte des Menschen elastisch weckt. Die Sinne gewannen Kraft, das
Gegenwrtige festzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zurck-, auf die
Zukunft hinauszuschlieen ... Welch ein Chaos! Welche unbekannte Lnder, ber
die erst allmlig wieder ein heimatliches Licht fllt! Was ist da Alles gewesen!
Was hat man erlebt oder nur getrumt? Was ist Erinnerung, was nur Phantasie? Die
Krfte des Geistes halten diese Thtigkeit noch nicht aus. Ermattet sinken die
Schwingen wieder nieder und es ist dem Gedanken, als mt' er sich auf die
Flgeldecken eines Kfers setzen und nur, um sich erhalten zu knnen, mit
Kfern, nur mit Bienen so fortsummen, als gehrte man, ein Nichts, in's groe
Ganze und knnte nur leben im zitternden Sonnenstrahl.
    Es ist mir so, Louis, sagte Egon, als htt' ich eines Abends mit einem
Kopfschmerz, der mir das Bewutsein raubte, an jenem Fenster dort gestanden - er
zeigte auf das Palais - und dich ein Lied singen hren als Frage, ob ich daheim
wre? Du wolltest mich begren, wie in Lyon, wenn du von Paris kamst und ich
aus Louison's Armen auffuhr, horchend dem fernen Liede und der wohlbekannten
Stimme des Bruders! Oder war's nicht das Gondellied, das wir damals auf dem See
von Enghien sangen?
    Die muthwillige Barcarole! antwortete Louis Armand. Ich glaubte nicht, als
ich mir die verborgene kleine Thr dort aufschlo, deine Gestalt erblickte, das
Liedchen anstimmte, dich erkannte und zu dir hinaufsprang ber die kleine
versteckte Treppe, da ich dich fast bewutlos antreffen wrde und Alles wecken
mute und die Hlfe grade der Menschen ansprechen, die du von dir entfernen
wolltest ...
    Sind wir also wirklich doch in meiner Heimat? sagte Egon. Ja, ja, Das ist
das Schlo meines Vaters - Das ist der Pavillon, ber den ich gesprochen habe -
wo? zu wem? O Gott ... wie schwer das Erinnern, wenn man sich frchtet vor dem
Vergangenen! Louis, mir ist so schwach, da ich noch am Grabe Louison's zu
liegen glaube. Ich suche die Kreuze und Immortellenkrnze des Cimetire
Montmartre. Fhre mich dahin! Es wird mir schwer dies Erinnern!
    Mein geliebter Freund, sagte Louis Armand und fate Egon's Hand. Beruhige
dich! Die Todten ziehen Niemanden nach! ... Sie gnnen uns das Glck dieser
Erde, damit wir seine geringe Vollkommenheit erkennen und sehnsuchtsvoller einst
dem Tode von selbst in's Auge blicken.
    Sie ziehen uns nicht nach ... wiederholte Egon und schwieg eine Weile. Dann
fuhr er sich mit streichelnder Hand ber sein leidendes edles Antlitz und hielt
lchelnd einige Haare hin, die ihm dabei in der Hand geblieben waren.
    Immer mehr, immer mehr! sagte er schmerzlich. Auf der Stirn sieht es
herbstlicher aus als unter diesen Bumen und Blumen. Sieh, wieviel Laub wieder
in der Hand geblieben! Da! Noch mehr! Noch mehr! Ich sah mich gestern im Spiegel
... Ich habe Mitleid mit mir selbst und knnte um mich weinen.
    Ein Nervenfieber, sagte Louis, nimmt viel vom alten Menschen mit und gibt
dafr einen neuen wieder. Selbst wenn deine Stirn so hochgewlbt bliebe, wrde
sie jetzt erst recht die Stirn eines Denkers scheinen. Allein die gtige Natur
nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer
Freuden.
    Und wenn sie nicht kmen? fragte Egon lchelnd, doch besorgt um sein
ueres, das man bisher schn genannt hatte ...
    Sie kommen, sie kommen! trstete Louis. Freilich ... wer wei, ob Alle, die
dich lieb haben, auch gerade die Stirn des Denkers an dir lieben.
    Louis sprach diese Worte ernst und voll Kummer.
    Egon seufzte. Er verstand sie wohl. Sie bezogen sich auf Helene d'Azimont,
deren Charakter man nur halb wrde begriffen haben, wenn man htte glauben
knnen, da diese strmische, liebeglhende Seele es ertragen htte, so ganz von
Egon's wiedererwachtem Bewutsein ausgeschlossen zu bleiben ...
    In der ersten raschen Entwickelung der mit groer Regelmigkeit
vorbergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anstrengungen der rzte und
des treuen Wchters Louis Armand Helene d'Azimont fern; bald aber, mit den
ersten in das freiwillige gesellschaftliche Exil, das sie sich auferlegte,
hereinbrechenden Hoffnungsstrahlen ruhte sie nicht lnger und bot jede List,
jede Berechnung auf, um sich Egon zu nhern, sogar sein Krankenbett zu erstrmen
und sich die Sorge fr sein Leben ausschlielich anzueignen. Das Letztere
mislang ihr freilich. Louis htete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes.
Er schlief auf einer Matratze zu seinen Fen, lie nichts in Egon's Hnde
kommen, was nicht vorher von ihm untersucht war, und wurde darin von den
strengern rzten untersttzt ...
    Drommeldey, der rztliche Rathgeber der vornehmen Stnde, hatte wol sonst
eine mildere Ansicht. Man hatte auch Sorge getragen, ihn mit der d'Azimont
sogleich bekannt zu machen; allein so rhrend sie zu bitten verstand, bis zu
einem gewissen Zeitraum, der seinen Anordnungen zufolge erst heute eintreten
sollte, duldete auch Drommeldey keine Aufregung seines Patienten. So blieb
Helenen nichts brig, als sich jenem Rafflard anzuvertrauen, dessen Ankunft in
dieser Stadt sie mit so vielem Misvergngen bei Paulinen von Harder vernommen
hatte ... Wahrhaft erstaunt mute sie sein, als dieser vertraute Freund ihrer
Schwiegermutter sich ihr selbst nherte und ihr die innigste Theilnahme fr ihr
Leiden zu erkennen gab. Von einer Prfung seiner Absichten war keine Rede; denn
er nahm ihren Schmerz fr vollkommen begrndet hin und weinte selbst ber ihre
Thrnen. Sie fate zitternd seine Hand. Rafflard, der geheime Jesuit, kte die
ihrige und sogleich war er mit in das Complot gezogen, das ihre vereinten
Geisteskrfte geschmiedet hatten, um Egon nun zuvrderst die Nhe der Geliebten
zu verrathen. Rafflard bot ihr darin jeden Vorschub. Man bestach alle Diener des
Hauses. Rafflard setzte sich vorzugsweise mit den Wandstabler's in Verbindung
und so war denn bald einmal eine Blume auf die grnseidene Decke von Egon's Bett
geworfen, die seine Gedanken verwirrte, bald ertnte in den entlegenen Zimmern
des Palais der Klang einer Harfe, die Helene mit einiger Virtuositt zu spielen
verstand. Egon erfuhr zuletzt von Louis Armand selbst die Anwesenheit jener
schnen Frau, aus deren Armen er sich in diesem Frhjahr auf der reizenden Villa
von Enghien gewaltsam losgerissen hatte. Er seufzte. Das berma ihrer Liebe
schien ihn nicht zu beglcken. Es kamen Briefe mit einer unverfnglichen,
geschftlichen Auenseite ... man erbrach sie harmlos; sie waren von Helenen.
Als sie die berzeugung gewann, da diese Briefe gelesen wurden, gab sie jeden
Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer Sehnsucht und Beobachtung des kalten
steinernen Palastes, der ihr so grausam noch den Angebeteten entzog.
    Ein solches Blatt berreichte Louis seinem Freunde auch heute.
    Egon nahm es mit gelassener Miene. Er hielt das aus der Enveloppe genommene
zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den
silbernen Buchstaben H.d'A. lange in der Hand, ehe er sich entschlieen konnte,
es zu lesen.
    Wenn ich dem Leben erhalten bleibe, sagte er nach einer Pause ernster
Betrachtung, wie soll ich mich mit diesem Verhltnisse zurecht finden!
    Geliebt zu werden, sagte Louis, ist wol nur dann eine Last, wenn man nicht
wieder liebt.
    Wie soll ich das Gefhl nennen, das mich an diese Frau fesselte! fuhr Egon
fort. Seit dem Tage am See von Enghien, wo Louison ihren Tod, wenn er einmal
beschlossen war, glcklicher gefunden htte als nach meiner Untreue; welche
Umwlzungen meines Innern! Ich floh, um meinen Erinnerungen zu entrinnen und sie
berholen mich und lassen mich nicht wieder los. Das sind die Erinnyen der
Fabel.
    Man mu, sagte Louis mit Fassung und ohne die geringste Zurckhaltung zu
Nutzen seiner eignen Ansprche auf Egon, man mu den Lauf der Natur in seiner
Bahn nicht unterbrechen. Mismuth ber eine verkehrte Erziehungsmethode, die
angedrohte Rache eines frhern Lehrers treibt dich von Genf abenteuerlich in die
Welt hinaus ...
    Glaubst du, unterbrach ihn Egon, da ich Rafflard's Bosheit frchtete, der
sich bei meinem zweiten Aufenthalte erinnerte, da er wegen meiner und eines
heimlich mir zugesteckten Casanova die Anstalt des Herrn Monnard verlassen
mute? Deshalb, weil ich ihn an der offnen Tafel des Syndicus Lhardy einen
heimlichen Jesuiten genannt hatte, deshalb allein wre mir der Aufenthalt in dem
kleingeistigen, beschrnkten, spiebrgerlichen Genf unertrglich geworden? Ach
nein! Es war der Zug nach einem krftigen Wettkampfe mit dem Schicksal, der mich
auf die Wanderschaft, hinauf zu den blauen Hhen des Jura trieb..
    Ich schliee mich auf der Landstrae, ergnzte Armand, dem Wanderer in der
Blouse an, heimkehrend von einem Ankauf von Nubaumhlzern in Poncin, und nehme
dich als Zeltkameraden in meine bescheidene Htte, wo meine Groltern, meine
ltern, Verwandte, erinnerungsreiche Menschen, eine Schwester mit mir leben! Du
ergreifst die Axt, die Sge, ja fhrst sogar mit deiner zarten Hand den Hobel
und ich glaube, da du der Sohn eines Kaufmanns in Deutschland bist, verfolgt
als politischer Verbrecher. Wie hab' ich dich, eingedenk meiner Groltern und
ihrer Schicksale, verborgen gehalten! Wie gezittert, die feige Politik unsrer
Regierungen wrde dir eins der heiligsten Menschenrechte, das Recht des Asyls,
versagen! Wie glcklich war ich, da du wie wir die Einsamkeit liebtest, die
kleinen Freuden der Armuth theiltest, so vollendet dich auf franzsische Sitte
und Sprache verstandest, da das argwhnische Auge der Polizei dich nicht
entdeckte und dich fr einen Schweizer nahm ...
    Und dennoch ...
    Nein, nein, klage dich nicht an! Ich habe dich gehat, Egon, als Franz
Rudhard, wie du dich nanntest, die Liebe meiner Schwester, seine eignen Schwre
vergessen hatte. Franz Rudhard, so standest du vor meinen Augen! Den rauhen
Namen hattest du dir von deinem ersten Erzieher gegeben, den du liebtest..
    Franz Rudhard! sagte Egon lchelnd, leise das gebeugte Haupt schttelnd ...
    Louis, der mit den Gebrdern Wildungen whrend seiner Wacht an dem
Krankenlager nur in geringe Beziehung hatte kommen knnen, wute wol kaum davon,
da Egon's alter Lehrer, von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte, ihnen
inzwischen wieder so nahe gerckt war.
    Der Alte lebt noch in Odessa! fuhr Egon fort. Ich nahm diesen Namen, weil er
in meiner Erinnerung mit einem stillen, huslichen und bescheidenen Frieden der
Familie im Zusammenhange stand. Als ich in euer Haus trat ... der verfallene
Thorweg ... das niedrige Dach ... die Blumenterrasse ... die Ziege, die eben auf
ein Bruchstck alter Rmermauer geklettert war ... und Louison, die ihr
nachkletterte und sie mit keckem Griff an den Hrnern herunterlenkte ... fort
von ihren jungen Krbissen und Melonen, die sie auf der Mauer pflegte und zog
... der freundliche Gru des Vaters, der im Hofe arbeitete ... das prfende
mistrauische Gren der alten sarmatischen Gromutter, der Jagellona, einer
gebildeten, noch aus Kosziuszko's Zeiten stammenden Polin.. sie thronte wie eine
Zauberin unter dem Dache eines Feigenbaums, der eure Wohnung umwand, auf einer
steinernen Erhhung und klppelte mit der alten Tante, einer Deutschen, ihrer
Schwgerin, Teppiche ... von dieser wunderbaren Familie ergriffen, gehalten von
deiner Freundschaft, geblendet von Louison, nehm' ich fr die Nacht vorlieb auf
einem Sack von Maisstroh als Lager ... es ist ein Sonnabend ... am Sonntag
begleit' ich Louison schon in die Kirche ... Sie zeigt mir in der Frhe den
Reliquienschrein der heiligen Mrtyrer in der Kathedrale ... am Abend holen die
Nachbarinnen sie ab und wir wandern nach der Croix-Rousse auf die Chaumire ...
schon am zweiten Sonntag hatt' ich einen Blumenstrau von ihrem Hut gewonnen ...
am dritten lohnte sie mich nicht mehr fr meine Liebe, sondern nur noch fr
meinen Flei ... wir mssen uns beherrschen, sagte sie, arbeiten, Glck
verdienen ... ich arbeitete, um den ersten Ku zu verdienen ... ich arbeitete,
um drei Ksse zu verdienen ... ich arbeitete ...
    Bis du sie ganz gewannst und sie ohne des Priesters Segen dein Weib war,
fiel Louis ein.
    Beide schwiegen erschttert ... Ein schwarzer verspteter Schmetterling, den
die Knaben am liebsten haschen, obgleich er der Trauermantel heit, setzte sich
eben auf das Papier in Egon's Hand.
    Als der bunte Sommervogel zu den Blumen entschwebte, war es ihnen, als htte
sie die verwandelte Seele Louison's begrt ...
    Ich klage dich nicht mehr an, mein Freund, sagte Louis. Du hattest uns
getuscht, aber auch dich selbst. Schon als wir von Lyon zur Erweiterung unsres
Geschftes nach Paris zogen und von Jagellona, der Tante, ja den ltern selbst
die Grabeshgel zurcklassen muten, war die Erkenntni ber dich gekommen, da
dir die Kraft fehlen wrde, diese Rolle lnger fortzuspielen ...
    Keine Rolle! rief Egon. Nie, nie hab' ich daran gedacht, da ich jenen
arkadischen Schfern von Navarra nachahmen wollte, die sich in Schfer nur
verkleideten. Ich war so mit mir einig, als Franz Rudhard in Paris zu wirken,
meinen deutschen Beziehungen zu entsagen, da ich es der Mutter kurz vor ihrem
Tode nach Hohenberg schrieb und fr immer von meinem vergangenen Leben mich
lossagte.
    Eine Schwrmerei, sagte Armand, von der dich die Fahrt auf dem See von
Enghien heilte! Jene weichen Arme der Liebe ffneten sich, fr die du geboren
bist! Damals, als ich noch glaubte, dein Name wre Franz Rudhard, htt' ich dich
morden knnen, da du die Schwester verlieest, die dir Alles geopfert hatte.
Sie hielt mich zurck, sie hoffte auf deine Wiederkehr. Sie hoffte, bis der Thau
der Nchte ausblieb und die Blume keine Thrnen mehr hatte. Sie verwelkte. Ich
erhalte einen Auftrag fr eine Villa in Enghien, ich soll zu einem Tempel der
Freude und des Glckes den Schmuck, die Vergoldungen und Spiegel zaubern, ich
komme in das Boudoir jener Frau, wo Louison einst in deinen Armen sich von dem
Unglck einer Wasserfahrt erholte ...
    Schweige, Louis, schweige! rief Egon.
    Und Louis, erschreckend ber sich selbst, fiel rasch ein:
    Vergebung! Vergebung! Was beginn' ich mit einem Kranken! Der Schmetterling
auf diesem Papiere war das Bild der Vershnung und ich hatte dir ja auch nur zu
sagen, Egon, da ich um Egon's willen Franz vergab. Schon als du uns verlassen
hattest, ahnten wir deinen hhern gesellschaftlichen Ursprung, aber als ich auf
dem frischgeschaufelten Grabe Louison's erfuhr, da du ein Prinz bist, Sprling
eines vornehmen Hauses, da du aus Liebe zu dieser Todten, aus Liebe zu dem
bescheidenen Leben der Armuth, aus Hingebung an die groe Sache der Arbeit,
deinem Stande, deinen Titeln, allen Vortheilen deiner Geburt drei Jahre entsagen
lernen, arbeiten konntest ... o, Egon, und wenn die Grabeshgel der ltern auf
den Tod meiner Schwester erst gefolgt wren, statt da sie ihr vorangegangen,
wenn das Herz des zu seiner Sphre zurckkehrenden Jnglings mir das Leben der
eignen Geliebten geraubt htte ... wer wei, ob ich nicht vergeben htte um
dieses heroischen Entschlusses willen, um eine That, so einzig und gro, da ich
alle eigenen Schmerzen verga und dein blieb, Egon, um der Sache des Volkes und
der Menschheit willen!
    Und ich verspreche dir, sagte Egon feierlich, da diese von Patschouli
duftende Verlockung - er zeigte dabei auf das noch ungelesene Papier - mich
nicht aus der Bahn entfernen wird, auf der wir uns wieder begegneten und dein
reines Herz meiner elenden Schwche vergeben hat!
    Geliebt zu werden ist s! warf Louis ein, um die Selbstanklage Egon's zu
mildern.
    Ich sehe rathlos, fuhr Egon fort, auf die schmeichelnden Worte, die ich nun
seit acht Tagen von dieser Unbesonnenen erhalte, die mir von dem Herzen
Frankreichs hierher nachreist und an eine Trennung unserer Wege nicht zu denken
scheint! Ich zittre vor dem Wiedersehen. Es ist etwas in mir, das mir sagt:
Louison's Schatten verlangt die Shne der Trennung von Helenen ...
    Nein, nein, fiel Louis ein, Louison's Schatten ist geshnt durch unsere
Vershnung an ihrem Grabe. Htte sie geahnt, was du ihr zum Opfer brachtest, wer
wei, ob die Vernunft nicht Trostgrnde geboten htte, die heilend wirkten. Man
soll nicht Liebe von sich stoen; nie! nie! Das Leben ist zu arm daran. Wenn ich
nur nicht frchten mte ...
    Louis stockte und blickte zufllig auf den Pavillon ...
    Egon foderte ihn auf zu reden.
    Lies diesen Brief! sagte Louis, um noch auszuweichen ...
    Egon entfaltete das duftende Papier und las, was ihm Helene d'Azimont mit
ihrer zierlichen kleinen Hand geschrieben hatte.

                                Zweites Capitel



                                  Der Pavillon

Helene schrieb Egon in deutscher Sprache:
    Heute, mein geliebter Egon, sind sechs Wochen vorber, als ich vor deinen
Fenstern im Wagen hielt, mitten in der Nacht, eben von der Reise gekommen. Ich
konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts, das vielleicht
vor deinem Lager stand, als du schon die Annherung dieser schrecklichen
Krankheit, die dich niederwerfen sollte, fhltest. O welches rauschende Leben
glaubt' ich zu finden, einen belebten Palast, auf- und abschwirrende Diener,
hellerleuchtete Fenster, Wagengerassel ... und ich fand ein fast ausgestorbenes
Haus, in dem nur mein Egon lebte, nur sein Pulsschlag mir hrbar erschien. Wie
hab' ich seitdem die Schlge meines Herzens gezhlt! Wie mich mit dem Ohr auf
die Erde gelegt, um etwas von dir zu vernehmen! O Gott, Das ertragen zu sollen!
Wenn ich zurck denke und mir noch einmal vorstelle, da ich in einer Stadt mit
dir leben und dich nicht sehen sollte, ich begriffe nicht, was einem Herzen
mglich ist, das dulden kann und hofft. Aber nun ffnen sich auch die Himmel und
die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewhrung und des seligsten
Lohnes! Egon, ich werde dich wiedersehen, dir in's Auge blicken, den Ku deiner
Lippen fhlen. Ich zhle die Minuten, ich begreife nicht, wie mich die Vorsehung
mit dieser Langmuth ausstattete, ich erkenne mich nicht. Mein geliebter Egon!
Wie konntest du fliehen? Fliehen vor einem Herzen, das ohne dich brechen mu?
La mich leben! Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe! Ich habe unter den
Erinnerungsblttern an unser Glck heute das letzte angefangen, eine kleine
Zeichnung des Tempels, den ich unserer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen
wollte. Alle diese Skizzen, die ich nur mit ungebter Hand entwerfen konnte,
sind mein einziger Trost in dieser Einsamkeit gewesen. Der See, die Terrasse,
der alte Eichbaum auf der Hhe des Waldrckens, die groe Ebene mit dem
Bahnhofe, meine kleine Veranda, die du so liebtest und so zierlich schmcken
halfst, alle diese Blttchen hab' ich im Vertrauen auf die Macht der Liebe, die
auch die Schwingen des Talents krftiger heben lehrt, als sie von Natur fliegen
wrden, mit zitterndem Bleistift hingeworfen. Ich suche einen Maler, der mir
wrdig scheint, sie auszufhren; dann berrasch' ich dich mit den Erinnerungen
an schne Tage. O sie werden wiederkommen! Egon, hast du denn nicht Mitleid mit
mir? Nur ein Wort der Erquickung fr meine zehrende Sehnsucht! O la mich bald
an deinem Herzen ruhen, mein Geliebter, mein einziger, einziger Egon!
    Es war Dies eine Apostrophe, wie sie Egon seit vierzehn Tagen in immer
gleichen Lauten der Verzweiflung, der Liebe und der ohne Weiteres
vorausgesetzten Wiedervereinigung erhielt. Als er das Papier gelesen hatte,
summten ihm im Gedchtni die Shakespeare'schen Verse:

Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt, mein Lieber,
Baut' ich an Eurer Thr' ein Weidenhttchen
Und riefe meiner Seel' im Hause zu,
Schrieb' fromme Lieder der verschmhten Liebe,
Und snge laut sie durch die stille Nacht,
Lie' Eure Namen an die Hgel hallen,
Da die vertraute Schwtzerin der Luft
Olivia! riefe! O ihr solltet mir
Nicht Ruh' genieen zwischen Erd' und Himmel,
Bevor Ihr Euch erbarmet!

Beide Freunde schwiegen ...
    Was ist da zu thun? begann Egon nach lngerm schmerzlichem Nachdenken.
    Nur zu wachen, sagte Louis ernst, da diese Liebe mnnlich bleibt, deine
Gedanken nicht verweichlicht, deine Entschlsse nicht lhmt.
    Ah! sagte Egon, diese Liebe ist doch ein Unglck.
    Damit richtete er sich auf.
    Das Gesprch hatte ihn nicht erschpft. Die Sprossen auf der Leiter der
Gedanken, die er langsam wieder zu erklimmen versuchte, brachen nicht. Er fand
sich in seinen Erinnerungen zurecht und aus der wiedergewonnenen Kraft des
Geistes theilte sich, strkend, eine Belebung des ganzen Krpers mit. Er fate
Louis' Arm und wandelte zwischen den Blumenbeeten.
    Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons, dessen Inneres Knstlerhnde fr
die lebhafte und bequeme Phantasie des alten Frsten Waldemar, des
Generalfeldmarschalls, geschmckt hatten.
    Egon kannte dies Innere und betrachtete nachdenklich die angelehnten grnen
Jalousieen. Er besann sich, ob er nicht einst Jemanden eingeladen hatte, sich in
diesem Saale, unter Spiegeln, Blumen und kerzenstrahlenden Lstres die
Geschichte seiner Liebe erzhlen zu lassen ... noch wollten aber solche Gedanken
nicht haften. Nur wie auf flchtigen Sommerfden zogen sie an ihm dmmernd
vorber und streiften sein Gedchtni ...
    Sie traten dem Pavillon nher. Egon besann sich schmerzlich lchelnd auf
dessen Bestimmung und ffnete leise eine der Jalousieen.
    Kaum war Louis, der sich eben, weil die Gartenthr ging, umgewandt hatte,
von ihm veranlat worden, gleichfalls einen Blick auf diese ppige Einrichtung
zu werfen, als er die Jalousie auch sogleich fallen lie.
    Trum' ich? rief Egon oder sah' ich ...
    Louis bemerkte seinen Schrecken und trat nher.
    Als auch er die Jalousie fallen lie, schttelte er den Kopf und schien
nicht begreifen zu knnen, warum er noch staunte.
    Es war ein Spiegelbild Helenens! sagte Egon.
    Wol mu es die Grfin d'Azimont sein, erklrte Louis.
    Irgendwo wird sie in dem Pavillon verweilen. Der Spiegel fing sie von dieser
Seite her wie ein lebendes Bild auf.
    Sie schlief? sagte Egon.
    Sie schien zu schlafen ... sie ruhte nur.
    Der Spiegel empfngt seinen Reflex von jener Seite her, wo das Badezimmer
meines Vaters ... Komm, Louis! Komm!
    Damit wollte Egon strmisch zu jenem Fenster hin, wo die magische rothe
Beleuchtung einer Kuppel auf eine zierliche Rotunde fiel, deren Bilder, Statuen,
Vasen wir bereits oberflchlich kennen und erst spter grndlicher betrachten
werden.
    Auch Louis begriff nicht, wie die Grfin dorthin gelangen, dort auf einem
Divan in beinahe phantastischer Kleidung schlummern konnte. Er glaubte an den
Reflex eines dort aufgehngten Bildes ... Er schickte sich an, dem Prinzen zu
folgen, der den Eingang nur vom Hofe aus gewinnen konnte und in strmischer Eile
mit trunkenen Sinnen, wie elektrisirt, das schne verfhrerische Ziel suchte.
    Doch in diesem Augenblick hielt sie Sanittsrath Drommeldey auf.
    Ei, ei, wohin so rasch? rief der Arzt und schlug Egon auf die Schulter.
    Dieser wandte sich, unangenehm berrascht, und htte sich gern von dem Arzte
losgemacht.
    Aber der Gehorsam eines Genesenden hinderte ihn. Der Arzt hatte schon den
Puls in der Hand und behauptete, da Egon zu lange im Garten verweilt htte. Er
mte hinauf ...
    Nein, nein, sagte Egon, es ist nur eine augenblickliche Aufregung ... und so
wollte er zu dem Eingang des Pavillons hin.
    Der Arzt hielt ihn aber sehr entschieden zurck und sagte:
    Ich statuire keine Aufregungen. Sie bleiben hbsch an meiner Seite,
Durchlaucht!
    Damit fate er Egon's Arm und lenkte in eine Allee des kleinen Parkes ein,
die der Thr, die zum Hofe fhrte, zunchst lag.
    Er machte mancherlei Vorschriften und endete damit, da er sagte:
    Unter diesen Bumen ist es zu schwl und unter den Blumen dort lauern noch
immer die bsen Geister des Fiebers. Sie mssen sich an frischer reiner Waldluft
strken. Ich schreibe Ihnen fr heute Folgendes vor: Nachmittag vier Uhr nehmen
Ew. Durchlaucht einen Wagen und fahren mit Herrn Louis und sonst einem Freunde
auf das knigliche Schlo Solitde. Dort kommen Sie um punkt dreiviertel auf
fnf, ich sage punkt dreiviertel fnf - der Sonne wegen - an, steigen aus,
durchwandern die noch sonnenwarmen Boskette, einige Gnge des Parks und setzen
sich auf dem kleinen Hgel, wo man die berhmte Aussicht auf die Felder und den
dort so mchtig sich ausdehnenden Flu geniet, eine Viertelstunde in der Sonne
nieder; dann lassen Sie den Wagen an der Sdpforte vorfahren, sind mit fnfzig
Schritten wieder auf Ihren Polstern und kommen einige Minuten nach sechs Uhr
wieder in Ihrem Zimmer an, wo Sie sich etwas vorlesen lassen, eine Suppe essen
und um acht Uhr zu Bett gehen. Wird Das befolgt werden?
    Egon hatte nur halb zugehrt. Er war zu bewegt, zu elektrisirt von dem
Gedanken, da Helene so in der Nhe war, so auf ihn lauschte, so vielleicht in
jenem Pavillon auf seinen Anblick gewartet hatte und darber entschlummert war
...
    Louis aber, der aufmerksam zugehrt hatte, antwortete statt seiner:
    Pnktlich! Herr Sanittsrath!
    Nun begleit' ich Sie auf Ihr Zimmer, sagte Drommeldey, einer kleinen Tisane
wegen, die Sie doch noch nehmen sollen und die ich verschreiben mu. Kommen Sie,
Durchlaucht! Bald besuch' ich Sie nur, um Ihnen von der Welt zu erzhlen und mir
von Ihnen Pariser Anekdoten auszubitten.
    Mit feiner weltmnnischer Gewandtheit fate der diesmal allopathisch
gestimmte Arzt den trumenden, erschtterten Egon unterm Arm und fhrte ihn
durch den Hof in die vordere Fronte.
    Louis aber folgte in einiger Entfernung.
    Zum Pavillon zu gehen und sich in den Cabineten zu berzeugen, ob dort die
Grfin d'Azimont wirklich auf einem Divan schlief, wie er in jenem Spiegel
gesehen hatte, dazu konnt' er sich nicht berwinden; aber Doretten Wandstabler,
die im Hofe sich tief knixend vor dem Prinzen verbeugte und nicht ohne
Gefallsucht zur Feier der Wiedergenesung des jungen schnen Herrn eine gewhlte
Toilette gemacht hatte und recht auffllig mit einem ungeheuren Bunde Schlssel
klingelte, Doretten Wandstabler hielt er an und sagte energisch:
    Sie haben die Grfin d'Azimont in den Pavillon gelassen ...?
    Vergeben Sie! sagte Dorette schon etwas trotzig. Der Herr Sanittsrath haben
es selbst befohlen.
    Wie? Der Arzt wute ...?
    Sie wollte in den Garten strzen und den Prinzen ....
    Ein Arrangement! sagte Louis vor sich hin, voller Entrstung und die weitern
Worte der Beschlieerin berhrend. Dann fragte er laut:
    War die Grfin allein?
    Herr Professor begleiteten sie ... Hren Sie ihn nicht husten?
    Herr Professor? Wer hustet?
    Dorette errthete, da sie von einem Manne wie von einem gewhnlichen
Besucher sprach, den sie doch gegen Louis Armand bisher verheimlicht hatte.
Jetzt aber, wo der Arzt selbst fr das Complot gewonnen war, glaubte sie sich
nicht mehr so ngstlich zurckhalten zu mssen und ergnzte ihre Aussage dahin,
da sie den Professor Rafflard meine.
    Louis wollte reden; aber Egon sah sich nach ihm um.
    Er folgte dem Prinzen, der nun auf Louis gesttzt, zum ersten male wieder
die groe Treppe bestieg und mit vlliger Abwesenheit des Geistes den
materialistischen Auseinandersetzungen zuhrte, mit denen Drommeldey gewohnt
war, die Psyche seiner Reconvalescenten neu zu beleben und ihnen die letzte
Tisane zu verschreiben.
    Egon schritt die groe Treppe empor. In seinen Erinnerungen setzte sich die
Vergangenheit Steinchen an Steinchen wieder musivisch zusammen. Die von der
Sonne erhellten Zimmer thaten ihm auerordentlich wohl. Er fhlte sich so
krftig, da er, als der Sanittsrath sich empfohlen und die Nachmittagsfahrt
nach dem kniglichen Schlosse Solitde ausdrcklich noch einmal bis auf die
kleinsten Punkte eingeschrft hatte, Louis fast im Begriff war, zu bitten, er
mchte ihn ber den Pavillon, ber Helene aufklren, ja wenn es nicht Louis
gewesen wre, der seine Befehle erst an die Diener berbrachte, wer wei, ob er
nicht augenblicklich das Wiedersehen mit einem Wesen gefeiert htte, das durch
eine einzige kurze Phantasmagorie seine ganze Einbildungskraft wieder
beherrschte.
    Es ist die Grfin gewesen, sagte ihm Louis aufrichtig. Sie harrte vielleicht
des Augenblickes, wo du im Garten dich zeigen solltest und entschlief oder
trumte wachend von dem Glck, dir nahe zu sein.
    Es war nicht ganz wahr, als Egon darauf erwiderte:
    Ich kann sie noch nicht sehen. Ich fhle mich noch nicht stark genug, ihre
Freude zu ertragen.
    Indem fiel sein Auge auf eine in seinem knftigen Arbeitszimmer auf einem
groen grn verhangenen Tische aufgestellte kleine Galerie alter Brustbilder mit
schwarzen oder verblaten goldnen Rahmen.
    Was sollen diese Bilder? fragte er erstaunt.
    Schon lange, antwortete Louis, harrt diese kleine Galerie des Augenblicks,
wo du in ihnen die letzten Reste des Andenkens an deine Mutter begren wrdest,
mein Freund ...
    Und mit diesem Anblick, mit diesen erluternden Worten fiel es wie Schuppen
von Egon's Geiste.
    Gott im Himmel! rief er, diese Bilder ... da ist ... trum' ich? Wach' ich?
Ja, ja, - Das war's, worauf ich in der Nacht des Fiebers schon einmal fiel ...
da, da ist es ja - dies runde Pastellgemlde ... Es ist ja das Bild, das
vielersehnte Bild meiner Mutter!
    Louis erzhlte, was er von der bergabe dieses von Egon mit Leidenschaft
aufgehobenen und von allen Seiten betrachteten Bildes durch Schlurck wute. Auch
von dem Geheimni dieses Pastellbildes hatte er ja schon frher etwas vernommen,
war aber ber die ferneren Schicksale desselben im Unklaren geblieben ...
    An diesem Bilde, Freund, ist ein Geheimni! besttigte Egon, kaum Louis'
Worten folgend. Ich fasse nun Alles - ich finde mich zurecht - Louis sieh, sieh
her ... findest du etwas an dem Rahmen dieses Bildes ... es ist schwerer, als es
dem uern Anschein nach sein knnte - es mu eine geheime Feder haben - ich
beschwre dich -
    erfinde, rathe, hilf! Ich bin fast unvermgend, meine berraschung
auszubeuten ...
    Louis sah mit Beklommenheit, da Egon aus den Aufregungen nun nicht mehr
herauskam. Er bereute fast, da er es so mit dieser Galerie angeordnet hatte.
Nach dem Spaziergange im Garten sollten ihn die Bilder erfreuen. Den
Zwischenfall mit dem Pavillon hatte er nicht berechnet. Er bat den Freund, sich
in Alles gelassener zu finden und von dem Bilde gleich abzustehen ...
    O ich fhle mich stark, rief Egon. Wo war ich? Gerechter Gott, das Alles
verschwamm in Nebel! Ich mu wieder Menschen sehen, ich mu hren, sprechen,
anknpfen an das Leben ... Fhre mich in die Welt, Louis!
    Louis sagte mit Zgern, da er gehofft htte, ihm heute einige Personen, die
schon fters nach ihm gefragt htten, vorzufhren ... es stnden mehre im
Vorzimmer ... aber er wage nicht ... in dieser Aufregung, in diesem steten
Wechsel der Eindrcke ...
    Fhre sie herein! rief Egon. Wer will mich sprechen? Wer ist da? Ich mu
Menschen sehen! Menschen umarmen ...
    Damit legte er das so werthvolle, abenteuerliche Bild auf die grne Decke,
ging selbst an eine Seitenthr und ffnete.
    Herein! herein! rief er muthig und kraftvoll. Ich lebe wieder! Kommt! Ich
habe das Licht der Sonne empfunden, ich habe den Duft der Blumen eingesogen.
Kommt, Menschen! Kommt! Ich bin genesen.

                                Drittes Capitel



                                 Alte Bekannte

Egon suchte aber die Menschen nur, weil er den Moment, nun wirklich das von ihm
mit so vielen Abenteuern gesuchte Bild zu besitzen, nicht ertragen konnte. Das
Bild ffnen, nach seinem Inhalte forschen, er htte es jetzt nicht vermocht. Er
bedurfte eines Anhaltes an etwas, was ihm erst Beruhigung bot. Er glich in
diesem Augenblicke jenen Menschen, die nicht im Stande sind, ein Gefhl mchtig
und voll auf sich wirken zu lassen; Menschen, die weinen, wo sie lachen, lachen,
wo sie weinen sollten; Menschen, die einen geliebten Freund, das Theuerste auf
Erden, das ihnen lange entrissen war, nicht sofort wieder zu sehen vermgen,
sondern in einen Winkel flchten, wenn Alles dem Ersehnten schon in den Armen
liegt, ihn herzt und kt; in dem Winkel still fr sich weinen, weil ihr Herz
nicht im Stande ist, eine so furchtbare Erschtterung wie ein der menschlichen
Kraft Mgliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen.
    Nur um sich von dem Schrecken, das Bild zu sehen, es wirklich berschwer zu
finden, das Geheimni seiner Mutter nun, er wute nicht wie, in Hnden zu haben,
zu sammeln, ri Egon die Thr auf und rief:
    Wer begehrt nach mir?
    Der Erste, der eintrat, war ein schlichter gesundblickender, heiterer,
frischer Naturmensch. Aus diesem Auge strmte Waldluft, strmte Erkrftigung.
Freude und Treuherzigkeit, die sich zwar mit einer gewissen berwachung mischte,
lachten Egon an und muten dem kranken, jungen Frsten innig wohlthun.
    Wir erkennen an seinem gesunden, vollen Gesicht, dem fuchsblonden Barte und
der ruhigen Treuherzigkeit seines zahmen Lwengesichtes den Frster Heunisch aus
Hohenberg.
    Ich kenne Euch, Heunisch, sagte Egon, als der Frster seinen Namen genannt
hatte und die lebendigste Erinnerung ihn an das Bild und was mit ihm
zusammenhing jetzt fast folterte; ich hab' Euch gesehen. Bringt mich nur auf die
Spur; wo? Wo?
    Durchlaucht, vor Allem meinen herzlichsten Glckwunsch zu Ihrer Genesung!
sagte etwas zaghaft der Frster, schlug aber mit waidmnnischer Biederkeit seine
mit weien waschledernen Handschuhen zierlich geschmckte krftige Hand in die
magere des Prinzen.
    Jetzt wei ich, Heunisch, wo wir uns gesehen haben! rief Egon, rieb sich
jedoch noch zweifelnd die Stirn ...
    Heunisch lachte, kratzte sich hinter'm Ohr und sagte:
    Der Tausend! Wohl haben wir uns schon gesehen, Durchlaucht ... aber ... mein
Seel', Der sind Sie doch nicht, Durchlaucht, der ich gemeint habe, da ...
    Da ich wre? Wer denn? Wer bin ich denn?
    Sieh! sieh! ... fing Heunisch zu grbeln an und blinzelte mit seinem
scharfen Auge unter den langen, weien Augenwimpern prfend zum Frsten hinber.
    Er trennte sich offenbar von der Vorstellung, die sich auch ihm eingeprgt
hatte, da Dankmar Wildungen Prinz Egon gewesen wre, mit groer Mhe. Noch lag
ihm im Ohre, was im Gelben Hirsch der junge, gefllige Mann ihm ber das Anlegen
des Zeck'schen Goldes gesagt hatte, und nun fand er einen Andern, den er aber
auch zu kennen glaubte.
    Halt! sagte er. Wr' es nur mglich!
    Ja, ja, Heunisch ... Ihr seid der Jger -
    Welcher Jger?
    An dem Vormittag ...
    Ei wie knnt' ich denn die Dreistigkeit haben, Durchlaucht, zu glauben, da
...
    Ja, ja, habt sie nur ...
    Der Handwerksbursche? Im Gelben Hirsch?
    Der! Der bin ich -
    Durchlaucht machen Eins confus!
    Der Handwerksbursche bin ich!
    Der mich gefragt hat, wo der Weg nach Plessen geht und in der Sgemhle
bernachten wollte?
    Der aber auf dem Kirchhof schlief am Grabe seiner Mutter, die Ihr hier in
dem Bilde seht ...
    O weh! rief Heunisch und schlug sich mit den Hnden an den Kopf und gedachte
sogleich seiner gewagten Anekdoten ber die Frstin Amanda.
    Damals, sagte Egon, botet Ihr mir von Eurem Imbi an und heute mt' Ihr nun
bei mir vorlieb nehmen. Louis, ein Glas Madeira! Ein Frhstck! Allons donc!
    Durchlaucht, ich habe gefrhstckt! sagte Heunisch aufrichtig, ohne
verbergen zu knnen, da ihm ein solcher Empfang neuen Appetit machte.
    Louis war schon auf dem Sprunge gewesen, fast noch ehe Egon den Befehl gab,
eine solche Idee auszufhren. Er klingelte und lief selbst; halb Herr, halb
Diener. Er wollte, da man ihm schon auf halbem Wege entgegenkam. Wie froh war
er, jetzt bessere Menschen zu sehen, die zu des alten Frsten Verlassenschaft
gehrten und denen er seinen Freund zurcklie, wenn er nach Frankreich wieder
heimkehrte! Wie gefiel ihm dieser treuherzige Frster im grnen Leibrock mit
goldenen Knpfen und mit den waschledernen Handschuhen! Vor Vergngen war er
nahe daran, fr sich hin ein polnisches Liedchen zu trllern, das er von der
alten Jagellona oft hatte summen hren ...
    Nun setzt Euch, Heunisch, sagte Egon, nehmt Platz! Ja ich bin der
Handwerksbursch vom Gelben Hirsch! Ich wollte Hohenberg sehen, wie die Gauner
dort wirthschaften! Legt den Hut ab, Heunisch! Setzt Euch! Man bringt uns zu
frhstcken. So war's bei meiner Mutter auch, wenn der grimmige Marzahn kam.
Sacre bleu! Der war schlimm! Der hatte Zhne wie ein wilder Eber, aber er fing
sie auch am Messer auf ... aus freier Hand, ein Teufelskerl!
    Knnen wir auch, Durchlaucht; aber die Eber kommen nicht mehr.
    Aha! So ist gewirthschaftet worden?.. Jetzt, bester Freund, sagt mir doch
einmal ...
    Hier unterbrach der Frster pltzlich den glckseligen Egon, der aber schon
ber seine eigene Gemthlichkeit innerlich lchelte und sie den vielen Freuden
und berraschungen des Morgens zuschrieb.
    Durchlaucht, sagte er mit leiser Stimme und zeigte auf die Nebenthr, nehmen
Sie's nicht bel, aber es wartet da drauen noch Jemand ...
    Wer denn?
    In Egon erwachte die lebendigste Erinnerung an Dankmar. Schon hoffte er, der
Frster wrde diesen Namen aussprechen, als er sagte:
    Der Herr Pfarrer aus Plessen, Herr Stromer ...
    Der Pfarrer aus Plessen? wiederholte Egon und besann sich auch auf diesen.
Aha! sagte er vor sich hin. Stromer ... der fromme Stromer?
    Na - fromm! - meinte Heunisch und kratzte sich hinter'm Ohr ...
    Der die Blumen band - sprach Egon fr sich hin.
    Als die selige Frstin eingegangen war zu ihres Herrn Freude, da ...
    Als sich der Zank erhoben hatte Abends ...
    Einer hrte jetzt auf den Andern nicht. Heunisch brach seine einmal
aufgezogene Gedankenreihe nicht leicht ab. Das Denken hpft bei solchen Menschen
nicht so behend hin und her wie bei den Dialektikern der Bildung und der Lge.
    Er sagte, fuhr er fort, ich sollte nur vorerst gehen. Ich wrde doch gleich
absolvirt werden und da wolle er lieber nach mir kommen. Und nun, Sapperlot, nun
- fangen wir hier ordentlich zu frhstcken an. Was wird der Pfarrer denken!
    Die Thren gingen auf.
    Zwei Bediente sprangen hinzu und deckten.
    Der alte Wandstabler leitete diese Unternehmung wie eine groe
Staatsaufgabe. Er wackelte vor Seligkeit, da nun etwas kam, was an die alten
Zeiten erinnerte, setzte die Sthle und warf so schmachtende, thrnenverklrte
Blicke auf den jungen Frsten, da diesem himmelangst wurde ber den Umstand
wegen eines kleinen Frhstcks! Das lrmende Bedienen hatte er nie geliebt. Doch
blieb er bei guter Laune und sagte zu Heunisch:
    Der se Schleicher, der so rasch von Eurem kurzen Empfang urtheilte, soll
nun gerade warten und hren, wie hier die Teller und die Messer und Gabeln und
Glser klingen.
    Ach! Durchlaucht, entgegnete Heunisch ngstlich und mit bittender Gebehrde.
Ne ... ne! Das nicht! Lassen Sie den Herrn Pfarrer doch lieber auch gleich
hereinkommen. Geheimnisse hab' ich Ihnen keine zu erzhlen und der Herr Pfarrer
mchte gar meinen, der Frster Heunisch erlaubte sich etwas Despectirliches,
wenn Der hier wie in Abraham's Schoo sitzen wollte.
    Auf Euer Frwort will ich ihm diese schmeichelhafte Vergleichung ersparen,
sagte Egon und rief:
    He, Wandstabler!
    Der Haushofmeister und Vater der drei Huldgttinnen des Hohenberg'schen
Palais wute nicht, wie ihm geschah. Angerufen von der jungen Durchlaucht!
Bercksichtigt! Geduldet! Wandstabler gerufen aus seinem eigenen gndigsten
Munde!
    Kaum noch hatte er sich umgewandt, die starke, schnurrbrtig gewichste Figur
auf dnnen beschuhten Beinchen, um die Befehle zu vernehmen, als Egon schon
sagte:
    Vier Couverts!
    Vier Couverts! keuchte der Haushofmeister und schnurrte dabei, wie wenn
seine Sprachwerkzeuge an einer innern Rolle abliefen, asthmatisch oder zu einem
Kropf disponirt. Vier Couverts! Mit dieser Losung schwankte Wandstabler aus der
Thr und umarmte fast seine lauernde lteste Tochter, die schon in voller
Thtigkeit war, smmtliche Schrnke, alle Weizeugkisten ffnete, Glser, Messer
zhlte, doppelt fr jeden Gang, und die Bedienten in Galopp brachte ...
Wandstabler! Vier Couverts! ... Mit dem Vollgewicht dieser ersten errungenen
Bercksichtigung mute sich der Haushofmeister an der groen Treppe ber den
Strohdecken auf einen der dort befindlichen Wartesessel niedersetzen und seinen
glnzendgewichsten Schnurrbart mit einer Thrne anfeuchten, die das in einem
ewigen, wie man es in der Volkssprache nannte, Thran schwimmende, gedunsene
Weinund Liqueurgesicht immer bereit hatte.
    Egon aber ffnete nun die Thr und lie den zweiten Besuch auch herein. Er
war dabei in seinen nun mit ganzer Macht hereingebrochenen Erinnerungen an
Dankmar und in seinem mit Gewalt niedergekmpften Gelsten nach dem Bilde so
ergriffen, da es ihm war, als sprnge ihm der Kopf ...
    Htte Louis ahnen knnen, was Alles jetzt mit wunderbarer Gewalt auf seinen
so gtig herablassenden Freund eindrngte, er wrde nicht so schchtern bei
Seite getreten sein und wol das gemthliche, Wichtigeres verdrngende,
weitluftige Frhstck mit den Hohenberger Gsten hintertrieben haben. Er
verga, da Egon Reconvalescent war, der Schonung bedurfte, und von Egon selbst
galt die Erfahrung: Was muthet sich nicht Alles der Mensch an Kraft zu, wenn
sein Herz bewegt ist!
    Der hfliche und mit vielen Verbeugungen Eintretende war in der That Guido
Stromer, der Pfarrer von Plessen.
    Guido Stromer mit dem zurckgestrichenen graublond-gelben Haare, der hohen
Stirn, dem aufgerissenen Auge, der zwar hervorspringenden doch etwas stumpfen
Nase und dem ganzen unruhigen, gespannten, berreizten Wesen, war gewhlt
gekleidet, trug schwarzen Frack, schwarze Beinkleider, Kamaschen an den Schuhen,
eine weie Piqueweste und Halsbinde und die feinsten Glacehandschuhe. Das
lange Haar war nicht so sorgfltig gehalten, wie ohne Zweifel zu Zeiten der
Frstin Amanda oder wenn seine Gattin fr die Ordnung dieses schon in's Graue
spielenden blondgelben Wulstes sorgte. Es war nur von der hohen, breiten Stirn
mit einer leichten genialen Tournre zurckgestrichen. Man glaubte einen
Dichter, einen Knstler, eine inspirirte Persnlichkeit zu sehen, die sich mit
Wohlgefallen in die leichte Form der Mode geworfen hatte, ohne indessen den
starken Geist ganz unter ihre strengen Gesetze beugen zu knnen. Ein kleines
weies Bndchen, das hinten am Halse vorguckte, verrieth, da dieser jedenfalls
vor einem Spiegel gemachten Toilette doch die letzte weibliche Revision fehlte.
Es war eine bertnchte Eleganz, in welcher Eitelkeit, Dorftournre und wirklich
geniale Formverachtung zu einem sonderbaren Gemisch zusammenliefen.
    Zwei Boten aus Hohenberg! rief Egon dem Eintretenden entgegen, und auf den
durch den Pfarrer nun gedrckten Heunisch deutend setzte er hinzu: der Wald und
die Kirche gren mich!
    Und dem Schpfer, der in Beiden wohnt, fiel Guido Stromer sogleich mit der
ihm eigenen Geistesgegenwart und Wortflle ein, danken wir die Genesung unsres
geliebten, jungen, uns doppelt neugeschenkten Frsten und Herrn.
    Da sich Louis sehr zurckgezogen hatte, stellte ihn Egon anfangs nicht vor.
    Nehmen Sie Platz, Herr Pfarrer, sagte Egon. Wir wollten eben den Gttern ein
Opfer bringen, eine Libation des Dankes und hoffentlich auch allenfalls einen
Hahn, den man jawol im Alterthum opferte, wenn man von einer Krankheit genas ...
nicht wahr?
    Stromer erwog den Ton, den Vortrag, sozusagen die Tonart, aus der der junge
rthselhafte, nun endlich entschleierte Frst zu ihm sprach und setzte mit
seiner leise bedeutsamen Art, in dem Streben, einen Accord zu erzeugen,
forschend und fast lauernd ein:
    Sokrates befahl einen Hahn zu opfern als er den Todesbecher trank. Er
verstand darunter eine andere Genesung, deren bittern Kelch die Gtter uns
erspart haben; denn Ew. Durchlaucht leben!
    Egon schwieg, erschreckt von der Manier des Pfarrers ... Aber Heunisch, der
auch sein Wort darein geben wollte, sagte:
    Gtter, Herr Pfarrer? Gtter?
    Guido Stromer wandte sich mit gehobenen Nasenflgeln um und sah den Sprecher
von oben bis unten an.
    Heunisch bi sich auf die Lippen, wie Einer, der zu sich spricht: Herr Gott,
was hast du da gesagt!
    Egon vermittelte mit freundlicher Bonhommie die beiden ungleichen
Gesellschaftsstellungen seiner Gste und meinte, der Herr Pfarrer knnte sich
freuen, ein Beichtkind zu haben, das so fest an dem Gebote hielte: Du sollst
nicht andre Gtter haben neben mir!
    Beim Beichtkind vollends klappte Heunisch wieder mit den Fingern, als wollte
er sagen:
    Ach, liebe Zeit, Beichtkind!
    Richtig, sagte Egon, diese Ablehnung wohl verstehend. Jetzt besinn' ich mich
vom Gelben Hirsch, da Ihr ja ein recht schlimmer Heide seid, Heunisch! Meine
gute Mutter und der Herr Pfarrer waren Euch viel zu heilig.
    Heunisch wurde vor Verlegenheit blutroth. Er gedachte der vielen argen
Spottreden, die er in Gegenwart des Handwerkers in der Blouse gesprochen hatte.
Stromer aber horchte hoch auf und begriff nicht, was zuvrderst die Erwhnung
des Gelben Hirsches sollte?
    Zu schweigen aber und lange eine Antwort schuldig zu bleiben, war seine
Sache nicht.
    Mein guter Heunisch, sagte er, sein Staunen ber den Gelben Hirsch
unterdrckend, hat schon, wie ich einzutreten die Ehre hatte, vernehmen knnen,
da ich der Kirche den Wald an die Seite stelle. Die Gottheit wohnt nicht,
predigte ich oft, in Tempeln, von Menschenhnden gemacht. Das Rauschen der
Bltter im Waldesgrn ist auch eine Offenbarung. Wohl Dem, der sie versteht!
Mein guter Nachbar Heunisch machte sich diese Wahrheit immer zu Nutz. Er gehrte
nie zu meinen fleiigeren Kirchenbesuchern.
    Heunisch konnte nichts dagegen einwenden, schttelte aber den Kopf und
brummte erst das kostbare, sylbengezhlte, in Tonschwingungen vorgetragene Wort
fleiigeren nach und sagte dann:
    Es ist doch wahr! Sieh! Es ist doch wahr!
    Was ist denn wahr? fragte Egon, der zwischen den beiden Mnnern nicht klar
sah ...
    Die Gottheit! Die Gottheit! betonte Heunisch.
    Nun, Heunisch, meinte Egon, was haben Sie denn gegen die Gottheit? Sind Sie
ein Atheist geworden?
    Atheist? Was ist Das, Durchlaucht ... ich meine nur:
    Gottheit! Wissen Sie, Herr Pfarrer, vor neun Jahren ... es war
Reformationsfest ... vor neun Jahren war ich einmal bei Ihnen in der Kirche und
da ging's recht ber die Gottheit her. Wissen Sie? Sie sagten, Herr Pfarrer:
Eine Gottheit gb's gar nicht, sondern blos einen allmchtigen Herrn des Himmels
und der Erde, der da heie: Herr, Herr Seligmacher und Friedensfrst! Frstin
Durchlaucht ... Lieber Heiland, da steht ihr Bild ... zweimal, dreimal ... das
ist sie auch; ja, ja! Tausendmal steht sie da drinnen in unsern Herzen! ...
Frstin Durchlaucht nickten Ihnen sehr gndig aus dem vergitterten Stuhl oben,
quer ber's Schiff weg, auf die Kanzel zu, als Sie sagten: Es gbe blos einen
Gott, Namens Seligmacher und Friedensfrst, aber keine Gottheit! Wie?
    Stromer lchelte.
    Anschauungen, die auf einem bestimmten Standpunkte ihre Wahrheit haben!
sagte er und nahm nun von den inzwischen aufgetragenen Speisen ein halbes kaltes
Rebhuhn auf seinen Teller, whrend Egon Louis herbeirief und ihm, whrend er
selbst nichts geno, den vierten Teller anbot und Heunischen selbst vorlegte.
    Herr Louis Armand, sagte Egon dabei, ein Freund aus Paris, er versteht
hoffentlich sehr gut, was deutsche Rebhhner sind. I, lieber Freund!
    Egon machte sehr gefllig den Wirth und schenkte aus Krystallflaschen
Madeira ein, ohne selbst davon zu genieen.
    Louis setzte sich zgernd und verbeugte sich vor den beiden Andern.
    Ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus, Herr Pfarrer, sagte Egon, nicht
merkend, da der Pfarrer von berwundenen Standpunkten sprechen wollte, und
erzhlen Sie uns, was Sie herfhrt, und auch Heunisch soll sagen, was ihn gerade
jetzt von seinem Walde trieb, wo es: Hab' acht! heit. Ich hoffe, ein Jeder von
Ihnen bringt mir noch einige Nachrichten, wie es in Plessen, Randhartingen,
Schnau aussieht.
    Stromer merkte hier wirklich, da man noch nicht mit der Art bekannt war,
wie er sich bei Auseinandersetzungen zu ergehen pflegte. Man hatte kein Ohr fr
dieses stille Aufschnurren seiner Gedanken, sprach in seine Vorbereitungen zu
einer Rede ohne Weiteres hinein und htte sich eigentlich sagen mssen, da er
in Plessen die Zeisel's, die Snger's, die Sengebusch's, die Bensheim's und
andere Herrschaften schon ganz anders zum Cultus seines Genius abgerichtet
hatte.
    Ja, ja, ergriff Heunisch das Wort; Das wre nun wol mit Verlaub des Herrn
Pfarrers die Hauptsache ...
    Hat Schlurck schon die Ernte eingetrieben? fragte Egon mit einer Miene, die
sich etwas verdsterte.
    Schlurck? sagten beide Gste einstimmig und blickten verwundert auf.
    Sie vergessen Prinz, sagte Louis mit hflichem und sich vllig
unterordnendem Ton, da sich alle diese Dinge gendert haben.
    O, o -! fiel Egon ein und bezog seine ablehnende Ausrufung auf die Rolle,
die Louis pltzlich in Gegenwart der Andern wechselte ...
    Doch fuhr dieser sogleich fort:
    Kurz vor dem vollen Ausbruch Ihrer Krankheit besaen Sie noch die ganze
Kraft des Geistes, einen Befehl zu ertheilen, dessen Vollziehung die besten
Folgen fr Ihre Besitzungen gehabt hat.
    Durchlaucht, sagte Heunisch, wir sind glcklich, da wir in unserm alten
Verhltnisse bleiben und nicht an die Wucherer und die Juden kommen. Der Herr
Ackermann fngt das Ding im Groen an. Das ist ein Hexenmeister und mu den
Teufel im Bunde haben. Entschuldigung, Herr Pfarrer! ...
    Allerdings, setzte Stromer hinzu, allerdings hat das Auftreten dieses Herrn
Ackermann etwas Zauberhaftes. Dem gemeinen Manne erscheint er in der That wie
ein Hexenmeister, der Gebildete mu ihn fr einen Adepten seltener agronomischer
Kenntnisse nehmen. Wenn Ackermann in dieser Weise fortfhrt, die Bedingungen des
Bodens und die Fortschritte der neuen Landwirthschaftstheorieen zur Grundlage
seiner Verwaltung zu machen, wird man ber den Aufschwung, den Ew.
    Durchlaucht Besitzungen nehmen werden, allgemein erstaunen.
    O, sagte Heunisch, jetzt ist das Alles blos noch das erste Buch der
Chronika! Von Neujahr an wird Das ganz anders kommen, wenn Ackermann's Maschinen
erst da sind!
    Ackermann? Ackermann? sprach Egon vor sich hin. Er besann sich jetzt auf
Alles, was in diesem Betracht vor seiner Krankheit geschehen war; und Eins trat
so lebendig aus dem Andern wie ein pltzlich entwickeltes Nebelbild hervor, da
ihm schwindelte und er Louis statt seiner reden lie, der, ohne zu thun, als
wenn Egon ber diese Vernderung noch nicht vllig unterrichtet wre, die
nheren Veranlassungen derselben deutlicher angab.
    Da hab' ich mich auch, fuhr Heunisch fort, den die freundliche Aufnahme
seines Gutsherrn und der Wein ermunterte, gar nicht lange besonnen und Herrn
Ackermann gebeten, die zweihundert Louisdors, die er uns selbst ... die ich fr
Jemanden Anders aufzubewahren und gut anzulegen den Auftrag hatte, ihm
anzubieten. Er mochte sie nicht nehmen; aber aus Geflligkeit that er's und die
Zinsen legte er gleich von dem Capital zurck.
    So golden geht es jetzt auf meinen Gtern zu? rief Egon mit einem mehr
knstlichen als natrlichen Erstaunen. Denn sein Befremden galt jetzt weit mehr
seiner nun vllig geweckten Erinnerung, als diesem einzelnen Falle.
    Man spricht, fuhr Stromer fort, von Verbesserungen der Cultur, von
Entdeckung neuer, bisher unbekannt gebliebener Braunkohlenlager, von
Entwsserungen und Anderem.
    In den Wald, sagte Heunisch, mu eine ganz neue Ordnung kommen. Es thut ihm
noth, denn noch vor kurzem, als Herr Bartusch schon wieder drei Morgen
halbwchsiges junges Holz schlagen lie, glaubt' ich, da wir nun bald werden
roden, sen und ernten knnen, wo sonst Buchen und Eichen standen.
    Trinkt doch, Heunisch, sagte Egon zu dem gegen Stromer gehalten zaghaften
und zurckhaltenden Jger; erzhlt uns, was Euch hergefhrt hat. Herr Pfarrer,
wirklich, Sie kommen dem Geflgel nicht gut bei, wenn Sie Ihre Handschuhe
schonen ...
    Egon suchte jede Schranke, die ihn von Stromern trennte, wegzurumen,
freilich aber auch jede, die Stromern von Heunisch trennte. Sie sollten sich als
seine Angehrigen, Sendboten von seinen Gtern fhlen. Stromer vermochte nicht,
sich ganz naiv und unbefangen in diese Situation hineinzudenken. Er blickte um
sich, musterte die Statuen, wog die silbernen Gabeln, ma seine Worte, kurz er
wollte den bedeutenden Moment, jetzt mit dem so vielfach abenteuerlich genannten
Sohne seiner weiland Gebieterin zusammenzusein, auch in aller Schwere und
thatschlichen Wucht genieen.
    Heunisch merkte, da er, wenigstens den Pfarrer, strte.
    Nachdem er einige Glser getrunken, beim Geflgel seine Tranchirkunst
zuletzt mit den Fingern untersttzt und sich den Mund abgewischt hatte, sagte er
aufstehend:
    Durchlaucht, es ist doch zuviel, was sich Unsereins hier herausnimmt. Ich
glaubte, Das sollte ein Glschen auf Ihre Gesundheit werden, und nun wird's
ordentlich eine Mahlzeit ... und ich vergesse ganz, da mir's eigentlich gar
nicht appetitlich zu Muthe sein sollte.
    Guido Stromer hob die Augen scharf auf den unbefangenen Waldsohn und schien
ihn in der Absicht, sich zu entfernen, bestrken zu wollen.
    Habt Ihr einen Verlust gehabt? fragte Egon. Ich hoffe, eine gute Sache hat
Euch in die Residenz gefhrt ...
    Nein, Durchlaucht! antwortete Heunisch, verbesserte sich aber sogleich und
sagte:
    Das heit, wenn ich wegen unsers jungen, schnen Herrn gekommen wre, aber,
glauben Sie's nicht, Durchlaucht ...
    Was soll ich nicht glauben?
    Da ich wegen Ihrer und von wegen der Nachfrage nach Ihrem Befinden
hergekommen bin.
    Sehr naiv! bemerkte Guido Stromer halb fr sich mit einem vertraulichen
Blinzeln auf Egon und Louis, da Beide lachen muten.
    Nun warum! Es wre doch eine Lge! sagte der ehrliche Frster. Der Herr
Pfarrer sind vielleicht deshalb hier, der Justizdirector von Zeisel und die
gndige Frau Justizdirectorin sind bestimmt auch deswegen hier ...
    Auch Herr von Zeisel ist hier? fragte Egon lchelnd und seines Verhrs, noch
mehr seiner Wohnung im Thurme gedenkend.
    Wird bald aufzuwarten die Ehre haben! fgte Stromer bei.
    Sehen Sie Durchlaucht! fuhr Heunisch fort, dem der Wein etwas in den Kopf
gestiegen schien und der deshalb nun ernstlich sich zum Gehen entschlo. Das war
ein Stich vom Herrn Pfarrer, der soviel sagen sollte als: Heunisch, macht, da
Ihr Euch Eurer Wege schert!
    Heunisch verrieth, da er, wie alle Naturmenschen, angetrunken, etwas
hndelschtig wurde ...
    Bewahre, bester Freund, versicherte ihn Egon. Herr Pfarrer freut sich wie
ich, da ich mich einmal im Schooe der Meinigen fhlen kann. Kann ich Euch nur
in Etwas dienen, Heunisch? Wie lange bleibt Ihr? Sucht Ihr hier Etwas?
    Ich wnscht', es knnte mir Einer helfen! meinte Heunisch und kraute sich in
den Haaren. Aber ... Frauenzimmertcke! ...
    Eine weibliche Angelegenheit also?
    Herr Heunisch, sagte Guido Stromer, der diese Fhrte als die rechte
vermuthete. Es wre Zeit, da Sie dem Junggesellenstande entsagten ...
    Wandstabler, der Haushofmeister, leitete inzwischen einen zweiten Gang des
Frhstcks ein, indem er gewissermaen die Honneurs einer Omelette aux
confitures machte, die man eben in einer groen silbernen Schssel
hereinbrachte.
    Guido Stromer verstummte ber den behaglichen Anblick und sah mit
erwrmterem Antheil seinen mit Knchelchen belegten Teller verschwinden und
einen neuen an dessen Stelle schweben ...
    Heunisch aber hielt seine Gedankenreihe fest und schttelte den Kopf.
    Herr Pfarrer, sagte er, an mir verdienen Sie keine Copulationsgebhren.
Nein, da kommt aus Schnau der reiche Bauer Sandrart zu mir - Durchlaucht kennen
wol die Namen Ihrer getreuen Unterthanen nicht - der reiche Bauer Sandrart aus
dem Ullagrunde -
    Sandrart? sagte Egon. Wohl! Wohl! Er ist aus dem Ullagrund und hat einen
Sohn, der hier beim Militair steht und vor sechs Wochen zum Sergeanten
avancirte.
    Heunisch erstaunte ber diese genaue Kenntni der nchsten Beziehungen
seiner Bauern, die er hier bei dem jungen, in der Heimat doch wildfremden jungen
Frsten antraf.
    Aber auch Stromer und Louis Armand fanden die Antwort berraschend.
    Das mu ich sagen! rief Heunisch. Da wird Segen ber unser Lndchen kommen -
    Beim Worte: Lndchen, warf Stromer dem Jger einen bedeutenden Blick zu, den
Egon wohl verstand, aber Heunisch noch nicht.
    Recht so, Heunisch! sagte Egon. Ein Lndchen ist gerade Das, was sich gut
bersehen lt. Aber den Sandrart kenn' ich durch Zufall.
    Und den Sohn auch? bemerkte Heunisch gedehnt, der noch nicht verstanden
hatte, was eigentlich der strafende Blick des mchtig kauenden Stromer hatte
bedeuten sollen ...
    Und den Sohn auch! fuhr Egon fort. Ein lieber, heiterer Gesell! Ja, ja, der
Alte hat Batzen; aber der Junge bringt sie ihm auch gewi an. Ein Glck, da er
Soldat sein mu und unter Raison steht.
    Heunisch gab das Grbeln ber die blitzenden Augen des Pfarrers auf und rief
voll Verwunderung:
    Aber Das mu ich sagen! Grade wie's ist! Nicht um eine Linie vom Schwarzen!
Mitten in die Scheibe!
    Whrend selbst Armand aufmerksam war, ob diese Bekanntschaft nicht etwa mit
Egon's Rckreise zusammenhing, und er gespannt wartete, ob der Freund sich ber
jene Reise berhaupt jetzt genauer auslassen wrde, fuhr Heunisch fort:
    Kommt der Sandrart zu mir und sagt: Heunisch, sagt er, ich hab' einen
Jungen, Ihr kennt ihn..? Ja, sag' ich, Sandrart, er ist jetzt Sergeant, ich
kenn' ihn. Sagt' er drauf: Ihr habt in der Stadt eine Nichte? Meiner Geschwister
Kind, sag' ich, Frnzchen Heunisch, Wallstrae Nr. 14 im Hofe eine Treppe hoch,
links bei Tischler Mrtens.
    Ohne Heunisch zu stren und den Andern aufzufallen, horchte jetzt Louis, dem
der Dialekt des Frsters etwas schwer zu verstehen wurde, an dieser Stelle hoch
auf. Soviel begriff er, da hier pltzlich von Franchette Heunisch die Rede war
...
    Heunisch fuhr fort:
    Nun, Heunisch, sagte Sandrart, ich wnschte, Eure Nichte wre ein Bischen
saubrer als sie ist. Das ist eine Mamsell ... Fahr' ich auf und sage: Sandrart,
hier steht der Tisch zwischen uns, redet mir nichts Unebenes von meiner
Geschwister Kind. Sie macht Putz, das ist wahr, aber darum ist sie die sauberste
Person von der Welt, und eine Mamsell werd' ich nie in meine Frsterswohnung
nehmen, denn Das ist mein Wille, da sie mir die Wirthschaft fhrt, wenn es mit
der alten Ursula Marzahn zu Ende geht. Nun, sagte Sandrart tckisch - er kann
tckisch sein! Er hat Geld! - nun, Heunisch, sagt' er dann, macht denn nur bald,
da Ihr sie in den Wald hineinnehmt, denn sie luft jetzt bei Nacht auf die
Blle und hat's auf zweierlei Tuch abgesehen. Mein Sohn Heinrich Sandrart, der
Sergeant, will sie heirathen.
    Der Eindruck dieser Erzhlung auf Louis stieg, ohne da die brigen seine
Aufregung bemerkten.
    Frnzchen Heunisch, sag' ich, auf die Blle? Frnzchen Heunisch zweierlei
Tuch? Das ist nicht wahr, antwort' ich und schlage auf den Tisch, da er knackt
und die Ursula ihr altes Lachen kriegt. Sie ist nrrisch die Ursula und lacht,
wenn sie sich ngstigt ...
    Psychologisch interessant! bemerkte Guido Stromer etwas ungeduldig ber die
breite Art, wie sich dieser Frster eine frstliche Audienz fast nur fr sich
selbst nutzbar machte und dabei die Kenntni von Namen voraussetzte, die dem
Prinzen ja vllig unbekannt sein muten ...
    Ich habe Beweise davon, bemerkte Egon, da Sandrart grob sein kann ...
    Heunisch wurde bei aller Aufregung neugierig, antwortete aber nur:
    Ja, ja, er kann's! Er hat Geld!
    Fahrt nur fort, Heunisch! erwiderte Egon und bemerkte nichts von der
Spannung seines franzsischen Freundes.
    Mein Sandrart aber rgert mich mit seiner Ballluferei und dem zweierlei
Tuch so, da ich mich ganz vergesse und das Frnzchen so lobe, da die alte
Ursula immer noch mehr lacht, aber auch nach Feuer, Wasser, Erde ruft, um sich
begraben zu lassen. Ich hre nicht auf ihre Hexerei - sie meint es gut mit mir
die Alte - und sage dem Bauer, was ich von Frnzchen Heunisch denke und was sie
mir werden soll, die Sttze und die Pflege meiner alten Tage. Da sagt' er denn,
sein Sohn, der Sergeant, der Herr Sergeant - der Alte trgt den Kopf hher als
der Junge die neuen silbernen Litzen - der wollte das Frnzchen heirathen und er
sollte eigentlich bei mir um sie anhalten und ich ihr befehlen, da sie ihn
nimmt. Allein aber - Durchlaucht; das war Alles Hohn! Der Alte denkt nicht
daran, da sein Sohn, der Sergeant, so eine Partie macht ...
    Aber das Mdchen, die Franziska? fragte Egon und flte dem Pfarrer, der
sich inzwischen in gelassener Geduld die Omelette schmecken lie, Bewunderung
ber seine Leutseligkeit ein, whrend Louis Armand mit dem lebendigsten
Interesse jedes Wort aus des Jgers Mund aufgriff und seine ihm schmerzlichen
Mittheilungen mehr errieth als verstand.
    Egon's Frage elektrisirte ihn.
    Ja, Das ist's ja, sagte Heunisch. Die Frnz will ja den Sergeanten gar
nicht. Ich mache mich stant p gleich auf den Weg und hierher - und sehe die
Bescherung. Da krieg' ich einen schnen Spa zu hren. Meine Frnz luft
wirklich auf die Blle und hlt's mit einem alten Franzosen, der sie besucht ...
ja, ja, sollte man's denken, einem so jungen blutjungen Ding luft ein alter
Franzose nach, von dem sie vorgibt, franzsische Lectionen zu nehmen ... Auch
Das sagte mir der alte Sandrart schon im Walde und da sagt' ich schon, ich
wollte doch hier einmal sehen, wieviel Vokabeln die Mamsell von dem Franzosen
schon gelernt hat ... Donnerwetter! ... Vergeben Sie, Herr ...
    Diese hfliche Milderung seines Zornes und erschrockene Rcksichtnahme war
an Louis gerichtet, der unruhig und bewegt genug die vielen bedauerlichen
Nachrichten ber ein junges Mdchen gehrt hatte, das ihm seines bescheidenen
und lieblichen Wesens wegen so theuer geworden war. Seitdem er ihr Siegbert's
bersetzung seines Gedichtes geschickt, hatte er nichts mehr von ihr vernommen.
Und nun diese Entdeckungen ber Soldaten, alte Franzosen, Blle, Heirathen,
Vokabeln! Es brannte ihm der Boden unter den Fen. Er htte aufspringen und
fortstrzen mgen und nur mit Mhe und dem Glauben, er selbst wrde wol jener
Franzose sein, bezwang er sich zu der Antwort auf Heunisch's an ihn gerichtete
Rede:
    Wenn die Tochter Ihrer Schwester franzsisch lernt, so ist es wol nur die
Eifersucht des jungen Sergeanten, die in dem Lehrer gleich einen Liebhaber
vermuthet.
    Das dacht' ich auch, fiel Heunisch seinen Zorn ber das Franzsischlernen
aus Rcksicht auf Louis Armand's gebrochenes Deutsch mildernd ein, und sagte
dann der Ursula Lebewohl. Ist sie noch zu retten, bring' ich sie mit, du wirst
alt, du mut eine Sttze haben. Es war der Ursula recht. Verbrennen und
ertrinken, sagte sie, kann man berall. Gut! Luft sie nicht auf die Blle, so
kann der Sergeant, wenn er ausgedient hat, hier um sie anhalten, als: in meinem
Wald. So bin ich hergekommen, und da ich doch einmal da war und ich hrte,
Durchlaucht sind durch Gottes Schutz am Leben erhalten, so hab' ich's gewagt,
auch bei Ew. Durchlaucht anzuklopfen und nun fahr' ich morgen in aller Frhe in
Gottes Namen wieder heim. Das ist's! Und Das war's! Und nun Adieu, Durchlaucht,
und kommen Sie bald einmal sechsspnnig nach Hohenberg, da man ein paar Bchsen
in die Luft knallen und wieder ordentlichen Staat mit seiner Herrschaft machen
kann.
    Damit wollte Heunisch gehen. Aber Egon hielt ihn fest und sagte:
    Ja! So wollt Ihr fort? Mit der besten Spannung unserer Neugier? Das geht
nicht! Erst meldet uns von Frnzchen und vom Sergeanten!
    Guido Stromer seufzte hier etwas berlaut. Da er aber die rege
Geschftigkeit der Bedienung bemerkte und einen dritten Gang ahnte, stillte er
seine Ungeduld. Wandstabler, der Haushofmeister, erffnete in der That noch
einen dritten Frhstcksakt, der zwar nur in einer Scene, aus einem Dessert von
Obst bestand, allein die Vasen und durchbrochenen Porzellankrbe, in denen die
Birnen, Nsse, Weintrauben, malerisch geordnet, dargereicht wurden, fesselten
doch seine Neugier. Er glaubte vielleicht auf Spuren von Entbehrung zu stoen,
er htte sich sagen mssen, da ein Frhstck von kalten Rebhhnern, einer
Omelette aux confitures, Obst und etwas Schweizerkse mit Madeira mit den
Frhstcken der Madame Schlurck sich nicht vergleichen lie, allein die Art des
Servirens hatte doch etwas fr ihn hchst Imposantes. Der Haushofmeister, der
jede Abwechselung gleichsam wie ein Herold mit geruschvoll stummem Blicke
ankndigte, die beiden Bedienten, die seine bedeutsamen Winke und
augengeblinzelten Befehle mit stiller Sicherheit ausfhrten, das Silberzeug, das
Porzellan, die Malerei der Teller, das Wappen, die weien wollenen Handschuhe
der Bedienten, die Art des Einschenkens, hinterwrts, unversehens, das Alles
erfllte seine Phantasie mit angenehmer Behaglichkeit und hob seinen, die
Plessener Pfarrexistenz wie eine Fessel abstreifenden idealen Sinn um so mehr,
als er bei der Liebenswrdigkeit, die Egon zeigte, hoffen durfte, mit einem
Anliegen, das ihm auf dem Herzen lag, keine Fehlbitte zu thun.
    Egon, dem das Arrangement des Frhstcks, dessen eigentliche Seele, Dorette
Wandstabler, hinter den Coulissen waltete, ein eigenthmliches Interesse bot -
war es doch die erste Benutzung seiner eignen Situation, das erste Festhalten
seiner neuen heimatlichen Existenz! - Egon ermunterte Heunischen, nun auch noch
den Rest zu sagen.
    Der ist ganz kurz, antwortete Heunisch. Ich komme an, hre und sehe, da
mein Frnzchen die Unschuld ist wie sonst. Mit dem Ball und dem alten Franzosen
hat's freilich eine kuriose Ursache, aber sie will ihm den Abschied geben. Und
den Heinrich Sandrart mag sie wirklich nicht, obgleich den stattlichen, braven
Jungen zu sehen eine Freude ist. Was sie auf dem Herzen hat, wei ich nicht. Sie
weint und in den Wald bei Hohenberg will sie auch nicht. Da hab' ich ihr gesagt:
Kannst du's nicht, so la es: wer wei, ob die alte Ursula nicht einmal ein
brennend Scheit Holz nimmt und zu guter Letzt mein Dach illuminirt und dann
verbrennen wir Alle im stillen Wald und das letzte Wild rennt mit hinein in's
Feuer, oder wir lschen auch ohnedem wie die Lichtlein aus ... Da wollte sie
dann mitgehen. Aber wie sie mir zuviel weinte, mocht' ich's nicht und so gehe
ich morgen in der Frhe allein. Nun aber ... Gott erhalt' Ew. Durchlaucht!
Adjes, Herr Franzose! Nichts fr ungut wegen der Vokabeln! Adjes, Herr Pfarrer!
Kommen Sie bald nach, sonst schlieen Ihnen die Bauern die Kanzel zu und machen
den Ackermann zum Pfarrer. Wer Den sieht, denkt gleich, der mu auch gut
predigen knnen ...
    Wre Heunisch, der die schrfsten Sinne fr die Thiere, aber nicht die
geringste Kenntni der Menschen hatte, ein besserer Beobachter gewesen; so htte
er sehen mssen, da der junge Franzose in einer auffallenden Erregung mit ihm
zugleich aufstand. Louis mute sich gewaltsam beherrschen, nicht loszubrechen
und dem Oheim des jungen Mdchens zu gestehen, da er Franziska Heunisch als ein
gutes, ihren Pflichten treuergebenes, engelreines Kind htte kennen lernen. So
aber brach Heunisch rasch ab und lie ihn in der aufgeregtesten Spannung zurck.
Da Stromer Miene machte, sein Alleinsein mit Egon nun grndlich zu seinem Besten
auszubeuten, so zog sich Louis Armand in aller Stille zurck, um sich zum
Ausgehen anzukleiden. Es hielt ihn nun nicht lnger, er mute seine alte
Wohnung, den Tischler Mrtens, seinen eigenen Wirkungskreis und Franziska
Heunisch wiedersehen.
    Die Bedienten trugen das Frhstck ab. Wandstabler erwartete fernere Befehle
und entfernte sich, als er diese nicht empfing, mit der letzten Serviette unterm
Arm, gerhrt, fast dankend emporblickend.
    Egon war durch einige Tropfen des starken Weines, den er versucht hatte,
angeregt und ermdete nicht, nun auf Guido Stromer und die etwas umstndliche
Art, wie sich dieser Mann in Scene setzte, einzugehen, ja selbst noch zu wagen,
den Gerichtsdirektor von Zeisel zu sprechen, falls dieser sich noch sollte
anmelden lassen.
    Guido Stromer, gesttigt, vom Weine mchtig gehoben, mit rollenden
blitzenden Augen, entfesselt wie ein alter Bursch, der mit seinen
Universittsgenossen nach zwanzig Jahren sich zu einer Reminiscenz eines
Commersches vereinigt, brannte vor Verlangen, mit dem Anliegen, das ihn
hergefhrt hatte, nun hervorzutreten.

                                Viertes Capitel



                             Der Luxus des Geistes

Sie sind schon lnger hier? fragte Egon, als der gute Heunisch gegangen war und
beide Zurckgebliebenen an einem Fenster Platz genommen hatten.
    Durchlaucht, begann Guido Stromer mit einiger Feierlichkeit und den letzten
Wohlgeschmack des Gaumens mit der Zunge berstreifend, Durchlaucht, ich gestehe,
da die Veranlassung meiner Reise mit der Anhnglichkeit, die ich an Sie, Ihr
Haus, Ihre edle Mutter haben sollte, in keinem vollkommenen Einklang zu stehen
scheint.
    Sie sind wahr, wie Heunisch! sagte Egon. Das freut mich, Herr Pfarrer!
    Ich sehe da das Bild der theuren Frau! Ihre herrliche Mutter! fuhr Stromer
fort. Mag sie mir vergeben, wenn ich dem Sohne, den ich nun so stattlich, so
geistesreif, so anschauungsklar vor mir erblicke, wie ich es vor einer Reihe von
Jahren schon aus des Knaben Briefen ahnte, die alte Treue nicht halte und vor
ihm nicht im gnstigen Lichte der Dankbarkeit erscheine.
    Sie wollen sich doch nicht verndern, Herr Pfarrer? sagte Egon, der nun
pltzlich mitten in seine kleinen Regierungssorgen eintrat. Aber freilich, wer
verdenkt Ihnen Das? Sie haben Ansprche auf eine bessere Pfarre. Sie sind
bergangen, vielleicht zurckgesetzt worden. Sie werden nicht erleben, da ich
Ihnen zrne, wenn Sie Ihre Lage verbessern knnen..
    Durchlaucht sprechen Das, was ich auf dem Herzen habe, nur zum Theil aus,
antwortete Stromer. Ich will von meiner bisherigen Stellung nicht ganz
ausscheiden. Ich will mir den sichern Rckzug auf ein festbegrndetes Leben
nicht ganz abschneiden. Ich habe ein Weib. Ich habe fnf Kinder. Allein ...
    Was mchten Sie?
    Wenn Ew. Durchlaucht die Gnade htten zu gestatten, da ich meine Pfarre von
einem Verweser besorgen lasse, einem jungen, erprobten Candidaten, den ich schon
gefunden habe ...
    Und Sie selbst?
    Ich selbst, Durchlaucht, kann einem welterfahrenen Denker wie Sie wol
aufrichtig eingestehen, ich selbst bin in einer eigenthmlichen Krisis befangen.
Ich mchte, staunen Sie nicht, ich mchte noch einmal den Versuch wagen, dem
Leben eine andre Seite abzugewinnen, als sie sich mir bisher in meinem Wirken am
Fue des Schlosses Hohenberg darbot ...
    Sie wollten ...
    Ich bin ein Geistlicher, der ...
    Stromer stockte. Egon half ihm nach mit den Worten:
    Ein Geistlicher von einer sehr strengen Auffassung des Christenthums. Ich
wei Das. Meine gute Mutter schenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen ...
    Ich war so glcklich, in meiner frheren Seelenstimmung mit der edlen
Verklrten auf einen Ton zu erklingen. Wir ergnzten uns. Wir gengten uns
gegenseitig ...
    Es war eine Seelenfreundschaft; ich wei es ...
    Die reinste und edelste von der Welt! Diesen Bund schlo die himmlische
Liebe.
    Und Sie sind mir darum doppelt werth, Herr Pfarrer. Soll ich Sie wirklich
missen?
    Ein Gestndni, Durchlaucht! Ich finde, da ich zu frh abgeschlossen habe.
Ich stehe im Anfange meiner vierziger Lebensjahre und bin in einen so nagenden
Zweifel ber meine bisherigen Auffassungen der Welt und der gttlichen Ordnung
gerathen, da ich der unglcklichste Mensch sein wrde, sollt' ich auf meiner
Pfarre in der Ergebung in mein frheres Denken und Glauben zu Grunde gehen.
    Doch kein Apostat?
    Kein Apostat, Durchlaucht! Ich stehe noch immer auf meinen bessern alten
Standpunkten und glaube, da dieses Leben eine Vorbereitung himmlischer Freuden
oder ewiger Verdammni ist. Christus ist noch mein Mittler. Aber ich fhle, da
ich nicht durch den rechten Zweifel zum Glauben gekommen bin. Ich fhle, da ich
zu rasch berwand. Den Feind umging ich, ich bekmpfte ihn nicht. Ich fand das
glubige Gemth Ihrer verklrten Mutter. Die edle Frau war glcklich in den
Anschauungen, die ihr als die letzten, die besten, die dauerndsten nach vielen
Irrthmern und Gaukelbildern der Phantasie und des Herzens geblieben waren. Ich
nahm diese Anschauungen ungeprft an, weil sie fr eine vortreffliche Frau von
unumstlicher Wahrheit waren. Ich war glcklich, mit einer reinen Seele mich
auf einen Accord stimmen zu knnen, und glaubte rein zu klingen, weil ich wie
sie klang. Sie starb und die gleichgestimmte Terz fehlt nun. Die Harmonie ist
hin und ich bin nicht glcklich.
    Guido Stromer sprach diese Worte nicht ohne Bewegung und Egon hrte sie
voller Theilnahme. Er hatte in der Schweiz Gelegenheit genug gehabt, zu sehen,
wie frmmelnde Richtungen sich oft weltlich entpuppten, hatte Rafflard's
charakterlose Metamorphosen erlebt und hier zeigte sich eine Umwandlung, die
eine wirklich reine, eine geistige schien. Stromer's Auge blitzte; es lag ein
zehrendes Feuer in den Blicken, die seine Worte begleiteten. Es war unfehlbar
doch ein Denker, der mit ihm redete.
    Mein Herr Pfarrer, sagte Egon, wenn Sie es vor Ihrer Familie verantworten
knnen und einen geschickten, wrdigen Ersatz aufzuweisen haben, so wrde es
sehr eigensinnig von mir sein, in Ihre innere Entwickelung eingreifen zu wollen.
Ich wnsche, da Sie recht zur Klarheit ber sich selbst kommen mgen, wenn
Ihnen nicht dieser Wunsch im Munde eines jngeren Mannes vorlaut scheinen
sollte.
    Durchlaucht sind sehr gndig, sagte Stromer, sichtbar erleichtert von der
freundlichen Aufnahme seiner Wnsche bei dem neuen Kirchenpatrone, vor dem er,
in Erinnerung alter Irrungen, Beklommenheit genug gefhlt hatte ...
    Sie werden also in der Residenz bleiben wollen? fragte Egon.
    Sie selbst haben sich in der Welt getummelt. Sie kennen das Leben vielleicht
mehr als ich ... sagte Stromer verlegen.
    Sie wollen beobachten? Oder ziehen Sie vor zu reisen?
    Zu einer Reise fehlen die Mittel ... Ich werde ohnehin schon Mhe haben,
eine doppelte Existenz zu bestreiten. Ich denke also hier zu bleiben. Manches
Haus hat sich mir bereits erschlossen. Manche bedeutende und einflureiche
Persnlichkeit ist mir zuvorkommend schon entgegengetreten. Ich habe mit
Erstaunen bemerkt, da die Erscheinung eines Menschen, der nur lernen, nur
auffassen, richtig beurtheilen will, etwas Neues in der Gesellschaft ist.
    Wenigstens Der, sagte Egon, der eine solche Absicht von sich offen
eingesteht.
    Die Menschen finden es sonderbar, fuhr Stromer ermuthigter fort, da man
nicht mit ihnen streitet und darum doch nicht ganz ihrer Ansicht ist. Ich finde,
da die Sucht, Alles in Parteien zu zerklften, uns den Kern der Dinge raubt und
nur die Schale lt. Sie bewundern zuviel, sagte man mir schon. Sie geben jedem
Irrthum eine zu gefllige Entschuldigung! O welche Unduldsamkeit! Der Geist
wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens. Wie kann ich eine
Mischung der Strahlen ber die andre setzen?
    Guido Stromer sprach diese Worte mit einer gewissen schmiegsamen Grazie.
    Da knnen Sie ja der Verknder eines neuen Evangeliums werden, sagte Egon
lchelnd und theilnehmend. Das alte, auch das christliche, ist sehr exclusiv.
    Doch nicht! sagte Guido Stromer. Auch die Christuslehre will keine objective
Wahrheit. Sie will nur eine persnliche Wahrheit. Warum ist der Herr fr uns
gestorben? Warum sollen im Leib seines Lebens und Blut seines Todes unsre Herzen
leben? Der allmchtige Zauber der ergriffenen Persnlichkeit, heit Das, ist die
Gewalt, die selig macht; der todte Buchstabe, die objectiv sein wollende
Wahrheit ist es nicht.
    O Das ist ja herrlich, Herr Pfarrer! rief Egon in seiner nach allen Seiten
hin heute so glcklichen Anregung und dabei immer gespannt das Bild im Auge
behaltend, auch manchmal wie auf Helene d'Azimont's Nhe lauschend. Predigen Sie
doch ja hier berall diese Lehre! Sie thut der ganzen Welt so noth, da ich gern
ertrage, wenn Sie sie noch einige Zeit den Bewohnern von Plessen vorenthalten!
Wie lange wollen Sie, da ein Vikar dort fr Sie eintritt?
    Gestatten Sie mir ein Jahr, Durchlaucht! sagte Stromer bestimmt.
    Sprechen Sie mit dem Justizdirektor darber! Haben Sie schon Ihren
Ersatzmann?
    Propst Gelbsattel, in dem ich einen Freund und Frderer gefunden habe, wird
mir einige Vorschlge machen. Ein gewisser Oleander, ein sanftes, dichterisches
Gemth, von Rechtglubigkeit und nicht unerfahren im Schulfach, mglicher
Schwiegersohn des Propstes, gefiel mir ...
    Gut! Aber Ihre Familie? Wre es nicht besser, wenn Ihnen diese ...
    Nachzge? meinte Stromer gedehnt. Ich kann es nicht wnschen. Ich habe mir
eine nicht geringe Aufgabe gestellt und gerade Das, was sie allein lsen kann,
ist die Freiheit meiner Person. Es mag Manchem bedenklich erscheinen, wie ich so
Weib und Kind von mir gleichsam abschttele, aber ich werde spter, wenn ich
mein Ziel erreicht habe, sie um so inniger an ein strker gewordenes Herz
ziehen.
    Egon nahm keinen Anstand seinen Beifall zu geben, gestattete ohne Weiteres,
jenen Oleander zu whlen und sagte nur noch:
    Um dieses Ziel? Welches ist es, Herr Pfarrer?
    Stromer gerieth in einige Verlegenheit. Er schien mehr gesagt zu haben, als
er wollte. Egon nahm daher Veranlassung, sich noch lebhafter in seine
Gedankenreihe zu versetzen und uerte rasch:
    Fast merk' ich etwas. Sie werden vielleicht weder nach Plessen, noch je
berhaupt auf eine Kanzel zurckkehren wollen? Sie suchen einen ganz neuen,
eigenthmlichen Lebensweg. Nicht wahr?
    Durchlaucht, da ich es offen gestehe, fuhr Stromer, nun ganz mit der
Sprache herausgehend, fort. Ich kann mich in dieser doppelten Existenz nicht
behaupten, wenn ich nicht an eine neue Erwerbsquelle denke. Meine Art zu
urtheilen fiel in einigen Salons auf und Propst Gelbsattel war es vorzugsweise,
der mich ermuntert hat, die Feder zu ergreifen. Ich werde schreiben ...
    Ah! Das war fr Egon eine ganz neue Perspective. Er hatte also einen
werdenden Autor vor sich! In diesem Augenblick verstand er Guido Stromer's
Weise, seine Sprechart, sein ueres, seine hohe Stirn, seine zurckgestrichenen
Haare, die weit geffneten Augen, dieses eigenthmliche Etwas, das ber des
Mannes ganzer Erscheinung lag. Und weit entfernt, ihn wegen dieses Gestndnisses
fr geringer zu achten, schenkte er seinem Besuch eine im Gegentheil sich
steigernde Hochachtung. Nur eine Art beklommener Scheu kam jetzt doch ber den
jungen Frsten, eine gewisse Verlegenheit, ja wenn er ganz aufrichtig sagen
wollte, was ihm geschah, so mute er eingestehen, ein gewisses Mistrauen regte
sich in ihm, und ein wenig auf dem Stuhle rckend, gleichsam als wollte er
abbrechen, sagte er:
    Und nach welchem Gesichtspunkte denken Sie zu wirken?
    Die Ghrung des Geistes, sagte Stromer, diese nur so hingeworfene Frage
festhaltend, kndigt sich nach allen Richtungen an. Kein Feld des menschlichen
Wissens, wo nicht ein alter Glaube neuer Prfung unterworfen ist. Das religise,
mir verwandteste Gebiet ist mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte
Beziehung getreten. Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht selbst die
Politik der Staaten heraus, und wie nahe tritt die Religion berhaupt jetzt
wieder dem Leben, dem tglichen Zusammenhange unseres Ichs mit dem Nchsten, dem
Natrlichsten, was unsere Existenz bedingt! Weit entfernt, darin eine Entweihung
des Gottesgedankens zu finden, sollen wir die Mglichkeit eines neuen Triumphes
fr ihn anerkennen. Alles will neugeboren werden, in einem neuen Lichte wandeln,
die Taufe des Geistes empfangen, die Feuertaufe der freien berzeugung. Nun
wohlan! Da mag geirrt, blindlings getastet, das nchste Endliche und
Oberflchliche zu schnell als Beantwortung einer tiefen Menschheitsfrage
genommen werden; aber es ist doch ein Drang, ein Streben, eine mchtig wirkende
Wahrheit des Gemthes da. Ich sehe hier ein Chaos von Principien, ein wildes,
sich bumendes Trotzen auf seine Endlichkeit, ein Prahlen sogar mit seiner
Verzweiflung an der Unmglichkeit, ber die Schranken des Diesseits
hinauszublicken; allein selbst im Extrem, selbst in der Caricatur mu ein Denker
staunen, wie doch der Sinn der Menschheit an Idealitt zugenommen hat. Ich habe
hier sogenannte freie Gemeinden besucht, deutschkatholische Zusammenknfte, ich
war unter jungen Philosophen, die etwas wild und zgellos das Nichts ihres
Geldbeutels auf das Nichts des groen Alls bezogen, ich stehe staunend und
verwundere mich ber die Vermessenheit der Ohnmacht, und doch hat dies Sehnen
und Schmachten der Creatur nach Freiheit und Erkenntni einen unendlichen Reiz
fr mich, einen greren, als frher mein allzuschroffes Verdammen jeder
Richtung, die nicht zu meinem nchsten Ziele fhrte. Man sagte mir, da meine
Analyse dieser Erscheinungen neu sei und deshalb will ich anfangen zu schreiben,
so alt ich schon geworden bin.
    Und Ihr eigentliches Princip? fragte drngender Egon, den die
Zuversichtlichkeit dieses Tones bei der groen Unsicherheit ber Das, was man
jetzt fr Wahrheit nehmen soll, fast erschreckte.
    Ich gestehe fast, sagte Stromer, da ich gegen diese Forderung eines
Principes berhaupt bin. Man soll nicht mehr fragen, was ist Wahrheit? Man soll
den Menschen allein nehmen und die Wahrheit individuell nur auf ihn allein
beziehen. Gott, diese Flle der Erscheinungen ist ja so interessant! Wie
lieblich ist der Trieb zur Schnheit, wie himmlisch, wie gttlich das Schwelgen
in uerer Form, in der Harmonie der Theile, im Belauschen der Feiermomente der
Natur! Andererseits acht' ich, ehr' ich den einsamen Denker, der beim
Lampenlichte mit dem grnen Schirm auf dem blden Auge ein zweiter Faust aus
pergamentnen Schriften Erkenntni sucht. Jede Freude an der Erscheinungswelt,
auch wenn sie mich ganz erfllt, ganz entzckt hat, wie lange dauert sie denn?
Da kommen die Humboldt's und zerstren mir alle Mrchen der
Schpfungsgeschichte; da lsen die Liebig's alles Feste und Majesttische in
Wahn und kleine Tuschung auf, und die Mechanik, ist die vollends nicht ein
ungeschlachter Riese, der mit der furchtbaren Keule seiner mathematischen
Gesetze Alles zertrmmert und fast die Erde aus den Angeln ihrer bisherigen
Vorstellung ber ihre Krfte gehoben hat? Ja, Durchlaucht, was ist da Wahrheit?
Der Mensch ist die einzige Wahrheit, die wir begreifen knnen; der Mensch in
seinem Sehnen, Bedrfen, der Mensch in seinem Ha und seiner Liebe, der Mensch
in seiner Gre und seiner Ohnmacht, und wenn der Schriftsteller jetzt einen
Beruf hat, so ist es der, die sthetik der Wahrheit zu lehren, d.h. das Fhlen
und Empfinden, das Zittern und Jauchzen, das Verzweifeln und das Triumphiren des
denkenden Ichs. sthetische Weltanschauung, Durchlaucht, diese wird uns zur
Vermittelung der Extreme fhren. In diesem Sinne hoff' ich, wenn die Feder mir
den Dienst nicht versagt, segensreich zu wirken.
    Egon, der auf Principien katonisch strenge hielt, ja etwas Stoisches in
seinen berzeugungen bewahrte, erschrak fast ber diese vague, flimmernde
Erklrung, obgleich er nicht im Stande war, sogleich die Gefahr zu erkennen, die
aus einer zu ppig wuchernden Beweglichkeit des Geistes fr den Charakter und
die Reinheit aller Meinungskmpfe entstehen konnte. Dennoch sagte er nicht ohne
Ironie:
    Da will ich nur nicht wnschen, Herr Pfarrer, da Sie der Sultan kommen
lt, Ihnen den Sonnenorden umhngt und den Auftrag ertheilt, ber Muhamed's
gttliche Sendung zu schreiben!
    Guido Stromer war auch sogleich von der Vorstellung des Orients, von dem
Sonnenorden und den Anschauungen des west-stlichen Divans so in seiner
beweglichen Phantasie geblendet, da er nichts erwiderte, sondern die Augen
gewaltsam und mchtig aufschlug, als wrde ihm eine neue verlockende
Gedankenreihe erffnet, eine Perspective in die Grten von Schiras und Damaskus.
Er blickte wie ein von Opium Berauschter und flsterte nur:
    Sonnenorden? Muhamed's gttliche Sendung?
    Also Schriftsteller! unterbrach Egon sein Trumen, das sich noch im Echo
seiner langen Rede zu wiegen schien. O da wnsch' ich von Herzen Glck! Sieh!
Sieh! Wie berraschend Das ist! Herr Stromer, lassen Sie mich bald von sich
hren! Schicken Sie mir das Erste, was Sie verffentlichen! Wie begierig bin
ich! Wie gespannt! Besuchen Sie mich oft und die nhere Einleitung Ihrer Wnsche
treffen Sie mit dem Justizdirektor!
    Diese Worte waren denn wohl einer Entlassung gleich.
    Stromer, fast erstaunt, da der junge Frst eine solche Mittheilung ber
sein knftiges Wirken sichtlich doch etwas verlegen, ja ngstlich aufnahm,
verbeugte sich. Es schien ber sein bewegliches Antlitz der Gedanke zu fahren:
Der arme junge Mann! Ich hab' ihn in Verlegenheit gesetzt! Ich bin ihm pltzlich
zu hoch gewachsen, zu bedeutend berragte ich ihn!
    Stromer ging mit vieler Frmlichkeit und dankte fr die ihm widerfahrene
Gnade.
    Nicht ohne eine gewisse gemachte Empfindsamkeit warf er, als er schon die
Thr in der Hand hatte, noch einen Blick auf die in einer Ecke des Zimmers
aufgestellten mehrfachen Bilder der Frstin Amanda.
    Als sich Egon nach Louis umsah, trat dieser ausgerstet mit Hut und leichtem
Stocke herein, um auszugehen.
    Es ist gut, sagte er, da du nicht zugegen warst, lieber Freund. Eben hab'
ich mich so albern benommen, da man von meinen geistigen Krften bald eine sehr
geringe Meinung in Umlauf gesetzt hren wird. Dieser Mann, Geistlicher auf
meinen Gtern, erklrt mir eben, da er die Absicht htte, die Feder zu
ergreifen und unsere Literatur zu bereichern. Und statt dies Gestndni freudig
zu begren, statt ihn ber die Plne, die er auszuarbeiten gedenkt, zu
befragen, gebehrd' ich mich wie ein Mensch, dessen Weisheit einem Schriftsteller
gegenber zu Ende geht.
    Oder vielleicht wie ein geborener Aristokrat! sagte Louis und suchte es
trotz seiner Aufregung noch ber sich zu gewinnen, den scherzenden Ton
beizubehalten. So oft ich mit einem Maler zu einem reichen oder vornehmen Manne
kam, merkt' ich immer, da man die Schaffenden doch ngstlich und befangen
behandelt. Ein Maler, der mich hier in meinem kleinen Comptoir besuchte, er
heit Leidenfrost, sagte mir, als ich diese Bemerkung machte: Mein guter Freund,
Das geschieht, weil zwischen dem Genie und der Prrogative der Abstand so gro
ist, da die Reichen und Vornehmen ihn meist nur durch Insolenz glauben
ausfllen zu knnen. Das pat natrlich auf meinen Freund Egon nicht, wohl aber
auf viele Vornehme und vielleicht immer auf das Schicksal der Schriftsteller.
    Wenn ich aristokratisch erscheine, sagte Egon, so ist nur mein Freund Louis
Armand Schuld. Wer heit dich denn in fremder Gegenwart mir die lcherlichen
Ehren meines Standes anthun, mir Lstre geben, sich zum Schemel meiner Wrde
machen?
    Louis, der eben einen schwarzen Handschuh zuknpfte, sah den jungen Frsten
mit einem von unten emporblickenden Auge voll Rhrung an. Er sagte nichts, aber
es lag in seinem fragenden Blick der ganze Schmerz ausgedrckt, da dies seltene
Verhltni, das der sonderbarste Zufall und die Laune eines eigenthmlichen
Charakters so gefgt hatte, nun wol nicht mehr lange in dieser Form bestehen
wrde.
    Louis, sagte aber Egon gerhrt, knntest du je an meiner Treue, an meiner
ewigen Freundschaft zweifeln?
    Louis schwieg und sah zur Erde.
    Du bist gerettet, sagte er nach einer Weile, Louison's Schatten mge dich
schtzen! Ich bin nun dein Wchter nicht mehr, nicht der Pfleger des jungen
Frsten, den Alle verehren, Manche frchten und nur Wenige wahrhaft lieben
werden. Ich kehre nun zurck zu meinem kleinen Comptoir. Ich bin Louis Armand
wieder, der Kunsttischler und Vergolder.
    Egon drckte ihn gerhrt an's Herz.
    Mein Bruder! Mein Freund! sagte der junge Frst. Ich danke dir mein Leben!
Wenn ich je vergessen knnte ...
    Erinnere dich unserer glcklichen Zeit, sagte Louis bewegt, und habe nie
umsonst gelebt im Schooe des Volkes! Einige Tage noch und du bist in die
Herrlichkeit deines Standes so wieder eingefhrt, da du davon berflutet sein
wirst. Die Sorge um dein Eigenthum hat dir ein kundiger, braver Mann in
Hohenberg abgenommen! Du hast das Bild, dessen Geheimni dir bald gelst sein
wird! Du hast die feurige Liebe wieder, in deren Umarmungen du die Poesie finden
wirst, die eher fr dich pat als einst die Lyoner Idylle unter unsern alten
Nubumen ...
    Nein, nein, Louis! Ich wollte, ich htte mich getuscht und diese Briefe
wren von einer fremden Hand geschrieben, nicht von Helenen's.
    Wir haben schon gesagt, Freund, unsere Zeit ist nicht darnach, Liebe von
sich zu stoen. La sie dein Glck sein, aber auch deine Zierde, dein Stolz,
deine Erhebung!
    Das kann sie nicht! sagte Egon dster. Eine solche Liebe, Louis, bleibt
egoistisch. Sie klammert sich wie die zrtliche Umarmung der Schlingpflanze an
uns an, will erst nur lieben, nur dienen, nur gehorchen und bald ist uns das
Mark der Seele, das Wachsthum unserer Zweige ausgesogen, wir verdorren und sind
nur noch der Schatten unserer selbst!
    O mge diese Erfahrung nie kommen, mein Egon! sagte Louis besorgt.
    Egon schwieg nachdenklich. Dann umarmte er mit stummer Rhrung noch einmal
den bescheidenen Fremdling, mit dem er schon so viel Frohes und Trbes erlebt
hatte und der eben von ihm schied mit dem Gefhle, das er sich wol eingestehen
durfte: Ich habe dich vom Tode gerettet! Wer wei, ob mir noch lnger dein Leben
gehren wird.
    Egon rief Louis noch nach, ja nicht bei Tisch zu fehlen und durchaus der
heutigen Fahrt nach Solitde sich anzuschlieen.
    Ich mu noch einen Arm haben, sagte er, der mich sttzt, einen Fu, der mit
mir geht, einen Kopf, der fr mich denkt, Louis! Glaube mir, es wird mir Alles
schwer und ich denke, ich bedarf deiner wol fr den ganzen Weg meines Lebens!
    Darunter wrd' ich selbst leiden! antwortete Louis knstlich lchelnd und
suchte die schmerzliche Stimmung durch Scherz zu erleichtern. Du siehst, da ich
auch meine Wege habe und recht geheime, was du spter hren sollst. Leb' wohl!
Du bist erschpft. Nimm keine Besuche mehr an! Ruhe dich auf diesen weichen
Ottomanen des Nebenzimmers aus und trume!
    Ich will es versuchen, sagte Egon, als Louis schon die Thr in der Hand
hatte. Ich sah an diesem Guido Stromer, da man des Geistes zuviel in sich
fhlen kann; ich habe das Bedrfni, jetzt arm daran zu sein. Ich will nicht
denken. Ich will vegetiren. Mein Zustand erfordert es.
    Eine Weile warf sich Egon, als er allein war, nun auf ein weiches,
schwellendes Polster.
    Er war furchtbar erschpft.
    Stromer's whlerische, grbelnde, ziellose, weichliche Dialektik hatte ihm
vollends die Nerven angegriffen. Er sank in die Polster, halb ohnmchtig ...
    Nach einer Weile fiel sein Blick, der erst langsam wieder Kraft gewann, auf
das rthselhafte Bild ... er sehnte sich nach Dankmar Wildungen ...
    Aber nur flchtig ... Er stie mit Gewalt den Reichthum von Eindrcken, der
ihn pltzlich berstrmte, von sich ...
    Das war Alles so berwltigend, so voll, so mchtig! Helene, Dankmar, das
wirklich eroberte rthselhafte Bild dort ... das Testament seiner Mutter ...
    Er schlo die Augen.
    Seine Knabenzeit berschlich ihn. Dies waren die Zimmer, die ihm einst
verschlossen waren. Hierher lie ihn der Vater niemals. Es waren die Zimmer des
alten Frsten, die Teppiche, die Statuen ... wie geschmackvoll, wie weich, wie
sanft, die Seele einlullend, den Sinnen sich einschmeichelnd!
    Seine frstliche Geburt hatte er noch wenig empfunden. In Hohenberg
herrschte kein Luxus und vor den Entbehrungen in Lyon und Paris kannte er nur
die bescheidene Bequemlichkeit des Pensionats in Genf.
    Nur das mit Helenen verlebte Jahr hatte ihn verwhnt und weichlich gemacht
und vorbereitet, dies Palais seines Vaters doch schn zu finden ...
    Aber es hielt ihn nicht lange in dieser ausgestreckten Lage auf den
Polstern, den Blick so auf die Bilder und die Blumen gewandt, die ihm der
Aufseher des Gartens, um sich zu empfehlen, in die Zimmer zur Feier der Genesung
gestellt hatte.
    Er betrachtete die Zge seiner Mutter und wollte eben auf das Pastellgemlde
nun zuschreiten, als ihm das Billet Helenen's zur Erde fiel. Da erschrak er. Er
fhlte, da er ihr in das Hotel, wo sie wohnte, jetzt endlich ein Wort des
Grues schicken mute. Er ffnete, rasch sich ermannend, einen sauber
ausgelegten Schrank, zog eine practicable Schreibplatte hervor und warf rasch
die Anrede hin:
    Meine gute, liebe Helene!
    In diesem Augenblicke wurde ihm aber der Justizdirektor von Zeisel gemeldet
... und der Referendarius ...
    Er sagte, die zweite Meldung berhrend:
    Ein Andermal!
    Dann sich besinnend:
    Morgen!
    Wie der Bediente ging, dachte er, da doch sein erster Beamter die nchsten
Ansprche an ihn htte und rief:
    Ich bitte Herrn von Zeisel heute die Suppe bei mir zu essen, um zwei, weil
ich ausfahren mu! Jetzt nicht! Fort! Fort!
    Der Bediente meldete aber noch den zweiten Besuch durch die berreichte
Visitenkarte.
    Herr Referendarius Dankmar Wildungen! sagte er.
    Eine Karte gab den vollen und richtigen Namen.
    Da sprang denn Egon freilich von seinem Sessel empor, stie das Papier rasch
in die Schublade des Schreibtisches und ging mit dem Rufe: Das ist etwas
Anderes! O! Endlich! Endlich! ... freudig erregt beiden Angemeldeten entgegen.

                                Fnftes Capitel



                                Verstndigungen

In diesen sechs Wochen hatte Dankmar Wildungen nur der gesetzlichen Einleitung
seines groen Unternehmens gelebt.
    Die gewaltsame Untersuchung seiner Wohnung erzeugte einen gerichtlichen
Schriftwechsel, dessen Folge allerdings die Auslieferung der Papiere sein mute,
die sich Dankmar erlaubt hatte, aus dem von ihm entdeckten Archive im
Tempelhause von Angerode sich anzueignen. Doch gab er sie gern hin, nachdem er
und Siegbert Tage und Nchte damit zugebracht hatten, Abschriften zu nehmen und
diese gerichtlich beglaubigen zu lassen.
    Die Angelegenheit wegen des Bildes konnte er nicht weiter verfolgen.
Siegbert htete sich wohl, ihm zu entdecken, da er in der Rckwand desselben
Schriften gesehen, die Bezug auf ihre eigenen Anverwandten hatten. Er frchtete,
das leicht erregte Gemth des Bruders nur zu neuen Unternehmungen, deren Ende
und Gefahr nicht abzusehen war, zu entflammen, und besprach sich mit Rudhard,
dem die Verwickelung seiner ihm in dieser Sache noch kurz vorher mglich
geschienenen Mission auerordentlich schmerzhaft war, ein anderes
Auskunftsmittel zu finden, das den Verdacht des Prinzen ber die stattgefundene
Unterschlagung ablenken sollte ... Denn darin waren sie einig, da eine
verwegene, bse Handlung hier im Spiele war, eine Intrigue, die sie Alle
getuscht hatte. Als Schlurck die Bilder ablieferte, wuten sie es mit Louis
Armand's Beihlfe whrend der Krankheit des Prinzen dahin zu bringen, da Egon,
im Fall er das Geheimni der ffnung des Medaillons entdeckte, sich nicht ganz
getuscht fhlen konnte. Alle diese Unternehmungen aber schwanden vor der Gre
der Aufgabe, die sich Dankmar dadurch stellte, da er gleichsam dem Staate und
der am meisten bei der Johannitererbschaft betheiligten Kirche den
Fehdehandschuh hinwarf und fr die einzige freie Persnlichkeit einer Familie
eine berlieferung der Jahrhunderte in Anspruch nahm. Verjhrt konnten seine
Ansprche nicht genannt werden. Denn der Staat hatte durch Proteste, die sich
von Menschenalter zu Menschenalter wiederholten, diese Entscheidung als eine
offene aufrecht erhalten. Er fand keine Narbe, sondern eine Wunde vor. Der
Staat, von welchem wir reden, war einer von denen, die sich ohne Umwlzungen in
einer ruhigen Entwickelung allmliger Vergrerung und leidlich rechtlicher
Begriffe gebildet hatten. Hier konnte ein Proce vom siebzehnten Jahrhundert her
noch unentschieden sein, wie Friedrich der Groe im Jahre 1740 einen alten
Proce des Dreiigjhrigen Krieges aufnahm und Schlesien eroberte. Da aber die
Berechtigung des Streites zugestanden war und fr die Commune immer nur der
Titel des Besitzes gegolten hatte, so war die Mitbewerbung eines Dritten zwar
ein unvorhergesehenes, aber vllig begrndetes Ereigni. Es kam nur darauf an,
da die Unparteilichkeit der Richter die Ansprche der Familie Wildungen auf
Grund jener Urkunden anerkannte.
    Das Aufsehen, das diese merkwrdige Wendung eines vom groen Publikum bisher
nur gleichgltig beobachteten Streites machte, war nicht gering. Einige nur in
der Gesellschaft, nur in kleinem knstlerischem Kreise bisher genannte Namen
kamen pltzlich in Aller Mund. Jedermann sprach von den beiden Shnen einer
armen Predigerwitwe in Angerode, die in der Lage waren, Besitzer eines, wie dies
natrlich sogleich geschah, bertriebenen Vermgens zu werden. Man vergrerte
nicht nur die Summen, um die es sich handelte, sondern auch die Rechtsgrnde,
deren schlagende Triftigkeit doch erst zu erweisen war. Man nahm Partei, erst
fr das Wunderbare in dieser Sache an sich und gab Denen unbedingt Recht, denen
das hier auf dem Spiele stehende Glck gleichsam aus den Wolken in den Schoo
fiel. Bald aber zertheilte sich die erste gnstige Meinung. Bedenken, Zweifel
wurden laut und wo die grndliche Prfung schwieg, stellte sich das verletzte
Interesse ein. Besonders war es die stdtische Kirche, die in Zorn und Eifer
gerieth. Hatte sie schon gefrchtet, in die Botmigkeit des Staates zu kommen
und der patriarchalischen Verwaltung ihrer Pfrnden und Institute entkleidet zu
werden, so hatte sie jetzt nicht nur das schne, noch dazu zeitgem stutzbare
Princip der Selbstregierung zu verlieren, sondern sah auch der vlligen
Einbue ihrer reicheren Dotation entgegen, wenn die Huser, die alten
Grundgerechtsame und Zinse der St.-Johanniterverlassenschaft in die Hnde jener
Familie kamen. Dem Zorne und Poltern der verletzten Interessen folgte, wie dies
immer in solchem Falle zu geschehen pflegt, auch bald das Aufstellen scheinbar
parteiloser und doch nur im Interesse der Parteien gemodelter Principien. Der
Eine verlangte die Verjhrung, der Andere rumte nur dem Staate und nur ihm als
Universalerben jedes verjhrten Rechtes den Besitz ein. Freimthige Seelen und
solche, die am Neuen und Seltenen Gefallen fanden, stellten dem Staate und der
Gemeinde die Persnlichkeit gegenber und ihr ewiges unverjhrliches Recht,
fanden in dieser materiellen, handgreiflichen und nur mit Geld und Gut
auszudrckenden Verhandlung eine hhere Symbolik und erklrten, diese durch zwei
Jahrhunderte herrenlos gebliebene, nur dem Strkeren anheim gefallene
Hinterlassenschaft eines geistlichen Ritterordens wre ja ein Bild der
Verwirrung unserer Zeit berhaupt, die auch so das Unrecht und die Gewalt in den
Alleinbesitz der groen Verwaltung des Menschheitideales gebracht, berkommen
htte und sich jetzt entschlieen msse, diesen Alleinbesitz an das
ursprngliche Menschenrecht umsomehr wiederherauszugeben, als die an dem
unrechtmig erworbenen Eigenthum haftenden Pflichten des heiligen Streites fr
jenes Ideal, das dem Mittelalter das Land war, wo der Erlser wandelte, und der
neuen Zeit das Ideal eines hhern Tempels der Freiheit und der Glckseligkeit
ist, von diesen gewaltthtigen und eigenmchtigen Usurpatoren nur zu sehr
hintangesetzt wrden.
    So ungefhr wurde die erste Nachricht von dem Proce der Gebrder Wildungen
aufgenommen; denn eine weitere Parteinahme, als fr das erste, blendende
Gercht, war noch nicht mglich. Erst vor vierzehn Tagen hatte Dankmar seine
selbstverfate Schrift eingereicht. Aber nicht nur die Kunde der Thatsache
selbst, sondern auch das nicht ungnstige Vor-Urtheil des Gerichtshofes ber die
mit groem Verstande und seltner Rechtskenntni abgefate Schrift verbreiteten
sich so rasch, da Dankmar und Siegbert, von dem Andrang der Theilnahme, die sie
so pltzlich ber sich hereinbrechen sahen, fast erdrckt wurden. Da wollte
Jeder Glck wnschen, Jeder staunen, guten Rath geben und im gnstigen Falle wol
auch Theil haben an dem groen Erfolg. Wo die Brder frher nur durch ihr
Talent, ihre liebenswrdige Persnlichkeit sich geltend machen konnten, waren
sie jetzt so gesucht, so gepriesen, da sie Noth hatten, sich vor dem
allgemeinen Sturme der Liebe und Freundschaft nur selbst zu bewahren. Weise und
sich selbst beherrschend, wie diese Jnglinge frh erzogen waren, begngten sie
sich mit den Beziehungen, von denen sie ahnten, da sie ihnen auch ohne den
gehofften Sieg treu bleiben wrden, und beschrnkten sich im brigen fast noch
mehr auf sich selbst als frher. Sie muten Dies schon darum thun, weil der
Proce bedeutende Geldmittel erforderte, von denen sie kaum voraussahen, woher
sie ihnen zuflieen sollten. Vorlufig glaubten sie bestens das Ihrige zu thun,
wenn sie fleiig und redlich arbeiteten, um neben ihrem Unterhalte auch noch die
Mittel fr ihren Proce zu erbrigen. Siegbert sah sich in der ihm unangenehmen
Lage, nachdem das Bild der Majorin Werdeck sehr gefallen hatte, viel zu
portraitiren, und Dankmar, der sich in eine andere Abtheilung des Obergerichts
hatte versetzen lassen, arbeitete auf Diten, schrieb auch unter fingirtem Namen
juristische Compendien, die nur Erinnerungen seiner eigenen Kenntnisse waren, in
Eile geschrieben nichts Neues bringen konnten, aber als gangbare Artikel bezahlt
wurden.
    Eben erst im Beginn dieser nun neu von ihm angelegten Thtigkeit hatte
Dankmar alle seine frheren Verwickelungen mit Personen und fremden
Verhltnissen von sich abzustreifen gesucht. Er hatte dem Justizrath Schlurck
die von Melanie gewnschte Entschuldigung ber das Vorgefallene geschrieben,
aber den so heien Drang, Melanie ganz fr sich zu gewinnen, doch wieder mit
jener stoischen Selbstberwindung, die jungen Gemthern so leicht mglich wird,
bezwungen. Er hrte auch, da sich Melanie mit dem Stallmeister verlobt htte.
Freunde versicherten ihm, da sie in der Umgegend der Stadt reite, fahre, immer
umgeben von einem Schwarm von Verehrern. Er bekmpfte sein Herz. Der Ernst
seines jungen Lebens erfllte ihn zu sehr und was er immer gesagt hatte, Melanie
wre von den Frauen Eine, die man nur liebe, wenn man sie she, besttigte sich
vollkommen an ihm selbst. Er wurde gegen Frauen um so schroffer, als bei der
ersten Nachricht von der ihm und seinem Bruder lachenden Mglichkeit einer
glnzenden Zukunft sogleich ein ihnen widerliches Drngen bemerkbar wurde,
gerade das weibliche Geschlecht in ihre Nhe zu bringen. Von mancher Familie, wo
die Absicht zu grell hervorstach, zogen sie sich wie in ihren zartesten
Fhlfden verletzt zurck.
    Whrend sich Siegbert fast ganz und ausschlielich auf sein Atelier, die
nhere Beziehung zu dem anregungsreichen Leidenfrost und die ihm pltzlich fast
seine zweite Huslichkeit gewordene Familie der Frstin Wsmskoi beschrnkte,
lebte Dankmar noch zurckgezogener. Der sonst lebensfrohe, berall sichtbare
junge Mann war ein Einsiedler geworden. Er las, er studirte mehr denn je. Sein
kleines Stbchen bei der Frau Schievelbein, die bescheidene kleine Aula, war
jetzt fr ihn heimischer und traulicher als die Kaffeehuser, in denen er frher
mehr als in seinen vier Wnden lebte. Ste von Akten lagen um ihn her. Bcher
las er bis in die spte Nacht. Besonders hatte er auf Philosophie und Geschichte
sein Augenmerk gerichtet. Sogar die Politik, die er frher leidenschaftlich
trieb, war ihm durch ihre Monotonie, die Unfruchtbarkeit der Debatte und die
geringe Bedeutung der meisten elenden, nichtssagenden Persnlichkeiten, die sie
in den Vordergrund der Tagesgesprche drngte, zum Ekel geworden. Der neue
Reichstag sollte nun abgehalten werden, die Wahlen waren im Sinne des
schroffsten Gegensatzes der Parteien ausgefallen und als er auch den Heidekrger
und Deputirten Justus eines Tages als eben angekommen und bereits als
Mittelpunkt einer Fraction angegeben fand, mute er auflachen, warf die
Zeitung weg und beschlo nur noch solche politische Schriften zu lesen, die von
Kpfen herrhrten, die der Menschheit neue Gedanken brachten. Er las
Macchiavell, Montesquieu, Hume, die Briefe des Junius, Leibnitz, Herder und
vertiefte sich mit ernstem Nachdenken in die neueren staatskonomischen und
socialistischen Schriften, aus denen er sich manche Stelle auszog und manchen
befruchtenden Gedanken merkte, wenn er auch fr die Ideen neuer
Gesellschaftsformen nicht wie Siegbert gewonnen werden konnte und berhaupt fern
war aller modernen Geniehascherei, aller auf den Universitten und in den
Residenzen jetzt grassirenden Titanenhaftigkeit, allem bermigen Anpreisen
einer neuen Zeit, die erst ihre Neuheit zu beweisen hatte, aller Anbetung eines
vaguen, leeren, wie Kraft sich gebahrenden Schreiens und Tobens, in Schrift und
Sprache, in Prosa und Poesie allem gesuchten und manierirten Treiben, in welchem
sich talentlose Menschen wie Fauste gebehrden und noch nicht einmal reif sind,
bei einem rechten Faust ein Wagner zu sein.
    Eine Dankmarn wahrhaft trstliche und erquickliche Aussicht war die der
ersten Begrung des Prinzen Egon von Hohenberg.
    Da sein Gefangener im Thurme von Plessen der Prinz war, unterlag keinem
Zweifel mehr, und doch will der Mensch auch das Gewisseste und durch Grnde
Erwiesenste zuletzt erst durch ein handgreifliches Erfassen, durch die Berhrung
der Ngelmale, wie bei jenen Jngern des Herrn, besttigt haben. Die Frage: Wie
werd' ich den dort so schnell gewonnenen Freund nun wiederfinden? Wie ist er aus
dem Thurm entkommen? Wie verschweig' ich ihm alle die Wirren, die sich an das
Bild knpften, das wir gut thun werden, ihm als etwas Unverfngliches und
berschtztes darzustellen? Diese Fragen gingen immer wieder in das Ende ber:
Und wird es wirklich Prinz Egon sein..? Siegbert war einmal bei Louis Armand im
Palais gewesen und hatte sich einigermaen mit ihm ber das Bild verstndigt.
Sonst war noch keine weitere nhere Annherung und Nachfrage erfolgt. Es
befremdete ihn fast, da Egon nicht seiner lngst selbst gedachte und es war
wirklich nur Zufall, da ihm der Frster Heunisch, eben von Egon kommend,
staunend ber seinen Irrthum, begegnete und von einer so weit vorgeschrittenen
Genesung des Prinzen, fr den er Dankmarn gehalten, unterrichtete, da er sich
entschlo, sogleich zu ihm zu gehen. Er eilte nach einigem Geplauder mit
Heunisch nach Hause, kleidete sich flchtig so, wie er glaubte, einer so
hochgestellten Persnlichkeit aufwarten zu mssen und betrat in einer
sonderbaren, aber ihm doch wohlthuenden Erwartung und Spannung das Palais des
Prinzen ... Wie er hier die stolze Treppe, die Statuen, die bronzenen
Candelaber, die Teppiche und Malereien mit dem neben seinem Einspnner
einherwandernden Blousenmann und dessen Wiedersehen in dem vergitterten kleinen
Thurmgemache zu Plessen verglich, kam ihm eine wahrhaft befremdliche,
abenteuerliche, ja durch die schon in ihm verklungenen Erinnerungen an jene
romantische Reise elegische Stimmung. So ungleichartig der elektrische Leiter
seiner Erinnerungen war, auf diesen steinernen Stufen, wo das Echo seiner
Schritte an den marmorirten Wnden widerhallte, war's ihm pltzlich, als schlge
die Nachtigall in der Mondnacht im Schlogarten von Hohenberg, als hrte er das
Rauschen des Waldes, den er an Selmar's Seite durchwandert war, und als stnde
er unter jener Eiche wieder, unter deren gezackten Wipfeln er durch Ackermann
veranlat wurde, ber ein schneres Walten auf dieser Erde und einen
lebendigeren Zusammenhang der guten und reinen Geister zu trumen.
    Im Vorzimmer fand er den Justizdirektor von Zeisel, den er vom Thurme her
und seinem Verhre sogleich wieder erkannte.
    Die lange hagere zerstreute Figur entsann sich seiner offenbar nur dunkel,
stellte sich aber als kluger Weltmann, den die lange Abgeschiedenheit und
Isolirung des Landlebens in gewissen Hflichkeitsgesetzen nur noch ngstlicher
und bertriebener gemacht hatte, ber Dankmar vollkommen orientirt. Er kam in
bnglicher Erwartung. Schlurck war seiner frheren Functionen enthoben, ein
neuer Administrator mit groen Vollmachten hatte das Ruder der Verwaltung
ergriffen, die Aussicht, vom Patrimonialverhltnisse in die allgemeine
Landesgerichtsverwaltung in gleichem Rang, gleicher Besoldung wie bisher
aufgenommen zu werden, verdsterte sich und er wre gern in seinem frheren
bequemen Verhltnisse geblieben. Mit groer Besorgni dachte er an die Resultate
dieser ersten Begegnung mit dem Sohne des alten Frsten, der ihn einst hatte
schalten und walten lassen wie er wollte. Seine Frau, die bei Schlurck's seine
Rckkehr erwartete, hatte ihm Muth zugesprochen. Eine Reihe von Vorstellungen
und dienstlichen Nachweisungen war wie an der Schnur in seinem Haupte
aufgezogen. Er hoffte, da der junge Frst diese Schnur anziehen, er selbst aber
sich bei dieser Vorstellung gut behaupten wrde, selbst einem so sonderbaren
Manne wie Egon gegenber, von dem man so Vieles zu erzhlen, so Unglaubliches zu
fabeln wute!
    Brachte den Justizdirektor nun schon Dankmar in Verwirrung und lenkte sein
Gedchtni auf eine Begegnung, die auerhalb der Administrationsgrundstze ber
das Frstenthum Hohenberg und jener Schnur lagen, so mute er vollends das
Gleichgewicht seiner Geltung verlieren, als nach der Meldung beider Namen Egon
die Thr aufri und mit der liebenswrdigsten Freundlichkeit von der Welt rief:
    Ist es denn mglich, mein Groinquisitor und mein Posa, zu gleicher Zeit?
Willkommen! Willkommen, Ihr Beide!
    Wie der Justizdirektor sah, da der Prinz dem jungen Manne, der sich Dankmar
Wildungen nannte, eine strmische Umarmung zum Grue, ihm dann bieder die Hand
bot und Dankmar dem freundlichen Empfnger lachend folgte und dabei immer rief:
Doch! Doch! Ich glaubte nicht daran! Doch! Doch! ... da schwindelten ihm
frmlich alle Sinne und er fragte verlegen:
    Durchlaucht haben mich schon gesehen? Wo htt' ich die Gnade gehabt ...
    Gibt es denn soviel Verbrecher in meinem Lndchen, Justizdirektor, rief
Egon, da Sie unter der Menge nicht eine Physiognomie behalten knnen, die Ihnen
den Thurm, aber auch ihre glckliche Befreiung verdankt?
    Und whrend der Justizdirektor starrte und sich nun umstndlich besinnen
konnte, umarmte Egon Dankmarn nochmals und zog ihn auf eine Ottomane neben sich
nieder, whrend der Justizdirektor sich nach einem Stuhle umsehen sollte und
umsehen mute, um sich aufrecht zu erhalten.
    Wildungen! rief Egon. Ich bin's! Vom Tode erstanden durch jenen Freund, den
ich in Lyon fand ... Du entsinnst dich meiner Erzhlung?
    Dankmar aber, der nicht gleich in den vertraulichen Ton hinein konnte,
sagte:
    Wir wissen Alles, Prinz, wir kennen Ihre ganze Geschichte, die Stadt kennt
sie, wir wissen, wer Louis Armand ist, und unter dem gewissen Kronenleuchter im
Pavillon Ihres Vaters wrd' es sich ergeben, da ich schon orientirt bin; aber
da Sie im Thurme zu Plessen saen, als ein Handwerksgesell, den die Bedienten
des Geheimraths von Harder fr einen Dieb erklrten ...
    Durchlaucht? fragte Herr von Zeisel erstarrt und schlug sich vor den Kopf.
Sie wirklich Der, Der ... den ...? Herr von ...
    Ja, ja, Herr von Zeisel, ich! Ich! Aber ich habe mich berzeugt, Sie ben
milde Justiz. Sie entlassen die Gefangenen wie Sie sie aufnehmen und geben ihnen
nichts mit, als hchstens das Todesurtheil durch ein Nervenfieber, das man von
seiner Alteration und der abscheulichen Hitze in dem eisernen Kfig davontrgt.
    Zeisel konnte sich nur allmlig fassen. Er war sprachlos. Er dachte: O Gott,
warum hat deine Frau diesen Fall fr die Schnur nicht vorausgesehen! Du bist auf
ein Verhr ber Finanzreductionen gefat und sollst ber ein exceptionelles
Abenteuer Auskunft geben, bei dem du ohnehin noch die Rolle eines bequemen und
willkrlichen Rechtsverschleuderers im alten spanischen Komdienstyle spielst!
    Sagen Sie mir nun aber um's Himmelswillen, Prinz, fragte Dankmar, wie sind
Sie frei gekommen?
    Egon rckte einige Schritte zurck, lie die Arme von Dankmar's Schulter,
die er umschlungen hielt, sinken und sagte:
    Kein Wort weiter! Ein undurchdringlicher Schleier falle ber das Vergangene,
wenn mein theurer Freund Dankmar Wildungen in diesem Ceremoniel fortfhrt!
Wildungen, war denn Das nur ein Traum, da ich einen herrlichen, lieben Menschen
auf dem Heidekruge mit Schlurck reden hrte, auf der Landstrae und im Walde
einen herablassenden Gefhrten, einen treuen Trster im Thurme, ein mitfhlendes
Echo meiner Klagen fand, als ich mein Leben erzhlte bis zu dem Augenblick, wo
ich versprach, unter leuchtenden Blumen und Flammen einst von einer gewissen
elften Stunde zu sprechen, wo mir ein theures Herz brach, ein unvergeliches ...
Nein, nein, Wildungen, das Wechselwort der Liebe, das ich dir damals anbot,
bleibt! Bleibt? Nicht wahr?
    Dankmar konnte zur Antwort auf diese liebenswrdige, herzliche Anrede nichts
Anderes thun als gerhrt schweigen und seine Hand in die Hand Egon's von
Hohenberg, wie eines Bruders, legen.
    Schlagen Sie unsere Hnde durch, Justizdirektor, rief Egon, zum Zeichen, da
sie ewig verbunden sind! Sie haben mir diesen Freund gegeben, Sie milder Richter
Sie! Sagen Sie mir aber nun doch, warum lieen Sie mich pltzlich frei? Kam ein
hherer Gedanke ber Sie oder ein Befehl? Ich suchte, wie mir angegeben wurde,
auf der Stelle das Weite und durfte nicht erst lange fragen, wem ich meine
Rettung verdanke.
    Durchlaucht, sagte endlich Herr von Zeisel, die gute Laune des Frsten
benutzend und sich in dem Falle, auf den er sich jetzt erst besann,
zurechtfindend. Durchlaucht, Sie verdanken sie - meiner Frau!
    Bin ich das Schookind der Damen! Ihrer Frau?
    Das hngt so zusammen, Durchlaucht! sagte Herr von Zeisel. Frau von Zeisel
ist eine sehr charmante Person. Dreizehn Jahre macht sie das Glck meiner Ehe
aus, aber wenn ich - wir sind unter uns - durch Geduld und Sanftmuth vielerlei
kleine Mucken in ihrem lebhaften Temperamente berwunden habe, so steckt doch
ein bel unausrottbar in ihrem so hchst soliden Charakter: der Ehrgeiz,
Durchlaucht. In wilder berrumpelung zwang man mich, den eigenen Herrn und
geliebten Erben, den Alle voll Sehnsucht erwarteten, in den Thurm zu werfen.
Dies Versteckspiel des tollsten Zufalls, seh' ich nun wohl, ist irgend einem
bsen Kobolde, der uns zuweilen im Leben neckt, gelungen. Aber da Sie frei
wurden und Ihr Freund, der Herr da, wahrscheinlich vergebens die Leiter an das
Thurmfenster stellte, die wir spter fanden -
    Wildungen, ist es wahr?
    Die Eisenstbe htten uns doch Mhe gemacht, sagte Dankmar, den Vogel aus
seinem Kfig zu befreien. Da es also leichter geschah, Herr Justizdirektor -
    War die Folge eines rgers meiner Frau, sagte Herr von Zeisel jovial. Meine
Gattin ist eine geborene von Nutzholz-Dnkerke, seelengut, ein braves Weib, aber
etwas reizbar im Punkte der Ehre. Zwei Nutzholz-Dnkerke's sind bereits aus
Point d'honneur im Duell gefallen. Mein gutes Weib fand sich etwas zurckgesetzt
durch die Behandlung der Frau Justizrthin. Man lud sie an jenem
verhngnivollen Tage nicht mit der Frmlichkeit ein, die sie durch ihre Geburt
gewohnt ist. Und als vollends Herr von Harder, der mit einem Nutzholz-Dnkerke
in die Schule gegangen ist, sich auf dem Schlosse wie der Knig selbst
gebehrdete, kaum einem Menschen das Unschuldigste, nmlich einen guten Tag
gewhrte, und an dem Tage, wo das beklagenswerthe Misverstndni mit Ew.
Durchlaucht vorfiel, die einzige auf's Schlo geladene Hauptperson schien und
allen andern Bekannten, die sonst der Frau Justizrthin gut genug waren, fast
angedeutet wurde, sie mchten sich heute nicht auf's Schlo incommodiren, da
stellte mir meine ahnungsvolle, aber hchst zornige Gattin vor, wie wenig
begrndet Ihre Gefangenschaft wre und ...
    Bravo, Justizdirektor, rief Egon lachend, ce que veut une femme ...
    Ce que veut une femme, Durchlaucht ...
    Par dpit ...
    Par dpit... um zu zeigen, da wir nicht die Untergebenen der jetzigen
Schlobewohner sind und ...
    Die Nutzholz-Dnkerke's schon vor einem Jahrhunderte mehr galten als die
Harder's ...
    Sie treffen es Durchlaucht! Ha! Ha! Par dpit wurden Sie in Ermangelung
triftiger Indicien freigelassen und nur bedeutet, augenblicklich das Frstlich
Hohenbergische Gebiet zu verlassen!
    Ein Glck, da Herr Pfannenstiel, mein Wchter, ein gutes Herz hatte und
mich am Abend noch auf die Sgemhle fhrte, wo ich bernachtete. Von da wollt'
ich, obgleich ich mich krank, von der Hitze im Thurm erschpft und bermdet
fhlte, mich ber Schnau zu Fu auf die Reise begeben, war aber so angegriffen,
fhlte mich so elend, da ich auf der Landstrae einen Bauer ansprach, der mit
einem Soldaten an mir vorberfuhr und bermthig in seine starken Gule hieb.
Auf Frbitte des Soldaten nahm mich der grobe Bauer, er hie Sandrart, auf und
hinten im Korbe des Wagens streckt' ich mich md' und matt auf ein Bund Stroh
neben den mit Ewaaren berfllten Kobern. Der Vater fuhr seinen zum Sergeanten
befrderten Sohn selbst in die Residenz zurck, wo dieser bei der Garde steht.
Gegen Abend kam ein Regen, der mich bis auf die Haut durchnte. Schon schlief
ich in einer Herberge halb im Fieber. Mhsam schleppt' ich mich am frhen Morgen
wieder auf den Korbwagen und kam halb todt gegen Abend hier am Thore an. Ich
stieg ab, dankte dem Bauer und seinem Sohn und schlich mich still in mein
vterliches Haus. Das ganze Abenteuer schien misglckt und die Folge war, da
ich in ein elendes Nervenfieber verfiel, von dem ich erst seit einigen Tagen zum
lichten Bewutsein zurckgekehrt bin.
    Der Justizdirektor erschpfte sich in Betheuerungen seines innigsten,
freudigsten Antheils und fragte, ob man den Bauer Sandrart so glcklich machen
knne, ihm zu sagen, wem er so hlfreich sich erwiesen htte.
    Vielleicht besser, sagte Egon, der Grobe erfhrt es nicht. Er hat mir wol
zehnmal zugerufen, ich sollte seine Schinken und Eier unberhrt lassen, auf die
ich in der That keinen Appetit hatte ...
    Es ist einzig! sagte Herr von Zeisel knstlich humoristisch. Diese Menschen!
Der Schornstein hngt ihnen voller Wrste und Speck, das Geld lacht aus allen
Truhen und grob, grob sind sie und so unterdrckerisch ... meine Frau sagte oft,
so schlimm knnten die Nutzholz-Dnkerke's nicht im Mittelalter gehaust haben,
wie sich solche reiche Freibauern gebehrden. Der Sohn ist ein charmanter Mensch
...
    Er wird das Geld seines Vaters unter die Grisetten bringen ...
    Es entspannen sich nun zwischen dem Justizdirektor und Egon einige nhere
Verstndigungen ber Gegenwart und Zukunft des Frstenthums Hohenberg. Wegen
letzterer war Herr von Zeisel hier. Egon versprach in diesen Tagen ihm ber
Alles genauere Auskunft zu geben. Vorlufig wre er umsomehr entschlossen, das
vterliche Erbe wirklich anzutreten und trotz der groen Schuldenlast nichts zu
veruern, als er ja in dem amerikanischen Agronomen Ackermann einen so
gerhmten und alles Vertrauens wrdigen Verwalter gefunden htte.
    Ja, wandte er sich zu Dankmar, jener Amerikaner, von dem du mir im Thurm
erzhlt hattest und dessen Namen ich auf meinem Krankenbett im grten Drang
meines Elends wohlbehalten hatte, der erhielt auf sein Ersuchen die Verwaltung
meiner Gter.
    Ich erfuhr diese angenehme Wendung leider zu spt, sagte Dankmar, und
bedauerte, vor der schnellen Abreise des trefflichen Mannes und seines Sohnes
nicht noch einmal ihn begren zu knnen.
    Seines Sohnes? fiel Herr von Zeisel ein und lchelte fein, sogar gereizt.
Sie wissen also nicht, da dieser allerdings sehr ehrenwerthe konom, der mit
groen Plnen und excentrischen Entwrfen seine Aufgabe angetreten hat, damit
anfing, uns in Betreff seiner Umgebung Alle zu tuschen?
    Tuschen? Herr von Zeisel, Ackermann scheint mir zu Tuschungen nicht fhig
zu sein, sagte Dankmar.
    Vergebung fr den Ausdruck! Sie schtzen diesen Mann nicht hher als ich
selbst. Zwar sind die Meinungen ber ihn getheilt. Die Mehrzahl hngt ihm
glubig und voll Verehrung an. Die Minderzahl, die wol an dem Fehler zu strenger
Prfung und unglubiger Zweifelsucht leidet, frchtet, sein leicht entzndetes
Gemth mchte zu sehr jenen Luftgebilden nachjagen, die wie Feuerwerke schn
blenden, aber auch im Nu verprasseln ...
    Glauben Sie Das nicht, sagte Dankmar erregt. Aus wenigen Worten, die ich mit
diesem konomen wechselte, wei ich, da dieser Edle den Ernst des Lebens tief
erfahren hat und nicht umsonst in Amerika die Schule der Selbstbestimmung seiner
Schicksale durchmachte ...
    Ich wnsche nichts sehnlicher, sagte Herr von Zeisel mit einem furchtsamen
Blicke auf Egon, als da sich alle Versprechungen dieses Amerikaners erfllen
mgen ...
    Man mu ihm vor allen Dingen Zeit lassen und volle Freiheit gewhren, meinte
Egon und sprach dies entschieden.
    Volle Freiheit!
    Herr von Zeisel war geschlagen und schwieg.
    Aber die Tuschung, Herr Justizdirektor, welche wre denn das? fragte Egon.
    Das ist spahaft! war Herrn von Zeisel's einlenkende Antwort. Wir Alle sahen
Herrn Ackermann nach Plessen, Randhartingen, Schnau - im Ullagrunde auf
Sandrart's neuer Anlage wird er wohnen - zurckkehren und besannen uns, da man
diesen Mann, als er frher sich beobachtend und wahrscheinlich den Boden und die
Verhltnisse erkundschaftend daselbst aufgehalten, gesehen, wie er ein liebes
Shnlein bei sich fhrte, ein Brschchen mit zierlichem Mtzchen, Handschuhen
und leichtem Rckchen. Dies Shnchen hat er nicht mitgebracht, wohl aber ein
Tchterlein ...
    Dankmar hrte gespannt zu und verwnschte Herrn von Zeisel's humoristisch
feinsollende naive Darstellung.
    Und nicht etwa ein zweites Kind des Herrn Ackermann, sagte dieser, ist diese
holde kleine Begleiterin, sondern ...
    Selmar wr' es selbst? unterbrach ihn Dankmar im wrmsten Antheil.
    Selmar! so hie die Kleine frher. Nun ist es eine Selma! Entpuppt und
umgekleidet! Selma Ackermann, ein allerliebstes Wesen! Sie thut viel, um die
etwas rauhe und abstoende Auenseite ihres Herrn Vaters zu mildern.
    Selma! sprach Dankmar vor sich hin und verglich seine Erinnerungen an jene
ihm so liebe Begegnung mit dem Eindrucke, den ihm jetzt diese Metamorphose
machte. Hatte ihm schon der Knabe ein so groes Wohlgefallen, eine brderliche
Empfindung erregt, wie mute sich seine Theilnahme fr die nun verwandelte
liebliche Erscheinung steigern, wenn er sich jener, ihm immer noch rthselhaften
Mondnacht auf dem Heidekruge erinnerte, wo nicht etwa Ackermann als Traum, als
ein Bild seiner erregten Phantasie vor ihm mit dem Portrait, das er kte,
erschien, sondern dieser wirklich das Portefeuille ffnete, wirklich eine Locke
von seinem Haupte schnitt ... denn die Locke fehlte ihm! Und wie er noch so sa,
mit Theilnahme von Egon betrachtet, der an seinem Interesse selbst sich
interessirte, fiel Dankmar's Blick jetzt eben auch auf das Pastellbild der
Frstin Amanda, das er, seitdem es ihm durch ein Misverstndni߫ genommen war,
nicht wiedergesehen hatte. Da stand das goldene Vlie seines abenteuerlichen
Argonautenrckzuges! Er gedachte der Medea-Melanie! Da der Prinz! Und Selmar
Selma!
    Der Erluterungen des Justizdirektors ber diese Metamorphose bedurfte es
eigentlich nicht.
    Dieser erzhlte etwas von der Nothwendigkeit, ein junges Mdchen auf einer
so weiten Reise von Amerika ber England nach Deutschland allein schtzen zu
sollen, von der raschen Gewhnung an die neue Tracht, von den wunderbar schnell
angenommenen Manieren des Knaben, von der Beruhigung, die der Vater gehabt
htte, mit seinem Kinde vor jeder Verlegenheit und Nachstellung in den
Gasthusern sicher zu sein, von seiner endlich aber doch nun eingesehenen
Pflicht, da das Kind seinem Geschlechte zurckgegeben werden mte ...
    Fr Dankmar waren alle diese Erluterungen nicht nthig. Er bedurfte keines
Wortes, um zu fhlen, da Ackermann sehr weise gehandelt hatte. Aber er bedurfte
noch weniger einer Erluterung, weil sein Gefhl ihm sagte: Selmar mute sich
dir so enthllen! Das war eine Aufklrung, die sich von selbst verstand! Wie
konnte Selmar etwas Anderes sein als Selma!
    Als Egon des neuen Freundes innere Erregung bemerkte und den Blick
beobachtete, den Dankmar voll getheilter berraschung auf das pltzlich von ihm
entdeckte Bild gerichtet hatte, lie er es sich angelegen sein, durch irgend
eine geschickte und nicht verletzende Wendung den Justizdirektor zu entfernen.
Es gelang ihm mit aller Gewandtheit. Herr von Zeisel war glcklich, seinem
jungen Patrone schon unter so abenteuerlichen Verhltnissen ntzlich gewesen zu
sein. Er bat, ob er denn diese merkwrdige Geschichte und die wahre Aufklrung
der pltzlichen Erkrankung, Alles, Alles, was er in dieser gndigen Audienz
gehrt htte, der Welt erzhlen drfe ....
    Wenn Sie nicht frchten, sagte Egon mit feiner Betonung, da man Ihre
Justizverwaltung ein wenig zu patriarchalisch nennen wird!
    Durchlaucht, rief Herr von Zeisel und drckte Egon's Hand, die er lebhaft
ergriff, mit komischem Enthusiasmus an die Brust, Durchlaucht, Sie mgen nun vom
Justizrath Schlurck urtheilen was Sie wollen! Dafr hab' ich ihm gestern
gedankt, da er mich in die Komdie schickte, um mir seine Lieblingswahrheit von
einem vortrefflichen Schauspieler sagen zu lassen: Wenn man das Leben auch gar
zu ernsthaft nimmt, was ist dann d'ran?
    Amsiren Sie sich noch ferner mit ihm! sagte Egon bereinstimmend und
begleitete den zutraulich sich Empfehlenden an die Thr; ich denke, wir sprechen
uns noch und Sie werden im besten Einverstndni mit meinen ferneren
Verwaltungsmaximen nach Plessen zurckreisen ...
    Dies Wort war eigenthmlich, verfnglich fast ... Zeisel stockte ... Aber
die Thr ging zu und er mute diese Schluworte unterwegs berlegen und so, wie
sie gefallen waren, mit sich nehmen.
    Dankmar und Egon waren nun allein.
    Jener stand vor dem Bilde ...
    Ja, da ist es nun! Und ich zittre vor seinem Inhalte, sagte Egon. Hat es
auch nichts bis jetzt zu Tage gefrdert als unsere Freundschaft, Wildungen, so
wollen wir zufrieden sein.
    Noch einmal umarmte er den Freund.
    Dankmar drckte ihm die Hand und erzhlte alle seine Bemhungen, des
auffallend schweren Bildes habhaft zu werden, verschwieg aber Melanie und jeden
Umstand, der in Egon Verdacht erwecken konnte. Rudhard, Siegbert, Louis und er
hatten sich das Wort gegeben, um den Prinzen nicht wieder zu beunruhigen, von
dem Schicksal dieses Gemldes nichts zu erzhlen, als da es durch Dankmar auf
dem Schlosse noch rechtzeitig gerettet worden wre und da Schlurck ohne alles
Befremden die andern Familienbilder so freiwillig bergeben htte. Er wute
auch, da man auf den Fall einer ffnung der Hinterwand einen Gegenstand dort
finden konnte, der ihn vollkommen beruhigen durfte.
    Und das Geheimni? fragte er.
    Fand ich noch nicht! Ich wagte nicht zu jh mein Rthsel zu lsen. Ich
gehre zu den Menschen, die ihre empfangenen Briefe dreifach genieen, erst im
Empfangen, zuletzt im Lesen, in der Mitte aber in einem lngeren Liegenlassen
und erst allmligen Erffnen.
    Dankmar nahm das Gemlde und wandte es von allen Seiten ohne auf das Glas zu
drcken.
    Es enthlt etwas, ich fhl' es an der Schwere des Bildes ... sagte er.
    Er spielte die Rolle, die ihm die Sorgfalt der Freunde des Prinzen
bertragen hatte. Er stellte sich neugierig, drckte, schttelte, schob und
klopfte an dem Bilde. Endlich - siehe da, es sprang auf!
    Egon beklommen, mit der ganzen lastenden Schwere seiner Erinnerungen an die
Mutter, an seine Erziehung, seine Jugend, griff erstaunt nach dem Inhalt.
    Hier am Glase lag der Pfiff, sagte Dankmar so treuherzig, als wr' er selbst
berrascht worden, zufllig streift mein Finger ber diese Stelle, ich halte das
Bild an ihr fest und es springt auf ...
    Egon langte aus der Kapsel ein Buch hervor. Es war schwarz eingebunden, mit
in Gold gepretem Deckel und Rcken und mit Goldschnitt verziert.
    Er ffnete das Buch und las:
    Thomas a Kempis vier Bcher von der Nachfolge Christi ...

                                Sechstes Capitel



                                 Welt und Zeit

Gute Mutter, sagte Egon nach einer Pause schmerzlichen Lchelns und wehmthig
gen Himmel blickend, ja in seiner bitter getuschten Erwartung sich zu bekmpfen
suchend; gute Mutter, dieses Testamentes htt' es nicht bedurft, um mich in
deine Nhe zu rufen! Das heit in der That um Christi Willen leiden und sterben!
Dies Bild htte mich, wenn ich von der Krankheit nicht erstanden wre, mein
Leben kosten knnen.
    Dankmar schwieg voll tiefen Mitleids ber den getuschten, von bsen Feinden
betrogenen Prinzen ...
    Wir sind denn also, sagte er nach einer Weile ruhig, da wieder angelangt,
Prinz, wo wir im Thurme standen! Ein neuer Moment ist in dein Leben nicht
eingetreten. Es bleibt bei den alten Voraussetzungen und so wird es wol auch bei
den alten Entschlieungen bleiben mssen. Du fhlst dich stark durch dich
selbst! La die Vergangenheit und beherrsche die Zukunft!
    Da, wo wir im Thurme standen! wiederholte Egon. Dann bin ich dir noch viel
zu beichten schuldig.
    Ich ahne, was ich noch erfahren sollte, antwortete Dankmar ablehnend. Dein
Leben ist nicht ohne Beobachtung geblieben. Solche Sterne, die einen leuchtenden
Namen tragen, schon wenn sie auf die Welt ziehen, verbergen sich niemals ganz,
auch wenn die dunkelsten Nebel ber sie fallen.
    Worauf deutet diese Schmeichelei, Wildungen? fragte Egon.
    Die Erwhnung eines Unglcks ist keine Schmeichelei. Und ein Unglck nenn'
ich, wenn ich so hoch stehe, da ich mich nicht einmal mit meinen Thrnen
verbergen kann. Soll ich dir sagen, was ich Alles von dir wei, ohne da ich
unter den Spiegeln deines Pavillons sa und dich um die elfte Stunde erzhlen
hrte?
    Also die Welt erfindet ber mich? fragte Egon.
    Dankmar antwortete, er wolle hren, ob folgende Verhltnisse Erfindungen
wren?
    Und nun begann er genau und ausfhrlich zu erzhlen, was sich in dem
ffentlichen Gesprch ber den Prinzen schon festgestellt hatte. Er erzhlte ihm
seine Geschichte von Lyon an bis zu seiner Ankunft in dieser Residenz. Er nannte
ihm Namen und Thatsachen, Louis Armand und Helene d'Azimont, Alles, Alles,
selbst da Louison um die elfte Stunde gestorben war ...
    Nichts war der Welt entgangen und wie ein Roman lag es vor Aller Augen.
    Als Dankmar geendet hatte, erwiderte Egon nichts. Es hatte ihn tief
erschttert, so offen vor der Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dazuliegen und
er dankte dem neuen Freunde, da er aufrichtig und wahr gewesen ...
    Da hab' ich nichts an Thatsachen zu erzhlen! sagte er schmerzlich. Die
Menschen kennen alle Bltter meines Lebens, was die Summarien anlangt. Die
Capitel und die berschriften sind richtig ... Die innere Verknpfung aber, der
Pragmatismus, ja der Text selbst steht nur in meiner Brust und im Buche des
Lebens verzeichnet.
    Und doch fhlt die Welt deinen Pragmatismus nach, sagte Dankmar. Freilich
Louis Armand ist und bleibt ein unverstndliches Capitel
    Weil er schwieg, weil er an meinem Krankenlager stand! Aber die d'Azimont
redete! Die zeugte also schon fr sich in der Sprache ihrer Thrnen, in der
Beredtsamkeit ihrer Litaneien. Dies Capitel versteht man; denn aus Allem, was
ich von dir gehrt habe, entnehm' ich die Darstellung der Salons, den blendenden
Styl der sogenannten Rechtfertigungen! Rechtfertigungen! Die Thatsachen sind
wahr, aber ihre Verknpfung haben Frauenhnde gestrickt.
    Mein Freund, sagte Dankmar in einem ernsten Tone, der ihm seit einiger Zeit
zur andern Natur geworden war; mein Freund, wenn der Mann liebt, verfllt er dem
Urtheil Derer, denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf ist. Wir knnen ber
Auffassungen unserer Herzensangelegenheiten streiten, wie viel wir wollen; die
Frauen lassen sich ihr Urtheil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinsamen
Interesse, das sie alle verbindet. Ich habe diesem Urtheil nachgesprochen. Man
bricht den Stab ber dich und deinen Glauben und deine Irrthmer. Ganz so wie
man urtheilt, gab ich dir den Bericht. Ich halte Das fr das erste Erforderni
eines Freundes, der den Namen verdient.
    Und ich danke dir dafr, wie schmerzlich es mir auch ist, mich nicht der
Welt nach meiner Auffassung zu zeigen.
    Das wirst du fr die Zukunft in deiner Hand haben. Du bist nun hergestellt,
die Welt erwartet dich; ich sagte dir offen, wie der Boden aussieht, auf den du
trittst. Dies sind die Thatsachen, die man von deinem frheren Leben glaubt
besttigt zu finden. Willst du sie wahrmachen? Willst du sie gelten lassen oder
verndern? Das steht in deiner Macht.
    Was urtheilt man ber die d'Azimont? fragte Egon und sttzte den Kopf auf
und bltterte in dem Thomas a Kempis mit einer Resignation, als erschien' er
sich bestimmt, nur zu leiden und sich zu tuschen.
    Man findet sie so liebenswrdig, antwortete Dankmar, da alle Welt wnscht,
sie trennte sich von ihrem Gemahl und Euer Verhltni wrde ein legitimes.
    Wnscht man Das wirklich? sagte Egon lchelnd.
    Noch mehr! Man frchtet, da Louis Armand diese Vereinigung hindert und dich
in Richtungen treiben wird, die mit deinen hiesigen Lebensbedingungen im
grellsten Widerspruche stehen.
    Frchtet man Das? Wnschen! Frchten!
    Ich habe Mnner von hoher Stellung folgendermaen reden hren: Dieser Prinz
Egon von Hohenberg ist nun gesund und wird bald in die Gesellschaft treten und
sich ohne Zweifel an der Lsung unserer Wirren betheiligen. Schlimm, wenn er sie
vielleicht noch vermehren sollte! Es fehlte uns nur noch, da ein so
hochgestellter junger Adliger mit diesem Namen, mit diesen glorreichen
Familienerinnerungen, nachdem schon einige junge Adlige und Frsten uns
Verwirrung genug gebracht haben, in Deutschland als Communist auftritt!
    Entsinnst du dich denn nicht unserer Gesprche auf der Reise? warf Egon hin.
    Die Grfin d'Azimont, fuhr Dankmar nichtachtend fort, wird fr deinen guten
Genius gehalten. Man hebt hervor, da sie eine Aristokratin auch der Gesinnung
nach ist. So sehr Eure Beziehung gegen die Grundstze verstt, die jetzt in
unserer Gesellschaft vertreten werden, so wird man sie doch dulden, anerkennen
und ihr Ziel, die eheliche Vereinigung, befrdern, wenn sie es durchfhrt, dich
von deinen franzsischen Bahnen zu trennen. Man nennt dich schon ehrgeizig: man
behauptet, du strebtest nach Popularitt. Man frchtet, du wrdest durch
Aufstellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren, die so schon
an dem Grundbau und dem Fachwerke unseres Staates mehr rttelt und ihn dem
Sturze nher gebracht hat, als es uerlich beobachtet werden kann.
    Dankmar gab diese Fingerzeige so ruhig, so mavoll, so bei aller Strenge
duldsam, da Egon statt der Antwort auf diese Thatsachen selbst sich nur an Den
hielt, der sie ihm mittheilte.
    Ich bewundere ... sagte er und stockte.
    Was? fragte Dankmar.
    Nichts, als dich, dich selbst, Wildungen! Wie verschmitzt du bist! Wie fein
zugespitzt du das Alles vortrgst! Man glaubt einen Knig der Salons zu hren
oder einen Diplomaten.
    Statt dieses etwas zweideutigen Lobes, antwortete Dankmar lchelnd, mcht'
ich lieber hren, was wol Prinz Egon zur Widerlegung aller dieser nur
fraubasenhaften Befrchtungen thun wird?
    Vor allen Dingen, mein Freund, sagte Egon, werd' ich mich inniger und wrmer
denn je an meine Lieben anschlieen. Ich habe einen neuen mir ebenbrtigen
Freund in dir gewonnen und in Louis Armand besitz' ich etwas, was du mir nicht
einmal sein kannst. Ich bin hier so gut wie fremd. Meine Angelegenheiten treff'
in der grten Unordnung. Ackermann erstrebt das Beste, aber ich kenne die
Chimrensucht der neuen theoretischen konomen aus meinen englischen Studien.
Nur die groen englischen Grundbesitzer sind im Stande, von der alten
berlieferten Weise, die Erde zu bebauen, manchmal abzuweichen und mit Maschinen
Versuche anzustellen. Das Zehnte bewhrt sich nicht. Die Einigkeit zwischen
Ackermann und Herrn von Zeisel, dem nominellen Verwalter des Ganzen, so zu sagen
das alte Ministerium, scheint nicht die grte zu sein. Schlurck, mir lngst
verhat, ist abgeschttelt, aber er hielt die Ansprche der Glubiger meines
Vaters zurck: ich frchte, sie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je
werden. In dieser schwierigen Stellung ist mir eine solche uneigenntzige,
zwischen Freund und Diener schwankende Hingebung, wie die meines Louis, Goldes
werth, denn der gute Mensch ist ohne Ansprche und fgt sich in jede Rolle und
wre es die des Lakaien. Ich kann ihn nicht entbehren, Wildungen. Ich theile
seine communistischen Grundstze nicht, aber ich ehre viele seiner Principien
und werde fr sie insoweit zu wirken streben, als ich, wie ich dir schon auf
unserer Reise sagte, fr eine grere Heilighaltung der Arbeit bin.
    Wenn ich den Prinzen kenne, hab' ich oft den Leuten gesagt, so ist er ein
Aristokrat, wie Ihr es nur selber seid! ...
    Dankmar warf diese Bemerkung leicht, doch nicht ohne einen forschenden Blick
hin.
    Ich bin kein Aristokrat! wallte Egon fast vorwurfsvoll auf. Ich will, da
Gedanken herrschen, nicht berlieferungen. Die Politik, wie sie in Frankreich
getrieben wird, gefllt mir nicht im mindesten. Aber auch die deutsche ist mir
verhat, die zumal, die hier bisher das Ruder fhrte. S' ich in einer Kammer,
ich wrde, wie jetzt die Dinge stehen, zur Opposition gehren.
    Vergib mir, sagte Dankmar, als er bemerkte, da Egon zu lebhaft wurde und
sich ber sein Antlitz eine pltzliche Rthe zog; vergib mir, da ich die
Schonung des erst Genesenden vergessen habe. Diese Dinge sind wichtig, aber
aufregend.
    Doch nicht! Doch nicht, Wildungen! sagte Egon und bat nur den Freund, ihm zu
gestatten, da er sich auf ein Kanap streckte. Er forderte ihn auf zu rauchen.
Er bot ihm trkische Cigarren an und erstaunte selbst, da Louis Armand Alles so
hergerichtet hatte, wie er es zu seinem nchsten Bedrfni stndlich nur
wnschen konnte.
    Wie sieht es denn in der Welt aus? sagte er. Sind die Kammern
zusammengetreten? Steht das Ministerium noch?
    Es wird, sagte Dankmar, die Cigarre ablehnend, mit den Kammern fallen, die
sich eben versammeln. Man macht ein neues Ministerium aus der Kammermajoritt.
Dies regiert vierzehn Tage. Dann kommen einige Forderungen, die die Krone
stellen wird. Das Ministerium wagt sie nicht an die Kammer zu bringen und dankt
theilweise ab. Einige, die mehr Muth haben, bleiben und verstrken sich durch
Offiziere, Chefprsidenten, Bankiers ... Man wird dies Ministerium das
Ministerium der Thaten nennen. Man fordert jetzt, was die Krone anfangs nur
wnschte. Die Kammern, doppelt durchwhlt an sich und vollends noch durch den
rger der abgetretenen Minister, verwerfen diese Forderungen. Sie werden
aufgelst; alle Freiheiten werden fr unbestimmte Zeiten suspendirt und man wird
regieren, wie es eben geht und so lange es geht, bis der Cirkel durch eine neue
Kammerwahl wieder von vorn anfngt oder ein groes politisches Ereigni
dazwischen tritt. Jede tiefer eingreifende Unternehmung fr den Handel, die
Gewerbe, fr das moralische Leben, fr Kunst und Wissenschaft ist dabei
suspendirt, wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Besoldung
erhalten.
    Mir aus der Seele geschildert! rief Egon. Und nur zu wahr, zu wahr! Welch'
ein Zustand in diesem gegenwrtigen Europa! Die Vlker preisgegeben, wie im
Mittelalter, den zuflligsten Persnlichkeiten! Welch' ein Versteckspiel mit
diesen Constitutionen, die nur dazu da sind, eine berwucherung von Ehrgeiz in
den dilettirenden Staatsmnnern zu wecken! Dies Heer von Advokaten,
Journalisten, Beamten, Geistlichen, Soldaten, die sich, weil sie einmal gewhlt
und genannt wurden, als Volksvertreter, Volksfhrer, nun sich einbilden,
zeitlebens unentbehrlich zu sein, von Ministerportefeuilles trumen und nicht
ruhen, bis die Reihe der Schicksalsgunst immer wieder an sie kommt! Das ist
wieder das alte Faustrecht in vollkommener hnlichkeit, nur da die Waffen die
des dienenden, biegsamen Geistes wurden, die der Feder, des Wortes; es ist der
Krieg Aller gegen Alle, den ein furchtbarer, trkischer Despotismus einst
beendigen wird, wenn die Guten nicht zusammentreten und selbst die ewigen Gter
der Menschheit von den Gefahren befreien, die diese bei solchem Spiele laufen
mssen.
    Also wo liegt die Schuld? Oben oder Unten?
    berall!
    Und die Besserung?
    Darber denk' ich tglich nach, sagte Dankmar. Bald mcht' ich diesen ganzen
Bau zertrmmern und ihn neu errichten, bald seh' ich mich nach einem minder
radikalen Heilmittel um. Ich finde keins, das in den Verhltnissen und in den
Dingen liegt. Jeden klugen Einfall berbietet gleich ein noch klgerer. Alles,
was Weisheit scheint, ist sogleich schon List. Ich suche einen Ausweg und finde
ihn nur in dem Menschen und seiner eigenen freien Beschrnkung. Geb' uns Einer
die und gesegnet sei sein Name in Ewigkeit!
    Amen! Amen! fiel Egon eben so feierlich ein. Der Thomas a Kempis hier neben
uns thut schon seine Wirkung. Wir blicken gen Himmel und verlangen Wunder. Die
Menschen! Eigene freie Beschrnkung! Groer Gott! Wildungen, ist dir's noch nie
klar geworden, da die Menschen Bestien sind? Nur wer gearbeitet hat und sich
dann ausruhen will, ist gutmthig. Der fleiige Mensch ist ein Kind. Wenn ich
Sonntags auf der Chaumire mit Louison und ihren Freundinnen tanzte, dnkten wir
uns Gtter, und alle Die hatten Theil an diesem bescheidenen irdischen Himmel,
die ihre sechs Tage Arbeit hinter sich hatten. Die aber, die in die Clubs liefen
und Zeitungen lasen, saen mrrisch und tranken mehr Wein, als sie bezahlen
konnten. Louis Armand sagt zwar, die Verfassung der Erde msse nur auf die halbe
Pflichterfllung begrndet werden, sonst wre dies Dasein eine Hlle. Das
bestreit' ich ihm und verweis' ihm oft, wenn er statt zu arbeiten Verse macht
und Aufstze ber das Loos der arbeitenden Klassen schreibt und mehr trumt als
er sollte.
    Ist Das nicht aber auch eine Arbeit, dies nothwendige Trumen? fragte
Dankmar, der die Verse: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! von seinem Bruder
kannte.
    Die man nicht berwuchern lassen darf! antwortete Egon. Alles drngt sich
jetzt nach geistiger Arbeit und behauptet, die wre eben so schwer und
anstrengend wie die materielle. Aber ich frage: Wenn Alle Buch fhren wollen,
wer wird die Werthe erzeugen, die die Feder verrechnet? Nein, Wildungen, sage
Denen, die meine Freundschaft fr Louis Armand frchten, ich bin kein Communist!
Aber auch die hier bliche Landespolitik veracht' ich, und wenn mir Gelegenheit
geboten wrde, Das zu sagen, was ich denke, wrd' ich allerdings den Adel und
seine Aufgabe anders bestimmen, als es diese trgen Drohnen der Gesellschaft
thun.
    Ich darf nicht fortfahren, bemerkte jetzt Dankmar. Ich sehe, wie dich der
Gegenstand ergreift. Glcklich werd' ich sein, mit einem Manne von deiner
wunderbaren Lebenserfahrung einen dauernden geistigen Verkehr zu unterhalten.
Aber fr heute geh' ich ... Ich bin es dir schuldig.
    Du hast mich angeregt, nicht aufgeregt, sagte Egon liebevoll. Du wolltest
mir die Aufgabe meines Lebens zeigen und mich auf den Empfang der Welt
vorbereiten. Ich danke dir herzlich dafr.
    Wann wird Helene d'Azimont erlauben, da ich dich wiedersehe? fragte Dankmar
den Hut ergreifend und eine Menge schner Dinge ber die Reize dieser Dame, ihre
Bildung, ihre Liebenswrdigkeit wiederholend.
    Helene? Hat sie etwas zu erlauben? unterbrach ihn Egon ... Heut' um vier
Uhr, bitt' ich dich, sei an dieser Stelle! Ich soll auf Schlo Solitde fahren.
Begleite mich mit Louis, wenn dir der Handwerker nicht anstig ist.
    O, Freund!, sagte Dankmar, Der, den du liebst, den liebe auch ich. Willst du
aber nicht noch einen andern Menschen, der viel besser ist als ich, in unsern
Bund aufnehmen? Es ist mein Bruder Siegbert, lter als ich, edler, tchtiger,
schwrmerischer, ganz deiner Liebe werth, und wenn er einmal die Grfin oder
dich selbst malt, wirst du sein Talent schtzen lernen.
    Dein Bruder! Seid mir Beide willkommen! rief Egon. Oder denkst du wieder:
Wenn es Helene erlaubt? Welch' ein Wort war Das? Menschen, spottet meiner nicht,
sondern habt Mitleid, da uns die schwachen Augenblicke in solche Bahnen fhren!
    Paradiesesbahnen! ergnzte Dankmar. Ich sah sie flchtig und war bezaubert
...
    Sie ist schn! lauteten Egon's langsam und nachdenklich besttigenden,
empfundenen, aber doch kargen Worte.
    Schnheit, wenn sie dauernd zu fesseln im Stande ist, kann nicht ohne Herz
sein; sagte Dankmar und erwartete eine Antwort.
    Egon schwieg aber. Er umarmte noch einmal den Freund, begleitete ihn mit den
Worten: Habt mich lieb! Ich bedarf es! an die Thr und rief ihm, als Dankmar
schon ging, noch nach:
    Um vier nach Solitde mit dem Bruder!
    Dankmar nickte. Als er auf der Strae im Freien war und den Weg zur Frstin
Wsmskoi einschlug, wo sein Bruder seit einiger Zeit fast tglich zu Mittag
speiste, sammelte er alle die Eindrcke, die ihn da in so rascher
Aufeinanderfolge bestrmt hatten.
    Von seiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden knnen und noch nicht
mgen.
    Er war es also! sagte er sich. Es ist der Freund aus dem Thurme von Plessen,
der dich seinen Posa, sich meinen Carlos nannte! Es ist der Egon, um den du mit
Melanie Versteck spieltest und dich selbst auf's Spiel setztest! Es ist Egon von
Hohenberg, der Frst, der Flchtling oder Schwrmer, der Aristokrat in seiner
modernsten Fassung! Umwoben von Poesie, auf die Hhe der Zeit sich stellend,
fhlend mit dem Volke, fr das Volk und doch ... Aristokrat?
    Dankmar gestand sich, da Egon einer der liebenswrdigsten Menschen war, die
er je gesehen hatte, und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinnerung an
den Thurm von Plessen gedrungen. Er suchte nach einer Formel, die diesen
Charakter bezeichnen sollte und fand sie nicht. Schon da er dem weiteren
Nachforschen entsagen und um Frieden zu gewinnen sich ganz an jenen Ackermann
und die Vorstellung, wie wohl Selma in weiblicher Verklrung vor ihm stehen
wrde, verlieren konnte, schien ihm, als er so zu den Wsmskoi's hinwanderte,
ein ernstes mahnendes Zeichen ...
    Egon aber, auch in sich etwas erkltet, erbittert durch die Enttuschung
ber das Bild und da er um ein Phantom so prasselnd wie ein Strohfeuer mit
seiner Phantasie hatte vor fremden Menschen auflodern, ja um dieses Nichts, um
diese Qual mit der bigotten Lebensauffassung seiner Mutter, Alles, Ehre und
Leben, hatte auf's Spiel setzen knnen, Egon, jetzt glhend nur durchlodert von
Helenen d'Azimont, jetzt nur erfllt von der ganzen auf das Herz strmenden
Macht mnnlicher Sehnsucht, warf, dem Leben und seiner Vergangenheit
wiedergegeben, alle Fragen, alle Skrupel, alle lstigen Empfindungen von sich
und schrieb auf das schon angefangene Blttchen:
    Weit du einen Platz, Helene, wo der ermdete Flchtling sein Haupt an ein
warmes Herz legen kann, o so nenn' ihn mir! Soll ich mit schwankendem Tritt dich
selbst aufsuchen, so erwarte mich heute noch nicht, ich bedarf fremder Hnde,
die mich fhren. Willst du aber selber kommen, so wirst du das wehmthige, vom
Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden, wirst Liebe finden, wenn die
Menschen lieben knnen, die zum Strome sagen: Fhre mich wohin du willst, ob zum
Tode, ob zum Leben, nur fhre mich zur Ruhe! Dein Egon!
    Diesen Brief sollte der Bediente, der mit seiner Besorgung beauftragt wurde,
erst gegen vier Uhr abgeben, wenn der Wagen vorrollte, der Egon und die Freunde
nach dem Lustschlosse des Knigs, Solitde, fahren sollte.
    Bis dahin bedurfte Egon ernstlich der endlichen Erholung von den Eindrcken,
die fr seinen Zustand schon zu lebhaft auf ihn eingestrmt waren.
    Er sank todtmatt auf sein Lager in dem noch dunkeln mit Teppichen belegten
Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen, ihn durch irgend etwas
bis um drei Uhr zu wecken.

                               Siebentes Capitel



                                 Ein Stillleben

In dem Hinterhofe des Hauses Wallstrae No. 14 begegnet Dem, der sich daselbst
nur eine Weile umsieht, sogleich der freundliche, saubere Sinn des kleinen
Mittelstandes.
    Den vordern Hof konnte man herrschaftlich nennen .... Da gab es schmuzige
Wasserrinnen, lang an den Wnden herabtriefend, einen Pferdestall, ein ewig
feuchtes Pflaster. Durch ein Zwischenhuschen, in welchem der alte Tischler
Mrtens seine gerumige und immer von vier bis fnf Gesellen in Thtigkeit
erhaltene Werkstatt hatte, kam man, wenn man einen groen mit Latten und Bretern
berfllten Thorweg durchschritt, in einen kleinern Hof, dessen Nebengebude
zwar nur in Holzfachwerk, feuergefhrlich genug, aufgefhrt dastanden, die aber
gar freundlich angestrichen und mit blumenbesetzten Fenstern geziert waren. Das
Viereck dieses Raumes war zu klein, um viel Licht aufzufangen. Dafr rckte
Jedes, was hier von armen, meist arbeitenden Leuten wohnte, mit seinem ganzen
Leben dicht an's Fenster und hob die wohnliche Traulichkeit dieses
kleinbrgerlichen Hinterhofes zu einem Hause, das nach vornehin sehr stattlich
und eben herrschaftlich aussah.
    Sowie man aus dem groen, lehmgedielten Thorwege trat, ging gleich links, an
der Tischlerwerkstatt, eine Stiege in die Hhe und fhrte in die Wohnung des
alten Christian Mrtens. Erst kam ein Breterverschlag fr die Kche, die
eigentlich nur ein eingezunter Kamin war, dann eine sehr gerumige Stube, wo
die alten Tischlersleute wohnten und dann erst eine groe Kammer, in der
Frnzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel sa.
    Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche
Aussicht, sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen, war
glcklicherweise nicht in Erfllung gegangen. Jeannette war bei dem verwundeten
Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Brutigams
im Schlurck'schen Hause gewaltsam festgesetzt. Sie kannte die Nachgiebigkeit der
ltern, die sie gern duldeten. Nur Melanie konnte sich vorlufig noch nicht
entschlieen, sie wieder in ihre Nhe zu lassen.
    Frnzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als
sonst. Melanie, bei der sie wchentlich oft vier Tage hatte arbeiten mssen,
lie sie nicht mehr so oft kommen wie sonst. Seitdem man sagte, Frulein
Schlurck wre mit dem Stallmeister Lasally verlobt, schien sie weniger die
Gesellschaften zu besuchen und schrnkte sich auf die Toilette ein, die sie
schon besa. So blieben dem jungen, berall gern gesehenen, bescheidenen Kinde
nur noch einige wenige Herrschaften, die sie mit ihrer Eitelkeit ernhrten aber
auch plagten und wie gewhnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten. Am meisten
war sie daheim und arbeitete still fr sich an den ihr gegebenen Auftrgen.
    Friede und Stille umgab sie. Die Thr des Nebenzimmers war fast immer
geffnet; die alte Frau Tischlermeisterin wirthschaftete in der Kche oder las
geistliche Bcher, die Zeitungen, Pfennigmagazine, oder was sonst von
Colporteuren wohlfeil in diese kleinen Htten bescheidener Lebensansprche
getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte. Der
alte Meister arbeitete noch rstig in der Werksttte. In ihrem Kmmerchen hatte
Frnzchen gern das Fenster auf und sa anmuthig wie ein Blumengeist mit ihrem
zarten, feinen Kpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack, der in Tpfen um
sie her stand. In einem kleinen erdgefllten Kasten wurde sogar Kresse gezogen,
die sich jetzt im Sptsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters
hinaufrankte. Ein Kanarienvogel, leider nur in einem hlzernen Bauer,
(Frnzchen's Wunsch ging fr ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen
drahtgeflochtenen!) hing fast ber ihr, wenn sie gedankenvoll, halb vegetirend
sa und nhte. Manches Hanfkorn fiel von dem hpfenden Bibi auf die zarten
Wollbestze und Puffen und Volants, die sie nhte. Vor ihr stand ein
Nhtischchen, das ihr der alte Mrtens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal
auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon ber vier Jahre
fleiig gezahlten Miethe und ihres sittlichen lobenswrdigen Verhaltens. Da
waren in der aufgezogenen Schublade Kstchen an Kstchen und soviel bunte Seide,
soviel weier, feiner Twist lag vorrthig, da sie mit Ruhe jeder neuen
Bestellung entgegensehen konnte, ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin
bestand, da sie fr Dienstmdchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Hubchen
zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen bernahm. Auch einiger Vorrath
bunter seidner Bnder lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen. Im
Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite, auf der
andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen,
der fr eine Kammer ein groer Reichthum, fast eine berraschung war, stand noch
ein Waschtisch, geschmckt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer
Schnheit, die eigentlich das frische, klare Quellwasser nur als seinen
schnsten kosmetischen Beistand nthig hatte. Aber ein junges Mdchen ist nicht
so einfach, da es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen, eines guten
Zahnpulvers und einiger Hlfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte.
    Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist, wenn auch keine Gener'sche, doch
eine Idylle. Unten hrte man das Sgen und Hobeln aus der Werkstatt. Gegenber
klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret; ein armer Flickschneider, der mit
kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Trke auf hohem Tisch vor einem offenen
Fenster sa, sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach,
whrend er seine Fden wichste, zu andern Fenstern hinber oder in die
Tischlerwerkstatt hinunter. Eine Katze, die einmal irgendwo an einem Fenstersims
oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststck versuchte, war ein Ereigni
fr den ganzen Hof. Man lachte, lockte, pfiff dem Thier und bentzte die
Unterbrechung, um die Kpfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein
Zusammenleben manchmal harmonischer zu fhlen. Zuweilen kamen auch Verkufer von
der lauten, wagenrasselnden Strae herein und schrien Besen, Sand, Lebensmittel
aus, die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten. Frnzchen konnte da von
einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen. Oft
erschrak sie, wenn die Verkufer geradezu nur die Hlfte ihres Vorschlags
geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein, wenn die Waare auch
wirklich dafr gelassen wurde, noch trauriger, wenn der Verkufer abzog und beim
besten Willen fr so wenige Pfennige seine Waare nicht lassen konnte.
Spielleute, die auch hereinzogen, fanden zwar viel Anerkennung und lachenden
Dank, aber selten Geld. Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein
geistliches Lied und wurde von den Bedienten, die aus den Hinterfenstern neben
den Seifenwassergossen lungerten, ausgespttelt, so durfte sie nur getrost in
den Hinterhof gehen. Ein: Wer nur den lieben Gott lt walten! ffnete hier alle
Fenster der Armen und Jeder gab der Sngerin, was er noch glaubte entbehren zu
knnen.
    Eine solche Sngerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse
des Liedes: Befiehl du deine Wege! Frnzchen's ohnehin thrnenvolles Gemth
gerhrt ... Es gibt einen Zustand der Seele, wo schon jede leiseste Berhrung
einer wunden Stelle ein berflieen zur Folge hat, wie bei einem bervollen
Gefe ... Frnzchen hatte der Sngerin einige Pfennige gegeben. Sie untersuchte
nicht, wie mechanisch und gelufig schon jener Bettlerin dieser religise Gesang
sein mochte, sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur
Lsung ihrer eigenen gepreten Stimmung. Wie einige groe, schwere Thrnen auf
ein Hubchen fielen, das sie der Frau Meisterin richtete fr den nchsten
Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel - Frau Mrtens liebte erhabene Anregung -
zog sie die Schublade ihres Nhtischchens noch weiter heraus, hob einen
gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor, die sie neben sich
hinlegte. Das eine enthielt, von Siegbert auch in deutschen Lettern
niedergeschrieben, seine bersetzung des franzsischen Gedichtes von Louis
Armand, das andere ein zweites Gedicht, das ihr Heinrich Sandrart, der junge
Sergeant, verehrt hatte.
    Das franzsische Gedicht hatte sie Anfangs, als eine Huldigung des Mannes,
den sie mit so hoher Verehrung liebte, berrascht, dann aber bei mehrmaligem
Lesen war es ihr befremdlich geworden. Sie hatte wochenlang nichts mehr von
Louis vernommen, die vielen Bestellungen, die fr seine Bilderrahmen und
Spiegelformen einliefen, wurden vorn von dem verschlossenen Comptoir hierher an
den Tischler Mrtens verwiesen und auf eine groe Schiefertafel fr die Zeit
verzeichnet, wo endlich zu hoffen stand, da Louis Armand aus dem stolzen
Palaste seines hohen Gnners zurckkehren wrde. Wie wuchs da des armen Mdchens
Verlangen, doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden, sanften und so zarten
jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmig, da ihr sein
Gedicht so wenig verstndlich war! Da waren Wendungen, so schrill, so
schneidend, da es ein unschuldiges deutsches Mdchen kalt berlaufen mute und
doch entzckte sie wieder das stolze: Nur weine nicht, mit dem jeder Vers
trotz seines schlimmen und fast hhnischen Inhaltes schlo ...
    Heinrich Sandrart dagegen, der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet
hatte wie mit einer wahren Toggenburg-Treue, der junge Sergeant hatte in seinen
Versen sogleich das Beste, das Hchste, das Schmeichelhafteste von ihr gesagt.
Er redete sie mit so glnzenden, so wohlthuenden Bezeichnungen an, nannte sie
seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne, sprach vom lichten Schimmer ihrer
Augen, dem Kelch, aus dem er Liebe wollte saugen, und sah die Jugend und die
Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unbertrefflich in
seiner Art. Das Alles klang, besonders von Frau Mrtens schmelzend vorgetragen,
gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das Einzige, was fr Heinrich
Sandrart bei ihr sprach. Wie oft hatte sie ihn gebeten, ihr nicht mehr des
Abends da, wo sie gearbeitet hatte, aufzupassen und sie nach Hause zu begleiten!
Wie zrnte sie ihm, da er offen und frei mit den alten Mrtens sprach, seine
edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr fr sich
gewann, als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes gengend
ausweisen konnte! Wie litt sie unter den Vorwrfen der Frau Tischlermeisterin,
die ihr wegen ihrer Sprdigkeit gegen den hbschen jungen Sergeanten in
gewhlter Sprache gemacht wurden! Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit, nie
ohne ein kleines Geschenk. Einen Blumenstrau, eine kleine Nscherei, ein
Bildchen fhrte er fast immer bei sich, wenn er sich sehen lie. Aus den
Rockschen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und
hielt sich Abends und Morgens, wo er nur Zeit fand, stundenlang, wenn nicht an
Frnzchen's Seite selbst, doch bei den alten Mrtens auf, die gern mit ihm
plauderten, weil er gemthlich und noch ber das Pfennigmagazin hinaus
unterrichtet war. Frnzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn.
Gerade, weil sie ihn nicht lieben konnte, war sie einfach und duldsam gegen
seine Besuche und fand nichts darin, da er ihr oft, whrend sie arbeitete,
einen Ku von der Hand stahl, die im Nhen sich nicht verstecken konnte. Sie
trug gern kurze rmel in der guten Jahreszeit, mute nun aber ihr bestes,
schnes, blaues Kleid tragen, nur um durch lange rmel zu verhindern, da
Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weien runden Arme blickte, gierig
sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie
sich's versah in die weichen Formen einen brennenden Ku drckte. Ihn mit Gewalt
von sich zu weisen, hatte sie den Muth nicht. Wer gab ihr ein Recht, an Louis
Armand wie an eine Hoffnung zu denken! Hatte er sie nicht in diesen letzten
Wochen ganz vernachlssigt? War ihr mehr von ihm noch geblieben, als da sie
manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel fr seine kunstvollen
Arbeiten Bestellungen schreiben konnte, die nach seinen Thonformen schon einige
Gesellen des alten Mrtens auszufhren versuchten? Dann kam es wol, da sie denn
doch immer und immer Louis' Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrich's verglich
und trotz der schnen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben
und schroffen Worten einen Gefallen fand, ber das sie sich keine andere
Rechenschaft geben konnte, als da unglckliche Liebe doch wol auch herb und
bitter mache.
    Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und
hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen.
Da wurden im Bunde mit Madame Mrtens Heinrich's Glcksumstnde gepriesen und
als sie immer darauf bestand, sie wollte noch nicht heirathen, hie es, so
mchte sie in das Forsthaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die
Wirthschaft fhren. Die Ursula strube sich zwar dagegen, aber der Onkel, dem
das Heirathen so vergllt worden, msse eine Sttze fr sein Alter haben.
Heinrich wrde dann seinen Ernst beweisen knnen. Nhme er seinen Abschied, kme
er nach dem Ullagrunde, der nur zwei Stunden vom Forsthause lge und halte er
dann noch um die Franziska an, so wrde sich das brige finden. Dann wollte er
schon, wenn entweder auch noch die Ursula Marzahn um ihn herumspuke oder schon
jenseits wirthschafte, sich allein zurechtfinden, wisse er doch, im Ullagrunde
bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar, das ihn lieb htte und wo er
fter verweilen wrde als auf dem Gelben Hirsch, ginge auch der Weg nach dem
Ullagrunde ber einen Ort vorbei, den er gern miede, ber das Kreuz am Strudel
und die Sgemhle.
    Frnzchen hatte, selbst wenn ihr nicht Louis Armand im Sinne gelegen wre,
ein Grauen vor dem Forsthause. Sie war in ihrer Kindheit, als ihre ltern, die
sie mit den Wandstabler's verwandt machten, gestorben waren, einige Wochen beim
Onkel Heunisch, bei ihrem Vaterbruder, gewesen (ihre Mutter war eine Schwester
des Wachtmeisters und Haushofmeisters Wandstabler); allein die Ursula Marzahn
hatte diesen Besuch offenbar mit scheelem Auge angesehen und hinter zuthunliche
Freundlichkeiten manche schlimme Absicht versteckt. Wie oft hatte sie nicht das
kleine Mdchen an einen mit schnen gelben Blumen berwucherten Sumpf gefhrt
und ihr gesagt: Hol' einmal ein Bschel Blumen, Frnzchen, ich wei ein
Kunststck und sage dir, wer dein Mann wird!
    War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die Knie gesunken, so lachte
sie und wollte sie nicht wieder herausziehen. Weinte sie dann ber ihre
beschmuzten Strmpfe, so bot ihr die Alte zwar groe Brotschnitte mit
Zwetschenmu und ganz feinem weien Zucker aus ihrem Geheimschranke darauf, aber
einmal, da sie davon gegessen hatte, war sie so elend krank geworden, da sie
die Schnitte mit dem Zwetschenmu und dem weien Zucker aus ihrem Geheimschranke
nicht wieder nehmen wollte. Heunisch, der sich berzeugte, da das Kind in
seinem Walde nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch
rstigen Ursula leiden wrde, nahm sie damals fort und gab sie in die Stadt zu
den Wandstabler's, die es freilich so arg mit dem jetzt herangewachsenen Mdchen
vorhatten, da es eines Tages aus dem Pavillon, wo der alte Frst badete, mit
Schaudern entfloh und sich bei den Tischlermeisters Mrtens, die ihre ltern
gekannt hatten, einmiethete, um hinfort von ihrer Hnde Arbeit zu leben.
Heunisch sagte nun zwar, die Ursula wre alt und zahm und ganz kindisch, aber es
graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forsthaus zurckzukehren, und als der
Onkel gar hren mute: In deinem Walde, Onkel, sterb' ich! da brach er lieber
vorlufig von seinen Vorstellungen ab und beschlo betrbten Herzens und
unverrichteter Sache, aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach Hause wieder
heimzukehren.
    Den Hochmuthsteufel, sagte er sich zum Trost, hab' ich ihr doch vertrieben!
Dies Zeugni, das er sich als Belohnung fr seine Reise geben zu drfen glaubte,
bezog sich auf den Fortunaball, ber den sich Frnzchen, ihrer Freundin Louise
Eisold wegen, nicht vllig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr
nthig hatte, da Heinrich Sandrart sie eben dort kennen lernte. Noch mehr
Hochmuthsteufel lag Heunischen in einem Luxus, der in seinen Augen sehr
berflssig war, in der Erlernung der franzsischen Sprache. Am Tage nach dem
Fortunaball nmlich, wo sie im Gewhl, das nach der gewaltthtigen Scene im
Garten entstand, mit Heinrich Sandrart wieder zusammengerieth und endlich nach
vier Uhr erst, als Louise den Nachtwandler auffing, mit dieser in einem Wagen
nach Hause entkam, den Sandrart bezahlte, war jener Franzose, dessen grne
Brille, groer Schnurrbart, lstiger Husten, auf dem Fortunaballe allgemein
aufgefallen war, in ihre Wohnung gekommen und hatte sich als einen Professor
Monsieur Sylvester zu erkennen gegeben. Dieser alte Geck war anfangs von einer
so auffallenden Zudringlichkeit, da das junge Mdchen ihm verbot, sich wieder
bei ihr sehen zu lassen und Madame Mrtens untersttzte diese Weisung ihrerseits
mit feinstylisirten Drohungen, die er in seinem gebrochenen Deutsch vergebens zu
beschwichtigen suchte. Monsieur Sylvester war bejahrt, verbarg diese Thatsache
aber durch Perrcke und mancherlei nur in der Nhe sichtbare Toilettenknste. Er
hatte eine sehr glatte, aber fast leblose Haut. Wenn er mit den scharfen grauen
Augen blinzelte, sah man an den Schlfen hundert Falten, die sich bis an die
Augenwinkel zogen. Die hervorstehenden Zhne waren offenbar nicht cht. Seine
feine Kleidung verrieth den Mann von Welt und an einschmeichelnden, gewandten
Manieren fehlte es ihm sowenig, da er es wiederholt wagte, sich bei dem jungen
hbschen Mdchen, das inzwischen schon von Heinrich Sandrart die ersten
Huldigungen empfing, dennoch einzufhren. Er gab vor, eine Bestellung fr den
Vergolder Louis Armand zu haben und lie genau von Franziska, die vor ihm
zitterte wie vor einem giftigen Basilisken, seine Adresse aufschreiben: Monsieur
Sylvester, Knigsstrae Nr. 13 im dritten Stock. Er behauptete, bei Armand
Auftrge fr eine groe Herrschaft zu haben. Franziska mochte ihn nicht ansehen,
wandte ihm selbst den Rcken, aber sie wurde roth, als Herr Sylvester anfing von
Louis Armand zu sprechen und einen langen forschenden Blick auf sie richtete. Ja
als er sogar von Armand's uerm, seinen Verdiensten und Vorzgen sprach, sogar
behauptete, ihn von Ansehen zu kennen und Frnzchens Verlegenheit wuchs, htte
sie im Spiegel bemerken knnen, da er eine eigenthmlich berraschte pfiffige
Miene machte. Als er gegangen war, fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten
Mann doch so bel nicht. Frnzchen aber ri das Fenster auf und meinte, er htte
eine Atmosphre hinterlassen, da sie frische Luft schpfen msse. Dennoch
setzte sie sich an ihren Nhtisch und dachte dem Lobe nach, das Herr Sylvester
seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte. Der widerliche Mann erschien ihr
bei lngerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends, als der
Zufall wollte, da Sylvester ihr, wie sie gerade von der Arbeit kam, wieder in
den Weg trat, war er so artig, so manierlich, so zuvorkommend, da sie zwar
Anfangs im Gehen nicht inne hielt, nicht unter ihrem zierlichen Strohhtchen,
dem ein blaues Band sehr gefllig stand, aufblickte, aber doch zuhrte, was er,
wenn ihn der asthmatische Husten nicht plagte, so neben ihr, in seinem
gebrochenen Deutsch, hinplauderte. Er erwhnte wieder die groen Talente des
jungen Armand, sprach von vielen unverfnglichen Dingen und empfahl sich an der
Thr ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich, da sie ihm
wenigstens das eine wenn auch kalte Wort: Ich wnsch' Ihnen einen guten Abend
gnnte. Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen ... Oben in ihrem Stbchen fand sie
damals einen Brief von Louis. Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie, seiner
zu gedenken, so lange ihn ernste Pflichten fern hielten ... Derselbe junge
Mann, sagte er in dem Briefe, der schon einmal so freundlich war, an den guten
Herrn Mrtens einen Auftrag auszurichten, hat mir das beifolgende Gedicht
bersetzt, das ich Ihnen widme, meine liebe Franziska! Mge es Ihnen den Trost
in Ihrer Einsamkeit gewhren, da wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen
Bund geschlossen haben, indem wir fr unsere Empfindungen einen gemeinsamen
Cultus hegen. Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glcklich, sie hassen
sich. Wir Armen knnen uns lieben.
    Das letzte Wort in diesem Briefe entzckte Frnzchen; aber Paria in der
Gesellschaft und Cultus? ... Das waren zwei Worte, die Franziska selbst mit
Hlfe mehrer Jahrgnge des Pfennigmagazins, der ganzen Belesenheit der
Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenbersitzenden Schneider
nicht entziffern konnte und ihr unverstndlich waren, wie das Gedicht selbst.
Sie empfand nun pltzlich das Bedrfni einer hheren Bildung. Wer sollte ihr
sagen, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist? In ihrer nchsten
Gedankenreihe fhlte sie, da es gewi ein groes Glck wre, wenn man
franzsisch gelernt htte und sonderbar! Von dem Augenblicke an bildete sich ihr
der Gedanke: Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen, ich mchte ihm
wol einmal wieder begegnen! Dies geschah zwei Tage spter. Herr Sylvester
begegnete ihr nicht nur, sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau
Mrtens an einem Sonntage, wo er vielleicht wute, da diese strengen
Sittenrichter in die Kirche gegangen waren. Heinrich Sandrart hatte Parade und
Frnzchen that dem Sergeanten nicht den Gefallen in die groe Allee zu gehen, wo
er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball
nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven, vor sich einen Flottwitz
und hinter sich einen Flottwitz, in dem Bataillon des Majors von Werdeck
marschirte ... Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um, ob unter den
Zuschauern nicht Frnzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde.
    Vergebens hrte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen: Was gaffen
Sie denn, Sandrart? ... Der Zorn trieb ihm das Blut in's Gesicht ... aber
Frnzchen war zu Hause, kmmerte sich nicht um die Parade, nicht um Heinrich
Sandrart's goldene Litzen, sie sa unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte
mit ihren weien Zhnen an den Hanfkrnchen, die der Verschwender ber ihr
niederfallen lie. Da trat Herr Sylvester ein, sehr elegant, sehr fein, wie ein
vornehmer Herr, der sicher heute noch bei einem Minister speiste. Herr Sylvester
sagte, er wollte sich erkundigen, wie es mit seiner Bestellung wre, der reiche
Herr drngte um die Einrahmung seiner Bilder, die groe Meisterwerke wren und
glnzende Ausstattung verdienten. Frnzchen bedauerte Louis' Abwesenheit,
erzhlte, da er sich der Pflege des kranken Frsten Egon widme, den er von
Paris kenne und zeigte sich so im Zuge, so angeregt ber Alles, was Louis
betraf, da Herr Sylvester Muth fate, sich umzusehen und sich sehr beherrschte,
nicht wieder in den lsternen Ton zu fallen, den er, hlich und widerlich
genug, nach dem Fortunaball angestimmt hatte. Das Gesprch kam auf die
franzsische Sprache und Frnzchen erkundigte sich, was ein Paria der
Gesellschaft und der Cultus wre? Cultus, sagte Herr Sylvester und lchelte so
stark, da man an seinen eingesetzten Zhnen fast die feinen Drhte und das
knstliche Zahnfleisch sah, Cultus ist die Verehrung, die Liebe ist ein Cultus,
meine liebe Franziska, und die Parias sind eine unglckliche Kaste von Menschen
in Indien, die arm, elend, verstoen sind und bleiben, weil sie arm, elend,
verstoen geboren wurden und nichts lernen knnen. Sind Das einige Erinnerungen
aus den Gesprchen mit Louis Armand? Frnzchen errthete und die Folge der
weiteren Forschungen und Schmeicheleien des Herrn Sylvester war die, da sich
der feine Mann erbot, ihr franzsischen Unterricht zu geben. Als sie, halb
erschrocken, halb doch innerlichst erfreut, Anstand nahm und mit lchelndem
Scherz auf ihre leere Kasse deutete, wies Herr Sylvester jede Zumuthung an die
Voraussetzung eines materiellen Interesses zurck und drngte so lange und so
artig, so wirklich gefllig in Franziska, da es dieser vorkam, als wenn sich
die grne Brille des Fortunaballes niemals in so abschreckender Gestalt, fast
wie eine Schlange, ihr offenbart htte. Sie fand ihn leidlich und ging auf die
Vorschlge ein, bei ihm wchentlich drei Stunden zu nehmen. Sie sagte, sie
wollte ihm dafr nhen, was er wnschte; auch Namen zeichnen in Taschentcher
oder was er begehre, sie wollte sich ihm dankbar zeigen. Ich will Sie nur
gelehrig sehen! sagte Herr Sylvester und schlug vor, die Stunden bei ihm zu
nehmen. In der Knigsstrae Nr. 13? sagte sie, nein, Das geht nicht! Er
wiederholte vergelich: Knigsstrae? ... Sind Sie ausgezogen! fragte sie. Er
schien in Verlegenheit und antwortete: Ja wohl, ja wohl! Knigsstrae! Franziska
meinte nun, die Mhe, zu ihr zu kommen, msse er sich nicht verdrieen lassen,
sonst drfte sie den Unterricht nicht nehmen. Er versprach diese Bemhung,
frchtete aber, die Wirthsleute seines Zglings mchten Einsprache thun. Das
soll meine Sorge sein! sagte Frnzchen, und richtig, sie wute den alten Leuten,
als sie aus der Kirche kamen und von der Parade noch die Schlumusik gehrt
hatten, das Glck der Bildung und geistigen Vervollkommnung so klar und
besonders der Tischlermeisterin anschaulich zu machen, da die Stunden ihren
Anfang nahmen. Zwar hatte Frnzchen mit Herrn Sylvester viel auszustehen.
Anfangs wollte er durchaus die Verbindungsthr zwischen beiden Zimmern
geschlossen wissen, dann, als ihm Frnzchen dies abschlug, wurde er
nichtsdestoweniger oft hinter den schtzenden Blumen und der rankenden Kresse
wieder so unartig wie nach dem Fortunaball. Aber auf ein ernstes: Herr
Professor! sammelte er sich und Frnzchen lernte so geschwind ihre Vokabeln,
bte sich so fleiig in den Prparationen, da sie sichtbare Fortschritte
machte. Das dauerte vier Wochen, bis Onkel Heunisch kam. rgerlich ber die
Weigerung seiner Nichte, den jungen, hbschen und reichen Sandrart zu heirathen,
kam er gerade mit einem Besuche des Herrn Sylvester zusammen, ma diesen Mann
von oben bis unten und von unten bis oben, lie sich Dies und Jenes erzhlen,
hrte Heinrich's Klagen, da Frnz zu hoch hinaus wolle, und da sie mit diesem
Sprachmeister in's Gerede komme, und erklrte ihr, als die Stunde vorbei war,
da dies die letzte gewesen wre. Wie? sagte Frnzchen entrstet. Heunisch
antwortete ruhig: Er dulde diese Ausschweifungen nicht lnger! Sie wre armer
ltern Kind und msse ihr Brot von anderer Leute Gnade essen ... Punktum! Der
alte Kerl drfte hier nicht mehr ber die Schwelle kommen.
    Franziska war erst fast ergrimmt. Dann aber fgte sie sich und war zuletzt
mit diesem Entschlu umsomehr zufrieden, als sie doch von Louis Armand, dem all
ihr Mhen und Lernen galt, vergessen zu sein schien. Louis Armand lie nichts
mehr von sich hren. Herr Sylvester kam sehr unregelmig, blieb oft nur eine
Viertelstunde, und nur, wenn Niemand, auer Frnzchen, zu Hause war, konnte sie
ihn nicht wieder fort bringen. Er spottete so boshaft, er wute so viel
zweideutige Anekdoten, er blieb so wenig bei der Sache, da sie in der That das
nchste mal zwar mit einer gewissen Befangenheit, aber doch entschlossen
erwiderte, dem Onkel seinen Willen zu thun und ihm sagen zu wollen: Herr
Sylvester, ich fhle, da ich fr meine Verhltnisse zu viel Zeit auf eine
Sprache verwende, zu deren Benutzung mir mein knftiges Leben keine Gelegenheit
bieten wird!
    So sa Frnzchen an ihrem Fenster, las in der wehmthigen Stimmung, die das
Lied der armen Frau angeregt hatte, die beiden Gedichte wieder durch und nahm
das Einerlei ihrer Arbeit vor ...
    Der Flickschneider von drben machte manchmal einen Scherz mit ihr.
    Bon jour, Mamselle! rief er nach einiger Zeit. Parlez vous franais?
    Dabei lachte er, ohne es jedoch so bs mit seinem Spotte zu meinen, wie ihn
die alte Mrtens, die nebenan eben die Zeitung laut buchstabirte, nahm und sich
unterbrach mit den Worten:
    Portugal ... Dem Heiland sei Dank, da die Menschen bald nicht mehr solche
schndliche Reden hinter uns ehrlichen Leuten werden sagen knnen! ... Schon
wieder ein Erdbeben gewesen ... Ich begreife nicht, wie Eins dies so lange hat
dulden knnen! ... Fnf Huser sind eingefallen.
    Whrend Frnzchen diese harten von einem portugiesischen Erdbeben
unterbrochenen Worte berdachte, verflo wol eine Viertelstunde und wieder rief
der Flickschneider - nach einer Viertelstunde - ber den Hof:
    Habe ja die Flduse so lange nicht gehrt. Guter Mond du gehst so stille ...
das ist mein Leibstck, Mamsell!
    Frau Mrtens mute wol nebenan durch's Fenster ihm eine Miene des
traurigsten Achselzuckens machen; denn ganz laut hrte Frnzchen den Seufzer,
der mehr jene Gebehrde begleitete, als den Vorfall, da in Mexiko eine
Bergwerksgrube eingestrzt war und dreizehn Indianer verschttet hatte.
    Die Flte aber blies Heinrich Sandrart, wenn der junge Soldat von Frnzchen
nicht beachtet wurde und wol eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein
Wrtlein von ihr vernommen hatte. Dann ging er traurig nebenan und langte sich
eine Flte her, die er bei der Frau Mrtens auf der Commode unter den darauf
prangenden, groen bunten und vergoldeten Jahrmarkts-Deckelglsern und einigen
lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still fr sich, aber zur
Freude des ganzen Hinterhofes, einfache Volksmelodieen, wie er sie gerade
auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten seines reichen Vaters hatte
singen und jodeln hren.
    Die drckende Schwere des Herzens, die Frnzchen durch die halb politischen,
halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr bengstigte,
lste ein Besuch, der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf strmte.
Man hrte das Kchengatter drauen heftig ffnen und noch heftiger zufallen.
    Ist Frnzchen zu Hause? rief eine weibliche Stimme im Eintreten und schon
war der Besuch durch die grere Stube hindurch in Frnzchens Kammer getreten.
    Es war Louise Eisold.

                                 Achtes Capitel



                                 Volksahnungen

Die Trauerkleidung, in der Louise Eisold ber die Strae ging, konnte der durch
diesen Besuch angenehm berraschten Franziska nicht auffallen.
    War doch in der Nacht, als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten,
zur tiefsten Betrbni und zu einem ewig nagenden Vorwurfe fr Louisen der alte
Urgrovater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert!
    Einmal nur hatte Franziska Louisen seither gesehen. Zwei Tage nach dem Ball
kam sie wegen der Kleider, ber deren Benutzung Mademoiselle Florentine, die
Putzmacherin, furchtbaren Lrm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte.
Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur ber den Tod des Alten,
der so einsam, so verlassen, so lieblos hatte dahingehen mssen! Die Kinder
hatten alle geschlafen, so wie sie sie verlassen hatte, das Jngste hatte sich
nicht geregt, die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren, sie war leise und still
mit der Morgendmmerung in ihr Zimmer zurckgekehrt, selbst Karl, der frh auf
die Arbeit mute, schlief noch gegen fnf Uhr. Nur ein Blick auf den Alten
zeigte ihr, da Das kein lebendiger Schlaf mehr war, der so den Krper streckt,
so die Zge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten lt! ...
Sie fhlt auf die Stirn, sie fhlt den Puls, sie betastet die Hnde, die Fe,
der alte Mann war entschlummert, vielleicht von einem Lungenschlag getroffen.
Mit einem Schrei, der ihrem ohnehin bebenden und gepreten Herzen Luft machte,
weckte sie alle Geschwister. Diese fuhren empor. Grovater ist todt! Alle Kinder
schrien und weinten. Nur Louise konnte vor innerm Schauder nicht zu Thrnen
kommen. Sie verurtheilte sich selbst. Sie sah den Alten sich nach ihr noch
einmal umblicken, sie hrte ihn rufen, sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken,
da er noch einmal aufgestanden war. Sie tuschte sich wol, aber ihre Phantasie
malte ihr, da er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte, aber sie fehlte,
Sie, die die Hterin, der Schutzengel dieser Rume sein sollte! Erst als die
Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren
Kummer nicht ausfragen konnten, machte sie ihrem Herzen durch Thrnen Luft ...
Und dann die Sorge des Begrbnisses! Glcklicherweise gehrte der Greis zu einer
sogenannten Todtenbrderschaft, bei der man sich durch Jahresbeitrge ein
anstndiges Begrbni sichert. Einige schwarzgekleidete Mnner nahmen ihr die
Sorge der Beerdigung ab. Mit den schwarzen Kleidern angethan, die sie erst vor
kurzem nach beendigter Trauer um die ltern abgelegt hatte, folgte sie dem Sarge
mit ihren Geschwistern. Jedermann erstaunte, wie sie vor der aufgeschtteten
Erde so trostlos weinen konnte. Man glaubte doch, da ihr eine Last vom
Schicksal abgenommen war. Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf, ihre
bittere Reue ... die Vizewirthin Mullrich ausgenommen, die recht hmisch den
Kopf schttelte, als der Sarg durch die schmale Thr auf den vor ihrem
Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde. Ihr Mann, der gerade von der
Unternehmung bei der Schievelbein heimkam, hatte wohl gesehen, da Louise Eisold
damals an der untern Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg, in dem noch ein
andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat saen ...
    Louise, die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstnde nicht liebte,
machte ohne Weiteres die Kammerthr zu, umarmte Frnzchen, nahm sich einen Stuhl
und setzte, erschpft von ihrem raschen Gange, zu ihrer Freundin sich nieder.
    Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen, sagte sie, und bin froh, dich
zu Hause zu finden. Du wirst nicht gewut haben, wo ich so lange geblieben bin.
    Auch ich hatte viel zu thun, sagte Franziska.
    La dich nicht stren! Arbeite fort! Was wird Das?
    Ein Hubchen fr eine Nachbarin.
    Wie hbsch die Spitzen! Kind, ich komme von Florentinen.
    Ach!
    Ich denke, die Gefahr ist vorber. Ich hab' ihr zum letzten male meine
Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden.
    Gott sei Dank!
    Ich sagte ihr: Wenn wir nicht so ehrlich wren, htte sie's nie zu erfahren
brauchen, da wir mit diesen Kleidern auf dem Fortunaball waren.
    Wir hatten sie so gut erhalten!
    Aber betrgen wollten wir sie nicht. Die fnfzehn Thaler, die sie mir seit
Jahren schuldet und die ich doch nie wieder bekomme, wrden den Flitterstaat
vollkommen bezahlen, allein was sollen wir damit? Ich gehe sobald auf keinen
Ball wieder ... Und du?
    Erinnere mich nicht -!
    Genug, sie nimmt die Kleider wieder, ja kaum hatt' ich sie hingeschickt, so
hngen sie schon prchtig wie das Allerneueste in ihrem Magazin und zwei
vornehme Damen sah ich, die sie sehr bewunderten, sich Blumen als Besatz
bestellten und die berwrfe zu frmlichen Kapuzen umnhen lassen. Ich sah dem
Handel ruhig zu und schttelte fr mich den Kopf, welch' ein Ausbund die
Florentine ist! Du httest sie reden hren sollen! Das Neuste, das Schnste, Sie
werden reizend aussehen, meine Gndige, wie ein Engel, ach, wie ein Engel ...!
Wie die Damen fort waren, lachte sie und machte hinter ihnen eine lange Nase.
Auf meiner Rechnung strich sie doch fnf Thaler als bezahlt aus!
    Fnf Thaler!
    Sie verkaufte beide Toiletten fr dreiig Thaler.
    Und doch fnf Thaler fr dich? Das heit zwei ein halb fr dich und zwei und
ein halb ...
    Wo denkst du hin!
    Ich kann es Louise! Mein Onkel der Frster ist hier, er hat mir einen
Louisdor geschenkt. Das sind noch ber fnf Thaler.
    Meine Rechnung bekm' ich von der Florentine doch nie bezahlt. La! La!
La!
    Um so mehr! Sieh, da ist das schne Goldstck!
    Frnzchen zog ihr Nhkstchen auf, wo neben den beiden Gedichten ihr
bescheidenes Geldbeutelchen lag.
    Louise wollte aber nichts nehmen ...
    Louise, begann Frnzchen, was war Das nur in jener Schreckensnacht? Die
Lichter erlschten, der Tag schien in den Saal, mich hatte der Sergeant am Arm,
du hieltest den Unglcklichen, der dich den ganzen Abend allein beschftigte und
den Alle einen Nachtwandler nannten ... der Vorfall mit der Auguste Ludmer, wie
das geputzte Mdchen heien soll, die Polizei, der Mann mit der schwarzen Binde
... ach, ich kann dir nicht sagen, wie mir Das noch heute Alles im Kopf wirbelt
und summt! Vorher der Lrm im Garten, das Geschrei, das Jammern, die drei
schwarzen, beruten Menschen, die mit eisernen Stangen am Zaune lagen, der
Groe, mit den hohen Schultern, - einen solchen Buckligen hab' ich mein Lebtag
nicht gesehen ... wre Der ausgewachsen, das htte einen Riesen gegeben ... ein
Glck, da der liebe Gott auf Den die Hand legte und ihm sagte: Duck' dich!
Nein, Louise, es ist mir ber diese Nacht noch heute so wst im Kopf, da ich
ordentlich den Verstand verliere, wenn ich zu lange daran denke.
    Liebes Kind, manchmal hab' ich ihn schon verloren und rede wahnwitzig ...
    Louise! Was sprichst du?
    Mein Elend ist grenzenlos; sagte Louise. Und nicht weinen drfen! Warum
nicht weinen? Die Stickereien knnten leiden, wenn sie feucht werden. Ha, ha,
Frnzchen, Das ist eine schne Welt!
    Spotte nicht, Louise! Glaubst du nicht an Gott und eine Bestimmung?
    Louise blickte dster und grbelnd vor sich hin. Sie faltete ihre Hnde mit
den schwarzen Handschuhen und legte sie gedankenvoll in den Schoo. Die beiden
Locken, die sie hinterm Ohr trug, glitten herab ber die Brust, die sich mit
schwerem Seufzer hob. Die edle Stirn, die feine Nase, die Lippen konnten fr ein
Marmorbild gelten. So steinern und starr war ihr Ausdruck. Dann wie von innerer
Glut erhitzt, sprang sie auf, ri den mit schwarzem Bande besetzten Strohhut vom
Kopfe, eine schwarze seidene Echarpe von den Schultern, warf Beides auf das
Bett, gleichgltig, ob die Gegenstnde so oder so fielen und sttzte das bleiche
Haupt mit dem Arm auf die Lehne des Stuhles, in den sie sich niederwarf.
    Louise! sagte Frnzchen mit Vorwurf ber diese Heftigkeit, legte ihre Arbeit
auf den Tisch, glttete die Echarpe aus und legte sie sauber aufs Bett und
daneben den Hut, den sie gerade bog und seine Bnder durch die Finger gleiten
lie ...
    Manchmal, begann Louise nach einer Weile, manchmal bringen mein Wilhelm und
Karoline von den Zeitungen, die sie nicht haben verkaufen knnen, einige Bltter
mit und ich lese darin, bis sie Morgens wieder in die Druckerei mssen
abgeliefert werden. Gestern Abend, Alle schliefen, da schrieb ich mir doch eine
Stelle auf, die in einem Winkel der groen neuen Zeitung: Das Jahrhundert
stand. Das verschlossene Jenseits, hie es da, entriegelt der Tod Derer, die
uns schon vorangingen. Strahlender ffnen sich die dunkeln Pforten der Zukunft,
wenn uns die abgeschiedenen Geister unserer Lieben winken und heimlich und leise
wie im Abendwinde rufen: Ach folge doch nach! Der Name des Mannes, der unter
diesen Worten stand, wird mir ewig theuer bleiben, Guido Stromer!
    Damit wiederholte sie noch einmal jene kurze Sentenz, in der wir einen der
ersten schriftstellerischen Versuche unsres Guido Stromer kennen lernen.
    Die, die gestorben sind, Louise, schalt sie Franziska, rufen dir nicht:
Folge nach! Sie sagen dir: Bleibe! Sorge fr die Nachgelassenen! Erziehe sie!
Sei ihnen Mutter!
    Louise lchelte bitter. Ihr ganzes Wesen verrieth Schmerz und Verzweiflung.
    Heimlich und leise, sagte sie trumerisch, wie im Abendwinde: Ach! folge
doch nach!
    Du denkst an deine ltern, an den alten Grovater, der dir in der Nacht
starb, wo du nicht an seinem Lager stehen konntest ...
    Warum ist man leidlich tugendhaft? sagte Louise bitter und hrte nicht auf
Frnzchens Einreden. Warum hat man ein Gewissen? Wie ich dann erst das Kind
glcklich und gesund neben meinem Bette schlafend fand, mocht' ich auf die Kniee
fallen, so dankt' ich Gott! Jeden Schlfer sah ich an und betete. Die Gardinen
zog ich zurck, damit der erste Sonnenstrahl auf jedes ruhig schlummernde
Antlitz fiel! Da steh' ich bei dem alten Mann. Er sieht so bleich, so starr, ich
berhre ihn. Er ist todt! Warum belog ich mich nicht und sagte: Fataler Zufall!
Ich las noch eine andere schne Stelle von diesem herrlichen Guido Stromer. Er
sagt: Es lt sich leider nachweisen, da nur Die Menschen eine ewige Gre
erschwangen, die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurcksehen und in ihr
Inneres nie. O, Das ist dunkel! Aber ich verstehe es schon! Man ist und wird
nichts, wenn man so dumm ist gut zu sein!
    Du verwirrest dich, Louise! Warum liest du solche schreckliche Sachen! Ergib
dich deinem Schicksal! trstete Frnzchen.
    Ich trag' es ja! sagte Louise kopfschttelnd. Aber manchmal kommt ein Geist
ber mich, den ich gar nicht nennen und fassen kann. Da ist's mir, als sollt'
ich an einer Sule rtteln, so gro und stark wie sie am Schlo stehen. Ich
mchte das Haar aufbinden und ber die Strae rennen und den Untergang der Welt
oder den Anfang einer neuen ausrufen!
    Die Last deiner Sorgen drckt dich und du liebst unglcklich, Louise.
    Louise erschrak. Dann aber raffte sie sich auf und sprach leiser:
    Wer sagt Das?
    Ist es dankbar von dem kranken Mann, antwortete Frnzchen, dem du soviel
Sorgfalt schenktest, da er dich verlt? Ich habe dich nicht fragen mgen,
Louise! Du bist heimlich und dein Zorn erschreckt mich oft. Ich wei nicht
einmal, ob dieser Hackert es um dich verdient. Im Hause des Justizraths Schlurck
ist er nicht gut angeschrieben; das wei ich von Jeannetten ...
    Weil sie ihn geqult, gefoltert haben, fiel Louise ein. Diesen Menschen
behandelten sie erst wie einen Sohn und erzogen ihn. Wer verdenkt es ihm, als
diese hoffrtige, stolze, kalte Tochter in ihrer ersten Gefallsucht ihn
ausfrgt, was Liebe ist, da er's ihr sagt und an seinem eigenen Beispiel
betheuert? Sie kommt zum Bewutsein, trgt den Kopf hoch, darf ihn hoch tragen,
aber will nun nichts mehr wahr haben, was sonst zwischen ihnen gegolten hat. Er
vergrmte sich und wachte die Nchte, wenn sie von den Bllen heimkam; er will
ihr nur das Licht vortragen. Sie erinnert sich aber auf Nichts mehr. Sie will
nicht hren, da sie mit ihm Versteck spielte und in ihrer Wildheit Nachts mit
ihm durch die Straen lief in Knabenkleidern. Weil sie jetzt Offiziere, schne
Cavaliere zu Dutzenden um sich hat, ist ihr der Mensch, den sie gefragt hat:
Fritz, sag mir, was Liebe ist? ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens
geworden. Lngst htte man ihn aus dem Hause geworfen, wenn ihn der Vater nicht
liebte, als guten Arbeiter, klugen, gewandten Kopf, vielleicht frchtete als
verteufelten Pfiffikus, der seine niedertrchtigen Schliche durchschaut! Ha!
Hackert hat mehr Witz im kleinen Finger als mancher Professor im Kopf, und wenn
man gewollt htte, wre mehr aus ihm geworden als ein unglcklicher Mensch. Wie
schreibt Der schn! Wie kann Der lustig sein! Wie toll sind seine Scherze! Ja,
sein Haar ist roth, er ist einer von den Gezeichneten. Sind die alle so schlimm?
Du nennst Danebrand, der ihn auf dem Fortunaball herausschlug ...
    War Das Danebrand? Der gute Schleswiger, der fr Euch arbeitete? Den du
deinen ltern zu heirathen gelobtest, weil er ihnen versprochen hatte, fr Karl
so lange die Stelle des Vaters offen zu halten?
    Nun, was sagt' ich, da ich gelesen habe: Nur Die kommen auf, die auf der
Leiter ihrer Thaten selten zurcksehen und in ihr Inneres nie.
    Franziska Heunisch vergegenwrtigte sich aus ihren eigenen Empfindungen
vollkommen diejenigen, die Louise Eisold haben mute. Das Unglck, einem so
unschnen Manne wie Danebrand durch lternwille und Dankbarkeit gehren zu
sollen, mute sie fr ein junges, geflliges Mdchen als eine groe Aufgabe
anerkennen, doch da sie selbst, freilich unendlich lieblicher und reizender als
die ernste, bleiche Louise, in der Lage war, zwischen zwei schnen und
geflligen Mnnern mit ihrem Herzen in der Mitte zu stehen, so begriff sie doch
nicht, wie das wenig Anziehende in Hackert's uerer Erscheinung fr Louisen
Veranlassung einer unglcklichen Leidenschaft sein konnte. Sie deutete Dies mit
groer Schonung auch ihrer Freundin in den zartesten Worten an.
    Frnzchen verstand eben Louisen nicht.
    Louise Eisold war eine seltene Erscheinung. In diesem Mdchen zitterten alle
Regungen des neueren Volksbewutseins. Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit
bewegt wie eine zitternde Silberpappel. Ach, und nur die weie Seite der Bltter
kam immer zum Vorschein, wenn sie bebten, der Schmerz und eine gewisse
todesfreudige Ahnung. Louise Eisold gehrte zu den Armen, fr die recht ein
neuer Christus htte kommen mssen, wie Jesus sagte: Den Armen wird das
Evangelium gepredigt! Ihre Seele hatte Schwingen, aber sie stieg mit ihnen nicht
empor; sie fhlte nur die gewaltige Schwungkraft dieser Fittiche, die Luft lag
zu schwer auf ihnen, sie konnte, den Vgeln der Wste gleich, nicht aufwrts.
ber die Sitte, die Religion, den Staat zuckte es in ihr an Gedanken krampfhaft.
Sie darbte sich die Pfennige ab, um alle Jahre einige male auf der obersten
Galerie das Theater besuchen zu drfen. Wie zehrte sie von dem empfangenen
Eindruck! Wie whlte sie, wenn die Groschen beisammen waren, bis ein solches
Stck gegeben wurde, wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern, ihr Herz sich zu
dehnen, ihre geheimsten Ahnungen von leidenschaftlich bewegten Knstlern
ausgesprochen zu werden! Schon ihre ltern hatten, da sie gemischter Ehe waren
und von der katholischen Pfarrei der Residenz viel Behelligung erfuhren, sich an
die deutschkatholische Richtung angeschlossen. Louise Eisold, die nicht einmal
in dieser Richtung ihre volle Befriedigung fand, las und hrte nur von freien
Gemeinden, so war sie auch schon darauf bedacht, ihre Versammlungen aufzusuchen
und sich mit ihren Geschwistern in ihre Register einschreiben zu lassen. Sie
fand hier etwas, was sie erregte, erschtterte, ber das Gemeine erhob. Sie
durfte da nicht nur lieben, sie wurde auch ermuthigt zu hassen. Ja der Ha, Das
linderte! Dies volle Ausstrmen eines zornentflammten Gemthes, Das war ihr
Bedrfni! Was sich in Euch lngst verwischt hat durch die Bildung, die
historische Kritik, die bei Euch lngst eine ruhige Reflexion geworden ist, Das
war bei Louise Eisold noch in lodernder Flamme. Der Papst, Rom, die Hierarchie
und im Politischen die gleichen Traditionen des monarchischen Principes waren
ihr im Grunde der Seele so verhat, wie wir in unserm Egoismus nur Das hassen,
was sich unserm nchsten Vortheil entgegenstemmt. Louise Eisold hatte in den
Tagen der Revolution in der Nhe der Barrikaden gestanden. Ihr Enthusiasmus
veredelte den Rausch gemeinerer Naturen, die sie zum Kampfe anfeuerte. Sie trug
Steine, sie rettete Verwundete, sie half, wo ihre durch den Moment dreifach
gesteigerte Kraft zur Hlfe ausreichte. Eine theatralische Eitelkeit war ihr
dabei fern. Sich in Mnnerkleider zu werfen, mit einem befiederten Hute zu
kokettiren, die Amazone zu spielen, Das wrde ihr elend erschienen sein. In ihr
lebte nur die Sache. Die Liebe zum Volke, dem sie angehrte, hob ihre Brust, sie
war die eigenthmliche Verklrung alles Dessen, was unklar, unsicher und doch so
tief geahnt und tief gefhlt in dem modernen Bewutsein der Volksmassen
schlummert.
    Da sagte sie nun auch ber Hackert:
    Ach, Frnz, was ist uere Schnheit! Und wr' ich reizend wie du, wr' ich
so schn wie Melanie Schlurck, die Kalte, die Hoffrtige, ich liebte nur einen
Mann von starkem Geist. Was lge mir an Danebrand's Gestalt? Aber er hat nur die
krperliche Kraft und ein gutes Herz und das ist Alles.
    Und das ist Alles, Louise? Nur ein gutes Herz? fragte Franz, fast gengstet.
    Das allein kann ich nicht lieben, Franziska! fuhr Louise bitter fort. Ich
wei es nicht, ob Hackert gutmthig ist, manchmal zeigt er ein Herz. Aber er ist
wahr, er ist wild, struppig, wie sein Haar. Kaum da er ein Wort redet. Er wirft
sich auf's Sopha, springt wieder auf und stampft mit dem Fu und wettert. Er hat
mich kaum beachtet. Als man die Eisenstbe vor sein Fenster schlug, sah er mich
zum ersten male an und weinte. Geh' ich noch immer um? fragte er mit zitternder
Stimme. Ich erzhlte ihm, wie man ihn noch krzlich getroffen htte, am Rande
der Galerie, die auf ein Dach fhrt. Es ist mein ruheloser Geist!
    sagte er und schluchzte fast. Er wurde wie ein Kind und erzhlte mir, wie
ihm Das gekommen wre und wen er liebe. Und wenn ich sie einst she, sagte er,
und sie in meinem Arme mir nur eingestehen wollte: Ja Fritz, es ist wahr, du
warst es, der mich kssen lehrte! Dann wollt' ich alle Fesseln sprengen. Alle
Kronen der Welt aus Himmelshand schlg' ich aus, wenn ich Das nur hrte; Licht
und Glanz fiele in mein Leben, ich wrde rasen, jubeln und mich in den Strom der
Freude werfen. Nehmt mich! Bindet mich! Macht aus mir was Ihr wollt! Ich will
falsches Geld mnzen, will stehlen, lgen, mit jedem ehrlichen Manne oder auch
einem Gauner Freundschaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf dieser
Welt, das mich hlt, wenn sie nur sagte: Fritz, ich war die Melanie, die ... -
Ach, Franziska, dieser Augenblick mute damals gekommen sein, als ich dich auf
den Fortunaball holte. Am Morgen war er sanft und demthig, freundlich gegen
gute Menschen, die sein Bestes wollten, und am Abend kam er nach Hause in einer
Aufregung, so stolz, so spttisch, so tckisch, als gehrte die Erde sein. So
lange er bei uns wohnte, lebte er wie ein scheues Wild, das vor den Menschen
flieht. Er sagte, er fliehe die Hhlen des Verbrechens, er fhle sich nicht
stark, mit seinem Vortheil einen moralischen Zank anzubinden. Er wisse noch
nicht, wohin er umschlagen sollte. Wenn man die Menschen hasse, knne man nicht
suchen, ihnen durch Tugend zu gefallen. Oft erzhlte er mir von den Bllen,
wohin ihn zweideutige Menschen einlden, und Das wut' ich, da er einmal nach
irgend einer glcklichen Begegnung mit Melanien das Leben von der leichtesten
Seite wieder nehmen wrde. Da kommt er an jenem Abend, stt Liebe und Gte von
sich und antwortet fast wie Einer, der auf jede vernnftige Rede unvernnftig
genug sagt: Lat mich, ich mu tanzen! Da hielt es mich nicht. Ich mute ihm
folgen und Gott sei gedankt, ich rettete ihm sein Leben.
    Ganz gut, gut, sagte Frnzchen, aber wie kann man nur so wilde Feinde haben!
Sie sagte Das mit Anspielung auf den berfall und als wenn Hackert diese Feinde
verdiente.
    Kluge und ungewhnliche Menschen mssen Feinde haben, antwortete Louise. Sie
finden aber auch Freunde.
    Danebrand war edel genug, Den zu schtzen, den du liebst, und Hackert war so
undankbar, dich zu verlassen ... sagte Frnzchen sich erhitzend, da sie die
Neigungen ihrer Freundin nicht theilte.
    Er hatte Recht, antwortete Louise nach lngerem schmerzlichen Sinnen, mein
Loos ist geworfen. Am Morgen nach dem Fortunaball, wie ich an der Leiche stand,
kam er und sah mich weinen. Er war eben erst gekommen und erfuhr's schon im
Hause unten, was geschehen war. Louise, sagte er, ich verlasse Sie! Sie haben
mir groe Freundschaft erwiesen! Sie haben mich heute vielleicht vom Tode
gerettet. Aber der Rausch, der mich gestern wahnsinnig machte, ist heute
vorber. Ich besinne mich auf meine Pflichten und will den Versuch machen, ein
anderes Leben zu beginnen. Ich schwieg; ich fhlte selbst, da ich mehr gethan
hatte, als mich ihm achtbar erscheinen lie. Frnzchen, es gibt Beweise der
Liebe, die zu viel sagen, und so war mir's um's Herz. Ich sa auf dem Bett des
Todten und weinte. Hackert reichte mir seine Hand und dankte fr alle meine ...
Gte, wie er's nannte. Er wollte mir beistehen bei dem Leichenbegngni. Ich
sagte: Ich danke Ihnen, Hackert, ich habe Brder und Danebrand. Auf den Namen
Danebrand sagte Hackert: Ich schme mich dieser Nacht und verdiene Ihre
Theilnahme so wenig, da ich anfangen will, an meine Besserung zu denken. Es hat
mir Jemand Verwendung und Thtigkeit versprochen. Ich will sehen, wie lange sich
mit den Menschen gehen lt, ohne sich selbst zuwider zu werden. Ich fragte:
Doch um Gottes willen nicht Pax? Doch nicht die Polizei? Er schwieg und sagte:
Lassen Sie mir nur meinen Weg! Die Miethe zahl' ich so lange fort, bis sich ein
Anderer fr mich gefunden hat. Ich sagte wieder: Hackert, lassen Sie Das! Nein,
Louise, Sie sind arm und Ihr Alle bedrft es! antwortete er, gab mir dann Geld,
dann die Hand und ging ruhig aus der Thr. Am meisten wut' ich wohl, da er
sich seines kranken Zustandes wegen, der auf dem Balle sich wieder gezeigt
hatte, schmte ... Ich hatte den Todten, Hackert zog in der Stille aus und
Danebrand kommt wieder ... weil ich ihm nun doppelt danken mu.
    Das ist zu traurig, sagte Franziska und hielt die Hand ihrer bitterlich
weinenden Freundin, die ihren neuen Kummer, da Hackert vielleicht gar in die
Hnde der Polizei gerathen war, noch einmal aussprach.
    Schmelzing, fuhr sie dann fort, Schmelzing zog dann auch aus. Ich war froh,
ihn los zu sein, den neugierigen Schleicher, der, obgleich taub, nur horchte.
Nach einigen Tagen kam ein Miether, ber den ich anfangs erschrocken bin.
Erinnerst du dich vom Fortunaball des Mannes mit der schwarzen Binde?
    Den die Polizei festnahm? sagte Frnzchen erschrocken.
    Mit dem frechen, goldbehangenen Mdchen?
    Die sind doch nicht ... bei dir eingezogen?
    Nur er, antwortete Louise. Er hatte acht Tage gesessen, sagte er, ganz
unschuldig, wie er versicherte ...
    Louise! Solche Menschen nhm' ich nicht in meine Nhe! rief Frnzchen und
lie vor Schreck fast den Mund offen, da die weien Zhne glnzten.
    Es ist ein feiner, artiger alter Mann, sagte Louise rasch, in dem sich die
elende Polizei doch wol geirrt hat.
    Wenn schon! Aber das Frauenzimmer!
    Sie heit Auguste Ludmer und ist eine Tochter eines ehemaligen Beschlieers
im Gefangenhause zu Bielau, sagte Louise. Ein verwildertes Mdchen, das frher
in unserm Hause Nr. 17 wohnte und keinen guten Leumund hat. Sie ist schon am
Tage nach dem Fortunaball sogleich freigelassen. Was sie mit dem Englnder - er
heit Murray - vorhatte, wei ich nicht. Er ist entweder geizig oder sparsam;
darber bin ich nicht im Reinen. Als ich ihn an das Mdchen erinnerte, seufzte
er. Ich erklrte ihm, da ich wohl ihn, aber diese Person nicht aufnehmen wrde.
Er blickte dabei scharf unter seiner Binde hervor und antwortete: Sie haben da
zwei Kammern! Seh' ich aus wie ein Mann, der noch auf schlimmen Wegen
Frauenliebe sucht? Wenn das Mdchen bei mir ist, steh' ich fr ihre Tugend. Er
sah mich dabei so fest, so streng an, Frnz, da ich den Blick niederschlug. Es
war mir fast, als hrt' ich die Worte aus der Bibel: Wer unter Euch sich rein
dnkt, werfe den ersten Stein auf sie! Er verlangte, wenn das Mdchen zu ihm
zurckkme, da ich ihr Schmelzing's Kammer gab. Da ich noch keinen rechten Muth
dazu hatte, sagte er: Soll die Schmach der Snde denn ewig sein, ein Verbrechen
nie vergessen werden? Franziska, wie mich der Mann darauf angesehen hat, werd'
ich in meinem Leben nicht vergessen. Er wurde grer an Figur. Durch die
schwarze Florbinde schimmerte das eine Auge durch, als wollt' er mich
durchbohren. Aber nicht voll Wuth war der Blick, sondern voll Schmerz. Wissen
Sie, mein Kind, fuhr er fort, da ich die Polizei nicht habe berzeugen knnen,
warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buhlerin am Arme hatte;
wissen Sie, da ich gezwungen wurde, ein Haus als Wohnung zu whlen, wo ich
unter den Augen einer heimlichen Aufsicht stehe? Man nannte mir dieses. Ich
protestirte wegen Augusten, die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte. Man
lachte mich aus. Je mehr ich gegen dies Haus sprach, desto krzer war der
Bescheid, ich wre fr einige Zeit ein Observat und mte hier wohnen. Dies Haus
ist bewacht. Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion, Namens Schmelzing.
So bin ich hergezogen. Nehmen Sie mich also nur, mein Kind, und wenn jenes
unglckliche Mdchen kommen sollte, so verstoen Sie sie nicht. Ich mu sie fr
verloren halten, aber kme sie zu mir zurck, so htte sie viel berwunden. Sie
wrde am Orte ihrer Schande arm und sehr, sehr gering leben mssen.
    Und nun? fragte Frnzchen fast zitternd ber die Gefahren ihrer Freundin und
bei sich berlegend, ob sie nun wol jemals wagen knnte, sie zu besuchen.
    Murray wohnt bei uns, sagte Louise, das Mdchen ist aber nicht gekommen.
    Und vor einem solchen Nachbar frchtest du dich nicht?
    Er ist am Tage nicht viel zu Hause, liest des Nachts, schlft bis spten
Morgen und lebt still und einsam..
    Ich knnte des Nachts nicht ruhig schlafen, meinte Franziska.
    Warum? Ich halte ihn fr einen weisen Mann. Er sprach mit solchen Worten,
wie sie mich immer erschttern. Er kennt ganz das Elend der Menschen und wei,
wie nahe das Unglck an den Rand des Verbrechens fhrt.
    Franziska gedachte jetzt pltzlich der Verse Louis Armand's. Jetzt verstand
sie sie schon besser. Jetzt, erregt von der hheren Begeisterung und
thatkrftigen Schwrmerei, die in Louisens Augen lagen, konnte sie nicht umhin,
die Worte vor sich laut hin zu sprechen:

Des Volkes Tochter! Arme Bettlerin,
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Die Nachbarin lie ihre Truhe auf,
Greif zu! Zum Bagno geht dein Lebenslauf -
Und wenn zum Tod - nur stolz! Und weine nicht.

Was? rief Louise. Was summst du da?
    Wie Louise diese Worte hrte, horchte sie hoch auf. Erschttert und
ergriffen fragte sie, was Das fr ein Lied wre? Und Frnzchen, voll Wehmuth und
durch die warme Hingebung der unglcklichen Freundin innerlichst selbst
erschttert, zog ihr Nhkstchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers
geben. Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrich's Verse. Louise las davon
eine halbe Strophe.
    Nein, rief sie, Das ist Wasser, Das sind die Feuerworte nicht! Wo hast du
die?
    Frnzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff, indem sie die
rechten Verse aufschlug.
    Ah! rief Louise, las und sprang auf; Das sind Worte des Lebens, die vom
Himmel kommen!
    Und mit zitternder Stimme, bebend vor innerer, das ganze Herz umwhlender
Bewegung, las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und
nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in
eine so schwindelnde Hhe der Leidenschaftlichkeit, da sie vor Wehmuth laut zu
schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte, der der
Proletarierin verbieten wollte, zu weinen, whrend sie dennoch weinte.
    Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen, wie sie in den Besitz dieses
Gedichtes gekommen wre. Auch sie hatte das Bedrfni, sich in die theilnehmende
Brust einer so gefhlsstarken Freundin auszuschtten. Diese aber, da eine
Thurmuhr gerade laut in der Nhe schlug, sagte:
    Franziska, ich mu nun gehen und fr unser Mittagessen sorgen. Seit dem
Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich. Er hat bei Willing's zuviel
Schlimmes ber mich hren mssen! Ach, auch darum mu ich Danebrand freundlich
sein! Erzhl' mir, was du auf dem Herzen hast, am nchsten Sonntag. Wir wollen
in's Feld gehen. Ich thu's der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am
Sonntag keine Zeitungen auszutragen. Ich trage das Kleine. Du nimmst Heinrich
und Riekchen an der Hand. Danebrand trgt in einem Ranzen, was wir im Walde
verzehren knnen. Oder ist dir Das zu arm, Frnzchen? Du bist vornehm! Wie
schne Kleider du hast und wie schn du bist!
    O Louise, sagte Frnzchen errthend, was sprichst du! Ach, ich will schon
glcklich sein, mit dir gehen zu knnen.
    Willst du? Nchsten Sonntag?
    Ich hole dich ab ...
    Nein, nein, nicht in unser schlimmes Haus! Wir kommen um zwei Uhr am
nchsten Sonntag dich hier abzuholen. Und bringe mit, wen du lieb hast! Den
Sergeanten, nicht wahr?
    Nein! sagte Franziska entschieden und bestimmt.
    Von Dem sind die feurigen Verse nicht! Wo hast du sie her? Willst du mir
versprechen, mir sie abzuschreiben?
    Ich schreibe sie dir ab!
    Ach, Frnzchen, sonst las ich solche Flammenworte einmal ber und sie hatten
sich mir gleich eingeprgt, wie in Erz gebrannt. Jetzt drckt auf meine Gedanken
soviel, mein Kopf geht so wirr, da ich das Leichteste nicht behalten kann. Und
dann mu ich's Abends lesen, wenn Alles um mich still ist, die Kinder schlafen,
die paar Uhren picken, die ich noch immer aufziehe - ich will Die verkaufen, die
noch da sind und die dem Grovater gehrten, die andern haben die Leute
zurckgeholt ... ach, es ist mir oft, als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt
und kein Weiser rckt an, ohne da ich nicht denke: Den hat er mit seiner todten
Hand eben gerckt und nun wird er gleich schlagen lassen! Und immer ist's mir,
als schlg' es vier. Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und hre
nicht, wie der Alte ruft: Louise komm doch und drck' mir nur die mden Augen
zu!
    Beide Mdchen weinten ...
    Als Louise aufstand, den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich
rstete, griff Frnzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen, holte das Goldstck
und wollte es mit bittender Miene, ohne ein Wort zu sagen, in Louisen's schwarze
Handschuhe gleiten lassen, deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen
hatte und eben wieder anzog. Louise lehnte aber lchelnd diesen Beweis von
geruschloser, mit einem einzigen stummen Blick der Bitte ausgesprochenen
Herzensgte ab.
    Ich bin glcklich, sagte sie, da ich dir anzeigen konnte, wir haben die
Bosheit der Florentine abgeschttelt. Es geht jetzt so leidlich! Lieber Himmel,
von den Begrbnigeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel brig
behalten, als ich an Florentinen verliere. Gott ist in groen Dingen, wo wir
Hlfe von ihm erwarten und denken, es msse durchaus nach unserm Wunsche und
Willen gehen, fast immer hart und unerbittlich, und in kleinen Dingen, wo er
Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht, ist er wieder so
grundgtig, da wir uns beschmt fhlen und unsern Kleinmuth bereuen. Bis
Sonntag schreibst du mir das gttliche Gedicht ab und wenn du was recht
Gescheutes anstellen willst, so bringe Den mit, der es gemacht hat, und wr's
ein Student!
    Mit dieser, unter Thrnen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte
Mdchen. Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rcksicht auf die hinter ihr
herbrummende, durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Mrtens
durch deren Zimmer rasch davon. Man hrte, wie sie das Gitter der Kche zufallen
lie und unverweilt die Treppe hinuntersprang.
    Fr Frnzchen hatte dieser Besuch die wohlthtige Folge, da er ihr Kraft
gab, fest auf ihrem Gefhle zu beharren.
    Hatte sie geschwankt, ob sie nicht den Onkel, der so gut war und nichts
Unangenehmes im Leben leiden mochte, beim Abschied durch die Bereitwilligkeit
erfreuen sollte, Heinrich Sandrart's Bewerbung sich gefallen zu lassen, so war
ihr von Louisen's heldenmthigem Wesen eine wunderbare Kraft zugestrmt. Lag
nicht in Allem, was dies Mdchen ihr erzhlt und von ihren stillen
Herzenskmpfen mitgetheilt hatte, das volle, groe, gewaltige Gestndni, da
sie ein unaussprechliches Bedrfni einer groen und feurigen Liebe hatte? Sie
vergegenwrtigte sich, wie oft ihr diese arme Arbeiterin, die vor einem berma
von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte, gestanden hatte, da in ihr ein
nicht zu bewltigender Drang der Liebe lge! Sie hatte frher dies Gestndni
nicht fassen knnen, jetzt fhlte sie den bermchtig strkenden Hauch einer
reinen, dem Herzen befehlenden Willenskraft. Da Louise jemals dem Danebrand
gehren wrde, glaubte sie nicht. Sie sah in Allem, was der Freundin seit dem
Fortunaball geschehen war, nur eine Art Shne fr das Unrecht, das sie bei ihrem
tugendhaften Pflichtgefhle begangen zu haben glaubte. Aber Das wute sie auch,
ganz wrde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rcksichten beugen.
Das ist nur, sagte sie, eine Zeit der Trauer, die sich Louise auferlegt hat,
aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden. Die lgt nicht, wie ich
nicht lgen will!
    So fand sie nach einiger Zeit, whrend Frau Mrtens brummte und ber das
abscheuliche, keinem Menschen stimirende unhfliche Subjekt, die Louise
Eisold, polterte, die die ganze Suppe mit dem Sprachmaitre und Herrn
Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt, sondern
eingefdelt htte, der Onkel Heimisch.

                                Neuntes Capitel



                         Stilles Leid und stille Schuld

Der so gern nur wohlgemuthe Jger Leberecht Heunisch kam in rosenrothester Laune
von seinem Prinzen Egon.
    Er, der so gewohnt war, nicht viel auf seinen Schultern zu tragen und der
selbst von dem Nchsten, was um ihn her sich ereignete, nicht viel sehen und
wissen mochte, hatte eine Menge lstiger Drangsale von seinem Gemthe
abgeworfen.
    Gleich wie er von seinem genesenen, zum erstenmale ordentlich gesehenen
hohen Patrone kam, begegnete ihm Dankmar Wildungen, den er seit dem Abschied vom
Gelben Hirsch fr den Prinzen selbst gehalten hatte.
    Nun wute er doch, wo er auch diesen Freund und Gnner hinbringen sollte. Es
war ein Bekannter des Prinzen! Diese Thatsache nahm ihm, als er Dankmarn rasch
eilen sah, um Egon zu begren, alle Skrupel. Es lag wieder das helle, goldne,
klare Nichts vor seinen Augen; der ganze blaue Himmel schien in seine blauen
treuherzigen Augen zurck und nur Heinrich Sandrart, der Sergeant, und das
Frnzchen und der alte franzsische Sprachmaitre ... Die waren noch ein paar
lstige Wlkchen fr seine Behaglichkeit.
    Er war von Egon und von dem frohen Wiedersehen des guten Rathgebers Dankmar
in die Kaserne gegangen, um den Sergeanten abzuholen ...
    In seiner Patentuniform, wie er sie immer trug, kam der Sergeant mit dem
Frster mit, nicht ohne Hoffnung, Frnzchen wrde doch wol vielleicht dem Onkel
zum Abschied eine fr ihn trstlichere Erklrung geben.
    Der junge Krieger hatte eine freundliche Zusprache nthig, denn seit dem
Fortunaball geschah Vieles, um seinen sonst so frhlichen leichten Sinn zu
krnken.
    Sein rundes volles Gesicht, dem ein Brtchen an der Oberlippe und ein damals
noch erlaubter demokratischer Kinnbart gar mnnlich stand, war seit einiger Zeit
nicht aus Liebeskummer allein entfrbt.
    Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die uerung: Wir sind hier nicht im
Dienst, Herr Lieutnant! sehr bel genommen ...
    Man fand Heinrich Sandrart schon lange nicht von der ordonnanzmigen
Botmigkeit, die die Gesetze der Disciplin in ihrer soldatesken bertreibung
mit sich brachte. Gerade, da ihn gegen mancherlei Anklagen, die man bis zum
Major seines Bataillons gegen ihn vorbrachte, dieser in letzter Instanz in
Schutz nahm, ihn entschuldigte, eine brave Haut nannte, die man nicht kopfscheu
machen msse, gerade darin lag ein Grund mehr fr einige Offiziere, ihm das
offenste Unrecht anzuthun. Man konnte ihm zwar nicht nachsagen, da er wie
einige vorlaute und schon mehrfach bestrafte Krieger von den neuen Ideen
angesteckt war, er besuchte keine verbotenen Gesellschaften, er war harmlos,
gutmthig und liebte nur das Vergngen und die Frauen, man wute, da er um
einer sprden Liebe halber schmachtete und zog ihn damit auf. Allein schon
einige junge Krieger der Garnison waren, ohne zu den absichtlichen Whlern zu
gehren, dadurch, da sie etwas Apartes fr sich in Anspruch nahmen, aus dem
Verbande der groen disciplinarischen Kette, die das ganze Institut der
stehenden Heere aufrecht erhlt, herausgeglitten und hatten in den Theorieen
jener bald stilleren, bald lauteren Wortfhrer einen Anhalt fr rein persnliche
Misstimmungen gefunden. Dem Major von Werdeck sagte man ja etwas hnliches nach!
Er sollte frher nie ber Politik nachgedacht, ja sogar so ruhig, so loyal sich
immer verhalten haben, da man ihn anfangs an der Spitze einer Compagnie lter
werden lie, als es sein Wunsch sein konnte. Spter erhielt er Befrderung; aber
wie lange lie man ihn warten, weil er immer zu den Geduldigen gehrt hatte!
Pltzlich wurde er verdrielich. Man wollte ihn in eine entfernte Garnison zur
Linie schicken, er schlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor. Er
las Zeitungen, bildete sich ein Urtheil und machte mit Niemanden Partei. Jedes
Ding, jede Frage wollte er gewissenhaft prfen und durch das Prfen kam er vom
politischen Khlerglauben, den man Loyalitt, Treue nannte, zum Zweifel, den man
Liberalismus, demokratische Gesinnungslosigkeit schalt. Erst einmal in der
Minoritt, ging es dem Major wie jedem rechtschaffenen Manne. Er fand seine Ehre
darin, einem eigenen Nachdenken seine berzeugungen zu verdanken und sonderte
sich immer mehr von den Andersgesinnten ab. Lngst wrde er seinen Abschied
genommen haben, wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten. Einmal galt es von
dem Staate, dem er angehrte, fr angenommen und feierlich beschworen, da ein
neuer, volksthmlicher Geist die Seele des Ganzen werden sollte. Anderntheils
sagte er sich, da, wenn auf einem schwierigen, mit Kampf verbundenen Posten
Jeder immer sogleich weichen wollte, man sich nicht wundern drfte, wenn das
Gute berall unterliege. Seine Untergebenen hielten mit leidenschaftlicher
Vorliebe an ihm fest, so streng er auch sein konnte und so hoch er auch
seinerseits die Nothwendigkeit der Disciplin anschlug. Er wiederholte oft den
Schiller'schen Spruch: Ein freies Leben ist ein paar sklavischer Augenblicke
wol werth. Da Soldaten whlen sollten, da man den Geist der Parteiung in die
geschlossenen Glieder einer Armee verpflanzte, war ihm ein Gruel. Die muthige
Art, mit der er kurz und bndig manchem Parteihaupte gegenber einen solchen
Satz aussprach, hatte immer wieder zur Folge, da die ihn umwhlende Intrigue
sich etwas zurckzog und vorsichtiger zu Werke ging. Aber seine sogenannte
Wiederherstellung in dem Vertrauen seiner Kameraden hatte nicht lange Dauer. Er
verstie nur zubald wieder gegen das System, das nun einmal in diesen Reihen
gelten und die Kluft zwischen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern sollte.
Was man von ihm selbst nicht wute, setzte man endlich bei der offen zur Schau
getragenen Gesinnung seiner Frau ber ihn voraus.
    Die Besatzung wurde gerade jetzt viel mit Exerciren geqult. Schon am frhen
Morgen war der Major auf einer groen Ebene vor der Stadt gewesen und hatte die
schon tausendmal gemachten Manvres wiederholen lassen. Sein schmerzliches:
Guten Morgen, Kinder! als Alles vorbei, hatten die Soldaten wohl verstanden. Es
war eilf Uhr und Sandrart war schon bermdet. Dies hinderte ihn aber nicht,
sich rasch anzukleiden und mit dem Frster Heunisch, der, auch einst Soldat, die
ewige Fuchserei (namentlich in dieser Zeit!) nicht begreifen konnte, zu
Frnzchen zu gehen.
    Onkel Heunisch war sehr angeregt. Der freundliche Empfang des jungen Frsten
hatte ihm wohlgethan. Auch dem Madeira hatte er lebhaft zugesprochen. Er war
etwas zum polternden Zank aufgelegt und wiederholte alle die schlimmen und
rgerlichklingenden Reden, die er schon mehrmals gegen Frnzchen ausgesprochen
hatte.
    Diese war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum
Scherz. Endlich mute sich sogar Sandrart in's Mittel legen und ihn besnftigen.
Brummend setzte sich der Jger in einen Lehnsessel, lie sich, um seinen
brennenden Durst zu stillen, von einem Burschen der Werkstatt leichtes Bier
kommen, steckte eine Pfeife an, rauchte eine Weile, trank nun und entschlief.
Sandrart nahm seine Flte und blies: Ach, wenn du wrst mein eigen! Madame
Mrtens klemmte die Brille auf die Nase und studirte mit Wibegier das neueste
Hellerblatt, das sie mit dem Schneider drben zusammenhielt. Dieser nickte,
dankbar fr die Flte, herber. Frnzchen nhte und malte sich hinter ihren
Blumen aus, wie es wol am nchsten Sonntag sein mte, wenn es ihr recht, recht
gefallen sollte ...
    Pltzlich lie sie zitternd die Arbeit sinken. Sie hatte Jemanden kommen
hren, sie vernahm eine Stimme, die Flte schwieg, der Onkel schnarchte leiser,
die alte Mrtens sprach ber den Hof hinber. Sie htte aufschreien mgen, als
sie hrte, da drinnen im Zimmer die Alte aus dem Fenster erschrocken rief: Hat
mir's doch geschwant! ... Sie sah hinaus ... Eben kam Louis Armand.
    Eine Minute darauf war Louis Armand im Zimmer.
    In bewegtester Spannung von Freude und Furcht erregt, wartete Frnzchen, ob
Louis nach ihr fragen und zu ihr eintreten wrde.
    Wie peinlich war dem armen Kinde die Anwesenheit Sandrart's! Sie htte ihn
heien mgen mit seiner Flte zum Kuckuk gehen und nie wieder kommen!
    Vor Unruhe, vor Verzweiflung, da sich dies Wiedersehen so fgen, unter so
ihre Neigung in den Schatten stellenden Verhltnissen begeben mute, konnte sie
nicht sitzen bleiben. Sie stand auf, pflckte unruhig am Fenster welke Bltter
von den Blumen und zerknitterte sie in der Hand. Sie nahm die Scheere und bohrte
ein wenig in dem Sande der Tpfe und raufte einige verwelkte Blten aus dem
Kressenkasten.
    Louis Armand sprach von seinem langen Ausbleiben, von seinem genesenen
Freunde und Gnner, von den Bestellungen, die er auf der Schiefertafel
verzeichnet fand und etwas mhsam, mit Hlfe der gelehrten Frau
Tischlermeisterin entzifferte.
    Wenn Frnzchen an die Mglichkeit seiner Liebe htte glauben knnen, so
wrde sie gefunden haben, da seine Stimme bewegt war und bei dem Anblick des
jungen Soldaten sogar wehmthig.
    Aber wie konnte sie an seine noch ihr erhaltene Theilnahme glauben, da er
kein Wort von ihr sprach, sich nicht nach ihr erkundigte!
    Endlich mochte sie diesen Zustand nicht mehr aushalten. So sehr ihr Stolz
widerstrebte, das liebekranke Herz zwang sie, ein Zeichen ihrer Anwesenheit zu
geben. Noch wute sie nicht, sollte sie thun, als htte sie an ihrem Bett oder
der Kommode etwas zu schaffen und rasch, ganz wie von ungefhr, an der
geffneten Thr vorberschlpfen, oder sollte sie etwas fallen lassen, das etwa
soviel sagte, als: Hrst du denn gar nicht? Hier ist ja auch Jemand, dem sein
Herz wie ein Hammer klopft und der dir am liebsten gleich um den Hals fallen
mchte, wenn so etwas in dieser schrecklich anstndigen Welt mglich sein
drfte!
    Aus vielen Rcksichten und besonders deshalb, weil sie beim Vorberhuschen
an der Thr frchten mute, zu ihm hinein zu mssen, gedrngt von ihrem Gefhl,
entschlo sie sich, etwas fallen zu lassen und nun fragte sich nur, was? Die
Scheere gab nicht Klang genug, obgleich die auseinanderfallenden beiden Schenkel
der Scheere gleich sagen muten: Das kann nur Franziska sein! ... Ein
Nadelkissen mit Sgesphnen gestopft gab keinen Klang. Der Fingerhut war auch zu
winzig. Da dachte sie an eine Zwirnrolle. Diese bot den Vortheil, da sie fiel
und gleich weit umher lief. Sie durfte ihr nachspringen und sich beim Suchen
bcken, verwickeln. Und wenn sie sich bckte, war sie sogar nicht sicher, in das
Nebenzimmer mit Gewalt hineingezogen zu werden.
    Die Rolle fiel also und richtig! Man kam.
    Aber leider gleich ihrer Zwei.
    Louis Armand kam und Heinrich Sandrart.
    Das hatte sie nicht bedacht, da auch der junge Sergeant das Ohr spitzte und
auf Alles lauschte, was sich nebenan begab.
    Doch war es gut, da sich Heinrich Sandrart fast am emsigsten bckte und
Louis ungehindert war, Frnzchen die Hand zu bieten und ihr die Freude
auszudrcken, sie wiederzusehen.
    Ei! Leben Sie denn auch noch, Herr Armand? fragte sie. Wir glaubten schon,
da Sie nicht mehr an uns denken!
    Louis warf einen theilnehmenden Blick auf Sandrart, der die Zwirnrolle
zurckgab und dem beim Suchen das Blut in die Wangen geschossen war.
    Es ist viel von Ihnen gesprochen worden, Herr Armand, sagte Sandrart mit
einer Art Eifersucht, um sich in das Gesprch mischen zu drfen.
    Frnzchen wollte schon sagen: Doch mit Ihnen wol nicht? Sie unterdrckte
aber die Bemerkung, weil sie ihr selbst zu schnippisch vorkam.
    Louis sprach manches Freundliche, aber Unerhebliche, mit groer Ruhe. Er
prfte Franziska, er sah Sandrart an. Endlich erwhnte er den franzsischen
Unterricht.
    Woher wissen Sie ...
    Der schlafende Onkel da im Stuhle erzhlte dem Prinzen Egon Alles, was ihn
glcklich und traurig macht.
    Franziska sah zu dem schlafenden Frster, den der Madeira berwunden hatte.
Jetzt konnte sie sich denken, was Louis Alles von ihr gehrt hatte ...
    Haben Sie den Onkel gesprochen? ... sagte sie mit gezogenen Worten und sehr
kleinlaut.
    Wie heit denn Ihr Lehrer?
    Herr Sylvester.
    Sylvester? Das ist ein Vorname!
    Ich kenn' ihn nur bei diesem Namen ...
    Heinrich Sandrart wollte nun auch gesprchig, launig sein, sich in einem
gnstigen Lichte zeigen. Er fing an, Herrn Sylvester zu schildern ...
    Doch hrte Louis nicht viel darauf. Er war zu bewegt, den niedergeschlagenen
Blick des jungen hocherglhenden Mdchens zu beobachten. Der Gedanke, da sie
Blle besuchte und vielleicht von ihrer alten sittsamen Bahn gewichen war,
drckte ihn peinlich.
    Ein nher forschendes Gesprch war nicht mglich. Denn auch der alte Mrtens
kam nun von unten aus der Werkstatt herauf und jetzt gab es ein Begren, ein
Fragen, ein Erkundigen, ein Dolmetschen und Vermitteln durch Frau Mrtens, das
endlos zu werden schien, aber den festen gesunden Schlaf des Frsters nicht
strte.
    Auf diesen endlich Rcksicht zu nehmen, schien Louis eine nothwendige
Pflicht des Anstandes. Er ergriff seine Schiefertafel und wollte nach vorn
gehen.
    Frau Mrtens sprach von den Wirthsleuten im Vorderhause. Wie er es mit
seiner Servirung halten wolle? Ob er jetzt immer wieder prsent bliebe?
    Ich denke wol, sagte Louis Armand. Ich bedarf wenig. Mein Zimmer, wo ich die
Proben meiner schwachen Talente ausgelegt habe, sieht wie der Eingang zu einem
vornehmen Herrn aus. Nebenan hab' ich eine Kammer, ein leichtes Bett, einen
Riegel fr meine Kleider und bin zufrieden, wenn mir die Leute vorn tglich nur
frisches Wasser bringen.
    Wenn Sie etwas rekommandiren, sagte die alte Mrtens, Herr Armand, so sagen
Sie's nur.
    Und ihr minder gelehrter Gatte setzte hinzu:
    Ich glaubte, unsre Sachen sollten nun recht Hand in Hand gehen.
    Mit aller Macht! antwortete Armand. Ich nehme meinen alten Plan mit Freuden
wieder auf! Ich bleibe noch in dieser schnen Stadt, die ich nun erst kennen
lernen will und gearbeitet mu nun werden nach Wohlgefallen.
    Die Tischlermeisterin, die trotz ihrer Pfennigbltter nach beschrnkter
Leute Art auf einem und demselben Gegenstande lange verweilte, sagte:
    Es sind ganz accurate Menschen, die die Appartements vorne logiren. Heute
nahm die kleine Frau das Intelligenzzettel von der Hausthr und sagte wie ich
gerade vom Markt komme: Gott sei Dank, nun ist Alles vermiethet! Es ist eine
reinliche Frau. Ihr Mann war - was begleitete er doch, Mrtens?
    Armand konnte die Abneigung des alten Mrtens, auf ein so weitlufiges, wenn
auch gebildetes Gesprch einzugehen, nur theilen. Franziska bot er die Hand.
Diese gab ihm die ihrige. Da ihr das Blut zum Herzen drngte, war die Hand
eiskalt. Er drckte sie theilnehmend und sah ihr fragend und forschend in's
dunkle Auge, das sie zitternd und bewegt niederschlug. Heinrich Sandrart grte
er leicht. So ging er.
    Unglcklich Liebende sehen schwarz. Sie verdchtigen Alles, auch das
Unschuldigste. Wer will dem jungen Sergeanten verdenken, wenn wie ein
Blitzstrahl in den ohnehin gehuften Zndstoff seines Mistrauens der Gedanke
fiel, da Frnzchen diesen Franzosen lieber haben mchte als ihn? ber diese
Vermuthung in Vorwrfen sich Luft zu machen, hatte er kein Recht. So blieb ihm
nichts brig, als sich noch einmal an Franziska voll Liebe und Theilnahme zu
wenden.
    Frnzchen, sagte er, gehen Sie heut Abend mit dem Onkel und mir in's
Theater! Der Hauptmann gibt mir frei bis zehn Uhr. Es wird die Leonore gegeben,
ein so schnes Stck fr Soldaten und fr Mdchen, die einen Soldaten gern haben
knnen ...
    Frnzchen aber, statt der Antwort, zeigte auf den Onkel, der pltzlich sehr
unruhig schlief, kirschroth wurde und sich im Schlafe krmmend bewegte ...
    Er trumt schwer! sagte Frau Mrtens, die eben den Tisch zum Mittagessen
deckte. Es drckt ihn doch nicht die Alpe?
    Wirklich entfuhren dem Frster allerlei Ausrufungen, die einen lebhaften,
drckenden Traum verriethen.
    Fort! Fort! sagte er. Urschel fort! Urschel, sie soll! ... - Feuer! Feuer!
Es brennt -! Sie soll ...
    Damit ri er sich, untersttzt von der Tischlermeisterin, die von dem Druck
der Alpen Schreckliches zu erzhlen wute, auf und erwachte.
    Wird schon gegessen? sagte er rasch orientirt, hab' ich geschlafen?
    Damit zog er die Uhr mit einem schnen Horngehuse. Schon halb eins! sagte
er.
    Sandrart stand stumm und still. Er holte rasch seine Dienstmtze. Er hatte
sich in seinem Fltenspiel und der Eifersucht auf den jungen, gewandten
Franzosen versptet. In der Angst, schon wieder eine Rge zu besehen, wie er's
nannte, lief er davon. Frnzchen hatte ihm ohnehin schon durch ein Kopfschtteln
den Besuch des schnen Soldatenstckes abgeschlagen.
    Die Alte gab ihm das Zeugni hinterher:
    Ein guter, aber drmerischer Mensch!
    Die Unterhaltung beim Mittagsmahle war eben so sprlich wie das bescheidene
Mahl selbst ... Die beiden alten Leute aen wenig, Frnzchen fast gar nichts und
Heunisch hatte zu gut gefrhstckt und einen garstigen Traum gehabt.
    Seine ersten Worte muten der Frau Tischlermeisterin und ihrer Bildung eine
sehr schmeichelhafte Anerkennung zu Wege bringen.
    Immer, sagte er, wenn ich von der Schneidemhle und vom Feuer trume,
schmeckt's mir den ganzen Tag nicht. Dann liegt mir's ordentlich wie ein Alp auf
der Brust. Wenn nur die Marzahn nicht einmal das Haus ansteckt! Jede Nacht steht
sie auf und leuchtet mir mit der Lampe in alle Winkel. Ich kann von Glck sagen,
da ich die Hunde zu Hause lie. Erst wollt' ich den Packan und die Jette
mitnehmen, die sind die wachsamsten und schlagen gleich an. Ja sie sind Gott sei
Dank vernnftiger als die Alte! Seit sie von einem Bruder, der in Amerika
gestorben ist, das Geld gekriegt hat, sieht sie alle Nacht Gespenster! Ei,
Muttersche, sagt' ich ihr erst vor ein paar Tagen ganz fuchswild: Muttersche,
Muttersche, ist sie toll? Ich schiee 'mal drauf los, wenn sie wieder sagt: Da
geht der Herr Baron ber die Wiese und sucht unter der Eberesche seinen
Erstgebornen!
    Mann! Mann! sagte Madam Mrtens und rckte ihrem Gatten das gekochte
Rindfleisch hin zum Zerschneiden; schweigen Sie still, Onkel! So etwas kommt
Einem die Nacht vor, da man nicht schlafen kann!
    Sie erzhlte darauf eine lange Gespenstergeschichte.
    Als sie zu Ende war, sagte Heunisch bedenklich, wenn sie noch so fortmacht,
seine Alte, so glaube er doch noch, es gbe Hexen.
    Wie sie hrte, ich wollte hierher und die Frnz holen da mit ihrem
Seidenhaar und dem starren, tckischen Sinn, kam sie mir in der Nacht, eh' ich
fortmachte, an's Bett ...
    Jesus! sagte die alte Mrtens. Da htt' ich den lebendigen Tod gehabt!
    Die Courage mu man zusammen nehmen! Heunisch, sagte sie, wenn er an's
Wasser kommt, wei er, wo das Waisenhaus liegt, dann sagt doch: die Kinder
sollten im Waisenhaus nicht so schreien!
    Der alte Tischler lachte und schenkte von dem Dnn-Bier ein, das einer
seiner Lehrburschen, die des Gastes wegen nicht mit aen, auf den Tisch stellte.
    Was fr Kinder? fragte die alte Mrtens voll Interesse mit dem Beisatze:
    Diese Ursula ist wol nicht recht gescheut?
    Was fr Kinder! antwortete Heunisch. So mu man da gar nicht fragen!
Urschel, sagt' ich, schreien sie denn so die Kinder, da du nicht schlafen
kannst? Ach, sagte sie, ich kann wol schlafen, Heunisch; aber der Baron kommt
und sagt: Schwester, was schreien denn die Jungen so? Die Grfin will's nicht
hren ...
    Die Grfin! fragte wieder verwundert Madame Mrtens.
    Heute ist's eine Grfin, morgen der Baron, dann das Nantchen von der
Sgemhle und auch einmal die Line vom Gelben Hirsch. Das geht Alles da
durcheinander und wenn mir's zu bunt wird, ruf' ich: Jette! - Das ist mein
Windspiel - Jette! Eins, zwei - die Jette unterm Bett hervor ... angeschlagen
... ihr an die Strmpfe ein Bischen gekitzelt ... Dann schimpft sie ber die
Hunde und geht mit allen ihren Dummheiten zu Bett.
    Die Tischlermeisterin starrte.
    Heunisch, sagte aber ihr Mann und schenkte von dem Bier ein, das dem Onkel
nicht munden wollte, da Sie Das da im Wald so allein aushalten! Und schon die
vielen Jahre!
    Es erbarmt sich ja Keiner eines so alten Hundes wie ich bin! sagte der
Frster mit einem scharfen Seitenblick auf seine Nichte, die kaum hrte und fr
sich trumte.
    Frau Mrtens besann sich jetzt von ihrem Schreck. Sie wollte das ihr nicht
angenehme Thema der Mitreise nach dem Forsthause nicht wieder anregen lassen,
sondern setzte auf den Schrecken dieser Erzhlung noch die Schrecken einer ihr
bekannten wirklichen Hexengeschichte.
    Als sie zu Ende war, konnte Heunisch von seiner Ursula Marzahn desto
unbefangener fortfahren:
    In der Nacht, eh' ich abreiste, kommt sie mir wieder mit dem Wasser und dem
Waisenhaus an. Und weil ich gerade vor Unruhe, wie immer, wenn ich was vorhabe,
nicht schlafen konnte, so lie ich sie heute 'mal reden und rief nicht gleich
die Jette. Von wem Urschel, sagt' ich, soll ich denn ein Compliment in's
Waisenhaus sagen und die Jungens mchten ruhig sein? Von der Grfin! sagte sie
und blinzelte mit ihren kohlschwarzen Augen. Und der Baron will wol auch nicht
gern das Kindergeschrei? sagt' ich. Da lachte sie. Es knnen viele Menschen das
Kinderschreien nicht leiden, meint' ich. Wem mu ich denn sagen, die Kinder
sollten nicht so laut schreien? Ich dchte, fuhr ich so im Spa fort, ich sagt'
es lieber gleich dem Knig. Was, Alte? Aber Das machte sie nun erst ganz
verdreht. Was dabei der Knig sollte, verstand sie nicht und ganz ruhig geworden
ging sie fort, wie ein bellender Hund, wenn man einen Stein von der Erde nimmt.
Wenn Einer verrckt ist, mu man nur so thun, als wenn er ganz Recht htte und
dann geht er gleich in sich.
    Der Tischler glaubte keine Wunder, als die in der Bibel stehen, seine
Gemahlin schttelte aber den Kopf und ermuthigte den Frster, fortzufahren:
    Gleich darauf kommt sie wieder und sagt: Heunisch, sagt sie, er mu das Geld
mitnehmen. Schn! sagt' ich, Urschel. Wie viel denn? Alles? Alles? Urschel gut!
    Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika? warf Frau Mrtens, die ber diese
schon unterrichtet war, dazwischen.
    Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika! Das Geld, sagte sie, nimm mit und
schlag's nur in eine Windel; und leg' er's auch noch in einen Korb und dann geh'
er an die Brcke, wo das Waisenhaus liegt! Gut, sag' ich, Urschel, ich gehe an
die Brcke, wo das Waisenhaus liegt. Husch, schrie sie dann, in's Wasser! In's
Wasser? Donnerwetter, sagt' ich, Urschel, Geld wirft kein Mensch in's Wasser.
Was sollen denn die zweihundert Louisdors in's Wasser? Da schwieg sie, weil ich
sie so wieder auf meine Art gefangen hatte.
    Mrtens lachte ber die Klugheit des Jgers, seine Frau tadelte aber die
rationelle Auffassung solcher dunkelen Dinge und sie meinte:
    Man hat doch schon Exempel statuirt ...
    Wo soll ich denn den Korb mit dem Geld hinsetzen, Urschel, fragt' ich, nun?
Wol mitten auf die Brcke? Sie schttelte den Kopf. Dann drben an's Waisenhaus?
Da nickte sie. Wo denn? Nun sah sie sich ngstlich um und flsterte: Komm, es
ist Alles still. Sie sehen's nicht. Hast du den Korb? Pst! Da steht eine
Schildwacht. Hier bei der Laterne. So! Da! An dem Brunnen da liegt's! Husch!
Mach nun fort! Fort! Fort!
    Und das Alles knnen Sie bei nachtschlafender Zeit mit der Frau so zusammen
diskuriren? fragte Madame Mrtens und schttelte sich.
    Also da soll ich das Geld hinlegen, Ursula? sagt' ich, fuhr Heunisch
unbekmmert um diese Frage fort. Sie nickte. Will's der Baron? Sie meinte: Ja!
Will's auch die Grfin? Sie nickte wieder. Gut, Ursula, sagt' ich, ich will
mir's berlegen. Da lachte sie zufrieden, nahm ihr Licht und ging. Und nun
rathen Sie 'mal was Neues?
    Ach mein Himmel, was denn? erschrak ordentlich Frau Mrtens, als kme nun
etwas Unerhrtes.
    Wie ich hierher komme, hatt' ich gestern bei einem Kaufmann, der sich gutes
Schiematerial hlt, er heit Hackert, etwas Vorrath fr den Herbst einkaufen
wollen. Such' ich den auf und finde ihn gerade gegenber dem Waisenhaus. Da ist
die Brcke, da steht ein Schilderhaus, da ist die Laterne, da ist der Brunnen.
Nun sag' ich doch, die Ursula war vor etwa zwanzig Jahren, ehe sie den Marzahn
heirathete, wol einmal einige Zeit in der Stadt, aber seitdem nicht wieder und
sie hat's beschrieben, just wie's war, ganz deutlich; es war mir, als sh' ich
den Korb dastehen an der Laterne, neben dem Brunnen, mit den Windeln und die
zweihundert Louisdors darin und die Kinder schrieen im Waisenhaus ...
    Hren Sie auf! winkte die Tischlermeisterin, der es nun eisig berrieselte.
Das Bild von Kindern, die im Waisenhaus vielleicht nach ihren Vtern schrieen,
war ihr zu schauerlich.
    Bei alledem ist die Ursula, schlo Heunisch, die beste Seele von der Welt.
Sie sorgt fr mich armen einsamen Kerl und meinen Nachmittagsschlaf - den - den
hab' ich ihr auch - den hab' ich ihr auch ... zu verdanken ... und die Stube
hlt sie im Winter warm ... und reinlich ist sie auch ... und ihr Schrank ...
ihr Schrank, den mag sie ... ihr Schrank ...
    Diese Worte brachte Heunisch schon ghnend und wieder halb schlafend hervor.
Er hatte wenig gegessen und nur mit bestndigem Ghnen unterbrochen sich und den
Tischgenossen durch seine Erzhlung die Zeit vertreiben wollen. Der Rollsessel,
auf dem er sa, war ein Grovaterstuhl, der mit einem Ruck sich vom Tische
fortbewegte und ihn in Schlummer sanft in die Nhe des noch nicht gefeuerten
Ofens gefhrt htte, wenn seine letzte Besinnung ihn nicht auf einen hflichen
Gedanken an den alten Mrtens gebracht htte, der auch gern seinen
Nachmittagsschlaf hielt. Er erhob sich also rasch, sagte: Gesegnete Mahlzeit!
und warf sich ohne viel Umstnde in der Kammer auf Frnzchens Bett, wo er in
einer Minute entschlummert war; der alte Mrtens, unfhig sich von Gewohnheiten
zu trennen, schnarchte im Grovaterstuhl. Seine Gattin nickte etwas am Fenster,
frei-schwebend, auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne.
    Frnzchen aber deckte, whrend Alles schlief, ab. Die Reste kamen in die
Werkstatt zu den Lehrjungen.
    Den Tisch stellte sie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr
Bett schtzte sie denn doch vor des Onkels staubigen Stiefeln durch ein altes
Tuch, das sie ihm behutsam unterschob. Dann begann sie, die um sie waltende
Stille wahrnehmend, einen Gedanken auszufhren, der einigermaen Das, was sie
bedrckte, erleichtern sollte. Sie entschlo sich, an Herrn Sylvester einen
Brief zu schreiben.

                                Zehntes Capitel



                            Geschichte eines Briefes

Frnzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet.
    Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen.
    Die wohlberlegte Erklrung, die sie ihm hatte geben wollen, der in ihrem
Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben; sie
war ihn nicht los geworden.
    Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen. Wie
leicht mglich, da er mit Armand zusammentraf!
    Erschrocken ber diese Mglichkeit entschlo sie sich, ihm zu schreiben.
Wute sie auch seine gegenwrtige Wohnung nicht, so kannte sie doch genau seine
frhere, Knigsstrae Nr. 13. Sie hoffte dort schon erfahren zu knnen, wo sie
den Brief wrde abzugeben haben.
    Einen Brief! Einen Brief schreiben Menschen, die wie Franziska Heunisch in
beengten Verhltnissen leben, nicht so schnell wie Leute, die sich die Welt, in
der sie leben, frh mit dem Gnsekiel erweitern. Nicht etwa wegen der Gedanken.
Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im Kopfe des jungen, sich immer mehr
entwickelnden Mdchens. Aber die Schreibmaterialien! Der ganze Umstand dabei!
Was fehlte nicht Alles!
    Sie nahm rasch ihren Hut, schlug ein leichtes Flortchelchen um den Hals,
klinkte die Thr leise auf und schlich die Treppe hinunter, um eine geschnittene
Feder, Oblaten und Papier zu kaufen. Mit diesem Reichthum sprang sie in ihren
Hinterhof zurck, nicht ohne einen Blick zu dem goldnen Louis Armand,
Vergolder hinaufzuwerfen, nicht ohne einen sonderbaren Schreck, den sie hatte,
als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus
einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zurckzog, bei dem es ihr doch fast
war, als htte sie ausrufen mssen: Himmel, Das ist ja Herr Sylvester!
    In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen. Bald entdeckte
sie aber in ihrer Erinnerung an diese pltzliche Erscheinung ein verschiedenes
Haar und manches andere von Herrn Sylvester Abweichende. Sie mute sich oben
sagen: Du bist so lebhaft mit der Vorstellung an deinen Brief beschftigt, da
du nichts hrst und siehst als Die Menschen, die dich armes Kind wie einen
Spielball hin- und herwerfen!
    Als sie wieder oben war, fand sie Alles so still und schlummernd, wie sie
die kleinen Zimmer verlassen. Sie erschrak, da sie ihr Nhtischchen nicht
verschlossen hatte, doch fand sie Alles unversehrt. Sie hatte jenes Gefhl, das
uns in solchen Augenblicken sagt: Ohne Leben war es inzwischen in dem stillen
Raume doch wol nicht! Kleine Geister huschten gewi auf und ab, lasen, was sie
nicht sollten, kramten, wo sie nicht durften, legten aber Alles ganz wieder so
unversehrt hin, als wre nichts geschehen!
    Jetzt wollte sie schreiben und erschrak, da sie die Tinte vergessen hatte.
Es war ein Gef dafr da, es stand immer in der Ofenrhre, aber es war
eingetrocknet ... Sie go Wasser dazu und rhrte mit einem Spahn den schwarzen
Brei um. Er gab hinlngliche Flssigkeit, um einen kurzen und bndigen Brief zu
schreiben.
    Als sie fertig war, schlo sie das Geschriebene mit einer von den
neugekauften Oblaten. Sie hatte, so oft sie in ihrem Leben schon Briefe
geschrieben und mit bunten Oblaten gesiegelt hatte, immer solche Farben fr
diesen Zweck gewhlt, wie sie dem Verhltnisse, an das sie schrieb, zukamen.
Frhlichen Menschen und Freunden leichter Art, dem Onkel nach Plessen, siegelte
sie mit rothen Oblaten; Treuen, Bestndigen mit blau; an Louis Armand htte sie
gewi eine grne Oblate, die Farbe der Hoffnung gewhlt. Fr den Professor
Sylvester whlte sie eine gelbe.
    Glcklicherweise erwachte jetzt die alte Mrtens. Frnzchen konnte also
ihrem Drange sogleich folgen und den fertigen Brief in die Knigsstrae Nr. 13
tragen. Sie ordnete das Band an ihrem Hute, ihr Haar, sie legte sich einen
hbschen gestickten Kragen um den schnen, etwas brauninkarnirten Hals, nahm die
weie Florecharpe gar zierlich ber Schulter und Arme, zog sich ein paar alte,
aber sehr gepflegte dunkle Handschuhe an, verbarg den Brief in einem
Taschentuche und machte sich mit der Erklrung, sie kme in einer kleinen halben
Stunde wieder, auf den Weg. Die Trau Tischlermeisterin hatte es gern, wenn das
junge Mdchen, dem sie im Ganzen sehr zugethan war, sich nach Tische etwas
Motion machte. Sie nannte sie versessener als sie sein sollte.
    Franziska war es als brennte der Boden unter ihr. Sie fhlte, da sie nun den
geliebten Freund wiedergesehen und er sie mit fragendem theilnehmendem Schmerze
betrachtet hatte, da sie Alles aus dem Wege rumen msse, was sie
mglicherweise von Louis' Vertrauen trennen konnte. Auch mit Heinrich Sandrart
gedachte die kleine Schnheit kurzen Proze zu machen und berlegte sich schon
den Brief, den sie auch an diesen gleich nach des Onkels Abreise schreiben
wollte. Von einer Mitreise nach dem unheimlichen Forsthause, in den engen Wald,
wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weien Zuckerkgelchen auf den
gestrichenen Zwetschenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten, war jetzt,
wo ihr Louise Eisold den Muth des Herzens eingeflt hatte, keine Rede.
    Frnzchen kam in die lange geruschvolle Knigsstrae und suchte nach der
Hausnummer. Sie fand sie bald. Es war ein groes stattliches Haus mit vielen
Stockwerken und mit einer groen Anzahl von Fenstern. Ein Hinterhaus war nicht
sichtbar. Sie hatte geglaubt, die erste Anfrage schon wrde ihr die Klingel
zeigen, wo sie ihr Briefchen abgeben knnte. Unten waren nur Lden, im ersten
Stocke wohnten die Besitzer derselben. Im zweiten verwies man sie in den
dritten. Niemand kannte einen Professor Sylvester. Niemals hatte ein
franzsischer Sprachlehrer dieses Namens hier gewohnt. Der Gedanke, da sie von
diesem zweideutigen Manne, der grnen Brille, knnte getuscht sein, kam ihr
sowenig ein, da sie, als man ihr im dritten Stocke sogar kurzweg die Thren vor
der Nase zuschlug und ein impertinentes Wohnt hier nicht zurief, auch noch
ber eine dunkle, schmuzige, steinerne Stiege in den vierten Stock stieg. Hier
sah sie schon die Dcher der Nachbarhuser. Sollte Herr Sylvester hier gewohnt
haben? Die Klingelschilder, die sie fand, konnte sie in der Dunkelheit kaum
lesen. Keins zeigte Den Namen, den sie suchte.
    Wie sie voller Betrbni so stand und sich deutlich zurckrief, wie ihr Herr
Sylvester anfangs dieses Haus, und nur dieses, das sie im Vorbergehen oft
darauf angesehen hatte, als seine frhere Wohnung genannt, war sie
unentschlossen, ob sie nun hier doch noch klingeln sollte ...
    In dem Augenblick hrte sie einen lebhaften Wortwechsel, der hinter einer
dieser schon schwarzen, verrucherten Thren gefhrt wurde.
    Schmen Sie sich, sagte eine alte keifende Stimme; Sie bringen's noch so
weit, da Sie bald Ihr festes Quartier angewiesen kriegen!
    Eine andere hellere weibliche Stimme lachte laut auf.
    Lachen Sie nur, sagte die ltere Stimme wieder, seit dem letzten male, wo
Sie gefat wurden, ist dem Oberkommissr schon die Geduld gerissen. Er lt das
Vgelchen nicht wieder fliegen, wenn er's nun beim Fittich hat!
    Nur hhnischer Spott von der Andern war die Antwort.
    Wann bekomm' ich meine vier Thaler? Machen Sie ein Ende oder ... Wesen, ich
rathe dir!
    Verklagen Sie mich! war die Antwort auf diese wilde, dreifach gesteigerte
Apostrophe. Die Gerichte werden Ihnen anstreichen, Miethe fr Hausschlssel zu
fodern. Haben Sie einen Gewerbschein auf Hausschlssel?
    Die Alte dmpfte jetzt die Stimme und sprach etwas, was Frnzchen nicht
verstand.
    Mag ihn nicht! sagte bermthig lachend die Junge. Wenn ich einen Alten
nehmen soll, wei ich Einen, der viel flotter ist ...
    Frnzchen wollte auf solche uerungen, vor denen ihr sittliches Gefhl
schauderte, gehen, aber die Erwhnung eines Alten fesselte sie doch. Sie dachte,
sollte Das wol der franzsische Sprachlehrer sein?
    Die Alte sprach wieder etwas leiser ...
    Die Junge antwortete mit derselben hhnischen Zurckweisung wie vorhin:
    Da Bartusch mir nicht hierher kommt! Ich werf' ihn die vier Treppen
hinunter, da er nicht wissen soll, ob er fliegt oder stolpert.
    Die Stimme der Alten wurde etwas hrbarer.
    Was kann Ihnen denn, sagte sie, Gold und Juwelen helfen, wenn Ihnen die
Polizei die Schelchen ffentlich abreit und Ihnen einen Namen als
Diebshehlerin anklext! Der Alte, den Sie meinen, wohnt jetzt auch bei uns,
hinter den Eisenstangen, wo der Mondschtige gewohnt hat. Wir wissen ja, was Pax
von ihm hlt! Alles pat ihm auf. Schrecklich, jede drei Tage wird angefragt,
was Der mit der schwarzen Binde treibt!
    Die Stimme der Jngern sprach jetzt schwcher.
    Frnzchen konnte sie nicht verstehen. Die Erwhnung von dem Manne mit der
schwarzen Binde fesselte sie. Es war Der, der bei Louise Eisold eingezogen
war!.. In dem Glauben, doch noch vielleicht etwas vom Herrn Sylvester zu hren,
blieb sie stehen, unschlssig, ob sie klopfen sollte.
    Sie hrte wohl, da beide Frauen fortsprachen, aber sie konnte nichts
Deutliches mehr unterscheiden.
    Leute dieser Gattung streiten sich oft, dann scheint es pltzlich, als wenn
sie sich vershnten, sie lachen sogar und ehe man sich's versieht, bricht wieder
die alte Wuth hervor.
    So kreischte jetzt eine Stimme auf. Es war die Jngere ...
    Meine Ohrringe! schrie sie. Alte, ich bringe dich um.
    Nun lachte die Alte. Sie hatte sich ohne Zweifel fr die Schuld, die sie bei
der Jngeren beanspruchte, selbst pfnden wollen.
    Hinaus! schrie die Jngere. Spitzbbin! Du hast die Perle abgerissen!
Flickschusterin, hinaus, Drache! Wo liegt meine Perle?
    Nun, nun, sagte die Alte sie beruhigend und ngstlich, ich will suchen
helfen ...
    Nicht unterstanden! Keinen Griff auf die Erde! Stehen geblieben! Die Hnde
hergezeigt! Schndliches Weib, meine Perle! Wo liegt meine Perle?
    Glasperle! Zwei Dreier an Werth! lachte die Alte. Der Plundermatz verkauft
welche fr vier Pfennige.
    Es dauerte eine Weile, bis wieder gesprochen wurde ... Wahrscheinlich suchte
die Jngere auf der Erde, whrend die Alte tckisch lachte und sich nicht rhren
durfte, damit sie unter dem Schein zu suchen nichts einsteckte. Wir kennen dies
Talent der Frau Mullrich von den drei Thalern her, die sie fr Hackert suchen
half.
    Da ist sie ja! rief sie aber doch zuletzt. Und nun hab' ich keine Geduld
mehr! setzte sie rgerlich und giftig polternd, angeschwollen von ihrer
bewiesenen Ehrlichkeit hinzu: Dem Grauen schliet sie die Thr, meine vier
Thaler gibt sie mir auch nicht! Sie denkt wol, ich wei nicht, mit wem sie sich
herumzieht? Fr wen sie jetzt thut, als htte sie niemals auf Nr. 17 bei mir
gewohnt? Sie denkt wol, Der mit den Nankingkamaschen wird nicht bald dahinter
kommen, da sie ...
    Weiter sprach die Stimme nicht. Ihre nchste uerung war ein furchtbares
pltzliches Krchzen und Wrgen. Mhsam prete eine am Ersticken nahe Kehle die
Worte hervor:
    Hlfe! Hlfe! Sie wrgt mich!
    Franziska Heimisch wute nicht, was sie nun thun sollte. Schon war sie im
Begriff gewesen zu gehen, schon zitterte sie jetzt vor Angst, ob sie nicht Hlfe
rufen sollte, als die Stubenthr von innen aufgestoen wurde und ein junges,
schlankes, schngebautes Frauenzimmer eine Alte mit einem einzigen athletischen
Wurfe ber die Schwelle schleuderte und scheinbar kalt, aber zornglhend,
sogleich die Thr wieder zuschlug und von Innen mit den Worten verriegelte:
    Das ist fr Den mit den Nankingkamaschen!
    Da hier Herr Sylvester nicht wohnen konnte, sah Frnzchen nun wohl und
wollte entfliehen.
    Die Alte aber schrie ihr nach:
    Mamsell! Frulein! Hren Sie! Warten Sie!
    Und whrend sich Franziska nur umsah, hatte die Alte sie schon mit ihren
schwarzen Pechkrallen gepackt und berschttete sie unter lautem Geschrei mit
den Worten:
    Sie hat mir eine Rippe zerbrochen - Sie mssen's bezeugen - Mamsell, Sie
haben's gesehen!
    Liebe Frau, lassen Sie mich - bat Frnzchen flehentlich.
    Sie hat mich morden wollen - Sie haben's gesehen - Sie mssen's beschwren!
    Bitte, ich bin hier fremd - ich suche nur ... ich hatte einen Brief hier -
    Ich rei' Ihnen den Brief weg, wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie sind!
    Frnzchen versteckte ihren Brief mit Blitzesschnelle und rief:
    Um Gotteswillen, was wollen Sie denn von mir, liebe Frau?
    Die Alte packte Frnzchen und krchzte:
    Bezeugen sollen Sie's, beschwren mssen Sie's, da sie mich hat wrgen
wollen! Die Kehle hat sie mir zugeschnrt mit ihren Diebsfingern! Da sind noch
die Krallen in meinem ehrlichen Halse! Wie heien Sie? Gott! Sie hat mir eine
Rippe zerbrochen ... Ich habe den Tod weg ...
    Frnzchen wurde jetzt mitleidig und schickte sich schon an, ihren Namen zu
sagen, als wieder die Alte sie packte und rief:
    Wo wohnen Sie? Wer sind Sie? Sagen Sie's oder Mamsell, ich lasse Sie nicht
los und sollten die Straen zusammenlaufen. Ach! Ach! Mir wird schwach ...
    Herr Gott! Was ist Ihnen? Soll ich Sie nach Hause fahren lassen? Wohin denn?
    Wer sind Sie?
    Die ngstlichen Fragen der von einem merkwrdigen schauspielerischen Talente
der Flickschusterin getuschten Frnz, mit wem denn sie die Ehre htte,
beantwortete diese:
    Ich bin die Mullrich, Vizewirthin von der Brandgasse Nr. 9. Mein Mann ist
von Profession ein Schlosser, von Gewerbeschein ein Schuster, steht aber bei der
Polizei als Offiziant und ich bin die Vizewirthin. Diese Mrderin heit Auguste
Ludmer! Das bringt sie auf zehn Jahre in's Criminal! Wie heien Sie, Mamsell?
    Wenn es Sie beruhigen kann, ich heie Franziska Heunisch ...
    Franziska Heunisch! Und Ihre Wohnung?
    Wallstrae Nr. 14. Beim Tischler Mrtens.
    Beim Tischler Mrtens! Ach du mein Heiland ... Das will ich mir merken. Ach
ich sterbe ... Da hab' ich doch meine Satisfaction! O, o, diese Creatur! Sie
haben's gehrt, da ich Hlfe geschrien habe? Sie haben's gehrt?
    Leider! Leider!
    Sie haben's gesehen, da sie mich mit Fen getreten hat ...
    Mit Fen getreten? sagte Frnzchen, erschrocken ber die Abweichung von der
Wahrheit.
    Mit Fen getreten, geschunden, gekratzt hat sie mich!
    Damit heulte die Vizewirthin aufs neue.
    Frnzchen wollte entgegnen, die Lebhaftigkeit der Phantasie dieser Frau
berichtigen, allein der Lrm hatte alle Dienstmdchen des Hauses, alle
Comptoirdiener der untern Lden zusammengerufen und in der verzweifeltsten
Beschmung, sich hier in eine so widerwrtige Begebenheit verwickelt zu sehen,
gab sie Alles zu, um nur fortzukommen.
    Glcklicherweise gelang ihr Dies. Whrend Frau Mullrich den Umstehenden ihre
Schicksale mit diesem abscheulichen Frauenzimmer oben ausfhrlich und
bertrieben erzhlte, fand sie eine gnstige Gelegenheit, davonzuschlpfen ....
Die Knigsstrae ist so lebhaft, da sie bald unter den Menschen verschwand und
von ihrer Verfolgerin, deren Krallen sie noch immer im Nacken fhlte, nicht mehr
entdeckt wurde. Ihren Namen, hoffte sie, wrde sie vergessen haben. Sie entsann
sich, da dies der wachende Hausdrache bei Louise Eisold gewesen war, und
bedauerte nur, wie sie nun wol kaum jemals wieder wrde versuchen knnen, jenes
Haus zu betreten! Wie schpfte sie mit angstbefreiter Brust Athem, als sie
wieder frische Luft und Sonne und Sicherheit um sich hatte!
    Anfangs fhlte Frnzchen, erlst von der eben berstandenen Pein, nur im
geringeren Grade die unangenehme Tuschung, die sich Herr Sylvester mit ihr
erlaubt hatte. Als sie sich aber wieder ihrer Wohnung nherte, rgerte sie es
denn doch empfindlich, da dieser ihr jetzt vollends abscheuliche Mann sich
vielleicht einer falschen Adresse bedient hatte. Sie konnte nicht glauben, da
er da gewohnt hatte, wo jener Zank vorgefallen war ...
    Das entschlossene zweideutige junge Frauenzimmer hatte sie wohl erkannt! Es
war jene schmuckbehangene Auguste Ludmer vom Fortunaball gewesen, die mit dem
Glockenschlage vier von den Agenten der Polizei mit jenem lteren Manne
verhaftet wurde, den sie nun schon unter dem Namen eines Englnders Murray
kannte ... Wie berlief es sie kalt bei dem Gedanken, da sie mit solchen
Menschen vor Gericht treten sollte, Zeugni ablegen, ja nur mit ihnen zusammen
genannt werden!
    In dieser Qual, vor Louis Armand's Augen immer tiefer sich in einen falschen
Schein zu stellen, immer mehr sich in ungnstige, ohne ihre Schuld, gegen sie
sprechende Beziehungen zu verwickeln, betrat sie die Wallstrae. Da sah sie
wieder ihr Haus, Armand's leuchtendes Schild und jenes Fenster, wo es ihr vor
noch nicht viel ber eine Stunde gewesen war, als htte sie an ihm etwas
entdeckt, was Herrn Sylvester's Kopfe so hnlich geschienen, da sie im ersten
Augenblicke dachte: Da ist Herr Sylvester bei Louis Armand selbst zum Besuche!
Sie sprechen ber die Bestellungen fr jene Grfin, ber dich! Louis verurtheilt
dich, ohne dich gehrt zu haben!
    Was thut es, dachte sie, als sie in die Hausflur trat, du klopfst oben bei
der Frau an, die so glcklich ist, alle ihre Zimmer nun vermiethet zu haben, du
frgst, wer neben Louis Armand jetzt wohne ... Ohne weiter zu zgern, stieg sie
die Treppe hinauf. In dem Augenblicke hrte sie oben eine Thr zuschlieen. Sie
wandte den Kopf, sah hinauf; es war Louis, der eben im Begriff schien
auszugehen. Sie zgerte. Sie war so erschrocken, da sie umwenden wollte. Indem
hatte sie aber Louis schon bemerkt.
    Ah, Mademoiselle, rief er angenehm berrascht und ber die ernsten
Gesichtszge, mit denen er seinen Zettel an der Thr, der jede Bestellung
whrend seiner Abwesenheit an den Tischler Mrtens im Hinterhofe verwies,
flchtig bersah, flog ein Strahl sanfter Freude. Wie kommen Sie hierher,
Mademoiselle?
    Frnzchen stotterte etwas, sah auf ihren Brief und wute vor Verlegenheit
nicht, welche Ausrede sie finden sollte.
    Louis blickte auf den Brief und war erstaunt eine franzsische Adresse zu
lesen: A Monsieur Monsieur le Professeur Sylvestre de Paris ...
    Die Worte waren ganz orthographisch geschrieben.
    Haben Sie Das geschrieben, Franchette? fragte Armand.
    Ja, antwortete Frnzchen schchtern. Der Herr ist in dieser Zeit mein Lehrer
gewesen. Ich wollte ihm schreiben, da ich kein Talent fr Sprachen habe und ihn
bte, nicht mehr zu kommen.
    Nicht mehr zu kommen? Warum, liebe Franchette? Kein Talent?
    Frnzchen hatte jetzt keine Antwort. Sie blickte verlegen bald auf die
Stufen, auf denen sie noch stand, bald ber das Gelnder hinber an die Thr,
welche Louis eben verschlossen hatte und die Nebenthr.
    Wer wohnt da? fragte sie. Ich sehe eine Karte an der Thr.
    Kommen Sie, wir wollen lesen, liebe Franchette!
    Frnzchen stieg die Treppe nun ganz hinauf und hrte, da Louis schon sagte:
    Ein Italiner ist mein neuer Nachbar! Lesen Sie!
    Frnzchen sah auf die angeheftete Visitenkarte und fand die einfachen Worte:
    Signor Barberini.
    Signor Barberini! wiederholte sie und sprach fr sich: Der ist es nicht.
    Es konnte Louis nicht entgehen, da Frnzchen in Verlegenheit und einer
gewissen Aufregung war .... Er wollte zu Egon, um mit ihm zu speisen, da hatte
er wohl noch eine halbe Stunde Zeit, um die Gelegenheit zu benutzen, einige
Worte mit einem Mdchen zu wechseln, zu dem er sich so innig hingezogen fhlte
und das ihm durch diese lange, von ihm nicht verschuldete Trennung auf eine sein
Inneres beklemmende Weise entrckt war.
    Ohne lange zu zgern, schlo er die Thr seiner Wohnung auf und schlug
Franziska vor, einen Augenblick bei ihm einzutreten.
    Sie sah ihn mit groen Augen an, als wollte sie sagen: Ist Das erlaubt? Darf
ich Das? Und wenn ich es wagte, weil ich dich liebe, wrd' es mich denn auch bei
dir nicht herabsetzen?
    So viel Gedanken und Empfindungen in einem einzigen Augenblicke
ausgesprochen, mssen einem groen, braunen, von schwarzen Wimpern beschatteten,
mit schwarzen Brauen umrandeten Auge wol einen mchtigen Zauber geben. Wie diese
beiden kleinen krystallenen Kugeln so zitternd und wie lebendig gewordene Worte
auf Louis ruhten, fhlte sich dieser feurig bewegt, schlug leise seinen Arm ber
des Mdchens Schulter und sagte:
    Meine liebe Freundin! Sechs Wochen Trennung! Sie haben mich vergessen!
    In diesem Augenblick stand die Thr schon auf und Frnzchen wurde geblendet
von dem schnen Anblick. Das elegante, weitapezirte Zimmer hatte keine andern
Mbel als rings an den Wnden einige mit rothem Plsch berzogene Divans und
einige Tabourets von gleichem Zeuge. An den Fenstern hingen weie grogeblumte
Gardinen mit goldbronzenen Haltern. An den Wnden sah man Spiegel mit goldenen
Rahmen und groe Cartons mit Rahmenmustern in den geschmackvollsten Formen. Auf
einem groen Tische in der Mitte des Zimmers lagen Zeichnungen, Goldleisten und
die zierlichsten Holzschnitzereien.
    Und dennoch wrde sich Frnzchen von dem schnen Anblick nicht haben
sogleich blenden lassen und eingetreten seien, wenn sie nicht pltzlich im
Nebenzimmer ein gewisses Husten gehrt htte. Dies Husten erinnerte sie
schreckhaft an den Professor Sylvester. Er behauptete, sich seit dem Fortunaball
einen unausrottbaren Katarrh geholt zu haben, schmhte ber das Klima dieser
wilden Gegenden des Nordens und hustete oft so ununterbrochen, da er, um sich
zu erholen, aufstehen und einen Gang durch's Zimmer machen mute. Ganz diesem
Husten hnlich klang es jetzt von der dnnen Wand her, die dies Geschftszimmer
des jungen Franzosen von der Wohnung des Signor Barberini trennte. Darber
betroffen nachgrbelnd folgte sie fast willenlos der Aufforderung ihres ernsten
und so liebevoll bittenden Gnners, da sie zuletzt in seinem Zimmer war, sie
wute nicht wie. Mit welcher Pein sank sie auf eins der zierlichen rothen
Tabourets nieder! Wie bebte sie, wenn sie sich dachte, die Thr, die Louis
eingeklinkt hatte, knnte aufgehen und irgend Jemand, an dessen guter Meinung
von ihr ihr etwas gelegen sein mte, trte ein! Da Der, an dessen Urtheil ihr
selbst am meisten gelegen war, sie selbst hier hatte eintreten lassen, trstete
sie und die erste Beklemmung wich bald einem froheren Gefhle.
    Franziska, begann Louis Armand mit bescheidener Zurckhaltung und ohne den
mindesten Anschein, als knnte er die gewagte Situation zu seinem Vortheile
benutzen wollen, Franziska, haben Sie meine kleinen Verse erhalten?
    Ich wollte Ihnen dafr danken, sagte Frnzchen schchtern, aber ich fand
nichts, was Ihrem Geschenk wrdig antwortete.
    Das kleine Gedicht ist in der Theilnahme gedacht worden, die ich fr ein
weibliches Gemth empfinde, das sich vom Schicksal auf die groe Aufgabe
angewiesen sieht, unter Entbehrungen die Tugend zu lieben. Ich bin betrbt
gewesen, Franziska, da Sie die Gefahren selbst aufsuchen, denen nicht jedes
Herz zu trotzen im Stande ist!
    Frnzchen schlug errthend die Augen nieder.
    Sie besuchen die nchtlichen Blle -
    Herr Armand ... war Alles, was Frnzchen stottern konnte.
    Sie haben auf einem Ball, der bis tief in die Nacht whrte, jenen Landsmann
von mir kennen gelernt, der, wenn er Ihnen den Unterricht, den Sie von ihm
empfingen, ganz ohne Entschdigung gab, sehr von der Natur meiner Nation
abweichen mu.
    Ohne Entschdigung? Wie meinen Sie Das, Herr Armand?
    Der junge Soldat, den ich heute bei Ihnen traf, ist, ich wei es,
unglcklich, da er den Platz, den er in Ihrem Herzen sucht, von Herrn Sylvester
besetzt findet.
    Frnzchen htte ber diese Worte weinen mgen. Sie fhlte nun, wie sie Louis
Armand erscheinen mute. Sie erkannte, wie unvorsichtig sie sich dem Urtheile
der Welt ausgesetzt hatte; wer wute denn, warum sie Herrn Sylvester's Besuche
geduldet hatte!
    Statt aller Antwort ri sie das Billet auf und gab es Louis zu lesen.
    Dieser sah sie voll Zrtlichkeit an und lehnte es entschieden ab, in ihre
Geheimnisse zu dringen.
    Meine liebe Franchette, sagte er mit dem sanften Tone wieder, der dem
deutschen Mdchen einst so wohlgethan hatte, weil die Deutschen in der Sphre,
wo sie lebte, noch nicht jene Weichheit und grazise Zurckhaltung besitzen, die
in Frankreich bei den Arbeitern schon die Folge der groen gesellschaftlichen
Umwlzungen geworden ist. Liebe Franziska, wie darf ich ...
    Lesen Sie! sagte Franziska entschieden.
    Als Louis zgernd gelesen hatte, sagte er:
    Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab. Ihre Zeit, Ihre geringen
Talente, sagen Sie, verhinderten Sie daran ...
    Drinnen hustete es jetzt so stark, da Franziska htte aufspringen mgen und
sagen: Das ist ja Herr Sylvester!
    Wenn Sie der Sprache meines Landes die Ehre anthun wollen, sagte Louis
lchelnd, sie zu erlernen, so wrd' ich mich gern zur Fortsetzung des
Unterrichts erbieten; allein Sie haben Ursache, den jungen Sergeanten, der Sie
auf einem nchtlichen Balle kennen lernte, zu schonen ...
    In diesen ruhig gesprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit, die Franziska
so verwundete, da sie htte aufschreien mgen. Mit Leidenschaft fr sich das
Wort zu ergreifen, war sie aber nicht im Stande. So blieb ihr nichts brig, als
zu weinen.
    Sie verkennen mich! sagte sie mit erstickter Stimme.
    Louis sah zur Erde nieder. Aufzuspringen, sie zu umarmen, ihr zu Fen zu
fallen, wagte er nicht. Was konnte er ihr bieten? Eine Trennung von der Heimat.
Ein ungewisses Loos auf fremdem Boden, wo sie allen neuen Lebensbedingungen
vielleicht erlegen wre? Ihn selber band es an Egon's knftigen Lebenslauf.
Wute er, wohin ihn dieser noch einst fhren konnte! Er traute auch seiner
Theilnahme fr das junge Mdchen nicht. War es Liebe, war es Mitgefhl fr ihr
Wesen, das er bisher so still und sittsam erkannt hatte? Er gehrte, das hatte
er oft schon hren mssen, zu jenen, jetzt so vielfach anzutreffenden Menschen,
die in der Reflexion heimischer sind als in der Welt der That. Jede Sphre, auch
die unterste, hat ihre Hamlet's aufzuweisen und die franzsische Nation hat sich
seit dreiig Jahren vllig verndert.
    Da Louis nichts that, die peinliche Situation zu erleichtern, so fhlte sich
Franziska sittlich gezwungen und durch die Wahrheit ermuntert, fr sich das Wort
zu ergreifen. Sie erzhlte ihm denn in der Krze so viel, als nthig war, um die
Veranlassung, die sie auf einen der berchtigten Fortunablle gefhrt hatte, in
einem fr ihre Moralitt gnstigeren Lichte erscheinen zu lassen. Sie konnte die
ganze Wahrheit nicht sagen, daran verhinderte sie die Rcksicht auf Louise
Eisold. Aber auch die Umstnde, die sie erwhnen zu drfen glaubte, reichten
hin, in Louis jeden Verdacht niederzuschlagen. Er reichte ihr in freudiger
Bewegung seine Hand und bat sie um Verzeihung.
    Warum sind Sie aber nur so streng gegen mich? sagte sie lchelnd, als er die
Hand in der seinen hielt.
    Louis konnte der Liebenswrdigkeit dieses Blickes, dieser Frage, dieses
Lchelns nicht widerstehen. Ohne sich jedoch fortreien, von seiner aufwallenden
Leidenschaft bewltigen zu lassen, nahm er Frnzchen's Hand, streifte den rmel
ihres Kleides etwas zurck und drckte einen innigen Ku auf die Stelle, die der
Handschuh dort frei lie.
    Frnzchen wurde es dabei so wunderlich, so selig war ihr zu Muthe, da sie
nun nicht anders als laut lachen konnte. Es war die herzlichste, innigste
Freude, die in ihrer Brust berwallte, und wenn sie nicht eine so hohe Verehrung
vor Louis Armand und so ngstliche Begriffe von Schicklichkeit gehabt htte, Das
mute sie sich sagen ... eigentlich htte sie den pedantischen jungen Mann
nehmen, sein krauses Haar ihm von der Stirn wegstreichen und diese edle weie
Stirn kssen mgen.
    Natrlich geschah Das nicht und auch der selbstqulerische Louis bekmpfte
sich und legte auf seine Empfindung die Dmpfer seiner eigenthmlichen,
melancholischen und krankhaften Lebensauffassung, die er mit einer ganzen
Schicht unserer arbeitenden Stnde von jetzt gemein hat ... Wie Louis Armand
gibt es in allen groen Werksttten, wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zusammen
wirken, gewi immer einen unter ihnen, der eine Art Propheten abgibt. Einer von
ihnen trinkt nicht, zankt nicht, spielt nicht, tanzt nicht, sondern liest und
schreibt sogar, dichtet oder singt, wird zuweilen ausgelacht, meist aber geliebt
und bewundert. Er ist sozusagen der Traumdeuter der Werkstatt, der Hohepriester
und Schriftgelehrte, dessen Traumauslegungen aber noch trumerischer sind als
die Trume der Andern. In jeder groen Werkstatt gibt es einen Rabulisten, einen
Possenreier und einen Philosophen.
    Ihr Onkel, sagte der selbstqulerische, zurckhaltende Armand, ist recht
unglcklich, da Sie den jungen Sergeanten foltern, liebe Franchette! Er sagte
dem Prinzen, da dieser junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns ist. Ich
fand ihn fein und artig. Auch sein Spiel auf der Flte verrieth mir, da er ein
Herz hat. Und Liebe! Liebe, die sich auch bewhrt in der Demthigung, da man
sie nicht erhrt! Die Welt ist sehr arm an solcher Liebe, die nicht liebt, um
wieder geliebt zu werden, liebe Franchette!
    Ich mag ihn nicht! war Frnzchen's ganze kurze, runde deutsche Antwort. Sie
verstand die eigenthmliche leidende und entsagende moderne Philosophie ihres
Gnners nicht.
    Er ist reich - fuhr Dieser, wie ein Stoiker, fort.
    Wenn auch!
    Der Onkel will eine Beruhigung fr sein Alter. Er freut sich darauf,
irgendwo gut aufgenommen und von Herzen geliebt zu sein ...
    Ich wei, es ist recht lieblos von mir ... aber es geht nun doch nicht!
    Sie sollen mit ihm in den Wald!
    Frnzchen schttelte den Kopf.
    Sie bleiben?
    Frnzchen nickte.
    Ah! sagte Louis, dem sich die Brust doch erweiterte, dafr dank' ich Ihnen!
Wenn Sie gingen, wt' ich doch nicht, ob ich noch in Deutschland bliebe.
    Bedurft' es mehr, um zu sagen: Franziska, hier schlgt dir ein Herz voll
Liebe und ewiger Treue?
    Aber theils des Nachbars Husten, theils die eigene Befangenheit und
Unentschlossenheit Armand's hinderte, da es trotz der zrtlichsten Wendung des
Gesprchs zu einer frmlichen Erklrung kam.
    Louis hielt Frnzchen's Hand, kte und drckte sie, sah ihr in's Auge voll
Gte und wiedergewonnenen Vertrauens, aber einer strmischen Leidenschaft war
seine melancholische krankhafte moderne Volks-Philosophie nicht fhig.
    Frnzchen hatte so viel Verehrung vor ihrem Freunde, da sie sich auch eine
andere Annherung an ihn als diese zarte und zurckhaltende vorlufig nicht
mglich dachte. Er fascinirte sie, wie ein Zauberer ... Durch seine Huldigung
hatte sie vorlufig nur so viel Muth gewonnen, da sie jetzt sagte:
    Sie sollten mir und meiner Freundin Louise einen Gefallen thun ...
    Einen Gefallen? Mit Freuden!
    Nchsten Sonntag, plauderte Frnzchen, um zwei Uhr kommt Louise mit allen
ihren Geschwistern und einem ungeschlachten, aber braven Menschen, der sie gern
heirathen mchte, und holt mich ab, in's Wldchen zu gehen. Wissen Sie, das ist
eine Stunde von hier! Man geht von der Landstrae ab, ber Wiesen, dem Strome zu
...
    An dem das Schlo des Knigs, Solitde, liegt?
    Richtig da! Rechts ist die Solitde und links am Flusse das Wldchen. Im
Grase lagern sich da die frohen Menschen, drfen an eingemauerten kleinen Herden
Feuer machen, scherzen, jagen sich, spielen im Grnen unter den alten Eichen,
da es eine Lust und Freude ist. Gehen Sie mit?
    Louis nickte stumm ...
    Sie thun's nicht gern! Es ist Ihnen nicht vornehm genug!
    O meine gute Franchette! sagte Louis.
    Aber Sie geben Ihr Ja so betrbt ...
    Ach, ich denke an mein Vaterland, ich denke an die kleinen Freuden, die die
Armen auch in Lyon und Paris genieen. Wie hab' ich diese Sonntage geliebt! Die
theure Schwester, die nun die Erde deckt, war die Knigin dieser kleinen Feste
...
    Wenn es Sie aber traurig macht ....
    Nicht traurig! Nicht um die Vergangenheit bin ich gerhrt. Die ist begraben.
Es bewegt mich, da Ihr in diesem Lande gerade so denkt und fhlt wie wir! Eine
Kette ist es doch, die uns Alle umschliet in Nord und Sd. Ob Ihr nun in
dumpfen Hhlen bei der Lampe arbeitet oder wir an den niedergelassenen groen
Fensterladen unserer luftigen Huser ... Ihr versammelt Euch am Tage der Ruhe
zur Freude wie wir. Wir tanzen unter Nubumen; Ihr vielleicht unter Eichen; wir
verwechseln im Verwechsel-Spiele Ahornbume, Ihr vielleicht Tannen; Ihr krnzt
Euer Haupt mit Kornblumen, wir krnzen uns mit Weinlaub und wildwachsenden
Blumen, die bei Euch nur in Treibhusern gedeihen; aber die Freude ist dieselbe,
der Trost ist derselbe, die Pause ist dieselbe, wo sich die Arbeit erholt und in
ihren Hoffnungen neuen Athem schpft ... Ja, meine Freundin, ich werde kommen.
    Frnzchen war ber diese dichterische und, wenn wir ironisch sein wollen,
wie eine Einleitung zu Proudhon's socialer Lehre vom Eigenthum klingende
Erklrung sehr glcklich.
    Sie glaubte nun aufstehen zu mssen.
    Louis drckte sie mit einer flchtigen Bewegung seines linken Armes leise an
die Brust. Sie widerstrebte nicht, sondern lie die warme klopfende Flle ihres
Busens an seinem Herzen eine Weile ruhen und sah dabei verschmt zur Erde. Louis
lehnte sie sanft zurck und sprach:
    Ich danke Ihnen, Franoise, fr das Vertrauen, das Sie mir schenkten und da
ich Sie nun wieder wie sonst verehren kann - ach! unterbrach er sich selbst, Sie
zu lieben, hatt' ich nie aufgehrt! Am Sonntag also im Wldchen!
    Frnzchen dankte ihm mit einem glnzenden Blick ihrer Augen und stand schon
an der Thr. War sie doch selig, da endlich auch einmal das Wort Liebe gefallen
war!
    Und die Stunden in meiner Sprache nehmen Sie bei mir! sagte er.
    Wenn es Sie erfreut ... antwortete sie ...
    Und der Sergeant ... Wissen Sie, Franziska, da ich Mitleid mit ihm habe?
Wenn er uns in den Wald begleitete mit seiner Flte?
    Frnzchen schttelte den Kopf ...
    Wir werden tanzen wollen ... Es wre doch gut ...
    Wir singen, wenn wir tanzen wollen, und Violinen und Harfen hrt man unter
den Eichen genug ...
    Der arme Heinrich Sandrart! bat Armand. Wie gut und trstend ist es dem
Krieger, sich unter seine Kameraden, die Brger und Proletarier der Arbeit,
mischen zu drfen! Sind diese Proletarier des Mssiggangs nicht unsere Brder?
Lebt in ihrer Seele nicht etwas, was sie von dem schlechten Geiste des Trotzes
gegen die brige Gesellschaft, den die Offiziere nhren, abzieht und in unsere
frhlicheren Reihen zurckfhren mchte?
    Er wird nicht mitgehen wollen ... antwortete Frnzchen, die weder von der
Flte, noch von der socialen Stellung Heinrich Sandrart's irgendwie gerhrt war
und nur einen lstigen Liebhaber sah, den sie nicht mochte.
    Bieten Sie es ihm an, Franziska, wiederholte Louis.
    Frnzchen blieb aber bei ihrem Sinne. Sie lachte, schttelte den Kopf,
ffnete die Thr und hpfte davon. Noch auf der Treppe warf sie einmal den Kopf
zurck, nickte voll Innigkeit und huschte in glckseligster Stimmung in ihren
Hinterhof ... Der Husten des Italieners Signor Barberini verfolgte sie zwar wie
das giftige Zischeln einer Schlange, die die Gestalt des Herrn Sylvester oder
der grnen Brille annahm, aber nun, da sie sich gerechtfertigt hatte vor Louis
Armand, da sie wieder so viel zrtliche, sanfte Worte von diesem elegischen
Schwrmer vernommen, waren ihr alle Gefahren, alle Beziehungen zu andern
anspruchsvollen Menschen gleichgltig, sie zerri ihren Brief, sagte sich, Er
mag kommen oder nicht! Ich habe keine Furcht mehr, ihm mndlich seinen Abschied
zu geben! Es war ihr, wie sie einst Melanie Schlurck gesagt hatte, als kme sie
von einem Priester, dem sie gebeichtet.
    Indem wir Frnzchen den letzten Verstndigungen mit ihrem Onkel berlassen
und uns freuen mssen, da sie durch ein gtiges Schicksal vor mancher dunkeln
Gefahr auf dem Forsthause im Plessener Walde bewahrt blieb, begleiten wir den
glcklichen Louis Armand zu seinem Gnner und Freunde, dem Prinzen Egon von
Hohenberg.
    Er fand ihn unruhig und besorgt darber, da ihn Louis so lange allein lie.

                                Eilftes Capitel



                                Thomas a Kempis

Wie kann ich mich ohne dich zurecht finden, Freund, sagte Egon auf's
zuvorkommendste und von einem Halbschlafe gestrkt. Wie diese Menschen, die mich
hier umgeben, alle so gierig lauern auf meine Winke! Die kleinste Arbeit
vergrern sie durch die Umstndlichkeit ihrer Art, sie anzufassen; Alles ist
bei ihnen spielendes Riesenwerk. Jeder will seine Nothwendigkeit bezeugen und
geht laut, statt leise, klappert mit einem Teller, statt ihn ruhig hinzusetzen,
frgt zehnmal ber eine Auskunft, die er sich bei gesunder Vernunft selbst geben
kann. Der Alte mit dem gewichsten Schnurrbart ist geradezu ein Hanswurst! Es
thut mir seines Alters und der Erinnerung an meinen Vater wegen leid, da ich
ihn so lcherlich finden mu. Schon drngte sich die lteste seiner Tchter an
mich und will die Befehle ber meine Wsche in Empfang nehmen. Wie ich sagte,
ich liebte Dies oder Jenes zur Hand zu haben und mich selber zu bedienen,
verspricht sie, in meinem gewhnlichen Zimmer sogleich diese Anordnungen selbst
zu treffen. Ich lese etwas aus den Blttern in den aufgehuften Zeitungen. Kaum
seh' ich auf, so ist die lteste Schwester mit den beiden jngeren beschftigt,
an den Schubksten zu poltern und zu ordnen. Ich sehe hin. Sie thun, als merkten
sie's nicht. So dienend, so unterwrfig gebehrden sie sich! Die zweite gefllt
mir mehr als die jngste. Diese ist zwar hbscher, jene hat jedoch pikantere
Augen. Ich habe das Fenster geffnet, um nicht nach diesen Geschpfen sehen zu
mssen. Kaum lehn' ich mich da hinaus, so nimmt das Verbeugen und Gren kein
Ende. Koch und Stallknecht, Kchenmagd und Kehrfrau, Alle machen sich zehnmal
auf der Strae zu thun, nur um knixen und gren zu knnen ... Von
Vorbergehenden werd' ich angestaunt. Ich schlage das Fenster zu. Da ekeln mich
aus den Zeitungen, die ich mir allerdings selbst bestellte, diese dummen
politischen Verwickelungen an. Ich bin die Herrschaft der Phrasen so mde, da
ich lieber eine Abhandlung ber den Dnger lesen mchte, als diese Verhandlungen
des Ehrgeizes und der Intrigue. Ich werde mich ber Grund und Boden zu
unterrichten suchen und dann nach Hohenberg gehen, dort wohnen, dort mit
Ackermann konomie treiben.
    Louis antwortete nicht auf diesen Ergu der Langenweile und des erwachenden
Lebensreizes. Er sah auf dem Tisch zwei Gegenstnde, die ihm wichtiger schienen
als diese polternden Ausbrche der Ungeduld eines Kranken, der, endlich genesen,
sich in das Gerusch der Welt zurcksehnt und von Einsamkeit spricht! Er sah den
fr die Grfin d'Azimont bestimmten Brief und das schwarze Bchlein von der
Nachfolge Christi, das durch seine Mithlfe in das Bild der Mutter gekommen war.
    ber Letzteres sprach sich Egon, whrend man in dem Zimmer nebenan das
Serviren der Mittagstafel hrte, umstndlich und weitluftig aus.
    Was ich bis jetzt in diesem wunderlichen Testamente meiner
bemitleidenswerthen Mutter gelesen habe, sagte er, misfllt mir durchaus nicht.
Dieser alte Mnch Thomas a Kempis war ein feiner Kopf und hat etwas Vornehmes,
das ihn der Bildung zugnglicher macht, als die gewhnliche ascetische
Phraseologie. Er schreibt vortrefflich. Seine Stze sind kurz und in Antithesen
gefat, wie bei Montaigne. Er scheut sich nicht, zuweilen einen alten Heiden zu
citiren und wei ihn zweckmig mit einer christlichen Vorschrift in Einklang zu
bringen. Dabei hat er etwas Weltkluges, ja sogar Etwas, was an den Spruch
erinnert: Schicket euch in die Zeit; denn es ist bse Zeit! Oder wol gar an den
andern: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben! Ich lese
seine Vorschriften mit Vergngen. Nicht etwa, da ich dem Willen meiner Mutter
gem daran denken knnte, nach ihnen zu leben, sie verlangen eine unmgliche
Entsagung und mnchische Christlichkeit. Aber sie sind ein System, das an sich
nichts Geschmackloses hat. Es liegt eine so gefllige Abrundung in dieser
Auffassung des Lebens. Sie ist dabei nicht ohne Heiterkeit und mu es sein, da
sie den Namen des Heilandes so leicht, so ohne viel Aufhebens bekennt, wie wir
etwa in unserer Zeit von der Vernunft oder, wenn man noch richtiger urtheilen
will, von einem groen Genius sprechen, von Schiller und Goethe. Ich kann mir
den beispiellosen Erfolg dieses Buches erklren. Es ist in alle gebildete
Sprachen bersetzt und vieltausendmal gedruckt worden. Es ist so klar, so rein
wie die Luft. Es lehrt die Weisheit, die Demuth und die Bescheidenheit. Man
erstaunt freilich, da darin die Unwissenheit gepriesen wird im Gegensatz
dnkelhafter und nur die Zweifelsucht regemachender Gelehrsamkeit. Aber man lt
sich diese Polemik gegen die Bildung schon gefallen, da es doch selbst ein so
feiner, gebildeter Geist ist, der mit uns spricht. Dieses Buch, richtig
aufgefat, mte kindlich reine Gemther bilden, besonnene frohe Weltweise voll
Demuth und Vertrauen. Leider liegt darin auch ausgesprochen, da dies Buch ein
glnzendes Aushngeschild der Heuchelei und jener vornehmen religisen
Abspannung werden mute, die man Frmmigkeit und Erleuchtung nennt. Und zuletzt
noch Dies: Der Verfasser dieses Buches war ein Communist, lieber Louis!
    Ein Communist? fragte Louis erstaunt.
    Wohl! sagte Egon lchelnd. Er gehrte einer jener halbgeistlichen
Brderschaften an, die sich im Mittelalter auch unter den Laien bildeten. Thomas
aus Kempen, einer hollndischen Stadt, war selbst ein Mnch in einem klner
Convicte, aber man kann ihn umsomehr einen mittelalterlichen Communisten nennen,
als er auerdem zu einem Vereine gehrte, der sich die Brderschaft vom
gemeinsamen Leben nannte.
    Vom gemeinsamen Leben? wiederholte Louis noch berraschter.
    Nicht wahr? Das ist ja eure vollkommene Commnaut?
    Man sollt' es fast glauben, sagte Louis errthend. Aber ich begreife wohl,
da darunter nur das gemeinsame Leben in Gott und dem Heilande zu verstehen ist
...
    Das ist's! sagte Egon. Aber wer sich vom Laienstande ihr anschlo, mute
doch wol die Ansprche seiner weltlichen Titel und Wrden aufgeben, und wenn man
sich in eine Art von Phalanstre begab, das man im Mittelalter Convict oder
Kloster nannte, so geschah es doch fast unter solchen Bedingungen, wie Ihr
communistischen Ikarier es Euch denkt! Man a aus einer Schssel, hoffentlich
mit mehren Lffeln. Allons donc, Monsieur! Nous sommes servis!
    Damit setzte sich der junge Prinz mit Louis zu Tisch.
    Er hatte die letzten fr Louis so bedeutsamen Worte sehr heiter
ausgesprochen. Egon war kein reiner Anhnger der communistischen Ideen seines
Freundes und gerieth jedesmal, wenn dies Thema in Anregung kam, mit ihm in einen
oft sehr lebhaften Hader. Auch heute bei Tische wurde diese Saite wieder
berhrt; jedoch viel miger und mit frhlicheren Tnen als sonst in Paris oder
Lyon, wo diese Saite trotz aller Freundschaft oft auch recht brummende Tne von
sich gab. Egon hatte, wie wir schon aus seiner Reise mit Dankmar wissen,
selbstgewonnene Begriffe vom Staatsleben und der Gesellschaft, und wenn seine
Ideen, die er mit vielem Scharfsinn zu entwickeln wute, auch nahe an gewisse
demokratische Lieblingsvorstellungen der Zeit streiften, so war er doch nichts
weniger als Communist.
    Das Mahl war lange nicht so einfach, als es fr Egon's noch mannichfach zu
schonenden Krperzustand htte sein sollen. Auch eine gewisse ihm eigene
Sparsamkeit billigte diese berzahl von Schsseln nicht. Er gab sehr ernste
Verweise ber die gemachte Auswahl und erklrte rundweg, er wrde knftig jeden
Abend vorher sagen, was er morgen essen wolle ... Wandstabler verneigte sich bis
tief zur Erde und schielte zu Louis hinber, den er auch in diesem Punkte als
einen wahren Dorn im frstlichen Fleische, als den Strenfried aller
standesmigen Etikette und gehofften Wiederherstellung der alten
herrschaftlichen Zustnde betrachtete ... und eigentlich mit Unrecht.
    Nach dem Essen ruhte Egon ein wenig aus und Louis las im Thomas a Kempis,
der ihm pltzlich bedeutsam geworden war ... Louis hatte es sehr weit im
deutschen Sprechen und Verstehen gebracht. Er mute ja seinen Ursprung halb von
Deutschland und Polen und nur halb von Frankreich herleiten ... Thaddus
Kaminski war im Jahre 1794 in der polnischen Insurrection bei Maciejowice
verwundet worden. Glcklicher als sein Bruder Stanislaus Kaminski, der in
Gefangenschaft fiel und nach Sibirien geschleppt wurde, rettete er sich, in der
Flucht von seiner Schwester Jagellona untersttzt, mit Kosciuszko erst nach
Deutschland, wo er im Wrttembergischen Pflege und ein Weib fand, eine Deutsche,
Namens Anna Oleander. Verfolgt von dem Einflusse Rulands floh Thaddus Kaminski
nach Frankreich und lie sich mit seiner Schwester Jagellona und seinem Weibe in
Lyon nieder. Ihr Loos war Armuth. Frh starb Thaddus an seiner Wunde. Die
Schwester Jagellona heirathete einen Industriellen, bei dem sie gastfreundliche
Aufnahme gefunden hatten, Namens Armand. Jagellona war nicht mehr jung, als sie,
eine gebildete Polin, der Dankbarkeit dies Opfer brachte und weit unter ihrem
Stande sich vermhlte. Die Revolution hatte die Standesunterschiede hier nicht
so sehr verwischt wie das Gefhl der Erkenntlichkeit fr den Schutz und die
Pflege, den die armen polnischen Flchtlinge bei den Lyoner Freunden fanden.
Jagellona's Sohn hie, ihrem in Sibirien schmachtenden Bruder zu Ehren,
Stanislaus. Stanislaus Armand heirathete die Mutter unsres Louis, eine
Franzsin, und gebar ihrem Gatten diesen Sohn im Jahre 1825, die Tochter Louison
ein Jahr spter. Diese aus so kosmopolitischen Mischungen zusammengesetzte
Familie - glische, germanische, slawische Elemente begegneten sich hier - stand
unter dem patriarchalischen Einflusse der uralten Polin Jagellona Kaminski und
der deutschen, ihren Gatten lange berlebenden Grotante Anna Oleander, einer
Schwbin aus dem weiland wrttembergischen Gebiete der Grafschaft Mmpelgard
oder Montbelliard. Die polnische Sprache war in diesem Kreise verschwunden, aber
aus Rcksicht auf die Grotante, die des heldenmthigen Thaddus Kaminski wegen
tief verehrt wurde, hatte sich neben der franzsischen die deutsche erhalten,
die auch Jagellona, wenngleich mit polnischem Accente sprach. Louis Armand, der
einzige noch lebende Enkel dieser nun ausgestorbenen Familie, verbesserte sein
halbangeborenes Deutsch durch den Umgang mit Egon. Aber mit den deutschen
Buchstaben hatte Louis Armand, den neben der Liebe fr Egon auch der Trieb nach
Anknpfungen an seinen deutschen und polnischen Ursprung hierhergefhrt hatte,
mit diesem Druck hatte er seine Noth. Diese kleinen gothischen Buchstaben unsrer
Schrift, im Geschriebenen und Gedruckten, waren ihm peinlich. Es wurde ihm
schwer, in dem frommen Buche weit zu kommen und zu forschen, ob sich wirklich
schon damals ein Anklang der modernen Commnaut, eine mehr als nur geistige
Brderschaft vom gemeinsamen Leben, darin finden lasse ...
    Gegen vier Uhr hrte er aus dem Hofe den eleganten Landau des Prinzen an die
groe Aufgangstreppe der untern Flur anrollen und die Bedienten meldeten die
beiden andern Theilnehmer nach Solitde, die Brder Wildungen ...
    Louis wollte Egon's Schlummer nicht stren und empfing die Angemeldeten.
Siegbert hatte er seit Wochen nicht gesehen, Dankmar war ihm eine ganz neue
Erscheinung ...
    Das Bild, das aufgeschlagene Buch gaben sogleich eine Anknpfung
vertraulicherer Verstndigung. Dankmar hatte schon lange ein Vorurtheil, das er
anfangs gegen Louis Armand hegte, abgelegt und freute sich seinerseits schon,
wie sehr es ihn befriedigen wrde, wenn Siegbert an dem Frsten soviel Gefallen
finden wrde, wie er schon an Louis gefunden hatte..
    Siegbert war auffallend gewhlt und fein gekleidet. Beide Brder gingen in
schwarzem Frack, weien Westen, jenem Costme, das die Mode erfunden hat, um
einem Hheren zu huldigen; weie Halsbinden, helle Handschuhe fehlten nicht. Ihr
guter Takt hatte durchaus nicht die Absicht, in der Vertraulichkeit, die ihnen
der junge Frst gestattete, irgend etwas von jenen Rcksichten aus dem Auge zu
lassen, die man unter so nahen Verhltnissen dem geringer in der Welt Gestellten
gern erlt, aber doch immer anerkennt, wenn man sie nicht vergit ... Dankmar
war ohnehin mistrauisch. Er konnte sich noch nicht in Egon's aufrichtige Meinung
finden. War hier etwas Zuflliges oder Nothwendiges zu so eigenthmlicher
Erscheinung gekommen? Er prfte und legte manchen Dmpfer auf Siegbert's
glhende Erwartung.
    Denn Siegbert hatte gleich das vollste Vertrauen. Sein gutes Herz ging immer
mit ihm durch. Wir kennen ihn genug, um uns zu vergegenwrtigen, was Siegbert
empfand, als Dankmar zur Frstin Wsmskoi kam und den Bruder aus einem der
sonderbaren ttes--ttes aufschreckte, die er seit einiger Zeit zwischen der
Frstin und der immer reizender sich entwickelnden Olga beobachten mute ...
Siegbert Wildungen war seit jenem Abende, wo er zum ersten male im Garten sich
der Frstin Adele hatte vorstellen lassen, der tgliche Freund jenes Hauses.
Sonderbar genug! Anfangs war die Frstin so kalt, so theilnahmlos gewesen, da
ihr Rudhard darber sogar einige mrrische Vorwrfe gemacht hatte. Spter trat
nun das Gegentheil ein und weckte sogar Rudhard's Besorgnisse. Der strenge
Richter sah scharf. Gleich am Abend, als Olga die Blumen auf Siegbert
niedergeworfen hatte, kam das Kind wie verndert in den Garten zurck. Sie hatte
jene halbe Knabentracht abgeworfen, die sie bisher trug, und verlangte in einer
ihr eigenen kurzen und fast schneidenden Art eine neue Garderobe. Alle ihre
Kleider wren ihr zu kurz. Sie schme sich so zu gehen, wie sie sich heute in
der Reitbahn gezeigt htte. Sie wolle nicht nur ein langes Reitkleid, wie alle
Damen zu Pferde, tragen, sondern auch fr das Haus und die Gesellschaft die
Tracht der andern jungen Mdchen. Schon hatte sie sich ihre langen Zpfe zu
einer sonderbaren, phantastischen Tracht aufgebunden, die das Gelchter ihrer
Mutter und den Spott ihrer Geschwister erregte. Sie hatte die Zpfe mehrmals wie
Ammonshrner oder Schneckengehuse gewunden und sie halb im Nacken, halb hinterm
Ohr festgesteckt. Rudhard fand die Idee allerliebst und geschmackvoll, die
Mutter aber abscheulich. Mit einem verchtlichen Blicke, den Olga auf die Mutter
warf, als wollte sie sagen: Du bist nur neidisch, da ich so schne Haare habe!
wollte sie in's Haus gehen. Die Kinder lachten hinter der Schwester her. Da
ergriff diese eine Scheere, die von den weiblichen Handarbeiten der Mutter auf
dem Gartentische lag, fate den einen aufgewundenen Zopf und war schon im
Begriff ihn herunterzuschneiden, wenn ihr Rudhard nicht den Arm ergriffen, die
Scheere entwunden und die heftige und bereilte Zerstrung eines so schnen
Schmuckes verhindert htte. Am folgenden Tage muten Schneider und Modisten
kommen und aus Olga ein andres Wesen formen. Rudhard billigte diese Metamorphose
vollkommen, nur die Mutter gerieth darber in eine eigenthmliche Reizbarkeit.
Diese sonst passive Frau schien von der pltzlichen Emancipation ihres Kindes zu
einem jungen blhenden Mdchen und den dabei vorkommenden Beweisen eines
pltzlich gewachsenen Selbstgefhles so gereizt, da sie in einen Zustand
gerieth, den sie selbst nicht erklren konnte. Sie wurde unruhig, das Kleinste
verdro sie und weder Rudhard's ruhige Beschwichtigung, noch die Anerkennung,
die doch ihr Kind bei jedem der zahlreichen Besuche, die sie empfing, erntete,
konnte die Mutter zur Selbstbeherrschung bringen. Nur Siegbert's Eintreten in
den Familienkreis that ihr wohl ... Dieser hatte mit Rudhard gleich am Morgen
nach der Beschlagnahme des Bildes und der Untersuchung ihrer Wohnung mit dem
darber hchlichst erstaunten Manne eine lebhafte Unterhaltung. Man berieth
Mittel und Wege, um sich vor ferneren Gewaltthaten dieser Art zu schtzen. Man
kam auf bedenkliche Vermuthungen, erwog die Verlegenheit und das Befremden
Egon's, wenn das Bild ihm wrde bergeben werden und Dinge enthielte, die ihn
vielleicht nur aufregten und strten. Erst zwei Tage spter kam man zu der
Entdeckung, da das von Schlurck bergebene Bild die Papiere gar nicht mehr
enthielt! Gesteigertes Erstaunen. Hier war ein Geheimni, eine Intrigue. Rudhard
gab sich die grte Mhe, hinter Entdeckung einer bsen Absicht zu kommen. Er
hatte Anzeichen, die ihn auf eine sicher scheinende Erklrung fhrten. Er
gelobte sich, sie streng zu verfolgen. Einstweilen rieth er zum Ersatze durch
den Thomas a Kempis .... Der Eifer bei allen diesen Verhandlungen nicht nur,
sondern auch die Theilnahme, die Siegbert den knstlerischen Studien der Mutter
und Olga's schenken sollte, veranlate, da er tglich im Hause war. Und nun
ergab sich dadurch eine neue Spannung in dem Gemthe der Frstin. Siegbert war
ihr nothwendig geworden. Sie lebte zurckgezogen, nicht aus Princip, sondern aus
Bequemlichkeit. Sie wollte ihre Schwester vermeiden, von der sie wute, da sie
berall die schlimmsten Dinge von ihrer Bildung, ihrem Verstande, ihrem Herzen
sagte. Die Trauer gebot ihr, sich von der Gesellschaft fern zu halten. Rudhard
war streng, einsilbig, oft mrrisch, pedantisch sogar und durch sein sicheres
Auftreten ihr fast unbequem. Siegbert Wildungen aber, der gefeierte junge
Knstler, Das war eine ideale Vermittelung mit der Welt! Wenn er kam, bot er den
sen Reiz der Gewohnheit. Wenn er ging, lie er eine Lcke zurck. Er war so
ruhig bewegt, so still glhend, so schweigend beredtsam, er wirkte so angenehm;
es strmte, wenn er sprach, ein solcher Wohllaut von seinen Lippen; jede Idee,
die er uerte, schmeichelte sich schon durch den Vortrag ein und wenn er eine
Meinung aussprach, so verband er die sicherste Mnnlichkeit und die Wrme der
berzeugung mit liebevoller Duldung und Schonung der Andersdenkenden. Ganz
abweichend von Rudhard, der sogleich verurtheilte, keinen Irrthum anders
entschuldigte als durch das verletzte Interesse oder die mangelnde Bildung
Derer, die ihn hegten, von Rudhard, der das Gemth wol einen Edelstein nannte,
der aber nur klar und durchsichtig sein msse, nichts Trbes und Unklares
enthalten drfe ... Siegbert hatte ihn bei der Frstin vollkommen verdrngt.
Rudhard merkte es wohl, war aber ohne Empfindlichkeit darber. Er wnschte sich
Glck, einen jungen Mann von so heilsamer Wirkung fr diesen kleinen
Familienkreis gefunden zu haben und war nur bedacht, da in Olga keine
gefhrliche Regung entstand und in Siegbert nichts, was diese Regung nhrte.
Darber kamen ihm denn nun freilich Zweifel. Nicht, da etwa Siegbert
Veranlassung zur Verletzung der Convenienz gab. Rudhard mute vielmehr sich
selbst sagen: Was kann der junge Mann dafr, da er mit einer fast berirdischen
Anbetung hier still verehrt wird! Siegbert that nichts, als er gab sich selbst.
Um seine Herrschaft ber diese beiden Frauengemther zu entkrften - von dem
eigenthmlichen Verhltni, das sich hier zwischen Mutter und Tochter ergab,
hatte Rudhard schon eine besorgte Ahnung - um einen Versuch zu machen, ob denn
nicht das Eintreten eines andern Elementes in diesen Kreis der drohenden
Einseitigkeit dieser Herzen - Liebe nannte Rudhard eine Einseitigkeit der Herzen
- steuern konnte, veranlate er Siegbert, Freunde einzufhren, vor allen Dingen
seinen Bruder Dankmar. Dankmar wurde eingeladen. Er kam auch. Olga erinnerte
sich seiner von der Lasally'schen Reitbahn. Aber es war fast, als htte sie ihr
Ideal in dem lebhaften, feurigen Dankmar nur vorgeahnt und es in Siegbert
verschmolzen mit alle Dem, was dem kecken Dankmar doch zu fehlen schien,
wiedergefunden. Auch die Mutter fand Dankmarn interessant, unterhielt sich, da
berhaupt ein neuer reger Geist ber sie Alle gekommen war, auerordentlich
lebhaft mit ihm, aber wenn man an die Ausstrmungen des Magnetismus im innigeren
Verkehr der Gemther glauben darf, so wirkte Dankmar's feuermagnetische Kraft
fast schmerzhaft auf diese lebhaften Naturen, die wiederum selber, um
musikalisch zu sprechen, mehr in Dur als in Moll gesetzt waren. Siegbert fhrte
auch Max Leidenfrost ein. Der unterhielt sie Alle, belustigte die Kleinen,
interessirte die Groen; aber es blieb bei den Frauen fr die Phantasie kein
Eindruck zurck, von Reichmeyer und Anderen ganz zu schweigen. Nur Heinrichson
hatte etwas Glattes, das fr ihn einnahm. Seine Tournre, sein Witz, seine groe
Welterfahrung blendete. Da aber die Frstin gehrt hatte, da Heinrichson bei
ihrer Schwester eingefhrt war und dieser bei Zeichnungen, die sie in ihrer, wie
die Frstin es nannte, koquetten und frivolen Trauer um den Prinzen Egon,
entwarf, behlflich war, so lud sie ihn nicht wieder ein. Siegbert blieb demnach
das waltende, regierende Princip und da Rudhard im Stillen sich freute, da bei
dieser Neigung in der Frstin doch auch ihr rein sittliches Princip im Spiele
war und durch Siegbert's edle, taktvolle Natur nicht gefhrdet wurde, so lie er
zur Zeit noch diese Dinge gewhren und versparte sich nur eine Rcksprache mit
Siegbert auf gnstige Gelegenheit ... Siegbert war tglich in jenem Gartenhause
und arbeitete sogar dort. Die Welt sagte vorlufig, da er ein Freund des
Predigers Rudhard war. Dankmar aber zog den Bruder tglich auf, nannte ihn
Heinrich Frauenlob, den Snger, den Frauen zu Grabe trugen, den im Venusberge
gefangenen Tannhuser und scherzte nicht wenig darber, als er die Verlegenheit
der Frstin und den rger der kleinen Olga, die ihm selbst htte gefallen
knnen, bemerkte, als es sich darum handelte, ihnen fr heute Nachmittag ihren
getreuen Siegbert zu entfhren. Komisch schien es ihm, als Rudhard den
Vermittelungsweg einschlug, beide Brder wenigstens zum Diner dazubehalten, denn
auch dieser Vorschlag hatte fr die beiden Rivalinnen doch immer die Folge, da
Siegbert ihnen nicht ganz gehrte und die Unterhaltungen ber den Prinzen Egon,
an dem Rudhard soviel gelegen war, mochten sie vollends nicht leiden. Die
Frstin und Olga, Beide untersttzten Rudhard's Vorschlag nur unter der
Bedingung, da sie erst um dreiviertel auf vier Uhr mit dem Wagen, den sie
anspannen lassen wollten, abfahren und von dem Prinzen nicht reden durften, auf
dessen Bekanntschaft sich Siegbert fr sie viel zu sehr freute! Sie lehnten
diesen Vorschlag ihrer Toilette wegen ab, gossen aber damit nur l in's Feuer.
Olga war sogar auf die Idee schon eiferschtig, da sich die Brder fr den
Prinzen Egon, der ein so abscheulicher Mensch sein sollte, nur berhaupt
prchtig ankleiden wollten. Zu uns, sagte sie, kommt Ihr, wie es Euch gerade
einfllt! Wer ist denn dieser Prinz, da Ihr Euch um seinetwillen in kostbare
Kleider werfen wollt, in denen wir Euch nie gesehen haben! In der Art, wie Olga
zankte und, als beide Brder wirklich nicht wenigstens zum Essen blieben,
sondern um zwei Uhr sich entfernten, weinte, whrend die Frstin ihre gleiche
Empfindung unter Lcheln und den heftigsten Vorwrfen gegen die Narrheiten
Olga's versteckte, sah Dankmar denn doch, da dies Mdchen mit dem bleichen
Teint und den schwarzen Flechten trotz ihrer glhenden Augen noch ein halbes
Kind war und lie diese wirren Dinge umsomehr gelten, als sich sein guter
Siegbert in dieser trumerischen Existenz zu gefallen schien ... Zu Hause hatten
Beide dann noch einen herzlichen lieben Brief von der Mutter gefunden, die ber
Dankmar's Projekte erklrte in einer ewig fieberhaften Aufregung zu leben, und
so waren sie nach einem bescheidenen Mittagstische bei einem Restaurant an die
sorgfltige Wahl ihrer Kleidung und zuletzt in's Hotel des jungen Prinzen
gegangen.
    Louis ffnete die Thr, weckte Egon von einem leichten Halbschlummer und
fhrte ihn den Freunden entgegen.
    Siegbert und Egon gefielen sich auf die erste Begrung und waren bald so
vertraut wie alte Bekannte.
    Ist der Wagen vorgefahren? hie es.
    Man bejahte.
    Also nach dem Schlosse Solitde!
    Man rollte durch die Straen, durch die Pltze. Man kam an die Thore.
    In dem Wirrsal der Meinungen, bei dem immer mehr beengten Gebiete der
materiellen Begrndung seines Daseins, ist die wahre Freude unter den Menschen
der Civilisation ein seltener Gast geworden. Einige Stunden so glcklicher
Anregung, wie sie die eigenthmlich zusammengesetzte Gesellschaft, die da eben
im Wagen aus dem groen Portale des Palais fuhr, zu genieen hoffte, gehren zu
den Weihemomenten, wie sie dem in seine Pflichten so eingepferchten Menschen des
neunzehnten Jahrhunderts selten geboten werden. Ein junger Frst, ein
Rechtsgelehrter, ein Knstler, ein Handwerker saen hier auf den weiseidenen,
grogeblmten weichen Polstern, Egon und Siegbert im Fond, Dankmar und Louis auf
dem Rcksitze. Sie konnten in ihrer Lebensstellung nicht verschiedener sein.
Aber Alle fesselte das Band gemeinsamen Vertrauens und jeder Einzelne war froh
gestimmt. Egon durch die erfrischende Luft und das Vollgefhl der Genesung, ja
im Stillen, ohne sich es merken zu lassen, auch durch die Spannung auf das
Wiedersehen Helenen's, die, er mute es sich leider gestehen, gerade auf das
wiedererwachte Gesundheitsgefhl und die erhhte Glut seiner Phantasie durch
ihre hingebende Liebe bezaubernd wirkte. Dankmar erregt von seinem vielleicht
sich gnstig wendenden Processe, Siegbert von den gleichen Hoffnungen, die den
Bruder belebten und von der angenehmen Befriedigung seines nach Liebe und
Anlehnung schmachtenden Gemthes in der Wsmskoi'schen Familie; Louis endlich
sehr glcklich gestimmt, sowol durch die Ausshnung seines Glaubens an das
liebreizende Frnzchen Heunisch, wie durch die Erinnerung an seine
Selbstbeherrschung in der Scene auf seinem Zimmer. Htte er sich strmisch
erklrt gehabt, Hoffnungen geboten, die er sich mhen mute, zu erfllen, er
wrde nur mit Beklommenheit an die glckliche Mittagsstunde zurckgedacht haben.
    Zu gleicher Zeit mit dem Wagen ging ein Bedienter aus dem Portal des Palais,
um den kleinen Brief zu der Grfin d'Azimont zu tragen ... Egon verfolgte ihn,
so lange er konnte.
    Es war ein Donnerstag. Das Wetter so einladend. Die Luft strkend. Die Sonne
goldgelb. Der Himmel tiefblau. Einige Wolken in weiter Ferne konnten Regen
bringen. Sie waren noch nicht da. Man ahnte das drohende Herannahen des
entbltternden Herbstes. Noch hatte ihm aber die Natur den Eintritt nicht
gestattet, nicht in den Wald, nicht auf die Wiesenflur.
    Anfangs, innerhalb der Stadt, sprach man ber mancherlei Unwesentliches. Es
war nothwendig, da diese vier Genossen erst den Ton der gegenseitigen Stimmung
erkannten. Wer ist der Sprecher, der Zweifler, der Schweigende, der Witzige, der
Praktische, der z.B. den hinten aufstehenden Bedienten diesen oder jenen Wink
gibt, der Geographische, der gern von der Gegend spricht ... Das Alles stellt
sich erst im Verlaufe der Unterhaltung zurecht. Von dem Vergangenen wurde noch
Dieses und Jenes errtert und bestaunt und belacht ... Dankmar's Verhltnisse
kannte Egon noch nicht klarer und nahm sie, wie sie sich ihm an den beiden
strebsamen Brdern von selbst boten. Auch Louis wute nichts von dem Proce,
ber den sich Dankmar gern ausgesprochen htte ... Egon aber war der Redner.
Egon fhrte fast allein das Wort oder bestimmte wenigstens die Gegenstnde der
Unterhaltung. Dies lag weniger in seinem Naturell, als in seiner Stellung und in
dem glcklichen Gefhle, sich genesen zu wissen, dem Leben wieder gegeben, von
Augenblick zu Augenblick sich strker fhlend.
    Drauen vorm Thore, wo man, und zwar nicht zu rasch, unter einer Allee von
vollen, schwertragenden hier und da gesttzten pfelbumen hinfuhr, kam durch
eine zufllige Wendung das Gesprch wieder auf den Thomas a Kempis zurck.
    Bei der Nennung dieses Namens wurde der schchterne und Wahrheit liebende
Siegbert blutroth ... Dankmar spielte mit seinem leichten Stckchen und kniff es
zuweilen oben am Knaufe zwischen seine blendenden Zhne. Er konnte ganz
meisterhaft die Miene der Gleichgltigkeit annehmen ... Louis dachte schon gar
nicht mehr an die Art, wie das berhmte Buch von der Nachfolge Christi in Egon's
Hnde gekommen war. Seine Gedanken waren mit der Brderschaft vom gemeinsamen
Leben beschftigt.
    Egon hatte in der Allee zwischen den wrzig duftenden pfelbumen gesagt:
    Vor einigen Stunden las ich in dem Testamente meiner Mutter - du weit,
lieber Wildungen, da ich die Mausgeburt des kreisenden Berges, den Thomas a
Kempis, meine - und fhle nun recht, da Das eine Lectre fr Menschen ist, die
nur zu Fu wanderten, selten ber ihren Klostergarten hinaus kamen und alle ihre
Anschauungen durch die vier Wnde ihrer Zelle und den an ihnen aufgehngten
Heiland regelten. Wre ein solcher Buprediger rasch im Wagen gefahren, htte er
eine Ahnung von der windschnellen Bewegung einer Eisenbahn gehabt, dies
trbsinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedingungen des Lebens wrde ihm
nie mglich gewesen sein.
    Dankmar erinnerte den Prinzen an Das, was er ihm im Plessener Thurm ber die
Bigotterie der reformirten Erziehung in der franzsischen Schweiz gesagt hatte.
Da wren doch die Gouvernanten, Bonnen, Erzieher, Geistlichen immer unterwegs
und durch ganz Europa zerstreut und berall trgen sie doch die eigentmliche
Auffassung ihres Le Bon Dieu, wie sie ihn nennen, mit sich herum ...
    Weil dies Heuchler sind, lieber Dankmar! sagte Egon. Ein Thomas a Kempis war
ehrlich und liebte die Welt nur in dem dstern Nebelkleide, das er ber das
Schne, Frische, Lachende zog. Diese Erzieher aber, die mit wenigen Ausnahmen
von ihrer Einseitigkeit ein Geschft machen, verschlieen absichtlich ihr Auge
jedem Dinge, das Farbe hat, und jedem Dinge, das angenehm tnt, absichtlich ihr
Ohr. O welche Heuchler! Ich erinnere nur an jenen Rafflard, von dem ich dir so
oft sprach, Louis ...
    Rafflard, wiederholten die beiden Brder. Doch nicht Sylvester Rafflard?
setzte Dankmar hinzu.
    Sylvester Rafflard! Ganz recht! sagte Egon.
    Der ist hier, fiel Dankmar ein.
    Hier? Wieder in Deutschland? Und in welcher Eigenschaft? fragte Egon.
    Er bereist die Gefngnisse, sagte Dankmar und verstand den Wink nicht, den
ihm Siegbert zuwarf ... Siegbert war nmlich durch Rudhard davon unterrichtet,
da Rafflard in manche Verwickelung mit Egon's frheren und spteren Begegnissen
gerathen war. Louis kannte ihn durch Egon als einen Jesuiten und hatte Siegbert
schon erzhlt, da er ihn auf seiner Herreise an der Eisenbahn, die vom Rheine
abfhrt, erkannt htte. Der Name Sylvester fiel ihm nicht weiter auf.
    Er bereist die Gefngnisse? fragte Egon erstaunt und lachte ber die
Unverschmtheit eines Mannes, den er zu gut kannte, um ihn nicht auch in dieser
Mission als einen Heuchler zu nehmen.
    Im Auftrag einer philanthropischen Gesellschaft in Paris, sagte Dankmar, die
sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen zum gemeinschaftlichen Zwecke
gewhlt hat. Man rhmt ihn in allen Blttern.
    Egon lachte und schttelte unglubig den Kopf.
    Glaubt doch Das nicht! sagte er. Ich kenne diese Gesellschaft, sie ist sehr
ehrenwerth; ich kenne aber auch Rafflard und wei, da er von ihr kein Mandat
empfing.
    Er besucht die Gefngnisse, besttigte Dankmar. Ich bin ihm selbst begegnet,
wie er von unserm Criminaldirektor hchst gewissenhaft umhergefhrt wurde und
sich die sorgfltigsten Notizen machte, vor denen die Beamten zitterten.
    Das mu ich gestehen! sagte Egon lachend. Dieser Rafflard ist aus Meudon im
Canton Lausanne gebrtig, war erst reformirter Geistlicher, spricht Deutsch und
Franzsisch und bernahm eine Erzieherstelle in unsern stlichen Provinzen, wo
er im Hause einer Baronin von Osteggen sich ziemlich lange zu behaupten wute.
    Siegbert blickte bei Nennung dieses Namens nieder, weil ihn Dankmar spottend
ansah.
    Von da, fuhr Egon fort, vertrieb ihn mein frherer Erzieher, ein braver
Mann, Namens Rudhard, der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Meeres lebt
oder verschollen ist oder todt ...
    Egon's Begleiter wandten sich ab, um zu verbergen, da sie wohl wuten, wo
Rudhard war. Sie wrden gern von ihm gesprochen haben, wenn ihnen nicht bekannt
gewesen wre, da Rudhard wegen der Grfin d'Azimont seinem Zgling zrnte und
aus Achtung vor der Wsmskoi'schen Familie eine Wiederanknpfung mit ihm nicht,
zu eifrig suchte.
    Von Rudhard, fuhr Egon fort, aus der Nhe der Familie Osteggen vertrieben,
kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg. Dort zwar freundlich
aufgenommen, fand er die Stellung, die er zu erschleichen suchte, besetzt. Der
neue Pfarrer Guido Stromer bte schon einen groen Einflu auf die
Entschlieungen meiner Mutter und Rafflard's Plne mislangen. Er kehrte in die
Schweiz zurck, benutzte aber von da aus die Bekanntschaft meiner Mutter zu
einer sehr lebhaften Correspondenz, deren Endziel die glnzend vorgespiegelte
Mglichkeit war, mir am Genfersee eine Erziehung zu geben, die ihres Gleichen
suchte. So kam ich in das Institut des Herrn Monnard, bei dem Rafflard Lehrer
war, und Rafflard wurde mein Specialerzieher. Whrend die ueren Formen der
geistigen Appretur, die man mir zu geben trachtete, streng kirchlich blieben,
spekulirte Rafflard anders. Er dachte, die reifere Natur eines hher gestellten
Adeligen wirft doch wol mit der Zeit diese knstliche Hlle eines orthodoxen
Mechanismus ab, und weit besser ist es fr deine Zukunft, du wirst der
Vertraute, als der Richter deines Zglings! ... Er buhlte auf die widerlichste
Art um meine Freundschaft, hob mich weit ber meinen Bildungsgrad empor,
verspottete im vertrauten Umgange Das, was er ffentlich vor den andern
Mitschlern gelehrt, gutgeheien, empfohlen hatte. Anfangs glaubt' ich armer
befangener, an Gewissensskrupeln leidender Knabe, diese Methode des Professors
Rafflard, meines Specialerziehers, sollte mich nur prfen. Ich lchelte ber
ihn, ich schauderte, ich erschrak. Aber immer sicherer machte er mich und trug
mir vllige Freundschaft an, ein Mann von damals wol fast vierzig Jahren einem
Knaben von funfzehn oder sechszehn! Als diese Schndlichkeiten den hchsten Grad
erreicht und fast mein sittliches Gefhl untergraben hatten, wurden sie
entdeckt. Man fand einen Band des Casanova in meinem Bett und ich gestand, da
ihn Rafflard mir geliehen. Er wurde sogleich aus der Anstalt entfernt und mute
Genf meiden. Von Annecy schrieb er mir einen zrtlichen Brief, worin er mir
Vorwrfe machte, da ich die Pflichten der Freundschaft verletzt htte. Dieser
Brief machte mir groen Kummer, doch wagte ich nicht, ihn zu beantworten. Spter
schien Rafflard verschollen. Ich hrte, da er nach Turin gegangen war. Manche
behaupteten schon da, er wre katholisch geworden. Ich verlie Genf, studirte in
Bonn, Gttingen und fhrte ein sehr verkehrtes Leben, bis es mich nach dem
schnen Genfersee zurckzog. Ein Vierteljahr mocht' ich in Genf gelebt haben,
als nach einer wol vierjhrigen Abwesenheit Rafflard wieder auftauchte. Er
behauptete, mit reichen Englndern in Italien als Hauslehrer gereist zu sein,
wollte Rom, Neapel und sogar den Berg Athos in Griechenland gesehen haben.
Andere behaupteten aber, er htte in dem Jesuitenstifte zu Turin alle Weihen
empfangen und sich einer langen Vorbereitung auf eine knftige Wirksamkeit
unterworfen. Sogleich suchte er mich auf und weinte ber das Vorangegangene ...
Es ist die katzenartigste Natur, die ich je in meinem Leben gekannt habe. Denkt
Euch, wie gefhrlich ein solcher Mensch ist, wenn er wirklich jenem Bunde dient,
woran kaum ein Zweifel! Er spricht vollkommen drei Sprachen, kann berall
wirken, in Deutschland, Frankreich und in Italien. Er kennt alle Lnder nach
ihren Sitten und geographischen Bedingungen. Die Grnde, warum er aus Monnard's
Anstalt entfernt war, kannte man nicht. Es lag zu sehr im Interesse eines
solchen in allen Lndern bekannten Pensionats, da ber die inneren Vorgnge das
grte Geheimni obwaltete. So konnte Rafflard wagen, in Genf wieder
aufzutreten. Der alte Monnard, ein schwacher, pedantischer Mann, war gestorben.
Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger, besuchte alle Kirchen und mischte
sich in alle religise und politische Streitigkeiten des kleinen Freistaates.
Doch erregte er berall Mistrauen und stand so wenig sicher, da er gleich nach
einem Streite, in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy
verwickelt wurde, sich nicht mehr lnger zu behaupten wagte. Ich hatte nmlich
vor seiner Tartfferie den grten Abscheu und lehnte alle seine
Vertraulichkeiten ab. Als an jener Tafel das Gesprch auf den alten Monnard kam
und er die Frechheit hatte, die reine reformirte Gesinnung des Verstorbenen in
Zweifel zu ziehen, brach ich mit der uerung hervor: Es ist freilich sehr wenig
rechtglubig von dem alten Monnard gewesen, da er einen Lehrer aus der Anstalt
entfernte, der seinen Zglingen den Casanova zu lesen gab! Ich hatte viel von
dem guten Cte d'or des Syndikus getrunken, das rothe Traubenblut war mir in den
Kopf gestiegen und so entfuhr mir die uerung, die pltzlich auf die ganze
zweideutige Erscheinung des Professors Rafflard ein erluterndes Licht warf.
Rafflard scho mir einen Blick wie ein Basilisk zu und verschwand bald. Ich
ging, berdrssig meiner leeren, nichtssagenden und mannichfach gehemmten
Existenz, nach Lyon, kam von da nach Paris und habe Rafflard dann im Hause der
Grfin d'Azimont, seiner frheren Schlerin, wiedergetroffen. Er wurde aber auch
von dort entfernt, weil er sich in die Familienangelegenheiten mischte. Nur die
alte Grfin d'Azimont, eine hochfahrende und den Jesuiten ganz ergebene Dame,
behielt ihn fr sich und intriguirt mit ihm gemeinschaftlich nach allen nur
mglichen Richtungen hin. Wenn er hier ist, sollte es mich gar nicht wundern,
da er den Auftrag hat, mich und die Grfin d'Azimont zu beobachten, zu trennen,
zu entzweien, sie nach Paris zurckzufhren, mich zu umspioniren, mir in meinen
Freunden wehzuthun, mir zu schaden wo er kann. Wenn er vorgibt, die Gefngnisse
zu studiren, so ist Das eine Maske fr andere Plne. In Paris hlt man ihn fr
einen Jesuiten und ich kann wohl begreifen, da dem Orden die Verwickelungen und
Wirren im Herzen Europas auf unserer deutschen Erde keineswegs gleichgltig
sind!
    Als Egon geendet hatte, fuhr der Wagen gerade ber den Einschnitt einer
Eisenbahn und bog zur Seite ab, einer Gegend zu, die immer anmuthiger und
geflliger wurde. Es war ein Thal, das sich dem in der Ferne blitzenden Strome
zu abwrts senkte und an seinen uersten Grenzen, ber den Strom hinaus, wieder
von der blauen Erhhung eines Bergrandes geschlossen wurde. Links und rechts
weideten Heerden auf den gemhten Stoppelfeldern und dem noch ppigen, lachenden
Grn der Wiesen, die in ein schimmerndes Birkengehlz sich verloren. Dies
Vorgehlz ging zuletzt allmlig in eine dunklere Waldung ber. Der Charakter der
Gegend war einfach, aber auerordentlich belebend und anregend.
    Louis fhlte ber die leichte Art, wie Egon von der d'Azimont sprach, einen
tiefen Schmerz ... Siegbert ergriff diese Erzhlung Egon's als Mittel, um sich
ber des Prinzen Charakter klarer zu werden. Auch er kannte die Geschichte
Louison's und konnte es vor seinem Herzen nicht ganz gerechtfertigt finden, da
Egon etwas leicht ber so schwierige und delikate Beziehungen hinwegging ...
Dankmar aber haftete an einer andern Gedankenreihe fest, die sich bei ihm durch
die einfachen, vor sich hingesprochenen Worte kundgab:
    Diese Jesuiten!
    Ja, die Jesuiten! wiederholte Egon und zu Armand sich wendend, sagte er:
    Ja Das sind die rechten Brder vom gemeinsamen Leben, von denen wir heute
sprachen, Louis, und zu denen Thomas a Kempis auch gehrte.
    Thomas a Kempis ein Jesuit? sagte Louis verwundert und verrieth nun einmal
auch ein wenig stark seine historischen Mngel.
    Nein, Louis! antwortete Egon lachend. Ich kenne, da ich in Genf viel mit der
Kirchengeschichte geplagt wurde, sehr grndlich manche Dinge, die mir spter von
geringem Werthe wurden. Thomas a Kempis gehrte zu einer Brderschaft vom
gemeinsamen Leben. Mein guter Louis erklrte ihn darauf frischweg schon fr
einen Communisten ...
    Lachen mochten die Brder nicht, weil sie frchteten, den wenig
unterrichteten, ihnen aber ehrenwerthen Handwerker zu verletzen.
    Es gab, fuhr Egon fort, im Mittelalter eine Menge von halbgeistlichen,
halbweltlichen Genossenschaften, die den Mnchs- und Ritterorden nachgebildet
waren. Sie hatten oft so eigenthmliche Formen, da sie in den Ruf der Ketzerei
kamen. Da waren die Beguinen, die Begharden, die Brder und Schwestern vom
freien Geiste, die Apostelbrder, die Brder und Schwestern vom gemeinsamen
Leben. Sie gehrten Alle der Welt an, vereinigten sich aber zuweilen zu
ausschlielich religisen bungen. Ihr innerer Zusammenhang war der der
gegenseitigen Untersttzung, der Wohlthtigkeit. Manche vereinigten sogar
offenbar politische Zwecke mit ihrem nchsten Berufe. Sie untersttzten die
ffentliche Sicherheit. Wie es in Deutschland einen Vehmbund gab, der die
Gerechtigkeitspflege in bekannter eigner Art frderte, so gab es in Spanien
hnliche Brderschaften, die dort aus freien Stcken und Fanatismus leider der
Inquisition dienten und frmlich deren Handlanger waren. Die Gewerke traten
zusammen und schtzten sich wechselseitig gegen die Gefahren der Gesellschaft.
Die Bauhtten, aus denen der Freimaurerbund entstanden sein soll, hatten kaum
einen andern Zweck; denn gerade die Maurer, Zimmerleute, Steinmetzen reisten
damals von Ort zu Ort, um bei den groen Bauten des Mittelalters mitzuwirken,
und bedurften einer solchen auf gemeinschaftliche Erkennungszeichen begrndeten
Erleichterung einer berall leicht aufzuschlagenden Heimat. Dieser Trieb zur
Vereinigung ging soweit, da die Kalandsbrder fast nur zur Erheiterung und
gesteigerten Geselligkeit zusammentraten und auch bei einer so reinweltlichen
Bestimmung vom Papste keine Besttigung mehr fanden. Es ist dies ganze Wesen der
Anfang der Freimaurerei und des Jesuitenordens, der beiden grten
Genossenschaften, die sich in hnlicher Art in unserer Zeit erhalten haben.
    Siegbert bewunderte diese reichen Kenntnisse ...
    O, sagte Egon, mein Gedchtni ist mit vielem alten Wust beschwert und ich
freue mich, da man Gelegenheit findet, so etwas manchmal doch an passender
Stelle loszuwerden.
    Louis behauptete, da die Gtergemeinschaft von den Aposteln selbst wre
gepredigt worden, mute sich aber gefallen lassen, da Egon ihm scharf
entgegnete.
    Mein lieber Freund, sagte er, es ist ein Unterschied, wenn eine kleine
christliche Gemeinde, die in der groen, unermelichen Rmerwelt sich bildete,
sich entschliet, um ein gleiches Interesse und gegenseitige Untersttzung zu
haben, zusammenzutreten und aus einem Topf zu essen, als wenn diese unermeliche
Rmerwelt selbst damals ihr Eigenthum htte zusammenbringen und mit Durchfhrung
der langweiligsten Art zu rechnen und zu leben die Besitzquote des Einzelnen
verwalten wollen. Wenn Das Communismus sein soll, da drei arme Familien sich
entschlieen, statt auf drei Heerden Feuer zu machen, es nur an einem zu thun,
so bin ich sehr fr den Communismus. Und in diesem Sinne bin ich berzeugt,
hatten die Brder vom gemeinsamen Leben einen sehr respektablen Mittagstisch und
Thomas a Kempis war ein Communist, der es sich sehr gut konnte schmecken lassen.
    Egon, der immer wieder zu der eigenthmlichen Sicherheit und unvertilgbaren
aristokratischen Haltung emporwuchs, die Dankmarn auf der gemeinschaftlichen
Reise nach Hohenberg schon aufgefallen war, gab darauf Louis die Hand und bat
ihm seinen Spott ab.
    Ich liebe das Volk und die Arbeit, sagte nach einer Pause der unterrichtete,
denkgewandte Frst. Aber die falschen Lehrer sind, um im biblischen Stile zu
bleiben, die wahren Versucher, die ihre Teufelsgestalt ablegen, um uns
zuzumuthen, man knnte ganz Jerusalem gewinnen, wenn man niederfllt und sie
anbetet oder sich einbildet, Steine knnten in Brot verwandelt werden ... He!
Louis, was grbelst du?
    Da ich morgen anfangen werde zu arbeiten! sagte dieser ruhig.
    Und ich werde gleichfalls irgend etwas ergreifen, sagte Egon, um das Recht
zu haben, so sprechen zu drfen.
    Siegbert kannte die Gedankengnge seines Bruders und ermunterte ihn, sich
doch einem so klaren und unterrichteten Kopfe, wie diesem jungen Frsten Egon
gegenber, der ihnen zu einer immer bedeutenderen Erscheinung heranwuchs, ber
seine Idee von einer eigenthmlichen Abkrzung unserer Geisteskmpfe
auszusprechen.
    Mein Bruder, sagte er, beneidet sehr oft die Jesuiten um ihre Organisation.
Er behauptet, der Jesuitenorden in seiner Form, aber mit einem edlen Inhalte,
knnte die Welt erlsen.
    Egon und Louis horchten auf.
    Ich meine, sagte Dankmar, da denn doch aus allen Beispielen, die uns unser
Freund Egon da von vergangenen Tagen angefhrt hat, ein tiefes und altes
Bedrfni der Menschheit sich ergibt, sich von den zuflligen Bedingungen der
Existenz, in der ein Jeder leben mu, zu befreien. Wir sind hineingeschleudert
in diese Welt ohne Schutz, ohne Fhrer. Wir mssen ringen, auf eigene Hand
unsern Antheil an, ich will nicht sagen Glck und Lebensfreude, sondern nur an
der Mglichkeit zu existiren, zu gewinnen. Wir sind wie hungrige wilde Thiere,
fallen ohne Schonung ber die Beute her, die wir erreichen knnen und migen
uns nur durch jenes Quantum von Religion, Sittlichkeit, Gewissenhaftigkeit und
gemthlichem Temperamente, das wir entweder schon bei unserer Geburt mitbekommen
haben oder in der Luft, in die wir versetzt wurden, gewinnen konnten. Ein Mensch
zu sein, ist das groe allgemeine Band, das uns umschliet; aber gewhrt uns
dieses Menschenthum irgend einen andern Vortheil als den der Race, den der
veredelten Potenz des Thieres? Wo hab' ich denn Brder, die stolz sind, in mir
sich selber wiederzufinden? Wo liegt denn irgend eine Brgschaft, da wir die
groen Zwecke des Lebens auf die einfachste, sicherste, krzeste und glckliche
Weise erreichen? Da ist es nicht zu verwundern, da die Menschen zu allen Zeiten
gedacht haben, sie mten sich durch Verabredung und Gesinnung noch in eine
zweite moralische Welt einkaufen, die enger, umgrenzter ist als die groe
sichtbare, aber die Ihrigen auch liebevoller und wrmer hegt und beschtzt. Die
Religion, das Christenthum vor allen Dingen, sollte einst diese zweite Welt
sein, wo wir als Glieder einer unsichtbaren Kirche uns zu lieben haben. Aber die
unsichtbare Kirche wurde leider zu frh eine sichtbare und ihr groer Bau wurde
wieder die Welt selbst, die Niemanden schtzt. Es sonderten sich nun Stiftungen,
Klster, Orden von ihr ab; Confessionen zerbrckelten diesen riesigen Tempel. Er
ist Denen nur noch eine Heimat, die irgendwo einen kleinen von verfallenen
Sulenschaften eingefriedigten, mit dunklem Gebsch berwucherten Seitenhof in
ihm finden, wo sie in ihrer Weise Christen sind und im Abendschimmer, von
Nachtgevgel erschreckt, zu dem Geist, der in diesen Trmmern lebte, beten. Der
Staat ist kein Bund der Menschheit, die Gesellschaft ist grausam und lieblos,
die Frsten behandeln die Vlker wie ererbtes Eigenthum, wie ich meinen ererbten
Garten behandeln wrde, ich se und ernte auf ihm und lass' ihn mir
wohlgefallen.
    Das Leben ist eine groe Gefahr! Wie schtzt man sich anders vor ihr, als
da man zusammentritt, sich verabredet und durch gemeinschaftliche Kraft die
Kraft des Einzelnen strkt? Ein jeder Bund dieser Art sollte die Aufgabe haben,
einst der Bund der ganzen Menschheit zu werden. Ich sehe keine Mglichkeit, da
die Hebel der Geschichte, die jetzt im Groen und Offenen wirken, das Glck der
Erde frdern knnen. Wohin sollen diese Staatenumwlzungen, diese Intriguen der
Parteien, diese Leidenschaften fhren? Nirgends eine Verstndigung ber das
Princip des Streites, nirgends eine freie, freudige Unterordnung des Einzelnen
unter das Allgemeine. Ich sehe nicht ab, was uns anders retten kann, als gerade
mitten in dieser Epoche der breitesten Verallgemeinerung, wo Alles erkaltet
auseinanderfllt, das enge, die behaglichste Lebenswrme ausstrmende Isoliren.
    Das hast du vortrefflich gemacht, Dankmar, sagte Egon, als Dankmar mit
seiner begeisterten Rede zu Ende war. Ja, ja, so ist's! Aber da mte ein neuer
Messias kommen!
    Ein einzelner Mensch kann in unsern Tagen nicht mehr ein Messias sein, sagte
Dankmar. Die Ideen sind es, die jetzt als Erlser und Propheten auftreten. Die
Menschheit selbst mu sich Messias sein. Die Menschheit als Menschheit ist
verloren, sie kann nur durch einen Bund wieder sich selbst gerettet werden.
    Einen Geheimbund? fragte der Frst zweifelnd.
    Durch einen Geheimbund! sagte Dankmar.
    In der Form des Jesuitenordens? rief Egon. Nein, nein! Ich hasse Alles an
den Jesuiten, ihr Inneres und ihr ueres. Doch sag' uns, was du denkst.
    Louis und Siegbert hrten mit groer Spannung.
    Dankmar rstete sich seine ganze Meinung zu sagen.

                                Zwlftes Capitel



                             Die Ritter vom Geiste

Ich denke, begann Dankmar, da man etwas erfinden mu, um den groen Proce des
Zeitalters abzukrzen. Welche verlorenen Worte! Welche geopferten Anstrengungen!
Alles rennt durcheinander, Alles leidet an der schon unmglichen nchsten
Verstndigung! Die Einzigen, die da wissen, was sie wollen, sind die Jesuiten
und die Freimaurer. Jene verfolgen in ruhiger Consequenz, unbekmmert um die
jeweiligen Strungen ihres sichren Friedens, das Ziel, die Menschheit in den
Fesseln kirchlicher Abhngigkeit zu erhalten. Diese, ihr schnurgerades
Widerspiel, sind nicht ganz so friedfertig und still, wie sie sich das Ansehen
geben. Wo sie nur knnen, suchen auch sie ihrem Ziele den Weg zu bahnen und dies
Ziel wird wol die Freiheit des Menschen von jeder positiven Bevormundung und die
Ausbildung einer reinen Humanitt sein. Ohne Zweifel ist diese letztere Aufgabe
eine brave, aber viel zu allgemeine. Wenn man immer und immer von der Menschheit
spricht, verliert man den Menschen selbst aus dem Auge, und wenn man sagt, die
Besserung der Welt finge damit an, da man sich selbst bessere, so artet eine
solche Lehre nothwendig in Trgheit, Sorglosigkeit, Genusucht aus, die ja
bekanntlich auch lngst der zerstrende Schwamm an den unsichtbaren Bauten der
Freimaurer ist. Nimmer auch werden wir zu einem Ziele gelangen, das wir uns, ich
will nur sagen, etwa ber die Lage Europas willkrlich ausdenken. Wer kann die
Brgschaft geben, da diese oder jene Form der staatlichen, kirchlichen,
gesellschaftlichen Gestaltung die allgemein gengende und Jeden beglckende sein
werde? Auf eine zuknftige Schpfung hin kann kein Bund zusammentreten, wohl
aber bedarf die Zeit einen Bund fr den Geist dieser Schpfung. Der Geist ist
dies allgemeine flimmernde Sonnenlicht, das ber unserm Zeitalter unsichrer
zittert als jemals ber einer Epoche. Das christliche Zeitalter, die mittlere
Zeit, die Reformation wuten, wofr die Herzen erglhten. Wir aber gehen in der
Irre und benutzen die Waffen des Geistes zu jedem Kampf gegen ihn. Der Kampf der
Finsterni gegen das Licht wird mit Waffen des Geistes gefhrt. Les't nur, was
so viele poetische Kpfe fr die politische und kirchliche Abhngigkeit des
Menschen geschrieben haben! Die Tobsucht der Massen, die Wuth des Umsturzes wird
von Waffen des Geistes untersttzt. Nichts ist jetzt dienender als der Geist,
und die Entscheidung soll nur noch von der Materie kommen! Darber wird die
sittliche Welt zu Grunde gehen; denn die allgemeine Anarchie, das Chaos der
Bildungslosigkeit, die Tyrannei der Bildungsverachtung nenn' ich den Untergang
der Welt. In einer solchen Gefahr fr die Scheinwahrheit der katholischen Kirche
trat einst Ignatius Loyola auf und predigte den nach innen gewandten Kreuzzug,
stiftete einen geistlichen Ritterbund fr die innere Mission, machte das Wort,
den Glauben zur Waffe; mancher Jesuit untersttzte seine stumpfen Grnde durch
die Schrfe des Dolches. Es war ursprnglich so schlimm mit Gift und Dolch nicht
gemeint. Man wollte nur einen Bund des katholischen Geistes gegen die Ketzerei
stiften. Wohlan! So stifte man einen Bund des allgemeinen Menschengeistes gegen
den Misbrauch der physischen Gewalt! Wo seh' ich nicht die physische Gewalt?
berall! Das Recht des Besitzes soll das Recht des Eigenthums sein. Der Eine
bewaffnet sich mit stehenden Heeren, der Andre mit der Brandfackel des Aufruhrs.
Wo seh' ich Menschen, die, ich will nicht sagen, wie die Jesuiten sagen, da sie
glauben, nicht, wie die Freimaurer sagen, Menschen, die sich lieben; nein, wo
seh' ich Menschen, die nur denken? Es gibt eine kleine Leiter von Begriffen, die
so einfach, so tief in der Menschenbrust begrndet sind, da sie die einfachste
Intelligenz erklimmen kann. Auf diese Begriffe hin reiche sich die Menschheit
die Hand, beschwre sie und erklre feierlich, auf diesen Schwur hin, nur noch
leben und sterben zu wollen! Ein solcher Bund des freien Geistes nur funfzig
Jahre in Wirksamkeit und die Streitfragen werden vereinfacht, die alten, wie
Schlinggewchs wuchernden Unbilden werden von selbst verdorrt und
zusammengefallen sein.
    Egon schwieg nachdenklich.
    Louis Armand aber und Siegbert waren ergriffen und schenkten diesem Gedanken
ihre volle, laute Zustimmung.
    Nur das Eine erlaubte sich Louis zu bemerken:
    Werden Sie uns dadurch nicht eine neue Aristokratie stiften? Die
Aristokratie des Geistes, die vielleicht nicht so schlimm wie die der Geburt,
aber doch sicher eben so lstig werden kann wie schon die des Geldes ist?
    Dankmar lehnte diese Befrchtung ab.
    Der befreiende, erlsende, verstndigende Geist, sagte er, wird niemals der
der Gelehrsamkeit sein. Die Brder des neuen Bundes beschwren gewisse Begriffe,
fr die sie wirken mssen. Diese Begriffe sind einfach wie das Licht der Sonne.
Sie sollen keinen andern Beweis fr sich haben, als da sie erhellen und
erwrmen. Sie sollen die Mglichkeit erleichtern, da gleiche Gesinnungen sich
durcheinander strken. Sie sollen dem groen Kampfe der Zeit den starken
unberwindlichen Phalanx der bereinstimmung geben. Sie sollen die Fahne
aufstecken, unter der sich die Gleichgesinnten rasch und ohne langes Ergrnden
und furchtsames Ausforschen versammeln. Warum erkennen sich denn berall die
Jesuiten? Warum mssen es die Freimaurer? Warum sollen sich nicht auch rasch die
Mnner von gleicher Denkungsart ber die wahre Aufgabe unsrer Epoche erkennen?
Ich wei, da sich Lge und Verstellung auch in meinen Bund schleichen wird.
Allein unter den Mrdern, die Jesuiten gedungen haben, hat der Jesuitenorden bei
den glubig Katholischen selbst nichts gelitten; unter vielen herumziehenden
Lumpen und Bettlern leidet die Maurerei an sich ebenfalls nicht: was knnen
Verrther da thun, wo es sich nicht um verabredete Unternehmungen, verabredete
Thaten, sondern lediglich um eine feste, ihre Aufgabe von selbst begreifende
Gesinnung handelt?
    Ich wre schon einverstanden, sagte Egon, wenn der Bund, von dem du wirklich
sprichst, als wre er schon gestiftet, nur kein Geheimbund wre.
    O wohl, lieber Egon, rief Dankmar in hoher Erregung, wohl, er ist schon
gestiftet; denn alle Welt sehnt sich nach diesem Bunde. Nur die gesinnungslosen
Menschen und die Tyrannen haben nicht das Bedrfni, sich durch die
bereinstimmung mit den Gleichgesinnten zu strken. Wer in dieser Welt lebt und
denkt, wer da fhlt, da er, um sein Theuerstes zu sichern, nicht der
materiellen Mittel allein bedrfen mchte, der steht schon an der Pforte meines
neuen Tempels und begehrt Einla. Und Geheimes haben wir nichts, wenn wir auch
geheim uns halten wollen. Wir werden einen Ritus der Aufnahme haben, uns aber
nur auf Wahrheiten verpflichten, die allgemein bekannt sein drfen. Das Kleinod
liegt eine Zeitlang in einem Schrein und wird herausgenommen, offen zur Schau
getragen, Allen gezeigt, wenn es Zeit ist. Nachdem es glnzte, geht es in seinen
Schrein zurck. Die Natur jedes polemischen Gedankens, der sich durch
Gleichgesinnte strken soll, bedingt die geheime Bewahrung. War das Christenthum
nicht anfangs eine Lehre, die bei geschlossenen Thren bekannt wurde? Wohl uns,
wenn unsere Geheimnisse so groe Zeugnisse fr uns ablegen, da der Bund immer
grer, immer umfassender wird und endlich alle Menschen aufnimmt. Einer
verwilderten Menschheit kann nicht anders geholfen werden, als da Die, die das
Bessere wollen, bei Seite treten und dem groen Haufen zurufen: Sondere sich ab,
wer wie wir fhlt und denkt!
    Und noch Eins, fiel Egon ein, der noch immer unglubig blieb, berlegst du
wohl, lieber Freund, woher die Jesuiten und, soviel ich wei, auch die
Freimaurer, ihre eigentliche Kraft nehmen? Aus dem Gelde! Freimaurer sind nur
wohlhabende Leute und die Jesuiten sind an Gtern so reich ausgestattet und
werden noch tglich so reich damit gesegnet, da die Gedanken dort auch
ermunternde und nachhelfende materielle Hebel haben. Diese alten Brderschaften
des Mittelalters waren unglaublich reich. Sie hatten gut entsagen und die
christliche Commnaut lobpreisen! Die Brder und Schwestern vom freien Geiste
lebten nicht vom Geist allein, sondern ihr Geist war so frei, sich es auch an
irdischer Speise nicht fehlen zu lassen. Die Kalandsbrder, die ich nannte,
diese mittelalterlichen Freimaurer, die an jedem Kalandstage, dem ersten des
Kalenders, monatlich zusammenkamen, um unter religisen Formen gut zu essen und
noch besser zu trinken, hatten Huser, Liegenschaften, Zollgeflle. Die groe
Elbbrcke in Dresden warf ein Jahrhundert lang den grauen oder Kalandsbrdern
auf der dortigen Brdergasse den Brckenzoll ab. Von den groen Reichthmern der
geistlichen Ritterorden zu schweigen! Die Templer waren so reich, da sie ihre
groe Aufgabe unter Schwelgereien vergaen und von Philipp von Frankreich, der
ihre Gter besitzen wollte, mit Feuer und Schwert vertilgt wurden. Die
St.-Johanniter und Deutschherren haben noch einen berflu von Gtern und
Liegenschaften und Sinekuren ....
    Sinekuren! unterbrach ihn Dankmar lchelnd. Das ist das rechte Wort! Will
mein Bund sich erhalten, so haben wir durch diese Parallele wenigstens schon Das
gewonnen, da wir nicht zuviel Geld haben drfen, nicht so viel, um sine cura
fr die Hauptsache sein zu drfen.
    Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig! sagte Egon.
    Gerade so viel, als man fr den Anfang braucht! erwiderte Dankmar lchelnd
mit einer eigenthmlichen Bestimmtheit.
    Bester Freund, wo kme aber auch das Wenige her? Die Mnner von Gesinnung
sind arm!
    Richtig! Deshalb brauchen wir etwas Geld. Etwas! Nicht viel, aber auch nicht
zu wenig!
    Egon lachte ber Dankmar's sonderbare finanzielle Ruhe ...
    Das ist komisch, sagte er, ein Bund fr die Freiheit, gesttzt auf Actien,
escomptirt vielleicht an der Brse?
    Das Geld wird sich finden, mu sich finden! behauptete Dankmar.
    Fr einen Juristen bist du sehr Idealist! sagte Egon fast gereizt. Geld
findet sich niemals, bester Freund! Alles findet sich, aber niemals Geld.
    Doch! Doch! Es findet sich! wiederholte Dankmar, und durch den Ton nicht
allein, in dem er die Erneuerung dieser Hoffnung vortrug, sondern auch durch
eine berraschende Entdeckung, die die Freunde machten, war dies Gesprch
vorlufig abgebrochen ... Sie waren nmlich schon lngst in jenen anmuthigen,
schattigen Park, in dem das Lustschlo Solitde lag, eingefahren, als sie in der
Ferne langsam unter der groen Hauptallee, die zum Schlosse hinauffhrte, mehre
sechs- und vierspnnige knigliche Wagen fahren sahen ... Die Anwesenheit des
Hofes auf Solitde hinderte zwar nicht im geringsten die dort erlaubte freie
Bewegung des Publikums, aber die sich dem Anstand von selbst darbietenden
Rcksichten machten es oft unmglich, dann die einzelnen schnen Punkte des
Schlogartens so zu genieen, wie sie es ihrer Lage, frischen Luft und
angenehmen Aussicht wegen verdienten ... Egon vollends, der eine Beziehung zum
Hofe nicht suchen mochte, gerieth in Verlegenheit und wre gern umgekehrt.
Dankmar und Siegbert wagten kaum ihm zuzureden; denn, sagten sie, wer brgt
dafr, da der junge Frst nicht erkannt oder wenigstens mit der hheren
Hofbedienung in ein Gesprch verwickelt wird! Und Dankmar setzte sogar hinzu:
    Wer schtzt dich, wenn du durchaus die Begegnung noch vermeiden willst, vor
einem Akte der Herablassung? Die kniglichen jungen Herrschaften machen es sich
zur Aufgabe, wo sie knnen, sich in Gesprche und Anreden zu verlieren. Es wird
ihnen sehr schwer; denn sie sind schchtern und beklommen, allein die
Oberhofmeisterin von Altenwyl, sagt man, dringt immer darauf und der regierende
Frst selbst hat einen Reiz dazu, sich volksthmlich zu machen, seitdem sein
Bruder Ottokar so allseitige Huldigungen empfngt. Der ltere Bruder ist ohne
Zweifel sehr unterrichtet und fr Alles interessirt, aber zurckhaltend und
sogar mistrauisch. Nur der grere Muth seiner Frau ermuntert ihn. Dann wirft er
sich so gewaltsam in den Drang, sich Erfolge zu machen, da es bengstigend wird
und man aus einer solchen Begegnung mit dem Gefhle scheidet, wie man hier nur
zu einem kalten Rechnenexempel der theoretischen Monarchie eine dumme und
armselige Zahl abgegeben hat. Ein erwrmtes Gefhl, eine gesteigerte Hingabe an
diese nicht sehr glcklichen, einsam stehenden Menschen bleibt kaum zurck.
    Wie es nun aber bei solchen Bedenklichkeiten zu gehen pflegt, man spricht
sie aus und thut doch gerade Das, was man vermeiden wollte.
    Die Bedienten hatten den Schlag geffnet, das groe gueiserne Portal des
Schlogartens stand geffnet, sie traten in die saubergehaltenen Wege und die
trotz der vorgerckten Jahreszeit noch bunt und mannichfach belebten Bosquetts
ein.
    Siegbert erbot sich zum Fhrer. Er kannte hier alle verschlungenen Pfade,
die an die groe berhmte Terrasse fhrten, und auch die, welche erst die noch
geffneten Treibhuser und einen kleinen See mit Schwnen, eine Volire mit
anmuthigem Gevgel, das eine ausgestopfte Eule umschwirrte, eine andere
Umzunung sehen lie, in welcher einige Rehe hausten, die mit ihren sanften
weiblichen Augen durch die Gittersprossen lugten ...
    Man entschied sich dafr, den krzesten Weg zu whlen. Nach einer der Anmuth
des Gartens gespendeten Anerkennung und einigen Vergleichen, die Egon und Louis
mit Versailles, besonders aber dem natrlicheren und parkhnlich gepflegten
St.-Cloud zogen, kam das Gesprch auf den Hof, die Politik, den Geheimbund
zurck und Egon ergriff die Gelegenheit, sich ber seine knftige Stellung zu
der Gesellschaft und zu diesem Staate selbst, in dem er einen so glnzenden
Namen fhrte, auszusprechen. Dankmar's Verzweiflung an allem Gegebenen schien
er, sich auf Louis im Gehen sttzend und in dem gekieselten Sande seine noch
etwas mden Fe nachziehend, nicht zu theilen.
    Ich werde nicht ganz zurckgezogen leben! sagte Egon. Die groe Sorge um
meine ruinirten Besitzungen hat mir einstweilen ihr Pchter, dein amerikanischer
Landwirth Ackermann, abgenommen. Ich will sehen, wie lange ich mich mit den
Hoffnungen auf eine mgliche Wiederherstellung dieser traurigen Verwstung
beruhigen kann. Inzwischen soll mein Hauswesen vereinfacht werden. Es sind zu
viel Menschen um mich. Wozu zwei Diener, die da hinter uns schleichen und
aufpassen, da doch Einer von uns ja sein Taschentuch verlieren mchte, nur um
sich durch dessen geruschvolles Aufheben nothwendig zu machen? Wozu die vielen
Frauen in meinem Hause? Den alten Haushofmeister pensionirt man. Ich habe acht
Pferde und kann mich mit vier begngen. Mein Mittagstisch war heute berladen.
In allen diesen Dingen hab' ich die einfache Ordnung der Natur kennen gelernt
und Louis wird mir beistehen, sie auch hier innerhalb der Grenzen, in denen ich
nun einmal leben mu, einzufhren. Dann will ich suchen Bekanntschaften zu
machen, die mir von Nutzen sein mssen, sonst vermeid' ich sie, denn sie kosten
nur Zeit. Und zuletzt - hab' ich einen Lieblingsplan, den ich aus Paris
mitbrachte ...
    Egon sah Louis an, der beifllig nickte. Die Andern hrten gespannt.
    Auch ich will einen Verein stiften, sagte Egon. Aber keinen geheimen, lieber
Wildungen, und keinen, der sich auf das Wandelbarste im Menschen, auf die
Gesinnung sttzt. Ich denke an einen Verein zum wechselseitigen Schutze der
Arbeit. Ich habe nicht umsonst mein Stemmeisen und den Hobel gefhrt. Ich kenne
die Bedrfnisse der Arbeit, ich achte den Handwerker und fhle mit ihm. Es mu
viel, viel geschehen, um ihn besser zu stellen, als dies bisher der Fall war.
Aber hher noch, als der Arbeiter, steht mir die Arbeit selbst. Die wird nicht
genug geehrt, die nicht heilig genug gesprochen. Und was anders kann uns von
unserm Elend wahrhaft erlsen als die Arbeit? Die Arbeit, bester Dankmar, die in
ihre Rechte, in ihre Wrde eingesetzt, und das hohle Treiben der Leidenschaften
hrt auf. Ich bin streng, ich habe die Theorie nicht der Menschenrechte, sondern
der Menschenpflichten. Alles will mit der Geburt Ansprche erworben haben auf
ein Utopien von Glck und Freiheit. Niemand lehrt, da uns die Geburt darauf
anwies, das Recht, ein Mensch zu sein, durch die Arbeit zu verdienen. Ist diese
Lehre erst allgemein, dann wird auch die Gelegenheit, die uns wurde, geboren zu
werden, als eine Quelle des Glckes und der Freude erkannt werden. Freilich
fhl' ich, da ich mit dieser Lehre allein stehen wrde, wenn ich nicht
versuchte, mit ihr in die groen Debatten unserer Zeit mit einzugreifen.
Schriftliche Darstellung gelingt mir nicht, die mndliche mte eine Tribne
haben. Ich glaube, da ich, von einem Gegenstande gedrngt, ein Redner sein
knnte. Ein bervolles Herz ist ja das erste Bedrfni eines Redners, und ich
glaube, ein solches bervolles, zum Sprechen drngendes Herz besitze ich -
    Die Tribne ist da, sagte Dankmar, als Egon stockte. La' dich in eine
unserer deutschen Kammern whlen! In die hiesige!
    Da ich noch mehr in der Welt Gegenstand des Spottes wrde? bemerkte Egon
zgernd.
    Der Gegenstand des Spottes? wiederholte Siegbert und begriff diese
Zaghaftigkeit nicht.
    Die Welt kennt meine Geschichte, sagte Egon. Ich bin auf manche Bosheit
gerstet, die mir die Gesellschaft in den Weg legen wird.
    Siegbert lehnte eine solche Besorgni gnzlich ab. Man kenne, sagte er, des
Prinzen abenteuerlichen Lebenslauf und fnde ihn allgemein so interessant, da
man ihn nur mit der grten Aufmerksamkeit begren wrde.
    O, sagte Egon, da haben Sie doch die exclusive Gesellschaft noch nicht weg.
Ich habe ein Attentat gegen die Aristokratie der Geburt begangen. Schon lngst
nennt man mich vielleicht einen Communisten. Ich fhle vollkommen das
Lcherliche, das meine Vergangenheit vor der Blasirtheit dieser Stnde haben
wird ....
    Nein, sagte Siegbert mit groer Wrme, Das mu ich unbedingt bestreiten. Ich
bewege mich in dieser Sphre und kann wohl sagen, die Zeiten haben sich auch
hier gewaltig gendert. Es ist ein Drang auch im Adel entstanden, seine
Nothwendigkeit durch ein ideelles Eingreifen in die Zeit zu beweisen. Er hat
sich lngst entschlossen, die Sprache der Zeit zu reden und die Besten im Adel
stellen sich, unabhngig von den Thronen, zwischen Frst und Volk als die
Vertreter nicht blos des Dauer-Berechtigten, sondern des nothwendig
umzugestaltenden Alten. Ja sogar die groe Masse der exclusiven Gesellschaft ist
von der wilden Zeit so eingeschchtert, da man von ihr wohl sagen kann, Noth
lehrt sie beten. Man schmachtet frmlich in dieser Sphre nach Ideen! Ich kann
Ihnen sagen, Prinz, da Ihr Auftreten in dieser Gesellschaft mit einer Spannung
erwartet wird, die Sie kaum ahnen.
    Ah! Wie wre Das? antwortete Egon ablehnend und doch nicht ganz ohne eine
angenehme Erregung ...
    Glauben Sie mir, sagte Siegbert und entfernte sich fast von Dankmarn und
Louis, die fr sich langsamer gingen, glauben Sie mir, in dieser Sphre hat sich
das Meiste berlebt. Rathlos tastet das Experiment dahin und dorthin. Die alten
Knste sind ohne Wirkung geblieben und wahrhaft sehnschtige Blicke wirft der
Hof, der denkende Adel, der besonnene Beamtenkreis auf irgend ein Zauberwort,
das da helfen soll in der allgemeinen Noth und Verwirrung. Nein, ich gebe Ihnen
mein Wort, man lacht nicht mehr ber einen jungen deutschen Frsten, der in
Frankreich die Blouse trug und die Lage der arbeitenden Klassen studirte, indem
er selbst arbeitete. Die sffisantesten adeligen Bursche aus dem Jockeyclub
fhlen das allgemeine Leiden ihrer Kaste nach und ziehen den Hut vor Jedem, der
ihrer Kaste Ehre macht. Wenn Sie reden, Prinz, wird man horchen. Wenn Sie
Untersttzung und Mitwirkung verlangen, wird man Ihnen mit tausend Armen
beispringen, und wenn man Pistolen abschiet, ich sage Das der Duelle wegen, die
Sie als nothwendig anzudeuten scheinen, so wird es vor Freude sein, da einmal
aus der Sphre der exclusiven Gesellschaft ein Gedanke, eine Thatsache sich
entwickelt, wie sie sonst nur von daher zu kommen pflegt, wo man hinter dem
Fortschritt gleich das berstrzen, hinter der Reform die Revolution frchtet.
    Whrend dieser Ermuthigungen, deren Fortsetzung und weitere Ausfhrung Egon
mit groer Aufmerksamkeit vernahm, waren Louis und Dankmar etwas langsamer
gegangen und zurckgeblieben ...
    Louis Armand ergriff sogleich diese gnstige Gelegenheit, auf Dankmar's
Vorschlag von einer Bundsgenossenschaft des Geistes zurckzukommen und sehr
ernst darber zu sprechen.
    Dankmar lehnte diesen Ernst noch ab und sagte, da solche Gedanken oft nur
in der Debatte zu entstehen pflegten und ebenso wieder in der Debatte wie
Seifenblasen platzten ...
    O Das wre nicht gut! fiel aber Louis ein.
    Ich stoe mich, sagte Dankmar, den Egon's Khle jetzt gegen sich selber
mistrauisch gemacht hatte, ich stoe mich an der Nothwendigkeit, fr einen
solchen Geheimbund einen uern Apparat, den man die Symbolik desselben nennt,
zu erfinden. Da hat es der Prinz leichter!
    Er knpft an gegebene Zustnde an.
    Und wird, wie Sie vielleicht nur fr die Gelehrten, so seinerseits nur fr
die Besitzenden etwas Gutes stiften! antwortete Louis.
    Das frchten Sie? entgegnete Dankmar. Und man vermuthet allgemein, der Prinz
und Sie htten doch eine gleiche Lehre von der Gesellschaft ...
    Keineswegs! war Louis' Antwort.
    Ich hre es an Allem, was ich nun von ihm ber ffentliche Dinge vernommen,
da er zu den Aristokraten gehrt, die eigentlich die gefhrlichsten sind, zu
jenen nmlich, die in ihr Wappen auch einige Symbole neuer Ideen aufnehmen.
    Sie sprechen, antwortete Louis, eine Besorgni aus, die mich selbst
bekmmert. Er war in Lyon nicht so. Er kam dort an, wie ein Kind, unreif, zwar
berfllt mit Wissen -
    In der That, ich bewundere seine Gelehrsamkeit.
    Glauben Sie mir! Egon ist ein seltener Mensch und berufen, eine groe Rolle
zu spielen.
    Sie wollten von Lyon sprechen ...
    Nun wohl! Er kam zu uns unreif und doch schon blasirt. Er hatte das Leben
zur Hlfte schon ausgekostet. Nicht alle Verfhrungen waren so wie die des Herrn
Rafflard von ihm abgeglitten und doch war sein Herz unschuldig. Es war der Zorn
ber seine Familie, ber die geringen Mittel, die man ihm fr seine Existenz
schickte, der ihn veranlate, seinem Stande zu entsagen und seine Angehrigen zu
reizen, zu verletzen, ich will sagen, zu bestrafen. Ein junger Mensch, der seine
ltern bestrafen will! Das trieb ihn in jenes Extrem, dessen Durchfhrung ihm
meine eigenthmlich zusammengesetzte, nicht ungebildete Familie, besonders aber
ein sanftes, heitres Mdchen, meine Schwester, angenehm und dadurch allein
mglich machte. Er hielt lange aus, oder sagen Sie, meine Schwester war so
glcklich ihn lange zu fesseln. Wir siedelten nach Paris ber. Meine Spezialitt
in vergoldetem Schnitzwerk hatte in der Stadt des Luxus mehr Gelegenheit, sich
ergiebig zu machen. So zogen wir nach Paris. Man wei, wie uns Egon dort
verloren ging. Ich glaubte, ihn am Grabe meiner Schwester ganz wiedergefunden zu
haben. Aber es war, ich frchte mich es einzugestehen, vielleicht nur eine neue
Abspannung, die ihn aus den Armen der schnen Grfin d'Azimont an das Grab
Louison's fhrte. Jetzt, da die Grfin hier ist, da er sich gesund, thatkrftig,
unternehmend fhlt, ist kein Augenmerk zu versumen, ihn den Ideen zu erhalten,
die er einst im Umgang mit den Armen einsog. Ich brge fr seinen besten, seinen
redlichsten Willen - aber eine Helene d'Azimont, ein Rafflard, die Prrogative
seines Standes, die Schmeicheleien seiner Stellung ...
    Besorgen Sie nichts, lieber Louis! sagte Dankmar. Dieser Aristokrat ist,
trotz der guten Meinung meines Bruders von dem gebesserten Stolze des Adels, so
himmelweit von der blichen Bildung unserer exclusiven Stnde entfernt, da ich
glaube, er wird mit seinem Vereine zum Schutz und Schirm der Arbeit bei ihnen
allein schon genugsam anstoen. Es kme nur ... auf Etwas an ...
    Dankmar regte mit diesen zgernd gesprochenen Worten die Unruhe des
Handwerkers nur noch mehr auf.
    Worauf? sagte er. Sie sehen, wie ich vor Sehnsucht zittere, dem Volke ein
treues Herz zu erhalten!
    Dankmar war von der bebenden Stimme, mit der diese Worte gesprochen wurden,
gerhrt und bot Louis Armand die Hand.
    Edler, lieber Fremdling! sagte er. Wie warm fhlen Sie fr die gute Sache
des Jahrhunderts!
    O mein Herr, rief Louis, ich hre Sie schon viel lieber von unsern Pflichten
sprechen, als meinen verlornen Egon von unsern Rechten.
    Geben Sie ihn nicht auf, Louis! antwortete Dankmar, angenehm erregt von der
traulichen Art, wie Egon am Arme seines Bruders sich sttzte und unter den hohen
Lindenbumen vor ihnen schritt. Ich verspreche mir viel von dem Plane, diesen
jungen Frsten in unsre Kammer zu bringen. Er hat das Alter. Und ber die
Mglichkeit, ihn irgendwo in der Wahl durchzusetzen, hab' ich schon nachgedacht.
Die Tribne ist ein sonderbarer Ort! Menschen, die nie eine Meinung hatten,
haben auf der Tribne eine Meinung bekommen. Wie man in der Physik das Gewicht
der Stoffe nicht auf der Wagschale absolut, sondern nach einer Vergleichung mit
andern Werthbestimmungen specifisch ermittelt, so wird Egon ber seine Gesinnung
sich erst klar werden den Gesinnungen Andrer gegenber. Und wie wenig wol auch
zu erwarten steht, da ihn unsre Radikalen fr sich gewinnen, so drfte es doch
ebenso lange whren, bis sich Egon in der ihm vllig fremden, zu Allem
schmiegsam ergebenen Kanzleigesinnung des Beamtenthums zurecht fnde. Erst auf
der Tribne wird sich sein wahrer Werth sichtbar ausscheiden.
    Haben Sie schon ber die Mglichkeit einer Wahl nachgedacht? fragte Louis
Armand.
    Ich erwarte, sagte Dankmar, in diesen Tagen einen Deputirten, dem es
gelungen ist, dreimal gewhlt zu werden. Es ist ein einfacher Landwirth, aber
ein vielgerhmter Politikus, Namens Justus. Extreme Richtungen knnen ihn nicht
gehoben haben, und so glaub' ich fast gewi zu sein, da es nur seiner
Empfehlung bedarf, um da, wo er die Wahl ablehnt, Jeden, den er als Ersatzmann
vorschlgt, durchzubringen.
    Unter diesen Errterungen hatten sich Louis und Dankmar wieder den beiden
Vorausschreitenden genhert und theilten die angenehme berraschung, die ihnen
jetzt die freundliche Aussicht bot. Welch ein geflliges Gemlde! ... Sie hatten
alle vier jene Terrasse erstiegen, deren Rckwand dichte gestutzte Bosquets,
Grotten und Lauben bildeten, deren Vorderseite ein Gitter, ber das hinweg man
unten einen Wiesengrund, ber diesen hinaus aber den Flu, Wald und Berge sah.
Alle Wege des Schloparks sammelten sich auf diesem knstlich aufgedmmten, aber
von der Natur berholten Berge. Zur Linken fhrte eine verschlossene Thr auf
eine Verlngerung der Terrasse bis unmittelbar an die Fenster des Schlosses,
dessen Stil lteren Zeiten angehrte. Diese mit Orangerie geschmckte
Verlngerung, die dem Publikum geschlossen war, blieb der einzige kleine Raum,
den sich der Hof fr seine eigene Erholung vorbehielt. Sonst war Schlo und Park
Solitde allen Besuchern zugnglich und auch heute ging es auf dieser Terrasse
lebhaft genug her. Kinder spielten im Kieselsande. Mige Soldaten mit ihren
Mdchen saen in den Grotten. Manche Gruppe feinerer Gesellschaft lehnte sich an
die eiserne Balstrade und geno das anmuthige hier ausgebreitete
Landschaftsbild.
    Egon fhlte sich vom Steigen ermdet und suchte eine Ruhebank. Man fand sie
breit genug auch fr seine drei Begleiter. Sie nahmen neben Egon Platz und
theilten sich die Punkte mit, die Jedem an der Landschaft lieblich schienen.
Louis hrte sogleich mit groer Freude, da der links, diesseit und jenseit des
Flusses liegende Wald der Schauplatz sonntglicher Freuden des Volks war. Er
trennte sich schon im Geist von der Gesellschaft, die hier neben ihm sa, und
geno die fr den nchsten Sonntag gehoffte Frhlichkeit unter jenen Tannen und
jungen Eichen, auf einer Wiese, wo er in der Ferne Schaukeln und Kletterstangen
unterscheiden konnte. Es sah Frnzchen's zierliche Gestalt ber den Rasen
hpfen, bewunderte schon die kleinen Erfindungen ihres Geschmackes, die sie an
ihrer Sonntagstoilette zum Vorschein bringen wrde und betrbte sich nur ber
die von Siegbert ausgesprochene Vermuthung, da dies schne Wetter nicht mehr
lange halten wrde. Siegbert fing von den Wolken an, Louis wollte sich aber auch
auf ihre Bildung verstehen. Siegbert zeigte auf einige Nebelschleier im Westen,
die gerade ber einem wei aus dem Grnen hervorschimmernden und in der Sonne
blitzenden Meierhof hingen und wollte eben jene kleinen Lmmerchen am Himmel
Wlfe in Schafskleidern nennen, als seine Hand von zwei lieben jubelnden Kindern
gehalten wurde.
    Es waren Paulowna und Rurik Wsmskoi.
    Siegbert und Dankmar blickten erstaunt, wo die Kinder herkamen.
    Das rathet einmal! riefen sie und klatschten jubelnd in die Hnde.
    Von einer vernnftigen Erzhlung war da keine Rede. Rurik zog Siegberten von
der Bank auf und wollte ihm schon eine groe kostbare von ihm entdeckte Blume
zeigen, Paulowna verlangte, da er mit ihr zu den Rehen ging. Er sollte Brot
kaufen; am Eingang des Schlogartens se eine Frau mit weiem Brote. Dabei
zogen sie und zerrten ihn und wollten von schner Aussicht und der Terrasse
nichts wissen. Indem grte Dankmar sehr artig und Siegbert, der sich
gelegentlich einmal umsehen konnte, wurde eben glhendroth.
    Egon fand ein junges Mdchen, dem ein Gru von Siegbert galt, sehr
anziehend. Sie war klein, aber auerordentlich zierlich. Ein Bedienter trug ihr
Sonnenschirmchen. Sie selbst hatte eine Art Negligberwurf an, ein leichtes
nankinggelbes Zeug mit einem groen herabfallenden Kragen von gleichem Stoffe.
Wenn der Rock vorn aufschlug, sah man ein weies Unterkleid mit einem goldnen
Grtel. Die schwarzen eng an die rundgewlbte Stirn gestrichenen Haare waren von
einem sehr kleinen durchbrochenen, goldgelben italienischen Strohhut bedeckt.
Tndelnd hatte das junge Mdchen ein Taschentuch in der Hand und schlug damit in
die Luft, wie mit einer Reitgerte. Es war eine Bewegung, die die grte innere
Ungeduld verrieth. Mit einer sehr geflligen, fast vertraulichen Miene grte
sie Dankmarn. Es war, als wollte sie ein laut hervorbrechendes Lachen
unterdrcken, als sie so stolz, so grazis vorberschwebte. Sie warf auch mit
einer leichten Bewegung ihr gesticktes Battisttuch so, da ein Zipfel in den
Mund kam und sie auf ihm ihre Erregung gleichsam ausbeien konnte. Dieser
kindische Einfall, verbunden mit dem entschiedenen, fast herausfordernden Wesen,
das in der brigen Art des Mdchens lag, verrth uns, da es wirklich Olga
Wsmskoi war, die vor der Ruhebank dahinschwebte und mit einem Bedienten
sogleich verschwand.
    Paulowna und Rurik erzhlten, da die Mutter von dieser Fahrt gar nichts
wisse. Da sie die Tante von Harder in Tempelheide htten besuchen sollen und
da Olga dem neuen Kutscher, der sehr gut und rasch fahren knne, geboten htte:
Rechts um, nach Solitde! ... Dankmar verzog die Lippen und hatte alle kleinen
Teufel des Spottes und der Ironie in seinen Mienen, whrend Siegbert in die
grte Verlegenheit gerieth und schon ahnen konnte, welche schlimme Scene diese
eigenmchtige Idee Olga's bei ihrer Mutter zur Folge haben wrde.
    Wer ist denn von Euch der Prinz Egon? fragte Paulowna mit ungezwungener
Dreistigkeit.
    Der bin ich, mein kleiner Engel! sagte Egon und wollte sie auf den Schoos
nehmen. Und wer bist du denn? fragte er.
    Geh! sagte Rurik und ri die Schwester wieder zu sich heran.
    Oho! Das nenn' ich einen sittsamen Bruder, sagte Egon lachend und wollte
aufstehen, um Paulowna zu haschen.
    Diese zog sich aber zurck und sagte mehr stolz als naiv:
    Mein Vater war auch ein Prinz.
    Daran zweifl' ich gar nicht, antwortete Egon lachend. Welche Lnder gehrten
ihm denn?
    Siegbert fhlte die ganze Pein dieser unerwarteten Begegnung. Wie gern htte
er die Kinder entfernt!
    Aber Rurik stellte sich keck vor seine Schwester und meinte:
    Er hie Wsmskoi! Aber Onkel Rudhard sagt, da du schlimm bist. Und wir
mgen dich gar nicht.
    Damit rannte aber Rurik, in einiger Entfernung ber seine gelungene
Impertinenz laut spottend, davon ... Paulowna flog ihm nach und Siegbert sah
wohl ein, da er Olga ihr ganzes Abenteuer verderben wrde, wenn er nun nicht
sogleich aufstnde, ihr nacheilte und den ganzen Ausbruch ihres Jubels ber
dieses khne Beginnen entgegen nhme. Er sprang geduldig den Kindern nach und
holte am Fue der Terrasse Olga ein, die dort, von den Andern ungesehen, schon
auf ihn gewartet hatte und ihn, wie er so verblfft und verlegen herunterkam,
mit einem Spott und Frohlocken empfing, das zwar unendlich lieblich und
bezaubernd war, ihn aber in nicht geringe Verlegenheit setzte.
    Inzwischen konnte sich aber Egon von seinem Erstaunen ber den Namen
Wsmskoi und Rudhard kaum erholen.
    Dankmar ergriff daher das Wort, bat ihn, sich wieder zu setzen und gab ihm
mit kurzen Worten eine Erluterung.

                              Dreizehntes Capitel



                           Der Knig und die Knigin

Mein verehrter Freund, sagte Dankmar; du siehst, wie viel sich whrend deiner
Krankheit um dich her neu begeben hat. Jede Stunde bringt dir eine neue
Aufklrung. Helene d'Azimont, das Bild, Rafflard, Ackermann, der Thurm, alles
Das tritt wie aus einem Nebelbilde wieder vor deine gestrkten Sinne. So wisse
denn auch, da von den Ufern des Schwarzen Meeres die verwitwete Schwester der
Grfin d'Azimont hier angekommen ist mit ihren drei Kindern, diesen beiden
vorlauten kleinen Schwtzern da und jener lteren Olga, der mein Bruder, der bei
der Frstin die sthetischen Honneurs macht, sogleich wie ein treues Windspiel
nachgesprungen ist.
    Aber Rudhard? Rudhard? rief Egon und drngte um Aufklrung ber diesen ihm
theuern Namen, den er in Lyon einst selbst gefhrt hatte.
    Da Rudhard in die Familie Osteggen eingetreten war, schien dir nicht
unbekannt? sagte Dankmar.
    Nein! Er hatte Helenen und ihre Schwester Adele erzogen. Sie kamen durch die
Heirath mit dem Frsten Wsmskoi nach Odessa. Helene heirathete den Attach
Grafen d'Azimont und ist mit ihrer Familie gespannt. Der Frst Wsmskoi starb.
Das wei ich.
    Rudhard begleitete die Familie, um die Kinder besser auszubilden, hieher.
    Rudhard hier!
    Wir frchteten Alle den zu lebhaften Eindruck, den diese Entdeckung auf dich
machen wrde -
    Um so mehr, als Ihr Alle Rudhard's Urtheil ber mich kennt! Aus dem Munde
dieser Kinder hab' ich's ja vernommen!
    Egon blickte voll Betrbni.
    Ich kann nicht lugnen, suchte Dankmar die Wahrheit zu mildern, da Rudhard
streng ber dich urtheilt, und unter der Stellung, in welcher du dich zu einer
ihm theuern Familie befindest, doppelt leidet. Die Grfin und die Frstin sind
so verfeindet, da sie sich noch bis zur Stunde vermieden haben. Rudhard, ein
etwas trockener Pedant, ist unglcklich, da er dem Zuge seines Herzens nicht
folgen kann, wie er mchte. Denn was ich ihm auch von deiner Liebe zu ihm, von
deiner Dankbarkeit, von deiner Verehrung vor seinen Grundstzen erzhlen konnte
- im Thurme von Plessen hattest du ihn gerhmt, wie er es allerdings verdiente -
es hat ihn doch nicht bewegen knnen, sich schon jetzt mit dir auszushnen ....
    Es ist ein Spartaner! sagte Egon. Ich kenne diese rauhe Tugend und wenn ich
sie einst nicht ertragen konnte, jetzt fhl' ich, wie ehrwrdig sie ist.
    Armand's Augen verriethen neue Hoffnung. Er konnte sich nicht berwinden, in
der Stille, unbemerkt von Egon, Dankmar's Hand zu drcken. So wollte er den
Prinzen! Gehoben von sittlicher Wrde! Beherrscht durch sich selbst und ein
edles Beispiel!
    Htte sich Egon jetzt aussprechen mgen, er wrde kaum die Flle seiner
Empfindungen haben bewltigen knnen. Er begann auch zuweilen, wollte von der
d'Azimont reden, von ihrer Schwester, von Rudhard, von Vergangenheit und
Zukunft; aber er kam ber einen kurz ausgestoenen Seufzer, ber ein
schmerzliches Lcheln, ber ein unglubiges Schtteln des Kopfes nicht hinaus.
Nur die kindischen, vorlauten Worte: Onkel Rudhard sagt, da du recht schlimm
bist! Wir mgen dich nicht! wiederholte er zuweilen und knpfte, um seinen
Unmuth zu verbergen, einige spottende Reden daran, deren Aufrichtigkeit man
bezweifeln mute.
    Dankmar nahm alle diese Begegnungen leichter und erzhlte manches Drollige
von den Kindern und ihrer unvernderlichen russischen Natur. Olga, die Mutter
schilderte er sehr treffend und auch von Rudhard konnte er nicht umhin zu sagen:
    Bester Freund, die Vergangenheit und Erinnerung verklrt Vieles. Mein
Bruder, der, wie gesagt, das Factotum des Hauses ist, rhmt die pdagogischen
Grundstze des alten Pfarrers sehr. Aber wie es mir scheint, hat auch er die
Erfahrung gemacht, da sich gegen die Natur nichts ausrichten lt. Diese Kinder
wachsen halbwild auf, biegen sich wie Weidengerten wol so und so, nach seinem
Willen, schlagen aber doch immer wieder in die Lage zurck, die ihnen die
bequemste ist. Rudhard hat sich sogar an das Czarenthum akklimatisirt. Ich finde
den Fond von Poesie, den ich in dem Erzieher meiner Kinder voraussetzen mchte,
nicht sehr reich bei ihm, und wenn du ihn einen Spartaner nennst, so denk' ich
ihn mir als Director einer Cadettenanstalt ganz an seinem Platze.
    Und doch mu ich ihn sehen! erwiderte Egon. Der Zerfahrenheit meiner
spteren Erzieher, der Lge, der Bosheit dieser Heuchler gegenber, die eine
jugendliche Seele verderben knnen, steht er in meiner Erinnerung groartig da.
Ein Erzieher soll immerhin wie ein hlzerner Stecken sein, an dem die Blume des
kindlichen Gemthes sich aufrankt. Ich dagegen wurde von Schlingpflanzen
umwachsen und mit ihnen emporgezogen zu einem knstlichen Gedeihen, das mich
zwar schneller dem Sonnenlichte nher brachte, aber auch die Kraft der Wurzeln
aussog.
    Eine Weile hatte Egon in trber Stimmung vor sich hin geblickt und das Haupt
auf die Lehne der Bank gesttzt, als eine muntere, helle Stimme ihn anredete:
    Was? Durchlaucht? So sitzen Sie hier auf der Terrasse von Solitde?
Bewegung! Bewegung!
    Egon blickte auf.
    Es war der Sanittsrath Drommeldey, der in seiner immer gewhlten Kleidung,
wie ein eben zum Bau gehender Tnzer, vor ihm stand, die Herren neben Egon mit
zusammengekniffenen, forschenden Augen prfte und sich ber sein pltzliches
Erscheinen an dieser Stelle dahin erklrte, da er sich richtig htte berzeugen
wollen, ob sein Reconvalescent auch die rztlichen Vorschriften pnktlich
befolgte.
    Das ist sehr liebenswrdig von Ihnen, Doctor ... sagte Egon und bat ihn,
Platz zu nehmen.
    Nein! Sie mssen lustwandeln! Sich Bewegung machen, Durchlaucht. Was sitzen
Sie da, das Haupt aufgestemmt und suchen sich einen Watteau, einen Claude
Lorrain aus diesem Fernblick zusammen! Sehen Sie nur die kniglichen
Herrschaften, die machen es anders ... da kommt die ganze Suite her - Aber warum
eilen Sie denn? Bleiben Sie doch! Hier! hier! Es luft ja Alles aus dem Parke
hierher - was wollen wir uns denn entfernen?
    In der That hatte sich die Scene eigenthmlich verndert. Alles was nur im
Garten von Besuchern zerstreut war, lief aus allen Wegen auf die Terrasse. Auch
Paulowna und Rurik mit ihren Bedienten kamen zurckgerannt, aber ohne Siegbert
und Olga. Die berall sichtbare hintere Faade des Schlosses hatte offenbar
allgemein bemerken lassen, da sich aus den auf die Erde gehenden Fenstern eine
Anzahl Offiziere und mit Orden geschmckter Herren auf die Terrasse begab ...
Ihnen folgte das Knigspaar ... Frau von Altenwyl die Oberhofmeisterin, Herr von
Harder der Intendant der kniglichen Schlsser und Grten, viele Damen und
Herren, die sich durch die kleine Allee von Orangenbumen gerade dahin begaben,
wo das Gitter bereits von einigen Lakaien geffnet wurde ...
    Alles stellte sich in einer Kette theils an den Hecken, theils an dem Gitter
auf, um den Zug vorbei zu lassen. Nur Egon mochte nicht bleiben und mute von
Drommeldey fast gewaltsam zurckgehalten werden; wenigstens bewogen ihn nur
uerungen, wie die: Man hat Sie gesehen, man beobachtet Sie, ich bitte Sie um
Alles, was wird man denken? zum Bleiben. Egon stellte sich, als der Hof nher
kam, an die eiserne Balustrade ... Drommeldey neben ihn. Etwas entfernter, da
sie bei der Absicht gehen zu wollen, einen Vorsprung gewonnen hatten, stellten
sich Armand und Dankmar ... Die Bedienten Egon's, die sich immer in einiger
Entfernung gehalten hatten, waren richtig im bergrten Eifer hinzugesprungen,
um ihm sein Taschentuch zu bringen, das er auf der Bank hatte liegen lassen und
standen nun gleichfalls neben ihm ...
    Das eiserne niedere Gitter der Verbindungsthr der Schloterrasse mit der
allgemeinen fr das Publikum bestimmten Hlfte der Terrasse war schon
aufgegangen. Die Herrschaften kamen schon nher, grten die Umstehenden
freundlich ... die junge Knigin mit einer ganz besonders beflissenen Huld ...
Den Knig schien die Aussicht auf die friedliche Landschaft zu erfreuen. Er
lenkte sogleich wieder nach dem Gitter zu, blieb aber stehen, als die
Oberhofmeisterin etwas berlaut sprach ... Die Grfin Altenwyl stellte der
Knigin die beiden kleinen Wsmskoi's vor ... Diese beiden Wildfnge waren
nicht im geringsten blde. Sie selbst erkannten sogleich die alte Dame, die in
dem Garten ihrer Mutter sie besucht und sie mit so viel anstandsmiger Liebe
geherzt und gekt hatte. Da dachten sie, kann uns kein Knig der Welt
verwehren, da wir auf diese Dame zugehen und ihr sagen: Tante, wir sind auch
hier! Grfin Altenwyl, die den Bedienten erblickte, sah wohl, da dies gar
sauber gekleidete Mdchen und der kleine dreiste Junge in seiner Strohmtze und
dem blauen Sammetkittel hoffhige Kinder waren. Um sich zu orientiren, rief
sie den Bedienten nher und brauchte nur das Eine: Frstin Wsmskoi! zu hren,
als sie schon in eine herzliche Bewillkommnung ausbrach und die kleinen Russen
der Knigin vorstellte ... Diese schlanke junge Dame, der zu ihrem zweifelhaften
Glcke, eine Knigin zu sein, nur das wirkliche Glck, Kinder zu besitzen,
fehlte, beugte sich sogleich gar liebevoll zu den Kleinen herab und kte ihnen
die Stirn. Die Mutter hatte sich ja bereits bei Hofe vorstellen lassen und so
war auch der knigliche Gemahl ber die Beziehung dieser improvisirten
Kinder-Cour im Freien vllig au fait und hatte heute Anregung, Lust und Laune
genug, sogar einige russische Worte mit den kleinen Moskowitern zu wechseln. Die
Knigin war besonders glcklich ber diese Idee ihres sonst an naiven Einfllen
nicht reichen Gemahls. Sie erkundigte sich daher nur um so herzlicher nach der
lieben Mutter und trug den Kindern auf, sie von der Knigin zu gren, zu groer
Freude des Bedienten, der auf diese Art einigermaen die schlimmen Folgen der
eigenmchtig gewagten Spazierfahrt nach Schlo Solitde abzuwenden hoffte.
    Inzwischen kamen die kniglichen Herrschaften dem Gitter nher und
entdeckten Drommeldey.
    Louis und Armand beobachteten in der Ferne mit groer Spannung die folgende
Scene ...
    Drommeldey, der bei Hofe wohlbekannte, der fashionable Arzt der groen Welt,
hatte die leichtesten Formen, spielte wie jeder Sohn des skulap nicht viel mit
der Etikette und fand es, sie beobachteten Das deutlich, ganz in der Ordnung,
dem Hofe seinen Reconvalescenten, den Prinzen Egon von Hohenberg, vorzustellen
... Wie erstaunten sie, als die ganze Suite nher trat und Egon frmlich von ihr
umringt war. Der Einzige, der Intendant von Harder, blieb zurck und wandte
ihnen das volle Antlitz zu, auf welchem die glnzendste Genugthuung
ausgesprochen lag, da diese Natur, diese Terrasse, diese Aussicht hier
gleichsam doch nur fr sein eigenes Werk gelten durfte! Bume, Blumen, Weg und
Steg, das Alles beherrschte die Excellenz mit einem Blick, als wren sie die
Bundesgenossen seiner gewaltigen Kraft und die dienenden Sttzen seines auf
Thatsachen sich grndenden Einflusses. Die andern Cavaliere, ja, die hatten hier
gut zusehen, die mochten sich rgern, wie er heute in seinem Lstre glnzte! Wo
hatten diese Kammerherren eine Terrasse, eine Aussicht, einen Park wie diesen
den kniglichen Herrschaften zum Genusse anzubieten? Henning von Harder hatte
dieses Schlo zwar nicht gebaut, diese Orangenbume nicht gepflanzt, dieses
Gitter so zu sagen war alt und die Hecken nicht mehr im neuesten Geschmack, aber
es war doch Alles grn, die Luft war doch blau, die Wege waren doch buschig und
schn geharkt, die Vgel zwitscherten, die sich senkende Sonne blitzte so
golden; nun ... das mache einmal Einer von Euch Kammerherren mir dem Geheimrath
und Intendanten von Harder nach! Wenn ein Ball am Hofe ist, nun wohl, dann mag
der Intendant der Musik stolz sein! Wenn man auf die Jagd geht, tummle sich der
Oberjgermeister! Aber hier, hier herrscht die Excellenz Kurt Henning Detlev von
Harder zu Hardenstein! Hier darf ich allein, ich ganz allein die Mcken verjagen
und auch die neue freilich von meinem Inspektor Mangold erfundene Methode
auseinandersetzen, die Mcken durch feine Luftspritzungen und kaum sichtbare
Staubregengsse zu tilgen!
    Dankmar, der vom Geheimrath, der ein ungemein kurzes Gedchtni hatte und
jetzt nur ganz in der lauschenden Aufmerksamkeit auf die Herrschaften lebte,
nicht wieder erkannt wurde, traute seinen Augen kaum, als die Suite sich
pltzlich mit Egon und dem Sanittsrath Drommeldey nach der Schloterrasse
zurckbegab.
    Was ist Das? raunte ihm Louis zu.
    Man entfhrt ihn frmlich! sagte Dankmar.
    Sehen Sie, wie freundlich die Knigin mit ihm spricht!
    Und die Oberhofmeisterin mit dem Sanittsrath ...
    O mein Herr, sagte Louis Armand, ich ahne ...
    Eine Verabredung? Es scheint fast so. Aber was knnte man mit ihm vorhaben?
    Dieser Arzt hat ein leichtes Gewissen, sagte Louis. Ich mu ihm dankbar sein
fr Egon's Wiederherstellung, aber seit einigen Tagen zeigt er ein Lcheln, so
frivol, er gefllt sich in Scherzen, so leicht, er debtirt Anekdoten, so
veraltet ... o wenn doch diese rzte sich nur um uns bekmmern wollten, wenn wir
krank sind, und uns nicht auch sagen wollten, auf welche Art man gesund sein
msse!
    Das ist eine Bemerkung, antwortete Dankmar lachend, deren nhere Errterung
uns fr den rger trsten mu, da man uns armselige Geschpfe hier so ohne
Weiteres allein stehen lie. Ich bin begierig, was uns Egon von dieser
sonderbaren berraschung erzhlen wird. Einstweilen gehen wir!
    Die Suite mit Egon war im Schlosse verschwunden. Paulowna und Rurik sprangen
herbei und faten Dankmar's Hand, um sich von ihm fhren zu lassen. Dieser gab
Egon's Bedienten die Weisung, sie sollten dem Frsten, wenn er wiederkme, als
gemeinschaftliches Rendezvous das Ausgangsportal des Gartens bezeichnen.
    Als Dankmar und Louis mit den Kindern den Weg einschlugen, wo sie hoffen
konnten, Siegbert und Olga wiederzufinden, geschah ihnen eine seltsame
Begegnung.
    Ein sonderbares Paar, das sich in dem Eifer, die kniglichen Herrschaften zu
sehen, versptet zu haben schien, rannte, man kann wohl sagen wie besessen, auf
sie zu ...
    Voran, keuchend, glhend vor Erhitzung, eine elegante dicke kleine Frau mit
ceriserothem Shawl. Hinter ihr in gemesseneren, aber doch ebenso beflgelten
Schritten ein junges Mdchen mit langen blonden Locken und einer von den
Landesfarben gemischten Toilette.
    Dankmar kannte beide Damen nicht, aber die Kinder sagten, sie htten unten
am Teiche, wo die Schwne wren, schon mit Siegbert und Olga gesprochen und sie
kennten sie Beide wohl, da sie auch zur Mutter kmen. Den Namen wuten die
Kinder nicht, sprachen aber von einem groen wunderschnen Buche, das die eine
Dame, die so schrecklich lief, einmal mitgebracht und ihnen die darin
enthaltenen herrlichen Bilder gezeigt htte. Es wre ganz in Gold eingebunden
gewesen, sagte Rurik und Paulowna fgte noch Sammet und Seide hinzu. Und die
herrlichen Bilder! Aber das schnste htte doch Siegbert gemacht!
    Dankmar lchelnd und erfreut ber die schne Parteilichkeit der Liebe, sagte
sich:
    Sollte Das vielleicht Frau von Trompetta gewesen sein?
    Er sah sich noch einmal nach den beiden Damen um. Er konnte noch deutlich
bemerken, wie sie an dem von den Lakaien wieder geschlossenen Gitter standen und
wahrhaft schmachteten und sich verzweifelnd den Schwei trockneten und
tiefbekmmerte Blicke nach dem Schlosse hinberwarfen. Es schien ihnen zuviel
entgangen zu sein! Aber auch zuviel! Sie hatten etwas versumt, was ihnen
unwiederbringlich vorkommen mute.
    An den lebhaften Gestikulationen mit Egon's Bedienten sah Dankmar, wie
schrecklich Frau von Trompetta, wenn sie es war, unter dieser Versumni litt.
Die von der Erhitzung rosig angeglhte Blondine zuckte hoheitsvoller die Achseln
und schien sich mit einer gewissen imposanten Ruhe zu ergeben.
    Die Kinder zeigten inzwischen auf den Lichtschimmer, der das Ende einer
dunklen hochgewlbten Allee, die sie einschlugen, begrenzte. Dort lge, wie die
Dame im rothen Shawl gesagt htte, der Schwanenteich.
    Springt nur vorauf! erinnerte Dankmar die Kinder. Wir kommen nach!
    Louis kam, da die Kinder liefen, als ging' es um die Wette, auf das
wunderlich eben Erlebte zurck. Dies Zusammentreffen mit dem Hofe schien ihm so
gefhrlich, da er in seiner ohnehin schon angeregten Besorgni davon die
schlimmsten Folgen erwartete.
    Dankmar stellte seine Befrchtungen in Abrede. Ich wette, sagte er, der
Frst wird uns, wenn wir noch vor einem Unwetter nach Hause fahren,
Unterhaltendes erzhlen.
    Unwillkrlich schlugen die beiden Wanderer, um mehr nach dem drohenden
Himmel sehen zu knnen, einen weniger grn beschatteten Seitenweg ein. Jetzt
bemerkten sie erst, welche gewaltige Menge von Wagen fern an der Pforte hielt.
Die kniglichen Sechsspnner waren hher hinauf dem Schlosse zugefahren, aber
auer dem ihrigen stand nun noch der des Sanittsrathes, der der Frstin
Wsmskoi und der Frau von Trompetta an der Pforte. Wie einer dieser Kutscher
von fern Dankmarn eifrigst grte, konnte er sich kaum besinnen, warum der
betrete Mann in seiner Ehrerbietung so eifrig war. So zerstreut war Dankmar,
da er fast vergessen hatte, wie der Kutscher der Frstin Wsmskoi Niemand
anders als sein alter Freund Peters sein konnte. Peters, den er selbst nach dem
vergeblichen Versuche bei Schlurck durch seinen Bruder bei der Frstin Wsmskoi
empfohlen hatte, Peters erschien ihm heute zum ersten male in seiner
geschmacklos berladenen Livree, und des Bellens eines ihm wohlbekannten Hundes
bedurfte es wirklich, um aus jenem geputzten Pagoden seinen alten Freund Peters,
den Vertrdler seines Schreins, den unglcklichen Kellner vom Fortunaball
herauszufinden.
    Ei, Bello! rief Dankmar sich bald orientirend schon in der Ferne, thronst du
da oben wie ein gndiger Pascha von zwei Roschweifen, an denen du wieder deine
Freude hast! Guten Tag, Peters! Guten Tag, Bello! Ihr seid da! Im Staat! So in
Gold und Silber und wohlgenhrt, da Ihr ganz stolz ausseht und Einer vor Euch
und Euren Pferden Respekt haben mu.
    Peters warf sich in der That ganz behaglich in die Brust.
    Machen wir Ihnen denn nun Ehre? sagte er. Sie und der Herr Bruder haben ja
fr uns Beide gutgesagt.
    Wie ein Kartenknig haltet Ihr Euch Peters! lachte Dankmar. Und dem Bello,
dem fehlt nur noch ein rothes Halsband und man hlt ihn fr einen verwunschenen
Kammerherrn oder den Schooshund einer hollndischen Millionairin.
    Und doch haben wir wieder was Schlimmes begangen!
    sagte Peters und schttelte bedenklich den Kopf, was ihm bei der neuen
Tresse seines Halskragens etwas schwer wurde. Das Teufelsmdchen Das!
    Wie so denn? Wer denn? Teufelsmdchen? Die kleine Comtesse oder Prinze, was
sie ist - die Olga!
    Nicht wahr? Das ist ein Geniestreich, da Ihr hier seid?
    Sie mag's verantworten, sagte Peters. Wir sollten nach Tempelheide zu dem
alten Methusalem - Sie kennen ihn ja -
    Dem Prsidenten -
    Und zu Frau von Harder, seiner Schwiegertochter - aber kaum bin ich am
Pelikan und gre den alten Hitzreuter, dem die Fortuna seinen Bauch etwas
schmaler macht -
    Und die Kathrine -
    Nein, die ist ja nun ganz auf der Fortuna geblieben! ... Ja die dreht da die
Kugel, da sie immer im Gange ist -
    He! Ihr verliert ja die Leine!
    Just am Pelikan, heit's ... Peters, umkehren! Nach Tempelheide umkehren?
fragt' ich. Nach Solitde fahren wir. Was? Nach Tempelheide! Da springt ja das
Mdchen auf und reit mir von hinten die Peitsche aus der Hand. Ich drehe mich
um und die beiden Augenrder, die ich da vor mir sah, werd' ich in meinem Leben
nicht vergessen. Nach Solitde also ... Und weil sie mir die Peitsche nicht
wiedergab und die Leute in der Vorstadt stillstanden und lachten, mut' ich
schon umwenden und hierher machen -
    Sie wird's verantworten. Gegen Gewalt richtet die Vernunft nichts aus.
    Wie steht's denn mit dem Proce, Herr Wildungen? fragte Peters, diese
Gelegenheit zu einem Schnak benutzend. Alle Leute sprechen davon. Den Herrn
Siegbert seh' ich oft bei unserer Herrschaft, aber es schickt sich nicht recht,
da ich vor den Herrschaften bekannt mit ihm thue ...
    Louis Armand hatte sich inzwischen an die Eingangsthr, die Dankmar schon
berschritten hatte, auf eine Bank gesetzt und plauderte bald mit der Frau, die
dort Lebensmittel feil hielt, theils sah er nach dem Wetter, theils und am
nachdenklichsten nach dem Schlosse hinauf.
    An meinem Zank mit dem Justizrath Schlurck, sagte Dankmar, habt Ihr wol
gemerkt, da das Alles langsam gehen wird.
    Ein paar Millionen ziehen sich schwer, meinte Peters und machte die brigen
hier haltenden Wagenfhrer aufmerksam.
    Und wenn's auch nur Eine ist, Peters, von dem Bock mt Ihr dann herunter!
    Peters schttelte den Kopf und meinte:
    Sie vertrau'n mir nichts mehr an.
    Warum nicht? sagte Dankmar. Seit Eurem Unglck an der Plessener Schmiede
hab' ich soviel Abenteuer gehabt, soviel Bekanntschaften gemacht, da Ihr
eigentlich die Veranlassung eines ganz neuen Lebens fr mich geworden seid.
    Peters fuchtelte nachdenklich mit der Peitsche ein wenig hin und her und
meinte dann nach einigem bedeutsamen Schweigen:
    Bello bedankt sich.
    Bello? Warum Bello? fragte Dankmar.
    In der Bibel steht, sagte Peters: Saul suchte einen verirrten Esel und fand
ein Knigreich. Da der Esel durchging, lag doch wol an dem schlechten Hund, der
ihn bewachen sollte.
    Das nenn' ich Schriftauslegung, Peters, meinte Dankmar lachend. Wahrhaftig,
Ihr war't nicht zum Fortunakellner geboren. Was sagt denn nun Kathrine zu dem
schnen Tressenkragen da?
    Peters zuckte die Achseln.
    Peters! Peters! fiel Dankmar ein. Zwischen Euch und Kathrine, zwischen
Bello, zwischen dem alten Pelikan-Hitzreuter und dem Fortuna-Hitzreuter, da
steckt mir was dazwischen, was so ist, wie's nicht sein soll.
    Peters warf die Lippen nachdenklich auf und lie die Peitsche tnzeln.
    Meine Mutter hat in Angerode darber mehr gehrt, als wir damals an der
Kegelbahn im Pelikan und dann unten im Tunnel und oben in der Loge Nr. 14 geahnt
haben. Ihr spielt Mariage  tros! Schmt Euch!
    Was ist Das fr ein Spiel? fragte Peters und hob sich etwas aus seinen
Tressen heraus.
    Ein Kartenspiel, das bei vornehmen Leuten sehr beliebt ist, erklrte
Dankmar. Ihr liegt auf der Landstrae, die Frau fhrt im Pelikan die Wirthschaft
und im Theater kann man zuweilen ein Stck sehen, wo ein tonnendicker Kerl in
Steifleinen vorkommt, der sehr verliebt sein kann ...
    Peters hob sich fast vor Zorn und innerster schmerzlicher Erregung auf
seinem Bocke empor und rief:
    Der aber Geld hat! Der hergeben kann, whrend den armen Fuhrmann die
Eisenbahnen zu Grunde richten?
    Sieh! Sieh! sagte Dankmar, die Wirkung seiner Vermuthung auf den armen
Peters wohl bemerkend. Kathrinchen ist also eine rechte Frau Quickly: ich will
sagen, die Unruhe selbst ... Lustig, namentlich in Alles schicklich ...
    Ja! Ja!
    Lrm mu um sie her sein ... Trompeten, Pauken ... da ein Zweigroschenstck,
hier ein Thaler ... gewechselt ... gelacht ... Charmante Dienerin - Leben und
leben lassen ...
    Mord und Todtschlag! rief Peters und hieb mit der Peitsche vor Zorn auf die
Pferde, als wenn sie und nicht seine Frau die Mucken htten.
    Hab' ich Das damals bei dem Eierkuchen wohl geahnt, da sie Nachts in die
Fortuna luft und an dem Schenktisch prsidirt! Aber sanftmthig, Peters!
Sanftmthig! Ihr les't die Bibel! Schickt Euch in die Welt!
    Die Bibel! Wegen Saul's Esel meinen Sie? Der ist mir nur noch so in der
Erinnerung geblieben, wenn ich manchmal in der Irre ging und nicht wute, wozu
ich noch auf der Welt bin. Thun Sie mir den Gefallen, gewinnen Sie Ihren Proce,
Herr Wildungen!
    Ich thue mein Mglichstes ... Warum aber?
    Dann sagen Sie: Peters, ich vergebe dir die Dummheiten, die du noch alle
machen wirst. Ich behalte dich fr's Leben und fr die Scheidungsgebhren
verlang' ich nichts ...
    Scheidungsgebhren, Peters?
    Herr, an dem Tage, wo Kathrine sagte: Peters, hier ziehst du die grne
Marqueurjacke an und steckst die Speisekarte in die Brusttasche, da war's mit
uns kopfber. Ich sagte nichts, aber es war mir doch, als wenn wir wieder am
Altar von der Johanniterkirche in Angerode stnden und der eine groe
Posaunenengel unter der Orgel blies: Hallelujah! Aus Euch wird im Leben nichts!
    Wahrhaftig, Peters?
    Ich sage wie David sagt: Sela!
    Peters, ich glaube Ihr werdet fromm?
    Aus Desperation. Ja, ich lese manchmal Abends die Bibel, ich will's nur
gestehen; aber ich verstehe sie zu wenig. Ich will einmal unsern Pastor angehen,
der zu Hause Alles lenkt und in's Geschick bringt, den Herrn Rudhard ...
    Wenn Ihr Das thut, Peters, mt Ihr mir sagen, was Euch Rudhard geantwortet
hat. brigens wenn ich Euch und die Kathrine auseinandersgen soll, zu Der
Zimmermannsarbeit bin ich erbtig, auch ohne die Million. Wollt Ihr Euch
wirklich von Kathrinen separiren lassen?
    Peters schwieg eine Weile und sagte dann feierlich:
    Ich bin jetzt beim Buche Chronika in der Bibel. Wenn ich das durch habe und
dann das zweite Buch der Knige, dann sprech' ich 'mal mit Ihnen.
    Dankmar mochte nicht fortfahren. Die andern Kutscher horchten ... er mute
innerlichst lachen, ohne es zeigen zu knnen.
    Wie leid that ihm der arme Schelm da auf dem Bock! Seine Melancholie hatte
etwas rhrend Komisches. Er sah in den Wald ganz tiefsinnig hinaus und suchte
offenbar in der Religion einen Trost fr sein zerknirschtes Gemth und eine
Ablenkung fr sein von Eifersucht vielleicht zu Gewaltthtigkeiten geneigtes
Herz ... Armer treuer Peters ... Dankmar gelobte sich, nur deshalb einmal wieder
auf die Fortuna zu gehen, um der Kathrine Bollweiler mit Nachdruck in's Gewissen
zu reden.
    Dankmar wollte sich eben zu Louis Armand zurckwenden, der mit einem, wie es
schien, hier angestellten Grtner oder Inspektor sprach, als ihm Peters noch
einmal zurief.
    O, sagte er, sehen Sie sich doch einmal da den Menschen in Nankingkamaschen
an!
    Welchen Menschen? fragte Dankmar.
    Den, der da mit dem Andern spricht ...
    Mit meinem Begleiter? Wer ist Das?
    Ja, Das mcht' ich wol auch wissen ...
    Was fllt Euch denn an ihm auf?
    Wie Sie kamen vorhin und wie Sie ausstiegen ...
    Da ...
    War't Ihr denn da schon hier?
    Freilich! Wir standen nur drben da im Walde und paten so lange auf, bis
Sie ankommen sollten mit dem Prinzen Egon von Hohenberg ...
    Sollten? Sieh! Sieh! Nun -?
    Wie Sie ausstiegen, standen die beiden Bedienten des Herrn von Harder an dem
Portal ...
    Ich kenne sie! Zwei Hallunken ... Was ist mit ihnen?
    Wie Sie, alle vier Herren zusammen, ausstiegen, gaben die beiden Schlingel
dem Menschen da ein Zeichen, als wollten sie sagen: Es sind die rechten!
    Ein Zeichen?
    Wie ich's Ihnen erzhle ... Die Fruleins und der kleine drollige Junge, der
Rurik, haben's mit angesehen ...
    Und dann?
    Dann lief der Mensch da ganz eiligst ins Schlo hinauf, als gleichsam, als
wenn er sagen wollte: Sie sind nun da!
    Wunderlich!
    Und nun steht er wieder unten und spricht da mit dem Herrn, der bei Ihnen
ist -
    Es scheint ein Angehriger des Hofes ...
    Es ist ein feiner Mensch und wegen Mancherlei mcht' ich doch wissen, was
der Mann eigentlich ist oder was er treibt oder wo ihn Einer hinbringen soll ...
    Dankmar's natrliche Regung war die, zu Louis zu gehen und ihm zu sagen: Sie
haben Recht! Hier war ein Arrangement! Wir sind in der That hierher gelockt
worden! ... Er betrachtete sich den bezeichneten Mann genauer. Er hatte nur
durch einen Streifen an der Mtze ein Zeichen, das auf eine Beziehung zum
kniglichen Dienst deutete. Sonst war er einfach in einen leichten grnen
berrock von Sommerzeug gekleidet, in weier Halsbinde, leichten, weiten, gelben
Pantalons und Schuhen mit gelben Nankingkamaschen. Der Ausdruck des Gesichts war
ruhig und sehr angenehm. Die Farbe sehr blhend, sonnenverbrannt und gesund, der
starke Bart blond. Das Kopfhaar, wie es schien, etwas sprlicher. Dieser Mann
konnte leicht schon vierzig Jahre zhlen und machte einen so wohlthuenden
Eindruck, da es Dankmarn befremdete, ihn mit den schon sattsam genannten
Bedienten des Herrn von Harder zusammengenannt zu hren. Er fragte auch deshalb
Peters, welches denn die Grnde wren, die ihn bestimmten, sich fr diesen Mann,
der hier unstreitig ein Garteninspektor oder etwas hnliches vorstellte, zu
interessiren?
    Mchte nicht Einer glauben, sagte Peters, da dieser Mann etwas Feines und
Anstndiges ist?
    Warum sollt' er das Gegentheil sein?
    Es sollte mir Leid thun, wenn ich dem Mann Unrecht thte. Ich wundre mich
des Todes, Den hier zu sehen.
    Ihr irrt Euch vielleicht?
    Er ist's! Die beiden Bedienten sind Zeugen genug. Mit denen hat sich dieser
Mann noch vor drei Wochen in der Fortuna ganz gemein gemacht ...
    Peters, in die Fortuna verirren sich auch respektable Leute!
    Mit der Auguste Ludmer und solchen Springerchen?
    Auguste Ludmer? Springerchen? Was sind denn Das in der Fuhrmannssprache fr
Irrwische?
    Dieser respektable Mann kommt auf den Ball mit der wilden Person. Kennen Sie
diese Auguste Ludmer nicht?
    Inwiefern gehrt diese mir unbekannte Auguste Ludmer zu den Springerchen?
    Die sagt zu Jedem, der sie ansieht, auch wenn sie ihn nicht kennt: Guten
Tag! Wie geht's Ihnen?
    Gute Definition! Mir ist's aber, als knnt' es Dem da drben nicht schaden,
da ihn eine lebendig macht. Man mchte glauben, da Das ein Professor ist. Er
demonstrirt da an den Pflanzen ... Spricht wahrscheinlich eben Latein und zeigt
auf die Stbchen, die an den Bumen ihre Namen nennen.
    Wenn Das wre, Herr Dankmar, und das Frauenzimmer ... ... Auf der Fortuna
hab' ich sie nur zweimal gesehen ... aber hernach bald hier, bald dort ...
gestern Abend beim Spazierenfahren ... wieder auf den Anlagen ... Wenn der Mann
nicht wissen sollte, wen er am Arme fhrt -!
    Dankmar nahm Interesse an dieser Mittheilung und glaubte hier vielleicht ein
gutes Werk stiften zu knnen.
    Steht's denn mit der Auguste, wie heit sie? Ludmer ... so schlimm? fragte
er.
    O, sagte Peters mit einer ablehnenden Bewegung, wer darf den ersten Stein
aufheben und Gottes Gnade ist gro!
    Peters! Peters! Was fr Sprche!
    Langmthig ist doch der Herr und dunkel sind seine Wege ... Aber wenn Eins
so auf die Tanzbden luft, solchen Heidenlrm schlgt, die Polizei in Trab
bringt, nicht arbeitet, singt und jubelt, wie Die ...
    Dankmar griff die Gelegenheit auf, vielleicht ein gutes Werk zu stiften.
    Ehe noch Peters seinen ferneren Abscheu vor einem Charakter, wie ihn diese
Auguste Ludmer zur Schau trug, beendet hatte, war er schon mit drei Schritten am
Portal, in der Nhe Armand's und des Mannes mit den gelben Nankingkamaschen.
    Ohne sich in seinen Auseinandersetzungen - es waren botanische - stren zu
lassen, lftete dieser Fremde artig sein Mtzchen mit dem farbigen Streifen ...
es war ein schlanker, krftiger Mann, gewi doch schon hoch in den Vierzigen -
in der Nhe lieen sich die kleinen Furchen des Antlitzes besser unterscheiden -
die weien Zhne, die groen hellblauen Augen gaben ihm etwas Freundliches und
Geflliges. Er wandte sich in seiner Auseinandersetzung ber die Pflege der
Georginen, die gerade die Blumen dieses Monats waren, gleicherweise bald
vertraut auch an Dankmar wie an Louis und sprach gerade ber die eigenthmliche
Kunst, die Georginen durch Stoffe, die man der Erde, in der sie wachsen,
beimische, z.B. Asche, nach Belieben zu frben. Es lag in seinen uerungen eine
gewisse Kindlichkeit.
    Sie sind gewi der Herr Schlogrtner? fragte Dankmar, ohne sich dabei den
geringsten Schein von Indiskretion zu geben.
    Wollen Sie mich so nennen, immerhin, sagte der Angeredete und lftete
bescheiden seine Mtze. Ich habe nach Titeln nie gestrebt, lebe nun schon
dreiig Jahre so mit der Natur zusammen und wenn man mich Herr Garteninspektor
ruft, so hr' ich manchmal weniger darauf, als auf meinen einfachen Namen
Mangold!
    Was? Sie sind der berhmte Parkologe Mangold? fragte Dankmar erstaunt.
    Parkologe? Berhmt? sagte Mangold. Du lieber Himmel!
    Wei man nicht, da Sie die rechte Hand des Geheimraths von Harder sind,
Alles schaffen, Alles hervorzaubern, wofr er den Namen hergibt und die
Anerkennung einkassirt?
    Das ist einmal so der Dienstbrauch! Das ist in der groen Welt so wie in der
kleinen; sagte Mangold lachend.
    Sie haben am Rhein das Schlo Buchau hergestellt, sagte Dankmar. Sie waren
im Gebirge und haben Selkenthal zu einem Paradies umgeschaffen; Alles was in den
kniglichen Schlssern Schnes und Geschmackvolles sich findet, ist das Werk
Ihrer Erfahrungen, die Sie in den Parkanlagen Englands sammelten ...
    Ganz Recht! Englands! Da hab' ich meine paar Brocken aufgeschnappt, bin dann
erst in die Dienste des alten Prsidenten von Harder getreten, hab' ihm
Tempelheide fr ihn und seine wilden und zahmen Mitbewohner, wie eben Tannen
sich ziehen lassen, eingerichtet und ging dann durch den Sohn, als er Intendant
der kniglichen Schlsser und Grten wurde, in Staatsdienste. Aber wenn ich Ehre
und Ruhm geniee, so wei ich's nicht. Wo sollte ich Das wissen? Ich lebe nur
auf diesen einsamen Schlssern, bald hier, bald da in der Stille. In den
Gartenzeitungen ... o ja, die halt' ich mir! ... Da werd' ich genannt und manche
Herrschaft hat mich verschrieben, um Schatten und Licht in einen Wald zu bringen
- aber Das, dacht' ich, geht doch so in der Stille hin und ich bin froh, wenn
mich meine Blumen und Bume loben. Komm' ich des Morgens in der ersten Frhe auf
meine Wiesen und der Thau glnzt mich freundlich in der Sonne an, so hab' ich
Glanz genug.
    Louis Armand hatte nur nicht den Muth, sonst wrd' er diesem einfachen, so
still begeisterten Manne die Hand geboten haben.
    Dankmar aber, der Das, was er von Peters ber Auguste Ludmer gehrt, nun mit
dem Eindruck, den er hier empfing, in der That nicht vereinigen konnte, wagte
jetzt einige Fragen, die allerdings zudringlich erscheinen konnten:
    Bleiben Sie auch den Winter auf Solitde? fragte er.
    Nein, sagte Mangold, ich soll ja ganz von hier fort und wieder an den Rhein.
Ich bekomme den Titel als Ober-Garteninspektor und werde in Buchau bleiben.
    Auf die Glckwnsche zu seiner Befrderung kam Mangold allmlig in das
Gestndni, da er erst noch ein Weib nehmen wrde ...
    Ich bin nun, sagte er, sieben und vierzig! Ein alter Knabe! Hab' immer in
Grten und Schlssern gelebt, fern von den Stdten, fast wie ein Einsiedler. Die
Leute lachen, wenn sie einen ledigen Junggesellen von sieben und vierzig Jahren
sehen! Aber wie find' ich Bekanntschaft? Amtsrathstchter dnken sich hoch,
Grtnerstchter standen mir zu tief. Wo man befehlen soll, mu man nicht
schmeicheln mssen. Da war ich neulich bei unserer Excellenz, dem Intendanten,
und sehe ein charmantes Mdchen ber den Hof gehen. Prchtiger Wuchs, eine
Staatsjungfer! Die knnte mir schon gefallen, sagt' ich zur Frau Geheimrthin,
als sie mich neckte, da ich noch immer keine Anstalt machte. Und wie ich in
ihrem Garten eine Wasserleitung revidirt hatte und komme zurck und will mich
empfehlen, sagt die alte Dame, die schon viele Jahre bei der Geheimrthin Alles
in Allem ist: Mangold, das hbsche Mdchen ist meine Nichte! Wenn sie Ihnen
gefllt - dabei zog ich die Mtze und sagte: Madame Ludmer, die nhm' ich gleich
mit nach Buchau, aber man mu sie doch sprechen und rasch mt' es auch gehen,
ich habe bis zum siebenundvierzigsten Jahre gewartet und nun aber kein langes
Besinnen mehr! Da warf sie einen Blick auf die Geheimrthin, so einen von ihren
Blicken, die mehr sagen, als man gleich verstehen kann. Die Geheimrthin zog die
Lippen ein Bischen verchtlich und lachte. Das rgerte mich fast und ich sagte:
Ist sie zu jung fr mich? Nein, nein, sagte die schwarzugige Alte, die Ludmer.
Wenn es Ihr Ernst ist, Mongold, mu man Das nur richtig anfassen - zweckmig -
arrangiren .... Gut, sagt' ich, arrangiren Sie's. Und da sah ich das Mdchen auf
einem Ball - die Bedienten der Geheimrthin fhrten mich immer um sie herum ...
sie war auch nur wegen meiner da - ging auch gleich fort, das war Alles
abgemacht - vorher besprochen ... ich sah sie wieder ... ich sprach mich dann
aus - sie lachte zwar, sie war schnde und schnippisch - sie wollte von dem
Buchau nichts wissen - will auch noch nicht heran und spottet und neckt - aber
sie gefllt mir ... ich schenkte ihr Dies und Jenes - ich denke doch, wenn
nichts dazwischen kommt - und die Tante noch einmal recht vernnftig mit ihr
sprche - so -
    Heirathen Sie diese - ...
    Der Name erstarb Dankmarn auf den Lippen ... Himmel! dachte er whrend der
Erzhlung des unschuldigen immer von den Stdten entfernt lebenden Mannes,
welche Intrigue steckt hinter dieser abscheulichen Tuschung! Und eben wollte er
offen mit seiner Warnung hervortreten, den einfachen, harmlosen Mann bei Seite
nehmen, schildern, welchen Gefahren er seine Ehre aussetze, als Louis, der der
Erzhlung nicht den gleichen Antheil gewidmet hatte, weil er unverwandt die
Augen auf das Schlo richtete, rief:
    Da kommt Egon!
    Dankmar wandte sich und erblickte Drommeldey mit Egon und den Bedienten
niedersteigen. Auch Siegbert kam mit Olga und den Kindern ... Es war Dankmarn
jetzt nicht mglich, das Gesprch mit Mangold fortzusetzen. Nur noch die Worte
rief er ihm, als er bei Seite trat, zu:
    Knnen Sie mir keinen Gru an Ihre Braut auftragen?
    Braut? So weit ist's noch nicht! Aber ich danke Ihnen, sagte Mangold
herzlich. Heut Abend komm' ich noch in die Stadt. Wenn Einer sein letztes Feuer
noch einmal zusammennimmt, gibt's einen Brand. Ich gehe gern auf das Caf
Richter. Kennen Sie Das? In der Knigsstrae?
    Gewi! Gewi! sagte Dankmar. Ich komme dahin.
    In der bestimmten Absicht, Alles aufzubieten, was Mangold ber die Gefahr,
in die er sich sorglos begab, aufklren konnte, trat Dankmar dem Prinzen
entgegen, voll Spannung, was dieser ber seine Erlebnisse im Schlosse wrde zu
erzhlen haben ...
    Es schlug nun eben sechs Uhr vom Schlo Solitde, als sich an der groen
Eingangspforte des Gartens ein Gewirr und Durcheinander von Menschen, Rossen und
Wagen verwickelte. Von der aufwrtssteigenden verlngerten Alle kamen vom
Schlosse herab erst einige zweispnnige, dann vierspnnige Wagen, zuletzt ein
sechsspnniges Gefhrt mit den kniglichen Herrschaften selbst. Alles, was
bisher im Park zerstreut gewesen war, lief und drngte sich zu der Hauptpforte,
um noch diese Abfahrt mit anzusehen. Auch die kleine runde Dame, die sich hier
beinahe schon wieder versptet htte, kam spornstreichs von der Terrasse
gelaufen, in einiger Entfernung von der jungen Begleiterin mit den blonden
Locken, die nur in raschen Schritten ging, nicht lief. Ob die freundliche
Verbeugung der jungen Knigin diesen huldigungsbeflissenen Damen vorzugsweise
galt, ist schwer zu sagen. Die Damen hielten mitten in ihrer Eile auf und
verneigten sich tief mit holdseligen Gebehrden, indem sie mit einer Hand
gleichsam eine die andere nher heranziehen und dem Hofe mit der andern sagen
wollten: Wir sind Beide da! Endlich waren die Herrschaften abgefahren und die
kleine runde Dame, in der Sanittsrath Drommeldey sogleich Frau von Trompetta
erkannte, hatte nun Gelegenheit, die minder bedeutenden Menschenkinder zu
betrachten, die sie hier versammelt fand. Drommeldey lobte ihre rasche
Beweglichkeit, tadelte sie aber an Frulein von Flottwitz.
    Ihnen, liebe Trompetta, sagte er, kann ein solcher Wettlauf mit sechs
Pferden einmal nichts schaden; aber Sie, mein liebes Frulein, bedrfen Schonung
und verlangen keine Amazonenkur.
    Die Trompetta sprach nur von ihrem unglcklichen Guignon auf der Terrasse
...
    Wollten Sie, sagte Drommeldey, die Herrschaften an Ihr Gethsemane erinnern?
    Ach, antwortete die Trompetta, es liegt allerdings noch auf dem Nhtische
der Knigin! Man blttert darin und kann sich nicht entschlieen, eine Summe
daran zu wagen, die mich der Weitlufigkeiten einer Lotterie berhebt.
    Ich bin fr die Lotterie, Frau von Trompetta, sagte Drommeldey schon im
Einsteigen.
    Warum sind Sie fr die Lotterie, heidnischer Sanittsrath? Geben Sie mir
doch Ihren Rath! Warum?
    Weil Ihnen das Anbringen der Loose von einer vortheilhaften ditetischen
Wirksamkeit sein wird. Wenn der Hof das Gethsemane nicht ankauft, ersparen Sie
eine Badereise.
    Frau von Trompetta hielt den allo-homopathischen Sanittsrath fest.
    Es ist eine Intrigue gegen mich im Werke - sagte sie, ich wei es - die
Altenwyl - gestehen Sie mir's, Drommeldey!
    O behte, kein Mensch intriguirt, als ich, sagte dieser. Beruhigen Sie sich,
Frau von Trompetta! Sie haben den Titel Gethsemane ganz in meinem Sinne gewhlt.
Es sind in dem lgarten Thrnen geflossen und von der Angst der Jnger ist viel
daselbst gewehklagt worden. Das Schweituch der heiligen Veronika mu Ihre
nchste Sammlung heien. Aus ditetischen Grnden und zur Beruhigung fr Ihre
Freunde drfen diese Lotterien und die Mhen des Absatzes der Loose fr Sie
nicht aufhren. Adieu, liebe Missionairin!
    
    Mit diesen fr Frau von Trompetta mannichfach verletzenden Worten fuhr
Sanittsrath Drommeldey, ein kluger Mann, der sich vortrefflich in seine Welt zu
schicken wute und nicht Jeden nach seiner eigenen materialistischen
Seelenstimmung behandelte (doch von Frau von Trompetta wute er, da ihr der
rger und Streit ber ihre erheuchelte Religiositt von grerem physischen
Nutzen war), mit einer freundlichen Handbewegung zu Prinz Egon, rasch davon.
    Frau von Trompetta hrte glcklicherweise diesen Spottreden auch schon nur
halb zu. Ihre kleinen neugierigen Augen verschlangen den Prinzen Egon und
Dankmar Wildungen. Einer von beiden war Prinz Egon und einer Dankmar Wildungen,
der Bruder Siegbert Wildungen's ... Das hatte sie schon durch die Bedienten
herausgebracht - Aber welcher war der Eine und welcher der Andere? Der Frst war
- Frst, und Dankmar ein Referendar, der seines Processes wegen das allgemeine
Gesprch der Stadt, die Aufmerksamkeit aller Mtter und jungen Mdchen geworden
war ... Friederike Wilhelmine von Flottwitz entschied sich fr Dankmar und hielt
Dankmar fr den Prinzen, die Trompetta meinte Dasselbe, drckte Dies aber so
aus, da sie den Prinzen fr Dankmar hielt. Sie flsterten sich, indem sie sehr
umstndlich in ihren Wagen stiegen, ihre gegenseitigen Vermuthungen mit
lebhaften Gestikulationen zu und befahlen dem Kutscher zu halten, als er eben
abfahren wollte und sie Siegbert bemerkten, der mit den Wsmskoi's eben aus der
Allee heraustrat. Das war ein Nicken, war ein Gren und Winken mit der Hand!
Die muthigen oder vielleicht nur ungeduldigen Rosse wollten weiter, aber die
Trompetta richtete sich im Wagen hoch auf und gerieth so in ein taumelndes
Schwanken, da die Flottwitz sie halten mute. Siegbert, artig wie immer, sprang
hinzu, um vielleicht noch einen Befehl zu vernehmen.
    Adieu! Adieu! Adieu! rief sie und als Siegbert am Wagenschlage stand,
flsterte sie:
    Welches ist denn der Prinz?
    Und Ihr Herr Bruder? lie sich sogar die Flottwitz herab, zu forschen.
    Egon und Dankmar standen nahe genug am Wagen, um nher zu treten. Sie hatten
die neugierige Frage fast gehrt, den nach ihnen schielenden Blick bemerkt, sie
lieen sich vorstellen.
    Frau von Trompetta -
    Prinz Egon von Hohenberg -
    Frulein von Flottwitz -
    Mein Bruder Dankmar -
    Durchlaucht, o Durchlaucht - begann die Trompetta und weinte fast.
    Gndige Frau - sagte Egon betroffen.
    Ach! Ach! Ach! Ich kannte Ihre Mutter - sie war ein Engel; sie war meine
Freundin! Wissen Sie denn Das nicht ... Wie liebt' ich sie! Und diese
hnlichkeit, Durchlaucht! Zum Erstaunen und dem Generalfeldmarschall wie aus den
Augen geschnitten! Die kniglichen Herrschaften hatten die Huld, Sie nach Ihrer
Genesung zu begren! Das Auge der Knigin ...
    Arme Trompetta! Die Ungeduld deiner Pferde brach dies rhrende Waldgesprch
gerade an solcher Stelle ab! Die Fchse waren wie ihre Herrin von den
Sechsspnnern angesteckt und liefen ihnen ohne Aufhaltens nach, mitten in einem
Dankgebete, das die Sammlerin des Gethsemane eben unter den grnen Wipfeln der
Eichen fr Egon's Genesung anstimmen wollte - und nun kein Wort an Olga
Wsmskoi, kein Gru, keine Frage mehr an Siegbert, und da jener Dankmar - und
das Alles abgebrochen durch die wilden Rosse!
    Es war geschehen, die Pferde zogen an und der rgerliche Kutscher lie sie
laufen. Von Wilhelminen von Flottwitz blieb ein Blick an Dankmarn hngen, der
Manches sagen konnte. Die rasche Wendung war der Wirkung dieses Blickes
auerordentlich gnstig gewesen. Weil er ganz links zur Seite ging, bekam dieser
Blick eine Kraft, so zu sagen eine Emaille, die ihm so blendend in die Augen
widerblitzte, da er lachend sagte:
    Himmel! War denn das Die? Sie? Die? die Retterin des Vaterlandes! Sie ...
die Eine, Einzige!
    Und als Siegbert sagte: Die vielbesprochene Flottwitz! rief er:

Es blieb an mir nur noch ihr Abschiedsblick,
Ein Sommerfaden an der Trauerweide hngen!

Die wilden jungen Mnner empfahlen sich den jungen Wsmskoi's. Olga, entzckt
von dieser Mnnerwelt, schlug den blauen Schleier ihres Hutes so dicht vor ihr
Antlitz, da man nichts von ihr sehen konnte als die zierliche Gestalt. Sie
schien mit Siegbert zwar etwas zu schmollen, kehrte Allen den Rcken,
beantwortete keine Hflichkeit Dankmar's, wich jeder Absicht Egon's, sich ihr
vorstellen zu lassen, aus, sa aber im Wagen so sicher, so fertig, als wre sie
schon neunzehn Jahre, whrend sie doch nur fnfzehn zhlte.
    Was hat denn Olga? sagte Dankmar. Sie weinte ja vorhin ... Sie soll
heirathen? Nicht wahr?
    O nein, sie weint, da ich nicht in ihrem Wagen zurckfahre ...
    Heilige Thrnen der Liebe! spottete Dankmar. Ist doch auch dein Taschentuch
deshalb feucht?
    Egon aber, gleichfalls angeregt, scherzte noch mit Paulowna und Rurik.
    Wenn ich auch noch so schlimm bin, sagte er, so hilft das dem Papa Rudhard
Alles nichts. Morgen ganz in der Frhe hol' ich Euch Kinder aus dem Bett und
lasse entweder mir oder Euch fr unsere Unarten vom Papa Rudhard die Ruthe
geben. Wollt Ihr ihm Das sagen?
    Dieser drohende Humor schien den Kindern doch zu bedenklich ... Sie setzten
sich zur lteren Schwester. Siegbert half ihnen in den Wagen. Dankmar und Egon
zogen, als auch dieser Wagen abfuhr, den Hut und grten Olga. Diese beugte mit
groer Sicherheit und vornehmer Grazie etwas den Oberkrper und blieb mit
zusammengeschlagenen Armen, ein Taschentuch in der Hand, in der Ecke ihres
Wagens sitzen. Peters jagte davon.
    Nun wollte Egon einsteigen und sah sich nach seinem Freunde um. Louis
Armand, der Tischler, stand ganz in der Ferne ... fast eingeschchtert.
    Egon verstand, was ihn drckte. Mit Herzlichkeit ging er auf ihn zu und
sprach in franzsischen Worten zu ihm:
    Aber, Louis -
    Louis Armand sah zur Erde und folgte langsam und beklommen seiner
Aufforderung, einzusteigen.
    Dankmar sah sich noch nach Mangold um. Er war verschwunden. Siegbert schien
zerstreut. Er wute nichts von Dem, was auf der Terrasse vorgefallen war. Die
Kinder hatten zwar erzhlt, da sie den Knig und die Knigin gesprochen, aber
Egon's Begegnung mit den hohen Herrschaften war ihm so neu, da er, als davon
nun endlich errternd und erzhlend die Rede kam, ausrief:
    Sagt' ich es nicht, da die groe Welt die Zeit nicht erwarten kann, Sie im
Vorgrunde zu erblicken?
    Egon begann nun zu erzhlen.
    Noch einmal sah er kopfschttelnd auf das Schlo zurck, das von einigen
Sonnenstrahlen, die sich durch die vom Winde heraufgetriebenen Wolken drngen
konnten, glhend erleuchtet war. Die hohen Kronen der Bume der Allee
schwankten. Es wehte ein khler Zug. Der Abend schien nicht so freundlich den
Tag zu enden, wie er begonnen hatte. Egon knpfte seinen Frack zu, lie seinen
Mantel ber sich breiten und begann nun folgende Mittheilung:
    Was mir soeben widerfahren ist, sagte er kopfschttelnd, mu ich eine
merkwrdige, berraschende Ehre nennen. Es ist aber eine Ehre gewesen, die
eigentlich nicht mir, sondern meinem Namen, der Erinnerung an meinen Vater galt,
und in diesem Sinne, gesteh' ich, hat mir das Erlebte auch einen ganz
wohlthuenden Eindruck gemacht. Ich bin kein Aristokrat, habe aber gefhlt, wie
ernst, wie bedeutungsvoll der Beruf des Adels ist, wenn er seine Aufgabe nur
recht verstehen wollte.
    Louis Armand wandte sich und sah nach den sie verfolgenden Wolken.
    Ja, ja, Louis! Ich bin nun durch und durch Aristokrat geworden! Ihr sprecht
von einer Genossenschaft des Geistes! Ich bin ein Paladin der Tafelrunde
geworden. Der Adel ist ja schon ein solcher Bund, wie ihn Dankmar bezweckt, und
stellt ihn schon von Natur dar. Wenn man, um vollkommner Mensch zu sein, sich
von den Menschen, wie sie gewhnlich sind, abzusondern haben soll, so hat hier
die Geschichte eine solche Absonderung schon von selbst erzielt. Richtig
verstanden mu der Adel eine Aufforderung sein, sich ganz besonders
auszuzeichnen ...
    Wo man wei, fiel Siegbert ein, da man die Ehre eines gefeierten Namens
gleichsam wie ein Fideikommi zu verwalten hat, wird man sein persnliches
Verdienst nur in der Befrderung eines gleichsam anvertrauten objektiven Gutes
finden. Man wird sich blindlings in Gefahren strzen, wei man doch, da die
Gattung, zu der man gehrt, erhalten bleibt! Man wird eine Linie der Thaten und
Auszeichnungen schon bei seiner Geburt vorfinden, der man nur nachzugehen hat,
um zu bedeutenden Zielen zu gelangen. Htte der Adel das Bewutsein seines
wahren Werthes immer nur darin gefunden, der geborene Vorkmpfer der Volksrechte
zu sein, wir wrden ein solches geschichtliches Institut segnen, statt ihm fr
seine Anmaung und die ausschlieliche Bundesgenossenschaft mit den
Unterdrckern zu fluchen.
    Gott sei Dank, sagte Dankmar, der ganz erstaunt zugehrt hatte, da dein
aristokratischer Rebus diese Pointe hatte! Ich glaubte schon, das berhmte
Frulein von Flottwitz htt' es dir mit einem ihrer Blicke links um die Ecke
angethan ...
    Wer war das blonde Frulein? fragte Egon.
    Das Mitglied einer sehr achtbaren Kriegerfamilie, sagte Dankmar. Die
Flottwitz datiren sich auf die ersten ruhmwrdigen Entfaltungen unserer Fahnen
zurck und bevlkern die Cadettenhuser auch schon fr unsere zuknftige Glorie
... Das blonde Frulein hat den weiblichen Reubund gestiftet und steht an der
Spitze der groen Demonstrationen mit wollenen Socken und patriotischer
Hingebung. Sie ist eine Schwrmerin, wie nur je eine unter dem Drudenbaume sa
und in einem Anfalle von landeserrettender Verzckung ausrief: Mein ist der
Tzako, mir gehrt er zu! Sie vertritt die Principien der politischen Stabilitt,
wie die quecksilberne Frau von Trompetta die der religisen. Und doch gesteh'
ich, in dem Blick des blonden Mdchens lagen trotz der siegreichen Reaction noch
so viele hhere unbefriedigte Triebe, da ich wohl einmal an diese weien zarten
Formen anklopfen und fragen mchte: Erlaubst du wohl, da ich die innere
Organisation deines merkwrdigen Gehirnes studire und mich berzeuge, wie man
phrenologisch gebaut sein mu, um die Demokratie so grndlich zu hassen, wie es
dies Mdchen bis zum Fanatismus treiben soll!
    Und Egon fiel ein:
    Was sich in dieser Stadt nicht Alles zusammenfindet!
    Was hier nicht Alles auf Unsterblichkeit oder das Narrenhaus spekulirt!
    Inde theilte er Cigarren aus und gebot dem Kutscher, trotz des sich
verdsternden Himmels, langsam zu fahren und begann wieder:
    Wie ich mich rckwrts an das Gitter der Terrasse lehne, treten die
kniglichen Herrschaften auf Drommeldey zu, den sie sehr huldvoll gren. Ew.
Majestten erstaunen, einen Arzt auf der Terrasse von Solitde die reinste Luft
der Monarchie schpfen zu sehen, sagte er ... Hier mein Patient, Frst Egon von
Hohenberg, ist Schuld, da ich ein so seltenes Glck geniee. Ich mute mich
natrlich jetzt tief verbeugen und meine Zurckgezogenheit entschuldigen. Mit
groer Gte spricht die Knigin von meiner Krankheit, an der jeder Fhlende
theilgenommen. Der Knig erinnert sich allergndigst, da ich zuweilen bei
lndlichen Festen mit ihm spielen durfte und zeigte mir an der Stirn die Narbe
eines Steines, von dem er behauptete, da ich die unschuldige Veranlassung davon
gewesen wre. Er begrte mich herzlich wie einen alten Kameraden und die
Knigin ihrerseits war nun erst recht erfreut, den hohen Gemahl so angeregt und
von seinen Erinnerungen an die Jugend und die Narbe ergriffen zu sehen. Da ich
etwas verlegen und einsylbig antwortete, so glaubte eine alte Hofdame, die der
Knigin sehr nahe stand, ich wre vielleicht in der franzsischen Sprache
heimischer und wute es so geschickt einzufdeln, da pltzlich die Conversation
vom Deutschen in's Franzsische bersprang und mehre Herren, Militairs und
Civilisten, Theil nahmen. Da ich wie das sonderbarste Wunder der Welt
betrachtet wurde, sah ich wohl und fhlte die Nothwendigkeit, mich nicht zu
zaghaft, zu schchtern zu gebehrden. Ich trat mit den Reminiscenzen meiner
frheren, vorgenferischen Zeit mit mglichstem Nachdruck hervor. Dadurch ergab
sich wie von selbst, da sich der Zug in eine halb stehende, halb gehende
Bewegung setzte, und wir unter die Orangenbume zu wandeln kamen. Der Knig, der
eine sehr deutsche Gesinnung prononcirte, begann auf's neue in den
vaterlndischen Lauten und Alles schien erfreut, zu bemerken, da der Sohn des
alten Generalfeldmarschalls, der so vortrefflich Deutsch, wenn nicht zu
sprechen, doch zu fluchen verstand, nicht ganz aus der heimatlichen Art
geschlagen war. Unter solchen, mehr oder weniger abgerissenen krzeren oder
lngeren Bemerkungen standen wir pltzlich vor den geffneten groen
Fensterthren der untern Sle des Schlosses. Mon prince, sagte die Knigin mit
vieler Anmuth, finden Sie hier nicht einige Erinnerungen an Ihre Kindheit? Was
wiederhol' ich ihre Worte! Sie bedeutete mich, einen Blick in die Sle zu werfen
und nachzusehen, ob dort nicht angenehmere Erinnerungen fr mich wren, als die
an einen Stein, den ich einmal unglcklicherweise an die Stirn Sr. Majestt
geworfen htte. Ich war befangen, wute nicht, was sie meinte und trat einem der
Sle nher. Die Herrschaften gingen voraus und ich erblickte ein Ameublement von
grtentheils schwarzem gothischem Hausrath, der dem ohnehin der Sonne
abgewandten Zimmer etwas ungemein Dsteres gab. Noch besann ich mich, was man
meinen mochte, als eine kleine Uhr einen Choral zu spielen begann. Nun besann
ich mich. Ich war auf Hohenberg, in den Zimmern meiner Mutter, die Erinnerungen
der Knabenzeit tauchten zauberhaft in meinem Gedchtnisse auf, und ich gestehe
Euch, war es die Rckwirkung meiner noch physischen Schwche, war es die Macht
der kindlichen Erinnerung, wie die kleine Uhr auf einer schwarzen Console mit
weien Marmorfen den frommen Choral spielte, dem ich als Knabe oft so
neugierig gelauscht hatte, trat mir eine Thrne in die Augen und kaum erblickte
man meine Rhrung, als sich auch die Knigin und alle Damen abwandten, um zu
weinen. Der Knig ergriff zuerst gesammelt das Wort und sagte: Mein lieber
Frst, es war ein Lieblingswunsch der Knigin, auf einem unserer Schlsser die
Einrichtung der Frstin Amanda von Hohenberg, von der man so viel
Geschmackvolles und Sinniges gehrt hatte, zu besitzen. Jetzt kennt die Knigin
aber kein angenehmeres Gefhl, als dem Sohne, dem schon die frommen Klnge
dieser Uhr die ganze unersetzbare Seligkeit der Jugendzeit zurckrufen, die
Freude zu bereiten, die Ausschmckung dieser Zimmer da wieder hin zu
verpflanzen, von wo eine allzugroe Indiskretion und bereilung unserer Seits
sie vor einiger Zeit entfhrte, ehe noch der Befehl dazu gegeben war. Die
Bewegung, die diese schnen, gar zarten und rcksichtsvollen Worte im Saale
hervorriefen, war um so mehr echt, als ich bemerke, da sie auch auf Euch einen
Eindruck machen. Meine Situation, gesteh' ich, war etwas peinlich. Sire, sagt'
ich, mich fassend, mein guter Vater war so ein braver Patriot und hat in seiner
Weise dem Vaterlande und Ihrem Hause so ruhmwrdige Dienste geleistet, da es
die Gte Ihres Herzens zu sehr in Anspruch nehmen hiee, wenn ich zugeben
wollte, da Sie die kleinen Schattenseiten seines Charakters, die alle Welt
gekannt hat, mit dem Mantel der Liebe bedecken wollten. Wenn dieses Zimmer Ihnen
die Erinnerung an einen alten Krieger zurckruft, der ... Nein, nein! unterbrach
die Knigin meine Ablehnung des sinnigen Rckgeschenkes. Ich wrde mir ewige
Vorwrfe machen, Prinz, wenn ich die stille Geisterspraehe, die durch diese
scheinbar todten Gerthschaften eine Mutter mit ihrem Sohne reden kann, stren
oder unterbrechen wollte. Nein, nein, Prinz, zur Feier Ihrer Genesung gestatten
Sie uns, da wir hren, da Sie Ihre Gter unverndert behalten haben, diese
Einrichtung dort wieder aufstellen zu lassen, von wo aus sie ein bergroer
Eifer, der uns Alle erschreckt hat, zu rasch, zu verletzend fr uns Alle
entfernte. Dabei fiel der Blick der Knigin auf eine lange hagere wie
angedonnert dastehende Figur ...
    Dankmar sagte ganz fr sich:
    O weh!
    Egon fuhr fort:
    Auf einen hagern sterngeschmckten Mann, der bisher eine auerordentlich
selbstzufriedene Rolle gespielt hatte und wahrscheinlich der Intendant der
Schlsser und Grten, mein schlimmer Freund, Herr von Harder, war. Smmtliche
Kammerherren und Offiziere bissen sich auf die Lippen. Es that Allen wohl, nach
einem Momente der Rhrung sich durch eine kaum unterdrckte Schadenfreude
humoristisch zu erholen. Ich nahm nun die Angelegenheit heiter und leicht,
erklrte, wenn man die Gnade haben wollte ...
    Pst! rief jetzt Dankmar, unterbrach Egon und blinkte mit den Augen nach
etwas, was sich hinter ihnen begab und was er, da er mit Louis rckwrts sa,
leichter sehen konnte.
    Was ist? fragte Siegbert und lehnte sich rckwrts ber den Schlag hinaus.
    In demselben Augenblicke scho ein zweispnniger Wagen im vollen Laufe
vorber, mit den bekannten beiden Bedienten Ernst und Franz ... Die Excellenz
von Harder! Unmuthig, die schwarzen Augenbrauen tief heruntergezogen, lag sie in
dem Wagen, die Arme bereinandergedrckt.
    Auf dem Bocke sa neben dem Kutscher zu Dankmar's Bedauern der
Garteninspektor Mangold, der freundlich und heiter seine Mtze zog und die
Gesellschaft grte, whrend der mit Mangold's geistigen Klbern pflgende
Hofmann Dankmarn, den er in seinem Glcksrausche auf der Terrasse nicht gesehen
hatte, jetzt in seinem Misgeschick vollkommen erkannte und den spttischen Gru,
den ihm der Entfhrer des Bildes, der Mitverschworene Melanie's, mit groer
Beflissenheit zuwarf, mit einem kaum achtenden Griff an seinen Hut erwiderte.
    Die Miene eines Hofmannes, der so ganz allein mit einer langen kniglichen
Nase in stiller Einsamkeit da vorberfuhr, war in dem Grade komisch, da Alle
herzlich lachten und sich von der peinlichen Stimmung, die denn doch die
Erzhlung des jungen Frsten hervorgerufen hatte, befreit fhlten.
    Egon setzte nun noch hinzu:
    Nach einigen allgemeinen Bemerkungen bat ich die Majestten um die Gnade,
mich nchstens im Schlosse vorstellen zu drfen und empfahl mich mit Drommeldey,
der mich drauen auf der Terrasse erwartete, unter den herzlichsten
Glckwnschen fr meine Genesung. Der Schalk hat mir indessen gestanden, da
dies Abenteuer nicht ganz zufllig war.
    Die Bedienten, besttigte Dankmar etwas bitter, die dort eben vorbeifuhren
und der Mann in der Mtze auf dem Bocke, ein Garteninspektor, waren im
Einverstndnisse und haben zum Schlosse hinauf das Zeichen unsrer Ankunft
gegeben.
    Das ist mir, sagte Egon, das einzige Verdrieliche an dem Vorfall, der an
und fr sich mir sehr wohl gethan hat.
    Warum wollen Sie diese Verabredung verdrielich nennen? sagte Siegbert, der
sein Mildern, Ausgleichen, Vershnen nicht lassen konnte. Ich bin kein
begeisterter Monarchist, aber ich finde die Aufmerksamkeit sehr artig und bin
berzeugt, da dies Abschtteln einer lstigen Acquisition, des Mobiliars Ihrer
Mutter, allgemein die Gesellschaft entzcken wird.
    Das Gute daran ist besonders auch die Nase der Excellenz von Harder, sagte
Dankmar und zndete sich aufs neue die ausgegangene Cigarre an. Die Bedienten,
fuhr er fort, waren wol nicht aufgestellt, weil sie den Gefangenen vom Plessener
Thurme, sondern mich, den Begleiter von Melanien, kannten. Jetzt erinnere ich
mich der langen Hlse und Zeichen, die diese Schlingel machten, als wir am
Portal hielten ...
    Wunderliche Welt! sagte Egon kopfschttelnd. Was sich da Alles wie ein
Schneehaufen zusammengeballt hat und nun so einfach am Sonnenstrahl eines
kniglichen Wortes auseinanderschmilzt! Ich werde dich bitten, lieber Louis, da
du Heunisch veranlassest, seine Rckreise um einen Tag aufzuschieben und die
ganze Bescheerung wirklich nach Hohenberg mit zurckzunehmen.
    Louis deutete an, da er Dies gern besorgen wollte.
    Ja, ja, Louis, sagte Egon scherzend, nun sind wir im Netz. Nicht wahr, jetzt
werd' ich mich wie Euer Barnave, du kennst die Revolutionsgeschichte besser als
ich, fr die schnen Augen meiner Knigin opfern und mit Blondel singen: O
Richard, mon roi, si l'Univers t'abandonne - Das denkst du doch!
    Louis machte eine Bewegung, die allenfalls sagen konnte: Allerdings!
    Wenn ich auf Drommeldey hren wollte, sagte Egon, so war dieser knigliche
Gnadenakt auch zugleich wirklich ein Aufruf an meine Loyalitt, der etwa soviel
heien wollte: Bester Hohenberg, Sie haben sich in der Welt umgesehen, man
beobachtet Sie, man erwartet etwas von Ihnen; wir brauchen Freunde, tummeln Sie
sich jetzt, machen Sie keine dummen Streiche, whlen Sie vernnftigen Umgang,
verwirren Sie die Debatte nicht durch neue sogenannte Gesichtspunkte und
dergleichen Thorheiten mehr ...
    Die rzte sind Optimisten, sagte Dankmar.
    Er gestand mir krzlich schon am Krankenbett, besttigte Egon, da er zum
Reubund gehrte und versicherte mich, ich sollte ihn darum nicht fr
geschmacklos halten. Er sprach wie einst Schlurck im Heidekrug. Es gbe Zeiten,
wo man das Auffallende mitmachen msse, um nicht selbst aufzufallen. Er ist
schlau und deutete an, ich sollte mir eine politische Stellung machen. Da er,
als seine List gelungen war, sie sogleich eingestand, beweist eine gewisse
Gutmthigkeit.
    Herr Dankmar glaubt eine Candidatur fr den Prinzen Egon von Hohenberg
aufstellen zu knnen, fiel Louis Armand ein. Wie nun, wenn der junge Staatsmann
auf der Tribne stnde, fr die Rechte der Vlker sprechen wollte und in
demselben Augenblicke fielen ihm die gerhrt weinenden Augen seiner Knigin ein?
    Du regst eine Frage an, lieber Louis, sagte Egon, die durchaus nicht
persnlich, sondern principiell ist. Ich halte es allerdings fr schwierig, sein
Verhltni zur freisinnigen Errterung politischer Zustnde mit jenem Mae von
Achtung in Einklang zu bringen, das man der Monarchie und allen ihren
Traditionen persnlich zollen mu. Ist der monarchische Begriff unvollkommen
vertreten, hat man es mit schroffen, anmaenden Frsten zu thun, so wird uns der
Kampf gegen das berma ihrer Prrogative leichter werden. Schmerzlich aber ist
es allerdings, mit liebenswrdigen Persnlichkeiten in principiellen Conflikt zu
gerathen!
    Ein anstndiger Republikaner, besttigte Dankmar etwas ironisch und meinte
es doch ernst, ist allerdings zu bedauern. Man will denn doch nicht dastehen,
als htte man seinen Knigge nicht gelesen. Die Henker sogar haben in der
Geschichte, ehe sie die traurige Kunst ihres Schwertes zeigten, gewisse Personen
selbst vorher um Entschuldigung gebeten.
    Siegbert meinte, Das wre ein sehr groer Fehler der bevorrechteten Stnde,
da sie sich keine Politik ohne Misachtung der Personen denken knnten und
wiederum wren unsere Zeitgenoasen gerade noch deshalb fr die Politik unreif,
weil sie, wenigstens in dem Staate, in dem sie lebten, die Personen ganz und gar
mit dem Principe verwechselten. Nehmen Sie diese Flottwitz, sagte er. Tausende
sind wie diese! Sie halten sich an die persnliche Erscheinung der Monarchie und
wollen wie Wunderglubige die Kraft ihrer Andacht nur durch die Unmittelbarkeit
der Berhrung strken.
    Oder, sagte Dankmar, der trotz einer gewissen Aufregung durch das Interesse
fr Mangold und Auguste Ludmer besonders guten Humors war - die Flottwitz und
die Nase der Excellenz hatten ihn belustigt - oder sie strken ihre Andacht
durch ein unmittelbares Eingreifen, besonders in die knigliche Chatoulle. Ja,
Egon, ich gedenke, von dem Heidekrger Justus, der dreimal gewhlt worden, zwei
Chancen fr dich zu gewinnen und bei dieser Gelegenheit ihn zu fragen, ob der
pensionirte Major vom Busche, der in seinem Wahlkreise die groen Adressen fr
Frst und Vaterland prete, jetzt auch noch das Geld fr die Noten bekommt, die
seine Tochter auf einem vom Knig ihr geschenkten Pianoforte spielt.
    Verkehrte Welt! rief Egon nach Erzhlung dieser Anekdote aus. Hier haben wir
noch die arkadischen Sitten patriarchalischer Zeiten, dort nagt die Zweifelsucht
schon Alles in Millionen zusammenhangloser Atome! Nenne uns Einer das
Zauberwort, das neue Menschen schafft, die fr die alte Welt passen, oder eine
neue Welt, die die alten Menschen nimmt, wie sie einmal sind! Nichts schickt
sich mehr in's Andre. Der Stoff, der Jahrtausende lang die Herzen kittete und
band, scheint verbraucht. Die Ecksteine sind verworfen und wo gibt es neue? Das
Todesbeil kann kein Leben schaffen. Aus dem Blute der Geopferten steigt die
Rache und kein Segen blht, wo einmal geflucht wurde. Die Menschheit geht nicht
die richtige Bahn. Wer greift die Zgel und schleudert das Gefhrt auf die
Seite, wo keine Abgrnde drohen? Ich suche eine Formel, eine Lehre, die grer
ist als alle Knige der Welt und vor der die Knige und Bettler zugleich
anbeten! Pflicht! Pflicht! Trtest du aus den Wolken und zgest wie eine
entschwebende Glorie ber die Erde hin, da Alle die Hnde ausstreckten und
riefen: Bleibe bei uns! Verspottet mich nicht Freunde, die Scene mit dem
Knigspaare hat mich doch so aufgeregt, da ich blutige Thrnen weinen mchte,
wie Alles doch so verkehrt geordnet, so toll verwirrt, so unauflslich und
unentwirrbar ist.
    Dankmar warf seine glhende Cigarre aus dem Wagen, so erschreckte ihn die
Art, wie Egon seine Scherze aufnahm ... Er fragte, ob er Egon verletzt, gekrnkt
htte.
    Nein, sagte dieser bewegt und reichte allen Dreien die Hand; ist es nicht
erschtternd, da wir vier, die wir die Dinge, wie sie jetzt gehen, mit gleicher
Aufrichtigkeit hassen, uns doch nicht vereinigen knnen ber den Weg, wohin sie
gehen sollen? Da ein Communist, hier ein Radikaler, Freund Siegbert, wie ich
schon hrte, als wir auf die Terrasse stiegen, ein idealer Sozialist, und ich
...
    In diesem Augenblicke ertnte in der Ferne ein greller Pfiff. Der Kutscher
hieb so heftig in die Pferde, da der Ruck, den der Wagen dadurch erhielt,
Egon's fernere Rede unmglich machte.
    Die Eisenbahn! riefen die Bedienten fast sich berneigend.
    Man sah in der merklich vorgeschrittenen Dmmerung den Rauch einer
daherbrausenden Lokomotive. Der Kutscher wollte ihr zuvorkommen und den
Durchschnitt der Bahn noch gewinnen ... Aber schon fanden sie die Barriere
verschlossen und muten halten.
    Wie sie so stillhielten, kam von der andern Seite mit gleicher Schnelligkeit
eine Gesellschaft zu Pferde. Auch sie glaubte noch das Schlieen der Schranken
berholen zu knnen, kam aber ebenfalls zu spt. In der vom dunkeln mit Wolken
gemischten Abendroth widerstrahlenden Beleuchtung nahm sich diese Cavalcade, an
deren Spitze eine Dame hielt, auerordentlich malerisch aus. Wenn der Herbst
ohnehin so reich an schnen Wolkenmomenten ist, so hatten sich gerade heute
dunkelrothe, blaue und gelbe Farben zu einem Hintergrunde gemischt, aus welchem
diese Rosse, diese Reiter und diese Amazone sich mit der lebendigsten Wirkung
abhoben. Dazu rollte in weiter Ferne ein Donner und ein leichter Blitzschimmer
zuckte zuweilen durch das dunkle Gewlk, das jene Reitenden nicht zu achten
schienen.
    Wie die Amazone in einem schwarzen Sammetrocke mit langherabhngender
Schleppe und einem frmlichen Mnnerhute, der ihr jedoch mehr im Nacken, als auf
der Stirn sa, so gewaltsam mit ihren Begleitern heransprengte, da im
Augenblick, als die Schranken geschlossen wurden, die Pferde fast auf die Kruppe
zu stehen kamen, erkannten die Brder Wildungen Melanie Schlurck.
    Egon, der von der Schnheit dieser majesttischen und in der grellen
Beleuchtung des farbenreichen Abendhimmels doppelt blendenden Erscheinung
mchtig ergriffen wurde, entdeckte sogleich, da die Brder die Reiterin
kannten. Dankmar, statt ihm zu sagen wer sie war, fragte, ob er sich nicht einer
hnlichen Scene bei Hohenberg im Walde erinnerte?
    Wohl, sagte Egon, das ist Dieselbe, die uns in dem Augenblicke begegnete,
als uns von unserm Wgelchen der junge, rothhaarige Fhrer durchging, Schlurck's
Schreiber ...
    Und dies ist Schlurck's Tochter, die schne Melanie, wie man sagt die
Verlobte jenes jngern Mannes, der ihr zur Seite reitet, des Stallmeisters
Lasally. Ich tusche mich nicht, es sind dieselben Herren wie damals. Der
Justizdirektor Herr von Zeisel, und der Banquier von Reichmeyer ... die Andern
kenn' ich nicht.
    Siegbert grte ber die Barriere hinber; nicht minder bewegt, wie Dankmar,
der beim Anblick des schnen, ihm zu jeder Stunde so liebevoll und freundlich
gewesenen Mdchens seine gewhnliche Selbstbeherrschung verlor und nicht jede
Frage verstand, die Egon an ihn richtete.
    Die Lokomotive kommt, sagte Louis, die Dame ist der Barriere zu nahe.
    Und Egon, sich auf den Anblick dieses Mdchens in jener Mondnacht, wo sie im
Nachtkleide zum Fenster seines Schlosses in Hohenberg hinausblickte, von neuem
wohlbesinnend, ergriffen von der Mglichkeit, da das Ro des schnen Mdchens
scheuen knnte, sprang auf und rief hinber:
    Ich bitte Sie, Frulein! Reiten Sie zurck!
    Reichmeyer und Zeisel zogen unablssig den Hut und schienen ganz die Meinung
des Prinzen zu theilen ...
    Melanie lehnte sich von ihrem englischen Sattel ein wenig seitwrts, um die
donnernd heranbrausende Lokomotive nicht zu sehen und kehrte ruhig lchelnd und
fr die bewiesene Theilnahme sich leicht verbeugend, als sie vorbei war, wieder
in ihre alte Stellung zurck ... Lasally fate ihre Zgel .... Sie schien es
verhindern zu wollen ... In dem Augenblick fuhr der Train mit seinem feurigen
Vorspann mit wuchtvoller, centnerschwerer Sicherheit ber die Schienen hin ...
Als er vorbergedrhnt war, wurden die Schranken geffnet ... Egon's Pferde
zogen an. Melanie mit einer eigenthmlichen Befriedigung auf Dankmar, Siegbert
und den ihr bisher nur in einer Blouse bekannt gewordenen, jetzt endlich,
endlich sichtbaren wahren Prinzen Egon herabsehend, sprengte nicht ohne Stolz
und mit einem eigenen lchelnden Ausdruck an ihnen vorber ... Die Andern
folgten ... auer Herrn von Zeisel, der am Wagenschlage seiner Herrschaft hielt
und um die Befehle der Durchlaucht bat, ihm Glck wnschend zu der ersten
Ausfahrt.
    Bei diesem Wetter reiten Sie? fragte Egon. Wir werden einen Sturm haben.
    Grillen eines schnen liebenswrdigen Mdchens, Durchlaucht! sagte Zeisel
etwas verlegen.
    Sagen Sie diesem Mdchen, da sie ein Engel ist! Kommen Sie doch morgen mit
Heunisch ganz frh zu mir. Ich habe weitluftige Auftrge fr Sie! Aber jetzt
Adieu! Adieu! Gren Sie die Amazone! Verspten Sie sich nicht!
    Herr von Zeisel zog den Hut ehrerbietigst und ritt in etwas unfreiwilligem
Galopp seiner Gesellschaft nach ...
    Egon blieb einen Augenblick aufgerichtet im Wagen ... hielt sich, da die
Federn schwankten, an der Rcklehne ... und schaute, trunken vor Interesse.
    Vom schwarzdunkelblauen Hintergrunde aus nahmen sich die Reiter wie die
Boten des Sturmes aus. Ein Blitzstrahl zuckte ber Melanie hin, eben als sie
sich noch einmal umwandte. Der Schimmer erleuchtete blulichwei ihre
edelgeformten Zge, in denen Siegbert, leise zum Ohre des Bruders gewandt, etwas
Melancholisches, Kummervolles entdeckt haben wollte, das ihr sonst so fremd war
...
    Egon konnte, als sie weiter fuhren, nicht begreifen, wie ihm diese
Erinnerung jemals htte schwinden knnen!
    War es die Sorge um die Strung durch den nrrischen Einfall deines
Begleiters, sagte er, oder lebten meine Gedanken nur in Dem, was ich auf dem
Schlosse meiner Eltern vorhatte, ich erinnere mich wohl, auch schon damals von
dieser blendenden Erscheinung berrascht gewesen zu sein, allein der Eindruck
schwand und erst jetzt erneuert er sich in ganzer Frische. Wie sind diese Formen
des Halses und der Brust so regelmig! Wie vollendet gewlbt ist dieser Rcken,
den ich mich nur erinnere, an einer Statue der Venus im Pariser Louvre gesehen
zu haben! Und diese Rundungen, die von den freien Schlfen und der klaren Stirn
herab sich ber die Wangen zum Kinn ziehen, wie weich! Wie Wachs! In dem Munde
liegt ja ein ganzes Compendium jener Mimik, die Frauen von einer nicht zu
excentrischen Leidenschaft und einer bewuten Wrme ihrer Empfindungen so sehr
in der Gewalt haben!
    Die Gebrder Wildungen sahen von ihrer eigenen Liebe getroffen wehmthig zu
Boden ...
    Wie es zwischen jungen Mnnern zu geschehen pflegt, ihre Gesprche beginnen
mit dem Universum und hren mit den Frauen auf. Es ist das einzige Thema, wo
alle Parteien sich rasch verstndigen und ber den Begriff der Schnheit soviel
Nancen zulassen, wie nie ber einen ideellen andern Gegenstand. Da ist der
entgegengesetzteste Geschmack zu vereinigen und es luft bei den
verschiedenartigsten Wesen, die man vergleicht, immer darauf hinaus, da
Dasjenige fr wahrhaft schn erklrt wird, was gefllt.
    Louis hatte in dieser Unterhaltung, die bei dem raschen Zufahren des Wagens
sehr lebhaft gefhrt werden mute, um sich verstndlich machen zu knnen, die
angenehme Genugthuung, da Egon seine Beispiele lieblicher Erscheinungen aus der
Frauenwelt von seinen Erinnerungen aus Lyon hernahm und mit einem dem Bruder
Louison's gebotenen Handdrucke sagte:
    Louison hatte Alles, um zu gefallen. Augen, die nicht unstt umirrten,
Augen, die, wenn sie empfand, stillstanden und Den, den sie ansah, ganz in sich
aufnahmen, ja hinberzogen wie in eine trumerische Vergessenheit aller Dinge!
Louison hatte die schnsten Zhne und lachte doch nur selten! Wer die Eitelkeit
der Frauen kennt, wird begreifen, was es heit schne Zhne haben und nicht
jedes Wort mit einem Lcheln begleitet sehen. Stieg ihr dann aber auch der
Schalk in den Nacken, wie konnte sie ausgelassen sein! Wie schlug sie den Arm um
meine Schulter und blies mir, wie ein Kind, dem Stubchen in's Auge geflogen
sind, so von der Stirn jede Wolke des Unmuthes! Da konnte sie sich schmiegen,
der zarten lieblichen Gestalt Wendungen geben, wie der Knabe einer Weidengerte.
Ja, wenn ich oft zrnte und ber Mancherlei schmollte, war's da nicht wie mit
der Blume im Topfe, die der Sonne zugewendet blht? Man dreht den Scherben um,
lt die Blumenkrone in den Schatten sehen und in wenig Stunden langt sie mit
ihren Armen doch schon wieder nach der Seite des Lichtes hin! Ich will Louison's
Andenken nicht entweihen und von ihrem Kusse sprechen. Aber Das kann ich ihren
Zrtlichkeiten nachsagen, Louis, da sie die Eingebungen des Herzens waren. Was
das Raffinement des Verstandes, die kalte Leidenschaft, die gemeine Erfindung,
die Liebe entweihend, an Mysterien der Hingebung nur ergrbeln kann, das kam
unsrer armen Louison wie ein Einfall der Schalkhaftigkeit und Laune. Ich
behaupte, jede Zrtlichkeit eines Weibes, die nicht der Herzensgte entstammt,
ist ein Gift und rcht sich durch den berdru. Ich hasse das strmische,
hastige Naschen vom Baume der Erkenntni. Aber ekel sieht die Asche der
verglhten Leidenschaft aus! Ah, Louison! Du hattest ein Geheimni, das so
Wenige verstehen: Du schwiegst, wenn du liebtest! O wie beredtsam war dies
Schweigen! Wie gengte diese ruhige, stille, stundenlange trumerische Umarmung!
Dieser einzige Blick, wenn sie zu meinen Fen sa und nur aufschaute und sagte:
Rhr' dich doch nicht! Ich brauche nur deine Augen zu sehen! Und Das that sie
stundenlang, hielt meine Hand und schwieg. Und nun schweigt sie fr ewig!
    Die Einfahrt in die lebhafte Vorstadt, der Hinblick auf die eben
aufblitzenden Gasflammen der dunkeln innern Stadt brach diese wehmthige Wendung
des Gesprches ab.
    Egon ermannte sich, dankte den Brdern Wildungen fr den freundlichen, ihm
bereiteten Tag und bat nur entschuldigen zu wollen, da er mit seinem Freunde
Louis die Ruhe suche. Er fhle sich erschpft, bedrfe fr morgen gestrkter
Krfte und dann zu Louis sich wendend, sagte er:
    Mit Heunisch wirst du vielleicht noch heute sprechen, nicht wahr?
    La mir jede Sorge, Freund! antwortete Armand.
    Ihm und Zeisel bertrage das Delogement der wiedereroberten Andenken an
meine Mutter! Ich nehme die Sachen nach Hohenberg. Gnaden und Herablassungen
dieser Art mu man so nehmen, wie sie geboten sind, sonst ngstigt man den Geber
und lt ihn glauben, man fhle sich durch seine Gte verletzt oder wisse sie
nicht zu schtzen.
    Es trat eine Pause ein. Man hatte zuviel erlebt, zuviel Eindrcke fhrte man
mit sich heim ...
    Der Wagen rollte pfeilschnell ...
    Doch sagte Egon, gleichsam um der Bekanntschaft des ihm so wohlthuenden
Siegbert die letzte Weihe zu geben:
    Sprechen Sie noch heute die Frstin Wsmskoi?
    Siegbert bejahte.
    Nun, so bereiten Sie mir daselbst fr morgen einen gnstigeren Empfang vor,
als ich nach der schlimmen Meinung der Kinder scheine erwarten zu drfen.
Jedenfalls mu ich Rudhard sehen, dessen Namen ich so verehre, da ich mich in
Frankreich nach ihm nannte. Sagen Sie ihm Das! Ich habe viel von Dem, was meine
Mutter ihn so bel empfinden lie, wieder gut zu machen und sind auch meine
Mittel gering, so gehrt er, das wei ich, zu Den Menschen, die sich auch durch
Gesinnung belohnt fhlen.
    Nahe beim Palais des Prinzen stiegen Dankmar und Siegbert aus und muten
versprechen, morgen bei Egon zu speisen.
    Wir haben auch wegen der Deputirtenwahl zu reden, sagte der Frst lchelnd.
    Wohl, erwiderte Dankmar, diese Angelegenheit kann nicht schnell genug
betrieben werden.
    Als Louis den Schlag von innen zudrckte, gab ihnen Dankmar, dem Arbeiter
wie dem Prinzen, mit gleicher Herzlichkeit die Rechte.
    Die Brder sahen dann dem Wagen nach, wie er rasselnd in das Portal des
Palais einfuhr ...
    Bist du befriedigt? fragte Dankmar, als sie allein waren.
    Vollkommen! erwiderte Siegbert. Dieser Egon besitzt den Stoff zu einer
groen Zukunft!
    Was ich thun kann, ihn hochzuhalten, soll geschehen und mt' ich selbst der
Schemel dazu sein; sagte Dankmar.
    Warum sprachst du nichts von unserm Proce? fragte der Bruder.
    Bei gnstigerer Gelegenheit. Wir sind ihm noch zu ideell ... Und nun: Guten
Abend, Bruder! Du gehst zu ...
    Wohin anders als zu meinen Kranken, sagte Siegbert fast wehmthig. Denn Das
sind diese Wsmskoi's! Sie bedrfen meiner um zu leben und ich fhle, wie
qualvoll die Leiden ... eines Magnetiseurs sein mgen.
    Die Kleine ist lieblich, voll Charakter, reif zu einem Roman! sagte Dankmar
voll Herzlichkeit, die schmerzliche Wehmuth des Bruders wohlverstehend. Warum
weinte sie? Gewi nicht deshalb, weil du nicht mit ihr fuhrst ...
    Sie weinte, sagte Siegbert bebend, weil sie glaubt, da ich die Mutter liebe
...
    Richtiger, sagte Dankmar ernst und voll Schmerz, weil diese Mutter dich in
Wahrheit liebt!
    Siegbert schwieg ...
    Beide Brder standen sich so voll innerstem Antheil gegenber.
    Ich gehe nach Haus, sagte Dankmar, um fr uns zu lesen, zu schreiben, zu
arbeiten. Vielleicht auch noch etwas auf das Caf Richter!
    Komm' nicht zu spt!
    Die Brder trennten sich mit innigem Hndedruck ...
    Htten sie noch einige Minuten gewartet, so wrden sie noch Louis getroffen
haben, der eben rasch, verstrt und in groer Unruhe aus dem Portale trat ...
    Was war ihm begegnet?
    Nichts, als da er den Prinzen die Treppe hinauffhrte und ein Licht aus
einer der dienenden Hnde nahm, um Egon in ein schon dunkles Zimmer zu begleiten
... Wie er an das letzte kam, dem Egon, um sich auf seine weichen Polster zu
werfen, mit rechtem Verlangen schon nher entgegentrat, hrte er drinnen den
jubelnden Ausruf einer weiblichen Stimme: Egon da bist du! ... Er trat ahnend
nher, das Licht erlosch, er hrte den feurigen Ku einer sehnsuchtsvollen, zur
rasendsten Ungeduld gesteigerten Begrung ... er fhlte eine weiche Hand, die
einen elektrischen Schlag auszusprhen schien, die seine ergreifen und ihn mit
einer einzigen Bewegung fast an die Thr zurckschleudern ... Er trat von selbst
zurck. Die Thr fiel in's Schlo und wurde von innen verriegelt ...
    Louis stand eine Sekunde im Dunkeln, besann sich und suchte mit raschem
Entschlusse, weil sein beklommenes Herz zu ersticken frchtete, das Freie.
    Vergebens sah er sich nach den Brdern um, von denen er nichts mehr
entdeckte. Ein ferner Donner rollte und helle Blitze zuckten ... Dennoch langsam
und tiefaufseufzend ging er der Wallstrae zu, um Heunisch's Abreise noch um
einen Tag zu verhindern und sich durch einen freundlichen, Franziska
dargebrachten Abendgru fr seine Befrchtungen ber die Ausshnung zwischen
Egon und Helene d'Azimont zu trsten.

                              Vierzehntes Capitel



                              Wahre innere Mission

Als an demselben Tage Mittags Louise Eisold nach Hause gekommen war und sich in
ihrem Hinterhofe auf der Brandgasse die steile Treppe an dem glatten Seile
hinaufgeleiert hatte, wenn man einen Ausdruck der Mgde am Brunnen auf die
Erleichterung des Emporsteigens ber eine so halsbrechende Treppe anwenden will,
waren ihre Kleinen ber den Ausgang, der doch eine Stunde gedauert hatte,
ungeduldig genug geworden.
    Das Jngste, die kleine Johanna, wollte sich von Friederike und Heinrich
nicht beschwichtigen lassen, und schon auf der Treppe, wo ihr eine Nachbarin,
der sie die Aufsicht bertragen hatte, sagte, da Alles gut stnde, hrte Louise
doch den kleinen Schreihals, den sie schon auf der Galerie durch laute
Schmeichelworte beruhigte, ehe sie noch eintrat und das nach ihr verlangende
Kind auf den Arm nahm.
    Das einfache Mahl war schon frh Morgens zubereitet und stand bei der warmen
Asche auf dem Feuerherd. Der Brei fr das weinende Kind war bald gewrmt und mit
hundert Liebkosungen und Schmeichelworten, mit hundert scherzenden Anklagen
ihrer selbst, auf ihrem Schooe ihm dargereicht.
    Als der letzte Lffel voll verspeist war, that es auf ein paar Strophen vom
schwarzen und weien Schfchen die uglein zu und schlief ein.
    Jetzt kamen Riekchen und Heinrich an die Reihe des Speisens. Der kleine
Zweijhrige lrmte auch und jammerte. Dem gab Louise es aber schon derber mit
Anwendung der Strafrechtsprincipien nicht auf sich, sondern den Kleinen selbst.
Aber Heinrich beruhigte sich erst, als er die Lffel klappern hrte und Riekchen
das Salzfa brachte, das Louise immer zu vergessen pflegte. Nun fehlten freilich
noch Linchen und Wilhelm, aber auf diese kleinen Zeitungstrger war nie sicher
zu rechnen. Oft blieben sie ber Mittag ganz aus und halfen sich durch Brot und
schlechten Kaffee, den sie sich dicht bei der Druckerei in einem Keller geben
lieen. Karl, der lteste, a drauen in der Willing'schen Maschinenfabrik.
    Als Louise gebetet, vorgelegt, Brot geschnitten, sich und die Ihrigen mit
der einfachsten Kost gesttigt hatte, deckte sie wieder ab und besorgte die
Wiederherstellung der Reinlichkeit in der Kche. Dann lftete sie das Fenster,
um den Egeruch zu vertreiben. Hannchen schlief, auch Heinrich streckte sich
jeden Mittag noch etwas in dem alten Lehnstuhl des seligen Urgrovaters.
Riekchen hatte im Zimmer keine Geduld, sondern kletterte die Stiege hinunter und
hpfte in dem Hof und auf der Strae umher. Louise aber ging an ihren
Stickrahmen und eilte sich, das Versumte nachzuholen. Heute nach der Anregung
durch Franziska, durch das Gedicht, durch die Erinnerung an Hackert ging die
Arbeit ganz besonders flink. Und die Aussicht auf die Waldpartie am nchsten
Sonntag machte ihr die Hnde vollends noch einmal so rhrsam.
    Das uere Leben armer Menschen, die fleiig sind, ist einfach. Eine
Viertelstunde in Einem weg das Haupt gebeugt, immer den Rcken gekrmmt, dann
einmal ein Blick durch die bleigefugten kleinen Fensterscheiben, ein Blick nur,
ein ganz kurzer ... Es gibt immer etwas zu sehen. Ein Spatz fliegt an's Fenster,
ein Kfer brummt in den paar bescheidenen Lack- und Resedastcken drauen auf
einem seit langer Zeit verwitternden Blumengerst. Drben auf dem Dache klettert
behend eine Katze und schleicht mit ihren sammetweichen Pfoten behutsam um den
groen Hauslaufknollen herum, der unter einer Dachluke wild hervorgewachsen ist.
Bei jedem Blicke, den sich Louise alle Viertelstunden einmal gnnte, blieb immer
etwas haften, was sie von der wogenden unruhigen inneren Welt, die in ihr lebte,
ein klein wenig trstend und beschwichtigend abzog und sollt' es nur die Freude
ber den blauen Himmel sein. Die bsen Wlkchen, die sich von der Terrasse in
Solitde sehen lieen, brauchten lange Zeit bis sie in dem kleinen Gevierte von
Himmelsluft, das man von diesem Hinterhofe aus berschauen konnte, gesehen oder
auch nur geahnt wurden.
    Ein Besuch fand sich hier oben, seit der alte Urgrovater in das groe
Kunstwerk der Weltenuhr blickte und keine irdischen Zeitmesser mehr zu regieren
brauchte, selten ein. Bei Herrn Murray nebenan war es so still, wie es bei
Hackert gewesen war. Schmelzing, der fr Dichter, Schauspieler, Advokaten und
die Polizei Copiaturen fertigte, war auch nicht mehr da. Der war oft verliebt zu
ihr gekommen und hatte sie mit seinen Zrtlichkeiten belstigen wollen, ihr aber
mit seinen Schreiberrmeln nur ihre Arbeiten verwuschelt. Einen Gast, der sich
auch um die Mittagszeit zuweilen einfand, den grauen Herrn Bartusch, lie sie
kalt und um so sprder an, als sie in ihren sprlichen Finanzen Ordnung hielt
und sich vor ihm nicht zu demthigen brauchte. Gestern erst hatte sie ihm
gesagt, er mchte sie mit seinen Besuchen, die immer mit soliden Dingen anfingen
und mit versuchten garstigen Zumuthungen endeten, verschonen. Ja sie ging sogar
in ihrer jeweiligen kleinen Malice so weit, dem alten unverbesserlichen und von
seinem Temperamente wahrhaft geplagten Herrn zu sagen, sie wolle die
Maler-Guste, die Frau Rathsdienerin Spie und hnliche Favoriten Seiner
Gestrengen nicht auf sich eiferschtig machen. Da sie ihn bei alledem doch
nicht ganz ungern kommen sah, lag darin, da er Manches ber Menschen plauderte,
die ihr lieb und werth waren. Von Hackert hatte er ihr zu ihrem Schrecken
erzhlt, da er wirklich beim Oberkommissair Pax arbeitete und vielleicht bald
in einem feurigen Kragen am Rocke einherstolziren wrde, was sein Haar nur
noch angenehmer heben wrde. Schmelzing untersttze ihn. Wo Das hinaus solle,
wisse noch kein Mensch. Erst vor einigen Tagen wre er beim Justizrath mit einem
fremden Prediger gewesen, der bei einer russischen Herrschaft lebe und htte den
Justizrath wie ein Staatsprokurator ber eine alte Bildergeschichte frmlich zu
Protokoll genommen. ber Melanie, Lasally, ber den Proce der jungen Thringer,
die er hier bei Hackert an jenem Abende getroffen, ber alle diese Gegenstnde
der Tageschronik plauderte Bartusch bei Louisen immer so lange, bis er die
Gelegenheit fr gnstig hielt, sich fr seine unterhaltenden Mittheilungen eine
Zuthunlichkeit erlauben zu drfen. Damit kam er aber denn doch immer bel an,
soda ihm Louise zur Erkenntlichkeit nicht einmal ihrerseits Rede stand, wenn er
von Danebrand, von Murray, von der Auguste Ludmer, die sie nie genauer gekannt
hatte, etwas wissen wollte. In der uerung, da sie doch zu beklagen wre,
neben einem so zweideutigen Manne zu wohnen, wie dieser Englnder mit der
schwarzen Binde wre, mute sie ihm Recht geben, fgte aber hinzu, da er ihr
noch keine Ursache zu irgend einem Verdachte gegeben. Dieser Sonderling wre ein
stiller, gedrckter Mann, der von Morgens bis Abends spazieren ginge, viel
englische Bcher lese und sich im Zeichnen be, das ihm, in Zeiten, wo ihm noch
nicht die Hand gezittert htte, sehr gut von Statten gegangen sein msse.
    Alle diese Gedankenreihen von gestern und heute durchfliegend, fiel Louisen
in einem Glase, das auf der Commode im Eck stand, eine Karte auf.
    Sie griff darnach und sah, da es eine Visitenkarte war, die auf den Namen
Sylvester Rafflard lautete.
    Wo kommt diese Karte her? dachte sie.
    Die Karte war so glatt, so frisch, so neu, als htte sie Jemand eben erst
abgegeben.
    Sie wird fr Murray sein! dachte sie und wollte ihrer Riekele rufen, falls
die im Hofe war. Sie von der Strae zu rufen, war sehr umstndlich und kostete
Zeit.
    Von der Galerie, dachte sie, werd' ich ja sehen.
    Damit ging sie hinaus, die Karte zufllig in der Hand haltend.
    Drauen beugte sie sich ber die Brstung der alten bauflligen Galerie, sah
Riekchen nicht, hrte aber Jemand mhsam die Treppe heraufsteigen. Sie ging
einige Schritte vorwrts und erblickte schon Murray's zerknitterten Hut. Ein
groer goldener Siegelring an der weien zarten Hand des Alten stach sonderbar
gegen den Strick ab, an dem sich die zuerst sichtbare Hand hielt.
    Ah! sagte der Alte, als er oben war. Das ist steil! Gesegnete Mahlzeit, mein
liebes, gutes Kind! Ich wei schon, was Sie in der Hand haben.
    Ich war nicht daheim und finde die Karte. Galt der Besuch Ihnen, Herr
Murray?
    Das kleine Riekele hat mir's schon unten erzhlt. Wer ist's denn -
    Damit war er an seiner Thr, holte Athem, schob seine ber einen Draht
gezogene Taffetbinde etwas hher und las gegen das Tageslicht, das etwas
sprlich auf die dunkle Galerie fiel, jene Karte.
    Dabei fuhr er sich ber die Stirn und hob die schwarze Perrcke etwas hher.
    Wer ist Herr Sylvester Rafflard? sagte er, hielt sich aber mit diesem
Forschen nicht auf, sondern schlo schon sein Zimmer auf; Nr. 68 mit den noch
immer vergitterten Fenstern.
    Kann ich Ihnen etwas helfen, Herr Murray? fragte Louise Eisold. Das Wasser
wird nicht frisch sein? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden, so sagen Sie es
nur!
    Danke! Danke! Mein gutes Kind; antwortete der Alte, immer freundlich und
mild. Aber die Miethe ist fllig.
    O bitte, Herr Murray ...
    Nein, nein, Pnktlichkeit in Geld- und Liebessachen. Nicht wahr, liebes
Frulein?
    Geben Sie mir nicht zu hohe Titel, Herr Murray! sagte Louise. Nennen Sie
mich schlechtweg, wie ich heie, Louise Eisold.
    Darf ich denn Louischen sagen? fragte Murray, den Hut wegstellend und seine
Handschuhe, die er schon ausgezogen hatte, hinlegend.
    Wenn's Ihnen bequem ist, Herr Murray! plauderte Louise bei noch halb offener
Thr.
    Gut, Louischen, kommen Sie her, ich mu Ihnen die Miethe zahlen!
    Dabei zog Murray eine Schublade, die er inzwischen aufgeschlossen hatte,
ganz hervor. Sie war zu Louisens Erstaunen so schwer, da er Mhe hatte, sie nur
herauszubekommen.
    Louise mochte nicht nher treten und ber die gebckten Schultern des Alten
hinwegsehen. Aber sie htte schwren mgen, wenn sie nher trte, mte sie
nichts als groe Geldrollen sehen, so wlzte sich Das in der Schublade, und es
war ihr auch, als klingte etwas wie Gold. Um so auffallender aber der
Contrast, als Murray nicht etwa eine groe Geldrolle, sondern ein kleines
ledernes Beutelchen hervorzog, es langsam ffnete und in lauter kleiner
Scheidemnze zwei Thaler auf den Tisch mhsam zusammenzhlte ...
    Louise zhlte nach und fand die Summe richtig. Wie sie sich wandte, bemerkte
sie fast erschreckend an den Eisenstben drauen vor dem Galeriefenster einen
inzwischen heraufgeschlichenen Besuch. Es war eine hohe, schlanke, weibliche
Figur, die ihr nicht unbekannt schien. Indem sah sie auf Murray und bemerkte die
pltzliche berraschung durch jenes Frauenzimmer, das man nicht hatte kommen
hren, auch bei ihm. Der Besuch blickte lachend durch die Fensterscheiben und
das Gitter und schien neugierig zu forschen, ob sie nichts von den Schtzen des
eben in Geldgeschften begriffenen Alten entdecken konnte. Rasch stie Murray
die Commode zu und zog den Schlssel ab.
    Das Mdchen, das darber in lautes Gelchter ausbrach und die Thr mit dem
Fue zurckstoend eintrat, war Auguste Ludmer.
    Das ist deine Spelunke, Alter! rief sie. Hier haust du jetzt und hast so
schne Nachbarschaft?
    Louise erkannte nun vollkommen jenes Mdchen, das in diesen Husern auf Nr.
17 gewohnt hatte und auf dem Fortunaball mit Murray verhaftet worden war.
Betroffen wandte sie sich ab, strich ihr Geld mit der hohlen Hand ein und
verlie, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. Selbst wenn sie es mit ihrer
Wrde fr vereinbar htte halten knnen, zu lauschen, wrde sie sich nicht in
der Kche lnger verweilt haben; denn Murray, das sah sie wohl, ffnete das
zweite Zimmer, das, frher, durch einen vorgeschobenen Schrank getrennt,
Schmelzing bewohnt hatte, und ersuchte Auguste Ludmer dort einzutreten. Louise
legte auf ihrem Zimmer die Miethe in ihre kleine Kasse, notirte sie in einem
Bchelchen und setzte sich nieder zur Arbeit, tiefergriffen von dem Nachdenken
ber die Mglichkeit, wie es weibliche Wesen ber sich vermgen, sich so tief
sinken zu lassen wie jene Maler-Guste, deren Nhe ihr unheimlich war und den
Alten mit seinem schweren Commodenkasten pltzlich wieder genug verdchtigte.
Tugendhafte Frauen fliehen Gesunkene wie jene Auguste, aber sie denken viel ber
sie nach und suchen sie nach den ersten heftigsten Anklagen meist mit einem
schmerzlichen Gefhl ber das unsichere jammervolle Frauenloos im Allgemeinen
tiefaufseufzend zu entschuldigen.
    Da siehst du, Auguste, wie man dich flieht, begann Murray, als er mit dem
noch immer lachenden wilden Besuch allein war und die Maler-Guste sich in
Schmelzing's ehemaliger Klause umsah.
    Papa, rief sie, und warf sich fast der Lnge nach auf einen Stuhl hin, da
dieser knackte und wackelte, Papa, die geht auch lieber auf einen Ball, als
Sonntag Nachmittags in die Spittelpredigt. Wir haben sie ja in der Fortuna
gesehen.
    Was bringt dich her, Louise? fragte Murray, nahm einen Stuhl und wollte sich
ihr gegenber setzen.
    In quecksilberner Beweglichkeit sprang sie aber sogleich wieder auf und
rief:
    Erst, Alter, la mich deinen Palast sehen, wo du deine Schtze vergrbst!
Hierher, denkst du, steigen die Spitzbuben nicht nach? Drinnen die Eisenstangen,
die haben dich wohl gelockt, oder unterhltst du dir das Mdchen, die sich eben
die Hnde wscht von deinen schmuzigen Viergroschenstcken?
    Ich gewhne mich, siehst du, sagte Murray mit scharfer Betonung, an die
angenehme Gelegenheit, hinter Schlo und Riegel zu kommen, wenn man sich mit dir
ffentlich blicken lt.
    Papa hat Furcht gekriegt. Ha! Ha! Deshalb stand ich immer vergebens an
meinem Theetopf in der Knigsstrae und dachte, dein Alter kommt nicht ...
    Ich zu dir? erhob sich Murray ernster. Du weit doch, was ich dir sagte, als
man uns von Gerichtswegen gehen hie und ermahnte, nunmehr anstndig und
sittlich zu leben? Ich suchte eine Wohnung fr uns Beide. Diese war dir zu
schlecht und eine bessere ist theurer ...
    Geizhals! Ha! Ha! Hier sollt' ich wohnen? Auguste Ludmer, die deine
Brillanten trug, in diesem abscheulichen Loche? Heute ist schnes Wetter und
hier ist's so dunkel, da man die Hand kaum vor den Augen sieht ...
    Das machen die schnen Gardinen ... Siehst du nicht?
    Auguste lachte ber diese ironischen Worte und zerrte an einem der roth- und
weigestreiften kattunenen Vorhnge.
    Nein, Mnnchen, sagte sie, so haben wir nicht gewettet. Das sollte ein Bett
sein? Das wre ja um sich Beulen zu liegen ...
    Aber reinlich.
    Kein Sopha -
    Vier Sthle -
    Kein Spiegel ...
    Murray mit einer eisernen Ruhe und Gelassenheit, seine zarten Hnde sich in
ihren Flchen reibend, als wollte er Brotkrumen drehen, immer lchelnd und mild,
zeigte auf das Fenster.
    Auguste nahm einen kleinen Handspiegel vom Fenster und tanzte, sich darin
besehend, im Zimmer herum.
    Ha! Ha! lachte sie. Der ist fr dich! Fr Leute, die nur ein Auge haben und
ihre Perrcke nicht sehen mgen. Soll ich?
    Sie warf ihn in die Hhe, spielte Fangball damit und drohte das kleine Glas
zu zerbrechen.
    Murray griff darnach und hing es wieder an das Fenster.
    Was willst du, Auguste? fragte er dann mit groer Langmuth und Geduld.
    Alter, sagte sie, setzte sich wieder und schlug dabei die Arme und die Beine
bereinander, ich habe mich eben schwer gergert. Ich habe Schulden und kein
Geld, sie zu bezahlen. Gib mir Geld!
    Murray schttelte den Kopf.
    Alter Geizhals, dein Kopfschtteln hilft dir heute nichts, rief sie, band
den Hut ab und warf ihn auf das unbenutzte Bett des Schreibers Schmelzing und
rstete sich zu einer grndlichen Belagerung des Alten. Gib mir die Ringe, die
Uhr, die Armbnder, die mir die Polizei abgenommen hat. Wo sind sie? Meine
Kleider? Wo ist mein Bargekleid, das Linonkleid? Ich gehe heute nicht von der
Stelle hier, bis ich meine Sachen habe.
    Damit stampfte sie auf, stemmte beide Arme in die hohen gewlbten Hften und
gab ihrem in der That edelgeformten plastischen Kopfe den Ausdruck des
widerwrtigsten Hohnes und Stolzes.
    Murray erwiderte in aller Ruhe:
    Da kannst du lange warten, mein Kind!
    Murrkopf! antwortete Auguste, sich noch zhmend.
    Bleib' dann nur lieber gleich hier! Sonst nicht! sagte die schwarze Binde.
    Auguste frbte sich kirschroth. Sie warf die Arme auf den Rcken und trat
mit einer so kecken Geberde auf Murray zu, da dieser einen Augenblick, wie in
seinen Nerven erschreckt, beweglich zuckte.
    Auguste, ihren Vortheil wahrnehmend, rief:
    Wirst du vernnftig sein oder ...
    Oder? wiederholte jetzt der Alte ...
    Oder - sagte das wilde Frauenzimmer und streckte beide Arme aus, als wollte
sie den Alten an der Schulter fassen.
    Da aber nderte sich die Stellung. Murray schien sich gefat zu haben und
whrend die schnen muskulsen Arme des frechen Mdchens an seiner Schulter
zerrten, zog Murray die Schulter in rascher Bewegung zurck und packte die
beiden niederfallenden Arme des Mdchens mit einer krftigen Wendung so an den
Handgelenken und drckte diese mit furchtbarer Gewalt so einwrts, da die
Angreiferin mit einem unwillkrlichen Schrei sich bcken und lang vor ihm auf
die Knie strzen mute.
    Da ist dein Platz! sagte Murray zurcktretend, mit bebender und furchtbarer
Stimme, und wenn ich mich nicht anders besinne, schlie' ich dich hier ein und
lasse nicht Sonne, nicht Mond mehr auf dich scheinen, Elende!
    Murray hatte in diesem Augenblick sich wie umgewandelt. Seine Arme
verriethen eine jugendliche Kraft. Nichts mehr erinnerte an die Schwche des
Alters. Er schien wie gewachsen. Der gekrmmte Rcken streckte sich empor. Die
Perrcke erhob sich und die schwarze Binde lag nicht mehr auf dem einen Auge,
das eben so funkelte wie das andere und nicht den geringsten Fehler zu haben
schien.
    Auguste erhob sich langsam und chzend und an ihren Handgelenken reibend,
mit einer Scheu, als wenn ein Thier im Kfig pltzlich die Kraft der
menschlichen Bndigung gefhlt htte. Weniger die berraschende physische Kraft
des Fremden, als der Blick seiner Augen war es, der sie zhmte. Verwnschungen
murmelnd kehrte sie auf ihren hlzernen Sessel zurck und schwieg und sttzte
die Hand in den wie dreieckigen Schoo, der sich ihr mit dem einen
bergeschlagenen Bein bildete.
    Du bist so schn, Auguste, begann Murray jetzt ruhiger und setzte sich ihr
gegenber, mit Sanftmuth, wie vershnt. Auguste, du hast kein schlechtes Herz.
Wie wrd' ich sonst gehofft haben, den Strahl eines reineren Bewutseins in
deine umnachtete Seele werfen zu knnen? Aber verwildert bist du und wirst in
deinen falschen Begriffen, in dem Mangel aller Erziehung zu Grunde gehen! Hat'
ich nicht dieselben Menschen, die du hassest, ich wrde nicht den kleinen Finger
rhren, Mdchen, etwas fr dich zu thun, weil ich an dem Erfolg doch verzweifeln
mte.
    Auguste schwieg, dann warf sie die Lippen etwas auf, blinzelte mit den
zugedrckten braunen Augen, schielte von der Seite und sagte schalkhaft und den
Ernst des Augenblicks verwischend:
    Pah! Gib mir lieber den Ring da an deinen verdammten Fingern, alter Junge!
Das ist gar kein Herrenring. Den hast du irgend einer Dame gestohlen, als du
noch jung warst und die Tugend nicht so schrecklich lieben mutest, wie jetzt,
Alter! Schenk' mir den Ring!
    Damit hatte sie schon den Finger Murray's ergriffen.
    Doch krmmte ihn dieser gleich wieder so gewandt, da sie loslassen mute.
    Wetter! schrie sie und blies auf ihren gequetschten Finger.
    Ich wiederhole dir, was ich dir schon einmal sagte, fuhr Murray fort, ich
biete dir Glck und Freude drei Tage im Monat, in den brigen Entbehrung; aber
an meiner Seite ... hier dies harte Lager, diese dunklen Fenster, diesen kleinen
Spiegel, diesen Krug Wasser und an der Lampe dort Arbeit fr mich, fr dich,
Arbeit an meiner und deiner Wsche ... sieh, ich knnte dir drinnen Leinwand
zeigen, die ich schon kaufte fr meine Hemden, auch fr dich Baumwolle, wenn du
stricken wolltest. Schme dich, wie zerrissen sind die Strmpfe, die du trgst
... schme dich ... nur die Handschuhe da an deiner Hand auszubessern bist du
schon zu trge!
    Auguste wurde ber diese Rge ber und ber roth und zornig. Die Regung der
Scham aber rasch bekmpfend und wieder in ihren trotzigen Ton fallend, sagte
sie:
    Alter Narr! Was krchzst du da? Halte erst dein Wort, so werd' ich
Nhterinnen haben! Es war nicht gesagt, da ich dir die Geschenke zurckstellen
sollte ... Wo sind meine Sachen?
    Ich behielt sie, sagte Murray, weil noch der dritte Tag deines Glckes
fehlte, wrde sie aber auch behalten haben am vierten Tage, wenn du nicht
siebenundzwanzig Tage an meiner Seite, unter meiner Aufsicht, mit mir
entbehrtest und mich erheitertest durch den Anblick deines Fleies. Ich habe
Bcher, ich wrde dir vorlesen. Ich zeichne, ich verstehe manche Kunst in Wachs
und Thon ... ich wollte dich schon erfreuen, auch auer den drei Jubeltagen, die
ich dir versprochen hatte.
    Auguste schttelte den Kopf und schob die Lippen wie zum sarkastischen
Spott.
    Hast mich also betrogen, Alter! sagte sie. Auch um das Bild, das du von mir
wolltest malen lassen. Gib mir das Geld, das es kosten sollte. Hab' ich nicht
Ansprche darauf? Was kann denn ich dafr, da sich dieser Pinsel von Maler in
deine dumme Windbeutelei nicht einlie und das Bild nicht in einem Tage liefern
wollte?
    Warum nennen sie dich die Maler-Guste? fragte Murray. Warum drngtest du so
um dein Bild? Es war nicht Eitelkeit allein. Du wolltest gemalt werden als du
selbst, sagtest du, mit deinen Kleidern, deinen Ringen und Brochen, deinen
Spitzen und deinem Shawl? Du wolltest, da dein Name darunter geschrieben wrde!
Ich bot dreiig Louisdors fr die Grille. Aber ... in einem Tage. Sonst nicht!
Oder wenn du mir deine siebenundzwanzig Tage der Entbehrung hier in diesem
Zimmer schenkest, so bestimmen wir deine nchsten drei fetten Tage fr das Bild
... dann wird es schn. Willst du so?
    Bleib' da, Auguste! La deine Sachen holen! Ich hole sie selbst.
    Auguste Ludmer gab keine Antwort. Starr brtete sie vor sich hin. Dann
schttelte sie den Kopf und sagte:
    Ich kann nicht mehr, Alter. Ich kann nicht mehr.
    Und gleichsam als drckte sie der zu ernste Gedanke an Das, was Murray Alles
anregte, rief sie polternd:
    Gib Geld! Ich habe Schulden. Ich werde geqult, verfolgt, beschimpft. Und
ich will nicht mehr so scheinen, wie ich war.
    Wie du warst, Auguste? fragte Murray. Wie willst du nicht mehr scheinen?
Warum nicht? Bist du weise geworden, ohne mich? Gott sei Dank, sage mir, da du
dich gendert hast, ohne mich!
    Gbst du mir dann auf der Stelle hundert Thaler?
    Wenn ich Proben she ...
    Gbst mir meine Kleider, meine Ringe?
    Proben! Proben!
    Nicht zwanzig ... nicht zehn Thaler?
    Nicht einen! Proben!
    Murray! schrie Auguste jetzt und sprang wie ein wthendes Thier auf, in
ihrem Zorne nach etwas suchend, das sie an des Alten Schdel zertrmmern konnte.
Sie sah den Wasserkrug ...
    Murray trat ihr aber entgegen, griff nach dem Wasserkrug, entri ihr diesen
in dem Augenblicke, wo sie schon nach ihm langen wollte, hielt ihn mit dem
markigen Arme fest, hoch in die Hhe, so hoch, da es fast schien, als wre der
Alte viel grer als die schlanke Buhlerin, und da sie ihn nicht ergreifen
konnte oder sich vor seinen Augen frchtete, sagte er ruhig:
    Gib mir eine kleine Probe und geh' und hole mir in diesem Kruge frisches
Wasser! Ich setze einen Thaler drauf.
    Auguste weinte vor Wuth. Sie ri an ihrem dunklen, glnzenden Haare, das in
den kunstvollsten Flechten aufgebunden war. Das war gewunden wie Spitzenarbeit
und duftete und strahlte und von dem zornigen Whlen der Hand ging dieser
Schmuck nun auf und fiel in langen wie durchbrochenen sichelbreiten Flechten
ber den entblten Nacken und die Brust, diese an ihr so schn geformten
Theile, die aber schon etwas mager waren in Folge der unregelmigsten
Lebensweise.
    Murray betrachtete sie eine Weile, wie sie so erschpft einer Magdalena
gleich sich auf das schmale Bett warf. Er betrachtete sie voll Rhrung und sagte
nach einer Weile:
    Wenn du mir folgen wolltest, wrdest du wieder schn werden, Auguste!
    Diese Bitterkeit verwundete sie tief, ohne sie zu reizen. Sie fhlte die
Wahrheit der Bemerkung und schwieg.
    Nach einer Weile blickte sie bittend auf und sagte mit schmeichelnder
Stimme:
    Murray, gib mir Geld! Gib mir meine neuen Kleider! Du weit nicht, da ich
Geld und Kleider haben knnte, wenn ich so fortfhre, wie ich gewesen bin. Ich
will mich bessern, aber so nicht, so dumm nicht, wie du es vorhast!
    Mein Kind, sagte Murray ernst, ich verkenne die Pein nicht, die dir meine
Vorschlge machen. Ich habe aber erlebt, die gewhnliche Art, wie sieh die
Menschen bessern sollen, mislingt fast immer. Der Wille allein thut's nicht, die
Gelegenheit mu da sein. Die mu den Willen untersttzen. Ich bin ja ganz
aufrichtig gegen dich! Ich bin ein Deutscher ... ich habe lange in England
gelebt ... und nenne mich Murray ... weil ich englische Sitten und Manieren
angenommen habe und ... meine Verwandten nicht wiedersehen mag ... Ich habe dir
gesagt, da ich in meiner Jugend ... unglcklich war ... und ein Verbrechen
beging ... zu dem mich ... Hochmuth ... Dnkel ... und die Gelegenheit ...
verleitete ... ein Verbrechen, Auguste ...
    Ha! Sag' mir nichts weiter! Warum zittert Ihr? Ihr haltet ja die Hand da
immer ... Teufel, was soll Das? Geht weg! Greift doch nicht ...
    Auguste glaubte unter dem Rocke des Alten eine blitzende Waffe bemerkt zu
haben.
    Und Murray wute kaum selbst, da er whrend der wenigen Gestndnisse, die
er Augusten machte, schon vor Aufregung in die Rockbrusttasche gegriffen und
ganz allmlig ein Terzerol in der Hand hatte, das er bei jeder neuen Thatsache,
die er nun nicht mehr sicher bei sich in seinem Herzen wute, immer mehr
hervorzog. Wie er das Terzerol fast schon aus dem Brustlatz hervorblinken sah,
besann er sich schmerzlichlchelnd, steckte es ruhig zurck und bot der
erschrockenen Auguste die Hand zur Beruhigung.
    Auguste, sagte er, du bist nicht ganz gesunken, dein Herz ist den bessern
Empfindungen zugnglich. Als man uns an jenem grauenhaften Morgen auf der
Fortuna ergriff und mich fr verdchtig erklren wollte, weil ich dir glnzende
Geschenke machte und selbst arm lebte, frchtete ich, du wrdest die schwache
Stunde, die ich dir gegenber mich beschleichen lie, als ich in dir die Tochter
meines Lebensretters, die Nichte jenes Weibes, das ich ...
    Murray stockte ...
    Sammelt Euch, Vater Murray! sagte Auguste weicher. Ei, habt Euch doch nicht!
Ich werde Euch nicht unglcklich machen! Aber undankbar seid Ihr! Papa, komm ...
gib mir nun Geld!
    Das Pistol, sagte er, dabei lchelnd, ist nicht fr dich gewesen ... es ist
... vielleicht fr mich!
    Die Maler-Guste erschrak ber dieses Wort. Ein Erschrecken bei solchen
Naturen ist meist mit Zorn ber die Ursache des Schrecks verbunden.
    Ach was! sagte sie rgerlich. Du hast da schon zehnmal auf mich angesetzt
und drckst das Ding auch nur auf mich los, Satan, wenn du glaubst, dir den Kopf
zu sprengen. Geh weg mit dem Ding, alter Heuchler! Genug jetzt!
    Sie sprang auf. Sie wollte keine Rhrung, keinen Edelmuth mehr.
    Ist Das der Dank? sagte sie polternd. Ich hatte dich in der Hand, Alter! Der
Oberkommissr setzte mir Daumschrauben. Ich sollte sagen, was ich von dir wte!
Ob du wirklich ein Englnder wrest? Wo ich dich kennen gelernt htte? Ich
sagte: Geht! Damals als ich nach Hamburg wollte und mir einen Pa holte, da
stand ja der Alte, der den seinigen visiren lie und eine Aufenthaltskarte
lste, neben mir und wie ich meinen Namen genannt hatte und die Herren Anstnde
nahmen und lauter Schndlichkeiten zu mir sagten und lachten und eine
vertrauliche Sprache sich mit mir erlaubten und mich auf morgen beschieden, da
folgte mir ja der Alte und knpfte ein Gesprch an und fragte mich aus ...
    Da sagtest du, ich htte dir verrathen, da ich deine ltern, deinen Vater,
der Gefngniwrter in Bielau war, kenne ...
    Wo wrd' ich denn Das sagen? Pfui Papa!
    Nun! Was sagtest du?
    Ich sagte: du httest mir deine Freundschaft angeboten, wie eben ein Alter
einem jungen Mdchen seine Freundschaft anbieten kann; du wolltest mir Geschenke
machen, aber manchmal mt' ich wieder mit schlechten Zeiten vorlieb nehmen ...
    Hoho! Das war schlimm ausgedrckt, wenn auch gut gemeint, Kind! Das heit
doch bei Denen nur, da ich ein Spitzbube bin, der zuweilen Glck, zuweilen
Malheur hat.
    Was ist es denn auch anders, Papa? lachte die Unverbesserliche. Du wirst mir
doch nicht weismachen, da hinter der ganzen Komdie, die du mir vorschlugst,
was anders stecken kann als ...
    Pascherglck? sagte Murray und schttelte den Kopf ber die Halsstarrigkeit
eines Menschen, der einmal nicht glauben will.
    Nein, mein Kind, sagte er zitternd. Du bleibst hartnckig in deinem Irrthum
und wie oft sagt' ich dir ...
    Halte nur die Hand da fort!
    Wie oft sagt' ich dir, als ich deinen Namen auf dem Pabureau hrte, ergriff
mich Freude. Ich komme vom Meere und du bist das erste Wesen, das mich an meine
vielverworrene Vergangenheit erinnert! Wie weh that es mir, als ich an den
Mienen der Schreiber sah, wie es mit deinem Rufe steht! Ich erkannte die Zge
deines Vaters in dir wieder, dieses edlen Menschen, den ein rauher und
jammervoller Lebensberuf nicht zum herzlosen Sklaven und thierischen gehorsamen
Knechte fremder Willkr gemacht hatte. Er sollte mein Mrder sein und ward mein
Lebensretter ...
    Zu seinem Unglck wol; denn ich entsinne mich als Kind, da es ihm schlecht
genug ging.
    Ich glaube Das! Er hatte eine Weisung nicht befolgt, die dahin lautete, mich
ohne einen Strick oder ein Messer, ohne einen Tropfen Blut zu ermorden ...
    Die Maler-Guste stutzte zu dieser Erffnung. Diese Beziehung Murray's zu
sich und ihren ltern hatte sie nicht erwartet ...
    Ja, sagte Murray mit gedmpfter Stimme. Ich war ein Verbrecher, Auguste!
Jugendlicher Leichtsinn lie mich fehlen. Worin? Ich kann es dir nicht sagen.
Ich beging etwas, was nach leichterer Auffassung vielleicht kein Verbrechen,
vielleicht Keckheit, nur Leichtsinn und der Beweis einer groen Kunstfertigkeit
und Geschicklichkeit ist. Aber der Staat will sich schtzen und nennt meine That
ein Verbrechen. Ich verfiel einem Urtheil, das mich auf zwanzig Jahre in Schmach
und Schande warf. Das ist: auf ewig! Ewig! Und doch war ich noch jung! Ich
konnte hoffen, den Rest meines Lebens noch irgendwo jenseit des Meeres in Ehren,
in geluterter Bue, hinzubringen. Denn, Auguste ... ich hatte ein Verbrechen
begangen, das nur aus dem Hochmuthe kam. Aber es gab Menschen, die meinen Tod
wnschten. Menschen, die mich geliebt hatten, weil ich nicht immer so gebckt
schlich, Auguste, wie jetzt. Menschen, die mich geliebt hatten, weil ich Geist,
Talent, weltliche Liebenswrdigkeiten aller Art besa. Und da ich sie betrog -
nein, was sag' ich - da sie sich selber betrogen hatten, haten sie mich. Sie
frchteten meine Auferstehung von der Schande, meine Flucht, mein Ausbrechen aus
dem Gefngni, und wollten sich diesen Augenblick in der Zukunft sichern. Sie
befahlen - sie hatten die Mittel dazu - sie befahlen, da man mir einen gewissen
Kerker in Bielau anwies, der so ungesund, so durchgiftet und verpestet war, da
man in kurzer Zeit dahinsiechen, vom Faulfieber verzehrt werden mute. Neun
Monate des Jahres stand in diesem Kerker das Wasser eines schmuzigen Flusses und
Jeder, der nur einige von diesen Monaten in ihm zugebracht hatte, war
dahingestorben. Ich wurde auf rthselhaften mir aber erklrlichen Befehl gerade
in dies Verlie geschleppt. Nach drei Wochen schon, wo ich auf einem verfaulten
Strohlager ruhen sollte, wo ich es, um es vor der aus den Wnden sickernden
Feuchtigkeit zu schtzen, bald hier-, bald dahin breitete, verfiel ich in
Krankheit. Man brachte mich in einen gesunderen Gewahrsam. Ich genas, ich hoffte
auf Abfhrung in eine entfernte, gemeinsame Strafanstalt. Aber nein, wieder der
Befehl, mich in jenes unterirdische Gemuer zu bringen, dessen einzige trockene
Stelle eine Nische in der felsendicken Wand war. Warum man mich nicht in der
Strafanstalt arbeiten, mich nicht unter die brigen Gefangenen dieser kleinen
Festung mich mischen lie, war mir wohl begreiflich. Man wollte meinen Tod! Ich
erzhlte mein Leid deinem Vater, der Gefngnischlieer war, und Schaudern
ergriff ihn, als er wohl einsah, da es Menschen gab, die einen Entehrten, aber
Reuevollen, tdten wollten, und er kannte diese Menschen mehr als Andre! Er
wute, was sie im Stande waren; er wute, was sie ja von ihm selbst verlangten
... Hie doch dein Vater Ludmer! War er doch der Verwandte ... Doch genug!
Auguste! Dein Vater war besser als sein trauriges Amt. Er lie mir, ob aus
Menschenliebe, ob aus Zorn, da er Ludmer hie und nur Gefangene hten mute,
wei ich nicht, die Mittel, die Nische zu erweitern, zu durchbrechen, zu
entfliehen. Er sah nicht, wollte nicht sehen, da ich an meiner Befreiung in den
Nchten arbeitete. Furchtbar stieg fr mich die Gefahr. Denn der Kerker stand
unter dem Spiegel des Flusses und nur die Nische lag hher. Ach, zuweilen bei
hohem Wasserstande kam die Flut von drauen auch dieser Nische gleich und in
einer strmischen Frhlingsnacht, wo ich die letzten Steine wegrckte, brach der
ganze Strahl des Wassers durch die glcklichgewonnene ffnung! Erschpft von der
Arbeit, zum Tode erschreckt von der nun unmittelbar vor meinen Augen schwebenden
Gefahr, sank ich nieder; furchtbar strmte die schmuzige Woge durch die Lcke
der Mauer. Da stopfte sie sich durch irgend etwas drauen pltzlich von selbst.
Ich langte hinaus, soweit ich ber das Wasser noch sehen konnte. Ich fate etwas
Hlzernes, einen Gegenstand wie ein sich vorlegendes Bret. Aber das Bret lie
sich zurckdrcken, es schwankte. Es war ein Kahn, den dein Vater hatte
herantreiben lassen, als wre er etwa losgerissen durch die Frhlingsstrme.
Freude und Furcht wirkten gleich entsetzlich auf mich. Denn wie, wenn ich durch
die ffnung hindurch gekommen wre und htte zwar den Kahn, aber nur in der
Entfernung gesehen! Der Abflu durch die ffnung machte gerade, da der Kahn zu
mir herantrieb ... Ich griff hinaus und drckte das eine Bord des Fahrzeuges
fast schon mit letzter Anstrengung so herab zur ffnung, da eine Weile das
Einstrmen gestopft war. Dann hielt ich mit dem linken Arme mit
Riesenanstrengung das Holz der Planke fest und erweiterte mit der rechten die
ffnung ... immer mchtiger strmt das Wasser ... aber die ffnung wchst;
endlich drnge ich mich durch die Ritze ... sie ist weit genug die Schultern
durchzulassen ... schon bin ich mit dem Vorderkrper in dem Kahne, die beiden
blutenden Hnde langen nach der Weitung des Fahrzeuges, ich fasse mit letzter
Anstrengung die gegenseitige Planke, liege halb ber der Hhlung und drcke den
Kahn in die Wogen nieder ... aber nur mhsam zieh' ich den ohnmchtigen Krper
durch die Mauer ... die Hften bleiben in der engen ffnung stecken ... ich
brauchte eine halbe Stunde um neue Kraft zu schpfen ... dabei der Sturm, dabei
das Brausen des Flusses, das Niederprasseln von Fensterscheiben, die in dem
Wetter zertrmmern, das Rufen der Wachen und Ablsungen, das Schlagen der Uhren
aus dem Stdtchen unterwrts des Flusses, der verzweifelnde Blick auf das
Morgengrauen ... ach, ich dachte zu sterben, denn meine Krfte drohten gnzlich
zu schwinden. Da versuch' ich eine letzte erneuerte Anstrengung. Der Krper
zwngt sich durch, ich sinke der Lnge nach in den Boden des krampfhaft von mir
festgehaltenen Kahnes, der, befreit vom herunterziehenden Druck meiner Hnde,
aufschnellt und mich in der Dunkelheit der Nacht von dannen fhrt. Ich schwamm
dem Stdtchen zu, gerieth unter eine Menge kleiner Schifferbarken, die
festgebunden in dem Hafen des kleinen Flusses lagen ... Ich war gerettet, durch
Gott, aber auch durch den Verstand, den Vorschub, die Gte deines Vaters. Er
hatte meine Arbeiten an der Nische wohl bemerkt, er hatte sie wohl verschwiegen;
er hatte mich spitze Instrumente auf einzelnen Erholungsgngen finden lassen. Er
hatte die Gefahr des Durchbruches berlegt. Deshalb der Kahn! Ich entfloh und
konnte ihm nichts zurcklassen als die Gefahr der Strafe fr ihn selbst. Ich
schrieb ihm einige male von Amerika. Ich schickte Geld, erhielt aber nie eine
Antwort. Wie wollt' ich ihm danken, jetzt nach meiner Rckkehr aus Amerika! Ich
find' ihn todt, sein Weib todt, nur dich, sein Kind, find' ich wieder. Ich finde
dich ohne Schutz, ohne Liebe, ohne Halt im Leben, gesunken, elend, Auguste ...
    Murray schwieg. Die Hrerin schien gerhrt. Doch diese Stimmung whrte bei
dem abgestumpften Gefhle des Mdchens nicht lange. Bald sagte sie:
    So knntet Ihr mir die Mittel geben, bester Murray, da es mir gut ging.
Euer Geld ist nie angekommen.
    Nein, Auguste! sagte schmerzbewegt der von seiner Erzhlung mehr als Auguste
erschtterte Alte; was sind Mittel? Vergngliche kleine Schutzwehren! Womit
htt' ich die Bresche in der Mauer stopfen sollen, da der Strom mich nicht
berflutete! Einen rettenden Kahn trieb der Abflu der Woge heran. Den packt'
ich mit diesen Hnden, an dem krallt' ich mich ein und von ihm wurd' ich
fortgetragen. Denkst du denn, da ich in Amerika mich dadurch gendert habe, da
ich auf meinen alten Wegen blieb und mir nur vornahm, nicht glnzend leben zu
wollen? O, nein! Die alten Wege muten ganz und fr immer vermieden werden. Eine
ganz neue Bahn nur sichert vor den alten Irrwegen. Wer hat die Macht, nach
seinem Willen gut zu sein? Wer kann sagen: Ich bekmpfe, zhme, fasse mich!
Wenige nur. Nur Die Menschen knnen's, die schon gut sind und nur noch ganz
weise werden wollen.
    Aus Schwarz in Wei bersetzen wir uns nicht! Und was ist Grau? Ein
jmmerlich Mittelding!
    Du glaubst, Murray, sagte Auguste, da ich nicht mehr auf die Blle gehe,
nicht mehr Liebhaber annehme, nicht mehr Schulden mache und Champagner trinke,
wenn ich mir drei Freudentage durch siebenundzwanzig Fastentage erkaufe?
    Das glaub' ich ...
    Du willst durch die drei Tage mich nur reizen, da ich mir die andern
gefallen lasse?
    Das dacht' ich ...
    Und diese drei Tage sollen die prchtigsten von der Welt sein?
    Wie sie keine Tnzerin sich besser wnschen kann, Auguste ...
    Auguste schwieg eine Weile und schien sich den Vorschlag Murray's, den sie
schon oft erwogen hatte, ja sogar schon einmal eingegangen war und beim ersten
Neuheitsreize fast durchgefhrt htte, noch einmal zu berlegen. Sie sah sich
das Zimmer an, das Bett, den Wasserkrug ... dann aber schttelte sie den Kopf
und erklrte:
    Bester, Das haben wir schon Alles gehabt! Hier in Nr. 17 dieses schndlichen
Hauses wohnte ich ein paar Monate und wollte arbeiten ... es ging nicht. Ein
Alter, hlich wie du, aber verliebter, besuchte mich und belog mich mit einer
Menge Verheiungen, die er nicht wahr machte. Da brannt' ich hier durch und
wollte nach Hamburg. Dann kamst du. Ich hrte dir gern zu, wenn du von der
Besserung sprachst, du klimpertest dabei in der Tasche mit Geld und machtest mir
Komplimente, wie ich sie nicht immer hre. Du wolltest meinem Vater dankbar
sein. Der Vater ist frh gestorben, die Mutter nach ihm ... ich hrte dich gern
von ihm erzhlen und die Tante, die mich erziehen sollte, hatest du, wie ich
... Da freut' ich mich, in ein Ohr, das geduldig zuhrte, mich recht austoben zu
knnen. Ich ging auf deinen Vorschlag aus Zorn ein. Du weit, wie er schon am
Morgen des dritten Tages abgelaufen ist. Ich war erst wthend auf dich. Ich
wollte abwarten, da du mir deine Geschenke wiederschicktest; sie kamen nicht,
du lieest mich einladen, hierherzuziehen und unsere Abrede auszufhren. Ich
lachte dich aus. Da ist denn etwas gekommen, was mich ganz von dir abzog ... Ich
war neulich bei der Tante ...
    Auguste stockte. Murray horchte.
    Bei der Ludmer? sagte Murray, und man sah ihm an, wie ihn dieser Name
entflammte.
    Das Mdchen fuhr fort:
    Eines Tages, vor drei Wochen, war ich bei der Tante ...
    Du sprachst zur Ludmer von mir, Auguste? Thatst du Das? rief Murray.
    Ich spreche zu Niemanden etwas von Dingen, die mir als Geheimni anvertraut
sind, sagte Auguste nicht ohne Stolz.
    Was thatest du bei der Tante? forschte Murray sich beruhigend.
    Die Maler-Guste schwieg einen Augenblick, dann fing sie leiser und fast
lchelnd an:
    Hre mir zu, Alter! Ich will dir jetzt auch eine Geschichte erzhlen. Es ist
leicht mglich, da du deine Absicht, meinen ltern im Grabe eine Freude zu
machen, indem du mich auf andere Wege fhrst, noch erreichst, aber hrst du,
Alter, auf andere Art. Jetzt pa Acht!
    Ich lerne gern. Ich wei, Gott hat viele Wege, uns zu bessern. Sprich! sagte
Murray, und sein Auge leuchtete mild und voll Hoffnung.
    Wie mein Vater starb, erzhlte Auguste, und bald nach ihm, wie wir von der
Festung hierherzogen, meine Mutter, war ich eine Waise von etwa sechs Jahren.
Die Leute, die mich weinen sahen, erkundigten sich nach meinen Angehrigen und
sie erfuhren denn, da ich eine Tante hatte, die Schwester meines Vaters, der
seinen Dienst der Gnade verdankte, da diese stolze, vornehm gewordene Person
sich einmal seiner erinnerte. Es war die einzige gewesen. Spter aber kam eine
Zeit, wo sie besonders wieder freundlich und zuthunlich sein sollte ...
    Die Zeit meiner Gefangenschaft ...
    Dann zog sie aber wieder ihre Hand zurck ...
    Die Zeit meiner Flucht!
    Hier, als ich Vater und Mutter verloren hatte, strubte sie sich mit Gewalt
dagegen, etwas fr mich zu thun. Ein altes Kleid gab sie zuweilen her, das fr
mich verschnitten wurde. Eine halbe Bettlerin bekam mich in Obhut und Pflege und
erhielt dafr nicht mehr als ein Almosen.
    Wie hie diese Frau?
    Ah, wir nannten sie nur die alte Lene. Sie ging bei der reichen Frau von
Harder ab und zu, bettelte, trdelte.
    Murray schien auf einen Namen gewartet zu haben, der offenbar nicht mit der
alten Lene bereinstimmte.
    Auguste fuhr fort:
    Der Lene gaben sie mich mit wie einen alten ausgetretenen Schuh. Sie sollte
sehen, was aus mir noch zurechtzuflicken war. Wenn ich klagte, da ich hungerte,
wenn ich zur Tante lief und weinte, trstete sie mich, sie wrde mich noch
einmal an einen schnen Ort schicken, in einen grnen Wald, zu einem Frster und
einer andern Tante, die sie immer ... o wie nannte sie sie?
    Ursula? rief Murray und legte die Binde hher auf die Stirn.
    Ursula Marzahn! sagte Auguste selbst erstaunt, da ihr der Name einfiel.
    Ursula Marzahn? Und du kamst dorthin? In den Wald? In welchen Wald?
    Was wei ich! Welcher Wald! ... Der Mann der Ursula starb, sie sollte wieder
heirathen und der Mann, den sie wollte, mochte sie nicht ...
    Sie mute damals schon den Funfzigen nahe sein.
    Ich kenne sie nicht.
    Du kennst sie nicht ... Nun ... Fahre fort!
    Ich will in das Jgerhaus, sagt' ich oft, wenn die alte Lene mich geschlagen
hatte und zum Betteln zwang. Die Tante gab mir dann wol einen Groschen, lie
mich aber wieder laufen und sorgte nicht fr mich. Einstmals, als man mich
aufgegriffen hatte, weil ich, als nun schon zwlfjhriges Kind, mit
Schwefelhlzern hausiren ging und Auskunft ber Die geben sollte, fr die ich
auf den Straen und in den Husern so zudringlich bettelte und die alte Lene
genannt hatte, wurde diese festgesetzt. Sie hatte eine frmliche Gesellschaft
von Kindern abgerichtet, die alle fr ihre Rechnung Schwefelhlzer, Band oder
Blumen verkaufen muten. Jeden Abend um neun Uhr kamen die Kinder in ihre
einsame Lehmhtte vor'm Thore, fast im Felde, wo sie wohnte, brachten ihr das
eingenommene Geld, empfingen einen kleinen Antheil und bekamen neue Waare. Wer
des Tags nichts eingenommen hatte, bekam keine Vorrthe mehr. Wer Geld
unterschlagen hatte, wurde von ihr mit einem Besen gestupt und jmmerlich
geschlagen. Sie wohnte so einsam, da die Nachbarn das Geschrei nicht hren
konnten, wenn wir oft wohl an zwanzig Kinder, die da- und dorthin gehrten, mit
unseren Krben standen und ihr beim Scheine einer alten Laterne Nachts im
Lehmhofe unsre Pfennige vorzhlten. Wie zitterten wir vor der Alten, wenn unsere
Ernte nicht reich war, oder wir uns hatten beigehen lassen, etwas zu naschen!
Sie wurde aber nun eingesteckt, die Kinder, die sie misbraucht hatte, wurden der
schrfern Sorgfalt ihrer Angehrigen, wenn sich welche finden lieen,
anempfohlen; ich der Tante Ludmer. Diese vor Zorn, da ich ihr ein polizeiliches
Gerede gemacht hatte, schickte mich, da der Herr von Harder Geheimrath und
Aufseher aller kniglichen Grten geworden war, nach Solitde, wo ich beim
Grtner arbeiten sollte. Eine Zeitlang gefiel mir's da recht wohl. Ich bekam
doch zu essen! Ich wurde grer, strker und entwickelte mich. Vom Lernen war
keine Rede und Gott sei's geklagt, ich kann kaum meinen Namen schreiben, Alter!
    Knnt' ich dir etwas von meiner schnen Handschrift abgeben! sagte Murray
und zeigte auf ein Papier, wo er Einiges notirt hatte, was Auguste nicht
verstand, auch in ihrer Aufregung nicht erkannt htte, wenn sie berhaupt lesen
konnte.
    Ja, sagte Auguste, du bist ein Tausendknstler. Und gewi hast du auch
einmal deshalb sitzen sollen, weil du falsche Wechsel machtest? Was?
    Etwas hnliches, mein Kind! sagte Murray ernst.
    Bei dem Schlogrtner, fuhr Auguste fort, blieb ich zwei Jahre. Er trieb
auch Landwesen. Das gefiel mir Alles recht wohl. Ich kann es sagen, da ich in
ein solches Geschft Lust und Geschick habe. Schon auf den Wald, von dem die
Tante immer sprach, hatt' ich mich gefreut! Ich kannte das grne Feld nur von
den Schlgen her, die wir drauen in der Lehmhtte der alten Lene bekamen,
Grten nur von den zusammengemausten Blumen, die wir verkauften. An Solitde
denk' ich gern zurck. Ich war zwei Jahre drauen, freilich nur als gemeine
Magd, die das Heu zu mhen, die Khe zu melken hatte. Auch die Milch trug' ich
in die Stadt, wenn eine ltere Magd krank war. Um diese Magd kam ich fort. Sie
behauptete, ich htte genascht und gestohlen, und ich wei es nicht, ob es wahr
ist. Das Naschen glaub' ich wohl, das Stehlen war aber doch sonst meine Sache
nicht, und das Lgen ganz und gar nicht. Genascht, Alter? Ja, ja, sie mag Recht
haben. Aber am meisten hate sie mich, weil ich so allmlig bei guter Kost und
tchtiger Arbeit ein schnes Ding geworden war und allen Mnnern gefiel. Die
Bursche stellten mir schon von dreizehn Jahren nach und einige hatt' ich schon
frelieb. Aber curios! Die ganz jungen mocht' ich nicht. Ich war ein Ding von
vierzehn Jahren, als ein Inspektor Namens Mangold auf Solitde kam und den
ganzen Park wie neu umpflanzte. Da wurden Bume gesgt, Wiesen ausgeschnitten,
das Wasser wurde anders geleitet und eine Menge Menschen fanden dabei ihr
Unterkommen. Der Geflligste und Artigste war aber der Inspektor Mangold selbst.
Der war nicht mehr ganz jung, aber artig, hflich und ich kann dir nicht sagen,
Alter, was Hflichkeit auf mich wirkt. Ich habe die schnsten und vornehmsten
Jungen spter nicht gemocht, weil sie zu mir kamen, sich auf mein Sopha
flegelten, betrunken waren und mich dutzten. Ein schchterner, manierlicher
Mensch aber thut mir's gleich an und wenn er auch arm ist. Der Grtner und alle
seine Gehlfen waren grob und derb, Mangold nicht, und in den waren auch alle
Mdchen verliebt, am meisten aber die Magd, die der Grtner zur Haushlterin und
Wirthschafterin genommen hatte. Die pate mir auf! Die verhetzte mich! Denn ich
verrieth mich gleich und sagte ganz laut: Den Inspektor nhm' ich, wenn er auch
zehnmal einen rothen Bart hat und ich nhm' ihn auch ohne lang Heirathen ... Ich
mu lachen ...
    ber die frh entwickelte Gromuth deines Herzens? sagte Murray bitter
lchelnd.
    Das sollst du gleich hren, Papa! Damals kam mir der Inspektor schn wie ein
Bild vor. Ich verehrte ihn und htte ihm eigentlich blos mgen immer die Hand
kssen. Und weil ich Das einmal sagte und er, als ich ein paar Blumenstcke
richtig gebunden hatte und auf dem Grase kniete, mir auf die zufllig nackten
Schultern hinten klopfte und die Wirthschafterin sah's am Fenster, da mut' ich
fort. Ach, was hab' ich geweint! Es half nichts ... Ich kam in eine Fabrik, wo
ich zur Predigerlehre angehalten und confirmirt wurde. Die Arbeit in der
staubigen Fabrik - man machte wollene Decken und haarige Filze - konnt' ich
nicht ertragen. Meine Brust war so an frische Luft gewhnt ... Ich war auch
durch die Feldarbeit schwer in den Gliedern, trge und trumte viel. Die
Mdchen, die mit mir arbeiteten, erzhlten nichts als Possen und Lderlichkeit.
Alter, da wurd' ich schlimm! Nicht in Wirklichkeit, sondern in Gedanken! In
Gedanken kt' ich jeden Mann, den ich sah und der mir gefiel. Wenn ich schlief,
so kt' ich das Kopfkissen und drckt' es, weil ich dachte: das ist Der oder
Der! Mit der Fabrik war's nichts! So kam ich in einen Dienst bei einem berhmten
Maler. Ich nahm diesen Dienst lieber als andere, weil das Haus dieses Malers -
er heit Berg - in den schnsten neuen Straen, unter Grten und Blumen liegt
und ganz herrliche Bume in der Nhe hat. Da fand ich aber meinen Untergang,
Papa! Ein schner junger Mann sah mich immer so verliebt, so scharf und
schmachtend an, da ich ihn selber htte verzehren mgen. Er lernte die Malerei
bei meiner Herrschaft. Der junge schne Maler hie Heinrichson ... ach, Alter,
ich sage nichts mehr. Es lag mir schon in den Augen. Die hatten so einen Zug, so
eine Sucht ... Die Blume wollte an die Luft und die Teufelsbilder und das schne
Haus und der Garten und die jungen Mnner und mein Blut, alle hatten mir's
angethan und ich lag dem schnen Manne im Arm so unversehens wie Einer fllt und
nicht wei, wie er auf die Erde kommt. Das mu so mit den Schlangen sein, denen
die Thiere in den Rachen laufen, als wenn es zur Hochzeit ginge! Ich sah und
hrte nun, da es Frauen gab, die sich entschlossen, den Malern fr ihre Bilder,
wie sie gewachsen sind, zu sitzen. Wie ich Das hrte, Alter, berlief's mich
siedendhei. Der Professor, ein guter Herr, sah mich auch oft so sonderbar an,
als wollt' er sagen: dich hat Gott zu etwas Anderem erschaffen, als mir hier die
Stube zu kehren und den Ofen einzuheizen! Aber der Meister sagte mir nie etwas
von meinem Wuchs. Nur die Schler und Heinrichson verlockten mich. Aber von den
Andern mocht' ich's nicht hren. Ich schmte mich und lief fort, wenn sie davon
anfingen, ich sollte ihnen sitzen. Da lockte mich aber Heinrichson einmal auf
sein Zimmer ... die Schlange!
    Rege dich nicht auf, Auguste! sagte Murray zu dem Mdchen, das zu zittern
anfing ...
    In Gedanken, fuhr sie fort, in Gedanken war ich lngst gefallen. Seit ich an
die Maler dachte, die ihre Bilder nach wirklichen Menschen malen, war mir's am
hellen Tage, wo ich ging und stand, als htt' ich keine Kleider mehr an. Ich
wurde roth und wute nicht worber. Ich bedeckte mich bis zum Hals und kam mir
vor, als mt' ich mich schmen. Ich sah mich immer, wie mir Heinrichson einmal
zugeflstert hatte, wie er mich so wunderschn malen wolle. Was soll ich sagen?
Ich gab ihm doch erst meine Liebe und dann erst meine Scham und Tugend ... Ach,
Alter, Das ist ein Teufel!
    Er wollte nur deine Schnheit, war herzlos, nachdem er sie gewonnen hatte?
    Alter, dem Heinrichson, so toll ich ihn liebte, dem htt' ich spter
manchmal das Herz aus der Brust reien mgen; aber er hat kein Herz! Er nahm
mich vom Professor weg, miethete mir eine Wohnung, besuchte mich tglich,
zeichnete, malte mich ...
    Nicht allein, Auguste? Es kamen Freunde mit ihm ... ihr schwrmtet, ihr
tranket ...
    Ja! Ja! Murray! Aber das Kind war von ihm ...
    Welches Kind? fragte Murray erschrocken.
    Es ist todt, sagte Auguste dumpf. Es starb zu rechter Zeit. Als Heinrichson
von mir eine Mappe voll Zeichnungen und ich von ihm das Kind unter'm Herzen
hatte, verlie er mich ... nein, Murray, ich war nicht untreu. Er, er schickte
nur die Freunde, die mich zeichnen sollten! Er wollte, da ich Allen gehrte,
gemeinsam war ... wie ein Soldat, ein Kunstreiter, ein Trdler mit einem langen
Bart, wo sie zusammenschieen und Jeder fr seinen Thaler ihm ein Stck vom
Leibe abzeichnet. Als ich aber das Kind trug, Alter, so ntzte ich Keinem ...
Ha, ha, da war ich die Venus nicht mehr, um die sie einen rothen Purpurmantel
schlugen und als ich Mutter war ... hie es ... meine Schnheit htte den Rest
gekriegt ...
    Auguste schluchzte ... Ihre Erzhlung erstickte ihre Thrnen.
    Murray schonte ihren Kummer, so sehr er sich auch nur auf das Gefhl der
verletzten Eitelkeit zu sttzen schien.
    Das Kind starb ... sagte er weich und theilnehmend.
    Ha, rief Auguste, aber die Mutter wollte leben, leben, aus Rache um diesen
Vater leben! Sie lebte auf! Sie fluchte dem Elenden, der gesagt hatte: Deine
Formen nehmen ab! Er nur hatt' es gesagt, weil er zu viel Andere lieben mute
und sich nicht theilen konnte. Er nur, der heute bei einer Vornehmen, morgen bei
einem Brgermdchen ein Rendezvous hatte! Der Elende! Sein Kind war todt, aber
die Mutter lebte!
    Lebte! rief Murray. Nennst du Das Leben, da du nun einen geistigen Tod
starbst? Nennst du Das im Sonnenstrahl aufblhen, da du nun ein Kind der Nacht
wurdest? Den Sonnenstrahl fliehst du, wie er dich auch aufsuchen mge, um dir
in's Antlitz zu leuchten und dich an Besinnung und Umkehr zu mahnen! Kehre um,
Auguste! Noch stehst du nicht so tief auf der Leiter, die hinunter in den
Abgrund fhrt, da es sich nicht noch lohnen sollte, wenn du deine letzte
sittliche Kraft zusammennhmest und wieder aufwrts stiegest!
    Auguste schwieg. Der Gedanke an ihr Kind, an den Anfang ihrer Irrgnge, an
Heinrichson hatte sie zu heftig erschttert. Sie stie sich den alten Tisch, der
in ihrer Nhe stand, mit dem Fue heran und sttzte den Kopf auf, dessen
zierlicher, wie zur Festesfreude aufgebundener Haarschmuck in einem seltsamen
Abstich war gegen ihre pltzlich leidenden und schlaffen Zge ...
    Nach einer Weile fuhr sie fort:
    Papa, hre, ob sich vielleicht noch etwas aus mir machen lt!
    Sprich, Auguste! antwortete Murray voll aufmerkender Theilnahme ...
    Die Tante hat in meinem Elend nichts mehr fr mich gethan, sagte Auguste.
Wie oft fleht' ich sie fast fufllig an, mich aus dem Jammer herauszureien!
Sie verbot mir, das glnzende Haus des Geheimrathes zu besuchen, ja sie
untersagte mir, mich ferner nur ihre Verwandtschaft zu nennen. Der Geiz, der sie
brennt und aufzehrt -
    Ist sie so geizig, die Ludmer?
    Geizig wie du! sagte Auguste ...
    Murray lchelte.
    Der Geiz und die Sparsamkeit fr den Oberkommissair Pax, den sie ihren
Vetter nennt - als wenn der mein Bruder wre! - machte, da sie mir jede
Untersttzung entzog. Heinrichson mocht' ich nicht bitten; den hate ich. So
fhrte mich das Elend soweit, als du mich angetroffen hast. Die Tante drohte
schon oft, mich gewaltsam von hier wegbringen zu lassen ...
    Ist sie so tugendhaft die Ludmer ...
    Haha! Wenn sie wie ihre Herrschaft ist!
    Wie Pauline?
    Heit die Pauline?
    Die Geheimrthin von Harder ...
    Die ist alt und hlich und nimmt doch noch auf, was ich wegwerfe ...
    Was du wegwirfst?
    Vor Eurer Ankunft, Papa, war mein Elend am hchsten gestiegen. Ich wollte
fort, nachdem ich die Tante so auf's Blut gereizt hatte, da sie in ihrem Zorn
ein Bund Schlssel nach mir warf, die mir fast das Auge ausschlugen.
    Sie ist wild!
    Da kamst du, Papa ... Dann war es auch mit dir nichts ... Dein Contrakt
wurde mir zu schwer und eigentlich ging ich ihn nur ein, weil ich wieder einmal
gemalt sein wollte, aber als Auguste Ludmer, als ich selbst, nicht als Venus mit
dem rothen Mantel! Aber unsere Sache endete in der Fortuna. Ich mute sitzen,
wie du! Was wirst du dann anfangen, sagte ein Herr, der am dritten Tage, da ich
sa, in mein Gefngni kam, was wirst du dann anfangen, wenn du frei bist?
    Am dritten Tage? ein Herr? Doch nicht ein Franzose?
    
    Ein alter Franzose in feinem Rock mit Orden ...
    Einer weien Weste und einem rothen Notizbuche in der Hand ...
    Der!
    Der dieselbe Frage auch an mich richtete: Murray, was werden Sie dann
anfangen, wenn Sie frei sind? sagte er zu mir. Was antwortetest du?
    Ich sagte: Mein Herr, ich fange nie etwas an, ich lass' es gehen, wie es
Gott gefllt! Da lchelte er und ich sah sogleich den Fuchs -
    Den Wolf im Schafspelz!
    Er wollte meine knftige Wohnung wissen und schielte mich an, als htt' er
mich zu taxiren ...
    Du irrst doch wohl, Auguste. Dieser Mann heit - Murray griff nach der
Visitenkarte - Sylvester Rafflard und ist ein Abgesandter fremder Vereine, die
sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen, die Untersuchung der
Gefngnisse, den Einflu auf die knftigen Schicksale der Verbrecher zur Aufgabe
machen. Da ich mich nicht schuldig wute und traurig war, gab ich ihm wenig
Antwort. Ich bin berrascht, da er mich heute besuchen wollte. Ich fand seine
Karte abgegeben.
    Zu mir, sagte Auguste, wird er nicht kommen. Ich war so voll Zorn, da ich
ihn mit allen seinen Redensarten von Besserung zur Thr hinauswerfen lassen
wollte und ihm einen Kalbskopf ber den andern nachschimpfte. In dem Zorn wurd'
ich eben frei. Die Kleider und Schmucksachen waren mir genommen und unter Lachen
und schlechten Witzen gaben mir die Aktuare gute Lehren. Da rannt' ich zur
Tante. Man wollte mich abweisen. Ich lie mich nicht stren. Es war mir, als
hrt' ich die Stimme der Alten in den Zimmern der Geheimrthin. Ich werfe den
Bedienten bei Seite, reie eine Thr nach der andern auf und stehe vor einem
wunderschnen Bilde, das ganz frisch, wie eben fertig mit noch halb nassen
Farben - ich hab' etwas von dem Handwerk gelernt beim Professor Berg - auf einer
Stellage steht. Das bin ich! sagt' ich mir. Das hat Heinrichson gemalt und in
dem Augenblick geht die Thr auf und Heinrichson mit der Geheimrthin tritt
herein. Ha, ha, ha! fang' ich an zu lachen. Da zu lachen war Verrcktheit. Ich
war auch verrckt. Ich wei noch jetzt nicht, ob ich in dem Augenblick Vernunft
gehabt habe. Ich lachte und schluchzte und redete mit Heinrichson, wie er schon
lngst nicht mehr da war. Heinrich Heinrichson, rief ich, bin ich Das? Sag's
deiner Liebsten, das weie Thier da, der Vogel auf dem Bilde warst du, du
tckischer, falscher, heuchlerischer Drache! So kannst du lgen, wie dies Thier
da! Sieh, wie's mit dem Schnabel klappert, wie der Held den Schnen spielt und
die arme Auguste Ludmer schlft oder macht die Augen zu, um deine Teufelsaugen
nicht zu sehen! Bei mich nicht! sprach ich. Geh! Geh, ich verlange nichts fr
mein Kind, geh, es ist todt! Und in dieser Art sprach ich meine rasende Wuth vor
dem geleckten Menschen aus; seine zierlich gekruselten, gelten Locken htt'
ich zerzausen mgen. Aber er war fort. Die Geheimrthin zog die Glocke, alle
Glocken im Hause schellten. Die Ludmer kam und schleppte mich fast an den Haaren
hinaus. Wahnsinnige, schrie sie mich an, du machst, da ich dich noch in's
Tollhaus stecken lasse!
    Schndliche, was willst du hier? Welche Frechheit gegen die Herrschaft,
gegen einen fremden, feinen Herrn ... ich war todtbla, stie sie zurck und
setzte mich auf ein Sopha, um mich zu erholen. Sie wollte mich aufreien, ich
schleuderte sie wieder zurck, da sie auf einen Sessel sank und chzte. Du
mordest mich noch! sthnte sie. Ich sagte: Ja, das thu' ich. So sa ich wol zehn
Minuten. Ich war zu elend, ich konnte nicht mehr sprechen. Immer dacht' ich
auch, die Thr geht auf und Heinrich Heinrichson kommt wieder herein und sagt'
dir: Auguste, vergib mir! Ich bereue, da ich die Ursache deiner Leiden bin! Ich
denke tglich an dich, wenn ich in meiner Mappe blttere und diese schnen
Bilder male! Vergib mir! Du siehst, ein vornehmes Weib liebt mich! Was kann ich
fr dich thun? Aber Heinrich Heinrichson kam nicht. Die Tante hatte sich erholt,
stellte sich wenigstens so und verlangte, da ich mit ihr in ihre Wohnung ginge,
die in einem Nebengebude liegt. Ich ging ganz willenlos hinter ihr ber den
Hof. Ich sage Das ausdrcklich, weil ich wol mag ausgesehen haben wie das Leiden
Christi. Wer mich sah, mag gedacht haben: Die schlgt die Augen nieder und ist
sittsam wie ein Grabesengel..
    Warum erwhnst du Das? Wer sah dich denn?
    Im Zimmer der Alten, fuhr Auguste sinnend fort, hielt sie mir eine letzte
Strafpredigt und gab mir zwei Thaler. Ich mute sie nehmen, weil ich nichts zu
essen hatte. Vor ihrem Spiegel ordnete ich meine Kleider und ging nun. Ich
elendes Geschpf mag doch gedacht haben: Vielleicht sieht Heinrichson dir
durch's Fenster nach! Ich will doch nicht, da er hinter mir herspottet und mich
auslacht! Ich that also nun, als wr' ich froh und hielt mich recht aufrecht. So
kam ich nach Haus. Nach einer Stunde etwa kommt Franz, von der Geheimrthin ein
Lakai. Er macht mir einen Vorschlag. Ein Mann in seinen besten Jahren hat mich
drauen bei der Tante gesehen und Gefallen an mir gefunden. Ob ich Den heirathen
und dann die Gegend verlassen wollte? Habt Ihr irgend einen Gauner bezahlt, rief
ich, damit ich nur fortkomme und dem Liebhaber der Geheimrthin nicht die Augen
ausreie? Der Bursch lie sich auf nichts ein, sondern blieb dabei, da es
richtiger Ernst seiner Herrschaft wre, den Mann drfte er nur nicht nennen, ich
sollte mit ihm nchster Tage auf einen Fortunaball gehen und da mit ihm
anknpfen, aber sittsam sein und gescheut und dann fort von hier. Es wr' ein
Fremder, der von der Stadt nichts wisse, auch nur dann und wann herein kme ...
wenn er mich nhme und ich mit ihm davonzge, wrde man mir ein Heirathsgeschenk
von zweihundert Thalern machen. Ich lrmte zwar und polterte und drohte, ich
steckte doch noch einmal das ganze Haus der Geheimrthin an; allein, wie der
Mensch ist, auf den Fortunaball ging ich doch und sah da meinen Freier. Papa,
was meinst du nun wohl, wen sie mir ausgesucht haben?
    Ich bin begierig ... sagte Murray - schaudernd ber das leichte Gewissen
dieser ihm wohlbekannt scheinenden vornehmen Menschen.
    Den besten Engel auf der Erde, sagte Auguste lachend, meinen geliebten
Freund von Solitde, der mich einmal gelobt hatte, weil ich Blumen mit Bast an
hlzerne Stbe zu binden verstand und mir auf die Schultern klopfte, als ich im
Grase kniete ...
    Den Inspektor?
    Mangold! Ein Kind von siebenundvierzig Jahren! Nun zwar schon ein bischen
von der Sonne getrocknet, aber rstig und gut wie immer ...
    Kannt' er dich?
    Wo wird Der mich? Lieber Gott! Der Mann kennt Bume wieder, die aus dem
Samen gezogen sind, den er gesammelt hat ... aber Menschen! Ich mute ihm in's
Gesicht lachen, erst, weil ich den Kopf schtteln mute, da ich in den steifen
Patron hatte verliebt sein knnen, und dann, weil er mir zu possirlich den Hof
machte und es wirklich ganz ernst nimmt ...
    Aber Auguste! rief Murray. Man hat da einen rechtlichen, der Welt unkundigen
Mann getuscht! Du wirst doch nicht ...
    Getuscht?
    Auguste, getuscht! Man hat ihm falsches Gold fr echtes gegeben!
Falschmnzerei! Ha! Ha! Das sind keine zwanzig Jahre Zuchthaus, die Denen
blhen, die schmuzige Seelen fr reine in Cours setzen: Die gehen frei aus! Die
drfen nur lachen!
    Papa!
    Auguste, da du nur eine Minute diesen redlichen Mann ber dich hast knnen
in Zweifel lassen, Das macht dich zur Hehlerin der Falschmnzerei! Darauf stehen
zehn Jahre!
    Vater, du bist toll! Mige dich, qule mich nicht! Zehn Jahre? Ich habe
Mangold gleich ausgelacht, aber jemehr ich lachte, desto mehr war's ihm Ernst,
ich sollte sein Weib werden und ihm auf ein herrschaftliches Schlo folgen, wo
er knftig wohnen wrde! Das Schlo lge einsam, er msse nun endlich eine
Gefhrtin fr sein Leben haben, das abwrts ginge. Ich habe mich sittsam
benommen, weil Das ein Ehrenmann ist. Aber gelacht hab' ich doch und ihn
zitternd vor Wonne abgewiesen und wie ein Kind geneckt. Dennoch will er mich.
Alle drei Tage kommt er von Solitde und geht mit mir Abends einsam spazieren
und spricht von einem Schlo, Namens Buchau, weit von hier, wohin ich ihm folgen
soll. Ich habe aber, trotzdem da mein Arm an seinem bebt, soviel Achtung vor
ihm, da ich ihn durch mein Ja! nicht betrgen will und neulich ...
    Nun, Auguste ...
    Neulich gestand ich ihm meinen ersten Fehltritt ...
    Das war brav! Was sagte er? Nicht wahr, es ist nun vorbei?
    Auguste schwieg ...
    Murray fuhr fort:
    Er sprang auf, er ri sich aus deinen Armen los. Und Das fhrt dich nun her?
Du bist unglcklich, verzweifelst ... weil dich Alle verstoen, Niemand dich
mag?
    Aus meinen Armen? sagte Auguste und schttelte den Kopf. Papa, denk' doch
nicht zu schlecht von mir! Ich bebe wie im Wind ein Blatt vor dem Manne, ich
glaube nicht, da er mich schon einmal kte ...
    Was aber sagte er, als du ihm gestandest, da du nicht mehr so bist, wie du
aus der Hand Gottes hervorgingest?
    Er sprang auf, wie du sagtest, Papa, er weinte sogar ein bischen, schien
mir's, und lief dann auch davon. Er sagte mir Abschied auf immer! und ... nach
drei Tagen ...
    Nach drei Tagen?
    Klopft's wieder an meine Thr ...
    Die Vergebung kam?
    Die Vergebung!
    Auguste! Und Dies zerreit nicht dein Herz im innersten Busen? Du sankest
nicht auf deine Knie und strecktest die Hand zum Allmchtigen empor, der seine
Himmel ffnet und schon wieder einen Strahl seiner Gnade zu dir herabsendet? Er
vergab dir? Der edle Mann, der nahe seinem funfzigsten Jahre noch auf Liebe und
Unschuld hoffte? ...
    Ach, Papa, sagte Auguste in der That schmerzzerrissen. Was soll ich nun
thun! Das Eine vergab er mir, aber das Andre ... ach, es ist so Vieles!
    Erzhle mir, warum er dir vergab und ich sage dir, ob ein Engel des Himmels
auch ber das Andre hinwegkommt! Warum vergab er dir, da du eine Gefallene
warst, Mutter von einem Kinde?
    Weil Buchau weit und einsam wre, sagte Auguste und kein Mensch dorthin kme
als nur zuweilen der Knig und die Knigin, wenn ihnen die Krone zu schwer wrde
... und unter den alten Eichen, wo der Mensch ganz allein sich selber gehrte
und nur vor Gott Rechenschaft abzulegen htte, da verge man Vieles und an
rechter Stelle nhme sich jeder Baum, auch wenn er schief und krumm gewachsen
wre, angenehm aus, ja an Teichen htte man es ja gern, wenn die Trauerweiden,
die mit ihren langen Hngezweigen hineinlangen, ein bischen gebeugt stnden, und
dabei gab er mir die Hand und sagte: Er htte mich wirklich auch schon als Kind
lieb gehabt!
    Murray schwieg eine Weile gerhrt, dann erklrte er:
    Der Teich ist die Bue und die Weiden sind die Reue ... O mein Kind, ich
flehe, lache nun nicht mehr! Spotte die Regungen eines bessern Gefhles nicht
aus deiner Seele hinweg! Wie ging es denn mir, da dein Vater mich dem Leben
zurckgab? Ich trotzte nicht mehr, ich erkannte eine hhere Allmacht und fhlte
die starke Himmelshand sichtbar, als wir auf dem Meere von den Strmen
gepeitscht, in den Wellen hin- und hergeschleudert wurden. Ich war noch
verstockt, als ich in Hamburg das Schiff bestieg, verstockt, als ich Land sah,
die Dnen der Schelde und des Rheins; aber drauen im groen Ocean wurd' ich
demthig und was ich in einem Sturme gelobte, wo eine einzige Welle von dem
Schiff fnfzehn Menschen neben mir fortsplte in den Abgrund, Das hab' ich
gehalten, habe gearbeitet, gebetet und auf mich selbst gelauscht. Ich bin kein
Frmmler. Aber wenn es mir schlecht ging in Amerika, nahm ich zwlf Bibeln von
einem Buchbinder, gab meine letzten Kleider auf einen Tag bei ihm dafr zum
Versatz und ging mit meinen zwlf Bibeln in die Huser. Wo eine Dienstmagd am
Brunnen wusch, stellte ich mich zu ihr und bot ihr das Buch der Bcher zum
Verkauf. Kein Mensch ist so arm, da er nicht das erste Ersparni anwendete,
sich eine Bibel zu kaufen. In einem Vormittage schon hatte ich bei den rmsten
zwlf Bibeln verkauft und mit Vortheil; ich brachte das Geld, bekam meine
Kleider und konnte am Nachmittag noch neue zwlf absetzen. Ich machte aber kein
Geschft daraus. Nur immer wenn ich ganz darbte, wenn nichts mir brig blieb,
als betteln zu mssen, dann half ich mir mit den zwlf Bibeln. O, mein Kind, ich
frmmle nicht; ich bin nur ein Mensch, der da fhlt, da er die Welt nicht hat
erschaffen knnen. Wer Das sich sagt, Dem hilft die groe Hand, die mit dem
Erdball wie mit einem Kreisel spielt! Mdchen, halte sie fest, diese ersten
Schauer innerer Einkehr! Wenn sich ein edles Herz fnde, das dich erlste ...
    Auguste schien zwar erschttert, zuckte aber doch schon wieder spttisch mit
den Lippen.
    Mdchen, rief Murray erregt. Trotze nicht ewig so gegen dich selbst!
    Auguste wollte nun aufstehen.
    Nein, Auguste, du bleibst! Hrst meinen Worten! Verflchtigst die bessere
Regung nicht! Gib diesem Hmmern in dir, diesem Klopfen deines Gewissens Gehr!
    Auguste versuchte aber zu trllern und wollte nun fort.
    Nieder! rief jetzt Murray und warf die Binde auf die Stirn.
    Herr Gott, was willst du, Papa, antwortete das zitternde Mdchen, das
gleichsam nur sich selbst entfliehen wollte.
    Auguste erschrak vor Murray, frchtete sich nun fast vor ihm. Er hatte ihre
beiden Hnde ergriffen. Er drckte sie mit Gewalt auf den Stuhl. Sie, von Furcht
gepackt, fast zitternd vor Angst, fast auch ber sich selbst, drngte von ihm
loszukommen. Er bat, er flehte, sie sollte jetzt eingestehen, da sie elend,
eine Verworfene, eine Snderin wre. Sie stie ihn zurck. Da warf er die Binde
ganz von seinen Augen. Flammend und gro brannten zwei mchtige Augenkerzen auf
sie nieder. Sie htte schreien mgen.
    La mich! flehte sie und wollte fort. Den Hut hatte sie schon in der Hand
...
    Murray aber schleuderte den Hut und den schwarzen Flor, den er vorm Auge
trug, von sich und rief:
    Nieder, Auguste! Nieder! wiederholte Murray und schlug seine beiden Augen so
voll und so hell auf, da sie wie zwei Flammen in der Nacht leuchteten.
    Was hast du? Was sollen meine Hnde? Was thust du?
    Falte die Hnde! rief Murray fast wie ein Thierbndiger in einem Kfig einen
Panther ergreifen und auf die Erde schmettern wrde.
    Du zerbrichst sie ... La! La! sthnte Auguste, aber doch schon gedemthigt
von der mchtigen geistigen Gewalt des Alten und auf die Erde sinkend.
    Falte die Hnde! Bete mir im Geiste nach, was ich laut sprechen werde! Bete!
Bete! Auguste!
    Auguste lie das Haupt sinken, hielt die Hnde, die auf ihren Schoo wie
ohnmchtig und leblos niederglitten, so zusammen, wie sie Murray ihr gefaltet
hatte und hob die bebenden Lippen, indem ihre Augen starr und wie irr an den
Augen Murray's hingen.
    Murray sprach:
    Nicht zu dir, Herr des Himmels, red' ich! Denn ich kenne dich nicht und
meine Augen sind trbe. Zu mir selbst will ich sprechen! Zu meinem eigenen,
eigensten inneren Geiste! In mich selbst will ich blicken, in mein innerstes
Herz. Der Gott, der mich geschaffen hat, wird mir zur Seite stehen und mir
deuten, was ich jetzt sehe, jetzt fhle. Ich fhle mich elend und ich sagt' es
mir nicht! Ich fhle mich in tiefster jammervollster Trostlosigkeit und ich
lachte Derer, die mir Erquickung boten. Wer bin ich, Allmchtiger! Ein Haufen
Erde, in dem die Wrmer whlen werden, wenn meine Stunde gekommen ist. Ich bin
Staub, Asche ... Ein Todtenkopf sieht mich einst an, wenn ich in den Spiegel
blicke, und die Lippen, die einst so frevelten, spttelten, sagen mir jetzt
schon: Das ist einst dein Bild! Ach, gibt es eine Schnheit, die unvergnglicher
wre als die eines reinen Herzens? Das fhl' ich doch, wie ein Kind so lieblich
und gehorsam in seiner spielenden Welt lebt, die Freude der Menschen ist, auch
Derer, denen es nicht gehrt und die es nur sehen, nur wie fremd beobachten! Wie
schmckt Jeden unter uns die Zier einer friedfertigen kindlichen Gesinnung! Wie
schn steht uns zu dulden und nicht zu murren wider das Geschick! Der Himmel hat
mir nie lcheln wollen. Ich weine d'rob! Ich armes Kind, das ich unter
Unglcklichen und Bsen aufwuchs, die ltern nicht kannte und mit ihnen nichts
vom Jugendglck. Aber prfe dich recht, mein Herz! Nahmst du nicht jedes deiner
Misgeschicke fr eine Entschuldigung deiner Fehler? Sagtest du dir nicht: Wie
kann ich auf die Zufriedenheit mit mir selbst bedacht sein, hab' ich doch keine
Freude, als die flchtige der Selbstvergessenheit? Ach, es wird die Stunde
kommen, Auguste, wo du an deinem Ohre die Worte hren wirst: Wie war sie schn
und wie verblhte sie nun! Du wirst hren, da man Andre preist und Die, die du
am meisten verachtetest, weil du ihre Seele kanntest, die werden sich vor dir
brsten und sich rhmen, da an ihren Blttern der welkende Herbst erst um
einige Tage spter erscheint! Ach, dann werd' ich nach ewiger Schnheit suchen
und sie nirgend finden, als in Bescheidenheit und treuer Liebe. Treue Liebe! Du
sestes Kleinod des edlen Frauenherzens! Treue Liebe! Du Schmuck der Armen, Du,
der einzige Stolz der Geliebten, wie das Kind, selbst ein schwaches und
unschnes, doch der beste Schmuck seiner Mutter ist! Treue Liebe! Wer bringt mir
deinen Hauch, da ich ihn in meine Seele ziehe, wie einen Duft der Opfer, die
dem Herrn angenehm sind, da ich ihn wieder ausstrme in ein Herz, das noch
Hoffnung zu mir fassen kann! Ach, da der Gute, Edle, Vergebende sein sanftes
Auge auf mir ruhen liee! Da ich die letzten gesammelten Reste meiner bessern
Natur, die ich doch aus mancher stillen Abendstunde kenne, dem schon frh
Geliebten bieten drfte wie die arme Witwe ihr Erspartes mit der rmeren theilt!
Weiche nun von mir jede Verstellung! Ich will mein Auge niederschlagen auf der
Strae, ich will Dem, der mich frgt, was mir fehle, sagen: Ich bin krank! Ich
will Schmach erleiden, will noch einmal, zum letzten male versuchen, ob eine
gtige Hand mich aus diesem Dunkel fhrt. Und wr' es nicht - wre auf meiner
Stirn das Zeichen vergangener Irrthmer zu tief eingebrannt, nimmt er mich nicht
hinber in die Luft, die lutert, an die Quelle, die reinigt ... auch dann, auch
dann, Herr des Himmels, soll mich nicht die Verzweiflung fassen, sondern nur ...
und nur die Reue. Ich will, mein Gott, in mich sehen, will den Trost der
Menschen suchen, die mit mir beten und die ein gleiches Bedrfni trieb, mit
seinem eigensten Herzen zu sprechen und auf die ernsten Fragen der Seele mit
Ernst zu antworten. Dies Beten hrt ja nur Gott. Der spottet deiner nicht. Der
weint mit dir, der freut sich mit dir! Der ist dein Widerhall! Und hrst du den
Widerhall, der aus deinem Herzen tnt, dies stille Trsten und diese Ruhe gern,
dann ist's Der Gott, der in dir wohnt. Dann ist er dir nahe! Glaube ihm!
Vertraue ihm! Hoffe auf ihn! Von nun an in Ewigkeit und die Zeit deines
vielleicht nur kurzen Lebens noch! Amen!
    Wie Murray dies Gebet geendet hatte, ergo sich Auguste in einen Strom der
bittersten Thrnen. Sie, die seit lange nur noch vor Ungeduld geweint hatte,
weinte vor Reue und dem Gedanken an ihre tiefste Hoffnungslosigkeit.
    Murray, der mit gefaltenen Hnden vor ihr gestanden hatte, griff nun
trstend nach ihrer Hand und zog sie empor. Sie lie willenlos Alles geschehen,
was er mit ihr begann. Er ergriff die Binde wieder, reinigte sie vom Staub und
legte sie ruhig ber seine Stirn. Dann sagte er:
    Wann kommt Mangold?
    Heute Abend, aber spt! Er it immer erst irgendwo zu Nacht ...
    In diesem Gebete und der bereinstimmung mit Murray's Worten hatte sich die
ganze Sehnsucht offenbart, da Mangold sie von ihrem jetzigen Stande erlsen und
an seine reine Brust ziehen mchte.
    Du wohnst noch in der Knigsstrae? sagte Murray.
    Neben dem Caf Richter ...
    So komm' ich heute, wenn Mangold kommt ...
    Auguste stand ermuthigter und gestrkter von diesen Worten, dieser Aussicht
auf Trost und Beistand und guten Einflu auf jenen Edlen von dem Sessel, auf den
sie nach dem Gebete gesunken war, auf, zog ihren Shawl ber, trocknete ihre
Thrnen und suchte ihr feuchtes Taschentuch zu verbergen ...
    Sie wollte gehen, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
    Murray rief sie aber in der Thr noch zurck.
    Auguste, sagte er, ich habe Vertrauen! Glck bessert Thorheit, Glck
bestrkt die guten Vorstze! Man mu nicht Alles vom Unglck erwarten. Das
Unglck verhrtet, verbittert uns. Du bedarfst nun Glck! Du mut nun nicht
darben! Du hast Schulden! Da! Nimm!
    Damit hatte er die Schublade aufgezogen und reichte Augusten nach kurzem
Suchen ein Papier hin ...
    Es war eine Banknote von funfzig Thalern ...
    Auguste gab ihm aber das Papier zurck, schttelte schweigend den
nothdrftig geordneten Kopf und wollte fort. Ihre Augen waren nicht zu dmmen.
Es flossen die einmal geffneten Schleusen des Herzens ber. Sie bedurfte der
Luft ... sie mute fr sich weinen knnen. Nur weinen ... Nur fort!
    Murray drngte ihr nun fast das Papier auf. Sie nahm es aber nicht, sondern
ging. An der Treppe blieb sie stehen und wandte sich nur noch, um die tonlosen,
erstickten und heiseren Worte zu sprechen:
    Unten der Mullrich ... der Wirthin ... schuld' ich vier Thaler. Sie lt
mich vielleicht nicht durch ... wenn ich durch die Hausthr will ...
    Murray gab ihr diese vier Thaler ...
    Auguste nahm sie, wickelte sie in ihr Tuch und ging ohne aufzublicken, ohne
ein weiteres Wort des Abschiedes, ohne eine Phrase, ohne einen Seufzer, still
und tiefbewegt von dannen. Sie hatte keine Stimme, kein ueres Leben mehr. Sie
ging wie geisterhaft, wie ihrer selbst nicht bewut ...
    Murray kannte diesen Zustand und nannte ihn fr sich ... den des gebrochenen
Rohres.
    Der Auftritt hatte auch ihn erschpft. Auch er bedurfte frischer Luft zur
Strkung. Es war zu eng um ihn, zu dumpf. Er wollte aus; es drstete ihn. Er sah
nach dem Kruge ... er trank ... das Wasser war matt ... Er gedachte des
Anerbietens seiner freundlichen Wirthin. Er ging an die Verbindungsthr der
Kche und klopfte ... Louise Eisold wurde hrbar.
    Drft' ich Sie bitten ... sagte er.
    Sogleich! war die Antwort und Louise kam ber die Galerie an seine offne
Thr.
    Was wnschen Sie, Herr Murray? fragte sie.
    Drft' ich Sie bitten ... Haben Sie in Ihrer Kche frisches Wasser?
    Gewi! sagte sie und sah nach dem Kruge. Aber das Wasser war auch da matt
geworden.
    Ein Gewitter liegt in der Luft, bemerkte sie. Ich hol' Ihnen frisches ...
    Nein, nein, Mademoiselle!
    Warum nicht! sagte sie.
    Damit ergriff Louise Eisold den Krug und ging, so gefllig sie angezogen
war, selbst hinunter, um im ersten Hofe Wasser zu holen.
    Murray lehnte sich und sah ber die Galerie und beobachtete das Wetter. Er
kehrte in sein Zimmer zurck.
    Er nahm einen alten Regenschirm, setzte den Hut auf, schlo die Thr und zog
auf der Galerie alte hellgrne, waschlederne groe Handschuhe an.
    In Gedanken versunken ging ihm dies Alles langsam. Er hatte den linken
Handschuh an und wollte eben den rechten anziehen, als Louise mit dem Kruge
schon wieder da war. Sie nahm ein Glas aus ihrer Kche, schwenkte es und
schenkte es aus dem Kruge voll.
    Wie Murray so dies freundliche Walten eines gewissensreinen, unbescholtenen
Mdchens sah, wie sie ihm das Glas hinhielt, das reine und klare krystallhelle
Wasser im reinen klaren krystallhellen Glase von reiner unbescholtener Hand,
dargereicht mit klarem Auge und sittlichem Ernst, da sagte er, als er getrunken
und sich gestrkt hatte:
    Glcklich, wer ein Gewissen hat, das sich nur manchmal so trbt wie ein eben
am Brunnen geflltes Glas, das von den tausend Tropfen krystallreinen Wassers
beschlagen wird!
    Damit gab er Louisen, deren traurige Trbe bei aller Reinheit diesem Bilde
entsprach, das Glas. Sie stellte den Krug zur Erde und wollte ihm das Geleite
bis an die Treppe geben ... Wie er nun hinunterstieg und fort war und sie in ihr
Zimmer zurckkehrte, hrte Louise im Glase, das sie wegstellen wollte, einen
sonderbaren Klang. Der prchtige Ring von Gold und Edelsteinen, den Murray am
Finger gehabt hatte, lag auf dem Boden des Glases.
    Seltsam! dachte sie in lngeren Pausen. Hat er ihn vergessen? Oder soll Das
ein Geschenk sein? Wer ist dieser Mann? So arm! So reich! So niedrig! So gro!
So schwach! So stark! So kindlich! So weise! So offen, so rthselhaft!
    Wie gelhmt vor Schreck stand sie und betrachtete das funkelnde Geschmeide
... wnschte aber die Nacht herbei, um es dem wunderbaren Nachbar zurckzugeben.

                              Funfzehntes Capitel



                                Eine Hexenkche

Der Vorfall zwischen den kniglichen Herrschaften und dem Frsten Egon von
Hohenberg auf Schlo Solitde hatte allgemeines Aufsehen erregt. Alle Welt
sprach von der rhrenden Scene, dem Choral und den Thrnen der Knigin ...
Drommeldey hatte eine Anekdote gewonnen, die mit seinem Wagen die Runde bei all
den vornehmen Herrschaften machte, die in chronischen Fllen homopathische, in
acuten allopathische Behandlung verlangten ... Die Trompetta war dem Vorfalle so
nahe gewesen, da sich diese Nhe bald im Munde der Wiedererzhler in wirkliche
Anwesenheit verwandelte. Hatte sie doch Ursache, vom Hofe eine Entscheidung ber
ihr Gethsemane zu erwarten! Warum sollte sie nicht dabei gewesen sein, als jene
zarte berraschung eines Sohnes mit den Andenken seiner Mutter vorfiel? Sie gab
dem Solitder Vorfalle erst die mystische Abrundung und Beleuchtung, denn sie
war es, die bei ihrer groen Beweglichkeit Hunderte von Urtheilen darber hrte
und diese Urtheile in Thatsachen verwandeln konnte. Man pries das Herz des
Monarchen, man bewunderte den Takt seiner Gemahlin. Man stritt darber, welchem
Gefhle die Scene am wohlthuendsten msse gewesen sein, und kam darin berein,
da die junge Frstin wohl die reinste Freude dabei genossen htte; denn sie war
es, sagte man mit der eigenthmlichen Sentimentalitt jener Regionen, die den
Knig glcklich sah! Lauschte man doch von allen Seiten in des Knigs Umgebung
auf Momente, wo eine innere Freude aus seinem durch die Zeitverhltnisse
eingeschchterten Gemthe drang! Der Knig hat gelacht! Ein solches Wort flog
oft mit Blitzesschnelle bei einer Cour durch den Mund von hundert Menschen und
die kleinen Cirkel endeten dann noch einmal so gut; denn die Hoffnung auf eine
Lsung der Wirren, die die Krone bedrohten, schimmerte dann doch etwas
leuchtender. Man hoffte dann wieder auf energische Befreiung von einem
Ministerium, das die Noth des Augenblicks dem Regentenhause aufgedrngt hatte.
Es war aus entschieden lstigen Bestandtheilen, aus Kaufleuten, Fabrikanten und
hnlichen Emporkmmlingen zusammengesetzt. Einige renitente Beamte, besonders
aus der Richtersphre, hatten die Verwirrung, die in den hchsten Kreisen
herrschte, nur noch vermehrt. Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung
der Bureaukratie war auch schon bei Hofe untergraben. Man sah sich da wie auf
dem strmenden Meer nach einem rettenden Ufer, einem Leuchtthurm, einem Lootsen
um. Das Drngen um die Ehre des Steuerruders war so gro, da Keiner es
besonders krftig erfassen konnte. Eine allgemeine Rathlosigkeit lhmte den
ganzen Staatsorganismus, der neue Formen sich aneignen sollte und noch nicht die
Seele fr diese Formen hatte. Der bevorstehende Landtag, weit entfernt, einen
Halt, eine rettende Planke fr die Schiffbrchigen zu bieten, war
voraussichtlich nur die Veranlassung neuer Verwirrungen, neuer Strme. Man
konnte schon jetzt mit Bestimmtheit prophezeien, da sich das so nothwendig sich
dnkende Ministerium ihm gegenber nicht wrde behaupten knnen. Und zu
militairischem Druck, zu Gewaltmaregeln allein, schmte man sich, jetzt schon
zu greifen. Man wollte doch so gern den Schein der Gedankenfreiheit behaupten
und manche Idee verwirklicht sehen, die ohne Untersttzung der berzeugungen
keine Dauer versprach.
    Niemand war von allen diesen Wirren mehr ergriffen als eine vornehme Dame,
die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geschilderten Septemberdonnerstage
am Samstag Abend bei trbem und regnerischem Wetter schon um sechs Uhr Abends
auf ihrem gelben Sopha bei gedmpfter Beleuchtung einer groen Lampe
ausgestreckt, die Fe mit einem Shawl belegt und melancholisch genug erblicken.
    Pauline von Harder befand sich in ihrem ostensiblen Boudoir, dem uns bereits
bekannten Zimmer Gelb in Blau. Sie schlug die Arme zusammen und sah auf eine
Schreibmappe nieder, die mit einer Feder auf ihrem Schooe lag. Das Dintenfa
war in der Schreibmappe selbst angebracht.
    Eine andere Dame, die alte Ludmer, breitete ihr den Shawl auf den Fen
auseinander, damit sie sich des Frostes erwehrte, der sie bei dem trben und
pltzlich sehr herbstlichen Wetter berschauerte. Auch die Ludmer hatte eine Art
Schreibanstalt vor sich an dem runden Tische von Mahagony. Auf einem Blttchen
notirte sie mit einem Bleistifte.
    Wie kalt es ist ... Es ist sechs Uhr und schon finster! seufzte die
Geheimrthin.
    Der Herbst kommt dies Jahr so frh ... schnarrte die alte Gesellschafterin.
    Der Sommer war zu schn und wie wenig hab' ich ihn genossen.
    Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigst zustimmenden Geberde.
    Ein Bedienter trat eben ein und lie die Vorhnge nieder. Es war Franz.
    Bei den Wsmskoi's drben auch schon Licht? sagte Pauline.
    Stichdunkel! antwortete Franz.
    Hat der alte Herr von drben wieder unser Haus so oft angeglotzt? fragte die
Ludmer.
    Franz antwortete:
    Heut frh ging er wohl zehnmal vorber und schien Lust zu haben, zu
klingeln. Immer besann er sich wieder und wandte sich dann nach der Stadt ...
    Sollt' er die khle Visite der Frstin gut machen wollen? fragte die
Geheimrthin.
    Was? sagte die Ludmer, die vielleicht jemand Anders im Sinne hatte. Ach, du
meinst den alten Hauslehrer?
    Franz wute darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung, der Alte heie
Rudhard, aus dem Zimmer.
    Die Ludmer begann jetzt zu plaudern, zu berichten, zu unterhalten. Sie
erzhlte von dem jungen Maler, der fast den ganzen Tag dort drben bei Helenen's
Schwester und ihren Kindern wie eingebrgert verweile. Sie erzhlte von dem
stadtbekannt gewordenen Rendezvous in Solitde, von groen Scenen zwischen der
Mutter und Tochter ...
    Erinnere mich nicht an diesen Tag! sagte Pauline leidend. So sich in seinem
eignen Manne prostituirt zu sehen! Gegenstand des Spottes in dem Menschen, der
unser natrlicher Schutz, Beistand, unsre Ehre sein sollte! Ich kann mir denken,
da in allen Gesellschaften nur von Henning's stupider Miene gesprochen wird!
    Die Ludmer richtete ihre stechenden Augen auf die Geheimrthin und sagte
voll tiefster Besorgni:
    Ja, ja! Zu unserm Dienstag-Diner haben der Oberhofmarschall und Graf Franken
absagen lassen ...
    Es sollte mich gar nicht wundern, wenn wir in eine frmliche Ungnade fielen,
erwiderte Pauline.
    Nur wegen der Solitde? sagte die Ludmer mit schrferem Blicke zu ihrer
Freundin und Gebieterin hinberschielend und ihre Dose anschlagend.
    Ich wei, was du sagen willst, antwortete Pauline. Man erklrt mein Haus
jetzt fr den Sammelplatz der Opposition.
    Man sagt, ich machte Partei ... La sie! La sie! Das freut, das ermuthigt
mich. Siehst du! Ich thue in der That nichts, gar nichts, was diesen Vorwurf
verdiente und man kann von einer intelligenten Frau nichts Schmeichelhafteres
sagen, als da sie intriguire, whrend sie doch nichts thut. Ihre Intelligenz
ist schon Intrigue! Null, Null soll man sein, ja noch unter Null und zu
Weihnachten nur fr den Frauenverein sticken oder eine Boutike halten. Das ist
Alles.
    Nichts thut, Beste? sagte die Ludmer und nahm eine Prise. Ist nicht auch
Werdeck wieder zum Dienstag eingeladen? Bist du nicht in offener Ausstellung auf
dem Kunstverein in Ekstase gerathen ber das Bild seiner Frau, und hast diese
Person wieder an dich gezogen, trotzdem, da sie Jedermann flieht und du seit
ihrer Spionage in Bielau ihr mistraust ...
    Wie kommst du auf diese Zuflligkeit? In Bielau? Spionage? warf die
Geheimrthin ein. Welches Interesse knnte diese Frau, die aus Polen stammt und
in mir ganz fremden Verhltnissen aufwuchs, veranlassen, sich um unsere
Vergangenheit zu bekmmern?
    Kind! Du weit nicht, wie sie dich Alle umschleichen und belauschen! Da zum
Dienstag die Trompetta, die Flottwitz, Niemand vom Bundesrath gebeten ist, gibt
sogleich Gerede. Bist du nicht ein Herz und eine Seele mit der d'Azimont, die
die zweifelhaften politischen Gesinnungen des Frsten Egon beherrscht und was
ist alles Das gegen ... deine neueste Grille ...
    Pauline lachte mit der berlegung eines starken Geistes ber einen
schwcheren.
    Du sprichst, sagte sie, von meinem Ankauf eines gelesenen Journals! Wer
allein nennt Das Grille, als eine Natur wie die deinige, die sich um ffentliche
Dinge nicht kmmert!
    Ich dchte, wir htten an unsern geheimen genug - sagte die Ludmer scharf
und sah auf ihr Papier, whrend sie den Bleistift probirte und aus einem
Futteral, das neben ihr lag, eine Brille zog, die keine Bgelbrille, sondern aus
alter Gewohnheit ein einfacher sogenannter Nasenquetscher war.
    Pauline schwieg eine Weile und kam dann durch eine leicht erklrliche
Ideenassociation auf Heinrichson.
    Wie selten sich seit einiger Zeit Heinrichson macht! sagte sie seufzend.
    Deine Schuld, gutes Kind! antwortete die Ludmer jetzt durch die Brille
nselnd. Wie konntest du in dem Grade jugendliche Leidenschaften verrathen, da
du mit ihm eine Scene spieltest, als das abscheuliche Ding, die Auguste, ihn in
unsern Zimmern wie rasend anfiel?
    Pauline schwieg eine Weile und sttzte das Haupt auf.
    Ich hatte mein Alter vergessen! sagte sie seufzend. Sonst, wenn ich
entdeckte, da meine Freunde treulos waren und nicht Farbe hielten, hob ich
Dolche empor. Wo sind diese Zeiten hin!
    Heinrichson ist doch aufmerksam und wei, was du ihm bist und wie du ihm
ntzest. Aber mit ihm zu boudiren ...
    Um eine Leda!
    Du hast es nun! Er nahm die Scene fr Affectation und kommt seltener. Diese
Mnner wie Heinrichson frchten sich vor Scenen.
    Doch ist er ja wrmer, zrtlicher, als sonst ...
    Franz ... hat ganz Recht -
    Franz! Lssest du nie dies Spioniren, Charlotte! Franz sieht, was er merkt,
was wir gesehen wnschen.
    Die Visiten Heinrichson's bei der d'Azimont kann Keiner erfinden!
    Verleumdung! Heinrichson arbeitet an ihren Erinnerungsblttern. Soll ich
mich vor Helenen frchten? Dann wre Treue und Glauben aus der Welt gewichen.
Schwelgt sie nicht in dem Entzcken ihrer endlichen Ausshnung mit Egon! Sie lag
heute weinend an meiner Brust! Diese Freudenthrnen! Dieser Herzensjubel! Die
Glckliche!
    Ah! setzte sie nach einigen Augenblicken hinzu, ich will meine
Tagebuch-Notizen machen.
    Und ich den Speisezettel fr Dienstag, ergnzte die Ludmer trocken und
schttelte den Kopf und behielt die Gedanken, von denen sie sah, da sie keinen
Anklang fnden, fr sich.
    Sonnabend den 20. September, sagte Pauline halblaut und schrieb seufzend
Notizen auf, die sie theils wiederholte, theils nur flsternd fr sich hinsprach
... Elf Uhr ... Besuch Helenen's. Glcklich und entzckt ... Rckfahrt von
Solitde ... berraschung ... Dunkelheit ... Kindliche Hingebung ...
    Die Ludmer sprach aber auch gern etwas laut, wenn sie dachte, und schrieb
nachdenklich, als wenn ein Feldherr seinen Operationsplan gegen einen gersteten
und kriegskundigen Gegner entwirft, ber das bevorstehende groe Dienstagsdiner
folgende Ideen nieder:
    Pre von weien Rben mit Filets von Enten und Parmesan-Croutons ...
    Egon's Eindruck bei Hofe - fuhr wieder ihrerseits Pauline fort ... Mein
Lcheln fllt Helenen auf - Ich lchle ber mich - Warum? - Weil ich mir
manchmal wie die Sibylle vorkomme, die in einer Hhle sitzt und die Menschen in
ihrem Wahne sich durchkreuzen sieht, whrend ich im Buche ihrer Schicksale lese
-
    Spanische Pasteten von Rebhhnern, sagte die Ludmer und fgte still fr
sich, aber mit Nachdruck hinzu, von Rebhhnern en Salbicon -
    Wten alle Menschen, was ich wei - wten sie, wie ich auf meinem Dreifu
sitze, der Priesterin von Delphi gleich - ich lchle und warte meine Zeit ab -
    Die Ludmer in der Hoffnung, den Pflegling ihrer Liebe von diesen qulenden
Trumereien und Tagebuchsschmerzen abzubringen, flsterte:
    Rinderbrust, glac, mit Chalotten ...
    Helene frchtet fr die Zukunft ... lie sich Pauline nicht irre machen ...
trotzdem da sie den Augenblick besitzt. Egon will die politische Carrire
beginnen. Nichts ist den Frauen gefhrlicher als der Ehrgeiz der Mnner. Ein
Mann, der den Ruhm liebt, opfert ihm gewhnlich zuerst sich selbst und dann auch
Alle, die ihn lieben. Helene frchtet die Umgebungen Egon's und hofft, da
Rafflard sein Versprechen, sie smmtlich zu entfernen, das ganze Nest
aufzuheben, wahr macht.
    Die Ludmer hrte etwas hinber zu den ihr nicht ganz gleichgltigen
Thatsachen, die die Geheimrthin niederschrieb - und sagte dann freudiger
notirend:
    Gnse  la Broche mit farcirten Gurken  la Sauce ...
    .. Die Geheimrthin hatte aber trotz ihrer idealen Anschauung gleichfalls
nicht unterlassen, auch auf die Ludmer manchmal hinzuhren und zu prfen, was
die erprobte Erfindungsgabe der Freundin zusammensetzte. Sie nahm jetzt das
Blttchen und las die schriftstellerischen Produkte der Ludmer. Die Ludmer nahm
eine Priese.
    Ist Das der erste Gang? fragte Pauline.
    Der erste Gang!
    Ich vermisse, sagte die Geheimrthin, die gleichfalls gastronomische
Phantasieen hatte, eine Kennerin der Tafelfreuden und lngst zu der Erkenntni
gekommen war, da man sich viele und gerade die geistreichsten Menschen dauernd
und wahrhaft treu leider nur durch Diners und die sinnige Wahl ihrer
Leibgerichte verbindet; ich vermisse, sagte sie, ein Hochepot von Wurzeln 
l'Anglaise fr meinen guten Justizrath, der seine Frugalitt immer drollig genug
zu beweisen sucht, da er nach Gemsen verlangt und von guter Hausmannskost
spricht.
    Ist der Justizrath denn eingeladen?
    Schlurck? Ich denke doch? Der Vater und die Tochter! Ich bin sehr undankbar
gegen den ehrlichen Menschen und hab' ihm seit seiner edlen Aufopferung fr
meine Interessen viel zu wenig Aufmerksamkeit erwiesen.
    Er war gestern hier, um dich angelegentlichst zu sprechen ...
    Wovon man mir nichts sagte? erwiderte die Geheimrthin entrstet.
    Ich mochte nicht ... Der Mann wird alt ... Er zeigte sich ngstlich!
    ngstlich? Worber? Ein Schlurck ngstlich ... du sprachst ihn also?
    Es kmen, sagte er, Anfragen, Vorwrfe wegen der bereilten Haussuchung bei
den Gebrdern Wildungen - man setze ihm mannichfach zu, wolle Auskunft ber Dies
und Jenes - er quengelte mehr, als ich je von dem Manne erwartet htte -
    Dann lad' ihn nicht ein! erklrte die Geheimrthin entschieden. Furchtsame
Menschen stren unsern Lebensmuth. Man wird nie von Paulinen sagen, da sie ihre
Freunde vernachlssige; aber nur keine Entmuthigung da, wo man Strke erwartet!
    Von seiner Tochter sprach Schlurck auch, berichtete die Ludmer.
    Sie ist verlobt mit Lasally -
    Noch nicht frmlich ... sagte er. Auch brche sie solche Verhltnisse ab,
wie sie sie anknpfe. Sie wre vorgestern gleichfalls, wie es scheint die ganze
Welt, in Solitde gewesen und htte sich, nach Hause gekommen, so gegen Lasally
gebehrdet, da diese Verbindung jetzt wieder weniger Mglichkeiten fr sich
htte als frher ...
    Sie hat den Prinzen wieder gesehen, Dankmarn, Siegbert Wildungen - die alten
Leidenschaften regen sich - Wir wollen Schlurck und Melanie doch einladen.
Vergi es nicht!
    Und Werdeck und die Deputirten?
    Werdeck und die Deputirten! Justus vor Allen!
    Was? Justus? Den Heide ...
    Die Ludmer machte eine Miene, als rche es pltzlich nach Dnger. Sie hatte
fr Politik wenig Sinn und schttelte den Kopf und drckte wieder die Brille,
die sie beim Sprechen abgenommen hatte, auf die gequetschte Nase, da sie im
Sprechen einen schrecklich schnffelnden Ton bekam.
    Die Deputirten! nselte sie.
    Pauline fuhr abbrechend fort in ihren Notizen:
    Egon lt sich whlen - Dankmar Wildungen macht dabei den Vermittler -
Helene frchtet diesen Entschlu, frchtet die Wildungen, frchtet Louis
Armand's Einflu - frchtet Alles, was sie von Egon trennt - Nachrichten aus
Paris - d'Azimont wird immer krnker - Egon spricht viel von der Nothwendigkeit
und dem Glck legitimer Verhltnisse - sie klagt mir's ...
    Die Ludmer hatte eben sehr aufmerksam zugehrt und fragte, was legitim wre?
    Pauline lchelte und sagte:
    Legitim, liebe Charlotte, heit, wenn nicht sittlich, doch gedeckt durch die
Sitte. Du guter Egon! Wenn du wtest, was sich Alles legitim nennt! Du willst
fr die legitimen Verhltnisse auftreten! rmster! Kenntest du die Memoiren
deiner ...
    Pst! sagte die Ludmer und schrieb satyrisch grinsend und lachend:
    Filet von Seezungen  la matre d'htel! Ha! Ha! Ha!
    Um zwlf Uhr Rafflard's Besuch - er soll nun doch kein Jesuit sein - seitdem
Helene ihn erkannt haben will - sie nimmt ihre Verleumdung zurck - Rafflard
soll ein Herz haben, das edelste ... ich finde ihn ergeben, gut aus Erschpfung,
bse zu sein; aber nicht zuverlssig - sein Blick ist nicht offen - er sagte:
Madame, der grte Herrscher ist der Schein des Dienens - Eine Reminiscenz, die
er wol nicht selbst erdacht hat, aber gut befolgt. - Seine Absichten sind in
Dunkel gehllt - er war bei Hofe - er verkehrt mit Voland von der Hahnenfeder -
er verbindet diesen Zauberer mit dem Propste Gelbsattel - er ist berall und
nirgends - Rafflard will den Bund sprengen, der den Prinzen Egon von Hohenberg
umstrickt hlt - er frchtet viel von einer Annherung Egon's an jenen Rudhard
... eine Ausshnung, die Helene noch nicht einmal erfahren hat, weil sie Rudhard
hat und Egon sie wahrscheinlich damit zu krnken frchtet ... Louis Armand,
Egon's bses Princip - Rafflard wird in Egon's Umgebung aufrumen und ihr den
Alleinbesitz ihrer Liebe sichern ... sein dunkles Whlen ... Pariser Auftrge
... Rafflard scheint mir fhig zu sein, die Rolle selbst eines Banditen ...
    Maccaroni  la Bechamelle ... sagte die Ludmer, aber wie in der Zerstreuung,
so erschrak sie vor dieser Charakteristik des Herrn Sylvester Rafflard, der die
Geheimrthin so interessirte, da sie im Notiren fortfuhr:
    Rafflard hat eine gute franzsische Aussprache und corrigirt Andere ohne zu
verletzen ... Er ist rthselhaft. Um ein Uhr - eine Zumuthung der Flottwitz -
abgelehnt - ein Besuch der Trompetta nicht angenommen. Buchhndler Schrpfer
besucht mich auf meinen Wunsch und gibt mir Details ber das politische Journal:
Das Jahrhundert, das ich kaufen will ...
    Pauline! unterbrach die Ludmer halb vorwurfsvoll diese letzte Tagebuchnotiz,
die die Geheimrthin mit einiger Schalkhaftigkeit aussprach, nur prfend, nur
forschend, welchen Eindruck sie auf die Erfinderin ihres nchsten groen
Kchenzettels machen wrde.
    Nun? sagte die Geheimrthin, den Kopf aufrichtend und lchelnd. Schrpfer
... das Jahrhundert ... Guido Stromer ...
    Pauline!
    Die Ludmer dirigirte einen langen schmerzlichen Blick auf ihre Freundin und
langjhrige Pflegebefohlene ... und da diese sich nicht irre machen lie,
sondern nur sagte: Nun? Nun? so stie sie ber diesen Rckfall in die ihr
verhate Literatur einen ihrer tiefsten Seufzer aus und sagte, indem sie
notirte, mit betrbtestem Ausdruck und gen Himmel blickend:
    Ach! Kalekut - Hirschziemer - mit Salat - Kirschengratin - Gele von
Citronen und geschlagener Sahne mit Marasquino und Biscuits!
    In diesem feierlichen Augenblicke, den nur das schadenfrohe Lcheln der
Geheimrthin etwas profanirte, trat Franz herein und bergab der Ludmer einen
Brief.
    Durch das Gartenamt vom Schlo; sagte Jener. Der Geheimrath hatte ihn
vergessen. Er ist schon heute frh abgegeben.
    Die Ludmer betrachtete das Siegel und erbrach es. Der Brief war an sie
gerichtet.
    Die Geheimrthin fragte bei dieser Gelegenheit, wo Excellenz wre?
    Im Theater! hie es.
    Franz, dem dann nichts Weiteres geheien wurde, ging und die Geheimrthin
zog nasermpfend den Mund. Im Theater! sagte sie fr sich. Er hat gewi wieder
ein kleines Verhltni, das mit irgend einer moralischen Niederlage, wie im
Mbelwagen, endigen wird! Die gute Lehre, die ihm Melanie gegeben, hat nicht
lange gefruchtet. Eine wirkliche Schauspielerin wird es verstehen, ihm noch eine
lngere Nase zu drehen als diese Dilettantin in der Komdie.
    Indem bemerkte Pauline, da die Ludmer durch die Lectre des eben
empfangenen Briefes in groe Aufregung versetzt war.
    Was hast du? fragte sie, als die Ludmer die Brille abnahm und aus ihren
schwarzen Augen einen stechenden, erstaunenden Blick auf sie richtete.
    Das sind schne Sachen! sagte die Ludmer. Lies!
    Pauline nahm den Brief, dessen ueres etwas Unfrmliches hatte und fast wie
ein Dienstrapport aussah.
    Von wem ist er denn? fragte sie.
    Sieh nur! Das sind schne Sachen!
    Pauline sah zuerst auf die Unterschrift! Sie lautete Mangold, knigl.
Garten-Inspektor.
    Ist Das wegen - fragte sie ...
    Wegen Augusten's! sagte die Ludmer und ging schon zornig im Zimmer auf und
ab.
    Pauline las:
    Meine liebe Madame Ludmer! In meiner Jugend hab' ich so unter der Herrschaft
meines Blutes gestanden, da ich auf Vieh und Menschen zuschlug, wenn mir etwas
zu tckisch und nicht nach meinem Willen entgegentrat. Fr jede Beleidigung
hatt' ich sogleich mit fnf Fingern einen Habedank! zur Hand. Das waren meine
jungen Zeiten und aus den Hndeln kam ich nicht heraus! Wie ich aber einmal eine
Frau, die mich auf jede Weise chikanirte, die Frau meines Lehrherrn, eines
Grtners, in einem Zornanfall fast mit Fen trat und vor der Rache ihres Mannes
nicht entfloh, sondern ihn, weil er die bse Frau in Schutz nehmen wollte, mit
der Peitsche durchhieb und dabei einem armen unschuldigen Kinde, das in der Nhe
stand, ein Auge ausschlug, bin ich in mich gegangen und ein anderer Mensch
geworden. Ich flchtete jetzt und kam durch allerhand Irrwege nach Holland und
England, wo ich die Grtnerei im Groen studirte, die richtige Art der
Parkanlagen, besonders aber Ruhe, Selbstbeherrschung und Migung lernte. Nach
meiner frhern Art glaub' ich wohl, da ich in Ihrer Nhe, liebe Madame Ludmer,
jetzt wieder einem Kinde zufllig ein Auge ausgeschlagen htte; nach meiner
jetzigen Art sag' ich Ihnen aber nur, da es ein Irrthum von Ihrer Seite ist,
liebe Madame Ludmer, wenn Sie geglaubt haben, da ich zu dem verlornen Rufe
Ihrer Nichte, Auguste Ludmer, wie zu einem Brunnen den Deckel htte abgeben
knnen. Ich frage nicht: Wie konnten Sie wagen, Frau, einem ehrlichen,
unbescholtenen Manne zuzumuthen, eine Auguste Ludmer zu heirathen? Wie konnten
Sie es wagen, auf meine Leichtglubigkeit, Dummheit und von den Stdten
zurckgezogen lebende lebendige Einfalt hin, mir eine Partie vorzuschlagen, die
ewig meine Ehre wrde gebrandmarkt haben? Wie konnten Sie so hinterlistig
Veranstaltungen treffen, um mich und meinen guten Namen in diese schndliche
Falle zu locken? Ich sage das Alles nicht auf alte Art, weil ich ...
mglicherweise ein in der Nhe befindliches Kinderauge frchte. Lassen Sie sich
denn also mit der einfachen Nachricht gengen, da ich jenes schne und in
vieler Hinsicht angenehme Mdchen vom Grund meiner Seele aus bedaure, da ich
selbst ber einen gewissen Beweis menschlicher Schwche und die Erbrmlichkeit
eines gewissen herzlosen groen Knstlers in dummer Einfalt hinweggekommen wre,
allein die Wahrheiten, die ich sah, als mir ein Ehrenmann, Namens Dankmar
Wildlingen, auf dem Caf Richter gestern die Schuppen von den Augen nahm; diesen
berflu der Schande und des Elends kann ich in keinen Wald der Welt mitnehmen,
in keinem Sansregret der Welt verbergen, das Laub wrde darber verderben und
die Jahreszeiten knnten mir in Unordnung gerathen. Ich hab' es dem Mdchen noch
am selben Abend in Ruhe gesagt. Ein alter Verehrer von ihr stand dabei. Eine
schwarze Binde an seinem Auge erinnert zwar nicht an Amor, den blinden Gott der
Liebe, aber er soll reich sein ... er mag sie trsten! Sie sah mich starr an und
lachte.. Da sie nichts erwidern konnte, sagt' ich ihr ein ruhiges Lebewohl und
ging - wohin ich vor zwanzig Jahren nicht gegangen wre, nicht zu Ihnen -
sondern nach Hause, in mein Kmmerlein und dankte Gott, da er mich vor ewiger
und zeitlicher Gefahr behtet hat. Leben Sie wohl, Madame Ludmer, und suchen Sie
sich andre Deckel fr Ihre unsaubern Tpfe aus! Es gibt Viele, die so dumm sind
wie ich und nicht sehen was darin ist. Aber es gibt nicht zuviel, die, wenn sie
einmal gesehen haben, nicht gern dumm bleiben wollen ... Ihr ergebenster u.s.w.
    Madame Ludmer war von diesem Briefe sehr gergert. Sie zerknitterte ihn, wie
sie den Schreiber htte zerknittern mgen. Ihre Gebieterin lachte fast und nahm
die Sache leichter. Sie begriff nicht, warum ihre Fhrerin und langjhrige, auch
im Dienen nach Rafflard's Theorie herrschende Freundin sich ber diesen Ausbruch
einer gereizten Stimmung so aufregen konnte.
    Wer ist nur dieser Alte mit der schwarzen Binde? sagte die Ludmer. Mit ihm
ist sie arretirt worden - Rafflard erzhlte uns, da er nach einem Besuche im
Gefngnisse diesen Englnder fr einen der unternehmendsten und schlauesten
Bsewichter halte, die jemals die Aufmerksamkeit der Behrden in Anspruch
genommen htten - wird sie nicht in Gemeinschaft mit einem solchen Beistand
Alles unternehmen, um sich fr diesen Affront, den ihr Mangold anthut, zu
rchen? Seit sie in deinem Verehrer einen Menschen erkannte, den sie hat, hat
sie ja angefangen, uns empfindlicher als je zu qulen. Kann es mir recht sein,
da mein Name von ihr im Schmuz herumgezogen wird? Ist nicht selbst
vorauszusehen, da ihre nach Rache gierige Wuth sich allmlig bis in die
Erinnerungen ihrer Kindheit zurckwhlt und mit Hlfe mnnlichen Beistandes bis
zu den Tagen ankommt, wo wir in Bielau, wie du weit ...
    Schweige doch! rief Pauline und richtete sich nun gro und lang auf. Welche
dstern Phantasieen! Ist es das Wetter, das dich so aufregt oder was? ngstigen
dich die Kastanien, die im Regen drauen von den Bumen platzen? Der Brief soll
uns nicht gleichgltig sein. Ich erstaune sogar, wieder den Namen Dankmar
Wildungen, den jungen Mann, der jetzt soviel Aufsehen erregt, in Angelegenheiten
genannt zu sehen, die mich berhren. Ich wnschte, Stromer beruhigte mich ber
diesen wie es scheint gefhrlichen Charakter, der so sonderbar immer in der Nhe
von Dingen ist, die sich auf uns beziehen - Was Stromer lange bleibt! Es ist
bald sieben! La diese Grillen! Denke, wie glcklich die Angelegenheit mit den
Denkwrdigkeiten Amanden's abgelaufen ist. Wir erwarteten Rache, Verleumdung,
Wahrheit sogar. Und was fanden wir? Die mchtigste Waffe in der Hand Dessen, der
den Muth nicht verliert! Wenn ich einst diese Waffe schwnge - wenn ich diese
Memoiren hingbe und sagte: Da! Les't sie! Ich wei, es sind Dinge darin, die
auch mich vernichten wrden, aber ich htte die triumphirende Genugthuung, da
in meinen Sturz ich eine allgemeine Verwirrung hineinzge und Die, die mich
gedemthigt glaubten, vielleicht selbst ihr Haupt nie wieder erheben knnten.
    In dem Augenblicke meldete Franz Herrn Guido Stromer ... Doktor Stromer,
nicht mehr Pfarrer Stromer.
    Soll willkommen sein! sagte Pauline.
    Die Ludmer hielt Franz zurck ...
    Noch ein Wort! Franz ... Sie besann sich und wie einen Entschlu fassend
sagte sie: Was ist fr Wetter?
    Die Bume triefen wie Regenschirme!
    Wie nasse, willst du sagen, meinte die Ludmer. Nimm zwei trockne, Franz, du
mut sogleich in die Stadt ...
    Knnte nicht Ernst ... sagte Franz verdrielich. Der Doktor ist in einer
Droschke gekommen.
    Ernst oder Franz, polterte die Alte, die wol einmal, aber nie zwei mal
schmeichelte; Einer geht sogleich nach der Knigsstrae und erkundigt sich, was
sie treibt! Ob sie wieder mit dem Manne in der schwarzen Binde gesehen wird, wie
damals auf der Fortuna oder ...
    Sie geht mit Mangold -
    Mit Mangold ist's nichts mehr! Franz ... geh' selber zu ihr ... Mangold ist
dahintergekommen. Sie ist bsartig gegen Euch! Ernst hat nicht Muth genug. Geh'
Frnzchen!
    Franz, so cajolirt, sagte, er wollte selbst gehen. Die Geheimrthin lobte
ihn fr seinen Eifer. Die Ludmer knitterte ihren Brief zusammen, nahm den
Bleistift und ihre culinarischen Notizen und entfernte sich durch das
Schlafzimmer und das hintere Boudoir, um einige Anstalten fr den Thee zu
treffen ... Diejenigen Bedienten, die sich treu erwiesen, hatten es gut in
diesem Hause.
    Guido Stromer war seit einigen Wochen schon fast der tgliche Hausfreund der
Geheimrthin von Harder. Er verdankte seine Einfhrung dem Justizrath Schlurck
und einem artigen Schutzbriefe, mit dem ihn Melanie selbst empfohlen hatte.
Melanie hatte gesagt: Hier ist ein Mann, gndige Frau, der in die Residenz kommt
und nach Geist drstet! Er hat die Thorheit, diese Quelle in meiner Nhe zu
suchen und schpft und schpft und schpft vergebens. Ich hab' ihm gesagt, ich
will ihm den rechten Waldgrund zeigen, wo es in der Tiefe mchtig rauscht und
siedet und ghrt und siehe! so kommt er zu Ihnen.
    Seitdem hatten Guido Stromer's Aufstze im Jahrhundert, einer groen,
einflureichen Zeitung, schon Manchem gefallen. Zwar hatte man ihm fr seine
etwas verworrenen Anschauungen erst nur noch das untere Stockwerk, das
Feuilleton, eingerumt, allein fr andre Leser, wie Pauline, war Dies gerade
eine Auszeichnung. Man sprach allgemein davon, ob Guido Stromer nicht steigen,
in die politischen Spalten avanciren wrde, aber es fehlte ihm noch die
Grundlage positiver Thatsachen, wie er's nannte, Kenntnisse, wie Dankmar es
genannt haben wrde. Er war reich in Principien, arm in praktischen
Fingerzeigen. Zufllig waren unter den Eigenthmern des Jahrhunderts
Differenzen entstanden, die sich am Besten ausgleichen lieen, wenn irgend eine
bedeutende politische Macht etwas daran wagen und das Blatt kaufen wollte. Guido
Stromer interessirte Paulinen fr diese Idee. Ein Blatt zu haben, ohne da man
ihr dies Eigenthum, das auf einen andern Namen geschrieben werden mute,
nachweisen konnte, jeden Morgen eine Parole austheilen, jeden Abend in der Welt
seine sichere Wirkung zu haben, abweisen, annehmen, voraussehen, drohen,
belohnen, etwas wissen zu knnen, was Andere nicht wuten ... sie war entzckt
von diesem Plane und hatte dafr nur Stromern, Heinrichson und die Ludmer zu
Vertrauten. Heinrichson versprach ihr, ber die knstlerischen Bestrebungen so
viel geheimes Material zu geben, da sie im Feuilleton unter einem angenommenen
Namen selbst als eine feine Kennerin der Kunst auftreten konnte. Sie schwelgte
in dem Gedanken, ber die ffentliche Meinung eine Herrschaft zu gewinnen, die
ihr einen Ersatz fr die kleinen Cirkel bieten sollte, von denen sie mit so
hartnckiger Consequenz ausgeschlossen blieb.
    Guido Stromer trat ein, wie immer mit dem Bewutsein, in welchem Goethe
seinen Tasso sagen lt: Und wie der Mensch nur sagen kann: Hier bin ich! Da
Freunde seiner schonend sich erfreun; so kann ich auch nur sagen:
    Nimm mich hin!
    Er idealisirte sich nmlich von Tage zu Tage mehr. Der Blick seines Auges
wurde immer freier und strahlender, die Art, den Kopf auf seinen Schultern zu
heben, wurde beweglicher, sein ganzes Wesen erschien wie elektrisirt und im
ganzen Gehaben fast berreizt. Eine gewisse Pedanterie war dabei freilich nicht
zu vertilgen. Die mangelnde feinere Erziehung, die ihm Frstin Amanda, die auf
den innern geistigen Kern blickte, vllig nachsah, war durch feinere Wsche und
eine wie aus einem Handbuche studirte Eleganz nicht zu verdecken. Die Grazien
waren in seiner Nhe, aber sie neckten ihn nur, sie spielten mit ihm
Versteckens, sie wohnten nicht in ihm selbst. Dieser feine Kopf a jetzt an
vielen vornehmen Tafeln, aber er wiegte sich so sonderbar in diesen Genssen,
athmete so den Duft seiner Einladungen ein und aus, wiederholte so sehr Alles,
was ihm begegnete, in der Erzhlung sprach er so geruschvoll und nachdrcklich,
da das ganze persnliche Interesse, das Pauline an diesem so urpltzlich
aufgetauchten Autor genommen hatte, dazu gehrte, um durch ihn in ihren Nerven
nicht empfindlich gestrt und verletzt zu werden.
    Meine gndige Frau, sagte Guido Stromer, gleich im Eintreten, whrend er
Paulinen die Hand kte, ich komme in Sturm und Regen und mu in weiter Ferne
von Ihnen bleiben, denn ich bringe eine Atmosphre mit, die leicht den Katarrh
nach sich zieht.
    Nun, bester Freund, begrte ihn Pauline und bat ihn Platz zu nehmen, wo es
seiner ditetischen Sorgfalt fr ihre Gesundheit nur beliebe. Was bringen Sie
ber das Jahrhundert?
    Vor allen Dingen die heutige Nummer! sagte Stromer, griff in den neuen
schwarzen Frack, dessen Hyper-Modernitt ihm beinahe komisch stand und breitete
das von der Druckerei noch nasse Blatt aus, das Pauline gierig ergriff und
durchflog.
    Im Breau war ich nicht, fuhr Stromer fort, nachdem Pauline sich etwas
orientirt hatte ... denn zu sprechen, whrend Jemand etwas vielleicht - von ihm
las, dazu war er zu - taktvoll ... Das Breau ist zu entlegen. Einem kleinen
Mdchen kauft' ich es an einer Straenecke ab. Das Kind stand im Regen da wie
der zitternde Strauch auf einsamer Heide ... Ich wei, Ihr Exemplar kommt erst
spter.
    Schrpfer war da! warf Pauline im Lesen und bltternd fast neckisch und wie
zur Anregung hinein.
    Ah, gndige Frau, sagte Stromer, ich wute es, ich hab' ihn selbst
gesprochen. Die Sosier sind keine Freunde der Aktienunternehmungen, welche
Zeitungen stiften. Auch die kleinen Buchhndler auf der Strae sollen
weggeschnappt werden. Kind! fragt' ich das kleine Mdchen, das die Bltter feil
bot, liest du denn schon und verstehst du auch, was du verkaufest? Meine
Schwester erzhlt es uns manchmal; sagte das Kind. Hast du eine Schwester,
kleine Proletarierin? fragt' ich. Welchen Schriftsteller liebt sie denn am
liebsten in dem Blatt, das du da verkaufst? ... Stromer hielt inne; denn die
Geheimrthin war so vertieft, da sie sowol sein Bild von dem auf der Haide im
Sturme frstelnden Strauche, wie seine Unterredung mit der kleinen Line Eisold
berhrt hatte. Er wartete, bis sie sich gesammelt hatte.
    Ah, sagte sie dann und blickte zu Stromer, um ihn zum Weiterreden zu
ermuntern.
    Denken sie sich, gndige Frau, fuhr dieser fort, wie man populair wird! Und
dein Ruhm wird ertnen auf der lauten Gasse! Jesaias wrde mich beneidet haben,
wenn er Das gehrt htte. Wohl wei ich, da auf der Gasse nicht blos Glocken
tnen, sondern auch Schellen klingeln und alte Tpfe krachen, die man in
Scherben zerwirft, aber auch ein solcher Polterabendruhm klingt einem Ohre s,
das bestimmt schien, nur im Umkreise eines lndlichen Nachtwchterhornes seinen
Namen bekannt zu wissen.
    Im Umkreise eines lndlichen Nachtwchterhornes! wiederholte das Bild
anerkennend Pauline, indem sie weiter bltterte und nicht ganz bei der Sache
war. Wovon sprachen Sie denn?
    Diese kleine fliegende Buchhndlerin sagte mir, der liebste Schriftsteller,
von dem ihre Schwester sich etwas abschriebe, wre ihnen Guido Stromer! Gndige
Frau, Das so zu hren im Sturme eines nassen Herbstabendes, an einer Straenecke
unter Wagengerassel, wie Macbeth sein Schicksal am Wege von den Hexen zugerufen
bekommt. Poesie mitten in der Alltglichkeit!
    Nun erst sammelte sich Pauline von Harder. Sie hatte das Blatt durchflogen,
sich ber den Stand der Parteien orientirt, die neuesten telegraphischen
Depeschen gelesen, einige kleine durch Stromer besorgte Notizen von eigener Hand
gefunden ... nun erst hrte sie halb, was Guido Stromer sprach und fragte:
    Also was sagte Schrpfer? Merkte er unsere Absicht?
    Guido Stromer war doch stark betroffen, da die gndige Beschtzerin seiner
Zwischenreden so wenig Acht gehabt hatte. Er hatte in solchen Fllen die
Gewohnheit, den Ton ganz leise einzusetzen und mit gezogener Empfindlichkeit und
einem gleichsam nur seinem eigenen Genius genugthuenden gelinden Strafverfahren
so wie hier zu wiederholen:
    Was.. Herr.. Schrpfer.. gesagt ... hat?
    Ja, Sie sprachen doch ...
    Wohl! sagte Stromer seufzend und gelassen, wie ein angeschmiedeter
Prometheus; wohl! Frau von Harder will zur Literatur zurckkehren, sagte der
edle Sosier, sie will vielleicht ein Blatt begrnden! Aber vom Jahrhundert war
keine Rede.
    Ah! Ich habe mir, begann Pauline die Arme bereinander schlagend und den
einen Fu auf ihr Sopha legend, ich habe mir Mancherlei von den Einrichtungen
einer solchen Unternehmung erzhlen lassen, von Druck, Papier, Versendung,
Abonnentenzahl und dergleichen mehr. Ich glaube, da die dreitausend Abnehmer
des Jahrhunderts ungefhr nach allem Kostenabzuge einem Capitale von 10.000
Thalern gleich kommen.
    Hher nicht? fragte Stromer, der wie alle berfliegenden und haltlosen
Naturen auch in solchen praktischen Verhltnissen von dem Werthe der eigenen
Thtigkeit chimrische Begriffe hatte.
    Finden Sie die Summe so unbedeutend?
    Das Capital ist bedeutend. Die Rente klein ... antwortete Stromer, und
eigentlich mssen wir hinzufgen, da ihm Capital und Rente neue Begriffe waren,
die er nicht ohne einige Genugthuung seinem bisherigen blichen Sprachgebrauche
einverleibt hatte.
    Es ist mir nicht um die Rente, sagte Pauline, die in Geldsachen gelufigere
Praxis hatte, sondern um den Einflu, um die Unterhaltung und manchen ntzlichen
Gedanken, der sich wird frdern lassen. Durch wen besorgen wir nur den Kauf? Wer
leiht seinen Namen her, um den unsrigen zu decken?
    Ich habe an Herrn Schlurck gedacht ... meinte Stromer.
    O sehr gut! Schlurck! Er ist ...
    Doch zuverlssig?
    Wie Gold! Aber ... seit der Hohenberger neuen Generalpacht scheint er mir
etwas en dcadence.
    In der That? Man speist doch bei ihm wie bei einem Lucullus.
    Seine verlorene Curatel der Hohenbergischen Gter hat ihm in der groen Welt
geschadet. Es ist erstaunlich, wie ansteckend das Glck und wie noch
ansteckender das Unglck ist. Beim Glcklichen versucht sich Jeder, den
Unglcklichen flieht man. Das soll mich aber nicht veranlassen, diese Thorheit
mitzumachen. Ich will Schlurck bestimmen, das Jahrhundert fr meine Rechnung
anzukaufen ...
    Indem trat die Ludmer ein, hinter ihr folgte sehr bald Ernst mit dem
Theeservice ... Stromer hrte das Klappern von Tassen schon seit Jahren
auerordentlich gern. Es wurde ihm dann immer so behaglich, da er sogleich
anfing, Streckverse ber das Sieden eines Theetopfes, ber das Singen eines
gebundenen Wassergeistes und den angenehmen Zusammenhang zwischen einem kalten
Septemberabend und einer Tasse braunen Peccothees zu jeanpaulisiren, wobei er
nicht frchtete, sich zu wiederholen. Er hatte hnliche Empfindungen an dieser
Sttte schon mehrfach ausgesprochen, sprach sie aber heute wieder aus ...
    Die Ludmer hatte seit Jahren ein Zeichen, das ihr sagte, ob sie ein
tte--tte oder eine grere Gesellschaft der Geheimrthin durch ihre
Anwesenheit strte oder nicht. Fand sie das feine battistene Taschentuch
Paulinen's in ihrer linken Hand, so durfte sie bleiben; fand sie es in der
rechten, so hatte die Gebieterin Ursache, ihre Entfernung zu wnschen. Da sie
das Taschentuch heute in der linken bemerkte, so blieb die Ludmer und sorgte fr
den Thee, scheinbar dem Gesprche nicht folgend und doch sehr bei ihm
interessirt. Denn sie war keine Freundin der literarischen Bestrebungen
Paulinen's. Sie fand in dem Umgange mit Schriftstellern nichts ihrer Wrdiges.
Sie hatte auch Scharfsinn genug, sich zu vergegenwrtigen, da diese Art von
geistiger Thtigkeit zuletzt eine Unsumme von Verlegenheiten bereitet und sie
wute dann, was die nchsten Umgebungen der Geheimrthin zu leiden hatten, wenn
die Schwierigkeiten wuchsen und sich alle Ausgnge verstopften und die Rckzge
sich versperrt fanden. Sie bereitete den Thee, schwieg, hrte aber mit scharfem
Ohr auf jedes Wort, das hier gesprochen wurde.
    Man errterte die Stellung, die knftig das Jahrhundert in den Fragen der
Zeit, dem Wirrwarr der Parteien einnehmen sollte. Pauline tadelte die
schwankende bisherige Haltung dieses Blattes, das zwar sehr leserliche, aber
wenig entschlossene Artikel brchte.
    Irgend etwas mu gesagt werden, erklrte sie. Die Artikel mssen auf eine
gewisse Pointe zurckkommen. Jeder Gedanke mu seine eigenthmliche Spitze
haben. Werdeck mssen Sie versuchen fr die Artikel ber Militairreform zu
gewinnen, Justus, den Heidekrger, fr gutsherrliche und buerliche
Verhltnisse, Schlurck kennt die Mngel unsres Gerichtsverfahrens, Gelbsattel
ist sehr verstimmt, sehr, sehr, der Hof nimmt keine Rcksicht mehr auf die alte
Tonangabe, die man ihm in frheren Zeiten gestattet hatte; das Alles sind
Elemente, die Sie gewinnen mssen und woraus man eine Zeitschrift fr
Misvergngte bilden kann. Glauben Sie mir, die wrde groen Anklang finden!
    Stromer nippte an seinem Thee und brockte Zwieback. Wenn er aufrichtig war,
mute er sich gestehen, da er in keiner Weise fr solche Unternehmungen der
Mann war. Es fehlte ihm jede Unterordnung unter fremde Denkweise. So sehr er
eine Aufgabe daraus machte, alle Menschen in ihrer Art gelten zu lassen, so war
es ihm dabei doch nur um eine gewisse Kunst der Charakteristik und den Schein
der politischen Milde zu thun. Zu objectiven Wahrheiten vollends wute er sich
nicht zu erheben.
    Drft' ich nicht eine Ansicht uern, gndige Frau? sagte er jetzt in seiner
alten Art, die wir von Hohenberg kennen, in jenem leisen, vorbereitenden, die
Aufmerksamkeit erzwingenden Piano.
    Sprechen Sie! sagte die Geheimrthin.
    Die Ludmer horchte.
    Ich gestehe doch aufrichtig, sagte Stromer, da ich mir eigentlich gedacht
habe, ob man nicht in dem Jahrhundert jede Parteiung umgehen knnte. Wo man
hinhrt, wird der Ha gepredigt. Wenn nun einmal Einer aufstnde und das
Evangelium der Liebe predigte? Ich verlange Schonung fr jede Ansicht, unter der
Bedingung, da sie sich nur geistig ankndigt.
    Ah! Ah! rief Pauline ablehnend. Sie fallen in den Ton zurck, der meiner
guten Freundin, der Frstin Amanda, so sympathisch war! Unsere Zeit verlangt
Farbe.
    Sagen Sie Das nicht so entschieden, gndige Frau! Unsere Zeit verlangt den
Regenbogen des Friedens ... Und im Regenbogen sind alle Farben vereinigt.
    Gelb und Roth herrschen vor. Krieg! Krieg! Bester Pfarrer!
    Fr unser Auge, fr unsere dunstige Atmosphre, gelb und roth. Aber an
klaren Tagen sieht man mehr das Roth und Grn hervorstechen ...
    Ohne eine Partei, ohne eine Gesinnung hlt sich keine Zeitung! Nein, nein,
Stromer!
    O fern sei es von mir, zu sagen, flsterte Stromer erregter, da ich keine
Gesinnung htte! Das aber eben ist meine Gesinnung, da ich die Extreme
verabscheue. Nur der Willkr und der Gedankenlosigkeit wollen wir den Krieg
erklren, Das aber, was sich in einer Form der Schnheit und einer gewissen
individuellen Nothwendigkeit ankndigt, Das mssen wir gelten lassen, wenigstens
eine Zeitlang prfen. Vom Berge Sinai kommt der Bote des Herrn, der Gesetzgeber
seines Volkes. Wie er aus den Wolken tritt, siehe da! sein Herz ist bekmmert.
Sein Volk tanzt um ein gldenes Kalb. Der Gott, den ihnen Moses aus den Wolken
bringen sollte, zgerte ihnen zu lange. Sie zwingen Aaron, ein gldenes Kalb zu
gieen, das sie faute de mieux ihren Gott nennen. Moses, voll Entrstung, nimmt
die Tafeln des geschriebenen Gesetzes, das er mit sich herunterbringt, und wirft
sie nach dem Gtzenbilde. Die Tafeln zerspringen und alles Volk eilt herbei, die
Scherben zu sammeln. Jeder hat nun einen Theil der Wahrheit, Jeder hat nun ein
Stck des Gesetzes und jetzt bedarf es der Migung, Ruhe, der Verstndigung, um
die Scherben wieder aneinander zu setzen und aus den Trmmern wieder des Herrn
lebendiges Wort zur Auferstehung zu bringen.
    O das ist ein Mythe! rief Pauline. Das ist sehr poetisch, Pfarrer! Ein
solches Gleichni an die Spitze des Jahrhunderts gestellt, als Einleitung des
neuen Programmes - als Ankndigung kann Das Glck machen; aber ...
    Dennoch fhl' ich, fuhr Stromer fort, da wir im Vorhofe solcher
Allgemeinheiten nicht drfen stehen bleiben. Ja wir mssen uns an die Thatsachen
wagen. Aber noch heute nahm ich Veranlassung, zu Gelbsattel zu sagen: Warum
streiten wir nur ber die Frage, wer regieren soll? Ist es erhrt, da unsere
Zeit den Knigen nur das Regieren berhaupt zu- oder abspricht und Niemand denkt
mehr daran, wie regiert werden soll? Das Schiff fhrt dahin ber die Wogen. Der
Mann am Steuerruder lenkt seine Bewegung. Er hat doch ein Ziel! Er hat doch
entweder nach Kolchis zu segeln, um das goldene Vlie zu holen oder er trgt
schon eine Beute und will zurck zu der Heimat Strand. Einst gab es Knige, die
nicht an's Regieren berhaupt dachten, sondern nur daran, da sie gut und gro
regierten. Ihr Minister und Volkshupter streitet ber das Regieren. Wer
regiert! Ei, so halte dich nicht auf, du Mckenseiher, ei so tummle dich doch in
der Bahn und zanke nicht, wie sie gezogen sein soll! Ich will regieren, sagt der
Frst. Regiere nur! Aber rasch, gro, bedeutsam! Was ist Das fr ein
Staatenleben, wo es immerdar nur heit: Wir leben in einer Maschine, wo das
Recht des ersten Druckes Dem, das Recht des Gegendruckes Dem gebhrt! Ist der
Staat ein wiederkuend Thier, ein jmmerlicher Selbstzweck? Sind die Knige nur
da, um Knige zu sein? Mein Seherauge lehrt mich aus meinem Scherben am Fue des
Sinai eine tiefe Wahrheit entrthseln. Ich lese etwas von dem Satze in der
ewigen Offenbarung: Die Knige regieren! Aber sie sollen regieren, gut, weise,
gro und schaffend! Sie sollen regieren nicht um der Ewigkeit ihres Stammes,
sondern um dessen Zeitlichkeit willen! Sie sollen regieren, um die Vlker reif
zu machen, sich selbst zu regieren! Die Knige sind die einzigen berufenen
legitimen Apostel der Republik.
    Vortrefflich! rief Pauline und reichte dem geschickten Gedanken-Eskamoteur,
diesmal im Style von Hamann, die Hand, da er sie ergriff und kte.
    So weit ihr Verstand reichte, war ihr Das neu und im Grunde nicht sehr
gefhrlich. Es ntzte allen Parteien.
    Was sagte Gelbsattel? fragte sie dringend, zum Entsetzen der alten Ludmer,
die ber die Art, wie ihre Freundin auf ihre alten Tage da so in der Politik
schwamm und pltscherte, in Verzweiflung gerieth und sich nur helfen konnte,
indem sie an die Zubereitung der Schssel: Filet von Seezungen  la maitre
d'hotel dachte.
    Er ist verdrielich, antwortete Stromer, Gelbsattel ist verstimmt, hat
husliches Leid, er mag nichts Neues mehr denken. Der alte Apparat, der so viele
Jahre bei ihm gehalten hat, ist ihm zu bequem geworden. Pat eine neue Denkform
nicht in diese alten Modelle seiner Dialektik hinein, so wei er nicht mehr viel
mit ihr anzufangen und hat gleich seine Bezeichnungen wie: Unpraktisch!
Mystisch! Naturphilosophisch! zur Hand und glaubt die Sache damit abgethan. Wenn
ich noch erwhne, da ihn der berhmte Proce wegen der Johannitererbschaft
verdrielich stimmt, so thu' ich Das mit Bedacht, weil ich dadurch veranlat
werde, noch einer mglichen Verbesserung unseres Jahrhunderts zu gedenken. Sie
kennen Dankmar Wildungen, gnd'ge Frau?
    Nur dem Namen nach! antwortete Pauline gespannt und die Ludmer horchte auf.
    Dieser junge Mann, fuhr Stromer fort, interessirt alle Welt. Wo man ihn
sieht, zeigt man nach ihm und Viele wetten, da er den merkwrdigen Proce
gewinnen wird -
    In der That?
    Schlurck, Gelbsattel, sind nicht umsonst so verstimmt; das Ministerium
verfolgt die Schritte der Gebrder Wildungen nicht umsonst mit so scharfem Auge
- ist doch sogar eine Haussuchung bei ihnen vorgenommen.
    Die Ludmer und Pauline schlugen die Augen nieder.
    Ich lernte Dankmar, sagte Stromer, in Hohenberg kennen. Man hielt ihn fr
den Prinzen Egon und durfte es, wenn Unternehmungslust, Feuer, edle Haltung von
dem Wesen einer in der Gesellschaft hervorragenden Erscheinung unzertrennbar
sind. Ich nahm schon damals an ihm Interesse und habe krzlich, vorgestern, an
einem ffentlichen Orte, auf's neue seinen Scharfsinn, seine hervorstechende
Eigenthmlichkeit bewundert.
    Vorgestern? fragte Pauline lchelnd. Im Caf Richter?
    Woher wissen Sie -
    Wir sind allwissend, lieber Stromer.
    In der That! Es war acht Uhr. Wildungen sprach lange in einem einsamen
entlegenen Zimmer mit einem mir unbekannten Manne ...
    Mit rthlichem Bart? In grnen Kleidern?
    Wohl! Wohl! Ei!
    Fahren Sie fort ...
    Ich habe nichts zu sagen, als da er nach der lebhaften Unterhaltung mit
diesem Manne, der sich bieder, doch in groer Aufregung ihm die Hand schttelnd,
bald entfernte, in die besuchteren Zimmer kam und so angeregt war, so sprhend
und lebendig sich ber die Angelegenheiten des Tages uerte, da ich die alte
Bekanntschaft mit ihm gern erneuerte und ihn veranlate, sich gleichfalls dem
neuen Aufschwunge des Jahrhunderts zu widmen.
    Mein Freund, rief Pauline entzckt. Sie werden praktisch!
    Die Ludmer sah auf Pauline bedeutungsvoll ngstlich hinber, doch nahm diese
keine Notiz.
    Was antwortete er? fragte sie.
    Es gab erst ein Misverstndni. Er sagte, dem Jahrhundert leb' ich wohl und
mcht' es aus seinen Angeln heben; ich fhle alle Schmerzen der Zeit und ringe,
sie zu heilen. Da kam die Aufklrung, da nur von der Zeitung die Rede war. Er
lchelte, schien aber vllig bereit, ganz einverstanden und theilte mir offen
mit, da er bis zur Erledigung seines Processes sich durch literarische Arbeiten
die Existenz fristen msse, ohne darum mit Goethe zu sagen: Wer nie sein Brot in
Thrnen a ... ich fand einen Charakter, einen Mann in ihm.
    Die Ludmer rmpfte die Nase, als wollte sie sagen: Welch' ein Umgang! Nichts
als Lumpen!
    Die Geheimrthin aber, in dem Zuge, in dem sie nun einmal war und der Tage
gedenkend, wo sie einen Heinrich Rodewald liebte, von dem sie oft sagte: Titan,
du spielst mit der Weltkugel Fangball! rief:
    Fahren Sie fort! Fahren Sie fort!
    Und nun, fuhr Stromer fort, kam ein Vorschlag Wildungen's zur Sprache, ber
den ich doch erst die Ansicht meiner verehrten Gnnerin vernehmen mu. Der
junge, leidenschaftliche und von allen Verhltnissen unterrichtete Advokat
machte mich darauf aufmerksam, da der ihm, wie doch auch mir so nahestehende
Prinz Egon sicherlich eine bedeutende politische Rolle spielen wrde. Der an
drei Orten gewhlte Volksmann Justus htte sich sogleich erboten, die Wahl des
ihm benachbarten Prinzen fr einen der Wahlorte, den er refsiren msse, zu
beantragen und man knne gewi sein, da nun Prinz Egon von Hohenberg in die
Kammer trte. Er wre von einer seltenen politischen Reife, bese Kenntnisse,
auerordentlich neue und befruchtende Grundgedanken und wenn man ihm noch den
Nachdruck gbe, da er eine Partei bilden drfe, da er eine Zeitung, immerhin
das Jahrhundert, zur Verfgung bekommen knnte ...
    Hier brach Stromer ab, denn die Geheimrthin schien in der grten
Aufregung. Schon seitdem Dankmar Wildungen genannt war, fingen ihre
Gedankenrder sozusagen zu schnurren an. Die Ludmer hatte dafr ein
auerordentlich feines Ohr. Sie kannte Paulinen, wie sie grbelte und
kombinirte, wie sie der Zerstreuung, Anlehnung an lebendige Naturen bedurfte,
wie sie ihr Ohr an das Sausen und Brausen der Zeit zu legen liebte. Als aber
Egon genannt wurde und sie ihr Lcheln, ihre Spannung, ihr Interesse bemerkte,
htte sie mit irgend einem andern Gegenstande das Gesprch unterbrechen mgen
und wre es das Niederwerfen der Tassen gewesen. Eben wollte sie wenigstens in
die Verwunderung der Geheimrthin persnlich miteinstimmen, als diese in ihrer
Unruhe sich von der kalten, nur horchenden, nur ihre Glut dmpfenden Horcherin
so belstigt fhlte, da sie das Taschentuch mit Entschiedenheit aus der linken
in die rechte Hand warf und diese rechte Hand weit ber den Tisch streckte. Das
war das ominse Zeichen! Ein Signal, da sich die Ludmer entfernen sollte! Mit
welchem Widerstreben ging sie! Mit welchem durchbohrend warnend Blicke! Nun
sollte sie gehen! Jetzt! Jetzt, wo vielleicht eine furchtbare Thorheit
eingefdelt wurde, eine Quelle bittrer namenloser Reue angebohrt fr eine nur
noch kurze Zukunft, jetzt ...
    Aber ... sie ging.
    Als die Geheimrthin und Stromer allein waren, sagte jene:
    Ich freue mich, Stromer, da Sie so praktisch werden und so ernste Anstalten
fr unsre gemeinschaftliche Sache treffen. Allein mit Prinz Egon hat es seine
Bedenklichkeiten. Ich schtze sein Verdienst. Nach Dem, was ihm in Solitde
begegnete, sind Aller Augen auf ihn gerichtet. Aber ich habe keine Beziehung zu
ihm, und wenn eine Beziehung, schwerlich eine gnstige.
    Ich war darauf vorbereitet und habe deshalb Sorge getragen, mich genauer zu
unterrichten; antwortete Stromer, der die Verfeindung zwischen Pauline und
Egon's Mutter kannte und einst in Hohenberg dem Geheimrath von Harder die
Ursachen derselben bitter genug angedeutet hatte.
    Sie haben mich doch nicht schon genannt? unterbrach Pauline die etwas
verlegen stockende Rede.
    Gndigste! Was denken Sie von mir! Ich bin ein Neuling in dieser papiernen
Welt, aber nicht in der wirklichen. Vollends wei ich, da Sie mit dem Prinzen
gespannt sein mssen ...
    Mit ihm? Warum mit ihm? Mit seiner Mutter war ich's. Warum mit ihm?
    So rasch gehen Sie ber die Empfindungen eines Sohnes hinweg? Ich mu leider
der Wahrheit gem berichten, da ich mir selbst manchmal, wenn ich hier bei
Ihnen sitze, wie ein Mensch vorkomme, der sich als seinen eigenen Antipoden
fhlt. Die Frstin wrdigte mich derselben Theilnahme wie Sie, gndige Frau und
bei allem milden Sinne Amanden's mu ich gestehen -
    Da sie mich hate?
    Ich kenne die Veranlassungen nicht und frchte, da sie die Abneigung auf
den Sohn vererbte.
    Haben Sie davon Proben?
    Da ich vorgestern von Wildungen eine so beachtenswerthe Idee empfing, war
ich heute in der Frhe beim Prinzen. Ich wollte discret sein und war es. Er
empfing mich nicht freundlich. Er hat seinen alten Lehrer Rudhard
wiedergefunden, drben bei der Frstin Wsmskoi ...
    Ich kenne den Alten - seine neugierigen Blicke auf mein Fenster belstigen
mich genug - nun? Nun?
    Die Folge dieses Wiedersehens sind Erinnerungen an die alten Zeiten gewesen.
Ich konnte den Prinzen nicht in einen irgend wrmeren Ton gegen mich bringen.
Wie sehr mu mich Das bekmmern, wenn ich daran denke, da mein Urlaub von ihm
abhngt, da er die Wahl eines zeitweiligen Stellvertreters, den ich in einem
jungen Manne, Namens Oleander, gefunden zu haben glaube, zu billigen hat! Heute
tadelte er die Entfernung von meiner Familie; er verrieth in jedem Worte, da
Rudhard's strenger und unromantischer Rigorismus ihm wieder nahegekommen war. Er
fragte dann nach meinem Umgang. Ich nannte aufrichtig Sie, gnd'ge Frau. Ich
wollte hren, was sich da fr ein Widerhall von seinem Herzen wrde vernehmen
lassen. Ich gestehe Ihnen, es war der rauheste!
    Lcheln Sie nicht, gndige Frau ... er sprach in Drohungen gegen Sie -
    Fahren Sie nur fort! antwortete Pauline gespannt und sehr ruhig.
    Er sagte mir, er wisse, da Sie ihm eine Feindin wren, seit er auf der Welt
wre -
    Seit er auf der Welt ist? Da hat er Recht! sagte Pauline trumerisch, doch
kalt.
    Rudhard, fuhr er fort, htte ihn auf's neue gewarnt ...
    Rudhard?
    Dem alten Freunde seines Hauses wre es gelungen, schlimme Dinge zu
entdecken, die Sie gegen ihn unternommen htten -
    Ich gegen Egon?
    Wohl verschweige ihm sein vterlicher Freund und Fhrer Manches, was ihm auf
dem Herzen lge, aber es kme gewi zum Vorschein, wenn erst zwischen ihm und
diesem Edlen Alles klar und rein gelichtet wre - noch lgen zuviel der Wolken
zwischen ihnen -
    Helene d'Azimont eine Wolke? Hoffentlich eine rosige Wolke!
    Gndige Frau, ich war nicht im Stande, die Saite lnger zu berhren. Ich
ergriff ein auf dem Tische liegendes Exemplar der Nachfolge Christi von Thomas a
Kempis. Er sagte mir, da er dies Buch liebgewonnen htte, es wre eine
Erbschaft seiner Mutter. Ich entgegnete, um ein harmloses Gesprch zu beginnen:
Durchlaucht irren wohl! Ich kenne alle Ausgaben dieses lieblichen Buches, die
die selige Frstin besa, alle! Dies Exemplar war aber nie in ihrer Bibliothek!
Ich glaub' es wohl, sagte er, da Sie dies nicht kannten. Es befand sich hinter
jenem Bilde! Damit zeigte er auf ein Pastellgemlde der seligen Frstin in
Medaillonform -
    Pauline war schon lngst erblat ... ihre Lippen ffneten sich und blieben
starr und unbeweglich stehen. Dann hauchte sie so hin:
    In jenem Bilde ...
    Befand sich, behauptete der Frst, fuhr Stromer, dem diese Unruhe und
nderung der Stimmung nicht besonders auffiel, fort, eine Verlassenschaft seiner
Mutter, auf die sie ihn kurz vor ihrem Tode aufmerksam gemacht htte. Er htte
Mittheilungen, Ermahnungen, Denkwrdigkeiten gehofft. Sein ganzes Leben htte
sich auf dieses Bild bezogen. Er htte seine Ehre, Alles dafr gewagt und jenes
Bild htte dies Buch von der Nachfolge Christi enthalten. Er wollte mich mit
Vorwrfen berhufen, da ich das Irrlicht seiner Mutter gewesen wre. Ich
drngte auf einen andern Gegenstand. Indem hatt' ich das Exemplar wieder
angesehen und mute ihm sagen - Durchlaucht -
    Nun Durchlaucht?
    Stromer horchte ...
    In dem Augenblicke, als Pauline auf's uerste gespannt, auf Stromer's
Erzhlung harrte, vernahm man einen rasch anfahrenden Wagen, der auf dem vom
Regen knirschenden Kieselsande dicht vor dem Portale zu halten schien.
    Sie bekommen Besuch, gndige Frau? sagte Stromer, sich unterbrechend.
    Nein, nein. Was sagten Sie dem Prinzen?
    Durchlaucht, sagt' ich, das ist ja ein sonderbarer Vorfall! Diese Ausgabe
des Thomas a Kempis ist niemals auch nur berhrt worden von der Hand der seligen
Frstin; denn berzeugen Sie sich selbst, hier auf dem Titelblatt -
    Aber Sie bekommen Besuch!
    An der uern Glocke wurde eben auerordentlich stark geschellt.
    Pauline, von Stromer's Erzhlung auf's uerste gespannt, jede Unterbrechung
verwnschend, war aufgestanden und wollte klingeln, um zu sagen, da sie
Niemanden empfange.
    Aber sie war so begierig auf Stromer's Erzhlung, da sie selbst diese
Weisung an ihre Diener nicht ausrichten mochte, sondern nur sagte:
    Und? Und? Auf dem Titelblatt?
    berzeugen Sie sich, Durchlaucht, sagt' ich, fuhr Stromer, der gleichfalls
aufgestanden war, fort; unter diesen Arabesken des Titelblattes steht ja ganz in
Perlschrift die Jahreszahl des Druckes. Diese elegante Ausgabe des Thomas a
Kempis ist ganz in der Art, wie die Frstin solche Einbnde liebte. Aber dies
Exemplar ist erst ein Jahr nach ihrem Tode im Druck erschienen. Wie ich Das
sagte -
    Indem hrte man drauen Thren gehen.
    Wie Sie Das sagten? drngte Pauline.
    Trat Rudhard ein ... Egon entlie mich in einer mir allerdings erklrlichen
Aufregung; denn wie konnte jenes Buch von der Frstin selbst -
    Weiter trug Stromer seinen Bericht nicht vor; denn die Thr wurde
aufgerissen, die Ludmer, leichenbla, strzte herein und rief mit erstickter
Stimme:
    Prinz Egon von Hohenberg lt sich melden!
    Wie? sagte Pauline und hielt die Hand krampfhaft an die Sophalehne.
    Er selbst! Er lt sich nicht abweisen. Er will dich sprechen -
    Pauline ri sich, wie von einer Natter gebissen auf, strzte an die Thr und
verriegelte sie.
    Es war das Werk eines Augenblicks.
    Welche Stunde! rief die Ludmer. Ist ein solcher berfall erhrt? Er ist
ausgestiegen, dem meldenden Bedienten auf dem Fue gefolgt - er wartet im
Empfangzimmer.
    In der Ferne hrte man durch die hallenden Zimmer her eine mnnliche Stimme
sich ruspern und einen krftigen Schritt auf und abgehen.
    Pauline stand eine Weile unschlssig ... Jetzt war der Augenblick da, wo sie
einer Seherin gleichen konnte. Sie begriff diesen Moment, richtete sich
entschlossen empor und fragte:
    Warum soll ich den Prinzen Egon von Hohenberg nicht empfangen?
    Die Ludmer verstand einen gewissen Hohn in ihren Mienen, wagte aber nicht zu
lcheln.
    Pauline aber mit triumphirender Miene setzte hinzu:
    Wohlan! Er mag kommen!
    Schon klopfte Ernst an die verschlossene Thr und bat um
Verhaltungsmaregeln ... der Frst liee sich nicht abweisen.
    Wer sagt denn, da man ihn abweisen soll? rief die Geheimrthin durch's
Schlsselloch. Ich bitte Durchlaucht einen Augenblick zu verziehen!
    Diese Worte sprach sie mit gemachter Sigkeit, als sollte Egon sie hren.
    Adieu, lieber Stromer, sagte sie dann rasch, zitternd wol, aber gefat. Auf
Morgen! Adieu! Adieu!
    Stromer wollte reden, wollte Aufklrung haben, wollte ... wurde aber durch
das Schlafzimmer, dann das chte Boudoir, zuletzt durch die Garderobe von der
Ludmer fast gewaltsam hinauseskamotirt. Er war, so fortgezerrt, in diesem
Augenblicke ganz so berflssig geworden, wie Augusten's hochfahrende Tante
wnschte.
    Mit all' seinem Geist, mit all' seinen Seherblicken vom Berge Sinai, mit
all' seinen Jeanpaulismen und deutschen Gedankenberschwenglichkeiten stolperte
er im Dunkeln ber mehre Kisten und Koffer, da er sich fast verletzt htte ...
    Pauline folgte nach einem Moment. Sie gab Befehl, den Empfangssalon durch
einige Armleuchter schnell zu erhellen. Mit Blitzesschnelle gab sie ihrer
Toilette noch einige khne Improvisationen und schritt dann fest und
entschlossen durch das Zimmer hindurch, das ihr nun entriegeltes ostensibles
Boudoir von dem inzwischen erhellten Empfangszimmer trennte.
    Die Ludmer fhlte, da es nothwendig war, in der Nhe einer so wichtigen und
gefahrvollen Begegnung wenn nicht zu horchen, doch behutsam und auf Alles gefat
zu wachen.

                              Sechszehntes Capitel



                               Ein Zauberspiegel

Gnd'ge Frau, begann Frst Egon von Hohenberg und erhob sich von dem Sessel, auf
dem er Platz genommen hatte; ich hrte, da Sie wie Jeder, der seine
Tagesstunden besser zu verwenden wei, Abends empfangen! Irr' ich mich?
    Pauline bedeutete Egon zuvrderst Platz zu nehmen, setzte sich selbst, nicht
ohne einige Befangenheit, in einen der Sessel, die schon fr die bald zu
erwartende Feuerung am noch geschlossenen Kamine aufgestellt waren ... Die
beiden gemalten Sphinxe auf dem bunten Kaminschirme drckten vollkommen ihre
Spannung ber das Rthsel dieses Besuches aus.
    Fr Ew. Durchlaucht wrd' ich zu jeder Stunde zu sprechen sein. Ein Endlich!
Endlich! Ihnen auszusprechen, mut' es mich wohl drngen.
    Endlich? Hatten Sie mich jemals erwarten knnen, gnd'ge Frau? fragte Egon
voll Bitterkeit.
    Den Freund meiner geliebten Helene? Den Erklrten meiner d'Azimont? fiel
Pauline mit knstlichem Erstaunen ein.
    Ha! Aber den Sohn der gehaten Amanda? setzte Egon hinzu und ohne Paulinen's
Erwiderung abzuwarten, rckte er mit seinem Sessel ihr etwas nher und sagte:
    Gndige Frau, es sollte mir lieb sein, wenn ich Ursache fnde, mich Ihnen
enger anzuschlieen und die groen Eigenschaften in der Nhe zu bewundern, von
deren Lobe die Grfin d'Azimont berfliet. Einstweilen stell' ich diese
Annherung freilich auf eine starke Probe. Ich stehe vor Ihnen, gnd'ge Frau,
mit dem Ersuchen, mir die Denkwrdigkeiten meiner Mutter auszuliefern.
    Pauline war auf diese kalte, kategorische Forderung gefat, erstaunte aber
ber die Hast und das entschlossene Vermeiden aller Prliminarien.
    Sie war darauf vorbereitet, da sie Gegner hatte, die ihren so vorsichtig
berechneten Schritten gefolgt waren, der Ablieferung des entleerten Bildes an
den Oberkommissair Pax auf der Spur waren und sie entlarven wollten.
    Dennoch sagte sie zitternd:
    Welche Denkwrdigkeiten, Durchlaucht?
    Die Denkwrdigkeiten, gnd'ge Frau, antwortete Egon mit steigernder Erregung
und jene heftigste Wallung nicht mehr verbergend, mit der er hergekommen war;
die Denkwrdigkeiten der Frstin Amanda von Hohenberg, die sie auf ihrem
Sterbebette ihrem Sohne bestimmt und unfhig, in ihrer letzten Lebensstunde
weitlufige gerichtliche Dispositionen zu treffen, spter in einem Bilde
verborgen hat, das dem sonderbaren Schicksale verfiel, Ihnen frher in die Hnde
zu kommen als mir.
    Welches Bild? fragte Pauline nun mit scheinbarer Ruhe, um nur Zeit zu
gewinnen.
    Egon trug in aller ihm kaum noch mglichen knstlichen Ruhe die Geschichte
jenes Bildes vor, wie sie durch bereinstimmende Aussagen Dankmar's, Rudhard's,
des Oberkommissairs Pax, der Agenten Mullrich und Kmmerlein sich ergeben hatte.
Es war darin mancher Umstand mehr errathen als bewiesen. Allein die berzeugung,
da Pauline von Harder schon durch die ganze Agitation ber den Nachla seiner
Mutter, die Reise des Intendanten nach Hohenberg und was sich Alles spter daran
knpfte, ihm ein Eigenthum entzogen hatte, das ihm von Werth sein durfte und
sollte, stand bei ihm fest. Er erzhlte auch, wie er durch Stromer's uerung
ber den Thomas a Kempis mistrauisch geworden und Rudhard seinen Verdacht
ausgesprochen htte. Rudhard htte dann gestockt. Er aber htte seinem noch
zgernden alten Erzieher die Angelegenheit aus der Hand gewunden und fhre sie
nun gegen dessen Willen, gegen die Ansprche, die Rudhard selbst auf dies
Testament seiner Mutter machen wolle, mit kurzem Processe durch.
    Lassen wir, schlo er seine Auseinandersetzung, jede weitere Errterung und
geben Sie mir die Denkwrdigkeiten meiner Mutter, deren Raub ich Ihnen verzeihen
will!
    Pauline schwieg eine Weile, dann sehlug sie die Arme zusammen, legte die
Fe bereinander und sagte:
    Ich habe Sie ausreden lassen, Prinz Egon. Erlauben Sie, da ich erwidere.
Aber versprechen Sie mir, jeden kleinlichen Gesichtspunkt aufzugeben! Ich sage
Ihnen, da ich die Denkwrdigkeiten besitze -
    In der That!
    Sie mssen mir aber ein aufmerksames Ohr leihen.
    Wozu? Weshalb ist Das nthig? Warum soll ich ... Sie achten? rief Egon voll
Zorn und voll geheimer Freude, die fast die Miene des bittersten bermuthes
annahm.
    bermuth war aber fr Paulinen zuviel. Sie erhob sich und schleuderte einen
durchbohrenden Blick auf den jungen Mann, der jetzt das Recht zu haben glaubte,
sie verchtlich zu behandeln.
    Ich kenne diese Denkwrdigkeiten, wiederholte sie mit stolzer Miene, aber
wie? wenn ich sie vernichtet htte?
    Wenn Sie mit dieser Mglichkeit nur drohen, Madame ... so existiren sie
noch! sagte Egon, und ich schwre Ihnen, ich verlasse Ihr Haus nicht, bis ich
nicht wei, was meine Mutter mir in ihrer letzten Stunde hat berichten, auf
meinen Lebensweg zurufen wollen!
    Pauline lchelte jetzt verchtlich.
    Ich denke nicht an Drohungen, sagte sie, und ich denke nicht an
Rechtfertigungen, aber ich will, da Sie von dieser Frage jeden niedrigen
Standpunkt ausschlieen. Deshalb beding' ich, da Sie mich hren!
    So reden Sie! sagte Egon und nahm, ihr gegenber an dem gemalten
Kaminvorsetzer, Platz.
    Auch Pauline kehrte in ihre frhere Stellung auf dem Sessel zurck. Nach
einigen Augenblicken begann sie:
    Amanda von Bury, Anna und Pauline von Marschalk waren drei Freundinnen,
innigst verbunden seit ihrer frhesten Kinderzeit. Fast gemeinschaftlich war
ihre Erziehung; gemeinschaftlich waren ihre Erholungen. Ich, die Mittlere unter
den drei Freundinnen, wurde von Anna und Amanda nur noch inniger geliebt, weil
ich pltzlich krnkelte und kein langes Leben versprach. Dennoch gelang es einer
guten Kur, mich von oft schrecklichen Anfllen eines Brustkrampfes zu befreien
und mich bis in mein achtundzwanzigstes Jahr wiederherzustellen, wo ich auf's
neue die Anflle jener Krmpfe bekam, von denen man damals glaubte, da ich sie
nicht mehr ein Jahr wrde aushalten knnen. Amanda und Anna verheiratheten sich,
spter als ich, die frher einen Baron von Ried ehelichte. Gerade als Baron von
Ried starb, wurde Amanda die Gemahlin jenes berhmten Kriegers, dem unser
Frstenhaus zu ewigem Danke verpflichtet ist. Anna heirathete einen jungen
Offizier, der seinen Abschied nahm und eine Landrathsstelle bekleidete, den Sohn
des Obertribunalsprsidenten, meinen knftigen Schwager. Durch diese Heirathen
statt uns zu einen, trennten wir uns. Es ist so der Gang aller
Jugendfreundschaften. Ich begab mich, als Witwe, wieder leidend, wieder meiner
Gesundheit wegen, auf Reisen, meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut
meiner lteren Dienerin anvertraut, die noch jetzt die Fhrung meines Hauswesens
besorgt. Ich war in der Schweiz, in Frankreich, in Italien. Ich habe ein
bewegtes Leben in meine Erinnerungen eingeschlossen und vielfach versucht, das
Glck der Erde, das mir nur fr kurze Zeit zugemessen schien, wahr und an der
Quelle rein zu genieen. Ich reiste selbststndig und war, wenn man mich nach
jetzigem Sprachgebrauch und damaliger Sitte nennen will, halb und halb
emancipirt. Der Liebe drstete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen:
ich suchte, ich wurde gesucht, fand aber nur ein Band, das mich ganz fesseln
konnte, einen, den ich liebte. Der, den ich anbetete, hie Heinrich Rodewald,
ein junger Mann von seltener Prdestination. Zu jeder Kunst besa er die Anlage,
zu jeder Wissenschaft die Vorkenntnisse. Genial war seine Auffassung des Lebens.
Es kommt so etwas nicht wieder in Eurer jngeren zerstreuten, oberflchlichen
Generation! Er hatte erst dem Studium der Rechte obgelegen, war dann in den
damaligen heiligen Krieg gezogen, kehrte mit Ehrenzeichen geschmckt heim und
wollte zu den Studien zurck. Durch einen Glcksfall erwarb er eine kleine
Summe, die er auf eine italienische Reise verwenden wollte. Er bedurfte dieser
Anregung, um sein durch die Abenteuer des Krieges in Ghrung gerathenes Blut,
das nicht am Studirtische ausdauern wollte, einigermaen zu beruhigen, den
Tumult seiner Adern einigermaen zu bndigen. Er wollte zur Rechtskunde als
Lehrer dieser Wissenschaft zurckkehren und gedachte in Italien den alten und
manchen eben erst entdeckten Quellen der rmischen und mittelalterlichen
Rechtssatzungen nachzuforschen. Dabei liebte er Malerei und Plastik und
schwrmte wie damals Alle ... Ach, Ihr kennt in Eurem politischen Hader und
Eurer Zeitungsbildung die majesttischen Klnge nicht, die damals durch die
Herzen der Jugend tnten - Das war ein Ahnen, ein Sehnen, ein Suchen, ein
Erfassen! Das war ein Cultus der Musen, ein Forschen nach Wahrheit ... Heinrich
Rodewald lebte nur in Goethe, in Dante, Rafael, in Schelling. Er kannte die
Alten, studirte die mittlere Epoche und lebte fast in derselben Entwickelung wie
Byron. Er dichtete nicht, aber sein Leben war ein Gedicht. O was preis' ich ihn,
da ich ihn doch hassen sollte! Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem
ahnungsreichen, jugendlichen Rheinthale, das zwischen dem Bodensee und Chur den
Anfang der Strae bildet, die durch die Via mala nach Italien hinber fhrt. In
Ragaz braucht' ich die von Pfffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten
Bder. O mein Prinz, ich schildere Ihnen diese Erinnerungen nicht, weil ich
wei, da eine Zeit kommen wird, wo sie Ihnen Werth haben drften, ich schildere
sie Ihnen, um Ihnen zu zeigen, da zwischen Ihrem Zorn, Ihrem Mistrauen, Ihrem
Ha Herzen, Erinnerungen, vergangene Seligkeiten und berwundene Qualen zittern
und zu schonen sind. Ich will Sie vom Standpunkte der gemeinen Neugier, der Sie
mich vielleicht zeihen, auf einen hheren fhren. Denken Sie an die Stunde, wo
Sie einst Helenen d'Azimont am See von Enghien zum ersten Male entgegentraten
oder der Tage, da Louison Armand an den Ufern der Rhone Sie zum ersten Male sah!
    Egon machte eine Bewegung ... nicht der Rhrung, sondern des Unmuthes. Er
mochte von Paulinen an Verhltnisse nicht erinnert werden, zu deren
Kenntninahme sie ihm nicht wrdig schien: von Jedem vielleicht, von Paulinen
nicht.
    Pauline, seine Klte wohl bemerkend, fuhr fort:
    Mein Prinz, seit dem Tage, als ich in dem kleinen Abteigarten von Ragaz mit
meiner Fhrerin, Charlotte Ludmer, lustwandelte und der Blumen mich erfreute,
die dem steinigen Boden an einem kleinen Springbrunnen entsprossen, als mir
Heinrich Rodewald da zum ersten Male entgegentrat, in seiner hohen, mnnlichen
Schne, in braunen Locken, in edler, freier Stirn, halb noch etwas
Militairisches in seinem Wesen, halb der sinnende Gelehrte ... und ein Ton aus
seinem Munde drang, ein Organ, ein Klang, ein Hauch, wrdig, die Worte eines
Geistes zu tragen, der immer tief, immer lieblich und eigenthmlich in seinen
Wendungen war ... werden Sie nicht ungeduldig, Prinz! O, es wird eine Stunde
kommen, wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erschttern wird
...
    Ich hre ja! Ich hre ja! sagte Egon ungeduldig; aber was soll mir Heinrich
Rodewald? ...
    Rodewald, fuhr Pauline scharf und den Ton jetzt desto schrfer auf diesen
Namen legend, fort, Rodewald war jnger als ich. Unser Verhltnis war erst
Werthschtzung, dann Liebe und als ich Elende von meinen Leiden gefoltert wurde,
war ich selbst von der Freundschaft beseligt, die einer Liebe folgte, deren Band
durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vorurtheilen der Welt verhindert
wurde. Ich mu mir leider versagen, Ihnen zu schildern, wie ich mit Rodewald
stand, als ich nach neun Jahren des innigsten Zusammenhanges mit ihm, der sich
auch nach der Rckkehr aus Italien von Weltvorurtheilen nicht stren lie, in
einem tirolischen Badeorte Landeck, die Freude hatte, mit meiner geliebten
Amanda, damaligen Grfin Hohenberg, zusammenzutreffen. Welche Frau! Wie sanft
und gut! Wie weich und zart! Prinz ... werden Sie nicht ungeduldig, es ist Ihre
Mutter ... ich darf wohl hinzufgen, da die Grfin Hohenberg sehr unglcklich
verheirathet war. Ich lasse ber diese Saison von Landeck, ber die Folgen
derselben einen Schleier fallen ...
    Warum? Erzhlen Sie! Ich kenne das unglckliche Loos meiner Mutter -
    Mein Prinz, ich schweige. Sie wissen nichts von dem Allen. Ich will Ihnen
nur sagen, da die Freundschaft zwischen mir und der pltzlich zur Frstin
erhobenen Amanda sich nicht erhalten hat. Ich war von meinen Brustkrmpfen dem
Tode oft nahe und glaubte zu sterben. In Ems erwartete ich mein Ende. Meine
Schwester Anna kam, sie kam mit ihrer Tochter, einem Engel von sechszehn Jahren,
einer halben Waise (der Vater war soeben gestorben) Rodewald stand mir zur Seite
... man erwartete meine Auflsung. Anna hatte sich nur losgerissen, um mich noch
einmal zu sehen. Sie mute zurck zur Ordnung ihrer Erbschaft. Ich bat sie, mir
ihr Kind Selma zur Seite zu lassen. Sie willigte ein. Die Ludmer bedurfte einer
Untersttzung in meiner Pflege. Ich starb aber nicht ... ein Jahr lang glaubt'
ich, da jeden Tag mein Ende nahe. Rodewald und Selma sollten, Das war noch mein
letzter Wille, noch meine heiligste Lebensaufgabe, sich dauernd vereinigen ...
Selma und Rodewald sollten ...
    Egon hob sein Haupt und erstaunte ber die Verwirrung, die sich Paulinen's
pltzlich bemchtigte. Sie war schon lngst aufgestanden, athmete laut, machte
einen Gang durch's Zimmer, rckte an den Sesseln, warf sich auf ein Canap,
drckte den Kopf auf ein Kissen und bat um eine Minute Zeit, sich zu erholen.
    Ist Ihnen nicht wohl, gnd'ge Frau? fragte er und wollte klingeln.
    Nein, nein, sthnte sie. Ich erhole mich ...
    Nach einer Weile fuhr sie fort:
    Ich gestehe Ihnen, Frst, da ich mir damals einbildete, eine Heroine, ein
Engel an Kraft und Entsagung zu sein. Ich wollte Selma und Rodewald verbinden,
ich wollte, da sie einig wrden, ich lenkte das Herz des Kindes meiner Nichte
mit Gewalt, ich zwang sie, in Heinrich das Alles schon zu finden, was sie
vielleicht noch nicht suchte. Ich kann, ich darf Ihnen nicht sagen - Ihnen
nicht, Prinz - was mich bestimmte, von der Welt scheidend die Beruhigung
mitzunehmen, da Rodewald und nur Selma sich liebten, keine Andere, keine Andere
...
    Warum mir nicht? Warum Ihr Zorn? Ihr neu entflammter Ha? Wen sollte
Rodewald nicht lieben..?
    Dringen Sie nicht in mich, Prinz! Ich will nichts erzhlen, nichts
aufklren, ich will Sie nur auf Wege fhren, wo Sie Achtung und Schonung fr
mich lernen sollen, Prinz! Ja, es mag Rache gewesen sein, da ich Rodewald und
Selma wie die Schlange am Baume des Paradieses verband. Aber der Himmel strafte
mich! Strafte mich durch seine Gnade! Ich genas, Prinz! Ich genas! Ein kluger
und kundiger Arzt lehrte mich eine Dit, die ich nie gekannt hatte. Die Bder
von Ems linderten den Reiz meiner Nerven. Ich genas, Prinz! Vllig! Vllig! Die
Natur hatte sich gefunden. Und als ich froh in's Leben zurckkehrte, nun wieder
nach Rodewald dem Geliebten suche, ist er entflohen, mir entflohen. Selma war
ein Kind. Sie, dacht' ich, wird von ihrer Leidenschaft bald geheilt sein. Aber
mein Freund? Wo ist Rodewald? Er war verschollen. Nicht die Liebe zu Selma, die
ihn wohl nie innerlichst ergriffen hatte, hatte ihn fortgetrieben von unsern
Wohnungen; berdru am ganzen Leben, Ekel, schrieb er mir einst, an Allem, Ekel
aber am meisten an dem Weibe, Ekel am Weibe! Vielleicht der Kummer und Unmuth
ber Erfahrungen, die Sie einst noch entdecken werden ... aber Selma liebte ihn.
Ich Thrin hatte die Knospe ja selbst entblttert! Das Kind lebte nur fr Den,
den ich es gelehrt hatte, als einen menschgewordenen Gott zu verehren. Rodewald,
aus Motiven, die ich nur ahnen kann, floh mich, floh alle Welt, er war sich
selbst zur Last, zur Qual geworden und mit den Worten: Luterung! Luterung!
nahm er schriftlichen Abschied nach einer Gegend, wo ich ihn nicht mehr sehen
sollte und wohin er mit Selma, die nicht mehr von ihm lassen wollte, auf immer
verschwunden ist.
    Aber meine Mutter? bemerkte Egon und verrieth auf's neue die Ungeduld, auf
die Bahn ihrer Denkwrdigkeiten einzulenken.
    Ihre Mutter? sagte Pauline vor sich hin und machte eine Miene voll
Bitterkeit ...
    Da Ihre Schwester Anna von Harder Sie hassen mute, tdtlich hassen mu,
erkenn' ich, sagte Egon. Sie haben die Blte des jungen Gefhls ihrer Tochter
vergiftet - haben, wie Sie, mir unbegreiflich, sagen, aus Rache die Genugthuung
haben wollen, da Rodewald, durch den Tod von Ihnen getrennt, nur Selma liebt
... Sie haben einer Mutter ihr Kind geraubt ... Selma von Harder? Selma ... Wer
erinnerte mich einst an eine Selma ...
    Egon konnte sich nicht besinnen, da man ihm von einer Selma Ackermann
gesprochen hatte ...
    Pauline fuhr fort:
    Meine Schwester hat mich nicht. Sie gehrt zu Denen, die berwunden haben.
Wei sie doch, da unter dem Raube ihres Kindes Niemand furchtbarer litt als
ich. Ich hatte das Leben wieder und das Licht meines Lebens war ausgelscht. Was
war mir die Welt ohne Rodewald? Er war dahin, fr ewig! Das Gefhl, das mich
ergriff, war nicht das der innern Vernichtung, der zerschmetterten Ohnmacht. Wie
konnt' ich auch? Ich war ja gesund! War ja dem Leben wiedergegeben! Ich raste.
Ich hatte keine Besinnung mehr. Ich glaubte, im Strudel der Welt meinen innern
Schmerz betuben zu knnen. Ich warf mich in diesen Strudel und beging Thorheit
ber Thorheit; denn die Menschen sollten sehen, da ich lachen konnte. Alle Welt
kannte den Vorfall mit Selma, meiner Nichte, die ich zu meiner eigenen Mrderin
erzogen hatte. Anna, Witwe, ihres Kindes beraubt, vermied mich und trauert bis
diesen Augenblick. Zehn Jahr mocht' ich so gegen mich selbst gewthet und die
Freude gesucht haben, um nur nicht zu hren, da man lachte und meine Thrnen
sah ... als ich endlich ermattet niedersank und Einkehr halten wollte. Amanda,
Anna, alle meine Freundinnen hatten schon seit Jahren diese Einkehr begonnen.
Ach, sie hatten sich Alle Irrthmer vorzuwerfen, Alle waren sie von der
damaligen groen wogenden Frhlingszeit ergriffen und das Blut hatte ihnen in
den Adern gerollt, wie aus Sympathie mit dem groen Wachsthum der Zeit und der
Geister ... Prinz, ich gestehe Ihnen, da ich die Art von Luterungen, die
damals Sitte waren, nicht begreifen konnte. Beten, hinter gemalten Glasfenstern
knieen, das Orgelspielen lernen, das dies irae vierstimmig singen helfen ...
diese Luterungen waren die Wiederkehr der alten Eitelkeit, nur in andern
Formen. Ich wurde bitter ber die Vergangenheit, ber mich, ber Andre. Ich
heirathete zum zweiten male. Ich schrieb ... Ich schrieb Amarantha.
    Eine Satyre gegen meine Mutter ...
    Sagen Sie nicht, gegen Ihre Mutter! Sagen Sie, eine Satyre - nein, auch Das
ist nicht das Wort - eine Anklageschrift, ein Zorngericht ber die Seelen, die
Alle, Alle gesndigt haben und durch Heuchelei die Vergebung des Himmels
antizipirten ...
    Meine Mutter war schwach, aber sie heuchelte nicht! antwortete Egon.
    Sie war schwach, Das ist das Wort, Prinz! Schwach - Sie meinen doch wol an
Charakter? Aber diese Schwche an Geist gaben diese Berinnen, diese
Cantatensngerinnen fr Strke aus; Das forderte mich heraus. Ich warf ihnen den
Handschuh hin, Amarantha, die Allen galt, nicht nur Ihrer Mutter, auch meiner
Schwester, Allen, die empfindsam wurden, weil sie nicht mehr empfinden konnten
...
    Egon war zu scharfsichtig, dachte zu klar ber seine Mutter, zu klar ber
Das, was er Alles in Genf erlebt hatte, um Paulinen von Harder nicht im Grunde
der Seele Recht zu geben. Er sah da eine leichtsinnige, aber stark-begabte, sehr
merkwrdige Frau vor sich, die ihm in dieser aufrichtigen Bue, die sie sich
durch ihre Gestndnisse auferlegte, sogar schon eine gewisse Achtung abgewann
...
    Mein Prinz, fuhr Pauline fort, ich bin zu Ende. Eine andere Zeit ist
gekommen, neue Anschauungen haben den Thron der alten umgestrzt. Wer glcklich
noch sein will, schliet sich ab und sehnt sich nach Ruhe. Alle Welt sprach von
den hinterlassenen Denkwrdigkeiten Ihrer Mutter ... ich wute, da sie mich
hate. Ich mochte nicht, da der letzte Rest meines Lebens, der an Reue und
Verdru berreich ist, noch verbittert werde durch die Enthllung und Entweihung
des Begrabenen. Zehn Jahre nach Rodewald's Flucht heirathete ich Herrn von
Harder, meinen eigenen Schwager. Ich war damals schon vierzig Jahre. Sie sehen,
Prinz, wie aufrichtig ich in meiner Biographie bin. Mein Gemahl steht dem Hofe
nahe ... es gibt der Rcksichten mancherlei ... ich will Ruhe haben und hasse
alle gewaltsamen Erschtterungen ... die Denkwrdigkeiten Ihrer Mutter mut' ich
besitzen. Zeitlebens hab' ich immer dienende Hnde gefunden, die gern fr mich
eintraten ... man hat viel aus Liebe zu mir gethan ... mehr, als ich wollte,
mehr, als ich oft mochte, guthie ... o Gott, es knpft sich viel an meinen
Namen, was nicht ganz aus meiner Seele flo!
    Pauline wollte das Haupt senken, aber sie mute aufhorchen. Es war ihr, als
hustete im Nebenzimmer die Ludmer ...
    Wir werden gestrt, sagte Egon und fate sich kurz. Ich bin vollkommen auf
dem Standpunkt, gndige Frau, den Sie mir bezeichnet haben. Ich denke nicht
kleinlich von Ihnen. Ich bin nicht befugt, der Richter Ihres Lebens zu sein.
Einen schlimmen Gebrauch von diesen Denkwrdigkeiten werd' ich nie machen.
Besorgen Sie Das nicht! Nie! Ich verspreche Ihnen ...
    Sie glauben also, Amanda htte mich angeklagt ... unterbrach ihn Pauline
erschttert von dem Wort, das ihr so gekommen war: Es knpft sich Vieles an
meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele flo!
    O ich ahne es, Frau von Harder, rief Egon mit aufwallender leichter Rhrung.
Sie waren tief beschmt, als Sie diese Bltter lasen und nichts, nichts von
einem rachedrstenden Herzen fanden ...
    Pauline schwieg ...
    Rumen Sie Ihrer Feindin die Gerechtigkeit ein! Sagen Sie, da meine Mutter
gromthig war!
    Sie war gromthig!
    Egon wurde ergriffener und sprach still fr sich:
    Gute Mutter! Vergib deinem Sohne!
    Dann wandt' er sich an Pauline:
    Geben Sie die Bltter! Noch diese Nacht will ich sie auf meinem Lager mit
Thrnen netzen.
    Prinz, sagte Pauline jetzt mit entschiedener Wendung, diese Bltter! Ich
gebe sie Ihnen nicht.
    Wie? Das wre das Ende Ihrer Mittheilungen? rief Egon.
    Wenn ich diese Denkwrdigkeiten vernichtet htte?
    Das haben Sie nicht! Nein, nein! Oder doch? Doch? Die groherzige Liebe
meiner Mutter beschmte Sie? Sie vernichteten ein Denkmal Ihrer Scham, Ihres
Neides? Sprechen Sie!
    Die Bltter existiren. Aber sie sollen, Sie drfen sie nicht lesen!
    Welche Ausflchte!
    berstrzen Sie sich nicht! Ich meine es gut mit Ihnen, Feuerkopf! Die
Bltter lesen Sie nicht!
    Geben Sie mir das Testament meiner Mutter!
    Sie sind ein Ungestm!
    Endigen Sie diese Ausflchte, diese Verstellungen ... ha, diese Lgen,
Madame! rief Egon jetzt knirschend vor rger ber solche Weitluftigkeiten. Sie
haben mich zhmen, rhren wollen ...
    O mein Gott! sthnte Pauline. Noch denken Sie niedrig von mir! Ich flehe Sie
an! Begehren Sie diese Gestndnisse einer Frau nicht, die die Welt verachtete,
nur Gott liebte und Niemanden, Niemanden sonst ... nicht einmal Sie!
    Nicht ihren Sohn? Nicht mich? Madame! Lge!
    Prinz!
    In dem Augenblicke ertnte die Glocke des Hauses.
    Ha! athmete Pauline auf. Es war ihr, als wre sie ganz verlassen gewesen,
ganz der Wildheit dieses jungen Mannes, der keine Rcksichten kannte,
berlassen.
    Ich weiche nicht von dieser Stelle, rief Egon, bis ich diesen Spuk, diesen
ewigen Eingriff in mein Leben nicht endlich beseitigt habe. Ich bin vor Ihnen
gewarnt. Der Vater, die Mutter bezeichneten mir Ihren Namen als den einer
Schlange, die sich um mein Leben ringeln wird, um mir das Herzblut auszusaugen.
    Pauline horchte eine Weile, wer kam.
    Man hrte die Thre ffnen.
    Vielleicht ist es Franz! dachte sie erleichtert. Es war so still, so dunkel
drauen. Sie hrte die Ludmer nicht. Ihre Diener waren nicht alle zugegen. Es
regnete drauen in Strmen. Sie war diesem Ungestmen so preisgegeben ...
    Noch sagte sie fest und entschieden zu Egon:
    Prinz, wenn Sie diese Bltter lesen, droht Ihnen etwas, was Ihnen nach einem
solchen Glauben ber mich wirklich die Hlle sein mte ...
    Das wre?
    Die Qual ... mein Freund zu werden!
    Egon lachte bitter auf und bat um Aufklrung einer solchen Mglichkeit, die
allerdings, wie er grausam hinzufgte, ihr ... Bedenkliches htte.
    Erlassen Sie mir, sagte Pauline tiefverletzt, aber mit immer mehr sich
beherrschender Ruhe, die nhere Auseinandersetzung. Genug, Sie wrden mein
Freund werden, ja vielleicht, setzte sie scharf betonend hinzu - mein Sklave.
Also, wohlan! Prinz! Ich verbrenne die Bltter. Gute Nacht!
    Damit erhob sie sich, um zu gehen. Egon aber hielt sie mit gewaltsamem
Entschlu an der Hand zurck, fhrte sie an's Fenster und ri dies Fenster auf
... es strmte, es regnete ... die Bume krachten ... Pauline bebte ... sie
wollte sich losreien, sie wollte schreien ... da intonirte vor dem Garten eine
jugendliche Mnnerstimme ein kurzes Lied.
    Hren Sie diesen Gesang? rief Egon in wilder Aufregung.
    Pauline, von der Klte der Nacht durchschauert, sah ihn mit Entsetzen an und
rang sich von seinen Hnden los.
    Es ist das Zeichen eines Wchters! sprach Egon, indem er das Fenster schlo.
Meine Freunde, drei an der Zahl, sind entschlossen, in dieser Stunde mit mir die
Fden gewaltsam zu zerreien, die mein Leben umspinnen!
    Was bezwecken Sie, Prinz? Um's Himmelswillen! rief Pauline und wollte mit
einer raschen Wendung entfliehen.
    Egon aber warf sie mit einer Armbewegung zurck und behielt die Thr im
Rcken.
    Ich dringe mit meinen Freunden, die hier in dies Fenster steigen, in Ihr
Arbeitszimmer und verlasse es nicht frher, bis wir besitzen, was mein ist. Ein
Wink von mir und ich habe die Freunde, die mich untersttzen, hier zur Seite. In
Ihrem geheimsten Zimmer, das ich mir bezeichnen lie, bleiben wir so lange, bis
wir diesen unertrglichen Intriguen ein Ende gemacht haben.
    Das war fast zuviel. Ein Attentat auf ihre Huslichkeit. Wer htte hier die
Untersuchung aller ihrer Schrnke hindern sollen? Die feigen Bedienten? Wer
htte beispringen sollen in diesen einsamen Gartenhusern? Aber Pauline lchelte
jetzt ruhig und sagte:
    Wohlan, mein Prinz, so kommen Sie! Wir knnen es auch anders beschlieen.
Ich gebe Ihnen die letzten Gestndnisse Ihrer Mutter.
    Damit gab sie Egon das Zeichen voranzugehen. Als er ffnen wollte, war die
Thr verriegelt. Aha! sagte Pauline. Ihr berfall stt doch schon auf
Vorsichtsmaregeln. Eine Horcherin hat die Gefahr abwenden wollen und ich bin
nicht so verlassen, wie Sie denken! Kommen Sie von dieser Seite, Durchlaucht!
    Pauline nahm einen Armleuchter und ging durch eine zweite Thr, durch
finstere Zimmer, durch einen Gang ... Egon folgte. Die Ludmer stand auf dem
Gange mit Franz und einem Grtner im Dunkeln wie Gespenster, aber rathlose und
selbst furchtsame. Doch erschien ihm diese Ludmer wie eine der Dienerinnen
Hekate's bei ihren Zauberknsten, wie eine der Hexen Macbeth's. Es war ihm, als
sollte er in seine Zukunft sehen und jenen Zauberspiegel in die Hand nehmen, der
ihm die Geschichte seines Hauses offenbarte.
    Pauline ignorirte die zu Tode gengstigte Freundin und fhrte Egon in ihr
zweites Boudoir, das geheime. Sie schlo einen Schrank auf und bergab nach
mehrfacher Zgerung und erneuertem Andringen Egon's dem Prinzen endlich die
Bltter. Dieser erkannte die Handschrift seiner Mutter, kte sie und sagte zur
Geheimrthin:
    Also auf die Gefahr hin ... Ihr Freund zu werden! Gute Nacht!
    Die Geheimrthin wiederholte lchelnd:
    Auf die fr mich angenehmere Gefahr hin ... sogar mein Sklave zu sein! Gute
Nacht!
    Der Prinz verschwand. Bald hrte man Flstern von Stimmen vor dem Stacket,
das bersteigen seiner ungeduldigen Freunde, das Bellen angeketteter Hunde, das
Sprechen, sich Verstndigen Egon's mit den Freunden, Lachen, Spotten, zuletzt
das Rollen seines Wagens im feuchten, knirschenden Kieselsande ...
    O, sagte die Ludmer, die erst eintrat, als der Wagen nicht mehr hrbar war,
welche Scene! Welche Verblendung, Pauline! Welche Gestndnisse! Welche Gefahren!
Das Haus war umringt! Wir mssen in die Stadt ziehen. Man knnte uns hier
ermorden ...
    La mich, antwortete Pauline und sank erschpft auf eine Ottomane.
    Nach einer Weile fgte sie hinzu:
    Nie traf es sich, da ich Egon sah. Als ich den ersten Blick auf ihn
geworfen hatte ... o Gott! Welche Erinnerungen!
    Mehr vermochte sie nicht hervorzubringen. Die Ludmer verstand, was sie sagen
wollte und versuchte sie auf andre Gedanken zu bringen.
    Ich riegelte zu, als ich Franz kommen hrte, sagte sie. Er war bei Augusten
und hat mir Schreckliches erzhlt. Er kam dort gerade zur rechten Zeit ...
    Ehe das Mdchen am gebrochenen Herzen starb, aus Verzweiflung, sich von
einem Ehrenmanne verschmht zu sehen? sagte Pauline mit einem Ausdruck, der die
ganze Schwere der Gedanken bezeichnete, die auf ihrer Brust lasteten und ihr
jetzt wirklich etwas Prophetisches gab.
    Ehe sie in's Narrenhaus gebracht wurde! sagte die Ludmer ruhig.
    Groer Gott! rief Pauline theilnehmend. Charlotte, Charlotte! Wie ruhig du
Das sagen kannst!
    Die Ludmer erzhlte, wie Franz gekommen wre, htte er schon im Hause
gehrt, da vorgestern Abend der Fremde, mit dem Auguste seitdem oft ausgegangen
wre, sehr laut und heftig gezankt und dann sich entfernt htte. Oben htte
Franz den sogenannten Englnder mit der schwarzen Binde gefunden, um Augusten,
die auf dem Bette lag, beschftigt. Der Englnder wre sehr ergrimmt gegen Franz
gewesen. Auguste htte aber Franzen nicht gekannt. Franz wre so gescheut
gewesen, sich fr einen Andern als Den auszugeben, der sie mit Mangold bekannt
gemacht htte. Als Mangold vorgestern gegangen wre, erfuhr Franz, htte Auguste
nicht ein Wort gesagt, sondern in einem todhnlichen Starrkrampfe dagelegen, bis
nchsten Morgen. Murray wre nicht von ihrem Bett gewichen. Am Morgen wre sie
etwas aufgestanden und htte in aller Stille das Fenster geffnet, um sich, ohne
einen Laut von sich zu geben, auf den Hof zu werfen. Murray, von dem pltzlichen
Gedanken, den Niemand geahnt htte, berrascht, htte sie mit Riesenkraft
ergriffen und zurckgehalten. Dann lag sie, erzhlte Franz, bis zum Abend wieder
im Starrkrampfe. Endlich htte sie Speisen genommen und einige Worte, aber
verworren, gesprochen; sie htte fortgewollt, man htte sie gehalten. Murray
verlie sie keinen Augenblick. Man htte den Arzt gerufen und dieser eine
Beruhigung verschrieben, nach der sie einschlief. Seit heute frh sprche sie
still, aber verwirrt, dann htte sie geweint, sich gesammelt, aber den ganzen
Abend wre sie so gefhrlich irr gewesen, da man sich htte entschlieen
mssen, sie in das Narrenhaus zu schaffen. Franz wre gerade angekommen, als man
einen Wagen holte und Murray sie mit schnen kostbaren Kleidern, die er irgendwo
htte holen lassen, mit Gold und Silber putzte, in einen Fiaker schaffte und sie
selbst begleitete. Er htte ihr gesagt: Es ginge auf den Fortunaball! Da htte
sie gelacht und mit der Zunge geschnalzt, als ging' es zum Tanze. Ihre Kleider
musterte sie lachend im Spiegel, alle die Ringe, die Brochen, die Armbnder, die
sie pltzlich vor Wochen trug, wren zum Vorschein gekommen und so wre sie
lachend und als ging' es zum Ball oder zu einer Hochzeit mit Murray in's
Irrenhaus gefahren. Franz, schlo die Ludmer, hat mir die Geschichte so erzhlt,
da es mich selbst kalt berlief ... und nun hier diese Scene noch, dieser
berfall wie von Rubern und Mrdern!
    Du bist schauerlich, Charlotte, sagte Pauline entsetzt ... Gute Nacht,
Charlotte!
    Es ist erst neun Uhr, bemerkte die Ludmer.
    Ich gehe zu Bett! Gute Nacht, Charlotte!
    Die Ludmer kannte gewisse determinirte Stimmungen ihrer Herrin. Sie
versparte alle Errterungen auf morgen und fragte, ob sie das Kammermdchen
rufen sollte.
    Pauline schttelte den Kopf.
    Die Ludmer, die jetzt mit einem male die lstige Nichte losgeworden war, mit
einem male auch die Spannung zu dem Prinzen Egon sich lsen sah, ging ziemlich
erleichtert zu Franz zurck, der ihr das Vorgefallene wiederholt erzhlen sollte
...
    Pauline riegelte sich ein, entkleidete sich rasch und warf sich erschpft
auf ihr Lager.
    Als sie im Dunkeln war, trat ihr im Halbschlafe Egon's Gestalt entgegen. Sie
seufzte auf und htte ihn an's Herz ziehen mgen, weil er ihr Erinnerungen
wachrief, die zu ihren theuersten und schmerzlichsten gehrten. Ihr unruhiges
Blut lie sie nicht schlafen. Sie mute aufstehen, wieder Licht machen. Zuviel,
zuviel der Vergangenheit trat ihr gespenstisch entgegen! Es war ihr, als wenn
die alten Brustkrmpfe wiederkmen. Rchelnd erhob sie sich, als lge ein Alp
auf ihr. Sie wollte klingeln ... unterlie es aber, da sie hrte, da man noch
im Hause wachte. Der Geheimrath kam aus dem Theater. Sie hrte sogar die
Schsseln seines Nachtessens klappern, das man in sein Zimmer oben hinauftrug.
Das beruhigte sie wieder. Sie dachte an Schlaf. Aber er floh sie. Bilder aus
Italien, aus der Schweiz traten ihr entgegen. Eben lieblich und schn, dann
verzerrt und bengstigend. Eine Gestalt schien sie besonders zu ngstigen. Sie
erinnerte sie durch eine seltsame Gedankenreihe an Wasser, an einen
bergetretenen, hohen Flu. Hlfe! Hlfe! glaubte sie gerufen zu haben. Dann
fuhr sie auf und sah sich um, fand Alles ruhig und legte sich auf eine andere
Seite. Aber nun kam ihr Auguste Ludmer vor die Augen. Sie sah sie im Ballstaate
mit geschminkten Wangen - sie sah Kerzen - Kronenleuchter - alle Tanzenden waren
wahnsinnig - der Mann mit der schwarzen Binde, den sie so oft hatte nennen
hren, fhrte Augusten in ihre Nhe, und diese knixte vor ihr und sagte ihr in
wahnwitziger Rede: Schne Dame, gib doch meinem Baron seinen Sohn! Es war dann
wieder, als wre Mangold Der, der dies Mdchen fhrte ... und ebenso rasch
gaukelte ihr ein Bild vor die Augen, wo Auguste zerschmettert auf dem
Straenpflaster lag und Franz mit einem Lichte drber her leuchtete, und als sie
nachsahen, war es eine edle reine Gestalt, die wie ein Engel schlummerte, ganz
verklrt, ganz verndert, und sie sagte sich: Das ist ja Selma, aber mit
Engelsflgeln! Ach! Sie schlft still und ruht sich von einem Leben aus, das ein
ewiges Opfer war!
    Dazwischen dann hrte es Pauline deutlich von den Stadtthrmen herber zehn,
elf schlagen. Aber es schlug schon halb zwlf und sie schlief noch nicht ... Sie
stand ungeduldig auf, machte wieder Licht, nahm Brausepulver, wollte lesen und
kleidete sich an.
    Kaum hatte sie eine Weile in das erste naheliegende Buch geblickt, als es
heftig an der Thr schellte, die von der Strae in den Vorgarten fhrte. Die
Glocke war gro und es schellte mchtig. Pauline ging an das Fenster und sah
einen Mann an der Thr, der eben zum zweiten Male schellte.
    Um zu sehen, ob noch ihre Bedienung wach war, zog sie ihre Glocke.
    Lange dumpfe Stille ...
    Der Mann, den sie durch eine Ritze ihres halbgeffneten inneren
Fensterladens unterscheiden konnte, schellte zum dritten Male.
    Sie zog wieder ihre Glocke.
    Endlich regte sich etwas im Hause. Man ging und fragte vom Fenster, was es
noch so spt gbe?
    Sie hrte, da eine fremdartig klingende, das Deutsche etwas gebrochen mit
polnischem Accent sprechende Stimme sagte, hier wre ein Billet vom Prinzen
Egon, das man der gnd'gen Frau morgen ganz in der Frhe beim Erwachen geben
sollte.
    Wie schlug Paulinen das Herz, als sie diese Worte hrte!
    Man nahm das Billet durch das Gitter. Der Fremde, der kein Bedienter war,
ging ...
    Es wird Louis Armand sein! dachte sie ... Sie kannte von Helenen die
Umgebungen Egon's. Es wird der Snger sein, der dem Prinzen durch seinen Gesang
verrieth, da die Freunde wachten!
    Sie schellte wiederholt ...
    Franz kam.
    Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abgegeben, sagte sie. Ich will ihn
sogleich lesen.
    Franz kehrte um und nahm Ernsten erstaunt das eben empfangene Billet ab.
    Sie erbrach es hastig, wandte sich von den verschlafenen, zurcktretenden
Dienern ab und las:
    Gndige Frau, erst eine Stunde lang hab' ich in den Blttern meiner Mutter
gelesen und den Rest berflogen. Dennoch bin ich schon zu der berzeugung
gekommen, da ich Sie morgen in aller Frhe, um neun Uhr, wenn ich darum bitten
darf, sprechen mu. Ich erkenne, was Sie sagten: Die Selige liebte nur Gott und
sich. Vergeben Sie mir, da ich so strmisch, so wahnsinnig war! Ich fhle, da
ich des Rathes einer weisen, vom Schicksal geprften Frau bedarf, einer Frau,
die ber den gewhnlichen Standpunkten des Lebens erhaben ist!
    Pauline nickte, als sie geendet hatte, einige Male voll tiefster Genugthuung
mit dem Kopfe.
    Fhlst du's nun, Prinz Egon Waldemar von Hohenberg! rief sie, die Bedienten
nichtachtend, triumphirend aus. Krmmst du dich nun vor Paulinen von Harder,
stolzer Jngling, den die Schnheit Helenen's nicht so fesseln wird wie hinfort
der alten Pauline Geisteskraft? Zittere nicht, Egon! Ich bedarf deiner, so wie
du meiner bedarfst, und wenn du weise bist und mir deine starke Hand zur Sttze
fr den Rest meines Lebens leihst, so will ich dir zeigen, da ich dich mehr
liebe, als Helene d'Azimont, mehr, mehr als selbst Amanda, deine eigne Mutter!
    Franz stand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl.
    Um sieben Uhr wecken! sagte Pauline, erschreckend, da sie nicht allein war.
    Franz ging.
    Pauline aber verriegelte die Thr, las das rasch hingeworfene Billet
beseligt noch einmal und noch einmal, entkleidete sich und warf sich heiter,
beruhigt, ja lachend auf ihr Lager. Sie entschlief unter der sen, reizenden
Vorstellung eines neu fr sie beginnenden Lebens.
    Im Bunde mit Egon und seinen geisteskrftigen Freunden ... was hoffte sie
nicht Alles! Was konnte sie nicht Alles wagen und noch vom Schicksal erwarten!

                            Ende des fnften Buches.


                                 Sechstes Buch

                                 Erstes Capitel

                               Sylvester Rafflard

Helene d'Azimont bewohnte in einem sogenannten Hotel garni das erste Stockwerk.
    An Beschrnkung nie gewhnt, bedurfte sie nicht nur aus angeborenen
Rcksichten ihres Standes, sondern zur Ausdehnung ihrer ganzen berstrmenden
Natur groer Rumlichkeiten. Diener und Wagen hatte sie mitgebracht, aber diesen
Train jetzt noch weit ber den Bedarf vermehrt. Jede Woche muten Grtner die
Zimmer mit neuen Blumen schmcken. Ihr Empfangsalon war ein kleiner
Dahlien-Flor. Was sie bei Wanderungen durch die Magazine, selbst bei einer
flchtigen Vorberfahrt an den glnzenden Schaufenstern der Hauptstraen nur an
Vasen, Porzellan, Kunstwerken, Bronzesachen Geflliges entdeckte, mute, wenn
sie sich davon einen Effect versprach, sogleich, ganz nach Goethe's Theorie vom
Besitze des Schnen, angekauft und in ihren Zimmern aufgestellt werden. Wie sie
denn in Allem das Weib des unmittelbaren Instinctes schien, die
lebendiggewordene Unruhe und Beweglichkeit des nur durch die Liebe
aufrechtgehaltenen Frauensinnes, so mute sie, was ihr gefiel, besitzen, was sie
dachte, aussprechen, was ihr in den Sinn kam, vollenden. Eine Entsagung ohne
sofortigen Ersatz wrde ihr die grte Qual gewesen sein.
    In den sechs Wochen, da Egon krank war, von Andern gehtet, ihrer Sorge
vorenthalten wurde, litt sie unsglich. Sie hatte das nimmerrastende Bedrfni
der Aufopferung. Sie wre im Stande gewesen, wie eine in Lohn verdingte
Krankenwrterin Egon zu pflegen. Der Mann, der sie erfllte, war ihr die ganze
Welt. Wie konnte sie leben, ohne seinen Athem zu hren, ohne sich in seinen
Augen zu spiegeln, selbst wenn diese vom Fieberwahn umschleiert wren und sie
nicht erkannt htten! Von dem Abend an, wo sie bei ihrer Ankunft in spter Nacht
vor Egon's Fenstern hielt und zu ihnen wie eine Verstoene sehnschtig
hinaufblickte und bitter weinte, ruhte sie nicht, sich dem Freunde bemerklich zu
machen. Erst als sie erfuhr, da er ganz krank, dann vllig bewutlos war,
unterlie sie diese nchtlichen Aufblicke zu seinen Fenstern. Aber Blumen
schickte sie, Erkundigungen zog sie ein, setzte sich mit der dienenden Umgebung,
mit den rzten in Verbindung. Sie litt peinliche Tage, in denen sie nur von
Paulinen, die durch Amanden's Memoiren wieder Kraft und Fassung errungen hatte,
aufrecht erhalten, getrstet wurde. Wie viel Thrnen weinte sie an der Brust
dieser Freundin, die sich fr mitfhlend erklrte, aber ihren Schmerz nur
studirte, wie der Knstler an der Armuth vorbergeht, ihr Almosen spendet, aber
seiner Phantasie auch die Geberden des Hungers einprgt.
    Pauline gab sich ganz auf die groen Gefhle ihrer jungen Freundin
gestimmt; aber Helene mit ihrem berflutenden, liebesiechen Herzen, war ihr doch
nur eine Studie jener Autorschaft, an die sie zuweilen zurckdachte, seit sie
durch Guido Stromer, den vacirenden Pfarrer von Hohenberg, den entpuppten
Schmetterling der schnen Phrase und des irren, von Allem geblendeten
Idealismus, wieder in literarische Beziehungen kam! Helene, im Jammer um Egon,
erkannte Niemanden mehr, der bei Paulinen verkehrte. Ein Blick des Schmerzes und
sie wandte sich jeder Begegnung ab. Nur Melanie blieb ihr von dem ersten Abend
her in Erinnerung als ein schnes Mdchen. Als schner Mann htte sie
Heinrichson fesseln drfen; allein sie erbat sich nur die Untersttzung seiner
kunstgewandten Hand, um Erinnerungsbltter an ihre Egon-Liebe, die sie
zeichnete, an ihren egoistischen Egonismus, wie der witzhaschende Heinrichson
dies Verhltni nannte, zu einer grern Vollendung zu bringen.
    Kmmerte sich Helene whrend dieser Trauerwochen um Niemanden, als wer sie
aufsuchte, verschlo sie sich jeder Beziehung zu ihrer Schwester Adele
Wsmskoi, die sie ihres kleinen und engen Herzens wegen verachtete, zu Rudhard,
der ihr ein lstiger, gefhlstrockener Pedant war, so mute es auffallen, da
sie Sylvester Rafflard nicht gleich das erste mal, da er sich bei ihr melden
lie, abwies.
    Helene glaubte sonst keinen grern Feind zu haben!
    Von Osteggen, dem Gute ihrer ltern, war dieser Rafflard pltzlich entlassen
worden; in Genf hatte er Ursache, Egon zu hassen, den er spter zu Paris in
ihren Armen wiedersah. Die alte Grfin d'Azimont, Helenen's Schwiegermutter, mit
ihrem Ehrgeize und ihrer weltverachtenden Bigoterie, hatte die Wahl ihres Sohnes
schon damals gemisbilligt, als Graf Desir am Schwarzen Meere in Helenen eine
Protestantin whlte. Welche Clauseln wurden nicht alle in dem mit Paris ber
Berlin und Petersburg verhandelten Ehecontracte erfunden, um den Folgen dieses
Misverhltnisses vorzubeugen! Anfangs nahm die strenge Bewohnerin des Faubourg
St.-Germain ihre Tochter mit gndiger Herablassung auf, bald aber zeigte sich,
da die alte jesuitische Klassizitt der Mutter mit der romantischen Ketzerei
der Tochter sich nicht vereinigen lie. Welche Cirkel suchte Helene auf! Welche
Menschen fand sie interessant! Wie verworren sah es in ihrem Salon aus! Der
Horreur, den die Mutter durchweg vor der Tochter empfand, steigerte sich, als
Helene die Rcksichten auf ihren krnkelnden, blasirten, berbequemen Gatten
vllig aus den Augen lie und sich mit ihm sogar auf eine Art Freundschaft, auf
den Fu einer gegenseitigen Schonung und Duldung setzte! Der Graf wurde der
Vertraute seiner Gattin. Er mute sorgen, helfen, vermitteln, wenn ihr Herz
litt. Und er gab sich dazu mit der ganzen modernen Philosophie, die Sitte und
Gesetz auf den Kopf stellt und das Herz zum Gott, dessen Eingebungen zur
Offenbarung macht, bereitwilligst her, zum groen Unmuth der Mutter, die diese
neuromantische Ehe mit keinen Kindern gesegnet sah. Durch Zufall war der Neophyt
Sylvester Rafflard der alten Grfin nhergekommen und der Vertraute ihrer
Wnsche geworden. Die alte Dame hatte immer einen solchen zuverlssigen
Hausfreund nthig gehabt und hielt sehr treu zu ihm, falls er sich bewhrte.
Seit einer Reihe von dreiig Jahren waren es Jesuiten gewesen, Priester oder
Affiliirte, die ihr nahe standen. Der letzte ihrer Vertrauten, Abb St.-Dor, ein
Priester aus dem Convicte der Gesellschaft Jesu in der Rue Jean Jaques Rousseau,
starb und empfahl ihr Sylvester Rafflard, einen Genfer, der in Turin glubig,
aber nicht Priester geworden war und sich nur als ein in weltlichen Dingen
dienender Bruder zu den ehrwrdigen Vtern hielt, die ihm seine Existenz
machten.
    Rafflard war nicht mehr jung, aber von einer unverwstlichen Regsamkeit
seiner fast thierischgebauten Constitution. Der groe affenartig gebaute Kopf
mit dem gewaltigsten hervorstehenden Unterkiefer sa wie auf dem Nacken eines
Stiers. Die Schultern waren breit und rund wie die eines Lasttrgers. Die Beine
lang und weitausholend, die Arme fast ber die Proportion ausgreifend und mit
Hnden begabt, die sich wie die ausgespreizten Fe eines watschelnden
Wasservogels machten. Dieser Mensch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros. Die
ganze Natur Rafflard's war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des
Herzens, sondern auch die Sinnlichkeit der Augen, der Ohren, der Hnde, des
ganzen Menschen.
    Sein Wesen war wie das Schnalzen des Fisches. Er war die Aufdringlichkeit
selbst. Seine groen Hnde reichte er Jedem zum Grue; er umarmte, er kte
Jeden, er flo in einem Strom von salbungsvollen Liebesworten ber und bot Jedem
seine Freundschaft an. Er hatte sich von einer gewhnlichen Herkunft allmlig
emporgeschwungen durch das Princip, die ganze Menschheit wre zu gewinnen durch
die Sigkeit der Vorstellungen, die das Gegentheil unsrer Existenz in Jedem zu
wecken pflege. Er nherte sich den jungen Mdchen und sprach mit ihnen von der
Ehe; den Frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen Schicksal ihrer
unabnderlichen Wahl. Jungen Mnnern malte er die sesten Trume des Glcks
aus, den Alten spiegelte er den Glauben vor, man hielte sie noch fr jung. Jedem
aber, den er leiden, unbefriedigt sah, nahte er sich mit der Versicherung, er
errathe sein verfehltes Geschick, er ahne seine wahre Bestimmung. Die Frauen
gewann er durch die theilnehmende Entdeckung, da ihr Geist gebunden, gefesselt,
an Gemeines entwrdigt wre. Die Mnner belauschte er in der geheimsten
Sehnsucht ihres Ehrgeizes und beglckte die Strebenden mit glnzenden
Bekanntschaften, die er in der That wie Visitenkarten aus seiner Westentasche
zog. Sylvester Rafflard war der lebendige Versucher. Ewig legte er Denen, die er
umstricken wollte, die Schtze ganz Jerusalems zu Fen und verschenkte sie an
Den, der sich ihm ergab. Er bot Alles an, Wrden, mter, Ehrenzeichen,
Geldmittel, Erfolge, schne Frauen, je nachdem er das weltliche Streben einer
Geisteskraft oder das trumerische Sehnen einer Phantasie vor sich fand.
    Und wenn man fragen wollte, wozu Sylvester Rafflard sich einer so
unermdlichen Verfhrung ergab, so ist nicht erwiesen, da er geradezu schaden
wollte. Er wrde sich in diesem Falle bei seiner unausgesetzten Betriebsamkeit
groen Gefahren ausgesetzt haben. Er wollte nicht einmal verwirren. Er wollte
nur existiren, sich behaupten, im groen Stile existiren. Dazu bedurfte er
hundert Beziehungen. Er mute eine Beziehung auf die andre bauen, einen Trumpf
gegen den andern ausspielen. Sonst war eigentlich seine geheimste satanische
Freude Die, jeden Menschen gleichsam im Zustande der Natrlichkeit zu sehen. Wir
wissen, wie Rafflard als Erzieher wirkte, wie es ihn reizte, schon das Gelsten
der ersten Knabenzeit zu beobachten. Wir wissen, da Egon's frheste
Lebensverstimmung, seine Verzweiflung am Dasein, die ihn von Genf nach Lyon,
fort von allen Beziehungen seines Standes trieb, eine Folge der Verfhrung
seines eignen Lehrers war. So aber wie Egon wollte Rafflard Jeden auf die
Nacktheit seiner natrlichsten Schwche zurckfhren! Da, wo der Mensch klein
wird, setzte er den Hebel an; da, wo der grte Mann zuweilen seinen Beruf
vergit, wut' er ihn sicherlich zu berraschen und hatte ihn dann auch fr alle
seine Plne in der Hand. Im gewhnlichen Verkehr war er liebenswrdig, gefllig
und noch immer gern gesehen, wenn man ihm auch seinen asthmatischen Husten
vergeben mute. Diesen tckischen Dmpfer seiner guten Laune, diesen Strenfried
seiner schleichenden Intriguen hatte ihm ein strafendes Geschick seit einigen
Jahren mit auf den Weg gegeben. Dieser Katarrh hatte ihm schon, wie Das in der
groen Welt geht, viele Freunde entfremdet, ja seinen liebsten Freund, den
eignen Magen. Der alte Gourmand kaute stndlich Pastillen und verdarb sich damit
eine Verdauung, die sonst thierisch war und seiner herkulischen Natur entsprach.
    Ein solcher Charakter, ohne Halt, ein reiner Lebensvirtuose, ein Knstler
auf dem schlaffen Tanzseile des gefhrlichsten Egoismus, mu durch innere
Nothwendigkeit Jesuit werden. Seine Kenntni der Zeit und der handelnden
Personen berraschte Die, die ihn zu diesem Schritte ermunterten. Er hatte
Verbindungen wie ein zweiter Graf St.-Germain. Selbst wo man ihm die Thr
gewiesen hatte, wagte er wiederzukommen. Er wagte, Manchen sogar an Menschen zu
empfehlen, die ihn verachteten. Gelehrte Kenntnisse besa er nur oberflchlich.
Aber vortrefflich sprach er ber Sachen, die dem Gelehrtesten oft unentwirrbar
blieben, ber Lebensverhltnisse, Sitten-, Staatsbeziehungen. Da ihm
Deutschland, die Schweiz, selbst Ruland bekannte Terrains waren, so imponirte
er in Frankreich. Als Abb St.-Dor starb, ergriff er mit Freuden die
Gelegenheit, seine eigentlich fortwhrend bettelnde Existenz zu sichern, die ihm
seit seinem asthmatischen Husten vollends Bedenken erregte. Er hatte schwren
mssen, die Ideen St.-Dor's zu verwirklichen. Es waren Dies mancherlei Aufgaben
grerer oder geringerer Bedeutung. Eine derselben lautete: die Heirath zwischen
Helene von Osteggen und dem Grafen Desir d'Azimont zu lsen, das bedeutende
Vermgen des Grafen zum Rckfall an die Mutter zu bringen und von dieser es
somit zuletzt dem Orden zuzuwenden. Dieser Aufgabe unterzog sich Rafflard mit
dem ganzen Aufgebot seiner Energie. Es war seine Mission, sein Unterhalt sogar.
Die brigen Einwirkungen, die er da und dort und bei seiner Sprachengewandtheit
auch in fernen Lndern auszufhren hatte, kamen zur Lsung dieser Hauptaufgabe
ergnzend, aber unwesentlicher hinzu. War Rafflard in Paris und Enghien schon
thtig, um Helenen und den Grafen zu entzweien, so setzte er nach der Flucht der
jungen Frau diese ihm gestellte Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit fort. Egon warnte
Helenen vor Rafflard schon in Frankreich. Sie glaubte Spuren zu haben, da Louis
Armand damals in Enghien nicht ohne Vermittelung Rafflard's so grausam strend
in ihr Glck eintrat. Sie fuhr schaudernd und ergrimmt auf, als man ihr nach
ihrer Ankunft in Deutschland diesen Namen nannte, der in der Residenz anwesend,
ohne Zweifel ihr gefolgt war und sie nach allem Vorgefallenen eines Tages zu
sprechen wnschen konnte. Wie aber gutmthige Naturen - und eine solche war
Helene bis auf einen gewissen Punkt im hchsten Grade - einmal sind, sie fassen
die Menschen immer nach ihrem augenblicklichen Bedrfni. Klagen sie mit dem
Klagenden, so heit es: Ich habe mich geirrt, er ist gut, er ist wenigstens
besser, als ich dachte! Helene d'Azimont hatte auch noch die Eigenschaft
gutmthiger Charaktere, da ihr jedes Wiedersehen etwas Verschnerndes bot.
Einem Menschen, den man in der Heimat hate, wird man in der Fremde nicht
begegnen, ohne sich zu denken: Wenn er dir hier, unter diesem schnen
Himmelsstrich, unter diesen herrlichen Statuen, unter diesen duftenden
Gewchsen, die Hand bte, du wrdest sie nicht zurckweisen! Bringt er nicht
Heimatsluft mit? Geht er nicht wieder dahin, wohin du gern einen solchen Gru
aus lebendem Munde bersenden mchtest! Rafflard benutzte diese Stimmung, die er
bei Helenen offen genug vorfand. Er war noch klger. Er machte gleich reinen
Tisch. Er sagte: Grfin, warum hassen wir uns? Er ergriff damit gleichsam das
schillernde Gewand, das seine geheimsten Absichten verbarg, und zog die tausend
Falten desselben glatt in eine Flche, in die Flche der Aufrichtigkeit und
Bonhommie. Er sprach so natrlich, so sich selbst ironisirend, da Helene schon
lchelte. Er verspottete die alte Dame vom Faubourg St.-Germain, er ahmte der
Grfin so treffend nach, da Helene sie vllig wiedererkannte und mit zu lachen
anfing. Seine grauen Augen wurden fast kindlich; ja als ihn sein bser Husten
berfiel, griff Helene in die Schubfcher ihres Schreibtisches und bot ihm,
mitleidig wie sie war, von der Pate Regnauld aus Orleans an, die er tglich
kaute, aber doch kostete, doch als etwas ihm Unbekanntes annahm, nur um dabei
ber das schne Paris sentimental werden zu knnen und Helenen zu rhren. Und
vollends umstrickte er Helenen dann durch das offene Vertrauen, das er ihr
zeigte, als sie ihm seine Verbindung mit den Jesuiten vorwarf. Er bekannte ganz
offen, mit den ehrwrdigen Vtern in Verbindung zu stehen. Sie sind Priester?
hatte sie gesagt. Nein, antwortete er, ich gehre zu jenem amphibischen Theile
des Bundes, der in- und auerhalb der Kirche steht. Ich bin zu weltlichen
Zwecken affiliirt. Und Sie gestehen mir Das so offen? hatte Helene erstaunt
gefragt. Warum sollt' ich denn verhehlen, was Sie wissen, war seine Antwort
gewesen; verhehlen, setzte er hinzu, was Sie verschweigen werden! Die Vorsicht,
die ich brauche, da ich in philanthropischen Zwecken, zur Verbesserung der
sittlichen Gefangenenpflege, reise, ffnet mir viele Thren: selbst die Thren
der Gefngnisse sind nicht unwichtig. Man entdeckt dort oft Menschen, die
gewandt und brauchbar sind. Helene wies ihn mit dieser Moral entsetzt zurck;
aber er hatte ihr damals in franzsischer Sprache gesagt:
    Liebe Comtesse! Sie mssen diese Welt betrachten wie ein groes Chaos, in
das die Vernunft, die Philosophie, die tausendfach verzweigte gute Absicht der
Menschen Licht und Frieden bringen wollen. Ich habe frher als Protestant, als
Erzieher zu diesem Zwecke der vernnftigen Verstndigung mitzuwirken gesucht und
meine berzeugung war zuletzt die, da ich das bel zur eignen Qual nur
vermehrte. Da lernt' ich Jesuiten kennen und fand eigenthmliche, am Dasein
merkwrdig erfreute Menschen. Sie reisten und wandelten da und dort. Hier kannte
man sie, dort nicht. Sie hatten Zwecke, deren Nothwendigkeit sie nicht
untersuchten, deren Durchfhrung sie unterhielt und sie im Zusammenhang mit
einer groen geschlossenen Kette kluger Mitverbundener persnlich strkte und
erheiterte. Ich finde in den Jesuiten die Apostel des reinsten Menschenthums.
Was wollen sie denn anders, diese Vielverschmhten, als die Menschen von dem
Staate, der sie qult, von der Kirche, die sie verdstert, etwas lockerer und
loser lassen? Was wollen sie herstellen? Nur die groe, bequeme Ordnung der
rmischen Religion, die am Ende, wenn man aufrichtig sein will, nichts als ein
freundlicher Verkehr zwischen dem Laien und dem Priester und eine Art von
Gewissens-Arkadien ist. Arkadien ist berall, wo es keine Gewissensbisse gibt.
Die Jesuiten knnen, was sie bezwecken, kaum sagen. Es sind die eigentlichen
Triebkrfte der Welt, die mehr die Freunde des gedrckten Volkes heien drfen
als alle Demagogen im Purpur und in der Blouse. Was ist denn Das gro fr
Sklaverei, zum rmischen Stuhle zu gehren? Die leichteste, die lindeste ist's!
Eine viel lindere, als der weltlichen Obrigkeit ganz und gar verfallen zu sein,
wie Dies nun durchaus der Gang der Geschichte werden soll. Gegen diesen Gang
allein stemmen wir uns. Wir wollen nicht Rom retten, sondern den Menschen, der
Niemanden, nur Gott gehorche! Wir mssen die absolutistischen Ideen der Knige
verfolgen, weil sie den Begriff der Theokratie, d.h. der groen Gottes-Republik
der Welt vernichten; aber wir mssen auch die Revolution bekmpfen, nicht weil
sie den Kmgen schadet, sondern weil sie ihnen zuviel ntzt, weil sie immer und
immer auf Centralisation dringt, weil sie die Menschen zu Maschinen eines groen
Staatszweckes macht, von dem die Priester, d.h. die Anwlte des reinen
Menschenthums ausgeschlossen bleiben. Lieber Himmel, man spricht von Verdummung,
die wir befrderten! Wir finden nur, da die Menschen selbst nicht wissen, was
das Salz der Erde ist. Absolute Staatszwecke, ob die der Republiken oder der
Monarchieen, sind nicht das Salz der Erde, und wenn wir sagen, von Rom gehen die
Adern, dieses Salzlagers aus, so kmpfen wir ja nicht fr den Papst, sondern
durch den Papst fr die ewige Macht Gottes, die grer ist als die der irdischen
Gewalten. Unser Orden denkt viel ber die Zeit nach. Es gibt in ihm eine rechte
und eine linke Seite. Die rechte verdirbt leider viel, was die linke gut gemacht
hat. Es ist so schlimm, da man den Namen Gottes nicht nennen kann, ohne gleich
zu sehen, da die Menschen niederfallen und darunter die Aufforderung zur
Bigoterie verstehen. Unsere Bundesgenossin ist leider die fanatische
Religiositt, leider die Verfolgung des rationalistischen Lichtes; allein wir
verfolgen das Licht nicht um des Lichtes, sondern um des Leuchters willen, auf
dem es gemeiniglich steht, und um der Wnde willen, die das Licht gemeiniglich
erhellen soll. Eine Aufklrung, die uns verderben will, mssen wir verfolgen und
wir verfolgen sie nicht um unsertwillen, sondern zu Gunsten der Menschheit, denn
alle Aufklrung bringt wieder neue Anmaungen, neue Fesseln. Das ewig sich
Gleichbleibende ist Rom. Das mildeste Joch, das nur die Menschen tragen knnen,
ist die Theokratie, und ich gebe die Versicherung, wie die Demokratie erst in's
Volk griff, als ein rmischer Priester, Lamennais, sie im kirchlichen Style
populair machte, so wird auch der Socialismus, von dem Sie, liebe Grfin, die
Grundprincipien kennen werden, dann erst siegreich fr die jetzige Gesellschaft
anbrechen, wenn ein so hohler Commis-Voyageur-Kopf wie der des Herrn Proudhon
von Lyon seine Ideen einem Priester abgibt, der ber die Menschheit als Seher,
nicht als merkantilischer Buchhalter spricht.
    Helene hatte nicht umhin knnen, dieser uerung des Jesuiten einigen
Beifall zu zollen. Sie war in der Literatur und den Zeitfragen nicht
unbewandert. Ihr Salon war in Paris artistisch-literarisch. Ihr Tisch war von
aufgeschnittenen und mit Lesezeichen gezierten Schriften nie frei. Weitlufig
lie sie sich aber auf eine Prfung nicht ein und erwiderte auch hier von dem
Standpunkte, der ihr nher lag:
    Was wollen Sie denn aber in diesem Norden? Was gibt es denn hier fr Sie zu
thun?
    Rafflard hatte darauf geantwortet:
    Wo fnde ein Jesuit nicht ein Feld seiner Thtigkeit! Schicken Sie ihn nach
Ceylon, nach Tombuktu, er findet Menschen, Priester, Religionen, Staaten. Wo
Andere lehren, Andere glauben, hat auch ein Jesuit zu thun. Wir wissen bei jedem
Verhltni sogleich, wo wir Partei zu ergreifen haben, fr wen, fr was?
Deutschland fngt an, wie im Mittelalter, wieder der Schwerpunkt Europas zu
werden. Es ist das Land, wo beide Principien, das rmische und das
protestantische, sich die Wage halten. Die Verwirrung ist gro. Es will sich das
protestantische Princip, das im dreiigjhrigen Kriege wenn nicht besiegt, doch
erschpft wurde, aufs neue erheben, nicht rein als Princip der Feindschaft gegen
das katholische, aber doch in den eigenthmlichsten Versetzungen mit allerhand
andern Stoffen. Unsere Obern sind Politiker und denken weiter als die
erbrmlichen Minister, die jetzt bei uns und hier auftauchen, morgen versunken
sind und vergessen. Die Fragen der Zeit gehen weiter als bis zur Herstellung
einiger trgerischen, constitutionellen Scheinformen. Auch die Jagd auf
Demokraten erscheint uns in der Re Jean Jaques Rousseau lcherlich; denn
Republiken oder Monarchieen sind uns gleichgltig, wenn doch immer die groe
Frage wegen der Kirche und des Staates, d.h. des freien oder des gebundenen
Menschen auftaucht. Unsere Abgesandte greifen hier und da schon in die deutschen
Schicksale ein. Von der Schweiz und Belgien aus wird viel gewirkt und geschrt.
Hier, im Herzen des Protestantismus, ist vorlufig wenig Anderes zu thun, als
mit gleichgestimmten Bedrfnissen nach Kirchlichkeit anzuknpfen. Wenn auch
ketzerische Kirche ist auf irgend einem gewissen Standpunkte Kirche immer
Kirche. Wir hatten schon einige Hofprediger in Deutschland, die Jesuiten waren.
Ich will nicht sagen, da auch hier unter ihnen Affiliirte sind, aber
kirchliche, wie soll ich sie nennen, kirchliche Hochtories gibt es auch hier,
und Mehreren, die ich nicht nennen will, steh' ich ziemlich nahe. Ich habe sie
in einem gewissen Trotz gegen den gegenwrtigen hiesigen Staat bestrkt. Erst
schienen sie zwar erschrocken von der Zumuthung einer offenen Opposition; sie
besitzen dafr zuviel Servilismus, angeboren und anerzogen, aber wir gewinnen
doch, wenn wir die Kirche berall in Europa frei erhalten vom Staate und ihm
nicht, wie schon in dem absolutistischen durch und durch verweltlichten Ruland
geschehen, noch gar die Kraft des Prophetenthums, die angemate Bischofswrde
zufhren. Was hindert uns, nach fnfzig Jahren, wenn hier die Zahl der
katholischen Kirchen wchst, einen Bischof einzusetzen? Wir knnen alte
Gerechtsame, alte Proteste wieder geltend machen. Es mag der protestantische
Staat in seinem absolutistischen oder radikalen Gebahren forttaumeln, die in den
tiefsten Wurzeln doch noch immer nach Rom hin sich verzweigende Kirche, auch die
ketzerische, gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab, wenn wir sie isoliren. Wir sind
hier an Allem betheiligt, an jeder Frage des Cabinets und des Staatsrathes, an
der Gesetzgebung fr die Provinzen, an der Gestaltung der Gesammtform
Deutschlands, an der bertragung der Lehrmter, an der Richtung des Geschmacks
und der Wahl der Lektre, ja wir haben hier zwei Katholiken, von denen der Eine
die Sttze des Throns, der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie ist und ber
deren geheimsten, innersten Gedanken noch ein groes Dunkel schwebt.
    Rafflard gab sich vllig unverdeckt. Einer so offenen, auf ihre Diskretion
vertrauenden Sprache - Wie konnte Helene ihr widerstehen? Sie hatte zwar keine
Neigung zu solcher Bewhrung ihrer Geisteskraft wie Pauline, die von dergleichen
Enthllungen elektrisirt worden wre, aber die Hingebung Rafflard's glaubte sie
doch vollstndig zu erkennen, und da sie eine edle Natur war und Vertrauen zu
schtzen wute, so lie sie den schleichenden Weltmann, der die vertraulichen
Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugestndni
einmal nicht zu ndernder menschlicher Schwche auffate, gewhren, nahm ihn
fter an, dankte ihm fr die Bekanntschaften, die er ihr zufhrte, und hielt
seine schonende Sprache ber Egon und ihre Liebe fr den Beweis eines wirklichen
Interesses. Und wenn sie nun auch errathen htte, da Rafflard nur die Trennung
von ihrem Gatten betrieb, was lag ihr daran? Gut und Geld hatten keinen Werth
fr Helenen. Einiges mtterliche Vermgen besa sie. Sich um Anderes, was noch
fehlen konnte, zu sorgen, lag nicht in ihrer Natur. Wenn sie in ihre Brse
griff, hatte es bis jetzt noch an den nothwendigen Mitteln nie gefehlt. Aber sie
blickte nicht einmal so weit hinaus! Sie war befriedigt, da Rafflard einsah,
ihre Liebe zu Egon wre eine Nothwendigkeit, eine vom Gott der Gtter, dem
allbindenden Eros, vollendete Thatsache. Wenn sie weinte, war Rafflard traurig.
Wenn sie hoffte, verklrte sich auch sein Blick. Was sollte sie da grbeln,
denken? O Himmel, das Denken, das Vor und Nach war ihr ja das Peinlichste! Nur
fhlen mochte sie, empfinden, verschweben, wie ein Lichtatom in der Sonne ihrer
Liebe, und Alles, das Hchste, das Herrschende war ihr der Moment.
    So rckte Egon's Genesung heran. Helene jubelte ihr entgegen wie dem
erwachenden Frhling. Jeder, der ein grnes Blttchen der Hoffnung ihr vom
Palais Hohenberg brachte, wurde kniglich belohnt. Die Bedienten, die
Wandstabler's alle durften zu ihr geradezu hereintreten, wenn sie nur zu melden
hatten, da der Prinz eine Stunde gut geschlafen, eine Speise mit Appetit
verzehrt hatte. Helene fuhr zu den Italienern, um Frchte, zu den Confiseurs, um
Nschereien zu kaufen. Sie war so unkundig der wirklichen Gebrechlichkeit des
Menschen, da sie sich einbildete, Ananas, Trauben, Melonen, alles Das msse
erquicken oder die Verdauung strken. Sie bte in ihrer Weise einen frommen, der
Liebe gewidmeten Cultus, der Rafflard, im Geheimen beobachtet, nicht wenig
belustigte. Die meeresschaumgeborene Gttin erhrte Helenen's Flehen. Egon genas
und sie selbst, die zarte kleine Gestalt mit den weichen runden Formen, den
bewegten, langbewimperten Gazellenaugen, dem glnzenden schwarzen Haare, dem
anmuthigen Lcheln, erholte sich wieder von der Wachsfarbe des Grams, die ihren
zarten Teint berhaucht hatte, zu dessen ganzer blendenden Weie.
    Es war October. Wohl vierzehn Tage waren hingerauscht in den Wonnen des von
Drommeldey und Rafflard allmlig vorbereiteten Wiedersehens. Das Wetter war
gleich nach der Partie von Solitde, auf die Helenen's Glck folgte, rauh,
strmisch, dann regnerisch geworden. Wo weilte man da traulicher als im Arme der
Liebe? Wo war es heimischer als hinter geschlossenen Fenstern, in schnen
geflligen Zimmern, in denen schon Abends ein leichtes erwrmendes Feuerchen
knisterte? Da wurde gelacht, gescherzt, geschmollt, das Vergangene
durchgesprochen. Da wurden Plne ersonnen von knftigen Vergngungen, von
Reisen, von Villeggiaturen des nchsten Jahres, von Rom, Neapel! Egon und
Helene, Helene und Egon! Nur Beide allein auf der Welt, nur selig in der Liebe,
nur liebend wie im Paradiese. Die Vergangenheit wurde mit Schleiern bedeckt.
Helene sprach von Louison wie von einer todten Schwester, nichts hatte sie
verletzt, kein Stachel war zurckgeblieben, die Gegenwart war ihr Eigenthum:
warum nicht Gromuth ben? Nur kleine Seelen sind ja auch fr das volle
berschwengliche Glck der Gegenwart so undankbar, da sie, immer mkelnd ber
Vergangenes, im Genusse mistrauisch sind und sogar schon ber die Zukunft
grmeln!
    Freilich in diesen Kelch der Freude mischten sich zwei groe
Wermuthstropfen. Der eine hie: Die Freunde Egon's! Der andre: Der Ehrgeiz des
Geliebten! Beide Tropfen flossen aus derselben Schale, die Helene oft in
aufgeregter Phantasie wie eine Giftphiole vor sich schweben sah. Diesen Becher
wirst du austrinken mssen und sterben! rief es ihr oft wie von Geisterstimmen.
Kalt packte sie dann eine Hand mitten in's Herz. Sie mute aufschreien, weinen -
Egon wute nicht, was geschah und mute lcheln ber Befrchtungen, die ihm ganz
grundlos schienen. Ja, Louis, Dankmar, Siegbert, Rudhard waren seine Freunde,
tglich sahen sie ihn, sie waren frhlich, die Jngern mit ihm das Leben
genieend. Den Professor Rafflard hatte Egon abgewiesen. Egon gehrte zu den
Menschen, die vielleicht nicht consequent in der Liebe, aber consequent im Hasse
waren ... eine starke Art von Menschen, schwer zu behandeln, des Grten fhig
und kluger Fhrung bedrftig. Rudharden aber hatte er auf's neue liebgewonnen.
Er fhlte, da er wegen Helenen's nicht wagen konnte, ihn im Kreise der Familie
Wsmskoi oft zu besuchen, desto fter sah er den alten trocknen
Verstandesmenschen bei sich und freute sich, wie tief und nachhaltig doch der
Grund war, den der ernste Mann einst in seine Seele gelegt hatte. Er war weit
fter mit Rudhard als mit den andern Freunden einverstanden. Auch Siegbert
konnte wegen der Frstin Adele, wie Rudhard, nicht anders, als jede Beziehung zu
Helene d'Azimont vermeiden. Das war Helenen freilich peinlich genug. Sie sah da
immer Menschen mit ihrem Geliebten in Berhrung, die sie achten mute und doch
nicht fr sich hatte. Oft schlug sie gemeinschaftliche Partien vor, man
entschuldigte sich durch das Wetter. Sie sprach von Einladungen, von Diners, von
Soupers, wie nur sie, sie dergleichen zu veranstalten verstand. Vergebens! Man
hatte Abhaltungen. Dankmar vollends, den sie einige male wirklich sah, machte
auf sie einen dmonischen Eindruck. Das war eine Schrfe im Blick, eine Ironie
um die Mundwinkel, eine sichere Art des ideell Exclusiven, da er sie fast
reizte. Sie dachte oft darber nach: Wie gewinnst du dir diese bedeutenden
jungen Mnner? Du mchtest wol z.B. von Dankmar wissen, ob seine sprde Schale
einen zarteren Kern verbirgt? Sie neckte Egon mit Dankmar's Zurckhaltung und
fragte ihn, ob der schne junge Mann absichtlich von ihr ferngehalten wrde?
Sein Proce diente zur Entschuldigung und der einzige Grund, warum sich Dankmar
zurckzog, lag doch lediglich nur darin, da er mit den drei andern Freunden
Farbe halten wollte. Sie bauten soviel auf Egon und sahen ihn nun umstrickt von
einer entnervenden Liebe! Sie wirkten, sie liefen, sie arbeiteten fr ihn und
wenn sie ihn fr die Wahlen, die Kammern, fr ihre idealen Plne pltzlich zu
sprechen wnschten, hie es: Er ist bei der Grfin, oder: Die Grfin ist bei
ihm! Das nahm besonders Dankmar, der seine Zeit schtzen lernte, gegen Egon ein
und Niemanden mehr als Louis, den Helene deshalb auch geradezu fr ihren
Widerdmon und fr Egon's bses Princip hielt. Rafflard hatte den Gedanken
einer dauernden Vereinigung in ihr Herz gepflanzt und sowenig eigentlich dieser
Plan ihrer Natur entsprach, so ungern sie den armen kranken philosophischen
Gatten in Paris zu uersten Entschlieungen veranlassen wollte und lieber auf
seinen von den rzten fr gewi vorausgesagten Tod wartete, so ergriff sie doch
diese Idee ohne alle Rcksicht auf ihre Zukunft eben darum so lebendig, um
diesen sogenannten Freunden ihres Freundes als Alleinherrscherin ber Egon zu
imponiren und sie durch einen Machtspruch entweder als Untergebene sich zu
gewinnen oder sie als Frstin von Hohenberg ganz entfernen zu knnen.
    Diese vier Mnner waren es, die in Egon diejenige Flamme schrten, auf die
Helene wie auf die Gunstbezeugungen der schnsten Frau der Erde eiferschtig
war, die Flamme des Ehrgeizes. Ein Weib, das unter solchen Verhltnissen liebt
wie Helene d'Azimont, wird niemals ertragen knnen, da sich der Gegenstand
ihrer Liebe theilt. Nur die Liebe, die die Sitte heiligt, ertrgt im Mann den
Aufblick zu einem groen Berufe und jene getheilte Stimmung, die immer im
Gefolge eines Wirkens fr die Welt sein wird. Die sittenreine Liebe erfat den
ganzen Menschen, nicht den sinnlichen nur. Sie wchst mit seinem Wachsthum
empor. Sie schmiegt sich wie der Epheu zu den sten des Baumes hinan und folgt
ihm bis in die Krone seiner Triebkraft. Der Ruhm ist wol eine schne Zugabe zu
jedem Verhltnisse zwischen Mann und Weib. Aber der Ruhm will erworben, will
behauptet sein und an die stille Werkstatt des Geistes soll da die Liebe nie zur
unrichtigen Stunde pochen! Egon war nicht der Mann, der seinen Ideen entsagt
htte, um einer Liebe willen! Er lchelte wol zu Helenen's Befrchtungen und
sagte ihr oft: Du frchtest nur mein graues Haar, das sich schon durch mein
Fieber lichtete, frchtest die Nachtwachen, denkst an die Staatsmnner, die du
kennst, die nach ihrer ersten Rede zehn Jahr jnger und nach der minder
gutaufgenommenen zweiten zehn Jahr lter wurden! Dazu schttelte Helene den
Kopf. Sie sagte, da Egon immer schn sein wrde, aber sie msse ihn allein
haben! Wie litt sie schon jetzt unter diesen Vorbereitungen zur Wahl in die
Kammer! Welche Verhandlungen, welche Zeitverluste, welcher rger, welche
Absorption der Gedanken! Sie wollte Egon nach Italien entfhren. Er dachte nicht
daran, ihr zu folgen. Er gnnte sich nicht einmal die Zeit, in Hohenberg, wie er
gewollt, Ackermann zu besuchen, von dem er soviel Treffliches und Beruhigendes
erfahren hatte.
    Seit einigen Tagen erlebte sie noch vollends, da Egon, der schon von den
vier Mnnern genug in Anspruch genommen war, mit Pauline von Harder in eine
Beziehung kam, die sie nicht verstand. Rafflard sagte ihr zwar: der Frst ist
nun gewhlt, er ist in die Kammer getreten, Pauline von Harder spielt eine neue
politische Rolle, es sammeln sich Mnner von Ruf und Einflu in ihrem Salon-
Nein, nein, hatte sie ihm geantwortet. Das kann es nicht sein! Sie haten sich
doch! Er nannte sie die Todfeindin seines Hauses und sie beklagte es ewig, da
ich einen Mann liebte, der ihre beste Freundin aus Familieninstinct verfolgen
wrde! Nun sind sie einig. Jeden Abend haben sie ein tte--tte! Was ist Das?
... Ein tte--tte, an dem Heinrichson nicht theilnimmt, doch nicht etwa? hatte
Rafflard mit Lachen dazwischen geworfen ...
    Er wollte damit sagen, da Heinrichson viel fter bei Helenen, als noch bei
Paulinen war und der Grfin eine groe Aufmerksamkeit widmete ...
    Helene hatte dagegen nichts eingewendet, als da sie flchtig von einem
jungen Mdchen, einer wahren Schnheit sprach, die seit einiger Zeit von Egon
erwhnt wrde als Verschnerung der Cirkel der Geheimrthin ... Melanie
Schlurck! Rafflard hatte darauf nichts erwidert als den einfachen Vorschlag:
Helene sollte, da die Verhltnisse doch nun in der That dringend und schwierig
wrden, gegen Egon mit offener Sprache heraustreten und von ihm eine Erklrung
ber ihre beiderseitige Zukunft verlangen! Helene, gereizt durch die Erinnerung
an Melanie Schlurck, fand diesen Rath weise, hatte ihn in der That befolgt und
harrte nun an einem Octobermorgen, der sich freundlicher anlie als die bisher
vorbergegangenen Wochen, auf den Besuch des Vertrauten, dem sie die Ergebnisse
einer gestrigen Unterredung mit Egon mittheilen, vielleicht gar den Auftrag zu
einer Scheidung geben wollte zwischen ihr und dem Grafen d'Azimont.

                                Zweites Capitel



                                 Eine Intrigue

Die liebliche junge Frau lag in einem sehr geflligen Schlafrock von weiem
Kaschmir, bunt gefttert und mit Bordren besetzt, auf dem Sopha und bltterte
in Briefen und Sendungen, die sie von Paris erhalten hatte. Die Herbstsonne
hatte sich wieder eingestellt und fiel neubelebend und so erwrmend durch die
Fenster, da man von den Rosetten die Vorhnge lsen mute, deren gelber Schein
dem weien Teint Helenen's einen zarten orientalischen berhauch gab. Auf dem
Tische vor ihr stand eine Vase mit Blumen, die sie sehr liebte. Mit Ungeduld
blickte sie auf eine Pendle, die ber dem geffneten Schreibbureau stand und
schon auf elf zeigte. Sie erwartete Rafflard. Der Bediente brachte bald diese,
bald jene Meldung. Die Modistin wurde an ihr Mdchen verwiesen. Concerte, zu
denen sie die Billets nahm, ohne sie zu besuchen, wurden rasch bezahlt. So oft
sie fhlte, da der Zeiger der Pendle doch auch gar zu langsam vorrckte,
sprang sie auf, da die Troddeln und Schnre ihres Schlafrocks klapperten und
setzte sich an ein geffnetes Piano, das in einer Ecke des Zimmers stand und
phantasirte in Tanzrhythmen eine Weile auf und ab. Dann fiel ihr ein, dieser
oder jener neuen Bekanntschaft rasch ein kleines Billet zu schreiben, einen
Roman zu schicken, ber den gesprochen wurde, oder sie jagte die Diener, Dies
und Das zu besorgen. Endlich gaben ihr einige Zeilen von Heinrichson eine
vernderte Stimmung. Heinrich Heinrichson schrieb ihr, da er drei der
gemeinschaftlich gearbeiteten Bilder in zierlichen, entsprechenden Rahmen
mitbringen wrde und schlo seinen Morgengru mit einigen Worten, die in seinen
vielen, an Helenen schon gerichteten Briefen immer Dasselbe sagten, nmlich, da
sie schn, gut und liebenswrdig wie ein Engel wre, Huldigungen, die jedesmal
eine neue Wendung hatten, seine Weltbildung und Esprit verriethen.
    Endlich war Rafflard da.
    Eilig, wie bei Helenen immer, trat er ein, nachdem ihn sein Husten schon im
Vorzimmer angekndigt hatte. Rafflard war es in seinem langen, plumpen,
ungeschlachten, tappigen Wuchse. Die weie Halsbinde um den Hals, der schwarze
Frack, die weie Weste, die weien Handschuhe milderten etwas die hartknochige
und unedle Physiognomie. Von der Seite aus gesehen, wrde man ihn, wenn er etwas
korpulenter gewesen wre, leicht fr einen verkleideten Kapuziner haben halten
knnen.
    Rafflard kte Helenen die Hand und berreichte ihr einen Strau von
frischgeschnittenen Orangenblten.
    
    O, rief sie, das haben Sie gut getroffen, Professor! Diese Blten versetzen
mich nach Italien. Den nchsten Carnaval feir' ich in Rom.
    Mit -? fragte Rafflard gedehnt.
    Mit? Mit Egon? Sie haben ihn verleumdet, Professor! Er liebt mich wahr und
treu und kann mir jedes Opfer bringen. Wie heiter, wie glcklich schlo gestern
die Stunde, als ich mich an ihn schmiegte und die schwierige Aufgabe sich vom
beklommenen Herzen trennte ... Aber Alles ist errtert, besprochen, entschieden!
Setzen Sie sich, Professor. Trinken Sie Chokolade?
    Danke, meine Freundin! Erzhlen Sie, sagte Rafflard und spitzte die Ohren.
    Ich schelle ... Cacao?
    Meine beste Gnnerin, ich habe heute schon einige Gefngnisse besucht und
mir die Morgensuppen der Verbrecher zu kosten erlaubt. Sie knnen sich denken
...
    Also Maraschino!
    Helenen's Gutmthigkeit war schon in Bewegung zu schellen. Der Bediente kam.
Sie gab ihm einen Wink. Er verstand, was sie sagen wollte. Rafflard lchelte
erfreut. Die Verbindung mit Egon war das Werk, das er um jeden Preis zu
vollbringen hatte ...
    Sie sollen berrascht werden, sagte Helene; ich will nicht, da Sie einen
schlimmen Tausch gemacht haben, als Sie statt mit der Mama mit mir vorliebnehmen
muten ...
    Der Bediente brachte ein Kstchen, das sie ffnete. Rafflard war berrascht.
Gerade ein solches Kstchen stellte jeden Morgen die alte Grfin d'Azimont auf
ihren Tisch, wenn Rafflard seine erste Visite auf dem Quai d'Orsay machte und
sie gemeinschaftlich kleine Pasteten aen. Es befand sich darin ein halbes
Dutzend Krystallflaschen mit Likren, kleinen Glschen, einem silbernen Teller,
Alles sehr zierlich und hchst portativ eingerichtet.
    Rafflard hustete jetzt gerade sehr; dann aber kte er der jungen Grfin die
Hand und fand diese Idee, einen Comfort der alten Schwiegermama hierher zu
verpflanzen, allerliebst. Der Bediente kredenzte. Rafflard strkte sich an
Maraschino und klagte dabei ber den verdammten Geschmack, den er von der
Gefngnisuppe noch im Munde htte. Die Zunahme seines Hustens erklrte er
folgendermaen:
    Ich war vorgestern in der benachbarten Festung Bielau in einem Loche, das
man vor dreiig Jahren in dieser schon damals doch sehr aufgeklrten Verwaltung
ein Gefngni nannte. Denken Sie sich, meine Gndige, eine Hhle unter dem
Niveau eines belriechenden Flusses. Man zeigte mir eine jetzt vermauerte
Nische, durch die sich ein gefhrlicher Verbrecher, der verurtheilt war, in
einer solchen Cloake zu leben, in den Flu durchgebrochen hatte. Er soll, da das
Wasser auf ihn hereinstrmte, ertrunken sein. Die feuchte Atmosphre liegt mir
noch auf der Brust. Doch, liebe Helene, erzhlen Sie nur!
    Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und schickte sich an, dem ehemaligen
Lehrer, dessen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage
von Osteggen war, von dem gestrigen Abend Bericht zu erstatten.
    Ich bin ganz Ohr, sagte Rafflard und nippte an seinem Maraschino, den er
sehr lobte und dabei still vor sich hin sagte:
    Echter Zara!
    Mein Entschlu, begann Helene, stand gestern fest. Es hatte mich zu tief
verletzt, da mich vorgestern Egon warten lie, whrend er zu Paulinen fuhr und
dort wie ich hre en petit comit mit ihr und dem schmuzigen Schriftsteller -
wie heit er?
    Guido Stromer -
    Zu Nacht a -
    Sie vergessen Frulein Melanie Schlurck.
    Helene errthete, da Rafflard's Chronik doch auch gar zu gewissenhaft war
und unterbrach ihn mit aristokratischer Aufwallung:
    Was wei ich, wer sich Alles mit gemeiner Berhrung an den Prinzen klettet!
Genug, ich hatte Ihren Rath und meine eigene Eingebung fr gestern
zusammengenommen und beschlo, ihm den ganzen Zustand meiner Seele offen und
treu zu enthllen. Vormittag war er in der Kammer-Sitzung ...
    Nachmittag in dem volkswirthschaftlichen Ausschu, in dem er einstimmig als
Prsident gewhlt worden ist ...
    Erst um acht Uhr kam er nach Hause, wo ich ihn erwartete. Er kam, begleitet
von seinen Freunden, die nicht bel Lust zu haben schienen, zu bleiben. Ich
sagte ihm sehr entschieden: Mein lieber Freund, ich bitte dich, sei heute der
Meine! Auerordentlich liebenswrdig kt' er mir die Hand und entlie die
Aufdringlichen, Unausstehliehen, Widerwrtigen! Egon war verstimmt. Egon, sagt'
ich, du hast Kummer. Ja, antwortete er. Entdecke dich mir! Was hast du seit
acht, seit vierzehn Tagen? Du bist mein Egon nicht mehr. Ich wei es, da man
mir dich rauben will, Egon? Raubt man dich dir selbst?
    Sehr fein! unterbrach Rafflard.
    Er lchelte ...
    Wie billig ber den Ausdruck!
    Und reichte mir die Hand ... Ja, Rafflard, glauben Sie mir's, er war dem
Weinen nahe.
    Egon?
    Triumphirend fuhr Helene fort:
    Mein Egon sagte: Helene, ich bin nicht glcklich. Denken Sie sich meinen
Schmerz ber dies Gestndni, Rafflard! Ich sank ihm zu Fen, ich bedeckte
seine Hnde mit Kssen. Egon, sagt' ich, du leidest! Warum leidest du? Weil du
andre Quellen des Glcks suchest als im Arm deiner Geliebten! Warum diese
politische Laufbahn? Sich gleichstellen mit dem Pbel? Ich habe der ersten
Sitzung beigewohnt, habe dich gesehen unter Bauern, Pchtern, Gastwirthen ...
ah, mein Freund, welche Verwirrung!
    Ich bin gespannt. Sie sind hier aristokratischer, Helene, als Sie es in
Paris waren ... unterbrach der Neophyt.
    Er gab mir Recht, Rafflard!
    In der That? Egon ist Sozialist, denk' ich?
    Er sagte: Helene! Ich fhle wie du! Ich bin nun acht Tage in der Kammer. Was
ist geschehen? Nichts! Man streitet ber die erbrmlichsten Frmlichkeiten.
Jeder ringt nach Einflu, nach Geltendmachung seiner geringfgigen
Persnlichkeit, und so bedeutend manche Intelligenz ist, ich habe gefunden, da
sie in den Schatten tritt gegen Denjenigen, der eine starke Lunge hat und seine
Trivialitten mit einer Stimme, die durchdringt, geltendmachen kann.
    Gut! Er kommt zur Erkenntni -
    Ich sagte ihm: Egon, du wirst deine Ruhe, deine Heiterkeit preisgeben, wenn
du dich nicht von diesen fruchtlosen Kmpfen losringst. Seit du Paulinen kennst
und dich mit ihrem gefhrlichen, unternehmenden Geiste ausgeshnt hast, ist der
Friede deiner Seele gewichen. Er seufzte und sah mich schmerzlich an, mit einem
Blicke, Rafflard, so voll Rhrung und Vernichtung, da mir die Stimme erstickte
und ich alle meine Vorstze verga -
    Aber ...
    Was verlangst du von mir, Helene? sagte er nachdenkend. Egon, das Erste, was
ich verlange, ist, da du mich liebst! Und dann, fgte ich lchelnd hinzu, da
du dich entschlieest diese Stadt zu verlassen, mit mir nach Italien zu gehen
und dort, wenn mein Bund mit d'Azimont gelst ist, unsere Liebe legitimirst.
    Ich hre mit hundert Ohren - sagte Rafflard und lauerte auf die
entscheidende Antwort des Prinzen, um sie noch heute an den Quai d'Orsay nach
Paris zu berichten.
    Helene, in vlliger Sicherheit sich wiegend und bei Rafflard nur die
Theilnahme fr ihr Glck voraussetzend, fuhr fort:
    Egon nahm diese Worte nicht strmisch, aber auch nicht kalt auf, Rafflard,
und ich fand dies ermuthigend fr mich. Es ist doch, meinen Sie nicht,
Professor, es ist doch ein Entschlu fr das Leben, den ich von ihm verlangte?
Du stellst mir Alternativen? sagte Egon ruhig lchelnd und fgte hinzu: Helene,
Das ist doch eigentlich nicht schn von dir und nicht deiner wrdig, nicht
Helenisch! Lieber Egon, sagt' ich, ich stelle dir keine Alternativen. Ich werde
dich lieben, das weit du, auch wenn du mich mit Fen trittst. Leider kennst du
meine Schwche. Aber ich will dein eigenes Glck. Ich ehre dein sittliches
Gefhl, es qult dich, mich nicht durch die Bande der Ehe an deine theure
geliebte Person gekettet zu sehen. Oder willst du die Ehe selbst nicht, la uns
wenigstens nach Italien gehen und unter milderen Voraussetzungen, als die hier
blichen sind, glcklich leben. Dieser Boden kann niemals die Heimat meines
Glckes werden - Das fhl' ich, Egon ... Ich konnte nicht weiter; denn Thrnen
erstickten meine Stimme ...
    Sie sind noch jetzt gerhrt, Helene! Fassen Sie sich! sprach Rafflard in
grter Spannung. Er war Menschenkenner genug, Egon's Antworten keineswegs so
beruhigend zu finden, wie sie sich Helene dachte ...
    Egon war sehr lieb, sehr gut, Rafflard! Wirklich, er zog mich an sein Herz
und sah mir so kindlich in's Auge, so gut, wie in unsern glcklichsten Tagen am
See von Enghien. Helene, sagte er, wie ich dich liebe, weit du! Ich mache mir
Vorwrfe, da mein Herz getheilt ist. Ich bin nicht so sehr Egoist, da ich dir
nicht nachempfnde, wie es dich schmerzen mu, mich in so vielen Beziehungen zu
wissen, die in keiner Verbindung mit den zarten Fden stehen, in denen dein Herz
sich einzuspinnen liebt. Auch meine Beziehung zu Paulinen erfreut dich nicht.
Ich bin aus mancherlei Rcksichten verpflichtet, wenn nicht die Freundschaft,
doch die Schonung dieser Frau zu wnschen. Sie hat sich mir mit groer Hingebung
anvertraut ...
    Sie wird ihn benutzen, so lange er gilt, schaltete Rafflard ein, um
Helenen's Befremden ber Das, was sie selbst erzhlte, zu mildern; sie wirft ihn
weg, wenn er sich berlebt hat, was in unserer Zeit und bei der Gattung von
Politik, die jetzt auf dem offnen Schauplatze getrieben wird, das Werk eines
halben Jahres ist.
    Er selbst, fuhr Helene fort, rumte mir die gleiche Bemerkung, die ich
machte, gern ein und verwnschte den Einflu, unter den er so pltzlich gerathen
wre. Ich sprach nun von seinen Freunden ... mit Energie, mit Zornesworten
flammt' ich auf. Ja Rafflard, ich glaube, da sie anfangen ihm lstig zu werden.
    Rafflard horchte unglubig ...
    Doch! Doch! Er sprach von groer Verschiedenheit der Ansichten und von
chimrischen Auffassungen, die auf dem Boden der gegebenen Verhltnisse nicht
Stand hielten. Er hatte, Sie kennen diese Plne, sich vorgenommen, fast alle
seine Leute zu entlassen, sein Hauswesen bis zur Entsagung eines Diogenes zu
vereinfachen. Alle diese Plne sind aufgegeben. Er wird seinem Stande gem
leben und sich sogar nicht scheuen, in Hoffnung auf seinen umsichtigen
Generalpchter, Ackermann, mit dem Bankier Reichmeyer ein neues Geldgeschft zu
machen ...
    Rafflard hrte nur und hustete ...
    Ich gebe Ihnen mein Wort, Rafflard, er sprach so vernnftig, so klar, so
seinem Stande angemessen ...
    Und die Heirath? unterbrach der Spher ...
    Freund, ich mochte doch nun auf dies Thema nicht wieder gewaltsam
zurckkommen! Er vermied es nicht. Nein! Aber ich begngte mich, ihm nur meinen
Refrain: Italien! Italien! zu wiederholen. Und da versprach er mir, allen diesen
Beziehungen, die ihn hier fesseln, hier zerstreuen, meiner Liebe entziehen,
sobald es irgend mit seiner Ehre vereinbar wre, zu entsagen und mit mir ber
die Alpen zu ziehen. Ist Das nicht himmlisch?
    Rafflard stand auf. Er war mit diesem Ergebni nicht im Geringsten
zufrieden. Er sah, wie leicht die eigenthmliche Natur Helenen's zu tuschen
war. Doch htete er sich wohl, ihren Verdacht zu wecken und seine Zweifel zu
laut auszusprechen. Er rusperte sich, hustete und wiederholte nur:
    Sehr schn! Sehr schn! Helene wird so glcklich werden, wie sie es
verdient. Sehen Sie Italien! Ich wnschte, ich drfte Sie begleiten und Abends
auf dem Corso von Florenz spazieren gehen.
    Mit einem raschen bergang kam Rafflard auf Briefe, die vor Helenen
ausgebreitet lagen und Pariser Poststempel trugen. Er wute schon, da der Graf
todtkrank war. Seine Mutter hatte ihm geschrieben und die dringendste Eile fr
die Verbindung Helenen's mit Egon angerathen. So stellte er sich unwissend und
fragte, was sie von Paris Neues htte ...
    Desir ist sehr leidend, sagte Helene. Die rzte wollen ihm kein Jahr mehr
geben. Ich lese mit Rhrung die Scherze, die er mir schreibt. Er ist so gut! Er
will mich unterhalten, und hofft, da ich glcklich bin!
    Glcklich? In Italien? Zum Carnaval? Nicht? Desir hrt es vielleicht gern,
wenn Sie mit ihm von Egon's politischen Plnen sprechen?
    Rafflard warf diese Worte so lauernd und forschend hin, um ihre Wirkung zu
beobachten ...
    Nein, nein! rief Helene geqult. Die Kammer gefllt Egon wirklich nicht. Er
wird die lstigen Freunde abschtteln. Wir sehen keinen deutschen Winter mehr.
Ich schreib' es Desir. Ich sehe Egon in Italien.
    Rafflard zog die Augenbrauen in die Hhe und trat nun, da er Helenen zu
befangen, zu beherrscht von Egon's gewaltiger Persnlichkeit sah, machtvoll mit
der entschiedensten Unglubigkeit hervor.
    Guter Engel! sagte er mit schneidender Schrfe, Sie sind, wie ich Sie immer
gekannt habe. Ich habe Ihnen in Osteggen Mrchen erzhlt von Menschen, die so
gro sind, da sie in einem Fingerhut wie in einem prchtigen Palaste wohnen
knnen, von Riesen wieder, die so gro sind, da sie ber den Arc de l'Etoile
hinweg den Tuilerien guten Tag! sagen knnten ... Sie haben an die Zwerge
geglaubt und haben an die Riesen geglaubt. Wissen Sie, da, so lange Egon in den
Hnden Paulinen's, Guido Stromer's, Rudhard's, der Gebrder Wildungen und dieses
melancholischen Brutus Louis Armand ist, fr Sie keine Hoffnung blht, kein
Glck, keine sichere Stunde der Zrtlichkeit, keine Minute jener phantastischen
Idyllen, die jeder empfindenden Frau vom Glcke der Liebe unzertrennlich sind?
Egon sagt, die Politik ekle ihn schon an? Ich war einen Augenblick, als ich aus
den Gefngnissen kam, auf der Zuhrertribne der Kammer. Wissen Sie, da Alles
gespannt ist auf eine Rede, die Egon heute oder morgen halten wird? Er ist
Berichterstatter des volkswirthschaftlichen Ausschusses und wird ber Dinge, die
er versteht, seine Meinung sagen. Alles ist Ohr, der Hof wartet mit Sehnsucht,
wie sich der von ihm so ausgezeichnete Frst entwickeln wird. Glauben Sie, da
ihn diese Spannung nicht heben, nicht begeistern wird? Er wird Triumpfe ernten
und bald von dem Weihrauche der Parteiengunst so betubt sein, da er aus diesen
Absorptionen nicht mehr herauskann, wenn er auch wollte. Arme Helene!
    Helene d'Azimont verzog ihre Mienen, als htte sie den Schmerz der Kleopatra
gefhlt, als ihr unter Blumen die Schlange in die entblte Brust stach ...
    Sie sind furchtbar! Sie tdten mich! hauchte sie fast wie hinsterbend.
    Dann aber regte sich pltzlich die Wallung des Stolzes. Ihre
leidenschaftliche Natur emprte sich, sie sprang auf.
    Ihre Brust wogte, ihre Augen funkelten .... So sanft sie sein konnte, wenn
ihr Alles nach Wunsche ging, so glubig sie sich beschwichtigen lie, so
leidenschaftlich konnte ihr Unmuth hervorbrechen, wenn sich ihrem verwhnten
Willen nur das geringste Hinderni entgegenstelle. Hier nun handelte es sich um
Etwas, was ihr die Aufgabe ihres Lebens schien. In tobender Ungeduld, die
Briefe, Zeitungen zerknitternd, wegwerfend, im Zimmer auf- und abschreitend,
brach sie los und rief, fast wie Norma, dies Ideal der modernen starken Frauen,
in der Oper:
    Bin ich denn der unglcklichen Priesterinnen des Alterthums Eine, die die
Flamme am Altare der Liebe in ewiger Glut erhalten sollen und von Dem, der ihre
Sehnsucht ist, ihr Leben, ihr Tod, ihr Verbrechen, ihr Alles, betrogen werden?
Ich wte keinen Felsen am Meere, der zu hoch wre, da ich mich von ihm aus
Verzweiflung nicht in die Fluten strzte! Wehe mir, was hab' ich dieser Liebe
nicht geopfert! Losgerissen hab' ich mich vom Sterbebette eines guten Menschen,
der in seinen letzten Stunden auf die liebende Sorgfalt meiner pflegenden Hand
angewiesen ist; Urtheil, Achtung der Menschen hab' ich in die Schanze geschlagen
- was sind sie mir denn Alle, die auf der Erde sind auer dem Einen, den ich
liebe, wie meinen Herrn und Gott! Htte mir der Himmel ein Kind gegeben, ich
wrde wissen, wohin ich diese Regungen der Liebe und Zrtlichkeit niederlegte,
wie an einen Altar! Ich wrde es pflegen, an's Herz drcken, ber seinem Athem
wachen und nur in ihm leben, in seinem Lallen, in seinem lachenden Auge ... Nun
hab' ich aber auf dieser ganzen Gotteserde nur Egon - nur ihn! Egon! Egon! Und
Der liebt mich nicht mehr!
    Das heftigste Schluchzen unterbrach diese Verzweiflung und erstickte
Helenen's Stimme. Die Liebe war strker als ihr Zorn. bermannt von ihrer
Empfindung warf sie sich auf das Sopha und drckte ihr weinendes Antlitz an die
sich feuchtenden Polster ...
    Rafflard konnte nichts thun, als sie anfangs sich ruhig dem Ausbruche dieser
Empfindungen berlassen und mit scheinbar schmerzlicher Theilnahme laut seufzend
ihrer verzweifelten Stimmung Nahrung geben.
    Dann aber erhob er sich und bat sie, ihm zuzuhren.
    Liebe Grfin, sagte er, ich mu Sie jetzt tadeln ...
    Mich tadeln? Warum? Mich noch tadeln!
    Weil Sie von Egon das Unmgliche begehren! Geben Sie die Ideen von einem
Alleinbesitz des Geliebten auf! Aufrichtigst! Sie leiden an einer berflle von
Romanenstoff, dem Sie die Huldigung bringen wollen, ihm nachzuleben! Diese
abscheulichen Poeten! Warum knnen Sie sich nicht Ideale eigener Art erfinden?
Sie, mit Ihrem reichen Geiste, mit Ihrer reichen Phantasie -
    Ah, unterbrach ihn Helene, ich bin arm. Ich bin nur reich an Liebe.
    Und werden reich an Unglck sein, wenn Sie mir nicht folgen. Was wollt Ihr
jungen Frauen mit Eurer Manie, auf italienischen Seen zu schwimmen, in Rom an
den Wasserfllen von Frascati sich zu umarmen und ein schwelgendes sybaritisches
Leben zu fhren? Finden Sie sich doch in Egon's Natur, in Egon's Aufgabe! Ist es
denn so unmglich, da Sie dieser politischen Laufbahn des Geliebten folgen,
sich ihr aufmerkend anschlieen? Gehen Sie doch auf seine Plne des Ehrgeizes
ein! Geben Sie doch diese ungeheure Sehnsucht nach romantischem Glcke auf! Ich
spreche im Tone des Erziehers ...
    Als Jesuit! Als kalter Rechnenmeister, der das Herz immer mit dem Verstande
in Einklang zu bringen sucht ...
    Damit die Rechnung aufgeht und kein ... Bruch entsteht ...
    Bruch?
    Helene wiederholte dies Wort, als wenn der falsche Rathgeber das
Entsetzlichste gesagt htte.
    Bruch! wiederholte sie und zitterte wie vor einem drohenden Messer und ihre
Lippen blieben starr und offen ...
    Sie selbst, liebe Helene, fuhr Rafflard ruhig fort, Sie selbst arbeiten auf
dies Ende hin. Trauen Sie mir, einem Menschenkenner! Egon ist ehrgeizig,
verbinden Sie sich mit dieser seiner Leidenschaft. Werden Sie ihm ein Werkzeug,
ein Bundesgenosse seiner Zukunft! Ich sprach Gelbsattel, der scharf beobachtet.
Er sagte mir, Egon wrde zwar das Ministerium strzen helfen, aber nicht im
Interesse der Demokratie ... er hat mit Guido Stromer gesprochen, der die Flle
conservativer Elemente in Egon bewundere. Gefhrlich nur sind fr Egon's
Entwickelung zum Hchsten seine Umgebungen. Entfernen wir diese, so haben wir
ihn und sein Schicksal in der Hand. Ich mchte doch wohl wissen, ob die Grfin
d'Azimont, Freiin von Osteggen, ich will sagen, wenn es sein mu, geschieden von
ihren franzsischen Verhltnissen, verbunden mit Egon durch das Band der Sitte,
der Kirche, nicht im Stande wre, mit einer Egon's Stande geziemenden Laufbahn
gleichen Schritt zu halten! Noch kann Egon nicht daran denken, Sie zu opfern,
Helene! Noch liebt er sie zu innig. Jetzt ein rascher Entschlu! Legitimiren Sie
dies Verhltni, geben Sie Italien, Balzac, die Romantik auf, schlieen Sie sich
Paulinen und seiner politischen Caprice an und Egon bleibt Ihnen und wer wei
nicht wem Allem gerettet!
    Rafflard schwieg lauernd. Sein Husten hatte ihn in der Ekstase verlassen ...
    Helene schaute voll Wehmuth. Sie versetzen Berge! sagte sie dann leise und
doch schon vor Wonne ber die Mglichkeit einer solchen Wendung ihres
Verhltnisses bebend. Entfernen Sie die lstigen Umgebungen - das thut sich auch
so! Sitzen diese Menschen nicht wie die Kletten an ihm? Das sind seine Arme,
seine Hnde! Mit denen wirkt er; die heben ihn, die tragen ihn! Egon wei sehr
wohl, es gibt heute keine Erfolge ohne Faiseurs, ohne Gallopins! Die mssen fr
ihn vollbringen, was er nur angibt; die trennen ihn von mir. Wie sind sie zu
entfernen? Man mu Scheideknstler sein! Chemische Dinge erfinden, sagte
Rafflard und strich sich die Perrcke ber die Stirn, man mu Dinge erfinden,
die Egon pltzlich isoliren - er steigt auch ohne diese Menschen.
    Wie wollten Sie nur z.B. den einzigen Rudhard entfernen?
    Rudhard frcht' ich am wenigsten; sagte Rafflard. Rudhard ist conservativ.
Warum sollt' ich nicht wnschen, da Helene Osteggen sich mit der Schwester
durch einen Akt des Anstandes ausshnt?
    Helene lachte hierauf bitter und verchtlich, aber doch geschmeichelt von
den neuen Mglichkeiten. Mit wiedergewonnener Laune sagte sie:
    Die gute Schwester folgte mir vielleicht in der neuen Ehe und liee sich
herab, die Frau eines Malers zu werden.
    Diese Beziehung auf Siegbert Wildungen verstand Rafflard sehr wohl.
Schmunzelnd sagte er:
    Sie sind eiferschtig auf die gute Adele! Siegbert Wildungen hat etwas, was
Sie an den Lago di Como, die Borromischen Inseln und den Golf von Neapel
erinnert! Wenn man es dahin bringen knnte, da die ganze Wsmskoi'sche Familie
mit dem blonden Siegbert ber die Alpen zge und noch viel frher in Rom wre,
ehe von der Engelsburg die groe Girandole aufprasselt ...
    Helene empfand den bittersten Neid auf dies Glck.
    Sie wollen mich tdten, sagte sie. Sie wren Jesuit genug, mich durch dies
Glck einer Andern zu foltern!
    Beruhigen Sie sich, Helene, antwortete Rafflard ber diese Frau
kopfschttelnd. Rudhard ist fr diese Art von Poesie zu sehr im alten
klassischen Geschmack. Wir wollen schon zufrieden sein, wenn Siegbert und
Dankmar von Rudhard sich entfernen und ein Zwiespalt unter den Freunden selber
eintritt ...
    Sylvester Rafflard dmpfte die Stimme und trat mit seinen verschmitzten
Absichten deutlicher hervor ...
    Rudhard empfngt, sagte er, heute, wo man, wie ich hre, ein kleines
Gartenfest bei den Wsmskoi's feiern wird, wenn sich das Wetter hlt,
vielleicht um diese gegenwrtige Stunde schon ein Billet, natrlich anonym, und
von einer Hand, die er nie entrthselt, worin er aufmerksam gemacht wird, da
die Gesellschaft erstaune ber Dinge, die unter seinen Augen zwischen einer
Mutter, einer Tochter und einem jungen Maler sich ereigneten ...
    Boshaft! fiel Helene ein.
    Die nchste Folge dieser Mahnung ...
    Wirklich Olga und die Mutter? Ist Dem so, Rafflard?
    Die nchste Folge dieser Mahnung ...
    Das arme Kind ist so unglcklich, den Gegenstand ihrer Neigung sich von
dieser Mutter geraubt zu sehen?
    Die nchste Folge dieser Mahnung ...
    Diese Olga! Ich mchte sie kennen lernen! Meine Nichte! Was ich von dem
Kinde hre, interessirt mich ... ich fhle, da ich diesem charaktervollen
Mdchen eine zrtliche Mutter sein knnte ...
    Die nchste Folge dieser Mahnung ist ohne Zweifel eine Scene zwischen
Rudhard und der Frstin oder der Frstin und Olga oder Olga und Siegbert -
enfin, man wird einsehen, da man sich Opfer zu bringen htte ... Siegbert wird
sich von Rudhard und den Wsmskoi's zurckziehen.
    Falsch, falsch gerechnet, rief Helene, wenn Olga ihrer Tante gleicht!
    Nun, sagte Rafflard, ruhig den ungeschlachten Kopf wiegend, dann entflieht
sie! Dann mu ihr Rudhard folgen, der trifft das Mdchen ... wo denken Sie wohl
Helene? In der neugebauten Kirche zu Schnau, einem Hohenbergischen kleinen
Stdtchen, wo Propst Gelbsattel eine groe leere, weigetnchte Wand entdeckt
hat, die der Kunstverein beschlossen hat, mit einem Freskobilde zu zieren,
dessen Ausfhrung man Siegbert Wildungen bertrgt. Man hat in dem Album der
Frau von Trompetta die Skizze des Nikodemus, der bei Nacht zum Herrn kommt,
allgemein so schn gefunden, da Siegbert sein Freskobild ganz nach dieser
Zeichnung ausfhren kann. Diese Arbeit nimmt ihn den ganzen nchsten Sommer in
Anspruch. Einstweilen reist er nach Schnau und besichtigt die Lokalitt, bleibt
aber, mannichfach gebunden, so lange dort, bis er etwas noch drei oder vier alte
im Brande gerettete Bilder restaurirt hat, die bis zum Einweihungstage jener
Kirche fertig sein sollen, den man sptestens am Luthertage, Martini, also den
13. November, anzusetzen wnscht ...
    Ich erschrecke vor Ihnen, Rafflard, rief Helene erstaunt ber dies
Durcheinander, aus dem der Plan, den Bund, der sich um Egon gebildet hatte, zu
sprengen, deutlich genug hervorschimmerte.
    Dankmar Wildungen zu entfernen, fuhr Rafflard ruhig und in seiner
berlegenheit sich wiegend fort, ist schwieriger. Sein groer Proce liegt
Niemanden schwerer auf dem Herzen als meinem Freunde Gelbsattel. In erster
Instanz wird die Zulssigkeit dieses Processes schon heute oder morgen
entschieden sein. Wie die Entscheidung auch ausfallen mge, man wei schon jetzt
mit Bestimmtheit, da die Familientraditionen des khnen Waghalses werden
angezweifelt werden. Vierundzwanzig Stunden nach Mittheilung der Sentenz sitzt
Dankmar Wildungen im Dampfwagen und eilt nach dem Harzgebirge, wo er theils in
einem Dorfe Namens Thaldren, theils in der alten Stadt Angerode eine
vollstndigere Herstellung seines Stammbaumes versuchen wird. Man kann leicht
darauf rechnen, da diese Untersuchung so lange dauert, um bei seiner guten in
Angerode lebenden Mutter gleichfalls noch nach deutscher Sitte wenigstens die
Martinsgans verspeisen zu knnen ...
    Helene athmete so auf, war so berrascht, so erregt von diesen Berechnungen,
da sich sogar ein ihr sonst nicht eigener Anflug von Humor einstellte und sie
ausrief:
    Renegat! Wollen Sie Ihren Spott lassen ber Dinge, die mir heilig sind. Ich
bin eine Lutheranerin! Lassen Sie mir die Martinsgnse ungerupft!
    So wre denn, sagte Rafflard, dem einige kleine Schlge mit einem
naheliegenden Fcher von Helenen's Hand so wenig wehe thaten, da er sich
vielmehr gekitzelt duckte und mit faunischer Miene zu der schnen Frau
aufblickte, so wre denn auch Dankmar Wildungen entfernt. Es frge sich jetzt
nur noch, wie ist der schwierigste von Allen zu beseitigen, Louis Armand?
    Das ist unmglich, sagte Helene. Louis ist an Egon gebunden wie sein
Schatten. Egon wrde ruhelos werden, vielleicht kalt, vielleicht lieblos gegen
mich, wenn er jemals zu bereuen htte, diesen Louis aus seiner Nhe entfernt zu
haben ...
    Wer sagt, da er ihn entfernen solle?
    Louis selbst lt nicht von ihm. Er kann nicht einmal von Egon gedemthigt
werden. Denn wenn Egon in der Lage wre, ihn wie einen Diener zu behandeln, so
gibt sich Louis wie einen Diener. Ich hrte, da Louis hier bleibt, sich
eingerichtet hat, Bestellungen annimmt. Dies ist ein Bund, der gerade deshalb,
weil er anomal ist und Louis in seiner Sphre bleibt, nicht zu trennen ist.
    Will ich denn, sagte Rafflard, einen Bund trennen? Ich will nur vorlufig
fr einige Wochen die Kette dieser Vereinigung sprengen. Wenn ich erreichen
knnte, da Louis nur auf einige Wochen, wie Siegbert und Dankmar Wildungen, aus
diesem tollen Freundschaftscirkel fern gehalten wird -
    In diesem Augenblicke klopfte ein Diener und trat sogleich ein.
    Was ist? fragte Helene.
    Der Diener meldete, da ein wunderlicher alter Mann im Vorzimmer stnde und
den Herrn Professor zu sprechen wnsche. Er war hierher bestellt ...
    Ah, sagte Rafflard. Er nennt sich -
    Murray!
    Gestatten Sie, Grfin, wandte sich Rafflard zu Helenen, gestatten Sie, da
ich drben in Ihrem Zimmer einen Mann empfange, den ich hierher bestellte, weil
er zu unsren Plnen gehrt und meine Zeit dermaen zersplittert ist, da ich
meine Gnge zusammenziehen mu. Doch mu ich ihn allein sprechen ...
    Drben im gelben Zimmer! sagte die Grfin. Der Diener ging, um Murray in das
gelbe Zimmer zu fhren.
    Als sie allein waren, sagte Rafflard:
    Helene, dieser Murray gehrt zu dem Experiment, den Ring, der sich um Egon
zieht, zu sprengen. Benutzen Sie aber diese Zeit und fassen Sie nun auch einen
ernsten Entschlu, um sich vor Qualen, wie die sind, die Sie jetzt foltern, in
Zukunft zu sichern. Sammeln Sie sich nun zur endlichen Energie gegen Egon!
    Wohlan, sagte Helene, ich will versuchen, ob die Liebe denn so ganz
Dasjenige, was man sonst Charakter nennt, ausschliet. Zurcksetzung da, wo man
sein ganzes Dasein zur Verfgung hingegeben, Alles geopfert hat, ist der Tod.
Ich ertrage diese Halbheit nicht lnger. Ist Egon auf diese neue Laufbahn des
Ehrgeizes angewiesen, hat Pauline Recht, als sie mir sagte, die alten Zeiten
sind vorber, die Gesetze der freien Selbstbestimmung haben nirgends mehr einen
Platz, um neben den Gesetzen der Sitte, die in eisernen Tafeln geschrieben
wren, mit goldenen Buchstaben zu glnzen, soll es eine Ehe sein, so mu ich dem
armen Desir die Hand zum Lebewohl reichen. Was Sie aber auch beginnen,
Rafflard, um mich glcklich zu machen, ich kann nichts billigen, was gewaltsam
ist oder eine Verantwortlichkeit erfordert. Wollen Sie Zuflligkeiten durch die
Gewandtheit Ihrer Erfindung herbeifhren, so lassen Sie mich nichts von der
Maschinerie, die dies Alles kostet, mit ansehen. Es ist demthigend genug, wenn
man das Glck der Liebe nicht als ein freies Geschenk, sondern als ein
zuflliges Zusammentreffen von Umstnden empfngt. Ich kann Ihnen sagen,
Rafflard, da ich sehr unglcklich bin, aber denn doch wirklich Egon behalten
will und ihn auf sein Versprechen, in die Ehe zu willigen, noch heute
zurckbringe.
    Einstweilen werden Sie Toilette machen, sagte Rafflard, ihr die Hand kssend
und den nackten runden Arm wiegend, der unter den groen offenen rmeln des
Schlafrockes selbst fr ihn verlockend hervorsah ...
    Ich will Toilette machen! sagte Helene traurig und muthlos.
    Rafflard aber hustete sich noch einige Augenblicke aus und ging dann durch
einen groen mit Blumen geschmckten Salon in das gelbe Zimmer hinber.

                                Drittes Capitel



                            Der Meister des Meisters

Als Murray sich an jenem Samstag Abend, den wir von der Erzhlung der
Harder'schen Diener kennen, berzeugt hatte, da der traurige Zustand der
Tochter seines Wohlthters, des Gefangenwrters in Bielau, nur durch eine
geregelte psychische Behandlung in einem Krankenhause geheilt werden konnte,
machte er sich die bittersten Vorwrfe, da er den Seelenzustand des
verzweifelten jungen Mdchens zu heftig geweckt, die Ohnmacht ihres Gewissens zu
gewaltig aufgerttelt hatte ... Auch die Reue bedarf der milden bergnge. Kein
menschliches Herz ist wie ein eisengegossenes Gef, da es bald eiskaltes, bald
siedendheies Wasser in rascher Abwechslung ertragen kann. Es wird immer
springen, wenn man es nicht allmlig erkalten, allmlig erwarmen lt ... Die
Kraft des Gebetes hatte Murray schon oft in wunderbarer Macht kennen gelernt.
Wie glcklich fhlte er sich, als er hoffen konnte, Auguste in einer fernen
Gegend mit einem guten Manne zu einem neuen Leben aufblhen zu sehen! Und wie
schmetterte ihn da gleich der Auftritt mit Mangold nieder, zu dem er doch nur
schweigen konnte! Er hoffte, der Starrkrampf, der sich damals auf Augusten's
Brust gelegt hatte, wrde vorbergehen und ihm Raum geben, sie auch ber diese
vernichtende Erfahrung zu einer stillen Ergebung zu fhren. Umsonst! Das Gef
ihres Geistes war zersprengt. Es lag in Trmmern. Der Wahnsinn hatte alle seine
Hoffnungen vernichtet.
    Auguste kannte Murray nicht mehr als den Freund ihrer Seele wieder; sie
behielt nur die Vorstellung seines Alters, seiner scheinbaren Schwche, seiner
Freigebigkeit. Sie putzte sich unter den Irren mit jedem Lappen, den sie
erhaschen konnte. Stolz, Gefallsucht, Tanzlust, Liebe waren die bsen Geister,
die auf dem gesprengten Boden ihres Geistes nun doch das Feld behaupteten. Kein
Wort des Zuspruches mehr konnte sie auf andere Gedanken, als die der alten
Richtung fhren. Murray mute es aufgeben, in dies Dunkel noch irgend einen
Lichtstrahl werfen zu wollen. Er dachte zwar an manches Heilmittel. Er war bei
dem Maler Reichmeyer, um den Versuch einer Sitzung der Kranken zu machen, da
Auguste immer von ihrem Bilde phantasirte. Er traf dort einen jungen Gentleman,
dessen Name, als er sich entfernt hatte, ihm Heinrichson genannt wurde;
Reichmeyer selbst versprach auch, sich den Vorschlag zu berlegen. Seither
geschah aber nichts Weiteres in diesem Versuch, Auguste Ludmer zur Besinnung zu
bringen. Murray empfahl sie der Pflege der rzte, bezahlte ihren Unterhalt und
kehrte zu der eigenthmlichen, sich widersprechenden Lebensweise zurck, die in
ihrem innersten Kerne irgend einen bedeutenden Gedanken, eine gefahrvolle und
ihm doch unendlich nothwendige Unternehmung zu bergen schien.
    Als er an jenem Donnerstage nach Hause gekommen war, schlief schon die
Eisold'sche Familie. Am Freitage lehnte er den Ring entschieden ab, den ihm
Louise wiedergeben wollte. Am Samstag, als sie wiederkam, wurde er, von
innerster Theilnahme um Augusten bewegt, fast zornig ber die erneuerte
Rckgabe. Am Sonntag, als er schon ganz frh ausgegangen war, um zu sehen, wie
Auguste in ihrer neuen Lage die erste Nacht zugebracht hatte, war er weicher
gestimmt und bat Louisen seine heftigen Worte ab, die auf nichts Anderes hinaus
gingen, als da er ihr zugerufen hatte: Halten Sie mich denn fr einen Betrger?
Ich bin ja reich! Ich habe nur meine Ursachen fr arm zu gelten! Er setzte sich
zu seiner Nachbarin und fragte sie, warum sie traurig wre? Sie zeigte auf den
Regen, der in Strmen an die Fenster schlug und erzhlte ihm die getuschte
Hoffnung auf eine lndliche Erholung. Daraus war manches Wort, hinber und
herber, entstanden. Man hatte Erfahrungen und Ansichten ausgetauscht. Als
Louise unter den Theilnehmerinnen der vereitelten Partie auch Franziska Heunisch
nannte, war ihm dieser Name aufgefallen und Louise hatte nichts Arges darin
gefunden, da er sich genauer nach den Verhltnissen dieses Mdchens erkundigte.
Sie hing mit Heunisch dem Frster, mit dem Jgerhause im Walde von Hohenberg,
mit Ursula Marzahn zusammen, und schon einige male hatte er Louisen gefragt, ob
sie niemals von diesem gewi artigen Kinde einen Besuch empfinge. Louise sagte
ihm darauf: Wir Menschen, die wir arm sind und arbeiten mssen, knnen mit
unseren Freunden wenig Anderes thun, als sie recht von Herzen lieb haben und nur
nicht vergessen. Die Zeit und Gelegenheit, eine Freundschaft zu hegen und zu
pflegen, findet sich selten. Da mu man wissen, Der oder Die denkt an dich, wenn
sie arbeiten und pltzlich sieht man sich dann einmal und gibt sich die Hand,
gleich als htte man sich gestern gesehen, oder man umarmt und kt sich so
herzhaft, da es gleich fr ein halbes Jahr wieder genug ist. Und so fleiig las
das seltsame Mdchen in dem seit einiger Zeit sich ganz besonders prchtig
entfaltenden Journale: Das Jahrhundert, das von ihrem Linchen und ihrem
Wilhelm colportirt wurde, da sie von ihrem Lieblingsschriftsteller Guido
Stromer sogleich folgende Stelle zu citiren wute:
    O wer kennt die geheimen Wege der wunderbaren Natur, die den kleinen See auf
dem Sankt Gotthard doch mit dem groen Weltmeere verbinden! Wer ahnt den
Zusammenhang der Geister, die sich niemals sahen und niemals kannten und die
doch an dem gemeinsamen Ziele der Menschenerlsung mitarbeiten!
    Murray mute lcheln ber die Anwendung dieser Worte auf Louise Eisold und
ihre kleinen Verhltnisse. Er erfuhr, wie die Literatur, die Zeit und ihre
ghrende Richtung in diese bescheidene Wohnung drang und hatte zunchst das
innigste Mitleid mit den Kindern, die im strmenden Regen sich gern bis auf die
Haut durchnssen lieen, wenn nur ihre Zeitungen trocken blieben!
    Einmal schon war er im Begriff gewesen, sich nun selbst bei Frnzchen
Heunisch einzufhren. Er suchte ihre Wohnung auf. Da fiel ihm sein
abschreckendes uere, seine zweideutige Lage ein. Er frchtete, das junge
Mdchen zu entsetzen und noch mehr sich durch eine zur Schau gestellte Neugier
in seinem Zusammenhange mit Dingen zu verrathen, die er tief verschleiern zu
wollen schien. Schon stand er an dem Hause, Wallstrae Nr. 14, schon wollte er
die Hausflur betreten, als an ihm ein Mann vorberhuschte, den er sich entsann
schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Er konnte sich auf diese
langgeschenkelte Kreuzspinne nicht besinnen. Es war allerdings jener
philanthropische Besucher des Gefngnisses, in dem er acht Tage lang hatte
ausharren mssen, und doch war er es wieder nicht. Er erkundigte sich bei einer
Magd, die eben aus dem Hause trat und ihm sagte, dieser Herr wre ein
italienischer Sprachlehrer, Namens Barberini, wenig zu Hause und auch im
Begriff, binnen einigen Tagen auszuziehen. Um so gespannter war Murray, als er
zu Hause ein Billet fand, worin ihm Sylvester Rafflard - so hie jener
Philanthrop, der ihn schon einmal hatte besuchen wollen - schrieb, er nhme an
ihm so viel Interesse, da er ihn auffordere, ihn morgen, am achten October, in
der Wohnung der Grfin d'Azimont, im Hotel garni, am groen Markte, gegen zwlf
Uhr zu besuchen. Aus Neugier, oder richtiger gesagt, aus einem gewissen
Fatalismus, der ihn bestimmte, keinem vom Schicksal ihm zugeworfenen Winke aus
dem Wege zu gehen, entschlo sich Murray wirklich, das ihm bezeichnete Hotel
garni aufzusuchen.
    In seiner ruhigen bedchtigen Weise, unter dem Schutze der schwarzen Binde,
die ihm erlaubte, von unten herauf scharf zu sphen, folgte er dem Bedienten,
der ihn durch den groen Salon rechts in ein geschmackvoll mblirtes gelbes
Zimmer fhrte. Ein gewisses Vorgefhl, eine scharfe Menschenkenntni sagte ihm,
da auf dem Antlitze jenes Philanthropen Etwas gelegen hatte, was ihm eine groe
Behutsamkeit zur Bedingung machen mute. Jedenfalls, sagte er sich, hlt dich
dieser Menschenfreund fr einen Verbrecher. Deine Lage, das Mistrauen der
Polizei, dein ueres fhrte ihn darauf. Will er dich beten lehren, bessern,
will er deiner Zukunft den guten Weg der Tugend bahnen? Ich bin begierig!
    Wie erstaunte Murray nun, als Sylvester Rafflard eintrat und in der That
vllig dem Professor Barberini glich, der so windschnell an ihm
vorbergeschlpft war. Weit entfernt, diese Vermuthung, da beide Personen eine
und dieselbe wren, laut auszusprechen, nahm er jetzt nur umsomehr die Miene der
grten Harmlosigkeit an und beschlo sogar, einen gewissen Kretinismus zu
zeigen, dem gegenber die Menschen, die sich etwas dnken oder die etwas mit uns
vorhaben, immer am offensten ihr wahres Gesicht zeigen.
    Er verbeugte sich hflich und schchtern und that fast, als wte er nicht,
in welcher Hand er seinen Hut halten sollte.
    Rafflard, durch diese Zaghaftigkeit sogleich ermuntert, bedeutete ihn Platz
zu nehmen.
    Murray sah sich ngstlich nach einem Stuhle um und zgerte.
    Ei, so setzt Euch doch! sagte Rafflard mit ziemlich gelufigem Deutsch und
rckte ihm mit dem langgestreckten Fue einen Sessel hin, whrend er selbst ihm
gegenber Platz nahm.
    Murray nahm den Sessel, putzte ihn sorgfltig ab, zog sein karrirtes
Taschentuch, schwenkte es aus und breitete es auf das gelbseidene Polster, das
er sich Mhe gab ja nicht verunzieren zu wollen.
    Ihr kennt mich? fragte Rafflard.
    O Herr, sagte Murray ... von da!
    Er machte eine Miene, als wenn seine Arme bereinandergeschlossen wren und
deutete das Gefngni an.
    Ihr kennt mich also. Ihr habt mich seitdem nicht wieder gesehen?
    Murray schttelte getrost den Kopf.
    Ich war schon einmal bei Euch, Murray ...
    Danke, Herr. War nicht zu Hause. Ich wei es.
    Ihr wohnt in einem elenden Kfig. Ich habe Euch eine halbe Stunde suchen
mssen.
    Danke, Herr!
    Ich wollt' Euch Glck wnschen, da Ihr so rasch losgekommen seid ...
    Danke, Herr!
    Das wei man schon, ein Englnder seit Ihr nicht ...
    Nein, Herr! Haha!
    Ihr seid ein ehrlicher Deutscher und reis't zu Eurem Vergngen als
Gentleman?
    Murray lachte fast stumpfsinnig.
    Habt Euch gewi von Euren Geschften zurckgezogen und wollt Eure Tage in
Ruhe beschlieen?
    Murray lachte mit gleichem Ausdruck.
    Wie kann man, wenn man Incognito leben will, auf Blle gehen und am Putze
seines Frauenzimmers verrathen, da man viel Gold zu versilbern hat?
    Murray that verschmt, als wollte er sagen: Was macht nicht aus dem Menschen
die Liebe!
    Rafflard hatte so rasch gesprochen, da er in's Husten gerieth und sich erst
ruhen mute.
    Recht schlimmer Husten Das! sagte Murray fast mitleidig.
    Katarrhalisch! Die Sumpfluft meines Berufes, die mephitischen Ausdnstungen
unsrer lieblosen altmodischen Burgverliee ...
    Murray hustete, als lg' es auch ihm auf der Brust.
    Auch davon schon viel eingeathmet? fragte Rafflard schlau lauernd.
    Murray, sich unschuldig stellend, sthnte:
    Das englische Klima!
    O das ist gut fr das Asthma - feuchte Luft ist gut! Freilich solche Kerker
wie hier! Unterirdisch, unter dem Niveau einer Kloake, die man einen Flu nennt
-
    Murray horchte hoch auf. Wenn sein bedecktes Auge ihn nicht geschtzt htte,
wrde Rafflard gesehen haben, da er pltzlich erschrocken war.
    Es ist unverantwortlich, sagte Rafflard und nahm eine Prise, was er selten
that und hier als Beweis seines behaglichen Vertrauens einschaltete, es ist
unverantwortlich, da man die unglcklichen Opfer schlechter Erziehung, die
unsre Gefngnisse bevlkern mssen, weil sie der allgemeinen Sicherheit und
Ordnung schdlich sind, nach ihrer Entlassung niemals frgt: Was beginnst du
nun? Was thust du nun, um dich mit der Gesellschaft, die dich frchtet,
auszushnen? Man stellt die entlassenen Strflinge unter polizeiliche Aufsicht
und lauert nur gleichsam auf den Augenblick, sich so rasch wie mglich wieder
ihrer bemchtigen zu knnen.
    Mit einem aufwallenden Gefhl der bereinstimmung und der innerlichsten
berzeugung sagte Murray:
    O Das ist wahr!
    Rafflard erschrak fast vor dem eigenthmlichen edlen Ausdruck, mit dem
Murray diese Worte, aus tiefster Seele, sprach. Murray bemerkte Dies und
berhrte fast die Frage, die nun Rafflard an ihn richtete:
    Man hat Euch, Murray, unter Aufsicht gestellt?
    Rafflard mute diese Frage wiederholen.
    Murray zog die Achseln, machte eine komisch verlegene Miene und deutete mit
den Hnden gleichsam an: Was wei ich? Das sagt man Einem nicht!
    Ich wei es, Murray, sagte Rafflard, der nun fast gewi war, einen geheimen,
sehr schlauen Verbrecher vor sich zu haben; ich erfuhr es beim Oberkommissr
Pax. Ein gewisser Hackert, der bei ihm arbeitet, sagte mir's, als ich nach Euch
fragte, da man Euch fr gefhrlich hlt.
    Murray zuckte wieder die Achseln mit gleicher Miene, gleicher Zweideutigkeit
...
    Es nahte sich jetzt der schwierige Augenblick, wo Rafflard in der
Nothwendigkeit war, durch eine geschickte Wendung den bergang zu gewinnen, um
ber Das, was er mit Murray vorhatte, die Maske zu lften.
    Ihr werdet wohl schon gemerkt haben, Meister Murray, sagte er, da mich
reine Menschenliebe, nicht Frmmelei oder sonst ein pedantischer Beweggrund in
die Gefngnisse fhrt. Ich suche dort Menschen, die mir nicht einfllt, in Engel
verwandeln zu wollen. Ich kenne unsre Natur. Ich wei, wieviel dazu gehrt, um
ein praktischer Mensch zu sein, reell, zuverlssig, gehorsam, verschwiegen. Die
Tugenden, die den Engel ausmachen, mag vollends einst der Himmel in uns bilden.
Fr diese Erde ist schon viel gewonnen, wenn wir z.B. in den gebesserten
Verbrechern thtige Menschen wiederbekommen, unschdliche, ntzliche Glieder der
Gesellschaft, wie sie einmal ist. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Murray?
    Murray lachte und meinte:
    Herr, wenn Einer herauskommt und gleich etwas zu arbeiten, zu verdienen
findet, nimmt er sich wohl in Acht, da sie ihn sobald wieder bekommen.
    Diese Ausdrucksweise ermuthigte Rafflard.
    Das ist's, was ich meine, sagte er. Etwas verdienen! Arbeit! Arbeit! Irgend
eine Beschftigung finden, die ihren Mann nhrt! Und da will ich Euch etwas
sagen, Murray! Glaubt Ihr, da ich Euch zum Buepredigen hergerufen habe?
    Die Kirchen sind ja Sonntags offen, antwortete Murray trocken.
    Sehr wahr! Und nun, Murray, wenn Ihr mir vertrauen wollt, will ich Euch
Gelegenheit geben, etwas zu verdienen.
    Danke, Herr! Danke!
    Ich bin, begann Rafflard mit schlauer Miene, forschend nach dem Eindruck,
den er auf sein Gegenber hervorbringen wrde, ich bin in ein sehr schwieriges,
sehr wichtiges Familienverhltni verwickelt. Eine glckliche Lsung desselben
wird durch einen abscheulichen, schlimmen Menschen verhindert, der auf jede nur
erdenkliche Weise diese Lsung zu unterbrechen sucht. Diesen Menschen aus der
Nhe der edlen Wesen, die er nur qult, nur belstigt, zu entfernen, ist mir
eine heilige Pflicht. Mit Gewalt ist nichts auszurichten. Aufsehen darf es keins
geben und so bin ich von der Nothwendigkeit durchdrungen, die Entfernung dieses
schlimmen Menschen auf eine stille, besonnene und doch zum Ziele fhrende Art zu
bewerkstelligen.
    Murray mit unverstellter Spannung horchte hoch auf.
    Dieser Mensch, fuhr Rafflard fort -
    Wie heit er, Herr? sagte Murray rasch mit dem Ausdruck der bereitwilligsten
Ergebenheit.
    Der Name thut vorlufig nichts zur Sache -
    Vielleicht kennt ihn Unsereins -
    Nein, nein, er ist sehr gefhrlich, aber es ist nicht nothwendig, da auf ihn
nicht gewirkt werden kann, da sein Name genannt wird. Dieser gefhrliche
Mensch, sag' ich, hat ein Mdchen, das er liebt ... nicht eigentlich eine Braut
oder Verlobte ... wohl aber ein Wesen, fr dessen Wohl und Wehe er sich in einem
Grade interessirt, den man seinem bsen Charakter kaum zutrauen mchte. Ich bin
der festen berzeugung, wenn man bewirken knnte ...
    Rafflard stockte.
    Nun, Herr? ermunterte ihn Murray mit scheinbarer Ungeduld.
    Ich bin der berzeugung, da dieser Strenfried die angedeuteten edlen
Menschen nicht ferner beunruhigen, bis aufs Blut qulen wird, wenn man jenes
Mdchen, an dem er leidenschaftlich hngt, pltzlich von hier in aller Stille
entfernen knnte ... Versteht Ihr, Murray -
    Wohl! Wohl!
    Ich bin berzeugt, da jener schlimme Gesell, auf den nichts wirkt, den
keine Drohung von hier fortzubringen im Stande ist, augenblicklich bis an's Ende
der Welt reisen wrde, wenn es pltzlich hiee: Jenes Mdchen ist nach Hamburg
verschwunden oder man hat seine Spur am Rhein verloren oder man glaubt, da sie
ein gewisser Murray oder ein gewisser Sylvester, whlt jeden beliebigen Namen,
nach London entfhrte! Man glaubt, da sie dieser Wagehals mit sich zu Schiffe
nach Amerika nimmt! Genug, ein solcher Glaube, begrndet auf ein Unternehmen,
das in dieser Weise nicht einmal braucht ausgefhrt zu werden, nur vier Wochen
unterhalten, dies Gercht nur etwa vier Wochen geschrt, wrde die einzige Art
sein, die edle Familie von dem lstigen Strer gerade beim Abschlu einer
wichtigen Verhandlung fernzuhalten. Ein solcher Dienst, mit einer gefllten
Brse belohnt - was sagt Ihr dazu, Murray?
    In Murray kochte der Zorn. Alle zurckgehaltene Glut drang ihm in die Brust.
Er war nahe daran, aufzuspringen, den Heuchler an der Brust zu packen und ihn zu
schtteln mit den Worten: Elender, wofr hltst du mich? ... In seiner ihm fast
die Rede erstickenden Aufregung konnte er nichts hervorbringen, als die Frage:
    Wer ist das Mdchen?
    Eine unbedeutende, arme Nhterin, sagte Rafflard. Ein Mdchen, ohne allen
Anhalt, ohne alle Verwandte. Ich kann Euch den Namen sagen und mu es, da Ihr
Euch nach ihren Verhltnissen doch erkundigen werdet. Sie heit Franziska
Heunisch.
    Franziska Heunisch?
    Kennt Ihr sie?
    Nein! Nein!
    Aber Murray mute sich bei diesen Worten bekmpfen. Gerade dies Mdchen war
ihm fr gewisse geheime Plne, die er verfolgte, schon lngst von Wichtigkeit
geworden. Ihr galt die Berechnung eines, wie er schon durchschaute,
abscheulichen Planes. Er sollte sie mit Gewalt berfallen, entfhren! Und nun
galt es die letzte Kraft seiner Verstellung zusammenzuraffen und mit dem Scheine
der grten Ruhe und dienstfertigsten Ergebenheit zu sagen:
    Herr! Das ist ein Stck Arbeit! Ich will's wagen; aber - wie greif' ich's
an?
    Das, Murray, mte eben Eure Sorge sein!
    Hm! Hm! simulirte Murray und schlug sich an die Stirn. Meine Fuste, Herr,
sind nicht mehr die strksten. Wenn es gelten sollte, Einen zu knebeln und mit
verbundenem Munde Abends an den Thoren in einen Wagen zu schleppen ...
    Ihr mtet Untersttzung haben.
    Das wre nicht gut, Herr.
    Bedenkt, ein schwaches Mdchen!
    Ein schwaches Mdchen! Franziska Heunisch ... Wo wohnt sie?
    In der Wallstrae Nr. 14 im Hinterhofe.
    Darf ich mir's aufschreiben?
    Ich rathe Euch Das. Merkt Euch jeden Umstand. Sie wohnt bei einem Tischler,
hat Verwandte im kleinen Frstenthum Hohenberg, einen Frster des Prinzen von
Hohenberg ... sie nht, bald hier, bald dort, bald zu Hause, bald auswrts ...
verschwnde sie pltzlich, so liee sich, wenn Ihr Euch auch verborgen hieltet,
Murray, die Vermuthung, da sie nach Hamburg, von da nach England entfhrt wre,
wohl jenem Menschen mittheilen, der sie augenblicklich verfolgen wrde. Man
kennt Euren Geschmack, Alter. Auf dem Fortunaball habt Ihr Euch verrathen! Der
Kummer, den Ihr empfinden wrdet, die Unannehmlichkeit, diese schne Stadt zu
meiden, wrde sich leicht verschmerzen lassen und eine groe Schuld ladet Ihr
nicht auf Euch. In drei Tagen knnt Ihr das Mdchen wieder freigeben, wenn sie
nur bewacht, an der Rckkehr, am Schreiben verhindert wird.
    Murray hatte das Portefeuille auf seinen Knien und schrieb mit einer Hand,
die vor Erregung zitterte.
    Als er mit seinen Notizen scheinbar fertig war, fragte Rafflard:
    Also Ihr bernehmt es, Murray?
    Ich brauche drei Tage, sagte dieser, um mir doch zu berlegen, wie so einem
Fange beizukommen ist. Mdchen sind Forellen.
    Rafflard fand dies Bild charmant und so gut gewhlt, da er von der grern
Bildung, die sich bei dem ihm Anfangs stumpfsinnig erschienenen Murray zu
erkennen gab, jetzt nur noch mehr befriedigt wurde. Es lag ihm daran, lieber
einen Helfershelfer von Verstand zu finden.
    Das ist mir recht, sagte Rafflard, ich brauche ebensoviel Zeit, um die
Vorkehrungen zu treffen, da der Verfolger erst nach Hamburg und von da nach
England dirigirt wird.
    Teufel, Herr! Wie stellt Ihr das Alles an?
    Durch Freunde, die sich gern geneigt zeigen, eine edle Unternehmung zu
untersttzen, sagte Rafflard.
    Und wo find' ich Sie wieder, Herr? fragte Murray fast kopfschttelnd.
    Am liebsten sprech' ich Euch hier!
    Hier? Frchtet Ihr fr die silbernen Leuchter da nichts, Herr?
    Ich denke, Ihr behandelt uns als Gentleman! Besonders wenn wir uns
einstweilen gleichfalls als solchen zeigen ...
    Damit berreichte Rafflard Murray ein schon vorbereitetes Papier, in welchem
Goldstcke in reicher Anzahl hin- und herrutschten.
    Murray nahm sie ohne Bedenken mit knstlicher Gier und versprach schon
morgen um diese Zeit, an dieser Stelle Bericht zu erstatten.
    Rafflard schlug ihm auf die Schulter und begleitete ihn durch den Salon,
wartete aber wohlweislich, bis Murray die Thrklinke ergriffen hatte und hinaus
war. Dann harrte er noch einige Sekunden, um zu lauschen, ob der halbe Bandit
auch wirklich ging und die Drohung mit den silbernen Leuchtern nicht wahr
machte. Dann aber wandte er sich, um zur Grfin zu gehen; denn der Bediente
begegnete ihm und sagte, er htte eben Herrn Heinrichson angemeldet. Heinrichson
mute also im Vorzimmer sein. Unangenehm berhrt von diesem Namen, aber
unendlich befriedigt von dem glcklichen Erfolg des Kaufes, den er an dem
Entfhrer eines jungen Mdchens gemacht zu haben glaubte, trat Rafflard wieder
zur Grfin ein ...
    Murray aber, noch verwirrt von dem Erlebten, stand eine Weile in dem
Vorzimmer. Sollte er doch die Maske fallen lassen und mit hohnlachendem Ingrimm
ber Sylvester Raffland, den Philanthropen, in ein Strafgericht ausbrechen?
    Wie er noch stand, ging ein Herr vorber, um in den Salon zu treten. Er
streifte seine Kleider. Murray blickte auf und erkannte Heinrichson, den er bei
dem Maler Reichmeyer angetroffen hatte, als er diesen besuchte, um den Versuch
zu machen, ob man nicht durch eine Malersitzung die wahnsinnige Auguste heilen
knnte, da Auguste unaufhrlich von ihrem Bilde phantasirte ...
    Ha! Ha! rief er mit einem wilden Anfalle bitterster Ironie: Sie hier? Gibt
es hier auch Modelle, Herr?
    Heinrichson wandte sich und sah zu dem Sprecher verchtlich zurck.
    Murray hatte bei Reichmeyer nur seinen Namen erfahren und Heinrichson war
gegangen, als er merkte, da dieser wunderliche alte Mann mit seinem
Kunstgenossen allein zu sprechen wnschte. Schn und gefllig wie Heinrichson
war, hatte er Murray's Interesse erregt und damals die Frage nach ihm veranlat.
    Sie kennen mich nicht! sagte Murray. Ich habe die Ehre, Herrn Heinrichson -
eine junge Verwandte wollte ich von Ihnen malen lassen. Sie wollte aber nicht
sitzen, als ich Ihren Namen nannte - Auguste Ludmer, Herr Heinrichson!
    Heinrichson erschrak ber diese Zudringlichkeit und wollte zur Grfin.
    Murray hielt ihn fest und sagte ihm mit einem Tone, der sich durch
scheinbaren Scherz selber migte:
    Sie sollten sie malen, Herr, wie ich ein Stck in London gesehen habe, als
ich im Theater war. Ein tolles Mdchen trat auf, der Einer den Kranz zerrissen
hatte, Stroh und Blumen trug sie auf dem Kopf, sang Lieder und war toll ...
Malen Sie Das, mein Herr! Auguste Ludmer kann Ihnen dazu im Narrenthurm sitzen.
Die Mutter Ihres todten Kindes sitzt im Narrenthurm.
    Wovon sprechen Sie denn? Was wollen Sie? stotterte Heinrichson, der zu den
Mnnern gehrte, deren Muth nur bei solchen Gelegenheiten sich bewhrt, wo ein
witziger Einfall die Stelle einer Handlung vertritt. Wo die ernsten Thatsachen
des Lebens sprachen, verlor er jedesmal die Gegenwart seines sonst immer
schlagfertigen Geistes.
    Wer ist der Mann da? fragte er ungeduldig fortdrngend den Bedienten und ri
sich los ...
    Ich bin Murray, sagte der Alte und hielt ihn nun zum Schrecken des feigen
Bedienten gewaltsam fest, Murray, ein Englnder! Von Auguste Ludmer sprech' ich,
die in allen Ihren Bildern die Menschen entzckt hat und jetzt im Tollhause
sitzt. Herr, wie hie die Prinzessin, die ich in London sah? Sagen Sie mir, wie
das Mdchen mit einem Strohkranze um den Kopf, mit Maasliebchen im Haare,
geheien hat?
    Ophelia wahrscheinlich! sagte Heinrichson zitternd und ri sich mit letzter
Gewalt von dem unheimlichen Manne los, der ihn am Rocke zerrte.
    Murray stand und grinzte ihm zornfunkelnd nach.
    Der Bediente schien, als Heinrichson zur Grfin eingetreten war, nicht zu
wissen, ob er mit diesem kecken Alten hflich sprechen oder ihn wegen seiner
Unverschmtheit zur Thr hinauswerfen sollte. Nur der Gedanke, da doch Herr
Professor Rafflard sich mit ihm so lange unterhalten hatte, migte seine
schlimmen Voraussetzungen ...
    Bester Freund, sagte Murray mit einem eigenen Ausdruck von verwirrter
Ironie, der den innern Zorn verbergen sollte; bester Freund, ja, ja, das Stck
httet Ihr in London sehen sollen. Ein Mdchen kam darin vor, das sich
vernnftig stellte und toll war und ein junger Mensch, schwarz von Kopf bis zur
Zehe, der sich toll stellte, der aber ganz vernnftig sprach. Freund, der Mann
spielte seine Rolle so natrlich, da man htte schwren mgen, er kme geraden
Weges vom Irrenhaus. Aber ein Spitzbube war's! Ein echter Spitzbube!
    Der Bediente warf rgerlich die Thr hinter dem vorlauten, unheimlichen, wie
irr redenden Alten zu.
    Murray, Athem schpfend, seine Brust an der Luft erweiternd, stieg bedchtig
die mit Decken belegte, von Gypsstatuen gezierte Treppe hinunter und berlegte
sich, ob er da wiederkommen wrde oder nicht; ob es besser wre, zu einem bsen
Anschlage sein falsches Angesicht zu zeigen oder sein wahres ... Als er auf der
Strae war und das Gewhl der Menschen sah, die aneinander vorberrannten, Jeder
geschftig im Bewutsein seiner eigensten Interessen, da berkam ihn fast die
Lust, es mit Sylvester Rafflard auf dem Wege, den dieser eingeschlagen hatte,
nun weiter zu versuchen, das ihm gegebene Geld einstweilen zu behalten und
Franziska in der That, wenn auch nur scheinbar, zu entfhren ...
    bereinstimmung ist der Kder, sagte er sich, mit dem man die Fchse
hervorlockt aus ihren Gruben, wenn man sie fangen will! Diese Welt ist nicht fr
die Ehrlichkeit. Jedes Geheimni hat seinen eigenen Schlssel. Die Weisheit soll
die Klugheit zu ihrer Dienerin haben. Jene thront, diese regiert. Nur Die sind
bel daran, die in ewiger Klugheit immer die Sprache der Menschen reden mssen
und darber die Sprache des Himmels vergessen. Das Flammenschwert der Wahrheit,
das auf einmal alle Truggespinnste durchschneidet, darf man nie aus der Hand
geben. Aber man soll es auch nicht ewig schwingen, man soll es auch nicht
brauchen gegen Jeden. Mit diesem Elenden willst du gehen, bis du ihn entlarvt
hast!
    Der Jesuit aber verlie bald darauf freudestrahlend die Grfin, um den
Propst Gelbsattel zu besuchen. Sylvester Rafflard war in einer ewigen Bewegung,
wie damals, als er auf dem Fortunaball Frnzchen Heunisch umschwirrte, die ihm
gefiel und fr seine Huldigungen unbefangen genug schien. Sein ganzes Whlen und
Schleichen liegt nun am Tage. Er hatte Franziska spter in ihrer bescheidenen
Existenz aufgesucht, sich die Mhe gegeben, scheinbar ihre Sprachstudien zu
leiten, aber bald dem Plane entsagt, sie fr seine niedrige Sinnlichkeit erobern
zu wollen. Dennoch behielt er das schne Mdchen im Auge, als er bemerkte, wie
werth sie jenem Louis Armand geworden war, der ber den Prinzen Egon eine
Herrschaft bte, die er brechen mute, um eine Verbindung zwischen Egon und
Helenen zu Stande zu bringen. Sein Spheramt, das er auf Louis Armand unter dem
Namen eines Italieners, Signor Barberini, ausben wollte, wurde gestrt, da er
als Besitzer eines Quartiers, das er nie bewohnte, bald verdchtig werden mute.
Er hatte Louis Armand der Polizei als Communisten angezeigt, doch davon noch
keinen Erfolg bemerken knnen. Die alte Grfin d'Azimont schrieb Brief auf Brief
und hoffte von ihm die baldigste Besttigung, da Helene auf eine Scheidung von
ihrem Sohne dringe, den sie selbst beerben wollte. So entschlo sich Rafflard zu
Gewaltschritten. Dankmar, Siegbert Wildungen schienen ihm schon so gut wie von
Egon entfernt. Rudhard, der fr die Kinder seiner Pflegebefohlenen, der Frstin
Wsmskoi, auf Helenen's knftiges Vermgen rechnete, hatte zwar auch das
lebhafteste Interesse, diese Scheidung und die neue Heirath mit dem mittellosen
Frsten von Hohenberg zu hindern; aber auch fr Rudhard sann der Jesuit auf eine
Gelegenheit, ihn unschdlich zu machen. Am liebsten wr' er in den Kreis der
Frstin Adele selbst eingetreten. Doch nahm man ihn dort nicht an. Er stand der
inneren Verwickelung dieser Familie fern und konnte nur durch den Propst
Gelbsattel und besonders dessen Tchter erfahren, was sich in jenen Kreisen
begab; denn Gelbsattel hatte die alte Schulfreundschaft mit Rudhard, wenn nicht
wegen Rudhard, doch wegen einer Frstin, bei der Rudhard so einflureich war,
wieder angeknpft.
    Rafflard hatte nun den Trost, da Egon pltzlich allein stehen wrde; denn
Louis Armand durch einen gefhrlichen Anschlag auf Franziska Heunisch mindestens
bis London zu jagen, schien ihm nun ein Leichtes.
    Er wandte sich der alten Propstei zu, um seinen dortigen Beschtzern noch
einmal an's Herz zu legen, da man ber Alles, was heute Nachmittag auf einer
von der Frstin Wsmskoi in ihrem Garten veranstalteten Weinlese sich ereignen
wrde, ihm den genauesten Bericht erstatten sollte. Auch hatte der Propst dem
Jesuiten schon lange versprochen, ihn mit einigen bedeutenden, tonangebenden,
auerhalb der Partei stehenden Mnnern der Residenz nher bekannt zu machen, mit
Franz Schlurck, mit Drommeldey, mit Guido Stromer, ja, wenn es irgend ginge, bei
zuflliger Begegnung sogar mit dem General Voland von der Hahnenfeder, der
schwer zugnglich und stets vom Hofe in Anspruch genommen war. Der Propst hatte
ihm gesagt, es mte Dies an irgend einem dritten Orte geschehen, damit es den
Schein der Zuflligkeit gewnne. Die Welt wre mistrauisch und das Unschuldigste
verfiele der Beurtheilung; die Harmlosigkeit der alten Tage wre vorber und
selbst die Loge, dies sonst so friedliche Asyl der reinsten Bruderliebe und der
duldsamsten Neutralitt, bte nicht mehr den alten Schutz, wo denkende Menschen
sich unbefangen aussprechen und eine gewisse Universalitt der Standpunkte
voraussetzen knnten.
    So sehen wir einen Menschen mehr aus angeborener Lust am Bsen, als um
eigener Vortheile willen die harmlos dahinlebenden, uns liebgewordenen Wesen
umwhlen, und auer den Gruben, die sich jede lebhafte Empfindung und starke
Willenskraft schon durch ihre eigene Leidenschaft grbt, ihnen noch neue
Gefahren bereiten, unvorhergesehene, unverschuldete, verderbenschwangere.

                                Viertes Capitel



                               Mutter und Tochter

Zur Freude der kleinen Wsmskoi's hielt sich das Wetter und ber Mittag war
keine Wolke mehr am Himmel. Das tiefdunkelste Blau berzog den ganzen Horizont.
Die hier und da schon halbentlaubten Bume lie die letzte Flle der
hochgewachsenen Herbstblumen vergessen. Den gelbgewordenen Schmuck der Grten
entfernte die geschftige Hand des Grtners. Man hatte noch Grn, man hatte noch
Blumen die Flle. Niemand konnte glauben, da es schon zum Winter ging.
    Der groe Garten, der sich an die auch fr den Winter behaltene Wohnung der
Frstin Wsmskoi lehnte, war an Blumen nicht minder wie an Obst und allen
Frchten reich. Das groe Rebenspalier mit seinem gewlbten Dache, unter dem man
im Sommer khlenden Schatten, ja Schutz vor dem Regen gefunden hatte, kennen wir
schon. Der Grtner hatte schon im September die reiche Traubenernte fr reif zum
Abnehmen erklrt und die Kinder hatten ihn in dieser Meinung untersttzt, da sie
selbst abbrachen, was sie nur erreichen konnten. Die letzte Hand aber anzulegen,
verhinderte das darauf eintretende Regenwetter. Nun ist's aber Zeit, die Trauben
verderben! hie es. Da mute man sich entschlieen, einen Tag zur Lese zu
bestimmen. Die Kinder hatten soviel von der knftigen Lese der Trauben, von den
Festlichkeiten, dem Gebck, dem Feuerwerk hren mssen, da sie nun auch trotz
des Wetters darauf bestanden, da es Festlichkeiten, Kuchen und Feuerwerk geben
sollte. Kein Einwand konnte helfen. Man lud auf einen bestimmten Nachmittag
einen Kreis von Freunden des Hauses ein, gleichviel, ob sie drinnen oder drauen
dem Jubel der Kinder zusehen wollten. Und nun spannte der Himmel einen sonnigen
Baldachin ber diese Freude aus, gab Wrme, trocknete die Wege, die Bnke,
lachte mit der Freude der Menschen.
    Die Frstin zeigte heute ein gewisses Anordnungstalent. War doch berhaupt
ihre Bequemlichkeit, ihr Phlegma schon seit einiger Zeit gewichen! Sie nahm sich
der Ordnung des Hauses mehr, als sie sonst gewohnt war, an. Veranlassung genug,
mit Olga, die von einem gleichen Drange nach Bethtigung beseelt war,
fortwhrend dabei in Conflict zu gerathen. Wie lebhaft hatten sie nicht den
ganzen Vormittag gestritten ber die Anordnungen, die zu dem kleinen Feste
getroffen werden sollten! An der Stelle, wo in schneren Tagen Abends der Thee
getrunken wurde, sollte ein groes Parquet von Bretern gelegt werden, um die
feuchte Erde den Fen nicht fhlbar zu machen. Darber war Mutter und Tochter
einig. Nun aber wollte die Frstin ein Zelt geschlagen wissen, das sich von
diesem Parquet erheben und die Gste vor jeder Laune der Witterung schtzen
sollte. Olga protestirte gegen das Zelt und berief sich auf das schne Wetter
und die erquickende Gewalt der freien Luft. Man stritt, ob das Wetter Bestand
haben wrde. Olga behauptete, es fest verbrgen zu knnen. Die Mutter fand diese
Brgschaft lcherlich, kindisch; sie erhitzten sich darber bis Rudhard
dazwischen kam und oben von seinem Zimmer hinunterrief, der Sensenmann an seiner
Uhr, der lange gestockt htte, wre wieder von selbst in Thtigkeit, das bedeute
schnes Wetter. rgerlich ber diese Entscheidung entfernte sich die Frstin und
sagte, sie wolle Olga nun ganz gewhren lassen. La du mich nur! sagte diese
ruhig und traf ihre Anstalten. Das Parquet war geschlagen und mit Teppichen
belegt. An der einen Seite wurde ein Tisch fr die Erfrischungen, die genommen
werden sollten, aufgestellt. Auf der andern lie Olga einen groen Fruchttisch
errichten. Sie hatte schon gestern den ganzen Tag Blumengehnge flechten und
verbinden lassen. Diese wurden an dem Hause und den nchsten Bumen befestigt
und hier und da noch von grnen Stben untersttzt. So gab das ein freundliches
Dach, unter dem sich der groe Fruchttisch ganz malerisch ausnahm. Sie hatte ihn
mit bunten Decken belegt und mit allen in dem Garten gewonnenen Frchten
geziert. In Porzellankrben, in krystallenen Schalen lagen hochaufgethrmt
pfel, Birnen, Zwetschen, im hheren Centrum Pfirsiche, Aprikosen, und eine
Melone bildete den hchsten Mittelpunkt. Dazwischen lagen Weinbltter, mit denen
die Gefe garnirt waren. Man konnte diesen Tisch kaum mit dem Verlangen
betrachten, davon zu essen. Man konnte nur wnschen, da dies schne Ensemble
unangerhrt und ungestrt bliebe. Die Mutter wrdigte diese ganze Veranstaltung
kaum eines Blickes und war doch so eiferschtig, da sie Olga anwies, sich nun
um das Weitere, was die Weinlese selbst betraf, nicht zu bekmmern. Aber auch da
ging es ihrer Autoritt schlimm. Die Frstin verlangte, da alle gewonnenen
Trauben von den Dienern und Mgden auf einem groen Tische, wo Jeder nach
Belieben davon nehmen knnte, in der Mitte des Gartens aufgehuft wrden und
rckte nun an diesem Tische und lie ihn da-, dorthin transportiren. Olga fand
diese Einrichtung komisch und der Weinlese nicht im mindesten entsprechend. Sie
sagte Das in aller Ruhe, reizte aber die Mutter gerade durch diese Ruhe mehr,
als durch Heftigkeit. Wie denkst du dir's denn, Olga? fragte Rudhard gelassen.
Olga sagte: Es mte sogleich in die Stadt auf den Markt geschickt und ein
Dutzend kleiner Handkrbe gekauft werden und ein Dutzend kleiner Gartenmesser
von krummer Gestalt; Messer zum Einschnappen. Diese Krbe und diese Messer mte
dann die Hausfrau jedem Gaste, der helfen wolle, mit hflicher Bitte feierlich
berreichen und so msse zu gleicher Zeit von Allen der Wein geschnitten werden.
Rudhard konnte auch diesen Vorschlag nur billigen und der Frstin, so peinlich
es ihm war, wieder Unrecht geben. Diese kopfschttelnd rief verdrielich einem
ihrer Diener und schickte ihn in die Stadt, sogleich zwlf kleine lngliche
Handkrbe und zwlf krumme Messer zu kaufen. Der Diener ging, nachdem er vorher
Rudhard einen soeben fr ihn von dem Postboten gebrachten Brief berreicht
hatte.
    Rurik und Paulowna hatten, wie Das unter Kindern bei solchen Anlssen immer
ist, eine so berselige Erwartung, da keine Wirklichkeit ihr htte gleichkommen
knnen. Bei Tisch entspann sich neuer Zwiespalt zwischen Mutter und Tochter. Man
a ausnahmsweise, weil die Gste um drei Uhr erwartet wurden, sehr frh. Die
Frstin wollte, da die Kinder sich wie gewhnlich satt aen, damit sie von den
sptern Torten, Frchten und dem Eise nicht zu gierig naschten und ihrer
Erziehung Schande machten. Olga verlangte gerade im Gegentheil, da sie wenig
aen und sich nachher desto unschdlicher an den Nschereien erfreuen knnten,
die einmal doch nicht unterbleiben wrden. Rudhard hrte absichtlich nicht auf
den Streit. Er legte mechanisch die Speisen vor. Er schien zerstreut; der Brief,
den er empfangen, hatte ihn bellaunig gestimmt. Fast mechanisch, fast
gedankenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht, worber die Mutter sich so
erzrnte, da sie aufsprang und weinte. Rudhard folgte ihr und bat sie, sich zu
beruhigen. Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechthaben. Worauf Olga, ganz
kalt, fast trotzend erwiderte: Ja! Es ist sehr Unrecht, Recht zu haben!
    Dieser gereizte Ton zwischen Mutter und Tochter war seit der eigenmchtigen
Partie nach Solitde eingerissen. Die Frstin hatte damals nicht Worte genug
finden knnen, um ihre Mibilligung ber diesen kecken Einfan zu erkennen zu
geben. Nichts von den Erzhlungen der Kinder konnte sie beruhigen. Der Gru der
Knigin war ihr beklemmend, ja compromittirend, wenn sie sich sagen mute, da
diese drei Kinder ohne Aufsicht am Schlosse zu Solitde waren gesehen worden.
Olga antwortete keine Sylbe, bis sie pltzlich hinwarf: Htten wir Siegbert nur
nicht getroffen, so wrdest du uns ausgelacht haben. Da wir ihn aber trafen,
haben wir ein Verbrechen begangen!.. Es lag in dieser scharfen Entgegnung eine
Wahrheit, die auf die Frstin entwaffnend wirkte. Aber ihre Niederlage dauerte
nur einen Augenblick. Von Stund' an begann sie fortwhrend an Olga zu tadeln,
sie eitel, verkehrt, nachlssig zu schelten, whrend Olga schwieg und sich nur
zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes scharfes Wort gegen die Anklagen
ihrer Mutter zu vertheidigen suchte. Rudhard, zu sehr in Anspruch genommen von
der wiederangeknpften Freundschaft fr Egon, von der Entdeckung einer mit dem
Bilde der Frstin Amanda vorgenommenen Gewaltthtigkeit, lie diese Strungen
des huslichen Friedens so hingehen und bemerkte sie kaum, da er wenigstens
dann, wenn Siegbert kam, eine Art Waffenstillstand fhlte. Mutter und Tochter
schwiegen dann und zeigten sich in dem natrlichen Verhltnisse, da die Eine
befahl, die Andere gehorchte. Es mu schon eine groe Verwilderung in den Sitten
einer Familie eingerissen sein, wenn man die Verstimmungen, die im innersten
Schooe derselben herrschen, auch vor dem Auge Anderer zeigt. Siegbert gehrte
wol schon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wsmskoi'schen Familie, aber Mutter
und Tochter fhlten doch noch eine tiefinnerliche sittliche Veranlassung, sich
ihm so zu zeigen, wie es in der Ordnung der Natur und dem feineren Zartgefhle
des Herzens eigentlich begrndet war. Takt ist die einzige erlaubte Nothlge der
Tugend.
    Die Frstin war ihrer Absicht, zurckgezogen zu leben, treu geblieben. Sie
hatte nur wenige Namen der groen Welt besucht und sich auf die Menschen
beschrnkt, die sich so zu sagen selbst bei ihr einfhrten. Die Oberhofmeisterin
konnte nur selten kommen. Anhnglicher war Anna von Harder, die sich oft die
Kinder nach Tempelheide citirte und sie an der Thierwelt des alten
Schwiegervaters sich ergtzen lie. Es lag so etwas Mtterliches in ihrer ganzen
Art, da die Kinder sie Tante Anna nannten und sich freuten, einmal einen ganzen
Sonntag oder wol eine Nacht in jenem kleinen Schlosse und bei dem Tannenparke
bleiben zu drfen, in welchem es so viele kleine chinesische, mit Geflgel
bevlkerte Pavillons, so viele Stlle und Hrden und bei allem Geblk und
Geschnatter so viele melodische Windharfen gab. Anna von Harder hatte
versprochen, zur Weinlese zu kommen und kam auch mit einem prchtigen vom
Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen, den sie nach
dem Willen der Kinder sich ber die Schulter werfen sollte, aber bescheiden
ablehnend auf das Gewinde an den sinnig geordneten Fruchttisch wie eine
bescheidene Opferspende zum Feste hngte.
    Natrlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenso
unvermeidlichen Inseparable Frulein von Flottwitz nicht.
    Unsere gute Frau von Trompetta war seit einiger Zeit gar verstimmt. Der Hof
hatte den Ankauf des Gethsemane abgelehnt und sich nur zu einigen Aktien oder
Loosen bereit erklrt. Sie war darber in eine doppelt begrndete Betrbni
verfallen. Einmal schmerzte sie's der nun gehinderten rascheren Befrderung
wegen, anderntheils war sie in groer Besorgni, nicht mehr in der Gunst des
Hofes zu stehen. Die Altenwyl, die strenge Richterin der Sitte, sollte, wie ihr
gesteckt wurde, in den kleinen Cirkeln etwas von der Ruhmsucht der
Wohlthtigkeit gesagt haben. Man hatte, erfuhr sie, viel Anekdoten von ihren
Zwangsmaregeln, um ihre Sammlungen einmal den Knstlern, ein andermal den
Dichtern abpressen zu knnen, erzhlt, und wie gern man das herrliche Werk, dies
bunte fromme Gethsemane, bei Hofe besessen htte, man gab sich doch wieder jener
besorgten Rcksicht hin, ob nicht an so hoher Stelle eine Untersttzung dieser
Zwangs- und Ruhmsuchtswohlthtigkeit ein schlimmes Gerede geben und Ansto
erregen knnte. Die Trompetta fand jedoch ihr Unglck in noch hundert andern
Ursachen. Sie sah Feinde, Verleumdungen, sie projektirte einen Fufall bei der
Knigin und wurde vor Kummer und Nachgrbeln ber ihr Malheur um einige Linien
magerer. Sie mistraute ihren besten Freunden. Von Pauline von Harder, die sie
schon lngst geringschtzig behandelt hatte, glaubte sie sich zuerst
zurckziehen zu mssen, was ihr bei der pltzlich so wunderbar gestiegenen
Bedeutung jener Frau schwer, fast unmglich wurde. Fr Anna von Harder, die bei
Hofe in so hohem Ansehen stand, wurde sie eben deshalb eine unertrgliche Plage.
Sie ruhte nicht, bis eine Auffhrung des Judas Maccabus innerhalb der
Gesellschaft zur Untersttzung einer Kleinkinderbewahranstalt angebahnt war.
Sie sang geistlich, wo sie nur konnte, und hatte auch fr diesen
Weinlesenachmittag einige Oster-Lamentationen aus der rmischen Peterskirche
mitgebracht. Auch der Flottwitz, ihrem unermdlichen Trabanten, mistraute sie
zuweilen und machte ihr Vorwrfe, da sie seit dem verunglckten Hinterhalt auf
der Terrasse von Solitde so oft mit Neigung von jenem Dankmar Wildungen
sprche, der doch allgemein durch seine Grundstze sowol, wie seinen vermessenen
Proce, als ein Feind des Staates und der Kirche bekannt wre. Sie hatte von
Gelbsattel, der durch Rudhard's alte Zeltkameradschaft von Schulpforte her
gleichfalls bei der Frstin Wsmskoi eingefhrt war und fr heute Nachmittag
mit seiner Gattin und seinen Tchtern erwartet wurde, die ganze Bedeutung der
von den Brdern Wildungen erhobenen Ansprche vernommen und war nicht wenig in
Verlegenheit, als sie sich gefat machen mute, ihnen hier Beiden zu begegnen.
Vor Siegbert schmte sie sich sogar, ihres Gethsemanes wegen, das der Hof nicht
angekauft hatte!
    Propst Gelbsattel nahm die Einladung in nicht geringer Spannung an. Htte er
gewut, da er seinen scharfen Antagonisten, den demokratischen Maler Max
Leidenfrost, gleichfalls finden sollte, wer wei, ob er gekommen wre!
Leidenfrost aber war recht eigentlich gerade die Hauptperson des Festes; denn er
hatte versprochen, es durch Kunstfeuerwerkerei, die er meisterhaft verstand, zu
verschnern und auf das Brillanteste zu beschlieen. Er war es, der schon am
Tage zuvor einen stattlichen kleinen Bller von einigen Arbeitern der
Willing'schen Maschinenfabrik, natrlich verdeckt in einem groen Kasten, hatte
in den Garten fahren lassen. Er war es, der mit der Dmmerung Heusrck, Alberti
und den hochgeschulterten Danebrand erwartete, um mit ihnen gemeinschaftlich
unter dem klaren Sternenhimmel des Herbstes Pulver und Arsenik unter den
mannichfachsten Formen in Brand zu setzen.
    Gegen vier Uhr sa die ganze Gesellschaft beim schnsten Sonnenschein auf
dem Gartenparkett in der Runde und schlrfte einen vorzglichen Mokka. An
Sigkeiten ein berflu. Neben den gebetenen waren Bienen und Kfer die
ungebetenen Gste. Alles athmete Luft und Behagen. Es war ein heiterer Anblick,
dieser blaue Himmel, dieser grne Rasen, die vollen Obstbume, die Blumen, die
festlichen Anordnungen, die geschmckte Gesellschaft. Und die Trompetta fhrte
das Wort! Das war nicht minder lebendig! Auch Anna war sehr angeregt. Die Gute
fhlte sich immer glcklich, wenn sie von den Pflichten in Tempelheide, die sie
gern bte, doch einmal erlst war. Gelbsattel gab manche gewichtige Meinung
anzuhren ... seine Gattin, die Prpstin, war freilich stumm. Die drei Tchter
aber, sonderbarerweise sitzengebliebene und doch sehr angeregte junge Damen,
schossen mitredend auf Alles zu, was nur errtert und berhrt wurde.
Leidenfrost, wie man es erwarten konnte, im berrock ohne alle Festestoilette,
mit seinem grauen Hut, ohne Handschuhe, hielt sich glossirend zurckgezogen.
Siegbert dagegen machte fast den Wirth, umsomehr, als Rudhard etwas auf dem
Herzen hatte und nicht recht aufthauen konnte. Die Flottwitz schien etwas
ungeduldig. Dankmar fehlte noch. Sein Bruder entschuldigte ihn durch die vielen
Mhen, die ihm der Proce koste, wobei er einen fast abbittenden Blick auf den
Propst warf, der seinerseits das Wort ergriff und sogleich mitten in jene
Stimmungen hineinfuhr, die in ihm diese inzwischen immer mehr vorgeschrittene
Angelegenheit wecken mute.
    Seine lteste Tochter, Emmy, warf ihm einen verweisenden Blick zu, als er so
polterte; er mchte sich migen, die Umgebungen in Anrechnung bringen ...
    Allein, noch erwrmt von dem Besuche Sylvester Rafflard's, der eben bei ihm
gewesen war, legte der Propst seinem Redeeifer keinen Zgel an, sondern
versetzte alle Anwesende rasch auf den Standpunkt, in dem sich gegenwrtig die
merkwrdige Johannitererbschafts-Angelegenheit befand.

                                Fnftes Capitel



                                   Gegenstze

Es ist erstaunlich, begann Gelbsattel, wie tief diese Sache in Fleisch und Blut
der wichtigsten Interessen eingreift. Ich will von einigen kleinen Stiftungen
nicht sprechen, die selbst in dem Falle, da der Staat den Proce gewnne,
verloren wren ...
    Davon nicht sprechen? unterbrach den Propst sogleich voll Eifers Frau von
Trompetta. Von frommen Stiftungen nicht sprechen?
    Allerdings, sagte der Propst. Wenigstens solche Stiftungen, die in einem
frommen Sinne begrndet wurden -
    Zu denen du doch, fiel Rudhard ein, nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen
wirst, die regelmig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Candidat zur
Judenbekehrung halten mu?
    Lieber Freund, antwortete Gelbsattel, ich theile vielleicht ganz dein
Bedenken gegen diese hundertjhrige Veranstaltung, der es noch nicht gelungen
ist, nur einen einzigen Juden zu bekehren, allein es ist die uere Form eines
Stipendiums fr einen jungen Candidaten, der sich auf diese Art homiletisch bt
und unter dem Schirm eines christlichen Zweckes die noch christlichere Wirkung
einer Wohlthat geniet -
    Bester, sagte Rudhard lachend, das ist sehr hbsch gesagt fr den Candidaten
Oleander, der gegenwrtig diese Predigten hlt und dein Schwiegersohn werden
soll; allein nimm mir nicht bel, diese Art von berlieferungen taugt nichts.
Geht's nicht mit dem ganzen Christenthum so, da man es gleichsam fr ein
Vermchtni hinnimmt, das Niemand untersucht und das nur fr den Schild eines
vllig heterogenen, ihm untergelegten Begriffes dient?
    Anna von Harder blickte bei Erwhnung des Schwiegersohnes theilnehmend auf
Emmy Gelbsattel, die sich verfrbte und ber den Namen Oleander in Verlegenheit
zu gerathen schien. Anna wollte mit holdem Blicke der ltesten Tochter
Gelbsattel's, der sich schon viele Partien zerschlagen hatten, zu dieser Glck
wnschen. Aber das nicht mehr junge Mdchen erschien ihr pltzlich keine Braut.
Sie unterdrckte ihren guten Willen und wagte es, sich in das Gesprch der
Mnner zu mischen. Whrend sie den Kindern Frchte abnahm, die diese ihr
verschwenderisch anboten, wagte sie eine bescheidene uerung, die sie
schchtern und beklommen genug vortrug.
    Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen, sagte sie, ebensowenig wie
eine gleichsam fr gltig erklrte Tuschung, aber ist es nicht wirklich mit dem
Glauben so, da sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar
aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte glubige Bedrfni an
die Wahrheiten des Christenthums anschmiegt und ohne viel zu prfen, was sich
davon beweisen lt, soviel als nur beseligend auf uns einwirkt, in sich
aufnimmt?
    Natrlich! sagte die Trompetta mit verklrtem aber stolzem und verchtlichem
Blick. So ist es! Nicht anders. Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt.
    Und gleichsam, als wollte sie fernere vorwitzige Errterungen heiliger
Fragen abschneiden, setzte sie hinzu:
    Wrden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses
merkwrdigen Rechtsfalles leiden, Herr Propst?
    Das zwar nicht unmittelbar, sagte der Gefragte, seine Tasse mit Wrde
haltend, allein wo flieen in dieser Welt auergewhnliche Hlfsquellen, die
nicht irgendwie auch mit den Bedrfnissen der Witwen und Waisen zusammenhingen?
    Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen
Lcheln und platzte hervor:
    Nun Das mu ich gestehen, ich wollte eben eine Mcke todtschlagen, als mir
einfiel, da sie vielleicht einen alten Vater zu ernhren hat!
    Man lachte wohl ber dieses Gleichni, aber Propst Gelbsattel, der das Bild
von der Academia della Crusca, das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit
Anspielung auf Gelbsattel's Kunstansichten angegeben, nicht vergessen hatte,
warf einen verchtlichen Blick auf den Sprecher, der sich in dem Bewutsein, die
Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu drfen, ganz behaglich
auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb,
auch Siegberten dadurch neckte, da er sich stellte, als wenn er nicht wte,
wie man in solcher Gesellschaft Kaffee trnke und Gebackenes e. Er fate den
Theelffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene, als wollte er
sein Getrnk in die Untertasse gieen und aus dieser schlrfen, worber
Siegberten, der gleichsam hier fr ihn wie fr ein wildes Thier gut stand, ein
Schrecken berfiel. Leidenfrost machte, als er seine Tasse auf den Tisch zurck
stellte, sogar einmal die Miene, als wenn er den Tassenkopf, wie die Bauern
thun, umwenden wollte. Siegbert merkte wohl, da ihn Leidenfrost nur neckte;
aber er dachte sich doch die Mglichkeit, da ihm der wilde Cyniker wirklich
einen solchen Streich vor der Frstin spielen konnte. Da er ihm seinen berrock
und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte, peinigte ihn schon genug.
    Ich habe mich, fuhr Leidenfrost fort, ganz genau nach allen wohlthtigen
Dependenzen jener Erbschaft erkundigt. Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft,
Mcken todtzuschlagen, die einen alten Vater ernhren mssen. Er wrde, wenn der
Familie Wildungen Das wird, was von Gott und Rechtswegen ihr gebhrt, sicher
Niemanden entgelten lassen, da das Unrecht frherer Zeiten ihm Wohlthaten
spendete, die das Recht der Gegenwart ihm entzge. Was ist nun da zum Vorschein
gekommen? Nichts, was sein Gewissen beunruhigen knnte. Die alten Huser werden
luxuris verwaltet und verfallen in Trmmer. Wo man Familienwohnungen fr die
Armuth htte bauen sollen, duldet man den Fortbestand von Hhlen des Lasters und
des Elends, deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird, die keine innere
Nothwendigkeit haben. Diese Huser, diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen
enorme Summen ein. Wozu werden sie verwendet? Zur Herstellung eines berflusses
neben dem Nothwendigen, fr das schon von anderer Seite gesorgt ist. Grndlichen
Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen. Schulen, Witwen
und Waisen sind nicht darauf angewiesen, wohl aber frivole, berflssige Zwecke,
als da sind: Judenbekehrungspredigten, Missionsbeitrge,
Bibelgesellschaftsuntersttzungen und dergleichen Frivoles mehr. Das einzige
Praktische sind die bedeutenden Vergrerungen der Emolumente des hohen Rathes
der Stadt, der Geistlichkeit, derjenigen Kirchen, ber die der Magistrat das
Patronat hat, eine Kutsche fr jeden der vier Syndici, eine Kutsche fr - ich
bedaure es sagen zu mssen - fr die Propstei und damit ich nichts verschweige,
allerdings der sehr ehrenwerthe Fond fr diejenigen Geistlichen, die an den drei
Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Tchter haben, um deren Ausstattung
sie in Verlegenheit sind. Denn jede Pfarrerstochter, die ein drittes Aufgebot
nachweist, bekommt eine Aussteuer von tausend Thalern. An dieser
philanthropischen Institution versndigen sich allerdings die Gebrder Wildungen
sehr, wenn sie den Proce gewinnen sollten.
    Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung, da ihm
der Grtner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener
Entfernung winkte.
    Er erhob sich rasch und ging. Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und
verlieen die Gesellschaft, die ber die bittern Worte des schroffen Mannes fast
erschrocken war. Es whrte einige Zeit, bis sich eine harmlose Stimmung
wiederfand. Man wollte das Thema der Erbschaft verlassen, fing ber zufllige
andere Veranlassungen eines lauten Urtheils zu sprechen an, aber die Trompetta
konnte sich nicht migen. Man hatte die ihr heiligsten Dinge, jene Stiftungen,
jene Zweckvereine frivol genannt. Da half nichts, sie mute die Hnde
zusammenschlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gngen des Gartens mit
den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen:
    Groer Gott! Was man nicht Alles hren mu in dieser Zeit! Die
Bibelgesellschaften frivol!
    Die Frstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen.
Siegbert sprach von seiner gewhnlichen rcksichtslosen Art, aber die Trompetta
verlangte von den Mnnern ein Urtheil, ein Verdammungsurtheil, eine entrstete
uerung, eine Indignation, ein Anathem!
    Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor. Er pries die
Bibel, nannte sie das Buch aller Bcher, rhmte die Thtigkeit der
Bibelgesellschaften, gab statistische Angaben ber die Zahl der von England
herbergekommenen und vertheilten Exemplare ...
    Das war aber Alles nichts. Die Trompetta beruhigte sich nicht und forderte
dadurch den etwas unwirschen und verdrielichen Rudhard heraus zu der uerung:
    Meine gndige Frau! Die Bibel ist ein herrliches Buch! Sie ist gar kein
Buch, sondern ein Stck von der Geschichte selbst! Sie ist das Leben selbst und
wol von Gott eingegeben, wie alle Zeugnisse seiner Gre, seiner Allmacht, wie
alle Wunder, wo man die Zge seines Athems zu hren glaubt. Allein, beste
gndige Frau, die Bibel will gelesen, will verstanden sein. Ich bin dieser Tage
einmal in den Fall gekommen, einem Menschen, der mich fragte, ob er die Bibel
lesen solle, zu sagen: Guter Freund, hier habt Ihr ein Buch! Les't darin! Es ist
nicht die Bibel, aber besser fr Euch! Es war der Don Quixote.
    Groer Gott! schrie die Trompetta auf und auch Anna von Harder fhlte sich
doch wie von einer kalten Hand ergriffen.
    Die Bibel und der Don Quixote! rief man entsetzt.
    Alle Tchter des Propstes waren vor Erstaunen sprachlos.
    Das ist ganz einfach, sagte Rudhard sehr gelassen. Unser Kutscher verfiel
krzlich in eine Art Trbsinn und fing in sonderbarster Weise an, ber Leben und
Sterben zu sprechen. Den Namen Gottes fhrte er selbst beim Striegeln seiner
Pferde im Munde und unterlie alle die herzhaften Flche, die frher die Thiere
von ihm gehrt hatten und an die sie schon gewhnt waren. Sie zogen nun auch
viel schlechter. Peters, fragte ich ihn eines Tages, du bist so trbsinnig, was
fehlt dir? Herr Pfarrer, antwortete er, schon lange wollt' ich einmal mit Ihnen
sprechen und mein Gemth strken. Was hast du, Peters? fragt' ich. Er erzhlte
mir dann eine traurige Geschichte von seinen huslichen Leiden. Seine Frau wre
weltlich gesinnt, lebte unter Spttern und Ehebrechern und es verlange ihn recht
die Bibel zu lesen. Warum willst du die Bibel lesen? fragte ich. Um mich
vorzubereiten, mich von meiner Frau scheiden zu lassen, sagte er ...
    Anna von Harder fand diesen Zug, Rudhard unterbrechend, sehr bedeutungsvoll
und nannte eine solche im Volke noch wurzelnde Empfindung eine Seltenheit, da
man gerade jetzt auf die leichtsinnigste Art sich verbnde und wieder trennte.
    Gut, sagte Rudhard, ich htte auch nichts gegen eine solche Vorbereitung
einzuwenden gehabt. Ich erkundigte mich aber genauer nach den Verhltnissen des
Mannes, dem Charakter und der gegenwrtigen Handthierung seiner Frau, und da
merkt' ich wohl, da unser guter Peters nur ein Hypochonder war, die
unschuldigsten Dinge schwarz sah und auf seinem Kutscherbock Grillen fing. Unter
solchen Umstnden hielt ich es fr besser, ihm statt der Bibel eine heitere
Lektre anzurathen. Wir kauften ihm eine hbsche Ausgabe des Don Quixote mit
schnen Bildern. Er hat sich nun in die Heldenthaten des sinnreichen Junkers von
La Mancha so verlesen und lacht auf dem Bocke noch hinterher, wenn ihm pltzlich
einfllt, was er Abends in seiner Stallkammer in sich aufgenommen hat, so
lustig, da die Pferde jetzt viel besser ziehen, und ich meine, Das ist ein
Resultat, wie wir es durch die Bibel nie gewonnen htten.
    Rudhard endete damit eine Erzhlung, die die Unbefangenen, besonders
Siegbert befriedigte, nur vorzugsweise Frau von Trompetta nicht. Sie schttelte
den Kopf und fand hier etwas, was nicht nach dem landesblichen Systeme war.
    Der Blick nach dem Kutscher und die Erwhnung des Stallkmmerchens hatte die
Augen auf den Eingang des Gartens gelenkt, durch den jetzt eben Dankmar
Wildungen eintrat.
    Dankmar kam in groer Erregung. Das Erscheinen des anziehenden jungen
Mannes, der von Tag zu Tag an Kraft des Willens und edler Mnnlichkeit gewann,
erregte das allgemeinste Interesse. Man fhlte, da der Kreis erst jetzt
vollstndig wurde. Die Damen grten ihn durch eine leichte Erhebung; die Mnner
standen auf, um ihm die Hand zu reichen, selbst Propst Gelbsattel bte einen Akt
der antiken Heroenzeit; er ehrte sich selbst in seinem Gegner und machte die
nhere Bekanntschaft desselben gleichsam so, da er die Waffen erst zu seiner
Begrung senkte. Er erwhnte sogleich den Vater der Brder, die alte
Zeltkameradschaft von Schulpforte und spielte nekkend auf das zuknftige Glck
der Shne seines alten Freundes an, ohne jedoch die Mutter zu erwhnen, weil
ihn dies Thema in Gegenwart seiner Familie zu weit gefhrt htte.
    Die meiste Achtung zollte Dankmar der Frstin, die ihn gar freundlich
begrte und ihn der neben ihr sitzenden Anna von Harder vorstellte. So sah denn
Dankmar endlich auch diese vielbesprochene und ihm selbst so werthvolle Frau zum
ersten male in der Nhe! Anna betrachtete den jungen, fr unternehmend und
charakterfest bekannten Mann mit Wohlgefallen und konnte wol begreifen, da die
Flottwitz ber und ber errthete, als ein kurzer, flchtiger, aber sonderbar
herausfordernder Blick aus Dankmar's blitzendem Auge statt aller Begrung zu
ihr hinberstreifte. Die Trompetta fragte, ob er sich erst so spt von seinem
Freunde, dem Prinzen Egon, losgerissen htte?
    Ich komme soeben, antwortete Dankmar, den Kaffee, den ihm der Bediente bot,
rasch niederschlrfend, von Hause, vor zwei Stunden aber aus der Kammer.
    Was ist vorgefallen? fragte man gespannt.
    Eine eigentliche Herausstellung der Parteien, antwortete Dankmar, wird sich
erst heute Abend in der Berathung eines Paragraphen zur Geschftsordnung
ergeben.
    Also eine Abendsitzung? schaltete die Trompetta ein und berlegte, ob sie
einen Versuch machen sollte, sich ihrerseits an das constitutionelle Leben zu
gewhnen und ob sie den Abend frei hatte ...
    Man will das Beispiel einer groen Beflissenheit geben, fuhr Dankmar fort.
Man will Abendsitzungen halten und Niemand trug auf Zeitersparni und Flei
eifriger an als der Frst von Hohenberg.
    Im Stillen dachte die Frstin Wsmskoi etwas spttisch: Arme Helene!
    Die Gruppen, fuhr Dankmar fort, werden sich erst scheiden bei dem Antrage
der Regierung, da die Minister das Recht haben sollen, zu jeder Stunde, auch
nach schon geschlossener Debatte, in der Kammer das Wort zu ergreifen. Es wird
sich dabei herausstellen, auf welche Majoritt das Ministerium berhaupt rechnen
kann. Einstweilen hat die Bildung der Ausschsse die Thtigkeit der Kammer
allein in Anspruch genommen und bei dieser Gelegenheit war es, da Egon heut'
eine Rede hielt, die einen Sturm von Beifall, die Bewunderung des ganzen Saales,
den Jubel aller Tribnen und die hchste Spannung selbst des Ministertisches
hervorrief.
    Erzhlen Sie davon! hie es.
    Dankmar, voll innigster Theilnahme, rasch und feurig bewegt, fuhr fort:
    Der Frst war in den industriellen Ausschu gewhlt und trug darauf an, ihn
aufzulsen und neuzuwhlen. Man opponirte. Er sagte: Ich bin der
Berichterstatter des Ausschusses: meine Grnde haben ihn bestimmt, selbst eine
Auflsung zu erbitten. Ich referire fr ihn. Die Partei der Linken hatte aber
das bergewicht in diesem Ausschusse gehabt und widersetzte sich der Neubildung.
Darber nahm denn Egon Veranlassung, von dem Parteigeiste berhaupt und von der
Zerrissenheit der staatsrechtlichen Principien, gegenber den wahren
Bedrfnissen der Vlker, in so ergreifender Weise zu sprechen, da der Ausschu
neu gebildet und durchaus nur von Mnnern, die ber diese Gegenstnde kompetent
sind, zusammengesetzt werden wird.
    Brav, rief Rudhard. Ich gebe die Versicherung, da Egon der Begrnder einer
neuen Politik, der der Unparteilichkeit und alleinigen Geltendmachung des wahren
Volkswohls sein wird.
    Das wre eine echte Errungenschaft! rief innigst Antheil nehmend Anna, die
in einer solchen vermittelnden Politik eine Brgschaft des Friedens und der
Liebe sah.
    Aber die Trompetta, Flottwitz, Gelbsattel verlangten doch noch nheren
Aufschlu ber die Parteifarbe und wollten ohne Parteifarbe in der gegenwrtigen
Zeit nichts gelten lassen. Auch Siegbert blickte den Bruder gespannt an und
wollte von ihm hren, wie sich Egon, auf den die jungen Mnner so viel
Hoffnungen setzten, gemacht htte.
    Ich kann, sagte Dankmar, nur berichten, da Egon sehr gewandt, sehr
anziehend sprach. Er vermied jede Verletzung irgend einer Partei. Er bat die
Parteien, hhere Gesichtspunkte zu gewinnen. Die Rede flo ihm so gefllig, so
gewandt vom Munde, man sah ihm so die lange Beobachtung eines vorzugsweise
rednerischen Volks, der Franzosen, an, da es mir manchmal war, als dchte er
Das, was er deutsch sprach, erst franzsisch. Gewisse Schlagworte, gewisse
Antithesen brachte er so wohlangelegt vor, da sie ihm strmische
Unterbrechungen seiner Rede zu Wege brachten.
    Da ich Das versumte! meinte die Trompetta mit Melancholie und stiller
Gewhnung an die Neuzeit.
    Man kann sich denken, bemerkte die Frstin etwas verstimmt ber diese lange
Apotheose des Freundes ihrer Schwester; man kann sich denken, wie pikant es der
Galerie sein mu, sich zu sagen: Dieser Redner trug in Frankreich die Blouse und
fhrte den Hobel eines Tischlers!
    Man lchelte ber diese Bemerkung; aber Dankmar nahm sie im Ernste auf und
uerte:
    Ja, Durchlaucht, Das ist es auch! Als Egon auftrat, murmelte der ganze Saal
vor Spannung. Es war als hrte man, wie Jeder den Andern anstie und flsterte:
Das ist der entartete Sohn des berhmten Kriegers! Das ist der junge Hohenberg,
der in Lyon Communist war und als Handwerker auf der Landstrae fechten ging.
Denn natrlich! Das Gercht bertreibt sogleich. Ein einziger abenteuerlicher
Zug wird sogleich die Veranlassung eines Mrchens.
    Die unglckliche Amanda! schaltete Anna ein; wenn sie Das she! Wenn sie fr
soviel grausame Schlge, die das Schicksal nach ihrem Herzen fhrte, diese
Mutterfreude erlebt htte!
    Propst Gelbsattel, der wiederum voll Unmuth sah, da doch so auerordentlich
viel in der Welt jetzt geschah, ohne sein Zuthun, ohne eine Anfrage bei ihm,
ohne ein Gutachten, wie es sonst in den heterogensten Dingen von ihm gefodert
wurde, Gelbsattel wnschte etwas von Dem zu hren, was Egon geuert, besonders
ber die Gewerbe geuert htte.
    Dankmar sagte, da Dies die Zeitungen heute Abend ausfhrlich berichten
wrden. Egon htte in der Gewerbspflege seine Vermehrung der Reichthmer einer
Nation nachgewiesen; denn die Arbeit schaffe Werthe und Werthe der Arbeit wren
Dasselbe, was Werthe des Besitzes, ja moralisch genommen, wren sie noch
kostbarer. Die Pflege der Gewerbe knne nur erblhen in einem freien, in einem
mchtigen Staate. Wenn unsre Monarchie in Deutschland erstarke, so knnte der
Wettkampf mit England gewagt werden - ich meine, rief er, jener unblutige Krieg
der Arbeit mit der Arbeit, des Fleies mit dem Fleie, des Menschenberufes mit
dem Menschenberufe - eine Stelle, die groen Beifall hervorrief.
    Anna unterbrach Dankmar mit den fast wehmthigen Worten:
    Sie ist auch schn! Ich gestehe, da der Gedanke, wie in diesem jungen Manne
die edle Natur seiner Mutter so hervorbricht, mich unendlich rhrt.
    Von der Verfassung der Gewerbe, fuhr Dankmar fort, sagte Egon, da man sie
durchaus schtzen msse, ohne die veraltete Form dieses Schutzes beizubehalten.
Bei Aufhebung des Zunftzwanges, rief er, hat sich der Zeitgeist, der es liebt,
sich zu berstrzen ...
    Sagte er Das? fragte schnell die Flottwitz angenehm berrascht.
    Ja, mein Frulein, antwortete Dankmar bitter, aber doch mit einer Art
schalkhafter Galanterie, er sagte Das, kurz vor einem Angriff auf Vermehrung der
Armee ...
    Halten Sie Das fr mein einziges Princip? fragte das junge Mdchen den Kopf
mit Grazie erhebend, da die Locken in ein angenehmes Schaukeln geriethen.
    Das nicht, sagte Dankmar, aber ich kann Sie versichern, da er auch dem
Reubund einen recht schneidenden Seitenstich versetzte. Hren Sie nur! Bei
Aufhebung des Zunftzwanges, sagte Egon, hat sich der Zeitgeist, der es liebt,
sich zu berstrzen, darin geirrt, da er das Kind gleich mit dem Bade
verschttete. Das Gute am Zunftzwange htte schon bleiben sollen. Allein unser
damaliger Staat, der Militairstaat, rief er, wie tief stand er! Wie
oberflchlich waren seine Neuerungen! Wie verbrecherisch seine Bestrebungen,
sich auf Kosten der innern Kraft uerlich auszudehnen! Er gab die Gewerbe frei,
nicht um der Gewerbe willen, sondern um seiner Armee willen! Er sagte: Ruinirt
Euch, wenn Ihr mit dem gescheiterten Versuche, glcklich zu werden, mir nur die
Patente, die Freiheiten des Gewerbes bezahlt! Dieser schlechte Staat von damals,
rief er, derselbe Staat, den die blinde Reue bndlerisch wiederherstellen will
...
    Ah, rief die Trompetta. War Das die Stelle?
    Das war die Stelle, gndige Frau! sagte Dankmar.
    Aus dem Munde des Sohnes -
    Eines Generalfeldmarschalls! griff Dankmar die zweite Rge, die vom Frulein
von Flottwitz kam, auf. Die Galerieen waren auer sich darber, nicht etwa vor
Zorn, sondern vor Jubel. Der Prsident mute die Glocke ziehen und den Zuhrern
alle Zeichen des Antheils und der Misbilligung untersagen -
    Ah! Das war seine Schuldigkeit! bemerkte die Trompetta, die sich
constitutionell zu bilden anfing. Aber, wie weiter?
    Dieser schlechte Staat, fuhr Dankmar fort Egon's Worte zu wiederholen, den
jetzt die blinde Reue bndlerisch wiederherstellen will, hatte zur Frderung
einer unverhltnimigen Kriegsmacht nur die ppige, wuchernde Fortpflanzung
der Bevlkerung zum Ziele. Dieser Staat vernichtete die Gewerbe, indem er sie
der Willkr preisgab. Er erleichterte das Recht des Ansiedelns, des
Meisterwerdens, der Heirathen. Er wollte nur Menschen und raschgewonnene
Einnahmen fr den Fiskus. Kurz, Egon schilderte die Nothwendigkeit der
ernstesten Erwgungen dieser Verhltnisse mit so lebhaften Farben, da man auf
seinen Wunsch einging und den Gewerbeausschu aus den Elementen der Kammer
zusammensetzte, die ber die Interessen der Arbeit kompetent sind. Es ergab sich
zwar nunmehr, da die linke Seite bei der Zusammensetzung dieses Ausschusses im
Nachtheile war, sie verlor drei Stimmen und hatte die Majoritt nicht mehr, aber
man beachtete kaum dies Resultat, so wirkte der Zauber der Persnlichkeit des
Prinzen und seiner aus der unmittelbaren Anschauung des Volkslebens gewonnenen
berzeugung nach.
    Die Trompetta, Frulein Wilhelmine, die drei Gelbsattels, selbst Rudhard
waren nur froh, da die linke Seite in der Minoritt geblieben war und
bezweifelten jetzt keineswegs die gewaltigen Talente des neuen Staatsmannes.
Siegbert sah Dankmarn bedenklich an. Dankmar flsterte ihm zu: Ich habe viel mit
dir zu reden. Ich verlange entschieden, da wir Beide um acht Uhr heute frei
sind ... Siegbert nickte ihm zu, da er sich darauf verlassen knne ... Die
Frstin erhob sich und bat die Gesellschaft, ihr behlflich zu sein, nun die
Trauben vom Stock zu lsen. Einer der Bedienten prsentirte die Krbchen mit den
Messern. Die Damen fanden die Idee allerliebst und Alles folgte der Frstin, um
das Werk zu beginnen und dem Dienste des Bacchus in holdesten Grenzen zu opfern.
In der Ferne ertnte auf ein von Leidenfrost, der sich wieder genhert hatte,
gegebenes Zeichen eine sanfte Musik, die irgendwo in einem hintersten Winkel des
Gartens versteckt sein mute. Die Frstin war davon auf's Angenehmste berrascht
und als es sich herausstellte, da dies eine Idee von Leidenfrost selbst war,
shnte man sich mit dem wunderlichen Manne, der sie Alle durch seine uerungen
verletzt hatte, im Geiste leidlich wieder aus und ging wohlgemuth, unter den
sanften Accorden, scherzend und neckend an die spielende Arbeit.
    Die Nscherei Paulowna's und Rurik's hatte nun freilich schon frher dafr
gesorgt, da diese Weinlese keine zu lange Zeitdauer in Anspruch nahm. Unter
mancherlei Scherzreden und Neckereien war man bald mit der Ernte fertig und
berlie den Kindern, den helfenden Dienern und Mgden, hie und da die Beeren,
die noch versteckt oder schwer zu erreichen waren, vom Stamme zu lsen. Man
sollte nun die gefllten Krbe bei sich behalten, ihren Inhalt entweder selbst
verzehren oder mit sich nehmen. Das war die Antwort, die die Frstin Jedem gab,
der einen Ort zu wissen wnschte, wo er seine Beute niederlegen sollte. Die
Fruleins Gelbsattel, die sehr lang waren, kamen dabei gut fort. Sie hatten
reichlich gesammelt. Die Trompetta, die Lebhafteste, hatte nur geringe Ausbeute.
Sie war zu klein, um mit ihrem Messer besonders hoch zu langen und das
Anerbieten von Sthlen, Schemeln und Leitern, die die Diener in Bereitschaft
hielten, schien ihr bei ihrem corpulenten Wuchse zu halsbrechend und gefhrlich.
Sie irrte von Blatt zu Blatt und klagte wie der Fuchs in der Fabel aufblickend,
da man ihr Alles vorweggeschnitten htte. Wo ist denn noch eine Traube? Wo? Wo?
rief sie. Kinder! Ich sehe nichts! Wilhelmine! Wilhelmine! ... Aber Frulein
Wilhelmine von Flottwitz stand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite. Sie war
fortwhrend mit Dankmar in neckendes Gesprch verwickelt ... Die Frstin nahm
die Lese sehr umstndlich und ernst, fast pedantisch. Siegbert mute ihr den
Korb, die Hand, den Schemel halten. Rudhard und Gelbsattel erzhlten sich von
einer Weinlese bei Naumburg, die sie einst in lateinischer Sprache htten
mitmachen mssen und lchelten ber die Erinnerung, wie die Portenser, wenn
Einer eben sagte: O quam dulcis haec uva est! und eine Traube in den Mund
herablassen wollten, sie immer vom Andern geraubt bekamen, wobei sie auf
Wildungen bergingen, der zu Denen gehrte, denen man nur zu oft den Genu
verdarb, wenn er eben sagen wollte: O quam dulcis haec uva est!
    Die eigenthmlichste Erregung unter Allen zeigte Olga. Sie hatte den Trieb,
gleichsam die Ehre des ganzen Festes zu vertreten, war hier und dort, sprach mit
Dem und Jenem, half berall nach und befahl in der Stille, was die Mutter ihr zu
laut zu befehlen schien oder wol gar ganz vergessen hatte. Und bei alledem zog
sie sich von Jedem zurck, blieb allein, hpfte bald da-, bald dorthin und
schien nur von Einem Gedanken beseelt, dem, ihren geliebten Freund Siegbert nur
einen kleinen Moment fr sich allein zu besitzen. Die Mutter, die Flottwitz, die
Fruleins Gelbsattel, Alle machten ihr den Verdru, da sie auch an Siegbert
zuviel Gefallen fanden und ihn immer nur fr sich behielten, whrend sie nicht
ein Wort von ihm erhaschen konnte und nur zuweilen einen freundlichen Blick, der
sie mehr verwundete als erfreute, denn in diesem Blicke lag Das nicht, was sie
in seiner Seele suchte. So kam es, da sie von einer qulenden Unruhe hin- und
hergetrieben wurde und nur bei Leidenfrost zuweilen Stand hielt, mit dem sie
wenigstens lachen, ber Alle spotten konnte. Sie ging mit dem kleinen, unschnen
Mann in den hintersten Theil des Gartens, wo ein Hgel zum Feuerwerk
hergerichtet war. In der Mitte stand der Bller. Ringsherum waren Stakete
festgepflanzt, an welchen schon am Morgen Leidenfrost seine pulvergefllten
Papiere befestigt hatte. Am Fue des Berges, in einer Laube saen fnf
Musikanten, die von Blaseinstrumenten eine weiche, fr Gartenrume zweckmige
Musik auffhrten. Olga sorgte dafr, da diese Leute Erfrischungen bekamen. Die
Mutter achtete nicht solcher Dinge, die ihr kaum einfielen und die, wenn man sie
daran erinnerte, immer Veranlassung gaben zum Streit. Denn sie hatte dann immer
dieselbe Sache lngst bedacht, aber natrlich ganz anders und viel besser
ausfhren wollen.
    Die Gesellschaft wandelte im Garten auf und ab, bald vereint, bald
zerstreut. Olga galt fr ein Kind, man nahm wol Notiz von ihr, aber scheute sich
nicht, ein Gesprch abzubrechen, wenn sie sich nahte. Sie streifte an den Beeten
entlang und schlo sich Niemanden an. Rudhard verbot ihr diese Isolirung und
sagte ihr im Vorbergehen, sie msse sich an die Mutter halten.
    Wird sie mich denn wollen? fragte sie und warf die groen Augen sicher und
fest auf Rudhard, der ihr keine weitere Antwort darauf gab; denn er blieb im
Vorbergehen mit der Prpstin nicht stehen, wie sie. Sie sah ihm eine Weile nach
und wandte sich dann, gedankenlos hin- und herirrend und Manchem, der mit ihr
sprechen wollte, nicht einmal Rede stehend, wieder zu den Musikern. Unter diesen
war ein alter Mann mit weiem Barte. Er blies das Waldhorn ...
    Wre Das ein Harfner, sagte eine Stimme hinter ihr, als sie an der Laube
stand und die Notenbltter der Leute musterte, so wrde man an Mignon und den
Alten erinnert werden.
    Es war Dankmar, der diese hnlichkeit fand, und alle Damen stimmten ein ...
    Was wute Olga vom Harfner und von Mignon! Was hatte sie von dem Gesprch,
das die weiterwandelnde Gesellschaft ber Goethe und Wilhelm Meister und die
Bekenntnisse einer schnen Seele begann! Sie folgte dem Zuge der Lustwandelnden,
kaum theilnehmend am uerlichen, noch weniger an dem Gegenstand des Streites,
der sich sogleich zwischen Dankmar und der Trompetta ergab ber Goethe, ber
Wilhelm Meister, ber die Bekenntnisse einer schnen Seele, ber Alles
durcheinander ... Anna von Harder fate Olga's Arm und lie sich von ihr fhren.
Was verstand noch Olga, stilltrumend wie ein unerschloner Blumenkelch, von den
Worten, die eben die sanfte Frau zu Dankmar's Freude sprach:
    Liebe Trompetta, sagte Anna von Harder. Verurtheilen Sie den groen Dichter
seiner Unchristlichkeit wegen nicht! Sagen Sie auch nicht, er wre unwrdig
gewesen, durch die ohne Zweifel von ihm wrtlich aufgenommenen Gestndnisse des
Fruleins von Klettenberg sein schlimmes und wie Sie es nennen, frivoles und
unsittliches Buch zu schmcken. Da Goethe diese glaubensstarke Natur in seine
Dicht- und Denkweise eintreten lie, ganz unverbunden, ganz unzusammenhngend
mit dem Werke, das er uns geboten hat, beweist nur, wie er doch wol einen tiefen
Blick fr alles Ursprngliche im Menschen hatte und uns in den krausen und
wilden Erlebnissen des jungen Meister nur das Leben selber geben wollte in
seiner Rckwirkung auf die groe Mannichfaltigkeit menschlicher Charaktere. Da
lie er denn auch jenes Frulein gelten, nicht um der Frmmigkeit, sondern um
ihrer Eigenheit willen. Ich fhle, da man jenem Buche vom Standpunkte der
Erfindung aus viel Schlimmes nachsagen kann, aber Menschen sind es doch, die da
durcheinandergehen, Situationen sind es doch des wirklichen Lebens. Man sieht
Das ordentlich und erlebt es mit. So pate auch das fromme Frulein ganz hier
herein, diese wunderliche Seele, der ich eigentlich nicht einmal recht zugethan
bin.
    Was? rief die Trompetta, Sie tadeln die schne Seele? Das Kleinod aller nach
innengewandten Herzen seit einem halben Jahrhundert?
    Tadeln? sagte Anna sehr ermuthigt, welch' hartes Wort! Ich sage nur, da ich
sie nicht von Herzen lieben kann.
    Nun, Das ist wunderbar! erstaunte die Trompetta und bat um Aufklrung, indem
sie fast die Hnde faltete. Alle waren gespannt.
    Ich finde, sagte Anna gesammelt und ruhig, da dies Frulein eigentlich
recht eigenwillig ist. Sie nimmt sich das so vor, einmal in Gott ihren einzigen
Freund zu suchen und weist, fast kalt, fast gleichgltig, alle Zweifel, alle
Sorge, alle Lehre der Menschen zurck. Sie bricht mit ihrem Verlobten, wie er
mit ihr bricht. Sie sagt ihm: Magst du mich, so mag ich dich. Magst du mich
nicht, so mag ich dich auch nicht. Ich gestehe Ihnen, da eine solche
Ergebenheit in die Wege des Schicksals bis an's Fahrlssige grenzt. Und weil ich
doch aus ihrer Erzhlung herausfhle, da sie keineswegs in andern Dingen
fahrlssig, sondern eifrig, emsig ist, so kann ich mich nicht erwehren, sie
sogar fr ein ganz klein wenig trotzig zu halten und ich glaube, ihr alter Onkel
schickt ihr seine kleinen Nichtchen deshalb so selten auf ihr einsamgelegenes
Schlchen, nicht weil er frchtet, da die kleinen Mdchen bei ihr
herrnhutherisch werden, sondern weil sie ein reizbares und recht apartes altes
Jngferchen ist.
    Die Mnner billigten diese eigenthmlich vorgetragene, fast wie zwischen
Zerbrechlichem mit verbundenen Augen behutsam auftretende Auffassung vollkommen
und Rudhard wollte sogar noch weiter gehen und wieder von seiner beliebten
Muckerei anfangen ...
    Nein, nein, sagte Anna mit freundlicher Drohung, weiter nicht! Sie sollen
auch gar nicht loben, Herr Pfarrer; ich bin Ihnen doch noch etwas bs mit Ihrem
Don-Quixote!
    Dankmar bekam von den Andern die Aufklrung ber diese Erwhnung des
Don-Quixote ...
    Da ich Recht habe, gndige Frau, sagte Rudhard, besttige Ihnen der Anblick
da oben!
    Die Gesellschaft war nmlich wieder an den Anfang des Gartens gekommen, dem
zur Seite der Hof mit einem Wirthschaftsgebude, einer Remise und dem Stalle
lag. ber dem Stalle war ein kleines, zwar lngliches, aber niedriges
Mansardenfenster. Es war offen. Ein Mann in weier Piqujacke sa an dem
Fensterbret und las mit aufgesttztem Kopfe tief in einem Buche verloren ...
    Alle lachten; denn sie waren berzeugt, da dies Peters war, der eben den
Don-Quixote las ...
    Nun, rief Dankmar hinauf, hat Saul den Esel seines Vaters gefunden?
    Peters, der die Anspielung auf seine Bibel und die Begegnung im Park von
Solitde nicht verstand, fuhr erschrocken auf und wollte sich zurckziehen ...
    Ei, so bleibt doch, Peters! sagte Rudhard hinauf zu dem in grter
Verlegenheit nach dem Kopf greifenden Peters, der nicht wute, wie man ohne
Mtze oder Hut gren sollte. Mit wem hat es denn jetzt der tolle Junker?
    Peters lachte nur mit verklrtem, abwesendem Angesicht.
    
    Dankmar wollte etwas von der Kathrine hren ...
    Ich wette, sagte Siegbert, als Peters nicht antwortete, er besinnt sich, ob
Kathrine eine von den Mgden ist, die dem Junker Don-Quixote fr Edelfrulein
gelten ...
    Kennt Ihr uns denn nicht? sagte Dankmar.
    Nun erst besann sich Peters und kam grend aus seiner Lektre wieder in den
Zusammenhang mit der Welt. Alle lachten und muten dem Pfarrer besttigen, da
er ein vortreffliches Mittel gefunden hatte, einen eiferschtigen Mann von
seinen Grillen abzubringen. Man kehrte auf das Parquet zurck und folgte der
Aufforderung, von dem Fruchttische zu genieen, den man nicht genug bewundern
konnte.
    Olga entzog sich verschmt allen Lobeserhebungen ber Das, was Rudhard heute
fr ihre Idee und ihre Schpfung erklrte. Man fand das eigene Mdchen allgemein
schn, liebenswrdig und sagte, als sie sich entfernt hatte, der Mutter
mannichfache Artigkeiten ber ein Kind, das sich seit der kurzen Zeit ihrer
Anwesenheit so auffallend entwickelt hatte. Die Frstin nahm diese
Freundlichkeiten mit jenem Takte hin, der dem Gebildeten unter allen Umstnden
eigen ist und ihn immer Das treffen lt, was sich nach den allgemeinen Gesetzen
in solchen Fllen geziemt oder am Platze ist. Rudhard sah schon tiefer und
blickte voll Unmuth zur Erde. Er beschftigte sich mit den Kleinen; denn die
Gesellschaft zerstreute sich theilweise im Garten und fing an, sich in
gleichgestimmte Paare aufzulsen, whrend die Frstin und die Gelbsattel's auf
dem Parquet blieben ...
    Der Propst und die Trompetta schienen es auf Siegbert abgesehen zu haben.
Sie nahmen ihn bei Seite und begannen vom Gethsemane. Der Propst rhmte die
ausgezeichneten Bltter dieses Albums, vorzugsweise aber die Farbenskizze
Siegbert's. Einen Vorschlag, den er an sein Lob anknpfen wollte, unterbrach die
Trompetta mit dem Jammer ber das Unglck, das ihr eine Laune des Hofes bereitet
htte. Sie wollte von den Mnnern Vorschlge hren, wie sie ihre Sammlung zum
Besten eines wohlthtigen Zweckes veruern knnte. Es blieb nichts brig, als
ihr eine Lotterie anzurathen. Sie schlug den Werth des Albums auf den Betrag von
tausend Thalern an und zweifelte durchaus nicht, tausend Loose, jedes zu einem
Thaler, absetzen zu knnen. Das Album sollte zu dem Zwecke einer Einladung und
Ermunterung in den Slen des Kunstvereins aufgelegt werden. Nun aber handelte es
sich um die Verwendung des eingegangenen Geldes. Frau von Trompetta hatte damit
etwas Zeitgemes im Sinne. Sie sprach von den im Kampfe gegen die Demokratie
hier und da gebliebenen oder verwundeten Kriegern und von deren Angehrigen,
fand aber bei Siegbert sowol wie beim Propste lebhaften Widerspruch. Jener
erklrte eine solche Verwendung fr eine politische Demonstration, die er
nimmermehr untersttzen, ja gegen die er sowol wie mancher seiner Freunde, die
zu dem Album beigetragen htten, entschieden protestiren wrde. Dieser konnte
nicht umhin, Siegbert Recht zu geben. Er lehnte zwar jede bereinstimmung mit
Siegbert's politischen Motiven ab, meinte aber doch auch, da die Zeit noch
nicht reif wre, in einer solchen Verwendung des Albums jene Harmlosigkeit zu
erblicken, die denn doch von den Knstlern, die diese Idee untersttzten,
vorausgesetzt wurde ... Zu diesem Streit gesellte sich in diesem Augenblicke
Leidenfrost, der nach seinen Feuerwerksvorbereitungen sehen wollte. Der Propst
wute es so geschickt zu wenden, da er mit Siegbert pltzlich abbog und die
Trompetta mit Leidenfrost allein lie, bei dem sie, da er sehr praktisch war,
noch einige Winke ber ihre Plne zu gewinnen hoffte, so abgeneigt sie ihm
seiner Richtung nach auch sein mute. Man kann sich vorstellen, wie komisch
diese Unterhaltung ausfiel. Leidenfrost hielt durchweg den Ton der Ironie fest,
den die Trompetta, erfllt von ihrem Gegenstande, nicht fhlte. Er rieth ihr
ohne Zweifel die wunderlichsten Wege an und machte die Frau wol nur noch
verwirrter, als sie schon war.
    Der Propst aber sprach sich so misbilligend ber die Ostentation dieser Frau
aus, da Siegbert Vertrauen gewann und das ihm fr seinen Nicodemus gespendete
Lob nicht zurckwies.
    Ich habe eine Idee mit dieser Skizze, sagte der Propst. Ich wnschte wohl,
da Sie Veranlassung fnden, sie in grern Dimensionen und am liebsten al
fresco auszufhren.
    Die Frescomalerei, sagte Siegbert, ist mir noch zu wenig gelufig. Ich habe
darin bungen gemacht, wrde aber kaum wagen, sie vor Jemanden sehen zu lassen
...
    Und dennoch, fuhr der Propst fort, mu man Wnde haben, um sich daran
vervollkommnen zu knnen. Ich schlage Ihnen vor, Ihre Skizze in einer Kirche
auszufhren, die im vorigen Jahre theilweise abbrannte und neuerdings
wiederhergestellt ist. Die Gemeinde ersucht mich, ihr Vorschlge zu einigen
durch Knstlerhand auszufhrenden Zierrathen zu geben. Da sie reich ist, da dem
Bau noch manche Summe zu Gebote steht, so schlag' ich Ihnen vor, die Gemeinde zu
besuchen und sich mit ihr ber diese Idee zu verstndigen.
    Siegbert war von dem Vorschlage sehr angenehm berrascht und fragte nach dem
Namen des Ortes.
    Das groe und reiche Dorf Schnau, auf dem Wege von hier nach Hohenberg.
    Siegbert lehnte das Anerbieten durchaus nicht ab. Er erklrte sogar, da ihm
nichts erwnschter sein knnte, als die ersten Proben der Technik, die er sich
in der Frischmalerei erworben htte, an einem Orte zu versuchen, wo er die
allzustrenge Kritik nicht herausforderte.
    Das ist sehr weise gedacht! sagte der Propst. Reisen Sie hin! Beginnen Sie
das Werk!
    Sie vergessen, Herr Propst, sagte Siegbert, da diese Unternehmung nur im
warmen Sommer begonnen werden kann.
    Das ist wahr! besann sich knstlich der gebte Kunstkenner. Allein man macht
vorlufig seinen berschlag, Sie prfen die rtlichkeit, Sie nehmen mit dem
Vorstande der Gemeinde Rcksprache. Auch wt' ich sogleich eine Veranlassung,
sich in Schnau den Leuten werthvoll und angenehm zu erweisen. Man wnscht bei
der Einweihung der Kirche, die am Martinstage stattfinden soll, die
Wiederherstellung einiger glcklicherweise aus dem Brande geretteter Bilder aus
der altdeutschen Schule. Ich entsinne mich, bei frheren Inspektionsreisen in
der Schnauer Kirche zwei vortreffliche Kranach's und einige Bibelscenen gesehen
zu haben, die, wenn nicht von Albrecht Drer selbst, doch aus seiner Schule
sind. Zu dem neuen frischen Anblick der wiedererrichteten Kirche wnscht man
diese Bilder so lebhaft und anmuthig als mglich zu restauriren. Auch dafr,
hab' ich gedacht, entschiede sich gewi Ihre kundige Hand und Sie nhmen die
Entschdigungen mit, die man Ihnen dafr bieten wrde.
    Siegbert freute sich der wohlwollenden Vershnlichkeit, die aus diesen
Anerbietungen des Propstes zu sprechen schien und drckte ihm unverhohlen die
angenehme berraschung aus, die er ber diese Antrge empfand.
    Bester Freund, setzte Gelbsattel mit einem eigenthmlichen kaustischen
Ausdrucke hinzu, bis zu dem Tage, wo Ihnen das Obertribunal in letzter Instanz
eine Million zu Fen legt, drfte es noch ziemlich lange hin sein.
    Glauben Sie nur nicht, sagte Siegbert, da ich irgendwie die sanguinischen
Hoffnungen meines Bruders theile! Ich darf mich natrlich seinen Unternehmungen
nicht entziehen und lasse Das, was eine gewisse Wahrscheinlichkeit fr sich hat,
ihm zu Liebe gern fr Gewiheit gelten. Seh' ich doch, da ihn diese
Angelegenheit nicht lssig, sondern im Gegentheil eifrig macht. Sie schlgt in
sein Fach, sie nhrt seine Studien. Und ich selbst finde wenigstens Den Gefallen
an den Verhandlungen, da ich mich des berblickes der Zeiten erfreue, an
vergangene Zustnde meiner Familie zurckdenke und an den groen Widersprchen
der Verhltnisse, die unser Leben erfllen, einen persnlichen Antheil habe.
    Dies Vergngen wird Ihnen aber viel Geld kosten! warf Gelbsattel etwas
bitter hin ...
    Das ist wahr, sagte Siegbert, wir mssen schon jetzt Opfer bringen und haben
alle Ursache, uns einzuschrnken. Sie sehen mich auch deshalb nicht abgeneigt,
eine Gelegenheit zu ergreifen, mir meine Kunst ergiebig zu machen. Leider
fesseln mich fr den Augenblick so viele Dinge ...
    Schtteln Sie doch diese Fesseln ab! sagte der Propst. Ihr jungen Mnner
lebt in einer glcklichen Zeit! Welche Mhe hatten wir einst, unsre Wnsche
auszufhren, unsre Wirkungskreise zu verndern! Jetzt reist Das hin und her; im
Fluge ist man unter andre Verhltnisse versetzt. Ein junger Geistlicher,
Oleander, hrt heute von einem Vikariat in Plessen, von der unbesetzten Stelle
des einige Zeit beurlaubten Pfarrers Stromer; morgen ist er schon unterwegs und
tritt dieses Amt an, das ihm den Weg zu besseren mtern bahnen soll ...
    Oleander? fragte Siegbert, der den Namen schon oft, auch einigemale
sonderbarerweise von Louis Armand gehrt hatte. Irr' ich nicht ...
    Sie werden Manches von ihm gelesen haben ...
    Es ist der Verlobte ...
    Meiner ltesten Tochter? Glauben Sie Das nicht! Wo junge Mdchen sind,
stellt sich sogleich bei jedem mnnlichen Besuche ein solches Vorurtheil ein. Es
ist wahr, ich habe diesen Oleander gehoben. Er hat das
Sabbathspredigerstipendium in der Dreieinigkeitskapelle, er geniet manchen
Vortheil, der fr seine Jahre und Einsicht unverhltnimig ist; da zeigt er
sich auch als Einen der Undankbaren und Vermessenen, die Alles nur sich selbst
danken wollen, reit sich von den behaglichsten Verhltnissen los und bernimmt
jenes elende Vikariat -
    Siegbert war fast im Begriff, diese Handlungsweise Oleander's edel und schn
zu nennen, als ihr Gesprch durch eine Strung unterbrochen wurde. Sie waren dem
Hause wieder nher gekommen, als Siegbert am Gitter des Gartens im Hofe einen
jungen Soldaten erblickte, der schchtern die Thr ffnete und sich nach
Jemanden, den er zu suchen schien, umsah. Siegbert ging zu dem jungen Soldaten
hinber, um ihn nach seinem Anliegen zu fragen. Dieser trat mit dem schnen
Anstande, der einem gebildeten Krieger eigen ist, nher, fate an seinen Tschako
und wnschte Herrn Dankmar Wildungen zu sprechen.
    Warten Sie einen Augenblick! sagte Siegbert und empfahl sich dem Propste. Er
wollte den Bruder im Garten suchen.
    Da trat ihm dieser aus einem schattigen Gange, Frulein von Flottwitz
begleitend, schon entgegen. Er erkannte sogleich den Sergeant Heinrich Sandrart,
dessen sich der Major von Werdeck fters zu Auftrgen bediente bei der nhern
Beziehung, die zwischen diesem Offizier und den Brdern seit einiger Zeit
besonders durch Leidenfrost eingetreten war ...
    Heinrich Sandrart, der etwas leidend aussah, berreichte Dankmarn ein Billet
von dem Major. Whrend dieser las, trat Frulein Wilhelmine dem Sergeanten nher
und fragte:
    Garde?
    Garde!
    Erstes Regiment?
    Zweites Regiment!
    Dritte Compagnie?
    Dritte Compagnie!
    Lieutnant von Aldenhoven?
    Sandrart mute alle Fragen der unterrichteten, kriegskundigen
Offizierstochter fast zustimmend beantworten.
    Dankmar trat nher und sagte dem Sergeanten:
    Eine Empfehlung an den Major! Sehr erwnscht. Wir wrden die Ehre haben, ihn
zu erwarten.
    Damit legte Sandrart die Finger an den Tschako und wollte sich entfernen zum
Entzcken der Flottwitz, die sich an seiner Haltung und dem Hereinragen auch des
Militairischen in dieses Fest nicht genug weiden konnte. Aber schon hatten auch
Paulowna und Rurik von einem Soldaten gehrt, waren herbeigesprungen und
betasteten diesen Krieger, seinen Sbel, die Aufschlge seiner Uniform, die
Tressen, wie den Schmuck einer Figur ...
    Sie sind Heinrich Sandrart? fragte Dankmar.
    Zu dienen, mein Herr!
    Es ist schon einige male, da wir uns sahen; Sie blasen die Flte, sind
fleiig, wollen Ihr Fhnrichexamen machen?
    Hat Ihnen Das der Major gesagt?
    Der Major hlt groe Stcke auf Sie!
    Er verdient, da sein Bataillon fr ihn durch's Feuer geht.
    Die Flottwitz hatte etwas auf der Zunge, was sie auszusprechen durch die
Kinder verhindert wurde. Olga, die das Gesprch in der Ferne beobachtet hatte,
war gleich so wohlwollend gewesen, ein Glas mit Wein fllen zu lassen, es auf
ein lackirtes Bret zu stellen, ein Stck Kuchen hinzuzulegen und den Kindern zum
berbringen an den hbschen Soldaten zu bergeben. Diese faten den Teller Beide
zugleich an und trugen ihn behutsam, doch nicht ohne bedeutende Schwankungen und
Verschttungen. Dankmar redete Sandrart zu, zu nehmen und wollte Olga einen
freundlichen Blick zuwerfen; doch war Olga schon wieder verschwunden ... Es
trieb sie eben wie ein Irrlicht unruhig bald da-, bald dorthin, ruhelos, unstt,
wie ihre dunklen Augen selbst hin und wieder gingen ...
    Die dritte Compagnie steht in keinem guten Rufe; sagte die Flottwitz.
    Wer sagt Das? antwortete Sandrart.
    Die ganze Armee!
    Sandrart schwieg. Es lag auerhalb der Disciplin, hier Ansichten
auszusprechen.
    Ein guter Soldat, fuhr die Flottwitz begeistert fort, soll treu seinem
Knige dienen, treu der Fahne, auf die er geschworen hat.
    Sandrart a in steifer Haltung seinen Kuchen, trank seinen Wein und schwieg.
    Die Ehre des Kriegers, fuhr das gerthete, jetzt flammende Mdchen fort, ist
der Gehorsam. Wenn sich die Bande der Disciplin lockern, wird die Kraft eines
Heeres gelhmt. Das unsrige hat seine Schlachten nicht dadurch gewonnen, da ein
Jeder dazwischen redet und vom Volke fabelt, sondern dadurch, da es fr seinen
Knig Blut und Leben dahingab und seinem Vorgesetzten selbst dann gehorchte,
wenn eine Armee auch nur unter den Waffen steht und zusehen mu, was die
Weisheit seines Frsten so oder so beschliet.
    Sandrart schwieg.
    Krieger, fuhr das seltene Mdchen, die in der That den Namen einer neuen
Jungfrau von Orleans verdiente, fort, Krieger, die sich von der Demokratie irre
machen lassen in ihrer Pflicht, verdienen den Namen der Tapfern nicht. Sie
schnden die glorreiche Uniform, die sie tragen. Sie verletzen ihren Eid, den
sie dem Frsten geschworen, und ein Eid ist heilig, heilig wie das Evangelium.
Sagen Sie Das der dritten Compagnie, die eine Fahne trgt, die von Kugeln
zerfetzt ist in zwanzig Schlachten, eine Fahne, die eine Ahnin des kniglichen
Hauses selbst gestickt hat!
    Sandrart wischte sich den Mund, trat einen Schritt zurck und machte seine
Honneurs, um zu gehen. Die Kinder gaben ihm bis auf die Strae das Geleite. Der
junge Soldat hatte nichts erwidert, nichts politisirt ... er schwieg.
    Dankmar aber mute, als er mit dem Frulein allein war, in ein lautes Lachen
ausbrechen.
    Bestes Frulein, sagte er; in Ihrer Rede war fr meinen verlorenen
unglcklichen Standpunkt jedes Wort ein Lustspiel, aber auch fr den tragischen
Standpunkt dieses jungen Mannes keine Tragdie!
    Wie so? fragte Wilhelmine mit einer Migung, die im Widerspruche zu ihrer
aufwallenden Mahnung an die berchtigte dritte Compagnie des zweiten
Garderegimentes stand.
    Sie gingen wieder allein, Beide dem dunkeln Gange zu.
    Dies Paar war heute zum ersten male in eine persnliche, durch Gesprch
verbundene Beziehung gekommen und wunderbar rasch, wie zwei chemische Stoffe,
die sich vereinigen, um zu explodiren, hatten sie sich whrend des Festes
gesucht und gefunden. Es gibt Begegnungen, die gleich bei der ersten Begrung
das Facit lngst angelegter Beziehungen sind. Dankmar und Frulein von Flottwitz
kannten sich, ohne sich gesprochen zu haben. Sie gewannen sogleich eine
Vertraulichkeit, die schnell ber die ersten Vorbereitungen einer Verstndigung
hinausging. Da das junge Mdchen etwas vorstellte und bedeutete, da sie ein Ziel
und Streben hatte, so mute sie dem jungen Manne von Interesse sein. Nichts
krzt ja die Verlegenheiten, die man der unbestimmten Gefhlswelt und der
geheimnivollen Existenz eines Frauenherzens gegenber empfindet, so sehr ab,
als wenn ein weibliches Wesen doch auch einmal ein wenig mehr ist als nur eine
bloe Tabula rasa, die erst die Liebe, die knftige Begegnung mit dem Manne, der
sie whlt, mit Charakteren beschreibt. Anders wenigstens ist es kaum zu
erklren, wie sich Dankmar und Friederike Wilhelmine so schnell in eine gewisse,
Allen auffallende Vertraulichkeit fanden ...
    Sie haben, sagte Dankmar, diesen jungen Soldaten wie eine Puppe von Holz
behandelt und ich kann Ihnen die Versicherung geben, da das trotz seines
Schweigens ein sehr gebildeter Mensch ist. Er blst die Flte, liebt die
Empfindsamkeit, denkt schwrmerisch, macht leidliche Verse, hat Kenntnisse in
allen Fchern und ist der Erbe eines sehr bedeutenden Vermgens. Er nahm den
Wein und Kuchen mit einem Anstand, den Sie mssen gewrdigt haben. Er htte gern
gesagt: Ich bin kein Bettler, kein Bote, ich bin ein freier Mann und ich
schweige auch zu den Ermahnungen des Fruleins nur, weil sie wunderschne blonde
Locken, einen reizenden Teint, sprechende dunkelblaue Augen, kirschrothe Lippen
und Zhne wie von Elfenbein hat!
    Spotten Sie, rief Wilhelmine fast erbebend und warf einen ihrer in der That
schmelzenden Blicke ernst und vorwurfsvollzitternd auf Dankmar, den sie ohne
Zweifel in Folge der Gesetze von der Polaritt seit der Begegnung an der
Terrasse von Solitde fast zu lieben schien ...
    Ich spotte nicht, Frulein! sagte Dankmar mit seinem gewohnten feinen
Lcheln. Ich kann mir keine reizendere Form der Bellona denken. Sie haben etwas
von einer Hohenpriesterin Ihrer berzeugung! Und aufrichtig gestanden, ich gnne
unsern Lieutenants, wie sie so kommen und gehen und das Trottoir der Residenz
beherrschen, nicht die Poesie, die in Ihrer enthusiastischen Vertheidigung der
reactionairen Staatsprincipien liegt!
    Es geht mir mit Ihnen fast ebenso, sagte das junge Mdchen beklommen,
schchtern und hocherrthend. Ich gnne den Demokraten nicht, da Sie zu ihnen
gehren.
    
    Dankmar warf die Augen flchtig in die Runde, ergriff ihre linke Hand, kte
sie rasch und erwiderte:
    Bekehren Sie mich, Frulein!
    Wilhelmine zuckte zusammen. Sie lie die Hand in Dankmar's Rechten; er mute
fhlen, da sie zitterte ...
    Ihr Bruder, sagte sie nach einer Weile sich sammelnd und die Hand wieder
zurckziehend, Ihr Bruder schwrmt ber die Gesellschaft und verfolgt bunte
Trume, die sich nie verwirklichen werden. Sie aber sind viel schlimmer. Sie
haben Ihren Geist wie ein Arsenal mit lauter feindseligen Waffen gegen das
Bestehende ausgerstet. In Ihrem Kopfe leben nur Mordgewehre, Dolche,
Barrikaden. Jedes Wort, das Sie ber ffentliche Dinge sprechen, klingt mir wie
Hohn in's innerste Herz. Es ist die Trommel des Aufruhrs, die Sie rhren, und
mich schmerzt es, da Sie vielleicht in Verbindungen stehen, die Ihnen
gefhrlich werden knnen. Was haben Sie mit diesem unglcklichen Werdeck zu
thun?
    Wir treiben zusammen Schdellehre, sagte Dankmar. Er hat einen prchtigen
Kopf, der mich physiognomisch unterhlt und ihn unterhlt wieder mein Kopf. So
befhlen wir uns gegenseitig und sagen uns phrenologische Schmeicheleien.
    Weichen Sie mir nicht aus! Ich wei sehr wohl, wie Sie mit Werdeck bekannt
geworden sind.
    Wie denn, mein Frulein?
    Sie ritten mit Lasally, Aldenhoven und einigen Offizieren vor mehren Wochen
nach Burgheim. Nicht wahr?
    Sehr oft thun wir Das.
    Eines Tages begegnete Ihnen zu Pferde Werdeck ...
    Sehr oft begegnet er uns ...
    Er schlo sich Ihnen an. Es gab Unterhaltungen und zwei Parteien. Sie und
Werdeck bildeten die Minoritt. Es entstand Bekanntschaft, Verstndigung,
Freundschaft ...
    Und zuletzt eine Verschwrung? Nicht wahr?
    Bewahre Sie der Himmel davor! Ich warne Sie vor Werdeck. Erschraken Sie nie
vor seinem unheimlichen Auge? Oder fesselt Sie doch nicht die wilde
Leidenschaftlichkeit seiner Frau?
    Ah! Ich htte nie geglaubt, da die Inquisition so schne Dienerinnen hat,
wie Sie, Frulein Wilhelmine ...
    Ich habe mehr von Ihnen und Ihren Umgebungen gehrt, als ich Ihnen
wiederholen mchte ...
    Was wissen Sie von mir und jener Frau?
    Der Majorin von Werdeck?
    Ich hoffe, Sie wissen, da ich sie noch in meinem Leben nicht gesprochen
habe. Mein Bruder malte ihr Bild und a zuweilen bei den Werdeck's polnische
Pirotkis.
    
    Und Leidenfrost? Dieser Aufwiegler der Werksttten, dieser Fhrer der
Handwerker, dieser cynische Robespierre ...
    Steht in einer geheimnivollen, mir dunkeln Beziehung zu jener Familie, das
ist wahr. Aber ich glaube nicht, da dabei die Politik eine Rolle spielt ...
    Die gefhrlichste! Die Verbindung mit Polen soll in jenem Hause unausgesetzt
unterhalten werden. Der leidenschaftliche Katholicismus der Majorin ist der
Deckmantel ihrer wahren Gesinnung. Man wei, da sie Seelenmessen fr Menschen
lesen lt, die in Sibirien gestorben sind. Durch Klosterverbindungen
verstndigt man sich mit Denen, die in Krakau und Warschau nur auf den
Augenblick harren, um - doch wovon unterhalt' ich Sie!
    Ich staune, Frulein! rief Dankmar, dem alle diese uerungen bertrieben
und verleumderischen Entstellungen nacherzhlt vorkamen. Welche Chronik!
    Trennen Sie sich von diesen Umgebungen! sagte das Frulein drngend und mit
groer Innigkeit. ber Allen, die mit Werdeck verkehren, zieht sich eine
mchtige dunkle Wolke zusammen ... Ihr Proce, Herr Wildungen- wten Sie nur,
was man davon spricht!
    Ich lausche mit Spannung ...
    Wolle der Himmel verhten, da Sie jemals diese groen Reichthmer gewnnen!
Sie wrden sie nur dazu anwenden, die Revolutionen aller Staaten zu
untersttzen.
    Ah so! Nein, mein Frulein! Ich wrde sie nur dazu anwenden, einmal irgend
ein Wesen, das ich liebe, mit allen Reizen des Glckes zu umzaubern. Ich baute
diesem Wesen Villen, hngende Grten, Palste ... Aber im Ernst, Frulein, sind
diese Gesinnungen der Loyalitt, die Ihre schne Stirn mit einem Heiligenschein
umgeben haben, wirklich Ihre innersten berzeugungen? Ich wei es, ich frage
fast so dreist, wie man eine Prophetin fragen wrde, ob sie wirklich an den Gott
glaube, von dem sie sich ergriffen erklrt? Aber wir haben denn doch die Bcher
der Geschichte aufgeschlagen vor uns liegen. Sie sind doch auch den Frauen
zugnglich und ich wei es, die Bildung ist Ihnen, mein Frulein, ein theures
Wort. Sagen Sie mir nur um's Himmelswillen, kennen Sie denn Das nicht, was wir
Mnner Kritik nennen? Es ist Ihnen also unmglich, die Zeit im Groen und Ganzen
aufzufassen und zu fhlen, da Ihr und Ihrer Genossen Wirken und Denken eine
reine Selbsttuschung ist?
    Frulein Wilhelmine bat Dankmar, auf einer Bank, die ziemlich am Ende des
Gartens unter dem Weinlaubdache stand, Platz zu nehmen. Sie setzten sich ...
    Sie sagen, begann sie gesammelt und mit einem Sonnenschirme spielend, da
Ihnen etwas an uns unbegreiflich ist und wir sind in dem gleichen Falle ber Sie
und die Ihrigen. Kann man gemeinschaftliche Sache mit Menschen machen, die die
Fackel der Emprung anzndend nur Verwirrung wollen, um sich zu bereichern oder
zu Ehrenstellen aufzuschwingen! Wie schonungslos hat man zerstrt! Forschen Sie
den Tonangebern nach! Es sind meist nur ruinirte, zweideutige Mitglieder der
Gesellschaft. Kann man Freiheit da finden, wo nur die Rohheit und
Sittenlosigkeit das Recht bekommt, glnzende Gewnder um sich zu werfen! Sehen
Sie die kecken Gebehrden der verworfensten Individuen, die es jetzt wagen, der
Sitte und dem Anstande Hohn zu sprechen. Kann man wnschen, da je die
Gesellschaft diesem Pbel preisgegeben wird, diesem Pbel, der in meinen Augen
auch unter den Menschen steckt, die uerlich anstndig gehen. Man whlt nur, um
seiner jmmerlichen, ehrgeizigen und habschtigen Leidenschaften willen.
    Die Musik spielte in der Ferne. Die Kinder jagten sich. Die Paare wandelten
auf und ab. Man mied das von seinen Frchten befreite Weinlaubdach ...
    Dankmar, dem diese Unterhaltung von psychologischem Interesse war und dem
die Situation einer Verstndigung zwischen zwei so verzweifelten Gegenstzen,
wie sie von ihm und diesem Frulein vertreten wurden, fesselnd erschien,
erwiderte:
    Sie sind in diesem Augenblicke viel aufrichtiger gegen mich, als Sie es
gegen die Welt sind.
    Wie so? fragte Wilhelmine.
    Der Welt gegenber stellen Sie die Hingebung an den Thron und die Interessen
der absoluten Monarchie wie etwas Ursprngliches dar, wie eine Art Religion;
whrend Sie doch eben verriethen, da dies System, wie ich es nennen mchte, nur
die Folge einer sehr klug angestellten Reflexion ist.
    Welcher Reflexion?
    Sie fhlen, da mit der Demokratie in der Art, wie sie Ihnen erschienen,
nicht gut zu leben ist und verwerfen sie deshalb ohne Weiteres, indem Sie eine
Anbetung der Monarchie, eine Vergtterung der Hebel derselben befrdern, die das
bel, das Sie bekmpfen wollen, nur rger machen wird.
    Man mu dem Throne Kraft geben, den Arm der Frsten strken, die
Brgschaften der Ordnung befestigen!
    Alles Politik! Alles Reflexion! Durchaus keine Religion, durchaus keine
Andacht! rief Dankmar und rckte seiner Gegnerin nher, indem er einige welke
Weinbltter, die auf ihren Nacken gefallen waren, weglas ...
    Nennen Sie es Tugend, wenn man sich dahin stellt, wo man die Gefahren der
Gesellschaft abgewendet sieht! antwortete das Mdchen bestimmt und von Dankmar's
Spiel durchrieselt.
    O nein, Das nenn' ich Instinkt, Selbsterhaltungstrieb, erwiderte Dankmar und
nahm ihr wie spielend den Sonnenschirm aus der Hand. Mein bestes Frulein, Sie
vertheidigen sich nicht gut. Sie mssen so, wie Sie einmal sind, sagen: Ein
Demokrat ist das nicht relativ, sondern absolut Verwerflichste, und die Liebe,
die ich zum Knige, zu den Prinzen, zu den guten Ministern, zu dem Adel, zur
Armee habe, die ist etwas Unerklrliches, die entspringt aus dem Gefhle, das
einst die Christen trieb, das Kreuz zu nehmen und in's gelobte Land zu ziehen.
Sie zerstren mir ja durch Ihre Theorie den ganzen Heiligenschein, den ich um
Ihre schnen Locken erblickte.
    Wilhelmine sah gedankenvoll empor. Es durchbebte sie etwas von einem
Gefhle, von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben wute. Sie ahnte fast, da
Dankmar fr sich Recht hatte. Sie konnte ihm nur nicht sagen, da es eins der
schmerzlichsten Gefhle, das die Seelen unserer Zeit zerreit, genannt werden
mu, Menschen, die man liebt und verehrt, in Ansichten gefangen zu sehen, die
man selbst nicht theilen kann. Sie hatte sich im Stillen auf Dankmar's
Standpunkt gestellt, mit ihm verhandeln, ihn in ihre Gedankensphre hinber
ziehen wollen und nur deshalb fr etwas, was allerdings auch in ihr rein
ursprnglich, wie eine visionre Anschauung lag, uere Grnde des Verstandes
gesucht. Sie sagte:
    Darf ich denn wagen, mich Ihnen so zu geben, wie ich bin, ohne von dem
strkeren Geiste verspottet zu werden? Ich sehe, Ihre Menschenkenntni fhlt mir
vollkommen die Empfindungen nach, die meine wahren sind. Sagen Sie mir aber Das:
Warum ergreift Sie nur nicht auch das Gefhl, Ihren Knig geehrt und mchtig zu
sehen, seinen Herrscherblick vielleicht auf Sie selbst niederzulenken, die
Fahnen unserer Krieger stolz entfaltet zu schauen, von unsern Schlachten zu
lesen und sich glubig, nichtig, ergeben zu fhlen in dem groen, gefeierten,
heiligen, aber von Andern geleiteten Ganzen, das man den Staat nennt?
    Das will ich Ihnen sagen, mein Frulein! antwortete Dankmar ernst und voll
Antheil. Die Geschichte und das Leben haben mich gelehrt, da die groen Ideen
nur an der Wiege, als sie geboren wurden, unschuldig und heilig waren. Das
Christenthum war unschuldig und heilig, als es in Galila gepredigt wurde. Als
es heranwuchs, gedieh, erstarkte, mute sich der Denker schon wieder von ihm
abwenden. So kann ich in politischen Dingen auch nur die Vasallentreue eines
Bayard unschuldig und heilig nennen, und fr die Dichtkunst haben die
Empfindungen, die in Ihnen, mein Frulein, leben, einen groen, auch mir sehr
bedeutenden Werth. Anders aber ist es auch hier mit der erstarkten Idee der
Loyalitt, wenn auf ihr Institutionen wurzeln, Systeme. Da seh' ich, da zuviel
Lge, zuviel Egoismus von jenen Institutionen in Schutz genommen wird. Ich sehe,
da sich bser Wille, Unterdrckung, Anmaung zu gut bei jenen Systemen
unterbringen lt und mu deshalb auch das Gute, das ihnen zum Grunde liegen
mag, leider zerstren, der Schlupfwinkel wegen, die das Bse hier im Guten
findet. Ich bin nicht blind fr die Fehler der Revolution. Auch sie war an ihrer
Wiege in Rousseau's Schriften ein reiner keuscher Gedanke. Man kann nicht reiner
und unschuldiger ber den Staat denken, als damals gedacht wurde, als im
Enthusiasmus fr Freiheit und Gleichheit aller Menschen die Adeligen Frankreichs
ihre Privilegien selbst auf den Altar des Vaterlandes legten. Aber auch die
Revolution ist entartet, degenerirt. Nun kann der Denker nur in der Mitte stehen
und da seine Hand bieten, wo noch der meiste Rest von der Wiegenunschuld der
Ideen briggeblieben ist und ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, da das
Zeitalter der Revolution jnger als Bayard ist. Die Pflicht der Menschen soll
sich an das Gute der Revolutionen anschlieen, von Nichts aber, bei aller
Nothwendigkeit der Migung, des langsamen Fortschreitens, des Abwgens der
bergnge, von Nichts sich entfernter halten, als von dieser rein vegetativen,
alles Denken verbannenden, instinktmigen Verehrung der Institutionen, die das
neue Zeitalter anzweifelt. Man kann diese Institutionen noch eine Weile sttzen,
man soll es; aber man versndigt sich an Gott, wenn man sie anbetet und z.B. mit
einem Soldaten so spricht, wie Sie es eben mit diesem Heinrich Sandrart gethan
haben.
    Friederike Wilhelmine blieb eine Weile nachdenkend und schwieg. Dann sagte
sie rasch und aufseufzend:
    Wir verstndigen uns nicht!
    Sie erhob sich gerade noch zur rechten Zeit, ehe die ganze Gesellschaft sie
Beide in dieser Situation auf der einsamen Bank berraschte ...
    Es war nun fast sieben Uhr und schon ziemlich dunkel. Jeden Augenblick
erwartete Leidenfrost seine Untersttzung zum Lsen des Bllers und zum
Steigenlassen der Raketen. Die Musiker, die unermdet fortfuhren, sanfte
Harmonieen durch die Bsche hin aus der Laube zu entsenden, hatten schon Licht.
Auch in dem Salon, in den unmittelbar eine Thr des Hauses vom Garten fhrte,
brannten Kerzen. Die Trompetta verlangte von Anna von Harder ein Musikstck auf
dem Klavier. Die Schwester Paulinen's hatte aber ihre Freude meist nur mit den
Kindern und dachte daran, heimzukehren nach Tempelheide. Selbst Siegberten, der
ihr so sympathisch war, mochte sie in seinem Verkehr mit den jngern weiblichen
Anwesenden nicht stren. Man bat, man drngte in sie noch zu bleiben, zu singen,
zu spielen, wenigstens jedenfalls die Raketen abzuwarten. Sie konnte sich denn
der Bitten nicht erwehren und willigte ein, auch am Piano das Duett zu
begleiten, das die Trompetta und Wilhelmine singen wollten. Bald auch erscholl
von den zwei krftigen Stimmen ein Duett aus dem Judas Maccabus.
    Ein krachender Bllerschu unterbrach diesen Gesang und die Aufmerksamkeit
der um den Flgel geschaarten Zuhrer. Zu gleicher Zeit zischte unbekmmert um
die Cadenzen der Trompetta eine Rakete in die Hhe. Die Musik war abgebrochen.
Alles trat in Shawls und Mantillen gehllt hinaus in den schon khlen, jetzt
vllig dunkel gewordenen Garten. Leidenfrost's drei Gehlfen muten angekommen
sein. Die Kinder rannten ber die Beete, die Damen suchten den gnstigsten Ort,
um, sicher vor dem Niederschlag der abgebrannten Prparate, doch von dem
Lichteffekte derselben sich nichts entgehen zu lassen. berall her in den
umliegenden Grten wurde es lebendig. Das Feuerwerk fand Zuschauer, die drauen
am Hinterzaune, der schon in's Feld fhrte, bei besonders gelungenen Effekten
Beifall spendeten.
    Der erste Bllerschu und die Rakete war nur ein Signal. Es folgte nach
einiger Pause ein zweiter und wieder eine Rakete. Dann ein dritter und jetzt
eine Leuchtkugel. Ah! ertnte es in diesem ganzen fashionablen Quartier. Anna
von Harder, die Unruhe und Eile hatte, dachte, ob wohl auch drben die Schwester
sich an's Fenster stellen und an dem Scherze ihre Freude haben wrde? ...
    Leidenfrost legte groe Ehre ein. Erst spielte in ununterbrochener Folge ein
kleines Geplnkel von Leuchtkugeln. Es war wie das Spiel eines Equilibristen,
der Fangblle wirft und aufgreift, ohne da einer von der gewandten Hand
verfehlt wird. Dann kam ein Pot  feu, der pltzlich einen lebendigen Blumenkorb
von Schwrmern vorstellte. Das war ein Zischen, ein Zngeln, Platzen und Knallen
in der Luft. Von diesem Momente hatten die Nherstehenden mehr Genu als die
Entfernteren, denen nur die Leuchtkugeln volles Vergngen gewhrten. Es kamen
deren auch wieder neue, nun mit bunten Lichteffekten, die blau und roth in der
Hhe sich auflsten; andere entwickelten oben noch einen Schwrmer und
ngstigten die im Felde Stehenden; denn der zngelnde Auslaufer der gestiegenen
Rakete suchte gerade sie auf. Nun brannte Leidenfrost, der mit seinen drei
Gesellen und dem einz'gen Lichtchen, das sie auf ihrem dunkeln Berge
unterhielten, einen eigenthmlichen Eindruck machte (fast wie Seeleute, die sich
heimlich ducken, um einen Brander anzuznden), einen Tourbillon ab, der wie eine
herabfallende Fontaine gestaltet, schnurrend in die Hhe fuhr und einen
Feuerregen in unzhligen blinkenden Tropfen niederrieseln lie. Auch Feuerrder
machten einen hnlichen Effekt. Zwei Sonnen, die dicht hintereinander in
Rotation kamen, ergnzten sich in ihren Strahlen, so da sie in der Ferne den
Eindruck einer einz'gen gewaltigen Sonne machten. Zuletzt brannte das Bouquet in
einer fr den kleinen Raum unglaublichen Menge von Schwrmern, Raketen,
Leuchtkugeln und Donnerschlgen ab. Nun gab der Bller noch drei krftige
Schlge und die Herrlichkeit war unter einem unaufhrlichen Tuschblasen der
Musikanten zu Ende.
    Bravo! scholl es von allen Seiten und in der That hatten sich die
Feuerwerker mit Ruhm bedeckt. Leidenfrost's mannichfache Talente hatten sich
auch hier wieder glorreich bewhrt. Die Frstin dankte ihm und ersuchte ihn, ja
dafr zu sorgen, da seine Genossen noch blieben und sich von einer fr sie
bereit gehaltenen Collation nach so khner Arbeit strkten. Alle kehrten in den
Saal zurck, wo sie mit Eis und einer groen silbernen Vase voll gefrornen
Champagners, einer von Olga angegebenen Idee, empfangen wurden.
    Siegbert, der hier und da fast wie der Wirth oder der Sohn vom Hause nach
dem Rechten sah, hatte sich an dem Berge versptet und besprach mit den
Arbeitern das Abbrechen der Zurstungen und den Transport des Bllers, den
Danebrand wie ein Spielzeug auf die breiten Schultern hob und erklrte, ihn so
nach der Willing'schen Maschinenfabrik zurcktragen zu wollen ...
    Wie ist es denn, Herr Wildungen, fragte Alberti bei dieser Gelegenheit, wann
kommt denn der Franzos in unsern Verein?
    Und Sie selbst und Ihr Herr Bruder ... sagte Heusrck. Wollten Sie uns denn
nicht einmal einen Abend schenken?
    Schon lngst, antwortete Siegbert, lngst wren wir gekommen, wenn uns nicht
mancherlei Sorgen in Anspruch genommen htten. Auch gestehen wir Euch, Freunde,
wir haben noch mit uns selbst in Zwiespalt gestanden ...
    Wir waren Ihnen nicht sauber genug ... sagte Alberti ...
    Wo denkt Ihr hin! fiel Siegbert ein. Unser Herz schlgt nur fr die Sache
des Volks. Wir hatten immer ein Ohr, um hren zu knnen, was in Eurer Brust fr
Zeugnisse ber den hheren Werth der Menschen und die Mglichkeit einer
Fortbildung der arbeitenden Klassen leben. Denen sollten wir nicht trauen?
Sollten feige sein und mit unserer Meinung zurckhalten?
    Sie leben unter Frsten und Frstinnen ... lie Heusrck schchtern fallen.
    Und habt Euch doch heute berzeugen knnen, da die Schranke zwischen denen
und uns und Euch nicht mehr gar zu hoch ist! Nein, Freunde, der Grund, warum
Louis Armand, Dankmar und ich zgerten, ist ein anderer. Wir bezweckten ...
    Ihr Kohlenbrenner, geht nun zum Teufel! unterbrach Leidenfrost in seiner
polternden Art die Siegbert'sche Ergieung und zndete sich eine Cigarre an. Da
habt Ihr Jeder noch eine Cigarre - auch Ihr, Danebrand - und nun examinirt uns
nicht lange! Wir werden schon gackern und Euch rufen, wenn unsere Eier gelegt
sind.
    Die Arbeiter lachten, nahmen die Cigarren und zndeten sie an Leidenfrost's
brennendem Glimmstengel an. Danebrand gebehrdete sich dabei ungeschickt genug.
Sie wollten gehen ...
    Nein, nein, sagte Siegbert, die Frstin lt Niemanden von Euch jetzt fort,
ehe nicht der Tisch, der in einem vorderen Entrezimmer gedeckt wurde, ganz
geleert ist. Das sind unerlliche Sachen, die von Olga so vorbereitet wurden
und nun auch nach ihrem Willen ausgefhrt werden mssen.
    Sie meinen wol die Kleine mit den schwarzen gewundenen Flechten, im weien
Kleid ...
    Es ist die Tochter der Frstin ...
    Die ist muthig, sagte Heusrck. Sie stand am nchsten, fast mitten unter den
Schwrmern. Wenn sie nur nicht bse ist, ich habe sie etwas grob zurckgeschickt
...
    Da hat es gute Wege, sagte Siegbert. Am liebsten htte sie wol selbst mit
Hand angelegt. Aber, Freund, Ihr haltet den Bller mit einer Hand ber den
Schultern und raucht mit der andern die Cigarre?
    Die Arbeiter lachten ber Danebrand, der wirklich dies possierliche Bild
eines so zu sagen die Weltkugel tragenden und zu gleicher Zeit rauchenden Atlas
darstellte.
    Stellt ihn herab! Ihr bleibt und leert erst den Tisch und die Flaschen!
    Na! sagte Danebrand, stehen lassen wir den Bller hier nicht! Artillerie ist
jetzt so verlockend wie Baumobst. Die kleine Pfefferbchse knnte mir ber den
Zaun gestohlen werden.
    Danebrand, sagte Leidenfrost, nehmt die Bchse mit zum Tisch und was Ihr
nicht essen knnt, stopft in den Bller hinein und nehmt die wohlschmeckende
Ladung fr morgen mit in die Fabrik!
    Topp!
    Darauf gingen die Arbeiter ein und sagten, sie wrden sogleich kommen.
    Siegbert wandte sich nach vorn.
    Wie er rasch dahin sprang und im Dunkel an einer Gruppe von Hngeweiden
vorber mute, sah er an einer derselben Olga ganz allein an den Stamm gelehnt.
Es war ein kleines Rund, fast abgeschlossen. Die Zweige der Weiden hingen so
dicht und tief, da sie fast um die Stmme herum eine Laube, einen Versteck
bildeten. So halb eingehllt stand Olga an einem Baume, lehnte den Kopf
trumerisch auf den Arm und den Arm an den Stamm. Siegbert erkannte sie nur an
dem weien Kleide. Vorbereilen, sie in diesem ihn rhrenden Bedrfni nach
Einsamkeit allein stehen lassen, vermochte er nicht. Er hielt seinen eilenden
Schritt an, wandte sich zu dem still nachdenklichen Mdchen und sprach mit einem
so weichen Tone, wie er nur von seinem gerhrten Herzen und von seinen Lippen
kommen konnte:
    Olga!
    Das trumende Mdchen hatte ihn nicht erwartet und htte berrascht sein
sollen. Sie war es aber nicht. Sie gab ihm die linke Hand hinber, whrend der
rechte Arm als Sttze des unverwandt ruhenden, vom Sternenlichte milderhellten
Hauptes, am Stamme liegen blieb.
    Olga! Es ist kalt! Gehen Sie nicht zur Gesellschaft? Man musicirt wieder.
    In diesem Augenblick nderte das Mdchen ihre Stellung, wandte ihr Antlitz
ab und Siegberten war es, als hrte er sie schluchzen.
    Er ergriff ihre Hand.
    Olga, was ist Ihnen? fragte er sanft.
    Olga wandte sich und sah ihn mit groen, thrnenerfllten Augen an.
    Sie erklten sich in der Abendluft, Olga! Kommen Sie!
    Olga schttelte das Haupt und lehnte es wieder an den Stamm der Hngeweide.
    War das Fest nicht nach Ihrem Wunsch? Es ging Alles so heiter, so
wohlgeordnet! Warum sind Sie nicht zufrieden?
    Siegbert hatte wieder ihre Hand ergriffen und war so von dem Abende
angeregt, da er Olga leise an seine Brust zog und ihr in's Auge sehen wollte,
um ihr Muth zuzusprechen und Freude, Heiterkeit, Theilnahme.
    Wie sie aber seinem Herzen so nahe sich fhlte, schlug Olga die Arme um ihn
und legte sich so in die seinigen, da er sie halten mute, wenn sie nicht zur
Erde gleiten sollte.
    Unwillkrlich kam es Siegbert ber die Lippen, in sanftem, zrtlichem Tone
zu sagen:
    Olga! Was thust du?
    Liebst du mich? fragte Olga zu ihm aufblickend.
    Olga! Olga! La uns gehen! rief Siegbert durchrieselt von Wonne und
Schrecken ...
    Nein, ich mag keinen Menschen mehr in der Welt sehen, auer dir!
    Man wird uns vermissen! Olga, komm!
    Sie sollen mich in deinen Armen sehen. La mich! La mich!
    Dabei hielt sie sich so fest an Siegbert's Halse, da dieser, von innerster
Empfindung durchbebt, kaum noch wute, wie er sich ihrer und seiner wehren
sollte. Er war zrtlich, er mute es sein, er streichelte ihr Haar und drckte
einen Ku auf ihre Stirn, nur um sie zu beruhigen, sie abzulehnen, zur Besinnung
zu fhren. Aber kaum fhlte Olga die warmen Lippen des angebeteten Freundes auf
ihrer kalten Stirn, als sie ihm mit erneuter Wonne in's Auge blickte und durch
ihre Zrtlichkeit, durch ihr Verlangen nach einer Versicherung auch seiner Liebe
ihn verlockte, auch ihre Lippen mit dem warmen, weichen Munde zu berhren.
    Wie ihm Das so geschehen war, besann er sich und hielt mit pltzlich
erwachender mnnlicher Kraft das liebekranke Mdchen von sich zurck.
    Olga, rief er, was thun wir - sehen Sie die Mutter!
    Er zeigte auf die Thr des Saales, die geffnet war. Geblendet von dem
Lichte eines Armleuchters, den sie in der Hand hielt, stand die Frstin und
suchte im Dunkeln Siegbert oder Olga, vielleicht Beide ...
    Olga, wie von einer bacchantischen Lust und einer jubelnden Schadenfreude
ergriffen, lachte laut, schlang den Arm um Siegbert, zog ihn mit sich und
behielt dabei seine rechte Hand, kte sie und rief:
    Du bist mein! Siegbert! Dich lieb' ich!
    Siegbert, der sonst so Rcksichtsvolle, sonst sich so Beherrschende, hatte
die Besinnung verloren. Er wollte widerstehen und konnte nicht. Er drckte Olga
an sein Herz, schlang den Arm um ihren Nacken und hauchte bebend:
    Meine Olga!
    So standen sie, geschtzt vom Dunkel, eine Weile. Dann ri sich Olga los und
rannte zu dem hellen Hause hin, wie ein flatternder Nachtvogel.
    Siegbert folgte langsam und sprach vor sich hin:
    Verhie dir Das damals die weie Rose?

                                Sechstes Capitel



                               Eine ernste Nacht

Als Siegbert Wildungen wieder bei der Gesellschaft war, sprach er zur
eiferschtig forschenden Frstin Worte, die er nicht bedachte und erwiderte eine
Anrede der Trompetta, ohne sie verstanden zu haben. Er a von dem gefrornen
Champagner, ohne zu wissen, was man ihm bot. Er bereute schmerzlich, was
geschehen war; umsomehr, als er die Wirkung entdeckte, die diese Scene auf die
wie umgewandelte Olga hervorbrachte. Olga trllerte, hpfte, schlug das Piano zu
einem Tanze an, sie sang ein kurzes, rasches Volkslied aus der Ukraine, ein
Kriegslied der Tscherkessen, sie umschlang Anna von Harder und bestellte hundert
Gre an die Perlhhner und trkischen Enten, an die Tauben und die Muse sogar
und Kaninchen, die zu Tempelheide zusammen in einem Kfig hausten. Ja, als die
Gesellschaft aufbrach, als die Wagen vorfuhren, der Propst sich empfahl, die
Prpstin knixte, die Tchter fr den bergenureichen Abend dankten, als die
Trompetta mit Umstndlichkeit nach ihrem Shawl rief, die Flottwitz noch
zerstreutgefesselt mit Dankmar plauderte, war sie bei Allem behend zugegen,
half, schwatzte, lachte, soda die Mutter mit strengem Blicke ihr verbot, so
ausgelassen die Honneurs zu machen und sie in den Schatten zu stellen suchte.
Leidenfrost, der inzwischen auch noch, wie er's nannte, von dem gefrorenen
Zeuge etwas gekostet hatte, erntete noch manchen Lobspruch. Dankmar schttelte
Rudhard's Hand und warf im Vorbergehen noch der Flottwitz die Worte hin: Also,
wir zrnen uns doch? Die junge Freundin der Trompetta konnte aber im Augenblick
gerade nicht antworten, denn die Trompetta dominirte jedesmal, wenn es die
Benutzung ihres Bedienten und ihres Wagens, das Zusammensuchen ihrer Garderobe
galt. Siegbert gab dem Propst die Versicherung, er wrde sich seine geflligen
Vorschlge ernstlich berlegen und mit ihm darber genauere Rcksprache nehmen.
Als er Rudhard die Hand bot, war dieser etwas verstimmt oder wenigstens
nachdenklich. Die Frstin aber trat ihm einen Schritt nher und sagte mit
klagendem Nachdruck und in langgezogenem Ton:
    Sie gehen auch schon?
    Gute Nacht! Gute Nacht! unterbrach Olga heiter und mit einer fast
triumphirenden Sicherheit, gradezu die Frage der Mutter abschneidend.
    Gute Nacht! Gute Nacht!
    Was ist denn? Was soll Das? wandte sich die Mutter streng zu der Tochter.
    Gute Nacht! Gute Nacht! rief Olga wieder und geleitete den Scheidenden
hinaus, noch ehe er der Frstin auf ihren Wunsch, da er bliebe, Rede stehen
konnte ...
    Endlich waren Alle verschwunden. Die Wagen fuhren ab und an dem Gitter
vorber schritten Leidenfrost, Dankmar, Siegbert, hinter ihnen die drei
Willing'schen Arbeiter. Danebrand trug den Bller hoch auf den Schultern ...
Olga begleitete die sich entfernenden und die Hte ziehenden Freunde noch das
Gitter entlang bis zu der kleinen Estrade, wo einst Rudhard den vorbergehenden
Siegbert angehalten hatte. Eine Rose konnte sie dem Freunde nicht nachwerfen.
Die Zeit der Rosen war im Garten vorber; aber in ihrem Herzen war es ein ganzer
Frhling, der ihm folgte. Da brachen alle Knospen auf! Da duftete es wie von
einem Walde voller Blten!
    Als Olga zurckkam, fand sie die Mutter in der gereiztesten Stimmung.
    Ist es schon an und fr sich eine eigenthmliche Leere, die sich meist nach
allen Festen, wo es ganz ohne Zwang und knstliche Anregung doch niemals
abluft, einzustellen pflegt, so war die Frstin vollends unbefriedigt von sich,
von den Andern, von Olga, von Rudhard, von Jedem. Da Siegbert gehen konnte, sie
allein zurcklassend in dem wsten Gefhlschaos, der Folge solcher knstlichen
Aufregungen, verletzte, ja erbitterte sie. Zuerst muten die Kinder entfernt und
zu Bett gebracht werden. Sie gingen bermdet und von Allem, was ihnen als
Vergngen geboten war, eher erdrckt als gehoben. Olga's Geschftigkeit, ihr
Aufrumen, ihre Kritik der Personen und Gesprche erklrte die Frstin fr
nervenangreifend. Rudhard sprach gar nichts, was ihr ebenso drckend erschien.
Obgleich es erst acht Uhr schlug, wollte sie sich auf ihr Zimmer zurckziehen
und frh zu Bett gehen. Sie gab Olga nicht undeutlich zu verstehen, da es ihr
lieber wre, wenn sie allein bleiben knnte. Olga griff diese Gelegenheit, sich
das eben Vergangene noch einmal zurckzurufen und noch einmal in seiner ganzen
berauschenden Seligkeit durchzukosten, mit Freuden auf. Hatte sie doch nichts
Heiligeres vor, als noch einmal in den Garten zu schlpfen, noch einmal jene
Stelle aufzusuchen, wo sie an Siegbert's Herzen ruhen, das Haupt auf seine
Schulter lehnen durfte und den Ku seines Mundes fhlte. An der Hngeweide htte
sie die ganze Nacht durchwachen mgen.
    Adele Wsmskoi, die Frstin, ging auf ihr Zimmer. Es war bescheiden
eingerichtet, wie die ganze Wohnung, die nirgends einen ursprnglichen Luxus und
nirgends auch die Spur verrieth, Das aus eigenen Mitteln hinzuzufgen, was zum
Comfort dieser gemietheten Einrichtung schon von vornherein fehlte. Adele warf
sich auf ein Kanap, das an einer dnnen Wand stand, die dies Zimmer von dem
nebenan befindlichen Schlafkabinet der Frstin trennte. Eine groe ffnung
dieser Wand war mit einer Portire versehen, die eben aufstand. Verdrielich
lie die Frstin die Portire fallen, streckte sich ermdet auf das Kanap und
ergriff, indem sie eine ihr nachgetragene Lampe sich nher rckte, eins von den
Bchern, die neben ihr auf dem Tische lagen. Es waren dies Bcher, die Rudhard
zu whlen pflegte. Seit Jahren hatte sie Das gelesen, was er empfahl;
grtentheils Reisebeschreibungen, leichte geschichtliche Werke, populaire
Denkbungen, Schriften, die der Phantasie keinen Schwung gaben. Sie hatte
Goethe's Wilhelm Meister heute nennen hren. Sie kannte dies Buch gar nicht. Sie
besa es in der kleinen Bibliothek, die zu der Einrichtung des gemietheten
Hauses gehrte. Es standen da Goethe's smmtliche Werke in einer kleinen
unschnen Ausgabe in einem Glasschranke des Zimmers, den sie noch nicht einmal
geffnet hatte. Sie that dies heute zum ersten male und suchte von Goethe's
Werken den Theil heraus, der Wilhelm Meister's Lehrjahre enthielt. Sie wollte
sie kennen lernen. Es qulte, es drckte sie, da sie in so vielen Dingen nicht
au niveau eines gebildeten Gesprches stand und durch ihre gesellschaftliche
Wrde, durch das Vorschtzen der Mutterpflichten die Lcken verdecken mute, die
sie in sich selber fhlte. Sie begann die Bltter des ungelesenen Buches, die
noch zusammenklebten, aufzuschlagen und durchflog sie.
    Aber auch zum Lesen gehrt Virtuositt. Adele besa nichts davon. Ein
Schriftsteller mute sie sogleich auf der ersten Seite ergreifen, anders konnte
sie ihm nicht folgen. Erst ihn gewhren lassen, erst lauschen, wohin er uns wol
fhren wrde, Das ermdete sogleich ihre Spannung, und die Erzhlungen ber
Puppenspiele, mit denen jenes so situationsreiche Werk beginnt, widerstanden ihr
sogleich. Sie nannte sie, wie einst Lasally auf Hohenberg, kindisch. Sie besa
nichts von jener Naivett, die das Kennzeichen des Genies oder der Bildung ist.
    Sie hatte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch gelegt, als es klopfte. Sie
gab keine Antwort; denn sie glaubte, einer der Bedienten kme und brchte
vielleicht Briefe oder Zeitungen. Ein flchtiger Blick auf Egon's so viel
gerhmte Rede wrde ihrem gedrckten Geiste etwas Spannung geben, hoffte sie.
Aber es klopfte wieder. Sie rief: Wer ist da? Und Rudhard war es, der drauen
fragte, ob er eintreten drfe?
    Kommen Sie doch! Was gibt es denn? sagte sie, erschrocken, da ihrer
vielleicht etwas Unangenehmes harrte.
    Rudhard trat mit einer gewissen Feierlichkeit ein, mit Papieren in der Hand.
    Meine liebe Adele, sagte er mit so viel Milde, als ihm zu Gebote stand. Ich
mu Sie noch heute Abend stren. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.
    Was ist? Worber? Nur nichts, was mich aufregt! Bis morgen!
    Nein, nein, sagte Rudhard und nahm sich ohne Weiteres einen Stuhl, am Abend
fat man Entschlsse, beschlft sie des Nachts, prft sie morgens und fhrt sie
den Tag ber aus.
    Was haben Sie denn? Wegen der Kinder?
    Ich mchte Ihnen, meine gute Adele, sagte Rudhard ruhig und gemessen, ich
mchte Ihnen vorschlagen, da wir den lngeren Aufenthalt in dieser Stadt
abbrechen und uns, ehe noch der Winter da ist, beeilen, nach einer sdlichen
Stadt zu ziehen.
    Adele sah ihren alten Erzieher erstaunt an.
    Wie kommen Sie darauf? fragte sie.
    Ich stand frher mit Frau von Osteggen, mit dem Frsten Wsmskoi und seiner
Gemahlin so, da, wenn ich irgend einen Gedanken zum Heile der Familie mit einer
gewissen innern berzeugung von seiner Nothwendigkeit aussprach, dieser nicht
erst lange geprft, sondern wirklich ausgefhrt wurde. Lassen Sie uns reisen,
Frstin! Morgen lieber als jeden andern Tag! Ich bitte Sie darum.
    Adele richtete sich von ihrer liegenden Stellung auf und gab dem vterlichen
Freunde ihr Erstaunen zu erkennen, was ihn zu diesem Entschlu veranlassen
knnte.
    Bekommt Ihnen das Klima nicht? Bekommt es mir, den Kindern nicht? sagte sie.
    Und als Rudhard schwieg, fuhr sie fort:
    Sind die Unterrichtsanstalten nicht vorzglich? Hab' ich nicht guten Umgang?
Oder soll ich der Mglichkeit ausweichen, mit Helenen in Berhrung zu kommen?
    Als Rudhard alle diese Fragen verneinte, sagte Adele, sich wieder legend:
    Dann bleib' ich auch da und reise nicht mehr.
    Rudhard nahm darauf eins von den Papieren, die er in der Hand hielt, und
berreichte es, ohne ein Wort zu sprechen, der erstaunten Frstin.
    Diese las in franzsischer Sprache:
    Mein Herr, es ist unverantwortlich, wie Sie der ffentlichen Meinung die
Ble geben und durch Ihre Beziehung zu Herrn Wildungen die Moralitt der Ihrer
Obhut anvertrauten Familie verdchtigen knnen. Es ist das Gesprch aller
Cirkel, da in Ihrem Hause Mutter und Tochter in der Leidenschaft fr jene
genannte Persnlichkeit wetteifern. Erkennen Sie hierin die Warnung eines
Freundes!
    Wer hat Das geschrieben? fragte Adele und erhob sich mit leidenschaftlicher
Gebehrde.
    Eine Person, sagte Rudhard in aller Ruhe, seine Aufregung unterdrckend,
eine Person, die in der Lage ist, ihre erbrmliche Insinuation durch Motive zu
heiligen, die leider auf unwiderruflichen Thatsachen beruhen.
    Wie? rief Adele mit dem Ausbruche des ganzen Zornes, dessen phlegmatische
Naturen in uersten Fllen fhig sind. Wie? auf diese jmmerliche Anonymitt
hin wollen Sie mich aus meinem Frieden, meiner Ruhe stren? Erkennen Sie nicht
die Bosheit Helenen's aus diesen Zeilen? Von wem knnen sie anders kommen?
    Mein gutes Kind, sagte Rudhard, der die alten eingerumten Rechte seiner
Vormundschaft nicht aufgab; mein gutes Kind, es ist eine Eigenheit des
menschlichen Charakters, da wir Alles, was uns zu thun oder zu lassen
unangenehm ist, dadurch in seiner mahnenden Nothwendigkeit herabstimmen wollen,
da wir die Motive Derer, die uns zum Guten auffordern, verdchtigen. Lassen
Sie, liebe Adele, die Worte kommen, von wem sie wollen. Lassen Sie einen Teufel
oder einen Engel diesen Brief geschrieben haben, er soll uns mahnen an die
Wahrheit.
    Die Wahrheit ist darum nicht verschleiert, wenn es hier auch ihr Verkndiger
ist. Handeln wir nun so, da wir uns selbst berwinden und eine besonnene, uns
ehrende Entschlieung fassen.
    Wahrheit, sagen Sie? rief Adele. Warum sagen Sie mir Dinge, Rudhard, die
mich empren mssen? Wahrheit wre dieses abscheuliche Wort von der Mutter und
Tochter? Wie knnte Olga wagen -
    Olga?
    Auf keine andere Thatsache werd' ich Rede stehen. Wird Wildungen von Olga
geliebt? Haben Sie dafr Beweise?
    Ich rede von Olga nicht ....
    Nicht von Olga? Sie knnten kommen, nur mich zu qulen? Sie knnten sagen,
wir mssen reisen, und denken nicht an die Gefahren, denen hchstens meine
Kinder ausgesetzt sind?
    Rudhard schwieg. Das war eine so khne Parade der gereizten jungen Frau, da
ihm seine Waffe fast aus der Hand flog und er anfangs nichts erwidern konnte,
als ein kopfschttelndes:
    Hm! hm! hm!
    Machen Sie Vorschlge, Olga in ein Institut, in eine Pension zu geben! sagte
Adele, ohne ihre gewaltigen, fast hrbaren Herzschlge bekmpfen zu knnen.
    Rudhard stand auf. Sein ganzer innerer Mensch war ergriffen, erschttert. Er
sah eine Mutter, so beherrscht von Leidenschaft, da sie ihr eigenes Kind aus
Eifersucht von sich entfernen wollte. Heftig schritt er auf das Fenster zu, als
frchtete er, da es offen stnde. Er lftete die Portire und sagte:
    Adele, hier die Eingangsthr Ihres Schlafkabinets ist wol nicht
verschlossen?
    Es ist Alles verschlossen, lassen Sie, lassen Sie! antwortete Adele
ungeduldig.
    Wenn man uns hrte, belauschte, wenn Olga -
    Welche Schonung? fuhr Adele mit gesteigerter Ungeduld fort. Ich werd' es ihr
in's Gesicht sagen, da sie die schlechteste franzsische Aussprache von der
Welt hat, da man englisch lernen mu, da es in Brssel Institute gibt, in
denen die Tchter eines Reichskanzlers noch Fortschritte machen knnen ...
    Adele! Adele! rief Rudhard und hielt ihr den andern Brief entgegen. Olga ist
sechszehn Jahre, reif fr das Leben, reif fr jede Zukunft, die Frauen nur
erwarten knnen, und hier ist ein Brief des Barons Otto von Dystra! Verheirathen
Sie Ihr Kind, aber verpflanzen Sie einen Baum nicht mehr unter die kleinen
Gestruche.
    Adele nahm den Brief jenes Otto von Dystra, den Rudhard erwhnt hatte, und
durchflog ihn. Wenn Rudhard nicht in unruhigster Bewegung auf- und abgeschritten
wre, htte er ein Gerusch hinter dem Vorhange hren mssen. Es war Olga, die
in einem Drange, den sie frher nie gekannt hatte, heute, wo ihr das
unaussprechlichste Glck vom Himmel gespendet war, nicht ohne einen Nachtgru
von der Mutter scheiden wollte. Sie wute selbst nicht, war es Neckerei,
bermuth oder Gromuth, was sie trieb, an das auf den Corridor gehende Pfrtchen
des Schlafkabinets zu klopfen. Sie hatte den Drcker erfat und die Thr offen
gefunden. Da sie Gesprch hrte, wollte sie sich zurckziehen. Wie sie aber
ihren Namen nennen hrte, den ihr oft genannten und von Odessa her noch in ihr
Ohr tnenden Namen Otto von Dystra vernahm, hielt sie den Athem an und blieb
stehen. Da es, whrend die Mutter den Brief las, wieder ruhig wurde, wre sie
fast durch den Vorhang geradezu eingetreten. Nur Rudhard's heftiges Auf- und
Abgehen sagte ihr, da sie doch wol stren wrde.
    Die Mutter begann jetzt:
    Nun gut! Nun gut! So ist es ja in der Ordnung! Der Plan ist ja alt und hat
immer meine vollste Billigung gehabt. Der Frst hatte nur unser Bestes im Auge.
Die merkwrdigsten Umstnde vereinigten sich, Olga's Hand einst fr den Baron
von Dystra zu bestimmen. Er wird von Amerika kommen. Sie ist entwickelt genug,
um sich ihm zu verloben. Ich war wenig lter, als ich dem Frsten nach Odessa
folgte.
    Rudhard blieb stehen. Olga lauschte mit Herzschlgen, die ihr eigenes Ohr
vernahm.
    Finden Sie diese Partie so unangenehm? fragte Adele, als Rudhard
unentschlossen blieb.
    Otto von Dystra ist ein merkwrdiger seltener Mensch, aber den Funfzigen
nahe; verwachsen, ein Sonderling ... sagte Rudhard.
    Sie kennen ihn nicht persnlich, antwortete die Mutter. Es ist der Mann der
ewigen Jugend. Reich, ein Jugendfreund des Frsten, treu, ausharrend, edel. Die
Verbindung mit unserer Familie war ein Lieblingswunsch meines Mannes. Wsmskoi
starb beruhigt, als in seinen letzten Augenblicken ein Brief aus Washington kam
und ihm Dystra schrieb: Freund, meine Fahrten zur See und zu Lande sind zu Ende,
ich lege meine Stelle als Botschafter des Kaisers bei den Vereinigten Staaten
nieder, ich komme nach Europa und biete den Deinen an, was ich besitze. Ist
deine Schwester oder irgend eine alte Tante oder sonst wer geneigt, einen
Philosophen zu heirathen, so hoff' ich, die trben Bilder, die du von der
Zukunft hast, zu verscheuchen und durch meinen Tod einmal den Deinigen geben zu
knnen, was, wenn ich unvermhlt sterbe, leider meiner Familie gehrt.
    Eine Vernunft-, eine Geldheirath! fuhr Rudhard, da Adele stockte, mit fester
Stimme fort. Sie wissen, in dem Falle, da wir vor den Thorheiten der d'Azimont
geschtzt bleiben, in dem Falle, da Ihre Kinder einst die Erben Ihrer Tante
werden, da sich die zerrtteten Vermgensverhltnisse des Hauses Wsmskoi auch
ohne eine Verbindung mit dem Baron Dystra wiederherstellen knnen.
    Sie glauben, da Helene von dem Prinzen Egon lassen, durch eine Scheidung
von d'Azimont, die schon im Werke sein soll, uns die Hoffnung auf ihre
Reichthmer nicht nehmen wird? Ha! Ha!
    Ich zweifle sehr daran, sagte Rudhard fest, ich zweifle, da Egon, der sich
tglich mehr wiederfindet, tglich sein Inneres krftiger entwickelt und einen
Wall reinster Sittlichkeit gegen die alten Thorheiten aufrichtet, sich jemals zu
solchen excentrischen Schritten, wie eine Heirath zwischen ihm und Helene sein
wrde, herbeilt ...
    In diesem Falle htten wir Aussichten ... Gut! Aber sie reichen weit hinaus!
    So weit, Adele, wie der Frst selbst sah. Ihre und die Jugend-Existenz Ihrer
Kinder ist gesichert. Sie werden niemals glnzend leben knnen, das ist wahr.
Sie haben es aber nicht nthig, da Sie nicht glnzend erzogen wurden. Was Sie
zur Unterhaltung Ihrer Wrde, zur Ehre Ihres Standes bedrfen, das besitzen Sie.
Der Frst wollte nur die entferntere Zukunft seines Hauses, seinen Namen, das
sptere Loos seiner Kinder gesichert sehen. Er war nie reich. Die Familie
verarmte vollends und fhlte nur zu tief, wie mislich es ist, von den Launen des
Kaisers abzuhngen und von den Wechselfllen des Geschickes. Er wollte in jenem
alten russischen Bojaren-Stolze der Selbststndigkeit seiner Familie eine Sttze
geben und hoffte auf zwei Mglichkeiten, entweder die Erbschaft von der reichen
Grfin d'Azimont oder die Verheirathung seiner Kinder. Baron Otto von Dystra ist
sein Freund gewesen. Ein unruhiger Charakter, der zweimal die Welt umschiffte
und von der Regierung zu ihren groen berseeischen Missionen benutzt wurde. Es
ist wahr, er soll Schtze besitzen, die er lngst schon dem Frsten zur
Verfgung stellte. Der Frst schlug sie fr sich aus, nahm aber die mir immer
nur frivol erscheinenden Anerbietungen des Barons, sein unruhiges wechselvolles
Leben mit einem Mitgliede seiner Familie und wr's mit Olga oder Paulowna
beschlieen zu drfen, erst eben so scherzend, eben so frivol entgegen, bis aus
ihnen ernstlichere Versicherungen entstanden und Baron Otto von Dystra jetzt in
der That unterwegs ist, sein leichtsinnig verpfndetes Wort zu lsen. Dieser
Brief, den ich heute aus London empfing, kndigt seine Ankunft so pltzlich an,
da wir ihn binnen drei Tagen erwarten drfen.
    Olga fhlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz.
    Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieses Arrangements stehen, lobte
die weise Sorgfalt des Frsten, pries die Umstnde Dystra's, nannte ihn, trotz
seiner barocken Gestalt, einen Philosophen, ohne angeben zu knnen, worin seine
Philosophie bestnde, behauptete, da der Frst nur Ehrenmnner zu Freunden
gehabt haben knne und schlo damit, da auf diese Art Olga's Zukunft ja
vortrefflich bestimmt wre und es keiner Bswilligkeit ferner einfallen knne,
sich in die innern Angelegenheiten ihres Hauses zu mischen.
    Und Alles, Alles Das, Adele, weil ... rief Rudhard, seinen Zorn
unterbrechend.
    Sein Gefhl, die Rcksicht bermannte ihn.
    Weil? fragte die Frstin mit einer Sicherheit, die ihm verrieth, da ihr
Charakter jetzt erst, in ihrem vierunddreiigsten Jahre, in seine Entwickelung
getreten war.
    Weil Sie selbst es sind, brach Rudhard hervor, Sie selbst, die Wildungen
lieben und in Olga die glcklichere Nebenbuhlerin frchten!
    Rudhard glaubte in der Frstin eine gewaltige Bewegung hervorgerufen, irgend
den Ausbruch eines gewaltigen Zornes, eines lngst gegen seine Bevormundung
verhaltenen stillen Ingrimmes geweckt zu haben. Nichts von alledem. Die Frstin
rmpfte die Nase und sprach mit einer wegwerfenden Miene:
    Wie zart und rcksichtsvoll Sie sind!
    Sag' ich etwa die Unwahrheit? fuhr Rudhard, durch diese Antwort sich
steigernd fort. Mu ich mir nicht die bittersten Vorwrfe machen, da ich in
blindem Vertrauen auf Ihre Selbstbeherrschung einen Freund der Kinder, einen
theilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einfhrte, der, ohne selbst
die geringste Veranlassung zu geben, in die jungen Gefhle eines Kindes den
ersten Funken wirft und auch in der Asche eines Mutterherzens noch die letzten
Funken zur Flamme entzndet.
    Diese Worte entrsteten die Frstin.
    Es ist genug! rief sie sich erhebend. Es ist genug, Rudhard. Ich habe das
Joch Ihrer Weisheit so lange getragen, da ich selber dumm darber wurde! Ich
habe Sie denken lassen und gethan, Jahre lang gethan, was Sie mir als gut und
recht zu thun anempfahlen. Aber ich fhle, da ich gegen Andere zurckgeblieben
bin, da ich verkrzt wurde um meine Freiheit, um mein wahres Lebensglck. Diese
Zeit ist aus. Von der Botmigkeit, in der ich unter Ihnen stand, jetzt in eine
Sklaverei kommen zu sollen, bei der ich unter meiner eigenen Tochter stehen
wrde, Das ist zu viel, Das vermag ich nicht zu ertragen.
    Ich wrde gehen, sagte Rudhard, wenn ich dem Frsten nicht geschworen htte,
ber die Kinder zu wachen, bis mein Auge bricht.
    Qult Ihr mich, rief Adele, foltert Ihr mich, so whl' ich den uersten
Fall -
    Frstin!
    So bleiben Sie und ich gehe!
    Die Mutter von ihren Kindern? ... Adele!
    Rudhard's Stimme zitterte. Er mute einen Sitz suchen, um sich aufrecht zu
erhalten.
    Adele aber fuhr fort:
    Versteh' ich denn jetzt, was meine Schwester bestimmen konnte, entehrende
Fesseln zu brechen? Fass' ich's denn jetzt, was es heit, das Leben hingehen
lassen, ohne seine Blten zu brechen, ohne seine Frchte zu genieen? Du kalter
Mann, du schiltst das Herz, da es liebt? Hab' ich denn je geliebt? Hab' ich
denn je die Wonne empfunden, in eines Mannes Ferne vom Schauer der Sehnsucht, in
seiner Nhe vom Schauer der zrtlichsten Freundschaft ergriffen zu werden? Ich
habe den Frsten geheirathet, weil es so beschlossen wurde. Ich achtete ihn, ich
verehrte ihn. Ich war die treue Pflegerin seiner gemessenen Lebensjahre. Mein
Leben verstrich wie der Traum einer verpuppten Raupe. Ich ahnte eine schne
Welt, ich fand sie in den mtterlichen Pflichten. Ich habe mich nie gestrubt
sie zu vollziehen. Ich lebte ihnen bis diese Stunde. Aber wenn sich ein Kind in
das eigene Herz der Mutter krallt, wenn es ber uns hinweghpfen, ber uns
hinwegtndeln, ber uns hinweglachen, lieben will und die Jugend wie ein
trotziges Vorrecht bt, dann komm' ich mir vor wie ein Mensch, den man lebendig
begraben will, und ich schttle mich, ich springe auf, ich lasse mich nicht in
die Erde werfen, ich sage: Ich liebe! Ich liebe Siegbert Wildungen und das
Schicksal ist gtig, Gott ist liebevoll wie unser Herz, ich wei es, ich werde
durch ihn nicht unglcklich sein.
    Hier unterbrach ein gellendes Lachen die Worte der Frstin.
    Rudhard wandte sich und sah hinter dem halbgeffneten Vorhange Olga stehen,
wie wahnsinnig, mit geisterhaftem Blicke.
    Du hier? Was willst du? herrschte die Mutter zornentbrannt.
    Mutter! rief das Mdchen halb ohnmchtig mit schmelzendem Ausdruck und
wollte sich in die Arme der Frstin werfen.
    Hinweg! schrie diese im hchsten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes.
    Olga, so zurckgewiesen, blieb stehen, sah die Mutter mit zitternden Lippen,
funkelnden Augen lange wie eine Irrsinnige an, dann lachte sie pltzlich,
klatschte in die Hnde und rief: Gute Nacht! Gute Nacht! lachte wieder und
strzte mit dem convulsivischen Ausbruch ihrer Gefhle schluchzend, aber auch
triumphirend hinter dem Vorhange davon.
    Die Frstin folgte ihr, sah, da das Cabinet auf den Corridor hin nicht
verschlossen gewesen war und warf sich halb ohnmchtig und erschpft auf ihr
Kanap.
    Rudhard nahm die Briefe und kmpfte einen Augenblick mit sich, ob er dem
Starrkrampf, in den die Frstin gefallen schien, eine mildere Lsung geben
sollte. Er war aber zu entrstet, zu streng dazu. Auch berwltigte ihn die
Trauer, da alle Erziehung, alle Lehre nicht ausreicht, in gewissen uersten
Krisen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrcken. Er sagte
nichts, als ein einfaches:
    Sammeln Sie sich, Adele! Prfen Sie ernst, was Sie bewegt. Tdten Sie Ihr
Kind nicht! Es gibt einen moralischen Tod, den ich bei Olga mehr frchte, als
den physischen. Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlasse. Das wei
ich, Das hoff' ich.
    Damit ging Rudhard und berlegte, als er die Treppe zu seinem Zimmer
hinaufstieg, ernstlich, was nun zu thun sei. Als der Sensenmann an seiner Uhr
zehnmal anschlug, stand es ihm nach lngerer Prfung fest, da hier nur Siegbert
Wildungen selber helfen konnte. Er war berzeugt, da es nur einer kurzen
Aufforderung bedrfen wrde, um diesen edlen jungen Mann zu bewegen, sich auf
einige Zeit nicht nur von diesem Hause, sondern auch aus der Stadt und ihrem
nchsten Umkreise ganz zu entfernen.
    Adele aber berlegte, wie viel von Dem, was Olga mglicherweise belauscht
hatte, hinreichen wrde, ihre Wnsche zu erleichtern oder zu erschweren.
Goethe's Wilhelm Meister nahm sie nicht wieder vor. Sie sah durch ihr Fenster
hinber in die dunklen Grten. Im Hause der Geheimrthin von Harder war es hell
und belebt. Sie mochte nicht lnger hinsehen; es war ihr Alles peinlich, Alles
zu eng, um sich zu klein! Erst in den heftigen Vorwrfen, mit denen sie ihr
Kammermdchen wegen der nicht geschlossenen Thr berschttete, fand sie sich
zurecht und warf sich erschpft, in verdrielichster Misstimmung von der Welt,
schmerzzerrissen, auf ihr einsames Lager.
    Diese Nacht, einer uns werthen Familie so ernst und bedeutsam, sollte auch
dem Kreise der Freunde, deren Schicksalen wir folgen, mit verhngnivollen
Sternen aufgehen.
    Versetzen wir uns in das innerste Gewhl der groen Stadt, an die Stelle
ihrer reichsten historischen Erinnerungen. Da, wo die alte Johanniskirche und
die Propstei, wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte
Johanniterkomthurei und das Rathhaus liegen, befindet sich auch der sogenannte
Rathskeller, einer der beliebtesten Besuchsrter, ein von der gewhltesten
Gesellschaft gepflegtes, alterthmliches Local. Dicht an dem Rathhause selbst
gelegen, waren seine oberen Rumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der
Zeiten flutartig emporgewachsenen Registraturen und Akten bestimmt und standen
durch einen Hof mit dem ehrwrdigen alten Rathhause selbst in nchster
Verbindung. Das untere Gescho hatte seit den ltesten Tagen der
Rathskellermeister in Besitz. Es waren dies groe, feuerfeste Gewlbe, zu denen
man durch eine niederwrts gehende Treppe von der Strae herabstieg und die nach
jenem Verbindungshofe mit dem Rathhause wieder ihren Ausgang hatten. Der
Rathskeller war immer nur den tchtigsten und empfohlensten Kfern anvertraut
worden. Es war eine Pachtung, die man vom Rathe nicht meistbietend, sondern nach
einer Prfung erstand. Die gewaltigen Vorrthe aus alter Zeit, die man mehr der
Curiositt als der Nutznieung wegen gesammelt hatte, standen unter der Pflege
dieses Rathskellermeisters, whrend der brige Theil seines Geschftes auf
eigene Rechnung ging.
    Der gegenwrtige Rathskeller war eins der beliebtesten Stelldicheins der
Stadt geworden. Man fand nicht nur an den vorzglich gehaltenen Weinen seinen
Gefallen, sondern auch an der auerordentlich gemthlichen Einrichtung dieser
vielen kleinen Souterrains. Wenn man von der Strae etwa acht Stufen
niedergestiegen war, betrat man einen langen Gang, der auch den ganzen Tag schon
durch Gaslicht erleuchtet und an den Wnden nicht ohne Geschmack in Fresko
bemalt war. Links und rechts gingen schwere eichene, grtentheils neue Thren
zu kleinen, fensterlosen, grnangestrichenen Cabineten, die alle von einer
Gasflamme erhellt waren. Diese durch dicke Grundmauern getrennten Cabinete waren
gro und klein, je nachdem man mglichst allein oder in grerer Gesellschaft
sein wollte. Klingeln fhrten auf den Gang hinaus und setzten jeden noch so
isolirten Besucher mit den Kellnern, die im Schurzfelle als Kfer auftraten, in
Verbindung. Mit der Kellerei war eine sehr gut unterhaltene Speisewirthschaft
verbunden.
    Dieser Rathskeller war eins der ltesten Gebude der Stadt. Man setzte es
auf die Zeiten des vierzehnten Jahrhunderts zurck und mancher Alterthmler
betrachtete voll Theilnahme seinen Giebel oder lie sich den innern Bau zeigen,
der verfallen war, unwegsam durch die hier aufgeschichteten Papiervorrthe,
alten Schrnke, Pulte, Sthle, aber durch seine Bauart und die Behandlung des
Balkengefuges noch mannichfaches Interesse bot. Ursprnglich gehrte dies Haus
denselben Templern, die in Tempelheide einen Hof hielten. Es war das Profehaus
des Ordens gewesen, der in Deutschland sich lnger erhielt als irgendwo und, wie
wir wissen, auf Befehl des Papstes in den St.-Johanniterorden, ohne weitere
Anfechtungen zu bestehen, berging. Bis zur Reformation gehrte dies Profehaus
den Johannitern, und nach ihr, als diese norddeutschen geistlichen Ritter
protestantisch wurden, rechnete man es gleichfalls zu jenen Besitzungen, die bei
der Theilung der unglaublich ausgedehnten Gter des Ordens dem Ritter Hugo von
Wildungen berwiesen wurden. Noch jetzt sah man das alte dreibltterige
Kleeblatt an den vier Enden des Kreuzes am hchsten Giebel des Rathskellers und
fand es auch sonst auf sinnige Weise hier und da so zu architektonischer
Verzierung benutzt, da der kreuzliebende Don Eusebio in Calderon's Andacht zum
Kreuze darber seine freudigsten Schauer wrde empfunden haben.
    Es war nach sieben Uhr und schon dunkel, als in dem Verbindungshofe des
Rathhauses und des Rathskellergebudes zwei Mnner standen, die einen Dritten zu
erwarten schienen. Der Eine war eine hohe stattliche Gestalt mit dickem
Backenbart und einem tief ber die Stirn gedrckten Hute. Der Andere klein und
schmchtig und wie von Hektik gebeugt, kurzathmend und klapperdrr.
    Zum Henker mit Ihrer Schwerhrigkeit, sagte der Starke und Stattliche zu dem
Schmchtigen, der ihn schon einige Dutzendmale mit seinem Wie? Wie sagten Sie?
geplagt hatte.
    Und sich dicht an das Ohr des Fragenden lehnend, rief er hinein:
    Haben Sie ihm punkt Sieben gesagt?
    Punkt Sieben, Herr Oberkommissair!
    Der Oberkommissair Pax zog seine Uhr und lie sie repetiren. Es war sieben
Uhr. Der Erwartete kam noch immer nicht. Ungeduldig ging der Harrende auf und
ab. Hier lagen alte Balken, da standen Tonnen, die zur Kellerei gehrten. In
mancher Ecke hing noch eine eiserne Kette oder ein Ring, der frher zu den in
den Rathhaushfen blichen Executionen benutzt wurde. Der Oberkommissair spielte
ungeduldig mit einem dieser Ringe und sah zu den Fenstern des Rathhauses hinauf,
die nach dieser Seite hin vergittert waren. Ein menschliches Wesen lie sich
sonst nicht blicken. Abgelegen und still lag dieser Hof, nur zugnglich den
Leuten des Rathskellermeisters und den Subalternen des Rathhauses, wenn sie in
den Fall kamen, aus den Verschlgen des alten Profehauses Akten oder zu
feierlichen groen Sitzungen Sthle und Tische holen zu mssen. Eine andere Thr
zu dem alten Gebude als die, zu der man auf einer halben Leiter hinaufstieg,
war nicht sichtbar. Ohne Zweifel hatte hier frher eine grere Steintreppe
gestanden, war baufllig geworden, abgerissen und nun durch eine hlzerne
Nothtreppe ersetzt, die in der That mehr den Namen einer Leiter verdiente.
    Kommen Sie, Schmelzing, rief der Oberkommissair, wir bleiben einstweilen
beim Rathsdiener Spie oder wir schlieen auf und gehen immer hinein.
    Der zu einem Rathe in diesem Falle Aufgeforderte war in der That der
ehemalige Schreiber Schmelzing, der schon lange in mancherlei Relationen zur
Polizei gestanden hatte, seitdem aber Hackert's Talente von Pax erkannt und fr
die ffentliche Sicherheit gewonnen waren, sich gleichfalls dem Oberkommissair
offener zur freien Verfgung gestellt hatte. Er war mannichfach zu verwenden.
Schrieb er auch nicht so kunstvoll wie Hackert, der in der Kalligraphie ein
Knstler war, so war seine Feder doch rascher, sein Auge gebter im Entrthseln
schwieriger Handschriften und seine Kenntni des Kanzleistyles zuverlssiger als
bei Hackert, dem oft einfiel, seine eigenen Wege zu gehen und in die von dem
Oberkommissair verlangten Berichte seine eigenen Ideen einflieen zu lassen. Die
heutige Expedition war eine von denen, denen Schmelzing sich gern unterzog, da
sie besonders gut bezahlt wurden und ohne ein besonderes Vertrauen der Behrde
nicht gut ausgefhrt werden konnten. Leider strte ihn seine Harthrigkeit, die
wir schon von Nr. 87 her in der Brandgasse Nr. 9 kennen und auch jetzt gab er
keine andere Antwort, als da er uerte:
    Frau Rathsdienerin Spie? Eine schne Frau!
    Ungeduldig hatte der Oberkommissair mit einem groen Schlssel, den er aus
der Brusttasche zog, sich an die Treppe begeben und auf ihr die Thr des alten
Profehauses aufgeschlossen und Schmelzing aufgefordert, nach ihm einzutreten,
als man eilende Futritte hrte. Pax hielt die Thr noch zu und sah sich um. Es
war der Erwartete.
    Sie kommen so spt, Hackert! Haben Sie's nicht finden knnen?
    Da bin ich jetzt, sagte Hackert. Was soll's nun? ... Die Fsser hier kenn'
ich ... auch die Ratten, die sich hier im Hofe jagen, sind alte Freunde ...
    Finden Sie sich hier zurecht? fragte Pax voll Antheil fr seinen Schtzling,
der in gewhlter Kleidung, leicht, heiter und sorglos schien.
    Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu thun hatte, sagte Hackert, sprang' ich
kleiner Bursch' hier auf dem Hof herum, zupfte das Gras aus und band alte
Stricke an die Halseisen und kugelte die Tonnen herum, bis die Rathsdiener kamen
und mir Ruhe geboten. Hier hab' ich leider zu frh Wein trinken lernen. Als
zehnjhriger Junge hab' ich da in der Ecke oft betubt gelegen und schlief meine
ersten Ruschchen aus, die freilich mehr vom Dunst in den Kellern kamen, als ...
    Sie waren von jeher ein Taugenichts, unterbrach Pax lachend. Machen Sie sich
nicht besser wie Sie sind!
    Hackert schttelte den Kopf.
    O ich sa hier oft ganz allein im Hofe, fuhr er, sich umsehend, fort, und
freute mich ber die Schwalben, die da oben in den alten rothbraunen Fenstern
nisteten. Sehen Sie nur da, Fratzen von Fchsen, Wlfen, Kranichen, die die
alten Steinmetzen hinein gehauen haben. Die schienen mir alle lebendig zu
werden, auch ohne Rausch. Da kam denn manchmal der alte Rathskellermeister
heraus und kannte mich als Schlurck's Pflegesohn und Schreiberjungen. Da hie es
denn: Fritz komm! Willst einmal Wein kosten? Ich schmunzelte blos und sagte gar
nichts. Aber der Alte ging und kam mit einem grnen Rmer angewackelt voll vom
ltesten Niersteiner. Ich hatte bei Schlurck's frh Wein getrunken, aber der
Niersteiner aus dem Rathskeller brachte mich gleich fertig.
    Dem Alten quollen die Augen ber vor Lachen, wenn er sah, da ich das Glas
hinuntergo und gleich darauf Augen machte wie ein angestochenes Kalb. Er
wollte, ich sollte nun gleich tanzen und ich tanzte auch, und wurde so verwirrt,
da ich umfiel. Da lachte er aus Leibeskrften und ging in den Keller zurck.
Noch ist's mir, als hrt' ich das alte Schurzfell rascheln, wenn er so klatsch!
klatsch! klatsch! wieder in die Verliee hinunter stieg. Er ist nun todt.
Seitdem bin ich nicht wieder da gewesen. Und was soll's nun hier?
    Die drei Diener der ffentlichen Sicherheit waren whrend dieser
Unterhaltungen in dem innern Raum des alten Profehauses angekommen.
Aufgeschreckte Ratten huschten an ihnen im Dunkeln vorber. Pax zog eine kleine
Handleuchte aus der Tasche, zndete sie durch ein Streichhlzchen an, das er
behutsam auslschte und der vielen Papiere wegen, die hier schon herum lagen,
nicht etwa hinter sich fortwarf.
    Schmelzing war hier bereits bekannt. Hackert kam zum ersten male.
    Das sieht da aus! rief er, hier war ich nie!
    Er erblickte zunchst eine groe gewlbte Halle, die jedoch ihre Wirkung
durch die vielen Schrnke und Repositorien verlor, die hier aufgerichtet
standen. Schrank an Schrank, Kiste an Kiste, angefllt mit Papieren. Dazwischen
waren Tische, Sthle, Leitern zusammengeschichtet. Beim weitern Fortschreiten
sah man eine steinerne Wendeltreppe, die aufwrts ging und auf allen ihren
Stufen dieselbe Unordnung verrieth. Links und rechts standen Thren auf, die in
Gemcher fhrten, die seit langer Zeit ohne irgend eine Bestimmung schienen. Es
kam nun ein Treppchen, das aufwrts und sogleich eins, das wieder niederwrts
fhrte. Endlich hielt der Oberkommissair an, setzte seine kleine Handlaterne auf
einen Sims und bedeutete seine Begleiter, ihr Ohr nher zu halten, da er leise
sprechen msse.
    Hackert, sagte er, ich habe Sie deshalb herbestellt, damit Sie Schmelzing
untersttzen.
    Worin?
    Im Hren! sagte Pax.. Ich habe ihm schon alle seine verdammten Gehrgnge
untersuchen lassen. Sie waren zwar seit Jahren nicht ausgefegt worden, wie alte
Schornsteine; aber schreien mu man doch, wenn er etwas authentisch in seinen
Hirnkasten aufnehmen soll.
    Was gibt's denn hier in der Dunkelheit zu hren? fragte Hackert erstaunt.
    Die Regierung, sagte Pax, ist einer Menge gefhrlicher Umtriebe auf die Spur
gekommen. Fremde Emissaire sind von Paris und Amerika eingetroffen. Man hat die
genauesten Anzeichen einer sich ausbildenden neuen revolutionairen Bewegung. Die
Nothwendigkeit, wachsam zu sein, liegt auf der Hand und unsere Krfte reichen
kaum aus, berall aufzumerken und aufmerken zu lassen, was im Stillen
angesponnen wird ... hier nun befinden wir uns -
    ber dem Rathskeller! unterbrach ihn Hackert.
    Einer Lokalitt, setzte Pax hinzu, die ihrer eigenthmlichen Bauart wegen
von einer gewissen feineren Revolutionspartei sehr gesucht ist.
    Es herrscht hier das Zellensystem! sagte Hackert trocken.
    Pax lchelte ber diese Anspielung auf die pennsylvanischen Gefngnisse.
    Allerdings, bemerkte er, hat diese Lokalitt das Einladende, da sich kleine
Gesellschaften hier vllig abschlieen und berathen knnen ...
    Dicke Eichenthren, Mauern so breit wie Kirchenfundamente - da soll
Schmelzing etwas hren? Herr Oberkommissair, die Posaunen von Jericho mu er
sich an's Ohr setzen, um durch solche Wnde eine Verschwrung zu entdecken.
    Sie verstehen sich auf Akustik, seh' ich, sagte Pax. Erfahren Sie denn, da
hier drei der gesuchtesten Trinkstuben unter uns mit einer Vorrichtung fr
Schwerhrende versehen sind.
    Hackert erstaunte und Schmelzing, der ahnte, wovon die Rede war, besttigte,
was der Oberkommissair ihm eben gesagt zu haben schien.
    Ist in die Decke unter uns ein Schallrohr eingemauert? fragte Hackert
unglubig.
    Das nicht, sagte Pax verschmitzt. Aber diese alten Baumeister waren nicht
dumm. Jene drei Zellen sind der Art, da man hier im ersten Stock jedes darin
gesprochene Wort hren kann.
    Das ist ein Wunder! Wie wre Das? fragte Hackert.
    Ich kann es Ihnen nicht an Ort und Stelle beschreiben, sagte Pax, denn dort,
wo das Wunder stattfindet, mssen wir schweigen. Die Einrichtung ist sehr
eigenthmlich. Die in jenen Zellen Sitzenden glauben von dichten Wnden und
Eichenthren verschlossen und geschtzt zu sein und sind es auch ...
    Also keine Hohlwnde?
    Keine Hohlwnde! Wohl aber wlbt sich die Decke in Bogen der Art empor, da
sie oben sich in der Figur eines Kreuzes vereinigen. Dies Kreuz, an den Ecken in
Form eines dreiblttrigen Kleeblattes, ist eine ffnung, die unfehlbar keinen
andern Zweck als zum Luftzuge hatte ...
    Sagen Sie Das nicht, fiel Hackert ein. Die geistlichen Ritter, die hier
hausten, waren halbe Pfaffen, aber sie verstanden Knste, wie die ganzen
Pfaffen. Das waren Gefngnisse oder Buestuben, durch das Kreuz sprachen die
Engel mit den Gefangenen und Benden oder die Profomeister, wie es gerade kam.
Ich entsinne mich, mein alter Rathskellermeister hat mir Mordgeschichten von
seinen Trinkstuben erzhlt. Der mut' es wissen. Ich sag' Ihnen, in seinem
Schurzfell und der sehwarzen Sammetkappe sah der Alte aus, als wenn er den
geistlichen Rittern hier schon vor fnfhundert Jahren Niersteiner kredenzt
htte.
    Genug, fuhr Pax fort, Sie werden sich berzeugen, Hackert, da der Schall
der unten gesprochenen Worte durch die Wlbung in das enge Kreuz hinauf dringt
wie durch die klgste akustische Vorrichtung. Man vernimmt hier oben jedes Wort
und ich kann Ihnen sagen, da ich mich vollkommen auf Schmelzing verlassen
wrde, wenn er nicht zu furchtsam wre, hier oben allein zu bleiben und freilich
auch, wenn nicht gerade jetzt sich Menschen dort unten versammelten, bei denen
man zwei Zeugen haben mu, um ihrer gefhrlichen Verabredungen gewi zu sein.
    Aber bester Herr Kommissair, begann nun Hackert, der pltzlich ber eine ihm
gestellte Zumuthung dieser Art, die erste in diesem Fache der praktischen
Polizei, fast berrascht schien; glauben Sie denn, da sich da Menschen
hinsetzen und dicht unter dem Schallloche verfngliche Reden fhren werden?
    Ich wnschte, sagte Pax, Sie htten einmal von unten aus eine dieser
Trinkstuben des Rathskellers gesehen. Sie treten ein und sind in einem kleinen
abgeschlossenen Zimmer. Eine schwere mit Eisen beschlagene Eichenthr fllt
hinter Ihnen zu. Die mit grner lfarbe bestrichenen Wnde sind gemthlich
einladend. Man sieht wohl dies Kreuz in der Decke, das mit weiem gegipsten
Stukkaturrande zierlich gearbeitet ist; aber dicht daran hin ist die Rhre der
Gasbeleuchtung geleitet. Die Gasflamme, gedeckt von einem Schirme, geht gerade
so empor, da ihr Dunst durch das hohle Kreuz seinen Abzug findet. Diese
Einrichtung ist so willkommen, scheint so sinnreich und unerllich nothwendig,
da Niemand die Ahnung hat, es knnte durch die Wlbung Das, was unten
gesprochen wird, oben hinauf geleitet werden.
    Also sein Ohr darf Schmelzing nicht darber halten, sonst wrd' er sich
seine schnsten Haare verbrennen? fragte Hackert lachend.
    Allerdings dringt genug von dem heien Dunst herauf, erklrte Pax. Allein
das Zwischengeblk des Kellers und des ersten Stockes ist doch wohl zwei Fu
auseinander. Ich entdeckte diese sinnreiche Vorrichtung, wie ich mir einmal die
Trinkstuben des Rathskellers ansah. Ich fand den Ton unten so hohl, so schallend
und stellte, ohne da der jetzige Rathskellermeister eine Ahnung davon hat,
Versuche an, die selbst mit dem harthrigen Schmelzing ergiebig waren.
    Das glaub' ich, sagte Hackert. Diese Vorrichtung ist eine Schalltrompete.
Husch!
    Schmelzing erschrak. Hackert hatte sich den Scherz gemacht, ihn durch einen
Schreckensausruf zu ngstigen.
    Lassen Sie Hackert! sagte er ngstlich. Ich versichre Sie. Es spukt hier!
    Wirklich? antwortete Hackert, haben Sie einen alten Ritter gesehen,
Schmelzing, der vielleicht mit dem Finger drohte: Will der vermaledeite Horcher
da vom Fuboden weg!
    Das erste Mal, flsterte Schmelzing, schlo ich die Thr nicht zu. Da war
Alles still. Ich blieb eine halbe Stunde. Es wurde nicht viel Besonderes
gesprochen. Das zweite Mal schlo ich hinter mir zu, weil die Thr aufgeht, wenn
man sie nicht zuschliet und einem Kfer, der zufllig in den Hof kommt, doch
die offene Thr auffallen knnte. Da sah ich etwas ...
    Ja, sagte Pax lachend, er sah etwas und hrte nichts. Es waren gerade zwei
sehr gefhrliche Persnlichkeiten in der einen Trinkstube, wo ich schon Minister
und Geheimrthe angetroffen habe, der bekannte Major Werdeck und noch einige
Geheime, und er hrte nichts, will aber etwas gesehen haben.
    Ein Skelett, sagte Hackert. Sich selbst hat er irgendwo in einem Spiegel
gesehen, der vielleicht vom Pfandhaus sich hierher verirrt hat.
    Schmelzing sah sich um. Die Stille des Orts war in der That geheimnivoll
und Hackert bewunderte Schmelzing's Muth, auch nur einmal hier ausgehalten zu
haben.
    Was sah er denn? fragte er den Oberkommissair.
    Es war ihm, antwortete dieser, als htte Einer die Thr hinter ihm
aufgeschlossen. Dann htt' er es rascheln hren. Auch ein Lichtstrahl wr' in
der Ferne sichtbar geworden und zuletzt htt' er einen kleinen Mann im grauen
Rocke an sich vorber schleichen sehen.
    Die aufgeschlossene Thr, sagte Hackert lachend Schmelzingen in's Ohr, war
der Wind, das Rascheln kam von den Musen und Ratten. Der Lichtstrahl kam aus
dem Hofe von irgend einem ehrbaren Rathskfer und das graue Mnnlein sah die
gesteigerte Angst ...
    Schmelzing schttelte mit dem Kopf und protestirte entschieden gegen diese
natrliche Auslegung Seitens eines Menschen, von dem er wute, da auch er nicht
recht geheuer war ... Er blieb dabei, es wre Jemand in dem Gebude mit ihm
zusammen gewesen, aber er htte ihn auch fortgehen sehen und deutlich gehrt,
wie er wieder zuschlo. Es wre ein Mann mittlerer Statur gewesen. Er,
Schmelzing, htte seine eigene Laterne gleich beim ersten Rascheln ausgelscht
und beim Schein der kleinen Leuchte des unheimlichen Besuchers sich berzeugen
knnen, da er ganz grau war. Freilich htte er ihn nur am Ende eines Corridors
gesehen. In der Nhe htte er unfehlbar den Tod gehabt.
    Nun wohl! sagte Hackert scherzend und doch grbelnd, das ist der Geist von
einem alten Pfaffen der Johanniter, der keine Ruhe hat. Schmelzing, der whlt
Sie am Ende, um ihn zu erlsen.
    Machen Sie nur keine Scherze, Hackert! sagte der Schreiber. Was ich sah, sah
ich. Ich beschwre, da Alles wirklich war.
    Genug, unterbrach Pax die Streitenden. Ich habe Eile, Schmelzing frchtet
sich allein zu sein; auch vor Ihnen Hackert frchtet er sich eigentlich. Aber
durch wen soll ich ihn untersttzen lassen? Mullrich und Kmmerlein waren frher
handfeste Metallarbeiter, sind aber jetzt, da es ihnen gut geht, Hasenfe.
Frchten Sie sich, Hackert, hier mit Schmelzing allein zu bleiben?
    Nicht vor zehn Teufeln, sagte Hackert, frcht' ich mich hier. Wo sind die
Kreuze, die uns beschtzen werden?
    Ehe ich Sie dorthin fhre, bemerkte Pax, sprechen Sie mit Schmelzing Alles
ab! Denn dort an dem Fuboden drfen Sie nichts mehr zusammen reden. Es wrde zu
gefhrlich sein und uns die ganze Unternehmung verderben.
    Geben Sie Acht! sagte Hackert, wir verstndigen uns schon.
    Damit fing er ein sonderbares Gebehrdenspiel an, schnalzte mit den Fingern,
zupfte bald am linken bald am rechten Ohre, tippte auf die Nase und machte die
sonderbarsten Gestikulationen.
    Was treiben Sie denn fr Narrenspossen? fragte Pax.
    Nichts Narrenspossen! antwortete Hackert. Ich spreche mit Schmelzing.
    Und Schmelzing besttigte dem Oberkommissair, da er sich, ehe seine
Gehrkanle polizeilich gereinigt wurden, oft der frchterlichsten Melancholie
ergeben htte und vollkommen des Glaubens gewesen wre, er wrde einmal ganz
taub werden. Da htte ihn denn schon Hackert als guter Nachbar getrstet und ihn
von den vielen tausend Knsten, die er verstnde, auch die Kunst der
Zeichensprache gelehrt. So knnten sie Stundenlang zusammensitzen und sich, ohne
den Mund zu ffnen, auf das Lebhafteste unterhalten.
    Das trifft sich vortrefflich! fiel Pax erfreut von den Talenten seines
Lieblings ein. Und wenn Sie vollends noch Wein vorrthig finden, so kann Ihnen
die Zeit nicht lang werden, falls das graue Mnnchen die Flaschen nicht
ausgetrunken hat.
    Wein? sagte Hackert erstaunt.
    Wir wollen sehen, besttigte Schmelzing. Der Herr Oberkommissair gab mir das
zweitemal einen Korb Wein mit, den ich in der Dunkelheit herein trug, um fr
ftere Besuche nicht ohne Erquickung zu sein.
    Ja, sagte Hackert. Schmelzing und Wein! Nun wei ich! Beim ersten Glase
schon haben sich ihm alle Grber der Vorzeit geffnet.
    Schmelzing schttelte den Kopf und blieb fest dabei, da er wirklich hier
oben einen nchtlichen Besuch empfangen htte.
    Der Oberkommissair bemerkte jetzt, da es ihm besonders lieb wre, die
uerungen des Majors Werdeck zu hren. Er wisse aus bestimmtester Quelle, da
er mit einigen Freunden heute Abend im Rathskeller soupiren wrde. Er htte auf
die elegante feinere Trinkstube Beschlag gelegt. Wer die Gste wren, wisse er
noch nicht. Aber er zweifle nicht, da es dieselben Personen sein wrden, auf
die die ffentliche Sicherheitspflege schon lngst ihr Augenmerk gerichtet
htte.
    Damit zog er Hackerten und Schmelzing vorwrts und bedeutete sie, leise
aufzutreten.
    Sie kamen alle Drei jetzt auf einen steinernen Fuboden. Anfangs war es um
sie her dunkel. Bald aber zeigten sich auf den steinernen Vliesen lichte
Stellen.
    Sehen Sie da, flsterte Pax, den Widerschein der Gasflammen! Aber nun kein
Wort mehr!
    Zugleich bemerkten sie den Schwefelgeruch des Gases.
    Schmelzing bedeutete Hackerten, nur auf den Zehen aufzutreten.
    Sie waren an einem der Lichtschimmer. Es bildete sich hier ein Kreuz mit
drei Kleeblttern an den vier Enden. Geisterhaft, wie aus Licht gewoben,
schwebte das Kreuz im Dunkeln. Ebenso an einer andern und noch an einer dritten
Stelle.
    Mit dem Auge zu nahe kommen durfte man dem Schimmer nicht und an ein
Hinunterblicken war nicht zu denken. Wie Irrwische schwebten die heiligen
Zeichen in der Nacht auf dem groen steinernen Estrich, der eine Speisehalle
gewesen zu sein schien. Indem winkte Schmelzing sehr lebhaft. Die beiden Andern
schlichen nher. Schmelzing zeigte auf einen Korb und machte Gebehrden der
angenehmsten berraschung.
    Noch Alles da, wie es war? fragte Hackert durch die Zeichensprache der
Taubstummen.
    Schmelzing zog eine Flasche nach der andern in die Hhe und winkte, da sie
schwer waren.
    Also, flsterte Hackert dem Oberkommissair in's Ohr, die Geister haben hier
oben inzwischen keinen Durst gehabt.
    Pax bedeutete ihn ernstlich zu schweigen. Er zeigte ihm mit besonderm
Nachdruck das Lichtkreuz, das in der Mitte flammte, und winkte ihm, dort am
meisten Acht zu geben. Schmelzing trug den Korb an das mittlere Kreuz und erbot
sich, dem Oberkommissair das Geleite zu geben, damit er hinter ihm wieder
zuschlieen knne. Pax nickte dazu. Schmelzing folgte ihm mit der kleinen
Laterne und lie Hackerten mit dem Bedeuten, er wrde sogleich wiederkommen, im
Dunkeln allein.
    Als sich Pax und Schmelzing entfernt hatten, warf sich Hackert in der Nhe
des mittleren Kreuzes auf die Erde. Er fhlte, da er auf etwas Weiches fiel.
Schmelzing's Mantel schien es ihm, den er an seinem groben Tuche und einem
abgeschabten Halskragen erkannte.
    Aha! dachte er, der Spion hat sich hier schon ganz huslich eingerichtet!
    Und nun erst ergab er sich einem genaueren Nachdenken ber die sonderbare
Situation, in die er hier so pltzlich, er wute nicht wie, versetzt worden war.

                               Siebentes Capitel



                             Die flammenden Kreuze

Wir haben in Fritz Hackert einen Menschen des Instinktes kennen gelernt.
Unbekannter Herkunft stehen uns seine Schicksale vor Augen seit der Aufnahme in
das Haus des Justizrathes Schlurck und seinen jugendlichen Verirrungen mit
Melanie bis zu dem Augenblick, wo wir ihn am Schlusse des Fortunaballes in einem
erneuerten Anfall seiner Krankheit verlieen. In dem ersten Momente, wo uns
Hackert persnlich bekannt wurde, in Tempelheide, wo er im Kornfelde lag und den
Becher Weins mit Siegbert theilte, erkannten wir in ihm eine nicht ungewhnliche
Natur, die aber damals vllig zerfahren, mit sich selbst zerfallen war,
innerlich und uerlich verdstert und heruntergekommen. Spter fielen uns
lichtere Momente auf sein widerspruchsvolles Wesen und wir werden uns wol gesagt
haben, da dies Individuum durch Krankheit, geringe uere und meist durch sich
selbst gewonnene Erziehung, endlich durch sein angeborenes Naturell dem Urstoff
des Menschen nher stand als die meisten andern Menschen, die man eher
vermittelte Naturen nennen mchte. In Hackert lag noch unmittelbar das ganze
Chaos des Guten und Bsen, wie es aus der Hand des Schpfers in uns so
geheimnivoll gepflanzt scheint. Wohin seine Entwickelung ihn fhren wird, ob
zum Schlimmen oder zum Guten, wird uns schwer werden, schon vorauszusagen. Wir
sahen ihn in den Beziehungen zu Melanie von einem Sensualismus, der nur durch
den ppigen Ton des Schlurck'schen Hauses und die epikurische Weltauffassung
des Justizraths entschuldigt werden kann. Melanie war ihm wol so ziemlich
gleichartig, nur da sie die Vorzge einer geflligeren Bildung vor dem frh
verwahrlosten und durch die Farbe seines Haares entstellten Spielgenossen voraus
hatte. Einen Beweis fr ihre wirkliche aus dem Herzen flieende Gte ist uns
Melanie noch schuldig geblieben. Was sie uns an freundlichen Gesinnungen und
wohlwollenden Gedanken offenbarte, flo aus ihrer Leidenschaft, aber auch diese
kam nicht rein aus dem Herzen, sondern aus der Eitelkeit und dem Drange nach
Auszeichnung ... In Hackert schlummerte der Ehrgeiz. Zu seinem Glcke unbewut.
Htte ihn der Gedanke des Ruhms, der Auszeichnung erfat, er htte nur auf
schlimme Bahnen gerathen knnen, auf solche Bahnen, an deren Beginn wir ihn eben
jetzt erblicken.
    Muth und Zaghaftigkeit waren in diesem Naturmenschen auf eigene Art
gemischt. Wenn wir sagen, da etwas Weibliches in ihm lag, eine groe
Empfnglichkeit und das Bedrfni einer Liebe, wie sie ihm nach seinem bessern
Sinne selten zu Theil wurde, so wird man sich der Lsung des psychologischen
Rthsels, das er darbietet, schon eher nhern. Ein Mannweib, wenn es denkbar
wre, brchte wol hnliche Mischungen, die an Thierisches erinnern, an den Muth
und die Furcht des Lwen zugleich, zum Vorschein. Hackert hatte oft groartige
Regungen und verfiel sogleich wieder, bei der geringsten Verletzung, in die
niedrigsten. Wir haben gesehen, wie er der Rache fhig war! Man hatte ihn
furchtbar entwrdigt, hatte ihn durch jene Zchtigung wie ein Thier mit Fen
getreten, aber statt offen seinem Gegner gegenber zu treten, tdtete er ihm
durch die raffinirteste Grausamkeit sein Eigenthum. Ihn zu verdammen steht Jedem
frei. Wer wird ihn beschnigen wollen? Aber wer wird auch so weichlich gestimmt
sein, nur Die Menschen menschlich zu finden, die nach den Regeln des Katechismus
entweder gut oder bse sind, fr den Himmel oder die Hlle passen, nur Liebe
oder Abscheu erregen? Wir Menschen sind nicht so kurz zu nehmen, wie wir in
einem polizeilichen Signalement oder in lebensunwahrer Dichtkunst angegeben
werden. Die Mehrzahl der Lebenden sind Hackerte, Individuen, schwierig
unterzuordnen unsrer Liebe und doch auch nicht hassenswerth. Die reine
geluterte Vortrefflichkeit gibt es ebensowenig, wie es eine abstrakte
Schlechtigkeit nicht so nackt gibt, wie man ihr in den Kriminalgefngnissen zu
begegnen glaubt. Wir sprechen immer von Menschen, die wir lieben und achten, und
immer von Menschen, die wir hassen. Aber zwischen Beiden gibt es Millionen, die
sich aus unsrer Liebe und unsrem Hasse sehr wenig machen, die so sein wollen wie
sie sind, und die man gelten lassen mu, weil ihnen die Welt so gut gehrt wie
uns. Unsre Mastbe von Verstand, Herz, Gemth passen in den seltensten Fllen
auf die Menschen. Dieser Hackert konnte demthig werden bis zum Kleinmthigen,
ja bis zum berschlag in eine weiche und klagende Hingebung, und der geringste
Erfolg, wie wir an dem Abend gesehen haben, als er Melanie in ihrem Wagen
berfiel, schnellte ihn zum Ausbruch des Trotzes und zur widerlichsten Prahlerei
empor. In jener Nacht, als er den Brdern Wildungen ihre blichen moralischen
Voraussetzungen ber den Haufen stie, strafte ihn freilich das Geschick. Eben
noch jubelnd von Lust, drohte ihm zum zweiten male ein berfall, eine noch
schimpflichere Mishandlung. Damals gerettet durch die sorgsame Liebe des jungen
Mdchens, dem sein zerrissenes Gemth, seine Bizarrerie imponirte, flchtete er
sich in einen Versteck und verfiel vor Zorn und Jammer ber sein Loos in
Krmpfe, Zuckungen und ein stilles Schluchzen, das erst aufhrte, als er, vom
genossenen Weine bermannt, halb und halb entschlief. Und in diesem Halbschlafe
trieb ihn sein unruhiger kranker Geist empor und fhrte ihn als Schlafwandler in
den Tanzsaal zum allgemeinen Entsetzen. Damals kam ihm die Ideenverbindung der
regen Phantasie von selbst auf Louise Eisold, die neben ihm war und ihn sttzte.
Er sah die Kinder im Geist. Er lehnte sich ber ihre Lagersttten, um ihnen:
Gute Nacht! zu sagen. Er sah den Alten, griff nach ihm und fhlte ihn kalt. Er
sah, da er starb. Die Uhr schlug in dem Augenblicke vier. Er erwachte und sank
in die Arme jenes seltsamen Mdchens, das in ihm gerade den kranken Genius
liebte.
    Wie Hackert damals von Sandrart, Louisen und Frnzchen nach Hause gefhrt
wurde, in der Frhe noch zu Bett ging, dann aufstand, sich auf Alles besann und
tief, tief ber sich schauderte, da hatte er gedacht: Du mut dich in ein festes
Lebensjoch schmieden! Du mut irgend etwas beginnen, was diese bsen Geister
deines Innern, diesen ewigen Aufruhr deines Dmons zur Ruhe bringt! Mit Gewalt
zwang er sich, den Vorschlgen des Oberkommissairs Pax Gehr zu geben. Und ohne
zu prfen, was doch wol Alles dieser neue Beruf ihm auferlegen konnte, ohne
irgend zu berdenken, welches die Bedeutung seiner neuen Thtigkeit werden
mte, schleuderte er sich mit Gewalt in diesen Beruf, nur um von dem
gefahrvollen wilden Vegetiren freizukommen. Er hatte Melanie versprochen, wenn
sie bei Lasally die Einstellung seiner Klage gegen ihn durchsetzen wrde, sie
und Alle in Ruhe zu lassen. Zu Louise Eisold zog ihn nur Wehmuth, nur Schmerz,
nur Reue. Er wurde feig, unmnnlich, wenn er sich die Mglichkeit dachte, ein so
edles, tugendhaftes Mdchen zu lieben, er floh sie wie die Tugend. Und weil er
auch schon lngst das grobe Laster verabscheute, so warf er sich nun zum ersten
male wieder in die Arbeit. Er kannte keine andre Arbeit als die mit der Feder.
Bei Schlurck war er auerordentlich geschftskundig geworden, hatte eine
Schlauheit, Pfiffigkeit, eine Gewandtheit im Auffassen, einen Reichthum von
Detailkenntnissen sich erworben, die der Oberkommissair Pax sehr zu schtzen
wute und gern darauf einging, fr grbere Arbeiten eher den Schreiber
Schmelzing zu beschftigen. So hatte Hackert seither hingebrtet in
Breauthtigkeit. Er hatte die Genugthuung, da ihm diese Lebensweise fr die
Beruhigung seiner Nerven besser gedieh als das planlose Umherdmmern in Busch
und Feld, auf Kreuzweg und hinter Hecken und das Verfolgen seiner
leidenschaftlichen Eingebungen. Bald dachte er frher: Du mut sparen! Es kommt
eine Zeit, wo Schlurck dir nichts mehr gibt oder du nichts mehr von ihm nimmst!
Es kommt eine Zeit, wo du verhungern kannst! Da wurde er geizig, schmuzig
geizig. Dann warf er wieder das Geld fort, das er ohnehin in baarem Metall nicht
leiden mochte, weil er, wie er sagte, physische Schmerzen davon htte. Da
geschah es ihm wol, da er so frech war, einen Fnfthalerschein als Fidibus zu
einer Cigarre zu verbrennen. In solchen Krisen war er krank und stand in der
Nacht auf, unruhig, geqult und erschreckte die Menschen durch sein
Nervenleiden, das ihn zum Nachtwandler machte. Seitdem er bei Pax arbeitete, in
der einzigen Thtigkeit, die ihm zuletzt doch nur allein mglich machte, sich
einen Beruf zu bilden, war sein Wesen ruhiger geworden. Er schlenderte so hin
und schlief ruhig. Er dmpfte seine berreizung ab und sah nicht mehr rechts,
nicht mehr links und war auf dem Wege, ein consequenter Menschenhasser zu
werden, ein Peiniger, ein Tyrann aller Lebendigen.
    Heute zum ersten male kam ihm nun eine Zumuthung, wie sie ihm der
Oberkommissair noch nicht gestellt hatte. Anfangs zog ihn die Art, wie er in
diese Situation gerieth, an. Das kam so eigenthmlich, so geheimnivoll. Die
Erinnerungen an die Kinderzeit thaten ihm wohl. Der Spott ber Schmelzing, der
Scherz ber den Spuk, das Alles stimmte ihn anfangs launig. Wie er nun aber hier
auf dem Estrich hingestreckt so allein kauerte, wie da drei gespenstische
Kreuze, flimmernd und flackernd, so auf dem Boden wie Irrlichter ihn umtanzten,
wie er sich sagte: Was sollst du hier? Horchen? Lauschen? Da berfiel ihn die
berlegung und sie stimmte eigentlich nicht mit Dem, was ihm genehm war. So
Manches war schon vorgekommen, was ihm der Oberkommissair bertragen hatte und
was ihm bedenklich schien. Er hatte sich Dem unterzogen, ohne lange zu prfen.
Diese Horcherrolle aber machte ihm Kopfschtteln; dennoch hatte sich sein
Menschenha schon so entwickelt, da ihm etwa eine Verhinderung der Pax'schen
Absichten nicht im geringsten einfiel.
    So lag Hackert eine Weile und horchte, ob nicht Schmelzing zurckkme. Er
hatte das Aufschlieen der Thr und das Zuschlieen gehrt, aber Schmelzing kam
nicht wieder. Wie? fuhr er auf, hat man dich eingeschlossen und dir das Geschft
des Lauschers allein bertragen? Noch eine Weile geduldete er sich. In dem
Augenblicke glaubte er etwas knistern zu hren. Er lag ganz im Dunkeln und htte
kaum den Rckweg finden knnen. Zornig sprang er auf. Wie seine Natur war, hatte
er sogleich die schlimmste Vorstellung. Er sah sich gefangen, betrogen,
irgendwie verrathen. Die verzerrtesten Mglichkeiten tanzten vor seiner im Nu
entzndeten Phantasie. Er wollte Lrm machen, durch die Kreuze hindurch um Hlfe
rufen. Jetzt zaghaft und sogleich kleinmthig, gab er nicht nur sich, sondern
sogleich auch Die, die ihm vertraut hatten, auf. Da hrte er etwas in der Ferne
knarren. Es mute die Thr sein, die aufgeschlossen wurde. Die Erzhlung von dem
grauen Manne kam zur Mehrung seiner Aufregung noch hinzu. Er horchte. Er glaubte
Tritte zu vernehmen. Ein Lichtschimmer fiel durch irgend eine Scheibe in der
Vorhalle. Er hielt den Athem an und rstete sich auf jede Gefahr. Da kamen die
Futritte nher, der Lichtstrahl beleuchtete die Wnde. Hackert stand auf dem
Sprunge, dem verdchtigen Ankmmling jedenfalls sogleich die Laterne zu
entreien ... Es war aber Schmelzing, der in der einen Hand mit der Laterne, in
der andern mit einem groen Papiere, in das etwas eingewickelt schien, nher
schlich. Seine Phantasie hatte ihn von der Mglichkeit, da der harthrige
College wiederkam, ganz entfernt gehabt. Schmelzing kam und nickte Hackerten zu,
ihm das Papier abzunehmen. Es war Brot und Fleisch. Schmelzing war noch auf die
Strae gegangen und hatte Vorrthe eingekauft, wofr ihn Hackert loben mute.
Behaglich kauerten sie sich nun zur Erde nieder an dem mittleren
Gasflammenkreuz, zogen Messer hervor und zerschnitten sich den reichlichen
Proviant. Leider hatte Schmelzing vergessen, fr ein Glas zu sorgen. Da zog er
ein hlzernes Pennal aus der Tasche, nahm die Federn und Bleistifte heraus und
verwandelte dies Pennal in zwei Trinkbecher, einen groen und einen kleinen. Den
kleinen nahm Schmelzing, der nicht viel vertragen konnte, den greren Hackert.
Mit der Fingersprache sagte Hackert, so htten die Humpen der alten Ritter
ausgesehen, nur wren sie grer gewesen. Die beiden Schreiber stieen mit ihren
Trinkpennalen an und unterhielten sich, obgleich stumm, auf die heiterste Art.
Endlich hrten sie Gerusch. Die Thr der Trinkstube unter ihnen ging auf.
Mnner traten ein, ein lautes Gesprch begann, jedes Wort schallte in der
Wlbung so wieder, wie es unten gesprochen wurde. Die beiden lauschenden
Schreiber spitzten die Ohren ...
    Unsre Freunde aber, Dankmar, Siegbert und Leidenfrost hatten, als sie von
dem Feste der Weinlese bei der Frstin Wsmskoi kamen, am Thore sich von den
Arbeitern getrennt, die an der Stadtmauer entlang in die Willing'sche Fabrik
zurckkehren wollten.
    Sie schritten, die kleinen Einzelheiten des Nachmittags wiederholend und
Manches, was ihnen, den stillbewegten Siegbert ausgenommen, spahaft erschienen
war, belachend, dem alterthmlichen Viertel der Stadt zu. Am Rathskeller wollte
sie Louis Armand erwarten. Da auch Major Werdeck kommen wrde, war der Inhalt
des von Sandrart berbrachten Billets gewesen. Der Major hatte hinzugefgt, da
er zur Errterung der lngstersehnten Wnsche ganz fr den Rathskeller wre,
dessen kleine abgeschlossenen vielgesuchten Zellen der gemthlichen Unterhaltung
sehr entgegen kmen: er htte schon die beste, in der selbst General Voland von
der Hahnenfeder, der Alterthmler, nicht verschmhe, sich zuweilen einen Trunk
Lacrim Christi zu gnnen, fr sie mit Beschlag belegt.
    Die Freunde hatten diesen Abend bestimmt, um sich ber die groe Aufgabe der
Zeit, die sie Alle beschftigte, in ihrem Sinne grndlich auszusprechen und
diejenige Rolle zu bezeichnen, die sie entschlossen sein wollten, in dem
allgemeinen Kampfe der Interessen und Ideen zu bernehmen.
    Werdeck war durch Leidenfrost mit Siegbert und Dankmar bekannt geworden.
Schon fters waren sie hie und da zusammengetroffen und hatten wechselseitiges
Vertrauen gewonnen. Zwar lag in Werdeck's scharfhervortretenden Zgen Manches,
was beim ersten Begegnen einschchtern konnte, doch berwanden die sich
Annhernden die erste Scheu; hatte doch auch Dankmar lange damit zu thun gehabt,
sich mit Leidenfrost zu befreunden, der von der Malerei immer mehr abkam und in
neuester Zeit sogar angefangen hatte, sich auf Strategie zu legen. Es war in der
That kein Scherz, wenn Siegbert erzhlte, da Leidenfrost auf einer bescheidenen
Erkerstube, die er bewohnte, eine Menge strategischer Werke, die ihm Werdeck
geliehen, aufgeschlagen vor sich liegen hatte und auf einem Tische mit
kleingeschnittenen Schwefelhlzchen den groen und kleinen Krieg studirte. Er
fand ihn oft in die Stellungen seiner Schwefelhlzer so versunken und machte mit
ihm die berhmtesten Schlachten Alexander's des Groen, Csar's, Eugen's von
Savoyen und Friedrich's des Groen so tapfer durch, da man die Entzndung der
Hlzer befrchten konnte. Die Schwefelhlzer waren je nach ihrer Nationalitt
und ihrer Truppengattung bunt bezeichnet. Leidenfrost konnte sich in seinen
taktischen Studien so verlieren, da er unter seinen Tausenden von
Schwefelhlzern wie ein Schachspieler sa und irgend einen neuen unbekannten
Sprung erfinden zu wollen schien. Er hatte Siegbert ersucht, ihn nicht wegen
dieses Unsinns dem Major zu verrathen. Der Zunftgeist, sagte er, ist berall
derselbe und wie wir Niemanden einrumen wollen, da man Maler sein knne ohne
Hnde, so begreift auch ein Taktiker nicht, wie man ohne Epaulettes sich ber
Kriegfhrung orientiren kann, was doch nachgerade eine unerlliche Bedingung
eines jedes gebildeten Mannes unsrer Zeit werden und bald so nothwendig fr die
Erziehung sein wird wie das Turnen.
    Etwas besorgt waren die Freunde ber den Eindruck, den Werdeck und Louis
Armand gegenseitig auf sich machen wrden. An dem Stande dieses in der ganzen
Residenz schon bekannten und durch seine Beziehung zum Prinzen Egon
wohlgewrdigten franzsischen Kunsttischlers nahm der Major keinen Ansto. Er
hatte, einmal vom Wirbelwinde der Zeit gefat, sich die ungeheure Abweichung von
seiner vorgeschriebenen Lebensweise zu Schulden kommen lassen, seinen
Kriegerstand zu vergessen und erst durch die Ideen sich mit den Menschen zu
vermitteln. So lag ihm auch nun nichts mehr an einer solchen Begegnung mit einem
wirklichen Manne aus dem Volke. Bedenklicher htte es ihm freilich scheinen
knnen, da der neue Genosse der schon mehrfach angeknpften Unterhaltungen ein
Franzose war. Werdeck besa aber nicht die Nationalvorurtheile, die uns von
unsern Erziehern mitgegeben werden und in unser Blut bergegangen sind. Seine
Frau hatte ihn frh ber diese Voraussetzungen hinweggebracht. Eine starke,
leidenschaftliche, vom Hasse getragene Seele, wie sie war, lebte sie nicht in
der Welt, die ihres Gatten nchste Lebensbedingung war. Religise und nationale
Elemente fhrten sie in jene eigenthmliche Schwrmerei hinber, die sich aus
der Schule Adam Mickiewicz's in Paris mit Flgeln emporschwang, die ihr die
Mrtyrerschaft als das schnste Ziel der Tugend zu erstreben lehrte. In der
Minoritt zu leben, mit dieser zu dulden, mit dieser zu hoffen, war dieser Frau
eine Geistes-Seligkeit, und wenn auch Werdeck auf's entschiedenste die nationale
Berechtigung der Polen verwarf, seiner Frau ihre katholischen Trumereien lie,
ohne aufzuhren, sie sogar deshalb zu belcheln, den Hauch der neuen Zeit hatte
er in jeder andern Beziehung in seinem Gemthe alles Starre und Eisige aufthauen
lassen und sah mit Ruhe einer ihm drohenden Katastrophe entgegen. Louis Armand
sagte dagegen, die Militairs wrden doch nie die wahre Freiheit der Vlker
befrdern. Sie wollten nur steigen, nur herrschen, glnzen. Louis behauptete von
Werdeck gehrt zu haben, da er hypochondrisch, verstimmt, lngst mit seinen
Standesgenossen zerfallen wre und sich nur darin gefiele, den Hof durch
liberale Gesinnungen zu rgern. Dennoch fgte er hinzu, htte er von Heinrich
Sandrart, dem Sergeanten, der dann und wann noch zu den alten Mrtens kme,
erfahren, die dritte Compagnie wenigstens liee ihr Leben fr den Major und
daraus liee sich die Macht einer bedeutenden und gemthvollen Persnlichkeit
doch schon theilweise erkennen. Wenn ich ihm kein Ansto bin, hatte Louis
erklrt, so komm' ich gern und bin gewi, von einem so ausgezeichneten Manne
viel lernen zu knnen.
    Louis harrte schon in der Nhe des Rathskellers. Die Freunde schttelten ihm
die Hand. Alle Drei hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeschlossen, als
bisher. Louis war nach all' den Ansprchen, die Egon's Freundschaft auf ihn
gemacht hatte, jetzt mit erneutem Eifer an seine Arbeit gegangen und hatte
Talente entwickelt, die jedem Einsichtsvollen Achtung abgewannen. Mit
Genugthuung sah man, wie unausgesetzt theilnehmend er dem ffentlichen Leben
seines neuen Aufenthaltsortes folgte, wie gespannt er die Entwickelung Egon's
berwachte und jeden Einflu, den ihm dieser nur gestattete, darauf verwandte,
ihn seinen frheren Gesinnungen treu zu erhalten. Freilich hatte er den Freunden
eingestehen mssen, da seit einiger Zeit mit Egon eine Vernderung vor sich
gegangen war. Er hatte ihnen genau den Tag, die Stunde bezeichnet, seitdem ihm
vorkme, als htte Egon ein neues, fremdes Element in sich aufgenommen. Es war
dies jener Abend, an welchem die Freunde einer Aufforderung Egon's gefolgt
waren, ihm in einer gewagten, aber von seiner wildesten Erregung fr nothwendig
erklrten Unternehmung beizustehen. Rudhard hatte dem jungen Frsten die
Verwechselung mit dem Thomas a Kempis eingestanden, er hatte von Pax, von
Schlurck selbst in der Hauptsache erfahren, was mit dem Bilde vor sich gegangen
war. Da Pauline von Harder die Denkwrdigkeiten der Frstin Amanda besa, stand
ihnen Allen fest. Wozu sich neuen Unterschlagungen, einer vlligen Vernichtung
derselben aussetzen? Nein, hatte Egon gerufen, die Nacht birgt uns in ihr
schtzendes Dunkel! Wohlan, ich gehe zu jener Elenden, ich verlasse nicht ihr
Haus, nicht ihr geheimstes Zimmer, bis diese Umtriebe entlarvt, die entwandten
Schtze zurckerobert sind. Louis und die Brder Wildungen sollten Egon sein
khnes Werk auszufhren untersttzen. Rudhard widerrieth, aber die jungen Leute
fhlten sich von dem Abenteuer zu sehr gereizt. Sie folgten Egon und standen
schon in Begriff, gewaltsam in das einsame Haus zu dringen und der gefhrlichen
Frau das geraubte Gut zu entwinden, als sich der uns bekannte mildere Ausweg
gefunden hatte. Aber Egon's seither mannichfach gendertes Wesen konnte nicht
geleugnet werden. Man hatte vermuthet, da die aristokratische Gesinnung der
Grfin d'Azimont sicher versuchen wrde, Einflu auf den Prinzen zu gewinnen.
Dies hatte Louis in Abrede gestellt. Eher gestand er zu, da Rudhard's
politische Ansichten, die den ihrigen vllig entgegengesetzt waren, wohl einmal
einen bedenklichen Einflu auf Egon gewinnen knnten. In der Hauptsache aber
gestand er dabei, da seit dem September-Sonntage eine auffallende Vernderung
mit dem Frsten vorgegangen wre. Er htte ihn damals an diesem regnerischen
Sonntage, selbst verstimmt, besucht, um sich aufzuheitern, htte Egon aber in
eine Trauer, eine Abwesenheit versunken gesehen, die ihn wahrhaft erschreckt
htte. Auf genauere Fragen htt' er nicht Rede gestanden und nur zuletzt
eingerumt, da ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen
Mittheilungen seiner Mutter mit tiefster Trauer ber die Vergangenheit
erfllten. Wie man aber, fgte Louis Armand hinzu, wie man aus Trauer
leichtsinnig, aus Schmerz verschwenderisch werden kann, begreif' ich nicht. Die
Freunde hatten Louis um Aufklrung dieses Widerspruchs gebeten und Louis hatte
ihnen gesagt: Alle guten Vorstze, die Egon fr sein Hauswesen gefat, sind
pltzlich verschwunden. Jede Mahnung an die Ersparnisse, die er sich auferlegte,
wies er ab. Menschen, die ihm verhat waren, die er nicht mehr um sich leiden
mochte, behielt er. Als ich ihn nach der Ursache dieses Widerspruchs fragte,
sagte er scheinbar scherzend, aber doch voll Ernst: Bester Freund, die Rcksicht
auf Ahnen ist kein leerer Wahn! Mein Vater hat Das so geordnet. Ich will es so
lassen. Und nun statt irgend etwas von Dem, was er sich vorgenommen,
wahrzumachen, erlebt' ich, da er den Bankier von Reichmeyer zu sich kommen
lie, sich erst mit ihm ber dessen Ansprche verstndigte und sogleich ein
neues bedeutendes Anlehen schlo ...
    Darber waren die Freunde erstaunt genug und begriffen nun, wie Egon
pltzlich einige neue glnzende Equipagen zeigte, seinen Stall von Lasally und
dem pferdekundigen Levi neu ergnzen lie, die Zahl seiner Bedienten vermehrte
und ihnen allen eine Livree vorschrieb, die er selbst zeichnete. Alles Das in
einem Zeitraum von vierzehn Tagen, mitten in der raschen, ihm von Justus, dem
Volksmanne, erwirkten Nachwahl, mitten in den Vorbereitungen des Zusammentrittes
der Stnde.
    Auch die Beziehung zu Pauline von Harder, zu Guido Stromer, zu der Zeitung
Das Jahrhundert war zur Sprache gekommen. Niemand begriff, wie nun sich Egon
jener Frau so eng anschlieen konnte. Alle Welt wute bereits, was sie der
Mutter des Frsten und ihm selbst schon angethan hatte, und dennoch dieses enge
Band! ber Guido Stromer hatte Dankmar selbst schon vor einigen Tagen zu Egon
gesagt: Lieber Freund - diese traulichen Bezeichnungen dauerten natrlich noch
fort - Lieber Freund, du duldest da einen sehr zweideutigen Mann in deiner Nhe!
Dieser Stromer ist Pfarrer, Vater, Gatte und schleudert sich hier mit Gewalt in
eine Laufbahn, bei der er Wrde und Alles daran gibt! Ich streite ihm die
bedeutendsten Gaben nicht ab. Er hat unfehlbar einen reichen, cultivirten Geist
und viel Beruf, Dinge, die in der Menschenbrust schlummern, auszusprechen.
Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen
Beispiele vorgekommen ist, so ist es bei diesem Guido Stromer. Ein Gelehrter,
ein Stubenmensch, ohne Weltton, ohne Lebensauffassung, wird pltzlich, wie soll
ich's nennen, wild! Es fllt ihm ein, da er schwrmen knne, und wie schwrmt
er? Die Seinigen lt er daheim, seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander
und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Lge zur andern. Das sind
die gefhrlichsten Reprsentanten des Geistes, die, alles Charakters baar, nur
nach ihren persnlichen Stimmungen sich bald fr Dies, bald fr Jenes erklren.
Wei er nicht jeder Auffassung eine gefllige Form zu geben? Erfllt er nicht
die innere Leere seines Charakters dadurch, da er mit Haut und Haar in jede
fremde Natur hineinspringt und aus ihr, sie lobpreisend, hervorkokettirt? Gib
diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln, irgend eine reelle
Aufgabe des Lebens durchzufhren, er wird sie verfahren und wenn er sie nicht
ehrlos mit Fen tritt, sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwrdigen!
Unfhig, irgend eine geschlossene Production hervorzubringen, raisonnirt er nur
und lt die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen, wie die Facetten eines
Diamanten. Dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zugnglich. Wer seinen Styl
lobt, dem gibt er alle seine Ideen preis. Wer vollends sagt, da seine stumpfe
Nase griechisch, seine geschlitzten Augen kaukasisch, seine Hnde ebenso zart
und wei, wie sie roth sind, wren, dem stellt er alle seine Eingebungen, das
ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfgung. Er wird roth, wenn man seine
Manschetten lobt. Kurz er ist ein Mann, der aus der Concentration eines
gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen
Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird. Anstig ist schon
die geringe Achtung, in die er sich versetzt durch sein leicht entzndliches
Herz und die Narrheit, mit der er sich in jede Frau, die einmal seine
jeanpaulisirende Schreibweise lobte, verliebt stellt.
    Egon hatte damals ber diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck
gesprochen, die sich Stromer's zudringlicher Huldigung nicht erwehren knne,
whrend er doch glaube, da dieser wildgewordene Pedant selbst den Fruleins
Wandstabler nachliefe, wenn diese ihn zufllig einmal in einem Beugungswinkel,
wenn auch nur von 175 Graden, anshen.
    Egon erzhlte dann auch, da er die liebenswrdige Tochter des Justizraths
Schlurck zuweilen bei Paulinen trfe und verlangte von Dankmar eine genauere
Angabe der eigenthmlichen Beziehungen, in denen er zu diesem bildschnen Wesen
gestanden htte. Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich
auf Das, was Egon von der Hohenberger Reise schon wute. Auf die Frage, die er
dafr an Egon richtete, ob er ihm nicht eine Parallele zwischen Melanie und
Helene ziehen knne, wollte seinerseits wieder der Prinz nicht antworten. Man
scherzte, man lachte, man war ber die Maaen vertraut gegen einander und doch
hatte sich zwischen Egon und die Freunde etwas gedrngt, wofr sie keinen Namen
anzugeben hatten ...
    Die vier Gefhrten stiegen nun die Stufen hinunter, die in den Rathskeller
fhrten. Wie die in einem Gewichte gehende Thr hinter ihnen zufiel, sahen sie
am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Thr huschen.
    Kommen auch Damen in den Rathskeller? fragte Dankmar erstaunt und wandte
sich zu dem Kfer, der sie schon erwartet hatte und in das vom Major bestellte
Kabinet fhrte.
    Es sind wol Fremde! sagte der Angeredete lachend. Ein Herr mit zwei Damen
will dort Champagner trinken.
    Wohl bekomm's Ihnen! sagte Leidenfrost. Worber werden wir uns denn einigen?
    Sie waren in der grnen, gaserleuchteten Trinkzelle und stellten die
krftigen neu gebeizten Eichensthle um einen runden Tisch. Der Major war noch
nicht da. Der Kellner aber sagte, da er des Majors Geschmack kenne -
Rdesheimer.
    Bringen Sie Rdesheimer! antwortete Dankmar, und so viel Beefsteaks, wie Sie
fertig haben.
    Das ist vernnftig, sagte Leidenfrost, denn ich esse deren mindestens zwei.
Die Leckereien bei der guten Moskowiterin haben mir so den Magen verdorben, da
ich mich nur mit Beefsteaks wieder herstellen kann.
    Sie sind ja so einsylbig, Louis? fragte Siegbert. Was haben Sie?
    Ich war bis jetzt in der Kammer, antwortete Louis Armand.
    In der Abendsitzung? Nun, wie war es? rief man einstimmig.
    Die Regierung verlangt eine Abnderung der Geschftsordnung. Das Ministerium
will zu jeder Zeit die Erlaubni haben, vor, whrend und nach der Debatte seine
Meinungen zu uern ...
    Emprend! unterbrach Dankmar. Als wenn das Ministerium die Kammer bei sich
zu Gaste htte und nicht die Kammer das Ministerium! Aber der Antrag geht nicht
durch.
    Das Ministerium machte die uersten Anstrengungen.
    Das glaub' ich wohl, ergnzte Leidenfrost und trommelte auf den Tisch, der
ihm so glatt, so eben schien, da er vielleicht an seine Schwefelhlzer dachte;
eine Debatte kann da im besten Abschlu sein, die Halben, die Furchtsamen sogar
sind vielleicht fr die populaire Auffassung gewonnen, man will abstimmen und
pltzlich erheben sich die Herren Minister und bringen wieder neue Materialien
an, sollten sie auch nur in einer Drohung gegen Die bestehen, die von ihnen
abhngig sind und gegen sie stimmen wollten.
    Die Minister haben ja aus diesem Gegenstand eine Kabinetsfrage gemacht,
ergnzte Dankmar.
    Das lt sich leicht erklren, sagte Leidenfrost. Sie wissen, da sie
unhaltbar sind und ergreifen die erste Gelegenheit, sich aus allen
Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen.
    Es hie nun: Sprach Egon nichts?
    Louis erzhlte, da Justus, der eine Partei in der Kammer zu vertreten
scheine, Egon veranlassen wollte, diese Debatte kurz durch einige treffende
Worte zu beenden. Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Justus'
Benehmen, seiner Unterhaltung und Gestikulation erkannt. Befremdet aber htte es
ihn, wie Justus selbst, da Egon ihm Auseinandersetzungen machte, die nicht mit
der Majoritt bereinzustimmen schienen.
    Man behauptete erstaunt, da sich Louis wol geirrt htte und war der festen
Meinung, Egon htte nur nicht sprechen wollen, wrde aber mit der Majoritt
stimmen. Louis konnte nichts erwidern, denn er erzhlte, in Mitte der heftigsten
Debatte wre er gegangen, da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen
wollte. Die Sitzung knnte sich so, wie sie angefangen, bis in die Nacht
hinziehen ...
    Indem trat der Major von Werdeck ein. Er kam in seiner Uniform, die ein
Mantel verhllte, grte sehr freundlich, bot Louis Armand, der ihm vorgestellt
wurde, leutselig die Hand und fragte, ob er es mit der Wahl dieses kleinen
Closetts recht getroffen htte?
    Man fand dies kleine grne, blendendhelle Kabinet allerliebst und kndigte
dem Major an, da man schon in seinem Sinne gehandelt zu haben glaubte, als man
Rdesheimer bestellte.
    Wohl, sagte er, die Traube vom Thurm des alten Brmsers gehrt in diese
Kellerhhle. Er soll uns die Zunge lsen und die Flammen der Mittheilung
schren. Wissen Sie schon, da das Ministerium diese Nacht nicht berlebt?
    Wir hrten eben, da es aus einer Frage der Geschftsordnung eine
Kabinetsfrage gemacht hat, sagte Dankmar.
    Es ist ein Coup der Verzweiflung, meinte Werdeck. Die Herren nehmen den
ersten besten Strick von unten und warten nicht erst, bis die seidene Schnur von
oben kommt. Hanf oder Seide, es thut hier denselben Dienst.
    Der Kellner brachte die Beefsteaks. Man setzte sich um den runden Tisch.
Louis, voll Spannung und schchtern, doch bald von Werdeck's feinem
weltmnnischen Tone ermuntert. Der Major wandte sich vorzugsweise an ihn,
bewunderte seine Fertigkeit, sich deutsch auszudrcken, pries die politische
Haltung seines Freundes, des Prinzen Egon, der unstreitig der Volkssache groe
Dienste leisten wrde, und dafr sei das Vaterland eigentlich ihm verbunden.
Denn man wisse Alles, was Egon und Louis zusammen erlebt htten.
    Louis wagte so viel Zugestndnisse kaum anzunehmen. Er erwiderte, und wenn
diese Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu Stande gebracht htte, als da die
Stnde einmal ein wenig durcheinander gerttelt worden, so wre Das schon ein
Resultat.
    Siegbert thaute ein wenig auf. Bewegt von dem Vorfalle mit Olga,
vorwurfsvoll ber sich selbst und ernst gestimmt, hatte er zuweilen empor
geblickt und seine Gedanken, wie manche mathematische Denker pflegen, an der
Decke gesammelt. Da fiel ihm auf, da hinter dem Blechschirm, der die Gasflamme
umgab, die Wlbung dieses Raumes in dem ihm und dem Bruder so wichtigen Kreuze
zusammenlief. Mit einem Winke machte er den Bruder auf das Kreuz aufmerksam ...
    Wohl! sagte Dankmar, Das weit du nicht, da wir hier auf eignem Grund und
Boden sind? Dies kleine Luftloch fhrt durch die dicke Zwischenmauer in das
Rathhausarchiv, in die Aktensammlungen unserer wohllblichen Gegnerin, der
ehrsamen und tugendbelobten Stadt. Wir wollen, wenn wir auf dies Kreuz blicken,
denken: in hoc signo vincemus!
    In diesem Kreuze werden wir siegen! wiederholte der unterrichtete Werdeck.
Wie ist es denn mit Ihrem Proce?
    Man zndete sich Cigarren an, stellte die Glser, Leidenfrost fllte sie.
    Wir erwarten in diesen Tagen die Entscheidung erster Instanz, sagte Dankmar.
Da wir durchfallen wei ich schon. Nur die Entscheidungsgrnde sind mir noch
unbekannt.
    Ich will sie Ihnen sagen, Wildungen, fiel Leidenfrost ein. Man wird Ihnen
erwidern:

Schickt denn das Beinhaus und die Gruft
Uns die Begrabenen zurck? Sonst, wenn
Ein Mann gestorben, war es aus mit ihm:
Jetzt steigen sie mit zwanzig Todeswunden
An ihrem Kopfe wieder aus dem Grab
Und treiben uns von uns'ren Sthlen.

Das hrt' ich einmal im Theater, sagte Werdeck. Ist Das eine Reminiscenz Ihres
Schauspielerlebens, Leidenfrost?
    Heute htten Sie den Propst Gelbsattel so hren knnen, sagte Leidenfrost
ausweichend, ehe Sie kamen, Dankmar. Er sa da, wie Macbeth, als er Banquo's
Geist an seiner Tafel erblickt und ein andermal wurd' er wehmthig. Es war mir,
als hrt' ich:

Du Geist des alten Ritters Wildungen!
Du kommst in so fragwrdiger Gestalt!
La mich in Kummer nicht vergehen! Nein, sag:
Warum dein fromm Gebein, verwahrt im Tode,
Die Leinen hat zersprengt? Warum die Gruft,
Worin wir ruhig eingemau'rt dich sahen,
Geffnet ihre schweren Marmorkiefern,
Dich wieder auszuwerfen? Was bedeutet's,
Da, todter Leichnam, du, in vollem Stahl
Auf's neu des Mondes Dmmerschein besuchst,
Die Nacht entstellend; da wir Narren der Natur
So furchtbarlich uns schtteln mit Gedanken,
Die uns're Seele nicht erreichen kann?

Bravo! rief man allgemein. Zum grten Erstaunen Louis Armand's, der diese Art
deutschen Humors beim grnen Rmerglase noch nicht kannte, hatte Leidenfrost
wirklich so gesprochen und fast gespielt, als wenn er einen Geist im
Mondenlichte vor sich herschreiten gesehen htte.
    Dankmar erzhlte nun zuvrderst vielerlei von den Schwierigkeiten, von den
unglaublichen Chikanen, die seinem Processe in den Weg gelegt wurden. Schlurck
fhrte die Sache des Magistrats mit dem ganzen Aufwande seines berhmten
Scharfsinnes. Die Regierung hatte einen nicht minder gewandten Rechtsgelehrten
fr ihre Ansprche beauftragt. Dankmar sagte, er htte Analogieen in dem
bekannten Wallenstein'schen Processe gefunden, der von Menschenalter zu
Menschenalter verschleppt wurde und jetzt in Bhmen in vollem Gange und
endlicher Entscheidung wre und die Rckgabe der den Erben Wallenstein's
ungerechterweise entzogenen Gter zur Folge haben wrde.
    Soll ich Ihnen aufrichtig sagen, mein verehrter Freund, begann Werdeck, was
mir an Ihrem schon so berhmt gewordenen Processe nicht in den Sinn will?
    Sagen Sie es offen, Herr Major! antwortete Dankmar.
    Ich verkenne nicht das Gewicht Ihrer Ansprche. Ich fhle, wie
auerordentlich gnstig Ihnen der Umstand sein wird, da die frstliche Gewalt
gleich in den ersten fnfzig Jahren gegen die Besitzergreifung der
Johannitergter durch die Communen protestirte und diesen Proce nie ganz hat
einschlummern lassen, ja selbst Vergleiche und gtliches Abfinden ausschlug.
Freilich, sagte mir krzlich ein Rechtsgelehrter, es frge sich, ob ein Dritter
von einer die Verjhrung hintertreibenden protestation eines Zweiten Vortheil
ziehen knne ...
    Das ist allerdings die Hauptfrage! sagte Dankmar. Allein auch hier werd' ich
meinen Mann stehen ...
    Meinen Mann stehen! Den Ausdruck hab' ich nur hren wollen! sagte Werdeck.
    Wieso diesen Ausdruck? sagte Dankmar, und die Andern hrten voll Theilnahme.
    Sehen Sie, mein Theuerster, sagte Werdeck, es liegt etwas Khnes, etwas
Tapferes in Ihrem Proce und doch findet er nicht bei Jedem die Sympathie, die
Sie wol voraussetzen mchten. Man lt Ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren;
aber ... kein Mensch wnscht eigentlich, da Sie Ihren Proce gewinnen.
    Siegberten war es, als wenn ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er hatte lngst
dasselbe Gefhl gehabt.
    Ja, sagte er und reichte Dankmarn bewegt die Hand, ja Bruder, Das ist das
Gefhl, was auch mir vom ersten Tage an, wo du in der Freude deiner Entdeckung
mir dein Unternehmen ankndigtest, die Lust an ihm benahm. Es schnrte mir die
Brust zu, mit dir darber zu sprechen und ich sollte doch deine Freude theilen.
Ich konnte nicht! Ich sollte deine Hoffnungen untersttzen. Der eigene Muth des
Herzens reichte nicht aus dafr.
    Wir wollen, rief eine Stimme in mir, diese Reichthmer fr uns, wir wollen
sie zu persnlichem Zwecke. Wir whlen in Akten und alten Erinnerungen und
entziehen allgemeinen Zwecken, sie mgen auch Misbruche befrdert haben,
Mittel, die, wenn sie z.B. der Staat gewinnt oder wenn die Stadt sich in der
Lage sieht, diese Fonds besser zu verwenden, doch gegebenen und umfassenden
Schpfungen zu Gute kommen. Man wnscht uns in die Augen Glck zu Aussichten,
von denen hinter unserem Rcken Niemand will, da sie sich verwirklichen.
    Ihr Herr Bruder sagt' es, bemerkte Werdeck. Und ich versichere Ihnen, es ist
fast die allgemeine Stimme.
    Dankmar schrak fast zusammen. Es liegt etwas Furchtbares in diesem Drucke,
der auf unser Gemth lastet, wenn man so pltzlich ber unser innerstes Wollen
und eigenstes Schaffen ein Urtheil hrt, das sich fr das allgemeine der Welt
ausgibt. Man hat in der Stille sein Werk gezeitigt, man hat es den nchsten
Freunden und Theilnehmenden enthllt, es gehrt nun dem Allgemeinen an. Die
Urtheile flieen anfangs sprlich. Sie sind wohlwollend, sie scheinen
befriedigt. Da geht es pltzlich wie ein Vorhang auf. Das Werk, das vergessen,
unbeachtet geblieben schien, hat Alle im Stillen interessirt und nun bricht ein
Lrm, ein Durcheinander von Meinungen, Ansichten, Widerlegungen auf uns ein, da
man erschrocken fast die Besinnung verliert und sich vorkommt wie berfallen von
einer heimlichen Verschwrung.
    In dieser peinlichen Lage war Dankmar, als ihm Max Leidenfrost beisprang,
den grnen Rmer auf den Tisch schlug, das lange Haar zurckstrich und ausrief:
    Das unterschreib' ich nicht! Wer wird sich denn erstens an die Menschen
kehren, was die sagen und die meinen! Knnen Unbilden durch die Jahrhunderte
jemals gerecht werden? Wenn wir zugeben, da Jahre die moralischen Fragen
zudecken, beseitigen, entfernen, dann ist ja unser ganzer Kampf um die groen
Ideen des Weltalls nichts, und an die elektrische Strmung der Offenbarung, die
wie durch den Raum auch durch die Zeit gehen soll, kann dann schon kein Mensch
mehr glauben. Das Erbrecht ist eine der wunderbarsten Strmungen der Zeiten.
Wollen wir's, weil es mit Unrecht verbunden wre, abschaffen, so gebt etwas
Neues dafr! Aber etwas Vernnftiges, Cohrirendes! Cohsion mu sein.
Zusammenhang ist Leben! Bis jetzt bin ich noch der Meinung, da man mit der
Aufhebung des Erbrechtes die ganze Menschheit aus ihren sittlichen Fugen bringt.
Das sag' ich trotz meiner Schwefelhlzer, mit denen ich Taktik studire, um
unseren Aristokraten eine Schlacht aus freier Hand zu liefern, mit einer Armee,
die sich finden mu.
    Man lachte, weil man Leidenfrost's strategischen Selbstunterricht kannte.
Louis Armand aber meinte, das Erbrecht wre doch der eigentliche Grund aller
Leiden der Menschheit. Ihm verdanke man die Aufhufungen der Kapitalien, ihm die
ungerechte Vertheilung der Lebensgter, ihm den Fluch, der auf ganzen
Generationen lge. Das Erbrecht wre ein fortlaufender Protest gegen das Glck
der Menschheit.
    Wohlan! rief Dankmar, sich sammelnd. Da wren wir ja gerade bei unserm
Gegenstand. Heute wollten wir uns ber den Feldzugsplan jedes aufgeklrten und
ehrlichen Mannes in dieser Zeit unterrichten, sogar Verabredungen fr irgend
eine gemeinschaftliche Unternehmung treffen und nun ist meine eigene und meines
Bruders persnliche Angelegenheit frmlich ein Symbol der Frage unseres
Jahrhunderts, wie sie einmal ungelst dasteht. Es ist unwiderleglich; um das
Recht der Person, um die nachwirkende Kraft der Vergangenheit handelt sich
Alles. Ist der Staat etwas Allgemeines, das aus dem Wohle jedes Einzelnen und
dem Wohle von Familien, Geschlechtern, Gruppen und Sippen oder nur aus lauter
sich selbst bestimmenden Individuen zusammengesetzt ist, die nur lose
zusammenhngen und sich nicht gegenseitig bedingen? Wenn mein Proce unpopulair
ist, wie Sie sagen, Herr Major, und wie ich es selber fhle, seitdem Siegbert's
Takt mich irre macht, so sollte Vieles unpopulair sein, was sich von der
Vergangenheit als reines Personeninteresse forterbt ...
    Die Monarchie und der Adel vor Allem, brach Leidenfrost hervor. Ob der alte
Ritter Wildungen seine Erbschaft antrat oder nicht, bleibt sich doch wol gleich,
sogut wie Einer zufllig seine Krone verliert und darum ihr Recht nicht
aufzugeben braucht. Beweist man Jemanden, da ein Recht schdlich ist und der
Verlust seiner Krone ein Glck fr die Vlker, gut, so ist sein Personenrecht
todtgeschlagen; aber wer beweist Ihnen, da Ihre Million, die Sie beanspruchen
drfen, ein Nachtheil fr den Gegner ist? Ich will gerade, da dies Ihr
lebendiges Beispiel den Aristokraten und Monarchen zeige, was sie an sich selber
nicht glauben wollen, da das fortwirkende Recht der Vererbung allerdings seine
Grenzen haben sollte.
    Ah, sagte Louis, da geben Sie doch schon von dem Erbrechte etwas heraus! Sie
wollen nur eine Consequenz ziehen, nur eine Lektion geben.
    Nur vernnftig, nur poetisch beschrnke man das Erbrecht! fuhr Leidenfrost
fort. Es mu durch Ideen, nicht durch willkrliche Taxen oder Klugheitsregeln
beschrnkt werden. Wer eine Million erbt, mu dem Staat nachweisen, da er
diesen oder jenen allgemeinen Gebrauch von seinem Vermgen anstellt. Er behlt
dabei nach dem Willen des Erblassers den Genu. Ruhm aber ist auch Genu;
Dankbarkeit, Ehre, Achtung ist auch Genu. Nur nicht das Erbrecht vllig
aufheben! Das hiee jedes Band der Liebe, Zrtlichkeit, der Hoffnung aus dem
Leben nehmen, zu geschweigen, da uns kein Schneider mehr einen Rock borgen
wrde, wenn er immer beim Manehmen auf unser Gesicht she, ob wir nicht etwa
den hippokratischen Zug haben und einen Tag nach dem ersten Sonntag, wo wir den
neuen Rock tragen, seine Rechnung durch den Tod quittiren.
    Man sieht aus den Widersprchen, in denen Ihre Gedanken noch mit sich selbst
befangen scheinen, lieber Leidenfrost, sagte Dankmar, wie schwierig diese Fragen
sind, und wenn wir geschellt haben, die Trmmer unsrer Beefsteaks beseitigt
sehen und eine Ergnzung des Rdesheimers vor uns steht, so wollen wir uns an
unsre heutige Aufgabe machen, umsomehr, als der Willing'sche Maschinenbauer- und
der Handwerkerverein, die tchtigsten und magebendsten Mustervereine im ganzen
Staate, uns drngen, ihnen eine Parole zu geben.
    Louis hatte die Schelle gezogen. Der Kellner kam, rumte ab, ergnzte was
fehlte und entfernte sich.
    Mein Proce, begann jetzt Dankmar, der Werdeck's und der Freunde Interesse
an diesen Errterungen nicht zu schren brauchte, da sie ihm Alle in dem
eifrigsten Streben, sich klar zu werden, entgegen kamen, mein Proce ist denn
nun also ein Bild unsrer Zeit geworden. In Ihrem Sinne, Leidenfrost, zieh' ich
gleichsam die humoristische Consequenz aller Thorheiten unsrer Epoche. Ich sage
gleichsam den berlieferten Halb- und Scheinrechten: Da ist ja nun auch ein
Recht, das dreihundert Jahre alt ist, wie Eure Gewalt. Ich will es haben und
fort mit Denen, die von meinem Rechte Vortheil genossen! Steht auf! Ich setze
mich mit meinem Bruder dahin, wo Ihr sitzt! Wir wollen fr uns allein, was durch
den Lauf der Zeiten allgemeiner wurde! Der Major Werdeck sagt, da diese Sprache
unpopulair ist und ich stelle mich auf seine Seite. Ich wei, nicht nur die
Schlurck's und Gelbsattel's sind gegen mich ergrimmt, sondern viel achtbare
Menschen und wenn sie einen Titel in den alten Papieren, hier ber uns in dem
Archive vielleicht, finden knnten, die alle unsre Hoffnungen zu Schanden
machten, sie thten es nicht mehr wie gern. Deshalb hab' ich mich entschlossen,
auch nicht persnlich zu erben.
    Was heit Das? fragte man. Nicht persnlich?
    Mein Bruder ist schon davon unterrichtet, er kann es erklren! sagte Dankmar
und fllte rundum die Glser.
    Dankmar hat einen khnen und groen Gedanken, ergnzte Siegbert, dessen
Ausfhrung welthistorisch sein knnte, wenn es noch mglich wre, da ein
Einzelner etwas Welthistorisches durch seinen einfachen Willen hervorriefe.
    Einfacher Wille? berichtete der Bruder. Vergi nicht, da ich von mir und
dir eine Million in Hnden habe. Geld ersetzt den Glorienschein der alten
Propheten.
    Sie machen uns neugierig, sagte Werdeck. Was projektiren Sie denn?
    Dankmar wei, da ich mich in den Gedanken des Reichthums nicht finden kann.
Fr unsre gute Mutter ist leidlich gesorgt. Der Bruder und ich, wir Beide werden
uns schon im Leben zu behaupten wissen. Aber ...
    Ihr wollt den Proce aufgeben? fragte Leidenfrost.
    Das nicht, antwortete Siegbert. Nur eine andre Wendung soll er erhalten.
Warum sprichst du dich nicht selber darber aus, Dankmar? Deine abenteuerliche
Chimre, die Erbschaft nicht fr uns, sondern fr den Templer- und
Johanniterorden, der in alter Weise nicht mehr existirt, zu verwenden, mut du
mit eigenen Worten wahrscheinlich machen. Du verstehst zu berreden.
    Natrlich erregte die Erwhnung eines Ordens groe Spannung.
    Eh' ich spreche, sagte Dankmar, thu' mir jetzt Jeder von Euch den Gefallen
und sage mir erst, was er fr die Pflicht des ehrlichen Mannes in diesen
schwierigen Tagen hlt! Da werdet Ihr sehen, da guter Rath theuer ist und meine
Vorschlge vielleicht noch das Billigste sind. Indessen lass' ich Euch die
Vorhand. Wit Ihr Besseres, wohlan, so folg' ich Eurem Plane. Soll zugeschlagen
werden? Soll nur zugeschaut werden? Soll die Flamme der Emprung lodern? Soll
das Blut ...
    Bruder! rief Siegbert. Was sprichst du? Sind wir hier sicher?
    Diese Wnde sind elephantendick, sagte Leidenfrost. Nur der Akustik dieses
Kreuzes da oben trau' ich nicht ...
    Man blickte hinauf zur Gasflamme.
    Wie ruhig da die Flamme emporzngelt! sagte Dankmar. Oben knnte uns
hchstens eine Ratte belauschen und kme sie der ffnung zu nahe, wrde sie sich
die Nase verbrennen. Wir haben hier kein andres Ohr als unser eignes. Siegbert,
sage du, was dir jetzt die Pflicht eines ehrlichen Mannes scheint, aber drcke
dich so aus, da wir den Arbeitern, dem Handwerker, dem Bauer wie dem Dichter
und Denker davon eine Anweisung zum Handeln, zum Glauben und Hoffen geben
knnen.
    Es entspann sich zwischen diesen fnf Mnnern jetzt eine Errterung von den
eigenthmlichsten Folgen und einem Ernste, der uns zur Pflicht macht, jede ihrer
uerungen auf das Gewissenhafteste zu berichten.

                                 Achtes Capitel



                               Die neuen Templer

Siegbert zuerst lehnte jede Gewaltttigkeit ab. Er lugnete nicht, da ihm der
ganze status quo unserer Verfassungen, politisch und gesellschaftlich, misfalle
und das Meiste davon berlebt scheine ... Aber, sagte er: Ich kann mir unser
Leben nur so denken wie einen Garten, den der Grtner im Mrz zum Frhling und
Sommer vorbereitet. Der Schnee ist geschmolzen, mildere Lfte wehen aus Westen,
wenn auch noch sturmartig, doch nicht mehr schneidend. Schon bricht neben dem
Laube, das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist, der kleine
grne Keim des neuen Wachsthums an den Zweigspitzen der Strucher und Bume
hervor. Der Grtner schont aber weder das Alte, noch das keimende Neue. Er hat
die Sge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt, was ihm
berflssig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint. Da liegt der Boden
voller ste und nicht blos voll alter, schon verdorrter, sondern auch manches
vorwitzige Frhlingsreis mute schon mit. Unsere Gartensge ist die Debatte und
das Gesetz. Ich verwerfe jede Gewaltthat. Der Mensch ist immer ein wildes Thier.
Er mag nur einmal Blut vergieen, so edel, so groherzig, wie nur je ein
Timoleon Tyrannenmrder war, das geleckte, gekostete Blut macht ihn sogleich
wild. Es fliet sogleich mehr, als sollte. Ausrotten knnen wir nur das Todte,
d.h. es aus dem Wege schaffen; ausrotten knnen wir nur das falsche Wachsthum,
d.h. es im Keime ersticken. Ich bin dafr, den Menschen zu predigen: Glaubt doch
nicht, da die Geschichte morgen aufhrt! Die grten Ideen haben Jahrhunderte
gebraucht, um sich geltend zu machen. Warum soll denn in so kurzer Zeit Alles
fertig werden, was wir jetzt fr nthig denken? Wir wollen fest im Auge behalten
das edlere Ziel und nichts thun, nichts Anderes befrdern, als was zu jenem
Ziele fhrt. Mssen wir einmal der noch zu starken Gewalt nachgeben, so thue man
es ja! Das zweite Mal schon wird es nicht mehr nthig sein. Wenn ich unsern
Feldzug fr einen unermelich langen halte, so geh' ich auch viel weiter als
Die, die sich fr liberal halten. Ich bin nicht blos fr die Einschrnkung der
frstlichen Gewalt, ich bin sogar fr die Republik, ich bin fr die sociale
nderung unseres Gesellschaftslebens. Ich sage nicht, da diese nderung
wirklich eintreten wird; ich sage nur, da ich sie mir mglich denke und so
lange unter der Republik nichts Wildes, Thierisches, Unsittliches gelehrt wird,
sie fr anstrebsam halte. So bin ich freisinniger als manche berhitzte, die
sich mit weniger nderungen begngen, wenn sie nur gleich Morgen eingefhrt
sind. Arbeitet! wrde ich den Arbeitern sagen.
    Bildet Euch und die Eurigen! Strkt Euch in einer freien Gesinnung! Macht
Euch klar ber Euren Lebensberuf! Stiftet Vereine, aus denen Ihr Alles entfernt
halten mt, was einer Verschwrung gleich sieht! Wenn Euch Einer auffordern
will, fr morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen, so sagt: Wir warten bis ber
acht Tage! Da kommt es von selbst und viel grer und besser als morgen! Nur
nicht geistig die Hnde in den Schoo legen. Denken, sich bilden, stark und
gewissenhaft im Kampf der Meinungen, keine Gelegenheit abweisend, die Gesinnung
offen zur Schau zu tragen! So kommt das Gute von selbst. Das ist meine Lehre.
    Bester Freund, polterte Leidenfrost sogleich auf. Diese Lehre ist zum
Auslachen! Damit soll Einer in die Willing'sche Maschinenfabrik kommen? Solche
himmlische Gte wre selbst fr Willing, den die Umstnde zwingen, vorsichtig
und behutsam zu sein, zu schmachtend. Mein lieber Wildungen, Ihr Gleichni von
den Grten im Mrz pat nicht. Denn so stumm und dumm, wie die Bume im Mrz
dastehen und sich die Schneiderei des Grtners gefallen lassen mssen, stehen
die Ideen und Interessen des Augenblicks nicht da. Die schlagen Purzelbume
unter der Hand. Das ist ein groes Stiergefecht, wie es jetzt hergeht. Die
groen Bffel wollen Farbe sehen, um Muth zu bekommen. Roth ist die Losung! Ohne
Muth und unmittelbare Entschlossenheit kommt nichts mehr zu Stande. Die Menschen
mssen selbst Geschichte machen, sonst geschieht nichts. Die Gesinnung allein
reicht nicht aus. Sollen sich die Vter von ihren Enkeln verspotten lassen?
Nichts rcht sich in der Geschichte mehr als der versumte Augenblick. Wer die
Krisis unbenutzt vorbergehen lt, holt sie niemals wieder ein. Und haben wir
nicht der Flle genug erlebt, da die Machthaber der Welt vollkommen wissen,
welche Halfter sie den strrischen Vlkern berwerfen sollen? Aus dem
politischen Hader wurde die Debatte in das Religise hinbergespielt und ganze
Epochen sind darber eingeschlafen. Die Jesuiten, die Armeen regierten die Welt.
Sie haben die Hand immer am Griff des Dolches oder Schwertes. Warum sollen wir
sie in den Schoo legen? Gesetzt auch, wir wollten uns mit frommem Glauben auf
bessere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Gesinnung begngen, es wrde
nichts helfen. Die Stunde hat ihre dringende Mahnung. Wir wollen trumen und die
Posaune ruft uns vom Lager auf. Es brennt da, wo wir sitzen, ber und unter uns.
Es mssen Entschlsse gefat werden. Ich gesteh', ich hasse Alles, was unlogisch
ist. Ich hasse auch verkehrte Theorieen und gben sie sich noch so sehr das
Ansehen der Volksbeglckung. Man will damit nur dem Muthe und der Ehrlichkeit
aus dem Wege gehen. Die Frage unserer Zeit ist sehr einfach. Wer sie schwierig
macht, meint es nicht redlich. Schwierig nenn' ich die gewhnliche ordinaire
Communisterei. Solche Stze hinstellen, die ihre Unmglichkeit in sich selber
tragen, heit die Menschen nur verwirren. Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf
dem Dache, whrend einer in der Hand viel vortheilhafter ist.
    Die Communisterei ist von Stubenhockern ausgegangen, die unterleibskrank
sind. Rhren und tummeln mu man sich und die Welt fr kein Schlaraffenland
halten. Gebratene Tauben in die Luft gemalt, sind geschmacklos. Wir leben in
einem wilden Chaos, in das nie, nie volles Licht kommen wird. Arkadien ist vor
der Schpfung gewesen und mag nach der Schpfung kommen. Hier auf Erden gibt es
nur Reibung, Lrm, Zorn, Leidenschaft, Drngen, Stoen. Das Einzige, was wir
erreichen, ist: Leidliches Glck! Das leidliche Glck mu man am Zipfel
festhalten, wenn's an uns vorbergeht. Es kommt nicht alle Tage. Was du der
Stunde ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit dir mehr zurck, sagt der Dichter.
Wollen Sie Ihre Million gut anwenden, Wildungen, so lassen Sie dafr Waffen
kaufen, Pulver und Blei. Die Trommel wirbt an. Major Werdeck wird Generalissimus
und wenn wir Alle erliegen, wenn unsere Glieder entweder im Felde oder auf dem
Henkerplatze erbleichen, so ist doch Muth und Poesie dagewesen und der
moralische Sieg unwiderleglich.
    Allgemein war man der Ansicht, da Leidenfrost in seiner gewohnten Weise
hier bertrieben hatte und es schwerlich mit einer so blanken Rebellionstheorie
ehrlich meine. Und dennoch blieb er dabei.
    Worauf anders, sagte er, soll man denn hinauskommen, wenn man sieht, wie
wenig uns die Debatte weiterbringt! Was hatten wir durch einige thatschliche
Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen! Und wie kommen wir immer wieder
zurck, je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Lwen
ist! Aber noch mehr, halten Sie mich fr keinen Phantasten oder fr keinen
plumpen und gedankenlosen Radikalen! Tod! Der Tod! O, Gott, der Tod ist jetzt
unsere einzige Loosung. Ich versichere Sie, wenn man im Volke lebt wie ich, so
bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemthern Aller. Gehen Sie
Sonntags Nachmittags vor die Thore: Kein Spaziergang ist so besucht, wie es die
Kirchhfe sind. Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters,
die an die christliche Mrtyrerzeit erinnert. Man hat entweder zuviel Gefallene
feierlich bestattet, zu sehr geehrt, gepriesen oder woran liegt diese
Geringschtzung des Lebens? Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein
grauenvolles Schauspiel, von dem man Jahre lang sprach: jetzt hat man an die
Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich
wie die Amputationen in einem groen Lazareth. Man erzhlte sonst Wunder davon,
wenn einer groartig und gefat in den Tod ging. Jetzt knirschen sie alle die
Zhne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleist'sche Prinz von Homburg
aus dem Leben. Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt
es, da wir nach so verweichlichten Zeiten pltzlich eine so spartanische
bekommen? Bietet das Leben so wenig Freude? Hat man vergessen, da wir vor zehn
Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen, worin bedeutende Kpfe
die persnliche Fortdauer nach dem Tode leugneten? Wie kommt es, da man nun so
gern stirbt, so gern sein Leben an eine Idee setzt, so muthvoll auf Die blickt,
die uns ihre Theilnahme wohl nicht versagen werden, wenn wir fallen, sei es im
Kampf, sei es von der Hand des ungromthigen Siegers? Der Zug zum Tode ist
wehmthig genug jetzt in unserm Leben da. Die Geschichte will ihn, die
Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht, diesen grauenvollen Tod,
der Niemanden schont, Niemanden achtet, Jeden wie ein Dieb in der Nacht
berfallen kann. Unentrthselt ist noch, wie diese Pest aus Asien mit dem
erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam. Ich vergleiche diese Zeit mit
dem Mittelalter, wo die Menschen hinstarben, den Kornhren gleich, die der
Schnitter niederwirft. Damals rckten die Menschen nher zusammen, schlossen
Bundsgenossenschaften, Brderschaften und gingen in grauen Kleidern, demthig,
pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche. Es war ein Zug der
Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern. Nach fnfhundert
Jahren ist es nun wieder so. Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine
Flagellanten, keine Geielbrderschaften und Weltverachtungsgilden stiften,
sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf fr Recht und
Unrecht. Es werden bald genug ppige, feige Zeiten kommen, die Das, was wir in
diesen starken versumten, nicht einholen. Also nichts in die Lnge ziehen!
Nichts auf die Zukunft verschieben! Fordern, sagen was man will und fr Recht
hlt, und dann als Mann dafr einstehen und sterben.
    Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten.
Werdeck sttzte sein Haupt und konnte nicht umhin, Das, was Leidenfrost von der
Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Thrnen sprach,
zu besttigen.
    Ja, es ist ein anderer Geist, sagte er sinnend, ber uns Alle gekommen. Ich
sehe Das am Leben des Kriegers. Wie schonte man sich sonst, wie vermied man die
Gefahr! Was mislich und schwer auszufhren war, muthete man Niemanden zu. Jetzt
drngen sich zehn heran, wo man nur Einen begehrt. Niemand verzieht die Miene,
wo es eine That gilt. Man scherzt, man schlgt sein Leben muthwillig in die
Schanze, es ist, als gehrte man schon einer doppelten Welt an, der irdischen
und einer himmlischen ...
    Und woher kommt diese Erscheinung? rief Siegbert begeistert. Von der Bildung
kommt sie. Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten. Die
Frage vom Proletariat hat nicht feige, sondern tapfer gemacht. Eine Idee, eine
Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben. Man fhlt sich als Glied der
Gesellschaftskette, man fhlt sich als Hebelkraft der Geschichte. Das
Vereinsleben, die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt. Wer
klammert sich noch ngstlich an sein armseliges Ich, wo es etwas Allgemeines
gilt? Stirbt man, so hat man sich fr eine Idee hingegeben. Glaubt Ihr denn, da
es ohne Wirkung fr die untern Klassen ist, wenn sie geschichtliche Thatsachen
erfahren und von alten Zeiten hren, wie es damals war und wie jetzt und wie
jede That im Buche der Geschichte verzeichnet steht? Allein grausam wre es,
wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller
und mchtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren
wollten! Man verachte das Leben, aber man jage Niemanden in den Tod, ehe man ihn
nicht theilnehmen lie an einer mglichen Verbesserung des Lebens! O diese
Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen! Schon jetzt ist
es grauenhaft, wie kalt man hinopfert, wie forcirt man sich in den
militairischen und Beamtenkreisen, ja auf den Thronen als Brutusse gebehrdet,
die ihre eigenen Shne ruhig auf den Block liefern. Wenn dieser zweideutige
Heroismus berhand nhme! Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es
lieb gewnne, nicht blos selbst zu sterben, sondern auch sterben zu sehen ...
Nein, nein, Leidenfrost, lassen Sie uns versuchen, eine mildere Formel zu
finden, die das groe Rthsel unserer Zeit lse und die Menschenlebenfordernde
Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt!
    Louis Armand ergriff nach dieser ernsten Rede das Wort und stellte sich,
seine Einmischung, seine Theilnahme an diesem Gesprche hochgebildeter Mnner
entschuldigend, auf Siegbert's Seite, ohne jedoch die drohende Stellung eines
bewaffneten Widerstandes nach Leidenfrost's Meinung ganz berflssig zu finden.
Es ist schlimm genug, sagte er, da derselbe Arm, der kaum stark genug ist,
seine Arbeit zu verrichten, nun auch noch die Waffe fhren soll, und da
dasselbe Leben, das so arm an Freude ist, sich auch noch hinzugeben hat gegen
die Tyrannen. Ich nenne Tyrannen Die Menschen und Die Stnde, die von der
berlieferten Ordnung der Dinge unverhltnimige Vortheile fr sich und die
nchsten Ihrigen ziehen. Unsere Civilisation hat uns einen Raubstaat geschaffen.
Das hchste Recht, der Gipfel des Rechts, die Consequenz des Rechtes ist zum
grten Unrecht geworden. Da ein Vater seinen Kindern die Frchte seines
Fleies hinterlt, gehrt ohne Zweifel zu den ewigen Menschenrechten. Da sich
dieses Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen Zeiten
wiederholen darf, ist der Fluch der Gesellschaft geworden. Die Knige denken
nicht daran, da sich das Erbrecht einmal modifizirt, die Adeligen denken es
nicht, die Reichen nicht. Die Knige hat man aber gezwungen, ihr Erbrecht zu
modifiziren durch die Constitutionen; die Adeligen gleichfalls durch die
Aufhebung der Leibeigenschaft; die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu
modifiziren! Was ist die Einkommensteuer? Eine Lge! Eine Illusion! Sie gibt ein
kleines Procent in die Staatskasse und erleichtert dadurch nur mittelbar die
Lage Derer, die gegen die sich aufhufenden Reichthmer nichts gegenber zu
stellen haben als die sich aufhufende Armuth. Die Riesen, die sonst die Welt
unsicher machten und Menschen fraen, sind ausgerottet, wenn sie jemals lebten.
Aber die viel greren Riesen, die Capitale, sind da und Niemand kann ihre
Existenz leugnen. Sie sind die wahren wilden Ungethme, die die Gesellschaft
unserer Zeit unsicher machen, die ihre Mitglieder in Hhlen locken, wo die
Gebeine der Geopferten modern. Ich wei, da es eine gleichmige Vertheilung
der Gter nicht geben kann. Ich bin kein so thrichter Communist, da ich
glaubte, mit der numerischen Anzahl der Menschen liee sich in die numerische
Anzahl der Werthe dividiren und was da herauskme, wre Das, was jedem Einzelnen
gebhre. Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Frsorge, die wir doch
als Gottes Weltplan anerkennen mssen, darf nicht fortdauern. Der Staat darf
keine Ausbeute Derer bleiben, die seinen Sprungfedern nahe stehen und die
elastische Kraft derselben nur benutzen, sich selbst zu heben. Die Staatsmnner
mssen Erfindungen machen, die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen, mit
denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten. Machen Sie mich, meine Herren,
mit diesen Arbeitern, Ihren Freunden, bekannt! Ich will sie nicht lehren,
bermthige Forderungen zu stellen. Ich kenne die verderbliche Macht der Phrase.
Ich habe mich berzeugt, da in Paris der Trgste und Genuschtigste am meisten
jammert und knstliche Thrnen in den communistischen Clubs vergiet. Ich stelle
neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit, aber ich glaube, da die
Lage der hiesigen Arbeiter dieselbe ist wie die der unsrigen. Sie leiden am
Kapital. Sie dienen nur dem Unternehmer. Sie sind dem Jammer der ungeschtzten
Production ausgesetzt.
    Sie erzeugen Werthe, ohne sie absetzen zu knnen. Sie knnen nicht von heute
auf morgen denken, da sie in ewiger Ungewiheit ber ihr Loos zittern mssen.
Der Staat denkt an Alles, nur nicht an sie. Er beachtet sie nur, wenn sie als
Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man frchtet, da sie sich zu
Emeuten zusammenschaaren. Die social-demokratische Lehre will, da der Staat des
Mittelalters aufhre und auf der Basis der Menschen, die arbeiten, neu erbaut
werde. Es sind vielfache Vorschlge gemacht worden, diese Forderungen zu
verwirklichen; sie scheiterten, weil man glaubte, an die Stelle der frheren
Isolirung die Allgemeinheit setzen zu mssen. Man irrte sich, meine Herren! Die
Allgemeinheit mu die vernnftige Isolirung mit in sich aufnehmen knnen. Die
Isolirung liegt einmal im Menschen. Der Mensch wird immer darauf hinauskommen,
eine Familie zu begrnden. Allein dieser Isolirungstrieb darf nicht berwuchern.
Der Staat darf nicht dafr da sein, nur die Familie allein zu garantiren, er mu
Institutionen bieten, die die Familien und die Allgemeinheit ausgleichen. Weist
er diese Forderung als utopistisch zurck, wohlan, so ergreift die Flinte und
sterbt eher auf der Barrikade, als da ihr lnger duldet eine Existenz, die nur
den Rechnenmeistern, den Brsenmklern, den Vornehmen zu gehren scheint! In
Rom, wei ich, war es einst mit dem Volke ebenso. Es ruhte nicht, bis es gehrt
wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen. Es ist Dies dieselbe Frage,
die im Groen sich jetzt wiederholt. Wir zertrmmern die Ordnung, die wir
vorfinden, um aus unsren Interessen heraus neue Institutionen zu grnden. Bricht
nun vollends etwas Neues an, stiftet man eine Republik und man benutzt sie doch
nur wieder fr die alten Regierungsmaximen, fr die alten Brsenmkler, fr die
alten Kapitalisten, wohlan, so mssen diese ewigen Feinde der Menschheit in
Ketten gelegt und unschdlich gemacht werden, bis man sich verstndigt hat, ob
dies Alles nicht auch anders gestaltet werden knne. Diese Kammern sitzen auch
hier und sprechen ber links und rechts, ber die Geschftsordnung, ber
erbliche, nicht erbliche Pairs, ber die Rechte der Krone, der Stnde, der
Whler, aber Niemand denkt daran, den Staat von unten herauf neu zu bauen.
Darum, weil die Nationalwerksttten in Paris scheiterten, soll das Recht der
Arbeit widerlegt sein? Darum, weil ein Experiment misglckt, soll man ein
anderes nicht versuchen? Die Armuth, das Elend, die Verzweiflung der Massen ist
da, also auch die noch immer nicht gelste Aufgabe der Zeit. Ich frchte eine
Revolution der Massen, wie noch keine da war. Man beeile sich, ihren Grueln,
die nicht ausbleiben werden, bei Zeiten vorzubeugen! Man organisire die Arbeiter
zu Vereinen, stelle erleuchtete Kpfe an deren Spitze und lasse sie mit jedem
Nachdruck, den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert, den Menschen
gegenber, die jetzt den Staat machen, nicht mehr allein, nicht mehr hlflos,
nicht mehr in dumpfer Verzweiflung; Das ist die Meinung eines Arbeiters, der die
Lage seiner Brder kennt!
    Louis Armand hatte diesen Vortrag, untersttzt von Siegbert's Nachhlfe, in
ausreichendem Deutsch lebendig und erwrmt beendet und Dankmar gab ihm das
Zeugni, da er auf Egon groen Einflu mte gewonnen haben, stimmte er doch
fast wrtlich mit manchen zuflligen Bemerkungen des Prinzen zusammen, nur da
dieser - wie Dankmar hinzusetzte, - leider - noch immer zu glauben scheine, wie
mit dieser Auffassung auch mancherlei Mittelalterliches getrost bestehen knnte.
    Leidenfrost murmelte und brummte. Er meinte, seine Arbeiter wren keine
Philosophen. Die wollten arbeiten, auch manchmal hungern, nur sollte Recht und
Gerechtigkeit in der Welt herrschen! Die Communisten im Handwerkervereine wren
Nscher, Faullenzer, Lrmmacher. Er nannte mehre. Doch unterbrach er sich
selbst, da er Louis Armand's uerungen wegen einer gewissen sentimentalen
Wehmuth seines Vortrages achten mute. Auch Werdeck, an den nun die Reihe kam,
sprach seine Zustimmung zu Vielem aus, was dieser ihm immer mehr gefallende
junge Franzose gesprochen hatte.
    Der Major der Garde, ein Adeliger, Herr von Werdeck, in einer solchen
Debatte mit einem Advokaten, einem Techniker (so wollte sich Leidenfrost
bezeichnet wissen) einem Maler und einem Handwerker ... Das ist allerdings das
Bild einer aufgeregten Zeit! Die ffentlichen Angelegenheiten hatten Alle
ergriffen. Jede Schranke war wenigstens fr einige Zeit gefallen. Man kehrte
zwar bald in seine alten Lebensstellungen zurck, aber Mancher behauptete sich
doch noch auf dem vorgerckten Standpunkte und verbrannte wol gar die Schiffe,
die ihn zu seiner frheren Existenz zurckfhren konnten. Werdeck fhlte und
sagte dies selbst. Er begann:
    Meine Herren, da ich mich in Ihrem Kreise befinde, ist fr mich eine
Veranlassung, persnlich zu werden; denn wenn irgend Jemand ein verlorener
Posten ist, so bin ich es. Sie, meine Herren, knnen sich kaum so in der
Nothwendigkeit, einen bestimmten Entschlu zu fassen, befinden, wie ich. Sie
lehnen sich an gleiche Gesinnungen Ihrer Freunde, Ihrer Standesgenossen an. Ich
dagegen stehe mit meinen Auffassungen ganz allein. Ich fhle vollkommen, wie
sehr meine Stellung exceptionell ist. Es ist ein gehssiger Ansto, den ich nach
allen Seiten gebe. Vor einigen Monaten fiel es nicht auf, da ein Offizier
Politik trieb. Man hatte das Heer aufgegeben, gedemthigt, man wollte es dem
allgemeinen Brgergeiste unterordnen und sah es gern, wenn der Offizier auf
diese Calamitt einging, gute Miene zum bsen Spiel machte und sich der
allgemeinen Debatte anschlo. Der Hof gewann dadurch die Beruhigung, da die
Zugestndnisse, die man gegeben hatte, auf einer innern Nothwendigkeit beruhten.
Wenn der Adel, wenn der Offizierstand politisirte, dachte man, so merke man
nicht, was oben die Angst des Gewissens sprach. Ja man hat uns sogar
aufgefordert, uns an der Debatte zu betheiligen. Man hat es gewnscht, da wir
uns hier und dorthin whlen lieen und nicht nur unsere Fachkenntni geltend
machten, sondern auch unseren disciplinarischen Geist verbreiteten und vor allen
Dingen dem alten Stock- oder Zopf-Soldaten bewiesen, wie wenig sein Kastengeist
noch fr diese Zeit ausreiche. Bald nderte sich Das. Die Ausschweifungen jener
Demokratie, die man die einfache Straenherrschaft nennen mute, machten das
demokratische Princip selbst verdchtig. Manche zogen sich zurck, um nicht mit
dem Pbel in Berhrung zu kommen; Andere, weil sie sahen, da die Politik der
Frsten bereits eine andere war als selbst vorlufig noch die der Ministerien.
Es galt nun fr guten Ton, als Offizier sich von allen ffentlichen Kundgebungen
fern zu halten, hchstens in den Ton der Reaction mit einzustimmen, der zuerst
von den Gutsbesitzern, Landrthen, den Pensionairs angeschlagen wurde. Auch ich
zog mich zurck und folgte dem Beispiele fast jedes hheren Militairs und trat
in den Reubund. Meine Herren, der Mensch mu sich immer am Gegentheil seines
Wesens prfen; noch klarer aber wird er sich, wenn er die scheinbar
gleichartigen Elemente, die sich an seine Natur ansetzen wollen, nicht ertragen
kann. Ich entdeckte jetzt erst in den Berathungen des Reubundes meinen
Unterschied von den gewhnlichen Persnlichkeiten. Ich sah berall Egoismus und
Furcht. Ich sah Menschen, die sich mit Leidenschaft auf die Principien der
Stabilitt warfen, nur um sich und den Ihrigen ihre zeitlichen Vortheile zu
erhalten. Die einzigen Doktrinaire darunter waren Adelige, die aber zuletzt auch
fr die Besteuerung ihres Grundbesitzes frchteten. Besonders verletzten mich
die ausrangirten alten Offiziere, die in der Angst, ein Pensionsgesetz knnte
ihnen die Belohnung fr Das, was sie mit Gott fr Knig und Vaterland gethan zu
haben glaubten, verkrzen, sich zu den seltsamsten Demonstrationen hergaben. Ich
widersprach. Erst ausfhrlicher, dann immer krzer und krzer, zuletzt in
Epigrammen. Ich schied aus. Wenn ich nun dem Beispiele aller meiner
Waffengefhrten folgen wollte, so mute ich die ganze Ghrung der in mir
aufgeregten Begriffe gewaltsam niederschlagen und mich mit einem blinden
Demokratenha darauf beschrnken, nichts sehnlicher, als einmal ein allgemeines
Blutbad abzuwarten, wo die Spitzkugeln und Bayonette Alles durchbohren und
aufspieen sollten, was nur irgendwie in einer Beziehung zu dem negativen
Principe unserer Zeit steht. Ich gehre zu diesen Bauchschlitzern nicht. Ich
habe meine eigne Idee ber den Adel sogar. Ich glaube, da der Adel nur darum
vorhanden ist, da er erblich, traditionell jene Vorzglichkeit des Berufes fr
das allgemeine Wohl empfngt, die bei Dem, fr dessen Erziehung Eltern nichts
thun knnen, eine aus ihm selbst geborne zufllige, oft auch ausbleibende
Vocation ist. Ich erkenne in meinem ziemlich alten Adel die Mission nicht eines
Genusses, sondern einer Aufgabe. Ist dies schon Thorheit in den Augen meiner
aristokratischen Waffengefhrten, so wchst sie zum Verbrechen, da ich mir eine
Vermittelung mit den Ideen des Jahrhunderts mglich denke. Ich lugne nicht, der
Krieger ist in einer verzweifelten Lage. Man hat uns einen Eid abgenommen, der
nach jesuitischer Moral wol gelst werden knnte, ja es ist immerhin mglich,
da ein Einzelner sich durch eine tiefere moralische Betrachtung von den Banden
einer mathematischen Eidesformel loszulsen vermag; allein es ist mit solchen
Verpflichtungen, wie mit jenen Verpflichtungen der Ehre, die zum Duell fhren.
Man verwirft das Duell und kann sich ihm doch nicht entziehen. Der Fahneneid ist
einmal geschworen, geschworen unter andern Verhltnissen, wie sie jetzt
stattfinden. Ich wrde ihn so, wie ich ihn geschworen, nicht wiederholen. Aber
er ist geschworen. Nun kann man sagen: Tritt aus den Reihen der Krieger, die nur
den Landesherrn als Befehlshaber anerkennen, aus! Dies ist aber fr Den, der den
Beruf des Militairs einmal gewhlt hat, gerade so, als wenn ein Prediger die
Kanzel nicht mehr besteigen soll, auf der er anders predigt, als das
Consistorium will. Der, der sich als Christ fhlt, wird sich aufs uerste
struben, aus der Gemeinde auszutreten. Der Lebenslauf, den man whlt, kann mit
Jemandes ganzer Natur zusammenfallen. Ich bin ein Krieger. Ich bin kaum etwas
Anderes. Ich habe frher wenig Avancement gehabt, die Friedenszeit war Schuld
daran. Warum soll ich das Feld rumen? Warum soll ich nicht hoffen, die
politische Debatte dringe so weit durch, da unser Eid modifizirt wird und man
uns von der Einseitigkeit unseres Gelbnisses freispricht? Auch drngt es mich,
das Beispiel einer Gesinnung zu geben, wie sie sich leider in unseren Reihen so
sprlich nur geset findet. Ach, meine Herren, welche Geistlosigkeit, welche
blinde Leidenschaft, welche brske Impertinenz, welch brutales Nichtdenkenwollen
in meiner tglichen Nhe! Tritt irgend ein unabhngiger, junger Mann von freiem
Urtheil in den Dienst, entdeckt man irgend einen Unteroffizier, der eine
Broschre, eine Zeitung liest, erhlt man einen Reservisten, der sich wohl gar
schon compromittirt hat, wie wird er empfangen! Da stellt sich der alte Oberst
in dem Kasernenhofe hin und hlt eine Rede im Bauernstyl vom Siebenjhrigen
Kriege und weckt den rohen, gewaltsamen Sinn der Menge zur rohesten und
ungeschlachtesten Kundgebung durch Schimpfreden, Kraftworte und Polissonerieen,
die aus dem Munde oft weihaariger alter Krieger kommen! Die jngeren Offiziere
greifen diesen Ton auf und setzen ihn in ihrer kleinen Sphre fort. Da hab' ich
einen Sergeanten, Heinrich Sandrart. Vermgender Leute Kind, hatte er etwas
Lockeres und klapperte gern mit seinen Mutterpfennigen, lie sich auf Bllen
sehen und war verliebt ...
    Louis schlug die Augen nieder.
    Dieser junge Mann ist nicht Demokrat, fuhr Werdeck fort, aber meine
Leutenants machen ihn dazu. Raucht er eine Cigarre, so fragen sie ihn, ob er Das
im Klub gelernt htte. Blst er die Flte in der Kaserne, so lt man ihm sagen,
er sollte sich Das aufsparen, bis er wieder in seinem Dorfe wre. Der junge Mann
dauert mich. Er liebt unglcklich ...
    Louis gerieth in grere Spannung.
    Genug, brach aber der Major ab, solche und hnliche Flle beweisen, wie sehr
man schon eine gewisse trumerische Selbststndigkeit an dem Krieger als
unzulssig verfolgt; wie nun erst, wenn er einmal ein Wort entgegnet oder wol
gar sich einfallen lt, wie es Manche schon in meinem Bataillon thaten, da sie
sich Staatsbrger nennen, die nur momentan unter den Waffen stnden! Ob es
jemals mglich werden drfte, die Armeen auf demokratische Grundlagen zu
organisiren, da darber die unerlliche Disciplin nicht zu Grunde ginge; ob es
jemals mglich werden drfte, den Adelsgeist, der hier und da sein Gutes hat,
dem groen Zwecke eines Volksheeres dienstbar zu machen, Das mcht' ich wol
wissen. Ich gestehe, da ich ein Grauen empfinde vor dem Tage, der frher oder
spter kommen wird, wo wir Soldaten in der Lage sein werden, gegen den Geist der
Zeit einzuschreiten und gegen bessere berzeugung mit der Waffe aufrumen zu
mssen. Ich lugne gar nicht, da ein von jeder schwankenden Meinung der Zeit
herumgezerrtes Heer, ein Heer, das etwa einem Parlamente verpflichtet wre und
nicht wte, wer ihm Befehle zu geben hat, sich bald auflsen wrde. Ich wei
aber auch, da Heere, die starr und beharrlich bei einem veralteten Principe
festhielten, wie Karten vom Sturme umgeblasen wurden; denn mgen unsre alten
Obersten noch soviel in den Kasernenhfen fluchen, mgen sich die Leutenants
noch sosehr bei den vom Reubunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehusern
Muths erholen, mgen die jungen avancementsschtigen Referendare und Assessoren,
die bei der Volkswehr in kritischen Momenten als Offiziere eintreten, noch so
bramarbasiren, ich sehe doch, da der Unterbau morsch ist. Die Gesinnung des
gemeinen Soldaten steht nicht so fest, wie sich die Offiziere den Anschein
geben, sie berall vorzufinden. Das Reglement des Schieens reicht aus. Die
Attake wird schon schwieriger sein und fr einen Feldzug voll Mhen und
Entbehrungen glaub' ich bei unsren Armeen ohne groe neue volksthmliche
Begriffe nicht einstehen zu knnen.
    Leidenfrost pries die Krieger, die es in zweifelhaften Momenten mit dem
Volke hielten.
    Sagen Sie Das nicht, alter Freund, bemerkte der Major. Ich habe die Art, wie
in Frankreich die Regimenter schwanken, nie billigen knnen und immer eine
moralische Abneigung empfunden, wenn es hie: Die Linie ging ber! Glauben Sie
mir, Leidenfrost, Sie haben von dem in unserer Epoche liegenden Zuge zum Tode so
rhrend gesprochen, da ich innerlichst davon bewegt war und erst jetzt
begreife, warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohlthat sein kann. Allein nicht
blos dieser Zug, der mir vorkommt, als sollt' ich sagen: Unsre Zeit ist gleich
einem Standbilde von Marmor, dessen Augen ohne Augensterne sind ... nicht nur,
da diese todten Augen uns rhren, rhrend ist auch in dieser Zeit der Jammer
der Pflicht. Die Pflicht, meine Herren, ist die Thrne im Auge des Kriegers. Es
liegt etwas Majesttisches in dieser Fessel durch ein gegebenes Wort. Lassen Sie
mich wieder ein Bild brauchen. Diese schweren Pflichterfllungen erinnern mich
an jene sterbenden Gladiatoren, die hingesunken, erschpft und todesmatt an der
Erde liegen, noch einmal die Arme sttzen, um sich zu erheben und doch schon den
Kopf sterbend sinken lassen, freie Menschen, die gefangen in der Lage waren,
gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute, die in gleichem knstlichen und
beklagenswerthen Ingrimm ihnen gegenberstanden, bekmpfen zu mssen, eine
Zeitlang, der Ehre wegen, standhalten und dann gern sterben, um ein Leben voller
Schande und Sklaverei loszuwerden fr ewig.
    Der Major schwieg. Der sonst so scharfe Ausdruck seiner Gesichtszge hatte
sich verloren. Die hochgezogenen schwarzen Augenbrauen senkten sich mit dem
Blicke, der kummervoll auf der runden Tafel des Tisches ruhte. Die rechte Hand
hielt mechanisch den grnen Rmer, ohne da ihn Werdeck zur Lippe fhrte. Ein
tiefer Schmerz hatte den sonst so elastischen Krper und dessen lebhafte
Bewegungen gelhmt.
    Leidenfrost reichte dem Major die Hand ber den Tisch. Es lag etwas so
Schmerzliches in dieser Begrung, da es Allen auffiel und dem Major
Veranlassung wurde, in seiner gerhrten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen:
    Da ich hier unter Ihnen bin, meine Herren ... Ich dank' es nicht dem Geist,
sondern dem Herzen! Maximilian Leidenfrost sollte den wunderbaren Roman
erzhlen, der mich an ihn fesselt! Sie wissen sicher, welche abenteuerliche Bahn
seine Jugend durchlief! Er ist ein Soldatenkind und fhrt den Namen Leidenfrost
nur - aus Geflligkeit. Leidenfrost. Leiden im Froste! Wo gab es grimmigere
Leiden im Froste als 1812! Ein hlfloses kleines Kind, ein Mdchen, liegt in den
Armen eines sterbenden Wanderers, der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und
die Erlsung von seinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand, in deren Schrecken
er sich auf seiner Flucht verirrte. Unter Leichen, unter Eis und blutgetrnktem
Schnee verschmachtet der Vater jenes Mdchens und die Kleine ist dem Tode nahe,
als ein vorberziehender, halberfrorener, fliehender deutscher Soldat das
hlflose Schreien des Kindes hrt und es aus den Armen des todten Vaters nimmt.
Er eignet sich die wenigen Habseligkeiten des Todten zum Besten des Kindes an
und trgt den verschmachtenden Wurm mit sich durch Rulands Schneefelder und
Eissteppen. Er gedachte eines Knaben, den er selbst daheim bei seinem jungen
Weibe eben vor seinem Ausrcken unter Napoleon's Fahnen zurckgelassen hatte.
Dieser arme Soldat war ein Deutscher und hie Brning. Sein Knabe hie
Maximilian, nach seinem Knig; es war ein Baier. Seinen Pflegling aber, den er
aus Ruland hinweg auf den Armen trug, nannten entweder Er oder Andere Josephine
Leidenfrost. Wenigstens tauchten beide Kinder, Max Brning und Josephine
Leidenfrost, unter diesem Namen in einem polnischen Kloster zum Herzen Jesu auf.
Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling diesen sinnreichen Namen gegeben. Der
verwundete Baier konnte nur bis Gnesen kommen. Dort brach seine Kraft zusammen;
er verfiel dem Typhus, sein Pflegekind, die kleine Tochter des sibirischen
Flchtlings, eines Polen, wurde dem Kloster bergeben. Da suchte den erkrankten
Soldaten im Frhjahr 1813 sein Weib auf, dag zu Fu, elend und arm, ihren Knaben
in einem Tuche, das sie ber die Schultern band, tragend, durch Franken,
Thringen und Sachsen nach Gnesen wanderte, wo sie wute, da ihr Gatte Brning
krank darniederlag. Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahnsinn, sie pflegt
ihn, erkrankt selbst, stirbt und ihr genesener Gatte ... begrbt sie. Seinen
Knaben Max gibt er zu Josephinen in das Kloster zum Herzen Jesu und er selbst
tritt unter die neuentfaltete preuische Kriegsfahne, folgt der Proklamation von
Kalisch; ich habe nie wieder von diesem ehrlichen Brning etwas vernommen. Es
ist der Vater unsers Max da.
    Der Major schwieg eine Weile. Die Andern blickten theilnehmend erstaunt auf
den Maler, der mit gestemmten Hnden den Kopf hielt und in seinen Rmer blickte,
wie auf den Grund eines rthselhaften Sees oder wie man am Rhein auf die Stellen
blickt, wo die Sage von verschtteten Horten erzhlt ...
    Der Major fuhr fort:
    Max, das Soldatenkind da, und Josephine, die Polin, galten fr Geschwister,
ohne es zu sein. Sie liebten sich wie sich Kinder lieben, die zusammen lernen
und spielen, und die Nonnen flten Beiden die ganze Schwrmerei in die jungen
Herzen, die sie, der Welt entsagend, nur in ihren Trumen oder in ihrer
Hingebung an Christus und die Heiligen aussprechen konnten. Es war leicht
erklrlich, da man Max als Katholiken erzog, ebenso, da man auch ihn
Leidenfrost nannte, weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen
Namen stolz waren. Max Leidenfrost wurde zuletzt ein gefhrliches Element unter
den Nonnen. Man fhrte ihn nach Warschau in ein Mnchskloster. Entfhren htt'
ich sagen sollen. Denn die Trennung von seiner Schwester soll List und
Hinterhalt genug nthig gemacht haben. Dort im Warschauer Kloster erzhlt die
Chronik viel Streiche von dem ketzerischen Knaben Max Brning, genannt
Leidenfrost, Streiche, die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden.
Josephine blieb bei den Nonnen, bis Sibylla, die btissin, eine herrliche,
verstndige Dame, den geringen Beruf des Mdchens fr die geistliche Welt
erkannte und sie nach Warschau zu hohen Verwandten schickte. btissin Sibylla
gehrte dem altpolnischen Adel an. Josephine und Max sahen sich wieder und die
Liebe des jungen Halbnovizen fr seine Namensschwester wuchs. Ich will die
Abenteuer nicht ausmalen, die der romantische Sinn der zusammenerzogenen, fr
Geschwister geltenden jungen Leute ...
    Der Major unterbrach sich:
    Hab' ich nicht Recht, Max?
    Leidenfrost hob den Kopf und schttelte ihn lchelnd:
    Ich bin stumm gewesen und hre nur! sagte er.
    Es war mir doch, bemerkte der Major zur Flamme emporsehend, als hrt' ich
... doch ich bin bewegt und meine Phantasie berhrt vielleicht, da ich selbst
der Sprecher bin. Genug, Josephine ist jetzt das Weib des Majors Werdeck, aber
welche Kmpfe hat es gekostet, bis ich sie mir errang! Ich lernte sie vor zwlf
Jahren in Warschau kennen, hangend und bangend in Liebe um ihren theuren Max,
der, um nicht Priester zu werden, vor zehn Jahren entflohen war, verkleidet als
Bedienter eines russischen Vornehmen, Otto's von Dystra. Welch' ein Verkehr
hatte sich zwischen ihnen entsponnen! Max lernte vom Kleinsten auf und rang nach
uerer Bewhrung eines innern Genius, der in ihm rauschte, ohne da er ihn
bndigen konnte. Was hatte er bei den Mnchen gelernt? Nichts als nur schreiben,
aber zierlich, malerisch schn! Eine Knstlernatur lebte in ihm, ihm
unverstndlich. Er konnte kaum noch richtiges Deutsch, er mute in Allem von
vorn beginnen und vergriff sich in den Mitteln, seinen Geist zur Hhe zu
bringen. Statt Maler Anstreicher, statt Bildhauer Drechsler! ... Josephine galt
in dem Hause, wo sie lebte, fr eine Waise, ohne Lebensansprche. Sie liebte Max
und empfing seine Briefe, die sie beantwortete, wie Heloise die Briefe des
Ablard beantwortete. Max raffte sich immer gewaltiger empor. Immer bedeutsamer
wurde sein Talent. Er war Knstler, Maler; er konnte stolz sein, Josephinen
einst seine Hand zu bieten. Da sah ich dies reizende Mdchen in Warschau, wie
ich als Hauptmann dort in einem militairischen Auftrag anwesend bin. Ich liebe
Josephinen sogleich, trag' ihr meine Hand an und trotzdem, da durch die
Papiere, die Brning in Ruland dem todten Vater abnahm, des Mdchens wahrer
Name, ihre adlige Herkunft allmlig entdeckt wird, schlgt sie meine Bewerbung
aus und reist nach dieser Hauptstadt, um den inzwischen hier zur Geltung, zur
selbststndigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen ... da ...
    Der Major stockte und unterbrach sich mit den Worten:
    Bin ich ein Thor, da ich diese Erzhlung begann? Was fhrt mich darauf!
    Die Freunde drckten ihren Dank, ihre grte Spannung aus. Louis Armand, der
sich seines halbpolnischen Ursprungs erinnerte, schien besonders bewegt ...
    Aber der Major sagte:
    Nur der Trieb, Ihnen zu sagen, warum ich gern mit Ihnen lebe, gern in Ihrem
Kreise bin, meine Herren, ffnete mir die Zunge zu dieser Geschwtzigkeit ...
    O wohl! lachte Leidenfrost auf. Mit den sogenannten Verstandesmenschen,
wofr der Major gilt, geht gewhnlich die ganze Logik durch und reit der
Verstand alle Strnge, wenn die einmal aufthauen und ihr Herz zeigen wollen. Die
Geschichte ist ganz einfach. Josephine kommt hierher. Der Hauptmann von Werdeck
bestrmt sie mit seiner Liebe. Ich sehe sie, sie sieht mich wieder. Nach sechs
Jahren! Ablard und Heloise! Lacht nicht, Kinder, es ist zum Weinen! Betrachtet
mich! Was? Nicht wahr? Ich bin hlich. Diese Citrone, die ich hier fasse, ist
mein Gesicht! Diese Lcher sind meine Augen! Diese getrocknete Zwetsche ist
meine Nase! Ideal und Wirklichkeit! Josephine sieht mich wieder, entsetzt sich,
erwacht von ihrem Jugendtraum und heirathet den Hauptmann von Werdeck, den sie
liebt wie einen Gatten; mich liebt sie noch jetzt ... wie einen Bruder.
    Als Max Leidenfrost diese Erzhlung lachend, aber mit unterdrckten Thrnen
zum Besten gegeben hatte, waren Alle stumm, von Schmerz und rhrender Theilnahme
ergriffen.
    Genug! Genug! fiel er aber selber ein. Vorwrts jetzt! Dankmar, sagen Sie
jetzt Ihren Plan!
    Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen ber dies eigenthmliche
Verhltni zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg.
    Da ergriff Leidenfrost den Rmer und sagte:
    Dir, holder Genius meines Lebens, dieses Glas! Dir, Josephine, um die ich
rang und arbeitete! Dir, zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen
und Zuflligen emporrichtete! Du warst der Stern meiner Nchte, die Sonne meiner
lichteren Tage! Um dich darbt' ich, um dich dient' ich! Und als ich ein
Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu theilen wagte, da weintest
du und verhlltest dich! Lebewohl, Josephine! rief ich und strzte mich wie ein
Wahnsinniger in's Leben; ich trat meine Kunst mit Fen. Ich wurde ein Verrther
an mir selbst. Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeieln. Ich ein
Scheusal? Eine Abirrung der menschlichen Formen? Ich, ein Plastiker, unschn? Da
trieb es mich auf die Bhne. Schauspieler wurd' ich, heute, um mich zu schminken
und schn zu sein, morgen, um mir einen Buckel berzuschnallen, Gesichter zu
schneiden, rothe Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen:
Jetzt bin ich erst hlich! Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir! Das
bist du nicht selbst! Du bist ein Adonis, ein Gott gegen diese Fratze! Und so
trieb ich's fort; bis ich wiederkehrte, mich besann, mich ergab, ergab als -
Menschenfeind. Ich fand die Geliebte, die Schwester ernst, vornehm, aber wieder
gut. Sie war nicht die alte Josephine mehr; sie war jetzt nach entdeckten
Familienpapieren Jagellona ...
    Jagellona? unterbrach Louis Armand.
    Jagellona von Werdeck, Franzos! fuhr Leidenfrost fort. Jagellona, die Polin,
die Adlige, wie es die Gesellschaft verlangte! Aber sie hat noch ein Herz, noch
Liebe. Sie liebt Ideen, Menschen, die Ideen tragen und verkrpern, sie liebt
Polen und die Freiheit. Jagellona ist meine Josephine nicht mehr; aber Werdeck
wurde mein Freund -
    Dein Bruder, Max! sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerhrt die
Hand. Im Geiste bliebst du meinem Weib ihr alter Max!
    Im Geiste ist Alles mglich! sagte Leidenfrost. Stot an ... auf Jagellona!
    Siegbert, der des Rhmlichsten genug von der Majorin zu erzhlen pflegte,
stie mit Enthusiasmus an. Dankmar mit Vorwrfen, die er sich selbst ber seine
Zurckgezogenheit von der Gesellschaft machte, Louis mit der Frage auf den
Lippen, wie denn wol der fernere Name dieser Jagellona heien mochte ...
    Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich ber diese ganze Unterbrechung
und sagte entschieden:
    Und nun kein Wort mehr davon! Ihr kennt jetzt die Tragdie, die ich in
meinem Herzen spiele ... besser hoffentlich, als ich einmal sechs Monate lang
frher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte. Jetzt zur Sache! Dankmar
Wildungen! Unsre Stimmung ist hinlnglich feierlich! Reden Sie!
    Dankmar entschlo sich nun, in den angeregten Gegenstand einzulenken und
sprach:
    Sie haben, Herr Major, in Ihren frheren uerungen das tiefe Weh dieser
Tage ausgesprochen! Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt, wie lang die Bahn
gemessen ist, die unser redlicher Wille durchlaufen mu, wenn er sich in eine
That umsetzen will! Hundert Grnde, etwas zu thun, tausend, etwas zu
unterlassen. Das Ideal ahnen wir, aber Nebel umgeben die Sonne. Auf dem Wege zur
Wahrheit hundert Lgen und Lgen nicht einmal, die wir verachten drften, nein,
wir sollen uns mit ihnen abfinden, sollen selbst lgen, um von ihnen ehrlich
loszukommen! Wir Alle hier sind Demokraten. Das Wort ist alt. Seine Geschichte
lehrreich. Die Moral dieser Geschichte abschreckend. Ich gebe zu, da die
Chronisten dieser Geschichte meistens Aristokraten waren, wenn auch nur
Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit.
    Aber unverkennbar ist es, da zu allen Zeiten sich in ein lauteres, reines
Princip unlautere Elemente mischten. Knnten wir diese von unserer Debatte
ausscheiden! Das demokratische Princip galt bisher nur fr kleinere Staaten,
jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden, ein geschichtlicher Hebel. Da ist es
fast so gro, so heilig zu erachten, wie eine Religion. Eine Religion mu
unendlich einfach sein. Die Offenbarung gibt die Geschichte. Drei Stze gengen.
Das brige thut der Geist, die Gesinnung, die Hoffnung. Wir haben vier Meinungen
gehrt. Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden, und
stritten wir noch lnger darber, so wrde statt Einigung, Veruneinigung kommen.
Der Eine empfiehlt eine augenblickliche That, der Eine will nur die Gefahr des
Experimentes wagen, der Dritte lieber mit dem Alten untergehen, nur um nicht das
bedenkliche Neue zu versuchen. So werden wir uns nie vereinigen. So werden wir
immer nur die Reprsentanten des Chaos sein, das jetzt in den Gemthern ghrt
und allen erleuchtenden und erwrmenden Lichtstrahlen unzugnglich scheint, weil
jede Subjektivitt leidenschaftlich, reizbar, eigensinnig ist. Freunde, wir
mssen unsre Lehre vereinfachen, aber die einfache Lehre kraftvoller
durchsetzen! Wir mssen es aufgeben, positive Schpfungen hervorzurufen, und uns
begngen, nur den Geist, in dem sie erwachsen sollen, zu befrdern. Keine
Theorie! Aber fr den Geist der Theorie das Leben! Hrt mir zu, Freunde! Die
Stunde ist heilig! Stot auf eine Idee an! Ich wnsche, da es so, wie in unsern
Glsern auch in unsern Herzen widerklingen mge!
    Man stie mit Dankmar, dessen Augen leuchteten, feierlich an. Vom Rathsthurm
schlug es zehn. Als die Glser gesenkt waren, begann Dankmar mit fester Stimme
von der Notwendigkeit zu sprechen, ber den Bund der Freimaurer hinaus einen
neuen zu stiften, einen Bund, den er den der Ritter vom Geiste nannte.

                                Neuntes Capitel



                            Die Stiftung des Bundes

Kaum hatten die beiden Schreiber, Schmelzing und Hackert, auf dem Estrich
kauernd, die Gesellschaft, ehe noch Werdeck kam, unter sich in die kleine
Trinkstube eintreten hren, als sich auch der Letztere sogleich von einigen
Stimmen an ihm bekannte Menschen erinnert fhlte. Noch wute er nicht deutlich
zu unterscheiden, wo er das eine oder das andere Organ hinbringen sollte. Die
Worte, die unten gesprochen wurden, bekamen durch die Wlbung und die Resonanz
etwas Schnurrendes, ja Unangenehmes. Man mute etwas von der Kreuzesform
zurckbleiben, um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden. Fr
Schmelzing's Ohr waren diese Tne gerade so, wie er sie haben mute. Er hielt
sich so dicht an dem flammenden Kreuze, da ihn Hackert einige male zurckzog
und ihm durch die Fingersprache sagte:
    Sie werden sich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen, Schmelzing!
    Schmelzing zeigte boshaft auf Hackert's rothes Haar, dem das Sengen nicht
viel schaden knnte, zog dann ein Portefeuille und legte es sich zum Notiren der
unten gesprochenen Worte frmlich zurecht.
    Hackert sah diese Zurstung mit Gleichgltigkeit. Er war ein Mensch des
Augenblicks. Weil die Stimmen ihm im Ohre wehthaten, so gnnte er ihnen, da
Schmelzing ihr lautes Lachen und Scherzen aufschrieb. Ruhig streckte er sich am
obern Ende des Kreuzes hin, whrend Schmelzing am untern kauerte und bald
horchte, bald schrieb, bald das Brot und den Wein zurechtlegte fr ein
geordnetes, spter einzunehmendes Souper; denn, deutete er Hackerten an, diese
Sitzung da unten wrde gewi lange whren, es schiene heute ein Hauptschlag
berathen zu werden.
    Hackert rieth hin und her, wer die Sprecher sein mochten; endlich vernahm er
in dem Durcheinander, bei dem der ihm unbekannte Leidenfrost am meisten hrbar
war, eine sanftere, mildere Stimme. Es war Siegbert's. Unwillkrlich kam es
Hackerten, als mte er nun durch das Kreuz sehen. Schon hielt er den Kopf hin,
als er vor der Hitze der Flamme erschreckt zurckfuhr.
    Das ist Siegbert Wildungen! dachte er sich. Mein wackrer Freund, der so
liebevoll fr mich gesinnt gewesen und den ich an jenem Abend vor dem
Fortunaball so niedertrchtig krnkte, da ich ihn fr immer vermeiden mu!
    Und nun erkannte er auch Dankmar's Stimme.
    Jetzt erst schwebte ihm klar und deutlich vor, welche Rolle er hier spielte.
Menschen, die ihm fremd, zu belauschen und neue Entdeckungen im Gebiete des
bunten Lebens zu machen, wre ihm vielleicht sonst eine Unterhaltung gewesen.
Als er aber die Stimmen befreundeter Menschen hrte; als er sich erinnerte, wie
freimthig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den
verkleideten Prinzen Egon sich geuert hatte; als er sich vorstellte, in
wieviel gefhrliche Dinge schon Dankmar verwickelt war und wie er sich doch
gleichfalls an jenem verhngnivollen Abend geneigt gezeigt hatte, ihm zur
Ausshnung und Verstndigung die Hand zu reichen, da befiel ihn ber die
Mglichkeit, ihre uerungen knnten ihnen Gefahr bringen, eine unbeschreibliche
Angst. Er lauschte nochmals. Er glaubte, sich getuscht zu haben. Aber es blieb
unwiderleglich, da die Brder Wildungen unter ihm waren. Als man allgemein
Guten Abend! rief und einen Neuangekommenen begrte, hoffte er, das Gesprch
wrde sich in Allgemeinheiten verlieren. Er machte deshalb Schmelzing ein
Zeichen, als wollte er sagen: Es sind wol die Rechten nicht? Dieser aber
bemerkte, da gerade der Neuangekommene der Rechte wre. Hackert mchte ihn
jetzt nicht stren, sondern lieber auch seine Schreibtafel ergreifen, damit sie
hernach ihre Notizen vergleichen knnten ...
    Hackert, um Verdacht zu vermeiden, befolgte diese Weisung. Er zog eine
pergamentne Schreibtafel und stellte sich, als wenn er auerordentlich begierig
wre, zu erfahren, was gesprochen wurde. In der That war er es auch. Noch immer
hoffte er auf Allgemeinheiten und persnliche Gegenstnde. Als er aber den
Accent eines Franzosen hrte, den Staat, die Zeit, die Willing'schen
Maschinenarbeiter nennen hrte, stand es ihm in der That fest, da die Polizei
auerordentlich gut unterrichtet war und wohl Ursache haben konnte, Gesinnungen
dieser Art zu berwachen.
    Zugleich aber kmpfte gegen die offenbare berzeugung, da es sich hier um
ein gefhrliches Staatskomplott handelte, alles Das an, was er von Siegbert's
mildem und Dankmar's besonnenem Charakter wute. Unmglich konnten sie
gewaltthtigen Unternehmungen Vorschub leisten; aber wenn sie sich htten
hinreien lassen, wenn sie der berredung eines ehrgeizigen Kriegers, eines
franzsischen Emissairs hier Gehr gben? Hackert war von der Vorstellung der
Gefahr, in der die unten versammelte Gesellschaft schwebte, so ergriffen, von
Theilnahme fr die Brder Wildungen so bewegt, da er beschlo, Alles
aufzubieten, um Schmelzing zu verwirren und fr den Fall, da wirklich Ernstes
unten besprochen wurde, ihn in irgend einer Weise unschdlich zu machen.
    Zunchst fing er an, Schmelzingen an die Pennalhlften zu mahnen. Er gab ihm
die grere und fllte sie mit dem etwas suerlichen Haut-Sauterne, den die
Polizei fr diese Expedition auf Rechnung der geheimen Fonds setzte.
Schmelzing lehnte die lngere Hlfte ab und wollte nur aus seinem kleinern
Fingerhute trinken. Dem Essen, das Hackert vorzulegen anfing, sprach er eher zu,
dabei aber unaufhrlich winkend, kein Gerusch zu machen und seine
Aufmerksamkeit nicht zu stren.
    Hackert lie sich aber nicht beirren. Er dachte, ich mu dich bei deinen
schwachen Seiten fassen. Die nchste Schwche des schleichenden, tckischen
Schreibers war seine Eitelkeit. Hackert musterte den Mantel, auf dem er lag und
gab ihn Schmelzingen, da er zu kostbar wre, als Fudecke benutzt zu werden. Das
hrte Schmelzing schon gern. Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn, wo er
seine Halsbinden jetzt waschen liee. Schmelzing antwortete auf alle diese
Fragen mit der Fingersprache. Es bot einen eigenthmlichen Anblick, diese zwei
Menschen am Boden kauernd zu sehen, zwischen ihnen ein flammendes Kreuz, oben
Alles todtenstill, und sie Beide doch sprechend, die Finger reckend, die Arme
bewegend, bald an die Brust, bald an's Kinn, bald an die Nase, die Ohren, die
Haare fassend. Sie hatten sich in migen Stunden Beide eine solche Fertigkeit
in dieser Art der Mittheilung und des Gedankenaustausches angeeignet, da sie
sich nicht nur ber uere, sinnlich in's Auge fallende Gegenstnde
verstndigten, sondern so auch ber Ansichten und Empfindungen.
    Wissen Sie wohl, Schmelzing, sagte Hackert mit der Fingersprache, whrend er
mit Herzklopfen hrte, da eben Dankmar die Frage beantragte, welchen Entschlu
man fr die nchste Zeit fassen mte; wissen Sie wohl, was man von Menschen
denken mu, die ihr Gehr verlieren?
    Lassen Sie mich jetzt zufrieden! antwortete Schmelzing mit der
Zeichensprache, horchte und schrieb emsig.
    Nein, im Ernst, Schmelzing! Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren
Rdesheimer trinken! Ich geb' Ihnen mein Wort, es hat etwas auf sich mit dem
Gehr.
    Schweigen Sie, Hackert!
    Das Gehr, Schmelzing, ist der niedrigste, schlechteste und erbrmlichste
Sinn des Menschen! Mnner von Geist verlieren immer erst das Gehr.
    Wirklich?
    Wissen Sie denn, Schmelzing, da der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt?
    Sprechen Sie hier nicht von Sterben, Hackert! Ich verbitte mir Das.
    Wie alt sind Sie, Schmelzing! Neunundzwanzig, nicht wahr?
    Schmelzing konnte nicht umhin, etwas zu schmunzeln. Er hatte sicher schon
sein Vierzigstes auf dem Rcken.
    Vom dreiigsten Jahre an sterben wir allmlig ab und zwar an unsern fnf
Sinnen.
    Zum Donnerwetter! Seien Sie still, Hackert!
    Hackert hrte, da Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und
ununterbrochen redete. Er lie sich nun nicht stren, sondern wandte die ganze
Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an, um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten.
    Gemeine Menschen, sagte er, sterben von oben herab, edle Charaktere von
unten herauf.
    Wie so? fragte Schmelzing, der dabei an seine Fe dachte, die ihm beim
Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden.
    Was sehen Sie denn auf Ihre Fe, Schmelzing? Ich rede ja von Ihrem Gehr.
    Lassen Sie mich in Ruhe!
    Das Gehr ist wirklich das Gemeinste am Menschen. Nur bei den Dummen ist der
Gehrsinn am schrfsten ausgebildet.
    Wie so?
    Je furchtsamer ein Thier ist, desto besser hrt es. Alle feigen Thiere,
Hasen, Rehe, Maulwrfe hren gut.
    Wirklich?
    Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hrt darum so wenig. Plato und
Aristoteles, kann ich Ihnen die Versicherung geben, Schmelzing, waren schon in
ihrem dreiigsten Lebensjahre stocktaub, und wenn Sie's nicht wissen, wer Plato
und Aristoteles waren, so sag' ich's Ihnen, das waren die beiden weisesten von
den sieben Weisen Griechenlands!
    Sie wollen mir etwas weismachen, Hackert.
    Ich gebe Ihnen mein Wort! Erst kommt das Gehr, dann ...
    Halt! halt! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten.
    Hackert horchte hin; es war von den Willing'schen Maschinenarbeitern und dem
Handwerkervereine die Rede.
    Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe.
    Gut zu hren, fuhr er fort, ist gemein; dann kommt gut sehen, das ist
weniger gemein, aber noch immer gemein; dann kommt gut fhlen. Das ist
Mittelsorte. Dann steigt's aber in's Feine. Erst gut zu schmecken. Dann aber das
Feinste, Schmelzing ...
    Gut zu riechen? fragte Schmelzing erstaunt.
    Der feine Mann hat seinen schrfsten Sinn in der Nase.
    Gehen Sie weg!
    Glauben Sie Das nicht? Sie wissen also nicht, da alle Weisen Griechenlands
am strksten in dem Organe der Nase waren?
    Ich meine doch, da erst der Geschmack kommt, sagte Schmelzing, von diesen
Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessirt.
    Ach, wie irren Sie sich, Schmelzing! Geschmack ist fein, aber Geruch viel
feiner.
    Ich rieche sehr fein.
    Wirklich?
    Sehr fein!
    Riechen Sie z.B., ob Das hier Kohlen- oder Theergas ist; ich meine das Gas,
das von den drei Kreuzen kommt.
    Dafr kann ich nicht Chemie genug, sagte Schmelzing. Aber ich rieche, da
hier viel Muse und wenig Katzen sind ...
    Sehen Sie einmal an, das riech' ich nicht, Schmelzing, sagte Hackert immer
trocken und in der Miene ruhig. Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine
knftige Verwesung schon voraus gerochen haben. An sich selbst, Schmelzing!
    Ach, schweigen Sie von Verwesung, Hackert!
    Sie haben gut reden! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne,
Schmelzing, und ich frchte sehr, ich habe nur den gemeinen.
    Sie machen Possen!
    Im Ernst, Sehmelzing. Ich sterbe umgekehrt ab. Ich rieche schon jetzt gar
nichts. Mein Geschmack ist drftig. Der Wein z.B. mundet mir keineswegs und doch
seh' ich an der Etikette, da es der feinste ist, den der Polizeiminister kaum
besser hat. Mein Gefhl ist leidlich. Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret
und hren ist meine Leibpassion. Ich hre z.B. jetzt eben ...
    Was hren Sie?
    Hren Sie nicht die Thr knarren?
    Machen Sie mir keine Angst! Lassen Sie Das!
    Es ist mglich, da ich mich tusche. Wissen Sie was, Schmelzing, ich will
mich hinlegen und schlafen.
    Hier sprang Schmelzing auf. Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so
eigenthmlich dargestellt, da Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das
frhere Nachtwandeln Hackert's dachte, von dem dieser behauptete, jetzt gnzlich
geheilt zu sein ...
    Es fehlte nicht viel, so htte Schmelzing nun laut gesprochen. Der Dialog
ber die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die
Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen. Die beiden Sprecher hatten immer
nur nthig, auf die betreffenden Organe zu zeigen. Diese Andeutung aber, da
Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen
knnte, diese Mglichkeit, verbunden mit so scharfem Gehre, da er eine Thr
wollte knarren gehrt haben, war Schmelzingen zuviel. Htte er nicht das
Gerusch gefrchtet, er htte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen
oder einen Tintenstecher, den er schon aus der Tasche zog.
    Hackert lie in seinen Angriffen auf Schmelzing's Ruhe nach, denn Siegbert
hatte aufgehrt zu reden. Das Durcheinander von Stimmen, das herauftnte,
brachte jetzt nicht ein einziges gefhrliches Wort. Schmelzing war auer sich
vor Zorn, als er auf seine leeren Bltter blickte.
    Es wurde unten ruhiger. Eine Stimme sprach, die Hackert nicht kannte. Es war
dies die Stimme von Leidenfrost. Anfangs dachte er, der mag reden, soviel er
will! Pltzlich nahmen Leidenfrost's uerungen aber einen Charakter an, der
Schmelzingen bestimmte unwillkrlich auszurufen:
    Herr Gott! Nun kommt's!
    In der That war Das die Rede eines vollstndigen Demagogen.
    Ja, dachte Hackert, Das wird nun arg! Es sind in der That die
unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten. Wie kann Siegbert Wildungen
ableugnen, da er in Gemeinschaft eines solchen Aufrhrers politische
Berathungen gepflogen hat!
    Und nun entschlo er sich rasch, Schmelzingen auf's neue in Verwirrung zu
bringen.
    Die erste Schwche des Schreibers, sein Ehrgeiz, war schon ergiebig gewesen.
Er entschlo sich, mit einer neuen anzubinden. Schmelzing war verliebt. Hackert
wute Das nicht nur im Allgemeinen, sondern hatte sogar an mancher
Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet, da er einen Eindruck seiner
hagern, gespenstischen Figur auf das junge, ihn verachtende Mdchen fr mglich
hielt. Ihm, Hackerten, war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges. Er liebte sie
nicht, er frchtete sich vor ihr; er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der
Erinnerung an dies edle, sittenreine Mdchen. Sein Athem stockte, seine Brust
beklemmte sich, wenn er ihrer gedachte, ihrer, die er verlassen, die er nie
wieder aufgesucht hatte, auch im Geiste geflohen war! Aber nun mute er ihr
Andenken heraufbeschwren. Wachrufen in der gemeinen Seele dieses drren
Schmelzing! Er besann sich, ob er denn nicht irgend ein anderes Mdchen wisse,
dessen Namen er entweihen durfte, um Schmelzing's Phantasie zu verwirren. Er
fand keine. Da hrte er, da der Sprecher unten die Barrikaden erwhnte, und
ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und
zeigte auf denselben Finger an Schmelzing's Hand.
    Schmelzing wollte nicht hren.
    Hackert wiederholte das Zeichen.
    Wo haben Sie denn Ihren Ring, Schmelzing? sagte er.
    Zum Donnerwetter! Welchen Ring?
    Den Ring von Louise Eisold!
    Ich einen Ring von Louise Eisold?
    Wie Sie auszogen -
    Wie wir auszogen?
    Den Ring, den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte?
    Mir einen Ring? Sie schlafen wol?
    Schlaf' ich? Trum' ich vielleicht?
    Hackert, seien Sie still! In meinem Leben nehm' ich Sie nicht wieder hier
mit ...
    Was wollen Sie denn? Ich wei doch, da Sie da an der linken Hand immer
einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt, da sie Ihnen noch einen
Ring geben wollte. War's der nicht?
    Mir einen Ring geben? Sie verwechseln sich wol mit sich selbst!
    Halten Sie mich fr eitel? Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt, weil ich
Ihr Freund bin.
    Lassen Sie mich in Ruhe!
    Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen, die sie fr Sie abschnitt.
Kstliche braune Haare, Schmelzing. Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt'
ein Ring fr Sie werden. Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr
nach einem Mdchen, das Sie berraschen wollte! Sie staunen, Schmelzing? Sehen
Sie, da Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehr. Plato
hatte auch kein Glck in der Liebe; denn er war kurzsichtig.
    Man nennt Das die Platonische Liebe. Man mu ein scharfes Auge haben, um
in's Herz zu sehen, und wenn Eins laut seufzt und man ist stocktaub und hrt's
nicht, so war man freilich ein Esel. Vergeben Sie mir meine Freimthigkeit.
    Hackert, Sie machen mich ganz confus.
    Aber wonach riecht Das hier? rief Hackert pltzlich sich aufrichtend.
    Schmelzing zog mit der Nase die Luft ein ...
    Eau de Cologne, Schmelzing! sagte Hackert. Hier sind Frauenzimmer in der
Nhe.
    Die Wirkung dieser rasch gesprochenen Worte auf Schmelzing war elektrisch.
Im Nu verlor er wirklich alle Besinnung. Hatte schon der Wein, die Erwhnung
Louisen's, der Ring mit den Haaren, die Platonische Liebe ihn in eine Steigerung
seiner Empfindungen versetzt, so berfiel ihn bei der Vorstellung von Eau de
Cologne und von in der Nhe befindlichen Frauenzimmern ein frmlicher Schwindel.
Hackert in aller Ruhe, trocken und kaustisch, blieb bei seiner Vorstellung von
einem feinen Parfm, stand auf und behauptete, der Duft kme von dem zweiten
Kreuze her. Er blieb stehen. Fortgehen wollte er nicht. Schmelzing bekam sonst
zu viel Gelegenheit nachzuschreiben. So setzte er sich dicht wieder in seine
Nhe, umschlang Schmelzing, zog ihn an seine Brust und flsterte ihm ohne
Zeichensprache in's Ohr:
    O Schmelzing, was sind doch die Weiber fr paradiesische Teufel! Eau de
Cologne! Die knftige Seligkeit schlgt man um sie in die Schanze! Aber man mu
sich recht umarmen, sich richtig kssen, Schmelzing! Die Meisten wissen gar
nicht, was in den Lippen fr Geheimnisse schlummern. Sie haben gute Lippen,
Schmelzing! Nicht lachen! Nur nicht lachen hier! Da hrt alle elastische Kraft
auf! Ernsthaft, Schmelzing! Und nun den Mund voller genommen! Luft gepumpt, da
die Segel schwellen! Schmelzing, Sie mssen wunderschn lieben knnen! Wenn ich
Louise wre und ich neigte mich so zu Ihnen und Sie fhlten mich hier dicht am
Herzen und ich sagte: Schmelzing! Schmelzing! Gttlicher Schmelzing!
    Der verwitterte alte Schreiber zerflo in der That bei diesen von Gebehrden
untersttzten Schilderungen seines Collegen in vllige Besinnungslosigkeit. Das
Portefeuille, der Bleistift waren ihm entfallen. Er hrte nicht mehr, er
kicherte nur noch und meckerte. Dennoch mute Hackert frchten, da er sich
besinnen und ihn mit Gewalt von sich stoen wrde. In dem Augenblick kam seiner
Keckheit ein weibliches Lachen zu Hlfe, das wirklich von der Seite des linken
Kreuzes her emporschallte. Es klang ganz dumpf, ganz fern, aber Hackert hrte
deutlich, da weibliche Stimmen in der Nhe scherzen muten ...
    Hren Sie, Schmelzing, rief er. Hren Sie! Weiber! Eau de Cologne, wie Sie's
gleich gerochen haben! Kommen Sie! Kriechen Sie mir nach! Kriechen Sie!
    Schmelzing konnte sich in der That nicht mehr aufrechthalten. Seine Sinne
waren so verwirrt, Hackert hatte so beredtsam alle schlummernden Geister seiner
Sehnsucht geweckt, da ihm war wie einem Taumelnden. Er kroch auf allen Vieren
hinter Hackert her an den linken Flammenschein. Anfangs hrte er nichts von dem
Lachen, das Hackert vernommen haben wollte. Wie er aber so dicht an der linken
Kreuzesffnung war, wie vorhin an der mittleren, machte die Wlbung, da man
Ohrenzeuge einer, wie es schien, sehr heitern Scene war. Man hrte Glser
klingen, das Lachen von Frauenstimmen und eine mnnliche, etwas pathetische
Stimme, die sich in phantastischen Huldigungen zu ergehen schien.
    O verdammt! flsterte Hackert, da man nicht hinunterblicken kann. Nchst
dem Genusse, selbst zu lieben, gibt es ja keinen grern, als Andre sich lieben
zu sehen. Wie viel Frauenzimmer sind Das wohl?
    Schmelzing bedeutete Hackerten zu schweigen. Ihr Rutschen, ihr Plaudern,
sagte er, wrde sie noch verrathen. Er fing wieder in der Zeichensprache zu
gestikuliren an und lauschte so gierig auf die Scene, die in diesem Gemache
aufgefhrt zu werden schien, da er die Politik, die Demokratie, die
Arbeitervereine vergessen hatte. Hackert's mephistophelische Natur war im
vollsten Gange. Er bediente sich aller nur mglichen Einflle und Schnurren, um
Schmelzing zu betuben. Die ganze Ungebundenheit seiner wilden Phantasie tobte
sich aus.
    Schmelzing schnalzte mit der Zunge, wie ein Hecht, der vom Trockenen in
frisches Wasser kommt. Sein ganzes Wesen schwnzelte. Hackert sagte, aufregend
genug, mit der Fingersprache, in der bekanntlich die Neapolitaner noch mehr
sagen, als man mit der Sprache sich zu sagen getraut:
    Ich wette, es sind sechs Mdchen, Schmelzing, und nur Ein Mann!
    Gehen Sie weg, sechs Mdchen?
    Ich unterscheide wenigstens vier Stimmen. Es ist ein Herr, der nicht zu den
jngsten gehrt. Zwei sitzen ihm auf dem Schoo. Eine, Schmelzing, legt sich ihm
eben quer ber die Schulter und eine hat sich einen Fuschemel heran gerckt und
legt den Kopf auf seine linke Kniescheibe ...
    Das sehen Sie Alles, Hackert?
    Ich hr' es ja, alter Freund! Es sind Tnzerinnen! Sie stehen jetzt auf und
wollen ihm eine Polka vortanzen. Sie rcken die Sthle zurck. Platz gemacht!
Sie treten an. Ha! Wie sie die Kleider fassen! Sehen Sie, Schmelzing, nein sehen
Sie diese Fe! Sehen Sie die weien Strmpfchen! Die hat rothe Strumpfbnder
mit einer emaillirten Schnalle! Sehen Sie denn die Schnalle nicht? Ich sehe die
Schnalle, wie sie blinkt, Schmelzing!
    Sie sind verrckt, Hackert! Wo sehen Sie denn die Schnalle? rief Schmelzing
und verbrannte sich fast die Nase.
    Jetzt nehmen sie die Champagnerglser und tanzen an ihm vorber, fuhr
Hackert fort. Jedes mal, wenn Eine vor ihm vorbei kommt, mu er rasch trinken.
Dann kommt die Andere, die Blaue! Dann die Dritte, die Rothe! Jetzt die Vierte,
die Weie! Jetzt die Fnfte ...
    Halten Sie ein! Es sind nur Drei!
    Woraus merken Sie Das?
    Sie sprechen ja so deutlich, da man ihre Stimmen unterscheiden kann. Die
Eine spricht ein Bischen tief.
    Das lieb' ich, Schmelzing. Je tiefer die Stimme, desto mehr Feuer. Der Mann
mu zweiten Tenor, die Frau zweiten Sopran sprechen, Das ist das wahre Duett der
Liebe, Schmelzing. Sie Ihrerseits sprechen ganz in der rechten Mittelhhe,
Schmelzing!
    Sie machen mich noch toll, Hackert!
    Schmelzing mute sich mit Gewalt losreien. Hackert whlte zu grausam seine
Phantasie in Grund und Boden um. Er lag erschpft. Hackert lehnte sich zu dem
Lichtschimmer hin. Beide horchten.
    Es schienen ein Herr und nur zwei Damen zu sein, die unten vllig
unbelauscht zu sein glaubten. Das Klingen der Glser hatte aufgehrt, das Lachen
sich gemigt. Man konnte die Worte der Unterhaltung deutlicher vernehmen.
    Diese lautete eben:
    Aphroditische Wesen, sagte die mnnliche Stimme, lasset uns zum letzten male
noch von dem Schaum opfern, dem die Gttin entstiegen ist, deren wrdige
Priesterinnen Ihr Euch nennen drft! Steige auf, cyprische Welle! Lodre, brodle,
schume!
    Ein Gerusch verrieth, da ein Champagnerkork aufflog.
    Zwei Mdchenstimmen schrieen vor knstlichem Schreck ...
    Die Glser her! fuhr die mnnliche Stimme fort, das Glck verrauscht! Kurz
ist der Augenblick der Freude!
    Mit Brotrinde umgerhrt, sagte das eine Frauenzimmer, so dauert's lnger.
    Knstlich! Knstlich! Allzuknstlich, Diotima! sagte die mnnliche Stimme.
    Diotima? fragte das Frauenzimmer. Ich heie ...
    Man hrte nicht recht den Namen, den sie sprach.
    Pst! rief Hackert. Sie heit ... haben Sie's gehrt?
    Schmelzing nickte, als wollte er sagen, er verstnde Alles.
    Nein, Diotima, sagte wieder die pathetische Stimme.
    Was soll mir des Brotes Rinde! Was soll mir der knstliche Perlenflor! Die
Natur verschmht die Nachhlfe der Kunst. Oder bist du mehr fr die Kunst, du
schlanke Aspasia?
    Spasia? sagte Schmelzing. Das war deutlich.
    Aspasia? wiederholte die andere Stimme. Ich heie ...
    Man verstand wieder den Namen nicht.
    Wie? bedeutete Hackert seinen Collegen.
    Spasia! wiederholte dieser kichernd.
    Aspasia! Mdchen! Es sind die Namen, die Ihr in den Sternen fhren werdet;
Plato's Freundinnen hieen Aspasia und Diotima.
    Plato's! fiel Hackert zu Schmelzing ein. Verstehen Sie?
    Das ist ein Gelehrter da unten. Plato hatte kein Glck in der Liebe,
obgleich er kurzsichtig und harthrig war und sehr frh eine Brille trug.
    St! winkte Schmelzing.
    Trinkt, Mdchen! rief der Redner unten. Trinkt aus des Spitzglases unschner
Form! Krystallene Schalen von gewobenem Glase, rthlich angehaucht, sind des
Schaumweins wrdigere Pokale! Trinkt oder thut wie ich!
    Ah! riefen die Mdchen. Sie verschtten ja ...
    Das kstliche Na auf des Hauses geheiligten Estrich?
    So mut du den Gttern opfern, Diotima!
    Mit Erlaubni, antwortete Diotima, zum Aufscheuern ist Champagner doch wol
zu kostbar.
    Opfre! schrie der Sprecher in der Trunkenheit.
    Diotima strubte sich.
    Opfre!
    Aspasia schien dem bacchischen Priester das Glas wegzunehmen. Dann sagte sie
mit gurgelndem trinkenden Tone: Da! Nicht auf die Erde!
    Die versteht's! sagte Schmelzing, der fr die Barrikaden und Arbeitervereine
nun kein Ohr mehr hatte.
    O htt' ich Rosen, htt' ich Krnze, rief der Sprecher unten, knnt' ich
mich schmcken wie Apollo! Und Ihr, Freundinnen, im griechischen Gewand, Ihr
schrittet mir zur Seite, wie Priesterinnen! Ha, knnte ich dieses dumpfe
Kellerloch umzaubern zu einer Tempelhalle! Rufen mcht' ich wie Faust nach dem
Tranke der Hexe, damit ich losgebunden, frei, erfahre, was das Leben sei.
    Schmelzing zeigte nach dem Kopfe.
    Zu viel? fragte Hackert.
    Zu wenig! antwortete Schmelzing schttelnd.
    Er hat entweder oder ist! sagte Hackert besttigend.
    Aber da oben, da oben, seht Ihr's? rief die exaltirte Stimme pltzlich.
    Rasch fuhren die beiden Lauscher zurck. Unwillkrlich kam ihnen diese
Bewegung. Im ersten Augenblick glaubten sie sich gesehen. Aber die Stimme
sprach:
    Seht Ihr's da oben, das Kreuz in der Mauer? Bist du schon wieder da,
nazarenische Mahnung? Spukst du denn berall, trauriges Memento mori? Hinweg von
Griechenlands Gttershnen jagst du mich? Nein! Mit Rosen, nicht mit Dornen
erlst man die Menschheit. Kt mich, Mdchen! Nach Korinth! Nach Korinth! Die
Trmmer des Altars, den Paulus zertrmmerte, den Altar des unbekannten Gottes
helft mir suchen! Es lebe der unbekannte Gott von Korinth!
    Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahnsinns, den er bei dem Sprecher
unten voraussetzte. Hackert aber sagte, da er ihn fr irgend einen verdorbenen,
vielleicht abgesetzten Geistlichen halte, der hierher gekommen wre, um beim
Ministerium sich auszuklagen und in der Desperation sich mit diesen Damen in den
Rathskeller verirrt htte, um im Champagner seinen Zorn zu ertrnken. Die
Mdchen schienen ihn zum Besten zu haben, sie lachten und neckten ihn, trotz der
Zrtlichkeiten, die sie ihm gestatteten.
    Pltzlich schwieg der Sprecher. Die Gefhrtinnen fragten ihn, ob er seinen
Text zu Ende htte. Er antwortete nicht. Sie stieen mit ihm an. Es klang hohl
wider, aber er antwortete nicht. Sie plauderten vom Wetter, vom Putz, vom
Theater. Er antwortete einsylbig. Sie erwhnten den Prinzen Egon, ihre groe
Freude, da im Hause und der Verwaltung desselben nicht nur Alles beim Alten
bliebe, sondern diese noch vergrert, noch erweitert wrde. Alles wrde
prchtiger, herrlicher, glnzender!
    Im Hause des Prinzen Egon? fragte Hackert.
    Er ist wol eingeschlafen, sagte Schmelzing, der nur auf die Orgie selbst
Acht hatte.
    Nein, nein, er brummt bald: Danke, Diotima! bald: Danke, Aspasia! berichtete
Hackert.
    Er scheint nichts vertragen zu knnen, er wird einschlafen ...
    Und die Mdchen plndern ihn aus? Das geschieht schon so -
    Aber im Rathskeller!
    Seltsam! Es ist ein Fremder oder ein Gelehrter, der eigentlich mit diesen
Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen wre. Wer sind sie nur?
    Er klirrt mit einer vollen Brse.
    Die ganze Geschichte kommt mir lateinisch vor. Es ist als wenn ein
schweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette lge!
    St! St!
    Die Mdchen beklagen sich ber ihres Freundes schlechten Humor. Der Kellner
wird bezahlt und scheint zu gehen.
    O, o, hrte man jetzt den Sprecher wieder, seht, seht das Kreuz! Als wir
eintraten, hatt' ich es nicht bemerkt. Seit mein Auge darauf gefallen, ist der
Blick verdunkelt.
    Aspasia, Diotima -
    Nenn' uns Dorette und Florette!
    Was? rief Hackert nach diesen laut und rgerlich gesprochenen Worten. Sind
Das die ...
    Lat mir den Traum, Euch fr Wesen zu halten, rief der Redner, fr Wesen,
die frher lebten, ehe man die Pariser Moden erfand. Du bist schn, Aspasia, und
bildsam. Diotima ist lieblich und hat einen Anflug von Seele. Ihr solltet Euch
bilden, Kinder! Es schlummern Ideale in Euch!
    Du bist gerade wie unser Alter, sagte die Eine, wahrscheinlich die mit dem
Seelenanflug ...
    Wie so?
    Dem gehen auch beim ersten Glas die Augen ber ...
    Gingen mir die Augen ber, Mdchen? fragte der immer verstimmter werdende
Enthusiast. Saht Ihr Perlen nicht blos im Glase? Wo saht Ihr Perlen, ihr
schlanken Bacchantinnen? In meinem Auge? Als ich zum Kreuze aufblickte?
    Stummes Wahrzeichen, das du ber uns schwebst, welche Freuden schliet der
Himmel ein, an dessen Pforte du gezeichnet stehst? Senke dich nicht herab, auf
mich, todtes Holz! Soll ich's tragen zur Schdelsttte? Soll ich dir die Last
abnehmen, Erlser? Kommt, kommt, Mdchen!
    Das Haus fllt zusammen, hier ist's entsetzlich. Die Decke bricht! Die Bogen
wanken! Hlfe! Hlfe! Kommt, kommt!
    Schmelzing zitterte an allen Gliedern. Hackert horchte.
    Die Mdchen wollten so nicht fort. Sie glaubten ihren Freund verletzt zu
haben. Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung. Sie verwnschten, da sie seiner
Einladung gefolgt wren und sich zu einem Abend verstanden htten, der nun
verdorben wre.
    Seid Ihr von den thrichten Jungfrauen? fragte der melancholische Sprecher.
Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an? Haltet Eure Lampen hell, Mdchen! Der
Brutigam sammelt sich. Denkt Ihr, da Euch ein Mann liebt, dessen Seele leer
und hohl wie ein Tanzsaal ohne Tnzer ist? Ich zieh' Euch ja nicht hinunter in
den Abgrund meines Herzens! Ihr bleibt ja oben, wo die Sonne scheint und grne
Strucher stehen. Kommt an die Luft! Unter die Sterne! Hngt Euch an meinen Arm.
Es scheint still drauen. Man wird mich nicht kennen. Rasch hinausgehuscht!
Klinkt die Thr auf! Niemand da? Niemand? Leb' wohl, du dstres Galila da oben!
Gekreuzigter! La mich Arkadien suchen und weinet mit mir.
    Damit verschwanden die Sprecher. Erst Alles still. Man hrte den Kellner
brummen, die Flaschen und Glser wurden weggenommen und im Nu erlosch auch das
flammende Kreuz. Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht.
    Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betubt. Diesen
melancholischen Ausgang einer leichtfertigen Scene hatten sie nicht erwartet.
Hackert hatte eine Ahnung, was sie wohl bedeuten konnte, Schmelzing verstand sie
nicht. Er war so abgekhlt, so getuscht in seiner Spannung, so voll rger, da
er fast zum lauten Verwnschen dieser Strung fortgerissen wurde und zu dem
mittleren Kreuze zurckschlich. Hackert, grbelnd ber Den, der unten mit den
Fruleins Wandstabler eine solche Scene der Lust und Reue, ja die Monologe eines
gefallenen Luzifers hatte auffhren knnen, kroch nach. Der, der eben am
mittleren Kreuze sprach, war der Major von Werdeck. Man vernahm Ausdrcke wie:
Todesverachtung! Sein Leben in die Schanze schlagen! Fast wthend, da ihm der
ganze Abend mislungen war, ergriff Schmelzing seinen Bleistift und fing
blindlings zu notiren an. Jetzt ergriff es Hackerten, als mte er einen
uersten Entschlu wagen. Die Worte jenes bersttigten und vielleicht von Reue
gequlten Mannes hatten eine eigenthmliche Wirkung in ihm hervorgebracht. Er
war pltzlich zum Scherze nicht mehr aufgelegt. Es hatte etwas auch in sein
Innerstes hineingegriffen, das er nicht gut entrthseln konnte. bersttigung
kannte er wohl. Der unterirdische Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch
war noch ein anderer Geist in seinen Worten gewesen, den er nicht zu fassen
vermochte. Ungeduldig ber das Nachdenken, in das ihn die Scene versetzte,
verstimmt ber das Scheitern seiner Strungen eines abscheulichen
Spionengeschftes war er nahe daran, Schmelzing von hinten zu packen. Wie, wenn
ich ihm die Gurgel zudrckte und ihn von der Zelle fortschleppte? dachte er und
erhob sich und schritt jetzt auf und ab, ohne sich um Schmelzing's wthende
Winke zu bekmmern.
    Bei diesen Wanderungen, die wiederum bewirkten, da Schmelzing nicht
aufhorchen konnte, kam Hackert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz, wo
ebenfalls gesprochen wurde. Er hrte berrascht hin und vernahm eine gebrochene
franzsische Aussprache, wie an dem Mittelkreuz. Andere Stimmen mischten sich in
den Vortrag des prononcirteren Franzosen. Eine gewichtige Bastimme stimmte in
die uerungen des Franzosen mit ein, whrend eine andre opponirte. Der Schall
mochte ihn verfhren, die Gesellschaft fr zahlreicher zu halten, als sie war.
Deutlich hrte er das Klappern eines Degens, mute also annehmen, da auch ein
Offizier in der Nhe dieses dritten Kreuzes war. Bald unterschied er das Thema,
das besprochen wurde. Es war ein politisches. Er hrte den Namen der Jesuiten
nennen. Man bat mehrfach den Franzosen, sich offen ber diese Gesellschaft
auszusprechen. Man versicherte ihn, da er sich unter Freunden befnde, unter
den aufrichtigsten Verehrern einer Politik, die nicht auf Kleinliches und
Geringes, sondern auf Weltplane lossteuere. Als die Bastimme mit priesterlicher
Salbung sagte: Dies ist der berhmte General, der mit dem Jahrhundert Fangball
spielt, gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches, der vielgefrchtete sogenannte
Jesuitenfreund ... als Hackert diese Worte berlegte, fr seinen Fall erwog,
kehrte er zu Schmelzing zurck und machte ihm Gestikulationen, die nichts
Anderes sagen wollten als:
    Esel! Esel, die wir sind! Hier liegen wir und vergeuden die Zeit! Da ist die
Stelle, wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat. Ein Franzose, nicht wahr?
    Ja wohl! nickte Schmelzing.
    Ein Offizier?
    Natrlich!
    Donner! Hier sind ja die Rechten! Hier sitzen die Mordbrenner! Ich bin
starr, was ich gehrt habe ... Knigsmord!
    Allmcht'ger Gott!
    Schmelzing! Hier ist's ja! Stimmen so heiser wie die Banditen! Sie hren
hier jedes Wort! Kommen Sie einmal her!
    Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor.
    Dieser, der ein Misverstndni fr nicht unmglich hielt, folgte. Als er den
Franzosen husten und nseln, den Degen des Generals klappern hrte, war ihm kein
Zweifel mehr. Die Phrase, die eben ausgesprochen wurde: Wir leben nun einmal im
Zeitalter der Revolutionen! zog ihn wie auf's Commando sogleich zur Erde nieder.
Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf, sondern mechanisch
die Hand dem Ohre sogleich folgen lt, so schrieb auch schon Schmelzing,
whrend er sich noch niederlie. An den Wein und den Eproviant, den Hackert in
seine Nhe rckte, dachte er nicht; so emsig holte er das Versumte nach und
schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf, denn sein Pergament fllte sich,
Streifen auf Streifen. Er schrieb wie athemlos.
    Whrend Schmelzing die gemthliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit
dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philanthropischen
Gesellschaft, Herrn Sylvester Rafflard, die man in einer vllig abgeschlossenen
Trinkzelle des vielgesuchten alterthmlichen Rathskellers veranstaltet hatte,
Wort fr Wort fr die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von
Hackert in seinem Amtseifer gestrt wurde, wandte dieser ihm den Rcken und
hrte, endlich freiathmend, die ihm nun allein vernehmbare Erzhlung, die nach
einem lebhaften Zusammenklang der Glser eben der Offizier unter seinen Freunden
vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessirte, nichts ihm verfnglich
schien. Er hrte gleichgltig bis auf die Stelle, wo ein Verhltni erwhnt
wurde, das dem seinigen zu Melanie Schlurck auerordentlich hnlich sah. Als er
hrte, da dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mdchens die Rede
war, das dieser durch Bildung, Eifer und Anstrengung sich erobern wollte,
entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehrte Seufzer, da sich Schmelzing
umwandte und ihm drohte. Die Erzhlung brach aber ab oder wurde leiser, weil
wehmthig. Er hrte nichts von dem ferneren Unglck Leidenfrost's. Er war in ein
dsteres, trbes Sinnen verfallen. Erst als Dankmar seine Stimme erhob und
wieder krftig ber die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann,
verstand Hackert deutlich, was verhandelt wurde.
    Dankmar's Rede konnte er sich natrlich nur in den Hauptideen merken.
Wrtlich aber lautete sie, wenn wir wieder zu der Gesellschaft zurckkehren
wollen, wie folgt.

                                Zehntes Capitel



                              Dankmar's Weiherede

Das Erbe der Gebrder Wildungen, sprach Dankmar, erscheint also im Lichte der
ffentlichen Meinung als ein ungerechter Rckgriff in den Lauf der Zeiten! Und
doch ist es ein sprechender Beweis fr den Kampf der Interessen, wie sie sich
befehden, vernichten. Auch wir berufen uns auf dasselbe Siegel, von dem der
Staat und die Kirche, das Allgemeine und die Gemeinde ihre Rechte herschreiben.
Wir zeigen an einem grellen Beispiele, da sich Gesetze und Rechte wie eine
ewige Krankheit forterben.
    Ob wir gewinnen, ob wir verlieren, die Zukunft wird es zeigen. Man wird
Lcken in meinen Beweisfhrungen entdecken, man wird Papiere finden, man sucht
sie wenigstens, die unsere Ansprche entkrften sollen. Gesucht nur oder
gefunden, ich schwinge mich auf einen hheren Standpunkt und will in dem
Wettkampfe, den die berechtigten Gewalten aus ererbter Autoritt tglich
auffhren, einen neuen Mitstreiter auftreten lassen, eine Wiederherstellung
jenes Ordens, von dem unsre Erbschaft im Grunde herrhrt.
    Wenn ich mich in der Geschichte umsehe und eine Macht vermisse, die das
Individuum gegen das Allgemeine in Schutz nimmt, so mu ich beklagen, da jene
Idee der geistlichen Ritterorden an dem freilich begrndeten Mistrauen der
weltlichen und geistlichen Gewalt scheiterte. Philipp der Schne von Frankreich
lie Hunderte von Tempelherren foltern, verbrennen. Man sagt, weil er sie um
ihre Schtze beneidete. Treffender ist der Grund, wenn man sagt, weil er eine
Ritterschaft frchtete, die das heilige Grab nicht mehr behaupten konnte, sich
nur noch auf Rhodus und spter Malta hielt und in Frankreich allein ber
dreiigtausend in jedem Augenblick marschfertige Reisige zu gebieten hatte.
Neben einer solchen von sich selbst abhngenden Wehrkraft konnte die knigliche
Gewalt nicht bestehen. Jeden Wink des Papstes konnte der Knig gewrtig sein von
diesen mchtigen Tempelherren ausgefhrt zu sehen. Aber auch die Geistlichkeit
frchtete die Tempelherren. Sie hatten im Oriente Duldung gelernt. Statt die
Sarazenen zu vernichten, lernten die Templer das Menschliche, Gleichartige,
Brderliche an ihnen schtzen. Tempelherr und Emir schlossen Freundschaftsbnde
und sogar die Religionen nherten sich. Diese Ritter hatten die Welt gesehen,
ihr geistliches Kleid moderte nicht mit ihnen in der Klosterzelle, ihr Skapulier
war das Schwert, sie tummelten sich durch das Leben mit Thatkraft und
Selbstgefhl. Frei waren sie von dem Plagedienst der Observanzen. Sie konnten
Messe lesen lassen auch in Gegenden, wo ein Fluch der Kirche die Glocken zu
schwingen verbot und die Sakramente nicht verabreicht wurden. Sie waren auch der
Geistlichkeit, der sie damit groen Eintrag thaten, zu frei, zu weltlich, zu
weltmnnisch und zu vorurtheilslos.
    Die Templer wurden vernichtet. Die St.-Johannesritter setzten die Mission
derselben fort. Leider fand man sie nur in der Eroberung des heiligen Grabes, in
dem Kampfe mit den Trken. Dieser zuletzt unwahr gewordene Zweck bot kaum einen
anstndigen Deckmantel fr den behaglichen Genu der reichen Gter des Ordens.
Wohlleben, ppigkeit nahmen berhand. Nur die Malteser behielten ihren Beruf
noch, als bewaffnete Missionaire zu wirken. Der Gedanke, Mittler zu sein
zwischen Kirche, Staat, Gemeinde kam zu keiner Ausbildung mehr. Nur die Vehme,
die heilige, unterirdische, war die letzte Ergnzung des wilden, rechtlosen,
verworrenen damaligen Lebens gewesen. Die Gerichte der rothen Erde vertraten die
Gerechtigkeit, die keinen weltlichen Hof mehr zu finden schien. Die geistlichen
Ritterorden verfielen. Sie, die den Tempel von Jerusalem bewachen sollten,
wuten nicht, da man einen neuen Tempel im eigenen Herzen, einen Tempel der
Menschheit grnden, den ausbauen, den bewachen mute. Sie, die auf Johannes den
Tufer verpflichtet wurden, d.h. auf den Geist, nicht auf den Buchstaben des
Christenthumes, sie schoben fr den Prediger in der Wste, der vor Christus
schon christlich dachte und lehrte, Johannes den Jnger unter und kamen nun
immer weiter von ihrem Ursprunge, ihrer ersten Bedeutung ab.
    Die geistlichen Ritterorden, die der Papst immer und immer wieder bis auf
die neuesten Tage erwecken wollte, hatten sich berlebt. In einer neuen hheren
Verklrung muten sie neu geboren werden und dies geschah fr die ppstlichen
Interessen in der geistlichen Ritterschaft des Ignazius von Loyola. Die Jesuiten
sind nicht weltlich, nicht geistlich allein, sie haben die Klster verlassen und
tummeln sich auf offnem Felde unter den Lebendigen. Es sind die neuen
geistlichen Ritter der rmischen Hierarchie. Sie haben Schild und Lanze mit dem
letzten Ritter, dem Don Quixote von la Mancha, in die Rarittenkammer geworfen
und kmpfen mit den Waffen des Geistes fr die alte Welt im Gegensatz zur neuen.
Die Philipp's von Frankreich, ohne oder mit der Mglichkeit, die Schnen
beigenannt zu werden, wiederholen sich berall und zu allen Zeiten in Europa. In
Portugal, Frankreich, Ruland vertrieb man die Jesuiten als eine geistbewaffnete
Heeresmacht, die im Organismus des modernen, nur dem Frsten gehrenden Staates
keinen Platz gewinnen drfe, wie die Templer nicht in Frankreich Platz greifen
sollten. Man wrde nur blind urtheilen, wenn man glaubte, da Pombal und
Choiseul die Jesuiten verfolgten aus Begeisterung fr das Licht der Aufklrung.
Nein! Die despotischen Alleinherrscher waren es, die ihre Macht nicht getheilt
sehen wollten. Sie wollten sich auch sogar der Freunde entledigen, wenn sie
ihnen mit der Zeit als Zweideutige oder zu Mchtige erschienen. Da, wo die
Jesuiten den Machthabern eine verlorene Gewalt erwerben sollten, sind sie ihnen
immer willkommen gewesen; Da aber, wo sie eine errungene Gewalt nun auch zu
theilen wnschen, wird man immer geneigt sein, sie wieder zu entfernen.
    Ich sprach von dem Tempel, den man in Jerusalem suchte und den man berall
htte finden knnen. Eine Vorstellung dieser Art war es, die die Freimaurerei
entstehen lie. Wie ein Neugeadelter hat diese Gesellschaft gesucht, ihre Ahnen
sich aus der Vergangenheit weither zu verschreiben und sich Vorfahren
beizulegen, die nie daran dachten, die Geheimnisse des Schurzfelles zu kennen.
Diese Gesellschaft hat das Glck gehabt, in einer Zeit, wo Ungeschmack und
Unpoesie die Welt regierte, sich einen gewissen Nimbus organischer Natrlichkeit
zulegen zu knnen und nicht dem Fluche aller knstlichen Mysterien, der
Lcherlichkeit vor Laien, anheimzufallen. Ihre Ceremonien erscheinen Vielen
ehrwrdig. Das will etwas sagen in einer Zeit, die jede neue Religions- oder
Sektenstiftung nicht nur sogleich mit der Polizei, sondern auch mit dem Witze
verfolgt. Die Freimaurer haben das Glck gehabt, weder der Polizei noch dem
Witze zu erliegen und mancher denkende Kopf sogar hat versucht, aus den
Spielereien ihres Ceremoniels abstrakte Wahrheiten, wenigstens der guten Sitte,
zu entwickeln. Die moralische Dehnkraft dieses weltlichen Ordens ist aber sehr
gering. Sie geht ber einen gewissen anstndigen Egoismus nicht hinaus.
Anstndigen Egoismus nenn' ich Den, der seinem Jahrhundert nichts Anderes als
Wohlthtigkeiten spendet. Eine rstige polemische Kraft liegt in der
Freimaurerei nirgends. Nur da, wo hinter der Maurerei Carbonarismus steckte, hat
man von Mrtyrern dieses Ordens gehrt. Die Freimaurer haben, als Thatprincip,
hchstens eine entschiedene Antipathie gegen die Jesuiten. Eben so ist es
umgekehrt. Sie bekmpfen sich gegenseitig. Mit Recht, denn sie sind die
entgegengesetzten Pole eines und desselben elektrischen Stabes. Da die
Freimaurer sich erhalten konnten, trotzdem, da sie von der Vollendung und
Besserung der Menschheit sprachen, verurtheilt sie allein schon im Auge des
leidenschaftlichen Menschenfreundes, der da wei, wie ein wahres Streben nach
diesem Ziele sie sehr bald wrde vernichtet haben. Oder soll uns diese Thatsache
doch ermuthigen, an die Mglichkeit einer geheimen Verbrderung, die nur
geistige Zwecke verfolgt, noch glauben zu knnen?
    Die Gefahr, einen neuen Geheimbund zu stiften, ist nicht gering. Wenn ich
den Gedanken der Templer und der Ritter vom heiligen Johannes, dem Johannes der
Wste, dem Tufer, wieder aufnehme und den Bund der Ritter vom Geiste beantrage,
so kenn' ich die gewaltigen Schwierigkeiten. Allein diese Schwierigkeiten sind
zu beseitigen, wenn nur der Gedanke klar und es bewiesen ist, da eine solche
Bundesgenossenschaft der gleichen Geistesstimmung wnschenswerth, nothwendig
erscheint. Eine Wahrheit, die einmal erkannt ist, bricht sich in jeder noch so
schwierigen Form ihre Bahn. Welchen Ausweg soll uns unser jetziger Kampf
bringen? Ich sehe Interessen, ich sehe Theorieen. Jene sind ebenso
leidenschaftlich wie diese. Die Interessen und die Theorieen, beide beanspruchen
ein ursprngliches Recht. Was lt sich dagegen einwenden? Soll Blutvergieen
entscheiden? Ich bin nicht fr das Blut. Ich wei wohl, die Geschichte ist aus
dem Blute erwachsen. Aber der moralische Mensch kann, darf nicht sagen: Ich will
diese oder jene Wahrheit dadurch beweisen, da ich ihr diese oder jene Menschen
zum Opfer bringe! Kein Einzelner kann Das sagen, was eine Gemeinde, ein Staat,
ein Volk sagen darf. Solche Stimmungen der Gewalt hngen auch von der greren
oder geringeren Entzndlichkeit der historischen Krisen ab. Der Denker, der
sittliche Mensch, der sich nur auf sich und die Menschheit bezogen fhlt, kann
nicht Blut predigen, nicht fordern, da aus der Vernichtung des Lebens Leben
spriee. Die Interessen der Existenz sind berechtigt. Die Menschen, die uns die
Trger der Irrthmer scheinen, leben wie wir. Allen droht einst das Ma der
ewigen Vergeltung. Was erlaubt uns wol, vorzugreifen und die Geschichte mit
Gewalt zu bestimmen? Mag's ein Attila, ein Napoleon thun! Mag's ein Timoleon
oder ein Ravaillac thun! Der Pranger, das Blutgericht, vielleicht eine
Ehrensule wird's ihm lohnen. Sein Name wird bleiben mit goldenen oder mit
schwarzen Buchstaben. Das ist die ewige Persnlichkeit, die nicht aussterben
wird! Aber wenn man zu uns kommt in unsre Denkerwste und frgt: Was sollen wir
thun, um in's Himmelreich zu kommen? Was sollen wir thun, um unsern Beruf als
Menschen und Staatsbrger zu erfllen? Drfen wir da sagen: Dies und Das ist
richtig, Dies und Das ist nothwendig, ergreift diesen Stab oder diese Fahne? Man
sagt es alle Tage, man lehrt und predigt so an allen Straenecken, aber wir
kommen nicht weiter damit. Die Theorieen bleiben unpraktisch und die Interessen
regieren doch die Welt.
    Wenn mich Einer frgt, was soziale Wahrheit ist, ich wei es nicht. Ich kann
den mglichen communistischen Staat nicht beweisen. Und doch will ich auch nicht
rathen, da man im gemeinsamen Verkehr des Ideen- und Vorsatzaustausches sich
mit Allgemeinheiten begnge, wie die Freimaurer! Bilde dich selbst, dann bildest
du die Welt! Bessere dich selbst, dann wird die Welt besser! Das sind
Trivialitten, gefhrliche Gemeinpltze sogar und ganz ohnmchtige den Jesuiten
gegenber! Die wissen Alles in nchster Nhe zu fassen, die erblicken berall
die Mglichkeit einer Anwendung ihrer Principien, die treten sogleich in medias
res und haben Gift, Dolch, Strang, Bibel, Himmel und Hlle, Dialektik und
Weisheit sogar zur Hand und wissen sie anzuwenden. Das jesuitische Gegengift,
das die Freimaurer bieten, ist laues Wasser. Man wscht damit seine Hnde wie in
lauester Unschuld und bleibt ein aparter selbstzufriedener Egoist.
    Ich sehe, die Menschheit ist zersprengt, nicht nur den Interessen, auch
schon dem Geiste nach. Wir haben eine Religion, die christliche, die in ihrer
eigentlichen Bedeutung nur noch Wenige bindet. Man sieht sich in den Kirchen,
man befolgt den Ritus seiner Confession, man erklrt sich auch leidenschaftlich
fr den Namen des Heilandes, doch legt sich Jeder die Bedeutung desselben anders
aus und eigentliche Christen gibt es gar nicht mehr. Also gerade diese Auslegung
ist das Wichtigste, um diese Auslegung streitet man sich und vergo um sie sogar
Blut. Im Staate sehen wir uns erst dann, wenn uns der Kampf zusammenfhrt. Wir
rufen immer erst mit der Trommel, mit dem Lrmsignal der Gefahr, wo schon die
gute Sache halb verloren ist. Da ist es fr die Gleichgesinnten zu spt! Da sind
gleich Tausende, die gerade fr den Kampf nicht abkommen knnen, Tausende, die
uns miverstanden, Abertausende, die in einer Lage sind, heucheln zu mssen. Das
ist der wahre Jammer der Zeit, diese Lge, diese Zaghaftigkeit, dieser
Scheindienst der Wahrheit, eine Folge der vlligen Nichtorganisation der
Geisteskmpfe. Erst auf dem blutigen Schlachtfelde erkennen wir Den, der neben
uns im verschlossenen Visir kmpfte. Und Den, der mit der Fahne in der Hand
niedersank oder der die Bresche des feindlichen Lagers siegreich strmte, Den
hat man sonst vielleicht fr seinen Gegner gehalten!
    Ich will einen geheimen, keinen heimlichen Orden stiften. Die
Gesellschaften, aus deren Schooe die Verschwrungen und Revolten hervorzugehen
pflegen, sind heimliche Gesellschaften. Die Jesuiten- und Freimaurerbnde sind
geheime, nicht heimliche. Ihr Ritus bringt es wol mit sich, da sie nicht Jeden
zulassen, der auf ihre Symbole nicht vereidigt ist, aber ihr Wirken, so
versteckt es ist, ist nicht eigentlich heimlich, auch ihre Symbolik ist es
nicht. Sie sind geheim, ohne unzugnglich zu sein. Ich will gar nicht unmglich
machen, da man von Diesem oder Jenem sage: Er ist Einer von den Rittern und
Reisigen vom Geiste! Nur drfen, wenn die Genossen einen Convent halten, nicht
Fremde, nicht Laien zugegen sein. Das Dunkel soll auch anziehen und schtzen.
    Jeder Geheimbund braucht erstens einen Gedanken, zweitens Symbole, drittens
Hlfsmittel.
    Die Ritter vom Geiste sind die neuen Templer. Sie haben den Tempel zu
schtzen und zu bewachen, den die Menschheit zur Ehre Gottes auf Erden zu
erbauen hat. Ihre Waffe ist der Geist. Ihr Leben ist die innere Mission eines
Kreuzzuges gegen die Feinde dieses Gottestempels. Der Geist als Lehre ist die
Wissenschaft. Der Geist als Glaube ist die Gesinnung. Den Geist, der dem
Verstande entstammt, kann Niemand bannen, Niemand zum einheitlichen Gedanken
eines Bundes machen wollen. Der Geist aber, der dem Herzen entstammt, ist der
Wecker zu den edelsten Verpflichtungen. Die Religion hat nun Formen, um unsre
sittlichen Verpflichtungen, der Staat Formen, um unsre politischen schon von
vornherein gefangen zu nehmen. Die Religion des Geistes sollte keinen solchen
bindenden Cultus haben drfen? Ich sage, gebt dem Geiste einen Cultus und in
hundert Jahren ist die Welt weiter, als wohin wir sie bei der jetzigen
Verworrenheit der Zustnde erst nach einem halben Jahrtausend werden kommen
sehen. Religion, das Bindende, das Gleichgesellende, liegt in unsrer Epoche.
berall zeigt sich ihr Bedrfni. Nur befriedigt es nicht auf dem alten Wege!
Nur nicht innerhalb des alten Zwanges und der alten Dogmen! Man binde sich auf
den Glauben unsrer Freiheit, auf den Glauben des Geistes, auf die gleiche
Gesinnung! Aus solcher Grundlage, aus so geackertem, gesetem Boden mu eine
gute Frucht hervorgehen.
    Ritter vom Geiste sind Mitglieder eines geheimen Bundes, den ich lieber
Brder vom Geiste nennen wrde, wenn ich nicht streitbare gewaffnete Brder
begehrte. Ich will einen Bund von Mnnern, die ihr Leben, ihre nchsten und
entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen, den endlichen Sieg von
Wahrheiten, die leider noch immer in Frage stehen, noch immer von Willkr
beanstandet werden. Dieser Bund soll den Kampf der Zeit nicht aufheben zu wollen
sich anmaen, wol aber der Aufgabe vertrauen, diesen Kampf abzukrzen. Man hat
den Reubund lcherlich gefunden. Und doch ist sein Einflu nicht gering. Er wird
nicht ruhen, bis er mindestens die Wahlen in seinen Hnden hat. Lat uns einen
greren, einen Treubund stiften dem Geiste! Die Wahrheiten liegen auf der Hand;
aber Tausende entziehen sich ihnen! Die Bltter der Geschichte sind
aufgeschlagen. Man will sie nicht lesen. Wir wissen, wohin die Menschheit
steuert, und stecken falsche Flaggen, falsche Leuchtflammen auf. Oder sollte es
so schwer sein, das Wesen der Gesinnung auf einige groe Wahrheiten zu
abstrahiren, die feststehen, wie den Vlkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten
der Bibel feststanden? Es mgen nur wenige Stze sein. Aber einige Tausend
Menschen in allen Theilen der Erde auf diese wenigen Stze in Eid und Pflicht
genommen, macht, da gewisse Gebude umstrzen wie Aschenhaufen, zerreit dichte
Vorhnge wie Spinneweben, lockert die Lge von selber ohne Handanrhren. Jetzt
gewinnt man pltzlich Menschen, die sonst ruhten, fr die Arbeit des Geistes.
Jetzt sieht man Kmpfer, die kmpfen mssen aus Ehrgefhl! Jetzt wird es heien:
Nicht mehr beten fr die gute Sache sollt Ihr, sondern auch arbeiten fr sie!
    Die Ritter vom Geiste streiten, sichtbar und unsichtbar, allein fr die
Gesinnung, fr nichts also, was sich als positive Schpfung ankndigt. Da es
Republikaner, Freigeister, Monarchisten sein sollen, sag' ich nicht, ebensowenig
was sie sonst sind. Sie haben nur zu schwren, da sie Alles thun werden, was in
ihren Krften liegt, um z.B. der Monarchie, wo sie herrscht, diejenigen
Bedingungen vorzuschreiben, die es mglich machen, sie der Republik vorzuziehen.
Es liegt in der Natur einer Zeit, die mehr aufzurumen, als zu bauen hat, da
ihre Wahrheiten mehr negativ als positiv sind. Die Ritter vom Geiste werden sich
klarer ber Das sein, wozu sie sich nicht verwenden lassen, als ber Das, was
sie von selber wollen. Die Gewissenscollisionen, der Fluch unsrer Zeit, mssen
seltner werden. Ein Geistesbruder, der in seiner berzeugung gebunden ist, wird
sich nicht zu Dingen hergeben, die seinem Schwure widersprechen. Er wird fr das
Opfer, das er zu bringen hat, vom Orden schadlos gehalten. Die Apostasieen, die
Verfolgungen, in denen die Apostaten gehssiger sind als Alle, werden
gebrandmarkt und seltener werden. Man wird nicht mehr eine Meinung fr sein Haus
und eine fr den Staat, eine fr sein Gewissen und eine fr seinen Erwerb haben.
Die Anlehnung an Gleichgesinnte macht stark. Das Vorbild edler Mnner reizt zur
Nachfolge und eine unreine, niedrige Seele, die sich des glnzenden Schildes der
hohen und reinen Gesinnung bedient, wird nicht mehr Bestand haben und Verwirrung
unter die Kmpfenden bringen knnen.
    Wie der Tempel der Menschheit beschaffen sein mu, um Raum fr den Glauben
reiner Herzen, fr Freiheit und Glck des irdischen Lebens zu gewhren, kann man
mit dem Griffel des Malers nicht anschaulich machen. Aber der Architekt kann uns
schon soviel sagen, er wisse, was Harmonie, was Ebenma ist, er wisse, was in
den Grundbau und was in die Kuppel gehrt. Die freie Presse ist vom Fundamente,
whrend das Recht der Arbeit in die Kuppel gehrt. Nicht was wir bauen, wissen
wir; nur wie wir zu bauen haben, ist uns klar nach ewigen und in der Brust
eingeschriebenen Gesetzen. Der Tugendbund unter Napoleon wurde nicht gestiftet,
um Deutschland diese oder jene Verfassungsform zu geben, nicht um den fremden
Eroberer vom Boden des Vaterlandes zu verjagen, sondern nur um diejenige
Gesinnung zu erzeugen, die von selbst auf die Vaterlandsliebe, die politische
Tugend und jene unausgesprochnen Zwecke fhrte. Wohlan! Auch die Ritter vom
Geiste kmpfen nur fr die endliche Vernichtung des von der Theorie lngst
verworfenen und in der Praxis frmlich unvertilgbar scheinenden Alten. Dieser
Bund soll aufrumen und das rasch.
    Der Katechismus der Grundwahrheiten des neunzehnten Jahrhunderts ist so gro
nicht. Man hat ber des deutschen Volkes Grundrechte sich geeinigt, man hat
einst in Frankreich die Menschenrechte zusammengefat, als die Revolution dort
noch gehalten und eine historische Offenbarung war. Die Grundrechte aller Vlker
sind den Rittern vom Geiste Grundpflichten. In schwierigen Dilemmen, die eine
Tagesfrage wohl veranlassen knnte, wrde unbedingter Gehorsam gegen die
Vorschriften des hchsten Ordens-Kapitels unerllich sein.
    Ein Orden mu nicht nur Organisation, sondern auch Symbole haben. Wohl wei
ich, da knstliche Grillen ein historisches Wachsthum nicht ersetzen. Dennoch
war Alles in dieser Art historisch Gewordene das erste mal auch nur ein
begeisterter Einfall. Als Jesus bei Tische sa und zum letzten male mit den
Seinen zur Nacht speiste, ergriff er das Brot und den Wein und setzte diese
beiden ihm naheliegenden Zuflligkeiten als Erinnerungssymbole seines Wirkens
und seines Lebens ein, die heilig geblieben sind. Er sah sein Ende in der Nhe,
er gab das Brot zum Gedchtni seines Lebens, den Wein zum Gedchtni seines
Todes. Das Kreuz am Mantel der Templer, so einfach, lie diese bald erkennen.
Die Devisen des Mittelalters, die oft ein ganzes Geschlecht durch alle
Menschenalter begleiteten, waren Eingebungen des Augenblicks. Ein Wappen
entstand zufllig und den Zufall heiligte die Gewohnheit. Die Freimaurerei ist
knstlich ersonnen. Lessing hat bewiesen, da ihre Symbolik durch einen Wortwitz
entstanden ist (Masonie statt Massenie) man hat eine Symbolik sich hier sogar,
wie man zu sagen pflegt, aus den Fingern gesogen und sie hat sich erhalten. Ich
will die Symbolik, die ich mir fr die Ritter vom Geiste ersonnen habe, nicht
heute schon ausfhrlicher errtern, nichts anfhren von der Stufenfolge der
Grade und mter, die ich den alten Templern nachzubilden gedachte; ich will nur
noch, da es zu spt wird, von dem dritten Punkte sprechen, von den Mitteln.
    Ohne uere Mittel frcht' ich, kann auch dieser Orden nicht bestehen.
Wohlthtigkeit, Untersttzung der um ihrer berzeugung Willen Leidenden gehrt
ganz eigentlich zu seiner Aufgabe. Die Gefahren, in die sich der muthige
Volkstribun, der gewissenhafte und berzeugungstreue Beamte strzt, sollen
verringert werden. Der Jngling soll nicht mehr zittern, einen Weg
einzuschlagen, der ihm vielleicht unmglich macht, die Wahl seines Herzens an
sein Leben zu ketten, einen greisen Vater, eine hinterlassene Mutter zu
ernhren. Mit Freuden bieten wir Beide, Siegbert und ich, die Reichthmer, die
uns vielleicht zufallen drften, zu diesem groen Zwecke dar. Es ist leider
nicht eine einzige hhere Wahrheit in der Welt nachzuweisen, die ganz ohne
irdische Beihlfe zum Siege gelangte. Auch die Apostel lehrten: Schicket Euch in
die Zeit, denn es ist bse Zeit! Als Mohammed anfangs eine entsagende
Gotteslehre predigte, sammelte er wenig ber ein Dutzend Bekenner um sich. Als
er sie mit irdischen Elementen mischte und sie auf die Stammesinteressen der
arabischen Huptlinge bezog, wuchs sein Anhang von Tag zu Tag um Tausende und
Abertausende. Vom zweideutigen Siege der Reformation ganz zu schweigen! Der
Orden der Ritterschaft vom Geiste kann die Gter dieses Lebens nicht entbehren.
Der Gegner mu mit derselben Waffe, die ihn so stark macht, besiegt werden.
Gleichviel, ob wir dem Orden eine harmlosere oder strengere Symbolik geben, ob
wir an die Jesuiten oder die Freimaurer anknpfen: der Staat wird uns verfolgen,
er wird Alles aufbieten, uns mit Stumpf und Stiel auszurotten. Wie vermeidet man
da wenigstens das berma der Gefahr? Wie parirt man wenigstens den Sto des
Gegners? Wir sind fnf Bekenner; schliet sich Egon von Hohenberg uns an, so
sind wir sechs. Sechs brave Menschen haben sechs brave Freunde! Mit zwlf
Aposteln hlt sich eine Lehre. Kann uns das Kreuz dort ber uns erschrecken?
Ermuthigen soll es uns! Ich scheine Euch fortgerissen von meinem Gefhl, aber
ich sage Euch: der Tod schreckte mich niemals, wenn ich ihn mit einem Freunde
erlitte. Die Templer starben in Masse und sangen freudig, vielstimmig,
todesmuthig aus den Flammen. Schon als Knabe trstete mich Friedrich von Baden,
der neben meinem geliebten Konradin auf Neapels Blutbhne stand. Sie starben im
Bunde, als Freunde, als Brder. Doch denk' ich ... bis zum Tode wird es nicht
kommen und was die Gefangenschaft betrifft, so wre einer der ersten Paragraphen
unsres Ordens Der, da wir Die, die um den Orden leiden, zu befreien haben.
Gelingt es auch nicht immer, so ginge doch Niemand in den Kerker, ohne da die
Aussicht auf eine rettende Hand, wie die Apostel die Hoffnung auf Engel, ihn
begleitete. Eine Nebelgestalt in weiem Geistergewande, die Hoffnung wenigstens,
wrde mit ihm durch die geffneten eisernen Pforten schlpfen und traulich ihn
trsten, wenn er ber die Folgen seiner redlich erfllten Ordenspflichten
muthlos verzweifelte und ihn nur das Eine emporhalten knnte:
    Die Ritter vom Geiste werden dich nicht verlassen, du wirst sie hren, ihre
Nhe empfinden; sie wachen ber dich!
    Dankmar endete mit diesen Worten und es trat eine lautlose feierliche Stille
ein.

                                 Elftes Capitel



                                  Das Gespenst

Hackert lag und horchte wie betubt. Ergriff ihn schon die begeisterte
Einsetzung einer groen Thatsache an sich, hatte sein khler, verneinender Sinn
gehofft, man wrde nun widersprechen, alle diese Vorschlge fr unmglich
erklren, so beunruhigte ihn noch mehr, da dies nicht geschah, da Niemand
zweifelte, Niemand widersprach. Schon begann man die nhern praktischen
Mglichkeiten dieser Idee zu erwgen, als sich Hackert, der fast trumend,
lauschend und stierend dalag, von Schmelzing's Hand berhrt fhlte.
    Was haben Sie? Wie sehen Sie denn aus? fuhr Hackert erschrocken auf.
    ngstlich, mit halbgeffnetem Munde, starrte Schmelzing in den dunklen
Hintergrund und fragte lauschend:
    Haben Sie nichts gehrt?
    Sie hren Gespenster, die hinter dem Gelbsiegellack da im Korbe stecken! Sie
sind berhitzt, trunken, Schmelzing! Scheren Sie sich zum Henker!
    Schmelzing zeigte die lange Pergamenttafel, die er vollgeschrieben hatte. Er
lie sie auseinanderfallen, wie Leporello Don Juan's Register.
    Sind Ihre Spitzbuben fort? fragte Hackert. Frchten Sie sich jetzt, da wir
gehen werden?
    Indem hrte aber auch Hackert in der Ferne das Knistern eines Fugngers auf
den steinernen Fubden.
    Schmelzing bedeutete ihn zu schweigen.
    Kommen Sie! winkte Hackert. Wir wollen sehen, was Das ist.
    Um's Himmelswillen nicht, ich bleibe hier, flsterte Schmelzing.
    Indem erlosch blitzartig auch das flammende rechte Kreuz, an dem Schmelzing
die Gesprche nachgeschrieben hatte, soda jetzt nur noch das mittlere
leuchtete. Man sprach unten lebhaft durcheinander und brauchte die Ausdrcke
Geheimbund und Bundesglieder so oft, da Hackert in Besorgni gerieth,
Schmelzing wrde wieder anfangen, an der richtigen Stelle zu lauschen, whrend
er doch jetzt glaubte, auf seinem Pergamente die wichtigsten Geheimnisse
dunkelschleichender Intriguen notirt zu haben.
    Ich schreie laut auf, sagte Hackert, wenn Sie nicht kommen und mit mir dem
Gespenst nachstellen!
    Schmelzing legte ihm die Hand auf den Mund und flsterte:
    Gehen Sie! Ich bleibe hier.
    Bester Freund, Sie haben die Umtriebe eines Offiziers, eines franzsischen
Emissairs und wie es mir schien, einer dritten hohen Person in der Tasche; nun
kommen Sie und machen Sie mir auch eine Unterhaltung. Ich spreche gern mit
Geistern. Wir wollen das Gespenst anreden.
    Nicht um hundert Thaler, sagte Schmelzing.
    Jetzt fiel von einem obern Fenster, das in diese Halle fhrte, sogar noch
ein Lichtschimmer.
    Schmelzing zuckte zusammen ...
    Es steigt hinauf, zeigte Hackert, da! Ich wette, das ist einer von den
ruhelosen alten Johannitern, die durch den groen Wildungen'schen Proce aus dem
Grabe getrieben wurden und nicht anders erlst werden knnen als durch einen
ledigen Junggesellen von vierzig Jahren, der eine weie Halsbinde tragen mu und
eine gelbe Weste mit acht Knpfen. Erlauben Sie, Schmelzing! Eins, zwei, drei
...
    Damit zhlte Hackert zu Schmelzing's Entsetzen dessen Westenknpfe.
    Schmelzing ri sich von ihm los.
    Da! Da! rief Hackert. Eben sah ich das graue Mnnchen! Da oben an dem
Fenster. Es steigt in's Archiv hinauf. Sehen Sie doch, Schmelzing! Es steht
still und grt Sie! Schmelzing, der alte Ritter kennt Sie! Er hat eine
Nachtmtze auf und schwenkt sie ganz ehrerbietig vor Ihnen! Danken Sie doch!
    Schmelzing wute nicht, wie ihm geschah. Er sah nichts mehr. Selbst der
Lichtschimmer in der Ferne war verschwunden. In demselben Augenblicke erlosch im
Nu neben ihnen die dritte Flamme. Die Gesellschaft unten schien sich gleichfalls
entfernt zu haben. Es schlug ein Viertel auf zwlf Uhr vom Rathhause. Alles war
dunkel und gespenstisch still um sie her.
    Unwillkrlich fate Schmelzing Hackert's Hand und flsterte winselnd:
    Nun wird's schn! Alles finster! Wo haben Sie die Laterne?
    Kommen Sie nur! Wir haben ja Streichzndhlzer!
    Was machen wir, da wir davonkommen? Wir mssen hier bernachten.
    Nein! Hier ist die Laterne!
    Hackert zog Schmelzingen, als wollte er die Laterne ihm in die Hand geben.
In Wahrheit aber fhrte er ihn nur an die Treppe, die sie herabgestiegen waren.
    Wo sind Sie? Sie lassen mich ja allein, Hackert!
    Gerade aus!
    Ich falle.
    Es ist die Treppe! Steigen Sie doch!
    Die Laterne!
    Hier! Hier!
    Hackert besa auch in der Sehkraft etwas von Katzennatur. Er konnte sich im
Dunkeln orientiren. Es war ihm ein Leichtes, den Weg zurck zu finden, whrend
Schmelzing taumelte, berall anstie und nur von Hackert's leitender Hand
zurechtgefhrt werden konnte.
    Oben auf der Treppe sagte Hackert:
    Ich steige jetzt hher, Schmelzing! Folgen Sie?
    Nicht um funfzig Thaler!
    Sie lassen sich ja schon handeln! Vorhin nicht um hundert? Kommen Sie!
    Nimmermehr. Ich beschwre Sie, Hackert! Hackertchen, fhren Sie mich an die
Thr.
    Wenn Sie zrtlich sein knnen, Schmelzing, bin ich jedes Opfers fr Sie
fhig. Hier geht der Weg! Da! Den Fu ausgestreckt! So! Die Stufen abwrts!
Finden Sie sich zurecht?
    Ja, Hackert!
    Hier ist ja die Vorhalle. Bei Licht waren Sie so muthig. Sie mssen
schreckliche Sachen aufgeschrieben haben.
    Das hab' ich!
    Pax wird sich freuen -
    Und wie!
    Halt!
    Was ist?
    Hrten Sie nicht oben knarren?
    Eine Thr ...
    Das ist ein Ritter, der einmal gefnglich eingeschlossen war, weil er eine
Nonne liebte, die blond war. Diese geistlichen Ritter durften keine Nonnen
lieben, die blond waren.
    Kommen Sie! Ich hre Eisen ...
    Wenn es zwlf schlgt, hrt man den Ritter an der Kette klirren und die
blonde Nonne chzen, weil die auch noch nicht erlst ist. Sie wartet auf einen
Jngling, der durch Zufall dreimal: Kommen Sie! sagt! Wenn er zum dritten male
hier ber dem Rathskeller sagt: Kommen Sie! dann geschieht etwas.
    Der unglckliche Schmelzing mute nun, er wollte oder wollte nicht,
verstummen. Selbst sein wiederholtes: Kommen Sie! konnte ja nur Unheil bringen.
Er zerrte Hackerten, der ihn vllig verwirrte, mit Gewalt vorwrts.
    Sie werden noch in das Grab der Nonne fallen, die hier enthauptet worden
ist, flsterte Hackert. Hier sind alle Leichensteine jetzt aufgedeckt. Nehmen
Sie sich in Acht.
    Schmelzing frchtete sich aber nicht mehr. Er sah die offenstehende Thr,
die ber die kleine Holztreppe in den Hof fhrte. Da er sie, als er den
Oberkommissair begleitet hatte, selbst verschlossen und nun offen fand,
entsetzte ihn freilich, allein er fhlte die Nachtluft, sah den Himmel wieder
und war schon im Begriff, die Holztreppe hinabzusteigen.
    Jetzt, sagte Hackert, irren Sie sich, Schmelzing, wenn Sie glauben, da ich
eine nchtliche Visitation dieser Registraturen irgend einem Geiste oder
Menschen gestatte! Im Hause ist Jemand. Der Lichtschimmer konnte Tuschung sein,
das Knistern auf dem Sandsteine konnte von den Ratten kommen, deren ich
gruliche gesehen habe - aus Schonung fr Sie schwieg ich ber die Augen dieser
Ratten, Schmelzing - aber diese Thr steht offen. Ich mu wissen, wer hier
nchtliche archivalische Studien macht.
    Lassen Sie Das, bedeutete Schmelzing, der jetzt an der Luft in dem stillen
Rathhaushofe neuen Muth geschpft hatte. Lassen Sie Das! Man wrde immer in die
Lage kommen knnen, sagen zu mssen, was man hier wollte. Die Entdeckungen, die
ich machte, sind zu wichtig -
    Hackert hatte aber schon seine Stiefeln ausgezogen und sie unter den Arm
genommen.
    Was thun Sie? sagte Schmelzing erschrocken.
    Leben Sie wohl, Schmelzing! antwortete Hackert. Ich will die blonde Nonne,
wenn es geht, selbst erlsen und zu dem Ritter dreimal sagen: Kommen Sie!
    Schmelzing's Bitten half nichts. Hackert ersuchte ihn, hier wenigstens an
der Thr Wache zu stehen. Er war dann schon unterwegs, gleichviel ob Schmelzing
blieb oder nicht.
    Auf den Socken schlich er sich den Weg zurck, bestieg wieder die Stufen,
die emporfhrten und sah sich bei jedem Absatze der Treppe um, ob er nirgends
Lichtschimmer entdeckte.
    Im ersten Stock sah Hackert nichts. Auch im zweiten nichts.
    Im dritten ber sich hrte er das Knarren einer Thr.
    Er schlich vorsichtiger ...
    Als er oben im dritten Stockwerk war, sphte er nach dem Lichtschimmer. Er
entdeckte nichts. Er mute sich in Acht nehmen, weiter zu schreiten. Bei irgend
einem Fehltritt konnte er von den verwahrlosten Brstungen herabstrzen. Er
tastete sich weiter und prfte erst jeden Schritt mit einem Fue, ehe er ihn mit
beiden machte.
    Er war auf einem Gange.
    Nun hrte er hsteln. Dies Hsteln schien ihm bekannt zu sein ...
    In dem Augenblick mute der nchtliche Besucher dieser Rume wol seine
Laterne anders stellen. Die Seite des Lichtschimmers fiel auf den Gang, auf dem
sich Hackert befand. Hackert fand sich dadurch zurecht. Er kannte diese Rume,
die er oft im Auftrage Schlurck's und in Begleitung des stdtischen Archivars,
der ein sehr vertrauter Freund des Justizraths war, besucht hatte. Hier zur
Linken ging es in die Aktensammlung ber vormundschaftliche Angelegenheiten ...
    Wie er nher kam und von einer dunklen Stelle aus in ein kleines Gemach
sehen konnte, erkannte er auf den ersten Blick seinen grmlichen alten Gegner im
Schlurck'-schen Hause, den vertrauten Rathgeber der ganzen Familie des
Justizraths, Bartusch ... Der nchtliche Forscher im Archiv wandte ihm zwar, in
Papieren bltternd, den Rcken, aber an seinem grauen Rock erkannte er den alten
Schleicher sogleich.
    Bartusch bltterte eifrig in Akten, die er bald aus einem geffneten
Schranke herausnahm, bald wieder zurcklegte ...
    Anfangs glaubte Hackert, ganz erfllt noch von Dankmar's Vortrag, tief
ergriffen von der hohen Bedeutung, die er jetzt den Ansprchen der
Wildungen'schen Familie beimessen durfte, da Bartusch, in Schlurck's Auftrage,
vielleicht Papiere suchte, die auf einen fr den Justizrath so wichtigen Proce
Bezug htten.

    Dann aber sagte er sich: Warum besucht er diese alte Registratur bei Nacht?
Was wre dabei Geheimes und ngstliches zu beobachten?
    Er bewunderte den Muth Bartusch's, der sicher hier, der Schmelzing'schen
Erzhlung zufolge, schon zum zweiten male erschien.
    Sollte er, dachte er sich, sollte er die Absicht haben, Dokumente zu
vernichten? Was sucht er so eifrig? Was schttelt er so den Kopf? Ist es nicht
das rechte Papier, was er eben so emsig durchlas?
    Bartusch ging an einen andern Schrank, an dem er ein Bund Schlssel
probirte.
    Diese Schlssel gab ihm der stdtische Archivar! sagte sich Hackert. Oder er
stahl sie ihm. Halt - die Rathsdienerin Spie vielleicht? Oder sie verabredeten
sich Beide, da er sie sich selbst nahm, und der Archivar so that, als she er
es nicht. Wenn Schlurck's Champagner strmt, flieen alle Bedenklichkeiten mit
ihm. Man ist ja ehrlich, man wird ja nur betrogen! Schnde Welt! Die Blinden
gelten alle fr gut und sind meist die durchtriebensten.
    Die Laterne war hinterwrts auf einem Fuschemel stehen geblieben.
    Noch besann sich Hackert auf seine eigenen Erinnerungen an die
Angelegenheiten der Huser und Liegenschaften, die Schlurck verwaltete, und
malte sich fr gewi aus, da dieser nchtliche Besuch mit dem
Johanniter-Processe in Zusammenhang stand, sann und grbelte hin und her, ob er
den Gebrdern Wildungen hier nicht auf's neue von Nutzen sein knnte, als er
erstaunte, auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geschrieben zu sehen. Was konnte
ein so junges Datum mit jenem Processe zu thun haben!
    Auch besann er sich, da er sich sonst hier immer nach vormundschaftlichen
Papieren umgesehen htte.
    1825!
    Es war ihm immer gewesen, als mte dies sein Geburtsjahr sein! Obgleich er
in den Angaben seines Alters bald diese, bald jene Zahl nannte, liebte er doch
die Zahl: 1825! Er kannte nichts von seiner Geburt, von seinen Eltern, nichts
von seiner Heimat. Allein soviel konnte er berechnen, da er, wenn er etwa sechs
bis acht Jahre alt war, als er aus dem Waisenhause zu Schlurck gekommen, wol um
das Jahr 1825 geboren sein mute.
    Nicht, da er annahm, Bartusch suche nach Papieren, die ihn betrfen. Aber
etwas mchtig Verfhrerisches lag darin, da er gerade sein vermeintliches
Geburtsjahr, 1825, ber dem Schranke erblickte. Sein Entschlu stand so wie so
fest ...
    Bartusch hatte ein Papier in der Hand. Er berflog es und laut entfuhr ihm
ein Ah! Das ist es! Er las noch einmal, nickte dann mehrmals und wollte
selbstzufrieden eben den Schrank zuschlieen. Vorher steckte er das Papier in
die linke Brusttasche. Eben schlug das Schlo in dem Schrank wieder zu, als er
sich pltzlich im Dunkeln fand. Bartusch zuckte erschrocken auf. Im Nu hatte ihn
eine krftige Hand umklammert. Todesschreck schnrte dem Alten die Kehle zu. Er
wollte schreien. Der Ton erstickte ihm. Er fhlte eine Hand, die ihm das
Halstuch fast mrderisch zusammen wrgte. Aus seiner Brusttasche wurde von einem
Unsichtbaren das eben gefundene Papier entrissen. Halb ohnmchtig, unvermgend
zu schreien, lag Bartusch rcklings auf der Erde. Der Gedanke an die Erzhlung
der Bibel von einem nchtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm
in der grauenhaften Einsamkeit eingefallen sein. Kannte er die Erzhlung nicht,
so war dieser ungeahnte berfall nicht minder schauerlich und gespenstisch genug
fr ihn ...
    Schmelzing harrte inzwischen unten in der That noch seines Kameraden. Er
frchtete sich, durch die mehreren Hfe und Durchgnge, die noch bis zur
Schildwacht am Eingange des Rathhauses zu durchwandern waren, allein zu gehen.
Es schlug halb zwlf Uhr. An eins der leeren Weinfsser lehnte er sich, um Luft
zu schpfen. Jeden Augenblick erwartete er irgend einen Schrei im Innern des
unheimlichen Hauses, irgend einen Hlferuf zu hren. So stand er zitternd, bis
Hackert pltzlich am Rande der Treppe erschien.
    Pst, Schmelzing! Wo sind Sie?
    Hier!
    Leben Sie denn noch? Ha! Die Nonnen!
    Herr Gott!
    Die Ritter! Die Geister! Fort! fort! Kommen Sie! Die blonde Nonne hatte
wirklich keinen Kopf!
    Hackert!
    Sie kommt uns nach! Eilen Sie! Schmelzing, die Polizei erlebt mehr als
gewhnliche andere Menschen. Grauenvoll!
    Damit zog Hackert den taumelnden, von der Luft und dem Wein und dem
Schrecken an Hand und Fu zitternden Schmelzing vorwrts. Die Hfe, die sie im
Flug durchschritten, widerhallten. Durch einige Durchgnge muten sie an den
Wnden sich streifend. Da und dort ein mattes flackerndes Lmpchen. Sie kamen an
die offene Thr des Rathhauses, die immer von einer Feuerwache in der Flur, von
einer Militairwache am Eingange besetzt war. Die Feuerwchter kannten die beiden
neuen Polizeiagenten hinlnglich und lieen sie um so mehr passiren, als sie
berdies noch eine geheime Parole sagen konnten.
    Nach einer halben Stunde kam ein graues Mnnchen durch den Hof geschlichen,
wandte sich chzend und sthnend nicht durch den Thorweg auf die Strae, sondern
schlich sich in eine offene Thr, wo eine Stiege zu einem Fenster fhrte, in dem
noch Licht brannte. Dort wohnte der Rathsdiener Spie, der eine hbsche junge
Frau hatte, die an Abenden, wo ihr Mann zu Pfndungen und gerichtlichen
Executionen in der nchsten Umgegend reiste und zuweilen eine Nacht ausblieb,
immer lnger Licht zu haben pflegte als gewhnlich.
    Bartusch, der das geheimnivolle Wort der Polizei nicht kannte, wre
schwerlich an der Feuer- und Thorwache hindurch gekommen. Wir glauben, da er
mit dem Glockenschlag zwlf sich anschicken wird, einen beruhigenden Thee zu
trinken, den ihm die Rathsdienerin gewi mit grter Geflligkeit kochen wird,
da sie und ihr Gemahl diesem guten vielvermgenden Herrn Bartusch einen solchen
Posten und hier in dem ehrwrdigen alten Rathhause die bequemste freie Wohnung
verdankten.

                                Zwlftes Capitel



                              Der Sechste im Bunde

Am Morgen nach diesem ereignireichen Tage und der ihm folgenden ernsten Nacht
finden wir die Brder Wildungen in einem Gesprch auf dem Sopha der Akademie.
    Die Akademie, wissen wir, ist Siegbert's, die Aula ist Dankmar's Wohnzimmer.
    Sie waren trotzdem, da sie so spt zur Ruhe gegangen waren, frh erwacht.
Trotz des Weines, trotz der Reden, trotz der gewaltigsten Aufregung des Geistes
fhlten sich die krftigen jungen Mnner nicht angegriffen ...
    Nur Siegbert konnte sein inneres Leid nicht verbergen ...
    Bist du unzufrieden mit mir, sagte Dankmar, da ich mich gestern von dem
traulichen Beisammensein so erregen lie und so offen mit meinen Trumereien
hervortrat? Sage mir nichts Weises darber! Du kennst meinen Unmuth, wenn ich
mich des Morgens besinne, da ich am Abend zu viel sprach, zu exaltirt und zu
offenherzig war.
    Mein schlimmster moralischer ...
    Siegbert stellte eben der Katze der Frau Schievelbein den Rest ihrer Milch
an die Erde und ergnzte:
    Katzenjammer!
    Katzenjammer! Was ist Das nur! fuhr Dankmar fort. Gebrochene Wehmuth! Reue,
die bei mir die Morgenstunde mehr im Munde hat als Gold!
    Er legte die Cigarre fort, die ihm nicht schmecken wollte, und spitzte sich
Federn zum Arbeiten.
    Siegbert sprach ihm Muth zu. Er sagte, da er sich fast gefrchtet htte,
als Dankmar mit seinem khnen Plane so offen hervorgetreten wre. Allein die
Wirkung wre auf Alle doch die mchtigste gewesen.
    Und, setzte er hinzu, es sind doch Das nur gemeine Naturen, die bei
nchterner Stimmung die Entschlieungen nicht wahr haben wollen, die sie in
aufgeregten Augenblicken faten. Nur Die Menschen sind gro und bedeutend, bei
denen sich der Morgen erfllend an den prophetischen Abend knpft.
    Man vereinigte sich nun darber, da die Freunde es aufrichtig gemeint
htten in ihrer Zustimmung zu Dankmar's Planen. Selbst Leidenfrost, der ihnen so
pltzlich und rhrend als Max Brning Enthllte, wre ergriffen gewesen und
htte die blanke Revolutionsidee preisgegeben, von der man ohnehin nicht wisse,
ob er sie im Ernste oder humoristisch verstehen wollte. Des edeln Werdeck's
Augen htten geglnzt wie zwei funkelnde Sterne ... jetzt in warmer, nicht mehr
in kalter Winternacht, setzte Siegbert hinzu. Diese Natur, sonst so
verschlossen, wre durch die Erinnerung und die Ahnung endlich aufgethaut
gewesen und der Hndedruck, den er den Freunden gegeben, als sie auf der Strae
schieden, htte etwas Krampfhaftes, ja tragisch Bedeutendes gehabt. Nur von
Louis Armand muten sie sich eingestehen, da es ihm schwer wurde, sich von den
unmittelbaren Aufforderungen der politischen Sachlage zu trennen und jetzt mehr
fr die Zukunft wirken zu sollen als fr die ihm der dringendsten Beihlfe
bedrftig erscheinende Gegenwart. Auch wr' er nach der Erzhlung ber Jagellona
Werdeck pltzlich sonderbar zerstreut gewesen ...
    Aber du! Aber du! unterbrach Dankmar. Du kamst ja schon verstimmt und mit
Gespensteraugen in die Sitzung ...
    Verstimmt nicht; nachdenkend!
    Du hast etwas mit Olga gehabt?
    Siegbert schwieg.
    Wer sah es dem Mdchen nicht an? Diese Frhlichkeit, als wir schieden! Ihr
kamt zum Gesang der Trompetta und der Flottwitz als Nachzgler aus dem dunkeln
Garten. Ich sah dir an, da du zittertest. Olga glhte dagegen und htte lieber
selbst tanzen mgen, als Tnze spielen. Wie sie auf das Klavier schlug, merkt'
ich, da sie die gewaltigste Aufregung zu beherrschen suchte.
    Die Situationen sind doch immer unser Fluch!
    Aha! Die Raketen waren zerplatzt, die Leuchtkugeln flimmerten noch vor den
Augen. Es wurde still. Das Herbstlaub raschelte an den Bumen. Die Sterne
funkelten.
    Zwei Herzen liegen aneinander und jubeln: Himmlischer, Sternengewaltiger,
sieh herab auf deine kleinen Kinder! Wir wollen uns lieben wie die Lmmerchen,
weil deine Erde so schn ist!
    Siegbert nickte mit schmerzlichem Ausdruck.
    Wenn es dich trsten kann, sagte Dankmar, so sag' ich dir, da ich fast
deinem Beispiele gefolgt wre. Die blonde Reubndlerin ist doch eine
schwrmerische Natur! Es htte nicht viel gefehlt, so htte ich sie im
Vorberflug an mein Herz gezogen, ihr einen demokratischen Ku gestohlen und
ausgerufen: Soll uns denn unser politischer Glaube trennen? Ist Das das moderne
Schicksal liebender Herzen, sich fliehen zu mssen wie die Capulet's die
Montagues flohen?
    Deine selbstgefllige Vergleichung mit Romeo trstet mich nicht, sagte
Siegbert nachdenklich. Du verrthst, da mich nur eine Erregung der Sinne
treiben konnte, Olga in die Arme zu schlieen und ihre Lippen zu berhren ...
    Sinne! Sinne! Lieber Bruder, was sind die Sinne! Todte Diener! Elende
Sklaven! Der Vollmachtgeber ist die Seele. Ich wenigstens fhle wirklich etwas
fr meine Reubndlerin. Ihr Auge ist feucht wie der See. Es zieht herab. Ihre
Locken kann ich mir freier denken, hngender, weniger nach dem Lockenholz
aufgerollt. Aber ihre Zhne sind ohne Widerrede schn. Die Lippen kirschroth ...
    Dankmar! unterbrach Siegbert. Du wirst ein solches Mdchen unglcklich
machen. Ich hab' es wohl bemerkt, wie lange Fden ihre Augen zu dir hinber
spannen! Fast verzehrt, fast lechzend nach Liebe! Du kommst mir wie einer der
Religionsstifter vor! Alle zogen erst die Frauen an. Aber sie waren
gewissenhafter als du und entsagten ...
    Ihr Wuchs ist untadelhaft -
    Hrst du nicht?
    Aufrichtig! betheuerte Dankmar. Sie zieht mich an und gerade deshalb, weil
sie mein vollkommenstes Gegenbild ist. Sie hat etwas zerflossen Weibliches, wie
ich es liebe. Die schnsten Weiber, Melanie an der Spitze, machen mir keinen
dauernden Effekt. Ich war von Melanie auch nur geblendet. Ich bedurfte ihrer.
Ich weidete mich an ihrer Haltlosigkeit, ihrer eitlen Hingebung. Ich war auf
Augenblicke entzckt und habe mich doch so von ihr getrennt, da ich sie mit der
grten Ruhe ihrem Ziele, den Prinzen Egon nun wirklich noch zu erobern,
zusteuern sehe.
    In der That? Wre Das jetzt ... schaltete Siegbert voll Schmerz und doch
berraschtem Antheil ein.
    Melanie ist, seit wir ihr an dem Eisenbahndurchschnitt begegneten, sehr oft
bei Pauline von Harder. Egon spricht mit Wrme von ihr ...
    Und Helene d'Azimont?
    Bahnt ihrem Gewissen eine Brcke, um von der Verzweiflung ber Egon sich zu
neuem Leben wieder in eines Malers Armen zu sammeln ...
    Eines Malers? Heinrichson's? unterbrach Siegbert entrstet, stand auf und
lie zuvrderst die Katze hinaus ...
    Du phantasirst! rief er dann schmerzergriffen ber die Voraussetzung, da
menschliche Herzen solcher Lgen, solcher Irrthmer und Wandelungen fhig sein
sollten.
    Mein guter Bruder! sagte Dankmar. Psychologie und etwas Schdellehre! Die
lnglichen, schlanken Formen des Ledamalers kennst du ...
    Er wre gewissenlos genug ...
    Die runden Formen der d'Azimont bedeuten Das, was die Menschen Gemth nennen
und was ich Leidenschaft und excentrische Gegenstze nenne. Bei einer gewissen
Klasse von vornehmen Frauen ohnehin siegen erst Die, die ihnen ebenbrtig sind.
Bei der ersten Furche auf der Stirn whlen sie einen berhmten Musiker zum
Freunde, bei der zweiten einen berhmten Maler, und wenn es abwrts geht, findet
sich wol noch irgendwo ein flammender Naturpoet, der fr seine lyrischen Vokale
einen Consonanten braucht. Guido Stromer mein' ich z.B. knnte noch bei Paulinen
von Harder Glck machen und Heinrichson's Nachfolger werden.
    Abscheulich! Abscheulich! rief Siegbert, mehr von den bizarren,
menschenfeindlichen Ansichten des Bruders entrstet, als an die Mglichkeit
solcher Verbindungen glaubend.
    Und Adele Wsmskoi, fuhr Dankmar unbarmherzig fort, liebt die Frstin nicht
auch einen Maler? Warum sollte Helene d'Azimont nicht an Heinrich Heinrichson
Ersatz fr Egon -
    Siegbert hielt dem grausamen Sptter den Mund zu. Er konnte seine
Anschuldigung nicht vollenden.
    Abscheulicher! sprach er dann voll ernsten Unwillens. Wie spielst du mit
Frauenherzen! Irren diese schwachen Wesen, so sind sie bemitleidenswert und die
meiste Schuld trifft uns. Da Egon Helenen nicht mehr liebt, ist wol gewi. Es
ist ein schmerzlicher Beweis der Umkehr seines Charakters. Diese Hingebung,
diese Liebe Helenen's war ein Wunderwerk, eine Fabel, unglaublich und doch wahr.
Lauschte sie nicht seinem Athemzuge, betete sie ihn nicht an? Was soll ein Weib
beginnen, das nun einmal im Manne lebt und sich von der Seele des Geliebten dann
ausgeschlossen sieht, nur angewiesen auf einen Pflichttheil der Achtung und
ffentlichen Schonung! Kann man Helenen verdenken, da sie Egon statt zu lieben,
wird hassen lernen?
    Und da sie dem Prinzen einen berhmten Maler gegenberstellt? sagte
Dankmar.
    Das ist nicht wahr! Verleumdung! Heinrichson zeichnet mit ihr die
Erinnerungen an der See von Enghien, er bermalt ihre schwachen Leistungen, zu
denen sie die Liebe spornte, ohne da sie die Kraft besa, Das, was ihr in
voller Seligkeit der Erinnerung vorschwebte, zu vollenden. Er ist
einschmeichelnd, das ist wahr, ist verfhrerisch, charakterlos. Ich zweifle
nicht, da er sich von seiner brillantesten Seite zeigt, sie mit Artigkeiten
berhuft, sie durch eine scheinbare Zurckhaltung verwirrt und durch seinen
trockenen, zuweilen geistreichen Witz unterhlt ...
    Nun ... nun ... und dem Allen widerstnde ein beleidigtes Frauenherz und
benutzte es nicht, um dem Treulosen zu zeigen: Sieh! Da weckt' ich doch noch
neue Flammen!
    Siegbert schauderte und blickte fast vernichtet zur Erde. Es war ein zu
greller Schatten gewesen, den Dankmar da auf die Menschenseele fallen lie.
    Lieber Bruder, sagte Dankmar ruhig und ergriff Siegbert's Hand. Ich wnsche,
da ich mich immer tuschte, wo du anders und glubiger siehst. Du siehst die
Dinge schn und warum sollt' ich nicht wnschen, da die Menschen gut, ihre
Thaten schn sind! Aber kannst du leugnen, da dich die Frstin Wsmskoi liebt,
da sie zittert, in deiner Nhe zu sein, da sie Augen nur hat fr dich, da sie
in Zorn gerth, wenn Olga dich eine Weile anblickt? Und du selbst, Siegbert,
bist du frei von der Einwirkung dieses eigenthmlichen Verhltnisses? Es macht
dich unlustig zur Arbeit! Du tndelst deine Zeit so hin! Du beginnst nichts
Neues mehr, vollendest nichts Altes! Gestehe nur, da es in deinem Innern bewegt
und bunt genug aussieht.
    Siegbert ging im Zimmer auf und ab. Er fhlte nur zu tief die Wahrheit
dieser Vorwrfe und widersprach ihnen nicht.
    Du hast Recht! sagte er leise und mit feuchten Augen und setzte sich neben
den Bruder, das Haupt auf die alte Sophalehne sttzend. Du hast Recht! ... Rathe
mir!
    Liebst du die Frstin? fragte Dankmar.
    Siegbert antwortete nicht ... schttelte aber zuletzt entschieden sein
ernstes Haupt.
    Und Olga?
    Siegbert schwieg wiederum und blickte zur Erde nieder.
    Du hast vielleicht, fuhr Dankmar, um die drckende Stimmung zu erleichtern,
scherzend fort, du hast vielleicht ein Gefhl wie ich gestern. Der Gegensatz
reizt, die Ungleichartigkeit der Naturen stachelt?
    Sage mir lieber, unterbrach Siegbert, was du empfindest, seit du weit, da
der Knabe, der deinen so hochverehrten Ackermann begleitete, kein Knabe, sondern
ein Mdchen ist?
    Dankmar sah betroffen auf.
    Du bist scharf, erwiderte er nach einer Weile. Ich glaube, wenn ich mich im
Spiegel untersuchte, ich wrde finden, da ich errthete. Bin ich roth geworden?
    Bla und marmorgelbgraukalt wie immer, sagte Siegbert vorwurfsvoll.
    Dann lgt mein Gesicht! antwortete Dankmar. Ich kann mich an meine Freunde
im Ullagrunde nie ohne tiefste Erregung gemahnt sehen. Ich sage gemahnt! Denn,
wenn ich ihrer gedenke, ist's nicht Erinnerung nur, sondern wie Vorwurf.
    Selma und Olga! sagte Siegbert. Was darf man fr so beginnende, noch im
grnen Kleide versteckte Knospen fhlen?
    Ehrfurcht! sagte Dankmar. Heilige Scheu! Oft versink' ich in ein stilles
Grbeln. Ich bin dann im Walde von Hohenberg, in der Ferne rauscht die Mhle,
der Specht hackt im Baume, die Vgel singen, ich schreite mit Selma durch die
junge Eichenschonung. Sie spricht ebenso heiter, so klar, so nachdenkend wie
damals, als ich nicht wute, welch' ein Zauber mich zu ihr zog. Wie mag als
Mdchen sein? Ich trume davon. Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke, steht
sie vor mir in leichtem weien Kleide. Sie ist immer um mich. Ich scherze
schwesterlich mit ihr. Weit du unser kleines Schwesterlein? Die holde Mechtild!
Wie liebten wir sie! Wie herzten wir das liebe Kind und weinten, als es im Sarge
lag mit Blumen bestreut! Selma ist mir wie Mechtild. Und wenn ich ihrer gedenke,
so senken sich alle Spitzen meines Wesens, wie man die Waffen senkt, wenn man
sich gefangen gibt. Ich denke dann an Nichts mehr von Dem, was mich so foltert
und qult. Unser Streithandel, die Weltlage, die Zeitfragen, die Stiftung des
Ordens ... was ist das Alles, wenn ich an Selma denke! Sie kommt dann und nimmt
mir Schild und Speer aus der Hand, sie legt das Schwert unter Blumen, entwaffnet
mich ganz und sitzt dann auf meinem Schoo und herzt mich und kt mich, ohne
da die Ksse mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als eins ihrer
traulich gesprochenen Worte. Selma! Wenn ich sie sehen knnte!
    Du liebst sie, Bruder! sagte Siegbert in seine Nhe rckend. Wie kannst du
von den Lippen Wilhelminen's von Flottwitz sprechen!
    Aber! schaltete Dankmar rasch ein. Selma ist ein Kind, wie es Olga ist.
Genug! Wir wollen vernnftig sein.
    Er stand auf und wollte, seine Gefhle, wie er immer that, abschttelnd, in
die Aula gehen, als der Postbote eintrat und einen Brief brachte. Er kam von
der Mutter. Siegbert las die sonst so feste Handschrift, die ihm heute
schwankend schien. Die Mutter wird leidend sein! bemerkte Dankmar erschreckend.
    Das verhte Gott! sagte Siegbert und durchflog die Zeilen.
    Sie klagte in der That. Auch ihr wollte der Aufenthalt in den groen kalten
Rumen des alten Tempelhauses nicht bekommen. Sie sprach von der Rckkehr alter
Leiden und bengstigte ihre Shne so lebhaft, da Siegbert sich die bittersten
Vorwrfe machte.
    Was haben Eltern von ihren Kindern, sagte er, wenn diese selbststndig
geworden! Jedes Band ist da wie abgeschnitten! Der flgge Vogel ist aus dem
Neste und denkt nicht mehr daran, zu den trauernden Alten zurckzukehren.
    Dankmar, nicht minder bewegt, kleidete sich an und beruhigte den Bruder, da
es leicht mglich werden knnte, er msse noch in diesem Herbste nach Angerode.
    Ob ich nicht sogleich lieber selbst ginge? sagte Siegbert und wiederholte
einige Stellen aus dem Briefe der Mutter, die ihm ganz besonders bedenklich
schienen. Du weit, da sie nicht zu Denen gehrt, die von sich selbst viel
Aufhebens machen.
    Sie beschlossen bei dieser Gelegenheit, die Mutter, wenn das Trauerjahr im
Pfarrhause vorber wre, zu sich in die Residenz zu nehmen, wobei sie sich
freilich nicht verschweigen konnten, da sie ungern ihren Bitten nachgeben und
den Aufenthalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen
wrde.
    Auch Siegbert hatte sich angekleidet. Beide Brder waren im Begriff
auszugehen. Siegbert gedachte das Atelier zu besuchen und heute dort lnger zu
arbeiten, als er schon seit geraumer Zeit gewohnt war. Dankmar dagegen wollte
aufs Gericht, um zu hren, ob der richterliche Senat die, wie er schon wute,
ihm ungnstige Entscheidung des Referenten besttigt htte. Es lag ihm daran,
die genauere Ausfhrung des Urtheils zu hren und sich vorbereiten zu knnen, in
zweiter Instanz neue Materialien zu sammeln.
    Wie sie aus dem Hause traten, sahen sie Louis Armand hastig die Strae daher
kommen. Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt
es in die Hhe.
    Louis brachte die neueste Nummer des Jahrhunderts, das seit einiger Zeit
auch in einer Morgenausgabe erschien.
    Egon - fing er stammelnd an, ohne weiter sprechen zu knnen - Egon -
    Die Brder staunten ber seine Erregung.
    Das Ministerium hat abgedankt. Es hatte eine Differenz von funfzehn Stimmen
gegen sich.
    Aber der Frst? fragte Siegbert.
    Stimmte mit der Minoritt, sagte Louis.
    Ministeriell?
    Mehr als ministeriell! Lesen Sie seine Motivirung!
    Man trat in die offene Flur des nchsten Hauses, breitete die Zeitung
auseinander und las:
    Frst Hohenberg. Meine Herren, Sie wollen in dies Haus eine Ordnung
einfhren, die eine Tyrannei ist und allen Gesetzen des Anstandes widerspricht.
Ich billige vollkommen, wenn Sie sagen, in diesem Hause wren Sie die Herren und
die Herren Minister nur Ihre Gste; ich theile durchaus nicht die Ansicht der
Herren Minister, denen dies Verhltni umzukehren beliebt. Allein, wer sich
vorgesetzt hat, nur seinen eigensten berzeugungen zu folgen, wird unfhig sein,
sich in dieser Frage auf irgend einen Parteistandpunkt zu stellen. Die Minister
haben Thatsachen zu vertreten, whrend Sie nur Meinungen. Ein Minister kann in
jedem Augenblick in der Lage sein, einen neuen Brennstoff in die Debatte zu
werfen ...
    Eine Stimme. l in's Feuer!
    Frst Hohenberg. Wohl! Mein Herr! l in's Feuer! Da es lodere, da es
flamme, da die Wahrheit heller erkannt werde! Und wenn hier ein Minister des
Absolutismus oder ein Minister in der Blouse stnde, er mte das Recht haben,
die furchtbare und leider meist unwiderstehliche Kraft der ihm anvertrauten
Thatsachen zu vertreten, zu geschweigen, meine Herren, da die einfachsten
Gesetze des Anstandes Demjenigen, den man bei sich eingeladen hat, das letzte
Wort zuzugestehen. Ich stimme gegen den Antrag der Commission. (Bewegung. Bravo.
Zischen.)
    Es ist acht Uhr, sagte Dankmar, nach einem Augenblick des Erstaunens rasch
auflodernd, wollen wir Egon besuchen?
    Ich mu es thun, sagte Louis; ich hab' ihm versprochen, Bericht zu erstatten
von unserm gestrigen Abend, an dem er Antheil zu nehmen schien, als ich ihm
davon erzhlte. Wenn ihn irgend ein Gedanke ergreifen kann, so sollte es dieser
hochherzige! Egon ist ja schon ein Ritter vom Geiste ... denn Sie sehen, wie er
sich vom Buchstaben der Partei lossagt.
    Dieser Buchstabe, bemerkte Dankmar auf eine so zweifelnde, schmerzliche
Wendung, ist leider in bergangskrisen, wie wir sie jetzt erleben, der Geist
selbst. Wer nicht die Kraft hat, selbst eine Partei zu bilden, mu sich
bezwingen, die Zahl Derer, die ihm am verwandtesten denken, durch seine
Zustimmung zu vergrern. Die edelste Aufgabe meines Bundes wird auch die sein,
die Kunst zu lehren und zu ben, Majoritten zu bilden. Wir wollen zu Egon
gehen.
    Als die Freunde eine Seitengasse einschlugen, besttigte Louis auf's neue,
wieviel Sorgen ihm der hochgestellte Freund mache. Seit vierzehn Tagen schiene
er an einem tiefen Kummer zu leiden und wre nicht mehr der Alte. Leider htte
diese Verstimmung zur Folge, da er alle seine alten Plne aufgbe und nur noch
dem Ehrgeize lebe. Louis erzhlte von Wiederherstellung eines verwitterten
Wappens ber seinem Palais, eine Unternehmung, die Siegbert noch mit den Worten
entschuldigte: Warum soll er das Wappen vermodern lassen? Entweder mute die
steinerne Tafel ganz abgenommen oder restaurirt werden. Aber man hrte von
Vermehrung der Bedienung, von neuen Livreen nach englischem Schnitte, von einer
verschwenderischen Anwendung des Hohenberg'schen Wappens auf Briefcouverten,
Bchern, Tellern, Pferdegeschirren u.s.w. Unsre Freunde gestanden sich, da die
sonst so demthigen Blicke der Diener impertinent geworden waren. Die
Wandstabler's, die sich schon anschickten, das Haus zu verlassen, rmpften die
Nase, als wollten sie sagen: Unsre Zeit bricht wieder an! Die Art der Anmeldung
bei Egon wre umstndlich, complizirt, erkltend, noch ehe man ihn she. Er
erweise sich herzlich nach wie vor, aber er wre zerstreut ... oder ein Kummer
drcke ihn, den Niemand errathen knne ...
    Man war bei dem Thema ber Helene d'Azimont angekommen und schwieg. Der Weg
zum Palais war noch nicht zurckgelegt. So knpfte man an den gestrigen Abend an
und Louis Armand sprach nun aus, was er gestern zurckgehalten hatte.
    Also nur der Geist soll triumphiren? sagte er. Nur der Gedanke soll uns frei
machen? Wir sollen uns also die Hand reichen ber Lnder und Vlker hinweg?
Anfangs, meine Freunde, frchtete ich, die Idee der Ritter vom Geiste wrde auf
jene Sekte hinauskommen, die sich in Paris unter dem Namen der neuen Templer
begrndet hat. Ich war Zeuge einer Sitzung dieser neuen Templer. Es sind Affen
alter Ceremonien, schwache eitle Copieen der Freimaurer. Sie scheinen keinen
andern Zweck zu haben, als sich, wie auf der Maskerade, im Costme des
Mittelalters zu brsten, gut zu essen, sich mit groen fabelhaften Titeln zu
beladen, und alle diese Narrheiten entschuldigen und beschnigen sie dann mit
einigen Phrasen ber Menschenliebe, Wohlthtigkeit, den ewigen Frieden, die
Fraternitt der Nationen und die Ehrwrdigkeit aller Religionen! Mit Egon war
ich bei einer dieser Sitzungen zugegen und schon damals sagte er:
    Das Streben, auf die berlieferte Ordnung, in der wir geboren werden,
gleichsam eine neue zu pfropfen, die Ordnung einer eigenen Wahl, ist gewi
ehrenwerth, aber wie mte es doch groartiger und heroischer ausgefhrt werden!
    Sagte er Das? Ich kenne die Statuten dieser neuen Pariser Templer, schaltete
Dankmar ein.
    Egon rief damals aus, fuhr Louis Armand fort: Welche Affen, welche
Komdianten! Ich sehe mit klaren Augen die alten Templer auf dem geweihten Boden
Palstina's mit den Sarazenen im Kampfe, Hugo des Payens schwingt sein tapfres
Schwert, ich sehe Tausende hinsiechen an der Pest, ich sehe den Sturm auf
Ptolomais und den Tod der letzten Ritter, die das Castell des Tempels
vertheidigen, der Gromeister stirbt an einem vergifteten Pfeile - ich sehe
Jakob von Molay in den Flammen, Hunderte ihm vorangehen, Hunderte folgen und nun
da ... diese Advokaten, Brsenmkler, Banquiers, Quacksalber, Polizeiagenten,
die setzen sich da in weien Mnteln mit dem rothen Kreuz in befiederten Barets
hin und essen Austern und Pasteten zum Zweck des allgemeinen Weltfriedens, der
Bruderliebe und der Gleichartigkeit aller Religionen ... pfui, welche
Gemeinpltze und welche Possenreier!
    Siegbert sah unwillkrlich zu Dankmar hinber und lchelte.
    Beruhige dich, lieber Bruder! erwiderte dieser. Das gemeinschaftliche Essen
ist ausdrcklich aus unsern Statuten verbannt. Die Ritter vom Geiste werden
sogar in Betreff des Trinkens miger sein mssen, als wir es gestern Abend
waren. Ich spre Kopfweh. Doch glaub' ich fast, es kommt von der Nhe des Palais
da, das ich gar nicht mehr mit den alten frohen Empfindungen sehen kann, mit
denen ich es sonst begrte. Sonst schien es mir die hliche Raupenhlle eines
Schmetterlings zu sein, jetzt gehrt es zu dem Besitzer so organisch, so fast
nothwendig hinzu, wie das Haus zur Schnecke.
    Schon seit einigen Tagen begrten die Diener ihres Herrn Freunde nicht mehr
mit der Furcht und Ehrerbietung wie sonst. Dankmar flsterte den beiden
Begleitern zu, da es gut wre, wol auch solche ueren Zeichen zu beachten und
sie bei Egon zur Sprache zu bringen. Nur Dorette Wandstabler, die lteste, war
besonnen und wute sich zu beherrschen. Sie unterlie, als sie den Ankommenden
auf der Treppe begegnete, nicht im geringsten die Beweise urer Achtung. Louis
erhielt sogar von ihr im Vorbeigehen zugeflstert, es wre soeben vom Hofe ein
Brief in Rosa-Umschlag angekommen. Ein Brief in Rosa-Umschlag, wisse sie noch
vom alten Frsten her, kme aus dem Cabinet des Knigs.
    Ein Brief vom Knig? bemerkte Louis und sah die Brder fragend an.
    Man wird seinen Rath begehren! sagte Siegbert.
    Und Dankmar setzte hinzu:
    Man wird ihm das Ministerium anbieten.
    Indem hatte sie ein neuer Kammerdiener schon gemeldet und kam mit dem
Bescheide, da Sr. Durchlaucht sie bte, eine Viertelstunde zu warten. Er zge
sich an. Sr. Majestt htten ihn um zehn Uhr auf's Schlo beordert.
    Die Freunde betrachteten sich bedeutungsvoll und harrten im Vorzimmer. Sie
sprachen nichts. Es war ihnen, als wren sie im Begriff, von einer geliebten
Person fr ewig Abschied zu nehmen. Diese Bilder, Staten, Vasen, die hier
ringsum standen, hatten ihnen frher nur flchtigen Eindruck gemacht. Es war
ihnen immer gewesen, als wenn diese Gegenstnde weit unter ihnen stnden. Heute
blickte sie Alles vornehm und fast verachtend an. Eine alabasterne Tnzerin, auf
einem Sulenpiedestal von Marmor, schien ihnen zu sagen: Wer seid Ihr? Was wollt
Ihr hier? Der Geist des alten Generalfeldmarschalls spukte um sie her und wies
ihnen mit ihrer nicht hierhergehrenden Gesinnung fast die Thr.
    Endlich wurden sie vorgelassen ...
    Sie trafen Egon in gewhltester Toilette. Sein Haar war frisirt, der
Kinnbart mit groer Sorgfalt behandelt. Es lag etwas Imponirendes in dieser
schnen jugendlichen Gestalt, deren mit der Krankheit sehr hochgewordene Stirn
recht den Denker verrieth. Die Augen waren ein wenig eingefallen, blitzten aber
aus den tiefern schattigen Hhlen nur um so feuriger, voll Geist und Anregung
hervor. Um den Mund lag unverkennbarer Muth und schnelle Entschlossenheit
ausgeprgt, doch milderte ein geflliges Lcheln den allzustrengen Ernst der
Zge. Auf dem Frack glnzte zum erstenmale der Stern des Grokreuzes vom
Verdienstorden, das ihm der Knig bei seiner ersten Vorstellung am Hofe, vor
etwa zwlf Tagen, selbst mit den huldvollen Worten berreicht hatte: Er htte
smmtliche einheimische Orden des groen Helden, seines Vaters, bei Seite
gelegt, und hoffe, sie mit der Zeit einen nach dem andern dem Sohne wieder
einhndigen zu knnen. Es war dies eine Artigkeit gewesen, durch die Egon zu
Nichts verpflichtet wurde. Sie galt seinem Stande und gehrte fast zur Etikette
einer solchen Prsentation.
    Ich bin zum Knig gerufen, sagte Egon und begrte die Freunde wie sonst
durch den alten Handschlag. Was habt Ihr beschlossen? Ich hre nichts mehr von
Euren Plnen! Ihr feiert Weinlesen, seht Schwrmer prasseln, macht schnen
Mdchen den Hof, whrend ich Armer den Dunst unsrer schlechten lbeleuchtung in
der Kammer einathmen mu. Siegbert, wie geht es der kleinen Olga? Ihr
Glcklichen! Sie und du, Dankmar ... was seid Ihr beneidenswerth! Die eine
Hlfte der schnen Welt spekulirt auf Eure Million und die andere trstet sich,
wenn es nichts damit ist, doch wenigstens mit zwei liebenswrdigen Mnnern
kokettirt zu haben! Und Louis hat auch seine stillen Freuden und sieht lyrisch
aus! Ich wette, er wetteifert schon wieder mit Branger und Lamartine. Ihr seid
nicht aufrichtig, Alle, Alle seid Ihr's nicht!
    Vor dem neuen Minister des Innern, bemerkte Dankmar, wird man bald keine
Geheimnisse mehr haben.
    Egon blickte auf Dankmar mit einem eigenthmlichen, sichern, lchelnden
Blick.
    Glaubst du, sagte er nach einer Pause, glaubst du, lieber Freund, da ich
deshalb, weil ich gestern Abend einmal meiner eigenen Grille folgte, nun auch
gleich die Grillen des Hofes wahrmachen werde?
    Es ist gefhrlich, eigene Grillen zu haben, bemerkte Dankmar mit kalter
Ruhe. Wenn man sich von seinen Freunden trennt, werden die Feinde der Freunde
immer glauben, einen Verbndeten zu haben.
    Und sie werden sich tuschen in diesem Glauben, lieber Dankmar, sagte Egon
ruhig. Ich glaube in der That, da man die Absicht hat, mir heute um zehn Uhr im
Schlosse ein Portefeuille anzubieten. Ich werde ein Programm stellen. Erlaubt
man mir nach diesem Programm zu regieren, so werd' ich das Portefeuille
annehmen!
    Die Lage des Hofes, erwiderte Dankmar, ist nicht von der Art, ein Programm,
wie du es mit Ehren nur stellen kannst, annehmen zu knnen.
    Dies Wort verletzte Egon sichtlich. Doch behielt er seine Mienen in der
Gewalt und fragte Siegbert und Louis, ob sie gemeinschaftlich frhstcken
wollten?
    Ich habe, sagte er launig, den Keller meines Vaters revidirt und gefunden,
da da unten viel Poesie versteckt lag. Wie ich die Etiketten las: Alicante,
Xeres, Marsala, welche Vorstellungen weckt Das! Man fhlt sich in die Gegenden
versetzt, wo diese gekelterten Trauben einst am Stocke hingen, man sieht das
Ultramarin des sdlichen Himmels, man hrt die Woge des Meeres an den hohen
steinigten Ufern branden und streckt sich unter Palmen- und Olivenbumen hin und
trumt dolce far niente.
    Damit klingelte Egon und bestellte ein Frhstck.
    Unten im Pavillon, sagte er. Aber rasch! rasch! Bringt, was Ihr zur Hand
habt und Alicante und Xeres!
    Der Kammerdiener flog.
    Ich kann mir denken, sagte Egon, da Euch meine gestrige Abstimmung
berrascht hat. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich mu so reden, wie ich fhle.
Tretet nur einmal in eine dieser Vorberathungen der Parteien, hrt diese blinde,
tolle, sich berstrzende Hast der Menschen, die die Parole austheilen, ich
wette, Ihr haltet es mit aller Eurer berzeugung von der Notwendigkeit, Partei
halten zu mssen, nicht drei Tage aus. Ich hielt es vierzehn Tage aus. Aus der
Partei der Linken bin ich ausgetreten.
    Und welcher Seite des Centrums schlieest du dich an? fragte Dankmar.
    An keine.
    Nicht einmal an den Club Justus? sagte Dankmar immer erregter.
    An diesen am wenigsten, antwortete Egon. Was soll ich dasitzen und dies
Durcheinander der Intriguen hren! Alles soll Taktik und immer Taktik sein, an
die Thatsachen denkt Niemand. Sie sitzen und zhlen Stimmen. Immer ist Einer
unterwegs, der bald zu der, bald zu jener kleinen Fraktion luft und ein
Compromi beantragt: gebt uns acht Stimmen fr Das, so geben wir Euch acht
Stimmen fr Das ... o pfui, ich habe diese Methode Politik zu treiben satt. Es
ist ein kleiner Schacher, kein groer Handelsgeist, der dort herrscht. Ich will
von heute an stimmen, wie ich denke.
    Die Freunde konnten diesen Entschlu eigentlich doch nur billigen,
befrchteten aber, da sich Egon isoliren wrde.
    Nein, sagte Egon, es gibt Mnner genug in der Kammer, die unter dem Druck
der vorlauten Intrigue seufzen. Sie Alle sehnen sich nach Befreiung. Sie werden
sich mit Freuden unter dem Banner schaaren, das irgend ein Retter der gesunden
Vernunft aufsteckt. Ob ich dieser Retter sein werde, wei ich nicht! Will man
sich mir anschlieen, wohlan, da ist meine Hand! Aufsuchen werd' ich Niemand!
    Aristokratisch oder bequem? fragte Dankmar mit feinem Lcheln.
    Egon schien an dieser Alternative keinen Ansto zu nehmen. Im Gegentheil
sagte er:
    Entsinnst du dich unsres ersten Gesprches im Walde hinter dem Heidekrug?
    Wohl! sagte Dankmar. Damals trugst du eine Blouse.
    Allerdings wrde ich jetzt dieselben Ansichten, von einem Frsten in
gesterntem Fracke vorgetragen, vorsichtiger auffassen. Du protegirst die
Zeitung: das Jahrhundert. Man nennt den Ton derselben doctrinair. Die
Doctrinaire sind die Aristokraten der Idee.
    Beruhige dich, Freund, erwiderte Egon, ich werde auch nicht mit den
Professoren stimmen. In einer Zeit des Handelns ist Niemand berflssiger als
Der, der ewig nur rth und lehrt. Aber kommt! Kommt! Es ist bald neun Uhr! Wir
gehen in den Pavillon!
    Durch mehre Zimmer, Cabinete, einen Corridor und dann eine kleine
Wendeltreppe herab fhrte Egon die Freunde nach jenem geheimnivollen Pavillon
seines Vaters. Niemals hatte er gern von diesem Orte gesprochen, die Freunde
niemals veranlat, ihn zu besuchen. Heute sprach er von ihm wie von einer seiner
gewhnlichen Retraiten. Die Freunde folgten ihm in einer eigenen beklommenen
Stimmung. Sie fhlten, es war zwischen ihnen und dem jungen Frsten nicht mehr
wie sonst. Die Unbefangenheit fehlte, der Duft des Verhltnisses war verflogen.
Sie fhlten, da er ihnen nicht wehthun, sie in ihren Grundstzen nicht
verletzen wollte, und nichts verletzte sie doch mehr, als gerade, da sie sahen,
wie er ihnen auswich und durch Artigkeiten und Scherze den tiefern Bruch
zwischen ihnen zu verdecken suchte. Siegbert hatte noch den meisten Glauben,
oder er fhlte in Dem, was ihn sonst drckte, nicht den Zwang dieser Scenen,
denen er doch nur halb beiwohnte. Seine Phantasie weilte bei Olga, bei der
Vorstellung, wie er ihr nun heute begegnen, ihr in's Auge sehen sollte! Louis
war erschttert. Dankmar verstimmt. Er stand sogar einige male auf der Wanderung
nach dem Pavillon still, als ob er sich besnne, zu folgen und nicht besser
thte, sich heimlich zu entfernen.
    Sie hatten die kleine Wendeltreppe hinter sich. Ein Bedienter, der an ihrem
Fue harrte, stie zwei Thorflgel auf, die in ein Vestibl fhrten, das rings
mit Blumen geschmckt war. Zwei Victorien von Bronze hielten den Eintretenden
Krnze entgegen. Der Fuboden war mit bunten, dichtwollenen Teppichen belegt.
Hinter den Victorien rauschte ein Vorhang auf von schwerem, rothem Sammet. Man
befand sich in einer Rotunde. Rings an den Wnden Spiegel mit Goldleisten und
neben ihnen Candelaber. An den Wnden eine einzige Ottomane rundum, unterbrochen
nur von den Eingngen in kleine durch Vorhnge unterschiedene Cabinete.
    Als sie ber die schweren Teppiche hinschritten, sagte Egon:
    Ich entsinne mich, da Ihr zum ersten male hier seid! Seht da die
Erfindungsgabe meines Vaters! Von der rechten Seite hier bis zur Linken ziehen
sich kleine allerliebste Gemcher. ber jedem ist in Wachsmalerei angegeben,
wozu die Bestimmung der Gemcher dienen soll. Hier ber dem Vorhang der
erschpfte Mars. Amor nimmt ihm die Waffen ab. Es ist das Entre eines
Badezimmers, das sich hier nebenan befindet. Die badende Nymphe macht es
kenntlich. Daneben sitzt Pan und blst auf seiner Flte, whrend Tritonen aus
Hrnern Wasserstrahlen spritzen. Ich wei nicht, welche Tndeleien fr das
dritte Cabinet bestimmt waren. ber jenes vierte seht Ihr Hebe mit der Kanne und
einem Teller schweben. Wahrscheinlich ist in der Kanne Nektar und auf der Schale
Ambrosia. Soviel wei ich, da in diesem vierten Cabinet vortrefflich gespeist
worden ist und sich die Ambrosia als die Praxis eines guten Pariser Kochs zu
erkennen gab. In dem fnften waltete die Nachmittagsruhe. Es ist das Cabinet der
trkischen Pfeifen. Der talentvolle Knstler, der diese Medaillons ber die
Thren malte, mu in Verlegenheit gewesen sein, die trkischen Pfeifen in den
Kreis seiner mythologischen Allegorieen einzufhren und doch hat er sich sehr
artig geholfen. Seht die drei schnen Mdchen, die ber einem todten von
Flammenglut umgebenen Knaben weinen und die Hnde ausstrecken. Sie verwandeln
sich eben in Pappeln und die Thrnen, die ihnen entfallen, flimmern von dem
gelben Schein des Knaben gelb ...
    Recht geschickt! sagte Siegbert. Der gelbe Knabe ist der soeben von der
Sonne herabgestrzte Phaethon. Die Schwestern beweinen seinen Fall und
verwandeln sich in Pappeln. Ihre Thrnen, die in dem gelben Scheine des
versengten von der Lichtmaterie des Sonnenballs gedrrten Phaethon gelb
erscheinen, sind der Bernstein.
    Richtig, fuhr Egon fort und diese Sage vom Ursprung des Bernsteins pat in
der That fr ein Cabinet mit trkischen Pfeifen, deren Spitzen von Bernstein
sind. Ich kenne den Maler nicht.
    Es ist unser herrlicher Berg selbst, sagte Siegbert, der diese
Wachsmalereien fertigte. Sie sind berhmt.
    Ich bekomme Ehrfurcht vor dem Geschmack meines Vaters, des alten Haudegens.
Seht da, das sechste Cabinet hat als Medaillon eine Nymphe, die sich im Wasser
spiegelt und sich dabei selber kopirt, mit einer Stecknadel nmlich auf einem
groen Feigenblatt, das ihr ein Satyr hinreicht. Seht den Satyr mit dem
Feigenzweig! Wie zierlich und schalkhaft die ritzende Nadel auf dem Blatt! In
diesem Cabinet sind Bildersammlungen, die ich Euch nicht zeigen mag. Und hier im
siebenten und letzten Cabinet befindet sich sogar eine Bibliothek verbotener
Bcher. Mein loyaler Papa war ein eifriger Sammler in diesem Fache der
Literatur, das der Maler in jenem Medaillon kenntlich machte: Ein Faun sitzt und
lehrt Amor schreiben. Der kleine Junge weint, weil die Feder vielleicht kritzelt
oder ihm die Mhe zu sauer wird. Der Faun liest behaglich, was Amor geschrieben
hat. Die beiden Tauben, die sich ber dem Busch, wo die Schulscene passirt,
schnbeln, drcken das Thema der hier gesammelten wilden Literatur aus.
    Inzwischen waren die Diener gekommen und hatten in das vierte Cabinet
silberne Schsseln, Krbe, Servirbreter, Flaschen getragen. Der Kammerdiener
schlug den Vorhang zurck. Egon forderte die Freunde auf einzutreten.
    Ein zierliches, behagliches Gemach umfing sie. Die kleine gedeckte Tafel in
der Mitte widerstrahlte von Krystall und Silberzeug. Die nach auen zu
unscheinbaren Fenster waren durch ein zweites Fenster verdeckt, das von innen
vorgebogen werden konnte, ein Fenster von mattgeschliffenem Milchglase mit
eingefugten Lithophanieen. Die Sessel waren auerordentlich bequem mit Lehnen
von blau- und weigestreiften Gurten. Von derselben Farbe waren ringsum
Ottomanen. Ein Gemlde an der Wand erwies sich alsbald als Fltenuhr und spielte
mit reingestimmtem Glockenton die Gnadenarie aus Robert dem Teufel. Der
einfachere Charakter dieses kleinen Cabinets entsprach seiner Bestimmung; denn
in einem Ezimmer sollen die Sinne des Auges nicht durch eine berladene
Staffage zerstreut werden.
    Egon machte den Wirth mit gewohnter Freundlichkeit.
    Drei galonnirte Diener, schon in Bereitschaft mit nach Hofe zu fahren,
servirten in weien Handschuhen. Es war ein Ton in das Hauswesen gekommen, gegen
den Egon frher selbst protestirt hatte und der sich nun seit etwa vierzehn
Tagen von selbst verstand.
    Seine Gste aen nur wenig. Sie machten sich Vorwrfe, ihn jetzt, wo er
seine Gedanken zusammenzufassen htte, noch aufzuhalten. Dankmar fragte ihn
sogar, ob er das Programm schon fertig htte ...
    Seit Jahren denk' ich darber nach und schrieb es in zehn Minuten nieder!
erwiderte Egon.
    Und darf man nicht einen der Paragraphen erfahren?
    Ich werde dem Hofe Bedingungen stellen, die er niemals eingehen kann. Denn
leider haben diese bedrngten Machthaber schon eine solche Furcht, von der
Sprache unsrer Tage abzuweichen, da sie eher die Richtung, die sie selber
frchten, an's Ruder bringen als etwas Neues zu versuchen.
    Dies vortreffliche Dejeuner, bemerkte Dankmar sarkastisch, ist wenigstens
Brgschaft, da du keine so spartanischen Vorschlge machen wirst, wie ich
zuweilen deinen Ideen abgelauscht habe. Welche Rolle wird denn in diesem
Programm die vielbesprochene Arbeit spielen?
    Dieselbe Arbeit, sagte Egon mit ruhigem Ernst, die ich immer pries, wird
auch in meinem Programm die Hauptrolle haben. Ich kenne nur den Staat der
Pflichten. Einer Zeit gegenber, die nur ewig von den Rechten der Menschheit
trumt, mu man es offen aussprechen, da die Pflichten es sind, deren
gewissenhafte Erfllung allein die Rechte gewhrleistet. Wenn Alles von seinen
Rechten spricht, wo bleiben die Pflichten? Nur da, wo Jeder bereit ist, zu
geben, was er geben mu, nur da kann ein freudiges Empfangen und ein reichliches
ermglicht werden. Das, was uns berliefert ist, ist des Menschen erste
Lebensbedingung. Ich bin der Thor nicht, der da auftreten und das Unrecht
deshalb vertheidigen wird, weil es berliefert ist. Dem Unrecht als solchem
dien' ich nicht. Aber auch in dem berlieferten Unrecht liegt eine
Menschenpflicht und ein Menschenrecht. Die Tradition ist die Aufgabe, die wir
friedlich lsen sollen. Die Tradition ist das Chaos, das wir zu lichten, der
Knoten, den wir zu entwirren haben. Wer darf auftreten und mit dem Schwerte alle
diese Schwierigkeiten durchhauen? Ich verlange, da man das Leben reformirt nach
einer berlieferten Gestaltung, d.h. die Methode des neuen Lebens mu das Leben
selber sein. Ich werde Jedem, der trotzig von seinem Rechte spricht, auch eine
Pflicht entgegenhalten, dem Armen, wie dem Reichen, dem Niedrigen und dem
Vornehmen.
    Ich frchte, bemerkte Dankmar unerschtterlich, da diese Grundstze dem
Hofe und den kleinen Cirkeln, die am Ende doch Alles regieren, zu allgemein sein
werden. Man wird ganz einfach den Verfassungsentwurf der frhern radikalen
Ministerien nehmen und dich fragen, was du mit ihm zu thun gedenkst?
    Ich bin auch darauf gefat, sagte Egon. Ich nehme diesen Verfassungsentwurf
nicht an. Ich erklre, ihn nicht vertheidigen zu knnen. Ich habe die
Vorstellung von einer andern Urkunde unsres gesellschaftlichen Paktes. Von unten
herauf, vom Zweck der gesitteten Gesellschaft aus, mu der Aufbau vollendet
werden.
    Damit wirst du den kleinen Cirkeln nicht gelegen kommen, bemerkte Dankmar
fast erschrocken ber diese Khnheit. Diese wollen nur einen berlieferten
historischen Staat, der in die traurige Lage gekommen ist, zu den schon
berechtigten Gewalten eine neue Berechtigung, das Volk, mit hinzuzulassen. Man
streitet dort nur ber das Ma von Freiheiten, das man an die neuen strmischen
Drnger abzulassen gedenkt. Wenn du von der berflssigkeit z.B. einer ersten
Kammer sprchest, wrdest du sogleich bemerken, da alle Hofdamen, die Euer
Gesprch belauschen drften, die Nase rmpfen werden.
    Ich bin fr eine erste Kammer, sagte Egon.
    In der That? bemerkten erstaunt die Freunde.
    Jede Frage verlangt eine doppelte Erwgung. Prometheus und Epimetheus, Das
ist eine alte Wahrheit. Aber ich verwerfe das nur geschichtliche Element, das
die erste Kammer bilden soll. Ich verlange von der Gesetzgebung zwei Instanzen.
Die eine soll die der Interessen, die andere die der allgemeinen Freiheit sein.
Um ein Beispiel zu geben, wrd' ich gleichsam in die erste Kammer die Meister,
in die zweite die Gesellen bringen. Unser ganzes Wirken ist aus den Faktoren des
Besitzes und Erwerbes, des Stabilen und des Strebsamen zusammengesetzt. Ich
verachte die Stabilitt der Beamtenwelt, des Geldsackes, selbst die der Geburt
einzelner vornehmer Geschlechter. Ich erkenne nur die Arbeit als das Princip des
Staates an, schliee das Kapital als arbeitende Potenz, eine Lge, vllig aus,
anerkenne nirgendwo die todte Hand, auch die todte Hand des Besitzes nicht, ich
anerkenne nur die lebendige, individuelle Arbeit. Meine erste Kammer besteht aus
den Bevollmchtigten der positiven Interessen der einzelnen Arbeitsbranchen des
Lebens, meine zweite aus den Bevollmchtigten gleichsam des arbeitgebenden
Publikums. In der ersten wird gleichsam der Zunftzwang, in der zweiten die
Gewerbfreiheit sitzen. Ich lasse nicht nach Stnden, Stdten, Census und
hnlichen Unterscheidungen whlen, sondern in die erste Kammer nach den
speziellen Thtigkeitsbranchen des Lebens, in die zweite nach dem ffentlichen
Bedrfni. Es ist mglich, da in meiner zweiten Kammer Frsten und Grafen, in
meiner ersten Blousenmnner sitzen.
    Das kommt auf Eins heraus, fiel Dankmar lchelnd ein. Man wrde diese
Einrichtung allenfalls bei Hofe und in Petersburg als einen Druckfehler
entschuldigen knnen ...
    Doch nicht, lieber Freund, sagte Egon, sich bekmpfend. Das Wahlprincip der
zweiten Kammer fass' ich numerisch. Das Publikum ist unbeschrnkt. Nur einige
Modificationen mit Ansiedlung und Brgerrecht, sonst ist jedes Staatsglied
Whler. In die erste Kammer setz' ich Die, die die Trger des Staates sind, die
fleiigen Hnde. Erschrickt der Hof vor Pairs, die keine Glaeehandschuhe
tragen, so ist die Zeit dieser Ideen noch nicht gekommen und ich ziehe mich gern
zurck, um das Chaos zu beobachten, bis unsre Zeit gekommen ist.
    Louis und Siegbert waren von diesen Auseinandersetzungen berrascht und
freuten sich der noch immer so stark in ihrem hochgestellten, nun zu so
glnzender Laufbahn berufenen Freunde nachwirkenden alten volksthmlichen
Einflsse.
    Dankmar aber uerte sich entschieden zweifelnd und bemerkte:
    Ich habe, mein verehrter Freund, seit ich dich kennen lernte und du mir
einst sagtest, unter diesen Spiegeln und Kronenleuchtern wrd' ich einmal noch
in dein tiefstes Innere blicken, nie anders von dir gedacht als bedeutend und
gro. Etwas Gewhnliches wirst du niemals bieten. Allein ich frchte sehr, da
sich bei dir eine alte Erfahrung besttigt. Die Richtung der Zeit ist wie der
reiende Strom eines Flusses, der aus einer seeartigen Breite pltzlich in
engere Ufer tritt. Man wird fortgerissen. Die Zeit lt sich durch einen
Einzelnen nur in den seltensten Fllen bestimmen. Diese Begriffe von Links und
Rechts, von Liberal und Conservativ sind in der That furchtbar einseitig, und
jeder geistreiche Kopf, der positiv denkt und nicht von einer bloen Manie der
Neuerung getrieben wird, leidet unter der gegenseitigen Ausschlielichkeit
dieser Antithesen; allein diese Antithesen sind einmal die grten Tyrannen
unsrer Zeit. Man glaubt, sie beherrscht, ihre Klippen vermieden zu haben, und
scheitert an ihnen. Die Umstnde zwngen uns immer wieder in die alten
Schattirungen: Schwarz oder Wei! Licht oder Schatten! Und sieh! Wenn ich mir
dchte ...
    Dankmar sprach nicht weiter; denn sie wurden unterbrochen. Einer der
Bedienten brachte dem jungen Frsten, den die uerung Dankmar's von dem Blick
in die Vergangenheit unter den Spiegeln und Leuchtern dieses Pavillons ernster
gestimmt hatte, ein zierliches Billet. ber der Methode, Briefe auf silbernen
Tellern zu berreichen, hatte Egon frher selbst gelacht. Heute fand diese
Abgabe ganz in dieser komischen Form statt.
    Egon erbrach das Billet und schien zerstreut, verstimmt.
    Die Grfin sind selbst da! sagte der Bediente.
    Nein! Nein! rief Egon. Ich bin unter meinen Freunden.
    Ich sagte es ...
    Ich fahre zum Knig.
    Eben deshalb, sagte die Grfin.
    O Gott! O Gott! schrie Egon auf. Er begleitete diesen Ruf mit Gebehrden wie
ein wildes verwundetes Thier.
    Er sprang auf und warf das Billet den Freunden hin, da sie es lesen
sollten.
    Entschuldigt mich! sagte er. Lebt wohl!
    Damit verschwand er, noch die Serviette in der Hand, die er zornig
zerknitterte und unterwegs mitten in der groen Rotunde von sich warf.
    Die pltzlich verlassenen Freunde ahnten, da ihn die Grfin d'Azimont
abgerufen hatte.
    Siegbert, dem das Billet am nchsten lag, nahm Anstand, es zu lesen.
    Auch Louis meinte, er knnte nichts hren, was von dieser Hand kme.
    Dankmar fand es wenigstens nicht erlaubt, das Briefchen liegen zu lassen.
    Warum wollen wir einen letzten Beweis von Freundschaft, den wir noch von
Egon empfingen, nicht ehrend entgegen nehmen? sagte er.
    Die drei Freunde schwiegen erschttert. Sie traten in die groe Rotunde. Das
von oben herabfallende Licht erhellte den Raum hinlnglich, um die kleinen
zarten Schriftzge lesen zu knnen. Sie lauteten:
    Ich sterbe! Du whlst den Dolch in meiner Brust! Zertritt mich ganz! Sage
mir nur, da ich mich unter den Huf deiner Pferde werfe. Dann ist's doch aus!
Aus! O Gott, schenke mir Wahnsinn! Tod oder Wahnsinn! Egon, ich beschwre dich
... sei Mensch! Entsetzlicher! Foltre mich nicht! La mich sterben! Morde mich!
Nur Entschiedenheit! Erlsung, Licht, mindestens die Freiheit des Todes!
    Die drei Freunde sahen sich entsetzt an.
    Sie fhlten, da Dies der Verzweiflungsschrei einer Frau war, die ihr Alles
an Egon gesetzt hatte und wahrscheinlich fhlte, da sie ihm von keinem Werthe
mehr war.
    Die Genugthuung fr Louis Armand htte damit vollstndig erreicht sein
knnen, wenn sein fhlendes Herz eines so kalten Triumphes fhig gewesen wre.
    Arme Louison, sprach er, du hast nicht gewollt, da der Genius der Liebe so
dein Andenken rcht!
    Und doch, sagte Siegbert, den diese Worte der Schwester Adelen's tief in's
Herz schnitten, doch ist Egon vielleicht unglcklicher als Helene! Ein Weib
geliebt haben und heraussein aus dem magnetischen Rapport, der in ihr noch voll
und glhend nachwirkt, whrend man selbst erkltet, bersttigt ist ... Das ist
Qual! Man will nicht verwunden, man will nicht lgen ... Man hat ein Herz und
darf ihm nicht folgen ... Armer Egon! Der Schmerz, mit dem er aufstand, war
furchtbar, fast wahnsinnig.
    Kommt! Kommt! sagte Dankmar. Die Luft dieses Pavillons, der Staub dieser
Teppiche, das Lachen dieser Bilder, das Alles ist erstickend. An die frische
Luft! Ich kann nicht mehr Athem schpfen.
    An der kleinen Treppe, die hinauf zu Egon fhrte, fhrte auch eine Thr
gleich in den Hof. Dieser eilten sie zu und sogen die strkende Oktoberluft wie
Balsam ein. Es trieb sie fort, als brennte der Fuboden unter ihnen. Strmende
Gespenster schienen sie zu jagen. Sie sahen sich nicht um, sie flohen fast.
    Auf der Strae rief ihnen eine Stimme nach.
    Sie wandten sich um.
    Es war Rudhard, an dem sie vorbergeschritten waren, ohne ihn zu sehen.
    Nachdenklich, ruhig, stand er am Portal des Palais, auf einen Stock sich
lehnend.
    Er winkte Siegbert.
    Siegbert bat die Freunde, einen Augenblick zu warten.
    Als Siegbert sich Rudhard nahte, erschrak er fast ber des alten Mannes
ernstes, gemessenes Antlitz.
    Ich wollte zu Egon, sagte Rudhard. Ich hrte, da er nicht allein ist. Er
fhrt zum Knig. Er fliegt einem glnzenden Gestirne zu. Lieber Wildungen ...
ein Wort ...
    Siegbert ahnte etwas aus den Mienen des Greises.
    Glauben Sie, da ich Sie in mein Herz geschlossen habe, Siegbert? - fragte
Rudhard mit einem nach Bestimmtheit ringenden, bewegten Tone.
    Rudhard! antwortete Siegbert und ergriff seine Hand.
    Ahnen Sie nichts, was ich Ihnen sagen mu ... mu, mit widerstrebendem
Herzen?
    Rudhard lie seine Augen, die wie immer klar und ruhig waren, eine Weile
fragend auf Siegbert ruhen.
    Siegbert's Blick fllte sich mit Thrnen.
    Ich wei es, Rudhard, sagte er nach einigen Augenblicken der Sammlung. Ich
habe einen Auftrag zu einer knstlerischen Aufgabe empfangen, die mich vorlufig
auf einige Wochen von hier entfernen wird. Sagen Sie den Damen Ihres Hauses, den
lieben Kindern, ein herzliches Lebewohl!
    Rudhard drckte die Hand des jungen Mannes und sprach nur das Einzige:
    Ich danke Ihnen dafr, Wildungen! Es war Ihrer wrdig. Wir sehen uns wieder.
    Siegbert wandte sich und Rudhard ging langsam zum Palais des Frsten.
    Als Siegbert zu seinen Begleitern zurck wollte, waren sie etwas
vorausgegangen. Er konnte so noch Zeit finden, sich zu sammeln und die Thrnen
zu dmmen, die fast bermchtig in seine Augen schossen.
    Louis und Dankmar standen an einer Straenecke, wo sie sich zu trennen
hatten. Siegbert berraschte die Freunde durch den Entschlu, nach Schnau zu
gehen und den knstlerischen Vorschlag Gelbsattel's, den er erzhlte, fr den
Sommer schon jetzt in Angriff zu nehmen. Auch Dankmar, der ihn fragend fixirte,
sprach von der Mglichkeit, da ihn die Entscheidung der ersten Instanz seines
Processes zwingen wrde, nach Angerode zu reisen.
    Dann wnscht' ich vorlufig, da wir den Proce verloren htten, sagte
Siegbert. Der Mutter wegen - mein ganzes Herz fliegt ihr zu.
    Louis, erschreckend, da beide Brder entschlossen waren, die Residenz zu
verlassen, hoffte, sie wenigstens noch zu sehen, ehe sie reisten.
    Siegbert wollte sich eben seinem Atelier, Dankmar dem Gerichtshofe, Louis
seiner Werksttte zuwenden, als ein Wagen an ihnen vorberrasselte und sie aus
dem Schlage gegrt wurden.
    Es war Egon, der mit zwei Bedienten in voller Gala zum Knig fuhr.
    Es schlug zehn von den Kirchthrmen.
    Die Freunde trennten sich. Egon, der sich von einer Scene mit der Grfin
losgerissen haben mute, hatte furchtbar ernst ausgesehen.

                              Dreizehntes Capitel



                               Eine Entscheidung

Es war gegen zehn Uhr Abends.
    Die Lampe brannte dster in einem Zimmer, dessen grnseidene Fenstervorhnge
tief herabgelassen waren. Im Kamin glhte noch etwas die eben verkohlende Asche.
Drauen jagten Carrossen. Die Theater sind beendet. Die groen Gesellschaften
fllen sich. Auch Volksmassen tummelten sich noch. Man hrte an dem lebhaften
Sprechen der Vorbergehenden, das von unten herauf scholl, wie die Gemther
erregt waren. Auch der Schritt wandernder Militair-Patrouillen war dem Ohre
hrbar, das hren wollte und konnte.
    Helene d'Azimont, die zu diesen nicht gehrte, lag ausgestreckt auf einer
Chaise-longue, die in die Nhe des Kamins gerckt war. Das Zimmer war fast
berhitzt. Sie fror. Eingehllt in einen groen Shawl konnte sie sich nicht
erwrmen. Ihre Hnde frstelten. So zitterte das Kinn, da sie laut stammelte.
Diener und Kammermdchen hatte sie abgewiesen. Sie wollte keine Hlfe, sie
erwartete den Tod.
    Schon seit dem Morgen um halb elf Uhr lag sie so.
    Sie war nach Hause gekommen, aus dem Wagen mehr gesunken, als gestiegen und
hatte sich gleich auf ihr Bett geworfen. Die Mdchen entkleideten sie, was auf
ihren stummen Wink geschah. Man wollte zum Arzte schicken. Sie hatte es heftig
ablehnend untersagt.
    Wer an der Thr lauschte, hrte sie oft laut schluchzen. Dann lachte sie wie
wahnsinnig, dann weinte sie wieder.
    Von einer Nahrung, die sie zu sich nahm, war keine Rede. Sie schttelte nur,
todtenbla, ihr entstelltes, von Thrnen fast ungleich gefrbtes Antlitz.
    Meldungen, sogar diejenigen, die Besuche von Rafflard, von Heinrichson
ankndigten, wurden abgelehnt. Sie lag halb erstarrt. Ihr Kopf whlte sich in
ein Kissen, das von Thrnen schon durchnt war. Nur auf vieles Zureden ihrer
Mdchen erhob sie sich und lie sich auf die Chaise-longue fhren, die man an
den Kamin rckte. Gegen Abend heizte man.
    Um sechs Uhr etwa begehrte die Grfin einige Lffel Suppe. Sie a nicht den
vierten Theil eines Tellers und stie den Rest zurck. Die Arme hingen herab vom
Krper, willenlos, schlaff. Die Augen sahen starr oder schlossen sich vor
Erschpfung. Oft griff sie pltzlich nach dem Herzen. Man hatte alle Bnder an
ihren Kleidern aufknpfen mssen. Jeder Druck machte ihr Beengung. So streckte
sie sich wie leblos.
    Gegen Acht wurde sie hrbar. Sie klingelte. Sie machte eine Miene, etwas zu
begehren. Sprechen konnte sie nicht. Die Hand streckte sich nach einem kleinen
Tisch am Fenster hinber und deutete auf die dort gesammelten Zeitungen. Man
wollte sie bringen. Sie schttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang
ihrer Wohnung. Man verstand sie jetzt erst. Sie wollte die Zeitung von diesem
Abend haben. Man ging hinaus, sie zu holen.
    Sie war noch nicht angekommen.
    Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort.
    Endlich kam das ersehnte Blatt.
    Sie erhob sich geisterhaft. Krampfhaft schlug sie das noch nasse Papier auf
und durchflog es.
    Bald entdeckte sie die mit groen Lettern gedruckte Stelle, die sie suchte.
Sie lautete:
    Die Krisis ist noch nicht beendigt. Frst Egon von Hohenberg hat ein
Programm vorgelegt, das die vollstndige Billigung des Hofes erhielt. Die Frage
ist nur die, ob der Frst sein Ministerium wird vervollstndigen knnen. Die
Nachricht einiger Bltter, da er einige jngere Beamte und Offiziere als
Collegen vorgeschlagen htte, ist eine Verleumdung. Vorlufige Liste:
Conseilprsident und Minister des Innern: Frst Egon von Hohenberg. Auswrtige
Angelegenheiten: General Voland von der Hahnenfeder. Krieg: General Arnheim.
Cultus: Propst Gelbsattel. Handel und Gewerbe: Justus. Knigliches Haus:
Geheimrath von Harder.
    Helene warf die Zeitung hin, als wr' es ihr lieber, sie fiele gleich in die
Flamme des Kamins. Sie sah nicht, da der Bediente sie aufhob. Sie hrte auch
nicht, ob er ging oder blieb.
    Ein sanfter Thrnenstrom entflo ihren Augen. Eine unendliche Rhrung schien
sie ber ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen. Erst erquickten sie diese
rinnenden Perlenbche, die aus den heien fieberhaften Augen flossen. Dann aber
gerieth sie doch wieder in lautes Schluchzen und wieder der Brustkrampf stellte
sich ein. Sie mute husten, als wenn sie ersticken wollte. Das Blut, das sie
zuweilen in ihren Tchern erblickte, schien ihr eine Erleichterung.
    Rafflard und Heinrichson lieen sich zum zweiten male melden. Sie nahm sie
wieder nicht an.
    Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen.
    Ohne Hast, ergeben und schmerzlich, ffnete sie es.
    Pauline schrieb:
    Helene, was hr' ich! Sie sind unglcklich ber die glnzende Laufbahn
unsres Freundes! Eben sitzt Egon an meinem Schreibtisch und redigirt eine
genauere Erluterung seines meisterhaften Programms. Zwei Worte, die er fallen
lie, verriethen mir, da Sie eine Scene hatten. Warum Das, Helene? Warum
fliehen Sie mich? Warum schlieen Sie sich nicht unsern groen, bedeutungsvollen
Plnen an? Egon liebt Sie, Helene! Aber stellen Sie sich nicht in den Weg, der
zu seinem Ruhme fhrt! ...
    Egon liebt mich! rief Helene und zerri, kurz den Rest dieses Billets
berfliegend, es in hundert Stcke, die sie zornig in den Kamin warf. Er liebt
mich? Und kann mich mit Fen treten, mich fast an den Haaren schleifen, wenn
ich ihm sage: Vernachlssige mich nicht! Waren die zwei Worte, die er fallen
lie, vielleicht die, da ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat?
Waren die zwei Worte vielleicht die, da ich sagte: So will ich dein Weib sein!
War es die kalte, herzzerschneidende Antwort: Helene, ich mu zum Knig!
Beschme mich nicht mit einem Geschenk, fr das ich dir wrdig zu danken keine
Zeit habe!
    Ein krankhaftes Lachen befiel sie bei diesem Selbstgesprch. Sie sprang auf.
Sie wollte nun Menschen sehen. Sie rief nun nach Rafflard, nach Heinrichson. Es
war aber nach zehn Uhr. Zu spt, um sie noch entbieten zu knnen! Sie
durchschritt die Zimmer, ri die Fenster auf, wollte ausgehen, zog an den
Klingeln, die Diener und Mdchen standen hinter ihr, sie wute nicht, was sie
ihnen befehlen sollte.
    Lat uns allein! rief sie endlich den Dienern. Entkleidet mich! sthnte sie
den Mdchen.
    Langsam schritt sie in ihr Zimmer zurck, lie mit sich geschehen, was man
beginnen wollte und sank in's Bett, bewutlos, ohne Schlaf und ohne Wachen.
Immer horchte das Ohr, ob nicht doch noch Egon kme, und wenn auch nach
Mitternacht! Erst gegen Morgen ergab sich das gequlte Gemth den Forderungen
des erschpften Krpers. Sie entschlief ...
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Helene erwachte.
    Rafflard und Heinrichson hatten sich schon in aller Frhe nach ihrem
Befinden erkundigen lassen. Von Egon fand sie keine Anfragen vor.
    Sie lie sich langsam ankleiden. Sie fhlte sich vom Schlafe nicht gestrkt.
Die Rckerinnerung an die gestrigen Erlebnisse war ihr grauenhaft.
    Um elf Uhr kam Drommeldey, der ihr Aussehen, ihren Puls bedenklich fand.
    Er war nicht ohne Neugier, der Sanittsrath. Er kannte die eigenthmlichen
Verhltnisse dieser gestrten Liebe; noch mehr, da er ein vornehmer Frauenarzt
war, verstand er sich auf die Pathologie der brechenden Verhltnisse. Er
erklrte sie fr einen jener Seelenzustnde, bei denen man vorzugsweise dem
gastrischen Rckschlage vorbeugen msse. Er billigte die Dit der Grfin und
schied von ihr mit den Worten:
    Verehrte, hten Sie sich zwar vor dem berma der Gefhle! Aber dennoch
gesteh' ich, da ich mehr fr das volle Ausbluten des Herzens bin, als fr die
gewaltsame Unterdrckung. Ich wei nicht, was Sie so stren, so bewegen kann.
Aber wenn Sie Kummer haben, meine Gndigste, so nehmen Sie nur den Kelch des
Schicksals gleich ganz, trinken Sie den bittern Schierling hinunter bis zum
letzten Tropfen! In der Wahrheit gegen sich selbst liegt die Genesung. Nur nicht
fliehen vor dem Schmerz! Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen! Beileibe
nicht! Das gibt geistige Blutzersetzungen und erzeugt unterlaufene
Seelenzustnde, die sehr entzndlich werden knnen. Fr heute aber thun Sie mir
den Gefallen, lassen Sie anspannen und genieen Sie die strkende, erfrischende
Luft nicht nur, sondern auch die viel trostreichere und erquickendere
Abwechselung der Gegenstnde, die sich Ihnen bei einer raschen Spazierfahrt
darbieten werden. Versprechen Sie mir Das?
    Die Grfin versprach es nicht nur, sondern erfllte auch des Sanittsraths
Begehren, sogleich anspannen zu lassen. Er wollte sie ausfahren sehen.
    Ich bin noch nicht angekleidet.
    Sie mssen einen Mantel nehmen! Es ist oktoberfrisch ...
    Dabei zog Drommeldey sein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen
portativen Apotheke, die er bei sich fhrte, einige Streukgelchen. Er erklrte
also die Krankheit der Grfin fr eine von denen, bei welcher die Homopathie
zulssig war.
    Drommeldey, ein sehr kluger Weltmann, rhrte die Streukgelchen selbst in
einem Glase Wasser ein und plauderte dabei von Politik, Ministerium, Egon's
glnzenden Talenten, Paulinen von Harder, vom Jahrhundert, Allem
durcheinander. Charakteristisch war, da er bemerkte, man nenne das Ministerium
Egon schon das Blousen-Ministerium und erwarte, da er seine vier bis fnf
Insparables zu Ministern mache. Die gestern angegebene Liste des Jahrhunderts
htte sich schon zerschlagen und man wette noch, da der Kunsttischler Louis
Armand, der ohnehin Heimatsrechte haben solle, das Portefeuille der ffentlichen
Arbeiten erhalte.
    Whrend Helene in seiner Gegenwart leichte Toilette machte und ber alle
diese uerungen des vorsichtig lauschenden Asklepiaden schmerzlich lchelte,
sagte er:
    Apropos, was haben Sie denn mit der Trompetta? Ist sie Ihnen bs?
    Mglich! sagte Helene. Ich habe alle Menschen vernachlssigt. Sie gehrt wol
zu Denen, die Dergleichen nicht verzeihen.
    Gestern, als sie in einer Gesellschaft vom Ministerium Hohenberg reden
hrte, fuhr sie entrstet auf und sagte:
    Wenn sich der Hof so mit der Demokratie und Immoralitt verbndet, brech'
ich mit ihm. Ich widme mein Album der deutschen Flotte.
    Welches Album? fragte Helene, die vielleicht schon oft vom Gethsemane
gehrt, aber fr nichts Sinn hatte, was nicht mit dem geliebten Egon
zusammenhing.
    Drommeldey erklrte ihr diese Sammlung und schlo damit, da die Trompetta
sich nun aus Opposition gegen die ihr und dem Reubunde bewiesene Feindseligkeit
des Hofes entschlossen htte, das Gethsemane zum Besten eines Schiffes der
deutschen Flotte zu verloosen und demselben Zwecke so viel fernere
Betriebsamkeit zu widmen, da sie ganz fr sich allein ein Fahrzeug vom Stapel
laufen zu lassen sich entschlossen htte. Sie studire jetzt Marine und wrde
sich nchstens entscheiden, ob sie die fernere Aufgabe ihres Lebens in der
Begrndung eines Kanonenbootes oder eines Kutters oder einer einfachen
schwimmenden Batterie finden solle.
    Mit diesen absichtlichen Scherzen geleitete Sanittsrath Drommeldey Helenen
an den Wagen und gab dem Kutscher eine genaue Anweisung des Weges, welchen er
eine Stunde lang im Park oder sonst vor den Thoren einschlagen sollte.
    Helene war, als sie mit schwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging, an
der Treppe einem alten gebckten Manne begegnet, der, eine schwarze Binde um die
Augen, an der Wand stehen blieb und sie in ihren Gewndern vorber rauschen
lie. Als einer der Bedienten vom Wagenschlage zurckkehrte, fragte der Alte,
der sich an einer Fubrste sorgfltig die Stiefeln reinigte, ob er den
Professor Rafflard sprechen knne.
    Er ist im Augenblick nicht da.
    Ich hab' ihn in seiner Wohnung gesucht und mchte ihn hier erwarten.
    Der Bediente besann sich, da Dies jener Fremde, Namens Murray, war, mit dem
der vertraute Rathgeber sich vorgestern so lange unterhalten hatte und den er
beauftragt war, mit Vorsicht zu behandeln.
    Professor Rafflard, sagte er, kann jeden Augenblick wieder kommen. Setzen
Sie sich, wenn Sie ihn erwarten wollen.
    Eine Weile hatte Murray, still in sich versunken, auf einen Stuhl im
Vorzimmer sich niedergelassen, als es drauen klingelte und der nebenan in die
Bedientenstube gegangene Diener ffnete.
    Die Grfin zu sprechen?
    Sie ist in diesem Augenblick ausgefahren.
    Wohin?
    In den Park, um sich zu erholen. Der Arzt brachte sie selbst in den Wagen.
    In den Park! wiederholte der Sprecher, der sich, als er einige Schritte
vorwrts that, als Heinrichson erwies. Er war in weien Glaehandschuhen und
einem kalksteinfarbigen, gelbweien, leichten Paletot ber seinem Frack.
    Halb unter der Thr stehend, konnte er Murray nicht sehen.
    Als er sich besann, ob er nicht der Grfin im Park sollte zu begegnen
suchen, stand pltzlich Murray vor ihm.
    Herr! rief Heinrichson erschreckend, hier schon wieder jenen unheimlichen
Mahner an eine alte verdrieliche Geschichte zu finden. Was wollen Sie?
    Sie ist nun todt.
    Wer ist todt?
    Ophelia! Ich sah das Stck in London. Sie war toll. Aber in den Bach sprang
sie nicht. Sie fiel von ungefhr aus dem Fenster. Sie htten es sehen sollen,
Bester. Jesabel starb so. Es htte ein Bild gegeben.
    Heinrichson machte es heute so wie vorgestern. Er lie Murray reden und
entzog sich einer weiteren Errterung durch die Flucht. Dieser geistreiche
Knstler gehrte zu den Menschen, die, wenn man ihnen eine Beleidigung sagt,
behaupten, da sie taub sind. Er war verschwunden wie gekommen.
    Murray setzte sich chzend. Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung
gesprochen und sich doch beherrschen mssen. Der Bediente sah ihn staunend an.
    Kennen Sie den Herrn? fragte er.
    Der groe Knstler Heinrichson! sagte Murray.
    Wer ist denn aus dem Fenster gesprungen?
    Eine Gliederpuppe, die er malen wollte, sagte Murray seufzend. Habt doch
schon so ein Ding bei den Malern gesehen?
    Freilich. Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn. Da sitzt immer eine groe
Puppe mit Kleidern behngt. Daran studirt er ...
    Den Faltenwurf, mein Sohn! Eine solche Puppe hatte er einmal vor Jahren. Sie
war schn! Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmaen, schlank, wie ein
englischer Renner. Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen. Da
wurde sie erst traurig, dann wild und zuletzt toll. Sie tanzte so lange, bis sie
sich im Wirbel drehte, an ein Fenster kam und husch! im Grase lag sie mit ihren
schnen gelenken Gliedern! Morgen frh begrab' ich das arme Ding.
    Der Bediente schttelte den Kopf und deutete fr sich nach der Stirn, als
wollte er sagen, bei Dem ist es wol nicht richtig! Wie er sich in sein Zimmer
zurckgezogen hatte, das durch eine Glasthr vom Vorzimmer getrennt war, hrte
er, wie Murray fters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete. Dann sang
der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den
Fensterscheiben, in deren Nhe er sa. Dem Diener war es jedesmal unheimlich,
wenn es klingelte und er zum ffnen hinaus mute.
    Zuletzt hrte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des
Professors Rafflard, der sich schon auf der Treppe ankndigte. Sogleich ging er
ihm entgegen, ffnete und zeigte auf Murray, der ihn erwartete.
    Ah! Sind Sie endlich da! Was hab' ich Sie erwartet!
    Wo ist die Grfin?
    Ausgefahren, Herr Professor!
    Kommen Sie, mein Bester! Kommen Sie! Jean, wir gehen in das gelbe Zimmer.
Man soll uns nicht stren. Hrst du, Jean? Kommen Sie, Murray! Gehen Sie voran.
    Rafflard ffnete lang ausschreitend und lie Murray, der sogleich
ehrerbietig aufgestanden war, vorangehen.
    Rechts! Rechts! sagte Rafflard. Ihr wit doch noch? So! Hier herein!
    Damit folgte Rafflard, drckte die Thr des gelben Zimmers fest hinter sich
zu, legte den Hut ab und setzte sich erschpft.
    Was bringen Sie? Wie steht es? Was habt Ihr heraus? fragte er und zog eine
Schachtel voll Brustpastillen, erwartungsvoll, was ihm der demthige und sich
berall umblickende Murray wrde mitzutheilen haben.
    Ei Herr, ich denke ja, begann Murray verlegen, ich denke ja, es wird sich so
schicken, wie Sie's wnschen.
    In der That, Murray? Ihr verdient Euch den wrmsten Dank der rechtschaffenen
Familie, von der ich schon gesprochen habe. Erzhlt! Wie weit seid Ihr?
    Wie ich von Ihnen ging, Herr ... Darf ich denn ...
    Erzhlt! Alles!Alles!
    Da ging ich sogleich in meine Wohnung ...
    Brandgasse Nr. 9.
    Nein, in eine neue, die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der
alten miethete ...
    Ihr seid schlau ... Wo ist Das?
    In der Wallstrae Nr. 13.
    Wallstrae ...
    Eine Treppe hoch ... vorn heraus ... ein Sprachlehrer, Signor Barberini war
eben ausgezogen.
    Signor Bar ...
    Es soll, sagte man mir, ein Herr gewesen sein von langer Statur, mit
schwarzer Perrcke und einer verdammt kleinen Nase, aber einem Kinn wie ein
Pavian ...
    Ei, ei! ... Ein Italiener!
    Und Spitzbube! Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer
gesehen haben, nie hat er dort geschlafen. Fast glaub' ich, da er nur dort
wohnte, um seinen Nachbar zu belauschen.
    Ich verstehe ... Aber, wie kommt Ihr ...
    Gerade zu dieser Wohnung? Das will ich Euch sagen, Herr! Ihr hattet von
Frnzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir, wo sie wohne ...
    Richtig.
    Im Hause bemerkt' ich denn auch bald, da der junge Mann, der seiner Familie
so vielen Kummer macht, ein Soldat ist, Namens Heinrich Sandrart.
    Wer?
    Es ist ein Sergeant. Er liebt Frnzchen; er ist wie die Taube, sie ist wie
der Geyer. Sie mag ihn nicht ...
    Nein! Nein! Das -
    Ich versichere Sie, Herr! Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Mrtens und
blst die Flte. Sie bringen den an's Ende der Welt, wenn Franziska Heunisch
entfhrt wird ...
    Aber -
    Ohne Rathgeber, fuhr Murray in seiner trockenen, ruhigen Weise fort, ohne
Rathgeber und Vertraute kommt man in groen Wagstcken nicht weiter!
    Aber -
    Ich vertraute mich meinem Nachbar.
    In der Brandgasse?..
    Nein, in der Wallstrae. Es ist ein Landsmann von Ihnen.
    Louis Armand! Ein Pariser, Kunsttischler, Vergolder ...
    Freund des Prinzen Egon ...
    Ich hoffe, Freund, Ihr habt keine dummen Streiche gemacht!
    Euern Landsmann wollt' ich zum Vertrauten whlen.
    Seid Ihr toll?
    Vorgestern Nachmittag wollt' ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen.
Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe. Oben war sein Comptoir
verschlossen. Ein Anschlag verweist in den Hinterhof.
    Also ...
    Konnt' ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen ...
    Zum Henker! Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen?
    Ich schtze den Mann seit lange.
    Ihr kanntet ihn ja nicht!
    Louise Eisold, meine Nachbarin, lehrte mich ihn kennen.
    Aber Freund, Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit -
    Nein! Ihr mt wissen, Herr, da ich nach vielen wilden Dingen, die schwer
auf meinem Gewissen lasten, zuweilen trbsinnig bin, schwarzsichtig. Da ist's
mir eine Freude geworden, neben der Louise Eisold zu wohnen. Sie frchtet sich
zwar vor mir, das nrrische Ding; aber singen hr' ich sie doch gern, und wie
sie einmal ein Lied sang, das mir ausnehmend gefiel, ging ich zu ihr und klopfte
an. Das sind acht Tage her ...
    Wozu soll Das?
    Ich klopfte bei ihr an und sagte: Louise, seit dem Tage, wo Ihr mir das Glas
Wasser vom Brunnen holtet, sprachen wir uns nicht. Ich habe seitdem viel Leids
erlebt. Ich kam in dies Land, um hier zu sterben. Ich habe eine ernste Pflicht
vor meinem Tode zu erfllen, einer von elenden, nichtswrdigen Menschen mit
Fen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, dann will ich mein
zweites Auge zuthun, das erste hab' ich schon daran gewhnt, nichts mehr von der
Welt zu sehen ...
    Rafflard rckte mit seinem Stuhle ungeduldig hin und her und ri zornig
seine Augen auf ...
    Ihr singt so schn, sagt' ich dem Mdchen, fuhr Murray in ungestrter Ruhe
fort. Ihr singt so schn, mein gutes Kind, und ich mu Euch danken, da Ihr
meine Hoffnung damit aufrichtet. Was ist Das fr ein Lied, das Ihr eben sangt?
Da nannte sie einen Franzosen, Louis Armand, der es gedichtet hat ...
    Rafflard horchte beruhigter. Diese Mittheilung schien ihm nicht ganz
ungehrig zu sein.
    Ich bat um die Strophen, fuhr Murray fort, und sie gefielen mir. Das waren
Worte, wie sie im Herzen des fhlenden Freundes der Armen widerklingen mssen.
Louise Eisold hatte sich selbst dazu eine Weise erfunden. Es war Schwung darin,
Rhythmus, Harmonie ...
    Wetter! sprang Rafflard auf und stand wie starr ber diese gebildeten Worte.
Treibt Ihr Musik? fragte er tonlos. Was ist Das?
    Murray besann sich, stockte eine Weile und sagte dann:
    Eh' ich meinen ltern davon lief, hatten sie viel auf mich gewandt. Ich
strich die Violine und verstand mich besonders auf die Doppelgriffe ...
    Ha! Ha! lachte Rafflard, der den Doppelsinn auffate, den Murray mit
schlauer Miene absichtlich in die musikalische Terminologie legte, und sich
beruhigte ...
    Seitdem, fuhr Murray fort, schtz' ich Louis Armand und wnschte, ihn kennen
zu lernen. Die Gelegenheit fand sich. Das Vertrauen, das Ihr mir geschenkt habt,
Herr, fhrte mich dem Frnzchen Heunisch in die Nhe. Gestern frh macht' ich
des Dichters persnliche Bekanntschaft.
    Und ...
    Es war nach zehn Uhr. Er kam verstimmt nach Hause. Ich hrte ihn von dem
Zimmer aus, das ich mir fr acht Tage gemiethet hatte. Ich ging zu ihm und fand
einen jungen, geflligen Mann ...
    Wozu gefllig?
    Erst sprach ich von seinem Gedicht, von Louise Eisold, ihren Geschwistern
und was sich so ergibt aus der kleinen Welt, in der diese Menschen leben. Dann
kam auch Heinrich Sandrart ...
    Was wollt Ihr denn mit ...
    Der junge Mann, der seine Eltern so bekmmert?
    Ich bin auf der Folter ...
    Louis Armand gestand es ja ein.
    Gestand es ein? Was?
    Da Heinrich Sandrart Frnzchen liebt. Und als ich ihm den Wunsch der Eltern
oder Verwandten aussprach, durch eine Entfernung Frnzchen's auch Heinrich
Sandrart zur Vernunft zu bringen, erbot er sich, mir um so mehr die Hand zu
reichen, als eben an ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Mdchens angekommen
war ...
    Welcher Onkel?
    Den Ihr kennt! Ihr kennt ja die Verwandten? Herr!
    Murray! Murray! Ihr habt klger sein wollen, als ich ...
    Herr, sagte Murray, ich habe Gewalt vermeiden wollen.
    In Teufels Namen, wenn Sie einem Banditen sagen: Stich Den und Den nieder
und der Bezeichnete ist eben im Begriff, sich selbst an den nchsten Baum
aufzuknpfen, wird der Bandit ein Esel sein und erst noch einen berflssigen
Mord auf seine Seele laden? Der Onkel schreibt an Louis: Veranlassen Sie
Frnzchen zu mir zu kommen! Ich bin nicht wohl! Die Ursula Marzahn will sterben.
Frnzchen soll nur diesen Winter bei mir bleiben ... Die Ursula Marzahn, Herr,
darf nicht sterben! Wissen Sie, Herr, sie darf nicht! Kennen Sie die Ursula,
Herr?
    Damit war Murray aufgesprungen und hatte sich dicht vor Rafflard
hingestellt, der nicht wute, wie ihm geschah. Er sah die Aufregung des Alten
und mute ihn, aus Furcht, ihr Gesprch drfte zu laut werden, gewhren lassen.
    Murray besann sich und nahm wieder Platz.
    Nach einer Weile, whrenddem Rafflard nicht mehr wute, was er aus seinem
Gegenber machen sollte, fuhr dieser fort:
    Ist einmal Franziska im Hohenberger Walde, so nimmt Sandrart, dem es schon
lngst in seiner bunten Jacke zu eng ist, den Abschied und der Zweck, den Ihr
wollt, ist erreicht. Nicht so, Herr?
    Rafflard erhob sich jetzt und warf seine Zuckerdose rgerlich auf den Tisch.
    Welch' ein Thor Ihr seid, Alter! rief er. Welche alberne, kindische
Geschichte Ihr erfunden habt! Wer hat Euch denn gerathen, weise zu sein,
nachzudenken, Finessen zu machen! Wenn Leute Eures Schlages diplomatisch werden
wollen, kommt nur Verkehrtes an den Tag. Sie soll fort! Heute noch! Und Der, der
Ihr folgen soll, Der, den sie liebt und der sie wieder liebt, ist nicht der
Soldat da, sondern ...
    Ha! Ha! Ich wei es, rief Murray rasch, der, der sie liebt, ist ein
Sprachlehrer, Namens Sylvester ...
    Rafflard wandte sich, um nicht sein Erschrecken zu verrathen.
    Herr Sylvester! fuhr Murray fort. Ja! Ja! Sie hat ihn auf dem Fortunaballe
kennen gelernt. Er hat ihr Sprachunterricht geben und sie verfhren wollen.
Herr, dieser Sylvester ist es! Eine lange Figur, schwarze Perrcke, auch die
verdammt kleine Nase, auch das Kinn des Pavians ... wie ich sehr vermuthe, der
Doppelgnger des Signor Barberini, Herr ... Meinen Sie nicht? Es ist Der?
    Rafflard, ohne sich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewiesen,
sagte leise und zitternd:
    Auch Der nicht!
    Zum Henker! So sagen Sie's, wer es ist! donnerte Murray.
    Dieser selbe Louis Armand ist's! Habt Ihr, Wahnsinniger, denn nicht bemerkt,
da nur er, er es ist, den Franziska liebt? Habt Ihr Euch in Eurer tollen
Weisheit so hinter's Licht fhren lassen, da Ihr nicht merktet, da er sie
vergttert und sie bis an's Ende der Welt aufsuchen wrde, wenn es hiee, sie
ist in Hamburg, in London ... wo wei ich, Ihr alter Snder Ihr!
    Murray blieb auf diese Worte in einer eigenthmlichen Stellung sitzen. Er
hatte das linke Bein ber das rechte gelegt und hielt es mit beiden Hnden,
unruhig an ihm rttelnd, fest. Es schien, als mte er durch diese Bewegung eine
groe innere Unruhe im Zaume halten ...
    Dieser Louis Armand ist es, fuhr Rafflard fort, dessen communistische
Trumereien hiesigen achtbaren Familien, mit denen er in Verbindung steht, die
grten Gefahren drohen. Wenn etwas ihn entfernen kann, etwas ihn in die Welt
jagt, um sich zu ndern, zu bessern, Menschen kennen zu lernen, so ist es die
Unruhe ber das Loos jenes Mdchens, das er zu heirathen entschlossen ist. Es
ist ein Werk der Sittlichkeit, der Erziehung, der Besserung, das Ihr frdern
solltet, Murray, und so verkehrt habt Ihr es angefat!
    Nun denn, sagte Murray ruhig. Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen,
Herr? Was erhalt' ich, wenn ich heute Abend mit Franziska Heunisch nach dem
Walde von Hohenberg abreise und morgen frh Louis Armand es ist, der uns dorthin
folgt?
    Das ist nichts, sagte Rafflard. Auf Monate mu er entfernt bleiben. Entfhrt
das Mdchen, wohin Ihr wollt! Louis Armand mu weit weg avisirt werden.
    Wie aber, wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stcken auf dem
Schlosse Hohenberg bliebe?
    Rafflard horchte auf ...
    Murray zog seine Brieftasche, ffnete sie langsam und nahm ein Billet
heraus, das er dem, jeder seiner Bewegungen erstaunt folgenden spinnenbeinigen
Professor mit den Worten berreichte:
    Der Bravo lauerte hinter einem Baume, an dem sich sein Opfer eben selbst
erhngt!
    Von wem ist das Billet? fragte Rafflard befremdet wieder ber das Wort Bravo
...
    Louis Armand empfing es gestern Abend um die zehnte Stunde.
    Rafflard las:
    Mein theurer Louis, soeben komm' ich vom Schlo. Der Knig und seine ganze
Familie haben mir ein Vertrauen bewiesen, das ich ehren mu. Mein Programm ist
angenommen. Es kommt nur noch darauf an, Mnner zu finden, die sich in meine
Ideen einzuleben vermgen und meine Collegen werden. Sind diejenigen Namen, die
selbst eine Politik vertreten mchten, zu stolz, sich meinen Ansichten zu fgen,
so befiehlt der Monarch einigen Bureauchefs, sich meinen Befehlen unterzuordnen.
Jetzt, Louis, hab' ich eine Bitte! Die Geschfte des Staates werden mich so in
Anspruch nehmen, da ich mich meinen eignen Angelegenheiten vllig entziehen
mu. Erweise mir die Geflligkeit und reise in meinem Auftrage nach Hohenberg!
Es wre mir lieb, wenn du schon morgen gingest. Ich mu wissen, wie es dort
aussieht, was der neue Generalpchter beginnt, ich habe Ursache, auf die
Wiederherstellung meiner ueren Verhltnisse den grten Werth zu legen. Sollte
ich bei der berflle der Zumuthungen, die mir jetzt werden gestellt werden,
dich, meinen theuersten Gefhrten und Bruder, nicht mehr sehen knnen, so
entnimm vom Banquier von Reichmeyer Alles, was du zur Bestreitung dieser Reise
bedarfst. Beaufsichtige den Zustand meines ganzen kleinen Frstenthums, den ich
nicht lnger vernachlssigen will! Nimm dir Zeit dazu und sorge, da fr das
bevorstehende Frhjahr Alles so in Angriff genommen wird, als es nthig ist, um
mit Ackermann einverstanden zu bleiben. Lebe wohl, Louis! Der unsichtbare
Genius, der uns verbunden, schtze dich und mich! Dein Egon!
    Rafflard's Mienen verklrten sich sonnenhell. Einen solchen Einblick in die
innersten Angelegenheiten seines ihm so feindseligen Zglings hatte er nicht
erwartet!
    Wo habt Ihr das Billet her, Murray? fragte er und hustete sich aus. Das
Bcken beim Lesen hatte ihn angegriffen.
    Von Louis selbst! sagte Murray in seinen frheren dumpfen brtenden Ton
zurckfallend.
    So vertraut seid Ihr mit ihm?
    Ea war zehn Uhr Abends, als dieser Brief ankam. Ich hatte drei Stunden mit
ihm allein gesessen ...
    Drei Stunden ...
    Ich hatte ihn traurig gefunden; denn er nahm Abschied von einem Freunde,
Namens Siegbert Wildungen, der nach einem Dorfe Schnau reist -.
    Schnau? In der That! rief Sylvester mit groer Befriedigung ...
    Er nahm Abschied von einem anderen Freunde, Namens Dankmar Wildungen, der
einen wichtigen Proce in erster Instanz verloren hat und nach Angerode in
Thringen reist, um sich neue Hlfsmittel zu einem groen Unternehmen zu holen
und eine kranke Mutter zu sehen ...
    Murray! Du bist ein Freudenbote!
    Er nahm Abschied von einem Geistlichen, Namens Rudhard, der in diesen Tagen
die Residenz mit der ganzen Wsmskoi'schen Familie, die Frstin ausgenommen,
verlassen will!
    Rafflard stand auf. Dieses natrliche Lsen der Kette, die sich um Egon
geschlungen hatte, erwartete er nicht ...
    Ich fand Louis Armand, fuhr Murray fort, gestrt, unglcklich, in Thrnen.
Ich wollte ihn zerstreuen, trsten. Ich bin unglcklich mit meinen Trstungen.
Als es zehn Uhr schlug, kam dieser Brief ...
    Er wird gehen?
    Er ist schon fort. Morgen, wenn ich eine Todte begraben habe, folg' ich ihm
mit Franziska Heunisch ...
    Ihr mit dem Mdchen?
    Warum nicht?
    Euch vertraut er sein Theuerstes?
    Mir nicht, warum nicht mir?
    Murray! Ha! Ha! Murray, wodurch habt Ihr ihn so bezaubert?
    Durch die Wahrheit!
    Welche Wahrheit?
    Die Wahrheit meines Lebens, mit der ich in drei Stunden ihn zu zerstreuen
suchte.
    Ha! ha! Und da glaubt er Euch? Das ist lustig, Murray! Ha! ha! Aber Ihr
wollt das Mdchen nun in den Wald fhren zu Louis Armand? Alterchen, wie wr' es
doch, wenn man lieber einen Ort ausfindig machte, wo der allerliebste kleine
Engel nur Euch und zuweilen mich she! Wenn man mit dem Nutzen im Allgemeinen
hier noch einen Vortheil fr sich im Besondern verbnde. Murray, wenn man das
schne Mdchen irgendwo versteckte, knebelte ... Ihr wit zu bezaubern. Wodurch
habt Ihr diesen Armand gewonnen?
    Noch mehr! Durch die Wahrheit ber Euch, Rafflard, habe ich ihn ganz
gewonnen!
    Rafflard richtete sich auf, wie vom Donner gerhrt. Das war ein Wort, das
ihm die lsternen Lippen erstarren machte.
    Durch die Wahrheit, die ich Euch verschwiegen habe, Elender!
    Murray!
    Rafflard!
    Seid Ihr toll? rief Rafflard, dem es war wie ein pltzlicher berfall.
    Barberini! Sylvester! Jesuit!
    Wahnsinniger! sthnte Rafflard und sprang an die Thr.
    Murray ihm zuvor. Beide rangen um den Ausgang ...
    Durch die Wahrheit, donnerte Murray und packte den langen Feigling fest im
Genick, durch sie hab' ich einen Edlen gewonnen, der schauderte, als er erfuhr,
da ich zu Eurem verbrecherischen Antrage nur schwieg, weil ich ihn hren, ganz
hren, Euch ganz entlarven und Die, die er betraf, warnen wollte.
    Lgner! krchzte Rafflard und wollte die Thr gewinnen.
    Ich log mich als Snder, sagte Murray ihn zurckschleudernd, als elenden
Helfershelfer Eurer tckischen Plne, weil ich das erste mal, da ich den Namen
Franziska Heunisch hrte, zitterte, denn ich habe Ursache, Menschen, die mit dem
Geheimnisse meines Lebens zusammenhngen, zu schonen, zu schtzen, wie ein Engel
zu bewahren. Du Teufel, glaubst, da ich der Hlle entstammt bin wie du! Was
Heinrich Sandrart! Was die gemiethete Wohnung! Nichts von Allem ist wahr, als
da dein Nebenbuhler dir von selber weicht! Aber auch das Opfer, das du ihm
nicht gnntest, ist die entrissen. Ich werde Franziska schtzen. Diese Tcke ist
dir mislungen, Elender!
    
    Rafflard war auf seinen Stuhl zurckgesunken, todtenbleich. Murray hatte
sein Terzerol gezogen. Rafflard verzog keine Miene. Seine Geistesgegenwart war
erschttert, aber sie verlie ihn nicht ganz. Aus den letzten Worten Murray's
entnahm er, da er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen
reizenden Mdchens voraussetzte. Er ergriff rasch den Gedanken, sich durch Humor
zu helfen. Frech zog er eine Brse hervor und sagte, sie in die Luft werfend,
lachend:
    Murray, Das war dir bestimmt! Nimm! Ich erkenne, du gehrst zu Denen, die
sich hten, rckfllig zu werden. Es ist nie gut. Ihr habt Recht! Ja, ja, Alter!
Ich habe den Fehler, verliebt zu sein in Mdchen mit wchsernen Augenlidern und
schwarzen, langen Wimpern. Es ist eine Narrheit, der zu Liebe ich sogar Komdie
spiele und den Sprachmeister mache, franzsischen und italienischen Unterricht
gebe! Ha! ha! Alter, nimm! Wir wollen uns vershnen ... im Geiste der Liebe!
    Murray stie die Brse zurck. Sein Scharfsinn sagte ihm jetzt, da er sich
in der Voraussetzung eines Attentats auf die Unschuld Franziska's mchte geirrt
und die Ursache der Rafflard'schen Antrge vielleicht noch eine ganz andere
wre. Er wollte forschen und migte sich ...
    Dankt Gott, sagte er, dem Gott, dessen Namen Ihr in meinem Kerker und dem
des Mdchens, das ich morgen begrabe, unntzlich fhrtet ...
    Das schne Mdchen, mit dem Ihr auf dem Fortunaballe ergriffen wurdet ...
lenkte Rafflard ein, erleichtert, da er auf einen andern Gegenstand kommen
durfte ...
    Ist todt ... sagte Murray, der bei diesem Gedanken alle Vortheile seines
Sieges ber den Elenden aufgab.
    Wie kam Das, Alterchen?
    Wohl so, wie es manchem Mdchen von wchsernen Augenlidern und langen
Wimpern gegangen wre, wenn Ihr eine schnere Nase httet und ein menschlicheres
Kinn!
    Ich wnschte, Murray, versuchte Rafflard zu scherzen, Ihr nhmet lieber das
Geld und lieet etwas mehr von meiner Schnheit gelten. Ihr macht Euch bitter
bezahlt ...
    Bessert Euch und belgt die Welt nicht mehr! sagte Murray, legte die frher
empfangenen Dukaten auf den Tisch und wandte sich zum Gehen, da er in dem
Nebenzimmer Gerusch, Threnschlagen, rasches Laufen hrte.
    Rafflard, aufathmend, begleitete ihn mit aller Freundlichkeit, schlug ihn
auf die Schulter zur Vershnung und lie ihn aus dem gelben Zimmer mit den
Worten:
    Alterchen, wir bleiben doch Freunde! Die Philosophie verbindet uns. Auf
Wiedersehen, wenn Ihr aus Hohenberg zurckkommt. Ihr seid in das kleine Ding
verliebt und eiferschtig auf mich! Verstellt Euch nicht! Fhrt sie in den Wald!
Lebt glcklicher mit ihr als mit den Damen, unter deren Ruf Ihr leidet und die
Euch sterben, wenn sie Euch Geld gekostet haben. Auf Wiedersehen, Murray! Lebt
wohl, alter Freund!
    Der lange, zudringliche Mann entlie Murray scheinbar wie seinen besten
Freund.
    Murray ging und seufzte ber die verwilderte Phantasie eines Schurken, der
nicht im Stande war, irgend noch ein Verhltni rein und sittlich aufzufassen.
    Das Entzcken, in dem Rafflard ber die freie Bahn, die sich nun zwischen
ihm, Egon und Helene d'Azimont erffnete, sollte aber nicht lange whren. Er
sollte bald kennen lernen, da Egon einer jener Menschen war, die ber jede
Berechnung hinauswachsen. Kein Mastab pat auf Individuen so flugschneller
Entwickelung.
    Wie der Jesuit die Bedienten nach der Grfin fragte, wie man ihm sagte, sie
wre zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zurckgekommen, htte aber vom Frsten
Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen, wute er, ohnehin noch
erschttert, nicht, was er thun sollte. Seit zwei Tagen hatte er sie nicht
gesprochen. Alle seine Plne gingen so gnstig vorwrts. Er hatte der alten
Grfin nach Paris die besten Versicherungen schreiben knnen, da er sich ihrem
Auftrage, eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befrdern, mit dem
gnstigsten Erfolge unterzge. Helene hatte er seit vorgestern frh nicht
gesehen. Er hoffte, sie mit der Aussicht, da der Bund, der sich um Egon
gebildet hatte, zersprengt, zerstreut, entfernt war, auf's angenehmste zu
berraschen, und nun hrte er, da sie weine, krank wre, ihn abweise und sich
schon wieder eingeschlossen htte!
    Eine lngere Ungewiheit ertrug er nicht. Er nherte sich der verschlossenen
Thr und lauschte. Es war ihm, als hrte er weinen.
    Um des Himmels Willen, dachte er, was hat die Grfin vor! Was ist geschehen?
    Er ffnete leise das Metallplttchen ber dem Schlsselloch. Die Bedienten,
denen der Zustand ihrer sonst so gutmthigen und freundlichen Herrin Besorgnisse
einflte, untersttzten ihn in seinem Beginnen.
    Er konnte Helenen nicht sehen. Der Schlssel, der von innen steckte,
verhinderte es.
    Aber deutlich hrte er, da sie weinte und mit den Zhnen klapperte wie eine
Fieberkranke.
    Jetzt hielt er sich nicht lnger. Er klopfte.
    Helene antwortete nicht.
    Er klopfte strker und rief durch das Schlsselloch:
    Beste, theuerste Freundin, was beginnen Sie! Lassen Sie mich hinein, Ihr
wrmster, aufrichtigster Freund mu Sie sprechen! Es sind Wunderdinge geschehen.
ffnen Sie, Grfin!
    In der That hrte er die Grfin gehen. Sie erhob sich. Er hrte ihr Kleid
rauschen. Sie schlo auf.
    Wie er eintrat, sah er eine Jammergestalt. Die Wangen der schnen Frau waren
wie grau. Die Augen erloschen. Die Hnde schlaff herabhngend. Er fate die
Rechte, sie zu kssen. Sie war eiskalt.
    Aber, was ist Das? rief er. Grfin! Ich komme, um Ihnen zu sagen, da von
morgen, vielleicht schon von heute an der Frst von allen seinen Umgebungen
gnzlich verlassen ist. Er wird Minister. Das ist wahr. Aber die Stunden der
Mue, der Erholung, deren er nur zu sehr bedarf, werden unverkrzt Ihnen
gehren. Wieweit sind Sie?
    Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief.
    Es war dieselbe Handschrift wie die, die er eben an Louis gerichtet gesehen
hatte. Egon schrieb an die Grfin eine Entscheidung ihres Schicksals.

                              Vierzehntes Capitel



                                  Zum Lebewohl

Der schmerzliche Accord, der durch unsre ernster tnende Erzhlung fhrt,
lautete:
    O es ist wol eine der herbsten Entbehrungen, Helene, die sich der Mensch
auferlegen kann, wenn er sich dem Arme der Liebe entwindet. Ich habe lange
gerungen, mich von den grauen und dstren Vorstellungen, die mein Gemth
umschatteten, zu befreien. Ich kann nicht anders; ich bin den finstern Mchten
der berlegung verfallen und was ich auch beginne, mich wiederaufzuschwingen zu
einem groen, vorurtheilslosen, freien Blicke ber das Leben hin, ich kann es
nicht. Ich erflle mein Schicksal.
    Was mich zu dir fhrte, geliebte Helene, hab' ich oft dankend gestammelt. Es
war nicht deine Schnheit allein, nicht die Gte deines Herzens, die sorgsame
Liebe und Sorgfalt, ja leidenschaftliche Vergtterung Dessen, was du einmal in
das Heiligthum deines Herzens eingeschlossen hattest, es war ebensoviel von
meinem eignen innern Drange, gerade Das, was ich in dir fand, gerade Das zu
besitzen. Ich rmster hatte der Liebe so wenig gefunden im Leben! Liebe ist das
behagliche Glck der reinsten Menschlichkeit. Liebe ist das stille Ausruhen an
einem Platze, wo es allen Sinnen, den innern und uern, wohlergeht. So
glcklich war ich zwei mal! In Lyon und in Enghien!
    In Paris verlor ich Louison. Ich verlor diese Liebe an Paris selbst. Es
gehrt zur Liebe ein schlummernder Mensch, der wenig bedarf, wenig begehrt, viel
trumen kann. Ein solcher war ich nicht mehr, als ich die groe Weltstadt sah,
das Gewhl der Menschen, die von Interessen und Meinungen durcheinander gejagt
werden. Louison's liebliche Gestalt reichte bis zu den Phantasieen nicht mehr
hinauf, die mich in der groen Weltstadt zu umgaukeln anfingen. Und doch wollt'
ich entsagen, wollte nicht sein und scheinen was ich war, wollte mich verbergen,
lernen, mich bilden. Ich mochte den Begriffen, denen ich in Lyon Treue
geschworen hatte, nicht entsagen. Da fand ich Alles, was ich vermite, in deiner
Liebe! Du hast mich geliebt, Helene, wie die Mutter, die sich vom Gatten
abwenden mu, ihr Kind anbetet und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu lutern
glaubt! Du fingst an, dich selbst zu lieben, dir selber zu gefallen, als du
deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabst! Aber auch damals, theures
Wesen, warst du mir nur der Widerschein eines innern Bildes, die Befriedigung
eines von mir selbst gefhlten Bedrfnisses, ein Gedanke, eine Stufe der
Entwickelung, ein Standpunkt zur Anschauung des Lebens. Ach, da es so ist! Aber
wer kann es leugnen? Ich war glcklich, bei dir von einem Irrthume, einer Grille
auszuruhen. Du nahmst mich ohne Ansprche. Du wolltest nicht, da ich glnzte,
meinen Ruf wiederherstellte. Du liebtest nur mich, die Person, mein Lachen, mein
Weinen, mein Hoffen, mein Klagen, den Menschen, den schwachen, trumenden,
bequemen Menschen, der mit der Welt grollte, mit den Seinigen gebrochen hatte
und ber eine Zukunft philosophirte, die er sich nach den Stimmungen des
Augenblicks wechselnd und immer anders ausmalte. Die Flamme brannte und nahm den
Docht, wo sie ihn fand. Das Zuflligste machte uns glcklich und Unterhaltung
fanden wir in uns selbst.
    Eine schmerzliche Reue trennte uns. Du weit, Helene, wie ich mich pltzlich
aufgeschreckt fhlte. Ich konnte so, wie sonst, nicht zurckkehren zu dir! Ich
hatte Louis Armand wiedergesehen und fand in ihm noch alle die Keime der
Gedanken wieder, die ich in mir selbst erstickt hatte. Ich gab dich nicht auf,
Helene! Das weit du wohl. Ich floh nicht vor dir, sondern vor mir selbst. Ich
floh vor dem Bilde der Trgheit, der zwecklosen Trumerei, das mir von mir
selber vorschwebte. Ich floh vor den Jahren, um die ich den Schpfer betrogen zu
haben glaubte. Unschlssig ber mich selbst kam ich hier an. Louis dachte fr
mich, handelte fr mich. Ich folgte seinen weiseren Anordnungen. Die Reise nach
Hohenberg, die Krankheit ist dir bekannt, auch unser Wiedersehen, Helene! Frage
den Gott der Liebe, ob es falsche Schwre waren, die ich in der Seligkeit dieses
Wiedersehens gelobte ... sie waren nicht untreu gemeint. Aber ich fhle es, die
Art, in der ich allein noch, was ich damals verhie, ausfhren kann, wird dir
nimmer gengen.
    Ich habe angefangen, Alles, was ich seit Genf, seit den deutschen
Universitten, seit Lyon und Paris ber die Gesellschaft und das Staatsleben
gedacht habe, jetzt in ein System zu bringen. Ich mu den Anfang eines
mnnlichen Berufes machen. Ich bedarf jetzt einer unendlichen Freundschaft, kann
aber nur sie, nicht die Liebe, erwidern. Ich fhle mich zur Liebe, zur Hingabe
ebenso zerstreut, matt, ohnmchtig, wie glhend ich die uneigenntzige,
blindeste, treueste Freundschaft bedarf. Es ist mir jetzt, als wenn Mnner, die
etwas Groes wollen, nicht in der Weise, wie es die Dichter besingen, lieben
knnen. Werf' ich dir vor, da du es verschmhst, von meinen Almosen zu leben,
von den Blicken zu zehren, die ich in Sturmeseile einen Augenblick innehaltend
dir flchtig zuwerfe? Wrst du selber ehrgeizig, du begngtest dich mit ihnen.
Aber du bist es nicht. Du willst nur Liebe, das Glck des stillen, ungestrten
Besitzes. Du bist eine Lebensdichterin! Ich bin, wenn ich in allen meinen
Hoffnungen und Entwrfen einst scheitern werde, hchstens so glcklich, der
Gegenstand eines Dichters zu werden, der mich mit einem Gebet fr meine Seele,
mit einer Entschuldigung fr die Welt, in seiner Darstellung einschaufelt.
    Du hast dies Leiden gefhlt, Helene, und mir gestern, als ich so grausam, so
kalt war, wieder von dem Worte gesprochen, das du schon einmal fallen lieest,
du wolltest mein Weib werden! Helene, da ein Wort, worin fr ein Weib ihre
ganze Kraft, ihre ganze Allmacht liegt, hier wie ein Almosen klang, das nicht
einmal du gabst, sondern du nahmst! Mein Weib! Helene, du mein Weib! Da ich
verneinend so auffuhr, da ich so wild strmte, was war es denn, als da ich
dich fr zu hochhalte, um mit dem Bettelpfennig der Ehe die Schuld abzutragen,
die du an meiner Liebe zu fordern hast! Soll die Berechtigung der Ehe harren und
warten, bis ich geneigt sein kann, gedrungen mich fhle, die starre Form zu
beleben und zu beweisen, da die Ehe nicht das abfallende Saamenkorn der Blte,
sondern die Blte in ihrer vollsten Schne und reichsten Entfaltung sein soll?
In dem Augenblick, Helene, als du von der Ehe sprachst, da sah ich dich mit
einem Blatt Papier und einer Feder in der Hand. Schreibe, da du mich lieben
willst oder kraft dieses Blattes mach' ich dir das Leben zur Hlle! So klang es
mir in's Ohr. Mut' ich nicht fliehen?
    Ich bin nun Minister eines groen Staates. Ein Beruf von unsterblicher
Bedeutung! Ich habe volle Gelegenheit, mich zu tummeln und werde wenig Abende -
von Tagen red' ich nicht - wenig Nchte ganz mein nennen knnen. Trumen,
Helene, wird von dir der erschpfte Geist. Im Traume von dir werd' ich
Erquickung finden. Diese Furcht vor Dem, was mich binden, mich von meinen
Geisteszielen entfernen knnte, geht so weit, da ich auch von Louis Armand fr
diesen Winter Abschied genommen habe. Er geht nach meinem vterlichen Schlosse
Hohenberg.
    Auch die jungen Wildungen, die Beide die Residenz verlassen, lass' ich gern
ziehen. Alle Drei sind mir theuer geworden, aber ihre Idealitt und trumerische
Unbestimmtheit drckt mich. Sie stellen mir Zumuthungen auf den Grund von
Voraussetzungen, in denen sie sich irren. Ich habe die Blouse getragen, habe den
Hobel gefhrt, es war keine Grille. Aber, wer sagt denn, da ich darum die
Ordnung der Welt auskehren will? Ich habe mir das Leben selber gestalten wollen:
ich mochte vom Schicksal keine Gunst, die ich mir nicht erworben. Allein Das,
was mir persnlich zu Nutzen kommt, wird doch nie eine Verbindlichkeit fr Andre
werden sollen? Ich bin froh, auch von dieser Seite frei zu sein und von einem
der fatalsten bel nicht gepeinigt zu werden, der Behinderung durch
freundschaftsberechtigte Rathgeber, vor Denen man Alles vorher errtern und
nachher rechtfertigen soll. Fhl' aus diesen Worten nichts Kaltes, nichts
Liebloses heraus! Die Menschheit kann halbe Persnlichkeiten nicht mehr
brauchen. Man mu sich ganz einsetzen und fr seine Wahrheiten oder Irrthmer
allein aufkommen, sagte auch die Welt: dieser Mensch ist ein Dmon.
    Ich schreibe dir diese Worte nach einer schlaflosen Nacht in frhester
Morgenstunde. Es ist ein Abschied, Helene! Ich kann, ich darf dich vor einem
langen Zeitraume nicht wiedersehen. Kehre nach Paris zurck! Such' einen stillen
Ort an einem italinischen See! Bete fr mich! Knie an einem Kreuz im Thale und
bitte Gott, den Wanderer da oben auf hohem Felsenriff zu behten!
    Ich kann dich in meinem jetzigen Leben - vergib mir den kalten Ausdruck -
nicht unterbringen. Versprich mir, ruhig zu scheiden. Versprich mir, wie Einem,
der zum Tode geht, ihn durch deine Liebe nicht mehr zu erweichen und zu
verhindern, da er gefat und seinen Henkern zum Trotze ohne Thrnen sterben
kann! Ich bitte dich darum, Helene! Es kommt eine Zeit, ich ahn' es, wo ich
wieder Liebe bedarf. Dann werd' ich am Wege liegen, verwundet, verschmachtet und
hrt' ich dann den Ton deiner Stimme, sh' ich dann den Saum deines Kleides, wie
wollt' ich die Samariterin segnen! Jetzt la mich ziehen! Dank fr deine Liebe,
Helene! Lebe wohl! Lebe glcklicher, als du durch mich geworden wrst. Bekmpfe
deinen Schmerz durch deinen Stolz! Gehre dem Leben, das du so hold verschnern
kannst! Verla diese Stadt! Es kommt eine ernste Zeit! Was du auch von mir
hrst, verzweifle nicht ganz an mir! Lebe wohl! Nicht auf ewig! Aber fr jetzt -
Lebe wohl!
    Als Rafflard sah, da die Grfin entschlossen war, diesem seltsamen Briefe
Gehr zu geben, als er sah, da sie ausgerungen, ihre Rechnung nach tausend
Thrnen abgeschlossen hatte, wagte er nichts mehr von den alten Plnen
vorzubringen. Er sah seine Hoffnungen vernichtet!
    Sie werden reisen? fragte er tonlos.
    Morgen in der Frhe ...
    Wohin, meine Gndigste?
    Ich wei es nicht. Schreiben Sie nach Paris. Ich werde von mir hren lassen,
wenn ich wei, wo ich bleiben soll.
    Aber allein wollen Sie -?
    Allein! sagte Helene. Ich werde versuchen, mich zu retten!
    Indem trat der Diener ein und meldete ein junges Mdchen, das drauen stnde
und sich nicht genannt htte, aber die gndige Frau zu sprechen wnsche.
    Jetzt nicht! Jetzt nicht! sagte Rafflard vorlaut. Und dann sich zur Grfin
wendend:
    Das Ministerium ist nicht vollstndig. Man sagt jeden Augenblick, der ganze
Plan knnte scheitern ...
    An solche Trmmer kann ich mich nicht mehr klammern, antwortete Helene
gefater und sich zum Bedienten wendend sprach sie:
    Was will das junge Mdchen? Wer ist sie?
    Und in selbem Augenblick ergriff sie der Gedanke an Melanie Schlurck. Von
ihr wute sie, da Egon sie bei Paulinen sah. Melanie hatte sich in Egon's
Phantasie eingeschmeichelt. Er hatte sogar gewagt, von diesem schnen Mdchen in
ihrer Gegenwart zu scherzen. Sie war zu stolz gewesen, der Eifersucht Raum zu
geben. Sie hatte nur Paulinen vermieden, die ihr zweideutig vorkam. Pauline, die
trgt Egon jene Freundschaft an, hatte sie sich gesagt, die er bedarf! Das ist
nichts als Bewunderung, nichts als Sklaverei, nichts als Stolz, ihn nur zu
haben, zu besitzen, zu benutzen, um sich zu heben! Oft grbelte sie, was Egon
nur an Paulinen bnde! Einmal hatte Egon gesagt: Ein Geheimni! Welches? hatte
sie gefragt. Ach, Helene! war Egon's Antwort. Das elendeste und jammervollste!
Da mochte sie nicht lnger forschen, aber ihre Eifersucht auf Melanie wuchs.
Jeden Abend, hrte sie von Heinrichson, der nicht mehr zur Geheimrthin ging,
da Melanie noch bis elf, zwlf Uhr bei der Geheimrthin, die keine groen
Gesellschaften mehr gab, mit Egon zusammentraf. Und nun dachte sie: Die da jetzt
zu mir kommt, ist Melanie! Auch sie ist geopfert, auch sie ist elend! Sie kommt,
um ihre Thrnen mit den meinen zu mischen!
    In dem Augenblick trat aber ein kleines, verschleiertes Mdchen, das dem
Diener gefolgt war, ohne Zgern herein und strzte auf die Grfin zu, sie zu
umarmen.
    Wer sind Sie? fragte diese erschreckend und trat ablehnend zurck.
    Es war nicht Melanie; aber es war ein Mdchen, das weinte.
    Warum weinen Sie? Kann ich Ihnen helfen?
    Das junge elegant gekleidete Kind, in schwarzer Seide, weiem Hute und
feinem trkischen Shawl schlug den Schleier zurck.
    Die Grfin kannte sie nicht. Auch Rafflard nicht.
    Wer sind Sie, mein Kind? Sie sind unglcklich! Was haben Sie?
    Rafflard winkte dem Diener zu gehen. Das junge, schne, blasse Mdchen mit
seelenvollen Augen, vergeistigtem hoheitsvollen Blicke sammelte sich und sprach:
    Ich heie Olga!
    Sie kte die Hnde der Grfin ...
    Olga? sagte Helene erstaunt. Olga? Sie sind ...
    Das Mdchen hielt die Grfin umschlungen und antwortete nicht.
    Sie sind Olga Wsmskoi, Adelen's Kind -
    Ma chre tante! sagte Olga schluchzend und liebkoste sie.
    Der Augenblick brach Helenen's ganzes Herz. Sie weinte mit dem Kinde.
    Engel! Himmlisches Kind, rief Helene, was fhrt dich zu mir, zu deiner
Tante, die du lieben willst? Was ist dir?
    Olga schwieg ...
    Du suchst Hlfe? Olga! Liebst du mich? Liebst du deine Tante?
    Olga sah bittend und zutraulich in die Augen Helenen's.
    Man verfolgt dich? Die eigne Mutter - ha, ich verstehe - ich wei es -
Siegbert Wildungen - ...
    Olga verhllte ihr Angesicht an Helenen's Herzen. Der Hut entglitt ihr.
Rafflard hob ihn auf. Helene war so gerhrt, da sie mehr ber die Thrnen des
Kindes, als ber sich selbst weinte.
    Rafflard, erschreckend ber diese Annherung und diese neue Gefahr fr das
Vermgen des Grafen und die Besorgnisse seiner Mutter, ergriff das Wort und
sagte heuchlerisch:
    Rudhard, Ihr Erzieher, mein Frulein, hat die Absicht, eine Reise mit Ihnen
zu machen?
    Als Olga diese Frage mit stummer Gebehrde bejahte, sagte Helene mit
berquellendem Gefhl und in ihrem eignen Schmerz die Gre des fremden Leids
ermessend:
    Arme, liebevolle Olga! Ich wei Alles, Alles! Olga, du liebst Siegbert
Wildungen - die eigene Mutter gnnt dir das Glck deines jungen Herzens nicht -
du sollst fort - mit den Geschwistern fort - Rudhard soll Euch entfhren, damit
der Mutter allein das Glck deines Lebens bleibt ...
    Olga bejahte Alles und schluchzte.
    Ha! rief Helene begeistert. Du bleibst zurck, ich schtze dich, du bleibst!
    Helene sprach diese Erklrung mit der ganzen Entschiedenheit, deren ihr Herz
in leidenschaftlichen Aufwallungen fhig war.
    Nicht bleiben, Tante! sagte Olga. Ich darf nicht! Fort! Fort! Er ist da -
    Wer ist da?
    Wer, wer, mein Kind? sagte Rafflard, schmeichelnd, zudringlich, ngstlich,
als Olga schwieg.
    Otto von Dystra! sagte Olga tonlos.
    Whrend Rafflard hin und her combinirte und im Geiste sich schon
vergegenwrtigte, da der alte Plan, einst das Vermgen des Grafen d'Azimont an
die Kinder der Familie Wsmskoi zu bringen, jetzt durch eine merkwrdige
Wendung des Geschickes und die entstehende Liebe Helenen's zu diesem Kinde in
vollster Entwickelung war und alle seine Hoffnungen fr die alte Grfin
d'Azimont scheiterten, besann sich Helene und sagte rasch:
    Otto von Dystra! Was soll er? Aus Amerika! Der Sonderling? Er ist verwachsen
- der Freund des Frsten - ein sop - ein Narr - was soll's?
    Olga hauchte die Erklrung hin, da die Mutter verlange, sie msse sich mit
Otto von Dystra verloben.
    Helene starrte.
    Gestern Abend fuhr er vor, sagte Olga. Heute sollten wir entweder mit
Rudhard reisen oder ich soll mich erklren, da ich mich mit diesem Ungeheuer
verbinde ...
    Das war genug, um Helene d'Azimont zu elektrisiren. Die heldenmthige,
liebesstarke, verlassene Frau, die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte,
rief:
    Und du?
    Ich floh zu dir!
    Olga! Warum zu mir?
    Das Mdchen schwieg. Dann sagte sie durch Thrnen lchelnd, zuversichtlich,
treuherzig:
    Weil du lieben kannst!
    Wie Olga diese Worte fest und sicher gesprochen hatte, strzten auf's neue
die Thrnen aus Helenen's Augen. Sie umarmte strmisch das junge Mdchen, ri
ihr den Hut fort, den sie in der Hand hatte, nahm ihr den Shawl ab und sprach in
uerster Exaltation:
    Noch heute reisen wir! Du bist mein, mein Kind, meine Olga! Wir Beide sind
verbunden durch den Schmerz der Liebe! Gehen Sie, Rafflard, besorgen Sie unsre
Psse. Schicken Sie sie uns nach. Wir reisen so, wie wir hier sind! Fort! Fort!
Fort! In die Welt! Wir mssen uns retten, Mdchen, vor diesem Elend des Lebens,
vor dem Frost des Winters, der sich auch an die Herzen ansetzt! Auch Siegbert
hatte den Muth nicht, dich sein zu nennen! Entblttert sich dir schon so frh
der schne Glaube an diese Mnnerseelen? Ha! Du bist von meinem Blute, Mdchen!
Dein Herz schlgt wie meines! Fort! Fort! Wir bedrfen andre, sdliche Luft!
Nach Italien! In diesem Norden erfrieren wir.
    Damit drngte sie Rafflard, der vernichtet dastand, hinaus.
    Rafflard stand noch unschlssig und wollte verdrielich werden.
    Aber Grfin! Was beginnen Sie? Welche neue Verirrung?
    Rafflard! rief Helene. Kein Wort der Entgegnung! Ich hasse Egon! Ich bleibe
meinem Gatten treu! Desir d'Azimont ist ein Engel! Olga ist meine Seele! Olga
jetzt mein Leben! Olga, in dir find' ich mein Glck, meinen Reichthum, meine
Zukunft, mein Alles! Ein Kind, ein Kind gewonnen durch den Schmerz des gleichen
Schickals. Olga! La uns die Welt sehen und unser Leid verbergen! Ich, ohne
Hoffnung fr das ganze Leben, Du fr Siegbert Wildungen aufblhend in meiner
Pflege, wenn er dich verdient! Ich, deine Mutter! Dein Schutz gegen Rudhard,
gegen Dystra und wenn Sie wagen, Rafflard, wenn Sie wagen, Adelen zu sagen,
wohin ihr Kind sich flchtete ...
    Grfin! Was denken Sie?
    Postpferde! rief Helene und Rafflard war hinaus.
    Er berlegte, was zu thun. Sollte er vor's Thor eilen und die Frstin von
der Gefahr, ihr Kind zu verlieren, unterrichten?
    Whrend er so auf der Treppe stand, kam Heinrichson ...
    Sie kommen gerade recht, sagte er diesem.
    Wozu?
    Die Grfin will nach Italien und noch heute.
    Heinrichson stand wie vom Blitz getroffen.
    Das ist eine Trennung! sagte Rafflard bitter.
    Nein, antwortete Heinrichson lchelnd, ein Wiedersehen. Ich selbst wollte
der Grfin sagen, da ich in einigen Tagen nach Rom zu reisen gedenke ... Sie
wei es ... ich sprach immer davon ...
    Rafflard stand voll Erstaunens. Er berblickte, da Heinrichson die Grfin
liebte. Anzunehmen, da die Grfin schon von ihm fr die Idee einer
italinischen Begegnung gewonnen war, hatte er keinen, auch nicht den mindesten
Grund. Aber dennoch erstarrt, ergriff er die Gelegenheit, die ihm von der Grfin
gegebenen Auftrge abzuschtteln.
    Leisten Sie ihr fr diese schnelle und bereilte Abreise hlfreiche Hand!
sagte er zornig. Ich fr meinen Theil bin zu beschftigt, um ihren Auftrgen
nach Wunsch zu gengen.
    Heinrichson in glckseligster Geschftigkeit ging zur Grfin, Rafflard
hustete noch lange die Strae entlang.
    Unten berfiel ihn die verdrielichste Stimmung, wie nun all' seine
klugberechneten Plne umsonst gewesen und die Menschen mit ihren Leidenschaften
weit ber alle Schlingen und Netze des Verstandes hinauswachsen.
    Diese Familienbeziehungen erschienen ihm gering, armselig. Er spitzte im
Geist schon die Feder, um auf den Quai d'Orsay in Paris einen epigrammatischen
Brief zu schreiben, dessen Thema so lauten sollte:
    In der Komdie der Liebenden darf man nur mit seinem Herzen, nicht mit
seinem Verstande mitspielen.
    Verdrielich ber Das, was er sich Alles seither an grerer Geltendmachung
seiner Mission hatte entgehen lassen, wie er Zeit, Mhe, List, eigene kleine
Unterhaltungen den Interessen einer vornehmen Familiencoterie geopfert hatte,
berfiel ihn sein alter rheumatischer Husten so heftig, da er an der nchsten
Straenecke stillstand, in einen Fiaker stieg und mit den dem Kutscher
zugerufenen Worten davonfuhr:
    An's Komdienhaus bei der katholischen Kirche! Zum General Voland von der
Hahnenfeder!
    ... Noch in der Nacht gegen ein Uhr rollte ein Wagen mit Helene d'Azimont,
Olga Wsmskoi, einem Mdchen und einem Diener zum Thore hinaus. Es war das, das
nach dem Sden fhrte.

                           Ende des sechsten Buches.


                                 Siebentes Buch

                                 Erstes Capitel

                            Die ersten Winterschauer

Der Vorwinter war da. An die Fenster desselben Eckzimmers im Schlosse Hohenberg,
wo die uns bekannten Sommergste ihre frhlichen Abendgesellschaften gehalten
hatten, schlug jetzt der Regen eines mrrischen, nakalten Herbstes. Der
Sturmwind rttelte die schlechtverwahrten Jalousieen und machte sich pfeifend
auch durch die Ritzen der Fenster Bahn, auf deren innerem Simse sogar sich die
hellen Regentropfen sammelten. Der Blick in den Garten fand die Bume entlaubt,
die Wege unsauber, regenglatt. Hier und da krachte ein Zweig, der dem
pltzlichen Stoe des Nordwest nicht widerstehen konnte. Der Blick, selbst am
Tage, ging nur bis zum Dorfe Plessen hinunter, das mit seinem Kirchthurme wie im
magischen Nebel schwamm. Von Wald, Berg und Flur waren selbst dem schrfsten
Auge nur einige matte, graugrne Umrisse ersichtlich.
    Dennoch war es in dem hohen Eckzimmer, wo in der Mitte noch das Piano stand,
auf dem Melanie damals die Tanzanklnge gespielt hatte, nicht ganz ungemthlich.
Ein alterthmlich geformter Ofen von Gueisen, in Form einer Pyramide,
verbreitete die Behaglichkeit der ersten winterlichen Zimmerwrme. Der alte
Winkler trug das Holz herein, Brigitte warf es von der Mitte des Ofens hinunter
gerade durch die mit einer Jahreszahl versehene eiserne Denktafel der Pyramide,
die nur die Thr des Ofens war. Der Alte schleppte schon den zweiten Korb herein
und packte ihn sorgsam in der Nhe des Ofens unter das Kanap. Waren doch er und
die alte Brigitte jetzt die einzigen Diener des Hauses, die einzigen Wchter des
Schlosses, alt und mde, wie konnten sie zu oft diese Treppen steigen, zu oft
durch diese Zimmer die schweren Trachten Holz schleppen! Da mute eine Tracht
fr zwei Tage ausreichen. Freilich mochten sie gern in der Nhe ihrer Gste
sein. Sie htten so gern gehrt, wie es denn nun werden sollte in Zukunft mit
den hochfrstlichen Besitzungen! Ob sich denn keine junge Frstin einstellen
und, da doch einmal das Alter geht und das Junge kommt, mit einem lustigen
Gefolge hier im nchsten Sommer wohnen wrde? Ob Sr. durchlauchtigsten Gnaden,
von dem der diplomatische Herr von Zeisel nicht zu verbreiten wagte, da er
diesen Sommer im Incognito ihn in den Thurm gesperrt hatte, nicht einmal selbst
kommen und das Erbe seiner Vter betrachten wrde? Das zurckgekehrte Mobiliar
der seligen Frstin gab fast Hoffnung dazu. Das hatten Heunisch und Herr von
Zeisel im Triumph heimbegleitet und mit einer Art Stolz blickten die Sessel, die
Divans, die Gebetpulte, die Tische und Schrnke wieder in den Zimmern um sich,
die sie zu schmcken hatten. Aber die weiteren Schicksale, die ihnen und dem
Schlosse bevorstanden, waren den beiden alten Leuten denn doch fr die kurze
Zeit ihres Lebens noch zu sehr verschleiert.
    Nun freilich hatte sich das Seltsame ereignet, da ein alter Mann und ein
junger sich durch einen Brief des Frsten als rechtmige Bewohner des Schlosses
auswiesen und von dem Gerichtsdirektor Herrn von Zeisel mit groer
Aufmerksamkeit empfangen wurden. Wer waren diese beiden neuen Ankmmlinge?
Vornehme Glubiger gewi nicht! Sie gingen so einfach, so schlicht, da Winkler
manchmal das Gren verga, was wohl auch an den immer schwcher werdenden fnf
Sinnen der alten Haut lag, die noch immer vergebens auf die Befrderung durch
den vornehmen Herrn wartete, der einmal zu ihr so gndig geuert hatte: Gut
geharkt! Schner Strich! Kenne Das! Die Brigitte war sogar verstimmt, da diese
Herren, die nur der Alte und der Junge hieen, auch nicht einen einzigen
Dienstboten mitgebracht hatten. Nicht wegen der Arbeit. Denn die Gste waren
sehr anspruchslos, sondern nur wegen der Nachfrage und der Unterhaltung. So
lange die alte Brigitte denken konnte, da hier in den Tagen des Glanzes auf
Hohenberg Besuche ein- und ausgingen, hatte es eine reiche Chronik von
Geschichten und unterhaltenden Thatsachen gegeben. Diese zwei Menschen aber
kamen ganz nchtern, ganz unbekannt, sprachen nichts, befahlen nichts, baten nur
und nahmen mit der einfachsten Kost vorlieb.
    Da sa der Eine auf dem Kanap und ersuchte die alte Brigitte sehr hflich
um Licht.
    Und Ihr Abendbrot, Herr? fragte sie rasch.
    Der Angeredete war schwarz gekleidet und hatte ber dem einen Auge eine
Binde von gleicher Farbe.
    Hflich sagte er:
    Wie gestern, liebes Mtterchen. Thee trink' ich und etwas Brot, wenn man es
haben kann.
    Aber die Frau Directorin lt sich's nicht nehmen, Ihnen vorzusetzen, was
Sie wnschen. Befehlen doch die Herrschaften etwas Braten, Schinken! Wir haben
ja Alles oder wenn Sie's befehlen, mu es da sein.
    Danke fr mich, Mtterchen. Freilich mein junger Freund und Begleiter ...
    Murray, denn er war es, sah eben auf den Alten, der das Holz unter das Ende
des Kanaps packte, auf dem er sa. Er wollte helfen.
    Brigitte litt es nicht und sprach von Schinken, Hammelkeulen und hnlichen
Mysterien ihrer Gnaden der Frau Gerichtsdirektorin von Zeisel ...
    Murray, der das Feuer in der Ofenpyramide behaglich knistern hrte, brach
ihre Mittheilungen ab mit den Worten:
    Licht, Mtterchen! Und die Hammelskeule immerhin, wenn mein Reisegefhrte
kommt. Es ist dunkel. Ich hoffe, da er bald da sein wird.
    In der That ging es auf sechs Uhr und schon war es stichdunkel. Murray
besann sich, wie lange er schon so gesessen und still vor sich hin getrumt
hatte. Es war so finster, da das offene Zugloch der groen Pyramide leuchten
mute. So schritt er, als seine Bedienung gegangen war, auf den Flgel zu, der
in der Mitte des groen Zimmers stand. Er ffnete ihn und schlug die Tasten an.
    Wir kennen diese Tasten. Es war ein altes, dnnes Instrument, das mehr wie
eine Cither klang. Ohnehin war es verstimmt und was fehlte nicht an Saiten!
Dennoch hatte sich Murray seit den drei Tagen, da sie hier auf Hohenberg
eingekehrt waren, schon oft an den nothdrftigen Tnen erfreut. Und da ein
lngerer Aufenthalt vorauszusehen war, hatte Murray sogar eine Stimmschraube
sich in der Dorfschmiede wollen, wenn auch roh nur und plump, anfertigen lassen,
um damit die Wirbel der Saiten fassen und sie besser anziehen zu knnen. Als man
ihm freilich den Namen des Schmieds Zeck nannte, hatte er den Plan wieder
aufgegeben. Der Name der Zeck's schien ihn zu sehr zu befremden. Er spielte nun
auch so auf dem verstimmten Instrumente; auch so schien ihn zu erfreuen,
Reminiscenzen an eine alte Kunstfertigkeit herauf zu beschwren, die freilich
aus den steifgewordenen Fingern etwas verschwunden schien.
    Brigitte brachte langsam und vorsichtig eine groe Astrallampe mit einem
Gazeschirm, die sie schon gestern ihren Gsten angekndigt hatte, als sie ihnen
Lichter gab. Es war die Zimmerlampe der seligen Frstin, lange nicht gebraucht
und so altmodisch, da ...
    Sie ausgehen wird! bemerkte Murray.
    Versuchen Sie's einmal damit, meinte die Alte. Wenn sie nicht brennen
sollte, so liegt's am Docht ...
    In dem die Motten sitzen werden? Seht, seht, da geht sie schon aus! sagte
Murray geduldig lchelnd.
    In der That erlosch die Lampe mit unfreundlichem Duft. Murray wnschte die
Leuchter von gestern. Brigitte schttelte den Kopf, trat an die Thr, die nicht
ganz geschlossen war, und sprach hinaus:
    Na ja, Zeck! Die Lampe hier mu er auch in die Kur nehmen ...
    Murray hrte kaum diese Worte, als er Brigitte festhielt, die Thr zuwarf
und fragte:
    Wer ist da drauen?
    Der alte Zeck und der Junge, sagte Brigitte, die sich auf Alles verstehen,
Pferde und Vieh und fen und Lampen.
    Was sollen Die? sagte Murray in peinlichster Ungeduld und die Thr
zuhaltend.
    Der junge Herr hat sie ja bestellt wegen dem Klavier!
    O, sagt den Leuten nur, da es keine Noth damit htte! Lat sie nicht
kommen! Nein! nein! Schickt die Leute fort! Holt den Leuchter, alles Andre, was
ich nicht bestimmt bestelle, lat gut sein. Hrt Ihr, liebe Frau! Geht rasch,
ich kann im Dunkeln bleiben.
    Murray sprach diese Worte in einer Aufregung, als stnde ihm die
unangenehmste, gefhrlichste Begegnung bevor. Er drngte Brigitten von sich,
protestirte jetzt lebhafter gegen den Duft der ausgegangenen Lampe und riegelte
die Thr zu, als Brigitte brummend hinausging.
    Murray berzeugte sich an schweren, plumpen Schritten, die er drauen hrte,
da die Zeck's sich gleichfalls entfernten und schob den Riegel nun wieder
zurck und gab die Thr frei.
    Erschpft warf er sich auf das Kanap. Tief holte er Athem, wie nach einer
groen Anstrengung. So sa er nachdenklich, erschttert, eine Weile. Dann ging
er an eins der Fenster, die auf den Garten sehen lieen, und drckte die Stirn
an die Scheiben. So bewegt schien er, da er kaum merkte, wie die Tropfen von
auen an das Glas schlugen und wie der Sturm die Bume und Strucher peitschte.
Die Dorfhunde heulten in der Ferne. Es war doch einsam, schauerlich hier oben.
Es sah nach den Sternen. Kein einz'ger war in dem dicken Nachtnebel sichtbar. Er
suchte so lange, bis er erstaunt war, sich umsehend, die beiden Lichter schon
anzutreffen, die ihm Brigitte, ohne da er es merkte, hereingetragen hatte. Da
er ihr den Rcken kehrte und auf ihr Ruspern und Fragen nicht antwortete, war
sie wieder gegangen, umsomehr, als sie in das Amtsgebude hinunter mute, um
sich von Frau von Zeisel, gebornen Nutzholz-Dnkerke, die bewuten animalischen
Vorrthe auszubitten.
    Murray wandte sich jetzt einem Tische zu, den er an einem andern Fenster des
groen Zimmers fr sich hergerichtet hatte. Hier lagen Papiere,
Zeichnenmaterialien, feine kleine Instrumente durcheinander. Er setzte sich,
nahm einen grnen Schirm, der auf dem Tische lag, noch ber die Binde und setzte
sich zur Arbeit, die keine andere war, als da er auf eine Kupferplatte
Buchstaben tzte. Das Licht der beiden Talgkerzen war wol zu schwach fr seine
Arbeit. Einige kleine Glser, die am Fenster standen, verriethen, da Murray
sonst mit allen Hlfsmitteln der Kupferstecherkunst ausgerstet war. Er stellte
die Lichter dicht vor die Platte, ber die er sich mit seiner tznadel beugte;
er wollte arbeiten. Doch mut' er bald aufhren. Das Licht war zu flackernd, zu
dster. Er schttelte den Kopf und gab sein Werk, an dem er den Tag ber
gearbeitet hatte, fr jetzt auf.
    Indem hrte er kommen. Rasch warf er einen greren Papierbogen ber die
Kupfertafel und erhob sich.
    Ich bin es, Murray, rief drauen im Vorzimmer eine Stimme, die er sogleich
als die Louis Armand's erkannte.
    Da Louis nicht eintrat, ging ihm Murray mit Licht entgegen.
    Hinausleuchtend begrte er den Ankmmling mit den Worten:
    So spt? Und in diesem Wetter? Himmel, wie sind Sie durchnt!
    Das bin ich! sagte Louis und schwenkte den nassen Hut im Vorzimmer und trat
heftig mit den Fen, sich schttelnd, auf.
    Sie mssen sich umkleiden, Freund!
    Ich fhl' es wohl; ich bin na bis auf die Haut. Ein Wetter wie in den
Ardennen, wo ich einmal einen Vetter auf einem Eisenhammer besuchen wollte. Nur
die Wlfe fehlen.
    Die werden sich hier mit dem Schnee auch einstellen, sagte Murray. Aber
kommen Sie doch an den Ofen! Trocknen Sie sich!
    Ich will nur ein Hemd und Kleider aus meinem Koffer nehmen.
    Murray leuchtete und geleitete seinen neuen jungen Freund an den warmen
Ofen.
    Darf ich, Papa? fragte Louis Armand und deutete auf seine Absicht hin, sich
ganz frisch umzukleiden.
    Ich helfe, versteht sich! antwortete Murray. Die Wsche mu gewrmt sein.
Geben Sie her, ich halte sie gegen diese Pyramide, die unser Heiligthum werden
wird, als wren wir gyptier. Die hatten Khlung von ihren Pyramiden, wir Wrme.
Grund genug zur Verehrung.
    Louis kleidete sich in wenig Augenblicken um und wrde schon begonnen haben,
Murray's Verlangen nach Mittheilung seiner Erlebnisse im Walde zu befriedigen,
wenn nicht Brigitte jetzt in pnktlicher Aufmerksamkeit mit dem Thee und dem
Zubehr erschienen wre. Der alte Winkler trug das Kohlenbecken und die heie
Kanne, sie selbst die Theebchse, Brot, Butter und zwar nicht den ganzen
Hammelsbraten der Frau von Zeisel, wohl aber eine ansehnliche Anzahl von glatt
ihr entschnittenen Scheiben.
    O Das ist angenehm, sagte Louis, dem es ganz wohl und behaglich in seinen
erwrmten Kleidern wurde und der sich sagen konnte, da er im Auftrage des
Frsten hier fast wie in seinem Eigenthum wohnen durfte. Danke, danke,
Mtterchen! Wie behaglich, wie gastfrei! Das soll uns gut schmecken.
    Murray, der hier von Louis Armand's Flgeln geschtzte Gast, wrde freudig
in dieses Lob mit eingestimmt haben, wenn nicht Brigitte mit einem Blick auf
Louis wieder von den Zeck's angefangen htte, die wegen dem eisernen Ding das er
bestellt htte, doch nun wieder drauen warteten ...
    Ja, sagte Louis, die Stimmschraube glaubt der Alte liefern zu knnen.
    Nein, nein, fuhr Murray wie vorhin auf, ich sagte's schon. Es ist gut so.
Ich spiele zu wenig!
    Murray gerieth wieder in Aufregung.
    Der Alte meinte, er verstnde mich vollkommen. Ich mut' es ihm
handgreiflich beschreiben, da er blind ist; sagte Louis.
    Ist er blind? fiel Murray mit einiger Bewegung ein.
    Der Vater ist blind, antwortete Louis, und der Sohn taub.
    Und nun lehnte Murray entschieden den Dienst ab.
    Heute nicht! Genug von der Sache! Guten Abend, Frau Brigitte. Morgen!
Morgen! Gebt ihm die Lampe! Lat die von ihm repariren, er kann es, es ist ein
Tausendknstler oder - vielleicht kann er's. Guten Abend!
    Damit drngte Murray die Alte hinaus und schob noch den Riegel vor. Dann
knpfte er, seine Aufregung zu verbergen, sogleich seine Bemerkungen an Louis'
Appetit an und forderte ihn auf, Platz zu nehmen auf dem Kanap neben ihm und zu
erzhlen, wie er nun im Forsthause Alles angetroffen.
    Den Einen drngte es ebenso zu reden, wie den Andern zu hren. Das Feuer im
Ofen prasselte, das Wasser in der Maschine zischte, drauen regnete es. Der
Gegensatz weckte die gemthlichste Behaglichkeit.

                                Zweites Capitel



                                     Morton

Nun zuerst einen Gru von Frnzchen, begann Louis Armand und nochmals tausend
Dank fr die freundliche und sorgsame Art, wie Ihr sie hierherbegleitet habt!
Sie hat mir gestanden ...
    Hundertmal, da sie Euch liebt! schaltete Murray scherzend ein.
    Nein! Da sie Euch frchtete ...
    Mich!
    Anfangs!
    Nun?
    Ich htt' es kaum gedacht, fuhr Louis fort. Als ich ihr sagte: Frnzchen,
wir haben Feinde, die uns Bses wollen, nehmen Sie die Bitte des Onkels an,
gehen Sie auf diesen Winter zu ihm. Ich werde in Ihrer Nhe sein; denn ich mu
nach Hohenberg und wie sie gleich freudig einstimmte: Darf ich denn mit Ihnen
reisen? Da hatt' ich ihr von Ihnen das Beste und Schnste gesagt ...
    Weil sie selbst nicht daran glaubten, so fehlte wol die Wirkung?
    Louis nahm die Tasse Thee, die ihm Murray entgegenhielt, stellte sie auf den
Tisch und legte sanft die Hand ber Murray's Schulter.
    Ich nicht daran glauben, Papa? sagte er. Wei ich doch nur wenige
Augenblicke meines Lebens, die mir so denkwrdig bleiben werden wie der, wo ein
ganz fremder Herr zu mir tritt und sagte: Lieben Sie Franziska Heunisch?
    Haha! Sie sagten nicht Ja! Sie waren nicht aufrichtig oder Ihr Gefhl
schwankte, whrend das arme Herz des Kindes wie ein Anker felsenfest im Meere
stand.
    Ich sagte leider nicht mehr, als da ich Franziska mit meinem Leben schtzen
und da ich sie nur Dem abtreten wrde, von dem ich berzeugt wre, da er sie
glcklicher machen wrde, als ich noch bis jetzt im Stande wre ...
    Haben Sie ihr Das so wrtlich wiedererzhlt? Ein Mdchen hrt das einfache
Wort Liebe viel tausendmal lieber als die prchtigsten Umschreibungen desselben.
    Franziska kennt mich, fuhr Louis fort. Sie vertraute mir sogleich, als ich
ihr sagte: Freundin, Ihre Ruhe ist bedroht. Glauben Sie Feinde zu haben? Und als
ich die Andeutungen wiederholte, die ich von Ihnen gehrt hatte, erschrak sie
heftig und wiederholte Namen ...
    Die ich Ihnen doch nicht genannt hatte? bemerkte Murray.
    Sie waren geheimnivoller, als ich wnschen mute. Aber ich vertraute Ihnen.
Ich glaubte Ihnen, da die Nachstellungen, die der Eine verweigern wrde, bei
einem Andern leichteres Gehr finden konnten und gesteh' ich's nur, da ich
selbst nach diesem Schlosse sollte ...
    So glaubten Sie meinem Mrchen und haben sich mit Ihrem guten Herzen fangen
lassen.
    Louis nahm eben einen Imbi, den ihm Murray, der selbst sehr wenig geno,
zurecht gemacht hatte ...
    Sie haben mir kein Mrchen erzhlt, sagte Louis Armand ernst und blickte in
das eine, unruhige, offene Auge, das Murray niederschlug und nicht wollte prfen
lassen. Wenn Sie mir eine Reihe von groen Verdiensten aufgezhlt htten, o ja!
Dann wrd' ich gezweifelt haben. Aber Sie haben nur Schlimmes von sich gesagt.
    Was Sie Franziska wiederholten? Nun begreif' ich freilich, da das Mdchen
in mir nur den Besucher des Fortunaballes finden wollte und recht scheu, recht
in den Tod erschrocken war, als ich sie in dem Wgelchen abholte, um mit ihr
hierher zu reisen ...
    Das hat sie mir erzhlt, sagte Louis, aber auch hinzugefgt ... da Sie
Thrnen im Auge hatten ...
    Ich kam vom Kirchhof ...
    Wo Sie jenes Mdchen bestatteten, das Frnzchen in jener Nacht an Ihrem Arme
gesehen ...
    Die!
    Sie sprachen stundenlang kein Wort und seufzten nur ...
    Grabesstimmung.
    Und dann fingen Sie von der Natur an, die nun scheidet, von den Blttern,
die schon gefallen waren und vom Tode, der uns Allen Ruhe geben wird.
    Verhaltene Predigten. Wir mchten Alle am liebsten Frsten oder Priester
sein.
    Ist's nicht so?
    Schon recht! Ich war bewegt! Ich ganz allein stand an dem Grabe einer
Unglcklichen! Ach! Ich ganz allein! Der Kirchhof, wie war der noch neu, noch
ohne Bume und Blumen! Wie frostig wehte der Wind darber und fand nicht einmal
Halme zum Niederbeugen. Die Grber ohne Schmuck. Die Todten der ffentlichen
Krankenpflege ... wer feiert ihr Angedenken? Wer sieht ihnen mit Liebe in die
gelbe Grube nach? Ein Handwerker lag da im Todtenhaus ... fern sind seine
ltern, die vielleicht gar nicht wissen, da er schon nicht mehr unter den
Lebenden. Sie sagen nur: Wie lang er nicht schreibt! Was ist ihm nur! Da liegt
er. Da ein Dienstbote - da ein Verunglckter, der nicht einmal in die Erde,
nein, zu den jungen rzten dort kommt, die ihn zerstckeln und prpariren
werden! Welche Mhe hat es mir gekostet, meine arme Todte aus ihren Hnden zu
retten! Wie war sie schn noch auf der Bahre! Die Messer der rzte zuckten recht
nach diesen Formen! Das blutschwarze Mahl an der Stirn, auf die sie beim Sturze
aus dem Fenster gefallen war, entstellte sie nicht. Ich strich eine Locke
darber her; nun war's verdeckt. Aus dem Todtenhause trugen sie den Sarg. Ich
folgte allein und betete ein Vaterunser. Dann drei Handvoll Erde, die Spaten
thaten das brige. Adieu!
    Murray blickte nieder.
    Der Lebenslauf von Tausenden! sagte Louis bewegt und sein Nachtmahl eine
Weile leise zurckschiebend. Ein schnes Mdchen, arm, ohne Freunde, verfhrt,
wahnsinnig ... wer sieht auf all' die Opfer, die auf unsrem Lebenswege liegen!
Das Alles geht so still vor sich hinter Mauern und verschlossenen Thren. Wer
sucht das eigentliche Mysterium des Lebens auf den Kirchhfen!
    Sich aufraffend fuhr aber Murray fort:
    War es nicht gut, da ich trauerte? Franziska htte sich sonst vor einem
Manne entsetzt, der vor ihren Augen in's Gefngni gefhrt wurde. Eine Thrne
wirkt soviel?
    Nein! Nein! sagte Louis. Ich hatte sie vorbereitet auf einen jener
Philosophen, die die Weihe des Geistes nicht durch die Wissenschaft und ihr
Studium, sondern durch das Leben empfangen haben! Ich hatte ihr gesagt, da Sie
Grnde htten, diese Umgebung des Schlosses Hohenberg zu besuchen und ein
Geheimni sogar an sie und ihren Namen Sie kette ...
    Ein Geheimni, das ich ihr leider nicht auf unsrer Reise erzhlen konnte,
sagte Murray, aber Geheimnisse, die man nicht nennt, knpfen gerade nicht
aneinander. Ich sah es ihr an, da sie frohlockte, hier endlich Sie
wiederzusehen. Sie waren schneller gereist, als wir. Wie findet sie sich denn
nun in dem Walde zurecht?
    Louis erzhlte.
    Der Frster, sagte er, rhrte mich gestern, wie liebevoll er sie empfing. Er
fuhr sie selbst in seine Wohnung, die nicht zu weit von uns entfernt ist. Dort
angekommen, zeigt' er ihr das Stbchen, das er ihr eingerichtet. Es ist so still
und traurig hinauszusehen in den entlaubten Forst, aber so lebendig im Zimmer,
als wr' der Wald hier so lange einquartiert bis zum Frhjahr. Da singen Vgel
in Kfigen, da stehen groe Blumen in Tpfen, da hngen Hirschgeweihe an den
Wnden und wenn es recht still ist und der Sturm einmal nachlt, hrt man die
Thurmuhr von Plessen nach dem Jgerhause deutlich hinberschlagen und das ist ja
gerade, als sprchen wir miteinander so weit zusammen.
    Und Ursula Marzahn? fragte Murray mit forschendem Blick.
    Liegt krank im Bett.
    Bedenklich?
    Der Onkel gibt sie auf. Ich hrte sie chzen in einer obern Kammer ber
Frnzchen. Ich wollte auf einen Arzt dringen. Da hilft nichts, sagte Heunisch.
Sie hat ihre Kruter, ihren Thee, den sie sich selbst bereitet. Sie studirte bei
Doctor Lehmann, sagte er. Sie nimmt nichts und will nur Ruhe haben.
    Murray stand auf. Die Nachricht schien ihn zu ngstigen ...
    Was haben Sie? Sie sind bewegt? fragte Louis.
    Und wie! Und wie! rief Murray. Hngt doch diese Frau mit meinem Geheimni
zusammen, ohne da ich mich ihr entdecken mchte ... Wenn sie aber strbe ...
    Sie ist die Schwester des blinden Schmieds ...
    Ich wei es, die Tante des Tauben! Erwhnen Sie diese Menschen nicht wieder!
Die Zeit ist noch nicht gnstig, um mich in das Andenken dieser beiden
Geschwister zurckzurufen.
    Ich verhehle Ihnen nicht, sagte Louis, da der Ruf dieser Geschwister kein
guter ist. Franziska hat mir anvertraut, da sie vor Ursula Marzahn Grauen
empfnde und dem blinden Schmied weicht Jeder aus ...
    Murray schwieg nachdenklich.
    Neuerdings haben sie, fuhr Louis fort, aus Amerika eine Erbschaft empfangen
von einem dort verstorbenen Bruder ...
    Haben sie? sagte Murray lebhaft ...
    Und sonderbar, der diese Erbschaft berbrachte, erzhlte mir der Frster,
ist jener Ackermann, der nun diese Besitzungen Egon's in Pacht genommen und ber
dessen Anstalten ich die Urtheile einziehen soll ...
    Wer? sagte Murray und blieb erstarrt stehen.
    Wer brachte das Geld? fragte er dringender.
    Der jetzige Generalpchter drben ... Ackermann! Ich selbst berbrachte ihm
Egon's Genehmigung zu seinem Anerbieten, kurz ehe des Frsten Krankheit in ein
gefhrliches Stadium berschlug ...
    Ackermann! Ackermann! wiederholte Murray.
    Befremdet Sie dieser Name? fragte Louis.
    Ich kenne ihn nicht, sagte Murray, und dennoch erfahre ich nun von Ihnen
Dinge, die mich bestimmen, hier wie ein Einsiedler zu leben. Ich komme auf Das,
mein Freund, was ich Ihnen vor acht Tagen sagte, zurck. Ich nannte mich damals
einen Schatten, der ber die Erde, in der er einst als Mensch lebte, fehlte und
bte, noch einmal hinstreift und keine Ansprche mehr auf eigenes Glck, ja
nicht einmal mehr auf das Glck der richtigen Beurtheilung macht. Ich gestand
Ihnen, da ich einst der sittlichen Welt entrckt war, durch den Drang des
Ehrgeizes entrckt, von Liebe geblendet. Das Verbrechen, das ich beging, soll
ich es Ihnen nennen?
    Nein, nein, sagte Louis. Schlieen Sie in Ihr Herz ein, was Sie gebt
haben! Sie sind ein Weiser, den ich hoch verehre. Ich will nicht wissen, wie Sie
es geworden sind.
    Wissen Sie wol, sagte Murray, da das Bedrfni der Beichte ein tiefes
Mysterium ist?
    Ich bin Katholik! antwortete Louis.
    Das sagt Alles! Es ist eine der festesten Sttzen des alten rmischen
Glaubens. Es ist eine Sttze, die sich auf die menschliche Natur grndet. Das
Geheimni der Beichte ist die Zauberformel, die den Laien an den Priester
bindet, die Brgschaft einer ber alle menschlichen Umgangsformen hinausgehenden
Vertraulichkeit, eine Ehe der Herzen. Das Bedrfni der Beichte ist der
Wahrheitsdrang des Menschen, ja oft die einzige Ermuthigung zur Tugend. Nur wer
sich in einem Andern darlegen kann, in einem Andern ausruhen mag, fhlt wahre
Reue und, ist der Andre edel und gut, ein sanfter Priester auch ohne
Priesterrock und Weihe, wahre Ruhe.
    Ich kenne, sagte Louis, zwei Priester, die wrdiger wren als ich, Sie zu
hren.
    Wer wren diese?
    Louis nannte die Brder Siegbert und Dankmar Wildungen und freute sich
innerlichst, mit krftiger Betonung dieser Namen gleichsam Zeugni fr den
groen Werth dieser beiden Menschen abzulegen.
    Ich kenne sie nicht, sagte Murray. Ich darf die Kette der guten Menschen,
denen ich mich vertraute, nicht zu weit ausdehnen. Ich darf aber auch nicht
lnger schweigen. Ich bedarf einer Untersttzung der letzten Absichten, die mich
noch an dies Leben knpfen. Ich darf nicht lnger so hinschleichen und suchen
und mu es wagen endlich einmal aus mir herauszutreten. Wissen Sie, da das
Bedrfni der Beichte mich schon oft trieb, jenem Manne mich anzuvertrauen, der
den Geschwistern Zeck eine Erbschaft aus Amerika brachte?
    Er ist in der Nhe! Vertrauen Sie sich ihm, Murray.
    Wie kommt er zu dem Namen Ackermann?
    Wre dies nicht sein rechter?
    Murray schwieg und berlegte ... Er gedachte seines eigenen amerikanischen
Namens Morton. Ackermann hatte anders geheien.
    Nein, nein, sagte er endlich, auch fr ihn darf ich nichts als Murray sein.
Auch ihm mu ich verborgen bleiben ... und doch ... und doch ...
    Louis stand auf und ergriff Murray's Hand.
    Sie leiden, sagte er. Hab' ich etwas, das Ihnen wrdig scheint, Ihr
Vertrauter zu werden, so mistrauen Sie wenigstens nicht meiner Jugend. Ich kann
verschwiegen sein und verstehe die Irrgnge der Herzen. Wer dem Volke nahe lebt,
lernt mit Schmerz die wunderbaren Verwandtschaften kennen zwischen Gut und Bs,
Muth und Verbrechen, Gre und sittlichem Elend.
    Recht! sagte Murray, als Louis zgerte, die Gegenstze so schnell
auszusprechen. Recht! Ich darf kein Schatten bleiben. Ich mu einen Krper
haben. Ich brauche einen Freund, der mich untersttzt, um noch einmal
aufzuleben. Sie stehen den Menschen, bei denen ich zuerst zu fragen, zuerst zu
suchen und zu forschen habe, am nchsten. Hren Sie also, Sie mssen hren, Sie,
Sie - und schaudern Sie vor mir!
    Louis ging an die verriegelte Thr, ffnete und sah in's Vorzimmer. Es war
Alles still. Er kehrte zurck und schttelte den Kopf, als frchtete er nicht
das Mindeste, was er hier hren sollte.
    Als er sich gesetzt hatte, wandte sich Murray an den Tisch, an dem er zu
arbeiten versucht hatte. Er hob das Papier ab, nahm die Kupferplatte, die es
bedeckt hatte, hielt die Platte gegen Louis hin und zeigte sie ihm.
    Sie sind ein Knstler! sagte Louis. Schon gestern sah ich's an den
Zeichnungen auf dem Tisch.
    Lesen Sie! sagte Murray ruhig.
    Louis betrachtete die Platte.
    Es ist verkehrte Schrift! sagte er. Ich will versuchen, sie zu lesen.
    Er buchstabirte:
    Louis Armand, Kunsttischler und Vergolder.
    Ich wollte Sie berraschen, sagte Murray zu Louis, der von dieser
Aufmerksamkeit angenehm berhrt war; ich wollte Ihnen ein Geschenk machen und
hoffe, diese Visitenkarten auch noch zur Ausfhrung zu bringen. Sie sehen daraus
mit wenig Worten, da ich eigentlich ein Kupferstecher bin.
    Louis betrachtete die Platte mit groem Wohlgefallen und freute sich der
Verwandtschaft des Arbeiterberufes.
    Murray aber mit jenem sichern Gefhle der Anlehnung, das uns in dieser Welt
zu selten zu Theil wird, mit jenem anschmiegsamen Behagen an eine vllig
interesselose und doch tief wohlwollende und rein hingegebene Natur, fuhr fort:
    Ich bin der Sohn gewhnlicher Eltern. Es gibt aber gewhnliche Menschen, die
alle Keime besserer Entwickelung in sich tragen. So war es bei dem Ehepaar, das
mir, einem Bruder und einer Schwester das Leben gab. Nun geht Das aber so, das
Bedeutende kommt, wo es seine wahre Richtung, gesund und ungehindert
aufwachsend, nicht findet, verkehrt zur Welt. Der innere Gehalt kann die ure
Form nicht verklren, nicht veredeln. So wuchert das Bedeutende in Misgestaltung
auf und es kommen statt guter, ungeschlachte Dinge zum Vorschein. Meine Eltern,
rohe Menschen, wenn man's so nehmen will, gingen in Selbstplage, Verschwendung,
wenn sie etwas besaen, Schulden, wenn sie darbten, verworrenen sittlichen
Begriffen zu Grunde. Ihr wirres Wesen vererbte sich zumeist auf die Schwester,
die lteste von uns Dreien, die wie ein wildes Gewchs aufscho und keine andre
Schranke ihrer Begierden hatte als die immer erneute Begierde selbst. Sie hatte
gute Keime, Hingebung, Aufopferung, Groherzigkeit, aber da sie nur ihrem
Instinkte folgte, so ergriff sie, um diesen Regungen zu gengen, jedes Mittel
und war im Lasterhaften fast tugendhaft, in der Regellosigkeit wahrhaft strebsam
und treu, in der Verachtung jeder Rcksicht groartig wie einer jener
Verbrecher, die die Geschichte zu Helden machte, weil ihnen irgend ein groes
verbotenes Wagni gelang ... Doch ich stre Ihr Abendessen mit diesen
Reflexionen! unterbrach sich Murray.
    Nein, nein, ich geniee schon! sagte Louis, bediente sich wieder ein wenig
der Vorrthe, die vor ihnen standen und hrte einer Auseinandersetzung zu, die
er gerade sehr lehrreich nannte. Murray erschien ihm wie ein Weiser. So ruhig,
so klar blickte dieser seltsame Mann auf die Vergangenheit zurck, so tief waren
die Gnge angelegt, die er sich durch das Menschenherz zu bahnen wute. Er mute
viel gelitten, viel beobachtet haben.
    Diese Schwester, fuhr Murray fort, war natrlich (denn ich spreche von den
gewhnlichsten Menschen) nur ein Dienstbote und dennoch, trotzdem, da sie ohne
Bildung und Form war, gibt sie mir Anla, sowie ich vorhin andeutete, ber sie
nachzudenken. Der ltere Bruder war roh, von gewaltiger Muskelkraft,
gewinnschtig, heimtckisch und nicht ohne Anschlgigkeit zu mancherlei
Fertigkeiten. Er whlte das Handwerk des Vaters und wurde Schmied, wie mein
Vater war.
    Louis' Blick fiel zufllig auf das Fenster und sah durch Regen und Nebel
einen kleinen glhenden Schein in der Ferne und ein gewaltiges klingendes
Aufpochen der Hmmer wie im Takte ... Es kam von der Zeck'schen Schmiede.
    Ohne nher anzugeben, da der blinde Zeck sein Bruder war, folgte Murray dem
Blicke Louis' und erkannte, was ihn fesselte. Er mute einen Augenblick
schweigen, so ergriff ihn die Vorstellung, da der Schlag des Hammers, den sein
Bruder schwang, seine Erzhlung von ihm begleitete, und anregend genug ist eine
Schmiede, so in der Herbstnacht glhend, so fernhin hrbar und an ihrem Scheine
durch den Nebel leuchtend!
    In einer Schmiede, fuhr Murray fort, verkehrt viel Volks und zu allen Zeiten
hatten die Shne Vulkans ihr apartes Wesen. Ein Hauptkunde meines Vaters, der
dicht an dem Thore der Stadt sein Geschft trieb, war ein berhmter Pferdearzt,
der aus nicht seltener Liebhaberei auch das Amt eines Scharfrichters nicht weit
vom Thore bekleidete. Zu diesem zog meine Schwester Ursula und lebte eine Reihe
von Jahren mit ihm, bis sie einen Soldaten kennen lernte, den sie spter
geheirathet hat, als er eine Frstersstelle beim alten Frsten von Hohenberg
erhielt. Frh schon entfernte ich mich von den Meinigen und hatte das Glck in
gute Hnde zu gerathen. Anfangs war ich Uhrmacher bei einem franzsischen
Schweizer aus La Chaud de Fonds, einem wunderlichen Kauze, der mir viel von der
Philosophie Rousseau's und Voltaire's beibrachte, das lange in mir sitzen blieb,
aber auch sein Franzsisch blieb sitzen. Ich lernte von ihm denken und sprechen;
aber mit dem Parliren und dem leichten Philosophiren meines Schweizers begannen
auch meine Irrthmer. Die Zusammensetzung der Uhren machte mir keine Freude
mehr. Ich bemerkte, da ich ein Talent besa, auf den Gehusen Chiffern
einzukratzen, sogar falsche, denn diese Uhren sollten oft fr Breguets gelten
und waren keine. Da blieb ich auf dem Wege zu der Kunst, von der ich Ihnen hier
eine Probe zeigte. Ich wurde Kupferstecher und vervollkommnete mich bis zum
Knstler. Ein Auftrag fhrte mich nach England. Ich sollte dorthin einen hohen
Polizeibeamten begleiten, der falschen, in England angefertigten Tresorscheinen
unsres Staates nachzuspren hatte. Wir entdeckten die Quelle des Betrugs,
ernteten groe Anerkennung und konnten ehrenvoll zurckreisen. Ich blieb aber in
England und fhrte ein wildes, genuschtiges Leben. Schon war ich ber dreiig
Jahre, aber von vorteilhaftem uern. Sie lcheln, Freund? Verurtheilen Sie
meine Eitelkeit nicht zu rasch! Ich besitze Toilettenknste, um die mich
Schauspieler beneiden knnten.
    Wissen Sie, sagte Louis, da Sie mir oft vorkommen wie ein jugendlicher
Held, der nur die uern Formen des Alters angenommen hat? Ich wette, unter
dieser dunklen Perrcke steckt ein Haar, das nicht ein einziges graues zhlt.
    Wollen wir es untersuchen? sagte Murray und nahm die schwarze Binde und
seine Tour ab.
    Louis erschrak, ein kurzgeschornes, dickes, volles, aber ganz weies Haar zu
sehen ...
    Nicht wahr, ich bin eitel? sagte Murray lchelnd. Der Adonis wei sich
herzustellen.
    Louis sah dies weie Haar und den pltzlich genderten ehrwrdigen Kopf
eines krftigen Greises nicht ohne Rhrung. Doch mute er hinzufgen:
    Ich nenne Sie doch keinen Greis! Ich sehe weies Haar, aber ein viel
jugendlicheres Antlitz, viel mehr Kraft, als unter der abscheulichen Binde, die
Sie nicht einmal nthig haben, da ich nicht die geringste Verletzung an diesem
Auge bemerke.
    Doch! Doch! sagte Murray. Ich sehe schlecht an dieser Stelle. Eine Explosion
hat hier die Sehnerven dieses Auges geschwcht. Dieselbe Explosion, die meinem
Bruder ganz das Augenlicht raubte!
    Louis staunte und sah nicht ohne eine Art von Grauen, das ihn durchrieselte,
wie Murray wieder die Tour auf den Kopf drckte, die Binde wieder aufsetzte und
unwillkrlich mit dieser Bewegung auch den Rcken wieder krmmte und
zusammensank.
    Murray indessen fuhr fort:
    Von London kam ich als vollendeter Gentleman zurck. Ich sprach fertig zwei
fremde Sprachen und hatte mir durch die groartigen Eindrcke des Auslandes
Anschauungen erworben, die mich fr die Heimat hier weit ber meinen Stand
erhoben. Seit frhester Kindheit litt ich an einer grenzenlosen Eitelkeit.
Nichts lieber trug ich als kostbare Ringe an den Fingern, Uhren, Ketten auf der
Weste, Sporen, Reitgerten. Ich hatte in England das Spiel liebgewonnen und mit
ihm Einnahmen gemacht. In vollendeter Fertigkeit des Pharo kam ich nach
Deutschland zurck und schlenderte wie ein Gentleman mit voller Brse durch die
Bder, deren Saison gerade in Flor war. Mein Hochmuth litt nicht, da ich mich
als den ehemaligen Kupferstecher Zeck zu erkennen gab. Ich nannte mich Baron
Grimm und wute mich durch Toilette, einnehmende Gestalt, Fortne im Spiel,
Scces in der groen Gesellschaft so zu behaupten, da ich mehre Jahre lang in
meinem Incognito verharrte und die glcklichsten Eroberungen machte. Mein Spiel
am grnen Tisch war ehrlich, Alles, Alles an mir war damals ehrlich, khn,
unternehmend, nur mein Name war eine Lge. In derselben Residenz, wo wir uns
kennen lernten, junger Freund, setzt' ich das Glck fort, das ich in den Bdern
bei den Frauen gemacht hatte. Ich war kein gewhnlicher Stutzer. Gerade weil ich
mir mein Leben selbst bestimmte, wandte ich allen Flei auf die Mglichkeit, es
auch geistig behaupten zu knnen. Ich las sogar, nahm Unterricht in allen
Wissensfchern und bildete mich mit Leidenschaft fr Jemand aus, der ich nicht
war. Bildung zu erwerben, mein lieber Freund, soll eine Religion, ein Cultus
sein. Ich trieb diesen Cultus. Kann es aber etwas Blasphemischeres geben als die
Entweihung, die ich mit den Wissenschaften trieb? Ich lernte, ja lief in
ffentliche Vorlesungen, ich brachte die Nchte mit Lectre zu. Aber nicht etwa
um der Bildung selbst willen, sondern um eine Lge mglich zu machen, eine
Verstellung durchzufhren, den falschen Namen, die erlogene Existenz eines
Barons Grimm. Ich las, nicht um zu wissen, was ein Autor wollte, sondern um
sagen zu knnen, da ich Das kannte, was Andre der Sache selbst wegen lasen. Aus
Ehrgeiz fllte ich mich mit Thatsachen, die ich nicht um ihrer selbst willen
liebte. Dies ist jene Bildung, mein Freund, die uns niemals Segen bringt. Ein
einziges Buch, tief aufgenommen, dem Verfasser nachgefhlt und nachgelebt,
stiftet in unsrer Brust grre Umwlzungen als ganze Bibliotheken, die man nur
aus Eitelkeit und ohne sittlichen Halt durchliest. Mein Glck bei den Frauen war
nicht gering. Besonders gelang es mir, das Interesse einer Dame zu gewinnen, die
... Hren Sie nicht Gerusch? unterbrach sich Murray.
    Die Thr ging drauen ...
    Man horchte. Es war die alte Brigitte, die sich meldete, ob sie das
Theegeschirr wegnehmen drfe.
    Lat Das nur, Mtterchen! sagte Louis. Wann geht Ihr zu Bett? Gewi fallen
Euch schon die Augen zu. Sorgt Euch nicht um diese Gegenstnde! Das Feuer
brennt. Holz ist da. Habt gute Nacht und wnscht nur, da wir morgen besseres
Wetter haben.
    Die Alte schlief schon halb zu all' diesen Ermunterungen, antwortete nichts
und ging staunend ber Gste, die sich selbst bedienten.
    Louis rief ihr noch nach, da man, wenn es so fortfhre zu regnen und zu
strmen, morgen fr ein Wgelchen sorgen mchte. Er wrde Vormittags in den
Ullagrund fahren, zum Herrn Ackermann.
    Die Alte rieb sich die Augen, raffte sich auf und wandte sich mit den
Worten:
    Da ich's fast vergessen habe! Herr Oleander fhrt nach dem Ullagrund. Jeden
Morgen um elf Uhr. Wollen Sie nicht mit ihm?
    Wer ist Herr Oleander? fragte Louis doppelt interessirt. Der Name Oleander
fiel ihm auf, wie krzlich der der Jagellona.
    Der Herr Pfarrverweser, der unten bei der Frau Pfarrerin wohnt, erklrte
Brigitte ...
    Nun wohl, sagte Louis trumerisch, so bittet Herrn Oleander in meinem Namen,
das er mich mit sich nimmt, wenn er in den Ullagrund fhrt.
    Oleander! setzte er dann wieder leise hinzu ...
    Herr Oleander gibt dem Frulein im Ullagrunde Lektionen! sagte die Alte.
    Schn! Und damit waren die beiden schnell sich vertrauenden Freunde wieder
allein.
    Sie werden Ackermann morgen sehen ... sagte Murray.
    Begleiten Sie mich!
    Unmglich! Wie bin ich eingeengt! seufzte Murray. Wie sehr bedarf ich eines
Freundes, der meine letzten Pflichten mir erleichtert und mich dann allein zu
Grabe geleitet, sowie ich jenes Mdchen!
    Nicht so, Papa! sagte Louis. Keine Trauer! Die Erzhlung erleichtert Ihren
Kummer! Fahren Sie fort, wenn ich Ihres Vertrauens wrdig bin! Die vornehme Dame
also ...
    Murray drckte Louis die Hand und fuhr fort:
    Ich lebte in der groen Welt und verstand mich trefflich auf ihren Ton.
Ehrgeiz und Liebe sind die beiden Haupthebel aller Rhrigkeit in dieser Sphre.
Ich lernte Verhltnisse von unglaublicher Zerrttung kennen und verstand mich
vortrefflich auf die Philosophie, mit der Untreue und Leichtsinn sich hier zu
entschuldigen wissen. Eine Dame, die ich nie nennen werde, lernt' ich kennen.
Sie fand an meiner Persnlichkeit Gefallen. Sie war nicht mehr jung, niemals
schn. Sie hatte ein Verhltni mit einem Rechtsgelehrten, einer, wie ich fr
bestimmt wei, sehr energischen Persnlichkeit gehabt. Dieser war ihr untreu
geworden aus Grnden, die ich wohl begreifen kann. Sie gehrte zu den Frauen,
die frh alle Bande der gewohnten Ordnung abgeworfen und sich ihr Leben selbst
zu bestimmen gesucht hatten. Sie reiste als junge Witwe fr sich, sie nahm das
Leben umsomehr nach ihrer bequemsten Art, als sich eine zerfallene Stimmung
ihrer bemchtigt hatte ber ein Krperleiden, das mehr auf Einbildung, als in
der Wirklichkeit beruhte. Jener Freund hatte lange in ihrer Nhe geduldet und
jenes elende Joch der Abhngigkeit von einem Wesen, dem die chte Weiblichkeit
fehlte, mit sich hingeschleppt. Da lernte er in einem Badeorte eine sehr
unglckliche Frau kennen, die Freundin seiner Geliebten. Sie war jnger,
lieblicher, reizender, duldender, weiblicher. Was man von ihr wei, was sie
selbst an Spuren ihres Daseins hinterlassen hat ...
    Murray blickte sich um und schttelte den Kopf, wie ber etwas Wunderbares,
das ihn freilich diese Erinnerung an Amanda bednken mute, hier, in diesen
ihren Zimmern, auf ihrem Schlosse! Murray war ber Alles, was sich uns allmlig
entschleiert, unterrichtet ...
    Louis bemerkte seine Erregung und dies Erstaunen.
    Was fllt Ihnen hier so auf? fragte er.
    Murray, der sich vorgenommen hatte, nur ber sich selbst nichts zu
verschweigen, erwiderte:
    Ich glaubte, es rauschte etwas an der Decke, an den Wnden. Es ist nur der
Wind, der sich meldet, da er auch zuhorcht. La mich nur reden, du wilder
Mahner drauen! Ich entweihe diese Rume nicht.
    Louis wute nicht, worauf diese Worte gingen und hrte nur.
    Ein verlassenes Weib, fuhr Murray fort, denkt, wenn sie einen ungebndigten
Charakter hat, erst an Rache, dann versinkt die Rache in eine Art von innerer
Vernichtung, dann die Vernichtung in neue Hoffnung. Das dreiigste Lebensjahr
ist berschritten. Der Vorhang der Ansprche auf Huldigung wird bald fr immer
fallen.
    Noch einmal rafft sich das durch Entbehrung nur gesteigerte Bedrfni der
Liebe empor und blindlings strzt die Sehnsucht eines unbefriedigten Herzens Dem
in die Arme, der, ich mu so grausam sein und Dies sagen, am nchsten steht. Der
Zufall wollte, da ich in dem Bade Ems, das jene Dame regelmig besuchte, ihr
nahe stand. Mein gewandtes Wesen, der Schein von Esprit, den ich mir zu geben
wute, meine anscheinend glnzende Situation, in die ich vom Spielen gekommen
war, fhrte mich, den Baron Grimm, den sddeutschen Adligen, in die vertrautere
Beziehung zu einer Eroberung, die ich mit leichter Mhe machte. Eine
Zwischenhndlerin, die Alles rasch zum Ziele fhrte, war die Begleiterin meiner
neuen Freundin. Ich erfuhr ihre frheren Lebensverhltnisse, ihren Jammer ber
eine erlittene Untreue, ihren Ha gegen eine Jugendfreundin, die ihr das
stolzeste Herz der Erde entrissen htte und wie es zu geschehen pflegt, mein
lieber Freund, die Frauen werden mit den Jahren in einigen Punkten besser, in
andern schlimmer. Schlimmer wurde bei meiner in der Welt hochgestellten, adligen
Gnnerin der Stolz, die Weltverachtung, das Bedrfni der Intrigue; besser ihre
innere Erkenntni des Wenigen, was sie am Ende einem Manne zu bieten hatte. Wie
einst bei dem verloren gegangenen ersten Freunde die Rede von einem Ehebunde
war, den man, der geistigen Vorzge jenes Mannes wegen, keine Mesalliance nennen
konnte, war nun auch bei Baron Grimm von einer dauernden Verbindung die Rede.
Baron Grimm war so tollkhn, mit seiner Eroberung offen in der Gesellschaft zu
prahlen. Er liebte sie sogar, da sie doch von vielen starken und bedeutenden
Eigenschaften gehoben wurde. Sie war zrtlich, aufmerksam; alles Gute der
Frauennatur kam in der Hingebung an den Mann ihrer Wahl zum Vorschein, whrend
sie Jedes, was auer dieser Wahl lag, mit Geringschtzung behandelte. Ach, mein
Freund, Das ist das Tragische an einer Schuld, da man sie liebgewinnt und es
fr tugendhaft hlt, sie bis auf's uerste durchzufhren. Ich war gerhrt von
jener Frau und mochte ihr durch Entdeckung meines Standes nicht wehe thun. Ich
hatte von meinen Gtern sprechen mssen und wurde doch tglich mittelloser. Da
ich bei meiner Geliebten war, konnt' ich nicht mehr in den Spielgesellschaften
sein. Sie besa Vermgen, groes Vermgen, durch ihren ersten Mann; aber ich war
zu stolz, ihre Mittel in Anspruch zu nehmen. Woher aber meine versiegte Kasse
neu fllen? Woher den Muth nehmen, meine tollkhne Rolle durchzufhren?
Entdeckung frchtete ich noch nicht. Jener Polizeibeamte, den ich nach London
begleitet hatte, war gestorben. Meine Eltern lebten nicht mehr. Ursula stand
auswrts in Diensten, nur den einzigen Bruder hatt' ich einmal gesehen, wie er
vor der Schmiede unsres Vaters stand und ich vor ihm zum Thore hinausritt. Ich
gab dem Pferde die Sporen und ritt dem Hochgericht zu, unter dem Ursula einst in
Diensten stand ...
    Wie lange waren Sie in England gewesen? unterbrach Louis, da es Murray
schauderte ...
    Fast acht Jahre, sagte Murray. Ich hatte mich sehr verndert und dennoch
erkannte mich vielleicht mein Bruder. Er sah mir nach. Ich bin berzeugt, jetzt,
wo er blind ist, noch jetzt wrde er mich am Tone meiner Stimme erkennen.
    Louis blickte um sich. Es war so einsam, so schauerlich still auf dem
Schlosse. Der Regen scho in tausend Tropfen unaufhrlich an die Fenster, der
Sturm sauste. Das Feuer drben in der Schmiede war erloschen. Der Gedanke, da
sie nicht allein wren, ergriff Louis so, da er einen der Leuchter nahm, in das
Vorzimmer ging, dies durchsuchte und es nach dem Corridor zu, auf dem er Alles
dunkel und still fand, abschlo.
    Als er zurckkehrte, sagte Murray:
    Ich danke Ihnen, mein Freund, fr Ihre Vorsicht; denn Sie ahnen wohl, da
ich mich der dunkelsten Stelle meines Lebens nhere.
    Louis setzte sich und sttzte trauernd ber Das, was ihm Murray jetzt sagen
wollte, den Kopf auf die Lehne des Kanaps.
    Ja, mein Sohn! fuhr Murray fort. Das waren sechs schlimme Monate, die ich
nicht aus meinem Dasein auslschen kann! Sie brennen auf der Seele, wie die
Buchstaben, die man dem Leibe einzt. Oft hab' ich gedacht und damals ganz
gewi, was ich that, wre nur ein Wagni, kein Verbrechen. Wer hat denn den
Staat berechtigt, sagte ich mir, den Werth der Dinge zu bestimmen? Wer hat ihm
denn nach der sittlichen Ordnung der Dinge allein zugestanden, da er lgen
darf? Denn Lge ist es doch, dem Papiere einen Nennwerth zu geben, dem nur eine
conventionelle Thatsache als Realisation zum Grunde liegt? Verstehen Sie, wovon
ich rede, Louis?
    O, sagte dieser mit lchelndem Schmerz und groer Aufregung, nur zu gut
verstehe ich! Sie haben Das gethan, was der verzweifelnde Arbeiter jeden Tag
thun mchte, wenn er das Werk seines Fleies vor sich stehen sieht, es zur
Ausstellung in einem Gewlbe trgt, wochen-, monate-, jahrelang wartet, bis es
sich verwerthet! Sie haben Das gethan, was die Noth in verzweifelten Momenten
hundertmal erfunden hat, wo man Stcke Papier nahm und darauf schrieb: Das sind
fnf Sous! Diese nimmt der Bcker und gibt mir Brot! Mag sie mein Schuldner
einlsen!
    O, mein Freund, unterbrach ihn Murray. Entweihen Sie nicht eine Frage der
Armuth und der Arbeit mit meinem frivolen Beginnen! Ich habe Geld gemacht, nur
weil ich es zu machen verstand! Wohl begreif' ich, wovon Sie sprechen. Wohl
versteh' ich die Verzweiflung des Arbeiters, der einen Werth in Hnden hat, den
er durch seinen Flei erschuf und der den Ausdruck fr diesen Werth erst
bekommt, wenn das Werk verkauft wird. Auch ich sage, die Gesellschaft hat hier
ein Recht der Selbsthlfe.
    In der That, hat sie Das? fragte Louis begeistert.
    Sie hat es, aber unter gesetzlichen Bedingungen! antwortete Murray. Geld ist
Das, was gilt. Was kann, was soll mehr gelten als die Arbeit? Die Arbeit ist
schon Geld. Die Arbeit, vollendet, ist sogleich Geld. Da sie warten mu, bis
sie durch Zufall Geld wird, ist der schaudervollste emprendste Mord der
Menschheit, den leider tglich unsere Gesetzgeber verben. Fluch der
Gesellschaft, die das Geld nur zum Ausdruck des Bedrfnisses und der Fhigkeit,
Bedrfnisse zu befriedigen, gemacht hat! Adam Smith hat den alten Glauben
gestrzt, da Geld Geld ist, das heit Metall, Gold, Silber. Adam Smith hat das
Geld als Waare verworfen und gesagt: Geld ist der Credit, das Tauschmittel des
Verkehrs, die Abkrzung des Verkehrs, das Triebrad der Cirkulation. Aber dieser
Grundsatz eines handeltreibenden Volkes mochte fr das verflossene Jahrhundert
ausreichen. Unser Jahrhundert soll sagen: Geld ist Arbeit. Nicht auf Bergwerke
soll man Geld aufnehmen, sondern auf ein Magazin der Arbeit. Der Staat mu das
Geld zum Ausdruck der moralischen Lebensthtigkeit und des Fleies machen. Ehe
wir nicht dahin kommen, ehe wir nicht frei werden von den Tyrannen, die das Geld
immer und immer wieder zur Waare, zum sich aufhufenden Nennwerth fr Nichts
machen, ehe wir nicht mit dem Geldmachen auch das Geldtilgen unter die Garantie
des Staates stellen, eher hrt auch das Elend der Menschheit, das Unrecht und
der Fluch unsres Daseins nicht auf.
    Louis war so von diesem Ausbruch einer tiefen berzeugung und dem Gefhl der
bereinstimmung hingerissen, da er in seiner sdlichen Glut aufsprang, durch
das Zimmer schritt und dem bewegten Sprecher die Hand schttelte mit den Worten:
    Murray, verurtheilen Sie sich nicht! Sie sind kein Verbrecher! Mordeten Sie?
Was thaten Sie? Ihre Schuld ist gebt.
    Murray, Louis' Hand zurcklehnend, erwiderte:
    Ach, verwechseln Sie diese Ergebnisse meiner spteren Betrachtungen nicht
mit dem unreinen Geiste, aus dem ich damals mir sagte: Warum sollst du nicht Das
thun drfen, was sich der Staat erlaubt? Ich philosophirte damals wie jetzt,
aber, ich Elender, wo waren denn die Werthe von Flei und Arbeit, denen ich die
gesellschaftliche Benennung: Geld gab? Darf ich mein Haupt in die reine Sphre
erheben, in der Sie leben, Louis, wenn Sie ber das Wohl der tugendhaften
Menschen nachdenken?
    Nein! sagte Louis, der seine alte Gedankenreihe noch nicht aufgeben mochte,
hat denn der Staat das Recht, willkrlich Nennwerth auf Nennwerth zu schaffen
und grtentheils nur zu frivolen Zwecken anzuwenden, zu Krieg, zum Glanz, zum
Beamtenluxus?
    Kommen Sie heraus aus Ihrem Himmel! sprach Murray. Hier ist ein Unwrdiger,
der diese Rechtfertigung nicht verdient. Ich wei es, der Staat hat gegen das
Verbrechen, das ich meine, kein Naturrecht, kein Recht, dem es gelnge, die
Grnde irgend eines alten rmischen Rechtslehrers zu entkrften, er hat nur ein
fiskalisches, ein Recht der Nothwehr. Allein man braucht nur in sein Inneres zu
greifen und den kategorischen Imperativ des Herzens zu fragen. Der sagt: Mgen
die Menschen nicht errthen, die an dem groen Prgstempel der Mnze stehen und
in's Gelag hinaus Geld schlagen und noch dazu aus Papier, Der, der dem Staate
diese gedankenlose Fabrikation nachmacht, ist ebenso unmoralisch wie oft der
Staat. Der Staat sagt: der Werth, den ich hier benenne, ist das ffentliche
Vertrauen! Gestattet es das ffentliche Vertrauen, da man auf seinen Werth hin
Geld macht, wohlan! Das groe Sndenregister der ffentlichen Anleihen und des
Papiergeldemittirens wird sich einst furchtbar rchen; aber der Einzelne, der
nicht einmal die Chimre jenes Vertrauens, den Credit, den Glauben auf Ruhe und
Frieden und allgemeinen Wohlstand fr sich hat und nur zu seinem Gelsten Geld
schlgt, ist ein Elender und Das war ich, Louis, entschuldigen Sie mich nicht!
    Louis bekmpfte seine Aufregung, setzte sich und sah voll Theilnahme milde
und liebevoll auf Murray, der so strenges Gericht ber sich hielt.
    Als sich Murray von dem Zittern, das seine Stimme befallen hatte, erst
allmlig erholte, fragte ihn Louis, ob er denn im Stande gewesen wre, so eine
schwierige Aufgabe allein durchzufhren?
    Jemand half mir, sagte Murray und wollte ihn nicht nennen.
    Aber Louis sagte:
    Ihr Bruder half! Sie sprachen von einer Explosion, die ihn blendete. Sollte
sie nicht von Ihren gemeinschaftlichen Arbeiten herrhren?
    Murray schwieg eine Weile, dann fuhr er gesammelt fort:
    Ich mu Ihnen die volle Wahrheit sagen, Louis, denn nur wenn Sie Alles
wissen, knnen Sie mir so helfen, wie es mich fr den Rest meines Lebens
beruhigen soll. Ich habe viel zu vollenden, viel zu wagen. Ihren Beistand will
ich mir durch Aufrichtigkeit verdienen.
    Louis gelobte nochmals jede Hlfe und vor Allem die heiligste
Verschwiegenheit.

                                Drittes Capitel



                                Der Falschmnzer

Es war an einem strmischen Oktoberabend, wie der heutige, erzhlte Murray. Nur
spter schon. Die Nacht war schon angebrochen. Ich wohnte in demselben Hause wie
jene Frau, die mich liebte. Wir waren im Begriff, die Stadt nchstens zu
verlassen und uns nach Italien zu begeben. Den Grund sollen Sie bald erfahren.
Sechs Monate lang hatt' ich in aller Stille schon ein Verbrechen getrieben, zu
dem mich wahnsinniger Ehrgeiz verleitet, frivole Philosophie ermuntert hatte. Im
obern Stockwerke hatt' ich eine Kammer, in die ich Niemanden einlie als meinen
Bruder, den ich selbst aufsuchte und, da er in zerrtteten Umstnden lebte, fr
meinen Anschlag leicht gewonnen hatte. Er baute in jener Kammer einen
Schmelzofen, fertigte eine Prgmaschine fr die von mir gemachten Stempel und
fand sich zu gewissen Zeiten Nachts bei mir ein, wenn ich aus nicht ganz
werthlosen Mischungen Goldstcke schlug. Mit kleinerer Mnze befate ich mich
nicht. Mein Talent zum Kupferstecher machte mir nebenbei die Fabrikation des
Papiergeldes zu einer leichten, wenn auch langsam auszufhrenden Aufgabe. Der
Mensch ist im Grunde ein Thier. Seine edelsten Gaben benutzt er zum
Ungebhrlichen. Ich freute mich der gelungenen Beweise meines Talentes und
lachte zu den Besorgnissen meines Bruders, dem ich niemals von dem falschen
Gelde gab. Es waren ansehnliche Summen, die ich selbst in der groen Welt in
Umlauf setzte.
    Betrger haben Sie betrogen, sagte Louis, Verschwender haben Sie getuscht,
Dieben mit ihrer eignen Mnze gezahlt -
    Das entschuldigt nichts, sagte Murray, hielt eine Weile schmerzlich lchelnd
inne und fuhr dann fort:
    In jener Nacht sollte uns eine Mischung gelingen, auf die ich besondern
Werth legte. Sie war aber fr die kleinen Hlfswerkzeuge, die uns in der Kammer
zu Gebote standen, zu stark und endete mit einer Explosion, die den Ofen
zertrmmerte und eine so gewaltige Lohe aufsteigen lie, da man eine
Feuersbrunst befrchten mute. Der Zufall wollte, da in demselben Augenblicke,
wo ich an diesem einen Auge, mein Bruder aber an beiden geblendet wurde, zwei
andere eigenthmliche Momente eintraten. Meine Freundin war seit einiger Zeit
schon in einem aufgeregten krankhaften Zustande. Sie wachte Nchte lang. Sie
nicht nur, sondern auch ein schon lngst gegen mich obwaltender Verdacht,
organisirt durch einen in das Haus gezogenen sphenden Polizeibeamten, kamen
fast zu gleicher Zeit an die Stelle, wo auffallend genug das frchterliche
Unglck geschehen war. Mein Bruder, alle Gefahr vergessend, hatte im Moment der
Explosion geschrieen. Wie ein vom Blitz Gestreifter taumelte er hin und her,
whrend die Thr aufgerissen wurde und meine erschreckte Freundin, die zu einem
an einer versteckten Treppe befindlichen Cabinet meiner Wohnung einen eignen
Schlssel hatte, mit ihrer Kammerfrau hereinstrzte. Sie hatte die nicht zu
bewltigende Flamme in dem zum Hof hinausgehenden Kmmerchen in der Nacht
sogleich aufschlagen sehen, hatte schreien hren und war heraufgestrmt, ob ich
in Gefahr wre. Sie entdeckt die Verwirrung, in der ich mich befinde, ihre
Begleiterin wirft Kleider auf die Flamme, um sie zu ersticken, aber diese werden
im Nu von der furchtbaren intensiven Hitze verzehrt. Der Anblick der auf der
Erde liegenden zerstreuten Goldstcke, die geheimnivollen Gertschaften, der
wimmernde Bruder, der mit Wasser seine Augen khlen will und wie ein Kind weint,
da er nichts mehr unterscheiden, das Nchste nicht sehen kann, mein eigener
Augenschmerz, dazu die beiden Frauen und das inzwischen eintretende Pochen von
herzustrmenden Menschen an der Hauptthr, das Klingeln, der Ruf im Hofe:
    Feuer! Feuer! ... Ich begreife nicht, da mich nicht augenblicklich Raserei
packte. Ich verlor aber die Besinnung nicht. Mit furchtbarer Bestimmtheit
drngt' ich die Frauen zurck und stie den Bruder ihnen nach. Alle Drei gingen
durch das Cabinet und die kleine Lauftreppe in die Wohnung der Freundin. Ich
band ihnen den Bruder auf die Seele. Nun rumte ich rasch in der Kammer auf,
lie den Ofen ausbrennen und rckte Alles, was die Flamme htte ergreifen
knnen, aus ihrer Nhe fort. Dann ffnete ich und stellte mich heiter,
berrascht, als ich das ganze Haus versammelt sah, das mir Hlfe anbot. Man
brachte nassen Sand. Diese Gefahr ging vorber. Ich selbst aber wurde sogleich
verhaftet. Meine Wohnung wurde untersucht. Man fand alles Das bei mir, was man
lngst geahnt hatte.
    Und Ihr Bruder? sagte Louis.
    Der arme Geblendete! fuhr Murray, den die Erinnerung an diese Schrecken wei
wie die Wand bleichte, fort. In die Wohnung meiner Freundin einzudringen wagte
man nicht. Da man sich meiner versichert hatte, fand der Unglckliche Zeit, am
Morgen mit einem Miethswagen aus dem Hause geschafft zu werden. Sein erstes
Gefhl war Das, Hlfe bei dem Manne zu suchen, bei welchem unsre Schwester
diente, dem langjhrigen Freunde unsrer Eltern, einem wirklich vorzglichen
Thierarzte, dem Scharfrichter Lehmann. Dort gab er vor, in seiner Schmiede sich
durch zu nahe Berhrung der Glutausstrmung des Herdes und einen Fall geblendet
zu haben. Er blieb bei der Schwester, der er sich ganz vertraute. Man suchte
ihn, den man fr meinen Mitschuldigen hielt, in der Schmiede und fand ihn nicht.
Seine Frau lebte nicht mehr. Sein Knabe, ein geistesschwaches Kind, konnte keine
Auskunft geben, ich im Kerker verweigerte sie nicht minder. So galt er fr
entflohen, wurde mit Steckbriefen verfolgt und kein Mensch dachte daran, ihn an
einem so unheimlichen Orte, wie die Scharfrichterei vorm Thore war, aufzusuchen.
Er hatte in der That das beste Asyl getroffen und konnte meinem ganzen
unglcklichen Processe in Ruhe zuwarten.
    Murray schwieg eine Weile, um sich zu erholen und sich ber den Eindruck,
den diese Erzhlung auf Louis machte, zu sammeln.
    In Louis' Brust stockte der Athem. Sein Herz war beklommen. Seine Hand
fhlte sich ihm selber eisig an.
    Meine nchsten spteren Schicksale, sagte Murray, will ich bergehen. Ich
wurde zu einer zwanzigjhrigen Kerkerhaft verurtheilt. Ich habe alle Ursache,
anzunehmen, da ich die Dame, die einen Baron Grimm zu lieben glaubte, durch die
Maske, die ich gezwungen war nun abzuwerfen, ffentlich nur wenig compromittirt
hatte. Ich galt fr leichtsinnig und wankelmthig in meinen Neigungen. Man wute
wenig davon, wie eng schon das Band war, das mich mit ihr verbunden hielt, da
sie zufllig auch unter mir in einem und demselben Hause wohnte. Das Geheimni
erhht den Reiz solcher Verbindungen. Allein um so peinlicher mut' es jener
Frau sein, stndlich gerade von mir selbst eine Entdeckung zu frchten. Ich
hatte mich mit ihr durch ein Band verbunden, das der grenzenloseste Leichtsinn
geschlossen hatte. Gewandt und gefllig, wie ich war, hatt' ich bei ihr keinen
Widerstand gefunden und ich mu es Ihnen sagen, darf es als das eigentliche Ziel
meiner Beichte nicht verschweigen ... sie trug damals, als der Roman des Barons
Grimm ein so schreckliches Ende nahm, unter dem Herzen ...
    Murray stockte. Seine Stimme war bewegt.
    Louis verstand, was er sagen wollte.
    Sie wird Ihnen keinen Ha genhrt haben, wenn sie unter ihrem Herzen ein
Pfand der Liebe trug, sagte Louis.
    Doch, mein Freund! fiel Murray ein. Um so grer war dieser Ha! Ich
verdiente ihn. Meine Tuschung war zu elend. Deshalb zrn' ich ihr auch nicht;
zrn' ihr nicht, wenn sie der bsen Frau, die in ihrer nchsten Umgebung lebt,
gestattete, einen Mordplan gegen mich anzulegen. Ich will Ihr Herz nicht
betrben, Louis, indem ich Ihnen die Rache schildere, deren zwei verletzte und
gedemthigte, wilde, vor Verzweiflung rasende Frauen fhig sind ...
    O sagen Sie mir Alles!
    Nein, nein! Genge Ihnen, da ich Gelegenheit fand, einem Angriffe auf mein
Leben zu entgehen. Ich entfloh ...
    Das gelang Ihnen?
    Mit fremder Hlfe ...
    Vielleicht durch die Frauen! Sie irren sich vielleicht! Vielleicht gaben sie
die Mittel her, Ihre Flucht zu erleichtern.
    Nein, mein Freund! Wie leid thut es mir, diese gute Meinung, die Sie von
Frauenherzen hegen, nicht besttigen zu knnen. Ich entfloh durch den Beistand
eines mitleidigen Mannes ...
    Wie segn' ich ihn!
    Haben Sie Mitleid mit mir? Gnnten Sie mir wirklich nach solchen Verirrungen
die Freiheit?
    Sie haben die Freiheit, dcht' ich, zu benutzen verstanden!
    Das lehrte mich nicht die Freiheit selbst, nicht der Dank gegen die
Gottheit, die an mir ein Wunder vollzog, als sie mich unter den schwierigsten
Verhltnissen einen tiefen Kerker durchbrechen und entfliehen lie. Erst auf dem
Meere, als ich nach Amerika floh, kamen mir stillere Gedanken und der Trotz auf
meine Kraft und das Gefallen an meiner Wildheit nahmen ab. Ich betrat den Boden
der neuen Welt mit ernsten Vorstzen. Ich nahm, da ich englischer Sitte
vollkommen mchtig war, einen englischen Namen an -
    Murray -
    Morton nannt' ich mich.
    Morton? Und wovon ernhrten Sie sich?
    Von derselben Kunst, die ich misbraucht hatte. Ich wurde wieder
Kupferstecher.
    Und jeder Versuchung widerstanden Sie?
    Du hrst mich, Herr! Ich kann wol sagen jeder!
    Reichte der Erwerb hin, Ihre verwhnten Ansprche zu befriedigen?
    Das war's, mein Freund! Ich gab diese verwhnten Ansprche auf. Ich habe
gefunden, da wir auerordentlich glcklich sein knnen, wenn wir pltzlich
mitten in unserm Leben einmal innehalten, stillstehen, Alles ndern, zurckgehen
knnen. Was macht uns so unglcklich, was treibt uns so von Extrem zu Extrem,
als diese athemlose Begier, ein Leben so wie es nun einmal, ich mchte sagen in
Schlu gekommen, zu Ende zu bringen? Ja, wir wachsen anfangs empor. Wir kommen
von Jahr zu Jahr vielleicht in gnstigere Lagen. Aber wehe uns, wenn wir diesem
Zuge des Schicksals, dieser freundlichen Gunst der Gestirne immer nachgeben! Das
Bett, einmal erweitert zum Genu, will immer gefllt sein. Eine Existenz, einmal
bequem und behaglich angelegt, wird unsre Qual, unsre Folter, unsre Verlockung
zur Snde werden. Der Emporkmmling, der nicht mehr zurckkann, wird fast immer
scheitern. Verwirren sich seine Begriffe von Recht und Tugend nicht in dem
Drange des Erwerbs, so sinkt er erschpft am Ende seiner Tage zusammen. Der
Zwang, jenes bequeme Bett seiner Existenz immer gleich weit auszufllen, hat ihm
jede Freude des Lebens geraubt.
    Jetzt versteh' ich, sagte Louis, warum so viele Handwerker in Paris zwanzig
Jahre fleiig sind und dann auf's Land ziehen, um weniger arbeiten und sichrer
genieen zu knnen.
    Das nenn' ich einen Epikurismus, antwortete Murray, den ich niemals
empfehlen werde. Man soll nicht frher aufhren zu arbeiten, ehe nicht die Hnde
und der Muth erlahmen. Nein! Ich richtete mich in New-York sogleich arm und
bescheiden ein. Die Anmaungen des Barons Grimm lagen hinter mir. Man nannte
mich den Diogenes in der Tonne und wollte Geiz darin finden, da ich so wenig
ausgab und so viel verdiente -
    Thaten Sie Das?
    Ja, mein Freund! In Amerika ist jede praktische Kunstfertigkeit hochgeehrt.
Ich erwarb deshalb viel, weil ich wenig brauchen wollte. Ich habe ein nicht
unansehnliches Vermgen gesammelt, noch reicher aber bin ich an innern
Erfahrungen geworden. Ich verschlo mich auf der neuen Erde den Menschen nicht.
Ich prfte die Charaktere und unterrichtete mich ber die Einrichtungen. Die
Gewissensbisse, die an mir nagten, fhrten mich auf das Bedrfni der
Vershnung. Glauben Sie nicht, da ich ein bigotter Christ wurde, aber ich
gestehe Ihnen, da ich eines Mittlers bedurfte. Der Mittler Jesus, den uns das
Christenthum bietet, sprach zu mir wie ein verborgener Freund. Er sagte mir
nichts von Dem, was man wol so gewhnlich in den Kirchen hrt, er sagte mir: Du
bist ein Mensch und hast gesndigt! Deine Bahn war gestrt, aber vielleicht
fhrte dich die Strung auf den rechten Weg, den du nie gefunden httest, wenn
du ohne Innerlichkeit, als leidlich guter Mensch, so fortgegangen wrest.
    Sie schlossen sich einer Sekte an? fragte Louis, dem mit dieser religisen
Wendung des Gesprches eine neue Verklrung auf Murray fiel, ohne da er sich
freilich htte eingestehen knnen, da er ihm deshalb lieber geworden wre. Er
hing, wie jeder junge Mann, an seinem irdischen Berufe und an der reinen
Weltlichkeit unsrer nchsten groen Bestimmungen und mistraute sogar dem
Einflusse der religisen Betrachtung auf die Energie, die er von dem Menschen
der Jetztzeit verlangte.
    Ich schlo mich keiner Sekte an, sagte Murray, sondern beobachtete nur.
Wiedergeboren im Geiste kann man nur in sich selber werden. Was ich innerlich
gelitten, verschuldet, mir vorzuwerfen und abzuben hatte, eignete sich Das fr
die Mittheilung? Ich dachte mir jedesmal, wenn ich die Sekten in ihren Cirkeln
beten hrte: Wenn Ihr wahrhaft gottselig seid, mu Euch der Kampf um den innern
Frieden leichter geworden sein als mir! Ich betete fr mich. Auch hab' ich nie
hinaufbeten knnen zu einem groen Wesen, das auer mir wre. Das htte mich
nicht erquickt und erfllt. Wie kann mich etwas erquicken, das nicht aus mir
selber strmte? Die Macht des Gebetes liegt in der Ruhe, die nach ihm auf unser
Inneres sich breitet. Ich betete, ich kann wol sagen, zu mir selbst. Ich betete
zu dem tiefen Geheimni, das in meiner Brust schlummert und mir alles Das
entgegenhlt, was gut und schn und unsre Pflicht ist! Das Bse lag klar vor
meinem Blick. Ich verschnerte es nicht, ich entschuldigte es nicht durch bunte
Farben. Ich sah es in seiner ganzen verworfenen, abschreckenden Gestalt und
entrann dieser Gestalt, zu reineren Genien mich flchtend, die mir ihre rettende
Hand boten. Aber was ich auch that, um mich zu lutern, nichts wre mir
gelungen, wenn ich nicht die Freuden einer bescheidenen Lebensweise gesucht und
an Entbehrung mich gewhnt htte. Mein einz'ger Luxus waren Reisen in das Innere
der Staaten, die mir unendlich lehrreich wurden und unter Andern auch die Freude
bereiteten, den Mann kennen zu lernen, der meinen Geschwistern die Kunde meines
Todes brachte ...
    Wie ist es nur mit diesem Tode? fragte Louis, ergriffen von der weichen und
sanften Stimme, in der Murray seine religisen Empfindungen ausgesprochen hatte.
    Wenn, mein junger Freund, fuhr Murray fort, die Ausshnung des innern
Menschen mit sich selbst und die Wiedergeburt im Geiste darin liegt, da man
jede Kluft zwischen seinem Schicksal und seiner Ergebung in dies Schicksal
ausfllt, so mu ich Ihnen gestehen, da es zwei Dinge gab, die beim erwachenden
Glck meiner Seele dennoch die Freudigkeit derselben strten. Der eine Gedanke,
der mich peinigte, war die Flucht vor dem Loose, das mich in Europa heimgesucht
hatte. Der andre die Erinnerung an meinen Sohn ...
    Wissen Sie nichts von Ihrem Kinde? Es ist ein Sohn? fragte Louis
theilnehmend.
    Es ist ein Sohn ...
    Und keine genauere Kunde von ihm?
    Nicht mehr, als was ich Ihnen erzhlen werde. Jene beiden Gedanken folterten
mich ...
    Auch der Ihrer Flucht? Wie wre Das? Wie konnte Sie der Gedanke an Ihre
Rettung foltern?
    Murray schwieg eine Weile, dann sagte er:
    Sie stehen, ein reiner, unbescholtner, in sich friedlicher Jngling, auf dem
Standpunkte nicht, der der meinige werden mute. Ich habe dem Herrn gedankt, als
ich mir sagen konnte: diese Flucht rettete dein Inneres! In dem Kerker httest
du mit der Kette geklirrt und dir in ungebehrdigem Zorne den Schdel an der Wand
eingerannt. Erst durch die Flucht fandest du die Stimmung, in dir einzukehren
und ber dich den Stab zu brechen ...
    Um so mehr!
    Wie ich aber Frieden mit mir selber hatte, wissen Sie, was mich peinigte..?
    Doch nicht der Vorwurf, da Sie dem ungerechten Akte dieser weltlichen
Gerechtigkeit nicht gengt haben?
    Murray schwieg und wurde nachdenklicher.
    Sie antworten nicht? Wr' es mglich, da Sie die Absicht htten -
    Mich den richterlichen Behrden hier selbst wieder auszuliefern? fragte
Murray lchelnd und richtete sein Auge lange auf Louis, der diese Verirrung des
von ihm so hoch geschtzten Mannes nicht zu begreifen im Stande war.
    Nein, nein, sagte er. Das ist keine lebenskrftige Tugend mehr! Das ist
mnchische Selbstqual! Das ist Hypochondrie!
    Haben Sie keine Sorge, mein Freund, sagte Murray, da ich die Thorheit
besitze, in diesem Punkte blindlings einem Gefhle zu folgen. Wie wenig reif
dieser Gedanke bei mir ist ...
    Er zog sein Terzerol und fuhr fort:
    Beweise Ihnen diese Waffe, mit der ich im Stande wre, meinem Leben ein Ende
zu machen, wenn ich so unglcklich sein sollte, erkannt zu werden. Und doch
hass' ich Selbstmord! Und mchte Christ sein! Sie sehen, da ich noch nicht zur
rechten Erleuchtung gekommen bin!
    Louis erwiderte nichts. Der Anblick der Waffe machte ihn vollends irr. Er
konnte bei Murray eher Alles, als eine gewaltsame Beendigung seines Lebens durch
eigne Hand voraussetzen. Mit seinen religisen Grundstzen schien diese Drohung
nicht bereinzustimmen ...
    Murray verstand sogleich, was seine letzten Worte besttigend in Louis'
Seele vorging.
    Nicht wahr, sagte er, wie wenig entsprechen solche Entschlsse dem Bilde,
das Sie vielleicht von mir gewonnen haben! Ich spreche von Selbstmord! Erkennen
Sie daraus, wie wenig ich in mir selber schon reif und klar geworden bin! Ein
vllig unbestimmtes Tasten im Dunkeln verwirrt mich noch, wenn ich an diese
Gefahren denke. Soll ich sie aufsuchen? Soll ich sie fliehen? Eine Stimme in
meinem Innern sagt: Kehre am Schlu deines Lebens in den Anfang zurck und
dulde, was du dulden mut -
    Louis sprang auf und unterbrach Murray auf das Heftigste.
    Sprechen Sie Das nicht aus! rief er. Sagen Sie nicht, da man verpflichtet
wre, dieser irdischen Gerechtigkeit Wort zu halten! Wenn irgendwo ist hier das
Recht der Nothwehr an seiner Stelle. Sie wrden diese Gerechtigkeit beschmen,
wenn Sie in den Kerker zurckzukehren wnschten.
    Nein, mein Freund, ich wrde noch mehr thun, sagte Murray, ich wrde sie
veranlassen, gromthig zu sein; ich wrde die Aufmerksamkeit des Publikums auf
mich ziehen, belobt, gerhmt, gepriesen werden - kann ich Das wollen? Mt' ich
Das gerade nicht verachten? Nein, mein Freund, nicht sich selbst angeben,
sondern angegeben werden, fortgeschleppt von der Gerechtigkeit, die sich der
Beute freut, Das, Das, knnte leicht mein Schicksal sein ...
    Louis wehrte gewaltsam diese melancholischen uerungen fast mit den Hnden
ab. Es war ihm, als trte einer der alten Mrtyrer aus den Nebeln der Geschichte
und drngte sich an den Holzblock, nur um fr Christus zu sterben und seinen
Heiland bald zu sehen.
    Nun, nun, sagte Murray und streckte ihm das Terzerol entgegen. Sie merken
da, da ich noch ziemlich weltlich gesinnt bin, wenigstens so lange - fgte er
mit gedmpfter Stimme hinzu - bis ich meinen Sohn gefunden habe.
    Sprechen Sie davon, Murray! Das ist trstlicher fr mich.
    Ich sehe aus Ihrem Eifer Ihre Liebe. Nun wohlan! Der zweite mich peinigende
Gedanke ist mein Sohn. Ich wei, ich ahne es, da er im Elend lebt, verworfen,
verkmmert. Wenn er lebt! Ich hatte keine Ruhe ber diesen Gedanken. Ich wei,
da ihn seine Mutter verstie, wei, da sie ihn, wenn er noch lebt, hassen
wird, wie sie den Vater hate. Es gibt unblutige Mrderhnde! Man kann tdten -
o mein Freund - man kann tdten mit Gift und Dolch, das ist alt! Man kann tdten
mit scheinbarer Liebe, bertriebener Pflege, durch tausend Mittel der Bosheit,
die langsam, aber sicher treffen. Auch Das ist erwiesen, wenn auch meist im
Dunkel begraben und nur fr das jenseitige Gericht reifend! Aber ein noch
langsamerer Tod durch Unterlassungen, ein sittlicher Mord durch Nichterziehung,
Verwilderung, Elend ... sehen Sie, Freund, das Alles steht klar vor mir, stand
vor mir, seit ich mein Elend begriff, und meine Ruhe, meinen Frieden strt dies
Bild so, da ich mir verworfen vorkomme, wenn ich die natrliche Pflicht, die
mir die Ordnung der Natur aufgegeben, aus jmmerlicher Feigheit um mein eignes
Loos hintansetzte und von dieser Erde scheiden wollte, ohne mich noch wenigstens
einmal umzublicken, wo wol das Kind ist, das sich so jammervoll durch sndige
Eltern in's Leben stehlen mute.
    Louis war von diesen mit hoher Weihe ausgesprochenen Worten erschttert.
    Ja, sagte er, Murray's Hand ergreifend, das ist ein Gefhl, hochzuehren,
heilig und edel! Diesem Gefhle widmen Sie Ihr Dasein, aber ihm schonen Sie es
auch! Denken Sie an Ihren Sohn! Suchen wir ihn! Retten wir ihn, wenn er noch
lebt und durch die unnatrliche Wuth einer betrogenen Mutter wol zu den
Ausgesetzten und Verdammten dieser Erde gehrt!
    Das war meine Aufgabe, fuhr Murray fort. Ich raffte mein Vermgen zusammen,
nahm Abschied von den Wenigen, die mich kannten, und schrieb jenem Manne, den
ich einst auf seiner Farm am Missouri kennen lernte und von dem ich wute, da
er zum Continente zurckkehrte, er sollte meinen Verwandten, die ich ihm
bezeichnete, einiges Geld berbringen und sagen, da ich todt wre. Als mir
einfiel, da ich groen Gefahren entgegen ging, lie ich den Verdacht entstehen,
als lebt' ich wirklich nicht mehr ...
    Heunisch sagte mir, bemerkte Louis, da die Ursula und der Schmied von einem
todten Bruder geerbt htten.
    Tausend Dollars ein Jedes.
    So wird es sein ...
    Ich komme nach Deutschland. Was beginnen? Leb' ich noch, entdeck' ich mich
den Meinigen, so setz' ich mich der Gefahr aus, erkannt, ergriffen zu werden und
meine Mhen um den Sohn wren vergebens.
    Ja, Murray, schlieen Sie sich ein! Lesen Sie! Arbeiten Sie! Denken Sie! Ich
will fr Sie handeln. Ich!
    Murray war gerhrt ...
    Was wissen Sie von Ihrem Kinde, wo wollen Sie hoffen es wiederzufinden?
    Fnf Monate nach meiner Verhaftnahme, erzhlte Murray, erfuhr ich durch
einen Besuch meiner Schwester, der mir als Abschied gestattet wurde, weil ich
mein Urtheil erfahren hatte, da meine Freundin einige Wochen nach jenem
verhngnivollen Abende die Stadt verlie und ihr schrieb, sie sollte in einen
nahegelegenen Ort sich begeben, um dort eine Mittheilung zu empfangen. Meine
Schwester stellte sich ein, traf aber nur jene ltere Vertraute, die ihr
erklrte, in vier Monaten etwa wrde ihre Gebieterin von einem Kinde genesen,
das mir elendem Menschen angehre. Sie wrde diese Erlsungsstunde von dem
qualvollsten Zustande in einem Dorfe, das ihr nher bezeichnet wurde, abwarten
und bis dahin sich in Verborgenheit halten. An dem Tage, wo sie die Anzeige der
bevorstehenden Geburt empfangen wrde, sollte sie kommen und das Kind abholen.
Man wollte ihr ein fr allemal eine nicht unbedeutende Summe zahlen, wenn sie
das Kind als das ihre annhme und einen Schwur leistete, nie mehr im Leben von
diesem Vorfalle und Verhltnisse Erwhnung zu thun. Wenn sie es versprche, so
knnte sie gewi sein, da die hohen und einflureichen Verwandten der Dame
Alles aufbieten wrden, das Loos ihres gefangenen Bruders, dieses ruchlosen
Abenteurers und Betrgers, zu mildern. Meine Schwester Ursula, noch entsetzt von
dem Anblick des blinden lteren Bruders, voll Theilnahme auch fr mich, mehr
noch aber gereizt durch den Gewinn versprach, das zu erwartende Kind zu sich zu
nehmen und fr dessen Schicksal zu sorgen. Acht Tage vor meiner Verurtheilung
hatte die Entbindung von einem Knaben stattgefunden. Meine Schwester hatte
dreitausend Thaler empfangen, klagte aber, da sie schon dem blinden Bruder
davon die Hlfte abgeben sollte. Dieser war noch immer an dem schrecklichen
Orte, wo meine Schwester in Diensten stand. Freilich hatte sie jetzt diesen
Platz zu verlieren. Ihr Herr hatte meines Bruders Verbrechen erfahren und wrde
nicht gelitten haben, da sie mit dem Kinde bei ihm geblieben wre. Wo ist denn
nun das Kind? fragt' ich damals und wohin willst du dich mit ihm wenden? Meine
Schwester hatte zu allen Zeiten etwas Verwirrtes und Seltsames. Statt auf meine
Frage zu antworten, antwortete sie darauf selbst mit Fragen. Nach Allem, was mir
Franziska Heunisch von ihr erzhlte, wundert es mich nicht, da sie in ihren
alten Tagen das Wesen einer Hexe angenommen hat. Wenn's nur erst ber den grnen
Klee ist! sagte sie damals. Was sie damit meinte? fragte ich. Ist das Kind
schwchlich? Ist es krank? Wie wird es genhrt? In diesem Augenblick, erfllt
von der ganzen gewaltsamen Theilnahme fr ein Wesen, das mir noch fr die
Zukunft einen gewissen Zusammenhang mit dem Leben gab, trat der Gefngniwrter
ein. Die Frist der Unterredung war abgelaufen. Ursula mute fort. Besorg' Alles
gut! sagt' ich noch und drckte ihr die Hand, nicht voll Rhrung, sondern voll
Ingrimm. Sie ging, antwortete auf meine Fragen nicht mehr und - das ist Alles,
was ich von meinem Kinde wei und als Beruhigung mit hinber nahm in die neue
Welt.
    Louis erwiderte, da hier ja Anhalt genug zum weitern Forschen gegeben wre.
    Das wohl, sagte Murray, aber ich ahne nichts Gutes von dem Ergebni. Eine
Nachfrage bei jenen Frauen -
    Leben sie noch? fragte Louis rasch.
    Sie leben noch! sagte Murray. Sie leben in Glck und Freude! Ich will sie
nicht stren in der Ruhe ihrer Herzen, wenn diese Herzen ruhig sind.
    Ah, sagte Louis, doch nur, weil es gefhrlich ist, den Verdacht solcher
Tigerinnen zu wecken. Denn sonst -
    Ich will keine Rache, erklrte Murray. Htt' ich auch ein Recht dazu? Kaum
zur Strafe fr Das, was mir wirklich Schlimmes von ihnen widerfuhr. Bei ihnen
wagt' ich nicht zu forschen ... so ging' ich ... schaudervoll zu sagen ... wo
ich zuerst um das Schicksal eines so elend auf die Welt gekommenen Wesens
nachfragte ...
    Am Hochgericht!
    Entsetzliches Gefhl, mit dem ich die Anhhe hinaufstieg, die zur
Schdelsttte der Verbrecher fhrt! Wie tief ritzten die Dornen, die ich mir
selbst auf's Haupt setzte, in's Fleisch! Wie blutete ich unter dem Druck des
Mrtyrerthums der Reue, zu dem ich mich freiwillig darbot! Ich klopfte an die
Pforte der unheimlichen Wohnung auf der Hhe und fragte nach dem Doctor Lehmann,
so nannte man sonst den Pchter. Er war todt. Sein Nachfolger wute nichts von
Ursula Marzahn, nichts von Jakob Zeck. Ich ging den Berg hinunter, als wenn
feurige Flammen unter mir aus dem Boden schlgen. Ach, ich nahm es fr eine gute
Vorbedeutung, da man hier nichts von dem Vergangenen wute. Eine neue
Generation hatte die alte verdrngt. Die Vgel sangen in der Luft, die Ernte
stand so voll und hoch und reif. Ich setzte mich in's Korn unter blaue Blumen
und dankte Gott, da ich nichts erfahren hatte.
    Murray schwieg eine Weile, um sich zu erholen. Dann fuhr er fort:
    Ich suchte den Wchter meines Gefngnisses auf ...
    Den frchteten Sie nicht?
    Er hatte mich entfliehen lassen ...
    Der Brave!
    Weil er seine Pflicht verletzte, brav?
    Wir vereinigen uns nicht, Murray ... sagte Louis kopfschttelnd.
    In diesem Falle doch, wenn ich Ihnen sage, da dieser Gefangenwrter mir
entdeckte, warum ich nicht in das Zuchthaus kam, sondern zu einsamer Haft
begnadigt wurde.
    Murray erzhlte die Umstnde, die wir wissen.
    O diese Teufel in Frauengestalt! rief Louis. Sagen Sie mir, wer sie sind?
    Murray, auf diese Worte nicht achtend, fuhr fort:
    Auch hier hatte der Tod schon den Posten abgelst. Ich entdeckte eine
Tochter jenes braven Mannes, jenes Mdchen ...
    Das Sie allein zu Grabe begleiteten?
    Murray nickte.
    O glauben Sie mir, rief Louis, was Sie fr Herbststurm gehalten haben, als
Sie an der aufgeschtteten Erde des Friedhofes standen, Das waren die Chre der
Engel, die ein Requiem der armen Seele sangen und ein Hosiannah Ihnen.
    Murray lehnte dies Lob ab und fuhr in seinen Angaben fort:
    Von jenem Mdchen hrt' ich zum ersten male, da eine Ursula, die sich
Marzahn nennt, mit jenen Frauen noch in einem gewissen Zusammenhange steht. Nach
diesem Namen forschend, hrt' ich, da Marzahn der Name eines verstorbenen
Frsters in Frstlich Hohenbergischen Diensten war, dessen gegenwrtiger
Nachfolger Heunisch ist. Den Namen Franziska Heunisch hrt' ich zuerst bei
meiner Nachbarin Louise Eisold, dann von jenen Feinden dieses jungen Mdchens,
die mich veranlassen wollten, sie zu entfhren. In dem Drange, den Beziehungen
meiner Verwandten auf die harmloseste Art nher zu kommen, ging ich scheinbar
auf die mir gemachten Vorschlge ein -
    Von Wem kamen sie? sagte Louis. Wie oft versprachen Sie mir diese
Aufklrung!
    Lassen Sie mich schweigen, sagte Murray. Sie wrden sie strafen wollen und
mir nur Verfolgungen zuziehen, die ich jetzt noch nicht wnschen kann. Genug,
ich wute nun von Franziska, von den Mrtens, Ihnen und Ihrem gutmthigen
Nebenbuhler Heinrich Sandrart, da Ursula Marzahn und ihr Bruder Jakob Zeck beim
Frstlich Hohenbergischen Dorfe Plessen wohnen. Ich folgte Ihnen. Ich schtzte
Ihre Freundin. Und da bin ich nun und wei nicht, wie ich, ohne von den Todten
leibhaft aufzustehen, nach dem Schicksal jenes Kindes forschen soll, das in
allen meinen Anfragen nach der etwaigen Umgebung dieser Menschen nie genannt
wurde. Wie ich jenes Mdchen auf dem Wege des Lasters fand, wer wei, ob ich
meinen Sohn nicht als Verbrecher finde!
    Dann wre Ihnen besser, Sie entdeckten ihn nie, bemerkte Louis ...
    O! O! Ich glaube an die Mglichkeit moralischer Besserung; nur kommt es auf
die richtigen Mittel an. Ein Verbrecher gleicht einer erstarrten Schlange, die
man an seinem Busen aufwrmen mu ...
    Um sich zum Dank von ihr verwunden zu lassen?
    Ich whlte kein gutes Bild. Nehmen Sie den Verbrecher sich selber nah,
entziehen Sie ihm die Mglichkeit des Fehlens, erwrmen Sie ihn durch Liebe und
Vertraulichkeit, erheben Sie ihn dadurch, da Sie zu ihm niedersteigen ... ich
will nicht sagen, da Alle dem Besseren zu gewinnen sind: Mancher ist es: warum
sollt' ich ihn nicht suchen?
    Ich helf' Ihnen, schlo Louis und horchte. Es schlug zehn Uhr vom
Kirchthurme im Dorfe. Es war kalt geworden. Man hatte vergessen, im Ofen
nachzulegen. Murray frstelte wie ein Fiebernder.
    Sie sind krank? Sie regten sich auf? Was haben Sie? sagte Louis Armand.
    Das erste Gefhl einer Frau, die Mutter wird, antwortete Murray lchelnd,
ist Fieberfrost. Mein Gestndni hab' ich abgeschttelt. Sie werden es pflegen
und schtzen. Aber es berrieselt mich doch ...
    Besprechen wir morgen, sagte Louis, die Mittel, um bei der Schwester und bei
dem blinden Bruder nachzuforschen, welches Schicksal einem Kinde geworden ist,
das ihnen einst der Zufall anvertraute.
    Keine bereilung! rief Murray.
    Wir haben ja Zeit, sagte Louis. Sie arbeiten hier in der Stille. Ich soll
noch einige Tage bleiben und wer wei, ob meine Abwesenheit von der Stadt ...
nicht wohl gar ... Er stockte voll Betrbni.
    Gewnscht wird? fragte Murray.
    Als Louis schwieg, sagte der Alte:
    Louis Armand, Sie mssen morgen meine Aufrichtigkeit vergelten und mir
sagen, ob auch Sie Kummer haben?
    Louis gab Murray den einen Leuchter, whrend er selbst den andern ergriff
und sagte ruhig ausweichend:
    Gute Nacht fr heute! Sie suchen einen Sohn, edler Mann! Nehmen Sie
vorlufig mich an seiner Statt. Sie haben mich tief erschttert und das Gefhl
der Wehmuth, das seit einiger Zeit ber mich und einige Freunde gekommen ist,
vollends aufgelockert bis zum tiefsten Lebensernst. Es gibt denn doch nur wenig
Wahrheiten, die uns so aus der Luft zufliegen und gleich unsern innersten
Menschen befriedigen knnen. Aus der eignen Brust heraus mssen wir weise
werden, aus dem Bedrfni unsrer eignen Seele zum Guten kommen. Dank! Dank Ihnen
fr Ihr Vertrauen! Sie haben es nicht verschwendet. Der Fremdling ist Ihr
Freund, Ihr Schler, Ihr Sohn!
    Murray lchelte milde. Er sah sich dann im Zimmer noch etwas mistrauend um,
leuchtete an das Fenster, bemerkte, da der Sturm etwas nachgelassen, schlo die
Fenster, bedeckte seine kleine Werkstatt, schlo den Flgel und konnte sich
nicht so rasch von dem Zimmer trennen.
    Ist es mir doch, sagte er schon im Gehen, als wenn diese Wnde zu viel
erfahren htten! Oder ergreift mich ein Bangen in der Nhe meines Bruders? Ich
glaube, er wrde mich trotz seiner Blindheit erkennen, wenn er meinen Athemzug
hrte -
    Trume der Aufregung, Murray! Beruhigen Sie sich! Ihr Geheimni schlummert
in meinem Herzen!
    Murray drckte Louis die Hand und folgte in das Vorzimmer, wo Louis schlief.
Er selbst ging ber den Corridor in ein entgegengesetztes Gemach, das er gerade
aufschlo, als die Kirchthurmuhr schon ein Viertel auf elf Uhr schlug, eine
Stunde, wo auf dem Lande, auch im Sommer, wie vielmehr jetzt, Alles im tiefsten
Schlummer liegt.
    Der Morgen brach an, wie der Abend endete. Das Wetter hatte sich noch nicht
aufgeklrt. Derselbe nebelgraue, feuchte Himmel. Louis htte ihn so gern
gewnscht seiner Stimmung gem. Er htte nach Dem, was er gestern von einem der
seltsamsten Menschen, denen er im Leben bisher begegnet war, gehrt, die neuen,
gewaltigen Eindrcke so gern in Luft und Natur hinaustragen mgen, um sich der
ihn drckenden Schwere dieser geistigen Last etwas entbunden zu fhlen. Der
Himmel bot sich aber nicht zu dieser Hlfe an. Er blieb verstimmt und
verstimmend, verschlossen dem Blicke, der so gern zu seinem Blau emporgeschaut
htte.
    Der junge Arbeiter, der hier zu einer unfreiwilligen Mue verdammt war,
sprang aus dem Bett und bekleidete sich. Er fhlte das lebendigste Bedrfni,
Murray freundlich zu begren und ihm durch seinen eignen unbefangenen Sinn die
Angst zu nehmen, die uns doch befllt, wenn wir, verfhrt von einer gnstigen
Situation, aus uns zu gewagt heraustraten und mehr ber uns enthllten, als wir
sonst dem Blicke der Menschen zu verrathen gewohnt sind. Hier war nun vollends
noch die Last eines Verbrechens, das Gestndni einer unter allen Umstnden
bedenklichen Schuld abgeschttelt worden und Louis fhlte zart genug, um die
Lcke, die in Murray's Gemth entstanden sein mute, durch freundlichste
Begrung wieder auszufllen.
    Er ging ber den Corridor, klopfte bei ihm an, trat leise ein und fand ihn
gleichfalls schon angekleidet, ruhig auf seinem Bette sitzend und lesend.
    Ich lebte bisher so wenig in der wirklichen Welt, sagte Murray, da ich mich
immer an Bcher gehalten habe und in der That sind richtig gewhlte Schriften
ein Ersatz fr das Leben. Geschichte, Naturkunde, leichtfaliche Philosophie
sind Gegenstnde, ber die ich mir schon seit dem Baron Grimm nicht gern eine
wichtige Erscheinung entgehen lasse. Diese alte Gewohnheit ist mir im bessern
Sinne geblieben.
    So hab' ich wenigstens die Beruhigung, sagte Louis, auf den Vorrath von
Bchern, die Murray mitgebracht hatte, blickend, da Sie in der Zeit, wo ich
suchen werde, die Verhltnisse Ihrer Geschwister genauer zu erforschen,
wenigstens eine Beschftigung haben.
    Ich werde verstimmte Musik machen, lesen, eine Visitenkarte fr Ihr Geschft
stechen und mich so ntzlich als mglich zu machen suchen.
    Damit gingen Beide gemeinschaftlich in das Eckzimmer hinber, fast auf dem
Fue von Brigitten gefolgt, die das Frhstck mit klappernden Tassen brachte.
Winkler tappte hinter ihr her, um einzuheizen.
    Es wurde von einem Wagen des Herrn Ackermann aus dem Ullagrunde gesprochen,
der den Candidaten Oleander zum Frulein Selma tglich abhole, das Stunden bei
ihm nhme, der Wagen wrde heute hier erst vorfahren und dann wie immer am
Pfarrhaus halten.
    Wie weit ist's in den Ullagrund? fragte Louis, auf's Neue betroffen ber den
Namen Oleander (der der Name jener Deutschen war, die Thaddus Kaminski auf
seiner Flucht aus Polen ehelichte und mit nach Frankreich nahm) ...
    Eine Stunde zu fahren, zwei zum Gehen! hie es.
    Wann fhrt Herr Oleander zurck?
    Gegen Abend erst ...
    Ich mu sehen, wie ich selbst zurckkomme. Rechnen Sie auf ein Mittagessen
fr mich nicht. Aber mein wrdiger Begleiter bleibt daheim und lassen Sie ihm
nichts abgehen ...
    Es wrden die darauf folgenden Auseinandersetzungen und Ablehnungen noch
lnger gedauert haben, wenn nicht ein Klopfen drauen an der Vorthr sie
abgeschnitten htte.
    Herr Justizdirektor von Zeisel war es, der seinen Morgengru schon in aller
Frhe selbst bestellen wollte und sich die Ehre ausbat, morgen beide Herren bei
sich zu Tische zu sehen. Louis blickte dabei auf Murray, der sich entschuldigte,
aber die Grnde widerlegte, warum auch sein junger Freund Anstand zu nehmen
schien, die Einladung anzunehmen. Frau von Zeisel erhielt spter durch ihren
Gemahl die Versicherung, da sie auf die Vermehrung ihres Tisches wenigstens
durch ein Couvert rechnen durfte. Auch Herrn Oleander wrde man finden und wenn
die Einladung Erfolg htte, auch Hernn Ackermann und Tochter ... Herr von
Zeisel, der das freundschaftliche Verhltni zwischen dem Frsten Egon und Louis
Armand kannte, unterlie nicht, diesen kritischen Besuch auf jede Art zu ehren.
Er berreichte Louis ein Packet der neuesten Zeitungen und erbot sich zu jeder
Geflligkeit, die er ihm nur unter den traurigen Umstnden dieser blen
Jahreszeit erweisen knnte. Louis dankte und bat nur, ihn wegen Fortsetzung
dieser Zeitungen fters in Anspruch nehmen zu drfen.
    Das kann ich mir denken, sagte Herr von Zeisel, wie sehr es Sie interessiren
mu, diese glnzende Laufbahn, in die sich Sr. Durchlaucht pltzlich geworfen
haben, zu verfolgen. Ich freue mich wahrhaft, da die schnen Versicherungen,
die Justus in den nahegelegenen Wahlkreisen fr seinen Schtzling gegeben, so
schnell in Erfllung kommen. Dennoch herrscht bei Allen, die fr die allgemein
hier herrschende Liebe zu Sr. Durchlaucht einen sichern Ausdruck haben und
wissen, warum sie ihn verehren, eine Art Bedauern ber diese Nachricht. Denn der
Beruf eines Ministers gehrt in diesen Tagen nicht zu den beneidenswerthen.
    Murray schwieg aus Absicht, Louis aus Schchternheit und bescheidener
Einhaltung seiner Sphre.
    ber Ackermann, seine Plne, seine Vorbereitungen zu sprechen, war Herr von
Zeisel zu sehr Diplomat. Er lebte mit dem neuen Generalpchter fast auf
gespanntem Fue, was jedoch eine Einladung nicht ausschlo. Er rhmte sogar
ausdrcklich Alles, was man sich von der zuknftigen Neugestaltung der
wirthschaftlichen Verhltnisse des Frstenthums versprechen drfte. Sein ganzes
Wesen war rcksichtsvoll und zeigte Takt.
    Als Herr von Zeisel gegangen war, hatte Louis nicht mehr viel Zeit, die
Neugier, was wol die Bltter enthalten wrden, zu befriedigen. Er sah einige
Nummern des Jahrhunderts durch, die er schon kannte. Die neuen Nummern
entfaltete er kaum, als schon unten der Peitschenschlag des kleinen Einspnners
hrbar wurde, der ihn nach dem Ullagrund abholen sollte. Er berlie die
Zeitungen Murray, der dafr ein geringes Interesse hatte, und nahm von ihm fr
den Lauf des Tages herzlichen Abschied.
    Sorgen Sie doch nicht, rief ihm zum Troste Murray noch nach, da mir die
Zeit lang werden wird! Nehmen Sie ja einen Mantel! Das Wgelchen ist nur halb
geschlossen! Auf Wiedersehen!
    Unten halfen Brigitte und der Grtner Louis einsteigen. Der Kutscher schien
ein Bauerbursche. Er sa schon durchnt auf seinem Bock und war nicht wenig
erstaunt, heute nach Herrn Ackermann's Wohnung statt des jeden Morgen von ihm
abgeholten Herrn Candidaten Oleander noch einen andern Besucher mitzunehmen.
    Langsam fuhr der kleine Wagen den schlpfrigen Weg hinunter, bog dann um den
Thurm, an dem Herrschaftsgebude vorbei, in das schmale, kaum fahrbare rtchen
ein. Wie hatte sich's hier gegen den Sommer gendert! Wo war das Grn der Bume
hin! Wo der Sonnenschein, wo die funkelnden Diamanten in dem Wasserstaub der
Mhle! Wo die Blumen an den Staketen und Einfriedigungen! Wo die muntre
Entenschaar auf dem Teiche! Wo die frhlichen Kinder! Ein grauer Regen hllte
die ganze Natur ein. Man ahnte kaum, da in der Nhe das Gebirge sich emporhob
und auf diesen verschleierten Matten einst die Glocken der Heerden gelutet
hatten.
    Der kleine Wagen hielt vor der dstern Pfarrwohnung Guido Stromer's.

                                Viertes Capitel



                                 Der Ullagrund

Es war Louis Armand ein eignes Gefhl, sich zu denken, da dies niedere Haus die
Wohnung jenes Guido Stromer war, dem er, ohne ihn genauer zu kennen, doch hier
und da schon beim Frsten oder seit einigen Wochen in der Zeitung Das
Jahrhundert begegnet war. Er wute von ihm, da er vom Frsten auf ein Jahr
Urlaub erhalten hatte, um dem Triebe seines Genius zu folgen, wie Egon einmal
von ihm gesagt hatte. Er wute, da sein Weib, die Kinder daheim geblieben waren
und da statt Stromer's die Pflichten seines Amtes ein Vikar verrichtete, dessen
Name ihn an seine eigne Herkunft erinnerte.
    Louis warf ber das Fuleder hinweg einen Blick in das Pfarrhaus. Er sah an
den kleinen Fenstern Kinder, die neugierig auf den Wagen schauten. Irrte er sich
nicht, so stand auch eine Frau lauschend hinter der Gardine. Die Rouleaux waren
halb niedergelassen. Blumentpfe standen inwendig auf den Fensterbretern. Die
Linden, die das Haus im Sommer beschatteten, waren entlaubt. Der ganze Eindruck
war der der Einsamkeit, der den verlassenen Traurigkeit, die in einem
wehmthigen Widerspruche stand zu dem Vater dieser Kinder, dem Gatten dieses
Weibes, der jetzt vielleicht noch, von den Anstrengungen einer vornehmen
Abendgesellschaft ermdet, im Bette lag oder fr die groe Welt wirkte in der
rauschenden Hauptstadt!
    Die Thr des Hauses ging auf und ein langer, schlankaufgeschossener junger
Mann trat heraus, in einem grauen verschlissenen Mantel, eine Brille vor den
Augen, einen alten rothen Regenschirm in der Hand. Einige Bcher steckte er eben
in die Brusttasche des Mantels, als er rasch von den zwei Stufen, die vor der
Hausthre die Schwelle bildeten, mehr herabstolperte als schritt, um unter dem
Regen hinweg bald in den Wagen zu kommen. Der Knecht ffnete das Deckleder,
Louis rckte zur Rechten und grte mit der Entschuldigung, da er sich dieses
Wagens mit ihm zugleich bediene, um zu Herrn Ackermann zu fahren.
    Herr Oleander mute sich sehr bcken, um unter dem Schirmdach der kleinen
Halbchaise Platz zu finden. Errthend sagte er einen guten Morgen und bemerkte
lchelnd, da er schon erfahren, mit wem er die Ehre htte.
    Damit brach er sogleich ab und murmelte nur noch einige unverstndliche
Worte ber das schlimme Wetter. Der Knecht gab dem Pferde die Peitsche und
weiter ging es langsam durch den Plessener Koth an der Schmiede vorber, in
welcher es heute still war. Diese Werkstatt mit Dem, was Louis gestern Abend
Alles erfahren hatte, in Verbindung zu bringen, machte auf ihn einen eigenen
Eindruck. Auch gedachte er des Frsterhauses, des einsamen Frnzchen's, der
alten Ursula. Am Abend hoffte er bei Heunisch vorzusprechen ... Einstweilen
beschftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander, der wirklich an die etwas
breite Art der deutschen Aussprache erinnerte, die in seinem groelterlichen
Hause geherrscht hatte.
    War Louis ein leicht eingeschchterter junger Mann, der nicht gern mit
seinen Empfindungen und Meinungen von selbst hervortrat, so war dies Herr
Oleander noch in weit hherem Grade. Dieser Begleiter blieb immer hflich, wenn
es sich einmal um den bessern Sitz, um das Ablaufen des Regens, um das Losgehen
des Fuleders handelte, aber sonst kam auch keine Sylbe aus seinem Munde, die
nur irgendwie auf das Bestreben gedeutet htte, seinen Nebenmann zu unterhalten,
seine nhere Bekanntschaft zu machen, nach dem wahren Zweck seiner Anwesenheit
in dieser unfreundlichen Jahreszeit zu fragen.
    Auch Louis mochte nicht der Erste sein, ihn in ein Gesprch zu verwickeln
oder gar nach seiner Herkunft zu fragen. Er dachte an seinen Stand, an den
Unterschied seiner Bildung, an die Bildung eines Gelehrten. Er wagte nicht,
irgendwie zu verrathen, da er, ein Tischler, von manchen hheren Dingen Kunde
besa. Da Oleander nichts sprach, sondern in sich versunken dasa und in die
den Felder blickte oder den Krhen nachsah, die trge auf- und abschwebten, so
folgte er dem Beispiel seines Nebenmannes und versank vorlufig wie er in
Trumerei. Es gestaltete sich ihm in Hinblick auf die de Natur ein
franzsisches Gedicht, das ihm spter so von Siegbert bertragen wurde:

Du grauer Nebel, spinnst du Leichentcher?
Singst, heis'rer Vogel, du ein Todtenlied?
Erschrickt das Auge, das im Buch der Bcher
Die letzten Bltter aufgeschlagen sieht?
Sie fallen nieder, die Natur haucht leise
Ihr letzt' Geheimni aus und will sich ruh'n;
Da hebt sich schchtern unter'm Wintereise
Der grne Halm der Frage: Was kommt nun?

Kommt wieder Lenz und prangen alle Blten
Auf Feldern nur, im grnen Gartenhag?
Begren wir mit den geschwung'nen Hten
Nicht endlich auch der Freiheit Frhlingstag?
Bleibt Alles so im alten Weh' und Kummer,
Sowie die Sterne geh'n am Himmelszelt?
Derselbe Tag? Derselbe ncht'ge Schlummer?
Nicht endlich, endlich auch die neue Welt?

Was will ich denn? Nur dann und wann ein Lcheln
Auch in den Seelen wie des Maien Luft!
Ein Zephyr Menschenliebe! Nur ein Fcheln
Der Hoffnung in die kranke Menschenbrust!
O muntrer Quell, du frohe Wiesenblume,
Zieht frohe Augen zu Euch niederwrts!
Zum Bltenast, zum Sternenheiligthume
Blick' ngstend und entsagend nicht das Herz!

Wie mt' es schn auf dieser Erde werden,
Umfing' einst die Natur zu gleicher Zeit
Auch dieses Lebens nackteste Beschwerden
Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid!
O Zauberland, wo auch die Herzen sprossen,
Das Leben selbst in solchen Farben lacht,
Die wie ein Regenbogen ausgegossen ...
Bleibst du der Traum nur einer Winternacht?

Die Dohle krchzt - die Nebel hllen Alles
In der Verzweiflung graues Einerlei.
Die Todtenglocke lutet dumpfen Schalles
Und ruft den Hoffenden: Vorbei! Vorbei!
Der Stein bleibt Stein - Nie wird die Welle flieen
Zum Berg hinan - Was kann im Eise ruh'n?
Gott lt uns wol die alten Blumen sprieen,
Doch seine Wunder soll'n wir selber thun!

Herr Oleander war durchaus bei all' seiner Schweigsamkeit nicht unfreundlich. Er
blieb in seiner wohlwollenden Miene whrend der ganzen Fahrt. Oft rckte er zur
Seite, als wenn er mglicherweise seinen Begleiter strte oder ihm unbequem
se. Dann starrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und schien eine innere
Geistesarbeit zu verrichten, wie Louis. Dichtete er vielleicht auch wie dieser?
Auffallend genug, da er zu den wenigen Worten, die er auf der Fahrt sprach, die
Veranlassung von der Natur hernahm und immer etwas Eigenthmliches zu verfolgen
schien oder beobachtete. So sprach er von den Dohlen, die sich noch die
vergessenen Krner aus den durchweichten ckern suchten, von der unschnen Form
der entbltterten Weiden, die wie abgehauene Stumpfe, oben dicker als unten, an
einem Graben standen, von der immer grnen Tannenwand der Berge, von der er
sagte, da sie den Kindern zu Liebe fr die Weihnachtszeit grn bliebe. Wie
Louis von dieser uerung Veranlassung nehmen wollte, nach den Kindern des
Pfarrers zu fragen, fr den er vicarirte, gab Oleander eine flchtige Antwort
und sah wieder hinaus in die graue Weite.
    Endlich kam das kleine Gefhrt dem Ullagrunde nher, an dessen Einfahrt
Ackermann ein Haus bewohnte, das der reiche Bauer Sandrart in einem Anfall von
Prachtliebe fr sich erbaut hatte, aber immer noch nicht bewohnen mochte, weil
er sich schwer von seinem gewohnten Giebeldache trennte. Das Bauerhaus war
einige hundert Schritte weiter und tiefer schon hinein in die Schlucht gelegen,
die von einem kleinen durch sie hinrieselnden Flchen der Ullagrund genannt
wurde. Das stattliche zweistckige, massive Haus, das Sandrart an den neuen
Pchter des Frsten vermiethet hatte, lag noch mehr der Ebene zu und hher. Es
war umgeben mit Wirthschaftsgebuden, einem groen Hofe und eingefriedigten
Obstgrten. berall sah man noch die Spuren einer neuen Anlage, die indessen
einen sehr geeigneten Platz getroffen hatte.
    Ackermann's Wohnhaus lag vom Wege zurckgebaut und wurde erst erreicht, wenn
man einen gewaltigen Hof mit Stllen und Scheunen hinter sich hatte. Trotz des
Regens, trotz der dem Ackerbau keinerlei Beschftigung darbietenden Jahreszeit,
war es in diesen Rumen nicht still. Man hrte dreschen, hmmern, sgen.
Ackermann hatte sich schon jetzt auf seinem Pachthof die Menschen gemiethet, die
er erst mit dem Frhjahre in eine neue groartige Thtigkeit einfhren wollte.
Er prfte schon jetzt Den, den er brauchen konnte und gewhnte diese Menschen,
jede Jahreszeit auf ntzliche Weise zu verwenden. Am untern Ende des ganzen
Hofes, wo die Ulla flo, wurde trotz des Regens sogar gebaut. Ein ganz neues
Haus stand dort fast bis zum Dache aufgerichtet. Drinnen hrte man das Hmmern
und Sgen von Zimmerleuten ...
    Dies wird die amerikanische Mhle! sagte Oleander, der Louis' neugieriges
Hinausblicken nach diesem Baue bemerkte.
    Auf Louis' Fragen, wann sie begonnen wurde, wann sie beendigt sein wrde,
wie ein solches Werk eingerichtet wre, gab Oleander den kurzen aber artigen
Bescheid:
    Sie mssen sie sich ansehen.
    Es schien, als wenn eine amerikanische Mhle nicht zu den Begriffen gehrte,
von denen Herr Oleander ein vollstndiges Bild lange mit sich herumtragen
konnte.
    Das Wohnhaus, noch nicht mit Kalk berworfen, stand etwas hher als der
Vorhof. Es war zweistckig und bot in seinen Fenstern einen freundlichen
Anblick. Links und rechts war es von Bumen eingeschlossen, die jetzt kahl, doch
seine Wirkung lebendiger hervorgehoben. Der Eingang war von der Seite, an einem
ganz von Gebschen umgebenen Brunnen vorber. Schon stand von weien,
neugezimmerten Latten ein Dach um die steinernen Stufen, die in die Hausthr
fhrten. Dieser Eingang sollte also knftig von einer Laube berschattet werden.
    Louis war ausgestiegen und unter dem schtzenden groen rothen Regenschirm
der Frau Pfarrerin von Plessen neben Oleander ber den gekieselten Boden
hingeschritten. Erst jetzt besann er sich auf Das, was er Ackermann zu sagen
hatte. Er beschlo, sich so einzufhren, als wollte er eine zufllige
Anwesenheit auf dem Schlosse Hohenberg zugleich benutzen, um dem Frsten von
seinem neuen Pchter einen Gru und manches ntzliche Versprechen fr die
Zukunft zu berbringen. Um ein weiteres Erforschen der Absichten des Pchters
war er unbesorgt. Schon der erste Blick auf diese wachsende Niederlassung zeigte
ihm ja, wie ernst Ackermann seinen Beruf ergriffen hatte.
    Eine hinzugesprungene Magd nahm mit freundlichem: Guten Morgen, Herr
Candidat! Oleander's rothen, durchnten Regenschirm in Empfang und spannte ihn,
mit neugierigem Blick den zweiten Ankmmling musternd, in der groen reinlichen
Kche aus, die sich gleich zur Linken, dicht am Eingang befand.
    Herr Ackermann zu sprechen? fragte Louis.
    Indem ffnete sich im Gange eine hintere Thr und ein junges Mdchen
huschte, Oleander grend, rasch in eine entgegengesetzte hinber.
    Louis bemerkte, da Oleander, der seinen Mantel auszog, errthete.
    Es gibt auch wenig Eindrcke, die so lieblich sind, als ein junges Mdchen
in einer Toilette, die fr das Zimmer berechnet ist, rasch durch ein Haus oder
einige Sprnge ber die Strae hpfen zu sehen ...
    Louis zweifelte nicht, da dies Selma gewesen war.
    Er erinnerte sich wohl des Knaben, den Ackermann damals, als er ihm die
Pachtung zugestand, bei sich hatte.
    Oleander, ohne sich um seinen berbescheidenen Begleiter weiter zu kmmern,
ging mit einigen Bchern, die er aus dem Mantel genommen, in das Zimmer, in
welches eben jenes junge Mdchen hinbergeschlpft war. Louis aber wurde von der
Magd in das entgegengesetzte Zimmer gewiesen.
    Er klopfte an.
    Beim Eintreten in die warme behagliche Stube fand er Ackermann auf dem Sopha
liegend, eine Cigarre im Munde, eine Zeitung in der Hand, vor sich deren noch
eine grere Anzahl und eine Menge Bcher.
    Kaum hatte noch Louis ein Wort gesprochen, als ihn Ackermann schon erkannte
und vom Sopha sich erhebend ihm die Hand zum Grue bot.
    Seien Sie uns willkommen, Herr Louis Armand! sagte er. Was fhrt Sie in
dieser traurigen Jahreszeit zu uns Einsiedlern? Gewi schickt Sie der Prinz, dem
meine Briefe zu kurz und oberflchlich sind?
    Kennen Sie mich noch? fragte Louis.
    Ich vergesse kein Antlitz, das ich mir einmal einprgte, so leicht. Und wie
sollt' ich das Ihrige vergessen, der mir die Botschaft brachte, wie ich fr das
Wohl und Wehe des Frsten sorgen darf!
    Louis wollte von Zuflligkeiten, die ihn herfhrten, reden, aber Ackermann
unterbrach ihn mit der aufrichtigen Erklrung, da er es ganz in der Ordnung
fnde, wenn man einmal bei ihm Visitation halte.
    Verstehen Sie sich auf die Landwirthschaft? fragte er.
    Louis verneinte.
    Aber Das begreifen Sie doch, sagte Ackermann, da die Intelligenz auf diesen
Fluren und Triften noch nicht gewaltet hat. Hier gab es Schwierigkeiten und
Vorurtheile genug zu berwinden. Die Lehre von der Vermehrung der Bodenkraft
kennt man hier nur aus den oberflchlichsten Anwendungen der Dungtheorie. Die,
die hier wirthschaften wollten, waren noch nicht einmal ber die Sicherheit der
hier erzielbaren Frchte einig. Und wie lie man den Unarten der Natur freien
Spielraum! Was standen sich die Unkruter so gut im Frstenthum Hohenberg! Nein,
es kommt jetzt darauf an, durch passenden Fruchtwechsel dem Boden die nthige
Ruhe zu gewhren, Stroh und hauptschlich Futterkruter auch als Dungmittel zu
gewinnen, damit durch das Medium der Thierernhrung dem Boden wieder Kraft
zugefhrt wird. Man experimentirte hier fortwhrend mit der Agrikulturchemie,
mit mineralischem Dnger, dem ich seine Kraft gar nicht abspreche; aber ist
einmal der Viehstand eine unerlliche, eigentlich drckende Nothwendigkeit der
Landwirthschaft, so mu man daraus auch seine Vortheile zu ziehen und ihn der
Landwirthschaft wieder ergiebig zu machen wissen. Es kommt nur auf gute Race der
Zucht an, die ich mir denn auch aus Kent, aus Durham in England verschrieben
habe. ber die neuen Schaafe und kurzgehrnten Rinder sollen unsre Bauern
erstaunen. Ein paar Exemplare, die schon da sind, sehen sie an wie Abgesandte
der Hlle. Aber ich will auch deutsche Rosse aus Jtland, Zugochsen aus dem
schsischen Voigtlande kommen lassen, denen sich meine Nachbarn, Herr Sandrart
an der Spitze, schon verwandter fhlen werden. Freilich geht es mit einer
solchen Besserung des Viehstandes langsam. Da lass' ich mir denn die gute
Gottesgabe der peruanischen Vgel oder den Guano einstweilen als Ersatz zur
Dngung kommen. Haben Sie nicht, wenn der Nebel nicht hinderte, Leute im Felde
arbeiten sehen? Die sind mit der Drainage beschftigt. Sie legen thnerne Rhren
im Erdreich, um der Entwsserung Kanle zu bahnen, die ihr hier fehlten. Alle
Hohenbergischen Wiesen waren sauer, d.h. sumpfig, ohne Abzugskanle der
berfeuchtigkeit, ohne Einla der Luft, die den Wurzeln Krftigung gibt. Die
Englnder wissen, was entsumpfen ist! O mein junger Freund, Sie sind ein
geborner Franzose, das deutsche Volk steckt geistig und physisch so noch in
seinen Smpfen, wie damals, als die alten Germanen die Herrschaft ber ihr
Vaterland erst den Auerochsen streitig machen muten. Aber auch die Smpfe sind
hier nicht zu etwas Anderem benutzt als noch zum Tummelplatz der Irrwische und
der Teufelsfurcht auf ihnen. Sind die Smpfe nun einmal doch trotz gesunder Luft
unausrottbar, so versuche man's mit dem Feuer! Man steche sie als Torf ab und
wenn ich erst von der Willing'schen Fabrik meinen Brosofsky'schen Torfstecher
habe, so sollen Sie sehen, da wir einen schnen Handel mit der Hauptstadt
erffnen werden. Ist hier der Lehmboden benutzt? Findet sich hier wol nur der
Versuch einer Ziegelei? Dieses Haus hier ist mit Mhe und Kosten aus fernher
entbotenem Material erbaut. Wozu Das? Wir brennen die Ziegel selbst und
verkaufen, was wir an berflu haben. Allein damit noch nicht genug. Wir
konomen werden die Hand auch Euch Industriellen zum gemeinsamen Wirken reichen
mssen. Landwirthschaftliche Gewerbe drfen nicht fehlen; denn wo nicht Alles
Hand in Hand geht, wo nicht jeder Anbau seine mehrfache Nutzung, auch die
Menschenkraft, auch die sich oft ergebende Mue und die Ruhezeit benutzt wird,
bleibt ein Capital todt liegen. Gegen Kartoffelbrennerei strub' ich mich,
obgleich der Mehrbedarf von Kartoffeln sich dadurch so lebhaft aufdrngt, da
sie als Hackfrchte dem Boden eine gute Ausrodung garantiren. Aber ich denke
doch die Rbe vorzuziehen und werde Zucker fabriziren. Die Methode ist
vereinfacht worden, der Apparat nicht mehr allzu kostspielig. Und welches
Futtermaterial gewinn' ich nicht! Wie kann ich den Arbeiter im Winter so
behaglich beschftigen! Sehen die Leute hier, was Maschinen so treu verrichten
helfen, die Abneigung gegen sie wird sich legen, sie werden mir dann jene
Untersttzung gewhren, die ich leider jetzt noch nicht allzubereitwillig
antreffe.
    Angenehm unterhalten von dieser offenen, sachkundigen Auseinandersetzung
sagte Louis:
    Ich finde auch eine amerikanische Mhle im Bau begriffen.
    Zum Entsetzen aller Mller der Umgegend, fuhr Ackermann wohlwollend und in
seinem schnen Organe fort. Das ist nun nicht anders. Feindschaft des
Zunftwesens folgt berall den Fortschritten des menschlichen Geistes. Es thut
mir leid um die Herren in ihren blaugrauen Mehlrcken ... glcklicherweise sind
alle Mller der Gegend reich. Nun mgen sie von ihren Zinsen leben oder die
Preise, die meine Mhle stellt, auch an ihr schwarzes Preiscourantbret
schreiben. Bis zum Frhjahr sind wir mit dem Mhlenbau fertig. Sie sollen diese
erfindungsreiche Construction sehen, wo derselbe Umschwung der Rder das
Getreide sichtet, es aufschttet, zermalmt, das Mehl siebt und von der Kleie
scheidet. Man wird das Brot hier knftig wohlfeiler essen und man braucht diese
Erleichterung, denn die Ortschaften ringsum sind arm, alle Handthierung ist
heruntergekommen und je tiefer hinein Sie in die Berge gehen, je elender fristen
die Einzler in bauflligen Htten ihr Dasein, das doch ohne Brot nicht sein
kann.
    Der Prinz wird eine Freude haben, von allen den Dingen zu hren, sagte Louis
mit aufrichtigem Herzen, Egon darin wohl kennend.
    Umsomehr wird er es, fiel Ackermann ein, als ich aus den Zeitungen hier
sehe, da er ja ganz auf die hohe See der Politik hinaussegelt. Er ist Minister
geworden. Glauben Sie, da ihm dieser Wirkungskreis Freude machen wird?
    Egon gehrt zu den Naturen, die in der Arbeit ihren Genu finden, antwortete
Louis.
    Ackermann hrte diese Bemerkung mit sichtlichem Wohlgefallen.
    Erzhlen Sie mir von Ihrem Gnner, sagte er, rckte Louis einen Stuhl
zurecht und ffnete den Deckel einer Havanakiste, um ihm Cigarren anzubieten.
    Louis nahm zgernd.
    Eine chemische Zndmaschine, deren Hahn Ackermann nur drehte, gab im Nu
Feuer und ohne sich von der fremdartigen, neuen Umgebung nun noch beengen zu
lassen, theilte Louis so viel von seinen persnlichen Beziehungen zu Egon mit,
als er nur irgend glaubte davon erzhlen zu drfen. Die Beziehungen zu seiner
Schwester und zu Helenen verschwieg er.
    Ackermann hrte sehr aufmerksam zu und besttigte das Ergebni dieser
Mittheilungen mit den Worten:
    Ja! Ja! Der Frst ist keine gewhnliche Natur! Wie htt' ich sonst mich
entschlieen knnen, in seinen zerrtteten Vermgenszustand meine Hand zu
stecken! Er machte mir einen bedeutenden, und ich kann wohl sagen, wohlthuenden
Eindruck, so sprde ich mich auch anfangs gegen ihn erwies.
    Sie kennen ihn genauer? fragte Louis, erstaunt, da ihm Egon niemals davon
gesprochen hatte ...
    Wohl, sagte Ackermann, von jenem Incognito her, das er im Sommer
beobachtete, um sich hier den Zustand seiner Gter anzusehen.
    Louis fand in dieser uerung nichts, was ihn bestimmen konnte, irgendwie zu
ahnen, wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechselte. Egon war in Hohenberg
gewesen, Egon hatte Ackermann selbst in seiner Gegenwart gerhmt, ohne sich auf
den Ursprung seiner Bekanntschaft mit ihm weiter einzulassen.
    Ich bin durch diese fr seine Jugend berraschende Laufbahn als Staatsmann
umsomehr befriedigt, sagte Ackermann, als ich die Gefahren zu kennen glaube, in
die ein hochgestellter junger Adliger nur zu leicht gerth, wenn seinem Geiste
nicht die rechte Nahrung geboten wird. Ich fand ihn nahe daran, der Spielball
koketter Frauen zu werden. Ein Portefeuille rettet gewi aus jedem Strickknuel
und wenn es verwickelt wre, wie der gordische Knoten.
    Louis errthete fast. Er gedachte Helenen's ...
    Wohl mu ich sagen, fuhr Ackermann fort, da ich selten ein schneres
Frauenbild gesehen habe, als Melanie Schlurck. Welche hohe Vollendung der
Formen! Man glaubt jene Statue lebendig zu sehen, um die Pygmalion so
unglcklich wurde, als sie nur von Marmor war! Ja noch richtiger mcht' ich dies
Mdchen jener Armida vergleichen, die die ernsthaftesten Menschen bezauberte und
Weise gezwungen hat, sich in ihrer Gegenwart fr dumm zu erklren. Dauert dieser
Roman noch?
    Leider konnte Louis nicht sagen: Nein! Es war ihm nur zu bekannt, da
Melanie Schlurck einen groen Einflu auf Egon seit seiner ihm und aller Welt
rthselhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte. Schon seit
Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr. Seine Aufrichtigkeit hatte zu
stocken angefangen. Dennoch wute er, da er bei Paulinen wie von seinen
Erschpfungen sich ausruhte, bei ihr sich in seiner natrlichen Art heiter und
unbefangen gehen lie und von Melanie's immer gleicher Laune und ihrer kleinen
liebenswrdigen Gefallsucht hchst angenehm unterhalten wurde. Da Ackermann von
einem lteren Verhltnisse sprach, Louis nur von einem jngern wute, kam in dem
Druck der Thatsache selbst, die schwer genug auf Louis lastete, nicht zur
Sprache. Auch die folgende Bemerkung Ackermann's, da es dem Prinzen unter
diesen Umstnden viel Selbstberwindung gekostet haben msse, die Verwaltung
seiner Gter ganz von dem Vater des schnen Mdchens zu trennen, kam nicht zu
genauerer Errterung; denn Louis wute, wie weit der Terrorismus gehen konnte,
mit dem sich Egon selber zgelte und sich bis zum Herzlosen auch darin bndigen
konnte, da er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch darum nicht den
geringsten Vortheil bot ... Das war ganz in Egon's Art.
    Ackermann konnte sich von den Nachforschungen ber Egon nicht so bald
trennen. Der Gedanke an den jungen Prinzen, den er so genau zu kennen glaubte,
schien ihm von solchem Werthe, da er Louis nach allen Umstnden seines jetzigen
Lebens fast ausforschte.
    Als Louis seine Neugier befriedigt und ihm besonders von Egon's politischer
Entwickelung erzhlt hatte, ergriff Ackermann die Zeitung, die er bei Louis'
Eintreten gelesen und sagte:
    Nach Dem, was ich von Ihnen und von ihm selbst wei, berfllt mich da oft
ein sonderbarer Zweifel, wenn ich seine uerungen in der Kammer lese. Ich finde
ihn auerordentlich schroff.
    Er ist von seinen berzeugungen erwrmt ...
    Er; aber diese berzeugungen sind fr Andere von einer, ich mchte sagen
puritanischen Klte. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, da es in Frankreich
eine politische Partei gab, die der Doctrinre ...
    Ihre Politik compromittirte das Knigthum.
    Egon ist nicht viel besser ...
    Er hate jedoch immer die Politik der Professoren ...
    Es ist gar nicht gesagt, da die Doctrinre Professoren sein mssen; auch
Kaufleute und Advokaten knnen es sein, wenn sie an bestimmten Doctrinen zu fest
kleben und sie um jeden Preis geltend machen wollen. Die Politik der jetzigen
bergangszustnde unserer Staaten ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst.
Wer dem Geiste der Massen mit einer Lehre und sei es welche es wolle,
entgegentritt, findet Widerspruch von allen Seiten. Ich frchte sehr, da sich
Egon auer seinen politischen Gegnern, die an und fr sich schon durch die
Parteien und deren Interessen gegeben sind, auch noch die Theoretiker auf den
Hals ladet. Kennen Sie diese Rede? Ich finde sie bereits zu excentrisch fr ein
so junges Ministerium.
    Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung, die er Louis hinhielt. Es war
wieder das Jahrhundert. Man sah, da diese Zeitung hier berall auf bestimmte
Veranlassung gehalten wurde.
    Louis las den Tag der Sitzung. Es war einige Tage nach seiner Abreise, da
Egon die folgenden Worte, die Louis laut vorlas, gesprochen hatte:
    Denn, meine Herren, woran leidet unsere Zeit? An dem Mangel einer sichern
und festen Lehre ber den Staat? Glauben Sie Das nicht! Sie leidet unter dem
Mangel an Geduld und Prfung. Sie leidet unter dem Mangel der Unterordnung und
des bescheidenen Bewutseins seiner nchsten Pflichten. Wo Sie hinblicken,
werden Sie arbeitende Kpfe und feiernde Hnde finden. Ein Jeder bildet sich
ein, wenn nur die theoretische Formel, das mathematische Gesetz unserer Existenz
gefunden wre, wrde diese sich sogleich darnach ndern ohne unser Dazuthun. Die
Gesellschaft ist, sagt man, krank, meine Herren. Sie ist es, ich lugne es
nicht. Aber die Heilung liegt in uns, nicht in den Geheimmitteln der bisher
gerufenen rzte. Woran fehlt es berall? An der wahren Dit der Geister.
Enthaltsam, nchtern, streng gegen sich selbst zu sein, wem fllt Das noch ein?
Luxus ist die Vorstellung des Reichen und des Armen. Die Phantasie gaukelt sich
in den khnsten Idealen von Erdenglck und suchen will Niemand das Erdenglck,
nur finden wollen es Alle. O, meine Herren, diese Welt kommt mir vor wie das
Spiel der Kinder, wo Alle Feldherren, keiner Soldat sein will. Vergeben Sie mir,
da ich mich an Sie selbst wende, an Sie, die hier versammelten Gesetzgeber
eines groen Staates. Ich ehre das Recht des Volkes, sich die Bevollmchtigten
seiner Wnsche zu whlen. Aber gestehen Sie, auf jeden von Ihnen kommt, ehe er
gewhlt wurde, eine solche Flle der Aufregung, an Jeden knpfen sich so viel
Leidenschaften des Ehrgeizes und der Streitsucht, da man ernstlich fr eine
Gesellschaft frchten mu, die so durchwhlt wird vom Unbestimmtesten, so in
fieberhafter Hast auf Ihre Entscheidungen wartet, so nur vielleicht wartet, bis
ein Jeder von Ihnen sich als Persnlichkeit und Trger des ihm geschenkten
Vertrauens wrdig zeigt. Ich ehre Ihr Recht der Prfung, aber fragen Sie Ihr
innerstes Herz, ob Sie hier Alle auf diesen Sesseln sitzen in dem Bestreben, das
Staatsleben zu vereinfachen und nur die Thatsachen geltend machen zu wollen, die
... (Murren. Unterbrechung.)
    Lesen Sie nur weiter! sagte Ackermann.
    Louis las, indem sich seine Zge verdsterten.
    Eine Stimme. Sie sprechen fr den Absolutismus.
    Der Ministerprsident. Ich nehme das Wort auf, das Sie mir zurufen. Was
nennen Sie Absolutismus? Glauben Sie, da ich eine der Freiheiten verkmmern
will, die diese Zeiten dem Volke gegeben? (Neue Unterbrechung.)
    Eine Stimme. Das drfte nicht wohl mglich sein.
    Der Ministerprsident. Ich verachte den Absolutismus frherer Zeiten, den
diese Tage niedergeworfen haben. Es ist ein geflltes Ungethm, das vom Schwerte
des Zeitgeistes St.-Georg getroffen zu Boden liegt. Der Absolutismus der
Polizeigewalt und der patriarchalischen Despotie wird nie wieder sein Haupt
erheben drfen. Aber ich frage Sie auf Ihr Gewissen, ob Sie den Staat, wie ihn
einmal die Geschichte nicht als Zufallsprodukt der Privilegien, sondern als
Naturprodukt der Gesellschaft, der Existenz, des Lebenmssens, meine Herren, des
Lebenmssens berliefert hat, ob Sie, sag' ich, diesen Staat jemals fr etwas
nur Relatives halten knnen?
    Eine Stimme. Sophistik!
    Der Ministerprsident. Sophistik? Sagen Sie Logik, mein Herr! Wer ist
ehrlich mit dem Wohle der Menschheit meint, kann keinen Staat und wr' es den
kleinsten, zuflligsten, fr etwas Relatives halten, fr ein zuflliges Ergebni
ewig schwankender Bestimmungen. Das Absolute im Staate ist die Gesellschaft! Das
Absolute ist der gegebene Mensch! Dieser Absolutismus soll das Ruder aller
Politik sein oder die Politiker werden Verrther am allgemeinen Wohle,
Friedensbrecher, Rebellen nicht gegen den Frsten und die Krone allein. Nein,
Rebellen gegen den Armen, der leben soll und nicht leben kann, Rebellen gegen
das groe Rthsel unsers Daseins, das man zu lsen haben wird nicht in den
Lehrstuben der Doktrin, nicht in den Bureaux der Beamtenwelt, nicht in den
Palsten, sondern in den Htten, in den Werksttten, in den Kranken- und
Siechhusern, ja auf den Friedhfen, meine Herren, unter den Grbern. Denn der
Tod ist das gelste Rthsel dieses Lebens! (Rauschender Beifall von allen Seiten
des Hauses.)
    Da sehen Sie nun, unterbrach Ackermann den erschtterten Louis, da sehen Sie
nun, wie die Phrase die Menschen regiert!
    Ah, unterbrach Louis, hier ist mehr als Phrase.
    Nennen Sie es lieber, antwortete Ackermann lchelnd, ein Einlenken auf die
bliche Heerstrae der Rhetorik! Ich gestehe, in Allem, was ich von dem Frsten
in diesen Berichten nun seit acht Tagen gelesen habe, bewundern zu mssen, wie
er es versteht, die Schlagworte der Zeit in Augenblicken der Gefahr zu Hlfe zu
rufen. Aber ich sehe doch, er eskamotirt sie.
    Wie verstehen Sie das? fragte Louis besorgt.
    Er ficht mit den Waffen seiner Gegner. Er entwindet ihnen die Rappiere, die
sie gegen ihn brauchen wollten und schlgt vortreffliche Paraden. Noch bin ich
nicht klar, ob er wirklich ein Taschenspieler der Begriffe ist. Nur ehrlich
sein! Nur aufrichtig, Prinz! Er soll sagen, ich bin ein Absolutist! Ich bin
beauftragt von der Monarchie, ihre schwankende Sache zu fhren! Was windet er
sich so durch die Doctrin von Arbeit und Thtigkeit und Existenz ...
    O mein Herr, unterbrach Louis den skeptischen Agronomen, der in diesem
Augenblicke an die hohe Stellung seines Patrons nicht dachte, diese Doctrin ist
sehr heilig und fr den Frsten unendlich wichtiger als die Spitzfindigkeiten
der Advokaten.
    Die lieb' ich nun erst gar nicht, die veracht' ich wie unser lieber Frst!
Aber Sie sehen aus dieser kleinen Probe seiner schwierigen Stellung - Sie werden
die Sitzungen mit Aufmerksamkeit verfolgen - Mein Exemplar steht Ihnen immer zu
Diensten - lesen Sie und Sie werden bald merken, da sich Egon mit dieser
Theorie von der Entsagung und der Pflichterfllung der Menschen in eine
Sackgasse verliert, in der ich fr ihn sehr viel Unglck erblicke. Es ist von
Genf her etwas Calvinistisches in ihm stecken geblieben, er ist trotz der
schnen Melanie ein Puritaner und ich wollte, ich drfte ihm einmal recht den
Text lesen ...
    Ackermann fiel in einen so warmen, vertrauten, doch liebevollen Ton ber
Egon, da Louis nicht umhin konnte, ihn zu fragen, was er ihm dann wohl sagen
wrde?
    O, sagte Ackermann, Sie sind sein Freund, er hat Ursache, Sie zu lieben;
denn durch das wunderbare Labyrinth seiner Jugend haben Sie ihn treu gefhrt.
Lehnen Sie dies Lob nicht ab! Egon ist eine merkwrdige Erscheinung. Ja, ja! So
jung! So reif! So weltklar! Ich sah es gleich an seinen Augen, da in denen ein
Geheimni schlummert. Wenn Sie ihn von mir gren und ihm Versicherungen geben
wollen ber Das, was ich Ihnen Alles noch von der Praxis meiner Plne zeigen
werde, so sagen Sie nur, in der Politik verirre er sich! Ihm, das sh' ich
schon, wren Kammerauflsungen, Verfolgungen, Einkerkerungen ein Leichtes! Er
wird bald alle Mittel verschossen haben, um auf friedliche Art zur Herrschaft
seiner Theorieen zu kommen! Er soll sich, sagen Sie es ihm, er solle sich vor
den gewaltsamen Mitteln in Acht nehmen; die sind zweischneidig, treffen ihn
selbst. Und unsre Zeit will keine Lehre, keine Doctrin, wenigstens sieht die
seine so aschgrau aus, wie da die ganze Flur drauen. Sehen Sie hinaus, wie der
Regen trpfelt! Der ganze Himmel ein groes Sackleinen! Langweilige Raben
fliegen mit matten Flgeln trge ber die entlaubten Bume hin! Sagen Sie doch
Egon, ob er vergessen htte, da das Alles grn werden mu und da es im Walde,
wo er mit Selma einst wandelte, viel frhlicher aussieht! Es ist gar nicht
mglich, in unsrer Zeit das Evangelium der Pflichten zu predigen. Es ist grausam
sogar, den Menschen allein auf die Arbeit zu verweisen. Wer arbeitete denn nicht
gern? Nur die Belohnung fehlt, nur der Genu fehlt. Und von dem soll er nur
machen, da er sich in den Grenzen hlt! Ich sage, man schlage der Menschheit
das Capitel von der chten Freude auf, das doch irgendwo in unsern Herzen
geschrieben stehen wird. Egon wre sehr gut, eine Qukerkolonie zu grnden. Da
mag er sein Evangelium der Pflichten, seine Theorie der Arbeit lehren. Der Adel
und die Beamten werden so viel, als sie von seiner Lehre brauchen knnen,
auspressen und ihn dann als einen politischen nrrischen Ascetiker bei Seite
werfen. Er blst zu rauh, dieser Boreas! Er soll sich den Sonnenschein zu Hlfe
nehmen! Er soll Freude verbreiten, erlaubte, unschuldige Freude. Bes' ich
seine Gabe der Rede, durch Scherz entwaffnete ich meine Gegner und machte alle
mglichen Gesichter, nur nicht die eines Schulmeisters.
    Louis lchelte ber die gute Laune des Generalpchters, den er ersichtlich
durch seinen Besuch erfreut hatte. Er begriff wohl, wie man hier in so einsamer
Welt aus den innersten Geistes- und Gemthsquellen schpfen msse, um sich wach
und froh zu erhalten. Er fhlte auch bald heraus, da Ackermann eine sehr feine,
gebildete Intelligenz war und auf einem hhern Standpunkte, als dem eines
exclusiven Landwirthes stand. Dabei erwrmte ihn seine Hingebung an Egon, von
dem er so menschlich, so treu und theilnehmend sprach, ganz so, wie es Egon
einst liebte - einst! sagte er sich und verfiel in trbes Sinnen, warum das
Alles im Grunde doch so viel anders war, als es Ackermann bekannt sein konnte.
    Ackermann sagte nun noch:
    Es versteht sich von selbst, lieber Herr Armand, da Sie ber Mittag unser
Gast sind. Wir essen schon um zwlf Uhr. Bis dahin zeig' ich Ihnen meine kleinen
Vorbereitungen, die erst in Gang kommen werden, wenn zu Weihnachten und Neujahr
meine Maschinen eintreffen ...
    Ich soll Ihnen, unterbrach ihn Louis, von Herrn Leidenfrost viel Gre sagen
...
    Dem wackren Techniker!
    Ihre Maschinen sind in Arbeit und werden zur bestimmten Zeit fertig werden.
    Fr diese Nachricht dank' ich Ihnen! Hoffentlich wird man nicht erst die
Dreschmaschinen und dann die Semaschinen machen, wie es einem Bekannten von mir
in Amerika ging, der zum Frhjahr Alles bekam, was er im Herbste brauchte und im
Herbst, was er im Frhjahr htte haben mssen.
    Louis lachte ber eine Bemerkung, die Ackermann mit den Worten ergnzte:
    Glcklicherweise traf diese Nachlssigkeit einen Mann, der gewohnt ist, die
Pferde manchmal hinter den Wagen zu spannen, den Baron Otto von Dystra, von dem
ich gestern mit der angenehmsten berraschung gelesen habe, da er seinen Plan,
einmal Europa wieder zu besuchen, bald nach mir ausgefhrt hat.
    Louis hatte vom Baron Otto von Dystra noch nichts gehrt und nahm keine
Veranlassung, lnger bei Erwhnung dieses Namens zu verweilen. Er kehrte auf
Leidenfrost zurck und sprach voll Theilnahme ber das umfangreiche Streben
dieses vielseitigen jungen Mannes.
    O, sagte Ackermann, Das ist eine der Naturen, die mir am verwandtesten sind.
Reger Geist, fern von jeder Grbelei, fern von jedem sentimentalen Despotismus.
Denn Das sag' ich Ihnen, lieber Freund, Niemand ist despotischer als die blos
Gefhlvollen und kein Mensch ist meist herzlicher als der, der fr einen
Verstandesmenschen gilt.
    Der Verstandesmensch ist gleich bei der Hand, wo Hlfe noththut. Der
Gefhlvolle betet, wnscht uns das Beste hienieden und im Jenseits und geht,
abscheulicher als der Phariser, an dem von Mrderhand getroffenen Wandrer
vorber, ber den er nachher eine Elegie schreibt. Das rechte Herz, glauben Sie
mir, ist nur da, wo der Verstand klar ist. So ein Gefhlvoller der sinkt gleich
in Ohnmacht und ruft um Hlfe. Hat er sich einmal aufrecht erhalten, ist er
einmal rasch herbeigesprungen und hat Jemanden aufgehoben, o welch' ein
Aufhebens wei er dann auch zu machen! Wie spiegelt er sich in der Glorie seiner
That! Wie bescheiden lchelt er auf seine stillen und nun doch pltzlich ans
Tageslicht gekommenen Verdienste herab! Ich halte es mit den Verstndigen, die
auch darin Verstand zeigen, da sie weit weniger sprechen, als ich heute thue.
Kommen Sie! Kommen Sie! Sie sollen jetzt etwas von meiner Niederlassung sehen.
    Mit dieser lakonischen Wendung hatte Ackermann ein leichtes Kppchen
ergriffen und forderte Louis auf, ihm in den Hof zu folgen. Die Magd brachte
drauen einen Schirm und erhielt im Vorbergehen die Weisung, da sie sich doch
wol schon auf ein Couvert mehr eingerichtet htte? Die Magd nickte resolut, als
wollte sie sagen: Was denken Sie, Herr Ackermann! Alles besorgt! Sie sagte aber:
    So politisch werd' ich doch sein!
    Diese uerung mu uns auffallen; denn sie war gerade jene unpolitische
Liese, dieselbe Magd, die beim Heidekrger Justus unter den Weltstudien ihres
Herrn so viel gelitten hatte und jetzt in diesen neuen Dienst getreten war,
whrend Justus in der Residenz eine groe politische Rolle spielte und den Chef
einer Fraction machte.
    Rasch eilten die Mnner ber den Kieselboden und das nasse Hofpflaster hin.
    Louis berzeugte sich jetzt erst, wie jugendlich das Aussehen des
Generalpchters war, wie hoch und schlank sein Wuchs, wie fein sein ganzes
Wesen! Er mute sich sagen, da Ackermann sicher einst eine der schnsten
mnnlichen Erscheinungen war. Sein Auge hatte etwas Durchdringendes, seine Stirn
glnzte edel und hell, die Nase und der Mund waren von groer Feinheit. Sein
ganzes Wesen hatte etwas unendlich Harmonisches. Oft erinnerte er ihn an
Personen, die ihm im Leben schon werth geworden waren. Rudhard kannte er zu
wenig, aber doch fhlte er heraus, da Ackermann ihm zwar an Verstand gleich
kam, aber mehr Poesie um sich verbreitete. Auch an Murray, dessen Name ihm oft
auf die Zunge kam, ohne da er wagen konnte, ihn auszusprechen, erinnerte er
ihn. Ihre Ansichten hatten zuweilen etwas sehr hnliches. Doch war Murray von
Melancholie umdstert und erweckte nicht die klare, erwrmende Behaglichkeit,
die Ackermann ausstrmte. Man sah diesem Manne an, da er viel erlebt, viel
gerungen hatte. Trotz seiner Freundlichkeit gegen Louis, die fast eine
herablassende war, thronte ein hoher Ernst auf seiner Stirn. Nur milderte er ihn
durch seine Geflligkeit und den biedern Ton.
    Wie unermdet zeigte er sich, seinen Besuch von Allem zu unterrichten, was,
wenn nicht diesen, doch den Frsten interessiren konnte! Er knpfte an jeden
Raum, den er ihm in den Wirthschaftsgebuden ffnete, lehrreiche
Auseinandersetzungen. Schon erblickte Louis im Geiste die rhrigen Hnde, die
einst hier wirken und arbeiten sollten. Die Maschinen sah er schon in voller
Thtigkeit. Auch in die Mhle fhrte ihn Ackermann. Hier wurde von Zimmerleuten
rege gearbeitet, auch den Schlag des Hammers auf Eisen hrte er und nicht wenig
war er erstaunt, als er den blinden Zeck erblickte, der mit seinem Sohne
gemeinschaftlich auf einem kleinen in den Boden eingerammten glhenden Heerde
die Klammern und Haken noch nachtrglich erweichte, die in diesen oder jenen
Balken getrieben werden sollten.
    Ackermann zeigte auf das arbeitende Paar und sagte:
    Es ist eine merkwrdige Sicherheit, mit der der Blinde bei den schwersten
Aufgaben verfhrt. Wie ich hierherkam, hatt' ich ihm von einem in Amerika
verstorbenen Verwandten, ber den ich eigentlich nach seinem Wunsche schweigen
sollte, eine kleine Erbschaft zu bringen. Diese Leute macht ein kleiner Besitz
gleich wunderlich! Wie ich mich hier niederlie, bot er mir das Geld an, um sich
an meinen Unternehmungen zu betheiligen. Er verhie mir sogar noch das, was ich
einer in der Nhe wohnenden Schwester ausgezahlt hatte ...
    Ursula Marzahn - sagte Louis.
    Sie kennen die Frau?
    Sie wohnt im Forsthause ...
    Ganz recht. Ich habe sie einmal in meinem Leben gesehen und mu leider
gestehen, da sie zu den Menschen gehrt, von denen man sagt, sie htten den
bsen Blick. Aus der Art, wie sie das Geld in Empfang nahm, erkannt' ich, da
sie geisteskrank ist und bewunderte die Geduld des Jgers, der eine beschrnkte
gutmthige Natur zu sein scheint und eine solche Person nun schon so viele Jahre
um sich duldet -
    Seine Nichte ist jetzt aus der Stadt zu ihm gezogen -
    Viel Aufopferung Das! Ich gestehe, da es mir unheimlich wurde in dem
bauflligen, einsamen Hause. Sehen Sie nur, wie sicher der Alte arbeitet! Ich
begreife diese Augen nicht! Sie sind klar wie sehende und doch umhllt sie
undurchdringliche Nacht. Er hat etwas von der Geschicklichkeit seines
Verwandten, der ein groer Knstler war -
    Louis wagte nicht zu forschen. Er sah, da Ackermann im Begriff war, ber
Murray zu sprechen. Um seine Unruhe nicht zu verrathen, wandte er sich zu
einigen Zimmerleuten, die eine gewaltige Holzschraube von der Hhe eines ganzen
Stockwerkes probirten. Ackermann ging zu den beiden Zeck's hinber, die ihn
ehrerbietig grten. Es drngte Louis nher zu treten und zu hren, wie sich
Murray's Bruder, den er nur zu Bestellung der Stimmschraube ganz flchtig
gesprochen, uern wrde.
    Ich sehe, sagte Ackermann, Ihr seid Beide hier. Habt Ihr denn Leute
gefunden, die in der Schmiede arbeiten?
    Zwei, Herr, sagte Zeck und hielt ein glhendes Eisen seinem Sohne hin, das
dieser mit der Zange nahm und an dem Balken, wohin es gehrte, behutsam
einsetzte, whrend der Blinde folgte und mit dem Hammer zuschlug, richtig die
Stelle treffend, wo die Kraft seines Armes nthig war ...
    Zwei, Herr! wiederholte er. Im Frhjahr haben wir ihrer noch mehr.
    Nur gewandte Arbeiter, sagte Ackermann, mit denen Ihr Ehre einlegt! Wir
haben viel zu schaffen. Unsre Wgen machen wir uns selbst. Es soll schon rstig
bei uns hergehen.
    Der Alte verzog die Miene zu einem sonderbaren Lachen, das aber ein
offenbares Wohlgefallen an der Arbeit und sicher auch die Hoffnung auf Gewinn
ausdrckte. Zugleich lag Neugier in dieser Miene. Denn Zeck hatte wohl gehrt,
da Ackermann nicht allein kam.
    Dies ist der Besuch vom Schlosse, sagte Ackermann, nach dem herangetretenen
Louis hinsprechend, er freut sich, wie wacker es Euch von der Hand geht.
    Zeck ri die Augen auf und nickte nach der Seite hin, wo er sich Louis
dachte, dem der Anblick dieses Blinden in einem fr sein Gefhl erschtternden
Zusammenhang mit den ihm bekannten Thatsachen stand.
    Wir kennen uns, sagte Louis und um nur ber die mgliche Erwhnung seines im
Schlosse gebliebenen Begleiters rasch hinwegzukommen, bemerkte er:
    Drum fand ich es in Eurer Schmiede nicht zu lebhaft ...
    So, Herr? sagte Zeck; ja, es sind zwei Arbeiter eingetreten.
    Der Eine versteht sich auf feine Sachen und kann als Klempner arbeiten. Aber
sie sind faul. Die Schraube an dem Klavier knnen Sie uns schon anvertrauen.
    Sind Sie musikalisch? fragte Ackermann.
    Louis war es im Gesang, aber nicht auf dem Klavier. Er konnte die Wahrheit
nicht umgehen und mute einrumen, da ihn noch ein Freund begleitet htte, der
krnklich wre, zurckgezogen auf seinem Zimmer lebe und sich mit Musik
unterhalte.
    Zeck horchte gespannt und bemerkte zu Louis' Erstaunen, da der Blinde in
seiner neugierigen, dreinlachenden Weise sagte:
    Die Brigitte sagt, da der Herr ja auch etwas vom Fach ist: Er hat's mit
Kupfer, wie wir mit Eisen.
    Mit Kupfer? fragte Ackermann sorglos.
    Louis, der Murray's Einfall, ihm eine Visitenkarte zu stechen, ebenso sehr
verwnschte, wie die Plauderhaftigkeit ihrer Bedienung, bemerkte, da sein
Begleiter chemische Experimente mache und zuweilen auf Kupferplatten tze.
    Als Ackermann sich zum Gehen wandte, bemerkte er:
    Ein Verwandter dieses Blinden nannte sich schon in England Morton und war
ein Kupferstecher. Wie er dazu kam, hat mir Keiner von ihnen klar machen wollen.
Es sind versteckte unheimliche Menschen.
    Auch Morton? frug Louis, ohne an dem Namen Morton statt Murray Ansto zu
nehmen.
    Morton war ein Sonderling, sagte Ackermann. Ich lernte ihn auf eigene Art
kennen. Er reiste einmal mit einem nicht minder eigenthmlichen Manne, dem
Diplomaten Otto von Dystra, durch die Vereinigten Staaten, fast immer zu Fu,
viel rstiger, als ich ihn in nicht gar langer Zeit darauf in Newyork wieder
antraf. Die beiden Wanderer kamen an den Missouri, wo ich meine Niederlassung
unter Englndern hatte. Sie hrten meine verstorbene Frau in der Farm ein
deutsches Lied singen. Sie hatte eine helle zum Herzen dringende Stimme. So
klopften sie an mein Thor und blieben lange genug, um die Sngerin schtzen zu
lernen. Otto von Dystra wohnte als russischer Consul in Newyork. Er war ein
Tourist von Profession, hatte die halbe Welt gesehen und war der
eigenthmlichste Bequemlichkeitsphilosoph, der mir jemals vorgekommen.
    Bequemlichkeitsphilosoph? unterbrach Louis die freundliche Mittheilung.
Verstehen Sie darunter einen Epikurer?
    Ja! Einen Epikurer des Geistes, sagte Ackermann. Es gibt Epikurer der
Sinne. Ein solcher soll z.B. der Justizrath Schlurck sein, der frher hier
schaltete. Es gibt aber auch Epikurer des Geistes. Unter ihnen versteh' ich
Menschen, die auf Alles nach Wohlgefallen dilettiren, die jede Wahrheit zu
schtzen wissen, ohne sich fr eine zu erklren, Mnner des Studiums und eines
unermdlichen Wissenstriebes, Reisende, denen es nirgends Ruhe lt,
Verschnerer der Natur, mit einem Worte Menschen, die glcklicherweise so reich
sein mssen wie Otto von Dystra, um sich so durch die Welt tummeln zu knnen,
wie er es liebt.
    Und ein solcher Komet pat in die russischen Bahnen? fragte Louis erstaunt.
    Fr Petersburg schwerlich, sagte Ackermann. Aber Ruland hat die weise Art,
seine Diplomatie nach den Lndern einzurichten, in denen sie wirken soll. Die
deutschen Gesandten des Zaren sind oft halbe Gelehrte, seine italinischen
Gesandten sind Kunstliebhaber, die franzsischen sind Liebhaber der Intrigue,
die englischen sind Wettrenner und Dandies. In Nordamerika lt sich der Zar
durch halbe Republikaner vertreten, die in den Ton und die Denkweise jener
Lnder wenigstens einzugehen verstehen. Dem reichen Kurlnder Otto von Dystra
hat man vergebens groe Summen geboten, die eigentliche Botschafterstelle in
Washington anzunehmen. Er begngte sich mit dem Consulat in Newyork, weil es ihm
Gelegenheit zu Menschenstudien bot, die ihm die liebsten sind. Da er jetzt in
Europa, in unsrer Nhe ist, berrascht mich. Ich versumte von ihm Abschied zu
nehmen. In Europa kann der Zar diese Persnlichkeit zu keinem seiner Zwecke mehr
brauchen, umsoweniger, als er abschreckend hlich ist.
    Wie wurde wol Murray mit diesem Manne bekannt? fragte Louis.
    Murray? sagte Ackermann und verbesserte: Morton!
    Morton! wiederholte Louis.
    Morton war ein Kupferstecher und hatte fr Otto von Dystra Karten gestochen.
Dies wurde die Veranlassung gemeinschaftlicher Reisen. Zwei wunderliche
Gegenstze! Otto von Dystra, klein, verwachsen, ganz Epikurer, Morton ganz
Stoiker. Von seinem frhern Leben hab' ich aus diesem alten Zeck nicht viel
herausbringen knnen. Er war tiefsinnig, religis, hypochondrisch. Ich glaube,
da ihn die Sekte der Shakers, deren Religionsbungen er zuweilen beiwohnte,
verwirrt gemacht hat. Dystra nahm Morton so wie er sich gab und lie ihn als
eine Curiositt gelten. Einige Male, da ich in Neuyork war, entdeckt' ich
sogar, da Morton wohlhabend genannt werden konnte. Er hatte ein ausgebreitetes
Geschft auch mit Metallbuchstaben, die er neu bei uns einfhrte. Ich erinnere
mich noch der schnen berraschung, die er mir durch eine Kiste Metallbuchstaben
machte, als meine Frau starb. Da haben Sie, schrieb er, in vierfacher Anzahl das
deutsche Alphabet! Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib
zusammen! Die Buchstaben, die in dem Worte: Dulderin vorkommen, schick' ich
Ihnen doppelt. Sie werden sie brauchen knnen in Ihrer Inschrift, die Sie an dem
metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben, die ich gleichfalls beilege, befestigen
mssen.
    Ackermann schwieg eine Weile. Auch Louis war durch einen Zug, der seinem
neuen Freunde und Vertrauten so hnlich sah, gerhrt ...
    Morton, schlo Ackermann, schrieb mir, als ich ihm auf diese Sendung dankte
und anzeigte, ich wrde nun nach Europa, wenn nicht fr immer, doch fr einige
Zeit zurckkehren, ich mchte mich einigen Auftrgen fr Deutschland
unterziehen. Er wies mir die kleinen Summen an, die ich seinen Verwandten
bringen sollte und empfahl sich, mit einem sonderbaren Ausdruck, meinem Andenken
und meiner Gerechtigkeit. Als ich in Newyork nach ihm suchte, hie es, er wre
spurlos verschwunden. Sein Besitzthum hatte er verkauft und wahrscheinlich einer
milden Stiftung bermacht. Ihn selbst suchte man berall vergebens. Die
Entdeckung von Kleidern, die ihm gehrten, an einer Uferstelle des Hudson lt
fast vermuthen, da er in einem Anfalle von Hypochondrie sich das Leben genommen
hat.
    Ackermann und Louis waren whrend dieser Mittheilungen wieder zu dem
Wohnhause zurckgekehrt. Louis, vertieft in die Mglichkeit, da sich Ackermann
und Morton begegneten. Er merkte kaum, da ihnen ein Kind entgegengesprungen war
und gerufen hatte:
    Selma's Stunde ist aus! Zum Essen, Onkel!
    Ackermann bemerkte, da diese Kleine dem Pfarrer von Plessen Herrn Guido
Stromer gehrte und von ihm und Selma auf lngere Zeit in den Ullagrund genommen
wurde. Wre sie lange genug da, so kme ein andres von den Kindern an die Reihe
und Alle mten ihn Onkel nennen, damit die armen Kleinen, die einen Vater
htten und doch auch wieder keinen, an Menschenliebe nicht irre wrden. Von
Oleander bemerkte Ackermann, da er seiner Tochter tglich Stunden gbe und ihn
als einen sinnigen, vielleicht zu bescheidenen und trumerischen Menschen
schtzen msse.
    Die kleine Hedwig, so hie Stromer's zweite Tochter, die gerade jetzt an der
Reihe war, im Ullagrunde weilen zu drfen, zog den Onkel in das Haus und in die
Thr, die neben der zu Ackermann's Zimmer fhrenden lag. Geffnet bot sie den
Anblick eines zwar niedrigen, aber traulichen Wohnzimmers. Alle Mbel, von
Kirschbaumholz, waren neu und stachen mit ihrem blassen Glanze gegen die dunkle
Frbung der Wnde angenehm ab. Ein groer Flgel stand aufgeschlagen. In der
Mitte des Zimmers war ein runder Tisch gefllig gedeckt. Im Ofen prasselte ein
belebendes Feuer. Am Fenster stand ein Nhtischchen fr Selma. ber ihm hing ein
Bcherbord mit zwei Reihen englischer und deutschen Classiker. Im Eck stand ein
Fachwerk mit bronzenen und glsernen Nippsachen. Es schienen langgesammelte
Andenken. Manches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen, stand aber doch wie
eine heilige Reliquie, wohlgeordnet, unter allerhand kleinen scherzhaften
Spielereien.
    Oleander, der am Bcherborde in einem Goldschnittbndchen bltterte, grte
die Ankommenden.
    Da steht ja schon die Suppe! sagte Ackermann. Wo ist Selma?
    Sie zieht ein schn'res Kleid an! verrieth Hedwig Stromer.
    In dem Augenblick ffnete sich das Nebenzimmer und Selma, hocherrthet, sich
gegen Louis leicht verneigend und um Entschuldigung bittend ob der Verzgerung,
trat herein und gab, sogleich einen Stuhl ergreifend, das Zeichen, da man sich
zu Tische setzte.

                                Fnftes Capitel



                        Deutsche Liebe, deutsches Leben

Selma's Errthen hatte ohne Zweifel seinen Grund darin, da sie sich des
Besuchers sehr wohl von jenem Tage erinnerte, wo ihr Vater mit dem Justizrathe
Schlurck so heftig aneinander gerieth und Louis mit der vom Vater so sehnlich
erwarteten Botschaft eintrat, der todtkranke junge Frst genehmige die Antrge
des Amerikaners. Damals war sie Selmar, der Knabe. Heute sah sie Louis als
Mdchen und so wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieses Besuches war, so
wute sie doch, wieviel der Frst auf Louis hielt. Vor aller Welt war sie mit
leichter Mhe in die neuen, ihr eigentlich gebhrenden Kleider geschlpft. Bei
Louis ahnte sie zuerst, was sie wol fhlen wrde, wenn sie einmal, wie sie doch
hoffte, dem ihr so theuer gewordenen Frsten Egon selbst begegnen sollte.
    Da Louis aus Bescheidenheit, Oleander aus Gewohnheit schwieg, so mute sich
wol Selma zusammenraffen, um das Gesprch zu fhren. Sie legte mit groer
Geschicklichkeit vor. Louis beobachtete ihr Wesen, ihre innere und uere
Erscheinung, mit groem Gefallen. Sie war zierlich gewachsen, schlank und
behend. Das kastanienbraune Haar trug sie noch kurzgeschnitten. Es war noch von
der Knabentracht her nicht lnger gewachsen. Die lockige Biegung, in der es auf
den weien Nacken fiel, machte einen sehr einnehmenden Eindruck. Das Kleid, das
sie rasch angezogen hatte, war blau. ber den obern Theil desselben fiel ein
reicher gestickter Kragen. Ein blaues geripptes Band umschlo die Taille und
kreuzte sich unter einer emaillirten Schnalle. Von Fischbein und engem Geschnr
war keine Spur. Man hatte in dem weiten und vollkommenen Kleide den reinen
Ausdruck ihrer natrlichen Formen. Das dunkelblaue Auge, die weien Zhne, ein
schngeschnittener Mund waren die Zierde des lieblichen Antlitzes. Besonders
anmuthig machte sie ihr Lcheln. Um den Mund spielte dann eine Schalkhaftigkeit,
die Jeden bestricken mute.
    O, sagte Selma, als die Suppe von einer zweiten Magd abgetragen wurde, es
ist nur gut, da ich dem Frsten einmal durch Sie, Herr Armand, ein ernstes Wort
sagen lassen darf. Ich bin ihm nicht mehr gut.
    Warum, mein Frulein?
    Als er in Hohenberg war, sagte Selma, und ich mit ihm zum Forsthause durch
den Wald ging, wie sprach er da so warm und theilnehmend von Amerika! Ich
albernes Kind tappte recht wie die Fliege in die Milch, so sen Zucker streute
er auf Amerika! Aber was hab' ich nun erst vor kurzem lesen mssen! In der
Kammer, wo sie sich im Zank und dem Allesbesserwissen ben, hat er so
abscheulich ber Amerika gesprochen, so abscheulich!
    In der That? sagte Louis erstaunt.
    Haben Sie's denn nicht in der Zeitung gelesen? sagte Selma und schob dem
Vater das inzwischen hereingebrachte Rindfleisch zum Tranchiren hin und machte
es ihm dazu mit Messer, Gabel und dem Wegrumen aller hindernden Gegenstnde
bequem; haben Sie's denn nicht in der Zeitung gelesen, wie schlimm er es nun mit
uns meint?
    Ich bin seit acht Tagen von der Residenz entfernt.
    Ich wei es auswendig, ob es gleich so klingt, da ich es lieber gleich
htte vergessen sollen. Ihr beruft Euch auf Amerika, sagte er, einen Staat,
den ich verehre, wie ich etwa eine solide Handelsfirma verehre. Ich habe die
grte Achtung vor der Geschftskenntni und der Zahlungsfhigkeit eines
Londoner oder Hamburger Hauses, allein werd' ich das Haus Rothschild fragen, was
es von dem Schienenbau der Eisenbahnen hlt, zu denen es das Geld vorstreckt?
Werd' ich Hope in Amsterdam fragen, ob Schelling oder Hegel der philosophischen
Welt nher stehen? Lassen Sie Amerika ber Alles entscheiden, was in sein
Bereich gehrt; aber ber Europa, ber dies nun einmal so und nicht anders
geformte Gewchs der Geschichte, lat Europa zu Gericht sitzen!
    Frulein, ich bewundre Ihr Gedchtni! sagte Oleander erstaunt. So grndlich
haben Sie bis jetzt noch keine historische Thatsache behalten.
    Und doch ist auch dieser Satz eine Thatsache, fiel Ackermann ein. Der Frst
hat Recht. Nur sollt' er vorsichtiger sein mit den Dingen, die er von den
Kaufleuten nicht voraussetzt. Die Kaufleute sind sehr empfindlich und fr einen
Staatsmann scheinen mir Scherze ber das Haus Rothschild gewagt.
    Nein! Nein! fiel Selma ein. Den Frsten hab' ich aus diesen kalten Worten
nicht wieder erkannt. So bitter sprach er im Walde nicht! Und du, Vterchen,
gesteh' es nur ein, da du selber sagtest: Wie inconsequent! Er verspottet die
Banquiers und borgt doch von ihnen!
    Ackermann warf Selma einen verweisenden Blick zu.
    Louis sprach offen seine Vermuthung aus, da Ackermann wol von des Frsten
Anleihe bei dem Hause Reichmeyer gehrt htte ...
    Leider! sagte Ackermann. Ich htte nicht gewnscht, da sich der Frst die
Schwierigkeiten seiner Lage vermehrte.
    Er setzte dabei offen die ganze Mislichkeit der Lage Egon's auseinander. Er
erzhlte, wie entmuthigend die Resultate wren, die er aus den Bchern bei dem
Justizdirektor entnommen. Er htte Verwirrung ber Verwirrung angetroffen und
knnte fr nichts gutsagen, wenn der Frst immer wieder auf's neue die
Schuldenlast vermehrte. Sonst htt' er geglaubt, in zehn Jahren Einnahme und
Ausgabe, Soll und Haben, auszugleichen ...
    Ei, sagte Selma spottend, als Louis schwieg, Das seh' ich nicht ein! Der
Frst will leben wie ein Frst. Seit er bei Hofe geliebt und verehrt wird, seit
ihn die vornehmen Damen verziehen, hat er sich glnzende Livreen, neue Wagen und
Pferde anschaffen mssen. Ist es denn wahr, da er so eitel ist und auf jeden
Teller sein E. mit der Krone malen lt?
    Alles Das sprach Selma mit der kindlichsten Unbefangenheit. Man sah, sie
glaubte mit dem Frsten sich etwas erlauben zu drfen. Er hatte ihr in ihrem
Glauben so nahe gestanden, sich ihr so zutraulich angeschmiegt. Warum sollte sie
nicht so weit gehen, sogar zu sagen:
    Htt' ich ihn nur hier! Wie wrd' ich ihn auslachen mit seinen bunten
Tellern, die mir fr die kleine Hedwig da zum Buchstabirenlernen am passendsten
scheinen!
    Oleander betrachtete die Eifernde mit Wohlgefallen, Louis nicht ohne
Verlegenheit, denn er fhlte sich selbst in Egon beschmt.
    Herr Oleander kam nun ein wenig mehr aus seiner Einsilbigkeit heraus.
    Da wir wissen, da dieser junge Gottesgelehrte es verschmhte, auf den Grund
einer Heirath mit dem ltesten Frulein Gelbsattel befrdert zu werden und es
vorzog, dies stille und wenig eintrgliche Vikariat auf dem Lande zu bernehmen,
so empfinden wir schon eine gewisse Hochachtung vor ihm. Louis bemerkte bald,
da der junge Gelehrte, den er seines Namens wegen noch immer nicht zu befragen
wagte, die liebliche Selma in sein Herz eingeschlossen hatte. Die Art, wie der
Herr Candidat Selma bei Tische kleine Aufmerksamkeiten erwies, verrieth Dies. Er
konnte ihn jetzt erst recht von seinem vllig zugewandten Antlitz betrachten.
Oleander war sehr gro und mager. Den Kopf trug er etwas bergebeugt. Seine Zge
waren starkknochig, verriethen aber Geist. Das Haar hing schlicht und wol zu
wenig gepflegt herab. Das Auge verrieth eine stille ernste Ruhe, stand aber oft
wie nach innen gekehrt und schien einen abwesenden, trumenden Sinn zu
verrathen. Es war gerthet wie von starkem Blutandrang oder von Nachtlektre.
Sein ganzes Wesen hatte etwas, das Louis sehr an seinen geliebten Siegbert
erinnerte. Doch fehlte Oleandern dessen aufmerksamer, theilnehmender, Jedem
liebevoll zugewandter Sinn. Oleander schien mehr ein Egoist des Gemthes, eine
jener unschuldigen Naturen zu sein, die wie der Vogel auf den Zweigen
unbekmmert um Andre ihr Dasein hinleben. Er gestand sich, er htte ihn wol
einmal mgen predigen hren. In manchen franzsischen Werken erinnerte er sich,
junge lebensunerfahrene Geistliche so geschildert gesehen zu haben, wie er hier
wirklich einen protestantischen fand. Von den katholischen mute er sich sagen,
da die Dichter, besonders Lamartine, diese Gattung Dorf-Vikare zu sehr
verschnerten und die idyllische Natur der Schweiz oder Sdfrankreichs, in denen
sie leben und wirken sollten, auf ihr eigenes Wesen bertrugen. Louis Armand
erinnerte sich, bei allen katholischen Geistlichen einen Trieb zur Weltlichkeit
und Geselligkeit gefunden zu haben, der diesem trumerischen Oleander gnzlich
zu fehlen schien.
    So hatte er die Einladung, die ihm hchst dringend gestern Abend und heute
frh die Gemahlin des Herrn von Zeisel an Herrn Ackermann und Frulein Selma fr
morgen aufgetragen, ganz vergessen. Erst als Louis zufllig von der erneuten
Nachfrage nach den Bchern der Verwaltung auf Herrn von Zeisel kam und seine
Freude ausdrckte, da doch, wie die Einladung auf morgen beweise, zwischen dem
neuen Generalpchter und dem alten Verwalter keine Spannung obwalte und
Ackermann und Selma gefragt hatten, welche Einladung? erst da besann sich
Oleander auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag.
    Und Das konnten Sie vergessen, Freund? lachte Ackermann; eine so
berraschende Einladung! Die erste, seit wir Nachbarn und freilich auch die
unwillkommenen Gegner der Frau Justizdirektorin sind? Was sagst du dazu, Selma?
    Ich berlege schon meine Toilette, antwortete Selma mit der grten
Offenherzigkeit. Einer so strengen Richterin der Mode, wie Frau von Zeisel, wag'
ich mich noch nicht auszusetzen. Es ist gewi, wir finden dort, zu Ehren des
Herrn Louis Armand, Alles zusammen, was sich nur an Honoratioren auf drei Meilen
in der Runde auftreiben lt.
    Es ist gut, da du sagst zu Ehren des Herrn Louis Armand, sonst wrd' ich
nicht hingehen! bemerkte der Vater.
    Um's Himmelswillen, fiel Oleander ein. Thun Sie mir Das nicht an! Wie dank'
ich Ihnen, Herr Armand, da Sie mich an diesen Auftrag erinnert haben. Sie
kennen Frau von Zeisel nicht. Ich versichere Sie, da sie seit Ihrer Ankunft
nicht schlft und ber die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles, Alles
vergit, hchstens ihren Stammbaum nicht.
    Oleander thaute, wie Louis sah, allmlig auf.
    Ich habe mir in mein Taschentuch, sagte er, vor ihren Augen drei Knoten
machen mssen, das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall, da ich
wegen des Regens die Mtze nehme und obenein ein neues Taschentuch. Wenn ich Das
nun vergessen htte! Sie htte mich nchsten Sonntag in meiner Predigt irre
gemacht durch die rollenden Augen, die sie Einem zuwerfen kann! Dank! Dank
Ihnen!
    Man mute lachen. Ackermann gab sich darein, zu kommen.
    Nach Tische, sagte Selma, knnen wir ja einmal das Schlo besuchen. Noch
niemals waren wir in den Zimmern und immer versprichst Du es, Vater. Jetzt wre
die beste Gelegenheit!
    Ackermann antwortete darauf nicht. Es schien ihm nicht lieb zu sein, an dies
Versprechen erinnert zu werden. Um von dem Gegenstande abzukommen, gab er Louis
Veranlassung, wieder von sich selbst, von seiner Heimat, seiner Jugend zu
sprechen. Auch nach seiner Schwester fragte Ackermann jetzt und erzhlte, was er
von Egon's Beziehung zu ihr wute, mit absichtlich hervorgehobenem Nachdruck.
Louis erschrak ber diese Fragen und auffallend war ihm, da sich Ackermann mit
der Erwhnung seiner Schwester nicht beruhigte, sondern auch von Helene
d'Azimont und zuletzt von Melanie sprach und wie absichtlich er hervorhob, da
Egon's Charakter den Frauen gegenber leichtsinnig wre und von einem sittlichen
Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden knnte.
    Die Wirkung dieser fr Louis peinlichen Errterungen auf Selma fiel ihm auf.
Das Blut stieg dem holden Mdchen in die Wangen. Sie wurde unruhig. Sie
plauderte mit dem Kinde, ohne da sie darum aufhrte, dem Gesprche der Mnner
zuzuhorchen. Oleandern, den die Mittheilungen interessirten, zog sie sogleich
von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Gesprch. Erst als Ackermann
merkte, da seine, wie es schien, absichtliche Errterung dieser Herzenschronik
des jungen Frsten von Selma nicht mehr beachtet wurde, brach er ab und ging auf
gleichgltige Dinge ber.
    Seid Ihr fertig, rief jetzt Selma, fertig mit diesen Verleumdungen? Freilich
der Tod Ihrer guten Louison ist keine Verleumdung. Sie wissen wohl, wo sie ruht
und woran sie starb, die Gute! Aber Helene und Melanie! Das Alles mag in
Wahrheit viel anders aussehen, als die Justizdirektorin es Dir neulich
aufgeheftet hat! In der Zeitung steht, Helene d'Azimont ist abgereist und
Melanie -
    Nun, Selma? fragte Ackermann lchelnd, aber mit scharfem Blicke.
    Melanie ist schn! sagte das gepeinigte Mdchen. Ich sah sie hier zu Pferde
... wie eine Knigin ... o so schn!
    Louis freute sich der Bemerkung, da Helenen's Abreise in der Zeitung
besttigt war. Er hatte davon gehrt, es nicht glauben mgen, nun schien es doch
gewi, da Egon wenigstens von dieser Seite frei war.
    Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungen'schen Proze, der
ihn gleichfalls zu interessiren schien. Lebhafte Freude empfand er ber die
Mittheilung, da Louis diese beiden Brder Wildungen kannte. Er fragte nach der
Mutter der Brder und hrte voll Bedauern, da sie krank sei und Dankmar nach
Angerode auch deshalb gereist war, um sie aus der Pfarrwohnung, die kalt und
ungesund sein sollte, in eine behaglichere berzusiedeln. Als Louis das
Tempelhaus von Angerode erwhnte, sagte Ackermann fast vor sich hin mit eignem
aber auffallendem Ausdruck:
    Das Tempelhaus von Angerode!
    Kennen Sie es? fragte Oleander.
    O wohl kenn' ich es aus meiner Jugend, besttigte Ackermann; bin ich doch
selbst ein Thringer und nicht weit von der gldenen Aue geboren! Wohl kenn' ich
das stolze Gebude von rothen aus dem Harz gebrochenen Sandsteinen! Die Fenster,
immer zu zwei und zwei, dicht beisammen, verbunden durch einen Pfeiler, den ein
Thier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert. Die Fronte ist in Form eines
Giebels gebaut, der immer spitzer und spitzer zugeht. Hinter dem Tempelhause die
St.-Johanniskirche. Zur Seite ein altes Convikt -
    Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere, die die Ansprche seiner Familie
verbrgen, ergnzte Louis.
    Ich kenne diese Ansprche, sagte Ackermann. Die Familie Wildungen ist eine
der ltesten in Thringen. Sie stammt von einem Grafengeschlechte, deren Ahnen
ihr Grab bei den Sarazenen fanden. Hugo von Wildungen war ein Mann von ernster
Strenge, nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn, der die Auflsung der
Johanniter in Thringen, die weithin Besitzungen hatten, zu einem leichten
Spiele der Reformation machte. Ich kenne die Familientradition der Wildungen.
Den Jngsten sah ich nie. Den ltesten hab' ich oft als kleinen Buben auf meinen
Knieen geschaukelt. Ist er Maler geworden, der kleine blonde Siegbert?
    Louis wurde nicht mde, von den Brdern zu berichten und bat zuletzt, ob er
ihnen von Herrn Ackermann nicht eine ausfhrlichere Kunde bringen drfe?
    Der Name Ackermann wird im Gedchtni dieser Kinder nicht leben, sagte
Selma's Vater. Sagen Sie ihnen nichts von mir, wr' es auch nur, um zu
verhindern, an die Vergangenheit zu denken. Der Rckblick auf ihre Jugend kann
diesen Jnglingen nicht in die schne violette Frbung getaucht sein, in welcher
die thringischen Berge am Horizonte sich malen. Ach, sie hatten einen Vater,
den alles Misgeschick verfolgte, eine Mutter, die erst ber die Brcke der
Kinderliebe ganz zum Herzen des Gatten sich neigte. Um so glcklicher, wenn sie
einer mrchenhaften Zukunft zusteuern und sich mit entschloner Hand ihr eignes
Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgestellten Urne! Sagen Sie ihnen nichts
von mir!
    Bewegt stand Ackermann auf. Das kleine fr die lndlichen Entbehrungen sehr
gewhlt gewesene Mahl war vorber. Man wandte sich in das offenstehende Zimmer
Ackermann's, wo die Zurstungen mit Tassen und Kannen schon in aller Stille von
den Mgdehnden hergerichtet waren.
    Ackermann bot seinen Gsten Cigarren, ohne jetzt selbst zu rauchen.
    Selma, sagte er, zeige Herrn Armand, wie wir am Missouri und an der kleinen
deutschen Ulla unsre Feste feiern, damals als die Mutter lebte und jetzt, wo wir
von ihrem Andenken zehren ...
    Selma setzte sich an den Flgel und prludirte einige Takte, whrend der
Tisch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig, die schon lesen konnte, fragte,
welche Noten sie ihr suchen sollte.
    Beethoven! bat Oleander.
    Fallen Ihnen da die besten Reime ein? fragte Ackermann.
    Gedanken, nicht Reime, sagte Oleander. Und dann mit den Gedanken auch die
Reime.
    Und mit dem Beethoven, rief Selma vom andern Zimmer herein, wirkt bei Herrn
Oleander auch die Digestion auf die Phantasie.
    Wie? die Verdauung? sagte Ackermann. Schmen Sie sich! Sind Sie da noch ein
wahrer Dichter?
    O, bemerkte Oleander errthend, leider hab' ich neulich Selma gestehen
mssen, da ich die prosaische Bemerkung gemacht habe, wie ich unmittelbar nach
Tisch die grte Elastizitt des Geistes habe und Bilder, Anschauungen, Gedanken
pltzlich finde, die ich sogar in nchtlicher Stille vergebens suchte. Frulein
Selma hat darber einen Spottvers gemacht. Sagen Sie ihn!
    Statt aller Antwort schlug aber Selma mit gewaltiger Kraft die ersten
Accorde der Sonate pathtique an und schnitt damit die weiteren Errterungen ab.
Ackermann lehnte sich ein wenig in die Sophaecke, Oleander, seinen Kaffee
trinkend, folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Mdchens, das der
Musik zu bedrfen schien, um sich von namenlosen Empfindungen, die sie
beschlichen hatten, zu befreien.
    Whrend noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit groer Reinheit die
ersten Lufe, perlenden Thautropfen gleich, wie aus ihren Fingern gleiten lie,
berdachte Louis Armand die Situation, in der er sich befand. Er konnte sich
nicht verschweigen, da in diesem kleinen einsamen Kreise ein Element waltete,
das ihm neu und fremdartig war. Die sinnige kleine Welt des hheren
Brgerlebens, verbunden mit den freien und groartigen Anschauungen eines
fremden Welttheils, verbreitete hier eine Atmosphre, die um so wohlthuender auf
ihn wirkte, als er berall im Gesprche auf die Grenze der reinsten Sittlichkeit
gestoen war. Er hatte so viel Ungewhnliches, Abnormes seit einer Reihe von
Jahren erlebt, da ihm diese Lebenskunst, die hier nach dem Tumult einer groen
Reise schon so rasch einen kleinen Tempel der Huslichkeit aufbauen konnte,
etwas Ehrwrdiges hatte und er sich nur untergeordnet und aufnehmend fhlen
mute. Es gibt auch kaum etwas Geflligeres, als einen feingebildeten,
weltklugen Vater, der sich ganz der Erziehung eines einzigen geliebten Kindes
widmet, in der Tochter die hingeschiedene Mutter ehrt und fr sich zuerst all'
die milde Liebe und sittliche Unschuld eines solchen sich entwickelnden jungen
Wesens einathmet. Wie bewegt lauschte Ackermann dem unbewut gefhlvollen Spiele
Selma's! Klar erkannte man bei Selma die Absicht, mit ihrem Spiele nur den
Beweis ihres Talentes, ihrer Fortschritte, ihrer guten von der Mutter gelegten
Grundlage zu geben, sie sentimentalisirte nicht mit der Musik, sie gab eine
bung, die ihrer Bildung entsprach, sie spielte Denen zu Liebe, die sie hrten
und doch war ihr Spiel voll Seele und Schmelz.
    Zum Gesange, zu dem sie Oleander aufforderte, konnte sie sich nicht
entschlieen. Dafr suchte sie noch einige andre Meisterwerke hervor und wute
sie alle mit gleicher Correktheit wiederzugeben. Zuletzt klagte sie, da sie
Kopfweh htte und that sogar gegen die beiden Stunden, die sie heute noch bei
Oleander zu nehmen hatte, Einspruch.
    La es mit einer bewenden! sagte der Vater. Ich fhre indessen unsern Gast
noch einmal in das Gehft meines Nachbars. Um drei Uhr mgen Sie dann mit unserm
guten Oleander zurckfahren, der, wenn wir morgen bei Zeisel's sind, dann bis
bermorgen von uns verschont ist und einige seiner lyrischen Winterschauer
dichten kann.
    Oleander setzte auch mit Selma, die sich mit leichter Verbeugung Louis
empfahl, in ihrem Zimmer den gewohnten Unterricht fort, den er ihr nun schon
seit zwei Monaten in Geschichte, Erdkunde, Geschmackslehre, Literatur ertheilte.
Louis verstand die Andeutungen, die ber den Vikar gefallen waren, hinlnglich,
um sich zu entnehmen, da er in ihm einen Genossen zu begren hatte, einen
Priester der dichtenden Muse. Nun begriff er erst, warum Oleander auf der
Herfahrt tief in sich gekehrt war und an einzelnen flchtigen Erscheinungen ein
so lebhaftes Gefallen fand. Er gedachte des bitteren Gedichtes, das er heute
frh selbst flchtig entworfen und hielt es mit Recht anziehend, da zwei ohne
Zweifel im Geschmack sowie in der Bildung vllig entgegengesetzte Fhigkeiten
unbewut sich mit derselben Geistesbung beschftigten, die Louis einen Akt des
hheren Cultus im Menschen zu nennen pflegte. Wohl htt' er gewnscht zu wissen,
was wol whrend dem, da er an dem Frhling der Welt verzweifelte und von den
Blumen eigentlich geringschtzend sprach, in diesem deutschen Gemthe entstanden
sein mochte? Er war zu bescheiden, darnach zu fragen, hoffte aber, auf der
Rckfahrt sich diesem einfachen und harmlosen Manne, der ihm nichts Drckendes
hatte, doch noch zu nhern.
    Es hatte zwei Uhr geschlagen. Ackermann fragte die in der Kche waltende
unpolitische Liese, ob fr die Leute gesorgt gewesen wre. Diese erwiderte:
    Wir hatten heute nur acht drben zu speisen. Wenn's nicht hher kommt, Herr
Ackermann, verlier' ich den Kopf nicht. Auf dem Heidekrug hatt' ich in der
Erntezeit oft dreiig Npfe zu fllen.
    Ackermann, der leider wieder den Regenschirm ergreifen mute, erklrte
Louis, da er sich dies gewandte Mdchen vom Heidekruge herbergenommen htte,
wo die Leute nicht bleiben wollten, seitdem Herr Justus berstudirt wre.
    Es ist nun einmal die Art des gemeinen Mannes, sagte er, da ihm da nur wohl
ist, wo er auf sein Wirken, und wenn es noch so klein ist, ein Auge gerichtet
sieht. Als dieser Justus, von dem ich in den Zeitungen sehe, da er keine
geringe Rolle in der Politik spielt, noch konom war und auf die Hnde seiner
Arbeiter sah, hing ihm Alles an. Jetzt, wo er seinen Leuten grere Freiheit,
als bisher, lassen mu, sollte man glauben, sie gefielen sich in ihr. Nein! Sie
wollen dienen, ohne Verantwortung dienen, sie wollen untergeordnet bleiben, und
haben ihm von dem Tage gekndigt, da er in die Kammer trat und auf Monate
Abschied nahm. Ein gewisser Drossel wirthschaftet nun bei ihm.
    Links vom Hause sich auf einen Weg abwendend, der durch ein Staket in's
Freie fhrte, sagte Ackermann als Vorbereitung zu dem nun folgenden Besuch:
    Ich will Sie zu meinem Nachbar fhren, der gewohnt ist, da ich tglich
einmal bei ihm vorspreche. Ein rechter Dorfmagnat Das! Wenn Justus gescheit
wre, ging' er wie dieser nicht ber seine Sphre hinaus und gensse sein
Wohlbefinden mit Behagen. Hren Sie da das wohlgefllige Brllen seiner Khe aus
den Stllen! Seine Schafe liefern eine solide deutsche Wolle! Dies ist einer der
Menschen, die sich bei Lebzeiten in ihrem Besitz nicht taxiren lassen. Ihre
Zinsen fallen immer wieder zum Capital; denn sie brauchen nichts und schaffen
buchstblich nur fr die kommende Generation der Ihrigen, die ihnen noch dazu
alle diese Vorsicht und Liebe durch den Eigensinn verderben, der sich solcher
wohlhabenden Kinder doch in aller Stille bemchtigt.
    Louis ahnte sogleich, da ihn Ackermann zu dem Vater des Sergeanten Heinrich
Sandrart fhrte. Er wute, da dieser Ackermann's Nachbar war und zu den
Begterten gehrte. Schon machte er sich gefat, Verwnschungen ber den
Soldaten, ber Frnzchen, vielleicht ber sich selbst zu hren.
    Der Regen war nur noch feuchter Nebel, der Alles einhllte. Der Boden tief
durchweicht. Um eine trockene Stelle zu finden, mute man bald da, bald dorthin
springen. Von Bequemlichkeit, Schnheitssinn, von einem gedmmten Wege, von
einer geflligen Allee oder Hecke, sagte Ackermann, ist bei unsern Bauern nicht
die Rede. Nur der unmittelbare Ausdruck des Nutzens hat fr sie Werth. Ist Das
bei Ihnen auch so?
    Nein, mute Louis erwidern, im Sden verrth der rmste Httenbewohner eine
erlaubte Gefallsucht. Er schmckt sein Huschen und wenn es mit einigen
Blumenstcken wre.
    Es ist wahr, sagte Ackermann, ich war in Italien! Schon im sdlichen
Deutschland und der Schweiz trachtet man nach dem Geflligen, whrend hier Alles
auf den reichsten Erwerb von Schinken, Speck, Wrsten, Kartoffeln, Korn und
baarem klingenden Gelde hinausluft.
    Indem waren sie bei dem Gehft des Bauern Sandrart angekommen. Ein groes
Holzthor mute in ganzer Weite geffnet werden, um in den Hof zu kommen. An
Scheunen und Stllen ein berflu. Hunde von allen Racen schossen aus kleinen
hlzernen Htten. Ihr Gebell war aber eine frohe Begrung, denn mit Ackermann
waren sie Alle befreundet. Die niedrige Eingangsthr des bescheidenen Hauses,
dessen einziger Schmuck grell angestrichene roth-grne Fensterlden waren, hatte
eine Klingel, die beim ffnen durch das ganze Haus drhnte.
    Sandrart schlft doch nicht? fragte Ackermann eine alte Magd.
    Sie schttelte den Kopf, neugierig auf einen Fremden lugend, den heute Herr
Ackermann mitbrachte.
    Ackermann ffnete eine Thr, aus der der Qualm des berheizten grnen
Kachelofens ihnen entgegenstrmte. Die Decke des Zimmers war niedrig. Die Wnde
hingen voll geringer Kupferstiche und bunter Farbenklexereien.
    Hinterm Ofen sich ausdrrend sa der alte Sandrart in einem Sorgenstuhl und
erhob sich. Eine kleine stmmige Gestalt in kurzer Jacke mit groen silbernen
Knpfen. Dem runden, ziemlich ebenmigen Antlitz konnte man seine gewhnliche
Physiognomie nicht entnehmen, da der Alte verdrielich schien und gleich voll
Zorn auf einen Brief wies, den er heute empfangen.
    Zuerst, bester Nachbar, sagte Ackermann mit spielender, ironischer
Leichtigkeit, zuerst stell' ich Euch einen Besuch aus der Residenz vor, Herrn
Louis Armand.
    Sandrart wute nichts von diesem Namen und nickte mrrisch verlegen ...
    O mein Sohn, fing er sogleich an, mein Sohn, mein Sohn, Herr Nachbar!
    Schon wieder Kummer ber Euern Sohn? Schon wieder Schlimmes von ihm?
    Louis horchte mit groer Spannung und setzte sich auf einen der gepolsterten
kattunberzogenen Sthle, die in dem Zimmer standen.
    Ich wette, es ist wegen der Heirath Eures Sohnes, Nachbar. Ich hab' es immer
gerathen, Nachbar, lat ihn freien, wen sein Herz begehrt!
    Die nicht! Die nicht! sagte der Alte; und wenn sie sich auch dicht hier
schon an die Hausthr hergepflanzt hat!
    An die Hausthr schon? sagte Ackermann sich umblickend. Da seh' ich nur Eure
wilden Hunde, denen es bald zu kalt werden wird.
    Drben im Forsthause ist sie ja!
    Im Forsthause?
    Sie haben ja nicht geruht, bis sie nur noch einen Sprung in meinen
Waizenkasten hat.
    Sie mssen wissen, Herr Armand, sagte Ackermann immer launig und scherzend,
Vater Sandrart's Waizenkasten ist sein Geldkasten. Ich mchte doch wohl wissen,
wo er steht, Nachbar, der Waizenkasten!
    Sandrart lachte pfiffig in sich hinein. Wenn man von seinem Gelde sprach,
wurde er immer launig, aus einer Art von Schabernack. Heute fiel er aber bald
wieder in seinen grimmigen Ton zurck.
    So viel wei ich, drben in's Forsthaus kommt der Waizenkasten nicht. Ich
hab's auch heute dem Heunisch gesagt ...
    Waren Sie drben? fragte Louis angeregt.
    Das fehlte noch! antwortete der Bauer hochfahrend. Ich Dem nachlaufen? Hier
ist er gewesen, der Heunisch und hat wieder von der Geschichte angefangen. Ich
leid's nicht. Heinrich soll sich nach seinem Stand umsehen und mir ein Mdchen
bringen, die mehr versteht als Staatshauben.
    Ackermann war einigermaen ber diese Verwicklungen unterrichtet.
    Ist das Mdchen im Forsthause? fragte er. Franziska Heunisch, die Nichte des
Frsters! Aber Alter, hrt doch! Frnzchen Heunisch, wie Das hbsch klingt!
Frnzchen! Das mt' Euch ja sein, wie wenn ein Ktzchen um Euch wre und Euch
streichelte! Denkt nur, wenn so eine weiche Hand da ber Euren Bart fhrt, wie
gut Euch Das thte. Ist sie schmuck? Sie kennen sie ja, Herr Armand! Wollen Sie
nicht ein gutes Wort fr diese Verbindung einlegen?
    Louis war in Verlegenheit ... Doch lobte er Frnzchens Schnheit.
    Ah, glatt hin, glatt her! sagte der Alte. Ich habe sie ja gesehen vor drei
Monaten. Eine Mamsell pat nicht fr die Diele drauen. Soll ich mit einem Jger
in Freundschaft kommen?
    Das ist wahr, sagte Ackermann, ein Lohndiener des Frsten und Ihr ein
Freiherr vom Ullagrunde. Nein, Das wre nicht nach der Ordnung. Aber, Nachbar,
die Ordnung knnt' Euch am Ende eine Tochter in's Haus bringen, die wol Batzen,
aber garstig rauhe Hnde hat, mit Euch zankt, Euer Leibgericht nicht kochen
will, und warum? Weil ihr selbst die Kle im Magen drcken.
    Sandrart lachte.
    Ich ging' einmal von der Ordnung ab ...
    Der Bauer schttelte den Kopf.
    Jetzt erst recht nicht, sagte er; wo ich keine Ruhe vor ihr haben soll, wo
sie schon angezogen kommt und sich in der Nachbarschaft will sehen lassen. Jetzt
grade nicht!
    Aber, Nachbar, wie ist mir denn, so viel ich wei, ist das Mdchen Eurem
Sohne nicht einmal zugethan. Jeder Brief, den ich Euch vorlesen mu, erzhlt von
seinem Kummer, da es Frnzchen mit ihm nicht mehr mag wie sonst.
    Heimtckerei! sagte Sandrart. Sie wird wol Gott danken, wenn sie meine
Permission kriegt. Mit dem Frster! Mit denen da in dem Forsthaus verwandt? Mit
dem Blinden in der Schmiede?
    Die haben Geld!
    Wer wei, wie gewonnen! Landluferisches Volk! Wenn mir der Heinrich so kme
... wozu hab' ich denn das Haus aufgerichtet, das Ihr bewohnt, Nachbar? Wozu
lie ich ihn, den Jungen, denn was lernen, lesen, schreiben, rechnen; er blst
Flte ... er wird Soldat ... das mut' er ... nimmt seinen Abschied, er bringt
mir ein Mdchen zu aus Randhartingen oder Schnau, wo die fettesten Bauern
sitzen. Will ich sie doch hier nicht in dies alte Haus fhren, obgleich es vor
zehn Jahren erst renovirt ist, ich lege den Bau da oben an und nun, fr wen? fr
die da im Forsthause? Nein!
    Dies Nein hatte etwas im Ton, das man nur mit fletschenden Zhnen
hervorbringen konnte. Der Alte war gewi fern von aller ursprnglichen Bosheit,
aber im Punkte seines Stolzes und seines Eigennutzes kannte er nichts, was seine
Empfindung milderte.
    Vorlufig hoff' ich, sagte Ackermann, da Euer Sohn General wird und seinen
Abschied erst auf dem Felde der Ehre nimmt. Das von wegen des Hauses.
    Nun, sagte Sandrart beschwichtigend, fr drei Jahre, Nachbar, ist's ja Euer!
Wenn er eine brchte der Heinz, die mir gefllt, mu sie erst noch ...
    Hier hinter dem grnen Kachelofen mit Euch schmoren, unterbrach ihn
Ackermann. Ich sag' Euch, Nachbar, gebt Euren Eigenwillen auf! Der Heinz thut
einmal nicht, was Euch gefllt. Was habt Ihr ihn Flte blasen lassen! Wer Flte
blst, Alter, setzt sich hier nicht im Winter unter Eure Lerchen da im Bauer,
die bei jedem Sonnenblick denken: drauen ist Frhling und stoen sich den Kopf,
weil sie singen wollen! Der sucht die Lerchen drauen auf dem Feld! Rechnet doch
auf Kinder nicht, die sich verlieben und im Kummer Flte blasen knnen! Seid
froh, wenn ihn nicht das Auswanderungsfieber befllt ...
    Das wre? sagte der Alte zum Tod erschrocken.
    Nun?
    Ein Vagabund!
    Oho!
    Ja so, Nachbar! Vergebt! Das hatt' ich ganz vergessen ... Ihr war't auch
drauen. Aber ... lest mir den Brief, wenn Ihr die Gte haben wollt!
    Ackermann nahm das Papier, das der Bauer in Hnden hatte, warf einen
verstohlnen Blick auf den mannichfach bewegten Louis und las ein Schreiben vor,
in welchem zuvrderst nur von Schinken, Wrsten, Butter und Kse die Rede war.
Der Feldwebel lie danken, drei Unteroffiziere dankten, Alle versorgte der Bauer
aus dem Ullagrunde mit Lebensmitteln. Vater, hie es aber nun weiter, Vater,
ich mu Sie recht um Gottes Willen bitten, seien Sie christlich mit der
Franziska, die nun jetzt doch zu ihrem Onkel nach Plessen ist! Sie hat von mir
in Gte Abschied genommen und mir gesagt: Sandrart, wenn ich im Frhjahr noch
lebe und Sie kommen zu Ihrem Vater, so will ich Ihnen recht gut werden, wie eine
Schwester. Ich wei nun auch, da sie gern einen Andern mchte lieber leiden,
aber ich habe doch von Mrtens, die gren lassen, auf Ehre und Seligkeit
gehrt, da es bei dem nur guter Wille ist und Freundschaft, aber keine reelle
Absicht. Sagen Sie ja in das Frsterhaus hinein, da ich Franziska gre und ihr
wnsche, da ihr die Zeit nicht sollte lang werden bis zum Frhjahr und da ich
keinen Ball in diesem Winter besuche. Lieber Vater, ich habe dieser Tage ein
groes Malheur knnen haben. Ich mu es Ihnen doch auch schreiben, was es war.
Es war wieder, wo ich Ihnen schon fters geklagt habe, von wegen meinem
Lieutenant. Ich hatte, weil die Franziska nun abgereist ist, die Flte
mitgenommen in die Kaserne und Alle hren gern, wenn ich manchmal des Abends
blase. So blas' ich vorgestern Abend um fnf Uhr, wie's schummrig ist, und da
kommt der Lieutenant hereingestrzt und der Portepefhnrich auch und sie
fluchen ein Donnerwetter ber das andre, weil ich htte ein demokratisches Lied
geblasen. Das war aber nur die Melodie gewesen, die ich ...
    Ackermann meinte, hier wre etwas verwischt.
    Blus! sagte der Bauer; blus - blus - heit es wol.
    Blus?
    Blus! Blus! wiederholte der Alte. Nun? setzte er drngend hinzu.
    Allein, fuhr Ackermann fort zu lesen, was ist es meine Schuld gewesen, da
die Soldaten nun Alle laut ein Lied sangen, das auf diese Melodie gar nicht
gesetzt ist? Der Lieutenant schimpfte uns einen Strauchbuben und Demokraten ber
den andern, worauf ich rgerlich wurde und ihm etwas sagte, was er sagte, da
ich es ihm schon einmal gesagt haben sollte. Ich sagte aber nichts, als: Herr
Lieutenant, wir sind jetzt nicht im Dienst! Da wurde er fast toll, zog die
Plempe und schrie, da ich ein Landesverrther und alle Tage wol capabel wre,
dem Knig meinen Eid zu brechen! Und eher wollt' er mich niederstechen, wobei
ihm der Portepefhnrich, Sie kennen ihn ja, es ist der kleine blonde, er heit
von Flottwitz, den Arm hielt, da er nicht so schndlich konnte ausfhren, was
er drohte. Aber eine Rede hielt er nun, da er schon lngst wisse, was die
dritte Compagnie zum Abschaum in der Armee mache und da wir die Cocarde
verlieren sollten und solche niedertrchtige Sachen mehr, bis er dann sagte, da
er alles Dieses aufschreiben und mich wegen meiner Rebellion auf acht Tage in
Mittelarrest bringen wrde. Das nahm auch seinen Fortgang. Beim Appell wurde ich
vorgerufen und mein guter Major, der Herr Major von Werdeck, fr den das
Bataillon sein Leben in die Schanze schlgt, sagte mir: Hren Sie, Sandrart, ist
es wahr, Sandrart, sagte er, da Sie ein demokratisches Lied geblasen haben?
Herr Major, sagt' ich, ich habe eine Melodie geblasen, auf die die Soldaten
einen Vers sungen, der darauf pate wie die Faust aufs Auge. Was blusen Sie?
fragte der Major. Wenn ich in stiller Mitternacht, sagte ich. Und was sungen
die Soldaten? Was ist des Deutschen Vaterland? Darauf kehrte sich mein braver
Major zu unserm Lieutenant um, sagte gar nichts, sondern nahm seinen Tschako ab.
Das war prchtig! Auf unserm Tschako haben wir jetzt nmlich zwei Cocarden, die
von unserm Landesvater und die vom deutschen Vaterland. Da sagte er gar nichts,
sondern zeigte blos auf die kleine Cocarde, da die noch glte und er ging dann
seiner Wege. Der Lieutenant warf mir aber einen giftigen Blick zu und wird mir's
wol noch gedenken. Lieber Vater, es ist hier nicht Alles so, wie es sein sollte.
Unser Frst Egon ist Minister geworden. Ich sah ihn heute frh in die Kammer
fahren. Er sah schon recht bla aus. Den werden sie bald mrbe kriegen! Adie,
lieber Vater! Sie brauchen mir vor Weihnachten nichts mehr zu schicken, seien
Sie nur freundlich mit Franziska und gren Sie sie von mir, auch Herrn Armand,
der jetzt auf dem Schlosse ist, aber bald wiederkommen wird. Er ist Franziska
zugethan und sie hat ihn gern, das wei Gott! Leben Sie wohl, lieber Vater, und
bleiben Sie noch lange am Leben! Dies wnscht Ihr Sie aufrichtig liebender Sohn
Heinrich Sandrart, Sergeant in der dritten Compagnie, Leibregiment.
    Der Eindruck dieses Briefes war auf jeden der drei Anwesenden ein andrer.
    Ackermann schien erst an den naiven Wendungen und dem gutmthigen Charakter
des jungen Bauernsohnes den lebhaftesten Gefallen zu haben, stockte aber am
Schlu bei der Stelle ber die Nachricht von Egon's schwieriger Stellung und
seinem bedenklichen Aussehen.
    Auch Louis hrte die Mittheilung voll Besorgni, war aber von dem glubigen,
vertrauenden Tone seines Nebenbuhlers beschmt, whrend er sich vorwurfsvoll
sagte: Wie unwahr bist Du! Wie grausam und wie thricht! Der Bauer aber, der
eben, als der Brief zu Ende ging, sich anschicken wollte, auf die verdammte
demokratische Richtung seines Sohnes loszuwettern, erschrak ber den Schlu, bei
welchem Ackermann im Lesen auf Louis Armand deutete, so sehr, da er in
Verlegenheit gerieth, jetzt erst zu begreifen, wen er vor sich hatte! Den
bekannten Freund des Prinzen! Den Abgesandten desselben Egon, den er auf der
Landstrae einst zu sich genommen hatte, in seinem Wagen in die Stadt fhrte und
fr einen Landstreicher hielt und so behandelte! Er hatte Ackermann oft genug
davon erzhlt, mit Beklommenheit sich von Heunisch und Herrn von Zeisel
berichten lassen, was Se. Durchlaucht selbst ber diesen Vorfall gemunkelt
htten und nun war dies jener im ganzen kleinen Frstenthume bekannte Freund und
Gefhrte der sonderbaren Jugendschicksale des Frsten, der, wie Alle einstimmig
versicherten, ein einfacher Tischlergesell sein sollte. Vor Erstaunen blieb ihm
der Mund offen. In seiner Verlegenheit htt' er gern dem Franzosen einen Beweis
seiner Achtung, auch gern einen Einblick in seine gute Lage geben mgen.
    Er sprach von einem Staatszimmer, das er htte sollen aufschlieen lassen
und uerte sogar etwas von Wein, den er doch im Keller htte.
    Da kommt es heraus! sagte Ackermann, der wieder zu seiner Laune
zurckkehrte. Nun schmt er sich, da er uns so brbeiig empfangen hat! Am
besten, Nachbar, knnt Ihr es dadurch gut machen, da Ihr diesen freundlichen
Herrn ersucht, bei dem Frnzel, das ich nun auch kennen lernen mu, ein gutes
Wort fr Euern Sohn einzulegen, damit der arme Fltenblser, der fr den Knig
nicht zu taugen scheint, erhrt wird, seinen Abschied nimmt und hier zum Vater
herzieht. Eine Probe ihrer Liebe soll die sein, da sie noch drei Jahre mit
Euren heien Kachelfen, in deren Nhe eine luftliebende Lunge umkommen kann,
vorlieb nimmt.
    Ne! sagte der alte Bauer wieder mit demselben Ausdruck bestimmter, ruhiger
und kalter Malice. So nicht!
    Eigensinniges Volk, das Ihr seid! polterte Ackermann und brach nun auf.
Kommen Sie, Freund, es ist hier zu hei.
    Der Bauer begleitete mit vieler Umstndlichkeit und dem Drange, sich
eigentlich jetzt erst recht lebhaft mit dem jungen Franzosen zu verstndigen,
seinen Besuch vor die Thr und ber den Hof. Es regnete nicht mehr. Der Weg war
nur zu schlecht, sonst htt' er Louis gern ausfhrlicher ber seinen Sohn, ob er
ihn kenne, wo er ihn gesehen htte, wie er ihn gesehen htte, ausgefragt. Den
Frsten, den er auf seinem Leiterwagen gar schnde behandelt haben mute, wagte
er nicht zu erwhnen.
    Louis Armand war in der eignen Lage, von Heinrich Sandrart mit Interesse
sprechen zu mssen. Er rumte ihm all' die vortrefflichen Eigenschaften von
Herzen ein, die er an dem jungen Nebenbuhler kannte und trotz seiner getheilten
Empfindung zugestehen mute.
    Als Ackermann mit Louis allein war und zu seinem Wohnhause die Schritte
zurcklenkte, verwnschte er den Eigennutz dieser besitzenden Klasse auf dem
Lande und fand alle Fehler des deutschen Charakters in unserm Bauernstande
wieder. Man sprche, sagte er, vom Egoismus der Frsten und des Adels, diese
Bauern wren die rgsten Verbndeten jenes auf Vorrechte und ein gieriges Mein!
oder Dein! begrndeten stabilen Prinzipes.
    In der weiteren Ausfhrung dieser Thatsache und ihrer Vergleichung mit den
Verhltnissen andrer Lnder, besonders dem freien Blicke der amerikanischen
Farmer kehrten sie zu dem Wohnhause zurck, wo schon der Knecht mit dem
Einspnner harrte. Selma und Oleander waren noch nicht sichtbar. Ackermann
horchte an der Thr, wo die Lection gehalten wurde und ersuchte Louis, da sie
noch nicht zu Ende schien, noch so lange bei ihm einzutreten.
    Louis fand dadurch Gelegenheit, die Eindrcke dieses Besuches noch einmal
zusammenzufassen, fr die freundliche Aufnahme zu danken und Ackermann den
glcklichsten Fortgang seiner Unternehmungen zu wnschen.
    Empfehlen Sie mich dem Frsten, sagte Ackermann, indem er Louis' Hand
ergriff, sagen Sie ihm, da ich mich bemhen werde, das in mich gesetzte
Vertrauen zu rechtfertigen. Zu Neujahr treffen die Hlfsmittel meiner knftigen
Thtigkeit ein. Sehen Sie, der elende und geringe Sinn, den Sie bei jenem Bauer,
meinem Nachbar, gefunden haben, ist er nicht eine Folge der elenden und geringen
Hlfsmittel, mit welchen man bisher der Natur ihre Geheimnisse, die sie ungern
hergibt, zu entlocken suchte? Da wo der Mensch und immer nur der Mensch allein,
hchstens mit einem dummen Stiere, einem geduldigen Pferd der groen
allgewaltigen Natur gegenbersteht und sie sich allerdings in gewissem Sinne
dienstbar macht, da wchst auch der Dnkel, der Hochmuth, wenn nun wirklich
diese kleinen Handgriffe gelingen und sich ihre Ertrgnisse in Geld verwandeln,
das man nicht zu benutzen versteht. Sagen Sie dem Frsten ... doch ich spreche
Sie ja morgen noch! Wie lange denken Sie zu bleiben?
    Wenn Egon leidet, sagte Louis, wenn ich hre, da ihn sein politisches
System vielleicht zu gewaltsamen Schritten treibt, so hab' ich einen Drang, bei
ihm zu sein, der mich in wenig Tagen von hier entfernen wird.
    Bleiben Sie in seiner Nhe, schlo Ackermann mit einem eignen Tone der
Rhrung. Schtzen Sie ihn vor der Welt, auch vor sich selbst. Ich frchte, er
kam zu jung auf einen Platz, der gereifte Mnner erfordert. Ich frchte, die
traurige Ideenlosigkeit des Momentes, die schwierige Lage des Hofes und die
Rathlosigkeit, mit der sich die privilegirten Stnde nach Geistern umsehen, die
fr sie mit einer leidlichen Theorie in die Schranken treten, hat hier etwas zu
Stande gebracht, was weder jene zu ihrem, noch ihn zu seinem Ziele fhrt.
Entweder zerfllt jene Gesellschaft mit Egon oder Egon mit sich selbst - das
Letztere -
    Wre entsetzlich! fiel Louis ein.
    Wenn Sie Ihren Freund und Gnner recht in Gefahr wissen, in geistiger
Gefahr, wollen Sie mir es dann schreiben? sagte Ackermann. Versprechen Sie mir
Das?
    Ich versprech' es Ihnen! antwortete Louis berrascht ...
    Ich verstehe mehr als den Feldbau, fuhr Ackermann fort. Ich kenne das Leben
- und die Wissenschaft war einst mein Beruf.
    Wie ist es nur mglich, mute ihn Louis, den diese Bemerkung schon lange
brannte, jetzt fragen, wie ist es nur mglich, da ein Mann von Ihrer
Weltbildung, die ihn recht eigentlich auf den Verkehr der groen Stdte
anzuweisen scheint, sich durch dies einfache Landleben befriedigt fhlen kann!
Sie stehen geistig so hoch und mssen hier so niedrig steigen. Es umgeben Sie
Menschen, die unbedingt keine andre Sprache verstehen als die der Beschrnktheit
und Selbstgengsamkeit.
    O mein junger Freund, antwortete Ackermann, schon seit einer Reihe von
Jahren hab' ich mir dies Leben der Beschrnkung und Einsamkeit anfangs als eine
Luterung, die mir schwer wurde, dann als eine Pflicht, die mir Vergngen
machte, auferlegt. Was ist diese Welt? Ich habe sie durchgekostet bis zur Hefe.
Ich bin in den Irrthmern des ringenden Ehrgeizes, der ungebndigten
Herzensregungen aufgewachsen. Ich habe mich auf seidene Polster gestreckt und
aus goldenen Bechern die Lust des Lebens getrunken. Ich war nie vermgend, aber
ich besa angeboren das Talent des Reichthums. Ich konnte Denen, die besaen,
meine Phantasie leihen und ihnen sagen, was den Genu steigere und veredle. Ich
lag wie auf Rosenblttern und ber mir herab hingen die vollen braunen Trauben.
Ich durfte nur zugreifen. Freilich war ich dabei ein Sklave. Ich hatte die
Freiheit des Herzens nicht. Fr Glck und Annehmlichkeit, die mich umgaben, fr
Liebe sogar, die mich mit weichen Sammethnden pflegte, mute ich doch die Kette
dieser Liebe, die meinem Ideale nicht entsprach, hart empfinden. Wissen Sie, was
eines der klglichsten Loose des gebildeten Menschen ist? Empfindungen heucheln
zu mssen, die man nicht hat, erkenntlich sein mssen fr eine Hingebung, deren
Grnde uns verdchtig scheinen. Ich war jung, strebsam, ehrgeizig. Ich hatte
eine Phantasie wie Sardanapal. Ich konnte mir die glnzendste Welt, in der ich
leben mochte, zaubern. Da fand ich sie! Ein Weib, das mich liebte, schttete die
Freuden der Bequemlichkeit auf mich herab. Ich reiste mit ihr. Sie liebte mich,
ich erwiederte wenigstens uerlich ihre Hingebung und mute mir sagen, weil ich
besser, weil ich edler in meinen Regungen war, als sie selbst in ihren
angebornen, ehrgeizigen, unwahren, so hielt ich sie in ihrer sittlichen Haltung
empor und diente ihr als Stamm und Anlehnung.
    Allein es war eine Sklaverei. Lieben sollen, wo man nicht liebt! Schn
finden mssen, was uns nicht gefllt! O mein Freund, ich erkenne in dem Freunde
des Frsten Egon, so bescheiden und anspruchlos Sie auch sind, doch ein Auge,
das auf die Tiefe des Herzens geht und sage Ihnen, ich verachtete mich. Ein
junger Mann, geliebt von einer lteren Frau, die fr ihn sorgt, ihn nur fr sich
und nur fr sich in Beschlag nimmt, ist in neunzig bei hundert Fllen tief, tief
verchtlich. Ich klirrte mit meiner glnzenden Kette. Ich ri mich heimlich
zuweilen los. Ich fand Wesen, die mich bemitleideten, weibliche Wesen, die
schner, lieblicher, edler als meine Herrin waren. Ich geno kurze Triumphe
meiner Freiheit und mute doch zu meinem Joch zurckkehren, denn ein eigner
Zufall wollte, da meine Gebieterin von der festen Vorstellung beherrscht war,
da sie frh sterben wrde. Ich kann Ihnen den ganzen Roman meines Herzens nicht
erzhlen. Nur andeuten wollt' ich, was mir dies Leben da in den Stdten und
unter den civilisirten Menschen zum Ekel vergllte. Ich fand ein kindlich reines
Gemth, das mich liebte, die Mutter meiner Selma. Es war eine einfache
Weiblichkeit, die nichts zu bieten hatte als sich selbst. Wie fhlt' ich mich
veredelt von ihrer reinen Ursprnglichkeit! Da lag noch Alles unentweiht in der
jugendlichen Brust, nichts vergeudet, nichts angegriffen von Dem, was zu ihren
edelsten Schtzen gehrte. Ich fhlte wohl, da bei diesem jungen Kinde, das
durch eine sonderbare Fgung von meiner frheren Geliebten systematisch dahin
erzogen wurde, mich liebenswerth zu finden und ihr Grauen vor mir zu besiegen,
ich fhlte wohl, da eine bedeutende, ihre Umgebungen umgestaltende Entwickelung
bei Selma's Mutter nie eintreten wrde, aber gerade, da ich ihr so viel von dem
Meinen zu geben hatte und da es nur das Gute war, was ich aus meinem Wesen
ausscheiden mute zu ihrem Dienste, das hob mich wieder sittlich empor und
bestrkte mich in meinem Entschlu, mir eine groe, starke, lebenerschtternde
Luterung aufzulegen. Ich ging nach Amerika. Da hab' ich am Missouri einsam
gelebt und mir die Reste der besseren Bestimmung noch wohlweise und sorglich
einmal zusammengelegt. Es gab ein Ganzes! Es war nichts Halbes mehr, was mich
erfllte. Ich lebte einem Berufe, der mir anfangs schwer wurde, dann mich aber
unterhielt, mich sogar begtert werden lie. Ich sah wohl, da Selma's Mutter
durch die Trennung litt. Da hatt' ich eine geistige Aufgabe zu lsen, einen
Mollton durch unser Leben durchzufhren. Auch dieser Schmerz dessen Ursache ich
sogleich doch nicht aufheben konnte, wirkte milde und gut. Ich verwies auf
zuknftige Hoffnung und versprach Rckkehr nach Europa. Die Gute erlebte sie
nicht. So mut' ich ihrem Kinde, Selma, mein Wort halten. Ich kehrte ungern
zurck. Aber wenn ich diese Ehrenschuld, die ich abzutragen hatte, gern bezahlen
soll, so mut' es so kommen, wie jetzt! Ich bin ein Ascetiker der Weltlichkeit!
Ich bin ein Egoist der Universalitt! Ich wei nicht, ob ich Ihnen verstndlich
bin. Ich will nur sagen, da ich in meinem kleinen Dasein das ganze All
wiederzuspiegeln suche und nichts thue, nichts im Geringsten und Kleinsten
ergreife, ohne mir zu sagen: Das mu so sein! Das ist gut so! Die alte Zeit, wo
mir Alles nur provisorisch war, wo ich immer rannte, hoffte, mich und Andre
vertrstete, liegt hinter mir. Was ich beginne, ist ntzlich, und was ich sehe
und erlebe, ist gut. Ich will nichts mehr vom berfliegenden. Da jenen Strauch
an diesem Fenster zu beobachten, wie lange ihn der Schnee decken wird und wann
er sein erstes grnes Keimchen schieen wird, Das ist mir eine Wonne, und auf
solche Freuden beschrnk' ich mich. So sehen Sie denn, da ich mit Bauern
burisch, mit Handwerkern handwerksmig, mit Dichtern dichterisch empfinden und
reden kann, ohne verdrielich zu werden und wie in jungen Zeiten etwa mein
Schicksal zu beklagen.
    So sprach Ackermann ...
    Htte ihn Pauline von Harder reden hren, den geliebten Heinrich Rodewald,
sie wrde doch vor Wehmuth und Wonne gezittert haben, ob er sie gleich anklagte.
Sie besa die Fhigkeit, auch diese Gre seiner Worte zu verstehen ...
    Louis Armand mute whrend dieser ihn ehrenden Gestndnisse eines solchen
Mannes an Murray denken. Es war derselbe Geist der Reue, der beide Mnner
ergriffen hatte, hervorgegangen aus unhnlichen Zustnden. Er htte gern
gewnscht zu wissen, ob in Ackermann die religise Frbung seiner Gefhle auch
so stark war, wie bei dem ehemaligen, in sich gekehrten, leichtsinnigen
Verbrecher. Deshalb warf er das Wort hin:
    Die strebende Jugend, die nicht ruhen kann, mu Sie um diese Luterung
beneiden. Sollte man diese Weisheit, zu der Sie sich aufgeschwungen haben, nicht
Religion nennen?
    Es ist meine Religion, erwiderte Ackermann, mich gebunden zu fhlen. Frher
war die Ungebundenheit meine Religion. Ich bin noch rstig, ich fhle die Kraft
in mir, mit Vielen in der groen Welt einen Wettlauf zu beginnen. Ich wrde mich
aber verachten, wenn ich ihn antrte. Religion ist das als eine
Lebensnothwendigkeit tiefempfundene Gefhl der Abhngigkeit. Freilich die
meisten Religisen machen aus der tiefempfundenen Thatsache ein tiefempfundenes
Bedrfni dieser Thatsache. Das kann ich nicht! Diese Religiositt, die an sich
schon das Bedrfni der Schranke hat, das Bedrfni der Gebundenheit, ist
Schwrmerei und mit Schwrmerei ist Gefahr verbunden. Diese Art von Religisen
spricht von Luterungen und lutert sich meist nur durch Das, was ihnen grres
Wohlgefallen verursacht. Ich kannte eine Frau, die sich fr die Snden ihrer
Jugend dadurch lutern wollte, da sie die Feder ergriff und schrieb. Lieber
Himmel, die Zeit der Blte war vorber. Sie hatte gut sich lutern durch etwas,
was ihr einen neuen Lebensreiz bot. Ich kannte Andre, die sich luterten, indem
sie aus unsrer Kirche in die Ihrige bertraten. Die Wollust des Geistes spielt
mit der der Sinne geheimnivoll zusammen.
    Eine Luterung kann ich nur da finden, wo man sich in etwas, seiner Natur
und Neigung Widersprechendes, aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes
hineinlebt und in der Pflichterfllung eine se Freude geniet.
    Bei diesen Worten ffnete sich die Thr. Selma und Oleander traten ein.
Dieser, um fr heute Abschied zu nehmen, Jene, um zu fragen, ob es nun fr
morgen bestimmt dabei bliebe, da sie im Plessener Amtshause zu Tische wren?
    Warum nicht? sagte Ackermann. Gewi, gewi! Sagen Sie der Justizdirectorin
zu, da wir kommen.
    Damit begleitete er die Scheidenden an den Wagen, der ihm gehrte. Die
kleine Hedwig mute auf Selma's Verlangen Gre an die Mutter und Geschwister
bestellen. Louis bat Selma, sie mchte sich der rauhen Luft nicht aussetzen und
in das Haus zurcktreten. Sie war erhitzt. Ihre Farben glhten wie vom Pinsel
des Malers aufgesetzt. Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmuth
hin, dankend fr die freundliche Aufnahme, versicherte, da er Egon auf ihren
Wunsch die Lection lesen wrde fr seine Urtheile ber Amerika und fuhr dann mit
dem wieder schweigsam gewordenen Oleander, begleitet auch noch von einem
zuthunlichen Nachnicken der etwas dreisten Magd aus dem Heidekruge, ber den Hof
auf die Strae hinaus, die sie heute frh gekommen waren.

                                Sechstes Capitel



                            Waldeinsamkeit im Winter

Regnerische Herbsttage enden oft mit einem Abend, wo sich der Himmel aufklrt
und ein rother Streifen am westlichen Horizont die scharfe, gereinigte Luft
verkndet, die nun bald den ganzen Winter bringen wird.
    Ein solcher rother Streifen lag weit ber die Ebene hin, die sich vom
Ullagrunde immer mehr niedersenkte und nur noch bei Plessen und Hohenberg einmal
in die Hhe stieg.
    Louis konnte dem Drange nicht Einhalt thun, sich ber diesen Empfang und
diese beiden Wesen, Vater und Tochter, mit voller Theilnahme auszusprechen. Er
sagte, wenn Selma in dem Geiste ihres Vaters reife, mte sie ein weibliches
Ideal werden.
    Es war nicht ganz der Widerschein des Abendhimmels, da Oleander's Wange bei
diesen Worten dunkel erglhte.
    Da Sie Dichter sind, sagte Louis, haben Sie in Ihrer Schlerin eine Muse,
die Sie zu manchem Verse begeistern wird. Darf ich Sie nicht bitten, mir einmal
einige Mittheilungen Ihres Talentes zu machen?
    Besuchen Sie mich in einer Abendstunde, sagte Oleander. Am Tage hab' ich oft
in der Frhe die Plessener Schule zu besuchen, an zwei Wochentagen ist
Religionsunterricht, dann fahr' ich auf den Ullagrund, finde Abends heimgekehrt
noch manche amtliche Pflicht, Samstags bereit' ich mich auf meine Predigt vor,
so kann ich nur des spten Abends mich mit dem Niederschreiben der Verse
beschftigen, die mir freilich schon den ganzen Tag wie mouches volantes vor den
Augen tanzen.
    Suchen oder finden Sie Ihre Ideen? fragte Louis, dem es lehrreich war, in
die Werkstatt einer Kunst zu blicken, die er mehr als Naturalist und nur des
Tendenzzweckes wegen trieb. Man hatte ihm auch schon den Unsinn beweisen wollen,
da die Tendenz mit der Poesie unvereinbar wre oder die Schwingen des Talentes
nicht in reine Sphren tragen knne.
    Ich suche die Ausfhrung, antwortete Oleander, aber ich finde die
Veranlassung. Beim Ausfhren mu der Verstand helfen. Das Finden ist zufllige
Anregung. Ich mchte diesen Zustand mit dem Blick in den Nachthimmel
vergleichen, wo pltzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen scheint.
Die besten Gedichte mssen solche Sternschnuppen sein.
    Aber im August und November, sagte Louis nicht ohne Feinheit, fallen die
Sternschnuppen mit einer gewissen Regelmigkeit. Dann mu es Gedichte geben,
man mag wollen oder nicht. Ist nicht die Liebe eine solche ewige August- und
Novembernacht des Dichters?
    Oleander, der eine tiefe Neigung fr Selma gefat zu haben schien, schwieg
fast verlegen.
    Nach einer Weile wiederholte er seine frhere Aufforderung:
    Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben, kommen Sie einmal des Abends auf
mein Stbchen. Ich will Ihnen dann etwas von meinen Versen lesen. Das Beste wird
wol vorlufig daran sein, da ich sie alle sehr zierlich in ein Buch eintrage,
das ich frher fr gelehrte Zwecke bestimmte. Da steht immer eine lateinische
Phrase auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutschen
Reimereien.
    Das erinnert mich, sagte Louis, an jenen jungen Mnch, den die Brder seines
Klosters zum Vorsteher der Bcherei gemacht hatten. Er sa unter all' den
heiligen Werken und sollte sie durch Abschriften noch vermehren. Am Fenster vor
den bunten Scheiben stand ein Lindenbaum, dessen Zweige schattig und khlend in
die Bcherei fielen. Da stand sein Tisch, da am Fenster sollte er schreiben. Nun
aber kamen die jungen, hbschen Mdchen am Kloster vorber und Alle grten den
jungen Schreiber. Wie gern htt' er sie aufgehalten! Wie gern mit ihnen
geplaudert! Von seiner Liebe durfte der Arme ja nicht sprechen und doch
plauderte er so gern mit der Jugend und der Schnheit. So suchte er sie anfangs
mit dem Lindenbaum zu fesseln und pries ihn als so khl und schattig. Setzt Euch
doch! Aber sie gingen bald wieder fort, die jungen Mdchen. Dann pries er den
Gesang der Vgel in dem Baume. Aber sie zwitscherten nicht gerade dann immer,
wenn die hbschen Mdchen kamen.
    Da nahm er die alten Legendenbcher mit den bunten kostbaren Buchstaben und
den herrlichen Heiligen auf Pergament gemalt. Jede, die nun kam und vorber
wollte, fragte er: wer ihr Schutzpatron wre und Jeder schenkte er, wenn sie mit
ihm geplaudert hatte und auch wol an einer Bank unter dem Fenster
hinaufgestiegen war und ihm einen Ku gegeben hatte, ein schnes Bild ihres
Schutzpatrons. Bald hatte der Glckliche einen solchen Zulauf von allen Schnen
der Umgegend, da er die ganze Bcherei zerschnitt, bis die Klosterbrder
dahinter kamen und er seine Liebe zu den schnen Mdchen und seine Misachtung
der Wissenschaft durch lange, lange Leiden theuer bezahlen mute.
    Die Geschichte kenn' ich, sagte Oleander. Sie endet besonders gut mit dem
naiven Gestndnisse des verliebten Bibliothekars, da ja in der Bibel alle
Bcher der Welt enthalten wren. Ja, ja, um die Poesie mchte der Dichter auch
alle Weisheit der Welt hingeben, alle Sprachen und alle andern Knste.
    Nach einem lngern Gesprch, in welchem sich Louis Armand wohlweislich
htete, seine eigenen Verse zu erwhnen, fragte er Oleander, wo er herstamme, ob
nicht seine Geburt auf das sdliche Deutschland verweise.
    Wohl! sagte Oleander. Ich bin auf der schwbischen Alb geboren ...
    Louis war nicht Geograph genug, um die schwbische Alb sogleich im
Knigreich Wrttemberg unterzubringen. Er lie also nur so obenhin die Bemerkung
fallen, da auch er von einer Deutschen herstamme, Namens Anna Oleander ...
    Und nun hatte er die Freude zu vernehmen, da Oleander sogleich mit der
Frage einfiel, ob er jene Oleander meine, die den flchtigen Polen Thaddus
Kaminski heirathete und mit ihm nach Frankreich zog?
    Dieselbe! sagte Louis Armand. Es sind meine Groeltern ...
    Diese Entdeckung brachte die Gefhrten inniger zusammen. Zwar war die
Verwandtschaft sehr entfernt, aber sie bot doch Gelegenheit zum Austausch
mancher Frage, mancher wohlthuenden Antwort. Louis Armand fhlte sich heimischer
und Oleandern bot diese seltsame berraschende Begegnung einen solchen Fernblick
in fremdes Leben, fremde Sitte, da er sich bei seinem naiven Sinne kaum fassen,
kaum beruhigen konnte.
    Als Louis endlich den Wunsch uerte, ob man nicht hier auf krzerem Wege
nach dem Forsthause einlenken knnte, wollte Oleander, da es nur einen Fusteig
dorthin gab, aussteigen und ihn begleiten. Louis lehnte diese Geflligkeit ab
und begngte sich mit des Vikars genauerer Beschreibung. Es hie, dieser Weg
fhre an der Sgemhle vorber, dann an das sogenannte schwarze Kreuz und von da
in wenig Hundert Schritten auf das Jgerhaus.
    Louis stieg aus. Oleander gab ihm herzlich, noch immer berrascht von der
entfernten Verwandtschaft, die Hand. Der Knecht schlug anfangs eine
Erkenntlichkeit, die ihm Louis anbot, aus, dann nahm er sie, gab aber Louis
dafr noch den Rath, sich von der Sgemhle an, immer oben auf dem Felsenwege,
nicht unten an dem Waldbach zu halten. Nur gerade auf das schwarze Kreuz zu!
sagte er und dann bergab. Da wird's trockner sein bis zum Jgerhaus.
    Louis hrte, wie er schon auf dem Seitenwege wandelte, noch in der Ferne das
Knallen der Peitsche und den Widerhall des rasch dahinrollenden kleinen Wagens.
    Es war schon dunkel, als er sich der Bergwand nherte. Es trieb ihn mit
einer unerklrlichen Sehnsucht zu Franziska. Mit Gewalt drngte er die
neugeweckte Theilnahme fr Heinrich Sandrart zurck.
    Warum soll ich es nicht wagen, sprach er zu sich, endlich das entscheidende
Wort zu sprechen, das schon so oft auf meinen Lippen lag! Kann ich es lnger vor
ihr und dem Onkel verbergen! Ich werde in Deutschland bleiben, diesem Boden, der
meine mtterliche Heimat ist. Wie fhl' ich mich in dies neue Leben so wunderbar
schnell hinein! Wie traulich sprechen mich alle diese Menschen an! Wie wecken
sie in mir das Tiefste und mildern meine Leidenschaften, statt sie aufzuregen!
    Wohl mahnte den jungen Mann der Ruf seiner sozialen Bestrebungen. Doch seit
dem Abend, wo Dankmar den Bund der Ritter vom Geiste begrndet und die Aufgabe
jedes gesinnungsvollen Menschen als nicht zu unmittelbar, nicht zu dringend
herausfordernd dargestellt hatte, war eine groe Beruhigung ber ihn gekommen.
    Er fhlte, wie sonst, lebhaft fr die Sache des Volkes, aber es trieb ihn
nicht mehr so gewaltsam, gleichsam den ersten besten Stein, der ihm nahe lag, zu
heben und auf die Feinde des Erdenglckes zu schleudern. Wie sehnte er sich nach
Siegbert und Dankmar, denen jetzt sein Herz mehr gehrte, als Egon, der so
Vieles that, sich seine Freunde zu entfremden! In der Ausmalung seiner nchsten
Aufgabe, fr Murray bei Zeck oder der Ursula Nachforschungen anzustellen nach
dem Kinde jener kalten vornehmen Dame und dann nach einem offnen Bekenntnisse
seiner Liebe von Franziska fr den Winter Abschied zu nehmen und in die Residenz
zurckzukehren, schritt er rstig vorwrts und achtete des Dunkels nicht, das
sich inzwischen ganz ber die stille, trauernde Gegend herabgesenkt hatte.
    Er war im Wald. Das Grn der Tannen verscheuchte hier die Vorstellung vom
herangenahten Winter. Am Fue der entlaubten Bume, die hier und da noch
zwischen den Tannen standen, grnte unbekmmert vor dem Herbste das immergrne
Moos. Der Weg war viel fester als im Felde. Wo man dort einsank, wurde man hier
durch die weitgestreckten, aus dem Boden hervorstehenden Wurzeln der Bume oder
durch das zusammengeballte Laub im Gehen erleichtert. Frhlich pfiff Louis
leichte Liedchen vor sich hin und suchte mit seinem sphenden Auge in der Ferne
irgend ein Licht, oder mit dem scharfen Ohre irgend einen Schall, wenigstens von
den Rdern der Sgemhle.
    Bald hrte er das Bellen eines Hundes, bald auch das Rauschen des
Waldbaches, der die Sgemhle trieb. Es war so finster geworden, da er diese
einsame Niederlassung erst erblickte, als er dicht an ihr vorberging. Sie lag
tief. Die Dcher waren breit und gedrckt. Ohne Zweifel wurden geschnittene
Dielen unter ihnen aufbewahrt. Da lagen Blcke vom Regen durchfeuchtet, die
frischgesgten Breter schimmerten durch die Dmmerung. Doch schwieg die Mhle.
Alles schien hier wie ausgestorben. Nur weniges kaum hrbares Leben deutete auf
Bewohner.
    Louis fand hier die beiden Wege, von denen Ackermann's Knecht gesprochen
hatte. Der eine ging an dem Waldbache entlang, der andre stieg aufwrts und
folgte immer dem bald hheren, bald sich senkenden Felsufer dieses Baches.
    Louis ging den letzteren. Er war trockner, aber beschwerlich und nicht ganz
ohne Gefahr. Steine lagen links und rechts im Wege und leicht konnte man bei
einem Fehltritt ausgleiten und in den Waldbach strzen. Sich in die Versptung
ergebend, schritt er langsam vorwrts und suchte das schwarze Kreuz auf, von dem
Oleander und der Knecht gesprochen hatten.
    Er fand es endlich. Eine Inschrift, die darauf zu lesen war, konnte er nicht
mehr erkennen. Er rieth auf einen Unglcksfall, der sich hier einst ereignet
haben mute und nahm das Kreuz umsomehr fr eine Warnung vorsichtig zu sein, als
gerade hier unter dem Vorsprunge, auf dem das Zeichen errichtet war, der
Waldbach ein tieferes Bett gewonnen zu haben schien und wild im Strudel rauschte
und schumte.
    Wie er noch so stand und dem Winde lauschte, der die Bume schttelte, war
ihm, als hrte er einen Schrei aus weitester Ferne von der Luft herbergetragen.
Im ersten Augenblick bebte er zusammen. Es war ein einziger schreckhaft
hervorgestoener Ton, den er nicht von den krachenden Zweigen, nicht von einem
Vogel herleiten konnte. Es war ein Ton aus menschlicher Brust.
    Wie er entsetzt lauschte, ob sich der Ruf wiederholen wrde, und nichts
hrte als nur den Wind, nur das Rauschen des Waldbaches, glaubte er doch, da er
sich geirrt htte und setzte beruhigter seine Wanderung fort.
    Sie war jetzt nicht mehr so schwierig. Von dem Kreuze fhrte ein
gepflegterer Weg abwrts. Rstig schritt er vorwrts und hatte die Freude,
deutlich von Plessen herber die Kirchthurmuhr fnf schlagen zu hren. Nun wute
er, da er in der Nhe des Jgerhauses war. Schon glaubte er sich zurecht zu
finden. Die jenseitige Wand des Waldbaches war eine schroffe mit Bumen besetzte
Anhhe, das diesseitige Ufer fhrte zuweilen schon durch Weidepltze, grne
Moos- und Grasstellen. Zuletzt stand er an einer kleinen Brcke von Erlenholz.
Der Waldbach schweifte links ab nach Plessen zu. Er kannte diese Biegung und
nahm keinen Anstand ber die kleine Brcke hinber zu schreiten und sich von dem
Flchen ganz zu trennen.
    Ein bestimmter fester Glaube fhrte ihn den Weg, den er fr den richtigen
und den zum Forsthause leitenden erkannte. Um so entsetzlicher mute es fr ihn
sein, als er nach einigen Minuten raschen Fortwanderns wieder jenen Ton hrte,
der ihn schon oben an dem schwarzen Kreuze erschreckt hatte. Jetzt war es sicher
kein sich biegender Ast, kein Vogel mehr. Es war eine menschliche Stimme, die
einen erstickten Entsetzensschrei hren lie. Es ist Franziska! sagte sich seine
aufgeregte Phantasie. Sie ruft um Hlfe! Und ohne die Gefahr zu achten, da er
in der Dunkelheit gegen einen Baum anrennen konnte, strzte er in die Nacht
hinaus, vertrauend, er wrde zum Ziele kommen. Er rannte gegen Gestruche und
hielt einen Ast in der Hand. Er brach ihn, so stark er war, mit gewaltiger Kraft
von seinem Stamme los, um eine Waffe zu haben. So strmte er fort und rief mit
einer Lwenstimme: Franchette! Franchette! da es im Walde schauerlich
widerhallte.
    Endlich lichtete sich der Weg. Da lag die Wiese! Da lag das Jgerhaus! Ein
Lichtchen brannte an Franziska's Fenster. Quer ber das sumpfige Grn hinweg!
Franchette! Franchette! Die Hunde bellten im Forsthause. Frnzchen lebte. Sie
ffnete das Fenster.
    Louis! Ach, Gott! Sind Sie's!
    In demselben Augenblicke fiel in der Ferne ein Schu.
    Das ist der Onkel! sagte sie, als sie todtenbleich drauen schon an der Thr
in Louis' Armen lag.
    Was ist geschehen?
    Kommen Sie! Kommen Sie! sagte Franziska und zog Louis in das Jgerhaus,
einen entsetzten Blick auf die Treppe hinwerfend, an der sie vorberhuschte.
    Wie sie mit Louis im Zimmer war, wo ein Lmpchen brannte, riegelte sie die
Thr zu und fiel erschpft auf einen Lehnstuhl, der in der Nhe des Fensters
stand. Das Fenster war noch offen und wurde von Louis sogleich geschlossen.
    Ich kann in dem Hause nicht bleiben, begann Frnzchen, als sie sich
gesammelt hatte. Alle Gespenster aus der frhern Zeit, da ich hier war, stehen
wieder vor mir. Ich mu fort.
    Was war Das nur, Franziska? Sie riefen um Hlfe? War hier ein berfall?
    Rief ich um Hlfe? Ich wei es nicht.
    Wer war hier? Ich bitte Sie! Und jener Schu?
    Frnzchen antwortete nicht, sondern blickte sich nur scheu um und horchte
nach oben hinauf.
    Als sie Louis instndiger um Aufklrung bat, lchelte Frnzchen und fragte:
Hab' ich so laut gerufen?
    In der Stille des Waldes hrt' ich es ber tausend Schritte weit.
    Das trstet mich etwas und beruhigt mich fr die Zukunft - nein, nein, ich
kann nicht bleiben! Ich frchte mich zu Tode. Und doch geschah hier eigentlich
gar nichts.
    Was haben Sie, liebe Franziska! Was war Ihnen?
    Franziska erzhlte nun mit gedmpfter Stimme, immer nach oben blickend, da
sie seit ihrer Anwesenheit im Forsthause die alte Ursula nicht erblickt htte.
Wie sie aber vorhin allein gewesen, verlassen von dem Onkel, der auf der Jagd
pirsche, wre die Alte, die sie im Bette geglaubt htte, herabgeschritten
feierlich mit einem Lichte in der Hand, lang und hager, wie ein Gespenst. Mit
hohlen Augen wre sie eingetreten, an jenen Schrank gegangen, htte den
aufschlieen wollen, dann aber wre sie herangetreten, das Licht gegen sie
haltend. Ohne zu sprechen, ohne sie zu begren, wre sie dicht an sie
herangeschlichen, da sie im ersten Schreck htte glauben mssen, sie
beabsichtige ihr, und wenn nur durch Anhauchen, ein Leids zuzufgen. Da htte
sie, wie sie dicht an ihrem Munde gewesen wre, aufschreien mssen, wie in
Todesgefahr. Die Alte wre nun zurckgegangen, htte sich an die Thr gestellt
und ein lautes Lachen aufgeschlagen. So htte sie whrend einiger frchterlichen
Minuten gestanden, dann wre sie noch einmal gekommen, in derselben geraden
Linie auf sie zu, mit derselben starren Miene, wieder das Licht gegen sie
hinhaltend, um sie zu erkennen. In der Angst ihres Herzens htte sie Hlfe rufen
mssen, da wre in der Ferne ihr Name von Louis gerufen worden, die Alte htte
wieder wie eine Irre gelacht und dann sie verlassen, um nach oben auf ihre
Kammer zurckzukehren.
    Franziska verstrkte den ngstlichen Eindruck, den auch Louis von diesem
Vorfalle empfing, durch die Erinnerungen an ihre Jugend, die sie ihm erzhlte.
Sie behauptete, da sie glaube, die Alte mge in diesem Hause Niemand dulden und
htte trotz ihrer Jahre eine Art Eifersucht auf Jeden, der ihr die alleinige
Herrschaft ber den bequemen Onkel, der sie einst htte heirathen sollen,
streitig machen wrde.
    Louis fand es gerathener, da Franziska wol in der Nhe, aber nun nicht
selbst im Jgerhause lnger bliebe. Er schlug ihr vor, morgen mit Ackermann zu
sprechen und diesen einsichtsvollen, freundlichen Mann zu bewegen, sie in sein
Haus zu nehmen. Freilich, setzte er, als Franziska freudig einstimmte, hinzu:
    Sie werden, liebe Freundin, dort in der Nhe des alten Sandrart sein, der
nicht Ihr Gnner ist!
    Und ich bin nicht seine Gnnerin, sagte Franziska, die von ihrer beklommenen
Stimmung aufzuathmen begann. Erwhnen Sie doch diesen Namen nicht!
    Franziska, Sie wissen, da Heinrich vermgend ist und Ihnen eine glnzende
Zukunft bieten kann!
    Ich mag ihn nicht! Es ist schlimm, wenn ein Mann zu wenig Herz hat, aber
noch schlimmer lt's ihm, hat er zu viel.
    Wie beschmt steh' ich vor Ihnen da, Franziska! Sie kennen die Freundschaft
-
    Der Onkel kommt! sprach Franziska und sprang zur Thr hinaus.
    Louis verwnschte die Strung. Er hatte sich erklren wollen. Er hatte
endlich das entscheidende Wort der Liebe auf den Lippen. Die Reflexionen waren
von ihm gewichen. Die Einsamkeit des Waldes, die Nhe des blhenden Mdchens,
ihre Freude, ihn zu sehen, von ihm aus einer peinlichen Lage befreit zu werden,
die sanfte Hand, die, kalt geworden von dem nach dem Herzen gedrngten Blute,
sich in der seinen erwrmte ... Das Alles sprach ihm so viel Muth und
Ermunterung zu, da er endlich ein festes und sicheres Verstndni zwischen sich
und dem Mdchen begrnden wollte. Wieder vergebens! Jeder Andere htte khn mit
einer einzigen Umarmung diesem peinlichen Zustande ein Ende gemacht. Das konnte
Louis Armand nicht. Dafr war er zu sehr ein Hamlet des Herzens, die Blsse des
Gedankens krnkelte seine Empfindungen an. Er konnte in Dingen, die eine so
groe Lebensnderung wrden nach sich gezogen haben, wie diese Erklrung seiner
Liebe fr Frnzchen Heunisch, nicht aus einer gewissen Pedanterei, einer
zaghaften Scheu heraus, wie im Grunde so viele junge Mnner, die, wie uns die
Leserinnen besttigen werden, schon lange nicht mehr den Muth der Erklrung
haben.
    Heunisch hatte, da der Wind nicht nach seiner Richtung stand, von dem Schrei
nichts gehrt und war nicht wenig erstaunt, als ihm Louis den Vorfall erzhlte
und daran die nothwendige berzeugung knpfte, da der Frster seine Nichte aus
dem Hause geben sollte. Der Vorschlag mit Ackermann gefiel ihm, der Nhe
Sandrart's wegen, sehr wohl, obgleich er diesen Grund nicht aussprach.
    Die Ursula, dacht' ich mir gleich, sagte unser alter Freund in seinem
sorglosen bequemen Tone, die Ursula hat nur eine verstellte Krankheit. Sie ist
tckisch, weil sie Niemanden im Hause leiden mag. Das ist nun ein Kreuz, das man
tragen mu. Glcklicherweise ist Liebe damit verbunden. Sie meint es gut.
    Louis zweifelte.
    Gegen mich gewi! fuhr der Jger fort. Sie hat mich ordentlich in Pacht
genommen. Ich bin ihr Herzblatt, ihre Augenweide. Es ist wahr, sie hat oft einen
Blick, als wollte sie damit die Ratten vergiften, aber mich blinzelt sie an wie
eine verliebte Katze. Urschel, Urschel, ich mu doch noch ein Ende machen und
dich in die Kirche fhren!
    Wissen Sie nichts vom frhern Leben dieser Frau? forschte Louis und gedachte
seines im Schlosse harrenden Murray ...
    Heunisch plauderte was wir wissen, vom Doktor Lehmann, vom blinden Schmied,
ja sogar von der Erbschaft und schlo:
    Sie kurirt jede Rose und jeden steifen Hals renkt sie ein.
    Louis sah wohl, da von diesem Virtuosen im Vertrauen, diesem starken Geiste
der Denkmdigkeit nichts ber die frhern Verhltnisse der Ursula fr seinen
guten Murray zu gewinnen war. Heunisch stopfte sich eine Pfeife, hing sein
Gewehr an die Wand, legte die Jagdtasche ab und sagte nur immer vor sich hin:
    Ja, ja, Frnzchen! Ich habe nichts dawider. Sie nehmen dich auch! Das
Frulein nimmt dich auch! Der Ackermann ist ein guter Herr! Es ist mir auch so
recht. Da sprech' ich im Ullagrund vor und gehe nicht so oft auf den gelben
Hirsch. Und wenn Sandrart, der Alte, grob bleibt wie heute, so stopf' ich mir
immer bei Ackermann die Pfeife und rauche ihm hinter seinem Zaun gerade auf die
Nase.
    Dabei lachte Heunisch und machte sich's bequem und sah sich nach seiner
Suppe um, die ihm Frnzchen lange nicht so gut zubereitete wie die Ursula, die
sich nicht mehr wollte sehen lassen und eigentlich so trotzte, da Heunisch's
Bequemlichkeit darunter litt.
    Louis warf Frnzchen beim Gehen einen liebevollen Blick zu und flsterte:
    Morgen Nachmittag komm' ich in Wind und Wetter und bringe den Bescheid von
Herrn Ackermann. Rsten Sie sich, da Sie mir dann gleich folgen knnen!
    Frnzchen dankte mit innigem Blick.
    Als Louis dem Frster die Hand gegeben hatte, rief ihm dieser nach:
    Nehmen Sie den Weg rechts an der Wiese herum und dann links, von der Eiche
abwrts. Sie sollten auch einen Stock bei sich tragen. Ich halte Herrn
Ackermann's neue Geschichten sehr hoch, aber sie ziehen allerhand Gesindel in
die Gegend. Der Justizdirektor hat mir von einem Brief gesprochen, den er aus
der Residenz bekommen. Es soll nicht recht geheuer sein. Die beiden Gesellen,
die die Zeck's angenommen haben, gefallen mir nicht. Da! In der Ecke steht ein
alter Ziegenhainer! Oder wollen Sie einen Hirschfnger?
    Louis dankte und meinte, der Baumstamm, den er drauen htte liegen lassen,
thte Dienste genug, wenn's Noth am Mann wre.
    Frnzchen, zitternd und aufgeregt, bat den Hirschfnger zu nehmen.
    Nein, nein, sagte Louis. Der Ast drauen gengt.
    Damit verlie er das unheimliche Haus mit dem tiefsten Mitgefhl fr die in
ihm zurckbleibende Franziska, die bei aller Bangigkeit ihres Herzens nicht
aufhrte, zu ihm aufzublicken wie zu einem verklrten Heiligen, der ber den
gemeinen und geringen Bedingungen dieses Lebens stand.
    Louis kam unangefochten im Schlosse an. Nichts hatte ihn im Walde gestrt.
Fast seiner selbstspottend warf er am Fue des Hohenberges den schtzenden Ast
von sich.
    Das gemeinschaftliche Wohnzimmer sah Louis, den Berg emporsteigend, hell
durch die Nacht schimmern. Es schlug sieben Uhr, als er bei Murray eintrat.
    Unwillkrlich mute er die Thr auflassen, die er in der Hand hielt.
    Himmel, rief er, was machen Sie, Murray? Hier ist ja eine Hitze zum
Ersticken.
    Ich habe so stark geheizt, sagte Murray, um mir einen alten Schlssel, den
mir Brigitte gab, so zu feilen und zu schmelzen, da ich ihn zum Umdrehen der
Wirbel des Klaviers brauchen kann. Es will nicht gehen und ich mchte doch
Wohllaut im Ohre haben.
    Kommen Sie heraus, ich beschwre Sie, sagte Louis, das ist von dem glhenden
Ofen eine Hitze, die Ihnen fr den ganzen Winter einen Katarrh zuzieht!
    Murray ffnete die Fenster und kam, da Louis wirklich nicht eintreten
mochte, in's Vorzimmer.
    Sie mssen Ihrer Liebe zur Musik und der Nothwendigkeit, sich in Ihrer
Einsamkeit zu unterhalten, ein Opfer bringen und mir erlauben, diese Arbeit
unten in der Schmiede verrichten zu lassen. Umsomehr, als ich nach meinen
heutigen Entdeckungen auch kein andres Mittel wei, Ihre Nachforschung
anzustellen, als zuvrderst bei den Zeck's im Dorfe.
    Louis gab einen Bericht ber seine reichen Erlebnisse ...
    Murray folgte mit Theilnahme und verweilte mit groer Rhrung bei Dem, was
Louis ber Ackermann erzhlte.
    Ja, ja, sagte er. Das ist Ackermann selbst, der in Amerika einen andern
Namen fhrte und nicht wei, was mich zu ihm zog und wen ich in ihm, was er in
mir wiederfand!
    Zu hren, da Otto von Dystra in Europa war, machte ihm keine Besorgni,
eher Freude ...
    Ackermann hat Recht, sagte er, wenn er diesen Sonderling einen Epikurer des
Geistes nennt. Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt, wo man leichteren Stand
htte als vor diesem sop. Er kommt mir wie eines jener Asyle vor, in welchen
die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit gesichert waren.
    Erschreckend wirkte auf Murray, was Louis aus dem Jgerhause erzhlte.
    Ich erkenne, sagte er, die dmonische Natur meiner Schwester. Sie war die
lteste von uns. Was sie gab, drckte mehr als es erfreute. Sie hatte schwarze
Augen, ganz beschattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundschaft,
da Alles schon vor ihrem Blicke floh. Dennoch besa sie gute Eigenschaften. Sie
war gefllig, dienstergeben, treu bis zur Last. Sollten alle diese Keime
besserer Regung in kalte Versteinerung bergegangen sein? Jetzt scheint sie
geistesschwach zu sein. Wenn sie das Gedchtni verloren htte!
    Indem kam Brigitte mit dem Thee. Sie hatte vom Justizdirektor hundert
Empfehlungen auszurichten und auf's neue zu mahnen, da die Herren die morgende
Einladung nicht vergessen mchten. Nachdem sie die Fenster mit Erlaubni
geschlossen und sich wegen des Nichtabholens des Geschirrs entschuldigt hatte,
ging sie und lie nur noch die neuesten Zeitungen zurck.
    Louis hatte wenig Appetit. Er war zu aufgeregt und bewegt dafr. Murray
geno ein geringes Ma und nahm sich vor, seinen jungen Freund zu veranlassen,
frh das Bett zu suchen. Whrend Murray in den Zeitungen bltterte, schrieb sich
Louis das Gedicht auf, das ihm unterwegs eingefallen war.
    Als Murray ein Licht ergriff und sich zur Ruhe begab, deutete er auf eine
Stelle der Zeitungen und ging mit dem Bemerken, da sie Louis interessiren
wrde, fr heute zur Ruhe.
    Es war freilich eine Mittheilung, die insofern recht zur Unzeit kam, als sie
Louis, der ohnehin schon von so vielen Dingen erfllt war, noch vollends
erschtterte und in der That nicht schlafen lie.
    Sie lautete am Ende der Zeitung mit groen Buchstaben:
    Heut' Mittag um zwei Uhr ist die bisherige Volksvertretung vom Ministerium
aufgelst worden. Die neuen Wahlen sind auf den ersten November angeordnet. Die
Stadt ist unruhig. Einige Volksauflufe sind mit dem Bajonnet
auseinandergetrieben. Man frchtet fr den Abend. Das Militair ist in den
Kasernen consignirt. Eben werden ber den Schloplatz Kanonen gefahren.

                               Siebentes Capitel



                       Ein Land - Diner mit Honoratioren

Am Vormittage des folgenden Tages herrschte im Amtshause, der Wohnung des
Justizdirektors von Zeisel, eine erhebliche Unruhe. Frau von Zeisel, geb.
Nutzholz - Dnkerke, war vollkommen berzeugt von der Nothwendigkeit, den, wie
man allgemein wute, vertrautesten Freund des Frsten, trotz seines geringen
Standes, irgendwie feiern zu mssen. Sie trstete sich bei ihren Anordnungen
damit, da Louis Armand doch wol nur ein verkapptes Mitglied der hhern
Gesellschaft wre und ebenso auf wunderlich versteckten Wegen ginge, wie sie ja
den Frsten Egon selbst hatten kennen lernen. Jeder Blick auf den Thurm, der in
schrger Richtung dem Amthause gegenber stand, feuerte ihre kleine rundliche
Figur zur lebendigern Sorge an, um heute dem jungen Freunde des Frsten einen
Eindruck fr die Residenz mitzugeben, der auf die gute Meinung von der Hingebung
ihres Mannes eine dauernde Nachwirkung ben sollte.
    Was gehrt nicht dazu, mit beschrnkten Hlfsmitteln auf den gebahnten
Straen tglicher kleiner Ordnung pltzlich ein solches auerordentliches
Mittagsmahl herzustellen!
    Jetzt in der Morgenfrhe, wo man ohne Lauscher war, konnte man sich in der
ganzen Verwirrung solcher Zurstungen noch gehen lassen. Das war ein Laufen und
Rennen! Die Thren schlugen zu und klappten auf. Frau von Zeisel rannte ohne
Toilette mit aufgewickelten falschen Locken bald hier-, bald dorthin und machte
eine Bewegung, die fter wiederholt sicher ihr Embonpoint gemildert htte. Was
gab es da zu befehlen, zu klagen, zu verzweifeln! Welche Tne drangen schneidend
durch das stattliche Amtsgebude, unbekmmert um die Justizkanzlei, die
Kammerkanzlei und alle die ehrwrdigen Zwecke dieser Amtswohnung, die heute fr
Frau von Zeisel nicht vorhanden waren! Herr von Zeisel kam nicht zu einem
einzigen vernnftigen Avis, den er an einen Ortsschulzen htte aufschreiben
knnen und doch hatte er gestern von der Regierung einen wichtigen Brief
erhalten. Und die Kammer war entlassen! Neue Wahlen sollten angeordnet werden!
Ein Oppositionsblatt sprach von einem neuen aus der Willkr der Majestt
flieenden Wahlgesetze! Wenn nach diesem gewhlt werden sollte, welche neue
Mhen, welche Weitluftigkeiten, um die Wahlkrper zu bilden, die
Stimmberechtigten auszuscheiden, die Whlenden und Whlbaren zu prfen! Und nun
dies Diner!
    Pfannenstiel, der Gerichtsbote und Amtsvoigt, der mit einigen Akten hinter
dem Schreibpulte des Justizdirektors stand, hatte tiefes Mitleid mit seinem
Vorgesetzten.
    Das auch heute noch, sagte er antheilnehmend, wo die Frau von Zeisel so
nicht wei, wo ihr der Kopf steht!
    Ja, Pfannenstiel, ich wei nicht, was ich unterschreibe. Alle Buchstaben
laufen mir durcheinander.
    Eine Magd kam und wollte wissen, wie viel Flaschen Wein wol herausgestellt
werden sollten.
    Wieviel meinte meine Frau?
    Sechs, sagte die Magd.
    Kathrinchen! Hat meine Frau sechs gesagt?
    Pfannenstiel ergnzte, da die gndige Frau wol htte sechszehn gemeint.
    Sechs! hie es.
    Herr von Zeisel rusperte sich in groer Verlegenheit, legte die Feder auf
das Pult, schlug den Schlafrock ber die langen Gliedmaen und begab sich, ohne
ein Wort weiter zu sagen, zur Thr hinaus, um mit seiner Frau ber diesen
Gegenstand eine nothgedrungene freie Conferenz zu halten.
    Wer kommt denn Alles? fragte inzwischen Pfannenstiel.
    Die Magd klagte, da sie keine Besinnung htte. Diese Aufgabe wre zu gro!
Die Justizdirektorin kme nicht mehr aus dem Zanken heraus. Sie selbst wisse
nicht mehr, was ein Teller und was eine Schssel wre.
    Wenn wir nur Alle dafr ordentlich avancirten! meinte Pfannenstiel mit
verzeihlichem Egoismus. Wir haben nun Alles aus erster Hand! Der Frst ist
Minister! Ich schreib' an ihn, da er sich des Thurms da und meiner Hflichkeit
erinnert und mir ein gutes Fortkommen fr's Alter gibt.
    Indem brach Frau von Zeisel herein:
    Mein Mann!
    Er sucht Sie, gndige Frau.
    Ich kann nicht mehr. Diese Menschen, von denen man umgeben ist! Das ganze
Jahr ertrgt man den hlflosen Zustand, weil man nachsichtig ist, seinen rger
verschluckt; nun kommt es einmal darauf an, nun soll man einmal seinem Stande
gem sich der Welt zeigen, nun verrth sich's, was ein Haus ohne Bedienung ist!
    Christoph nimmt sich doch ganz gut aus in der Livree, meinte Pfannenstiel
und suchte die auf den Ledersessel ihres Mannes niedergesunkene Dame zu trsten.
    Aber wer sagt ihm, da er schon jetzt damit in die Kche kommt, jetzt schon
mit der Livree die Wnde abschabt!
    Er hat sie seit drei Jahren nicht getragen und freut sich, da er strker
geworden ist.
    Drum dehnt er sich so aus und reckt sich, da alle Nhte platzen!
    Die Magd, die durch das ganze Haus den Justizdirektor gerufen hatte, kam mit
dem endlich Gefundenen zurck.
    Kind, sagte er mit ngstlicher Miene, sechs ...
    Acht! gab die Gemahlin gleich zu. Ich suche dich berall! Ich war im Keller
und du bestimmst nichts, du sorgst fr nichts, du bist fr nichts, du denkst an
nichts. Die rothen oder die gelben? So sag' doch! Vier rothe, zwei gelbe -
    Aber Herzchen, wir sind -
    Achtzehn -
    Neunzehn!
    Der Alte mit der schwarzen Binde kommt nicht -
    Also siebzehn -
    Was rechnest du denn!
    Aber die Frau Pfarrerin Stromer! Pfannenstiel, hier, schreiben Sie einmal
auf!
    Pfannenstiel setzte sich zum Schreiben.
    Erstens, dictirte Frau von Zeisel, Herr Louis Armand -
    Der Schreinergesell! ergnzte Pfannenstiel.
    Der Stand, bemerkte Frau von Zeisel empfindlich, der Stand ist hier nicht
nthig. Wir waren nie stolz.
    Die rechte Hand des Frsten und Sekretair des Premierministers! bemerkte
Herr von Zeisel und schnitt damit alle weiteren Errterungen ab. Zweitens -
    Herr Ackermann! bemerkte der Amtsvoigt krftiglich.
    Nun, nun, sagte Frau von Zeisel pikirt, der Name brennt Ihm ja recht auf der
Zunge. Wer wei, wie bald die Komdie zu Ende ist. Der Frst wird bald erkennen,
da er es mit einem Projektenmacher zu thun hat! Den neuesten Briefen des
Justizrathes nach zu urtheilen, wird die Welt binnen Kurzem von Dingen
berrascht werden ...
    Drittens, sagte der Justizdirektor -
    La mich! unterbrach ihn seine Frau - Zweitens -Nummer Zwei, Frau von
Zeisel, sagte Pfannenstiel, der sich in die Umstnde zu fgen wute. Nummer
Drei, Herr von Zeisel.
    Nummer Vier, Herr Ackermann! sagte jetzt der Justizdirektor selbst.
    Nummer Vier, Herr Oleander! unterbrach determinirt seine Gemahlin. Wer ist
dieser Ackermann? Kann er sich einen Studierten nennen? Wer wei, wo er herkommt
und wo er noch hinfhrt!
    Nummer Fnf, die Frau Pfarrerin Stromer! bemerkte der Justizdirektor und um
nur Ackermann ganz hinten zu bringen, setzte er hinzu:
    Nummer Sechs, Herr Doktor Reinick aus Randhartingen.
    Nummer Sieben, Herr Ackermann! bemerkte aber der unermdliche Amtsvoigt
wieder, dem einmal dieser Name so werthvoll und bedeutend war wie allen
Bewohnern des kleinen Frstenthums.
    Nein! schalt Frau von Zeisel fast zornig.
    Nummer Sieben, verbesserte ihr Gemahl, Herr Apotheker und Spezereihndler
Sonntag aus Randhartingen -
    Nummer Acht, fuhr seine Gattin fort, Herr Aktuar Weie aus Plessen ...
    Nebenan hustete Jemand, der unstreitig Herr Weie war und sich gleichsam fr
die Ehre, der Achte zu sein, bedanken wollte.
    Nummer neun, Ihr Herr Schwager, bemerkte der Justizdirektor verbindlich zu
Pfannenstiel, Herr Drossel vom Gelben Hirsch - die Frau nebst Lenchen ist auf
dem Heidekrug.
    Also Frulein Emmeline Drossel und Frulein Alwine Drossel - setzte seine
Gattin hinzu, als wollte sie sagen:
    Unsre Herablassung!
    Pfannenstiel verbeugte sich und bemerkte nur in den Bart hinein:
    Macht Zehn und Elf oder eigentlich das Doppelte, denn Drossel speist und it
fr Zwei - auf die heutige Zeitung hin vielleicht ...
    Dann Zwlf - unterbrach Herr von Zeisel, um seine Frau nicht durch einen
vielleicht dreifach gesteigerten Appetit des gefrchteten Radikalen zu
erschrecken.
    Jetzt glaubte aber der Schwager des Wirths vom Gelben Hirsch in der That
sagen zu drfen:
    Zwlftens, Herr Ackermann.
    Aber wieder schnitt ihm die Justizdirektorin den Namen ab, indem sie fast
gleichzeitig diktirte:
    Zwlftens und dreizehntens, Herr und Frau Rentmeister von Snger aus
Randhartingen -
    Vierzehntens, Herr A -
    Herr Anverwandter, konom aus Randhartingen, sagte Frau von Zeisel. - Mit
seinem Besuche aus Schnau - wie heit er doch? Dem Ortsvorstand Marx -
    Macht fnfzehntens -
    Und vielleicht noch dem Herrn Maler - bemerkte Herr von Zeisel.
    Welchem Herrn Maler?
    Den Marx mit nach Randhartingen gebracht hat, um Herrn Anverwandter zu malen
- zum Weihnachtsgeschenk fr seine Tochter -
    Ich las den Brief so flchtig ... ich besinne mich ...
    Also fnfzehntens, Herr Marx, sechszehntens, der Herr Maler aus Schnau,
recapitulirte Pfannenstiel und glaubte nun fr ganz bestimmt endlich sagen zu
knnen:
    Siebzehntens, Herr Ack -
    Aber auch hier beugte der besonnene Herr von Zeisel vor und bemerkte:
    Siebzehntens, Frulein Ackermann - Achtzehntens -
    Dies Auskunftmittel war sehr fein ... Nun verstand sich von selbst, da der
achtzehnte Herr Ackermann war. Denn es war auch wirklich der Letzte.
    Jetzt begann die Errterung der Weinvorrthe.
    Zwlf Herren, sechs Damen, sagte Frau von Zeisel, seufzend ber die
Nothwendigkeit, einmal so unebenbrtige Menschen, nicht die Adligen der
Umgegend, bei sich zu Tisch zu sehen.
    Acht Flaschen auf den Tisch, liebes Kind, errterte ihr Gemahl.
    Und zwei in Reserve! bemerkte die vortreffliche Wirthin.
    Hier rusperte sich Herr von Zeisel und sah Pfannenstiel an, als hofft' er
von diesem Succurs.
    Acht auf den Tisch, fiel dieser ein, und acht unter'n Tisch! Macht
sechszehn. Wie ich gesagt habe.
    Sechszehn? rief Frau von Zeisel. Das wre ja ein Trinkgelag!
    Frau Justizdirektorin, wenn die Mnner lustig werden und fr meinen
Schwager, der die Ehre hat, geladen zu sein und weil's wieder unruhig in der
Hauptstadt ist -
    Nur wegen der Wirthschaftsrthin Pfannenstiel und Frau Justizrthin Schlurck
- fiel Frau von Zeisel berichtigend ein.
    Dero- oder Derowegen! Wenn Drossel auf die Politik und die neuen Wahlen und
die geladenen Kanonen kommt, ladet Der zwei Flaschen mehr fr sich allein.
    Ich will hoffen, bemerkte Frau von Zeisel, da er uns mit seinen
demokratischen Reden verschonen und sich erinnern wird, bei wem er dinirt. Es
hat lange genug gedauert, bis wir uns entschlossen haben ...
    Den wahren Grund der Entschlieung, der darin bestand, da Emmeline und
Alwine Drossel, die ltesten Mdchen vom gelben Hirsch, viel hlicher als die
jngere Lenchen waren und nur als Folie ihrer eignen Reize gebeten wurden,
verschwieg Frau von Zeisel, die sich nun erhob, um sechszehn Flaschen, theils
Roth - theils Gelbsiegel, aus dem Keller zu holen. Schlurck hatte dafr gesorgt,
da sein guter Freund und seine gefllige Freundin in ihren kleinen
Weinvorrthen anstndig ausgestattet waren. Schlurck hatte mit Melanie gemein,
da er gern schenkte und sich von allen seinen Bekannten die Geburtstage merkte.
    Nach dieser wirthschaftlichen Errterung erbat sich Pfannenstiel nur noch
einige Augenblicke zu einer amtlichen Wahrnehmung.
    Ich habe, sagte er, Ihre gestrige Weisung, auf alle verdchtigen Personen
der Umgegend zu wachen, auch dem Frster Heunisch mitgetheilt, Herr
Justizdirektor. Bis jetzt ist uns nichts aufgestoen auer den zwei Arbeitern,
die vorgestern mit einem Bauerwagen hier eintrafen und in der Krone abstiegen,
um bei Herrn Ackermann's neuen Anlagen Arbeit zu suchen. Ich fragte sie nach
ihren Papieren. Sie hatten ganz schne, neue Psse und gaben sich der Eine fr
einen Schlosser, der Andre fr einen Klempner an. Genauer besehen, kamen sie mir
sonderbar vor. Beides alte Knaben schon. Der Eine, der Schlosser, war sicher
schon an die Funfzig. Ihre Hnde glatt, eher wie zum Spazierengehen als zum
Arbeiten. Der alte Zeck nahm sie, weil er Arbeit vollauf hat. Heute frh aber
hr' ich, schmlte und tobte er, da sie wenig von rechter Feuerarbeit
verstehen, faul und unbeholfen sind und besser thten, weiter zu ziehen. Da
haben sie ganz volle, schwere Beutel gezogen und ihr Handgeld zurckzahlen
wollen. Zeck aber hat's nicht nehmen wollen, sondern gesagt: Bis Samstag sollten
sie's in allerhand kleinen Arbeiten abverdienen. Das rief er mir heute zu, als
er nach dem Ullagrund ging mit seinem Jungen. Er bat mich, ein Auge auf die
beiden alten Kerle zu haben. Ich ging auch zu ihnen in die Schmiede und fand,
da sie in Verlegenheit waren, als ich eintrat. Bis Sonntag, sagt' ich ihnen,
knnt ihr noch dableiben! Dann trollt euch! Wir gestatten hier keinen
Aufenthalt! Dazu zogen sie eine Miene, da ich fast grimmig wurde. Heunisch rief
mir einen guten Morgen zu. Er ging gerade vorber und wollte auf's Schlo. So
kam ich von den beiden Gaunern ab. Ich will sie scharf im Auge behalten.
    Thut Das! Thut Das! Pfannenstiel, sagte der Justizdirektor zerstreut. Gebe
der Himmel, da das heutige Diner in Ehren berstanden ist. Es ist eilf Uhr. Ich
mu mich nun wol anziehen.
    Damit berlie Herr von Zeisel den Staat, die Wahlen, die Krisis, die
ffentliche Sicherheit dem Gerichtsboten und Amtsvoigte, der in seine
Thurmwohnung ging, um sich nun doch auch etwas festmig anzukleiden. Der
Gedanke: alles Das um einen auslndischen Tischlergesellen! lie ihn manchmal
erstaunt genug dabei den Kopf schtteln.
    Der Mittag kam heran und gleich nach zwlf Uhr gerieth ganz Plessen in
Bewegung. Die am entferntesten wohnten, kamen frher als die nher Wohnenden.
Doktor Reinick war einer der Ersten. Er besuchte einige Patienten und Genesene.
Leider mute er statt in Plessen in Randhartingen wohnen, weil der
Spezereihndler und Apotheker Sonntag dort ein Gut bewirthschaftete und deshalb
nicht in Plessen wohnen konnte. Auch Herr Sonntag fuhr in einem kothbespritzten
Einspnner vor. Der Wirth in der Krone sah es in seinem Hofe einmal wieder recht
lebendig werden. Drossel aber, der Hirschwirth, jagte mit seinem Einspnner wie
im Schu beim Kronenwirth vorbei. Seine beiden ltesten Tchter saen neben ihm.
Aber hier und da rief er, von der Krone an langsamer fahrend, diesem oder jenem
bekannten Bauer zu: Neue Wahlen! Was sagt ihr? Neue Wahlen! Unser Frst! Neue
Wahlen! Kanonen! Wir erleben etwas! Justus hat geschrieben. Heut' Abend kommt
mehr. Es sieht unten schlimm aus! Schlimm! Hurrah!
    Er schickte seinen Einspnner, aus Brotneid, nicht in die Krone, sondern auf
einem beschwerlichen, morastigen Wege durch den Wald in die Sgemhle. Der
Sgemller war sein Freund. Sie hatten beide das eigne Schicksal erlebt, da vor
Jahren ihre Schwestern, die den Frster Heunisch heirathen sollten, durch
unglckliche Zuflle um's Leben kamen.
    Herr Rentmeister von Snger, ein ehemaliger Offizier und alter Kamerad aus
dem Husarenregimente, das nach dem Generalfeldmarschall das Frstlich
Hohenbergische hie, fuhr mit seiner Frau Gemahlin in einem Zweispnner. Sie
stiegen am Amthause aus und lieen, ein Vorrecht alter Zeiten benutzend, ihre
Kalesche dem Schlosse zufahren, wo sich leere Remisen und Stlle genug fanden.
    Louis Armand im schwarzen Frack, ein leichtes Tuch nicht steif, sondern
leicht um den Hals geschlagen, in Stiefeln, die er sich selbst geputzt hatte und
unbekmmert mit schwarzen Handschuhen, begegnete dem Wagen und schlo aus seinem
Aussehen auf eine gewhltere Gesellschaft. Er hatte den Vormittag mit Briefen in
die Heimat, an Mrtens zugebracht, auch Frnzchen ein paar freundliche Worte
geschrieben, die Heunisch mitnahm, der gekommen war, nochmals den ihm immer mehr
gefallenden Plan zu besprechen, da seine Nichte zu dem Generalpchter kommen
knnte ... Murray hatte ihm viel Vergngen gewnscht und ihn getrstet, da er
sich schon zu unterhalten wissen wrde ...
    Wer die Einsamkeit nicht liebt, hatte er gesagt, ist nur ein halber Mensch.
Wer nicht einsam sein kann, ist auch nicht vershnt mit sich. Die Verbrecher
frchten sich vor nichts so sehr als vor der Einsamkeit. Es ist ihre
frchterlichste Strafe. Dennoch mu sie, wie jede Strafe, mig angewandt
werden. Einsamkeit soll bessern, nicht abstumpfen. Sie soll anfangs nicht gleich
ganz gegeben werden, sondern nur nach und nach. Dann wird sie zu einer heilenden
Strafe. Man gewinnt die Einsamkeit lieb und spricht mit ihr und vershnt sich
mit seinem Schatten.
    Am Eingange des Amtshauses begegnete Louis seinem entfernten Verwandten, dem
Vikar Oleander und der Frau Pfarrerin. Jener kam einfach, diese mit ngstlichem,
rmlichem Putz. Sie grte Louis als wr' es Egon selbst gewesen. Die rmste war
eine durchweg eingeschchterte Natur, lebte nur in ihren Kindern und der ueren
Sorge fr ihren Gatten, der ihr auf so berraschende, seltsame Art pltzlich
entschwunden war. Gewi war es eine Frau, die in ihrer Sphre erkannt sein
wollte, um bei aller Einfachheit nicht ohne Werth zu erscheinen. Was konnte sie
dafr, da sie von einem Manne gewhlt, als Gattin heimgefhrt war und ihm nun
nicht mehr gengte? Unter ihren Kindern fand sie sich in ihrem ewigen
Mutterrechte. Ach und im Grunde, murrte sie denn ber ihr Loos? Lie sie es sich
nicht gengen, so einfach und freudenleer es war? Wenn eine Frau von geringen
Fhigkeiten und ohne ueres Verdienst durch den Misgriff eines Mannes zu
Rechten kommt, die sie anspruchsvoll geltend zu machen sucht, so wird man dem
Worte: Er hat mich doch nun einmal genommen! wenig berredung und Bindekraft
beimessen knnen. Wenn aber ein so zu einer gewissen Haltung gekommenes Wesen
doch wie eine niedrig wachsende Schlingpflanze nur an dem festen Stamme ihres
Rechtes sich hinzieht und nur dahin sich ausdehnt, wo er ihr und ihren Kindern
wrmer von der Sonne beschienen dnkt, wer mchte da nicht duldend herabblicken
und dem bescheidenen Dasein jede Freude wnschen?
    Zu den Gsten, die ein groes aufgeputztes Zimmer empfing, gesellten sich
bald auch Ackermann und Selma.
    Es lag eine eigne Ironie in den Zgen des geistreichen Mannes, wie er so mit
seinem lieblichen Kinde in diesen geputzten Kreis lndlicher Bedeutsamkeit
eintrat. Freundlich neigte er sein Haupt mit der offnen freien Stirn nach allen
Seiten und Selma bot Jedem die Hand, der ihr nahe stand, nur Louis nicht, den
sie zu vermeiden schien und nur flchtig grte.
    Oleander, der fr uerlichkeiten sonst keinen Sinn hatte, pries ihren
Anzug, zum Erstaunen der in einem blau- und rothschillernden Seidenkleide die
Honneurs machenden Frau Justizdirektorin, die sein Entzcken verspottend, ihm
sagte:
    Herr Vikar, Sie bewundern und wissen sicher nicht, worin eigentlich der
wahre Reiz dieser geschmackvollen Toilette besteht!
    O stellen Sie mich nicht auf die Probe! antwortete Oleander. Ich analysire
Ihnen sonst das schne himmelblaue Kleid so, da ich unten die Bestze abtrete.
    Oleander verlor sich im Anschauen. Er folgte Selma, wie sie den Damen sich
nherte und deren Bekanntschaft erneuerte, mit strahlendem Blick.
    Louis aber benutzte den Umstand, da man noch auf den letzten Randhartinger
Wagen wartete, um Ackermann bei Seite zu nehmen. Ohnehin von allen Anwesenden
mit der grten Neugier betrachtet, kam ihm die Gelegenheit, sich zurckzuziehen
und den vielen Fragen auszuweichen, sehr erwnscht. Er stellte sich, da zwei
Zimmer geffnet waren, in das Nebenzimmer zu Ackermann und trug ihm sein Gesuch
wegen Frnzchens vor ...
    Diesem kam der Antrag ganz erwnscht. Erst heute, bei den Vorbereitungen zu
dieser Einladung, htten sie ein Wesen vermit, das seiner Tochter nher stnde
als eine gewhnliche Dienerin.
    Mit Freuden! sagte er. Wenn Sie fr das junge Mdchen brgen! Doch warum
werden Sie nicht, da eine Liebe wie die des jungen Sandrart beweist, da sie
deren wrdig ist! Schon um den Alten ein wenig zu rgern, nehmen wir das Kind.
    Selma trat hinzu und erfuhr, worber es sich hier handelte.
    Nun, sagte sie, da ist ja all' mein Wnschen heute erfllt! Wie sehr hab'
ich mich der Rcksichten, ein Mdchen zu sein, entwhnt! Wie verlassen bin ich,
wenn ich einmal glnzen und den Menschen gefallen will!
    Sie kte den Vater. Die kastanienbraunen sich ringelnden Haare hingen auf
den Nacken herab und das Auge, das sich emporrichten mute, bekam dadurch einen
Aufschlag von durchdringender Kraft und schwrmerischer Milde.
    Darber sind wir nun einig! sagte Ackermann. Die Grnde, warum Sie sie vom
Forsthause entfernen wollen, erzhlen Sie mir ein andermal. Wenn sie ein
leichtes Gepck hat und bis fnf Uhr etwa zur Hand ist, bis wohin ich hier
mancherlei Geschfte abzumachen habe und Selma bis dahin bei der Pfarrerin
bleibt, nehmen wir diese Pflegebefohlne sogleich heute mit uns.
    Indem rasselte endlich der ersehnte, versptete letzte Wagen vor. Die
Justizdirektorin hatte schon vor Ungeduld und der Angst, ihre Speisen mchten
verbrennen, keine zusammenhngende Antwort mehr geben knnen, sondern war von
Gast zu Gast gewandert und hatte zu Jedem ber die Unschicklichkeit der
Versptungen gesprochen. Herr von Zeisel hatte Mhe, sie nur zu beruhigen.
Endlich kam ein groer Vierspnner, aus dem drei Mnner stiegen. Herr
Anverwandter, ein reicher Gutsbesitzer in Randhartingen, der Ortsvorstand Marx
aus Schnau und ein Dritter, den Niemand kannte.
    Louis stand gerade im politischen Gesprch mit dem sehr lebhaften,
aufgeregten konomen vom gelben Hirsch, Herrn Drossel, als die Thr aufging, der
starke Herr Anverwandter eintrat, nach ihm Herr Marx und der Dritte, der von
allen Anwesenden wenig Notiz nahm, sondern mit scharfem Blicke sich gleich Louis
hervorsuchte ...
    Louis wandte sich und erschrak, Siegbert Wildungen zu sehen.
    Die Frage: Wie ist Das mglich! ging in der Umarmung verloren.
    Die Anwesenden nahmen das lebhafteste Interesse an dieser Begrung und
waren, als sie den Namen hrten, gleich davon unterrichtet, da auch dieser
junge Maler zu dem engeren Freundeskreise des Frsten gehrte, dieser Wildungen,
der in den vielbesprochenen Johanniterproze verwickelt war, dessen Kunde schon
berall hin gedrungen schien.
    Siegbert, auf dem die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen ruhten, erzhlte
mit wenigen Worten, da er in dem vier Meilen von hier gelegenen rtchen Schnau
das freundlichste Entgegenkommen gefunden htte. Herr Marx htte ihn
aufgefordert, mit ihm nach Randhartingen zu fahren und Herrn Anverwandter zum
Geschenk fr seine Frau, die Herrn Anverwandter's Schwester wre, zu malen. Er
htte diesen Antrag angenommen, um, flsterte er Louis mit gedmpfterer Stimme
zu, in seine Nhe zu kommen, da er vermuthet htte, da er sich noch auf dem
Hohenberg befnde.
    Eine weitere Auseinandersetzung war nicht mglich, da eben die Aufforderung
zu Tische erfolgte. Paarweise schritt man ber einen steingepflasterten Corridor
nach einem sehr schn gelegenen Eckzimmer, das an freundlicheren Tagen eine
herrliche Aussicht in die Ebene bieten mute. Siegbert wurde dabei von der
Justizdirektorin wie im Traum entfhrt, Louis wagte Niemanden die Hand zu
bieten. Ackermann gab ihm seinen eigenen Arm; denn Selma, auf die es der Vater
fr Louis abgesehen hatte, war schon von dem Hauptmann und Rentmeister von
Snger entfhrt, der trotz seiner Jahre die Frauen liebte, wie sein alter Chef,
und schon die dritte Gemahlin hatte. Frau von Snger, eine hbsche, lebhafte
Blondine, schien nicht zufrieden, da sie mit dem einfachen Doktor Reinick
vorlieb nehmen mute.
    Auf dem Corridor sagte Ackermann zu Louis:
    Wer ist der junge Mann, der mit Herrn Anverwandter kam?
    Hrten Sie ihn nicht nennen? sagte Louis. Derselbe Siegbert Wildungen, von
dem Sie gestern erzhlten, da Sie ihn als Kind auf den Armen trugen.
    Ackermann war von dieser Mittheilung so erschttert, da er den Arm sinken
lie und sprachlos neben Louis in das helle heitere Ezimmer trat. Starr blieb
er hinter dem entferntesten Stuhle stehen und richtete den Blick auf Siegbert,
der seinerseits auch ihn, dessen Kopf ihm so wohlgefiel, flchtig fixirte.
    Frau von Zeisel duldete aber nicht, da schon Alles Platz nahm; denn gestern
Abend schon war ihre Sorge gewesen, mit Oleander, den sie deshalb vom
Whistspiele dispensirte, grndlichst zu berlegen, wie jeder Gast placirt sein
sollte. Der Aktuar Weie hatte in sauberster Canzleihandschrift alle Zettel
geschrieben, die auf den etwas altmodischen Glsern lagen und Jedes Namen in
einer auf Psychologie und die Schule der Hflichkeit begrndeten Ordnung
mglichst orthographisch wiedergaben. Fr Siegbert lag ursprnglich neben einem
der Frulein Drossel ein leerer Zettel und Frau von Zeisel hatte Herrn Ackermann
neben sich trotz der Rivalitt. Gleich aber wute die kleine Frau diesen Irrthum
zu eskamotiren und vertauschte die Zettel so, da Siegbert Wildungen, der blonde
Maler mit den blauen Augen, den frischen Lippen und den weien Zhnen, die bei
seinem geistreichen Lcheln so freundlich hervortraten, an ihre Seite, Ackermann
aber zu den Gelben Hirschtchtern in die Nhe des ultrademokratischen, aber wie
man sagte, auch ultrafinanzzerrtteten konomen Drossel kam.
    Endlich sa die Gesellschaft zu groer Beruhigung des Herrn von Zeisel, dem
einige gelinde Schweitropfen schon auf der Stirn standen. Er gab heute ein
Diner der Herablassung, ein Diner der Rcksichten, als Stellvertreter des
Frsten, dem Freunde des Frsten zu Ehre. Es war nur der einzige Adlige, Herr
von Snger, zugegen und auch dieser nur als frstlicher Rentmeister. Dennoch
setzte ihn selbst diese Aufgabe, wo er doch nur gndig, nur herablassend zu sein
brauchte, in Verlegenheit. Er hatte dabei den Takt, Louis Armand neben sich zur
Rechten zu setzen und ihm die Unterhaltung der Frau Pfarrerin zuzuweisen.
    Frau von Snger war eine sehr heitre, eine sehr kokette Frau. Sie zeichnete
sich durch schne Gesichtsfarbe aus und erweckte durch ihre Lebendigkeit eine
groe Vorstellung von dem ihr innewohnenden Temperament. Sie pflegte mit der
Justizdirektorin in Kleidung, Lebensweise und Neigung zu wetteifern und hatte
eigentlich, seitdem Frau von Zeisel Gefallen an Oleander fand, in der ganzen
Gegend Niemanden ihres Attachements Wrdigeren gefunden, als geradezu Selma's
Vater, der wohl im Stande war, noch auf mittlere Frauen einen lebhaften Eindruck
zu machen. Nun aber war ein junger Franzose, Louis Armand, und ein hbscher
Maler, Siegbert Wildungen, in den meist philisterhaften und bequemen Kreis
getreten. Da ihrem Stolze denn doch Louis' Stand zu geringfgig erschien, so
ergrimmte sie nicht wenig ber ihre Rivalin, die den andern neuen Ankmmling so
ohne Weiteres schon in Beschlag nahm. Ihr Gatte entfaltete inzwischen gegen
Selma jene Liebenswrdigkeit der alten Herren, die in gewissen Schranken sich
haltend den Frauen immer gefllt und von den jungen Mnnern nur zu selten zum
Muster genommen wird.
    Frau von Zeisel hatte ein zwischen der Malerei und der Kche getheiltes
Herz. Ihre Blicke schossen bald auf ihren Nachbar, bald auf die Schsseln, die
die Mgde hereintrugen. Sie erntete alle Anerkennung. Man begrte jede neue
Speise mit einem Blicke auf die prsidirende Wirthin, die zwar die Wrde des
Standes im Allgemeinen vortrefflich behauptete, zuweilen aber doch, besonders
wenn es sich um Ergnzung der leergewordenen Flaschen handelte, sich hinreien
lie, Winke zu geben, ja sogar selbst einmal fast aufstand, wofr Herr von
Zeisel aber den Muth hatte, sie mit einem ernsten Blicke zu bestrafen.
    Ackermann beobachtete voll Rhrung die Freundschaftsblicke, die Siegbert und
Louis zuweilen ber den Tisch wechselten. Er war unstreitig der schweigsamste am
Tisch. Selma plauderte mehr, als ihm lieb war. Das junge Mdchen, die Blume der
Tafel und der eigentliche Mittelpunkt der Gesellschaft, schien nur zu sprechen,
um eine innere Aufregung zu verbergen. Oft warf sie einen verstohlenen Blick zu
Louis und einen ganz flchtigen zu Siegbert hinber, der seinerseits von dem
Reize dieses frischen Kindes trumerisch gefesselt war.
    Oleander, der Vikar, stand natrlich zuerst auf und brachte einen Toast auf
den Frsten. Er nannte Egon von Hohenberg Einen, der auf der Menschheit Hhen
ebenso scharfblickend empor, wie niederwrts zu schauen verstnde. Er hat,
schlo er in gebundener Rede, er hat des Lebens tiefste Wurzeln aufgesucht, das
innere Sein und der Erscheinung Flucht mit Denkerblick erspht; den Thron der
Wolken fand sein Alpenstab und was ihm schon das Schicksal selber gab, er nahm
es nur als seines Wanderns Lohn!
    Der Beifall war einstimmig. Nur Drossel brachte sogleich, bitter genug, die
neuen Wahlen und die geladenen Kanonen auf das Tapet. Es war ein Miston, den
Louis und Siegbert, sich gegenseitig bedeutsam ansehend, wohl in der ganzen
Dissonanz zu dem Akkord, den Oleander's Worte hervorgerufen hatten, fhlten.
Ihre Freundschaft fr Egon gab dem Rentmeister Recht, als er Drosseln drohte,
den Rand zu halten. Freilich lie der alte Herr auch sogleich eine Anzahl
grimmigster Verwnschungen ber die Demokratie aufprasseln, die nun endlich in
dem Sohne des alten Generalfeldmarschalls ihren rechten Bndiger fnde. Er
richtete dabei mit einer gewissen Absichtlichkeit, die dem amerikanischgesinnten
Ackermann nicht entgehen konnte, ein frmliches Pelotonfeuer gegen die
Republikaner, die er mit Stumpf und Stiel ausgerottet verlangte. Auch der
Apotheker Sonntag, der Aktuar Weie und der Ortsvorstand Marx waren ganz
derselben Meinung und konnten die Gefahr, die dem Staate durch seine neuen
demokratischen Grundlagen drohe, nicht bedenklich genug schildern. Herr
Anverwandter war zu sehr Fettmasse, um eine Meinung ber das Princip der
Bewegung zu haben. Herr von Zeisel lavirte. Er meinte, die Politik des Frsten
lge wohl noch nicht ganz offen da. Heut' Abend wr' er vorlufig auf die
Zeitung gespannt ...
    Nicht offen? rief Drossel. Wer mit dieser gemigten Kammer nicht regieren
kann, wem selbst solche Moderirte, wie Justus, zu liberal sind, der kann nur mit
einer Beamten - Kammer regieren oder wird als Absolutist enden, falls sich
solche Komdien noch auffhren lassen.
    Ja, Herr, rief der Rentmeister, nach Pulver und Blei sollen Sie noch Ihre
Puppen tanzen sehen ... Dabei vergo vorlufig Herr von Snger schon mehr von
dem Rebenblute, als Frau von Zeisel lieb war.
    Es ist doch gut, sagte der Arzt Reinick, ein kleiner Mann von schlichtem
Aussehen und verstndiger Migung im Ton und seiner ganzen Haltung, es ist doch
gut, da es dabei auer Todten manche Verwundete geben wird, die man durch unsre
Kunst wiederherstellen kann. Man mu auch wieder an die rzte denken.
    Diese scherzhafte Wendung gefiel Siegbert, der schon in Randhartingen mit
dem Doktor Reinick Bekanntschaft gemacht hatte.
    Drossel aber stellte gegen die Kanonen gleich auch Kanonen. Er meinte, da
Salpeter berall in der Erde lge, Blei auch und Schieen wre jetzt ein
Kinderspiel. Die gefllten Blechbchsen, die man Karttschen nenne - wollte er
eben sagen -
    Herr Drossel! unterbrach ihn aber Frau von Zeisel. Ich bitte mir aus! Hier
werden keine Schlachten geliefert und keine Revolutionen gemacht. Essen Sie
meine Cotelettes und bewundern Sie meine jungen Gemse, die ich auch in
Blechbchsen verwahre.
    Man mute ber den bergang lachen. Frau von Zeisel verrieth, da sie nicht
ohne Verstand war. Ihre eigentliche Absicht merkte aber doch nur ihr Gatte. Er
sah, wie die Aufregung des Gelben Hirschwirthes, den man als Mittelpunkt der
noch nicht niedergeworfenen Demokratie der ganzen Gegend schonen mute, sich in
der Entleerung der in seiner Nhe stehenden Flaschen vorzugsweise zu erkennen
gab. Er rechnete, da, wenn Das so fortginge und sich die Mnner hier politische
Scharmtzel lieferten, mehr Blut flieen wrde, als durch die Adern der
disponiblen sechszehn Flaschen rann. Frau von Zeisel begann auch bereits,
gewisse auf diese Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeisel zwar mit
Ingrimm, aber doch mit weltkundigem Takte zu verstehen. Glcklicherweise zeigte
sich Siegbert Wildungen, der Nachbar der Wirthin, von einer mannichfach
liebenswrdigen, hflichen, aufmerksamen Seite und erzhlte ihr von seiner
Absicht, in der That den dicken Herrn Anverwandter zu malen und sich lngere
Zeit in der Gegend zu halten, so viel Fesselndes, da sie mit einem rasch
verklingenden Seufzer die Kellerschlssel wirklich hinterrcks durch den Stuhl
der Bedienung zureichte und den Weinvorrath auf Gnade und Ungnade in fremde
Hnde gab.
    Man brachte einen Toast auf die Wirthin, den Wirth, die Damen, die Gste, ja
auch auf Louis Armand, den Freund und Genossen des Frsten. Diese Aufmerksamkeit
hatte Oleander gehabt, der Alles, was poetisch war, lebhaft ergriff und jenen
Muth besa, unter Schaalheit und Philisterei sich an das Bedeutendere zu halten,
mocht' es erst auch wunderlich erscheinen. Er erlebte aber damit den
eigenthmlichen Fall wie Jeder, der an das Edle im Menschen glaubt, da das
Poetische immer verstanden, immer freudig aufgenommen wird, selbst unter
nchtern Scheinenden und rein materiell Gestimmten. Er sagte hier einige schne
Worte ber Egon's allbekanntes, vergangnes Leben und Jeder verstand sie und
Jeder fhlte, wie sie diesen einfachen Fremdling verklrten und hoben.
    Louis Armand aber, der schon lngst bemerkt hatte, da man sich des
Justizdirektors wegen Zwang auferlegte, offen und frei die Verehrung vor
Ackermann auszusprechen, Louis erhob sich mit raschem Entschlu, lehnte den
Einflu, den man ihm auf den Frsten zuschrieb, bescheiden ab und sagte:
    Denen wollen wir Dank sagen, die dem Frsten die Hand geboten haben,
festzustehen auf dem Boden seiner Vter! Es lebe Herr Ackermann!
    Dieser Toast, so kurz, so einfach, so natrlich, drckte doch Aller Stimmung
aus und die langverhaltene Empfindung machte sich in dem freudigsten Jubel Bahn,
der nur noch von Drossel, der gleich hinzusetzte: Der Republikaner hoch!
unmelodisch genug berschrieen wurde.
    Ackermann hielt sich an den herzlichen Gru, der ihm in den Glsern
widerklang, die Reinick, Oleander, Sonntag, Anverwandter ihm entgegenhielten und
sagte, dem Justizdirektor die Hand bietend, die dieser auch gerhrt ergriff und
schttelte:
    Lassen Sie den Frhling leben, meine Freunde! Lassen Sie die Hoffnung leben!
Der Winter rttelt schon an der Thr, ein schlimmer Gast, der uns noch eine
lange Prfungszeit bringen wird! Wenn aber dann der Schnee auf diesen Hhen
schmelzen wird, wenn die Lerche steigend singt, die Erde, zerschnitten vom
Pfluge, Frhlingsodem ausstrmen wird, dann wollen wir Alle zusammenwirken und
im Glcke eines Mannes, den wir lieben, unser eignes finden. Auf treue, gute,
frhliche Nachbarschaft!
    Das war wieder ein Wort, so recht alle Herzen entzndend; denn nun bekam
Jeder doch auch etwas fr sich! So sind die Menschen. Erst allenfalls Einer,
dann aber auch gleich Alle. Die Glser klangen, die Hnde wurden geschttelt.
Als man dann sa und sich von den angeregten schnen Gefhlen sammelte, um
wieder zur Tafelfreude zurckzukehren, kam noch ein Glas als Nachzgler zu
Ackermann hinber. Selma hielt es hin, mit schalkhaftem, lchelndem Blick. Dem
Kinde glnzte eine Thrne im Auge, die der Vater durch einen Scherz nicht
entfernen konnte. Auch er war gerhrt und drckte die Hand der holden Tochter
ber den Tisch hinber.
    Wie vorauszusehen war, mute zuletzt auch der Gegenstand berhrt werden, den
damals alle Welt an den Namen Wildungen anknpfte. Gleich bei Siegbert's
Eintreten hatte man geflstert, ob dies jener Wildungen wre, der ... ja, ja!
hatte es geheien und mit um so gespannterem Interesse betrachtete ihn jedes
Mitglied der Tischgesellschaft.
    Herr von Zeisel war es, der das Eis dieser Spannung brach und mit den
beziehungsreichen sprend belauschten Worten Siegberten sein Glas entgegenhielt:
    Zwar hat sich Vieles in unserm Hohenberg gendert! Alte Irrthmer sind
erkannt worden und neue Hlfe ist gefunden. Aber man soll Niemanden verleugnen,
der uns Freund ist, wenn er auch irrte. Der Justizrath Schlurck mag der Zukunft
des Frstenthums nicht gewachsen gewesen sein. Dennoch schtz' ich ihn als
meinen Freund. Ich wnsch' ihm die reichsten Belohnungen fr seinen
allbewunderten, vielgerhmten Scharfsinn. Nur in einem Gegenstande soll er
unterliegen, in einem Punkte die Waffen strecken mssen, in einem eine
schmhliche Niederlage erleiden - Herr Siegbert Wildungen, ich meine in Ihrem
Proze!
    Da war der Damm weggerissen. Alle Blicke, alle Fragen der Neugier hatten nun
eine freie Strmung. Jeder sah nun in Siegbert Wildungen den knftigen Krsus
und Louis besann sich durch die Rthe, die den Freund berflog, sogleich auf die
uerungen, die noch vor kurzem ber diesen Gegenstand Siegbert im alten
Rathskeller der Residenz gethan hatte.
    Mit wrmerem Interesse aber, als alle brigen, lieen Selma und Ackermann
ihre Blicke auf Siegbert ruhen und bald wuten es Alle, da Ackermann in jngern
Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben.
    Wo Das? rief Siegbert erstaunt.
    In Thaldren!
    Kannten Sie meinen Vater?
    Vater und Mutter!
    Ich entsinne mich nicht, Ihren Namen -
    Wie geht es der Mutter?
    Sie krnkelt ...
    Siegbert begriff nicht, wie ihm wurde, als er Ackermann in's Auge sah. Es
stiegen ihm Empfindungen auf, denen er keinen Namen geben konnte. Ganz verloren
in die Zge Ackermann's und Selma's hrte er nicht, da man ihn um Auskunft ber
den Stand seines Prozesses bat.
    Erst Frau von Zeisel mute ihn erinnern, da man mit ihm sprach.
    Er sagte nun:
    In erster Instanz hat mein Bruder, der diese Angelegenheit mit Eifer
verfolgt, unsre Ansprche, von denen er so fest berzeugt ist, nicht behaupten
knnen. Wir haben verloren. Jetzt ist der Bruder in Angerode, wo wir schon
einmal ber diese alte Streitfrage Dokumente fanden. Es handelt sich um die
genauere Feststellung unsres Stammbaumes. Mein Bruder schreibt mir, da es ihm
gelungen ist, Thatsachen, die ein neues Licht verbreiten, aufzufinden. Schon ist
die Appellation im Gange.
    Wissen Sie, sagte Oleander, da Propst Gelbsattel, dem ich die hiesige
Vikarstelle verdanke, einer der heftigsten Gegner Ihrer Ansprche ist?
    Nicht blos der Propst, sagte Siegbert. Ich frchte, da wir alle Welt zu
Gegnern haben.
    Diese bescheidene selbstlose uerung bestritt man. Drossel meinte, so msse
es mit allem Unrecht gehen, das durch Verjhrung Recht geworden wre. Er
verwnschte dabei die Pfaffen, die Tyrannen, die Advokaten, die
Menschenschinder, die verthierten Sldlinge, die Staatsanleihen, Alles
durcheinander. Der Apotheker war sehr fr den Satz: Jeder ist sich selbst der
Nchste! Frau von Zeisel bedauerte unendlich, da es der schnen Melanie nicht
mehr mglich sein wrde, fast alle Tage ein andres Kleid anzuziehen, allein
darum gnne sie doch Herrn Siegbert Wildungen ein Vermgen, das sicher einem
Halbdutzend groer Rittergter gleichkme.
    Die Erwhnung Melanie's, der bergang auf ihre Anwesenheit in Hohenberg, die
Nachfrage wegen ihrer wieder abgebrochenen Verlobung mit dem Stallmeister
Lasally, der hier durch sein mrrisches Benehmen Alle verletzt hatte, die
lchelnden Mienen ber Melanie und den Frsten, alles Das war ein Durcheinander,
das fr Niemand chaotischer und unbehaglicher wurde als fr Selma. Siegbert,
Louis, Alle wurden ihr in diesem Augenblicke verhat. Es kreischte um sie her
wie von Dissonanzen. Das war Alles unaufgelst widerlich. Wahrhaft frei fhlte
sie sich von einem lstigen Drucke, als man in diesem Tumult aufstand und sie
sich an den Vater hngen konnte, dem sie zuflsterte:
    Fort! Fort! Vater! Hier ist es erstickend! Die Brust zerspringt mir!
    Ackermann kte ihre brennende Stirn und sagte in mildem Tone:
    Gewhne dich, Kind, an Rechnungen, die nicht aufgehen! Ich fhle dir das
Peinliche solcher Dinge, die du alle nur halb verstehst, wohl nach. Das Leben
ist so! Es ist aus Gegenstzen und unvermittelten Widersprchen zusammengesetzt.
Wenn man so sieht, da Alles anders ist, als man es gern haben will, mchte man
verzweifeln und in die Wildni fliehen.
    Nach den gesegneten Mahlzeiten, die man nun, weingerthet, speisenduftend,
gegenseitig sich noch wnschte, wurde Kaffee gereicht und manches vertrautere
Wort gesprochen. Frau von Snger rechnete darauf, jetzt auch von dem jungen
Maler einige Vortheile der Unterhaltung zu ziehen und war nicht wenig verstimmt,
als dieser nur mit Louis allein zu sprechen Lust zeigte. Sie ging ohne Zwang
Beiden nach und duldete nicht, da sie sich isolirten. Zu ihrem Verdrusse hrte
sie hier, da Siegbert nicht einmal mit ihnen nach Randhartingen zurckfahren,
sondern die Nacht, wie schon zwischen ihm und Louis verabredet war, auf dem
Schlosse bleiben wrde. Fr morgen erst versprach er ihr seine Aufwartung zu
machen.
    Himmel, sagte sie, man ist hier so verlassen von Menschen, die uns einmal
ber das Gewhnliche hinwegfhren, da Sie sich nicht wundern drfen, wenn ich
Ihnen gestehe, ich dulde Ihr Hierbleiben nicht.
    Nein, nein! sagte Siegbert lchelnd. Ich mu mich vor dem Reize, Sie zu
erobern, bewahren.
    Keine Eroberung! erwiederte die hbsche junge Frau. Nur Nchstenpflicht!
Haben Sie sich einmal verschlagen in eine Gegend, wo nur Wilde wohnen, so mssen
Sie sich Denen widmen, die Sie zhmen sollen ...
    Siegbert konnte die pikante kleine vertrauliche Unterhaltung nicht
fortsetzen, denn Ackermann, der auf ein Kanap sich niedergelassen hatte,
richtete einen so bedeutungsvollen, theilnehmenden Blick zu ihm hinber, da er
sich losmachte und zu ihm entschlpfte.
    Frau von Snger erfuhr von Louis, da Beide, er und Siegbert, die Absicht
htten, gemeinschaftlich nach dem Forsthause zu wandern. Das Wetter wre schn.
Gegen fnf Uhr wollten sie wieder zurck sein. Siegbert wrde dann auf dem
Schlosse ber Nacht bleiben und am Morgen eine Gelegenheit suchen, nach
Randhartingen zurckzukommen.
    Dies war genug, um Frau von Snger zu bestimmen, Siegbert nachzuspringen und
ihm zu sagen, da er ihren Wagen, der in der Schloremise stnde, hier behalten
und mit ihm morgen nachkommen solle. Sie wrde mit ihrem Manne in dem groen
Wagen des Herrn Anverwandter fahren. Und ehe noch Siegbert ablehnen, danken
konnte, war sie schon ihre langen aufgegangenen Locken schttelnd zu den Mnnern
hinber, um diese Anordnung kurz- und rundweg anzuzeigen, es ihren Kutscher
wissen zu lassen und sich dann die Locken vor'm Spiegel als Scheitel zu ordnen.
    Siegbert erfuhr bei Ackermann, da Selma schon zu den Kindern des Pfarrers
hinber wre, wo sie bliebe, bis er einige Geschfte geordnet und auch
vielleicht die neue Begleiterin aus dem Forsthause in Empfang genommen htte.
Einer weitern Nachfrage ber seine Beziehungen zu Siegbert's Eltern wich er
sonderbarerweise jetzt aus. Er war einsylbig, nachdenklich geworden. Fast schien
es, als bereute er die Hingebung, die er ber Tisch verrathen. Siegbert fand,
da dies Antlitz, das ihn seiner mnnlich schnen Formen wegen so gefesselt
hatte, auch den Ausdruck eines tiefen Ernstes annehmen konnte und erschrak fast
vor dem Anflug von Klte, der ihm pltzlich aus Ackermann's Benehmen entgegen
wehte.
    Louis flsterte ihm zu, sie wollten gehen und von der Gesellschaft ohne viel
Aufsehens scheiden. Doch gelang ihnen dieser Rckzug nicht ganz. Die
Justizdirektorin und ihr Gatte wenigstens sahen scharf genug, um sie nicht so
entschlpfen zu lassen. Louis gab das Versprechen baldigster Wiederkehr und
Siegbert gelobte, so lange er in Randhartingen an Herrn Anverwandter male - und
Sie sehen, fgte er auf den starken Herrn deutend, es gehrt Farbe dazu -
wenigstens einen Tag um den andern sich in Plessen sehen zu lassen. Fr heute
Abend schon zur Whistpartie wiederzukehren, mute er ablehnen, da er sich ganz
dem Wiedersehen Louis Armand's widmen wollte.
    So gelang es denn den Freunden, davon zu kommen. Wie sie allein waren, Jeder
sich mit einem Paletot gegen die Novemberluft, die sich schon rauh genug
ankndigte, gerstet hatte und nun sogleich auf dem nchsten Wege dem Forsthause
zuschritten, reichten sie sich nochmals die Hand, um ihre Freude ber dies
glckliche Zusammentreffen auszudrcken. Und die Worte entfuhren ihnen Beiden
fast wie im Zusammenklang:
    Gott sei Dank! Dies Diner wre berstanden.

                                 Achtes Capitel



                              Die beiden Gesellen

Ich dachte gleich, sagte Siegbert auf der Wanderung durch das Dorf nach dem
Walde zu, da Sie noch in Plessen sind, lieber Louis! Hier also weilte mein
Bruder und erlebte Dinge, die so verhngnivoll fr uns Alle wurden! Ist das
also da das Schlo?
    Bleiben Sie lnger hier! Genieen Sie die Gegend, die viele Schnheiten
bietet!
    Ich denke in acht bis zehn Tagen drben fertig zu werden und lasse mich oft
hier sehen. Wie lange bleiben Sie noch?
    Louis gedachte des einsamen verlassenen Murray und ihrer gemeinsamen so
schwierigen Forschungen. Der Blick nach dem Eckfenster that ihm um so mehr leid,
als er nicht wagen konnte, Siegbert mit Murray bekannt zu machen, der Fragen und
Errterungen wegen, die davon die Folge gewesen wren.
    Ich denke freilich schon in einigen Tagen zurckzukehren. Was sagen Sie zu
den neuesten politischen Nachrichten?
    Seit wir so pltzlich auseinander kamen, hat jeder Tag eine neue
berraschung gebracht. Egon tritt wie ein Dictator auf. Wenn ich auch die Kraft
liebe, so ist es doch bedenklich, da sich nur die conservative Partei ber
diese Auflsung der Volksvertretung gefreut hat.
    Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich vor Begier brenne, ihn zu sehen und zu
sprechen.
    Ich will wnschen, da Sie ihm gelegen kommen. Als ich einen Tag nach Ihnen
reiste, konnt' ich ihn nicht sprechen. Er trgt wie ein Atlas so schwer auf
seinen Schultern.
    Ich wnschte, er htte unserm Abende im Rathshause beigewohnt; ich glaube,
an dieser Verwirrung der Interessen htte ihn ein berdru ergriffen, wie uns.
    Glauben Sie? Egon ist ein Mensch der Thatsachen. Er wrde uns Ideologen
nennen und unsre Chimren verspottet haben.
    Und doch schleicht sich die Erinnerung an jenen Abend in jede freie Lcke
des Nachdenkens und fllt sie sogleich ganz. Ich denke immer daran und hefte im
Geiste schon jedem Menschen, der mir gefllt, das Kreuz unsres Bundes auf die
Schulter.
    Auch mir geht es so, sagte Siegbert berrascht von der gleichen Erfahrung.
Ich ri mich von der Residenz mit einem heroischen Entschlusse los. Ich mute es
thun, aus Grnden, die ich wol verschweigen soll ...
    Louis bat, ohne Sorge zu sein. Und wenn er auch vor ihm Geheimnisse htte,
er wre darum von seiner Freundschaft nicht weniger berzeugt.
    Ich kam nach Schnau, fuhr Siegbert fort, besuchte dort die Mnner, an die
mich der pltzlich so auffallend entgegenkommende Propst empfohlen hatte. Man
bot mir in der That eine ansehnliche Summe fr ein Frescobild in einer neu
ausgebauten freundlichen Kirche und billigte meine Plne fr den zu behandelnden
Gegenstand. Nachdem fing ich fr die Einweihung der Kirche an, einige alte
Gemlde von achtbarem Werthe wiederherzustellen und lernte in dieser Zeit manche
tchtige Persnlichkeit kennen. Sonderbar, da ich Alle in einer gleichen
Stimmung fand wie wir. Alle waren auf's lebhafteste an der Zeit und ihren
Entwickelungen betheiligt, Wenige aber konnten sich mit dem Parteigeiste, wie er
nun einmal geworden, ganz befreunden. Fast Alle warten auf einen politischen
Messias, die Einen in Gestalt eines Napoleon, die Andern in Gestalt eines
Washington. Ich gestehe, da das Vertrauen auf Egon nicht gering ist. Man hat
ihn schon so oft die Verachtung vor dem bisherigen Laufe der Dinge auf der
Tribne aussprechen hren, da Jedermann glaubt, er wrde einen vllig neuen
Staat aufbauen. Mit Ungeduld erwartet man das Wahlgesetz, das er, wie man
vermuthet, oktroyiren wird. Und doch bemitleidet man ihn, da er mit denselben
Steinen, die er eben abgetragen, doch wieder wird bauen mssen. Mir nun, dem
Maler, glaubt Jedermann sagen zu mssen, da die Knste in solcher Zeit keine
Freistatt mehr genssen und ergeht sich in Anklagen gegen die Welt, die
unwillkrlich mir doch den Plan meines Bruders als eine groe, in der Zeit
schlummernde Idee darstellen.
    O gewi, sagte Louis. Ich gestehe Ihnen, bin ich zerstreut durch Manches,
was mir seitdem begegnete, oder ist es die Folge jenes Abends, meine
Gesichtskreise haben sich erweitert. Ich fhle mich hher gestellt in dem
Standpunkt, von dem aus ich die Schwierigkeiten des Augenblicks beurtheile. Und
ich wiederhole Ihnen, ich habe eine Neigung, Genossen fr die Ritterschaft des
Geistes zu gewinnen, die unwiderstehlich ist.
    Das ist auch mein Fall. Und ich sollte meinen, der Drang, Proselyten zu
finden, ist das beste Kennzeichen einer in uns lebendig gewordenen Wahrheit.
    Ich sehe, fuhr Louis fort, so viele Menschen, die auerhalb der Tagesdebatte
stehen. Warum sollen sie nur stumm reflectiren? Warum soll ihr Geist, ihre
Gesinnung daliegen wie das todte Pfund in der Erde? Sie brauchen ja nicht Hand
anzulegen, irgend in den Gang der Geschichte einzugreifen ... nein! Es gengt
schon, da Gesinnung an Gesinnung sich kette und der Geist selbst aneinander
sich entznde. Unter den Gsten, die Sie heute sahen, wrd' ich wenige fr
wrdig halten, zu Rittern vom Geiste geschlagen zu werden, aber die, die ich
meine, wrde das vierblttrige Kleeblatt, das Symbol des seltenen Fundes, wohl
zieren.
    Hat Ihnen das Symbol gefallen? fragte Siegbert, der sich erinnerte, da auf
dem Heimwege vom Rathskeller davon gesprochen wurde.
    Ich dachte mir, sagte Louis, als Ihr Bruder von dem Kreuze und seinen Enden
sprach, wie meine Schwester mit ihren Freundinnen spazieren ging. Man wandelt
frhlich und an der Abendsonne sich ergtzend ber den grnen Wiesenplan und das
Auge sucht unter den Tausend Dreiblttern nach einem Vierblatt. Man findet es,
man jubelt, man ruft die Genossen. Ein Vierblatt! Jeder will es sehen, Jeder
bewundert das Spiel der Natur und Jeder wnscht Dem, der das Vierblatt gefunden,
Glck; denn ein vierblttriges Kleeblatt bedeutet Glck.
    Und wem mchten Sie die vier Punkte auf die Schultern drcken von Denen, die
dort heute zusammengewrfelt waren?
    Zuerst dem edlen Vater des schnen Mdchens -
    Ackermann! Entsinn' ich mich doch vergebens, in meiner Kindheit je von einem
Manne dieses Namens gehrt zu haben!
    Ich fand, da er gestern, als ich Ihrer erwhnte, mit grerer Herzlichkeit
der Ihrigen gedachte, als heute, wo er sich Zwang anzulegen schien -
    Er wies meine Freundlichkeit eben fast zurck -
    Auch dafr mu er irgend einen Grund haben; denn dies ist ein Charakter, der
niemals eine Laune ber sich Herr werden lt -
    Entsinnen Sie sich, da ich schon an jenem Abende uerte, wie wenig wahren
Antheil wir Brder fr unsern Proze voraussetzen drfen ...
    Grbeln Sie darber nicht! Wte er, welche Gedanken Ihr Bruder mit dieser
Erbschaft verbindet, wie gro er die an ihn gestellte Mahnung der Zeit auffat,
wie er mit diesen Hlfsmitteln den in Trmmer zerfallnen Tempel der Menschheit
wieder aufbauen will -
    Er wrde uns Phantasten nennen! Ihn erinnert das vierblttrige Kleeblatt
vielleicht nur an die konomie -
    Den Vater eines solchen Mdchens?
    Selma! Ein Kopf, den ich wol lieber malte, als die Stierphysiognomie drben
in Randhartingen ...
    Auch auf den Pfarrvikar Oleander mcht' ich rechnen und vielleicht den Arzt
Reinick, der so wenig und so milde und so klar sprach.
    Auch mir prgten sich in Schnau, einem kleinen aber sehr wohlhabenden Orte,
viel ernste und ein inneres Leben verrathende Physiognomieen ein. Nur schade,
da man sie aus der Masse solcher Kpfe, wie jener Drossel, erst ausscheiden
mu.
    Es ist erstaunlich, sagte Louis, da ich einen Republikaner, wie diesen
exaltirten Mann, noch vor kurzer Zeit als eine groe Sttze meiner Vorstellungen
ber die umzundernde Gesellschaft angesehen htte, und doch glaub' ich gewi zu
sein, da man mit ihm zwar das Alte zerstren, aber Neues nicht aufbauen knnte.
Er wrde vor allen Dingen darnach trachten, in der allgemeinen Verwirrung erst
seiner Verbindlichkeiten, von denen ich hre, da deren viele auf ihm lasten,
ledig zu werden und nachher ein ebenso gewaltsamer Despot werden, wie die
Despoten waren, die er strzte. Mein Vaterland gibt ja fr diese traurige
Thatsache tglich die Beweise. Die eine Partei verdrngt die andere und bedient
sich, um sich zu behaupten, derselben gewaltsamen Mittel, die die frhere Partei
so gehssig machte. Und Alle berufen sich, mich berglht es vor Zorn, wenn ich
daran denke, Alle berufen sich auf die Nothwendigkeit der Ordnung, die
Herrschaft der Gesetze, den Zwang der Disciplin. Diese Elenden! Nur deshalb
wollen sie Gehorsam, um den Staat fr sich ausbeuten zu knnen und Mittel zu
sammeln, ihren vorauszusehenden Sturz auf die Lnge minder schmerzlich zu
ertragen.
    Bei diesen Worten lenkten Louis und Siegbert in den Wald ein und gingen
denselben Weg, auf welchem im Sommer, an einem Vormittage, als das goldne
Sonnenlicht durch die grnen Zweige schimmerte, vom Jgerhause zurckkehrend,
durch Ackermann angeregt, Dankmar so lebhaft von der Nothwendigkeit eines
Erkennungszeichens Gleichgesinnter berzeugt war und ber seinen Bund der Ritter
vom Geiste nachdachte.
    Es ging ein scharfer, kalter Wind. Das welke Laub wurde wirbelweise erfat
und fortgeschleudert. Geknickte Zweige lagen am Wege oder hingen noch halb, oft
gefhrlich, an den Stmmen.
    Louis erzhlte nochmals ausfhrlicher sein Vorhaben mit Franziska Heunisch,
die Siegbert dem Namen nach schon kannte. Hatte er doch das ihr bestimmte
Gedicht:
    Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! bersetzt. Er fragte Louis, ob er von
ihr wie von seiner Geliebten sprechen drfe?
    Louis schttelte den Kopf.
    Dies verlegene Schweigen erinnerte Siegbert so lebhaft an Das, was in seiner
eignen Brust verschlossen lebte, da er trben Blickes ber die welken Bltter
hinausschaute und nach einer Weile, wie fr sich selber, sagte:
    Die erschlossene Knospe ist das Gestndni der Liebe! Nicht zu spt komm'
es, aber auch nicht zu frh!
    Und wieder nach einer Weile sagte er:
    Wissen Sie, da Helene d'Azimont nach Italien ist?
    Ich erfuhr es.
    Aber erstaunen werden Sie, wer sie begleitet ... Die junge Tochter der
Frstin Wsmskoi ... Olga ...
    Louis schwieg. Er hatte von Egon gehrt, da Siegbert Wildungen im Hause der
Schwester Helenen's geliebt wurde ...
    Was denken Sie von einer solchen Schule des jungen Mdchens? sagte Siegbert
bewegt. Ich lugne nicht, da Olga, von den ersten Regungen ihres jungen Herzens
irre gefhrt, mir Beweise mehr kindlicher, als denkend empfindender Liebe
gegeben hat ...
    Die Eifersucht auf die Mutter hatte die Flamme genhrt ... sagte Louis
zurckhaltend.
    Auch Das ist der Welt bekannt? rief Siegbert mit schmerzlicher Erregung.
Alle, Alle sahen es. Nur ich Thor war verblendet und wiegte mich, dem trgen,
schlummernden Goldkfer gleich, in dem Kelche der Blumen. Wie bereu' ich diese
glcklichen Tage! Wie viel qualvolle Stunden werden ihnen folgen!
    Unerklrlich ist, wie Olga entfliehen konnte!
    Doch nicht! sagte Siegbert. Rudhard hatte mit Gewalt beschlossen, mit ihr
und den andern Kindern zu reisen. Noch hr' ich, da ein von ihrem Vater ihr
bestimmter Verlobter eingetroffen sein soll. Es blieb ihr nur die Wahl, entweder
mit Rudhard zu reisen oder sich mit Otto von Dystra zu verloben.
    Otto von Dystra? sagte Louis berrascht. Ein russischer Diplomat? Aus
Amerika?
    Ganz recht.
    Ein Freund Ackermann's, ein Bekannter ...
    Fast htte Louis Murray's Namen, den er doch verschweigen wollte,
ausgesprochen.
    Wie sie Alle besttigen werden, fuhr Siegbert fort, ein Mann, der nicht ohne
Bedeutung sein soll.
    Ein Sonderling! Unstt - Reisender! berdies hlich ...
    Menschen von Geist sind nicht hlich.
    Einer solchen Verbindung knnten Sie das Wort reden?
    Rudhard verschwieg mir nichts von den Wunderlichkeiten dieses Mannes; doch
mute er ihn einen Philosophen nennen und gestand mir, da grade eine solche
Natur im Stande sein wrde, Olga's Erziehung zu vollenden.
    Nein! Nein! Abscheuliche Sklaverei! Erziehung in der Ehe! Philosophie, wo
das Herz glcklich sein will! Wie lob' ich das entschlossene Mdchen, da es den
Muth hatte, zu entfliehen und das Herz zu retten, in dem Siegbert Wildungen's
Bild lebt!
    Sie brauchen fast dieselben Worte, lieber Louis, sagte Siegbert lchelnd,
wie sie selbst ...
    Sie schreibt Ihnen?
    Aus der ersten Stadt, wo sie rastete. Es sind die lyrischen Ergsse eines
schwrmerischen Mdchens, das durch die Welt reist, um sie mit ihren Idealen zu
vergleichen. Ich wrde diese Wendung mit Freuden verfolgen, wenn nicht auch
Helene von Olga mit leidenschaftlicher Liebe angebetet wrde. O nur Helene wei
zu lieben, schreibt sie mir. Helene ist die Liebe selbst. Die himmlische, die in
diese abscheuliche Erde nicht pat! Egon ist einer von diesen herzlosen Gttern
der Erde, die Menschenopfer verlangen. Er ist kein Teufel und kein berirdischer
Gott, er ist nicht ganz bse und nicht ganz gut, nur er selbst ist er, der
Schatten seines Schattens, das Echo seines Echos, einer der herzlosen Dmonen,
die Alles wegzusptteln, wegzulcheln wissen und an Wahrheit erst glauben, wenn
einmal ein betrogenes Weib den Dolch erhebt und sie fr die Lge ihres Geistes
den Stahl einer wirklichen Rache empfinden lt!
    Ums Himmelswillen, rief Louis lachend, Das ist ja ein Plagiat! Das sind
Worte, die Olga Helenen nachschreibt und Helene hat sie von der Phdra oder
sonst einer wilden Heroine aus dem Thtre Franais!
    Ich wrde lachen, wie Sie, Louis, bemerkte Siegbert, wenn nicht diese
Stylbungen eine neue Wendung erhielten durch den Trost, den Helene d'Azimont
finden wird, suchen mu. Leidenfrost schreibt mir, da der Maler Heinrichson,
Sie kennen den schnen, allen Frauen gefhrlichen Mann, nach Rom ginge, wie man
sagte, um sich dort mit Grfin Helene d'Azimont ein Zusammentreffen zu geben.
    Verlumdung! rief Louis. Befrchten Sie Das nicht! Die Grfin war
leichtsinnig, als sie keinen Mann gefunden, der der Liebe einer Frau wrdig war.
Sie fand aber Egon. Trotz der Schmerzen, die mit diesem ihrem Glcke andern
Menschen bereitet wurden, versichre ich Sie, da nach der Liebe eines solchen
Mannes Helene nicht im Stande ist, Gefallen zu finden an einem so glatten Dandy,
einer solchen geleckten Eleganz.
    Sie irren sich, Louis! Heinrichson besitzt Esprit. Er wei mit den Worten
Fangball zu spielen und besitzt jene blasirte Klte, die, mit Geist und schner
Figur verbunden, allen Weibern gefllt. Dazu ist er Maler. Ich erkenne an mir
selbst, wieviel wir bei dem Glcke, das wir in der Welt machen - abscheulich;
ich spreche wie ein Don Juan -
    Fahren Sie fort! Ich kenne die Maler. Ich war in Paris tglich mit ihnen in
Verbindung. Ich wei, was sie ihrer Kunst zu verdanken haben.
    Nun gut. Auch diesem Heinrichson flieen alle Vortheile seines Talentes zu.
Dabei kann man nicht umhin, sein Talent anzuerkennen. Er fhrt einen
geschmeidigen, anmuthigen, farbengrellen Pinsel. Es ist Lust und Leben in Dem,
was er auf die Leinwand wirft. Was er auch malt, blenden, fesseln wird es immer.
Befriedigen freilich kann es nur Die, die von Effekten gepackt sein wollen. Ich
wei nicht, ob Heinrichson in Rom bei den Kunstgenossen Glck machen wird. In
Paris wrde er's. Fr Rom frcht' ich, da man ihn oberflchlich und frivol
nennt. Er wird sich aber Anerkennung verschaffen durch Witz, Satyre. Man wird
Angst vor ihm haben, weil er treffende Urtheile schleudern kann. Genug, mein
Freund, nehmen Sie noch ein seltnes Sprachtalent, Conversationston im Salon,
vortreffliche Toilette, vornehme Empfehlungen hinzu und ich versichre Sie, er
wird Helenen fesseln, fr Egon entschdigen, eine Verbindung mit der Grfin
anknpfen und Olga, dies junge, noch reine Gemth, Olga, dieser Engel, soll
jetzt schon Zeuge solcher elenden modernen Verirrungen werden, soll ...
    Sie sehen zu weit! unterbrach Louis den trostbedrftigen Siegbert, der seine
lebendigste Liebe fr Olga nicht verbergen konnte. Ich kann nicht glauben, da
ein Weib, das einen Egon liebte und von ihm wieder geliebt wurde, so sehr das
Bedrfni eines zrtlichen Verhltnisses verrathen knnte, um diesen Tausch
einzugehen.
    O, rief Siegbert, in mir erhebt sich Alles, Alles, um diesen Verdacht zu
bekmpfen. Jede Fiber meines Herzens spricht fr die Unmglichkeit solcher
Gesinnungslosigkeit des Herzens am Weibe berhaupt, und doch klingen mir die
Worte im Ohre, die Dankmar einmal zu mir sprach: O Das sind die Frauen, die mit
ihrem Herzen Alles mglich machen knnen, wie mit Handschuhen, die man wscht,
frbt, umkehrt, wie mit Polypen, die man aufschneidet, herumwendet und die
dennoch leben, auch wenn der Bauch ihr Rcken, der Rcken ihr Bauch geworden!
    Bitter, sehr bitter und gewi oft wahr! rief Louis erschreckend. Aber geben
Sie diese trbe Vorstellung auf! Hoffen Sie auf eine schnre Entwickelung des
jungen Mdchens, das Ihnen so theuer ist! Oder treten Sie mit Entschiedenheit
bei der Frstin auf ...
    Bei der Frstin? wiederholte Siegbert in einem Tone, der Louis bestimmte,
fragender, als er sich sonst erlaubt htte, auf seinen Freund zu blicken.
    Weshalb hab' ich mich wol entschlossen, sagte Siegbert, das geistlose
Gesicht jenes reichen Gutsbesitzers in Randhartingen zu malen? Wissen Sie, da
ich von Schnau geflohen bin! Die Frstin lie mich einen Besuch in dem kleinen
Orte erwarten.
    Himmel! rief Louis erschreckend.
    Wohl wute sie ber diesen Entschlu, fuhr Siegbert fort, den Mantel einer
glaublichen Entschuldigung zu werfen. Sie sprach von einer Verwandten ihrer
Mutter, die in der Nhe wohne, von Otto von Dystra's Verlangen, mich kennen zu
lernen, doch mit den Vorwrfen, die sie mir ber meine Flucht machte,
verglichen, glaub' ich fast, sie will sich selbst berzeugen, ob ich wirklich in
Schnau bin oder nicht gar mit Olga und Helenen irgendwo schwrme ...
    So wnsch' ich, sagte Louis lachend, sie kommt nach Schnau, findet Sie
nicht und reist, wie es sich gebhrt, ihrer Tochter nach Italien nach, einem
Aufenthalt, an den sie nicht glauben will.
    Das Seltsamste, schreibt mir ber diese Dinge mein Bruder Dankmar, das
Seltsamste ist dabei, da in diesen Frauenkpfen von den Lebenspflichten des
Mannes so gut wie gar keine Vorstellung existirt. Der Weltbau kann in Trmmer
gehen, wenn nur noch Platz zu ihrem Glcke brig bleibt. So unersttlich sind
diese Leidenschaften in der groen Welt, da man zuletzt wirklich mit Wonne vor
einem beschrnkten Mdchen stehen bleibt, das noch Sternblmchen zerzupft und
dabei fragt: Liebt er mich, liebt er mich nicht?
    Mit diesen Worten schwenkten die beiden Freunde an der Eiche rechts zur
Wiese hin, an deren Rande das Forsthaus vor ihnen lag. Es war schon dunkel
geworden. Doch sah man unten kein Licht. Die Hunde bellten der Annherung der
Fremden entgegen.
    Heunisch wird zu Hause sein! sagte Louis und beschleunigte die Schritte.
    Ich bin begierig, diese stille Liebe kennen zu lernen, sprach Siegbert
erwartungsvoll und verschob seine Mittheilungen aus Dankmar's und Leidenfrost's
Briefen auf den Abend, wo er mit Louis im Schlosse allein zu sein hoffte.
    Wir sind allein! besttigte Louis, nicht ohne Verlegenheit, wie er es mit
Murray halten wrde.
    Frnzchen hatte die Ankommenden trotz der Dmmerung erkannt und kam ihnen
unter der Hausthr fragend entgegen.
    Siegbert freute sich an dem zarten, blhenden Mdchen und dem romantischen
Aufenthalte. Der Wald, die Wiese, das Jgerhaus, die liebliche Bewohnerin
schienen ihm zusammenzupassen wie ein Mrchen von Grimm.
    Fr ein Bild sehr romantisch, sagte Louis. In der Wirklichkeit ist es aber
besser, da Frnzchen in den Ullagrund zieht. Herr Ackermann ist einverstanden
und erwartet Sie schon jetzt, schon fr heute. Er ist in Plessen und nimmt Sie
sogleich mit.
    Franziska sprach so laut ihre Freude aus, da Heunisch, der eben mit der
Pfeife aus der Hausthr trat, schon unter der Thr hrte, da der neue Pchter
eingewilligt hatte. Er dachte dabei mit Spekulation an den alten Sandrart und
hatte seine vollkommenste Freude an diesem Ausgang.
    Jetzt aber rasch! sagte Louis. Das Nthigste trag' ich selbst und das brige
schaffen Sie nach, Herr Heunisch!
    Da liegt schon vorlufig ein Bndel, warten Sie, ich lege meine Pfeife weg -
    Bleiben Sie nur, bedeutete ihn Louis, Das trag' ich selbst, da ist keine
Hlfe nthig.
    Damit hob er den Bndel auf, der mit der nthigen Wsche versehen war.
    Franziska sagte:
    Wir wechseln ab. Nur fort! Adieu Onkel! Behte Sie Gott und kommen Sie
gleich morgen!
    Heunisch hatte nicht das geringste Mistrauen in dies Verhltni zwischen
Franziska und dem jungen Fremdling, der sich ihrer Angelegenheiten so
theilnehmend annahm. Er sagte:
    Die Katze kriegt doch noch ein Pftchen? Sieh, wie sie sich anschmiegt!
Komm, Mutz, gib dein Patschchen! Der fremde Herr macht sie confus. Ja, Herr, so
wohnen wir hier im Walde ... sehen Sie sich um! Schieen Sie gern? Aber
Frnzchen, doch noch ein Licht! Ei, willst mich im Dunkeln lassen? Ein Licht,
da der Herr da sieht, wie's bei einem alten Jgersmann sich wohnen lt. Den
Eilf - Ender da an der Wand scho ich selbsten ...
    Louis machte Licht mit einem Streichfeuerzeuge, das er nach seinen
praktischen Gewohnheiten immer bei sich fhrte.
    Ich gehe nicht mehr in die Kche, flsterte ihm Frnzchen zu, kommen Sie
nur!
    Siegbert sprach einiges romantische Durcheinander vom freien Jgerleben und
vom lust'gen Waldrevier. Er betrachtete die Bilder, die Vogelkfige, den Eilf -
Ender und die Rehbockhrner ber der Thr, die Bchsen an der Wand, Frnzchen,
das mit ihrem Bndel stand, wie er sich Goethe's Dorothea gedacht haben wrde,
nur war sie kleiner, aber lieblicher und wohl frischer, wie jene Emigrantin
gewesen sein mag.
    Es gelang Heunischen nicht, den Auszug noch lnger hinzuhalten. Man verlie
das Haus. Er begleitete die Scheidenden noch die Wiese entlang. Er hatte so ein
dringendes Verlangen, so eine Freude ber die Nachricht der Erlaubni des
Generalpchters, Frnzchen in die Nhe des alten Sandrart zu bringen, da er
ber diesen Abschied ordentlichen Jubel empfand und versicherte, ihr morgen alle
ihre andern Habseligkeiten nachzubringen.
    Was ist Das fr ein Vogel? fragte Siegbert, sich pltzlich umdrehend.
    Der so lacht? meinte Heunisch und lachte selbst. Eine Lachtaube ist es
nicht, Herr.
    Frnzchen zog Louis, der den Bndel trug, mit Gewalt weg.
    Louis hatte aber auch ein grelles, thierisches Auflachen gehrt und blieb
stehen.
    Das ist die Urschel! meinte Heunisch und konnte nicht anders, als selbst
ber die Alte lachen, die ihrer Rivalin, ihrem Strenfried, der nun abzog, einen
Spott nach ihrer Art nachsandte.
    Meine alte Haushlterin, setzte er fr Siegbert, der ber diese Bosheit hier
in Gottes stiller Natur erstarrt war, hinzu. Meine alte Ursula Marzahn! So wie
ich sagte:
    Frnzchen kommt! kroch sie oben auf ihre Kammer und legte sich in's Bett.
Nun sie hrt: Frnzchen geht! kichert sie hinter uns her. Alte! schweig! rief
Heunisch jetzt hinauf und klatschte, wie man etwa einem Thier thut, das man
verscheuchen will, einige Male in die Hnde. Da hrte das boshafte Lachen auf
...
    An der Eiche, unter der einst Dankmar von dem Bunde der Guten und Denkenden
zuerst getrumt hatte, nahm Heunisch Abschied, nach der Art dieser Leute
umstndlich, ohne fertig werden zu knnen und die Rhrung durch tausend
Kleinigkeiten verdeckend. Frnzchen erhielt darauf von Siegbert den Arm
angeboten. Warum sollte sie ihn nicht annehmen! War sie doch in einer Stimmung,
als htte sie sich jetzt allen Menschen an den Hals werfen und rufen sollen: Ich
lebe wieder! Ich bin gerettet!
    Louis regte eine Aufklrung Siegbert's an. Man erzhlte ihm, was diese
Freude begrndete. Da sah er wohl, ein wie glckliches Wesen er am Arme fhrte.
Frnzchen trat behend wie ein Reh und hing ihm wie im Tanz so leicht am Arme.
Sie hatte, da es kalt war, ein Mntelchen ber und einen Strohhut mit rothem
Bande, der die Blsse ihres Gesichts noch zarter hervorhob. Sie erzhlte, wie
sie die Nacht in ngsten zugebracht htte und heute frh, whrend Heunisch aus
war, htte sie jeden Augenblick erwarten knnen, die bse Frau wrde die Treppe
heruntergeschlorrt kommen und sie wieder so durchbohrend und hexenartig ansehen
wie gestern.
    So und hnlich plaudernd und dabei berrasch vorwrtsschreitend kamen sie
mit dem fnften Glockenschlage in Plessen richtig an. Es war die hchste Zeit,
denn vor dem Pfarrhause sahen sie schon den kleinen Wagen Ackermann's und bei
dem Licht in der Stube harrende Figuren am Fenster. Nher kommend unterschied
Louis Ackermann, Oleander und Selma. Am Amthause war schon Alles still.
    Eintretend in das Pfarrhaus und in die Wohnstube gleich linker Hand bergab
Louis, der den Bndel auf die Hausflur geworfen hatte, Ackermann und Selma die
neue Schutzbefohlne. Ackermann verrieth durch einen flchtig musternden Blick,
da ihm das Mdchen gefalle und Selma bot ihr freundlichst die Hand.
    Da hab' ich ja, sagte sie, was ich wnschte! Wir wollen frhlich
zusammenleben und uns schon gut vertragen.
    O Frulein ... stammelte Franziska.
    Und so prchtigen Putz machen Sie! Wie schn ist das Band am Hute
aufgesteckt! Ich verstehe gar nichts von diesen Dingen, auf die die Leute so
streng sehen. Heute am Tisch bin ich so gemustert worden, da ich immer dachte:
Wartet, das nchste Mal sollt Ihr sehen, da ich die neueste Mode trage. Ich
dachte an Sie, liebe Franziska.
    Wie sind Sie gtig!
    Ich gestatte Euch, Eure Toilettengesprche im Wagen fortzusetzen, whrend
ich vielleicht schlafe, bemerkte Ackermann. Es wird zu finster. Gute Nacht, Frau
Pfarrerin.
    Groer Stromer! Dein Weib wischte sich erst die Hand ab, ehe sie die ihr von
Ackermann gebotene annehmen konnte. Die Kche, die Mgde, die Hhner, die Eier,
das Fttern, das Waschen, das Putzen ... und die Kinder! Die Kinder! Die Kinder!
    Oleander sagte, da morgen zeitig eingeholt werden mte, was heute versumt
wre.
    Selma antwortete nichts darauf. Sie schien zerstreut und noch nicht frei von
den beklemmenden Gefhlen, die sie heute in Louis' Nhe drckten. Siegberten,
der einige freundliche Worte mit Ackermann gewechselt und von diesem eine
herzliche Einladung zum Besuche im Ullagrunde erhalten hatte, verneigte sie sich
flchtig, aber mit einem jener wohlwollenden Blicke, die nur so im
Vorberstreifen hingeworfen an Frauen immer bezaubern mssen. Leidenfrost hatte
einmal zu Siegbert diese Blicke, die auch Melanie sehr in der Gewalt hatte, wenn
sie durch das Berg'sche Atelier schwebte, pantheistische genannt und seine
Bezeichnung so erklrt: Die Frauen wollen gewissermaen mit diesen Blicken
sagen: Freund, auch du bist liebenswrdig und ich wrde dich gern nehmen, wenn
ich nicht schon schwrmerisch liebte und bei unsern dstern monotheistischen
Ideen nur Einen Gott und keinen Andern neben ihm haben drfte!
    Louis reichte dem Knecht das Pckchen hinauf, das er neben sich legte. Im
Wagen war es ziemlich eng; denn statt der kleinen Hedwig, die Ackermann
zurckgebracht hatte, ging heute der mittelste Knabe mit, Waldemar, dessen Pathe
der alte Frst Waldemar von Hohenberg gewesen war. Alle zwei, drei Tage
wechselte Selma unter den Kindern der Frau Pfarrerin ab, die noch an dem
Wagenschlage stand und fr die Liebe dieser guten Menschen dankte. Ackermann,
der noch immer in einer gedrckten, nachdenklichen Stimmung blieb, schien froh,
als sich endlich sein Gaul in Bewegung setzte. Frnzchen reichte voll Innigkeit
und freudigen Dankes Louis noch die Hand, whrend der Wagen schon rollte.
    Louis und Siegbert muten, da sie ihre Hte in dem Pfarrhause gelassen,
wieder zurck eintreten und Oleander mochte sie nun nicht weglassen.
    Sie wissen, was Sie mir gestern versprochen haben, sagte er zu Louis.
    Louis, dem es peinlich war, Murray aus seiner einsamen Ruhe aufzuschrecken,
dachte sehr lebhaft daran, ob nicht Siegbert, er und Oleander den Abend zusammen
zubringen knnten.
    Herr Oleander wollte die Gte haben, mir von seinen Gedichten vorzulesen ...
bemerkte er mit fragendem Blicke nach Siegbert hin.
    Dieser erwiderte sogleich:
    Ein Dichter dem andern! Wissen Sie, Herr Oleander, da Louis die artigsten
franzsischen Verse macht und ich sie zu bersetzen versuche?
    Diese Nachricht erfreute den schwbischen Vikar so, da er nicht ruhte und
die Freunde durchaus bei sich zu behalten erklrte.
    Frau Pfarrerin, Sie schicken uns einen Thee auf mein Zimmer, heizen ein und
das gleich! Erst hab' ich noch einen kleinen Gang. Dann kommen Sie hinauf oder
gehen Sie sogleich selbst und machen Sie sich's oben bequem!
    Louis sagte, er zge vor, erst auf das Schlo zu gehen und Sorge zu tragen
fr das Nachtlager seines Freundes. Siegbert bat, keine Umstnde zu machen.
Louis, der nur gern ein Wort mit Murray sprechen, den armen Verlassenen,
Einsamen begren wollte, hielt Siegberten zurck und ging mit Oleander, der
eine Kranke, die Mllerin in der Mhle, besuchen wollte, hinaus in die
inzwischen vollstndig herabgesunkene Nacht.
    Wie trieb es Louis hinauf zu Murray! Es lastete auf ihm wie eine Schuld der
Lieblosigkeit. Er hatte ein Fest genossen, einen Freund gefunden, das Glck
gehabt, Franziska glcklich zu machen und da oben sitzt in stiller Verlassenheit
der freudlose, nur in sein Inneres blickende, wehmthige, gewissenskranke Alte,
der dies Erdenleben nur noch fr eine letzte Prfung ansah und alles
Trauerbringende fr seine Bestimmung! Es trieb Louis, als htte er ihm um den
Hals fallen und diesen ganzen reichen, glcklichen Tag abbitten mssen.
    Auf dem Emporwege begegnete ihm Brigitte, mit der er rasch besprach, da sie
noch ein Zimmer zu ffnen, noch ein Bett zuzurichten htte. Und ob das Fuhrwerk
der Frau von Snger die Nacht ber versorgt wre? Alles Das fragte und bestellte
er rasch hintereinander. Die Alte nickte und gab auf Jedes ihren hflichen
Bescheid. Nur eine Bemerkung war ihm peinlich. Der Amtsvoigt Pfannenstiel wre
bei ihr gewesen und htte nach dem alten Herrn oben gefragt, wre auch selbst zu
ihm gegangen und htte ihn ersucht, der Ordnung wegen, seinen Namen und seinen
Stand aufzuschreiben.
    So! So! sagte Louis und wollte seine Besorgni verbergen. Das ist ja Alles
in der Ordnung. Verget das Bett nicht!
    Nun erst hatte er recht Eile, zu Murray zu kommen.
    Er fand diesen wirklich in einiger Bewegung und begrte ihn sogleich mit
den heftigsten Vorwrfen gegen sich selbst.
    Ich lasse Sie allein! Verurtheilen Sie mich! Ich bin ohne Aufmerksamkeit fr
meine Freunde! Vergeben Sie mir!
    Beruhigen Sie sich, lieber Louis, sagte Murray mit weicher Gelassenheit. Ich
bin nie in Verlegenheit, mich mit mir selbst zu beschftigen. Nur wenn ich grade
sagen soll, was ich treibe, beunruhigt mich's. So vorhin, wo ich der Ortspolizei
ber Sie und mich, der Ordnung wegen, einen Nachtzettel habe ausfertigen mssen
...
    ber Sie und mich? Wenn auch ich verdchtig erscheine, beruhigt mich diese
Nachfrage. So sollte nur eine Frmlichkeit erfllt werden.
    Besorgten Sie, da mein Erscheinen auf diesem Schlosse und meine
Zurckgezogenheit auffllt? Hrten Sie etwas darber?
    Man bedauerte, da Sie nicht zu dem Diner kamen. Niemand verlangte, da ich
von Ihnen mehr sagte, als da Sie ein lterer Freund und Gnner meiner heute
ber Gebhr gefeierten Person sind.
    Louis theilte nun Murray in gedrngter Krze seine Erfahrungen mit.
Ackermann's Benehmen in dieser Gesellschaft schien Murray recht ein sprechender
Beweis fr den Charakter, den er in ihm schon am Missouri erkannt hatte.
    Ich sehe die Ironie auf seinem Antlitz! sagte er. Denn Sie mssen wissen,
da mir Ackermann oft erschien wie ein den hchsten Stnden angehrender
Flchtling. Sein Incognito war sozusagen wie das eines Frsten. Bei jeder
Lftung seines Rockes glaubte man einen Stern auf der Brust zu sehen ...
    Louis erzhlte von den Huldigungen, die man dem Frsten Egon dargebracht
htte, verweilte aber am lngsten bei der berraschenden Begegnung mit Siegbert
Wildungen. Das, was Murray am meisten interessiren mute, Frnzchen's
bersiedlung aus dem Forsthause, schien er ganz zu vergessen ...
    Endlich kam auch Louis auf diese und konnte nicht umhin, von Murray's
Schwester eine Schilderung zu machen, die Niemanden mehr bekmmerte als diesen
selbst.
    Ist sie, sagte er, wie ich fast fr gewi annehmen mu, in einem kindischen
Zustande, denkt ihr Geist nur an das Nchste, wie soll ich von der Vergangenheit
etwas erfahren knnen! Was hoffen Sie berhaupt von meinen Absichten, lieber
Louis? Ich sitze hier still in diesem Eckzimmer, lese, gravire, klimpere auch
auf dem verstimmten Flgel ... wird der Zufall mir Das, was ich suche, in den
Schoo werfen?
    Ich fhle Ihren Vorwurf, Murray -
    Keinen Vorwurf, junger Freund! Wenn ich mir zum Neide auch manchmal eine
Tugend, die uns zum Guten spornen kann, denken mu, so kann ich wohl sagen: Wie
beneid' ich Sie um diesen frischen sorglosen Genu Ihrer kleinen anregenden
Begegnisse! Wie frisch, wie herbstlich angerthet sehen Sie aus! Wie heiter
scheint Sie all' dies Einblicken in fremde Herzen und fremde Interessen zu
ergreifen! Und Sie lieben, Freund! Sie sahen einem jungen Mdchen in's Auge! Wie
knnt' ich da verlangen, da Sie auf die Bue denken, die ich mir fr alte
Snden auferlegte. Vergeben Sie, da ich Sie Ihren Fu in meine finstern Kreise
setzen lie!
    Murray! Murray! Was reden Sie? Ich Ihnen vergeben? Vergeben, da Sie mich in
das innerste Getriebe Ihrer geluterten Seele haben blicken lassen? Ach, ich
lauer, trger Freund! Morgen versprech' ich Ihnen, da wir Hand anlegen und zu
einem Ziele kommen. Ich bin nicht so leichtsinnig gewesen, nur an mich zu
denken. Ich habe berlegt ...
    Mit Vorsicht?
    Ich denke, wir knpfen an das verstimmte Instrument an. Ich gehe und lade
Ihren blinden Bruder ein mit seinem Sohne, der nicht hrt ...
    Aber sieht ...
    Das ist schlimm! Ich mchte, Zeck trte hier ein - Sie sitzen in einer Ecke
und beachten unser Gesprch - - Ich beginne von Zeck's Verhltnissen und lenke
immer mehr auf den Punkt hin, wo ich etwa mich stellen knnte, als wenn ich von
Ursula Marzahn Dinge gehrt htte, die ich von ihm besttigt wnschte ...
    Dies System macht einem Inquirenten Ehre! sagte Murray lchelnd. Aber ich
frchte die Gegenwart eines Solchen, der mich sehen kann ...
    Ich will etwas ausdenken, den Sohn zu entfernen und nur den Alten im Zimmer
zu behalten ... er ist trotz seiner Blendung von einer bewunderungswrdigen
Geschicklichkeit und wird an dem Instrumente bald erkennen, was wir wnschen -
    Wohlan! Es gibt keinen andern Weg! Und wissen Sie, da ich das Nchste,
Beste whlen mu aus einem mir pltzlich doch aufgestiegenen, sonderbaren
ngstlichen Gefhle ...
    Frchten Sie etwas?
    Wenn ich den Gedanken an meine Sicherheit Furcht nennen soll, so frcht' ich
wirklich ...
    Weil man nach unsrem Namen fragte?
    Nein, weil man mich beobachtet. Sehen Sie dort zum Garten hinber, hinter
den Bschen!
    Louis stand betroffen auf und wollte an das Fenster, auf das Murray deutete.
    Murray hielt ihn aber mit den Worten zurck:
    Nein! Nicht so! Erst nehmen Sie das Licht und stellen Sie es an ein andres
Fenster! Dann werden die Lauscher glauben, da wir dort stehen, und da
hervortreten, wo wir sie sehen knnen, ohne gesehen zu werden.
    Ich bin erstaunt! ... sagte Louis, stellte das Licht gegen ein andres
Fenster und folgte Murray hinter eine Gardine.
    Sehen Sie hinter den entlaubten Bschen jene beiden Mnner?
    Nicht deutlich. Es ist zu finster ...
    Warten Sie eine Weile, bis sich Ihr Auge an die Dunkelheit gewhnt hat.
Sehen Sie nur starr in die Nacht hinaus!
    Ich erblicke etwas -
    Die Bsche bewegen sich -
    Ich erblicke zwei Mnner ... in niedergedrckten Hten -
    Die sich vorbeugen -
    Und die Fenster fixiren! Das sind Landstreicher! Seien Sie unbesorgt! Ich
habe schon gestern von Heunisch gehrt, da Anzeige gekommen ist, man mchte
alle Fremden streng bewachen -
    Schon gestern umschlichen diese beiden Mnner das Schlo -
    Lassen Sie! Ich gehe hinunter ...
    Um's Himmelswillen! Setzen Sie sich keiner Gefahr aus!
    Die Mnner entfernen sich. Ich folge ihnen ...
    Nein, nein! Lassen Sie!
    Sie sind verschwunden ...
    Genug, ich will nicht, da Sie ihnen folgen. Bleiben Sie da!
    Das kann ich nicht, Murray ...
    Louis bat den Alten nun um Vergebung, da er ihn heute Abend wieder allein
lasse. Er wolle mit Siegbert bei Oleander den Abend zubringen.
    O gewi! Thun Sie Das! sagte Murray. Wenn drei so reine Flammen ineinander
flackern, Das mu ein behagliches Licht geben! Gehen Sie! Aber erst nach einer
Weile.
    Murray fesselte Louis durch die Wiederholung Dessen, was sie fr morgen
versuchen wollten. Dann kam Brigitte, ordnete das Bett, gab auf die Frage nach
zwei Mnnern im Garten die Antwort, da sie nichts gesehen htte und es
vielleicht der Kutscher und der Bediente der Frau von Snger wren; kurz, Murray
war endlich beruhigt und gestattete Louis hinunter zu gehen in die Schmiede, um
seinen Bruder fr morgen zu bestellen. Er wnschte Louis jede nur mgliche
Anregung durch einen mit einem Knstler und einem Dichter zugebrachten Abend.
    Louis sah sich unten nach allen Richtungen um, die beiden Mnner zu
entdecken. Er fand sie nicht. In der Schmiede war Alles wie ausgestorben. Das
Handwerkszeug lag umher. Die Kohlen waren verglht auf dem Herde. Louis rief.
Niemand antwortete. Eine Treppe, bemerkte er in der Dunkelheit, ging von der
Werkstatt empor. Er rief hinauf. Die Stimme eines alten Weibes lie sich hren.
    Ist denn Niemand hier? fragte Louis laut hinauf.
    Niemand hier! wiederholte es fast echoartig.
    Alles fort?
    Alles fort!
    Wie ausgestorben und ausgeflogen?
    Jetzt hrte er Holzpantoffeln.
    Eine kleine gebckte Alte kam mit einer Laterne ...
    Du mein Gott, lrmte sie, sind die beiden Taugenichtse fort -
    Der alte Zeck und sein Sohn? fragte Louis erstaunt ber dieses Prdikat, das
im Munde eines wie es schien hier dienenden Wesens etwas vermessen war.
    Nein, hie es, die beiden Gesellen!
    Hier ist Niemand. Wo ist der Meister und sein Sohn?
    Dieses Volk!
    Wetter! rief Louis. Ich frage nach Denen, die ihr nicht Volk nennen werdet.
Sind sie im Ullagrund?
    Die beiden alten Schlingel?
    Die krumme Alte kam aus dem Zorn ber die unerlaubte Abwesenheit der beiden
Gesellen nicht heraus. Sie wetterte ber diese unzuverlssigen Spitzbuben, die
jedoch morgen, Gott sei Dank! mit dem letzten Wochentage das Weitere zu suchen
htten.
    Louis zweifelte kaum daran, da die beiden so heftig vermaledeiten Gesellen
die Spher im Garten waren und beschlo ernstlich auf seiner Hut zu sein.
    Als er den alten und jungen Zeck zu morgen frh zehn Uhr, falls er nicht im
Ullagrunde arbeitete, auf das Schlo bestellt hatte, konnte er nicht umhin, die
Alte zu fragen, ob sie schon lange bei dem Meister diene. Sie sagte:
    Funfzehn Jahre!
    Es drngte ihn, sie weiter auszufragen; doch frchtete er, dem mistrauischen
Blinden, der gewi jedes seiner Worte wiedererzhlt bekam, damit Verdacht zu
erwecken. Er wiederholte daher nur einfach seine Bestellung und verlie die
Schmiede, whrend die Alte sich nicht beruhigen konnte, wo die beiden Gesellen,
wie sie sagte, ein Ende genommen htten.
    Louis beflgelte jetzt seinen Schritt, um an das Pfarrhaus zu kommen. Wie
erstaunte er, als er in der Ferne deutlich wieder jene beiden Gestalten
entdeckte, aber nicht allein, sondern mit einem Manne in Amtskleidung im
Gesprch begriffen! Sie trugen kurze Jacken und waren ohne Zweifel die beiden
unfleiigen Arbeiter. Den Mann in der Amtskleidung hatte er bei dem Diner heute
auf dem Corridor gesehen. Er folgte den Dreien, die ruhig und wie im
vertraulichsten Gesprch nebeneinander schlenderten. Sie schlugen den Weg zum
Amthause ein. Jetzt wandten sie sich, blieben eine Weile stehen, zeigten auf das
Schlo hinauf und traten dann wieder ihre Wanderung zum Amthause an, wo sie
zuletzt durch einen Vorbau Louis' weiteren Blicken entzogen waren.
    Er war dabei ber das Pfarrhaus schon hinausgekommen.
    Nachdenklich mute er stehen bleiben und sich zu erklren suchen, was er von
diesem Vorfalle denken sollte. Die Furcht vor Dieben gab er auf. Da ihm nichts
beifallen wollte, was ihm ganz wahrscheinlich dnkte, so glaubte er zuletzt sich
beruhigen zu knnen und voraussetzen zu mssen, da diese Arbeiter in das
Amtshaus wren gerufen worden zu irgend einer mit dem Schlosse in Verbindung
stehenden Reparatur oder einer sonstigen Dienstleistung.
    Er kehrte zum Pfarrhause zurck und sah in das nicht geschlossene, matt
erleuchtete Fenster. Es war eine Scene, die ihn fesselte. Zwei Kinder saen um
einen runden Tisch und hatten groe Zeitungen vor sich aufgeschlagen, aus denen
Siegbert sie vorlesen lie. Die Mutter, das jngste schlummernde Kind im
Schooe, mit einem Strickstrumpf in der Hand, sah bald auf diesen, bald auf das
Kind, bald auf Siegbert, der seine Freude an dem gelufigen Lesen der Kinder
hatte und ihnen das Gelesene zu erklren schien. Sie lchelte vor Vergngen ber
die Fertigkeiten, besonders Hedwig's, die alle von Siegbert ihr vorgelegten
Fragen gewandt beantwortete. Dazu das matte Licht einer kleinen Lampe, die
lautpickende, bis drauen hrbare Wanduhr, die Stille im Dorfe ... Louis mochte
sich kaum entschlieen, die einfache, friedliche Scene zu stren. Aber der Hund,
der unterm Tisch lag, witterte ihn und schlug an. Da mute er in die Hausthr
und seinen guten Abend sagen.
    Ich bin lange geblieben ...
    Oleander ist auch noch nicht da, bemerkte die Pfarrerin. Die Mllerin hat
ein zehrendes Siechthum und bittet immer den Guten, ihr Abends ein Capitel aus
der Bibel vorzulesen. Heut' sind es mehr geworden, sagte sie. Er bleibt lange
...
    Inzwischen haben mir die Kleinen aus dem Jahrhundert die Werke ihres Papas
vorgelesen, sagte Siegbert und zeigte auf die groen Bltter, die ber den Tisch
ausgebreitet lagen ...
    Wir bekommen sie vom Justizdirektor, sagte die Pfarrerin. Sie sind immer
schon lngst gelesen. Wenn sie die Reihe herum sind, bekommen wir sie auch noch
und die Kinder freuen sich immer, wenn da steht: Guido Stromer.
    Hier ist noch etwas vom Vater, rief Hedwig und zeigte auf ein Gedicht ...
    Oleander bleibt lange aus. Das Theewasser steht schon oben, bemerkte die
Pfarrerin.
    Lies dem Herrn Louis Armand auch etwas vor, Hedwig, bemerkte Siegbert. Du
hast einen Vater, den alle Menschen hochverehren, weil ihm Gott die herrlichsten
Gaben verliehen.
    Einen leisen Seufzer, der durch das Zimmer fuhr, hrten Louis und Siegbert
nicht. Er kam von der Pfarrerin ...
    Hedwig las: An Diotima ...
    Wer ist Diotima? fragte sie ...
    Diotima? sagte Siegbert und blickte auf die Zeitung, die in ihrem Feuilleton
ein Gedicht auf Diotima enthielt mit der Unterschrift: Guido Stromer.
    Diotima, sagte er, mein Kind, Diotima und Aspasia waren Freundinnen
berhmter Weltweisen des Alterthums und werden noch jetzt als Bezeichnung
schner, sehr edler Frauen gebraucht. Diotima heit auf Deutsch: die
Gottesfrchtige.
    Die Uhr hatte einen singenden Ton bei ihren Pendelschwingungen. Es raschelte
fast geheimnivoll im Zimmer ...
    Hedwig las: An Diotima: Windest du Rosen in's Haar dir, Gttliche, whle
die weien! Denn in den weien noch glht zart ein beschmendes Roth.
    Der Hund schlug an und schnupperte ...
    Liebt der Vater die weien Rosen? fragte Siegbert, dem diese Distichen nicht
fr Kinder geeignet vorkamen und der Olga's gedenken mute.
    Wir haben im Sommer mehr weie als rothe im Garten, sagte Hedwig.
    Der Kirchhof, fiel seufzend die Mutter ein, liegt dicht an unserm Garten ...
    Siegbert machte Louis eine Miene, ob sie nicht hinaufgehen wollten?
    Aber Hedwig hielt ihn zurck und rief:
    Da ist noch ein Gedicht an die andere gute Dame:
    Aspasia! Soll ich es lesen?
    Die Pfarrerin blickte auf ihr schlummerndes Kind. Ach, es lag ein
unendliches Weh in ihren Augen, so drckend, so schwer, wie diese Schwle im
Zimmer ...
    Ohne die Erlaubni abzuwarten, las Hedwig: An Aspasia: Dir, der Schwester,
das Roth! Die Centifolie pranget wie in Kohlen die Glut schner im glnzenden
Schwarz.
    Die Uhr schrillte, wie immer, wenn sie eben schlagen wollte ...
    Oleander kam nun und erlste Siegbert, der von Guido Stromer's excentrischem
Leben mehr wute als hier Alle, erlste ihn von der Pein, die Kinder das Lob
entziffern zu hren, das der seinem Genius folgende Vater wol schwerlich hier
an die alten Freundinnen des Sokrates gerichtet hatte ...
    Ach, in die leise Wehmuth, die auf diesem Nebelbilde des Lebens ruhte, kam
noch Oleander's Wort:
    Die Mllerin ist eben entschlafen ...
    Die Pfarrerin erschrak.
    Reinick war von der Tafel gleich zu ihr gegangen, sagte Oleander, und blieb
bis jetzt ...
    Indem rollte auch der Wagen des treuen Arztes am Hause vorber ...
    Ihre Augen sind zu, sagte Oleander. Ihr Ohr hrte noch lange, was ich las
und sprach. Dann hielt sie mir die Hand so hin, da ich sie fate. Sie starb,
wie ein Licht erlischt. Und dabei hielt die Mhle nicht still. Die und der
Mller waren seit Jahren an das Sterben der Mllerin gewhnt. Das Mhlrad rundum
und sie stirbt. Ich htte nicht einmal gemocht, da es schwieg. Wir fahren so
hin. Leben, Tod, Tod, Leben ... Eins lehnt sich an's Andre ... Und es ist
trstlich so. Genug. Es ist vorbei. Kommen Sie nun hinauf, lieben Freunde!
    Louis und Siegbert folgten bewegt dem Vikar, der hinausschritt auf die
Treppe zu und auf ihr voranging. Die Pfarrerin leuchtete ...
    Oben ist Licht! sagte sie tonlos ...
    Oben ist Licht! wiederholte Oleander, sinnig das Wort deutend auf die
Entschlafene ...
    Die drei guten, sanften Menschen stiegen hinauf ...
    Die Pfarrerin aber weinte noch lange - um die Nachbarin? Von dem Engel, der
im Zimmer unsichtbar stand und ber diese Gedichte auf Aspasia und Diotima,
vorgetragen von den eignen Kindern, gewidmet zweien unwrdigen Frauen, weinte,
bemerkte sie wol nichts. Dieser Engel hielt ihr wol nicht das Buch entgegen, wo
sie htte gezeichnet sehen knnen Oleander den Pfarrverweser an dem Sterbebett
der Mllerin und Den, dessen Dienst und hohen Beruf er vertrat, vielleicht im
selben Augenblick in einem Salon unter hellen Kerzen Geist zerzupfend, Ideen wie
Brillanten in den Augen schner Weiber sich brechen lassend, vielleicht
schmachtend zwischen Melanie und Pauline und Egon, vielleicht gar unter dem
gespenstisch warnenden, finster drohenden flammenden Kreuze wieder, wie damals
... die gute Frau sah - die Himmlischen bewahrten uns vor zu ferntragenden Augen
- nur den Tod der Mllerin, hrte nur das ferne Verrollen des Wagens, der den
treuen Arzt nach Randhartingen zurckbrachte, hrte nur das Rauschen der Mhle,
das wie ein Sterbelied ihr erklang und ermahnte die Kinder, zu Bett zu gehen und
mit ihrem gewohnten Abendsegen und in Liebe zu ihrem Vater einzuschlafen ...
    Oben aber brachten drei edle Menschen bis gegen Mitternacht im glcklichsten
Gesprche ber die Fragen zu: Was ist Poesie? Was wahre Kunst? Was Tugend? Was
Pflicht? Was Leben? Was Tod und Unsterblichkeit?
    Mit dem Aufgang des Mondes, lange nach zehn Uhr, stiegen Louis und Siegbert
unbehindert zum Schlosse empor und ruhten von einem schnen dankenswerthen Tage
aus.

                                Neuntes Capitel



                               Die Stimmschraube

In der Zeck'schen Schmiede standen schon am frhen Morgen drei Arbeiter
beschftigt.
    Der junge Zeck und die beiden neuen Gesellen, die jedoch, da sie den
gehegten Erwartungen nicht entsprachen, hier heute zum letzten Male arbeiteten
...
    Es waren in der That zwei alte Bursche, von denen man nur der Blindheit des
alten Zeck und seiner berhuften Arbeiten wegen begreifen konnte, wie er sie in
seine Werkstatt hatte aufnehmen knnen. Ohne Zweifel trieb ihn nur eine rastlose
Gewinnsucht, die ihn wiederum nicht fr ihn selbst, sondern fr das knftige
Schicksal seines beschrnkten, unanstelligen Sohnes zur Thtigkeit spornte. Er
machte sich anheischig, Ackermann auch Schlosser- und Klempnerarbeiten zu
liefern und wrde, wenn er die Krfte htte auftreiben knnen, sich zu allen
Geschften, die nur mit dem Feuer zusammenhingen, erboten haben. Es war eine
Gier nach Besitz in ihm, die den Alten gefhrlich erscheinen lie.
    Die beiden fahrenden Arbeiter hatten bei ihm vorgesprochen und erhielten fr
Ackermann's amerikanische Mhle genug zu hmmern und zu feilen. Aber gleich nach
dem ersten Tage merkte Zeck, da ihnen die Arbeit nicht flink von der Hand ging
und da sie lieber plauderten, aen, tranken und recht im Wandern und Fechten
steifgewordene Vagabunden waren. Er hatte mit Dem, was sie fertigten, bei
Ackermann wenig Ehre eingelegt und von diesem sich mssen sagen lassen:
    Alter, ich lobe Euern Eifer zum Arbeiten und Geldverdienen, allein ich kann
Euch die unangenehme Erklrung nicht ersparen, da mit dem Monat Mrz, wenn nur
erst die Lfte ein wenig milder werden, allerhand neue Schmiede, neue Schlosser
und Spengler hier eintreffen werden, die ich mir, natrlich auf einige Wochen
nur, verschrieben habe. Der erste Grundsatz eines Geschftsmannes mu sein, sich
nicht aus Rcksicht auf Diesen oder Jenen, den man zu krnken sich frchtet,
mangelhafter Arbeit auszusetzen.
    Ach, Herr, hatte Zeck darauf kurz und gefat erwidert, ich bin ja blind!
Aber wenn Sie Pferde kaufen ...
    So versprech' ich Euch, Zeck, da Niemand anders an ihren Huf kommt als Ihr
oder Euer Sohn.
    Mit diesem Troste aufrecht erhalten, aber doch innigst ergrimmt, hatte Zeck
den beiden Arbeitern erklrt, da er zwei so alte faule Schlingel nicht lnger
beschftigen knne ...
    Der Schlosser raspelte an einigen alten Krammen, die kleiner werden sollten.
Der Klempner nietete einige Blechstcke zu einem kleinen Dache zusammen. Der
junge Zeck schmiedete Hufeisen und kehrte den beiden Andern, die er ohnehin
nicht hren konnte, oft den Rcken.
    Der Schlosser sagte zum Spengler, dem er heimlich aus einer Flasche zu
trinken gab:
    Gott sei Dank! heut' Abend haben die Narrenspossen ein Ende -
    Mich bringt Keiner mehr zu so einer Commission -erwiderte der Andre und
trank ...
    Ich habe immer gedacht, fuhr der Schlosser fort, Handwerk hat einen goldnen
Boden. Aber meiner ist eingeschlagen. Ich knnte keinen Schlssel mehr zu Stande
bringen.
    Das ist gut fr Ihre Ehrlichkeit!
    Der junge Zeck merkte, da beide Arbeiter die Lippen bewegten und roch wol
auch den Duft des Getrnks ...
    Faullenzer! unterbrach er sie. Denkt Ihr, da Ihr heute nichts mehr zu
schaffen braucht, weil's Gott sei Dank der letzte Tag ist? Nicht einen Groschen
zahlt Euch der Alte aus, ihr Taugenichtse!
    Schne Complimente! bemerkte der Klempner.
    Manchmal, sagte der Schlosser und raspelte, hab' ich doch schon gedacht: Du
nimmst einen Hammer und klopfst Dem oder dem Alten ein bischen auf den Schdel.
Verloren wre doch nichts an ihnen.
    Man mu es tragen, weil's Dienstsache ist -
    Ja, wren die Diten nicht ...
    In diesem Augenblick kam der alte Zeck die Stiege herunter. Er blieb ohne
fehlzutreten eine Weile an der untersten Stufe stehen, als wollt' er sich erst
in der Werkstatt zurechtfinden und hren, ob Jeder an seiner Arbeit wre. Dann
ging er an den Blasebalg und schrte das Feuer, das ihm matt vorzukommen schien.
    Die Mllerin ist gestorben, sagte er vor sich hin. Gott hab' sie selig ...
    Seinem Sohne diese Nachricht mitzutheilen, war im Lrm des Klopfens, Feilens
und beim Brausen des Blasebalgs nicht mglich ...
    Um zehn Uhr auf's Schlo! sagte er wieder nach einer Weile vor sich hin.
    Was brummt der Alte? flsterte der Spengler.
    Er sagte etwas vom Schlo - meinte der Andre.
    Anneliese! schrie der Alte pltzlich wie mit einer Stierstimme, da die
beiden Arbeiter, die etwas schwachnervig waren, zusammenschraken. Besonders
bekam der Spengler das Zittern ...
    Anneliese! wiederholte der Blinde.
    Nach einer Weile kam die alte Magd halb auf die Stiege herab und kreischte:
    Meister!
    Um zehn Uhr? fragte der Blinde.
    Um zehn! besttigte Anneliese und wiederholte die Erzhlung der Einladung
und Bestellung noch einmal.
    Die beiden Arbeiter horchten auf. Der Blinde merkte Das am Ruhen ihrer
Instrumente.
    Nun, schrie er sie an, schlafen Euch die Arme ein?
    Scheert Euch zum Teufel, antwortete der Schlosser; Ihr seid ein Grobian! Und
wenn Ihr uns in Gold auszahltet, bei Euch bliebe kein ehrlicher Arbeiter.
    Die Worte: Ehrlicher Arbeiter und in Gold auszahlen machten einen eignen
Eindruck auf den Blinden. Sonst schon hatte er bei solchen Znkereien gesucht,
den beiden Arbeitern nahezukommen und sie mit dem Schrhaken, den er mechanisch
rasch zu ergreifen wute, niederzuschlagen. Es war ein ngstlicher Anblick
gewesen, wenn der wilde Blinde wuthschumend herumtastete und die Andern vor ihm
flohen. Heute aber machte ihn das Wort vom In - Goldauszahlen stutzig. Er
wetterte nur mit Schimpfreden, die von der znkischen Anneliese untersttzt
wurden, bis ihr der Blinde andeutete, sie sollte nun auch an die Arbeit gehen.
    Eine Zeitlang ging es in der Schmiede zwar geruschvoll genug, aber still in
der Unterhaltung so fort.
    Um acht Uhr sprach ein Jger mit Pfeife und Bchse auf dem Rcken vor. Es
war Heunisch, der den alten Zeck um einen Karren bat, um Frnzchens Sachen nach
dem Ullagrund zu fahren. Er verlangte auch, da der junge Zeck den Karren ziehen
sollte.
    Das hatte beim Alten durchaus keinen Anstand; doch mute ihm Heunisch erst
erzhlen, wie diese nderung so rasch gekommen war.
    Whrend Der das umstndlich und in seiner Weise vortrug, machten sich die
Arbeiter einige Male bedeutende Gebehrden, soda Heunisch, der sie misverstand,
nachdrcklich seine Erzhlung damit schlo:
    Natrlich geh' ich mit dem Jungen mit und stopfe nicht blos meine Pfeife
dabei, sondern auch meine Bchse. Es soll jetzt Gaunervolk hier herum lungern.
    Der Schlosser lachte vor sich hin.
    Warum lacht Er? fragte Heunisch. Ich rathe Ihm nicht zu lachen, wenn ich Ihm
morgen noch im Walde begegnen sollte!
    Der Blinde nahm den aufgeregten Jger und ging mit ihm vor die Thr der
Schmiede.
    Wie gesagt, meinte jetzt der Schlosser wieder, wenn die Diten nicht wren -
    Ich mu sagen, fiel der Andre ein und wischte sich den Schwei von der
Stirn, eine solche Commission bernehm' ich nicht wieder - eine Kugel in den
Leib macht allen Diten ein Ende!
    Der grimmige Kerl knnte uns den Spa versalzen. Vom Forsthause knnen wir
nicht ein Wort berichten. Vorgestern Abend, den Versuch werd' ich mein Lebtag
nicht vergessen. Ich wnschte nur, ich htte die bleierne Pille, die der Kerl
mir zu kosten geben wollte, aus dem Eichbaum, in den sie fuhr, mitnehmen knnen.
Die sollten sie mir zu Hause schon versilbern!
    Wenn der Jger heut' Nachmittag fort ist, bemerkte der Spengler, und wir um
Mittag aus unserm Dienst treten und doch noch einen Versuch machten, in's
Forsthaus zu kommen ...
    Wir mssen Pfannenstiel fragen, sagte der Schlosser und winkte zum
Schweigen; denn der alte Zeck kam zurck und zwar allein.
    Bis gegen neun Uhr wurde so fortgearbeitet ...
    Der Spengler hatte da den Muth, den Blinden zu fragen:
    Wit Ihr denn, Meister, was es auf dem Schlosse zu arbeiten gibt?
    Das geht Euch nichts an!
    Vielleicht ist's Schlosserarbeit, meinte der Andre, der vorhin verrathen
hatte, da er mit dem Gerichtsdiener Pfannenstiel vertraut war.
    Der Blinde wute schon, da das Anfertigen einer Stimmschraube fr ein
Fortepiano von ihm verlangt wurde und sprach darber lauernd und listig, um sich
Raths zu holen.
    Als der Schlosser sich auf einen solchen Drcker, wie er's nannte, besonnen
hatte, fragte der Spengler:
    Spielt der Alte mit der schwarzen Binde auf dem Clavier oder der Franzose?
    Mit der schwarzen Binde? wiederholte Zeck. Welcher Alte? Wer? Schwarze
Binde? Wer ist da blind?
    Der mit dem Franzosen hier angekommen und oben logirt. Er heit, wie heit
er doch?
    Der Schlosser sagte:
    Es ist ein Englnder, Namens Murray, blind ist er nicht, aber fhlt ihm auf
den Zahn, Meister! Der hat den Teufel im Leibe und seine Augen scheinen mir
gesnder als die Eurigen.
    Woher kennt Ihr denn die Leute, die da oben wohnen?
    Man kommt in der Welt herum! sagte der Spengler.
    Der Blinde forschte nicht weiter. Er ri nur die Augen gro auf, als wollte
er um jeden Preis sehen. Es kam ihm vor, als htte in diesen uerungen seiner
Gesellen ein Ton gelegen, der ihm befremdlich vorkommen sollte. Nach einer Weile
wiederholte er:
    Ihr seid in der Welt herumgekommen? Warum trgt der denn oben eine schwarze
Binde?
    Was wissen wir's? Fragt ihn! meinte der Spengler. Aber der knnte Euch ja
wiederfragen: Warum seid Ihr denn blind, Meister?
    Lumpenvolk! schrie Zeck jetzt zornig und hob die Schrstange, da jene bei
Seite sprangen. Warum ich blind bin? Weil Ihr's nicht seid! Ihr Faullenzer! Habt
Ihr je einmal im Leben einen Zoll tiefer in's Feuer gesehen, als Ihr solltet?
Euch haben die Funken wenig um die Nase getanzt, Ihr Landstreicher Ihr! Weil ich
fleiig war, bin ich blind.
    Der junge Zeck lachte ber die furchtsame Art, wie die Gesellen retirirten
und fast rcklings ber altes Eisen fielen.
    Indem rief aber eine Stimme an der Thr:
    Hoho! Meister! Seid Ihr auf der Jagd? Wollt Ihr wol Ruhe geben!
    Es war Pfannenstiel, der vom alten Zeck immer mit einer Art Beklommenheit
empfangen und begrt wurde.
    Guten Morgen, Herr Amtsvoigt! sagte der Blinde, der die Stimme sogleich
erkannte. Die Hallunken gehen heute, sonst erlebt' ich vor rger nicht die
nchste Lichtme und Lichtme ist mein Geburtstag.
    Kommt Ihr einmal heraus, rief Pfannenstiel den Arbeitern, ich hab' Euch
etwas zu berichten.
    Damit lieen die Arbeiter Alles liegen und gingen vor die Schmiede zu dem
Amtsvoigt.
    Zeck sah das Alles im Geiste vor sich und war nicht wenig erstaunt darber.
Jetzt htt' er seinem Sohne mgen in's Ohr schreien: Was ist Das? Was geschieht
da? Was kann ich Alles nicht sehen? Und er sah wiederum doch deutlich vor sich,
wie dieser dumm zuglotzte und immer auf sein Hufeisen zuschlug. Eine
unbeschreibliche Ungeduld fate den Blinden. Er folgte Pfannenstiel und hrte,
da dieser immer weiter abseits mit den Arbeitern trat, soda er voller Zorn und
rger ihnen nachrief:
    Gott verdamm' mich! Ich zahle keinen Groschen Lohn, wenn bis heute Mittag
nicht die Krammen fertig sind und das Dach. Schlag' das Wetter drein, Herr
Amtsvoigt, haltet mir das Volk nicht noch vom Arbeiten ab!
    Die beiden Arbeiter kehrten zurck. Pfannenstiel entfernte sich, ohne ein
Wort zu sagen ...
    Diese Stille, dies Schweigen hatte fr den Blinden etwas furchtbar
Peinliches. Er rannte umher wie ein taumelnder Stier. Er verlor selbst die
Kenntni des Ortes, in dem er sich befand. Der Sohn, bei alledem halb lachend,
weil sich der Alte stie, mute ihn zurechtfhren und ihn dadurch zur Besinnung
bringen, da er ihm den Strick des Blasebalgs in die Hand drckte. Erst diesen
anziehend, fand sich der Blinde zurecht und dachte den fremden und rthselhaften
Eindrcken nach, die ihn umgaben. Seit Jahren war er gewhnt, alles Fremde von
sich fern zu halten. Nichts durfte in seiner Nhe festen Fu fassen, Keiner mit
den Dingen, die ihn betrafen, vertraut werden. Anfangs hatte er alle Monate eine
neue Magd, erst spter behielt er die Anneliese auf Empfehlung, ja dringendes
Verlangen seiner Schwester Ursula, die die Veranlassung gewesen war, da er in
Plessen wohnte. Sie hatte ihn mit in das Forsthaus gebracht und dann, als seine
Unruhe, sein Arbeitseifer sich nicht dort zurechtfanden, nach Marzahn's Tode von
der Frstin Amanda die Mittel und Erlaubni erhalten fr die Schmiede, die Zeck
anlegte. Seit Jahren hatte er emsig nach Krften seinen Pflichten obgelegen und
den einen Gedanken als sein Lebensziel verfolgt, seinem Jungen Geld, Geld,
baares Geld zu hinterlassen, und seit dem Tage, da ihm von Ackermann im Auftrag
eines Verwandten, Namens Morton, nun viel Geld gebracht wurde, hatte er keine
Ruhe mehr. Er schlief schlechter. Er war von Trumen geqult, er sprach vom
Sterben und ging doch nicht mehr wie sonst, unter der Frstin Amanda, in die
Kirche. An seiner Schwester Ursula hatte er vollends keinen Halt mehr. Seit
einiger Zeit war diese sonst so verschmitzte und scharfdenkende Schwester
schwachsinnig geworden. Sein Mistrauen kannte keine Grenzen. Es ging so weit,
da er oft Tage lang glaubte, nicht allein zu sein, sondern belauscht,
beobachtet zu werden. So fern ihm der Gedanke lag, in Murray seinen
wiedergekehrten, ohnehin todtgeglaubten Bruder zu vermuthen, so beunruhigten ihn
doch schon die wenigen Worte, die seine verdchtigen Gesellen von jenem Fremden
auf dem Schlosse gesprochen hatten. Am liebsten hatte er, wenn Alles um ihn her
lustig, lrmend war. Sonntags ging er auf die Kegelbahn, in die Schenke, hrte
Tanzmusik und freute sich des Wirrwarrs, Lrmens und Jubelns. Er machte nichts
davon mit, seit Jahren nicht, litt auch nicht, da sein Sohn von seiner Seite
wich. Er wute, da Der zu alle Dem, was Andern gut stand, unanstellig war. Aber
das Lrmen und Toben, das laute Lachen und Singen bertubte, ergtzte ihn. Er
wute dann, da er unter Menschen war, die nicht lauerten und von seiner
Blindheit keine Vortheile zogen.
    Gepeinigt von dem Schweigen seiner Gesellen, wie vorhin von ihrem Reden,
hrte er endlich, da die zehnte Stunde nahe war. Anneliese deutete es ihm durch
ein Frhstck an, zu dem er wenig Appetit versprte. Dennoch strkte er sich
wider Willen. Schon die Hast, etwas zu greifen, etwas uerliches sein zu
nennen, that ihm wohl. Das gierige Schlingen seines Sohnes war ihm trstlich. Er
sollte ihn begleiten. Sie nahmen leichte Handwerkszeuge und machten sich auf den
Weg.
    Das Wetter war rauh und kalt. In der vergangenen Nacht hatte es schon
gefroren. Der Weg zum Schlosse hinauf war jetzt so hart, wie noch vor Kurzem
schlpfrig und glatt. Oben schon kam Brigitte und sprach von der Abreise des
lieben Herrn, der die Nacht da geschlafen htte und von der groen Freundschaft
der beiden jungen Mnner fr einander, was ihr vllig unwahrscheinlich mache,
da Herr Louis nichts als ein simpler Tischlergesell wre. Auch Herr Oleander
wre schon oben gewesen und htte dem feinen Herrn Abschied gesagt und ihn
tausendmal gebeten, bald wieder zu kommen.
    Zeck nahm das Alles mit dem Lachen auf, das sich in den Mienen, wenn sie
neugierig sind, festsetzt, ohne da das innere Herz an Lachen denkt. Der Junge
fhrte ihn. Doch war es nicht nthig, der Blinde fand sich im Schlosse so sicher
zurecht wie in seiner Schmiede. Hatte er doch allen Abendconventikeln der
Frstin beigewohnt! Kannte er doch das groe Zimmer, wo das Pianoforte stand, wo
man Gesangbuchverse sang, ein Gebet hrte und zuletzt Warmbier, oft sogar noch
wollene Winterstrmpfe bekam!
    Auf dem Corridor trat ihnen aber Louis Armand entgegen. Der Blinde kannte
die Stimme des jungen Mannes von der amerikanischen Mhle her.
    Nun, sagte Louis, jetzt sollt Ihr einmal etwas Feineres zu schmieden
bekommen! Falls es Euch mglich ist, auch an solche Arbeiten zu gehen. Aber Ihr
seid geschickt. Man wei es. Kommt!
    Vater und Sohn wollten vorschreiten. Da hielt Louis, mit rascher Wendung,
den Jngsten zurck mit den Worten:
    Aber, mein Bester, schmt Ihr Euch nicht? Putzt man sich die Stiefeln so
schlecht, wenn es friert? Das geht nicht! Bleibt drauen! Wir wollen uns dem
Vater schon verstndlich machen.
    Der Alte zankte ber die Unsauberkeit des Sohnes und gab ihm einen tchtigen
Tritt in die Seite, auf die Stiefeln zeigend, an denen der gestrige Koth
festgetrocknet war.
    Der Junge glotzte verdutzt auf seine Fe und verstand erst durch die
handgreifliche Sprache des Vaters, was an ihm getadelt wurde. Der Ullagrunder
Lehm lag fingerdick auf diesen Stiefeln und gab ihnen eine Kruste, die die
Wrmehaltigkeit des Leders noch untersttzte.
    Der Junge blieb im Corridor. Louis fhrte den Alten erst durch sein
Schlafzimmer und dann in das Eckzimmer, wo Murray in ziemlicher Entfernung von
dem Instrumente an einem Fenster sa.
    Louis pochte das Herz. Er konnte sich die Empfindung seines Gefhrten
denken, wie er den blinden Bruder, den er nach seinem Sohne fragen wollte,
eintreten sah. Sie hatten sich verabredet, zu thun, als wenn Murray nicht
zugegen war. Ein Blick auf Murray berzeugte ihn, wie tief auch er es empfand,
den Bruder wiederzusehen, der durch ihn das Augenlicht verlor.
    Seht, sagte Louis - doch, was red' ich - ich sage: Seht! Ihr bewegt Euch so
sicher, Meister, da man versucht wird, Euch fr keinen Blinden zu halten.
    Zeck erwiederte darauf nichts.
    Da er sich denken konnte, da er am Klavier stand, fate er es an.
    Hier, sagte Louis, dcht' ich, um die Saiten anziehen zu knnen - Ihr kennt
doch so einen Kasten, der Musik macht?
    Zeck nickte.
    Diese eisernen Stbe, fhlt Ihr sie -
    Zeck nickte wieder.
    Diese kleinen eisernen Stbe halten die Saiten, die man schrfer anziehen
mu, wenn sie nachlassen. Um aber die Stbe rundumzubekommen, mu man einen
Schraubstock haben mit einem Griff und einer Hhlung, die hinlnglich lang ist,
um die Stbe fassen zu knnen ... versteht Ihr?
    Ganz wohl!
    Knnt Ihr so ein Eisen schmieden?
    Gebt mir nur die Weite, Herr! Die Weite der Stbe!
    Das ist sie! Grade wie dieser Faden! Eine solche ffnung! Und so lang, wie
etwa ein halbes Fingerglied mu die Weite sein.
    Gut, gut -
    Wann haben wir das Eisen?
    Bis heute Abend! Ich will gleich dran gehen -
    Damit wollte sich Zeck zur Thr wenden ...
    Wie Bescheid Ihr wisset! War't Ihr schon fters in diesem Zimmer? begann
jetzt Louis, ihn aufhaltend -
    Herr! Da ist der Ofen! Nicht wahr? lachte Zeck.
    Ganz recht -
    Da steht ein Kanap -
    Ganz recht -
    Da sa die Frstin - -
    Der Lehnsessel steht noch da -
    Da ist ein Fenster in den Hof, dort zwei in den Garten -
    Als wenn Ihr durch sie sehen knntet, so trefft Ihr's -
    Da sa Herr Stromer - hier standen und saen wir ...
    Wer?
    Die geladen waren - zum Beten - hier wurde gesungen und gebetet, Herr!
    Und Ihr kam't gerne dazu?
    Da am Fenster war immer mein Stand ... dort ... ich kann noch den Stuhl
zeigen -
    Damit schritt der Blinde geradezu gegen das Fenster, wo auf dem Stuhle, den
er, der Frage nach dem Beten ausweichend, zeigen wollte, Murray sa.
    Oho! rief Zeck. Da steht ein Tisch, der stand sonst nicht hier.
    Er war auf den Tisch gestoen, an dem Murray arbeitete. Aber Murray, der
sich geschtzt glaubte, erschrak nicht wenig, als sein Bruder dabei auf die
Kupferplatte stie, an der er getzt hatte. Der Blinde fuhr ber das Metall
hinweg und sagte erschreckend:
    In der Mhle, Herr, erzhltet Ihr von einem Kupferstecher! Ist das der Tisch
des Kupferstechers? Ich fhlte eine Platte -
    Louis besann sich auf Das, was er von seinem Begleiter in der amerikanischen
Mhle gesagt hatte.
    Eine Liebhaberei meines Freundes, erklrte er, der dort am Fenster sitzt und
das Schicksal Eures Sohnes theilt, etwas schwer zu hren.
    Zeck starrte nach dem Fenster. Der Gedanke, nicht allein mit Louis zu sein,
war ihm peinlich. Er suchte wieder die Thr ...
    Setzt Euch doch ein wenig, Meister! sagte Louis. Ich bin ein Abgesandter Sr.
Durchlaucht. Ich soll hier nach dem Wohl und Wehe aller Menschen fragen. Geht es
Euch gut?
    Zeck sah nur nach der Kupferplatte ...
    Versteht Ihr Etwas von der Kunst in Kupfer zu stechen?
    Zeck richtete die Augen auf Louis und setzte sich mechanisch in den Sessel,
den ihm Louis hinrckte ...
    Mein Freund da hat sich die Augen verdorben beim tzen einer Platte. Es ist
ihm gegangen wie wol Euch, als Ihr blind wurdet. Wovon kam Das?
    Vom Feuer, Herr! Ein Eisen, dem Auge zu nahe gebracht -
    In der Schmiede habt Ihr Euch verglht -
    In der Schmiede.
    Diese Unterredung machte Zeck allmlig sichrer. ber die ersten Wendungen
war er nicht wenig erschrocken gewesen ...
    Wie lange lebt Ihr schon in Plessen, Meister? fragte Louis im
vertraulichsten Tone.
    Sechzehn Jahre, Herr!
    Immer glcklich, immer zufrieden?
    Bis auf die Augen, Herr!
    Es gaben diese Worte einen tiefen Schmerz in Murray's Innere. Er mute zum
Fenster blicken, um seiner Bewegung Herr zu werden.
    Und den tauben Sohn! sagte Louis. Habt Ihr nur den einen Sohn?
    Nur einen, Herr.
    Er mu dreiig Jahre sein - es ist ein alter Knabe -
    Zwei und dreiig -
    Habt Ihr immer in Plessen gelebt?
    Vordem ein fnf Jahre im Jgerhause -
    Bei Eurer Schwester?
    Kennt Ihr Die, Herr?
    Ursula Marzahn! Ich kenne eine Nichte des Frsters Heunisch -
    Zeck nickte und wiederholte:
    Ursula Marzahn ist meine Schwester.
    Wie kann man's aber fnf Jahre in dem Walde aushalten, wenn man ein Schmied
ist?
    Ich war blind.
    War't Ihr denn schon blind, als Ihr in das Jgerhaus kamt?
    An beiden Augen.
    Da hattet Ihr schon frher eine Schmiede und war't Gesell und frh
verheirathet - schon vor drei und dreiig Jahren - ich rechne Das an Eurem Sohne
-
    Ich bin vierzig Jahre Meister -
    Und seid einige Sechzig alt -
    Mein Kopf mu wei sein!
    Schneewei, wie's eben dort im Gebirge wird. Es schneit - sieh, sieh, es
schneit!
    Zeck wollte nun gehen. Er hatte in den fernern Nachfragen kein Arg gefunden.
    Bleibt doch! Ich wollte Euch noch etwas fragen, Meister.
    Zeck horchte auf ...
    Ihr hattet einen jngern Bruder ...
    Zeck blieb bei dieser Frage zwar ohne sichtliche Verlegenheit, hielt sich
aber doch starr und regungslos.
    Er war Kupferstecher, wie der Mann da, der nicht gut hren kann -
    Zeck antwortete wieder nicht.
    Er wanderte nach Amerika aus - weil er mute! Mute! Nicht wahr, Zeck?
    Zeck blieb starr und sprach jetzt noch weniger eine Sylbe.
    Er ist todt. Herr Ackermann ... brachte Euch von ihm, als einem Verwandten,
eine Erbschaft. Wie ist's denn mit dem Sohne, den Euch der Bruder zurcklie,
als er nach Amerika mute?
    Zeck kniff die Stirnfalten zusammen und meinte forschend und stotternd:
    Kommt Das von Herrn Ackermann?
    Von wem es kommt, ist gleichgltig, alter Freund! Wie ist es mit dem Sohne
Eures Bruders?
    Im ersten Augenblick hatte sich auf dem Antlitz des blinden Schmieds
Schrecken widergespiegelt. Bald aber hellte es sich auf. Ein habschtiger
Gedanke scho durch die Seele des Gengsteten. Er stellte sich vor, da sein
Bruder Schtze hinterlassen, die er seinem Sohn bestimmt htte, Schtze, die ihm
und seiner erbenlosen Schwester anheimfallen wrden, wenn Murray's Sohn nicht
mehr nachzuweisen wre. Ehe dieser Gedanke ganz in ihm zurechtgelegt war, hatte
ihn Louis wol schon dreimal nach dem Sohne seines Bruders gefragt.
    Ungeduldig wiederholte Louis noch einmal:
    Wo ist der Sohn Eures Bruders?
    Todt! sagte jetzt der Schmied mit groer Bestimmtheit.
    Fr Murray, der gespannt am Fenster horchte, kam dies Wort nicht unerwartet.
Es erschtterte ihn auch nicht zu heftig, aber unwillkrlich mute er doch ein
Gerusch mit dem Stuhle machen, auf dem er sa, und Zeck's Aufmerksamkeit auf
sich ziehen.
    Der Knabe ist todt! fuhr Louis fort. Da er Eurer Pflege anvertraut war,
werdet Ihr Beweise fr seinen Tod beizubringen haben.
    Nicht meiner Pflege, Herr - ich nicht - ich nicht -
    Eure Schwester! Ihr wurde das Kind anvertraut, Euch Beiden gemeinschaftlich
-
    Woher wissen Sie Das?
    Ihr wohntet damals an einem Orte, den die Menschen fliehen ... nicht wahr
Zeck?
    In der grten Unruhe suchte sich der Blinde aufstehend von dieser Prfung
loszuwinden, aber der zur Gewiheit bei ihm gewordene Gedanke, da die fr
seinen Brudersohn bestimmten Schtze ihm, seinem eigenen Sohne, anheimfallen
sollten, reizte ihn doch, zu bleiben. Er half sich durch eine wiederholte
Berufung auf seine Blindheit.
    Ihr war't blind, Zeck, ich wei es - Ihr war't beim Doktor Lehmann, da er
Euch heilen sollte -
    Das war ich. Ja, Herr -
    Und Eure Schwester verbarg Euch ...
    Was sagten Sie?
    Vor dem Licht des Tages, das Euch wehe that, verbarg sie Euch. Geblendete
Augen verlangen eine dunkle Umgebung -
    Das ist's.
    Aber das Kind, das Ihr von einer Dame, die ich nicht kenne, als das Eurige
anvertraut erhieltet, mit dreitausend Thalern ...
    Der Blinde wurde immer unruhiger.
    Nicht wahr? Mit dreitausend Thalern?
    Zeck antwortete nicht, sondern sah nur starr auf Louis und die Gegend an dem
Fenster, wo ein ihm unbekannter Kupferstecher zuhrte.
    Ist er wirklich todt, der Sohn Eures Bruders, der sich einige Jahre hindurch
Baron Grimm nannte?
    Bei Erwhnung dieses Namens schwanden dem Blinden alle Krfte. Er suchte
seinen Sessel.
    Louis schob ihm seinen Sessel hin. Er mute ihm Zeit lassen sich zu sammeln.
    Endlich besann sich der Schmied auf eine Auskunft, die er in diesen Worten
zusammenfate:
    Herr - ich sollt' Euch eine Schraube machen, um die Saiten da anzuziehen -
Ihr seid aber selbst wie so ein Ding und schraubt Einen, da die Finger knacken.
Wenn Euch Herr Ackermann oder wer sonst aufgetragen hat, das Erbtheil von meinem
verstorbenen Bruder an seinen Jungen auszuzahlen, so sag' ich Euch: Der ist todt
wie sein Vater und das Erbtheil mu nun von Rechtswegen ...
    Und die Beweise, die Papiere ber jenen Tod?
    Zeck besann sich auf den Ausweg, den er schon einmal einschlagen wollte:
    Fragt die Ursula! Sie hat alle Papiere.
    Gut, sagte Louis, ich sehe, da Ihr nicht wit, wie und wo das Euch
anvertraute Kind gestorben ist. Ihr seid und war't ein Blinder, schon damals,
als das Kind geboren wurde. Ihr habt es nie gesehen. Wohlan, lat Eure Schwester
reden. Heute Nachmittag ist sie im Forsthause allein. Ich werde Euch zu ihr
fhren ...
    Mein Sohn, Herr, fhrt mich.
    Euer Sohn fhrt Euch! Wohlan, dann knnen wir zu gleichen Paaren sein. Da
mein Freund, der nicht hrt, wie Euer Sohn, er soll mich begleiten. Wir steigen
in die Kammer der Ursula oder rufen sie herunter und ich denke, Ihr, Zeck,
werdet es verstehen, ihr Gedchtni ein wenig zu kitzeln. Ich hre, da sie
gegen andre Hnde unempfindlich ist. Seid Ihr's zufrieden?
    Zeck sagte, da sein Sohn den Frster mit dem Karren zu begleiten htte, der
Franziska's Sachen in den Ullagrund bringen sollte.
    Nun so hol' ich Euch an der Schmiede allein ab ... Ihr werdet Euch doch von
mir fhren lassen?
    Um zwei? Dann kann ich die Schraube nicht fertig liefern zum Abend ...
    Die eilt nicht, Zeck! Mich aber eilt's mit dieser Sache. Heut' Nachmittag!
Jetzt kommt, ich fhre Euch hinaus zu Eurem Sohne. Er mu mit dem Frster in den
Ullagrund, damit wir die Ursula allein treffen.
    
    Zeck bot zgernd die Hand, die rauh wie Leder war und schwarz gefrbt. An
der Thr hielt er noch einmal inne und fragte mit verschmitzter Neugier:
    Herr, darf man fragen, ist es was Ordentliches, was unser Friedrich
hinterlassen?
    Ihr meint, weil Ihr Euch fr Euren Sohn darauf freut ...
    Ach!
    Sagt's nur heraus!
    Ein blinder Vater - ein tauber Sohn - die haben mehr Noth, ehrlich
durchzukommen, als Leute, die sehen und hren knnen -
    Das ist wahr! sagte Louis, beruhigt Euch, Zeck, das Erbrecht wird seinen
vollkommenen Fortgang haben.
    Indem horchte Zeck auf, als er eben aus der Thr treten wollte.
    Was horcht Ihr so?
    Reiten da nicht welche unten ber die Landstrae?
    Knnt Ihr so gut hren?
    Ich hre, da Eisen dabei klappert -
    Losgegangne Hufeisen - Ihr werdet zu thun bekommen.
    Das ist Sbelklappern -
    Louis sah zum Fenster hinber und bemerkte, unten auf der Landstrae um den
Berg herum schwenkten zwei scharfzutrabende militairische Reiter.
    Es sind zwei Landdragoner! sagte er. In der Hauptstadt war es unruhig ...
    Ich hrt' es gleich -
    Scharfes Ohr! Ihr knnt dem Himmel danken, da er gleich wiedergibt, wenn er
genommen hat. Um zwei Uhr ...
    Zeck nickte und ergriff die Hand seines Sohnes, bis zu dem sie auf dem
Corridor angekommen waren. Der starrte den Landdragonern nach, die in das
Amtshaus ritten, nahm dann seinen Vater und fhrte ihn die groe breite Stiege
hinunter ...
    Louis, zurckkehrend, fand Murray sehr erschttert.
    ber die erste Rhrung, den durch ihn geblendeten Bruder zu sehen, sollte er
doch wol bald hinwegkommen, da er die eingewurzelte Bosheit erkannte. Doch sagte
er, alle Reue hlfe dem Frevelnden nichts, seine bse That behielte ihre Folgen
und nur der Tugendhafte wre sicher, hchstens mittelbar Schlimmes zu
veranlassen. Denn schlimm sind wir Alle! Wer wei, fuhr er fort, was ich Alles
in Folge meines damaligen Fehltrittes noch anrichte, als willenlose Ursache!
Nehmt den Tod meines Kindes. Bin ich nicht sein Mrder? Diese Gedankenreihe
erschtterte ihn mehr als das wirkliche Nichtmehrvorhandensein des Kindes. Denn
ein Wesen, das er nie gesehen, dessen Ursprung sich auf Snde und Reue
zurckzog, ein Wesen, dessen Schicksale ihm nur, wenn es erwachsen und misrathen
war, Gewissensbisse verursachten, konnte sich seinem Herzen doch nicht so tief
als eine Nothwendigkeit eingepflanzt haben. Im Gegentheil durfte er freier
athmen und Gott danken, da er ihm eine Veranlassung zu neuer groer Schuld frh
hinweggenommen hatte. Was aber Murray ebenso erschtterte, war der unverkennbar
bse Sinn des Bruders, die ungebesserte Lge, die Verstocktheit, die Geldgier.
Und auch fr diese mute sich Murray nach seinem Sinn verantwortlich machen.
    Ach, sagte er zu Louis, konnte ich bittrer gestraft werden als durch den
Anblick eines Menschen, der durch mich das Licht der Augen verlor! Wre dieser
Elende - denn ich kann ihn in nichts beschnigen - wr' er sehend geblieben, so
htte ihn die Kraft seiner Sinne wol seinen eigenen Weg gefhrt. Er htte nicht
nthig gehabt, Andre fr sich denken, Andre ihn fhren zu lassen! Was konnte da
noch aus ihm Gutes werden, wo er nun genthigt war, meiner Schwester zu folgen
und ihr eine Last wurde! Sie stie ihn aus dem Frsterhause, gab ihm vielleicht
von ihrem Pflegegeld so viel, um sich die Schmiede anzulegen mit seinem damals
schon erwachsenen Sohn. Wer nicht sieht, ist mistrauisch. Der Verlust keines
Sinnes macht so bitter wie der Verlust des Auges. Man findet wol Blinde, die
heiter und getrstet sind ber die ewige Nacht, die sie umgibt, aber dann sind
sie leichtsinnig und rhren uns nicht mehr, sondern erschrecken uns.
    Louis hielt sich nicht an diese Reflexionen, wie sie Murray auszuspinnen
liebte, sondern an die Thatsache:
    Lebt das Kind, lebt es nicht mehr?
    Ich mache Fortschritte in der Menschenkenntni, sagte er. Ich glaube gewi
zu sein, da dieser geizige, habschtige Mann, der leider Ihr Bruder ist,
Murray, nicht im entferntesten von dem Tode Ihres Sohnes berzeugt ist. Er will
nur die schmuzige Hand ausstrecken nach der vermeintlichen Erbschaft. Er sollte
nichts wissen von diesem Kinde? Er sollte es ganz der Sorge seiner Schwester
berlassen haben? Eines wre eine glckliche Auskunft aus diesem Dunkel. Wenn
sie eintrfe, Murray!
    Welche, mein Freund?
    Da die Mutter dieses Knaben, Ihre einstige Freundin, in alten Tagen den
Fehltritt ihrer Jugend bereut und sich des Schicksals Ihres Sohnes wieder
angenommen htte!
    O Das wre eine Erzhlung aus Tausend und Einer Nacht sagte Murray
lchelnd. An solche Mrchen mu man nicht glauben in Der Welt, in die es einst
der Baron Grimm gewagt hat, sich einzudrngen ...
    Den Rest des Vormittages brachte Louis nun noch damit zu, Geschftsbriefe
nach der Residenz zu schreiben, in denen er seine bevorstehende Rckkehr von
Hohenberg ankndigte. Kurz vor dem einfachen Mahle, das ihnen Brigitte
zubereitet hatte, durchflog er die Zeitungen, in denen Egon's schwierige
Stellung nicht verschwiegen war. Der Frst hatte sich auf eine bedenkliche Art
von allen Parteien isolirt, sich dabei zwar sehr hoch gestellt, aber auf eine
Hhe hin, wo ein schneidender Zugwind wehte. Der Hof schien dem jungen
Staatsmann volle Gewalt gegeben zu haben. Er stellte ihm alle Mittel zu Gebote,
die das constitutionelle Wesen im Vorrath hat, um von einer Verstndigung mit
dem Publikum an die andre zu appelliren. Man konnte sich noch der Hoffnung
hingeben, da die Wahlen die thatkrftige neue Administration untersttzen
wrden. Viele aber bezweifelten diese Hoffnung und fanden es fr rathsamer, da
das Ministerium sogleich aus eigener Machtvollkommenheit einen neuen Wahlmodus
oktroyirte. Dennoch blieb dieser Erla, den man schon in den neuesten Nummern
erwartete, aus, ein Beweis, da Frst Egon seine Hlfsmittel nicht zu rasch
verbrauchen wollte. Auch lieen die mit vielem Geiste geschriebenen Artikel des
Jahrhunderts ahnen, da das Ministerium erst die ffentliche Meinung fr seine
Auffassung der Staatsaufgabe theoretisch und praktisch gewinnen wollte, bis es
mit Gesetzen hervortrat, die auf diese Theorie und Praxis begrndet waren. Der
Adel, die Beamten, das Militair, ja sogar ein groer Theil der Wissenschaft und
Kunst schwrmten schon fr die neue Regierung. Sie verhie Kraft. Sie verhie
Erlsung von einer Anarchie, die nicht mehr ausrottbar schien. Die Politik wurde
von den Straen verbannt; auch aus den Clubs fing Egon schon an, sie
auszutreiben. Louis las mit beklommenem Gefhle, da die Arbeitervereine ihre
Statuten einreichen muten und mehre geschlossene Gesellschaften nach jenem
tumultuarischen Abend bereits verboten waren. Egon hatte sich in einer Zuschrift
an seinen Wahlbezirk der Worte bedient: Wo zwei Gewalten regieren wollen, kann
der Staat nicht bestehen. Die Gewalt soll eine getheilte sein. Diese Lehre ist
alt und ich finde sie schon dadurch bewhrt, da jede Verantwortung gemildert
wird, wenn mehre Schultern sie zu tragen haben. Aber die Theile der Theilung
mssen gleichartig sein. Unterordnen mssen sie sich knnen der groen,
untheilbaren Idee des Volkswohles, des Thatbestandes. Wo zwei gleichberechtigte
Gewalten gegeneinander auftreten, steht die Maschine still. Ich erkenne im
Staate nichts an, was hher ist als das Volkswohl. Auch der Monarch ist in
meinem Systeme der Diener des Volkswohles. Er vertritt die natrliche Ordnung
des Lebens, das Ma, die Grenze aller ehrgeizigen Bestrebungen. Er ist ein Theil
der groen Einheit des Volkswohles. Reicht ihm die Hnde, ihr wackern Brger!
Seid die Zweiten im Bunde! Die ausfhrende Gewalt, die das Ministerium vertritt,
ist die dritte Gewalt! Aber eine Gewalt der Volksversammlungen, der Clubs, der
Kasernenverschwrungen, der Preanarchie werd' ich nimmermehr anerkennen. Ich
erinnere Sie an das Wort eines groen Dichters, des Briten Shakespeare, der den
Jammer des rmischen Staates nach den Erfahrungen des britischen in dem
Schmerzrufe schilderte:

Mein Herz, es weint,
Zu seh'n, wie wenn zwei Mchte sich erheben
Und keine herrscht, Verderben, ungesumt
Dringt in die Lcke zwischen Beid' und strzt
Die Eine durch die Andre.

Nach dem bescheidenen, in schweigsamer Spannung hingebrachten Mittagsmahle
schickte sich Louis an, zur Schmiede hinabzugehen. Er hatte mit Murray
verabredet, da dieser auf einem krzern Wege zum Walde hinunter steigen und sie
beim Eingange in das dunkle Tannengehlz, das den Anfang bildete, erwarten
sollte. Murray war es einverstanden und besorgte nur, da sein Bruder nicht Wort
halten und doch wol mit seinem Sohne kommen wrde, der fr Das, was sie im
Forsthause vorhtten, ein lstiger Zeuge sein wrde. Louis aber versprach sich
den glcklichsten Ausgang.

                                Zehntes Capitel



                              Der geheime Schrank

Louis Armand fand den blinden Schmied schon in Bereitschaft und erfuhr, da
Heunisch mit dem jungen Zeck unterwegs wre nach dem Ullagrunde.
    Der Gedanke, Geld, wohl viel Geld erben zu drfen, hatte dem Alten alle
Sorgen aus dem Sinne geschlagen. Er sagte sogar lachend:
    Die Ursula wird Augen machen, wenn sie heute Kaffeebesuch bekommt.
Vielleicht denkt sie, sie sollte Euch wahrsagen.
    Thut sie Das?
    Nachmittags, wenn sie Kaffee trinkt, hat schon Mancher bei ihr
vorgesprochen. Karten legt sie gern in der Dmmerung, nie Vormittags. Vormittags
bespricht sie blos die Rose und die Drsen.
    Es ist eine Zauberin! Ich erfuhr es schon! sagte Louis.
    Eine Hexe nennen sie sie; meinte der Blinde. Sie wei viel, Das ist wahr.
Alles aber auch nicht. Nicht wahr, Anneliese?
    Die kleine garstige Person, bei der Louis gestern die Bestellung gemacht,
begleitete sie vor die Thr.
    Lat Ihr die Schmiede so allein? Wo sind Eure Gesellen? fragte Louis.
    Die Taugenichtse sind abgelohnt. Sie verstanden nichts, aen Faullenzerbrot.
    Damit lehnte Zeck die Thr der Schmiede an, schrfte Anneliesen
Aufmerksamkeit ein und verbot, da die beiden entlassenen Gesellen noch einmal
in die Werkstatt kmen.
    So schritt er vorwrts.
    Louis mute staunen, wie sicher Zeck ging. Die Erbschaft hatte ihn vllig in
Schwung gebracht. Alle Sorge hatte ihn verlassen. Er lachte vor sich hin und
schlug sich auf das Schurzfell, das er, so hinderlich es war, vorbehalten hatte.
Auch in eine Ritze des Obertheils vor der Brust griff er und versicherte sich
eines starken Hammers, den er zu sich gesteckt hatte. Er that wie ein Mann, der
sich vor keiner Gefahr scheut, wenn er seine Waffen bei sich hat.
    Es ging ein scharfer Wind, der vom Walde her das abgefallne Laub ihnen
entgegentrieb. Links die kleine Buchenschonung lieen sie liegen, sie gingen
gerade auf das Tannengehlz zu, wo Louis Murray schon wartend fand.
    Murray stand in einem alten grauen Mantel, gebckt, fast gespenstisch.
    Er winkte Louis, so zu thun, als wenn er nicht zugegen wre.
    Still gingen sie an Murray vorber, still folgte dieser.
    
    Den Kupferstecher, sagte Zeck, habt Ihr daheimgelassen, Herr? Nicht wahr?
    Er ist nicht nthig, sagte Louis und winkte Murray, der die Worte hrte - er
ist nicht nthig, hab' ich mir berlegt. Doch kommt er vielleicht spter nach
oder ging schon voraus.
    Zeck mute jetzt von der Taubheit seines Sohnes Manches erzhlen und suchte
berhaupt seiner innern Freude durch Gesprchigkeit einen Ausdruck zu geben. Er
blieb dabei, da der junge Baron Grimm, wie er Murray's Sohn lachend nannte,
todt wre, schien es auch nicht anders zu wissen und verlie sich gnzlich auf
die Aussagen seiner Schwester, von denen er freilich seinem Begleiter gleich
sagen zu mssen glaubte, da er eben nicht auf viel Vernunft bei ihr rechnen
drfe. Sie htte die Jahre, um schwach zu sein. Und was bei ihrer Narrheit nicht
von den Jahren kme, das htte der einsame Wald gethan.
    Und wol der Doktor Lehmann; setzte Louis hinzu.
    Ja, mute Zeck besttigen, da hat sie Bcher gelesen, die Manchem schon den
Rest gaben, Wunder-, Kruterund Heilbcher.
    Und die rechten Heilinstrumente, die Richtmesser, die Schwerter, die Rder
...
    St! ... Zeck winkte mit der Hand und meinte, Louis mchte davon nicht reden.
    Murray folgte in einiger Entfernung und hrte Alles, was Zeck, der aus
Gewhnung seines Sohnes wegen immer sehr grell sprach, durcheinanderschwatzte.
Der Gedanke, wie gierig die Habsucht sich in diesem thierischen Menschen
zeichne, erfllte ihn mit Schmerz. Er mute dabei vorsichtig folgen und immer
berechnen, wann Zeck still stand. Htte er dann nicht auch im Gehen eingehalten,
so wrde ihn das raschelnde Laub verrathen haben. Jedesmal, wenn er das
Stillstehen nicht gut berechnet hatte und einen Schritt weiter ging, fuhr Zeck
auf und sah sich um. Da Murray aber gleich still stand, war dem Verdachte, er
mchte mit Louis nicht allein sein, keine Nahrung gegeben. An Louis bewunderte
Murray die treue Hingebung, dies eifrige, herzliche Bemhen, ihn fr die
Vernachlssigung dieser Tage, von der nicht er, sondern Louis sprach, schadlos
zu halten. Wenn er ihm nahe genug war, drckte er ihm die Hand zum innigsten
Danke dafr.
    Die sehr naheliegende Errterung, wer die Mutter des gestorbenen Knaben
gewesen, kam nicht zur Sprache. Louis schonte das Geheimni Murray's und Zeck
selbst schien den Namen der Mutter nicht zu kennen. Die Schwester wuchs Louis an
Bedeutung durch die Hartnckigkeit, mit der sie den Schmied von der Kenntni ihn
nur mittelbar berhrender Dinge ausgeschlossen hatte. Auch sagte Zeck: Das ist
wahr, wer's der Urschel einmal im Guten angethan hat, fr den geht sie durch's
Feuer! Der Satans- Marzahn war hoch hinaus und htte sie bald um den Jungen
meines Bruders sitzen lassen ...
    Wieso sitzen lassen? fragte Louis, blieb stehen und winkte Murray nher zu
kommen.
    Zeck stand still und wandte sich erstaunt, da er im Laube noch Futritte
rascheln hrte.
    Der Wind geht! sagte Louis, als er das Staunen des Schmieds bemerkte. Warum
sitzen lassen? Wie alt wurde das Kind?
    Es wurde, wenn ich's sagen soll, bemerkte Zeck sich umsehend und erst
allmlig beruhigend, es wurde -
    In dem Augenblicke mute Murray, der sich durch den Aufenthalt am geheizten
Ofen der frischen Luft entwhnt hatte, unglcklicherweise husten.
    Wer ist da? rief Zeck mit einer heftig erschrockenen Gebehrde und griff
sogleich nach dem Hammer in seinem obern Schurzfell -
    Ah! Sieh da! Mein Freund ist nachgekommen! rief Louis, sich sogleich fassend
...
    So - so - sagte der Blinde, ri die Augen auf und drehte sich wie Einer, der
seinen Rcken nicht sicher glaubt.
    Stot Euch nicht an den Bumen! Kommt vorwrts, Meister! bedeutete Louis.
Also wie alt wurde das Kind Eures Bruders, von dem ihr mir sagen mt, warum er
sich Baron Grimm nannte?
    Herr Ackermann wird's wissen - meinte Zeck und ging nur zgernd vorwrts.
    Herr Ackermann? sagte Louis. Ich habe von ganz andrer Seite her den Auftrag,
mich nach dem Sohne Eures Bruders zu erkundigen, der sich eine Zeitlang Baron
Grimm nannte; aber ich wei nicht, wie er diesen Namen fhren konnte -
    Ihr wit nicht - sagte der Blinde zweifelnd.
    Ich wei nur, da er todt ist und seinem Sohn eine Erbschaft hinterlie ...
wie alt wurde das Kind?
    Zeck war durch den Dritten eingeschchtert. Er antwortete nur vor sich
herbrummend und meinte zuletzt:
    Wir mssen am Forsthause sein - Lat's Euch von der Ursula selbst sagen,
aber die Erbschaft kommt doch wohl - ist sie gro?
    Sie standen an der Wiese, die durch den Nachtfrost ihre Frische verloren
hatte und in das welke, fahle Wintergrau berging.
    Wir kommen zum Kaffee, sagte Louis scherzend, um Zeck wieder mehr Muth zu
machen, der Schornstein raucht. Wenn sie nur den Satz nicht verschttet, da wir
noch unser Schicksal hren knnen.
    Der Blinde antwortete nicht. Er war so mistrauisch geworden, da er sich
immer nach Murray umwandte und wol gar zu glauben schien, er befnde sich auf
einem falschen Wege, man htte ihn irre gefhrt.
    Warum wollte Marzahn Eure Schwester nicht heirathen? fragte Louis dringend.
    Murray'n brannte es auf der Zunge zu sagen:
    Hielt der Soldat vielleicht das Kind fr das Kind Ursula's?
    Er mute sich gewaltsam zurckhalten, diese Vermuthung auszusprechen. Louis
verstand seine Aufregung und wiederholte seine Frage. Allein Zeck antwortete
nicht mehr, sondern verwies auf seine Schwester, indem er Louis nochmals darauf
aufmerksam machte, da er auf eine gesetzte, vernnftige Unterhaltung bei ihr
nicht rechnen drfe, sondern sehen msse, wie er Alles, was er zu wissen
wnsche, von ihr herausbekme.
    Vielleicht hat sie ihre gute Laune, sagte er, und wenn sie Kaffee kocht, ist
sie nicht schlimm, nur manchmal grob.
    Mit diesem Troste nherte man sich dem Hause, dessen Inneres durch das
Gebell der Hunde lebendig wurde. An die Mglichkeit, da Ursula Murray erkennen
knnte, dachte man fr den Fall nicht, da sich dieser bescheiden zurckhielt.
Murray zog die Binde fast ber das ganze Gesicht und hielt sich gebckter und
lter als je.
    Als Louis ffnen wollte, ging die Thr nur am Schlosse auf, nicht ganz in
der Angel. Sie war durch eine Kette gehemmt. Aber sie klingelte.
    Alles Dies war Louis neu. Fr Frnzchen hatte die Alte die Kette und die
Klingel abgenommen. Entweder gnnte sie dem Mdchen geringere Sicherheit oder
sie wollte in ihrer Zurckgezogenheit oben nicht an den Verkehr des Hauses
erinnert werden.
    Wer da? rief eine heisere Stimme von oben herab.
    Zeck rttelte am Drcker der Pforte und schlug dann mit dem Hammer dreimal
an die hlzerne Fllung.
    Nun, nun! hie es oben, wo der Schmied erkannt wurde. Was soll's denn?
Willst du sehen, Jakob, ob wir noch nicht im Kehrichtfa liegen?
    Sie ist vernnftig! flsterte der Blinde.
    Gott sei Dank! sagte Louis und wartete mit Spannung auf das Erscheinen der
Frau, von der ihm Franziska so viel Schlimmes erzhlt hatte und von der er durch
Murray und Zeck zu viel wute, um nicht dem Verdachte Raum zu geben, da sie im
Stande gewesen wre, Franziska aus diesem Hause auch durch irgend eine
Frevelthat zu entfernen.
    Die Alte stand auf der Hausflur, ffnete aber die Thr nicht. Louis sah eine
groe hagere Gestalt zwischen der Thrspalte erscheinen mit rothumwundenen Kopfe
und scharfen spitzen Gesichtszgen, dunklen habichtsartigen Augen. Der Mund
hatte nur noch vorn einige Zhne, die nicht aufeinander schlossen. Der Blick war
unheimlich, menschenfeindlich, schielend ohne eigentlich falsch zu sein. Ein
rothgelbes ostindisches Tuch war ber die Brust geschlagen, der kattunene Rock
schien sauber und war heute zur Feier der Wiedereinsetzung in die alten Rechte
wohl neugewaschen aus dem Schranke genommen.
    Mach' auf, Urschel! sagte der Blinde. Kriegst Besuch! Hast noch Kaffee
brig?
    Die Alte antwortete nicht, sondern sphte mit stechenden Augen durch die
Thr.
    Louis, der fast htte annehmen sollen, da sie ihn doch wohl schon von oben
beobachtet htte, grte freundlich. Murray trat auf die Seite, soda er noch
nicht gesehen werden konnte.
    Mach' auf, mach' auf! sagte der ungeduldige Blinde. Kriegst einen schnen
Gru aus Amerika, Urschel!
    Wieder so einen, wie im Sommer ... Kling! Kling! Mach' auf!
    Die Alte stierte hinaus und schien ihres Bruders tauben Sohn zu suchen. Ihr
Blick war der einer Irren. Louis fhlte, wie grauenhaft es Franziska hatte sein
mssen, mit einem solchen Weibe unter einem Dache allein zu sein. Er verstand
den Entsetzensschrei, den Franziska vorgestern ausstoen mute.
    Mach' auf! Alte Hexe! rief der Blinde, der jetzt vor Ungeduld und
Gewinnsucht zornig wurde. Hast wol den Teufel zum Besuch bei dir? Oder was
l'st du mich und die Herren da stehen ... Sollst Spa erleben. Mach' auf!
    Die Alte sah noch einen Augenblick und schttelte den Kopf. Dann htte sie
vielleicht die Thr unerffnet zugeschlagen, wenn nicht Zeck, diesen Fall
voraussehend, sich gleich anfangs mit dem Fue dagegengestemmt htte.
    Hol' dich der Satan! schrie er; willst du aufmachen?
    Es ist mglich, flsterte Louis, da sie mich des Frnzchen's wegen nicht
sehen mag. Oder fehlt ihr Euer Sohn?
    Kennst du den Herrn? rief der Blinde. Willst du aufmachen!
    Ursula kam wieder und stellte sich wieder sphend an die Thrspalte, im
Vertrauen auf die Kette, die jeden Besuch, den sie nicht mochte, absperrte.
    Sollst uns Karten legen, schmeichelte jetzt der Blinde, Bube und Dame ...
Hrst du? Urschel, mach' auf!
    Louis fate sich ein Herz und beschlo eine List zu wagen. Er setzte voraus,
da sie ihn noch nicht gesehen.
    Wir kommen vom Frsten Egon von Hohenberg, sagte er, dem dieser Wald, das
Haus gehrt. Dies ist ein alter Stallmeister. Wir haben zwei Pferde, die an der
Huffule leiden. Wir wissen, da Ihr alle Krankheiten der Thiere versteht. Sagt
uns ein Mittel, das gut ist gegen die Huffule! Der Frst wird's bezahlen.
    Damit zog er die Brse und klimperte.
    Die Alte lachte hmisch, kniff die Augen zusammen und sprach, den Oberleib
vorstreckend, als wollte sie Louis bis in's innerste Herz sehen:
    Schiet sie todt!
    Dann wollte sie die Hausthr zuschlagen.
    Darauf war aber der Blinde in andrer Art jetzt schon vorbereitet. Mit dem
linken Fue seines herkulischen Krpers die Thr zurckstemmend, hieb er mit dem
rasch hervorgezogenen Hammer so heftig auf die strammgezogene Kette, da diese
klirrend auseinandersprang und die Thr krachend an die innere Wand flog.
    Die Alte schrie wie ein getroffener Vogel und flchtete sich. Eben sicher,
keck und hhnisch wurde sie pltzlich ber die Maen furchtsam, wimmerte und
drckte sich an den Ofen des Zimmers, in das sie hineinflchtete, wie ein
gutgezogener Hund, der sich vor seinem Herrn mit bsem Gewissen frchtet.
    Louis und Murray folgten entsetzt dem sie zornig verfolgenden Blinden, der
nach der Gegend hin, wo er die Schwester vermuthete, drohend den Hammer schwang
und ihr alle mglichen Verwnschungen und Plagen androhte fr den tckischen
Tag, den sie heut' einmal wieder zu haben schiene.
    Wenn ich komme! lrmte er. Bin ich ein Strauchdieb? Komm' ich mit
Buschkleppern? Satan du! Rhr' dich oder ich treff dich!
    Von Murray's Brust lste sich ein gepreter Seufzer. Dicht an der Thr glitt
er auf einen Sessel. Er war gewi, da ihn diese irrsinnige Alte nicht wieder
erkennen wrde. Es war seine Schwester! Dieselbe Ursula, die Abschied von ihm
genommen, als er in seinen Todeskerker gefhrt wurde! Dieselbe Ursula, der er
die Pflege eines Kindes bertrug, das ihn an seine schuldvolle Vergangenheit,
wie den Verbrecher der Ring an den Pranger fesselte!
    Hier komm her, herrschte der Blinde, hier mach' Mores! Hopp! Dahin! Wo bist
du? Gib die Hand, Urschel!
    Er langte nach ihr. Sie jammerte aber, der Schmied wolle ihr etwas zu Leide
thun ...
    Louis warf einen traurigen Blick auf Murray, der so viel sagen sollte, als:
Hier ist schwer, auf begrndete Thatsachen kommen! Hier gilt es, Geduld haben.
    Mach' den Herren dein Compliment! sagte der Blinde. Das ist der Herr
Stallmeister, das ein Cavalier vom Frsten. Wirst doch wissen, wie Doktor
Lehmann die Huffule kurirte? Du hast ja Doktor Lehmann's Bcher. Hol' sie! Da
im Schrank liegen sie ...
    Die Alte fate jetzt etwas Muth und wagte sich vor.
    Wo ist der Schlssel?
    Sie schttelte den Kopf.
    Wo ist der Schlssel?
    Louis merkte, da ihm Ursula winkte. Er trat nher. Sie flsterte ihm in's
Ohr:
    Ich geb' ihm meinen Schlssel nicht, wenn er allein kommt. Wie das Geld aus
Amerika kam, kam er auch allein. Da mach' ich nicht auf. Sein Junge mu Zeuge
sein.
    Was sagt sie da? fragte Zeck.
    Bleibt da, sagte Louis entschlossen und fhrte Zeck an das Fenster der schon
dunkelnden kleinen Stube zurck. Bleibt ruhig! Eure Schwester wird uns Alles
sagen.
    Herr, fuhr Ursula fort. Er hat nichts Gutes vor, wenn er allein kommt. Er
ist schon fters allein durch den Wald geschlichen ...
    Kommt er denn jetzt allein, gute Frau? sagte Louis. Wir sind ja unsrer zwei
mit ihm und Eure Freunde.
    Aber Ihr hrt's ja, er will den Schlssel haben!
    Murray merkte aus diesen Worten bald, da Ursula noch so viel klare Gedanken
hatte, um vor Jakob Zeck's Habgier sich sicher zu stellen. Er gedachte seines
Geldes, das ohne Zweifel Veranlassung dieses Mistrauens war.
    Louis folgte mit groer Geistesgegenwart der gleichen Betrachtung und sagte:
    Das ist recht, Frau Marzahn, da Ihr Euer Geld verschliet. Ihr mt reich
sein. Aber gabt Ihr denn die dreitausend Thaler, die Ihr einst fr das Kind
Eures Bruders, der in Amerika gestorben ist, empfangen habt, nicht auf Zinsen?
    Ursula stierte ihn auf diese Worte mit groen Augen an.
    Ach, Herr, sagte der Blinde, die dreitausend Thaler legte sie bei Marzahn's
Leber an. Das Geld zehrte all der Durst weg.
    Die Alte verstand diese Bemerkung, lachte und erhob sich jetzt, ihren Gsten
etwas vorzusetzen.
    Ihr Herren, sagte sie, wollt Ihr trinken?
    Da, sagte Zeck, nun hat sie's! So ging's frher! Juchhei! Flotte
Wirthschaft! Die und dreitausend Thaler! An Die hat sie's hinausgeworfen, die
ihr sagten, da sie hbsch war. Zehn haben sie heirathen wollen und Jeder zog
sie nur aus, bis sie nichts hatte und ihren armen blinden Bruder htte sie
verhungern sehen knnen ...
    Wollt Ihr trinken, Jungen? fragte Ursula wieder mit schelmischer
Lsternheit.
    Louis schttelte den Kopf. Er empfand ein Grauen vor dem Gedanken, von einer
solchen Frau sich etwas zum Genusse vorsetzen zu lassen.
    Danke! sagte er krftig und setzte mit Entschlossenheit den Hebel an die
Erinnerung der Alten, indem er fortfuhr:
    Marzahn war so durstig und doch wollt' er nicht ein Ende machen und
heirathen. Warum, Frau Ursula, wollt' er denn nicht heirathen?
    Aber die Antwort auf diese Frage blieb aus. Die Ideenverwirrung der Alten
war so eigenthmlich, da sie kichernd zu Louis sagte:
    Bist schmuck! Hast doch auch schon ein Mdchen?
    Der Blinde lachte laut auf und machte den plumpen Scherz:
    Hei! So war's recht! Ja! Es ist ein Freier fr Dich, Ursula! Der Dreizehnte,
wenn Du willst! Herr, sie wre im Stande, noch mit Euch Hochzeit zu machen. Fat
ihr einmal an's Kinn! Ich wette, sie hat mehr Haare am Kinn als Ihr unter der
Nase!
    Ich kann mir denken, fuhr Louis den Scherz nicht beachtend fort, ich kann
mir denken, da Eure Freier, Frau Ursula, gefragt haben: Wem gehrt denn der
kleine hbsche Junge da? Ist das Euer eigner lieber kleiner Taugenichts?
    Das ist's! sagte Zeck.
    Sie hrten dann, fuhr Louis fort, das ist meines Bruders Kind. Was wollt
Ihr? sagtet Ihr. Es gehrt dem Bruder ...
    Sie glaubten's aber nicht, fiel Zeck ein.
    Ursula hrte nur zu, wie wenn etwas ihr Wildfremdes besprochen wurde.
    Und zu sagen, von wem das Kind kme, wer die Mutter wre, Das war durch
einen Schwur verboten?
    Und durch das Geld, das sie durchgebracht hat! setzte Zeck grimmig hinzu.
    Da war's dann Euer Sohn -
    Doktor Lehmann's Sohn! lachte Zeck.
    Murray schauderte, weil ihm von Wort zu Wort das Verhltni ganz klar wurde.
    Und Marzahn war der schlimmste Eurer Freier? fuhr Louis mit einer fr Murray
bewunderungswrdigen Kunst der Inquisition fort. Der wollte nichts wissen von
Doktor Lehmann's Sohn!
    O Das wre der Teufel, sagte Zeck. Der verspielte ihr Geld und nannte sie
dann, wie man Weiber nicht nennen soll, wenn sie's auch sind -
    Wegen dieses Kindes?
    Nein Herr, da war's ja schon todt, als Marzahn an die Reihe kam. - Es war
ein andrer - der Vierte, der Fnfte ...
    Wie alt wurde er denn, der kleine Wurm?
    Ich denke, ein anderthalb Jahre - nicht wahr, Urschel? Du nahmst es ja in
die Stadt, als ich krank lag. Mir war schlecht damals, Herr. Als ich wieder
Besinnung fate, war Paul gestorben. Urschel, Du hast ja den Todtenschein von
Paul. Gib ihn mal her! Die Herren brauchen ihn. Paul soll erben. Wieviel denn,
Herr?
    Wol an zehntausend Thaler! sagte Louis frischweg, um aus den halben
Thatsachen herauszukommen.
    Zeck starrte. Seine Augen rissen sich gro auf.
    Hrt sie wol ein Wort von Allem, was wir sprechen? rief er zornig. Gib den
Todtenschein vom Paul! Paul Zeck! Hrst Du nicht?
    Ursula band sich ihr Tuch vor'm Spiegel fester und nahm dabei eine Nadel in
den Mund.
    Den Todtenschein vom kleinen Baron! wiederholte Zeck, ihr in's Ohr
schreiend.
    Ursula steckte ruhig die Nadel in das Kopftuch.
    Warum lacht Ihr, Frau Marzahn? Ist der kleine Baron wirklich todt? fragte
Louis.
    Murray sah gespannt ...
    Die Schwester zeigte auf die dunkle Wiese unter dem kahlen Ebereschenbaum.
    Murray mute aufstehen, weil er in der Nhe des Fensters sa und sich gern
zurckgezogen hielt.
    Wo ist der kleine Baron? wiederholte Louis.
    Ursula that, als suchte sie den kleinen Baron auf der Wiese und lachte
dabei.
    Sie ist verrckt! sagte Zeck. Im Sommer sagte sie einmal zu mir: Jakob,
sagte sie, ich habe den Baron gesehen; sie meinte unsern Bruder, und zeigte auf
einen Baum, der da auf der Wiese stehen mu. Da htte sie ihn im Mondschein
gesehen.
    Louis und Murray fhlten, da hier schwer, ja unmglich eine vernnftige
Auskunft zu finden war. Sie konnten daher nichts dagegen haben, da der Blinde
den Hammer nahm und an einen kleinen Schrank, der neben einer alten Uhr an der
Wand hing, mit furchtbarer Gewalt einen Schlag verfhrte.
    Ursula sprang jetzt hinzu und schrie.
    Geld hat sie nicht! sagte Zeck wthend und auf den Schrank schlagend; das
gibt sie alles an die Mnner. Dem Heunisch, dem Faullenzer, stopft sie's ein,
seit Jahren, da sie wie toll in seinen rothen Bart verliebt ist. Aber Papiere
sind da. Den Todtenschein vom Paul mu sie haben!
    Ursula schrie und rang mit dem Bruder; doch schon war der kleine Schrank
aufgesprungen und Papiere, Bcher, Flaschen, Bchsen fielen wirr durch einander
herunter.
    Es war ein trauriger Anblick, zu sehen, wie Ursula mit dem Blinden rang, um
ihn von der Zerstrung und der Durchsuchung dieser Gegenstnde abzuhalten.
    Murray erfate ein Grauen. Er erkannte einige dieser Bchsen und Glser. Sie
stammten aus seiner frheren Kupferstecherwerkstatt her und enthielten tzende
Gifte.
    Rhrt nichts an! schrie Zeck. Es ist Gift! Die Hexe will den Schein nicht
geben! Sie will sagen, der Paul lebt noch!
    Dabei whlte die schmutzige Hand in dem Schrank und trat Alles, was ihr
vorkam, mit Fen.
    Zurck! donnerte Louis jetzt und schleuderte den zum Thier entfesselten,
habschtigen Blinden mit jugendlicher Kraft bei Seite. Zurck! Nicht einen
Fetzen hier angerhrt, nichts hier zerstrt!
    Ich fate aber ein Buch! sagte Zeck fast zur Erde taumelnd. In dem Buche
liegt der Schein. Es ist ein Doktorbuch. Ich habe den Schein ja nie selbst
gesehen, aber vor zwei und zwanzig Jahren hat sie ihn mir vorgelesen ...
    Was ist das fr ein Buch? sagte Louis, sich mit Ruhe und Fassung zu Ursula
wendend und Eins nach dem Andern vornehmend.
    Als die Alte das Buch sah ... es war ein Gesangbuch mit goldnem Schnitt ...
fing sie pltzlich an zu zittern ...
    Was habt Ihr? fragte Louis.
    Ursula sthnte, ja schluchzte fast ...
    Alle starrten vor Befremden ... Die Alte nahm das Halstuch ab und trocknete
sich damit die Augen ... Das Gesangbuch hllte sie dann in das Tuch ...
    Murray hielt sich immer still und sttzte den Kopf auf ...
    Warum weint Ihr, Ursula? fragte Louis entsetzt.
    Statt der Antwort machte die Alte Tne, als ahmte sie Kirchenglocken nach.
    Zeck schwieg erschrocken und wandte sich ab ...
    Das ist ein Gesangbuch, mit dem man Sonntags in der Frhe in die Kirche
geht, sagte Louis.
    Die Alte nickte und fuhr rasch fort:
    Es ist gleich neun - der Pfarrer wartet schon - ha ha - da, den Strau hatte
sie in der Hand -
    Louis griff nach einem verwitterten, ganz vermoderten alten Blumenstrau,
den Ursula in der Hand hielt ...
    Ha! schrie Ursula auf. Da! Da! Da liegt sie! Unten! Ha, ha, ha!
    Wer? fragte Louis wiederholt.
    Statt zu antworten, trat Ursula scheu an Louis heran und flsterte, indem
sie hinterwrts, etwa nach der Richtung der Sgemhle hinzeigte:
    Da! Da!
    Wovon sprecht Ihr denn, Frau? Besinnt Euch?
    Sie sang wieder Glockentne und setzte sich dabei, weil ihr schwach wurde
... Zeck schwieg erstarrt.
    Louis behielt das Gesangbuch und den Blumenstrau zurck, sah aber, da ihm
Murray einen Wink gab, den Bruder zu beobachten. Dieser hatte seit dem
Gesangbuch, dem Glockenton, der Erinnerung an einen Sturz vom Felsen alle
Besinnung verloren. Er stand wie ein taumelnder, bewutloser Stier, den die Axt
des Fleischers vor die Stirn getroffen hat und der noch nicht vllig ohne Leben
ist. Nur krampfhaft streckte er die Hand hinaus, als wollte er diese hier
unvermuthet getroffenen Gegenstnde, die Louis betrachtet hatte, fassen. So
blieb die Hand ihm wie hngen.
    Murray wagte den Gedanken, da hier eine Schuld, eine Mitschuld an irgend
einer Unthat vorlge, nicht auszusprechen. Wute er doch nicht, worauf sich
diese Andeutungen, diese Reliquien bezogen! Aber Erstaunen mute es ihm
verursachen, da der Schmied ruhig geschehen lie, wie Louis im Schranke weiter
suchte und forschte.
    Ich finde nichts, sagte Louis. Da ein Kamm von Schildpatt mit weiem
Elfenbein verziert -
    Bruder und Schwester erwiderten nichts.
    Ein schner Kamm! sagte Louis. Trugt Ihr den frher, liebe Frau?
    Ursula schttelte sich und meinte jetzt:
    Er brennt ja.
    Der Kamm brennt? Wie kann der Kamm brennen? fragte Louis.
    Murray horchte hoch auf.
    Fragt Den da, sagte Ursula und zeigte auf den Blinden, der in der That den
Kamm so von sich weghielt, als stnde er in Flammen. Sein Athem keuchte. Er kam
jetzt in Bewegung und suchte das Fenster.
    Ursula kam dem zum Tod erschrocknen, ber diesen Inhalt des Schrankes
entsetzten Blinden zuvor, ri das Fenster auf und rief:
    Ihr erstickt, Leute! Macht fort! Fort! Der Kamm brennt! Die Stube brennt!
Die Gardine! Linchen brennt! Jakob! Jakob!
    Weiter konnte Ursula nicht. Jakob Zeck, der wthende Blinde, warf sich auf
sie, wie man auf einen brennenden Gegenstand das erste Beste wirft, um die
Flamme zu ersticken. Er warf die Alte zu Boden, trat sie. Murray hielt sich
nicht lnger. Er sprang auf, fate den Blinden rckwrts und schleuderte ihn mit
einer Kraft zurck, ber die Louis erstaunen mute.
    Louis steckte den Kamm zu sich, dann schlo er das Fenster, ohne darauf zu
achten, da es ihm war, als hrte er in der Ferne Pferdegetrappel. Er erstaunte
ber Murray, der im Begriff schien, sein Incognito aufzugeben und mit dem
Terzerol in der Hand dastand. Der Anblick dieser Papiere, die vielleicht ber
seinen Sohn Auskunft geben konnten, ergriff Murray so gewaltig, da er den auf
dem Boden whlenden Bruder fast mit Fen stie und sich der Papiere, die er
zusammenraffen konnte, schnell bemchtigte. Zeck, der im Ringen mit ihm
bemerkte, da es nicht Louis war, der ihn niedergeworfen, erhob sich und hielt
seinen Hammer empor.
    In der Linken das Gesangbuch, in der Rechten seinen Hammer, rief er, die
Besinnung verlierend:
    Mrder! Diebe! Ursula, la die Hunde los!
    Die Papiere heraus! donnerte Murray. Ihr seid Mrder! Ursula sprich! Wer
verbrannte? Wer strzte vom Felsen?
    In dem Augenblicke nahte sich aber der wthende Zeck mit seinem Hammer,
holte aus und wrde in seinem Irrthum Louis, der ihm zunchst stand, unfehlbar
tdtlich getroffen haben, wenn nicht Murray ihn mit der Linken - in der Rechten
hatte er das Terzerol - ergriffen htte.
    Halt' ihn! Halt ihn! schrie Ursula. Er wei es! Nantchen's Gesangbuch! Wo
ist das Gesangbuch! Linchen's Kamm! Ha, ha! Jakob, nun ist's doch all' eins! Nun
holen sie uns doch! Sag's Jakob! Oder soll ich's sagen?
    Murray lie die Hand sinken. Aber nur einen Augenblick. Der Blinde hatte die
Stelle gemerkt, wo die Schwester stand. Er hrte, da sie Angaben machte, die
auf geheime Verbrechen schlieen lieen. Er hob den Hammer, um durch einen
tckischen Seitenschlag der Schwester im Nu den Mund fr ewig zu schlieen.
Murray blitzschnell folgte der Bewegung und scho, ohne zu berlegen, sein
Terzerol ab.
    Der Schmied sank getroffen. Ursula schrie auf. Louis, der in den Papieren
des Schrankes suchte, wandte sich und sah das Entsetzliche, das eben geschehen
war -
    Erkennst Du mich? rief Murray nun dem zurcktaumelnden und zur Erde
sinkenden Blinden zu, erkennst Du mich? Die Stimme Deines Bruders spricht zu
Dir! Ursula, hat die Macht des Wahnsinns Deine Sinne ganz geblendet? Der sieht
nicht und erkennt mich, Du siehst und weit nicht, wer mit Dir spricht?
    Der Schmied chzte. Ursula ri gespenstisch die Augen auf ...
    Erkennst Du mich, Jakob? So drhnten die Mauern in unsrer Werkstatt, wie
jetzt, als Du die Erde zum letzten Male sahst. Hrst Du mich, den
Auferstandenen? Euern Bruder Friedrich?
    Der Blinde antwortete nicht ... er chzte.
    Ursula hielt sich am Ofen fest und erkannte den Bruder noch nicht wieder.
Gro starrten ihre Augen auf ihn herab. Sie sah den Niedergesunkenen, ohne das
Geschehene fassen zu knnen.
    Rettet Euch, Murray! Ihr seid verloren! rief Louis jetzt, der gleich nach
dem Schusse an's Fenster getreten war und die beiden Dragoner hatte
heransprengen sehen. In der Ferne hrte er Stimmen. Die Hunde bellten und rissen
wie wthend an ihren Ketten ...
    Murray, was habt Ihr gethan? rief Louis.
    Euch und der Schwester, der Unglcklichen, das Leben gerettet ... Dieser
Elende! Falschmnzer! Mrder! sagte Murray und sank entkrftet, keiner Gefahr
achtend in seinen Sessel.
    Was bedeuten diese Bewaffneten? Ist es auf Euch abgesehen? Ich beschwre
Euch! Flieht! Das Dunkel wird Euch schtzen! rief Louis.
    Statt aller Antwort erhob sich Murray noch einmal und trat dicht vor Ursula
mit den Worten, die er ihr donnernd zurief:
    Ursula, habt Ihr Paul ermordet?
    Die Alte schttelte den Kopf.
    Ist das Kind todt? Verbrannt? Vom Felsen gestrzt?
    Ein Augenblick Zeit war noch brig; schon standen die Dragoner an der Thr
drauen und lrmten. Menschen liefen quer ber die Wiese herber.
    Ist Paul Zeck todt? wiederholte Murray.
    Die Alte schttelte den Kopf.
    Ah! sagte Murray. So hab' ich noch Pflichten und sollte noch leben! Nein,
Freund, dieser berfall gilt mir! Man ahnt, wer ich bin. Sehen Sie, ich erkenne
die beiden Hscher, die mich schon einmal verhafteten. Wohlan! Wohlan! Nach dem
Tode dieses Elenden dort, zu dessen Richter mich Gott bestellte, bedarf ich
einen Ort der letzten Sammlung! Leben Sie wohl, Louis, und wenn Sie aus diesen
Papieren erfahren knnten -
    Murray! mute Louis mit berstrmendem Gefhle rufen und sich
schmerzzerrissen an des unglcklichen Mannes Brust werfen.
    Murray kte ihm die Stirn. Eine Thrne quoll aus seinem Auge.
    Nur kurz war dieser Augenblick; denn schon war Murray ergriffen und die
Scene verwandelte sich in eine brutale Verhaftnahme, wie sie ohne alle Rcksicht
auf die obwaltenden Umstnde nur stattfinden konnte. Da ein Verwundeter, dort
ein Schrank erbrochen, der gesuchte zweideutige Englnder, mit einem Mordgewehr
in solcher Situation gefunden ... Louis hatte alle Kraft zusammenzunehmen, der
Gewalt dieser ihn selbst im sonderbarsten Lichte darstellenden Scene nicht zu
erliegen.
    Schont diesen Mann! rief er und drngte die beiden Gesellen, die bei Zeck
gearbeitet hatten, zurck. Wer seid Ihr, da Ihr wagen drft, hier einzudringen?
    Bei Mrdern und Dieben ist Jeder zur Hlfe berufen, sagte der Eine. brigens
sind wir Diener der Gerechtigkeit ...
    Es waren Mullrich und Kmmerlein, die Polizeidiener. Pfannenstiel
besttigte, da Beide mit dem Auftrage hierherkamen, diesem Manne mit der
schwarzen Binde, der sich Murray nenne und fr einen Englnder ausgbe, in
seinen Unternehmungen um das Schlo Hohenberg herum aufzupassen. Schlimmeres
knne man wol nicht antreffen, als hier den Vorfall im Forsthause. Herr Louis
Armand wrde von seiner Zeugenaussage viel Umstnde haben ...
    Sie wird sehr einfach sein, sagte Louis. Dieser edle Mann hat mir und jener
Frau das Leben gerettet.
    Den Hammer sah ich in des Blinden Hand, bemerkte Pfannenstiel. Das ist
richtig. Die Umstnde kann man nicht genau genug aufnehmen ...
    Indem wurde Murray zwischen die beiden Dragonerpferde genommen und gefangen
fortgefhrt.
    Louis umarmte ihn noch einmal mit Thrnen.
    Die Umstehenden machten eine eigne zwischen Spott und Erstaunen gehaltene
Miene, als Murray noch die Worte sprach:
    Mein Freund, trauern Sie nicht! Sie kennen meine Lehre, meinen Glauben! Ich
dulde gern, denn ich wei, wofr ich dulde! Geh' es Ihnen wohl! Sie haben in ein
Leben, in Verhltnisse geblickt, ber die man nur zu rasch ein Kreuz schlgt und
sagt: Da ist nichts zu ndern! Holen Sie sich das Bewutsein aus ihnen, ein
reiner, mit Ihrem Innersten einiger Mensch zu sein! Gottes Geist erleuchte Sie!
Wirken Sie Gutes! Und wollen Sie meiner gedenken, so gedenken Sie, da der Zweck
unsrer Reise erreicht ist. Wir wissen, da Paul lebt! Die letzten Antworten
Ursula's waren erleuchtet. Dafr dank' ich Gott und Ihnen.
    So schied Murray und schritt zwischen den Pferden und den Sporen der Reiter
voll Demuth hin.
    Mullrich und Kmmerlein, die ihre Prmie verdient hatten, folgten mit
spttischem Blicke auf Louis Armand, den nur die Beziehung zum Frsten und
Premierminister schtzte.
    Pfannenstiel half diesem, den bewutlosen Blinden in eine Nebenkammer auf
ein Bett bringen. Ursula sa am Ofen und schien von Allem, was sie umgab, nichts
mehr zu bemerken ...
    Dann folgte Pfannenstiel den brigen und versprach, einen reitenden Boten
nach Randhartingen zu schicken, um den Doktor Reinick zu holen.
    Wie Louis mit dem chzenden Blinden und Ursula allein war, befiel ihn erst
eine Furcht, die er vorher nicht kannte ...
    Ursula lie es ruhig geschehen, da er die zerstreuten Papiere, das
Gesangbuch, den Kamm, den Blumenstrau zusammenraffte und zu sich steckte. Vor
den Glsern entsetzte er sich und mochte sie nicht untersuchen ...
    Ursula sa in der Kammer neben dem Bruder, dem nur ein kundiger Arzt helfen
konnte. Sie lie das Haupt hngen und schien selbst, hochbetagt wie sie war,
ihrem Ende nahe. Sie versprach, Louis' Weisungen zu folgen, holte auch Wasser,
sprach auch von Umschlgen, die sie machen wollte, that eigentlich vernnftiger
als vorher und doch war es nur mechanische, fast gedankenlose Bewegung.
    Da Louis Heunisch's Rckkehr nicht abwarten konnte, ging er zuletzt still,
ohne da es Ursula merkte, aus dem verhngnivollen Hause. Mit welchen Gefhlen!
Die Wahnwitzige blieb mit dem Bewutlosen, Sterbenden allein zurck.
    Es war Schnee gefallen. Ein Leichentuch deckte die Erde. Wohin Louis
blickte, die weien Schimmer des Winters ...
    Plessen fand er in groer Bewegung. Die Arrestation, die Verwundung des
Schmieds, die Entpuppung der beiden Gesellen in der Schmiede hatte Alles in
Aufregung gebracht ...
    Auf dem Schlosse fand Louis die Sachen des schon weiter gefhrten Murray mit
Beschlag belegt ...
    Der Justizdirektor empfing Louis in dem Eckzimmer an dem noch offen
stehenden Klavier und bedauerte diese Vorflle, die zu erleben, zu beobachten,
zu untersuchen, zu errtern, ganz gegen seine Natur ging ...
    Herr von Zeisel mute mit dem Aktuar Weie ein Protokoll aufnehmen. Louis
unterschrieb es und erzhlte Alles, was er glaubte ber Murray mittheilen zu
mssen. Er verschwieg, da Murray Zeck's und der Ursula Bruder war. Er
schilderte seine Bekanntschaft mit Murray als die harmloseste, gestand zu, da
jener Alte aus Mistrauen und Lebensberdru ein Pistol bei sich fhrte und
berief sich als Ursache des Streites zwischen ihm und dem blinden Schmied auf
eine Familienangelegenheit, die er erst spter den Gerichten glaubte mittheilen
zu drfen ...
    Herr von Zeisel blieb gtig und wohlwollend, fand es auch in der Ordnung,
da Louis vorzog, schon morgen in die Residenz zurckzukehren. Er selbst wute
ber Murray nichts, als da hhern Orts zwei Polizeiagenten wren aus der
Residenz geschickt worden, um einen gewissen Murray, der an diesen und jenen
Dingen zu erkennen wre, zu beobachten und im Falle zweideutigen Benehmens,
besonders aber im Falle einer Beziehung zu dem Schmiede Zeck und dem
Frsterhause, sogleich festzunehmen und in die Residenz zu senden ...
    Louis mute ber diesen Zusatz sehr erstaunen und ahnte, da sich die alten
gewaltigen Mchte gegen den aus Amerika zurckgekehrten verhaten Vater des
verschollenen Paul Zeck deutlich genug regten.
    Er hatte eine schlaflose Nacht ...
    Am frhesten Morgen weckte er die alte Brigitte und Winkler, gab ihnen
Trinkgelder, die nicht seiner eignen Lage, wohl aber dem Orte, den er bewohnt
hatte, angemessen waren und entfernte sich, ohne Abschied von Oleander zu
nehmen, mit einer schon am Abend bestellten Gelegenheit in der Stille von
Hohenberg. Nur an Franziska lie er zur Besorgung einige geschriebene liebevolle
Worte zurck ...
    Mit banger Wehmuth ber unsre Erdenschicksale, ber fremdes in der Irre
gehendes Hoffen und sein eignes so Viel verfehlendes Streben, zog es ihn jetzt
dahin, wohin man den unglcklichen Murray gefhrt hatte.

                                Eilftes Capitel



                                 Unterm Schnee

Die weie Decke des Winters blieb und wuchs. Der Winter erstarrte Alles, was in
der Natur noch zu leben, irgend noch zu wachen versuchte. Die wenigen
zurckgebliebenen Vgel flchteten den Wohnungen der Menschen nher, doch auch
diese hatten sich strenger verschlossen und schienen rmer an Liebe, sparsamer
mindestens mit ihren freundlichen Gaben, selbstbekmmerter in sich
zurckgezogen. Der Schnee lag so hoch, da man die Drfer aus ihren Decken kaum
heraus erkennen konnte. Nur wo irgend ein warmer Hauch, aus der Kche, aus den
Schornsteinen, ja, da wir auf dem Lande sind, aus dem dampfenden Dnger
entstieg, ffneten sich einzelne Falten des groen weien Gewandes und
verriethen, da unter ihm etwas Lebendiges ruhte. Bald gesellte sich zum Schnee
der Frost, der ihn ballte und so kittete, da er unter dem Futritt und dem
Wagendrucke knisterte. Die Geleise, die in der vom Wind verwehten Schneedecke
auf der Landstrae und im Walde nicht bleiben wollten, froren nun fest. So kalt
es war, so kam man nun doch eher zum Vorschein, weil man feste Wege fand. Da
standen denn die Bume mit groen weien Harnischen gepanzert, die ihnen im
Schneegestber angeweht und dann gefroren waren. Die kleinsten Zweige htten
unter der Lupe betrachtet millionenfach wunderbare Krystallisationen geboten.
Wie glnzten diese zarten Kandirungen an der blutroth aufsteigenden Sonne, deren
Strahlen nur Morgens, Mittags und Abends die Kraft hatten, durch den Nebel
hindurchzudringen! Da wo sonst tiefe Abgrnde und Klfte waren, hatte sie das
Schneegestber ausgefllt und trgerische Bahnen geschaffen, die nur unter dem
pfeilschnellen Fluge des Wildes nicht nachlieen. Man sah die Spuren des
flchtigen Wildes. Viele Jagdliebhaber, die fr Wochen und Monate eine Licenz
zum Schieen lsten, verfolgten sie auf Umwegen. Auch die Klingeln der Schlitten
belebten die erstorbene Gegend, wie der Knall der Bchsen. Wer sich jetzt
gegenseitig besuchte, durfte voraussetzen, freundlicher als sonst aufgenommen zu
werden.
    Noch ehe die Erde zu harten Schollen gefroren war, hatte sie zu ewiger Ruhe
zwei Entseelte aufgenommen. Die Mllerin und acht Tage spter den blinden Jakob
Zeck. Der Schu war dem Schmied unter dem Schlsselbein eingedrungen. Die
Sorgfalt Reinick's vermochte nichts gegen den Brand.
    Zwei so rasch unter solchen Umstnden sich folgende Begrbnisse regten die
Umwohner genugsam auf und laut genug wurden jene Todtengerichte gehalten, die
jedem Sterbenden folgen, wenn auch nicht so feierlich wie einst in gypten, und
bei den Meisten auch nur in Gedanken. Der Vikar Oleander aber hielt sie in
Worten an den offenen Gruben und achtete des Schnees und der Klte nicht. Hatten
doch auch die Menschen noch gewut, Blumen aufzutreiben, warum sollte er mit
Worten geizen! Sein schnes Talent, den Augenblick und die Situation selbst
reden zu lassen, bewhrte sich auch hier und Viele sagten, da er am Grabe des
blinden Zeck fast noch rhrender gesprochen als an dem der Mllerin. Hier
klapperte ja die Mhle fort, es fehlte dem Gatten Niemand! Da aber stand ein
Sohn, der sich, fr so beschrnkt er sonst galt, im Verlust seines (ihn
fhrenden) Vaters wie ein Verzweifelnder gebehrdete und sich mit wildem Schmerze
auf den Sarg warf, um ihn nicht schlieen zu lassen! Da stand Heunisch, dem der
pltzlich weier gewordene Schnurrbart rings vom Athem und der Klte vollends
gereift war! Er hatte Louis nicht mehr gesprochen und von Ursula, die zum Tode
geknickt schien, nur verworrene Aufklrungen erhalten. Da stand Franziska
Heunisch, die mit Selma eben ein trauliches Stillleben beginnen wollte, als sie
dieser Fall beinahe wieder auseinanderri! Doch hoffte Heunisch, die Marzahn
wrde es noch bis zum Mrz bringen. Auch zwang ihn die Jagd, viel Menschen zum
Treiben und Transport des Wildes ohnehin immer um sich zu haben und oft kam er
nun drei, vier Tage lang nicht mehr nach Hause. Da stand Herr von Zeisel, der
nur bedauerte, wie unklar sich dieser ganze Vorfall anlasse und wieviel es
Correspondenzen kosten wrde, die Gerichte der Residenz mit den Ergebnissen der
hiesigen Untersuchung in Einklang zu bringen! Da stand auch noch Siegbert
Wildungen, den Louis' pltzliches Verschwinden schmerzlich genug, weil mit
solchen Umstnden verbunden, berraschte. Alle hrten sie Oleander's
Betrachtungen mit Rhrung zu. Er verschwieg nicht, da dieser Todte wenig
Freunde gehabt und Allen eher kalt, als warm erschienen sei. Er htte die Liebe,
die er nicht gesucht, auch nur bei Wenigen gefunden. So kam der junge Redner auf
die Verstockung des Herzens, die hier eine Folge des leiblichen Gebrechens
mochte gewesen sein und sprach mit groer Offenheit darber, da Die, die auch
geistig taub sind, die geistig nicht sehen wollen, auch an ihrem noch besseren
Theile einben. Auch an Louis' Mittheilung, da dieser Blinde seinen Tod sich
selbst zuzuschreiben htte wegen eines bsen Anfalls von Jhzorn und schlimmer
Tcke, fest und unerschtterlich sich haltend, verschwieg Oleander zur Warnung
kein Fehl des Dahingegangenen und go erst zuletzt das milde Licht der
himmlischen Gnade, deren wir Alle bedrften, ber seinen weihevollen Vortrag.
Dem Sohne, sagte er dann, zu ihm sich wendend - die Umstehenden berhrten den
Tauben, um ihm zu sagen, der Pfarrer sprche mit ihm - kann ich nichts sagen, da
ihm das Ohr fr menschliche Rede verschlossen ist! Blicke hin und hre die
Sprache, die du siehst! Diese Erde - er zeigte auf die Grube - und jener Himmel
- er zeigte empor - sind Eines, so wir reinen Herzens sind - er legte dabei die
Hand an die Brust.
    Der Taube verstand ihn und weinte. Er war in den Dreiigen und jetzt
hlfloser wie ein Kind.
    Als man vom Kirchhof heimging, hrte Siegbert noch ausfhrlicher, was sich
Alles im Walde zugetragen hatte. Heunisch und Zeisel erzhlten, auch
Pfannenstiel trat nher. Allen fiel auf, da aus dem kleinen Schranke der ganze
Inhalt fehlte, den Heunisch freilich selbst nie gesehen hatte. Das gewaltsame
Aufschlagen mit dem Hammer schien Allen erwiesen und Niemand bezweifelte, da
der Blinde sein Schicksal verdient hatte. Einen genaueren Zusammenhang ahnte nur
Ackermann wegen der von ihm aus Amerika gebrachten Summen. Was man aber von dem
Englnder Murray, von Louis' Urtheil und von der Schwester denken sollte, war
auch ihm rthselhaft.
    Wie dem auch sei, sagte Herr von Zeisel zu Ackermann, es ehrt Herrn
Oleander, da er die gleiche Theilnahme der reichen Mllerin und dem, wenn nicht
armen, doch wenig geachteten Schmied bewies. Ich denke an Stromer - setzte er
mit einem Seitenblick auf die einsam wandelnde Pfarrerin, die nicht zuhrte,
leise hinzu - ich denke an Stromer, dem alle diese Vorkommnisse gering und
seiner nicht wrdig erschienen und bei allem Geiste, den ihm Niemand absprechen
wird, keine fesselnden Worte abgewannen.
    Es fehlte ihm wol das Herz! sagte Ackermann.
    Ich mchte auch Das nicht sagen, bemerkte Herr von Zeisel. Er schreibt doch
in den Blttern mit groer Empfindung. Die Briefe an die Seinigen sind oft kurz
und zerfahren, oft aber auch voll Rhrung ...
    Vielleicht ber sich selbst, bemerkte Ackermann. Nenne man Das doch nicht
Herz, wenn ein Mensch leicht in Thrnen zerflieen kann! Ich habe Frauen
gekannt, die viel weinten und die doch nur ihre Nervenschwche htten fr ihr
Gemth ausgeben sollen. Stromer ist voll Rhrung ber sich selbst. Er weint
darber, da er weinen kann. Er bewundert sich, wenn er voll Wehmuth einen
Kirchhof oder den erwachenden Frhling betrachtet. O diese eitle
Selbstbespiegelung! Ich erkenne das Herz nur bei den Menschen an, die im Stande
sind, aus andern Menschen herauszuempfinden und in ihnen wie in sich selbst zu
leben.
    Oleander, der einestheils zu zartfhlend war, um sich auf Kosten seines
Vorgngers rhmen zu hren, andrerseits die Gewohnheit hatte, nach dem Ernste
gern in einem scherzenden Tone sich wieder mit der naiven, ihm eigenthmlichen
Auffassung zu vermitteln, bemerkte:
    Ich will gleich sehen, wer unter uns Herz hat! Da seh' ich Damen in Pelzwerk
und Mnteln kommen ...
    Meine Frau, sagte Herr von Zeisel, Frau von Snger und Frulein Selma
Ackermann.
    Ich sehe schlecht, fuhr Oleander fort, wo geht Frulein Selma?
    Rechts, sagte Herr von Zeisel.
    Links, fuhr Ackermann fort, geht Siegbert Wildungen.
    Ihr irrt! Rechts Frau von Snger - bemerkte Oleander ...
    Nein, nein, links geht Frau von Snger! besttigten Alle.
    Da meinte denn Oleander:
    Seht! Ihr Alle habt kein Herz! Wie knnt Ihr sagen: es gehe einer rechts fr
Euch, da er doch links fr sich geht? Nach Herrn Ackermann's richtiger Theorie
vom Herzen mu man Den, der uns begegnet, auch von der Seite aus kommend
darstellen, die ihm selbst die linke, ihm selbst die rechte ist!
    Der Widerspruch und der Scherz, den diese Bemerkung hervorrief, wurde von
den Damen abgeschnitten, die ber die Klte, ber das lange Ausbleiben der
Herren klagten. Frau von Zeisel warf auf Siegbert so schmollende Blicke, da er
sich wiederholt fr seinen erst heute, acht Tage nach dem Diner wiederholten
Besuch entschuldigte. Er erklrte, da er sich noch nicht von dieser
berraschenden Vernderung htte erholen knnen: so widersprche Alles, was er
zu finden hoffte, Dem, was er wirklich fnde.
    Frau von Snger fhrte das Wort und schilderte den Flei und die in Anspruch
genommene Mue des jungen Malers mit einer Lebendigkeit, die Niemanden
verdrielicher war als der Justizdirektorin. Sah sie sich doch auch von
Oleander, der mit Selma und Franziska allein ging, verlassen!
    Oben im Amtshause widmete man Allen, die das Begrbni des unter so
eigenthmlichen Umstnden dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte, noch
einen solennen Nachmittagskaffee, dann trennte sich Heunisch, der als
Leidtragender vom Justizdirektor mit freundlicher Herablassung eingeladen war,
von Franziska und trstete sich mit den Zerstreuungen, die jetzt die Jagd, der
Verkauf, die Ablieferung des geringen Wildprets mit sich fhren wrde. Selma
hatte Franziska schon so liebgewonnen und an sich herangezogen, da sie sich
gern mit ihr isolirte und sonderbarerweise von allen Anwesenden Niemanden lieber
den Rcken kehrte als Siegbert. Dieser fhlte diese Zurcksetzung und bemerkte
auch, da Ackermann gegen ihn befangen war. Auf einem Schlitten fuhren die
Ullagrunder frher von dannen; doch wiederholte Ackermann die Einladung an
Siegbert. Wenn er noch in der Gegend bliebe, wrde er ihnen doch einen Besuch
schenken? Der innige Hndedruck, mit dem er schied, stand in Widerspruch zu
seinem Benehmen. Selma aber, die in ihrem Pelzkragen, ihrem Muff und dem blauen
Schleier auf dem Sammthute recht vollkommen, wie Frau von Zeisel sagte, oder
unternehmend, wie es Frau von Snger nannte, aussah, verharrte in ihrem
Gleichmuthe und verwundete fast den von den Frauen etwas verwhnten jungen Mann.
Als der Schlitten fortgefahren, beklagte sich Siegbert bei Oleander.
    Dieser stand an einem entlegenen Fenster und erwiderte:
    Ich mchte behaupten, da Selma selbst nicht wei, warum sie Ihnen so sein
mu, wie sie ist.
    Bemerkten Sie denn auch die fast absichtliche Klte?
    Absichtliches bemerkte ich nichts, aber da sie vor Ihnen Scheu hat, eine
unbewute, ihr selbst nicht klare, erkenn' ich wohl.
    Wie ist Das mglich? Was wei sie Schlimmes von mir? Da sich diese beiden
verheiratheten Frauen mir theilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen,
ist Das meine Schuld?
    Ich glaube kaum, da Selma so urtheilt, so nur beobachtet. Sie beobachtet
gar nicht und urtheilt noch weniger.
    Sie sprechen ihr da die Bildung ab, die Sie doch selbst an ihr vollenden
wollen?
    Die Bildung? Ist Beobachtung und Urtheil allein Bildung? Bildung ist nur
gesteigerte Empfnglichkeit. Selma verbindet Bildung mit Dem, was die Bildung
nur zu oft verdrngt, mit dem Instinkt der Natur. Es ist ein Wesen, das ich
naturwchsig nennen mchte. Sie verstellt sich nie, wenigstens nicht mit
Bewutsein. Was sie ist, ist sie. Sie erschrickt, wo sich Andre bekmpfen. Sie
liebt und hat nicht einmal. Sie fhlt sich nur angezogen oder fhlt sich nur
abgestoen.
    Wenn ich auf eine so reine Natur abstoend wirke, mu ich mich bekmmern.
    O, Das ist nicht gesagt, Wildungen! Der Vater, den Sie immer mehr schtzen
wrden, wenn Sie ihn recht erkennen wollten, hlt auf magnetische Beziehungen im
Menschen. Es ist mglich, da grade das Gleichartige abstoend wirkt. Wer wei,
welche Verwandtschaft grade Schuld ist, da Sie auf Selma's Nerven einen Druck
ausben! Bin ich nicht in der gleichen Lage?
    Siegbert stockte. Er gedachte des Bruders und der herzlichen Theilnahme, mit
der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen. Wie gern htte er sich
Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen! Aber dafr, da ihr Vater
ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben, dafr, behauptete er, wre
man zu sprde gegen ihn, zge sich zu sehr zurck und so hatte er keinen Muth,
seine persnlichen Beziehungen zu erwhnen und durch die Erinnerung an den
Bruder diesen Menschen nher zu treten, die ihm ohnehin viel zu streng zu
urtheilen schienen, als da er gewagt htte, auf Dankmar's in Hohenberg
gespielte Rolle zurckzukommen.
    Oleander's Liebe fr Selma war ersichtlich. Siegbert sagte fast scherzend:
    Und Sie, Oleander? Nach Allem, was ich zu beobachten glaube, liebt Selma
ihren Lehrer.
    Oleander fast erschreckend, konnte nicht antworten, denn Frau von Snger
trat zwischen sie und forderte Siegbert auf, seine gelehrten Gesprche fr ein
ander Mal auszusetzen.
    Mein guter Mann, sagte sie, treibt zur Rckfahrt. Er hat es nicht ber sich
gewinnen knnen, Ihre Rede zu hren, Herr Vikar. Er liebt die Kirchhfe nicht,
auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte. Ich bin die dritte. Er wird
auch mir Erlaubni geben, noch vor ihm dort hinzugehen.
    Welche Melancholie, gndige Frau! bemerkte der Vikar.
    Ach, dieser Winter! Diese kalte Luft! Diese de Einsamkeit! Diese treulosen
Freunde, die, wie Herr Wildungen, so einmal in dies elende Landleben
hereinschneien und dann gleich tglich vom Abreisen sprechen!
    Ja, lieber Oleander! sagte Siegbert. Mein Bild in Randhartingen ist fast
vollendet. Am dreizehnten will ich in Schnau sein, wo die Kirche eingeweiht
wird. Ich denke dann zurckzureisen ...
    In Schnau sehen wir uns noch, bemerkte Oleander. Ich wohne dem Feste bei
...
    Ist es nicht frchterlich, mit so viel kaltem Blute vom Abreisen zu
sprechen, bemerkte die junge, frische, liebenswrdige Frau, die in der That eine
groe Neigung fr Siegbert gefat zu haben schien und sie unter Scherzen zu
verbergen suchte. Warum nur sich, dem Vergngen, der Residenz leben? Wir
verderben Ihnen freilich die knstlerischen Anschauungen! Ihre Phantasie leidet
hier, Ihr Schnheitssinn verdirbt beim Anblick ...
    Der schnsten Blondine, die ich kenne, bemerkte Siegbert, nur um frei zu
kommen. Nein, gndige Frau, ich leide, weil ein geliebter Bruder nicht schreibt,
weil mich Verhltnisse verwickeltester Art, allgemeine und persnliche
Interessen, mit Gewalt in die mir verhate Residenz zurcktreiben ... wie gerne
wrd' ich ...
    Herr von Snger hatte sich erhoben und sttzte sich auf seinen alten
Krckstock. War es einmal so weit mit ihm gekommen, so durfte nicht zu lange
gezaudert und geplaudert werden.
    Vorwrts! kommandirte er mit militairischem Brummbatone, hinter dem aber
die gutmthigste Bequemlichkeit versteckt war. Vorwrts! Madame! Monsieur! Das
gibt einen Winter 1812! Ich fhl' es! Mein Rheumatismus bekommt historische
Erinnerungen ...
    Und als man ihm seinen groen Pelz umwarf, sagte er:
    In einer solchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei, als es rckwrts ging
... Adieu, Frau von Zeisel! Schne Hebe, was mu Ihnen so wohl sein in Ihrem
heien Blute!
    Mit hnlichen derben Spen ging er voran. Siegbert und Frau von Snger
folgten. Der Bediente trug Mntel und Pelze.
    Siegbert war nicht in dem Grade abstract, da er fr die kleinen
Koketterieen einer hbschen Frau unempfindlich geblieben wre. Aber sein
Innerstes wurde nicht davon berhrt. Es gibt sogar eine Art von Courtoisie im
Umgang mit gefallschtigen Frauen, wo man in die Lage kommen kann, um nicht zu
verletzen, rcksichtsvoll zu sein. Dankmar wenigstens hatte einmal zu Siegbert
gesagt: Der Henker hole unsre Gutmthigkeit! Htt' ich nur all' die
Zrtlichkeiten wieder heraus, die sich Einer Anstands halber mit Gewalt
auferlegt, um dem holdesten Geschlechte nicht wehe zu thun! Schon die verdammte
Gewissenhaftigkeit bei bereilt bewilligten Stelldicheins! Diese zarte Schonung,
Besuche zu wiederholen, wo uns schon der erste Mhe machte, der erste
berwindung kostete! Wir sind zu gut, zu vornehm, Bruder! Wir zahlen immer
gleich mit blanker Silbermnze, wo ein paar Kupferheller vollkommen genug
wren.
    Wenn man Briefe mit ungeduldiger Sehnsucht erwartet, geniet man Das, was
inzwischen das Leben noch so Angenehmes bietet, nur halb. Beziehungen zu dem
Arzte Reinick, die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter, der Humor des
alten Hauptmanns und Rentmeisters, die nur zu sehr entgegenkommende
Liebenswrdigkeit seiner nicht vllig oberflchlichen jungen Gattin, alles Das
unterhielt wol Siegbert, whrend er malte; aber da ihm Briefe fehlten, machte
nichts gut. Endlich schrieb ihm der nach Schnau zurckgekehrte Ortsvorstand
Marx, da er sich beeilen mchte, zu dem Kirchenfeste zu kommen, auch wre
Manches fr ihn inzwischen angelangt ...
    Da nahm er denn eiligst Abschied und vorlufig fr den ganzen Winter. Er
lie aus Gutmthigkeit Frhlingsverheiungen fr Frau von Snger zurck. Sie
glaubte ihnen nicht. Er erlebte wirklich, am Abend vor seiner Abreise (Oleandern
hoffte er in Schnau zu finden), da die hbsche Frau erst scherzend von ihm
Abschied nehmen wollte, dann aber im Lachen weinte und zuletzt in wirklichen
Thrnen so zerflo, da er sie ngstlich an seine Brust ziehen und durch jene
Zrtlichkeiten trsten mute, ber die Siegbert nicht so leichtsinnig dachte wie
Dankmar, der sie Anstandszrtlichkeiten nannte. Er machte sich die
Herzlichkeiten, die wirklich nur allein im Stande waren, den Schmerz der schnen
Frau zu mildern, noch lange zum bittersten Vorwurfe und fand es fast
gerechtfertigt, da ein reines unentweihtes Wesen, wie Selma Ackermann, vor ihm
einen tiefgewurzelten Widerwillen verrieth. Dieser Widerwille qulte ihn. Nicht,
da er seine Eitelkeit verletzte. Seit Oleander's tiefer Bemerkung spornte ihn
diese Thatsache, in sein Inneres zu blicken und er zitterte fast bei dem
Gedanken, in Schnau ohne Zweifel Briefe von der Frstin Wsmskoi zu treffen!
    Er fand deren genug und die bittersten Klagen, da er nicht schriebe. Es
verstand sich von selbst, da diese Briefe die wahre Empfindung Adelens nur
zwischen den Zeilen errathen lieen und nur plauderten, nur mittheilten. Von
Olga sprach sie mit Entrstung und gab sie und ihr Schicksal fr immer auf.
Erfreulicher lautete, da Rudhard mit den Kindern zurckgekehrt war und wieder
in ihrem Hause die Penaten htete, wie Otto von Dystra es genannt haben sollte.
Von diesem Letzteren erzhlte Adele meist Barockes und erschreckte Siegbert
durch die Bemerkung, da sie vermuthe, er wrde Olga nachreisen und Helenen fr
den unverantwortlichen Eingriff in mtterliche Autoritt ernstlich zur Rede
stellen. Sie wohne noch vor'm Thore, erzhlte sie, gegenber der jetzt
allgefeierten Pauline von Harder, die sich darin gefalle, den Staat, den Prinzen
Egon und wer wei wen Alles zu regieren. Genauere Angaben ber die fr Siegbert
so hochwichtigen politischen Fragen fehlten, doch fand er im Grunde in allen
Zeitungen mehr, als er zu wissen wnschen konnte. Ja in unmittelbarster Nhe sah
er die Agitation der neuen Wahlen, die wiederum so auszufallen schienen wie die
frheren; denn noch war der Premierminister mit seinem neuen Wahlgesetz nicht
hervorgetreten ...
    In einem Briefe, den er dann auch glcklicherweise von seinem Bruder
vorfand, war darber ausfhrlicher geschrieben. So sehr ihn dieser Fund
erfreute, so lag doch in dem Tone dieser kurzen Zeilen Dankmar's etwas, was er
nicht verstand. Dankmar war von Angerode wieder in der Residenz, sprach von den
gnstigeren Aussichten des Prozesses, gab Mittheilungen ber die fortschreitende
Entwickelung seiner Bundesideen, hatte aber auch Wendungen wie diese gebraucht:
Mit betrbtem Herzen kam ich gestern hier an und suchte fr das schmerzlich
Erlebte mich dadurch zu trsten, da ich mich mit erneuter Hoffnung in den
Strudel der Thatsachen warf. Und an einer andern Stelle: Beeile deine
Rckreise nicht! Shen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder, unser
Schmerz wrde endlos sein! Ach, Siegbert, ich kann mir denken, was du
empfandest, als du auch diesen Besitz aus unserm Lebensbuche streichen mutest.
Endlich hie es: Die Trauerbotschaft schrieb ich dir deshalb durch Einschlu an
Leidenfrost, weil ich dachte: Entweder du bist schon zurck, dann gibt er dir
den Brief selbst, oder du bist noch in Randhartingen, dann legt er ihn an Herrn
Ackermann bei, mit dem er in geschftlicher Verbindung steht.
    Welche Trauerbotschaft! rief Siegbert auer sich und durchflog den Brief
noch einmal. Ein Brief ist verloren gegangen oder liegt bei Ackermann!
    Sein erstes Gefhl war an die Mutter.
    Sie ist todt! sagte er. Ich Unglcklicher! Was kann dieser Brief so
Jammervolles enthalten? Starb sie, whrend du tndeltest? Was sollst du thun?
    Er durchlas wohl zehnmal den kurzen flchtigen Brief des Bruders, dessen Ton
vollkommen auf die Mglichkeit pate, da er ihm in dem verlornen das
Erschtterndste, das Herbste mitgetheilt hatte ...
    Zu seinem Trost kam wenigstens Oleander mit der Botschaft nach Schnau, da
Ackermann einen Brief fr ihn wirklich empfangen hatte, den Jener in der
Voraussetzung, Siegbert kehre nach Randhartingen wieder zurck, deshalb nicht
mitschickte, weil Siegbert, wie man wohlwollend und gtig gesagt hatte, ihn
selbst im Ullagrunde abholen sollte.
    Sie sehen, wie warm Ackermann fr Sie empfindet, schlo Oleander. Freilich,
htt' er ahnen knnen, was diese Zeilen vielleicht enthalten ...
    Siegbert war in einer Stimmung, die ihm unmglich machte, irgend eine der
vielen freundlichen Einladungen anzunehmen. Am liebsten wr' er gleich nach der
Residenz zurckgereist und doch war diese Entfernung dreimal weiter als die nach
dem Ullagrunde. Er wute nicht, was er vorziehen sollte! Der Gedanke, da seine
Mutter gestorben, stand ihm so fest, da seine Augen nicht mehr trocken wurden.
Er a nicht, er lag zusammengekrmmt und weinte.
    In der neuausgebauten Kirche, die am folgenden Morgen trotz der Klte dicht
mit Menschen berfllt war, hingen die von ihm wiederhergestellten Bilder. Der
Geistliche des Ortes predigte. Nach der Predigt sollte ein groes Festmahl sein.
Von diesem schlo sich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus. In die
Kirche aber ging er mit zerknirschtem Herzen. Glcklicherweise war die Predigt
trocken und lste ihn nicht so auf in Wehmuth, wie der Ton der Orgel und der
Gesang der Gemeine. Seit des Vaters Tode hatte er keine Kirche mehr besucht und
nun er zum ersten male wieder unter Andchtigen mit einem rthselhaften dunklen
Schicksal sa, fhlte er, nur ihr Tod, sonst konnte nichts eingetroffen, nichts
Anderes geschehen sein ...
    Da sein Zustand Niemanden entgehen konnte, so billigte man mit dem grten
Bedauern, da er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der
Ortsbehrde gewidmeten Frhstck sich in den Schlitten setzte, mit dem Oleander
gestern gekommen war. Auch die schnelle Entfernung des jungen Vikars, der ihn
durchaus begleiten wollte, that Allen leid. Gegen Mittag, whrend es wieder zu
schneien anfing, fuhren sie ab.
    Whrend der durch den frischgefallenen Schnee beschwerlichen Fahrt erzhlte
Oleander, um Siegbert zu zerstreuen, von seiner Jugend, seinen bisherigen
Lebensschicksalen. Wie er der Sohn armer Eltern im Wrtem-bergischen wre, die
Beide nicht mehr lebten, wie er sich mhsam htte emporarbeiten mssen und das
Meiste schwerer und steiler gefunden htte, als er anfangs dachte. Er wre durch
eine Hauslehrerstelle nach dem Norden gekommen. Auf der Universitt htte ihn
anfangs auch jene Theologie am meisten angezogen, die die modische, von der
Regierung beschtzte war. Doch htt' er sich ihr abwenden mssen, da ihm sein
poetischer Sinn dabei verkmmerte. Diesen htten schon frh Lehrer und Freunde
gepflegt und befrdert, aber er wre dabei so glcklich gewesen, niemals
berschtzer und ebensowenig Unterschtzer zu finden. Am nachhaltigsten htte
auf ihn ein Freund gewirkt, der musikkundig war und seinen Versen Klnge
unterlegte. Da htt' er bald erkannt, was die Seele ergreife und befriedige.
Ach, schlo er, wir sind in Todeserinnerungen! Auch Der ist hin! Sein ganzes
Leben war Harmonie. Er verklang so in das groe All', das doch wohl das irdische
Nichts ist! Oft hr' ich ihn in den Lften um mich her suseln! Je einsamer,
desto nher. Wenn ich allein bin, hr' ich den Ton seiner Geige oder er summt am
Klavier eine Melodie. Und was ich dichte, das mu gleich so sein, als sng' es
mir mein Wilhelm! So verkling' ich in ihm und er klingt in mir.
    Siegbert konnte sich zu dem Leide, das er erwartete, nicht feierlicher
vorbereiten. Seine Augen weinten; aber den Trost, der sie trocknen konnte,
fhlte er schon sich nahen bei des Gefhrten sanften Worten.
    Der Vikar erzhlte dann, wie er in der Residenz und auf dem Lande lange als
Hauslehrer htte wirken mssen, wie er zur Heimat htte zurck wollen, dann sich
aber einer Begnstigung seines verlassenen Schicksals zu erfreuen gehabt htte,
als er mit Propst Gelbsattel bekannt wurde. Er gab ihm das Zeugni eines
geistreichen, umsichtigen, anregungsfhigen, nur zu ehrgeizigen Mannes, mute
aber zu seinem Kummer gestehen, da den Ausschlag fr ihn nicht die Anerkennung
seines etwaigen Verdienstes, sondern der Glaube gegeben htte, er interessire
sich fr eine der Tchter des Propstes. Bekannt mit dem Sohne desselben, sagte
er, kam ich in sein Haus und war auf seine Schwestern prfend aufmerksam. Ich
habe in mir den stillen Vorwurf, da man vielleicht glaubt, wenn dies Vikariat
fr Guido Stromer vorber ist, wrd' ich zurckkehren und mich um die lteste
Tochter des Propstes bewerben. Und wie weit bin ich davon entfernt!
    Siegbert kannte diese jungen Damen von der Weinlese bei Adele Wsmskoi und
verglich sie mit Selma. Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns, jede
formelle Rcksicht leichter fahren zu lassen. Er konnte nicht umhin, mit kurzen
Worten geringschtzig von den Gelbsattels zu sprechen und sie gegen Selma
gehalten mit den Krhen zu vergleichen, die man eben auf den Feldern krchzen
hrte.
    Oleander winkte Siegbert, auf den Knecht Rcksicht zu nehmen, der sie fuhr.
Dieser hatte sich aber seinen Mantel so dicht ber die Ohren gezogen, da
Siegbert voraussetzen konnte, von ihm nicht verstanden zu werden, wenn er mit
leiserer Stimme fortfuhr:
    Wie wrde Ihr Gemth leiden, wenn Sie in die Lage kmen, mit solchen in
Glanz und Ansprchen auferzogenen Mdchen in Verbindung zu kommen oder wol gar
ihnen verdanken zu mssen, da Sie Befrderung erhielten! Ich kenne diese
Mdchen. Sie sind wie jetzt die meisten. Entfernt von jeder Idealitt und nur
der raffinirtesten Geselligkeit hingegeben. Theater, Putz, Blle sind die
Gegenstnde ihres Gesprchs. Welch' ein Engel dagegen Selma! Wie lieblich die
jungfruliche Erscheinung! Wie klug dies Auge und wie trumerisch zuweilen jene
Blicke, die sie nicht beobachtet glaubt. Wer so zu scherzen wei wie Selma, kann
auch tief ernst sein. Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich wei nicht,
gerade darin find' ich einen Reiz, einen Werth mehr. Ich fhle, da ich den
Glauben eines reinen, unschuldigen Mdchens nicht mehr verdiene und ich bin
gewi, jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen suchte, desto mehr misfiel ich ihr.
Und doch -
    Oleander schttelte traurig den Kopf; denn Siegbert verrieth wohl, da Selma
Oleandern nicht liebte.
    Ich vermuthe fast, sagte Oleander mit Traurigkeit, da sie irgend ein ihr
theuer gewordenes Bild im Herzen trgt. Irgend ein Mann mu ihr einst begegnet
sein, dem sie mit trumerischer Innigkeit nachhngt.
    Siegbert horchte auf ... Die Andeutungen seines Bruders hatte er nie fr
Ernst gehalten.
    Was zweifle ich noch daran? Hat mir's denn der Vater nicht selbst besttigt?
    Wer knnte Das sein? fragte Siegbert gespannt.
    Oleander fuhr fort:
    Krzlich nach dem Mahle im Plessener Amtshaus sprach der Vater in einer
abendlichen Dmmerungsstunde mit mir darber, da ihm Selma Sorgen mache. Dem
jungen, von Louis Armand in sein Haus empfohlenen Mdchen, htte sie sich mit
einer Leidenschaft angeschlossen, die ihm verrathe, da ihr das Bedrfni der
Hingebung mit mchtiger Gewalt innewohne. Er gerieth in eine so weiche,
wehmthige Stimmung, da ich den Muth hatte, von meiner Liebe zu sprechen. Er
reichte mir die Hand und dankte fr meine Aufrichtigkeit. Geben Sie die Stunden
bis zum Frhjahr, sagte er, dann kehren Sie doch wohl in einen andern
Lebensberuf von Ihrem Vikariat zurck! Bekmpfen Sie sich bis dahin! Ich glaube
nicht, da Sie Hoffnung haben.
    Siegbert schwieg.
    Selma, fuhr Oleander mit leiser Stimme, da ihm der Knecht aufmerksam zu
werden schien, und wehmthig fort, Selma hat sich, wenn ich die Andeutungen des
Vaters recht verstehe, in eine Neigung verloren, die eine unglckliche ist. Sie
liebt, sagte mir Ackermann, wo sie nicht lieben darf. Entsetzlich! setzte er mit
fast heftiger Betonung hinzu und erhob sich in einer Aufregung, die mich
verhindert hat, seither wieder auf diesen Gegenstand anders zurckzukommen, als
in meinen einsamen Stunden, wo ich Selma Verse widme, die ich ihr nicht geben
darf.
    Siegbert empfand die tiefste Theilnahme und mute Oleander's Hand drcken.
Er fhlte, da diese Hand sehr gro, sehr mager, sehr knchern war. Er kam jetzt
erst darauf, ihn nach dem Eindrucke zu betrachten, den er uerlich wohl auf ein
junges Mdchen machen durfte. Er hatte ihn ganz nur nach dem Geiste beurtheilt.
Nun sah er wohl, da dieser edle Mann in einer unscheinbaren Hlle wohnte. Wie
lang und hager war Oleander! Wie starkknochig das Gesicht! Wie erinnerlich wurde
ihm seine nachlssige Haftung, seine Kleidung sogar wie unordentlich war sie
stets! Das lange Haar hing ihm schlicht unter der Mtze herab, die er tief ber
die klaren, durchsichtig glnzenden, fast zu offen am Tage liegenden Augen
gezogen hatte. Den Hut hatte er vor sich auf den hohen, spitzen Knieen. Der
Mantel war so abgetragen, als htt' er ihn schon auf der Schule benutzt. Alle
diese Betrachtungen, an die sich Erinnerungen an Leidenfrost knpften, erfllten
ihn mit Rhrung und dennoch wnschte er, irgend einen Einflu auf Selma zu
besitzen, um ihr zu sagen: Sieh, Mdchen, Das ist deine Aufgabe, diesen
Edelstein zu schleifen, seinen Werth von der gnstigsten Seite an die Sonne zu
bringen! La ihn an dir auch fr die ueren Formen der Gesellschaft sich
bilden! Fhre ihn sanft und liebevoll, wenn es mu mit erlaubtem stachellosem
Scherze, auf die Erkenntni Dessen, was ihm mangelt! Bilde einen Menschen aus
ihm, wie die Menschen eben sein sollen und la dir's von ihm danken, da du,
seine Gottheit, sein zweiter Schpfer wurdest!
    Er dachte nicht daran, da Dankmar mit Selma einst sich wirklich begegnen
sollte und ernstlich von ihrem Bilde befangen war ...
    Das Schneegestber hatte so zugenommen, da der Schlitten erst gegen Abend
sieben Uhr in Plessen eintraf. Es war eine groe Aufopferung Oleander's, den
neugewonnenen Freund, der inzwischen wieder in den stummen Schmerz der Erwartung
eines bevorstehenden Unglcks verfallen war, noch bei solchem Wetter in den
Ullagrund zu begleiten. Vor neun Uhr konnte man kaum dort, vor elf nicht zurck
sein. Oleander gab indessen im Pfarrhause, wo man erstaunt war ber seine frhe
Rckkehr, eine Anweisung, in seinem Zimmer noch ein Bett aufzuschlagen.
    Ich mu Sie bei mir haben, Wildungen, sagte er, Sie mgen nun erfahren, was
der Himmel Ihnen auch bescheert ...
    Siegbert gestand, wenn er den Tod seiner Mutter erfhre, knnte er nicht bei
Ackermann's bleiben. Die Frhlichen wrden unter seinem Jammer leiden, whrend
Oleander sich schon frh gewhnt htte, auch den Schmerz der Trostlosen zu
dulden.
    Ich glaube nicht, Wildungen, sagte Oleander, da Sie auf etwas so Schlimmes
gefat zu sein brauchen; allein wenn ich rathe, dann lieber mit mir zurck zu
fahren, so ist es deshalb, weil der Tod einer Mutter bei Selma Ackermann einen
Kummer zurckruft, den der Vater noch oft bei ihr zu beschwichtigen hat.
    Die Pfarrerin war erstaunt ber den Entschlu, so spt noch in den Ullagrund
zu fahren. Sie lud die Mnner ein, hereinzukommen, sich wenigstens zu erwrmen,
zu strken durch irgend einen Nachtimbis. Doch zogen Beide auf Zureden des
Knechtes vor, jetzt im Zuge zu bleiben und bald ging das ermdete dampfende Ro
im Schnee mit seinem Glcklein weiter.
    Bald nach acht Uhr entdeckten sie Licht in dem gefhrlichen Dunkel des
bahnlosen verschneiten Weges. Es kam von Ackermann's Hause, wo der Vater, Selma
und Frnzchen still beisammen saen im Scheine einer kleinen Cylinderlampe.
Selma hkelte eine Weihnachtsgabe fr Oleander, Frnzchen strickte, der Vater
las in den Zeitungen und klagte ber deren Inhalt, den er mit Bitterkeit auf
Egon, als den Verschulder all' dieser Verirrungen, schob.
    Es ist der doktrinre Dnkel, sagte er eben halb fr sich, der ihn ergriffen
hat! Es sind die Schulreminiscenzen aus Genf, mit denen schon Guizot die
Franzosen so unglcklich machte! Wer sagte nur diesem jungen unreifen Manne, der
einen Staat zu regieren sich erdreistet, da er es machen msse wie alle diese
Staatsthoren, eine Lehre, ein System, eine Theorie aufzustellen! Dies
unglckliche Europa! Wenn man es von der reinen blauen klaren Hhe Amerikas aus
betrachtet, kommt es uns vor, wie ein Nebelball, dessen erstickenden Dunstkreis
einige Lichter sprlich erhellen. Welch' ein Gewhl von Unsinn und Verbrechen!
Ehe nicht Europa sein Staatsleben vereinfacht und den Begriff des Staates
sozusagen ganz aufhebt, Alles, was ein persnliches Interesse am Staatskram hat,
abschafft, kommt kein Friede ber diesen im Verscheiden begriffenen Erdtheil.
    Indem klingelte das Glckchen des Schlittens. Das Gefhrt gehrte wieder
Ackermann. Man kannte schon das Glckchen. Man kannte die Art des Knechtes, mit
der Peitsche zu knallen. Die Hunde schon verriethen, da es Martin war, der
zurckkam.
    Ist Oleander in Schnau geblieben? Ist er nach Randhartingen zu Wildungen?
    So vermuthete man durcheinander, bis die Botschaft kam, Martin wre es
wirklich.
    Oleander und Siegbert stiegen vor dem Hause aus, warfen ihre Hllen ab und
traten in das warme, trauliche Zimmer.
    Das sonst so behagliche Gefhl, eine Familie des Abends spt im Winter zu
berraschen, wo schne Tchter im Hauskleide bei weiblichen Arbeiten sich
einfach und gemthlich dem Blicke darbieten, konnte diesmal in Siegbert nicht
aufkommen.
    Oleander erzhlte sogleich, da Siegbert schwieg, was sie herbrchte, was sie
bekmmerte ...
    Groer Gott, sagte Ackermann, htt' ich Das ahnen knnen!
    Damit ffnete er ein Schreibepult und gab Siegberten den Brief, den er durch
Einlage von Leidenfrost empfangen hatte.
    Ihre Mutter, Wildungen, wre todt? Karoline? ... Ich wei, da sie Karoline
heit!
    Siegbert bemerkte nichts um sich her. Er ri den Brief auf, begann einige
Zeilen zu lesen und lie ihn sogleich fallen, weil ein Thrnenstrom aus seinen
Augen strzte. Er sank auf einen Sessel und legte den Kopf auf die Arme, die er
ber den Tisch kreuzte.
    Ackermann trat an's Fenster, schlug die Gardinen zurck und sah in die
Schneenacht, die keine Sterne glnzen lie.
    Selma weinte. Frnzchen zog sie an sich, um sie zu trsten; doch war sie zu
ergriffen. Sie schluchzte, wie Siegbert, sie verlie das Zimmer.
    Oleander stand ruhig und faltete die Hnde.
    Ackermann wandte sich dann und sagte mit bewegter Stimme zu seinem Neffen,
dem er sich noch nicht enthllen mochte:
    Mu Sie Das zu mir fhren? Sammeln Sie sich, junger Freund! Sehen Sie diese
Winternatur! Die Erde ist ein einziger Grabeshgel. Entbehren, Scheiden,
Verlieren ist unser Loos. Nehmen Sie's wie etwas Erwartetes, Gewutes! Es mute
so sein.
    Siegbert gab ihm die Hand, ohne da er zu ihm aufblicken konnte. Die
einzigen Worte, die er sprach, waren:
    Mein armer Bruder!
    Ackermann fand diesen Gedanken an den Bruder wahr und natrlich.
    Lieben Sie den Bruder so, sagte er, da Sie seiner gedenken, wie er hat
leiden mssen, dieses Todes Zeuge zu sein? Und dennoch ist es ein Trost, da
Ihre Mutter einen ihrer Shne um sich hatte ... als sie dem Gatten folgte ...
    Ackermann konnte nicht weiter sprechen. Er mute sich wieder zum Fenster
wenden.
    Oleander erbot sich, um sogleich den ganzen Kelch zu schlrfen, Dankmar's
Brief zu lesen.
    Siegbert gab dazu die stumme Erlaubni.
    Mein guter Siegbert, schrieb Dankmar, wenn ich so lange schwieg, that ich
es aus brderlicher Liebe! Ich sagte dir, da die Mutter krank ist. Ich
schilderte ihre Leiden geringer und mache mir jetzt Vorwrfe darber. Fasse dein
Herz zusammen, Siegbert: Unsre Mutter ist nicht mehr. Diese Nacht entschlief sie
sanft nach heftigen Leiden, die mir das Herz zerrissen. Wie ich nach Angerode
kam, fand ich sie schon auf ihrem letzten Lager. Sie hatte uns nicht betrben,
nicht in unserm Lebensgange stren wollen! Du kennst ihr starkes Herz, das wir
oft anklagten, weil es nicht so weich zu schlagen schien wie das des Vaters. Ihr
starker Sinn war nur die Kraft des hochherzigsten Charakters. Wie ich kam und
sie auf dem Lager sah, wollt' ich dich rufen. Sie erhob sich und wollt' es
nicht. Mein Siegbert, sagte sie, steht vor mir ... so lehnte sie sich zurck und
ich wagte nicht, ihrem befehlenden Worte zu widersprechen. O Bruder, nun brachen
zehn jammervolle Tage an. Jeden begrt' ich mit der Hoffnung, ein Lichtstrahl
wrde in diese Nacht des Elends und der Leiden fallen. Vergebens, kein Wort des
Arztes lautete trstend. Ich wachte an ihrem Lager. Sie verbot es, wenn sie mich
erkannte und Tag von Nacht noch unterscheiden konnte. An den Ort wollte sie
getragen sein, wo der Vater starb. Da lag sie, ein Bild des Jammers! Keine
Nahrung, keinen Schlaf mehr, der sie erquickte. Die Brust hob sich von ihren
schweren Athemzgen, oft erhob sie sich wie eine Hlferufende, da ihr der Athem
stockte. In meinen Armen erholte sie sich und sprach mit der langsamen,
feierlichen Rede einer Fieberkranken: Ich sehe meines Siegbert's Augen! Du
standest vor ihr, als wenn sie dich mit Hnden fassen konnte. Das Fieber
verwirrte ihre Begriffe - die innere Glut, von der sie unaufhrlich sprach,
theilte sich ihrem Hirne mit. Ein Licht! Ein Licht! rief sie in einer Nacht und
sah, als man ihr eine Kerze entgegenhielt - Nachbarinnen, Freundinnen, rzte
untersttzten mich - so unverwandt sah sie in die Flamme, da ich den Gedanken
fate, wenn sie genesen sollte - ich hoffte noch immer - mte sie erblinden.
Aber mit der Heftigkeit, deren sie in jngern Jahren fhig war, rief sie: Nein!
und immer blickte sie in das Licht, ganz dicht mit den Augen fast in die Flamme
hinein, als khlten sich die heien Wimpern sogar an der Flamme, als wre Licht
fr ihr Auge Thau. Oft auch rief sie: Heinrich! worunter sie ihren Bruder, den
Oheim Rodewald, den Verschollenen verstand. Dann sank sie zurck und zog die
Decken so ber sich, da die Fe entblt waren. Wollte man sie bedecken, so
geriethen die abwehrenden Hnde in ein grauenhaftes Nervenzucken ... ach,
Bruder, ich habe an der Schwelle der Mysterien unsres Daseins gestanden. In
deinen Armen starb der Vater, in meinen die Mutter ... So hingehen! So in
Schmerzen aus der zusammenbrechenden Hlle des Krpers scheiden! ... Und der
innere Vorwurf, der mich nagte, da ich der Mutter den Witwensitz in dem
Tempelhause mit Gewalt erhalten wollte! Sind wir denn nicht alle wie Mrder
aneinander? Einer dem Andern die Schuld seiner Leiden, ja seines Todes? O diese
nagenden Gedanken, als ich an dem Krankenlager sa und sie mir, die treue,
aufopferungsfreudige Mutter, zuweilen sagte, als wollte sie sich entschuldigen:
Dankmar, es whrt so lange! Mein Krper ist so fest! Er bricht so schwer
zusammen! Ach, Siegbert ... nun mut' ich niederknieen und die Hand der Guten
kssen! Wie bat ich um Verzeihung fr so vielen Kummer, ja fr unsre
Unkindlichkeit, die am weichen Vater mehr hing als an der starken,
gesinnungsvollen Mutter! Auch von dem Archiv sprach sie, von dem Kreuze und
unsern Hoffnungen! Mit dem Auge einer Seherin sagte sie von diesen: Ihr werdet
den Segen ernten, aber htet ihn! Dann sprach sie oft stundenlang nicht und
versank in ein dumpfes Brten. Ihr Geist schien dabei nicht zu schlummern. Sie
blickte in's Jenseits voraus. So kam es mir vor, wenn sie regungslos nur sthnte
und nachher, als sie ausgerungen hatte, als sie mit dem letzten Reste ihrer
Kraft sich zum Sterben fast zurechtlegte, da dacht' ich doch, sie schlummre nur.
Sie schlummerte halb von dem Opium des Arztes, halb starb sie. Immer drei
Athemzge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes, ein stockender, der
ausblieb. Ich glaubte nicht, da Das der Hingang von dieser Erde war. Ich hatte
keinen Abschied genommen, ich hatte nichts mehr gehrt von ihrem letzten Willen
und nun sagte der Arzt, sie entschlummre! Sollt' ich sie wecken? Sollt' ich sie
aus diesem sanften Entschweben wachrufen? Ich konnte nicht. Ich faltete nur die
Hnde und sah auf das verklrte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnivolle
Verbindung zwischen Hier und Dort. In der Nacht brach das Auge noch einmal auf.
Es war nur die galvanische Zuckung des Stoes zum Herzen. Es war kein Blick des
Lebens und Bewutseins mehr. Sie war hinber .... Und nun, Bruder, wenn du diese
Zeilen empfngst, ruht sie in der winterlichen Erde. La dich von nichts
aufschrecken, was dich jetzt gebunden hlt! Dieser Tod war unvermeidlich. Diese
Liebe konnte uns nicht bleiben. La uns gefat auf unserm Pfade weiter schreiten
und denken: Ein unsichtbarer Genius mehr, der uns beschtzt! Schreibe mir, komme
nicht selbst! Sei gefat! Ich reise nach drei Tagen zurck und will denken: Das
Leben ist Pflicht! Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar.
    Oleander hatte diesen Brief mit deutlicher und starker Stimme vorgetragen
und hatte sich nicht von dem Weinen Siegbert's, nicht von Ackermann's
abgewandtem Schmerze, von Selma nicht unterbrechen lassen, die whrend des
Vorlesens zurckkam und den mnnlichen und gefhlvollen Worten des
Briefschreibers noch lauschen konnte.
    Man staunte, als Siegbert erklrte, er bte, ein andres Pferd anspannen zu
lassen. Er wollte noch mit Oleander nach Plessen zurck. Man erwartete, da
Beide blieben. Oleander entschuldigte sich, da er morgen ganz in der Frhe eine
Schulrevision htte. Siegbert's Wunsch, mit ihm allein zu sein, schien natrlich
...
    Ackermann bestellte einen Andern seiner Leute, ein andres Pferd und entlie
den innerlich aufgelsten, wie zerschmetterten Siegbert mit wiederholtem
freundlichen Zuspruch und einer Umarmung, die Siegberten aufrichtete.
    Selma gab ihm zitternd eine Hand, deren Klte verrieth, wie gewaltsam ihr
Blut zum Herzen strmte. Auch Frnzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete
Beiden zum Schlitten.
    Als Siegbert mit Oleander allein war, lie er seinen Gefhlen freien Lauf.
Im Ackermann'schen Hause, bei aller Liebe und Theilnahme, wrde er sich gehemmt
gefhlt haben ...
    Es war elf Uhr, als sie in Plessen ankamen und Siegbert in das einstweilen
zugerichtete Bett stieg. Oleander las ihm noch einige Gedichte vor, die er ber
den Verlust seines Freundes, des Komponisten, den er Wilhelm genannt, vor
einigen Jahren gedichtet hatte.
    Ackermann aber entlie seine bewegten Mdchen mit dem Gestndni, da ihn
dieser Vorfall auf das Heftigste erschttert htte. Als er allein war,
entschlpften ihm diese Worte:
    So viel edle, gute Menschen - so viel, so viel - und Egon! Egon!
    Seine Stirn verfinsterte sich. Er nahm sein Portefeuille, schlug es auf, sah
ein Papier an, in welchem eine braune Locke eingeschlagen war ...
    Es war die Locke, die er einst von Dankmar's Stirne schnitt ...
    In dem Glauben, es wre eine Locke von Egon, betrachtete er sie, schttelte
sein Haupt, verbarg sie wieder und lschte das Licht, um sich mit den
schmerzlich wiederholten Worten: Egon! Egon! trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe
zu begeben ...

                                Zwlftes Capitel



                                 Sankt Nikolaus

Eines der Gedichte, das Oleander Siegbert zu trstender Erhebung vorgelesen,
hatte gelautet:


                                Die Sommernacht

Lebe! Lebe! spricht die Sonne.
Aber wenn sich ncht'ge Schatten
Senken auf die Wiesenmatten,
Fhl' ich: Auch im Tod ist Wonne.

Wenn die Sterne niederfunkeln,
Sieh die mden Augen schlieen,
Nebel durch die Thler flieen,
Und die Erde schlft im Dunkeln -

Wenn der Thau den Plan befeuchtet,
Murmelnd alle Quellen gehen,
Und die Bltter leiser wehen,
Das Johanniswrmchen leuchtet -

Wenn aus tiefem Thalesgrunde
Eine Uhr mit fernen Schlgen
Unserm wachen Ohr entgegen
Ruft die mitterncht'ge Stunde -

O dann kommt uns doch ein Trumen,
Weht ein Lauschen, spricht ein Rauschen,
Und wir fhlen, Geister tauschen
Nun mit uns in diesen Rumen!

Fhlen, wie die Theuren, Sen,
Die uns ruh'n im Schoo der Erden,
Wieder scheinen wach zu werden,
Wie sie kommen, wie sie gren!

Wie sie lcheln! Sie erscheinen,
Leicht von Silberflor getragen!
Und ihr Gren will uns sagen:
Armer Freund, du sollst nicht weinen!

Trau der Nacht, denn nur ein falbes,
Nur ein Zwielicht gibt die Sonne.
Hher ist der Schpfung Wonne
Und dies Leben nur ein halbes!

Siegbert schrieb dem Bruder ...

Nachdem er seine schmerzlichsten Empfindungen ausgesprochen hatte, verblieb er,
Dankmar's Zureden folgend, noch einige Zeit in dem Plessener Pfarrhause, auf dem
Zimmer des ihm geistig und gemthlich verwandten Oleander ... Dankmar schien
vielbeschftigt. Er schrieb ihm herzlich, aber kurz. Die Anfrage wegen Selma's
und Ackermann's, die Aufforderung, sich ihnen recht zu widmen, war
unterstrichen, aber karg an sich. Doch kam Siegbert nicht so oft nach dem
Ullagrunde, weil er wiederum auch nach der jngst ihm bewiesenen Theilnahme fr
sein persnliches Leid bemerken mute, da Ackermann gegen ihn zurckhaltend
war. Selma empfing ihn freudiger und inniger, der Vater mit Befangenheit ...
    An der Ausfhrung seines ersten Gedankens, unverweilt zum Bruder zu reisen,
hinderten ihn Oleander, Zeisel's und manche durch die Jagd dem entlegenen
Plessen nher gefhrte Umwohner, von denen wir nur den Grafen Bensheim und den
Freiherrn von Sengebusch nennen wollen. Diese veranlaten kleine knstlerische
Auftrge fr die bevorstehende Weihnachtszeit, soda sich Goethe's Wort
besttigte, wie bald ein bedeutender, seinem Lebenszweck mit Ernst
entsprechender Mensch einem Kreise ntzlich, ja nothwendig werden und mit ihm
verwachsen kann. Siegbert fand auch hier sowol auf dem Schlosse Bensheim wie bei
Herrn von Sengebusch, der hinter Randhartingen wohnte, Frauen, strebsame,
ansprechende und der Beobachtung vollkommen wrdige. Doch stie ihn leider fast
immer die politische Atmosphre dieser Beziehungen ab. Er hrte nur engherzige,
furchtsame, zornige uerungen ber ffentliche Dinge und nicht etwa
zwischendurch gestreut, sondern als das tgliche geistige Brot dieser Menschen.
Wenn die Herren von Zeisel, von Snger, Graf Bensheim, Herr von Sengebusch
zusammen waren, uerte sich ein Fanatismus, dem Siegbert nicht zu widersprechen
wagte, da alle ruhige Errterung unmglich war. Da wurden die Zeiten und die
Menschen verurtheilt, die jngsten Staatsmnner Ruber genannt, Landverderber,
die Demokraten verlangte man fr vogelfrei zu erklren und oft sagte Graf
Bensheim: Todtschieen mte man sie alle wie die tollen Hunde! Das Peinlichste
war fr Siegbert, da auch die Frauen diesen Grimm theilten, ja schrten. Ihnen
war der Verlust des Adels, mit dem man in dem ersten Stadium der Revolution
gedroht hatte, ebenso verletzend wie die Besteuerungsfrage des Grundeigenthums
in ihren tglichen Haushalt eingreifend und sie in einen nicht zu beruhigenden
Zorn versetzend. Die Offiziere der fliegenden Kolonnen und der kleinen hie und
dahin versetzten Garnisonen waren ihnen die willkommensten Gste. Siegbert
konnte bei seinem jeweiligen Zusammentreffen aller dieser reaktionren Elemente
die Gefahr ermessen, der bei uns die bessere Begrndung der Zukunft noch zu
lange ausgesetzt ist.
    Betrbend war fr ihn, da Oleander keines politischen Urtheils fhig war
und wenn er einmal eine Stimmung ber die Zeitereignisse zu erkennen gab,
vollkommen mit diesen ultraconservativen Gesinnungen bereinzustimmen schien.
Als ihm Siegbert darber sein Erstaunen ausdrckte, war seinerseits Oleander
noch viel mehr verwundert, wie Siegbert, ein Knstler, dem kunstfeindlichen,
piettlosen Geiste der Zeit zu huldigen vermochte!
    Siegbert verschwieg nicht, da er der mchtigen Einwirkung und berzeugenden
Beredtsamkeit seines Bruders Dankmar vorzugsweise die Berichtigung seiner
Urtheile verdankte, da er durch Louis Armand und Max Leidenfrost mit den
Arbeitern, ja durch Egon selbst mit einer edleren Theorie ber die Gesellschaft,
als diese Adligen lehrten, bekannt geworden wre und misbilligte den Eigendnkel
derjenigen schaffenden Talente, die nicht ertragen konnten, da sich der Lauf
der Dinge nach den nchsten Interessen ihres Berufes nicht richtete. berhaupt,
sagte er, wre ihm das Herleiten einer Meinung aus seinem persnlichen Vortheil
gradezu ein Gruel und diese Frauen, die die Freiheit haten, weil ihre Mnner
in die Lage kommen knnten, pensionirt oder in ihren Pensionen besteuert oder in
ihren Abgaben an den Staat gesteigert zu werden, diese wren ihm gradezu dem
Geiste nach Megren und bse Unholde, mchten sie auch uerlich noch so reizend
und im brigen sanft und gefllig sein.
    Sie bersehen, sagte Oleander, der ber die Glut, die in Siegbert's Wangen
fuhr, erstaunte, sich aber doch freute, da es ein Thema gab, worber der Freund
seinen Kummer auf Augenblicke verga, Sie bersehen, da dem zarten Sinne der
Frauen doch auch wol das rohe und unheimliche Auftreten der Demokratie,
besonders in der communistischen Gestalt, als eine tiefe Verletzung der Sitte
erscheinen mu. Wenn Sie sagen, der beschrnkte, nur physische Lebenstrieb der
Frauen verrathe sich in der conservativen Gesinnung vorzugsweise als Egoismus,
so mcht' ich grade an diesem Instinkte doch auch den feinen Takt anerkannt
wnschen, da er die Frauen sehr bald erkennen, woher den tobschtigen Neuerern
ihr Bedrfni des Tobens kommt. Wenn man immer Demokraten she wie Sie! Woher
kommt es aber, da diese Lehre grade so viel Gesindel entfesselt hat, grade Die,
welche weder fr die Kirche noch den Staat, noch die Schule, noch die
Gesellschaft ein Interesse haben? In allen diesen hier auf sechs oder acht
Meilen in der Runde liegenden kleinen Ortschaften sollen, wie man mich durch
Beispiele versichert, grade die den Ton der Auflehnung angegeben haben, die in
zerrtteten Verhltnissen lebten und von einem Umschwunge der Eigenthumsfrage zu
gewinnen hoffen durften. Denken Sie sich diese tiefe Verletzung des Frauensinnes
durch die Eigenthumsfrage! Es ist nicht die Furcht vor dem materiellen Verluste
allein, der die der zeitlichen Gter sich vorzugsweise annehmenden Hausfrauen so
bedenklich bedrohte; es ist noch weit mehr des Weibes stille Ahnung, da mit der
Verwirrung der Eigenthumsfrage seine eigne sittliche Existenz in Frage gestellt
ist. Die Gemeinschaft der Gter wrde alle Bande des sittlichen Herkommens auch
in gesellschaftlicher Hinsicht sprengen. Sie wissen, da Goethe sagte, den
Frauen msse vor Allen an einem honetten Hergang aller Fragen in der
Gesellschaft gelegen sein.
    Siegbert hatte an diesen uerungen wenigstens die Freude, da der Vikar
nicht blindlings dem konservativen Dnkel der Vornehmen nachsprach, denen er
seither hier begegnet war. Er fand doch, da er nach einem tieferen Prinzipe fr
die Meinung trachtete, die bei Jenen so nackt und baar zu Tage lag. Dennoch
widersprach er auf das Lebhafteste.
    Ich kann, sagte er, nicht zugeben, da diese Bewegung immer und berall auf
den Kommunismus hinaus luft. Warum nennen Sie das uerste? Mssen auch Sie
nicht darunter leiden, da man Ihre Auffassung der Religion sogleich Pietismus,
ja bei Manchem Jesuitismus nennt, und doch sind Sie und die Ihnen
Gleichgesinnten von diesem Extrem hoffentlich weit entfernt! Die kommunistische
Regung wird berall bald unterdrckt sein, wo sich krftige Hnde finden, die
die Zgel der Bewegung in die Hand nehmen und nicht dulden, da diese Zgel, wie
bei einem durchgehenden Pferde, auf der Strae nachschleppen. Oft scheint es
mir, als wollte man recht mit Gewalt der Bewegung die fatale Physiognomie
aufprgen, als ginge sie nur von den Lumpen aus. Man schuf Brgergarden und um
sie lcherlich zu machen, uniformirte man sie nicht. Niemand dachte daran, sie
zu schmcken. Aber unsre Soldaten, wenn sie im Bauernkittel als Rekruten vom
Lande kommen, sehen sie vertrauenerweckender aus als die Freischrler? Wer soll
das Wort ergreifen, wenn die Wrdigen hinter'm Berge halten und sich zu vornehm
dnken, mit dem Pbel zu verkehren? Da kommen denn meist Die hervor, die ohnehin
schon in einer steten Unruhe leben, einer geistigen Unruhe, einer
gesellschaftlichen Verlegenheit. Die Bankeruttirer sind nicht alle verschuldete
Schuldner. Mancher von ihnen verlor nur deshalb, weil sein Geist reger ist als
der des Philisters, der nichts wagt und deshalb immer gewinnt. Kurz die Bewegung
geht nur dadurch in den Sumpf, weil man ihr Irrlichter voran tanzen lt, nicht
helle Kerzen, nicht die Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Evangelium.
    In Dem, was Oleander hierauf erwiderte, zeigte sich, da er tief in den
alten romantischen Anschauungen steckte, die bei ihm eine religise Frbung
gewonnen hatten. Gegen Ackermann's amerikanische Theorie verhielt er sich wie
gegen etwas ihm vllig Antipathisches. Gegen Siegbert's Lehre von einer
krftigen Theilnahme am Staate wandte er Alles ein, was man nur von der
Aristokratie des Geistes darber zu hren bekommen hat. Siegbert, der schon so
weit fr die Ideen seines Bruders gewonnen war, da er die gegenwrtige Art
Politik zu treiben allerdings als unfruchtbar und gefahrbringend erkannt hatte,
Siegbert hoffte, Oleander wrde ihm auf halbem Wege in der Bundestheorie
Dankmar's entgegenkommen, aber er irrte sich. Oleander wich dem groen Heereszug
der Massen und dem Getmmel der groen Landstraen gnzlich aus und blieb
wenigstens fr Deutschland dabei, da wir ein Familienvolk wren und bei einer
gewaltsamen bereilten Strung unsrer berlieferten Ordnung nur Gefahr liefen,
unser Bestes, unsre geistigen alten Errungenschaften zu verlieren.
    Nun, flammte Siegbert auf, dann frag' ich nur, Oleander, ob Sie diese
Gesinnung, die ich an Ihnen ehren- und anerkennen will, in dem conservativen
Glaubensbekenntnisse dieser Grfin Bensheim und ihrer Nichten, in dem Zorne des
Herrn von Sengebusch, in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden, die hier die
fliegenden Kolonnen befehligen? Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre schne
Idealitt einem ganz stumpfsinnigen, rohen, egoistischen Dnkel und dem
materiellsten Hochmuthe? Ist Das Politik, was Herr von Snger spricht? Ist Das
nicht die reinste Gedankenlosigkeit?
    Oleander rumte dies ein, nannte aber den Royalismus eine politische
Religion. Wie in der Religion der Eine sich mehr an das Symbol, der Andre mehr
an die innere geoffenbarte Wahrheit halte, so wr' es auch in der Politik. Der
Glaube, hier und da, wre die Grenze des uns Mglichen und geistig Erreichbaren
...
    O mein Freund, sagte er ruhig, prfen Sie doch! Was ist das Unglck aller
unsrer Staaten? Kein andres, als da sie keine politische Religion mehr haben.
Verstehen Sie mich recht! Ich meine hier nichts, was etwa mit Staatsreligion
oder Religion berhaupt zusammenhngt. Ich preise nur die Zeiten glcklich, wo
die mangelhaften Verfassungen und die unvermeidlichen Ausbrche verwirrender
Leidenschaften gemildert, ertrglich gemacht wurden durch jene politische
Religiositt, die in unbedingtem Royalismus bestand. Soweit ich den Frsten Egon
zu verstehen glaube, so will er fr den bei Seite geworfenen alten Royalismus
eine neue politische Religion, d.h. eine moralische Bindekraft des Staates, ein
heiliges Joch der Selbstbeherrschung knstlich schaffen.
    Aber wie alle Vernunft, wenn sie noch so geistreich und weise ist, die
Symbolreligionen nicht ersetzen kann, so gibt es auch fr die geoffenbarte
politische Religion des Royalismus, die ihre weiseren und ihre einfltigeren
Bekenner hat, keinen knstlichen Ersatz; denn die Pflichtenlehre, die der Frst
aufstellt, ist eine Chimre, an der er scheitern wird. Die Pflichtenlehre, ohne
Symbolik, kann wol eine philosophische Sekte zusammenbringen, Auserwhlte,
Gleichgesinnte, aber nicht die dem Zufall preisgegebenen groen Massen, die der
Natur, der pflichtwiderstrebenden Natur, folgen. Statt des Royalismus kann
hchstens die Nationalitt eine bindende politische Volksreligion werden, wie in
Amerika, vielleicht sogar, wenn es besser regiert wrde, in Frankreich.
    Und Deutschland? unterbrach Siegbert.
    Nun wohl! sagte Oleander. Geben Sie uns nur ein Deutschland! Entfernen Sie
mit einem Schlage alle Frsten! Schaffen Sie aus Deutschland eine Republik.
Vielleicht, da dann Thuiskon der Heilige des Volkes wrde und vom Tempel des
Wodan unsre Offenbarungen kmen ... ich habe im Politischen nichts dagegen;
allein schaffen Sie uns durch einen Zauberschlag diese friedlich geordnete,
glckliche auf Vaterlandsliebe und nur auf Vaterlandsliebe begrndete Republik!
    Mit diesem Freiherrn von Sengebusch und den Lieutenants der fliegenden
Kolonnen? sagte Siegbert.
    Mit der Proletarierpolitik, mit den Kommunisten, den konstitutionellen
Taschenspielern, den Portefeuille-jagenden Advokaten? parodirte Oleander und
Beide brachen ab, weil sie in der That noch nicht einmal ber das nchste
Prinzip einig waren. Wie Siegbert verlangte, fr die edlere Demokratie sollte
man ihre Auswchse dulden, so verlangte Oleander, fr die edlere Monarchie
sollte man auch den vulgren Royalismus der Beamten, Soldaten und Adligen
dulden.
    Die Wahlen schrten diesen Streit immer auf's Neue an. Die Agitation war
trotz der Jahreszeit, die die Verbindungen erschwerte, berall sichtbar. Die
Demokratie blieb im entschiedensten bergewicht und versprach eine Kammer, noch
radikaler als die aufgelste. Selbst Gemigte wie Justus hatten Mhe, gewhlt
zu werden. Drossel, der Wirth zum Gelben Hirsch, lief ihm fast den Vorrang ab in
dem Distrikte, wo er selber wohnte; doch hatte Justus ber drei Wahlkreise zu
gebieten und mute sich begngen, diesmal nur zweimal gewhlt zu werden. Dem
Ministerium aber trat er seine zweite Wahl nicht wieder ab; lieber noch
Drosseln, wenn er diesen nicht fr die Aufsicht ber seine Besitzungen gebraucht
htte. Egon mute Befehl geben, ihn, den Minister, anderswo durchzubringen. Er
hatte in seinem Jahrhundert die konstitutionellen Neunweisen, wie es dort
hie, lcherlich machen lassen und deutlich auf jene eingebildeten Biedermnner
hingewiesen, die so glcklich wren, die objektive Wahrheit auch immer da zu
finden, wo sie mit der Befriedigung ihrer subjektiven Eitelkeit zusammentrfe.
Die ministerielle Presse wurde mit Geist geleitet.
    Siegbert verstand, was ihm Dankmar, der natrlich Egon nicht mehr sah, ber
dessen rastlosen Eifer schrieb. Er widmet sich ganz seiner thrichten Aufgabe,
schrieb Dankmar, er opfert ihr Tage und Nchte, redigirt Noten und Artikel und
will das Recht haben, Feinde und Freunde zu brskiren. Von uns, als Freunden,
sprech' ich nicht. Ich suchte keine Beziehung mehr zu ihm. Louis ist so gut wie
aus seinem Umgange verbannt. Aber von jenen Freunden sprech' ich, denen er doch
dient. Bei Hofe wird er noch angebetet. Die Prinzen mssen sich aber schon
gefallen lassen, da er ihre Urtheile ignorirt. Die Lieblinge des Hofes verletzt
er schonungslos. Von dem General Voland von der Hahnenfeder, dessen Einflu beim
Knige weltbekannt ist, hat er geuert: Er bese die Beweise in der Hand, da
er es mit der Hierarchie halte. Verdchtige Persnlichkeiten, z.B. jener
Franzose Rafflard, wurden ausgewiesen. Besonders scharf bewacht er die Clubs und
die Gesellschaften, auch die aristokratischen, und manche heftige Scene ist
schon vorgekommen, wenn er zuweilen die sogenannten kleinen Cirkel berrascht
und sich Nachrichten ber die auswrtige Politik erbittet: er hre, die kleinen
Cirkel htten eine Depesche bekommen, die bei ihm ausbliebe. Allein bei alledem
erkennt man in ihm den Retter der Monarchie und ist gefat darauf, die nchste
Kammer wieder zu entlassen und nach Egon's Theorie ein Zweikammersystem zu
oktroyiren, eine Kammer der Interessen der Arbeitenden und eine Kammer der
Interessen der Arbeitgebenden. Man versichert, da Egon dabei alt wird und sehr
hinfllig aussieht. Allgemein heit es, er htte die Absicht, Melanie Schlurck
zur Frstin von Hohenberg zu erheben. Es wrde dies die merkwrdigste Folge
sein, die nur einem konsequenten Streben geboten werden knnte. Melanie hielt
mich einst fr den Frsten Egon und verliebte sich in mein Incognito. Als sie
enttuscht wurde, behielt sie das Wappen im Auge und wird es erobern. Man sagt,
Pauline von Harder, die jetzt Alles in Allem ist und um zehn Jahre jnger
geworden sein soll, bediene sich der schnen Melanie, um mit Egon in desto
festerer Verbindung zu bleiben; sie verhindere, sagt man, das ehrgeizige schne
Mdchen, sich ihm unbedingt zu widmen und lehre sie die Koketterie, die sie
frher in ihrem eignen Leben selbst nicht beobachtet hat. Egon, ermdet vom
Tageslrm, erschpft von der Arbeit, ruht bei Pauline von Harder, der Feindin
seiner Mutter, der Vernichterin ihrer Memoiren, seit ihrer wunderbaren
Ausshnung, jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei
der Harder, da dann freilich immer schn, immer reizend, immer liebenswrdig.
Lasally ist abgefunden. Schlurck, der Vater, der, wie mir Werdeck nach einem
Geschftsbesuche bei ihm sagte, sehr altern und in seinen Finanzen zurckkommen
soll - besonders seitdem sein Faktotum Bartusch fortwhrend krnkelt und Geister
sieht - Schlurck kann sich mit Egon nicht ausshnen trotz der Tochter. Es liegt
in Egon's puritanischer, mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbesiegbare
Antipathie gegen Schlurck's Genutheorie und unverbesserlichen Indifferentismus.
Grade was ihm an Melanie so bequem ist, ist ihm am Vater verhat. Auch ist die
Frage seiner Finanzen zu wichtig, als da er nicht in Ackermann das
unbedingteste Vertrauen setzen sollte, zumal da Louis Armand ber ihn
Wunderdinge berichtet hat.
    Sodann schrieb noch Dankmar, der Bruder mchte Erkundigungen einziehen ber
den wahren Zusammenhang einer sonderbaren Begebenheit, die sich mit Louis, dem
blinden Schmied Zeck, der tollen Ursula Marzahn und einem alten Gauner, Namens
Murray, im Walde bei Plessen zugetragen htte. Louis htte davon nur dunkel
gesprochen und doch htte er von diesem Vorfall Sonderbares vernommen. Endlich
schlo der Brief mit den kurzen lakonischen Worten: Hast du nichts aus Rom
gehrt? Und warum so einsylbig ber Selma?
    Von Rom hrte Siegbert genug durch die Frstin Wsmskoi, die eine
unermdliche Correspondenz fhrte. Selma sah er zu flchtig und besorgte fast,
da der Bruder voraussetze, Selma wre ihm selbst nicht gleichgltig. Es wre
dies derselbe Irrthum gewesen, in den auch Frau von Snger verfiel, die
natrlich ber Siegbert's lngeres Verweilen in der Gegend sehr glcklich war.
Anfangs mute Siegbert gestehen, da sie eher betroffen schien ber sein Bleiben
als erfreut. Er uerte dies gegen Oleander, der ihn lngst mit dieser Frau
neckte und ihn mit Scherzen, die eigentlich nicht in seiner Natur lagen,
aufzuheitern suchte.
    Oleander erwiderte darauf, da er fast glauben mchte, jeder ganz
ausgekostete Schmerz hinterlasse eine so volle se Sttigung des Gemthes, da
man nicht gern vernehme, der Schmerz wre umsonst gewesen.
    Diese junge schne Frau, sagte er, die nicht ganz so oberflchlich ist, wie
sie mir alle neben Selma erscheinen - auch das kleine Frnzchen hat etwas
Sinniges und ein innerlich beschauliches Leben - diese einschmeichelnde Frau von
Snger hat sicher heftig darunter gelitten, als Sie von ihr schieden ...
    Und nun komm' ich wieder, ergnzte Siegbert mit einiger Bitterkeit, entdecke
sie drben bei Zeisel's, sie fllt aus den Wolken. Sie noch hier? In Trauer? Was
fehlt Ihnen? Ihre Mutter starb! Sie Unglcklicher! Sie Armer! Aber Sie bleiben
bei uns! Sieh! Sieh! Wie lange? O Das ist schn! Und warum ihr Schreck? Das
liebesieche Herz hat schon einen der jungen Krieger gewhlt, die bei Freiherrn
von Sengebusch im Quartier liegen.
    O, o! sagte Oleander erschreckend. Sie verleumden!
    Geben Sie Acht, wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tisch sein werden!
Ich bin ein Trumer, wie Sie, aber meine Kunst zwingt mich doch, die
Physiognomieen zu studiren.
    In der That mute Oleander Siegbert Recht darin geben, da Frau von Snger
schon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war, die die Cirkel der Umgegend
seit der ungesetzlichen Selbsthlfe der Landbewohner belebten. Er fand sie
verlegen, errthend ber Siegbert's Eintreten, errthend, wenn dieser mit ihr
sprach, er fand den Offizier gegen Siegbert, in dem er ohnehin den Demokraten
voraussetzte, ganz besonders gereizt und von der tglichen Gewohnheit, mit
Waffen umzugehen, einen sehr unedlen Gebrauch machend. Oleander konnte nicht
widersprechen, als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung
streifende uerungen zu ihm sagte:
    Erkennen Sie daraus eines der Motive, das freie Gemther treiben kann, den
ganzen Ton dieser privilegirten Klassen widerlich zu finden? Was kann aus
solchen brutalen Gesinnungen entstehen? Die hher gestellten Offiziere verbergen
freilich, da sie diese Art und Weise billigen, allein im Stillen haben sie fast
alle ihre Freude daran. Die Zahl derjenigen Offiziere, die ich mir denke wie Max
von Schenkendorf, wie Theodor Krner, wie Scharnhorst, ist sehr gering. Knnen
Sie den Demokraten verdenken, da man diesem Corpsgeiste grade eine Niederlage,
wie einer andern Armee einst bei Jena, gnnt! Und ich wei nicht, ob ich mich
tusche. Ich glaube in der That, da diese Gesinnung, vor den Feind gefhrt, vor
einen nationalen, von Hochgefhl durchdrungenen Feind, sich nicht lange ber die
ersten Vorpostengefechte hinaus bewhrt und da im Kriege nur die Armee
unberwindlich ist, die auch im Frieden von ernster und bescheidner Mnnlichkeit
durchdrungen wird.
    Siegbert war so erfllt von der Trauer um seine Mutter, so sanft auch im
Geiste hinbergezogen in die Ferne, wo unter schnerem Himmelsstriche Olga
lebte, da ihm jede weitere Beachtung durch Frau von Snger lstig gewesen wre.
Und dennoch erlebte er, da die leichtsinnige junge Frau ihm einen Zettel in die
Hand drckte, worin sie bat: Morgen Nachmittag um drei Uhr; ich beschwre Sie.
Henriette. Siegbert sagte Oleandern nichts von dieser Aufforderung, nichts von
diesem Rckfall in die alte Gesinnung. Er hatte im ersten Augenblicke einen
frmlichen Widerwillen gegen die unbesonnene Frau. Dann stand es wenigstens fest
bei ihm, da er nicht nach Randhartingen fuhr, nicht der Aufforderung Folge
leistete. Am andern Tage kam aber die Dankmar'sche Wahrheit von den verdammten
Anstandszrtlichkeiten! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von
Snger in Thrnen. Sie war allein. Ihr Mann in Geschften ber Land. Sie
erzhlte ihr ganzes Leben, wie sie wegen Armuth diese unglckliche Heirath htte
schlieen mssen und nun ihr Dasein, ihre Jugend, ihr Glck rein an Nichts
hinauswrfe. Sie gestand ein, da sich jener junge Krieger um ihre Gunst
bewrbe, sie zu einer Scheidung veranlassen, entfhren wolle und hnliche
excentrische Dinge, die Siegbert um so mehr erklteten, als er hren konnte, sie
wrde ihren Himmel nur in ihm, in seinen reinen blauen Augen, finden. Die
Thrnen, die dabei flossen, waren schwerlich ganz unecht. Sie kamen aus dem
wirklichsten Bedrfni dieser Frau, die sich durch das Gestndni ihrer Schwche
erleichtert fhlte und vollends gestrkt durch Siegbert's Zuspruch, da er das
Meiste von Dem, was sie uerte, ernst nahm und ihr viel Gutes und Mildes sagte.
Unstreitig hatte sie das Bedrfni der Scenen. Sie wollte von Siegbert
wenigstens das Zugestndni ihrer verfehlten Bestimmung, eines hheren,
bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt, als Siegbert, doch
rcksichtsvoll und weich geworden, trstend von ihr schied. Es war weder von
einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer
gewaltsamen Unternehmung noch die Rede. Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und
Rentmeister von Snger, lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und
Strudeln der Leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort, bis die junge
Generation auch sie berholen wird und auch sie im Arzte oder Geistlichen ihre
letzten Trster findet.
    Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in
die Residenz zurckkehren. Einige Arbeiten, die er begonnen, waren vollendet,
auch an uerem Ertrgni war dieser Landaufenthalt nicht unergiebig gewesen.
Das Wetter hatte sich gemildert. Dem Frost war Regen gefolgt. Die Wege waren
zwar vollends jetzt nicht einladend, aber die mildere Luft that wohl. Am achten
Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen ...
    Es war am sechsten, am Nikolaustage, als Abends Siegbert und Oleander in der
Wohnstube der Pfarrerin saen und sich mit den Kindern unterhielten. Hedwig und
Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert; das Kleinste spielte, das Vierte war
im Ullagrunde ...
    Oleander sa verstimmt und in sich versunken da. Ein Buch war vor ihm
aufgeschlagen. Er las zuweilen, lehnte sich dann wieder zurck, schlug die Arme
bereinander oder sttzte das Haupt auf ...
    Siegbert verstand seinen Kummer. Oleander lebte nur seiner Dichtung, seinem
Amte und dem Schmerz, da ihm nicht gelingen konnte, von Selma Ackermann irgend
ein Zeichen der Gunst zu gewinnen. Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde
gewesen. Er hatte inzwischen versucht, dem Vikar eine grre Aufmerksamkeit auf
sein ueres beizubringen. Er selbst, gewohnt, den Leib fr einen Tempel der
Seele zu halten, trug sich, ohne auf Eleganz Anspruch zu machen, geschmackvoll.
Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der
krperlichen Pflege. Auch wurden seine desfallsigen Bemhungen, wie er selbst
erzhlte, scherzend im Ullagrunde anerkannt. Eine gnstigere Wendung seiner
Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht. Die Gleichgltigkeit
Selma's war so auffallend, da, wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen
trug, Siegbert wol Recht hatte, sich nach einer letzten flchtigen Begegnung in
Plessen, wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde, zu sagen:
    Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens! Wie scheint an Selma
Alles sprde, so gewidmet und aufbewahrt nur fr den Einen, dem ihr ganzes Leben
gehrt! Wie fern, wie abwesend dieser Blick des Auges! Wie erschrickt sie, wenn
man sie anredet und sie nicht sogleich die an sie gerichteten Worte versteht,
weil sie zerstreut war! Das ist die fromme Andacht der Liebe, die ihrem
Heiligsten jeden Gedanken, jeden unbewachten Augenblick des Selbstgesprches der
Seele widmet! Ob wol Olga so lieben knnte, ob sie wol so liebt oder, aufgewhlt
in ihrer kindlichen Frhreife, erschreckt, beunruhigt, wildgehetzt von fremden
Leidenschaften, schon auer sich lebt, statt sinnig in sich zurckgezogen!
    Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule, der
kritischen oder chemischen, wie er sie nannte. Chemisch deshalb, sagte er zu
Siegbert, weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der
unsichtbaren Welt sind. Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt
und diesen immer wieder auf's Neue zerlegt, so hat der philosophische,
gemthlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum
vollkommensten Nichts aufgelst und ich staune hier eben ber den Dnkel, mit
welchem in diesem Buche alle Beweise fr die Unsterblichkeit der Seele widerlegt
werden und der Verfasser nun auch glaubt, die Unsterblichkeit der Seele selbst
widerlegt zu haben.
    Siegbert schwieg. Er kannte diese Schriften. Leidenfrost liebte sie und
empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm, obgleich er Oleandern
in seiner Entrstung nicht Recht geben mochte.
    Warum mssen wir nur, fuhr Oleander, whrend Siegbert den Kindern, die
schwiegen, vorzeichnete, aber ernst zuhrte, warum mssen wir nur an so viel
Renommisterei im Geistigen leiden, an so viel gemthloser, affektirter
Prahlerei! Wie diese Philosophie sich berufen dnkt! Wie sie aufrumt! Wie sie
durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer bermthiger wird und sich
doch dieser Freude ber das absolute Nichts schmen sollte! Diese Menschen
lachen ber den Unsterblichkeitsglauben, sie bemitleiden den vulgren Wahn
unsrer romantischen Physiologie! Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten:
Die Materie bedingt den Geist und mit dem Zusammenfallen der Materie hrt dies
Denken und Bewutsein leider auf! Nein, sie fhlen sich so froh, so stolz, so
gehoben durch die Thatsache des knftigen Nichts, da ich vor einer Zukunft
schaudere, wo diese Lehre in den jungen Gemthern aller Orten Raum gefunden hat!
Denn die Jugend luft Dem nach, der den Sbel auf der Strae klappern lt und
die Mtze recht verachtungsvoll ber einem Ohre trgt.
    Siegbert uerte ein Wort, das er auf eine hnliche Erwiderung von ihm
selbst einst von Leidenfrost gehrt hatte.
    Nun wohl! sagte er. Ist denn aber dieser Stolz so verchtlich? Man hat die
Unsterblichkeit der Seele deshalb gelehrt, weil sie zur Tugend nthig wre. Ist
es denn aber kein Fortschritt, wenn die Tugend um ihrer selbstwillen gebt und
an knftige Belohnung nicht mehr gedacht wird?
    O, rief Oleander, wenn sie nur tugendhaft wren! Wenn sie nur wirklich die
Bescheidenheit verklrte! Wenn sie nur aus der Erkenntni ihrer eignen leersten
Zwecklosigkeit und der mit dem letzten Athemzuge eintretenden Vernichtung die
Aufforderung zur Demuth schpften! Nein, ich kenne von Tbingen, von Halle,
Berlin, Wien her eine Menge dieser neuen Philosophen der Kritik und des
Chemismus! Diese jungen rzte der neuen Schule, wie verchtlich und frivol
sprechen sie von dem Krper! Er ist ihnen eine Uhr. Wo wir frher gttliche
Immanenz sahen, wo wir ein Geheimni in den Nerven ahnten, sehen sie nur den
Mechanismus des Blutumlaufes und seiner Strungen. Das Mikroskop hat sie
bermthig gemacht, wie Laplace bermthig durch das Teleskop wurde. Dieser
Franzos behauptete alle Sterne gesehen zu haben, aber nirgends auf ihnen Gott.
Dieser Bemitleidenswerthe erhob sein Teleskop zum Gott und die neue
Naturphilosophie macht aus dem Mikroskop den Schpfer. Es ist der Dnkel der
Gelehrsamkeit, der Herzlosigkeit, des eingebildeten Studiums. Und darin erkenn'
ich Gottes Finger! Unsre Welt wird immer elender und erbrmlicher, unsre
Schaffenskraft in geistigen Dingen immer geringer und gemeiner werden. Ein
solcher Atomismus, der nicht an die jenseitige Bestimmung des
Menschengeschlechts glaubt, kann auch fr das diesseitige Leben nichts schaffen.
Warum erleben wir, da diese Hnde, wo sie Staat, Kirche, Gesellschaft berhren,
nichts hervorzubringen vermgen? Warum sind sie von der Poesie verlassen und
mssen auch deren ewige Berechtigung lugnen? Warum haben sie noch nichts
gefertigt, als kritische Analysen und da, wo sie schaffen wollten, hohle
Phraseologie!
    Siegbert fhlte sein Herz vielen dieser Ausrufungen vertraut und doch
erschreckte ihn, da Oleander solche Thatsachen nur benutzte, um sich dahin
zurckzuziehen, wo der unbedingte Glaube waltete. Er sagte:
    Lieber, ich folge Ihnen gern, wenn Sie sagen, da die neue Schule etwas
Brskes, Herzloses und Unschpferisches hat. Ich habe sogar einen Freund, Namens
Leidenfrost, der in der absoluten Verneinung jeder Zukunftshoffnung seine
Menschenwrde findet und grade durch sie fr die Tugend, fr die Todesverachtung
ein erhebendes Prinzip zu haben behauptet. Aber ich kann mit dieser Meinung
nicht gehen. Ich denke, wie es hundert verschiedene Sittengesetze gegeben hat,
die alle die Probe der Kritik nicht bestanden und der innere kategorische
Imperativ des Herzens: be die Tugend! doch unlugbar ist, so ist auch trotz der
Unwissenschaftlichkeit aller Beweise fr das Dasein Gottes oder die
Unsterblichkeit der Seele der kategorische Demonstrativ, wie ich ihn nennen
mchte, dieser Thatsachen in unsrer Brust nicht auszurotten. Ich glaube nicht
daran, da diese Erde mit ihren Menschenbewohnern nur eine Stufenfolge der
Schpfung ist, die in sich selbst abstirbt und da wir nur der Dnger immer
neuer Schpfungen sind. Welches die Form unsrer Verklrung sein wird, das wei
ich nicht. Ich denke, Gott wird schon eine Wesenkette neuen Lebens wissen, in
der wir, wenn auch in Substanzen, die wir nicht ahnen knnen, uns als
Fortsetzung unsres hiesigen Lebens erkennen. Wer kennt die Geisterringe, die das
All umschlieen! Aber, mein Freund, mit diesem Zugestndni ist Gefahr
verbunden. Ich kann mit Denen nicht gehen, die sich nun gleich rechts wenden und
dann sagen: So bleibt uns nur der Glaube! Ich gehe mit Denen nicht, die links
das absolute Nichts wollen. Wo gibt es also einen Mittelweg?
    Es gibt keinen Mittelweg! sagte Oleander und fgte scherzend hinzu:
    Gott oder Satan!
    Sie lcheln selbst, Oleander! fiel Siegbert ein. Und doch sind Sie auf
dieser uersten Alternative. Ich glaube an den Mittelweg. Ich glaube an die
Mglichkeit, da wir das Alte kritisch berwinden und fr den Geist, der uns
diese berwindung lehrte, doch auch eine Symbolik erfinden, auch eine Religion
stiften. Ich will Gebundenheit des Gefhls und auch ein Maa des Gedankens. Ich
will, da man sich im Staate und in der Religion gebunden fhlt, gebunden durch
die ewige Schranke, die wir nicht berspringen knnen. Aber diese Gebundenheit
mu keine traditionellen Formen mehr haben, in der Religion nicht die
christliche Theologie mehr, in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht. O
mein Freund, ich wei wohl, da die Weltwirkung Christi kein Genius mehr
heraufzubeschwren vermag, kein Wettkampf eines Mrtyrers vermag noch mit
Christus in die Schranken zu treten, es fehlt uns Symbol, Religion, Form, Kirche
und Staat fr Das, was unsre Meinung ist; aber hoffen wir doch, verzagen wir
nicht; auch die neue Religion, die neue Politik wird ihre Formen finden. Nicht
umsonst ist uns von Christus die knftige Herrschaft des Geistes verheien
worden.
    Oleander schwieg und wollte in seinem Buche weiterlesen, als man einen Wagen
rollen hrte. Er fuhr rasch von der Gegend des Amtshauses herunter und die Frau
Pfarrerin, die mit weiblichen Arbeiten beschftigt am Tische sa, behauptete, es
mte Herr Ackermann sein. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause. Die Kinder
sprangen hinaus. Es war Ackermann, Selma, Frnzchen und die kleine Clara
Stromer, die mit einem Korbe in's Haus traten.
    Guten Abend, ihr Kinder. Guten Abend, Herr Oleander! Guten Abend, Herr
Wildungen! So still hier? Kein Jubel? Keine blechernen Trompeten? Keine
Trommeln?
    Und schon hatte Selma den Korb, den Frnzchen trug, aufgedeckt und trommelte
auf einem kleinen Tambourin, und Clara, die in das Geheimni eingeweiht war, zog
Hedwig und Waldemar heran, um ihnen die brigen Herrlichkeiten zu zeigen.
    Es ist St.-Niklastag, sagte Oleander, glcklich durch den unerwarteten
Besuch.
    Siegbert besann sich auf diesen Tag, an dem er in seiner Kindheit immer
schon eine Vorfreude der Weihnacht genossen und erinnerte sich seines guten
Vaters, der in einem nach auen gekehrten rauhen Pelzschlafrocke und verhllten
Kopfe den Niklas spielte. Zu Denen, die solche alte Sitten und Unsitten aus
zrtlicher Schonung der lieben Kleinen verwarfen, gehrte er nicht. Siegbert
gedachte wehmthig der Angst, die die Mutter hatte, wenn sie beteten und sich
nicht recht klar werden konnten, ob sie sich wirklich zu frchten oder nur so zu
stellen htten; denn der Vater war ja wol sogleich erkannt.
    Selma erzhlte den staunenden und ber die kleinen Geschenke jubelnden
Kindern, sie htte alle diese Sachen vom heiligen Nikolaus bekommen und fragte
dann:
    War er denn noch nicht da? Er sagte doch, er wollte heute alle Kinder
besuchen und sehen, ob sie geschickt wren und beten knnten? Auch den groen
Kindern da, Herrn Siegbert und Oleander, drohte er mit der Ruthe! Gott sei Dank,
er kommt wol nicht.
    Indem pochte es aber drauen an der Hausthr donnernd.
    Die Kinder horchten erschrocken auf ...
    Als Ackermann, der mit vterlicher Freundlichkeit auf den Scherz einging,
bemerkte, ob Das wol der Niklas wre, und das Pochen sich wiederholte, wollten
sie sich verstecken.
    Wer geht hinaus und ffnet?
    Die Frau Pfarrerin hatte keinen Muth; der rthselhafte Ankmmling klopfte so
stark, da sie zitterte.
    Oleander, der gespannt war, was da kommen sollte, ging und ffnete.
    Sogleich hrte man auf dem Vorplatz eine gewaltige Klingel schellen und eine
hohle rauhe Stimme rufen:
    Sind hier Kinder?
    Wie die Kinder dies bezgliche Wort hrten, wollten sie sich hinter der
Mutter verstecken.
    Oleander erschrak selbst ber den mit Ackermanns einverstandenen, ihm aber
nicht erkennbaren Besuch.
    Die Thr ging auf und eine tief in Pelzwerk gehllte und wol mit einem
gebrannten Korke schwarzbemalte Figur trat herein. Der Kopf war von Damenshawls
wie mit einem Turban berwunden. In der Hand trug der Wilde eine groe Ruthe aus
Besenreisern und in der andern einen Sack. Die lange Stange hatte er drauen
stehen lassen.
    Ernst blickte sich der unheimliche Gast im Zimmer um. Selma, um seinen
Scherz zu untersttzen, schrie und lief sich zu verstecken.
    Du schon wieder da? sagte der Niklas und rannte ihr mit der Ruthe nach, um
ihr auf die Finger zu klopfen.
    Die Kinder wagten kaum hinter der Mutter hervorzukriechen. Nur Waldemar war
etwas kecker und wollte den Niklas am Pelze zupfen.
    Da hatt' er einen Schlag auf die Finger weg.
    Zugleich warf aber der schlimme Heilige doch aus seinem Sacke Nsse, pfel,
Lebkuchen in Flle. Das lockte die Kinder, aber so wie sie etwas erhaschen
wollten, setzten sie sich der groen drohenden Ruthe aus ...
    Der Kleinste, Oskar, weinte. Hedwig nahm sich seiner an und suchte den Zorn
des Niklas durch ein Gebet zu beschwichtigen, das sie rasch herstammelte.
    Da sagte der Niklas mit einer rauhen, Siegbert und Oleander und der Frau
Pfarrerin vllig unbekannten Stimme:
    Seid ruhig, ihr Kleinen! Ich wei, da ihr beten knnt und geschickt seid!
Auf die groen Kinder ist es abgesehen. Hier! Da versteckt sich ein rechtes
altes Kind, das sich in der Welt herumtummelt, die Schule und das Elternhaus
schwnzt ... Wart', Gesell! Sag' deine Lection her!
    Damit hatte der Niklas Siegberten so eingeschlossen, da dieser in der That
vor der Ruthe sich nicht bergen konnte.
    Siegberten war es, als sollt' er trotz der Verstellung die Stimme kennen. In
der Eile rieth er hin und her. Aber der Niklas lie ihm nicht Zeit zu fragen,
sondern verlangte einen Spruch.
    Siegbert warf den ersten besten Schulvers hin.
    Der Niklas sagte:
    Siehst du, trivialer Schulschwnzer, Besseres kannst du nicht? Treibst dich
herum, jagst Nebelbildern nach und vernachlssigst die lfarbe! Schme dich,
Portraitklexer!
    Jetzt gewann Siegbert einen Pa, dem seltsamen Niklas zu entwischen, der nun
Oleandern vornahm.
    Oleander untersttzte die Vermuthung der Frau Pfarrerin und der Kinder, da
dies wol gar der Vater wre, Guido Stromer selbst, der die Seinigen zur
Weihnachtszeit berraschen wollte. Ach wie schlug der verlassenen Frau das Herz!
Sollte er's sein? Guido? Aber seine Stimme ist nicht so rauh! Dieser Humor nicht
im Mindesten von seiner Art! Aber vielleicht hat sich sein Wesen in der Stadt
gendert? Er ist frhlicher geworden? Kinder, seid artig, betet, es ist der
Vater!
    Der Niklas verfolgte Oleandern, dessen lange Figur sich beim Entschlpfen
komisch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde.
Siegbert selbst mute lachen, wie der lange lyrische Vikar sich duckte und zur
Freude der Kinder seine Angst bertrieb, whrend er doch wirklich beklommen war.
    Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn, sagte der Niklas, was
kannst du sagen? Liest du auch Alles aus Bchern ab, wie deine Kollegen? Bist du
auch so ein Hasenfu, der die Privat-Seelsorge der Weiblein Nachmittags mit
ihnen beim Kaffee pflegt und lieber Whist spielt, als im heiligen Augustinus
liest?
    Oleander schwang sich hinter Siegbert her und schtzte diesen vor, um sich
vor der Ruthe zu retten. Mit einer Anspielung auf Siegbert's Trauer sagte er nun
rasch:

Nicht allzu groe Lust im Glcke!
Nicht allzu groen Schmerz im Leide!
Dann lacht nach jeglichem Geschicke
Der Hoffnung wieder grn die Weide!

Das geht allenfalls! sagte der Niklas. Etwas sentimental zwar! Etwas Freude mit
schwarzem Krepp! Aber es sind lndliche Anschauungen! Die grne Weide ist die
Hauptsache! Oder du denkst wol, Niklas wre ein Bauer oder ein Viehzchter?
Wart'! Wart'! Aus Schonung fr die Waise da - er zeigte auf Siegbert - will ich
deinen Spruch gelten lassen; da hast du einen Lebkuchen, einen Reiter zu Pferde
und noch einen, ein Wickelkind! La dir's recht viel Kindtaufen bedeuten!
    Der Niklas jagte nun noch Ackermann, Selma, Frnzchen - mit denen er jedoch
im Einverstndnisse war - auch die Frau Pfarrerin, die nur immer dabei blieb:
Das ist Herr von Zeisel - nein! Das ist - der Doktor Reinick! Nein! Das ist -
Himmel, wer ist's nur? Die sonst so stille Frau war ganz alarmirt. Ihre wahren
Gedanken, die sie mit den Kindern theilte, da es der Vater wre, wagte sie der
Tuschung wegen nicht auszusprechen.
    Zu Ackermann sagte der Vermummte:
    ber's Jahr komm' ich wieder und wehe dir, Taschenspieler, wenn du mir nicht
aus diesem Apfel, der sechs Krner enthlt, sechshundert pfel gewonnen hast!
    Zu Selma:
    Wart', da ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Hschen
Pagendienste verrichten lasse bei der Knigin Saba von Arabien.
    Und zu Frnzchen:
    Louise Eisold lt dich gren und um ein neues Lied nach der Melodie: Des
Volkes Tochter, arme Bettlerin bitten. Aber ich werde Euch anstreichen, so zu
lgen, ihr verdammten schnen Proletarierinnen ihr! Singen vom Elend und naschen
am liebsten Lebkuchen!
    Siegbert konnte nicht errathen, wer der Vermummte war; denn die Stimme blieb
verstellt und sein Spiel wurde fast knstlerisch behandelt.
    Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Ruthenstreiche
versetzt, dabei immer geklingelt und mit seinem Sack gerasselt hatte, fate er
zuletzt das unterste Ende desselben, schttete die ganze Bescheerung auf den
Fuboden und whrend Jung und Alt danach haschte, sich drngte, stie, war er
verschwunden.
    Jetzt erst war das Gelchter und die Freude gro. Siegbert sollte rathen und
besann sich nicht. Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein. Er wrde die Stimme
erkannt haben ... Indem brachte ein Hausknecht aus der Krone die Botschaft, ein
fremder Herr wre angekommen, der ihn zu sprechen wnschte; er zeigte auf einen
Zettel, auf dem Leidenfrost geschrieben stand.
    Jetzt hatte Siegbert die Aufklrung.
    Hat er den Weg als Heiliger gefunden, der uns prgelte, sagte er lachend, so
kann er es jetzt auch als reuiger Snder, um uns abzubitten. Der Tolle soll nur
zu uns kommen. Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte.
    Leidenfrost war es wirklich, der dann in einem abgetragenen Sammetkittel
kam. Er grte wie ein vllig Fremder und fhrte seine Rolle des Nichtwissens,
des Erstaunens, der vollkommensten Nichtbetheiligung eben so gut durch wie
vorhin seinen Niklas, den er durchaus nicht wahrhaben wollte.
    Ich ein Niklas? sagte er befremdet mit einer vllig andern Stimme. Ich so
frech, Sie hier Alle mit Ruthen zu peitschen? Wie knnt' ich daran denken! Ich
habe das Glck, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, Herr Oleander und Frau
Pfarrerin, in Folge des angenehmen Auftrags, in dieser unangenehmen Jahreszeit
die von Herrn Ackermann bestellten Maschinen durch Dick und Dnn hierher zu
begleiten. Gewisse innere Stimmen sagen zwar, ich htte diesen Auftrag mit
besondrer Vorliebe fr den Flchtling Siegbert Wildungen bernommen, den wieder
zu sehen mein Herz labt und der trotzdem, da er eine Mutter verloren hat, doch
schon wieder, wenn nicht lachen, doch lcheln kann. O lchelte die Sonne so
durch Wolken und trocknete die Wege! Vergeben Sie meine Fubekleidung! Ich
versichre Sie, da diese Stiefeln wirklich von Leder sind.
    Die Pfarrerin bot Thee oder jedes ihr sonst in der Eile mgliche Nachtessen
an, aber man schlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zurck.
Leidenfrost begleitete die Rckfahrenden, versprach aber morgen nach erster
Auseinandersetzung der bereits in den Wirthschaftshusern Ackermann's
untergebrachten Maschinen, sich in Plessen sehen zu lassen. Ackermann kehrte
diese Anordnung um und lud die Pfarrerin, die Kinder, Oleander und Siegbert
liebevollst und herzlichst fr morgen zu Tisch.
    Nun wohl - sagte Leidenfrost; dann sorgen Sie nur fr ein kleines Kmmerchen
zum Rauchen und zu stillem Zwiegesprch mit dem neugierigen Siegbert. Wir haben
Viel und nichts Geringes zu berichten.
    Wie lange bleiben Sie, Leidenfrost? fragte Siegbert.
    Bis bermorgen!
    Dann reisen wir zusammen zurck.
    Wenn Sie keinen Anstand nehmen, sich dabei von den beiden Maschinenarbeitern
Alberti und Heusrck begleiten zu lassen -
    So sind wir vier und bilden ein vierblttriges Kleeblatt!
    Diese Bemerkung betonte Siegbert mit einigem Nachdruck, den Leidenfrost
verstand und dazu bedeutsam lchelte. Diese Mienen reizten Siegbert so, da er
die Zeit bis zum morgenden Mittag kaum erwarten konnte und bis in die Nacht
Oleandern, der in Leidenfrost nun auch den Unsterblichkeitslugner gleich
persnlich kennen gelernt hatte, mit Schilderungen ber das Leben und die
Talente dieses Sonderlings, fr seinen humoristischen Freund erst langsam
gewinnen mute.

                              Dreizehntes Capitel



                              Der Hckselschneider

In Ackermann's grtem Zimmer war eine Familientafel hergerichtet. Selma und
Frnzchen hatten vollauf zu thun, den wirthschaftlichen Verpflichtungen heute
wrdig zu entsprechen. Eine Hausfrau, die Frau Pfarrerin, sollte heute ihrer
Hnde Werk, ihre Anordnungen, ihre Wirthschaftlichkeit prfen.
    Heute kam fr Frnzchen der Onkel von der Jagd recht unerwnscht, obgleich
er Wildpret brachte. Er mute sich's auch gefallen lassen, da sie ihm sagte:
    Onkelchen, heute haben wir groen Besuch, heute gibt's viel zu schaffen.
    Nun, sagte Heunisch, ich wollte mich ein bischen ruhen. Dann sprech' ich
einmal bei dem Alten vor. Ich hre ja, zu Weihnachten wird der Heinrich
herberkommen und ein paar Tage auf Urlaub hier zubringen.
    So? sagte Frnzchen gleichgltig und half der brummenden Liese den Grnkohl
verlesen.
    Ich sprach neulich den Alten auf dem Amt, wo die Papierschreiberei kein Ende
nehmen will ...
    Frnzchen hrte gar nicht ...
    Wegen der Teufelsgeschichte in meinen vier Pfhlen - - die Alte soll auf's
Amt und will nicht - So hab' ich um jedes Und und Aber eine Scheererei -
    Guten Morgen, Herr Heunisch! klang eine zarte Stimme.
    Es war Selma, die in der Wirthschaft schaltete und rasch an dem in der
warmen Kche sitzenden Forstmann vorberging.
    Guten Morgen, Frulein - wie behend geht Ihnen das Alles von der Hand!
    Da war heute aber kein Stillstand, keine Gelegenheit zum Schnacken.
Heunisch wurde bald da, bald dort incommodirt, soda er zuletzt merkte, er
incommodire selbst und beschlo, den Alten nebenan zu besuchen.
    Hast ihn denn noch immer nicht gesprochen? fragte Heunisch seine Nichte.
    Heute wird's geschehen mssen, sagte Frnzchen seufzend. Ich mu ihn um Eier
bitten und wenn er's gut meint, auch noch um drei Hhner dazu. Wir sind noch zu
wenig eingerichtet. Die Liese mu die Hasen spicken. Da will ich einmal selbst
mein Glck versuchen.
    Wetter! Nun bin ich begierig, sagte Heunisch. Nun gehe ich voraus und
recognoscire das Terrain. Komm' gleich nach! O da bin ich kurios. Adjes, Liese!
Der Hase ist nicht zu jung und nicht zu alt ... grade, wie's am Feuer sein soll.
    Die Liese achtete heute nur auf ihre Tpfe und Pfannen und Spicknadeln und
hrte kaum, was um sie gesprochen wurde ...
    Heunisch ging und stberte wirklich den alten Brummbr auf dem Hckselboden
auf, wo er meist selbst angriff und fr seine acht stattlichen Rosse Hcksel
schnitt.
    Der Jger hatte eine Lockpfeife, die der Bauer schon kannte. Er pfiff an den
Scheunen, da er schon den regelmigen Schnitt vom Hckselboden hrte.
    Guten Morgen! hie es oben rundweg, als Heunisch in den untern Heuschober
eingetreten war. Soll's was?
    Zum Wetter, ist das ein Willkommen?
    Ich schneide Hcksel ...
    Hr' ich ...
    Gibt's was Neues?
    Euer Nachbar hat die Maschinen gekriegt -
    Wohl bekomm's ihm!
    Auch eine Hckselmaschine -
    Gleichfalls!
    Die eisernen Dinger sehen so klug aus wie Puterhhne, die sich in die Brust
werfen! Wenn ich sie so klappen und sthnen hre, ist's mir fast, als wren sie
lebendig.
    Meine alte Hckselbank da schlft auch nicht -
    Ritsch! Ratsch! sagte Heunisch und ahmte das Schneiden nach, rgerlich, da
dieser Dialog so ganz par distance vom Boden herab und von unten hinauf
geschrieen wurde. Ihr seid fleiig, Sandrart ... Werdet Ihr Euch denn die
Maschinen nicht einmal ansehen?
    Nein.
    Sie sind possierlich.
    Glaub's.
    Der Nachbar macht Euch Alle todt.
    Wir wollen's erleben.
    Hrt doch auf! Zum Donnerwetter! Seht doch ein bischen 'runter! Was sagt Ihr
denn zur Franziska?
    Franziska? Was ist Das? Auch so eine eiserne Bestie?
    Ritsch! Ratsch! Der Bauer schnitt ruhig seinen Hcksel weiter.
    Seid Ihr toll, ich meine meine Nichte - Sie ist ja beim Nachbar. Ihr seid
kein freundlicher Nachbar ...
    Ich sehe nicht in andrer Leute Tpfe.
    Indem mehrte sich die Scene. Frnzchen's inzwischen erfolgte Ankunft hatte
Heunisch am Gebell der Hunde und dem Knarren des Torwegs errathen.
    Ja! sagte eben eine alte Weiberstimme hinter Heunisch, der dabei durch die
Bodenluke sah, von welcher eine Leiter in die Scheune herabfhrte. Ja, aber
andre Leute sehen in unsre! He, Sandrart!
    Wie so, Jungfer Rosine? fragte Heunisch sich umwendend.
    Die Regentin des Sandrart'schen Bauernhofes berichtete, da die Mamsell von
drben da wre und um ein Dutzend Eier bte und wenn's mglich wre, auch um
drei Hhner.
    Oben war Alles still; auch die Hckselbank schwieg.
    Ein Dutzend Eier wollen sie drben und wenn's mglich wre, drei Hhner!
wiederholte Jungfer Rosine kreischend, weil sie glaubte, der Alte oben htte den
Wunsch nicht verstanden.
    Ein Dutzend Eier, Sandrart, und wenn's mglich wre, drei Hhner!
wiederholte Heunisch.
    Ich hre schon! schrie der Bauer ...
    An seiner Stimme merkte man seinen Zorn und den geschmeichelten bermuth.
    Rosine, die die abschlgige Antwort voraus wute, grinzte verschmitzt und
wollte schon mit den Holzschuhen davonklappen.
    Indem hpfte Frnzchen herein, im wollenen Kleidchen, ein Mntelchen
bergeworfen, zwei Krbe in der Hand, erwartungsvoll, nicht ohne Hoffnung ...
    Nun, rief sie in die Scheune tretend, ist der Herr Nachbar so gtig?
    Die Mamsell! betonte Rosine die Leiter hinauf.
    Sandrart, statt aller Antwort, fing wieder an Hcksel zu schneiden.
    Die Mamsell! schrie Rosine.
    Wer? Welche Mamsell? rief der Bauer. Das Frulein Mamsell?
    Rosine antwortete hhnisch:
    Die Kammerjungfer!
    Meine Nichte, wenn Ihr's wissen wollt - ergnzte Heunisch mit Nachdruck und
stieg eine Sprosse an der Leiter hher, indem er mit der Flinte auf die
Bodendecke klopfte.
    So? rief der Bauer. Kompliment an den Nachbar! Es geht auf Weihnachten. Mein
Sohn kommt. Wir brauchen da das Unsrige. Vielleicht legen seine Maschinen Eier.
    Frnzchen begriff so viel Grobheit nicht.
    Und unsre Hhner, fuhr die Magd fort, sind unsre Kinder ... die wrgen wir
nicht unntz ...
    Alte Gluckhenne! polterte der Jger und stie mit dem einen Fu rckwrts,
wenn die Hhner nicht mehr legen, macht Ihr Euch auch nicht Suppe davon? He!
Sandrart? He! Euer Nachbar hat Gste! Ihr werdet doch nicht so ungefllig sein?
Der Teufel nein! Soll's denn immer heien: Grob wie Bauernvolk?
    Sandrart kehrte sich an diese Wendungen nicht, blieb ungefllig, verweigerte
Hhner und Eier und schnitt wieder Hcksel.
    Der gereizte Jger ffte ihm nach:
    Ritsch! Ratsch! Schneid' Er Hcksel in Teufels Namen! Geb' Er Antwort,
Alter!
    Sandrart schnitt Hcksel und die Rosine ging lachend aus der Scheune.
    Frnzchen konnte nicht umhin, zu dem Onkel, der wieder eine Sprosse
niedriger gestiegen war, zu sagen:
    Sehen Sie da, Onkel, wie thricht Sie handeln, mich zu einem Verhltnisse zu
zwingen, wo ich das unglcklichste Wesen von der Welt wre. So achtet man mich!
So verlangen Sie, da das Kind Ihres Bruders beschimpft wird?
    Und fast weinend, aus Jammer ber das Mittagsessen, wollte sie schon mit
ihren Krben gehen und die traurige Nachricht, da sie leer komme, heimtragen.
    Heunisch aber, gedenkend, wie nothwendig heute vorerst die Eier waren, wie
ferner sein Hase, den er zur Tafel geliefert hatte, doch nicht das einzige
Fleisch sein durfte, das Herr Ackermann seinen Gsten vorsetzte, hielt sie
zurck und rief laut, da der Alte oben, der ruhig seinen Hcksel fortschnitt,
es hren mute:
    Wre der Heinrich hier, Franziska, der Heinrich, der dich liebt, der
Heinrich Sandrart, Sergeant bei der dritten Compagnie Leibregiment, der zge die
Plempe und ging' in die Speisekammer und schlge alle hundert Schock Eier, die
da liegen, in einen gelben Brei zusammen und im Hhnerstall dreht' er allen
Hhnern die Hlse um!
    Dies Kraftwort, untersttzt durch das Pochen der Flinte am Heuboden,
bewirkte, da der Alte oben zwar nicht antwortete, aber doch mit
Hckselschneiden innehielt und sich die Mglichkeit einer solchen von seinem
Sohne vorausgesetzten Eierverwstung still berlegte.
    Abscheulich! fuhr Frnzchen weinerlich fort. Wir brauchen die Hhner zu
einem Ragout. Selma hat das Dutzend Hhner, das sie sich erst drben angeschafft
haben, zu lieb und will keines schlachten lassen und hier gackert's von Morgen
bis Abend, da man sich die Ohren zuhalten mchte.
    Ich mchte nun gleich, fuhr der Jger zornig fort, ich mchte nun gleich
hier die Leiter nehmen und sie zusammenrtteln, da der Alte mit sammt der
Hckselbank durch die Decke fiele!
    Er that Das auch, selbst auf Gefahr, in eigner Person herunterzufallen.
    Nein, nein, wir mssen uns auf's Bitten verlegen, flsterte Frnzchen. Ich
kann so nicht zurckkommen. Wir mssen gute Worte geben. Haltet einmal die
Leiter, Onkel! Hlt sie auch fest?
    Heunisch, erfreut von dieser vielleicht folgenreichen Wendung, sprang herab.
    Frnzchen stieg einige Stufen empor und rief zur ffnung hinauf:
    Herr Nachbar -
    Heunisch dachte: Nun woll' er sehen, was kommen wrde.
    Keine Antwort auf den zarten, schmeichelnden Gru.
    Thu' ihm schn! flsterte der Onkel, der wohl einsah, da dies der einzige
Weg der Eroberung war.
    Ihr habt so viel tausend Eier, sagte sie - wir wissens - und hundert Hhner
im mindesten - ein Kompliment von Herrn Ackermann - guten Tag, Herr Sandrart -
    Der Alte, statt aller Antwort, ohne sich an die Bitte zu kehren, ohne sich
nach dem niedlichen Kpfchen, das schon durch die Luke hindurchsah, umzuwenden,
fing wieder an, Hcksel zu schneiden.
    Frnzchen stieg nieder und schluchzte fast vor Zorn und beleidigtem Stolz.
Sie hatte dem alten Ekel, wie sie ihn mit stdtischem putzmacherischen
Ausdruck nannte, geschmeichelt, sie war ihm fast, aus der Ferne wenigstens, um
den Bart gegangen und nun stand der oben in seiner kurzen Jacke und seiner
Pelzmtze und schnitt Hcksel und hrte nicht und lachte in sich hinein voll
bermuth.
    Wart', Frnzchen, flsterte der Jger. Ich hab' jetzt einen andern Gedanken!
Wir wollen's anders machen. Du kriegst die Eier und die Hhner auch.
    Damit hielt er Frnzchen, die schon gehen wollte, zurck, und begann nun
laut und vernehmlich, da es der Alte hrte:
    Frnzchen, la gut sein! Der Heinrich kommt zu Weihnachten - der Heinrich,
der -
    Ach geht mit dem Heinrich! sagte Franziska in natrlichster Regung.
    Willst du wohl! flsterte Heunisch und nun wieder laut: Was? Heinrich
Sandrart! Nicht wahr? Das ist ein schmucker Junge! Da soll Kuchen gebacken
werden! Darum spart er die Eier! Aber was macht sich denn so ein Sergeant aus
Kuchen! Der ... der hat Hflichkeit, du weit, ich sagt's ja damals gleich nach
der Parade ...
    Ach was, Parade! Ich will hinber! unterbrach Franziska, die auf des Onkels
List nicht eingehen mochte.
    Pst! flsterte dieser, hielt sie fest und fuhr laut fort:
    Musjh, sagt' ich auf der Parade, Heinrich, was bist du gewachsen! Als ich
dich im Walde attrapirte und du mir einmal die Brombeeren maustest, die ich
selber gern esse, was warst du ein winziger Knirps und nun, wo du Andre
fuchtelst, bist du ein rechter Sappermenter! Ja, wie du die Rekruten zurecht
setzest! Nicht wahr, Frnzchen, wir haben's gesehen, wie der Rekruten zustutzt?
    Der alte Bauer hrte schon lange zu hckseln auf und horchte.
    Frnzchen, die die Wirkung merkte, widersprach nicht mehr, sondern lie den
Onkel seine Spe fortsetzen.
    Der Major von Werdeck ritt vorbei und sagte - Heunisch flsterte: Wenn's
auch nicht wahr ist - Sandrart, sagte er, Sandrart! Er ist ein ganzer Kerl! Sein
Knig kann sich auf ihn verlassen! Er hat die sauberste Uniform, die nettsten
Handschuhe und das beste Lederzeug -
    Das Lob schallte im ganzen Heuboden nach. Der Jger nahm den Mund so voll,
da der Bauer oben wirklich Antheil nahm und auch laut sagte:
    Ho! Ho!
    Wie so hoho? sagte Heunisch und stieg auf die Leiter. Wie so hoho? Was will
Er da oben mit Hoho? Was wei Er? Er Hckselschneider? Was wei Er vom Knig und
wen der lieb hat? Schneid' Er Hcksel!
    Alles erlogen! rief der Bauer schon lachend.
    Warum erlogen? polterte Heunisch und stieg noch hher, da sein Kopf bald
durch die Bodenluke kam. Was erlogen? Der Major liebt den Heinrich und sagt des
Tages zehnmal zu ihm: Sandrart, Er gefllt mir!
    Ho! Ho! Der Major sagt Sie zum Heinrich ...
    Ach, das wei ich ja! polterte Heunisch; was wollt Ihr denn! Er oder Sie!
Wollt Ihr grober Bauer mir, einem Jger, der Soldat war, sagen, wie ein Major zu
einem Freiwilligen sagt! Was wit Ihr denn da an der Hckselbank! Alter Grobian!
Heinrich ist ein Freiwilliger. Er ist mit mir Arm in Arm gegangen, wie er vom
Appell kam und in einen Weinkeller sind wir gegangen und ich habe zu ihm gesagt:
Junge, was hast du fr einen Schnurrbart gekriegt, hab' ich gesagt, und er hat
gelacht und gesagt:
    Er wrd' ihm noch ganz anders wachsen, wenn er erst Feldwebel wrde und
Feldwebel mu er werden und er wird's und der Knig will's -
    Ne - ne! hie es jetzt oben, mit einer Stimme, wie wenn man den Bauer
gekitzelt htte.
    Warum will's der Knig nicht? schrie der Jger und war mit dem Kopfe durch
die Bodenluke.
    Ne! Ne! sagte Sandrart fast kichernd.
    Antwort! Warum will der Knig so einen Feldwebel nicht? Was?
    Der Bauer lachte.
    Diese Stimmung rasch benutzend, sagte Heunisch polternd:
    Hier will der Nachbar ein Dutzend Eier haben - Aber ich wette hundert, er
wird Feldwebel!
    Er warf dies so hin, als unterbrche diese Strung nur die wichtige
Unterhaltung ber das fernere Avancement des Sohnes.
    Er wird nicht Feldwebel, er soll es nicht! schmunzelte der Bauer. Er kommt
nach Hause ...
    Er soll's nicht - wenn ich Euch aber nun beweise, da der Major gesagt hat
... Donner, so la mir meine Beine in Ruhe, Franziska! Mit deiner Bettelei!
    Rose! rief der Alte jetzt oben aus dem schmalen Fenster in den Hof! Ein
Dutzend Eier fr den Nachbar!
    Ich sage aber, fuhr Heunisch fort, whrend Frnzchen glckselig in den Hof
lief und der dort lauernden Rosine wiederholte, was sie eben zu ihrem Erstaunen
aus dem Luftloch des Hckselbodens vernommen hatte, ich sage aber, der Heinrich
mu Soldat bleiben. Heinrich, sagt' ich ihm, dein Knig will's und die
Fltenblaserei ist nichts fr einen Soldaten, der du bleiben sollst dein
Lebenlang bis zum General!
    Ach! Ach! sagte der Alte oben ablehnend und die Finte merkend und wollte
wieder Hcksel schneiden.
    Nein, fuhr Heunisch, der die Stufen der Leiter nun ganz hinaufklomm,
polternd fort, nein! Er blst die Flte! Er blst sie wie der beste Hautboist
nur die Flte blasen kann! Er hat was gelernt - das mu wahr sein und es ist
wahr - allein aber - einem Feldwebel, denk' ich denn doch auch, einem Feldwebel
steht es wie jedem andern Menschen, wenn er sagen kann: Mein Vater hat was an
mich gewandt, mein Vater ist reich, mein Vater kann's thun - wir haben hundert
Hhner im Stall und schenken weg, was wir nicht brauchen, wie die Kastanien, und
wir bleiben Soldat!
    Sandrart, der Bauer, lachte jetzt bermig und rief:
    Ne! Ne!
    Hier will Euer Nachbar drei Hhner, bemerkte Heunisch, wie gleichgltig und
das Wort so hinfallen lassend ... Warum soll Heinrich nicht Soldat bleiben! Sein
Knig will's! Ich wei es, der Knig hat schon manchmal gefragt: Wer ist der
schne junge Mann, der bei der Parade immer so gerade marschirt und die beste
Uniform hat ... Da dich der Teufel, Frnz, da unten mit deinen Eiern und den
verfluchten Hhnern!
    Rose!
    Sandrart! rief's von unten.
    Die schwarze legt nicht mehr -
    Die bunte -
    Die schwarze, sag' ich - und die bunte - und die gesprenkelte auch nicht -
    O, o die gesprenkelte -
    Ich sage, sie legt nicht - Donnerwetter! - Die schwarze, die bunte und die
gesprenkelte - schickt sie herum - und lat guten Appetit wnschen und ein
Kompliment. Aber mein Sohn gehrt mir und nicht dem Knig.
    Frnzchen folgte mit Jubel der zornigen Rosine in den Hhnerstall. In einem
Korbe hatte sie die Eier, in den andern kamen die drei Hhner.
    Also warum? kam der Bauer jetzt von der Hckselbank an die Dachluke, soda
sich Heunisch etwas zurckzog. Mir soll Eins kommen und sagen: Der Heinrich soll
immer Soldat bleiben! Er hat seinem Knig gedient und nun gut damit. Jetzt soll
er wieder seinem Vater dienen.
    Will's sein Vater? A la banne heure! Das ist was Andres! Dann sagt' ich aber
auch, fuhr Heunisch fort und wollte nun gleich auch seinen andern Vortheil
wahrnehmen ...
    Was habt Ihr gesagt?
    Dann sagt' ich aber auch gleich: Heinrich, nun heirathest du.
    Das kann er!
    Das kannst du, Junge! sagt' ich im Weinkeller und er wollte nicht, da ich
bezahlte. Ich hatte, straf' mich Gott, ich hatte meinen Lederbeutel schon in der
Hand, aber der Junge wollte nicht und ich sagte: Das kannst du!
    Das kann er!
    Und weil du doch einmal die Franziska Heunisch, dem alten Jger seine
Nichte, gern hast -
    Wen?
    Und weil sie dich wieder gern hat -
    Was?
    Jetzt legte sich Franziska, die in dem Korb die verdutzten Hhner festhielt
und dem Onkel ihren Triumph zeigen wollte, in's Mittel und wollte mitsprechen.
    
    Heunisch hielt sie aber zurck, legte rckwrts die Hand auf ihren Mund und
fuhr fort:
    Und weil dein Vater alt ist und sich zur Ruhe setzt, und dein Mdchen in der
Nhe ist, sich auf Wirthschaft versteht, keine Stadtmamsell ist, von Eiern und
Hhnern Was versteht -
    Nichts, nichts da! fiel Sandrart ein und ging von der Luke an die
Hckselbank.
    Da, Frnzchen, steig' auf die Leiter, gib dem alten Schwiegerpapa dein
Ptschchen, so sammetweiche Hndchen hat er sein Lebtag nicht in seiner alten
Lederhaut gehabt - komm', Kind - da, Alter, hier dankt Eins fr die Hhner und
fr die Eier!
    Heunisch zog Frnzchen wider Willen auf die Leiter empor und fate ihre
Hand, um sie dem Alten hinzuhalten ...
    Da kam aber der Bauer mit raschem Schritt so dahergefahren, da Heunisch
selbst erschrak ...
    Nun? rief er. Ausgeshnt?
    Oben hie es mit zorniger Stimme:
    Kopf weg!
    Und krachend fiel die Bodenklappe ber der Leiter so zu, da diese zitterte
und bebte und Heunischen fast der Hut wre eingeschlagen worden. Der Bauer
machte kurzen Proze.
    Frnzchen hpfte aber schon frhlich zu Ackermann's hinber und achtete
Heunisch's nicht, der nun wirklich zornig wurde, an der Klappe stie und
rttelte, mit der Flinte drohte und dem Bauer einige Dutzend reeller
Donnerwetter an den gierigen Hals wnschte.
    Wart! Dir kommt's doch noch einmal ber's Dach! Du grober, impertinenter
Kerl!
    Sandrart schnitt wieder Hcksel und Heunisch mute von dannen gehen, zornig
auch ber Frnzchen und die ganze Wirthschaft bei Ackermann, die ihm deutlich
genug zu verstehen gegeben hatte, da er ihr, wenn er jetzt wieder kme, heute
nur im Wege wre.
    rgerlich brummend, stopfte er sich die Pfeife und ging, da es zu regnen
aufgehrt hatte, in den Wald zurck zu seiner lieben Ursula, seiner theuern
Einzigen, die es in der Welt doch nur allein gut mit ihm meinte.

                              Vierzehntes Capitel



                           Berichte aus der Residenz

Die Eierspeisen, der Hase, die als Ragout bereiteten Hhner schmeckten der
zahlreichen, muntern Gesellschaft vortrefflich. Leidenfrost, der Ackermann's und
Selma's Bekanntschaft mit Vergngen erneuerte und viel ber deren Knabentracht
scherzte, brachte seine Begleiter Alberti und Heusrck mit, die am Tische, wie
die Andern, Antheil nehmen sollten und es auch ihres Betragens wegen verdienten.
    Erinnern Sie sich noch des Hnen Danebrand? sagte Leidenfrost zu Ackermann.
Wie er der Louise Eisold zu Gefallen auf dem Fortunaball eine kleine Schlacht
lieferte, deren Folgen glcklicherweise damals mit dem liebevollen Mantel der
Anarchie zugedeckt wurden?
    Frnzchen errthete und wagte nicht die entfernteste Frage nach Louise
Eisold.
    Was ist aus dem Hackert geworden? fragte Ackermann, der sich des Vorfalls
wohl entsann und auch der Begleitung jenes ihm damals nicht willkommenen
Gesellschafters vom Heidekruge her.
    Polizeiagent vorlufig! sagte Leidenfrost. Die rechte Hand des
unternehmenden Pax, der in Entdeckung von Demagogen und Jesuiten seines Gleichen
sucht. Nur hr' ich, da die Entdeckung der Erstern vom Hofe gern gesehen, die
der Letztern aber fr bereilten Amtseifer erklrt wird.
    Jener Hackert erschien mir damals weit mehr ein Gegenstand, als ein Werkzeug
der Polizei, bemerkte Ackermann.
    Jetzt nachtwandelt er durch die Clubs, fiel Leidenfrost ein. Pax hat ihn zum
Aufseher aller Vereine gemacht. Ich frchte, da ihn einmal vor den Schlgen,
die er da ernten kann, weder Louise Eisold noch Danebrand rettet.
    Man kam von diesen Gesprchen ab und nahm Veranlassung, ber die politische
Lage des Augenblicks im Allgemeinen zu sprechen.
    Leidenfrost hatte kein Hehl, da die Revolution ihm jetzt erst in ihre
rechte Entwickelung zu treten schiene.
    Wenn wir so forttaumeln, wie jetzt, sagte er, kommt ein tolleres
Hagelwetter, als wir's schon hatten. Wir befinden uns hier leider auf Frstlich
Hohenbergischem Boden, sonst wrd' ich offen meine Meinung sagen.
    Ackermann forderte den Gast auf, sich keinen Zwang anzulegen. Wenn er in
seinen Ansichten zu weit ginge, wrde er an diesem Tische nicht nur ein Centrum,
sondern sogar - er warf einen lchelnden Blick auf Oleander - eine uerste
Rechte finden.
    Leidenfrost scho einen prfenden Blick auf den Vikar, der die Antwort nicht
schuldig blieb, sondern entgegnete:
    Ich halte mich fr unfhig ber Politik zu streiten, da ich zu wenig von ihr
verstehe. Dennoch glaub' ich, da jeder Staatsmann, der jetzt an's Ruder kommt,
die Verpflichtung hat, die Devise; Eile mit Weile! zu seinem Motto zu whlen.
    Von Seiner Durchlaucht, begann Leidenfrost mit sichtbarer Ironie, von Seiner
Durchlaucht einen so praktischen, bescheidenen, aber doch zu gewhnlichen
Gemeinplatz vorauszusetzen, heit den hohen Genius verkennen. Dieser Staatsmann,
den zwar einige Caricaturen mit einer Ruthe, die Fibel in der Hand, als
gewhnlichen Schulmeister darstellen, ist vielmehr ein neuer Johannes, der uns
auffordert, in die Wste zu ziehen und von Heuschrecken zu leben. Ich will nicht
sagen, da er uns selbst das Beispiel der Enthaltsamkeit gibt. Seiner
Durchlaucht lieben die Welt und ihre Freuden. Aber dem Volke gnnt er nicht mehr
oder weniger als eine Art Fastenkost, besonders in geistigen Dingen. Es ist der
Prienitz unsres Staates. Er muthet uns eine Wasserkur zu, Enthaltsamkeit und
geistige Dit. Die neuen Wahlen haben aber gezeigt, wie entzndlich noch unsre
Zustnde sind. Wir werden neue Douchen bekommen, kalte bergsse, ok-troyirte
Gesetze. Ich sehe unsren Staat schon so frisch und gesund wie einen Hecht im
Wasser zappeln.
    Knnen Sie bestreiten, fiel Oleander ein, da es ein Glck wre, wenn die
Sucht, Politik zu treiben, auf ein gewisses Ma zurckgefhrt wrde und man die
Politik Denen berliee, die die nchste Veranlassung dazu haben?
    Aha! war Alles, was Leidenfrost unartig genug darauf erwiderte. Er sprach
dies Wort mit groer Bitterkeit und verletzte fast die gemthliche Stimmung der
kleinen Tafel.
    Einer Aufforderung, weiter vom Zustande der Dinge in der Residenz zu
sprechen, gengte er nicht, sondern verwies auf die Zukunft, die Vieles zur
Reife bringen wrde.
    Siegbert erstaunte, den alten kaustischen Freund so berreizt zu finden. Er
schlo daraus, wie es wol in der Residenz aussehen mochte und hatte nicht den
Muth, nach seinem Bruder zu forschen, fast aus Besorgni, Leidenfrost mchte mit
ihm zu vertraut geworden sein. berhaupt brachte er bei Ackermann nie die Rede
auf seinen Bruder. Er hatte die Rolle, die er diesen Sommer auf dem Schlosse
spielte, nie gebilligt und mochte die Abneigung, die Selma gegen seinen
sittlichen Werth verrieth, nicht vermehren. Es wurde ihm nie von Herzen wohl im
Ullagrunde.
    Ackermann, besonnen und gewiegt wie immer, lste die Spannung mit den
Worten:
    Stoen Sie an auf das schne Prinzip, das Egon ausgesprochen hat und in dem
wir uns, wenn auch mit sonst abweichenden Meinungen, gewi Alle vereinigen
werden: Auf die heiligen, den Menschen wahrhaft freimachenden, seinen Geist
wahrhaft luternden Pflichten und Rechte der Arbeit!
    Alberti und Heusrck waren es besonders, denen Ackermann sein Glas
entgegenhielt. Sie standen auf und stieen bescheiden an. Auch Leidenfrost
beherrschte sich, zumal da er sah, da die liebliche Selma bei des Vaters, ihr
selbst berraschend klingenden Worten aufstand, ein Wasserglas ergriff, sich von
dem neben ihr sitzenden Siegbert Wein ausbat und mit anstie. Sie sagte in
frhlicher Laune:
    Das gilt auch uns! Auch wir wollen Rechte im Staat, erobert durch unsre
Wirksamkeit in der Kche! Wenn Ihnen aber diese Omelettes ganz besonders
schmecken und ein noch spter im dritten Akte unsres Dramas auftretendes
Hhnerragout Ihren Beifall finden wird, so gebhrt die Anerkennung fr diese
Leistungen in der Kochkunst der List und Verschlagenheit unsres Frnzchens, die
heute Eier und Hhner vom Nachbar nicht ohne Mhe gewonnen hat!
    Selma erzhlte hierauf zum Ergtzen der Tafel, wie der Onkel Heunisch und
Franziska vom alten Sandrart diese Vorrthe eroberten ...
    Bei Erwhnung des Majors von Werdeck warf Leidenfrost einen bedeutungsvollen
Blick zu Siegbert hinber. Dieser errieth sogleich, worauf dieser Wink zielte
und fragte Leidenfrost, was es denn sonst fr Neuigkeiten ber die
gemeinschaftlichen Bekannten gbe?
    Unter diesen, antwortete Leidenfrost etwas zurckhaltend, hat sich gar
Vielerlei ereignet. Frau von Trompetta, unsre Gnnerin, hat sich entschlossen,
gegen den Hof in eine gewisse, aus unerhrter grenzenloser Liebe schmollende
Opposition zu treten und die Lotterie, in der das Gethsemane ausgespielt werden
soll -
    Siegbert erklrte Ackermann und Oleandern, was sie unter dem Gethsemane zu
verstehen htten -
    Soweit auszudehnen, fuhr Leidenfrost fort, da auch noch andre Gegenstnde
dabei zur Verloosung kmen und sich eine Einnahme beschaffen liee, gro genug,
um ein Kanonenboot fr die deutsche Flotte zu kaufen. Sie ist von der
Landesfarbe zu der des gemeinsamen Vaterlandes bergegangen und trgt schwarz,
roth, gold. Dies hat einen Bruch mit Frulein Wilhelmine von Flottwitz
veranlat. Ihre Farben, ihre Gesinnungen harmoniren nicht mehr, zur groen
Freude der meisten Gesellschaften, die dadurch vor gewissen makkabischen
Duetten bewahrt bleiben. Die Flottwitz, die leider tglich blonder wird, setzt
ihre Bekehrungsversuche mit Ihrem Bruder Dankmar fort, der jedoch bei seinen
Studien ber rmisches und germanisches Erbrecht zu wenig Zeit hat, sich in die
Separatgeschichte der einzelnen Truppentheile unsrer Armeen und die tiefe
Bedeutung der Achselklappen und der Patrontaschen zu verlieren. Der Reubund hat
sich in zwei Fraktionen gespalten. Die eine mit der Bundeskasse, die andre ohne
Bundeskasse. uerlich heit es: Der Eine will die neue Verfassung beschwren,
weil es der Knig und das Vaterland verlangten, der Andre will aber dem Knig
noch eine grre Reue zeigen und den Schwur auf dieses Blatt Papier als
unverbindlich darstellen, worber natrlich in den kleinen Cirkeln viel
Thrnen der Rhrung und Verlegenheit vergossen werden, zumal da sich so viele
Gelehrte, fromme Offiziere und mystische Beamte bereit erklrt haben, zu
beweisen, da Eide fr die Frsten doch immer nur unter Umstnden heilig sind;
aber wie gesagt, die Spaltung beruht auf Kassendefizits und einer, wie
wenigstens Freund Werdeck versichert, tief eingerissenen Differenz ber die
zweckmigere Einrichtung einer Brautpaar-Aussteuerkasse verbunden mit einem
stillschweigenden Heirathsbureau. Der Bruch wurde unheilbar, als die eine Frau
Meisterin vom Stuhl fr ein neues gelbseidnes, die andre fr ein violettes die
Aufmerksamkeit der Loge ausschlielich in Anspruch nahm. Seitdem hat man neben
dem alten einfachen Reubund nun noch einen Bund der doppelt Bereuenden. Vom
Propst Gelbsattel, lieber Wildungen, soll ich Sie gren. Er ist entzckt, da
Sie die Schnauer so entzckt haben. Er verfllt immer mehr mit dem Staate der
Gegenwart, auch mit dem Staate des Frsten Egon. Die Unabhngigkeit der Kirche
vom Staate und die Abhngigkeit der Schule von der Kirche ist in dem Grade jetzt
sein Steckenpferd, da es eine ganz harmlos hingeworfene und unschuldige Phrase
geworden ist, von ihm zu sagen, er hielte es mit den Jesuiten. Der General
Voland von der Hahnenfeder, der im Stillen doch die wahre uere und innere
Politik unsres Staates leitet, und wie Viele behaupten, vom Papste die Mission
htte, ihn durch beranstrengung seiner Krfte zu ruiniren, wofr man ihm, da er
ohnehin dunklen Ursprungs ist, einen Platz unter den Heiligen des Kalenders
zugesichert hat, ist sehr mit Gelbsattel intim, doch sollen sie in dem
Verhltnisse zu einander stehen, wie Hegel zu seinem besten Schler. Gelbsattel,
hat General Voland gesagt, Gelbsattel ist der Einzige, der mich verstanden hat,
aber auch Gelbsattel hat mich misverstanden ... Otto von Dystra, bei dem ich die
Ehre hatte, den gelehrten General kennen zu lernen ...
    Otto von Dystra? horchte Ackermann auf.
    Ein amerikanischer Republikaner, der ber Sibirien zur Freiheit kam,
bemerkte Leidenfrost.
    Ganz recht, sagte Ackermann, Republikaner, Monarchist, je nachdem er
geschlafen hat ...
    Eine sonderbare Charakteristik! bemerkte Siegbert, Olga's gedenkend und mit
Spannung ...
    Otto von Dystra, fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort, ist sehr
begierig, Ihre Bekanntschaft zu machen ...
    Meine Bekanntschaft? fragte Siegbert. Woher kennen Sie ihn denn?
    Ich ihn? Er mich? sagte Leidenfrost, sich komisch verwundert stellend.
Wissen Sie nicht, da Otto von Dystra Alles aufsucht, was berhmt ist? Bin ich
nicht der berhmte Leidenfrost? Der Techniker? Der Mathematiker? Der Maler? Der
Michel Angelo in Taschenformat? Oder vergessen Sie, Freund, da ich einst seine
Kleider und Schuhe putzte und ihn in phrenologischen Studien untersttzte?
    Ackermann erinnerte sich der Gesprche in jener Nacht auf der Willing'schen
Maschinenfabrik ...
    Er suchte ja auch Sie sogleich auf, fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt
fort, und nicht etwa weil die Frstin Wsmskoi von Ihnen an den Rand des Grabes
gebracht wird -
    Leidenfrost! drohte Siegbert empfindlich.
    Selma blickte erstaunt zur Seite und hatte unwillkrlich das Gefhl, als
mte sie von Siegbert abrcken. Sie konnte es, da die etwas plumpe Bedienung
der Mgde mit den Saucen nicht besonders vorsichtig umging.
    Nein, deswegen nicht, fuhr Leidenfrost einlenkend fort, sondern aus
Interesse fr den Maler des Jakob Molay -
    Ackermann bemerkte, da er Otto von Dystra als einen Freund jedes Talentes
kenne und erzhlte Manches von seinen seltsamen Neigungen, um von der Hhe
seines Reichthums und seiner exclusiven Stellung zur wahren Menschlichkeit
herabzusteigen. Er fhrte auch an, da er ihn bei einer Fuwanderung am
Missouri, in Begleitung eines talentvollen Kupferstechers, Namens Morton, htte
kennen lernen.
    Wie sehr er Siegbert Wildungen schtzt, ergnzte Leidenfrost mit einem
eigenthmlichen sarkastischen Ausdrucke, beweist, da er Ihnen hier durch mich
schon einige Zeilen bersendet ...
    Leidenfrost zog einen Brief aus der Brusttasche und berreichte ihn
Siegbert, der fassungslos vor Erstaunen den Brief betrachtete, die franzsische
Aufschrift las und ihn erbrechen wollte.
    Bitte, sagte Leidenfrost hastig, lesen Sie ihn fr sich! Er ist zu lang! Es
liegt eine dicke Schreibbung aus Rom darin! Wenigstens sagte mir Otto von
Dystra, da Ihnen Olga Wsmskoi wahrscheinlich zeigen wolle, welche
Fortschritte sie zu Rom in der Kalligraphie mache ...
    Siegbert sa auf glhenden Kohlen. Ein Brief aus Rom! Ein Brief von Olga!
bersandt durch ihren gezwungenen Verlobten, den seltsamgeschilderten Baron von
Dystra! Er steckte den Brief unerffnet ein, trug aber durch die gewaltige
Aufregung, die sich in seinen Mienen aussprach, viel dazu bei, die ngstliche
Beklemmung, die Selma vor einem so fortwhrend mit Frauen in zweideutiger
Verbindung genannten Manne empfand, noch zu vermehren. Es liegt einmal in reinen
und stolzen Mdchenseelen die Abneigung vor Mnnern, die ihr Geschlecht zu tief
erkannt haben, begrndet. Sie wute nicht, wie unrecht sie dem guten Siegbert
that, der im Grunde wenig dafr konnte, da er, wie Dankmar sagte, eine Art
Meister Frauenlob war.
    Leidenfrost blieb im Zuge seiner Mittheilungen ...
    Heinrichson, sagte er, ist in Rom und malt Grotten und Nymphen. Reichmeyer
portraitirt und spekulirte auf ein Tableau unsrer Deputirtenkammer, kurz ehe sie
aufgelst wurde. Der Zorn darber hat ihn fast demokratisch gemacht. Sein Onkel,
der Banquier, hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befrdert zu werden. Frau
von Reichmeyer, Reichmeyer's Schwester (in diesen Familien heirathet sich immer
die Verwandtschaft berzwerg) hat sich deshalb auch entschlossen, mit einer
philanthropischen Idee dem Hofe zu Gefallen zu leben und die innere Mission zu
befrdern, so wenig es ihrem Patschoulicharakter zusagt, sich an die Betten der
Ausstzigen zu begeben und in die fnften Etagen zu den Armen steigen zu mssen.
Doch hat sie nun einmal damit angefangen und sich vorlufig die Branche der
Kindergrten erwhlt, die sie protegirt. Ich sah Frau von Reichmeyer bereits
durch die Thrritze eines solchen Kindergartens (im Zimmer) die kleinen Kinder
spielen lehren. Beneiden Sie mich um diesen idyllischen Anblick, Wildungen! Die
Blasirtheit jetzt unter Kinderwindeln! Sie wissen gar nicht, was Ihnen Alles
seither entgangen ist.
    Die Frau Pfarrerin wagte sich mit einigen Vertheidigungsworten der
Kindergrten hervor, wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen,
den sie auch fr ihre gute Meinung von den Kindergrten als Autoritt anfhrte.
    Es lebe Jean Paul! sagte Leidenfrost einsilbig.
    Was soll Jean Paul? fragte man erstaunt.
    Ich denke mir, meinte Oleander, da Herr Leidenfrost sagen will, Jean Paul
wre die Veranlassung einer zu groen Verhimmelung der Kinderseelen? Wre dies
der Fall, dann htte Jean Paul auch zuviel fr die Blumen gethan.
    Fr die Redeblumen gewi! besttigte Leidenfrost und gab die Beziehung auf
Guido Stromer zu erkennen. Herrlicher, gttlicher Jean Paul! Du durftest aus
deinem Fllhorn die Blumen frhlingsweise werfen, du wutest sie zu binden und
zu ordnen und was daneben fiel, als berflssig, du hattest es doch selbst
gezogen, was du schenktest! Aber was soll uns die wuchernde berflle des
Geistes, die nur der Form, nicht dem Inhalte der Wahrheit dient! Seht diese
Geistreichen! Wie sie sich recken und dehnen, um wunderbare Figuren zu Stande zu
bringen und der grade, schlanke Wuchs der berzeugung fehlt! Diese Menschen sind
unser Unglck. All' ihr Geist befruchtet nichts, schafft nichts, gestaltet
nichts. Nicht einmal ein Gedicht kommt zu Stande mit ihren an Alles und Jedes
sich anpinselnden Wahrnehmungen. Nein, ich lobe mir die Einfltigen eher, die
wissen, was sie wollen, als die Geistreichen, die im Grunde nur afterreden und
wenn's hoch kommt, der Lge dienend jede Meinung vertheidigen, wie zuletzt
Burke, Gentz und Friedrich Schlegel thaten.
    Die Frau Pfarrerin konnte natrlich nicht ahnen, da dieser Angriff ihrem
Manne galt, der, wie Leidenfrost flsterte, den Titel als Hofrath zu erhaschen
strebte; Ackermann, Oleander und Siegbert verstanden ihn sehr wohl und Siegbert
winkte Leidenfrost, sich zu migen.
    Warum? sagte dieser. Von den Einfltigen zu reden, wissen Sie denn,
Wildungen, was aus Sr. Excellenz dem Herrn Geheimrath von Harder geworden ist?
    Ich las es in den Zeitungen mit Erstaunen, bemerkte Siegbert. Intendant des
kniglichen Theaters!
    Nicht wahr, mein Freund! sagte Leidenfrost scharf betonend. Auch ein Ritter
vom Geiste! Und die Ritter vom Geiste mssen ohne Zweifel ihre Don Quixotes
haben!
    Ackermann fragte mit forschender Miene:
    Welcher Herr von Harder ist das?
    Der weiland Intendant der kniglichen Grten, Kurt Henning Detlev von Harder
zu Harderstein. Er verlor die knigliche Gnade, sintemalen er allzu
dienstbeflissen das Mobiliar der Frstin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken
verwandte, um, wie man nun allgemein wei, gewisse Denkwrdigkeiten der Frstin,
die sich in ihm vorfanden, zu unterdrcken, zu vernichten, zu ecrasiren, zu
annulliren, was wei ich -
    Wei man Das? fragte Siegbert erstaunt.
    Welche Denkwrdigkeiten? bemerkte Ackermann aufhorchend.
    Dieselben Denkwrdigkeiten, sagte Leidenfrost, die die eigenthmliche
Wirkung gehabt haben sollen, den Frsten Egon mit der schlimmsten Feindin seiner
Mutter, Pauline von Harder, zu ewigem Trutz und Schutz auszushnen.
    Ackermann hrte mit einem Interesse zu, das nur bei der heitren Stimmung, in
die Leidenfrosten's weitre Erzhlung die Gesellschaft versetzte, unbemerkt
bleiben konnte.
    Dieser bertriebene Diensteifer, sagte der humoristische Berichterstatter,
verjagte den Geheimenrath aus dem Paradiese der kniglichen Grten und nicht
eher ruhte das Flammenschwert des Erzengels der Etikette und Courtoisie, bis der
Geheimrath sich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tnzerin flchtete,
auf dem Theater ihr ein Armband berreichen wollte, dabei in eine Versenkung
fiel und - fr das Armband - als bestallter Mcen der dramatischen Kunst und
Literatur wieder herausgezogen wurde. Frau von Harder, die mit Egon und Melanie
Schlurck Politik im groen Style treibt, dankt Apoll und den neun Musen, da ihr
Gemahl eine so angemessene Beschftigung gefunden hat und nun nur noch die
Knste und die Literatur verwstet. Die Schauspieler und Snger jubeln wohl,
denn sie haben einen Chef, der nichts von ihrem Berufe versteht und wie unsre
Kunstzustnde sind, ist den Hofkomdianten dieses Regiment grade das
allerwillkommenste. Die Dichter verzweifeln wohl, allein die freien Entres sind
so zweckmig an einige kritische Tonangeber vertheilt, da auch die Literatur
in den Jubel der Kunst mit einstimmt und vor einigen Wochen die neue ra der
Bhne unter den Ausspizien des Herrn von Harder begonnen hat. Und wissen Sie
denn, Wildungen, da ich an diesem Aufschwunge betheiligt bin?
    Man horchte auf.
    Se. Excellenz haben mich, auf Rath der Maler, die sonst die Salons seiner
Frau besuchten, auf Rath der Frau von Werdeck sogar - sie bat mich spter unter
Thrnen um Verzeihung wegen dieser Erinnerung - auf Berichte ber das
Wsmskoische Feuerwerk als malereigewandten Mechaniker und Techniker sogleich
beschieden, mit ihm ber eine neue Struktur der Versenkungen zu philosophiren
und ich gestehe Ihnen, Wildungen, da ich bereits einen solchen Schatz von
Anekdoten ber die dramaturgischen Kenntnisse Sr. Excellenz des Herrn von Harder
gesammelt habe, da ich im Stande bin, jede stille Pause unsrer knftigen
Lebenslaufbahn mit ihnen zu wrzen. Aber nun schweig' ich, meine Herrschaften!
Ein fortgesetztes Rechthaben verspottet sich selbst. Ich fhle, da ich zu sehr
den Schein bekomme, mehr Vernunft haben zu wollen als Andre und ich wei, da
man dann erst recht ein Narr ist, wenn man die Weisheit felbst sein will.
    Leidenfrost wollte nun aufhren. Aber Alle drngten um Anekdoten ber Herrn
von Harder. Leidenfrost verweigerte sie und erklrte jetzt zu schweigen.
    Ackermann fand ein Interesse daran, wenigstens bei Melanie zu verweilen,
grade als sollte Selma hren, wie wenig Egon ihre Liebe verdiene ...
    Wirklich? knpfte er an, hat die Tochter des Justizraths so glnzende
Hoffnungen, die Liebe eines Frsten zu besitzen?
    Leidenfrost zuckte die Achseln und sagte nur:
    Ich wei nichts. Man erzhlt zwei uerungen, die jedoch nicht
stenographisch niedergeschrieben und durch krperliche Eide nicht bewiesen sind.
Egon soll gesagt haben: Fahrt wohl, ihr Melusinen! Ich habe die Frauen erkannt,
die erst Gttinnen schienen und zuletzt nur Fische sind! Die zweite ...
    Leidenfrost stockte. Er war zartfhlend genug, zu beobachten, da der
Einblick in die groe Welt und ihre wilde, tolle, zgellose Philosophie hierher
nicht gehrte.
    Allein Ackermann schien fast beflissen, diesen Gegenstand, in dem er selbst
tiefbewandert war, nicht fallen zu lassen und bemerkte mit Schrfe:
    Nur heraus! Jene erste uerung kam wahrscheinlich damals vom Frsten, als
er hrte, da Helene d'Azimont in Rom sich bald durch Vergngungen und neue
Wildheiten getrstet hat ...
    Wissen Sie?
    Man hrt dergleichen. Hab' ich nicht Recht?
    In der That uerte sich der Frst mit diesen Worten, als er die Verleumdung
vernahm, Helene d'Azimont htte in dem Maler Heinrichson fr ihn Ersatz gefunden
-
    Ja! sagte Siegbert. Die Welt lgt! Das ist Verleumdung!
    Ganz recht, antwortete Leidenfrost, ich glaube es selbst nicht; denn Andre
behaupten: Olga Wsmskoi liebe Heinrichson ...
    Siegbert wollte aufspringen. Das Messer zitterte in seiner Hand. Er lie es
fallen, er konnte sich selbst nicht halten. So gab er das Zeichen zum Aufbruch
und erlste Selma, deren Herz wallte und wogte, wie ein dem Sturme naher See,
von der peinlichen Dunkelheit aller dieser persnlichen Anspielungen.
    Ohne da irgend Jemand Anderes als der Vater ihre Unruhe bemerkte, stellte
sie die Sthle zurck wie in einem Zustande vlliger Besinnungslosigkeit.
    Aber der Vater, der ihre Neigung ersticken wollte, lie nicht nach ...
    Die zweite uerung! drngte er, als es zum Kaffee ging und man sich die
Hnde reichte.
    Ist die der schnen Melanie, bemerkte Leidenfrost mehr zu Siegbert
hingewandt. Sie sagte zu Ihrem Bruder Dankmar, als sie ihm in einer Gesellschaft
begegnete: Was Sie auch von mir hren werden, Dankmar Wildungen, beurtheilen Sie
mich nicht frher, ehe ich nicht wenigstens einen einzigen Augenblick mit Ihnen
hatte, wie sonst Stunden!
    O das sagt ja Alles! fiel Ackermann lachend ein. Da mssen wir uns tummeln,
des Frsten Vertrauen zu verdienen und die Felder und Grten zum Frhling und
zur Hochzeit schmcken. Warum auch nicht? Diese Welt der Adligen, wie bunt geht
sie durcheinander! Wo ist da viel Sitte, viel Gesetz? Dann und wann eine
Ausnahme, dann und wann ein treues Leben. Aber im brigen ein Chaos von
gebrochenen Herzen, gebrochenen Schwren, wilden Leidenschaften! Da werden
Frauen verkauft, Gattinnen erkauft, Scheidungen kommen und gehen, Kinder aus
dreierlei Verhltnissen nennen sich Geschwister, jede Grille wird durch den
Besitz ausgefhrt, Verschwendung, Leidenschaft - o ich sage Ihnen, wer einmal in
diese Sphre gerieth und von ihren Schwingungen selbst hinund hergeschleudert
wurde, den erfllt ein solcher Zorn ber dies Gewhl, da er wie Simson die
Sulen dieser Palste fassen und sich sammt den Tnzern und Musikanten unter den
Trmmern begraben mchte!
    Selma verlie das Zimmer. Oleander fragte Leidenfrost nach des Propstes
Familie, die er aber zu wenig kannte. Ackermann bestellte bei Frnzchen mit
aufgeregten Worten den Kaffee und bot den Maschinenarbeitern, mit denen er sich,
wol um sich zu dmpfen, in technologische Unterhaltung einlie, Cigarren an.
Siegbert aber suchte einen einsamen Winkel zu gewinnen, erffnete Otto von
Dystra's Brief und las mit Erstaunen:
    Geehrter Herr!
    Ein unbekannter Verehrer erlaubt sich, Ihnen den einliegenden, aus Rom an
Jemanden gerichteten Brief mit-zutheilen, mit der Bitte, ihn zu prfen und bei
Ihrer Rckkehr das desfalls Nothwendige genauer zu berathen. Ich bemerke
vorlufig nur, da ich zu den Menschen gehre, die das Herz fr einen leicht
zerbrechlichen Krystall, nicht fr einen Gummiball halten. Mit Hochachtung Otto
von Dystra.
    Erstaunt ber diese Zuschrift fand Siegbert dann den Brief von Olga, der
nicht an ihn, sondern an Rudhard gerichtet war. Etwas abgekhlt von seinem
heien Drang steckte er ihn wieder ein, wenn auch die Spannung und Neugier
dieselbe blieb.
    Selma kehrte zurck und mute, da sie der Vater heute mit Gewalt
tyrannisirte, Musik machen. Leidenfrost flsterte Siegbert zu, da er morgen
hier noch zu thun htte, aber schon den Abend kommen wollte, um sich ber
Vieles, was sie nher betrfe, zu unterhalten. bermorgen frh wollten sie dann
die Reise gemeinschaftlich mit den Arbeitern zurck antreten. Siegbert war
einverstanden und versprach mit ihnen zu gehen.
    Die Frau Pfarrerin beeilte die Rckfahrt ihrer Kinder wegen. Diesmal blieb
wieder Hedwig zurck. Das Jngste hatte sie nicht mitgenommen. Siegbert und
Oleander muten sich zur Trennung entschlieen.
    Ackermann versprach, noch morgen mit Selma Leidenfrost und die Arbeiter bis
Plessen zu begleiten, wodurch denn der Abschied von Siegbert verschoben wurde.
    Als Leidenfrost Diesen an den Wagen begleitete, flsterte er auf den Vikar
deutend:
    Auf Den werden Sie doch nicht fr unser vierblttriges Kleeblatt rechnen?
    Doch! sagte Siegbert ernst und fest. Es she gefahrvoll aus um die
Ritterschaft des Geistes, wenn solche Gesinnungen nicht gewonnen wrden!
Leidenfrost, Sie waren heute ein Kaktus! Lassen Sie auch die Sinnpflanze gelten.
    Und wirkt denn mein Bruder? fragte Siegbert dann noch beim Einsteigen.
    Vieles und Groes! antwortete Leidenfrost.
    Fast erschreckend war diese Antwort. Siegbert erkannte eine Gefahr. Es war
ihm, als schlge pltzlich ein elektrischer Strahl aus den Wolken. Er brannte
vor Verlangen, da der nchste Tag vorber, zwei Nchte vergangen wren und sie
Alle auf den ernsteren Schauplatz ihrer Lebensprfungen zurckkehrten.
    Zwei Tage darauf verlieen Siegbert und Leidenfrost mit den beiden Arbeitern
die Gegend. Man gab ihnen noch das Geleite bis zum Gelben Hirsch und schied dort
voll Herzlichkeit und Hoffnung auf eine sie Alle wieder vereinende Zukunft.

                              Fnfzehntes Capitel



                                Des Sohnes Locke

Diese strebsamen jungen Mnner! Wie geistesfrisch! Wie beneidenswerth in ihrer
Jugend und Sorglosigkeit! sagte Ackermann, als er mit Selma allein von Plessen
nach dem Ullagrunde zurckfuhr.
    Selma schwieg und blickte durch die trben Fenster des kleinen Wagens in die
de von Nebeln verschleierte Gegend. Noch vor einigen Stunden waren sie zu Fnf
diese Strae rasch dahin gerasselt. Nun waren sie allein.
    Der Eine, fuhr Ackermann fort, ist fast zu scharf und luft Gefahr mit
Hinneigung zu den Arbeitenden auch deren Art und Sitte anzunehmen. Dem Siegbert
Wildungen wnscht' ich, die vornehmen Stnde rckten etwas aus seiner Nhe und
berlieen ihn jener Ursprnglichkeit und Kernnatur, die mir in dem viel zu
wenig von ihnen erwhnten und doch sie alle zu beherrschen scheinenden jngern
Bruder Dankmar zu liegen scheint. Wie dem auch sei, es ist wahr; Oleander ist
Denen gegenber nur ein halber Mann.
    Selma war in der Stimmung, Oleander zu vertheidigen.
    Er wirkt doch wohlthuend, sagte sie. Es ist doch Liebe und Herz in ihm!
Jener Leidenfrost, magst du seine Kenntnisse noch so rhmen, stt ab und
Siegbert ist flatterhaft, eitel, verwhnt, versteckt, ganz und gar nicht
anziehend.
    Welche Beschuldigung!
    Wie bald hatte er den Kummer um seine Mutter vergessen!
    Mein gutes Kind! Das, was dem Leben des Mannes abgeblht ist, mag es noch am
Aste hngen oder schon abfallen - ein kurzer Schmerz und die Wunde ist geheilt.
Wir sterben nicht Alle so, wie uns deine Mutter starb, in dem vollen Bedrfni,
da sie noch lebe. Was ist diesen jungen Mnnern die in Angerode einsam lebende
Mutter gewesen!
    Du sprichst wrmer von ihr, als dieser Sohn, der mir kaum das schne
Erinnerungsblatt zu verdienen schien, das ihm Oleander noch aufgeschrieben ...
    Wie ungerecht! Wie streng! Nein, nein, Selma! Lies mir jene Worte vor, die
du dir entlehnt hast! Du hast Oleander glcklich gemacht durch diese Theilnahme,
diesen Vorzug, den du ihm schenktest.
    Selma zog ein Papier aus ihrem Kleide, entfaltete es und las, soweit die
Bewegungen des Gefhrtes es erlaubten, mit sichrer Stimme:

O Mensch! Das Wiederseh'n! Ein hehres Wort!
Was lauschest du nicht seinem Wunderklange
Und horchst der heil'gen Stille um dich her?
Und redest du und klingt dein Mund voll Wohllaut,
Warum nur frgst du nicht: Was spricht aus dir?

Was hauchte dir Musik in deine Kehle
Und lehrt dich reden, jauchzen, singen? - Thrnen
Und Klnge sind es, die in's Jenseits fhren;
Denn was sind Thrnen und was ist Musik!

Ach! Hemme deinen Fu und horche nur
Dem stillen Gottesfrieden der Natur!
Wie feierlich beredtsam dieser Plan,
Der zu den blauen Bergen grn sich zieht,
Erst Wiesengrn, dann dunkler Tannengrn,
Dem Aug' ein wie erquickendes Gemisch!

Doch fhrt des Ohres Pforte mehr zur Seele;
Das Echo spricht mit ihr, des Waldhorns Klang,
Der in den tiefen Tannengrund getragen,
Zurck uns zwiefach, dreifach grt, vom Wald,
Vom Fels, von Wem wol wei ich noch! ... Natur,
Ach, du dir selber plaudernde! Geschwtz'ge,
Im Zwiegesprch belauschte Einsamkeit!
Die Ruh' hrt Ruhe! Nur das Herz darf schlagen,
Ein Vgelchen aus fernem Walde rufen,
Die kleine Quelle murmelnd dich umplaudern ...
Dann hrst du sie, die stillen Geisterzungen,
Die zu dir flstern: Mensch! du bist unsterblich,
Siehst Die ja wieder, die du scheiden sah'st!
Willst immer zweifeln? Immer nur gedenken
Der Schauer, da ein liebend Auge brach,
Der Schrecken, als ein theurer Athem stockte,
Fhlst ewig nur des Todes kalte Hand?

Von Grbern bann' hinweg den Zweifelblick!
Such' dir dein knftig' Wiedersehn, die Hoffnung,
Bei Athmenden und Lebenden! Und spricht
Die Quelle dir, der Vogel nicht vernehmbar,
Kannst du den Tag, die Sonne nicht versteh'n,
So la die Sterne reden, schlage dir
Die Bltter des gestirnten Himmels auf,
Das groe Buch mit gold'nen Riesenlettern!
Da strahlt ein Licht, das selbst die dunkle Nacht
Dem Zweifel und dem Schmerze angefacht!

Ein weihevolles Herz, sagte Ackermann gerhrt, eine gewisse Mystik der
Naturanschauung, die ber das Rthselhafte sich doch nie zum Dunkeln und
Unklaren verliert! Ich nehme meinen Tadel zurck ...
    Siegbert verdient nicht, sagte Selma, da ihm Oleander seine Poesie widmete.
    Wohl, fuhr Ackermann mit geschrftem Blicke auf Selma fort, ich hre dich
gern so reden. Warum bezeugst du aber dem sinnigen Dichter nicht grere
Theilnahme? Er ist mit ganzer Seele dein Lehrer: Seit Siegbert's Freundschaft
hat er an uerlichkeit gewonnen: Das brige kann eine treue weibliche Hand noch
vollenden. Warum zeigst du ihm so oft, Selma, da dich seine Liebe verletzt?
    Selma erglhte.
    Es war das erste mal, da der Vater zu ihr ein solches Wort sprach: Liebe!
    Sie zitterte fast, erstarrte und legte das Blatt mit eiskalt ersterbender
Hand auf die Brust.
    Da sie keine Antwort auch nur zu denken, geschweige zu sprechen wute, so
sah sie den Vater mit einem bittenden Blicke an, der wohl so viel heien konnte,
als:
    Vater, warum thust du mir Das und wirfst mich mit dem Wort in solche
Schrecken?
    Selma, sprach der Vater, ich mu diese Saite, die Gott auch auf deine Seele
zur Harmonie gezogen hat, berhren; denn seit einiger Zeit fhl' ich, da
zwischen uns ein Geheimni waltet ...
    Selma blickte nieder und drckte sich in die Wagenecke, um ihre innere Glut
zu verbergen ...
    Ich will dich nicht tadeln, fuhr der Vater ihre Hand ergreifend fort, da du
bei einer Natur, wie der des Vikars, unterscheidest, was an ihm allgemein
menschlich liebens-werth und was es persnlich ist. Es ist nun einmal auch Dies
ein Zug des Geistes, da wir in den Stufenfolgen unsrer Verehrung gewissenhaft
unterscheiden. Oleander kann dir heilig und theuer wie ein Bruder sein und doch
vermchtest du ihn nicht so zu lieben, wie ein Mdchen liebt. Aber, Selma, wenn
es auch in der Natur des Weibes begrndet sein mag, Das, was am Manne
liebenswerth erscheint, aus Allem eher als nur und einzig aus seiner sittlichen
Gediegenheit herzuleiten, so hte dich doch, einem gefhrlichen Irrthume, von
dem ich wei oder schmerzlich ahne, da er dich beschlichen hat, zu sehr
nachzugeben -
    Vater, sagte Selma vor Schmerz auffahrend.
    Was verwundet dich? Da ich von deinem Irrthum spreche?
    Nein, da du von Etwas nur redest, was ich aus deinem Munde eher hren soll,
ehe ich mir selbst davon gesprochen!
    Es ist meine Pflicht, Kind, deine Gefhle zu regeln. Ich verehre und liebe
diese heilige Scheu des Mdchens, zum ersten male das geweihte Zauberwort der
Liebe zu vernehmen oder wohl gar es auszusprechen. Allein, da du ohne Mutter,
ohne dir bekannte Verwandte bist und nur deinen Vater als einzigen erprobten
Freund deines Herzens kennst -
    Ach, rief Selma und warf sich an die Brust des bewegten Mannes, der sie mit
seinen Armen sanft an sich zog -
    Mein Kind, sagte Ackermann strenger. Ich sehe, da sich dir eine Gestalt,
ein Jngling mit unwiderstehlicher Gewalt eingeprgt hat. Der, den du zuerst
hier im Grase an dem Thurme dort liegen sahst, der, der aus den Blumen aufsprang
uns freundlich zu gren, der, der uns theilnehmend nachblickte, als wir zum
Schlosse hinaufwanderten; der, den du am Morgen bei der Schmiede wiedersahst,
der, der mit dir scherzte, dich vor dem bellenden Hunde schtzte, mit dir ber
Amerika plauderte, dann uns begleitete in den khlen Wald, wo du nicht ertragen
mochtest, da er sich an dem Eichbaum von uns trennte ... Du liebst ja Egon,
einen Frsten.
    Selma zuckte vor Schmerz auf. Es war ihr, als durchbohrte sie ein Messer und
es thte ihr wohl, zu sterben. Doch hauchte sie das Wort, wie zur
Entschuldigung:
    Nenn' es nicht Liebe!
    Es ist Liebe! Du unglckliches, unsrer Verhltnisse unkundiges Kind! Er war
unbekannt, in guter Absicht auf seinem vterlichen Erbe, als wir ihn damals
sahen. Du fandest ein kindliches Wohlgefallen an ihm, er an dir. Spter sah ich,
wie der Gru, den er vom Pferde herab dir auf dem Gelben Hirsch zuwarf, als die
groe Gesellschaft eben abfuhr, wie sein Gru und Blick dich durchbohrten. Deine
Hast, ihn auf dem Heidekrug wiederzusehen! Seine Krankheit in der Residenz, sein
Wohlwollen, als er uns sogleich die Pachtbernahme gestattete, alles Das
fesselte dich ... was lt sich gegen einen magnetischen Einflu thun, den du
selbst auf die Locke, die ich ihm im Scherze raubte, bertrugst ...
    Hast du ihn nicht selbst verehrt wie keinen andern fremden Menschen der
Erde? sagte Selma.
    Htt' ich Das?
    Wer betrachtete die Locke, dies Kleinod, dies Angedenken an den damals so
Lieben, so Theuren, so Guten, zrtlicher? Wir hatten einen Wettkampf unsrer
Liebe und du bist ermattet, du bist enttuscht, du bist hoffnungsloser als ich
...
    Selma! Ich rede ernstlich mit dem Kinde der Fremde. Vertheidige ihn nicht
gegen mich und nicht gegen dich! Es ist ein Frst! Uns weit, weit entfremdet!
Und willst du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entschuldigen, der mit
liebenswrdigen Formen und groen Fhigkeiten des Geistes eine unlugbare
Verderbtheit des Herzens verbindet? Schaudert dich nicht vor den Untiefen der
Laster, in die du leider schon hast einblicken drfen?
    Selma wandte sich ab und weinte.
    Wenn es wahr ist, sagte Ackermann, da Egon eine einfache Brgerliche, wie
Melanie Schlurck, heirathen knnte, so entstand in dir vielleicht der Gedanke:
Er ist nicht stolz, ohne Vorurtheile, er ist edel, er knnte auch dich lieben!
Aber ich beschwre dich, Kind, gib diese Trumereien auf! Vertheidige ihn nicht!
La ihn hinfahren in seiner regellosen Kometenbahn! Reine Naturen wrden sich
nur in seiner Nhe versengen. Und wr' es ein Engel und die Tugend selbst,
Selma, hre ein Wort deines Vaters, ein ernstes, du darfst ihn nicht lieben!
    Selma richtete das traurige Auge fragend und erstaunt zum Vater.
    Ich darf ihn nicht lieben?
    Nie! Nie! wiederholte dieser. Du darfst ihn nicht lieben! Und nun genug!
    Selma war von Ackermann erzogen, wie man Kinder erziehen soll. Er verlangte
Gehorsam. Keine Furcht, aber Gehorsam. Und doch folgte sie nur da, wo sie
berzeugt war. Ihr kluges, fragendes Aufblicken bei diesem unbedingten: Nie!
Nie! des Vaters durfte diesen nicht befremden; doch wider seine Gewohnheit blieb
er ihr die Grnde seines unbedingten Wortes schuldig, wiederholte es noch einmal
und warf Selma in einen Zustand der Zerrissenheit, der sie um so unglcklicher
machte, als sie sah, da auch der Vater litt und in jene melancholische Stimmung
verfiel, die sie sonst sogleich bemht war, an ihm zu verscheuchen. Heute zum
ersten Male stand ihr kein Scherz zu Gebote. Sie lehnte sich in die Ecke und
weinte - der Vater sah auf die durchnten, den, traurigen Felder - der Wagen
fuhr so hin - mit diesem Winter starb Selma Alles; denn warum sollte sie nicht
lieben, auch ohne Hoffnung, jemals zu besitzen?
    Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden. Ein
Tannenbaum flimmerte den Pfar-rerskindern; aber die Hoffnung, der Vater kme
selbst, erfllte sich nicht. Neujahr brachte wieder Frost. Es war Winter und
blieb Winter, auch in den Gemthern. Ackermann las und schrieb viel. Selma nahm
ihren Unterricht fort. Oleander dichtete, duldete, hoffte. Frnzchen erfuhr
selten etwas von Louis. Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kommen
knnen, da der politischen drohenden Strme wegen keine Beurlaubungen gegeben
wurden. Er schrieb fters an Heunisch, der im Frhjahr sicher die Auflsung der
immer kranken Ursula erwartete und von dem weitern Verlauf der sonderbaren
Vorflle, die in seinem Hause stattgefunden hatten, nichts mehr erfuhr. Der
junge Zeck qulte sich, das Geschft seines Vaters fortzufhren. Es gelang ihm
nur mit Mhe.
    In's Amthaus, nach dem Ullagrunde und Randhartingen brachte Oleander
zuweilen Briefe von Siegbert und Louis mit, Briefe, die immer inhaltreich, immer
anregend waren, doch auch viel Trbes und Besorgliches fr die allgemeinen
Zustnde enthielten. Frau von Snger trstete sich, da die fliegenden
Kolonnen eher nun verstrkt wurden, als aufhren sollten. Graf Bensheim, Herr
von Sengebusch erwarteten bevorstehende groe Ereignisse. Herr von Zeisel
beobachtete im Stillen Ackermann's groartige Zurstungen zum erwachenden
Frhjahr. Sie sahen sich selten, da seine Frau ihre Abneigung gegen Menschen,
die ihren Einflu und den Justizrath Schlurck verdrngt hatten, nicht bemeistern
konnte. Und in der That lebt man im Winter nirgends abgeschlossener als auf dem
Lande. Die Bewohner zweier Drfer, die sich ganz in der Nhe liegen, berhren
sich monatelang nicht. Erst der Frhling fhrt Alles wieder zusammen und wie
nach einer langen Entfernung begren sich dann die naheliegenden Nachbarn und
wnschen sich gegenseitig Glck zum berstandenen Winter und freuen sich,
einander wieder wohlbehalten und leidlich unverndert anzutreffen.
    Die ffentlichen Verhltnisse hatten sich bis zum Unglaublichen umgeworfen.
Die groe Flut einer ziellosen Bewegung, die alle Dmme, alle Ufer gebrochen
hatte, war zwar in ihrer verheerenden Wirkung gehemmt, aber nicht zurckgelenkt
in ein felsenstarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal. Diese groen,
trbe aufgewhlten Gewsser stauten. Ein kleiner Abzugsweg und aufs Neue muten
sie mit verheerender Gewalt fortstrzen. Frst Egon von Hohenberg hatte, ein
neuer Perseus, die Chimra der Revolution bndigen wollen. Anfangs glaubte er es
durch ein vernichtendes Zauberwort zu knnen, durch eine ideelle Lsung des
geheimnivollen Sphinxrthsels; allein bald hatte er, wie alle brigen Gegner
der Zeit, zu Feuer und Schwert greifen mssen. Aus der Doktrin, die seine
Unternehmungen anfangs hchst ehrenwerth erscheinen lie, mute er bald
hinausrcken auf das Feld der gewhnlichen Praxis; denn nur die Ideen, die eine
Zeit lang im Volke schon herrschten, knnen sich unangegriffen auch von obenher
behaupten. Egon brachte etwas Neues und wurde sogleich misverstanden. Die
Handlanger, die ihn untersttzten, wurden fr den Meister verantwortlich. Ihnen
zu Liebe, um nicht isolirt zu stehen, mute Egon den Ri seines Gebudes ndern,
nachgiebig sich zeigen nach allen Richtungen hin, in der blichen, berlieferten
Sprache reden und, von den gemeinsamen Gegnern gezwungen, Strebungen zu
befreundeten machen, die ihm sonst nicht wren genehm gewesen. Die Erschpfung
der ffentlichen Meinung, die allgemeine Sehnsucht nach Ruhe und Verstndigung
kam seiner Stellung zu Hlfe. Leider war er verblendet genug, den ausbleibenden
Widerstand fr einen Sieg zu halten. Er entlie auch diese vor Weihnachten
gewhlte neue Kammer und gab aus der kniglichen Machtvollkommenheit im Februar
ein neues Wahlgesetz. Im Allgemeinen lagen diesem seine Ideen von der
Anerkennung der positiven Interessen zum Grunde. Im Besondern aber hatte die
Gewhnung der Macht, die Bundesgenossenschaft mit dem Royalismus, dem Adel, der
Bureaukratie ihn gezwungen, eine Menge anderweitiger Modalitten in seine
Wahlberechtigungen aufzunehmen. Htte er die Gewalt nicht schon lieb gewonnen,
er htte vor dieser, unter der Hand ihm eskamotirten Vernderung seiner liebsten
Vorstze erschrecken und diese Region fliehen mssen, wo man mit dem Scheine des
Herrschens der grte Sklave ist. Allein, es ging ihm wie Allen auf einem
solchen oder hnlichen Platze. Er nahm allmlig den Glauben an, da er
unentbehrlich, nie zu ersetzen wre. Er fragte oft: Wer nach ihm kommen knnte?
Er glaubte dem Staate eine Verlegenheit zu ersparen, indem er an einer Stelle
blieb, deren Rcksichten ihn selbst gnzlich ummodelten. Erfllte ihn zuweilen
der Unmuth ber das Mislingende auch zu bitter, so durft' er dem Gedanken an ein
Zurckziehen schon um Derentwillen nicht nachgeben, die sich darin gefielen, mit
ihm die Macht zu theilen, ihm schmeichelten und sich dafr wieder von den Andern
schmeicheln lieen. Denn kleine Erhhungen werden meist immer durch tiefe
Erniedrigungen erkauft.
    Frst Egon war wie alle Staatsmnner von einer mit der Zeit immer mehr sich
einwurzelnden berreizten Empfindlichkeit. Er sah viel altes Schlimmes, von dem
er mit reinstem Bewutsein sagen konnte: Du hast ihm jetzt abgeholfen! Die
Erfolge, die er tglich im Kleinen erlebte, bertrug er auf das Ganze und Groe
und war ein Fanatiker in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit. Die neuen Kammern
waren, gegen seine ursprngliche Absicht, nichts als Vertreter der Geld- und
Vermgensinteressen geworden. Sie gehorchten ihm in allen Hauptfragen, whrend
ihr Widerspruch in kleinen ihnen nur den Schein gab, als besen sie das
freieste Urtheil auch fr die groen und als wre ihr Gehorsam berzeugung.
Schon redete Egon nicht mehr in seiner alten Sprache. Schon hatte er den
gewhnlichen Styl des von ihm vertretenen Staates angenommen und setzte als das
erste Anfangsgesetz desselben: Es mu Alles geschehen um der Monarchie als
solcher Willen! Das Volksinteresse war ein Annex des frstlichen. Was in diese
Anschauung nicht pate, wurde entfernt, unterdrckt, verfolgt, bestraft. Selbst
diejenigen gemigten Liberalen, die der Monarchie die aufrichtigste
Nothwendigkeit einrumten, aber ihr nicht mehr berlassen wollten, als zur
Strkung eines Begriffes nothwendig war, selbst diese wurden von ihm als
Doktrinre abgelehnt, von jenem Tiersparti zu geschweigen, dem
brgerlich-materiellen, an dessen Spitze Justus stand. Diesem gab er die ganze
Schrfe seiner Satyre zu fhlen und nannte sein innerstes Princip die Eitelkeit.
Geht in Eure Comtoirstuben und rechnet, sagte er einst in einem Artikel des
Jahrhunderts, der von ihm inspirirt sein sollte, geht an Euren Pflug und
ackert, nehmt die Elle in die Hand und messet Leinwand, was drngt Ihr Euch in
die Hallen der Rathhuser und an die Stufen des Capitols? Wahrlich, Ihr mt den
Staatszweck platt treten bis zum Gemeinen, nur damit Ihr auf ihm lustwandeln,
gerade Ihr in ihm behaglich wohnen knnt!
    Am entschiedensten aber trat Frst Egon der Demokratie, den republikanischen
und sozialen Irrlehren entgegen. Er hatte sie an der Quelle kennen gelernt und
besa nun die vollkommenste Fertigkeit, sie auf ihre oft komischen Ursprnge
zurck zu verfolgen. Er erklrte sie fr die Folge zweier Veranlassungen, einmal
der Trgheit und sodann des berwuchernden merkantilen Princips. Ackermann las
einst mit groem, wenn auch getheiltem Interesse die Worte, die er in der Kammer
sprach:
    Ein Fluch der modernen Gesellschaft ist die gewaltige Verehrung, die der
Gott Merkur gefunden hat. Merkur beschtzt die Handelnden und die Diebe. Ich
habe alle Ehrfurcht vor der groen und respektablen Zunft der Kaufleute, ich
finde aber, da sie viel zu tolerant ist und viel zu viel Gaunerei neben sich
duldet. Die Krmerei ist eine Gaunerei. Meine Herren, ich fordre Sie auf, mit
mir durch die Straen der Stdte zu gehen. Sehen Sie, Haus fr Haus ein Laden!
Laden fr Laden, trge, auf Kundschaft wartende Verkufer, die die Sonne
angaffen und trumen! Meine Herren, der kleine Zwischenhandel steht zur
Consumtion in keinem Verhltnisse. Wo Alles handeln will, wird Niemand mehr
arbeiten wollen, und ich fordre Sie auf, geben Sie Gesetze gegen den
Kleinhandel! Er vertheuert die Lebensmittel, die der Arbeiter braucht, er
schlgt das Procent der Trgheit auf das kleine Kapital der Arbeit, dem es
entzogen wird; er erschafft die Phantasieen des Kommunismus, der aus Zorn ber
den Kleinhandel von einem Grohandel trumt, den die Gesellschaft, der Staat
selbst bernehmen msse; er erzeugt endlich eine Menge lungernder, trger
Schwtzer, die man die Lazzaronis der Boutiken nennen mu߫.
    Solche scharfe Lichter, die Egon aus seiner Kenntni des Volkslebens auf die
Debatte fallen lassen konnte, hoben oft wochenlang seine Erscheinung auch in den
Augen Derer, die sich nicht verschweigen konnten, da Egon vom Hofe verzogen
wurde und wol lngst ein Ultra-Aristokrat war. Egon bestritt, da wir im
Zeitalter der nothwendigen Revolution leben und nach einer unbekannten, neuen,
Alle beglckenden Weltidee steuern mten. Er bestritt die politischen
Mrtyrerschaften. Er nannte sie Plagiate, unerlaubten Nachdruck der groen
ruhmvollen Zeitalter. Er sagte: Die Mrtyrer in vergangenen Jahrhunderten waren
bewunderungswrdig, weil sie die vergangne Geschichte nicht kannten und nur fr
ihre eigne Rechnung, ihre eigne Erleuchtung starben. Die neuen Mrtyrer aber
haben alle vom Glanz der alten gehrt und bilden sich ein, eine Zeit wrde
kommen, die auch ihnen Anerkennung brchte. Sie ahmen die Hu und Galili nach,
ohne mit ihnen irgend etwas gemein zu haben als die Leiden, die Jene fanden und
die Diese nur tollkhn und eitel suchen. Unter solchen Umstnden konnte es
nicht befremden, da man von Verschwrungen und neuen drohenden Unruhen sprach.
Egon erfreute sich einer guten Polizei und fgsamer Richter. Er verfolgte,
kerkerte ein, verbannte, ganz wie jeder andre Politiker auch, der den
Widerspruch unbequem findet und fr jede Eingebung seines unduldsamen Zornes
sogleich das Motiv des gefhrdeten Gemeinwohls zur Hand hat. Ackermann nahm,
trotzdem, da er Selma's wegen nicht mehr laut ber Egon sprach, doch im Stillen
an allen diesen Verwickelungen groen Antheil und verrieth selbst in der tiefen
Abneigung, die er gegen Egon zu fassen schien, das fast persnliche Interesse,
das er fr ihn hegte. Mit dem beginnenden Frhjahr setzte er nun vollends alle
inzwischen gesammelten Krfte fr Egon's uere Wohlfahrt in Thtigkeit. Seine
Pflug-und Semaschinen erregten den Neid und das Staunen der Umgebung. Er hatte
trotz der Maschinen eine groe Anzahl auch von Feldarbeitern gedungen und sein
Pachthof war so lebendig geworden, da er schon wie eine kleine Kolonie
auszusehen anfing.
    Der Winter war streng gewesen und die Wonne des Frhlings von den Menschen
endlich wohlverdient. Er kam mit dem Mrz auf den feuchten Schwingen milder
Sdwestwinde. Der Schnee schmolz, die Rnder der kleinen Bche verloren die
Spuren des Eises, das sie noch vor Kurzem ganz gefesselt hielt. Die
kaltdurchnte Erde erwrmte die Sonne und die gewaltigen Furchen, die der Pflug
schnitt, ffneten die Poren der Eisrinde, da es war, als wenn das Centralfeuer
von unten herauf nachhalf und den Sonnenstrahlen die unterirdische Flammenhand
bot. Dieser frische Frhlingserdgeruch! Diese Kraft des Bodens, die den Menschen
selber strkt und die Fabel vom Antus verstehen lehrt! Im Walde brach das Eis
der kleinen Seen, in deren Rhricht bald die Strche nach dem zum Leben
erwachenden kleinen Gethier suchen sollten. Das ganz braun und schwarz gewordene
Laub vom vorigen Herbst vermengte sich schon mit der Erde und dngte zu neuem
krftigeren Wuchse. Das Gras wucherte, Schlsselblumen, Schaafgarbe, Distelkraut
erfreuten das Auge des nach jedem Fortschritt der Vegetation sehnschtig
lugenden Wanderers. Von Tag zu Tag nahm ein gewisses Lstre der Buchen- und
Eichenwaldung zu und wurde grner und immer grner. Die Weiden, die lngs der
Ulla standen, schlugen mit jugendlicher Triebkraft aus. Zwar kpfte man sie, der
frischen Gerten wegen, die man gewinnen wollte, aber auch von diesen kam eine
dankenswerthe Belebung in den erwachten Frhling. Die Bauernknaben schnitten aus
der Schaale der jungen Weidenruthen Pfeifen und ein Ton weckte mehrere, die
Pfeife die Stimme und die Menschenstimme die Stimmen des Feldes und Waldes.
Schon jodelte ein ungeduldiger Hirtenknabe um die Wette mit der Lerche, die aus
ihrem rthselhaften Winterverstecke pltzlich wie ein Wunder da war und sich mit
ihrem Gesang in die reine Blue des Himmels so stolz und froh emporwirbelte.
Lange Zge von Kranichen und Schneegnsen flogen vom Sden weiter hinauf nach
Norden. Glckliche Reise, ihr flchtigen Gste! Gret das Meer, gret die
Klippen Islands, wenn ihr sie erreicht und die dnischen Jger auf den Inseln
jenseits der Eider euch passiren lassen! Zieht ihr denn Alle vorber? Nein, die
Strche bleiben bei uns und suchen sich die alten Giebel, suchen sich die alten
Nester auf und klappern den Kindern von neuen Brderchen und Schwesterchen die
heimlichen Mrchen zu.
    Selma hatte einen gedrckten, ernsten Winter durchlebt und nur in
Frnzchen's heitrer Laune einen Trost gefunden. Dies junge Kind widmete sich ihr
mit zrtlichster Verehrung und fhlte sich durch den veredelnden Umgang selbst
so gehoben, da sie sich von keiner Entbehrung beengt, durch keinen langen
einsamen Winterabend in ihrem Lebensgenu verkrzt fhlte. Wie theilte sie aber
auch Selma's Freude, als der Frhling kam! Selma hatte nur die Erinnerungen, wie
das Alles wird und wchst in dem fernen Welttheile. Sie erstaunte nun, Alles
hier so wiederzufinden, wie es auch dort ist und dennoch schien Alles anders,
eigenthmlicher und ihr, wie sie sich im Stillen gestand, werthvoller. Frnzchen
erklrte ihr, was sie, die Stdterin, die arme Stubensitzerin, nur irgend von
der Natur wute. Selma fand aber bald, da sie keiner Fhrerin durch den
deutschen Frhling bedurfte. Sie verstand ihn wie einen alten Bekannten und was
sie nicht benennen konnte, dafr gab die Worte der Vater, der mit dem Erwachen
der Natur selbst wie neubelebt erschien und sich in seiner groartigen konomie
still und ruhig wie ein Grtner bewegte. Selma sah das Entstehen einer groen
Gemse- und Blumenanlage hinter dem Wohnhause. Da sproten Veilchen, Krokus,
Schneeglckchen. Da wuchs Schnittlauch, Kerbel, Salat. Da gackerten die Hhner,
denen recht der Kamm gewachsen war und legten Eier hier und dorthin. Es war eine
lustige Jagd fr Selma und Franziska, immer zu suchen, wo die Hennen ein stilles
Pltzchen gefunden hatten. Und dabei schmckte sich der Fliederbaum um das
Wohnhaus, die Laube bezog sich mit grnen Knospenaugen, die Strucher im Garten
schienen hrbar zu wachsen ... der Ullagrund so lauschig abwrts geneigt, die
Ulla so munter und geschwtzig, der Wald, die Hhe, der Blick nach Plessen, das
Schlo von Hohenberg, Alles so verzaubert, so belebt, so neu, - wo war der
Winter geblieben? War Das nicht Alles fast wieder so, wie Selma und der Vater es
im Sommer fanden und er ihr gesagt hatte, als sie am Kirchhofe die Inschrift auf
dem Grabe der Frstin Amanda gelesen hatten: Kind, wir wollen hier bleiben,
wollen hier unsre Htten bauen!
    Auch der April mit seinen kleinen Launen und winterlichen Rckfllen war
fast vorber, als Ackermann eines Tages durch den Justizdirektor von Zeisel mit
der Nachricht berrascht wurde, Frst Egon wollte, um sich von den Anstrengungen
des Winters zu erholen, einige Tage auf seinem vterlichen Schlosse zubringen.
Mit dieser Mittheilung gerieth der sonst so ruhige, sich selbst beherrschende
Mann in namenlose Aufregung. Sie wuchs, als er sah, wie die Nachricht auf Selma
wirkte. Ohne auf das Thema, das im December bei der Heimkehr von Plessen zum
ersten und letzten Male berhrt worden war, zurckzukommen, konnte er doch nicht
umhin, bei Tisch darber zu sagen:
    Ich habe die Ahnung, da diese Begegnung mit dem Frsten keine gute Wendung
nimmt. Das freundliche Bild des Mannes, der einst mit uns nach dem Forsthause
wanderte, ist verwischt. Welche Entwickelung einer gewaltsamen, eingebildeten
Natur! Diese Verfolgungen, von denen die Zeitungen das Unglaublichste melden!
Dieser Terrorismus! Ich kann Adlige gelten lassen, die innerhalb ihrer
Vorurtheile willkrlich und anmaend regieren, Beamte, Militairs, Hofmnner sind
mir erklrlich; aber mit Geist, mit Bewutsein, mit Theorie so die gewonnenen
Resultate der Zeit mit Fen treten und den alten feudalen Staat wieder
anzubahnen - doch Ihr versteht das nicht, Kinder! Deutlicher wird es Euch sein,
wenn ich Euch sage: Alle Vereine hat der Frst aufgehoben, alle geschlossenen
Gesellschaften hat er aufgelst, die beiden braven Arbeiter, die die Maschinen
hierher begleiteten, ich las es eben in der Zeitung, sind festgesetzt,
Leidenfrost ist in eine Untersuchung verwickelt und neue Verhaftungen, neue
Ausweisungen stehen bevor ...
    Franziska erschrak, da sie sich der Sphre, in der diese Verfolgungen
stattfanden, nher fhlte als Selma, die fr Leidenfrost wenig Theimahme
empfinden konnte und nur die beiden guten, bescheidenen Arbeiter bedauerte.
Glubigen weiblichen Naturen sind satyrische Erscheinungen wie Leidenfrost
antipathisch. Alle beklagen die beiden jungen Arbeiter ...
    Ich finde, fuhr Ackermann fort, da viel von fremden Agenten gesprochen
wird. Wenn wir erlebten, da selbst Louis Armand ...
    Selma winkte dem Vater. Sie wute, da Frnzchen den freundlichen und
geflligen Freund trotz seiner sprlichen Briefe liebte. Ackermann ahnte es und
schwieg nun lieber.
    Zwei Tage darauf aber fand er Frnzchen weinend. Als er sie um die Ursache
ihrer Thrnen fragte, suchte sie auszuweichen und berlie Selma die Antwort.
    Louis Armand hatte, durch Einschlu an Oleander, an Franziska deutsch
geschrieben oder so schreiben lassen:
    Liebe Freundin! Ein dstres Ungewitter zieht ber mich und meine Freunde
zusammen. Was vorauszusehen war, Trennung unsrer Wege von denen des Frsten,
traf schon gleich nach meiner Rckkehr von Hohenberg ein. Wir sahen uns selten,
zuletzt vermieden wir uns. Was aber nicht vorauszusehen war, ein offener Bruch,
offene Feindschaft zwischen Menschen, die sich liebten, zu lieben vorgaben, auch
Das ist eingetroffen und irgend ein gewaltsamer Zusammensto scheint so
unvermeidlich, da ich Ihnen schreibe und Sie bitte: Liebe Franziska, Sie kennen
die innige herzliche Verehrung, die ich fr Sie hege und die nur mit meinem
Leben erlschen wird. Was mir auch geschehen mge, was Sie auch von mir hren
drften, rechnen Sie auf meine treue Anhnglichkeit! Ach, ich fhle nun wohl,
was mich gehindert hat, Ihnen Alles zu sagen, was in meinem Herzen fr Sie
schlummerte und was erst jetzt, wo ich so groen Gefahren ausgesetzt bin, ganz
erwacht ist! Jetzt, an der Grenze meiner Freiheit, sag' ich Ihnen, geliebte
Franziska, da ich in Ihnen so viel Gte und Reinheit der Seele gefunden habe,
wie nur in meiner vergessenen, von Egon gemordeten Schwester. Ist Das nicht
grausam, jetzt so zu sprechen! Jetzt, geliebte Franziska, wo ich Denen, die mich
lieben, nur Kummer bereiten kann? Vergeben Sie mir! Werden Sie wirklich die
Gattin des guten, Ihrer Liebe wrdigen, reichen Heinrich Sandrart, dann
vergessen Sie meiner. Ich gedenke Ihrer ewig und werde nie zrnen, wenn Ihr Herz
seinen hhern Pflichten folgt. Ich schreibe das Alles aus meiner innersten
Seele, die Feder fhrt Siegbert Wildungen, der Treueste, der mich nicht
verlassen hat, wie Egon. Egon handelt entsetzlich an uns. Er behauptet, der
Freundschaft gengt zu haben. Er behauptet, da er in Warnungen sich erschpft
htte. Egon droht uns! Egon droht seinen Freunden! Der Frst ist Frst und ich
bin ein Bettler. Aber ich glaube jetzt Rechte gefunden zu haben auf den
deutschen Boden. Ich fhle die Verwandtschaft mit Oleander, ja sogar mit einer
Heldenseele, Jagellona von Werdeck, ich bin kein Fremdling mehr in diesen
Landen. Doch, was unterhalt' ich, qul' ich Sie mit Dingen, theure Franziska,
die diesen Winter mich auer Athem und Besinnung brachten! Ich kann nur einen
kurzen Gru - vielleicht einen ewigen Abschied - senden. Die Zeit, die Stimmung,
die Ruhe fehlen, um meiner minder gewandten Feder Raum zu lassen, in meiner
unsichern Muttersprache dasselbe zu sagen. Die deutsche Sprache ist jetzt fast
meine Muttersprache. Vergessen Sie mich, wenn es sein mu! In groer Bedrngni
Ihr Louis Armand.
    Ackermann sah mit tiefstem Antheil Franziska's Verzweiflung.
    Was ist ihm geschehen? Was kann ihm drohen? rief sie.
    Selma, die selbst weinte, suchte zu trsten.
    Aber Heunisch, der Jger, der eben dazu kam, strte allen Trost.
    Er rief Franziska bei Seite und sagte:
    Ursula Marzahn stirbt diese Nacht. Sie geht hin ... aber hab' ich mich vor
ihr im Leben nicht gefrchtet, im Tod ist sie mir wie ein Gespenst. Sie sagt
Dinge am letzten Sonntag als die Glocken luteten ... Franziska, habe deinen
alten Onkel lieb! Komm' mit auf drei Tage, bis sie zur Ruhe ist!
    Ackermann bedauerte das bevorstehende Leid, mute aber gestehen, da der
Onkel etwas Billiges verlangte. Er redete Franziska zu, zu gehen. Heunisch nahm
sie sogleich und fhrte sie, indem er ein Bndelchen trug und ihre Thrnen fr
Antheil an seinem Verluste hielt, jenen Fupfad an der Sgemhle und dem
schwarzen Kreuz vorber, von dem er sagte:
    Seit die Ursula fast wie vernnftig gesprochen, frcht' ich mich vor dem
Kreuz da!
    Selma mute wenig Stunden nach Franziska's Entfernung sagen:
    Es ist gut, da sie einige Tage entfernt ist!
    Sie zeigte dem Vater das neueste Zeitungsblatt ...
    Es enthielt die Nachricht, da ein Apostel der kommunistischen Irrlehren,
der diesen Winter ber, aller Warnungen ungeachtet, besonders im Kreise der
Willing'schen Maschinenarbeiter fr seine staatsgefhrlichen Theorieen gewirkt
htte, ein Franzose, Namens Louis Armand, vermittelst Zwangspa aus den
diesseitigen Staaten entfernt worden wre.
    O bitt're Welt! rief Ackermann. O gold'ne Jugend, an die sich der Rost des
Lebens setzt! Traum des Glckes, warum lst dich der Tod nicht ab, warum das
Erwachen zu dem jammervollen Gestndnisse: Wir Alle sind Menschen!
    Und dann erluterte er Selma den Begriff eines Zwangspasses. Entfernt? sagte
er. Louis Armand! Der Freund Egon's! Verbunden mit ihm durch einen Grabeshgel!
Trennt so die Welt? Wirft sie immer wieder die Hlle zwischen die Seelen? Ist
Wahrheit des Geistes da, wo Lge der Herzen? Armer, kindlicher Fremdling! Wie
ehrtest du dein Volk durch ihm sonst fremde Bescheidenheit, Treue und deinen
sittlichen Werth! Selma! Erkennst du jetzt, warum ich die Natur so liebe und in
ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben?
    Selma aber sah, hrte nicht. Ihr Auge stierte auf eine andre Stelle
derselben Zeitung.
    Vater, lies! rief sie mit fieberhafter Erregung ...
    Ackermann nahm und las das Blatt. Die Stelle lautete:


                                Bekanntmachung.

Der wegen politischer Umtriebe verfolgte Referendar Dankmar Wildungen hat sich
der ihm bevorstehenden Untersuchung durch die Flucht entzogen. Alle
Sicherheitsbehrden des In- und Auslandes werden aufgefordert, zu seiner
Verhaftnahme behlflich zu sein. Es folgt das Signalement.
    Es ist Siegbert's Bruder! sagte Ackermann. Die guten Geister sind von Egon
gewichen.
    Ackermann verfiel in tiefste Traurigkeit. Er schien unfhig, heute noch in
seinem sonst so freudig ergriffenen Berufe zu wirken.
    Selma ehrte seinen Schmerz. Siegbert's Gestalt trat ihr durch den ihr
unbekannten, wenig besprochenen Bruder verklrter entgegen. Oleander, der zum
Unterrichte kam, war selbst so erschttert, da er sich nicht sammeln konnte. Er
ging bewegt und lie die vor Kummer Schweigenden ohne Abschied zurck. Er htte
so gern dem reinsten Genusse des Frhlings gelebt! Liebe und Freundschaft waren
seine ewigen Sterne und nun schienen sie dster umschleiert. So traurig hatten
ihm die Lerchen nie gesungen.
    Der Abend kommt. Die groe rothe Feuerglut des Himmels erlischt. Dunkelblaue
Wolken ziehen nchtlich herauf. Der Tag so linde. Am Abend weht ein khlerer
Lufthauch. Die Arbeiter feiern, ziehen heim, hier und dorthin, auf Drfer,
Gehfte. Im Hofe wird's still. Nur fern beim alten Sandrart hrt man noch ein
Rollen von Tausenden von Erdpfeln, die man aus den Wintergruben ausgrbt und
aufschttet. Man hat sich versptet, man schttet sie auf Breter, die sie
abschssig in den Bauernhof rollen lassen, noch spt Abends. Es wird ganz
dunkel. Auch diese Arbeit ist gethan. Alles nun still. Ackermann ruht auf dem
Sopha. Selma spricht zuweilen ein Wort der Theilnahme fr Franziska, die bei
einer Sterbenden, die sie nicht liebte, im Hause wachen msse. Eine Uhr pickt.
Alles leise, Alles still und traurig ...
    Da bellt ein Hund lauter als sonst, bald bellen noch mehr; zuletzt alle. Es
wird lebendig drauen ...
    Wer kommt noch so spt?
    Herr Ackermann zu Hause? sagte eine Stimme drauen.
    Als die Magd antwortet, heit es:
    Braucht man auf dem Hofe hier nicht noch Arbeiter? Ich hre, man hat viel
Arbeiter gesucht. Braucht Herr Ackermann noch ein paar gesunde Hnde?
    Welche Stimme! rief Selma ...
    Ackermann war schon aufgestanden. Schon die ersten Worte klangen ihm so
bekannt und durch den Sinn doch so fremd ...
    Wer ist Das? sagte er.
    Wir haben Arbeiter genug, spricht die Magd, und schicken tglich fort.
    Ei, so fragt an! Bin ich darum so weit gewandert?
    Selma hatte ein Gefhl, als sollte sie aufschreien. Sie fate den Drcker
der Nebenthr, als mte sie fliehen.
    Das ist der Frst! ruft Ackermann auer sich und reit die Thr auf, die zur
Hausflur fhrte.
    Im Dunkeln, beleuchtet von einer kleinen Kchenlampe der frheren Magd vom
Heidekrug, stand in einer Blouse mit grauweiem Hute ein junger Mann. Wie er den
Hut zog, die braunen Locken ihm ber die Stirn fielen, er nher trat, er grte,
bebte das Wort auf Ackermann's Lippen:
    Kommen Sie!
    Die Magd, die den Fremden nicht wieder erkannte, sagte:
    Das ist Herr Ackermann!
    Wohl! Wohl! spricht der Ankmmling. Ich kenne Herrn Ackermann. Darf ich
eintreten?
    Ackermann sprachlos (denn er glaubte den Frsten zu sehen) tritt zurck und
stellt das Licht, das er ergriffen hatte, zitternd auf den Tisch.
    Ein unterdrcktes Ach! wie von einer Entfliehenden im Nebenzimmer ...
    Wie die Thr des Corridors sich schliet, sagt der Eintretende:
    Sie kennen mich nicht. Erinnern Sie sich jenes Wanderers, der im Walde bei
Hohenberg letzten Sommer mit Ihnen und Ihrem Sohne Selmar sprach?
    Wohl! Wohl! sagt Ackermann bebend.
    Ich bin in der Lage, Sie um eine Freundlichkeit, eine Aufopferung zu
ersuchen. Ich verehrte Sie immer. Seit Louis Armand von Ihnen sprach, seit mein
Bruder Siegbert Wildungen Sie den bedeutendsten, den edelsten aller Menschen
nennt -
    Siegbert - Ihr Bruder?
    Mein Bruder! Ich bin der Flchtling Dankmar Wildungen, den eine zum
jmmerlichsten Egoismus entpuppte Politik zwingt, sich zu verbergen. Ich kann
nicht aus dem Lande fliehen, weil mich an dies Land Vaterlandsgefhl und eine
groe Aufgabe bindet. Darf ich bei Ihnen bleiben? Wollen Sie mich in Ihrem neuen
groartigen Verkehr im Geheimen als Arbeiter dulden, bis bessere Zeiten kommen?
    Ackermann, sprachlos, ergriff sein Portefeuille, ri es auf, holte ein
Papier hervor, entknitterte es, nahm die Locke und hielt sie gegen Dankmar's
Haar.
    Diese Locke schnitten Sie mir in einer rthselhaften Nacht vom Haupte, sagte
Dankmar. Ich trumte, ich wachte. Ich sah Sie geheimnivoll mir nahen und so
lieb hatt' ich Sie, so verehrt' ich in Ihnen den hheren Genius, da ich still
die Augen geschlossen hielt und mit mir geschehen lie, was geschah.
    Allmcht'ger Gott, Sie galten damals -
    Fr den Prinzen Egon! Ich erwies ihm die Liebe, ihm durch Tuschung andrer
leichtsinniger Menschen einen groen Dienst zu leisten. O beim Himmel! Seine
Tuschung hat er lnger durchgefhrt, als ich!
    Ackermann's Gefhle waren in diesem Augenblicke zu gewaltsam, von Jammer und
von Freude zugleich zu heftig bestrmt. Dennoch berwog, aus Liebe fr Selma,
die Freude. Eben wollte er jubelnd rufen: Selma! Selma! Wo bist du? Da stand
sein Kind schon an der Thr, weinend, lachend, an dem Rahmen der Thr sich
haltend, zitternd, bewutlos ...
    Selma! rief Dankmar, strzte auf das bebende, vom Entzcken ber ihren
Irrthum, ihre Tuschung bewltigte Mdchen und schlo sie, kaum wissend, was er
that, ungehindert durch des Vaters Nhe, nur folgend dem strmischen Ausbruch
seiner Gefhle, voll Seligkeit in seine liebenden Arme.

                           Ende des siebenten Buches.


                                  Achtes Buch

                                 Erstes Capitel

                                   Paul Zeck

Die Entdeckung, die Fritz Hackert in jener abenteuerlichen Nacht ber den
Gewlben des Rathskellers gemacht hatte, bestand aus einem Dokumente. Es war
eine Taufakte, aufgenommen in einer nahegelegenen, zu den Sprengeln der Stadt
gehrenden Dorfkirche und lautete:

    Am 8. Mai 1825 nach unsers Herrn Geburt empfing durch den Unterzeichneten
der in der Nhe bei dem Gehftbauer Rieding von Ursula Zeck, einer fremden
Dienstmagd, geborne uneheliche Sohn in der wegen dabei obwaltender Umstnde und
der Krnklichkeit des Kindes unerllich gewordenen Nothtaufe den Namen: Paul
Franz. Solches wird nach dem im Kirchenbuche eingetragenen Berichte hiermit
abschriftlich besttigt.
                                                 Lattorf, Pfarrer in Seehausen.

Hackert betrachtete diesen Schein von allen Seiten und rgerte sich, da er in
dem Glauben, Bartusch suche etwas auf seine eigne Geburt sich Beziehendes,
irregefhrt war. Als Belohnung fr sein Abenteuer blieb ihm nur der Schreck, den
er unfehlbar dem Graurock eingeflt hatte und nach dessen Wirkung er sich bei
aller Vorsicht, mit der er sich gegen Schlurck und seine Angehrigen seit
einiger Zeit benahm, am folgenden Morgen zu erkundigen beschlo.
    Das ihm werthlos scheinende Dokument verschlo er mit den Worten:
    Armer Paul Franz Zeck, zur Noth getauft, zur Noth geboren, wohl lngst
gestorben! Ich wette, da Bartusch dein Vater ist! Die angebliche Ursula Zeck
wollte den Vater nicht eingestehen. Brave Dienstmagd Das! Vielleicht wurde ihr
die Wahl schwer zwischen Bartusch und einigen andern Jnglingen, die jetzt auch
graue Rcke tragen und in stiller Ruhe des Gewissens nicht ahnen, da ihnen
dereinst auf dem allgemeinen Offenbarungsgrundschlamm, wenn alle Wasser der Lge
abgelaufen sein werden, Paul Franz Zeck entgegenhpft, ihre Knie umklammert und
sie mit dem sen Vaternamen begrt.
    Im Grunde rgerlich ber seine misrathene Entdeckung schlief er ein.
    Am folgenden Morgen erst besann er sich auf den Zusammenhang des ganzen
Abends. Er lachte ber Schmelzing, lachte aber auch ber sich selbst. Das
Interesse, das er der Verhandlung zwischen den fnf Mnnern unter ihnen
geschenkt hatte, kam ihm jetzt sehr wenig begrndet vor. Er hatte, als seine
Freunde und Gnner, Siegbert und Dankmar Wildungen, politische Reden hielten,
nur dem Instinkte nachgeben mssen, einen bsen Horcher zu entfernen. Auch da
ein Offizier in der Lage war, ber Ansichten belauscht zu werden, die mit seiner
Stellung in einem gefhrlichen Widerspruche standen, ergriff ihn, aber nur, wie
wenn er einen sich Ertrnkenden gesehen htte, bei dem man, ob er nun zu leben
verdiene oder nicht, doch unwillkrlich an Rettung denkt. Er hatte auch mit
Theilnahme und ergriffen von mancher Wahrheit zugehrt, allein bald wieder
vergessen war die erste Erschtterung und von dem Abenteuer mit Bartusch
vollends jede ernste Erwgung zurckgedrngt.
    Jetzt, indem er sich ankleidete und nach seiner Gewohnheit unordentlich und
wild hier- und dorthin die Kleider, die Strmpfe, die Stiefeln hinwarf, mute er
in seiner menschenfeindlichen Weise vor sich hin diese Worte ausstoen:
    Welche Trumer waren Das! Mich hat Gott verdammt, des Nachts auf die Dcher
zu klettern, wenn Vollmond im Kalender steht, aber Die spazieren am hellen
lichten Tage auf ihnen herum und sehen die Schornsteine fr Pyramiden an! Den
Geist wollen sie zum bessern Durchbruch bringen! Gebt ihm hlzerne Krcken, dann
kann er auf der Welt, wie sie ist, wohl stehen und gehen! Geld, Gter,
Anstellungen, Titel, Ehren, Das sind die Krcken, an denen der Geist allein sich
aufrecht hlt in dieser verdammten Hetzjagd zwischen Katzen und Hunden in
Menschenform! Nehmt Euch in Acht, da Eure goldnen Redensarten sich nicht in
Kohlen zu Scheiterhaufen verwandeln!
    Hackert war besorgt, da Schmelzing doch wol Manches erhorcht haben mochte
und beschlo, seinen ganzen Einflu auf ihren Vorgesetzten, den Oberkommissair
Pax, anzuwenden, um seine etwaigen Aussagen in Frage zu stellen.
    Was er nur bei dem dritten Kreuze, sagte er sich, mag nachgekritzelt haben!
Ich will nicht wnschen, da Menschen in die Lage kmen, durch Schreibfehler
eines unsichtbaren Stenographen an den Galgen zu kommen, aber lieb wre mir's
doch, wenn Pax von der beschriebenen Eselshaut Schmelzing's allen Ministern eine
Gnsehaut lse. Es ist so behaglich, auch die Mchtigen sich frchten zu sehen.
    Hackert wohnte neben der Barbierstube des Herrn Zipfel, den wir als
politischunterrichteten Raseur der Brder Wildungen bereits frher haben kennen
lernen. Es ist nur annherungsweise zu vermuthen, da Pax diese Wohnung fr
seinen Liebling Hackert gerade deshalb ausgemacht hatte, um ihn in die Nhe
eines sehr lebhaften Verkehrs mit den Meinungen und Ansichten des Tages und des
untern Volks zu bringen. Die Barbierstuben haben sich noch aus Rmer-und
Griechenzeiten her die Bestimmung zu erhalten gewut, das Bureau der
Tagesneuigkeiten zu sein. Herr Zipfel war in der Lage, seiner auswrtigen Kunden
wegen, den Mantel nach dem Winde hngen zu mssen, in seiner Barbierstube aber
ging es ungehindert demokratisch zu. Hackert wurde jeden Morgen, ganz wie es Pax
gewollt hatte, durch die verworrenen lauten Gesprche, Verwnschungen, Drohungen
aufgeweckt, die dicht hinter der Breterwand, an der sein Bett stand,
durcheinanderschwirrten, denn die Frequenz bei Herrn Zipfel war gro. Ein Kunde
wartete auf den andern.
    Am Morgen nach den Scenen in und ber dem Rathskeller wurden die Gerchte
von einem neuen demokratischen Ministerium, dem des Frsten Egon von
Hohenberg, bei Herrn Zipfel so laut besprochen, so lebhaft uerte sich in dem
aufgewhlten Volke Hoffnung und Mistrauen, da Hackert nicht einmal der nhern
Details bedurfte, die ihm Frau Zipfel mit dem Frhstcke vorsetzte, um ihn
vollstndiger ber die Lage des Morgens zu unterrichten. Er steckte sich eine
Cigarre an und htte fast den Nothtaufschein des Paul Zeck dazu genommen, wenn
ihm das Papier daran nicht zu gelb und wurmzerfressen gewesen wre. Neben seinem
dampfenden Kaffee blies er die Tabackswolken vor sich hin und streckte sich auf
den mit rothgewrfeltem, ein wenig lange nicht gewaschenem Kattun berzogenen
holzharten Sopha wie ein Pascha.
    Ha, ha, dachte er, wenn der Dutzbruder des Wildungen Minister wird und der
franzsische Tischlergesell, den ich auf der Liste lngst als verdchtig stehen
habe, Minister der ffentlichen Arbeiten, dann wird Schmelzing mit seiner
entdeckten Verschwrung wenig Finderlohn kriegen. Der heimtckische Bursch! Wie
er nach Louise Eisold schleckerte -
    Dabei seufzte der Pascha doch und sttzte das Haupt auf.
    Wre sie nur hbscher! sagte er in seiner gewhnlichen Frivolitt und sein
Gefhl wegspottend. Wer Melanie -sieh! sieh! Geistesschwester! Oder wie sagten
sie unter uns? Arbeiten, sich tummeln, sich aufraffen, Etwas werden, vorstellen
und dann vor sie hintreten: So nimm mich, so bin ich deiner werth! Und dann
doch: Wie hie es? Mit einer Zwetsche als Nase? Oder wie daguerreotypirte sich
der Schwtzer, dem Jagellona sagte, was Melanie mir wrde gesagt haben: Fritz,
deine Haare brennen, dein weier Teint hat zu viel Sommersprossen und was du mir
bringst und wr' es ein ganzes Modemagazin voll Liebe, ist aus deiner Hand
nichts Neues mehr fr mich! Liebe, was ist Liebe! Dummes, verschlissenes altes
Zeug! Nur Das reizt die Weiber, zu sehen, wie dieselbe Liebe, dieselbe
althergebrachte langweilige Hingebung wol bei Dem sich ausnehmen mchte oder bei
Dem oder bei Dem.. Dem mcht' ich ansehen, Dem abfhlen, wie er lieben knnte,
Der mit seinen tiefen Augen, Der mit seinem schwarzen Brtchen, Der mit seinen
kleinen gefirniten Glanzstiefelchen! Ha, ha! Oder flattern sie nur deshalb hin
und her, weil sie wissen, da ihre Gefhle Eintagsblumen sind, Pilze in einer
Sommernacht aufgeschossen, das Glck, das sie zu gewhren sich das Ansehn geben,
eine Sternschnuppe, von der man zu bald inne wird, da sie nur optische
Tuschung war! Geizhlse sind's mit ihrem Herzen, Wucherinnen ... Melanie, wie
seh' ich dich flattern und wirbeln, wie schwirrst du hin und her und fliehst ...
wen? ... dich nur selbst, deinen innern Tod, deinen tiefsten Menschenha...
gegen dich selbst und ... mich! Ein Kreuz drber, ein Leichenstein, so gro, wie
ihn ... drei todte Pferdekpfe brauchen. Ja, ja, Louise! Singst du vom
Haideblmchen, vom zertretenen Weg und richtest dich nur auf, wenn ein
Thautropfen einer hbschen gereimten Redensart auf dich fllt, die du aus
Leihbibliotheken dir abschreibst! Armer, stickender Phantast, warum bist du
nicht schner, nicht leichtsinniger, nicht untreuer! Verriethen deine Formen,
da du auf sie eitel wrest und das Privilegium zu haben glaubtest, Dutzendweis
betrgen zu drfen, wie wrden sich die Dutzende an dich herandrngen und
sterben wollen von den grausamen Dolchen deiner schnen Augen! Den guten Geist
hast du! Wer nur den Geist umarmen, herzen, kssen knnte! Aber was hast du
schmale Brust, was bist du mager, dnnhaarig und wie wasserblau sind deine
verstandesklaren, nicht rmisch-, sondern deutschkatholischen Augen!
    Whrend Hackert mit mephistophelischem Reiz so noch fr sich hinmurmelte und
jene Blasen warf, die oft zu teuflischer Lust selbst in Besseren aufsteigen,
ohne da wir sie im Grunde fr unsre wahren Gedanken halten knnen, hrte er
hinter der Breterwand laut lachen. Es klingelte. Einige Kunden des Herrn Zipfel
brachen tumultuarisch herein.
    Nein, rief eine Stimme, erst unser buckliger Herkules! Da, setzt Euch! Euer
Bart ist die Nacht vor Kummer um einen Zoll gewachsen.
    Ha, ha, ha! lachte ein Andrer und Der, der eben gesprochen hatte, sagte
wieder:
    Ein guter Vorschmack fr knftige Zeiten! Herr Zipfel, geben Sie uns
Waschwasser. Ich komme mir vor, als wr' ich meiner am ganzen Leibe nicht mehr
sicher.
    Was haben Sie denn gehabt? Wo kommen Sie denn her, meine Herren! erscholl
Zipfel's Stimme und deutlich konnte man das Pltschern des Wassers hren, das er
aus einem Kruge in die Schssel go.
    Vom Profoamt! Wir haben die Nacht sitzen mssen! Alle Drei, wie wir hier
stehen, lagen wir auf zwei Pritschen, die wir zusammenrckten, um uns vor dem
menschlichen und thierischen Gesindel zu schtzen, das in einer solchen
Warteanstalt sich guten Tag sagt.
    Warteanstalt? Wie so Warteanstalt? Und Gesindel?
    Im Profoamt, diese Nacht, wir alle Drei! Alberti, ich und da unser stmmig
Hochland.
    Vierzig bis fnfzig Fledermuse fanden sich bei'm Kehraus mit ein, aber auch
Nachteulen, Zipfel, Schuhus, die mit einem Halloh empfangen wurden -
    Meine Herren, ich verstehe immer noch nicht ...
    Einer der Kunden des Herrn Zipfel erzhlte jetzt, sie htten gestern Abend
einen Bller aus der Willing'schen Fabrik bei einem lndlichen Feuerwerke
benutzt und ihn des Abends lngs der Stadtmauer mit sich wieder zurcknehmen
wollen. Der da, sie zeigten wol auf Danebrand, trug ihn frank und frei auf den
Schultern. Da htte sie an einem Thore die Wache angehalten. Ihre Aussagen wegen
ihrer Pulvervorrthe und ihres Bllers wren verdchtig erschienen. Man htte
sie arretirt, auf's Profoamt gebracht und erst heute Morgen wren sie von dem
Assessor Mller mit einem Verweise entlassen worden. Der Bller steht noch auf
der Thorwache, sagte der Erzhler. Erst heut' Abend soll er in einem
verschlossenen Kasten abgeholt werden.
    Hackert hatte unwillkrlich whrend dieser Erzhlung nach seinem Verzeichni
verdchtiger Arbeiter gegriffen und sah neben Alberti, Heusrck, auch Danebrand
...
    Er gedachte Danebrand's Hlfe in jener verhngnivollen Nacht. Die beiden
andern jungen Mnner, die ihn gleichfalls gegen die Knechte Lasally's geschtzt
hatten, spotteten ber Danebrand's Ruhe, der bei ihren Verwnschungen der
Regierung, ihren jugendlichen Drohreden und der Erklrung, im Maschinenbauverein
auf Genugthuung anzutragen, still und gelassen blieb und nur hrbar wurde, als
man den Unterhaltungsstoffsammelnden Herrn Zipfel bezahlte.
    Hier ist Ihr Zilbergroschen! sagte Danebrand in seiner feinen
Kstenaussprache und ging mit den lachenden Gesellen aus dem Laden des mit
Thatsachen befruchteten Barbiers von dannen.
    Frau Zipfel, die eben den Kaffee ihres Miethers abrumte und ein
instructives Gesprch anknpfen wollte, bekam von Hackert nur kurze, schnde
Antwort. Er gehrte zu den Naturen, die immer nach der Regung hin, die ihr
Inneres empfngt, ganz hinberfallen und indem sie an einer Stelle heilen und
gutmachen wollen, nicht wissen, da sie inzwischen schon an einer andern Stelle
verletzen. Er wollte die wsten Reden der Arbeiter nicht denunciren, aber der
Frau Zipfel gab er fast einen Futritt. Wenn Hackerten Unmuth berfiel, so
machte er ihm physischen Schmerz, fr den er sich am Nchsten rchte. Wenn er
sich selbst zchtigen mochte, zchtigte er Andre. Religion und Grausamkeit sind
seit Jahrtausenden verwandt.
    Hier ist Ihr Zilbergroschen! wiederholte er spottend. Ja, gute Louise, ich
wei, schon diese Aussprache ist eine Qual fr dich! Du hast nichts in dir, was
nur suseln und das St. weich aussprechen hren will. Dir soll es donnern, durch
alle Wolken wettern, im Sturme willst du lieben und im Blitze kssest du und ein
Gewitter macht dich auch vielleicht schn.
    Louisen htt' er die Anwesenheit bei der Stiftung des Bundes der Ritter vom
Geiste gewnscht, ihr htte er die Wucht der Worte, ihr den Schwung der Ahnungen
gegnnt, die ihm ... lcherlich vorkamen.
    Ihr Geisteskreuzfahrer! sagte er. Was wit Ihr von unserm Lebensfluch? Wit
Ihr, in welchen Banden wir liegen? Was ist Nachtwandeln? Wer treibt uns aus uns
selbst hinaus, whrend unsre Sinne schlafen und lt uns Handlungen begehen, von
denen unser Bewutsein nichts wei? Es gibt keinen Geist. Materie ist Alles.
Atome, die sich durcheinanderwirbeln, kopfbern, auffressen, die bilden die
Welt. Ihre Friktion, ihr Flimmern, ihr Zittern und Tanzen und Jagen, ist das
Leben. Die Lust der Bewegung ist das Leben, der Stillstand ist Schmerz und Tod.
Wir summen und brummen und schnurren so hin, wie die Kfer! Ein Platzregen und
Alles hat ein Ende ...
    Und trotz dieser Abspannung konnte Hackert laut lachen, als Zipfel eben zu
einem Kunden nebenan sagte:
    Nun, wissen Sie's schon? Es ist richtig! Die Willing'schen Arbeiter - Alles
fertig! - Gestern Abend eine Kanone heimlich mit sich gefahren - um die
Stadtmauer herum ... Artillerie in solchen Hnden ... es wird gut werden!
    Und als sich Hackert angekleidet hatte und selbst zu Zipfel hinberging, um
sich seine Barthrchen, die nur dnn und sprlich von der Natur geset waren,
abnehmen zu lassen, fragte ihn Zipfel:
    Ja, Herr Hackert, Sie haben's wol schon gehrt von den Willing'schen
Arbeitern?
    Nichts hab' ich gehrt! sagte Hackert mit der Selbstbeherrschung, die ihm
immer zu Gebote stand. Was ist?
    Ihnen darf man's eigentlich nicht stecken, bemerkte Zipfel und strich, um
Zeit zu gewinnen, seine Messer.
    Was nicht? Warum mir nicht?
    Wer der Polizei so nahe steht, wie -
    Wegen Herrn Pax? sagte Hackert ruhig. Das ist meiner Mutter Stiefvetter. Er
sorgt fr mich, wie ein Vormund. Dessentwegen ...
    Ihrer Mutter Stiefvetter?
    Verwandtschaft dreizehnten Grades.
    Zipfel hatte eine Thatsache mehr. Er mute sich aussprechen, damit das Gef
nicht berflo.
    Ja! sagte er, die Willing'schen Arbeiter sind ja gestern Nacht mit drei
Kanonen um die Stadtmauer gezogen. Und wissen Sie, wo sie die hernehmen? Da
heit's immer, es werden Gasrhren gegossen. Schne Gasrhren! Pure
Kanonenlufe! Nichts als Kanonenlufe! Auf Lafetten gelegt, sind die Geschtze
fertig. Sagen Sie aber nichts dem Herrn Stiefvetter!
    Hackert wnschte, als die Prozedur des Barbierens vorber war, Einiges ber
die Ministerkrisis zu wissen.
    Heute wird's reif, aber fertig ist's noch nicht! sagte Zipfel diplomatisch,
nahm sein Rasirzeug, band es zusammen, setzte den Hut auf und erklrte,
Hackerten begleiten zu wollen. Er kme nun erst an die rechten Quellen ... Wir
berlassen ihn seinen Studien, die ihn auch zu den Gebrdern Wildungen fhrten,
deren Begegnisse am Morgen nach jener Nacht im Rathskeller wir kennen.
    Hackert schlug seinen Weg zu Schmelzing ein, den er schon im Begriff fand,
seine Bleistiftnotizen in's Reine zu schreiben.
    Schmelzing wohnte in seinem neuen Logis besser als Hackert. Er besa nicht
die cynische Verachtung alles Luxus wie dieser, der gerade in seiner
Unfhigkeit, ohne Bedienung ordentlich und sauber zu erscheinen, etwas Vornehmes
hatte. Schmelzing glnzte sich selbst seine Stiefeln, brstete sich selbst
seinen Rock, nhte ihn auch zuweilen und war fr seine Verhltnisse so glatt
geschniegelt wie seine Handschrift. Aber heute fand ihn Hackert doch noch in
Unordnung. Diese verwirrte Nacht hatte den geriebenen, seiner mit subtilstem
Egoismus pflegenden alten Jngling gelinde auer Fassung gebracht. Er empfing
seinen Kollegen heute fast mit unartikulirten Vorwrfen und erklrte, nie wieder
mit ihm gemeinschaftlich operiren zu knnen.
    Was wollen Sie denn? fragte Hackert den Jammernden.
    Ihre Narrenspossen haben mich fast um den Verstand gebracht. Die Frauen sind
meine schwache Seite, und ich mu Sie in der That bitten, wenn wir in
Amtsgeschften sind, nie, nie wieder auf das andre Geschlecht zurckzukommen.
    Aber Sie undankbarer Zurckgekommener! rief Hakkert und zeigte auf eine lang
ausgebreitete Pergamenttafel voller Notizen, Sie haben ja die beste Verschwrung
von der Welt auf dem Leder! Was hab' ich denn? An dem einen Kreuz, wo die beiden
Damen, die nach Eau de Cologne -
    Schweigen Sie jetzt, Hackert!
    Die Eine, die Schwarze, die er Aspasia nannte - wissen Sie, Schmelzing, die
mit -
    Ich bringe Sie um!
    Sie bringen sich selbst um, wenn Sie Ihre weie Halsbinde so kokett
schnren. Wollen Sie sich Blut in die Wangen lgen? Blasser Teint steht Ihnen
viel interessanter.
    Was wird Pax sagen! Ich hoffte einmal auf seine Empfehlung als
Kammerstenograph!
    Aber, mein wrdigster Kanzleirath, was bleibt mir denn erst brig? Ich habe
mit einem Gespenst gesprochen! Bei Verschwrungen statuirt die Polizei keine
Gespenster! Fr Gespenster gibt es keine Diten! Schne Halsbinde, Schmelzing!
Wo lassen Sie waschen? Ihre Wscherin ...
    Schmelzing, aufkichernd, brach dies Thema ab und verlangte eine Mittheilung
ber die sonderbare Erscheinung des grauen Mannes. Hackert gab ihm nach einigen
dmonologischen Neckereien zuletzt eine rationalistische Lsung. Er sprach
geradezu von Dieben und von der Nothwendigkeit, diese der Stadt so wichtigen
Rume unter eine bessere Aufsicht zu stellen. Er schlo seine Mittheilung damit,
da er nicht mehr in das Archiv mitginge und blickte nun auf Schmelzing's
Errungenschaft, seine beschriebene Eselshaut ...
    Sie stenographiren nach der sddeutschen Methode? sagte er. Ich war noch nie
in Schwaben und finde mich nicht in Ihrem Gewimmel zurecht ...
    Indem klopfte es stark und mit dem Klopfen zugleich trat in Eile der
Oberkommissr Pax ein.
    Schmelzing htte fast den rmel seines Fracks zerrissen, den er eben
anziehen wollte, whrend er auch schon nach einem Stuhle griff. Hackert nahm die
Cigarre aus dem Munde, die Hnde aus den Beinkleidertaschen ... sonst aber blieb
er unerschrocken und phlegmatisch. Es sollte nun Bericht erstattet werden.

                                Zweites Capitel



                                  Dmmerungen

Aber meine Herren, begann Pax, was ist Das? Ich erwartete Sie lngst! Eine so
wichtige Mission! Wo sind Ihre Aufzeichnungen! Was haben Sie fr Resultate?
    Schmelzing zeigte mit groer Verlegenheit auf das von ihm beschriebene
Pergament und sah hlfeflehend Hackerten an, der mit aller Ruhe das Wort
ergriff:
    Denken Sie sich! Wir fanden ja statt nur eines zuletzt drei Kreuze erhellt,
Herr Oberkommissr! ber jeder der drei Zellen wurden Dinge gesprochen, die des
Anhrens werth waren.
    Der Oberkommissr schien sehr erfreut.
    In der einen saen zwei griechische Damen, sagte Hackert, und ein ... ein
lateinischer Herr -
    Ich wei, sagte Pax lchelnd. Die eine Zelle war von dem phantastischen
Pfarrer Guido Stromer besetzt, der hier jetzt in Begleitung zweier Fruleins
Wandstabler die Wildheit austobt, von der kein Mensch begreift, wie er Jahre
lang auf seinem Dorfe sie hat bndigen knnen. Es wird nthig sein, den Mann zu
warnen.
    Waren es wirklich die Wandstablers? sagte Hackert erstaunt. Ja, fragen Sie
Schmelzing, dieser Herr hat sich, soweit es mit Gefahr, die Augenlieder zu
verbrennen, zu hren mglich war, so in wissenschaftliche Untersuchungen ber
die Liebe ergangen, da Schmelzing in seinen edelsten Grundstzen wankend wurde
und sich selbst gern ins Trkische bersetzt htte, wenn ...
    Ich will nicht hoffen, unterbrach Pax, da Sie dies Stelldichein eines
unbesonnenen Mannes, den der Genu des Residenzlebens um Vernunft und Vorsicht
zu bringen scheint, gestrt hat, an der Hauptstelle Acht zu geben?
    Nein, fuhr Hackert als Wortfhrer fort, Schmelzing verachtet den sogenannten
Pantheismus, den Propst Gelbsattel an Schlurck's Tische proklamirte, wenn der
Champagner kam. Ich beredete ihn, weiter entfernt beim dritten Kreuze Platz zu
nehmen.
    Beim dritten Kreuze? rief Pax, der Bildung seines Schtzlings sich freuend,
aber doch betroffen. Da, wo General Voland von der Hahnenfeder sa, den man wohl
erkannt hat, trotz seines Mantels, in den er sich wie in eine Kapuze hllte ...
    Es war ein Franzose mit ihm! sagte Schmelzing rasch, um sich zu
rechtfertigen.
    Und Propst Gelbsattel, dessen helltnende Dessert-Stimme ich kenne,
verlangte dem General zu Ehren Lacrym Christi ... ergnzte Hackert.
    Ein Franzose, besttigte Pax. Sollte es wirklich Sylvester Rafflard gewesen
sein? brigens, darauf kommt wenig an. Ich hoffe, da der Irrthum bald entdeckt
wurde und - aha, da liegen Schmelzing's Scripturen. Haben Sie Acht gegeben, was
besonders der Major Werdeck uerte?
    O vollkommen, sagte Hackert, die Frage entschlossen auf sich beziehend. Ich
postirte mich ber der mittleren Zelle, wo sich etwa fnf Gste zu unterhalten
schienen -
    Sie ganz allein? Sind Das Ihre Aufzeichnungen, Hakkert? Sehr unleserlich!
Hackert, sehr unleserlich!
    Hackert hatte seine Brieftasche hervorgezogen, in der allerlei verworrenes
Durcheinander verzeichnet stand.
    Die Herren sprachen sehr rasch, entschuldigte sich Schmelzing stotternd, und
der Franzose wurde vollends von einem so hektischen Husten fters unterbrochen -
    Hektischen Husten? Der junge Louis Armand?
    Ich meine, der Professor -
    Der Professor? Welcher Professor?
    An dem dritten Kreuz -
    Sie haben doch nicht -
    Schmelzing hat Alles, was die drei Herren unter dem dritten Kreuz ber die
Jesuiten und ihren zuknftigen Einflu auf Deutschland sagten, hier
aufgeschrieben ...
    Aber mein Gott - Wer will denn etwas von den Jesuiten wissen! Was haben Sie
denn gemacht! Die fnf! Was hat denn zum Teufel der Major Werdeck gesagt?
Hackert!
    Erlauben Sie, Herr Oberkommissr, sagte Hackert. Bei den fnfen war ich und
habe nur wenig nachgeschrieben, weil ich bessere Ohren und besseres Gedchtni
habe als Schmelzing, dem ich die drei Jesuiten lie, als die wichtigsten.
    Pax gerieth in den uersten Zorn. Er lief im kleinen Zimmer auf und ab,
fluchte und wetterte und erklrte, da ihm mndliche Berichte nichts helfen
knnten. Und als Hackert gar anfing, zu erklren, jene fnf htten sich Charaden
aufgegeben, sich in geisthaschenden Betrachtungen ber die Blume der Weine, die
sie tranken, zu berbieten gesucht, Frauentugenden analysirt,
Universittsanekdoten so breit erzhlt, wie sie Melanie Schlurck immer vom Tisch
des Justizraths verjagt htten, fuhr Pax auf:
    Hackert, Sie belgen mich!
    Herr Oberkommissr, - ich verbitte mir, - warf sich Hackert in die Brust.
Schmelzing, haben Sie nicht gehrt, da man von dem Geiste der Weine und immer
ber und durch die Blume sprach?
    Schmelzing hatte von dem Worte Geist eine Erinnerung und behauptete, dies
gefhrliche Wort sehr oft gehrt zu haben.
    Pax fixirte Hackerten auf's Schrfste.
    Ich versichre Sie, wiederholte Hackert, da wir Beide nur gehrt haben, wie
man von Geistern so viel sprach, da wir Gespensterfurcht bekamen. Was,
Schmelzing? Nicht wahr? Der Geist mu regieren, sagten sie und setzten alle
Knige ab. Das thaten sie. Einen Thron bauten sie von Gedanken und behingen ihn
mit Spinneweben und unsichtbaren Staubfdchen. Die Armeen schafften sie ab und
wollten nur noch Schilderhuser, die nicht grer wren, als hohle Krebs- oder
Nuschaalen. Polizei drfe es gar nicht mehr geben, weil die Diebe nicht zu
stehlen brauchten, da Allen Alles gehrte -
    Das ist Kommunismus, sagte Pax, der sich ber diese wichtige Zeitfrage zur
Noth durch kleine konfiscirte Schriftchen orientirt hatte. Und Schmelzing
sperrte staunend den Mund auf, froh, da Hackert die Verantwortlichkeit dieses
Dienstversehens nun allein trug.
    Fahren Sie fort! sagte Pax.
    Sie machten Alles gemeinschaftlich, diese fnf, zuletzt, ich versichre
Sie's, zuletzt auch die Rechnung. Niemand bezahlte fr sich, sondern die
verschiedenen Geschmcke wurden in einen zusammengezogen, dann mit fnf dividirt
und auf jeden kam, einschlielich mehrerer Beefsteaks, ein Thaler und fnf und
zwanzig Silbergroschen.
    Pax stampfte mit dem Fu auf und schleuderte Hakkert's Brieftasche von sich.
    Aber ich versichere Sie, Herr Oberkommissr, die Parole hie: Geist! Hier -
Hackert griff in seine Brieftasche - hier steht's ja. Der Eine sagte: Geist ist
der Herrscher des Weltalls und der Meister des Teufels und die Dampfkraft in der
Lokomotive: Mensch genannt. Erst greift der Mensch als Wickel-, Windel-,
Fallhutkind um sich und begreift, was er fat, begreift seine Beulen und
versteht, was ihm ansteht, als Egegenstand. Aneignung durch den Mund ist die
erste Kritik der reiferen Vernunft. Dann ... Hackert improvisirte so fort ...
dann trennt das Kind Eins vom Andern, das Naschbare vom Unnaschbaren und theilt
es und urtheilt. ber das Urtheilen machte man Wortwitze, wie ich sie bei
Schlurck hrte, wenn Universitts-Professoren gebeten waren und an einer
Gnseleberpastete durch die Zunge die Urbestandtheile herausschmecken wollten.
Ein berhmter Professor, den Schlurck auf Hnden trug, weil er immer sagte:
Alles was ist, ist vernnftig, der alte Herr nahm einmal von diesen Ur-Theilen
so viel auf einmal in sich auf, da er am folgenden Morgen an einer Indigestion
verstorben war, worber Schlurck sagte: Das erste Ist, das doch unvernnftig
war! Dann hie es unter dem mittleren Kreuz: Es gbe einen wahren Geist und
einen falschen, echte Moral und falsche und das innere Gesetz, darin fand ich
Gefhrliches, das innere Gesetz stnde ber dem uern. Man bezeichnete grade
nicht die Polizei als die Gegnerin des inneren Gesetzes, allein sie sagten, sie
wollten einen Liebesbund schlieen, wo Alle sich mit geistigen Waffen schlagen
sollten und in Harnisch gerathen nicht mehr aus persnlichem Interesse, nicht
mehr aus persnlicher Leidenschaft, sondern nur aus berzeugung und um des
innern Denkens willen. Ich rufe Schmelzing zum Zeugen. Diese fnf Menschen waren
mit der ganzen Welt zerfallen und wuten nichts zu loben, nichts, gar nichts,
als hchstens des Rathskellermeisters Weinkarte.
    Pax durchflog, whrend Hackert in dieser Weise flunkerte, das Pergament
Schmelzing's und dessen Abschrift. Er fand hier in der That reellere Dinge,
wirkliche Namen, Zustnde, Beziehungen ...
    Kommen Sie zum Prsidenten, sagte er endlich. Ich sehe doch, es sind
wichtige Namen da genannt worden und so gewagt es sein kann, hochstehende, bei
Hofe verehrte Mnner, wie den General Voland von der Hahnenfeder und den Propst
Gelbsattel in ihren geheimen uerungen zu belauschen, so wei man doch nicht,
welches Ende unsre Ministerkrisis nimmt. Der General hat es abgelehnt, mit dem
Frsten von Hohenberg ein Ministerium zu bilden. Professor Rafflard ist uns
lngst schon verdchtig. Der Prsident wird zornig sein, da wir ber Werdeck
nichts Genaueres fischten, nichts ber diesen gefhrlichen Leidenfrost; ich
hoffe aber, diese Notizen machen es gut. Ich nehme sie mit. Kommen Sie um zehn
Uhr zum Prsidenten, Schmelzing, damit Sie Alles dechiffriren!
    Schmelzing war glckselig. Er hatte unfehlbar einen Sieg ber Hackert
errungen, Diesem die verfehlte Expedition zugeschoben, Brauchbares durch Zufall
entdeckt. Doch nahm Pax auch von Hackert, seinem jngstgeworbenen geheimen
Agenten, mit Schonung und sichtlichem Wohlwollen Abschied. Er bot beiden
Schreibern Geld an, das sie nahmen. Er forderte sie streng auf, jede nhere
Beziehung zur Polizei noch fr einige Zeit zu verbergen, es wrde bald die Zeit
kommen, wo sie vorwrts rcken knnten und, wenn sie wollten, Dienstabzeichen
tragen drften. Noch diktirte er ihnen einige Namen zu den Listen verdchtiger
Personen, die sie schon bei sich fhrten; es befand sich der eines Englnders
Namens Murray darunter. Schlielich gab er ihnen verschiedene Eintrittskarten an
ffentliche Orte, besonders in Ausstellungen, in Museen, Konzerte, auch eine
immerwhrende Gastkarte in die groen und kleinen Versammlungen des Reubundes,
weniger um verdchtige, dort nicht fallende uerungen zu berwachen, als sich
in derjenigen Gesinnung zu strken, die allein der Stachel und Sporn wre, ihrem
Berufe mit Eifer und Hingebung zu folgen und besonders eine innere Scheu des
Angebens berwinden zu lernen.
    Fax verlie sie. Schmelzing war froh, so gut davongekommen zu sein und
konnte nicht begreifen, wie Hakkert, der doch auch gefehlt hatte, losbrach:
    Die ewige Angeberei! Hol' die der Teufel! Ich hatte geglaubt, Pax wrde uns
da anstellen, wo man erfhrt, wo heimlich gespielt, wo der beste Punsch gebraut
wird und die hbschesten Mdchen ohne Erlaubni zu lieben wagen. Das Departement
der ffentlichen Tugend, dacht' ich, wrde Ihnen, Schmelzing, anvertraut werden,
da auf dem Trottoir uns die elegantesten Damen im Vorbergehen zuflsterten:
Guten Tag, Schmelzing! Kennen Sie mich um Gotteswillen hier nicht, Schmelzing!
Himmlischer, ser Schmelzing, unter dessen Kontrole ich stehe, der bei mir
aus-und eingehen darf, bei Tag und bei Nacht - Ser, himmlischer Schmelzing mit
der weien Halsbinde -
    Schmelzing lachte hellauf vor Wonne ber diese zuletzt in die ihnen
gelufige Fingersprache bergehenden Tollheiten. Er hatte seinen Hut genommen,
drngte Hackerten zur Thr hinaus, schlo seinen Kfig zu und bat nur,
unaufhrlich kichernd, ihn mit dem andern Geschlecht nicht zu furchtbar
aufzuregen. Er msse zum Prsidenten, sich sammeln ...
    Unten auf der Strae trennten sie sich.
    Hackert war unflthig genug, ihm fast ... die Zunge nachzustrecken. Er schob
die Hnde in die Beinkleidertaschen, rannte die nchste rauchende Person mit
einem Pardon! an, bat um Feuer! und schlenderte, wie ein Tagedieb, den
lebhafteren Gassen zu. Er wollte erst Siegbert besuchen, um ihn zu warnen,
fhrte aber diese gute Regung nicht aus, da sie ihm jetzt unnthig schien. Nun
wollt' er zu dem alten grauen Hause, das Schlurck bewohnte, wollte sich
erkundigen, wie es um Bartusch stnde, wollte einmal den Versuch machen,
Schlurck selbst zu begren, dem er seit seiner Untersuchung in Sachen des
Bildes der Frstin Amanda von Hohenberg imponirte. Er war voll bermuth und
Trotz.
    Als er nun wirklich vor dem alten, mit dem Kreuze bezeichneten Hause stand,
blickte er schielend zu den Fenstern auf, hinter denen Melanie wohnte. Wie
rannen da alle seine chaotischen, nicht guten, nicht vllig bsen Empfindungen
in dem einen starken mchtigen Strom zusammen: Vergangenheit! Seit jener Nacht,
wo ihm Melanie im Wagen versprochen hatte, Lasally von einer Untersuchung
abzubringen, mit der der ergrimmte Freier ihn bedrohte, hatte er seinerseits das
Versprechen geben mssen, auch nun fr ewig von ihr zu lassen und ihre Bahnen
nicht mehr mit seinen schreckhaften Erinnerungen an Kinderglck zu durchkreuzen.
Hackert, hatte ihm Melanie damals gesagt, du weit sehr wohl, da ich ber meine
Zukunft eine ernste Betrachtung anzustellen habe und mich nicht blindlings an
den ersten besten der Vielen, die mir huldigen, verschenken kann. Und Hackert
schwur damals, was Melanie begehrte. Berauscht von Liebkosungen, die er
ungromthig ertrotzte, war er nach Hause geschwankt, hatte die Brder
Wildungen, Louise Eisold, Bartusch im frechsten bermuthe verhhnt, war auf den
Fortunaball gerast, hatte seiner ganzen verlornen Natur den Zgel schieen
lassen, bis ihn der Fluch seines Daseins, wie er sein Traumwandeln nannte, im
Augenblicke der Erschpfung strafte und ihn zum jammervollen Spott der Menschen
auf's Neue mitten im Glckstaumel niederwarf. Um zu vergessen, war er den
Anerbietungen des Oberkommissrs gefolgt. Die feige Verzweiflung, die ihn
zuweilen erfassen konnte, hatte ihm den Muth gegeben, bis dahin Alles zu thun,
was man von ihm verlangte. Nun kamen wohl schon lichtere Augenblicke ber ihn.
Mitten in der wsten Lebensart, die er nun, wo er doppelt Geld hatte, am
wenigsten lie, berkam ihn wohl ein Gefhl verzweifelnder Wehmuth. Da setzte er
sich in Trinkstuben hin, warf einen Papierschein auf den Tisch, nahm das Geld
nicht auf, das er wieder heraus bekam: er hasse das schmuzige Metall, sagte er,
es mache ihm Krmpfe in den Fingern. Er trank, kam durch die Aufregung, die der
Wein mehrte, in einen Zustand verbissener Wuth, verletzte Jeden, der sich ihm
nahen wollte und hatte doch meist die Kraft nicht, die Folgen, die seine
entfesselte Wildheit nach sich zog, auszukmpfen. Man warf ihn da, wo er wie ein
Knig eingetreten war, wie einen Bettler zur Thr hinaus. Und es sprang ihm
Niemand bei. Es schlo sich ihm Niemand an. Niemand fate zu seinem Wesen
Vertrauen. Er konnte dann stundenlang sitzen, das Haupt aufgestemmt und
ergrimmte Glossen hin-und herschleudernd. Man kannte ihn schon und belustigte
sich an ihm. Seine Grundanschauung war die, Jeden fr irgendwie schlecht zu
halten. Wenn er ganz mit sich in Verfall gerieth, ging er vor die Thore, setzte
sich an die Spielpltze der Kinder, sah deren Treiben zu und wollte sich auch
schon aus Dem die Eitelkeit, die Gewaltthat, den Eigennutz frh herausmrzen.
Wie Timon dann Alle verwnschend, Alle hassend, rannte er in die Felder, in die
Vorstadtgassen und endete gewhnlich damit, da er sich zuletzt zu den
Verworfensten ihres Geschlechtes flchtete, mit diesen tobte, fluchte,
philosophirte, grade als wenn er aus dem Schlamm erst heraus nach Licht und
Poesie rang. In dieser Sphre hielt man ihn fr verrckt.
    Dem Schlurck'schen Hause lag ein Caf gegenber. In diesem sa er schon seit
seinem Bruch mit der Familie oft Tage lang und belstigte des Justizraths
Fenster durch freche Blicke. Auch heute wollte er schon in aller Frhe in das
Caf eintreten und den unerquicklichen Dunst und Staub, den eine Herberge am
frhen Morgen darbietet, einathmen, als er Jeannetten aus dem Schlurck'schen
Hause treten sah. Sie hatte einen der herbstlichen Jahreszeit entsprechenden
Mantel um und sah fast ergrimmt, fast bissig, jedenfalls sehr finster aus. Trotz
dieser Witterung, die er gleich sprte, wagte sich Hackert an seine Feindin,
grte sie und stellte, die Cigarre halb aus dem Munde nehmend, mit dem Hut auf
einem Ohr, sich ihr dicht in den Weg. Zwei Menschen Das, die Gott nur zu Rdern
fr fremden Willen geschaffen zu haben scheint, zu ohnmchtigen Werkzeugen
fremder Kraft, und grade die wollen erst recht selber im Leben regieren, wollen
grade im Dienen herrschen und herrschen wirklich!
    Nachtvogel! war Hackert's Gru und Tagedieb! Jeannetten's Antwort.
    Blas' er seinen Qualm nicht ehrlichen Leuten in's Gesicht!
    Mamsell hat Angst um ihre glatte Haut! Herbst wird's? Tragen Sie doch einen
Schleier! Ihr Teint springt auf trotz Gold-Cream, der Ihnen da von der Nacht
noch an der Nase glnzt!
    Jeannette besann sich, ob sie so fortfahren sollte. Eine Stimme sagte ihr:
Die Feinde deiner Feinde sollten deine Freunde sein! Und so begann sie:
    Hackert, die Zeiten, wo Sie im Hause waren, sind nicht mehr.
    Hackert war nicht sentimental. Am wenigsten liebte er die gefhlvollen
Kammerzofen. Sie weinen ja? sagte er. Thrnen wie Zwetschen so dick, Thrnen,
wie Ropfel von Ihrem himmlischen Herrn Lasally! Lumpenvolk!
    Denken Sie doch nicht mehr an den Abend in der Fortuna, Hackert, lenkte die
Kammerzofe ein. Neumann hat's bitter empfunden. Sie hatten mich durch Ihre
schndliche Plauderei wegen dem falschen Prinzen um meinen Platz gebracht. Sie
htten den Zorn sehen sollen, wie Melanie nach Hause kam von Frau von Harder -
gleich mir aufgesagt - Und wir wissen doch, Hackert - wir wissen doch -
    Schnurr du und noch ein Spinnrad! ffte Hackert das rasche Plaudern der Zofe
nach. Bist ja im Haus geblieben, edles Wesen! Der se Bartusch und die
Wassernixe, die Frau Justizrthin, warfen dich ja nicht zum Tempel hinaus,
lieen dich ja bei Neumann, seinen Ohrringen und seinem Backenbart! Schlurck
kann ja auch nicht den Geruch von jedem Frauenzimmer um ihn her vertragen -So
sind Sie geblieben. Was strt denn nun jetzt da drinnen die schne Landschaft?
    Jeannette zog Hackerten vorwrts in eine minder belebte kleine Seitengasse.
Hier begann sie eine Mittheilung ber Schlurck's neuerdings erlebte
Unglcksflle. Die Verwaltung der Hohenbergischen Gter wre ihm genommen, die
Administration der stdtischen Huser wre vom Magistrat neu untersucht worden
und es hiee, sie kme auch aus Schlurck's Hnden. Schlurck lasse die Flgel
schrecklich hngen und gestehe ein ... denken Sie sich, Hackert! ... da er alt
wrde! Die Justizrthin wre wasserscheu ... das wollte viel sagen ... Und
Bartusch ...
    Nun?
    Heut' Morgen in aller Frhe klingelt's und in einem Fiaker bringen sie den
Alten auch todtkrank und elend ... Wer wei, welche Gosse ber ihn ausgeschttet
wurde!
    Hackert forschte ...
    Es mute zu Drommeldey geschickt werden, der gleich beim Eintreten sagte:
Bartusch, Sie schauen ja aus, als htten Sie Geister gesehen! Kurz und gut ...
Ich sage Ihnen Hackert, wo ist die schne Zeit hin, als wir in Hohenberg waren!
Die Lust! Die Seligkeit damals in dem Schlo!
    So? Ich schlief auf der Wiese unter den Frschen ... Wer freilich bei Ihnen
...
    Hackert! ... Ich sage Ihnen, Melanie ist nicht mehr zum Erkennen -
    Wie so? Sie hat ja nun doch den rechten Prinzen Egon!
    Sie wissen's also auch? Alle Leute sagen's. Ich mag sie nicht fragen - sie
ist mir nicht wieder grn geworden. Von Hohenberg will sie nichts wissen ...
immer ernst - immer nachdenklich - immer Musik jetzt und Lektre und
melancholisch ...
    Und nun begannen diese Menschen eine Kritik der Verhltnisse Schlurck's, des
Prinzen, der bekannten Armuth des Letzteren, bis Hackert mit den Worten einfiel:
    Ich sehe unsern Alten noch mit der Prise in der Hand in Lasally's Cirkus die
Honneurs machen und mit ein paar alten steifen Mhren das Gnadenbrot um die
Wette essen. Wie geht's denn Sr. getauften Lordschaft?
    Jeannette sprach in gemessensten Ausdrcken von Lasally, seinem ehrenwerthen
vielverkannten Charakter, worber sie fast den Faden ihrer Mittheilung verlor.
Dazu das Drngen in der engen Gasse, die Aufregung der Menschen, das Gewhl
eines naheliegenden Frhmarktes. An einer Straenecke lasen die Leute
angeschlagen, da Frst Egon von Hohenberg Minister geworden. Hackert griff
diese Nachricht auf.
    Hren Sie doch! Prinz Egon Minister!
    Jeannette verwunderte sich, hielt eine solche Befrderung fr eine
Degradation, einen wirklichen Beweis der Armuth des Prinzen ...
    O weh! sagte sie. Und heute, heute mu der Justizrath zehntausend Thaler an
Lasally zahlen ... Das Alles an einem Tage!
    Hackert erstaunte ber die Zahlung an Lasally. Er kannte Schlurck's
Geldverhltnisse besser als selbst die Justizrthin. Was fr zehntausend Thaler?
fragte er.
    Jeannette berichtete von einer schrecklichen Scene, wo Lasally sich und
Allen den Tod gewnscht htte. Er wre ruinirt, er htte auf diese Heirath
gehofft, er htte sich lcherlich gemacht durch seine Langmuth; er htte den
letzten Beweis seiner Geduld in der Sache gegen Hackert gegeben ...
    Ja, Fritz, sagte Jeannette, er will Sie doch noch an den Galgen bringen.
Neumann sagt, Sie wren's auch werth ... man mte Sie eigentlich auf ein wildes
Pferd binden und dann ...
    Doch wol das Pferd peitschen und nicht mich wieder? fiel Hackert grimmig
ein. Ich rath' Euch Gutes! Ich hab' eine Wuth auf Pferde und Lasally's rath' ich
die Hufeisen verkehrt anzunageln, da ich nicht wei, wohin er mit ihnen
ausreitet - Lasally's mein' ich.
    Jeannette schauderte vor dem jungen Mann, den sie jetzt bs, doch tckisch
nannte. Seine Augen zuckten. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich krampfhaft.
Jeannette sagte ihm rasch, da Schlurck keinen Kutscher mehr halten knne und
ihr selbst gerathen htte, zu Lasally zu gehen, bei dem fr Neumann zu sprechen.
Lasally wrde sich jetzt sehr groartig einrichten, wrde Leute brauchen. Eben
ginge sie zu ihm, um ihm die Dienste ihres Verlobten anzubieten ... Sie wisse
zwar ... Damit unterbrach sie sich selbst, denn Hackert ging fast taumelnd, fast
abwesend neben ihr her. Sie sprach schon nichts mehr, er schwieg. So
durchschritten sie fast die ganze Stadt, zum Schrecken der Zofe, die sich in der
einsamen Thorgegend vor Hackert's pltzlicher Trumerei, wahrscheinlich der
Erinnerung an seinen Lasally zugefgten Frevel, frchtete. Zuletzt standen Beide
vor dem Eingang in die Reitbahn Lasally's. Hackert erschrak, als er aufblickte.
Jeannette hatte lngst gefrchtet, da sich Hackert einer gefhrlichen Gegend
nahte. Aber er sammelte sich und murmelte zum Abschied so hin, sie wrde Lasally
in einer trkischen Kleidung finden, eine gelbe Meerschaumspitze im Munde, einen
trkischen Fez auf dem Kopf, rothe Hosen an, gelbe Stiefeln, Schlafrock von
Sammet mit Schnren. Wie ein Pascha wrde er sie empfangen und sie wrde ihm die
gelben Stiefeln kssen drfen, seine Hnde, seine Ohrzipfel und todt und kalt
wrde der Pascha sagen: Dein knftiger Mann ist ein Schafskopf, doch soll er die
Stelle haben, setzen Sie sich, Frulein! Parlez vous franais?
    Jeannette lachte, huschte davon. Scheu entfernte sich Hackert von einem Ort,
der ihn an ein Verbrechen erinnerte. Er floh fast. Als er sich in Sicherheit
glaubte, sah er um sich. Er war erschpft. Da stand ein Brunnen, der hier in der
Vorstadt in lndlicher Weise mit einem Wassertroge fr die Ausspannungen, die
vorberziehenden Viehheerden versehen war. Die Bume hier und dort auf dem
groen Vorstadtplatze waren entlaubt, die Luft schnitt kalt und frstelnd genug.
Herbstlich sah's auch in Hackert's Innern aus. Fehler, Irrthmer, begangene
Frevel vergibt sich die Jugend sehr bald. Aber um so gewaltsamer, je weniger sie
davon merkt, nagt an ihr die zu frhe Erkenntni. Da diese Person, diese
Jeannette, nun zu einem Don Juan ging und fr ihren Brutigam um eine Anstellung
bat, durchschaute er zu offen mit allen Folgen. Die verbitterte Auffassung der
Menschen berzieht das ganze Leben mit aschgrauen Farben und worin anders
wurzelt die verzweifelte Freudlosigkeit des verdorbenen Grostdters, seine Wuth
nach nderung seiner Lage, seine in der Gefahr dann doch wieder elende
Gesinnungslosigkeit, als in diesem zeitigen Erkennen aller Endlichkeit unsrer
Natur, in dem hhnischen Schlechtnehmen und Schlechtdeuten jeder fremden
menschlichen Regung und Unternehmung? Hackert sah Alles vergiftet von
Selbstsucht. Die Kinder auf der Strae schienen ihm schlecht, die Thiere, die
Hhner, die Gnse um ihn her, die nach dem Futter aus den Kornwgen, den Resten
der Pferdemahlzeiten haschten, schienen ihm bewut erbrmlich; ja selbst dem
Wasser in dem Trog, auf dessen Rande er sa die Beine baumelnd, sah er mit
mistrauischer Bitterkeit nach, als wr' es das ewige Symbol der treulosesten,
dahin rinnenden Flchtigkeit. So zog er die Liste der Verdchtigen aus seiner
Brusttasche und sammelte sich erst in dem Bewutsein, in diesem Chaos doch nun
auch etwas, wenigstens ein Polizeiagent zu sein.
    Aus dieser gewi wenig trstlichen Betrachtung weckte ihn pltzlich ein
lautes Wagenrasseln. Er blickte auf. Ein Lrmen, Rufen, Johlen,
Peitschenknallen. Er sah einen Reisewagen, der langsam von der Gegend des Thores
daherrollte und von vier Postpferden im Schritt gezogen wurde. Der Postillon
blies und klatschte, wenn er absetzte, lustig mit der Peitsche. Mancher Hieb
fiel auf die allzunah herandrngenden neugierigen, lachenden Menschen, die sich
mehrten, je nher der Wagen in die belebten Gassen kam. Hackert stand auf, um
die Ursache dieses Auflaufs kennen zu lernen. Das Blasen des Postillons, das
langsame Fahren eines groen vierspnnigen Reisewagens konnte allein nicht die
Veranlassung dieses Lrms, dieses Drngens und Spottens sein. Er bemerkte auch
bald die seltsamste Unterbrechung der gewhnlichen langweiligen
Straenerscheinungen. Der Postillon ritt, selbst lachend, auf dem Sattelpferde,
auf dem Bock sa an einer Kette ein als Kutscher gekleideter Affe, der aus einem
Korbe pfel und Nsse unter die Menge warf. Hinten auf dem Bocke standen zwei
Mohren in rothen goldbetreten Livren. Im Wagenschlage waren zwei Papageyen und
einige kleine Makis und Meerkatzen, die an Kettchen zum offnen Schlagfenster
hinaus und hinein schlpften, so weit sie Freiheit hatten. Ein kleiner Herr in
mittleren Jahren, schwarzem Barte, hochgerthetem Antlitz, in einem
reichbesetzten Schnurrock und einem rothen Sammtbarett sa ganz allein in dem
Fond des Wagens. Er schien sich theils an den Capriolen der Thiere, die ihn
umgaben, zu belustigen, theils an der Neugier der Menschen, die er dadurch
reizte, da er ganz neue kleine Silberstcke zum Kutschenschlage hinauswarf.
Einige zierliche Windhunde bellten gleichfalls aus dem Wagenfenster und wollten
sogar nachspringen. Der sonderbare kleine Reisende hielt sie an einer grnen
Leine fest und berlie das Apportiren dem Straenvolk, dem natrlich nicht
einfiel, ihm die Silbermnzen zurckzugeben. Diese tolle Karavane hielt, als sie
dicht bei Hackert in der Nhe vieler Marktwagen und Wirthshausschilder stand,
still. Der kleine possenhafte Herr lehnte sich aus dem Wagenschlage und fragte
mit heller, schriller Stimme hinaus:
    Welches denn jetzt der beste Gasthof in der Residenz wre?
    Diese Vorstdter wuten wohl Antwort zu geben, aber sie nannten ein Dutzend
Knige und Lnder durcheinander. Hackert sah auf dem Kutschenschlage in der
Ferne ein adliges Wappen und die Buchstaben O.v.D.
    Der Wirrwarr der Thiere, die Mohren und die jubelnde Straenjugend zogen ihn
an, er trat nher und fragte nach des Herrn Begehr.
    Welches ist jetzt das erste Hotel der Stadt? sagte mit sonderbarem fremden
Accent der kleine breitschultrige Cavalier.
    Die Stadt London! antwortete Hackert mit mehr Ehrerbietung, als ihm sonst
eigen war.
    Also wie vor funfzehn Jahren! Und der zweitbeste? Doch nicht die goldne
Eule?
    Jetzt die Stadt Rom! sagte Hackert.
    C'est la mme chose! Also ist Stadt Rom das beste Hotel; denn, mein Herr,
das eine ist wirklich gut und das andre bemht sich nur, den guten Ruf aufrecht
zu erhalten. Alte Wnde, neue Tapeten. Ich ziehe die goldne Eule vor. Ich danke
Ihnen! Schwager, also in die Stadt Rom!
    Damit fuhr der Wagen des sonderbaren Dialektikers vorber und jetzt so
schnell, so im verhngten Galopp, da die Menschenmenge nicht mehr folgen und
ihm nur ein lautes Halloh nachschreien konnte. Man zeigte sich lachend die
pfel, die Nsse, die kleinen Silbermnzen, die man erobert hatte und zerstreute
sich in der Voraus setzung, man wrde an den Straenecken bald die Ankndigung
eines angekommenen berhmten Taschenspielers oder einer Menagerie oder einer
Kunstreitergesellschaft lesen.
    Lieber O.v.D.! sagte sich Hackert, als er allein zur innern Stadt
zurckschlenderte, du bist bei allem Witz ein Narr und deine Thiere, die wie
Menschen gekleidet sind, haben so viel Verwandtschaft mit dir selbst, da ich
auch ein Narr wre, wenn ich mich noch lnger hier an Lasally's Reitbahn um drei
todte Pferde ngstigen wollte.
    Die Tollheit eines Andern hatte Hackert's Grbelei geheilt. Und es war die
hchste Zeit, da er sich auf dem Profoamte sehen lie. Im Vorbergehen an der
Stadt London fragte er, ob nicht ein Reisender mit Mohren und Affen eben
angekommen wre? Er fragte grade deshalb dort, weil er sich sagte, die Menschen
wren ja alle inconsequent und fhrten in jeder folgenden Minute grade Das aus,
was sie sich in der vorhergegangenen widerrathen htten. Um so mehr war er
berrascht, da in der Stadt London Niemand etwas von einem solchen Fremden
wute, in der Stadt Rom ihm aber unter Lachen und Verwundern wirklich gesagt
werden konnte, der angekommene vornehme Sonderling hiee ganz einfach: Baron
Otto von Dystra, kurlndischer Gutsbesitzer.
    Doch einmal Einer, der Consequenz hat! sagte sich Hackert erstaunt und
verwnschte die dumme neugierige Stadtjugend, die an dem Portal der Stadt Rom
sich anhufte, um die Affen, die Papageyen, die Windspiele und die beiden Mohren
zu sehen, die schon unter der Kellnerschaft hin und her liefen und von der
Lebendigkeit ihres Herrn selbst Trepp auf Trepp ab eskamotirt schienen.
    Aber Koketterie konnte Hackert dem neuen Ankmmling doch anhngen. Er will
Aufsehen machen, der Hanswurst! sagte er sich und behielt als unverbesserlicher
Misanthrop Recht. Mit schlottrigem Gang, einen Gassenhauer pfeifend, wandte er
sich dann dem Profohause zu.

                                Drittes Capitel



                                 Ein Rundblick

Vierzehn Tage etwa lebte Hackert in dieser dmmernden Stimmung so fort, ohne ein
besonderes Ereigni. Die groe Politik, die bewegt genug war, kmmerte ihn
nicht. Die kleinen Auftrge, die ihm Pax ertheilte, fhrte er mit der ihm eignen
lssigen Gedankenlosigkeit aus oder hatte seine Freude daran, andrer Leute Plne
zu durchkreuzen, mit seiner Menschenverachtung andern Unternehmungen in die
Zgel zu fallen. Pax schenkte ihm, da er unendlich anschlgiger und
scharfsinniger wie Schmelzing war, alles Vertrauen und veranlate ihn auch, da
er zufllig nach auen hin einen Auftrag zu besorgen hatte, sich fters auf der
Polizei und in den Gerichtshusern sehen zu lassen, als ihm sonst lieb war.
    Eines Abends geschah es, da Hackert auch die Ankunft jenes von zwei
Landjgern und zwei Polizeidienern geleiteten Murray auf dem Profoamte
beobachten konnte. Er erinnerte sich, den Namen auf seiner Liste zu haben. Der
Untersuchungsrichter Mller, derselbe, fr den einst Hackert den Prinzen Egon
gehalten hatte, als er in der Blouse neben ihm und Dankmar im sommerlichen Walde
schritt, empfing den gebckten alten Mann mit der schwarzen Binde im
vertraulichsten Tone, den Murray durch Nicken erwiderte. Es ist so gebruchlich
in den Kriminalgefngnissen, da sich eine schadenfrohe Cordialitt zwischen
Inquisiten und Richter festsetzt, wo weder der Hohn fr die Gerechtigkeit
wrdig, noch die Vertraulichkeit fr die Besserung herzlich wirken kann, sondern
jener nur erbittert, diese im Schlimmen bestrkt.
    Bald wiedergesehen! Angenehme Reise gemacht! God dam! In No.4 Mullrich!
Mylord Murray werden sich bald zurechtfinden.
    Mullrich und Kmmerlein schauten nicht wenig stolz um sich und wuten
Wunderdinge von ihrer heldenmthigen Fahrt zu erzhlen. Sie bedauerten nur, da
Pax nicht anwesend war und ihnen sogleich die Diten anwies, die sie redlich
verdient hatten.
    Mller nahm das Protokoll ber die Ereignisse in Hohenberg und dem
Forsthause auf und bemerkte:
    So sind wir doch nicht vergebens veranlat worden, ein Auge auf diesen
versteckten, zweideutigen Menschen zu haben.
    Hackert hrte die Erzhlung der Gerichtsdiener und dachte sich lebhaft in
die Gegend hinber, die er seit dem Sommer so wohl kannte. Er erfuhr den Tod
jenes Schmieds, an dessen Werksttte er zuweilen vorbeigestreift war, ohne
seinen Namen zu erfahren, er sah das Forsthaus wieder, dem gegenber er unter
dem Ebereschenbaume im Grase geschlafen hatte. Den Namen Zeck hrte er in dieser
Verbindung zum ersten Male und war erstaunt, in ihm den Namen wiederzufinden,
der auf dem Bartuschen abgenommenen Geburtsscheine stand. Doch mochte er sich
nicht mit Fragen dazwischen drngen, sondern hielt sich, da Assessor Mller ihm
noch in Paxens Namen einige Auftrge zu geben hatte, in bescheidener Ferne von
dem Pulte, wo die Landjger und Gerichtsdiener ihre vorlufigen Aussagen
niederlegten.
    Hackert sah zum Fenster hinaus in den dstern Hof des unheimlichen Gebudes,
ber welchen hin man den ruhig ergebenen Murray in No. 4 abgefhrt hatte. Er sah
in ihm schon einen Verbrecher, einen Mrder vielleicht und trommelte leise an
die bekritzelten Scheiben, an denen schon Mancher gedankenlos wie er gestanden
haben mochte und sich in Glas zu verewigen gedachte.
    Die Diener der Gerechtigkeit hatten soeben ihre Aussagen beendet, als man
auf dem Vorsaal dieser gerumigen Halle lautes Sprechen vernahm. Die Thr wurde
aufgerissen und ein junger Mann strzte mit dem Rufe herein:
    Wo ist er? Haben Sie ihn schon abgefhrt? Ich beschwre Sie ...
    Aha! riefen die Gerichtsdiener. Da, Herr Assessor! Das ist der Herr, von dem
Sie aufgeschrieben haben ...
    Was wnschen Sie, Herr Louis Armand? fragte der Assessor Mller den
Eingetretenen ruhig und kalt.
    Mein Herr, durchbrach dieser mit etwas fremdartigem Accent jede weitre
Bedenklichkeit, Sie haben soeben den Englnder Murray eingebracht als einen
ehrlosen Verbrecher ...
    Einer Tdtung berwiesen, deren Zeuge Sie waren! sagte Mller.
    Sie sehen mich hier, mein Herr, fuhr Louis Armand in leidenschaftlicher
Erregung fort, Sie sehen mich hier, die lautre Wahrheit ber diesen Vorfall
niederzulegen und nichts vom wahren Sachverhalte zu verschweigen. Ich bitte Sie,
kann ich Murray nicht sehen?
    Sie erleichtern uns, bemerkte lchelnd der Assessor, durch Ihre persnliche
Gegenwart die Untersuchung eines sonderbaren Falles. Haben Sie die Gte, uns
Ihre Adresse zu nennen! Sie sollen zu rechter Zeit vorgefordert werden. Murray
jetzt zu sehen ist nicht mglich.
    Ich beschwre Sie, sagte Louis voll schmerzlicher Theilnahme, leiten Sie die
Untersuchung schnell ein! Jede Minute, die ein Unschuldiger schmachtet, mu
einem gerechten Richter zur Pein werden.
    Sie wohnen vielleicht noch Wallstrae No.13? sagte Mller ruhig und schlau.
Sie werden Ihre Citation rechtzeitig empfangen!
    Als Louis Armand, erstaunt ber die Kenntni seiner Wohnung, schon gehen
wollte, wandte er sich noch einmal und wagte die Frage:
    Sagen Sie mir nur, mein Herr, wenn ich es erfahren darf, wie ist es mglich
gewesen, da dieser harmlose, brave Murray von verkleideten Agenten der
ffentlichen Sicherheit verfolgt, in einer allerdings schrecklich geendeten
Privatangelegenheit berrascht werden konnte?
    Herr Armand, sagte der Untersuchungsrichter, ich bin eigentlich nicht
befugt, Ihnen auf diese Frage eine Antwort zu geben. Allein, wenn Sie das
Resultat bedenken, eine von diesen Agenten gestrte Mordscene, so werden Sie
wohl einsehen, wie begrndet die Sprkraft war, die den Oberkommissair Pax
bestimmte, gerade dieser Fhrte zu folgen und eine verdchtige Persnlichkeit,
die Sie, mein Herr, getuscht zu haben scheint, grndlichst zu beobachten.
    Louis Armand berlegte diese Antwort mit nachdenklichem Ernst und entfernte
sich langsam, tiefaufseufzend ber die unlugbare Kraft der empfangenen
Widerlegung.
    Als er hinaus war, sagte der Assessor ziemlich laut:
    Wenn man ihn nicht des Premierministers wegen schonen mte ...
    Die Polizeidiener und Gensd'armen entfernten sich. Mller schlo sein Bureau
und ertheilte Hackerten, der fern am Fenster mit abgewandtem und nur etwas
seitwrts lugendem Antlitz die Scene beobachtet hatte, noch einige Auftrge.
Dann lie er auch ihn hinaustreten und schlo den Saal.
    Louis Armand, sagte sich Hackert, als er allein war, ist auch Einer von den
Rittern vom Geiste, die vielleicht schon auf dem Wege sind, irgend eine groe
weltverbessernde Thorheit zu begehen! Wer wei, ob dieser Alte mit der schwarzen
Binde mit dem geheim gesponnenen Menschenbeglckungsplane nicht auch
zusammenhngt und mein Versuch, gutmthig zu sein, als ich sie nicht entdeckte,
an ihrer eignen Dummheit scheitert.
    Und so kitzelte ihn jetzt wirklich die Lust, doch irgendwo an geeigneter
Stelle seine neuliche Entdeckung ber eine geheime Verschwrung auszusprechen,
da es des ganzen Gegengewichtes der Betheiligung der Gebrder Wildungen
bedurfte, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Er war in seiner schlimmsten
Stimmung. Er hatte heute Mittag Melanie neben Paulinen von Harder zu Wagen
gesehen, vornehm und stolz auf der Promenade an ihm vorberfahrend. Der
jngstgefallene Schnee war zwar auf dem Steinpflaster geschmolzen, aber in den
Bumen war er fest geblieben. Gegen dieses frische Wei der Bume hob sich
Melanie wie die Brgschaft des ewigen Frhlings. Da sie ihn sehen, sich
abwenden, verchtlich nach einer andern Richtung blicken konnte, erregte ihn so,
da es einen Tag bedurfte, um ihn wieder in das Gleichgewicht seines gewohnten
ruhigen Phlegmas zu versetzen. Statt nun irgendwie dem Vorfall im Profoamte
weiter nachzugrbeln oder an den Geburtsschein zu denken, wo der Name Zeck mit
dem im Verhr ausgesprochenen gleichlautend war, ging er mismuthig wie fast
jeden Abend nach der Anlage vor's Thor, wo Pauline von Harder auch fr den
Winter wohnte. Da nur das Portal zu sehen, da nur den Lichtschimmer zu
beobachten, hinter dem Melanie sich bewegte, war ihm wenigstens eine Zerstreuung
und zu Abenteuern reizende Unterhaltung.
    Heute kamen ihm in jener Gegend die beiden kleinen Eisolds mit ihren
Zeitungen in den Weg ...
    Das Jahrhundert! Extrablatt! Das Jahrhundert! schrieen sie.
    Hackert trat hinzu und kaufte das Extrablatt.
    Machst gute Geschfte, Line? fragte er.
    Guten Abend, Herr Hackert! sagten die Kinder und gaben ihm ein von Regen und
Schnee nasses Exemplar.
    Habt ja da noch einen ganzen Bettel! Wieviel Nummern sind das?
    Dreiig Stck.
    Das Stck einen Groschen? sagte Hackert. Da habt Ihr Eure ganze Auflage
bezahlt. Nehmt!
    Er gab den staunenden Kindern einen Papierthaler.
    Ei, sagten sie, so kommen wir noch zum Punsch nach Hause.
    Zum Punsch? Wetter, wird bei Euch Punsch getrunken?
    Louise macht Punsch - Karl kommt nach Sieben aus der Fabrik ... Gehen Sie
mit in die Brandgasse, Herr Hackert?
    Wie kommt Ihr denn zu Punsch? Hat Danebrand Geld vom Meere bekommen?
    Nein, sagte Linchen, die viel rascher antwortete als der ltere Wilhelm, der
noch immer den Papierthaler staunend betrachtete, Danebrand soll's nicht wissen,
aber es gibt Kuchen zu Punsch ... Der fremde Herr brachte Citronen und Zucker
und Rum - schon gestern - gestern wollte Louise nicht -
    Der fremde Herr? sagte Hackert erstaunt und mit dem bittersten Ausdruck. Ein
fremder Herr? Citronen und Zucker und Rum? Und Danebrand darf's nicht wissen ...
Ha! Ha!
    Die Kinder erschraken ber dies grelle Lachen. Line wurde roth, weil sie
Etwas, was ihr nicht im Mindesten spttisch schien, unrecht berichtet zu haben
glaubte.
    Was du nur so dumm bist, fiel Wilhelm ernsthafter ein. Danebrand's
Geburtstag ist ja heute und er soll's nicht vorher wissen ...
    So, so! Und der fremde Herr?
    Er war erst zweimal da. Karl wei, wie er heit.
    Und Louise hoffentlich auch, meinte Hackert ...
    Gewi, sagte Wilhelm. Der Herr will uns Alle mitnehmen ...
    Mitnehmen? Alle?
    Linchen lachte.
    Warum lachst du denn, Line?
    Der Herr will die Louise heirathen! sagte Linchen fast verschmitzt und nicht
ohne Eitelkeit.
    Die Louise? Punsch? Natrlich und zu Danebrand's Geburtstag? Da, guter
Danebrand, trink! Sto an! Hat er Geld, der Fremde?
    Eine ganze Brse voll.
    Ha! Ha! lachte Hackert. Man denkt, die Menschen sterben mit Denen, die wir
kannten, aus, und immer neue kommen. Kinder, betrinkt Euch nicht im Punsch,
damit Euch nicht zu bald die Augen zufallen! Thut's dem armen Danebrand zu
Liebe! Schlaft nicht zu frh. Wer wohnt denn jetzt in meiner Stube?
    Keiner, aber die Stube wird doch bezahlt -
    Doch bezahlt?
    Und die andre auch ...
    Von wem denn?
    Von dem alten Mann, der verreist ist. Er hat ein bses Auge - Herr Murray!
    Murray?
    Der will nicht die Louise heirathen - der Andre, er hat einen rothen Bart.
    Einen rothen Bart! Aber sagtet Ihr nicht Murray?
    Der Alte mit der schwarzen Binde heit Murray. Kommen Sie auch, Herr
Hackert? fragte Linchen und fate Hackert's Hand.
    Kind! Schmieg' dich nicht so an die Paletots, auch wenn's friert! Gre
Louisen und sag' ihr, der Alte mit der schwarzen Binde ... nein, sag' ihr
nichts. Wenn er die Miethe bezahlt hat ... Hat er sie bezahlt?
    Auf ein Vierteljahr im Voraus.
    So hat die Bescheerung Zeit bis Weihnachten. Ihr schwimmt obenauf! Macht,
da Ihr nach Hause kommt! Die Pfannenkuchen werden kalt und sagt dem Danebrand
nicht etwa, da er ein Esel ist. Das wrde sich nicht schicken, wenn's auch wahr
wre. Gute Nacht, Kinder! Sagt Louisen: Nicht zu viel Citrone an den Punsch!
Hrt Ihr, Citrone macht Kopfschmerzen!
    Die Kinder gaben Hackerten die Hand, dankten noch fr die rasche Beendigung
ihres Abendgeschftes und liefen im Regen und Schnee unter den blendenden
Gaslaternen hurtig ber die nassen Pflastersteine nach einer festlichen
Aussicht, wie ihnen eine solche mit wahrer Paradieseswonne wohl noch nie geboten
war.
    Punsch!
    Wie sie laufen in's Teufels-Elend! rief Hackert hinter ihnen her und
schleuderte zornig das Packet Zeitungen in den ersten besten Straenwinkel.
Louise Eisold, die ihm bisher wie das Bild der reinsten Tugend erschienen war,
Louise Eisold, die ihm immer gewesen war wie einem vorbergehenden Zweifler eine
offene Kirche, Louise Eisold, wo er immer gedacht hatte, die Kirche steht ja da,
sie ist ja gleich in der Nhe, wenn die Erleuchtung ber dich kommt, sieh im
Vorbergehen blinzelnd hinein und warte die Zeit ab, wo du dich fr wrdig
hltst, ihre Schwelle zu betreten! ... Und nun ... Punsch und ein Mann mit
rothem Bart! Hackert hatte oft, wenn ihm zu wehmthig, zu einsam und verlassen
zu Muthe war, auf dem Sprunge gestanden, sich zu Louisen zu flchten. Im Neu-
und Vollmond fast immer. Kam der unheimliche Dmon und siedelte sich in seinen
Nerven an und trieb ihn, Nachts aufzustehen ohne Bewutsein, ohne Hter als
Gottes Huld, so riefen tausend innere Stimmen in ihm nach jenem Mdchen, das so
viel warme, liebevolle Freundschaft ihm gewidmet hatte und das er floh, weil sie
ihm zu tugendhaft und zu wenig schn war. Und nun ... Ha! Die Gourmandise der
Kleinen schien ihm schon die kitzelnde Satanspfote zu sein, die sich auch nach
Brandgasse No. 9, dritter Hof zwei Treppen hoch, ausgestreckt hatte. Das
schleckert, das kichert! sagte er sich. Diesem Rindvieh, dem Danebrand, drehen
sie eine Nase und der Rothbrtige nimmt gleich das ganze Nest aus und zieht sich
auch die flgge junge Brut fr die Zukunft auf! ... Und nun schmetterte eine
Trompete von einem Tanzsalon herber. Geputzte Mdchen, lockre Bursche
schlpften ber den Koth. Hackert folgte und durchraste die Nacht bis zum
Morgen.
    Als er hohlugig, gliedermatt nach Hause wankte, schlug es fnf Uhr. Er warf
sich auf sein Lager, schlief bis gegen elf Uhr, ungestrt von der lebhaften
Frequenz in Herrn Zipfels Atelier. Erst nach elf Uhr pochte Frau Zipfel den
Nachtschwrmer aus dem Schlafe.
    Herr Hackert! Herr Hackert! rief's durch's Schlsselloch.
    Zum Henker, lassen Sie mich schlafen!
    Es ist zu wichtig! Stehen Sie auf!
    Hackert entschlo sich, nach langem Bitten aufzustehen; er schlorrte an die
Thr, um sie zu ffnen.
    Wie staunte er, als er einen feingallonirten Bedienten mit reichen
Achselschnren und Wappenknpfen vor sich sah, der ihm ein Billet berreichte
mit den Worten:
    Von Madame Ludmer.
    Madame Ludmer! Wer ist Madame Ludmer? Sie irren sich!
    Herr Privatschreiber Hackert? bemerkte der Bediente, in dem wir den
Bedienten Ernst der Frau Geheimrthin von Harder erkennen.
    Mein Name Das! Ob ich Privatschreiber bin, mu ich den Wohnungsanzeiger
befragen.
    Mit diesen Worten nahm Hackert und erbrach das an ihn gerichtete Billet, in
dem er folgende Zeilen fand:
    Mein sehr geehrter Herr, der Herr Oberkommissair Pax haben fr die Zeit
seiner lngern Abwesenheit von hier die Frau Geheimrthin von Harder versichert,
da Sie sein ganzes Vertrauen besitzen und sich jedem Ihnen gegebenen Auftrage
so unterziehen wrden, als wenn sie ihn selbst gegeben. Haben Sie die Gte, zum
Behuf einer kleinen Kommission sich heute Abend etwa um sieben Uhr im Hause der
Frau Geheimrthin von Harder einzufinden und nach der Unterzeichneten zu fragen,
die sich ein Vergngen daraus machen wird, Ihnen das Nhere in dieser
Angelegenheit auseinanderzusetzen. Ihre ergebenste Charlotte Ludmer.
    Die Alte hatte diesen Brief sicher nicht ohne Hlfe der Verfasserin von
Amarantha und Nadasdi geschrieben ...
    Befremdet nickte Hackert, da er kommen wrde.
    Der Bediente ging und weidete sich an dem Wohlgefallen, mit dem Frau Zipfel
seine reiche Livree bewunderte.
    
    Hackert, den die Aussicht, mit Menschen zusammenzukommen, die in so naher
Beziehung zu Melanien standen, in groe Spannung versetzte, zog sich fast
bewutlos, wthend jetzt ber die verlorene Nacht, an. Wie htte er jetzt
frisch, lebendig, geweckt sein mgen! Die Aussicht fr den Abend elektrisirte
ihn. Er nahm sich vor, schwarzen Kaffee so stark zu trinken, wie er ihm bei
Schlurck gemacht wurde, wenn er des Nachts aufbleiben und bei wichtigen
Revisionen bis in den frhen Morgen arbeiten sollte ...
    Das Billet der Madame Ludmer fhrt uns in die lange nicht betretene
Salonsphre zurck ... Pauline von Harder erlebte bereits seit lnger als vier
Wochen das Glck, nach dem sie so lange wie nach einer schon zu entschwindenden
drohenden Hoffnung geschmachtet hatte. Ihre Cirkel, glnzender denn je, waren
fast jeden Abend wieder geffnet und der Mittelpunkt der tonangebenden, nun
sogar die Welt bewegenden Gesellschaft. Sie war nicht in die kleinen Cirkel
gedrungen, aber die kleinen Cirkel muten sich vor ihr beugen. Ha, sie hatte
die Achse der Welt am Drehgriff! Sie hatte eine Zeitschrift begrndet, die man
das deutsche Journal des Dbats nannte. Sie hatte sich die ganze hhere geistige
Agitation zur Verfgung gestellt und beherrschte die ffentliche Meinung um so
nachdrcklicher, als sich der in bewunderungswrdigem Fluge emporgestiegene
junge Adler, Frst Egon von Hohenberg, auffallend genug nur bei ihr ausruhte,
nur bei ihr die Schwingen senkte, nur bei der Feindin seiner Mutter Frieden und
Erholung von seinen khnen Flgen zu finden schien.
    Man wollte das Geheimni dieser sonderbaren Allianz oder dieses warmen
Nestchens, wie Pauline sagte, in mancherlei Dingen finden, konnte aber nichts
mit vlliger Gewiheit als Beweis seiner Behauptungen anfhren. Die Einen
sagten: Es wre die alte Erfahrung von der Anziehungskraft der Gegenstze,
whrend Andre ganz einfach das einflureiche Organ der Geheimrthin, Das
Jahrhundert, als den Wegweiser bezeichneten, der den jungen Numa zu dieser
schon bejahrten Egeria fhrte. Man sprte in der Amarantha und dem Nadasdi, den
beiden von Frau von Harder herausgegebenen Romanen, ob sich in ihnen politische
Blicke fnden und gerade weil sich deren keine entdecken lieen, stieg der
Glaube an die politische Sehergabe dieser jedenfalls bedeutenden Frau um so
hher. Eine noch menschlichere und jedenfalls physiologischere Auffassung der
Allianz zwischen Pauline und Egon lag darin, da man an Paulinen eine groe
Uneigenntzigkeit in Betreff ihrer weiblichen Umgebungen rhmte. Sie war immer
von den schnsten Erscheinungen der Mdchen- und Frauenwelt umringt. Man fand
darin einen gewissen Zug von Hochherzigkeit; denn nichts ist in dieser Sphre
seltner als die Neigung, sich zur Folie fremder Anmuth zu machen. Allgemein
erklrte man einen Bruch zwischen Frau von Trompetta und der Geheimrthin daher,
da jene nicht so sehr an den genderten politischen Ansichten ihrer Freundin
Ansto nahm - war sie doch vollends seit dem vom Hofe nicht angekauften
Gethsemane in die Opposition gegangen und wirkte mit Trotz fr die deutsche
Flotte - sondern aus der der kleinen runden, gar nicht anspruchslosen Frau
fatalen Zumuthung, sich mit einer Menge junger hbscher Mdchen und Frauen in
einem und demselben Salon bewegen zu sollen. Von Pauline von Harder war bekannt,
da sie nur noch eine elegante, phantastische Toilette liebte, mit Heinrichson,
dem nach Verkauf seiner Leda nach Rom verschollenen Maler, gleichsam die
Grenzlinie ihrer Herzenswallfahrt bezeichnete und jetzt nur noch den Gedanken,
den Systemen, den Begebenheiten lebte. Sie gefiel sich, das entdeckten sogar die
Sptter schon, in der Vorstellung einer geheimen Rathgeberin eines der
merkwrdigsten jungen Genies, das pltzlich an dem politischen Horizonte
aufblitzte. Nur darber stritt man: Sucht Egon wirklich ihren Verstand oder ihre
Intrigue oder sucht er nur die schnen Frauen, die Paulinen umgeben, diese
schalkhafte kleine Grfin von Wachendorf mit den hochgezogenen schwarzen
Augenbrauen, die wie zwei musikalische Fermatenzeichen aussahen, diese schlanke
Baronin von Spitz, die mit einem englischen Profil eine franzsische
Lebhaftigkeit verband und eine Offenheit des Blickes besa, die jeden noch so
gefaten Weltmann bei ihrer ersten Frage aus dem Gleichgewicht bringen konnte,
oder fesselte ihn die einer altdeutschen Madonna hnliche Frau von Landskrona,
die nicht viel Geist besitzen sollte, aber mit ihrem etwas rthlichblonden Haare
und ihrer blendendweien Haut und der fast zu starkgeformten Brust den Reiz
einer Rubens'schen Schnheit darstellte? Auch Frulein von Flottwitz war
Paulinen, seit so schroffe Oppositionsmnner wie Major von Werdeck, nicht mehr
bei ihr angetroffen wurden, treu geblieben und konnte fr Die, welche mehr dem
Aschenblond zugethan sind, noch anmuthig wirken. Alle berstrahlte aber die
reizende Melanie Schlurck, zwar eine Brgerliche, aber eine Ausnahme von der
Regel, die sich von selbst verstand. Hier entschied die knstlerische Hand der
Natur. Hier entschieden Witz und Laune. Die Lcken, die hier der fehlende Adel
lie, konnten nicht bemerkt werden; denn Melanie rumte sie selber nicht ein.
Sie war stolz wie eine Grfin. Nie kam ihr bei, vor den schwarzen
Augenbrauenfermaten der Grfin von Wachendorf, nie vor dem englischen Profil der
Baronin Spitz, vor dem altdeutschen Madonnenblick der Frau von Landskrona zu
erschrecken; was sollte sie gar erst vor Titeln und Namen zittern? Wenn sie
durch die Flgelthr rauschte, wehte es einher, wie wenn eine Knigin kam und
man mute es Paulinen zum Ruhme nachsagen, sie sttzte, sie hob diesen Eindruck,
sie lie Melanie nie ohne Umgebung, sie wute ihren Schtzling zu placiren. Sie
war gegen Alle nur tolerant, gegen Melanie zuvorkommend. Ihr Ku auf die kleine
Stirn des Mdchens, ein sanfter Strich auf ihr glnzendes Haar gab ihr die
Weihe, doch in diesen Rumen die Erste zu sein. Und Das, was Pauline etwa
unterlassen htte, ergnzte Egon, der Frst, der Premierminister, der groe
Staatsmann, der zwar niemals lange in diesen Gesellschaften blieb, wenn sie
allgemein waren, bald verschwand - man sagte, ohne sich indessen aus dem Hause
zu entfernen - dieser und jener Schnheit artig war, aber nur ber Melanie hin
jene trumerisch sinnenden Blicke entsandte, in denen so viel verschwiegene
Huldigung, so viel verborgene Traulichkeit schlummert. Er sprach mit der schnen
Baronin von Spitz oft lebhafter, mit der verschmten Frau von Landskrona oft
lnger als mit Melanie. Aber jedes scharfe Auge errieth, da er nicht nthig
hatte, sich an Melanie erst im Salon anzuschmiegen. Er sah sie viel fter in dem
kleinern Kreise der Geheimrthin, und ohne Zweifel viel vertraulicher.
    Wie sich die uns bereits bekannten groen politischen Wagnisse des Prinzen
Egon von Hohenberg in diesem Hause seiner Freundin ausnahmen, wie sie hier
widerhallten, kann man sich vorstellen. Das war ein Lrmen, ein Fahren, ein
Treppauf, Treppab, ein Threnschlagen, ein Klingeln, ein Geschwirr ... Es ging
jetzt so lebhaft in der Villa her, da man den Entschlu des Geheimraths, seine
eigne nicht minder unruhig gewordene Existenz ganz in das in der innern Stadt
gelegene alte Wohnhaus der Marschalks zu verpflanzen, billigen mute. Herr von
Harder war der Intendant des kniglichen Hoftheaters geworden. Se. Excellenz
hatten sich dadurch einem ganz neuen Studium zu widmen, bei dem sie mglichst
wnschen muten ungestrt zu sein. Er, der die Einsamkeit der kniglichen Grten
bisher geliebt hatte und nur begleitet vom Inspektor Mangold zuweilen hier und
dort die Schlokastellane und Hofgrtner berraschte, auch er war jetzt in den
Strom der lebendigsten und rauschendsten Thtigkeit geworfen. Dichter, Knstler,
das Publikum nahmen ihn in Anspruch. Und was mut' er studiren, lesen, prfen,
denken! Und auch fr Paulinen wre dieser an sich unter andern Verhltnissen ihr
ganz angenehme, aber jetzt strende, gemeine Verkehr von Nachfragenden,
Bittenden, Widersetzlichen und was sonst zur Bhnenpraxis gehrt, unertrglich
gewesen. Jetzt lie sie ihren Gemahl gern in die Stadt ziehen, wo er ungestrt,
wie er sagte, Dichterstcke lesen und junge Schauspielerinnen und Sngerinnen
prfen konnte.
    Befreit von der Nhe eines beschrnkten und zuweilen eigensinnigen Mannes,
erfat von dem Wirbelwinde der Begebenheiten, denen sie sich nicht ohne Grund
einbilden konnte, eine Form mit aufdrcken zu helfen, htte Pauline von Harder
jetzt alle Ursache gehabt, sich nach ihren Bedrfnissen glcklich zu fhlen,
wenn nicht immer noch ihr Herz, das sich nicht ganz zur Ruhe geben wollte,
peinliche Erfahrungen gemacht htte. Dieser Heinrichson, wie undankbar, wie
treulos! Sie verlangte so wenig von dem bei allen Weltdamen beliebten, witzigen,
in der Kunstwelt geachteten Manne! Er sollte ihr nichts als eine Art von
beflissener Aufmerksamkeit widmen! Er konnte neben ihr vielleicht eine Grisette
lieben; ein Verhltni wie mit jener Auguste Ludmer war ihr im hchsten Grade
gleichgltig; allein sich einer Dame aus der groen Welt geopfert sehen, wie ihr
das mit der an ihrem Busen genhrten wie sie es nannte, treulosen Helene
d'Azimont geschah, Das erschtterte sie tief. Von dem Tage an, wo Heinrichson,
uneingedenk der vielen Freundlichkeiten, die sie ihm gewidmet, ihrer Protektion,
der Befrderung seiner Gemlde, ja der kritischen Abhandlungen, die sie ihm fr
einige Kunstbltter schrieb, sie zu vernachlssigen schien und immer und immer
nur bei Helene d'Azimont angetroffen wurde, die ihrerseits in ihrer Liebe zu
Egon ihr nicht mehr wahr und berzeugend erschien, sondern nur noch die
Stimmungen der verletzten Eitelkeit, die Verzweiflung ber den Bruch fr Liebe
auszugeben schien: seitdem hatte sie mit Anstrengung ihrem Herzen Schweigen
gebieten mssen und im Vollgenu der brigen Freuden, die ihr, wie sie sagte,
das Schicksal schenkte, im Vollgenu der ausstrmenden Wirksamkeit, des
weltbewegenden Einflusses, den sie ben konnte, sich entschlossen, fr den
Freund, den der sonderbarste Zufall ihr schenkte, fr Egon nun auch nur rein
mtterlich zu empfinden. Der Kampf war gewaltig genug! Als Heinrichson seine
Leda verkauft hatte und ihr eines Tages sagte: Pauline, ich verlasse Sie! und
sie die Frage, ob er nach Italien ginge, mit Ja! beantwortet hatte, fuhren noch
tausend spitze Messer, wie sie spterhin der Ludmer erzhlte, in das Herz der
fnfzigjhrigen, aller Zrtlichkeit lngst entrckten Frau. Gehen Sie, hatte
sie gesagt, gehen Sie, Heinrichson, nehmen Sie mit dem Reste vorlieb, den Egon
stehen lie! Widersprechen Sie nicht! Sie folgen Helene! Ich kenne Das. Ich
kenne diese Verzweiflung einer Frau, die erst Mitleid, dann Trost, dann Rache
will! Helene wird Egon noch oft zeigen, da man sie nicht ungestraft verlt und
da man um ihretwillen noch Alles vergessen kann, auch Ihnen, Heinrichson, wird
sie es zeigen! Auch Ihr Roman wird mit dieser Liebes- und Gefhlsschwelgerin
einst vorber sein! Hten Sie sich nur, Ihr Auge auf das schne Kind zu werfen,
das im verblendeten Wahne mit Helenen ihrer Mutter entflohen ist! Sie finden
nicht sobald eine Pauline wieder, die nur weint, wenn ihr Geliebter treulos
scheidet! Sie knnten einmal doch noch bei irgend einer verrathenen Frau jenen
Dolch finden, den alle Ihre Bonmots nicht pariren! ... Noch mehr aber, als diese
flchtigeren Schmerzen drckte die Geheimrthin die seit einiger Zeit
sonderbarerweise Alles schwarzsehende Laune der Charlotte Ludmer. Sie, die sonst
immer zur Heiterkeit stachelte, keine Gefahr anerkannte, jedes Wagni ebnete,
sie sah jetzt Gespenster und erschreckte ihre langjhrige Freundin mit Visionen.
Gespenster und Visionen waren die Worte der Geheimrthin. Die Ludmer sprach von
Wirklichkeiten und schilderte die Aussicht noch manches heraufsteigenden
Verdrusses mit einer Umstndlichkeit, da ihr Pauline einmal sagte: Ich wei es,
Charlotte, du magst nicht leiden, da ich wieder an die ffentlichkeit
appellirte! Du warst die hartnckigste Gegnerin meiner kurzen,
schriftstellerischen Laufbahn! Du hast Freude empfunden ber jede Bitterkeit,
die ich auf ihr erfahren mute! Du gnntest mir die Demthigungen der Kritik,
als Nadasdi erschien und hast erreicht, da ich mehr deinen Wnschen, als diesen
Impertinenzen nachgab und die Feder niederlegte. Gegen den Ankauf des
Jahrhunderts hast du alle erdenklichen Grnde vorgebracht und kannst noch
jetzt z.B. diesen Stromer nicht sehen, weil du glaubst, ein allerdings im Leben
unbeholfener, komischer, eitler, unerzogener Mann, den aber, wenn er schreibt,
Alle bewundern, htte mich zu diesem Ankaufe veranlat. Die Beziehung zu Egon,
so berraschend und unerwartet, misbilligst du, auch meine Theilnahme fr
Melanie, die mich erheitert und fr die ich fhle, wie fr eine Tochter - ja,
Charlotte, je lter ich werde, desto schnre Keime entdeck' ich in meinem
Herzen. La sie mich doch pflegen! Mit den Jahren sollen ja aus uns Engel
wachsen, sagte Stromer neulich. Glaube doch nicht, da meine gesellschaftliche
Stellung darunter leidet, da ich mich an den groen Fragen der Zeit betheilige!
Weit du wohl, Charlotte, da du immer aristokratischer warst als ich und mir
hundertmal die Etikette vorhieltest, wo meine verschmachtende Seele nur nach
Freiheit rief?
    Die Ludmer hatte bei dieser Errterung zur Antwort gegriesgrmelt und
gebrummkatert. Sie war offenbar tiefverstimmt, die gute Frau. Sie sah zuviel
neue Menschen im Hause. Diese weltbewegenden Abende griffen sie an. Die
Entfernung des Geheimraths, mit dem sie gern plauderte wie mit Ihresgleichen,
that ihr zu leid. Der gute Geheimrath! Die besten muntersten Bedienten des
Hauses nahm er mit sich in die Stadt. Sie htte weit lieber gehabt, die
Geheimrthin htte sich an der Komdie betheiligt und wre, wie manche
Intendantin, die Regentin des Hoftheaters geworden. Da htte sie doch fr ihre
alten Tage eine Zerstreuung, eine Erholung gehabt. Sie lachte gern, sie sah gern
tanzen, liebte lustige, rauschende Musik und wer wei, ob sie nicht fr die
konomischen Ersparnisse der Verwaltung neue Gesichtspunkte ber Sammt- und
Seidenstoffe, Brennholz und Beleuchtung htte aufstellen knnen. Alle diese
Neigungen theilte nun die groe Semiramis, Pauline nicht. Die wollte die Welt
umformen! Die wollte mit dem Hebel ihres Einflusses die Erde aus dem
Gleichgewichte bringen! Die Verchter des Nadasdi sollten sagen: Welch' ein
Weib! Die Oberhofmeisterin von Altenwyl, diese Cerberus der kleinen Cirkel
sollte eingestehen, da in Pauline von Harder eine groe, wenn nicht immense,
doch endlos extensive Seele verborgen lge und der Hof selbst sollte fhlen,
da er nichts wre, wenn nicht ein Verstand wie der ihrige fr sein Wohl dchte
und wachte. Sie war zu tief gekrnkt, zu oft zurckgesetzt, zu sehr in ihrem
innersten Sein von jener romantisch-sentimentalen Richtung, in der die Knigin
lebte, verletzt worden, da sie ihr jetzt nicht htte zeigen mgen, was denn
doch noch in einer solchen verlornen Seele wie die ihrige, lebe, glhe und
wirke. Pauline las mit Gier alles Jngste und Neueste; den Kosmos, die
Zeitbrochren, die Schriften ber Physiologie, Phrenologie, Alles was nur
auf-ogie endete, die Schriften ber Volkswohl, Gewerbe, sogar ber Freihandel.
In solchem Bildungsdrange waren ihr die Klagen der Ludmer lstig. Sie bat sie,
ihre Nerven zu schonen. Sie berlie ihr zu thun und zu lassen was sie wolle.
Sie berief sich auf das Bild, welches die Memoiren der Frstin Amanda an ihren
Sohn enthalten hatte, um zu beweisen, da sie wohl wisse, wann es Zeit zum
Handeln wre; fr jetzt verfolge Charlotte nur Schatten und gefalle sich in
Trumereien.
    So war Pauline von Harder gestimmt an jenem Tage, fr dessen Abend die
Ludmer Fritz Hackert zu sich berufen hatte. Sie hatte wieder Entdeckungen
gemacht, ber die sie um jeden Preis erst mit ihrer Gebieterin Rcksprache
nehmen wollte; aber diese horche Dem, was sie erzhlte, nur halb zu; denn sie
glaubte Egon's Wagen zu hren. Er war es auch. Es war die Livree des jungen
Frsten, die sie mit ihm gemeinschaftlich verbessert, neu gemodelt, neu
gezeichnet hatte. Aber der Wagen fuhr ja an ihrem Hause vorber und hielt ...
drben bei der noch immer in Bchsenschuweite von ihr entfernt wohnenden
Frstin Wsmskoi? ... Sie erschrak darber nicht. Ist Das der Besuch, sagte
sie, den Egon schon lngst bei der grillenhaften Frau macht, die sich seit der
Flucht ihrer Tochter und der Ankunft ihres abenteuerlichen Schwiegersohnes vor
Niemanden mehr sehen lt? In der That kehrte auch Egon's Wagen sogleich zurck.
Die Frstin Wsmskoi hatte ihn nicht angenommen oder war nicht zu Hause oder
war bei Tische, wie sie eigentlich selbst. Es waren eigenthmliche Diners, die
Pauline seit einiger Zeit veranstaltete. Sie bestanden aus einer kleinen
gedeckten Tafel mit zwei Couverts in ihrem gelben ostensiblen Boudoir. Ein
Nebentisch diente zum Anrichten. Eine groe weibrennende, geschliffene
Krystalllampe stand auf der kleinen gedeckten Tafel, deren Glser, damastne
Decken, Porzellanteller und silberne Bestecks einen traulichen Anblick boten.
Die im weien Porzellanofen prasselnde Flamme, die Decken im Zimmer, die
gleichmig schlagende Stutzuhr, alles Das erhhte die Stimmung und um nichts zu
vergessen, was den Beiden, die hier zu essen pflegten, den Genu werthmachen
konnte, erwhnen wir noch den im Eiskhler schon frierenden Champagner ... So
fast tglich, so auch heute ... Die Ludmer entfernte sich und erhielt den
Auftrag, da sie die am Abend erwartete Gesellschaft in den groen Slen
empfangen sollte. Schritte hallten. Der ohne Anmeldung eintretende Frst Egon
kte Paulinen die Hand und warf sich ohne Weiteres sogleich auf die weichen
gelbseidenen Kissen des Sophas. Er benahm sich als wr' er zu Hause und Pauline
war glcklich, den Allgefeierten bei sich zu haben, ihn hegen, ihn pflegen zu
knnen wie seine Mutter.

                                Viertes Capitel



                                Der neue Lykurg

Sie waren bei der Frstin Wsmskoi, Egon? begann Pauline und lauschte behutsam
auf die Stimmung ihres geliebten jungen Freundes, der in schwarzem Frack und
weier Halsbinde zwar erschpft, fast leidend, aber mit der ihm eignen Wrde und
Haltung an seiner gewohnten Stelle sa und sich langsam die Handschuhe auszog.
    Ich hielt es fr meine Pflicht, einmal wenigstens meine Karte abzugeben,
sagte er mit fast tonloser Stimme, heiser, angegriffen. Rudhard ist so
aufmerksam gegen mich, besucht mich, wenn er nur eine Minute erbrigen kann -
    Sind Das aber auch immer die Minuten, die grade Sie frei haben? Belstigt
Sie der Mann nicht?
    Die Geheimrthin strich mit der Hand des Frsten Stirn. Sie erschrak ber
seine Abspannung.
    Ich hre Rudhard gern. Es gibt mir Muth, meinen weiland Lehrer, den ich so
hochachte, mit mir in bereinstimmung zu wissen.
    Die Geheimrthin wagte, um den Frsten zu zerstreuen, an persnliche
Angelegenheiten zu erinnern, ob Olga geschrieben htte, ob Helene wirklich in
Italien wre, ob Heinrichson sich ihnen schon angeschlossen htte ... Rudhard
sprche darber nicht, sagte Egon und erwhnte Dystra, der Aufsehen mache durch
seine Sonderbarkeiten. Es wre ein sittlicher Polytheist, ein Ideen-Gourmand,
wie er sie nicht leiden knne diese Allesschmecker und Nichtsverdauer. Bren,
Affen und Hunde sind, wie ich hre, ihm lieber als die Menschen. Er sollte die
Bekanntschaft Ihres Schwiegerpapas suchen, den die Menschen in seiner
juristischen Praxis so anwiderten, da er zuletzt weniger daran verzweifelte,
Hunde und Katzen auszushnen, als die Leidenschaften unsrer Race.
    Kommen Sie zu Tisch, Egon! sagte die Geheimrthin, erschreckend ber die
tonlose, fast krchzende, trockne Stimme des Staatsmannes, der heute viel
geredet zu haben schien. Sie sind ermdet! Strken Sie sich an meinen kleinen
Mahlzeiten, die Sie noch diesen Winter liebgewinnen sollen. Wenn Sie erschpft
sind von der Politik, Egon, wenn das Ceremoniell des Hofes, ja Ihres eignen
Hauses Ihnen selbst die Freuden der Tafel verleidet, so kommen Sie zu mir!
Pauline servirt ihrem Freunde eine kleine, verschwiegene, stille, trauliche
Existenz! Die Ludmer ist eine Knstlerin in der Sphre Vatel's: Harder's einz'ge
Region, in der man sich auf einige Kenntnisse von ihm verlassen kann, ist sein
Keller ... kommen Sie, Egon!
    Die Bedienten brachten Austern, Caviar, gerstete Brotschnitte ...
    Als sie gingen, sagte Egon lchelnd und sich am Tische, wo er Paulinen
gegenber Platz genommen, mit lassen Hnden selbst bedienend:
    Mais  deux? Wer versprach denn -?
    Ich schrieb Melanie und lud sie ein, sagte Pauline, ohne im Mindesten die
Mienen zu einem Lcheln oder einem Spotte zu verziehen, sondern wie im Drange
des aufrichtigsten Bedauerns, da ihr die Lsung einer sehr ernsten Aufgabe
nicht gelungen; ich schrieb Melanie und lud sie ein. Sie wird erst den Abend
kommen. Zu diesem Diner nicht, die Grnde soll ich mndlich hren.
    Ohne sprde zu sein, wei sie doch gut zu rechnen, sagte Egon lchelnd. Sie
frchtet die Vertraulichkeit eines solchen kleinen Mahles  la Rgence.
    Die Bedienten hinderten eine weitre Errterung dieses Themas. Sie schenkten
Madeira ein und boten dem sonderbaren, sich hier gegenber sitzenden Paare davon
in zierlichen kleinen geschliffenen Glsern.
    Nachdem kam eine fast berkrftige Suppe und berhaupt ein so ausgesuchtes,
gewhltes Diner, da wir die einzelnen Gnge ebenso wie die Unterbrechungen
durch die Diener mit Stillschweigen bergehen knnen. Das Gesprch, das sich in
den Zwischenpausen frei ergehen konnte, kam etwa auf folgende uerungen hinaus:
    Ich habe darber nachgedacht, sagte Egon mit trumerischem Sinnen, worin ich
eigentlich den Zauber dieses reizenden Mdchens finden soll. Der Glanz ihrer
Schnheit scheint dauerhaft, er wird nicht zu bald erblinden. Aber selbst eine
ewige Schnheit wre in dem Falle etwas Vorbergehendes, wenn die Schnheit nur
ihrer Schnheit allein bewut wre. Ich finde Das so liebenswrdig an Melanie,
da sie sich mit einer Leichtigkeit gibt, als wre sie nur lachend, nur grazis,
nur munter. Sie macht kein steifes Wesen von ihrer Schnheit. Zuletzt ein
gewisser gutmthiger Zug, eine gewisse ...
    Nennen Sie's nur grade zu, sagte Pauline, wie es ist. Melanie gefllt Ihnen
deshalb so sehr, Egon, weil sie bequem ist.
    Bequem? Ja, theure Pauline, fast glaub' ich, da Sie das rechte Wort sagen.
Wenn man so wie ich Jahre lang die Liebe behandelt hat wie die erste Aufgabe
unsres Lebens, wenn man Frauen gefunden hat, die, indem sie Liebe gewhrten,
unsern ganzen Menschen dafr in Anspruch nahmen und verbrauchten, so lernt man
ein Wesen schtzen, das keine Gefhlswhlerin ist, keine Gedankengrblerin,
keine heimliche, versteckte, sondern eine offne, gutmthig ihre Schwchen
eingestehende Kokette. Ich wei wahrlich, das Kapital, das am Ende ein Weib zu
vergeben hat, ist sehr klein und allen Frauen liegt daran, da sich die Sage von
der unendlichen Gre ihrer Schtze erhlt. Man lobt und preist die Dichter, die
Frauenliebe als etwas Unendliches und einem im tiefsten Grunde des Meeres zu
suchenden Schatze nur Vergleichbares darstellen. Lieber Himmel, Das ist eine
Verabredung unter diesen Phantasten! Die Angelegenheit, um die es sich zwischen
Mnnern und Frauen handelt, ist eine so auerordentlich einfache und ich gestehe
Ihnen, ich bewundere und schtze grade die Natrlichkeit, die diese Wahrheit
eingesteht.
    Pauline lchelte und betrachtete sich jetzt erst genauer ihr Tte--Tte.
Egon war seit vierzehn Tagen Staatsminister, dirigirender Chef des Landes; er
hatte die Kammern entlassen und groe energische Grundstze ausgesprochen. Er
sa nun da so einfach vor ihr, derselbe Mann, der alle Gedanken in Anspruch
nahm, alle Leidenschaften beschftigte. Er a an ihrem kleinen Tisch, erholte
sich bei ihr von seiner auch uerlich schon sichtbaren Erschpfung! Wie fhlte
sie Das nach! Wie machte sie diese Erholung glcklich! Egon war hoch, schlank,
wie immer, seine Gesichtszge edel und fein, seine Haltung frstlich, seine
Kleidung zwar noch durch keinen Stern geziert, aber doch wie die eines
Hofmannes. Wie bla aber die Mienen des Antlitzes! Wie hoch die Stirn, der oben
und zu beiden Seiten Morgens die Haare in Bscheln entfielen! Wie zuckten die
Lippen so spttisch! Wie krampfhaft gereizt waren seine Bewegungen, wenn er nach
einer Schssel griff! Wie bitter der Humor, wenn er den kleinen Schnurrbart mit
der Serviette reinigend und ein Glas Eremitage an die Lippen bringend, sagte:
    Ah, Pauline! Dieser se Genu, doch wenigstens etwas zu wissen, was fest
steht und gewi bleibt! Dieser feurige Burgunder ist die einzige feste
Thatsache, die ich seit lange unter den Hnden gehabt habe. Was hab' ich
Schwankendes gesehen und was gleitet mir nicht alle Tage flssig und unhaltbar
durch die Finger! Diese vierzehn Tage, wie reich an Hoffnungen, wie gesegnet an
Tuschungen! Sehen Sie, auch Das ist an Melanie schn. Man wei, was man an ihr
besitzt. Sie ist eitel und gesteht es. Sie will gefallen und sagt es. Sie
verrth uns, da sie sich mir nur unter groen Bedingungen ergeben knne. Auch
diese Offenheit lernt man schtzen, wenn man wie ich in der Lage ist, nichts,
nichts mehr mhelos aufzufinden! O Gott, Pauline, wie oft mocht' ich schon in
diesen vierzehn Tagen mit dem Kopf an die Wand rennen! Nichts ist mhelos, die
einfachste Errterung nicht! Bei Gott, es verstehen mich nur drei oder vier
Menschen, der Knig, die Knigin, Sie und Melanie -
    Waren Sie heute mit dem Hofe zufrieden? Mit dem Monarchen immer, mit seinen
Umgebungen niemals. Diese Menschen fragen nach jedem Begriff, was er bedeute,
nach jeder Maregel, was sie ntzen oder schaden knne. Dem Monarchen sagt' ich:
Ich ehre die Monarchie. Der Frstin: Ich ehre die Sitte - nun verstehen mich
doch diese Beide, in allen Fragen wissen sie, da ich ihr Bestes will. Aber die
Andern!
    Die Sitte? bemerkte Pauline lchelnd und befahl den Bedienten, jetzt schon
den Champagner zu ffnen. Als eingeschenkt war und die Diener sich entfernt
hatten, sagte Egon:
    Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit?
    Pauline schwieg, warf unglubig die Lippen auf, Egon aber fuhr fort:
    Ist Das unsittlich, da ich hier Ihnen gegenber mein Mittagsmahl nehme und
mich glcklich fhle, irgendwo einen Ort zu haben, wo ich mich ausruhen darf und
wo man mir die Ruhe gnnt?
    Pauline reichte ihm fast gerhrt die Hand ber den Tisch ...
    Geben Sie mir nicht die Hand, Pauline! sagte Egon, sie sanft zurcklehnend.
Ich verdiene es vielleicht nicht um Sie, denn gestern Abend, als in den kleinen
Cirkeln von Ihnen die Rede war -
    Von mir?
    Und nicht in den freundlichsten Andeutungen -
    In der That?
    Was erwarteten Sie wol von mir?
    Da Sie mich vertheidigten.
    Ich that es, aber mit Waffen, die Sie vielleicht misbilligen.
    Nennen Sie sie!
    Ich nehme Anstand ...
    Ich mu Alles hren, was man in den kleinen Cirkeln von mir gesprochen hat.
Also?
    Nun denn, Pauline! Ich nannte Sie alt. Ich sagte ferner, Sie htten das edle
Bedrfni, sich mit dem Sohne einer Mutter, mit der Sie verfeindet waren,
auszushnen und ich schtzte an Ihnen diese Reue und liebte, da ich keine Mutter
mehr bese, Sie als die Stellvertreterin derselben. Nicht wahr, Das war eine
sehr liebevolle Impertinenz?
    Paulinen zuckten in der That die Nerven. Sie war denn doch von einer so
heroischen Aufrichtigkeit zu sehr berrascht. Sie stand allerdings schon an dem
Scheidewege, sich eine Matrone zu nennen. Aber hindrngen mute man sie darauf
so schroff nicht, so jh und abschssig nicht.
    Sind Sie mir bse? fragte Egon.
    Die Geheimrthin fate sich erst allmlig, bi sich die Lippen und sagte
dann lchelnd:
    Warum sollt' ich? Sie haben Recht, ich bin alt. Im brigen glaub' ich, da
Sie ganz gut thun, den Jargon dieser kleinen Cirkel zu sprechen, wenn Sie doch
einmal an ihnen Theil nehmen mssen und Jemanden dort ntzen wollen.
    Ich mu, um Doppelpolitik zu hintertreiben.
    Dann wnscht' ich aber doch, fuhr Pauline noch etwas gereizt fort, die
Grfin Altenwyl kme einmal auf Melanie Schlurck zu sprechen und frge den
tugendhaften jungen Premier, den Abgott aller pietistischen Hofdamen, wie er
verantworte, seit dem Tage, wo er eine berhmte junge Kokette auf dem Wege nach
Solitde zu Pferde gesehen, sich sogleich in sie zu verlieben und bei der chre
Maman Pauline von Harder, tglich nach einem Rendezvous, nach einem Tte--Tte
mit ihr zu schmachten?
    Die Bedienten brachten eben ein aus den vollendetsten Herbstfrchten
bestehendes Dessert. Als sie fort waren, sagte Egon, eine Melone pfeffernd:
    Bitt're Wahrheit! Unser Magen verdaut das Seste nicht, wenn wir es nicht
durch die Vernunft untersttzen. Ich gebe Ihnen das heilige Versprechen, da ich
auch in Betreff Melanie's auf jenem Tugendpfade bleiben werde, den Sie
belcheln, Freundin! Der Verhltnisse, Sie wissen, was das Wort bezeichnet, bin
ich berdrssig. Ich habe mit einer Grisette wie in der Ehe gelebt und habe
Lust, Liebe, Leid im reichsten Maae genossen. Ich hatte dann eine zweite Ehe.
Ich bedarf, ich seh' es wohl, der Frauen ...
    Pauline drohte ihm schalkhaft; denn Egon that, als wre sie seine dritte
Ehe.
    In der That, fuhr er fort, wenn ich meinen kleinen Roman mit Melanie
fortsetzen sollte, wrd' ich in die Lage kommen knnen, sie zu heirathen -
    Prinz, welche Thorheit! rief Pauline und sprang auf. Frst Egon von
Hohenberg wird Melanie Schlurck, die Tochter eines in seinen
Vermgensverhltnissen, wie es scheint, zerrtteten Advokaten, die ehemalige
Verlobte eines Stallmeisters nicht zur Frstin erheben!
    Frst von Hohenberg! sagte Egon bitter. Wiederholen Sie dies Wort, seit wir
die Denkwrdigkeiten meiner Mutter lasen, noch mit so wrdevollem Nachdruck?
    Welche Sorge! entgegnete Pauline mit einem eignen Anflug von triumphirender
berlegenheit. Sie sind trotz der puritanischen Bue, die sich Ihre Mutter
glaubte auferlegen zu mssen, der Sohn des Frsten Waldemar von Hohenberg und
werden den Glanz Ihres Namens nicht erlschen lassen -
    Doch! Doch! Pauline! erwiderte Egon sehr ernst und trbe. Wenn ich Minister
bleibe und mir Melanie sich als Bedrfni so erhlt, wie sie es zu meinem
Entsetzen schon geworden ist, so werd' ich sie heirathen mssen.
    Unglaublich!
    Dann gut! Ich will Melanie nicht mehr sehen, nur Sie, Pauline, nur mit Ihnen
will ich reden, mit Ihnen debattiren, diniren; aber diese jungen Schnheiten,
die Sie um sich versammeln, diese reizenden Gestalten entfernen Sie! Ich kann
mich nicht mehr an diese vorbergehenden Irrthmer, an die eitlen Naivetten, an
die sentimentalen Koketterieen preisgeben oder ich whle ein Weib und Sie haben
Recht, ich habe allerdings Ursache, eine aus den hchsten Stnden zu suchen.
    Man rumte die Tische hinweg. Egon nahm auf dem Sopha Platz und sttzte das
Haupt auf.
    Sie sind heute wieder einmal ein Grillenfnger, begann Pauline von Harder
und fuhr dem jungen Frsten durch die Locken, von denen sie bemerkte, sie wrden
ihm immer lichter werden, wenn er so seinem Trbsinn nachgbe und dem Beispiele
einer Mutter folge, die ihm ihr selbstqulerisches Temperament vererbt zu haben
schiene.
    Ach, sagte Egon, welch' ein drckendes Gefhl bleibt es doch, so an sich
selbst nicht mehr glauben zu drfen und sich als ein Andrer zu wissen, als der
man von den Menschen genommen wird! Seit ich die Denkwrdigkeiten meiner Mutter
las, ist mein Innerstes zerstrt. Diese verblendete, von der Leidenschaft der
Wahrheit bis zur Grausamkeit hingerissene Frau! Um Bue zu thun, um ihre Reue zu
bekennen, um ihren Sohn zur Nachfolge Christi, zur Demuth zu bewegen, muthet sie
ihm fr sein ganzes Leben eine Lge zu, einen Betrug gegen sich selbst und die
Welt!
    Man brachte den Kaffee. Pauline winkte den Bedienten, die an rasches
Serviren gewhnt waren, sich zu entfernen.
    Lassen Sie diese Erinnerungen! sagte die nchst der Ludmer einzige
Mitwisserin des Geheimnisses, da Egon nicht der Sohn des Feldmarschalls von
Hohenberg war. Es gibt nur ein Wesen, das in die Geschichte der Verirrungen
Ihrer Mutter eingeweiht ist -
    Verirrungen! griff Egon trumerisch das Wort auf. Als ich die
Denkwrdigkeiten meiner Mutter las, fhlt' ich, sie kommen, so grausam sie fr
mich sind, doch von einer andern Welt als der, wo wir irren. Pauline, ich htte
Sie damals tdten knnen, weil Sie sich mit so verschlagner List diesen Besitz
aneigneten -
    Erlaubte Selbsthlfe, Prinz!
    Nein, fuhr Egon gesteigerter fort, ich segnete Sie schon nachher selbst in
meinem Schmerz. Ich war zu Thrnen gerhrt, als Blatt fr Blatt diese
Gestndnisse aufflogen und ich in den Grund eines das Unmgliche suchenden,
verzweifelnd ringenden Herzens blickte. Ach, als ich heute die Altenwyl in
bequemer Behaglichkeit so albern religis sich gebehrden sah, so sicher in ihrem
Christenthum, wie eine Predigthrerin im bequemen Kirchenstuhl, als man mir
zumuthete, die Erbschaft der Johanniter getrost der Stadt zu berlassen und den
vom vorigen Ministerium begonnenen Proze zu Gunsten einer
pietistisch-jesuitischen Coterie - die ich klar durchschaue - fallen zu lassen,
wie ging mir da beim Anhren dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter
Gemthsgrnde das Bild meiner Mutter auf! Wer ist unter Euch, der mich einer
Snde ziehe, so konnte sie sagen solchen absolut Tugendhaften gegenber! Sie,
die sich, um sich ganz verachtet zu machen, sich ganz zu entkleiden, ganz zu
stupen und zu demthigen, selbst anklagte, sie, die keine gleinerische Falte
in ihrem Leben dulden wollte und in mir dieselbe Demuth, dieselbe Entsagung und
Gottergebung durch irgend einen groen Entschlu wirken wollte! Ich hatte sie
gekrnkt von Kindesbeinen an ...
    Aber, Egon! So entschuldigen Sie diese Mutter? rief Pauline. Sie konnte
Jedem ihren Fehltritt, der mich damals namenlos unglcklich machte, beichten,
warum Ihnen? Sie hat Ihre Ruhe vergiftet, sie hat Ihnen den Glauben an sich
selbst genommen ...
    Denken Sie sich in diese Verirrung nicht hinein! unterbrach Egon. Sie
verstehen diesen Trieb nach Wahrheit und diese Auffoderung zur Demuth nicht!
    Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tugend mehr.
    Sie wollte mit keiner Lge aus der Welt gehen! Sie wollte ganz zerknirscht
sein, ganz gedemthigt vor den Menschen und vor mir, dem sie die Grenze des
Selbstgefhls wies! Einmal flammte noch die Angst in ihr auf. Sie schrieb an
Rudhard, er sollte ihre Gestndnisse prfen ...
    Ihren Namen, den Namen Ihres Vaters schnden!
    Nein! Nein! Pauline! Wenn die Todte Das she! Ich sitze auf den schwellenden
Polstern ihrer Feindin!
    Was ist Ihnen, Prinz?
    Als ich diese Denkwrdigkeiten, die unter Thrnen geschrieben wurden, las,
dankte ich dem Zufall, da sie Rudhard, der Ansprche darauf machte, nicht erst
gelesen. Sie allein kennen sie. Sie allein, Pauline, wissen, da die junge
Grfin Hohenberg ihre erste Freiheit von einem brutalen, rohen, sinnlichen,
gewhnlichen Gatten, dem berhmten Krieger, zu einer Badereise benutzt und in
dem Jubel einer endlich einmal erlsten Existenz, in dieser Freiheit von vier
Wochen so schwach war, den Schmeicheleien eines liebenswrdigen jungen Mannes
nachzugeben, den auch eine Kette band, auch ein Schicksal drckte ...
    Sie sind so grausam wie Ihre Mutter!
    Vergeben Sie, Pauline, ich mu es mir oft vorfhren, um es von einer Mutter
verstehen zu knnen. Ich mchte von Heinrich Rodewald, meinem wahren Vater, eine
gute Vorstellung haben. Die Mutter schildert ihn wie einen Gott. Aber die
Erinnerung mag verschnert haben. Ist es doch ein Frhlingshauch, der ber
diesen Blttern weht! Welche Seligkeit, wie sie ihre Freiheit in der Landecker
Badereise schildert! Die erste Freiheit! Der erste Strahl des erwachenden
Selbstbewutseins! Sonst Nacht, sonst Nebel, Qual tglich, Pflicht stndlich,
nur Sklaverei! Und nun dieser erste Lichtstrahl! Und wen verklrt er? Einen
Rodewald! Sagen Sie, verdiente er dies Entzcken?
    Sie sind sein Ebenbild!
    Besa er seltnen Geist?
    Mehr den Geist der Entwickelung als den der Synthese.
    Mehr Denker also als dichterisch. Die Frauen lieben die Analyse. Ach, ich
sehe Das! Pauline von Ried ist krank, elend, sie badet, um zu genesen. Ihr
Freund und Verehrer begleitet indessen stndlich Paulinen's Jugendfreundin,
findet Gefallen an der reizenden jungen Frau, die in Wonne schwelgt ber einen
Kieselstein aus dem Bache, ber eine Blume, einen Kfer. Sie denkt, das Alles
wre der Zauber einer Badereise; da msse man einsaugen fr das ganze Leben,
jeden Grashalm genieen, jedes Vgelchen bewundern, aus allen Schnren und
Bndern die trunkene Seele erlsen. Und dieser junge Schwrmer sagt ihr, da er
von Pauline von Ried sich trennen msse, um zu leben, sie qule ihn, sie morde
ihn ...
    Ha! Wie verwandt sind Sie ihm! Ja, ja, Das ist die Sprache eines Don Juan,
der kein andres Mittel, Amanda von Hohenberg zu bethren, wute, als Das, mich
herabzusetzen!
    Egon lchelte und sprach fast in sich hinein: Heinrich Rodewald ist wie ich.
Er konnte also das Glck nicht ertragen! Ha, ha, Euer Glck! Das Glck, Euch und
Eure Liebe zu besitzen. Und Amanda, die glaubt, die liebt zum ersten Male, die
jubelt, einen Mann gefunden zu haben, der ihr eine edlere Vorstellung von unserm
Geschlechte einflt als jener rohe, mit Orden behangene Landsknecht! Sie
beschlieen eine Trennung von dem damaligen Grafen von Hohenberg. Rodewald, ein
Gelehrter, schien ihr der reinsten Gegenliebe wrdig. Sie scheidet von dem
Badeorte, voll edelster Vorstze -
    Falsch, heimtckisch gegen ihre Freundin -
    Aber wahr gegen meinen Vater und wahr gegen den Grafen, ihren Gatten. Amanda
kommt nach Hohenberg -eben im Begriff, dem General ihre ganze Schuld
einzugestehen, den Beistand eines Rechtsfreundes zu einer legitimen Trennung
anzurufen, das Band, das sie an Rodewald knpfte, kirchlich einsegnen zu lassen
... fllt dem zerrtteten Finanzwesen des groen Kriegers jene halbe Million der
sterreichischen ausgestorbenen Linie unsres Hauses zu! Sie stockt nun. Nicht
aus Gefallen am Glanze fr sich, sondern aus Erwgung, Rcksicht, aus Liebe zu
dem Kinde, das sie unter'm Herzen trgt. Verlorne Stunden bei guten Vorstzen
sind verlorne Tage, verlorne Tage da verlorne Jahre. Mistrauen gegen Rodewald
ergreift sie. Sie sieht ihn wieder. Wieder fat sie neues Vertrauen. Wieder will
sie sich dem General entdecken, wieder von ihm die Einwilligung zu einer
Trennung begehren, will wieder wahr sein, tugendhaft, wenigstens bereuend, da
erhebt der Monarch seinen Liebling in den Frstenstand. Frst Waldemar von
Hohenberg! Das Kind, das sie unter'm Herzen trgt, nun ein Frst: reich und ein
Frst! Ein Kampf der Rcksichten! Gegensatz auf Gegensatz! Die Mutterliebe
streitet mit der Liebe zu Rodewald, die Furcht, die Besorgni bermannen sie.
Die Entschlieung verzgert sich. Der Augenblick des Gestndnisses wird
verschoben, verschoben die Mglichkeit einer Ehrenrettung vor der Welt und
endlich ganz versumt. Die Frstin Amanda, damals noch weltlich, noch flatternd
wie ein Schmetterling, denkt an die Zukunft ihres Kindes, trumt, da es eine
glnzende, glckliche sein knnte, und auch Rodewald ... nicht wahr, er ist an
seine Kette zurckgekehrt?
    Nein, Sie Grausamer! unterbrach Pauline den vor sich hinstarrenden und diese
Gestndnisse nur kurz so ausstoenden Egon. Nein, zurckgekehrt an ein
Sterbebett! Ich war dem Tode nahe ... Ich erfuhr von Rodewald's Untreue, aber
ich glaubte nicht. Ich wollte nicht glauben. Noch jetzt, Egon, wenn nicht
Heinrich's Auge, seine Stirn, sein Gang, sein eigenstes Wesen sich in Ihnen
abspiegelte ...
    In der That? bemerkte Egon seufzend und richtete das Haupt zu Paulinen auf,
indem er sagte:
    Wie bin ich doch gefangen, Pauline! Der stolze, ehrgeizige, weltstrmende,
weltschirmende Egon hat eine Meisterin ber sich, die ihm, wie Sie einmal
sagten, die Hlle werden knnte!
    Sie sind der Sohn Ihres Vaters!
    Bastard von Hohenberg! Wie mich Das schttelte! Wie mich Das eingeengt hat!
Wie bin ich sogleich stolzer, eitler geworden, als in meiner Natur liegen
durfte. Ich hatte sogleich einen stillen Mahner in mir, den ich nicht anders
betuben konnte als durch Luxus und adlige Anmaung. Die Wahrheit der
Legitimitt, die in der Form, im Zugestndnisse liegt, hab' ich erst jetzt
verstanden, jetzt erst gewrdigt. Ja, die Thatsachen entscheiden, nicht die
Untersuchungen. Von dem Tage an, wo ich erfahren mute, da ich nicht des
Frsten echter Sohn bin, hab' ich den Frsten, meinen scheinbaren Vater,
angefangen beinahe hochzuehren, beinahe liebzugewinnen, bin den Spuren seiner
rohen Bildung fast mit Interesse gefolgt: Ich war Frst mit Leib und Seele, des
Frsten echter Sohn im Geiste. Wie rthselhaft ist doch Alles im menschlichen
Gemth!
    Wenn diese Gestndnisse Ihrer Mutter, sagte Pauline, bewirkt haben, da Sie
Ihres Standes und Berufes eingedenk wurden, unpassende Freunde und Genossen aus
Ihrem Umgange entfernten, Ihre Stellung behaupteten, so haben Sie mehr erreicht,
als Amanda beabsichtigte -
    Ich bin reif in ein Kloster zu gehen oder den Propheten zu spielen und die
Welt in Flammen zu setzen um meines Glaubens willen ...
    Geben Sie mir die Hand, Egon! Seien Sie besonnen! Was verdank' ich Ihnen
nicht? Sie erquicken mein verschmachtendes Gemth, Sie stillen noch einmal den
Durst eines verzweifelnden Gefhles der Nichtbefriedigung! Wie leb' ich mit
Ihnen! Wie folg' ich Ihrer groen, bewunderungswrdigen Bahn! Wie sonn' ich mich
in Ihrem Glanze! Diese Leidenschaften, die mich sonst darber unglcklich
gemacht haben wrden, da ich in Ihnen die Zge Heinrich Rodewald's wiederfand,
schlummern nun ... Wie knnen Sie von einer Hlle reden!
    Egon schwieg, blickte nieder und sagte zuletzt trumend:
    Wo mag mein Vater jetzt weilen? Lebt er wol noch? Wer ist das junge Mdchen
gewesen, das Sie, Pauline von Ried, ihm selber gaben, um zu verhindern, da er
zur verhaten Amanda zurckkehrte? ...
    Wie treu Ihr Gedchtni ist, Egon! Sie mssen diese Bltter oft lesen!
    Ja, Pauline, sagte Egon gerhrt, ich lese sie oft, sie sind ein Gedicht. Sie
sind die Bekenntnisse einer wirklich schnen Seele. Ein junges, unerzogenes
Mdchen, dumpf hinlebend, verheirathet, weil sie schn war, ohne Vermgen, ohne
viel Bildung, ohne viel Lebensansprche, nun geqult und die Qual ihres Looses
fr das allgemeine Frauenloos nehmend ... Da endlich jene Reise nach Landeck!
Die Stelle, wo die Mutter mir schreibt, da sie von Heinrich Rodewald zum ersten
Male auf den Schlag der Nachtigall wre aufmerksam gemacht worden, les' ich
tglich; denn ich kann sie auswendig. Philomele scheidet nun, sagte Heinrich
und auch wir werden uns trennen! Unbekanntes Land, das uns die Sngerin des
Haines birgt, bis sie wiederkehrt! Ach, wir kennen unsre Heimat, wir kennen das
Land unsres Winters, aber wir werden uns nicht wiedersehen. Pauline, diese
Denkwrdigkeiten ... ich lese sie oft; sie strken, sie erheben mich. Ich
begreife jetzt, warum sich meine Mutter zuletzt in die Fluten einer
ungewhnlichen Andacht warf. Sie wollte nicht blos die Snde, sie wollte auch
das nur einmal blhende Lebensglck vergessen. Sie wollte vergessen, wie die
Erde so schn ist! Und gestehen Sie, waren Sie nicht erstaunt, da ich nicht
beschmt sage, als Sie auch nicht ein Wort der Anklage, nicht eines des
vernichtenden Vorwurfes fr Sie in jenen Papieren entdeckten?
    Pauline schwieg finster; denn fremde Gte drckt ... ber die Lsung des
Knotens, fuhr Egon fort, fand ich nichts als die Worte: Pauline erkrankte aufs
Neue. In dem Glauben, sie wrde ihrem bel erliegen, in der Voraussetzung, mein
Geliebtester wrde schonungsvoll und edel meine Schwche verzeihen und sich zu
mir, der Treulosen, die dem Reichthum und Glanz ihres Kindes zu Liebe ihren
Schwur brach und Alle, Alle betrog, in Vergebung zurckkehren, gewann sie eine
junge, liebenswrdige, kindliche Anverwandte und bestimmte sie zu Rodewald's
knftiger Gattin. Ich habe nichts mehr von Beiden, die sich wirklich
verheiratheten und diese Lnder verlieen, gehrt, nichts mehr hren mgen, ich
wandte mich bald, da ich an dem Frsten den gehofften Halt verlor, zu dem
einzigen Hort des Lebens, dem Trster aller Leiden, unserm Herrn und Heiland,
der mir Gnade widerfahren lie, aber auch stndlich zuruft: Demuth und Kreuz auf
Erden ist allein Erhhung zum Himmel!
    Pauline runzelte die dstren Augenbrauen. Dies ernste Gesprch kam ihr zu
unerwartet. Es weckte zuviel der schmerzlichsten Erinnerungen aus vergangnen
Tagen. Sie wollte der Gegenwart leben, den Augenblick genieen. Sie hate alle
Rck- und alle Vorblicke, sie floh die Reflexion und behauptete, Egon htte eine
verdrieliche Erfahrung gehabt und wre nicht aufrichtig gegen sie.
    Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt, sagte sie. Ich wei es,
da Sie ihn ungern in den kleinen Cirkeln sehen und ihm nicht verzeihen
knnen, da er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausschlug. Die Beamten
intriguiren? Die Provinzialprfekten? Nicht?
    Egon schwieg. Er wollte nicht antworten. Er weilte in den Erinnerungen
seiner Mutter. Man brachte ihm hierher Briefe, Zeitungen. Er sah sie noch nicht
an. Pauline kannte seine ernste Natur und mute ihn schonen, um ihn nicht zu
erzrnen. Sie las in den Blttern. Dann und wann lie sie eine Bemerkung fallen,
eine Notiz laut werden. Egon antwortete einsylbig. Erst als Pauline leise ging,
aus einem Kstchen an ihrem Schreibtisch eine Cigarre mit Grazie hervorzog, sie
ber dem Cylinder der Lampe behutsam anzndete und mit wirklicher Anmuth sie dem
Trumenden entgegenhielt, lchelte er, stand auf, nahm die dargebotene Licenz,
sich es hier so bequem wie in seinem Hause zu machen, entgegen und wurde mit der
ersten Wolke, die er hinausblies in das erwrmte, behagliche stille Gemach von
dem Drucke, der auf seinem Herzen lastete, befreit.
    Was bringen die Bltter? sagte er. Was fragten Sie mich vorhin ber General
Voland? Oder von Rochus vom Westen, dem Gesandten? Oder dem Prsidenten von
Flottwitz? Sprachen Sie nicht?
    Er war zur Gegenwart zurckgekehrt.

                                Fnftes Capitel



                               Die Hintertreppen

Die Geheimrthin fragte zuvrderst, wie der berhmte General sich zu ihm stelle.
    Egon antwortete:
    Ich wei jetzt, warum General Voland von der Hahnenfeder sich scheute, in
mein Ministerium einzutreten. Ich habe Entdeckungen gemacht, die mich bestimmen
werden, den Hof vor diesem unklaren Charakter zu warnen. Entsinnen Sie sich
jenes Professors Rafflard, der sich an Helenen so geflissentlich anschlo?
    Die Geheimrthin bemerkte, da sie von Helenen selbst erfahren htte, dieser
Rafflard wre ein Jesuit.
    Helene, sagte Egon, war leichtglubig, ein Spielball jeder Schmeichelei. Sie
hatte von Rafflard Beweise seiner Intriguen genugsam in Paris erfahren. Sie
wute, da ich alle Ursache zu haben glaubte, mich von ihm gehat zu wissen.
Dennoch nahm sie ihn auf. Und warum? Weil er ihr sagte, sie htte die zartesten
Hnde und das weichste Herz. Helene ist das Opfer dieser Unfhigkeit, irgend
einem freundlichen Worte zu widerstehen. Ich finde Das unter allen Umstnden
liebenswrdig, aber nicht unter jedem Umstande charakterfest.
    
    Rafflard soll in Verzweiflung ber Helenen's Abreise sein, bemerkte Pauline.
Der gute d'Azimont schrieb mir, da seine Mutter dem Jesuiten den Auftrag
gegeben htte, zu Gunsten seines Vermgens, das der Mutter und durch sie
anderweitigen frommen Stiftungen anheimfallen solle, eine Scheidung zwischen ihm
und Helenen zu veranlassen.
    Deshalb dieser Eifer, mich mit Helenen zu vershnen! Deshalb diese
Leidenschaft, die mich zu einer Ehe zwingen wollte! Ich werde Helenen nie
vergessen. Wo mir etwas Sanftes, Zrtliches, Weiches, Hingebendes Bedrfni ist,
werd' ich an Helene d'Azimont denken. Aber sie hatte den Fehler aller Frauen,
fr Liebe einen ganzen Menschen zu verlangen und nur da praktischen Charakter zu
zeigen, wo man ihr nicht huldigte.
    Egon gerieth immer in Feuer, wenn er gegen Helenen sprechen und weibliche
Schwchen analysiren konnte ...
    Sie sind blasirt, Egon, sagte die Geheimrthin lchelnd. Und seit ich wei,
da Ihnen Rafflard so frh den Casanova zu lesen gab ...
    Pauline hatte ein Bedrfni, diese peinliche Unterhaltung heitrer zu modeln.
Sie verschmhte dazu selbst ein frivoles Mittel nicht. Und Egon sagte:
    Rafflard legte den Grund meiner ersten Leiden. Er pflanzte frh in die Seele
des Knaben verbotene Vorstellungen und lehrte mich Ekel und berdru an den
Freuden, die Andre beglcken. Diesem Schndlichen jetzt sagen zu drfen: Sie
verlassen dies Land binnen dreimalvierundzwanzig Stunden, gewhrt mir eine groe
Genugthuung!
    In der That? Wollen Sie Das?
    Er kann Helenen folgen nach Turin, Rom, Paris, wohin er will. Ich habe die
sprechendsten Beweise, unwiderlegliche Anzeigen, da er hier im Interesse der
Hierarchie zu wirken suchte und Sie wrden erstaunt sein, wenn Sie wten, wer
ihm Vertrauen geschenkt hat.
    Rafflard bewegte sich zuletzt in den hchsten Cirkeln ...
    Es fehlte wenig, da er in die kleinen kam und eine Vorlesung ber
isolirte Gefngnisse hielt.
    Diese wunderliche Hofromantik kommt noch einst in die Lage, Heilige
anzubeten, auf deren Reversseite sich Lovelace prsentirt. Wie komisch ist doch
dies Jagen nach dem Aparten, Exclusiven! Glauben Sie aber, da General Voland -
    Ich glaube nicht, da dieser kluge Mann irgendwie sich an untergeordnete
Emissaire preisgibt, aber ich wei, da das Terrain fr den Jesuitismus bei
haltlosen, in allen Widersprchen der Zeit hin- und herschwankenden Naturen gar
nicht so ungnstig ist. Selbst aus dem Schooe der Freimaurerei, die sonst eine
geschworne Feindin Loyola's ist, hat sich wieder ein ppstliches Autorittswesen
entwickelt, ganz wie im vorigen Jahrhundert ...
    Jetzt versteh' ich den Artikel, den Stromer vorgestern im Jahrhundert
lieferte.
    Er verfate ihn nach meinen Angaben und ich beobachtete die Wirkung
desselben in den kleinen Cirkeln.
    O erzhlen Sie!
    Als ich eintrat, fhlte ich an einer gewissen Stille in dem kleinen
traulichen Zimmer, da ich selbst eben der Gegenstand des Gesprches gewesen
war. General Voland steckte eben eine Zeitung ein, die er ohne Zweifel
vorgelesen und glossirt hatte. Prinz Ottokar, ein Gegner des Generals, stand auf
und sagte mit lautem Nachdruck, indem er mir die Hand reichte: Prinz Hohenberg,
Sie haben Recht, da Sie unklare Schleicher abfertigen lassen! Als er gegangen
war, sprach ich mich auf's Entschiedenste gegen die geheimen Gesellschaften aus
...
    Zitterte da die Altenwyl nicht fr unsern geliebten Reubund?
    Wohl! Man kam wieder mit all dem romantischen Geflimmer, dem ich nun- und
nimmermehr das Wort reden werde. Dies Liebugeln mit dem Mittelalter hat den
modernen Staat in seiner monarchischkonservativen Form fast zur Unmglichkeit
discreditirt. Ich lie die Altenwyl, die gutgeschulten Kammerherren, einige
gottselige Prsidenten, die Hofmagier und Zeichendeuter alle reden, was sie
wollten ber diese Nothwendigkeit des Anschlusses gleichgestimmter Gemther und
was sonst fr die Geschichte der Kreuzzge und des Peter von Amiens Brauchbares
vorgebracht wurde, und war zuletzt so frei, den General Voland ber seine
Meinung wegen der Jesuiten zu fragen. Die Knigin, etwas gereizt, warf sogleich
die uerung dazwischen, da der General katholisch wre. Der Knig in seinem
scheuen Zartgefhl, in seiner Befangenheit vor allen extremen Meinungen brach
diese Debatte durch ein Album ab, dessen Bltter er mir vorlegte. Es waren ...
    Doch nicht die Zeichnungen des Gethsemane? fragte Pauline.
    O nein, sagte Egon lachend. Frau von Trompetta ist ja seit ihrer Sammlung
fr die deutsche Flotte so in Ungnade gefallen, da Frau von Altenwyl sie
krzlich schon eine der gefhrlichsten Hochverrtherinnen nannte, die man nur
ihrer frommen Verwandten wegen schonen wrde.
    Pauline mute ber diese Anschuldigung der Frau von Trompetta in Lachen
ausbrechen.
    Nein, fuhr Egon fort, jenes Album war eine Siegel-und Wappensammlung, die
General Voland seit Jahren geordnet hat ...
    Man sieht, da wir im Frieden leben und uns nur zum Schein manchmal auf den
Krieg berufen!
    Ich mag etwas hnliches in meinen Mienen geuert haben; denn mein Interesse
an diesen bunten Malereien war sehr gering. Die Knigin hob viele der in den
Wappen enthaltenen Wahlsprche hervor. Besonders gefielen ihr die
provenzalischen, die General Arnheim gut bersetzen konnte. Ich litt, zu sehen,
welchen Ideen und Beschftigungen man bei Hofe in dieser Zeit nachgeht. Man
betrachtet Siegel und treibt Wappenkunde! Man lt sich erzhlen, wie die Alten
Glas brannten und wodurch besonders das glhende Rubin der gemalten
Fensterscheiben gewonnen wird! Man sammelt Autographen und liest die Schriften
ber innre Mission, die zu Hamburg in der Agentur des rauhen Hauses
erscheinen. Der Knig, gegngelt von den Frauen, hat die Liebhaberei des
Allwissens und schlgt, da seine eignen groen Kenntnisse doch immer noch nicht
ausreichen, die noch grern des Generals Voland auf. Ruhig gibt dieser seine
Antworten, immer positiv, immer wie sich von selbst verstehend. Wir andern
Menschen machen doch zuweilen einen Fehler, wir wissen doch zuweilen auch so gut
wie nichts, allein der General ist unerschtterlich. Er ist ein Orakel und die
Knigin wrde, wenn er behauptete, er zhle wie Graf St.-Germain bereits hundert
Jahre, es unbedingt glauben und diesen Glauben dem Gemahl zu einem
Beichtartikel, zu einer unumstlichen Thatsache machen. Da ich Beweise in
Hnden habe, da General Voland mit Rafflard und einem andern Krypto-Jesuiten
vertrauten Verkehr getrieben, so zitterte ich vor Ungeduld und htte diese
Wappen, diese Siegel, diese Autographen, diese Miniaturen vom Tische
hinunterwerfen mgen, allein ich mute mich beherrschen. Die Rede kam auf die
verschiedenen Formen des heiligen Kreuzes. Die Kenntnisse des Generals waren
unerschpflich. Er beschrieb zu groer Rhrung der Altenwyl die Form des
Kreuzes, wie sie von der heiligen Helena aus Jerusalem zuerst berbracht war. Er
verfolgte die Geschichte dieser Formationen mit der Grndlichkeit eines Cuvier,
der ber die Erdrinde und ihre Revolutionen spricht. Er nahm einen Bleistift und
malte das Kreuz nach allen seinen abend- und morgenlndischen Metamorphosen. Die
Kreuzzge, die Ritterorden, die Klostergeschichte, bei allen brachte er das ecce
signum in andrer Form und erluterte die Symbolik, alle Vernderungen und
Ausschmckungen jener ursprnglichen beiden geschlten Holzstmme, an die ich
von Herzen glaube, mit wahrer Salbung und einer Rhrung fr die Gemeinde, als
wenn es sich um die Leidensgeschichte der Menschheit handelte. Ungeduldig
beschleunigte ich diese Orgelei und sprach pltzlich von dem protestantischen
Johanniterkreuze, das sich in unsern Gegenden fnde, nicht aber in dem alten
Magistratsgebude, nicht in den kleinen Zellen des Rathskellers, deren obere
Wlbungen noch mit dem alten Kreuze geschmckt wren, dessen Enden in dem
Drei-Kleeblatt ausliefen ...
    Pauline fragte erstaunt, was es mit dieser von Egon so scharf
hervorgehobenen Anspielung fr eine Bewandni htte?
    Sie htten des Generals fragenden, starren Blick sehen sollen, fuhr Egon
fort, als ich eine rtlichkeit erwhnte, an welcher er jngst mit Rafflard
Ansichten ber den Weltlauf austauschte, die ich wrtlich vor mir liegen habe!
Sein Auge hob sich. Die groe breite Stirn verlor alle mystischen Runzeln. Der
dnne sprliche Bart auf der Oberlippe schien mir zu zittern. Welch' ein Glck
fr ihn, da die Knigin diese Erwhnung des Rathhauses zur Veranlassung nahm,
auf den Proze der Gebrder Wildungen zu kommen und mir Vorwrfe machte, da ich
diesen Proze vom abgetretenen Ministerium wieder aufgenommen htte -
    Pauline schaltete hier die Bemerkung ein:
    Aufrichtig, Egon! Man ist allgemein darber erstaunt. Man wei, da Ihnen
die Wildungen befreundet sind.
    Egon zuckte die Achseln.
    Ich habe mir, sagte er, vom Justizrath Schlurck, der die Sache der Stadt
fhrt, die Akten dieses Prozesses kommen lassen und kann mich von den
Ansprchen, die Dankmar Wildungen so leidenschaftlich und im unbesonnensten
Eifer geltendmachen will, nicht berzeugen. Noch weniger aber kann ich jetzt, wo
ich auch den protestantischen Kirchenpapst, Propst Gelbsattel, durchschaut habe
-
    Pauline erfuhr von Egon unter dem Siegel der Verschwiegenheit, da
Gelbsattel, Voland und Rafflard in einem Austausch eigenthmlicher Ideen von der
Polizei belauscht worden waren -
    Noch weniger, fuhr Egon fort, kann ich jetzt ruhig zusehen, da diese
oppositionellen Elemente ihre Kraft aus dem Eigenthum des Staates selber
schpfen. Es thut mir leid, Melanie's Vater zum zweiten Male krnken und
verkrzen zu mssen, aber seine Deduktionen fr die Ansprche der Kommune
gengen mir nicht. Die zweite Instanz wird von unserm Staatsanwalte mit Eifer
betrieben und vor der Revision dieses Prozesses beim Obertribunal ist mir dann,
wenn auch diese zweite Instanz zu unsern Gunsten spricht, nicht mehr bange.
    Die Bedienten meldeten, da die Ludmer oben in den Salons bereits empfange
und dringend bte, sie abzulsen ...
    Pauline wnschte aber das Ende der Verhandlung in den kleinen Cirkeln zu
hren ...
    Egon stand auf und sagte:
    Das Ende besteht in der gesteigerten Erkenntni, da ich einen
auerordentlich schweren Stand habe. Auf der einen Seite eine tollkhne
Demokratie, auf der andern Seite eine gefhrliche Romantik, die ohne Thatkraft
ist. Mit meiner nchternen Genfer Doktrin zwischen Beiden stehend, bin ich fast
wie im Traume in die Lage gekommen, einen groen Staat von der Gefahr
atomistischer Auflsung zu retten. Ich habe keinen andern Bundsgenossen, als die
materielle Existenz der Gesellschaft und die gesunde Vernunft der guten Brger.
Jeder, der Demagoge, wie der Monarchist, ist angesteckt von Trumereien, die im
Staate etwas Andres suchen als die Garantie der Ordnung, der guten Sitten und
jener leidvoll-freudvollen Existenz, wie Klrchen in Egmont singt. Ja! Ich bin
auch ein solcher Egmont zwischen den Alba's und den Vansen's unsrer Zeit und
mein Klrchen will ich jetzt in Ihrem Salon suchen. Kommen Sie, verehrte
Freundin, vergeben Sie meine Launen! Eine halbe Stunde unter Ihren Damen und
dann zur Arbeit bis nach Mitternacht!
    Pauline mochte noch nicht folgen. Bewegung einer Art Rhrung, des tiefsten
Interesses und noch eine Menge Fragen hielten sie zurck. Sie erwhnte noch
einmal die Erbschaft, an der Egon's Freunde betheiligt waren und fragte nach
diesen, nach Louis Armand, der von Hohenberg zurckgekehrt wre, nach den
Nachrichten, die er ber Ackermann eingeholt htte ...
    Es sind die gnstigsten, sagte Egon. Ich sprach Louis nur einige Minuten. Er
ist frher gekommen, als ich wnschte. Auch Dankmar Wildungen, mein
Doppelgnger, ist da, in tiefer Trauer. Er hat seine Mutter verloren. So gern
ich ihn schonen wollte, mute ich ihm sagen, da ich gegen seine Interessen
auftreten wrde. Er lchelte mit Bitterkeit. Ich finde diesen Freund gereizt
ber meine politische Entwickelung, von Louis nicht zu reden, den ich sogar
warnen mu, sich von signalisirten Persnlichkeiten fern zu halten. Glauben Sie
mir, Pauline, ich bedarf meiner ganzen gesammelten Kraft, um den Rcksichten
nach allen Seiten hin nicht zu erliegen. Diese Freunde, die ich liebgewann,
weichen in ihren Meinungen von mir ab. Sie verstehen eine Position nicht, die
ihre bestimmten Pflichten hat. Mit einer so nachgiebigen Natur wie Siegbert
Wildungen wrd' ich mich verstndigen. Mit Dankmar, seinem Bruder, nie. Ich bot
ihm eine Stellung in meinem Kabinet. Er hat sie ausgeschlagen und mir
aufrichtig, weil ich ihn um Aufrichtigkeit bat, die Misbilligung meines ganzen
Systems ausgesprochen. Ich habe ihm nur mit einem Seufzer antworten knnen und
ihn vielleicht fr immer entlassen. Louis vollends ist ein Schwrmer. Er mu
nach Frankreich zurck. Die Erinnerungen, die sich an ihn knpfen, hemmen meine
Bahn und Gott ist mein Zeuge, ich will etwas Fruchtbringendes, Festes, Groes,
mag ich nun mit meinem Werke stehen oder selber mit seinen Trmmern fallen.
    Eben hatte Egon diese mit feierlichem Ernst und mit dem ganzen Nachdruck
eines sich selbst vertrauenden starken Willens gesprochenen Worte beendet, als
es drauen an der Thr rauschte, raschelte, klopfte.
    Herein! rief Pauline, die schon merkte, wer die Fledermaus war ...
    Es war Melanie, die muthwillig hereinsprang und mit einer Neckerei den
jungen Frsten begrte.
    Ist es erlaubt, sagte sie, ihre sich bauschenden Kleider hinterwrts
zurckstreifend, die schne Frau von Spitz so lange warten zu lassen, bis
Durchlaucht die Staatsgeschfte in ihren blauen Augen vergessen?
    In braunen Augen nur vergess' ich meine Pflichten, Melanie! erwiderte Egon
und wollte die schlanke Hfte umfassen und das schne Mdchen an sich ziehen.
    Himmel! sagte Melanie. Da fllt ein durchlauchtigstes Haar auf meine
Schulter. Helfen Sie mir es suchen, Geheimrthin! Ich sammle diesen Herbst, um
der Grfin Wachendorf einen geheimen Brochenschmuck daraus flechten zu lassen.
    Melanie! seufzte Egon. Spotten Sie nicht ber einen Menschen, der seit drei
Wochen tglich nur fnf Stunden geschlafen hat!
    Aber nicht Opium nimmt! Hren Sie, Prinz! Man erzhlt Das! Um Gotteswillen
nicht!
    Melanie sprach diese Bitte mit wirklicher Theilnahme und ging auf Egon, dem
sie entflohen war, freundlich zu.
    Wie bemitleid' ich Sie! sagte sie fast traulich zu ihm.
    Wr' ich so jung und schn, wie Sie! warf Pauline dazwischen und hielt ihre
Hand fest, so wrd' ich Mitleiden mit diesen umflorten mden Augenlidern haben
und sie kssen.
    Ein solches Wort konnte nur mglich sein bei einer schon weitgediehenen
Vertraulichkeit.
    Wenn Sie die Augen schlieen wollen! sagte Melanie, berhr' ich sie mit
meinen Handschuhen. Ich hrte immer, das Handschuhleder der Frauen magnetisirt.
    Egon schlo die Augen. Melanie nherte sich leise und hauchte die Lider mit
ihrem Athem an. Egon merkte die Nhe des schnen Mundes. Er wollte Melanie im
trunknen Taumel haschen, aber sie entfloh ihm. Er ergriff seinen Hut um sie zu
verfolgen. So huschten Beide fort und erst auf der Emporstiege nahmen sie einen
gemessenen, vernnftigen Schritt ...
    Pauline aber machte etwas Toilette. Sie gestand sich, da sie ein groes
Glck geno. Ein junger, liebenswrdiger, von aller Welt bewunderter Mann war
ihr seit der Entdeckung, da er nicht den Frsten Waldemar von Hohenberg,
sondern einen Unbekannten, Namens Heinrich Rodewald, zum wahren Vater hatte,
zugethan wie ein Sohn, zuweilen wie ein Gefangener. Sie schlo ihn wirklich in
ihr Herz, das jener enthusiastischen Einseitigkeit, die man nach Rudhard's
Theorie Liebe nennt, im hchsten Grade fhig war. Sie schlo ihn da mit aller
Vorliebe um so inniger ein, als sie, wie wir gesehen haben, fast spielend, wie
im Scherz durch Egon ber die wichtigsten Ereignisse des Staates in Kenntni
gesetzt wurde und sich endlich in jenem Zusammenhange mit ihrer Epoche fhlte,
den sie so lange vergebens erstrebt hatte. Es war ein hoher triumphirender
Stolz, mit dem sie ihre Gemcher verlie, um hinaufzusteigen in ihre wie es
schien heute mehr als je gefllten, jetzt gegen frher sehr vernderten Salons,
die wir diesmal nur vom Standpunkte eines nur mittelbar zu ihnen Eingeladenen
von der Hintertreppe aus belauschen wollen ...
    Ein Theil der Gesellschaft war schon versammelt, als Fritz Hackert, der an
ihn ergangenen Aufforderung gem, sich in dem Hotel der Geheimrthin von Harder
einstellte ...
    Schon hielten einige Wagen vor der Thr. Er erkannte die Livree des Frsten
und einiger andrer vornehmen Besucher, die einstweilen von der Ludmer empfangen
wurden ...
    Als er eine Hintertreppe emporgestiegen und in einen mit Decken belegten und
von Glaskugeln mit milchweiem Lichte erleuchteten Korridor getreten war, gab
man ihm den Bescheid, da er erwartet wrde, sich aber einige Zeit gedulden
msse, bis Madame Ludmer zu sprechen wre. Man wies ihn in derselben Etage, wo
die Gesellschaft sich versammelte, in ein hinteres Zimmer und stellte ihm ein
Wachslicht hin mit dem Ersuchen, sich die Zeit nicht lang werden zu lassen.
    Es kommt berhaupt darauf an, sagte er zu dem Bedienten ziemlich vorwitzig,
ob ich Zeit habe.
    Der Bediente beobachtete den Anzug des khnen Sprechers. Hackert hatte eine
gewhltere Toilette gemacht und einmal an sein struppiges Haar, dem er keine
Sorgfalt widmen mochte, weil er es der Farbe wegen hate, sorgsamlichst die
Brste gebracht. Der schwarze Frack, den er trug, war etwas eng geworden, die
Weste von verschossenem gelben Piqu; sie hatte frher dem Justizrath Schlurck
gehrt, von dem er berhaupt, seiner Stellung zu ihm gem, die abgelegten
Kleider trug. Seine Handschuhe waren von weiem, frischgewaschenem
Baumwollengespinnst. Da es drauen empfindliche Novemberklte gab, so fror ihn
in seinem leichten Staatsanzuge. Glcklicherweise fand sich ein Ofen. Er setzte
sich an die ausstrmende Wrme desselben, gerade einem Spiegel gegenber, in dem
sich wiederfindend Hackert vor sich her brummte:
    Gerade wie ein Junge, der eingesegnet wird und das erste Mal das Abendmahl
nimmt! Wenn die Dame, die mich sprechen will, noch hbsch ist, so frcht' ich,
hlt sie mich meines Hemdkragens wegen fr einen unschuldigen Jngling und wird
roth statt meiner. Wenn ich den Hemdkragen aufstellte! So! Jetzt das schwarze
Tuch breiter gelegt - Ha! Nun hab' ich das Ansehen eines jungen Englnders aus
einer Pension! Hackert, Hackert! Du hltst dich fr schn und die Sorgfalt
deiner Toilette wird sich rchen!
    Es whrte geraume Zeit, ehe die Stille um ihn her durch irgend etwas
Bemerkenswerthes unterbrochen wurde. Er hrte zuweilen einen Wagen rollen,
zuweilen die Hausthr gehen und Etwas die groe Treppe, wie er sagte,
heraufknackern. Im brigen war es still. Die zurckgelegte Gardine zeigte den
Hof und einen Blick in den kahlen, winterlichen Garten. Er sah Remisen, einen
Stall und fand es in der Ordnung, da in dieser Einsamkeit auch einige gewaltige
Hunde klafften.
    Bei Alledem, sagte er sich, bin ich begierig, was man von mir will. Ich
wette, es ist ein silberner Lffel gestohlen worden und die Herrschaft hier
will, da ich mit Klugheit entdecke, welcher von den Bedienten der Thter ist.
Der impertinente Schlingel, der mir hier nichts als ein Wachslicht vorsetzte,
ahnt vielleicht sein Schicksal nicht.
    In diesem Augenblick hrte er nebenan, in einem Zimmer, das gleichfalls nach
dem Hofe hinausging und allerdings hintertreppenartig genug aussah, einige
Worte, die ungefhr so lauteten:
    Wohin, wohin, werthester Herr Justizrath?
    Lassen Sie mich, Beste! Ich kenne diese kleine Retraite -
    Bleiben Sie in dem trkischen Zelt! Spielen Sie, Justizrath?
    Danke! Danke! Ich warte hier, bis Se. Durchlaucht kommen. Ein paar Worte mit
ihm, dann ist mein Geschft abgemacht.
    Wie Sie wollen, Justizrath! Ich schicke Ihnen den Thee hier herein! Aber,
Himmel! Sie sind ein Einsiedler geworden, menschenscheu so zu sagen! Was ist Das
nur?
    Die Stimme, die diese Worte sprach, gehrte irgend einer alten in ihrem
Organe verwahrlosten Frau.
    Sie war krchzend und unmelodisch. Hackert kannte sie nicht. Aber Schlurck's
Stimme war ihm sogleich gegenwrtig. Es erregte ihn nicht wenig, dem Manne
wieder nahe zu sein, den er eine so lange, glckliche Jugendzeit hindurch
gewohnt war wie seinen Vater zu betrachten und der ihn erst dann in berwallung
des Zornes aus dem Hause entfernte, als er sich ihm gegenber rhmte, da eine
Jugendliebe nicht ohne Erwiderung geblieben war.
    Es wurde Alles still nebenan. In den vordern Zimmern, die zur Allee
hinausgingen, merkte man die belebte Gesellschaft, der der Justizrath offenbar
entfliehen wollte. Nebenan nur hustete und rusperte sich zuweilen derselbe
Mann, der nicht ahnen mochte, da ihm sein ehemaliger Pflegesohn, der Schreiber
Fritz Hackert, so nahe war.
    Hackert konnte dem Reize, sich dem Justizrathe bemerkbar zu machen, auf die
Lnge nicht widerstehen. Er fing gleichfalls an zu husten und trllerte leise.
Er glaubte jetzt damit Eindruck machen zu knnen, da man ihn in ein so
vornehmes Haus beschieden hatte und stand, da der Justizrath ganz allein zu sein
schien, mehrmals auf dem Sprunge, zu ihm einzutreten. Nur der Gedanke, da jeden
Augenblick nun doch wol die Dame kommen konnte, die ihn zu sprechen verlangt
hatte, hinderte ihn an der Ausfhrung. Endlich als diese sogenannte Madame
Ludmer in ihrer Rcksichtslosigkeit auch zu weit ging und immer noch nicht kam
und zuletzt gar Kuchen und Wein mit der Bitte schickte, nicht ungeduldig zu
werden, fate er sich ein Herz und entschlo sich, den Justizrath zu berraschen
und wr' es auch nur, da er so thte, als htte er sich in den Zimmern geirrt
und gleich wieder zurckprallte ... Er ffnete die Thr. Ein Lichtstrahl fiel
ihm entgegen aus einem bunten Gemache, das ohne Zweifel jenes obengenannte
trkische Zelt war. Zwischen seinem Zimmer und jenem geffneten Zelte lag noch
ein einfenstriger Verbindungsraum, unerhellt. Ein Sopha stand hier gegen die
Wand so gestellt, da Hackert den darauf Sitzenden zwar bemerken, aber auch thun
konnte, als sh' er ihn nicht, whrend er selbst halb unbemerkt blieb.
    Schlurck blieb ruhig sitzen. Er glaubte, ein Bedienter she nach dem
trkischen Zelte und lie Hackerten ruhig gewhren, der auf den Zehen nach vorne
schlich und dem lauten Gesprch der vorderen Sle folgen zu wollen schien. Ein
Seitenblick zeigte ihm Schlurck's Perrcke, seine goldne Brille, seinen blauen
Frack mit den gelben Knpfen. Hackert ging so weit vorwrts, da er schon im
trkischen Zelte stand und sich grell genug in der Beleuchtung desselben, von
dem kleinen Zimmer aus gesehen, abschnitt. Nun richtete Schlurck doch den Kopf
empor, erkannte Hackert und von dem Gedanken ergriffen, der bse Dmon wage sich
in diese Zimmer, um Melanie zu beunruhigen, sprang er auf, war mit zwei
Schritten in dem trkischen Zelte, fate Hackerten am Arm und ri ihn gewaltsam
zurck.
    Gemach, Herr Justizrath! rief Hackert. Was unterstehen Sie sich?
    Was soll Das hier? Hackert! Welche Dreistigkeit!
    Nun, nun - ereifern Sie sich nicht, Herr Justizrath ... str' ich Sie in
Ihren Betrachtungen?
    Was soll Das? Wie kommen Sie hieher, Hackert? Entfernen Sie sich!
Augenblicklich!
    Hackert lachte hhnisch und sagte dem Justizrath, da ihn hieher eine
Einladung beschieden htte und er nachgrade gestehen msse, da ihm die Zeit
lang wrde.
    Da er sich bei dieser Erluterung zurckzog und Miene machte, wieder in sein
Zimmer zurckzutreten, polterte der Justizrath, der gegen keinen Menschen in der
Welt persnlichen Muth hatte, nur gegen Hackert, jetzt aber schon etwas
besnftigt war:
    Eine Einladung? Von wem?
    Von Madame Ludmer!
    So! so! Hackert, hier vorn ist Gesellschaft. Warten Sie da, wo man Ihnen
Platz angewiesen hat.
    Danke fr die Auskunft, Herr Justizrath! Guten Abend, Herr Justizrath!
    Damit wollte der Schreiber hhnisch und die weien Zhne weisend langsam
sich zurckziehen. Still und voll geno er die Wonne, sich hier gezeigt zu
haben. Er zog die Thr nach sich, ohne sie zu schlieen.
    Da sie aufblieb und sich der Justizrath wieder rckwrts an die Wand auf
sein Sopha gesetzt hatte, wie Jemand, dem Gesellschaft zum Ekel ist und der nur
auf eine Veranlassung wartet, nach irgend einem vollzogenen Geschfte sich zu
entfernen, trat eine unheimliche Pause ein. Hackert regte sich nicht. Schlurck
sttzte den Kopf auf und durchbohrte mit den Augen seine Brillenglser.
    Das kleine Zimmer war nicht sehr erwrmt. Schlurck mute niesen.
    Helf Gott! rief Hackert nebenan von dem Ofen aus, wo er sich wrmte.
    Schlurck blieb das Danke! schuldig, stand aber nach einer Weile auf und kam
in Hackert's Wartezimmer.
    Wie geht es Ihnen denn, Hackert? begann er jetzt mit einer Gte, die ihm
eigentlich angeboren war, die er aber meist hinter urer Klte und negativen
philosophischen Maximen versteckte.
    Danke, Herr Justizrath. Sie sehen, ich stehe auf Wartegeld.
    Sie sind ja bei der Polizei eingetreten, fuhr Schlurck in knstlich barschem
Tone fort.
    Steht Das im Amtsblatt? fragte Hackert.
    Ich hab' es von Pax. Der Oberkommissr ist unser bester Polizist. Es macht
ihm Ehre, da er sich fhige Menschen aussucht und jungen anschlgigen Kpfen
den Vorzug gibt.
    Danke! sagte Hackert mit einer kalten trocknen Malice.
    Sie hren nicht gern, Hackert, da Sie bei der Polizei sind. Es geht Jedem
so. Anfangs hat man Gewissensskrupel. Spter treten die Erfolge ein, die sich
belohnen und der Wetteifer mit den Kollegen thut das brige. Man gewinnt in
solchen Fllen selbst sein Elend lieb.
    Gelecktes Blut macht wilder ...
    Pax benutzt Sie zu geheimen Auftrgen. Auf solchem Wege kann man jetzt
Carriere machen, aber stellen Sie Ihre Bedingungen ja immer vor den Coups, die
Sie ausfhren, nie nachher! Hren Sie! Auch mu man Grundstze haben -
    Den Grundsatz, keine zu haben.
    Das ist Dasselbe, Hackert! Ich prophezeie Ihnen eine glnzende Laufbahn,
wenn Sie sich an Pax anschmiegen, nie mehr anerkannt wissen wollen, als was Sie
zu seiner Zufriedenheit ausfhren und berhaupt sich mit Verstand unterordnen.
Bei diesen Menschen, die selbst wieder einem Hheren dienen, mu man nur nicht
verrathen, da man sie in Hnden hat oder da sie mit Dingen prahlen, die
eigentlich den Subalternen gelungen sind. Sie haben sich lange von Bartusch kein
Geld geholt. Bekommen Sie einen bestimmten Gehalt, Hackert?
    Hackert nickte.
    Kann man fragen, wieviel?
    Zweihundert Thaler fix und fr's brige Gratificationen.
    Prisengelder so zu sagen! fiel Schlurck lachend ein und fuhr dann mit der
Behaglichkeit, die er immer fhlte, wenn er sah, da es jedem Menschen in der
Welt leidlich gut und flott ging, fort:
    Hackert, da gratulir' ich! Ihre Anschlgigkeit wird Ihnen den Weg bahnen.
Sie haben bei mir etwas gelernt und wenn Sie auch nichts mit auf die Welt
bekamen, als ein paar Windeln in dem Korb, mit dem Sie vor's Waisenhaus gestellt
wurden, Witz und Raffinement hat Ihnen die gtigere Mutter Natur geschenkt.
    Wenigstens hab' ich ihr auch schon manches Lehrgeld dafr zahlen mssen!
antwortete Hackert bitter.
    Sind Sie immer wohl? Gesund, Hackert?
    Hackert schlug bei dieser Ablenkung die Augen nieder.
    Kein Rckfall mehr in das alte bel?
    Hackert schwieg. Jedem Andern wrde er mit einer Insolenz geantwortet haben.
Schlurck's im Grunde weichliches Gemth aber kannte er und fhlte die Theilnahme
aus der barschen und uerlich feindseligen strengen Art, mit der der Justizrath
ihn examinirte, hinlnglich heraus. So antwortete er ihm denn auch nach einigem
Besinnen:
    Manchmal find' ich meinen Stubenschlssel anderwrts, als wo ich ihn des
Abends hingelegt habe. Das ist Alles, was ich von dem Zustand jetzt grade wei.
    Sie wohnen bei einem Barbier, Namens Zipfel?
    Sollt' ich einmal Unglck haben, so ist Verband in der Nhe ...
    Schlurck fing von seinen Untersttzungen, von Hakkert's Stolz, von Bartusch
an ...
    Gestern besuchte er die Frau Gerichtsdienerin Spie im Rathhause. Er geht
recht klapperbeinig. Was ist ihm nur?
    Schlurck meinte geheimnivoll lchelnd, das kme davon, da er Geister
gesehen htte ...
    Hat Bartusch Geister gesehen? fragte Hackert.
    Ich erlebe, da er noch fromm wird! fuhr Schlurck kopfschttelnd und frivol
fort. Zur Spie geht er vielleicht, um zu beten ...
    Hackert lachte und stellte die Vermuthung auf, da Bartusch sich manchmal
der Gefahr aussetze, von Treppen zu fallen, mit Wassergeschirren begossen zu
werden und hnliches Unglck zu erleben. Auch Schlurck lachte nun herzlicher.
Beide aneinandergewhnte Menschen fanden sich durch Frivolitt wieder.
Sinnenmenschen geht's nicht anders. Sie finden sich nicht, wenn sie die
Feierkleider der Seele anziehen, immer aber, wenn sie sich im Neglige
belauschen.
    Hackert, sagte Schlurck und kam ihm zutraulicher entgegen; ich habe Sie
manchmal recht nthig -
    Warum dutzen Sie mich denn nicht mehr, Herr Justizrath? Sie wissen doch -
    Ich wei, da ich dich immer gern gehabt habe, Junge, und ein solches Ende
unsrer Freundschaft nicht voraussah. Seit du aus dem Hause bist -
    Herr Justizrath, Sie sehen recht traurig aus ...
    In der That zitterte Schlurck's Stimme und seine Brillenglser liefen vom
umflorten Auge an. Er mute die Glser abnehmen. Hackert'chen, ich bin der Alte
nicht mehr, sagte er, die Glser mit seinem ostindischen Taschentuche putzend,
ich habe zuviel auf Einmal erfahren mssen. Es ist doch wohl, da ich mich in
diese Zeit nicht recht schicken kann ...
    Alle Geschfte gehen schlecht ...
    Das wollte weniger sagen, Kind, obgleich auch - der Trieb, Neues zu
beginnen, gehrt nur der Jugend. Unser Flei im Alter ist an die einmal
gezogenen Gleise gebunden. Ach, und die Welt ist so verkehrt, die Menschen
rennen so toll an Einem vorber, es ist kein Frieden, keine Gemthlichkeit mehr
in den Auffassungen! Drommeldey ist der einzige Philosoph, der noch brig
geblieben ist von der alten Zeit und auch Der fngt an, von Systemen und einem
fertigen Glauben zu reden ...
    Sie wollten ja immer nach Kissingen, Herr Justizrath -
    Unterleib meinst du? Hypochondrie? Kissingen-ja, ja! Bist doch ein guter
Junge!
    Die Verdauung ...
    Nicht die Verdauung! Ich bin nicht krank, ich verdaue! Nur and're Freude
hab' ich nicht mehr viel. Die Menschen sind so verteufelt ernst geworden, so
albernklug, so dummgescheut, so vielseitigeinseitig und die Frauen, wo ist noch
eine Frau, die lachen, scherzen kann, die Humor hat, die ber dumme Dinge
wegsieht und alle klugen versteht?
    Melanie!
    Meinst du? Ich glaube fast, meine Melanie ist die letzte, die das Leben zu
verschnern wei. Ach Hackert, wenn wir frher zusammensaen, die
Rittergutsbesitzer kamen, brachten Capitalien, die Bauern hatten Prozesse, da
gab's Mndel mit groen vormundschaftlichen Depositen, es war eine andre Zeit.
Man arbeitete mit Lust, man spritzte die Feder aus und ging dann zu einem
Freunde, um zu diniren, Anekdoten zu hren, etwas Musik, etwas Frauenanmuth zu
genieen. Man lachte, man sprach von einem alten boshaften Schriftsteller. Man
kte den Damen die Hnde, flsterte ihnen eine Huldigung in's Ohr, hrte dafr
wieder die Beichte der schnen Snderinnen ... freilich, Hackert, man war jnger
...
    Ich denke aber, Herr Justizrath, Sie wollten nie alt werden?
    Wollt' ich Das? Das war Prahlerei, den rzten gegenber. Drommeldey vergriff
sich manchmal in seiner Apotheke. Er kam eben von einer hysterischen Dame und
hatte mit der ber den Nerventher gesprochen, und zerstreut wie er ist, kam er
dann bei mir auch mit dem Nerventher. Da hab' ich so manchmal eine krft'ge
Renommage dazwischen geworfen und von noch feineren Dingen als den Nerven
geprahlt, vom freien menschlichen Willen, stolz sich hebend in der Atmosphre
von Sauerkraut und Pkelfleisch ...
    Es werden wieder bere Zeiten kommen, die Sie aufheitern, Herr Justizrath -
    Meinst du, Junge? Leichte, frhliche Menschen, gesunde Zeiten? Glaub's
nicht, Kind - du denkst, Pax und seine Genossen knnten die Unruhe ausfegen wie
alten Sauerteig? Unserm Jahrhundert ist gar nicht mehr beizukommen und wenn Ihr
noch so viel Demokraten einsteckt! Die Freude, die Lust ist gewichen, die Poesie
des Lebens ist hin! Eine schne Phrase! Himmel, was hab' ich frher an einer
schnen Phrase geschlrft! Wie Melonensaft flo mir Das um den Mund, wenn ich so
ein Kapitel von Rochefoucauld oder Chesterfield las ... Du kennst die kleinen
Bcher, die ich zuweilen zwischen der Mehlspeise und dem Fisch von dir aus
meiner Bibliothek holen lie, um meinen Gsten einen Satz aus der ...
    Philosophie der Bagatelle, wie Sie's nannten -
    Philosophie der Bagatelle! Nannt' ich's so? Sieh, ich bin selbst Schuld
daran, da du uns Allen ber den Kopf gewachsen bist. Wenn ich ernst sein wollte
und fragte mich:
    Wer hat die Verantwortung fr Alles, was den Frieden unsres Hauses, unsre
Freundschaft strte -
    Lassen Sie Das doch, Herr Justizrath!
    Wie liebt' ich dich, Fritz! Wie schmiegsam, gewandt warst du! Welche
Handschrift! Welche Auffassung, wenn ich dir einen Brief zu schreiben berlie!
    Ich nahm alle Menschen fr schlecht. Da hatt' ich's kurz.
    Ja, ich, ich lehrte dich auch diesen Cynismus. Bist ein Cyniker, Junge! Eine
respektable Philosophie des Alterthums! Suchst nichts im ueren! Du hattest,
was Du begehrtest. Wie frhlich ging es bei uns her! Wir haben noch Champagner,
Fritz. Er schmeckt uns aber nicht mehr. Bartusch grmelt, meine Frau grmelt,
Melanie grmelt, Alle mchten gern des Teufels und fromm werden und knnen's
doch nicht - der Durchbruch fehlt! Du mein Himmel, wenn der Unsinn des
Jahrhunderts und die langweilige Ernsthaftigkeit unsrer Epoche sich auch in
meine alte Komthurei einschliche -
    Oder Sie gar die Komthurei verlassen mten?
    Meinst du? Auch dieser Proze ist mit an meiner Verstimmung Schuld. Mit dem
Schrein in Hohenberg fing das Trauerspiel an. Nicht, da ich frchtete, den
Proze zu verlieren. Nein, auch die zweite Instanz spricht fr die Kommune und
das Recht des Besitzes. Aber es sind dabei Dinge vorgekommen, die mich
aufgeregt, erschttert haben, Dinge, wo ich mit mir selbst in Widerspruch
gerieth und zuweilen nasse Augen hatte. Es ist nicht gut, weich zu werden.
    Sie weinen doch sonst manchmal recht gern, Herr Justizrath!
    Das ist's eben! sagte Schlurck lchelnd, fast wehmthig. Es kommt jetzt zu
oft. Du weit, wie ich mich gegen Rhrungen strube. Diese Rhrungen sind die
eigentlichen heimlichen Kalendermacher; Rhrungen, mein Sohn, sind die
Leichentcher, an denen man so ganz sanft und ruhig allmlig unsern Sarg in die
Grube lt! Rhrungen weichen den ganzen Menschen auf, als wr' er von Lehm
gebacken und der Frhling kme so ber Einen und versetzte uns sanft und lind in
einen auseinandergehenden dnnen Brei, den man das himmlische Leben nennt. Sonst
wurde bei uns gelacht, gescherzt - jetzt -
    Wo Sie Schwiegervater einer Durchlaucht werden knnen -
    Schwiegervater einer -
    Besser konnten Sie sich doch dafr nicht revanchiren, da Ihnen die
Administration genommen wurde ...
    Der Justizrath besann sich. Er fhlte sogleich, wie dreist und vorlaut diese
Worte waren. Es fiel ihm pltzlich ein, da im Grunde doch Hackert an Allem
Schuld war, was ihn jetzt drckte. Er hatte Lasally, den Verlobten seiner
Tochter, mit einem Darlehn von zehntausend Thalern entschdigen mssen, das
gewissermaen  fond perdu geradezu gesagt als Abfindungssumme gegeben war. Er
hatte diese Summe nur mit groer Mhe in der jetzigen schwierigen Geldklemme
aufgetrieben. Er sah ein Verhltni zwischen Melanie und dem Frsten Egon
entstehen, das ihm weit weniger willkommen war, als wenn etwa Melanie und
Dankmar Wildungen sich vereinigt htten, wie ihm damals vorschwebte, als sein
Verstand, sein juristischer Scharfsinn, seine ungemeine Rechtsgewandtheit noch
nicht dem bekannten Prozesse die Wendung gegeben hatte, die der Kommune gnstig
war. Er hatte Mglichkeiten gesehen, Dankmar Wildungen gewinnen zu lassen. Er
hatte Melanie's Liebe zu Dankmar wohl errathen, wohl erwogen, welche Zukunft er
sich und ihnen zaubern knnte. Dankmar hatte aber Melanie verschmht, sich fr
immer ihr entfremdet, sie nur als eine vorbergehende Episode seines Lebens
betrachtet. Vermgen war dem Justizrath lieber als jeder Titel. Was lag ihm an
dem armen Prinzen Egon, den er gleich bei seinem ersten politischen Auftreten
fr einen Narren und Phantasten erklrte! Konnte er mehr erwarten, als da
Melanie zuletzt, wie dies in solchen Fllen zu geschehen pflegt, schwach genug
sein wrde, auch nur mit einer Liaison zwischen ihr und dem Frsten sich
zufrieden zu geben! Sein Scharfblick ahnte diesen Ausgang, der ihn bekmmerte,
sogar der Moral wegen. Seine Melanie eine Frstenmaitresse! Er schauderte. Und
nun dieser abenteuerliche, verschuldete, arme Egon! Er wute, da seine Gter
nur noch geringen Werth hatten, da sie einem Projektenmacher, fr den er
Ackermann hielt, berlassen waren; er wute, da Egon, in pltzlicher
aristokratischer Anwandlung, neue Schulden, ganz wie sein Vater gemacht hatte.
Er wute, wie tiefer sich mit dem Bankier von Reichmeyer eingelassen. Was blhte
da seiner ehrgeizigen Tochter? Von der strengen puritanischen Natur Egon's, der
im Stande war, Melanie wirklich zu heirathen, hatte er keinen Begriff. Ein
junger offenbar im Banne der Phantasie und der Sinne stehender Frst schien ihm
unmglich die Anwandlungen einer stoischen Selbstkasteiung haben zu knnen, von
denen wir wissen, da sie Egon wirklich besa. Egon und Schlurck waren zwei
diametral entgegengesetzte Charaktere, beide voll Phantasie, beide den Frauen
ergeben und beide doch so vllig anders, wie Sd und Nord, wie Flamme und
Eisblume.
    Der Justizrath fuhr sich ber die Stirn, die sich ihm pltzlich runzelte.
Hackert's Dreistigkeit, ihn an diese Mglichkeiten und Familienverhltnisse zu
erinnern, war ihm peinlich. Er wollte sich anfangs rasch entfernen und brach
auch das Gesprch ab, indem er vorschtzte, zur Gesellschaft zu mssen. Dennoch
blieb er in der Thr stehen und wandte sich noch einmal mit den Worten zurck:
    Wirst doch nicht glauben, Hackert, da Charlotte Ludmer, die dich
herbestellt hat, eine hbsche junge Kammerzofe ist? Du Teufelskerl! Warum luft
nur bei dir Alles auf die Weiber hinaus?
    Ich denke mir, es ist der alte Drache, der mit Ihnen vorhin sprach.
    So hast du von der Kehle doch auf die Visage geschlossen? Ich denke mir
immer, da die alten Hexen, die Fausten in Griechenland begegnet sind, wohin ihn
mein gttlicher Goethe reisen lt, so aussahen wie diese Ludmer, und im
Vertrauen gesagt, ihre Gebieterin, die Geheimrthin, geht auch schon stark in
das Geschlecht der einugigen Phorkystchter ber. Ich bin nicht neugierig. Was
will die Alte von dir?
    Soll ich erst hren.
    Willst du wissen, was es sein wird?
    Ein gestohlner Lffel, den ich bei den Pfandleihern aufsuchen soll.
    Glaub' ich nicht. Hier im Hause wei man die geheime Polizei besser zu
schtzen. Ich denke, die Alte wird die Frage an dich richten, ob es im alten
Rathsarchive hier wirklich Gespenster gibt?
    Gespenster? fragte Hackert erstaunt und fhlte sich so sonderbar getroffen,
da er Schlurck gro ansah.
    Ja, ja! sagte Schlurck, ohne Hackert's Befremden besonders zu bemerken.
Diese Menschen sind prosaisch. Sie erfahren von Geistern und rufen nicht den
Pfarrer, sondern gleich die Polizei.
    Aber ich verstehe nicht -
    Die Alte hatte mir einen Auftrag gegeben, in den von unserm Stadtarchive
aufbewahrten Kirchenregistern einer kleinen zu unserm Weichbilde gehrenden
Ortschaft irgend ein Dokument, zu irgend einem namenlosen Zwecke, zu suchen. Ich
bertrug diese Aufgabe, mit der einige delikate Rcksichten verbunden waren, dem
im Suchen und Spioniren kundigen alten Maulwurfe -
    Bartusch! ergnzte Hackert gespannt.
    Bartusch besucht den genannten Ort, findet den rechten Schrank, das rechte
Papier und behauptet, eine Geisterhand htte es ihm fortgerissen -
    Das rechte Papier? fragte Hackert.
    Ja, so zu sagen, ein alter verfallener Pfandzettel! Genug, es spukt im
Archiv und ich wette, die Alte ist ein Rationalist, wie alle Snder, ehe sie auf
dem Todbett liegen. Sie wird wissen wollen, ob die Polizei an Archivgespenster
glaubt.
    Da im Rathskeller Geister sind, lernt' ich schon frh an den Weinfssern
des alten Kellermeisters kennen -
    Wie so?
    Wissen Sie nicht mehr, als ich so klein war -
    Junge, rhr' mich nicht! Ich wei, du willst mich daran erinnern, da ich
dich oft mit in den Rathskeller nahm, wenn die Sitzungen des hochedlen
Magistrates zu trocken wurden. Hackert, ich wnschte, ich htte dir als kleinem
Anfnger von acht Jahren mehr Prgel und weniger Niernsteiner zu kosten gegeben.
Ich habe den Pestalozzi immer so affektirt und die Natur wirklich immer im
Natrlichen gefunden. Aber thu' mir den Gefallen, gib der Alten nicht nach und
sag' ihr etwa, im Archiv hausten zuweilen Ratten und Diebe. Sag' ihr, es gbe
Geister! Hrst du! Diese Menschen sollen und mssen an Geister glauben. Ich
selbst glaube dran.
    Das ist ja etwas ganz Neues, Herr Justizrath, sagte Hackert, dem die
Bartuschen entrissene Urkunde ber den Taufakt des Paul Zeck pltzlich an
Bedeutung gewann. Seit wann glauben Sie denn an Geister?
    Seitdem meine Frau nicht mehr in unserm guten Leitwasser, sondern im Jordan
baden will, Hackert. Etwas mu der Mensch haben, an das er sich hlt und das
auer ihm liegt. Mgen sie in die Kirchen rennen die alten Snder und falsche
Gesangbuchverse singen: Nr. 814, wenn der Kster und die Orgel Nr. 514 meint!
Mgen sie zu Jesu halten, den ich herzlich lieb habe, weil er so tolerant war.
Ich will auch etwas ber mir anerkennen: Ratten, Muse, Geister, was man will.
Und mit den Geistern hat es etwas auf sich. Voltaire htte nur noch ein Jahr
lnger leben sollen und ich wette, er htte nicht nur an die Ratten von Ferney,
sondern auch an Gespenster geglaubt. Alle groen Mnner nehmen Geister an. Also
...
    Hackert wute nicht, ob der Justizrath im Ernst oder Scherz sprach. So
durcheinander pflegte er bei Tisch zu plaudern.
    Nicht wahr, mein Ende ist nahe, Fritz? sagte der Epikurer. Ich werde
glubig, aber es mu pikant, neu, schauerlich sein, was ich glaube. Ich schliee
jetzt fters mein Schrnkchen, auf das du immer so neugierig warst, auf, binde
mein Schurzfell fters um, als sonst und bin ein fleiiger Maurer. Wir haben
zwei Sekten in der Maurerei, eine vernunftaufgeklrte und eine mystische. Ich
habe mich an die mystische, an die dunkle angeschlossen ... Ja, ja, lach' du
nur! Ich hab' in meinen jungen Tagen auch gelacht, wenn ich las, da Epikurer
in ihren alten die Beichtvter riefen und die Zauberer. Die Beichtvter mgen zu
Madame Schlurck gehen. Ich mchte Zauberer rufen, Schatzgrber,
Todtenbeschwrer. Wenn ich nicht noch gar Jesuit werde! Wrst du klug, Hackert,
sagt' ich dir ein paar Jesuiten, die gut zahlen ...
    Ich kenne zwei ... Propst Gelbsattel und General Voland von der Hahnenfeder.
    Junge, bist du toll? Das wit Ihr schon auf der geheimen Polizei? Ihr seid
doch mit dem Teufel im Bunde! Aber verurtheile die Leute nicht nach dem gemeinen
Standpunkte eines Oberkommissrs, Hackert! Jesuiten, mein Sohn, sind die
einzigen praktischen Menschen der Jetztzeit. Du hast Verstand, Umsicht, du
kannst Carriere machen. Affiliire dich! Sie brauchen Krfte, Intelligenz und
Niemand ist ihnen willkommner, als wer zugleich im Dienste dieses dummen
Zwangsstaates steht, dem sie seit drei Jahrhunderten Feindschaft geschworen
haben. Denke nicht, da ich ein Jesuit geworden bin. Aber werde bei Zeiten
katholisch, mein Sohn! Nur das Aparte kann einen Mann von Verstand befriedigen
und wr' es auch die Glorie des Unverstandes! Mit den Beinen oben, Kopf unten!
Warum nicht? Nur nicht wie die Schuster und Schneider! Nur nicht wie die dummen
Gelehrten, die Staatsmnner, die ehrlichen Leute, die tugendhaften Weiber! Nur
nicht die Sonne Sonne nennen! Ich bitte dich, Hackert, wenn die Alte von der
Polizei spricht, sprich ihr von Geistern. Lat uns die Furcht und die Gespenster
leben! Das ist noch die letzte Poesie, die uns brig bleibt und der Tod ist
frchterlich. Guten Abend, Hackert'chen! Halt dich brav! Guten Abend!
    Hackerten war es doch wirblich geworden bei diesem tollen Humor des
Justizrathes, der pltzlich wieder seine ganze alte mephistophelische Frbung
bekommen hatte. So kannte er ihn. So sa der Justizrath sonst beim Champagner
bis in die Nacht und warf die lustigsten Raketen bunt durch alle Weise und
Philosophen und Sptter, die mit ihm zechten! Wenn ein geistreicher Mann sich
ausspannt aus der gewhnlichen Maschine des Denkens, dem gewhnlichen Karren der
gesunden Vernunft, so kommen wunderliche Sprnge zum Vorschein. Schlurck
polterte Alles durcheinander, war an demselben Abend katholisch, dann ein
Botokude, dann wieder Grieche und ebenso rasch streitschtiger,
verstandesscharfer Calvinist. In der Politik ohnehin fand er jede Partei gut
oder dumm, je nach Laune oder innerer Regung. Hackert hatte sich eigentlich nach
dieser Alles ironisirenden Art seines Pflegevaters gebildet, hrte ihm mit Lust
zu und sah ihn nun ungern zur Gesellschaft zurckkehren.
    Noch einmal wandte sich der Justizrath nach ihm um und sagte zu einem
Menschen, der ihm schon viel Kummer bereitet hatte und der ihm dennoch lieb war:
    Fritz! Ich habe immer gedacht, ich kme doch noch dahinter, welchem
leichtsinnigen vornehmen Patron du dein Leben verdankst und wer die Rabenmutter
ist, die dich in einem Waschkorbe vor das Waisenhaus stellte!
    Sie wissen gewi lngst, antwortete Hackert, da es ein Schneider vom Hofe
war, der grade rothe Livreen nhte, in denen sich meine Mutter versah und sie
mir an die Haare hexen lie ...
    Nein, nein -
    Sie wollen mir nur aus Schonung verschweigen, da meine Sucht bei
nachtschlafender Zeit herumzutappen wie ein Wachender, von einer armen
bettelnden Frau kommt, die des Nachts fr die Reinlichkeit -
    Nichts da! Nichts da, Junge! Du stammst von einem hohen Hause -
    Wo drei Balken einsam stehen, auf dem Rad die Raben krhen -
    Was? Wo?
    Von da her, wo kein Gras im Grnen wchst und die drei Pferde, die ich
umbrachte, in klappernden Knochengersten wiehern: Hackert's Vater handelte mit
rothen Hhnen!
    Ah bah! Dummes Zeug! Hackert, wenn du einmal sicher bist, da grade meine
Leute in der Kirche sind, Sonntags, wenn Gelbsattel predigt oder du sonst
glaubst, da du mich allein triffst, komm' zu mir! Ich mu dir noch das Bettzeug
geben, in dem du im bewuten Korbe lagst und ein Stck von einem zerbrochnen
goldnen Ring, auf dem ein Buchstabe eingegraben war -
    Z. nicht wahr? Hinter'm Z. steckt nichts, Herr Justizrath!
    Z. sagte Schlurck erstaunt. Nicht Z. mein Junge! Wenn es wirklich Z. wre?
    Warum nicht Z.? fragte Hackert.
    Ein R. ist es und ich wette, vor dem R. stand ein v., als wrst du
    Von Adel sogar? Justizrath, gute Nacht! Sie wollen mich um drei Thaler
bringen, die ich heute aus Cavaliervergngen noch springen lasse oder Sie
erleben, da ich Ihnen jetzt vor Hochmuth vorn in die Gesellschaft folge -
    Schlurck nahm den Scherz fr mglichen Ernst und erschrak.
    Bei Leibe nicht! Gute Nacht, Junge! Brauchst du Geld, sag' mir's. Und
endlich! Einen Sonntag Morgen, wenn sie in der Johanniskirche am Bret Gesangbuch
Nr. 514 singen sollen und die alten Weiber, die trbe Brillen haben, Nr. 814
singen und es doch geht, doch zusammenklingt zu Gottes Herrlichkeit - dann komm'
zu mir, Junge, und la dir den halben Ring zeigen. Z. nicht. Ich glaube v.R. Ein
V. gewi! Verla dich drauf!
    Damit mute sich Schlurck entfernen. Denn eben schlug man auf dem Vorplatz
eine Thr zu und deutlich hrte man, da Jemand nebenan in's Wartezimmer kam.
Zugleich hrte man vom trkischen Zelt den Frauenruf: Justizrath! Hier sind Se.
Durchlaucht! Justizrath, wo stecken Sie denn? Es war die Geheimrthin. Im Nu war
die Thr, die zum Zelte fhrte, geschlossen und zu gleicher Zeit trat die Ludmer
ein, auf die in der That die vom Justizrath citirten Worte seines
Lieblingsdichters Wolfgang Goethe paten:

Welche von Phorkys' Tchtern bist du?
Denn ich vergleiche dich diesem Geschlechte!
Bist du vielleicht der graugebornen
Eines Auges und eines Zahnes
Wechselsweis theilhaftigen
Grajen Eine gekommen?

Die Alte, geschmackvoll gekleidet, lie sich erschpft auf einen Sessel nieder
und bat um Entschuldigung wegen ihres langen Ausbleibens. Sie begann dem
geheimen Polizeiagenten Hackert, dem Schutzbefohlnen des so anerkannt gewandten
Polizeioberkommissrs Pax, ihres zufllig abwesenden Neffen, jetzt ein
geheimes dringendes Anliegen vorzutragen.

                                Sechstes Capitel



                                 Geisterfurcht

Herr Pax, fing Charlotte Ludmer mit schmunzelnder Freundlichkeit an, Herr Pax
ist verreist -
    Ihr Herr Neveu - In Amtsgeschften, antwortete Hackert, die Alte musternd
...
    Und wird bald zurckkehren?
    Unbestimmt, Madame ...
    Vortrefflicher Staatsdiener, Pax! Ja, mein Neveu -
    Hat glcklichen Griff -
    Die Alte lachte ber den humoristischen Agenten. So liebte sie die Menschen.
Nur lustig, lustig! Sie liebte den Spa, fast ebenso sehr wie den Schnupftaback.
Ihre Dose fuhr aus dem Rockschlitz hin und her. Sie nahm eben eine Prise ...
    Pax, fuhr sie fort, hat fr die Zeit seiner Abwesenheit mir gerathen,
etwaige Auftrge Ihnen zu ertheilen, Herr Hackert -
    Schmeichelhaftes Vertrauen -
    Ich vermuthe daher, da Sie ber die Angelegenheit unterrichtet sind, die
mich mit meinem Neveu -
    Hackert dachte an die vom Justizrath gegebenen Andeutungen ber den
entwendeten und im Auftrage der Ludmer gesuchten Taufschein des Paul Zeck - er
glaubte daher mit einiger Bestimmtheit, um die alte Dame sicherer zu machen, mit
Ja! antworten zu drfen:
    Ich meine in der bewuten Angelegenheit - wiederholte die Ludmer.
    Vollkommen! sagte Hackert mit der ihm eigenen Dreistigkeit.
    Man hat diesen zweideutigen Mann eingebracht, einer der dazu verwandten
Gerichtsdiener, Herr Kmmerlein war bereits - Aber haben Sie denn nicht
getrunken? Bischof: nach einem Recept von mir selbst. Bischof! Trinken Sie doch!
    Bitte - Ihr Auftrag, Madame!
    Es ist wahr, ich nahm Ihre Geduld schon zu lange in Anspruch. Also, mein
Bester, von diesem Kmmerlein erfuhr ich denn vorlufig Alles, was sich bei
seiner Verhaftnahme am Hohenberg zutrug -
    Hackert, sich schnell orientirend, verstand jetzt, da nicht von Paul Zeck,
sondern von jenem Manne mit der schwarzen Augenbinde die Rede war ...
    Er ist eingebracht, der falsche Englnder - sagte er forschend.
    Auf unsre Veranstaltung! Ich wei, da dieser zweideutige Mann erst mit
einem jungen vom Frsten Egon protegirten Handwerker sich auf dem Schlosse
verborgen hielt, dann mit einem blinden Schmied, Namens Zeck -
    Hackert staunte, da nun doch Zeck genannt wurde. Doch milderte er sein
Befremden.
    Zeck oder hnlich! Genug, ich wei, da jener Murray mit Louis Armand von
der Schmiede mit dem blinden Zeck an das Forsthaus ging, dort mit der alten
Haushlterin des Jgers Heunisch, Ursula Marzahn, der Schwester des Blinden, in
Wortwechsel gerieth und den blinden Bruder tdtlich verwundete -
    Mit einem Messer - ergnzte Hackert, als wte er Alles.
    Mit einem Pistol -
    Die kleinen Details sind unerheblich; verbesserte sich Hackert. Es wird eine
sehr scharfe Untersuchung geben - die Macht der Gesetze ist zurckgekehrt.
    Hm! Hm! sagte die Alte und nahm eine Prise. Untersuchung? Hm - hm -
    Dies Wort war Das, woran sie Ansto nahm. Der Reubundsausdruck: die
rckkehrende Macht der Gesetze, sonst ihr so gelufig, schien der Alten nicht
angenehm.
    Wohl! sagte sie, gewisser Zeitungsartikel sich entsinnend. Es ist ein Trost,
endlich wieder die Richter in ihren Funktionen zu wissen; allein betrbend
bleibt es doch immer, wenn bei solchen Vorfllen Familienangelegenheiten zur
Sprache kommen sollten, von denen man wnschen mchte, da sie geschont bleiben
-
    Der Oberkommissr ist in dieser Hinsicht von einer allgemein anerkannten
Diskretion ... Die Zeck's knnen ...
    Bitte!
    Hackert tastete etwas zu khn in seinen luftigen Voraussetzungen herum.
    Ich bin erst seit Kurzem im Vertrauen des Oberkommissrs - sagte er, sich
verbessernd.
    Kennen Sie die Fortunablle, die man hier in der Nhe der Willing'schen
Maschinenfabrik gibt? begann die Alte forschend.
    Hackert nickte.
    Dort wurde jener Murray zuerst festgenommen. Er war einer der letzten
Schwrmer auf jenen unsittlichen Bllen und fhrte eine Person am Arm, der er
kurz vorher mehrere Tage lang Geschenke ber Geschenke gemacht haben sollte -
    Hackert hrte fast nur halb hin. Die Erinnerung an Die, die auf den
Fortunabllen die Letzten sind, berfiel ihn dster.
    Jenes Mdchen ist eine Verwandte zu mir - fuhr die Alte fort - eine Auguste
Ludmer -
    Sie war schn, liebte die Musik, den Tanz und Alles, was Freude macht.
    Sie wissen ...
    Sie ist todt. Auguste Ludmer wurde toll und strzte sich aus dem Fenster
eines Narrenhauses.
    Wissen Sie diese Geschichte?
    Die Drehorgeln spielen sie.
    Die Alte nahm eine Prise. Hackert's rasche Antworten echauffirten ihren so
behende nicht denkenden Geist. Hackert kam ihr durch eine Artigkeit zu Hlfe.
    Ich hrte immer, sagte er, da bejahrtere Leute wie dieser Murray, im
letzten Aufflackern ihrer Liebe, ehe sie ganz erlischt, gefhrlich sind und die
oberflchliche und treulose Jugend bertreffen. Pax ist auch der Meinung.
    Er trug diese Worte bezglich vor. Die Alte schmunzelte und mute
unwillkrlich sagen:
    Herr Hackert! Mein Bischof! Warum trinken Sie nicht?
    Er macht mir zu viel Feuer, sagte Hackert so kokett, so durchtrieben listig,
da die Ludmer ihre Dose versteckte, sich gerade aufrichtete und ein Benehmen
annahm, als wollte sie an die Zeiten erinnern, wo man sie zu den gefhrlichen
Schnen rechnete und sie junge Soldaten in die Carrire bringen konnte ... Um
sich zu sammeln, nahm sie etwas Kuchen vom Teller und steckte kleine Brocken in
den zahnlosen Mund. Whrend sie durch die Bewegung der beiden Kinnladen fast
hnlichkeit mit einem Exemplar aus der wiederkuenden Race empfing, fuhr sie
fort, ber ihre Verdachtgrnde gegen Murray wegen gewisser uerungen ber die
Verwandten der Auguste Ludmer ausfhrlich sich zu ergehen.
    Endlich, sagte sie, reist er in eine Gegend, wo Menschen wohnen, zu denen
ihn irgend eine auffallende Absicht ziehen mu ...
    Pax schickte ihm zwei Aufpasser nach ...
    Sie wissen Das.
    Der Vorfall im Forsthause, das ich sehr gut kenne, besttigt, wie gegrndet
Ihre Warnung war.
    Sie kennen das Forsthaus?
    Einen Wald kenn' ich, der es umgibt, eine Wiese, an deren Rande es liegt,
einen Ebereschenbaum in seiner Nhe ...
    Ursula Zeck kennen Sie nicht?
    Hackerten brannte es nun auf den Lippen zu sagen:
    Schon wieder Zeck? Die Mutter Paul Zeck's, der im Jahre 1825 in der Kirche
zu Seehausen vom Pfarrer Lattorf die Nothtaufe erhielt? Doch beherrschte er sich
und suchte durch seine harmlosen uerungen aus der alten Dame noch mehr
Gestndnisse zu locken. Diese rckte den Stuhl, auf dem Hackert sa, mit ihrem
kleinen, beweglichen Kanapee etwas nher, blickte an die Thr und berzeugte
sich, da die groe Gesellschaft in den vordern Slen ganz sich selber lebte. Es
wurde laut gesprochen, gelacht, musicirt. Sie waren unbelauscht ...
    Ist es nicht mglich, Herr Hackert, begann sie, da Sie den Gefangenen
sprechen?
    Schwierig ...
    Der Oberkommissr wrde es knnen -
    Kaum anders als in Gegenwart des Untersuchungsrichters -
    Gott! wie ist das Alles so weitluftig!
    Inzwischen beginnen die Verhre -
    Wirklich? Schon die Verhre?
    Sie frchten, da hinter Murray's angenommenem englischen Namen ein
Deutscher steckt, der Ihnen nicht gleichgltig ist ...
    Das ist es ...
    Sein Interesse fr Auguste Ludmer schien Ihnen verdchtig ...
    er geht nach Hohenberg, hat ein Anliegen im Forsthause, vielleicht eine
Anfrage an Ursula Zeck ... vielleicht ist es der Vater eines Kindes, das Ursula
Zeck einst geboren, ohne ihn zu nennen ...
    Die Ludmer sprang fast auf bei diesen tollkhnen Worten, ri die weien
unheimlichen Augenwimpern bis hoch an die Stirn und fragte:
    Wie kommen Sie zu diesem Verdacht?
    Ich stelle nur Vermuthungen auf, sagte Hackert ruhig und scharf die alte
Dame beobachtend. Ich be mich in der Kunst des Inquirirens, in der ich kein
Neuling bin. Wer wei, was Murray im Forsthause wollte! Vielleicht ist es ein
Bruder der alten Ursula ...
    Das war fr die Ludmer fast zu viel. Sie hielt die Dose krampfhaft in der
Hand, wollte aufstehen, setzte sich wieder und gerieth in eine Unruhe, die
Hackerten bewies, da hier irgend ein interessantes Geheimni auf dem Spiele
stnde, vielleicht eines, wonach diese Alte die Mutter jenes Paul Zeck war und
es nicht sein wollte.
    Um ihr aber kein Mistrauen einzuflen, sagte er mit ruhiger Miene:
    Warum fragen Sie nicht bei dem Franzosen an? Bei Louis Armand, der so viel
Theilnahme fr Murray zu haben scheint, vielleicht in seine Plne eingeweiht
ist, vielleicht nicht ganz zufllig die Veranlassung war, da Murray ihn
begleitete, mit ihm das Forsthaus besuchte ... Wer wei Das?
    Die Ludmer lehnte sich ganz entschieden dagegen auf, irgendwie noch den
Kreis ihrer Vertrauten zu erweitern. Auch war ihr Alles, was sie von Louis
Armand wute, zuwider.
    Aber die Aufgabe? drngte Hackert, als sie zgerte ...
    Wrden Sie sich wol der Aufgabe unterziehen, flsterte die Ludmer endlich
mit gedmpfter, heiserer Stimme, indem ihr zahnloser Mund ssuerlich und
verfhrerisch schmunzelte; wrden Sie wol auf irgend eine Art vor der
gerichtlichen, wie Sie wissen, langsamen Prozedur, zu erfahren suchen knnen,
welches Geheimni hinter diesem Murray steckt ... ob es ein wirklicher Englnder
ist ... welche Absicht ihn hierherfhrte ... welches sein Interesse an Auguste
Ludmer, meiner Nichte, war ... warum er nach Hohenberg reiste ... was ihn in das
Forsthaus fhrte, in Begleitung des Blinden ... welches seine Beziehung zu Louis
Armand, vielleicht gar zu den Brdern Wildungen und all' den Mnnern ist, die
nicht werden ertragen knnen, da Prinz Egon sich Paulinen von Harder, meiner
Gebieterin und ich kann wohl sagen, meiner Pflegetochter, anschliet ... warum
ist Murray mit einem Pistol bewaffnet? Warum das Attentat auf einen
unglcklichen Blinden? Warum hat man Murray hier im Hotel garni bei Helene
d'Azimont gesehen, bei der schnen Grfin, von der Sie gehrt haben werden, da
sie mit dem Prinzen Egon liirt war? Warum schlo sich Murray mit dem Jesuiten
Rafflard ein, der sich zu allen nur erdenklichen Intriguen hergeben soll und
sich auch wol nicht wird gescheut haben, gegen die Geheimrthin, aus Rache fr
den Bruch mit Helene d'Azimont und dem Prinzen, irgend eine Schlechtigkeit zu
unternehmen, kurz, Herr Hackert, die Welt ist so bse, so bse, und es ist
nothwendig, da man wei, wer unsre Freunde und Feinde sind!
    Die Last war abgeschttelt. Die lauernde, grbelnde Umsicht der Alten stand
nach diesen Worten in schwefelgelber Glorie da. So hatte diese Frau im Stillen
ber ihre geliebte Pauline gewacht! So hatte sie beobachtet, zusammengereimt und
schweigend die Schrfe ihrer durchbohrenden Augen gebt! Pauline tndelte und
phantasirte so hin. Die Ludmer wachte und lieh ihr den Verstand, der der klugen
Geheimrthin, wenn sie das Eine ganz beschftigte, fr das Andere ganz fehlte.
Sie hatte immer die Katastrophe erwartet, die jetzt hereinzubrechen schien.
Bartusch's Anzeige, da ihm der Taufschein Paul Zeck's, den sie haben wollte, um
ihn zu vernichten, von einer wunderbaren unsichtbaren Gewalt geraubt worden war,
hatte sie schon stutzig gemacht. Von Paul Zeck wute sie nur so viel, da er
todt war. Die Ursula hatte diese Versicherung gegeben, hatte sich dann
verheirathet und war ihr verschollen. Nun geschah so viel Rthselhaftes, die
Scene, die im Forsthause von Kmmerlein und Mullrich berrascht wurde, war so
verworren, da die Ludmer ein andres Licht begehrte, als das die Gerichte
aufstecken konnten, und wenn es das rechte Licht war, das sie frchtete, wollte
sie es frher wissen! Pauline schien ihr allmchtig. Pauline konnte nach ihrer
Vorstellung, untersttzt von dem Ministerprsidenten und dem des Obertribunals,
ihrem Schwiegervater, Alles zu Stande bringen, was bei Andern an dem Vorbau der
neuen Justizunabhngigkeit scheiterte. Deshalb wollte sie, ehe sie Paulinens
Ruhe aufschreckte, rasch und sicher wissen, wer hinter jenem rthselhaften
Fremden verborgen war.
    Hackert besa eine Art von Vertraulichkeit, die jeden Gebildeten und feiner
Erzogenen beleidigt haben wrde. Bei der Ludmer war sie ganz am Platze. Sie
kicherte, als er ihre Hand fate und dies alte kncherne Geripp streichelte.
Aber so wohl ihr der Kitzel that, sie lie sich mit der Frage, wer jener Murray
denn nun sein sollte, nicht fangen, sondern sagte:
    Sie schlimmer, junger Mann! Sie sind ein Rechter! ... Wo hab' ich Sie nur
schon einmal gesehen ... Sie hneln recht ...
    Warum vertrauen Sie nicht, Madame? bemerkte Hackert wieder mit einer
schmachtenden Miene.
    Ich begreife, warum Pax so groe Stcke auf Sie hlt! Ihre Handschrift soll
wie in Kupfer gestochen -
    Sie unterbrach sich bei diesen Worten der Schmeichelei selbst und stockte
ber das Bild, das sie vom Kupferstechen brauchte.
    Worauf soll ich forschen? erinnerte sie Hackert und rief sie aus ihren
Trumen wach. Und nun flsterte sie:
    Sehen Sie, ob dieser Mann am Auge, das er verbirgt, wirklich einen Fehler
hat oder ob er nur die Binde trgt, um seine Zge zu verstellen?
    Hackert nickte.
    Beobachten Sie das Haar, ob es schwarz wie die Perrcke, oder ob es mehr
rthlichblond, wie das Ihrige ... ...
    Blondrthlich ... warf Hackert bitter ein.
    Nein, nein, so foncirt war es nicht -
    Legen Sie sich keinen Zwang an! Ich kenne mich, Madame. Aber ich frchte,
das wahre Haar jenes Mannes wird wei sein ...
    Ich wei nicht, ob Sie dem scheinbaren Alter trauen drfen. Ich hre von
gebckter Haltung. Wer wei, ob dieser Rcken sich nicht erheben kann und dann
etwa eine Statur herauskommt -
    Wie die meinige! sagte Hackert, da die Ludmer nach einem ungefhren Mae
suchte.
    Wie die Ihrige, ganz recht, Herr Hackert!
    Kein besonderes Merkmal?
    Ohrlcher, an denen vor Jahren, vielleicht als Kind, Ringe getragen wurden
...
    Keine Narbe? Kein Maal?
    Vielleicht statt der Augenbrauen ein kahler Fleck - mglich, da die Binde -
    Doch kein Feuerarbeiter gewesen? Kein Soldat? Offizier? Madame, ich wette,
Sie vermuthen einen Deserteur, der Ihrer Fahne durchging ...
    Ha, ha! Nein! Spielen Sie auf Ihre eigne schne Handschrift an! Forschen
Sie, ob er Uhrmacher, Kupferstecher oder dergleichen ...
    Ah so! Civil! Und der Charakter, die Art und Weise sich zu geben ...
    Keck, frech, bermthig -
    Seines Siegs gewi?
    Brutal! Arrogant! Dnkelhaft! Eitel!
    Wenn er erhrt wurde?
    Aufgeblasen! Spieler! Lgner! Ein Mensch, der die Verstellungskunst auf den
hchsten Gipfel getrieben hat.
    Hackert war berzeugt, da die Ludmer einen ehemaligen Verehrer frchtete
...
    Lassen Sie etwas Geld fallen, klimpern Sie mit Gold und Silber, er kann dem
Klange nicht widerstehen ... Da, Herr Hackert, nehmen Sie!
    Bitte, sagte Hackert und lehnte das Geld, das die Ludmer aus dem Brusttuche
nahm, ab ... Bitte! Bitte!
    So ein paar Dukaten, wie diese, sagte die Alte aufdrngend, werden machen,
da er die Ohren spitzt. Beobachten Sie die Wirkung, wenn Sie von Geld sprechen,
von Mnzen, vom berhandnehmenden Papiergelde ...
    Sie haben einen ehemaligen Falschmnzer im Auge.
    Die Ludmer erschrak. Sie war zu weit gegangen ...
    Nein, nein, um Gotteswillen nicht, rief sie. Das nicht! Aber Sie werden ihn
schon aus seiner Verstellung herauslocken. Sie haben Verstand, Herr Hackert. Sie
verdienen das Vertrauen des Oberkommissrs. Nehmen Sie! Nehmen Sie!
    Hackert sah die eingewickelten Dukaten. Er steckte sie zu sich und
versicherte, da er Alles aufbieten wrde, dieser Person sich zu nhern.
    Sowie Sie Etwas erfahren haben - sagte die Ludmer im Aufstehen so freundlich
und grazis, da die drei ihr noch erhaltenen Zhne sich in vlliger
anmuthigster Isolirung darboten ...
    Hab' ich die Ehre aufzuwarten ...
    Schon hatte Hackert den Hut in der Hand, schon hatte er eine Verbeugung
versucht, die ihm nicht recht stehen wollte, schon wollte er einen Handku
versuchen, als die entgegengesetzte Thr, die zu dem trkischen Zelte fhrte,
rasch geffnet wurde und eine hohe stolze Dame im Turban mit herabhngenden
Perlenschnren strmend eintrat, um den in diesem Zimmer befindlichen Klingelzug
zu ergreifen und den Bedienten zu schellen, die es vielleicht in der rauschenden
Gesellschaft irgendwo fehlen lieen. Es war die Geheimrthin selbst. Wie sie aus
dem hellen Lichtmeere ihrer Salons in dieses stille, nur dmmernd erhellte
Kabinet trat, wie sie hier Menschen sah, die sie nicht erwartete und mit dem
ersten Blick auf Hackert fiel, schrak sie bebend zurck ...
    Und Hackert ging in diesem Augenblick ...
    Um Gotteswillen, was ist denn hier? Was war denn Das fr ein Mensch? sagte
die Geheimrthin als sie sogleich zu ihrem Troste die Ludmer entdeckt hatte.
Allmchtiger Gott! Ja, du bist's. Du bist hier. Ich wollte nach dem Eise
schellen! Ich fhle den Schreck in allen Gliedern ...
    Mein Himmel, wie kann man aber so erschrecken -
    Aber dieser grinzende, abscheuliche Kopf? Dacht' ich doch zu meinem
Entsetzen, Wer vor mir stnde -
    Das rthliche Haar? ...
    Die Figur, die Gesichtszge - eine grliche hnlichkeit! ... Wie wird mir?
Es ist, als hrt' ich die Explosion -
    Die Ludmer hielt die Freundin, beruhigte sie und rief dann zur Thr hinaus
nach den Bedienten ...
    Mit was fr Menschen du dich ziehest! sthnte Pauline fast keuchend. Wer war
denn Das?
    Ein Agent der geheimen Polizei, sagte die Ludmer nicht ohne Stolz.
    Aber was ist denn wieder im Werke? Was hast du denn vor?
    Komm', Tubchen! Komm'! sagte die Alte mit knstlichem Scherz und zog ihre
Gebieterin, ihre Freundin, ihr Kind durch das Zwischenkabinet in das trkische
Zelt. Komm' in deine Sphre! La mir die meine! Du weit, ich krame gern!
    Erst unter den lachenden, rauschenden, streitenden, neckenden Eindrcken
ihrer heut' berfllten Salons sammelte sich Pauline von Harder, die einen von
den Todten Erstandenen, eine der grauenhaftesten Erinnerungen ihres Lebens
gesehen zu haben glaubte ... Die Ludmer sorgte fr die Bedienung ... Hackert
ging, von den Bedienten wegen seiner langen Entrevue mit der allmchtigen Frau
Ludmer (auch Hausdrache genannt), mit vieler Rcksicht behandelt ... Es war
kalt ... Er hatte einen Paletot unten hngen, den ihm Franz selber anziehen half
... Vor'm Hause suchte er unter den Wgen den des Justizraths Schlurck, in den
er einst vor diesem eisernen Portal so listig eingeschlpft war ... Er fand ihn
nicht und besann sich, da Schlurck seine Equipage abgeschafft hatte ...
    So wird sie der Prinz Egon nach Hause fahren! dachte er ...
    Er wandte noch einen Blick auf die hellen Fenster zurck, dann ging er der
Stadt zu, heute fr seine trge und gleichgltig gestimmte Natur fast berfllt
mit Anregungen und den merkwrdigsten Thatsachen ... Die Geheimrthin aber hatte
fr den Abend alle Fassung verloren und benahm sich so verwirrt, so bengstigt,
da Schlurck htte sagen knnen, auch sie htte wol Gespenster gesehen. Er sagte
es aber nicht. Er war schon lngst nach seiner geheimnivollen Unterredung mit
dem Premierminister aus dem trkischen Zelte bla und ernst hervorgetreten,
hatte einen wehmthigen, von Melanien mitten unter Scherzen wohlaufgefaten,
wohlverstandenen Blick auf sie geworfen und war in einem gemietheten Fiaker in
aller Stille nach Hause gefahren ... Melanie folgte ihm eine Stunde spter,
nicht im Wagen des Prinzen Egon, sondern in dem der Geheimrthin, den diese
ihrer jungen Freundin fr diese Abende regelmig zu Gebote stellte.

                               Siebentes Capitel



                               Zerbrochene Ringe

Louis Armand, der mit Murray und dessen polizeilicher Eskorte fast zu gleicher
Zeit in der Residenz angekommen war, ging vom Profohaus voll Betrbni zwar,
doch nicht ganz ohne Hoffnung fr Murray's ferneres Schicksal in seine
bescheidenen Zimmer zurck, die sich inzwischen nach seinem Wunsche durch das
von Rafflard innegehabte noch vermehrten. In der Werkstatt fand er alle seine
Anordnungen befolgt. Diejenigen Gesellen, welchen er, unterbrochen zwar von den
vielen in sein Leben eingreifenden Begebenheiten, doch mit grndlichster
Anleitung seine Art zu arbeiten mitgetheilt hatte, waren in der Befriedigung
seiner strengen Ansprche vorgeschritten. Er fand, da man die Modelle zu
Holzarbeiten, die er aus Thon geformt zurckgelassen, wohlgelungen in Holz
nachgeahmt hatte und freute sich, da sein auf Mrtens' Namen gehendes Geschft
inzwischen einen unerwarteten Aufschwung genommen hatte. Waren auch die Zeiten
fr Kunsttischlerei und Modellirarbeit, einen Luxuszweig der Gewerbe, nicht eben
gnstig, stockten ohnehin bei dem politischen Drucke, der auf den Gemthern
lastete, alle Industrieen, so waren doch die Leistungen, die Louis Armand in
seinem Fache aus Paris mitbrachte, zu auffallend gewesen, als da sie ihm nicht
eine reichliche Nachfrage dennoch htten zuwenden sollen.
    Frau Mrtens war kurios, wie sie sagte, wie Frnzchen lebe, ob sie nicht
gren lasse, ob der alte Sandrart nichts dem jungen sagen lasse, ob Heunisch
allegro wre. Louis war so rasch, so bereilt von Hohenberg abgereist, da er
alle diese Fragen nur unvollstndig beantworten konnte. Hchlichst verwundert
war Frau Mrtens, da Frnzchen nicht bei'm Onkel, sondern mit dessen
Permission im Hause eines dem alten Sandrart so nahewohnenden konomen, des
Generalpchters der Frstlich Hohenbergischen Besitzungen, lebte. Sie malte sich
das Verhltni in groartigsten Umrissen aus und freute sich, dem jungen
Sergeanten, der ein treufleiiger Besucher der alten Leute geblieben war, eine
so neue Mittheilung stecken zu knnen. Ei, sagte sie, in der Kche ist sie nicht
perfekt, aber einen Bfflamoth, einen Bissteck und einen Amuleth kann sie
machen. Von einem Verhltnisse zwischen Louis selbst und diesem des Boeuf  la
mode, des Beafsteaks und der Omeletten kundigen Frnzchen war nicht die Rede.
Der sonderbare kleine platonische Roman, der sich zwischen Louis und Franziska
angesponnen hatte, war von Frau Mrtens und ihrer Brille vllig unbeachtet
geblieben. Die halbwchsige Gelehrte bemerkte in Liebessachen nur das
Auffallende, das Hochromantische, durchschlagend Tragische und in Holzschnitten
Darstellbare, ja selbst dem jungen Sandrart schwante nur etwas und einige Tage
spter, als Louis in der Werkstatt stand, nahte er sich Diesem ganz zutraulich
mit der Frage nach Heunisch, seinem Vater, nach Frnzchen, dem ganzen Ullagrund
und wnschte zu wissen, wie er Alle verlassen htte.
    Louis war tief verdstert. Er war bei Egon gewesen und hatte ihn nur
zwischen Thr und Angel sprechen knnen. Was hatte er gehrt: Da bist du schon?
Louis du bist zurck! Was hat dich heimgejagt? Dein Geschft? Deine
Bestellungen? Sieh! Sieh! Du fandest Alles vortrefflich - du schriebst mir, da
Ackermann ein Tausendknstler ist - Gott gebe seinen Segen - nun willkommen,
Louis - ah, Louis - wo nehm' ich Tage her, die mehr Stunden zhlen als
vierundzwanzig! Wann werd' ich dich ordentlich sprechen knnen? Siehst du, Das
hab' ich von Eurer politischen Laufbahn - nun bin ich mitten im Gewhl - vergib
die Eile, Louis - Und mit diesen Worten hatte sich Egon an Sollizitanten wenden
mssen, deren in aller Morgenfrhe schon ein Dutzend im Zimmer standen. Louis
war gegangen, einen Pfeil im Herzen ... Das ist aus, dachte er, darber mach'
denn ein Kreuz!
    Erschttert noch und tiefverletzt stand Louis in der Werkstatt und grbelte
ber ein Gedicht, das zur Noth seine Stimmung ausdrcken sollte. Er gedachte
Oleander's, Siegbert's, Murray's und Ackermann's - Alle diese edlen Mnner
hatten den Gedanken an Egon verdrngt und doch hing er an dem Jugendfreund wie
an seinem Bruder. Er versuchte zum ersten Male in der Sprache seiner Vorfahren,
in der deutschen, zu dichten und wagte, angeweht von Oleander's milderen
Anschauungen und doch noch nicht ganz befreit von der bittern Schrfe seiner
franzsischen Reminiscenzen, ein Gedicht in dieser fast an die lateinische
katholische Poesie des Mittelalters erinnernden Fassung:

Welt, wie bist du weit und gro!
Alle Riegel sind gesprengt,
Alle Pforten ausgehngt!
Wie sich's wlzt und wie sich's drngt!
Und was birgt wohl noch dein Schoos?

Wolken, weilt! Wie folg' ich euch?
Stehe, Zeit, wie halt' ich dich?
Raum, du ghnst so frchterlich!
Wo im Chaos rett' ich mich?
Bin ich nur der Feder gleich?

Wie dereinst bei'm Weltgericht
Hr' ich der Verdammten Chor.
Jeder drngt zum Richterohr,
Trgt nur sich, sein Rhmen vor,
Seine Furcht, sein Hoffen spricht!

Herzen ohne Harmonie
Durcheinander. Jedes' Brust
Hallt das Echo eigner Lust
Seiner Sprache nur bewut,
Seiner eig'nen Melodie.

Tausend Uhren - Mitternacht
Weisend und die Pendel doch
Ungleich schwankend, tief und hoch,
Keinen hat der Kaiser noch
In den gleichen Takt gebracht!

Gern htt' ich zum Wald hinaus
Mich in Einsamkeit gebannt,
Htte an der Quelle Rand
Einen stillen grnen Stand
Mir gesucht, ein friedlich Haus.

Gerne htt' ich mich gestellt
An den Busch der Nachtigall,
An ein Lerchennest im Thal,
Fliehend jeden Widerhall
Dieser Zeit und dieser Welt!

Doch ich mu, ein treuer Thurm,
Wachen an dem Meeresrand
Bleiben fest im alten Stand,
Wenn umsphlt vom Wogenbrand,
Wenn umdonnert auch vom Sturm.

Die Entscheidung soll ich sehn,
Wenn zerkracht der Wolkenball!
In der dumpfen Donner Schall
In dem allgemeinen Fall
Mu ich sinken oder stehn.

Ein solches Gedicht, vom Augenblick geschaffen, blieb in Louis fest, wenn er es
auch spter erst niederschrieb.
    Er hatte die wilde Stimmung seiner frheren Auffassungen noch nicht ganz
dmpfen knnen, in der Form aber schon jene Natrlichkeit und Einfachheit, die
er dem Beispiele Oleander's verdankte, sich anzueignen versucht.
    Wie er noch so stand, dichtete, arbeitete, trat der junge Sandrart in die
Werkstatt und begab sich sogleich an den Winkel, wo vor dem Fenster, nicht fern
vom groen eisernen Ofen, dessen Rhren durch die ganze Werkstatt sich zogen,
Louis' gewhnlicher Platz war. Er hatte von Madame Mrtens rasch avertirt
bekommen, da Herr Louis Armand wieder ritour wre und nherte sich ihm mit
der Scheu, die Jedermann fhlen mute, der Louis' tieferes Streben mit der Zeit
aus seiner einfachen, fast schchternen Art sich zu geben, erkannt hatte. Alles,
was er schon von der Alten gehrt, mute ihm Louis wiederholen und vernahm es so
aufmerksam, so berrascht, als htt' es ihm Louis zum ersten Male erzhlt.
    Mein Vater erwartet mich zu Weihnachten, sagte er, aber ich werde keinen
Urlaub bekommen; die dritte Kompagnie wird kurz gehalten. Aldenhoven ist
Kapitain geworden. Wir werden gefuchtelt.
    Wie geht es dem Major? fragte Louis.
    Der Sergeant erzhlte von dem immer offner hervortretenden Bruch in der
Armee selbst. Werdeck, soweit sich Das aus seiner Sphre beobachten liee, wre
dster und mismuthig, doch htte er ihm krzlich erst gesagt: Sandrart, Ihr
kennt einen jungen Mann, Namens Louis Armand! Haltet Euch an ihn und seine
Freunde! Sandrart wiederholte diese Worte mit Schchternheit.
    Wenn Sie wollen, Sergeant, sagte Louis und reichte ihm die Hand, ohne irgend
eine Misstimmung wegen Franziska's zu verrathen.
    Der junge Krieger klagte ber die Verwahrlosung des innern Menschen unter
den Waffen. Man exercire, stehe Wache, putze seine Montur und Armatur und im
brigen hie' es: Bete oder faullenze!
    Es ist bei uns in Frankreich nicht anders, sagte Armand. Der Soldat soll
immer eine Maschine sein, soll immer nur der Disciplin leben. Wer dann seine
Zeit ausgedient hat, kommt nach Hause, hat sein Handwerk verlernt oder die
Arbeit am Pfluge ist ihm zu gering geworden.
    Es ist ein Glck, da es ehrliche Mdchen gibt ...
    Wieso Mdchen und ehrliche?
    Wer heirathen will, mu doch wieder an die Hobelbank oder auf's Feld zurck;
um die Mdchen holt man ein, was man fr sich beinah verlernt hat.
    Das Gesprch war von den Gesellen belauscht worden. Man lachte und Louis
lie sich eine so heitre Strung schon gefallen. Er setzte das Gesprch fort,
von dem er nicht ahnte, da es ihm spter als Soldatenverfhrung ausgelegt
werden sollte. Sandrart erzhlte von den Schmeicheleien, mit denen man das
Selbstbewutsein des Heeres, das nur durch Schlachten gehoben werden knnte,
heben wolle und nur einschlfere. Er erzhlte von den Mrchen, mit denen man die
Krieger erschrecke, von einer neuen Revolution, wo nicht das Kind im Mutterleibe
geschont werden sollte. Die Rothen wollten den Knig, die Prinzen und
Prinzessinnen morden und kein Soldat sollte ungespiet bleiben ...
    Die Gesellen lachten ...
    Aber es kommt immer nicht, fuhr der aufgeregte Sergeant fort. Wir stehen des
Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken: Nun wird's
losbrechen! Und kommt dann ein kleiner Allarm oder eine Schlgerei im
Wirthshause oder eine Straenrottirung, so knnen Sie sich daraus erklren,
warum unsre Mannschaften gleich so fuchswild und erbittert zuschlagen. Die Leute
sind gereizt und denken: Nun geht's an's Leben!
    Trauriger Zustand, wenn in einem und demselben Staate zwei Krfte so
gegeneinander wthen, bemerkte Louis ruhig; es ist aber berall so. Der Adel und
die Bureaukratie haben sich die Armeen apartgenommen und dressiren sie nach
ihrem Gefallen. Leider hat man da ein so gutes Feld fr seine Intrigue! Die
Fahne, der ihr geschworne Eid, der erlaubte Stolz des Kriegers, die Erinnerungen
seines Truppenkrpers, die Achtung vor dem Souvern, das Alles sind Begriffe, an
die sich fr ein schwrmerisches Gemth so vortrefflich anknpfen lt! Man
fanatisirt diese Menschen durch ein Verbrechen, das man die Snde gegen den
heiligen Geist nennt.
    Man wnschte Erklrung dieser Snde ...
    Es ist die Snde, sprach Louis so laut, da Alle hrten, die Snde, die
irgend eine richtige Thatsache, eine Wahrheit, die in der Menschenbrust wie mit
ehernen Buchstaben eingegraben steht, zu einem falschen Zwecke benutzt. Wer
vollends von seiner irrthmlichen Anwendung einer Wahrheit selbst berzeugt ist,
kann kaum Vergebung erwarten.
    Die Gesellen horchten und blinkten sich zu. Manche hielten Louis fr etwas
viel Hheres, als wofr er sich ausgab.
    Ich verstehe wohl, sagte Sandrart, der sich auf einige Bretter gesetzt
hatte, ich verstehe, da Sie den Spektakel mit dem Fahneneid meinen ...
    Ich halte jeden Eid fr heilig! bemerkte Louis.
    Und nun sprudelte der Sergeant, den ein rger mit seinem Kapitn gereizt zu
haben schien, Alles hervor, was fr und wider den Fahneneid den Soldaten offen
und heimlich jetzt zugesteckt zu werden pflegte. Tag ein Tag aus, fuhr Sandrart
fort, kommen Leute in die Kasernen oder auf den Exercierplatz und predigen uns
den heiligen Eid. Der Eine lt Kaffee aus einem Keller in der Nhe holen, der
Andre verschenkt wollene Strmpfe ... die Leute trinken den Kaffee, nehmen die
wollenen Strmpfe ... und immer heit's dabei: Was wir geschworen haben, halten
wir. Aber ...
    Ein Eid ist heilig! erwiderte Louis. Ich tadle die Soldaten nicht, die ihn
leisten, sondern die, die ihn abnehmen. Es mu dahin kommen, da der Soldat
nicht in die Lage versetzt wird, einen einseitigen und in die Gesellschaft den
Brand des Aufruhrs schleudernden Eid zu schwren.
    Er soll schwren, die ffentliche Ordnung des Vaterlandes im Innern und
seine Gre und Ehre nach Auen zu ver-theidigen. Die gesetzlichen Organe dieser
Ordnung und Ehre haben sich gendert. Es sind nicht mehr die Frsten, sondern
die Vertreter der Vlker.
    Wir brauchen keine Frsten mehr! rief es aus einer Ecke.
    Wir brauchen keine Soldaten mehr! aus einer andern.
    Louis wandte sich eben, um ein lautes St! auszusprechen, als der alte
Mrtens in seiner blauen Schrze und wollenen gestrickten berjacke hereintrat
und dieser lrmend und strmisch gewordenen Unterhaltung ohnehin ein Ende
machte. Er litt niemals, da in seiner Werkstatt ber Politik gesprochen wurde.
    Auch der Sergeant, der alle diese Gesellen kannte, wute das Verbot und nahm
den verwildert gewordenen Gegenstand nicht wieder auf. Er sprach von Franziska
und klagte, da er zu Weihnachten keinen Urlaub bekommen wrde. Der Feldwebel
she lieber, da er sich seine Bescheerung schicken liee, um sie mit ihm
theilen zu knnen ...
    Und der Major?
    Der Major - wer wei, wie lange der noch Majort. Das ist Einer, der
nchstens sagen wird: Der Eid drckt mich!
    Marsch in die Kaserne! rief der alte Mrtens dazwischen. Dien' Er seinem
Knig und lob' er Gott den Herrn, Amen!
    Die Gesellen lachten nun erst recht. Sandrart lie sich nicht stren. Er war
zu bewegt. Er hatte seit der einfachen Begegnung mit den Offizieren auf dem
Fortunaball und in dem Worte: Gehorsam auer Dienst jenen nagenden Qulgeist in
sich, der bei den untern Stnden mehr Unruhe und Schaden im Gemthe stiftet als
bei der Bildung. Das prickelte, das hetzte ihn. Immer derselbe Refrain, immer
dieselbe wunde Stelle, die nicht heilen wollte und die tglich berhrt wurde ...
Endlich ging er. Als er Louis die Hand gab und fragte, ob er bald in den
Ullagrund schriebe, rief eine Stimme ihm nach: Sergeant! Gartenstrae Nr. 14
alle Abend um acht Uhr ist Verein - kommen Sie und bringen Sie Kameraden mit,
die das Herz auf dem rechten Fleck haben!
    Wer sagt Das? Wer verfhrt hier die Soldaten? rief der alte Meister und
rannte zu dem Sprecher hinber, einem kleinen, dicken, wohlgenhrten Arbeiter,
dem Advokaten der Werkstatt.
    Sandrart hielt den zornigen Alten auf und beruhigte ihn. Aber der Meister
tobte jetzt seine patriotische, alte, deutsche Gesinnung aus nach dem Thema:
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gotte, was Gottes ist! Er machte sein
Recht als Meister und Werkstattbesitzer mit ein Dutzend Hammerschlgen auf den
Werktischplatten geltend. Sandrart ging. Die Rebellen schwiegen. Auch Louis
schwieg. Da aber manche Anzglichkeit des alten Mannes ihm selbst gelten sollte
und er sich schwer beherrschte, so zog er vor, eine Weile auf sein Zimmer zu
gehen und dem Alten Zeit zu lassen, sich inzwischen grndlichst auszutoben, was
auch geschah, diesmal sogar mit Fremdwrtern aus dem Lexikon seiner gebildeten
Ehehlfte.
    Eine Woche ging so hin. Louis lebte zurckgezogen. Er suchte nur Dankmar auf
und fand ihn nicht. Zum Major Werdeck wagte er sich nicht. ber Murray's
Schicksal wurde ihm keinerlei Beruhigung. Der Drang, ihm zu helfen, die im
Forsthause vorgekommenen Dinge in einem Lichte darzustellen, wo alle Schuld nur
auf ihn falle, war so mchtig in ihm, da er anfangs an Egon's Beistand dachte.
Allein war Das noch sein Egon? Er war's im Tone, in der Behandlung noch gewesen;
er hatte ihn nicht lieblos empfangen, ihm tglich sein Haus angeboten. Aber eine
Kluft hatte sich zwischen Beiden aufgethan, weiter, als der natrliche Abstand
der Geburt. Die Romantik war vorber, das praktische Leben hatte begonnen. Louis
entschuldigte Egon, klagte sich an, zieh sich selbst der Eitelkeit, da er von
dem Freunde Egon, der einst in Lyon seine Schwester liebte und mit ihr wie mit
seinem Weibe lebte, jemals die spter entdeckte Frstenwrde nicht trennte. Er
fand es natrlich, da Alles so kam, wie es jetzt gekommen; aber ihm lstig
fallen, eine Audienz erbitten, ihm schreiben, eine Bitte vorlegen ... dazu war
er zu stolz, zu verletzt, zu eingeschchtert. Dann fiel ihm bei, ob nicht
Dankmar Wildungen als Jurist helfen knnte und eben so schmeichelte sich ihm die
Vorstellung ein, ob er nicht wagen sollte, den mehrfach genannten Otto von
Dystra aufzusuchen und ihm die Lage eines Mannes vorzustellen, der aus einem
fernen Welttheile ihm nicht unbekannt sein sollte.
    Es war wieder Mittag. Die Arbeiter zerstreuten sich. Als sich Louis nach
einem bescheidenen Mahle in einer nahgelegenen Wirthschaft in der Voraussetzung,
vielleicht nun heute endlich Dankmar Wildungen und den von Murray erwhnten
Gnner, Otto von Dystra, aufzusuchen, besser anzog und in seinen Gerthschaften
ordnete, fielen ihm die Gegenstnde auf, die er im Forsthause damals an sich
genommen hatte. Es war ein Gesangbuch, ein Blumenstrau und ein zierlicher
Mdchenkamm. Er hatte diese Dinge an sich genommen, weil die von Ursula daran
geknpften Reden ihm so auffallend klangen, da er glaubte, vielleicht
enthielten sie Thatsachen, die sich auf Murray's Sohn bezogen ...
    Der Kamm war von Schildpatt und zeigte mit Elfenbein ausgelegt die
Buchstaben H.D. Das Gesangbuch fhrte auf bestimmte Namen. Es war in schwarzes
Leder gebunden und enthielt auf dem Deckel die Notiz ber die Geburt und die
Verlobung eines jungen Mdchens, von dem Louis wute, da es eines Sonntags an
der Sgemhle verunglckte. Heunisch, sagte er sich, hat sicher diese
Gegenstnde, auch den Blumenstrau, den sie grade trug, aufbewahrt und die Alte
sie eingeschlossen, um durch ihren steten Anblick ihn nicht zu traurig zu
stimmen. Das Gesangbuch, der Kamm, der welke Blumenstrau wurden Louis fast
unter der Hand zu Tnen und Klngen und Reimen eines Gedichtes ...
    Wie er den welken Strau, der krampfhaft zusammengeballt schien,
auseinanderfaltete, hrte er ein Klingen, wie von einem fallenden metallnen
Gegenstande. Am Boden sah er einen zerbrochenen Goldreif blinken. Er hob ihn
auf. Sicher hatte dieser Ring in dem Gewirr des welken, heuartig gewordenen
Blumenstraues schon lange versteckt gelegen. Der Verlobungsring des
unglcklichen Mdchens! dachte er. Wo ist nur die zweite Hlfte? Er suchte und
fand sie nicht. Wer wei, dachte er, durch welchen Zufall dieser Ring zerbrach!
Die Treue hat ihr Heunisch wirklich gehalten ... Louis wollte den Ring mit den
brigen Gegenstnden bei Seite legen, als ihm doch noch einfiel, nach einer
mglichen Gravirung innen zu sehen. Er erstaunte, nicht die Buchstaben zu
finden, die auf Heunisch's Geschichte paten. Er las in dem Ringe P. und die
ersten Zge eines kleinen v., die ohne Zweifel auf einen adligen Namen schlieen
lieen. Auch sah er jetzt, da er keinen Trau- oder Verlobungsring, sondern
einen einfachen goldnen Reifen, dessen Kopf durch einen Stein verziert gewesen
sein mute, vor sich hatte. Die adlige Bezeichnung des Ringes lie ihm als
wahrscheinlich erkennen, da er einen Theil jenes Ringes vor sich hatte, von dem
ihm Murray einst erzhlt hatte. Und so steckte er dies Fragment behutsam zu sich
und gedachte, ihn dem unglcklichen Gefangenen bei erster Gelegenheit, wo er
hoffte, ihn sprechen zu drfen, zu bergeben. Die brigen Gegenstnde verschlo
er wieder.
    Mit einem alten Mantel, den er ber seinen gewhlten Anzug warf, ging Louis
aus, um auf's Neue zu versuchen, Dankmar Wildungen zu treffen. Wie gro war
seine Freude, als er grade beim Eintritt in das von den Freunden bewohnte Haus
den Gesuchten die Stiege herabkommen sah! Wr' es Siegbert gewesen, so htt' er
ihn umarmt. Dankmarn schttelte er die Hand und freute sich der herzlichen
Erwiderung.
    Seit wann sind Sie zurck?
    ber eine Woche.
    Wir verfehlten uns. Auch ich fragte nach Ihnen. Wie geht es meinem Bruder?
Er sehreibt so selten.
    Ich verlie ihn wohlauf, heiter und frhlich ...
    Heiter? Empfing er -
    Es erfolgte jetzt die Verstndigung wegen der Trauer. Dankmar sprach ber
das erlebte Leid. Es waren Worte, die in Krze die schmerzliche Thatsache
zusammenfaten. Er wnschte, da Siegbert, wenn er auf dem Lande Zerstreuung
htte, nicht in die Residenz kme, die ihm wenig Trost bieten wrde.
    Einen Tag bin ich hier und dieses Chaos von Anmaung und Lge!
    Ich halte Sie auf!
    Kommen Sie zu mir, Armand ... Gegessen ist auch bei mir schon. Aber einen
Kaffee knnen wir noch brauen! Frau Schievelbein, Mokka, Java, Cheribon! Was
sich findet! Aber schwarzen! Denn, Louis, wir trauern.
    Damit schlo Dankmar die Thr der bescheidenen, noch warmen Wohnung auf,
rckte Bcher, Skripturen vom Tisch und rief noch einmal der Wirthin, die aus
ihrem Mittagsschlafe schwer zu wecken war. Whrend er selbst die Vorbereitungen
zu einem Kaffee in seiner blechernen Maschine machte, Spiritus anzndete und
endlich von der ghnenden Wirthin untersttzt wurde, einmal huslich und
gemthlich einen Nachmittag nicht im Kaffeehause, sondern daheim zuzubringen,
sprach er vom Tode seiner Mutter, vom Leben berhaupt, vom Geheimni der
Weltschpfung, vom Gegensatz zwischen Materie und Geist, Himmel, Hlle, Erde,
Lampendocht, Spiritus, Filtrirmaschinen und schlo seine aus Schmerz und Scherz
gemischte Plauderei mit der Bemerkung:
    Ja, lieber Armand, seit wir unter dem Kreuze in dem Rathskeller saen, ist
Manches geschehen; aber was ich auch erlebte und das Schlimmste ist allerdings
der Leichenstein-Strich ber ein theures Dasein, das ich noch fr viel Glck
aufgespart glaubte, Alles hat mich gelehrt: Wenn man die Grenze des Daseins
fhlt, wenn man sieht, wie Alles endet und enden mu, ohne Ausnahme, dann, mein
Freund, nimmt man das Schwerste im Leben leichter und setzt mit grrer Lust
sein Leben auch an das Traurigste. Ich bin nicht etwa entmuthigt, wie Sie mich
hier sehen. Aber ergrimmter bin ich, entschloner, gleichgltiger um diese
schnen Fratzen, die uns locken und schmeicheln wollen mit Worten: Ach, wie s
ist dies Leben! Schick' dich in diese Lgen! Dulde diese Irrthmer! La diese
Narren regieren! La diese Welt gehen, wie sie geht! Der Tod meiner Mutter war
so voll berredung fr mich, an ein Jenseits zu glauben. Ihre Gesichtszge waren
verklrter, nachdenklicher, strenger als je im Leben. Man konnte glauben, der im
Schauen begriffene Geist liee noch Spuren auf dem theuren Antlitz zurck. Wie
ich sie in die Grube senken sah, wie Alles um mich her Tod und doch
Unsterblichkeit auf dem Friedhofe flsterte, da empfand ich Liebe fr die
Geschiedenen, Ha fr die Lebenden. Vermessene Thoren, rief es in mir, die Ihr
Euch einbildet, das Leben beherrschen zu knnen! Wer seid Ihr denn, Ihr zufllig
Reichen, Ihr angemat Mchtigen, Ihr eingebildet Weisen! Hier ist Alles gleich,
hier unter diesen welken Trauerpappeln ist die ganze Komdie aus und da drben
jagt, hetzt Ihr Euch mit Euern Leidenschaften und sinnlichen Interessen
durcheinander! Glauben Sie mir, Louis, man mu das Leben verachten, um dem Leben
eine groe That zu hinterlassen. Ich wrde mich nicht mehr bedenken, mein Haupt
zu opfern, wenn ich glaubte das Rechte getroffen zu haben, um einer gttlichen
Wahrheit in unserm Leben ihre Geltung zu verschaffen.
    Louis war von der Aufregung, in der er seinen Freund und Gnner wiederfand,
erschttert ... Wie geht es mit Ihren Hoffnungen auf ... Er stockte, das Wort:
die Erbschaft, auszusprechen ... Ich bin im Begriff, sie auch in zweiter Instanz
zu verlieren, sagte Dankmar und habe dann nur noch das Urtheil vom Obertribunal
revidiren zu lassen. Meine Hoffnung, der Welt zeigen zu knnen, wie wir mit
ererbten Rechten verfahren sollen, wird sich nicht erfllen. Indessen setz' ich
Alles daran, wie ein Flgelro bis an die Stelle zu steigen, wo es immerhin todt
niedersinken mge. Sie knnen sich denken, welche Entbehrungen ich leide. Die
Kosten des Prozesses wachsen in's Unglaubliche. Das kleine Vermgen, das sich
nun noch von der Mutter aus uns ergeben wird, ging theils im Begrbni, theils
in der Ordnung ihres Nachlasses schon hin. Den Rest werfen wir in jenen Abgrund,
der uns keine Ergebnisse bringen wird, ich mag auch noch so viel in diesen
Bchern studiren! Jetzt vollends, wo meine Hoffnung, da mindestens der eine
Concurrent, der Staat, die Ungehrigkeit seiner Ansprche einsehen wrde, sich
betrogen sieht und durch Egon ein neues Leben in diese Angelegenheit kommt ...
    Durch Egon? Wissen Sie Das ...
    Von ihm selbst.
    Sie sprachen ihn?
    Krzlich auf der Staatskanzlei, wo ich mir eine Audienz vom Premierminister
erbat. Zum Menschen Egon geh' ich nicht.
    Sie geben ihn auf?
    In meinem Sinne, ja!
    Wie war er gegen Sie? Kalt, zurckhaltend?
    Im Gegentheil; er war offen und suchte die inzwischen durch seine Manahmen
so weit gerissene Kluft zwischen uns durch entgegenkommende Freundlichkeit zu
verbergen ...
    Sie machten dieselbe Erfahrung wie ich ...
    Mein Freund, sagte Dankmar, geben Sie diese Anknpfung auf! Ich denke mit
Wehmuth zurck, wie ich Egon fand, wie er mir die Freundschaft auf offnen Hnden
entgegentrug, wie er mir den Brudernamen aufdrngte. Dennoch mu ich gegen ihn
gerecht sein. Ich entsinne mich, da wir mehr in ihn hineingelegt haben, als
wozu wir berechtigt waren. Wir hrten ihm zu und fhlten da schon die innere
Trennung. Da wir ihn aber lieb hatten, wollten wir nicht sehen. Nun ist die
chemische Probe gekommen. Wer verdenkt ihm, da er uns entgegnet: Ihr habt mich
wie Eure Puppe behandelt, mit Euern Ideen mich ausgeputzt! Die Zeit des Scherzes
ist vorber.
    Louis wollte dies Misverstndni nicht gelten lassen und behauptete, ein
fremdartiger Einflu htte sich des so hoch gestiegenen Freundes pltzlich
bemchtigt und ihn von ihren Anschauungen hinweggerissen ...
    Nein, nein, sagte Dankmar. Das ist in der Ordnung und nicht weiter zu
beklagen. Der Dmon, der die Welt regiert - Gott ist es nicht; der steht noch
ber diesem Dmon - gibt fr seine Schlachten dem Menschen die ihm gebhrende
Stellung. Der Eine hier, der Andre dort. Wir haben nichts zu thun, als nach
unsrer Fahne zu blicken und in den Kampf zu gehen, wenn unser Signal uns ruft.
Es ist ganz in der Ordnung, da auch Egon den ihm von dem vorigen kaufmnnischen
Ministerium hinterlassenen Proze fortfhrt, ganz in der Ordnung, da ich ihn
verliere. Sie glauben nicht, was uns der Mensch als eine willenlose Maschine,
als ein anorganisches Produkt erscheint, wenn man es abblhen und sterben sieht.
Wir sind nicht frei. Wir glauben es zu sein und freuen uns nur des Quecksilbers,
freier Wille genannt, das doch allein mechanisch in uns hin- und herrollt und
uns alle unsre Bewegungen gibt!
    Bei allen diesen Bemerkungen, die Dankmar unmuthig und ungeregelt ausstie,
unterzog er sich einer grndlichen, von Frau Schievelbein untersttzten
Vorbereitung zu einem gemthlichen Kaffee. Es gibt gar nichts Traulicheres, als
wenn im kalten Novembersturm, auf engem, gut erwrmtem Zimmer junge Mnner die
kleinen Konsequenzen ihrer Garonwirthschaft ziehen, den Frauen in ihre
Vorrechte greifen, Haushlter spielen, Kaffee filtriren und ihn mit
Cigarrendampf und guten Einfllen, in eine Sophaecke gedrckt, behaglich
niederschlrfen.
    Nun, sagte Dankmar lchelnd, als die Wirthin Tassen zurechtgestellt und
erklrt hatte, sie wrde bald das heie Wasser bringen, nun, wie ist es, Louis,
haben Sie fr das vierblttrige Kleeblatt geworben? Ist das Korn von jener Nacht
aufgegangen? Fanden Sie Menschen, die wrdig sind, in die kmpfende Brderschaft
vom Geiste zu treten?
    Louis war auf Mittheilungen ber Dankmar's groes Unternehmen gefat, nicht
aber darauf, Bericht zu erstatten, was er selbst dafr gethan. Er erschrak fast
und gerieth in Verlegenheit, ob er gleich an Murray, Oleander, Ackermann dachte.
    Freund, fuhr Dankmar, als er sein Zgern bemerkte, fort, wir mssen
vorlufig mit den Blicken werben! Das ist das Prfzeichen der Wahrheit unsrer
Ideen, da wir vorlufig Menschen finden, die uns wrdig scheinen, sich dem
groen, innern Kreuzzuge anzuschlieen. Sonst lernten wir Menschen kennen, die
an uns vorbergingen und von uns vergessen wurden, auch wenn wir ihnen
schmerzlich nachsahen. Jetzt haben wir etwas, was uns solche Begegnungen werther
macht. Einen edlen Menschen finden ist jetzt fr uns eine Eroberung. Wir sollen
es mit ihm machen wie Entdeckungsreisende, wenn sie Inseln im Meere finden, die
Niemand kannte. Sie pflanzen das Zeichen ihrer Nation auf, nehmen feierlich im
Geiste von ihnen Besitz und reisen weiter. Oder wie man Zugvgeln eine Kette
umhngt und sie fliegen lt, wohin sie wollen, in der Hoffnung, sie wrden
irgendwo ber tausend Meilen durch jenes Symbol doch einen Menschen erfreuen,
der da sagt: Seht, diesem Reiher hing ein Araber, ein Hindu eine kleine Kette,
einen Ring um mit seinem Zeichen und dies Zeichen lautet: Ich gre dich,
Bruder, Mensch, Freund in dem groen Geist, ob er nun Gott, oder Allah oder Lama
oder Jehova heit. So sollen wir jeder uns verwandten edlen Intelligenz
unsichtbar das Zeichen der Ritterschaft vom Geiste aufheften und dann ihn
wandeln lassen seiner Wege. Sie fhren schon zusammen zu einem Ziele!
    Dankmar sprach diese Bemerkung mehr im halben Scherz, doch blickte der Ernst
und die sichre Absicht durch, diese Werbungen wahr zu machen ...
    Louis nahm keinen Anstand, ihm zu erklren, da es auch ihm so ginge. Er
wisse nun immer, was er mit den Menschen, die er im Leben she, beginnen sollte.
So mten einst die Apostel gewandelt sein und sich sogleich die Seelen
herausgefunden haben, denen sie die Botschaft vom Menschensohne bringen wollten.
Frher htte er geprft, ohne Zweck; er htte die werthvollen Menschen vergessen
oder sich ihrer nur mit jener freudigen Wehmuth erinnert, die wol den Schiffer
ergreifen msse, wenn auf dem Weltmeer ein Segel an ihm vorberfahre. Ein
Salutschu und dann ewige Trennung! Jetzt aber halte er im Geiste Jeden fest und
mchte ihn dauernd zu dem groen Werke der Befreiung verbinden. Und wohl msse
er eingestehen, da ihm auf dieser kleinen Reise schon Wrdigste begegnet wren.
    Nennen Sie sie nicht! sagte Dankmar. Es soll unserm Bunde zur Frderung
dienen, da wir nicht wissen, wer zu ihm gehrt. Jeder soll werben, Jeder soll
an gewissen groen Bundestagen Beweise dafr bringen, da er Ritter vom Geiste
gerstet und gewappnet gefunden hat, aber die Erkennung sei eine zufllige!
Keine Register! Keine Namen!
    Louis hatte aber grade recht auf dem Herzen, von Oleander, Ackermann und
besonders von Murray zu reden und Dankmar sah ihm seinen Drang dazu an.
    Nicht wahr, sagte er, Ackermann scheint Ihnen wrdig?
    Im vollsten Mae!
    Ein Gromeister unsres Ordens! Treu, fest, wohlwollend, unabhngig. Ja,
Louis, unabhngig! Das hab' ich gefunden, das ist der einzige Standpunkt, auf
dem man denkt, klar denkt und fr die Menschheit etwas in die Schanze schlgt.
Doch hab' ich auch Viele gefunden, die edel sind und gern mchten, wenn sie
knnten. Da sollt' ich helfen knnen! Da sollte mein Erbe, ausgehend von den
geistlichen Rittern, den geistigen Rittern wieder zuflieen! Darum mcht' ich
Schtze gewinnen, um die Schwachen zu ermuntern, Witwen, Waisen, die ihren
Beschtzer verloren, zu trsten, Unmglichscheinendes mglich zu machen. Darum
will ich Geld zu unserm Ringe! Darum mein Mhen und Sorgen um den Kitt unsres
Gebudes!
    Louis entgegnete, da die Mnner, die er gefunden, auch ohne die Ermunterung
und Schadloshaltung durch irdische Mittel sich der Ritterschaft des Geistes
widmen, Helm und Harnisch anthun wrden fr den Kreuzzug der Idee ...
    Um so besser, sagte Dankmar. Aber nennen Sie Niemanden! Sammeln Sie, werben
Sie im Stillen! Ich bin so glcklich gewesen, da ich wohl schon von zwanzig
edlen Mnnern sagen kann: Sie sind die Unsrigen.
    Louis staunte ...
    Von Leidenfrost und Werdeck hab' ich brieflich gleiche Ergebnisse. Noch
haben wir uns nicht konstituirt, noch fehlt uns die Symbolik, ber die ich in
nchtlichen Stunden grble, wie einst Muhammed mag gegrbelt haben, was er von
Zoroaster, Christus, Sokrates brauchen knne; noch sind mir nicht die Engel der
rechten Erleuchtung erschienen und schon finden wir segensreiche Wirkungen.
Lesen Sie nicht schon von vielen Orten her, da die gefangenen Volksfreunde
Mittel finden, zu entfliehen? Mancher, der das Schicksal einer Untersuchung
nicht ahnt, wird bei Zeiten gewarnt. Jene Beamte, die krzlich ihre mter
niederlegten, weil sie mit ihrer Abhngigkeit in Widerspruch geriethen, wurden
schon von uns untersttzt. Es finden sich Liebesgaben, die wie Wasser aus einem
Felsen springen. Moses' Zauberstab wirkt Wunder. Es sind Herzen vershnt worden,
unbekannte Freunde zusammengefhrt, Warnungen, Rathschlge empfngt man von
unbekannter Hand und schon setzen die Vertrauten an die Spitze ihrer Briefe vier
Punkte, die das vierblttrige Kleeblatt der seltenen Freundschaft bezeichnen.
Alles regt sich schon, ein neuer Frhling des Geistes, ein Hoffnungslenz der
Gesinnung beginnt; nur Siegbert schlummert noch. Nicht wahr, den fanden Sie wohl
tief unter Trumen wandelnd? Glauben Sie, da uns auch Siegbert Mannschaften
zufhren wird?
    Louis staunend ber diese Schilderung konnte nichts versichern, bezweifelte
es aber fast, da er sah, wie Dankmar gewirkt hatte und wie Der glhte vor
innerer Befriedigung.
    Siegbert wird uns Frauen nennen, die er gewinnen mchte, sagte Dankmar
lchelnd. Er hatte dabei auf dem Herzen, nach Selma zu fragen ...
    Schon lange lag ihm ein Wort ber Selma auf den Lippen. Er wagte es nicht
auszusprechen. Er war von der beklemmenden Vorstellung gedrckt: Wie, wenn sich
Das, was Du mit Melanie erlebtest, bei Selma wiederholte?! Siegbert ist
liebenswrdig. Er wird von Ackermann mit Zuvorkommenheit aufgenommen werden.
Selma wird ihn sehen, ihn lieben. Und Siegbert? Kann sein Herz in Wahrheit bei
Olga weilen, jenseits der Alpen? Kann er einer solchen Phantasie nachjagen? Auch
die Frstin Wsmskoi, obgleich sie in unsrer Abwesenheit fast tglich hier
anfragen lie, wann wir zurckkmen, kann Die ihn fr's Leben fesseln? Nein,
nein, das Schicksal spielt unserm Herzen zum zweiten Male eine Prfung zu.
Siegbert und Selma finden sich und dieses Band darf ich nicht lsen, wie ich die
Irrung zwischen Siegbert und Melanie lste!
    Und so fest stand diese Vorstellung bei Dankmar, da er in der That nicht
den Muth hatte, nach Selma zu fragen und auch aus Furcht, von ihr zu hren,
Louis' Mittheilungen ber des Bruders Lebensweise rasch unterbrach und ihn nach
seinen eignen Angelegenheiten fragte. Da hatte denn Louis die Erzhlung ber
Murray und die Bitte um Dankmar's Rath und Beistand schon eingeleitet, als man
die Treppe herauf Mnnerschritte hrte.
    Frau Schievelbein, die eben das heie Wasser in einem summenden Theekessel
bringen wollte, ffnete und ein Herr im grauen Militrmantel trat auf den
Vorplatz, gefolgt von einem andern, der sich Schnee und Regen aus einem dicken
langzottigen Tffelrocke abschttelte ...
    Die Kommenden waren Major Werdeck und sein Freund Max Leidenfrost.

                                 Achtes Capitel



                             Das Wachsen des Bundes

Wann kommen wir All' uns wieder entgegen,
Im Blitz und Donner oder im Regen?

rief Leidenfrost, als er Louis erblickte und sich der Major ber das glckliche
Zusammentreffen der vier im Geiste Verbundenen innigst zu freuen schien.

Wenn der Wirrwarr hher steigt
Und wer Sieger ist, sich zeigt!

antwortete Dankmar, auch die Macbethhexen parodirend, rckte Sthle heran, nahm
dem Major den Mantel ab und schttelte den Freunden, die er noch nicht gesehen,
die Hnde.
    Graulieschen! sagte Leidenfrost zur Frau Schievelbein, Graulieschen, was
brau'st du da fr ein namenloses Werk?
    Erlauben Sie, sagte die Alte, um so empfindlicher ber diese Anrede eines
Mannes, dessen Komplimente sie kannte, als sie wegen eines hohen Offiziers
ihrer Toilette eingedenk wurde, erlauben Sie, ich heie Eulalia und Das wird
Kaffee, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Leidenfrost.
    Eulalia! Menschenha und Reue! fuhr Leidenfrost im pathetischen Tone fort.
Kommt Einer da wol heraus aus seinen theatralischen Reminiscenzen? Ich studire
gerade Goethe's Faust ein und komme aus dem Arrangement der Hexenkche.
    Frau Eulalia Schievelbein brummte auf's Neue ber sothane Anspielungen,
beeiferte sich aber, die comfortabelste Erweiterung ihrer Arrangements mglich
zu machen und suchte darin wirklich zu hexen.
    Wir erfuhren, da Sie wieder da sind, Wildungen, begann Werdeck. Und in
Trauer! Wir kommen, um Sie theilnehmend zu begren ... Ihr Verlust ...
    Nur keinen Grabsermon! fiel Leidenfrost ein. Ich hab' ihm Alles geschrieben,
was ich ber die nothwendige Ftterung der Wrmer denke und ber die
Seelenwanderung. Die Citronen, die die Leidtragenden in der Hand halten, werden
am besten in aller Stille mit nach Hause genommen, wo sie zum Punsch verwendbar
sind. Dankmar, wenn Siegbert da wre, wrde ich anstndig condoliren. Da Sie es
sind, denk' ich nur wieder:

Sie htte auch gelegner scheiden knnen - es htte
Sich bess're Zeit fr solches Weh gefunden.

Das wohl! sagte Dankmar und setzte nach einer Weile hinzu: Aber Sie sind ja
schon im besten Zuge Ihrer theatralischen Carriere, mengen Macbeth und Faust
zusammen wie Kaffee und Sahne - bedienen Sie sich, meine Herren!
    Das Beispiel meines Chefs, der sthetisch solchen Milchkaffee liebt, sagte
Leidenfrost, die Cigarrenbchse hervorziehend, steckt mich an! Herr von Harder,
mein gegenwrtiger Schiffspatron, steuert immer Nord-Nordost, wenn die Boussole
der Literatur, Kunst und gesunden Vernunft Sd-Sdwest zeigt. Schiller und
Goethe ist ihm ein- und derselbe verschwommene, allgemein klassische,
kassenverderbliche Begriff, nur da er wenigstens aus den sthetischen Anfragen
der Hofdamen herausfhlt, da in der grauen Nebelgegend, Schiller genannt, etwas
mehr Sittlichkeit herrscht, als in der grauen Nebelgegend Goethe und umgekehrt,
dort mehr Zeitgeist, als hier. Es ist prchtig. Auch Faust und Macbeth, die er
beide einmal gesehen haben mu, in Wien, Mnchen oder Vaduz, rinnen ihm in
demselben Hexenkessel zusammen. Heute auf der Probe des Faust erschien die
Excellenz in selbstpersnlichster Person und wollte sich um das Arrangement der
Hexenkche Verdienste erwerben. Wo kommen denn die Knige her, die dem Faust
erscheinen, fragte er mich mit dramaturgischem Vorstudium und die Knstler
lauschten, sich auf die Lippen beiend, in demthiger Entfernung. Welche Knige,
Excellenz? fragt' ich dienst-untergebenst. Nun, ich denke, ich habe Das schon
einmal gesehen, sieben oder acht Knige, die - wie heit der
Teufel-Mephistopheles, Excellenz? Mephistopheles, ganz recht - durch einen
Spiegel - vor dem Doktor Faust erscheinen lt - ich hab's in Wien gesehen -
macht sich sehr gut - es ist gleichsam, sozusagen, der ganze genealogische, der
ganze genealogische - Sie meinen, Excellenz, der ganze knftige genealogische
Kalender von England, Schottland, Irland - Ganz recht, von Irland - Excellenz
irren sich, sagte der tollkhne, oppositionswthige Regisseur, der vortrat, Sie
verwechseln Faust mit Macbeth - dies khne Wort der feindseligen gegen die
Intendanz verschwornen Regie entrstete den Geheimrath und veranlate ihn, einen
vielsagenden Blick zu mir hinberzuwerfen, ob ich ihn nicht aus Irland durch
allerhand kleine Seitenwege doch dahin fhren knnte, da er diesem
impertinenten Allesbesserwisser, den er nchstens ohnehin absetzen wollte,
gegenber Recht behielt - der Spiegel, sagt' ich, ist hier zur Rechten,
Excellenz. Ich glaube, da Sie auf Veranlassung des Spiegels ... Ein kleines
Kind kommt vor, fiel Herr von Harder determinirt ein, ich wei es aus Wien, ein
kleines Kind kommt vor mit einem Spiegel, der Spiegel da ist zu gro und
berhaupt, seien wir vorsichtig mit diesem kleinen Kinde - es ist gekrnt, ich
wei es sehr gut - es ist gekrnt und bedeutet die fruchtbare Dynastie von
England - Sehr wahr! Aber - bemerkte der ber meinen Beistand erschrockene
Regisseur ... Die Dynastieen von England, sagt' ich, sind sehr fruchtbar, Herr
Dbereiner; aber was wre daran Gefahr ... Ja, sagte Excellenz, ich mu Ihnen
bemerken, da die jungen kniglichen Herrschaften nicht gern an ihre liebsten
Hoffnungen, an die Tuschung ihrer liebsten Trume - Excellenz wnschten die
Descendenz-anspielung, das gekrnte Kind, fortzulassen? ... Er: Herr Dbereiner,
streichen Sie das Kind weg - es ist fr die Herrschaften strend! Der Regisseur:
Aber Kindermord? Ich: Excellenz knnen ja auch die ganze Genealogie wegstreichen
und blos den groen Spiegel nehmen lassen, worin Faust blos das Bild Gretchens
sieht, nachdem er den Hexentrank zu sich genommen - Er: Ganz Recht, ganz Recht,
Hexentrank! Aber, es mssen drei Hexen sein - ich wei, es waren in Wien drei
Hexen - Ja wohl, Excellenz, es sind drei Hexen, allein man nimmt doch gewhnlich
nur eine; sie kommt aus dem Schornstein durch eine Flugmaschine, die ich
anbringen werde und fr die beiden andern Hexen nehmen wir vier oder fnf
Meerkatzen, die den Brei kochen, die bekannten breiten Bettelsuppen - hm, hm,
rusperte sich der Intendant und warf dann einen Blick auf den Regisseur mit den
Worten: Herr Dbereiner, geht Das? Es ist sogar vorgeschrieben, Excellenz, sagte
dieser mit Entsetzen nach der Uhr sehende und seine Suppe und Hausfrau
bedenkende Mann, seufzend vor Ungeduld. Meerkatzen? bemerkte der Intendant
pltzlich und verfiel in ein nachdenkliches Grbeln; wie machen Sie denn
Meerkatzen? Excellenz, sagte der geplagte Mann, dort die fnf kleinen Jungen vom
Ballet werden in zusammengenhte Felle gesteckt und machen ihre Sache Abends
ganz charmant! ... Excellenz: Ja, aber, bester Freund, Meerkatzen! Meerkatzen,
Das ist leicht gesagt. Ich wei sehr wohl, das sind Affen. Ich bin dafr, da
Alles vollkommen ist und die Kunst soll fortschreiten. Da ist hier der Maler
Heinrichson gewesen.
    Er ist jetzt in Italien! Der hat die Lady gemalt - wissen Sie, die Lady, die
mit Apollo oder so einem Gott unter einer Decke spielte - wissen Sie, es war
eine Muse - Wir verstehen Excellenz vollkommen - Also diese Lady hatte ein
Verhltni, wo Apollo immer in Gestalt eines Schwanes zu ihr kam - dummes Zeug
das - aber gemalt macht sich's ... und diesen Schwan, den lie ich aus Dnemark
kommen ... Und so mein' ich fast, auch die Meerkatzen mten doch eigentlich ...
Nun erinnerte ich ihn, da ich seine tiefen Absichten verstand, an seinen Vater
und dessen kleine Menagerie in Tempelheide - nein, sagte er, mein Papa hlt
keine Meerkatzen - Meerkatzen sind Affen - nicht wahr, Affen? - Affen,
Excellenz! ... Nein, Papa liebt die Affen nicht, der gute alte Herr hat die
Manie, Thiere zu bilden, aber die Affen mag er nicht, weil - ich habe den alten
Papa Das sehr oft sagen hren, weil ... weil ... Excellenz stockten; ich
ergnzte: Weil die Affen an sich die Karrikaturen der Menschen wren und nur den
tollgewordenen Verstand der Thiere bezeichneten? - Richtig, brav, Leidenfrost;
aber ich habe eine andere Auskunft. Da ist der Baron von Dystra angekommen, ein
kurioser Heiliger, der einige Mohren und unter Andern auch Meerkatzen aus - ich
wei nicht - welchem Welttheile von Australien mitgebracht hat. Zu dem will ich
doch wegen dieser Scene gehen. Ich denke mir doch interessant, wenn wir - Um
Gotteswillen, Excellenz, rief Dbereiner, doch keine natrlichen Meerkatzen auf
die Bhne bringen? Der Intendant stand still und sah forschend auf mich. Er
hatte sich in der That im Stillen gedacht, da eine Hexenkche mit natrlichen
Meerkatzen viel Aufsehen erregen, und da er sehr ehrgeizig ist, vielleicht in
der Kunstgeschichte ihm einen Namen erwerben wrde. Ich konnte aber doch, um die
unglcklichen Schauspieler zu erlsen, nicht anders, als sagen: O auf dem
Tanzsaale oben, Excellenz, lassen Sie diese Jungen nur die Kapriolen der
Meerkatzen des Herrn von Dystra beobachten und jedenfalls die in der Garderobe
fr diesen Zweck vorhandenen Kostmes nach diesen gewi hchst echten
australischen Meerkatzen korrigiren, respektive ganz neu anfertigen ...
Vortrefflich, sagte der Intendant, schob die Vorstellung des Faust, obgleich
schon alle Billets vergriffen sind, wieder auf zwei Tage hinaus und begab sich
ohne Zweifel direkt zum Herrn Baron von Dystra mit dem erhebenden und gewi in
der Knigs- und den Prinzenlogen zur vollsten Anerkennung kommenden Bewutsein,
da er aus Goethe's Faust das in ihm gar nicht vorkommende gekrnte Kind
meuchlings weggemolcht hatte, dagegen aber die Hexenkche mit treuen, fast
lebendigen, jedenfalls der Natur abgelauschten Meerkatzen neu bereicherte.
    Diese mit dramatischem Talente vorgetragene Erzhlung des humoristischen
Malers versetzte die kleine Gesellschaft in heitre Stimmung. Man rauchte, man
schlrfte den braunen Trank und tauschte seine Erlebnisse aus. Auch Louis mute
erzhlen und wurde von Werdeck besonders dazu aufgefordert, da der von ihm im
Forsthause erlebte Vorfall in den Zeitungen, die zu jener Zeit, um ihre
pltzlich vergrerten Spalten zu fllen, Alles und Jedes aufrafften, schon
berichtet und verkehrt genug entstellt war.
    Louis fand dadurch Gelegenheit, ber Murray zu sprechen und sein Interesse
an dessen unglcklichem Schicksale durch eine Schilderung seines Charakters zu
begrnden. Er vermied dabei natrlich jede Andeutung ber dieses Mannes wahre
Geschichte. Fr Dankmar war seine Erzhlung besonders auch deshalb unterhaltend,
weil er die Lokalitt dieses Vorfalles kannte, durch den blinden Schmied und
seine Beihlfe zur Unterschlagung des Schreins selbst in die grte Verlegenheit
gekommen war und vor jener Ursula Marzahn nach Heunisch's Mittheilungen selbst
Grauen genug empfunden hatte. Freilich fgte er hinzu, da hier zu helfen
schwierig sein wrde und da kaum etwas Andres mglich wre, als den Gang der
Untersuchung abzuwarten. Bedenklich bliebe unter allen Umstnden der Besitz
eines Terzerols, die jhe, vielleicht bereilte Anwendung dieser Waffe, die zu
einer vollgltigen Zeugenaussage unzurechnungsfhige Verstandesschwche jener
Frau, die ihm so hexenartig erscheine, da, setzte Dankmar hinzu, Herr von
Harder sie eigentlich noch fr den neueinstudirten Faust auch benutzen mte,
wenn dann nur nicht wiederum eine neue Strung des Repertoirs wrde einzutreten
haben.
    Da Louis zuletzt jenes Otto von Dystra Erwhnung gethan und bemerkt hatte,
ob ein Mann, der Murray so nahe stnde und einflureich scheine, nicht auch in
das Interesse einer Verwendung fr den Gefangenen gezogen werden sollte, schlo
Dankmar seine klare und rechtskundige Darstellung dieses Falles mit den Worten:
    Ich billige vollkommen, da man diesem die Noth seines Freundes anzeigt. Wer
die Freundschaft eines so vortrefflichen Menschen, wie Sie Murray schildern,
besitzt, mu fr edlere Dinge als die Kapriolen von Meerkatzen Sinn haben. Ich
will Sie, da Sie es wnschen, noch heute Abend zu diesem Manne begleiten.
    Louis dankte erfreut. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Auch die Andern lobten
ihn fr seinen warmen Antheil und fanden es freundlich von Dankmar, da er sich
diesem Ersuchen nicht entzog.
    Da Louis diese Last etwas erleichtert fand, hrte er jetzt mit um so
grerer Aufmerksamkeit den Errterungen zu, die sich ber die gemeinsame
Angelegenheit ihrer Ordensstiftung erhoben. Der Gegenstand war zu wichtig, zu
bedeutungsvoll, als da er ihm nicht mit Freuden diesen Nachmittag htte opfern
sollen.
    Wir haben uns, begann Dankmar, nach jenem Abend pltzlich getrennt, sind da-
und dorthin auseinandergestoben, aber der Funke begleitete uns und zndete. Auch
am Sterbebett meiner theuersten Angehrigen beschftigte mich unser groes Ziel
und von Ihnen Allen - Siegbert ausgenommen - hr' ich, da Sie gewirkt haben.
Meine Hoffnung, dem Bunde unser Erbe zuzufhren, wird immer schwankender, ich
gebe sie auf. Dennoch, ob wir gleich noch nicht eine Form gefunden haben, die
uns zusammenhlt, obgleich noch kein Eid uns bindet, keine Symbolik in Bcher
oder mndliche Tradition niedergelegt ist, wirkt doch schon der Geist im Stillen
und die Liebe sehnt sich mchtig, die Ihrigen zu umfangen. Ich wei, Leidenfrost
und Sie, bester Major, haben Wrdige gefunden. Die Namen nennen wir nicht. Wir
wissen nicht, wir glauben nur. Und da Ihr Vertrauen sich nicht tuschte,
beweist z.B. dieser Brief, den ich gestern empfing. Er ist ohne Namen. Lesen Sie
diese Worte.
    Damit zog Dankmar einen Brief aus dem Portefeuille, das er auf der Brust
trug, entfaltete ihn und zeigte ihn am Tisch rundum. Er lautete, eingefhrt mit
den vier Kleeblattpunkten:
    **** Sie verlieren die zweite Instanz Ihres Prozesses! Dieser Tage erhalten
Sie das Erkenntni. Wagen Sie den Versuch der letzten Entscheidung bei'm
Obertribunal! Der alte Nestor unsres Justizwesens, der greise Herr von Harder,
interessirt sich fr diesen Gegenstand. Die Stadt rstet sich bereits, die
Mglichkeit zu erwgen, wenn sie den Proze verlre. Der Rath hat in geheimer
Sitzung diskutirt, ob fr diesen Fall nicht die Verausgabung von zwei Millionen
Stadtkammerscheinen erlaubt werden drfte.
    Man freute sich ber diese Mittheilung. Sie kam jedenfalls von einer
wohlwollenden Persnlichkeit, die Dankmar vielleicht nicht einmal kannte. Man
prfte die Handschrift und Niemand wute, wo er sie hinbringen sollte.
    So wchst denn unsre Saat, fuhr Dankmar fort, und die Ernte wird immer
grer werden. Ich gewinne Meinungsgenossen, diese schon Andre und so dehnen
sich die Glieder einer Kette aus, die wir nicht mehr ganz bersehen knnen. Wer
wei, ob diese Worte nicht von einem Manne kommen, der uns durch Sie, Major,
oder durch Leidenfrost gewonnen wurde.
    Leidenfrost bemerkte, da er werbe, aber schwerlich so glckliche Erfolge
haben wrde wie die Andern. Dennoch htte auch er schon Zeichen empfangen, da
man ihn als einen Bundsgenossen kenne; auch er msse einen Brief vorlegen, den
er mit demselben Symbole der vier Kleebltter erhalten htte und offenbar wre
er von einer andern Hand als der, die an Dankmar geschrieben.
    Der Brief, den er hervorzog und mittheilte, lautete:
    **** Werben Sie fr unsre groe Sache, aber suchen Sie nur Mnner zu
gewinnen, die in der Gesellschaft Ihnen gleich- oder ber Ihnen stehen! Sie sind
in der Rangordnung Ihres Verdienstes vielleicht ein Knig, nichtsdestoweniger
werden Sie einrumen, da in Ihrer gesellschaftlichen Situation Sie noch hoch
emporzublicken haben. Vertrauen Sie die Sache des Bundes, die Kennzeichen, den
Namen der Betheiligten Keinem, der unter Ihnen steht, keinem Handwerker, keinem
Mitgliede der Arbeitervereine, am wenigsten jenen Knstlern, mit denen Sie seit
einiger Zeit verkehren. Schauspieler haben noch immer von ihrer alten
gesellschaftlichen Lebensstellung soviel an sich haften, sind noch so beengt und
eingeschchtert von dem alten Vorurtheile, das ihren Stand verfolgte, da Sie in
dieser Sphre bei jedem Worte des Vertrauens, das Sie schenken, voraussetzen
mssen, man brste sich mit ihm. Nur die Schauspieler, die eine un-bestrittne
Meisterschaft besitzen - und wie wenige sind Deren! - rhmen sich ihrer
Protektionen nicht; auch sind zuviel unter ihnen Freimaurer, vor denen wir uns
aus Grnden zu hten haben. Wenn Sie den Grundsatz festgehalten htten, da der
Gesell nur einen Meister gewinnen soll, nie der Meister Gesellen, so wrd' ich
nicht nthig haben, Sie auf's Ernstlichste zu warnen. Sie stehen auf der Liste
der von den Behrden Beaufsichtigten. Ihre Reden in den Arbeitervereinen mssen
Sie einstellen. In dieser Weise wirken Sie nichts und entziehen der guten Sache
Ihre frische Kraft, deren Misbrauch auf der Breterwelt hoffentlich nur ein
vorbergehender sein wird.
    Leidenfrost trug diesen Brief so komisch vor, da er trotz seines ernsten
Inhaltes Lcheln erregte. Alle Drei seiner Bundesgenossen gestanden zu, da er
eine wenn auch einseitige, doch gute Lektion bekommen htte. Man rieth, von wem
dieser Brief kommen knnte. Wer wei, ob nicht von Jagellona Kaminska! sagte
Dankmar und verrieth damit, da der Major seiner Frau wol geplaudert htte.
Leidenfrost errthete fast und Werdeck lehnte jeden Verdacht der Indiskretion
ab. Louis Armand aber erschrak so heftig ber diesen Namen, den Dankmar nannte,
da er sich nicht lnger halten konnte, sondern seine Vermuthung aussprach, wohl
gar mit dieser Polin verwandt zu sein. Die Genealogie des jungen Franzosen wurde
errtert, die Familientradition bis auf ihre ersten Ursprnge verfolgt und zu
allgemeinster berraschung stellte sich ber allen Zweifel heraus, da die
Majorin von Werdeck die Tochter jenes Stanislaus Kaminski war, der 1794 nach der
Schlacht von Maciejowice von den Russen gefangen, nach Sibirien geschleppt wurde
und auf einem Fluchtversuche im Jahre 1812 um's Leben kam. Ein Enkel des
glcklicheren Thaddus Kaminski war Louis Armand. Voll Liebenswrdigkeit umarmte
der Major seinen Anverwandten und drang in Louis, ihn seiner Gattin vorstellen
zu drfen. Nur aus Schonung fr Leidenfrost brach man diese Erkennungen ab, die
den Blick wie auf einen wunderbaren Baum erffneten, dessen ste und Zweige,
wenn auch vom Blitze gespalten, doch sich zu nahen wuten und in inniger, neuer
Verschlingung auf dem uralten Stamm die heiligen Schauer weckten, die wir vor
dem geheimnivollen Walten in Zeit und Raum empfinden.
    Wer nun auch dieser strenge Warner sein mge, lenkte Dankmar ein, die
Schutzgeister der Todten oder der Lebendigen, die schon aus allen Zeiten und
Zonen ber uns zu wachen scheinen, sie haben einen Satz ausgesprochen, den ich
denke in unser Ordensbuch aufzunehmen. Kein Meister soll Gesellen, sondern
Gesellen sollen immer nur Meister werben! Darin find' ich, bertragen auf alle
Gesellschaftsstufen, eine groe Brgschaft richtiger und zuverlssiger Wahl. Wie
gern kommt der Untergeordnete Dem entgegen, von dem er Beweise der Gunst und
Herablassung erwarten kann! Im Gebiete der Materie, der physischen Kraft, mag
das strkere Prinzip die schwcheren Atome an sich ziehen. Da, wo der Geist
walten soll, mssen wir es, wie dereinst in Galila Fischer, dahin bringen, da
den Fischern Schriftgelehrte folgen. Ich denke, wir erheben diesen Satz zu einer
Ordensregel: Jeder, der in diesen Bund eintritt, mu von Einem vorgeschlagen
sein, der nach dem gesellschaftlichen Maastabe unter ihm steht.
    Dieser Satz war neu und sehr ernst. Leidenfrost machte auch gleich seine
gewohnten Schwierigkeiten und sprach vom Staatskalender, von der
vierzehnstufigen russischen Dienstordnung, allein Werdeck, der in der
Einschachtelung der hhern und geringern Grade aufgewachsen war und vom
Zusammenhang seiner Gattin mit Louis Armand, von den Schicksalen, die dieser
ber die Kaminski'sche Familie erzhlt hatte, noch berrascht war, besttigte
allmlig auch Dankmar's uerung ber die groe und immer tuschende Konvenienz
der Geringern gegen Hhere im weitesten Umfange.
    Was hlfe es uns, sagte er, unser Kapitel mit Theilnehmern und Ordensrittern
zu berladen? Die neuen Templer wrden keinen Raum finden, der sie Alle
aufnhme! Wir mssen das Gewinnen von Novizen schwerer machen als das Anwerben
von Rekruten. Wir brauchen ein ganzes Leben, einen ganzen Menschen, dem wir das
Handgeld zahlen, nicht blos einen herablassenden Handschlag und einige
gewinnende Vertraulichkeiten. Unter mir kenn' ich genug, die mir folgen wrden;
aber diese sollen mich gewinnen, sich selbst mir nhern. Ich mchte mich an den
Obersten von Neidhard wagen, einen Mann ohne Vorurtheile, an den General von
Rauten, einen tiefsinnigen Denker, dem ich nur das Einzige vorwerfe, da er dem
General Voland von der Hahnenfeder zu nahe steht ...
    Dem Krypto-Jesuiten? sagten fast Alle einstimmig.
    Merkwrdig, fuhr Werdeck fort, wenn ber einen Charakter ein so allgemeines
Urtheil feststeht, so mu Etwas wahr an dem Gercht sein, das ihn verfolgt. Und
doch ist Poesie und Schwung in diesem General, der dem Knige so nahe steht und
seine jugendliche Einbildungskraft gefangen hlt. Er strebt in Allem nach dem
Auergewhnlichen und gleicht doch einer kalten metallenen Mauer, von der man
immer abgleitet. General Rauten vertraut ihm wie einem Evangelium. Was Voland
sagt, ist ihm der Ausspruch eines Sehers. Er vergleicht ihn oft mit den Augurn,
die Roms Schicksal aus dem Fluge der Vgel oder dem Appetit gewisser Hhner
weissagten ...
    Vertrauen Sie sich diesem General nicht, Major, sagte Dankmar; er wrde
Voland zu gewinnen suchen und wir wrden pltzlich, ohne es zu wissen, von den
Jesuiten regiert, wie es so oft die Freimaurer wurden, die nicht ahnten, welcher
Wolf in ihren Schaafstall eingebrochen war und friedlich mit ihnen aus einer
Krippe fra.
    Werdeck fand sich aus der Idee, General Voland zu gewinnen, nicht leicht
heraus. Man sah, da ihn gerade das im militairischen Stande noch bewahrte
allgemeine menschliche und hhere Ideelle an Voland fesselte. Inzwischen
erklrte Louis, da er, der auf einer so tiefen Gesellschaftsstufe stnde,
offenbar das glcklichste Feld der Wirksamkeit htte, dennoch wrde er groe
Vorsicht anwenden. Voll Sehnsucht dachte er an Oleander. Ihm wollte er suchen
brieflich immer nher zu rcken.
    Und was denken Sie zu thun, Leidenfrost? fragte Dankmar.
    Sie wissen, lieber Wildungen, sagte Leidenfrost, ich gehre zu Denen, die
eigentlich an eine Klrung unsrer Zeit erst dann glauben wollen, wenn sie einmal
recht tchtig umgerttelt worden. Indessen will ich an Ihren Geistesbarrikaden
bauen helfen und meine schnen strategischen Kenntnisse, die ich mir Abends mit
Schwefelhlzchen, die meine Truppen vorstellen, erworben habe, in die Schanze
schlagen. Ist man mir auf den Fersen, so wird es von Nutzen sein, da ich mit
drei meiner tchtigsten Arbeiter nach Plessen zu reisen habe, um dem
Generalpchter Ackermann die von ihm bestellten Maschinen zu berbringen, die
den groen Richelieu und Sully, Prinz Egon genannt, aus seinen Schulden retten
sollen. Vergeben Sie, Armand, da ich einen Mann, dem ich nicht mehr ber den
Weg traue, Ihnen zu Gefallen mit den grten Staatsmnnern der Franzosen
vergleiche ...
    Louis mute einrumen, da der Plan, Egon zum Vertrauten einer so
schwrmerischen Einwirkung auf die Zeit zu machen, wohl unter den jetzigen
Verhltnissen aufzugeben sei ...
    Um von Egon abzubrechen, fragte Dankmar den Major, ob denn auch er noch
nicht die Einwirkungen der weitern Ausbreitung der Idee von der kmpfenden
Geistesbrderschaft erfahren htte?
    Allerdings, sagte dieser lchelnd und zog zum Erstaunen der Andern
gleichfalls einen Brief hervor.
    Es ist, sagte er, hier schon wie mit jener Kugel, von der Wallenstein
spricht: Einmal aus dem Laufe - wie heit die Stelle, Leidenfrost?
    Sie mag heien wie sie will, Major, sagte dieser, sie pat nicht mehr, wenn
man in der Armee meine neue unverbesserliche Zndnadeltheorie einfhrte. Bringen
Sie mich nicht auf Theatercitate! Sonst erleben Sie meine Unterhaltungen mit dem
Geheimrath ber die Armatur des Dreiigjhrigen Krieges und das Kommisbrot fr
Wallenstein's Lager ...
    O ein andermal! Wir halten Sie bei'm Worte, Leidenfrost! Gelegenheit durch
Lachen sich aufzuheitern werden wir noch oft genug finden.
    Der Brief, Major! drngte Dankmar.
    Der Major gab Dankmarn einen Brief, der so lautete:
    **** Bereiten Sie sich auf eine Katastrophe vor! Ihre Gesinnung ist der
Armee ein Gruel! Ein Offizier, von Adel, in unmittelbarer Nhe des Hofes, bei
einer bevorzugten Truppengattung, aufgewachsen in dem esprit de corps
unbedingter Hingabe an die Interessen des alten Feudalstaates, neigen Sie sich
zu den Anschauungen der Neuzeit, verlangen militairische Reformen, verspotten
ehrwrdige Institutionen, bezweifeln die nachhaltige Schlagfertigkeit der
jetzigen Heereseinrichtung und uern sich ffentlich ber die Stellung des
Kriegers, die Sie in der Mitte zwischen Disciplinar- und Staatsbrgerpflichten
unglcklich nennen! Da man wei, da Sie fr offne Rgen Ihrer Gesinnung die
bliche Genugthuung fordern wrden und es die kleinen in den Kafs und auf der
Wachtparade schimpfenden und bramarbasirenden Junker vorziehen, ihr Blut nur auf
dem Felde der Ehre zu verspritzen, so ist fast anzunehmen, da die Briefe, die
auswrtige Flchtlinge an hiesige Demokraten, in denen Ihrer als eines
Bundesgenossen und schlagfertigen Verschwrers Erwhnung gethan wird,
geschrieben haben, unechte, untergeschobene sind. Ordnen Sie Ihre Papiere!
Entfernen Sie Alles, was Sie irgendwie belasten drfte! Es ist nicht
unwahrscheinlich, da Sie wegen gewisser vorgefundener Briefe binnen Kurzem vor
ein Militairgericht gestellt werden.
    Die Bestrzung, die dieser Brief bei den Freunden hervorrief, war nicht
gering. Man begriff nicht, wie der Major dabei so ruhig bleiben und sagen
konnte:
    Anfangs hielt ich diese anonyme, mit unserm Zeichen versehene Mittheilung
fr einen Scherz. Seit ich aber finde, da Alles, was man in dieser Form auch
Ihnen mittheilte, auf vernnftigen Grundlagen beruht und von einem wirklichen
Wohlwollen eingegeben ist, seh' ich diese Warnung schon ernster an. Indessen bin
ich durch nichts beunruhigt. Die einzige Konspiration, in die ich mich
eingelassen habe, ist die unsrige. Sie beruht auf Ideen und entbehrt jeder Form.
Ich erkenne schon lange die geheimen Spuren eines mir immer nherrckenden
tiefangelegten Planes, der von jenen unglckselig verblendeten Reubndlern
ausgeht, deren Gesinnung berall dahin verzweigt ist, wo aus einer ffentlichen
Kasse ein Gehalt gezahlt wird oder durch die neue Umwlzung irgend ein altes
Recht verloren ging. Weil ich erklrt habe, da man vor dem Geist der Zeit nicht
erschrecken, ihn zum Durchbruch kommen lassen und dann erst aus diesem Geist
selbst regeln, dann erst mit wahrer Liebe zur Freiheit die Freiheit lenken
msse, bin ich verhat, verfolgt und es soll mich nicht wundern, wenn man irgend
etwas ersnne, um mir, wenn nicht meine Ehre, doch diesen Rock, den ich im
Dienste des Vaterlandes zu tragen glaube und auf den ich stolzer bin, als diese
kindischen Alten und diese jungen Greise auf ihre Schnre und Achselbnder, vom
Leibe zu ziehen. Wehe aber Denen, die sich in ihren Intriguen nicht vorgesehen
haben! Ich bin durch die Disciplin nicht entmannt. Ich fhle etwas von jenem
selbststndigen Soldatengeiste in mir, der mit dem Degen in der Faust sein Recht
vertheidigt und im Grunde nur so lange dient, als er dienen will und mu. Die
Krieger im Mittelalter waren Mnner, selbststndig, frei, sie dienten um Lohn
und konnten scheiden von ihren Verpflichtungen, wenn sie kein Geld mehr nahmen.
Diese neuen Armeen, die das Kabinetsinteresse geschaffen hat, sind die wahren
Plagen der Menschheit. Unglckliche bedrngte Zeiten schufen sie. Sie muten da
sein, um einige neuere Staaten zu erretten, einige Vlker von ihren fremden
Unterjochern zu befreien. Damals waren es bewaffnete Vlker, bewaffnete Brger.
Muten diese Armeen nun bleiben? Mute der Begriff der allgemeinen Volkswehr fr
ewige Zeiten festgehalten und nur zum Besten der Kabinete ausgebeutet werden?
Diese Armeen sind die gefhrlichsten Strungen unsrer Ordnung und ehe sich nicht
alle Vlker Europas darber verstndigen, was Krieger sein sollen, wozu man
Armeen unterhlt, ehe nicht, da friedliche Verstndigung hierber kaum mglich
ist, dies ganze furchtbar gespannte Verhltni einmal von selbst zusammenbricht,
eher kommt nicht Friede Freiheit, Glck auf diese Erde. Ich bin ein Atom in
dieser Betrachtung. Aber den Muth, der Dummheit der Masse gegenber mit Hussen's
o sancta simplicitas! auf einem Scheiterhaufen immerhin in furchtbarster
Minoritt zu stehn, den hab' ich und sehe den Intriguen dieser Menschen, die ihr
Lebtag nur den Weibern, dem Spiel, der Trivialitt nachjagten, getrost entgegen.
    Werdeck war von dieser Erklrung so aufgeregt, da er, obgleich von seiner
Ruhe sprechend, doch mit glhendem Antlitz in dem kleinen Zimmer auf und nieder
ging ...
    Ich fhle, fuhr er, als die Freunde besorgt schwiegen, ich fhle, was an
diesem meinem Aufenthalt unter Ihnen, meine Herren, fr meine Position
bedenklich ist! Man hlt mir jenen Corpsgeist entgegen, der mir es unbedingt
verbieten solle, Andre aufzusuchen als Meinesgleichen.
    Wie die Jesuiten in Freiburg erzogen werden, chinesisch abgeschlossen, so
sollen wir Offiziere leben! Warum denn? Warum denn mit gebrochenem Herzen unter
der Fahne stehen? Ich bin vom Adel, meine Vorfahren bedeckten die Schlachtfelder
vieler Campagnen, soll ich die Erbschaft der alten Vorurtheile bernehmen und
diese tolle Einbildung meiner Standesgenossen dadurch untersttzen, da ich
meinen Verstand a priori gefangen gebe und die Anmaungen vertheidige, die immer
auf Rechnung der Ordnung und wieder der Ordnung und des gttlichen Rechtes
gehen? Nein, ich wei es leider, ich bin ein weier Rabe in der Armee und nie
auch werd' ich dazu kommen, ein revolutionrer Offizier wie Cromwell oder
Napoleon zu sein, aber dies fhl' ich, wenn ich von der Glorie des
Kriegerstandes trume, denk' ich eher an Cromwell und Napoleon als an unsre
Wachtparadengenerale, die loyale Adressen unterschreiben, jeden Civilisten
spieen wollen und sich mit Frau und Kind bei allen konservativen
Demonstrationen nur wie fr ihren Schlafrock und ihre Pantoffeln betheiligt
haben.
    Dieser Ergu eines gereizten Wahrheitsdranges wurde auf eigenthmliche Art
unterbrochen. Der Brieftrger kam und brachte Dankmar Wildungen eine couvertirte
Einladung zum nchsten Reubund-Balle.
    Wie kommt der Glanz in unsre Htte? sagte Leidenfrost.
    Eingefhrt durch den Vorstand, bemerkte Louis, die Karte von allen Seiten
betrachtend.
    Dankmar aber sagte halb staunend, halb lachend:
    Sonderbar, das ist bereits die zweite Einladung. Vor vierzehn Tagen erhielt
ich die erste, die ich nicht benutzen konnte. Und auch diese wird liegen
bleiben.
    Man rechnet auf Ihre Erbschaft, sagte Werdeck. Wenn diese in die Bundeskasse
flsse, Freund! Sie drften Ordensstatuten schreiben, welche Sie wollen, nur
eine Aussteuerkasse, nur eine Rentenanstalt damit verbunden ... o das Geld! das
Geld!
    So viel ist klar, bemerkte Dankmar und schlo die gegenseitigen
Mittheilungen, wir sind schon von einem rthselhaften Gespinnst bedenklich
umwoben. Unser Schicksal haben wir nicht mehr frei in unsern Hnden. Beobachtet
wurden wir lngst, aber jetzt merken wir sogar die thtigen Eingriffe in unsre
Entschlieungen. Aufforderung genug zur Vorsicht! Unsre Bundesidee wollen wir
sich von selber fortpflanzen lassen, noch ohne Form und Verabredung, bis die
Zeit da ist, einmal einen Tag, irgendwo im Auslande oder an einem sonst
verschwiegenen Orte auszuschreiben und da zu sehen, wer sich findet, wer sich
schon auf uns bekennt. Knnt' ich an einem solchen Bundestage sagen: Hier habt
Ihr die elastischen Springfedern, die leider auch der Gedanke bedarf, um sich
oben zu erhalten! Hier habt Ihr Mittel, um dulden zu knnen, verfolgt zu werden
und Die zu trsten, die um unsertwillen leiden! Hier leg' ich die Erbschaft der
alten Templer den neuen zu Fen, die erworbenen Gter des alten Kreuzes den
Bekennern des neuen -
    Bitte! rief Leidenfrost, nicht so viel Wind! Das Papiergeld fliegt davon. Es
ging mir jngst so mit zwei Thalerscheinen, als ich auf der neuen Brcke stand
und in meinem Portemonnaie einen Dreier fr einen Armen suchte. Ehe der Bgel
zuklappte, schwammen die Vgel schon den Strom der Vergessenheit hinunter.
    Dankmar, der sich nicht stren lie, fuhr aber fort:
    Wenn ich mir dchte: Man grndete Schulen fr freie Religionsbekenntnisse,
stiftete Stipendien auf Universitten fr bestimmte Aufgaben unabhngiger
Wissenschaftlichkeit, arbeitete den Jesuiten entgegen, die sich berall Kirchen
kaufen knnen, um zu predigen, whrend die ganze deutsch-katholische Bewegung
gescheitert ist an der Armuth ihrer Bekenner! Keine Kirche that sich auf. Kein
groer gefeierter Theolog konnte sichergestellt werden. Keine neubegrndete
Schule konnte Freiunterricht gewhren, whrend alle alten Institutionen, die
sich berlebt haben, gleichsam ihre drren Arme ausstrecken und nur um des
Mammons willen, den sie in vollen Truhen besitzen, die Massen an sich ziehen!
    Werdeck schttelte Dankmarn die Hand.
    Verzagen wir nicht! Es kommt ein Geistesfrhling!
    Ergriffen schlugen Alle ein.
    Gedenken wir des Fnften im Bunde, Siegbert's! sagte Leidenfrost. Wir Alle
sind zu strmisch! Louis Armand und Siegbert sind unsre sanften Johannesjnger!
Ihre Wege sind die der Liebe! Sie wirken vielleicht mehr als wir!
    Damit gingen die Freunde. Werdeck zu seiner Gattin, um ihr den neuen
Verwandten anzukndigen und sie auf seinen Besuch vorzubereiten, Leidenfrost in
die Willing'sche Anstalt, um dort den Tag seiner Abreise zu vernehmen. Dankmar
und Louis wollten forschen, wo Otto von Dystra wohne. Leidenfrost konnte es
ihnen schon sagen: In der Stadt Rom.
    Louis und Dankmar gingen in die Stadt Rom.

                                Neuntes Capitel



                                 Die Stadt Rom

Auf einem seidnen Kanap, den Kopf in ein Rckenkissen gelehnt, ein groes
Kupferwerk durchbltternd, lag ein nicht mehr junger Mann wie ein Taschenmesser
zusammengeklappt. Der fast haarlose Kopf war von einer eigenthmlichen spitz
zulaufenden Bildung. Die hohe Stirn, die freien Schlfe leuchteten fast
chinesenhaft, dagegen war die Pflege des Bartes trkisch. Die Augen zwinkerten
aus mehr ovallnglichen als runden Hhlen und lagen tief versenkt. Um den Mund,
der zuweilen aus einer Bernsteinspitze eine Cigarre wieder neu anblies, erkannte
man trotz des reichen gefrbten Bartwuchses die zuckenden Schlnglein der Ironie
und Satyre, die sich zuweilen in groe Falten verwandelten, wenn der Sonderling
das Buch fortlegen, die Cigarre aus dem Munde nehmen und ber irgend etwas, was
ihm pltzlich einzufallen schien, laut lachen mute. Ein dunkelblausammetner
Schlafrock mit gelben Schnren besetzt hllte die kleine Figur des kahlkpfigen
Schwarz-Brtlings behaglich ein und vermehrte den orientalischen Typus, der noch
durch die Vorhnge des Zimmers und den mit gewirkten Teppichen bedeckten
Fuboden erhht wurde.
    Das groe von dem die behaglichste Siesta genieenden Manne durchbltterte
Kupferwerk waren die Abbildungen der in Niniveh ausgegrabenen Denkmler. So sehr
ihn diese abenteuerlichen Steinmassen, diese kolossalen Thier- und
Gtzen-Steinbilder zu interessiren schienen, so frisch und rege mute doch auch
noch ein andrer in ihm nachwirkender Gegenstand ihn ergreifen. Dieser war
komischer Art, zum Lachen reizend, zum lautesten Lachen ...
    Vor ihm, der zusammengekauerten, mit einem trkischen Fez auf dem Haupt
bedeckten Gestalt, stand auf einem runden Tische eine, wie es schien, lngst
ausgetrunkene Chokoladentasse und eine Karaffe frischen Wassers, die ebenfalls
fast ganz geleert war. Der weie Porzellanofen verbreitete eine angenehme Wrme
und die Gre der Fenster bewirkte, da trotz der Vorhnge und der
unfreundlichen dstren November-Witterung das Zimmer noch leidlich hell war,
obgleich es schon weit ber Mittag schien.
    Der kleine Bewohner dieser behaglichen, durch Treibhausblumen geschmckten
Rumlichkeit klingelte nun. Ein Schellenzug hing grade ber seinem etwas zu
vollkommenen Rcken.
    Ein Neger in phantastischem, doch warmem Anzuge trat ein. Er hatte eng
anliegende, rothe Unterkleider, die bis zu den Fen gingen. Die Fe waren mit
gelben Stiefeln bedeckt. Doch ber den warmen Unterkleidern hing eine
griechische kurze Jacke und noch ein eben solches sehr weites, aber kurzes
Beinkleid. Die Jacke und das zweite Beinkleid reich mit Goldtressen geschmckt.
Um den Hals hing dem Schwarzen ein stark vergoldeter Reifen, der doch wohl
inwendig weich gefttert war und eine Cravatte von Metall vorstellen konnte.
    Nun, Spartakus, wurde der Neger von seinem im Lachen sich endlich
beruhigenden Herrn angeredet, ist Alles bereit, wenn meine Gste kommen und mit
mir speisen werden?
    Spartakus nickte.
    Noch immer traurig? sagte der Andre. Siehst du nicht, da ich lachen mu?
    Damit lachte sein Herr und rief den Diener nher.
    Zerstreue dich, Spartakus, sagte er und zeigte ihm einige von den Bildern in
dem groen Kupferwerke. Siehe, so bauten die Menschen ihre Kirchen, als noch der
gute Prophet Jesus nicht auf Erden war -
    Spartakus verneigte sich bei dem heiligen Namen.
    Damals, Spartakus, als man so baute, war vom Taufen noch nicht die Rede. Die
Menschen waren blinde Heiden, wie es du und deine Alten in Angora waren. Aber
Priester hatten sie doch und in einer solchen Zelle, wie du da siehst, zhlten
sie vielleicht, was der Klingelbeutel eingebracht hatte, der sicher auch bei
jenen Gtzendienern, wie hier, herumging.
    Spartakus nickte stumm zu diesen in englischer Sprache geuerten kirchlich
archologischen Bemerkungen.
    Ist Cicero noch nicht zurck? fragte der Freund der babylonischen Baukunst.
    Spartakus schttelte den Kopf.
    Du bist sprachlos, armer Spartakus! Du hast unsre treuen Reisegefhrten
verloren. Die Papageyen sind fort, die Affen und die Meerkatzen nun auch. Wer
wei, ob ich nicht auch ...
    Spartakus warf sich Otto von Dystra - denn dies war der humoristische,
kleine Cigarrenraucher, der Trke im Schlafrock - auf dies gezogene: Ob ich
nicht auch mit leidenschaftlicher Gebehrde zu Fen ...
    Wetter, was soll Das? rief Dystra und brachte mit gespitztem Munde einen
Laut, etwa wie: Huit! hervor, den man mit dem Klange einer krftig geschwungenen
Peitsche vergleichen konnte.
    Die Wirkung war elektrisch. Spartakus sprang nach diesem Huit! auf, als wre
er wirklich von einer Peitsche getroffen worden.
    Da - aqua fresca - Huit!
    Spartakus hatte die leere Caraffe von seinem Herrn bezeichnet erhalten,
ergriff sie und sprang hinaus wie ein Hund, der zum Apportiren dressirt ist.
    Wie er die Thr zum Vorzimmer ffnete, stand drauen ein Mann in einem mit
Pelz verbrmten grnen Schnurrock, eine Mtze in der Hand ...
    Spartakus wollte ihn nicht einlassen ...
    Ein krftig gepfiffenes wiederholtes Huit! aber unterbrach wieder seine
dienstfertige Zurckweisung und der Fremde, der es fr Dystra nicht war, trat
ein.
    Willkommen! Willkommen! sagte Dystra mit freudiger Begrung und reichte dem
Eintretenden, einem schlankgewachsenen, nicht mehr jungen Manne mit krftigem
rothem Bartwuchse die zarte, fast weiblich weiche Hand. Willkommen, Inspektor!
Meine Vorzimmerteufel haben doch sonst kein so schlechtes Gedchtni ...
    Es mu wol der Andre sein, sagte der Eintretende, den ich in Buchau gesehen
habe ... wie soll man diese beiden geputzten Schornsteinfeger nur unterscheiden
-?
    Der Eine, sagte Dystra und nthigte den Besucher sogleich zum Sitzen, der
Eine ist so alt wie der Andre, gleicher Wuchs, gleiches Haar, gleiche Nstern
und Zhne haben sie auch. Aber der Andre, den Sie von Buchau kennen, hat ein
Mahl wie eine Erbse gro am Kinn, eine sogenannte Kichererbse und der zu Liebe
nannt' ich ihn Cicero ...
    Cicero! Ganz Recht! Ich glaubte, Sie htten ihm diesen Namen seiner stummen
Beredtsamkeit wegen gegeben.
    Englisch macht Cicero seinem Namen Ehre, aber das Deutsche will sich ihm
nicht recht abgurgeln. In Deutschland mag er seinem Namen durch die Kichererbse
Ehre machen, von der Markus Tullius den Beinamen empfing. Der Schlingel da heit
Spartakus. Ich gab ihm diesen Freiheitsnamen, als ich ihn von einem Pflanzer in
Charlestown loskaufte. Spartakus und Cicero sind Brder, Kinder eines
Kammerdieners bei Sr. Majestt dem Kaiser irgend eines Negerstammes in Angora.
Wenn diese Majestt gern einen neuen Rock anziehen will, verkauft sie regelmig
die Kinder ihrer Lakaien wie junge Katzen. So kamen Beide nach Charlestown,
wurden da getauft, gingen zehn Jahre bei der Peitsche in die Schule und wurden
von mir angekauft, weil ich ein sehr tyrannischer Herr bin. Ich dachte mir,
Lakaienkinder, die die Launen einer afrikanischen Majestt kennen, werden sich
mit Geduld in die meinen finden. Statt der Peitsche brauch' ich aber nur den
Laut davon zu geben und habe dieselbe Wirkung. Wie geht es Ihnen, Inspektor? Ich
freue mich, da Sie so bald Wort hielten! Bringen Sie mir die Mglichkeit, da
ich die alte Ruine an dem malerischen Strome ankaufen kann?
    Herr Baron, wirklich, das alte Steingerll? Was wollen Sie mit einem so
unwirthbaren Boden?
    Ich bin kein konom, Mangold. Ich komme zum ersten Male wieder nach lngerer
Trennung auf diese deutschen Fluren und bin vom Anblick der liebenswrdigen
feudalen Erinnerungen so hingerissen, da ich mir eine solche Ritterburg rein
als mittelalterlicher Dilettant ausbauen mchte. Ich denke mir es reizend, in
einem mittelalterlichen Gebude mit allem Comfort und den Gedanken der neuen
Zeit zu wohnen. Ein Kapitel von Voltaire, gelesen auf einem Burgsller, Caviar
und Austern verzehrt in einem Ahnensaal! Die Zeiten entwickeln sich
spiralfrmig. Gehen, Kommen, Altes, Neues. Ich finde die Lage jener alten
zerstrten Burg reizend. Der Blick ber den Strom, zu den fernen blauen Bergen
hin weckt allein schon jenen Frieden, den man nicht so leicht unter andern
geographischen Bedingungen erwerben kann. Nein, nein, es ist mein fester Ernst,
ich kaufe diesen Felsen, diese Zerstrung, diese Steinmassen, und bitte Sie, den
Inspektor der kniglichen Grten, den Aufseher des kniglichen Schlosses Buchau,
Ihren ganzen Einflu anzuwenden, da ich jenen Punkt in Deutschlands uerstem
Westen erobere.
    Ich verspreche Ihnen, mein Mglichstes zu thun, Herr Baron.
    Wie kommen Sie so rasch wieder in die Residenz zurck, Mangold?
    Sie erinnern sich, da ich, als Sie Buchau besahen und den nahegelegenen
Tempelstein erstehen wollten, um ihn auszubauen - Sie erinnern sich, da ich
sagte: Ich folge Ihnen bald, ich bin gezwungen, die Residenz, die ich kaum vor
vierzehn Tagen verlassen, schon wieder zu sehen ...
    Dystra verfiel jetzt wieder in jenes Lachen, das schon vorhin seine
archologischen Studien ber die alten Bauten von Niniveh unterbrochen hatte ...
    Mangold (es war jener Inspektor des Gartenschlosses Solitude, der Auguste
Ludmer von der Residenz entfernen sollte, nach Buchau versetzt und wirklich
dorthin abgegangen war) Mangold fragte lchelnd nach der Ursache seines Humors.
    Sie wissen, Inspektor, sagte Dystra, da ich Ihnen schon in Buchau, als Sie
von Ihrem frhern Chef, dem Geheimrath von Harder erzhlten, bemerkte, ich
glaubte gewi zu sein, da dieser Harder ein ehemaliger Bekannter von mir ist,
als ich noch hier studirte und leider zu sehr nur mit dem talentlosen Theile der
exclusiven Gesellschaft zusammenkam. Richtig, es ist derselbe. Heute frh, vor
wenigen Stunden, hatt' ich die berraschung seines Besuches. Er umarmte mich mit
Frmlichkeit und rckte mit der Bitte heraus, ich mchte ihm meine Affen und
Meerkatzen, die ich von Amerika mitgebracht, leihen, um Goethe's Faust
zweckmiger in Scene zu setzen.
    Er ist Intendant des kniglichen Theaters geworden und hat mich in dieser
Eigenschaft per Expressen zum dritten Male auffordern lassen, hieherzukommen.
Ich mute willfahren ...
    In dieser Eigenschaft? Sollten Sie vielleicht die Gartenscene in Faust
arrangiren?
    Bitte, ich unterbrach Sie, Herr Baron ...
    Sie mssen wissen, ich habe dieses Gethier aus Amerika mitgebracht, nur um
es zu verschenken. Es ist mir persnlich zur Last. Ich dachte: du hast eine
Menge Freunde und Bekannte, die sich inzwischen verheiratheten und vielleicht
keine Kinder haben. Da verschenkst du Papageyen. Einige Mdchen blieben
unvermhlt, wurden alt und sehnen sich nach Gegenstnden ihrer Zrtlichkeit. Fr
diese bracht' ich einige Exemplare einer vorzglichen Sorte Windspiel-Pinscher
mit, die in Boston durch eine ber-Kreuzbegattung sehr gut gezogen werden. Die
Affen und Meerkatzen hofft' ich bei einigen alten Junggesellen, die sich selber
rasiren und bei diesem edlen Geschfte stundenlang zubringend ohne Unterhaltung
sind, loszuwerden. Die Papageyen bin ich los. Die Boston'schen
Windspiel-Pinscher gleichfalls. Aber meine Affen und Meerkatzen blieben mir auf
dem Halse. Wo ich hinhorchte, um sie an Kindesstatt auszusetzen, hrt' ich:
Bester Freund, das Ablsungsgesetz! Personalsteuer! Unsre Grundgefalle! Die
Laudemien! Einschrnkungen! Verringerung des Hausstandes! Drei Stallknechte
entlassen! Genug die verdammten Meerkatzen blieben mir; da half Ihr ehemaliger
Chef aus der Noth. Er wollte diese verteufelten Thiere nur haben, damit sie das
Ballet als Modell studirt. Ich habe ihm aber klar und deutlich bewiesen, da die
dramatische Kunst in einer solchen Entwickelung berall in Europa, Asien und
Afrika begriffen wre, da sie ohne ein Hlfs- und Ergnzungspersonal von
lebendem Geflgel und vierbeinigem Gethier nicht bestehen knne. Er wrde sich
ein Verdienst erwerben, wenn er die Zauberflte, die hoffentlich in Deutschland
noch nicht vergessen ist, mit einer wirklichen Menagerie neu in Scene setzte.
Diese Idee schien ihm im hchsten Grade einleuchtend. Ich schilderte ihm,
welches Aufsehen er machen wrde, wenn er die unsterbliche Zauberflte Mozart's
neu ausstattete mit Dekorationen, neuen Kostumes, Wasserfllen (da ich den
Niagara kenne, wrd' ich ihn untersttzen) mit Feuergluten, besonders aber mit
wirklichen lebenden Thieren, hchstens die Schlange ausgenommen, die dies
herrliche gyptische Freimaurermrchen erffnet ...
    Excellenz sind Freimaurer -
    O ich sage Ihnen, Mangold, es erschien ihm im hchsten Grade plausibel. Die
Bewegungen einer sterbenden Schlange, sagt' ich ihm, wrden sowol meine beiden
Bedienten, wie ich selbst, der ich solchen Scenen genugsam beiwohnte, ihm hchst
anschaulich vormachen. Dann bewies ich ihm, wie die Thiere, die das Glockenspiel
bndigt, wie die Bestien, die den Papageno erschrecken, wie die Gestalten, die
dem Tamino zurufen: Zurck! durch ihre Natrlichkeit den Reiz des Abends nur
vermehren wrden. Genug, es ist beschlossen, da ich meine Affen und Meerkatzen
fr immer los bin. Die Kosten fr deren dauerndes Engagement beim kniglichen
Hoftheater - ich nannte ihm alle alten Stcke, wo sie knnten angebracht werden
- hofft er aus Ersparungen bei Dichterhonoraren zu bestreiten. Ich hoffe, die
deutsche Literatur leidet nicht darunter, sonst nhm' ich die Thiere, die Cicero
eben in den Dekorationsspeicher des kniglichen Theaters gefahren hat, gern
wieder zurck, so unausstehlich mir auch nachgrade ihre Capriolen und ihre
menschenhnlichen Vertraulichkeiten wurden.
    Ein lautes Schluchzen im Vorzimmer unterbrach diese von dem kleinen im
Vorzimmer gravittisch auf und abschreitenden Mann launig vorgetragene
Erzhlung.
    Mein Himmel, was ist denn Das wieder? rief der Tourist, der sich gern einen
Weltspaziergnger nannte;
    heulen diese schwarzen Kaiserlakaienshne um meinen verringerten Hofstaat?
    Damit ffnete er, pfiff sein: Huit! und fragte auf Englisch: Was gibt es da?
Cicero, was plagt dich wieder? Kommt dir wieder was vom bsen Geiste vor, den
ihr schwarzen Engel in Angora als wei angebetet habt?
    Obgleich Cicero der Beredtsame htte sein sollen, so war es doch Spartakus,
der das Wort ergriff und mit untermischtem Schluchzen die Worte vorbrachte:
    Popo fort - Wauwau fort - Zickzick fort - Prinze Pom-padour fort - Alles
fort -
    Um diese Kameraden macht Ihr den Lrm? Ihr Narren! Hol' Euch der weie Geist
und noch ein aschgrauer! Die ganze Stadt Rom hier wird ber Euer Heidenthum
zusammenlaufen - Schmt Euch -
    Nicht die Thiere kneipen uns, sagte der beredte Spartakus mit der goldnen
Ringcravatte (Cicero trug eine silberne), nein, Massa! Du sagst auch: Spartakus
fort! Cicero fort!
    Ah, Das ist Euer Kummer? Ihr denkt, ich nahm Euch nur mit, um Euch an meine
alten Freunde zu verschenken, wie meine Papageyen und Boston'schen
Windspiel-Pinscher?
    Spartakus und Cicero schluchzten bejahend und verriethen, da Das ihr ganzer
Kummer wre.
    Hat Euch vielleicht der Geheimrath von Harder scharf in's Auge genommen?
    Ja, Massa! sagte Cicero.
    O Das ist einzig, wandte sich Dystra zu Mangold. Die Zauberflte scheint
Ihrem Chef zu Kopf zu steigen. Es ist ihm etwas von einem Mohren Namens
Monostatos eingefallen. Geben Sie Acht, er hat es in seinem wthenden
Grndlichkeitseifer auf meinen Cicero abgesehen, um die Vorstellung vollkommen
zu machen. Nein, nein, Ihr schwarzen Krauskpfe, ich hatte zwar so etwas im
Sinne, dich Cicero an die Frstin Wsmskoi, dich Spartakus an Comtesse Olga zu
verschenken, allein da Ihr doch so dumme Teufel seid und die Menschen liebt, die
Euch nur ein moralisches Huit! mit der Zungenpeitsche geben, so will ich Mitleid
haben und Euch so lange bei mir behalten, als wir Alle zusammen das Klima von
Buchau hinterm Rheine vertragen knnen.
    Wie die beiden Neger diese Trostesworte hrten, stieen sie ein heulendes
Freudengeschrei aus, kten Dystra's Hnde und wollten sich vor ihm
niederwerfen, was er aber mit den Worten verhinderte:
    Gut! Gut! Es ist schon abgemacht! Sorgt fr unser Diner und betrinkt Euch
erst, nachdem Ihr servirt habt, hrt Ihr?
    Mit diesen Worten schlo Dystra die Thr und konnte nicht anders, als
Mangolden Recht geben, der ber diese Scene seine Freude uerte ...
    Welche Dankbarkeit! sagte Mangold. Welche Hingebung und Liebe! Sie wrden
lange bei uns suchen drfen, bis Sie so viel Anhnglichkeit fnden.
    Diese Treue steht hoch und niedrig, wie man es nimmt, antwortete Dystra. Es
ist die magnetische Gewhnung dieser Menschen an meine Persnlichkeit und nicht
nur die moralische Persnlichkeit, sondern gradezu die physische. Wir ignoriren
in der That den Krper zu sehr, wir achten ihn zu gering und sind darum auch im
Geiste zurckgeblieben. Wenn man die Menschheit immer nur dem Geiste nachjagen
sieht, so kommt sie aus der Bahn ihrer Natur und verirrt sich aus lauter
intellectuellem Drange oft in's Grausame und Unnatrliche. Mir ist dieser ganze
Wirrwarr in Europa ein unnatrlicher, dem innersten Menschenthum entrckter. Wir
haben uns zu sehr auf die Potenzirung unsrer Empfindungen verlassen, sind in den
feinen Sonnenstubchen der idealischen Welt zu sehr verloren! Niemand will
irren, Jeder will wahr sein und Alles lgt. Ich suche Menschen, die das
Geheimni des Daseins in sich selber suchen, in der Entwickelung der Natur, die
ihnen die Geburt einmal mitgab, ich finde sie nicht. Ein Gespinnst von
Ideologie, das hier Alle in Kirche, Staat, Gesellschaft beherrscht, umwickelt
die Handlungen dieser ganzen Generation, die in himmlischen Leibern schon auf
Erden wandeln will und in Zorn und Wuth gerth, wenn sie an die Bedingungen
ihres Daseins, die Luther doch den alten Madensack nannte, erinnert wird. Aber
was wollte denn mein alter Freund der Intendant? Ich staune, wie gehnselt und
genarrt ich diesen ehemaligen unanstelligen Mann verlie und was fr ein groes
Thier ich in ihm wiederfinde! Diesem Manne bertrgt die unverbesserliche
Etikette des Hofes die Frsorge fr ein geistiges Institut! Das erinnert mich an
die russischen Generale, die man in Moskau zu Direktoren der schnen Knste und
Wissenschaften macht.
    Ich habe, berichtete Mangold, zehn Jahre mit diesem Manne gemeinschaftlich
die Gartenkultur der kniglichen Lustschlsser gepflegt und ihn als einen zwar
beschrnkten und in der Erziehung vernachlssigten, aber dennoch ehrgeizigen und
in seiner Art wirklich thtigen Menschen kennen gelernt. Da er das Groe nicht
fassen und bersehen kann, hlt er sich an das Kleine und zieht alle Gegenstnde
seiner Amtssorge in diese geringe Sphre herab, in der er vermittelst seiner
adligen und Hofwrde doch gro erscheint. Als gehorsamst Untergebener lie ich
ihn walten und schalten und that doch Das, was gethan werden mute. Meine Ideen
wurden, wenn er sie mir gegenber auch bestritt, andern Menschen gegenber die
seinigen und regelmig geschah es, da er sie dann auch mir gegenber als seine
Befehle ertheilte, indem er entweder seine frher abweichende Ansicht vergessen
hatte oder sich seines klugen Handgriffes schon bewut war. Denn ohne Schlauheit
ist er nicht und von der Vorstellung, da alle Menschen im Grunde schlecht sind
und gegen ihn konspiriren knnten, entlehnte er noch die ganze Thatkraft, deren
er fhig ist. Ich spreche scharf ber ihn, weil man mir in seiner Umgebung bel
mitspielte. Ich dankte meinem Schicksal, von ihm frei zu sein. Da lt er mich
durch einen Expressen von Buchau holen, bezahlt die Eisenbahn, alle Kosten der
Reise und bietet mir an ... Was denken Sie wol?
    Da Sie ihm seine eignen Gewchshuser vor dem Winterfrost schtzen sollen?
    Nein, Herr Baron! Ich mchte meinen Posten, dem ich vorstehe, aufgeben und
mich von ihm in seiner neuen Verwaltung anstellen lassen.
    Hren Sie, sagte Dystra, Das erinnert an die Anhnglichkeit meiner Mohren!
Darin find' ich Naturwrme, Liebe, Geistesinstinkt!
    Wenn es Das wre! Nein! Er gestand mir offen, da er sich nicht ganz sicher
in seiner Sphre fhle. Er htte einen Sachkundigen sich empfehlen lassen. Der
aber wre ein Sptter, lache oft sonderbar und blinzle den Andern zu, die mit
ihm in einem Komplotte zu stehen schienen. Das Kunstwesen lerne sich! Weg mit
diesen Intriguanten! Ich brauche nur ehrliche Menschen um mich, Menschen, die
nicht hinter meinem Rcken Verschwrungen machen! Ich bin die Hauptsache an
dieser Kunstanstalt! Sie kenn' ich, Mangold, Sie sind treu und brav. Bleiben Sie
bei mir. Ich brauche unter diesem geriebenen Volke Einen, der es mit dem Chef
wahrhaft gut meint, und Das sehen Sie doch selbst, der Chef mu der Chef sein,
der Chef ist immer das Ganze, der Chef ist die Anstalt selbst!
    Und was thaten Sie auf diese Bitte, die charakteristisch ist?
    Ich schlug sie ab.
    Sie sind hartherzig, Mangold!
    Ich kehre nach Buchau zurck. Diese adlige Familie, der ich Treue und
Anhnglichkeit genug bewies wie ein Hund, hat mich auch mishandelt wie einen
Hund.
    Sie sind erregt, Mangold?
    Mit Fen hat sie mich getreten - im Herzen fhlbar - o, Herr Baron - ich
sagte schon, ich bin ein Mensch ohne Raffinement und passe nur nach Buchau.
Kaufen Sie sich den Tempelstein! Auf dem kniglichen Gartenamt hrt' ich, da
kein Geld da ist, jetzt Ruinen auszubauen. Sie bekommen den Felsen, bekommen die
Steine, die Wiesen am Berg, auch die Ruinen der alten Tempelabtei, die noch
Jeden feierlich stimmten - wir leben da ruhig als Nachbarn und Sie erzhlen von
Ihren Reisen, den tausend Denkwrdigkeiten, die Sie gesehen ...
    Darf ich nicht wissen, Mangold, warum Sie die Menschen fliehen ... ich habe
die groe Schwche, an Andern praktische Psychologie zu treiben. Im gewhnlichen
Leben nennt man Das neugierig sein.
    Ich fliehe nur die schlimmen - vielleicht finden sich gute, die wir
mitnehmen -
    Mangold sagte diese Worte mit einem vertraulich blinzelnden Auge, soda
Dystra lachte und sagte:
    Mangold, Sie sind mindestens vierzig Jahre, aber ich sage Ihnen, Schwab, Sie
sind verliebt! So kann nur ein Verliebter blinzeln.
    Mangold strich seinen rothen Bart und die wasserblauen, klaren Augen
leuchteten vor innerer Bewegung.
    Sie sind ein gereister und kluger Herr, rathen Sie mir, Herr Baron - sagte
er und erzhlte ihm nun zuvrderst die Anknpfung seines Verhltnisses mit
Auguste Ludmer und das Ende desselben. Otto von Dystra hrte theilnehmend zu und
fand die Intrigue, ihn zur Entfernung einer lstigen Anverwandten zu benutzen,
abscheulich, seine Leichtglubigkeit aber, wie er ihm offen gestand, komisch.
ber das Gewissen, das sich Mangold wegen Augusten's Selbstmord machte, trstete
er ihn mit den Worten:
    So ist nun einmal unser Leben, da Einer des Andern unbewuter Mrder wird!
Die grte Liebe kann sich zur Veranlassung wechselseitigen Verderbens werden.
Darber, da man zum Werkzeuge der Vorsehung gewhlt wurde, hat der Mensch sich
kein Gewissen zu machen.
    Da ich nun doch einmal hier war, fuhr Mangold fort, so fhrte mich's wieder
den Spuren des unglcklichen Mdchens nach. So hrt' ich auf einem einsamen
Kirchhofe, da sie hier eingescharrt wurde und ein alter Mann den Sarg begleitet
htte. Mit einer schwarzen Binde? fragt' ich. Ganz recht, hie es. So war es
Derselbe, den ich an jenem Abende bei ihr traf und mit dem sie frher gegangen
war. Da er ihrem Sarge hatte folgen knnen, berraschte mich doch. Ich
beschlo, den Mann aufzusuchen. Auf nhere Erkundigungen hrt' ich, da er
Murray hie und ein Englnder sein sollte ...
    Wie nannten Sie ihn? fragte Dystra aufmerksam.
    Murray, wiederholte Mangold und fuhr, da Otto von Dystra nichts weiter zu
erinnern fand, fort:
    Ich glaubte, ein so leichtsinniger alter Mann, der an ein unglckliches
Wesen dieser Art Ringe und Armspangen verschwendete, wrde im Glanz und
Wohlleben, wenigstens anstndig wohnen. Wie erstaunt' ich, als ich ihn aufsuchte
und mich in die dunkelsten und entlegensten Gassen verlor. Endlich Brandgasse
Nr. 9 fand ich in einem Hinterhofe ber drei schwindelerregenden Treppen, mitten
in Armuth und Elend, seine Wohnung, aber ihn selber nicht. Er war verreist.
Diese Auskunft gab mir seine Vermietherin, bei der er zwei elende Kmmerchen auf
einer offnen Gallerie hinter Eisenstben bewohnte. Das Mdchen wute wenig mehr
von Master Murray, als da er ein Geizhals sein mte, der in Anfllen von
Gromuth schne Geschenke mache. Sie zeigte mir einen kostbaren Ring, den sie
von ihm fr ein Glas Wasser bekommen htte ...
    Das ist Diogenes in der Tonne! sagte Dystra. Er zieht ein Glas Wasser allen
Capweinen vor. Man kommt zuletzt dahin.
    Freilich auch, fuhr Mangold mit einer Art schamhafter Verlegenheit fort,
freilich auch dargebracht von so weien, zarten Hnden, mit so freundlicher
Miene, unter so rhrenden Umgebungen! Dies Mdchen, Louise Eisold ist ihr Name
...
    Teufel! sagte Dystra; Sie sind sehr verliebter Natur, Inspektor! Und die
neue Bekanntschaft schlug ein, sie geht mit nach Buchau und wir sind vom
Frhjahr an zu Drei Nachbarn?
    Das ist noch weit im Felde!
    Neue Schwierigkeiten?
    Das Mdchen lachte mich aus, als ich ihr gleich nach dem dritten Worte
sagte: Ich mchte sie heirathen ...
    Sie hielt Sie mit Recht fr einen Don Juan.
    Mangold seufzte und verrieth, da er noch nicht am Ziele seiner Wnsche war.
Leider, sagte er, ist schon Einer da, der die Hand auf sie gelegt hat ...
    Lassen Sie sich nur nicht wieder wie bei der Auguste - -
    Nein! Das hatt' ich gleich weg, ich gefiel ihr besser als der ...
    Mangold nahm Anstand, Danebrand's Wuchs zu erwhnen. Der Baron war eine
Miniaturausgabe von dem Schleswiger Kanonentrger. Er unterbrach sich:
    Eins, sagte sie, gefllt mir an Ihnen!
    O die Kokette!
    Ihr Amt, sagte sie, Ihr Wohnort, fern von hier, weit weg, in der schnen
Gottesnatur - weg von diesen elenden Menschen, von diesen Dachkammern, diesen
Katzen und Nachteulen - die aber doch noch besser als die Menschen sind ...
    Sprach sie so? Haben Sie in Buchau auch eine Leihbibliothek, Mangold! Viel
Bcher werden Sie fr die Dame nthig haben.
    Wirklich! Manchmal wie ein Buch! Sogar in Redensarten, die sich reimen -
    Mangold, Mangold, vorsichtig! Die Emancipation der Frauen fing bei den
Grisetten an und scheint jetzt bei ihnen wieder aufzuhren ...
    Vorsichtig Herr Baron? Diesmal bin ich's. Sie sollten sie sehen, unter ihren
kleinen Geschwistern - fnf, sechs Geschwister ... wie wir vorgestern Abend Alle
Punsch tranken ... da ...
    Was? Schon Punsch? Und doch noch Tugend?
    Herr Baron, wenn ich wo sage: hier gefllt's mir, dann mu es lustig
hergehen. Ich legte gleich Hut und Stock ab, die Geldbrse heraus, Kaffee,
Kuchen, Alles herbei! ... was konnte sie machen? Die Kinder sprangen ja
deckenhoch. Sie hungern ja halb. Ich nahm Besitz von der Familie, als wr's
schon meine eigne. Sie weinte fast, erst vor Zorn, dann vor Scham und zuletzt
vor Kummer und Liebe zu den Kindern. Die leckten und schleckten! Ich pfiff ihnen
Liedchen. Das jngste nahm ich auf den Schoo und kt' es mit meinem garstigen
rothen Bart und kt' es ganz wund. Aber es strampelte und zauste mich und ich
gefiel dem Wrmchen. Die Louise weinte und bat mich zuletzt flehentlich, ich
sollte gehen; es kme Einer, den sie selbst nicht mchte, der sie aber liebe und
den sie wrde nehmen mssen. Da ging' ich und am Morgen war ich doch wieder da
und sa wieder bei ihr am Nhtisch, sie mocht' es leiden oder nicht und die
Taschen hatt' ich wieder voll pfel, voll Nsse, voll Birnen. Da wurde denn
ausgetheilt, gesprungen, gesungen. Danebrand, so heit mein Nebenbuhler, kam gar
nicht. Ich will ihn in der Willing'schen Maschinenfabrik besuchen und ihm
aufrichtig meine Vorstellung machen. Er wird in sich gehen, er ist ... er hat
... Kurz, Baron, ich bring's schon dahin, da ich ein gesundes, gutes, frisches,
saubres, gescheutes Mdchen heimfhre und gleich das ganze Nest mit Kindern auch
ausnehme und in Buchau Alles lebendig damit mache. Halten Sie sich nur dran! Das
Gartenamt schlgt Ihnen den Tempelstein zu. Man braucht Geld, um die Erinnerung
an Herrn von Harder's Verwaltung zuzudecken! Dann bauen Sie aus und was die Frau
Liebste anlangt, mein' ich fast, es wre nun auch fr Sie Zeit, Herr Baron ...
    Dystra schwieg. Der Jubel des Mannes rhrte ihn.
    Nichts fr ungut, Herr Baron ...
    Es wre Zeit! sagte Dystra. Er nahm den Fez ab. Sehen Sie nur meinen
chinesischen Kopf, den die Jahre geschoren haben, vielleicht auch ein wenig der
Sonnenstich von Nubien und Abyssinien ...
    Cicero trat bei diesem Akte der Selbsterkenntni, den Otto von Dystra vor
dem Spiegel ausfhrte, bestrzt ein und meldete mit Staunen und Befangenheit,
da es erst vier Uhr und einer der Gste schon da wre.
    Es war der Pfarrer Rudhard, der dem Schwarzen folgte.
    Erschrecken Sie nicht, Baron - sagte Rudhard, der in schwarzem Frack und
noch weierem gebleichten Haar, als wir frher an ihm sahen, eintrat -
erschrecken Sie nicht, Baron! Ich wei, Sie diniren um fnf -
    Bester Pfarrer, ich habe noch keine Toilette gemacht ...
    Thun Sie Das in meiner Gegenwart! Legen Sie sich keinen Zwang an! Ich komme
frher, weil ich Sie -
    Er sah auf den Inspektor, der schon im Begriff gewesen war, sich zu
empfehlen ...
    Adieu, Herr Baron, sagte Mangold.
    Str' ich? war Rudhard's hfliche Entschuldigung.
    Wir waren schon nahe daran, grade den Pfarrer zu brauchen, bemerkte Dystra
mit Beziehung auf den heirathswthigen Mangold ...
    Nein, nein, sagte Mangold, so weit sind wir noch nicht. Aber Sie sollen's
bald erfahren. Noch einige Tage bleib' ich. Wegen dem Tempelstein knnen Sie
getrost oben anfragen. Und nun Adieu, Herr Baron!
    Damit empfahl sich der gute Mangold bis auf Weiteres und lie den ihm so
wohlwollend gesinnten Baron mit Rudhard und Cicero allein.
    Schon gut, schon gut, Cicero, bemerkte Dystra, beruhige dich nur! Noch eine
Stunde ist Zeit. Liegen da meine Kleider? Gut! Jetzt geh!
    Cicero ging erleichtert. Die beiden Mnner, die uns an die fern in Italien
unter Goldorangen schwrmende Olga Wsmskoi erinnern und die ganze Verwickelung
einer zu tragischen Konflikten reifen Familie zurckrufen, standen sich allein
gegenber. Otto von Dystra schlug die groen Kupferwerke zu, rumte den Tisch in
Ordnung, trug Rudhard selbst einen Sessel zu und verrieth, da er doch nicht
moderner Philosoph genug war, um ber Das, was zwischen diesem ehrwrdigen,
ruhigen, gefaten Besucher und ihm jetzt zu verhandeln sein mute, ganz ohne
Erregung zu bleiben.

                                Zehntes Capitel



                                Helenen's Schule

Was bringen Sie, Rudhard? begann Otto von Dystra. Nachrichten von meiner kleinen
entflohenen Braut? Einen Gru von der Frstin? Sie sehen so trbe und bedenklich
aus? Oder sind Sie unzufrieden, da ich Sie mit meinen alten Jugendfreunden, dem
General Voland von der Hahnenfeder und dem Ritter Rochus vom Westen heute
zugleich zu Tische einlud?
    Im Gegentheil, sagte Rudhard in seiner gemessenen, immer ernsten Weise. Man
hrt so viel von diesen beiden Mnnern, da ich mich freue, sie einmal von
Angesicht zu sehen. Die Frstin empfiehlt sich Ihnen; aber ... von Olga erhielt
ich heute diesen Brief.
    Lesen Sie ihn vor! sagte Dystra, indem er Anstalten machte, sich anzukleiden
und durch die Lektre Rudharden Veranlassung geben wollte, sich zu stellen, als
bemerkte er seine Toilette nicht. Lesen Sie selbst, Pfarrer!
    Rudhard las, indem er sich dicht an's Fenster stellte:
    Guter Papa Rudhard! Tante Helene hat mir gesagt, da die Wahrheit ber
Alles ginge; ich sollte dir ganz so schreiben, wie mir's um's Herz wre und
keine weitluftigen Umschweife machen. Sie meinte: Die Lge wre der Leute
Verderben und da du mir Das auch gesagt hast und es in der Bibel steht, so will
ich auch nicht lgen und Euch nun sagen, da ich unglcklich bin, weil ich
Keinen von Euch wahrhaft vermisse, Keinen mit Sehnsucht entbehre, Paulowna und
Rurik ausgenommen.
    Brava! unterbrach, die schwarzen Pantalons anziehend, Dystra den bekmmerten
Vorleser, der nach einer Weile so fortfuhr:
    Die Tante ist mein Schutzengel geworden, mein Erlser, meine Priesterin.
Wir haben Beide viel geweint und da unsre Thrnen sich ineinander mischten, so
fhlten wir, wie Georges Sand sagt, die Annherung eines Engels, der -
    Wer sagt Das, unterbrach Dystra, die Tragbnder berschlagend, wer? Georges
Sand?
    Eine Lektre, die ich ihr niemals gestattet habe ...
    O Rudhard! Sie htten sie ihr gnnen sollen, wenigstens der Mutter. Da die
Tochter die Mutter hat, die Mutter auf die Tochter eiferschtig ist, so wrde
Olga auch die Lektre der Mutter verachtet und Paul und Virginie viel schner
gefunden haben als Lelia und Consuelo. Aber ich schwelge in diesem bizarren
neunzehnten Jahrhundert! Fahren Sie fort! Weiter! Weiter!
    Rudhard fuhr fort:
    So fhlten wir die Annherung jenes Engels, der in einer krystallenen
Schaale die Thrnen der Menschen sammelt und damit das Paradies bewssert, wo
sie sich in silbernen Thau und in goldne Freuden verwandeln.
    Sehr schn gesagt, unterbrach der kleine Elegant, der sich sehr rasch und
gewandt adonisirte. Ich liebe alle Phrasen, die uns irgendwie einen Trost
gewhren. Krystall, - Gold - Silber ist ein Service, das immer wohlthut. Da Olga
eine Russin ist, fehlt nur noch Platina.
    Die Tante reiste mit einem gebrochenen Herzen, las Rudhard.
    Auf der Reise ist ein gebrochenes Herz viel weniger gefhrlich als eine
gebrochene Achse ... ergnzte Dystra.
    Sie fand zuletzt einen Trost, den einzigen, der sie am Leben lie. Es war
der Ha. La haine dans l'amour, c'est un mystre.
    Schreibt sie Das wirklich, Pfarrer?
    Wrtlich!
    Ohne orthographische Fehler? Georges Sand hat ein Drama ber den Ha in der
Liebe geschrieben. Vortreffliche Lektre! Ah, meine Braut wird Mhe brauchen,
bis sie an Layard's Alterthmern von Niniveh und Humboldt's Kosmos Gefallen
findet.
    Rudhard mute innehalten. Der Schmerz berwltigte ihn. Tieferschttert war
er von diesen romantischen Verirrungen eines jungen seiner Pflege
anbefohlengewesenen Mdchens. So war ihm einst schon Helene geistig entschlpft,
als sie den Grafen d'Azimont heirathete! So hatte ihn Olga verlassen! So drohte
jetzt sogar die kaltbltigere, phlegmatische Adele sich ihre eigne Welt
aufzubauen! Und er, er war verantwortlich fr diese Seelen!
    Dystra, der die Kennerschaft des Menschen fr sein Lieblingsstudium
erklrte, hatte etwas auf der Zunge von der Einseitigkeit des Verstandes und den
Gefahren der Poesielosigkeit, aber er verschwieg es, dem alten Manne zu Liebe,
der sich eingebildet hatte, mit Vernunfttheorieen liee sich das menschliche
Herz leiten, mit Geschichte, Logik, Realien eine weibliche Seele fesseln, das
Romantische liee sich durch einen Witz entfernen, das Dmmernde, Unbestimmte im
Menschenherzen durch mechanische Beschftigungen ersticken ...
    Fahren Sie nur fort, Rudhard, sagte er ironisch. Es ist sehr unterhaltend.
    Rudhard, der wohl fhlte, da er eine Selbstkritik vortrug, las:
    Dieselbe Empfindung in der Brust, die man Liebe nennt, kann sich in Ha
verwandeln. Die Tante sagte es und ich glaube es, denn nur Auge in Auge tdtet
man den Basilisk.
    Sieh! Wie war Das? rief Dystra laut auflachend. Auge in Auge? Basilisk? Ist
Das eine naturgeschichtliche Re-miniscenz aus Odessa?
    Sie meint wohl, sagte Rudhard mit wehmthiger Trauer, da man einem Schmerze
scharf in's Auge blicken msse, um ihn langsam zu tdten. Ich habe wenigstens
diese Theorie immer gepredigt.
    Da htte sie das Gleichni von der Homopathie nehmen sollen! bemerkte
Dystra und setzte lachend hinzu:
    Aber Basilisken tdten! Tdten durch Menschenblicke! Und gleich Basilisken!
Welche Aussicht fr meine knftige Ehe! Meine Braut spricht so wild wie Eine
jener Indianerinnen, die sich in Amerika mit der gefhrlichen Liebkosung von
Schlangen auf ffentlichen Mrkten sehen lassen ...
    Helene, fuhr Rudhard fort, hat jetzt den Prinzen Egon; Das allein kann
sie fr seine Treulosigkeit trsten. Sie hat ihn, wie der Mrtyrer die Snde
hat, die er berwunden hat. Sie verachtet diesen Egon wie die Schlange die Haut
liegen lt, deren sie sich jhrlich entkleidet!
    Dystra hielt im Zuknpfen seiner weien Weste vor Lachen inne. Bravissima,
rief er, doch etwas Naturgeschichte dabei! Bester Pfarrer, Ihr Zgling wendet
seine Kenntnisse doch mit Vortheil an! O und sie hat Recht: Sie lehrt die Moral
aller Weltdamen! Ich fand Das in Petersburg, in Moskau, in Wien, Madrid ganz so,
ja sogar die reiche weibliche Handelsaristokratie von Newyork hat, wo sie
aufgehrt hat zu lieben und geliebt zu werden. Das ist ganz in der Ordnung. Ich
bin begierig, ob noch mehr aus der Naturgeschichte kommt. Basilisken, Schlangen
haben wir schon. Jetzt fehlen nur noch die Hynen!
    Ich bin frh angeleitet und gelehrt worden, fuhr Rudhard fort, da man
Wesen wie Tante Helene hassen soll; allein nun liebe ich sie und Die, die ich
geliebt habe, knnt' ich hassen, Die, die ich verehrt habe, wie Gott und seine
Heiligen ...
    Dieu et ses saints? sagte Dystra. Das ist eine katholische Reminiscenz! Die
Tante wird noch ihr Heil in der katholischen Kirche suchen, obgleich dies jetzt
schon fast zu frh ist. Diese Art Damen wird erst dann katholisch, wenn
naturgem die Huldigungen der Mnner aufhren und man durch den bertritt zur
andern Kirche sich einen Verkehr mit Beichtvtern oktroyirt, der nicht
ausbleiben kann und um so angenehmer ist, als diese katholischen Geistlichen das
Bequeme haben, da sie unverheirathet sind und vor allen Familienzerrttungen
sicherstellen. Also die Menschen, die sie liebte, wie Gott und seine Heiligen,
die hat sie jetzt? Nicht wahr?
    Die hass' ich jetzt. Ja Euch! Euch Alle! Meinen lieben Rurik ausgenommen
und die gute Paulowna, die ich herzlich lieb behalte und oft im Geiste ksse,
weil ich glaube, ich belauschte sie an ihrem Schlummerbettchen. Nur wenn wir
schlummern, sind wir gut.
    Doch noch etwas Paul und Virginie neben der Lelia!
    Du aber, Papa Rudhard, hast nie geliebt! Dein Herz ist kalt wie
Marmorstein. Du liebst nur Bcher und nicht die Menschen. Du hast niemals ein
menschliches Herz brechen, nie Augen von Thrnen erblinden sehen. Du meinst, der
Mensch knnte Alles ber sich gewinnen und hast auch einst Tante Helenen gesagt,
sie sollte immerhin nur Desir zu lieben versuchen ...
    Wer ist Desir?
    Graf d'Azimont!
    Ah so! Sie glaubt also nicht an die Macht der Gewhnung? Schlimm fr Otto
von Dystra!
    Du hast gelehrt, der Mensch, der gut wre, knnte Alles, was er nur wolle.
Die unglckliche Helene! Sie liebt den Mann nicht, der ihr Gatte wurde und nun
verlangst du, da auch ich einem Manne mich vermhle, den ich nicht lieben
kann?
    Aber, meine gndigste Comtesse, lernen Sie mich doch erst kennen! warf
Dystra dazwischen und trat seinen Frack anziehend, sich musternd vor den
Spiegel. Bin ich nicht der fashionabelste Elegant? Knnen Fracks besser sitzen,
als an einem solchen Oberkrper, wie der meinige? Meine liebe Olga, Sie
verletzen mich und meine kleinen Fe, die so klein sind, da die Fimistiefeln
nicht einmal meinen Antinous-Kopf widerspiegeln!
    Nie werd' ich diesen Baron von Dystra lieben, den ich nicht kenne und von
dem mein Vater bestimmt hat, da ich ihn heirathen soll. Alle die Romane, welche
ich unterwegs gelesen habe, fangen damit an, da ein Mdchen ist gezwungen
worden, Den zu heirathen, welchen sie nicht liebt, und dann ist Das der Anfang
ihres Unglcks gewesen. Kann ich den Baron von Dystra lieben, der schon zu alt
und ...
    Nicht gestockt!
    zu ...
    Vorwrts!
    zu hlich ist? Wie er angekommen, hab' ich einen Schrei ausgestoen ...
    En deed! Das ist beleidigend! rief Dystra mit unerschtterlichem Humor.
Wissen Sie wohl, Mademoiselle, da ich stark vermuthe, Sie haben sich nur vor
dem Mohren gefrchtet, der mich anmeldete?
    Ganz Recht, sagte Rudhard, dem diese kindliche Protestation doch zuletzt ein
Lcheln abnthigte, sie gesteht dies selbst ein. Ein Mann will mich lieben, der
sich mit Mohren, Affen und Hunden umgibt, weil er glaubt, da ich eine Nrrin
bin, so dumm, wie Feodorowna Lapuschin in Odessa, die den Titularrath Kryloff
heirathete, weil er ihr von Petersburg die ganze Krongarde, alle Offiziere und
den Kaiser selbst, in bleiernen Figuren schenkte! Ich werde mich niemals so
unglcklich machen lassen wie die Tante, die, weil sie lieben mu, jetzt das
Schicksal hat, von einem Manne nach dem andern betrogen zu werden -
    Dystra bat hier Rudhard innezuhalten; er frchtete vor Lachen zu ersticken.
Diese Feodorowna Lapuschin, die den Titularrath Kryloff heirathete, weil er ihr
das Petersburger Offiziercorps in Bleifiguren schenkte - diese Helene d'Azimont,
die sich deshalb von allen Mnnern betrogen sieht, weil sie lieben msse -
nein, sagte Dystra, das ist naive Tollheit oder tolle Naivett! Ich liebe Olga!
Ich mu diese Unterhaltung fr den ganzen Rest meines Lebens besitzen. Ich werde
keinen Arzt mehr nthig haben. Die Komik meiner Frau wird mir das Leben
versen. Wer will mir ein Mdchen streitig machen, das ich in Gold fasse und
der ich alle Launen bewillige, alle, selbst wenn sie mich ruiniren!
    Rudhard fuhr bekmmert fort:
    Ich will den Mann, den ich liebe, nicht anders als ewig lieben. Denn Liebe
ist das seste und herrlichste Gefhl auf Erden. Sie ist fr unser Herz Das,
was die Sonne fr die Erde. Nur wo die Sonne ihre Strahlen entsendet ...
    Lance ses rayons ... bersetzte Dystra, um die Reminiscenz anzudeuten ...
    Nur da sprieen Blumen auf, und unsre Gefhle sind Blumen.
    Doch hbsch, Rudhard! Ich finde die Stelle besser, auch wenn es Plagiate
sind.
    Ich bitte dich, Papa Rudhard, sage Das auch meiner Mutter, die mich nie
geliebt hat und ein Herz besitzt, so kalt wie das Eis in Sibirien.
    Sie hat's immer mit den Bildern! Dies ist weniger gut gewhlt. Es ist in
Grnland klter.
    Ich bin ein unglckliches Kind, weil ich meine Mutter nicht kann so lieben,
wie es die Pflicht eines Kindes ist. Sie hat schon gegen die Tante gehabt ein
kaltes Herz. Niemals hat sie die Tante vertheidigt und doch war Helene
unglcklich, als sie Desir mit sich fort von Odessa nahm. Sie mu noch jetzt
die Thrnen auf ihren Wangen brennen fhlen, so zrtlich war der Abschied der
Tante von der Mutter, aber die Mutter kann nicht lieben. Sie hat wenig geweint,
als der Vater starb.
    O, Das ist entsetzlich! Das ist abscheulich! rief Dystra jetzt ernst ...
    Der Vater war ein Engel. Wir Kinder haben den Vater mehr geliebt, als
Menschen drfen, die da wissen, da es einen Gott gibt.
    Phrase! Abscheuliche Phrase! rief Dystra, vor liebevoller Erinnerung an
seinen Freund, den Frsten Alexei, fast zornig ...
    Ich liebe meinen Vater, auch wenn dieser Vater mein Unglck wollte, da ich
die Gattin eines Menschen werden soll, den ich nicht kenne. Er meinte es gut fr
mich. Er glaubte, da wir darben wrden. Dieser Otto von Dystra ist sehr reich.
Und ha! wie eitel! Seine Mohren sollten uns gleich sagen, da er aus dem Lande
kme, wo das Gold wchst.
    Die Stelle ist dumm. Abscheuliche Schwtzerin du! Oder richtiger gesagt, sie
beweist, da sie mich doch noch lieben lernen wird. Die Liebe der Frauen fngt
immer damit an, es fr Eitelkeit auszulegen, wenn die Mnner verlangen, da sie
von ihnen erhrt werden. Nur wo man knftig doch lieben wird, macht man die
Frais eines solchen hhnischen Ha! Sie denkt doch schon an die knftige Livree
ihrer Dienerschaft.
    Er gedachte uns reich zu machen, weil wir arm sind und er nicht wute, wie
gut Tante Helene sein kann, die mir gesagt hat, da Alles, was sie besitzt,
einst mein Eigenthum sein wrde, wenn sie in ein Kloster ginge -
    Da lutet's schon! Das Kloster ist da! Waldkapelle, stiller Murmelbach!
Bende Magdalena ... Todtenkopf und vielleicht doch noch ... selbst im Kloster
eine Strickleiter! Verdammte kleine Hexe Capulet!
    Den guten Vater lieb' ich, weil er dachte: So mach' ich die Meinigen, die
ich so jung verlie, glcklich! Er liebte seinen Jugendfreund und beurtheilte
ihn nach seinem Herzen.
    Darber sagt sie also kein Wort, da ich ein Thor bin und aus reiner
Gutmthigkeit dem krnkelnden Freunde verspreche, mein fahrendes,
abenteuerliches Leben aufzugeben, mein Vermgen in Ruhe zu genieen und es,
meinen Verwandten ein Schnippchen schlagend, mit Einer seiner Tchter zu
theilen? Diese Olga mte es doch nun sein, die mir diese Dummheit mglich
machte! Sie ist sechszehn Jahre. Von siebzehn knnte sie mein Weib werden. Auf
Paulowna kann ich doch nicht mehr warten. Wahrlich, es ist verletzend! Parbleu,
so beurtheilt zu werden! So beim besten Willen en coquin behandelt! Diese kleine
Amazone! Wenn man Das so liest, so vorgelesen bekommt, denkt man sie sich bei
alle Dem allerliebst. Es ist die neuromantische Emancipationstheorie, aber ein
gutes Herz liegt doch zum Grunde. Diese Liebe zum Vater rhrt mich. Wsmskoi
war ein Pedant, aber ein edler Mensch. Wenn Adele, seine Gattin, so kalt und
indifferent fhlte, wie Olga beschreibt, thut er mir leid, der brave, gute
Alexei! Ich knnte die Frau hassen und gestehe Ihnen, ich bin ganz portirt fr
meinen kleinen italinischen Deserteur ...
    Trotz dieses abscheulichen Briefes? sagte Rudhard, gerhrt von Dystra's
gutmthigem Humor, fr den ihm eigentlich das Verstndni fehlte.
    Trotz dieses Briefes, an dem mich nur Wunder nimmt, da sie meinen
glcklicheren Nebenbuhler, den Maler Siegbert Wildungen nicht erwhnt.
    Es kommt noch! ergnzte Rudhard diesen Einwand, der den Beweis gab, da man
im Hause der Frstin so aufrichtig gewesen war, die Existenz Siegbert's nicht zu
verschweigen. Aber wol nur Rudhard war es gewesen, der Siegbert in Beziehung auf
Olga erwhnt hatte. Die Frstin wre dieser Selbstberwindung nicht fhig
gewesen.
    Ich will den Kelch zu Ende schlrfen, sagte Dystra ernster und setzte sich.
    Der gute Vater umschwebt mich oft wie im Traume, las Rudhard, und sagt zu
mir: Olga, vergib, ich glaubte, du wrst herzlos wie deine Mutter! Du wrdest
Den zum Gatten whlen, den du nicht kennst, nicht liebst.
    Gegen die Mutter ist Das ein wirklicher Ha! bemerkte Dystra kopfschttelnd.
    Und ich sage ihm im Traume: La mich Den whlen, Vater, den meine Seele
liebt! Und sein Bild verdstert sich vor Gram, da sein hinterlassenes Weib, die
Witwe Alexei Wsmskoi's, den Jngling lieben kann, den sein Kind liebt! O
Rudhard, sage Das meiner Mutter! Sage ihr, da es einen Gott im Himmel gibt, der
sie strafen wird! Der Herr richtet die Schuldigen. Was ist mehr eine Todsnde,
die Niemand vergeben kann, als wenn ...
    Les sept pchs capitaux! unterbrach Dystra. Nun springt sie in Eugne Sue
ber!
    Als wenn eine Mutter ihrem eignen Kinde ihr Kleinod raubt! Ich wei es,
mein Treuer flieht sie, wie ich sie geflohen bin! Sein Segen folgt mir, seine
Liebe begleitet mich. Ich will mich bilden, ich will an den heiligen Quellen
Italiens schpfen, da ich mich erflle mit der hohen Wissenschaft der Kunst,
die er liebt, um seiner wrdig zu sein. Ich lese Bcher der Poesie, aber auch
Schriften der Prosa und verweile bei Allem, was zu wissen merkwrdig ist. Ich
zeichne mir die schnen Gebude ab und erkundige mich nach Allem, was in einer
Stadt lehrreich zu sehen ist. Auch frag' ich alle Menschen an jedem Ort, ob sie
gut und glcklich leben knnen und welche Frchte bei ihnen wachsen ...
    Was? rief Dystra. Das noch einmal! Sie fragt Jeden, welche Frchte bei ihm
zu Lande wachsen? Das Mdchen gibt entweder eine Nrrin oder ein Ideal.
    Von Italien aus, Papa, schreib' ich dir wieder. Wir reisen nun ber die
Alpen. Wir sind immer allein. Nur die Bedienten und die beiden Mdchen. Tante
will gar keine andre Gesellschaft. Nur ber die Alpen wird es uns recht einsam
vorkommen. Aber wir haben Muth und wenn er uns manchmal entsinkt, umarmen wir
uns und sind wieder neugestrkt. Leb' wohl, Papa! Denke zuweilen ber mein Glck
nach! Gr' unser liebes Grtchen, das jetzt schon recht welk und kahl aussehen
wird! Gre den garstigen Sensenmann auf deinem Zimmer, der uns ewig zugerufen
hat: Du mut sterben, deine Stunden sind gezhlt! Aber noch leben wir. Erst
Neapel sehen und dann sterben! Deine Olga Wsmskoi.
    Kein Postcript? bemerkte Dystra kopfschttelnd und satyrisch.
    Wohl, sagte Rudhard und las, whrend Dystra einschaltete: Doch ein
Frauenzimmer!
    Wenn ich sage, da ich dich hasse, Papa, so brauchst du Das nicht so ernst
zu nehmen. Es ist keine Gefahr dabei. Aber dem Baron und der Mutter verschweige
nichts. So lange sie mein Herz bedrohen, kehr' ich nie zurck und sollt' ich
betteln gehen und vor den Husern singen. Das sage ihnen!
    Oder Kunstreiterin werden oder auf dem Seile tanzen oder an dem ersten
besten Pariser Lion in einer Mondnacht in Fraskati zu Grunde gehen!
    Dystra's schmerzlicher Ton und seine ernste Miene besttigte, was Rudhard
fhlte, da hier in der Erziehung ein Versehen begangen war.
    Rudhard berreichte Dystra den Brief und legte ihn, da dieser ihn nicht
nehmen wollte, auf den Tisch.
    Was ist da zu thun?
    Ich habe, begann Rudhard, das Buch der Wahrheit vor Ihnen aufgeschlagen,
gleich als Sie kamen. Ich sagte Ihnen von Siegbert Wildungen, von der Mutter,
von Olga's schnellentzndetem Kinderherzen. Helene hat alle Dem, was in dieser
leidenschaftlichen Natur schlummert, den modischen, tagesblichen Ausdruck
gegeben, das Kind, statt zurckzufhren zu uns, wie eine Puppe, an der sie ihre
Gefhlstndeleien auslassen kann, mit sich hinweggenommen, meine dringende
Aufforderung zur Rckkehr mir so beantwortet! Den bersandten Wechsel schickte
Olga gleichfalls zurck. Sie sehen den offnen Thatbestand. Was lt sich thun?
Fassen Sie die Entschlsse, die Ihnen die rechten scheinen!
    Mein natrliches Gefhl, sagte Dystra, der sich inzwischen angekleidet
hatte, fordert mich auf, entweder unmittelbar diesen Flchtlingen nachzureisen
oder Alles auf sich beruhen zu lassen und die weitere Entwickelung abzuwarten.
Ich gestehe, da ich erst jenen Siegbert Wildungen kennen lernen mu, der hier
so viel heillose Verwirrung angerichtet hat.
    Es ist ein liebenswrdiger, nur zu weicher Schwrmer - sagte Rudhard.
    Ein edler Mensch, wenn er sich freiwillig zurckzog. Ich achte Das und ehre
es. Mesalliancen existiren brigens fr mich nicht -
    Baron -
    Ich sage nicht, Rudhard, da ich aus diesen Konflikten heraustrete ...
    Der Wunsch des Frsten ...
    Meines guten Alexei ... aber selbst wenn ich den andern Ausweg ergriffe und
seine Witwe heirathete, wie eine Stimme mir zuruft ... ich kme ja in dieselbe
Position. Der blonde Maler verrennt mir ja nach allen Seiten den Weg.
    Ich kann nicht den Gedanken, den Sie eben ausgesprochen, Baron, befrdern
helfen, aber was die Stimmung Adelens anlangt, so hoff' ich auf Besinnung. Ich
meine, es war nur eine falsche Form, in der bei ihr ein mtterliches Gefhl der
Frsorge zum Vorschein kam.
    Zu knstlich erklrt, Pfarrer!
    Wirklich? Doch scheint mir ber die Mutter ein eignes Wesen gekommen. Sie
ist zurckgezogen, liest, schreibt, beschftigt sich nur mit sich allein.
    Das heit, sie liebt, bester Freund! Das ist der Frhling, der oft noch nach
dem Sptsommer kommt.
    Es ist eine stille, sinnige Verklrung in der Frstin! Ich finde Adelen
innerlicher, wrmer. Sie schliet sich von oberflchlichen Menschen ab und sucht
nur tchtige Naturen, wie Anna von Harder und hnliche rein weibliche, edle
Erscheinungen.
    Das ist die Trauer der Verlassenen, das Schlummern der Wintersaat, die im
Frhling gleich am mchtigsten aufschiet.
    Sie ist mtterlicher denn je gegen Rurik und Paulowna.
    Achtungswerth, aber bedenklich ... Unverdorbene Frauen wollen das Glck der
Liebe durch Gte des Herzens verdienen.
    Rath' ich Ihnen denn eine nderung zu treffen? sagte Rudhard fast
empfindlich.
    Geben Sie mir die Hand, bester Pfarrer! fiel Dystra ein. Zrnen Sie mir
nicht! Ich trete da in psychologische Konflikte, die ich nicht erwartet habe!
Weil ich auf Alles dilettire, liebe ich berall das Bedeutende und
Eigenthmliche. Aber ich gestehe, ich liebe es mehr als Beobachter. Ergriffen
mitten inne stehen, selbst da eine handelnde und leidende Figur in
leidenschaftlichen Scenen abgeben, ich gestehe Ihnen, Das ist etwas, was ein
Tourist, ein flchtiger, civilisirter Beduine, ein Mann, der den Vorwurf,
unschn zu sein, von seinen breiten Schultern nicht abschttelt, nicht brauchen
kann. Es handelt sich um den Wunsch eines sterbenden Freundes, um ein Gelbni,
das ich selbst verrichtete, vor allen Dingen um mein Geld, um die bessre
Existenz der Frstin, um die Erziehung und knftige Versorgung der Kinder. Das
sind philanthropische Ideen, die ganz in mein Fach schlagen und fr die wir nur
suchen mssen, eine mglichst anstndige, aber auch hchst bequeme Form zu
erfinden. Stoff zu einem Roman will ich unter keiner Bedingung abgeben. Hren
Sie! Dagegen strubt sich meine ganze innre und ure Natur und ich gestehe
Ihnen sogar, ein Rest von Eitelkeit, den ich mir von manchen frhern glcklichen
Aventren erhalten habe, wo man mich liebte quand mme!
    Bekmmert reichte Rudhard dem Baron, der diese Worte mit liebenswrdiger,
schalkhafter, aber doch ernster Freimthigkeit gesprochen hatte, die Hand und
schwieg.
    Die Verstndigung wird schon kommen! sagte der kleine Kosmopolit. Blicken
Sie heiter! Wir wollen gut diniren - es schlgt fnf - zwei alte Freunde von mir
- hochangesehene, wichtige Springfedern der Maschine ...
    Spartakus trat ein und berreichte Visitenkarten von zwei Herren, die den
Baron von Dystra bei etwa gelegner Zeit zu sprechen wnschten.
    Die eine war gestochen, die andre geschrieben.
    Dankmar Wildungen, Louis Armand las Dystra fr sich und bedauerte, die
Herren jetzt nicht empfangen zu knnen ... Er wollte, da ihm der Name Wildungen
auffiel, selbst in's Vorzimmer. Aber die Fremden schienen sich schon eine
Antwort gegeben zu haben; denn als sie einen Offizier in Generalsuniform und
bald darauf einen Herrn in Civil mit vielen Orden von den Schwarzen empfangen
sahen, waren sie nach Abgabe ihrer Karten verschwunden ...
    Rudhard wurde den beiden vornehmen Gren als ein Geistlicher aus Odessa
vorgestellt. Die Nebenthr ffnete sich. Ein erleuchtetes Zimmer bot ein
geschmackvoll servirtes Diner, das nicht ganz so heiter von Statten ging, wie es
der Wirth wnschte. Seine beiden Jugendfreunde, General Voland von der
Hahnenfeder und Ritter Rochus vom Westen, waren, obgleich Beide in ihrer Art
auch wahre Ritter vom Geiste, doch unter sich nicht auf gleichen Ton gestimmt
und Rudhard litt unter dem Druck seiner huslichen Angelegenheiten. Der General
fhrte zwar fast allein die Conversation, allein sie knpfte nur an Amerika, an
die bedienenden Schwarzen, an die Pyramiden, an die Bauten von Niniveh an. Erst
am Schlu der Tafel horchte Rudhard auf, als Dystra zufllig wieder die
Visitenkarten in die Hand nahm und die Gesellschaft fragte, ob ihnen diese Namen
bekannt wren?
    Wie, sagte der General, diese beiden merkwrdigen, alle Welt interessirenden
Charaktere?
    Und ehe noch Dystra Rudhard an den Namen Wildungen erinnerte, der ihn nun
erst selbst berraschte, hatte Spartakus angezeigt, da jene Herren wieder
drauen wren, um zu erfahren, wann sie Massa aufwarten drften?
    General Voland hatte schon die Karten, als Sammler, zu sich gesteckt ...
    Ja, sagte Ritter Rochus, ein feiner, geschliffener Weltmann, die Gebrder
Wildungen sind die Lwen des Tages - Und Louis Armand ... O, Das ist ja der
intimste Freund des Premierministers -
    Darauf hin war Otto von Dystra schon aufgesprungen, um selbst hinauszugehen
...
    Soll ich sie zum Dessert, zum Kaffee eintreten lassen? fragte er, der
Zustimmung fast gewi ...
    Rudhard wollte Einwendungen machen und von Louis Armand's Stande sprechen,
aber schon hatte der Baron das bedeutsame Schweigen seiner diplomatischen Gste
fr Zustimmung genommen, schon war er hinaus und sprach durch die geffnete Thr
in das Vorzimmer, wo Rudhard Dankmar's Stimme nicht hren konnte, ohne nicht
aufzustehen und ihn an der Schwelle zu begren. In einem Hotel sind die
Rumlichkeiten beschrnkt. Dankmar und Louis waren schon veranlat, einzutreten,
whrend noch der General und der Ritter berrascht, verlegen von den Sthlen
aufstanden. Man wird Dankmar's Erstaunen, Louis Armand's Schrecken ermessen, als
in leichter weltmnnischer Weise der kleine Baron die Namen: General Voland und
Ritter Rochus nannte. Diese selbst waren nicht wenig begierig auf die
eigenthmliche Situation, die sich hier fr sie ergab. Seltsames muten sie
ohnehin schon bei Dystra erwarten. Rudhard's freundliche Bewillkommnung lste
einstweilen die wirklich ngstliche Spannung.

                                 Elftes Capitel



                           Voland von der Hahnenfeder

Drngt der Gegenstand, meine Herren, der Sie zu mir fhrt und mir das Vergngen
Ihrer Bekanntschaft gewhrt? begann Otto von Dystra mit wohlwollendster
Bonhommie und mit einem Blicke andeutend, da die Zahl der Tassen vermehrt
wrde.
    Er nthigte die Gesellschaft in sein Wohnzimmer zurck, als Dankmar mit
raschem Blick sich orientirend Louis Armand zugeblinkt und gesagt hatte, es
drnge nicht und auch ein ander Mal fnde sich Gelegenheit zu ihrer Errterung.
Die in Livreen gesteckte Bedienung des Hotels leuchtete zum Nebenzimmer voran.
Man nahm Platz, Dystra theilte Cigarren aus ... Hier wurde ein Nachmittag unter
andern Verhltnissen gefeiert, als in der Neustrae, drei Treppen hoch, bei
Eulalia Schievelbein.
    General Voland hat erklrt, da Sie Beide, meine Herren, berhmt und
interessant sind, sagte Dystra. Ich kann das Letztere erst als Physiognomiker
unterscheiden. Warum Sie berhmt sind, gesteh' ich armer hier in Europa ber
Nacht aufgeschossener Pilz nicht zu wissen - aber General Voland hat Ihre
Visitenkarten eskamotirt und von gewhnlichen Menschen thut man Das nicht.
    Es klang wie eine dmonische Satyre, als der General erklrte:
    Herr Dankmar Wildungen ist auf dem Wege, der hiesigen Stadtkommune ein bis
zwei Millionen durch einen hchst romantischen Proze abzugewinnen und Herr
Louis Armand ist jener junge Franzose, der mit unserm jetzigen Chefminister, dem
Frsten Egon, durch die engsten Bande der Freundschaft verbunden ist.
    Ritter Rochus htte sich die Lippen abbeien mgen, wenn er seine meist
falschen Zhne nicht zu scheuen gehabt htte und behutsam in ihnen stocherte ...
    Rudhard, der die Verhltnisse kannte, mute ber die Erklrung des Generals
lcheln, die Louis in Verlegenheit setzte zur groen Befriedigung des Ritters,
der schon die Feder spitzte, um seinem Hofe diese merkwrdige Begegnung in
seinem gewhlten, nur etwas schwlstigen Style zu schreiben.
    Dankmar erzhlte zum lebendigsten Antheil Rudhard's auf dessen Nachfragen in
aller Krze den Verlust seiner Mutter, sein Erstaunen ber Siegbert's langes
Schweigen, die Ergebnisse seines Aufenthalts in Schnau und Randhartingen, so
weit sie ihm bekannt waren und Dystra dachte: Siegbert! Das ist dein
Nebenbuhler! Und diese Angelegenheit fhrt die jungen Mnner zu mir!
    Inzwischen wurde Louis schon vom General Voland und dem Ritter Rochus in ein
Gesprch verwickelt, bei dem es ohne Ironie ber den verlegenen, bescheidenen
Arbeiter nicht ablief. Dystra, laut vor sich hinbrummend: Romantisch?
Romantisch? Prozesse sind nie romantisch! sorgte fr die Bedienung. Dankmar fand
Gelegenheit, den besternten Herrn und den General, zwei Lichter der Welt, zu
mustern.
    Ritter Rochus vom Westen war in jungen Jahren ein Gelehrter gewesen, dann in
die diplomatische Laufbahn gekommen, jedoch immer nur als Attach benutzt
worden. Er schrieb Berichte sowol fr die Zeitungen, die seine Regierung
subventionirte, wie fr den Premierminister selbst, besonders aber die Gemahlin
desselben, deren Neigung zu scharfen Persnlichkeiten und zur Mdisance er
kannte. Er berwachte seine Chefs in Paris, in London, in Konstantinopel und
Athen. Bei diesen verschiedenen Stellungen hatte er Otto von Dystra kennen
gelernt, der vor seiner Bildung, seinen antiquarischen und philosophischen
Studien die grte Hochachtung empfand. Damals war es leicht, sich einen
Anstrich von Frei-muth zu geben. Der Chevalier vom Westen galt fr geistreich,
fein und witzig. Er imponirte selbst in Florenz den Alterthumsforschern, in
Stambul den reisenden Orientalisten, in Paris trieb er Sanskrit und lie
griechische Handschriften wieder neu aufkratzen, trotz Letronne und Villoison.
Schrieb er ein politisches Memoire, so wurde es in allen Salons seiner
Hauptstadt bewundert und von dem Gemahl der geistreichen Frau, die ihn
protegirte, an alle Legationen gleichfalls zur Bewunderung bersandt. Das whrte
bis zur Revolution. Die alten adligen Reprsentanten in der Diplomatie wurden
damals gestrzt. Ritter Rochus vom Westen wurde erst in's Ministerium berufen,
dann, als er den verschiedenen Phasen der Revolution bald zum Opfer fiel, zu
einer groen Legation beordert. Hier machte er sich mit Meisterschaft geltend.
Er hate den Staat, zu dem er als Wchter gestellt wurde, ohne grade den Staat,
den er selbst vertrat, besonders zu lieben. Er htte Philosoph genug sein
mssen, die Erbrmlichkeit der Zumuthungen, die ihm der Gang der Ereignisse
stellte, zu verachten, allein es flossen ihm auerordentliche Summen zu, die ihm
eine glnzende Stellung gaben und sein natrlicher Hang zur Intrigue fand eine
Nahrung, die ihn immer in Athem erhielt. Seine Studien waren zum grten Theil
abspringend und oberflchlich gewesen. Zu ihnen zurckzukehren war ihm um so
weniger Bedrfni, als ein angeborner, gutgeschulter Geist ihn auch der
Nothwendigkeit zu berheben schien, nur todte Materialien zu sammeln. Dieser
scharfe Kopf bersah die Zeit vollkommen. Er war vollkommen berzeugt, da die
Welt ein groes Chaos erwarte und da der ganze Wirrwarr des Tages eigentlich
leer und erbrmlich zu nennen sei. Aprs nous le dluge! war seine stehende
Redensart. Er erklrte hundert Mal des Tages, da ihn ein Grauen berfiele, wenn
er dchte, da die Schluche des olus sich einst entladen und ber die Welt hin
die Strme der demokratischen Bewegung blasen wrden, und so weit ging er schon
vor Dystra, ja vor Voland sogar, da er die Berechtigung dieser Bewegung
anerkannte und welthistorisch auf demselben Standpunkte sich befand, den er in
Folge seiner Stellung bekmpfte. Diese Intelligenz schrieb dennoch Depeschen und
Cirkularnoten in dem Style, wie ihn Metternich und Gentz eingefhrt hatten. Sie
nannte die Revolution eine Hydra, die Revolutionre die Sendboten der Hlle und
im Stillen konnte es dem Ritter dennoch kommen, als wenn Niemand
bemitleidenswerther wre als grade die Frsten, die angestammte Liebe und Treue
verlangten, naiv durch die Stdte reisten, vom guten Geist der Unterthanen
redeten, Verweise ertheilten, Beamte, Magistrate brskirten und nach seiner
innersten Idee doch in einem wahrhaft babylonischen Irrthume und blinden Wahne
lebten. Vllig abweichend von General Voland war er Neolog, las lieber Volney
und Payne, als Burke und Haller, und hatte dabei in seinem ganzen Wesen das
Kleinliche, Verzrtelte, Pedantische, Leichtverletzbare der alten Garons in
vlligem Gegensatze zu dem Garon Otto von Dystra, den die Natur verwahrlost
hatte, der seiner selbst spottete und die Bequemlichkeit nur liebte, um sich fr
Entbehrungen schadlos zu halten, die er eben so gut auch ertragen konnte.
    Die tiefe Lge in diesem Chevalier Rochus vom Westen wich von der Lge in
dem General Voland auerordentlich ab. General Voland von der Hahnenfeder
glaubte an positive Mglichkeiten. Seine Phantasie war so schpferisch, da er
sogar die Wiederbelebung des Todten fr mglich hielt. Er lebte in einem ewigen
Flammenschein und hatte immer Dunkel um sich, wie ein nchtlicher Adept, der
ber den Stein der Weisen brtet. Er suchte eine Tinktur des Lebens auf fr die
Geschichte, fr die Menschheit selbst. Er glaubte an Formeln, die wie ein Ecce
homo, ein Bild des Gekreuzigten, auf Verdammte wirkten. Er war ein romantischer
Sptling der Wllner'schen Periode und wrde Geister citirt haben wie
Bischofswerder, wenn nicht der Fluch der Lcherlichkeit auf einer solchen
Nachahmung gelegen htte, die er origineller gestaltet htte; denn er htte
sicher gesagt, wir wissen, da Das Lge ist, was wir sehen, aber unser Schauer,
unsre Erwartung, unser Zittern ber das Mgliche ist keine Lge und die
Dmmerung ist die eigentliche Poesie des Geistes. Auch ihm ging die Zeit in ganz
andrem Lichte auf, als man auf der Rednerbhne und Ministerbank der Kammern
sagen durfte. Auch ihm war der Glaube der absoluten Monarchie an ihre
Unfehlbarkeit eben so rococo, wie das konstitutionelle Wesen der Neuzeit platt
und unromantisch; er whlte in den Offenbarungen seines Jahrhunderts und lag
immer mit dem Ohre auf der Erde, um den Maulwurf des Weltgeistes zu hren, immer
auszuspren, wo er die Wnschelruthe des Schatzgrbers hinlegen sollte. Eine
kurze Zeit hatte man ihn einmal in die Lage gebracht, handeln zu sollen,
Entschlsse fr den nchsten schwierigen Augenblick zu fassen. Da war erst eine
entsetzliche Angst, ein Zittern und Zagen ber ihn gekommen. Das Regieren in
alter Form, bureaukratisch, war ihm sonst eine Geschmacklosigkeit gewesen. Aber
was sollte er an die Stelle setzen? Es ergriff ihn, da er nicht Rath wute und
sich tief des alten Materials der Regierungskunst schmte, pltzlich die Idee
von einem allgemeinen Weltbrand. Tod, Vernichtung, Vlkerkampf und aus ihm erst
ein Neues, wie ein Dmon, der sich aus dem Brande erhebt, jenem Typhon gleich in
Calderon's wunderthtigem Magus. Groartigkeit der verworrenen Anschauungen lie
sich dem General nicht absprechen. Auch bezweifelte man eine gewisse Gte des
Herzens nicht und fand das Teuflische, das ihm Viele imputirten, nur in seinem
Namen, d.h. - seinem Rufe. Er wirkte auf die Vgel der Unbedeutendheit wie der
Blick der Schlange. Sie zitterten vor ihm und strzten todt auf seine
ausgestreckte Zunge.
    Merkwrdig, wie solche so Ungeheures in sich schlieende Naturen so ruhig
dasitzen, so plaudern, so erst Austern essen, dann Kaffee trinken knnen!
Dankmar betrachtete darauf den General und den Ritter scharf genug. Der Erste
war ber funfzig Jahre alt und eher von hoher als mittler Statur, ohne jedoch
durch seine Gre aufzufallen. Sein Wuchs war breitschulterig, der Kopf von
bedeutendem Umfang. Ein struppiges, fast negerartiges Haar bedeckte seinen
Schdel, der sich durch eine sehr breite, Verstand und Combination verrathende
Stirn auszeichnete. Die Nase, die Backenknochen krftig. ber der Oberlippe
stand ein kleiner Bart, der mit dem hie und da etwas grauen Haupthaare durch
seine penetrante Schwrze im Widerspruche stand und ohne Zweifel mit dem besten
militrischen Hlfsmittel gefrbt war. Die Hautfarbe des Gesichts war eher grau
als wei. Ein gelblicher Schimmer fuhr ber die fast erstarrten und todten Zge,
die sich immer gleich blieben, immer eine scheinbare innere Regungslosigkeit
bezeichneten, in Wahrheit aber nur von der groartigsten Selbstbeherrschung und
einer whlenden, lauernden Beobachtung herrhrten. Die Augen, die aus kleinen
Hhlen funkelnde Blitze schossen, widersprachen der kirchhofhnlichen Ruhe
dieses Antlitzes. Der Mund bewegte sich, wenn der General sprach, nur mig. Es
schien ihm unbequem, da die Lippen die Reserve dieser Gesichtszge stren
sollten. Selbst wenn der General etwas Heitres uerte, bewegten sich die
Flchen um die Mundwinkel nicht im Mindesten in jene mephistophelischen Falten
hinber, die oft die gutmthigsten Menschen satyrischer erscheinen lassen, als
ihr Herz denkt. Man kann nicht sagen, da der General nur etwas Unheimliches
hatte. Im Gegentheil flte sein beobachtendes Wesen Vertrauen ein, er war
zuvorkommend, ohne zudringlich zu erscheinen; er wollte gewinnen und gewann oft.
Nur in den Augen lag eine unheimliche Glut und das hochaufgebumte wirre Haar
gab ihm etwas ngstliches. Er bewegte sich in der Uniform, die neu und sehr
geschmackvoll war, mit etwas beklommener Haltung. Man sah ihm an, da er nur
durch Zufall, nicht aus besondrer Leidenschaft Militr war und da er sich im
Frack, den er auf seinen vielen offnen und geheimen Missionen trug, freier
bewegte. In brgerlicher Kleidung mute General Voland noch einen bedeutenderen
Eindruck machen.
    Dankmar, Louis und Rudhard wuten, da der General, der zuflligerweise
Katholik war, in dem Rufe stand, der Hierarchie Vorschub zu leisten und eine
groe Vorliebe fr das Mittelalter zu hegen. Er war der Erzieher des jungen
Knigs gewesen und hatte wohl verstanden, ihm jene trumerische Richtung und
jene Neigung zu aparten Liebhabereien einzuflen, durch welche man Zeitlebens
einen einmal auf so hohe Herrschaften errungenen Einflu auch dauernd behaupten
kann. Der Knig sammelte schon als Kind Kfer und Schmetterlinge, als Jngling
Siegel und Wappen, als Frst Mnzen, Waffen, Urkunden, Manuscripte,
Glasmalereien. Gab es keine politischen Meinungen auszutauschen, so tauschte man
alte Siegel und Gemlde aus. Jedes Ministerium, das mit Verzweiflung seine
Manahmen von dem Spiritus familiaris der kleinen Cirkel durchkreuzt sah, war
in seinen Vorwrfen und Anklagen dadurch widerlegt, da der General Voland mit
dem Knige ja nur ber wissenschaftliche und knstlerische Zwecke korrespondire.
Schon oft war es geschehen, da eine Berechnung des Generals nicht zutraf, seine
politischen Rathschlge Mistrauen erregten; eine streng lutherische Partei, die
immer daran Ansto nahm, da man einen Katholiken so nahe an die Person des
Monarchen herantreten lie, unterlie niemals, jede Ble, die sich der allweise
und allberechnende Rathgeber doch oft genug gab, schonungslos aufzudecken (und
in frheren Jahren that dies Niemand rcksichtsloser als Propst Gelbsattel),
allein der General war nicht zu entfernen; denn wer durfte dem Frsten zumuthen,
seine kleinen Neigungen und harmlosen Studien aufzugeben? Voland reiste auch
wohl, wenn ihm irgend eine Berechnung misglckt war, auf irgend einen
auerordentlichen Botschafterposten oder mit einem militrischen Auftrag, den
man ihm nach Auen hin gab, allein wer konnte hindern, da er ein altes
Breviarium fand mit schnen Miniaturen, das er der Knigin schickte oder an den
Knig selbst ein paar alterthmliche eiserne Sporen, deren der Knig nicht genug
sammeln konnte? So erhielt sich immer der vertraulichste Verkehr. General Voland
war niemals abgenutzt und bei allen seinen gescheiterten Plnen und Rathschlgen
immer neu, immer interessant, immer dem Hofe nach tiefster Neigung willkommen.
    Ritter Rochus vom Westen, eine glatte Salonfigur, mit reizbar beweglichen
Mienen, stechenden Augen verschwand neben dem General, der seit einiger Zeit
ber den allgemeinen Weltbrand grbelte. Man konnte beide berhmte Mnner so
unterscheiden: Jeder glaubte an den Untergang aller Dinge; aber Voland durch
Feuer und Ritter Rochus durch Wasser. Der mystische Krieger war in dieser Art
Vulkanist, der skeptische Diplomat Neptunist. Aprs moi l'enfer! sagte der Eine.
Aprs moi le dluge! der Andre.
    Die genauere Angabe, in wiefern Dankmar hoffen knne, von der Stadt eine so
gewaltige Summe, wie Voland eben gesagt, zu gewinnen, fhrte den General gleich
mitten auf ein Terrain, wo er heimisch war und wo ihm Niemand gleichkommen
konnte. Er hatte die genaueste Kenntni ber den Dystra so berraschenden
Wildungen'schen Proze und schien sogar die Akten zu kennen, ohne dies jedoch
einzugestehen. Er besa die Gabe einer flieenden Darstellung und war mit einem
milden wohltnenden Organe ausgestattet. Man hrte ihn gern reden. Er sprach
ohne Leidenschaft, immer anregend und aus der Flle der Thatsachen heraus, die
ihm wie Keinem zu Gebote standen. Er sprach sogleich ber die Templerei und die
Johanniter wie ein Eingeweihter und veranlate seinen Jugendfreund Otto von
Dystra, mit dem er zusammen in der Schweiz (nicht bei den Jesuiten, sondern in
Hofwyl bei Fellenberg) erzogen war, zu der Frage:
    So wre wol auch bei dem kniglichen Schlosse Buchau im Westen die alte
Ruine, der Tempelstein genannt, im Zusammenhang mit ...
    Der Tempelstein ist eine alte Kommende des im Jahre 1310 in Deutschland de
jure, aber nicht de facto aufgehobenen Tempelherrenordens, begann der General
sogleich im sichersten Vollgefhl der Thatsachen. Jener Tempelstein diente mehr
der ritterlichen Bestimmung des Ordens, whrend die an seinem Rcken gelegenen
Trmmer einer Abtei angehrten, an die sich die kirchliche Bestimmung desselben
schlo. Der Tempelstein lieferte die zahlreichsten Contingente nach dem gelobten
Lande und entsprach in dem im Ganzen schon damals geistig trgen westlichen
Theile Deutschlands noch am Meisten der Bestimmung der Tempelhfe, nmlich nur
Werbepltze zu sein fr die Kreuzzge. Da sollte die Trommel mit der Predigt,
das Exercitium auf dem Waffenplatz mit der Messe abwechseln ...
    Der Ritter Rochus lachte ber die beginnende Salbung des Vortrags und die
Fhrte der Ideen, in die hier der General gerieth ...
    Ganz so wie manche fromme Generle es jetzt bei Euch hier halten wollen,
bemerkte Otto von Dystra zu nicht geringem Erstaunen des fein lchelnden
Dankmar, der entweder bei ihrem sonst so freundlichen Wirthe eine offenbare
satyrische Absicht auf den General voraussetzte oder annehmen mute, da Otto
von Dystra die gegenwrtige ideelle Stellung seines Jugendfreundes nicht kannte
...
    Vom Beten, bemerkte Rudhard, mag damals doch wol nicht viel geworden sein,
soviel Breviere die Ritter auch in ihrem Sattelzeuge versteckt haben mochten.
Die Templer sind als bermthige Kumpane im ganzen Mittelalter verschrieen
gewesen und das Sprichwort ging berall: Er trinkt, wie ein Templer!
    Diese rationell-kritische Bemerkung streifte natrlich den Duft sehr von den
Erinnerungen ab, auf die General Voland mit besondrer Vorliebe einging.
    Ausnahmen! sagte er, den dunkelschwarzen Kaffee schlrfend. Spterer
Verfall! Unter den Johannitern schlummerte leider der groe welthistorische
Zweck dieses Ordens immer mehr ein und zur Zeit der Reformation waren seine
Besitzungen nur eine Beute der Habgier und Gewissenlosigkeit von Seiten der
untreuen Ritter selbst. Ihr Ahn, Hugo von Wildungen nur, blieb mannhaft und stt
...
    Wir sind hier in der Stadt Rom, bemerkte Dystra, der die Genealogie der
Wildungen'schen Ansprche nun kannte. Stocken Sie nicht, Voland! Man darf hier
Das scheinen, was man ist.
    Die Weine des Hotels schienen auf ein gewisses Neglig der Verhltnisse und
uerungen gewirkt zu haben.
    Doch nicht Jesuit? sagte Rudhard gereizt. Ich gnne unsern Freunden Dankmar
und Siegbert alle Schtze dieser alten Verlassenschaft aus dumpfen und
geistesunfreien Zeiten, aber im Grunde stammen Ihre Ansprche von der
jesuitischen Pfiffigkeit her, da Rom sagte: Hugo von Wildungen hat mannhaft und
stt gehandelt, wie der Herr General sagen, allein die Klugheit gebeut, in
partibus infidelium, unter den Ketzern, festen Fu zu behalten. Wir dispensiren
ihn von dem Ordensgelbde persnlichen Nichtsbesitzes und gestatten ihm, sein
Theil zu nehmen, wie die andern Ruber auch.
    Ritter Rochus, der im Cigarrendampf sich etwas unbehaglich fhlte, horchte
auf. Dieser Ergu sprach seine Ansicht aus, er kam ihm nur etwas zu scharf
stylisirt vor. Er war solcher Derbheiten im Urtheilen entwhnt und hatte sie
frher nur als Gelehrter oder in Korrespondenzen an Zeitschriften gekannt.
    Ich bezweifle, sagte General Voland mit der ihm eignen Ruhe, da diese
Licenz des ppstlichen Stuhles eine jesuitische Einflsterung war.
    Ich bezweifle es nicht, sagte Rudhard mit Nachdruck;
    aber der General erwiderte:
    Mein Grund ist der, da jene Licenz des Komthurs Hugo von Wildungen aus dem
Jahre 1539 stammt, die Bulle aber, die den Orden der Jesuiten besttigte, vom
Jahre 1540 herrhrt, dem 27. September 1540.
    Dankmar staunte theils ber die Bekanntschaft mit seinen Angelegenheiten,
theils ber des Generals vielseitigste Kenntnisse, und Dystra mute ber diese
treffende Widerlegung lachen. Er bat den Pfarrer, sich mit dem General, der sehr
wenig gegessen hatte, an dem Brete mit Dessertweinen zu vershnen, das eben
Spartakus voll kleiner geschliffener Glser servirte und damit den ganzen
Beifall des Ritters Rochus fand, der ber Weine und Sigkeiten so scharfsinnig
sprechen konnte wie ein Philolog ber verschiedene Lesarten.
    Rudhard war aber in seinem Fahrwasser. In solchen Ideengngen gab er sich
nicht zufrieden und stie mit Niemand gleich vershnt an. Er behauptete, es
htte Jesuiten gegeben, lange vor der frmlichen Anerkennung des Ordens. Der
Jesuitengeist, sagte er sogar mit Paradoxie, ist lter als Loyola. Hildebrand
und Innocenz waren schon Jesuiten ...
    Wenn Sie es so meinen, Herr Pfarrer, bemerkte der Chevalier vom Westen, so
haben Sie Recht. Geben Sie nach, Herr General! Bei einem Glase so vortrefflichen
Curaao kann man die Jesuiten nur deshalb leben lassen, weil sie sich um die
Bodenkultur Amerikas verdient machten.
    Der General war aber in seinem Vortheil. Siegreich wie ein Wrterbuch,
majesttisch wie ein Conversations-Lexikon, uerte er Folgendes:
    Loyola nahm die Idee der geistlichen Ritterorden wieder auf, aber in andrer
Gestalt. Er wollte mit den Waffen des Geistes kmpfen. Der Geist jener Zeiten
war der Glaube. Loyola, selbst Soldat, von unbestrittner Tapferkeit, ist - ich
theile seinen Fanatismus sonst nicht, ob ich gleich Katholik bin - Loyola ist
deshalb ein so merkwrdiger Mensch, weil er im Stande war, als Krieger die Macht
der geistigen Waffen anzuerkennen. Es verrth viel Einsicht, da er fhlte, wie
sehr das Ritterthum der Waffen im Abnehmen war. Er ahnte schon das Schicksal des
Don Quixote, den Cervantes zum letzten Ritter des Mittelalters machte, und zog
fr sich ganz allein nach dem gelobten Lande, um die Trken nicht mit dem
Schwerte, sondern durch den Glauben zu bekehren. Er war ein Kreuzfahrer auf
eigne Hand. Als er sich natrlich berzeugt hatte, da es ihm unmglich war,
einen Trken zu bekehren (aus Rcksicht auf unsre Bedienung, sagen Sie wol
nicht: Einen Mohren wei zu waschen? schaltete der Chevalier unruhig ein und
setzte seinen Curaao auf den Tisch zurck), kehrte Ignaz nach Europa zurck und
beschlo, das Kreuz unter den Christen selbst zu predigen.
    Die inzwischen eingetretene Reformation bot ihm fr diese eigenthmliche
Auffassung der Kreuzzge - spter haben die Freimaurer sehr geistlos dieses nach
innen gewandte Tempelbauen und Tempelpflegen nachgefft - bot ihm, sag'ich ...
    Rudhard bi sich auf die Lippen und rusperte sich.
    Ich sage, fuhr der General fort, spter bot ihm die Reformation ein
gnstiges Schlachtfeld und wiederum ehrte es den Krieger, da er geistige Waffen
vorzog -
    Gift und Dolch! schaltete Rudhard heftig ein.
    Voland lie sich nicht aus seiner Ruhe bringen.
    Nennen Sie Das Gift und Dolch, sagte er, da Ignaz, ein drei und dreiig
Jahre alter Soldat, in Barcelona sich in eine kleine Knabenschule setzte, unter
Kindern ein Fibelschtz wurde und lateinisch lernen wollte? Ignaz zog nach
Alcala und Salamanca als alter bemooster Bursch, in der einen Hand den heiligen
Augustinus, in der andern seinen alten Hieber, der ihm noch manche schlimme
Hndel zuzog und manchen Rckfall in die alte Landsknechtssitte zu verantworten
gab. berall zog der alte lateinische Knabe ein consilium abeundi und wanderte
mit ein paar Commilitonen nach Paris, wo er endlich mit den Wissenschaften Ernst
machen mute und in seinen harten, des Denkens ungewohnten Kopf wenigstens so
viel Logik und Scholastik hineinbrachte, da man ihm bei den Jakobinern die
Magisterwrde ertheilte.
    Bei den Jakobinern? bemerkte der Ritter Rochus knstlich erschreckend. Er
war aus seinen Depeschen und Zeitungsnachrichten her gewohnt, mit diesem Namen
jede Debatte abzuschlieen. Bei den Jakobinern, General? Schlimme Vorbedeutung!
    Ignaz, fuhr aber Voland unbekmmert fort, Ignaz behielt seinen Zweck, einen
neuen geistlichen Ritterorden, einen Orden des damaligen Geistes, zu stiften, im
Auge, fand jedoch ble Aufnahme bei den bequemen Professoren der Sorbonne, die
lieber in Ruhe ihre Pfrnden verzehrten und die Ketzer mit Traktaten widerlegen
wollten. Man drohte ihm oft mit Ruthenstreichen. Dennoch fand er Anhnger. Nicht
viel. Ihrer fnf bis sechs ...
    Fnf bis sechs? fuhr fast unwillkrlich Dankmar auf, der gespannt zuhrte
und den bekannten Thatsachen, die er von dieser Seite aus sonst nie beurtheilt
hatte, ein neues Licht abgewann.
    Nicht mehr, HerrWildungen! erzhlte der General. Mit diesen wenigen Mnnern
verabredete sich der alte lateinische Haudegen zu einem Bunde, der spter so
allmchtig wuchs. Sie gingen aus Paris in ein entlegenes Kloster, stiegen dort
in unterirdische Kapellen, nahmen das Abendmahl und schwuren, entweder nach
Jerusalem zu wallfahrten oder nach Rom, um sich dem heiligen Vater zu Fen zu
werfen und ihre Dienste ihm anzubieten.
    Sie zogen die krzere Reise nach Rom vor, bemerkte Rudhard nicht ohne
Bitterkeit.
    Nicht ohne anderswo erst jene Anerkennung zu verdienen, sagte Voland, die
sie spter in Rom allerdings fanden. Sie gingen nach Venedig und andern Stdten
Oberitaliens, wo sie predigten, eine Art innerer Mission trieben und von
Visionen sprachen, die ihnen geworden wren. Man hat diese Visionen fr Lgen
erklrt. Ich glaube wohl, da sich die jungen spanischen und franzsischen
Schwrmer selbst belogen. Aber ich wei nicht, ob es nicht aufrichtiger,
jedenfalls poetischer ist zu sagen:
    Ich sah die Mutter Gottes und hrte ihre Worte, die mir Ermunterung
zusprachen, mich im Dulden strkten, mich mit der knftigen Mrtyrerkrone
trsteten, oder, wie dies bei den Freimaurern der Fall ist, mit geheimnivollem
Grauen und eleusinischen Enthllungen zu locken und das Nichtssagende, oft
Triviale in ein Gewand allegorischer Bedeutsamkeit zu hllen. Das Auge sieht den
Himmel offen! So spricht der Mensch vermge seiner hhern Inspiration und seiner
Ahnung eines groen Jenseits. Aber das Auge sieht einen Vorhang offen, eine
Gardine, einen Lappen offen - welche Thorheit!
    Diese uerung verrieth eine innere glhende Schwrmerei, die sich hinter
Klte und weltmnnischer Gltte verbarg.
    Wie kommen Sie zu dieser Polemik gegen die Freimaurer? fragte der Ritter
Rochus. Die Freimaurer haben sich in jngster wilder Zeit auerordentlich
bewhrt!
    Und ich frchte fast, sagte der Wirth, der seine kurzen Beine
bereinanderschlug und in einer Sophaecke fast verschwand, Rudhard ist selbst
ein Freimaurer ...
    Ich mu in diesem Falle um Entschuldigung bitten, bemerkte angeregt der
General. Ich bewege mich auf diesem ganzen Gebiete religiser Wirren und
Streitfragen nur als Dilettant und Geschichtsfreund. Allein das Kapitel von den
geheimen Gesellschaften fhrt unwillkrlich auf Vergleiche und ich wei den
Orden der Jesuiten mit keiner andern historischen Erscheinung in Analogie zu
bringen, als da ich ihn an die alten geistlichen Ritterorden anknpfte und
endlich andeutete, wie der letzte Versuch, die Templerei wieder in Schwung zu
bringen, eben die Freimaurerei ist. Lassen Sie uns alle Ausartungen des
Jesuitenordens bei Seite stellen, vergleichen Sie, was dieser Orden, der, als
ihn der Papst besttigte, zehn, sage zehn Mitglieder zhlte und was die
Freimaurerei bewirkte?
    Ich bin, nahm Rudhard jetzt das Wort, kein leidenschaftlicher Maurer. In
Ruland sind alle geheimen Gesellschaften verboten und mit Recht. Die Menschheit
soll in offner Form leben und ihr Licht da leuchten lassen, wo es die Finsterni
bedarf. Sie hren daraus nochmals, da ich kein leidenschaftlicher Maurer bin.
Aber Sie sind ungerecht, Herr General! Die Jesuiten hatten in ihrer Art
trefflich gewirkt. Der Kreuzzug gegen die Ketzer war mit Blut, Scheiterhaufen,
Folterqualen bezeichnet. Ganze Lnder fielen in die Nacht des Irrthums, in die
Fallstricke Roms zurck. Die Rckbekehrung hat z.B. Bhmen zu einem dstern
tckischen Czechenlande gemacht, whrend es ein freiblickendes, edles
Hussitenvolk sein konnte. Der jesuitische Geist pflanzte sich in die
Kirchenverbesserung ber. Pfaffenthum berall! Nirgend ein freier Lichtstrahl
mehr und keine Tugend auer im christlichen Gewande der Demuth. Da trat die
Freimaurerei auf. Sie kam von England, dem Lande der klaren Begriffe. Ich will
nicht leugnen, da sie eine Frucht jenes Freigeistes war, der damals von England
sich auf den Kontinent verpflanzte. Man wollte die Lehren von Bolingbroke und
Locke zu einer neuen Religion erheben, man fand eine Symbolik, die man von
uern Zuflligkeiten hernahm, von einer Art von Ressource oder Casino und
bertrug in ein heitres geselliges Zusammenleben allegorische Wahrheiten. Wir
sind in der That an Bruderliebe nicht so gesegnet in unserm Dasein, da wir
nicht eine systematische Befrderung derselben gern begren sollten. Ich
verwerfe jeden alten Ursprung der Maurerei. Es ist Thorheit, sie an die
Tempelherren anzuknpfen. Es ist sehr fraglich, ob die Baugilden des
Mittelalters irgend etwas mit ihr gemein haben. Allein wenn sie auch nur aus dem
veredelten Prinzipe der Geselligkeit entspringt und sich mit affektirtem Ernste
spielende Formen gab, die sie selbst bei ihrer ersten Stiftung belchelte und
die nur spter wie Geheimnisse erfat und fortgepflanzt wurden, so hat sie
Segensreiches gewirkt. Ich will von den gespendeten Wohlthaten und befrderten
Humanittszwecken nicht reden. Ich will nur darauf hindeuten, was sie in der
Geschichte der Kultur und der freien Geistesentwickelung gewesen ist ....
    Ja, rief Ritter Rochus vom Westen pltzlich wie elektrisirt und von
Eifersucht gegen den General angeregt. Ja, ich bin sicher kein Maurer. Aber
bester General, die Logik, die gesunde Vernunft hat die Maonnerie befrdert.
Sie hat den Menschen als Menschen erfat und ihn vom Gngelbande der Konfession
und der Vorurtheile der Stnde befreien helfen. Sie arbeitete allerdings der
franzsischen Revolution, aber der guten und lobenswerthen Phase ihrer
Entwickelung vor. Sie hat das Gemeingefhl der Geister gestrkt, die die
Aufklrung frdern wollten und ohne die Untersttzung der Logen allein gestanden
htten und bald verzweifelt wren. Die Logen waren eine Ergnzung der
historischen Gesellschaft, wie sie einmal geworden ist und ohne blutigen
Umsturz, den wir verabscheuen, nicht gendert werden kann. Sind die grten
Geister der Literatur ohne den Zusammenhang mit den Logen zu denken? Lessing,
Herder, Wieland, Goethe waren Logenbrder. Der hohe Geist, der in ihnen wirkt,
pflanzte sich durch die geheime Verbrderung gleichgestimmter Seelen rascher
fort als auf der freien Arena des Marktgewhles, wo die Kritik und der Neid der
Schulen ihr Wirken begeiferte ...
    Der General blickte lchelnd auf den Ritter, in dem sich der alte,
vorurtheilslose Gelehrte regte. Alle staunten, Niemand mehr als Dankmar, der,
ein einfacher Referendar, so in die Lage kam, einen berhmten Diplomaten einmal
frisch von der Leber weg reden zu hren. Man sah die Wirkung der Tafel, der
Natrlichkeit des Wirthes. Die Reserve war aufgehoben. Es regte sich in dem
Gesandten wie der Wein im Fasse, wenn die Reben blhen.
    Er verga, welche Thatsachen er in der Welt zu vertheidigen hatte und welche
Grundstze ihm bezahlt wurden.
    Dystra hielt es seiner Wirthspflicht fr angemessen, den Ernst dieser
Unterhaltung, die fr Louis und Dankmar grade in den Gegenstzen so spannend
war, etwas zu mildern und sagte:
    Ich versichre Sie, meine Herren, wenn ich den Tempelstein accaparire - ich
hoffe, Freund Voland, Sie verwenden Ihren Einflu, da mir dies Vorhaben gelingt
- so werd' ich dort weder einen Jesuitensitz noch eine Freimaurerloge etabliren,
sondern auf die alten Zeiten zurckkehren und mich an das Sprichwort halten, das
Rudhard vorhin erwhnte: Er trinkt wie ein Templer!
    Man lchelte ...
    Diese alten Templer waren viel vernnftigere Personen als Eure Loyoliten und
Eure Salomonischen Meister vom Stuhle! fuhr Dystra fort. Sie liebten die Freude,
den Wein, den Gesang, die Weiber! Sie bauten sich Werbepltze fr den
Sarazenenkrieg, exercirten die Mannschaften und blieben zuletzt zu Hause! Sie
whlten sich die besten Aussichten zu ihren Burgen und Abteien. Sie hatten
Geschmack fr natrliche Veduten. Die Snden, die sie als Ritter begingen,
konnten sie sich als Priester gleich selbst wieder vergeben. Ich finde, da die
Wiederherstellung dieses Ordens im uralten Sinne mir eine liebe Aufgabe auf dem
Tempelstein sein knnte. Ich baue die Ruine aus, trotz Rheinstein und
Stolzenfels. Die Erker, Thrmchen, gezackten Mauern behalt' ich bei. Der
Burggarten mit Springbrunnen, die Altanen, Sller, das Alles waren sehr amsante
Ideen des Mittelalters. Nur in dem Burgverliee wrde ich vorziehen, meinen
Champagner khl und petillant zu erhalten. Die steinernen Fubden wrd' ich mit
wrmern Parquets vertauschen. Die fen wrd' ich mir in neuester Konstruktion
ausbitten und vielleicht, um mich ganz mit dem Mittelalter zu befreunden, eine
Petersburger Luftheizung versuchen. Hinten auf der Abtei mach' ich eine bequeme
Neusiedelei mit englischem Comfort. Eine Bibliothek soll da sein fr Sie Alle!
Alle Kirchenvter, alle Streitschriften der Jesuiten; aber auch alle Werke
Voltaire's, Hume's, Locke's und wiederum alle Predigten Bossuet's. Ich wette,
Freund Voland liest da nicht einmal die Kirchenvter! Ebensowenig, wie ich Ihnen
gestehe, lieber Rochus, da ich die Maurerreden in den deutschen Klassikern ...
immer bersprungen habe.
    Mit einem ganz natrlichen Instinkt, lieber Dystra, nahm der General den
Gegenstand wieder auf. Sie haben wahrscheinlich immer gefhlt, da diese
Maurerreden in der That Dasjenige, was wir an Herder und Goethe bewundern, nicht
ausdrcken. Wahrlich, durch diese Reden ist Das nicht hindurchgegangen, was an
unsern deutschen Klassikern so gro, so befruchtend war. Ich will nicht von der
romantischen Schule sprechen und den Nachdruck darauf legen, da man sich Tieck,
Schlegel, Brentano, Novalis, Schenkendorf nicht als Maurer denken kann. Aber
auch Jean Paul, Herder, Goethe! Jean Paul, der Herrliche, Geistesreiche, trug in
Alles seine bedeutsame, kindliche Auslegung hinein. Herder ist nur befruchtend
und anregend gewesen in den Bestrebungen, die ihn uns als den Erwecker der
verstummten Vlkerstimmen zeigen. Goethe vollends als Maurer hat sich im
Grokophtha selbst persiflirt, wie er sich im zweiten Theil des Faust als
Minister persiflirte. Der groe allgewaltige Olympier, den wir in ihm bewundern,
hat mit der Loge nichts gemein. Man zeigte mir einmal in Weimar Goethe's
Schurzfell; es hat mich nicht erbaut.
    Ebensowenig, bemerkte Rudhard, wie mich der Franziskanerstrick erbauen
wrde, den Zacharias Werner in Wien trug.
    Diese Entgegnungen waren wieder herausfordernd. Der General warf einen
scharfen Blick auf den Ritter, der sich inzwischen besonnen zu haben schien und
seiner ffentlichen Funktionen eingedenk wurde. Rochus von Westen, der mit
Voltaire'schem Esprit Zacharias Werner'sche Zeitauffassung vertreten mute,
schwieg ...
    Sehen Sie, wandte sich Dystra jetzt zu Louis Armand, Das sind die
Gegenstze, die uns dies sonderbare Deutschland so verworren erscheinen lassen!
Ich bin durch die halbe Welt gereist, habe die Pyramiden gyptens und die heien
Fontainen in Island gesehen, berall streitet man sich, aber nirgends so viel
wie in Deutschland und nirgends spukt noch das tolle Ritter-und Mnchswesen wie
bei uns, whrend unsre ganze Tournierfhigkeit jetzt kaum noch darin besteht,
da wir im Lesekasino ... wissen Sie, Rochus, worin wir uns im Kasino als die
letzten Ritter erscheinen mssen?
    Man horchte gespannt ...
    Unser letztes Ritterthum besteht in dem Rest der Kunst des Ringelstechens,
vermge dessen wir die Journale, die wir gelesen haben, wieder an die Haken
hngen, von wo wir sie herabgenommen. Meine Ahnen knnen nicht knstlicher in
den Karroussels nach dem Ring gestochen haben, wie ich jedesmal angeln mu, um
die Times wieder an ihren Riegel Nr. l zu hngen.
    Whrend man diesem Einfall applaudirte, fragte Dystra Louis:
    Sie sind aus Lyon gebrtig?
    Aus Lyon, mein Herr!
    Sie sprechen vortrefflich deutsch.
    Es ist die Sprache meiner nchsten Verwandten.
    Louis litt unter der Vorstellung, da Otto von Dystra vielleicht nicht
wute, da er die Ehre seiner Einladung einem in der Gesellschaft so
tiefstehenden Arbeiter hatte zu Theil werden lassen. Rudhard, Dankmar, selbst
Voland frchteten dieselbe Aufklrung. Sie wuten wohl, da Dystra keine
Vorurtheile hegte, dennoch wrde er seiner Gste wegen sich vielleicht betroffen
gezeigt haben. Deshalb ergriff Dankmar sogleich das Wort und lenkte das Gesprch
auf Egon, den Beschtzer Armand's, hinber.
    Als dieser Name ausgesprochen wurde, wandte General Voland seine
durchdringenden Augen zu Dankmar und hrte mit Spannung, was ber den jetzt die
Geschicke des Landes lenkenden jungen Frsten wrde gesprochen werden. Rudhard
ertheilte aber dem neuen Premierminister sogleich die entschiedensten
Lobsprche. Er besitze ganz jene zhe Ausdauer, sagte er, ohne welche man jetzt
nicht Politik treiben knne. Er htte der Hydra der Revolution auf den Nacken
getreten, er werde es bndigen, das Ungethm, das in seinen Verheiungen die
Sprache der Engel rede, in Wahrheit aber eine blutige Wolfsnatur wre.
    O wie stimmten die beiden vornehmen Gste bei! Wie berschttete man Rudhard
mit Dank, mit Bewunderung! Aber gerade in dem bermaa lag der Mangel an
Aufrichtigkeit ... Man stockte sogleich. Man lie Rudhard reden, preisen. Man
schwieg, bis General Voland zu Louis sagte:
    In Lyon machten Sie des Frsten Bekanntschaft? Wie schn dies Lyon! Wie
eigenthmliche historische Luft weht in jenen sdlichen Abdachungen, die von da
mit den groen Strmen sich zum Meere hinuntersenken! Lyon ist eine der ltesten
Stdte Frankreichs. Der Zusammenflu der Saone und der Rhone bietet dem Auge ein
geflliges Schauspiel. Noch sind hier die berbleibsel der alten rmischen
Niederlassungen sichtbar. Mancher rmische Kaiser hat in Lyon gewohnt, manches
christliche Mrtyrerblut ist dort geflossen, wofr denn freilich diese Stadt die
Ehre geniet, von sich rhmen zu drfen, da sie die erste christliche Kirche
Galliens aufzuweisen hat. Ich kenne nur zwei Empfindungen, die mich bei
Wanderungen und Reisen ganz erfllen knnen. Die eine ist Die: historische Luft
zu athmen. Wo gensse man diese Wonne in greren Zgen als im Sden Europas?
Wie ich in Lyon war, sah ich Knigreiche vor mir wieder neu erstehen, die nun
mit dem Schutt der Vergessenheit bedeckt sind. Ich sah das Arelatische Reich,
das hier blhte, ich sah Burgund, dessen Kraft an den Morgensternen der
Schweizer bei Murten zersplitterte - 1476 - Wie weht da ein Geist der Kraft, der
Auferstehung, der Verjngung! Wie sieht das Auge reisige Geschwader
herniederkommen von den Bergen und Alles drngt sich dem Mittelpunkte der groen
Weltbegebenheiten zu, dem Mittellndischen Meere, um das herum doch eigentlich
allein nur wahre Geschichte gemacht wird! Das zweite nicht minder erhabene
Gefhl hab' ich beim Anblick jener Uranfnge des Christenthums, die uns aus
alten Mauern und Kapellen noch entgegentreten. Die groen Mnster, die aus der
Bltezeit der Kirche herrhren, machen mir lange nicht den Eindruck, als wenn
ich jene kleinen, oft ganz versteckt liegenden, niedrigen Kapellen und Kirchen
mit Kreuzgngen sehe, die noch fast das Ansehn alter Kastelle haben und
sozusagen die cyklopische Zeit der Kirchenbaukunst bedeuten. So empfand ich in
Mailand bei jener entlegenen Kirche, die einst der heilige Ambrosius vor dem
Kaiser Theodosius schlo und ihm nicht gestattete, frher den heiligen Boden zu
betreten, ehe er sich nicht von dem in Thessalonich vergossenen Mrtyrerblute
geshnt hatte. Wie jung war damals die Christuslehre! Wie neu und frisch der
Eindruck einer Begebenheit, die in die alte erstorbene Welt der Heiden wie ein
junges Reis hinein sich rankte und bald lebenskrftig die ganze gebildete Welt
der Erde mit grnem Laube umzog! Auch in Pavia, Genua, vor allen Stdten aber in
Rom folgt man mit Wonneschauern diesen allerersten Futapfen der Kirche und kann
sich mit etwas Phantasie aus schwarzen, niedrigen, byzantinisch gerundeten
Bauten die ganze Vergangenheit zusammensetzen, die wir kaum kennen wrden, wenn
nicht irgendwo doch ein sinniger Mnch in einem Kloster die Erzhlungen
durchreisender Pilger als Schreib- und Stylbung verzeichnet htte.
    Wahrlich, fiel Otto von Dystra, des Ritters ironisches Niederblicken
bemerkend, lachend ein, ich mu sagen, Voland, Ihre poetische Sprkraft hat sich
merkwrdig ausgebildet. Fr einen Offizier ist so viel Studium heterogener Dinge
aller Ehren werth! Aber es ist wahr, Sie schmachteten schon in Hofwyl unter dem
Druck der rationellen Erziehung Fellenberg's und sehnten sich zu jenen jungen
Frsten und Grafen hin, die in Freiburg erzogen wurden ...
    Das nicht, Dystra, sagte der General, der auch im Pdagogischen sattelfest
war. Aber ich fand frh heraus, da Fellenberg uns Alle tuschte. Fellenberg gab
sich die Miene, zwischen Pestalozzi und den bestehenden Kastenansprchen der
Gesellschaft hindurchsegeln zu knnen und wollte gleichsam Jeden fr seinen von
dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand erziehen. Ich will nicht sagen, da ich
schon damals die Einsicht besa, diesen Widerspruch zu durchschauen, aber ich
fand, da die Jesuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit, mit mehr Gleichheit in
besserem Sinne erziehen. Sie stellten die Stnde gleich und gaben dem
Frstensohne, wie dem knftigen Priester dieselbe Erziehung ...
    Das ist ja grade das Gewagte, Herr General, erlaubte sich Dankmar dem in
allen Standpunkten seiner Zeitgenossen dilettirend Herumtastenden zu bemerken.
Wir erhalten aus jener Gegend her Priester, die wie Frsten regieren wollen und
Frsten, die wie Pfaffen denken ...
    Sehr wahr, sehr wahr, bemerkte Dystra. Schelten Sie mir nur unsern alten
Fellenberg nicht, Voland! Sie machen unsrer Schweizererziehung auch durch Ihren
Appetit keine Ehre! Sie scheinen von Nichts zu leben. Sie lassen mir jede gute
Schssel, jedes Glas aus Kche und Keller der Stadt Rom vorbergehen. Die
alten Mnche tranken Wein, wenn sie auch noch so fromm waren.
    Otto von Dystra war vllig unbekannt damit, da der General der Mann der
Fabel hie. Er verstand des Ritters halb verlegenes, halb schadenfrohes Lcheln
nicht, verstand nichts von der eigenthmlichen Ruhe, mit der Dankmar seine
Cigarre rauchte und gewissermaen Louis Armand ermunterte, nur auszuharren und
sich nicht einschchtern zu lassen. Er ahnte nicht, da Ritter Rochus vom
Westen, mdisant, anekdotenhaschend, negativ wie er war, sich auf die Lippen
bi, um die Bemerkung zu unterdrcken: Wissen Sie denn nicht, da General Voland
in dem Rufe steht, wie der Graf St.-Germain durchaus nichts zu genieen und nur
von einem himmlischen Manna zu leben, das er zuweilen aus einer in seiner
Uniform verborgenen Dose nimmt?
    Der Ritter trennte sich gewaltsam von dem Gelst, diesen Gedanken
auszusprechen und fragte den Baron, wie lange er in Europa bleiben wrde und ob
er nicht Kalifornien gesehen htte? Kalifornien war dem General so gleichgltig,
wie z.B. Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand. Aber dem Ritter Rochus
war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenschaft des Zeitgeistes.
    Otto von Dystra sprach von dem Versuche, in Deutschland zu leben, wenn er
hoffen drfte, sein Vermgen aus Ruland herauszuziehen und gewisse
Familienfragen auf deutschem Boden zu lsen.
    Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten solcher russischen Prozeduren
bemerken und fand bei den hochgestellten Herren, die sich zum Gehen rsteten,
eine Beistimmung, die ihn berraschte. Rudhard aber nahm Veranlassung, wiederum
die strenge, gegliederte Ordnung des russischen Militairstaates und den
unromantischen, aber beglckenden Absolutismus zu preisen. Die Diplomaten
nickten, suchten nun aber doch davonzukommen. Eben im Begriff, die Hte zu
ergreifen und sich zu empfehlen, hrte man drauen auf der Strae pltzlichen
Lrm. Man stutzte. Die Bedienten hatten schon lange nach den Fenstern gesehen
und durch ihre Bewegungen die Aufmerksamkeit der Herrschaften auf die Vorgnge
lenken wollen, die sie in den Straen beobachteten. Erst ein Murmeln, dann ein
Sausen, immer hrbarer anwachsend und an den Husern des Platzes, an welchem die
Stadt Rom gelegen war, widerhallend. Ein Rauschen und Brausen. Das Getmmel
wuchs. Man hrte rufen, man hrte schreien, die Gesellschaft, statt sich
aufzulsen, eilte an die Fenster. Der Platz wimmelte von Menschen ...
    Was ist Das?
    Man drngt sich an jenes Haus -
    Ein Auflauf -
    Wer wohnt dort?
    Bediente aus dem Hotel waren von den Vorgngen unterrichtet. Sie sagten,
dort an dem umstandenen Hause pflegten Maschinenarbeiter ihre Versammlungen zu
halten. Ihr Verein wre heute aufgehoben, weil man wieder drohende Reden
gehalten. Die Polizei berwache die Sitzungen und schlsse sie jedesmal, wenn
etwas Anstiges gesprochen wrde. Heute htte man nicht auseinandergehen wollen
...
    Indem kam schon eine Kolonne Militair und trieb erst die neugierigen Massen
auseinander, dann rckte sie auf das Haus selbst zu. Die Agenten der Polizei
waren in voller Thtigkeit und soweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die
bersicht gestattete, sah man, da unter Geschrei, Pfeifen, Lrmen, zahlreiche
Verhaftungen vorgenommen wurden ...
    Das ist so schon das dritte Mal! berichtete der Bediente und Voland sagte
mit einem eignen sardonischen Lcheln:
    Man gewhnt sich an dies Chaos. Es strt Niemanden mehr in seiner Abendruhe.
    Der Ritter Rochus vom Westen aber zitterte. Er hatte in einem solchen Sturm
vor wenigen Monaten sein Portefeuille verloren. Er wute an Beispielen, da man
dabei auch sein Leben verlieren konnte, trotz der Privatverehrung von Voltaire
und Bolingbroke.
    Abscheulich, sagte Dystra, einen Staat in solchem ewigen Kriege gegen sich
selber zu wissen! Hren Sie nur das Pfeifen, dies Hhnen, das Zertrmmern der
Fensterscheiben! Die Trommel wirbelt. Es kann nicht lange whren, so hrt man
eine Salve und wir sehen Todte und Verwundete ...
    Ritter Rochus gerieth auer sich. Meinen Sie? rief er und trippelte hin und
her ...
    Das ist modernes Staatsleben! sagte Voland fast triumphirend.
    Im Mittelalter war es nicht besser! rief Rochus rgerlich -
    Ehe man Macchiavelli kannte! warf Rudhard dazwischen.
    
    Allerdings, sagte Voland, den Militairmantel berwerfend, allerdings in
kleinen Staaten. Man hat gezhlt, da in Pisa allein vom Jahre 132O bis 152O
ber dreihundert Aufstnde vorgekommen sind ...
    Ha! schrie Ritter Rochus. Es trommelt!
    Eine Salve krachte. Verzweiflungsruf, eine allgemeine rasende Flucht. Der
Platz leer. Ein paar Verwundete, ein Todter, den man der Polizei bergab. Die
Ruhe schien auf dem Platze hergestellt. Exaltirte Kpfe rannten durch die
Straen und riefen: Waffen!
    Die Thoren! sagte Dankmar. Waffen! Sie wissen nicht, was Das fr ein
Anachronismus ist! Die Zeit der panischen Begeisterung und die der panischen
Furcht ist auf lange vorber. Die Regierungen gewinnen da nur an Kraft, wo sich
die Demokratie einbildet, mit dem alten Apparate, Waffen und Barrikaden, noch
kmpfen zu knnen ...
    Und ist es nicht ein Glck, da sie an Kraft gewinnen? sagte Rudhard streng.
    Mein Bester! Die Ruhe der Welt dankt Ihnen fr Ihren Zgling! rief der
Ritter Rochus und schttelte Rudhard's Hand. Das Ministerium Hohenberg
bezeichnet eine Epoche der Geschichte. Nur Ruhe!
    Wie wrden Sie diese Verwirrung lsen, General? sagte Dystra, indem er einen
schwachen Versuch machte, seine Gste wieder zum Sitzen zu bringen - Sie stehen
ber dem Momente, Sie haben die Jahrhunderte vor Augen, was erwarten Sie von
dieser Zeit?
    Eine Droschke! rief der Ritter, wenn mein Wagen nicht da ist!
    Die Bedienten sagten, er wre in's Thor des Hotels gefahren, weil man
drauen Barrikaden frchtete ... Jetzt wre alle Gefahr vorber.
    O sehr gut! Sehr gut! Guten Abend, Baron!
    Dankmar und Louis, obgleich im hchsten Grade aufgeregt von dem Vorfall vor
dem Wirthshause, wo sich der Maschinenarbeiterverein versammelte, ngstlich
ohnedies um die Verwundeten und den Todten, horchten gespannt, was der General
antworten wrde, allein dieser lehnte freundlichst ein lngeres Bleiben ab. Er
berief sich auf seine gemessene Zeit, seine Berufspflichten, seine besetzten
Abende. Sein Abschied, sein Dank fr die Bewirthung war einfach und wohlwollend.
Er sagte Dankmarn und Louis gleich Verbindliches, bewahrte aber bei aller
Freundlichkeit einen so eigenthmlichen Ernst, da man unwillkrlich staunend
hinter ihm hersagen mute: Er sagt fast Alles, was er wei und von Dem, was er
nicht wei, mu man doch noch glauben, da er es nur verschweige! Der General
schlo sich dem Ritter an.
    Rudhard, der das Anliegen Louis' und Dankmar's bei Dystra nicht stren
wollte, ging mit den Worten:
    Baron, Sie sind ein Neuling in Europa! Sie werden Ihre Jugendfreunde kaum
wieder erkannt haben.
    Dystra lachte und sagte:
    Der General htte Priester werden sollen. Ich sagte es ihm schon bei
Fellenberg.
    Wer wei, ob er es nicht ist! meinte Rudhard. Ruland hat ganz Recht, da es
die Freimaurer und die Jesuiten verbannt. Ich mchte dem General Voland nicht
das Schicksal dieses Staates anvertraut wissen und finde es ganz in der Ordnung,
da Egon vor einem Manne, der sich des Wirrwarrs zu freuen scheint, auf der Hut
ist.
    Es ist kein Jesuit, eher ist es Ritter Rochus, der die Jesuiten bestreitet,
sagte Dystra. Glauben Sie mir! Ich fange an, Europa zu begreifen! Mein alter
Kamerad von Hofwyl lebt nur zum Schein vom Geiste; er it nicht, er trinkt
nicht. Dieser Mann scheint eine Abstraction geworden zu sein. Aber ich wette,
da er eben einige Beafsteaks gegessen hatte, ehe er zu mir kam. Jetzt geht er
schlafen und um zehn Uhr ist er bei Hofe, um bis ein Uhr nach Mitternacht mit
dem Knige Gold zu kochen. Mein alter Freund aus Athen und Stambul, der Ritter
Rochus, fhrt jetzt nach Hause und chiffrirt unsre ganze Unterhaltung nach
seiner Hauptstadt, wo sie nicht die Minister, wohl aber deren Frauen allenfalls
interessiren knnte.
    Rudhard ging mit einigen Fragen nach Siegbert kopfschttelnd. Dystra,
aufhorchend wegen Olga's, doch sich zurckhaltend, begleitete ihn ...
    Als der Baron zurckkehrte, zog er Louis und Dankmar zu sich auf das Sopha
nieder und hrte nun von ihnen mit Erstaunen, da jener Murray, von dem ihm
schon Mangold so Sonderbares erzhlt hatte, der ihm wohlbekannte Morton aus
New-York war. Er hielt Morton fr verschollen, fr todt. Er erklrte sich mit
Freuden bereit, seine Bemhungen mit denen der Freunde zu verbinden, um Murray,
dessen deutscher Ursprung ihm kein Geheimni war, aus einer so gefhrlichen Lage
und jedenfalls einem, wie es ihm vorkam, vorgefaten Misverstndnisse ber seine
Person zu erlsen. Er erklrte sich bereit, jede nur irgend verlangte Caution zu
hinterlegen, damit Murray auf freien Fu gestellt wrde. Die Verabredung, morgen
in der Frhe gemeinschaftlich auf das Profoamt zu gehen und sich fr den
Gefangenen zu verbrgen, war ihm ganz genehm. Er trennte sich von seinen neuen
Bekannten mit der Bitte, ihm ferner ihr Vertrauen zu schenken und ihm zu
gestatten, ihre Zeit zuweilen in Anspruch zu nehmen.
    Dankmar fand an dem offnen, gentlemnnlichen Benehmen des von der Natur
vernachlssigten und doch durchaus nicht ungeflligen Barons groe Freude und
schlug in die dargebotene Rechte herzlich ein. Louis aber zog seine Hand zurck
und sagte, um endlich ein ihn peinigendes Gefhl los zu werden, in franzsischer
Sprache, sicher und fest:
    Herr Baron, wir sind Ihrer Einladung gefolgt, sind geblieben, wir wuten
nicht wie. Ich fr mein Theil mit groem Widerstreben. Verzeihen Sie mir meine
Dreistigkeit! Sie hat mich whrend des ganzen Abends genug gefoltert. Ihre Gte
haben Sie einem Manne gewidmet, der darauf nach den Regeln der Gesellschaft
keine Ansprche hat. Sie haben diesen beiden groen Staatsmnnern durch meine
Schuld eine Unannehmlichkeit zugefgt. Ich bin ein einfacher Handwerker.
    Ein Handwerker?
    Dystra blickte wirklich erschrocken auf.
    Glauben Sie Das nicht, fiel Dankmar ein, mein Freund Louis Armand ist ein
Philosoph, ein Dichter. Aus Laune der Natur und des Zufalls lernte er das
Handwerk eines Tischlers, das er indessen zu einer Kunst erhoben hat und alle
Welt wei, da ihn Bande der innigsten Freundschaft an Frst Egon festhalten ...
    Mein Herr, antwortete Dystra, der sich rasch gesammelt hatte, wenn Sie nur
der Freund des Herrn Wildungen sind, so brauchten Sie nicht einmal eine
Merkwrdigkeit zu sein, die den General Voland interessirte, ich wrde Sie schon
mit offnen Armen aufgenommen haben. Der Ritter Rochus, seien Sie versichert,
schreibt in diesem Augenblicke an die Frstin ...: ...: Das neue Ministerium
lt zwar auf der Strae die Emeute bekmpfen, aber in den Salons ist die Emeute
siegreich. Ich habe bei einem Diner Veranlassung gehabt, zum Nachtisch mit einem
Handwerker Kaffee zu trinken. Es ist dies der bekannte Ouvrier, der in keinem
modernen Ministerium fehlen darf und dem auch hier das Portefeuille der
ffentlichen Bauten oder der Gewerbe wrde bertragen werden, wenn er nicht
zufllig ein Auslnder wre. Bei Alledem morgen auf Wiedersehen!
    Auf Wiedersehen! widerholte Dankmar lachend.
    Die Freunde schieden.
    Dystra aber, innerlichst bewegt, aufgeregt sogar durch diesen Abend,
revoltirt durch das Gesprch, durch die Scene auf dem Platze, durch den
Gedanken an die Familie Wsmskoi und den ihm durch den Bruder nun schon so
naherckenden Nebenbuhler Siegbert Wildungen, an das Schicksal Murray's, sprach,
den Arm aufsttzend, vor sich hin:
    Du bist doch ein Neuling in dieser modernen Welt, Dystra! Du hast viel
versumt, viel nachzuholen oder viel zu vermeiden! Bau' dir den Tempelstein aus
und vergrabe dich dort als Einsiedler! Kosmopoliten sucht jetzt Niemand. Mit
dieser Welt werden bald Baschkiren und Mongolen reden mssen! Noch trinkt Asien
Opium oder Stutenmilch; aber bald werden wir das furchtbare Pferdegetrappel von
den Steppen des Ostens hren. Bis nach Chalons kommen sie wieder, diese
Hunnenzge, bis nach Chalons, wo der Champagner wchst! Da mu es sich
entscheiden, ob das neue Weltalter von der Natur, der ewig wiederkehrenden, oder
dem Geiste, dem endlich durchgerungenen, siegend wird bestimmt werden!
    Die beiden Schwarzen wnschten ein Urtheil ber das Diner zu hren und eine
Ansicht ber die Scene auf dem Markte. Dystra merkte Das an den Fragezeichen,
die auf ihren glnzenden Gesichtsfratzen standen, als sie so leise
heranschlichen ...
    Alles gut gewesen, bis auf den Todten drauen! Lat anspannen! Hut und
Stock! Ich will noch fr einige Akte in die groe Oper fahren. Begleitet mich!
    Spartakus und Cicero eilten, die Befehle ihres Herrn zu vollziehen. Er hatte
ja dem Intendanten versprochen, sich von ihm sagen zu lassen, wie seine ihn
umgebende artistische Verschwrung die Idee von der Mitwirkung lebendiger
Meerkatzen im Faust und der neuen Scenirung der Zauberflte durch eine
entsprechende Menagerie aufgenommen htte!
    Dystra bedurfte heute dieser Anknpfung an Herrn von Harder, um wieder zu
seinem gewohnten Humor zurckzukommen und glcklicherweise hatte der Vorfall auf
dem Platze am Hotel de Rome die Vorstellung in der groen Oper nicht gestrt.
Die Zeit war eisern geworden. Die Nerven gewhnten sich schon.

                                Zwlftes Capitel



                                   Zwei Todte

Seit vierzehn Tagen hatte Hackert vergebens versucht, den gefangenen Murray zu
sprechen und sich der von Madame Ludmer ihm gegebenen Auftrge zu entledigen.
Assessor Mller war streng. Er anerkannte Hackerten nicht offiziell, da er ihm
nur eine Privatbeziehung zum Oberkommissr Pax einrumen konnte. Pax kehrte noch
immer nicht zurck. Ohne dessen Vermittelung litt das Untersuchungsamt keine
Konfrontation mit einem Manne, der allerdings durch seine ruhige und ergebene
Haltung, seine gebildeten Antworten, seine Auslegung des Vorfalles im Plessener
Walde die Justiz fast schon entwaffnete. Die ber den Schmied Zeck eingezogenen
Nachrichten lauteten alle ungnstig. Herr von Zeisel stellte Murray schon um
Louis Armand's und des Prinzen Willen im gnstigsten Lichte dar. Die Ludmer
erfuhr diese Wendung. Ungeduldiger, immer dringender wurde ihr Ersuchen an
Hackert. Da aber Pax nicht zurckkehrte, konnte von dieser Seite ihrer
gengsteten Wibegier nicht geholfen werden.
    Wie sich heute, an einem Sonntage, Hackert dem Profohause nherte, bemerkte
er Menschen, die zahlreicher als sonst durch die Thr des alterthmlichen
Gebudes aus- und eingingen.
    Eine ffentliche Gerichtssitzung, dachte er, oder was gibt's da?
    Indem luteten die Glocken; er besann sich, da Sonntag war. Und dennoch
diese Bewegung?
    Wie er das Profohaus betrat und in eine groe steinerne Halle zur Linken
eintrat, bemerkte er, da sich die Menschen um einen dort aufgestellten
Gegenstand versammelten.
    Es ist gestern Abend geschossen worden, sagte er sich. Wahrscheinlich einer
von Denen, die dabei blaue Bohnen gegessen haben!
    In der That war es der Leichnam eines jungen Handwerkers, der gestern, wie
er hrte, bei der Sprengung des Maschinenbauervereins entweder zufllig oder als
ein Opfer seiner Widersetzlichkeit gefallen war.
    Viele Andre, hrte er, wren verhaftet, noch Einige verwundet worden ...
    Wie er noch so in der Ferne mit einer Miene voll Gleichmuth und
achselzuckend zu der Gruppe hinblickte, die ab- und zugehend ihre Theilnahme
nicht auszusprechen wagte, da Schildwachen und Polizeidiener genug in der Nhe
standen, sieht er mit ngstlichem vorsichtig behendem Schritt Louise Eisold ber
den Marktplatz schreiten, an dem das Profohaus liegt. Sie hat vier ihrer
Geschwister an der Hand, Wilhelm und Karoline, die Zeitungstrger, und die noch
kleineren, Friederike und Heinrich ...
    Wie Louise in das gewlbte Portal des Profohauses tritt, wendet sie sich
fragend nach der Halle und sieht die Gruppe der Neugierigen ...
    Ein so junges Blut! heit es.
    Sie hrt Das ... Sie tritt nher ...
    Die Geschwister wollen sie der Menschen wegen zurckhalten. Sie reit sich
von ihnen los, drngt sich heran, beugt den Kopf ber die Tragbahre, hlt sich
wie schwindelnd an einem der ihr nahestehenden Menschen, blickt noch einmal auf
die Leiche und stt einen Schrei des Entsetzens aus.
    Karl! rufen die Kinder und brechen in ein herzzerreiendes Weinen aus.
    Karl! ruft Louise und fat die Leiche, um sie emporzurichten; die Halle war
niedrig, sprlich durch kleine runde Fenster erleuchtet, vom trben Wetter fast
dster ... Sie hlt den Kopf des Todten wie gegen das Licht, streift an den
Kleidern entlang, sieht die Zge des kalten Angesichts noch einmal prfend durch
und hat von dem an der Brust geronnenen Blute die Merkmale seiner tdtlichen
Wunde in der Hand ... Der Todte war Karl Eisold, ihr Bruder. Sie mute es so
hinnehmen. Es war so. Gott hatte Das gegeben. Gott oder Wer? Es war so. Ihr
Bruder Karl war todt.
    Die Theilnahme der Umstehenden zeigte sich freilich als die innigste; aber
was half Das? Louise lag ber die Leiche hingestreckt und betrachtete sie stier.
Dann redete sie wie im Wahnsinn mit dem Todten, als wenn er lebte, als wenn er
selbst Auskunft geben knnte.
    Karl hrst du nicht? Karl!
    Sie schluchzte nun wenigstens und sprach doch wieder. Erst schien sie selber
leblos.
    Der Todte kalt und stumm. Das Blut quoll noch ein wenig aus der Wunde. Es
war in greren Massen die Nacht ber auf eine Strohmatte gerieselt, die man
unter die Bahre gelegt hatte. Das blasse Antlitz des sechzehnjhrigen Jnglings
war milde und wie verklrt. Er schien zu schlafen. Das blonde Haar hing
schlicht, blutdurchronnen ber die Stirn. Die Mtze, die er zu tragen pflegte,
mit einer kleinen schwarz-roth-goldnen Cokarde, lag neben ihm. Der graue
Tuchrock mit weien Metallknpfen war von Blut und Schmuz besudelt. Es war da
nichts mehr zu ndern. Karl Eisold war das Opfer jener ersten energischen That
des neuen Ministeriums gewesen.
    Hackert, hinter einem von den kurzen Gewlbepfeilern der Halle verborgen,
beobachtete mit sich verdsternden Blicken die herzzerreiende Scene. Er hatte
den jungen Arbeiter so gut gekannt. Wie rstig war er, wie ernst und streng in
seinem Berufe! Wie streng gegen ihn, den trgen Tagedieb! Er sah ihn, wie er
zeitiger aufstand als alle Andern, die in jenem Hause beisammen wohnten! Er
hrte ihn nebenan in der Kche sich schon waschen, whrend er im Bett sich noch
wlzte und zum Frhschlummer sich auf die andre Seite warf! Er sah ihn an seinem
Gitterfenster auf der Galerie vorbeigehen in die Willing'sche Maschinenfabrik
... Er sah ihn nach Hause kommen, Abends, ermdet, nur nach seinem Nachtessen
fragend, das mit Ernst und schweigsam verzehrend und dann bald zur Ruhe gehen
... Dies gegen zwanzig Millionen Seelen im Staate ganz unbedeutende,
berflssige Leben war nun beendet. Und doch war der Jngling die Hoffnung, die
Sttze einer Familie gewesen. Auf ihn bauten diese armen, verlassenen,
elternlosen Kinder ihre Hoffnung. Eine kleine Rauchwolke war's. Nun verzogen!
Hackert mute sich unwrdig fhlen, die wahre Trauer um diesen Jngling
auszusprechen; doch grollte er mit dem Schicksal und erschrak fast vor der
Majestt des Todes.
    An Louise war es herzzerreiend zu sehen, wie die Phantasie des Mdchens
sich in den schrecklichen Moment nicht finden konnte. Mullrich, ihr Vizewirth,
der Polizeidiener, stand daneben und erzhlte den Leuten, da sie gestern Abend
im Hause herumgesucht und gefragt htte, da sie eine jammervolle Nacht
ausgestanden und am frhen Morgen schon wieder gesucht, schon in die
Willing'sche Fabrik geschickt htte - wo aber am Sonntag Niemand arbeitete - Er
htt' ihr gerathen, hier in's Profoamt zu gehen. Bei dem Kommentar ihres Leids
aus diesem Munde schwieg Louise und sah den Bruder starr an, als wenn sie sagen
wollte: Das ist unser Loos! Nicht Eures, nicht das Loos der Reichen und
Vornehmen, es ist das Loos der Armen und Verfolgten!
    Kmmerlein, der neben Mullrich stand, erzhlte den Vorfall von gestern Abend
und berichtete, da noch einige Verwundete und Viele gefangen wren.
    Auch der groe Breitschultrige, sagte er mit Beziehung, wit Ihr Mullrich,
damals vom Fortunaball, der den Hackert heraushieb? Er war erst vor vierzehn
Tagen entlassen ...
    Danebrand! sagte sich Hackert in seinem Versteck. Er kmpfte mit sich, ob er
nher treten sollte ... Zum ersten Male fhlte er, da er unwrdig war, sich dem
heiligen Unglck zu nhern.
    Louise, die auf der Leiche lag, sah nicht, da die schluchzenden Kinder von
den Umstehenden Gaben der Liebe empfingen, hrte nicht, da Danebrand sa ...
    Der Verein sollte geschlossen werden, erzhlte Kmmerlein, da ging's wieder
her wie gewhnlich. Lrmen, Toben, Schreien. Einem von uns griffen sie an den
Sbel. Da pfiffen wir. Es kam Hlfe. Da sie den Aufrhrern gegenber zu schwach
war, wuchs ihnen der Kamm. Sie warfen die Gensdarmen zum Hause hinaus. Nun aber:
fliegende Kolonne! Vor'm Hause ein Geschrei, Reden, Winkelzge, Fluchen,
Hohngelchter. Drei Mal Auseinander! Nichts Auseinander. Ratsch! Zwlfe brannten
los. Der Arme da war nicht der Schlimmste. Er lie die Andern rsonniren und
stemmte nur die Hnde in die Hosentaschen und sah an der Thr zu. Die
Rdelsfhrer rissen gleich beim ersten Trommelschlag aus. Der hat nun in's Gras
gebissen ...
    Louise richtete den Kopf auf und sah sich im Kreise um. Alle redeten ihr zu,
sich zu fassen, nach Hause zu gehen und sich in das Unabnderliche zu finden.
Und wie sie so die sanften und gutgemeinten Worte hrte, fragte sie mit leiser
Stimme den Mann, der eben so laut gesprochen:
    Wo ist Danebrand?
    Wo Danebrand wre? wiederholten die Umstehenden fast einstimmig. Die
geringen Leute sind dem Schmerz so aufmerksam, dem Leid so hlfreich ...
    Danebrand! meinte Kmmerlein. Den haben sie bei den Ohren festgehalten,
meine Beste! Er sah den armen Jungen da fallen, rannte grade auf ihn zu, hob ihn
auf die Schulter und wollte fort damit. Da tritt die Kolonne gegen ihn an und
streckt ihm die Bayonnete entgegen. Er legt die Leiche - Der war gleich todt -
legt sie auf die Erde, brllt wie ein Stier und packt zwei, drei Gewehre und
will sich Luft machen. Sie traten ihn aber doch nieder und haben ihm dann mit
Schnupftchern die Arme gebunden und fortgefhrt. Wie er gebunden war, gab er
nach.
    Hackert wute, da Danebrand fr Karl Eisold arbeiten half und sich dem
Wohle dieser unglcklichen Familie ganz gewidmet hatte. Gern wr' er nun doch
fortgeschlichen ...
    Aber jetzt grade schien Louise von der starren Betubung des ersten
Schreckens freigelassen. Sie brach in ein lautes Lachen und Weinen aus und rief:
    Haben sie dich gemordet, Karl? Dich nun auch, wie so Viele, die in den zwei
Jahren hingingen? Bist auch gefallen, wie schon die Tausend?
    Mamsell! sagte Mullrich, gehen Sie nach Hause!
    Lgt Ihr Menschen? fuhr sie fort, versteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht!
Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch, der ber uns gekommen ist! Was haben
wir Armen?
    Geht, geht, Mamsell! drngte Kmmerlein ...
    Die Halle fllte sich von Menschen ...
    Die Kinder und die Alten, fuhr Louise mit bitterster, aus ihrem Innersten
hervorbrechender Wehklage fort, die Kinder und die Alten holt die Krankheit, die
uns Arme dahinrafft, die Jungen, unsre Brder und Shne, trifft die Kugel ...
    Lat's jetzt gut sein! sagte Mullrich. Geht Kinder, geht nach Hause!
    Die Halle fllte sich immer mehr ... Hinaus da! riefen schon einige
Polizeidiener. Zurck da! hier gibt's nichts!
    Aber die Leute drngten ... Louise schluchzte mit den Kindern laut und
wollte sich von der Leiche des Bruders nicht trennen.
    Klag' ich Euch denn allein an? sagte sie und lachte fast wie im Irrsinn.
Ich, ich hab' ihn ja gemordet, Ihr nicht! Ich bin Schuld an deinem Tod, Karl!
Karl! Ich bin Schuld!
    Sie sank dabei so schwer nieder, da die Leute sie aufgriffen und forttragen
wollten ...
    Ich habe den Grovater umgebracht, sthnte sie und murmelte nun Worte fort,
die Niemand verstand.
    Hackert hrte Alles hinter seinem entlegenen Pfeiler. Er verstand sie in der
Halle von den hundert versammelten Menschen ganz allein. Auch fiel ihm der Mann
mit rothem Barte und das Wort vom Punsch ein. Er konnte sich denken, da Karl,
der sittenstreng war und Danebrand liebte, diese Bekanntschaft nicht billigte.
Vielleicht war er gestern deswegen nicht nach Hause gegangen, vielleicht
deswegen nur in den Verein gegangen, den er seiner Jugend wegen und als Lehrling
sonst nicht besucht hatte. Hackert, hinter dem Pfeiler schielend, sah das
Anschwellen der Menge ...
    Louise gab dem Drngen der Polizeidiener, sich zu entfernen, nicht nach.
Erst als der Assessor Mller erschien, die Wache herausrief und mit dem Bayonnet
die Halle rumen zu lassen drohte, zogen sich die Neugierigen und offnen Tadler
der Gewaltscene zurck. Kmmerlein mute einen Fiaker fr die Geschwister holen,
die, um alles Aufsehen und alle Aufwiegelei, wie der Assessor sagte, zu
vermeiden, sich im Wagen entfernen sollten.
    Die Leiche wird heut Abend in das Todtenhaus auf den neuen Kirchhof
gefahren! hie es. Und nun fort! Fort hier! Keinen Auflauf!
    Somit gingen auch allmlig die Menschen ...
    Die Geschwister, die sich pltzlich in der Halle fast allein sahen, zogen
die Schwester von der Leiche fort ...
    Mller sprach von Leichenbeschau, Begrbni, Bekleidung, neuem Kirchhof,
ungestrtem Besuche daselbst, Armenrecht, Armenbehrde ... Louise erwiderte mit
den ihr so liebgewordenen Versen Louis Armands:

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht ...

Gehen Sie jetzt! Da fhrt der Wagen vor! Geben Sie keinen Anla zum
Zusammenlauf! Fort Kinder, in den Wagen!
    Auf die Strae will ich, rief Louise, auf dem Markt will ich ausschreien:
Rache! Rache! Ihr habt meinen Bruder gemordet! Was that er Euch?
    Man wollte das Mdchen mit Gewalt hinausfhren. Ein Fiaker wartete. Das aus
der Halle getriebene Volk mehrte sich nun drauen zu dichten Haufen am Eingang
...
    Lat mich! schrie Louise und warf sich wieder auf den Bruder. Karl! Nicht
einmal eine arme Htte haben wir, in die wir dich tragen drfen, wo du drei Tage
bei uns bleibst, bis sie dich unter die Erde holen! Aber an deinem Grabe sollen
sie zittern; da sollen sie's hren, die Feigen, die dich gemordet haben! An die
Mauer sollen sie dich nicht werfen, wie einen todten Hund. An deine Grube sollen
die Freunde treten, die freie Gemeinde soll singen, der Prediger reden und die
Frauen werden Blumen bringen! Lat mich, Schndliche! Wer gibt mir meinen Bruder
wieder! Karl, ich lasse dich nicht!
    Schon drngten vom Volke Muthigere herein, um das jammernde Mdchen, das da
Allen das unverstandene Weh der Nichtbefriedigung im Volke austobte, vor der
Polizei zu schtzen, die sie mit Gewalt entfernen wollte. Die Wache im hintern
Hofe trat in's Gewehr und entsandte eine Verstrkung zur Thorbesatzung. Louise
aber schleuderte ihren Zorn heraus.
    Und wenn Ihr Euch rstet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme
Kinder! rief sie. Euer Tag wird hereinbrechen! Eure Haare sind gezhlt, nicht
blos von Gott, auch von uns! Hetzt uns nur, jagt uns nur wie das Wild! Strt uns
nur in unserm reinen Glauben! Euer Glanz wird dster werden, wie Sturmgewitter!
Eure kostbaren Gewnder werden Euch wie Spinnweben zerrissen werden und Euer
Purpur wird Euch von den Schultern fallen! Auch unser Gott ist langmthig, aber
sein Gericht wird schrecklich sein, Ihr Tyrannen, Meineidigen, Gottesleugner!
    Eben warf man krachend die Thorflgel zu, um die zustrmende Menge
zurckzuhalten. Louise wurde von den Hnden der Polizei ergriffen. Aber
Riesenkraft fhlend, wand sie sich los, nahm die Geschwister mit Gewalt unter
ihren Schutz und flchtete sich zu der Sule hin, hinter der eben Hackert
hervortrat.
    Hackert! rief sie schaudernd ...
    Das Gefhl, einem Mdchen, das ihn so hoch verehrte, beizuspringen, hatte
den fast kalten Beobachter hervorgetrieben. Die Aufwallung eines edlen Zorns
kannte Hackert nicht, aber eine Vernunftreflexion, Mahnung zur Besonnenheit,
stand ihm vollkommen zu Gebote.
    Was ist denn? sagte er ruhig, die Hnde aus den Taschen ziehend und wandte
sich, da er Louisen's vorwurfsvollen Blick nicht ertragen konnte, zu den
Polizeidienern und Soldaten. Lat doch die Arme sich ausjammern! Injurien von
Unzurechnungsfhigen steckt man nach Landrecht Theil 3, Titel so und so,
geduldig ein! Ja, liebe Louise, das ist Malheur. Der arme Karl! Fassen Sie sich!
Ich wnschte, ich knnte ihn mit einer Rede aufwecken; aber Sie wissen wohl, ich
kann schlecht trsten. Guten Tag Riekchen! Guten Tag Wilhelm! Ja, Das ist
schlimm! Es ist nun aber. Fat Euch! Kommt! Hier! Geht hier heraus! Hier ist
eine Seitenthr! Kommen Sie, Louise! Wenn Eins helfen knnte! Aber es ist so.
Man verwindet's wieder. Was ist Leben? Nichts, als da man wei, da man lebt.
Wenn der Karl wte, da er nicht lebt, und nichts Besseres htte, Das wre
schrecklich; aber in Dem ist Nacht, da ist's dunkel. Sie glauben ja, Louise,
an's Paradies; es lutet jetzt eben von allen Kirchen ganz feierlich. Hier auf
Erden ist der Himmel und die Hlle beisammen, dacht' ich mir. Aber die Glocken
drauen singen dem guten Karl ein besser Grablied. Kommt, Kinder, der Gang da!
So! Die Droschke fhrt uns schon nach. Ich fhre mit Ihnen, liebe Louise, wenn
ich ein Trster wre ...
    Und so sprach Hackert blasirt durcheinander fort und Louise schwieg und die
Kinder faten ihn bei der Hand und sie waren von dem Schauplatz des Jammers
entfernt, sie wuten nicht wie. Und fr Louise ... fr sie lag in Hackert's Art
doch ein Trost. Er wiederholte ihren Schmerz nicht, er untersttzte ihre
Verzweiflung nicht durch gleiches Entflammen. Und grade dadurch bot er eine
wirkliche Anlehnung. Louise mochte nicht nach seiner Lage fragen. Sie konnte es
auch nicht, da ihr dazu die Sammlung fehlte. Der Wagen war an eine
entgegengesetzte Thr des weitlufigen Gebudes gefahren, wo sie jetzt das
Gebude verlassen muten, die Menschen hatten sich verlaufen ...
    Seht, Ihr Kinder, sagte Hackert ruhig mit gewagter Wirkung, als Louise
einstieg, Euch trstet schon die Gelegenheit, einmal fahren zu knnen! Das mu
Euch erst geschehen, wenn Euer Karl todt ist! Brandgasse Nr.9!
    Hackert bezahlte den Kutscher, die fnf waren untergebracht, der Wagen fuhr
fort. Louise sah nicht mehr zu dem Polizeiagenten auf. Die Kinder schluchzten
noch, aber schon nur noch deshalb, weil die Schwester weinte. Das Fahren war
ihnen in der That ... ein Trost!
    Hackert, der die schwache Menschennatur so traurig gut kannte, kehrte in die
Halle zurck, die inzwischen leer geworden war. Der Thorweg blieb geschlossen.
Es sah dster, fast frchterregend in der Halle aus. Er trat an die Tragbahre,
auf die blutige Strohmatte. Unwillkrlich war's ihm, als sollte er zu dem
blassen, wachsgelben Antlitz sagen: Karl, stehen Sie auf! Es schlgt fnf Uhr!
Grovater hustet schon, wie er immer thut, wenn der Hahn krht und die Uhren
aufgezogen werden sollen ... Er kannte den grauen Rock mit weien Knpfen, die
schwarze losgeknpfte Halsbinde, die Mtze mit der kleinen Cokarde ... Die Kugel
war durch die Gegend der oberen Rippen gefahren ...
    Stumm und nachdenklich sah Hackert auf das arme Opfer politischer
Aufregungen, die seinem Sinne fremd waren. Es war eine andre Welt, in der Karl
Eisold gelebt hatte, eine andre, in der sich Hackert tummelte. Wie die
Sonntagsglocken drauen so dumpf luteten, war's ihm, als flsterte ihm eine
Stimme zu:
    Fehlt dir Elenden nicht die Liebe? Du bist nicht einmal werth, so wie Der zu
sterben! Es gibt ein Jenseits, wo die Rollen sich umtauschen und dieser Jngling
im weien Gewande mit der Mrtyrerpalme in die Hallen der Seligen tritt! Was ist
diese Welt? Was sind diese Anmaungen? Was sind diese Huser, diese Bayonnete
dort, diese Eisenstbe vor den Fenstern? Hre die Glocken! Sie mahnen dich an
eine andre Welt!
    Es berkam Hackerten wirklich ein geistiger Zustand wie der seiner
physischen Krankheit. Er wandelte wie im Traum. Er fhlte, da er wachte, aber
er war seiner nicht mchtig. Er verlie die blutige Strohdecke, die einsame
Halle, das Profohaus. Er dachte nicht mehr an den Assessor, nicht an sein
Anliegen, endlich Murray zu sprechen. Er irrte so ber die Straen hin. Erst im
Gewhle der lebhaftesten Stadttheile kam er zu sich und mute sich's von den
Augen wegwischen, so stand's ihm wie ein Bild vor ihnen. Der graue
Novemberhimmel trpfelte. Es fror ihn. Er sah sich um, wo er war. Er stand grade
vor des Justizraths Wohnung. Die Glocken luteten in nahen und fernen
Stadttheilen. Die hinter dem alten Tempelhause gelegene Johanniskirche war schon
lebendig vom brausenden Orgelstrom ...
    Da gedachte er der neulichen Aufforderung seines Pflegevaters, ihn zu
besuchen, wenn Sonntags in der Kirche gepredigt wrde.
    Er schellte also an dem Hause seiner Jugend. Es ffnete sich. Er trat ein.
Niemand da. Er klopfte an die Geschftsthren. Sie waren verschlossen. Er ging
an die hintere Thr, wo Schlurck arbeitete. Auch sie verschlossen ...
    O, sagte er sich, wenn du nur nicht irgend Einem begegnetest, der dich aus
deinem Traume risse! Nur Bartusch, nur Jeannette nicht! Nur nicht Menschen! Nur
nicht Erinnerungen von sonst! Wr's Melanie! ... Ganz wohl that ihm, da Alles
so de und einsam in dem Hause war. Die Treppen zu ersteigen wagte er nicht. Er
sah die alten bekannten Bilder, die auf den Wnden der Treppen hingen. Er hrte
Niemanden. Da die Hausthr aufgegangen war auf sein Schellen, war wie von
Geisterhand geschehen.
    Aber zuletzt war es doch Jeannette, die die Treppe herunterrief:
    Wer ist da?
    Hackert stand zur Hlfte oben und fragte nach dem Justizrath.
    Staunen, Verwundern, Zgern -
    Er hat mich bestellt - Wie geht's? Was sagte der Stallmeister?
    Neumann ist bei Lasally - ich zieh' auch zu ihm, Fritz! Hier wird's still -
de - die Justizrthin ist in der Kirche - Melanie liest den ganzen Tag Bcher
und spielt Harfe wieder und Klavier - Hren Sie - da - da spielt sie ...
    Melanie, die im Klavierspielen sonst so Trge, spielte ein trumerisches
Adagio. Auch sie schien die Predigt in der Kirche durch die Wahl des Musikstcks
zu ehren ...
    Er hat Sie bestellt? sagte Jeannette staunend. Hackert, ist's auch wahr?
Haben Sie doch nichts Schlimmes im Sinn -?
    Hackert lauschte den Tnen und blinzelte nur mit den grauen Augen -
    Bartusch ist auch in der Kirche und die Justizrthin - Hackert, soll ich Sie
wirklich melden?
    Hackert nickte.
    Man hrte einen Schlafrock rauschen. Er kam von oben her. Es war der
Justizrath, der rasch, scheinbar in groer Aufregung, mit Papieren in der Hand,
von einer Corridorthr oben in die von Jeannetten geffnete eintreten wollte.
    Herr Justizrath -
    Was ist? rief Schlurck auffahrend, fast wild ...
    Hackert ist da ...
    Wer? Was? rief Schlurck und blickte um sich wie irrsinnig und sah den auf
der Treppe stehenden Pflegesohn ...
    Was wollen Sie? fuhr er mit pltzlich leichenblasser Miene den ihn auf seine
eigne Aufforderung Besuchenden an und doch erstarb ihm das Wort auf der Zunge.
Er war von Hackert's Begegnung an dieser Stelle, um diese Stunde so betroffen,
wie damals, als er ihn auf dem Heidekrug um Mitternacht hatte schlafwandeln
sehen ...
    Hackert, befremdet ber diese Aufnahme, mit dem ihm immer gegenwrtigen
Zorne auflodernd, lie die tonlosen Worte fallen:
    Es ist ja Sonntag Vormittag, Herr Justizrath! Die Glocken luten ja! Aus der
Johanniskirche hrt man die Orgel ...
    Schlurck besann sich auf seine eigne Aufforderung und suchte sich zu fassen.
Er schien zu bereuen, da er sich auf einem so heftigen Erschrecken ber
Hackert's Anwesenheit hatte ertappen lassen ...
    Ich stre Sie! Ein ander Mal! sagte Hackert und wollte gehen ...
    Nun aber schien ber den Justizrath eine neue Gedankenreihe zu kommen. Er
rckte die goldne Brille in die Hhe, strich sich die sprlichen grauen Haare
und sagte:
    Nein, nein, ich besinne mich ja! Ja wohl, ja wohl! Jeannette geh' Sie! Was
lauert Sie! Fort! Aber da Sie Melanie nichts sagt! Hrt Sie?
    Jeannette hielt diese Aufregung des Justizrathes fr vllig in der Ordnung.
Sie wute, wie gewagt es von Hackert war, in diesem Hause zu erscheinen. Sie
wandte sich nach den Zimmern, die zum Hofe hinaus lagen ...
    Da du auch grade heute - begann Schlurck und schien wiederum zu berlegen,
ob er Hackert in die Zimmer lassen sollte oder nicht. Melanie spielte am
Klavier. Das beruhigte ihn wenigstens ... es klang so wehmthig, so schmelzend,
so sanft aus den vordern Zimmern her ...
    Ich wollte nur wegen des Rings, von dem Sie neulich sprachen, sagte Hackert,
als der Justizrath ihm zuwinkte, leise aufzutreten, und ihn auf die Thrschwelle
nthigte.
    Welcher Ring? Ah so! Ja! ja! Das kann ja geschehen. Komm, mein Sohn! Leise!
Leise! Sie spielt ...
    Alle diese Worte sprach Schlurck durcheinander wie Jemand, der seiner selbst
nicht bewut war ...
    Was ist ihm nur? dachte Hackert und trat in die ihn so traulich begrenden
Rume ... hier auf gebohnte Fubden, dort auf bunte Teppiche. Er sah die
berwinternden Blumenstcke, die Porzellananhufungen hinter Glasschrnken, die
Gemlde, die Vasen in den kleinen niedrigen, aber kostbar austapezierten
Zimmern. Ein Papagey in einem groen Messingbauer kreischte auf, als wenn er
Hackerten erkannte ...
    Schlurck ging voran. Sein Auftreten war schwankend. Er hielt sich zuweilen
und blieb wieder stehen, sah Hackerten an und rckte die Brille hin und her ...
    Sind Sie krank, Herr Justizrath?
    Schlurck hrte nicht, sondern brummte nur vor sich hin:
    Der Ring! Warum auch grade heute ... was sagst du Hackert? Nein, nein, rede
nicht! Sei still! Sie knnte hren ...
    Damit waren sie an jenes Zimmer gekommen, von wo aus eine Wendeltreppe in
die untere Arbeitsstube des Justizraths fhrte. Beide Gemcher gehrten ihm
selbst an. Er schien in der Meinung zu sein, den Ring in dem obern Zimmer zu
finden ...
    Er schlo einen Schrank auf und suchte berall, indem seine Hnde zitterten
...
    Hackert kannte seinen Pflegevater hinlnglich, um sich zu sagen, da eine
solche Aufregung nur mit einem seltsamen, ganz unerhrten Vorgange in Verbindung
stehen konnte. Noch vor wenig Tagen war ihm Schlurck so nicht entstellt, so
todtenbleich, so abgefallen nicht erschienen. Er erklrte auch, sich entfernen
zu wollen und ein ander Mal wieder zu kommen ...
    Nein, nein, Hackertchen, sagte der Justizrath, es liegt so viel auf mir.
Deine Stelle ist noch immer nicht wrdig besetzt. Der Ring! Ich entsinne mich
doch ... ein rothes Etui war's, worin ich ihn aufbewahrte ... ich gratulire,
wenn du deinen Stammbaum entdeckst. Ich habe mir Mhe genug gegeben, dir einen
bessern Vater zu verschaffen, als ich bin, Fritz ...
    Und whrend der Justizrath noch so plaudernd und seine Erregung bergend
suchte und suchte, hielt er pltzlich inne, sah Hackerten mit einer Miene fast
des Mitleids an, schlug sich an die Stirn und lie die Worte fallen:
    Nein aber, da grade Du ...
    Ich? Was ist?
    Eben so rasch wollte Schlurck den Eindruck seiner Worte verwischen.
    Warum ich?
    Nichts! Nichts!
    Sie finden den Ring nicht! Er liegt unten ...
    Unten? Nein!
    In dem Depositenschrank ...
    Was weit du? fuhr Schlurck auf.
    Ein rothes Etui! Im Fach Nr. 13 links liegt ein rothes Etui!
    Du irrst, du irrst! lenkte ungeduldig, fast zitternd der Justizrath ein,
whlte noch einige Augenblicke in dem Sekretr, erklrte das Etui nicht finden
zu knnen und wollte eben zuschlieen und Hackerten wieder zurcklassen nach
vorn, als er hrte, da Melanie mit dem Klavierspiele aufgehrt hatte. Thren
gingen. Schlurck's Unruhe verrieth, da er annahm, seine Tochter suchte ihn
vielleicht und knnte den ihr so tdtlich verhaten Hackert hier finden ...
    Er winkte fast mechanisch dem Besuch, nher an die Wendeltreppe zu treten,
hielt ihn dort aber zurck und bedeutete ihn zu schweigen. Er flsterte, er
wollte selbst hinuntergehen, um unten nach dem Etui zu suchen ...
    Sonntags pflegte dies untere Kabinet durch die vorgelegten und geschlossenen
Fensterlden dunkel zu sein. Heut' war es hell. Um so auffallender mut' es
Hackerten erscheinen, da der Justizrath ein weiteres Nachfolgen auf der
Wendeltreppe entschieden verbot ...
    Bleibst da! Bleibst da! sagte er fast schnarrend und heftig.
    Ich kann ja unten gehen, wenn ich doch ...
    Bleibst da! Bleibst da!
    Hackert begriff nicht, was hier vorging. Unten hrte er den Justizrath
rumoren. Er selbst blieb erst oben, dann auf der viertel, zuletzt auf der halben
Treppe. Schon entdeckte er eine sonderbare Unordnung in dem Kabinet, eine
Verwirrung, die sonst nie in ihm herrschte. Papiere mit Siegeln lagen auf der
Erde. Die Schublden sonst verschlossener eichner Schrnke waren aufgezogen, ein
Sessel umgestrzt, die Fensterlden nur leise angelehnt, Geld klimperte, wie
wenn es auf der Erde lge und der nach dem rothen Etui Suchende darber
stolperte. Endlich schien Schlurck das Kstchen gefunden zu haben, sah sich um
und bemerkte, da Hackert gefolgt war. Er erstarrte darber.
    Bleibst oben! rief er tonlos. Verdammter ...
    Und wie Schlurck eben so fluchend hinaufstieg, hrte man ganz in der Nhe
Thren gehen und Kleider rauschen. Jemand schien den Justizrath zu suchen.
Vielleicht Melanie. Unwillkrlich trat Hackert trotz des Verbotes niedriger und
war mit seinem Kopf schon in ebner Linie mit der ersten Stufe der Treppe, so
hurtig, so behend, da ihn die etwa eintretende Melanie nicht sehen konnte. Und
im selben Augenblick erscholl ihre Stimme:
    Papa!
    Schlurck konnte nicht hindern, da Hackert nun mit zwei Sprngen unten war.
    Papa! rief es wieder von oben.
    Ich kann ja hier unten gehen, sagte Hackert und wollte durch jene Thr sich
entfernen, durch welche damals der Justizrath dem drauen lrmenden Bello des
Fuhrmanns Peters Ruhe gebot. Er wute, da der Schlssel von innen stak.
    Doch fehlte dieser Schlssel und Schlurck stand da, rathlos, wie vom Donner
gerhrt, wohl lchelnd, aber wie in wahnsinniger Verlegenheit.
    Zum Glck hrte man Melanie nicht wieder, aber die Unordnung, die hier unten
herrschte, war doch nicht mehr zu verbergen. Durch die nichtgeschlossenen
Fensterlden brach ein Lichtschimmer, hell genug, um den ohnehin an das Dunkel
inzwischen schon gewhnten Augen Dinge zu zeigen, die befremdlich genug waren
...
    Aber, zum Teufel, Justizrath, brach Hackert aus. Hier mchte man ja meinen,
hier ist Einer eingebrochen!
    Wie? Was? stotterte Schlurck und versuchte, aufathmend, da wenigstens
Melanie fernblieb, einige Scherze in seiner alten Art ...
    Hier ist der Ring, sagte er zu dem dmonisch aufblickenden Hackert und stie
zu gleicher Zeit, whrend er diesem ein Etui reichte, einige Schlssel und eine
eiserne Stange hinterrcks von sich. Siehst du? Dieses zerbrochene Stck ...
Komm jetzt hinauf!
    Lassen Sie doch noch! Ihr Fensterladen ist ja offen ...
    Hackert trat an's Fenster und hatte durch eine zerbrochne Scheibe nur
nthig, den Laden zurckzustoen. Da sah man denn den Zustand des Zimmers. Nur
eines einzigen berblicks bedurfte es fr den gewandten jungen Sprkopf, die
Situation zu bersehen. Der furchtbarste Verdacht wurde ihm zur augenblicklichen
Gewiheit. Schlurck wollte die Miene annehmen, als wr' er an diesem stillen
Sonntagsmorgen durch Einbruch beraubt worden. Das stand ihm im Nu fest. Und eben
so rasch scho ihm wie mit einem Tigersprunge der Gedanke durch den Kopf: Wrst
du nicht hier unten, dem Justizrath gegenber, nun selbst gewesen, so httest du
in die Lage kommen knnen, fr den Dieb zu gelten! Und darum hergelockt an einem
Sonntag Vormittag? Darum die Versuchung mit dem Ring? Darum ...
    Er ri das Etui an sich mit krampfhafter Wuth, sprang auf Schlurck zu, da
dieser zurcktaumelte und rief:
    Schlurck!
    Was ist?
    Ein durchbohrender, tief in alle Falten der Seele wie mit tausend Pfeilen
zugleich zielender Blick aus Hackert's starren Augen auf den Justizrath ...
    Aber zu sagen wagte er doch nicht, was er dachte ...
    Schlurck aber verstand ihn sogleich, bebte und meinte nur:
    Welche Unordnung! Hilf mir aufrumen, Fritz! So, so! Wie mde bin ich! Schon
frhmorgens! Hilf doch! Aber denke nur nicht, ich wre gewissenlos. Ich habe
viele Clienten verloren! Da lagen sonst Tausende, jetzt sind's Papierschnitzel.
Hast den Ring! Sieh nach! v.R.v.R. Weiter nichts, aber viel gesagt! Prinzessin
von Rudolstadt, von Ruland ... ho! ho! Junge! Siehst du, hier hast du oft genug
gesessen und die Feder gekaut. Die Welt, mein Sohn, ist ein Dudelsack, bei dem
der Wind die Hauptsache ist. Nur Luft, nur Wind, dann pfeift sich's und tanzt
sich's! Hast den Ring? Adieu, mein Sohn! Adieu! Mut oben gehen! Leise! Leise!
Hier fehlt der Schlssel! Leise! Leise!
    Und dies Leise! war's, was Hackert nicht ertragen konnte. Er htte sich in
Alles gefunden, jeden Verdacht niedergeschlagen, er htte mit Schlurck Mitleid
haben knnen, sich selbst berwunden, aber jetzt: leise? Immer leise? Ewig
leise?
    Und doch sagte er noch nichts, sondern hielt an sich und lugte nur zu den
Schrnken und sprach:
    Justizrath, ich wei noch Alles! Da lagen die Mndelgelder der minorennen
Grafen Werdenbach; da lag eine Erbschaft, die so viel Prozesse kostete; ist sie
nun entschieden? Da wei ich, in Nr. 9, die angesammelten Zinsen und Kapitalien
der polnischen btissin Sybille im Kloster zum Herzen Jesu, die fr die
Nachkommen eines gewissen Kaminski ausgesetzt waren, der nach Frankreich floh
...
    Recht! Recht, mein Junge! Warst ein Genie! Kennst Alles: Jetzt aber leise!
Leise!
    Leise! Zum Teufel! wandte sich Hackert. Vor wem hab' ich mich denn zu
frchten?
    Fritz, misbrauche meine Gutmthigkeit nicht!
    Gutmthigkeit, da ich hierhergelockt wurde, whrend hier Alles vorbereitet
wird, zum Schein, als wr' ich's, der hier gestohlen ...
    Hackert! stie Schlurck halb ohnmchtig heraus. Seine Lippen bebten, sein
Auge blickte starr. Er mute das Gelnder der Wendeltreppe fassen, um sich zu
halten. Er begriff jetzt doch erst ganz, was in Hackert's Seele vorging. Von dem
Gedanken: der Unglckliche glaubt, ich wollte ihn zum Verdchtigen eines
Verbrechens machen, das vielleicht in seiner eignen Brust noch schlummerte und
vielleicht eben erst halb ausgefhrt war, war er bis zur Ohnmacht berrascht und
berwltigt ...
    In dem Augenblick ging oben eine Thr. Gewnder rauschten. Melanie rief ...
Vterchen! Sie war an der Treppe. Sie kam. Hackert springt in eine Ecke des
Zimmers, wo jener Schirm stand, hinter welchem einst Dankmar's Schrein mit dem
Kreuze gestanden.
    Melanie beugte den Kopf ber das Gelnder der Treppe ... ein paar Sprnge
... sie war unten ...
    Schlurck wie todt taumelte in einen Sessel.

                              Dreizehntes Capitel



                                  Auferstehung

Wie dumpf und stickig das hier ist! sagte Melanie, als sie beim Vater unten war
und sich staunend umblickte. Und eine Scheibe zerbrochen! Ei welche
Nachlssigkeit! Du arbeitest, Vater?
    Schlurck hatte sich in der Vernichtung, die ihn auf den Sessel geworfen,
wenigstens das Ansehen gegeben, als lse er in den durcheinander geworfenen
Akten.
    Hackert blieb in seinem Versteck unbeweglich.
    Die Kirche dauert lang, sagte Melanie etwas aufrumend, und ich glaube fast,
die Mutter wird noch Besuche machen.
    Schlurck nickte. Er hatte sich noch immer nicht sammeln knnen.
    Vterchen, es ist recht lange her, da wir uns nicht im Stillen gesprochen
haben!
    Schlurck seufzte und schauderte grade ber die Todtenstille im Zimmer.
    Warum sind wir nur seit geraumer Zeit so unglcklich! Mit diesem letzten
Sommer sind alle unsre Freuden abgeblht.
    Schlurck sammelte sich, griff mechanisch nach der goldnen Dose und
stotterte, sich zu knstlichem Humor zwingend, den Vers:

Des Lebens Mai blht einmal und nicht wieder -

Hackert htte dazwischen springen und rufen mgen, da dies Wort auf Melanie
nicht passe. Ihr schien ein ewiger Mai zu blhen. Wol ruhte auf der edlen Stirn
eine Wolke von Melancholie, wol schienen die Formen des Antlitzes etwas
herabgezogen, etwas in jenes Oval gesenkt, das den Kummer der Seele verrth;
aber ein geminderter Schnheitsglanz war darum doch nicht sichtbar. Es war die
alte sylphidische Gestalt, es waren die gewlbten Schultern, der stolze Nacken,
das reiche, kunstvoll verschlungene dunkle Haar, die vollen Arme, die unter
einem leichten Hauspelzberwurfe in schner Rundung hervorschimmerten und sich
ber den Sessel des Vaters lehnten ... Hackert hielt den Athem an.
    Darf ich dir eine Neugier verrathen, Vterchen? begann Melanie. Was hast du
krzlich mit dem Frsten bei der Geheimrthin in dem trkischen Zelt verhandelt?
    Schlurck's erster Gedanke war nun, zu erwidern, sie wollten hinaufgehen.
Doch hinderte ihn die Angst vor Hackert. Er kannte ihn genug, um sich zu sagen,
da seine tckische Natur zu schonen war. Aber nicht nur Furcht vor dem
versteckten Lauscher, sondern auch Mitleid bestimmte ihn, nicht vom Hinaufgehen
zu reden. Er malte sich Alles aus, was in Hackert's Innern vorgehen mute und
gleichviel, welches der Grund seiner vorherigen Aufregung gewesen war,
gleichviel welches Verbrechen der zerstrten, jetzt leidlich wiederhergestellten
Ordnung des Zimmers zum Grunde lag, die Vorstellung war ihm fremd gewesen,
Hackert zu sich zu locken und ihn in der Art, wie der Mistrauische es andeutete,
verdchtig zu machen! Er litt ernstlich ebenso unter dieser Vorstellung, wie er
ohnehin halb verzweifelnd sich schon vor Schaam fhlen mute. Und so sagte er
nur:
    Ah! Bah! La diese Sachen! Erzhl' mir heitre Geschichten! Was hat dich denn
pltzlich so musikalisch gemacht? Ich habe dich abonnirt auf die
Symphoniesoireen. Siehst du! Wo sind nur die Billete? Hier, hier ...
    Er suchte ...
    Das ist sehr schn von dir, sagte Melanie. Aber jetzt weiche mir nicht aus,
Vterchen, sondern sprich: Was hattest du so lange mit dem Frsten?
    Frag' ihn Das selbst! sagte Schlurck und fate das Kinn seiner Tochter, es
noch zitternd emporhebend.
    Nein, Vater, antwortete Melanie ernst und unter dem Pelz die Arme
zusammenschlagend; nein, ich frage den Frsten nie nach solchen Dingen, die er
mir nicht selbst erzhlt. Ich habe gefunden, da dies ein Mann ist, der seine
eigne und hchst wunderliche Behandlung erfordert.
    Unter andern Umstnden htte Schlurck zu dem Lcheln seiner Tochter selbst
mitgelchelt. Diesmal standen ihm seine Mienen, die er zu einer feinen
Anerkennung der Philosophie seines Kindes verzog, mehr schmerzlich als
erfreulich.
    Melanie wiederholte ihre Bitte und Schlurck, fast die Gelegenheit
ergreifend, vor der anwesenden, so gefhrlichen, so tief ihn durchschauenden
dritten Person eine Rechtfertigung zu versuchen, antwortete:
    Mein gutes Kind! Ich war krzlich unten in meinem Keller, dem einzigen Orte,
wo wir Mnner uns sorglos der Gefahr aussetzen, den Schnupfen zu bekommen. Wie
ich auf den Gestellen die umgelegten Sorgenbrecher sah, schlanke, lange, kleine,
kurze, die geschmacklosen Boxbeutel aus Wrzburg und was sonst dort zur
Ansprache an Herz und Gemth ausgelegt ist, berfiel mich recht der Kummer, da
der alte Rapport zwischen mir und meinen Zglingen da unten hin ist. Wie
behaglich whlt' ich sonst aus, was die Tafel schmcken, die Gste erfreuen
sollte! Wie schwelgte ich in den langen spanischen und portugiesischen
Etiketten, die unsre Leute beim Serviren meiner Kostbarkeiten den Gsten
gravittisch zuflstern muten! Jetzt sagen alle diese Herrlichkeiten: Don
Ranudo de Colibrados! Zu meiner Zeit war Das ein beliebtes Theaterstck, Kind,
in dem ein pauvrer Edelmann vorkam, der auf seine Wrde hielt, aber sich die
Lcher seiner Kleider mit Tinte verschmierte. Liebes Kind, auf meine Wrde fhl'
ich leider, werd' ich in unsrer jetzigen Lage nicht viel halten knnen. Die
Emporkmmlinge haben nichts von der Grandezza des gebornen Adels. Ich nun
vollends, meine gute Melanie, bin zum Komdianten in einem Grade untauglich, da
ich im Stande wre, aus der einfachsten und leichtesten Rolle zu fallen. Deine
Mutter htte wol allerdings das Talent, alle Welt glauben zu machen, da wir nur
in Folge unsrer veredelten Grundstze, in Folge unsrer geistlichen Umkehr und
Einkehr uns einzuschrnken anfingen. Sie knnte die Rolle einer aus himmlischen
Rcksichten sich beschrnkenden irdischen Glckseligkeit vortrefflich
durchfhren. Ich kann Das nicht. Ich war frher in meinen guten Zeiten wahr,
prahlte nie, sondern gab und freute mich des blauen Sonnenscheins; jetzt, wo mir
soviel verloren gegangen ist, wo die Papiere im Werthe sanken, meine
Administrationen neu geordnet werden und wohl ganz eingehen drften ...
    Vergi dein letztes Opfer nicht, warf Melanie trbe den Kopf aufsttzend
dazwischen, Lasally!
    Es kam Eins um's Andre, Kind! Genug ... Nein, grade diese Summe in jetziger
Zeit so baar auf den Tisch gelegt, ohne deshalb Anleihen machen zu drfen, die
du deines Credits wegen vermeiden mutest ...
    Zehntausend Thaler sollten eine Bagatelle fr mich sein ...
    Und sind es nicht, wenn sie pltzlich da sein muten ...
    Da sein muten! Ah! Ja, ja! Ich fand es in der Ordnung, da sich dies
Verhltni so lste. Es ist ja erbrmlich, einen Bewerber seiner Tochter dulden,
der von der Voraussetzung groen Vermgens ausgeht und ihm hernach sagen: Da
hast du nun mein Kind! Das ist ein Kapital! Im brigen findest du reinen Tisch!
Ich verurtheile Lasally nicht, da er die Summe forderte. Er ist Philosoph wie
ich. Er gehrt einer andern Sekte an als ich; aber System war immer in seinen
Demonstrationen. Sie waren ruhig, kalt bis zum Prgelnswerthen, aber in seiner
Voraussetzung, da ich reich wre, hatte er Recht, sich nur mit jener Anleihe,
wie er es nennt und ein Paar von deinen getragenen langen Handschuhen abfinden
zu lassen ...
    Hackert empfand eben ein Gelst, als htte er in der Ottokarstrae mgen
Feuer anlegen ...
    Genug, lenkte Schlurck, der sich vor seinem Pflegekind in diesen Dingen um
so weniger Zwang auferlegte, als er sich rechtfertigen mute, wieder seufzend
ein, genug ich besitze das Talent nicht, mit dem Gefhl der Beengung Komdie zu
spielen. Nur aus der Flle heraus kann ich frhlich sein. Wohl gibt es einen
Ausweg, den groe Geister in solchen Fllen oft mit Geschick eingeschlagen
haben. Es gibt bewunderungswrdige Genies des Schuldenmachens. Auch zu diesen
gehr' ich nicht. Die Elasticitt, die zum Lgen gehrt, kann ich mir nicht
geben. Ich kann nicht bei Juden und Wucherern herumfahren, groe Manieren,
augenblickliche Verlegenheiten affectiren, ich kann Das nicht. Ich habe
zeitlebens auf meine guten Eigenschaften gehalten und meine schlechten nie
verdeckt. Ging' es nach mir, Herzlieb, ich spielte jetzt die Rolle des
Parasiten, dem seine Gnner gekndigt haben, ich ginge in Lumpen ber die Gasse
...
    Vater! unterbrach Melanie den schmerzlichen, von Thrnen untermischten Humor
des leichtsinnigen, so schlaff und doch wehmthig haltlosen Justizrathes.
    Gut, gut, gut! sagte er beschwichtigend. Ich thu' es nicht, ich wei, da
die Rcksicht auf Euch mir den bergang von der Schule Epikur's zur cynischen
verbietet. Da ich also konsequent sein soll, was that ich neulich bei der
Geheimrthin? Geh weg, der Frst wird dir davon nicht gesprochen haben!
    Nein, nein, Vater!
    Aber Kind, du willst geheimnivoll gegen deinen Vater sein!
    In Schlurck's Blicken - die Brille lag vor ihm oder wurde in gewaltiger
Aufregung mechanisch mit seinem ostindischen Taschentuche geputzt - spielten die
kleinen Schlangen der Frivolitt mit den Merkmalen der Trauer durcheinander. Er
zupfte Melanie flchtig am Ohr und da sie schwieg, sagte er, trotz Hackert, der
athemlos lauschte:
    Wirst doch mit deinem Vater nicht schkern?
    Schlurck wute, wie Hackert zu Melanie stand. Tief durchschaut von einem
jungen leichtsinnigen Manne, den er im Grunde liebte wie seinen Sohn, wollt' er
ihn wieder, wie sonst, in die ganze Lage seines Hauses einblicken lassen. Er
wute, wie Menschen nie so verwildert und gewissenlos sind, da sie nicht dem
Gefhle der Gromuth noch zugnglich blieben. Er ahnte, da Hackert von ihm in
Gte scheiden, sich mit ihm ausshnen, ihn, komme was da wolle, nimmer verderben
wrde, wenn er ihn Zeuge dieser Gestndnisse bleiben lie. Jetzt hinaufgehen -
Das htte den Lauscher gefhrlich gemacht.
    Melanie begann mit schmerzlichem Ausdruck:
    Papa, dies Verhltnis ist ein nrrisches Buch, in dem Vielerlei zu lesen ist
und doch wei man nicht, was der Verfasser eigentlich will.
    Schlurck ergriff die Dose und horchte auf. Seine Blicke waren auf den
dunklen Winkel gerichtet, wo Hackert mit einer Zurckhaltung, die den Justizrath
ermuthigte, lauschte ...
    Ich sah diesen Egon zum ersten Male auf einem Ritt nach Solitde. Neben ihm
saen die beiden Wildungen ... Dankmar Wildungen ...
    Der Vater seufzte. Melanie schlug die Augen nieder.
    Es htte Dankmarn herabdrcken sollen, ein Geringerer neben einem Vornehmen
zu sitzen. Und ich hatte den Abend doch nur Augen fr ihn!
    Fr den Abscheulichen, sagte Schlurck, der in diesem Raume, dort auf deinem
Sessel einst sa und ...
    Er brach ab, um Melanie nicht zu verwunden und nicht zu viel zu verrathen.
Die Liebe fr Dankmar war bei Melanie das heilige Kleinod, die wunderbare
Reliquie, die im Schreine ihres Herzens, wenn auch mit hundert Gehusen
umschlossen, unentweiht ruhen geblieben. Die Sommertage von Hohenberg und
Plessen konnte ihr kein Glanz berblenden. Keine Frstenhuldigung, keine
Anbetung des wirklichen Egon konnte jenem magischen Zauber gleichkommen, der
diesen Erinnerungen geblieben war. Mit Dankmar htte Melanie ihres eigensten
Wesens sich entkleiden knnen, wie es der so hei Geliebte nur von ihr fordern
mochte! Der Vater kannte diesen Schmerz, kannte diese Anbetung, diese feste,
unausrottbare Wurzel eines einmal empfangenen Eindrucks. Er sagte einmal: Mit
diesem Dankmar bricht die Poesie meiner Tochter zusammen! Er wute nicht recht,
was er damit bezeichnete. Die Schnheit, die Anmuth, die Wirkung, auch der
Leichtsinn, auch die Tndelei, jede flchtigste Neigung blieb ihr; aber das
Eine, das letzte allein mchtige Wort des Lebens lag doch nur in jener ihr erst
den innern Halt gebenden Liebe, die wie auf verborgenem Meeresgrunde gebettet
war und fr diese Erde nun nicht mehr sein sollte! Damals nach den poetischen
Tagen von Hohenberg hatte Schlurck Nchte daran gesetzt, Dankmarn fr seinen
sprden bermuth in jener Frhstunde zu zchtigen. Er hatte mit einem
Fleiaufwande, der ihn alle seine andern Angelegenheiten vernachlssigen lie,
daran gearbeitet, da Dankmar den Proze mit der Stadt in beiden Instanzen fast
so gut wie schon verloren hatte. Und dennoch, ihm gegenber Sieger zu bleiben,
schmerzte ihn fast um Melanie, die Dankmarn ihre stille, geheimnivolle Liebe
bewahrte und um einen Augenblick wie jenen, als sie in der Mondnacht an der
Marmorvase im Hohenbergischen Garten von Dankmar's Arm ergriffen eine Weile an
seinem Herzen ruhte, mit Freuden all' die Huldigungen hingegeben htte, die ihr
jetzt von einem wirklichen Frsten so berraschend zu Theil wurden.
    Sie erzhlte:
    Bei der Geheimrthin sah ich den Frsten einige Tage nach dieser Begegnung
auf dem Solitder Wege. Ich erkannte ihn kaum wieder. Er war sehr artig, sehr
zuvorkommend. Als ich ihm dann auf's Neue begegnete, schien er sich ber mich
orientirt zu haben. Er beklagte die Misverhltnisse, die ihn von dir getrennt
htten. Er erwhnte Dankmar Wildungen, Hohenberg und lachte ber meine
Tuschungen mehr, als mein Stolz ertragen mochte. Sein Selbstvertrauen, mich um
meiner Eitelkeit willen schneller erobern zu knnen, reizte mich. Ich war
ablehnend, sprde sogar bis zur ungndigen Rge der Geheimrthin, die mich fast
zu benutzen scheint als ein Mittel, ihre Huslichkeit dem pltzlich so ergebenen
Prinzen behaglicher zu machen ...
    Die Verbindung des Frsten mit Pauline von Harder war genugsam schon im
Schlurck'schen Hause ihrer Seltsamkeit wegen besprochen worden. Schlurck
ermunterte durch sein Schweigen zum weitern Bericht ... Er prfte dabei still
fr sich, wie das Alles auf den nicht zu entfernenden Lauscher wirken mute.
    Als ich Egon sah, seinen Bruch mit jener Grfin Helene aus Paris erfuhr,
sein Bedrfni, wie die Geheimrthin es nannte, mich jeden Abend bei ihr zu
finden, beobachtete, entstanden bei mir Reflexionen, deren Ernst mich mgen
recht langweilig gemacht haben, Vterchen! Sie legte den Arm ber den Nacken des
Justizraths ...
    Lasally wurde entfernt und ich begann mit Egon von Hohenberg zu
philosophiren. Ich wollte ihn nie anders sehen als in Gegenwart der
Geheimrthin. Ich duldete von ihm nie eine Wildheit. Mag es nun sein, da die
meisten Frauen in der Ablehnung von Zrtlichkeiten es versehen oder ...
    Melanie stockte fast errthend. Der Vater ergriff ihre Hand und half nach.
    O, sagte er, kein Oder! Das nur allein ist's! Die gewhnliche Sprdigkeit
der Frauen ist ja gleich abkhlend wie Eis. Ich glaube, da mein Kind tugendhaft
ohne Pedanterie war ...
    Das Lachen, in das Melanie ausbrach, dauerte nur kurz und war recht listig
... Hackert spitzte die Ohren ... Drei frivole Menschen, die sich hier so bald
verstanden! ... Melanie fuhr ernster fort:
    Dieser Egon ist ein wunderlicher Heiliger und nach meinem Gefhl durch und
durch unliebenswrdig. Die wahnsinnige Liebe einer Grisette und die noch tollere
einer Grfin haben ihn so verhtschelt, so verzrtelt, da in ihm jede Fhigkeit
eines leidenschaftlichen Aufflammens fast erstorben ist. Das ist ein Pedant,
Vater, ein langweiliger, phrasenhafter, durch und durch von sich eingenommener
Mensch, dem ich versucht bin, jeden Abend eine Douche zu geben aus allen
Fontainen des Witzes, wenn ich ihn bese, oder sogar aus allen
Wasser-Karaffinen der Geheimrthin, die man ihm in einer Stunde dreimal fllen
mu. Aber ich halte an mich, ich schone Se. Durchlaucht und langweile mich an
den qulenden Gesprchen ber Politik und Parteiwesen, die dort bis in die Nacht
gefhrt werden ...
    Schlurck lchelte ein wenig ...
    Wenn Ritter Rochus vom Westen, sagte er, auf die Dose klopfend, uns eine
Summe zahlte, da du Egon's langweilige Gesprche ihm mittheiltest, ich glaube,
wir wrden sie durch Dich nicht einmal verdienen knnen ...
    Nein! Ich behielte nichts. Ironie, Schalkheit, Scherz sind dem Frsten
gnzlich fremd. Er fat Alles im Ernste auf, geht an Jedes mit einer
umstndlichen, systematischen Vorbereitung und ist dabei von einer Grausamkeit
auch gegen sich selbst, da er sich um alle Freuden des Lebens bringt und
billigerweise in einem Kloster und zwar in einem von der strengsten Regel
endigen mte.
    Schlurck warf nur dazwischen:
    Die Ehe wird doch nicht ein solches Kloster sein? Da wrden seine
Geielhiebe immer gleich zwei Menschen treffen.
    Melanie seufzte ... und lachte doch auch. Sie lachte so schalkhaft, so aus
ihrer innersten schadenfrohen Schlauheit heraus, so sich auf den Vater mit
bermthigem Triumphe lehnend, da sie in diesem Augenblicke eine hinreiende
Liebenswrdigkeit entfaltete.
    Was hast du nur? fragte der Justizrath, der sich in diesem Augenblicke
sagte: Hackert hat hundert solcher Scenen beigewohnt! Er war mein Sohn,
Melanie's Bruder, sah, hrte Alles, er kann diese Gestndnisse nicht
misbrauchen!
    Warum lachst Du? wiederholte Schlurck ...
    Papa! sagte Melanie. Ich habe dir oft meine knftigen Mnner geschildert.
Lasally war eigentlich das Modell. Mnner ohne Vorurtheile, die mich lieben um
meiner selbst willen! Frst Egon von Hohenberg ist keiner von Denen, die auf
dies Modell passen.
    Er wird dich ... Schlurck unterbrach sich selbst. Er wollte sagen: Er wird
dich zu seiner Geliebten machen wollen! ... Er besa bei aller Leichtigkeit
seiner Den-kungsart die Kraft nicht, diese vernichtenden Worte auszusprechen.
    Melanie verstand aber schon vollkommen, was er sagen wollte. Sie schwieg.
Nach einer Weile schttelte sie das Haupt und flsterte:
    So nicht!
    Wie nicht?
    Trumerisch wiederholte Melanie:
    So nicht!
    Und als Schlurck unglubig ber die Idee, der Frst knnte Melanie zur
legitimen Gemahlin erheben, aufschaute, die Brille, die er sich wieder
aufgesetzt hatte, auf die Stirn zog und sein Kind mit den wasserglnzenden Augen
fixirte, brach Melanie in eine Wehmuth aus, die ihn zum Tod erschreckte ...
    Was hast du? rief er und hielt das pltzlich umgewandelte Mdchen, das sich
auf die Kante des Schreibtisches beugte und ihr Antlitz unter den gekreuzten
Armen verbarg ... Noch verstand er nicht recht, was sie bewegte.
    Unmglich! sagte er hastig. Wie kann dieser Kalte, Feindselige eine solche
Aussicht im Ernste bieten! Ich war an jenem Abend mit ihm allein. Ich bat ihn um
einige vertrauliche Worte. Er war die Sprdigkeit, die Feindseligkeit selbst.
Voll Mistrauen begrte er mich. Wie so gern htt' ich das Gesprch sogleich auf
dich gelenkt, seine Gesinnungen ber dich erforscht! Vergebens, er wich mir aus
und blieb bei dem Schlurck, der seinem Vater diente, den er im Heidekrug hatte
in einer Nacht Champagner trinken, Trffeln essen sehen. Ich sagte ihm:
Durchlaucht, Sie irren sich, wenn Sie glauben, da ich in der Verwaltung Ihrer
Gter leichtsinnig verfuhr. Schreiben Sie die heillose Verschleuderung nur Ihrem
Vater zu! Mein Vater war brav! fuhr er auf. Durchlaucht, ich denke nicht daran,
ihn herabzusetzen. Mein Vater war der edelste der Menschen, er wurde betrogen,
getuscht, hintergangen von aller Welt und von Keinem mehr als Denen, die ihm am
nchsten standen! Einen solchen Zornausbruch zu bestreiten, war unmglich. Ich
mute mildere Saiten aufziehen. Ich mute ihm sagen: Durchlaucht, die
Administration Ihrer Gter war die Hauptaufgabe meiner geschftlichen
Thtigkeit! Ich habe um ihretwillen meine Praxis vernachlssigt. Die Glubiger
schenkten mir ihr ganzes Vertrauen. Ich war fast der Minister dieser kleinen
Besitzungen, deren schwierige finanzielle Verwickelung ich in einer Reihe von
Jahren zu lsen hoffte. Nun ist Das hin! Abgeschnitten mit einem
Scheerenschnitt! Ein Fremdling erntet die Vorbereitungen meines Fleies! Geben
Sie mir diese Administration zurck! - Der Frst berlegt sich den Antrag eine
Weile, eine dstre Wolke lagert sich auf seiner Stirn, er schttelt das strenge,
kalte, blasse Haupt. Nein! sagt' er. Nun dann, sagt' ich, Durchlaucht, dann ein
Andres! Sie sind Minister. Lassen Sie den Proze des Staates wegen der
Johannitererbschaft fallen! Ich komme an den Rand des Abgrundes, gestand ich
ihm, wenn mir auch diese Hlfsquellen versiegen. Melanie, dasselbe Wort braucht'
ich! Einem Menschen zum ersten Male dieses Wort! Dieses Gestndni der
elendesten Situation, in der sich meine Angelegenheiten befinden, ihm!
    Und? warf Melanie gespannt ein, um den in stiere Abwesenheit und
trumerisches Brten versinkenden Vater aufzurichten. Schlurck erschrak fast
ber dieses Und?
    Er schlug mir auch diese Bitte ab. Kalt wnschte er mir einen guten Abend!
Kalt entlie er mich! O, Melanie, wie es da in mir ghrte! Ach, verdammt! Nicht
zu einer groen und edlen Handlung ghrte es. Wo htt' ich die Kraft dazu! Aber
an das uerste ... an den Tod dacht' ich -
    Vater! Vater!
    Melanie war hier aufgesprungen. Sie warf sich, erschttert von der Andeutung
... vielleicht eines Selbstmordes ... ber den Unglcklichen, der nicht arm sein
konnte. Sie streichelte seine Wange, liebkoste sie, lachte unter Thrnen ...
    Nein, nein, so nicht! sprach sie zrtlich. So nicht, Vater! Ich ergrnde
diesen Egon nicht. Die Grausamkeit gegen dich und seine Liebe zu mir! Nach jener
Seene im trkischen Zelt kam er bla und kalt in den Saal zurck und wrdigte
mich keines Blickes. Am folgenden Tage lie er die Worte fallen: Ihr habt so
recht Eure Fden um mich gesponnen und wit Euch Alle im Preise zu halten!
Daraus entnahm ich, da ihn Euer Gesprch verstimmt hatte. Und nun bitt' ich,
Vater, um Eines! Es ist hier ein Ziel zu erreichen, das uns wenigstens vor der
Welt nicht gering erscheinen darf. Aber es gehrt Weisheit und
Selbstbeherrschung dazu! Jede Andeutung eines persnlichen Vortheils, den wir
etwa suchten, jede Gier der Eroberung, jedes marktende und schachernde
Selbstgefhl wre hier ein heier Stein, auf dem alle Mglichkeiten in Dampf
auseinander zischten ...
    Welche Mglichkeiten?
    Da ich den Mann, der mich einst tyrannisiren, qulen, morden wrde,
wirklich fnde, aber ich mte ihn doch wol nehmen, weil er - ein Frst ist.
    Schlurck erhob sich. Er begriff nicht ganz den Zusammenhang dieser
verworrenen Kombination.
    Wie ist Das? fragte er, sich an seinen Sessel lehnend. Dich morden?
    Egon von Hohenberg liebt mich, Vater! sagte Melanie ruhig. Ich verrathe ihm,
da ich meinen Werth zu hoch halte, um ihn ohne Bedingung zu erhren. Er sinnt
ber die Mglichkeit einer Ehe. Zu werben um ebenbrtige Geschlechter ist er zu
trge, zu lebensdster geworden. Er hat die Frauen sogar, vollends, da sich ihm
jetzt Alle, Alle aufdrngen. Auch Pauline von Harder hat Angst vor der
Anknpfung neuer Verbindungen, die ihr den angebeteten Mann entfhren. Als er
dir so rundweg alle deine Bitten abschlug, war es erst der Zorn ber eine
Konspiration, der ihn so reden lie; dann aber auch, ich ahn' es, ein edleres
Gefhl. Er denkt, an mir gutzumachen, was er gegen dich seinem sonderbaren
Pflichtgefhl, seiner staatsmnnischen Wrde schuldig zu sein glaubte.
    Eine solche Idee wrde Schlurck unter andern Verhltnissen nach seiner,
etwas Groes und Stoisches nicht begreifenden Philosophie fr Narrheit erklrt
haben. Jetzt war er zu zerknirscht glcklich dafr. Er athmete auf, wie wenn
tausend Lasten von seiner gequlten Brust fielen. Und nur das Eine noch prete
ihm die unendliche Wonne zurck:
    Aber warum sollte dich Egon denn tyrannisiren, dich so mit Fen von sich
stoen, da dir nichts bliebe, als der in solchem Falle erbrmliche Titel einer
Frstin?
    Es war todtenstill im dstern Gemach ... Hackert wute, was Melanie sagen
wollte ... Als Melanie eine Weile schwieg und dann in heie Thrnen ausbrach ...
ahnte es Schlurck.
    Vaterzorn gegen Hackert brach so furchtbar jetzt in Schlurck hervor, wie
damals, als er den aufgenommenen, wie einen Sohn behandelten und so frh
verwilderten Findling fast mit Fen trat und aus dem Hause warf. Es wallte in
ihm auf wie siedende Glut. Er fhlte die Kraft, in den Winkel zu springen und
den Lauscher, der so frh die Ehre seines geliebten Kindes zerstrt hatte, zu
erwrgen; aber ein Blick auf die zerbrochene Scheibe, auf die unter den Schrank
gestoene Brechstange, die Besinnung ber die That, die er an diesem
Sonntagvormittage wollte zu einem scheinbaren Ausbruch kommen lassen -
Simulation eines Einbruchs in sein Comptoir - lhmte seine Kraft. Er konnte
nichts, als sich ber Melanie beugen, ihr Haupt erheben, ihre Stirn kssen, mit
ihr weinen ...
    Da schellte es am Hause. Melanie erhob sich. Rasch gefat sagte sie zum
Vater:
    Papa, nur noch einige Wochen Muth und Selbstbeherrschung!
    So war sie geschwind wie eine Gazelle auf die Wendeltreppe gesprungen und
hinauf zum oberen Zimmer verschwand sie ...
    Noch vergeblich nach Fassung ringend wandte sich Schlurck, als er Hackerten
schon vor sich stehen sah. Er erwartete von dem Elenden, der den Werth seines
Kindes so tief herabgesetzt, ein Verbrechen an ihr begangen hatte, ein
hhnisches, boshaftes, teuflisches Grinsen. Er fand dies aber nicht. Ruhig
schlug Hackert die Arme unter und eher furchtsam, nicht drohend war sein Blick.
Dieser Blick ermuthigte doch den von den innersten Qualen zerrissenen Mann und
stachelte ihn zu der Anrede:
    Bube! Hast du nun Alles gehrt, was ich dir danke?
    Hackert fuhr nicht auf. Er sah sich nur ruhig im Zimmer um ...
    Einen Frsten als Schwiegersohn, sagte er dann mit der ihm eignen heiseren,
kalten Tonlosigkeit. Ist Das so wenig? Aber es ist wahr. Sie htten mich lieber
im Waisenhause lassen sollen, Justizrath! Ich will gehen. Durch diese Thr kann
ich's nicht. Das Schlo ist ja prchtig verdorben. Na! Ich will mich oben
durchschleichen. Ich denke, Sie schicken heute noch nicht auf die Polizei, um
den Einbruch anzuzeigen. Sonst, Schlurck, legen Sie sich keinen Zwang an! Ich
glaube, da Sie nur sich, nicht mich in's Unglck bringen wollten. Vom nchsten
Sonntag an will ich jeden Morgen daran denken, da ich fr mein Alibi Zeugen
habe. Sonst knnen Sie thun, was Sie wollen! Es ist wahr, ich habe nichts in
Ihrer Schule getaugt, Justizrath! In Ihrer! Ihrer! Aber Eins kennt auch Melanie
an mir, ich bin diskret. Ja, Schlurck! Ihre verdammte Dose da, aus der Sie bei
jedem Besuche eine Prise nahmen und Witze niesten. Ich naschte aus derselben
Dose und war zu jung mit meiner Nase, ich mute nur Dummheiten niesen. Ihr gabt
mir Wein statt Milch. Juchhei am Morgen. Juchhei am Abend. Des Nachts lief ich
sogar im Schlafe um und konnte aus dem Jubel nicht mehr herauskommen. Melanie
kam einst mit mir von einem Kinderball. Sie war grade vierzehn Jahre! Ich hatte
getanzt, da ich trotz meiner Haare der Abgott der - Kinder war! Das
vierzehnjhrige Kind ... Genug! Justizrath, weinen Sie nur nicht! Sonst thaten
Sie's ja nur, wenn Ihr Geburtstag war und Melanie Ihnen ein Paar Hauspantoffeln
gestickt hatte! Oder bei Ihren Jugenderinnerungen weinten Sie ... Jetzt ...
sammeln Sie sich! Versuchen Sie's noch zu guter Letzt, ein Herz von Stahl zu
haben! Adieu, Justizrath! Alibi oder nicht ... Lassen Sie unterwegs, was Gefahr
bringt. Ich mchte nicht, da Sie auf Ihre alten Tage ... Justizrath, lieber
keine Seide mehr spinnen, als ... Wolle! Wir sehen uns wieder, wo's der Teufel
bescheert; nur nicht in ... Bielau!
    Schlurck blickte nieder, wollte Hackert's dargereichte Hand nicht nehmen und
sagte nur:
    Hast den Ring?
    Ich hab' ihn; antwortete Hackert fast hohnlchelnd und triumphirend. Dann
schlich er wie eine Katze ber die Wendeltreppe und durch die Zimmer, die er wie
seine Tasche kannte, zum Hause hinaus.
    Schlurck folgte vernichtet. Er sann darber nach, wie er bis zu einer
Entscheidung ber Melanie's seltsame Andeutung den Zustand seiner
Angelegenheiten verdecken sollte. Zum zweiten Male verdankte er seinem geliebten
Kinde einen groen moralischen Sieg ber sich selbst! Vor Hackert hatte er
niemals Furcht gehabt ...
    Hackert schwankte seiner kaum selbst bewut durch die Straen. Er war nicht
im Stande, zum Profohause zurckzukehren. Es war ihm, als sprchen Stimmen mit
ihm aus der Luft. Was ihn sonst von hnlichen bewegten Regungen auf frivole
Stimmungen gebracht hatte, verfehlte heute seine Wirkung. Wie malte er sich aus,
was er erlebt hatte! Erst den blutigen Tod, die Trauer, dann ein Verbrechen,
erstickt wol nur im ersten Keime, dann Melanie und ihre Gestndnisse! Wie
einsam, wie jammervoll sah es in allen diesen Herzen aus! Zum ersten Male kam es
ihm, da er sich selbst fast ohne Schuld, ohne Reue erschien. Ein junger
Lebensmuth konnte sich ber Das, was Melanie beklagte, keine Vorwrfe machen. Es
rhrte ihn, aber es peinigte ihn nicht.
    So bracht' er den Tag bis zum Abend hin, wo in den Straen die Zeitungen
ausgeboten wurden, die die Geschichte vom gestern gesprengten
Maschinenarbeiterverein erzhlten. Am Schlo des Knigs standen die kleinen
fliegenden Buchhndler, unter ihnen trotz der Trauer, trotz ihres huslichen
Leids, Wilhelm und Karoline, die eignen Geschwister des Getdteten. Sie riefen
ihres eignen Bruders Tod aus ...
    Und Hackert kaufte ihnen ihre Bltter ab und hrte, da sie eigentlich
deshalb weinten, weil sie heute zum letzten Mal die Zeitungen auf der Strae
verkaufen durften.
    Und Euer guter armer Bruder Karl? Darauf sagten sie nichts, als weinend die
Worte:
    In der heutigen Zeitung steht Alles ... Es ist aber die letzte ...
    Und indem verkauften sie ihr Leid. Da die Regierung den Straenverkauf der
Zeitungen heute zum letzten Male gestattete, war ihnen fast grerer Kummer ...
    Hackert wollte bitter werden. Er fand im Menschen Etwas, was vom Uranfange
an zum Schlimmen zieht. Er sagte sich, da die Lage, in der wir uns der Materie
gegenber befinden, unsre Tugenden und unsre Laster bedinge. Der Mann mit dem
rothen Barte! spottete er. O! O, Louise!
    So leicht bizarre uerungen bei Hackert den bergang zu seinem
genuschtigen, gedankenlosen Leichtsinn bezeichneten, heute verlockten sie ihn
nicht recht. Er ergab sich nur der Verachtung aller Lebensverhltnisse und
beschlo, am Montag zu Assessor Mller zu gehen und ihn zum letzten Male, da
Madame Ludmer ihm wiederholt geschrieben hatte, um Einla bei Murray zu bitten.
    Wie er am Montage in der Frhe an das Profohaus kam, ging eben eine Gruppe
von Menschen aus dem Hause tretend an ihm vorber. Die Menschen schienen ihm
bekannt. Der, welcher ihm am meisten auffiel, war Murray selbst; er erkannte ihn
an der schwarzen Binde. Die brigen waren Dankmar Wildungen, der von Melanie so
Heigeliebte; jener wunderliche, verwachsene Fremde, den er in die Stadt hatte
einfahren sehen und ein ihm Unbekannter, wir kennen ihn, Louis Armand. Louis
hatte den gebckten, lchelnden Gefangenen unter'm Arme gefat und fhrte ihn
wie im Triumph. Auch Otto von Dystra schien den Befreiten wie einen lngst
Bekannten zu begren und Dankmar betrachtete ihn so forschend, da er Hackerten
bersah, obgleich dieser dicht an ihm stehen blieb und verwundert den Vieren
nachsah. Am Portal des Profohauses erfhr er, da man auf eine persnliche
Brgschaft jenes Herrn im Schnurrock und die Niederlegung einer groen Summe
eingewilligt htte, Murray whrend seiner Untersuchung, die sich ohnehin schon
zu seinen Gunsten gewandt htte, auf freien Fu zu stellen ...
    Zu spt gekommen! sagte er und gedachte des blen Eindrucks, den er mit
diesem so gescheiterten Auftrage bei der Verwandten seines Vorgesetzten Pax
machen wrde. Diese Entdeckung war ihm nicht gleichgltig; ja, als er lauernd
jenen Vieren folgte und Murray's Ruhe, die Freundschaft und Zuvorkommenheit
jener Ehrenmnner fr den Verdchtigen beobachtete, witterte er schnuppernd die
Fhrte neuer Lgen und Laster. Doch zu nahe wagte er sich den ruhig
Dahinschreitenden nicht. Es war ihm, als knnte sich Dankmar wenden und ihm ein
Wort zurufen wie einst auf dem Hohenberg. Wenn er dich einen elenden Spion
hiee, was knntest du erwidern?
    Die Mglichkeit mehrte doch seine Pein. Louisen's Jammer an der Leiche ihres
Bruders, die sittliche Gefahr des Justizraths, Melanie's Thrnen hatten sein
Inneres nicht erweicht, aber ein wenig erhellt. Er wurde Andern ein Licht, wie
sollte es in ihm selber dunkel bleiben! Er sah sich wenigstens wie im Spiegel
und war aus der brtenden Ruhe seiner Unmittelbarkeit aufgeschreckt. Da berfiel
ihn eine solche Angst, da er jener Frau, die ihm so viel Vertrauen geschenkt
hatte und beunruhigt einmal ber das andre in seine Wohnung schickte, ob Herr
Hackert nicht sogleich zur Geheimrthin von Harder kommen wollte, keine Anzeige
von Murray's Freiheit zu machen wagte, ihm aber nachschlich und auerhalb des
Gefngnisses, in das ihn die Richter nicht hatten einlassen wollen, sich ihm
irgendwie zu nhern suchte.
    Am Mittwoch frh fand das Begrbni des Karl Eisold statt unter Umstnden,
die die ganze Bevlkerung in Bewegung setzten und Veranlassung wurden, da
Hackert den Privatauftrag erhielt, die am Grabe gehaltenen Reden zu berwachen.
Die Sicherheitsbehrde hatte keinen feierlichen Leichenzug dulden wollen und
deshalb sogleich den Todten auf den neuen Kirchhof schaffen lassen, wo er bis
zum Begrbni im Leichenhause beigesetzt blieb. Die Arbeiter der Willing'schen
Fabrik aber hatten den Todten bei Nacht aus jenem Hause mit Gewalt entfernt und
ordneten ein Begrbni an, das durch die ganze Stadt gehen sollte. Es war eine
eigenmchtige Handlung, die spter einer strengen Untersuchung verfiel. Ein
Ministerrath verbot das ffentliche Begrbni, bis bei Hofe jene religise Scheu
vor Allem, was Leben und Sterben berhrte, entschied und man von dorther
wnschte, es sollte dem Drange jener Menschen, diesen Todesfall in ihrer Weise
aufzufassen, kein Hinderni gesetzt werden. So fand denn jenes Begrbni unter
Vortragung von Insignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermusik unter
dem Zustrom von Tausenden Statt. Alle Maschinenarbeiter folgten. Sogar einige
elegante Trauerkutschen schlossen sich an. Am Grabe wurden Reden gehalten,
Chorle gesungen. Man bemerkte berall die Zeichen einer an diesem
Trauergeprnge sich aussprechenden Demonstration der erzrnten Gemther.
    O, rief ein junger Redner, der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat,
das Haupt entblte und die zuckenden Mienen seines blassen Antlitzes kaum vor
innerer krampfhafter Erregung bemeistern konnte. O, so kommen sie denn immer
nher die Boten des Sturmes, der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln und
durcheinander treiben wird! Noch eine kurze Ruhe und die Zornschaalen der
Prophezeiung werden ausgegossen werden! Bis dahin, Brder, wankt und verzagt
nicht! Der Tod hlt seine Ernte. Wie ein Schnitter fhrt er dahin und mht mit
seiner Sichel schonungslos und grausam! An das Leben mu sich nun schon Niemand
mehr klammern. Die Zeiten sind vorber, wo ein Jeder sich htete, unter den
Dchern der Huser zu gehen, um nicht von einem fallenden Ziegel erschlagen zu
werden. Die Zeiten sind vorber, wo man seines Leibes und Lebens schonte und
pflegte und sich vornahm, gebessert, reich an Tugenden und gesammelt vor den
Thron des ewigen Richters zu treten. Jetzt geht es im Fluge. Das Leben ist
nichts. Die Kugeln werden Niemanden schonen. Eine Leiche? Hunderte werden wir
begraben sehen, Tausende! Die Wuth der Menschen, die es ahnen, da ihre Stunde
schlug, ist grenzenlos. Nicht mehr Knige und Knige bekmpfen sich, nein, alle
Monarchen, alle Reichen, alle Groen werden Frieden unter einander schlieen und
die Armeen sind nur noch da, um Schlachten den Brdern zu liefern. Unsre Pltze
und Straen, unsre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden, wo
knftig die groen Feldherren ihre Lorbeern sammeln. Tod ist nichts mehr,
Brder! Wo wir hinblicken, krachen die Flinten der Executionen. Die Diplomaten
schreiben die Bluturtheile auf ihren seidnen Polstern, ihre Chokolade
schlrfend. Die Maschinen dieser Menschen vollfhren es und jeder Soldat sieht
auf seine Bchse, sein Pulverhorn, drckt los; was geht ihn die Kugel und ihr
Ziel an! O Brder, verzagt nicht! Zittert nicht, da Ihr Euch erscheint wie
zusammengetriebenes Wild in einem Walde. Alle Wege sind umstellt. Unser Denken,
unser Fhlen, unser Reden ist ein Verbrechen! Wir stren den Staat, wenn wir uns
versammeln. Wir sollen nur arbeiten. Hrt Ihr, nur arbeiten! Arbeite und i dein
Brod im Schweie deines Angesichtes, Das ist der Fluch, mit dem du in die Welt
getreten bist! Aber die Stunde wird schlagen mit ehernem Glockenschlag,
furchtbar drhnen wird sie durch alle Lande die Sonntagsfrhe der Erlsung ...
    Weiter konnte der Redner nicht sprechen. Denn eine Anzahl der Polizeidiener,
die in der Nhe stand, trat auf den Hgel und zog mit lrmender Unterbrechung
den jungen Mann von ihm herunter.
    Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tumultes, der mit der Ruhe des
Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louise und ihrer
Geschwister in schreiendem Widerspruche stand. Man entri den Hschern ihre
Waffen, man tobte, schrie, stie Verwnschungen aus. Die Hscher lieen ihre
Nothpfeifen ertnen, um von der Wache eines nahegelegenen Thores Hlfe zu
bekommen. Die Wchter der ffentlichen Ordnung waren so bedrngt, da ihnen fast
nichts brig blieb, als sich an den durch diese Scenen entweihten Sarg zu
flchten, der auf den Brettern ber der Grube stand und eben hinabgelassen
werden sollte.
    In diesem Tumult riefeine donnernde Stimme:
    Ruhe! Friede am Grabe! Achtung vor den Todten!
    Es war Leidenfrost, dessen Autoritt unter diesen Menschen Wunder wirkte.
Seine gewhnlich nur polternde Art hatte ihn ganz verlassen. Der Augenblick
begeisterte ihn. Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchglht.
    Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt, rief er, so steht von Aufruhr und
Emprung ab! Ehret den Schmerz der Leidtragenden, die dort auf dem kalten Boden
verhindert sind, ihre Andacht zu verrichten! Schreckt den Schlummer des
gebrochenen Auges nicht auf! Wir kommen so nicht fort, wie Ihr meint, wir ntzen
uns nichts und Denen nicht, die nach uns kommen werden! Glaubt doch nicht, da
Ihr allein dasteht mit Eurem Kummer um diese Zeit! Gebt dies weichliche Jammern
um Eure Lage auf und erschliet Euern Geist einer hhern Betrachtung. Es
arbeiten mehr, als Ihr denkt, wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand. Aber es
denken auch mehr und hoffen auch mehr. Ihr seid nicht die Einzigen und seid
nicht verlassen! Ihr fahrt nicht wie dieser Jngling in die Grube und dngt nur
die Erde! Haltet Schritt mit dem Allgemeinen! Folgt nicht dem nchsten Gelst
Eures Zornes, sondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeist, der uns
mit Schpfungen berraschen wird, von denen Ihr keine Ahnung habt. Eine Ordnung
in diesem Leben mu sein! Sie beruht nicht auf der Vertheilung der Gter, die
nur Mord und Brand erzeugen wrde, sie beruht auf dem genderten Begriffe vom
Staat. Dahin arbeitet! Nicht zur Auflsung, sondern zur neuen Bildung hin!
Gehorchen wollen wir, dienen, uns beherrschen, Das ist das Ziel, das wir nur im
Siege des Geistes, nicht dem Siege der Materie finden knnen. Die rechte
Freiheit und die rechte Begrenzung! Darin liegt Glck, darin die Brgschaft
neuen Friedens. Die Rmer wuten, was sie wollten; die ersten Christen wuten,
was sie wollten; wir wissen noch nicht, was wir wollen. Deshalb entwaffnet die
materielle Kraft, die Euern Forderungen gegenber steht, entwaffnet sie nicht
durch die schwache, sogleich besiegte Faust, sondern durch den milden
Sonnenschein des Geistes und der Verstndigung. Der Sonnenschein blies dem
Wanderer den Mantel ab, den der Sturm nicht abblasen konnte. Gebt Ruhe, Friede
den Todten! Scheidet von diesem Grabe mit der Hoffnung auf einen neuen Frhling
und werfe Jeder eine Handvoll Erde dem edlen Jnglinge nach, als Zeichen, da
wir Erde werden, wie er und uns vershnen wollen mit unserm Loose, das uns diese
Welt gab als einen Schauplatz der Entsagung und eine dunkle Kammer rthselvoller
Hoffnung!
    Diese wie ein Strom hervorquellenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.
Einer nach dem Andern trat an die Grube und warf eine Handvoll Erde ber den
Sarg. Louise und die Kinder schtteten Blumen. Die Frauen vieler Arbeiter
umringten die Weinenden und fhrten sie an das Thor des Friedhofes zurck, wo
einer der schnsten Wagen, dem ein zweiter, in welchem Mangold sa, folgte, sie
aufnahm. Die verstrkte Thorwache machte Spalier. Die Arbeiter gingen ruhig
auseinander. Leidenfrost erhielt den Handschlag Dankmar's und jenes kleinen mit
dem Offizier der Wache sich unterhaltenden Fremden, in dem Hackert wieder den
vornehmen Reisenden erkannte, den er in die Stadt Rom gewiesen hatte.
    Als der Kirchhof von dem Menschengewhl sich entleerte und nur noch die
Todtengrber thtig waren und das Grab zuschtteten, bemerkte Hackert in einiger
Entfernung einen einsamen, zurckgebliebenen Wanderer. Es war Murray, der Alte
mit der schwarzen Binde. Er sah, da er die Hnde ber den Rcken zusammenschlug
und von Grab zu Grab trat trotz der Klte, trotz der schon schneidenden trocknen
Winterluft. Er hatte ihn schon vorher im Auge gehabt und nur im Tumult nach der
ersten Grabrede verloren. Jetzt schlich er sich ihm nach. Jetzt spornte ihn
Neugier und die Eitelkeit, sich das Haus einer Geheimrthin verbindlich zu
machen ... Doch immer stand der Alte, wenn er dicht an ihn heran kam, an einer
Grabschrift und las sie, was ihm schwer zu werden schien, da er sich nur eines
Auges bedienen konnte.
    Hackert fhlte, da er ber den Tod, ber diese Grabschriften mit ihm reden
mute, wenn er ihn ansprechen wollte. Dazu konnte er sich trotz der auch in ihm
durch die Grabesscene hervorgerufenen Erschtterung nicht entschlieen.
Religise Empfindungen waren ihm fremd.
    Murray las unter dem feuchten, modernden Bltterabfall hinschreitend
zuweilen die Grabschriften halblaut.
    Derselbe Mann, den er als zweideutigen Gauner im Gefngnisse besuchen
sollte, der ihm als hochfahrend, anmaend, frech bezeichnet war, sprach, indem
er bei einer entbltterten Trauerweide stand und er ihm von ferne zuhrte:
    Sanfter Schlaf halte dich umfangen bis zum Tage des Wiedersehens.
    Es war eine Grabschrift auf ein junges Mdchen ...
    Hackert blickte zu Murray hinber, der weiterging und sprach vor sich hin:
    Es ist kein Englnder! Das hr' ich doch wol schon ...
    Murray stand vor einem Kreuze und las wieder halblaut:
    Seit ich entbehre, glaub' ich.
    Murray stand nachdenklich, berlegte offenbar diese Worte und ging wieder
weiter.
    Hackert vergegenwrtigte sich die Kennzeichen, die ihm die Ludmer genannt
hatte.
    Das Haar ist nicht echt, sagte er sich und las nun selbst die Inschrift, die
Murray vor ihm gelesen hatte ...
    Murray war inzwischen weiter gegangen und flsterte vor einem andern
Denkstein die Inschrift lesend.
    Hackert bemerkte, da sich das Haar verschob und unter ihm ein helleres
sichtbar wurde. Er ist's! sagte er sich.
    Indem murmelte Murray vor einem Kreuze von Gueisen:

Anbetung Ihm, der die groe Sonne
Mit Sonnen und Erden und Monden umgab,
Der Geister erschuf,
Ihre Seligkeit ordnete,
Die hren hebt, der dem Tode ruft,
Zum Ziele durch Einden fhrt und den Wandrer labt,
Anbetung Ihm!

Finden Sie nicht, sagte nun Murray, sich selbst zu dem nahegetretenen jungen
Manne wendend, der wie er an den Grbern Interesse zu nehmen schien, finden Sie
nicht, da alle diese Denksteine sich recht an den Tod anklammern wie an den
einzigen Enthller des groen Lebensrthsels? Es ist doch schlimm damit. Man
glaubt erst, wenn man an die Schwelle unsres Daseins tritt und in der Stille,
die um einen Sterbenden waltet, es doch so gar sonderbar rascheln und flstern
hrt, grade wie Sie immer so hinter mir her raschelten, ohne da ich Sie sah.
    Hackert konnte nicht recht antworten. Er bemerkte, whrend Murray sprach,
die Ohrlcher, von denen ihm die Ludmer gesagt hatte. Sie waren verwachsen, aber
unverkennbar.
    Murray ging ohne die Antwort abzuwarten weiter und sprach, halb lesend, an
einem kleinen sehr geschmackvollen Denkmal von Marmor:
    Ein Kind von drei Jahren? Der kurze Traum eines Schmetterlings! Sehen Sie
die Idee des Knstlers! Ein Kind mit einem Schmetterling! Wie es frchtet, da
eben der Schmetterling von der erhobenen linken Hand fliegen will! Es will ihn
haschen! Knabe, die Seele entfliegt dir nicht! Trste dich! Aber nach mut du
ihm!
    Hackert bemerkte, da Murray fast keine Augenbrauen hatte. Und damit er doch
nicht zu lange schwieg, uerte er kalt:
    Ganz hbsch!
    Haben Sie die Reden an dem Grabe gehrt? fragte Murray den ihm sonderbar nun
sich anschlieenden jungen Mann mit den magern Gliedern, dem durchglasten Auge,
dem blassen Gesicht, dem rothen Haar, in einfacher Tracht mit schbigem Paletot
...
    In zu groer Entfernung! sagte Hackert.
    Die Scene war ein Bild unsrer Zeit, fuhr Murray fort. Noch Kampf am offnen
Grabe! Der besnftigende Redner fand gute Wendungen, aber die Wechsel, die er
ausstellte, haben zu lange Sicht. Da werden die Zinsen so gro wie das Kapital.
    Hackert, in der sichern berzeugung, da die Vermuthung jener Frau ber
diesen Mann vollkommen zutrfe, konnte natrlich solche Art, sich zu uern,
solche stille Ergebung und philosophirende Ruhe nicht begreifen. Von einer
Verstellung, ihm gegenber, konnte doch wol kaum die Rede sein. Er mute sich
gestehen, da er hier ja ein ganz kindlichgestimmtes, frommes, ergebenes Gemth
vor sich hatte, von dem Schlimmes zu denken er sich schmen mute ...
    Murray wanderte immer so fort. Hackert folgte ihm und hrte forschend zu,
wenn er sprach oder Grabschriften las. Manche schrieb sich Murray auf.
    Er zog sein Portefeuille und merkte sich manchen Gedanken, manches trstende
Bild.
    Hackert wurde davon fast ergriffen. Er hrte keinen Frmmler sprechen,
keinen phrasenhaft Glubigen, sondern einen Mann, der das Leben und die Welt als
ein Geheimni nahm und deshalb, weil er mit zu diesem Geheimni der Welt
gehrte, ein hheres Walten, eine Harmonie des uns nur unharmonisch klingenden
Lebensspieles voraussetzte.
    Und doch verlie Hackerten noch immer nicht die schlimme Vorstellung, die
ihm die Ludmer eingeflt hatte. Er sah, da Murray schn schrieb und bemerkte
dies, ihm ber die Schulter schielend ...
    Ich bin ein Kupferstecher, antwortete Murray in aller Ruhe und steckte den
Bleistift durch die Lcher, die sein Portefeuille zusammenhielten.
    Auch diese freiwillig eingestandene Beschftigung pate ...
    Murray schien von dem heftig brausenden Novemberwind, der die Bltter
aufwirbelte, nichts zu fhlen. Hier und da hatte sich noch ein Blumenstock von
den vielen, die hier auf den Rasenhgeln welkten, frischer erhalten. Er
verweilte dann bei ihm und lobte seinen Widerstand gegen den Sturm.
    Halt aus! Halt aus! sagte er. Aber noch zwei Tage, so mut du dich auch
ergeben!
    Dann wandte er sich an Hackert mit den freundlichen Worten:
    Glauben Sie denn an ein Wiedersehen nach dem Tode, junger Mann?
    Hackert war betroffen, fate sich rasch und schttelte entschieden den Kopf.
    Ich kann Sie nicht widerlegen, mein Lieber, nahm Murray sein Bekenntni
entgegen; allein denken Sie sich doch einmal, als wre die Menschheit vielleicht
ein Baum oder ein groes Wachsthum, will ich sagen, das immer steigt, immer neu
ansetzt, immer drngt und drngt und irgend etwas werden will - was, wei ich
nicht. Aber es ist ein Geheimni damit. Ich glaube, unser physisches Leben ist
der Durchgang eines groen rthselhaften Naturtriebes, eines Dranges zur
Unsterblichkeit. Sehen Sie, es ist mir fast, als wenn diese Erde, deren beste
Produkte wir doch sind, etwas aufhat, ein Thema, nmlich das, uns so vollkommen
hinzustellen als nur mglich, mglicher Weise unsterblich. Die Erde kann Das nun
nicht vollbringen. Da sinkt Einer hin, da und dort. Meinen Sie nun wirklich, da
der unglckliche Knabe, der so mit sechszehn Jahren sterben mute, nun rein
ausgeblasen ist? Hier ist er's. Das, was in ihm irdisch war, ist hin. Aber wenn
Einer so stirbt an einem ererbten bel, an der Schwindsucht, an unverschuldeten
Fehlern der Organisation, bei einem Eisenbahnunglck - kommt da der schwachen
Erde, die uns so gibt, wie sie eben kann, nicht vielleicht doch ein hherer
Geist zu Hlfe und nimmt Die in seine rettenden Arme, die die Erde nicht fertig
bringen konnte und fhrt uns in andern Verhltnissen, andern Bedingungen fort
und hinber in andere Substanzen?
    Hackert hrte ruhig zu.
    Ich philosophire stmperhaft, sagte Murray. Was kann man auch anders, als
sich hier der Natur gefangen geben und sagen: Da hast du mich mit gefesselter
Vernunft! Liefre mich dem Tode aus auf Gnade oder Ungnade! Wenn man aber doch
ein Bild fr diese Hoffnungen haben mchte, so mein' ich immer, man nimmt
getrost die christlichen Bilder und berantwortet sich einem liebenden Vater,
einer allwaltenden Frsorge und sagt: Durch Christus, durch seine Lehre ist
dafr gesorgt, da wir nicht zu Staub verwehen! Es sammelt uns schon Jemand
irgendwie in dem Schooe Gottes.
    Alsdann sprach Murray ein altes Lied, von dem er sagte, da man es zu seiner
Zeit gesungen htte. Es war Salis' schnes Lied: Das Grab ist tief und stille.
Murray sprach alle Verse ohne Pathos, ohne bertreibung, melodisch und weich.
Als er mit dem Verse geschlossen hatte:

Das arme Herz, hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur, wenn es nicht mehr schlgt -

war es Hackerten doch, als whlte eine Geisterhand sonderbar sein Inneres um.
Thrnen, die, wie er oft gesagt hatte, nicht in sein Herz wren geset worden,
meldeten sich freilich nicht, leise quillend und unwillkrlich, aber er mute
doch zu Murray sagen:
    Sie sind ein Priester von der Art, wie wir keine haben! So wr's mir schon
recht. Jeder mte eigentlich seinen eignen ...
    Hackert stockte; aber Murray verstand und fuhr rasch fort:
    Seinen eignen Erlser finden ...
    So etwas! sagte Hackert; wenigstens Einen, der ihn hinausfhrte in die Natur
und ihn durch Milde bekehrte!
    Junger Mann, sagte Murray ... Suchen Sie nur die Einsamkeit, dann ist der
Priester immer bei Ihnen.
    Hackert dachte an den schnen Julitag, wo er zu Tempelheide im Korne unter
den blauen Blumen lag und sich an Siegbert anschlieen wollte, aber nicht
konnte, da es noch viel zu wild in ihm damals tobte ...
    Indem fesselte Murray eine neue Inschrift. Er zog sein Portefeuille, um sie
aufzuschreiben. Indem er es aufschlug, klang etwas auf dem Grabstein, vor dem er
stand. Etwas Metallenes war ihm entfallen.
    Hackert hob es auf.
    Es war ein halber goldner Ring ...
    Wie Murray diesen halben goldnen Ring, den ihm Louis Armand nach dem
Wiedersehen und dem Errtern des im Schranke der Jgerwohnung Gefundenen gegeben
hatte, von Hackert empfing und wieder in das Portefeuille legen wollte, sah er
in dem jungen Manne eine seltsame Bewegung.
    Was ist Ihnen? fragte Murray.
    Unwillkrlich griff Hackert in seine eigne Rocktasche und zeigte mehr wie zu
spielendem Zufall die andre von Schlurck empfangene Hlfte eines Ringes.
    Murray erst scherzend, hielt seine Hlfte an diese, sagte aber nun pltzlich
erschreckend, whrend seine Hand zitterte:
    Gott! Sie passen ja!
    Hackert, wirklich nicht minder bewegt, blickte in den innern Rand. Wie er
die Buchstaben P.v.R. deutlich zusammengefgt erblickte, mute er sich an einem
Kreuze halten, so erschtterte seine schwachen Nerven dies Zusammentreffen ...
    Und Murray rief mit schon ersterbender Stimme:
    Was ist Das? Woher haben Sie die Hlfte dieses Ringes?
    Dabei streifte er mit der Hand die Binde zurck, sein Hut entfiel, die Binde
entfiel, die Gestalt hob sich ...
    Ich bin ein Findelkind, sagte Hackert. Wie man mich an der Thr des
Waisenhauses dieser Stadt aussetzte, fand sich in dem Korbe, in dem ich schlief,
die Hlfte dieses Ringes ...
    Und Murray sank schon halb auf einen Leichenstein, halb hielt er Hackert's
Arm, bohrte seine Augen in die des jungen Mannes, hob die Lippen, als wollte er
sprechen, wischte die Augen, als wollten sie weinen, lachte, griff nach seiner
Stirn, betrachtete den Ring -
    Paul? rief er endlich.
    Nicht Paul ... sagte Hackert ...
    Gtiger Heiland, nicht Paul Zeck ... stammelte Murray erblassend.
    Paul Zeck? Paul Zeck? ... rief Hackert sich besinnend.
    Und schon whlte er in den Papieren seines Portefeuille.
    Der Schein, den Hackert in jener Nacht Bartuschen abgenommen, zitterte in
Murray's Hnden ...
    Dann sammelte sich Der aber und sprach, indem er krampfhaft Hackert's Hand
ergriff:
    Diesen Ring gab ich einst meiner Schwester Ursula Zeck. Paul Zeck ist nicht
ihr Kind; es ist mein Sohn und der Sohn dieser Frau, deren Name P.v.R. lautete.
Es sind jetzt drei Flle! Entweder: Paul Zeck ist durch Naturgesetze todt, oder
Ursula Zeck hat ihn ermordet, oder sie setzte Paul Zeck am Waisenhause dieser
Stadt aus und machte den Ursprung des Kindes kenntlich durch die Hlfte dieses
Ringes, die andre wurde bei ihr gefunden ...
    Hackert blickte bald auf die Ringtheile, bald auf Murray und sagte dann
leise:
    Ihr Sohn? Sie? Und ich? Ja, ich bin ja dieser ausgesetzte, erst im
Waisenhause erzogene Findling ...
    Es war das erste reine Gefhl der gebrochenen Eisesklte des Herzens, das
erste Herzensbeben dieses jungen Mannes, indem er diese Worte sprechen mute.
    Murray betrachtete den Sprecher, die Gestalt, die Zge des Antlitzes ...
Auch das Haar ging ihm pltzlich wie in Flammen auf ... Ha! sagte er. Daher!
Daher! Von jener Nacht! Lichterlohes Haar! Du bist's! Bist - mein Sohn?
    ...Die Todtengrber berraschten eine Gruppe. Sie wollten das Thor
schlieen, das auf zwei Schritte in der Nhe war. Unwissentlich hatten der Vater
und der Sohn diesen Weg genommen ... Sie halfen Hackerten, der sich bald
sammelte, den ohnmchtigen Mann, der seinen Sohn gefunden und seine Freude nicht
auszujubeln wagte, an das Thor fhren, wo noch Miethwgen hielten ...
    Die beiden verspteten Theilnehmer des Leichenzuges fuhren, wie Hackert dem
Fiaker zugerufen, nach der Brandgasse Nr. 9, wo Murray ja noch wohnte ...
    Die Todtengrber fanden die Scene, die Ausrufungen, die Umarmungen seltsam.
An der Stelle, wo alles Das vorfiel, fand sich nichts zur Aufklrung, kein
Leichenstein, kein Denkmal, nur ein Blttchen Papier, auf dem mit Bleistift eine
der Grabschriften ihres Friedhofes in der Nhe aufgeschrieben stand. Sie
lautete:
    Den Lebenden ist Nacht. Den Todten bricht,
    Den Schlummernden ein neuer Morgen an.

                              Vierzehntes Capitel



                                     Wolken

Der umsichtige, thtige Oberkommissr Pax sa eines Morgens bald nach dem
Begrbni des Karl Eisold noch im Schlafrock und bltterte in gemischten
Papieren. Sieht es bei alten von Frauen verwhnten Junggesellen ohnehin schon in
ihrer Behausung behaglich und mit pedantischer Ordnungsliebe gepflegt aus, so
hat ein hochgestellter Diener der ffentlichen Sicherheit vollends Gelegenheit,
sich eine comfortable Existenz zu begrnden. Herr Pax schlpfte ber Teppiche,
lehnte die Arme auf Stickereien, den Rcken an schwellende Kissen, die ihm von
seinen Verehrern, den reichen Brgern der Stadt, Sollicitanten und selbst dann
und wann Contravenienten zum Geschenke gemacht wurden. Da waren die Glasschrnke
voll Porzellan, voll Gold und Silber. Kostbare Blumentpfe beschatteten die
Fenster, die mit Ampeln und hngenden Rankengewchsen geziert waren. Selbst ein
Papagey, vor Allen aber Schoohunde und Katzen fehlten nicht, wie bei einer
alten Jungfrau, die ihren reichen Schatz an Liebe zuletzt doch mit irgend Jemand
in der Welt theilen mu. Charlotte Ludmer hatte den ehemaligen derbauftretenden
Wachtmeister doch zum verweichlichten Junggesellen erzogen, und die halbe Stadt
wute, wann Herr Pax seinen Geburtstag feierte. Die guten Brger erdrckten ihn
dann mit berraschungen, von denen ihn die Naturalgeschenke trotz seines guten
Appetits oft in Verlegenheit setzten, da sie zur Verkstigung fr Monate
ausreichen konnten. Eben trug ihm eine junge Haushlterin in silbernem Service
den Kaffee herein, als ihn Hackert freundlich begrte und ihm Glck wnschte zu
den wahrscheinlich sehr reichen Fngen, die er auf seiner Rundreise gemacht
htte.
    Pax lchelte mit dem Bewutsein eines Mannes, der das Wohl des Staates an
seinen Fingern hat und, wenn er nicht Acht gbe, das ganze Gewebe der
ffentlichen Ordnung fallen lassen knnte ...
    Er rckte einen kostbaren Fauteuil seinem Protg zu und fragte ihn, ob er
schon gefrhstckt htte. Die Sahne war schumend. Das Weibrot war das
zarteste. Der Mocca vom schnsten Rothschwarz. Die Haushlterin allerliebst.
Doch lehnte Hackert ab.
    Schmelzing hat mir schon gestern Abend mancherlei erzhlt, sagte der
Oberkommissr. Was haben denn inzwischen Sie erlebt?
    Hackert zog seine Liste verdchtiger Personen und die Notizen noch
verdchtigerer Zustnde hervor und bat den Oberkommissr, ihm nur auf den Zahn
zu fhlen. Er wrde ihm dann eine reiche Ernte mittheilen knnen.
    Das ist ja charmant. Die Zeiten sind schlimm! Die Umtriebe wachsen immer
gefhrlicher. Setzen Sie sich, Hackert. Wirklich? Haben Sie schon gefrhstckt?
    Damit wollte der freundliche Herr, der wie Mancher erst im Schlafrock Gemth
hatte, an einem kostbar gestickten Schellenzuge klingeln und hatte schon den
krystallnen Ring in der Hand ...
    Hackert lehnte ab ...
    Wie Sie wollen! sagte der freundliche Wirth und lenkte zu den Geschften
ein. Schmelzing erzhlt mir ja Wunderdinge von dem Karl Eisold'schen Begrbni.
Er hat alle Namen aufgeschrieben, die er erkannte -
    Ich sah Schmelzing nicht -
    Er war zugegen. Es ist erstaunlich, was sich fr Menschen kompromittirt
haben. Der Staatsanwalt wird zu thun bekommen.
    Es ist viel gesprochen worden, sagte Hackert ruhig, aber Aufregendes?
    Hackert, entgegnete Pax herablassend, aber doch drohend. Sie haben keine
Neigung fr politische Fragen. Sie sind Schmelzing berlegen in der Auffassung,
aber Schmelzing beobachtet schrfer ...
    Ohne hren und sehen zu knnen?
    Pax lchelte und schlrfte seinen Mocca, den er stark trank, da es ihm an
Bewegung nicht fehlte ...
    Sie wissen doch, sagte er, da es in der Gaunersprache der Revolutionrs ein
Auf- und Abwiegeln gibt. Nichts ist gefhrlicher als das Abwiegeln. Da werden
die Leidenschaften zurckgedrngt und brechen nur um so gefhrlicher in
unbewachten Augenblicken hervor ...
    Aha! sagte Hackert ruhig.
    Leidenfrost soll in dieser Art am Grabe abgewiegelt haben.
    Er ist, berichtete Hackert, mit einer Sendung von Maschinen auf die Gter
unsres Premierministers, um sie dem dortigen Generalpchter Ackermann
zuzufhren. Zwei Arbeiter, Heusrck und Alberti, begleiten ihn ...
    Der dritte im Bunde, Danebrand, soll sitzen ...
    Man beschuldigt ihn, den Karl Eisold durch eine Heldenthat haben rchen zu
wollen, die an die bekannte Geschichte von Arnold von Winkelried erinnert.
Kennen Sie diese Geschichte, Herr Oberkommissr?
    Der ehemalige Wachtmeister schien die Geschichte der Schweiz nicht studirt
zu haben, ob er gleich mit ihr in naher Verbindung stand und einen lebhaften
Briefwechsel ber das Treiben der Flchtlinge daselbst unterhielt.
    Die Geliebte Danebrand's hat einen andern Verehrer gefunden, fuhr Hackert
fort; einen Inspektor auf dem kniglichen Schlosse Buchau. Es ist derselbe Mann,
der jene Auguste Ludmer heirathen wollte ...
    Apropos, Hackert, unterbrach Pax die unangenehme Erinnerung an seine
Pseudo-Schwester, ich habe ein Briefchen von der Familie des Geheimraths von
Harder vorgefunden. Man dankt mir sehr fr Ihre Empfehlung; aber Sie haben sich
einem Auftrage nicht unterzogen, den man Ihnen daselbst ertheilte -
    In Betreff jenes zweideutigen, falschen Englnders -
    Ganz Recht! Das Briefchen ist schon einige Tage alt. Dieser Mensch ...
    Den man auf Caution freigelassen hat ...
    Etwas voreilig - Assessor Mller lie sich von hohen Personen imponiren -
    Die Identitt des Individuums, das jene charmante Dame, Madame Ludmer, zu
erkennen wnscht, pate nicht auf diesen Murray - es sind vllig verschiedene
Personen ... auch wollte mich Mller in keiner Beziehung zur Justiz anerkennen.
    Hm! Ich meine denn doch, der Fall war wichtig. Ich habe in Hohenberg diesen
Mann mit groem Aufwand beobachten lassen und seine Gefangennehmung ist mit
einem Verbrechen verbunden gewesen.
    Gegen alles Das hat ein ehemaliger Diplomat, Baron von Dystra, durch sein
Zeugni und eine enorme Kaution den Beweis besseren Sachverhalts gefhrt.
    Hab' ich gehrt und beauftrage Sie auch, diesen Dystra in's Auge zu fassen.
Alles, nachgrade Alles wird verdchtig!
    Einstweilen wei ich, da dieser Sonderling sich beim kniglichen Schlosse
Buchau ankaufen will und eine gewnschte Parzelle dazu erhalten hat. Er
interessirt sich fr das Unglck der Eisold'schen Familie und hat Louisen
vorgeschlagen, sie mchte in seinem Auftrage mit ihren Geschwistern nach Buchau
gehen und ihm dort Vorbereitungen treffen, dem Bau, den er auf der Ruine
Tempelstein fr den Sommer vorbereitet, mit Bequemlichkeit anwohnen zu knnen.
    Sie sind gut unterrichtet - sagte Pax. Doch find' ich darin nichts
Staatsgefhrliches - wenn nicht diese Nhe von Demokraten bei einem kniglichen
Schlosse ...
    Ich meine, sagte Hackert mit bittrer Ironie, es ist sehr ntzlich, da eine
neue Tochter Jephtha's, eine Jeanne d'Arc der Arbeiter, von hier entfernt wird -
    Pax schwieg bedeutungsvoll. Er stellte sich, als verstnde er die
geschichtlichen Anspielungen seines Volontairs, der eigentlich mit ihm wie die
Katze mit der Maus spielte.
    Das Mdchen wird schon dieser Tage gehen, erzhlte Hackert. Mangold ist
voraus und Baron von Dystra hat den Tempelstein gekauft. Er wird ihn im Frhjahr
ausbauen lassen. Einstweilen sammelt er Handschriften, was bedenklich ist ...
    Wie so?
    Er sammelt Handschriften! wiederholte Hackert trocken. Ich frchte, er wird
einmal einen gewissen Brief des Majors Werdeck finden und dann einen Brief von
Schmelzing's Hand mit ihm zusammenlegen und einen Kenner fragen, ob beide Hnde
hnlichkeit miteinander haben oder nicht.
    Hackert hatte diese Worte ruhig hingeworfen.
    Pax aber blickte gro auf und schien berrascht ...
    Was ist Das? Schmelzing, Werdeck?
    Ich wollte nur bemerken, sagte Hackert ruhig und sehr einfach, da
Schmelzing zwar ein durchtriebener Spitzbube ist und die Kunst, falsche
Handschriften nachzuahmen, aus dem Grunde versteht, aber er soll sein Geschft
vorsichtiger betreiben und nicht Aldenhoven, Lieutenant Flottwitz, Major Trk
und hnliche Mitglieder des Reubundes zu oft besuchen -
    Hackert! Hackert! sagte Pax erstaunt. Sie haben Katzenaugen! Ist gegen den
Major von Werdeck - Was ist denn? -
    Hackert schwieg ...
    Werdeck ist ein eid- und pflichtvergener Offizier, fuhr Pax heraus. Er hat
einen Umgang, den ein Mann in seiner Stellung nie haben darf - Dankmar
Wildungen, Louis Armand, Leidenfrost - Diese Menschen! Was ist Das fr ein
Brief?
    Es circulirt, erzhlte Hackert, seit einigen Tagen unter den Offizieren ein
aufgefangener Brief, den man zuerst bei einer Parade, als die Parole ausgetheilt
wurde, mit Erstaunen herumreichte. Diesen Brief soll der Major Werdeck an einen
im Auslande lebenden Flchtling geschrieben haben. Er bietet ihm darin die
Ergebenheit einer groen Partei in der Armee an und wnscht die genauere Angabe
der Zeit, wann man hoffen knne, loszuschlagen. Eine Untersuchung wird spter
folgen. Vorlufig ist dem Major von Werdeck der Degen abgefordert worden ...
    Ist es mglich! Aber Schmelzing?
    Einige Reubndler leiden an dem Wahn, sich periodisch fr Dichter zu halten.
Schmelzing schrieb ihnen holprige Verse ab, aber gestern fand ich bei Schmelzing
ein Billet des Majors, das unverfnglich und echt und irgend Jemandem, der es
von dem Major empfangen hat, entwendet war. Schmelzing entri mir den Fetzen,
dem ich ansah, da er ihn durch Fliepapier durchgezeichnet hatte, um sich - in
des Majors Handschrift einzuben ...
    Hackert! Sie sind ein Hauptfnger! rief Pax und stand aus seinem
schwellenden Kissen auf. Aber auf diesem Gebiete lassen Sie weitres Forschen!
Die Armee wird schon Grund haben, Werdeck zu berwachen. Les' ich doch in diesen
Papieren, da der Kommunist Louis Armand, den der Frst Hohenberg jetzt gnzlich
von sich entfernt hlt, sogar mit Werdeck's Familie verkehrt, Zutritt in seinem
Hause hat -
    Er ist verwandt mit der Frau des Majors.
    Und mit einem Pfarrvikar in Plessen bei Hohenberg, Namens Oleander ... Das
schwarze Kabinet in der Post berwacht die Korrespondenz, die an Louis Armand
eintrifft. Diese Verfgung soll von hoher Stelle ausgehen. Man traut selbst
Egon, dem gegenwrtigen Premierminister, nicht und kann der Besorgni noch immer
nicht entledigt werden, da Frst Hohenberg auf ein doppeltes Spiel setzt! Da
ist an Louis Armand ein Brief aus Plessen gekommen, worin jener Pfarrvikar ihm
sozusagen politische Aufstze schreibt. Selbst von einem Bunde ist darin die
Rede ...
    Hackert gedachte des Bundes der Ritter vom Geiste, brach rasch ab und
bemerkte auf Veranlassung des Pfarrvikars:
    Guido Stromer steht auch auf meiner Liste. Streichen wir ihn nicht? Er soll
den Titel eines Hofraths von einem kleinen Frsten an der Donau erhalten haben.
Der Minister dieses Frsten ist von Frau von Harder darum angegangen worden. Auf
der Strae sieht man den Hofrath Stromer in seinem neuen kostbaren Biberpelze
nun wie einen Narren. Jedes Mdchen macht ihn stutzig. Die Augen verdreht er wie
ein Kalb und ber die einfachsten Dinge soll er einen Schwall von Worten gieen,
wie ein berspannter ...
    In der Provinz wird Guido Stromer bewundert, sagte Pax. Seine Aufstze im
Jahrhundert liest alle Welt. Jedermann will wissen, ob man ihm nichts von
Guido Stromer erzhlen knne - besonders die Damen -
    O erzhlen Sie ihnen doch, sagte Hackert, der in der That ber Alles
unterrichtet schien, da dieser Hochfliegende die Seinen daheim in einem
armseligen Dorfe sitzen hat, sein Amt von Oleander verwalten lt und hier eine
prchtige Wohnung bezog, die fr ihn zwei Damen Wandstablers gemiethet haben -
Sie kennen sie -
    Die Wandstablers ... vom Frsten?
    Die Dore ist im Palais geblieben - die Lore aber und Flore haben ein
Stockwerk fr sich allein gemiethet. Kstlich meublirt vermiethen sie es nun
scheinbar an Hofrath Stromer, dem seine Ideen mit Gold aufgewogen werden. Er hat
drei mit Sammttapeten geschmckte Zimmer der beiden Damen gemiethet und wohnt
bei ihnen, man sagt, mit unverschlossener Verbindungsthre. Sie mssen ihm jeden
Morgen den Kaffee in idealischer Tracht bringen, bald griechisch, bald
orientalisch. Das Gef ist von Silber und es ist schon vorgekommen, da er sich
des Morgens an der Wellenlinie einer neuen Milchkanne gestoen und aus
beleidigtem Schnheitsgefhl lieber kein Frhstck genossen hat. Die beiden
Wandstablers mssen dann vor ihm knieen und mit einem eignen Tonfall bitten:
Trink, Guido! Dann hlt er seinen rothen Pantoffel ber den Nacken der Flora,
legt sie in eine Attitde, wnscht sich Bildhauer herbei und mchte die Gruppe
ausgehauen haben -
    O, rief Pax, der sich vor Lachen kaum halten konnte und etwas
Sardanapalisches in sich selber aufgeregt fhlte, Das ist ja auch prgelnswerth
- woher wissen Sie denn diese Tollheiten?
    Die Leute sind sehr unvorsichtig, sagte Hackert. Sie wechseln alle acht Tage
mit ihren Dienstboten. Der schwrmerische Ex-Geistliche will nur Ideale zur
Umgebung haben und doch sind die Wandstablers eiferschtig. So gibt es ewig
Zank, unaufhrlich Abschied, folglich Geschichten. Wenn dieser groe Mann sich
nicht bei Zeiten besinnt, kann es noch dahin kommen, da ihn die beiden
Demoiselles jeden Abend gemeinschaftlich durchwalken, whrend Hunderttausende
bewundernd seine Artikel lesen.
    Pax hatte an diesen Schilderungen, die Hackert mit aller Anschaulichkeit
fortsetzte, seinen Spa. Er mute nun aber in seinen Dienst und sich ankleiden.
Er lobte Hackerten fr seine eben so reichhaltigen wie amsanten Mittheilungen.
Er hatte Stoff, nun wieder seinen Vorgesetzten zu unterhalten. Dieser unterhielt
dann wieder seinen Vorgesetzten. Dieser wieder den seinen und so fehlt es in
einem geordneten Staatswesen nicht an harmonischem Zusammenhang und prchtig
schlieenden Kettengliedern. Geld lehnte Hackert heute wieder ab. Er sagte, er
htte dessen noch hinlnglich ...
    Hackert's heit're Laune, die acht Tage lang von dem wundrztlich
Zipfel'schen Ehepaar bewundert wurde, schien nur einigermaen getrbt, als er
nach Hause zurckkehrte und die Frau Wirthin etwas schmollend von - durchnten
Fubden anfing. Durchnt waren die Fubden in Hackert's Zimmer durch nasse
Tcher, die er sich Abends wieder um sein Bett legen mute ... Sein Vater hatte
ihn nach den Eisenstben der frher von ihm bewohnten Zimmer gefragt und mit
Schaudern und Wehmuth von seiner Mondsucht gehrt ... O, hatte er ihm seufzend
gesagt, mein Sohn, auch darber sollst du Aufschlu haben, wenn es Zeit ist, dir
Die zu nennen, die dir das Leben gab! Ich bin Schuld auch an diesem grauenvollen
bel! Und als der Sohn darber erstaunte, hatte Zeck erklrt: Dunkel und tief
ist das Reich der Natur. Wie ich dich so wiederfinde, mein Sohn, bist du wie
unmittelbar erst aus der Hand der Schpfung hervorgegangen. Du bist noch wie ein
Kind vor Angst und Gelst. Ein Zauberer wrde dich erziehen mit Hlfe eines
reinen Lichtwesens, das unter Musik aus den Wolken steigen und dich snftigen
mte. Ach, deine Eltern sind dein Schicksal! Wo anders her kann es kommen, da
dich ein schlimmer Geist der Unruhe mitten im Schlafe befllt und dich dir
selber unbewut von deiner Schlummersttte treibt, woher anders, als da deine
Mutter in jener Nacht, als sie dich unter dem Herzen trug, von einem Entsetzen
ergriffen war - einem Entsetzen - doch genug -! ... Hackert hatte auch nicht
forschen mgen. Er ehrte den Wunsch seines Vaters, ihm mit allen seinen
Enthllungen Zeit zu lassen. Und einstweilen hatte der wunderliche Alte mit dem
Sohne fast einen hnlichen Pakt eingegangen, wie mit Auguste Ludmer, die er nach
seinem festen Glauben zu einem Engel umgewandelt htte, wenn ihm nicht Mangold
und die Intrigue seiner Feinde den Rettungsplan zerstrt htten. Auch so, sagte
er sich oft zum Troste, auch in diesem Irrsinn, der sie dahin raffte, war sie
reiner denn vordem. Was ist Irrsinn? Wer deutet dies Dunkel? Auguste kam ihm
immer nur wie im weien reinen Gewande vor die Seele, nicht als die verworfene
Snderin. Grade da ihr der Himmel den irdischen Verstand nahm, machte ihm in
der Erinnerung den Eindruck, als htte sie eben die Sprache des Urgeistes schon
reiner verstanden als die vernunftklaren Menschen.
    An Paul, seinem Sohne, entdeckte Zeck freilich bald alle moralischen Fehle
und schauderte vor seinem geistigen Tod. Er hatte gefrchtet, in seinem Kinde,
wenn es noch lebte, vielleicht einen gemeinen Verbrecher zu finden. Das war
Hackert nicht. Er hatte aber, wie Zeck sagte, an seiner Seele tiefen Schaden
gelitten und bewies ihm dies, als Hackert ihm gestand, in welchem Incognito, vor
aller Welt verborgen, er lebte. Ein Spion, hatte er ihm gesagt, allmchtiger
Gott! Ein Spion ist nach meinem Begriffe eines der elendesten Geschpfe der
Welt! Du bist in diese Bahn gerathen aus sittlichem tiefstem Verfall. Du
liebtest nur sinnlich. Dieser Schlurck hat durch seinen Leichtsinn und seine
Schwche, die er Herzensgte nannte und die es wohl auch ist - denn, ewiger
Gott, schaltete Zeck ein - die Geheimnisse der Seele sind unergrndlich! - durch
diese Mischung von Gut und Bse hat er dich um dein wahres geistiges Wachsthum
gebracht. Deine Seele, mein Sohn, kommt mir vor wie jenes Tuch, das einst dem
Apostel Petrus in der Stadt Joppe vor den Augen vom Himmel nieder gelassen
wurde. Darin sah er allerlei Gethier der Erde, schlimmes Gewrm, aber auch Vgel
des Himmels. Und er hrte eine Stimme, die sprach zu ihm: Stehe auf, Petre,
schlachte und i! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn es ist nie Gemeines
noch Unreines in meinen Mund gegangen. Aber die Stimme antwortete Petro zum
andern Male vom Himmel: Was Gott gereinigt hat, Das soll dir nicht gemein sein.
Das geschah aber dreimal und als Petrus vom Geiste getrieben war, eben der
Stimme zu folgen, da ward Alles in dem Tuche wieder hinauf gen Himmel gezogen.
    Hackert hatte diese und hnliche Reden seines Vaters, die er von einem
Andern nicht ohne Lachen wrde haben vernehmen knnen, ruhig und befremdet
hingenommen. Er fhlte, da grade sein Herz ein solches Tuch voll unheimlicher
wimmelnder Unruhe und ngstlichsten unreinen Lebens war. Murray aber nahm ihn
noch, wie er war und ohne da er einzurumen brauchte, er sollte sich verachten
oder hassen. Der Vater beschlo, ihn gewhren zu lassen, so lange er wollte und
wie er wollte. Fahre in deinem Leben so fort, sagte er. Verlange Geld von mir!
Ich bin nicht reich und wrde die groe Brgschaft des edlen Otto von Dystra
nicht sogleich haben leisten knnen, aber ich habe so viel, um leidlich
auszukommen. Und versprich mir, jeden Morgen aufrichtig zu erzhlen, was du am
Tage vorher gethan, wofr du Geld ausgegeben, was du mit Pax verhandelt hast!
Ich werde dich ber Nichts tadeln, ich versichre dich, mein Sohn, ber Nichts.
Ich werde auch Nichts verrathen. Aber die Nothwendigkeit, dich auszusprechen,
wird dir lehrreich sein. Du wirst dadurch, da du nicht Alles in dir ersterben,
ersticken lssest, dein Herz zum Gegenstande deiner lngeren Betrachtung whlen
und dir selbst in's Auge sehen. Wo ein Geist der Spiegel des andern ist, findet
sich der Eingang zur Wahrheit ... Und fr seinen ngstlichen Zustand des
trumenden Wandelns und Aufstehens gab ihm der Vater den einfachen und
praktischen Rath, sein Lager mit jenen Tchern zu umlegen, die Frau Zipfel so
rgerten. Lchelnd und milde sagte der Vater: Sieh, Fritz - ich nenne dich so
lieber, als Paul - sieh, Fritz, da erschrickt sogleich der nackte Fu und es
bedarf der eisernen Riegel und Stangen nicht, die ja an ein Gefngni erinnern.
    Unmuthig ber die Neugier seiner Wirthsleute ging Hackert eben in die
Brandgasse zu seinem Vater. Er hatte, ihm gegenber, ein Beichtbedrfni
bekommen, das seine ganze Seele erweiterte und leichter athmend machte. Er
reflectirte zuweilen schon ohne Spott. Er urtheilte objectiv nach blichen
Voraussetzungen. Murray konnte erwarten, da er sich bald von selbst von seiner
gegenwrtigen Bahn abwenden und ganz an seinem warmen Vaterherzen vielleicht
aufthauen wrde.
    In der That war Louise Eisold im Begriff, in den dem Schlosse Buchau nahe
gelegenen Ort gleiches Namens zu reisen und ihre Geschwister mitzunehmen. Es
drngte sie fort von hier und selbst der rauhe Winter schreckte sie nicht. Sie
hatte Hackert wiedergesehen, ihn weicher, sanfter gefunden - von seinem
Verhltni zu Murray erfuhr sie nicht die volle Wahrheit - ihre Neigung fr den
dmonischen Jngling war trotz seiner Beziehung zu Pax gestiegen. Da sie aber
sah, da nur Mitleid, nicht Liebe fr sie in diesem Herzen schlug, nahm sie den
Vorschlag Otto von Dystra's an, der sie besuchte, die Kinder kleiden, reichlich
ausstatten lie, ihr Mittel, soviel sie nur wnschte, zu Gebote stellte. Auch
Dankmar Wildungen gehrte zu Denen, die ihr zusprachen, nach Buchau zu reisen.
An eine Erfllung der Wnsche des innigst betrbten Mangold dachte sie nicht.
Auch sa ja noch der gute Danebrand ...
    Dankmar und Hackert trafen nicht zusammen. Jenen machte die zweite verlorne
Instanz seines Prozesses menschenfeindlich und dster. Er bedurfte recht der
endlichen Ankunft seines Bruders Siegbert, um von seiner eisigen Verstimmung
aufzuthauen. War auch die erste Stunde ihres endlichen Wiedersehens durch das
Andenken an die verstorbene Mutter getrbt, so heiterte sich doch Dankmar's
Stirn auf, als Siegbert von Plessen, von Randhartingen und vor Allem vom
Ullagrunde erzhlte. Seine Angst, der Bruder mchte von Selma liebend befangen
sein, hatte sich gemildert, seit ihm Dystra den Brief zeigte, den Siegbert ihm
ber Olga und die Frstin schrieb. Es leuchtete aus ihm unverkennbar das
Interesse fr Olga, den naiven, leider in eine gefhrliche Schule gerathenen
schnen Flchtling hervor. Dankmar fragte nach Selma und hrte das
Erfreulichste; der Zusatz, da Selma ihm, dem Erzhler, abgeneigt wre, machte
ihn lachen und er gestand dem Bruder, da in all seine innere Finsterni der
Gedanke an diese Begegnung mit Ackermann und dem Knaben Selmar ihm doch wie ein
mildes Sternenlicht flsse. Erstaunen erregte ihm freilich anfangs die
Mittheilung, da Ackermann und Selma nie lange von ihm gesprochen htten, ihn
vielleicht gar nicht grndlicher kannten. Dann aber besann er sich und sagte
lachend: Himmel, das ist ja natrlich! Sie halten mich fr den Frsten Egon!
    Es versteht sich von selbst, da Dankmar kein Recht zu haben glaubte,
irgendwie Selma, die ihm als Ackermann's Tochter vllig Fremde, an sich zu
erinnern. Auch Siegbert schrieb wol nach Hohenberg, aber nur an Oleander, mit
dem sich ein inniger und gedankenreicher, wie wir sahen, leider schon bewachter
Briefwechsel entspann. Louis Armand, der fast nur in seiner Werkstatt zu treffen
war, tauschte mit Oleander nicht nur Gedichte und sthetische Ansichten, sondern
auch die Freude, ihn in den Kreis der Ideen eintreten zu sehen, der die Freunde
verband. Je lnger Oleander die Geistesleere und eitle Gesinnung der Vornehmen
beobachtete, mit denen ihn die Winterzeit zusammenfhrte, je mehr er sich an
Ackermann's klarer und ruhiger Objectivitt strkte und erhob, desto bekehrter
fhlte er sich zu jenen Ansichten, die er frher mehr mit Grnden des Gemths,
ja wie er sich gestand, auch mit dem Vorurtheile eines gewissen Gelehrtenstolzes
bekmpft hatte.
    Whrend Dankmar ungetheilt strebsam arbeitete, wollte Siegbert auch wieder
bei Professor Berg seinen alten Platz im Atelier einnehmen, wurde aber freilich
durch die Beziehung zu Otto von Dystra, zu Rudhard und vor Allem zur Frstin
Wsmskoi in seinem Schaffen oft gestrt ...
    Die Frstin Adele Wsmskoi hatte in der That mehr durch den Gegendruck
ihres Kindes, das ihr pltzlich unter der Hand so jungfrulich sich entwickelte,
als durch eigne bewute Gefhlswrme fr Siegbert Wildungen eine
leidenschaftliche Neigung gefat. Im ersten Augenblick der Abreise Siegbert's
gerieth sie in Verzweiflung. Sie glaubte, diese Abreise stnde im Zusammenhange
mit Olga's Flucht. Als sie aber gewi war, da Olga bei ihrer Schwester,
Siegbert auf dem Lande war, kmpfte sie mit dem Plan, ihn zu berraschen. Ihre
Briefe, in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefhl sich nichts
vergab, waren voll Neckereien, sie werde ihm folgen, sein Treiben untersuchen,
seine neuen Bekanntschaften prfen. Dann aber zerstreute sie Otto von Dystra's
Ankunft und das Studium dieses sonderbaren Charakters. Das innerste Wesen dieses
Mannes war, schien es, die Universalitt. Ein echter Sohn des neunzehnten
Jahrhunderts begrte er jede nur irgendwie ber das Gewhnliche hervorragende
Lebensuerung wie ein Phnomen, das sein ganzes Interesse in Anspruch nahm. Mit
Leidenfrost, den er einst aus Polen als Bedienten entfhrt hatte und den er als
so vielseitig gebildeten Geist wiederfand, konnte er die bizarrsten Ideensprnge
versuchen, mit Rudhard philosophiren, mit Dankmar ber Rechtsfragen, mit Louis
Armand ber die Gewerbe reden, er war die verkrperte geistige Gourmandise
dieser Zeit. Er schlrfte Alles ein, was die Zeit an seltsamen Gestaltungen bot.
Er sammelte Kupferstiche mit Gelbsattel, Autographen mit Voland, Mnzen,
phrenologische Abgsse, Alterthmer mit einer Menge von alten und neuen
Bekanntschaften, die ihm alle selbst wieder von psychologischem Werthe waren.
Sein Ideal waren Kongresse, groe Industrieausstellungen, gemeinschaftliche
Reisen, Vereinswirksamkeiten aller Art, wobei ihm selbst der Sozialismus
Bedeutung gewann und berhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes
boten. Sein Tisch war von Prospekten, Aktien, Cirkulren zu Unterschriften nie
leer. Jede angekndigte Schaustellung mute er sehen, jede berhmte
Persnlichkeit sprechen und sollte er sie mit seinem verwachsenen, aber behenden
Krper erst unter einem Dache aufsuchen. Dystra war ein liebenswrdiger Mensch,
voll Gemth und Verstand, duldsam, theilnehmend an jedem Schmerz, hlfreich, wo
er konnte. Fr jeden Angriff hatte er eine Vertheidigung, fr jeden Irrthum eine
Entschuldigung. Die Frauen stritten um ihn, weil er witzig, voll treffender und
doch Niemanden verwundender Einflle war. Man machte ihm Geschenke, neidete sich
um seine kleinen Billets, die immer einen witzigen Einfall brachten, und dennoch
versank er nicht in Egoismus, sondern gehrte dem Allgemeinen. Auch gegen die
Frstin war der Freund ihres verstorbenen Gatten voller Aufmerksamkeit und lie
sie nicht im Mindesten fhlen, da Rudhard, im Drange der Aufrichtigkeit, ihn,
als einen edlen Menschen, den man nicht tuschen durfte, ber den Stand der
ganzen Familie au fait gesetzt hatte. Auch Anna von Harder, die den Winter in
der Stadt wohnte, lernte Dystra kennen, obgleich die Musik das Einzige war,
dessen Organ ihm zu fehlen schien. Dennoch trug er viel dazu bei, da die
Frstin sich Anna immer inniger anschlo. Anna weckte wieder die musikalischen
Talente der jungen Frau, die eingeschlummert waren. Sie gab ihr Anknpfungen fr
das Bedrfni, aus einer gewissen geistigen Ohnmacht herauszukommen und sich in
klaren Empfindungen zu strken ... Anna von Harder hatte nichts, was im
Mindesten an das Bestreben erinnerte, fr ihre, allerdings mehr religise, als
poetische Weltauffassung Proselyten zu machen, aber diese Proselyten kamen von
selbst. Ihre Ruhe, ihre erprobte Kraft im Dulden, ihre heitre Gottergebenheit
und das emsige Walten um den weltscheuen, nur seinem Berufe und seinen
Liebhabereien lebenden uralten Greis, ihren Schwiegervater, den wir bald nher
kennen lernen werden, gaben ihr das Wesen eines so festen Mittelpunktes, da sie
unwillkrlich magnetisch anzog und sich eine Menge kleinerer, schwcherer
Naturen an sie ansetzten. Die Frstin Wsmskoi gefiel sich alle Mal darin, von
ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard, so sehr er
der Geistesrichtung Anna von Harder's abgeneigt war, lie Das gehen. Er strte
sie nicht. Sah er doch, wie beruhigend dieser Umgang wirkte, wie der aufgeregte
Vulkan ihrer Gefhle nachlie zu kochen und zu drohen. Er sah, wenn er an die
Verirrung von diesem Herbste dachte, schon nur noch die Asche davon.
    Nun kam freilich Siegbert zurck! Er war durch den Trauerfall, durch den
Aufenthalt unter bedeutenden Menschen und die Abwechselungen der Reise
mnnlicher, gereifter geworden. Er hatte immer etwas von jenen sanften,
bestrickenden Mnnernaturen, die man mit den Christuskpfen vergleicht und sah
dem Heilande, wo er mit blondem Haar dargestellt wird, in der That so hnlich,
da ihn jede am Manne Gemth und Nachgiebigkeit, nicht Witz und Thatkraft allein
schtzende Frau hochverehren und lieben mute. Aber nun war er mnnlicher denn
je. Otto von Dystra erkannte seine siegende Wirkung auch sogleich und machte
sich ihrer in Siegbert's Gegenwart kein Hehl ...
    O mein Himmel, sagte er ihm mit der grten Aufrichtigkeit, als er neben ihm
im Hotel de Rome um einen Kopf niedriger auf dem Sopha sa (Dankmar'n, der ihn
einfhrte, gegenber), o mein Himmel, was ist Das fr ein ungleicher Wettkampf!
Es gab Zeiten, wo ich den ansprechenderen Erscheinungen meines Jahrhunderts
beigezhlt wurde. Sie sind noch nicht gar zu lange vorber; aber ich habe in dem
Sande Arabiens und in Nubiens Wsten zu schlechte Haar- und Hautpflege gehabt.
Ich bin eine etwas lederne Mumie geworden und kokettire eigentlich schon mit
meiner Glatze  la pre Enfantin. Ich verdenk' es Olga nicht, da sie Geschmack
hat und jedenfalls ist die jetzige Chance, da sie sich in Sie, Wildungen,
verliebt hat, doch noch viel vortheilhafter fr die Familie, als wenn wir in
Odessa erlebt htten, sie htte sich liebend fr irgend einen jungen
tscherkessischen Huptling erklrt und ihrem Kaiser die Schmach angethan, mit
irgend einem Schamyl in den Kaukasus durchzugehen.
    Siegbert sprach sich auf diese Selbstpersiflage offen dahin aus, da er kaum
annehmen drfte, Olga wrde in den Zerstreuungen Italiens und bei den
eigenthmlichen Auffassungsweisen ihrer Tante lange ihm die Gesinnung erhalten,
deren sie ihn hier gewrdigt htte. Und Dankmar meinte gradezu, es ginge das
Gercht, der Maler Heinrichson wre der Freund und Begleiter der Frau Grfin
d'Azimont und noch stnde es dahin, ob nicht sein gewhlter Geschmack dabei
eigentlich Olga im Auge htte. Doch wurde diese vorschnelle uerung
Veranlassung, da Dystra sagte:
    Nein, nein! Man irrt in allen diesen Voraussetzungen. Lesen Sie, was Olga
hierber an Rudhard geschrieben hat. Es ist ihr zweiter Brief, originell wie der
erste und in der festgerannten eigenthmlichen romantischen Auffassung wiederum
komisch genug. Ich gestehe dabei freilich, da das Burleske in dem Gegensatz zu
dem prosaischen nchternen und aller Schwrmerei baaren und abholden Erzieher
liegen mag.
    Lieber Papa Rudhard, schreibt sie, lesen Sie! ...
    Lieber Papa Rudhard, dein Brief wurde uns nach Rom gesandt, in diese groe
und allmchtige Stadt, die Gott der Herr mit allen seinen himmlischen
Heerschaaren selbst erbaut zu haben scheint. Hier ist nichts Gemeines! Hier ist
Alles gro und unsterblich! Ach, Papa, ich las deine Warnungen und guten Lehren
mit der Geduld, die man fhlt, wenn man Menschen reden hrt, die Italien nicht
gesehen haben. Es ist grade, als wenn du mir vom Nutzen eines transportablen
Ofens sprchest und mir Vorwrfe machtest, da ich nach Rom trotzdem, da wir
eine Espece von Winter auch hier haben, keine nordische Feuerung mitgenommen
htte. Ich bin, seit ich Italien sehe und alle diese herrlichen Kirchen, diese
Villen, diese Palste und den Baldachin des blauen Himmels und die dunkle
Azurflche des groen Meeres, mit Euch Allen eigentlich vershnt und fhle nur
noch Mitleid, keinen Ha mit Euch. Mein Tagebuch wird Euch vielleicht einst die
Empfindungen sagen, die ich an jeder berhmten Statue, an jedem bewunderten
Bilde, das ich sehe, in meinem Herzen belauschte. Ich ergreife alle
Gelegenheiten, etwas zu lernen und antworte den dummen Stutzern, die uns
besuchen und den Hof machen - es drngen sich in allen Stdten besonders die
Englnder und Russen an uns - immer mit antiquarischen Gegenstnden, wodurch sie
sich sogleich entfernen, wie Ungeziefer vor scharfen Gerchen. Ich finde, da
ich dadurch vielen Vortheil vor andern Mdchen voraus habe, die sich nur darin
gefallen, von hundert Mnnern immer dieselben faden Schmeicheleien zu hren.
Diese Frauen sprechen immer nur von Musik, von schnen Gegenden, von guten
Gasthfen, ich aber lese Homer und Virgil und spreche dann auch darber, was die
Elegants nicht gut vertragen knnen. Natrlich wollen sie dann nicht ganz dumm
erscheinen, aber sie wissen nur ber England und seine Staatsverfassung, ber
Ruland, den Kaiser und das Militr zu sprechen, was ich ruhig, aber kalt
anhre. Baron Krutusoff fhrt mich jetzt durch die Museen und mu mir Alles
sagen, was er ber die Museen von Paris und Wien gelernt hat. Ich erstaune oft,
wie unterrichtete Menschen, und ein solcher ist Krutusoff doch schon, dennoch so
fade sein knnen und einer jungen Frau gegenber immer sogleich ihren Verstand
verlieren. Die Tante hrt, weil sie schon sehr viel wei, diese Schmeicheleien
ruhig mit an.
    Weil sie schon sehr viel wei! unterbrach Dystra lachend die Naivett auch
dieses Briefes. Dankmar und der Baron muten Siegbert um Verzeihung bitten, der
lchelnd erwiderte:
    Wie knnt' ich ber diesen Spott empfindlich sein! Ich habe Olga nie anders
betrachtet, als wie ein gutgeartetes Kind, dem man nur Zeit lassen mu, seinen
Weg zu gehen.
    Darauf hin, sagte Dystra Beifall nickend, ist Ihr Bruder so gtig und fhrt
fort.
    Dankmar las:
    Die Tante wird, weil sie schn und gut ist, von den eitlen Mnnern sehr
belstigt, aber sie lebt nur ihren Erinnerungen und ihrem Schmerze. Oft
beobacht' ich sie im Traume und hre, da sie still fr sich hinseufzt und ruft:
Mein Egon! Mein Egon! Dann weint sie und ich weine mit ihr, weil ich sie ganz
verstehe und ihr Schicksal in dem Leben selbst, in der Natur und in der Kunst
wiederfinde. Denn alles Schne ist traurig, ihr Menschen! Immer, wenn ich sehe,
da Andre bewundern, mcht' ich weinen. Die schnsten Madonnen und die edelsten
Physiognomieen unsres Heilandes sagen alle: Unser Erbtheil ist der Schmerz und
auf den weiten Ebenen, wo Kirchen, Kapellen, Strme, Felder und Wlder sichtbar
sind, liegt eine Melancholie ausgebreitet, die mich an meine frheste Kindheit
erinnert, wo mir innerlich etwas wehe that, ich wute nicht was, wo ich weinen
mute, ich wute nicht wie, und wo ich nur Eines klar verstand: Deinen Tadel,
Papa Rudhard, deine schneidenden Proteste gegen meinen stillen Hang zur
Einsamkeit!
    Dankmar mute inne halten und voll berraschung Dystra und den Bruder
anblicken ...
    Charmant! charmant! sagte Dystra beistimmend und fast von aufwallender Liebe
bewegt. Drei Mnner, so die Entwickelung eines Mdchens kritisirend, boten
Siegbert fast den Stoff eines Gemldes. Er selbst blickte tief innenwrts und
gedachte des Augenblicks, wo dies trumerische Kind einst an seine Brust sank
und mit den groen braunen Augen ihn wie in eine unergrndliche Tiefe blicken
lie. Dann horchte er dem Folgenden:
    Viel Belehrendes ber das Schne erfuhr ich auch von Heinrichson, der ein
berhmter Maler ist und uns in Mailand begegnete, weil er auch nach Rom reist.
Dieser Mann ist sehr schn und ich hre ihn gern reden, weil er Kenntnisse und
Witz besitzt. Auch lieb' ich an ihm, da er ...
    Lesen Sie's nur! rief Dystra dem stockenden Dankmar zu, der Siegbert sich
entfrben sah ...
    Ich liebe an ihm, da er der Freund meines Freundes ist ...
    Das geht doch noch! sagte Dystra und nickte Siegbert zu.
    Siegbert fand, um auszuweichen, es vollkommen im Charakter Heinrichson's,
sich bei Olga unter dem Schutze einer Lge einzufhren. Mein Freund! sagte er
staunend.
    Die Tante, fuhr Dankmar zu lesen fort, ist gegen Herrn Heinrichson khl und
gleichgltig. Er mu uns jetzt in Rom, wo wir ihn wiedergefunden haben, oft den
Shawl und die Opernglser tragen. Ich glaube, da er dies, so lcherlich es ist,
gern thut, weil er die Tante liebt. Aber die gute Helene wird nie mehr lieben.
Ihr Andenken ist dem unvergelichen Egon geweiht, den ich doppelt und dreifach
hasse, weil er so viel Zrtlichkeit mit Geringschtzung erwidern konnte. Oft
weint meine gute Helene, nimmt mich dann auf den Schoo und erzhlt mir, worin
Alles Egon so liebenswrdig gewesen ist. Seine Seele war kindlich und rein,
spricht sie dann, er tndelte durch's Leben und Alles, was er wie im Spiele
ergriff, hatte hohe Bedeutung. Ich wei es auch, wenn ihn jetzt der Beifall
eines ganzen Volks begrt und sein Knig ihm gestattet, alle Orden der Welt zu
tragen und ihm den besten, den er selbst besitzt, umhngen mag, sein Herz wird
nicht Ruhe haben. Ich wei es, selbst im Besitz der schnen Melanie wird ihm oft
weh um sein Inneres werden und in stillem Schmerze wird er ausrufen: Helene!
Helene! Und dann trst' ich sie, so gut ich es kann, indem ich ihr von den
Schicksalen Valentinen's, Indianen's, Faustinen's erzhle. Auf alle diese edlen
Frauen, deren Leiden Georg Sand und die deutsche Grfin beschrieben haben,
senkte sich das himmlische Manna der Ergebung und Erlsung herab. Ach, Papa
Rudhard! Warum zrnst du so den Mnchen und Nonnen! Klster hab' ich gesehen,
Klster ... mit Grten, mit kleinen Cellen, mit heiligen Kirchen, in denen die
Lichter brennen und Weihrauchdfte die Seele emporziehen. Ach! so einen stillen
Platz wie in Florenz und Genua oft die frommen Schwestern haben, Weinranken um
das kleine Fenster, jeder Schwester ein Blumenbeet gehrend und das Alles jetzt,
wo bei Euch der Winter schon tobt, noch so frhlingsfrisch, so maiblhend ...
ich bin gewi, die Tante bliebe in einem solchen Kloster, wenn sie nicht in
Paris noch gebunden wre ...
    Aha! sagte Dystra, Das ist das bekannte Ende! Das arme Kind wird methodisch
ruinirt!
    Aber Bitte! sagte Siegbert. Das noch einmal! Gebunden in Paris?
    Dankmar und Dystra muten gestehen, da der Ausdruck: Wenn sie nicht in
Paris noch gebunden wre fr eine eheliche Verpflichtung ein Triumph der
modernen gesellschaftlichen Freigeisterei war. Siegbert aber im Stillen war ber
die Klosterschwrmerei seiner Olga doch tief ergriffen; denn er fhlte, da
diesem Triebe alles Das zum Grunde lag, was ihn selber beseligte, mochte er auch
mit Klstern nur in sthetischer und kunstidealer Verbindung stehen.
    Wir sind sogleich zu Ende, sagte Dankmar und schlo die Vorlesung:
    Ich wnsche Rurik und Paulowna die besten Weihnachtsgeschenke und bitte
dich, Papa Rudhard, aus meiner Sparbchse etwas fr sie zu kaufen. Herr von
Dystra hat sie, wie ich hre, sehr reich beschenkt. Es ist die Art der Menschen,
die ...
    Lesen Sie nur! sagte Dystra, als Dankmar stockte ...
    Es ist die Art der Menschen, die nicht durch sich selber Interesse
einflen knnen ...
    Abscheulich! ... Dystra trat vor den Spiegel, seine Toilette musternd und
auf den Fuspitzen sich erhebend ...
    Sich auf die Wirkung ihrer Geschenke zu verlassen. Wenn dieser Herr glaubt,
dadurch auf mich vortheilhaft zu wirken, so bedaur' ich die Verblendung. Nach
Allem, was ich von dem Baron hre, glaubte er in mir ein Kind zu finden, das ihm
fr seine Liebe die Hand kssen wrde. So habt ihr mich ihm dargestellt ...
nein, ich will diese Zeilen mit keinem Miston schlieen. Sie kommen aus dem
Lande der Harmonieen! Grt Die, die mich verstehen! Und wo meine Seele weilt,
weit du, Vater Rudhard! Ein Gott und eine Liebe! Das ist der Wahlspruch Eurer
Olga Wsmskoi.
    Als Dankmar geendigt hatte, bemerkte Dystra, zu Siegbert gewandt, der
nachdenklich das Haupt sttzte:
    Sie werden gestehen, da mich diese kleine Emanzipirte sehr falsch
beurtheilt, wenn sie glaubt, da ich nur gemeiner Empfindungen fhig bin! Gibt
es etwas Heroischeres, als den Reiz, den mir dieser allerliebste Flchtling
verursacht, unterdrcken und dem Manne, dem sie ihr Herz so offen und frei
antrgt, den ganzen Einblick in ihr Inneres zu gnnen, ja dasselbe ihm
darzubieten? Ich bitte mir aus, da Sie einen Dichter fr diesen Gegenstand
interessiren!
    Herr Baron, sagte Siegbert und drckte dem wirklich trotz der Ironie
bewegten Dystra die Hand, ich selbst werde volle Kraft besitzen, diese Neigung
in mir zu ersticken. Wenn Olga unter allen Schmeicheleien, denen sie sich durch
ihren gewagten Schritt ausgesetzt hat, die gide einer ihr heiligen Neigung
durch mich sich schmiedete, so ist Das auf dem gefhrlichen Boden, Heinrichson
gegenber und in der Umgebung der excentrischen Helene, vorlufig vortheilhaft.
Ich bin der Stab, an dem das Pflnzchen aufwachsen mag. Ist es erstarkt, so wird
es Ihnen ohne mich blhen. Warum sollten Sie nicht der Gatte Olga's werden? Es
wird so kommen, nicht anders und seien Sie versichert, Ihre Gte, Ihr Vertrauen
ist an keinen Unwrdigen verschwendet ...
    Dystra schien nicht ohne Trauer. Offenbar waren seine Scherze ber dies
Verhltni nur Deckmntel seiner wahren Gesinnung, die in der That in alle Dem,
was der dem Sonderbaren geneigte Mann von Olga erfuhr, einen lebhaften Stachel
seines Interesses fhlte. Er hrte aber darum nicht auf, den Brdern Wildungen
mit voller Seele anzugehren und wurde nicht nur ihr Freund, wie der
oberflchliche Ausdruck der groen Welt wohl lautet, sondern ihr geheimster
Vertrauter und ihnen auch der Gesinnung nach wenigstens gleichgestimmt, wenn
auch sein Skepticismus keine politische Schwrmerei aufkommen lie.
    Schwieriger war Siegbert's Begegnung mit der Frstin. Die mute doch endlich
auch stattfinden. Die mute doch irgendwie eingeleitet werden. Rudhard fhlte
dies selbst, obgleich er instndigst bat, das Wiedersehen nicht zu bereilen und
Siegbert's Rckkehr so lange geheim zu halten als nur mglich. Der
rationalistische Kopf, der in seinem Priesteramte nur im Grunde einen Beruf sah,
die Menschen aus unklaren religisen Stimmungen aufzustren und Das fr Religion
gelten zu lassen, was Begriff, logische Thatsache war ... ihm geschah die
wunderliche Nothwendigkeit, Siegberten zu rathen, am zweiten Adventssonntage in
die Stadtkirche zu gehen und dort nicht weit von dem Stuhle, der Anna von Harder
gehrte, die Frstin zuerst flchtig und vorlufig zu begren. So vertraute er
schon dem mildernden Gegendruck der religisen Stimmung. Siegbert war nicht
abgeneigt, die Frstin auf diese Art zuerst zu sehen. Propst Gelbsattel predigte
und diesem hatte er ohnehin der Schnau'schen Empfehlung wegen zu danken. Anna
von Harder und die Frstin, in Pelze gehllt, waren unter dem immer gefllten
Auditorium, das der gefeierte Kanzelredner trotz seiner Opposition gegen die
Zeit und ihre Strebungen versammelte. Siegbert grte sie, als die wie immer
geistreiche, aber innerlichst unwahre Predigt vorber war. Die Frstin erblate
und wartete den Segen nicht ab, ohne den Anna von Harder nicht gehen wollte.
Auch Anna erkannte Siegbert und grte mit der ganzen Huld, die ihr immer in
jeder Lage eigen war ... Nun sah Rudhard freilich mit Schrecken, da die
Frstin, kaum nach Hause gefahren - - die Livre Grn mit Gold trug noch immer
Peters - in einen heftigen Weinkrampf ausbrach, nicht zu Tisch kam, die Kinder
von sich wies, sich einschlo und mit allen Leidenschaften ihrer aufgeregten
Brust kmpfte; allein es war doch, als Siegbert dann einige Tage spter wirklich
kam und nun vor ihr sa, der erste Sturm glcklich vorber und gefater und
wrdiger konnte ihm Adele Wsmskoi die Hand reichen und mit ihm ber ihr Leben,
ihren mannichfach vernderten Umgang, ber seine inzwischen erfahrenen
Schicksale sprechen ... Dann kam Weihnachten heran ... Die Kinder schmiegten
sich wieder dem alten Freunde an ... Rudhard zwar zuckte die Achseln und die
Frstin nahm Siegberten wie frher als ein Element, das zu ihrem Leben gehrte,
wenn auch ohne Leidenschaft, ohne irgend eine Zumuthung ihrer schlummernden
Gefhle. Doch von Olga durfte nicht gesprochen werden, auch von Dystra nicht
viel, der ihr, wie sie sich auch schon ausdrckte, nicht sympathisch war.
Rudhard blinkte Siegberten bei diesem Worte zu und sagte ihm spter im
Vertrauen, da dies eines jener Wrter wre, die Adele hier nun auch schon
aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote, den Gil Blas, Tausend und
eine Nacht und hnliche, wenn auch altbackne, doch bewhrte Lectre empfhle,
deren Wirkung sich bei Peters noch immer sichtbar zeige, denn Der liee seine
Frau ruhig schalten und walten in dem Etablissement der Herren Hitzreuter und
Niemand ertappe ihn mehr auf melancholischen Scheidungsgedanken, im Gegentheil
spekulire er, wenn seine Katherine einige Tausend Thaler zusammengebracht htte,
sich irgendwo auf eine solide konomie zurckzuziehen ...
    Von Dankmar berichten wir noch, da er gegen Weihnachten mit Siegbert eine
jener Ausstellungen, die um diese Zeit die vornehme Welt zur Untersttzung
wohlthtiger Zwecke veranstaltete, besuchte und dort auch Frulein Friederike
Wilhelmine von Flottwitz wiedersah. In einem groen Saale, wo Grfinnen und
Baronessen vor zierlichen kleinen Boutiken die eingelieferten Gegenstnde
verkauften, behauptete sie einen Stand, der dicht an einer groen
Blumendecoration errichtet war, die dem Gipsbrustbilde des Knigs galt. Dankmar,
der sich dieser Begegnung nicht versah, grte lchelnd. Das Frulein erwiderte
hocherrthend. Der Saal war nicht bermig gefllt, doch auch nicht leer. Die
Mode dieser Verkufe war schon etwas im Absterben, sie erschien als ein zu
weltlicher Vorlufer der innern Mission. Es fand sich Gelegenheit, da Dankmar
an den Verkaufstisch des Fruleins treten konnte, wie dieser grade leer war -
seinen Bruder Siegbert fesselte Frau von Trompetta an einem andern Stande - zum
Schrecken fr seine Brse, die nicht ausreichte fr die Flle von jolis riens,
die Frau von Trompetta schmetternd anzupreisen wute. Die Trompetta wollte um
jeden Preis das reichste Ergebni der Ausstellung erzielen. Ihre Kasse mute die
eintrglichst gewesene sein und dadurch verfiel die gute Frau frmlich in ein
Locken, Zwitschern und Verfhren jedes Vorbergehenden, soda man in ihr
wirklich ein Talent fr den Handelsstand entdeckte und es von den andern
verletzten vornehmen Damen vielfach rhmen hrte, wie gut sie schachern knne.
Den armen Siegbert lie die Trompetta unter fnf Thalern wenigstens nicht von
dannen. Das war ein Preisen, ein Schkern, ein Kichern und dabei ein Predigen
ber Liebe und Wohlthtigkeit, Das war ein Forschen, ein Fragen nach den
Schicksalen des so lange nicht Gesehenen! Und als sie ihm nun gar noch mit
Gewalt einen bunten Lappen zum Tinteausspritzen um einen Thaler empfehlen
wollte, kam ihm glcklicherweise die Frstin Wsmskoi, mit der er sich hier ein
Rendezvous gegeben hatte, zu Hlfe und kaufte so stark, so guten Humors, da die
Trompetta alle Chronique scandaleuse ber ihre guten Geschfte verga und im
Jubel ber die gefllte Kasse alle sittlichen Irrthmer der Welt mit dem
Schleier der Vergessenheit bedeckte ... Dankmar'n aber ging es nicht so gut.
    Frulein Wilhelmine, hocherrthend ber diese ihr trotz der
entgegengesetzten Meinung so theure Begegnung, htte von den Offizieren, die bei
ihr hatten kaufen wollen, vielleicht nicht einmal viel eingenommen. Sie hielt
sie aber auch nicht fest, selbst wenn sie geflltere Brsen htte voraussetzen
drfen. Dankmar'n aber lie sie nicht, was ihm Geld kostete. In ihrem fesselnden
Gesprche mute er doch wol Falzbeine, Briefbeschwerer, Brsen, Federputzer,
eins nach dem andern erstehen. Das politische Thema war dabei sogleich im Gange,
sogleich mute sie den kleinen Scherzen Dankmar's ber die Gypsbste des Knigs
in ihrer Nhe Rede stehen und ihm die Lehre geben:
    Sie Unverbesserlicher! Spotten Sie schon wieder? In diesem Bilde liegt der
allmchtig ausstrmende Zauber einer Persnlichkeit, die der Trger unsrer
theuersten Begriffe ist! Fr mich knpft sich an diesen edlen Jnglingskopf, der
so traurig auf seine ernste Lebensaufgabe herniederzublicken scheint, doch die
ganze Geschichte unsres Vaterlandes, die Vergangenheit und die Zukunft und der
regelmige Gang unsres frheren Staatslebens und der Schmerz um die gestrte
Ordnung dieses Ganges und die Verzweiflung ber die neuen Bahnen, die er jetzt
wandeln soll und die, wir ahnen es, zu seinem Verderben fhren werden. Ja! Ja!
Sie Bser! In den wogenden Schwankungen des ffentlichen Lebens was bleibt
sicherer, als die geheiligte Person des Monarchen, der da sagen kann: Ich, der
Frst und der Herr? Wo ist denn auch ein Wesen, das ffentlich wirkt und von uns
mit ganzer Liebe erfat werden kann? Sie sprechen vielleicht von Ihrem Freunde
Egon von Hohenberg, wenn er noch Ihr Freund ist? Er ist lobenswerth, seit er
seinem Knige und Herrn dient, aber wer kann sich an ihm wie an einem Anker
halten? An diesem Bilde halten wir uns. Wo der Herr und Knig steht, da stehen
unsre theuersten Gter, da steht das Vaterland, die Ehre der Monarchie, der Ruhm
des Kriegsheeres, Gter, die Sie gering achten mgen, die aber in den Zeiten der
Gefahr die einzige sittlichberechtigte Entscheidung geben.
    Dankmar zog die Brse und zahlte schon den dritten Thaler fr einen kleinen
Wandhaken, um eine Uhr daran zu hngen. Seine Finanzen waren seit geraumer Zeit
so schwierig, da ihm diese Uhr selbst in Gefahr scheinen durfte, nun trotz des
Wandhakens.
    Sie sind eine Schwrmerin, mein Frulein, mute er sagen, als sie ihm den
Haken in eine reaktionre Zeitschrift wickelte. Sie huldigen Ihren Gttern wie
eine geweihte Priesterin. Ich ehre Ihre Weihe, fliehe aber Ihre Altre. Diese
Altre verlangen Menschen-und Begriffsopfer. Dieser Kultus gibt verbrecherisch
Alles hin, was seit Jahrhunderten von der Menschheit fr die Menschheit erstrebt
wurde. Ihre Freunde sind mir grauenvoll; ich hasse sie. Verrathen Sie mich da
dem Rathe, dort jenem Obersten, dem Kammerherrn ... ... ich mache Platz; ich
hindere Sie am Verkaufen.
    Nein, bleiben Sie! ... Also keine Abhngigkeit, keinen Gehorsam, keine Liebe
mehr?
    Abhngigkeit, Gehorsam, Liebe! Auch diese Empfindungen sollen in's
ffentliche Leben zurckkehren, ja sogar seine Sttze werden. Aber da - diese
Reubndler, sie wollen ja nur vom Frsten und seinem Glanze abhngig sein, um in
der Sonne der Majestt mit zu glnzen. Diese abscheuliche royalistische
Eitelkeit! Zu tief in das feudale Europa hat sie sich eingenistet! Sie sind auf
dem Wege, da der Glanz der Dynastieen zu einer allgemeinen Landes- und
Volkssache erhoben werden soll und in grlicher berspannung ein Staatsleben
geschaffen wird, das eine Snde gegen Gott ist.
    So gereizt war Dankmar seit einiger Zeit, da er selbst bei solcher
Gelegenheit nicht mehr spielen und tndeln konnte. Die Gruppe der Blumen und des
Monarchen war von vornehmen Damen und Herren umstanden und mit Entzcken
betrachtete man den Einfall, auch das Landeswappen aus einigen Krnzen
darzustellen.
    Sie sehen, sagte Frulein von Flottwitz, Sie kommen mit Ihrer destruktiven
Klte hier nicht durch. Ein Ewiges, das in die Herzen der Menschen gepflanzt
wird, widerlegt Sie.
    O, ich kenne dies Ewige und ehr' es, antwortete Dankmar, der sich gereizt
entschlo, noch einen halben Thaler an einen bunten Kalender fr's neue Jahr zu
wagen. Ich will die Bescheidenheit, das Abhngigkeitsgefhl, die Hingebung nicht
ausrotten; aber es soll hinbergelenkt werden in Gebiete, die unsrer wrdig
sind. Da! Dies ist ein reicher Leinenhndler, der dem Hofe das Tischzeug
liefert. Er kauft eine Kokarde bei Grfin Museburg! Er zahlt einen Louisdor.
Guter Hoflieferant! Du widerlegst den Rousseau nicht mit deinem Louisdor! Das da
ist der Meister von Tisch und Stuhl im Reubund; er ist Seifenlieferant der
Prinzen und mu sich gut stehen mit dem Tischzeughndler. Einer verrth des
Andern schlechte Waare nicht. Sie geben sich den brderlichen Handschlag! Kennen
Sie jenen Regierungsrath? Er ist von Adel, hat aber kein Vermgen. Dem ist Alles
gleichgltig, Geschichte, Philosophie, Politik, Alles ist ihm dummes Zeug, nur
am ersten jedes Quartals sein Gehalt vom Kanzleidiener gebracht, das brige
kmmert ihn nichts. Denken Sie, wenn diese Menschen frchten sollten, frchten
zu mssen! Sie kmpfen fr den Heerd, das Leben ihrer Familien! Sehen Sie jetzt
die Sicherheit jener Frauen! Wenn solche Ober- und Vice- und wirkliche Geheime
je etwas entbehren sollten, wenn einst der Mann sagen sollte: Kind, von Neujahr
an mssen wir uns einschrnken! Die Demokratie setzt die Gehalte herab,
besteuert sie, wie jedes Einkommen besteuert wird! Ich sehe da Furien, nicht
Weiber mehr. O mein Frulein, nicht Alle schwrmen, wie Sie! Blicken Sie auf
jenen Professor! Er trgt einen berhmten Namen, ist aber auf die Orden, die
seine Brust schmcken, eitler als auf die Werke, mit denen er die Wissenschaft
bereicherte. Jener Geistliche! O diesen veracht' ich vollends. Die Polizei
schickt ihn in die Volksversammlungen und Clubs, um sich der Debatte zu
bemchtigen. Hren Sie dies Organ, diese Lunge, diese Stentorstimme und diese
Grobheit bei aller scheinbaren Artigkeit, mit der er eben eine Streusandbchse
von Frau von Trompetta erhandelt. Lesen Sie doch ein wenig in den Mienen jener
geschmeichelten Pfahlbrger und Rentiers, die jetzt eintreten, um hier so nahe
bei Excellenzen und Beamten weilen zu drfen. Dort jene Gruppe! Hohe Offiziere,
dicht nebeneinander. Ich wnsche ihnen den Ruhm der besten Schlachtfelder, aber
ich bestreite, da diese alten Herren berechtigt sind, Meinungen ber den Staat
auszusprechen. Sie haben Shne, sie haben Enkel zu versorgen. Der Staat, wie er
jetzt einmal ist, gibt ihnen die Brgschaft leidlicher Erfllung ihrer
Hoffnungen, warum sollten sie das dumme ideale Zeug denn nicht hassen, das jetzt
in den Menschen sich einzunisten droht? Kennen Sie jenen Mann mit dem
Schnurrbart? Er vertritt mir jene jungen Beamten, die Carrire machen wollen und
den auf den Universitten eingesogenen Corpsgeist auf das gemeine Leben
bertragen und grob und malitis fortpflanzen. Ach, mein Frulein! Soll jener
Spekulant da die Zeit nicht hassen, die ihn zwang, seinen Wagen und seine Pferde
abzuschaffen? Und jene Offiziere, die dort Whlhuber's und Robert Blum's
Bildnisse aus Drage kaufen! Ich gnne ihnen allen Humor und alle Gensse der
Jugend; aber welcher bermuth spricht aus ihren schlechten Witzen! Wie rasseln
sie mit ihren Friedenssbeln! Wie ersetzen sie das bescheidene Nachdenken, das
ihnen schn stehen wrde, mit der Prahlerei einer ultra-konservativen Gesinnung!
Es sind Offiziere von der Garde, alle sind sie adlig, ihre Vter und Onkel sind
Offiziere, Beamte, Landrthe ... Mein Frulein, wenn ich mir sagen mu, da die
Zeit noch mit diesen Elementen fertig werden soll, so gerath' ich in
Verzweiflung. Ich sehe hier nur einen Kampf auf Leben und Tod. Ich begreife, wie
es in Frankreich bis zur Guillotine kommen konnte. Sagen Sie mir, welche
Ausshnung soll es noch geben, wenn die Monarchie diese Idolatrie duldet, die
Ministerien sie gestatten, hervorrufen, sich auf ihre Demonstrationen sttzen?
Oder wo wird der Begriff herkommen, der sich einst vom hohen Himmelsthron
herabsenken mte, um hier eine friedliche Ausgleichung zweier Extreme in einem
hheren Dritten mglich zu machen? Es wird keiner kommen oder es ist der Begriff
der Barbarei, die Invasion der orientalischen Horden oder die entfesselte Wuth
der sozialen Gleichmacher. Wir stehen hier unter Blumen, Glaskronen, umrauscht
von einer versteckten sanften Musik, aber ich sage Ihnen, in zwanzig Jahren
wehen hier Trauerfahnen und wir Alle sind weggemht vom Schnitter, dessen Sichel
ich schon in furchtbarster Arbeit sehe, ohne zu wissen, wo sie Alles einst
hinfahren wird und von wannen sie einst kommt!
    Dankmar ergriff, um seine Aufregung zu verdecken, einige der ausgestellten
Gegenstnde ...
    Wilhelmine schwieg. Sie war so erschttert, da sie das Auffallende dieses
langen Verweilens eines jungen Kufers an ihrem Stande nicht merkte und die ber
den ganzen Saal hinbergeschossenen Blicke der im Verkaufe glcklichen Trompetta
nicht verstand ...
    Alle seine heftigen uerungen verband Dankmar dann wieder mit scheinbar
gleichgltigen Fragen und Erwiderungen, die er ber den Tisch hinweg wegen
entfernter oder nherer Spielereien that. Niemand im Saale, auer Friederike
Wilhelmine konnte ahnen, wie bewegt er war ...
    Sie knnen sich so migen, Herr Wildungen! sagte sie. Sie knnen so den Ton
treffen, der immer der gute ist! Wie oft hab' ich Sie beobachtet! Alle Welt
kennt Ihre Gesinnung und sonderbar, Niemanden verletzt sie. Und ich nenne Das an
Ihnen aristokratisch. O, Sie wissen gar nicht, wie aristokratisch Sie sind.
    Dankmar mute lachen ...
    Lachen Sie nicht! Ich wnschte wol, Jeder wte sich zu beherrschen ... Sie
haben Takt - Takt ist eine der schnsten Tugenden des Menschen! Ich wiederhole
ein Wort der edlen Anna von Harder: Takt ist der Verstand des Herzens. Den
Verstand des Verstandes kennen wir, den haben Tausende! Den Verstand des Herzens
haben Wenige; Wenige dies sichre Gefhl, was Andern wohlthun, was sie verletzen
knnte. Der echte, wahre Takt ist keine kalte Welttugend, keine bloe
Formengltte des Benehmens. Der Taktvolle kann im Grunde nur ein guter Mensch
sein und ein bescheidner. Wie hab' ich bei der Frstin Wsmskoi Ihren Takt
bewundert! Sehen Sie! Sie kommt daher ...
    Dankmar zahlte eben den vollen vierten Thaler fr einen Scherz, den er
Armand verehren wollte und wollte nun gehen, da er die Frstin zu vermeiden
wnschte. Doch fesselte noch eine andere Boutike die Frstin ...
    Noch Eins! sagte Frulein von Flottwitz. Beruhigen Sie mich, da Sie sich
nicht in Gefahren begeben. Vermeiden Sie diesen Louis Armand, diesen
Leidenfrost, den verrtherischen Major von Werdeck - ich beschwre Sie - es
ziehen sich Ungewitter ber Ihnen Allen zusammen -
    Wildungen! Lassen Sie von dieser entsetzlichen Verblendung Ihrer
Gesinnungen! Werdeck hat sich nicht vertheidigen knnen. Er behlt den
Hausarrest, seine Papiere sind in Beschlag genommen ...
    Dankmar wollte erwidern. Sie wurden von Offizieren gestrt, die ihre
Freischrler und Whlhubers von Chokolade und Drage durch den Saal wie
Siegstrophen trugen und die Brte dieser wilden Kerle analysirten ... Sie
blieben bei Frulein von Flottwitz stehen.
    Dankmar ging. Mit flchtigem Gru huschte er an der Trompetta, die ihn doch
auch noch ausbeuten, wenigstens nach seinem Proze fragen wollte, vorber.
Wehmuth ergriff ihn ber die Welt, die Zeit, auch ber dies vielbewunderte und
vielverspottete Mdchen. Ob seine Einwnde auf Friederike Wilhelmine von
Flottwitz Eindruck gemacht und ihre Ansichten berichtigt htten, mute er
bezweifeln. Solchem Fanatismus gegenber war keine Verstndigung mglich, selbst
durch die Liebe nicht und wahrhaft schmerzlich ergriff es ihn, da ein Wesen so
reiner, lichtreiner Natur, so liebenswrdig, so aufopferungsfhig, so heroisch
und charaktervoll, ein Wesen, vielleicht ganz geschaffen, auch ihn zu verstehen,
ihn selbst glcklich zu machen, doch durch den Zwiespalt der Zeit ewig von ihm
getrennt und fr ein Andersdenken vllig unempfnglich war ... Ein Weib in
seinen Armen zu halten, das eine von seinem innersten Menschen getrennte
Selbstndigkeit beanspruchte, wre ihm frchterlich gewesen. Dies Mdchen, so
reizend, so poetisch, so weihevoll gestimmt ... es liebte ihn ... er sah es ...
und ihn selbst durchzuckte es, als er einen Augenblick beim Berichtigen seiner
Einkufe leise ihre Finger berhrte. Er konnte sich denken, wie treu, wie
hingegeben, wie seelenvoll Wilhelmine an ihm hngen konnte; er fhlte die Kraft
ihres Willens, ihrer hohen Weiblichkeit in ihn berstrmen durch diese einzige
Berhrung, durch den wehmthigen Abschiedsblick und doch getrennt - doch
furchtbar getrennt! - Es berrieselte ihn kalt, als er solcher Geheimnisse der
Zeit gedachte und es bedurfte mehrer Tage, bis er sich von dem schmerzlichen
Eindruck dieser Begegnung erholen konnte. Ein weibliches Bild, das ihm da dann
immer lchelnd und trstend entgegentrat, blieb Selma. Wie sehnte er sich nach
dieser Gestalt, nach diesem Wiedersehen! Doch nahm ihn der Ernst des Augenblicks
zu sehr in Anspruch ... ber Werdeck's Brief las man in allen Zeitungen das
Emprendste. Und Dankmar wurde sogar von dem halbgefangenen Major ersucht, sich
ihm eine Weile fern zu halten ... In wenig Tagen hofften die Freunde die
Berichtigung dieser gefahrdrohenden Irrungen.

                              Fnfzehntes Capitel



                                     Strme

Frst Egon von Hohenberg ging auf der Bahn, die er sich einmal vorgezeichnet
hatte, unerschrocken weiter. Das sichre und feste Auftreten, das jeden seiner
Schritte bezeichnete, verlieh ihnen eben so vielen Erfolg, wie die allgemeine
Abspannung einer Zeit, die nach manchem Sturm und Wirbelwinde sich auf dem noch
so haltlosen Platze, wo sie sich grade befand, doch erst zurechtfinden und mit
dem nchsten Bedrfnisse wieder vermitteln wollte. Major von Werdeck bezeichnete
Das in seiner Weise einst unter den Freunden, die voll Kummer die ber ihn
verbreiteten falschen und lgnerischen Berichte vernahmen, mit den Worten:
    Es mu doch nun Jeder erst wieder sehen, was inzwischen aus seinem Kraut-
und Rbenacker geworden ist! Die gekndigten Kapitalien mssen doch erst wieder
neu angelegt werden, die Staatspapiere ein wenig hher auf der Skala des
Vertrauens steigen. So rasch geht Das nicht Alles! Wenn man marschirt, macht man
immer nur so lange Tour, bis die Arriregarde, das Bagage- und Trainwesen in
Ordnung ist. So lange ruht man. Dann geht's weiter.
    Und ... setzte er in seinem noch ungestrten Humor damals hinzu. Die vielen
Mdchen, die inzwischen mannbar geworden sind! Fr die mu doch auch erst wieder
ihre Zeit kommen. Es mssen doch erst wieder Hochzeiten gemacht werden. Der
groe Lebenszweck darf doch nicht aussterben. Das geht nicht, da sich Alles
ewig und immer in prekrer Unklarheit so fortwlzt und nicht mehr Blle und
Verlobungen stattfnden. Nein, da sorgen schon die Mtter fr. Die stemmen sich
mit Riesenkraft gegen den rollenden Wagen der Zeit und legen seinen Rdern ihre
Hauspantoffeln als Hemmschuhe unter. Die eigentliche Aufgabe des
Menschengeschlechts, die Familie und ihre Versorgung, darf nicht zu kurz kommen
und die Kaufleute und Krmer und Handwerker wollen doch auch einmal erst ihre
Handlungsbcher wieder revidiren und ihre Kundschaft begren; hernach mag's
weiter gehen!
    Werdeck behielt seinen Gleichmuth trotz drohender Vorboten einer
Katastrophe, die ihn gegen das Frhjahr vernichtend traf. Man hielt ihm mehre
Briefe entgegen, in denen seiner als eines Vertrauten und Eingeweihten fremder
Emissre Erwhnung geschah. Ja von einem Briefe war die Rede, den er selbst an
Flchtlinge geschrieben htte. Zwar bekam der Angeschuldigte namenlose
Zuschriften, die ihm anzeigten, da es sich hier um ein boshaftes Komplott und
eine groartige, weitverzweigte Flschung handelte, aber ein Eklat war doch
grell genug gegeben und Werdeck mute sich einstweilen zur Disposition stellen
lassen. Er schied mit Schmerz von seinen Kriegern, aber auch voll Bitterkeit.
Die Untersuchung wurde parteiisch gefhrt, aber es fanden sich doch Zeichen, da
Werdeck's Verbindung mit irgend einem Geheimwesen nicht aus der Luft gegriffen
war - ein Bund war da - Werdeck war das erste Opfer des Kleeblattsymboles - er
mute seinen Degen geben und, als er ihn spter wieder empfangen sollte, sich
einen Hausarrest gefallen lassen. Im Zorn zerbrach Werdeck diesen Degen und
verschlimmerte dadurch seine Sache. Man nahm seine Papiere in Beschlag; man fand
Aufstze ber Vernderung der Heerverfassung, Tagebcher ber
Dienstverhltnisse, die alle nur dazu beitragen konnten, den Triumph seiner
Gegner zu erhhen. Die ganze Schmach, die ber einen aus dem Bann seiner
Dienstetikette herausgerissenen Krieger von den blichen feudalen und
kriegsrechtlichen Vorurtheilen verhngt werden konnte, lag schwer auf dem
unglcklichen Manne, der nach der Befrchtung seiner Freunde leicht damit enden
konnte, sich eine Kugel vor den Kopf zu brennen. Werdeck konnte sich nicht ganz
vertheidigen. Er war in der That Mitglied eines Bundes, ber den er jede
Auskunft verweigerte ...
    Auch den Freunden drohte Gefahr. Ihre Verbindung mit Egon war fr immer
abgebrochen. Einmal noch hatte Egon, der Allmchtige, an Louis Armand im alten
Tone geschrieben und ihn gebeten, zu einer bestimmten Stunde sich bei ihm
einzufinden, sich mit ihm zu verstndigen. Er hatte ihn gewarnt vor
Verbindungen, die er nicht nher angeben wollte. Er hatte ihn nicht ohne
Herzlichkeit bei der alten Freundschaft beschworen, zu ihm zurckzukehren und
sich durch den Weg, den er als Staatsmann genommen, nicht beirren zu lassen.
Louis Armand hatte ihm herzlich, aber ablehnend geantwortet.
    Du hast, mein Egon, schrieb er ihm, den Traum deiner Jugend ausgelebt! Er
war schn ... und heilig bleib' uns die Erinnerung! Deine Futapfen werd' ich
einst in Frankreich wiederfinden und Thrnen sollen sie benetzen. Ich denke mir,
es ist nur der irdische Stoff, der unsre Seelen auseinander trieb. Unser Ideal
ist vielleicht noch immer dasselbe, nur da ich mit einer Handvoll Arbeiter und
einigen unabhngigen Denkern philosophire, du aber mit einem mchtigen Thron,
einer stattlichen Kirche, einem gersteten Heere - ich glaube wohl, da die
positive Welt ihre eignen Bedingungen hat. Du besitzest einen hohen
Bildnergeist. Du willst schaffen und achtest des Materials nicht viel, wenn es
nur die Spuren deiner Hand annimmt. Die find' ich reichlich in deiner Regierung
und die Art, wie du willst, macht dir alle Ehre, wenn auch Das, was du willst,
mich anweht, wie das kalte grliche Wort: Wir haben uns furchtbar aneinander
getuscht! Ein Frst, der die Laune hatte, Arkadien zu spielen, konnte in
arkadischen Zeiten ewig der Freund des armen Ziegenhirten bleiben, den er in den
Bergen liebgewann. Jetzt aber, wo die Ziegenhirten, barfu und in Lumpen, selber
aus den Bergen hervorkriechen und die Anmaung besitzen, ber die Welt, nicht
blos ber eine Panflte, eine Meinung zu haben, jetzt hlt sich ein solches
Arkadien nicht lange, seine lbume hngen trauernd ihre Zweige und seine Gipfel
sind in Schnee gehllt ...
    Egon hatte auf diese theilweise in Versen geschriebene Epistel immer noch
warm und bittend geantwortet. Louis verstummte. Spter schrieb ihm der Frst
noch einmal, er msse ihn wegen seines Umgangs mit Leidenfrost, Dankmar,
Werdeck, besonders aber wegen seiner Besuche in der Willing'schen Fabrik und
seiner Einwirkungen auf die Arbeiter warnen, er schickte sogar Agenten und
Vertraute zu ihm. Louis erklrte, er wre sich keines Misbrauchs der ihm hier
bewilligten Gastfreundschaft bewut, ja er htte Beziehungen seines Ursprungs
entdeckt, die ihm Heimatsrechte gben. Tags darauf bekam er die Ausweisung aus
der Stadt und der ganzen Monarchie. Es war dies dieselbe Zeit, wo Werdeck schon
vor dem Kriegsgericht stand. Louis war zu stolz, Einspruch zu thun. Er nahm
Abschied von Dankmar, Siegbert, Dystra, der sich den Freunden theilnehmend
erhielt, wollte auch zu Leidenfrost, erfuhr aber, da dieser, der schon seit
seiner Rckkehr vom Ullagrunde seiner Grabesrede wegen unaufhrlich verfolgt und
natrlich auch sogleich von der Excellenz von Harder aus seiner offiziellen
Sphre verbannt war, bereits gefangen se. So blieb ihm nur Zeit, noch die uns
bekannten Zeilen an Franziska Heunisch zu schreiben, Jagellona Werdeck zu
trsten, die heldenmthig jeden Trost ablehnte, von Murray Abschied zu nehmen,
der absichtlich die Wohnung der Louise Eisold behielt, sich unter seinem
englischen Namen als Kupferstecher behauptete und ber das Vorhandensein eines
Paul Zeck unter dem Siegel der Verschwiegenheit an Louis berraschende
Mittheilungen machte, seine geschftlichen Angelegenheiten zu ordnen und eine
Stadt zu verlassen, die er unter so vllig entgegengesetzten, Gemth und Geist
so vllig anders ergreifenden Verhltnissen begrt hatte. Er begab sich
vorlufig nach Belgien mit einer Empfindung, an die sich unsre Zeitgenossen
gewhnen mssen. Es ist dies das pltzliche Entrcktwerden aus einer im vollen
Gange begriffenen Lebensthtigkeit, mitten aus dem angefangenen Worte, mitten
aus dem kaum sich selbst klar gewordenen Gedanken heraus, mitten aus der
liebenden Einwurzelung und Verrankung in theuerste Herzen, in husliches Glck.
    Dankmar und Siegbert waren gefat auf's uerste. Weichen wollten sie nicht.
Sie lebten in ruhiger Pflichterfllung eine Weile hin, wirkend zwar fr den
groen Bundeszweck der Brder und Ritter vom Geiste, wirkend und werbend fr
dessen immer grre und in der That wunderbar wachsende Verbreitung, aber
besonnen, emsig beschftigt mit Kunst, Wissenschaft und der Aufgabe, nun noch
den letzten Versuch zu machen, ob nicht vor dem Obertribunal, vor jenem
geheimnivollen Oberpriester des Rechts, dem uralten Greise von Tempelheide,
jener Anspruch geltend gemacht werden konnte, an den sich Dankmar jetzt schon
krampfhaft klammerte nicht als Anker fr sich, sondern als Steuerruder fr das
Fahrzeug seines Ordens vom vierblttrigen Kleeblatt. Wie war's damit? Wie man
auf die Wiese geht und sieht in den Millionen Kleeblttern gleichsam die eine,
groe, ganze Menschheit, so harmlos, oberflchlich, einig, gleichbedeutend war
den Uneingeweihten der Anblick des Lebens. Dankmar aber und sein Bund sah in den
Millionen Dreiblttern die heimlichen Vierbltter der Verstndigung, diese
verkrperten Heurekas der Liebe, diese idealen Gefundenen, denen hier und dort,
ohne da sie von ihm geworben waren, zu begegnen, ihn oft mit
Bewunderungsschauern vor der Macht einer Idee erfllte. Der Tempelstein im
Westen trat in Verbindung mit dieser Erfahrung. Dankmar hatte den Plan, den
ersten groen Bundes- und Erkennungstag dorthin auszuschreiben. Siegbert, der am
unangefochtensten schien, bezweckte zum Frhjahr eine Reise nach Buchau und
diesem Tempelstein, um mit Dystra gemeinschaftlich die groen dort projektirten
Bauten zu beginnen. Die Wolken mehrten sich freilich. Immer dstrer drohte der
Horizont. Unter dem Symbol des vierblttrigen Kleeblattes erhielt Dankmar eine
ernste Warnung nach der andern. Er sollte sein Heil in der Flucht suchen.
Siegbert's Rath, Egon, dem doch einst so edel erfundenen Egon sich noch einmal
anzuvertrauen, verwarf Dankmar als eine unwrdige Reminiscenz. Der folge seiner
Bahn! Wir gehen die unsrige. Aber ich mte doch an irgend einem sichern
Rckhalt, wie ein Luther auf der Wartburg, die Entwirrung dieses Knotens
abwarten ...
    Siegbert sprach von Angerode. Dystra, der der ngstlichen Berathung
beiwohnte, rieth, zu Mangold, Louise Eisold, zum Tempelstein zu fliehen. Dankmar
aber, wie von einem Offenbarungsgedanken ergriffen, rief:
    Ich gehe grade in die Hhle unsrer Gegner selbst, mitten in die Gefahr! Ich
gehe nach dem Ullagrund! Dort wohnt ein Ehrenmann ... und zu Selma zieht es
mich, wie zu meinem Schutzgeiste. Ackermann war in Amerika! Er lauscht dem Leben
der Natur! Er wird sich dem Gesetz der Freiheit nicht entziehen. Dort kenn' ich
Weg und Steg. Selige Erinnerung! Der Frhling ist da! Ich fliehe in den
Ullagrund -
    Und als die Freunde Bedenklichkeiten uerten, sagte Dankmar:
    Man soll mich fr einen jener Arbeiter halten, die Ackermann um sich
versammelt - eine Jacke her, eine Blouse, ein Wanderstab! Ich will nach
Hohenberg wandern, wie Egon einst wanderte; aber reineren Herzens, treuer der
Sache des Volkes hingegeben, kein sich zum Volk herablassender Aristokrat, nicht
haschend nach dem Scheine, nicht weglgend die eigne innere Leere - dort unter
den Arbeitern, die diesem Undankbaren den Acker bestellen, will ich selbst fr
ihn arbeiten und Selma, ihr Vater werden mir Brge sein, da ich unter dieser
Wahl eines schweren Berufes nicht zusammenbreche ...
    So entwich Dankmar nach dem Ullagrunde, kurz vor jenem wirklich in den
Zeitungen hervortretenden Steckbrief ...
    Und Murray, den so viel Gefahren umgeben hatten, grade Der blieb unter all
den Bedrngnissen, die seine Freunde und Gnner trafen, fast allein unversehrt.
Er hatte, als Louise Eisold mit ihren Geschwistern nach Buchau gezogen war,
deren ganze Wohnung, mit all' ihrem armseligen Hausrath, fr sich behalten und
lebte nur der abwartenden Beobachtung ber die Entwickelung seines Sohns. Dem
Drngen desselben nach den nheren Umstnden seiner Geburt gab er zur Zeit nicht
nach. Er bat ihn selbst um ein gromthiges Aufgeben jeder weiteren Forschung,
der nchste Zweck seiner Rckkehr von Amerika war erreicht. Er hatte sein Kind
lebend und, wie er erwartete, in der Irre gefunden; er hatte genug zu thun,
Krper und Geist bei ihm auf die Bahn zu lenken, die ihm die allein gesunde
schien. Die einzige Strung seiner Ruhe, die den Apostel einer eigenthmlichen,
heitern und menschlich milden Religiositt noch zuweilen traf, war die
fortgesetzte Untersuchung ber die noch immer dunkel bleibenden Vorflle im
Forsthause, die indessen, da Murray sich so ganz in der groen Stadt verlor,
ohne Mistrauen und mit Bequemlichkeit gefhrt wurde. Dystra, der dem
wunderlichen Heiligen seine an allen Curiositten Geschmack findende Theilnahme
erhielt, forderte ihn vielfach auf, zu seiner in Amerika mit Meisterschaft
gebten Kunst zurckzukehren und gab ihm mehr zu thun, als Murray aus Furcht vor
Entdeckung seines wahren Ursprungs und des noch immer nicht beruhigten, noch
immer ihn umschleichenden Mistrauens der Ludmer bernehmen mochte. Murray
arbeitete wie der erste Knstler seines Faches, unterhielt sich im Verkehre bald
mit Louis Armand, bald mit Dystra und nur die Erholung erlaubte er sich, da er
manchmal weite Spaziergnge machte, am liebsten nach der zwei Meilen entfernten
kleinen Festung Bielau, wo er mit Wehmuth den Flu, das Zuchthaus, die von ihm
durchbrochene Mauerwand in der Ferne betrachtete. In die Festung sah er dann
lustig und frhlich zuweilen Soldaten ziehen - die Garnison wurde von den in der
Hauptstadt liegenden Truppen in bestimmten Zwischenrumen ergnzt - sah auch wol
einmal einen verschlossenen, von Gensdarmen geleiteten Wagen ber die Fallbrcke
fahren; verglich fremdes Loos und eignes, verglich den Strom des Flusses und den
der Welt ... und kehrte dann spt Abends heim, nicht ohne bei der Wohnung seines
Sohnes zu horchen und zu sphen, ob er wol schon zur Ruhe wre oder schwrme ...
er hatte beschlossen, ihn noch mindestens ein Jahr ganz allein sich entwickeln
und ihn an seiner ihm tglich bewiesenen Liebe allmlig aufthauen zu lassen.
    Mitten in diese Auflsung einer Menge von bisher so traulich beisammen
bestandenen Beziehungen kam eine Botschaft von Olga Wsmskoi, die neue Sorgen
wecken mute. Als Dystra eines Abends zur Frstin kam, hrte er, da Rudhard
trotz seiner Jahre und zunehmenden Schwche sich eben aufgemacht hatte, um ohne
Abschied in hchster Eile nach Wien zu reisen. Die Frstin vermied Auskunft zu
geben, da Siegbert zugegen war. Sie schtzte eine Veranlassung vor, die Siegbert
nicht kennen konnte. Sie war aber so unruhig, so bewegt, sie wandelte in dem
Garten, den sie nach langem Winterschlafe wieder zum ersten Male begrte, so
unsicher an seiner Seite, da er irgend eine neuerstandene Schwierigkeit
frchtete. Einige Tage darauf las er bei Dystra einen Brief, den ihm der treue
Gnner und im innersten Herzen vielbedrngte Freund nicht vorenthalten zu drfen
glaubte. Olga schrieb an Rudhard:
    O Vater Rudhard, ich ergreife mit Zittern heute die Feder und mchte sie
statt in Tinte, in Blut und Thrnen tauchen. Wie bin ich betrogen worden!
Welchen Schmerz hat mir die Tante bereitet! Ich kann nicht mehr in ihrer Nhe
bleiben, ich hasse nun die treulose Verrtherin. Ach, Himmel und Erde! Helene
ist ja nicht was sie scheint. Gott! Gott! Da Engelzge lgen knnen! Du weit,
wie wir litten, Papa! Du weit, wie wir den Mond und die Sterne beschworen haben
und unserm Schmerze einen ewigen Kultus widmen wollten. Ach, Helene hat ihren
Schwur gebrochen. Es war eine Lge, da sie sich nach den Zellen der Klster
umsah, Lge, wenn wir Kirchen besahen, da sie sich in die Beichtsthle setzte,
bis ein Kirchendiener kam und ihr sagte: die Patres hrten grade keine Beichte
oder ob sie sie rufen sollten? Dann sprang sie unmuthig auf und ich glaubte, sie
wrde die Religion unsrer Vter wechseln. Es ist Tuschung gewesen, Papa! Helene
liebt wieder! Sie liebt! Wie an einem erstarrten Baume, sagte sie mir, als ich
ihr zornig gegenber trat, geschieht an mir das Wunder, da er einen neuen Keim
trieb. Nein, sagt' ich, Tante, dein Herz ist ein Polyp. Er lebt im Sterben und
wchst durch den Tod, er bedarf der grausamen Zerstckelung, um zu wachsen. Aber
was hilft's! Du entsinnst dich jenes Heinrichson. Ich sprach nicht mehr von ihm,
weil seine Huldigungen mir nicht gefielen und ich den Schein vermeiden wollte,
als rhmte ich mich meiner Erfolge. Diesen Heinrichson liebt die Tante! Ich
entdeckte eines Abends, da ich betrogen bin ... Vor diesem Anblick schauderte
mich's. Ich nahm meinen Hut, einen Mantel und floh von dem Landhause, das wir so
schn, so reizend an einem kleinen Wasserfalle unter Oliven- und Kastanienbumen
gemiethet hatten. Ich wute nicht, wohin ich fliehen sollte. Aber Das wute ich,
zurck zu Helenen, die den Schmerz um Egon in den Armen eines Heinrichson zu
ersticken sucht, kehrt' ich nicht wieder. Mein Instinkt trieb mich auf unsre
Gesandtschaft. Ich warf mich der Baronin von S. zu Fen -
    Der Gesandtin in Rom, erklrte Dystra ...
    Und flehte sie an, mich zu beschtzen. Sie nahm diese Bitte gndig auf,
unter der Bedingung, da ich mit einer befreundeten Familie nach Wien reise und
dort von dir, Papa, mich abholen lasse. Ich mute diese Bedingung eingehen, so
entsetzlich mir der Gedanke ist, ein Land wiederzusehen, wo dieser Teufel Otto
von Dystra wohnt. Ich werde kommen, aber ich schwre Euch beim ewigen Gott, eher
durchbohrt mich eine Dolchnadel, die ich auf meinem Herzen trage, eh' ich in
eines Eurer grausamen Verlangen willige. Die Tante ist auer sich. Sie will mich
nicht lassen. Sie fhrt vor. Ein gewisser Herr Rafflard, den ich schon bei Euch
gesehen, ihr zur Seite. Sie wollen die Baronin sprechen, mich - ich hre Alles -
der Kurier geht ab. Ich fliehe! Ich fliehe! Ich mu schlieen. Olga.
    Das sind ja entsetzliche Zustnde! sprach Siegbert, als er den so abgerissen
endenden Brief staunend noch einmal berflog ...
    Ein Land wiedersehen, wo dieser Teufel Dystra wohnt, wiederholte der so
schlimm Angefeindete. Wo denken Sie, da dieser kleine Grobian jetzt schon ist?
    Rafflard in Rom! Sie ist doch in Rom geblieben; sie ist Zeuge dieser ...
    O nein! Die Konsequenzen der Freiheit bringen dies tolle Mdchen zur
skrupulsesten Tugend, sagte Dystra. Kann eine Dame, die in einer
Pensionsanstalt mit lauter Gefhl, Bibelsprchen, Musik, Goldschnittlyrik,
Sonntagsmoral und sogenannter edler Weiblichkeit aufgezogen ist, prder denken
als diese kleine Emanzipirte, die durch die Konsequenz ihrer unmoralischen Ideen
ber Liebe und Weltschmerz strengmoralisch wird? Wenn da nicht eine Eifersucht
wegen Heinrichson's im Spiele istNein, rief Siegbert mit innigster Wrme und
zitternd vor Sehnsucht, Olga wiederzusehen; darin widersprech' ich Ihnen auf das
Feierlichste. Ich glaube in der That, da Olga leidet bei dem Gedanken, diese
Helene d'Azimont, in der sie die ewige Resignation unglcklicher Liebe zu
erblicken glaubte, knnte wieder lieben, knnte einen Heinrichson fr einen Egon
whlen und alle ihre Thrnen Lgen strafen ... es ist wirklich die sittlichste
Entrstung, die Olga von Rom treibt!
    Wenn Das wre, Freund, schie' ich mich mit Ihnen! Ich liebe Olga!
    Dystra sagte diese Worte scherzhaft, aber mit heimlichen Spuren des Ernstes
...
    Siegbert entdeckte diese Spuren wohl und ging trotz aller Zureden des Barons
mit wehmthigem Nachdenken von ihm. Ihm war Olga ein Ideal geworden, der
Sammelpunkt aller seiner zerrissenen Gefhle. Wie es den Bruder zu Selma trieb,
sich ein Asyl zu suchen, da am Herzen eines edlen Mdchens auszuruhen von seinem
unermdeten Streben, da in's Auge seiner Geliebten blickend die Wunden zu
heilen, die das Misgeschick ihm schlug, eben so drngte es Siegberten nach der
Gegend hin, wo Olga weilte. Wie gern wr' er in Rom gewesen! Um wieviel lieber
htt' er am Strande des Meeres mit ihr Muscheln gesucht und die Brandungen der
Wogen gezhlt, als hier in das Fa der Danaiden Hoffnungen und Wnsche zu fllen
und sich am tiefsten Weh des Lebens zu verzehren ... Dystra rief ihm zwar noch
nach:
    Siegbert, Siegbert! Bleiben Sie doch! Sie soll zwischen uns whlen!
    Allein grade das Beispiel Helenen's zeigte ihm, welcher Metamorphosen,
welcher Gewhnungen die Herzen fhig sind. Er mied Dystra voll Trauer, voll
sichrer Erwartung Dessen, was ihm schien nun kommen zu mssen. Der unermelich
Reiche, der durch seinen Geist seine uere Unfrmlichkeit bei lngerer
Bekanntschaft ganz vergessen lie, suchte ihn zwar auf. Er beschwor ihn, kein
Mistrauen zu hegen. Er bot ihm scherzend sogar an, ihm zu Liebe, um recht
abschreckend zu erscheinen, eine lockige blonde Perrcke zu tragen und in dieser
Olga zu begren, wenn sie ankme und nicht der Jesuit Rafflard, die verletzte
Eitelkeit Helenen's und hundert dunkle Rthsel sie zurckhielten ... Siegbert
nahm diese komischen Anerbietungen fr Erleichterungen und bergnge zu Dem, was
nicht zu ndern wre und versicherte Dystra, da er seine Trume schon wrde
beherrschen lernen.
    In diesen edlen Wettstreit kam ein Brief von Dankmar aus dem Ullagrunde.
    Sie fanden ihn, als Siegbert Dystra eines Tages in seine Wohnung
zurckbegleitete. Er war der Vorsicht wegen an Otto von Dystra adressirt und
lautete:
    **** Diese vier Punkte sollen Blumen sein! Keine Kugeln, Bruder! Nicht
Kugeln in's Herz, nicht Kugeln an den Fu, wie sie die Zchtlinge tragen! Nicht
Tod, nicht Gefngni, nein Freiheit und Liebe! Siegbert, der Baron und wer sonst
noch diesen Brief liest und wr' es ein Agent am geheimen Dechiffrir-Bureau, wo
man im Angesichte Europas und der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts
falsche Briefe schmiedet, die Ehrenmnner in die Gefngnisse fhren ... lest und
hrt es Alle, ich halte mich fr geborgen und glcklich! Du weit es, Bruder, wo
ich bin: du weit, was mich glcklich macht. Ich nenne keinen Namen, bezeichne
die Gegend nicht: nimm die Landkarte und schreibe Arkadien ber den Platz, wo
ich ackre und die Khe hte! Das goldne Zeitalter kehrt wieder, Bruder. Ich bin
ein Hirt und sitz' im Haberrohr und weide Schafe. Ich schrieb dir einst von
hier: Lies den Ariost, um dich auf meine Abenteuer vorzubereiten. Jetzt schreib'
ich: Lies den Virgil, den Theokrit, Bruder! Nicht Gener! Nein, Bruder, in
rothseidenen Bndern tanz' ich nicht und meine Phyllis ist durchaus nicht des
Reifrocks wrdig und schreitet nicht in bemalten Stelzenschuhen - wir sind ein
echtes, wirkliches bukolisches Paar und alle Hecken an dem kleinen Bach, der
sich durch unsern Grund zieht, wissen von uns zu plaudern, wissen von uns zu
flstern. Ich liebe, Bruder und ich darf lieben! Man nahm mich fr etwas Andres,
als ich bin. Man nahm mich fr Den, der uns ein groer Feind geworden ist und
sich selbst ein noch grerer - man liebte und hate mich - eine Locke meines
Haares blieb der mystische Schlssel der Vershnung, des Glaubens, der Hoffnung
auf mich und mein nicht zu tief verlornes Herz! Da kam ich und bin Der, der ich
nicht bin, ein Andrer und doch ich selbst - Was schwatz' ich - was plaudr' ich
dir in Rthseln! Lse sie dir nur ganz einfach mit der Gewiheit: dein Bruder
hat Ursache, an der Welt noch nicht zu verzweifeln. Eines Mdchens treueste
Liebe umfngt ihn. Er ward zum Kinde an ihrem Herzen. Verstand, Zweifel, kalte
Berechnung, Alles ist aus der Deichsel gegangen und grast nun unter Blumen,
Kraut, Rben, Raps, Sommer- und Wintersaat und neckt sich nur noch mit den
Bienen. Wenn ich sonst ausspannte, Bruder, d.h. die Waffen, mit denen man die
bse Welt bekmpft und ihren Angriffen Widerstand leistet, so kam ich mir
wunderlich vor. Ich sagte dann: Dankmar, das Kindische steht dir nicht! Jetzt
steht es mir prchtig, wenigstens nach meinem eignen Geschmack; ich lache nicht
mehr ber mich, ich habe keine spttischen Falten mehr um den Mund, ich glaube,
ich liebe in Liebe liebend. Und nicht nur fr Augenblicke hab' ich zu danken;
nein fr ein ganzes Leben, das mir neu geschenkt wird. Die Liebe, die ich sonst
empfand, Alter, war so ein blitzendes Streiflicht, das einen Wonnemoment
bergoldete. Jetzt ist aber mein ganzes Dasein in Verklrung getaucht: ich kann
diese Liebe unterbringen bei meiner Vergangenheit und Zukunft. Ich kann sie mir
denken, wie sie mir in Glck und Freude, wie sie in Noth und Elend mir folgt.
Ich kann mir denken: dies Mdchen ist jung und lieblich; aber sie wird dir auch
werth sein, wenn es ein altes Mtterchen geworden ist und du selbst graue Haare
trgst! Das springt um mich, Das athmet Lust und Leben, Das ist gut und
gefllig, heiter und dienstbeflissen, Das schmollt ein Viertelstndchen, zankt
ein Weilchen, fhrt auf und will Recht haben und kt dann doch wieder alle
Launen weg und gesteht dir offen, es knne nur sein und fhlen durch Unsereins,
auch wenn wir Unrecht htten. Da widerstehe nur und wirf nicht deine ganze
Lebensphilosophie wie alten Plunder ber den Heckenzaun! Und denke nur nicht,
Bruder, da ich darum im Idyllischen wie marklose Poeten zu Grunde gehe! Ich
behalte mein Auge klar und den Verstand offen. Das ist eben das Wesen einer
gesunden und reinen Liebe, da sie uns nichts von unserm Besten nimmt, sondern
da sie Alles zum Schren ihres eignen Brandes brauchen kann. Mein Mdchen fhlt
das Alles mit klopfendem Herzen mit, was mich bewegt und so wachsen wir Beide
zum Hren und Sehen, und lehnen und trsten uns recht aneinander. Unsern Bund,
den des Herzens und den andern, den des Geistes, hab' ich dem Vater natrlich
verrathen. Der Hohe, Edle nahm beide ernst und sinnend auf. Dem ersten gab er
selbst den Segen, fr diesen zweiten erfleht er ihn. Ich glaube mich nicht zu
irren, wenn ich annehme, da wir nun schon weit ber einige hundert Bekenner
haben, die ein gemeinsames unsichtbares Band verbindet, ein Gedanke, eine
Fhrung, die Niemand kennt, die auch nirgends da ist, als in dem Bewutsein, dem
Glauben einer Fhrung. Der Geist ist es, der fortwirkt und eine Stunde wird
kommen, wo seine Werke, die jetzt noch in der Stille sich vorbereiten, an das
Tageslicht treten. Noch in diesem Jahre, jedenfalls im nchsten, hoff ich auf
den ersten groen Bundestag, wo wir uns durch Abgeordnete begren und eine Form
fr das bewute Fortschreiten unsrer Entwickelung aufzustellen hoffen. Knnt'
ich dann dieser Schpfung gegenber treten und mit dir sagen: Hier schtt' ich
aus dem Fllhorn Fortunens auch jene irdischen Gter, die uns den Kitt fr den
geistigen Bau geben sollen! Knnt' ich dann sagen: Hier ist eine krftige Hand,
die ber die Lnder und Vlker hin das Flammenschwert des Erzengels Michael
zcken und den ewigen Sndenfall aus dem Paradiese jagen will! Ich verzweifle
nicht; so wie ich mich rhren kann, beginnt die letzte Entscheidung. Der Vater
meines Mdchens behauptet, zum Prsidenten des Obertribunals, zu unserm greisen
Rhadamanthus von Tempelheide, in einem eigenthmlichen Verhltnisse zu stehen,
das uns ntzen soll. Mit seinen Raben und Adlern kommt mir dieser letzte Richter
vor wie der greise Johannes auf Pathmos, neben dem der Adler horstet, wenn er
ber Meere hinweg die Gesichte der Offenbarung schaut. Viel Persnliches, was
ich sonst auf dem Herzen habe, mu ich lassen, bis ich wei, ob der Weg, den ich
whle, um mich dir verstndlich zu machen, sicher ist. Tausend Gre von und an!
Von Denen, die du dir denken kannst, auch Oleandern, der zum Dichter auch ein
Denker geworden ist, und an Die, die unsre Gre verdienen!
    Whrend Siegbert mit bebender Freude diese Zeilen fr sich gelesen hatte und
sich einen Augenblick besann, ob er wol wagen knnte, sie Dystra zu zeigen und
ihn in das Geheimni eines Bundes der Ritter vom Geiste zu ziehen, warf dieser
eine neueste Zeitung, die er eben gelesen, auf den Tisch und rief:
    Gott! Gott! Der unglckliche Mann!
    Ich beschwre Sie, sagte Siegbert erschreckend, jetzt keine Hiobspost! Was
ist?
    Dystra ging im Zimmer auf und ab. Siegbert ergriff die Zeitung ...
    Eine Meuterei in Bielau! Eine Militrrevolte!
    In Bielau?
    Siegbert durchflog die Zeitungen.
    Die Darstellung mag noch hinter der Wahrheit zurckbleiben, ergnzte Dystra.
Der Geist dieser Mannschaften soll wild, ganz unzuverlssig sein, wie mich
Voland noch krzlich versicherte. Man lt diese kleine Festung der Reihe nach
von der hiesigen Garnison besetzen und die dritte Compagnie des Leibregimentes -
    Es ist dieselbe, die zu Werdeck's Bataillon gehrt ...
    Kaum dort angekommen ... und der Major ...
    Siegbert hatte sich von dem Vorgefallenen unterrichtet. Er war so
erschttert, da er sich auf einen Sessel niederlassen und zu Worten erst
sammeln mute ...
    Das Vorgefallene bestand in einem Vorgang, der dem seit einigen Tagen
wirklich kassirten und wegen Antheilnahme an einer Verschwrung fr mehre
Jahre auf die Festung Bielau geschickten Major von Werdeck eine Flucht hatte
erleichtern sollen. Die Nhe dieser Festung begnstigte das Einvernehmen der
Soldaten, die in Werdeck's Verhaftung nur einen, ihren eignen Interessen
gefhrten Schlag sahen. Bei dem ersten Spaziergange, den Werdeck, um sich zu
erholen, auf dem Walle der Festung machte, war eine Wache, aus zwlf Soldaten
bestehend, zufllig von seinen eignen frheren Leuten besetzt gewesen. Bielau's
brige stehende Besatzung war nur ein Invalidenkorps. Die Ergnzungen desselben
kamen der Reihe herum an die in der Residenz befindlichen Truppenkrper. Viele
hatten, des demnchst abzufhrenden Gefangenen von Werdeck wegen, widerrathen,
sein eignes Bataillon nach Bielau zu schicken; doch da die Reihe einmal an
diesen Truppentheil kam, wollte man am wenigsten einen ffentlichen Beweis von
Unzuverlssigkeit der so hochgepriesenen Armee geben. Ein Komplott zur Befreiung
des wegen Mitgliedschaft eines Geheimbundes, Korrespondenz mit auswrtigen
Revolutionren und Zerbrechens seines Degens kassirten und zu sieben Jahren
Festung verurtheilten Majors machte sich wie von selbst. Das Loos traf eine
Wache, die dem Spaziergnger das Thor freilassen, alle Ausgnge ffnen konnte.
Ein Sergeant war mit der Ausfhrung beauftragt. Werdeck kommt, tumultuarisches
Geschrei begrt ihn, man gibt ihm die Gelegenheit zur Flucht. Aber Werdeck
weigert sich. Der Major ermahnt seine alten Krieger selbst, ihrer Pflicht treu
zu bleiben. Aber schon hatte der Kapitn von Aldenhoven von dem Vorfall an dem
sogenannten Sternwall Kunde. Die Sternwall-Wache wird vom Invalidenkorps
abgelst, einige der verzweifelnden Soldaten versuchten Gegenwehr, andre die
Flucht ... Der Sergeant wird verhaftet ... Werdeck in einen engeren Gewahrsam
gefhrt ... So viel lie sich den Zeitungen entnehmen.
    Es entspann sich zwischen Siegbert und Dystra ein Gesprch ber die
mglichen Folgen dieses Vorfalles, ber die Ursachen des Unglcks, das den Major
betroffen, ber den Geist der Pflicht und die Gefahren der freien
Selbstbestimmung. Der schnell gewonnene Freund und Gnner zeigte sich so voll
Antheil, blickte so frei ber die Widersprche des Lebens hinweg, hatte so von
jeder Meinung und berzeugung, die in ihm lebte, die schroffen Kanten und Ecken
des Vorurtheils und des Egoismus abgeschliffen, da ihn Siegbert den Brief
seines Bruders lesen lie und in das Geheimni des Bundes vom vierblttrigen
Kleeblatt einweihte.
    Dystra erstaunte. Er gedachte seines eignen Tempelsteins und wie er an
dessen Ruinen das dreiblttrige Kleeblatt am Kreuze oft genug beobachtet htte.
Er war erfllt von der Bedeutsamkeit dieser Mittheilung und uerte, ehe er
zustimmte, fast erschrocken:
    Ein Vierblatt ist selten, mein Freund!
    Selten ist alles Neue und Groe! antwortete Siegbert, von dem Wirken seines
Bruders ergriffen, erschttert von Werdeck's Schicksal, das ihm Thrnen abgewann
...
    Ernst und in Gedanken verloren prfte Otto von Dystra die empfangene
Mittheilung. Schon zitterte Siegbert, da er hier eine bereilung zu bereuen
htte, schon wollte er Dystra beschwren, ihm, wenn nicht bereinstimmung, doch
Verschwiegenheit zu geloben, als der Baron das Wort ergriff:
    Ich bin, sagte er, durch Sie und Ihre Freunde etwas stark aus meinem
bisherigen geistigen Schlummer geweckt worden. Ich interessirte mich bisher fr
Alles und deshalb im Grunde fr Nichts. Ich schlug heute das wirkliche Buch der
Natur, morgen Kupferwerke auf, die mir Das ergnzten, was ich noch nicht kannte.
Ich glaube, ich bin in der Lage mit vielen, vielen Tausenden, die sich von der
Zeit und der Wirklichkeit, so gut es geht, fernzuhalten suchen und sich mit
ihren Abbildern begngen lassen. Uns interessirt erst dann Alles, wenn es
historisch geworden ist. Wir sind gerecht sogar gegen Das, was uns widerstrebend
ist und dennoch wren wir selbst fr Das, was uns zusagt, nicht im Stande
einzustehen, so lange es im Entstehen, im Werden begriffen. Ein Haus soll uns,
wenn wir mit ihm in Berhrung kommen, gleich fertig sein. Staub, Schutt, Mrtel,
der Lrm des Schaffens, des Niederreiens und Aufbauens ist uns widerwrtig und
wir genieen Jedes, nur in Ruhe, nur in Behaglichkeit, auf einem Sopha, unter
Teppichen, unter Polstern. Das ist die Stellung der sogenannten Bildung zu den
Fragen der Gegenwart! Aber wohlan! Es soll nicht so sein. Es kommt die Reihe nun
auch an uns! Wir sollen mit angreifen, auch wir sollen Partei halten und uns
schmen, immer nur zu reflectiren und unsern einsiedlerischen geistigen Genssen
zu frhnen. Wenn ich erst erschrak ber Das, was Ihr Bruder da angelegt hat und
was ich nun schon so im Keimen und Wachsen sehe, so fhl' ich wol die Bedeutung
seines Gedankens. Ich finde Europa zerrttet. Ich sehe einen Welttheil, der
nicht leben, nicht sterben kann. Irgendwie mu ihm geholfen werden, dem
Verlebten zur Bahre, dem Neuen zur bequemeren Wiege. Ich will es mir noch einen
Tag berlegen, Wildungen, was ich von Ihrem Bunde des Geistes denken soll.
Weigr' ich meinen Beitritt, so stirbt das Geheimni mit mir. Tret' ich aber bei,
so gehr' ich ihm mit ganzer Seele und sollt' es auch sein, wie Byron einst
seine letzten Flammen aus einem zwecklosen Leben zusammenraffte und sich
luternd im Brande Griechenlands zu Grunde ging.
    Siegbert dankte fr diese offne, unter Dystra's Verhltnissen bedeutsame
Erklrung ...
    Beide erhoben sich. Der Baron, um sich nach dem Schicksal des gefangenen
armen Leidenfrost zu erkundigen, in dem er so frhe schon eine knstlerische
Entwickelung geahnt hatte und den er mit innigstem Bedauern in einem allgemeinen
Scheitern seiner Fhigkeiten und Lebensentwrfe antreffen mute. Das Leben
dieses so vielseitigen Genies lag vor ihm aufgeschlagen wie das Werk eines
Dichters, der vom Himmel die prometheische Flamme nur entwandt hat, um sich in
ihr selbst zu verzehren. Er kannte den wirren vielverschlungenen Lebenslauf des
Max Brning, mit dem er die Verwandtschaft einer groen Seele und einer
gewhnlichen, ja abstoenden Hlle derselben gemein hatte. Er kannte das Band
der Wehmuth, das dies Soldatenkind an Werdeck knpfte ...
    Siegbert aber eilte zu Jagellona von Werdeck, einer Frau, die ber zwei
Mnner, die sie zu gleicher Zeit, wenn auch mit tiefstverschiedenen Organen der
Seele, liebte, das dunkelste Loos geworfen sah.

                              Sechszehntes Capitel



                                Ein Nachtgemlde

 Es warf auf offner Gasse eine Lwin
 Und Gruft' erlsten ghnend ihre Todten.
 Wildglh'nde Krieger fochten auf den Wolken
 In Reih'n, Geschwadern und nach Kriegsgebrauch,
 Wovon es Blut gesprht auf's Kapitol.
 Das Schlachtgetse klirrte in der Luft;
 Es wiehern Rosse, Mnner rcheln sterbend
 Und Geister wimmerten die Straen durch.
                                                                   Julius Csar.

Da wir den Vorhang knnten fallen lassen ber ein dunkles Grauenbild!
    Aber die Zeit ist eisern. Unheildeutende Raubvgel sieht der Augur zur
Linken fliegen. Er sieht die unglcklichen Zeichen. Er sieht in nchtlicher
Stille rothe Flammen am Himmel. Darf er verschweigen, was er sah?
    Ein stiller Junimorgen. Tiefe Ruhe, morgenrothe Dmmerung auf den Fluren. In
der kleinen Veste Bielau ein schauerliches Schweigen. Die Sonne naht. Es knden
die purpurnen Wolkenboten erst ihr Kommen an. Es singt ihr auf dem Lindenbaum am
Wall entgegen die wachende Nachtigall.
    Die Sngerin ist's der Liebe und der Sehnsucht! Es ist der blhende, der
duftende Lindenbaum -
    Aber auf dem Glacis graben zwei Mnner stumm und traurig eine Grube - Sie
tragen die bunten Rcke des Kriegers ...
    Die Erde blinkt und funkelt unter dem Spaten von Glaskrnchen, von
Metallstckchen, von Schnecken, von Kieselsteinen - was ist da zu weilen! Einen
Hgel nur von Erde soll es geben und neben ihm eine Grube, so tief, wie die
beiden Krieger in ihr stehen ... Sie ist fertig. Die Spaten liegen auf der
frischen Erde ... Die Krieger gehen traurig.
    Die Sonne nhert sich. Es ist, als rauschte sie empor mit Donnerton. Und
doch ist Alles still, nur die Nachtigall singt, der Lindenbaum suselt und nur
die Welle des Flusses, an dem die kleine Veste sich erhebt, kann man pltschern
hren.
    Da Mnnertritt ... In gleicher Ordnung ... aus einem verdeckten Gange, der
zu den Kasematten fhrt, zwanzig, dreiig Mann ... wozu sie zhlen!
    Sie umstehen die Grube. Nur dem aufgeworfenen Hgel bleibt der Rcken frei
...
    Ein metallner Klang - ein Klingeln fast - die Ladstcke fahren in die
Musketen - Acht Krieger haben geladen.
    Die Nachtigall singt Liebe und Sehnsucht ...
    O snge sie Muth dem Armen in leinenem Kittel, der aus dem verdeckten Gange
tritt! Ein Jngling, gebrunten Antlitzes, sprlich der Bart, blond das Haar,
das Auge voll Wehmuth, aufgeschlagen gen Himmel, zum ersten Lichtstrahl der
Sonne, der ihm grade ber den Scheitel fhrt wie ein Glorienschein! Umschlungen
hlt ihn eine lange Gestalt im Priesterkleide, ein ernstes liebevolles Haupt,
niedergebeugt zu dem schwankenden Wandrer, der sich in den Reihen der Krieger
umsieht und sie voll Trauer und Ergebung begrt ...
    Der Jngling schreitet den Todesgang -
    Ein Bauer, in greisem langem Haar, liegt in den Armen eines rstigen Jgers
mit rothem Barte, der ihn fhrt. Wie kann er sich halten, wie noch leben - es
ist ja sein Sohn, sein Stolz, seine Ehre, die ihm geraubt wird - seine Knie
wanken. Er stammelt Gebete, die er selbst nicht hrt -
    Mein Sohn! Mein Sohn!
    Der junge ernste Priester trstet. Er redet laut. Seine Stimme klingt wie
Orgelklang, wie Cherubstrstung ... Der Jngling, der zum Tode geht, er klammert
sich fest an seine willensstarke Hand ...
    Vater und Sohn umarmen sich zum letzten Male. Die Sonne verklrt den
Abschied. Alles weint und auch die Nachtigall schweigt nun. Sie lt die
Menschen still ihre Fragen an das Jenseits richten: Mu Das sein? Soll Das sein?
Was lohnt uns dafr? Was finden wir dort?
    Der Sohn spricht die letzten Worte zum Vater. Der Alte hrt sie nicht mehr.
Er sank schon zusammen und liegt in den Armen des guten treuen Jgers, dem die
Thrnen den rothen Bart befeuchten, und der keine Hand frei hat, sich ihn zu
trocknen. Er mu sie rinnen lassen ...
    Der junge Geistliche vernimmt des Sohnes letzte Wnsche, hrt seine letzten
Gre - ein Vermchtni seines ganzen Erbes an ein Mdchen, das er liebt, ein
Vermchtni aller seiner fahrenden Habe an eine arme Tischlerfamilie in der
Stadt, das Andenken eines einfachen Instruments, einer Flte, an einen in der
Ferne jetzt weilenden Fremdling, Namens Louis Armand ...
    Der junge Geistliche kennt die so leidvoll Bedachten Alle und segnet den
milden Geber, zu dem ein Kamerad tritt, ihm die Augen zu verbinden ...
    Noch ein Blick! Der letzte! Dort an jenem Fenster hoch ber den Kasematten
steht ein Mann mit wehmthigem Auge. Hinter Eisenstben winkt er mit seinem
Tuche. Ach, es ist kein Tuch der Gnade! Er selbst ist ja gefangen ... Der
Jngling wei es wohl. Die Liebe zu ihm gibt ihm ja den Tod.
    Er kniet nieder. Acht Schsse strecken ihn zu Boden. Er hat ausgelebt. Den
ohnmchtigen Vater fhrt der Waidmann hinweg, der kaum sich selber hlt. Solch
Wild sah er nie! Der Geistliche bleibt ... bleibt auch bei der Leiche, sorgt fr
ihre Ehre, ihre Bestattung ...
    Und der Gefangene, der oben mit dem Tuche Abschied winkte, mu er nicht
ausrufen:
    Gott im Himmel! Erfindet Das eine grausame Phantasie, nur um mich zu
martern, oder ist Das Wirklichkeit? Ist's ein Traum oder ist's Leben und heit
jetzt so die Ordnung dieser rasenden Welt? Wer ist der Dmon, der uns diese
Grauenbilder schuf? Welchem erbarmungslosen Moloch bringen wir diese furchtbaren
Opfer eines kalten rcksichtslosen Ideengesetzes? Nur wegen der Worte: Meuterei
im Heere! Bestand der eisernen Ordnung! Ein Beispiel! Ein Beispiel! Wie ein
Denkmal hingestellt die grause Warnung! Was ist Euch, die Ihr so sprachet, so zu
Gericht saet, so die Kugeln zur Abstimmung zhltet, die Feder ergriffet zur
Unterschrift, was ist Euch eine Person? Eine Null! Ein Nichts, gekleidet bei
diesem Fall in eine bunte Jacke, die Hunderttausend tragen! Sind wir nicht mehr
Menschen, nicht eingebrgert auf der Erde zur Erfllung irgend eines hohen
Zweckes, den wir doch ahnen? Und welche Sitten, welche Institutionen, welche
Einrichtungen treiben uns hinweg von der friedlichen Vorbereitung auf diese
unsre stillgeahnte Bestimmung! In mein Ohr tnt es wie eine Disharmonie von
tausend durcheinander fahrenden Instrumenten! Mute Das sein, du gutes, treues,
bescheidnes Herz, das da unten fr mich, zum Jammer fr Menschen, deren Existenz
auf dem groen Markt kalt ignorirt wird, verblutete! Was lst diese Dissonanzen
in einen reinen Akkord? Was giet wieder Wohllaut in diese friedlichen Herzen,
l ber diese strmischen Fluten? Worin begegnen wir uns zu unsrer wahren,
sittlichen Menschenaufgabe? Da liegen Bcher vor mir. Ich denke nicht mehr an
die Lge eines falschen Briefes, die mich hierher gebracht hat, an die Richter,
die sie nicht glaubten, die mich aber doch verurtheilten, weil ich verurtheilt
sein sollte. Ich schlage diese Bcher auf, die die Geschichte erzhlen. Wo ich
hinblicke, Dissonanz! Menschen, die man liebt, niedergeschmettert von jenem
Blitzstrahl des Himmels, den frevelnde Menschenhnde wie einst Prometheus meist
nur gestohlen haben, um das Schicksal nachzuffen. Nero, Alba, Philipp, Das ist
bekannt, Das ist von Allen verflucht - nein aber auch die glcklichsten Zeiten
wimmeln von Schmerzen und grausamen Irrthmern. Soll Das ewig bleiben? Ewig?
Nichts uns gewi, als der ungewisse Blick empor und das dunkle, rthselvolle,
ewig stille Grab?
    So klagt der Gefangene ... Sein Auge kann das grliche Bild nicht mehr
bannen. So lieblich die Sonne scheint, so blau der Himmel, so trostreich ihm
anfangs der Blick ber Wall, Flu und Stdtchen war, er konnte nicht mehr an's
Fenster treten. So blieb er den Tag ber ... Gegen Abend erinnert ihn der
tglich wechselnde Gefngniwrter, heute ein steinalter Invalide, an seinen
vergessenen Spaziergang. Der Major lehnt ihn ab. Der Wrter soll gehen ... Es
ist Abend geworden ... Der Alte im weien Barte, die Brust mit Ehrenbndern
geschmckt ... bleibt stehen ...
    Es wnscht Sie Jemand zu sprechen, Herr Major -
    Und schon war ein Offizier eingetreten in Mantel, in Uniform, mit Federhut -
    Der Major wendet sich. Der Greis zieht sich zurck. Der Besucher schlgt den
Mantel auf ... Ein kurzer prfender Blick des Auges ... eine Umarmung ...
hervorstrzende Thrnen ...
    Jagellona!
    Werdeck!
    Der Invalide hatte sich entfernt. Die Thr war ins Schlo gefahren ...
    Der abgelegte Hut, der weggeworfene Mantel enthllt eine zierliche Gestalt,
der unter der schtzenden Verkleidung die Brust vor wildmchtigster Erregung
klopft. Die Mienen des entschlossenen Antlitzes todtenbleich. Die Augen zitternd
vor glhendem Eifer. Jede Muskel des Halses, jede Sehne der Hand heldisch
gespannt und doch zittert der ganze Krper vor Fieberangst. Das kurzgeschnittne
schwarze Haar steht dem edlen Haupte jugendlich schn. Diese Frau, nicht mehr in
erster Jugend, hat sich die Jugend des Charakters erhalten und wenn sie auch
zittert, so hat sie recht zu sagen:
    Werdeck, es sind die Nerven, die zittern; mein Herz zittert nicht. Du mut
fliehen. Weit du, da der Sergeant, der dich retten wollte, zum Beispiel fr
den gefhrdeten Geist der ganzen Armee erschossen werden soll?
    Werdeck zeigte zum Fenster ... Die Blutspuren im Sande auf dem Glacis wren
noch sichtbar gewesen. Aber es war inzwischen Nacht geworden ... Wieder sang
schon die Sngerin im Lindenbaum ...
    Der Major besa die Ruhe und Ergebung, die sich in Gefngnissen so von
selbst findet. Die Angehrigen ahnen kaum diese schmerzlichste Umwandlung des
Gemths. Aber jetzt die Flucht ablehnen, dem heldenmthigen, geliebten Weibe,
ihr, ihr - diesen khnen Eingriff in sein Schicksal abschlagen?
    Es ist ein Bund des Geistes, sagte er, den man mir als Verschwrung
auslegte! Ich werde jene Ehre, die unter meinen Standesgenossen gilt, nicht
wieder gewinnen, wol aber einst die Freiheit ... die mich rechtfertigen wird.
La mich bleiben, dulden ... Und auch, wie knnten wir fliehen?
    Die muthige Frau spricht nicht von der Mglichkeit, sondern von der
Nothwendigkeit. Sie weint, sie klagt. Ihn auch schon erschlafft, ergeben,
demthig zu finden, ihn, den sie in den vollen Flammen des Zorns und der
Begeisterung der Unschuld, in der lodernden Gluth der Rache zu finden gehofft
hatte! Ist Das denn wahr, was man von den Gefngnissen erzhlt!
    Da ermannt sich Werdeck ... Er verlt die Zelle, den Corridor, den Wall,
die Veste, stolz, emporgerichteten Ganges, den Mantel seines Weibes
umgeschlagen; sie, als Offizier gekleidet, neben ihm. Er unkenntlich im Mantel
... Sie sind beschtzt. Es folgt ihnen Jemand ... Es ist der Invalide ...
    Er folgt nicht bis zum Thor ... er folgt weiter ... weiter als die Parole
gefragt wird ... die Parole, die alle drei kennen ...
    Der Strom rauscht. Es ist derselbe, auf dem einst Murray entflohen ... Ein
Kahn steht am Ufer ... Rasch gleitet er die Strmung hinunter ... Der Alte
rudert ...
    Wer ist dieser Retter, Jagellona? Wer fhrt uns da?
    Die Heldin schmiegt sich an die Brust des Gatten und sagt nur:
    Dieser Alte hat mich schon einmal vom Tode gerettet ...
    Werdeck sann hin und her. Vom Tode schon Einmal? Wer ist der Alte?
    Eine halbe Stunde vorber ... Die Flchtlinge steigen an einer einsamen
Fischerhtte aus ... betreten die menschenleere aber erleuchtete Htte und
finden Kleider, die fr sie bestimmt sind.
    Wer ist der Greis? fragt Werdeck wiederholt, als er sein muthvolles Weib nun
in Frauentracht in die Arme schliet.
    Wir brauchen einen Zeugen fr unsre Erzhlung, sagte sie. Komm nur!
    Damit folgen sie dem Alten, der eine Blouse bergeworfen hat, folgen ber
ein sandiges Ufer, dann einen Wiesenrain, zuletzt stehen sie auf der Landstrae.
Ein Wagen mit zwei Pferden, dessen Zgel Jemand, unkenntlich in der Nacht,
wartend in der Hand hlt ...
    Der Major tritt nher ... forscht ... Es ist Leidenfrost?
    Aber rasch! Rasch!
    Der Invalide spricht's, ergreift die Peitsche, springt mit noch jugendlicher
Kraft auf den obern Sitz und whrend Leidenfrost, Werdeck und Jagellona, die
drei im Geist Verbundenen, rasch in den Wagen steigen, spricht die muthige Frau
endlich mit erleichtertem Herzen, weinend in ihrer Freude, erlst von den
bangendsten Gefhlen:
    Wir sind in Sicherheit. Die Schlge des Geschickes, das so gespenstisch mit
uns redete, machen endlich eine Pause. Die zerrissenen Bruchstcke dieser Tage,
wo der Eine hier, der Andre dort die grausame Hand eines uns wahrlich zuweilen
wahnwitzig erscheinenden Verhngnisses fhlte, bilden doch ein Ganzes, ein
Groes, die Einheit eines Zieles, an das wir nun wol werden Alles geben mssen.
Freiheit hre! Die Liebe will dir erzhlen!

                            Ende des achten Buches.


                                  Neuntes Buch

                                 Erstes Capitel

                                  Tempelheide

Des Herbstmorgens erste Frische war vorber. Die Nebel, die der Sonne Aufsteigen
umschleierten, sanken auf die groe Ebene nieder, in deren breiter Ausdehnung
die Hauptstadt hingegossen lag mit ihren Kirchthrmen, ihren
Riesenschornsteinen, dem Dampf der Essen, dem aufgewirbelten Staub der Straen
und Pltze, einer Hlle, die den schrfsten Pfeilen des Sonnengottes Widerstand
leistete und mit ewigem Grau, zu jeder Jahreszeit, selbst gegen die reinste
Blue des Himmels Einspruch that. Rings aber um die groe Ebene und ihr Gewhl
zog sich ein grner Rand, unentweihter, je entlegener von der Berhrung mit den
Menschen des Trottoirs. Am westlichen Ende Solitde mit seinem Park, seinen
Niederungen, seinen Eichenhainen; am stlichen eine Aufdachung von Sand- und
Kalksteinbergen, dicht bewaldet, von Straen, von Eisenbahnenkerfen
durchschnitten. Tempelheide dieses Aufganges Beginn. Wie eine Hterin lag die
alte Kirche mit ihren Linden oberhalb der Landstrae, die an Lebendigkeit
gewonnen hatte, seit der allmchtige Frst Egon von Hohenberg sich von den Mhen
eines nun fast einjhrigen Regimentes fr einige Wochen auf seinem vterlichen
Schlosse ausruhte. Wie ruhig liegt die Stadt da unten, die Egon gebndigt hatte!
Nach Solitde, wo jetzt die kniglichen Herrschaften wohnten, sprengten nicht so
viel Kuriere, Gendarmen, reitende Boten, wie hier an der alten Kirche mit dem
Dreiblattkreuze, dem Gartenpavillon und dem Tannenparke des alten
Obertribunalsprsidenten von Harder vorber nach Hohenberg.
    Doch da es hier bergauf ging und Alles langsamer fahren und miger reiten
mute, so wurde der Friede der lndlichen Besitzung nicht zu sehr gestrt. Anna
von Harder war ohnehin keine krankhafte Einsiedlerin. Sie liebte den
Zusammenhang mit der Welt, wenn sie auch nicht an die Welt verloren gehen
mochte. Sie sa gern unter dem kleinen Schirmdache, von dem herab sie einst
Siegbert Wildungen in der heien Julihitze einen Becher Weins gespendet hatte.
Sie erwiderte gern jeden Gru, den man ihrer wrdevollen hohen Gestalt mit den
einfachen Trauerfarben ihrer schlichten Kleidung bot. Zuweilen stand, ein
stolzes Rad schlagend, der von glnzenden Farben bersete Pfau aus dem
Hhnerhofe hinter ihr, wie neben der Juno; aber die edle Frau hatte nur die
Haltung, nicht den Stolz der Beherrscherin des Olymps. Sie dachte auch von dem
majesttischen indischen Vogel anders als die Kinderlehre. Sie gab dem gekrnten
Thiere mit dem klugen schchternen Auge freudig Krner aus ihrer Hand - im
Schlitz des Kleides war eine nie leere Vorrathskammer fr die Thierwelt ihres
greisen Pfleglings -
    und fand den stolzen, wiegenden Gang des schnen Thieres, whrend das
emporgehaltene mit blaugrnen Augen eingefate Rad in der Sonne funkelte und wie
ein Fcher schwankte, sich hob und sich senkte, eben so wrdig wie lehrreich,
und oft genug hatte sie die kleine Paulowna Wsmskoi auf den Pfauengang
aufmerksam gemacht, als eigentlich den Gang, der sich in Gesellschaften,
Vorstellungen, bei Hofe und mit gesenktem Haupte auch in der Kirche zieme. Die
gewhnliche Thiermoral existirte nicht in Tempelheide. Hier vertrug sich Reh und
Hund, Hund und Katze, ja hier war schon vorgekommen, da eine Katze die Jungen
eines Muschens aufgezogen hatte.
    Fr den Tannenhain, der die einfache Besitzung mit ihren grnen Rabatten,
dem kleinen Gemse- und Blumengarten, dem einem Jagdschlosse hnlichen,
gedrckten Hause und die groen Rumlichkeiten des Hofes rings umgab und sie von
dem unmittelbar daran stoenden groen Walde trennte, htte man freilich lieber
ein Gehlz von Buchen, von Linden und Eichen wnschen mgen. Anna selbst htte
diese rauschenden vollen Bltterwipfel sicher lieber ber sich schwanken gehabt
als diese ewig gleichen, ewig dstern Tannen, unter denen man oft, wenn die
Nadeln reichlich gefallen waren, wie auf dem ihr so wenig mehr gelufigen
glatten Parkett der Salons wandelte. Tannenzapfen, hlzerne, trockne, kleine
Schuppenpyramiden waren ihre einzige Belohnung fr die Liebe, mit der sie
dennoch auch die Hut dieses Haines fhrte. Und der alten Excellenz war grade
diese durchsichtige Baumwelt die genehmste. Wie durch einen Mastenwald im
Seehafen sah er durch diese lichten, oben rthlich, unten grau schimmernden
Stmme. Wie mit staubigen Kamaschen, wie aus der schmuzigsten Strae in die
Stadt gekommen, seht ihr aus, ihr schlanken, hlzernen Grenadiere, sagte Anna
wol, wenn sie mit dem Alten durch den Park schritt und er sich an ihrem Arme
fhrte. Aber er lobte fr seine Zwecke grade diese Durchsichtigkeit. Sein zahmes
Reh konnte nicht die jungen Eichenbltter fressen, seine Hhner konnten sich
hier nirgend verstecken, seine Katzen nicht auf lauernden Raub gehen, seine
Hunde witterten und schnoberten hier nicht wie auf den Anschlag, und fremdes
Gevgel, fremde Maulwrfe, Iltisse, Marder waren leicht beobachtet und aus dem
offnen Bereich entfernt. An Singvgeln fehlte es auch in den Tannenwipfeln
nicht. Die alte Excellenz liebte grade die Kreuzschnbel und die Holzheher, die
unter Tannen am liebsten weilen. Fr das se Rauschen und Flstern der grnen
unzhligen Bltterwelt hatt' er ja seiner guten, bei ihm so liebevoll
ausharrenden Schwiegertochter am Ende des Parks auf einer knstlichen Erhhung
von Felssteinen, alten Baumrinden, durchbrochenem Mauerwerk, gleichsam wie in
einem alten gothischen Thurmgemuer - denn das Ganze war auch vom treuen
Zeitenbegleitenden Epheu umrankt - harmonisch gestimmte Windharfen aufhngen
lassen, die sie fr das ewige Gekrchz, Gebelfer, Geschmetter, Gegurr und
Gegacker im Vorderhause schadlos halten muten.
    An dieser melancholischen knstlichen Ruine, die den Blick zunchst auf
einen grnen Wiesenplatz und dann in den dichten Tannen-, hier und da von weien
schimmernden Erlen unterbrochnen Wald streifen lie, suchte eben Anna von Harder
ein junges Mdchen auf, das auf einer Bank von ungeschlten Baumsten an einer
Lehne von starken geflochtenen Weiden sa, ein Buch in der Hand und bald in die
dstre Waldung, bald zum blauen Himmel, bald zu jenem Raben aufsehend, den wir
schon als den treuen Begleiter des hier waltenden wunderlichen alten Philosophen
kennen. Die Luft war so still, da die in ihr aufgehngten Leiern nur zuweilen
einen ganz leisen, aber auch dann unendlich wehmthigen Ton erklingen lieen.
    Wie blau ist der Himmel! rief Anna schon von unten herauf, die Hand auf die
epheubewachsene Treppenlehne sttzend. Hier weilst du und liest? Die Bcher ber
Italien, die aus den Bibliotheken nicht endigen wollen! Komm und zerstreue dich
an dem Pavillon! Das ist ein Reiten, ein Fahren nach dem Schlosse Hohenberg! Die
schne Frstin wird ihre Flitterwochen nicht in Ruhe genieen knnen.
    Statt aller Antwort drckte das junge Mdchen Anna neben sich nieder, legte
den Arm um ihre Schulter und prete sie an ihr Herz.
    Ein sanfter Akkord der Luftmusik begleitete den stummen Gru ...
    Sieh! Drauen steht unser Mentor und wartet, da er folgen darf! sagte Anna
lchelnd und zeigte die Ruine hinab an die erste Stufe der steinernen Treppe auf
einen magern, grauen, stelzbeinigen Vogel mit gewundenem Hals und spitzem
Schnabel, der hin und her sprang, bald auf das eine, bald auf das andre Bein
sein Gewicht legte und sich wie ein Tanzender geberdete.
    Als das junge Mdchen schwieg und nur Anna'n inniger die Hand drckte, sagte
diese:
    So froh solltest du sein wie unsre Thiere! Das springt heute und freuet sich
des sommerlichen Tages! Biche und Alkmene jagen sich und spielen wie wilde
Buben! Hektor hat Lust, seiner alten Dressur sich zu erinnern, die ihm doch
Gropapa um jeden Preis austreiben will. Er zaust die Hhner fast ber die
Gebhr. Unser Jupiter kann nicht Rder genug schlagen und sich dem
Vorberfahrenden in seinem besten Staate zeigen. Und das Wetter wird sich
halten. Die Laubfrsche sitzen auf der obersten Sprosse ihrer kleinen Leitern im
Glase. Isis und Osiris putzen sich den Bart und selbst der gespenstische alte
groe Bafomet, vor dem du sonderbarerweise nicht die geringste Furcht hattest,
als du zu uns kamst, selbst Der besinnt sich in seiner majesttischen Wrde, da
er den Schpfer loben mu und spinnt, spinnt, was er seit Jahren nicht gethan
hat und was uns Glck bedeuten mu. Komm! Unser stelzfiger Lakai wartet
drauen. Wollen wir Solitde besuchen? Wollen wir anspannen lassen und einmal an
die Terrasse fahren, die du so liebst? An den Teich, wo man Schwne fttert, die
wir leider nicht halten knnen, wr' es auch nur, um zu sehen, was wol an dem
Schwanengesang vor'm Sterben Wahres ist! Ach, ich Abscheuliche! Ich wnsche doch
immer auch noch Thieren den Tod, um Experimente zu machen! Wenn Das Gropapa
hrte! Er hielte mir gleich eine Vorlesung ber das Naturrecht! Komm! Komm! Wenn
du gesprchig wirst, wie ich, die ich heute wie unsre Elstern plaudere, so
erzhl' ich dir auch, was mir den heutigen Tag so ganz besonders lieb und werth
macht.
    Das junge Mdchen stand schweigend auf. Sie drckte der guten Anna, die so
viel Worte seit Jahren nicht in einer einzigen Rede verbunden hatte, mit einer
gewissen Feierlichkeit wieder die Hand und ging dann, an ihren Arm sich hngend,
die steinernen Stufen hinab, begleitet von dem Nachruf eines Akkords aus den
Lften ...
    Anna von Harder wandte sich und sah zu den Schallffnungen, die den Wind zum
Musiker machen, noch einmal stehenbleibend empor ...
    Ja! Ja! Ich kenne den Zauber dieser stillen Warte, sagte sie zu dem jungen
Mdchen. Wie gern hab' ich auch sonst stundenlang hier geweilt und beim Erwachen
der Abendwinde, die meist mit dem Untergang der Sonne eine Weile lebendiger
wehen, bis gleichsam die Sterne Kraft gewinnen und wieder Ruhe auf der Erde
gebieten, wie oft hab' ich da den Tnen gelauscht, in denen die Luft hier zu uns
spricht! Ich wute freilich, es ist das Alles nur knstlich hervorgerufen, es
kommt nicht von selbst, eine menschliche Vorrichtung eroberte sich diesen Gru
der Winde. Und doch ist der Ton als solcher so selbstndig, als Gewordenes doch
so ein Ureignes, so ein von Menschenhnden gar nicht zu schaffendes
Geschaffenes. Wir knnen das Licht absperren, ab- und zulassen, anznden,
auslschen, aber wir knnen das Licht selbst nicht machen. Kein Seifensieder,
kein Kerzenzieher erschafft das Licht. Auch den Ton macht kein
Instrumentenmacher. Man erobert ihn nur, man fngt ihn ein, man lt ihn hinaus,
man gewinnt ihn sich und Andern.
    Das blasse junge Mdchen hrte und schwieg. Der Vogel, ein Kranich war's,
sprang voraus mit seinen wunderlich tanzenden Sprngen.
    Ach, sagte Anna, des Mdchens trumerische Empfindungen unterbrechend, wie
gut es unser armer Lakai meint! Der gute Vogel! Sein Tanzen ist keine angeborne
Freude. Gropapa kaufte ihn von einem Vogelabrichter, der das arme Thier zum
Tnzer fr Jahrmrkte gezogen hatte. Auf einen Fuboden von heien Blechplatten
hatte er das Thierchen, als es jung war, eingesperrt. Entsetzt von der Hitze,
die sein an Smpfe und Moor gewhnter Fu nicht vertrgt, fing es an zu hpfen
und hpfte und hpfte so lange, bis es nicht mehr gehen konnte. Armer Schelm,
wie bin ich froh, wenn ich dich vor wirklicher Freude tanzen sehe und nicht an
die glhenden Kohlen denken mu, die deinen Schmerz zu einer nur scheinbaren
Freude machten!
    In die ernsten, fast unbeweglich starren Zge des jungen Mdchens schlich
sich bei diesen Worten jetzt ein auerordentlich feines, fast bittres Lcheln.
Es war als wollte sie sagen: Das ist die Lustigkeit der Weltbildung, des
Zwanges, der Convenienz! Das sind die Bewegungen des scheinbaren Tanzes, die nur
von den brennenden Kohlen unter uns kommen!
    Anna verstand dies Lcheln und seine Bedeutung sehr wohl. Sie wollte aber,
da Heiterkeit waltete ...
    Nein, sagte sie, man soll nicht lgen! Man kann in der Freude und auch im
Schmerze zu unwahr sein! Ich mache mir Vorwrfe, da ich viel zu oft unter
meinen Windharfen sa und mich zur Sklavin ihrer traurigen Tne machte! Dann und
wann! Wenn die Seele nicht bervoll, sondern wenn sie leer ist! Wenn die
Alltglichkeit uns bermannt, das tiefste Leid, die heiligste Pflicht vergessen
ist, dann ein solcher Akkord und gleich haben wir uns wieder gefunden! Ich wrde
nicht immer in den Bchern ber Italien lesen, um mich in Italien heimisch zu
fhlen. Ich wrde vorziehen, der Gegenwart, der nchsten Umgebung anzugehren
und dann und wann pltzlich einen Lichtstreifen, einen solchen goldnen, da er
gleich ganz Rom und alle Seen des Sdens uns vorzaubert, ber mich fallen
lassen. An einen einzigen Lichtstrahl knpft sich eine ganze Welt! Ich brauche
nur einen gewissen Akkord zu hren und gleich weckt er mir eine ganz bestimmte
Empfindung. Ich schlage auf dem Klavier einige Tne in A-Moll an und ich sehe
gleich aus den Fluthen und Nebeln ein wunderbares Eiland steigen, das Land
meiner Jugend, meines Glckes, meiner seligsten Hoffnungen. Fast glaub' ich, da
das berma der in diesen Ton gesetzten Rhythmen das Bild verscheucht, den
Zauber der Erinnerung abstumpft. Ich bin viel zufriedener mit mir, seit ich
Pflichten der Gegenwart habe und meinem stillen Kultus der Trauer um die
Vergangenheit nur manchmal lebe.
    Das junge blasse Mdchen hrte ruhig dem bezglichen Wort zu und erwiderte
den Handdruck, den sie von Anna empfing, die ihren rechten Arm in ihrem linken
trug. Sie lchelte ein wenig, als Anna beim Hinausschreiten aus dem Parke, sich
umsehend, sagte:
    Der grillenfngerische Rabe ist uns nicht gefolgt! Der Schelm trauert, da
man ihm seine Sucht zu stehlen abgewhnte. Ihm ziemt es, unter den Tannen zu
philosophiren. Unser Kranich aber hpft zum Pavillon. Er wei, da wir dort mehr
Zerstreuung finden. Sieh, sieh, er ist doch vergngt der Schelm! Er wirft kleine
Steine in die Luft und fngt sie auf! Der Herr Balletmeister amsiren sich,
obgleich Sie pensionirt sind! Ich habe dem Gropapa erst glauben mgen, da die
Thiere der Erziehung fhig sind, als ich sah, da sie spielen. Gibt es einen
redenderen Beweis fr eine gewisse Freiheit auch innerhalb der sonst gebundenen
Thierseele? Hunde und Ktzchen spielen, Hasen treiben die tollsten Possen,
Goldfische mgen sich langweilen, wie alle Vornehmen, aber Forellen wahrlich
nicht! Forellen tummeln sich. Und was spielen nicht die Vgel! Auch Pferde
spielen und reiben sich mit den Kpfen, selbst wenn sie vor den Husern der
Reichen bis tief in die Nacht frieren mssen und eigentlich ungeduldig und
zornig ber uns sein sollten. Nein sieh, sieh, Olga! Sieh den Kranich! Jetzt
wirft er ein Hlzchen empor und duckt sich unter ihm weg, da es ihn im Fallen
nicht trifft! Du nrrischer Patron du!
    Olga Wsmskoi war es, die eben mit der so freundlich ihr zuredenden und wie
wir wol bemerken werden, mit Absicht sie erheiternden Anna von Harder auf den
kleinen Rasenhgel stieg, wo jenes Schirmdach stand, unter welchem man im heien
Sommer einigen Schutz vor den Sonnenstrahlen fand. Olga hatte sich zur
vollkommnen Jungfrau entwickelt. Zwar nur klein waren alle ihre Formen
geblieben, doch zeugten sie von vollendeter Reife; der Bau ihrer Schultern war
kraftvoll, der Nacken sicher, das Antlitz von einer Bestimmtheit, die leider, um
noch kindlich erscheinen zu knnen, zu sehr vom auffallendsten Ernste beherrscht
war. Die Haut zart, von jenem braungelben Schimmer, wie das Inkarnat des Sdens.
Die Augen noch schwrzer beschattet als im vorigen Jahre. Die Hften wlbten
sich im schwarzen, sehr langen Atlaskleide, in der Sonne glnzend, von der nicht
sehr engen Taille ab. Sie bot das Bild einer sdlichen Schnheit, die von unsrer
nordischen wespenartigen Grazie kein Merkmal hat. In dichten Flechten war das
schwarze Haar im Nacken festgebunden ohne Gefallsucht. Ihr ganzes Wesen schien
innerlich und nur zu sehr vergeistigt, nur zu sehr der Wirklichkeit entrckt,
von der man nicht wute, verachtete oder bemerkte sie sie nur nicht.
    Das Wesen Olga's seit ihrer Rckkehr von Wien, bis wohin ihr Rudhard im
Frhjahr entgegengereist war, hatte sich als das seltsamste von der Welt
angekndigt. Ihren Briefen zufolge htte man die lebhafteste Empfnglichkeit fr
alle ihre Umgebungen, ein gewisses Aufthauen aus ihrer frheren oft eisigen
Lethargie, eine groe Lust der Mittheilung erwarten sollen. Von dem Allen fand
sich nichts. Olga war nicht nur ganz in ihre frhere trumerische Art
zurckgesunken, sie war viel weiter zurckgegangen, sie zeigte einen apathischen
Zustand, der an Starrheit grenzte. Sie war krank, nervenkrank. Sie litt an sich
selbst, ohne sich in ihrem Schmerze uern zu knnen. Sie bot einen
erschreckenden Anblick. Schn, fesselnd, trumerisch, in jeder Beziehung ein
weibliches Ideal, entsetzte an ihr eine tdtliche Klte, die fast wie ein
Krampf, wie eine Starrsucht zu nehmen war. Rudhard brachte sie so von Wien
zurck. Sie hatte die abenteuerlichste Fahrt von Rom aus gehabt und Rudhard
deutete an, da ihr Zustand mit Erlebnissen zusammenhing, die er verschwieg. Er
htte von Siegbert die einzige gnstige Einwirkung auf die in solchem Zustand
Wiedergewonnene hoffen mssen. Aber Siegbert Wildungen war bald nach der Flucht
seines Bruders durch geheime Warnungen, denen er Glauben schenken durfte,
veranlat worden, sich von der Hauptstadt und ganz aus dem Lande zu entfernen.
Er war erst mit Otto von Dystra nach dem Schlosse Buchau, an die im uersten
Westen Deutschlands liegende Tempelsteiner Ruine gereist, die in voller
Wiederherstellung begriffen war. Dann hatte sich Siegbert zu Louis Armand nach
Belgien begeben. Beide lebten in Antwerpen, wo sich Siegbert mit erneutem Eifer
auf seine Kunst warf und zu gleicher Zeit fr die Zwecke des Bundes so wirkte,
wie ihm sein Bruder Dankmar die briefliche Anleitung gab. Als Dystra
zurckkehrte, fand er zwar Olga, aber nicht mehr Rudhard. Dieser hatte sich, da
die Frstin Wsmskoi nicht im Stande war, sich irgendwie mit ihrer Tochter zu
verstndigen, entschlieen mssen, sie und die jngeren Kinder gleichfalls nach
Westen zu begleiten, zum groen rgerni der Welt, die, wir wissen noch nicht,
mit welchem Rechte, behauptete, Siegbert Wildungen wre die Veranlassung dieser
Reise. Aber Anna von Harder hatte den Einflu, den ihr die Frstin auf sich
zugestand, selbst dahin benutzt, ihr diese Reise anzurathen, ihr sogar Paris als
knftigen Aufenthaltsort umsomehr vorzuschlagen, als die Grfin d'Azimont wieder
aus Italien zurck war, in Paris lebte und es sich ihrem vershnlichen Herzen
als eine Mglichkeit einschmeichelte, diese Schwestern wrden sich eher
vershnen, als es ihr mit der ihrigen, Paulinen, mglich war. Und Olga hatte sie
fr sich behalten. Jetzt vollends, wo Olga Liebe, Schonung, Pflege verlangte!
Olga war von einer Reizbarkeit der Nerven, die die Mutter nimmermehr wrde
geschont haben. Adele war ergebener geworden, beruhigter durch Anna; sie hatte
sich den jngern Kindern angeschlossen, aber vom Herzen kam ihr der pflegende
Muttertrieb nicht. Wie htte sie Geduld gehabt mit Olga, die jetzt Geduld
bedurfte! Im Laufe des Sommers kehrte Dystra, der in seiner Gewissenspflicht,
Olga zur Gattin zu whlen, von dem sich beherrschenden Siegbert nicht gehindert
wurde, vom Tempelstein, der im groartigsten Style hergestellt wurde, nach der
Residenz zurck und sah nun Olga zuweilen. Er hatte von ihrem so pltzlich
verwandelten Wesen gehrt. Als er sie in Tempelheide zuerst begrte und von ihr
mit der Geringschtzung, die er voraussetzen konnte, behandelt wurde, erschrak
er, sie in einem Grade abstoend zu finden, der ihn gleich zu der Bemerkung
veranlate: Das hat sich gut getroffen! Ein Wesen dieser Art mute in eine
Anstalt kommen, wo man wilde Thiere bndigt! ... Er begriff nicht, wie von
diesem Mdchen jene Briefe hatten herrhren knnen, die ihn so fesselten. Er
hatte noch auf der Reise nach dem Tempelstein zu Siegbert gesagt: Wildungen, wir
fhren zusammen einen psychologischen Konflikt auf, an dem mir nur strend ist,
da er zu sehr an die Gefhlswelt des achtzehnten Jahrhunderts erinnert! Sie
wissen, ich halt' es mit dem neunzehnten und erlebe auch noch die zeitgeme
Ummodelung, da Sie von Olga vergessen werden oder da Sie sie selbst vergessen!
... Nun aber Olga wirklich sehend, fand er es auch unmglich, da sie noch
Siegberten fesseln wrde. Er schrieb ihm nach Antwerpen, er wisse nicht, was er
von diesem erstarrten Zustande denken sollte. Er htte ein Leben voll
Beweglichkeit, Geist, Phantasie, auch manche Thorheit erwartet und fnde nun ein
todtes, kaltes Marmorbild! Dystra konnte die Geduld, die Anna von Harder hier
entfaltete, nicht genug rhmen. Und doch zeigte er dieselbe Geduld, ohne sein
Verdienst zu wissen. Er fuhr alle drei, vier Tage nach Tempelheide, brachte
immer etwas Anregendes, etwas berraschendes mit und begngte sich, nach Olga zu
fragen. Sie selbst sah ihn nicht. Wie sie nur des kleinen, aber elegant sich
haltenden, mit Grazie sich bewegenden Mannes ansichtig wurde, entfernte sie
sich, was Dystra immer auf Rechnung seiner Mohren schrieb. War es Liebe, war es
Piett fr seinen verstorbenen Freund, den Frsten Wsmskoi, war es der Reiz
ein Rthsel zu lsen, er konnte sich der Hoffnung, in Olga wieder einen
Lebensfunken geweckt zu sehen, nicht erwehren, so sehr er auch zugestehen mute,
da eine Heirat mit einer so eigenthmlichen Organisation ein Opfer war, fr das
man nicht Dank, sondern Spott ernten mute. Drommeldey, der vielgesuchte, Alles
begutachtende Arzt der Mode, hatte gesagt: Bei dieser Krankheit heit es: Ce
n'est que le premier pas, qui coute! Dies Mdchen mu heirathen, dann wird sich
das brige finden.
    Starr wie jene Brunhild der Sage, die Jedem, der sie freien wollte, einen
Ringkampf anbot und die Mnner an dem Grtel aufhenkte, den sie ihr lsen
wollten, sa Olga neben der zutraulichen, durch sie ganz aus ihrer bisherigen
Gewohnheit gekommenen Anna, die von dem Mdchen, trotz des Scheines ihres
liebevollsten Antheils fr sie, nicht einmal die Frage abgewinnen konnte: Was
wolltest du mir von der Wichtigkeit des heutigen Tages fr dich sagen? Sich
aufdrngen mit einem innersten Herzensinteresse war Anna's Art nicht. Sie nahm
das Krbchen mit Handarbeiten, das sie hier oben zurckgelassen und begann
Spitzenbestze zu nhen, whrend Olga ihren Worten ruhig zuhrte und nur die
Zwirnrolle zuweilen ergriff und mit ihr ein gedankenloses Spiel trieb ...
    Da hier die Stelle war, wo Siegbert Wildungen einst Anna von Harder zuerst
gesehen, wute Olga. Sie kannte aus dem Skizzenbuche ihres Freundes diese
Kirche, den Friedhof mit der unregelmigen, zerfallenen Mauer und den schon
lngst wieder abgeblhten weien Fliederhecken. Sie kannte die Stelle, wo in der
Skizze Hackert im Korn liegend angedeutet war. Es waren ihr das Alles heilige
Pltze, schon lange, lange geweiht; denn Siegbert besa eine Gemthlichkeit
guter Herzen, die von ihren angenehmen Erinnerungen erzhlen und Jeden, den sie
lieb haben, gern in den ganzen Zusammenhang ihres Lebens versetzen. Er hatte
lngst schon im vorigen Jahre Olga auf diesen Punkt aufmerksam gemacht, wo man
die gewaltige Ausdehnung der Stadt am reichsten bersehen und ihr inneres Leben
gleichsam wie einen fernen unsichtbaren Wasserfall rauschen hren konnte. Ob sie
jenen Erinnerungen nachhing? Sie verrieth nicht eine Spur von Dem, was in ihrem
Herzen lebte.
    Anna hatte grade heute wieder eine ihrer musikalischen Akademieen. Dann
wurde ausnahmsweise um zwei Uhr gegessen, um drei Uhr kamen die Mitglieder des
Gesangvereins, der bis fnf, sechs Uhr dauerte, weil es mit der Regelmigkeit
des Kommens sehr schlimm aussah. Jene gelfteten Fenster des Parterre gehrten
zu dem Musikzimmer, das Anna schon geordnet hatte. Da waren die Tische und
Sthle schon aufgestellt, schon mit den Noten belegt, die heute gesungen werden
sollten. Sie sprach davon, wie sie immer in bangser Erwartung einer solchen
bung, in Freude und Furcht zugleich, entgegenharre und beklagte, da Olga weder
Freude an diesen Musiken empfand, noch selbst an ihnen Theil zu nehmen
versuchte.
    Du erinnerst mich darin, sagte sie noch heute wieder, an die schne Melanie,
die jetzige Frstin von Hohenberg! Diese von vielen Frauen verabscheute, aber
nicht so schlimme gefeierte Schnheit war ohne Stimme, ohne musikalisches
Gefhl, aber sie nahm Antheil an unsern bungen und ntzte durch ihr
vortreffliches Pausiren. Sie, die ein Recht hatte, die Zerstreuteste von Allen
zu sein, zhlte am besten.
    Olga htte nun Gelegenheit gehabt, lebendig zu werden. Jene Melanie wurde
erwhnt, die sie selbst in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in so
grellen Farben geschilderten Egon bezeichnet hatte. Sie htte doch ausrufen
mssen: Also wirklich ist Melanie die Frstin von Hohenberg? Wie kam Das? Wie
war Das mglich? Um Melanie diese Bewegung hier auf der Landstrae? Um sie diese
trappelnden Pferde, diese rollenden Reisewgen, dies Detachement Dragoner, das
sich auf der Strae bis Hohenberg vereinzelt zu postiren scheint?
    Um Melanie dieser Staub, der glcklicherweise uns hier unter dem Pavillon
nicht erreicht? Nichts von alle Dem. Sie hrte nur, wickelte an der Zwirnrolle,
las eine Weile im Buche, hrte den Verhandlungen Anna's mit der zuweilen Raths
erholenden Dienerschaft zu, folgte alle Dem, was sie da vernehmen konnte, aber
selbst schwieg sie. Sie schwieg zur lauten Errterung manches Billets, das von
der Stadt kam. Frau von Dahlen entschuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie.
Frau Grfin Museburg im Gegentheil versprach nchstens eine junge Diakonissin,
die eben erst vom Rheine gekommen war, mitzubringen und sie fr die Akademie
vorzuschlagen. Aktien, Loose, Unterschriften wurden angeboten oder von Anna
gewnscht, wie Das im Leben eines mildthtigen Wesens den ganzen Tag nicht
abreit. Schriftchen wurden geschickt von Geistlichen, von Vereinen, sogar
zwanzig-, dreiigfach kleine Trakttchen, die Anna befrdern, verbreiten sollte.
Eine Gesindebelohnungsanstalt schickte Rechnungsabschlsse. Und dann das
Klingeln am groen Hofthor, wenn der Aktenwagen vom Obertribunal kam und fr die
greise, in der Stadt befindliche Excellenz die Akten repositorienhoch hereinfuhr
und diese Ballen abgeladen wurden in der groen Aktensammlung rechter Hand beim
Eintritt in das zweistckige Wohnhaus! Und wieviel kleine Miethswgen fuhren
nicht vor und brachten nichts, als von jungen angehenden Rechtspraktikanten,
neubefrderten Unter- und Hlfsarbeitern, jungen beim Obertribunal zugelassenen
Advokaten Visitenkarten, um sich dem Chef der Landesjustiz zu empfehlen! Dazu
dann der ewig bewegte Verkehr mit dem lebendigen Hofe, seinen Stllen und
kleinen Kfigen! Auch heute mute Anna lachen, wie sie schon von der Strae her
einen Mann mit einem Tragkorbe auf dem Rcken erkannte, einen Thringischen
Vogelhndler, der regelmig des Jahres einmal bei ihnen vorsprach und dem alten
Herrn seine neuesten Gesangsknstler aus dem Harze vorfhrte. Der Mann schwang
schon in der Ferne die Mtze und grte mit seinem Vogelgesichte. Er hatte
selbst die Physiognomie seiner Vgel angenommen, war zum Thiere herabgestiegen,
whrend bei ihm die Thiere emporstiegen. Dem altbekannten Papageno aus Thringen
ging Anna selbst entgegen, empfing ihn im Vorhofe, hob die Decke von seinem
Vogelkasten, in dem es hinund her zwitscherte und lustig auf- und niederhpfte,
lie ihm von dem ltesten Bedienten, der in jungen Jahren selbst ein gelernter
Jger war und ber diesen Gru aus dem Walde seine innigste Freude hatte, - war
er doch die rechte Hand des Prsidenten bei seinen Lieblingsexperimenten - ein
vollstndiges Frhstck vorsetzen und vertrstete ihn, seinen vieljhrigen
Gnner, der ihm immer abkaufte und noch lieber sich mit ihm unterhielt und von
seinen Beobachtungen in der Vogelwelt sich erzhlen lie, nach zwei Uhr sprechen
zu drfen ...
    Der Vogelhndler stellte seinen Kasten in die Hausflur, dicht neben ein
groes Drahtgitter, hinter dem es unten von Kaninchen, im zweiten Stockwerke von
Dohlen und Raben, im dritten von kleinen Singvgeln lustig genug wimmelte. Biche
und Alkmene, zwei hohe wie die schnsten englischen Misses schlanke Windspiele,
umhpften den Wohlbekannten freudig. Die drei Hauskatzen, Isis, Osiris und der
groe augenfunkelnde Bafomet, ein Kater, wie ihn die Egyptier mochten verehrt
haben, schlugen mit ihren langen Schweifen hoch auf voll Gelst und Erregung
ber die appetitliche gefiederte Zufuhr des Kfigs. Aber sie bezhmten sich, da
der alte Diener Sorge trug, ihnen grade im erwachenden Gelst ihre Mittagsration
vorzusetzen. Der Vogelhndler bekam auf einem Tisch in der steingepflasterten
Hausflur seinen Imbi ...
    Es schlug eben ein Uhr; eben wollte Anna die Begleitung der Musikstcke, die
heute in diesem wilden Bereich, fast wie Amphion that vor den Thieren, die er
durch die Leier zhmte, aufgefhrt werden sollten, noch einmal durchspielen,
eben trieb der alte Diener eine kleine Schildkrte, die seit Jahr und Tag im
Hause frei herumlief und von Musik wie die Spinnen nahe gelockt wurde, zum Saale
hinaus - die Akademie hatte die Bedingung jeder Sicherheit vor etwaigen
thierischen berfllen in der Luft oder wol gar vor kriechendem Auditorium auf
der Erde - als zwei rasch daher fahrende Wgen Anna's Aufmerksamkeit fesselten,
sie sich erheben und dem Sanittsrath Drommeldey und Otto von Dystra, die eben
zusammen durch das von den beiden herabgesprungenen Mohren schon geffnete
Hofthor eintraten, entgegen gehen mute.

                                Zweites Capitel



                            Die Natur und das Wunder

Anna von Harder empfing ihren Besuch im Musiksaale, einem gerumigen Eckzimmer,
das trotz seiner vier Fenster etwas Dstres hatte, denn das Glas der Scheiben
war nicht das weieste, die Fensterrahmen, wie am ganzen Landhause, waren grn
angestrichen.
    Dystra und Drommeldey hatten sich erst auf der Chausse getroffen. Seit
Drommeldey die Vermuthung des Barons, man knnte mit Olga vielleicht eine
magnetische Kur beginnen, entschieden abgelehnt hatte, war zwischen ihnen die
Errterung ihres offenbar krankhaften Zustandes nicht mehr zur Sprache gekommen
...
    Dystra, der Anna einen groen Strau der ausgezeichnetsten Blumen
berreichte - die Grtnerei wurde in Tempelheide vernachlssigt - erklrte
sogleich, er wisse, da Drommeldey irgend etwas Geheimnivolles mit der Frau
Landrthin von Harder zu verhandeln htte. Er wre heute gekommen, um auf
lngere Zeit sich zu einem Ausfluge nach dem Tempelstein, zu einem Besuche der
Frstin in Brssel zu empfehlen. Wo Olga wre? Er msse sie doch wenigstens zum
Abschied sehen.
    Und Drommeldey besttigte zum Schrecken Anna's, die etwas Unglckliches
erwartete und auch von Abschieden immer sehr bewegt war, wie vielmehr an diesem
Tage, den sie so hoch erhob, eine geheime Absicht. Sie wute kaum, was sie
erwiderte, als sie sagte, Herr von Dystra wrde Olga unterm Pavillon finden ...
    Der Baron, im schwarzem Schnurrock, weiem Kastor, die citronengelb
gantirten Hnde in die mchtige Brust steckend, wandte sich dem Pavillon zu, um
einen Versuch zu machen, mehr als jenes halbdutzend Worte von Olga
herauszubekommen, das er bis jetzt erst aus ihrem Munde gehrt hatte. Whrend
wir ihn seinem guten Glck berlassen, sah sich Drommeldey, als er allein mit
Anna von Harder war, lchelnd in dem Zimmer um, betrachtete mit satyrischem
Wohlgefallen die aufgeschlagenen Notenbltter und sagte mit einer fast
verschmitzten Vertraulichkeit:
    Gndige Frau, nicht wahr, Sie haben heute Akademie?
    Pergolese, Bach und ein Hallelujah von Hndel.
    Sehr gut! Rsten Sie sich auf Besuch!
    Besuch? Wir schlieen jeden Besuch aus, Sanittsrath! Es sind unsre Statuten
-
    Es gibt Personen, die ber Ihre Statuten erhaben sind!
    Sanittsrath!
    Liebe Landrthin, ich kann Ihnen nicht verschweigen - um drei Uhr beginnt
Ihre Akademie - gegen halb vier Uhr werden gewisse Herrschaften vorberfahren -
man wird die Klnge von Pergolese, Bach und Hndel hren - diese Herrschaften
werden aussteigen - rsten Sie sich, von Ihren Statuten eine Ausnahme zu machen!
    Anna von Harder war fast auf einen Sessel zurckgesunken. Ihren gereizten
Nerven bot diese Nachricht zuviel. Was jede Andre mit Jubel, mit
freudestrahlendem Enthusiasmus aufgenommen htte, warf sie nieder; sie konnte
nur vorwurfsvoll, fast bittend zu dem Arzte, dem Seelen-Diplomaten des Hofes,
emporblicken, als wollte sie sagen: Drommeldey, wie konnten Sie mir Das thun!
    Sie sind selbst Schuld an diesem berfall, sagte das kleine magere Mnnchen,
rckte an seiner weien Halsbinde und wischte sich von dem Jabot einige Reste
der letzten Prise, die er unterwegs Jemandem, vielleicht Schlurck, abgenommen -
Drommeldey trug selbst keine Dose, weil er Flle hatte, da ihm nervenschwache
Damen bei seiner ihn nun genug folternden Liebe zum Schnupfen die Praxis
gekndigt hatten - Sie sind selbst Schuld daran, liebe Frau Landrthin! Sie
wissen, wie Sie der Hof verehrt! Sie wissen, wie oft man es Ihnen nahe gelegt
hat, Sie sollten der Knigin die Freude einer nheren Beziehung gnnen! Sie
glauben nicht, wie sehr man in dieser Sphre nach Grnden sucht, warum sich der
Mensch tglich zwei, drei Stunden der Nothwendigkeit, ber Toilette sprechen,
Kleider an- und auszuziehen, Proben mit neuen Mustern machen zu mssen,
auszusetzen hat! Alle Tage drei Mal umkleiden, das erfordert ein bedeutendes
geistiges Gegengewicht! Seit Frau von Altenwyl am Hofe im vorigen Jahre von der
Mauerschwalbe, von Shakespeare, von Ihrem Tempelheide, der Thierseele,
Pergolese, Bach und Hndel erzhlte, wuchs die Sehnsucht, Sie kennen zu lernen,
bis zur Ungeduld. Der schlimme Winter, die politische Ghrung dieses Frhjahrs,
die mancherlei herbe bittre Erfahrung auf und an dem Throne trotz seiner
erhhten Sicherheit kam strend dazwischen. Nun aber ist der Wunsch dieser
respektablen Menschen auf's Neue rege geworden. Entziehen Sie sich ihm nicht ...
    Was kann ich ... was soll diese schwache Musik ... und der alte Herr ...
unsre stillen Gewohnheiten ... diese Unordnung ...
    Lassen Sie das Alles gut sein, meine Beste! sagte Drommeldey. Ich kann
Ihnen, ohne Sie errthen zu machen, den Reiz nicht analysiren, den Sie auf die
Herrschaften ausben! Es liegt Das sehr tief und geht bis in die magnetischen
Strmungen. Wenn ich bei meinem alten Freunde, dem Justizrath Schlurck wre und
er nicht seit dem glnzenden Avancement seiner schnen Tochter einen Hang zur
Schwermuth bekommen htte, so wrden wir ber diese magnetischen Strmungen,
ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeiste, ber Hofromantik und die christliche
Staatstheorie sehr viel humoristische Knallbonbons wie beim Dessert eines guten
Diners gegenseitig aufziehen. Allein Ihnen selbst gegenber, die Sie diesen
Zauber ausben, Ihnen kann ich nur als Arzt sagen, da Sie mir einen Gefallen
thun, wenn Sie geduldig abwarten, was dieser Nachmittag ber Sie verhngen
wirdDas war das rechte Wort! sagte Anna von Harder und seufzte tief auf und
sprach die Worte aus der Bibel, die Johannes der Tufer zu den Neugierigen
sagte: Was seid ihr in die Wste gekommen, um einen Mann zu sehen, der von
Heuschrecken lebt? Ich bin nicht werth, Denen, die wirkliche Anerkennung
verdienen, die Schuhriemen aufzulsen.
    Drommeldey, der die Bibel kannte, wie Voltaire und Kaunitz, aber nur um sie
zu komischen Bildern zu benutzen, Drommeldey lchelte und warf eine Bemerkung
dazwischen, die Anna nicht einmal verstand:
    Brav! Bleiben Sie bei Johannes dem Tufer! Wre nur der Papa Methusalem zu
bewegen, auch Stand zu halten. Der Knig hat die Absicht, ihn nach dem Proze
ber die Johannitererbschaft zu fragen, die jetzt auf seiner Entscheidung
beruht! General Voland ist voll von den neuen Gesichtspunkten, die der alte Herr
fr diese Angelegenheit gefunden haben soll und studirt alle alten
Turnierbcher, um sich zu berzeugen, was propinqui equites sind und hat wie
gewhnlich fnf bis sechs Standpunkte darber, die er bei Hofe sonderbarerweise
alle zugleich vertritt.
    Auch Das noch! sagte Anna tonlos und fgte hinzu, da den Prsidenten
Errterungen ber Gerechtigkeitsfragen, selbst dem Landesherrn gegenber,
verstimmen wrden ...
    Nur Muth! Nur Muth! rief Drommeldey und reichte Anna die Hand. Nur
unbefangen! Die Mitglieder der Akademie drfen kein Wort von der berraschung
wissen! Verstehen Sie? Befangenheit wrde den ganzen Eindruck stren -
    Aber warum unterrichten Sie mich zuerst selbst, lieber Mann?
    Das will ich Ihnen sagen, Frau von Harder. Ihr Tempelheide kommt den
Menschen wie ein verzaubertes Schlo vor. Der Hof mchte es gern auch nur als
verzaubertes Schlo auffassen und gefllt sich darin, drei Tage lang von Nichts
als von einem verzauberten Schlo zu sprechen ...
    Sie sind schlimmer als die Demokraten, Sanittsrath!
    Beste! Ich gehre nur einer andern Philosophie an als der des Hofes! Ich bin
kein Pythagorer wie Ihr alter Schwiegerpapa, ich bin kein absoluter Epikurer
wie Schlurck, kein relativer wie Otto von Dystra, kein Neuplatoniker wie Voland
von der Hahnenfeder, kein dialektischer Eleat wie Rochus oder Stromer, ich bin
meiner Stellung gem Eklektiker. Dieser Besuch bei Ihnen thut den mannichfach
verstimmten, an wahrer Befruchtung armen Gemthern dieser hohen Personen wohl.
Doch, frcht' ich, denkt man sich Ihre Existenz romantischer und fabelhafter,
als sie ist. Als Katharina von Ruland nach der Krim reiste, lie ihr Potemkin
gemalte Stdte in die Ferne als Vexierprospekte russischer Volkswohlfahrt
stellen. Belgen wollen wir die Herrschaften weder mit der Musik noch mit den
gezhmten Thieren, aber nothwendig wird es sein, da Ihr hiesiges Gewimmel und
Gekrabbel, das Gebelfer und Gezwitscher nicht gefhrlich erscheint. Den
Tanzmeister mein' ich, die drolligen Puterhhne, die Windspiele Biche und
Alkmene - Sie wissen nicht, wie unbeliebt ohnehin alle Erinnerungen an Friedrich
den Groen sind - auch die gebesserten Raben mssen in Obhut bleiben und
besonders hoff ich, da die Schildkrte, obgleich sie dem Apollo heilig ist und
die erste Veranlassung der Musik wurde, ja sogar von Phidias fr seine berhmte
Statue der Aphrodite als Piedestal benutzt wurde - worin mein Freund Schlurck
einen gewissen Zusammenhang zwischen Venus und den Mokturtelsuppen entdecken
wrde - ich sage, da Sie diese schreckliche Bestie gleichfalls nicht als
Wirklichkeit in den schnen Traum, der hier getrumt werden soll, hineinkriechen
lassen.
    Anna von Harder war nicht so reflektiv und politisch gestimmt, da sie etwa
hier eingeschaltet htte: Also so wrden die Groen bedient, so wrden ihnen die
romantischen Tuschungen erleichtert, so wrde in den Waisenhusern die Suppe
erst krftiger gekocht, wenn sie eine Prinzessin kosten sollte ... Sie erinnerte
nur an die Statuten, die schon die Sicherheit aller Snger und Sngerinnen vor
den Liebhabereien des Gropapas bedingten; genug, Drommeldey konnte schlieen:
    Also sammeln Sie sich! Es bleibt dabei! Gegen vier Uhr kommen die
Herrschaften und verrathen Sie uns Niemanden!
    Damit erhob sich Drommeldey, fragte noch flchtig nach Olga, wollte keine
Begleitung dulden und eilte aus dem Musikzimmer, verfolgt von dem bittenden,
vorwurfsvollen Blick der in Erschpfung niedergesunkenen, von solcher Aussicht
auf ihr so nahe bevorstehendes Glck fast vernichteten Anna ...
    Drauen aber hielt Dystra den schnell dahineilenden Eklektiker mit einer
Entschiedenheit auf, die ihn verhinderte, nur an eine kleine Plauderei zu denken
... Was? Eine Konsultation? sagte der Arzt.
    Dystra zog Drommeldey vom Hofe ber die Rasenbeete zu dem Pavillon hinauf
... Spartakus und Cicero, seine Mohren, unterhielten sich inzwischen mit dem
zahmen Reh, lachten ber den Kranich und erkundigten sich in der Kche nach
etwaigen Rum- und Arracvorrthen.
    Wie mich meine Verlobte an dieser Stelle sah, berichtete Dystra, ergriff sie
die Flucht. Zwar wrdevoll, majesttisch, aber so entschieden negativ, da ich
die Lcherlichkeit scheute, sie zu verfolgen. Sie huschte unter die Tannen, wie
die Pfauen da, die ein hliches Geschrei verfhren ...
    Sie werden magerer, Baron! Diese Liebe ruinirt Sie ...
    Ich kenne jetzt, antwortete Dystra, Drommeldey auf einen Gartenstuhl
drckend, ich kenne jetzt die Geschichte der Rckreise Olga's von Rom und mu
sie Ihnen andeuten, damit Sie eine Ansicht aussprechen.
    Wohlan! sagte nach der Uhr sehend, der rztliche Rathgeber, der in der
Kenntni der geheimen Verwickelungen des Lebens von keinem Beichtvater der Welt
bertroffen wurde. Aber schade, da Sie nicht schnupfen, Baron!
    Und in der That sprach Drommeldey, der mit allen Geruchsnerven seiner
gehobenen Nase Schnupfer war, den alten Bedienten des Hauses, der um die
Erlaubni bat, Wein oder Wasser auftragen zu drfen, nur um seine Dose an und
regalirte sich im Vorrath mit einer solchen Befriedigung an diesem pikanten
Bltterdnger, wie sie seine ganze Natur, auch seine geistige, zu bedrfen
schien.
    Dystra erzhlte nun, da er von Rudhard aus Brssel einen Brief erhalten
htte, der ihm den Schlssel dieses sonderbaren Benehmens der aus Italien
heimkehrenden Olga gegeben. Die Familie, der man Olga in Rom anvertraut, htte
aus mannichfachen Elementen bestanden. Statt Schutzes htte sie von Seiten
einiger jngerer Mitglieder jene qulende Huldigung erfahren, die zuletzt ein
Mdchen, das auf die begehrte Hinneigung nicht einginge, wahrhaft erschpfen und
in einem Grade abspannen knne, da sie einen Ekel und berdru an sich selbst
empfnde. In Venedig htte Olga die unausgesetzten Galanterien zweier jungen
Shne der Herrschaft, mit der sie reiste, nicht mehr ertragen mgen und das
Leiden eines selbstndig in der Welt auftretenden weiblichen Wesens, da ihr die
Waffen des Humors fehlten, so lstig gefunden, da sie mit Freuden auf den
Vorschlag eines lteren Mannes eingegangen wre, sie bis Wien in seinen Schutz
zu nehmen. Ohne Abschied von der Familie zu nehmen, rcksichtslos, frank und
frei, ganz in Olga's Art, die das Tragische htte, da sie aus dem
empfindlichsten Zartgefhl fr Tugend leichtsinnig erschiene, wre sie von jenen
Menschen geschieden und htte den Vorschlag eines lteren Mannes, sie nach Wien
zu fhren, angenommen. Sie kannte diesen Mann als zuverlssig von Rom aus: es
war ein Jesuit, der Professor Sylvester Rafflard ...
    Himmel! unterbrach Drommeldey erschreckend ...
    Kennen Sie ihn?
    Erzhlen Sie! Das Mdchen ist die neue Clarisse Harlowe ...
    Dystra fuhr fort, nach Rudhard's Mittheilungen zu berichten, da Olga diesen
Mann nur von Rom und dem Hause der Grfin d'Azimont gekannt htte. Sie htte mit
Freuden von ihm vernommen, wie er immer gegen den Frsten Egon gesprochen, wie
er der damals noch von ihr verehrten Helene die Charakterlosigkeit dieses
Treulosen unbarmherzig vorgehalten, bis Helene selbst charakterlos geworden.
Damals schon htte sie zu jenem geflligen Hausfreund ihre Zuflucht nehmen,
seinen Rath begehren wollen. Nun fand sie ihn in Venedig auf dem Balkon eines
Hotels, wo sie schwermthig in den groen Kanal blickte und ihn fr einen Retter
vor den Unarten zweier jungen modern erzogenen Shne der schwachen Dame, mit der
sie reiste, ansah ...
    Sie kam aus dem Regen in die Traufe! unterbrach Drommeldey mit prosaischer
Wahrheit einen Zustand, der in der auf den gefhrlichsten Bahnen wandelnden Olga
tragisch genug zum Bewutsein gekommen schien. Dieser gefhrliche Mensch! Ich
lernte ihn bei Helene d'Azimont kennen und wurde so mit der Beschleunigung des
Wiedersehens zwischen ihr und dem damals fieberkranken Prinzen Hohenberg
gedrngt, da ich, um diese Krisis minder gefhrlich zu machen, zur List und
Verschlagenheit greifen mute. Noch ist mir ein Rthsel, welche Rolle jener Faun
in diesem Verhltnisse spielen wollte.
    Und diesen Mann, sagte Dystra, hab' ich von bedeutenden Notabilitten der
Residenz rhmen hren, habe Rochus vom Westen entrstet gesehen, als es hie:
Ein Jesuit ist ausgewiesen. Auf dem Wege nach Wien, wohin ihn wol geheime
Auftrge fhrten, mu er seiner ganzen Natur die Zgel haben schieen lassen.
Das arglose Mdchen wollte sich von den Nadelstichen kindischer Huldigungen
befreien und verfiel in eine Gefahr, die Sie ermessen knnen, wenn Sie Rudhard's
Gestndni hren, das ungefhr in der Thatsache besteht: Er kam nach Wien, fand
Olga nicht in dem Gasthofe, wo die aus Rom rckkehrende Familie hatte absteigen
wollen. Diese Familie traf endlich ein. Olga blieb aus. Wie bebte sein Herz, als
er den Namen Rafflard nennen hrte! Der alte Pdagog, ewig geneckt von den
Extremen der Zeit! Sein Zgling in solcher Gefahr! Die Taube in den Krallen des
Geyers! Was sollte er thun? Bleiben, reisen? Er suchte den Beistand der
Regierung. Er bot Alles auf, zu einer genauen Kenntni der Route zu kommen, die
Sylvester Rafflard mit Olga genommen hatte. Oft wr's ihm, dem besonnenen,
kalten Manne gewesen, als htt' er mit der Stirn gegen die Wand rennen mssen!
Endlich htte er erfahren, da ein lterer Herr mit einem jungen Mdchen von
Triest ber Udine nach Steiermark gereist wre. Aus sptern fragmentarischen
Berichten ergab sich, da Rafflard die katholische Schwrmerei Olga's zu irgend
einem Lebensplane nutzte, ihr eine Rundreise durch Klster und Abteien als eine
romantische Verschnerung ihres nchsten Reisezweckes vorhielt und gradezu auf
eine Eroberung nicht nur fr die Kirche, sondern vielleicht gar fr die
Heiligengeschichte zusteuerte.
    Drommeldey blickte fragend auf ...
    In der That, Doktor! sagte Dystra. Es ist schaudervoll, wie weit die
mittelalterlichen Rckflle gehen. Man wird mit ihnen grade wieder bei Thmmel's
Reisen ankommen. Rafflard hatte in Rom die Leidenschaft Olga's fr die
katholische Kirche bemerkt. Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine
Waffen in die Hand gegeben gegen den verfhrerischen Reiz der Musik und des
entzndeten Weihrauchs. Da findet er in Venedig dies Kind wieder, das sich ihm
mit seinem ganzen schwrmerischen Unbedacht in die Hnde liefert. Weit entfernt,
sich ihr durch seine schlimme Natur verdchtig zu machen, legt es Rafflard
darauf an, Olga's berspannung bis zum Visionren zu steigern und sich in der
hierarchischen Sphre, wie man das jetzt sehr gut durch Extreme kann, einen
Namen zu machen. Er spricht bei Geistlichen mit ihr vor, die die Sehnsucht des
Mdchens nach diesem Extremen steigern. Hier und da eine aus den hheren Stnden
in den geistlichen getretene Nonne mu Olga in dem Vertrauen auf innere
Offenbarungen strken. Sie wissen, da jetzt berall Wunder der katholischen
Kirche wieder auftauchen! Bilder schwitzen Blut, an visionren Mdchen auf dem
Lande zeigen sich die Leidensmale Christi, es ist, als schwankten wieder alle
festen Normen und Naturgesetze, als ergriffe die Menschen in gewissen Gegenden
der St.-Veitstanz der Ideen, die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen. Dieser
Rafflard soll alle Stadien eines pdagogischen Abenteurers durchgemacht haben
und als wahrer Seelenverwster nun damit enden wollen, Heilige zu schaffen. Er
fand in jenen mit Geistlichkeit jedes Ordens gesegneten, zur Donau auslaufenden
Bergthlern Hlfe genug, Olga zu fesseln, bei ihrem aus Liebesgrnden nicht
gesteigerten Verlangen nach der Rckkehr zu den Ihrigen sie planlos
umherzufhren, bis sie in einen Zustand kommen mute, den ich mit jener Zhmung
der Schlangen in den Ksten der indianischen Zauberer vergleichen mchte, mit
jener Erstarrung durch umhllende Decken, die eine Lethargie, eine
Geistesohnmacht, eine Willenlosigkeit zurcklassen, an welcher man erlebt hat,
da Frauen fr heilig galten, sie wuten nicht wie und da sie sich inspirirt
glaubten, sie wuten nicht von Wem, wol aber an sich selber glaubten, an ihre
eigne Geistesverwirrung wie an ein Evangelium, das Unsichtbare ihnen zuriefen,
ja da sie stigmatisirt waren, ohne es zu wissen ...
    Drommeldey sprang auf. Er hatte erst gelchelt, erst wirklich an Thmmel's
Reisen, die er und Schlurck ausnehmend liebten, gedacht. Nun aber berwltigte
ihn der Zorn. Er erging sich in Verwnschungen eines wahnsinnigen Zeitalters -
und hatte doch eben selbst diesem wahnsinnigen Zeitalter sich zum Opfer
dargebracht, seine Logik, seinen klaren Verstand, seinen Voltaire dem
Mittelalter und einer am Throne doppelt gefhrlichen Romantik preisgegeben!
    In Linz, fuhr Dystra fort, entdeckte endlich Rudhard die Flchtlinge. Die
Jesuiten, die oben auf der schnsten Aussicht ber die Donau und die
Steiermrker Berge wohnen, mgen Rafflard angezogen haben. In der Wohnung einer
besonders bigotten vornehmen Sternkreuzordens-Dame war Olga wie eingebrgert und
wurde von dieser und einem Dutzend hoher Geistlicher gleich einer Heiligen
behandelt. Ich zweifle gar nicht, da es darauf abgesehen war, das Kind in einen
magnetischen Zustand zu versetzen. Rudhard fand sie, wie sie schlummernd auf
einem Ruhebett lag, die Brust mit einem Kreuze bedeckt ...
    Das Kreuz war ein Magnet!
    Das vermuthet Rudhard selbst und beklagt sich, desselben sich nicht
bemchtigt zu haben. Er wre im Hotel abgestiegen, schreibt er mir, htte sich
bald von Olga's Anwesenheit unterrichtet, wre ohne lange zu forschen, ohne sich
um die hohen Titel jener bigotten Frau zu kmmern, in die Zimmer eingetreten,
htte in strmischer Hast nach Olga verlangt, sie im Nebenzimmer entdeckt, aus
einem Schlafe wachgerufen, der sie, selbst als sie die Augen aufschlug, noch
nicht zu verlassen schien. Sie wre ihm gefolgt, htte seine Ansprche auf sie
ruhig anerkannt, htte mit sich geschehen lassen, was geschah. Rafflard wagte
sich, als er Rudhard's Namen hrte, oben von den Jesuiten nicht wieder in die
Stadt hinunter. Auch htte Olga nicht nach ihm verlangt. Mit einer an Starrsucht
grenzenden Ergebung wre sie Rudhard gefolgt und mit ihm ber Prag und Dresden
hierher zurckgekehrt, wo er neue Verwirrungen, neue Pflichten genug gefunden
htte und dem Ewigen danken wolle, wenn es Anna von Harder gelnge, in die
phantastische Nacht, die um Olga zu schlummern scheine, einen Lichtstrahl der
Erleuchtung und wiederkehrenden freien heitren Selbstbestimmung innerhalb der
sittlichen Schranken zu wecken. Ihnen, Sanittsrath, schlo Dystra, konnte ich,
da rztliche Anknpfungspunkte hier nun endlich gegeben sind, diese Geschichte
nicht verschweigen, bitte Sie aber, Drommeldey, bewahren Sie den Vorfall wie ein
Geheimni, das die Ehre einer ganzen Familie betrifft.
    Drommeldey, dster blickend, ernst gestimmt, dankte fr das ihm geschenkte
Vertrauen und versprach ber den emprenden Vorfall nachzudenken. Er zweifle gar
nicht daran, da man, wie man hier in Tempelheide die Thierwelt dem Menschen
nher brchte, so es in Klstern und bigotten Konventikeln jetzt mehr wieder
denn je verstnde, den Menschen aus dem Bewutsein seines klaren Ichs, seines
unsterblichen Cogito ergo sum, hinunter zu drcken zu einer rein animalischen
Vegetation, wo nur die Schauer des Erdenlebens durch die Seele spukten und statt
Offenbarung eines hhern Lebens, die man von der gestrten Ordnung der Sinne
erwarte, nur die Verdunkelung unsrer Sehnsucht und Hallucinationen abgestumpfter
Sinne empfinge. Ja, fuhr er, begeistert sich erhebend, fort, ja, mein guter
Baron, wenn hier etwas helfen kann, so ist es wol zunchst ein Umgang, wie der
Anna's von Harder, nicht, weil diese Frau selbst gesund ist, sondern weil auch
sie geistig krnkelt. Es ist hier ein Fall, wo sozusagen die Homopathie hilft.
Lcheln Sie nicht, Baron! Nur die Tollheit unsrer Menschen zwingt den Arzt zur
Charlatanerie. Wenn Sie wten, was sich Alles Hlfe begehrend dem Arzte
zuwendet, Sie wrden erstaunen, da wir nicht noch weit fter auf unsre Recepte
schreiben: Aqua fontana! O tolle, tolle Zeit! Hat die gleichartige Schwrmerei
Anna's wie ein Impfstoff auf Olga gewirkt, so mu dann freilich noch ein Element
hinzutreten, ich meine eines, das alle Organe des Menschen hebt, alle Sinne
veredelt, alle Gedanken zum Lichte emporzieht, die Liebe! Bester Baron, Sie
blicken ernst. Vergeben Sie mir! Wenn Olga gezwungen wird, die Baronin von
Dystra zu werden, so erleben Sie eine Zukunft, die von der Hlle nicht viel
Unterschied haben wird, oder Sie mten eine Philosophie besitzen, wie jener
gute Graf Desir d'Azimont in Paris. Die Liebe ist dies allmchtige Gefhl, das
im Menschen die wahren und einzigen Wunder wirkt! Die Liebe erhebt zum
sittlichen Stolze und drckt auch wieder herab zur gern gehorchenden Demuth. Die
Liebe ist jenes dritte Hhere, das zwischen den beiden Gegenstzen Gift und
Gegengift, Krankheit und Remedium in der Mitte liegt, scheinbar wieder Krankheit
weckt und doch zu einer gttlichen Gesundheit erhebt. Der Goldregen Jupiters
wirft alle metallischen Reste jenes Kreuzes, das auf dem Nervengeflechte Olga's
lag, hinaus aus dem mishandelten Krper dieses armen nrrischen kleinen
liebenswrdigen Kindes! Jupiter, bester Baron! Nicht Pluto's Goldregen! Geben
Sie dem Mdchen Jemanden, den sie liebt, lieber jetzt, als erst dann, wenn sie
Ihre Frau ist. Nichts aus der Apotheke kann hier helfen, Baron, sondern
Weisheit, die sich Jeder selbst verschreiben mu.
    Damit reichte Drommeldey, wahrhaft erschttert, dem Baron die Hand und
entfernte sich zu seinem Wagen, der den in uersten Fllen alle Diplomatie ber
Bord werfenden Mann rasch die Anhhe hinab entfhrte.
    Dystra aber war bewegt. Er mute Siegbert's gedenken, der sich aus Rcksicht
auf ihn und die Frstin der Hoffnung, jemals Veranlassung einer so auffallenden
Mesalliance zu werden, entschlagen hatte, so lebendig in ihm das Bild Olga's
auch fortlebte. Olga war unglcklich ebensowohl ber den geringen Muth des
Freundes, dem sie ihr ganzes Leben gewidmet hatte, wie ber sein nahes Verweilen
bei der Mutter. Sie vergab ihm nicht, da er nichts, auch gar nichts gethan,
eingedenk sich zu zeigen jenes Abends unter den Hngeweiden, wo sie ihm ein Herz
fr's ganze Leben geschenkt hatte. Ihre Begriffe von Schwrmerei und waghlsiger
Liebe verstanden nicht, wie Siegbert ihr nie schreiben, nie ihr ein Anerbieten
von Hlfe in ihren bedrngten Herzensgefahren machen konnte. Da er sich
bekmpfte, der unpassenden Verbindung auswich, keinen Ansto in der Gesellschaft
erregen wollte, verstand sie nicht. Als sie in Venedig erfahren, da Siegbert
und die Mutter nach Belgien gegangen waren, gab sie die Hoffnung auf irgend noch
ein Glck des Lebens auf und folgte Rafflard, der sie zur Nonne machen wollte,
aus Verzweiflung. Nach der gefhrlichen Schule, in der sie zum Leben erwacht
war, nach der Schule Helenen's, mute Siegbert alle Rcksichten aufgeben, ihr
auf Wolkenflgeln entgegeneilen, seinen starken Arm um sie schlingen und diese
gemeine Erde wie mit den Fen von sich stoen! Siegbert, der der Politik, der
Kunst, seinem Prozesse leben konnte, erschien dem Mdchen schon wie Egon, das
Prototyp alles mnnlichen, herzlosen, blutsaugenden Vampyrismus, der in allen
Romanen, die sie gelesen hatte, schrecklich genug geschildert war. Und ehe Olga,
sagte sich der durch vterlichen Willen ihr bestimmte Verlobte, neue Thorheiten
begeht, wieder ausfliegt, wieder in die Hnde eines Hllensohns gerth, sollte
da nicht die Tochter eines Frsten lieber einmal einen Maler heirathen? Oder
gar, wenn die Brder jenen Proze gewnnen, der sie fast so reich macht, als ich
es bin! Wenn es wahr wre, was man sich erzhlt, da der alte
Obertribunalsprsident an diesem Prozesse einen so auffallenden Antheil nhme?
... Lngst schon hatte Dystra auf den Lippen, Anna von Harder um diese
Angelegenheit zu befragen. Aber das eine Mal, da er von der Familie Wildungen
anfing, befremdete ihn, wie schnell die sonst jeder Frage gern ihr Ohr leihende
und sich immer um eine ausfhrliche und grndliche Antwort fast bekmmernde
Frau, dem Gegenstande auswich. Er erfuhr inzwischen, da ein Oheim der Wildungen
die Tochter der Landrthin Anna von Harder wider ihren Willen geheirathet hatte.
Da gab er es auf, mit ihr ber einen Gegenstand zu sprechen, der in ihr
schmerzliche Erinnerungen weckte. Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er sich
zu nhern und wie sehr auch Anna hervorhob, da er vllig ungesellig wre,
keinen Umgang liebte, er kam immer wieder auf den Wunsch zurck, ihm vorgestellt
zu werden und heute war es der letzte Moment.
    Indem kam Olga mit ihrem Buche ber Italien aus dem Tannenparke zurck; der
Kranich begleitete sie, ohne da sie auch nur ber seine Sprnge die Miene
verzog. Sie hatte nur die eine Absicht, Dystra zu fliehen, ihn nicht zu sehen,
kein Wort der Anrede von ihm zu vernehmen ...
    Dieser entsetzliche Ernst! sagte er sich. Diese Leidenschaft, Alles so zu
nehmen, wie es ist! Kein Humor, kein Lachen, keine Abweichung von der Regel! Sie
kommt mir da vor wie ein Zugvogel, der pltzlich, ehe wir's uns versehen, sich
in die Lfte hebt und indem sie eben noch vielleicht mit den Tubchen spielt,
die sie fttert, ein Locken, ein Schwrmen in der Luft hrt von Vgeln, die wir
kaum kennen und auf und davon ist sie, man wei nicht wie und wohin.
    Olga hatte auf's Geflissentlichste den Baron vermieden und war an den
demthig sich verneigenden Mohren vorber in den Hof gegangen, um sich auf ihr
oben gelegenes Zimmer zu flchten ... Der Weiser der Kirche zeigte bald auf zwei
Uhr. Anna in ihrer Beklemmung schien den Besuch Dystra's fast vergessen zu
haben. Wie sie eben Befehle gab, die Hausflur in noch grere Ordnung zu
bringen, als sie ohnehin fr die Tage der Akademie statthaben mute, sah sie den
Baron erst wieder. Und nun gar zu hren, da Der auch bleiben wolle, sich
scherzhaft selbst zu Tische lud, mit jeder Kost sich befriedigen zu wollen
erklrte, nur msse er den Prsidenten heute kennen lernen, mit Olga die Fe
unter einen Tisch stellen, diesem Zustand der Entfremdung ein Ende machen und
als er sagte: Ich erzhle dem Greise ber Lwen und Panther. Ich war auf einer
Tigerjagd in Bengalen. Ich kann ber die Wandertauben am Missouri wie ein
Stratege sprechen; denn die Zge dieser Thiere sind marschirende Armeen ... ich
fele den Greis so, da er mich dableiben heit ... Da blieb ihr nichts brig,
als ihm zu sagen, er mchte in Gottes Namen thun, was er wolle, sein Heil
versuchen und einstweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Prsidenten
warten, den sie eben schon von unten her anfahren hrte. Das Lrmen und Bellen
der Hunde, das Flattern des Federviehs im Hofe, das Springen und Hpfen der
Vgel, das freudige Radschlagen der Pfauen bezeichnete den wirklichen Moment der
Ankunft des alten Herrn. An dem thringischen Papageno mit dem freudestrahlenden
Zeisiggesichte vorber betrat Dystra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe
und stieg zu dem ersten Stockwerk eines Hauses empor, das ihm wie ein altes
verwunschenes Jagdschlo vorkam ...
    Zunchst suchte er oben Olga - Er hrte eine Thr zuschlagen ...
    Mais Mademoiselle! Mais Olga! Mais ...
    Die Bitten des Barons, ihm Gehr zu geben, wurden von einer oben in ein
Zimmer Gehuschten durch einen Riegel abgeschnitten, dessen rasches Vorschieben
laut hrbar wurde.
    Vous me traitez en loupcervier -
    Keine Antwort ...
    On croirait, que je mange les petits enfans ...
    Tiefe Stille ...
    Dystra trat in das erste beste offne Zimmer. Es war dunkel wie das ganze
Haus. Die Fenster, auch von innen grn angestrichen, waren nur in kleine
Scheiben getheilt. Rings an den Wnden hingen alte Familienportraits, in denen
er hie und da eine gewisse hnlichkeit auch mit dem Intendanten der kniglichen
Schauspiele und seiner stolzen adelsbewuten Haltung zu erkennen glaubte. Es
waren hier die Harder's zu Harderstein so recht unter sich. Eine alte bronzene
Uhr, braungebeizte Schrnke boten die einzige Abwechselung an den Wnden. Die
Schrnke waren mit ausgestopften Thieren, Vgeln, kleinen Vierfern, Kfern und
Reptilien, angefllt. Im dunkelsten Eck stand ein Bcherrepositorium, das ein
grnseidner Vorhang verhllte. Es waren alte Ganzfranzbnde, die hier standen,
Schriften des vorigen Jahrhunderts, meist in franzsischer und englischer
Sprache. Les Oeuvres de Frdric le Grand fehlten nicht.
    Dystra setzte sich auf einen der sauber gepflegten, ursprnglich
weilakirten und vergoldeten Sessel. Durch und durch ein moderner Mensch, hatte
ihm diese ganze Wirthschaft hier auf Tempelheide etwas Komisches und doch war er
befangen, wie er sich nun mit diesem alten Herrn, der hier im Style seiner
verschollenen Zeit wie es schien mit majesttischem Selbstgefhle lebte,
vermitteln sollte. Er zupfte an seinen gelben Handschuhen, er roch an seinem
parfmirten Taschentuche, er spiegelte sich in seinen gefirniten Stiefeln und
gefiel sich offenbar in der Beobachtung seines zierlichen kleinen Fues. Den
sauber gefrbten Kinnbart konnte er seiner Handschuhe wegen nicht streicheln. Er
htte gern die Thren rechts und links aufgeklinkt, um nach Olga zu sehen. Sie
mute doch in der Nhe sein. Es war ihm, als huschte bald da, bald dort etwas an
den Wnden. Zuletzt entdeckte sich die gespenstische Gesellschaft. Zwei Katzen,
die das Mittagessen zu wittern schienen, standen pltzlich vor ihm mit
langniederhngenden Schweifen. Er hatte sie auf ihren sammetweichen Pfoten nicht
hereinschleichen hren. Er sah, da sie durch die eine Thr, die nicht ganz fest
zugeklinkt gewesen, gekommen sein muten. Die Thiere sahen ihn mit Befremden an.
Sie waren schn gestreift, der Rcken tigerartig, der Bauch wei. Ihre
Schnurrbrte standen ihnen husarenartig keck, whrend sie im brigen etwas
weiblich Gelassenes, Sanftes, Unaufgeschrecktes hatten. Dennoch wagte sich
Dystra nicht recht an die Thr, um in das Arbeitszimmer des Prsidenten zu
blicken, denn offenbar aus diesem waren die beiden Katzen, die wir unter dem
Namen Isis und Osiris kennen, hereingekommen. Dystra fhlte etwas von der
Apprehension, die wir diesen schleichenden Haus- und Kchenhterinnen gegenber
empfinden. Es rieselte ihm ber den Rcken. Sein Muth, von bengalischen Tigern
und Lwen zu prahlen, entfiel ihm vollends, als sich zu den beiden Katzen noch
ein ungeheurer, schwarzer, grngelbblickender Kater gesellte. Dieser dritte
Gesellschafter war fast so gro wie die beiden andern zusammengenommen. Aber
auch dieser war ruhig und ernst und duldsam ber den Besuch und schien sogar an
dessen blanken Stiefeln so viel Wohlgefallen zu finden, da er sich Dystra
bedenklich nherte. Jetzt hier so allein zu stehen mit den drei unheimlichen
Katzen, erfllte den Baron mit leisem Schauder. Wetter, dachte er, du hast doch
Schakals heulen hren und in gemessenen Distanzen auf dem Nilsande Krokodille
sich sonnen sehen, aber diese drei zahmen Katzen in unmittelbarster Nhe machen
dir mehr Angst als die Schrecken der Wildni! Die Thr, die offen blieb, lie
das Arbeitszimmer da noch rthselhafter erscheinen, als noch auf dem Fuboden
ein Vogel hereinsprang, schwarz mit gelben Pnktchen gezeichnet, mit klugen
Augen, beweglich munterm Schwanze, eine Amsel. Ohne da die Katzen nach ihr
haschten, setzte sich die Amsel traulich auf den Rcken des groen Katers, der
sich nach ihr umwandte mit einer gelassenen Ruhe, die eines Philosophen wrdig
war. Dystra scheute sich, einen Blick in das offne Zimmer zu werfen. Er dachte
schon an die Mglichkeit, darin pltzlich noch irgend etwas ganz Ungeheures zu
sehen, als auch in der That wieder ein Hund hereintrat, ein Hhnerhund, von
derselben ruhigen und nicht einmal neugierigen, sanften, schleichenden
Ergebenheit wie die brigen Thiere. Dystra kam sich jetzt in der That wie sop
unter seinem moralisirenden Vieh vor und dachte sich irgendwo die spottende
Olga, die ihn belausche oder ihm wol gar diese Bestien alle auf den Hals
schickte. Es war fr seine in der That ergriffenen Nerven die hchste Zeit, da
Anna von Harder eintrat und ihn ersuchte, ihr zu folgen. An eine ceremonielle
Vorstellung war jetzt nicht zu denken. Sie wrden, sagte sie, den Grovater
unten in der Hausflur bei dem thringischen Vogelabrichter finden; vorbereitet
htte sie ihn schon auf einen berhmten Reisenden, der fr Olga's
Beaufsichtigung Rechte in Anspruch nehmen drfe; sein ferneres Glck msse er
nun selbst versuchen.

                                Drittes Capitel



                                  Die Akademie

Dagobert von Harder, der Obertribunalsprsident, war von kleiner gedrungener
Figur, ganz im Gegensatz seines zweiten Sohnes, des langaufgeschossenen Kurt
Henning Detlev. Der groe Kopf sa tief in dem gewaltigen Brustumfange. Hnde
und Fe waren zierlicher, letztere besonders wei und zart gepflegt, fast
sammetweich. Den Schdel bedeckte kein Hrchen mehr. Ein sammtnes Kppchen
schtzte das glnzende, mit derchen unterlaufene Haupt. Das Antlitz zeigte die
Spuren des hohen Alters. Es war wie ein durchfurchtes Feld, wie eine
Netzzeichnung, so in tausend kleine Quadrate getheilt, die alle lnglich von den
Schlfen herab sich senkten. Die Augen quollen, wie von Hautscken umgeben,
etwas hervor und hatten einen Anflug von Bldsichtigkeit. Die Lippen waren fast
mit den Zhnen verschwunden und ganz in die Hhlung zwischen Backenknochen und
Unterkiefer verloren gegangen. Der Kopf senkte sich ein wenig ber. Ein Diener
mute immer in der Nhe sein, dem ber Achtzigjhrigen den Arm zu bieten und ihn
zu fhren.
    Bei dem Vogelhndler stand der Prsident. Die Errterung schien ihm
Elastizitt zu geben. Der Abrichter hob wol an dreiig kleine hlzerne Kfige
auf einem Tische auseinander und pries unter steter Wiederholung der Anrede:
Excellenz! die Leistungen seiner Kanarienhhne, Dompfaffen, Zeisige,
Rothkehlchen und Stieglitze. Da sich Excellenz aus den kleinen Spen mit dem
Aufziehen eines Futterkarrens und dergleichen nicht viel machten, wute der
Thringer schon, aber mit den Vgeln, die ihm Melodieen nachpfiffen, legte er
mehr Ehre ein und erwarb sich mit Fug den Thaler, den ihm die alte Excellenz
jhrlich schenkten, wenn er vom Harze kam und seine neuen Virtuosen vorfhrte.
Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide, der Prsident erklrte sich fr zu
alt, um noch in seine schon vorhandene Gesellschaft neue Elemente einzulassen;
denn sein Zhmungsprinzip war grade die allmlige Gewhnung und fr diese blieb
ihm, der stndlich die Augen zuschlieen konnte, keine Mue und Aussicht mehr.
Mit einer weichen, sehr leisen, von vielem Ruspern unterbrochenen Stimme lobte
er den Thringer, warnte ihn vor Anwendung grausamer Mittel und entlie ihn mit
dem blichen Thaler, zu dem er noch die fr Dystra und sein Anliegen spannenden
Worte fgte:
    Kommt Er auch durch Angerode?
    Angerode, Excellenz? Ja wohl, Excellenz, Angerode! Grade von da bin ich.
    Keine weitere Frage. Papageno mit dem Zeisiggesichte war entlassen ...
    Nun erst wandte sich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten, der
mit ihm aus der Stadt gekommen war, zu Dystra und wiederholte, die
weischimmernden Augen aufziehend, das leichte Kopfnicken, mit dem er den von
oben herabkommenden Dystra begrt hatte ...
    Baron essen mit uns? wandte sich der Alte fragend zu Anna, die ber diese
unerwartete Wendung noch in Schrecken war, da sie Dystra's Gourmandise kannte
und nicht wute, wie sich bei einer solchen nderung der sonst so einfachen
Tafelordnung Olga benehmen wrde.
    Der Alte wurde langsam die Treppe hinaufgefhrt. Anna bot ihm selbst den
Arm. Dystra flsterte, folgend, dem Bedienten zu, man mchte etwas fr seine
Mohren sorgen, damit deren menschliche Ungeduld von der Zahmheit der hiesigen
Thiere nicht beschmt wrde ...
    Von einer weitern Unterhaltung, lngern Vorstellung war keine Rede. Der
Greis wurde sogleich ins Ezimmer gefhrt. Er nahm Dystra fr einen Besuch bei
Olga, den man Anstandshalber, der Entfernung von der Stadt wegen, dabehalten
msse und begann seine Suppe aus einem mchtigen halben Vorlegelffel mehr zu
schlrfen, als zu essen.
    Anna winkte Dystra, sich des Olga'schen Couverts zu bedienen. Denn der
zweite Diener hatte schon angezeigt, die junge Comtesse liee sich
entschuldigen. Punktum! sagte Dystra leise und bi sich auf die Lippen.
    Nach einer Weile erst bemerkte der Greis die Abwesenheit einer ihm
liebgewordenen, immer stillen Gesellschafterin und fragte:
    Comtesse Olga?
    Nicht wohl! sagte Anna, deren Geduld heute auf die groartigsten Proben
gestellt wurde.
    Die Bedienten nahmen die Suppenteller fort. Dystra hatte das krftige
Consomm nicht verschmht. Man schenkte Wein ein, dem Greise in einem groen
silbernen Becher, den er mit beiden Hnden erfate ...
    Onkel von Comtesse? fragte er Dystra nach einer Weile, als man kleine
Pasteten aufsetzte.
    Dystra, der nur horchte, beobachtete, sich umsah, staunte, erwiderte mit
einer Dreistigkeit, die Anna errthen machte:
    Vergebung, Excellenz, Cousin!
    Diese Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und nicht ohne Schrfe bemerkte
sie, als sie die kleinen, weichen, gar mrben Pasteten austheilte:
    Grovterchen liebt alle Namen, in denen der A-Laut liegt; er behauptet, da
alle Menschen gewissermaen aus einem Vokale komponirt sind und im A lge - die
Wahrheit!
    Dystra! sagte keck der Getroffene und betonte die Endsylbe.
    Der Name thut's allein nicht, sagte der Greis mit einem leisen Aufflammen
des Auges, der Charakter, der ganze Ton des Wesens und Redens mu es machen. Die
gute kleine Olga ist noch zu sehr in O und U gesetzt ...
    Dystra verstand noch nicht recht, was Das fr kuriose musikalische Schlssel
sein sollten und bat um genauere Erluterung.
    Anna gab sie dahin, da nach dem Prsidenten alle Menschen sich aus einem
bestimmten Laute zu geben pflegten, je nach ihrem Charakter; bei den
Sanguinischen hrte man nichts als I-Laute, bei den Cholerischen, Mkelnden,
Nergelnden ein ewiges widerliches E, bei den Melancholischen und Hypochondern
die klagenden fr sie wahrhaft herzzerreienden Unkentne in U ...
    Und den A-Laut?
    Liebt Gropapa als den klaren Ton der Wahrheit, des echten Maes und der
richtigen Mitte ...
    Anna von Harder, geborne von Marschalk! sprach der Greis, langsam die A
hervorhebend, mit einem Anflug von alter ritterlicher Galanterie.
    Es schien, als wenn der Prsident bei einem gedankenmigen Gesprche recht
aufthauen konnte.
    Dystra aber wagte kaum zu sprechen, aus Furcht, zu den I- und E-Menschen zu
gehren. Alle seine Bekannten, besann er sich wirklich, besonders die Russen,
waren meistens in I und E gesetzt, wie die ewig zwitschernden und zankenden
Vgel. Voland von der Hahnenfeder war tief in U. Dumme Menschen meist in O, z.B.
der eigne Sohn des Greises, der Intendant von Harder. Klare, besonnene, rstige,
konsequente, wohlwollende wie Rudhard, Siegbert, Dankmar, Leidenfrost, wenn
nicht im Namen, doch im Wesen alle aus dem A. Es rgerte ihn fast, da ihm sein
ganzes Wesen wie eine Resonanz von I und E klang.
    Der Greis erschpfte sich jetzt in freundlichen Betrachtungen ber Olga und
beschmte Dystra mit der Voraussetzung, da er ihm verpflichtet sei, von Anna's
Pflegebefohlener zu erzhlen. Der Greis hatte die Natur derselben sehr wahr
erkannt. In kurzen abgerissenen Stzen lie er soviel treffende Andeutungen ber
Erziehung und Mdchencharakter fallen, da Dystra im Hinblick auf den
Intendanten erstaunte, wie die Praxis hier hinter der Theorie zurckgeblieben
war ... Das bescheidene Gemse, das er jetzt verzehren konnte, wenn er Appetit
gehabt htte, lie ihm Zeit, ber ein Mittel nachzudenken, wie er wol, ohne
absichtlich zu erscheinen, auf den Proze der Gebrder Wildungen kommen konnte.
    berrascht mute Dystra sein, als der Greis von den Thieren anfing, die Herr
von Dystra seinem Sohne fr die knigliche Bhne verehrt htte. Als er die
berraschung ber diese seine pltzliche Bekanntschaft bei dem Greise aussprach,
erwiderte Anna:
    Wir lesen mit Aufmerksamkeit die Zeitungen. Wenn die groe Welt sich in den
Theatern und Salons bewegt, holen wir nach, was die Menschen alles unsrer
Lektre zu Gefallen Schnes oder Hliches anstellen. So hat uns auch Ihre
Untersttzung der darstellenden Knste sehr unterhalten. Alle Bltter erwhnten
den Vorfall mit den Meerkatzen.
    Das Feld war fr die Thierliebhaberei des Greises nun offen. Angeregt durch
den Besuch und eine kurze Mittheilung der Reisen, die Dystra gemacht hatte,
sprach Dagobert von Harder sich dahin aus, da ihn seine Vter und Ahnen, die
alle im Forstfache dienten, frh auf die Naturbetrachtung htten fhren mssen.
Dann, sagte er, kam mir als Juristen das Naturrecht in der alten rmischen
Definition entgegen. Sie wissen, mon cher Baron, da das Natur- oder Vlkerrecht
bei den Alten das Recht alles Lebendigen war. Was da athmet, was zu dem groen
schnen Bau der Erde, zu dem herrlichen Kosmos des Daseins gehrt, hat ein Recht
der Pflege, der Schonung, soweit seine Freiheit die Freiheit der Andern nicht
beschrnkt. Das Recht ist sozusagen der unsichtbare Genius, der seine
schtzenden Fittiche ber Alles, was ist, ausbreitet. Von der Natur fngt es an
und wo es in der Natur nicht ist, wird's im Geiste nicht sein. So hab' ich schon
frh als Jurist gedacht und wenn wir weise werden wollen, wo knnen wir denn
auch anders anfangen, als mit dem Leben der Natur? Die Brcken, die ein Kind,
hab' ich noch jngst zu Ihrer Cousine gesagt, Herr Baron, die Brcken, die du
dir bauen willst in das unendlich Leere, sind wie Regenbogen, an deren Ende ich
als Knabe immer glaubte Gold zu finden. Die Leute sagten's. Ich lief und lief,
um die Stelle zu erreichen, wo der Bogen, der bunte, schne Reif sich endlich
zur Erde senkt; ach und ein Sonnenblick und die ganze tuschende Phantasmagorie
war mit dem Golde verschwunden! Nicht in's Leere baue, sondern in das Gegebene!
Wenn ich nun Ordnung und Gesetz, Harmonie und Verstndni in den Wesenstufen der
vorhandenen, unsern Sinnen zugnglichen Schpfung entdecke, soll mich Das nicht
mit Ehrfurcht vor dem Rthsel des groen Weltenplanes erfllen? Und jemehr ich
Seele, Seelentrieb, Bewutsein entdecke, desto geringfgiger kann mir doch die
innere, sie belebende Flamme der Materie nicht erscheinen? Nein, im Gegentheil!
Je mehr Millionen dieser kleinen Flmmchen selbst im Wurme, in Insekten und
Fischen leben, desto hher wchst mir das groe Centralfeuer der sich selbst
erkennenden Gottheit. Was ich in Allem finde, mu ein Groes, ein Lichtgebornes,
Ewiges sein. Und wenn ich dem Astronomen, Geologen, Botaniker berlassen will,
in seinem Bereiche die Harmonie der Gesetze, das Streben nach Individualisirung
und nach kosmischer Schnheit in den oft so bewundernswrdigen Gattungsregeln zu
entdecken, so hab' ich mit Liebe mich der Thierwelt angeschlossen und ein
Mysterium darin gefunden, da in ihr gebunden dieselbe Seele schlummert, die uns
fr Halbgtter hlt, whrend die ganzen Gottheiten wol wieder ber uns
Thiermenschen lcheln.
    Anna von Harder zerschnitt eben in kleinste Stckchen die Portion Braten,
die der in's Redefeuer gerathene Greis mit dem Lffel a, da das Aufstecken auf
die Gabel der zitternden Hand nicht geschwind genug gelang ... Sie verrieth eine
innerste Genugthuung ber diese Worte des Alten, die so bedeutungsvoll waren,
da sie Dystra mit seiner Moquerie beschmten.
    Ich dachte, Excellenz, sagte Dystra trotzdem witzhaschend, ich dachte,
Excellenz wren ein Pythagorer und enthielten sich des Fleisches, wie noch
jetzt die Hindus.
    Ah bah! Ah bah! antwortete der Greis. Da ich ein Narr wre! Zur
Sentimentalitt soll uns die Liebe zum Geschaffnen nicht verfhren. Das
Vollgefhl der Race, das Bewutsein und der Erhaltungstrieb der menschlichen
Gattung erfordert die Thiernahrung. Grade weil wir Raubthiere sind, haben wir
Geist. Die Wiederkuer, die Schaafe, die Rinder sind von geringem Geiste.
Verloren gehen soll der Mensch an das Thier nicht, wenn wir auch mehr als
dnkelhaft sind in dem blinden Ignoriren alles Dessen, was um uns fliegt,
kriecht, schwimmt, hpft und bellt. Es liegt hierin eine Offenbarung, die in
tausend Zungen so vernehmlich spricht, da wir selbst verwildern, wenn wir zu
unsern Fen nur Verwilderung sehen. Die dumme Lehre vom Instinkt hat uns der
ganzen unermelichen Pflicht des Niederblickens mit einer Phrase berheben
sollen. Wo ist mehr von diesem mechanischen Instinkt als beim Menschen? Der
Instinkt lehrt uns, auf zwei Beinen gehen und den Kopf hochtragen. Der Instinkt
lehrt uns, des Nachts schlafen und nicht am Tage. Der Instinkt lehrt uns die
Furcht und die Bewaffnung gegen Alles, dem unsre Krfte nicht gewachsen sind.
Unsre Paarung, unsre Kindesliebe, unsre Todtenbeseitigung ist Instinkt, wie auch
das Grundprincip unsrer Staaten, unsrer Rechtspflege, unsrer meisten Sitten und
Gebruche. Was uns die Vernunft erfunden zu haben scheint, ist der Trieb der
Gattungserhaltung. Wchse nur die Liebe zu allem wahrhaft Lebendigen, wir wrden
nicht so viel geistig Todtes haben, nicht so viel verblendete mchante
Hypothesen aufstellen und uns nicht so sehnen, aus diesem Chaos von Lge und
Irrthum, Misbrauch der Vernunft, Umgehung der Natur, bei Zeiten herauszukommen!
    Anna, noch bewegt von dem Stolze, wie der edle Greis Dystra's geringe
Meinung von der ihm gebhrenden Rcksicht beschmte, erschreckt von der dem
Prsidenten eignen Todessehnsucht, die er oft uerte, ergriff die zarte kleine
Hand, sie bittend und liebevoll streichelnd ...
    Grovterchen, sagte sie, will mich einmal wieder mein Vielliebchen nicht
gewinnen lassen und wir haben doch gewettet, da die hundert Jahre voll werden!
    Da sei Gott fr! antwortete der Greis und sah sich, weil man das Dessert
brachte, Frchte und Bisquit, nach seinen gewhnlichen Dessertgsten um. Die
Thren wurden geffnet und Noah's ganze Arche schien sich zu entleeren. Selbst
die Schildkrte wurde auf Anna's besondern Befehl von dem Bedienten in den obern
Stock getragen ...
    Der Greis ftterte seine Gste. Man hatte ihm Schsseln mit Krnern
hingestellt. Er gab reichlich, strafte aber jeden Nscher und gab jedem
Gehorsamen mit Schmeichelreden ...
    Es ist die Liebe, sagte er zu dem erstaunt blickenden Dystra, den seine
Beklommenheit verlie, es ist die Liebe, die die ganze Thierwelt nur zu sehr an
uns vermit. Wenn wir uns vor Dem, was auer uns lebt, frchten, so geht Das
noch, es ist eine Idiosynkrasie der Gattung; aber wir hassen die Thiere; wir
toben unsre Leidenschaften an ihnen, wie nur zu oft auch an unsern Kindern aus.
Kein Wunder, da Alles um uns her dann tckisch, zornig, rachschtig wird und
nun auch wieder seine Leidenschaft gegen das noch Schwchere austobt! Wodurch
verbind' ich Hund und Katze? Dadurch, da ich sie nicht aufeinanderhetze, nicht
Gefallen an ihren Unarten finde. Ich verweise Sie auf den Blick des Thieres.
Finden Sie da in meinem groen schwarzen Bafomet - der Greis nahm den riesigen
Kater und stellte ihn dicht vor sich auf den Tisch - nicht einen Ausdruck der
stillen Ergebung, des geduldigen Tragens dieser Erdenhlle..?
    Da man fast an die Seelenwanderung glauben mchte? sagte Dystra forschend,
ob nicht dies alte gyptische Dogma in dem etwas ketzerisch sich uernden Alten
zum Vorschein kme ...
    Da erhob sich aber eben Anna. Sie hatte es drei Uhr vom Kirchthurme schlagen
hren und schon erblickte sie einen Wagen, der von der Landstrae ablenkend zum
Hause herauffuhr ... Vielleicht der der Frau von Trompetta, die immer die Erste
war.
    Sie wissen, Baron, sagte sie mit hocherrthenden Wangen, da wir heute unsre
musikalischen bungen haben; aber ich bedaure, da die Anwesenheit ungeladner
Zeugen ...
    Das sind strenge Gesetze, warf der Greis, sich erhebend, scherzend ein, aber
ich zeige Herrn von Dystra einen Winkel, wo wir unbelauscht zuhren knnen oder
...
    Unsern Mittagsschlaf halten, ergnzte Dystra mit Beziehung auf den Greis.
    O nein! O nein! lehnte dieser ab. Mein Ohr hrt nie schrfer, als wenn die
Augen zufallen. Ich schliee die Augen, Baron, in dem kleinen Winkel, den ich
Ihnen zeigen werde, aber wenn man Bach und Hndel singt, schlaf' ich nicht.
    Dystra war weder fr Bach noch fr Hndel besonders eingenommen, aber er
sah, da die Excellenz gesprchig werden konnte. In der Hoffnung, da eine
Errterung, die schon bei der Seelenwanderung angekommen war, sich auch noch auf
das Mittelalter, das heilige Grab und die Tempelherren wrde ausdehnen lassen,
erklrte er, die Winke der Frau Landrthin nicht zu verstehen und sich ganz im
Verborgenen halten zu wollen. Sein Spartakus und Cicero sen hoffentlich
bedacht in der Kche ...
    Die Nachricht von den Mohren machte dem Alten groe Freude. Er wnschte sie
spter zu sehen ...
    Htte Dystra ahnen knnen, was Alles die arme Kapellmeisterin bestrmte, er
wrde sie mehr geschont haben! Sie sollte ihm jetzt sagen, was Olga triebe,
warum sie nicht gekommen wre, ob sie bei Tisch immer schwiege, ob sie vor den
Thieren nicht Apprehensionen empfnde, ob er wagen drfte, sie in ihrem Zimmer
zu berraschen, wo hinaus es lge, ob sie jetzt e ... Alle diese Fragen
erwiderte sie mit dem einfachen Bescheide, Olga male, sie wrde zu ihr gehen und
ihr leider wol wiederholt die Versicherung geben mssen, da man sie betrachten
wolle wie eine Einsiedlerin ...
    Also nach Norden liegt ihr Zimmer! sagte Dystra und wollte trotzdem folgen,
wenn nicht der Greis sich erboten htte, ihm jetzt den Versteck zu zeigen, aus
dem er gewohnt wre, den Akademieen zuzuhren. Dystra mute ihm schon den Arm
bieten. Sie gingen ber den Corridor, eine kleine versteckte Treppe hinunter ...
    Inzwischen hatte sich die Zahl der Wgen, die vorfuhren, ansehnlich vermehrt
... Anna hatte Olga ersucht, an der Akademie Theil zu nehmen ... Sie schlug die
Aufforderung aus ... es bebte ihr durch's Herz, als das trumerische Mdchen,
ihr fast stereotypes Schweigen brechend, gesagt hatte:
    Dein Haus ist wol ein Gefngni fr mich; aber die gefiederten Snger der
Luft wohnen gern in ihm. Ich gehre zu den Stillen, die man nur mu gehen
lassen, wenn sie Jeden erfreuen sollen. Ich wei, jener Dystra ist bei Euch, dem
sie mich vermhlen wollen, weil er Schtze besitzt. Ich fliehe vor ihm, wie vor
der Klapperschlange die Thiere fliehen, ber die ich dem Gropapa zuweilen
vorlese. Deine Welt, in der du lebst, liebe Anna, ist wunderbar. Weit du, da
ich manchmal Muth bekomme, weit, weit ber die Thiere und Menschen hinaus, die
sich vor Schlangen frchten? Ich bin gar nicht erschrocken vor den Mdchen, die,
wie Gropapa erzhlt, mit Schlangen sich umringeln, kleine Vipern als
Halsschmuck, groe als Shawls tragen! Ich mchte so mitten inne in der Wildni
sitzen, ich wte, ihre Bewohner schonten mich. Ach, sind denn die Menschen
nicht viel schrecklicher? Von diesem Dystra mit seiner geckenhaften Eleganz,
seinen parfmirten Redensarten, seiner Eitelkeit auf seine kleinen Fe red' ich
nicht. Er ist nur lcherlich und ich wurde mich schmen, wenn ich ein Wort mit
ihm redete. Aber es gibt grere Ungeheuer! La mir die Einsamkeit, gute Anna!
Ich habe so viel erlebt, so viel in meinem innersten Herzen zurecht zu legen,
da ich dieses verzauberten Schlosses recht bedarf, um mich zu sammeln. Es ist
mir bei Euch, wie ich von der Hhle des Trophonius gelesen habe, in der man die
Stimme des Erdgeistes hrte.
    Dabei zeigte Olga rund herum auf ihr gemthlich eingerichtetes Zimmer, das
immer fr fremden Besuch auf Tempelheide eingerichtet war und in Nebenkmmerchen
noch Raum fr zahlreichere Gste bot. Die Meubles waren hier moderner als im
brigen Hause, die Bilder zeigten auch einmal andre als naturhistorische
Gegenstnde, und an den nach Norden gelegenen Fenstern gediehen in khlem
Schatten einige Blumenstcke von ausgesuchterem Werthe. Auf einem dicht ans
offne Fenster gerckten Tische malte Olga in Aquarellfarben, deren Anwendung sie
von Siegbert Wildungen gelernt hatte, eine italienische Fernsicht. Das
dunkelblaue Meer und einen einzigen darber hinweg schwebenden Vogel erklrte
sie fr das Abbild ihres eigenen Lebens. Und als Anna sie nicht bewegen konnte,
der Versammlung unten, deren bevorstehende berraschung sie freilich
verschweigen mute, beizuwohnen und gehen wollte, rief ihr Olga pltzlich wie
aufthauend noch nach:
    Und dein heutiges Freudenfest?
    Anna drckte das Mdchen bewegt an ihr Herz und erwiderte:
    Viele Jahre hindurch, ich kann sagen wieviel, siebzehn Jahre hindurch war
der heutige Tag ein Freudentag. Dann hab' ich lnger als zwlf Jahre an diesem
Tage bitter geweint, vor aller Welt mich abgeschlossen, Niemanden sehen mgen,
als die Bilder, die vor meinem innern Auge lebten. Zuletzt, je nher ich dem
Ziele unsrer allgemeinen Pilgerschaft komme, hab' ich von diesem Tage nur noch
die alte Freude behalten und feiere ihn still innerlich wol, aber mit Ergebung,
wie wenn Alles so wre, wie es nicht ist.
    Olga wute nun, da Anna von dem Geburtstage ihrer Tochter sprach, ber
deren Leben und Tod Anna seit Jahren nichts mehr vernommen hatte ...
    Schon war die wrdige Frau gegangen. Auf der Stiege sich sammelnd, den
Dienern jede nthige Aufmerksamkeit einschrfend, das Vorzimmer des Musiksaales
im Vorbergehen noch etwas aufrumend trat sie zu mehren schon unten anwesenden
Damen und Herren ein.
    Der Chor schien heute besonders stark zu werden. Das unverndert schne
Wetter lockte jedes Mitglied, die Veranlassung einer so angenehmen Spazierfahrt
nicht zu versumen. Nur ein Billet, das sich vorfand, war ein absagendes, grade
von der Trompetta! Diese schrieb, ihr stnde der berraschende Besuch ihres
Vetters, wie sie sagte, des Chefprsidenten von Trompetta Excellenz bevor,
einer bekannten, in der Provinz im Sinne der uersten Reaktion wirkenden
Persnlichkeit, die man schon oft als eine Ministerchance genannt hatte, ebenso
wie einen Verwandten des Fruleins von Flottwitz, den Oberprsidenten von
Flottwitz, der gleichfalls in der Provinz zu den letzten Trmpfen gehrte, die
die uersten gern ausgespielt htten, wenn nicht Egon von Hohenberg zur Zeit
noch unerschtterlich erschien. Die arme Trompetta! Die Bedauernswerthe! Wenn
sie ahnen konnte, was sie heute versumte! Wagen an Wagen fuhr vor. Bediente
sprangen von den vordern Bcken und ffneten die Schlge. In der Hausflur saen
schon fast ein Dutzend gallonirter weier Sklaven, die bald die Nhe der
schwarzen in der Kche gewittert hatten und ihr bergewicht zu Hnseleien
benutzten, grade wie sie der alte Oberprsident im Umgang der Menschen mit der
Thierwelt als die Quelle der Verwilderung derselben bezeichnet hatte. Die
Kammerdienersshne der Majestt von Angora nahmen die Spe, die man sich mit
ihnen erlaubte, nicht zu bel auf, sondern genossen ihr Vorrecht, sich mit den
Speiseschrnken auf Tempelheide vertrauter gestellt zu sehen, als die Europer,
in einem Grade, der den Neid der letzteren, deren Herrschaften alle erst um
sechs dinirten, sehr rege machte und sie um so mehr verstummen lie, als die
beiden alten Diener des Hauses, die ihre beste blaugelbe Livree angezogen
hatten, auf Ruhe und Ordnung hielten in dem Augenblick, wo vom Musiksaale her
die ersten Tne des Pianos erklangen.
    Vor dem Schlosse eines Frsten, wenn seine hchsten Rthe bei ihm versammelt
sind, kann es nicht belebter aussehen als jetzt vor dem kleinen Landhause von
Tempelheide. Die gewhlteste Gesellschaft wurde an den Wappen von mehr als
zwanzig Wgen erkennbar. Auch die Mnner gehrten nicht alle dem bescheidenen
Stande der jungen Offiziere und Referendare an, sondern mancher Rath, mancher
jngere Prsident bte noch die Fertigkeit seiner Stimme und hielt treu bei
diesen fashionablen Tonbungen aus. Die Dorfbewohner, ja stdtische
Lustwandelnde horchten zu vom Hgel der Kirche, vom Friedhofe und den beiden
Linden herber. Die Jugend staunte der Wgen, der stolzen Rosse und Bedienten.
Dies wunderreiche kleine Schlo, sonst so still, wie belebt war es heute! Die
Thiere wurden eingehalten oder ihr Gackern und Lrmen erstickte in den
entfernten Stllen oder der hliche Schrei des Pfauen in den hohen Wipfeln des
Tannenparks ... Es schlug halb vier Uhr. Die Akademie begann ... Frulein von
Flottwitz kam noch in einem unscheinbaren Wagen etwas versptet. Wahrscheinlich
hatte ihr die Trompetta den Streich gespielt, ihr die Mitbenutzung ihres Wagens
unmglich zu machen. Dadurch hatte sie einen Miethwagen nehmen, sich ngstigen
mssen ... Aber welche frohe Botschaft brachte sie auch mit! Sie hatte ja den
Hof ber die Felder hinausfahren sehen, die um Tempelheide lagen, die
kniglichen Wagen sechsspnnig mit Vorreitern und mit zwei Wgen voll
Kammerherren und Hofdamen. Und nun, wie gehoben konnte sich die junge
Aristokratin fhlen schon durch den Anblick der andern Wgen, die vor
Tempelheide standen! Welch' Gefhl der Exclusivitt, so in einen Saal zu treten,
wo es nur Mitglieder der hhern Gesellschaft gab, ja sogar unter sechs bis acht
Grfinnen eine Frstin, vielleicht eine Frstin von Sein-Haben-Werden! Sie kam
grade zurecht, in ein Miserere mit einzustimmen, dem es gut that, bei der Stelle
dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende Stimme in der rechten
Lerchen-Wirbel-Schwebe gehalten zu werden.
    Anna dirigirte mit Feuer und Begeisterung. Was auch kommen und drohen
mochte, in der Musik hoben sich ihr alle Schwingen. Da hrte der kleine Flug
ber die Erde auf, da wurde nicht mehr mit den Fittichen ber die Rcksichten
leise hinweggeflattert, da schlug sie Akkorde, die die Seele entfesselten und
emportrugen in die Welt der Ahnungen und des lebendigsten Gottvertrauens. Sonst
ihre Stimme im Reden so weich und fast tonlos, jetzt markvoll und schmetternd
Befehle ertheilend! Cis! Cis! Cis! so durchgedonnert durch die falschgreifenden
Baronessen und Grfinnen, ein Zu frh! den Rthen, Prsidenten, Kapitns,
Assessoren, Sekondelieu-tenants und Kadetten - wieder einem Flottwitz hatte sich
endlich die Stimme gesetzt zu einem recht brauchbaren Falsett-Tenor - so ein Zu
frh! das war wie der Tuba-Ton eines Jahrhunderts, der diesen Herrschaften sonst
gewhnlich nur zuzurufen pflegt: Zu spt! Freilich auch Zu spt's! kamen genug
vor, besonders bei den etwas nachmittagsschlfrigen Bssen, die ihr exultabunt
ossa mea ganz im Gegensatz zur Bedeutung dieser Worte etwas gar zu sehr wie
wiederkuendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten. Am meisten Noth hatte die
gute Anna mit der Frstin Sein-Haben-Werden, die die Musik leidenschaftlich
liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung, aber an einer fr Menschen
fast instinktwidrigen musikalischen Gehrlosigkeit litt und im Vergreifen des
Einsetzens im Laufe der bung es in der That fr den Zusammenhang der Tne
zuweilen zu einem wirklichen kompletten Miserere brachte.
    Dystra inzwischen litt nicht nur an seinem hchst geringen Interesse fr
geistliche Antiphonieen und Responsorien, sondern in noch erhhterem Grade in
seinem ganzen, von dem Lokale, wo er sich befand, in Belagerungszustand
gesetzten Nervensystem. Der ihm so wohlwollend zugewandte Greis hatte sich von
ihm die kleine Haustreppe hinunter in ein Gemach fhren lassen, das zwar eine
sehr angenehme Khle verbreitete, aber bald fr ihn ein Gegenstand des
Schreckens werden sollte. Der Alte hatte es die Spinnstube genannt. Dystra
folgte in Bewunderung vor der lndlichen Patriarchalitt dieser Wohnung, wo noch
gesponnen wurde, wie im Zeitalter der Knigin Bertha.
    Wie erschrak er aber, als er sich auf einen Stuhl neben einem Sessel, in den
sich der Alte niederlie, warf und entdeckte, da dies nicht die Spinn-, sondern
die Spinnenstube war! Wirkliche Spinnen waren es, die hier spannen, und welche
Ungeheuer, welche achtbeinigen Arachniden, welche Netze! Quer ber das ganze
Zimmer hingen die Fden und junge und alte Kreuzspinnen schaukelten sich auf
ihnen. Es ist wahr, der Greis sprach sehr schn ber den Ton und dessen
Einwirkung auf die Thierwelt. Er verglich den Ton mit dem Lichte und erklrte,
da Ton und Licht dem Thiere zusammenflsse, dem Fische, dem Kfer, der Spinne.
Es ist wahr, man konnte bei den ersten Takten, die in dem Musiksaale nebenan
angeschlagen wurden, die Bewegung sehen, wie die Spinnen stutzten und der Thr
sich zuwandten. Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde gesteigert,
als der Prsident auf ein kleines Loch am Fuboden zeigte und sagte:
    Geben Sie jetzt Acht! Er gab Acht und errieth fast, da aus diesem Loche
noch ein Freund der Musik erwartet wurde, aber am liebsten htt' er sich einen
Kehrbesen und eine muthige Magd gewnscht, die hier die Wnde rein gefegt htte.
Es half nichts, er mute die Spannung des Alten theilen, der aus diesem Loche
den Besuch einer kleinen Maus erwartete, die nie ausblieb, wenn die Akademie im
Gange war. Es dauerte heute lange. Der Alte bekam schon Bedenken, frchtete fr
die Rckflle seiner Katzen, schalt ber die Hunde, die Mgde, die Ratten, die
Diener, Alles in einem Tone. Er hrte nichts von den majesttischen Hymnen, die
nebenan mit allen Unterbrechungen eines mglichsten Strebens nach Correkt-heit
gesungen wurden, bis endlich wirklich zu seiner innigsten Freude ein kleines
graues Muslein sich hervorwagte, klug die uglein um sich warf, den Boden
prfte, den Schweif ringelte und sich den an der Thr wie verzaubert lauschenden
Spinnen als alter bekannter Musikfreund hinzuzugesellen suchte. Schon lngst
hatte man nebenan einen Versuch in mehr unserm Jahrhundert sich annhernder
Musik gemacht, schon lngst hatte Dystra soviel gewonnen, da er mindestens eine
durchgebildetere Verschlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen
Tonfiguren zu bemerken glaubte, als dem Greise sein Experiment gelungen schien
und er sein Muschen wie einen alten Bekannten begrte. Nur dauerte die Freude
nicht lange. Denn ... pltzlich stockte der Gesang, die Spinnen bewegten sich
erschrocken auf den hohen Stelzbeinen, das Muschen stutzte, eine krftige Hand
pochte an die Thr, ein Bedienter ffnete ... eine berraschung ... der Hof ...
Was? ... Der Knig ... Wie? ... Die Knigin ... Himmel? ... Anna nherte sich
schon dem Papa - es ist ja nicht glaublich! Doch! Doch! Der Hof eben
vorbergefahren, schon bei dem Magnifikat still gehalten ... jetzt wo es an
Hndel ginge, liee man fragen, ob ein Besuch der Herrschaften erlaubt und
Zuhrer gestattet wren ... Staunen, Bewegung, Unentschlossenheit ... endliche
Fassung ... zwei Minuten darauf hatte sich die Scene merkwrdig gendert ... dem
Schlosse von Tempelheide war groes Heil widerfahren.

                                Viertes Capitel



                            Die beiden Jahrhunderte

Im Vorzimmer des Musiksaales zu Tempelheide bei geffneten Thren sitzt das
Monarchenpaar, andchtig lauschend einem mit unendlich gesteigertem Eifer wieder
begonnenen Hndelschen Psalm, einem Musikstcke, auf das sich die im Innersten
bebende Anna verlassen konnte ... Die Altenwyl, freudestrahlend ber den
gelungenen berfall, denn grade in dem Pltzlichen, dem Unvorbereiteten lag der
Reiz, lag der Zauber, der allein die Herrschaften in dem Glauben erhielt, sie
beglckten sehr die Menschheit und verstnden sie in ihrem tiefsten und
geheimsten Walten ... Eine Ankndigung dieses Besuchs, wen htte sie nicht Alles
verletzt, wieviel Neid htte sie erweckt und wie leicht htte sie das
Zustandekommen vereiteln knnen, da Anna so schwer zugnglich war ... Nun aber
war der khne Wurf gelungen ... Der Monarch blickt glubig, seine Gattin erbaut
sich an der Sache selbst und an der Andacht des Gemahls ... Zwei Kammerherren in
bescheidner Entfernung, zwei Hofdamen sitzend hinter der Herrscherin und alle
mit denselben Mienen wie diese, dieselben Achs! Dieselben Os!
    wie jene, ja als sich die Augen der Knigin bei einem Adagio mit Thrnen
fllten, weinten auch die weiblichen Umgebungen ... Die Kammerherren waren etwas
selbstndiger; sie fhlten dem Monarchen nach, da seine Empfindung eine
getheilte war. Halb war sie der altklassischen Musik, halb dem greisen
Obertribunalsprsidenten zugewandt, der von seinem Gaste, dem russischen
Staatsrathe Otto von Dystra, gefhrt, neben den Majestten sa und mit sicherm
ruhigen Bewutsein, ja mit einer gewissen vornehmen Fassung die Ehre
entgegennahm, die seinem Hause so berraschend widerfuhr ... Dystra war lngst
dem Hofe vorgestellt und seiner halbverwachsenen Figur wegen sogleich als der
Sonderling erkannt, von dem man glcklicherweise seine Bekanntschaft mit
gewissen zweideutigen Elementen der Gesellschaft noch nicht in Erfahrung
gebracht hatte ... Die Knigin irrte sich gar nicht, wenn sie bei ihrem Gemahl
voraussetzte, da ihm diese unmittelbare Annherung an den Chef der
Gerechtigkeit in seinen Staaten auerordentlich wohl that und er sich in dem
Bewutsein betraf: Du lehnst dich da an das Gute und das Edle, an das von Gott
Eingesetzte und ewig Gewollte, an den Widerschein der himmlischen Ordnung und du
bist in der Weise, wie du nun einmal regierst oder regieren lssest, nicht nur
in deinem gttlichen Rechte, sondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich
prdestinirten Pflichten! ... Und nun dazu diese Musik, diese alte bewhrte
Tonschpfung eines groen Meisters! Welche Sicherheit gewhrte ihm diese
Anlehnung an eine Jakobsleiter, die gleichsam in den Himmel selber fhrte! Ach,
es sah so dster auf dem Gebiete der tglichen Erfahrung aus. Die Ruhe war
hergestellt, aber theilweise mit gewaltsamen Mitteln. Man hatte in Egon von
Hohenberg eine seltne Kraft des Willens, der Durchfhrung, des Vertrauens sogar
gewonnen, aber selber wollte man nicht vertrauen. Man fhlte sich einsam, leer,
bengstigt wie immer. Man hatte einen Staat, aber kein Volk mehr. Man sah
Gehorsam, aber so wenig Begeisterung bei Denen, die gehorchten, weil sie muten.
Man hatte Beispiele von Strenge geben mssen. Bis in das Heer, das man den Kern
und die Blthe des Volkes zu nennen pflegte - der Kern und die Blthe des Volkes
ist die Schule, hatte dagegen Egon selbst einmal eines Abends in den kleinen
Cirkeln mit Reizbarkeit gesagt - bis in das Heer war das Gift der Neuerung
gedrungen. Es waren Beweise von Verrath gegeben worden, die man zum
abschreckenden Beispiele hatte mit buchstabenscharfer Rcksichtslosigkeit
strafen mssen. Noch beunruhigend genug war die Sage von einem groen geheimen
Bunde, der bis in die weiteste Verzweigung aller Stnde griff und den Boden, auf
dem man tglich wandelte, unsicher machte. Egon selbst, der nicht blos das Land,
sondern auch zuweilen den Hof, wenigstens dessen liebste Angehrige,
tyrannisirte, der Premierminister, dies allbewunderte, strahlend aufgegangne
Gestirn, das weithin am europischen Himmel leuchtete, Egon von Hohenberg selbst
hatte eines Abends, als von gewissen strafenden Worten die Rede war, die ein
Prinz des Hauses in der Provinz zu einem Gemeinderathe gesprochen, gesagt:
Hteten sich doch die Frsten, mit ihren persnlichen Ansprchen auf die
Empfindungen der Menschen jetzt noch zuweit sich hervorzuwagen! Es kann eine
Zeit kommen, wo das Frstenwesen von Allen, vom Brger, Bauer, Adel und der
Bureaukratie umgangen worden ist und es pltzlich in einer Vereinsamung dasteht,
die es vor der Treulosigkeit seiner besten Freunde wird erschaudern lassen!
Solche Egon'schen Worte waren lngst die Veranlassung einer geheimen
Hofverschwrung gegen den Staatsretter geworden, wie man ihn ffentlich nannte.
Die Knigin stand selbst an der Spitze dieser Opposition, die zunchst eine
sittliche war und von der Grfin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt
wurde, als sich der Frst mit dem schnsten Mdchen der Residenz vermhlt hatte,
dem man die brgerliche Abkunft nachgesehen htte, wenn nicht Melanie's Ruf, der
Ruf jener Pauline, unter deren Auspicien diese Ehe zu Stande kam, Ansto htte
erregen mssen. Es war eine Demonstration gegen Pauline und gegen Egon selbst,
da man Anna von Harder heute besuchte, sittliche Elemente schtzte, die
seelenreinigende Musik verehrte und in dem uralten Chef der Justiz gleichsam
jenen alten Staatsorganismus, durch den das Land gro geworden, an Macht und
wahrem Glcke gewonnen hatte, selbst der konservativen Neuerung gegenber in
Ehren hielt. Und das Alles schwamm so in den Tnen Hndel's mit! Das Alles flo
so sanft in den Strom der Harmonieen ber, die auch unter der Direktion eines
Pianos an ihrer rauschenden Wrde und Feierlichkeit nichts verloren! Jauchzet
dem Herrn alle Lande und singet dem Knig der Ehre! Es fehlten hier nur noch
einige bunte Kirchenfenster, einige Kartons etwa zum Heilande in der Vorhlle,
die Sammlungen und diskursiven Errterungen Voland's von der Hahnenfeder und der
ganze Apparat war beisammen, mit dem aus dieser Gegend her gegen die Strme der
Zeit ein Zion voll Kraft und Herrlichkeit erbaut werden sollte.
    Und die Sprache der suchenden Empfindung blieb auch nicht zu lange aus. Nach
Beendigung des sehr gelungenen prcisen Vortrags erhob sich der Hof, betrat nun
den Musiksaal selbst, rhmte die Kraft, die Ausdauer, den Geschmack der Fhrung
und lie sich von der in der Musik nun recht erstarkten und gehobenen Anna die
Damen und Herren vorstellen, meist bekannte, hoffhige Namen, deren Jedem ein
anerkennendes Wort, eine Frage, eine jener kleinen Nippsachen der Konversation,
die eine Cour fr die Groen zu einer Aufgabe macht, zu Theil wurde. Dann aber
wurde doch der Greis der Hauptmittelpunkt. Ihn selbst verjngte die Spannung und
erhielt ihn frei, ohne Untersttzung des beobachtenden und vielbeobachteten
Dystra ... Frulein von Flottwitz sagte auch den hohen Herrschaften, als an sie
die Reihe des Lobes und der Anerkennung kam und ihre Gesinnung und die ihrer
Anverwandten und ihrer Onkel, ihrer Brder, ihrer Vettern, namentlich des auch
in der Presse wirksamen Oberprsidenten gepriesen wurde: Welche ausstrmende
Kraft in der Nhe eines geliebten Herrscherpaares liegt, beweist das
Lazaruswunder an dem Greise da! Wie erstanden ist er vom Tode! Alle Krcken sind
gleichsam weggeworfen! Sein Knig sagt: Stehe auf und wandle! ... Man belchelte
diese etwas pathetischen Worte der Flottwitz, aber sie sagten Das, was man so
gern hrte in diesem Kreise. Ja, wie manche Bittschrift wurde nicht erhrt, die
man statt an den Landesfrsten an seine Gemahlin richtete! Man fand damit ein
Prinzip der persnlichen Huldigung ausgedrckt, das leider zu sehr abhanden kam.
Ein junger Snger, der ein Gedicht schrieb: Die Farben meiner Knigin, erhielt
fr diese Huldigung im alten troubadourischen Style eine ganz moderne
Wechselanweisung zu einer Reise nach Italien. Kurz man steuerte jener Egon'schen
Prophezeiung von der poetisch-romantischen Isolirung des Monarchenthums mit
vollen, rauschenden Segeln zu und htte, wenn die heute so unendlich verkrzte
Trompetta dagewesen wre, zwar nicht von ihrem Album, nicht von ihrem
zweideutigen Kanonenboot, wol aber schon von dem Chefprsidenten gesprochen, der
zu der Richtung der Persnlichkeit im Staate sich hielt und krzlich sogar gegen
Egon eine Opposition in Steuerfreiheitssachen des Grundbesitzes mit angefhrt
hatte.
    Konnte es da fehlen, da nun durch die Altenwyl auch die Thierseele, auch
die Mauerschwalbe, auch die olsharfe im Tannenparke zur Sprache gebracht wurde?
Ach, dieser vorschnelle neologische Dystra! ... Der platzte mit seinen
Beobachtungen ber die Spinnen und die kleine Maus hervor. Er wurde belchelt,
aber dies Lcheln war nur gndig, nicht ganz zustimmend. Die Thierseele! Die
Thierseele! Man sollte darber viel zarter, viel milder, viel duftender
sprechen. Der alte Herr begann schon selbst davon, Anna untersttzte ihn, man
horchte, man lauschte, man gestand zu, es wre wol das Rhrendste, was die
Thierwelt darbte, wenn eine Katze die Jungen einer von ihr gebissenen Ratte
aufsugte. Aber da errtheten doch immer noch Einige der Damen. Man wollte die
Wissenschaft, die Wahrheit, aber nur nicht zu wissenschaftlich, nicht zu wahr.
Man suchte etwas mehr Dmmerndes, Umflortes und da hatte die Grfin Museburg,
die an der Spitze einer groen Anzahl von Vereinen stand, den Muth, auf die
Hunde des St.-Bernhard zu kommen, jene edlen Neufundlnder, die die in den
Lawinen verschtteten Unglcklichen im Schnee aufsuchten, aus dem Krbchen, das
sie um den Hals trgen, sogleich mit Speise und Trank erquickten, bis die Mnche
kmen und das Werk der Liebe und Rettung vollendeten. Das war denn ein Wort! Das
ffnete gleich das ganze Gebiet, auf dem man der Menschheit hier Wunder glaubte
zu ntzen, das groe herrliche Gebiet der innern Mission. Die St.-Bernhard's
Hunde auch in ihrer Art innere Missionre! Nun strmten alle losgelassenen
Schleusen der bereinstimmung ber das Seelische und so rauschend quollen sie,
da die Grfin Altenwyl fast Mhe hatte, mit dem Anliegen durchzudringen, den
edlen Greis mchte man doch ber die Mauerschwalbe fragen, die Shakespeare so
schn beschrieben in Versen, die General Voland damals sogleich, wie Alles,
auswendig gewut htte. Aber o Jammer! Der alte rationalistische Herr aus
Friedrich's des Groen Zeit zerstrte den schnen Traum von der an Mauern
schmiegsamen Mauerschwalbe und nannte sie frischweg nur die Maurerschwalbe, weil
sie maure wie mit Kelle und Mrtel, nicht Mauerschwalbe, weil sie sich liebend
an Mauern schmiege. Und was er auch nun Rhrendes erzhlte von der Schwalbe und
ihrer Anhnglichkeit an ihre Jungen, von jenem Schiff, an dessen Masten sich
einst im Hafen eine Schwalbe genistet htte, die ihre Jungen durch vom Lande
geholten Proviant ernhrte, von jenem Schiff, das dann in See gegangen wre und
von der Schwalbe, die bald zum Lande, bald zum Schiffe flog, um Nahrung zu
holen, bis sie todt niedersank im Meere, weil die Entfernungen zu weit wurden,
ja was er auch von der kunstvollsten Methode des Nestbauens durch Schwalben
erzhlte, die Maurerschwalbe war Das nicht, was man wollte. Die Maurerschwalbe,
ach, die stand ja gleichsam im Schurzfell, mit Kalk bespritzt und der Kelle in
der Hand vor diesen Damen, deren Phantasie nur das absolut Schne und das
englische Lovely wollte, die Natur gleichsam in Goldschnitt gebunden wie eine
Gedichtsammlung ber die Sonntagsfeier oder ber die Mrchenwelt oder was sich
der Wald erzhlt! ... Nur der Monarch gehrte nicht zu den Des-illusionirten.
Er wute, da die greise Excellenz Chef aller Landeslogen war und in der
Maonnerie hoch verehrt. Ihn brachte grade doch die Maurerschwalbe auf ein
stilles Nachsinnen ... die Maonnerie ... und schon schwebte ihm, schon im
Voraus gestachelt vom wunderschtigen Voland, die Bemerkung auf den Lippen, da
die Welt auf die Entscheidung des groen Johanniterprozesses sehr gespannt wre
... als die junge Gemahlin den Wunsch ... wieder nach Musik, jetzt nach
Pergolese, uerte, man sich wieder setzte und Pergolese sang. Man sang
Pergolese.
    Die weichen Tne des Stabat mater nach des alten Hiller Instrumentirung zum
Klavier wurden in sanftester Modulation, schwellend und absteigend, in den
Tuttis und den Solis vollkommen sicher vorgetragen. Es war eine der fertigen
Kompositionen, die Anna von ihrer Akademie zu jeder Zeit und auch Jedem
darbieten konnte. Diese Tne waren gewi schmelzend. Gewi, Baron Dystra, htte
ihm eine Stimme sagen sollen, wen der Schmerz Mariens, die am Kreuz des Sohnes
stand, in diesen Tnen nicht rhrte, verdient den Antheil nicht am gesitteten
Menschenbund. Der Baron glossirte auch wirklich nicht die Thrnen der Frauen.
Ergriff ihn doch selbst das Verhallen des auch dichterisch so wohlgefgten
Liedes, dies sanfte, stille Ausathmen der Komposition, nach dem man nur
abbrechen, gehen, knieen, predigen, beten, nichts Gemeines mehr beginnen kann.
Die Damen wren auch zerknirscht so am liebsten nun gegangen, so mit feuchten
Augen am liebsten von der bewegten und ruhig gewordenen Anna geschieden, aber
den Monarchen fesselte es an den greisen Obertribunalsprsidenten. Es that ihm
so wohl, sich durch ihn im Zusammenhange mit der Geschichte seines Hauses zu
wissen. Er begann, um nur noch zu bleiben, jetzt von den Windharfen und
bedauerte den fr den Greis zu entlegenen Weg. Doch dieser machte dem Worte der
Flottwitz Ehre. Er stand und ging wie der Rstigsten Einer und als der Frst
sogar selbst seinen Arm ergriff, ihn selber fhrte, gab er seine bereitwilligste
Absicht zu erkennen, seinem Herrn und Knige auch mit Freuden jene Zhmung der
Luftgeister zu zeigen. Nun war Alles wieder erfrischt, wieder erquickt nach dem
schmerzlichen Drucke Pergolese's. Der Knig will noch bleiben! Alles athmete
beseligt. Drauen vollpulsirende Bewegung. Hunderte von Menschen, die an den
Spalieren standen und leidlich ehrerbietig gafften. Die ganze Akademie folgte,
weil es gewnscht wurde. Die Diener machten Spalier. Es ging in den Tannenpark.
Auch Dystra folgte mit den Kammerherren, die er obenhin kannte. Anna blickte zu
Olga hinauf, die hinter ihren Blumen stand, sich getrost das Alles entgehen lie
und sich vor einem Schauspiel, das ihr wenig Interesse einflte, still verbarg.
Als im Gehen der Gropapa eine Erzhlung begann, die sie ohne Erschtterung nie
hren konnte, die Geschichte der beiden Schwestern Philomele und Prokne,
erschrak sie recht ...
    Der Greis kam sehr einfach auf diese Geschichte. Der Knig hatte ihn nach
den allgemeinen religisen Resultaten seiner Lieblingsneigung gefragt. Dagobert
von Harder antwortete darauf:
    Manchmal, Majestt, wnscht' ich, die Christuslehre htte die Menschen nicht
zu sehr auf das Reich der unsichtbaren Geistigkeit verwiesen. Es ist nicht gut,
wenn wir uns zu sehr aus den Banden der gegebenen Sinnengrenze entfernen. In den
heidnischen Vorstellungen ber Religion hat mir immer gefallen, da ihnen eine
allbelebende Phantasie in der Natur bestimmte Ruhepunkte anwies, die unmittelbar
anzubeten freilich eine blinde Abgtterei war, whrend leider auch wir in unserm
Glauben vom Hylozoismus nicht ganz frei sind. Die Alten haben sich selbst
gehoben, als sie die Thierwelt zu Mittelstufen der Gtterlehre machten. Jedem
Gotte war irgend ein gefiederter Bewohner der Lfte oder das schnaubende edle
Ro oder die wilden, von des Gottes Bedeutung gebndigten Einsiedler der Wste
beigegeben. Der Lehre von den Verwandlungen liegt ein Prinzip zum Grunde, das im
Thiere eine Offenbarung anerkannte. Und wie artig sind die Sagen der
persnlichen Auffassung des Welt-und Erdenlebens! Schiller singt: Wo jetzt nur,
wie unsre Weisen sagen, seelenlos ein Feuerball sich dreht, lenkte damals seinen
goldnen Wagen Helios in stiller Majestt. Gibt es eine schnere Sage als die von
Philomele und Prokne?
    Der Monarch, der mit dem General Voland die Belesenheit gemein hatte, kannte
sie, doch nicht vollstndig genug, um sie den Damen mitzutheilen.
    Philomele und Prokne, erzhlte der Greis, waren Schwestern, Beide Tchter
eines Knigs von Athen. Prokne an einen benachbarten kleinen Frsten vermhlt,
Namens Tereus. Tereus wurde seiner Gattin berdrssig. Es verlangte ihn auch
nach Philomelen. Er beredete bei einem Besuch in Athen den Schwiegervater, ihm
die Schwgerin auf die Reise mitzugeben, da Prokne, seine Gattin, sich zu sehr
nach ihrer Schwester sehne. Man gab ihm Philomelen mit und setzte sie seinen
bsen Gelsten aus. Da Philomele tugendhaft widerstand, lie der rachschtige
Mann ihr die Zunge ausschneiden und warf sie in einen einsamen Thurm. Durch eine
Stickerei verrieth sich aber Philomele ihrer Schwester Prokne, die sie zu retten
wute. Prokne voll Wuth ber ihren Gemahl tdtete ihm den eignen Sohn, lie ihm
diesen als Speise fr seine Tafel zurck und entfloh mit ihrer Schwester. Beide
wren von der Rache des Tereus unfehlbar ereilt worden, wre Philomele von den
Gttern nicht in eine Nachtigall verwandelt worden. Prokne aber wurde die
Schwalbe. Ihr ngstliches Flattern rundum im Kreise deutet auf die Reue ber
ihren begangnen Frevel; sie sucht das Kind wieder, das sie so grausam gemordet
hatte.
    War bei dieser mit Interesse vernommenen Erzhlung das Auge Aller, die die
Verhltnisse kannten, auf Anna von Harder gerichtet, deren Beziehung zu einer
Schwester und zu einem verlornen Kinde zur Chronik der Welt gehrte, so machte
es nach dieser trben Anwendung fast einen komischen Eindruck, als in dieser
Fabel gewissermaen auch eine Anspielung auf den Intendanten der Bhne, den
entarteten Sohn des Redners selbst, zum Vorschein kam; denn der Knig selbst war
es, der da sagte:
    Und jener Tereus, Schwager der Prokne, wurde ja wol in einen Wiedehopf
verwandelt?
    Man forschte, ob man lcheln durfte. Diese Menschen hatten Alles in
Bereitschaft, Lcheln, Weinen, Ernst, je nachdem es auf dem Zifferblatt der Uhr,
nach der sich hier Jeder richtete, aussah ... Aber Kurt Henning Detlev von
Harder als Wiedehopf? Alle lchelten diesmal von selbst.
    Otto von Dystra erlaubte sich nun die Bemerkung, da doch ein letzter Rest
der Ehrfurcht vor den Thieren die Heraldik wre, und hatte mit dieser Anmerkung
seinem Freunde, dem General Voland, eben so viel Ehre gemacht, wie dem Frsten
Vergngen, der dies Thema als Kenner verfolgte. Alle Ritter- und Wappenbcher
wurden gleichsam in dem Gange ber die Kiefernadeln nun auch aufgeschlagen,
whrend Pfauengeschrei den Damen nach Pergolese wehe that. Man schritt des
Greises wegen so langsam, da bis zur knstlichen Ruine und zu den Windharfen
dieser noch mit einer gewissen Feierlichkeit sagen konnte:
    Vergebung, Majestt! In die Wappen hat man die Thiere in ihrer ganzen
Wildheit aufgenommen.
    Aber ist es nicht schn, wagte eine Damenstimme - es war wieder die der
Flottwitz, die allgemein heute bewundert wurde - ist es nicht schn, die Thiere
so zu nehmen, wie sie die Natur geschaffen hat, das Pferd so stolz wie in
Arabien, den Adler so kniglich, wie er auf den Felsen horstet?
    Die ganze Gesellschaft murmelte Beifall. Alles war entzckt. Die
Wappenthiere aller Anwesenden rhrten sich. Jeder verrieth, da er seinen
Habichten, seinen Falken, seinen Auerhhnen auf den Wagenschlgen drauen Ehre
zu machen htte.
    Der Prsident blieb stehen und sah sich im Kreise um. Die Knigin erschrak
vor dem Blicke, der aus den zusammengefallenen Runzeln scho; sie frchtete eine
Polemik, die ihr in neuester Zeit reizbarer gewordene Gemahl liebte, ja
herausforderte. Sie hatte eigentlich schon an dem Ausdruck des Prsidenten
Christuslehre genug gehabt und frchtete Konflikte.
    Nun, Excellenz, reden Sie! sagte der Knig. Sie lasen die Sibyllinischen
Bcher! Wir sollten fter auf die Sprache der Erfahrung hren.
    Majestt, erwiderte der Greis sich ehrerbietig verneigend, ich wnschte nur
das Eine nicht, da unser Jahrhundert in seinem frischen und krftigen
Selbstgefhl zu wild, zu zornig sich zuweilen gebehrdete. Ich kmmere mich wenig
um die Hndel des Tages, aber was davon in meine Klause dringt, flt mir
zuweilen den Schrecken ein, da wir wol glauben mchten, auch alle unsre Zhne
wren fr die Verzehrung der Thiere bestimmt. Etwas mehr Pflanzenkost, etwas
mehr indische Brahminenlehre wrde dieser Zeit nicht schaden.
    Man lachte ...
    Aber der Greis, den, da der Knig bewegt schien, Otto von Dystra fhrte,
lie sich nicht irre machen. Halbscherzend und des Fues auf diesem neuen
Zeitboden nicht ganz gewi sagte er:
    Ja! Ja! Lachen Sie nur! Ich gehre noch zu den alten Heiden, Majestt, zu
den Heiden, die bei Ew. Majestt Vorfahren das Recht hatten, sich fr Weise zu
halten. Jetzt freilich wird uns bewiesen, da wir damals ganz dumme,
oberflchliche Narren waren. N'importe! Es ist mglich. Aber unglubig waren wir
eigentlich doch nicht! Wir glaubten mehr, als jetzt die Leute glauben, nur
Anderes. Ich hatte eine Jugend, wo ich nur an die Gtter glaubte, die im
Bardenhaine Thuiskon's verehrt wurden. Klopstock war mein edler groer Snger.
Dann schlug ich, besonnen geworden, um. Ich fand, da mein Odin und die holde
Freya meine Befrderung auf dem Kammergerichte nicht recht in Gang bringen
wollten. Da ging ich zu den Griechen ber und habe mit meinem Homer in der Hand
zum Vater Zeus gebetet, wenn blauer ionischer Himmel auf der Erde lag, und zu
Poseidon, wenn es regnete, und zu Ceres und Bachus, wenn die Arbeit gethan war
und der grne Rmer winkte ... Dann wurde die Welt wieder was Anderes, nmlich
indisch. Ein wenig macht' ich diese Religion auch noch mit, aber die Indier in
Asien und Mnchen fhrten mich zu tief in die Katakomben des Mysticismus. Da
blieb ich drauen und kam glcklicherweise weder in Herrenhut noch in der
Siebenhgelstadt wieder ans Tageslicht.
    Man lachte wieder, zum Schrecken der Grfin Altenwyl. Die Akademie schien
nicht zu wissen, da nur der erste Theil dieser humoristischen Rede bei Hofe
komisch sein durfte, die Schlubemerkung aber bedenklich. Es fehlte wirklich
jetzt eine Trompetta, um hier die Grenze zu ziehen, bis wieweit das bekannte,
vielbesprochene, nun sich deutlich herausstellende Heidenthum des alten
Obertribunalsprsidenten unterhaltend gefunden werden durfte. Die Grfin
wechselte nicht unbedeutende Blicke mit Anna von Harder und flsterte ihr zu:
    Ich wette doch! Er glaubt an die Seelenwanderung.
    Die hohen Herrschaften waren in einer eignen Lage. An einem Manne, den sie
seines Alters und seiner Stellung zur Monarchie wegen hochverehrten, entdeckten
sie eine Geistesrichtung, die ihnen nicht nur vllig rococo, sondern sogar
gefhrlich erschien. Dies war wirklich noch der alte Neolog der Zopfzeit, der
unverbesserliche Rationalist, der an dem Revolutionszeitalter wahrlich auch sein
Schuldtheil trug. Wo war nun die Thierseele, die Mauerschwalbe, der Nachschauer
des Stabat mater hin?
    Glcklicherweise hatte man die Ruine erreicht. Gott sei Dank, diese war im
Geschmack des ritterlichen Mittelalters! Da gab es doch Mauerzacken und
Rundformen, eine Altane, und das Prchtigste war, ein leiser Wind bestrich die
im schnsten Lichte sich noch immer sonnenden Tannenwipfel und wie zum Grue des
hohen Besuches kamen die Luftgeister geflogen und breiteten ihre klingenden
Schwingen aus. Wie hallte Das in dem stillen Walde wider! Wie sanftes Moll bebte
und schrillte in der Luft! Man shnte sich mit Tempelheide aus, man hatte die
Anknpfung wieder an die letzten gesungenen Worte gefunden: Quando corpus
morietur, fac, ut animae donetur paradisi gloria!
    Befriedigt wollte die Knigin nach einigen noch mit Dystra aus Veranlassung
des gothischen Geschmacks ber seine Tempelsteinbauten gewechselten Worten sich
empfehlen. Sie hatte viel Sachgem-Architektonisches ber Buchaus Umgebung und
die Tempelsteinruine gesprochen ... Aber ihr hoher Gemahl besa zwei treffliche
Eigenschaften, denen nur nicht immer die Gelegenheit zur vollkommnen oder
richtigen Anwendung gegeben wurde. Er liebte erstens die Gerechtigkeit und besa
zweitens einen unergrndlichen Schatz von Piett. Die zwischen ihm und dem
alten, von seinen Vorfahren so gefeierten und noch so geistesfrischen Herrn
obwaltende Meinungsverschiedenheit reizte ihn. Er brachte auf dem Rckwege von
den Windharfen das Gesprch wieder auf jene Idealitt des Greises, die
gewissermaen am Eingange der Katakomben stehen geblieben war und grbelte
darber, wie er, da ihm Scherzformen nicht gegeben waren, es anzustellen htte,
auf General Voland's uerung einzulenken, derzufolge der Johanniterproze mit
den Lieblingsneigungen des Greises, der Freimaurerei und der Thierseelenkunde,
zusammenhinge. Gradezu, wute der Knig wohl, konnte er weder von der
Freimaurerei noch von jenem Proze und der Meinung des obersten Gerichtshofes,
ohnehin vor so vielen Zeugen, beginnen; doch wagte er den kleinen Scherz:
    Die aufgeklrte Zeit war gezwungen, weil sie Gott den Herrn nicht erkannte,
sich andre Gtter zu schaffen. Voltaire soll vor seiner Katze mehr Respekt
gehabt haben als vor den Heiligen. Ja wenn ich Voland glauben darf, so beteten
die Tempelherren die Katzen wirklich an und hatten ein Idol, das sie den Bafomet
nannten, eine Art von Gtzen, toller als die Kalmcken, dieselben Tempelherren,
die die Keime der Freimaurerei nach England verpflanzten!
    O Majestt, erhob sich jetzt der Greis in seiner ganzen gebckten Gestalt
und warf seine hellblauen Augen in die Hhe des Lichts, da sie wie verklrt
schimmerten, o Majestt, wer sagte Ihnen Das? Wenn der Herr General Voland die
Akten der Ketzerrichter, die den edlen Jakob von Molay durch Feuer hinrichteten,
fr vollgltige Beweise nehmen will, so hat er Recht, Mhrchen fr Wahrheit
auszugeben. Aber die Geschichte hat jenen elenden Papst verurtheilt, der aus der
schmhlichsten Erniedrigung des apostolischen Stuhles zu Avignon auf Gehei
jenes tyrannischen Philipp von Frankreich einen Orden zerstrte, der nur einer
Reform bedurfte, um der Geschichte eine andre Bahn vorzuzeichnen, als sie die
der Staaten und der Religion spter gegangen ist. Man fand in den Tempelhfen
Thiersymbole, man spricht von einem im Pariser Tempel gefundenen metallenen
Kopf, den man Bafomet nannte. Aus Scherz hab' auch ich einen alten treuen Kater
Bafomet genannt. Die Templer zogen in den Orient als fanatische Christen, sie
kamen tolerant zurck. Sie hatten in den Moslem Brder, Menschen, Helden kennen
gelernt. Sie hatten so viele Beispiele von Gromuth der Emirn erfahren, da sie
mit Achtung vor jeder Religion, die den Menschen veredelt, von der Kste Asiens
schieden. O Mahomet liebte die Thiere! Er war der Apostel einer nicht
bergeistigten Religion, der Prophet einer Lehre, die den Menschen an die
Sinnenschranke bindet, damit er im geistigen Fluge nicht taste, luftige Wolken
fr feste Eilande halte, nach Sternen hasche und sich die Blthen der Erde in
der Hand verwelken lasse. O Majestt, Mahomet war ein sehr weiser Gesetzgeber,
ein sehr groer Staatsmann und er liebte die Thiere. Was ist der Araber ohne
sein Pferd? Warum hielt Mahomet die Katze hoch? Weil er den Hund nicht kannte
und weil er in der Gewhnung der Katze ein mildes Prinzip des Hauses sah. Die
Tempelherrenbauten - dort drben jene Kirche vom uralten Tempelheide - haben
berall Spuren von Anwendung der Thiere zu Ausschmckungen der Architektur. Die
bergeistigung hielt sich an die Blumen, die Menschenreligion an die Thiere. Und
wohl uns, wenn wir Duldung lernen und die gezogene Grenze unsrer Sinne! Ach, das
Gebiet der Nacht ist so gro, so unheimlich, so gefahrvoll. Die Tempelherren
muten dem Islam weichen; sie muten das Grab des Erlsers im eignen Herzen
finden und der Menschheit die Lehre von den in ihr selbst ruhenden Heiligthmern
predigen. Richard Lwenherz kam mit einem gezhmten Lwen heim. Der Blick
erweitert sich, wenn man die Natur belauscht und die stumme Sprache selbst des
Thieres zu verstehen sich mht. Kein groer Naturforscher hat einem Tyrannen
schmeicheln knnen. Das Recht, das ewige Recht leitet seine Quelle von Dem her,
was allem Lebenden gemeinsam ist, von der Luft, dem Feuer, dem Wasser und der
Erde. O wehe, wehe einem Zeitalter, das sich von der Duldung entfernt, wehe
Denen, die um der falschverstandenen oder innerlich nie gefhlten Liebe willen
Ha predigen! Wehe Denen, die eine Wahrheit, die nicht Alle erkennen, auf irgend
einen Thron der Welt setzen! Da wir Menschen sind, schwache, endliche Werkzeuge
eines groen uns nur ahnungsweise fabaren Weltenplanes, das ist die einzige
Wahrheit und diese macht uns demthig, tolerant, nachgiebig gegen
Andersdenkende, zugnglich dem Bessern und den Keimen neuer geschichtlicher
Regungen! Ich wei es nicht, ob die Maurerei durch flchtige Tempelherren nach
England verpflanzt wurde, aber ich wnschte, es wre so. Ob Jude, ob Christ, ob
Muselmann, es ist ein Gott, der uns Alle erschaffen hat, erhlt, zerstrt, zu
neuem Leben verwendet, verklrt, erlst, wie man es nennen will. O, o dieser
General mit seinen Katzen! Mein Bafomet sagt mir keine Mysterien, nichts ber
den Stein der Weisen, nichts ber die Quadratur des Cirkels, er sagt mir: Liebet
Euch untereinander, duldet Euch und bessert Euch durch die Erkenntni Eurer
irdischen Schwchen und einer selbst in Thieren durch Menschenliebe mglichen
Vollkommenheit!
    Die Wirkung dieser mit Begeisterung gesprochenen Worte des Greises, die ihn
trotz seiner kleinen Figur zum Seher erhoben, war verschieden. Die Frauen
empfanden etwas, das halb aus Spott, halb aus Mitleid zusammengesetzt war; nur
als sie die Liebe erwhnt hrten, blickten sie auf die Herrscherin, um gleichsam
die Verhaltungsregel ihrem Antlitz abzumerken. Die junge, hohe, schlanke Frau
blieb aber streng. Sie war von der neuen Zeit und ihren Wirren, von den Gefahren
des Knigthums zu sehr gereizt, sie erkannte nur gefhrliche Irrthmer in dieser
khnen Rede eines Achtzigjhrigen ... Ihr Gemahl jedoch war erschttert. Seine
Bildung sagte ihm, da er die Theorie Lessing's, Mendelssohn's, jenes Reimarus,
der in der That ber Vernunftreligion und Thierseele zugleich geschrieben hat,
vor sich hatte, er sah Nathan, Saladin, den Tempelherrn aus Lessing's schnem
Gedichte, er gedachte der Thrnen, die ihm die Erzhlung von den drei Ringen als
Knaben gekostet hatte, wenn er sie von einem groen Knstler gesprochen hrte
und dargestellt sah. Trotzdem, da seine Gemahlin ein andres Gesprch, ein
leichteres und wieder ber den Tempelstein und die Nachbarschaft des Herrn von
Dystra bei Buchau anknpfte, umarmte er beim Abschiede den Greis voll Rhrung,
Zerknirschung; denn es waren zwei Seelen in ihm ... Die eine wollte sich
manchmal zum Entsetzen der Ultrapartei von der andern trennen ... Dann
berschlichen ihn Entsagungsgedanken. Wie sollte er auch jetzt die Achtung vor
der philosophischen Gre des achtzehnten Jahrhunderts vermitteln mit der
leidenschaftlichen, sich allein weise dnkenden Staatstheorie der Absolutisten,
die in der Kammer, der Presse, auf dem Richterstuhle Egon's von Hohenberg
Schleppe trugen oder gar noch weiter als dieser gingen? War nicht schon soviel
Blut geflossen fr diese Gegenstze alter und neuer Zeit? Was konnte nicht noch
kommen? ... Der Monarch brach ab. Kein von der Altenwyl in Anregung gebrachtes
Sanctus, kein Dies irae mehr konnte ihn halten ... er war erschttert, er
umarmte den Prsidenten, sagte Anna von Harder das Verbindlichste, grte
dankend die brigen, entschuldigte den berfall und fuhr ernst und ergriffen
rasch von dannen.
    An eine Wiederaufnahme der Akademie war heute nun nicht mehr zu denken. Das
war ein Ereigni gewesen, das gleich in alle Welt mute! Man kte, man herzte
Anna. Man schttelte, unbekmmert ber Das, worauf sie gedeutet hatte, die Hand
der greisen Excellenz. Man hatte eine unendliche Ehre genossen. Ja, die
Flottwitz, die die Gegenwart, die Praxis im Auge hatte, rief sogar, ob aus Liebe
zu Dankmar oder einen Augenblick die Demokratie vergessend aus:
    Excellenz, gewinnen denn die Wildungen den Proze?
    Ist es denn wahr, da es sich nur noch um einige wenige Buchstaben in einer
alten Urkunde handelt?
    Der Greis lchelte nur mild, schwieg und entfernte sich an Dystra's Hand ...
    Dystra hatte ihn verstanden. Der sonst so spttische Dilettant, der Alles
von der Seite der bloen Kuriositt, nur als Sammler fr das Herbarium seines
Gedchtnisses auffate, war ergriffen von der Lebenswahrheit, die ihm hier, auch
aus einer Liebhaberei, entgegensprang. Das waren auch Allotrien, auch
Nebenstunden, auch Sammlungen und wie hoben sie die geistige Thatkraft, die
sittliche berzeugung! Er kannte hinlnglich diese neuere vornehme
Geistesrichtung der Politiker, die bei Hofe so magebend waren. Er kannte
Voland's thatlose Reminiscenzendoktrin und sein objektives Meinungskaleidoskop,
kannte Rochus vom Westen in seiner gesinnungslosen Skepsis, kannte die
Loyalittsdoktrin junger Publizisten, die Carriere machen wollten und den Staat
auf die Sbelspitze oder das Bayonnet steckten, er kannte den Geist des
neunzehnten Jahrhunderts als einen tieferen, bedeutenderen als den dieses
Greises, und doch wie wenig Liebe und Gerechtigkeit in diesem Geist! Auch
Dystra's Fragen ber jenen Proze wich der hochgestellte Richter als einem
Amtsgeheimni aus, aber Dystra schied doch mit dem gesteigerten Gefhle der
Anhnglichkeit an die Brder Wildungen und den mit so vielen Gefahren bedrohten
Bund der Ritter vom Geiste. Noch heute wollte er in den Ullagrund an Dankmar und
nach Antwerpen an Siegbert schreiben ... Als er von Anna Abschied nahm, fand er
sie allein. Er sagte zwar nur: Excellenz waren charmant, waren sperbe! aber er
meinte etwas unendlich Greres damit. Er plauderte Spe mit Spartakus und
Cicero, er nickte zu den Fenstern Olga's hinauf, er moquirte sich ber die
Hofdamen, ber die Spinnen, ber Pergolese's langweiligen Styl, ber die Blicke,
die die Frstin von Sein-Haben-Werden auf ihn geschossen htte, als von
Verwandlung des Tereus in einen Wiedehopf die Rede gewesen wre, als wenn sie
nicht viel eher Ursache htte, den Vortrag einer Geschichte der Verwandlungen in
eine Schnepfe oder eine Gans zu frchten, kurz er versteckte sein Gefhl in ein
Hanswurstkleid, das ihm, wie er dachte, besser stand als der Ernst. Anna seufzte
ber die Gesellschaft Olga's wegen ... Erschttert in allen Nerven ging sie
erst zur alten Excellenz, die schon in ihren Arbeiten vertieft war und sich mit
Behagen die merkwrdigen Scenen noch einmal vergegenwrtigte, dann aber rief sie
Olga, um ihr zu erzhlen, was sie versumt hatte und zu staunen, als sie
vernehmen mute, da ihr die Fortschritte, die sie inzwischen an ihrem Bilde
gemacht htte, lieber wren als alle Schauspiele der Verstellungskunst bei Hofe.
    Du hast Recht! sagte Anna, betrachtete das Bild, ergriff Olga's Arm, nahm
einen groen runden italienischen Hut, den sie ihr sanft auf das schwarze Haar
legte und zog sie mit sich die Stiege hinunter in die freie Luft ... Sie htte
es in den schwlen niedrigen Zimmern nun nicht aushalten knnen. Ihr Blut
wallte. So hei war es ihr seit Jahren nicht durch die Adern gerollt. Jetzt
htte sie einer liebevollen Kindesseele bedurft, die sie zrtlich umfangen, ihr
die Stirn gekt, das Haar, die Wangen, die Hnde gestreichelt htte. Sie sagte
es auch der nicht so wie sie angeregten und sie nicht verstehenden Olga. Sie
sagte ihr:
    Ach, htt' ich meine Selma jetzt!
    Auf dem kleinen Hgel sammelte sich Anna. Die Sonne war im Sinken begriffen.
Die fernen Thrme der Stadt wie erleuchtet von ihren letzten rothen Strahlen.
Erst Alles ringsumher so geruschvoll, nun wieder die alte, ihr so wohlthuende
Stille ... Es ging dem Winter zu. Wie doppelt geniet man den freundlichen
Abschied des Herbstes! Man mchte ihn festhalten, mit ihm ringen, da er bleibe,
aber in dem Kampfe fallen vom Haupte des gebrunten Knaben aus seinem Erntekorbe
erst die Frchte, die Birnen, die pfel, die rothbraunen und grnen Trauben,
zuletzt aber auch die Bltter selbst ... Olga a von einem Teller Trauben. Sie
hatte Tage, wo sie nichts geno als Frchte. Sie hielt Anna's Hand, fhlte ihre
Pulse klopfen, aber sich ihr hinzugeben, sie wie das Kind zu umarmen, das Anna'n
heute vor mehr als dreiig Jahren geboren war, das vermochte sie nicht, in der
Voraussetzung der sie umgebenden prosaischen Dinge. Doch einmal sagte sie:
    Warum soll denn Selma todt sein?
    Ein Akkord wehte grade herber vom Tannenpark ...
    Sie ist todt! sagte Anna. Ich mute sie hingeben schon damals, als ich dem
Manne ihrer Liebe sie versagen wollte! Es war ein mchtiger Geist, um den sie
flatterte, wie der Schmetterling um die Lichtflamme. Ich sagte ihr, da er sie
verzehren wrde. Sie glaubte es nicht. Ich schilderte ihr sein regelloses,
kometenartiges Leben. Sie liebte ihn doch. Ich tadelte sie in ihrer blinden
Wahl, ich enthllte ihr Alles, was ihr diesen Geliebten verdchtigen konnte. Sie
hate mich dafr; denn so lieben Liebende! Sie folgte seiner Werbung, in weite
Fernen. Wohin? Wer wei es? Nie schrieb sie mir. Ich war todt fr sie, sie todt
fr mich. Und ich wei es, in Worten, geschriebenen Worten, lie sich nicht
sagen, was mein verlornes Kind mir zu sagen hatte. Ihr Gatte war ihr ein Gott.
Ihn betete sie an. Konnte sie so treulos sein, nachdem ich ihn als den
Verabscheuungswrdigsten ihr hingestellt hatte, vor seinen Augen sich mit den
Frevlern an ihrem Heiligthume auszushnen? Erst war ich trotzig, dann wurd' ich
zaghaft, zuletzt weint' ich, und als ich nicht mehr weinte, wei ich, war sie
gestorben. Eine Stimme sagt mir's. Das hrt sich. Das sieht sich auch. In
stillen Nchten kommen die Bilder. Ich wei, Selma ist nicht mehr.
    Olga brach sich Blumen und wand einen Kranz; dieser Ton hatte ihr gefallen.
Ihren geistigen, poetischen Stolz berwand sie etwas, sie gedachte, der alten
Dame, die so berfliegend und therisch sprechen konnte, mit einem Kranz zu
huldigen ...
    Es schlug schon sieben vom Thurme ... im Hofe war Alles ruhig ... auf der
Strae unten dann und wann ein Wagen noch, ein Reiter ... der Greis zndete
Licht an. An seinem Fenster wurd' es hell. Er studirte ...
    Der Abend war nicht khl. Es war eine versptete Sommernacht; aber das
Dunkel kam frh ... Olga's Kranz war fertig ... Von den Tannen wrziger und
melodischer Hauch ...
    Eben will Anna Olga's Arm ergreifen und sich dem Hause zuwenden, um Abends,
wie sie gewohnt, dem Greise beim Thee noch etwas vorzulesen, als ein kleiner
Wagen, ein Einspnner, von der Chaussee aus dem Walde herkommend, zum Landhause
einlenkt ...
    Welcher spte Besuch? frgt Anna und wendet sich der Eingangspforte zu.
    Der Wagen fhrt nher. Er ist halb offen. Ein lterer Herr, eine
verschleierte Dame sitzen im Hintergrunde. Sie beugen sich vor. Die Dame ist
jung ... sehr jung ... sie schlgt den Schleier zurck ... es ist noch ein
Mdchen. Anna kann nicht genauer forschen, der Wagen wendet rasch und hlt vor'm
Thore ... Der Herr steigt aus. Gro und stattlich seine Gestalt; das Antlitz
bleich. Seine Hnde zittern, als er den Schlag hlt und dem jungen Mdchen den
Arm zum Aussteigen bietet ... Diese hpft von dem Futritt zur Erde nieder ...
ein bewegtes Auge schaut unter dem Strohhute empor ... Der Besuch nhert sich
dem Thore ... An der Pforte zu klingeln ist nicht nthig ... Anna ffnet schon
selbst ... Die hohe Dame von vornehmer Haltung, in schwarzem Seidenkleide, die
reiche Spitzenhaube auf dem Haupte, blickt fragend ... Der Herr hatte den Hut
schon in der Hand, als er ausstieg; das junge Mdchen zieht den ihrigen, da die
Schleife losgegangen, mit einer einzigen Handbewegung herab ... die prchtigsten
braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab, der freudestrahlend und
mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen, aus ihr ein unendlich Liebes
herauszufinden scheint ... Anna, zum Tode erschrocken, hlt sich an dem Gitter
der geffneten Thr ... Die alten Diener nhern sich ... ein leises Ach! das
Anna's Brust entfhrt, ein fragender Blick auf einen der Diener, der ihre
Tochter kannte ... eine Ahnung, ein Zucken des Auges nach jenem Manne hin, der
stumm und ruhig auf dies Mdchen, wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt
... Anna versteht, besinnt sich auf zwanzig entschwundene Jahre, die ihr
entfallen schienen bei dem ersten Gedanken, Das ist ja dein Kind, deine Selma!
    Selma's Tochter? ruft sie. Rodewald?
    Ackermann beugt bejahend das Haupt und spricht:
    Selma's Erbschaft an ihre Mutter ...
    Thrnen fllten sein Auge ...
    Olga hebt den Hut des Mdchens von der Erde und mu nach Anna greifen, der
Gromutter, die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend
zusammenbricht.

                                Fnftes Capitel



                               Don Juan und Faust

Der Erntesegen war ja eingetrieben. Jubelnde Menschen, von hochaufgethrmten
Kornwgen herab mit geschwungenen, bebnderten Hten grend, hatten ja in die
Scheuern des Ullagrundes, von Randhartingen, Schnau, Plessen die ersten Erfolge
eingefahren, die Ackermann fr seine Betriebsamkeit lohnten ... Die
Fruchtbarkeit des Jahres hatte sich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf
gesetzt, um ein berraschendes Resultat zu erzielen. Ein neuer Geist wehte ber
diese Landstrecken hin, die so viel pflegende Hnde, so viel wartende und
htende Augen nie gekannt hatten. Von der ersten Ernte der lbringenden Rapssaat
bis zur Kartoffelfrucht, die den Schlu der Einsammlung machte, hatte sich Ceres
in ihrer ganzen reichsten Gunst gezeigt. Sie schien Ackermann ihre eigne Sichel
in die Hand gedrckt zu haben.
    Zwar noch nicht am Ziele seiner Wnsche war Heinrich Rodewald angelangt,
doch steuerte er ihnen mit glcklichem Winde nach. Zuviel Sternennchte, wo er
im Abendwinde htte trumerisch seines wunderbaren Lebens gedenken knnen, fand
er nicht; er arbeitete selbst und erlag dann auch den Geboten der Natur, die
ihre Tribute verlangte. Es war ihm ja bei jedem Gang durch's Feld, bei jedem
Liedchen, das er pfiff, bei jedem Grue Selma's, bei jedem Handschlag eines
jungen ihm zugesellten Arbeiters im leichten Kittel, gelbem Sommerhut, bartlosem
Kinn, eines halben Feld-, halben Stubenarbeiters, in dem wir Dankmar Wildungen
wiederfinden, gegenwrtig, was ihn daher gefhrt hatte, die Hunderte von Meilen
zurck, durch die er wie jener Knabe im Mrchen, um den Weg wieder zu finden,
wenn er zurck wollte, doch eigentlich nichts Andres gestreut hatte, als was die
Vgel - wegnaschen konnten. Dachte er an Wiederkehr? ... Ein jugendlicher Heros,
rstig an geistiger und krperlicher Kraft, war seine Entwickelung in jene Zeit
gefallen, wo die Wissenschaft dem Leben dienen sollte, die Begeisterung fr die
Musen die geheime Waffenbung halten fr den einst hervorbrechenden Angriff auf
die franzsische Usurpation des Vaterlandes. Er hatte sein Elternhaus, die
Wohnung eines kleinen Stadtrichters am Fue des Harzes, einst als Schler
verlassen, spter einer schnen Schwester, die mit den Eltern in Leipzig und
Halle, wo er studirte, ihn besuchte, unter einer groen Zahl von Freiern den
Faden der Ariadne in die Hand gegeben, sie von solchen seiner Genossen wie
Gelbsattel entfernt, aber auch vor dem krnklichen trumerischen Wildungen sie
gewarnt, den sie dann doch whlte, um mit ihm ein in damaliger
berschwnglichkeit nicht geahntes Leben voller Mhen zu theilen. Von Halle
folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen, als die Rckkehr Napoleon's von Elba
einen neuen Kampf der Vlker in Aussicht stellte. Die Schlacht bei Belle
Alliance war die einzige, an der er Theil nehmen konnte. Bis in das Jahr 1816
blieb er in Frankreich und kehrte mit einem Ehrenzeichen und dem
Entlassungspatente als Offizier zurck an den Heerd der Musen. Aber diesen Heerd
fand er nicht so still, wie ihn die Eule Minervens liebt. Das aufgeregte
Kampfblut wallte strmisch in den Adern der damaligen Jugend. Auch ein neues
Volksleben, eine Wiedergeburt des Vaterlandes wollte man erkmpft haben.
Rodewald, Offizier, mit einem Ehrenzeichen geschmckt, fgte sich nicht den
engen Schranken, die die bureaukratische Inquisition der Kabinette den
Akademieen stecken wollte. Er studirte Philosophie und die Rechte. Er trieb sein
Studium in der damaligen weltstrmenden Titanenhaftigkeit, zugleich aber doch
als Forscher; er zielte auf einen Lehrstuhl. Der Gegenwart entzog sich dabei
sein freier unerschrockner Sinn um so weniger, als ihn, wie alle Edlen damals,
der Drang beseelte, die gewonnenen Ergebnisse des Wissens in die offnen Furchen
des mit Blut gedngten und neugeackerten Vaterlandes zu werfen. Wenn eine Zeit
gnstig war, den Vlkern Freiheit und Einheit zu geben, war es nicht diese?
Heinrich Rodewald beendete seine Studien mit einer sehr ehrenvollen, durch
bizarre, damals beliebte Paradoxen auffallenden Promotion. Er war der Liebling,
ja der Beherrscher Halles, er war der mit Jubel empfangene Gast in Jena
geworden; ja in Wrzburg, Gieen, Marburg holten ihn Komitate der
Studentenschaft ein, wenn er die Kreise des neu erwachten hheren Jugendlebens
besuchte, wo man in die jungen politischen Doktrinen die Stze Hegel's,
Steffens', Schelling's, Baader's mischte. Bald aber verwandelten sich diese
Olympischen Krnze in prosaische Dornen. Die bekannten Verfolgungen begannen.
Schon stand Rodewald als Gelehrter den kleinen Qulereien der Jugend entrckt,
doch bezeichnete auch ihn die gemeine Servilitt der damaligen meist
neueingesetzten Behrden mit ihrem gefhrlichen Hic niger est! Rodewald lebte
jetzt in der Hauptstadt. Seine erste Schrift ber einen Gegenstand des rmischen
Rechtes im Mittelalter erregte Aufsehen. Man bemhte sich, ihn fr jene bald um
sich greifende absolutistisch mystische Theorie zu gewinnen, die von obenher so
begnstigt, so reich mit Auszeichnungen belohnt wurde, diese Philosophie vom
objektiven Gedanken, diese beflissene Wiedererweckung der alten Kunst und
Literatur, diesen neuen Kultus vor den groen Genien der vergangenen
Literaturepoche, besonders dem weltbezwingenden, aber hfischen Goethe, in
dessen west-stlichem Divan auch Rodewald ebenso schwelgte, wie ihn Faust und
Tasso umstrickten. Der junge, schne, hochgewachsene Gelehrte mit dem feurigen
Auge, dem braungelockten Haare, den feinen, weltmnnischen Manieren, der
gewaltigen einschmeichelnden Rede wurde fast gegen seinen Willen vom politischen
Makel befreit, in die genialknstlerischen Cirkel gezogen, den Rthen der Krone
vorgestellt. Rodewald gewann eine Professur, wie man dem wilden Rosse der
ungarischen Ebene eine Schlinge ber den Kopf wirft. Andre sah er zurckgesetzt,
ihn den nicht mehr Verdchtigen hob man. Andre wurden verfolgt, ihn, den vom
burschenschaftlichen Standpunkt auf den philosophisch-sthetischen
bergesprungenen zog man hervor. Rodewald gerieth in Widersprche mit seinen
Freunden, mit seinem eignen Schwager Wildungen, in dessen Hause er nie mehr
genannt werden durfte, er gerieth in Widersprche mit sich selbst. Die
Verhaftungen, die Absetzungen - erschreckten ihn endlich. Er sann ernster ber
die Zeit nach und hoffte einen Ausweg in dem System der konstitutionellen
Politik zu finden, deren Lehre damals neu war. Aber nun kam er wieder in
Konflikte mit den Ministern und Rthen, die ihm seiner wissenschaftlichen
Richtung wegen so wohlwollten. Um ein gefhrliches Element zu entfernen, gab man
ihm auf drei Jahre die Mittel, in Italien zu reisen, Handschriften zu
vergleichen, Klster und Abteien zu durchstbern, den Wandelungen des alten
Rechts in den italienischen Municipalinstitutionen nachzuforschen. Rodewald,
einen Bruch ahnend, nahm diesen Vorschlag an. Die Frauenwelt, die Lust, das
Leben ergriffen ihn. Auf der Reise an den Ufern des Oberrheins, im Kanton
Graubndten, im Abteigarten von Ragaz, an dem Sturz der von Pfffers
herabschumenden wilden Tamina lernte er Pauline von Ried, eine leidende, aber
interessante und sehr reiche junge Wittwe, eine geborne von Marschalk, kennen.
Die Rosen- und Epheukrnze, mit denen sich Faust schmcken wollte, als ihm das
Studirzimmer zu eng wurde, wand ihm die Hand einer poetisch gestimmten, bizarren
Frau. Drei Jahre blieb Rodewald mit der reichen, leidenschaftlichen, in Allem
excentrischen Pauline in Italien, bald in Rom, bald in Florenz, bald in Neapel
wohnend. Charlotte Ludmer sorgte fr die groartigste Bequemlichkeit, die das
liebende Paar mit Poesie und Schwrmerei geno. Rodewald konnte sich sagen, da
er damals ein Wesen unendlich glcklich machte, Pauline htte erwidern mssen,
da sie es nicht immer verdiente. Ihre Launen und Kapricen waren die einer Frau,
die in einem Augenblick zu sterben frchtet und im andern eine Lebenslust zeigt,
die sie zum Trotz, zur Eitelkeit, zu hundert kleinen Konflikten mit der
Gesellschaft hinri. Es ist ein unverwstlicher Trieb vieler Frauen, die
bedeutendere Natur der Mnner sich gleich zu machen, die allzuhohen Thrme und
Dcher in der Manneskraft abzutragen und die Stockwerke des gegenseitigen Baues
zu nivelliren, wenn nicht gar den Mann ganz auf das Erdgescho zu verweisen. Sie
ruhen nicht, bis derselbe Mann, den sie zu lieben vorgeben, klein, endlich,
geringfgig vor ihnen steht. Sie ruhen nicht, bis es nicht den Anschein hat, da
ein Mann mit all seinen irdischen oder geistigen Vorzgen, mit allen seinen
Erfahrungen und seinem gereifteren Wissen doch ihrer als tief-bedrftig und vor
ihnen pygmenhaft klein erscheint. Dasselbe Gefhl, das hochherzige Frauen
treibt, den Mann ihrer Liebe zu schmcken, ihn zu erheben, sein Wesen zu
verschnern, ihn bedeutend selbst im Kleinen, liebenswrdig selbst in Schwchen
zu finden, wird bei Andern durch das Streben ersetzt, die Gegenstnde ihrer
Liebe hlflos, arm, pedantisch, komisch, kleinlich darzustellen ... bis dann
endlich die Vergleichung eintritt, bis der Schleier der Selbstlge fllt und
erkannt wird, was man verlor, vergleicht, was man besitzt und besa, bejammert,
da man sich den schnen Traum des Glckes, das Ideal der mglichen
Vollkommenheit, muthwillig zerstrte ... Pauline kehrte nach drei Jahren mit
Rodewald in den Norden zurck. Der Erfolg dieses Wiedersehens des
vaterlndischen Bodens und seiner Verhltnisse war kein glcklicher. Heinrich
Rodewald fand in den officiellen Meinungen und herrschenden Thatsachen nichts,
was ihm wohlthun konnte; doch versuchte er eine Anknpfung an seinen alten
Lebensberuf, der ihm unter dem italienischen Himmel fast abhanden gekommen war.
Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen, sah seinen Flei sogar mit Neid
an. Whrend sie an Brustkrmpfen auf ihrem Sopha, im innersten Athem
zusammengeschnrt, lag und sthnte, litt sie noch qualvoller an der Vorstellung:
Dein Angebeteter weilt jetzt in dieser Gesellschaft, wird bewundert, verehrt,
hervorgezogen in jener! Sie konnte nicht hren, da man seinen Geist, seine
Schnheit rhmte. Alle Frauen erschienen ihr Feindinnen, die ihr den Tod
geschworen hatten. Sie fesselte Niemanden, sie war nie schn. Nur ihre Gestalt
hob sie und ihr Reichthum; und da sie krnkelte, konnte sie weder jene, noch
diese geltend machen. So endete die Krisis damit, da die rzte ihr einen
dauernden Aufenthalt im Sden vorschrieben. Von Heinrich Rodewald wurde
stillschweigend vorausgesetzt, da er sie begleite. Als er zgerte, welche
Scenen! Welche Thrnen, welche Kmpfe! Er widerstand diesem Jammer nicht.
Ohnehin in keiner der Voraussetzungen des damaligen politischen und religisen
Lebens sich zurechtfindend, folgte er Paulinen willenlos. Welche qualvollen vier
Jahre! Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majesttischen Schauspiels
der Natur, dann Eifersucht, physische Leiden, lange Reisepausen in kleinen
elenden Stdten, um nur Paulinen Ruhe zu gnnen, bis sich ihre unverwstliche
Natur erholt hatte. Er war in Paris, in Spanien sogar, in der Schweiz, in
Italien und Griechenland mit dieser Frau, die ihn nicht heirathete,
eingestandenermaen, um ihrem Adel nicht zu entsagen. Es folgten ihnen immer
zwei Fourgons mit Gerthschaften, zwei Bediente, zwei Kammerzofen auer der
Ludmer und einem Kurier. Es war die Zeit der groen Reisen. Die Friedensepoche,
der Sturz und Tod Napoleon's hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze
Erdreich lebendig gemacht. Es wimmelte von Anmaungen, Verschwendungen,
Tollheiten und dazwischen stand Absolution ertheilend eine Religion, die den
unbedingten Glauben lehrte, und eine Philosophie, die, Austern und
Gnseleberpasteten verzehrend, vor Geheimrathspolitik sich beugend, behauptete:
Alles was ist, ist vernnftig.
    Zu Paulinen's Eigenthmlichkeiten gehrte ein ausgedehnter Briefwechsel. Sie
hatte groe Befriedigung davon, mit aller Welt in Verbindung zu stehen. Da sie
wute, da das beste Mittel, Briefe zu ernten, Das ist, Briefe zu sen, so war
Rodewald froh, sie sich doch am Schreibtisch sammeln, da sich bilden und
beruhigen zu sehen. Ihre Nerven bedurften der Schonung. Ihr Leben war nicht ohne
Gefahr. Sie befand sich in jenen Krisen eines Krpers, der lange mit drohenden
beln kmpft, bis die Natur sich gleichsam gefunden hat und nach solchen
Strungen oft ein wunderbar gutes Befinden zurcklt. Aus diesen Briefen ergab
sich eine sehr zrtliche Beziehung zwischen Paulinen und Amanda von Bury, einer
jungen, schnen Adligen, die das Glck hatte, man nannte es Glck, den Liebling
der damaligen Monarchenwelt, den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg, zu
fesseln und seine Gemahlin zu werden. Wir kennen jenes Glck! Die junge Grfin
hatte einige Jahre der Qual durchgelitten, als sie es bei den fr sie immer
beschrnkten Mitteln ihres Gatten durchsetzen konnte, eine Schweizerreise mit
einem Aufenthalt in Landeck zu verbinden und ihre geliebte Freundin, Pauline von
Ried, dort wieder zu sehen. Wir kennen die Geschichte dieses Wiedersehens ...
Der menschliche Geist hat seine geographischen Bedingungen. Was ihm unter einer
deutschen Eiche zu fassen, zu empfinden unmglich ist, weht ihm die Luft unter
einem italienischen Orangenbaume zu. Heinrich Rodewald lernte eine vornehme,
aber gedemthigte, mishandelte, ihre Hand hlfeflehend nach Schutz und Rettung
ausstreckende junge Frau kennen; ein gutes, sanftes, schwrmerisches Herz, aber
einen wenig gebildeten Geist. Ihm that diese Mischung wohl, er liebte Amanda von
Hohenberg. Pauline wurde getuscht. Sie hatte das Recht, in ihrer Sprache von
Dolchen zu sprechen, sie dachte an Gift, Mord und Verrath und doch glaubte sie
nicht. Sie war zu stolz dafr, anzunehmen, da in vier Wochen, whrend ihr das
Wiedersehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde, sich ein so
folgenreicher Roman anspinnen konnte wie der zwischen Rodewald und der Grfin
Hohenberg, die in dem stolzen Manne einen Unglcklichen, einen nach Erlsung von
sich selbst Schmachtenden antraf. Es stand zwischen ihnen fest, da sie das
damals nicht seltene Schauspiel einer Ehescheidung und einer Mesalliance
auffhren wollten. Und bald sollte Das geschehen, in krzester Frist, mit offnem
Gestndni aller dabei nothwendigen Rcksichten. Amanda reiste ab. Der erste
Brief schon kommt versptet: der Graf - ist ein Millionr geworden! Der zweite
kommt noch verspteter: der Graf - ist Frst geworden! Pauline ahnte ...
triumphirte ... Rodewald bekmpfte seinen Schmerz und brtete ber einen
Entschlu. Schon jetzt htt' er ihn ausgefhrt, schon jetzt sich losgewunden,
aber Pauline war krank, wurde bedenklicher, mute nach Haus zurck, glaubte zu
sterben. Die Entdeckung, die sie ber Landeck machte, stie ihr das Herz ab. Das
Verlangen nach Rache zerwhlte die Eingeweide. Sie sah, da die Frstin Amanda
sich mit Rodewald verstndigen, nach ihrem mglichen Tode oder selbst wenn sie
noch siechte, mit dem Vater ihres Kindes sich ausshnen und sich die Anlehnung
an eine bedeutende ihr so nahestehende Persnlichkeit nicht wrde entgehen
lassen. Da fiel sie auf den Gedanken, ein junges Mdchen, das zu ihrer Pflege
nach Ems gekommen war, das von ihrem Leben, ihrem Vermgen abhing, die Nichte
ihrer armen Schwester, einer Wittwe des jung verstorbenen Landraths von Harder,
zu Rodewald's Frau zu machen. Dieser in solchen uersten Lagen oft vorgekommene
Plan gelang ihr. Dem jungen sechszehnjhrigen Kinde wurde Rodewald als das Ideal
eines Mannes geschildert, als eine in menschlicher Gestalt auf Erden wandelnde
Gottheit ... Rodewald, erschpft und lebensberdrssig, zwischen Faust und Don
Juan schwankend, lie sich die Liebe dieses reinen Kindes gefallen ... Egon von
Hohenberg wurde inzwischen geboren. Pauline sah Rodewald's Bewegung, zitterte
vor seiner Unruhe, die Ludmer entdeckte Briefe der Frstin, er schien ihnen
verloren fr sie und ihre malosen Bedrfnisse ... er grbelte so verdchtig, er
brtete so wehmthig, er schlo sich so oft ein, er sah so ernst auf Karten, die
vor ihm ausgebreitet lagen ... Wenn er sich mit Amanda wiederfnde? Nein! Selma
von Harder mute ihn umschweben wie ein neckender Luftgeist, der ihn in heitre
Regionen zog. Er sah des Kindes Verehrung, des Mdchens reine Liebe. Selma
erkannte, da dieser Mann von acht und zwanzig Jahren wie ein hohes Standbild
unter dem gemeinen Gestrpp der Alltglichkeit emporragte. Sie liebte den Mann,
den auch ihre Tante - so hoch verehrte. Der Einspruch ihrer Mutter, die in der
Ferne von diesen Wirren erfuhr, war der entschiedenste. Selma wurde
zurckgefodert, aber von Paulinen nicht gegeben. Anna kam selbst. Sie verrieth
ihren tiefsten Abscheu vor Rodewald, einen Abscheu, den er unter Umstnden bis
zur Vernichtung begrndet erkannte. Aber Selma blieb von ihm bezaubert.
Festgebannt von seinem Auge, von seinem Ernst, von seinem ganzen Wesen gebunden,
blieb sie in der Residenz nur bei Paulinen. Anna hatte alle Mutterrechte
verloren. Damals jnger, eifriger, noch nicht gebrochen wie jetzt, noch nicht
geknickt in ihren Aufflgen zu einem freien eignen Willen, benutzte Anna alle
Mittel ihrer natrlichen Autoritt. Sie verfehlten aber ihren Zweck. Die
Verbindung zwischen Rodewald und Selma hatte Pauline einmal als Mittel erfat,
sich diesen Mann auf immer zu sichern, ihn wenigstens nicht Denen preiszugeben,
die sie betrogen hatten. Die Frstin von Hohenberg, noch nicht wiedergeboren,
noch nicht vershnt mit ihrem Erlser, lechzte nach Ausshnung mit dem Vater
Egon's. Sie schrieb, sie bat, endlich war der Augenblick einer Wahl ber die
Zukunft seines Herzens so dringend vor seinen nchsten Willen gestellt, da er
tief ber sich selbst erschaudernd den Entschlu fate, diesem Elend ein Ende zu
machen, sich zu einem neuen Leben zu sammeln, mit Selma von Harder ber die
Meere in einen neuen Welttheil zu ziehen.
    Das reine, hingegebene Herz hatte keinen andern Willen als den des
geliebten, angebeteten Mannes. Sie entfloh mit ihm. Anna, ihre Mutter, glaubte
die Spur in Frankreich suchen zu mssen, sie verlor sie und konnte sich nur
trsten in der Ergebung an das Unabnderliche.
    In Amerika begann der Vater Egon's von Hohenberg jene Luterung, zu der
empor sich nur Derjenige schwingen kann, der einst nicht aus Armuth, sondern aus
berflle des Herzens fehlte. Ein karges Gemth, eine leere Phantasie kann nie
anders als nur einmal leben. Ein reicher glhender Geist setzt wie der Baum Ring
an Ring und baut auf Trmmer neue Welten. Rodewald war ein Sieger, wo er
auftrat. In seinem alten Sinne wollte er nicht mehr siegen, er wollte kmpfen
und sah im Siege nur den Lohn der Mhe. Menschenfeindlich war allerdings sein
Herz geworden; Das mut' er sich zum Vorwurf machen und an diesem bel krankte
er lange. Er suchte die Einsamkeit, er floh die Menschen, er hate sie. Amerika
bot ihm die Flle neuen Lebens, aber den Egoismus sah er grade hier in seiner
vollsten Blthe und so erfllt von Poesie und Romantik war noch sein Herz, da
er sich in die neuen Formen des Staates, der Gesellschaft, der Sitten hier nicht
finden konnte. Die Schauer der Natur suchte er, die hoben ihn. Dem Urgeist sich
nahend, der in den Wldern, an den wallenden Strmen rauschte, beugte er sein
Knie und sein Ha milderte sich, da er Manchen sah, den es wie ihn getrieben
hatte, sich in diese Uranfnge des Lebens zu flchten. Manches Jahr blieb seine
Ehe kinderlos. Dann wurde ihm Selma geboren, er nannte sie wie die Mutter. Er
sagte sich: Du bist zuweilen noch zornig, zuweilen noch aufbrausend, du willst
dein Kind nennen wie die Mutter; so wirst du erschrecken, wenn du mit dem Kinde
sanfter sprichst wie mit deinem Weibe, oder sanfter mit deinem Weibe wie mit
deinem Kinde; also ein Ton fr Beide! ... Rodewald kaufte nach manchem
gescheiterten Experiment, nach mancher harten Erfahrung eine Niederlassung am
Missouri. Diese erweiterte sich. Hier begnstigte ihn das Glck. Er fand gute
Nachbarn, die ihm Geschftsgenossen wurden. Es bildete sich eine Kolonie von
Freunden, die das Glck in guter Laune erhielt ... Auch die Herzen trben sich
so, wenn der Himmel trbe wird. Diesen Genossen blieb er heiter. Sie verkauften
Bauholz, Getreide, Thierhute; sie erwarben Alle. Es war ein Landstrich von
einigen Meilen; zwischen jeder Niederlassung ein Stck Wald und Feld; aber
meilenweit machte der ganze Bund sich verstndlich. Sie hatten Zeichen, die
immer den Zusammenhang sicherten. Viele Brger der Union, viele Reisende
besuchten Missouri-Garden, wie die Kolonie sich nannte, und Meister Harry war
der Grtner dieses Gartens oder in ihm die majesttische Baumkrone. Hier war es,
wo Otto von Dystra zuweilen vorsprach, zuweilen jener Morton aus Newyork, in dem
sich ein Deutscher vermuthen lie, ohne da der doch gleichfalls deutsche Farmer
Harry forschte. Harry erwarb, wurde wohlhabend, fr den Kontinent vermgend.
Aber Selma starb und mit ihrem Tode bedrngte den Vater der Gedanke an die
Zukunft seines Kindes. Er hatte dem Chaos der eignen Brust genug gethan. Mit dem
Tode der Frau, die er sich durch eine Umwlzung der Seele gewonnen, war ein
alter Ring seines Lebensbaumes abgesetzt, ein neuer drngte. Er wollte zurck um
seines Kindes willen. Er hatte der Mutter versprochen, sich mit Anna von Harder
auszushnen und ihr Selma zu bringen, falls sie sie besitzen, die Enkelin
anerkennen wollte. Er rechnete auf eine harte Prfung. Er wollte sie tragen.
    Amanda's Tod hatte Rodewald erfahren, auch Paulinen's neue Heirath mit
Anna's Schwager. Diese Verbindung schien bedenklich. Er beschlo, erst unter dem
Namen Ackermann den Kontinent wiederzusehen. Der Pchter Harry verpachtete seine
Niederlassung in Missouri-Garden, nahm nicht fr immer von dort Abschied,
erhielt mancherlei Auftrge fr Europa, auch jenen von dem unglcklichen Morton
und kehrte auf den Boden der Heimat zurck mit seinem Kinde, das ihn als Knabe
begleitete. Er sah die Residenz spter als Schlo Hohenberg. Er war in Plessen,
betrachtete das Denkmal der heimgegangenen Frstin; wir sahen seine Rhrung. Er
erfuhr die Wendung aller der Verhltnisse, die einst hier geherrscht hatten, er
entdeckte Irrthmer, Wahn, Verblendung, Elend sogar und Armuth da, wo sein Herz
so betheiligt schlug. Er lernt Dankmar Wildungen kennen. Der junge Mann fesselt
ihn; er fesselt sein Kind. Sie liebt ihn schon, als er mit bebendem Entsetzen
erfhrt, damals am gelben Hirsch erfhrt, dies wre Prinz Egon. Fast
besinnungslos folgt er dem Zuge, der vom Schlosse in die Residenz fuhr, nach dem
Heidekrug. Er will seinem Sohne, wenn er es wre, sich zu nhern suchen. Er
kommt zu spt in der Herberge an. Es ist schon Nacht ... es ist Mondschein ...
Alles schlft. Da Egon unter diesen zusammengewrfelten Menschen der
Alltglichkeit, diesen Glubigern des Frsten Waldemar, im Incognito lebte,
schien ihm so natrlich! Wie lockte ihn der Familienzug, der in Dankmar
Wildungen, seinem Neffen lag, schon mit natrlicher, blutsverwandter Gewalt! Er
kommt in die Lage, Abends, als er Gerusch auf dem Korridor hrt, im Mondschein
sich Dankmar's Schlafzimmer zu nhern, er empfngt von dem schnen, vor dem
unheimlichen Strenfried Hackert erschreckenden Mdchen ein Bild, das er
bedeutet wird, in jenes Zimmer zu tragen. Sie entschlpft. Er betrachtet das
Bild. Es ist die Frstin Amanda! Zitternd nhert er sich dem nun gewi
gefundenen, schlummernden Sohne, legt das mit seinen Kssen bedeckte Bild unter
Dankmar's Haupt und nimmt eine Locke von seinem Haupte. Diese Locke, wie hielt
er sie hoch! Wie verehrte er sie als das Einzige, was er von Egon besitzen
durfte, von Egon, auf den er Dankmar's Mnnlichkeit und Adel bertrug! Da er
sich entschlo, seine Kenntnisse von der Pflege des Bodens der Rettung seines
Kindes zu widmen, war ein Gedanke, der ihn mit blitzschneller Begeisterung
ergriff. Da ist mein Geld, da meine Hand, nimm, mein Sohn, dein Vater wird fr
dich sorgen! So htte er sprechen mgen zu dem kranken Prinzen im Schlosse, als
er diesen Schlurck fast vor Zorn niederwarf. Aber konnte er so sprechen? Konnte
er sich verrathen, als Louis Armand die Nachricht brachte: Dein Wunsch ist
erhrt! Wie glcklich war er in der Werkstatt der Maschinenbauer in jener Nacht,
als er bei Willing und Leidenfrost die Hlfsmittel seines ihm liebgewordenen
Berufes bestellte! Wie freudig griff er seine schwere dem frheren idealischen
Leben so fremde Aufgabe an, wie ergeben rumte er die sich ihm bald
darstellenden Schwierigkeiten aus dem Wege! Es gilt deinem Sohne, dachte er,
deinem Sohne, der dir gehrt vor Gott und Amanda's unsichtbarem Genius! Kein
Mensch auf Erden kann wissen, welcher innern Mahnung du hier folgst und welches
der wahre berschwengliche Lohn deiner Mhen, die gottgefllige Himmelsblthe
deiner Arbeit ist!
    Freilich bekmmerte ihn nun Alles, was er von Egon erfuhr. Er erlebte das
Verletzendste. Nichts konnte so gefhrlich sein als die Entdeckung, die er ber
Selma und des Mdchens liebende Neigung machte. Schaudervoll ergriff es ihn, als
er dies keimende Regen und Wachsen in des Mdchens Brust beobachtete. Die
Tragdie der alten Welt, der Fluch des Schicksals schien mit dunkeln Fittichen
ber ihn niederzuschweben. Welcher Beherrschung bedurfte er damals, als Louis
Armand zum Besuche kam, die Anklagen gegen Egon wuchsen und Selma, sein Kind,
immer parteiischer, immer gereizter fr das Ideal aufloderte, das einmal von
ihrem Auge nicht weichen wollte. Ein qualvoller Winter fr ihn, der ihn unfhig
machte, irgend etwas zu beginnen, was nicht in nchster Verbindung mit seiner
Pachtung stand. Er htte doch nun seinen wahren Namen sagen, Verbindungen mit
Anna von Harder anknpfen, Erkundigungen einziehen mssen; er war nicht im
Stande sich zu sammeln, nicht fhig, den geringsten auf die Lsung dieser
Herzensaufgabe bezglichen Entschlu zu fassen. Dann aber - die Wonne - die
Erleichterung der beschwerten Brust! Dies selige, jauchzende Aufathmen des
gepreten Herzens, als Selma in den Armen eines jungen Mannes lag, der sie zu
umarmen den Muth besa, weil er sie nur fr den Knaben nehmen wollte und sie,
sie nahm ihn fr ein Wunder; denn Egon, der Verfolger seiner Freunde, konnte ja
nicht der Verfolgte selber sein, es war ein Wildungen, Dankmar, der Sohn der
eignen Schwester des Vaters, Dankmar, des Vaters Neffe!
    Der Flchtling wurde auf die leichteste Art verborgen gehalten. Der
entfernte Bart, die gestutzten Haare, eine sommerliche lndliche Tracht, ein
groer, breitrandiger Strohhut gaben ihm bald ein Ansehen, das Niemanden an den
im vorigen Sommer hier so rthselhaft aufgetauchten Doppelgnger des Frsten
erinnern konnte. Die Zahl der Menschen, die vom Generalpchter zu seinen
Unternehmungen verwandt wurden, war ber Hundert gewachsen. Unter ihnen verlor
sich Dankmar um so mehr, als er nicht etwa im Ullagrunde bei Ackermann wohnte,
sondern in dem entlegeneren Randhartingen, wo er fr einen jungen konomen galt,
der sich besonders im Schreiberfach dem Generalpchter ntzlich erwies.
Glcklicherweise hatte Dankmar eine Wohnung gefunden, die ihm gestattete, fast
in allen seinen Bedrfnissen fr sich selbst zu sorgen. Mehr, als er wnschen
konnte, fhlte er sich allerdings im Verkehr mit Selma gehemmt. Allein ohnehin
lag es schon in der nothwendigen Rcksicht auf den Vater begrndet, da zwischen
ihnen, gleichfalls still und verborgen, mehr die verwandtschaftlichen Bande, als
die der Liebe geltend gemacht wurden. Rodewald hatte die Freude, als er sich
Dankmarn in seiner Eigenschaft als jener schlimmberufene Oheim zu erkennen
gegeben hatte, in diesem Verwandtschaftssinne die zwischen den jungen Liebenden
herrschende Vertraulichkeit mehr deuten zu drfen, als in dem leidenschaftlichen
Charakter eines die Andern ausschlieenden zrtlichen Besitzes. Es ist ein so
wehmthiges Gefhl fr einen Vater, der seines Gemthes einzige Befriedigung in
der Liebe seines Kindes fand, diese pltzlich mit einem Eroberer theilen, ja wol
ganz an ihn verlieren zu sollen. Ein Vater, der einzige Schutz und Hort seines
Kindes, sieht, ist dies Kind ein Sohn, diesen pltzlich nur fr das Wohl und
Wehe einer fremden Familie, deren schnstes Kleinod er liebt, erglhen, oder es
geschieht, da seine einzige Tochter, das Pfand der Liebe eines
dahingeschiedenen Weibes und die letzte Erinnerung an seine eigne Jugend, ihm an
einen Mann verloren geht, der unter seinen eignen Augen die reinen Lippen, die
nur ihm sonst in kindlicher Liebe schmeichelten, mit seiner Leidenschaft
bestrmt. Manche Vter, manche Mtter wissen oft nicht, da das Gefhl, das sie
gegen einen Bewerber um die Gunst ihres Kindes hart erscheinen lt, eine in
ihnen tief wurzelnde Eifersucht ist. Dankmar, mit dem in allen Dingen ihm
innewohnenden Takt, erkannte dies Gefhl. Wo ihn nicht Ort und Stunde
begnstigten, verlangte er fr seine heie Liebe nie die Linderung durch
sichtbare Zrtlichkeit. Und weil Rodewald diese Schonung fhlte, wurde ihm der
wackre Sinn des neugewonnenen Sohnes nur um so ehrenwerther und mit wahrer
Freundschaft schlo er ihn in sein Herz.
    Es gibt auch wenig so gefllige Verhltnisse im Leben, als in dem mystischen
Bunde, dem vielverspotteten und zur Prosa des Lebens herabgewrdigten Schwieger-
und Schwherbunde, Gleichartigkeit der Gesinnung und Stimmung. Rodewald hatte
die Freude, in Dankmar einen Sohn zu gewinnen, der neben ihm stand wie das
jngere Abbild seiner selbst. So fast nahm er selbst einst das Leben, ehe seine
Bahn von Andern durchkreuzt wurde. So fast ging, stand, hielt er sich, wie
Dankmar! Welche ruhige Errterung mit ihm ber die nchste und entferntere
Zukunft! Welches Ma in der richtigen Abschtzung des Mglichen! Welche
besonnenen Zumuthungen an das Leben, welche richtigen Voraussetzungen ber die
Charaktere, ihren Egoismus, ihre Schwchen, wenn es sich um Personen handelte!
Dankmar war durch Natur, durch Studium und frhe Lebenserfahrung der Philosoph,
der sein Oheim erst durch die bittersten Prfungen und jene luternde edle Reue
wurde, die Dankmar nicht in sich mit Beklommenheit zu hegen brauchte, da er, was
er begann, immer besonnen berdacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt
hatte. Es ist ein Himmelssegen fr einen Mann in den Jahren Rodewald's, sein
Kind unter der Leitung eines Charakters zu wissen, wie Dankmar Wildungen war.
    Wol gab es auch zwischen ihnen manche Differenz. Die noch jugendliche
Auffassung mancher Dinge, besonders der Gefahr, der lebendigere Farbensinn fr
das Kolorit und die Poesie des Lebens, die Plne ber den Abschlu einer
Verbindung mit Selma gaben noch Gelegenheit zu manchem Widerspruch. Doch hoben
diese streitigen Ausnahmen nur die herrschende Regel des Friedens. Einer
verstand den andern; beide lebten sich wie in eine Seele ein. Selbst der Proze,
selbst die Sache des Bundes gab keinen Anla zu einem Scheidewege. Dankmar
sprach ber beide Angelegenheiten mit der dem Juristen eignen kritischen Prfung
aller Mglichkeiten. Die Entgegnungen Rodewald's widerlegte er nicht durch einen
blinden, den Thatbestand bersehenden Enthusiasmus, sondern lie Das, was
unwiderleglich war, gelten und gestand es zu, wenn sein Suchen nach Abhlfe
vergeblich gewesen war. Rodewald kannte die Familientradition und lobte Alles,
was Dankmar zu ihrer Geltendmachung versucht hatte. Der Proze schwebte nun in
dritter Instanz beim Obertribunal. Ein rthselhaftes Dunkel umspann eine
Angelegenheit, die um so verwickelter wurde, seit Dankmar und sein Bruder
Flchtige, Verfolgte waren. Doch wuten Beide, da darum eine civilrechtliche
Frage nicht stocken konnte. War sie doch aus dem trben Sumpf der ersten
Gerechtigkeitsstadien, wo die polizeiliche Gewalt an der Waagschale der Themis
nur zu oft die Gewichte zu verflschen sucht, glcklicherweise herausgetreten zu
einer Region, wo man ein Europisches Aufsehen wol fhlen mute und eine
Entscheidung zu geben hatte, hnlich der, wie ber die bekannte Mhle bei
Sanssouci! Bedenklicher konnte die Anwendung scheinen, die Dankmar einem
mglichen Gewinne bestimmt hatte. Es war die berzeugung in den Brdern fest,
da mit Ehren diese Gter nur zum Besten einer Idee verwandt werden konnten und
diese Idee, wie war sie gewachsen, wieviel Blthen und Frchte trieb sie nicht
schon, wie konnte sie sich entfalten, wenn das Erbtheil des Komthurs Hugo von
Wildungen in den Bund zurckflo, der sich an die Ritter vom Grabe zu Jerusalem
anschlieen sollte! Aber Rodewald folgte auch diesem Labyrinthe von Trumen und
gefhrlichen Hoffnungen nicht mit der platten Logik der Alltagsberlegung, die
hier unbedingt gesagt haben wrde: Ihr seid Thoren! Er dachte sich in den
Zusammenhang der Ideen Dankmar's hinein, staunte, da er selbst die Veranlassung
gegeben, diese Gedankenreihe einst anzuspinnen, bewunderte, wie weit schon ein
nur so flchtig in einige Gemther geworfener Funke gezndet hatte ... War ihnen
Beiden doch geschehen, da sie bei einem kleinen Ausfluge in nahegelegene
Ortschaften Spuren entdeckten, da der Bund der Ritter vom Geiste da lebte und
wirkte, wo sie den Weg der Verbreitung kaum ahnen konnten! Es ist damit, sagte
Rodewald, wie mit dem Entstehen von Wldern an Orten, wo sie Niemand sete. Die
Vgel tragen den Saamen durch die Luft! Eine eigenthmliche auf das
vierblttrige Kleeblatt deutende Handbewegung hatte Beide, Rodewald und Dankmar,
schon mit Begegnungen in Verbindung gebracht, die sonst die flchtigsten gewesen
wren. Sonst stumm und kaum grend an ihnen vorbergegangene Menschen waren
ihnen durch ein einziges Wort vertraut geworden. Man sprach allgemein von einem
weitverzweigten Bunde, dessen Obere Niemand kannte, dessen Statuten noch
ungeschrieben waren, der aber mchtiger hervortreten wrde, wenn eine gewisse
Hoffnung, ber die verschiedene Versionen liefen, sich erfllen wrde. Nicht
einmal, da diese Hoffnung der Proze der Gebrder Wildungen war, ja nicht
einmal, da Dankmar Wildungen fr den Stifter des neuen Templerordens gelten
mute, war Jedem auer der forschenden Regierung bekannt. Dennoch blieben die
Pflichten des Bundes kein Geheimni. Die Theilnehmer wuten Alle, da er auf den
Grundsatz geschlossen war: Du sollst Gott mehr dienen, als den Menschen! Du
sollst die grade Strae deiner berzeugung gehen, nicht Noth, nicht berfall und
Gewaltthat auf ihr frchten, sondern in jedem Loose auf die Hlfe warten, die
dir zur rechten Stunde von Denen wird, die ber dir wachen!
    Rodewald, seit lange schon so wenig Idealist, wie es ein auf Erde, Regen und
Sonnenschein angewiesener Arbeiter nur sein kann, Rodewald ging in seiner
bereinstimmung mit Dankmar so weit, da er gradezu von unsrer Zeit zugab, sie
wre reif zu einer neuen Messiasoffenbarung. Was wrden denn die Mchtigen der
Erde beginnen mit einer Persnlichkeit, die alle Bedingungen eines groen
Propheten trge? Sei er nur rein in seinen Anfngen, achtbar in seiner Bildung,
begabt mit der Macht der Rede, sei er nur tief in seinen Studien, um vor dem
Dnkel der Gelehrsamkeit nicht erschrecken zu drfen, sei er nur sittenrein in
seinem Wandel, enthaltsam, bescheiden, fele er den Menschen durch eine
gewinnende Persnlichkeit und sei er ein groer Dichter des Lebens, der wrdig
ist, sein eigner Gegenstand zu sein, wer wollte ihn dann in Banden halten,
fesseln, vernichten, mrbe machen durch die kleine Qulerei unsrer Civilisation?
Er wrde nur zu lehren brauchen: Ich komme als ein andrer Christus, der Das der
Welt sein mu, was dieser den Juden war! Ich komme als ein Richter und
Strafredner ber den Pharisismus dieser Tage, der mit den Unterdrckern des
geistigen Lebens buhlt, statt die Menschen von der Geschichte zu befreien, das
Individuum von der Gesellschaft, die Gesellschaft vom Staate, den Staat von den
Personen und den Vorrechten der Geburt! Was wrde man ihm denn Hheres thun
knnen als sein Leben nehmen? Wrde dieser Tod, freudig ertragen nicht grade zu
den Merkmalen gehren, die ein neuer Erlser der Menschen tragen mte? Es ist
eine Stille in den Seelen der Menschen eingetreten, die das Ohr schrft, das
Wehen und Nahen der Gottheit zu vernehmen.
    Und wenn Dankmar fortfuhr, da jetzt nicht mehr ein Individuum allein Das
vermchte, was ein Mrtyrer vor zweitausend Jahren, sondern da sich wol der
rein und klar herausgestellte Begriff der Menschheit an sich selber zum Befreier
wrde, so widersprach Rodewald nicht, sondern dachte nur darber nach, wie man
den Bund der streitenden Brder vom Geiste zum mglichen Abbild der reinen
Menschheit, zum Sammelplatze aller wahren Lebenskeime der Geschichte erheben und
man nach Abzug der endlichen Bedingungen, die allerdings jede irdische
Unternehmung verkrzen, mit der Zeit diejenigen Wohlthaten segnend ber die
Jahrhunderte ausgieen knnte, die nicht mehr in der Macht eines einzelnen
Messias liegen wrden. Die stillen Abendstunden und der Sonntag wurden dem
Austausch von Gedanken und Vorschlgen fr diesen Zweck gewidmet. Die
Erfahrungen der Politik, der Theologie, der Seelenlehre, des Rechtslebens wurden
zwischen ihnen ausgetauscht. Dankmar, der fr den Schreiber des Generalpchters
galt, las und schrieb genug, aber es waren Studien ber die Gesellschaft. Was er
von Bchern brauchte, verschaffte Rodewald aus Bibliotheken, selbst entfernten.
Er entlieh fr sich, was fr Dankmar bestimmt war. Auch der Briefwechsel, den
Dankmar zu fhren hatte, nahm seine Zeit in Anspruch. Auf Umwegen, mit
schtzenden Adressen kamen ihm Nachrichten von den Freunden, vom Bruder zu. Die
Rettung Leidenfrost's und des Majors von Werdeck, herbeigefhrt durch Jagellona,
die auf der Veste Bielau einen greisen Invaliden entdeckt hatte, Max Brning,
den Vater Leidenfrost's, jenen Bayer, der nach franzsischer Gefangenschaft und
langem Krankenlager in der Fremde die Spur der im Kloster zum Herzen Jesu
niedergelegten Kinder, jenes auf den Eisfeldern Rulands dem sterbenden
Stanislaus Kaminski abgenommenen Mdchens und seines eignen ihm von seinem in
Gnesen gestorbenen Weibe hinterlassenen Sohnes, nach Polen hin verloren hatte
und fr eine Befreiung des Majors leicht zu gewinnen war, nachdem sie selbst mit
Hlfe des von Schlurck endlich erhobenen Geldes Leidenfrost's Fesseln zu
sprengen gewut hatte, diese fernweilenden Menschen vergrerten den Kreis
Derer, mit denen Dankmar in Beziehung bleiben konnte. Man drngte in ihn, jetzt
ihnen nachzufolgen, man fand sein lngeres Verweilen auf einem Boden, den der
reaktionre Terrorismus Egon's von Hohenberg so gefhrlich gemacht hatte, fr
Vermessenheit. Er schrieb den Freunden, er fnde schwerlich im Auslande die
Mue, so im Zusammenhnge der Aufgabe zu bleiben, die er sich zunchst htte
stellen mssen, die Vorarbeiten zu zeitigen zum ersten groen Bundestag, den er
auf den September des nchsten Jahres ansetzte.
    Rodewald freilich hatte einen andern Grund, Dankmar'n oft an die
Nothwendigkeit, nun doch in's Ausland zu gehen, zu erinnern. Die Zeit rckte
heran, wo er ber Selma einen Entschlu fassen mute. Er fhlte, da an seiner
einmal festgehaltenen Absicht, sein Kind zu Anna von Harder zu fhren, nichts
gendert werden durfte. Auch entging seiner Erinnerung an die Sitten und die
Bildung der groen Welt keineswegs, wie sehr Selma noch die nachhelfende Hand
einer hhern weiblichen Erziehung bedurfte. Zwar sagte Dankmar auf solche bang'
ihn erschreckenden Worte: Du wirst mir den Blthenstaub von meinem Mdchen
streifen! Du wirst ihr nehmen, was grade ihr schnster Schmuck ist! Aber bei
aller Freude an der Selma eignen, heitern kindlichen Naivett schttelte der
Vater das Haupt und blieb dabei, sie htte erst noch eine Prfungszeit zu
berstehen unter den Augen ihrer Gromutter, wenn sie sie annehmen will. Es ist
das Haus, wo ich um ein lateinisches Wort: propinqui equites den Proze
verliere! sagte Dankmar. Und Rodewald erwiderte: Wenn sie Selma wie ihr Kind
begrt und mir vergibt, so la' es uns ein gutes Zeichen sein, da wir
beweisen: Hugo von Wildungen trat die Erbschaft seiner ganzen Familie und nicht
den im Orden befindlichen Verwandten ab, die du in den Verzeichnissen von
Angerode nicht hast entdecken knnen, falls in der That die Equites geistliche
Ritter sein sollen und nicht vielmehr Adlige und Ritterbrtige berhaupt, denen
allein die Erbfolge in groen Lehnen gestattet sein konnte ... So mischte sich
auch der alte Sachsen- und Schwabenspiegel in die Idylle des Herzens.
    Selma sah mit Bangen den Tag heranrcken, wo sie vom Vater und Geliebten
zugleich scheiden sollte. Jenen konnte sie doch wiedersehen! Dieser aber, auf
die Verborgenheit angewiesen, verbannt in die Ferne, verschwand ihr, wie die
rettende Hand einem Ertrinkenden verschwinden mag, sie glaubte ohne ihn vergehen
zu mssen. Dankmar! Dankmar! So bebend, so jammernd konnte sie diesen Namen
rufen, als wenn sie sich auf ewig nun von ihm htte trennen sollen und sie jener
Knigstochter gliche, die, von den Gttern als Opfer fr die glckliche Fahrt
der Griechen gefordert, von den herzlosen Eltern auch auf den Altar der Diana
hingegeben wurde! Ihre Seele war in dem letzten trben Winter zu schwer belastet
gewesen. Es waren Klnge durch ihr Herz gezogen, wunderbar traurige Klnge, die
das Glck der Tuschung, des wunderbaren Entdeckens eines ihr verwandten, sie
liebenden Mannes wol mit leichten Melodieen verdeckte; nun aber brachen sie
melancholisch, klagend genug wieder hervor und oft sagte sie zum Vater: La uns
ewig Ackermann heien, la uns bleiben, was wir sind, die Mutter segnet das
Glck ihrer Tochter! Nur du, nur Dankmar haben Ansprche auf mich! ... Es war
ein ernstes Sinnen, das nach diesem im Sptsommer fast tglich wiederholten
Drngen seines Kindes den Vater berfiel, aber immer entschied fr die alte
Verabredung das Gelbni an die sterbende Mutter, der Hinblick auf Selma's nicht
ausreichende Bildung und ein Ahnen, das der Vater in den Worten aussprach: Ich
wei nicht, was mich in die verschwiegene Behausung zieht, die Anna von Harder
vor den Thoren der Residenz bewohnt! Wir fuhren zwei Mal an ihr vorber. Weit
du, einmal mit jenem unheimlichen Begleiter, dem Nachtwandler, der uns den Namen
Tempelheide und die Bewohner nannte und dann, als wir von der Maschinenfabrik
kamen, von der rauschenden Musik des wilden Balles? Jedes Mal klang ein
melodischer Lufthauch von dem dunklen Gehfte her. Du schliefst. Aber mir war's,
als mahnten mich die Tne, die ich hrte, als riefen sie: Du gehst hier vorber,
richtest nicht die Gre deines sterbenden Weibes aus? Hrst sie nicht, wie sie
dich mahnt? Es mu sein, Selma! Die Liebe wird sich bewhren. Es hindert mich
nichts, nichts, Rodewald zu heien. Dankmar wird in zwei Jahren dich heimfhren
in eine Welt, die bis dahin in tausend Dingen kann eine andere und unendlich
bessere Gestalt gewonnen haben.
    So blieb es bei der Trennung. Sie konnte nichts auflockern, was zwischen den
Liebenden feststand. Selma war Dankmar'n gleich anfangs als das Abbild jener
Weiblichkeit erschienen, die dem starken und gesunden Mannesgeist allein gengen
kann. Fern von jeder grellen, berechnenden Gefallsucht hatte sie ihr gut Theil
Evanatur, wie alle aus der Rippe Adam's Gebornen. Sie sah weit lieber, da sie
gefiel, als da sie abstie oder gleichgltig lie. Aber sie eroberte ihren
Beifall nicht durch unerlaubte Mittel. Sie gab sich kein Air von Empfindungen,
die ihr fremd waren. Sie schlug die Augen nicht auf, um schwrmerisch zu
erscheinen, sie lchelte nicht s, um ihre blendenden Zhne zu zeigen, sie
kmpfte ihre Wallungen, ihre Meinungen, ihre kleinen Reizungen sogar nicht
nieder, sondern gab sich, wie sie dachte und wie sie oft nur zu natrlich
empfand. Da fehlte es an Thorheiten gar nicht, besonnener Zuspruch fand bei ihr
immer zu thun. Nur kam es auf den Redner an, auf seinen Ton, seine Lehre, seine
Absicht. Selma sprang mitten in eine Predigt ihres Vaters und erstickte sie mit
Kssen und Thrnen. Wie flogen da die braunen Locken, wie glnzten die
dunkelblauen Augen, wie lieblich klangen die Schmeichelworte und wie konnte sie
dann bitten, sie nur ja nicht an Dankmar zu verrathen! Grade verrathen! Grade,
weil du den Freund tuschen willst! sagte dann Rodewald. Nein Vater, weil er
schon soviel selbst an mir zu dulden hat und weil ich ihm keinen Abscheu vor mir
einflen will; sprach sie. Aber Dankmar duldete und trug gar nicht, wie sie
frchtete. Wenn er in seinem kurzen Sommerrock und unter seinem breitrandigen
Strohhut so spt Abends mit ihr die Ulla hinauf schritt, dem stilleren
Waldrcken zu, und die Cigarre weggeworfen hatte, um am Duft seiner Lippen nicht
unwrdig zu erscheinen einer flchtig erhaschten Zrtlichkeit, lchelte er nur.
Er hatte eine Ruhe Selma gegenber, die sie oft Phlegma nannte und wegen der sie
ihn durch tausend kleine Neckereien in Harnisch zu bringen suchte. Es gelang ihr
aber nicht. Dankmar setzte allen ihren Seitensprngen von der geraden Strae der
Langenweile und Monotonie, an der die sogenannten gediegenen Frauennaturen oft
bis zum Nichts zu Grunde gehen, nur ein ruhiges ergebenes Lcheln entgegen,
nicht etwa das trge Lachen des Phlegma, sondern ein Lcheln, von dem Selma
einmal in wirklichem Zorn sagte: Und meinem glhendsten Behagen streckst du die
kalte Teufelsfaust entgegen! (Sie hatte eben Gthe's Faust zum ersten Male
kennen gelernt;) aber der Vater nannte dies Lcheln der berlegenheit den
hchsten Sieg, den die Majestt der Leidenschaft, die Lwenhoheit einer
bedeutenden Natur, ber sich selbst gewinnen knnte. Da zerflo sie denn in
Liebe und schmiegsame Anmuth. Dankmar besa in Selma eine Natur. Von der Lge
der Salons, von der Prderie der blichen Erziehung war ihr nichts angeweht. Sie
stand im unmittelbarsten Verkehr mit den Dingen, wie sie sind. Und viele hteten
sich vor ihr; die Schlechten, die Trgen, die Lgner gewi. Gewisse Mittlere
schwankten noch. Aber die Guten trugen sie auf den Hnden, nannten sie einen
Engel und priesen Den glcklich, der sie einst gewinnen wrde. Da dies schon
des Generalpchters hbscher Schreiber war, sah man nicht.
    Das Glck dieser stillen, verschwiegenen Liebe und eines sen, heimlichen
Trostes fr manche grobe uere Mhe, der sich Dankmar des Scheines wegen
unterziehen mute, wurde nur gestrt durch den Hinblick auf die Zeit und Egon's
Art sie zu lenken. Verschiedenartig wirkte diese schmerzliche Erfahrung. In
Dankmar war es der beleidigte getuschte Freund, der die Mglichkeit eines
solchen Irrthums, solcher trgerischen Voraussetzungen, wie sie bei dem Frsten
Egon stattgefunden, in einem Menschen kaum begreifen konnte. In Rodewald dagegen
war es noch ein herberer Schmerz. Er konnte wohl zu Dankmar sagen: Sieh da die
Macht der Umstnde, den furchtbaren Zwang der Stellungen! Aber was er selbst
innerlich fhlte, war noch ein Anderes. Egon von Hohenberg stand ihm durch die
dunkelsten Verirrungen seines Lebens so nahe! Er bereute jene Tage nicht, in
denen diesem jetzt gereiften jungen Manne das Leben gegeben wurde; sie waren ihm
nur von Wehmuthsschleiern berwoben. Knnten diese Schleier je sich heben! hatte
er gedacht, knnte je das helle Licht der Sonne und der Wahrheit bescheinen und
an den Tag bringen, wer du diesem jungen, so rauh ber die Erde fahrenden
Staatenlenker sein knntest! Er dachte sich, wenn du nun einst einmal vor ihn
hintrtest! Wenn er dich empfangen wird, hier im Schlosse oder in der Residenz,
falls er deine Gegenwart wnscht, und nun steht er gndiglchelnd, leidlich
wohlwollend, vielleicht aber auch gereizt, vielleicht streng vor dir? Wenn er
wte, da du Dankmar Wildungen bei dir aufnahmst? Wenn er wte, warum du dich
jetzt Rodewald nennst und wie du auf diese Wandelungen deines Wesens gekommen
bist? Pauline von Harder, (die einzige, deren Leben Rodewald frchtete) diese
dir jetzt so Verbundene, sie wird nie, nie sagen, da du mein Sohn bist, aus Ha
gegen die Mutter nicht! Und sonst kennt keine Seele die Tage von Landeck vor
dreiig Jahren.
    Ich und du! Du und ich! Wir Beide durch ein Geheimni verbunden! Wenn ich es
aussprche, wenn ich im Zorn ber deinen Stolz, deinen Hochmuth, deinen Dnkel,
deine Unsittlichkeit, deine Herzlosigkeit, deine mnnliche Schwche, die eine
Melanie Schlurck zur Frstin von Hohenberg erheben konnte - und diese That kommt
nicht aus meinem Blute, nicht aus dem Blute des Plebejers, der mehr Stolz hat
als du - wenn ich mich hinreien liee und Vaterrechte geltend machen wollte,
wenn auch nur unter vier Augen ... Und dann? dann? ... Wenn dieser junge Tyrann
dich von seinen Dienern zur Thre hinauswerfen liee ... ha, und du griffest in
deine Brusttasche und zgest die Papiere hervor, die deine Behauptung beweisen,
die Briefe der Frstin ... Und dann? dann? ... Wenn er die Scke Geldes nhme,
die du fr ihn erwarbst, in hingebender, nur vom Himmel erkannter Liebe und
Aufopferung fr ihn sammeltest, um der innersten Pflicht zu gehorchen, und er
dies Geld vor dir hinschttete und riefe: Da behalte, Elender, aber schweige!
Schweige oder meine Rache ist grnzenlos ... Diese Gedankenreihe, furchtbar
peinigend fr seinen Stolz und fr sein Herz, verlie Rodewald nicht mehr,
steigerte sich sogar, als der Herbst nahte, alle seine Plne reiften, gesegnete
Frchte sanken und Egon ihm schrieb, er wrde bald selbst auf seinem Schlosse
erscheinen, sich eine Weile von seinen Mhen ausruhen und ihm fr die guten
Geschfte, die er mache, danken ... Rodewald kannte bei allen diesen
Voraussetzungen die Natur Egon's, die ohne Zweifel tiefe und bedeutsame
Entwickelung auch dieses Charakters noch nicht.
    Aber des Frsten eisernes Walten war nicht hinwegzulugnen. In nchster Nhe
ja sah Rodewald die traurigsten Spuren davon. Sein Nachbar, der Bauer Sandrart,
der Reiche, berzufriedene, Stolze, der auf seinen Sohn so stolze Vater, wie
schlich der rmste, zum Tod gebeugt, an einem Stabe von Haus zum Bach, vom Bach
zum Hause, und blickte kaum auf, wenn man ihn grte: Vater Sandrart, wie
geht's? Was macht die Ernte? Thut Euch der Sonnenschein gut? Ihm that nur gut,
wenn er sich die Augen wischen und Niemanden sehen konnte, als zwei Menschen,
die ihm nun die liebsten auf dieser Erde geworden waren, den Jger Heunisch und
Franziska, des Jgers Nichte. Der Dritte von Denen, die er liebte, auf die er
alle seine Sehnsucht nach dem einzigen, unglcklichen, unwiederbringlich
geopferten Sohn bertragen hatte, der Vikar Oleander, war nicht mehr in Plessen.
Es hie, er htte die Stelle eines Gefngnipredigers in der Residenz
bernommen. Der hatte sich recht das Schwerste unter den mtern der Diener am
Worte auserlesen ... Und nicht, weil es der Sohn so geheien in seiner letzten
Stunde, sondern der innere Drang schon machte, da der unglckliche, um seine
liebsten Hoffnungen betrogene Vater Heunisch, den Guten und Sorglosen, und
Frnzchen, die Bewhrte, auch beim Nachbar Treuerfundene, wie die Seinigen
annahm und erbenlos den Besitz des Sohnes ihnen vermachte. Franziska war
zwischen dem Generalpchter und dem Bauer, der sie liebte wie ein Kind seines
Kindes, fast so getheilt, wie einst zwischen Louis Armand und Heinrich Sandrart.
Jener schrieb zuweilen von der Fremde. Der immer wiederkehrende Schmerzenston
seiner Briefe lautete: Ein Meer ist zwischen uns! Ich darf nicht in das Land, wo
Sie weilen, Franziska, und Sie bindet die Pflicht, ja selbst das Glck an ein
Unglck, das Sie trsten sollen und Sie mit Schtzen belohnt, die Ihre Flgel
schwer macht: Gold ist schwer ... Die reiche Erbin denkt wohl des fernen
Freundes nur mit Schonung. O Franziska, diese rauhe Welt! Diese elenden Gtzen
der Pflicht, denen zu Liebe man so kalt morden konnte! Das Bild steht
unverwischt vor meinen Augen. Der Gute, der sterben mute, weil ihn fr Andere
das Loos traf und ein Beispiel gegeben werden sollte, ein Beispiel der
Abschreckung fr Menschen ... Menschen! Alle Bitten an Egon, alle Briefe der
Besten blieben unerhrt. Das Kriegsrecht hatte seinen Lauf, wie die Kugel! Ich
denke des Tages, wo ich in der Werkstatt bei Mrtens mit ihm ber den Eid
sprach! Und was mu uns trsten? Da das Unglck nicht allein steht, da es eine
tglich wachsende Reihe von Grbern gibt, eines neben dem andern. Vergeben Sie,
Franziska, wenn ich Ihnen, der Reichen, solche Worte schreibe! Vergessen Sie das
Loos der Armen nicht! - Louis schrieb diesen Brief aus Antwerpen, wo er bei
Siegbert verweilte und fr die Einrichtung des Schlosses Tempelstein thtig
arbeitete.
    Franziska hielt auf diese Empfindungen, deren zweifelnden Theil sie mit
ihrer Feder widerlegte, wie auf ein Evangelium, aber Der, der es lehrte, war
jetzt ihr verloren. Im Ullagrunde fesselte sie die ernsteste Pflicht. Das groe
Hauswesen des Generalpchters hatte aus der kleinen Nhterin ein
Verwaltungstalent hervorgelockt, das zwar manche Personen, die um Ackermann
festen Fu zu gewinnen gehofft hatten, sehr verletzte, diesen selbst aber aufs
angenehmste berraschte. Frnzchens Herzensgte im Verkehr mit dem gebrochenen,
an sie voll Wehmuth sich anklammernden Sandrart rhrte alle Herzen. Und Onkel
Heunisch, der taumelte gar wie in der Irre! Die gute Urschel war ihm nun hin,
aber seine Hunde waren ihm doch geblieben und es hie sogar, wenn der Winter
kme und er mit einem Burschen, den er sich nahm, im Amt nicht fertig werden
knne, sollte ihm Drossel die beste seiner Tchter, das flinke Linchen, geben
zur Fhrung seiner Wirthschaft! Aber nur Franziska gab ihm rechten Ersatz fr
eine Lebensgewohnheit, deren Schattenseiten seinem glubigen Sinne nie eingehen
wollten; ihm scharrte sich nichts aus der Erde heraus, unter der Jakob und
Ursula Zeck schliefen, ihm kam der Glaube an den Doppelmord, den Jakob Zeck und
Ursula Marzahn an seinen beiden Verlobten begingen, indem sie auf dem Gelben
Hirsch Feuer anlegten und an dem Waldbache die zur Kirche gehende Tochter des
Sgemllers vom Felsen strzten, nie zu klarem Gemth. Die Beweise fehlten. Die
Untersuchung wegen Tdtung des Schmied's im Forsthause wurde von der Residenz
aus, wo man mehr, als man wissen wollte, zu entdecken frchtete, pltzlich
abgebrochen, und Herr von Zeisel, der bequeme, seinen Garten, seinen Schlafrock,
seine Whistpartieen liebende Justizdirektor, an dem auch glcklicherweise die
Gefahr einer nicht verbessernden Versetzung vorberging, Herr von Zeisel war
nicht der Mann, der solchen Dingen  tout prix auf den Grund zu kommen
trachtete. Nur Pfannenstiel, Drossel, der Sgemller grbelten. Die lrmten, die
drohten, aber nicht im Einverstndni. Die Polizei ging mit der Demokratie nicht
Hand in Hand. Onkel Heunisch mit der Meerschaumpfeife und dem rothen, nun recht
winternden Fuchsbarte geno in vollen berflieenden Zgen das Glck seiner
Nichte, so schmerzlich es erkauft war. Er hatte die Hinrichtung mit angesehen,
war voll Jammer ber sie, aber doch wurde er fast eiferschtig auf den alten
Bauer und grmelte mit ihm. Er sah nur Das, was auf sein nchstes Behagen ging.
Seine Hunde, sein Wild, seinen Wald kannte er. Aber mit Menschen konnte er
reden, die er kennen sollte und er htte geschworen, da er sie nie gesehen. So
mit Dankmar, der oft an derselben Stelle mit ihm stand, wo er ein Jahr vorher
mit ihm geplaudert hatte. Aber den Vernderten und Umgestalteten fr den
Doppelgnger Sr. Durchlaucht zu nehmen, wre ihm nicht im Traume eingefallen. Er
war fr ihn ein vllig Anderer, als der er jetzt, ein ahnungsreicher Jurist, die
Data ber die in Liebe zu einem so guten Waidmanne entbrannte Ursula und ihren
heimtckischen Bruder wohl am klarsten in Hnden hatte, ohne da er jedoch in
der Lage und Laune sein konnte, sie ffentlich zu verknpfen und von Andern
seinen Scharfsinn prfen zu lassen.
    In diese Zustnde der Ruhe, des Schmerzes, der Freude, des Harrens und
Hoffens kam dann die Ankunft des Frsten auf dem Schlosse. Rodewald hatte die
Sammlung nicht, sie abzuwarten. Auf einem Wege, wo er ihm zu begegnen vermied,
entschlo er sich, Selma ihrer nchsten Bestimmung entgegen zu fhren. Der
Abschied von Dankmar war der schmerzlichste. Denn auch ihn mute es drngen, von
einem Orte sich zu entfernen, wo ihm die Luft nun den Athem abpressen mute.
Melanie als Frstin Hohenberg, Egon selbst, Selma von ihm hinweggenommen - er
wartete nur des Vaters Rckkunft ab, um sich nach dem Westen nun auch zu
entfernen. Hatte er doch hier und da schon Verdacht erregt und glaubte er doch
von einer Person, die noch dazu nicht die beste von Sinnesart war, halberkannt
zu sein, von jener Liese, die frher im Heidekrug bei dem jetzt schmollenden
konstitutionellen Patrioten Justus diente und zu Frnzchen Heunisch's Erhebung
immer nur scheel genug gesehen hatte. So war denn Rodewald von seinem Hause
endlich frei geworden und hatte die in Schmerz zerflossene Selma mit der Zukunft
getrstet, mit jenem Zauberbalsam, der sich khl und linde auf alle Wunden legt.
    Anna von Harder nahm die ihr so wunderbar Geschenkten nicht wie eine
Genugthuung des Schicksals, sondern wie eine Mahnung, sich zu demthigen, auf.
Die Freude und der Schmerz, die Wonne, in Selma ein Abbild zu besitzen von der,
deren Tod sie zu bitterster Gewiheit nun besttigt sah, alle diese Empfindungen
machten sich in denselben Thrnen geltend und jede Betrachtung, jeder errternde
Rckblick blieb ausgeschlossen von den ersten Schrecken und Wonnen dieser
Begegnung. Rodewald wollte sogleich scheiden, Anna lie ihn nicht. Sein Pferd
wurde von den Dienern versorgt, doch wollte er zur Stadt, Selma sollte da
bleiben, wenn Anna sie zu behalten gedchte. Anna war keiner Anordnung fhig,
nur Das wute sie, da sie das jetzt Gewonnene nur mit dem Leben wiedergeben
wollte. Die edle Frau umhalste Selma und hielt sie gegen das Sternenlicht, gegen
den Lampenschimmer im Hause, um sich an den hnlichkeiten, deren sie Hunderte
mit ihrem Kinde schon entdeckte, zu erheben ... aber da dies Kind wirklich todt
war, da es auf fremder Erde, zerstoben und verwesend schon, ruhte, Das umwehte
sie mit Geisterhauchen, als mte sie nun bald selbst hingehen in die Wohnungen
des Friedens und knnte sich nicht mehr zurechtfinden in dieser schmerzlichen
Sinnenwelt.
    Olga nahm ihr etwas von den nchsten Pflichten, die sie fhlen mute,
auffallender Weise schon ab. Olga begrte den Ankmmling mit einem Ton, der
ihrer geistigen Vornehmheit sonst nicht eigen war. Sie bewirkte sogar, da man
die Gerthschaften abpackte, erinnerte an Vergessenes, reichte dar, was ihr
Selma entgegenzunehmen zu wnschen schien, Dinge, die sie kaum nennen konnte.
Sie schlang zuletzt sogar ihren Arm um Selma und fhrte sie mit einem allerdings
sonderbaren, stummen Willkommen an der Hand ihren Zimmern zu, wo sie hoffte, die
Enkelin Anna's als Nachbarin zu gewinnen. Anna lie Alles geschehen und Selma
hatte nur Augen fr den Vater, der ihr so tief zu leiden schien und der von
Abschied sprach. Ich sehe Dich morgen frh wieder! beruhigte er, aber ihre erste
Freude zeigte sich bald als die Erregung des Momentes; die aufgespannten Nerven
lieen nach und die Lust verwandelte sich in Wehmuth. Wie war dies Haus so
dster, so einsam, wie dunkel diese Wnde, wie fremdartige Tne vernahm sie da
und dort ... die alten Bedienten, das leise Sprechen, um den Greis nicht zu
stren, den man morgen erst langsam vorzubereiten gedachte, alles Das erfllte
sie mit einer Beklommenheit, die fast den Wunsch auszusprechen schien: Lat mich
beim Vater bleiben, hier wohnt der Tod und ich will dem Leben angehren!
    Anna sammelte sich mit Olga's Hlfe. Olga schien ein wenig aufgeweckt aus
ihrer Traumwelt. Sie sah etwas, was sie verstand, mit der hheren Poesie ihrer
Empfindungen vergleichen konnte, wenn auch Kaktus, Pinien, Palmen und das Meer
dabei fehlten. Aber die Enkelin Anna's kommt aus Amerika und bringt sich selbst
fr die todte Mutter! Sie fhlte eine solche Erfahrung fremden Lebens wie ihre
eigne nach und war so voll Eifers, das Rechte und Nothwendige zu treffen, da
Selma schon die sie umschlingende und nur ruhig neben ihr hingehende Gromutter
fragen mochte: Welches seltsame Wesen hast du nur da bei dir? Und wem hab' ich
da gleich an Werth fr dich und Vollkommenheit nachzueifern? Dystra, htte er
die Scene beobachtet, wrde gesagt haben: Comtesse Olga ist wie die
Memnonssule,  l'ordinaire kalt und starr, wohllautend aber doch, wenn nur die
rechten Sonnenstrahlen auf sie fallen!
    Whrend sich Selma in der fr sie vorlufig bestimmten Lokalitt zurecht
fand, wollte Rodewald gehen, aber Anna zog ihn in den stillen klaren Abend, zog
ihn unter den Pavillon und drckte ihm voll Vergebung die Hand. Er wollte
sprechen, erzhlen. Anna duldete es nicht, weil er sich selbst anklagte. Ich bin
Schuld, sagte sie, ich, da ich an der unverwstlichen sittlichen Kraft eines
edlen Mannes zweifelte! Welcher Hochmuth war es, der mich trieb, Sie zu
verurtheilen, Rodewald! Alle Steine, die die Welt auf Sie warf, htten sich mir
selbst in Blumen verwandeln sollen, da mein Kind Sie liebte. Pauline konnte
nichts erfinden, als sie vor Selma von Ihnen wie von einem Ideale sprach! Ich
zerstrte es, aber mit ohnmchtigen Werkzeugen. Jeder Fehler, den ich Ihnen
nachsagte, verwandelte sich vor dem einmal bezauberten Kinde in eine Tugend. Ich
war so durchdrungen von Paulinens Verrtherei, ich glaubte nichts Anderes, als,
sie bindet, wie Das tglich geschieht, den Mann ihrer Liebe an ein unbedeutendes
Mdchen, um ihn stets in ihren Fesseln zu behalten, nie mehr zu verlieren, denn
selbst die Rechte der Verwandtschaft muten Sie zuletzt in ihre Nhe bannen. Ich
sah Das vor mir, sah Arrangement, sah Verabredung frivoler Gemther. Ich habe
nie so in Flammen gestanden wie damals, als ich in meinem Zorn mich selbst
verzehrte und all mein Lebensglck. Ich danke Ihnen, Rodewald, da Sie mir
verziehen und mir auf die letzten Tage meines Lebens diese berschwngliche
Gnade schenken, Ihr Kind bringen, Selma's Kind, und da Sie's Selma nannten!
    Thrnen erstickten die Stimme der Vielgeprften, die seit dem frhen Tode
eines jungen, gutmthigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entsagung gemacht
hatte. Rodewald gestand ihrer Abneigung gegen ihn jede Berechtigung zu. Das
Tragische unserer Lebenserfahrungen, sagte er, bestnde eben in dem Zusammensto
von Interessen, wo jedes auf seinem Standpunkt rein und wohlbegrndet wre, und
das seinige wre es nicht einmal im Anfange gewesen, sondern erst geworden durch
die Hingebung, die unaussprechliche Gte und das kindliche Vertrauen jenes
Mdchens, das er zur Gattin whlte und dem er kein besseres Angebinde htte
verehren knnen als einen neuen Menschen. Fort von diesem Boden der Lge, fort
aus diesen Fallstricken ewig wiederkehrender Gefahr - denn, beste Mutter, sagte
Rodewald, Das werden Sie auch als nothwendig im Leben anerkannt haben, die
Versuchung darf nicht zu nahe stehen, wenn zweifelnde Augenblicke ber uns
kommen. Oft hatt' ich selbst noch in Amerika, nachdem wir Frankreich, England
bereist hatten, irgend eine kleine Irrung mit Selma, irgend einen nicht
stimmenden Akkord, aber wir muten ihn unter uns auflsen, wir konnten nicht mit
unserm Kummer falsche Trster finden, die die Wunde statt zu heilen, nur weiter
aufrissen, wir muten uns selber wieder erkennen und es ging. Diese Ehe hat mir
nach vielfach zerfahrner, oft poetischer Irrung - ich will nicht wie ein
Bender sprechen - die Sammlung meiner selbst gegeben. Ich wurde zufrieden und
lernte die Grenze wrdigen, die dem Leben gezogen ist.
    Anna hielt Rodewald's beide Hnde und sa so ruhig neben ihm unter den
Sternen. Noch sprach er von der nchsten Zukunft, Anna billigte Alles, wenn sie
nur Selma behielt. Ihr will ich mich widmen, ihr die letzte Kraft meines Lebens
geben! sagte sie und erst nach lngerm Trumen kam ihr die Frage: Und Sie,
Rodewald? Der Vater, der hhere Rechte hat, als ich? Vergeben Sie, wenn ein
Jahrelang so ungestilltes Sehnen unersttlich ist!
    Wie staunte Anna, als Rodewald von seiner Pachtung der Hohenbergischen Gter
sprach! Sie wute nichts von Rodewald's Beziehung zur Frstin Amanda, die ihr
eine theure Freundin in erster Jugend gewesen, aber seit der Heirath des
Generalfeldmarschalls entrckt war. Sie konnte mit stiller Freude vernehmen, da
Selma's Vater in ehrenvollen Verhltnissen ihr so nahe bleiben wrde und als sie
von seinem vorlufig angenommenen Namen Ackermann hrte, als sie sich beklagte,
da ihr ber ein Jahr lang Selma entzogen war, wo Ackermann schon in Deutschland
weilte, hatte sie jetzt nur die eine Sorge noch auszusprechen, die sich in dem
Namen Schwester Pauline! kundgab.
    Wie lebt Pauline? fragte Rodewald.
    Sie lebt, wie sie als Kind lebte! sagte Anna. Nach jedem zerbrochenen
Spielzeug ein neues. Es verschenken, verlieren, oder selbst zerstren,
gleichviel, nur rasch ein Ersatz! Ihr Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch
vor der Welt. Ich mag Ihnen nicht darin blttern, Rodewald! Lesen Sie es bei
Andern. Manches hat sie selbst verrathen, im gnstigeren Lichte darstellen
wollen, sie hat die Feder ergriffen und geschrieben. Ich konnte mich erst nach
Jahren, wo alle Welt ihre Bcher vergessen hatte, entschlieen, sie zu lesen. Da
fand ich mehr in ihnen, als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gelten
lassen. Ich fand ein wirklich unglckliches, nur durch die Eitelkeit und
frheste Verwhnung verdorbenes und unverbesserliches Herz. Mich rhrte das
Meiste von Dem, was Andere belachten. Ich hate sie weder, noch verachtete ich
sie, aber ich mute sie meiden. Ihre Nhe wirkte auf mich, wie die Nhe der
Mrder auf die Erschlagenen wirken soll. Die Wunden fangen wieder an zu bluten.
Ich mied sie nur. Sie war zu stolz, zu schwindelnd hoch in ihrer wilden
Lebensphilosophie, als da ich jemals auf das Anerbieten einer Vershnung htte
rechnen knnen. Jetzt, wo sie auf's Neue eine groe Rolle spielt ...
    Rodewald wute, da Egon ihr ganz gehrte ...
    Jetzt sucht man selbst von Seiten des Hofes mich fr eine Annherung zu
gewinnen; ich weiche aus. So lange Dmonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer
Nhe weilen ...
    Lebt die Ludmer noch? sagte Rodewald gelassen staunend ...
    O die ist zh wie Schlangen, die auch zerstckt noch nicht sterben knnen,
sagte Anna. Ich trste mich immer, wenn ich von dem Vielen, was die Welt
Bedenkliches ber Paulinen sich erzhlt, die Schuld auf jenes Wesen werfen kann,
das wohl zu tief mit Paulinens Vergangenheit verwachsen ist, als da sie jemals
wagen knnte, sich von ihm zu befreien.
    Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhltnisse. Von der Irrung, die der
seinigen folgte, von der Geschichte des Baron Grimm, den er so oft am Missouri
in der Person jenes Morton erblickt hatte, whrend Morton in ihm den englisch
gewordenen Master Harry, jetzt nur den Generalpchter Ackermann kannte, wute er
nichts. Anna fhlte sich nicht veranlat, ber das Leben ihrer Schwester dem
Manne Enthllungen zu geben, den sie in diesem Augenblick froh und glcklich
sehen wollte. Sie gestand zu: Es wird Aufsehen machen, groes Aufsehen, wenn es
heit, jener einst von der schnen Welt ebenso wie von den Staatsmnnern und
Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald ist zurckgekehrt, ist ein einfacher
konom geworden, hat die Gter des Frsten von Hohenberg gepachtet, hat der
alten Landrthin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeschiedenen
Tochter, eine Enkelin, berbracht ... ja, Rodewald, sagte sie, als dieser
lchelte, ja man hat das Gedchtni fr die alten Tage nicht ganz verloren und
spricht Das, dessen man sich fernher erinnert, mit groer Schonungslosigkeit aus
...
    Nein, nein, unterbrach Rodewald, die neue Freiheit Deutschlands macht nur,
da solche Verhltnisse geringfgig erscheinen ...
    Anna aber lie sich nicht nehmen, da noch Tausende lebten, die da staunen,
die Kpfe zusammenstecken wrden ... Und schon die einzige Pauline, die Ludmer!
sagte sie. Erschrecken Sie nicht, ihnen wieder zu begegnen?
    Meine Wege sind nicht die ihren ...
    Aber Selma! Ich gestehe, da ich mich rsten mu! Die berfallen mich gewi
und geben sich das Ansehen, dies Kind mit ihrer Liebe erdrcken zu mssen! Wenn
Das wre - ha, ich werde bitter ... Kommen Sie, Rodewald!
    Anna wollte aufstehen, aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem Hause
ihnen entgegen. Rasch benutzte Anna die noch brige Zeit, dem Schwiegersohne zu
sagen:
    Dies blasse Mdchen ist die Tochter einer Frstin Wsmskoi, die mir dies
Kind, weil es aufmerksamer Fhrung bedarf, zur Pflege hinterlie. Ich bin
erstaunt, welchen Eindruck Selma schon auf diese eigne Natur gemacht hat! Ich
wre glcklich, wenn sich diese Mdchen verstnden und jede zu ihrem Guten noch
das Gute der Andern sich hinzuthte.
    Indem noch Rodewald lchelnd sagte: an Schlacken, die dann ausgestoen
werden mten, wrd' es auch bei Selma nicht fehlen, kamen die Mdchen und gaben
die Absicht zu erkennen, durch das offen dargestellte Bild ihrer schnell
gewonnenen Vertraulichkeit die ltern zu erfreuen. Selma sagte, da sie schon
wisse, wo sie nun der erste Morgenstrahl wecken wrde, aber sie wre unruhig und
wrde ihre Nachbarin viel plagen, von der sie hrte, da sie bis neun Uhr
schliefe. Mit der Mglichkeit zu scherzen war hier schon viel gewonnen. Rodewald
lehnte jede weitere Gastfreundschaft ab, trat an seinen Wagen, mit dem er in der
Residenz einzukehren gedachte und verlie Tempelheide mit dem Versprechen,
morgen in den ersten Stunden wieder bei den Frauen zu sein.
    Drei Tage hatte Rodewald fr diese Reise bestimmt. Er fhlte die
Nothwendigkeit, sich bei Zeiten am Fue des Hohenbergs einzufinden und dem
Frsten seine Aufwartung zu machen. Dennoch hinderte ihn daran eine
unberwindliche Befangenheit. In Tempelheide hob ihn Alles, auf dem Hohenberg
htte ihn Alles erniedrigen mssen. Dort konnte er sein Haupt erheben und im
Licht der Wahrheit verklrt wandeln, hier htte er die Augen niederschlagen,
sich vor sich selbst entwrdigen mssen. So wurden aus drei Tagen fnf, aus fnf
acht. Es fesselte ihn auer Oleandern wenig in der groen Weltstadt. Er sah sich
wohl die neuen Denkmler und Bauten, die Sammlungen der Kunst an, aber die
Eindrcke konnte er erst bei Anna und den Kindern zurecht legen. Auch dem
Obertribunalsprsidenten wurde er vorgestellt und, wie sich von dem
Humanittsfreunde erwarten lie, mit Nachsicht beurtheilt. Die Urenkelin stand
dem Greise bald nher als Olga, nicht durch die Verwandtschaft allein, sondern
auch durch die leichtere Art, aus sich herauszugehen. Wie aufmerksam lauschte
Rodewald dem weisen Freunde der Natur und des Lebens! Wie schnell fand er sich
in die wunderliche Neigung zu den Thieren! Er verglich diese Richtung einer auf
die allgemeine Seelenlehre sich grndenden Weltauffassung mit den herrschenden
Doktrinen des Tages, dieser greren Flle an Material, strikteren Form der
Beweisfhrung, aber geringeren Rckwirkung auf die Bildung des Herzens. Da
Rodewald zufllig in der amerikanischen Union Freimaurer geworden war, konnte er
sich bald berzeugen, da in der alten Excellenz der Naturalismus seiner
Anschauungen nicht ohnmchtig als todtes Pfund in der Erde lag, sondern oft
genug nach auen hin auch ber die Grenze seines nchsten durch die Gesetze
gebundenen Berufes gewirkt hatte. Der Greis klagte ber die Richtung der Loge.
Er hatte sie ganz an Gelbsattel, Rodewalds Schulpforter Genossen, berlassen
mssen. Sie hat, sagte er, einen Trieb zur Nchternheit, zur leersten
Verschnerung des Lebens bekommen, der mich abschreckte, lnger fr sie zu
wirken. Ich wei wohl, die tiefere und geheimnivolle Richtung der Loge ist zu
unwrdigen Zwecken misbraucht worden, die sich in Lug und Trug verloren. Aber so
ganz diesen Bund auf Nichts zu stellen, wie es jetzt eingerissen ist, so ganz
ihn alles Zusammenhanges mit groen geschichtlichen Ideen entkleiden und ihn nur
in eine Art feinerer Liedertafel umzuwandeln, wer mchte da noch mitgehen? Man
hat Diejenigen steinigen wollen, die wie einst Bruder Krause und Modorf unsere
Geheimnisse verriethen, aber man ist hinter diesen, die nur zur Reform unsres
Bundes ffentlichkeit wollten, weit zurckgeblieben. Wohl wei ich, da das
graue Alter unsrer Kunsturkunden nicht zu ermitteln ist, aber der Geist, der
sich in der Loge sammelte, war jener immer landflchtig gewordene Geist der
Johanneslehre, die vor Christus schon bei Plato, Sokrates, Virgil christlich
dachte, d.h. jener Lehre der berall vorhandenen Christlichkeit, wo reines
Menschenthum waltet. Das ist der Angelpunkt der Welt und der Geschichte. Die
Humanitt beginnt mit Duldung gegen Alles, was auer uns lebt, mit dem Thiere,
der Pflanze. Was ist der Mensch? Ein Ursachenthier, sagt Lichtenberg. Die andern
Thiere sind Wirkungsthiere. Wir sehen, was da wird, blht und vergeht. Wir
fragen, warum ist die Schpfung? Aber da wir keine Auskunft wissen, stellt uns
allem endlich Lebenden gleich. Dieser allgemeine Glaube ist der, der immer
parallel ging mit den rohen und brutalen Erscheinungen der Geschichte, der
Theologie, der Politik, der Sittenlehre. Neben dem Heiden- und Christenthum,
neben den Staaten der Griechen, Rmer, Franken, zog sich doch dieser einige
Faden der reinen Menschheitslehre von Pythagoras und Thales herab bis auf
diejenige Philosophie unserer Tage, die des Namens wrdig ist. Fr diese Lehre
ist der Menschheitsbund die grte Geschichtsthat. Zu ihr gehrte Jeder, der
Humanitt bte. Die Loge wollte die Lehre vom wahren Tempel wieder aufnehmen.
Wie oberflchlich hat sie es gethan! Sie konnte Greres wirken. Das
Christenthum war erst auch ein Geheimbund. Es war erst auch eine Religion bei
verschlossenen Thren. Das Christenthum war auf Logen begrndet, die man Agapen
nannte. Man speiste zusammen und feierte seine Erinnerungen. Die Loge hat viel
gut zu machen, wenn sie nicht zerfallen will. Als sie vor vierzig Jahren in
Deutschlands wstester Zeit sich weigerte, ihre Mission zur Heranbildung eines
Menschenbundes anzuerkennen und sich nur der Lehre von einer laxen
Brderlichkeit und gegenseitigen Frderung innerhalb der gegebenen
Lebensverhltnisse ergab, hatte sie ihre Bedeutung fr die Geschichte verloren
und wird in Apathie, berschuldung und bei vielen Einzelnen in Mangel an Appetit
zu Grunde gehen.
    Der Greis hatte seine Rge scherzhaft geendet, zum Bedauern Rodewald's, der
von einer Annherung an Dankmar's Ideen berrascht war und fast verstummte ber
die wunderbare Fgung, da der Prsident, er wute es selbst nicht, die
Gelegenheit in der Hand hatte, seinen Traum von einer groartigeren Entwickelung
der Freimaurerei wahr zu machen. Gern htte er Dankmar'n Kunde von etwaigen
Aussichten seines Prozesses gebracht, aber Otto von Dystra, den er in seiner
Wohnung in der Stadt Rom begrte, bemerkte ihm sogleich, da ihr
gemeinschaftliches Interesse fr die Gebrder Wildungen von diesem in Amtssachen
drakonisch strengen und gewissenhaften Greise nichts hervorlocken wrde.
Dystra's Beziehung zur Comtesse Olga schien Rodewald, der an die anorganischen
Verbindungsgesetze der groen Welt gewhnt war, nicht so komisch wie dem
Touristen selbst. Von Siegbert's Beziehung zu Olga wute Rodewald nichts.
Dankmar hatte sich wohl gehtet, seinem im Ullagrunde nicht sehr empfohlenen
Bruder noch die Brde einer solchen in der Luft schwebenden Liebe aufzuhngen.
Dystra war in der Hauptsache der Alte, an Allem interessirt und fr nichts auch
nur einen Tropfen Bluts, dafr mit Freuden einen Beutel Geld lassend, ganz wie
es in der Oberflchlichkeit einer Zeit liegt, die auf Kommunikation und
Beschleunigung der Mittheilungen, auf den leeren Formalismus der Gedankenwelt,
auf Stenographie, Autographie, Lichtbildnerei u.s.w. ihr grtes Gewicht legt;
doch berraschte ihn Dystra eines Abends durch das Zeichen der Ritter vom
Geiste. Sind Sie Mitglied des Bundes? fragte Rodewald erstaunt. Ich baue
vorlufig dem Bunde eine Kapelle, sagte Dystra, ich baue ihm ein Archiv fr
seine Statuten, im Nothfalle Kasematten fr seine Mrtyrer. Sie werden staunen,
wenn wir den ersten Bundestag halten. Am Ufer eines majesttischen Stromes
erhebt sich, in der Nhe des Kniglichen Schlosses Buchau, ein bewaldeter
Bergesrcken, auf dessen Mitte der Tempelstein eine Warte des schon staunenden
Reisenden ist! Schon erheben sich Mauern und Thrme. Arkaden verbinden die Hfe,
die vom Schutte gereinigt sind und neu wieder sprudelnden Quellen Raum lassen
muten. Die Sommerhalle und die Winterhalle harren schon des wohnlichen
Schmuckes, den ich in Belgien, Holland, am Mittelrhein und in Franken fr sie
fertigen lasse. Parkanlagen schafft ein kniglicher Grtner, er wei es nicht,
welche Orakel unter diesen Bumen gesprochen werden sollen. Rodewald, es war
schn unter Ihren rothbraunen Urwaldsbumen! Aber es ist schner, sich einen
Garten zu zaubern, wo uns nicht Wilde, hchstens die Hscher der weltlichen
Hermandad berfallen knnen. Komme, was kommen mag! Ich erffne im nchsten
Jahre zum September Nachts um zwlf Uhr meinen Tempelstein. Unten an meiner
interimistischen Wohnung melde sich wer kommen will, Ritter oder Knecht, Mnch
oder Laie, vermummtes Visir oder offnes, eine Reiterstandarte in der Hand oder
eine Oriflamme oder eine Orlogsflagge! Von meiner untern Villa schreitet man
ber eine Brcke, die ich zwischen zwei Abgrnden auffhren lasse mit
hochgeschwungenen Bgen, dem Untenwandelnden scheinen sie ein Thor. Dann hinauf
zur Burg! Die Zacken, die Mauern, die Verzahnungen sollten Sie sehen, die unter
hundert hmmernden und klopfenden Hnden schon aufwachsen! Die Sulen dann
umwunden mit Krnzen, von Altane zu Altane Guirlanden wie zu einem Sngerkriege,
die Fahne mit dem vierblttrigen Kleeblatt hoch vom Sller wehend ... Sie
lachen? Genug Meister Harry! Vorlufig fhl' ich mich nur verpflichtet, fr den
Komfort dieser neuen Institution zu sorgen und es den Geistern der alten Ritter,
die bei uns zur Nacht speisen werden, auch nach Rumohr's Geist der Kochkunst
bequem zu machen. Sorgen Sie nur dafr, da Dankmar endlich sein Arkadien bei
Ihnen aufgibt und sich an die Sicherheit der Grenze begibt, die mein Tempelstein
fast selber ist. Auf waldiger Hhe, zugnglich nur den Schmugglern und
Grenzwchtern, liegt eine einsame Grenzhtte, bewohnt nur von einem Greise in
weiem Bart! Halte man ihn fr einen Verwandten Rbezahl's oder einen Gnomen
andrer Seitenlinien, der Alte vom Berge empfngt Besucher, deren Namen nur in
Steckbriefen zu lesen. Dankmar wird von dem Greise lngst erwartet; lngst hat
er das Wort, das ihm oben an der Tannenhtte Einla verschafft bei'm Alten am
Kaffeetopf, den er immer sieden hat, man sagt, um den fernen Gsten durch den
Rauch die fast unzugngliche Lage der Htte zu verrathen. Es ist Zeit, den Alten
mit dem Wort aufzujagen und Dankmar'n alle kleinen Bequemlichkeiten zu
verschaffen, die die Gste der Htte vom Tempelstein geliefert erhalten. Sie
sollten unsre kleine romantische Existenz dort unter den Eulen und Fchsen
kennen! Ich nehme Abschied, weil meine Anwesenheit dort nthig wird; ich reise,
um die Zimmer zum Empfang der Baronin Dystra herzurichten.
    Rodewald wrde schon, gedrngt von diesem neuen Beweis der wachsenden Idee
des Bundes, beruhigt ber Selma's nchste Zukunft und Anna's sorgfltig mit ihm
besprochenen weitern Bildungsplan der Tochter, zurckgereist sein, htte ihn,
nach einem Besuche bei dem in Trauer um Selma's ihm abgewandtes Herz vom
Ullagrund geschiedenen und in Liedern und dem schwersten Lebensberuf sich
trstenden Oleander, nicht Murray gefesselt, den er zu seinem wunderbarsten
Erstaunen von Dystra als jenen todtgeglaubten Morton bezeichnen hrte. Sie
leben, alter Freund? rief er Murray zu. Sie leben als Geizhals in dieser
Mrdergrube? Sie stellen sich todt, um von Ihren Verwandten bei Ihrer Rckreise
nicht geplndert zu werden? Was treiben Sie hier? Wer ist um Sie? Wer sorgt fr
Sie? Erfuhren Sie, da ich Ihr Geld richtig abgegeben, an Menschen, die sie fr
Ihren Bruder erklrten? Sind Sie der Bruder jenes Schmieds, der von der Hand
eines Fremden tdtlich getroffen wurde? Und Sie waren wirklich selbst dieser
Fremde, Sie selbst das Werkzeug dieser Strafe, die einen Menschen traf, der, wie
Louis Armand beschworen hat, eben die eigne Schwester tdten wollte? Sie heien
Friedrich Zeck, nicht Morton, nicht Murray, wie ich nicht Harry, nicht
Ackermann, sondern Rodewald?
    Die Folge dieser Begegnung, die Wirkung dieser Fragen war fr Murray, der an
einer Kupferplatte sa und wie aus Trumen auffuhr, so furchtbar, da sich
zwischen ihm und Rodewald dieselben Stunden wiederholten, die im vorigen Herbst
zwischen ihm und Louis Armand auf dem Schlosse von Hohenberg nur der Sturmwind,
der an den Fenstern rasselte, die knisternde Flamme des Ofens, das singende
Heimchen im siedenden Theetopf belauscht hatten ...
    Sie jener Rodewald, auf den Baron Grimm folgte? sagte Friedrich Zeck fast
sprachlos.
    Rodewald wute nichts vom Baron Grimm ... aber was er von ihm, ber und
durch ihn jetzt erfuhr, lie ihn schaudern. Diese Pauline! rief es in ihm wie im
wildesten Aufruhr aller Seelenkrfte. Und Ihr Sohn?
    Ist gefunden ... Lebt!
    Die Thr ging auf. Hackert trat ein ...
    Das ist er! sagte der Vater, der ihn vor Rodewald nicht verlugnen wollte.
    Rodewald stand wie erstarrt. Er erkannte diesen blassen, jungen,
verdrielichen Mann. Er erkannte dies rthliche Haar, dies hellblaue Auge,
dieses fragende, bittre Lcheln ... Es war der Gefhrte von der Landstrae, der
Nachtwandler vom Heidekrug ...
    Hackert erkannte auch den Fremden und grte ihn mit dem Scheine, als wollte
er sagen: Was ndert denn nun Das? Ihr httet mir die Theilnahme, die ich jetzt
finde, auch frher schenken knnen, denn ich denke doch, ich bin derselbe
Mensch!
    Aber Rodewald erkannte mehr in ihm, er erkannte Paulinen ... er sah sich
Egon, dem Frsten von Hohenberg, gegenber, Paulinen diesem Hackert ... er
unterdrckte, was er empfand.
    Er mute sprachlos scheiden von dieser ihm jetzt aus Friedrich Zeck's
Mittheilungen ber den mit dem Sohn befolgten Erziehungsplane erklrlichen
armseligen Raume, er mute scheiden voll innigsten Jammers, herzzerreienden
Schreckens, er bedurfte der ganzen friedlichen Sammlung, die in Tempelheide ber
ihn kam, um sich endlich, gehoben nur durch das Gefhl, da das Gute in der Welt
mit dem Bsen zwar mit ungleichen Waffen, aber doch nicht ganz ohne siegreiche
Erfolge kmpfe, auf den Weg zu machen, die verhngnivolle Rckreise nach dem
Schlosse Hohenberg zu dem Ullagrunde anzutreten zur Meldung bei dem Frsten
Egon.

                                Sechstes Capitel



                                  Die Meldung

Gravittisch, wie ein Uhu im Walde, rings von Elstern, Dohlen, Krhen, andrem
vorwitzigen Gevgel umflattert, gefrchtet zugleich und verspottet, vom Jger
ausgestellt zur Lockung, wenn er zahm ist, oder in der Wildni sich selbst
preisgebend, wenn ihm die blden Augen Tageshelle blendet, - sitzt auf dem
Korridor des Schlosses Hohenberg bei Plessen unter muthwilligem, hin- und
hergejagtem, sich und Andre neckendem Dienstpersonale, unter betreten Jgern,
bunten Heiducken, wei verhangenen Kchen, Kchenjungen, die wie junge Kakadus
den alten nachspringen, unter Kammerzofen und alten borstigen Scheuerfrauen der
von der Residenz mit Sr. Durchlaucht gleichfalls angekommene Haushofmeister und
Ex-Husarenwachtmeister Wandstabler.
    Strohmatten trennen seine schon in aller Frhe eines Sessels bedrftige
Person von dem steinernen Estrich der Korridore, die trotz der den ganzen Sommer
hier betriebenen Reparaturen und Vorbereitungen zum wrdigen Empfang ihres Herrn
nicht jenen luftdichten Thr- und Fensterschlu haben wie das hochfrstliche
Palais in der Residenz. Da lagen zwar viel neue Teppiche auf den Treppen, die
Wnde waren frisch getncht, die Plafondsstukkaturen in ihren Defekten ergnzt,
Blumen und Vasen zierten nach den Angaben der jungen Frstin jede unschne
Nische, jeden harten Winkel, jedes kahle Fenster, aber die gebrannten Geister
zwickten und zwackten schon in aller Frhe an der menschlichen Aufschwemmung,
die da im schwarzen Frack, in Schuh und Strmpfen im Sessel sitzt mit gewichstem
Schnautzbart, wie in dieses Frstenthums militrischen Zeiten, und sich bei
jedem Klingeln in und auer dem Schlosse erhebt, um der Wrde, die ihr der junge
Frst aus Gnaden gelassen hatte, doch einigermaen noch zu entsprechen. Aber es
zwickte hier, es zwickte dort in den alten Gliedern. Alle Kriegsthaten, alle
Kriegsstrapazen regten sich und wenn auch Doktor Reinick erklrte, in diesen
Schultern, den Armen und den Fen rumorte weit mehr die behagliche und
frohgenossene Metternich'sche Friedensepoche, die verschiedene Erklrung der
Ursachen hob die Wirkung nicht auf. Die beste Behandlung hatte Drommeldey in
diesem Falle in der homopathischen gefunden. Hier lie er die Wirkung durch die
ihm wahrscheinlichere Ursache bekmpfen. Er rieth, den Schrank nicht zu
vergessen, in dem Wandstabler die Schlssel des Residenzpalais bewahrte, und
Dore Wandstabler, die lteste, verstand den Wink; die gebrannten Geister folgten
nach Hohenberg und hielten die rheumatischen Strungen noch in der That am
besten ab, eine Methode, die Herr von Snger, Wandstabler's frherer Ritt-,
jetzt Rentmeister, als er bei Sr. Durchlaucht zu Tische und fast jeden Abend zum
Thee, aber mit vielem Rum, geladen war, dem treuen Wachtmeister als die beste
fr den Fall zugestand, da man nicht in der Lage wre, auf die zarten Nerven
und die empfindliche Laune eines drittgeheiratheten Weibes Rcksicht zu nehmen.
    Dore, die Allwaltende in der Residenz, war es auch seit den rasch
vorbergeschwundenen acht Tagen hier auf Hohenberg. Schon vierzehn Tage war sie
von der jungen liebenswrdigen Frstin (die bei Egon Alles nahm, wie sie's fand)
vorausgeschickt worden, um einen Komfort herzurichten, wie ihn auf dem Schlosse
ein Herbstaufenthalt, Egon's erster offner Besuch seiner Herrschaften, bedingte.
Die Frstin hatte nur Komfort verlangt, Pauline von Harder aber, die leider
selbst zu kommen sich nicht entschlieen konnte, Pauline hatte Pracht bestellt.
Der Frst hielt eine Mittelstrae. Er wnschte viel Menschen um sich her, viel
Leben und Bewegung, Zerstreuung, bertubung vielleicht, wenn man seine Gedanken
ganz errieth. An Einsamkeit fehlte es dem jungen Staatsmann schon nicht. Sein
ganzes Herz war schon einsam genug. Es fror schon recht auf den hchsten Gipfeln
seiner Wirksamkeit. Er fand dort oben an den Gletscherrndern die Alpenrose
Melanie, die durch Selbstbeherrschung, klgste Berechnung aller Umstnde und die
Frderung der mit Egon wie mit einem Sohne verbundenen Geheimrthin von Harder
es dahin gebracht hatte, unter legitimen Bedingungen dem Verfechter alles
Legitimen fr das Leben anzugehren; aber die Gletscher starrten doch und todtes
Schweigen ruhte doch auf ihnen, tiefe urweltliche Stille. In Hohenberg wollte
Egon Leben, Bewegung, Zerstreuung, und so war bei seinen geringen Mitteln doch
nichts gespart worden, um den Sommer ber dies verfallne Schlo, den verwsteten
Garten leidlich wieder herzustellen und den Mittelpunkt der Besitzungen auch zum
wrdigsten Haupte jener Umwlzungen und neuen Bildungen zu machen, die sich von
des Generalpchters gesegneter Hand hervorgerufen hier berall ersichtlich
darstellten.
    Dorette Wandstabler war ein Genie des Dienens. Den Vater, so lcherlich und
so gefhrlich sein Beispiel dem ganzen Hausgesinde, das ihn verspottete, blieb,
duldete man theils aus Piett, theils aus Dank fr das Talent der Tochter, das
selbst die junge Frstin anerkannte. Es will viel sagen, von einer neuen
Herrschaft bewhrt erfunden werden, geduldet bleiben nicht aus vorlufiger
Politik, sondern aus nachhaltiger berzeugung. Dorette diente und liebte das
Wohlergehen Derer, denen sie diente. Florette und Laura, vulgo Flore und Lore,
die beiden jngeren Schwestern, genossen die Frchte der Mhen ihrer lteren
Schwester und konnten mit ihr in Nichts verglichen werden. Die Zeiten der Dore,
Flore, Lore waren im Palais des Frsten von Hohenberg vorber. Die letzteren
wohnten nicht mehr in diesem Palais. War nicht ohnehin der geistreiche Hofrath
Stromer im Begriff, vielleicht gar eine von Beiden zu seiner neuen Gemahlin zu
erheben? War nicht die schwierigste Aufgabe eines Familienrathes der
Wandstablers gewesen, zu entscheiden, wer, wenn Hofrath Stromer den glnzenden
Antrgen des Ritters Rochus vom Westen nach der sdlichen Hauptstadt folgte, die
ostensible Gemahlin des gefeierten, weder dem Islam, noch dem Katholicismus
abgeneigten Enthusiasten in der dortigen Gesellschaft und fr die Erffnung
seiner projektirten Cirkel vorstellen sollte? Man erzhlte sich, da Hofrath
Stromer oft von den Diskussionen ber die Wahl der eigentlichen knftigen
Hofrthin handgegriffne Spuren davontrug. Man setzte seinen phantasievollen
Vermittelungen der Gegenstze, seinen Blumenkrnzen der Rhetorik, die er um die
Schwierigkeiten, zwischen Aspasia oder Diotima zu whlen, vershnend hing, meist
nur Rckflle in die alte unvermittelte Menschennatur entgegen und stellte ihn,
den zwischen silbernen pfeln in goldnen Schaalen oder zwischen goldnen pfeln
in silbernen Schaalen verlegen Whlenden, eher wie Buridan's Esel hin, der
zwischen zwei Bndeln Heu in zwei Krippen in der Mitte verhungerte. Aber
glcklicherweise rettete ihn und sein ergrauendes flatterndes Haar der Ritter
Rochus vom Westen, der ihm als erste Bedingung zum Eintritt in die hchste,
wieder weltbewegende Sphre seines Staates die Ehelosigkeit vorschrieb. Und von
einer Errterung dieser eigenthmlichen, von der ltesten Wandstabler vollkommen
standesgem erfaten Wendung der Schicksale des vielgesuchten Halb-Schwagers
kam eben die Lore, als ihr Vater wie eine Vogelscheuche unter dem Geschwirr des
Schlosses stand und eigentlich nur so lange mitfhlender Mensch war, als sein
Ohr die verschiedenen Klingeln unterscheiden konnte, die des Frsten
Durchlaucht, die des vortragenden Rathes erster Klasse, des vortragenden Rathes
zweiter Klasse, des ersten und zweiten Sekretrs, des Expedienten A., des
Expedienten B.; die drei Supernumerare nicht zu vergessen und die Kanzleiboten,
die hier nicht zu laufen, sondern nur zu siegeln hatten, kurz der ganzen
komplizirten Maschinerie, die dem Staatsminister auch hierher hatte folgen und
von ihm wrdig untergebracht werden mssen.
    Dorette kam vom Amtshause, war nur eine Stunde fortgeblieben und was fand
sie nicht gleich wieder zu ordnen, zu befehlen, zu verhindern! Zwei Kuriere
angekommen, einer sogleich abzufertigen; der Staat betraf Doretten nicht, aber
es gebhrte sich doch ein Frhstck, bis die Depeschen herunter kamen von der
Kanzlei ... und diese Besuche, diese Anfragen! Ein Diner von dreiig Kouverts
fr die mitgebrachte Bureaukratie und den Adel der ganzen Umgegend tglich! Frau
von Zeisel und von Snger, Das ginge noch, die sind zufrieden mit ihren
Tischnachbarn und der Ehre ... aber Graf Bensheim, die Sengebusch's, die von
Busche's tglich, tglich ein Gesandter, der hierher kommt, seine Aufwartung zu
machen, tglich ein Attach, ein Prsident und dann wol gar wieder einmal Einer,
wie Ritter Rochus selbst, der, wie die Sage ging, selbst kochen konnte, selbst,
wie jene Abb's der alten Schule, in den Gesellschaften die Schrze vorband und
einen Salat, eine italienische Olla Potrida anrhrte ... alle diese
Mglichkeiten und Wirklichkeiten durcheinander und doch keinen rechten Schutz,
keine Anlehnung an den Vater, ja noch hindernde berflssigkeiten, wie diese
alte Beschlieerin Brigitte, der halbtaube Grtner Winkler! Dorette hatte Mhe,
die versumte Amtshausstunde einzuholen.
    Und nun nicht einmal eine Seele, der man sich ber das dort oben Vernommene
ausschtten konnte? Kchen, Bedienten, Kanzleiboten sagen, was sie erlebt hatte?
Das ging nicht. Herr Pax, der Oberkommissr, der politische Sprer, der in der
Nhe des Premierministers nicht fehlen durfte, Herr Pax war der Einzige, der
wrdig schien, wenigstens die Mittheilung zu empfangen:
    Dreihundert Thaler, Herr Oberkommissr, finden Sie Das zu wenig?
    War man nicht zufrieden? lautete im Vorberschieen die Antwort.
    Die Frau wol, sie weinte nur ... aber Herr von Zeisel blieb bei vierhundert
und rechnete an den Fingern die Kinder vor ...
    Der Hofrath kann's geben ... Aber die Scheidung ...
    Die Frau will nicht, will nicht klagen ...
    Ihre Aussagen werden sie dazu zwingen ... Wenn Sie die Briefe zeigen, die
Ihre Schwestern vom Hofrath besitzen, wenn ich selber bezeuge, da diese Ehe
lngst gebrochen ist ...
    Lnger dauerte diese Unterredung nicht. Pax wurde von Gendarmen, Dorette von
den Wscherinnen abgerufen ... nur die Worte bekam sie zu ihrem Erstaunen von
Pax noch in das Kellergescho nachgerufen:
    Machen Sie, da die Sache fertig wird! Ich glaube fast, Durchlaucht bleiben
nicht lange. Die Geschfte in der Residenz sind zu dringend ...
    Pax sah die ber seine Meldung erstaunte Miene nicht mehr, sondern wandte
sich dem Amthause zu. Mit der Aufgabe, sich immer in der Nhe eines Staatsmannes
zu halten, der mit Dem, was ihm an der Gesellschaft schdlich erschien, kurzen
Proze machte, verband Pax Zwecke, auf die ihn eigner Instinkt fhrte. Er war
allein hier, ohne Hackert, ohne Schmelzing, ohne Mullrich und Kmmerlein. Aber
er forschte mit doppelten Fhlhrnern nach zwei Richtungen hin. Einmal hatte er
von dem Assessor Mller und Frau Charlotte Ludmer, seiner Gnnerin, den Auftrag,
zu erforschen, ob man sich dabei beruhigen knnte, da jener Englnder, Namens
Murray, fr den so groe Summen und so ehrenvolle Zeugnisse deponirt waren, in
der That den Schmied Zeck nur niedergeschossen, weil dieser in der Absicht
betroffen wurde, dessen Schwester Ursula Marzahn bei Beraubung ihres geheimen
Schrankes zu tdten? Zweitens, ob der Inhalt jenes Schrankes in nichts als alten
medizinischen Rezepten bestanden htte, was der Blinde, der Geld vermuthete,
nicht wissen konnte? Drittens, ob jener Murray, dessen mgliches Inkognito in
der Residenz keine Macht der schlauesten Inquisition lften konnte, niemals von
einem Friedrich Zeck gesprochen htte, dem Bruder des Schmieds, der in der
Fremde, wahrscheinlich in England, wenn nicht in Amerika lebte oder einer von
den Zeck's erhobenen Erbschaft zufolge gestorben wre? Viertens, wie sich der
Frster Heunisch, der taube junge Zeck und die alte Magd des Schmieds Anneliese
ber diese Vorflle auslieen und ob Louis Armand in der That nur zufllig bei
dem Forsthause mit seinem Freunde dem Englnder erschienen wre, weil er ein
flchtiges Interesse an der Nichte des Jgers gehabt htte und bei solcher
Gelegenheit den Schmied berraschte? ... Mit dieser Kriminal-Aufgabe verband Pax
dann noch eine politische Nachforschung. Es war den Behrden nicht entgangen,
da ber das Postamt zu Plessen und zu Schnau hin sich gewisse Briefe kreuzten,
die oft in rtselhaftesten Formen des Styls jenem groen Geheimbunde anzugehren
schienen, auf dessen Sprengung die Behrden alles Gewicht legten. Ja es war
vorgekommen, da eine Zeit lang diese Korrespondenz mit adligen Wappen, lngere
Zeit sogar mit dem eignen Siegel der Polizeibehrde geschlossen war. Und grade
die gefhrlichsten Mittheilungen von einer nun bald bevorstehenden groen
Zusammenkunft dieser Geheimbundsglieder waren ber Plessen und Schnau mit dem
Siegel derjenigen Polizeiabtheilung gefhrt worden, der Pax selber angehrte,
soda Pax schon auf den Schreiber Schmelzing, dessen Kuflichkeit aus dem
Briefverflschungsbubenstck gegen den Major von Werdeck sattsam bekannt war,
Verdacht fate, wenn nicht gar auf Hackert, der doch sonst sein ganzes Vertrauen
besa!
    ber die Sache der Ludmer hatte Pax nur geringfgige Ergebnisse gewonnen.
Ursula Marzahn war todt. Der taube Sohn des Zeck war im Augenblick der
Forsthausvorflle grade im Ullagrunde gewesen, nur die einzige Magd des Schmieds
hatte ausgesagt, da Louis Armand den Schmied, um mit ihm in den Wald zu gehen,
abgeholt htte, sonst wre zwischen ihm und dem Fremden nichts weiter verabredet
worden, als ein Ding zu schmieden, das auf jene Stimmschraube hinauskam ...
Ergiebiger war Paxen's Forschung auf dem politischen Gebiete. Hier ergab sich
Drossel's, des Gelben Hirschenwirths, trotzigste Gesinnung, die sich vermehrt
haben sollte, als er die Vortheile der Mitverwaltung des Heidekrugs so allzukurz
nur genieen konnte und Justus dafr eine Art Kompromi in politischen Dingen
mit ihm geschlossen hatte. Ein Geldvorschu von Heunisch, dem Drossel gradezu
die Veranlassung des Todes seiner Schwester Schuld gab, rettete ihn, wie auf
einige Zeit den eben so whlerisch gesinnten Sgemller, der gleichfalls
unheimliche Sagen benutzte, den leicht eingeschchterten, seit dem Tode Heinrich
Sandrart's und dem Glcke Franziska's von jeder Willenskraft verlassenen alten
Junggesellen Leberecht Heunisch zu schrauben und gleichsam ber den Lffel zu
barbieren. Ja Pax ging soweit, in den Generalpchter, so sehr er von dem ganzen
Frstenthum angebetet und vom Minister mit wahrem Bedauern vermit, ja auf das
Ungeduldigste erwartet wurde, Mistrauen zu hegen und es wenigstens vorlufig
hchst sonderbar zu finden, da dieser ohnehin fr einen Republikaner geltende
Einwanderer sich grade in dem Augenblick von seinem Sitz im Ullagrunde
entfernte, wo der Chef der Regierung, sein Herr, sein Patron, sein Richter, der
Frst erwartet wurde. Und nun der murmelnden Misstimmung zu schweigen, die Pax
berall wegen des jungen Sandrart antraf, dessen Schicksal man im ersten
Augenblick streng, aber unvermeidlich und nach den Gesetzen gerecht, im Verlaufe
der Zeit aber viel zu grausam und von dem Geiste, der jetzt im Lande herrschen
sollte, viel zu rachschtig diktirt gefunden hatte.
    Wie mute sich der thtige, jeder Ehre, die der Staat nur zu verleihen
hatte, wrdigste Sicherheitsagent auf das Angenehmste berrascht fhlen, als er
auf dem Amtshause Zeuge einer Scene wurde, die seine khnsten Erwartungen
bertraf! Beim Justizdirektor in sein Verhrzimmer eintretend, vernahm er den
wsten Lrm eines Bauernmdchens, das gewhlter gekleidet als blich, keckerer
Zunge, als ihrem Stande geziemte, vor den Schranken einem jungen, schnen, in
Schwarz gekleideten weiblichen Wesen eine Menge von jhzornigen Reden anzuhren
gab, die der Herr Aktuar Weie schon mit dem runden Befehl abschnitt:
    Ruhe hier! Frulein wird Sie gehen lassen, wohin Sie will! Unverschmte
Person! Hat Sie die Redensarten bei dem Heidekrger gelernt?
    Man sah, der sonst so untergebene Aktuar war derselbe Despot von Oben, wie
er selber Knecht von Unten war. Diese Stufenfolge ist ganz hergebracht. Und als
der Justizdirektor vom Seitenzimmer, wo er eben Butterschnittchen gefrhstckt
hatte, eintrat, bekam er vom Aktuar in drastischen Umrissen den Bericht: Die
Magd da, Liese Dammler oder Rammler, was wisse er, diene beim Generalpchter,
htte sich dem Frulein Franziska Heunisch da ungehorsam erwiesen und wolle mit
Gewalt fort. Sie behauptete sogar vom Schreiber des Generalpchters geschlagen
zu sein. Wie Dem sei, Frulein Franziska bestehe darauf, da sie bliebe. Sie
wisse wohl, da es das aufstzige bse Mdchen zge, wieder beim klger
gewordenen Heidekrger Justus ihren alten Dienst anzutreten, aber vor der
Rckkehr des Herrn Ackermann liee sie Niemanden vom Hofe und sie msse ihrem
Dienst vorstehen bis nach ausgemachter Sache mit dem Herrn.
    Herr von Zeisel fand diesen Bescheid ganz in der Ordnung, lobte Frnzchen's
tapfern Zusammenhalt ihres groen, ihr jetzt schon seit lnger als acht Tagen
ganz allein berlassenen Wirthschaftswesens, erkundigte sich voll Antheil nach
der Rckkehr des Generalpchters, den Se. Durchlaucht mit einer unglaublichen
Ungeduld erwarteten, und entlie Frnzchen mit dem Bescheide, da die Magd ihr
zu gehorsamen htte bis zum Ablauf ihrer Dienstzeit und da ihr wieder, nmlich
der Liese Dammler oder Rammler, unbenommen bliebe, sich wegen etwaiger Ohrfeigen
oder sonstiger Denkzettel von der Hand des Schreibers beim Generalpchter, im
uersten Falle einer satisfactio denegata, hier beim Amte Genugthuung zu holen.
    Frnzchen ging nun. Sie empfahl sich voll Artigkeit. Sie hatte die Pfarrerin
am Fenster weinen sehen, sie wollte zu dieser Armen ...
    Die Magd aber polterte sich nun erst recht aus und wre leicht nach
Requisition Pfannenstiel's mit Gewalt entfernt worden, wenn Pax nicht, der den
stummen Zuhrer und Beobachter eines lndlichen mndlichen Verfahrens abgab, auf
gewisse hhnische Bezeichnungen des Schreibers aufmerksam geworden wre und nach
mehren leichthingeworfenen Fragen herausbekommen htte, da jener Schreiber wol
lngst seine Aufmerksamkeit verdient htte. Die Liese nannte ihn gradezu einen
Vagabunden, der sich schon im Heidekrug einmal fr den Prinzen ausgegeben. Man
horchte, man forschte, Herr von Zeisel kam auf die Zeit des Inkognitos Sr.
Durchlaucht, der grade eintretende Pfannenstiel auf den Doppelgnger, den Besuch
im Thurme, es fehlte nur noch der Name Dankmar Wildungen, um hier eine Identitt
herzustellen, die der berraschendste und glcklichste Fund war, der dem
Oberkommissr nur gelingen konnte. Gensdarmen wurden sogleich gerufen, wurden
instruirt, zum Ullagrund vorausgesandt, Pax folgte, begleitet von der jetzt
pltzlich vom Sonnenschein der Huld begnadigten Liese Dammler oder Rammler;
Pfannenstiel staunte und rieb sich mehrere: War mir's doch immer mit dem
Schreiber! hinter den Ohren heraus; Herr von Zeisel lief zu seiner Frau und
theilte ihr eine wunderbar berraschende Mglichkeit mit, die tausend andre
Mglichkeiten in sich schlo. Der Schreiber beim Generalpchter Dankmar
Wildungen? Der Freund des Prinzen auf den Gtern des Prinzen verborgen? Aber
mein Gott, wie ist Das nur? Herr von Zeisel fhlte, da hier besonders zwei
Mglichkeiten waren, entweder der Miskredit des Generalpchters als eines
Flchtlinghehlers oder wiederum eine furchtbare Btise seinerseits, indem er
einen Flchtling aufstberte, der, weil er einst der Freund des Frsten war, von
diesem selbst in alter Anhnglichkeit grade bei den Seinen am sichersten
verborgen bleiben sollte ... Frau von Zeisel fhlte dieselbe entsetzliche
Alternative, sah das Grauengespenst einer neuen aufsteigenden
Dienstgewitterwolke und erholte sich nur erst durch die Einladung, die eben vom
Schlosse kam: Heut' Abend um acht Uhr Thee. Die Liste des gallonirten Lakaien,
die sie sich zeigen lie, war so lang, da sie vor Erwgung ihrer Toilette nun
keine andern Gedanken mehr hatte als die: Wie vertret' ich mich und die
Nutzholz-Dnkerkes! Geh' mir weg, Zeisel, mit deinen Bedenklichkeiten! Ich habe
fr mich und meine Geburt zu sorgen!
    Frnzchen aber, in ihren um das Leid des Adoptiv-Vaters, den sie seit dem
Frhjahr gefunden, noch nicht abgelegten Trauerkleidern, genug auch trauernd im
Herzen ber Anla und innere Folge dieses ueren Glckes, wandte sich whrend
dieser Enthllungen und ihrer gefhrlichen Folgen zum Pfarrhause, wo sie am
Fenster unter den schon herbstlich welken Linden Thrnen gesehen hatte. Sie
wute, was diese Thrnen bedeuteten. Es that ihr wohl, als sie eintretend und
von dem Leide dieser Frau beginnend von ihr aufgefordert wurde, um der Kinder
Willen mit ihr hinauszugehen in den Garten. Dieser Garten lag am Friedhofe.
Sonst hatte Guido Stromer hier Rosen geschnitten fr Melanie Schlurck, die ihn
auf dem Gewissen hatte, den unglcklichen, aus Rand und Band gekommenen Genius.
Noch blhten Astern, da und dort dunkle Georginen, trauernde Blumen des
Scheidens und des Lebewohls, noch einmal zusammenfassend alle bunten Farben des
Frhlings, kaleidoskopisch durcheinander wrfelnd von jeder Blume Etwas, aber
duftlos, keine ganzen Veilchen, keine Maiblumen, keine Rosen mehr ... Alle
hatten dies Ende des Stromer'schen Hauses kommen sehen nach Dem, was man vom
wildgewordenen Guido erfuhr. Nun war es da und es kam so grausam wie doch
unerwartet. Was htte die Frau nicht vergeben, vergeben um diese Kinder ohnehin,
vergeben auch um sich! Sie wute, wie wenig sie Guido bot, sie hatte immer
gelitten unter dem Schmerz, da ein Ehrgeiziger sich in ihrer Wahl vergriff und
da die Quellen seiner hhern Erquickung ihr nicht entstrmten. Warum aber so
enden, so gewaltsam, so grausam? Stromer htte selbst am liebsten die
geruschloseste Trennung gewnscht. Er hatte wirklich einen Schwall von
glnzenden Worten dem Weibe geschrieben von der unwiderstehlichen Macht des
Berufes, dem innern Orakel, dem Dreifu der Sibylle, die ber dem hohlen Herzen
throne, er hatte sich mit dem heiligen Patriarchen verglichen, der auf Gottes
Gehei Hagar in die Wste sandte, hatte seine Kinder eine Ismael-Brde der
Mutter genannt, hatte von der Feigheit des Entschlusses gesprochen, an der sein
ganzes Dasein gekrnkelt, von dem Geyer des Prometheus, der einzig und allein
einen Titanen strafen knne, und dieser Geyer wre die auch ihm gewi noch einst
kommende Reue, - die Reue hacke wahrhaft dem Groen die Leber aus, da es nicht
leben, nicht sterben knne, - noch aber fhle er sie nicht, noch msse er langen
nach dem Sitz der Gtter, wo diese ihr heiliges Feuer htheten ... all dies
Durcheinander wurde von den Betheiligten, von Manchen, bei denen die Frau Raths
erholte, ganz so feierlich genommen, wie es da stand, bei Jenen aus Verehrung,
bei Diesen aus Schonung; aber die Quintessenz, die etwa, wenn z.B. Doktor
Reinick wre gefragt worden, gelautet htte und die auch bei Ackermann im
Stillen lautete: Dieser Mann ist ein echt deutscher Lumpen-Titan, in dessen
Gefolge sich eine groe Erbrmlichkeit unsrer Nation zieht! regte sich nun
allmlig doch auf dem Grunde des Fr und Wider selbst auch bei seiner
Geopferten. Herr von Zeisel hatte jhrlich vierhundert Thaler fr sie und die
Kinder verlangt. Sie selbst wollte, da Hofrath Stromer in eine auswrtige
deutsche Staatskanzlei zog, in die Residenz, wo ihr Oleander, der
Gefngniprediger, versprochen hatte, vterlichst die Erziehung der Kinder zu
berwachen ... Und Franziska Heunisch hatte so an Umsicht, Lebensblick,
Erfahrung gewonnen, da sie die jetzt weinende Frau durch manches treffende Wort
erheben konnte. Sie pries sie sogar glcklich, von solchem Misverhltni
freizukommen und beklagte nur die Umstndlichkeit des Scheidens, wo immer etwas
Schamloses erst gerichtlich zur Sprache gebracht werden mte, bis die Trennung
erfolge, die doch wie mrber Zunder sich von selber ergbe. Das war grade der
Pfarrerin ein Kummer. Sie hatte klagen sollen! Sie hatte die Beweise fhren
sollen! Man gab ihr den Beweis der Ehescheidungsgrnde in die Hnde und zwang
sie fast, sich um das Leben des Vaters ihrer Kinder zu bekmmern, wie sie gar
nicht mochte! Sie war eine wirkliche Glubige. Sie wollte nichts Bses von Guido
wissen. Wozu denn? sagte sie. Was qult man mich? Warum ist die Gesellschaft und
das Gesetz liebloser als der Mensch selbst!
    Frnzchen entfernte sich und trstete die bedrngte Frau mit der Nachricht,
da Herr Ackermann sicher noch heute Abend zurckkme und von Oleander'n Gre
wie seine eignen Rathschlge ihr bringen wrde ... Streng hatte auch Franziska
gesprochen, aber so streng doch nicht, wie eben ein Mann zur Pfarrerin sprach,
der sie vom Kirchhofe her ber die niedrige zerbrckelte Gartenmauer anrief und
den sie nicht kannte, obgleich sie die Dame kannte, die an seinem Arme hing.
Dieser Mann war hoch, schlank gebaut, aber gebckt im Gang, hinfllig in der
Haltung. Er schien jung und dennoch hing sein Haar nur sprlich von den Schlfen
und wo es im Nacken sa, war es ergraut. Er trug einen Oberrock und frstelte
fast. Sein Schritt war sicher, aber das Auftreten schien den ganzen Krper zu
erschttern. Die Reizbarkeit seiner Nerven sprach sich in einem lauten fast
schreienden Tone aus. Die ihn fast berragende, weibliche Begleiterin in
graugerippter, hochzugehender, seidner Herbstrobe mit seidnen Schnren und eben
solchen Knpfen auf der Brust, mit dem weien kleinen Htchen, dem feinen
Battisttaschentuche und dem schwebenden sylphidenartigen Gange kannte die
Pfarrerin wohl - und so war es denn der Frst, der, eben aus dem Mausoleum
seiner Mutter tretend, den Kopf emporhob, sein blasses Antlitz ber die niedrige
Mauer richtete und etwas sehr barsch, etwas sehr rauh die Frage an sie stellte:
    Sind wol die Frau Pfarrerin?
    Und noch ehe die Eingeschchterte, den Frsten Egon jetzt voraussetzend,
sich sammelte, hatte mit freundlichem Tone, mildem Grue, die silbergraue
Glaehandschuhhand ber die Mauer reichend, schon die junge, schne Frstin
gesprochen:
    Guten Tag, liebe Frau Pfarrerin! Wie geht es Ihnen? Es ist ein Jahr her, da
wir uns sahen. Fast htt' ich so ohne Begrung von dannen mssen! Der Frst
spricht von einer nothwendigen Beschleunigung der Rckreise.
    Vergessen Sie uns nicht! Wie geht es Ihren Kindern? Gren Sie sie bestens!
Sie htten uns doch oben besuchen sollen! Adieu, Frau Pfarrerin!
    Und so wre die Frstin Melanie am liebsten rasch ber eine Erinnerung, die
ihr peinlich war, hinweggekommen, htte gern den von dem Kirchhof und dem
Mausoleum der Mutter verstimmten Gemahl von diesen Grbern hinweggezogen - eben
standen sie an Grbern, wo die einfachsten Menschen begraben waren, der Schmied
Zeck, Lene Drossel vor Jahren, Nantchen von Sgemllers, Ursula Marzahn, die
Mllerin, Alle still, sanft und auf Gott wartend beisammen - aber der Frst
blieb stehen und sagte zu der den Handdruck der Frstin zaghaft erwidernden
Frau:
    Thut mir leid, da Sie die Wohnung verlassen sollen! Dem Hofrath htt' ich
vor einem Jahre sagen mssen: Ihr Genius ist da, wo Ihre Kinder sind! Der Mann
hat viel Geist, hat aber auch schon viel Verwirrung damit angerichtet und wird
deren noch mehr anrichten ...
    Die Pfarrerin schlug die Augen nieder ... Die Frstin trat verlegen etwas
zur Seite ... Egon zu hindern, da er etwas that, was er thun wollte, war ihre
Sache nicht.
    Der Hofrath ist in der Lage, sprach der Frst in seinem kurzen, polternden
Tone weiter, fr Sie sorgen zu knnen, liebe Frau! Fassen Sie diese Sache von
ihrer besseren, ntzlicheren Seite! Sie werden, hr' ich, in die Stadt ziehen,
die Kinder werden einen geregelten Unterricht erhalten. Wieviel Kinder haben
Sie?
    Die Pfarrerin nannte die Zahl ... Die Frstin trat noch mehr bei Seite ...
    Der Hofrath ist ein reichbegabter Kopf, der eine umgekehrte Entwickelung
macht, wie Andre, die von der Wildheit anfangen und im Zahmen aufhren. Das wird
nicht hindern, ihn noch in vielerlei Wirrni und zuletzt in die katholische
Kirche eintreten zu sehen.
    Wre Das mglich? konnte erschreckend die Verlassene doch nun nicht umhin zu
erwidern und ihren Schmerz noch deutlicher in den Mienen auszudrcken.
    Sie werden bald davon hren, gute Frau! sagte Egon. Ohne Extrem geht es bei
diesen Naturen nicht ab. Das ist die bliche deutsche Entwickelung, die
Genialitt, der Universittsdnkel des aparten Geistes, dem die gegebene Welt
nicht gengt und der sich luftige Bahnen baut, auf die leider, wie unsre ganze
deutsche Geschichte zeigt, Kirche, Staat, Wissenschaft, Schule und Leben mit in
die Lfte nachgeschleppt werden! In Kunst und Poesie derselbe Dnkel, dieselbe
Kritik, die nur Das fr genial hlt, was entweder im Irrenhause endet oder sich
eine Kugel vor den Kopf schiet. Zittern Sie nicht, liebe Frau! Dieser Phantast
endet so nicht, der endet behaglicher. Die ewig unbefriedigte Sehnsucht wird bei
ihm zuletzt durch Wrden, durch uern Glanz, durch eine Art von Ruhestand, in
den sich auch das Denken versetzt, befriedigt werden. Danken Sie Gott, liebe
Frau, da Sie von diesen Fesseln erlst sind. In allen halben Dingen ist reine
Rechnung das Sicherste. Sich hinschleppen zwischen der Erkenntni und der Furcht
vor ihr, hinschleppen zwischen Dem, was man sieht und nicht sehen will, sich das
Leben verbittern durch ewige Befangenheit, die den Muth nicht hat, das fr
besser Erkannte wirklich zu wagen, das heit den schnsten Theil des Lebens
gradezu verlieren. Ergreifen Sie diese Nothwendigkeit des Bruches mit Heroismus!
Geben Sie Ihre gerichtlichen Depositionen mit der ganzen Wrde einer
tiefverletzten Frau! Ich versichre Sie: Sie gewinnen sich ganz und verlieren nur
Halbes.
    Mit diesen Worten trat der Frst von der Mauer zurck und glaubte die
berraschte Pfarrerin mit einer innem Erhebung, mit gewonnenem Muthe
zurckgelassen zu haben. Und in der That! Htte er nur liebevoller gesprochen,
die Wahrheit seiner Worte fhlte sie schon; sie erwartete Ackermann, um sie ihm
wiederzuerzhlen und vielleicht nach ihnen zu handeln.
    Als Egon seinen Arm der Frstin wieder gereicht hatte und mit ihr den
Friedhof verlie, um sich dem Schlogarten zuzuwenden, brach er, dann und wann
hstelnd und wie es schien, in einer andauernden Reizbarkeit, in die Worte aus:
    Dieser Elende! Wenn mir irgend etwas den Geist der Konfusion, der in der
ganzen Welt die Kpfe verwirrt, vergegenwrtigt, so ist es dieser wildgewordene,
von Dnkel und lcherlicher Selbstberschtzung aufgeblasene Halbpoet! Unfhig,
nur eine einzige dauernde Schpfung hervorzubringen und wr' es ein Gedicht von
einigen Versen, zerschlgt er die ganze Welt in Trmmer und macht diese jeder
Halbheit, jedem Verbrechen zu einer beschnigenden Anlehnung. Jede Partei, die
seiner Eitelkeit schmeichelte, hatte ihn. Eine Zeit lang wnschte man, da er
die Kritik der schnen Knste bernahm. In jeder Schpfung sah der Schwtzer nur
den Verstand, nur die Kombination, immer schrie er: Offenbarung, Genie, Genie!
Jeder sich seiner Kraft bewute und mit ihr harmlos spielende Geist war ihm ein
Rechnenknstler. Alles, was Logik und Zusammenhang hatte, wies er mit dem Wort
zurck: Poesie fehlt! Ah, dies Guido-Stromerisiren ist die deutsche Erbsnde.
Der Kerl war dabei voll Eitelkeit wie ein Komdiant. Jede Schauspielerin, die
ihn besuchte, jede Tnzerin, die ihm gestattete, ihre Hnde zu kssen, wurde im
Jahrhundert dafr gepriesen. Man mute ihm, weil er vor Eitelkeit halb
wahnwitzig wurde, diese Branche frmlich mit Gewalt nehmen. Er wollte nun zur
Politik, zu mir, zu Pauline'n zurckkehren. Aber keine einzige positive
Thatsache war ihm anzuvertrauen. Er hatte nichts, was ihm treu blieb, nichts als
seinen Styl. Eine Mischung von Naivett und Erhabenheit, von Bildern und von
Abstraktionen war ihm immer das einzig Gegenwrtige, wie einem Arzt sein Latein,
auch wenn er noch gar nicht wei, welche Krankheit er vor sich hat. Mit diesem
Styl, den zuletzt auch Pauline wegen seiner Indiskretionen verwarf, lief er in
allen Zirkeln, die sich ihm durch uns erffnet hatten, wie ein herrenloser Hund
umher, der ein Halsband sucht, und klagte uns der Undankbarkeit an, drohte
sogar. Seinen Styl bot er dem Meistzahlenden an und in der That hat der Ritter
Rochus vom Westen gut daran gethan, ihn fr die Sophistik seines Kabinets zu
gewinnen. Er wird dort viel Geld verdienen, es durchbringen mit den Frauen,
deren Schnheitslinien er seit Jahren zu studiren vorgibt, mit Bildern, die er
vielleicht kauft, mit Gourmandise und wird im brigen jede Sache mit scheinbarer
Gluth vertheidigen, sie mag noch so schlecht sein und innerlichst ihn noch so
kalt lassen. Ah pfui! Die Lge dieser Menschen ist frchterlich und vielleicht
fngt bei diesem Stromer fr die Welt und ihr Urtheil die Wahrheit damit an, da
er uns, die wir ihn emporzogen, nun hat, nun verfolgt, nun in verzerrten
Schattenrissen an die Wand malen wird. Meine Feinde, die uersten, haben ihm
auch schon Offerten gemacht. Sie wrden ihn gewonnen haben, wenn dieser
Prsident von Flottwitz, diese Excellenz von Trompetta in der Provinz nicht so
arm wie die Kirchenmuse wren und der Hof sich zur Zeit noch schmte, Geld
herzugeben, um mich bekmpfen zu lassen. Rochus hat mit seinen Dukaten mehr
Glck gemacht und nur Schade, da man dem Hofrath unsrerseits nun nicht noch
offen mit dem Staubbesen ein Buon viaggio! nachrufen kann.
    Melanie erwiderte auf diesen Zornausbruch nichts. Sie gedachte, zum Schlosse
aufblickend, jenes Abends, wo sie durch eine ihrem Haar entnommene Rose, die sie
von den kleinen Ohren des Intendanten zuletzt als Preis gewinnen lie, in Guido
Stromer die Geister des irren Schnheitsdranges und einer noch einmal vor dem
Ende sich sammelnden Idealitt weckte und sie selbst es war, die ihn, ohne es zu
wollen, in die Residenz lockte. Mit den Gedichten hatte ihr Gemahl Unrecht.
Melanie besa einen Sto gereimter Verherrlichungen ihrer Schnheit von diesem
Musenpriester; selbst nach ihrer Verheirathung noch empfing sie anonym, doch mit
leicht erkannter Handschrift, Apotheosen ihrer Vollkommenheit, z.B. diese
humoristische, als sie sich lange nicht hatte im Theater blicken lassen, mit der
doppelsinnigen Aufschrift:


                        An eine Schnheit ersten Ranges.

                                Von einem jetzt
                        gehaten kritischen Opponenten.

Wie Venus stieg aus weiem Wellenschaume,
Vom Rosenlicht Auroren's berhaucht,
Halb noch den Fu in Meeresfluth getaucht,
Halb siegend schon auf festem Muschelraume,
So schienst du mir, als ich am rothen Saume
Der Loge (leider ist der Sammt verbraucht,
Die Muschel viel zu Lampenrubehaucht!)
Dich endlich wiedersah fast wie im Traume!
O strahlte mir gleich Licht aus gold'nen Thoren
Entgegen doch aus Deiner Formen Hlle
Wie einst der hold'sten Zaubereien Flle!
O knnt' ich wieder Deinen Lippen lauschen!
Wie wollt' ich, Schaumgeborne, Dich umrauschen
Als Welle, flieend, ewig so verloren!

Die Frstin htete sich wol, Guido Stromer's Dichterehre zu retten. Sie htte
sonst frchten mssen, Egon so zu reizen, da er wie Plato alle Poesie aus
seinem Staate verbannte. Litt sie nicht genug an seiner scharfen Kritik des
Lebens, an seiner zersetzenden, wenn auch oft sehr wahren Auflsung aller
Charaktere! Sie hatte seit dem Jahre, da sie Egon kannte, seit den drei
Monaten, da sie seine Gattin war, die Maxime angenommen, ihm nur dann zu
widersprechen, wenn er zum Seherze aufgelegt war. Diese Stimmung kam selten bei
ihm. Sie lie den reizbaren, von Nachtwachen, von Krankheit, Gemthszerrttung
geschwchten Frsten in seinen heftigen Invectiven sich nach Lust ergehen und
gab nur zuweilen eine scherzende Ergnzung zu Dem, was ihn mit bitterm Ernst
erfllte. So jetzt, indem sie aufsteigend zum Schlosse, an dem Pavillon, an den
Marmorvasen, an der Springkaskade vorber, wo sie bebend Dankmar's gedenken
mute, plauderte:
    Ja! Ja! Der Hofrath wre, wenn du ihn nicht so tragisch anshest, die
spahafteste Episode eines Lustspiels. Ich will von seinen Umgebungen nicht
sprechen, die er eben so wunderlich zu bilden sucht, als wenn wir den Versuch
machen wollten, Doretten die Schnheiten von Goethe's Fischer beizubringen oder
den weststlichen Divan zu erklren, den sie jetzt noch fr ein Tapeziererhnden
entstandenes Mbel halten wrde. Er lt sich seine Mhe nicht verdrieen. Aber
drollig ist gewi, da Stromer im Winter heimlich tanzen lernte. Er wollte auf
den Bllen nicht zurckstehen und den lateinischen Zuschauer machen. Whist zu
spielen unter den Herren und gesetzten Damen schien ihm mit Recht langweiliger,
als sich unter den tanzenden Paaren zu tummeln und schon Wochen lang vor einem
Ball bei jungen Damen durch Huldigungen aller Art sich eine Franaise, eine
Polka zu erbitten. Mit grerem Triumph hat Guido nie auf seine neuesten Artikel
geblickt wie auf die Tourenkarte, die er beim Eintreten in die Sle, alle jungen
Mnner fast umreiend, triumphirend vorzeigte; denn jede Tour war ihm besetzt.
Man denke sich Hofrath Stromer auf seinen heimlichen Tanzbungen! Der
Balletmeister des Hoftheaters, den er dafr berrhmend anerkannte, mit der
Violine, die dieser glcklicher Weise selber spielte - sonst htte sich der
strenge Recensent auch bei der Kapelle kompromittirt - der Balletmeister Befehle
gebend: Glissez! Marchez! En avant! und unser Guido mit den langen blondgelben
Haaren und der ganzen Wucht seines gelehrten Wissens hopsend, walzend,
chassirend, springend bis zum Entrechat!
    Die Frstin lachte selbst. Egon schttelte nur den Kopf ...
    Inzwischen aber waren schon Diener, Sekretre, ihnen entgegengekommen. Wo
man des Allgewaltigen nur ersichtlich wurde, gab es sogleich zu fragen, Befehle
zu holen, Mittheilungen zu machen. Eben so ging es der Frstin, die schon einige
Damen der Umgegend vorfand, die ihre Aufwartung zu machen wnschten. Ohne zu
wissen wie, war das hohe Paar auseinander und Jedes in die Zimmer getreten, die
in gewhltem Geschmack fr sie neu hergestellt waren. Die Frstin bewohnte die
so verhngnivoll gewordenen Zimmer der Mutter Egon's und fand sich in der
gebliebenen gothischen, kirchlichen, ihren Neigungen sonst nicht entsprechenden
Ausschmckung bald zurecht, da sie schon nach ihrem Sinne befriedigt war, wenn
sie nur Eignes, Ungewhnliches, Gepflegtes sah. Da gab es denn Visiten und
kleine Plaudereien, Glckwnsche und Verheiungen, versicherte Hingebung und
lauschende Prfung genug. Von dem forschenden Blicke, wie diese Standeserhhung
htte kommen knnen, warum sie kam, ob sie sich zum Guten anlie, ob nicht, war
Niemand frei und die Frstin hielt ihm mit ruhiger Selbstbeherrschung Stand. Sie
war die unruhige, von sich selbst hin- und hergejagte Melanie nicht mehr. Ihr
Gemahl aber, dem es schon zur andern Natur geworden, nach solchen Dingen, die
ihn qulten, immer mehr zu suchen, als nach solchen, die ihm wohlthaten, hatte
sich von ihr bis zur Tischzeit mit dem tglich wiederholten Bedauern entfernt,
da ihn nichts so verstimme wie die Abwesenheit des Generalpchters, eines
Mannes, dessen Rckkehr er mit Ungeduld erwartete und dessen so unendlich
werthvolle Bekanntschaft, da er Alles, was Ackermann hier unternahm, bewunderte,
ihm wol gar verloren gehen knnte, wenn ihn, was er nicht hoffe, dringende
Depeschen zeitiger vom Schlosse Hohenberg abriefen, als zu bleiben seine Absicht
gewesen war.
    Die Frstin fand nach den mannichfachen Konversationen ber Nichts, in denen
sie bei solchen Standesbesuchen Meisterin war und nur zu lange, zu bezaubernd
die Menschen fesselte, kaum noch Zeit, ihre Mittagstoilette mit Mue und Umsicht
herzustellen. Sie hatte neue Umgebungen. Von jener Jeannette, die einst hier
gewaltet hatte und bei dem jetzt arrangirten Lasally Faktotum geworden schien,
war hier keine Rede mehr. Neue Verhltnisse, neue Menschen. Und neue Kleider!
Die Putzsucht war Melanien geblieben. Der Frst bestrkte sie darin, da ihm ihre
Metamorphosen gefielen. Sie verrieth auch durch ihr Wesen nie, wenn sie ein
neues Kleid trug. Sie kam mit Stoffen, die eben noch fast schon am Krper von
den Ntherinnen fertig geworden waren und wo noch mglicherweise irgendwo zum
Entsetzen der Kammerjungfern ein Seidenfdchen konnte unausgezogen geblieben
sein, aber sie kam so in den Salon, als wenn diese neue Tracht schon lngst mit
ihr verwachsen war, ja als wre sie mit ihr auf die Welt gekommen. Dieser
letztere Ausdruck gehrte ihrer guten Mutter, Johanna Schlurck, geboren
Arnemann. Diese brave Frau war in der Erziehung ihrer Tochter immer nach dem
Prinzip verfahren: Einem Mdchen mu man es ansehen knnen, ob es mit
Glaeehandschuhen auf die Welt gekommen!
    Diese guten Justizraths! Sie existirten fr Hohenberg nicht. Frst Egon
schlo sie von allen Beziehungen zu sich, zu seinem Palais, zu seiner Existenz
radikal aus. Die Mutter litt darunter und zwar furchtbar, entsetzlich.
    Nicht deshalb, weil ihre Tochter eine Frstin war: an alles Auerordentliche
gewhnt sich der Mensch sehr rasch; sondern weil die Frstin nicht mehr, wie
sonst, ihre Tochter sein durfte. Aber Franz Schlurck fand diese Trennung ganz in
der Ordnung. In dem Briefe, den seine Tochter nach abgehaltener Tafel z.B. heute
von Hause vorfand, sagte er ihr: Mein gutes Kind! Dein Leben wird von tausend
vereinzelten Kleinigkeiten so in Anspruch genommen sein, da du solche
Gedankenstriche und Ausrufungszeichen, wie sie in deinem letzten Briefe
vorkamen, ganz aus deinem Systeme der Interpunktion entfernen solltest. Du hast
nie gegrbelt, warum willst du es jetzt thun? Du bist die Frstin von Hohenberg,
Durchlaucht. Basta! Den Groll der Mutter, die nach ihrem sonst vernnftigen
Naturell sich mit der Zeit in ihre Zurcksetzung finden wird, ertrage als eine
vorbergehende Frauenlaune und sei versichert, da ich dich in dem groen und
wahrhaft philosophischen Lehrgange, den du mit deinem hohen Herzens- und
Pflegebefohlnen befolgst, immer untersttzen werde. Den tiefern Sinn deines
Wahlspruches: Entweder ein Bettler oder ein Frst! hab' ich nie ergrnden mgen,
die Alternative war so schroff gestellt, da ich jedenfalls lieber der
zurckgesetzte Schwiegervater eines Frsten, als der geliebkoste eines Bettlers
bin. Also! Weiter im Text! Die Gedankenstriche, die bei der Stelle ber meine
Lage stehen, hab' ich eher verstanden. Doch waren deren drei nicht nthig. Ich
hielt schon den einen fr berflssig. In meiner juristischen Praxis, wenn ich
alte Briefschaften und Familiennachlsse zu durchstbern hatte, waren mir als
die gemeinsten Briefe immer die erschienen, wo Vter und Mtter an ihre
gutverheiratheten Kinder um Untersttzung schreiben. Du wirst sie auch in keinem
gedruckten Briefsteller verzeichnet und in etwaigen Schematen dazu vorgemerkt
finden. Und doch werden sie unglaublich oft geschrieben, was wiederum nicht fr
die Armuth mancher Eltern, wol aber fr die Herzlosigkeit vieler Kinder ein
schlimmer Beweis wre. Bei uns ist Das anders. Ich wei, meine Melanie liee
mich, wie es irgendwo heit, mit Kapaunen und Nichtsthun auffttern, selbst wenn
beide, weil sie zu fett machen, berhaupt meine Sache wren. Herzenskind, la
das Alles gehen, wie's geht! Ordne dein berraschendes Verhltni, wappne dich
gegen die neidische Welt, schmiege dich unter deinen erzwunderlichen Gatten,
ohne seine Sklavin zu werden und lausch' ihm die kleinen Lichtschimmer seiner
mir eigentlich wie der Saturn so dunklen, aber ohne Zweifel doch groen Natur
ab, fr das brige mssen unsre unfreiwilligen guten Grundstze sorgen. Die
Mutter war von jeher fr das Wasser und ein gewisser Pindar schon, ein alter
Odensnger, der die irdische Belohnung der Dichter bereits zu kennen schien -
trotz Guido Stromer's neulicher Anstellung im Sden mit 5000 Silbergulden -
Pindar schon sagte: Wasser bleibt immer das Beste! Er hatte Recht. Der Mensch
ist Erde und nichts ist der Erde nothwendiger als Wasser, wenn sie nicht - Staub
werden soll. Sieh, die verdammten Gedankenstriche! Da mach' ich eben selber
einen und einen recht klglichen. Noch aber ist Das nichts als dumme Koketterie
von mir. Ich denke nicht an's Sterben; ich lebe, wenn auch nicht vom Wasser, wie
die Mutter, doch von der Luft. Die Luft ist klar und blau und hell, ich gehe
viel spazieren. Schulden machen will ich nicht. Meine Prozesse haben abgenommen.
Entweder ist die Welt friedlicher geworden oder die jungen Advokaten verstehen
noch mehr Einreden als in den Pandekten und im Schmidt stehen. Mit meiner
mndlichen Vertheidigung hab' ich Fiasko gemacht. Meine Jungfernrede vor den
Assisen war Kinderlallen. Ich weinte, als ich nach Hause kam, obgleich mein
Klient freigesprochen wurde. Die Qual, die ich letzten November ausstand, als
die angeschwollenen, polnischen Zins-auf-Zins-Summen der btissin Sibylle vom
Kloster zum Herzen Jesu da sein sollten, dieselben Summen, die Jahre lang
entweder Max Leidenfrost oder Jagellona Kaminska heben konnten, aber nicht heben
wollten, weil Einer sie ganz dem Andern gnnte, Werdeck arm ist und der tolle
Maler, der dich einmal verspottet hat, nicht reicher - lebendiges Beispiel, da
Gromuth und schrankenlose Tugend nur Unheil in der Welt stiften - ich sage, die
Qual, die ich ausstand, weil diese Summe nicht da war und doch nur
mglicherweise, furchtbare Hypothese! mglicher Weise gestohlen sein konnte -
Melanie, als Alles verkauft werden mute, was man sich entziehen kann, ohne da
es die Menschen sehen und darber mit hlichen schwarzbeflorten Redensarten
kondoliren, wie man mir bei Abschaffung unsrer Equipage kondolirte und ich mit
Anspielung auf Lasally sagte: ich habe das Kapitel des Pferdestalles satt und
will nicht mehr an den Hufbeschlag erinnert werden, da - sieh, meine Perioden
verwickeln sich - immer wenn vom Gelde die Rede ist, verlt mich die Kraft des
Styles - ganz im Gegensatz zu Hofrath Stromer, dem der Styl grade recht erst
kommt, wenn das Geld im Kasten klingt - damals, damals, Melanie, als alles Das
da war und nicht da war, damals hab' ich mir eine Empfindsamkeit zugezogen wie
einen nicht endenden Katarrh. Ich bin wehmthig gestimmt, selbst wenn ich
Prozesse gewinne. Den Johanniterproze hab' ich halb und halb verloren, noch
nicht fr die Stadt - denn propinqui equites bleiben ein Rthsel. Ritter und
Reisige als Verwandte! - aber verloren fr mich. Die Administration wird neu
beschaffen und wer wei, was in Tempelheide jetzt aus dem groen Strauenei
schlpft, das dort von einem Kater, Namens Bafomet, ausgebrtet werden soll!
Wenn die Wildungen wirklich gewnnen? ... Denkst du noch an den Morgen damals in
meinem Zimmer? ... Neueres aus dieser Residenzwelt wei ich nicht, als da man
sagt: Unterschlagen in diesem Prozesse wurden von Schlurck vielleicht einige
Kommata, aber kein einziges Dokument fehlte - ich ksse deine sen Hnde, Kind
- verschmitzt benutzt hat er sie und manchen absichtlichen Sprachschnitzer sich
zu Schulden kommen lassen, der alte Lateiner ... sagt die ffentliche Meinung!
    Was ffentliche Meinung! Frage den Frsten, was ffentliche Meinung! Von
Politik nichts - du sitzest ja in ihrem Centrum. Rathe dem Frsten, sich mit dem
Heidekrger Justus und seiner Sorte auszushnen! Die Politik der Landwirthe, die
nicht mehr und nicht weniger als circa 100 Morgen haben, entscheidet die Welt,
d.h. die Mittelsorte! Oder darfst du nicht ber das Rad sprechen, mit dem dein
Ixion sich qult, es den Berg hinan zu wlzen? Neues? Unsre Katze hat wieder
Junge und die Mutter strubt sich jetzt gegen das Ersufen. Ach, Kind, wo sind
die Zeiten hin? Wenn Mietz sonst Junge hatte! Das Laufen und Rennen im Hause!
Diese Freude und dieser Kummer! Es war als sollt' es Kindtaufe geben und als
zankte man sich ber die Namen und die Pathen. Jetzt aber - Mutters alte Art,
diese Streitigkeiten durch einen Kbel Wasser und ein grndliches erstes und
letztes Bad der jungen Brut zu enden, hat uns verlassen. Frau von Trompetta will
die Mutter fr einen Thierqulerverein gewinnen, in den die Mitbegrnderin der
deutschen Flotte sich zu strzen beabsichtigt, seitdem sie eine Anwesenheit des
Hofes in Tempelheide verpate und ihr Vetter immer noch nicht Minister ist. Der
Hof besuchte die Akademie in Tempelheide, an einem Tage, wo grade Frau von
Trompetta abwesend war! Das sagt Alles, was ein Leben in Verzweiflung strzen
und zum Thierqulerverein reifmachen kann. Sie hat sich erkundigt, was Alles die
Knigin in Tempelheide uerte. Man hatte von der Thierseele gesprochen. Das war
ihr genug, sich mit Propst Gelbsattel zu vermitteln, der krzlich ersucht worden
ist, die Initiative eines Vereines zum Schutze der Thiere zu bernehmen. Da man
ihn ber Nichts mehr um Rath frgt, den guten Propst, da er selbst beim
Kunstverein das Prsidium verloren hat, so wurde er um so eher Prsident jener
Verbindung, als die bevorstehende Entscheidung des Johanniterprozesses ihn um
die von der Stadt ihm gehaltene Equipage und selbstredend dadurch allein schon
um die Gelegenheit, Pferde zu qulen, bringen wird. Bartusch hat eine Anstellung
im Rathhause. Der Alte ist bei der Statistik der Getauften, Gebornen und
Verstorbenen angestellt. Sein Sprichwort: Allerlei Gemenschel kommt in
glorreiche Anwendung. Seit ihm nicht gelang, den Taufschein eines gewissen Paul
Zeck aufzufinden, der in der Biographie deiner hohen Gnnerin, deines
Glcksschmieds Pauline eine Rolle spielt - ich kitzelte sie schon oft mit dem
Namen Zeck, da ich wei, da Das ein Blitz ber ihre dunkelste Lebensphase war -
seitdem hat auch unsre Verbindung mit den Geheimnissen der hohen Aristokratie
aufgehrt. Sie wendet sich an jngere Rechtsbeistnde, die nichts erlebt haben,
nichts von den Antecedentien wissen und blindlings glauben, wenn Matronen die
Hnde falten und von dem Rufe sprechen, wie von einem Spiegel, den ein Hauch
trben knne. O der Ruf! Dieser unsichtbare Galgen, an dem die zartesten Hnde
nach Herzenslust die Menschen stranguliren und lustig von unten nach oben
rdern! Von wem willst du sonst hren? Von der Mutter? Sie projektirt, dir ein
Opfer zu bringen. Sie will, da wir auf's Land ziehen und dort Kinderzeug nhen.
Wre dein Gatte so grausam, unsre Verbannung zu wnschen? Es thte mir leid, wie
ein alter Pensionr in die Provinz zu ziehen. Aber sprich es aus, wenn es sein
mu! Es ist auch vielleicht besser, ich lse nicht mehr an den Lden die nun
erst gar mit den Eisenbahnen frisch angekommenen Austern und she nicht auf den
Straen sogar, denke auf unsern Straen! - Seefische, die man auch sonst nur in
unsrer Komthurei zuzubereiten verstand! Von Hackert erfuhr ich lange nichts. Ich
htt' ihn gern nach einem gewissen Ringe gefragt. Er lebt meist in der
Brandgasse, jagt Muse und Ratten. Pax wird ihn so lange an sein Herz drcken,
bis er sich seinen Henker und Nachfolger in ihm grogezogen hat. Der Lauf der
Welt ist so. Auf dem Markt seh' ich immer in die Krbe der Krebsfischer! Wie's
darin wimmelt, so ist die ganze Erde. Aber was Krebse! Der September hat ein R!
Es gibt jetzt keine Krebse. Adieu, mein Kind! Amor schtze dich!
    Wehmuthsvoll, das Haupt gebeugt, zerrissen von dem in diesen Zeilen durch
tiefen Schmerz aufschreienden Humor, angekettet an ein freudenarmes Loos, das
der Welt so beneidenswerth erschien, sa Melanie und hing den trbsten
Empfindungen nach. Es war ihr schon lange manchmal wie einem Wandrer auf
einsamer felsiger Hhe, den nie von ihm gesehene dunkle Vgel umkreisen und ihm
zuzurufen scheinen: Wende um, du findest in diesem Trmmermeere keinen Ausweg
und die Nacht wird dich berfallen! Was zur Frstin sie erhoben, sah Melanie
wohl im Zusammenhange vor sich, aber rthselhaft blieb ihr die Folge dieser
Umstnde, die Kette dieser Zuflle doch. Sie konnte sich sagen, da sie die
Mnner fesselte, blendete, aber nie hatte sie Vertrauen fassen drfen auf die
Dauer der Neigungen, die sie einflte. Sie hatte mit zu bittrer Erfahrung
erlebt, da man sich in der Liebe zu ihr beherrschen, bekmpfen, sich ganz
berwinden konnte selbst dann, wenn man ahnen mute, da sie selbst liebte.
Immer nur der Augenblick hatte ihr wie ein flchtiger Genius, ein lachender
Engel mit Schmetterlingsflgeln schwankend auf einer Blume oder gar einer groen
bunten Seifenblase, unsichtbar zur Seite gestanden. Weil ihr der innere Glaube
an sich selbst fehlte, weil sie sich eines Nixenlooses, eines gebundenen
Sirenenschicksals fast mit Wehmuth bewut war, hatte sie sich von dem
Bedeutenden, das sie frchtete wie das ihren Zauber lsende zerstrende
Beschwrungswort, fast ngstend entfernt gehalten. Nun war ihr ein Schicksal
gekommen, das sie uerlich, ihre khnsten Hoffnungen berflgelnd, emportrug,
und innerlich schien ihr doch der Tod ihr Verhngni zu sein, der Untergang ihr
Schicksal. Sie hatte diesen Frsten Egon, diesen ihren Beschwrer, bei der
Geheimrthin kennen gelernt. Nie wrde er sie gefesselt haben. Es fehlte ihm die
herausfordernde neckende Elasticitt, die die Frauen, selbst wenn sie wissen,
da solche Mnnerscherze und Mnnerspiele nicht immer und zu Hause am wenigsten
getrieben werden, dem Charakter, der Soliditt und den Tugenden der
aufrichtigsten Ehrbarkeit vorziehen. Sie wollen nun einmal umflattert sein, sie
wollen den Schein der Freude, sie wollen sogar die Verstellung, wenn sie nur
nichts Anderes lgt als Ergebenheit und Huldigung. Dieser Egon von Hohenberg
aber tndelte und scherzte so selten, er war so ernst, dabei doch so
siegesgewi, so kalt und dann doch zuweilen so seltsam hei. Der Heiterkeit Maa
fehlte ihm dann. Sie hatte kein Vergngen an seiner Bewerbung. Lange freilich
whrte es, bis sie diesen Eindruck selbst errieth. Sie gab sich Egon, wie sie
sich Dankmar Wildungen, als sie ihn fr Egon hielt, gegeben hatte. Der
Unterschied war nur der, da Egon gefesselt blieb, whrend Dankmar mistraute.
Egon war der Frst von Hohenberg, warum sollte er an Enttuschung glauben? Er
war in der That nur glcklich bei Paulinen von Harder, der Feindin seiner
Mutter, nur glcklich, wenn es hie: Ist Melanie noch nicht da, wann kommt sie,
wie bleibt sie so lange, jetzt rollt ein Wagen, das ist sie nicht, das ist sie!
Und dann lie er diese beiden Frauen um sich leben und weben, walten und
schalten, geno mit Behagen, da sie fr ihn lebten und webten, fr ihn walteten
und schalteten. Er ruhte sich bei ihnen von seinen gewaltigen
Geistes-Anstrengungen aus. Die gescheuteste und die schnste der Frauen in der
Residenz gehrten ihm. Und fr immer wollte er Beide an sich fesseln, nie wollte
er Melanie in eines Andern Armen wissen. Aber seltsam! Sein Ideal schwang sich,
grade weil sie nicht liebte, zum Charakter auf. Sie verweigerte jede Gunst, die
ber die Grenze einer leichten Koketterie hinausging. Sie war, allein, gegen
Egon nur so, wie sie es im Beisein Paulinen's sein durfte. Lange besann sich der
Frst, was da zu thun. Er whlte den Ausweg einer Standeserhhung. Die
vielgefeierte, allerdings fr verlobt, verlobt mit einem zweideutigen Charakter
geltende Melanie, Tochter eines seither hochangesehenen stadt- und landbekannten
Mannes, konnte dieses Vorzugs nur gewrdigt werden, wenn damit zugleich ein
glnzendes Zeugni fr Melanie's Sittlichkeit ausgesprochen wurde. Man wrde
eine illegitime Verbindung ewig verurtheilt haben, whrend man sich an die
legitime in Krze gewhnte und sich ganz einfach sagte: Frst Hohenberg ist arm,
er will eine Huslichkeit ohne ein Haus zu machen. Er hat eine Frau genommen,
die er Niemanden zu zeigen nthig hat und macht dabei die besten Geschfte, er
spart und hlt die Hausfreunde ab. So die Welt. Egon aber? Ob wol in ihm der
Gedanke lebte: Nach Louison und Helene, nach der Poesie deines Lebens, jetzt nur
keine Etikette mehr, jetzt nur keine Ehe mit anspruchsvollen, dich in moralische
Kosten setzenden Frauen, nur keine wirkliche, dich beunruhigende Frstin! Sein
Egoismus ertrug eine ebenbrtige Ehe nicht. Vielleicht auch eine ihn in
stillen Stunden durchschauernde Piett des Herzens fr die Vergangenheit?
    Das uere Glck war also fr Melanie selten und gro, aber das innere
fehlte. Die Frstin Hohenberg hatte sich nicht umsonst so besonnen gehalten, als
sie sich an die Bewerbung eines Frsten nicht sogleich wegwerfen wollte. In
flchtige und leichtsinnige Herzen zieht die Tugend oder diejenige Reflexion,
die wenigstens wie Tugend aussieht, nicht ohne groe Kraft ein. Die uere Wrde
gengte ihr nicht, sie wre so gern wahrhaft glcklich gewesen. Ihr Gatte war
nicht leichtsinnig genug, sich in Schulden zu strzen. Ihr Vater entbehrte nicht
nur, sondern gerieth auch, was sie wohl durchschaute, in die bedenklichsten
Schwankungen seines Kredits, wenn nicht gar in Schwankungen seiner Ehrlichkeit.
Es war ihr wohlbekannt, wie furchtbar der Justizrath darunter litt, da alle
Welt die bei ihm aus diesen oder jenen geschftlichen Vertrauensgrnden
niedergelegten Summen jetzt pltzlich sehen, jetzt pltzlich kontroliren,
wiederhaben wollte. Dies Flssigmachen von Kapitalien, die er nicht unter sieben
Siegeln gehalten hatte, sagte Schlurck einmal, schwemmt mich noch eines schnen
Morgens selbst in die - er nannte den Flu, an dem die Residenz liegt, und Weib
und Kind schrieen auf, sie wuten lngst, was manchmal in ihm vorging ... Egon's
Abneigung gegen die Eltern war eine groe Qual fr Melanie. Er htte die Familie
hundert Meilen weit entfernt sehen mgen. Ihm darin widersprechen htte ihr
unwrdig und unklug geschienen. Die Macht der Ehe nach dem Altar ungromthig
anwenden widersprach ihrem Charakter, widersprach ihrem freien Weltblick, den
sie in der That der Philosophie ihres Vaters verdankte. Es war dies nichts
Geringes in ihr. Der Frst ahnte es sogleich, erkannte sie, schenkte ihr den
unbedingtesten Glauben, liebte sie. Sie selbst wute es, sie hatte Beweise
seiner ihr allein gewidmeten Herzlichkeit, er kannte ihr Leben, ihre
Vergangenheit, sogar ihre Jugendverirrungen und entschuldigte sie. Was sie auch
erzhlte, Egon hatte Alles geahnt, er entsetzte sich nicht, dachte sich in ihre
Erziehung hinein, hatte ihren Thrnen unbedingtes Vertrauen geschenkt und da sie
tief, tief ihm zu danken hatte, so war sie glcklich unglcklich. Die selige
bereinstimmung mit Egon's Natur fehlte und sie mute ihn doch nehmen, wie er
einmal war.
    Mehrere Stunden hatte die Frstin in trber Schwermuth so fr sich
hingebracht und bei Allem, was sie vielbefragt anzuordnen, vielbeschftigt
vorzunehmen schien - die Frauen knnen Das - immer doch einem und demselben
Gefhle nachgehangen. Sie war fr den Abend in einer andern Toilette, als die
sie am Mittag getragen hatte ... Es boten sich oft Tagelang keine Gelegenheiten,
mit ihrem Gemahl ein einziges trauliches Wort zu sprechen. Hier in Hohenberg
hatte sie darauf gehofft; hier hatte sie sich sogar mglich gedacht, Egon's
tieferer Natur etwas nher zu kommen. Er war von Paulinen befreit, er befand
sich in jener Gegend, an die sich seine Jugend knpfte und wo ihm selbst in
jngster Zeit noch Abenteuer, ja Vorflle komischer Art begegnet waren; sie
hoffte auf Heiterkeit. Vergebens! Egon blieb berhuft mit Geschften,
verstimmt, absorbirt, und die wenige Mue, die er sich gestattete, verwandte er
in dem ihm angebornen und anerzogenen Instruktionseifer auf seine gutsherrliche
Lage, auf die Besichtigung seiner Gter und die Prfung der ihn wahrhaft
berraschenden, ja fast beschmenden Thtigkeit jenes Generalpchters Ackermann,
den er auf Empfehlung des ihm geistig verloren gegangenen Dankmar Wildungen zum
Wiederhersteller, wenn nicht seines Glcks, doch seiner Ehre gewhlt hatte. Die
Abwesenheit dieses Mannes, den er bewunderte, peinigte ihn. Er kam zu Melanie,
als sie eben mit ihrer Abendtoilette fertig war und sagte:
    Es ist leider sehr wahrscheinlich, da ich aus der Stadt Briefe ber
Hofintriguen empfange, die wenigstens meine Anwesenheit hier abkrzen. Es wre
mir das widerlichste Begegni, wenn ich Ackermann nicht mehr sehen sollte. Er
wrde mich, da die Ernte berstanden ist, jetzt in der Stadt besuchen knnen,
aber ich htte ihn hier sprechen mgen, htte so gern von ihm hier mich fhren,
mir Alles, was er unternimmt, zeigen und erklren lassen. Glcklicherweise war
ich vorhin im Walde dem Frster begegnet, der von Briefen spricht, die fr heute
Abend seine Rckkehr ankndigen.
    Egon erklrte nun mit der ihm eigenen Vollstndigkeit Alles, was er von
Ackermann's Einrichtungen schon zu bersehen glaubte. Er wiegte sich in der
Vorstellung, da diesem Manne, der so uneigenntzige, fast fabelhafte
Bedingungen gestellt htte, gelingen knnte, das Erbe seiner Vter wieder
herzustellen und Melanie'n das Loos, seine Frau zu heien, auch wahrhaft zu
einem frstlichen zu machen. Melanie hielt diesen auch heute von ihm beliebten
bergang fest und malte alle die Plne aus, die sie mit dem gesteigerten Ertrage
dieser Besitzungen verbinden wollten. Diese luftigen, natrlich nur scherzweise
vorgetragenen Trume waren ihr willkommener als die Rundblicke Egon's auf die
ihm so wissenswerth vorkommende Systematik Ackermann's und seine Fragen, die er
an Melanie, die Ackermann doch gesehen hatte, glaubte richten zu drfen: Wie ist
sein Wuchs? Ist er alt? Warum trug sich wohl sein Kind in Knabentracht? Wie
lange mochte er von Deutschland entfernt gewesen sein? Gesprochen hast du nie
mit ihm? Er ist doch ein geborner Deutscher? Was trieb ihn wohl von dem
heimathlichen Boden? Wie kam er nur auf den Gedanken, sich grade an meine
verlorenen Besitzungen zu wagen?
    In diese fr den Frsten sich immer mehr steigernde Aufregung fiel bald
diese, bald jene Meldung. Die wichtigste war die, da man einen politischen
Verfolgten, dessen Spur seit einem halben Jahre verloren gegangen wre und die
man selbst im Auslande nicht wieder gefunden, unter den Dienstleuten des
Generalpchters entdeckt htte und ihn eben zur Haft brchte. War die Meldung
vorlufig auch nur eine gerchtsweise, so war sie doch schon strend genug und
die Rthe des Frsten, die sich schon zur Theestunde versammelten, hatten alle
Ursache, befremdet zu sein, wie der Generalpchter zu dieser Wahl seines
Hlfspersonals kme. Noch kannte man den Namen des Gefangenen nicht. Die
Erwhnung des Thurmes in Plessen, die Nothwendigkeit, Verbrecher so nahe am
Schlosse, wenn auch nur so lange beherbergen zu mssen, bis der Befehl zur
Abfhrung nach einem nahegelegenen Landgerichte oder der Residenz gegeben war,
war Allen drckend und Niemanden mehr als der Frstin, die die unangenehme
Wirkung der Erwhnung des Thurmes in ihrem Gemahle, dessen Beziehung zu ihm sie
sehr wohl kannte, deutlich genug bemerkte. Die vorfahrenden Abendgste brachten
schon Kunde von der durch diese Verhaftnahme verursachten Aufregung in Plessen.
Und nun kam einer der Sekretaire mit dem soeben vom drauen harrenden
Oberkommissr gemeldeten Namen: Dankmar Wildungen! Dieser selbst! Der
Vielbesprochene, der Allen Bekannte, der nach so entgegengesetzten Seiten hin
die Welt in Anspruch Nehmende! Dieser jetzt hier und verhaftet! Egon erblassend
tritt hinaus und will Pax selber sprechen. Herr von Zeisel begegnet ihm, noch
erschpft von seinem schwierigen Vorverhr und schon gedrngt von seiner
Gemahlin. Auch die Frstin erfhrt den Namen. Ihr Erblassen wird von der
Gerichtsdirektorin wohl erkannt, wohl verstanden. Der Generalpchter als Hehler
politischer verbotener Feuerstoffe war bald durch die ganze Gesellschaft wie ein
seltsames Fragezeichen tausend Auslegungen preisgegeben. Melanie hrte nur,
zitterte nur, schwankte ... Egon kam zurck ... ja, es war in der That Dankmar
Wildungen, derselbe, von dem Alle wuten, da eine Kette von Zuflligkeiten und
Abenteuern ihn mit dem frheren Leben des Ministers in den seltsamsten
Zusammenhang gebracht hatte ... Dieser Abend wurde eine Folter. Gespenstische,
schattenhnliche Begegnungen von allerlei Menschen unter einander, deren Ja und
Nein, deren Excellenz! Durchlaucht! Ja wohl! Ganz gewi! Haben Sie von dem
Wasserfall im Gebirge schon gehrt? O Sie sollten einmal die Wanderung nach dem
Felsengrund versuchen! Kennen Sie Randhartingen bei Abendbeleuchtung? Alles nur
wie um der Worte willen gefhrte Gesprche gemischt mit Theetassengeklapper,
Kleiderrauschen, Kommen und Gren, o eine Phantasmagorie des Nichtigsten und
Leersten ... und Das nun aushalten zu mssen, Das schren zu mssen, wenn der
Funke zu verglimmen scheint, Das ersticken zu mssen, wenn die Flammen eines
Streites vielleicht zu heftig auflodern ... Die Frstin sa hinter ihrem
Theetopf in Verzweiflung. Der Frst konnte doch ab und zu. Es wurden doch Thren
geschlagen, Pferde trappelten, Sbel klapperten, sie wute doch, da Egon, der
so oft ihr schon gesagt hatte: er hielte es fr die glcklichste Gunst des
Zufalls, da er nicht in die Lage gekommen wre, diesem ihm einst und noch jetzt
als Charakter und Mensch gleich werthvollen Dankmar Wildungen in unmittelbarer
persnlicher Feindseligkeit gegenbertreten zu mssen, seine schmerzlichste
Aufregung durch Fragen, Erklrenlassen, Befehlegeben, verbergen, wenn nicht
mildern durfte ... sie aber, die in Dankmar mehr als den Freund ihres Mannes
ehrte, sie, die in diesem Schlosse an seinem Arme gezittert hatte, ihn liebte,
noch liebte, wie fast jeder Mensch ein stilles, wenn auch entsagendes Sehnen in
sich trgt, sie sollte schweigen, sollte von gewhnlichen Dingen reden, Jeden
bezaubern, Jeden gewinnen, den Adligen sich vershnen ... Sie hielt es nicht
lnger aus. Gegen halb zehn Uhr sprach sie von unertrglichstem Kopfweh. Die
Damen bemerkten, da sie das Haupt aufsttzte. Die Frstin ist angegriffen!
Durch den Saal flog die Trauerkunde von der Migrne der Frstin. Aber o Himmel,
man ist auf dem Lande. Man ist hier so natrlich, so theilnehmend oder so
interessirt zudringlich, da man von allerhand Mitteln spricht gegen Kopfweh;
von einem flachen Messerrcken an die Stirn gedrckt, von Citronensaft, von
einem zu ffnenden Fenster ... erst die Rthe aus der Stadt gaben den rechten
Rath, Aufhebung der Soiree.
    Nach einigen Minuten war die Frstin allein. Egon besttigte die Verhaftung,
erklrte die Identitt, verwies vorlufig auf den Thurm. Retten, helfen konnte
er nicht. Es war zu spt. Melanie fhlte dies Zuspt! nicht sich, wohl aber der
Pflichtenlehre und dem Charakter ihres Mannes nach. Er erklrte die Anwesenheit
Dankmar's grade bei Ackermann fr eine Folge der Liebe Dankmar's zur Tochter des
Generalpchters. Melanie besttigte diese Vermuthung als die wahrscheinlichste
Auslegung eines Aufenthaltes, der der erste trbe Flecken auf dem von Egon so
hochgehaltenen Bilde des Generalpchters war. Sie sahen beide Alles, wie es wohl
war und wie es sein konnte und schieden voll Schmerz. Egon, der noch zu arbeiten
und sein Schlafzimmer im andern Flgel des Schlosses hatte, die Frstin, die mit
Schrecken von ihm hrte:
    Es wird diese Unbesonnenheit ihm leicht einige Jahre Gefngni kosten
knnen, die nicht abzuwenden sind, falls die Genossen seiner Verschwrung nicht
dazwischen treten. Wenn die Wildungen den Proze gegen die Stadt gewinnen
sollten, erleben wir Verwickelungen, die eine Stellung wie die meinige leicht zu
einem Kampf gegen Geister und Zaubereien machen drften. Ich wei nicht, ob man
nicht von Glck sagen darf, da bis dahin vielleicht die Partei
Trompetta-Flottwitz am Ruder ist. Der Hof war in Tempelheide, hat sich von
Windharfen und Naturmystik unterhalten lassen; General Voland liest jeden Abend
die Kapitel seines neuen Werkes ber die alchymistischen Vorstellungen, die das
Mittelalter mit der Natur der Steine verband; die frommen Prsidenten drngen
aus der Provinz herein. Wohlan! Man kann bald Gelegenheit finden, die Politik zu
behandeln, wie jene Helden, die im Zauberwalde Armidens ihre Schwertstreiche auf
Feinde richteten, die vor ihnen wie die Luft zerrannen!
    Die Frstin, die ein Groes und Gewaltiges im Leben nur ertragen und
durchfhren konnte, wenn eine erwiderte Liebe ihren Muth beflgelte, ihren Arm
strkte, Melanie begab sich zur Ruhe. Zum Thurme gehen, eine Befreiung zu wagen,
List, Verschlagenheit anzuwenden, wie damals im Heidekrug ... Diese Zeiten waren
vorber. Sie ging zur Ruhe ...
    Egon aber, als Alles im Schlosse still geworden und er allein war, ffnete
das Fenster und blickte zu den Sternen auf ... Nie haben wir ihn mit sich selbst
beobachtet. Nur seine Worte im Gesprch mit Andern, nur seine Thaten lieen wir
fr ihn reden. Es gebhrte diese Zurckhaltung dem Bilde einer Persnlichkeit,
die Alle als den lebendig gewordenen Egoismus nehmen. Dieser Charakter, fast von
Allen verurtheilt, die mit ihm in nhere oder entferntere Berhrung traten,
konnte nur durch die Andern geschildert werden. Aber dennoch drfen wir an die
zerrissenen Empfindungen glauben, mit denen Egon an das geffnete Fenster seines
Schlafzimmers trat, die schon khlere Nachtluft an seine heie Stirn wehen lie
und voll Wehmuth auf den Garten des Schlosses hinunterblickte, auf die Bume und
Boskette, hinter denen der Gerichtsthurm des Dorfes Plessen versteckt lag. Wenig
ber ein Jahr war vorber und was hatte sich Alles seitdem begeben! Nur die
Jedem, wieviel mehr einem Hochbegabten sich aufdrngende berzeugung, da wir in
einer Zeit der gewaltigsten Umwlzungen inner- und auerhalb der Menschenbrust
leben, konnte die Wandlungen glaublich erscheinen lassen, die seit dem Tage, wo
Dankmar in die Gefngnizelle des Frsten trat, die er nun selbst bewohnte,
diesem geschehen waren! Egon war sich selbst kein Rthsel, aber er fhlte es mit
Schmerz, da er ein furchtbares Andern sein mute. Jener Stunden, die ihn im
Thurme um die Freundschaft eines jungen, unternehmenden Kopfes werben lieen,
gedachte er jetzt mit solcher Lebhaftigkeit, da er auf einen Sessel niedersank,
an der Brstung des Fensters sein Haupt aufsttzte und sich in Empfindungen wie
diesen kaum zu sammeln wute:
    Du rmster! sagte er sich. Wrde Alles so gekommen sein, wenn das Geheimni
des Bildes, das Gestndni der Denkwrdigkeiten deiner Mutter dich nicht in
deiner Bahn pltzlich an einen entsetzlichen Abgrund gefhrt htte, wo du die
Besinnung verlorst und dich an die einzige dir nahestehende Hand klammertest!
Diese Mutter, die sich einbildete, mich Demuth zu lehren und mich die Lge
lehrte! Hoffte sie, da ich von meiner weltlichen Stellung herabsteigen, mein
Leben der innern Beschaulichkeit, der entsagenden Demuth widmen wrde? Sie hat
sich vielleicht nicht getuscht. Sie hat vielleicht den Punkt getroffen, der
meine Zukunft, wenn ich noch eine haben werde, mehr bedingt, als die Liebe, die
Bewunderung oder der Ha, den ich in meinem gegenwrtigen Mhen ernte! Aber im
ersten Augenblick des Schreckens verlor ich die Besinnung. Die Lge war hier
eine nothwendige, eine erlaubte Selbsthlfe. Der Makel der Geburt brannte so auf
meinen Stolz, der Zorn des Sohnes ber eine durch die Religion verblendete
Mutter wallte so siedend in mir auf, da ich gerade mit Leidenschaft Das sein
wollte, was ich nicht bin. Die Sitte ist auch hier das Gesetz. Die Sitte heiligt
auch hier die Unsitte. Es ist wie im Staat, seine Mngel geben nicht das Recht,
ihn selbst zu zerstren. Ich bin der Frst von Hohenberg. Aber da ich es sein
wollte, da ich mit einem Schrei der Verzweiflung gegen die Entdeckungen, die
mit dieser Pauline htten entschlummern knnen, mich strubte, mich gegen mein
Schicksal bumte, Das wurde der Anfang aller Leiden meiner Seele und es ist mir
wie ein Bild der Zeit, denn diese Extreme, die mich strzen werden, verrathen
noch mehr als ich, da in ihr etwas morsch und faul ist und man die Prozedur
einer sittlichen und strengen Revision mit diesen Zustnden nicht mehr wagen
darf!
    Es schlug schon eilf Uhr vom Dorfthurme herber ... Nchtliche Vgel
schossen, rasch im Kreise mit hngenden Flgeln sich wendend, an den Fenstern
des Schlosses vorber ... Egon trumte fort:
    Auch Dankmar Wildungen wird diese Schlge der Uhr hren, er wird sie zhlen
wie ich, er wird auf mich vielleicht rechnen! Oder nein! Er war mir an Einsicht
schon damals berlegen, als ich ihm so zerflossen, so abentheuerlich und in der
Gefahr feige erschien! Wie war ich hastig, unsicher, von meiner Lage fast bis zu
tragischer Besinnungslosigkeit berrascht! Wie schm' ich mich, als dieser Posa
seinem Carlos erwiderte: Gibt es denn noch Freundschaften? Du hast Recht. Es
gibt keine, Dankmar Wildungen! Und doch ist es eine Wahrheit, da grade wir
Menschen, die die Welt als Gtzendiener des Ich's verurtheilt, die unendlichste
Sehnsucht nach Liebe haben! Grade wir Egoisten, wir Kaltgescholtenen schmachten
nach dem Thau des Verstndnisses, grade wir leiden unter der Einsamkeit, die
sich um uns her wie eine wste Steppe ausbreitet, leiden wie etwa die groen
Mnner leiden mssen, die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen
aus Scheu Niemand sich zu nhern wagt, wie den hchsten trauernden Schneespitzen
der Alpen. Ich hoffte einen neuen, deutschen Armand in dir zu finden und dachte
mir darunter einen Bewunderer meines Werthes, einen Diener meiner Launen, ein
Werkzeug meiner schon damals gehegten wenn auch nicht ausgesprochenen Plane. Der
feine Kopf verstand die Absicht, die ich selbst nicht fhlte. Er sah an Louis
Armand, was ich mir unter ihm wohl drfte gedacht haben und mistraute der
aufdringlichen Zrtlichkeit eines Hochgestellten, der in der That die Probe
nicht bestand. Ich verlor ihn, mit ihm Louis Armand, mit ihm Helenen, ich verlor
die selbstndige Liebe und gewann vielleicht nur die sklavische ... es ist nicht
gut, die Liebe Derer nicht ertragen zu knnen, die sich doch auch ein wenig
selber achten.
    Der Frst Egon von Hohenberg war wie seine Mutter. Er whlte in den eignen
Eingeweiden und besttigte auch darin eine Erfahrung, die man oft an groen
Mnnern gemacht haben will, da ihr Denken nicht ihr Handeln ist. Ihr Denken ist
ein Auflockern der ganzen Innerlichkeit, ihr Handeln nur Eines, ein
entschlossener Aufschwung, eine energische That. Die weiche Empfindsamkeit der
Gre wrde kein Geheimni der Seelenlehre sein, wenn die groen Menschen ihre
Gedanken belauschen lieen und die Flle von Erwgungen blogben, die sie im
Zustande der Ruhe anstellen und die sie nur in dem Augenblick bannen, wo irgend
eine Gefahr ruft, irgend ein Entschlu mit Blitzesschnelle gefat sein mu. Egon
sprach klein, ohnmchtig, zagend von sich und in diesem Augenblick htte das
Posthorn eines Kuriers ertnen, eine Depesche htte ihm berbracht werden
drfen, die einen raschen Entschlu erforderte, er wrde sich nicht fnf Minuten
besonnen haben, den Befehl zu ertheilen, der ihm der nothwendige und den
Verhltnissen angemessene erschien.
    Doch blieb es still. Nur ein schrferer Nachthauch fuhr durch die
herbstlichen Bltter ... der Frst schlo das Fenster ...
    Noch floh ihn der Schlaf. Noch drckten zu viel der Lasten die Brust eines
Mannes, der bei der eisigen Athmosphre der Politik doch noch nicht ganz in
seinem innersten Herzen erstarrt war.
    Was trennt mich denn von Euch, sagte er noch hinausstarrend durch die
geschlossenen Fenster in die Nacht und die Hnde zusammengefaltet im Schooe
ruhen lassend, was hat denn unsere Bahnen so unterbrochen, da sie nicht mehr
zusammengehen konnten? Standesvorurtheile? Die Verschiedenartigkeit der
Interessen? Ihr denkt so, ich wei es und eine Weile, als ich mit Eurer Hlfe an
jenem strmischen Abende in Paulinens Villa das Testament der Mutter erobert
hatte, dachte ich selbst nicht anders. Aber schon hatte ich den Trumen
widersprochen, mit denen Ihr die Welt zu bessern gedachtet, schon mein System
der Pflichten aufgestellt Euerm System der Rechte gegenber. Was ist zu thun,
wenn zwei streitende Gedanken pltzlich auseinandergerissen werden von dem
Leben, das dem Einen sagt: Lasse Das! und dem Andern: Thue Das! Die Aufforderung
zum Handeln kommt, so lange die Erde stehen wird, wohl an jeden Gedanken zu
frh. Immer wird ihm noch etwas an seiner Reife fehlen, immer wird ein Moment
ihm noch zu gewinnen sein, die allgemeine bereinstimmung, und schon soll er
handeln, schon das Leben umgestalten, schon sich in der Welt, wie sie gegeben,
fest bewhren. Da hatt' ich keine Mglichkeit mehr, mit Euch zu wandeln. Die
groe Aufgabe des Staatsmannes traf mich berraschend, aber nicht unvorbereitet.
Ich hatte Das, was Genf, was Bonn und Gttingen mich lehrten, nicht vergessen,
in Paris hab' ich nicht aufgehrt, mein theoretisches Rstzeug zu mehren, es zu
schrfen, rein zu erhalten vom Roste der Alltglichkeit. Das Denken, das Lernen,
das Aufspeichern war mir, als ich mit dem Volke lebte, eine klsterliche
Vorbereitung auf einen Beruf, den mir der Zufall schenkte, denn suchen konnt'
ich ihn nicht, in dieser strgen Lethargie nicht, die wir unter Bchern und
Frauen empfinden. Es gibt keine gefhrlichere Wonne, als die Liebe einer schnen
Frau verbunden mit dem Luxus der Ideenbereicherung durch bloes geistiges
Aufnehmen aus Bchern, Reisen, allen erdenklichen Wissensquellen, nur nicht dem
Born des eignen Arbeitensollens, des eignen Schaffens! Ionischer Himmel, die
Liebe Kleopatrens und die Bibliothek von Alexandria ... an dieser hchsten aber
gefhrlichen Seligkeit des Lebens, zugleichgenossen, sind die grten Genies zu
Grunde gegangen ... ich wollt' es nicht, ohne darum ein Genie zu beanspruchen.
    Die unwillkrliche Erinnerung an Helenen trieb Egon vom Sessel empor. Es
schauderte ihn hinberzublicken auf die Fenster, wo eben Melanie's Licht erlosch
... Helene blieb ein Akkord in seiner Seele, der, selbst wenn sie einem Maler
Namens Heinrichson gehren und jetzt mit diesem in Paris weilen konnte, ihm
einen Schmerz verursachte, wie wenn er sich pltzlich in einem Gefngni
erblickte. Er trat auf mit schallendem Futritt, er fhlte sich elektrisirt, er
wute nicht, ob vor Wonneschmerz oder vor Wuth, er htte an Eisenstbe greifen,
an ihnen rtteln mgen ... er konnte sich nicht beruhigen, ehe er nicht die
khlen feuchtansetzenden Scheiben des Fensters an seiner Stirn fhlte. An diese
lehnte er sich und dachte mit Klagen:
    Was wr' es nun, wenn ich den Mantel nhme, diese Zimmer verliee, den Berg
hinunterschritte, an den Thurm trte und, der Wachen nicht achtend, die ihn
hten werden, zu dem Fenster emporriefe: Schlfst du, Wildungen? Frchte nichts!
Mich schwindelt auf der Bahn, die ich wandele! Dein Mrtyrerthum ist grer als
meine Freiheit! Und wenn du Freiheit willst, ich will sie dir geben, will mit
dir fliehen, hinaus in die Welt, in ein Felseneiland, will dies knstliche
Gewebe, das mich umsponnen hat, zerreien, dies Gehuse zertrmmern ... ich will
ein Genosse deines Bundes sein, dieser furchtbar anwachsenden, wie das Erzgeder
in einem Bergschacht verbreiteten und dich vor uns verurtheilenden Ritterschaft
vom Geiste ...
    Es war ein Augenblick, der ihn so berflog, so aus der knstlichen
Selbstbeherrschung und der Aufgabe, die er fr die Welt durchfhrte,
hinausschleudern konnte ... Melanie, Pauline, Amanda, das waren Namen, die ihn
immer nur starr machten, kalt, entschlossen ... Bei Helenens Namen aber
berwehte es ihn wie einer jener weichen Sdwestwinde, die wie auf feuchten
Schwingen mild und lockend uns pltzlich anhauchen nach langer trockner
Witterung ... Die Verfhrung dauerte aber nicht lange. Sie hrte mit dem Anruf
der Wachen auf, die er vom Thurme hrte. Es waren Gendarmen, die die Posten
wechselten ... morgen in der Frhe sollte der Gefangene in einem verschlossenen
Wagen in die Residenz gefhrt werden.
    Ah! der Frst strich sich gleichsam das Haar von der Stirn zurck. Er
verga, da sich der Scheitel nach seiner Krankheit vllig gelichtet hatte,
whrend der Rest, der ihm geblieben, schon graue Spitzen zeigte. Er runzelte die
Augenbrauen und stellte die Lichter so, da er nicht in Versuchung gerieth, sich
im Spiegel zu erblicken. Er war zerfallen wie schon ein welkender Mann, whrend
er etwa dreiig zhlte. Aus jeder Kammersitzung kam er erschpfter. Wenn er bei
sich anfuhr, schlich er die Treppe hinauf, warf sich in ein Kanape und verlangte
eine halbe Stunde Ruhe um sich her, da er nicht sprechen konnte und vom
leisesten Gerusch gereizt wurde. Oft zuckten ihm Muskeln des Gesichts, ohne da
er es selber merkte. Wie todt streckte er sich dann, lie die Arme hngen und
staunte tief in sich selber, da diese ohnmchtige Hlle ein ihm selbst noch
fhlbares Bewutsein enthielt. Durch narkotische Mittel hatte er oft schon auf
Schlaf gehofft. Die Natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen. Die
Gesichtsfarbe wurde gelb, ein Beweis, da die Leber litt bei einem rger, den
ihm nicht etwa der Widerstand der oppositionellen Elemente verursachte, sondern
die Treulosigkeit seiner eignen Bundesgenossen und die Undankbarkeit Derer, fr
die er wirkte. Egon stritt gern ber Prinzipien. Eine Rede gegen die Demokratie
hob ihn, erheiterte ihn. Eine Rede gegen die Parthei der reinen
Konstitutionellen, gegen die Fractionen Justus und hnliche verursachte ihm
Appetit fr den Mittag, denn er gab Diners, bei denen er kaum mehr als einige
Lffel Suppe a. Aber Das, was an seiner Leber nagte, war die berzeugung von
der tiefen innern Verdorbenheit des Staates, den er vertheidigte, und seiner
Organe selbst. Der Ehrgeiz der Beamten, die heimlich den Boden unter ihm
durchwhlten, konnte ihm Anflle von Raserei machen. Er sah da Menschen, die in
stillen Zeiten emporgekommen waren, nie ein Prinzip hatten als das der
Befrderung, auch nie um ein anderes gefragt wurden, da die alte Zeit alle
Berufung an die Gewissen der Menschen ausschlo, Menschen, die nun auf
bedeutenden Posten stehend sich bei dem groen Kampfe, den er auszufechten
hatte, wie mige Zuschauer gebehrdeten. Man beneidete ihm hier seine Stellung,
die rein eine Folge des parlamentarischen Lebens war. Ohne fr das Beamtenthum
gebildet gewesen zu sein, war er Staatsmann geworden. Seine Jugend, sein Mangel
an Bekanntschaft mit dem gewhnlichen Geschftsgange der Ressorts, die er durch
Ministerialvorstnde verwalten lie, whrend er sich die Prinzipien vorbehielt,
nach denen die einzelnen Flle entschieden wurden, sein Terrorismus, der in der
That von Monat zu Monat zugenommen hatte und in eine brske Reizbarkeit
ausartete, alles Das hatte angefangen, ihm seine Stellung sehr schwierig zu
machen. Er nannte die neutrale Gleichgltigkeit hochgestellter Beamten Buhlerei
mit der Revolution. Er sprach von der mephistophelischen Bosheit der gewesenen
Minister, die Gott und dem Genius des Vaterlandes htten danken sollen, da er
das ihnen mislungene Werk vollfhrte, die Hydra der Revolution bndigte, und die
statt dessen in den Kammern und der Gesellschaft eine gravittische Ruhe
affektirten, jeden seiner Antrge erst prften, in den Commissionen die
grndlichsten Ausweise verlangten und ihn so hinstellten, als wenn er zwar die
Ausbung der Macht, sie aber die Macht selber wren. In der That hatte sich bei
Hofe und in der Adelskoterie auch schon die Meinung festgestellt, da diese
ganze Politik des Frsten Egon von Hohenberg nur von der Gnade der groen durch
die Umstnde zum Feiern gezwungenen Kpfe lebe, die sich wie Pairs des Reiches
im alten catalonischen Sinne gebehrdeten. Die Art Stndevertretung, die Egon
selbst frher bezweckt hatte, war eine Idee gewesen, die man, als er sie den
nchsten Rathgebern des Knigs vorschlug, erst bewunderte. Als aber die Emeuten
besiegt waren, als man einige Beispiele von Kraft auf der Strae und in den
Vestungen gegeben hatte, als sich tonangebende selbst hochgestellte Demokraten
nicht mehr aufrecht erhalten konnten, sondern im Auslande lebten oder sich durch
einen Bund nur strken konnten, der in diesem Augenblicke die einzige
Beunruhigung der Gesellschaft war, da drang auch Egon mit seiner Theorie der
Arbeit nicht mehr durch und war schwach genug, verwhnt genug schon durch die
Macht, gereizt genug schon durch den Zorn, seine brigen Werke den Nachfolgern
berlassen zu sollen, da er sich anbequemte und Gedanken annahm, die eben auch
in der konservativen Sphre die blichen Allerweltsgedanken waren. Die Freunde,
Dankmar an der Spitze, der nun in seine Hand Gegebene, hatten ihm diese Wendung
vorausgesagt. Er konnte sie nicht vermeiden, hate darum aber auch nicht wenig
die Urheber dieses Zerwrfnisses mit sich selbst und diese Urheber saen dicht
in der Nhe des Monarchen, buhlten um seine Gunst, waren die tgliche
Genossenschaft der auch ihm unzerstrbaren kleinen Cirkel. Der Hof geno die
Ruhe, die Egon dem Lande schaffte, in brusterlsenden, athembefreienden Zgen.
Das war eine Seligkeit, so die Gefahren allmlig verschwinden zu sehen, wie
verrollende Donner. Die groen Mchte hatten sich wieder gefunden, die Hfe sich
ausgeshnt, die nationalen Reibungen wurden fr falsche Deckmntel der
Revolution ausgegeben. Die Monarchen wollten sich unter sich selbst verstehen,
sie schlossen sogar die Minister aus und erklrten, wohl zu verstehen, worauf es
in Europa ankme, nmlich lediglich auf ihre Selbsterhaltung. Sie wollten nur
Armeen, nur Soldaten, nur Kanonen, nur Orden, nur Geld. Das brige, selbst an
den ihnen ergeben scheinenden und doch nicht ganz spezifisch geluterten
Staatsmnnern, war berflssig und nicht selten verdchtig. Ganz besonders war
es die junge Knigin, die genug mit tonangebenden Frstinnen dieser Zeit
korrespondirte, um diese Idee energisch zu vertreten. Es kostete Mhe,
wenigstens dem Knige noch den General Voland und seinen welttrumerischen,
sentimental haltlosen Standpunkt zu retten. Die Knigin verdchtigte Alle,
ausgenommen einige Kammerherren, einige Offiziere, einige Prsidenten und Rthe,
einige Professoren, einige Zeitungsschreiber. Sie erklrte, da im Augenblick
der Gefahr sich im Grunde Niemand bewhrt htte, und als der Knig erwiderte:
Aber General Voland wrde es, wenn er nicht gerade auf Reisen gewesen wre!
widersprach sie zwar nicht, bemerkte aber, der Staat kme ihr vor wie ein
schwankendes Schiff, Alles renne auf ihm hin und her, Jeder wolle helfen und
grade von dem Rennen, grade von dem Helfenwollen verlre das Fahrzeug das
Gleichgewicht und schlge ber; es solle daher nur Jeder ruhig auf seinem Platze
sitzen bleiben, dann wrden Alle gerettet werden. So konnte sie auch an Frst
Egon zwei Dinge durchaus nicht ertragen. Einmal: seine mangelnde Sittlichkeit
und zweitens die geringe patriotische Schwrmerei. Grade das Tiefsittliche in
Egon, grade das gegen den Hang der Natur in ihm fortwhrend Rebellirende
verstand sie nicht. Sie wollte die Demonstration der allgemein herrschenden
Sittlichkeits-Grundstze. Sie wollte Kirchenbesuch, Adelsgefhl, die Theilnahme
an dem Esprit de corps jenes moralischprden Wesens, wie man es einmal
eingefhrt und festgehalten wnschte. Egon pate in diese Kategorieen nicht. Er
besuchte die Kirche nicht, er that nichts fr die innere Mission, er heirathete
ein schnes, den verschiedenartigsten Urtheilen ausgesetztes Mdchen. Er fhrte
diese Frau zwar nirgends ein, muthete Niemanden zu, ihr zu huldigen, lie sie
nur da gelten, wo man sich ihr zu nhern sich selbst gedrungen fhlte; aber auch
in diesem Stolz lag etwas Verletzendes fr die hochgestellten Menschen, die
unbedingt einmal nicht wollen, da sie in irgend einem Vorfall der Welt
umgangen, in irgend Etwas unbercksichtigt, vermieden bleiben. Dieser Stolz des
Frsten wurde vollends beleidigend fr die Sphre des Hofes, wenn Egon von
Hohenberg gar so that, als wre der Staat ein Erstes und die Monarchie doch erst
ein Zweites und nun gar dies Knigshaus wohl selbst erst ein Drittes. Die
reaktionre Wildheit und Blindheit hatte grade umgekehrt nicht nur die
Monarchie, sondern grade diese Monarchie, dies Herrscherhaus grade mit seinen
Erinnerungen, seinem historischen Geprnge, seinen Wappen und seinen
Bannerfarben fr das Erste im Staate und den Staat selbst erst als das Zweite
erklrt und in einer solchen Ideenwelt stand Egon trotz seiner
Demokratenverfolgung, trotz seiner rcksichtslosen Bekmpfung der ihm anarchisch
scheinenden Gesellschaftselemente, gradezu wie ein Fremdling da. Und sonderbar,
Pauline von Harder hatte Recht, als sie ihm einmal, da er bei irgend einem Anla
von seinem wahren Vater Heinrich Rodewald gesprochen hatte, erwiderte: Im
Gegentheil, Egon! Sie besitzen ja einen Adelstolz, wie ich ihn bei keinem
Marschalk, keinem Harder angetroffen habe! Sie sind ja das ganze Bild jenes
unabhngigen Adelsgeistes, den die Frsten im Grunde so sehr frchten, wenn er
nicht zu Hofe hlt und von der Sonne ihrer Huld sich bescheinen lt! Wissen Sie
denn, da Amanda von Bury stolz war und ihren Adel hher hielt als den der
Hohenbergs, bis in der That die Frstenkrone sie ganz verwirrte? Ihr tiefes
Krperleiden, ihre geringen gesellschaftlichen Erfolge untergruben sie. Voll
Schmerz und Zorn floh sie auf die lndliche Zurckgezogenheit ihrer Gter und
ich kann mir's denken, da trotz aller Selbstkasteiung, trotz alles
Beichtbedrfnisses sie eine eigenthmliche Befriedigung darin gefunden hat,
Ihnen zu sagen, da Sie ihr Sohn, nicht der des gefrsteten Grafen Waldemar von
Hohenberg sind! ... Egon lehnte diese Vermuthung, lehnte seinen Adelsstolz ab
und nannte sich nur einen Staatsphilosophen, der an seiner eignen Geschichte
erkenne, was eigentlich den modernen Staat wurme und an ihm zehre; es wre dies
das tiefe Gefhl seines eignen innerlichsten Irrthums! Am Hofe mute er bei
solchen offnen und verschwiegenen Auffassungen lngst fr einen Grillenfnger
gelten, den man nur noch zu schonen hatte. Man schonte ihn, weil man noch keinen
Nachfolger hatte und erst allmlig die Menschen, die besonders die Knigin ihm
aus den Reihen der frmmelnden und servilen Beamten oder der bramarbasirenden
Junker gern substituirt htte, von ihren niedrigen Stellungen in der
Beamten-Hierarchie emporsteigen lassen mute. Egon erkannte diese Politik sehr
wohl und unterschrieb die Befrderungspatente von Legationssekretren,
Subaltern-Offizieren, bisherigen Landrthen, reaktionren Zeitungsredakteuren
einst mit einem Worte, das man am Hofe sehr abscheulich fand: Jeder Mensch
ernhrt mit seinem besten Lebensblut die Wrmer, die ihn tdten, die aber dafr
auch zuletzt den hohen Genu haben, an seinem Leichnam sich selber todt speisen
zu drfen.
    Mit dstrer Verbitterung sich in alles Das ergebend, was sich in seinen
Verhltnissen zu den frheren Freunden nun einmal so und nicht anders gestaltet
hatte, ging der Frst gegen zwlf Uhr endlich zur Ruhe. Hatte ihn gleichsam die
eigne Schuld Dankmar's an dessen Loose beruhigt, hatten ihn wieder die Papiere
vershnt, die er ber Ackermann's Verwaltung neben seinem Bette liegend fand, er
schlief besser als jemals und hrte am Morgen spt erwachend mit ruhiger
Gelassenheit, da der Gefangene schon in aller Frhe in einem Wagen zur Residenz
abgefhrt war.
    Er fhrt einer berraschung entgegen, sagte einer seiner in der Frhe mit
ihm arbeitenden Rthe, er wird den Proze gegen uns und die Stadt vielleicht
gewinnen! Der Generalpchter soll gestern Abend die Nachricht mitgebracht haben,
da zwei kleine Pnktchen in den alten lateinischen Urkunden die Entscheidung
herbeigefhrt htten.
    Ist Ackermann also da? fragte Egon, trotzdem, da sich Dankmar bei diesem
verborgen gehalten, von der Nachricht seiner Ankunft angenehm berhrt. Er
hoffte, sich gegen ihn aussprechen zu drfen. Er hoffte, ihm sagen zu knnen,
da er seine Nachsicht aus Liebe zu Selma, seinem Kinde, verzeihlich finde. Er
hoffte, Versicherung geben zu knnen, da gegen Dankmar nur der Verdacht
vorlge, Stifter eines geheimen, den Staat bedrohenden Bundes, keiner
eigentlichen Verschwrung zu sein ... er hoffte auf eine, seine Brust
erleichternde Unterredung mit diesem Landwirth, der ihm unter so vielen
Querkpfen, mit denen er zusammenstie, seit lange die gediegenste und
tchtigste Natur erschien ...
    Er hatte die Absicht, im Laufe des Tages das Schlo zu verlassen und in die
Residenz zurckzukehren, wo seine Gegenwart bei der whlerischen Unruhe der
Knigin und ihrer Partei nothwendig schien ...
    Eine Anfrage an die Frstin, ob sie geneigt wre, fr heute schon die
gemeinschaftliche Rckreise zu gestatten, brachte die Antwort: Mit Freuden!
    Egon fhlte, da Melanie unter Dankmar's Schicksal litt. Er wute nicht, da
sie ihn geliebt hatte, er wute nicht, wie sie ihm jenes Bild der Mutter erobern
half, aber er wute, da er ihr werth war und zu seiner Philosophie gehrte es,
einem Weibe, das man liebt, nicht die Vergangenheit vorzuhalten. Er hatte Das
auch bei Helenen nie gethan und bei Melanie dafr neue Beweise gegeben.
    Um neun Uhr wollte er die Frstin sprechen ... es hie, sie hlfe rumen,
einpacken ...
    Um zehn fragte er ungeduldig, wann denn endlich Ackermann kme ...
    Um halb eilf kam Herr von Zeisel und berichtete ber Dankmar Wildungen und
seine ruhige Ergebung in das ihm widerfahrene Geschick. berraschend war die
Mittheilung, da der Generalpchter schon gestern Abend, als er Herrn von Zeisel
mit dringender Theilnahme wegen des Gefangenen im Amthause befragte, die
sonderbare Enthllung ber seine Person gegeben htte, da er bisher von
Verhltnissen gedrungen gewesen wre, einen andern Namen zu fhren, als der ihm
eigentlich gebhre. Er bte davon Act zu nehmen. In der Residenz htt' er sich
aus Ursachen seinen Verwandten erst jetzt entdecken knnen und bte ihn nun ...
zu nennen ... aber wie?
    Egon fand es sehr in Herrn von Zeisel's Art, da er den zu seinem neuen
Befremden erst jetzt angegebenen wahren Namen des Generalpchters nicht behalten
hatte.
    In demselben Augenblicke aber wurde von dem Bedienten der Generalpchter
Rodewald genannt, als derjenige, den Se. Durchlaucht jetzt in der That sprechen
knnten, er stnde im Vorzimmer ...
    Wer? fragte der Frst und glaubte nicht recht gehrt zu haben ...
    Richtig! Rodewald! sagte Herr von Zeisel und gab nun mehrmals den Namen an,
der ihm entfallen war. Rodewald! Der Generalpchter erzhlte mir in der
Theilnahme fr das Geschick seines vermeintlichen Schreibers, den er duldete,
weil er seine Tochter liebte, da er vor dreiig Jahren auswanderte, der Sitten
und Beziehungen der Heimath unkundig, nicht ahnend, da er die
Verantwortlichkeit einer Schuld auf sich lade, die auch vielleicht geringer
wre, als sie die Gesetze darstellten ...
    Welcher Name? sagte der Frst fast schon tonlos ...
    Rodewald! wiederholte der Justizdirektor. Ich werde die Verdienste und das
Genie dieses Mannes nie in Abrede stellen. Er hat sich eine Aufgabe gestellt,
die ber meine Krfte gegangen wre. Es ist ein Kameralist in der besten
Bedeutung des Wortes. Nach seinen Mittheilungen glaub' ich zu schlieen, da
diese bernahme der Gter Ew. Durchlaucht ihm rein eine Sache der Liebhaberei
und dabei ein heiliger, ja edler Ernst ist und ich mchte bitten, meinem guten
Nachbar das Versehen ...
    Aber Herr von Zeisel mute eine eigenthmliche Wirkung seiner freundlichen
Rede bemerken. Er sah, da der junge Frst schwankte, sich zum Herzen griff,
nach seinem Stuhle langte ...
    Um's Himmelswillen, was ist Ihnen, Durchlaucht? rief der gutmthige Mann und
wollte klingeln.
    Der Bediente entfernte sich rasch, wollte Wasser holen, rief ohne Zweifel
dem wahrscheinlich noch mehrere Zimmer entfernten Rodewald zu, er mchte spter
kommen ...
    Der Sekretair des Frsten begegnete aber dem Bedienten schon und hatte eine
Karte in der Hand, die er dem Frsten von dem Harrenden noch bergeben sollte
...
    Egon erholte sich etwas und vernahm, was ihm unter Fragen nach seinem
Befinden gemeldet wurde ...
    Der Generalpchter htte diese Karte abgegeben, die den vollstndigen Namen
enthalte, den er seit acht Tagen fhre ... er bte Se. Durchlaucht um Verzeihung
ber sein langes Ausbleiben ... Familienverhltnisse htten seine Rckkehr
verzgert ...
    Indem las Herr von Zeisel die Worte:
    Heinrich Rodewald, Generalpchter der Besitzungen Sr. Durchlaucht des
Frsten von Hohenberg ...
    Egon griff nach der Karte, berflog sie ... man brachte Wasser ... Er schien
sich aber erholt zu haben. Die Hlfe war nicht mehr nthig. Der Justizdirektor
glaubte sagen zu drfen:
    Es nimmt allerdings gegen eine Persnlichkeit ein, wenn sie gleich Anfangs
nicht offen und wahr uns entgegen tritt und dennoch glaub' ich, dieses kleine
aus Familienrcksichten beobachtete Stratagem des Herrn Heinrich Rodewald doch
der Nachsicht Ew. Durchlaucht anempfehlen zu mssen ...
    Diese Vermittelung des wohlwollenden Diplomaten war aber nicht nthig. Egon
hatte schon entschieden. Ein furchtbarer Verdacht, nicht mehr Herr seiner
selbst, auer Paulinen von Harder, nicht einziger Besitzer seines Geheimnisses
zu sein, hatte ihn wie ein Blitz ergriffen. Das erste Gefhl bei dem Namen
Rodewald war das des Entsetzens, der Furcht, der Liebe, der Rhrung. Als er aber
wieder hrte: Heinrich Rodewald, als er Dankmar Wildungen mit Dem, der ohne
Zweifel Der war, der ihm das Leben gegeben hatte, in Verbindung sich dachte,
ergriff ihn die entsetzliche, ihn nicht zu Boden schmetternde, sondern zum Zorn,
ja zur Wuth aufstachelnde Vorstellung von einem geheimen ihn umspinnenden Netze
einer bsen verrtherischen Absicht ... und nun gar das Wort: Generalpchter der
Besitzungen Seiner ...
    O sagen Sie dem Generalpchter ...
    Der Name erstickte auf der Zunge. Dennoch raffte er sich auf und fuhr zu dem
Sekretair fort:
    Sagen Sie Herrn Heinrich Rodewald, da ich ihn jetzt nicht mehr sprechen
kann. In einer Stunde reis' ich ab. Nach der Residenz wrd' ich ihm den Tag
melden lassen, wo ich ihn zu sehen wnsche, falls ihn der Ruf der Gerichte nicht
frher dorthin vor die Schranken fordern sollte.
    Der Sekretair ging mit dieser den Umstnden angemessenen Antwort. Herr von
Zeisel wurde leidlich freundlich entlassen ...
    Keiner Besinnung mehr fhig, gab Egon die Befehle zur Abreise. Er war wie
ein zur Flucht Gehetzter ... Melanie erstaunte ... begriff den Zusammenhang
nicht ... Nur fort! fort! herrschte der Frst in dem ihm eignen kalten und
unerbittlichen Tone, wenn ein Gedanke ihn einmal mit dem Drang der
Nothwendigkeit ergriffen hatte. Er a nichts. Er stand Niemanden Rede. Jedermann
glaubte, nur ein Staatsgeheimni knnte ihn so erschttern, so aufregen. Man
gehorchte seinen Befehlen. Aus einer Stunde wurden aber doch zwei, drei, vier,
fnf ... trotz Dorette Wandstabler, die Wunder wirken konnte, wenn man ihr etwas
aufgab, wie eine solche pltzliche Abreise. Um ein Uhr fuhr man in der That erst
vom Schlosse ab. Zuerst wenigstens Frst Egon und seine Gemahlin, die in die
Residenz zurckkehrten nach einem Aufenthalte, der statt drei beabsichtigter
Wochen wenig ber zehn Tage gedauert hatte. Alle hatten sich dies Wiedersehen
anders gedacht, selbst der alte Winkler und Mutter Brigitte, die von den Zeiten
des Feldmarschalls her sich viel schne Erinnerungen an Trinkgelder und
allerhand Lustbarkeiten erhalten hatten. Selbst ihre Frmmigkeit htten Beide
dem neuen Regimente zum Opfer gebracht, wenn es doch nur auch einigermaen nach
alter frstlicher Art und Hoheit hergegangen wre. Es war aber nicht gewesen und
Allen blieb ein Erstaunen, ein tiefstes Befremden, ein Kopfschtteln, ein Rathen
und Klagen ber gute alte, nie rckkehrende Zeit zurck. Die grte Bestrzung
setzte man aber im Ullagrunde voraus bei dem neuen Herrn Rodewald! ... Frnzchen
Heunisch sah auch bei ihm nur Thrnen und deutete sie auf den guten, immer so
heitern, freundlichen, gerechten Dankmar Wildungen und sein Schicksal. Sie war
es, die darber an Selma schrieb. Sie war die einzige Vertraute dieses stillen,
Allen jetzt erst sich aufklrenden Verhltnisses zwischen ihr und dem
unglcklichen Dankmar gewesen. Als sie den Brief geendet hatte, fragte sie den
tief in Gedanken versunkenen Generalpchter, ob er nicht selbst noch ein Wort
beifgen wollte ...
    Er hrte nicht ... Sein Kopfschtteln nahm sie fr eine Verneinung. Sie
schlo selbst den Brief an Selma Rodewald auf Tempelheide und trug ihn nach
Plessen, von wo die Briefe auf das Postamt zu Schnau befrdert wurden.

                               Siebentes Capitel



                          Der Spruch des Obertribunals

Zu einer fr die Sitten der hhern Stnde auerordentlich frhen Stunde fuhr am
Palais des Frsten von Hohenberg in der Stadt ein Wagen vor, dem eine hohe,
schlankgewachsene, schon ltere weibliche Erscheinung entstieg. Sie fand die
Dienerschaft in voller Bewegung. So schnell hatte man die Rckkunft der
Herrschaften nicht erwartet. Um Mitternacht waren sie angekommen nach einer
Fahrt ohne Aufenthalt, fast wie vom Sturmwinde dahergefhrt ...
    Es war ein regnerischer Tag. Die Aussteigende achtete kaum des Schirmes, den
der Bediente ber sie hielt. Mit raschen Schritten war sie unter dem
Sulenportal, die Stiegen hinauf, an die Zimmer der Frstin gekommen, wo sie
trotz der frhen Stunde Einla fand. Die Kommende war eine Frau, der das ganze
Palais wie ihre eigne Wohnung offen stand, Pauline von Harder.
    Die Frstin, eben erst nach der ermdenden so pltzlich anberaumten
Rckfahrt von Hohenberg von ihrem Lager erstanden, ordnete in einer Anzahl von
Paketen und Zusendungen aller Art, die sie auf dem Hohenberg nicht hatte
empfangen wollen. Sie war in ihren Rumlichkeiten etwas beschrnkt. Das groe
Palais trug berall die Spuren des langen Alleinbesitzes durch den
Generalfeldmarschall. Das hier den Frauen gebhrende untere Stockwerk war
vernachlssigt und bedurfte eines Umbaues, zu dem dem Frsten jetzt die Mittel
und die Mue fehlten. So war sie auch auf kaum drei Zimmer und eine Anzahl
Kabinette beschrnkt, deren Ausstattung nach den Anforderungen des neuesten
Komforts viel zu wnschen brig lie. Die bergroen, hohen, oben gerundeten
Fenster hatten etwas Peinlich-Feierliches, in das sich Pauline von Harder am
wenigsten finden konnte. Jedes Mal, wenn sie zur Frstin kam, war ihr erstes
Wort eine Anklage ihrer Zimmer. Nein, diese Reitsle, nein, diese
Kirchenfenster, nein, diese Laternen-Existenz! Ihr mt bauen lassen, dieser
alte Palast-Styl ist zu rococo geworden, zu unbequem! Alle Zimmer wie Esle in
den Kasernen, wie die Rume eines anatomischen Museums! Hier knnt' ich nicht
leben! Wie Das hier zieht! Nein, treten Sie hierher, Melanie, wie hier die
Fenster wackeln! Halten Sie die Hand dahin! Und diese Parketts, diese Thren,
diese Plafonds! Hier brecht Ihr einmal frmlich durch oder die Decke fllt Euch
eines schnen Morgens gradezu auf den Kopf!
    Heute machte die Geheimrthin eine Ausnahme von dieser fast stereotypen
Regel. Sie berraschte die Frstin auf ihrem gewhnlichen Etablissement, einem
an ein groes Fenster gerckten Durcheinander von Sthlen, Halbsophas,
Chaiseslongues, Balzacs, die rings um einen Tisch gerckt waren und so
standen, da man auf ihnen sitzend oder liegend ein volles Licht geno. Die
Frstin war nach ihrem huslichen Winkelwerk in der alten Komthurei sehnschtig
nach dem Lichte geworden und lebte hier wie eine Blume dem hellen Tage
zugewandt. Und die Geheimrthin tadelte beim Eintreten gewhnlich auch diese
Niederlassung. Immer trat sie mit dem zweiten Theile ihrer Predigten ein: Aber,
Beste! Sie sitzen schon wieder auf der Strae! Ich sehe Sie schon wieder zum
Fenster hinausfallen! Sie haben nun das Einzige, was diese alte Kommode von
Palais noch brauchbar macht, die dunkeln Winkel und dennoch - rcken Sie doch
die Etage?re da fort und stellen Sie das Kanape dahin - Himmel, wie knnt' ich
so aushalten! Ich wrde die Chaise longue umwenden, so fllt das Licht besser,
hier die Tabourets, da der Spiegel! Die Konsolen mssen drben hin an den
Blumentisch, mit dem wrd' ich die Chaise longue maskiren und den Balzac, den
wrd' ich dorthin schieben, wo der Frst das Licht auf sich fallen hat! Welche
Frau lt denn immer das Licht auf sich fallen und die Mnner im Dunkeln sitzen!
Grade umgekehrt!
    Aber auch diese zweiten stereotypen Eintrittsworte der Geheimrthin fielen
heute fort. Sie hatte nie ein Besserwissen bei ihnen im Sinne, sondern nur ein
Besserwollen, wirkliche Absicht sich ntzlich zu erweisen. Der Frst war ja fast
ihr Sohn geworden und die Frstin noch mehr, ihr Bijou. Sie hatte diese zwei
Menschen von der ganzen brigen Welt wie losgelst und gleichsam fr sich
adoptirt. Gesellschaftlich existirten sie nur fr sie und Diejenigen, denen sie
gestattete, sich ihnen zu nhern. Und regelmig auch, wenn Pauline die Bauart
des Palais und die Anordnung des Komforts getadelt hatte, bewunderte sie die
Toilette der Frstin und ihre Schnheit. Das stand so fest. Erst der Ausfall auf
diese Treppen, diese Fenster, dann sogleich eine Polemik gegen die Chaises
longues und die Balzacs, aber zur Ausshnung dann auch: Sie haben freilich das
Helldunkel der petits coins nicht nthig! Sie sind ein Edelstein, der immer 
plein jour gesehen werden mu! Und diese allerliebste gelbe Kapotte, wie lange
tragen Sie die? O wie lieb hab' ich die natrliche Seide! Sie erinnert mich
immer an die zarten Cocons von Italien ... charmant, diese Morgenrobe! Wie
allerliebst das Gewebe dieser Brandenbourgs! O wie bewundr' ich Ihren Geschmack,
Sie sind schon die Tonangeberin der Gesellschaft geworden und Alles richtet sich
nach Ihnen!
    Heute wurde aber auch diese Anerkennung der Schnheit, des Geschmackes und
der Morgentoilette nicht ausgesprochen, obgleich grade diese neu war und fr den
Herbst hier schon die Frstin erwartete.
    Es war nur das Einzige: Warum sind Sie schon da? Was treibt Sie zurck? Wo
ist der Frst? Ich mu ihn sprechen. Verrieth er Nichts? Sagt' er Nichts? Hat
man Nichts entdeckt? Was wissen Sie? Was wei Egon? Reden Sie doch! Ich
beschwre Sie!
    Die Frstin schwieg jetzt vollends erst, sie war betroffen genug ber die
pltzliche Abreise von Hohenberg. So wie sie einst eine ganze Gesellschaft von
jenem Schlosse mit dem Machtworte: Wir reisen! entfhrt hatte, so war sie jetzt
selbst entfhrt worden und unmglich konnte es wie damals Dankmar Wildungen
sein, der wenn auch unter traurig vernderten Umstnden die Veranlassung dieser
Eile war. Einfach berichtete sie:
    Wir sind Kurier gefahren. Von ein Uhr gestern Mittags bis diese Mitternacht,
ohne Aufenthalt. Egon schien bewegt, gereizt, ja voll Zorn. Sie wissen, da ich
in solchen Fllen meine alten Arien trllere und durch meine schlechte Stimme
sein zum Tadeln geneigtes Gemth auf einen Gegenstand ablenke, den ich von
Herzen gern dem Spott und einem Ausrufe: Verschone meine Ohren! preisgebe.
    Pauline von Harder kannte diesen eigenthmlichen Pflichtenkultus, der den
Frauen gestellt ist, sich in ein fremdes Mnnerwesen, das zufllig mit uns
verheirathet wird, ohne Sympathie des Herzens hinberleben zu mssen. Sie nannte
diese Aufgabe eine von den mehreren Mrtyrerschaften der Frauen. Sie wute, da
Melanie den Frsten nicht mit der Innigkeit des seligsten Einverstndnisses
liebte, sondern da sie in Furcht und Zagen, dabei diese Furcht verbergend und
hinter guter Laune versteckend, so hintastend in dem fremden, seltsamen Manne
sich festzuwurzeln suchen mute. Es ist Das unser Aller Loos, sagte sie sonst
wol schon, wir mssen Alle diesen Schauder berwinden, ein durch Zufall an uns
gekommenes Wesen unser zu nennen und nun zu forschen, wie sich wol dieser
dunkeln Persnlichkeit menschlich beikommen lt, bis dann gewhnlich uns die
eingefleischten Teufel angrinsen, lgnerische, gemeine Naturen erkenntlich
werden, Betrger, oft falsche Spieler, ja Ruber ... kurz, Pauline von Harder,
wenn ihr die Ludmer damals nicht zugeblinkt und gleichsam gerufen htte: Aber
Pauline! wrde zur Besttigung dieser einen von den mehreren Mrtyrerschaften
der Frauen vielleicht gar die Geschichte des Barons Grimm erzhlt haben. Sie
bewunderte immer an Melanie diese groe Kunst, mit der sie sich in ein ihr
fremdes und innerlichst antipathisches Leben eindachte und Egon selbst einmal zu
der etwas dunkeln Bemerkung veranlate: Ich fhle Das so, liebe Pauline, da ich
glaube, Melanie mit mehr belohnen zu mssen als nur mit meinem Frstentitel!
    Heute aber verlie die Geheimrthin sogleich das Feld der Reflexionen und
wollte Thatsachen. Sie sprach von der schon in aller Frhe durch Pax und die
Ludmer ihr bekannt gewordenen Verhaftung jenes Dankmar Wildungen, dessen frhere
Beziehung zu Egon, besonders aber zu Melanie und die dem Frsten unbekannt
gebliebene Theilnahme desselben an der dunkelsten Geschichte der Eroberung des
Bildes seiner Mutter ihr gelufig genug war. Es gab ein Geheimni ber Egon, das
die Geheimrthin Melanie verschwieg, den Inhalt jenes Testamentes der Mutter,
und es gab wieder ein Geheimni von Melanie, das die Geheimrthin Egon
verschwieg, die Art, wie Dankmar Wildungen zu dem Bilde, das jene
Denkwrdigkeiten enthielt, gekommen war. Die Diskretion ber so gewaltige
Lebensfragen gehrte bei dieser in vielen Dingen einzigen Frau zu ihrer Natur.
Sie machte nicht einmal Anspruch, da ihr diese Diskretion als eine Tugend
angerechnet wurde.
    Pauline wollte sogleich von Dankmar reden, aber wichtiger war ihr doch, ein
furchtbares Wort von der Zunge zu lsen:
    Sprach der Frst seinen Generalpchter?
    Nein, erwiderte Melanie. Geschfte hielten diesen fern und als er zurckkam,
hatte der Frst schon den Plan zur schnellen Rckreise gefat.
    Sagte er nichts von ihm? Nannte er ihn nie?
    Wen?
    Sie sind so ruhig, Melanie! Nannte er nie -
    Was ist nur?
    Der Frst sprach ihn nicht? Sah ihn nicht?
    Dankmar Wildungen?
    O Sie Gute! Woran denken Sie? Ich glaube wol, da Sie nur an ihn denken ...
    Sie sprechen von jenem Ackermann - doch nein, er heit ...
    Sie wissen? ... Egon wei?
    Mein Gott, was sind Sie aufgeregt!
    Sagen Sie mir, Beste ... was red' ich denn? O, ich kann nicht da sitzen, ich
kann nicht da stehen ... ich habe den Frsten zu sprechen ...
    Die Frstin begriff die Aufregung der Geheimrthin nicht, die im Zimmer auf
und ab schritt und zuletzt abbrach, um sich zu den Zimmern des Frsten zu
wenden, die ihr offen standen zu jeder Zeit.
    Schon hatte sie den Drcker in der Hand, als ein Bedienter mit Papieren
eintrat, Rechnungen, Bchern ...
    Durchlaucht zu sprechen? Melden Sie mich ihm! sagte Pauline.
    Excellenz, Bankier Reichmeyer sind drben ...
    Reichmeyer? So wie er geht, sagen Sie, ich bte um einen Augenblick.
    Der Diener ging. Pauline sank auf einen Sessel. Melanie fragte nach der
Ursache ihrer Aufregung.
    Nichts, Beste! Nichts! Aber Sie sagten, der Frst wei, da der unter dem
Namen Ackermann bei ihm in Dienste getretene konom seines wahren Namens
Rodewald heit!
    Rodewald! antwortete Melanie, die den Namen nicht hatte behalten knnen. Der
Frst schien ungehalten ber ihn, sprach oft vor sich hin jenen Namen, zog eine
Visitenkarte, die den Namen, richtig, Heinrich Rodewald, enthielt ...
    Heinrich Rodewald!
    Aber was haben Sie nur mit diesem Namen?
    Er sprach ihn nicht?
    Der Frst den Verwalter? Nein!
    Er vermied ihn?
    Er schien erzrnt auf ihn. Das Auftreten mit einem falschen Namen schien ihm
zu misfallen. Seine lange Abwesenheit, whrend wir in Hohenberg waren, ohnehin.
Und wenn ich recht verstanden habe -
    Was?
    So emprte es ihn, da Wildungen, ein Verfolgter, ein Kompromittirter sich
auf seinen eignen Gtern hatte aufhalten, bei seinen eignen Beamten hatte Schutz
finden knnen ...
    Wildungen ist ja der Neffe jenes Rodewald ...
    In der That? Das entschuldigt den Generalpchter. Der Neffe! Man sollte
nicht zu streng sein in der Art, wie man jetzt die Verlugnung der natrlichsten
Gefhle verlangt. Und Sie wissen doch, da Wildungen die Tochter dieses Rodewald
liebt ... also seine Cousine!
    Meine Nichte!
    Ihre Nichte?
    Selma!
    Selma Ihre Nichte?
    Ha! Was sag' ich! Ich vergesse, da ich in der Sphre der Gromtter lebe.
Die galante Sprache hat fr die Grotanten keinen Namen, der mit dem Begriff
Enkel korrespondirt. Selma Rodewald ist die Tochter meiner Nichte, die Enkelin
Annen's. Sie ist drauen in Tempelheide ...
    Weiter kam Pauline nicht in Aufklrungen, die die Frstin berraschen
muten. Der Diener war zurckgekehrt.
    Bankier Reichmeyer konnte nicht hindern, da Pauline sogleich zum Frsten
eintrat. Hatte doch, wie man zugleich erfuhr, eben angespannt werden sollen,
damit der Frst grade zur Geheimrthin fuhr! Sie verschwand. Die Frstin war
allein und blickte bewegt der Eilenden nach. Sie kannte keinen Zusammenhang,
suchte ihn auch nicht, forschte auch nicht. Sie begngte sich, einen schnen
vollen Blumenstrau, den ihr eben Dorette Wandstabler hereintrug, in zwei
Hlften zu theilen und die grere sauber mit einem Bndchen zu umwickeln, sie
in einen feinen Briefbogen zu hllen und in die Komthurei als Morgengru an ihre
Eltern zu schicken. Den Rest betrachtete sie voll Nachdenken. Sie mute sich
Selma's Rodewald erinnern, die sie ein einziges Mal flchtig als Knaben gesehen
hatte. Sie mute der Freude gedenken, die dies Mdchen empfand, als sie bisher
im Ullagrund Dankmar vor Gefahren schtzen konnte, des Schreckens jetzt, wenn
sie in Tempelheide das Schicksal des Geliebten erfuhr. Sie mute sich sagen: Ich
bin eiferschtig auf ihr Glck und ihr Unglck.
    Egon aber kam Paulinen schon auf halbem Wege entgegen. Sie brauchten sich
nichts zu sagen. Beim ersten Blick wuten sie, was sie in dieser Stunde
zusammenfhrte. Sie zogen sich, Reichmeyer war gegangen, in das entlegenste
Kabinet zurck. Dort erzhlte Pauline, wie sie erst vor wenig Tagen von den
Vorfllen auf Tempelheide wre unterrichtet worden, wie sie erst von Gerchten
die Ankunft einer Enkelin ihrer Schwester, dann durch die Nachforschungen der
Ludmer den genauesten Zusammenhang in Erfahrung gebracht htte. Jener Ackermann,
der des Prinzen Gter mit unbestreitbarem Glcke zu bewirthschaften begonnen
htte, wre Rodewald! Ihr wr' es gewesen, als ffneten sich die Grber! Aber,
fuhr sie fort, Rodewald ein konom, ein Schaafzchter, ein Wollhndler, ich
mocht' es nicht glauben. Dennoch ist es so. Ich bin gefat, Egon. Aber Sie?
    Ein Blick auf Egon zeigte ihr dessen tiefste Erschtterung. Er hatte die
Hand auf die Sophalehne gestemmt und sttzte das bekmmerte Haupt ...
    Pauline fuhr fort hastig zu erzhlen, von Selma, von dem Glck der
Schwester, von dem Antheil, den alle Cirkel an dem Vorfall nhmen.
    Egon erwiderte immer noch nichts. Er kannte alle Persnlichkeiten, die
Pauline erwhnte, setzte sich aus ihren Verwickelungen ihre Verhltnisse und
gegenwrtigen Situationen zusammen und lie Pauline reden, die sich neben ihn
auf das Kanape setzte und gespannt lauschte, welche Entschlieungen sich auf
seinem Antlitz kenntlich machen wrden.
    Man erzhlt sich, fuhr sie fort, wie die Mdchen Selma und Olga sich und
ihre nahverwandte Neigung zu den beiden Wildungen erkannten. Im Tannenpark auf
Tempelheide hngen olsharfen. Eine berraschte die Andre fters unter den
melodischen Klanggren aus unbekannten Luftreichen. So wuten sie bald, da in
ihren jungen Herzen gleiche Flammen schlugen, gleiche Sehnsucht sie in's Weite
und Unendliche zog. Nun tauschten sie ihre Ideale aus und nannten sie nicht. Im
Scherze aber beschrieben sie sie und da Olga eine Malerin ist und Selma von
allen Talenten ihres Vaters auch das einer raschen Handhabung des Crayons sich
aneignete - auf Reisen welche unschtzbare Annehmlichkeit! - so sagte Eine zur
Andern: Zeichne mir Den, den du liebst! Und Beide begannen Den zu zeichnen, den
sie lieben! Welch' ein Schrecken nun, als sie ihre Bltter sich zeigten und eine
das Bild des Freundes der Andern getroffen hatte! Die erste Angst und
berraschung lste sich in Jubel auf, die Neuverbundenen liefen zu Anna, machten
sie zur Vertrauten ihrer Neigung zu zwei sich hnlichen Brdern und die bse
Welt zischelte schon gestern, da es nun kein Wunder wre, wenn die juristische
Logik des alten Prsidenten eine Entscheidung des Prozesses befrdert htte, die
einer Komtesse, wie Olga, statt des Narren Dystra die Hand eines pltzlich wie
in Tausend und einer Nacht bereicherten Knstlers bte. Kurz, alle diese
Menschen, schlo sie, kennen sich, alle treten sie in Wechselwirkungen und
ziehen um uns Beide geheimnivolle Kreise zu Zwecken, die wenigstens bei
Rodewald noch ganz im Dunkeln liegen.
    Diese mit der Andeutung einer bedenklichen Gefahr betonten Worte schnellten
den Frsten, der nur halb zugehrt hatte, empor.
    Nein! rief er; ich sollte dies elende Leben fhren und vor der Enthllung
eines illegitimen Ursprungs zittern?
    Tollkhne, verbrecherisch-leichtsinnige Menschen, die mir das Leben gaben,
sollten mich im Wirbel kreiseln, willkrlich wie Spreu im Winde jagen und hetzen
knnen? Dies Ich, dies festgewurzelte Ich, sollte unterwhlt werden drfen von
Menschen, die mich wie einen ihrer Gnade berlieferten ber dem Wasser hielten
und drohend ausriefen: Ich kann dich jetzt, wenn ich will, fallen und ertrinken
lassen?
    Egon! unterbrach Pauline ...
    Ich spreche nicht von Ihnen. Ich spreche von diesem Revenant Rodewald, der
mich mit dem Blicke eines Dmons betrachten wird, als gehrte ich ihm! Wte er,
wie ich im Grunde ihn hate! Und kann ich ihm sagen, was ich so ber ihn fhle?
    L'amour dans la haine? sagte Pauline forschend. Aber Egon erwiderte:
    Liebe? Ich will die Sitte, das Gesetz, das ewig Bindende der Tradition im
groen Ganzen vertheidigen und soll in mir selbst den Makel der nagenden Lge
fhlen? Ich soll die Karikatur eines Jahrhunderts spielen, das sich auf den
ewigen Zusammenhang der Zeiten, den wellenfrmig gleichen Strom der
berlieferung beruft und in sich selbst nur Lge brge? Mitten auf der Tribne,
wenn ich von der Bedeutung des Adels, wenn er recht verstanden wird, spreche,
wird mich ein innerer Fieberfrost schtteln und eben wenn ich von Quadersteinen
und der grandiosen Architektur der Sitte und des Gesetzes reden will, umtanzen
mich tausend Larven, ffen mich und rufen mir den Abend zurck, wo ich schon
einmal in der Kammer nach drei schlaflosen Nchten pltzlich ein Riesenbild im
Dmmerlicht auftauchen zu sehen glaubte, einen Teufel in rother Tracht, der auf
ein Wappen zeigte, wo Fuchs und Lwe sich begatten und dabei sprach: Wir zeugen
die Legitimitt!
    Um Gotteswillen, rief Pauline, Egon, was haben Sie? Sie sprechen irre! Geben
Sie mir Ihre Hand! Ich klingle ...
    Egon wehrte Paulinen ab. Ohne sich zu beruhigen, fuhr er fort:
    Ich spreche meine Qualen aus. Lassen Sie mich reden! Wten es Alle, es
wrde mich erleichtern ...
    Hohenberg!
    Pauline hatte soviel Aufregung an dem Frsten selbst an jenem schrecklichen
Abende nicht gesehen, wo er ihr das Testament seiner Mutter abgezwungen ...
    Wie ist das Leben so toll zusammengesetzt, fuhr er fort, wie ist man
Seiltnzer zwischen Wahnsinn und Verbrechen, Lge und Fratze und Jeder gibt
seine Narrheit fr Wahrheit aus. O Pauline, berzeugt sein von dem Richtigen und
verhindert werden es auszufhren! Ich kann mir die Thaten des Tiberius, des
Philipp von Spanien und der Alba's erklren. Ja, ich verstehe, was es heit:
Alles zerstampfen lassen, zertreten diese Widersprche, die uns an jedes Dummen
Meinung binden, der sich Mensch nennt und deshalb geschont sein will! Was bleibt
zuletzt denn brig? Ich kann die Schdelkrnze begreifen, die die Palste der
orientalischen Dynasten schmcken. Man mu ja grausam sein, wenn man ntzen will
...
    Pauline war sprachlos. Sie hatte oft bemerkt, da Egon von Hohenberg in
allmliger Folge seiner Berufung zum Minister eines groen tonangebenden Staates
schon Anflle von Geisteserschtterungen, von frmlicher Seelenstrung gehabt
hatte. Sie hatte sich in Egon's Interesse von Drommeldey warnen lassen. Die
Pathologie des Genius, sagte dieser oft zu ihr, bietet die schaudervollsten
Erscheinungen. Ich bitte Sie, Geheimrthin, suchen Sie diesen Vulkan zu mildern.
Er will durch sein Feuer die Welt zerstren; er wird sich zerstren! Denken Sie
an Castlereagh, der sich das Leben nahm, an Canning, der an den Folgen seiner
aufgeregten politischen Leidenschaft so frh starb! Pauline that auch seitdem
Alles, was Egon nur beschwichtigen konnte. Aber dies Auftauchen eines
Todtgeglaubten! Dies dreiste, rasche Eingreifen Rodewald's in das nchste
Schicksal seines Sohnes! Sie entgegnete, um die wahre Ursache der Aufregung des
Frsten zu mildern:
    Rodewald kann nicht geglaubt haben, da die Frstin von der Erde nicht hat
scheiden wollen, ohne das Maa der tiefsten Erniedrigung mit sich zu nehmen. Er
hat Hohenberg gesehen, den Leichenhgel Amanda's, er hat in der Nhe dieser
Erinnerungen bleiben wollen aus Liebe fr Sie, Egon ...
    Der Teufel! schrie Egon. Liebe fr mich? Ich erwidre diese Liebe nicht. Ich
wrde, wenn ich ihm begegnete, nicht den mindesten Schauer von Ehrfurcht
empfinden. Ich finde seine Handlungsweise, wie schn sie die Mutter auch zu
entschuldigen wute, von seiner Seite verbrecherisch unter allen Umstnden und
vollends - Sie sagen, er wrde das Geheimni ehren? Finden Sie darin Diskretion,
da er sich so dicht, so unmittelbar ohne Weiteres schon an meiner Existenz
niederlt?
    Pauline ergriff die Hand des Tobenden und zog ihn zu sich nieder. Sie suchte
den Sturm seiner Empfindungen zu mildern ...
    Egon, sagte sie, am Abend, wenn die Sonne sinkt, werfen die Menschen und die
krperlich irdischen Dinge Schatten ber die Erde, riesengro, erschreckend
anzuschauen. In der Mittagshhe sind die Schatten klein, geringer als sie
sollten, lgnerisch, schmeichelnd unsern Fehlern, Alles verkrzend und
vermindernd. Ach, mein junger Freund, ich wnsche oft, ich htte die
Abendschatten schon in meiner Jugend gesehen, dem Alter wrden die
Riesenschatten jetzt wie die der Zwerge erscheinen. Aber dennoch, wenn wir nur
Eines, nur irgend ein uns ganz beglckendes Streben noch am Abend des Lebens
erreichten, legt sich allmlig die Furcht vor Menschlichem. Nennen Sie meinen
Zustand, wie Sie wollen, ich bin ruhiger geworden, ich knnte Rodewald begegnen
und ihm die Hand bieten zur Vershnung; ich knnte mein ganzes vergangnes Leben
wie ein in Falten gelegtes Tuch grade ziehen, ich knnte segnen, wo ich einst
fluchte, wenn nach dem Fluche unsrer Thaten nicht jede Reue zu spt kme. Ja,
ich bereue meine Verblendung, meine Hast, meine immerwhrende fieberhafte Sucht
nach Bewhrung meiner selbst und Erlebni durch Andere; nein, ich entschuldige
nicht Alles, was auf meinem Herzen lastet ... ach, Egon, seit ich glcklich bin
im Bunde mit Ihnen, mcht' ich viel Gutes thun, alte Wunden heilen, alte
Versumnisse nachholen. Es ist aber gut, da ich es nicht thue, mein eignes
zerflossenes Gemth nicht in den Dingen selbst, denen es sich nhern mchte,
auch voraussetze; es gbe nur neue bittre Erfahrungen; denn nichts rcht sich
mehr, als wenn wir da gut sein wollen, Egon, wo einmal vorausgesetzt worden ist,
da wir schlimm sind. Was red' ich Ihnen? Was will ich? Ich mchte Sie
bestimmen, gleichgltig zu sein. Ich mchte aus den langen Schatten des Abends
und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre ziehen, da beide unwahr sind,
nichts uns bermig sorglos, nichts uns bermig schreckhaft stimmen soll.
Gott, Gott, knnt' ich mir die Vergangenheit zurckrufen und meine vergangenen
Thorheiten durch diese im Alter gewonnene Philosophie ungeschaffen machen! Was
wollen Sie so verzweifeln, so tief auf den Grund aller Dinge sehen, so sich von
Ungeduld verzehren, da nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt! Sie sind
bewundert von der Welt, Sie haben sich einen Namen im Buche der Geschichte
geschrieben, Sie haben Freunde, die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfahren
lassen und sollte es auch erst dann sein, wenn Andre nach Ihnen kommen werden,
was, will's Gott! lange dauern soll! Sie haben philosophische Bedrfnisse, nach
denen Sie sich Ihr Leben einrichten knnen ...
    Der Frst wollte widersprechen ...
    Nein, Egon, mach' ich Ihnen Vorwrfe? Soll ich denn dies Prinzip der
Selbsterhaltung, das bei Ihnen in der grten und weihevollsten Form zur Geltung
kommt -
    Ich bin kein Egoist, schaltete der Frst mit Nachdruck ein. Ich bin nur in
der Lage, wie alle Menschen, die nach einer gewissen Vollkommenheit strebten.
Was Ihr Euch Egoismus nennt, ist uns die Gerechtigkeit und Strenge gegen uns
selbst. Wir wrden Euch nicht Egoisten sein, wenn wir Alles thten, was Euch
gefllig wre und gegen unsre eigne tiefste Wrde stritte. Wren wir schwach,
wrdet Ihr uns die Liebe selbst nennen!
    Nun gut, Egon, rumte Pauline ein, die ihr Glck, mit dem wichtigsten und
ersten Manne des Tages so zu stehen, wie sie mit ihm stand, in langen und
seligen Zgen geno und die aus diesem innigsten Behagen flieende Sorglosigkeit
wieder eine Luterung nannte; wie Sie wollen, Egon, aber gewhnen Sie sich nur
an das Unabnderliche! Lassen Sie Allegorieen, die Sie mit sich selber
anstellen, diese hypochondrischen Parallelen, die Sie zwischen Ihrer Aufgabe,
Ihrer Zeitauffassung und Ihrer persnlichen Lage ziehen. Warten Sie ab, was
kommt! Mit dem Stolze, den Sie auf Ihren Namen haben drfen, sind Sie gewappnet
gegen jede Anmaung, jede zweideutige Einmischung in Ihre Existenz. Ist Ihnen
der Gedanke lstig, ist die Nhe dieses Mannes Ihnen strend an sich, so knnten
Sie ihn ja entfernen. Oder glauben Sie, da seine Verwaltung -
    Ich gebe sie ungern auf, fiel Egon ein, allein ich opfre lieber mein ganzes
Besitzthum, als in diesem geheimnivollen, mich drckenden, meine Unbefangenheit
strenden Verhltnisse ausharren. Bankier Reichmeyer war auf meinen Wunsch schon
in aller Frhe bei mir. Ich will alle meine Besitzungen verkaufen, wenn es
irgendwie geht ...
    Der Entschlu ist rasch, Egon ...
    Oft erwogen! Mein Stamm wird aussterben. Fr Melanie's Zukunft wird sich
sorgen lassen ... Ich gebe diesen Besitz auf.
    berlegen Sie!
    Grade meinen Gegnern gegenber, die auf den Boden basiren und
Steuerbefreiungen haben wollen, geb' ich mein Besitzthum auf. Ich wre nicht
mehr Minister, wenn wir Allodial- und Majoratsvertretungen in unserm
Staatsorganismus einfhrten, ich verliee Deutschland. Ich will kein Pair des
Hofes sein, wenn erst die mittelalterliche Reaktion bis zum Pairsmachen wieder
angelangt sein wird ...
    Eine Unterbrechung strte diese Auseinandersetzung. Pauline wute, da Egon
von Hohenberg keine Absicht hatte, sich durch Rodewald's Rckkehr aus Amerika
von seiner Bahn des Ruhmes stren zu lassen. Sie fand ihn so erfllt vom
Standes- und Kastengeist, wie es ihr in der Ordnung schien. Fr die
Sentimentalitt der Mutter war hier kein Raum gegeben. Trotz ihrer schnen
Redewendungen ber lange Abend- und kurze Mittagsschatten, trotz ihrer
melancholischen Schleier, die sie auf ihre jngere, richtiger mittlere
Lebensepoche warf, htte sie nichts dagegen gehabt, wenn der Frst irgend eine
gewaltsame Entfernung seines eignen natrlichen Vaters beantragt htte. Sie
hrte voll Zufriedenheit, da sich der Frst begngen wrde, das Pachtverhltni
des Ankmmlings rckgngig zu machen, lobte Egon's Entschlu, dies Vorhaben
schon innerhalb der nchsten vierzehn Tage in Ausfhrung zu bringen, bat den
Sohn ihrer Liebe, wie sie ihn gern nannte, zur Errterung so vieler Dinge, die
seit der Abwesenheit des Ministers vorgefallen, heute bei ihr wie sonst ohne
seine Gemahlin ein trauliches Diner einzunehmen, erhielt die Zustimmung und
verlie den Frsten, an den inzwischen bereits auch schon wieder die mchtige
Woge und durch die kurze Abstauung nur strmischer gewordene Brandung der
Geschfte anschlug, mit vollster Zufriedenheit. Er fuhr zum Knig, sie ging zu
Melanie.
    Diese war mit ihrer Toilette beschftigt und unterhielt sich mit ihr nur zum
Abschied durch eine spanische Wand. Sie hrte die Bestimmung, da Egon bei
Paulinen e und ffnete nur, um das schne unfrisirte Haupt hinauszustrecken
mit der leise geflsterten Frage:
    Wurde von ihm gesprochen?
    Von wem?
    Dem Gefangenen?
    Beste! Das mu seinen Lauf gehen. Diesem Glcklichen winken so viel
Lebensfreuden, blhen so viel groe Hoffnungen, da ihm fr seine geheime
Verbindung eine Haft von einem oder zwei Jahren - ich kenne das Strafmaa fr
Verschwrungen nicht - keine so grauen Haare machen wird, wie er und das Treiben
seiner Genossen schon dem Frsten gemacht haben.
    Damit, fast strafend, ging die groe, schlanke, stolze Frau von Dannen.
    Die Frstin aber drckte die Tapetenthr zu, vollendete ihre Toilette und
benutzte die nun bis spt gegen Abend dauernde Abwesenheit des Frsten zu ihrer
liebsten Erholung. Durch Dorette Wandstabler, die sich ihr, mit klugem Takte,
unbedingt ergeben hatte, lie sie in einem der kleinen Kabinette des
Gartensalons heizen, eine ausgezeichnete Tafel zu drei Couverten herrichten und
die Eltern, die so theuern, so geliebten Eltern fr heute zu sich einladen. Nach
einer halben Stunde schon wute sie, da die Mutter, schmollend, wie seit der
ganzen Heirath, da Melanie keine Ehepakten dulden wollte, nicht kommen wrde,
aber der Justizrath, hie es, wrde kommen ... Schlurck kam. Es war dasselbe
Palais, in dem er frher als Herrscher gewaltet hatte, dasselbe, das er mit der
Bezeichnung eines Schurken einst hatte verlassen mssen; jetzt wrde er es, als
Vater der Frstin, mit dem alten sichern Selbstgefhl wieder haben betreten
drfen, aber les jours de fte sont passs, sagte er oft selbst. Er war
zusammengefallen, lter geworden, nachlssiger in seiner Kleidung sogar. Zwar
trug er noch keine schwarzen Frcke, er war bei seinen blauen mit Metallknpfen
geblieben, aber es sa ihm Alles weit und schlottrig. Es fehlte die alte
Elastizitt. Sein Wesen hatte einer ironischen Gelassenheit Platz gemacht ...
Seine Plaudereien ber den Pavillon, die kleinen Gemcher, die servirte Tafel
waren ganz im alten Geschmack, er begrte die Frstin mit Innigkeit,
entschuldigte den mit den Jahren und seit den Prfungen des Geschicks ber die
Mutter gekommenen Trotz mit allem Humor, meinte dann aber doch, diese ihm so von
seiner Tochter in aller Stille gespendete Liebe htte etwas dermaen Rhrendes
fr ihn, da er frchte, die Speisen wrden nicht von seinem Appetit die
Anerkennung finden, die der Koch des Palais' verdiente. Doch ermunterte ihn
Melanie, setzte sich ihm gegenber und geno die Freude, den Vater eine Weile
glcklich zu sehen. Die Weine machten ihn beredter. Er fragte nach dem
Hohenberg, nach Frau von Zeisel, seiner letzten Herzensverirrung, ber die er zu
seiner Tochter wie zu seinem intimsten Freunde scherzte, er wollte von
Henrietten's von Snger gegenwrtiger Neigung hren, ob Civil, ob Militr, ob
Geistlich, ob Weltlich, er wollte von Ackermann hren, ber dessen Metamorphose
er nicht unterrichtet war. Melanie erzhlte ihm Alles. Er kannte Rodewald nur
aus dunkelster Erinnerung; er besann sich, einmal den Namen in jngern Jahren
gehrt zu haben. Von Dankmar's Verhaftung wute er nichts. Er las keine
Zeitungen. Er begegnete zu sehr in ihnen einem Leben, das ihm zu beweisen
schien, da die Welt in der That aus Nichts geschaffen wurde. Noch ehe die
Frstin, aus Rcksicht auf die Bedienung, von jenem sie und den Frsten so nahe
berhrenden Vorfall sprechen konnte, hatte er geuert:
    Diese neue pltzliche Erhebung hat jede Narrheit mndig gemacht! Die Bltter
sind weies Papier, die nach Fllung lechzen und womit fllt man sie? Das
geringste Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt sich
immer gleich so aus, als wenn es bestimmt wre, die ganze Geschichte des
Alterthums, der Hohenstaufen, Schiller und Goethe zu ersetzen. Ich mute frher
ber diese Politik lachen, jetzt rgr' ich mich ber sie. Glaubt man, irgend
eine Frage in dem groen Durcheinander der Menschen und Meinungen mitbestimmen
zu knnen, meldet man sich gleichsam um's Wort, so hat es schon ein Dutzend
Andrer und mit Jedem von diesem Dutzend scheint der Gegenstand allein auf die
Welt gekommen zu sein. Es ist ja ein Egoismus im Schwunge jetzt, Kind, der alle
Schnheitsregeln ber Bord geworfen hat! Frher waren wir auch egoistisch, wir
thaten im Durchschnitt immer mehr fr uns als fr Andre, aber so malhonett wie
jetzt ging es dabei doch nicht her. Jetzt stt man sich auf die plumpste Art
vom Brunnen weg, um Wasser zu holen, frher wartete man doch, unterhielt sich
doch, plauderte, schwatzte durch gute Witze die Mgde vom Schwengel weg und ging
mit seinem gefllten Eimer lachend davon, wenn jene noch auf die Pointe warteten
und das Maul aufsperrten. Ach, mein bestes Kind, diese schrankenlose
Emanzipation nicht etwa der Presse, sei die frei, nicht etwa der Juden, mgen
die ohne sich taufen zu lassen jetzt Kirchenvorstnde werden, nicht der Frauen,
eine Emanzipirte hat die andre so, da sie sich unter einander selbst aufheben;
aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit, siehst du, die ist schrecklich!
Auf dem Kasino und in der Loge hielten sonst vier Fnftel der Mitglieder immer
das Maul. Denn warum? Die Zeitfragen waren damals gleichsam eine Art Lateinisch
oder Hebrisch. Jetzt solltest du dies Gesumme hren! Jeder kommt um's Wort ein
und Jeder wei auch etwas zu sagen; denn eben das Redenswerthe ist jetzt nur
noch der alltgliche Zeitungsschnack ... Nun kommt man mir oft und will von den
Manahmen des Ministeriums hren. Ich kann mit Fug und Recht fragen: Wer ist
jetzt Minister? Denn wer z.B. unsre Finanzen verwaltet, das wei ich in der That
nicht. Ich erstaune ber Aufstnde, die lngst unterdrckt sind und wei
wirklich nicht, sind die Schleswig-Holsteiner in Kopenhagen oder sind die Dnen
wieder in Altona? Oft bereu' ich, da ich damals nicht mit dem bergang in die
Politik Ernst machte. Ich glaubte nicht an die Mglichkeit, da ich jemals meine
Administrationen verlieren wrde. Was ich jetzt wre, wei ich nicht. Vielleicht
bankrott, wie jetzt eben fast auch, aber eine Nationalsubskription htte mir
vielleicht ein Landhaus gekauft, htte meinen Wagen, meine Pferde gerettet und
ich knnte auf hundert Komits Wechsel ziehen. Wer wei, ob ich nicht einige
Minister zu Tode gergert htte! Wer wei, wenn es geheien htte: Nun fehlt nur
noch eine Stimme, die des Justizraths und Obertribunalprokurators Franz
Schlurck, und nun htt' ich mich in Preis gesetzt, ich htte fr mein Ja! den
Zuschlag mindestens einer Eisenbahn oder die Anwartschaft auf ein zum halben
Preise zu verkaufendes Staatsetablissement oder eine feste Anstellung verlangt,
etwa im Steuerfache, wo einem die Sportel-Delikatessen verfaulen, weil man die
Menge nicht unterzubringen wei und doch damit keinen Handel erffnen kann.
Warum nicht? Meiner Familie zu Liebe htt' ich vielleicht alle Brgerkronen der
Welt ausgeschlagen, falls man mir eine fixe Anstellung von 5000 Thalern als
quivalent geboten htte. Dann - ah bah! - dann - dann htt' ich immer noch
manchmal ein bischen rebellisch werden knnen und auf Zulage, Gratifikationen
hin meine Pandekten anders interpretiren als die Minister. Denn Das weit du
doch noch, liebes Kind, da der beste Kommentar ber die Pandekten aus dreiig
Bnden besteht und der Verfasser desselben Glck heit? Das Glck ist unser
wahrer Professor der Rechte! Das Glck legt die Pandekten immer am Bequemsten
aus, nur das Unglck wei gleich den Sinn zu finden, der hinreicht, Einem den
Hals umzudrehen. So hr' ich z.B., da jetzt in unserm Johanniterprozesse ...
    Leider wurde der Justizrath an dieser fr seine Tochter fesselnden Stelle
durch die Bedienung unterbrochen ... Die Speisen, die Melanie ihrem Vater bei
diesen kleinen geheimen Diners zu serviren pflegte, waren so kunstvoll
zubereitet, so auf seinen feinsten Kennergeschmack berechnet, da er sich bei
der Wrdigung derselben, wenn sie eben aufgetragen wurden, von jeder Errterung
abstrakter Fragen entfernte und den Faden derselben in der Analyse von
Zubereitungen verlor, wo er jedem Pfefferkrnchen, jeder Kaper, jeder
zerriebenen Sardelle nachsprte und die Komposition und ihre Bestandtheile in
die Zeit des Kochens, des Rstenlassens, des Durchseihens u.s.w. fachkennerisch
auflste. Der Champagner flo dabei und die Tochter lie den Vater ruhig
durcheinander reden. Sie gnnte ihm diese stillen Augenblicke seines verkrzten
Lebensglckes. Endlich gegen Ende der Tafel, die zuletzt doch wieder alle
Lebensgeister Schlurck's geweckt hatte, fand sie Gelegenheit, ihm das neueste
Erlebni auf dem politischen Gebiete, das er nicht kannte, die Verhaftung
Dankmar Wildungen's, mitzutheilen. Diese wrde Schlurck wenig interessirt haben,
sie wrde ihm sogar eine Genugthuung fr all' das Unglck gewesen sein, das seit
dem Schrein mit dem vierblttrigen Kleeblatt-Kreuze ber sein Leben gekommen
war, aber er wute, wie Melanie fr den khnen, entschlossenen, kalten jungen
Mann fhlte, dem er damals vergebens die Hand des schnsten Mdchens der Welt
anbot, er sah bestrzt in ihr Auge, er wute, da sie litt, da sie Egon, diesen
ihm aus tiefster Antipathie verhaten Schwiegersohn, nur aus Pflichtgefhl in
Ehren hielt und voll Wehmuth ihr die Hand reichend, sagte er nach einem
Rckblick auf die erste Bekanntschaft mit Dankmar:
    Mit diesem abenteuerlichen jungen Manne wrden wir uns in Strudel gestrzt
haben, bei denen selbst das grte Glck der Erde uns keinen Genu bereitet
htte! Schon im Heidekrug damals verrieth sich die Idee einer solchen
Verschwrung, wie sie jetzt zum Schrecken aller Gewaltigen geschlossen sein
soll. Diese neuen Propheten des Geistes thun schon Wunder, die Todten stehen
schon auf, die Blinden sehen und die Tauben hren. Sie gehren gewi auch zu
diesem merkwrdigen neuen Bunde? sagte mir krzlich der Propst Gelbsattel und
wollte die geheimen Zeichen der Verschwornen wissen. Ich sagte ihm, ich wisse
nicht mehr davon als die Khe, von denen mir unbekannt wre, ob sie im Klee
Dreibltter von Vierblttern unterschieden. Aber nun bi er erst recht an. Sagen
Sie mir nur, rief er in seiner Geheimnisucht, wie und wo bringen die Ritter vom
Geiste ihr Symbol, das vierblttrige Kleeblatt, an? Machen Sie das Zeichen auch
mit den Fingern am Halse, wie wir Freimaurer oder drcken Sie sich auch die
Hnde auf unsre Art? Haben Sie einen verborgenen Kultus, hhere und niedere
Grade? Ist es wahr, da Sie sich in Hhlen versammeln und von den alten Templern
Ceremonieen entlehnten, die an unsre Kunst anknpfen? Auf alle diese
wunderglubige Geheimnisucht konnt' ich nur erwidern, da sich die geheime
Vehme noch bei mir nicht htte blicken lassen; man erzhle sich aber, sie klopfe
bei Jedem an, der irgend eine khne That unternhme, irgend eine Lanze mit den
Frsten breche, irgend ein Dogma der Kirche umzustoen wage, besonders wenn er
dabei ein Amt zu verlieren nicht achtete; solchen freiwilligen Mrtyrern
geschhe es augenblicklich, da Nachts etwas an ihr Fenster poche und wenn sie
hinausshen, stnden gewhnlich drei Vermummte auf der Strae, riefen mit
Beziehung auf den in der Schlafmtze zum Fenster hinausblickenden abgesetzten
Regierungsrath oder disziplinirten Appellationsprsidenten oder nicht mehr zu
Hofe geladenen Kirchenprlaten: Ein Vierblatt! Und augenblicklich, sagt man,
hebt sich ein Stock in der Form eines Pilgerstabes in die Hhe, an dessen
krummem Endschnabel sich ein Sack mit vollwichtigen neuesten
Doppelfriedrichsd'oren befnde! Gelbsattel lachte unglubig. Aber ich sagte, er
mchte es nur einmal versuchen, er mchte nur einmal der Regierung den
Fehdehandschuh hinwerfen fr den Beweis, da unsre Verfassung mit der Macht der
Oberkonsistorien in keinem Einklang stnde und berhaupt die Wiederherstellung
einer Menge von organischen Institutionen nur dazu versucht wrde, um allmlig
die Verfassung aufzulockern und in die inzwischen erstarkten andern
Institutionen, als da sind: Kreistage, Kirchentage, Provinziallandtage u.s.w.
aufzulsen, er mchte nur einmal ausrufen: Christus wrde auch die
Deutschkatholiken fr Menschen erklrt haben! Da stutzte der Mann, erschrak,
zitterte, grbelt aber doch, ich wette, Tag und Nacht, welchen kleinen Handschuh
er dem Ministerium Hohenberg in's Gesicht werfen knnte, ohne dabei 1) die Gunst
des Hofes, 2) seine Propstei zu verlieren und 3) wo mglich doch den nchtlichen
Besuch der Ritter vom Geiste und ein Exemplar der Statuten zu gewinnen, die auf
einem merkwrdigen Papiere geschrieben sein sollen, nmlich auf einem Papiere,
das man das Papier der Liebe nennen sollte ...
    Melanie horchte voll Spannung diesen Expektorationen der ihr bekannten
Champagner- und Dessertlaune des Vaters ...
    Papier der Liebe, gutes Kind, antwortete er auf die Frage seiner Tochter
nach diesem eigenthmlichen Handelsartikel, Papier der Liebe ist eine Art ...
    Asbest! sagte die Frstin. Unverbrennlich, selbst im Feuer ...
    Im Gegentheil! sagte Schlurck. Papier der Liebe kann unmglich etwas Andres
sein als eine Art von Daguerreotypie, ein so zartes Gewebe, ja nur ein Hauch,
ein Material, das zerstiebt, verweht in dem Moment, wo das Auge seinen Inhalt
gelesen hat. Freilich wrden wir Advokaten wenig Ehescheidungsklagen durchfhren
knnen, wenn dies Papier der Liebe patentirt wrde; denn wo sollten die
Beweisdokumente, die schnen Resultate erbrochener Kaunitze, die glorreichen
Trophen, die man den Brieftrgern abjagt, herkommen? Allein die Statuten der
Ritter vom Geiste, sagt man, sind in der That auf einem Papiere gedruckt, das in
dem Augenblicke, wo von Jemanden die Paragraphen der Verbrderung gelesen sind,
in Sonnenstubchen zerstiebt und nur den Duft von Mrtyrer-Rosen zurcklt.
Hab' ich Recht, wenn ich solches Papier das rechte Material der Liebe nenne?
    Melanie lie lchelnd den Vater so fort plaudern ...
    Auch Drommeldey, sagte er, wollte mich neulich damit necken, da er auf
meine Zurckgezogenheit anspielend sagte: Sie sind wol auch schon ein Ritter vom
Geiste geworden? Als ich ihn, auf seinen Wagen deutend und auf meine bestubten
Fe, einen herzlosen Sptter nannte, fing er in allem Ernste von dem Bunde an
und verrieth, da man innerhalb seiner aristokratischen Praxis von dieser
Chimre dchte wie von einer den furchtbarsten Ausbruch drohenden sizilianischen
Vesper. Nur am Hofe, fgte er hinzu, nur die nheren Umgebungen des Generals
Voland von der Hahnenfeder witterten etwas von einer Thatsache, die allerdings
zunchst getrost die Polizei zu verfolgen htte, die aber denn doch auch die
Sammler, die Kuriosittenjger, die Freunde des Mittelalters, die Schwrmer fr
Symbolik und byzantinische Geschichte, ja auch die Sammler unsrer Zeitrichtungen
um so mehr interessiren drfte, als selbst der Kommunismus bei Hofe manchmal als
etwas ursprnglich doch Christliches nicht unangesehen wre, wenn man nur wte,
wie man ihn mit der innern Mission und dem jhrlichen Millionenbedarf fr die
verschiedenen Ministerien in Verbindung bringen knnte. Einstweilen, fuhr mein
kluger Sanittsrath fort, behaupte man, wre selbst die alte Excellenz von
Harder auf Tempelheide fr den Bund schon gewonnen, denn nach ihren neulichen,
dem Monarchen gegebenen freimaurerischen Lehren wre es keinem Zweifel
unterworfen, da dieser alte Herr in dem Bunde der Ritter vom Geiste die wahre
Blthe der Templerei und der Loge entfaltet she und ihr zu Liebe wrden auch
der Paulus und Johannes dieses neuen Evangeliums, die Gebrder Dankmar und
Siegbert Wildungen, den Proze gewinnen und dem Bunde wirklich mglich machen,
jene Fabel von den in nchtlicher Stille an die Fenster der Mrtyrer
hinaufgelassenen Scken mit Doppelfriedrichsd'oren zu bewahrheiten. Und in der
That, wir wollen sehen. Man bringt mir ja da ein Billet ...
    Ein Diener brachte ein Billet an den Herrn Justizrath vom Obertribunal. Ein
Kollege schrieb ihm, da der oberste Gerichtssenat soeben der Meinung seines
Prsidenten beigetreten wre und den Proze zu Gunsten des Klgers entschieden
htte ...
    Zu Gunsten? warf die Frstin dazwischen. Der Vater hatte laut gelesen.
    Schlurck staunte eine Weile, lchelte dann, zog die goldne Brille von der
Stirn und sagte:
    Die besten Feldherren waren meist die, die geschlagen wurden.
    Die Tochter wnschte Aufklrung, um welche Summen es sich handelte, ob diese
Entscheidung auf Dankmar's Gefangenschaft einwirken wrde und wie die
Beweisfhrung fr die Brder endlich wirklich htte so gnstig ausfallen knnen?
    Die Beweisfhrung? sagte Schlurck. Ich sagte dir ja schon, der Kommentator
der Pandekten heit Glck. In jenen Dokumenten, die du damals dem Glcklichsten
aller Gefangenen gegen mein Wissen kopf- und herzber nachwarfst, liegt der Nerv
des ganzen Handels. Ich htte, Bartusch und der Mutter folgend, vielleicht jene
Papiere verbrannt und mich dem Schicksal ausgesetzt, da mein Leben nicht etwa
mit Mollakkorden wie jetzt, sondern mit schreienden Dissonanzen geendet htte;
in zwei Instanzen hab' ich, eigentlich nur auf den Grund von zwei Pnktchen oder
Kommaten, jedes Mal den Proze gewonnen, von zweien Kommaten, die ich ehrlicher
Esel nicht ausradirte, trotzdem, da Herr Dankmar Wildungen sie in seiner
Abschrift bersah. Erst die halbblinden Augen jenes Greises haben die beiden
Kommata wieder entdeckt; seine Liebe zu diesem Proze kam hinzu, er kannte die
Geschichte des Ordens der Templer, die der St.-Johannesritter, er wute zu
beweisen, da es im Ordenshause zu Angerode niemals Verwandte des Ritters Hugo
von Wildungen gab ... er hatte seit Jahren ber diesen Gegenstand Sammlungen
angestellt und bewies bei der Stelle des Komthurs Hugo, wo er in der
Cessionsurkunde sagt: Cedo propinquis meis equitibus ...
    Vater, was versteh' ich von diesen Dingen! Ist es mglich! Also Wildungen
Erbe dieser unermelichen Gter?
    Die Stadt wird vom Staate die Erlaubni zu einer Anleihe begehren mssen und
auf die Ameliorationen der Gter rechnen, die die Summe verkleinern drfte. Lt
sich leugnen, da z.B. die Komthurei, die wir bewohnen, viele Spuren unsrer
glcklichen Tage zeigt und da ich allen Grund habe, sie binnen Kurzem mit
Leidwesen zu verlassen ...
    Das Haus gekndigt? rief die Frstin voll Schmerz ...
    Aber Schlurck hatte schon angefangen, sich in sein Loos zu finden ... Er
sagte nur:
    Ich verlass' es arm, ich knnte sagen mit dem Bewutsein, ehrlich gewesen zu
sein, wenn die Grabschrift: b' immer Treu und Redlichkeit! nicht gar zu trivial
wre. Oft mach' ich mir Vorwrfe, da ich den Einsatz nicht wagte, keine
entschlossene That beging, auf dem Wege nicht fortfuhr, wie damals, als ich den
Schrein an der Schmiede in Plessen fand und ihn aufraffte ... Das Wagni gab mir
Riesenkrfte; ich hatte nur nthig, dem Schmied Schweigen zuzurufen; ich wute,
da er an einer alten Falschmnzerei betheiligt war, die auch Frau Pauline von
Harder berhrt ... tragen konnt' ich schwacher Mann den Schrein selbst, so
riesenkrftig macht die Entschlossenheit, wie Goethe sagt: Muth ruft die Arme
der Gtter herbei! und wenn ich bedenke ...
    Nichts, nichts, Vater! beschwichtigte Melanie den immer mehr sich nun vor
Mismuth aufregenden Vater, der sich jetzt von seiner Tochter entfernte, nachdem
er noch einen Akt kindlicher Liebe mit diesen Worten von ihr entgegengenommen:
    Vater, nach dieser Nachricht ber Dankmar treibt es mich hinaus nach
Tempelheide zur guten Anna von Harder. Da sind zwei Kinder, die ich trsten,
umarmen mu. Beide lieben sie die Brder Wildungen! Vater! ... Du hast neue
Prfungen zu berstehen. Du sollst das Haus meiner Jugend verlassen. Ich bin
nicht reich, du weit wohl, wie rmlich dieser Glanz ist; der einen groen Namen
trgt. Aber ich beschrnke mich, ich kann sparen, ich will nicht mehr in Allem
glnzen, ich lernte entbehren. Da! Nimm, Papa! Es sind meine ersten Ersparnisse!
Schlage sie nicht aus! Du machst mich glcklich, wenn du sie nimmst. Verschweig'
es der Mutter oder sag' es ihr, wie du willst! Du darfst dich nicht unglcklich
fhlen! Weiche nicht den Leiden, die dich bestrmen! Du gingst unversehrt aus
den Gefahren der Versuchung; Vater, ich kenne die Versuchung! Nimm! Nimm! Ich
hre Gerusch ... wenn es Egon wre! Leb' wohl! Auf Wiedersehen! Sei nachsichtig
mit dem Anfang! Es soll besser kommen!
    Damit verschwand die Frstin. Schlurck hatte ein Pckchen in der Hand, das
sie aus ihrer Brust gezogen hatte. Es war eine Anzahl von Banknoten, nicht viel,
aber man sah die Liebe. Ein tiefes Gefhl der Schaam berflog den
zurckgekommenen, mitten im Genu pltzlich auf Entbehrungen verwiesenen
Epikurer. Frstelnd, wie immer nach einem Diner, aber nie so mit
Unbehaglichkeit wie jetzt, schlich er sich aus dem Pavillon, sah nieder wie ein
Verbrecher, hatte all' die guten Einflle seiner heitern Laune vergessen und
ging aus dem Hause wie ein zum Tode Geknickter. Diese dreihundert Thaler von
seiner Tochter, die sie ihm als eine Art Taschengeld fr seine Vergngungen
geschenkt hatte, diese Summe, bei der sie voraussetzte, er brauchte davon der
Mutter nichts zu sagen, sondern knnte mit ihr heimlich die alten stillen Wege
seiner Laune wandeln, entwrdigten ihn nicht etwa, sie rhrten ihn nur, sie
untergruben seine Philosophie, sie waren bei ihm der Anfang einer ernstlicheren
Betrachtung ber Das, was die Erde bietet und versagt und was der Tod auf alle
Flle sicher gibt ...
    Aber damals, an jenem ersten Tage, wo die Frstin so eine dauernde
Aufopferung fr die Ihrigen begann, war diese hinausgefahren nach Tempelheide.
Sie fand Selma ber Dankmar's Schicksal in Thrnen, Olga bestrzt. Die Romantik
solcher Gefahren gehrte nicht in die Welt der phantastischen Trume, aus der
Olga durch Selma's Natrlichkeit immer mehr zu erwachen anfing. Anna von Harder,
berrascht von Melanie's, der so hoch Gestiegenen, Gte, vermittelte zwischen
ihrem ungeahnten Besuche und den beiden charakterstarken, auf Egon von Hohenberg
wie auf das bse Prinzip erzrnten jungfrulichen Mdchenherzen wenigstens den
Waffenstillstand, da sie den Worten der schnen jungen Frau Gehr gaben:
    Nehmen Sie dies Schicksal nicht so ernst! Sie lieben jungen Engel knnen nur
gewinnen, wenn Sie Denen, die Sie lieben, gleich Ersatz fr ein ernstes Leben
sind! Sie, holde kleine Selma, die Sie mir noch gar nicht die Miene machen, die
ich mir im Lauf der Zeit von Ihnen zu erobern gedenke, Sie, wei ich recht gut,
entbehren in Dankmar mehr als nur den Vetter. Und Komtesse Olga hat ja das
Gedicht ihres Herzens vor aller Welt aufgefhrt. Zu deuten wag' ich's nicht,
nicht will ich Namen nennen, die wie weie Wlkchen in blauen Lften schweben,
aber Herrn von Dystra mcht' ich doch sagen, da er diese holde trumerische
Wasserlilie des Schwarzen Meeres nicht nach dem Tempelstein entfhren wird. Die
Wildungen haben den Proze gewonnen durch zwei kleine Pnktchen, die Sie wol
selber sind, meine Damen! Wre die Excellenz schon aus der Stadt zurck, ich
nhme lateinische Stunde bei ihr. Die beiden kleinen Kommata mssen Sie sein!
Bedenken Sie diesen Triumph eines Eingekerkerten und eines Flchtlings. So
lebten die alten Mrtyrer in Kerkern und trugen ihren Heiligenschein um die
Schlfe, da er durch die Eisenstbe leuchtete! Sie konnten mit ihrem eignen
Abglanz alle Ketten schmelzen und wandelten frei. Denn Das wissen Sie doch, da
die Ritter vom Geiste Niemanden untergehen lassen und alle Kerker ffnen, ob nun
Fee'n oder junge liebende Mdchen, Engel oder Kobolde dabei helfen.
    Die Frstin war so angeregt, da die Mdchen Vertrauen faten und wenigstens
nicht mehr scheu zur Seite standen, wenn Anna, die Melanie immer gern gehabt
hatte, mit ihr sprach. Es war fast Abend, als die Frstin von Tempelheide schied
und drei Menschen zurcklie, die auch jetzt erst, nach diesem Besuche, wagten,
in der ihnen selbst seit Mittag bekannten Entscheidung des Prozesses einen
Lichtschimmer am Rande der Nacht zu erblicken, die sie Alle umhllte. Sie hatten
Dankmar's Gefangennehmung nicht nur erfahren, sondern sie selbst gesehen, selbst
erlebt, da vor Tempelheide ein Wagen vorberfuhr, aus dem ein blasses
Mnnerantlitz sie grte und eine Hand hinterwrts zeigte, gleichsam nach
Hohenberg zu, oder wie Olga sagte, nach dem Leben, dem Glck, der verlornen
Freiheit hin ... Sogleich hatten sie anspannen lassen, waren nach der Stadt, dem
Profoamte gefahren, hatten gehrt, was ihnen, als sie, ohne Dankmar sehen zu
knnen, verzweifelnd nach Tempelheide zurckkehrten, ein inzwischen angekommener
Brief von Franziska Heunisch und einige Zeilen von Rodewald ausfhrlicher
berichteten; aber doch auch die wunderbare Nachricht ber den Proze brachten
sie zu einstweiligem Trost aus der Stadt mit.
    Der alte Obertribunalsprsident kam erst am Abend spt nach Tempelheide
zurck. Er war seit Jahren zum ersten Male wieder in der Loge gewesen, deren
oberste Wrde er fr das ganze Land bekleidete. Auf die ihm dort gemachte
Mittheilung vom Schicksal der Mnner, die durch sein eignes theilnehmendes und
begeistertes Erforschen dieser Angelegenheit eine so groe Summe gewonnen
hatten, auf das Forschen und Lauern ber seinen persnlichen Antheil an den
Brdern Wildungen erwiderte er:
    Mein Studium galt nicht den Personen, sondern der Sache.
    Und jede weitere Errterung schnitt er durch das bekannte feierliche Wort
ab.
    Die Loge ist gedeckt.

                                 Achtes Capitel



                       Eine Maurerarbeit und ihre Folgen

Die Kunde von der endlichen Lsung eines seit so langen Jahren schwebenden
Rechtsverhltnisses hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Alle Stnde
nahmen Antheil. Jeder war von der unerwarteten Wendung berrascht, ja sogar
befriedigt. Man war durch das strenge Regiment des Frsten von Hohenberg
geneigt, diesem drakonischen Systeme denn auch nicht jeden Erfolg zu wnschen.
Die Kommune war unbeliebt ihrer immer schmeichlerischen, gesinnungslosen, im
Glcke bermthigen, in der Gefahr feigen Haltung wegen. Diese stdtische
Verwaltung hatte nichts gemein mit jenem festen, sichern Brgertrotz, jener
unwandelbaren Selbstgenge, an der im Mittelalter die Willkr der Frsten sich
fters tchtig den Schdel einrannte. Die Schffen und Brgermeister zerflossen
in Versicherungen einer Ergebenheit, die doch in keiner wahren Prfung Stand
hielt, sondern in Augenblicken der Gefahr die persnliche Selbsterhaltung zum
einzigen Ziele steckte. Warum sollte man das Ergebni jener zweihundertjhrigen
Streitfrage nicht zweien jungen Mnnern wnschen, die allerdings die ffentliche
Meinung in bedenklichster Art in Anspruch genommen hatten? Waren ihre
Unternehmungen fr den Bestand der Ruhe und Ordnung, wie man im Kreise der
Begterten sagte, gefhrlich, so hatten sie sich doch mitten in ihren
verbrecherischen Handlungen vom Arme der Gerechtigkeit schon mssen aufhalten
lassen. Man verrieth auch darin die sich immer gleichbleibende Thatsache des
menschlichen Gemthes, da man Dem, der auf irgend eine Art das ffentliche
Urtheil befriedigt hat, die ganze Herbigkeit der Shne gern erlt, sich mit
seiner allgemeinen Demthigung begngt und noch mehr von ihm einzufordern
zuletzt sogar eine beklommene Scheu hat. Dies pltzliche nun in die Verbannung
und in einen Kerker gerufene Glck hatte sogar etwas Romantisches fr die Welt,
die im Grunde das Regelwidrige dem Regelmigen vorzieht, nur darf sie es in
ihren nchsten Interessen nicht berhren und ihr nicht irgend welche Opfer
auferlegen.
    Noch eine grere Genugthuung der ffentlichen Meinung, von der Freude der
Partheigenossen der Brder nicht zu sprechen, lag in der Verkrzung der den
Erben des Komthurs Hugo von Wildungen zahlbaren Summe. Das Obertribunal hatte im
ermuthigenden Gefhle seiner Beweisauffindung doch die Grenze der Migung nicht
berschritten. Es hatte durch eine Verringerung der beanspruchten Summen jenem
Verlangen nach dem Mittelweg entsprochen, das sich niemals abweisen lt, wenn
man erhitzte Gegner lange und hartnckig auf ihre vermeintlichen Rechte bestehen
sieht. Die Grnde, die das Obertribunal fr seine Ermigung der streitigen
Werthe auf eine Million, allerdings jenes schweren im Norden blichen Geldes,
anfhrte, konnten von keiner billigen Einsicht getadelt werden. Man schlug vor
allen Dingen nicht nur den Genu eines dreihundertjhrigen Besitzes, sondern
ebenso auch die Mhewaltung an, die diesen Besitz doch immer zusammengehalten
hatte. Man konnte zwar nicht in Abrede stellen, da die Liegenschaften der
St.-Johanniter von Angerode, wenn man die Gter und Gebude nach ihrem jetzigen
Werthe veranschlagte - denn eine Entuerung der Besitzungen selbst war kaum
mglich - eher im Preise zu vergrern, als zu vermindern waren; dennoch brachte
man rechtliche Bedenken genug vor, die erwiesen, da eine fast in Verjhrung
gekommene Erbschaft aufhre, ihre ursprngliche Integritt zu behalten, wenn
ihre Ertrgnisse ffentlichen Zwecken zugeflossen waren, bei denen, wie z.B. die
Armenpflege, es unmglich war, sich an Die zu halten, die eben entweder todt
waren oder, wenn sie lebten, nur das Beneficium inventarii, Schulden, Kummer und
Elend anbieten konnten. Diese beweiskrftige Verringerung der Summe auf eine
Million war in der That eine Vershnung mit allen Partheien und trug nicht wenig
dazu bei, die fast abgttische Verehrung vor den Entscheidungen des hchsten
Gerichtshofes zu erhalten und den erschreckten, in dieser Zeit der Willkr und
der Rechtsverflschung ber des Lebens allgemeine unsichere Schwankung
zitternden Gemthern das Hochgefhl zu erhalten, da es in allen diesen Wirren
doch noch einen festen Anker der Hoffnung, ein unentweihtes, den Himmelswolken
nher als dem Erdendunst thronendes Asyl des Rechtes gbe. Niemand war
befriedigter als der Hof und in der That konnte man Egon von Hohenberg und etwa
den Probst Gelbsattel nur die einzigen Widersacher nennen.
    Egon's mathematische Natur strubte sich gleich anfangs gegen das Vorhaben
der Brder Wildungen, noch als sie ihm befreundet waren. Seinen Studien zufolge
weniger Jurist als Kameralist uerte er oft, da nichts so sehr die Auflsung
der Gesellschaft und den Theorieenschwindel befrdere als die Vorstellung, da
es ein ewiges, der Zeit und ihren Bedingungen vllig entrcktes Recht gbe. Er
hatte in seinem Jahrhundert, dem er die schrfsten Dialektiker gewann und aus
Staatsfonds theuer bezahlte, oft genug schon gegen die Juristen polemisiren
lassen, als diese kalten, aalglatten Zwischenwesen, die nicht Fisch nicht
Schlange wren und doch auf dem Lande und im Wasser zugleich leben knnten. Fiat
justitia, pereat mundus, war ihm die Devise einer Welt, die fr jedes Verbrechen
einen Entschuldigungsgrund und wenn auch nur aus der Sentimentalitt herzuleiten
wisse, und von den Juristen stand ihm die Gesinnungslosigkeit vollends so fest,
da er bei jedem Morde, bei jeder Cause clbre, die zur ffentlichen Debatte
kam, wettete, die Advokaten wrden doch wieder Alles thun, um dem einfachsten
nchsten sittlichen Gefhle mit Hundert Truggrnden sein Shnopfer zu entreien.
Er war deshalb sonderbarerweise ein Freund der Geschwornengerichte, selbst wenn
sie politische Verbrecher freisprachen. Er sagte sich wohl, da es schlimm in
den Gemthern aussehen msse, wenn man Feinde der ffentlichen Ruhe straflos
haben wolle, aber er hob doch die Wohlthat hervor, wenn sich die Gesellschaft
das Recht erhielte, selbst zu bestimmen, was ihr Recht schiene. Er bewies, da
die Abschaffung der Todesstrafe immer nur von Grblern, nie von diesem
Volksgefhle der Selbsterhaltung und des Rechtes als Nothwehr gegen Verbrecher
wre beantragt worden. Diese Entscheidung des Obertribunals, grade in ihrer
Unabhngigkeit von den Persnlichkeiten der Gewinner so bewundert, schien ihm im
Gegentheil das verderblichste Zeichen einer Zeit, die selbst nicht wisse, was
sie wolle und in der Vergtterung von Abstraktionen an den faktischen Bestnden
zu Grunde gehen msse. Bitter genug war auch die Art, wie er den Vorfall an die
von ihm und der Hofpolitik in's Leben gerufene Volksvertretung brachte und die
Ermchtigung verlangte, der Residenz die Anfertigung von einer Million
Stadtkmmereischeinen zu gestatten.
    Die Freude, die alle Welt theilte, da zwei halbblinde Augen zwei kleine
Punkte in einer alten Urkunde entdeckt haben konnten, kannte der Frst nicht. Er
war eines Abends empfindlich genug, sein Erstaunen auszudrcken, als er Propst
Gelbsattel in den kleinen Cirkeln des Hofes eingeladen fand und er von diesem
die Auseinandersetzung hren konnte, um derentwillen er grade auf Veranlassung
des Generals Voland citirt worden war. Man hatte in Erfahrung gebracht, da die
alte Excellenz grade an dem Tage des Urtheilsspruches seit Jahren zum ersten
Male wieder die Loge besucht hatte. Die junge Excellenz, die gleichfalls
anwesend war, (man gab im Hoftheater ein klassisches Stck) wute den Tag
anzugeben, wo Papa vor zehn Jahren zum letzten Male in die Loge fuhr. Das
Ereigni schien so mystisch, da man den Vorschlag des Generals annahm und den
seit Jahren fallengelassenen Propst zum Thee befahl. Man denke sich Gelbsattel's
Entzcken! Htte man ihn gradezu um eine Enthllung angegangen, er wrde das
ganze Handwerkszeug seiner Tempelbauten an den Stufen des Thrones oder auf die
Prsentirteller des etwas sprlich dargereichten mrben Gebckes niedergelegt
haben. So aber sprach er, da man grade wie immer nur ein leises Lften des
Isisschleiers wnschte, etwa nur andeutend Folgendes:
    Dieser Rechtsfall hat den wrdigen Mann wie um zwanzig Jahre verjngt. Ich
will nicht die Gewissenhaftigkeit des Obertribunals antasten, aber ein so
genaues Studium des vorliegenden Falles war nur mglich, wo die Lieblingsideen
des Prsidenten mit ihm in Berhrung kamen. Er hat die Geschichte der Maurerei
bis in die kleinsten Details erforscht und leitet sie von den ltesten Tagen
her. Es ist ihm die Geschichte der Geheimbnde derselbe Strom, der bald offen
bald versteckt unter Felsen, bald gar durch Felsen selber hindurch Allen
unsichtbar dahinflsse. Wie Seen auf Meilenweite mit den Wasserfllen eines
groen Gebirgskammes zusammenhingen, so wre auch die Maurerei derselbe Gedanke,
der schon den Geheimbnden Indiens, Egyptens, Grogriechenlands zum Grunde
gelegen htte. Die Menschen htten sich immer aus den herrschenden Thatsachen
und deren Zwangsverbande in einen freien unsichtbaren Verband hherer Wahrheiten
geflchtet. Wie die Naturreligion ihn auf die Thierwelt fhrte, ist bekannt. Er
sieht in den Thieren, die am Basler, Freiburger, Strasburger Mnster in der
Architektur angebracht sind, Symbole der Maurer und Architekten, die ber ihrer
Zeit gestanden htten, wie gleichsam alle Knstler, ja besonders die Dichter und
Schauspieler gewissermaen ein Arbeiten vor und eines ja auch hinter den
Coulissen htten ...
    Man blickte lchelnd auf den geschmeichelten Sohn des Vaters, der fr
Tempelheide nicht existirte, und sich, weil es der alte Herr wnschte, nur
jhrlich einmal, nmlich an dessen Geburtstage dort sehen lie ...
    Gelbsattel fuhr nach diesem theatralischen Seitenblicke fort:
    Man hat in Bhmen Tempelherrnburgen und Tempelherrnkirchen gefunden, bei
denen eine fast egyptische Thiersymbolik als Verzierung angebracht war. Im
Proze gegen Jakob Molay wurden als Beweismittel seiner Ketzerei Spuren von
Thierverehrung der Templer gebraucht und unwiderleglich ist die Geschichte von
dem Idol, einem Kopfe, den man im Tempel zu Paris fand, einem Amuleth ohne
Zweifel, das man Bafomet nannte, Mahomet's Name in syrischer Aussprache. Die
Templer brachten orientalische Verwilderung mit und wurden sogar beschuldigt,
der Lehre von der Seelenwanderung zu huldigen. Der Prsident lugnet diesen
Gtzendienst und vertheidigt die Templer nur als Anhnger der Lehre von der
Duldung, die durch diese Orientalismen bewiesen wre. Nach ihm flchteten sich
die Templer nach England und erwachten im Jahrhundert der Toleranz zum
ffentlichen Leben als Freimaurer. Die Templer wurden in Deutschland Johanniter.
Den Tempelstein bei Buchau, den Herr von Dystra wunderbar schn ausbauen lassen
soll ...
    Man besttigte dies Urtheil und hatte seine Freude an der Nachbarschaft
einer neuerstehenden Burgruine ...
    Den Tempelstein warfen vielleicht die Bannbullen des Papstes nieder; doch
in's Innere Deutschlands zogen die Erben der Templer. ber Angerode machte der
Prsident seit Jahren Forschungen. Als die Gebrder Wildungen in erster Instanz
verloren hatten und die dunkle Kunde des wieder aufgenommenen Prozesses an den
Prsidenten kam, soll er gesagt haben: Der Staat hat nicht Recht, die Kommune
hat nicht Recht, schafft die Cessionsurkunden des Komthurs Hugo von Wildungen
und seiner Erben, diese knnen den Ausschlag geben! Und grade beide hatten sich
gefunden. Dennoch trug die eine Cessionsurkunde in keiner Instanz den Sieg
davon, da die Interpretation des scharfsinnigen Herrn Justizraths Schlurck ...
    Frst Egon von Hohenberg ertrug ruhig, aber finsterblickend die flsternde
Wirkung dieser Namensnennung ...
    Es zu beweisen schien, da Hugo von Wildungen entweder fr sich die ihm
gemachte Quote der Theilung antreten wollte oder fr seine nchsten Ritter
propinqui equites entsagte, worunter man auch seine Verwandten htte verstehen
knnen, wenn sich Verwandte des Komthurs unter den Rittern gefunden htten.
Dankmar Wildungen, ein Abentheurer wie er ist, reiste in Folge dieser
Interpretation nach Angerode, hoffte dort die Verzeichnisse der Ordensmitglieder
vom Jahre 1550 zu finden, kehrte aber unverrichteter Sache zurck. Er wagte nun
die letzte Instanz. Wie gro war das allgemeine Erstaunen, als der Prsident
sich dieses Prozesses mit Liebe annahm! Den Gedanken an die Beziehungen seiner
Familie, besonders der herrlichen Anna von Harder zu den Wildungen, mu man ganz
fallen lassen, ihn trieb zum Studium dieser Sache nur seine Schwrmerei fr die
Geschichte der geheimen Toleranzbnde ...
    Und ist es wahr, sagte die Knigin, die von der Toleranz nichts wissen
wollte, ist es wahr, da zwei Interpunktionszeichen den Ausschlag gegeben haben?
    Allerdings, Majestt! erklrte Propst Gelbsattel und fiel dem General Voland
in's Wort, dem der Propst in seiner offenbar etwas ausgeplauderten spteren
Maurerrede des Prsidenten fast schon zu lange sprach. Allerdings! Die Stelle in
der Originalurkunde, datirt aus Venedig, lautet: Ich bekenne, da ich die mir
bestimmte Theilung in Besitz nehmen werde, adhuc vivus, so lange ich lebe, oder
wenn ich frher sterben sollte, bewillige ich sie, cedo propinquis equitibus,
wie man bisher bersetzte, den nchsten Rittern, d.h. den mir an Range Nchsten,
also dem Orden wieder selbst, das heit, den Erben von Angerode, Staat oder
Stadt. So Justizrath Schlurck. Dankmar Wildungen aber sagte: die Stelle hiee:
meinen anverwandten Rittern! Er forschte in allen mglichen Annalen, ob die
Wildungen verwandte Ritter im Kapitel gehabt htten, wrde aber auch selbst,
wenn er deren gefunden htte, nicht durchgedrungen sein, da doch immer wieder
dann die Ordenseigenschaft ber die Berechtigung zur Beerbung entschieden htte.
Auf eine andere Erklrung konnte Dankmar Wildungen nicht kommen, da er die
Abschrift, die er von der Urkunde nahm, zu flchtig gefertigt hatte und sie fr
gleichlautend mit der Urschrift hielt. Der Prsident erst entdeckte in dem
chten Original zwei Punkte vor und nach equitibus und erlutert: Ich cedire
meinen Verwandten, Rittern, d.h. Adligen, die das Recht der Ritterguts- und
Dominialerbschaft haben und demnach vollkommen berechtigt waren, in meine Rechte
einzutreten, diese Theilungsquote. Er wies aus gleichzeitigen Quellen nach, da
der Ausdruck equites fr nobiles fter vorkme, wenn unter ihm adlige Patrizier
der Stdte und Grundbesitzer des flachen Landes zusammengefat wurden, und an
Beweisen, da die Agnaten der Wildungen grade in den Stdten Thringens als
Patrizier wohnten, fehlte es nicht. Eben durch ihre Wohnsitze in Brgerkommunen
verlor sich mit der Zeit ihr Adel. Die Entscheidung ist nun vllig klar, hngt
mit dem Sinne der ganzen Urkunde zusammen und es fehlt jetzt nur noch das baare
Geld, wofr die Stadt und ihr Credit, Se. Durchlaucht Frst Hohenberg und ein
guter Kupferstecher zu sorgen haben.
    Man fhlte sich auerordentlich angeregt und befriedigt von diesem Vortrage,
der offenbar aus der Loge kam. General Voland hatte eine Menge von hnlichen
Entscheidungen zur Hand, zeichnete Wappen und lie die Herrschaften rathen, was
die Rebus derselben zu bedeuten htten. Es whrte lange, bis der Premierminister
mit der Bemerkung hervortreten konnte:
    Ich will wnschen, da die Ritter vom Geiste eine so harmlose Fortsetzung
der Freimaurerei sind, wie der wrdige Chef unserer Justiz diese aus dem Kopfe
des Muhamed und der Toleranz gegen die Thiere herleitet. Ein Zusammenhang mit
den Jesuiten wre schon bedenklicher. Man mu die Untersuchung abwarten, die
leider umstndlicher ausfallen wird, als mir im Interesse dieser Gebrder
Wildungen lieb sein kann, die zwei reichbegabte, an sich sehr edle und sonst des
vollsten Genusses ihres Glckes wrdige junge Mnner sind.
    Es lag eine solche dstre Wahrheit in diesen krftig betonten Worten, deren
Beziehung man wohl verstand, da das Thema verlassen wurde und Propst Gelbsattel
Zeit fand, sich zu seinen Antworten ber die innere Mission zu sammeln, ber die
er angelegentlichst befragt wurde. Frher entschiedenster Gegner derselben hatte
er sich vielleicht erst unterwegs in der Kutsche, die ihn zu Hofe fuhr, eine
Brcke gebaut, um nun als ihr Verehrer aufzutreten und mit General Voland und
andern Elementen der kleinen Cirkel jene Dialoge aufzufhren, in welchen man die
Wahrheiten und Irrthmer der Zeit von allen Seiten beleuchtete, ohne die Kraft
zu besitzen, davon irgend etwas Anderes im Leben auszufhren, als was eben der
rastlose Drang des Adels-, Beamten- und Militairegoismus als einzige politische
Richtschnur vorschrieb ...
    Frst Egon aber konnte nicht anders erwarten, als da die Stnde ihre
Zustimmung zur Emission von einer Million Stadtkmmereischeinen geben wrden.
Die Bedingung wurde nur gestellt, da die Stadt nun das ihr verbleibende
alterthmliche Erbe auch einer neuen Verwerthung unterwrfe und die ffentliche
Kontrole gestattete. Die Huser in der Brandgasse sollten niedergerissen,
neugebaut, neuorganisirt werden. Man wollte, da nun auch alle alten Herbergen
provisorischer Zustnde gelftet, die Spelunken lichtscheuer Bettlerexistenzen
gereinigt wrden. Dabei traf sich der eigne Fall, da gerade ein Mann, der statt
Bartusch's, des Blutsaugers, des bsen Drngers und Qulers der Brandgasse, ein
Wohlthter, Rettungsengel und milder Richter dieser Hhlen geworden war, nun in
die Lage kam, an der materiellen Befriedigung der beiden Mnner, die sich als
die eigentlichen Herren der Brandgasse jetzt ergeben hatten, an dem Abkaufe
dieser Erbschaft betheiligt zu werden.
    Es war zuerst im November des vorigen Jahres gewesen, als sich die
verdchtigen Wolken, die die Erscheinung Murray's begleitet hatten, allmlig
verzogen. Ein reicher, angesehener Fremder, dem die heimischen Bekanntschaften
den Glanz seines Namens mehrten, erbot sich in demselben Augenblicke zu einer
ansehnlichen Kaution fr ihn, als er durch die Zeugnisse Louis Armand's fast
gezwungen war, einzugestehen, da er im Forsthause bei Plessen nur von einem in
Amerika verstorbenen Bruder des Schmieds Jakob Zeck und seiner Schwester Ursula
Auftrge zu berbringen hatte und bei dieser Gelegenheit in die Lage kam, einen
tckischen, mrderischen Schlag, den der Blinde auf seine Schwester ausfhren
wollte, durch jedes nchste ihm zu Gebote stehende Mittel zu hintertreiben.
Diese Aussagen blieben unwiderlegt, da Louis Armand damals noch in dem Ansehen
stand, ein Jugendfreund des Ministers zu sein. Die Auftrge, die Pax spter von
Charlotte Ludmer fr seine Hohenberger Reise bekommen hatte, waren nicht auf
eine Gewaltthat gerichtet. Vermuthete sie Friedrich Zeck in jenem Englnder, der
sich ihrer Nichte so eifrig angenommen hatte, so konnte ihr nur an dessen
Beobachtung, geruschloser, vielleicht durch Geld oder durch stille Gewalt
vermittelter Entfernung, nicht aber an einer Verhaftung liegen, die zuletzt
Gestndnisse zu Tage gefrdert htte verletzendster Art fr lebende, in sorglose
Sicherheit eingewiegte Personen. Deshalb hatte sie von Fritz Hackert nur unter
der Hand erfahren wollen, ob nicht dieser Murray ein Gauner und an diesen und
jenen Merkmalen erkennbar wre. Besorgni genug erweckte ihr Hackert's
Schweigen, noch grere die Freigebung des Gefangenen auf ein bedeutendes
Lsegeld. Endlich aber erhielt sie die Nachricht von Hackert, da jener Fremde
ein wirklich harmloser Emissr amerikanischer religiser Vereine wre, der am
liebsten auf Kirchhfen weile und sich mit dem Schicksale der Armen beschftige.
Gern htte sie ihn selbst gesprochen, gern von ihm gehrt, wann, wo, unter
welchen Umstnden jener Friedrich Zeck gestorben wre, auf dessen Veranlassung
er die schlimme Begegnung im Plessener Forst hatte, allein der gern und fters
bei ihr gesehene Hackert brachte ihr darauf hin eine wunderlich zustimmende
Antwort des Sonderlings, der sie entnehmen konnte, da hier in der That einer
jener Buprediger vorhanden war, der diese Gelegenheit benutzen wollte, nun auch
ihr recht in's Gewissen zu reden. Auf die Gefahr hin, da ihr dieser Mann von
einer jenseitigen Welt sprechen konnte, schlummerte ihre Absicht, Murray kennen
zu lernen, und ihre Furcht ein. Sie mochte solche Quker nicht sehen.
    Friedrich Zeck hatte nie die Absicht gehabt, sich etwa an Pauline von Harder
und Charlotte Ludmer zu rchen. Es war eine wirkliche Frmmigkeit, die ihn
erleuchtete. Es lag ihm im Leben nur noch an dem Loose des Knaben, den
aufzusuchen ihn dasselbe Pflichtgefhl trieb, das die frmmelnde Frstin Amanda
einst ihr Testament hatte niederschreiben lassen. Wie er Hackerten finden mute,
erfllte ihn freilich mit Schmerz genug. Er fand doch zuletzt einen
verwilderten, trotzigen, aller Innerlichkeit baaren Sinnenmenschen, mit dem er
sich, um sein besseres Gefhl zu wecken, wohl htete, zu verfahren wie mit
Auguste Ludmer. Die gewaltsame Unterwerfung unter seinen eignen edlen Geist
htte er wohl ausgefhrt, er htte nur seine Geschichte, die Namennennung der
Mutter Hackert's anwenden drfen, um den Hochmthigen ganz in der Gewalt zu
haben, aber er lehnte diese Gewalt ab, er frchtete, etwas Knstliches in seine
Entwickelung hineinzutragen. Er wollte seinen Sohn gewhren lassen und ihm
selbst nur als eine Anlehnung seines eignen Wachsthums dienen. Die Erfolge
dieser Erziehung waren im Beginn wenig ermuthigend. Er entsetzte sich genug, wie
verworren, ja grundverdorben diese Seele war. Vor dem tiefeingewurzelten
Pessimismus derselben schauderte ihn. Alles wre schlecht, Jeder she nur auf
seinen Vortheil, Alles lge und die Tugend wre Maske, die nur die Dummen
blendete! So lauteten seine stehenden Stze, die er selbst mit der Nachwirkung
der Gefhle verband, die ihm die Freude geweckt hatte, seinen rthselhaft
verborgenen und sich ihm noch nicht ganz enthllenden Vater damals auf dem
Kirchhofe zu finden. Seine Menschenverachtung ging soweit, da er selbst am
Vater zu bohren, an dem zu whlen, zu untergraben anfing und ihm gleichsam
Fallen stellte, um die Schadenfreude zu genieen, auch ihn straucheln zu sehen,
auch ihn auf Prahlerei und Eitelkeit zu ertappen. Er konnte nicht begreifen,
warum Murray in der Brandgasse wohnen blieb und die drei Zimmer der Louise
Eisold behielt. Er vermittelte manche Bestellung, die vom Vater fr
Kupferstecherarbeiten wieder bernommen wurde; aber wenn er sie nur langsam
ausfhrte, wenn er hren mute, da den Vater dieser oder jener Vorfall in den
Familienhusern, bald auf Nr. 30, bald auf Nr. 50 in Anspruch genommen hatte, so
konnte er das schadenfroheste Gelchter aufschlagen und alle Bemhungen, dieser
Bande, wie er sie nannte, ntzlich zu sein, als rein verlorene Mhe verspotten.
Diesem Vieh, sagte er, ist sein Schmuz so behaglich wie dem Reichen seine
Eiderdaunen. Kein Champagner gibt dem Schlemmer die Wollust, wie Diesen hier der
erwrmende, scharf alle Nerven ergreifende und die Sinne in eine exaltirte
Spannung versetzende Branntewein! Seht nur dies wonnige berbeien der Lippen,
wenn diese Mnner und Weiber aus ihrer Flasche getrunken haben! Seht dies
Schmunzeln des Mundes und Runzeln der Augenbrauen, als wenn der Genu brenne und
belbehagen erwecke, aber es ist nur die Maske der sesten Empfindung, die sie
hebt und alle Phrasen von Entsagung und wahrem Menschenglck verlachen macht.
Hrt nur die zrtlichen Namen, mit denen die Flasche benannt wird, wie erwrmt
sie von Tasche zu Tasche im Kreise umherwandert, wie treu sie mit auf die
Arbeit, mit auf den Spaziergang genommen wird und wie sie immer die
Lebensgeister wach erhlt, wie sie zu hoffen, zu hassen, zu lieben lehrt. Ha! So
ein Fluch, aus ganzer Seele losgelassen ber die Welt und Alles, was in ihr lebt
und krabbelt, kann aus keinem Dichtermunde bei aller Begeisterung krftiger
kommen wie aus dem mit Spiritus stimulirten Zustand dieser Menschen, die
zuletzt, wenn die Spannkraft der Nerven nicht mehr aushlt, erst Morgens in ein
Zittern verfallen, dann Mittags ber Magendrcken wimmern und zuletzt Abends
berall Muse, Ratten sehen, Wanzen, Flhe, Ungeziefer und dabei heulen und
schreien: Es will mich was fressen, Hlfe! Hlfe! Ha, Papa, das ist dann der
Suferwahnsinn und die Geschichte ist aus. Die Kerle kommen in's Tollhaus; aber
lustig, die Jungen machen's doch den Alten immer wieder nach! Man mte die
Nester alle ausnehmen, wenn die Brut noch halb in den Eiern sitzt, mte ihnen
allen den Kopf eindrcken oder sie in eine Anstalt zusammenthun, wo sie dann
freilich wieder andere Laster lernen, die auch zu keinem seligen Ende fhren.
Vater, es gibt fr diese Canaille der Wonnen, die dabei auch nichts kosten, gar
zu viel!
    Das war dann freilich eine Schilderung, grauenhaft genug und leider nur zu
wahr! Aber der Vater hatte den wenig ausreichenden Trost, da solche und
hnliche uerungen seines Sohnes noch mehr aus dessen immer mehr zunehmender
Hinflligkeit herrhrten. Die Mondsucht hatte ihn nicht verlassen. Jede Anfrage
bei erprobten rzten fhrte auf das Ergebni, man msse die Jahre abwarten und
sich mit uern Schadenverhtungen begngen. Hackert blieb, da der Vater sein
Inkognito nicht aufgab, in seiner Wohnung bei Zipfels. Friedrich Zeck wnschte
nicht, da sie zusammenzogen. Er frchtete, da dann Einer vom Andern beherrscht
wrde und die Alltglichkeit bald den Reiz verdrnge, den es doch fr den Sohn
hatte, einen Ort zu wissen, wo er sich in reineren Lebensfluthen manchmal baden
konnte, fhrte ihn auch der Weg an Schmuz und Schlamm vorber. Der Ekel, mit dem
Hackert regelmig bei Zeck eintrat, that diesem wohl und immer hoffte er, es
wrde sich endlich in ihm der Entschlu zu einer That regen, zu irgend einem
Aufschwunge, zu irgend einem ihn erhebenden Berufe. Sein Verhltni zu Pax hatte
Hackert keineswegs aufgegeben. Er gefiel sich zu sehr in den Zerstreuungen, die
der Wandel eines solchen geheimen Agenten mit sich brachte. Da durfte er in
aller Leute Karten sehen, ber Stutzer lachen, die auf den Promenaden stolzirten
und das ihnen gleichsam von der Polizei umgehngte Halsband unter der seidnen
Cravatte verbargen, er durfte alle Spelunken des Elends, der Gaunerei, des
zgellosen Vergngens besuchen. Er war seit Jahren an diese Orte wie gebannt.
Frher zog ihn da der Trieb der Theilnahme an den Ausschweifungen hinein, jetzt
brauchte er sie nur in hherm Auftrage zu besuchen, aber magnetisch zogen sie
ihn. Wenn er eine dumpfe Trommel in der Ferne hrte, das Schmettern einer
Trompete, wenn die Geigen so weinerlich lockend strichen, behauptete er, nicht
widerstehen zu knnen. Wenn die eigne Kraft zur Snde aufhrt, regt sich der
Trieb, Andere zu verfhren. Alte Buhlerinnen kuppeln, ehemalige Verbrecher geben
an. Von allen diesen Erfahrungen wiederholte sich etwas an Hackert, nur da er
durch einen gewissen, man mchte ihn philosophischen Standpunkt nennen, bewahrt
blieb, dabei in das vllig Gewhnliche und Gemeine zu verfallen. Wenn er acht
Tage in der Brandgasse beim Vater nicht gewesen war, fing diesen an zu bangen;
er wute, da Fritz dann auf schlimme Rckflle gekommen war, irgend einer
Verlockung folgte, kein gutes Gewissen hatte; aber das bessere Gewissen
berhaupt bei Hackert anzunehmen war schon ein Gewinn und immer hatte Zeck die
Genugthuung, da er endlich doch kam, matt und mde zwar, angeekelt von sich
selbst, mismuthig, verstimmt und meist Geschichten mitbringend, die Murray zur
Anknpfung seiner Lieblingsbeschftigung benutzte, den Werken der innern
Mission, wie sie von ihm in ganz anderm Sinne als von den Modevereinen
verstanden wurde; aber er kam doch, ruhte sich beim Vater doch aus, seufzte doch
und wnschte sich nicht selten den Tod.
    Otto von Dystra hatte vor seinen Reisen nach dem Tempelstein Sorge getragen,
seinen alten Schtzling mit Persnlichkeiten und Institutionen bekannt zu
machen, die ihm nach zwei Seiten hin ntzlich sein konnten, sowohl seine alte
Kunstbung wieder aufzunehmen, wie die ihm eigne Bekehrungsmethode unter den
sittlich Verwahrlosten ungestrt zu betreiben. Im Besitz eines ausreichenden
Vermgens arbeitete Murray nach Neigung. Da er nur die schwierigeren Auftrge
annahm und sie mit groer knstlerischer Vollendung ausfhrte, lie er sich in
seinen Leistungen Zeit. Die Muestunden, die er sich reichlich gnnte, verwandte
er darauf, von den Vereinen, deren Mitglied er geworden war, Auftrge
anzunehmen. Anfangs fgte er sich der Methode, die hier allgemein in diesem
Fache der Seelsorge schon galt. Er brachte Notizen, empfahl die
Hilfsbedrftigen, zeigte bald den Behrden, bald den Vereinen auffallende
Misstnde an, aber bald sah er, da das Alles nur wie ein Tropfen auf einen
heien Stein war. Man gab und die Wirkung zischte auf und lie nichts als ein
wenig Rauch von Dank zurck. In den statistischen Tabellen der Vereine, ihren
Programmen und Berichterstattungen nahmen sich diese Thatsachen freilich Wunder
wie groartig aus. Da hie es: Achtzig armen Wchnerinnen Leinenzeug gegeben,
dreihundert Kranke gepflegt, dreiig begraben und so und so und so vielen Waisen
oder Witwen diese oder jene vorbergehende Wohlthat erwiesen! Murray sah bald
ein, da diese Methode auch zu dem scheulichen Lgennetze der Zeit gehrte. Nur
zu wahr traf in den meisten Fllen die Spottrede seines Sohnes ein, der diesen
Theil der Menschheit in solcher auf die Symptome kurirenden Art fr
unverbesserlich erklrte. Gern htte er die Macht des Christenthums zu Hlfe
gerufen, aber zu seinem tiefsten Leidwesen erkannte er, da in Europa das
Christenthum eine viel unreinere gesellschaftliche Gestalt angenommen hat als
jenseit des Meeres, wo sich nicht soviel kirchliche und politische Verwirrung
und irdische nichtswrdige Entstellung in die reine Christuslehre gemischt hat.
Wenn er den Armen und ergrimmten Nothleidenden mit Christus als dem Waizenkorn
und dem wahren Brote des Lebens kam, so fand er selten einen guten Boden fr
diese Aussaat und mute in hundert Fllen neunzigmal erleben, da man ihm das
Christenthum als eine durch die Weltlichkeit der Kirche, den Luxus der
Geistlichen, die geheuchelte Frmmigkeit der Groen, der Armuth ber und ber
verdchtig gewordene Institution darstellte und ihm mit einem Unglauben
antwortete, der an die absolute Nichtslehre seines Sohnes fr ihn schaudernd
genug erinnerte.
    Eines Tages kam ihm ein Lichtstrahl bessrer Hoffnung. Er hatte, es war im
Frhjahr schon, bei einer Versammlung einen jungen Geistlichen reden hren, der
als Prediger des Gefangnenhauses erst vor Kurzem eingetreten war. Er entsann
sich des Namens Oleander sehr wohl. Er erinnerte ihn an Louis Armand, diesen
liebenswrdigen jungen Freund, der vor einigen Monaten hatte aus einem Lande
entfliehen mssen, das er mit so viel Hoffnungen betreten durfte. Friedrich Zeck
war mit Louis Armand in Verbindung geblieben, hatte manchen Brief von ihm an
Dystra, von Dystra wieder Einlagen an ihn bekommen; Zeck hatte Kunde von dem
Bunde der Ritter vom Geiste und durfte vermuthen, da auch Oleander zu ihm
gehrte.
    Man rhmte die Standhaftigkeit, mit der Oleander auf der Festung Bielau
einen jungen, wegen Meuterei erschossenen Soldaten zum Tode begleitete. Seine
Predigten fanden den allgemeinsten Beifall und segensreich sollte sich auch sein
Wirken in den Zellen des Gefangnenhauses erweisen. Briefe, die Friedrich Zeck
von Armand fr Oleander erhielt, brachten ihn diesem jungen Geistlichen nher.
Er sah ihn fter, verstand sich mit seinen Meinungen ber die Zeit und ber die
Menschen und zweifelte nicht, da auch er zu dem vielbesprochenen Geheimbunde
gehrte; denn er rhmte von sich, da er durch Siegbert Wildungen und Louis
Armand eine groe Umwlzung seines Innern erfahren. Doch rckte das eigentliche
Geheimni des Bundes Zeck selber nicht nher, er wnschte es auch nicht. Zeck
sah zu sehr seine Unwrdigkeit und trug diese Erkenntni voll Demuth. Er war in
demselben Falle wie Dystra. Beide wurden von dem Bunde benutzt, ohne da sie in
ihm lebten.
    Wie erstaunte Friedrich Zeck im Laufe des Sommers, als nach lngerm
Zusammenwirken auf dem Gebiete der innern Mission Oleander eines Tages ihm doch
ein sonderbares Zeichen machte, das er nicht verstand! Oleander hatte den
Kupferstecher anfangs fr einen respektablen Mann angesehen, von dem er nicht
voraussetzen konnte, da er mit dem Geheimni, in das ihn Siegbert brieflich
eingeweiht hatte, bekannt war. Spter, als er sich bedeutender und
charakterfester entwickelte, hatte er prfend auf ihn geblickt, endlich im Laufe
des Sommers gewagt, ihn mit dem Bundeszeichen zu begren. Als Murray den Gru
nicht erwiderte, sagte Oleander:
    Sie dienen den Rittern vom Geiste und gehren nicht zu ihnen?
    Murray besttigte diese Vermuthung und lehnte genauere Erffnung ab ...
    Oleander aber sagte:
    Diese Ablehnung hilft Ihnen nichts, liebster Murray! Sie werden gewonnen,
ohne da Sie wollen. Noch mu ich nun selbst Anstand nehmen, mich zu offenbaren.
Lassen Sie mir nur noch einige Wochen Zeit und ich will Ihnen dann sagen warum?
    Aus den Wochen wurden Monate. Der Herbst war da, Ackermann hatte sich in der
Residenz als Rodewald enthllt. Abschied nehmend von Oleander hatte Rodewald des
Begeisterten soviel von Murray gesprochen, so sehr gerhmt, da in ihm eine
groe sittliche That verkrpert wre, so sehr die Migung gepriesen, mit der er
noch jetzt eine ernste Aufgabe beherrsche und verwalte, da Oleander sich seines
Versprechens entsann und eines Abends, als er mit Friedrich Zeck durch die
Laster- und Elendshhlen der Brandgasse sich mde gepilgert hatte und da, wo man
frher die Sendboten der Liebe die Treppe hinunterwarf, wenigstens die
persnliche Sicherheit des guten Nachbars im dritten Hofe antraf (der schon in
die Lage gekommen war, beraubt zu werden und Die, die ihn hatten nchtlich
berfallen, in seiner Wohnung knebeln wollen, nicht angezeigt, sondern sie zu
Freunden gewonnen hatte), zu Murray sagte:
    Aber Sie, Mann des Friedens, wenn es wahr ist, da Sie diese eisernen Stbe
- es war in Murray's Wohnung - hier vor Verbrechern schtzen mssen, die Sie zu
Ihren Freunden zu erheben vorziehen, statt in die Gefngnisse zu schicken, so
mu ich auf mein Versprechen zurckkommen, Sie mit dem Bunde der Ritter vom
Geiste bekannt zu machen!
    Warum thun Sie Das erst jetzt? fragte Friedrich Zeck.
    Weil ich an der unverbesserlichen Eitelkeit der Studirten leide; sagte
Oleander. Es ist ein Gesetz unsres Bundes, nur Die zu gewinnen, die ber uns
stehen. Es hie anfangs, die gesellschaftlich ber uns stehen, doch hat Dankmar
Wildungen die Vorschrift verbessert und jede andre Superioritt, auch die der
Sitte und der Bildung, des Geistes und des Herzens zugestanden. Ich darf also
nur Menschen gewinnen fr den Bund, von denen ich mir sagen mu, da sie
irgendwie ber mir stehen. Und ich Eitler, ich war fast so eitel wie sonst
Propst Gelbsattel. Ich sage: sonst! Denn seitdem dieser groe Mann erfahren hat,
Ritter vom Geiste knnte man nur durch einen Menschen werden, der unter uns
stnde, bemht er sich, die Demuth selbst zu sein. Er duckt sich gegen
Jedermann, sieht berall auf die Erde wie nach einem verlornen Groschen, mchte
Jeden ermuntern, sich ihm zu nhern. Aber er macht, sagte neulich der Doktor
Drommeldey in Tempelheide, er macht die sonderbare Entdeckung, da er nicht
nthig htte, zu den unter ihm Stehenden herabzusteigen. Niemand denkt daran,
ihn fr einen Greren zu halten, als sich ...
    Friedrich Zeck war in der Prfung des Satzes, man msse immer von den unter
uns sich Fhlenden geworben werden, noch so verloren, da er kaum daran dachte,
die ihm von Oleander angethane Ehre abzulehnen. Oleander aber theilte ihm
Geschichte und Bestand des Bundes mit, gab ihm die Erkennungszeichen, deutete
ihm die Symbolik und wollte ihm schon das Gelbni abnehmen, den nher
bezeichneten geheimen Pflichten des Bundes sich zu unterwerfen.
    Staunend hatte Friedrich Zeck zugehrt. Erst jetzt fiel ihm ein, er, ein
Falschmnzer, ein entsprungener Verbrecher sollte sich in diesen Bund der
edelsten Menschen stehlen? Unruhig sprang er auf und lehnte seine Betheiligung
ab, indem er im brigen die heiligste Verschwiegenheit ber das bereits
Vernommene gelobte.
    Billigen Sie die Idee nicht? fragte Oleander.
    Ich bin ihrer nicht wrdig, meine Kraft ist zu schwach. Lassen Sie! sagte
Zeck.
    Ihre Kraft zu schwach? erwiderte der junge Geistliche. Fhlen Sie denn
nicht, da im Grunde erst durch diese Schpfung Das, was man innere Mission
nennt, ein Ziel und einen Zusammenhang erhlt? Wenn irgend etwas zur Glorie des
Christenthums gethan werden kann, so bin ich gewi keiner der Letzten, der
freudig Hand an's Werk legt. Aber aus dem Geiste des Christenthums allein sind
diese Thaten der Liebe nicht mehr zu frdern. Sie mssen, wie die Kreuzzge
einst, damit enden, da wir das Grab und die Wiege des Heils in der ganzen Welt
finden, nicht blos in dem unglubig gewordenen Palstina. Die alten Templer
waren zu der Erkenntni gekommen, da sich die Mission einer rein uerlichen
Fortpflanzung des Christenthums, die Mission der Heidenbekehrung, berlebt hat.
Man sprach nun von innerer Heidenbekehrung, von Ketzerverfolgung, von
Urchristenthum, man stiftete Sekten, Brdergemeinden. Es waren falsche Wege zum
rechten Ziel. Die Wahrheit ist die, da eine vereinzelte Pflege des Unheils in
der Welt nur wenig hilft. Das ganze Leben mu ergriffen werden von dem Geiste
der Erneuerung und Wiedergeburt. Wir knnen die Schden der Gesellschaft nur
heilen, wenn wir neue Luftstrmungen durch die verdumpfte Existenz der
Zeitgenossen ziehen lassen. Licht der Sonne, Blau des Himmels, Frische der Luft,
was gibt es bessere Hlfsmittel bei Heilung leiblicher Schden? Und mit den
geistigen beginnen die leiblichen. Ich habe sonst ber die Zeit getrumt. Ich
bin ihr Walten geflohen. Ich habe verurtheilt, was mich aus meinem behaglichen
Dmmerleben aufschreckte. Aber durch die Lehre von einer Religion des freien
Geistes ist mir ein Stern aufgegangen. Ich sehe schon Tausende sich die Hnde
reichen auf wenige groe Wahrheiten des Einverstndnisses und der felsenfesten
berzeugung. Man handelt nach diesen Wahrheiten, Jeder nach seiner Fhigkeit,
seinem Berufe, seinem Triebe. Nehmen wir, mein Freund, das Gebiet der Armuth und
des geistigen Elendes! Arbeiten wir nicht fr das Reich Gottes im Allgemeinen,
nicht auf den unntzlich gefhrten Namen des Heilands, sondern fr das Reich des
heiligen Geistes, der nach den Tagen der Apostel uns als letzte Enthllung der
Offenbarung verheien ist! Schaffen wir Menschen, freie, bewute, die Erde zu
lieben sich gedrngt fhlende Menschen und machen wir die Erde dieser Liebe
werth! O ich mchte mit Engelzungen reden, um der Menschheit zu sagen, was die
wahren Unholde sind, die uns an hellem Tage auf Erden Nacht machen und diese
Gebrechen der Gesellschaft, diese Armuth und dies Elend anwachsen lassen so
ungebhrlich, da es keine Fabel mehr scheint, wenn man sagt, der Herrscher der
Erde trgt eine dunkelglhende Krone und sein Reich ist das des Feuers und des
ewigen Todes.
    Aus dieser Stunde ergab sich fr Friedrich Zeck eine erneute Ermuthigung,
aber auch manche ernste Pflicht, mancher Schmerz. Sein Sohn, der die
Betheiligung des Vaters an dem verfolgten Bunde wohl merkte, hatte dagegen das
Bitterste zu sagen. Er war es gewesen, der der Zeuge der ersten Einsetzung
desselben gewesen, er htte dieses rasch erblhte Wachsthum ja im Keime
ersticken knnen! Der Vater, ohne das Geheimnivolle an dem Bunde zu verrathen,
erstaunte. Schmerzlich berhrte ihn, wie Hackert auch auf diese Erfahrung seines
Lebens hin nur mephistophelische Lichter fallen lie. Dennoch erbot er sich zu
der scharfen und ihn ganz erfllenden Ironie, die wichtigste Korrespondenz des
Bundes mit dem eignen Wappen der Polizei zu befrdern. Hackert drckte auf die
Briefe der Bundesglieder bald das Siegel Paxen's, bald das des Assessors Mller,
bei dem er sich in gutem Kredit erhielt, bald das des Gerichtes selber.
Glcklicher Weise waren die Briefcouverte, die man bei Dankmar htte finden
knnen, von diesem regelmig vernichtet worden.
    Friedrich Zeck sollte nicht aufhren, in Verbindung mit den Schicksalen der
Gebrder Wildungen zu bleiben. Ihm, dem von den Vornehmsten der Gesellschaft
seines fr fromm erklrten Wirkens wegen beschtzten Knstler, vertraute man
den Stich der Kupferplatte, von welcher die Stadtkmmereischeine abgezogen
werden sollten. An derselben, vom Tageslichte hellbeschienenen, Dchern
gegenber gelegenen Fensterbrstung, wo einst Louise Eisold unter ihren
Geschwistern genht und gestickt hatte, tzte der Englnder Murray in
stdtischem Auftrag die Kupferplatte, die Fritz Hackert oft mit dem ihm eignen
Humor der Schadenfreude betrachtete und sagte:
    Vater, nun erkenn' ich erst meine Vorliebe fr Papiergeld! Die Pfaffen
sagen, Gott hat die Welt aus Nichts erschaffen. Es war Das jener Jehovah, dem
Das alle seine Juden noch jetzt nachthun. Bei Schlurck aen die Philosophen, die
aus Sein, Werden, Nichts und Dessert-Tortenkrumen und Kserinden die Welt
schnitten! Htt' er nur jetzt recht viel von Denen zu Freunden, die aus Nichts
Papier und aus Papier Geld machen! Der Kredit kann zum Teufel noch mehr als das
Denken. Eine Million! Das gibt Thalerscheine, Fnfthalerscheine, Funfzig-,
Hundertthalerscheine! Dann nimmt man die alte gelbe Blechbchse aus der
Spittelkirche und steckt die ganze Bescheerung da hinein. Die
Nachmittagskollekte von Kupferpfennigen ist schwerer als die Bundeskasse der
Ritter vom Geiste. Haha! Vater, wie knnen Sie sich nur von dem Hokuspokus
foppen lassen! Es kann Ihnen noch scharf zu Leibe gehen, wenn der Tempelherr
Dankmar Wildungen zu beichten anfngt. Dem stolzen, eingebildeten Zwickelbart
gnn' ich's. Sie setzen ihm scharf zu. Assessor Mller bietet ihm eine Cigarre
nach der andern an im Verhr, aber die alten Universittsfreunde rauchen
zusammen und wenn das Protokoll gemacht werden soll, steht nichts auf dem Bogen.
Der Assessor sagt: Alter Junge, es hilft nichts, so wirst du lange im zweiten
Hof Nr. 23 sitzen, was unser Staatsgefngni, aber auch das festeste ist. Ein
Mal warf ich dem Ritter hundert Thaler in's Gesicht, weil er mir kein Pferd
anvertrauen wollte! Er wrgte lange an dem groen Gedanken, da ich sie
gestohlen htte. Dann, als er merkte, da ich blos ein elender Kerl bin,
hchstens vor Desperation fhig zu Allem, ging er in sich und wollte meinen
innern Menschen rhren, um meine Bettelpfennige oder Dukaten aus der
Gewissens-Sparbchse herauszuluchsen ... Ich war erst breiweich; denn, wei der
Henker, ich habe vor nichts so viel Furcht als vor dem Brummenmssen im Loch.
Ich knnte das Hngen besser vertragen als das Sitzenmssen. Er wollte mir
damals einen Gefallen thun und ich that ihm wieder einen, als er im Rathskeller
mit allen Geistern der Weinkarte seinen Bund machte und Schmelzing schon Tendenz
gerochen hatte. Nun sind wir quitt! Wenn Einer sich merkte, Papa, wo du die
geheimen Kniffe bei der Platte anbringst, die Haken und Striche, die fr
Falschmnzerei Fuangeln sind! Verdient so ein Schnauzbart, da um ihn sich
Einer zwanzig Jahren Zuchthaus aussetzt und so eine Platte ansehen mu wie eine
Tigerkatze in der Menagerie, die ihr Fleisch vor sich liegen hat und nicht
fressen darf, weil der Wrter die Gabel drauf hlt? Vater, wir sollten Geld
machen! Aber Das hlfe uns nichts. Wenn wir's htten, bliebst du hier doch auf
86 und verheirathet'st dich mit der Brandgasse und brchtest mit deinem
wohlthtigen Siebschpfen mein Erbe durch. Nur gut, da die Landkarte hier bald
gesprengt wird! Pulver mssen sie dazu nehmen, wenn die Brandgasse in die Luft
springen soll, tausend Centner Minenpulver! Das wird eine Bescheerung geben,
wenn einmal die Dcher hier herunterfliegen und nichts brig bleibt als ein paar
alte Hausschlssel von Frau Mullrich und die Nachttpfe von Madame Klapperfu.
Die unausgelsten Pfandzettel, die hier herumliegen, geben allein schon ein
Feuerwerk fr nchsten Knigsgeburtstag. Wie lange dauert denn die Million, bis
sie fertig ist?
    Zeck war an seinem Sohne diese Ausbrche von Schadenfreude gewhnt. Sie mit
Gewalt in ihm zu zerstren, wagte er nicht; denn bei jedem Gedanken, das Recht
des Vaters anzuwenden und seinen Sohn die bermacht eines reinen Herzens
empfinden zu lassen, kam ihm die Erinnerung an die Folgen des Tages mit Auguste
Ludmer. Er begngte sich auch jetzt, lchelnd zu erwidern:
    Wir werden gegen Ostern fertig sein ...
    Auch mit dem Druck? fragte Hackert.
    Grade mit dem Druck. Ich steche sechs Wochen an dieser Platte, dann zwlf an
den greren, der Druck ist langsam, da er kontrolirt wird und fr jedes Blatt
eine neue Nummer gesetzt werden mu ...
    Mit Ausnahme der Zwanziger und Funfziger?
    Die wieder ihre eigne Reihenfolge haben ... ich will wnschen, da der
Empfnger dann auf freien Fu gestellt ist ...
    Das knnte leicht fehlgehen. Aber Siegbert ist der lteste ... er hat die
Vorhand ...
    Als Flchtling? Ich glaube nicht, da man Jemanden, der in Untersuchung ist,
eine Erbschaft auszahlt ...
    Das mte Schlurck wissen ...
    Hackert kam auf sein Steckenpferd, das Rhmen und Preisen der Kenntnisse
seines Pflegevaters ... Murray lie ihn reden. Er wute, da dem Menschen nichts
frderlicher ist, als sich gegenstndlich zu machen. Er hatte den ganzen
Entwickelungsgang seines Sohnes vor sich liegen, kannte auch seine Beziehung zur
jetzigen Frstin Hohenberg und hoffte auf Krisen, wo sich im menschlichen
Gemthe Gut und Bse in Kampf setzt und Eins ausgeschieden werden mu. Dafr,
da das schlimme Element in Hackert nicht die ausschlieliche Oberherrschaft
gewann, glaubte er gesichert zu sein und wr' es nur die dazwischen tretende
Anhnglichkeit des Sohnes an den Vater und die Spannung, in der er ihn ber
seine Mutter erhielt, die einen Wall gegen das Bse abgaben. Um diesen Wall in
Vertheidigungszustand zu erhalten, mute Zeck nur Sorge tragen, da ihn der Sohn
nicht zu sich herabzog. Denn darauf legte es Hackert an. Durch Spe,
Schilderungen, Vertraulichkeiten hoffte er, die sittliche Grenzwand zwischen
sich und dem Vater nicht selten niederzureien. Aber Zeck war in einem solchen
Augenblicke wie taub oder er nahm die Bibel und las so lange laut in ihr, bis
Hackert erst vor unaufhrlichem Lachen darber zum rger kam, dann mit dem Fue
stampfend vom rger zur boshaften Parodie, zuletzt zum Schweigen und, wenn der
Vater doch nicht aufhrte, in aller Stille sich von seinem Zimmer entfernte ...
Diesen Geistern absoluter Verneinung imponirt bekanntlich Nichts so sehr als die
Konsequenz.
    In der That zog sich das Verfahren gegen Dankmar in die Lnge. Entweder
hatte man die Vorstellung eines groen Gewinnes, wenn man sich seines
unternehmenden, jetzt ohnehin gereizten Wagemuthes versicherte oder man besorgte
vollends, da die Brder, wenn sie die von ihnen erworbenen Mittel zu freier
Verwaltung erhielten, dem Gemeinwesen unberechenbare Gefahren bringen wrden.
Die Weigerung Dankmar's, sich ber die von ihm gestiftete Verschwrung
auszulassen, seine absichtliche aber aufrichtige Erklrung, da er die
Mitglieder derselben nicht kenne, zogen die Verhre in die Lnge. Man fand im
tglichen Volksleben immer neue Thatsachen, denen man eine Verbindung mit der
groen Verschwrung zurechnete. Der Frst von Hohenberg an sich war allen diesen
Prozeduren fern. Er konnte weder gegen den Lauf der Gerechtigkeit etwas
unternehmen, noch die geheimen Kanle aller der Parteien durchkreuzen, die neben
ihm im Lande mitregierten. Am Hofe, beim Adel, in der Bureaukratie gab es ein
Drngen zu gewissen Zielen hin, dem er sich vergebens wrde entgegengestemmt
haben. Er behielt sich das Maa von Macht vor, das fr ihn in der Initiative der
groen Politik lag, aber im Kleinen fand er tglich, da auch er den Geistern,
denen zu Nutzen, wenn auch nicht zu Liebe, er geredet und gehandelt hatte, sich
unterordnen mute. Er bedauerte, erzhlte man, Dankmar's Schicksal, tadelte
seine Hartnckigkeit und fand es einstweilen ganz in der Ordnung, da man die
endlich auch vollendete und mglich gewordene Emission der Stadtkmmereischeine
nicht in des Gefangenen oder seines flchtigen Bruders Hand gab, sondern sie in
der scharfbewachten Kasse des Justizamtes, das Dankmar zu verhren hatte, im
Profohause selbst noch bis auf Weiteres aufbewahrte.
    Murray und Oleander sahen in den Briefen, die sie selbst empfingen oder zu
befrdern hatten, welchen Antheil der Bund an dem Schicksale seines Stifters
nahm. Was sie von dem Generalpchter Rodewald, von Dystra an Klagen und
Beileidsbezeugungen empfingen, waren Beweise persnlichsten Antheils. Murray
erfuhr von Rodewald im Laufe des Winters, da ihm Frst Egon zum Dank fr die so
umfassend angeordnete Wiederherstellung seines Kredits durch die unverhohlene
Absicht lohne, sich aller seiner Gter zu entuern! Seine Bemhungen, die zehn
Jahre lang allerdings an sich nicht gestrt werden durften, sollten durch einen
Verkauf zum Nutzen irgend eines Andern, wahrscheinlich des Bankiers von
Reichmeyer, ein fr alle Mal abgeschnitten werden! ... Oleander'n schrieben
Siegbert, Louis Armand, Leidenfrost unausgesetzt. Dankmar's versuchte Befreiung
war eigentlich eine Bewhr der gegenseitigen Hlfe, die in den Satzungen der
Ritter vom Geiste gefordert war. Gelbsattel, Voland, die Wunderglubigen oder
Wunderbedrftigen, die Sternenseher am Tage, die Eulen im Sonnenglanz warteten
auf diese Befreiung des neuen Propheten wie einst die Juden auf die Wunder des
Heilandes. Sie wollten Zeichen sehen, ehe sie glaubten. Aber man kam dem Wunder
darum doch nicht entgegen, man mehrte die Zahl der Riegel und Schlsser, man
wollte wol, wie einst Egon am Hofe ber Voland's Koketterie des Stillstandes mit
der Bewegung bitterlchelnd sagte, man wollte wol der Zauberknste strkste
Proben. Endlich, als Murray die Vollendung seiner Platten durch den
gelungensten Druck gekrnt sah, als man in den Schrnken der Gerichtskasse auf
dem Profoamte sie niederlegte und er von seinem Sohne des Spottes genug ber
den Magierstab eines Bosco, den er nun dem Gefangenen wnsche, hren mute, war
ihm, als merkte er hier und da die Annherung eines endlichen Versuches, Dankmar
Wildungen die ihm so hartnckig vorenthaltene Freiheit wiederzugeben. Friedrich
Zeck war erstaunt, eines Tages in seiner Wohnung einen unerwarteten Besuch zu
finden. Es war im Monat Mai. Er glaubte zu trumen, als er auf derselben
Galerie, auf die er sich, wie sonst, an dem glatten Stricke hinaufleierte von
einem freundlichen Grue bewillkommt wurde und Louise Eisold, seine frhere
junge Wirthin es war, die ihm ein herzliches Guten Tag! Guten Tag! entgegenrief.
Der Diamant, den er ihr einst fr ein reines Glas Wasser geschenkt hatte,
funkelte an ihrer Hand, aber blitzender noch leuchtete ihr Auge, als sie ihm
wiederholt: Vater Murray! Vater Murray! Kennen Sie mich noch? zurief und er, als
er endlich oben war und seine gleichgefate Vermuthung besttigt fand, obenein
sich noch strmisch umarmt fhlte und von dem liebevollsten Ku begrt.

                                Neuntes Capitel



                            Knappen und Laienbrder

Louise Eisold kam von Buchau, wo ihre Geschwister vom Inspektor Mangold wie
seine Kinder erzogen wurden, whrend sie selbst versucht hatte, dem
nahegelegenen Tempelstein und seinem Wiederaufbau, besonders aber der
Bequemlichkeit des einstweilen in der Nhe angesiedelten Dystra, von Nutzen zu
sein. Dem Bande der Ehe, das sie mit Mangold umschlingen sollte, hatte sie sich
entwunden, aber sie war dem treuen Manne ein tgliches Wallfahrtsbild, zu dem er
pilgern mute, wenn sein Tag der rechten Weihe nicht entbehren sollte. Das
reizend gelegene Schlo Buchau war auf eine Stunde Weges von einem Flecken
entfernt, wo Dystra ein Gasthaus schnell in eine anmuthige Villa hatte umwandeln
lassen und sich an dem zauberhaft schnellen Aufsteigen seines groen
Tempelsteinbaues erfreute; ja er sagte oft, wenn er rastlos mit den Architekten
und Werkmeistern gearbeitet hatte: Ich verstehe jetzt das Sprchwort, da man
seinen Tod verrathe, wenn man zu bauen anfange. Es wird mir ganz gyptisch
rthselhaft zu Muthe und wenn ich meine Pyramiden aufsteigen und dann in einen
Spiegel sehe, mcht' ich schwren, da ich schon zur kompletten Mumie und
Museumsmerkwrdigkeit zusammenschrumpfe, ehe ich noch Olga in diesen Tempel
einfhre.
    Louise Eisold gab Zeck keine klare Auskunft ber den Grund ihrer Anwesenheit
in der Residenz. Seit anderthalb Jahren war sie entfernt gewesen. Sie sprach von
dem Grabe ihres Bruders, das sie besucht und wie von unsichtbaren Engelshnden
mit den frischesten Blumen geschmckt gefunden htte. Sie sprach von einer
Unsumme von Auftrgen, die sie fr Mangold und Dystra auszufhren htte, von
Einkufen und Bestellungen aller Art. Sie erwhnte Tempelheide, wo sie schon bei
den jungen Damen, auch der trauernden und weinenden Selma Rodewald, gewesen
wre. So kam sie auf Dankmar Wildungen, auf Hackert endlich und fragte Murray:
    Sehen Sie Hackert noch? Besucht er Sie oft? Ist er wohl? Dient er noch dem
abscheulichen Pax?
    Friedrich Zeck kannte seines Sohnes Achtung vor diesem einzigen Mdchen. Er
htte ihr gern gesagt, da sie einen wiedergebornen, neuen Menschen in ihm
finden wrde. Doch mut' er die Wahrheit ehren und erwidern:
    Sein Bestes ist ein Schimmer von Dankbarkeit. Er spricht mit Wrme von
Ihnen.
    Louise verfiel ber dies Wort in Nachdenken. Eine sichtliche Unruhe sogar
suchte sie hinter Rckblicken auf die Vergangenheit zu verbergen. Sie
betrachtete die Wnde dieser Wohnung, in der ihr so viel Leidvolles einst
begegnet war! Wie sie sich selbst diesem alten, ihr so liebgewesenen armen
Hausrathe gegenber verndert hatte, sah sie an dem kleinen Spiegel, der auch
noch von ihrer frheren Zeit geblieben. Wie warf er ihr jetzt ein so braunes
sonnenverbranntes Antlitz entgegen gegen das frhere kreideweie, stubenbleiche!
Murray rhmte ihr Aussehen und glaubte ihr den berraschendsten Eindruck
versprechen zu drfen, den sie auf Hackert machen wrde, der ihn oft besuche und
die Anhnglichkeit an diese alten Wnde behalten htte.
    Murray erzhlte, was Louisen von seinem Leben werthvoll sein konnte. ber
Frnzchen Heunisch war sie unterrichteter als er. Ja er erkannte sehr bald, da
irgend etwas auf ihrer Brust lag. Sie sprach wol von dem Ausbau des
Tempelsteines, von den Tausenden, die Dystra an dies Wunderwerk verschwende, von
den Ruinen der Tempelabtei, den Schauern des Waldes um sie her, dem hohen
tannenbewachsenen Bergrcken, ber den hinweg auf sich schlngelnden, nur dem
Schleichhandel bekannten Wegen man in das Land des frnkischen Nachbars gelange,
sie sprach von ihrem religisen Glauben, von ihrem Verharren bei den
vielverfolgten freien Gemeinden, bekmpfte hartnckig, was der christlichere
Murray darauf entgegnen wollte, aber unter Allem, was sie sagte, lag etwas
verborgen, was wie der Drang eines sich gern lsenden Geheimnisses war.
    Endlich brach sie auf. Sie wohne in der Vorstadt, sagte sie, in einer
schlechten Ausspannung, dem Pelikan auf dem Wege nach Tempelheide ... ein
ehemaliger Kutscher Namens Peters hielte den jetzt auf eigne Rechnung und wrde
ihn vielleicht ganz kaufen ... sie msse doch Diesen und Jenen noch besuchen ...
    Und Hackert? fragte Murray.
    Geht er noch mit Pax, antwortete sie rasch, so sagen Sie ihm, da ich ihn
nur beklagen kann ... ich mag ihm dann nicht wieder begegnen.
    Dem Mdchen kostete dies entschiedene Wort so viel Kampf, da Murray vor
Bewegung, seinen von aller Welt gehaten und verachteten Sohn doch irgendwo
freundlicher gehegt zu sehen, aufwallte, ihre Hand ergriff und sie bat, doch
morgen wieder zu kommen ...
    Wrden Sie Bedenken tragen, auch mit Hackert zu sein? fragte er in der
Meinung, da diesem Mdchen vielleicht gelnge, aus seinem Herzen die Tne zu
locken, die ihm seit dem Tage, wo Karl Eisold begraben wurde, in seinem Sohne zu
selten wiederkehrten.
    Louise besann sich ... Pltzlich wie von einem Gedanken ergriffen, sagte
sie:
    Ich will ihn allein sehen. Morgen! Wollen Sie? Aber allein!
    Murray erschreckend und doch berrascht von diesem Vertrauen auf seinen Sohn
versprach, die nthige Veranstaltung zu treffen ... Sie trennten sich nach
genommener Abrede und am Nachmittag des folgenden Tages saen Hackert und Louise
Eisold an der Stelle, wo frher jeden Abend eines ihrer Schwesterchen dem
Urgrovater den gelbweien Zopf aufgelst hatte ... es war in diesem Zimmer
stiller, als in dem nach der Galerie zu gelegenen. Kein Wandnachbar horchte,
kein Gegenber strte. Hackert, berrascht von Louisen's Frische und
weltkundiger Gewandtheit, hatte ihre Hand in der seinen. Nicht etwa, da er sich
beherrschte. Sie hatte genug zu wehren, seinem Ungestm auszuweichen und nur die
Worte konnten ihn zhmen:
    Sie wissen, ich bin Danebrand's Verlobte.
    Danebrand! rief Hackert. Ich sah ihn ja gestern ...
    Wie? sagte Louise befangen und entfrbte sich. Sie irren sich wol! fgte sie
hinzu und stand auf, um sich in der Kche etwas zu schaffen zu machen, denn um
ganz die Erinnerung an die alte Zeit wachzurufen, hatte sie von Murray die
Erlaubni erbeten, einen so starken Kaffee zu sieden, wie ihn Hackert liebte ...
    Ich sah Danebrand, besttigte Hackert, diese Zurstung mit Behagen
wahrnehmend, und wenn ich Schmelzing wre, wrd' ich ihn anzeigen ...
    Sie irren sich! rief Louise aus der Kche von der Stelle her, wo einst ihr
Bruder Karl geschlafen hatte ...
    Doch! Doch! Die hohe Schulter wird ihn verrathen, wenn er auerhalb der
Vorstadt sich sehen lt. Die Willing'sche Fabrik wimmelt von Spionen. Er ist
fr immer ausgewiesen. Sie hthen ihn wol im Pelikan? Was? Der Fuhrmann Peters
hat ihn wol dort auf der Kegelbahn im Garten untergebracht, grade da, wo Dankmar
Wildungen an den Johannisbeerhecken einst den Verlust seines Schreines erfuhr?
    Warum nicht besser, entgegnete Louise mit Schrfe, am Heck der Fortuna, wo
Danebrand einst mit der Schrstange lauerte? Peters' Frau, die die Fortuna des
Herrn Hitzreuter regiert, wrde ihn vielleicht nicht sobald erkennen wie Ihr
Spione!
    Hackert schwieg. Die Erinnerung schmerzte ihn, schmerzte ihn noch tiefer,
als Louise, ihren Vortheil wahrnehmend, fortfuhr:
    Ich glaube, in den Stllen Lasally's wr' er auch sicherer. Die Jockeys, die
seinen Arm fhlten, wrden ihn nicht verrathen, selbst Neumann und Jeannette
nicht, die ja hoch auf bei den Bereitern leben sollen! Schmen Sie sich,
Danebrand zu erkennen!
    Wer verrth' ihn denn? brauste Hackert auf. Was will er hier? Ein Mensch,
der seinen eignen Steckbrief auf den Schultern Jedem zu lesen gibt? Sie lieben
die pittoresken Schweizergegenden, Louise! Dystra hat auch so etwas Hochland im
Rcken. Was will denn Danebrand hier? Man versteht keinen Spa mit den Leuten,
die hier nicht sein sollen und wiederkommen, wenn auch blos aus Neugier. Sie
haben etwas vor?
    Wer?
    Sie und Danebrand!
    Die Polizeiknste verstehen Sie perfekt. Hackert, schmen Sie sich!
    Ihr Kaffee bleibt der beste, Louise, den ich seit Schlurck's getrunken habe
... Sie wissen doch von Schlurck's?
    Ja, Hackert! sagte Louise, jetzt sanfter einlenkend. Melanie ist die Frstin
Hohenberg.
    Das ist sie! erwiderte Hackert bitter und spttisch.
    Der Hof kommt diesen Sommer nach Buchau. Leicht mglich, da wir dann auch
den Besuch der schnen Durchlaucht haben ... Thut sie Ihnen nicht leid?
    Eine Frstin mir leid? Mir? Ich grinse sie jedes Mal an, wenn ich sie sehe.
Ha, ha! Mu sie nicht einen hinflligen Mann unter'm Arm halten, wie wenn sie
seine Krcke wre? Ich sah sie neulich in eine Kirche gehen. Ich htte fromm
werden knnen um so viel jmmerliche Demuth - bei Melanie!
    Ich wnschte ihr, Gott nhme ihr bald die Last ab, die sie trgt, sagte
Louise. Oder nein, besser ist's, da Alle sehen, wie elend dieser scheulichste
aller Verrther hinsiecht, dies tckische, herzlose Scheusal, dieser Egon von
Hohenberg!
    Oho!
    Gibt es einen Elenderen als diesen Menschen, der aus der Lge seiner Jugend
sich zum Volke flchtete, das Volk in seiner Liebe, Treue und Hochherzigkeit
achten lernte und es dann verrieth, dieser Judas, der noch einst eine
Armensnderreue empfinden und an einem Strick enden wird!
    Oho! Oho!
    Warum so viel Unglck des Landes? Diese Verfolgungen? Diese Einkerkerungen?
Betrogen wurde das Volk, als es glaubte, sein Freund, sein Wohlthter ergriffe
das Ruder und kmpfte am Throne fr die Arbeiter ... ich kenne keine Strafe, die
gro genug wre fr Den ... ja, da er diese Melanie zur Frau bekam, das ist
Strafe genug!
    Oho! Louise!
    Der Frst nahm auf, was Fritz Hackert wegwarf!
    Der Teufel!
    Hackert sprang auf, lief im Zimmer umher, nicht zornig, sondern gekitzelt,
schadenfroh, lachend ... die Hnde in die Beinkleider steckend ... er verbarg
nicht, welche Lust ihn erfllte.
    Louise fuhr fort:
    Welche jmmerliche kleine Rolle spielen Sie, Hackert! Sie, der Sie Alle am
Bndel haben, qulen, vernichten knnten! Schleichen sich gebckt durch's Leben,
krumm und feig, lachen, grinsen und begehen nur im Geheimen einmal einen
schlechten Streich, wenn Sie vorher Einer mit Ruthen peitschte!
    Hackert lachte fort und drohte nur:
    Louise!
    An Thieren rchten Sie sich, nie an Menschen!
    Das lassen Sie nur! lenkte er jetzt ernster ein.
    Ich begreife Sie nicht, Hackert! Wie ich von hier ging und in der Ferne von
Ihnen hrte, da man Sie verurtheilte, elend und schlecht nannte, vertheidigte
ich Sie immer und sagte: Lat diesen Hackert gehen, beurtheilt ihn nicht vor der
Zeit! Die pfel wollen bis lange zur Reife, die Trauben hngen noch in den
ersten Schnee hinein; aber wie verloren Sie sich, wie bin ich Lgen gestraft,
wenn ich daran denke, was ich von Ihnen noch Alles verhie und nun hre!
    Einen Mord? Einen Diebstahl?
    Das nicht, Das danken Sie Vater Murray, der einen Heiligen aus Ihnen machen
will! Sie werden ein Heuchler werden! Besuchen Sie noch immer das Theater nicht?
    Sie sprachen ja von der Kirche?
    Nein, vom Theater! Nie haben Sie sich frher ein gutes Stck ansehen knnen,
ber Scherz nicht lachen, ber Ernst nicht weinen knnen! Wer nicht gern in's
Theater geht, ist kein guter Mensch.
    Ah?
    Denn warum? Weil Eure Art sich frchtet, ihren Spiegel vorgehalten zu
bekommen. Kein Tyrann, kein Mrder, kein Lgner geht in's Theater. Immer
schrickt er zusammen, sein Bild zu sehen. Ich wnschte, Sie fingen Ihre Religion
lieber mit dem Theater an, als mit den kleinen Gebetbchelchen, die ich hier bei
Murray liegen sehe ...
    Hackert lachte wieder laut auf. Es bedurfte wenig Worte, dies eigne Mdchen
zu berzeugen, da ihn die Religion mit Murray nicht verbnde. brigens, setzte
er schon etwas verdrielicher hinzu, jeder Mensch htte seine eigne Religion ...
    Es gibt keine andre Religion, wallte Louise auf, als die, die wahren Feinde
Gottes zu hassen. Die Feinde Gottes sind die Tyrannen, die Blutsauger, die
Rechtsbrecher! An welcher Leine lassen Sie sich gngeln, Hackert! Der alte Mann
ist gut, ich wei nicht, was er fr Sie gethan hat und warum Sie ihn nicht
fliehen, wie Sie alle Menschen geflohen sind, auer Melanie. Aber da er Ihnen
nicht einmal die Schaam ber Ihr elendes Handwerk, das Pax Ihrer tollen
Eitelkeit aufdrngte, nehmen kann, ist Das nicht das Ohnmchtigste von der Welt?
Wozu denn Ihre Vollkommenheit fr den Himmel? Taug' etwas fr die Erde und du
hast den Himmel gewi!
    Hackert schwieg eine Weile. Dann sie scharf fixirend sagte er:
    Louise, ich habe fr Ihre Lehre mehr gethan, als Sie wissen. Ich habe den
Rittern vom Geiste gedient, wie die Mehlscke in der Teufelsmhle, die ich doch
noch vom Puppenspiel her kenne.
    Louise errthete ber die Erwhnung des Bundes.
    Ich wei, sagte sie, da Sie nicht warm und nicht kalt sind. Aus
Schadenfreude haben Sie Ihre eignen Herren betrogen, Katze und Hund
zusammengehetzt und sie wieder auseinandergetrieben, wenn sie sich ohnehin aus
Mdigkeit schon vershnen wollten ... O Hackert, da ein Funke von Gesinnung in
Ihnen wre! Da Sie in diesem elenden Hause des Schlurck je ein Wort des wahren
Lebens mitten im berflu des Lebens in sich aufgenommen htten! Denken Sie an
Karl, wie er sein junges Leben dahin geben mute fr den grausamen Teufel und
Gtzen dieser gottverdammten Ordnung, die jetzt die tausend Menschenopfer
jhrlich fordert - denken Sie an Danebrand, der Ihnen selber half, ob er Sie
schon hassen sollte ... was sag' ich! unterbrach sie sich ... hassen!
    Louise! Sie schmeicheln mir! lenkte Hackert frivol ein. Geben Sie mir die
Hand! Noch mehr -
    Fort! Fort von mir! rief Louise. Es ist kein reiner Tropfen Bluts in Ihren
Adern! Sie sind nicht krank, Sie sind vergiftet in Ihrem innersten Leben! Ja,
Sie thun das Unglaublichste, wenn Ihr Auge geschlossen ist, Sie sind ein von
Gott erwhlter Mensch, wenn Sie schlummern und Sie ausfhren, was allen Lebenden
versagt bleiben soll. Aber Siegbert Wildungen hat Recht, wenn er das Wort seines
groen herrlichen Bruders wiederholt: Sie sind grade die schlechte, bewutlose,
in Sinnentaumel hindmmernde Masse, das Mittelvolk in der Erbrmlichkeit, die zu
allen Jahrhunderten den Aufschwung wahrer Gre hinderte, das Edelste
verkmmert, es beschnitten hat und das Beste nur, sogleich in seiner wahren
Bedeutung verringert, in's Leben treten lie ... o wie elend, Hackert, als Sie
die Hand der liebsten und treuesten Menschen der Erde von sich stieen und sich
aus dem Sumpfe Ihrer Sinne nicht zu den Regionen des Lichts erheben konnten. An
Jedem zu mkeln, an Jedem Etwas zu finden, Nichts anerkennen, kein greres
Verdienst, keinen edleren Willen, kein froher Geschick, schadenfroh lachend,
wenn ein khner Futritt ausgleitet oder eine edle Begeisterung ihr Ziel
verfehlt! Sie, Hackert? Wissen Sie, was Sie tragen sollten? Den vornehmsten,
anstndigsten Rock vom feinsten Tuch, Glaceehandschuhe auf den Fingern, ein
tnzelndes Stckchen in der Hand. Dann wren Sie so der rechte Mittelschlag
dieser erbrmlichen Welt, der uns Alle regiert, dem jeder schlimme Ausgang zu
Gute kommt, der immer Recht behlt, wenn ein Genie unterliegt. Ich dachte anders
von Ihnen. Jener Abend hier nebenan, Hackert! Es war Ihre Sterbestunde, Ihr
Untergang vor dem Richterstuhl Gottes, Ihr ewiges Todesurtheil! Sie knnen nie
mehr zum Lichte kommen.
    Hackert schwieg und schien nun ernst ... Louise Eisold hatte aus dem Geiste
jener Religion gesprochen, fr die Dankmar Wildungen ein noch hheres Symbol und
Band suchte, als sich bei den freien Gemeinden und hnlichen Versuchen einer
modernen Religionsluterung bisher hatte zeigen wollen. Sie sank erschpft von
einem Aufwande von Beredsamkeit, zu dem sie den ganzen Sprachschatz ihrer
rastlos fortgesetzten Lektre verwandt hatte, auf einen Sessel und sttzte das
glhende Haupt auf den Tisch, wo sonst des alten Mannes Uhren schlugen ...
    Es war auch fast, als schlug eine Uhr ... die Erinnerung weckte Beiden die
Vorstellung, als wr' es hier noch so wie einst ...
    Und was soll ich denn nun? sagte Hackert ruhiger und mit gedmpfter Stimme.
Geben Sie mir einmal eine Aufgabe! Ich will sehen, ob ich sie ausfhren kann!
    Louise schwieg.
    Es fhrt Sie doch irgend eine Absicht her ... ich wei es ja, das Alles
sollte nur eine Vorrede sein, Kapitel Eins, nicht wahr?
    Louise antwortete nicht. Sie war zu erschpft von ihrer Aufregung und htte
eigentlich sagen mgen: Schon wieder legst du mir eine Absicht unter? Und grade
weil du's thust, mcht' ich schweigen. Aber dennoch drckte sie eine Absicht.
    Danebrand ist nicht umsonst hier ... fuhr Hackert fort.
    Sie sind ein Spion! war Louisens kurze und abweisende Antwort.
    Sagen Sie das dumme Wort doch nicht! fuhr Hackert auf. Ich kenne mein Leben,
ich wei, was ich zu verantworten habe.
    Sie? Verantworten? lachte Louise bitter und blickte voll Hoheit zu dem
gereizten jungen Manne hinber.
    Ich bin Spion aus demselben Grunde, warum der Frst Hohenberg Ihnen ein
Tyrann ist. Wir, ich und Der, sind die beiden einzigen vernnftigen Menschen der
Erde. Alle andern sind Narren, die eigentlichen Verbrecher, eigentlichen
Verrckten, Sie ausgenommen, Louise, die Sie immer im Sommer Noth haben, zu
vergessen, was Sie im Winter fr Unsinn aus der Leihbibliothek gelesen haben.
Egon tritt die Volksbestie nieder, die sich Engel dnkt, weil sie nicht auf vier
Fen kriecht. Ich lache dazu. Wir kennen uns Beide nicht, aber wir stehen in
geheimer Verwandtschaft. Ha! ha! Melanie wird ihm wol gesagt haben, warum ich
sein Schwager bin ...
    Bei diesen boshaften Worten sprang Louise auf, ri ihren Hut an sich,
drckte ein Tuch, das sie in ihrer Aufregung fortwhrend auf dem Tische
zerknittert hatte, an die Stirn, lief zur Thr, ffnete, strmte durch die Kche
und war schon auf der Galerie, um die Gemeinschaft mit einem so grundverdorbenen
Manne fr immer zu verlassen. Da aber fhlte sie sich pltzlich von Hackert
ergriffen, fhlte sich mit furchtbarer Muskelkraft von ihm zurckgehalten,
zurckgefhrt in die Kche, in das Zimmer und vernahm entsetzt die Worte von
ihm:
    Sie sind hier, um mit Danebrand Dankmar Wildungen zu befreien!
    Starr mit weiem Auge blickte Louise den Spion wie einen Allwissenden an ...
    Sie kommen im Auftrage nicht des Geheimbundes, denn er wird sich nicht an
Frauen wenden, und was Jagellona von Werdeck that, kam von ihr; aber Sie kommen
im Einverstndni mit den Mdchen auf Tempelheide ... Franziska Heunisch machte
die Vermittlerin zwischen Ihnen und Selma Rodewald ...
    Louise blieb in ihrem festen sichern Blick, aber doch zitternd ...
    Dankmar wird Sie auslachen! krchzte Hackert. Hren Sie, er wird von Weibern
keine Thr geffnet haben wollen! Was kann hier eine zerfeilte Eisenstange
ntzen? Was ein erbrochner Riegel, wenn er zu erbrechen wre! Das Palladium ist
nicht der Apostel, sondern seine Wunderbchse. Sprengt die Kasse, wo die Truhe
mit den Papieren steht! Stehlt die Million! Das ist der Mantel, in den sich ein
Freund Fortunatus hllen mu! Sein Seckel! Sein Seckel! Mit dem davon! Der Kerl
allein verlohnt sich der Mhe nicht.
    Das Mdchen verstand nicht, wie sie diese an sich wahren und durch ihr
mchtiges Gewicht erdrckenden Worte deuten sollte ... aber was sollte sie
sagen, als Hackert ruhig eine Cigarre zog, ein Streichfeuerzeug aus der Tasche
nahm, die Cigarre sich anzndete und sagte:
    Die Million! Allenfalls auch Dankmar! Wir brauchen keine Feilen. Ich wei,
bei Wem die Schlssel hngen und wnsche nur, da in der Nacht, wo wir's machen
wollen, nicht die Katzen zu verliebt schreien.
    Hackert! rief Louise auer sich vor Erstaunen.
    Nun ja, sagte Hackert, so wird's doch endlich recht sein! Soll mir der groe
bucklige Kerl immer zuvor trotten? Danebrand stiehlt Dankmar'n, ich stehle die
Million und Louise gibt mir den ersten ordentlichen Ku, bei dem ich die Uhr
ziehe und zhlen darf: Fnf Minuten! Was?
    Louise hatte sich schon aus freiem Triebe an Hackert's Brust werfen wollen,
aber das Wort: Ich stehle die Million! erinnerte wie mit einem Schlage an die
Erscheinung, wie wenn an einer Stelle im Gebirge, wo von den Felsen nur gering
das Wasser trpfelt, eine pltzlich gehobene, unsichtbare Schleuse einen
Wasserstrom in majesttischem Sturze niederdonnern lt, nur umgekehrt! Hier
staute pltzlich der volle Strom und wie im Nu waren die brausenden Gewsser zum
unheimlichen Schweigen gebracht. Oder wie im Dunkeln an der Wand Nachts ein
suchender und unverhofft anprallender Schdel, so stand Louise getroffen. Sie
wute nicht, was sie gehrt hatte. Sie kannte die Wichtigkeit jener Erbschaft.
Sie wute, da sie den Brdern vorenthalten wurde. Sie begriff, da Hackert in
der Lage war, die einzige hier mgliche Hlfe zu bieten und da Dankmar's Flucht
ohne jenes Geld jetzt von geringer Bedeutung scheinen durfte. Aber das Wort: Die
Million stehl' ich! verglichen mit Dem, der es sprach, mit der Art, wie es
Hackert sprach, war wie der Einschlag eines Blitzes. Der Gedanke, da seine
Theilnahme eine Maske, seine wahre Absicht ein Verbrechen war, das seiner
Absicht nach dann auf sie, auf Danebrand fallen sollte, lhmte ihr die Zunge.
Ein Blick, wie die funkelnde Spitze eines Speers fiel aus ihrem Auge auf
Hackert. Sie durchbohrte ihn.
    Der Spion erschrak, stutzte, besann sich und verstand erst allmlig diesen
Blick. Jetzt schlug er die Augen nieder. Er dachte an jene Sonntagsfrhe bei
Schlurck. Er sah, da man sein Wort misverstanden, sein Anerbieten verdchtig
gefunden, und so berwltigend wirkte auf ihn die Vorstellung dieses ewigen
Mistrauens in seine Ehrlichkeit, da er mit dem Ausrufe: Nun soll mich Gott
verdammen! die glhende Cigarre von sich warf, das Feuerzeug hinschleuderte, den
schon ergriffenen Hut mit Fen trat und mit einer Blsse, die ihn von der Weie
der Wand kaum unterscheiden lie, in dem nchsten Sessel niedersank.
    Louise sah diesen Schmerz, diesen Krampf, verstand ihn und rief:
    Hackert, nein! Ich glaube ja!
    Er hrte nicht. Sie trat zu ihm heran, ergriff zitternd seine kalte Hand,
sprach ihm die mildesten, sanftesten Worte der Trstung und gab ihm damit einen
so wehmthigen Schauer seiner Empfindungen, wie ihn seit dem Tage nicht
berrieselt hatte, als man den Bruder dieses edlen Mdchens in den winterlichen
Schoo der Erde senkte ... Die Thr ging auf ... Friedrich Zeck, sein Vater,
trat ein, betrachtete die Scene, staunte, forschte und fragte:
    Ihr scheint ber Etwas einig zu sein?
    Wir sind es, Papa Murray! sagte Louise, nahm ihren Hut, nannte noch einmal
den Pelikan als ihre Adresse und lie Vater und Sohn in einer rthselhaften
Spannung zurck, die um so heilsamer auf Letztern wirkte, je weniger er
angegangen wurde, sich auszusprechen und durch Worte zu erklren, was als eine
fast bewutlose Stimmung, als ein Unausgesprochenes und wie durch Offenbarung
Gekommenes nun in ihm bebte. Es gibt eine gehobene Stimmung im Menschen, schon
die ihm sein kann, wie der Tod.
    Willst du sie heirathen, Junge? sagte der Vater scherzend, so denk' ich,
werd' ich dich anstndig aussteuern knnen!
    Hackert blickte ber diese Vermuthung zur Erde und sagte nur, sie wren noch
nicht - aufgeboten, - was freilich auch bei den Sphern in diesem Hause nicht
nthig wre. Er wollte gleich einmal hren, was Frau Mullrich unten aus dieser
Kaffeevisite fr Geschichten prophezeie!
    Damit ging er und lie den Vater in Zweifeln, Befrchtungen und Hoffnungen
zurck, die er sich aus dem Benehmen seines Sohnes und Louisen's schneller
Entfernung nicht entrthseln konnte.

                                Zehntes Capitel



                                     Bewhr

Dreiig Wochen und mehr schon sa Dankmar unmuthsvoll und in sich selbst
versunken im Kerker. Was des Zufalls Gunst ihm berraschend genug wie einen
goldnen Regen und wundergleich wie aus der kahlen Decke der Mauer, die sich ber
ihm wlbte, herniederstrmen lie, den Gewinn des altergrauen Rechtshandels ...
er nahm ihn einige Tage hin wie das Seltsamste und Trostreichste, was ihm in
dieser Lage grade htte kommen knnen; aber wie bald gewhnt man sich nicht
grade auch an das Glck und verbirgt seine Freude grade da auch sogleich hinter
den Sorgen, die das Glck in seinem Gefolge hat! Man will Den, der ein Glck
gewonnen, mit allen Bezeugungen unsrer Freude berschtten und er erwidert schon
grmlich, schon verdrielich, er hat entweder das Glck nicht ganz erobert, er
hat es theilen wssen, oder kann es nicht unterbringen und wie diese Grillen
sonst sprechen, mit denen wir schlimmen Menschen gleichsam vor der Welt zeigen
wollen, da uns das Glck mehr plage als erfreue.
    Ein solcher Winzer, der da nun laut geklagt htte, da er fr seinen
Herbstessegen gar nicht einmal Fsser genug htte, war freilich Dankmar
Wildungen nicht. Ihn mute ohnehin die Sorge reizen, da man das Errungene ihm
jetzt vorenthielt. Aber auch ohne diese neue Gefahr wrde sich gegenber seinem
persnlichen Loose und der Betrachtung der Zeit seine Freude gemildert haben.
Da er sie im ersten Augenblicke gro und mchtig geno, bewiesen die Worte, die
er zu Oleander, dem ihn vielbesuchenden Prediger der Gefangenen sprach:
    So htt' ich es denn erreicht, mein neuer Freund! Das dunkle Ziel, nach dem
Generationen in meiner Familie steuerten wie nach einem Fabellande, fr das es
keinen aus irdischen Stoffen gezimmerten Nachen gbe, verwandelt sich nun in ein
wirkliches Eiland, schroff und schwer im Anfang zu erklimmen, aber an dem
brandenden Ufer merk' ich durch Felsenritzen die grne Vegetation und glaube
selbst Vgelstimmen und Spuren von Leben auf dem eroberten Lande schon zu
unterscheiden. Denk' ich zurck, was mute Alles geschehen, bis es dahin kam!
Nicht kann ich reden wollen von Dem, was vor meiner Zeit liegt, nein, seit ich
selbst in Angerode die Entdeckung jenes Schreins machte, welche Wanderungen
durch das Leben, durch die Herzen der Menschen, welche Flle von erhebenden und
beschmenden Erfahrungen in mir selbst und in Anderen! Und woran hing das
Schicksal dieser Eroberung, die ich hoffe fr eine groe Sache gemacht zu haben?
Zwei kleine Striche, bersehen, fast ausgelscht, entscheiden Sinn und Werth,
Auffassung und Anwendung! Stubenfreude des Gelehrten wird Saatkeim fr die Welt!
Ich berschtze diesen Handel nicht, aber mir selber darf er bedeutungsvoll
sein. Ich habe an ihm meine Kraft erprobt, ein Ziel zu erringen gelernt, das
Maa der Tage verlngern, den Luxus der Nchte verkrzen, ich bin bewahrt
geblieben vor der unbestimmten Leere, in der jetzt die Empfindungen der Jugend
hin und her tasten. Viele rufen durch dies Chaos mit mchtigerer Stimme als die
meine und man glaubt, Homerische Helden schritten zur Schlacht, und nur das Echo
war es, der Widerhall der Leere, der ihrem Worte die scheinbare Gre gab, die
Thaten blieben aus und nach den vorweggegebenen Prahlereien sinken die Recken
nieder und ihr Leben siedelt sich am nchsten besten Heerde an, wo sie dem Weibe
die Holzscheite zum Feuer tragen, das ihnen beiden die armselige Suppe kocht.
    Oleander war wohl berechtigt, Dankmar'n zu erinnern, da er trotz der von
ihm gepriesenen Studien der Gelehrtenkammer doch nicht vergessen htte, grade
auch dem Idealismus der Zeit zu opfern ...
    Nun wohl! Lat uns dazu auch diese luftige Welt! sagte Dankmar. Mein Bund!
Dies groe Verbrechen, das mich an diesen Ort gefhrt! Diese Wolkenbilder, die
ich den Menschen in die Hand gegeben! Diese Sternenschrift, die sie auch schon
entziffert haben wollen! Sie wird mindestens nichts so Geringes enthalten wie
die Inschriften der viel ehrwrdiger gehaltenen alten Hieroglyphen. Ich gab
krzlich zu Protokoll: Betrachtet uns wenigstens als Das, was Ihr ja selber
seid, als Freimaurer! Wieviel habt Ihr die nicht geschmht, die Euren Ritus,
Eure Symbole, Eure Urkunden an die profane Menge verriethen! Habt Ihr auf den
Universitten, in Euren Schulstuben, auf einsamen Spaziergngen mit befreundeten
Genossen nicht hundertmal darber geklagt, da in unsern Tagen kein Messias mehr
erstehen knnte, er wrde an der polizeilichen Organisation unsrer Epoche zu
Grunde gehen und sich nicht lange in den Wolken bergen knnen, in denen sich
alles Groe und Bedeutende an ihm zur Mythe verwandelte? Nun, so lat doch
wenigstens einem armseligen Vorlufer knftiger Gottesshne, einem Tufer mit
gewhnlichem Wasser, einem Heuschreckenfresser der Wste, das Vergngen, von
Euch behandelt zu werden wie ein Wunderdoktor, dem Ihr das Handwerk nicht grade
legen, aber erschweren wollt nach den und den Paragraphen der Medizinalordnung!
Sucht meine Strafflligkeit aus dem Landrechts-Kapitel ber Traumdeuter,
Zauberer herzuleiten, seht, ob noch ein alter Paragraph ber die Hexen auf micht
pat, Zigeuner, verbotene Kollektanten, fahrende Gaukler, was wei ich! Aber
eine Verschwrung! Fragen ber Kommunismus, Maschinenarbeitervereine,
Handwerkervereine, Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit, Militrverschwrungen,
Schilderhebungen, Flchtlings-Umtriebe! Menschen, sag' ich, das ist ja Alles
mein Kreuz und Leiden so gut wie Eures! Ich finde, da in diesen Erscheinungen
die edelsten Krfte sich zersplittern, Leidenschaften der zweideutigsten
Ichsucht genhrt werden. Ich war in Handwerkervereinen und sprach, ja ich lie
durch Louis Armand eine neue Regelung der Klubs versuchen, indem ich die groen
Versammlungen auflste und nur kleine Sektionen von drei, fnf, sieben Menschen
schuf, die sich in wchentlicher Vereinigung mehr ntzen, als wenn ihrer
dreihundert zusammensitzen und berauscht jeder bombastischen Phrase Beifall
brllen ...
    Aber ... Dankmar war selbst Schuld an der Verzgerung seines Prozesses. Er
gefiel sich eben darin, Antworten zu geben, die die Richter irre fhrten. Seine
Absicht war den Freunden in der Nhe und Ferne kein Geheimni. Er wollte sich so
nicht vertheidigen, wie er sich einzig vertheidigen konnte. Er wollte den Bund
der Ritter vom Geiste nicht herabsetzen zu einem bloen Phantome erhitzter,
polizeilicher Einbildung. Er wollte nicht geringfgig sprechen von einer
Thatsache, die so tiefe Wurzeln in den Gemthern geschlagen hatte. Er sah, auch
durch die Riegel seines Gefngnisses hindurch, die segensreiche Ausbreitung
seines Wirkens. Er erhielt Andeutungen, da diese Stiftung weit ber die Grenzen
Dessen hinausging, was man in neuester Zeit an Piusvereinen, innern Missions-,
Mrzvereinen, Friedensvereinen erlebt hat. Sollte er von einem Advokaten, der
ihm gegen seinen Willen vielleicht bei den Assisen beigegeben wurde, hren
mssen, da dieser das Schreckphantom in eine Gaukelei auflste und den Spott
und die Ironie zu Hlfe rief, um die Sache seines Klienten als gefahrlos
darzustellen? Dankmar hielt es fr seine Pflicht, gro und stolz von Dem zu
denken, was man in ihm frchtete. Er erbitterte das Gericht durch seine
Hartnckigkeit, er fhrte es irre durch seine Aussagen, die mehr zugestanden,
als man fragte. Er wollte der Trger aller der Schreckengebilde sein, mit denen
sich die Feinde der Freiheit ngstigten, er wollte so lange nicht an persnliche
Freiheit denken, als sein Gefngni dazu diente, den Saamen, den die Freunde
ausstreuten, zum Aufgang zu bringen. Denn die Macht, die Leidende auf hhere
Fragen der Sittlichkeit ausben, ist grer als die Macht der Glcklichen.
    Freilich litt der junge Kmpfer selbst am schwersten unter diesem Opfer, das
er brachte. Eine geluterte reine Flamme der Liebe loderte in seinem Herzen fr
Selma, nun seine eigne Verwandte. Lngst hatte sich ihm Ackermann in seiner
wahren Herkunft als Rodewald enthllt, wenn er mit ihm Abends beim Leuchten der
Johanneswrmchen an den Weidenufern der Ulla entlang schritt und Dankmar seine
nchtliche Lagerstatt in einem einsamen Gehft aufsuchte. Als er spter
Rodewald's Kummer erfuhr ber des Frsten Egon Absicht, sich seiner Gter zu
entuern und ihn aus seinem Pachtverhltnisse zu entfernen, konnte er freilich
nicht begreifen, was den Oheim so tief dabei verletzte. Dieser schrieb selten,
desto eifriger Selma. Oleander war es, der den Vermittler dieser zrtlich
schmerzlichen Gre machte. Er selbst htte, da Dankmar die Briefe nicht
verbrennen mochte, die der Sicherheit wegen zurckgegebenen lesen knnen, er
selbst, der Selma liebte und seinen Schmerz in der Dichtkunst und dem ernsten
Berufe eines Seelsorgers der Gefangenen und Trsters der Leidenden zu vergessen
suchte.
    Jungen Liebenden kann ja nichts Glcklicheres geboten werden, als nach dem
ersten aufflammenden und die Herzen entzndenden Erkennen ihrer Neigung die
Trennung und in ihrem Gefolge die Nothwendigkeit eines lngeren Austausches
ihrer Empfindungen auf dem Papiere. Die Lge wird hier reine Herzen nie
beschleichen. Die Sehnsucht wird um den Ausdruck ihres Verlangens nie verlegen
sein. Aber dazu, da ein Verkehr der Gedanken, wie er bei dem sen Gekose der
unmittelbaren Nhe selten stattfindet, den Verkehr der Gefhle nun ablse,
bietet sich so die reichste Gelegenheit. Nun wird Das, was unbewut und wie im
Traum gekommen schien, nach seiner irdischen Mglichkeit noch einmal
durchgedacht; die magnetische Kraft, die ohne Erklrung um so wirksamer fesselt,
strkt sich nun durch die sittliche Begrndung Dessen, was da so eng
zusammenhielt, und sthlt die Herzen fr eine Zeit, wo auch das Urtheil und die
weisere Erwgung sich sagen sollen: Du hast das gute Theil erwhlt! Das Leben
selbst in seinen tausend Erscheinungen, in seinen oft grade dieser Liebe sich
feindselig genug zuwendenden Stacheln wird in seinen drohenden Gefahren dann
frh erkannt und die ganze Hhe schon bersehen, bis zu der die zrtliche
Verschlingung der liebenden Arme ausdauern, sich sttzen, sich fortgeleiten
soll. Sieht man nach solchem Briefwechsel sich dann wieder, so kommt es wohl,
da man sich vllig neu und anders erscheint. Man hat ein altes Bild verloren,
aber ein neues gewonnen. Es whrt eine Weile, bis man sich rein menschlich
wiederfindet, aber es whrt nicht lange, das Befremden ist nur das des greren
Glckes, und man hat sich grer gewonnen, grer gefunden, gestrkter fr des
Lebens ganze Dauer und die ernsten Klippen aller seiner kommenden Prfungen.
    Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesschicksals endliche
Entscheidung. Sie erzhlte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Harder, von
Oleander's treuen Besuchen, seinem fortgesetzten Unterricht, von Olga Wsmskoi
... Von dieser Letztern besttigte sie, was alle Kreise ber die Freundschaft
der Mdchen erfahren und selbst beobachtet hatten. Selma nannte Olga einen
stillen See, den trumerisch der Mond beschiene und von dem man Mrchen erzhle,
die uns erschrecken sollten, wenn sie auf Wirklichkeit begrndet wren. Da wren
gleichsam Gtzenbilder einst wie von den ersten Christen in diesen See geworfen
worden und nchtlich am ersten Tage des Mai rhre und reg' es sich in dem See
und die Heidengtter blickten aus dem aufgewhlten Gewsser mit dstern Augen
empor und shen sich die Welt an, wie sie nach ihrem Reiche inzwischen geworden.
Aber nie wren es bei Olga doch solche Jungfrauen, die dann auftauchten mit
falscher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten, denen sie mit Wasserlilien
gewinkt htten oder gar bse und spukhafte Fratzen. Nein, Olga wre wohl eine
schlummernde Tragdie voll Leidenschaft, ja Zorn, ja Wildheit zuweilen, wenn sie
ein schriller Ton wecke, aber ebenso auch knnte sie dem Idyll gleichen, wenn
ihr ein Ses, die Nachtigall, ein Schnes, die Kunst, riefe. Helene d'Azimont
htte dem armen reichen Mdchen den Glauben an die Menschen genommen und doch
liebe sie Helenen und weine auch um deren Irrthmer! Sie htte von Rafflard
einst in Venedig das Schlimmste ber Siegbert gehrt, da htte sie wollen
wahnsinnig werden, sterben, htte ein Kloster gesucht, aber - an der Hand des
Teufels. Selma erzhlte, da Olga sich selbst gemalt htte auf wilder Alpenhhe,
als Pilgerin herabblickend zu einem Kloster im Thale und der Teufel htte ihr
die Stufen gezeigt, die sie htte betreten sollen, um hinber zu kommen zu dem
lockenden Glcklein im Thale. Da htte sie denn Rudhard ergriffen, gerettet vom
Wahnsinn. Einer Todten gleich wre sie nach Tempelheide zurckgekommen und Selma
erst htte sie zum Leben, wie es ist, geweckt, sie an Siegbert Wildungen wieder
glauben gelehrt, den sie liebe, aber wie einen Verlornen. Olga Wsmskoi,
obgleich eine Frstentochter, wrde sich zur Knigin erhoben fhlen durch die
Liebe eines Knstlers und nie, nie wrde man von Olga etwas Anderes vernehmen,
als da sie die Liebe selbst wre und das Abbild der Treue. Und Siegbert
schweige und thte nichts und liee Alles schlummern!
    Oleander, Siegbert's Freund, billigte Siegbert's Handeln. Oleander hatte
sich recht in diesen Bund verloren. Er sprach nie von Siegbert, wenn er in
Tempelheide war und Olga seine Lehren mit denen Rudhard's verglich. Siegbert
konnte ja nicht, wollte ja nicht, da diese Leidenschaft durch ihn genhrt
wurde! Er war zu selbstbeherrschend, Rudharden zu sehr verpflichtet. Er hatte
sich von Brssel, wo die Frstin weilte, wohl ferne gehalten, aber auch nichts
gethan, was den Plan, aus Olga zuletzt doch die Baronin Dystra zu machen, stren
konnte. Olga sah darin Schwche, geringen Lebensmuth, das einzige Unpoetische an
Siegbert. Sie lie sich einmal ihre Welt nicht nehmen und Oleander legte, ob er
gleich wie Siegbert dachte, doch ihren Empfindungen gern Gedichte unter, die er
Dankmarn vorlas, wie dieses:

O lat mich zieh'n, ich kenne meine Strae!
Was frag' ich viel! Ihr wit nur was Ihr wit!
Von Eurer Liebe nicht, von Eurem Hasse
Lern' ich den Weg, der mir der rechte ist!

Die Pappeln und die Weiden la' ich Andern!
Mir duften Blumen nicht, im Staub ergraut!
Und mu ich ber Strom und Felsen wandern,
Will ich die Brcken nicht, die Ihr gebaut!

Am Rand der Alpen, wo die Gletscher ragen,
Ward meinem Herzen gro und weltenweit!
Da will ich Adler, will die Gemsen fragen:
Wo geht der Weg zur ew'gen Einsamkeit?

Dankmar freilich, in seinem unverwstlichen Humor, sagte, er she doch, da
Siegbert sich noch einmal Muth fasse und zu den Adlern und Gemsen nachklettere.
Ich wnsch' es dir, rief er aus, Siegbert! Olga wrde deine Phantasie werden!
Olga! Das ist die Knigin der Kunst im Strahlenglanz, der dir gefehlt hat, guter
Bruder! Dies Mdchen wrde dich umschweben wie ein ewiges Madonnenbild, selbst
wenn sie eine Langschlferin wre und Morgens Federn in den Haaren htte! Denn,
bester Oleander, darauf kommt es an, da eine Frau eine Gttin bleibt, auch wenn
sie unsre Strmpfe stopft! Siegbert, diese Olga wird als dein Weib vielleicht in
niedergetretenen Hausschuhen, etwas salopp in ihrem Neglig, mit ungeordnetem
Haar in der rmischen Villa walten, die das Ziel deiner Wnsche ist, aber sie
wrde immer eine Hebe, eine Psyche sein, immer die Poesie selbst und deine wahre
Erhebung, Bruder, auch wenn Ihr Schulden httet und Eure Kinder halb nackt mit
den Gnsen im Hofe um die Wette schrieen. Ja, ja, so km' es! Wenn man Euch
besuchte, wrde kein Stuhl zu haben sein. Da liegen deine Kleider, dort die
Nhtereien der Frau, hier die Spielsachen der Kinder, Alles ist voll Farbe, voll
Zeichnungen, voll poetischen Schmuzes, aber deine Bilder werden genial sein,
dein Weib wird dich den Muth lehren, an die Gtter der Schnheit und der Liebe
zu glauben! Sie wird uns lachen machen, wenn es heit, sie ginge selbst in die
Kche und sorgte fr Salat mit Eiern und holte den Wein aus dem Keller, aber
wenn sie kme im blauen oder rothen Gewande, wie eine junge Rmerin, wenn sie
den Krug erhbe mit schngerundetem Arm und den Wein uns in die Glser gsse,
die wir uns inzwischen selber ausgewaschen haben, dann, Bruder, wrd' es doch
ein Bild zum Malen werden und wir selber wrden mitten in dem Rahmen von Epheu,
Myrthen und am Fenster zum Trocknen hngenden Kinderwindeln uns schn erscheinen
durch Olga, dein poetisches Weib!
    Aber Siegbert's Briefe sprachen nicht von Olga. Es kamen viel Briefe an
Dankmar von Siegbert aus Antwerpen, von Leidenfrost vom Tempelstein, von Werdeck
aus Paris, von Louis Armand bald da- bald dorther. Dankmar lebte im lebendigsten
Verkehr. Auch Dystra schrieb und sprach von seinen Bauten und dem entscheidenden
Ja oder Nein! das zwischen ihm und Siegbert whlen sollte, wenn die Ritter vom
Geiste zum ersten Male in seiner Tempelabtei im Walde tagen oder turneien wrden
... Oleander lchelte ber die Theilnahme eines Dilettanten, der sich durch sein
Vermgen und seine Bizarrerie ber die ble Nachrede der vornehmen Welt
hinwegsetzte und seit dem glcklichen Verkaufe seiner Gter in Ruland vor der
Macht des Czaren geborgen war ... aber Dankmar rief aus:
    O wr' ich frei, frei!
    Oleander rieth zu einem Worte mit Egon von Hohenberg. Er wollte selbst zu
ihm gehen, er wisse, da er einer Errterung zugnglich wre, die Frstin
brchte wchentlich Trost und Hoffnung nach Tempelheide, ja er hatte selbst
sogar durch ein Gedicht eine sonderbare Beziehung zum Frsten gewonnen, ein
Gedicht, das Olga mit grausamer Bitterkeit Cypressen am Grabe Helenen's,
gepflanzt von Egon nannte ... Oleander, der sich in die Stimmung aller dieser
Seelen versetzte, hatte es eines Abends fast scherzhaft in Tempelheide
improvisirt, Olga schrieb es sich sogleich verstohlen ab und schickte es anonym
nach Paris; Helene, wahrscheinlich auf's Tiefste verletzt, schickte es zurck an
Egon, als wenn es doch wohl nur von Diesem gekommen wre. Egon staunend zeigte
das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu solchen romantischen Umtrieben
ber und ber geneigten Olga Hand, wodurch Egon dann die Autorschaft Oleander's
erfuhr und diesen veranlassen mute, die ausfhrliche Erluterung eines
schlimmen Misbrauchs zu geben, den man mit seinem poetischen Interesse an
fremdem Seelenleid getrieben hatte. Dies eigenthmliche Gedicht, das in Egon in
der That wach rief, was er zuweilen ber den Maler Heinrich Heinrichson empfand,
hatte gelautet:

Wehe! Welche Lippen lt du schlrfen
Wieder deiner Liebe Taumelwein?
Ist es denn dein innerstes Bedrfen,
Andern Alles, Nichts dir selbst zu sein?

Nichts der Frauen grtem Liebesruhme,
Nichts, Helene, dem Entsagungsschmerz?
O du stamm- und blattlosarme Blume,
Wirbelnd um dich selbst gejagtes Herz!

Eine luftgetrag'ne Orchidee,
Schwankst und rankst du ohne sichern Wuchs,
Fhlst, ob hold die Welt dich leben she,
Doch den Tod des tiefsten Selbstbetrugs.

Rosen trumst du? Ach nur aufgerissen
Bluten deine Wunden, wie sich kalt
Auf des Nordpols eis'gen Finsternissen
Scheidend dunkelroth die Sonne malt.

Opfre! Doch im Leidenschaftgeloder
Opfert selber sich ein Genius.
Armes Lamm, das eine Schlachtbank oder
Einen neuen Hirten finden mu!

Dies, wenn Helene es selber las, entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als
einen einfachen Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache
niedergeschrieben. Fr Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden. Sie
konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen, als htten sie ihre Tante
erdolchen sollen. Oleander berichtete, der Frst htte ihm gtig, sogar heiter
auf seine ngstliche Entschuldigung erwidert; aber Dankmar erklrte, er knnte
die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle
nicht benutzen. Carlos und Posa wrden ebenso geendet haben, wenn nicht Philipp
zu frh zwischen sie getreten wre! Er ist nicht klein, dieser Egon! sagte
Dankmar. Htte ihn Philipp leben lassen seinen Carlos, dessen erstes Wort wre
auch Ausshnung mit Alba gewesen, Carlos wre selbst nach den Niederlanden
gezogen, htte Egmont selbst hinrichten lassen, htte selbst sich von ihm sagen
lassen, was Egmont dem milchbrtigen Ferdinand sagte: Du wirst sie nicht
verachten, weil sie mein war ... Ja! Ja! Oleander! Sie frommer, bel
mitgespielter Frhlingssnger, was ist Das fr eine Welt! Welche Menschen
wetteifern mit dem Wesen, das sie geschaffen hat! Welche Titanen mchten den
Himmel strzen und von ihm Rechenschaft fordern fr seine dunkle
Geheimnikrmerei ... ich habe Mitleid mit Egon. Er wird herabfallen von seiner
Hhe, wie in seinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton. Alle Bernsteinspitzen
des Pfeifenkabinets seines Vaters werden nicht hinreichen, ihm noch einmal eine
einzige Cigarre zu versen. Er wird ein elendes Leben fhren, wenn er gestrzt
ist und nur noch sich und Melanie qulen kann. Sie werden erleben, da Melanie
von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht, aber fr sich in ihrem Kabinet
fromm wird und eine gewisse Ausgabe des Thomas a Kempis mit wirklichen
Schmerzensthrnen benetzt. Das nenn' ich doch Herzen durcheinandergerttelt! O
schnde Welt! Sagt das nicht Shakespeare? In solchen und hnlichen
Betrachtungen und Unterhaltungen, verbunden mit der Nutzung von Bchern, Federn
und Papier lebte Dankmar bis in den Monat Mai. Das Erbe hatte man ihm in
feierlicher Sitzung berwiesen und ihm die Grnde angegeben, warum es noch unter
dem Verschlu der Richter bleiben mte. Seine ganze Antwort war gewesen, da er
sich ein Protokoll dieser Prozedur ausbat und die Angabe eines eisernen
Schreines machte, in dem die leichte Papiersumme verwahrt werden sollte; es
sollten auf dem Deckel vier kreuzfrmig verschlungene vierblttrige Kleebltter
von Silber ausgeprgt werden. Bis zur Anfertigung dieses Schrankes blieben die
Stadtkmmereischeine, von denen man ihm vorlufig nur den migsten Gebrauch
gestattete und eingeschlossen in jener hlzernen Truhe, in der einst Dankmar zu
Angerode die Dokumente gefunden hatte, im Gewahrsam der strengbewachten Kasse
des Gerichts, die mit ihren eisernen Thren und Schrnken nur einen Hof entfernt
von Dankmar's Gefngni lag. Oleander, als er einmal Eintausend dieser Scheine
in der Hand hatte, die er nach Dankmar's Wunsch an Arme geben sollte, sprach die
etwas umgemodelten Verse aus dem alten bekannten Gedichte:

Nun mget ihr von dem Horte Wunder hren sagen:
Soviel zwlf ganze Wagen allenfalls mochten tragen
In vier Tagen und Nchten vom Berge zu Thal,
Und ihrer jeglicher mute fahren an jedem Tag dreimal.

So war der Hort nichts Andres als Gestein und pur Gold
Und ob die Welt man htte damit genommen in Sold,
Es wre nicht einmal vermindert um eine Mark Werth,
Es hatten wahrlich die Knige seiner ohne Ursach nicht begehrt!

Wie von den Nibelungen sich da in Burgunden
Die drei Knige des Hortes unterwunden,
Da dachten sie Land und Burgen und Recken, die viel khnen;
Durch Furcht und Gewalten ihnen sollten damit dienen.

Aber den Wildungen allein gehrte der Hort noch im Land,
Da kamen viel fremde Recken; ihnen gab ihre Hand,
Da man so groe Milde nimmermehr geseh'n;
Sie pflogen vieler groen Tugend, das mute man den Brdern gesteh'n.

Den Armen und den Reichen begannen sie da zu geben,
Da man anfing zu sorgen, ob man sie sollte lassen leben.
Da sie durch ihre Gte so manchen Mannen,
Der den Knigen schadete, fr ihren Dienst gewannen.

Egon-Hagen sprach zu dem Knig: Es sollte ein weiser Mann
So groe Schtze nimmer Einem Einzigen ln;
Der bringt es mit seinem Gelde sicher noch zu dem Tag,
Da es wohl gereuen die stolzen Burgunden mag.

Und nun schtzten keine Eide des Erbes sichre Hut,
Sie nahmen Dankmar'n das viel krft'ge Gut,
Egon sich der Schlssel aller unterwand,
Soda der Knig sogar zrnte, als er das geschehen fand.

Der Knig sogar sagte viel lieber: Eh' Wir immer Mh' und Pein
Haben mit dem Golde, sollten Wir's lieber in den Rhein
Alles heien senken, da sein Niemand hat Gewinn!
Da geschah es auch also, da sie gingen zum Rheine hin.

Und wie nun der grimme Egon den Hort im Rheine barg,
Hatten die Knige sich gelobet, mit Eiden also stark:
Da er wohl verhohlen bliebe, so lang ihrer Einer mcht' leben.
So konnten sie sich selber und keinem Andern ihn geben.

Gegen Ende Mai war es dem nun erst recht in Aufregung gekommenen Gefangenen in
einer Nacht, als hrte er ein sonst ungewhnliches Gerusch. Es kam von der
Verbindungsthr eines Vorplatzes seines Gefngnisses mit einem groen von
Militairposten bewachten Korridor her. Dankmar glaubte, als er deutlich die
Zeichen zu unterscheiden anfing, die sonst den Besuchen des Kerkermeisters, des
Richters oder Oleander's vorherzugehen pflegten, an einen Irrthum in der Zeit.
Es war ihm oft genug schon geschehen, da ihm Tag und Nacht zusammenrannen und
er in der im Winter dunklen Zelle Eins mit dem Andern verwechselte. Aber ein
Blick an die ffnung, die hoch oben am Ende einer in die Mauer gehenden Rundung
einen Lichtschimmer zeigte, bewies ihm die Nacht, denn dieser Schimmer kam von
den grellen Gaslampen des Korridors, auf den diese Fenster engvergittert
hinausgingen. Pltzlich erlosch drauen das Gaslicht. Sein Zimmer war dunkel. Er
stand auf, machte sich Licht. Und zugleich war es ihm, als suchte im Korridor
Jemand den Schlssel, der zu den Einlssen fhrte, und erprobte bald diesen,
bald jenen. Brachte Dankmar die Dunkelheit, die auf dem Korridor eingetreten
sein mute, mit dieser unsichern Kenntni der rtlichkeit in Verbindung, so
mute die Ahnung gerechtfertigt erscheinen, die ihn pltzlich berfiel, ob nicht
irgend eine bse Absicht sich ihm nhere, irgend ein ungesetzlicher Befehl oder
wohl gar - sein Blick fiel in diesem Moment auf ein Portefeuille, in dem er eine
ihm neuerdings zugestandene Summe von mindestens mehreren hundert Thalern
aufbewahrt hielt. Wenn es unter dem Schutze der Gesetze, unter dem Deckmantel
der Gerechtigkeit auf diesen Besitz wre abgesehen gewesen? Sein Verdacht
verlie ihn, als er in der That die Vorplatzthr geffnet hrte und in der
tiefen nchtlichen Stille das Knirschen des Sandes unter dem Futritte eines
sich Nhernden unterscheiden konnte. Jetzt glaubte er auf's Neue an einen
Irrthum in der Zeit und sah auf seine Uhr. Aber sie zeigte Eins. Er hielt die
Uhr gegen das Ohr, sie ging. Es war Eins in der Nacht. Man holt dich, um dich in
irgend ein anderes Gefngni abzufhren; diese Zelle bietet nicht Sicherheit
genug oder man hat sie einem Andern bestimmt, da man glaubt, da ich nun erst
recht nicht entweiche ohne das Erbe ... Aber diese mit Beklommenheit
angestellten und von der Vorstellung, es wre wohl ein Traum, was er erlebe,
unterbrochenen Vermuthungen steigerten sich zur fieberhaftesten Unruhe, als
wiederum jetzt an der zweiten Thr mit Vorsicht ein Schlssel nach dem andern
erprobt wurde wie aus einem groen Vorrathe von Schlsseln. Das war der
Gefangenwrter nicht! Dieser konnte selbst in nchtlicher Verschlafenheit nicht
unsicher sein in der Wahl des rechten Schlssels. Und da diese Versuche nicht
endeten, eine stille, fast geisterhafte Hand an dem Schlsselloche immer mit
neuen Schlsselbrten kratzte und wenn sie eingingen, vergebens an den Federn
drckte, so konnte er entweder nur an Befreiung oder an einen bsen berfall
denken. Was sollte er thun? War es ein Befreier, wie konnte Dankmar da in der
Besorgni eines berfalls rufen, das Werk fremden Muthes, vielleicht einen
Auftrag des Bundes zerstren! Und doch sammelte die Brust von dem stockenden
Athem so viel Spannung, da ein Schrei nach der ffnung des Fensters zu, ein
donnerndes: Wer da! schon auf seinen Lippen schwebte. Dankmar wagte ihn nicht
aus Befangenheit. Er konnte nicht an ein Verbrechen glauben. Der Gedanke der
Befreiung erfllte ihn pltzlich mit einem so aufwallenden Lebensmuthe, da er
sich wohl fr den Fall des Irrthums vorzusehen beschlo, sich aber auch auf den
Empfang jedes bessern Besuches von Herzen rstete. Das Licht stellte er
entfernt, um es vor dem Auslschen zu schtzen. Er ergriff den hlzernen
Schemel, auf dem er sa, steckte das Portefeuille in seine Brust und wandte sich
eben zur Vertheidigung gerstet gegen das unheimliche Walten der Thr, als diese
aufsprang und im fahlen Dmmerlichte ein Mensch vor Dankmar stand, den in diesem
Augenblicke wiederzusehen ihm das Haar emporstruben mute. Es war Friedrich
Zeck's Sohn.
    Hackert! rief Dankmar, und hob den Schemel, um diesen unerwarteten Gast beim
ersten Schritte vorwrts niederzuschlagen.
    Hackert hob die Hand abwehrend und zum Stillschweigen bedeutend; mit der
Linken streckte er einen gewaltigen Schlsselbund dem mglichen Angriff
entgegen.
    Es war in der That Hackert mit offnen Augenlidern, nicht trumend, wie
Dankmar, in Erinnerung an den Heidekrug, im ersten Augenblick glauben konnte.
Sein zweiter Gedanke war eine Besttigung seiner Befrchtung, die er in den
halblaut ausgestoenen Worten aussprach:
    Was wollen Sie?
    Aber schon hatte Hackert die Finger an die Lippen gelegt und so entschieden
die Gebehrde des Schweigens gemacht, da Dankmar keinen Zusammenhang begreifen
konnte, seine Waffe senkte und nur im Rcken das Licht zu schtzen suchte ...
    Hackert winkte ...
    Dankmar sah nur den berfall, nur die bse Absicht, nur den Angriff auf sein
Geld, er ahnte einen Hinterhalt und blieb stehen.
    Hackert winkte dringender und zog sich fast in das dunkle Vorzimmer zurck
...
    Dankmar wollte ihm nicht folgen.
    Spitzbube! flsterte er, soll ich schreien? Dich an den Galgen bringen?
    Hackert verzog seine blassen Gesichtszge zu einem bittern Lachen. Er htte
mit jener Sprache reden mgen, in der er sich Schmelzingen zu verstehen gab, als
er schon einmal diesem Unglubigen einen Liebesdienst erwies. Er konnte nur
winken, nur die Zeichen der dringendsten Eile machen ...
    Dankmar sah die geffneten Thren, aber das Dunkel schreckte ihn. Hackert
wird sich wie eine Katze auf dich werfen! Was sollst du thun? Die Posten
scheinen verndert. Auf dem Korridor ist Alles still. Dennoch, wie von der
magnetischen Kraft der Situation berwltigt, htt' er sich jetzt entschlossen,
vorzugehen, wenn ihm nicht, da sein Auge sich inzwischen an die Dunkelheit schon
gewhnt hatte, pltzlich auf fnf Schritte von Hackert im Korridor entfernt eine
hohe, stmmige Riesengestalt, verwachsen und doch wie ein Hne anzuschauen,
aufgefallen wre. Nun stand in ihm fest, da Hackert im Bunde mit Helfershelfern
ihn berfiel und nichts hielt ihn ab, ihm jetzt zuzurufen:
    Denkst du, Bsewicht, da ich so leicht wie Pferde zu morden bin? ...
    Aber weiter konnte er nicht reden. Hackert sprang auf ihn zu, zeigte, um
Dankmar's Aufmerksamkeit abzuwenden, auf die Fensterrundung in der obern Mauer
und sprach mit heisrer, nachdrucksvoller Stimme:
    Soll ich wieder hundert Thalerscheine auf's Pflaster werfen? Kommen Sie in
Teufels Namen -!
    Dankmar blickte ihn starr an. Der groe Ungeschlachte in der Dunkelheit war
verschwunden ...
    Wir haben noch drei Thren zu ffnen, fuhr Hackert heiser und leise fort.
Die Schlssel, die zu Ihrem Gelde fhren, kenn' ich. Die sind's!
    Und auf drei gewaltige Schlssel, die er aus der Rocktasche zog, deutend
ging er voran.
    Dankmar folgte. Wie konnte er jetzt zurckbleiben! War es auf einen
Diebstahl seines Vermgens abgesehen, warum sollte er den Anla nicht benutzen,
da nun gewi zugegen zu sein? Er fhlte Hackert's kncherne feuchte Hand. Sie
hatte ihn mit krampfhafter Aufregung ergriffen; er folgte willenlos.
    Halten Sie sich an mich, sprach Hackert. Die Pantoffeln aus! Auf den Zehen!
Einen Schnupfen ist die Abreise schon werth. St! Reden Sie nichts!
    Dankmar lie mit sich geschehen, was geschah. Die Erinnerung an Hackert's
Rechtfertigung damals mit dem Pferde Lasally's hatte ihn entwaffnet. Er folgte
und bewunderte die Gewandtheit, wie Hackert mit der einen Hand ihn, mit der
andern den Unbekannten fhrte, der sich im dunkeln Korridor ihnen wieder
zugesellte.
    Dieser tappte und trat so ungeschlacht auf, da ihn Hackert einen Bren und
Elephanten ber dem andern schalt.
    Wer ist Das? fragte Dankmar.
    Vorgesehen! war Hackert's Antwort.
    Die Wanderung dauerte mehre Minuten. Endlich stand man still. Hackert
flsterte:
    Das ist die Verbindungsthr! Still! Die Wache wird im Hofe abgelst ...
    Es schlug grade ein Uhr von den nahegelegenen Rathhaus- und
Johanniskirchenthrmen. An die Wand gedrckt, wartete man das Verhallen der
militrischen Tritte ab, die ber den steinernen Fubden der Hfe hrbar waren.
Durch ein Fenster glaubte Dankmar, der diese Rumlichkeiten kannte, wol
unterscheiden zu knnen, da die Schildwache auch eben an dem Eingang der
Gerichtskasse erneuert war. Doch auch die Thr, die Hackert eben aufschlo,
fhrte in das scharfbewachte Nebengebude. Jetzt versagten ihm die Schlssel
nicht. Der Groe, dessen Konturen Dankmarn allmlig an irgend eine ihm schon
vorgekommene Persnlichkeit erinnerten, trappte schweigend, nicht einmal auf
Socken, sondern mit bloen Fen dem Fhrer nach, der endlich eine Stiege herab,
dann wieder eine hinaufschritt. Alles war hier dunkel, still und schauerlich
einsam. Aber Hackert kannte jeden Gegenstand. Einige Stufen empor blieb er
stehen und begann die noch zwei brigen Schlssel erst an einer
eisenbeschlagenen Thr zu prfen. Der eine pate. Nach kurzer Weile trat man in
den Kassenraum. Ein groer Schrank wurde vom zweiten Schlssel geffnet. Jetzt
hrte Dankmar nur die an den Andern gerichteten Worte:
    Tasten Sie nach dem hlzernen Kleeblatt! Richtig! Da! Die Silberarbeiter
sind mit dem Luxus noch nicht fertig. Aufgehoben!
    Und der Dritte bckte sich und Hackert half einen Gegenstand den mchtigen
Schultern aufladen. Dankmar wute nicht, wo ihm die Besinnung blieb. Er fhlte
den hlzernen Schrein, in dem einst seine Dokumente von Angerode gelegen hatten.
Er fhlte das Kreuz auf dem Deckel. Er wute ja, da man zu den Dokumenten die
Stadtkmmereischeine gelegt hatte. Die Truhe war trotz des papiernen Inhaltes
ihrer plumpen Gestalt wegen nicht leicht.
    Nun zurck! flsterte Hackert, lehnte die Schrankthre nur eben an, lie den
Schlssel stecken und tappte vorwrts. Aber krachend stie der Trger mit seinem
Schrein an die Wandecken.
    Donner! Wenn wir nicht Licht haben, rennt Der noch eine Sule um ...
    Und Licht verrth dich! flsterte Dankmar. Und Licht zeigt mir den
Kameraden! Wer ist's? Hackert, ich folge wie ein Taumelnder; aber Gott sei
deiner Gurgel gndig, wenn Ihr die Frechheit habt, mich mit dem Schein einer
Spitzbberei, die nur Ihr, nur Ihr begangen habt, entfliehen zu lassen ...
    Nur keine Reden gehalten, Herr! Es schallt hier! war Hackert's ganze
Antwort.
    Man ging denselben Weg zurck, den man gekommen war ...
    Jetzt galt es die Korridore zu vermeiden, in denen die vielen andern
Gasflammen noch brannten und die Schritte der Wachen hrbar waren. Sie befanden
sich wieder im Profohause. Dankmar begriff nicht, wie man die Ausgnge
desselben gewinnen, wie man mit einem so auffallenden Gegenstande, dem Schrein,
sich aus ihm entfernen konnte.
    Hackert lenkte aber in einen Seitengang. An dem uersten Ende war ein
kleines Fenster, das auf die Strae fhrte. Es war nur ein Luftloch, ein
schmaler Streifen in der Wand. Hackert schien Dankmar'n toll, als er die Miene
machte, durch diese kaum handhohe, aber breite ffnung mte man nun auf die
Strae gelangen.
    Der Schrein und wir? Hierdurch?
    Der Dritte setzte den Schrein ab. Hackert deutete nur auf Stillschweigen.
    Unwillkrlich schauderte Dankmar wieder vor einem Gedanken zurck, der ihn
pltzlich berhrte. Er kam ihm mit Stricken, die er fhlte. Wo diese Stricke
herkamen, sah er nicht. Er fhlte sie nur, hrte nur das Auseinanderwinden ...
er dachte sich die Folgen gefhrlicher Prozeduren, die Hackert wagte, zu seinem
Vortheil wagte und ihn dann allein kompromittirt zurcklieen ...
    Hier soll bald Licht werden, flsterte Hackert. Wir haben vorgearbeitet. An
dieser Sule machen wir die Stricke fest. Sie ist stark genug und die Stricke
reichen zehnmal bis hinunter. Hinter der Johanniskirche fast an der Ecke, die zu
Schlurck's fhrt - Sie kennen die Gasse - steht ein Wagen ... Da wir ja
zusammenbleiben! Hren Sie?
    Und whrend Dem schon ffnete sich die Lcke. Ein Stein wich unter Hackert's
Hand vom andern, immer grer, immer weiter, immer heller wurde der Raum. Bald
war er so gro, da ein Krper hindurch konnte, bald so gro, da der Schrein
sich konnte einfugen lassen, bald so, da Dankmar schon die Johanniskirche sah
und das Scharren von Pferden auf dem nchtlich stillen, einsamen Straenpflaster
hrte ...
    Jetzt hie es, Dankmar sollte zuerst durch diese im Stillen lngst
gebrochene ffnung und an dem Seile, das um den Pfeiler geschlungen war,
hinuntergleiten.
    Ich zuerst? sagte Dankmar zgernd und auf's Neue voll Mistrauen ...
    Keine Komplimente! Rasch! Rasch! Die Wachen, seh' ich, sind gar nicht
schlfrig -
    Hackert! sprach Dankmar mit letzter zusammengenommener Kraft. Wenn das Alles
ein Bubenstck wre -
    Aber Hackert drngte ihn an die Mauerlcke mit der Antwort:
    Zum Teufel! Sie sehen ja, es ist bloe Hflichkeit.
    Ich bleibe zuletzt, sagte Dankmar entschlossen, ich steige nicht, ich bleibe
bei meinem Schrein ...
    Eine Fluth der scheulichsten Verwnschungen kam nun aus dem Munde des von
Schwei triefenden Paul Zeck, der am liebsten dem ewigen Zweifler an die Gurgel
gesprungen wre und ihm die Halsbinde zugeschnrt htte. Der Dritte, der mit
seinem Schrein auf dem Kopfe ruhig wie eine Karyatide des Alterthums stand,
diesen freischwebend und doch so festgeklammert hielt, wie Etwas, das er nur mit
seinem Leben lassen wrde, flsterte in einer eigenthmlichen weichen
Lispelsprache:
    Steigen Sie! Steigen Sie! Die Runde kommt ...
    Ich gehe nicht ... erwiderte Dankmar.
    Wir kommen aber doch vom Tempelstein! sprach der Fremde jetzt mit
krftigerer Betonung und gleichsam ihren Beistand beglaubigend.
    Dankmar erstaunte ber dies Wort. Der Tempelstein war das Erkennungswort des
Bundes fr die Zeit bis zu den nchsten Solstitien ...
    Vom Tempelstein? fragte er betroffen und nun glaubte er den Trger seines
Schreines zu erkennen ... Sie sind ...
    Danebrand! flsterte Hackert. Hren Sie denn drben nicht die Pferde aus dem
Pelikan? Sie wittern Ihre Nhe! Peters kann sie nicht beruhigen ... es geht
direkt nach Angerode zu. Hoffentlich ist Bello im Stall geblieben.
    Und nun war Dankmar schon in der Lcke, schon prete er sich auf die von
Hackert nchtlich zum Zweck der Flucht mhevoll gelockerten Steine, schon glitt
er das glattgestrichene Seil hinab ...
    Aber die Ahnung Danebrand's, da die Runde kme, war keine Tuschung ...
Dankmar, unten auf dem Straenpflaster angelangt, hrte Gerusch. Hackert's Kopf
sah er schon durch die Bresche. Er folgte in der That. Er war nicht von ihm
betrogen, aber die Eile, mit der Hackert katzengleich herunterscho, erschreckte
ihn. Hackert war unten.
    Die Runde! flsterte er drngend. Fliehen Sie! Fort! Fort!
    Dankmar blieb aber. Er sah eben den Schrein durch die Lcke gedrngt, sah
eine Hand um die Pranken des Holzes geklammert, sah das Seil schwanken hin und
her von der gewaltigen Last ... Da donnerte oben ein vielstimmiges Wer da?
    Hackert stt Dankmarn fast gewaltsam fort und zeigt auf die Johanniskirche
und ihre majesttischen Schatten ...
    Der Schrein ist heraus aus der Lcke, Danebrand's Kopf wird sichtbar, die
linke Hand hlt den Schrein schwebend in der Luft, whrend die rechte halb sich
stemmend in der Mauerlcke, halb das Seil ergreift ...
    Da kracht ein Schu ... Der Schrein strzt hinunter, Hackert ruft: Fort! und
man mte die panische Gewalt des Schreckens und den Einflu der Situationen auf
die Seele selbst des Muthigsten verkennen, wenn man nicht natrlich finden
wollte, da Dankmar im Augenblick des Schusses hinbereilte zu dem Wagen. Auf
halbem Wege hielt er jedoch schon inne. Er sah, da Hackert den Schrein, den man
htte in tausend Stcke zerkracht glauben sollen, wie mit bermenschlicher
Gewalt auf seine sonst so schwachen Schultern lud. Nun floh er an den Wagen,
fand diesen, fand ihn schon geffnet, es war Peters, der ihn bebend grte und
whrend er kaum den Schlag mit der Hand gefat hatte, schon die Pferde
anpeitschte ... Hackert taumelte herber, ihm nach ... Aber Danebrand!
Danebrand! ... htte Dankmar rufen mgen ... Da erschallt ein Trommelwirbel in
dem Profohause, Fenster werden erleuchtet, Stimmen hrbar, die Pferde ziehen an
... Hackert! Hackert! ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab. Er
sieht ihn pltzlich nicht mehr, er hrt ihn pltzlich nicht mehr ... Hackert!
Hackert! ... Der Trommelwirbel wird strker. Die Thren des Profohauses ffnen
sich schon. Halt! Halt! hrt man rufen. Da lt Peters die Zgel schieen und
hohl und dumpf widerhallend in der nchtlichen Stille braust der Wagen davon,
geschtzt von den riesigen Schatten der gewaltigen Gebude, die in diesem
altergrauen Viertel fast gespenstisch nebeneinander stehen.

                                Eilftes Capitel



                        Die Richtung Trompetta-Flottwitz

Ermuthigt vom Glck wagt man die grere Gefahr.
    Frhlich, heiterbewegt schritt ein Gast von der Tempelheider Anhhe nieder,
sah noch oft rckwrts, grte noch oft die Frauen, die ihm mit Tchern
nachwinkten. Die Zeit der Sorgen war noch nicht vorber. Sie sollten erst noch
recht in ihrer bedrngenden Schwere kommen; aber eine war doch abgeschttelt:
Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieses
Kerkerlebens, das selbst dem Muthigsten vor der Zeit den Glanz des Haares
bleibt, vorzeitige Furchen in die khnsten Stirnen grbt!
    Rodewald hatte seit dem Tage, wo ihn Frst Egon in Hohenberg abwies, ein
nach Auen vielbewegtes, in sich stilles Leben gefhrt. Das, was er von Murray
beim Abschiede von der Residenz erfahren, ber Pauline von Harder, ber den
Baron Grimm, ber einen Paul Zeck, der leben sollte, war Stoff genug, um
zusammenschmelzend mit Dankmar's Schicksal ihm in jede freudige Erinnerung an
Anna von Harder, in jede Nachricht von Tempelheide bittern Wermuth zu mischen.
Die Nachricht von dem Gewinn des Prozesses hob auf einige Zeit seine gedrckte
Stimmung, aber lhmend vollends wirkte die Nachricht, die er von Herrn von
Zeisel erfuhr, da der Frst beabsichtige, alle seine Gter zu verkaufen. Mitten
in den Zurstungen, die er auf eine zehnjhrige Pachtung hin glaubte wagen zu
drfen, diese Nachricht! Mit welcher Liebe hatte er sich der Hoffnung einer
Wiederherstellung der Glcksumstnde Egon's gewidmet! Wie verklrt schien die
Abendsonne des Lebens auf dies sein emsiges Mhen und Walten, dem er eine
irdische Anerkennung niemals wnschen, nie von Denen erwarten konnte, denen zu
Liebe er sich mhte und arbeitete! Rodewald war ber die Beziehung seines Lebens
zu weltlichen Erfolgen hinaus. Er war lngst in jene geweihteren Hallen der
Betrachtung getreten, wo der auch nicht feierlich emporgerichtete Blick des
Auges doch immer das Ende und schon den Ausweg aus diesem Labyrinth aller
Erdenrthsel zu suchen scheint und an jede That sich der Maastab nur noch des
eignen Gengens legt. Er billigte ganz, da der gute, sich selbst in den Andern
lebende Oleander ihm einst mit der Aufschrift: An meinen Abendstern ein
Blttchen gegeben, auf dem es hie:

Bei einem Ziele bin ich angekommen,
Ob auch am rechten? ... wei ich nicht zu sagen.
Zwar mit dem Strome bin ich nie geschwommen,
Doch war's die Welle, die mich so getragen!
Gescheitert hab' ich manches Riff erklommen
Und manchen Preis erwarb sich khnstes Wagen.
Doch mu von den ertrumten schn'ren Lagen
Mir diese wol als jetzt die beste frommen.
Das Hchste suchend bald im Thatendrange,
Bald im Genu, wo ich die Perlen wollte,
Fand ich - nur Schaalen! Ach, der Dmon grollte,
Er grollt noch jetzt und will mir Wunder lgen,
Die noch erreichbar-! Solchem berschwange
La' ich gengen jetzt mein still Begngen.

Darin, da Egon von Hohenberg fr die Legitimitt stritt und sein Sohn war, sah
er ein Rthsel. Ein teuflischer Gedanke htte ihm rathen knnen, hohnzulachen
dieser tollen Welt des Irrthums und der Lge. Ihm war dieser teuflische Gedanke
nie gekommen; ihm schilderte sein Verhltni zu Egon das Verhltni der ganzen
Zeit zu ihren Verfechtern oder Anklgern. Er sagte sich: Das ist Euer Adel, Eure
Erbberechtigung, Eure Monarchie, Eure Kirche, Eure Sitte, Euer Glaube, Eure
Konvention! O die Konvention, dies Angenommene, dies einmal gelten Sollende! Und
so bitter dieser Ausruf, ihn reizte er nicht, dem Teufel zu dienen, der diese
Lge schuf. Er dachte, grade in diesem Misverhltni von Zweck und Mittel, von
Absicht und Einsicht bewege sich die ganze Zeit und das Jahrhundert und still
trug er die Rolle, die ihm gleichsam eine andre Ordnung des Weltenplanes
auferlegt hatte, still arbeitete er auf eine innere, geistige Ausgleichung des
Ungleichartigscheinenden und doch sich Angehrenden hin. Feierlich bewegt war er
an die Aufgabe gegangen, jener hhern, unsichtbaren moralischen Weltordnung zu
dienen, indem er fr Egon vterlich handelte. Ja, er dachte sich: So wirkt ja
die Gottheit ganz still und unsichtbar fr sich nach ihrem Plan und verkehrt die
Plne der Menschen, und was sollte kommen, wenn die wahre gesellschaftliche
Religion nicht eben die wre, da das Reich des Guten und Schnen dem Walten der
Materie und der Leidenschaft immer entgegen arbeitete und sich schon auf Erden
eine Harmonie erzeugte, die dem einst brechenden Auge wie ein Regenbogen des
Friedens erscheinen, dem nicht mehr Irdisches hrenden Ohre wie Sphrenklang
ertnen wird? Ach, und da nun von der Materie gestrt zu werden, da nun hren zu
mssen: Du wirst aus diesem stillen Zusammenhang deiner hhern Pflichten
gerissen, wirst die Werke der Liebe aufgeben mssen! Es that ihm so weh, fllte
sein Herz so mit Trauer, so, da Franziska Heunisch, jetzt die Pflegerin seines
Hauses, Sorge um den Edlen tragen mute und der Tochter gern sie ausgesprochen
htte, wenn diese nicht selbst des Kummers genug htte zu tragen gehabt.
    Nun kam nach einem neuen herben Winter die dreifache Botschaft: Egon
verkauft die Herrschaft, Dankmar hat das Erbe, Dankmar ist entflohen! Da hielt
es Rodewald nicht lnger. Er mute in die Stadt, wenn auch nur auf einige Tage.
Er wollte Selma's Freude sehen, wollte den Versuch wagen, den Frsten zu
sprechen, ihn ber sein wahres Interesse aufzuklren. Frohbewegt war Alles in
Tempelheide, nur den Greis htte er gewnscht muntrer anzutreffen; er krnkelte
seit der letzten Loge und schien bedenklich der Auflsung nahe ... auch ber
Dankmar's Verlust, den nicht aufgefundenen Schrein, war man in erklrlichster
Sorge, trotzdem, da Dankmar selbst geschrieben hatte: Ihn htte ein edles
Mdchen, Louise Eisold, versichert, da er in Hackert Vertrauen setzen drfte
... doch wollte er zu Egon gehen, wollte den beklemmendsten Schritt seines
Lebens wagen, wollte dem Manne in's Auge blicken, den er fast hate, ob er
gleich so mahnend berufen war, ihn zu lieben.
    Rodewald hatte sich in der bekannten ehrerbietigen Aufwartungstracht
gekleidet, war an der Pforte des Palais gewesen ... der Frst, hie es, ist
nicht anwesend, ist ausgefahren ... er hatte sich nicht nennen mgen ... aber
nach Tisch, hie es, um fnf Uhr, dann wre eine gelegene Stunde ...
    Er benutzte die Zwischenzeit, in dem wilden Volksgewhl der Brandgasse
Friedrich Zeck aufzusuchen. Er fand ihn leicht wieder heraus aus diesen Winkeln
und Gassen; denn Jeder kannte den Alten mit der schwarzen Binde, Jeder zog vor
ihm den Hut, Jeder fand Gehr, wenn er sich dem stillwirkenden Freund der Armen
nahte ...
    Rodewald fand Murray in Trauer um das Schicksal seines Sohnes Hackert, der
Sohn Paulinen's war verschwunden. Sein Antheil an der Befreiung Dankmar's zeigte
sich dunkel, aber unwiderleglich. Der Einzige, der den sichersten Ausweis htte
geben knnen, Danebrand, lebte nicht mehr. Ein Schu der Patrouille hatte ein
Leben voll Aufopferung geendet. Man zog, als Licht kam, den Getroffenen aus der
Bresche und fand von der besten, edelsten, gutmthigsten und treusten Seele der
Welt nur einen Leichnam ...
    Rodewald entsann sich von der Willing'schen Fabrik des groen
ungethmgeformten Arbeiters, der damals in Verdacht kam, sein Portefeuille
genommen zu haben und sogleich gerechtfertigt wurde. Er stand fr eines solchen
Menschen beste Absicht und verbrgte nun fast auch Hackert's redlichen Antheil.
    Dann ist mir aber meines Sohnes Verschwinden rthselhaft! erwiderte Zeck.
Niemand wei fr sicher, da er mit jener Flucht zusammenhing, ich ahnte es nur
und von Ihnen erst hr' ich, da jenes Mdchen, das ihn zu diesem Abentheuer
veranlat zu haben scheint, den Namen Hackert's in Verbindung mit Dankmar's
Befreiung nennt. Verdacht ist genug ausgesprochen worden. Pax war hier. Alle
Welt ist befremdet ber Hackert's Verschwinden. Man will auch einige Kennzeichen
seines Antheils an jener Flucht wol gefunden haben. Man behauptet, nur ihm htte
gelingen knnen, sich mit den Schlsseln zu versehen, ihm nur wre die List und
Verschlagenheit zuzutrauen, sich durch tausend Vorspiegelungen und tollste
Knste in Besitz der einzigen Befreiungsmittel zu setzen. Aber der Schrein! fuhr
Zeck fort. Soll ich wirklich glauben drfen, da ihn eine vollkommen gute
Absicht bestimmte, an seiner Entwendung behlflich zu sein? In diesem Falle, wo
weilt Paul, warum erfhrt Wildungen nichts, was soll man von dem Allen denken?
    Rodewald verhie eine trstliche Lsung. Wre auch das Zeugni jenes
Mdchens zweifelhaft, von dem er sich damals auf dem Fortunaball berzeugt
htte, mit welcher Leidenschaft sie an Hackert hinge, der Keim des Besseren
schiene doch durch den Vater in Ihm aufgegangen ... und nun erzhlte dieser von
der Vergangenheit und half Rodewald ber die Stimmungen hinweg, die allzu
strmisch auch in ihm wogten und wallten.
    Zuletzt dem Schicksal Dankmar's sich wieder zuwendend, sagte Rodewald:
    Es nimmt mich Wunder, schon Kmmereischeine der von Ihnen gefertigten Art im
Verkehr zu sehen ...
    Sie waren von Dankmar ausgegeben fr persnliche Zwecke, sagte Zeck. Tausend
Thaler fr die Armen, andre Tausend sind persnlich bewilligt worden. Ohnehin
durfte er nur von drei zu drei Jahren Einhunderttausend in Verkehr bringen ...
    Wenn ein Verbrechen hier stattfnde, ein Unglcksfall, so mte die
Amortisationsklage zulssig sein ...
    Ich zweifle ...
    Wie? Das wre ja ein entsetzliches Unglck ...
    Man sieht mehr Scheine bereits in Umlauf, als Dankmar ausgegeben hat ...
    Falsche?
    chte!
    So wre der Schrein in die Hand eines Betrgers gekommen ...
    Murray stand voll Bewegung auf. Das furchtbarste Mistrauen in seinen Sohn
berfiel ihn wieder auf's Neue und vor Schmerz rief er:
    Was ist diese Welt! Was ist all' unser Mh'n und Suchen! Oft fhl' ich, da
ich mich dem Wahnsinn nhern knnte!
    Nein, nein, sprach Rodewald beruhigend. Es kann nur jenes Geld in Umlauf
sein, das Dankmar selbst verausgabte ...
    Viel, viel mehr ist in Umlauf ...
    Und Dankmar besitzt den Schrein nicht? Hackert ist verschwunden, Danebrand
todt, Dankmar weit entflohen. Wer lst diesen Zusammenhang? Wenn die bsen
Mchte der Regierungsgewalt selbst -
    Glauben Sie daran nicht! Der Schrein ist in die Hnde eines Mannes gekommen,
der ihn erffnete und gewissenlos seinen Inhalt verschleudert!
    Dann mu die Amortisation zulssig sein, sagte Rodewald aufspringend; die
Papiere mssen augenblicklich entwerthet werden. Ich wende mich an den Rath der
Stadt.
    Diese Anzeige wird Ihnen nichts helfen. Man wird Sie immer darauf hinweisen,
da mit Verbrechern, mit Landesflchtigen, mit Rubern in solchen Dingen keine
Verhandlung mglich wre, die echten Scheine, sie mgen kommen, woher sie
wollten, wrden an den Kassen der Stadt in Zahlung angenommen, vorausgesehen,
da die unbekannten gegenwrtigen Besitzer die Termine der Emission einhalten.
    Voll Sorgen ber diese neue qulende Erfahrung verlie Rodewald den bangen
Freund, lie sich von Wechslern und Kaufleuten dieselben Worte, die eben Murray
gesprochen, wiederholen, besuchte Oleander, der gleichfalls von Dankmar
beruhigende Nachrichten hatte und im Pelikan sich nach dem Fuhrmann Peters hatte
erkundigen sollen, dort aber erfuhr, da dieser in Angerode noch weile, um ein
dortiges kleines Besitzthum zu veruern. In Errterungen ber die Hoffnungen
der Zukunft ging der Vormittag mit Oleandern hin ... Zu Mittag speiste Rodewald
dann in Tempelheide, wo er auer groer Beunruhigung ber das zunehmende ble
Befinden des alten Prsidenten mancherlei andre Nachrichten fand. Da er den
Frsten noch nicht gesprochen, befremdete nicht, denn Frau von Reichmeyer wre
in Tempelheide gewesen und htte erklrt, der Frst beeile sich, seine
Verhltnisse abzuwickeln, es stnde eine groe Krisis in der Politik bevor, die
ihn vielleicht bestimme, ganz abzudanken ... Von Dankmar waren Briefe gekommen,
in denen sich unter Anderem die Stelle befand: ber unser Erbe sollten wir
einstweilen noch leidlich beruhigt sein. Wir empfingen einige Tausend von
unbekannter Hand aus dem durch den Fall wahrscheinlich gesprungenen Schrein. Der
Briefsteller ist ohne Zweifel Hackert. Er versichert das ihm anvertraute Gut zu
hthen, soweit es seine Wunden zulieen; denn da der Schrein nicht ganz in
Trmmer gegangen wre, htte man seiner Schulter zu verdanken, die nur noch
wenige Stunden lang Kraft genug behalten htte, das uerste zu wagen. Man
mchte Geduld haben; er htte die Loosung bekommen: Zum Tempelstein! und vor
Louise Eisold wrde er den Fund niederlegen, vielleicht zu ihrem Hochzeittage
mit Mangold, da Danebrand ja htte dran glauben mssen ...
    Beruhigt durch diese, wie Dankmar erzhlte, selbst von einem Verwundeten
noch schn geschriebene, aus einem kleinen Provinzstdtchen gekommene Botschaft,
wo man unter der Hand fruchtlose Nachforschungen angestellt htte, machte sich
Rodewald auf's Neue auf den Weg, um nun den Frsten zu sprechen. Seine Mittel
reichten nicht aus, mit Herrn von Reichmeyer in einen Wettkampf zu treten. Nur
die Hoffnung trieb ihn, den Frsten ermuntern zu knnen, da er an der Zukunft
seines Erbes nicht verzweifelte und ihn in einer Lage, einem Berufe walten
liee, den er nun einmal, fern vom Treiben der Stdte, als den letzten ihm
zukommenden, htte erkennen wollen ... Rodewald versprach, sogleich
zurckzukehren und in dem leichtmglichen Falle, da der greise Prsident in
Anna's pflegenden Armen ausathme, mit den in Eile gerufenen rzten mnnlichen
Beistand zu leisten.
    Es war fnf Uhr. Ein heier Junitag. Im Park hinter dem Palais des Frsten
Egon suselte ein khlender Luftzug in den Ulmen und Linden, die grade ihre
duftigen Blthen entfalteten. Der spt sich belaubende Ahorn, die vor der Blthe
dnn bebltterten Akazien bildeten den bergang aus den dichtern Baumpartien in
die jetzt gepflegtere Ordnung des Gartens, wo Rosen und Nelken mit ppigster
Farbenpracht grade im Beginn des schnen Blthentraumes waren, der den edelsten
Pflanzen nur zu kurz gestattet ist.
    Egon und die Frstin wandelten im Garten ... Nach Tisch pflegten die guten
Geister ihm nher zu sein als seine schlimmen. Nicht da er, mit Menenius bei
Shakspeare zu reden, bei vollem Magen mehr Milde und Erbarmen hatte als bei
leerem; aber die Frstin kredenzte ihm von den sdlichen Weinen, die er liebte,
er wurde gesprchiger, angeregter, bedrftiger der Zrtlichkeit, die uns
nachgiebig macht auch in anderen Dingen als nur den tndelnden ...
    Egon stocherte sich die Zhne, setzte sich auf jene Bank, auf der er einst
ausgeruht hatte, als er von seiner Krankheit genas und er die Briefe von Helene
d'Azimont nicht mehr lesen mochte ... Das Kissen, das ihm damals Louis Armand
ausbreitete, legten auf die steinerne Bank jetzt zwei Bediente, die sich in
gemessener Entfernung hielten ...
    Die Frstin war in guter Laune; denn Egon schien es zu sein. Er lobte die
Blumen, die Luft, die Speisen, die Kfer, die Weine, die Kissen, Alles
durcheinander, er, der sonst so wenig lobte, Alles tadelte, Alles gebessert
wnschte ...
    Ob seine Freude eine wahre oder nur eine erknstelte war, kmmerte die
Frstin nicht. Sie erzhlte in ihrer alten Art Komisches und Spttisches
durcheinander, Eins drolliger als das Andre, und schien dabei sorglos, so blau
und wolkenleer, wie der Himmel ber ihnen. Hatte sie doch krzlich erst ein
groes Leid glcklich berstanden ... eines Morgens war bei ihr angefragt
worden, ob sie nichts vom Vater wisse? Der Justizrath, hie es zu ihrem
tdtlichsten Schrecken, msse in der Nacht die Komthurei allein verlassen haben,
wre nirgends zu finden, htte vielleicht ein Unglck erlebt ... Der Schrei
ihrer Angst erstickte in der schaudernden Gewiheit, da sich der Vater
vielleicht ein Leids angethan htte; die Mutter, zu der sie flog, war starr und
stumm ... der Vater, hie es, hat eine Zahlung zu machen ... er wird sich den
Tod gegeben haben. Doch bald klingelte es am Hause und der Vater kam, heitrer
denn je, wohlgemuth, aufgelegt, sprach von dem Sonnenaufgang, den er htte im
Walde an der Jgerei, an dem bekannten Eierhuschen, beobachten wollen, leistete
die Zahlung aus Mitteln, ber die in der Freude der Erlsung von einer
schrecklichen Vorstellung Niemand grbelte ... es war dies sonderbarer Weise
derselbe Tag, an welchem man Dankmar's Flucht und den Raub des Schreins erfuhr
... Genug, Melanie forschte nicht, sie lebte dem Augenblick und suchte Egon zu
erheitern, wo sie nur konnte. Abgegebene Visitenkarten veranlaten sie zu
folgendem komischen Bericht:
    Seit Frau von Trompetta den Hof in Tempelheide versumt hat, verliert die
Gute um so mehr ihr Gleichgewicht, als ihre Formen sich immer mehr denen eines
weiblichen Falstaff nhern. Aus allen Kmpfen, die uns seither bewegten, ist
auch sie nicht ohne ihren Kummer hervorgegangen, aber das ffentliche und das
eigne Leid bekamen ihr so wohl, da ihr gegen die Blutflle nichts als Kissingen
brig bleibt. In der Ideenwelt scheint sie sich erschpft zu haben. Das
Kanonenboot ist gescheitert wie die deutsche Flotte und von den Knstlern und
Dichtern, die fr ihre eigne Existenz zu sorgen haben, ist gratis jetzt nichts
mehr herauszubekommen. Die Zeit der freiwilligen Albums ist vorber. Auch ihre
Stimme hat bei dem Embonpoint gelitten. Dennoch wagt sie jetzt den letzten
Versuch, die Liebe des Hofes zu attakiren. Sie hat gehrt, da die Grfin
Altenwyl uerte: Die Knigin fnde es auffallend, da soviel hochgestellte
Damen sich um die Neuerung der sogenannten Kindergrten kmmerten; ob sie denn
nicht wten, da diese Kindergrten zu der innern Mission der Demokratie
gehrten? Wenn die edlen Damen Etwas fr die Kinder thun wollten, so sollten sie
sich an den Krippen oder sogenannten Crches betheiligen. Niemand war von dieser
uerung betroffener als Frau von Reichmeyer, der sie hinterbracht wurde in
einem Augenblick, wo sie eben fr die Kindergrten eine Sammlung zur Anschaffung
von dem darin blichen Gedanken-Spielzeug erffnen wollte. Die rmste
Millionrin hatte sich in der Wahl des Mittels, um die Gunst des Hofes zu
gewinnen, so entsetzlich vergriffen! Nun entwand sie sich sogleich feurigst den
Armen der Demokratie, fuhr zu Frau von Trompetta und hinterbrachte ihr das Wort
der Altenwyl. Jetzt haben es Beide hchst enthusiastisch mit den Milchflschchen
fr Suglinge und mit den Krippen. Gelbsattel ist dabei auch gewonnen worden,
alle frommen Geistlichen, die Museburg, die Frstin von Sein-Haben-Werden,
Alle, Alle wollen sie jetzt die kleinen Milchflschchen fllen und Krippen
bauen. Der Anblick der Trompetta und der Reichmeyer unter den Windeln der
Creches soll hchst tragikomisch sein. Die Knigin hat smmtliche Creches unter
ihre Protektion genommen und der katholische Heiligenschein um die Kpfe der
vornehmen Damen nimmt in der That so zu, da ich mir manchmal wie eine Heidin
vorkomme und nicht mehr wei, an was man nun eigentlich jetzt noch recht glauben
soll.
    Egon lchelte zu dem Humor der Frstin, die nie verlegen war, ihn zu
erheitern, aufzurichten, in seiner den Vereinsamung zu trsten ...
    Ich sehe, sagte er, da meines Sylvester Rafflard Wirken fr den deutschen
Norden nun doch von bestem Erfolg gewesen ist. Die Intrigue gegen Helene war
nicht seine einzige Aufgabe. Er hat berall schlau die Leerheit und Abspannung
der Gemther hier benutzt, um ihnen die Panacee des rmischen Glaubens
anzubieten. Wir bauen schon Kirchen fr Rom, wir werden binnen wenigen Jahren
hier einen rmischen Bischof haben und das Frohnleichnamsfest ffentlich feiern
sehen unter dem Schutze von Militr und Gendarmen. Die Krankenpflege erzeugt
Institutionen, von denen man nicht mehr recht wei, wurzeln sie noch in Luther
oder schon wieder in Rom. Man sieht Schwestern mit wunderlichen Kopftrachten
durch die Straen gehen, als wre man im tiefsten Sden. Man zeigt dem Volke die
Uneigenntzigkeit der katholischen Kirche in der Heil-, Schul- und Seelsorge.
Die Kunst entschieden, die Literatur allmlig seh' ich schon hinneigen wieder zu
einer gewissen unreellen Auffassung des Lebens, wie in der alten romantischen
Epoche. Die Damen lesen nur Sliches, Dmmerliches, Trumerisches. Von dem
offnen bertritt vieler Gebildeten nicht zu reden ...
    Die Frstin verstand, warum sich Egon unterbrach. Er dachte hier an Helene
d'Azimont, die den neuesten Nachrichten zufolge nach Paris zurckgekehrt war,
dort ihren Gatten sterbend gefunden, ihn begraben hatte und nun auch zur
katholischen Kirche bergetreten war. Man hatte erfahren, da sie sogar mit der
alten Mutter Desir's sich ausgeshnt hatte, auf dem Quai d'Orsay
gemeinschaftlich mit ihr betete und in Notre-Dame, whrend Rafflard vor den
Thren stnde und mit den Shawls auf Beide an der Equipage wartete, in der
Magdalenen-Kapelle mit zerknirschten Reuethrnen oft hrbar schluchze.
Heinrichson war Helenen nicht treu geblieben. Eine millionenreiche Englnderin,
die fr eine Malerin gelten wollte, hatte ihn geheirathet. Helene war um den
Glauben an sich und die Welt gekommen ... Das grausame Gedicht des sonst so
weichen Oleander hatte auch sein gut Theil Schuld daran, da Helene fr alle
ihre Schmerzen auf eine letzte Abhlfe dachte und sich vor Egon, vor Olga, ihrer
Schwester Adele, vor Rudhard gleichsam einen Panzer und Harnisch des neuen
Lebens umschnallte, der ihr zugleich erlaubte, ber alles Vergangene, wenigstens
scheinbar, eine souverne Verachtung auszusprechen.
    O diese bemitleidenswerthe Haltlosigkeit der weiblichen Seele, rief jetzt
Egon kopfschttelnd aus. Wenn die Klnge der Orgel brausend strmen, die Klingel
des Hochamts ertnt, der Priester im gestickten Kleide die Rnder des Altars
kt, fhlen diese Frauen wol eine Linderung ihrer Qual, ihres heien Durstes
nach Wahrheit oder Schnheit? Ich glaube nicht. Ich glaube, da Helene im
katholischen Glauben nur dieselbe Anregung findet, die Pauline von Harder bei
uns in meiner Politik fand. Dieser katholische Glaube besteht nicht aus der
Messe, der Beichte und dem Rosenkranz allein. Es ist eine so merkwrdig
unterhaltende Institution, wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die
reichste, ja leidenschaftlichste Erregung fr jeden brigen Lebens-Augenblick
gewinnt, auch auer der Gottesandacht. Kann etwas lebensvoller organisirt sein
als das Ziel und Streben der katholischen Kirche? Ist sie nicht mit rstigem
Muthe wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten, hat sich an allen Vorgngen
der Staaten, der Kultur, der Kunst, ja selbst der Wissenschaft um so mehr
betheiligt, als wir fr uns berall auf diesem Gebiete nur Niederlagen sehen?
Das Palais eines Erzbischofs ist jetzt wie das eines Ministers. Boten gehen und
kommen. ber Alles wird berichtet, fr Alles ein Votum abgegeben und die
Frsten, die schon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken, klammern sich an
diesen Einflu mit tiefster Unterwerfung, frdern ihn, folgen ihm, selbst wenn
sie nicht zur katholischen Kirche gehren. In diesem Kirchenleben herrscht ein
ewiges Kommen und Gehen, eine stete Anregung auch durch Mnner, die den groen
Vortheil bieten, da ihnen husliche und Familienbeziehungen nicht auf den
Fersen folgen. Nie klappen diese Menschen gleichsam in ihren Hauspantoffeln, nie
hrt man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung, auf das Loos von Weib
und Kind. Meine arme Helene vielleicht sucht Gott, vielleicht sogar Christus,
aber sie wird auch, in Ermangelung des rechten Heilandes, vorlufig soviel
Apostel finden, da ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen mu und ihre
liebeglhende, in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhlt, noch an das
Vergangene zu denken. Sie ist reich, sie wird sich das Leben nach allen
Dichtgattungen, tragisch, idyllisch gestalten, wie sie es bedarf. Die
Elastizitt ihres Willens, die Dehnbarkeit ihres Bedrfnisses wird nie ein Ende
finden. ber Grnde, Motivirungen wird sie, die im Ewignothwendigen lebt, nie in
Verlegenheit sein. Geb' ihr der Himmel die reichsten Zge aus dem Quell des
Vergessens und netze ihre heie Stirn mit irgend einem Thau und wr' es das
Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchthren!
    Die Frstin lenkte, da Egon's Stimme vor wehmthiger Erregung zitterte, auf
Pauline ein und berichtete ber die Besuche, die heute die Geheimrthin schon in
der Frhe gemacht hatte, aus Furcht, Egon wolle dem Hofe offen, nicht versteckt
weichen, wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen ...
    Egon aber fuhr ausweichend fort:
    Dieser tollkhne, so liebenswrdige und so gefhrliche Dankmar Wildungen
hatte Recht, als er mir eines Tages, da von dem bertritt einer berhmten Frau
die Rede war, sagte: Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie wei nicht,
da die Nachtigall ein Mnnchen ist. berlegte sie, da Gott es so geordnet hat,
da die Mnnchen im Walde die Herren, die Mnnchen nur schn sind und nur die
Mnnchen singen, wte sie, da nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der
deutschen Sprache aus dem Sprosser, der allein schlgt, eine Nachtigall machte,
aus der Sonne, die in allen Sprachen mnnlich ist, bei uns allein eine Dame und
den berall weiblichen, berall abhngigen Mond bei uns zum Herrn, zum
Maskulinum, so htte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und
Frauengre eigentlich dem Weltenschpfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und
in die Schule der neuen Atheisten gehen mssen. Aber von den Regierungen
verfolgt werden, mit der Gesellschaft zerfallen, von der Aristokratie verdammt
und verketzert werden, Das entspricht freilich nicht den Allren dieser sthetik
und so whlte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung, die eine
charakteristische Konsequenz gewesen wre, eine ihr gar nicht natrliche
demthige Unterordnung, statt Byron's den ihr im Stillen hchst langweiligen
Thomas a Kempis, statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nrnberg den
freilich pompseren Papst in Rom.
    Das Paar stand nun auf ... Die Frstin wute, da sie diese Art von
Erinnerungen, wenn Egon fest dabei blieb, nicht durch Scherz stren durfte. Sie
wute, wie Egon litt unter dem Druck seiner berzeugungen und Pflichten. Er
terrorisirte sich ja selbst und weil sie die Einzige war, die seine
Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte, so that es ihm wohl, sich,
wenn sie ganz stumm war, an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im
beruhigten Einverstndni zu fhlen.
    Pauline, sagte er im Gehen, Pauline ist grade wie Helene. Diese ertrug
nicht, da ich handelte, Jene wird nie ertragen, da ich liebe und nur dem Leben
lebe. Erst war ich ganz der Sklave des Herzens, nun bin ich ganz der Sklave des
Geistes. Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel! Ich soll eine Lge in
die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen! Ich soll die
Religion, die Schule, die Wissenschaft einer Richtung berantworten, die nicht
die meine ist! Und warum? Um Minister zu bleiben? Um Paulinen nicht von ihrer
Hhe herabzustrzen? ... Ich habe diesen Staat gerettet. Ich begab mich in
Gefahren, opferte meine Freunde, diente der Gesellschaft, indem ich die Ruhe,
Ordnung, den Flei, die Migung, die Ergebung, das Vertrauen anbahnte. Und
immer die Vorwrfe, da ich die historischen Bedingungen verge? Grade diese
Monarchie wre ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft? Grade hier
glte es, Alles in den Personen, nichts in den Dingen zu suchen? Ich ertrug
diesen tollen Widerspruch, so lange ich ihn fr ungefhrlich erklren konnte.
Aber jetzt soll ich, da diese Fanatiker des Rckganges sich unentbehrlich
gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin, mir Elemente
aufdrngen lassen, die sich mir nur heuchlerisch unterwarfen, weil ich Muth
hatte und nur warteten, bis ich von ihrem schlingpflanzenartigen Wachsthum
umrankt bin und in ihren Umarmungen ersticken mu! Ich kenne jetzt den leitenden
Gedanken des Hofes. Ich war gut fr das Zeitalter der Polizei. Zwei Jahre galt
es unterdrcken, hemmen, ablehnen. Jetzt trte die Zeit der Organisationen ein!
Es ist die Contrerevolution der Adligen und der Pietisten, denen selbst Voland
zu allgemein und zu phrasenhaft geworden ist. Wenn die jetzt erledigten
Ministerien des Kultus und des Auswrtigen in die Hnde jener Mnner kommen
sollen, aus deren Liste ich nicht Einen whlen wrde, whrend der Hof nicht
Einen aus der meinen mochte, so hab' ich meinen Weg vollendet und danke dem
Himmel, da Reichmeyer's Vorschlag einer Parzellirung meiner Gter und deren
successiver Verkauf mir mglich macht, diese Bahn zu verlassen und Rudhard's
Vorschlag, meiner Gesundheit wegen mich im sdlichen Ruland, gradezu in der
Krimm oder sonst wo niederzulassen, auszufhren ...
    Diese unmuthsvoll ausgesprochenen Phantasieen wurden von drei Briefen
unterbrochen, von denen einer in rthlicher Enveloppe der wichtigste war; Briefe
von dieser Farbe kamen vom Hofe ...
    Der Frst erbrach ihn zuerst. Aus dem Kabinet des Knigs wurde gemeldet, das
Interesse der Dynastie verlange unbedingt die bergabe der erledigten
Portefeuilles an die Mnner der vom Hofe aufgestellten Liste. Man she um so
weniger Schwierigkeiten, als sich ja alle der Prsidentschaft des Frsten fgen
wollten ...
    Der zweite Brief war von Herrn von Reichmeyer, der die endliche Mglichkeit
einer groen Verkaufsoperation fr die nchsten Tage bestimmt zusicherte ...
    Der dritte endlich war von Paulinen und lautete:
    Zweimal war ich bei Ihnen, Egon, zweimal wollt' ich Sie beschwren: Opfern
Sie diese entsetzliche Hartnckigkeit! Ich habe Gste zu Tisch, sonst wr' ich
selber da, um Sie fufllig zu bitten: Richten Sie nicht Alles zu Grunde! Sie
zwingen den Hof nicht! Die Partei der Knigin ist zu sehr erstarkt. Sie lehnt
sich an die groe stliche europische Politik und hat das Einverstndni mit
allen Kabinetten im Rcken. Sie selbst, Egon, haben die Verfassung fr ein
Konglomerat von Unsinn und Verbrechen erklrt; darin ist man mit Ihnen
einverstanden. Aber Sie haben hinzugefgt: dies Konglomerat drcke fr den
Augenblick die Brgschaft der Ruhe und Ordnung aus, man drfe sie den
Mittelparteien, die den Ausschlag gben, nicht entziehen, drfe nicht an ihr
rtteln, msse sie als Popanz regieren lassen, um die greren Gter des
Vertrauens, die Rckkehr zu den Gewerben, die Verschmelzung der Gehorchenden und
Regierenden dafr zu gewinnen, bis die Zeit kme, wo die Zungen der Engel oder
die Posaunen des Weltgerichtes wieder einmal mit der Menschheit reden wrden.
Dies zweideutige Wort ist das stndliche Thema der kleinen Zirkel. Man geht so
weit, Sie des Einverstndnisses mit der Revolution zu bezichtigen. Ich beschwre
Sie, Egon, lassen Sie diese Hartnckigkeit! Wenn Flottwitz aus P. und Trompetta
aus S. in's Ministerium kommen, so haben wir in der Presse und der Kammer die
Mittel, diese uns aufgedrungenen Ultra-Elemente bald genug auszustoen. Geben
Sie diese Expropriation Ihres Eigenthums auf! Sie wollen das Land verlassen! Sie
haben idyllische Ideen wie einst Helene d'Azimont. Sie sind muthlos geworden,
Frst! Sie beneiden Ihre alten Freunde um das Glck ihrer Mrtyrerschaft! Sie
finden die Schicksale dieser Wildungen wunderbar. Sie ermatten im Kampfe fr
Ihre unendlich wahreren Ideale! Soll ich, ein Weib, Ihnen Kraft und Ausdauer
predigen? Egon, was ist Ihnen Rodewald? Seit dessen Rckkehr sind Sie ein
Schatten, sind nicht der Widerschein mehr Ihrer frheren Gre! Finden Sie
Rodewald ab! Ich biete Ihnen zur Lsung seines Pachtvertrages mein Vermgen!
Verweisen Sie ihn auf Grund seiner verlornen Heimathsrechte, auf Grund des
Schutzes, den er dem Staatsverbrecher lieh, auf Grund des Vorschubes, der von
Plessen und Tempelheide aus doch unwiderleglich der Flucht Wildungen's geleistet
wurde, des Landes - Egon, haben Sie Muth, Vertrauen! Nochmals, ich biete Ihnen
die Benutzung meiner eignen Mittel! Befreien Sie mich von dem Verdachte, da Sie
nicht ertragen knnen, von mir abhngig zu sein! ...
    An dieser Stelle zerri Egon das Billet, warf es zur Erde und wrde die mit
dem Fue getretenen Fetzen aus Zorn unbedacht haben liegen lassen, wenn die
Frstin sie nicht gesammelt und ihm zurckgestellt htte, ohne einen Blick
hineinzuwerfen ...
    Ohne ein weiteres Wort durchschritt Egon den Garten, verlie ihn, ging ber
die kleine Hoftreppe in seine Zimmer. Der Diener folgte ... Die Frstin hielt
sich zurck, treu ihrem Systeme der Nichteinmischung in Dinge, fr die ihr Lust
und Beruf fehlten ...
    Zwei Worte gengten dem Frsten, um dem Hofe anzuzeigen, da er sich heute
gegen Abend definitiv aussprechen wrde ...
    Es stand bei ihm fest, Das, was er war, ganz oder es nicht zu sein ...
Pauline von Harder hatte Recht, seit Rodewald's Rckkehr war Egon ein Tyrann der
Konsequenz ... das Wort abhngig sein, von dieser Frau gesprochen, whlte ihm
wie ein Dolch in der Brust ...
    Der Bediente wollte gehen, das Billet zu Hofe tragen ... Noch zgerte er und
meldete:
    Der Generalpchter Herr Rodewald wnsche Se. Durchlaucht zu sprechen ...
    Egon hrte nicht ... Er war in zu fieberhafter Bewegung ...
    Herr Rodewald ...
    Wer? ... Der Schrecken des vorigen Jahres im Schlosse Hohenberg wiederholte
sich erst.
    Der Bediente sprach die Meldung noch einmal; der Wunsch Rodewald's, jetzt
vorgelassen zu werden, war der dringendste.
    Die Wirkung dieses Namens auf den Frsten kennen wir ... Dasselbe Erblassen,
dasselbe Beben ... wie auf dem Schlosse Hohenberg ... aber die Sammlung war nach
fast einem Jahre der Gewhnung und berlegung vorbereiteter ... Der Frst fate
sich, winkte und lie den Generalpchter eintreten ...
    Heinrich Rodewald trat ein ...

                                Zwlftes Capitel



                                 Vater und Sohn

Rodewald hatte in denselben Zimmern gewartet, wo er einst von Louis Armand die
frohe Botschaft von dem vermeintlichen Eigner jener Locke empfing, die auf
seinem Herzen ruhte ... er hatte voll Trauer die alabasternen Bildsulen
betrachtet, von deren Anblick er damals gern den Knaben Selmar zurckgehalten
htte ... er war bangend ber die Teppiche auf und nieder geschritten, die
damals jenen dem Justizrathe zugeschleuderten Schurken in seinem Widerhall
milderten ... dieselbe Welt und wie verndert durch die Zeit!
    Wie Rodewald eintreten sollte zu Egon von Hohenberg, dem Sohne Amanden's,
schlug dem Vater das Herz, er htte es hren knnen, wenn nicht sein Ohr betubt
gewesen wre. Nur unwillkrlich griff er mit der Linken nach der klopfenden
Brust ... in der Rechten hielt er mit der Ehrerbietung, die seiner Stellung
zukam, den Hut ... Er war schwarz gekleidet, gab sich von Natur wrdevoll und
berragte weit seine Stellung.
    Egon stand vor ihm mit dem Stern auf der Brust ... Er hatte in der Frhe
schon einer Reprsentation beigewohnt ... ... Er trug diesen Stern jetzt fast
wie eine Waffe.
    Stumme, lautlose Begrung ...
    Herr Rodewald? begann der Frst mit einem unwillkrlichen Schauer. Er hatte
diese Gestalt, diese imponirende Wrde, diese edle Bildung des Hauptes nicht
erwartet ... er wollte seinem Tone Barschheit geben ... er konnte nicht; der
leise am Vater schimmernde Silberglanz des Scheitels milderte seinen strengen
Vorsatz ...
    Durchlaucht ... zu Befehl ... war Rodewald's fast zitternd vorgetragene
Antwort.
    Habe Ursache Ihnen sehr dankbar zu sein ... Ihre Verwaltung verspricht ...
oder vielmehr Sie leisten schon, was Sie versprochen haben ...
    Rodewald gewann an Sicherheit der Unsicherheit des Frsten gegenber. Dieser
Empfang mute ihn, wenn er schon von Egon's Herzen eine geringe Meinung hatte,
vollends erklten. Wozu diese kurzen, abgestoenen Stze! dachte er. Soll Das
als Vornehmheit gelten? Soll Das Strafe fr meine Beziehung zu Dankmar sein?
Warum mir diese Unfreundlichkeit? An eine Bekanntschaft mit seinen Beziehungen
zur Mutter dachte er nicht. Er wute, da die einzige Verrtherin nur Pauline
sein konnte und worin grade ihr Stolz, ihre Eifersucht sich gegen Amanda
gestrubt hatte, wute er nicht minder ...
    Die zehn Jahre, begann er, die mir Ew. Durchlaucht anfangs gestattet haben,
sind grade nur das Maa der Zeit, das ich brauchen wrde, um Soll und Haben
einigermaen in Einklang zu bringen. Auf Gewinn wrde erst nach dieser Frist zu
rechnen sein.
    So? sagte Egon kalt, wandte sich zum Fenster und blickte mistrauisch nur mit
halbem Blicke zu dem Sprecher, der fortfuhr:
    Durchlaucht haben aber, wie ich von Herrn von Zeisel hre, ber Ihre
Besitzungen einen andern Entschlu gefat ...
    Egon hrte kaum. Er dachte nur an das Wort Paulinen's in dem zerrissenen
Brief: Man verweist Rodewald des Landes! Er prfte und forschte. Er wollte in
die Stimmung zurck, die ihn einst veranlat hatte auszurufen: Du bist von
Fallstricken umgeben, man whlt in deinen gefhrlichsten Geheimnissen! Was will
dieser Mensch? Warum kommt er zurck? Was drngt er sich in deine Nhe?
    Und nun stand der Gefrchtete vor ihm. So ruhig, so ernst, so wrdevoll ...
Ja, sein scharfes Auge entdeckte den Wehmuthsschleier ber Rodewald's Augen und
nur darin noch fhlte er seine Kraft sich sammeln, da er dachte: Sollte er
wagen, dir vertraulich zu thun? Wre Dies, so htte ihm ein Gedanke kommen
knnen, der nicht viel anders gelautet htte, als: Du knntest ihn erwrgen!
    Rodewald fuhr fort:
    Durchlaucht werden als Staatsmann wissen, da in keinem Dinge eine
pltzliche Reform mglich ist. Die Gter sind vernachlssigt, berschuldet, aber
ihr Ertrag ist noch nicht zu ermessen. Die Bodenkraft scheint grer, als man
voraussetzte. Ich fand keine gute Haushaltung und ich bringe noch mehr als
ehrlichen Willen, ich bringe Kenntnisse und Erfahrungen, die sich bewhren
drften ...
    Sie haben Auslagen gehabt, sagte der Frst; ich wei, Sie haben Maschinen
bauen lassen - und die Gebude, die Sie errichteten, ich sah sie selbst mit
Vergngen - sie werden den gegenwrtigen Kaufpreis nur erhhen ... Sie werden
schadlos gehalten werden ...
    Ein Verkauf, dem man eine gerichtliche Nothwendigkeit zu Grunde legt, hebt
mein Pachtverhltni auf ...
    Sie arrangiren sich vielleicht mit Herrn von Reichmeyer ...
    Ich glaube nicht. Die Landwirthschaft ist so sehr meine Leidenschaft nicht.
Es mssen sich die Verhltnisse schon ganz besonders nach meinem Wunsche
gestalten, wenn ich mir als konom gefallen soll ...
    Egon, der fast nur zum Fenster hinaussah, bi sich auf die Lippen. Es lag in
diesen Worten Das, was er frchtete, der Schein von Vertraulichkeit des ihm
unheimlichen Mannes und doch war die Betonung nicht auf ihn gerichtet, sie war
streng, ohne Weichlichkeit, ohne Zuthunlichkeit, sie ging in's Allgemeine.
    Der berschu, fuhr Rodewald fort, der berschu der Aktiva, wenn die
Passiva getilgt sein werden, kann nicht so gro sein, da der Werth einer
dauernden Zukunftshoffnung aufgehoben wrde. bereilen Sie diesen Entschlu
nicht, Durchlaucht!
    Egon brachte jetzt polternd eine Menge von Grnden vor, die in diesen Tagen
gegen den Besitz von Lndereien sprchen. Es waren darunter sogar welche aus der
Zeit und dem Regierungssysteme hergenommen, soda Rodewald lchelnd einfiel:
    Durchlaucht werden bei einer solchen Motivirung dem Besitzadel das Signal
eines allgemeinen Sauve qui peut! geben. Was bliebe von dem Grundbau des
Staatsgebudes brig, wenn diese Abneigung sich mehrte!
    Es wrden neue Arbeitsquellen geschaffen, sprach der Frst jetzt rascher; es
kmen die Kufer in die Nothwendigkeit, den Boden zu mehr als nur zur
Untersttzung einer geselligen Reprsentation zu benutzen. Die groen
Gterkomplexe sind eine mittelalterliche Idee, die ich bekmpfe. Je mehr wahre
Arbeit durch die Parzellirung erzielt wird, desto mehr beschftigte Hnde und
zufriedene Kpfe. Ich hatte frher auch die Professorengrillen vom Adel, dem
ungetheilten Gterbesitz, den englischen Spleen von Majoraten. Ich habe mich auf
der Tribne und im Breau berzeugt, wohin wir mit dieser Reform vom Adel
kommen. Es ist besser, der Adel vermittelt seine Krfte mit denen der modernen
Arbeit und Grund und Boden wird etwas Beweglicheres als bisher.
    Gern htte Rodewald vielleicht erwidert: Und ist die Liebe zu dem
vterlichen Boden nicht auch ein Bindemittel der Ordnung? Ist die pflegende und
hthende Piett nicht in deinem Staate unterzubringen? Aber in der
Nothwendigkeit zurckhalten zu mssen, vermied er Errterungen wie diese, die
wol seinen alten romantischen Doktrinen entsprochen htten. So kam er nur auf
das Wort zurck, das er schon gesagt hatte: Er wrde sich mit einem Kufer des
Ganzen oder Einzelnen nicht einigen.
    Der Frst wandte sich und wagte die halb lchelnden, halb verweisend ernst
vorgetragenen Worte:
    Das klingt ja fast, als sollte ich allein nur die Ehre haben, der
Auserwhlte Ihres Fleies zu sein!
    Rodewald verwand diese bse Rede mit Schmerz. Er htte erwidern knnen:
Allerdings! Ich kannte Ihre Mutter, schtzte sie ... er that es nicht, er
versuchte auf dem geschftlichen Standpunkte stehen zu bleiben.
    Eine Zerstckelung, sagte er, hebt meine Hoffnungen auf. Wenn ich durch den
Gewinn des Waldes nicht decke, was ich an der Sterilitt des Feldes verliere,
wenn nicht eine Lokalitt der andern in die Hnde arbeitet, ergibt sich kein
groes Resultat. Fr ein kleines hab' ich bereits zu bedeutende Anstrengungen
gemacht. Durchlaucht erklren, da ich entschdigt werde. Ihr Entschlu steht
fest. So hab' ich nichts weiter zu sagen.
    Und schon wollte Rodewald, tief erkltet, durchfrstelt bis in's innerste
Herz sich zum Gehen wenden ...
    Da sagte Egon, berrascht von dieser Entschiedenheit und durch die
Abwesenheit aller weitern Wnsche des ihm so nahestehenden Mannes fast beschmt:
    Bleiben Sie doch noch! Gefllt es Ihnen denn in Europa wieder? Sie waren
viele Jahre in Amerika ...
    Fast dreiig Jahre ...
    Sie haben eine liebenswrdige Tochter zurckgebracht, eine Enkelin der Frau
von Harder ...
    Rodewald schwieg. Aber was er dachte, war der Wunsch: Wtest du, was ich
gelitten, als ich glaubte, du wrest diesem Kinde, deiner Schwester, nicht
fremd, diesem geliebten Kinde, das ich mein nennen darf vor der Welt und an
dessen Leben sich keine Reue knpft!
    Sie haben die Aussicht, einen sehr reichen Schwiegersohn zu gewinnen,
Dankmar Wildungen ... fuhr Egon fort; hatte sein Aufenthalt bei Ihnen keine
gerichtlichen Folgen fr Sie?
    Wir haben strenge Gesetze fr die Hehler von Dieben und Mrdern, sagte
Rodewald. Die waren hier nicht anwendbar. Im brigen stand Dankmar Wildungen im
Begriff, sein Verhltni zu meiner Verwaltung aufzugeben ... zuletzt bin ich
sein Oheim.
    Ich habe einige Monate lang mit diesem Brderpaar einen vertrauten,
geselligen und sehr wohlthuenden Verkehr unterhalten, begann Egon, jetzt etwas
sich erwrmend. Den Jngsten lernt' ich in einer Zeit kennen, wo ich der
Freundschaft bedurfte, um nicht unterzugehen. Ich habe die Idealitt seines
Strebens immer getadelt, aber im brigen seinen Charakter, seine Diskretion,
seine vortreffliche Haltung in jedem Lebensverhltnisse anerkannt. Mein Leben
war abentheuerlich. Manches lernt' ich aus Bchern, das Meiste aus dem Leben.
Ich bin streng gewesen gegen die frheren Freunde, weil ich an derselben Grenze
unsrer Beobachtungen mit ihnen stand und sie mir doch immer einrumten, da wir
etwas in's Volk hineintragen, was nicht in ihm lebt. Ich liebe das Volk, ich bin
kein Staatsmann der Studierstube, der Antichambres, ich schmeichle Niemanden.
Ich schmeichle aber auch dem Volke nicht. Ich kenne die gefhrlichsten Feinde
der Gesellschaft, es sind die Lge und die Trgheit. Frher sprach ich Das in
Scherzen aus. Oft genug mit den Wildungen und mit einem gewissen Louis Armand.
Lieber Himmel, wir fhrten das wolkenloseste Leben, wir waren glcklich, wenn
unsre Scherze nicht weiter reichten als der Dampf der Cigarre, die wir rauchten.
Was kommt auf den Zwiespalt der Theorieen an, wenn man in der schnen Natur
lebt, wenn man von Pferden, von schnen Frauen, von Geist und Poesie im
Allgemeinen spricht! Ich wrze gern an der Tafel meinen Appetit mit guter
Unterhaltung und immer die gleichen Meinungen, das gibt keine gute Unterhaltung.
Also ich liebte diese Wildungen! Und Louis Armand! O mein Gott, was hab' ich die
Freunde gewarnt und gebeten, was ihn und die Brder an die mir schmerzlichen
neuen Pflichten erinnert - aber, wenn es einmal zu einer Entscheidung kommen
soll, wenn man durch den Zufall in eine Position gestellt wird, wo es ganz
unermelich heilige Zwecke zu verwalten gibt, dann bleibt nichts Andres brig,
als es zu machen wie die Helden im Homer. Man prallt mit Schild und Speer an
dieselben Heroen, denen man vor der Schlacht ber ihre Noblesse, ihre Armatur,
ihre gute Haltung, ihre Genealogie die anstndigsten Komplimente gemacht hat ...
    Es lag in diesen rasch herausgepolterten Worten so viel Natrlichkeit, da
Rodewald unwillkrlich lcheln und an ihnen eine Art Gefallen finden mute ...
    Ich habe die Halbheit nie leiden knnen, fuhr Egon fort. Ich lebte in Genf
als junger Mensch cribbl de dettes, von Schulden fast aufgefressen. Ich hatte
es satt, unter solchen Verhltnissen mich zu kompromittiren. Ich trieb nicht
Romantik, sondern es war mein bittrer Ernst, als ich in die Verborgenheit
flchtete und lieber verschollen sein wollte, als unter elenden Bedingungen
einen groen Namen tragen. Ich habe in der Politik immer dieselbe Loosung
gehabt. Koalitionen und Fusionen, wie diese Quacksalberei der neuern
Staatsweisheit heit, sind mir zuwider. Ich wollte einen Staat der Pflichten
aufbauen. Einen Staat der Arbeit nach jeder Richtung hin. Ich habe Das Ihrem
Neffen hundertmal gesagt. Dankmar hat meine Theorie bestritten und mir nur
negative Dinge angerathen. Man kann nicht regieren mit Negationen. Luftige
Utopismen sind in den meisten Fllen Gelegenheiten zur Ausbeute fr die
Charlatane. Ihre Neffen haben das horrible Phantasma eines Bundes aufgestellt,
der von den Gerichten wie eine Verschwrung aufgefat worden ist. Ich wei sehr
wohl, was er will und was er den Gerichten verschwieg. Ich sah die ersten Keime
dieser Gedanken in ihm aufblhen. Hier, hier, an diesen Tisch, da an jenen
Thomas a Kempis knpften wir unsre ersten Gedankengnge an, von denen ich nicht
ahnte, da sie ihn so in die Region der Lfte fhren wrden. Es ist wahr, es ist
Alles geschehen, um ihn in seinem Idealismus zu ermuthigen. Er hat durch zhe
Beharrlichkeit einen Proze gewonnen, der ihm eine wunderbar glnzende Zukunft
verspricht ...
    Sie wissen, unterbrach Rodewald diese aufwallende Mittheilungslust, Sie
wissen, da dies unglaubliche Glck so gut wie verronnen ist ...
    Man sagt, der Bund htte die Flucht befrdert, die ein Theilnehmer mit dem
Leben bte. Aber die Scheine werden doch ausgegeben, werden doch von den
westlichen Provinzen her verbreitet, ich versichre Sie, die Mitglieder des
Bundes sind ohne Sorge um diese Errungenschaft, die ja, wie bekannt ist, nicht
einmal den Brdern allein, sondern der groen Chimre von der neuen Templerei
allein zu Gute kommen soll ... Knnen Sie denn eine solche Verwendung billigen?
Was sagt Frulein Selma dazu? Und Olga Wsmskoi, die Ihnen, diese schlimme
kleine Intriguantin, die Ehre verschaffen wird, eine Frstin zur Nichte zu
haben? ...
    Egon konnte so nicht weiter; bei jeder neuen Thatsache trat er wie auf
Fuangeln und dabei diese ruhige Aufmerksamkeit des wrdigen Mannes, der nur
hrend vor ihm stand, dies leuchtende Feuer, das in Rodewald's Augen zuckte,
dies sichtliche Behagen in der Annherung an Egon's menschlichere Regungen ...
er mute sich selbst unterbrechen und lie Rodewald ruhig gewhren, als dieser
sagte:
    Ich freue mich des warmen Antheils, den Durchlaucht noch an den persnlichen
Schicksalen geringerer Menschen nehmen. In dem Bunde der Ritter vom Geiste und
was mit ihm zusammenhngt, liegt nicht die grte Gefahr unsrer Zeit.
Verkleinern will ich die Bedeutung dieses Bundes nicht. Ich glaube, da es
schwierig ist, die Thatsachen der Gegenwart so zu verwalten, wie sie sind und
dabei den Geist gegen sich zu haben. Dieser Geist, Durchlaucht, ist keine
doktrinre Wahrheit, etwa irgend eine neue Philosophie, sondern nur das Gefhl
der furchtbarsten Entmuthigung, die pltzlich Jeden doch in seinem Wirken
berfallen mu, wenn ihm Etwas sagt: Du irrst dich, die Geschichte hat zu allen
Zeiten etwas Andres gegeben, als was selbst Die, die dem Neuen am nchsten
standen, ahnten! Und Jeden schreckt so diese Vorstellung, den Geist gegen sich
zu haben, zusammen. Selbst den Nchternsten, den Erbrmlichsten der
Sinnenmenschen, den Reaktionr aus Existenzinteresse, berkommt die Vorstellung,
da der Geist gegen ihn wre, wenn auch nur unter der Vorstellung: Wenn ich todt
bin, mag kommen, was da will, aber so lange ich lebe, soll Das und Das u.s.w. -
und berall in alle Karten, die gemischt werden sollen, in alle lauten, in alle
geflsterten Gesprche mischt sich dieser rthselhafte Dritte, dieser groe
Unbekannte, der hineinsieht in Jedes und immer das Gegentheil von Dem lehrt, was
grade begonnen und betrieben werden soll. Daher diese Schwankungen. Die Pole sah
noch Niemand, aber die Magnetnadel, die zittert, die fhlt die Pole. Auch Sie,
Durchlaucht, werden Verbindungen eingehen, die Ihrer Natur nicht gleichartig
sind, auch Sie werden, um Alle fr sich zu haben, den Kreis Ihrer Theorieen
erweitern mssen und wenn das Gercht wahr spricht ...
    Nimmermehr! Nein, nein! unterbrach Egon und bertnte durch die Heftigkeit
dieser Ablehnung ein Gerusch wie von einer nebenan geffneten Thr, die
Rodewald hrte, aber nicht Egon. Nimmermehr! Ich wei, was Sie sagen wollen.
Dies Herrschen um jeden Preis hass' ich. Sie kommen aus Amerika. Ich sage Ihnen,
dies Herrschenwollen um jeden Preis wird bei uns vielleicht noch einst die
Monarchie strzen. Wir werden natrlich von der Republik immer wieder zur
Monarchie zurckkehren, bis sie durch dies Herrschenwollen um jeden Preis nach
Jahrhunderten doch unmglich sein wird und sich eine Staatsform gebildet hat,
die jetzt noch Niemand begreift ...
    Denken Sie Das, Frst, sagte Rodewald erstaunend, so gehren Sie zu den
Rittern vom Geiste und jener geheimnivolle Dritte ist auch bei Ihnen und Ihren
Gedanken gegenwrtig. Es ist uns Allen, als trgen wir ein groes Geheimni in
uns, das wir nur noch auszusprechen nicht wagen und das mit unsrer Generation
noch vorlufig in die Erde geht ...
    Egon blickte auf, denn er erschrak. Diese Worte schienen absichtlich, aber
sie waren es so wenig, da Rodewald vielmehr aufhorchend sagte:
    Durchlaucht werden gestrt ... Ich gehe ...
    Nein, nein, sagte Egon, wir sind allein ...
    Es entwaffnete ihn, da Rodewald, sein eigner Vater vor Gott, vor der Welt
von einem Geheimnisse sprach, das man zu Grabe trage und ruhig von dannen gehen
wollte, indem er sich ernst und bescheiden vor ihm, dem Hhergestellten, noch
seinem Herrn, verbeugte. Es berflog ihn eine Ahnung von Dem, was diesen Mann
bewogen haben konnte, sich seines irdischen Looses anzunehmen und nochmals
wiederholte er:
    Bleiben Sie doch! Was Sie von meiner Geneigtheit zu Koalitionen gehrt
haben, ist falsch! Wenn ich mich meiner Gter entledigen wollte, so war es nur,
um mich frei zu machen und dann fr immer dieses Land zu verlassen.
    Aber, sagte Rodewald, angezogen von diesen wrmeren Worten, wenn Sie sich
selbst bewahren wollen, Frst, wenn Sie das Ideal von Politik, das Sie im Herzen
tragen - es ist nicht das meine - nicht entweihen wollen durch Vermischung mit
Fremdartigem, das Sie hassen, warum knnen Sie auch so nicht frei von dannen
gehen? Lassen Sie Ihr Erbe einem Mann zurck, der es Ihnen erhalten wird! Sind
Sie von meinem uneigenntzigen Willen denn nicht berzeugt?
    Es lag in diesen Worten eine so schmelzende berredung, da Egon einen
lngern Blick auf den Sprecher richtete, einen fragenden, fast flehenden, als
sollte sein ganzes Dasein ihm sagen: Was willst du mir denn, du wunderbarer
Mann?
    Das Schweigen, das einen Augenblick eintrat, erschtterte Niemanden mehr als
die Person, die in der That im Nebenzimmer stand und von Rodewald gehrt worden
war. Es war Pauline von Harder. Zu heftig gefoltert von ihrer Unruhe ber Egon's
Entschlu, benutzte sie ihr Vorrecht, im Palais Hohenberg jede Thr fr eine
offene zu halten, berall einzutretten, den Frsten in seinen entlegensten
Arbeitskabinetten ohne Anmeldung zu berraschen. Die Diener hatten ihr gesagt,
wer beim Frsten war. Sie schrak zusammen, als sie den ihr einst so theuren,
jetzt im Gewhl der Welt, die sie umtobte, ihr gleichgltig gewordenen Namen
erfuhr. Dennoch htte sie aus Neugier Rodewald erblicken mgen, htte sehen
mgen, wie er wol geworden durch die Zeit, wie der Frst den Verrther an ihrem
Herzen wol aufnahm, wie Vater und Sohn sich wol begegneten .... Sie ffnete das
Vorzimmer. Sie hrte Egon's laute, gellende, an Wohlklang tglich einbende
Stimme. Sie kannte diese reizbare Sprache, sie wute sogleich, da er in
Errterungen begriffen war, die sich auf seinen Entschlu bezogen, das
Ministerium niederzulegen. Ihr wre mit diesem Schritte die schmerzlichste
Erfahrung, ja eine Niederlage bereitet worden, von der sie sich in diesem Leben
nicht wieder erholen konnte. In die elende kleine Theaterwelt ihres Gatten
einzutreten, da zu intriguiren, da Fden zu lenken? Welch ein Abfall von der
Rolle, die sie jetzt unter den Parteien, in der Presse, im Ministerium, in der
Welt spielte! Nein! Nachgeben, akkommodiren! Das ist unerllich! sprach sie vor
sich hin und lauschte auf Rodewald's Worte, auf Egon's Erwiderungen.
    Die Wendung des Gesprches hatte eine mildere Tonlage angeschlagen. Es
traten Pausen ein. Man sprach leiser. Egon hatte etwas in der Stimme, wie
Kleinmuth, Rodewald etwas wie zutraulich Rathendes, Trstendes. Man schien sich
zu nhern, sich besser zu prfen. Sie begriff nicht, welchen Vortheil sie von
einem offenen Austausch der beiderseitigen Geheimnisse ziehen sollte, aber so
viel hrte sie, da Egon wie ein gebeugtes Rohr dastehen mute, das im Winde
wehte. Rodewald sprach von der Sorge, die er den Gtern widmen wollte, ihr war
diese Fessel schon recht, aber Egon sprach von Entsagung. Entsagung! Dies immer
ihr so frchterlich gewesene Wort! Sie hrte, da Egon an den Tisch getreten
sein mute, auf welchem noch das verblate Pastellbild seiner Mutter stand. Was
wird geschehen? dachte sie und berlegte einen Entschlu ...
    Sie kannten also meine Mutter? hie es drinnen mit schwacher Stimme.
    Rodewald's Antwort blieb aus. Sie hrte es nur nicht, das leise
hingehauchte, ernste Ja!
    Finden Sie die Zge hnlich?
    Rodewald erkannte das Bild aus der Mondnacht im Heidekruge ... sprach auch
etwas ... Sie aber hrte wieder keine Antwort ...
    Egon sprach von Landeck, wo Rodewald die Mutter zum erstenmale sah ...
    Landeck? Wie endet Das? flsterte sie fast zu laut, erbebend, vor sich hin.
    Man verlie jedoch drinnen diese gefhrlichen Erinnerungen, man kehrte auf
die Abdankung des Frsten zurck, auf eine von ihm bezweckte Reise im sdlichen
Europa, man sprach von Melanie, der Frstin, Egon rhmte die edle
Selbstlosigkeit seiner Frau, er sprach von Freiheit und Erlsung von drckenden
Fesseln, Pauline durfte jeden Augenblick erwarten, da sein zitternder Ton, der
die bewegte Rhrung des Herzens verrieth, sich gnzlich der Wahrheit gefangen
gab und wol gar eine Umarmung hier die Stelle der Worte vertreten konnte. Doch
trat dieser Moment nicht ein; wohl aber war es ihr, als rafften sich Beide, so
gegeneinanderstehend, aus ihren Trumen auf und deutlich hrte sie nun den
Frsten sagen:
    Leben Sie fr heute wohl, Rodewald! Ich fahre zum Knig, um meine Abdankung
eben einzureichen. Man wird, ich wei, sie jetzt mit Freuden annehmen. Es liegt
im Wesen der Monarchie, da sie allen Denen, die ihr Maa im Dienen voll haben,
die sich des Hasses und der Verfolgung fr den Bestand der hohen Herrschaften
nachgerade zu viel zugezogen haben, gern erlaubt, sich mit ihrem bermaa von
Makel und kompromittirendem Rufe vom Throne zu entfernen, um Neue heran zu
lassen, die, wenn wieder deren Maa voll ist, wiederum das Weite suchen mgen,
und so fort! Sagen Sie Herrn von Reichmeyer, da ich also die Gter behalte, da
ich sie Ihnen dauernd berlasse. Sagen Sie Allen, da ich reise, diesen
Schauplatz meines Wirkens verlasse, mde bin einer StellungWeiter lie aber
Pauline von Harder diese Sinnesnderung nicht anwachsen. Die Eifersucht auf
Rodewald berfiel sie wie in der alten Zeit die Eifersucht auf Amanda. Die
Frstin Amanda war ihr in diesem Augenblicke fast wie ein Schatten
entgegengetreten, der ihr den Sohn entri und zurck in die Arme des Vaters
fhrte. Wie? Entsagung diesem wunderbaren Wollen und Wirken? Nein ...
    Sie trat ein ... Die Mnner staunten. Rodewald erkannte Paulinen sogleich,
ob sie gleich furchtbar gealtert war. Doch ihre Hoheit verrieth sie sogleich. Er
erkannte das dsterblitzende Auge, er sah die Momente der Eifersucht aus alten
Zeiten wieder. Das ist Pauline! sagte er sich.
    Frst, die Ungeduld treibt mich ... Haben Sie einen Entschlu gefat?
    Herr Rodewald! sagte der Frst, den Dritten gleichsam vorstellend ...
    Ich wei, sagte sich abwendend Pauline. Rodewald! Ich bin Pauline! Sie
kennen mich? Rodewald! Was wollen Sie, Rodewald? Warum sind Sie hier? Hier in
diesem Hause? Was mischen Sie sich in Verhltnisse, Rodewald, die keinen Bezug
auf Ihr Leben haben knnen - wenn Sie ein Mann von Ehre sein wollen!
    Egon bersah, da Pauline, die so losbrechend Rodewald fr eine Wahnsinnige
htte halten knnen, gelauscht hatte ... Die Mglichkeit unzeitiger Ausbrche
von Drohungen und Enthllungen dieser Frau war ihm peinlich genug. Aber es war
Egon's Art nicht, wenn er frchtete, gleich feige zu sein. Er stampfte fast mit
dem Fue und fragte:
    Was ist? Hngen meine Entschlieungen nicht von mir selbst ab?
    Durchlaucht! rief Pauline in bitterm und drohendem Tone. Dann sich zu
Rodewald wendend, sprach sie herrschend:
    Was wollen Sie mit den Gtern? Gehen Sie! Sie haben noch keine Auftrge vom
Frsten empfangen. Herr von Reichmeyer wnscht keine Unterhndler ... Gehen Sie,
gehen Sie, Herr Generalpchter! Man vermit Sie vielleicht in Tempelheide ...
ich glaube, Ihre Angelegenheit mit Sr. Durchlaucht ist im Reinen ...
    Die Wirkung dieser schneidenden Worte war auf die beiden Mnner die
verletzendste. Sie hatten sich ja Beide nichts zu gestehen, hatten sich ja
nichts zu sagen, was ihre Stellungen gendert htte. Aber wie sich denn doch ein
Drittes da so gewaltsam zwischen ihre zart in Eins gesponnenen Lebensfden warf,
zuckte es in ihren Nerven wie mit einem einzigen Schlage; sie waren verbunden
und handelten bereinstimmend, sie wuten nicht wie ...
    Doch migte sich Rodewald. Er sagte nur, sich zum Gehen wendend:
    Frau von Harder, ich bin hier, um die Befehle meines Herrn zu vernehmen ...
Ich bin der Pchter Rodewald, ich trage die Spuren der Mittagssonne auf meiner
Stirn und meine Hnde fassen sich hrter an, als einst, obgleich sie doch noch
keine Schwielen haben und mich nicht zum Bauern und Knechte entwrdigen ...
    Vergessen Sie nicht! rief Egon dem Scheidenden nach. Was ich von Herrn von
Reichmeyer sagte ... es bleibt dabei ... Und Sie, gndige Frau, die Zeit drngt.
Ich will zum Knige ...
    Damit deutete Egon an, da er allein in seine Zimmer zurck und auch
Paulinen entlassen wollte.
    Diese fate aber seine Hand ...
    Er lehnte sie ab und rief mehrmals:
    Ich habe Eile, ich mu zum Knig!
    Pauline ertrug aber diese Abweisung nicht. Eine solche Form ihres
Verhltnisses zu Egon, Rodewald zur Schau gestellt, lie den Zorn in ihr
berschumen. Sie war die Allmchtige gewesen, sie hatte sich gewhnt, Egon zu
beherrschen, sie wute, einzig, auer der Ludmer und Rodewald, welches Geheimni
auf dem Ursprunge des Frsten lastete und in diesem Augenblicke verlie sie die
Gromuth. Sie rief dem Frsten, der schon an der Thr stand, nach:
    Was ist hier beschlossen worden? Bleiben Sie! Rodewald! Ich bewundere Sie,
Frst, da Sie mich zwingen, den Abschied zu stren, den Rodewald von den Zgen
jenes Bildes zu nehmen scheint ...
    Rodewald hatte sich in der That dem Bilde der Frstin zugewandt, hatte in
der That ihm gleichsam allein den Anblick seines Schmerzes in der Stille
anvertraut ...
    Frau von Harder! rief Egon zusammenzuckend ...
    Die Erinnerungen erwachen - hthen Sie sich, Egon! antwortete diese leise
und dann steigernd. Zweimal hat dieser Mann, der in Amerika seine Vergangenheit
htte begraben sollen, das Vertrauen der treuesten Menschen betrogen ... ich
kenne in diesem Hause des Frsten Waldemar von Hohenberg keine Thr, die mich
zurckfhrt! Frst Egon, seien Sie besonnen ... ich meine, dem Knig gegenber!
    Diese zuletzt grelllauten Worte kamen wie aus der Hlle. Egon verstand sie
sogleich, Rodewald errieth sie. Der Frst erblate. Er sah die wuthgeborene
schumende Rache, die ihm drohen konnte: Vergi nicht, wer du bist und wer da
wei, wer du bist! Rodewald aber, vor der Betonung des Frsten Waldemar, des
Frsten Egon schaudernd, bebend selbst vor dem Blicke des Hohnes und der
Superioritt, die in den Worten der in der Leidenschaft ihrer selbst nicht
mchtigen Frau lag, berschaute sogleich das ganze Verhltni mit einem Schlage
und mit blitzschnell in ihm auffahrender Gewiheit: Allmchtiger Gott, Egon
kennt sein Verhltni zu dir und dies Weib ist die Einzige, die es ihm verrathen
hat! trat er entschlossener vor, ergriff den rechten Arm der wilden Frau, hob
diesen empor und rief feierlich:
    Pauline von Harder!
    Rodewald! erwiderte die Unbesonnene wie im Echo, hhnend, trotzend sich
losreiend und den Frsten so kalt, so herzlos von Unten nach Oben messend, da
Egon zitterte, Rodewald aber sich nicht lnger hielt, sondern wie ein Seher in
flammendem Zorn, dicht auf sie zutretend, hervorbrach:
    Pauline von Harder! Ich betrachtete in diesem Augenblicke die Engelzge
Amanda's von Hohenberg! Sie flsterten mir zu: Es gibt ein Weib, das der
namenlose Drang des Ehrgeizes verfhrt hat, von Extrem zu Extrem besinnungslos
zu taumeln! Ein Weib, das ein Erdendmon sogar den Irrweg zum Herzen meines
Sohnes fhrte! Rodewald, sagen Sie dieser Frau, flstert mir die Frstin zu,
sagen Sie ihr, da Sie in Amerika wirklich Ihre Vergangenheit lieen, wirklich
vergaen, an Das zu denken, worauf Pauline noch meinem Sohne gegenber mit
giftigem Stachel deuten kann; sagen Sie ihr aber auch, da in Amerika noch eine
zweite Vergangenheit begraben liegt, die Vergangenheit Paulinen's von Harder!
Ein Friedrich Zeck hat gelebt und an dem Ufer des Hudson, in dem er sich das
Leben nahm, ein Geheimni hinterlassen, das einzig auf der Welt nur Sie und mein
Sohn wissen sollen! Nicht genug, da der Falschmnzer Baron Grimm auf zwanzig
Jahre durch Pauline von Harder und ihre Helfershelferin Charlotte Ludmer in
einen Kerker geworfen wurde, in dem der Unglckliche schon nach dem ersten Jahre
htte sterben mssen, wenn nicht Zeck, genannt Baron Grimm, die Mittel zur
Flucht vor seinem gewissen Tode gefunden htte; auch das Kind, das Pauline von
Ried, geborne von Marschalk, jenem falschen Spieler und Abentheurer, dem
Kupferstecher Zeck, geboren, Paul Zeck, getauft in der Stille zu Seehausen vom
Pfarrer Lattorf, wurde von ihr den ruchlosen Verwandten des Betrgers bergeben,
verkauft, von diesen, Mrdern und Gaunern, ausgesetzt und wuchs herauf zur
abschreckendsten hnlichkeit mit seiner Mutter! Noch lebt Paul Zeck, lebt unter
uns, in dieser Gesellschaft, ein Jngling von dreiundzwanzig Jahren, voll Lug
und Trug, verschmitzt, verworfen, zu jeder Gewaltthat fhig und nichts, nichts,
als den Namen seiner Mutter suchend! Jetzt geh' ich zu dem Mkler Reichmeyer,
der Frst aber geht zum Knig, und Sie, Pauline, sollten gehen und Paul Zeck
suchen, einen Fund, dessen Verdienst in seiner Unermelichkeit ich Ihnen nicht
schildern kann. Denn Paul Zeck mu leben, darf nicht auf's Neue Mrdern
anvertraut werden, darf nicht auf's Neue um ein Judasgeld von dreitausend
Thalern von der Erde weggeweht werden, Paul Zeck darf seine Mutter nur unter dem
Schutze der Gerichte finden, damit er nicht verschwindet, gemordet von Charlotte
Ludmer, Pax und den Helfershelfern Paulinen's von Harder!
    Wenn Rodewald nach diesen Worten das Zimmer htte verlassen wollen, wrde er
durch die Art, wie die Geheimrthin diese Enthllung aufnahm, daran verhindert
gewesen sein. Denn jedes seiner entsetzlichen Worte hatte ihm gleichsam Pauline
abgeschnitten, jeder neuen Thatsache hatte sie sich gleichsam krperlich
entgegengeworfen. Sie suchte sich dem furchtbaren Sprecher bei jedem Athemzuge
zu nhern, wollte seinen Arm ergreifen, versuchte vor Verzweiflung fast mit ihm
zu ringen.
    Als er aber dennoch geredet, dennoch geendet und schon lngst die geffnete
Thr in der Hand hatte, strzte Pauline, die vor ihm auf der Schwelle stand, ihn
zurckhalten wollte, von dannen und rannte wie eine von den Furien Gepeitschte
auf die Ausgnge der Zimmer und der Etage des Hauses zu, sank wie Eine, die in
der Luft dieses Palastes zu ersticken frchtete, fast die Stiegen hinab ... Die
drauen harrenden Bedienten muten sie fr wahnsinnig halten, als sie die Treppe
niedertaumelte und besinnungslos vor dem Portal in ihrem Wagen verschwand.
    Wie sie schon davonrollte, lag Egon noch dankerfllt, zum Himmel aufblickend
in Rodewald's Armen. Er war auf den Vater, wie befreit von Harpyenkrallen,
zugestrzt, hatte in strmischer berwallung seiner erlsten Gefhle ihn an sein
Herz gezogen, ihm Stirn und Wangen schon mit Kssen bedeckt ... schon das Wort
auf den Lippen ... das entscheidende, das entsetzlich geheimnivolle ... aber
Rodewald lie Nichts davon geschehen ... er nahm kein Recht in Anspruch,
verrieth keines zu besitzen, gebot der Stimme der Natur, blieb demthig, zog
sich zurck, wollte fliehen, schwieg, indem er seine Thrnen fr sich reden
lie. Hinaus! hinaus! hauchte er leise ...
    Nein, einen Augenblick, Vater! rief Egon mit bebender Stimme, ri sich los,
strmte in sein Nebenzimmer und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem
versiegelten Pack Papiere zurck.
    Lies! sagte er. Es ist das Testament der Mutter!
    Rodewald nahm schweigend und staunend die Papiere, wollte sie mit
abgewandtem Antlitz ablehnen, hielt sie mit der linken Hand fest und bedeckte
sich zugleich mit ihr die Augen, mit der Rechten streichelte er des Frsten
Wange, abgewandt, fast blind tastend nur, wie in den heiligen Bchern jener
Erzvater that, als er die rauhe oder glatte Haut seines Sohnes fhlen wollte, um
den rechten Liebling zu erkennen ...
    Da mehrte sich die Scene. Die Frstin trat hinzu ... staunend ber die
Scene, betroffen von Paulinen's schneller Entfernung ...
    Herr Rodewald? sprach sie, den Mann prfend und die Bewegung dieser beiden
Mnner nicht verstehend ...
    Egon begrte sein Weib ...
    Rodewald sich sammelnd sagte mit fester Stimme:
    Durchlaucht sind zu gndig! Ich werde diese Bedingungen lesen! Ich gehe zu
dem Bankier, um ihm die Befehle des Frsten von Hohenberg selbst zu berbringen.
    Damit ging Rodewald in der That, der Frstin sich achtungsvoll verbeugend
...
    Die Frstin, sich nicht zurechtfindend, fragte, als sie allein waren:
    Aber hattet Ihr Scenen? Was war Das?
    Nur eine Verstndigung! sagte Egon. Ich gebe mein politisches Amt auf. Die
Gter behlt Rodewald. Wir Beide reisen. Jetzt zum Knig und das glnzende Elend
auf immer geendet!
    Egon rang sich von seinem zitternden Weibe liebevoll los ... ber Melanie
blitzte ein Schimmer von Glck, ein Strahl von Hoffnung, von dem sie sich sagte:
Endlich die Wrme des Gemths? Was ist ihm? Was bricht da das Eis dieses ewig
kalten Verstandes? Ist er denn auch der Liebe fhig und wrst du dann noch
wrdig, ihn zu besitzen?
    Ein Glck fr sie, da sie den Namen nicht wute, der gleichsam von Rodewald
hier als ein triumphirendes Paroli gegen Egon geboten war, den Namen Fritz
Hackert's, Paulinen's Sohn! ... So blieb die Freude ... ungetrbt.

                              Dreizehntes Capitel



                                Der Tempelstein

An dem uersten Ende eines der vielen krftigen Nebenarme unsres groen,
meergrnwallenden Stromes bilden die Uferwnde einen Ausgangspa auf fremde
Lnder, neue Sprachgebiete. Dster blicken wie Grenzwarten die tannengeschirmten
Gipfel des Gebirgskammes, der Deutschlands natrliche Grenze ist und der im
Sden uns noch Lothringen zuweist und das Elsa. Auf diesen Hhen horsten noch
Adler. Die Noth des Winters treibt noch Wlfe von ihren waldigen Schluchten
herab. Niederwrts sich senkend, erheitert sich aber die Flur und dem Strome zu
wchst die Rebe und der Nubaum und volkreiche Stdte, Weiler, Kirchen, Kapellen
und Schlsser verrathen, wie traulich es sich am mandrischen Versteckspiel
seines Pfades wohnen lt, unbekmmert um den Wolf und den Adler, die dem
Grenzjger oder Schmuggler begegnen mgen und Denen, die in der Hhe ber
Geklft und Dickicht die verstecktesten Wege kennen. Sonst waltete hier die
milde Herrschaft des Krummstabes. Noch sind die Alleen von Buchau lebendige
Zeugen der Weltherrschaft des Geschmackes von Versailles, noch hat des treuen
Mangold englische Naturkunst die Kunstnatur der erzbischflichen Grten nicht
ganz austreiben knnen. Und zu den geschweiften Formen des Schlosses, zu diesen
chinesischen Pavillons, zu diesen Friesen und Kannelirungen gehrt ja auch die
alte Gartenscheere, gehrt ja auch der Zopf Lenotre's, der Puderstaub auf
Bltterwuchs und Baumgeheg.
    Schlo Tempelstein, das sich auf eine Stunde Weges vom ebengelegenen Buchau
und der Krmmung des Stromes wegen doch ihm fast gegenber erhebt, ragt schon
mit Thrmen und Altanen aus Baumgruppen, Felsvorsprngen, Waldumkrnzungen frei
und zwanglos empor. Noch ist der Bau nicht vollendet, den Dystra mit seltenen
Hlfsmitteln sich in dieser abgeschiedenen Gegend zu einem englischen Kastell
mit Jagdgeheg und Boulingreen, zu einem Alhambra mit Springquellen aus
Lwenmund, Bogengngen und Blumenterrassen zaubert. Es wird lange whren bis zu
seiner ganzen Vollendung. Aber in diesem Sommer ist die alte Ruine schon nicht
mehr aus ihrer neuen Umkleidung zu erkennen. Der Weg empor ist schon gebahnt.
Ein untres Wohnhaus fr den Winter, selbst dem verwhntesten Lebemann,
bewohnbar. Bis zur Brcke, die zwei Felsen verbindet und an ihren Rndern
gestattet, auf ihnen die Spitzen von tief aus der Schlucht aufragenden Buchen
und rothen Blutfichten mit der Hand berhren zu knnen, ist Alles eben, links
und rechts mit groen Gewchsvasen aus gebranntem Thon geziert. Dann kommen
Stufen, die schon sicher und bequem zu betreten, wenn auch noch nicht geschmckt
und eingefat sind. Oben schon sprudelt die Fontaine, die das groe Plateau
zieren wird. Auf diesem Plateau will Dystra die Dorfjugend tanzen lassen, wenn
er in seinem Geschmack immermehr, wie er sagt, den Rosen des Herrn von
Malesherbes nher kme. Wie glatt mute dieser Marmor also geschliffen sein!
Die Platten lagen schon im Vorrath und wurden schon bearbeitet. Das Burgthor
ffnet sich. Das Wappen Dystra's hatte sich hier als eine verzeihliche
Konsequenz seines Ahnenstolzes eingefunden, da er meinte, man sollte ihm diesen
Stolz auf die Vorfahren lassen, da es doch schiene, als wenn ihm schwerlich noch
etwas nachfahren wrde. Die Zugbrcke war von Ketten und Eisendrhten. Alle
Mauern hatten Nischen zu Statuen, Blumen, Springquellen oder, sagte Dystra, zu
ewigen Lampen, wenn entweder Olga oder Paulowna oder ihre Mutter, denn Einer
droht das Glck, Baronin Dystra zu werden, in Verzweiflung darber auch
katholisch wrde. Nur einen Nepomuk auf die Zugbrcke, sagte er zu Rudhard, der
ihn von Brssel oft besuchte, nur den wrd' ich mir verbitten; dieser Heilige
macht mir bei jeder Brcke erst recht den Schwindel, den er vertreiben soll. Der
dritte Theil des Schlosses war schon bewohnbar. Die ausgesuchteste Einrichtung
zierte vom Dollond eines Belvedre herab bis zur praktikabelsten Kochmaschine
des Kellergeschosses den linken Flgel, dessen nchste Umgebung bereits jetzt
von Kalk, Mrtel und dem Lrm der Maurer und Steinmetzen verschont war. Wild und
wst freilich sah es in der Mitte und am rechten Flgel noch aus, der theilweise
in einen Felsen hineingebaut wurde und einen schroffen, jhen Abhang darbieten
sollte, fr etwa verzweifelt Liebende, wie Dystra sagte, oder fr Blaubrte, die
sich hier ihrer neugierigen Frauen entledigen wollen, falls der unterirdische
Gang, der hinten in den Wald und die Tempelabtei fhrt, nicht von strengen
Ehemnnern zu den Marterkammern und lebendigen Einmauerungen lieber benutzt
wird. Diese Abtei war als Ruine ganz im alten Style gelassen und nur vom Schutt
und Gerlle befreit und an zu schadhaften Stellen durch Ergnzungen untersttzt.
Ein schner Rest mittelalterlicher Kirchenbaukunst lag die Abtei fast schon im
Walde und bot einen heiligen, das innerste Herz bewegenden Anblick.
    Dystra lebte nun fast ein Jahr schon am Fue des Schlosses Tempelstein, das
selbst er nur zuerst von seiner Schicksalsverhngten aus der Familie Wsmskoi
bewohnt haben wollte, in der eleganten Villa am Aufgange, dicht am Flusse, nicht
tausend Schritte weit entfernt von dem Dorfe Buchau, das den Tempelstein vom
Schlosse Buchau trennt. Der Verkehr mit gegen Hundert Arbeitern bot ihm die
angenehmste Zerstreuung. Im brigen hing er auf's Lebendigste mit allen den
Beziehungen zusammen, die durch die Namen der Brder Wildungen vertreten sind.
Dankmar flchtete sich zu ihm und wohnte drben jenseits des Gebirgskammes.
Siegbert kam zuweilen von Antwerpen. Rudhard kam mit den Kindern Rurik und der
heranwachsenden Paulowna. Leidenfrost war immer zugegen; denn er war es, der den
Tempelstein ausbaute. Niemand kannte ihn. Er galt fr einen
fremdherverschriebenen Architekten. Auch Werdeck, der in Paris lebte, lie sich
zuweilen mit Vorsicht sehen. Louis Armand lieferte die Ausstattung der Zimmer,
die Boiserie, die Vergoldungen, das Glas. Er machte seine Einkufe in Belgien
und den Niederlanden. Man kannte die Hundert von Menschen nicht, die hier ab-und
zugingen. Dystra machte nur die Bedingung der Vorsicht und sie wurde ihm
gewhrt, noch gewissenhafter befolgt. Siegbert's Zeichnungen fr die
Glasfenster, die Leidenfrost in einer nahegelegenen Glashtte selber brennen
lassen wollte, erregten die Bewunderung der Laien und Kenner. Es hie, sie kmen
von belgischen Malern aus Antwerpen. Wer forschte da weiter? Die Frstin Adele
wre gern von Brssel gekommen, um die Fenster zu sehen, wie sie dann wirklich
fertig waren und in den kostbaren Gemchern hingen, aber Dystra sagte: Die erste
Frau, die auer Louise Eisold sein Schlo betrte, wre ihm verfallen; wre sie
verheirathet, so mte der Mann mit ihm hier die erste Lanze brechen, wre sie
Jungfrau oder Wittib, so drfte nur ein Lindwurm sie ihm streitig machen und
auch an den wrde er sich wagen. Kurz er scherzte ber eine Bedingung, die die
Frstin so ernst nahm, da sie sich berwand nicht zu kommen und, wie einmal
bedungen war, Olga die Vorhand lie.
    Durch Dankmar Wildungen erfuhr Dystra die neuesten Vorflle des Jahres,
seine Flucht, den Verlust des Schreins. An Louise Eisold sah er die Wirkung
sowol des Erfolgs wie des Mislingens auf ein leidendes und in Leiden erstarktes
Gemth. Sie hatte die Flucht geordnet. Franziska Heunisch hatte ihr Anerbieten
dazu mit Selma Rodewald vermittelt. Sie war in Tempelheide gewesen, hatte Peters
im Pelikan gewonnen, hatte von Danebrand, der sonst am Baue arbeitete, sich
begleiten lassen, hatte das Unglaubliche erreicht durch Hackert's einzig zum
Ziele fhrenden berraschenden Beistand. Danebrand war ein Opfer dieser khnen
That geworden, die gute, treue, uneigenntzige Seele ... Louise schauderte bei
dem Gedanken, da von den Beiden, die im Wege standen, Mangold's Wnsche zu
erhren, der Eine vom Tod hinweggerafft war und der Andre ... Was ist nur mit
ihm? Wo weilt Hackert? Hatte er Alle, auch sie betrogen? Sie allein sah an
Hackert die schlimmsten Seiten nicht, sie hatte sich aus seinem Leben wie jenes
Huhn im Hofe aus dem Dnger einen Edelstein gescharrt, sie glaubte fest und
heilig daran, da hier nichts als nur der Sonnenschein der Liebe gefehlt htte.
Als Hackert ihr die That gelobte und Beistand versprach, in seiner Weise ohne
Emphase, ohne Begeisterung, aber sicher, schlau, pfiffig Alles berechnend, was
allein zum Ziele fhrte, als er ihr andeutete, da er genugsam vertraut wre mit
allen Persnlichkeiten des Gerichtshauses, um sich durch verliebte Frauen,
nschige Kinder, schwachsinnige Greise, trunkene Mnner, die Schlssel der
Gefngnisse und Kassen anzueignen, da hatte sie zwar nicht gesagt, nicht sagen
knnen: Hackert, ich belohne dich fr alles Das mit meinem Herzen! Aber die
strmischen und kecken Liebkosungen, mit denen sie der nie rein Denkende
sogleich berschttete, hatte sie doch fast mit den Worten abgelehnt: Lassen
Sie! Lassen Sie, Hackert! Vielleicht wenn es gelungen ist, dann!
    Und nun hatte die Flucht diese Wendung genommen! Danebrand das Opfer, so
gestorben wie einst ihr Bruder! Der Schrein und Hackert verschollen ... ein
unermeliches Glck der Brder Wildungen verloren, trotz des Briefes, der von
Hackert's Hand einst mit dem Postzeichen eines kleinen Stdtchens, wo alle
Nachfrage nichts fruchtete, an sie gekommen. Noch glaubte, noch hoffte sie. Sie
sagte zu Dankmar, als er eines Augusttages ber den waldigen Bergwipfel kam,
scheinbar als Schmuggler kam, da er so mit den Grenzwchtern - am besten stand
und Siegbert gerade mit Louis Armand und dem Bruder zugleich anwesend war, um
die Wirkung der Fenster zu sehen: Glauben Sie mir, Sie knnen vertrauen! Hackert
ist zu eitel, irgend einem Menschen, der ihn fr schlecht hlt, Recht zu geben.
Er wird ehrlich sein nicht aus Liebe zur Tugend, sondern um Sie und uns Alle zu
tuschen, zu verhhnen, nicht einmal um mich zu erfreuen. Er liegt irgendwo
krank, hat sich verletzt am Tage der Flucht. Mit genauer Noth nur wird er sich
irgend wohin geflchtet haben, vielleicht zu Schlurck, der in der Nhe des
Profohauses wohnt. Er wird langsam uns folgen, denn ich sehe ja in den
Zeitungen, wie man Sie und den Schrein mit Steckbriefen verfolgt. Zu kenntlich
ist Hakkert und die groe Lade wre gleich verrathen, wenn er auf gewhnlichem
Wege kme. Vertrauen Sie!
    Die Freunde hrten gern ihre Ermuthigungen, hielten es inde fr hoch an der
Zeit, da etwas geschah, um ber diesen unermelichen Verlust Gewiheit zu
haben. Ihre Zuschrift an die Behrden war schnde und ablehnend beantwortet
worden. Um so mehr, hie es, knnte die Amortisation nicht gestattet werden, als
auch der Stecher der Platte zu den Stadtkmmereischeinen seit einiger Zeit
verschwunden und es entdeckt wre, da dieser mit Hackert, dem wahrscheinlichen
Befrderer der Flucht, auf das Vertrauteste bekannt war. Man verwies die Brder
auf die feierliche bergabe, den eignen Frevel der Flucht und der
Wiederaneignung, man erklrte sich nur vor einem Nichteinhalten der
Emissionstermine wahren zu wollen und verwies die Bittsteller auf die Folgen
ihrer Unternehmungen, die sie sich selber zuzuschreiben htten.
    Am Tage des Nikodemus, den 15. September, sollte der erste Bundestag auf dem
Tempelstein gefeiert werden. Der Knigliche Hof war zufllig zu gleicher Zeit in
Buchau zugegen. Leidenfrost richtete es im Interesse der Sicherheit der
Versammlung so ein, da schon den 8. September alle Arbeiter des Baues auf zwlf
Tage entlassen wurden. Die Lhnung wurde gezahlt, als wenn sie arbeiteten, aber
die Pause sollte, hie es, benutzt werden zu knstlerischen Arbeiten, zu denen
fremde Steinmetzen, fremde Maler, fremde Bildhauer kmen, die man einige Tage
allein auf dem Bau wollte walten lassen. Den 20. wieder sollten alle Arbeiter,
die bisher in Thtigkeit gewesen waren, zurckkehren und bis in den Winter an
einem Werke schaffen, das Jahre brauchte, um so vollendet zu werden, wie Dystra
und Leidenfrost es im Geiste vor sich sahen und Dankmar Wildungen es fr die
Schleier, die er lange auf die hier zu haltenden Versammlungen des Bundes werfen
wollte, fr nthig halten mute.
    Sein Herz bebte bei jedem Tage, den er nher zum Ziele kam. Alles fgte sich
nach Wunsch, jede selbst unerwartete gnstige Wendung traf berraschend ein, nur
der Schrein blieb aus. Hackert war entweder todt oder verschollen oder
entflohen. Dankmar's Verzweiflung grnzte an vllige Trostlosigkeit. Er hatte
gerade diesen Besitz fr unerllich zu der nchtlichen Versammlung auf der
Tempelabtei im Walde gehalten, er hatte nichts zurckgenommen von den
hochherzigen Verheiungen, die er und sein Bruder der Zukunft des Bundes
gegeben. Hatte der Erfolg des Prozesses auch hinter den Erwartungen zurck
bleiben mssen, es war genug gewonnen worden, um seine Absicht zu untersttzen,
dies Erbe des Johanniter- und Templerordens den neuen Rittern vom Geiste als ein
Eigenthum zuzufhren, von dem er fr sich und den Bruder nur so viel
beanspruchte, um als Verwalter desselben gegen Sorge und Noth sichergestellt zu
sein. Er wollte auf halbem Wege nicht mehr still stehen. Was er einst verheien,
mute erfllt werden und jedes Bundesglied, es mochte so uneigenntzig fhlen,
wie die Brder selbst, mute doch zugestehen, da ohne uere Mittel ein
Wettkampf mit den in Gold und Eisen gebetteten Irrthmern und Thatsachen dieser
Zeit nicht mglich war.
    Am 10. September, als Dankmar Wildungen schon einen Aufruf um das
unwiederbringlich verlorene Vermgen fr alle Zeitungen geschrieben, kam Louis
Armand mit der frohen Botschaft: Noch drei Tage und Murray, Hackert und der
Schrein sind da! Er zeigte einen Brief, den er durch Dystra empfangen. Murray
schrieb Louis Armand von einem einsamen Fhrhause am Rhein einen ausfhrlichen
Bericht, von dem nicht Alles auf die Freunde berechnet war. Er las nur Das vor,
was ihnen Beruhigung geben mute. Der Hort ist da! rief Dankmar und halb
spottend setzte Leidenfrost hinzu: Der Nibelungen Noth hat ein Ende.
    Der Brief, der in seiner ganzen Ausdehnung nur fr Louis Armand berechnet
war, lautete so:
    Mein theurer junger Freund! Seit einem Jahr erfuhren Sie nichts von mir!
Ich benutze die Adresse des Herrn von Dystra, mit dem Sie wie mit Ihren Freunden
verbunden geblieben sind, um Sie mit Vorfllen bekannt zu machen, die ich Sie
bitte, sogleich irgendwohin und irgendwie den Brdern Wildungen melden zu
wollen. Ich wei von Louise Eisold, da Sie Alle um den Tempelstein verkehren
und ich schreibe lieber Ihnen, weil ich mehr sagen mu, als was den Andern
verstndlich ist. Kurz vor Ihrer Ausweisung aus der Residenz hatt' ich den Sohn
gefunden, dessen Geschichte ich Ihnen unter Sturm und Regen in dem Eckzimmer des
Schlosses Hohenberg in mir unvergelichen Stunden erzhlte. Ja, Theurer, Ihnen
dank' ich diesen Fund! Jener zerbrochene Ring, den Sie mir, als Sie aus dem
Gefngni mich erlsten, bergaben, dies Andenken an die dstre Vergangenheit,
grauenhaft noch durch die letzte Erinnerung an das Forsthaus im Walde und den
Tod, den ich dem eignen Bruder geben mute, dieser Ring fhrte mir den Sohn zu,
den ich so antraf, da ich ihn zu bergen hatte, nicht jubelnd meinen Freunden
darstellen konnte, selbst wenn ich vor Ihnen htte wagen wollen, was ich selbst
bei einem Engel an Gte und Liebe, der mein Sohn wahrlich nicht war, vor der
Welt nicht wagen durfte. Ich zog mich in meinen Schmerz zurck. Ich sah in
Hohenberg, wie ich verfolgt wurde. Ihr Zeugni, das mich des Lugnens berhob,
rettete mich, wenn ich Rettung diese Freiheit nennen darf, die mir die
bittersten Erfahrungen zuzog. Meinen Sohn fand ich nur in dem Augenblicke
bewegt, wo er einen Vater auf dem Friedhofe gefunden hatte. Nur zu bald sank er
in jene sittliche Nacht zurck, die ich damals schon in Hohenberg ahnte.
Gewaltsam wollt' ich diese Nacht nicht erhellen. Ich erfuhr an Auguste Ludmer,
wie das Auge des Geistes nur allmlig an den Glanz der Tugend sich gewhnt. Ich
zitterte vor dem Gedanken, noch einmal ein Gef der gttlichen Gnade durch
gewaltsamen Eifer zu zersprengen. So lie ich den Sohn gewhren und war nur
froh, da es ihm in meiner Nhe wenigstens - wie dem Hund am Ofen war ... Ich
kehrte zu meiner Kunst zurck, fand in Oleander, jenem Vikar aus Plessen, ein
treues Herz, wirkte mit ihm fr die Armen und Elenden und machte damit sogar ein
thrichtes Aufsehen, ob ich es gleich vermied, von meinem Wirken zu sprechen und
mich der Erfolge zu rhmen, die nur zu oft auf diesem Felde tuschende sind. Ich
erhielt den Auftrag, die Scheine zu stechen, die die Verwirklichung der
Erbschaft Ihrer Freunde wurden. Denken Sie mein Gefhl! Denken Sie an den Baron
Grimm, an seine geheime Kammer, an seine falsche Kunst und jetzt derselben
Gesellschaft, der ich noch meine Strafe schuldig bin, meine nun in Wahrheit
dienende Hand! Sie kennen die Flucht Dankmar's, den Raub des Schreins, in dem so
groe Schtze aufbewahrt wurden. Der Ruber und Frderer der Flucht war mein
Sohn. Man nannte ihn Fritz Hackert, nur mir galt er bisher allein fr Paul Zeck;
der Mutter hatte ich die Gelegenheit zu neuem Frevel nicht geben wollen, auch
ihm selber nicht, ich verschwieg ihm seine Abkunft und bei seinem Sinn reicht'
es hin, da er sagte: Ich wut' es ja immer, gestohlen hab' ich mich in die
Welt, ein Bastard bin ich, ungerufen nur gekommen! Den Aufschwung meines Sohnes
zu dieser That hab' ich erst verstanden, seit ich wei, da er damit viele
seiner Leidenschaften hat befriedigen wollen. Ich wei, der Stolz, die
Eifersucht, ja sinnliche Liebe haben diese That geweckt. Stolz, da ihn die
Freunde bewundern sollen, die Eifersucht, da ein Andrer Namens Danebrand mehr
thun sollte als er; die Liebe - fr ein edles seltenes, wenn auch zu weltliches
und zu berreizt im Hasse lebendes und den Ha fr Religion nehmendes Mdchen.
Zwei Frauen waren zu allen Zeiten die, die den Sohn regieren konnten, beide
muthvoll, beide dem Seltsamen und Ungewhnlichen zugethan, jene schn, diese
kaum ihr Schatten, aber schn durch Heroismus und eine amazonenhafte Tugend. Sie
werden meinen Sohn sehen; Sie kennen Louise Eisold! Prfen Sie, ob da nun Feuer
und Wasser oder Stahl und Stein zusammenkommen wrden! Mein Sohn erfand diese
Flucht und wurde, als Danebrand vom Blei der Wchter getroffen in dem Durchbruch
der Mauer ausathmete, von dem strzenden Schrein fast erschlagen. Das
Schlsselbein der rechten Schulter fand sich spter gebrochen. Dennoch rafft' er
sich auf. Er hrt den Lrm der Wachen, winkt, da Dankmar sein Heil in der
Flucht suche, ladet in der Erregung des Augenblicks die an einer Seite
geborstene Truhe auf die linke Schulter, flchtet in das Dunkel der
Johanniskirche, irrt auf dem Platze um sie her, sieht Schlurck's Wohnung, will
dort Hlfe suchend an der Klingel ziehen und hofft sich in der Komthurei bergen
zu knnen. Da entdeckt er einen Mann, der eben bei Schlurck's das Haus verlt.
Er wankt nher, er blickt hin. Er erkennt schon den Schreitenden. In der Nacht
um ein Uhr, verlt Jemand - und Dieser! - das Haus? Was ist Das? Statt an der
Komthurei sich zu verweilen, folgt Paul dem in nchtlicher Stille
dahinschreitenden Mann. Was bezweckt der Mann in so tiefer Nacht? Die Spannung
der Neugier gibt ihm den Muth, seine Brde weiter zu tragen. Ohnehin ohne Schuhe
auftretend folgte er dem taumelnden, wie bewutlos schwankenden Wanderer. Das
Rasseln des Wagens, mit dem Dankmar entflohen, ist lngst verhallt, die
Verfolger, die er wohl anfangs auf seinen Fersen merkte, verloren die Fhrte, er
folgt dem Mann, der einem Thore zuschreitet. Das Thor ist wie immer nchtlich
nur angelehnt, man ffnet sich es selbst. Hinaus schreitet der Taumelnde in
einen Wald, der am Rande des Flusses liegt; sonst war er dicht und voll von
Bumen dieser Wald, jetzt ist er durchsichtig und seines besten Schmuckes
beraubt. Der Mann selbst da vor meinem Sohn, als Administrator der alten
Stadt-Waldungen, hatte ihn so lichten lassen. Nichts merkt er von Hackert, der
zum Tode erschpft mit dem Schrein ihm folgt, still steht, wenn Jener steht,
weiter schleicht, wenn Jener vor ihm hintaumelt. Endlich stehen sie am Ufer des
Flusses. Eine verschwiegene, dstere Stelle. In einiger Entfernung das Jagdhaus,
in dessen Nhe mein Sohn einst einen bsen Frevel an Pferden verbte. Ihn
schauderte, je nher er der Stelle kam, die ihm die unheimlichsten Erinnerungen
weckte. Der Schrein schien ihm jetzt schon gezogen wie am Lenkseil des
Schicksals oder seines Gewissens. Er war durch die Brandgasse, an Lasally's
Reitbahn vorber zu diesem Jagdhaus dem Manne chzend nachgeschlichen. Des
Mannes Vorhaben war ihm sogleich bei dem ersten Erkennen kein Rthsel. An eine
Eiche beim Wasser lehnt sich der nchtliche, den Lauscher nicht ahnende
Wanderer. Er blickt nach der Gegend des Sonnenaufgangs, noch liegen dunkle
Schatten auf dem Wasser, das ruhig dahinwogt und durch hohes Schilf sich
hindurchwindet, geheimnivoll still. Mein Sohn ahnt, was geschehen wird. Die
letzte Kraft, deren sein Arm noch fhig ist, wendet er an, dem Schrein mit den
Hnden eine Vertiefung in der Erde zu graben. Er kratzt mit den Ngeln, grbt
mit den Fen, er pret den Schrein in eine ffnung, die er mit Gras verstopft,
mit Laub bedeckt und mit Zweigen, still von den Bumen gebrochen, berbreitet.
Jetzt wagt er sich dem am Ufer Brtenden, am Eichbaum Niedergesunkenen nher.
Der sitzt, sieht in den rothen Osten und grbelt. Endlich erhebt er sich. Eine
Stunde ernsten Nachdenkens schien vorber. Immer mehr rthet sich der Horizont.
Schon manches Vgelchen regt sich im Ast ber ihm. Der Grbler erhebt sich,
bindet sein Halstuch los, wirft seinen Rock von sich, tritt dem Ufer nher,
spht um sich und ist eben im Begriff, in der stillflutenden,
morgenrothberschienenen Welle seinem Leben ein Ende zu machen, als ihm aus dem
Gebsche sein Name zugerufen wird. Er stutzt. Paul reit das Strauchwerk, das
ihn schtzt, mit letzter Anstrengung auseinander und schwankt dem Ufer nher,
halb in den Sand sinkend, halb am Eichbaum sich haltend, wo das Tuch, der Rock,
der Hut liegen. Hackert! ruft der Selbstmrder und verliert den Muth zu einer
entsetzlichen That, deren Schein ich mir einst, wie Sie wissen, selbst am Hudson
gab. Er schwankt zurck aus dem Wasser, das schon seinen Fu benetzt hatte,
erkennt einen ihm wohlbekannten jungen Mann, findet ihn hlflos, erschpft,
sthnend, hrt die Vorwrfe, die ihm fr sein Beginnen von einem Menschen
gemacht werden, der eben selbst zu sterben scheint. Eine Errterung, zu der mein
Sohn keine Kraft mehr hatte, ersetzte ihm ein Gegenstand, den er halbbewutlos
stumm dem Selbstmrder darreichte. Es war ein Paket von den aus der Lcke des
geborstenen Schreins entglittenen Stadt-Kmmereischeinen. Was dann mit Paul
geschah, wei er selbst nicht. Er kam erst zur Besinnung in jenem Jgerhause,
hrte, da ihn dorthin ein Mann in frher Morgenstunde zur Verpflegung
bergeben, sich entfernt hatte, wiedergekommen wre und da er schon seit acht
Tagen hier in diesem Hause verpflegt wrde und meist im Fieber lge. Ihn aber
qulte nur der Schrein unter den Zweigen, auf den er sich bald besonnen. Er
forschte. Man sprach unverfnglich. Dennoch lie ihm die Gefahr seines Kleinods
keine Ruhe. Ohne Zweifel trieb ihn die alte Sinnenstrung, die Mondsucht, von
seinem Lager, wo man ihm aus Rcksicht auf den vornehmen, wohlbekannten Mann
alle Sorgfalt widmete, trieb ihn hinaus in den Wald, in's Gebsch, wo der
Schrein von ihm verborgen unter Moos und Zweigen ruhte. Dort schnupperten ihn an
einem Morgen Jagdhunde auf, denn auf dem Schrein war er eingeschlafen. In der
zweiten Nacht dieselbe unwillkrliche Angst im Traum, wieder findet man ihn an
jener Stelle. Er ahnt, da man Verdacht schpft. Da treibt ihn wie rasend empor
die Vorstellung der Entdeckung. Der, den er vom Selbstmorde rettete, war auf's
Neue da gewesen, hatte mit ihm freundlich geredet; er besann sich wohl im Fieber
der Worte: Hackert, du hast den Schrein gestohlen! Gib ihn heraus! Die Scheine,
die du mir gabst, betrugen mehr als fnftausend Thaler! Was beginnen wir damit,
Junge? Wo ist der Schrein? Du hast ihn? Und als Paul Zeck sich im Bett wlzte,
drohte ihm, er wute nicht ob wirklich oder nur in Phantasieen, der Gerettete,
sprach von Gerichten, wollte den Wald von Oben zu Unterst kehren lassen - da
war, erwachend zur Besinnung, sein Entschlu gefat. Unbekannt mit dem Bruch des
Schlsselbeines, einem Schaden, den man lange tragen, lange nicht merken kann,
schleppt er sich endlich davon, holt den Schrein und wagt sich mit ihm in
Richtungen weiter, die nach Westen gehen. Er findet da und dort einen Trger,
einen Bauer, einen Burschen, Leute, die ihm helfen. Vorlufig nach dem Harze,
nach Angerode zu! war seine Loosung, wenn er einen Bauernwagen traf und um
Aufnahme bat. Aus Wald und Nacht wagte er sich nicht mehr hinaus. Hinter der
Elbe trifft er auf einem Kreuzweg einen Mann, der traurig und nachdenklich auf
einem Karren sitzt, auf dem er groe Ksten voll kleiner belebter Vogelbauer
fuhr. Warum seid Ihr traurig, Mann? fragte mein Sohn, sich mit seiner Brde
mhsam hinschleppend. Mein bester Freund und Gnner ist gestorben, sagte der
Vogelhndler. Er nannte den Prsidenten des Obertribunals, den greisen, fast
neunzigjhrigen Dagobert von Harder. Er liebte die Thiere mehr als die Menschen!
sagte der Mann. Wenn ich zu ihm kam mit meinen Vgeln, nahm er mich auf wie
einen Freund, es wird die letzte Fahrt von Angerode sein. Paul, mein Sohn,
wute, da diesem Greise die Entscheidung des Johanniterprozesses gebhrte. Ist
der Rabenvater todt? fragte mein Sohn. Er fate aber den Vater der Raben nicht
wie der Vogelfnger auf, sondern im Bezug auf den Rabenstein. Hre, sagte Paul,
la den Schrein da auf deine Karre zu den Vgeln thun: sie kommen alle aus
demselben Reich der Luft und die alte Exzellenz wird um uns sein und unsre Habe
beschtzen! Der Vogelhndler betrachtete befremdet das seltsame Stck. Plaudernd
erreichte der Kranke seinen Zweck. Der Schrein wird aufgeladen. Um den
Buchfinken und Zeisigen den Wald auch auf der staubigen und sonnigen Landstrae
zu zaubern, belegte ihn Paul behutsam mit abgebrochenen Zweigen, die den Schrein
verdeckten. Man sah nur die hpfenden Vgel, nicht den Schrein; der Vogelhndler
schob den Karren. Paul schleppte sich hinter her. Fiebernd, elend, hinkend, mit
aufgeschwollener Entzndung der Brust, aber ungefhrdet kam er in Angerode an,
wo der Fuhrmann Peters seine Loosung war. Er fand ihn auch, den neuen Wirth vom
Pelikan, der Dankmar bis Angerode gefahren hatte und dann in der Stadt verblieb,
bis er da ein kleines Besitzthum verkaufen konnte. Die schmerzende Schulter
hielt Peters erst nur fr verrenkt. Er nahm Paul, hob, reckte ihn, wie Fuhrleute
pflegen, wenn sie einen Fall erlebten. Paul schrie so laut, da er in dem Stall,
wo ihn Peters barg, kaum sicher war. Mitleidig, sagt' er mir, schauten sich
sogar die Pferde um. Im Fieber war's ihm, als wren sie alle todte Gerippe und
sausten durch die Luft mit klappernden Gebeinen, bohrten die Kpfe an
Eichenstmme und in die Erde und sprangen wieder empor, da sie auf den
Hinterfen berschlugen. Den Schrein kannte Peters wohl. Er hatte den wol hten
gelernt, er und sein Hndchen Bello, den vorbeisausend bei der Flucht am Pelikan
ihnen die dort harrende Louise Eisold noch nachwarf. Er wre vor vierzehn Tagen
vom Profohaus lieber mit Dankmar und dem Schrein zugleich zurckgefahren. Paul
galt nun bei ihm fr einen verunglckten Pferdeknecht. rzte kamen, erkannten
den Bruch, preten die Knochen in Verbnde und khlten den Brand, den sie
frchteten. Paul lag bei den Pferden ber der Futterkammer und chzte. Vor dem
Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zusammen und schrieb mit der
linken Hand an Louise Eisold. Peters konnte nicht schreiben, nur ein Packet Geld
legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne fester verschlossenen Schrein
fr Dankmar Wildungen bei. Peters blieb noch in Angerode. Es war sein altes
Huschen, sein alter Stall, den er verkaufen wollte. Der Brief wurde irgendwo
auf dem Lande zur Post gegeben. Peters htete den langsam Genesenden, der nie
wrde haben ruhen knnen, wenn seine ausgestreckte Hand neben sich unterm Stroh
nicht das Holz, das Kreuz, das Kleeblatt des Deckels gefhlt htte. So bekam ich
endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte, vierte Hand. Es war die hchste
Zeit, da ich mich entfernte. Rodewald, mein alter Freund, kam eines Tages voll
Erregung und gestand mir, da er nicht anders gekonnt htte, als der Mutter
meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters, doch ihres Kindes wie eine
Drohung von jenseits des Grabes zuzurufen. Seine Grnde waren gerecht. Mein
Entschlu mute aber gefat sein. Schon lange hatte die Untersuchung der Flucht
auch meine Person gefhrdet; nun konnt' ich neue Schrecken ahnen. Ich wute, wo
Hlfe nthig war. So ging ich heimlich nach Angerode, lebte dort verborgen, bis
Paul zur Reise nach dem Tempelstein sich stark fhlte. Dorthin rief ja die
Loosung. Louise Eisold soll den Schrein von ihm selbst empfangen, den
unversehrten und nur in Dem, was ihm an jenen Mann, der sich das Leben nehmen
wollte, verloren ging, an Werth verringerten. In drei Tagen, Freund, sind wir am
Tempelstein. Ich hte den Schrein am Tage, Paul des Nachts. Sein bel ist in
alter Gewalt entstanden, aber des Vaters Auge wird ihn schtzen. Diese Hingebung
jetzt an ein Einziges, diese Mhe und Sorge um ein verpfndetes Wort wird seine
Gedanken reinigen. Ich werde nicht errthen, Ihnen den Sohn zu zeigen, den ich
Ihnen verdanke, Ihrer treuen Aufopferung, Ihrer Liebe. Empfangen Sie uns mit dem
alten Herzen - darum brauch' ich kaum zu bitten - aber empfangen Sie uns auch
mit Freude - das mu vom Himmel kommen.
    Sorglos, berglcklich, sahen nun die Freunde dem Tage der Entscheidung
entgegen, der endlich bedeutungsvoll genug herankam.
    Feuerraketen stiegen von den Bergen auf, um den Einzug der Mchtigen auf das
Schlo von Buchau zu verkndigen. Die Umwohner des Tempelsteins hrten die
Bller lsen, hrten das Rollen der vielen langspnnigen Staatswgen, hrten die
Ruderschlge auf goldgeschmckten Festesgondeln von den blauen Wogen her. Es war
die alte Welt, die sieggeblht zur Herbstesfreude vom Osten einzog.
    Es kam der Abend des fnfzehnten Septembers, der Tag des Nikodemus ... Schon
um sieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald, die Flur, den Strom,
Berg, Schlo, die Ruine ... das Vergangene, das Bestehende und das Werdende ...
    Ich will ein Kind sein, sagte sich Dystra, ich will diese Nacht fr ein
Mrchen nehmen. Ich wei, da dort drben heut in Buchau Leuchtkugeln steigen.
Die Raketen und die Schwrmer werden prasseln. Aber ich will das Zaubervolle
nher suchen. Die Fden, die das Wunder am Drahte natrlich lenken, kenn' ich
wohl, wei auch, da unter dem Menschenstrom, der heut nach Buchau zum Feuerwerk
der Knige wallt, die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden, die sich
zum Schlosse Tempelstein wenden, an der Brcke vor dem Meister Leidenfrost die
Kundschaft sagen, emporsteigen und hinten in die Ruinen treten, wo Dankmar
Wildungen sehen will, wer sich nun meldet, wer sich enthllt, wer zu seinem Bund
gehrt, den ich selber nur belausche. Ich nehme das Seltsame, wie es ist. Ich
nehm' es als eine Phantasie dieser wunderlichen deutschen Nation und will von
einem alten Leichenstein des Kreuzganges aus dem Herbstnachtstraume zusehen, wie
ich in den Sagen lese, da einst Hirtenknaben sich verirrten in den Untersberg
oder den Hrselberg oder den Kyffhuser und die Felsen geffnet sahen und das
Treiben der Zwerge und Kobolde belauschten. Ich will fr Mrchen nehmen, was ich
sehe und froh sein, da ich nicht mehr nthig habe, mir ber die Feuerwerke der
Hfe den Hals auszurecken, was freilich fr meinen Wuchs ntzlicher wre, wr'
es nicht zu spt. Dieser Nacken bleibt leider in den Schultern sitzen und gehrt
zu meinem Bild: Der Narr des neunzehnten Jahrhunderts.
    Das Mrchen wurde in der Nacht getrumt, vielleicht erlebt ... Es war wie
die Sage erzhlt ... Ein Knabe verirrt sich in die Berge, die Nacht beschleicht
ihn, sein Auge spht durch eine Felsenritze, er sieht, was sich begibt ... Und
was begab sich? ...
    Hoch ragt das gewlbte Rund der alten Tempelkirche, malerisch vom Mondlicht
umwoben. Zitternd blitzen die Sterne hernieder. Die Tannenwipfel rauschen, leise
vom Winde bewegt. Jeder Stein, den uraltes Moos wie eine Inschrift berzieht,
spricht von vergangenen Jahrhunderten und singt in sich erklingend noch das
Sanctus nach, das einst in diesen Hallen tnte. Wer pflanzte den
Hollunderstrauch in jene Nische, wo einst die Heiligen aus bunten Farben in den
Fenstern prangten? Wer sete Heidekraut auf diese Stufen, wo einst der aus
Felsen gehauene Altar stand? Noch ist die Schaale da, in der geweihtes Wasser
flo; sie und der Taufstein sind gefllt vom letzten Regen, der an der Luft
verdnstete. Sichtbare Hhlungen noch auf den Schwellen, wo einst der Priester
die Messe las. Die Vgel nisten in den Blttern von Stein, die die obern
Fensterrundungen schmcken, in den Rosen von Granit, die an den Pforten noch in
einigen Resten erkennbar sind. Es ist als blhten sie neu wieder auf. Es rauscht
von den Wnden, als sprnge aus den Steinen die Orgel hervor, es lebt und ruft
den frommen Wallern ... Sie kommen! Nicht um zu beten nur! Sie sind in
Werkeltagstracht, Arbeiter im Schurzfell, gedungen der Kelle, angestellt bei dem
Richtmaa und dem Cirkel, sie sind Architekten, Steinmetzen, Maurer ... wie
klatschen die ledernen Schurzfelle an den Fen, wie trgt das Antlitz Spuren
des Fleies von Kalk und Mrtel und gro mu ihr Ziel sein, denn ihrer wol an
Hundert sind es, die sich durch den Kreuzgang der Kirche zudrngen!
    Hier werden Loosungen zugerufen; man versteht, man erkennt sich. Wer die
Mnner? und Von wo des Landes? Namen, gefeierte und dunkle; Mienen, freudige und
hoffnungsvolle. Um die Stelle, wo einst der Priester Messe las, schaaren sich
die Mnner des geistigen Rtli. Etliche besteigen die Stufen. Wovon reden sie?
Sie enthllen Plne, Zeichnungen, Pergamente mit Siegeln. Sie zeigen sich unter
einander die Rollen, die im Kreise wandern und Einer ergreift das Wort und ihm
antwortet der Nachbar und Alle hren und Jeder spricht und rth und Allen
gefllt, was auch nicht Jeder selbst ersann und zuerst gerathen. Einige Bltter
sind in Jedes Hand. Sie enthalten des Bundes geheime Symbolik.
    Hundert Zeugen! Die Kubikwurzel einer Million! Wir sind Boten vom
vierblttrigen Kleeblatt, dem Symbol des seltenen Fundes! Vier zu vier gesellt
und viermal vier zu viermal vier und so hinauf in Gruppen, Sippen, Abstufungen,
wo das Band des ueren Zusammenhanges aufhrt und die Ordnung der Natur
anfngt, die dem Krystall berall sein eignes Achteck lehrte. Hat sich das so
fortgesponnen? Von selbst? Wodurch? Wer bist du? Und du? Wer sandte dich? Dort
kennt man uns? Auch uns? Dich gewi! An der Donau? An der Oder? Am Neckar?
Hinaus in die Alpenwelt und schon auf fremdem Boden an der Rhone und an dem
Themsestrand? Willkommen, willkommen, Streiter fr ein unsichtbares Palladium,
das ber unsern Huptern schwebt! Willkommen Ihr Ritter und Reisige vom Geist!
Hrt Ihr die Feste der Groen, hrt Ihr von untenher den Donner der Geschtze,
seht ihr die leuchtenden Funken, die da unten von Buchau aus den Mond erreichen
wollen? Ihr habt Eure Wehr und Waffen in der Brust, die da fhlt, im Haupt, das
denkt! Es ist die Ordnung dieser Welt zur Ernte reif! Nicht strze sie die
schwache Menschenhand! Gestorben ist die hre lngst, wenn sie der Schnitter
mht! Seht Ihr die gelben Felder? Seht bald die Stoppeln!
    Dem festverschlungnen Bund der neuen Templer gehrt die Wiege und das Grab
der Menschheit!
    Und einer der Maurer, von den Jngsten Einer, trat auf und entrollte die
Schrift, die er das Buch des Geistes nannte ... Es war die Symbolik des Bundes
... Man hrte sie, beschwor sie mit gehobenen Hnden ... dann trat derselbe
Sprecher zum zweiten Mal auf die Stufe und sprach von einem Hort, den er das
Gold Fafner's nannte. Elfen htten ihn gewoben in den tiefsten Schachten der
Zeiten. Er sollte ihnen dienen als Schild im Kampfe, als Lanze zum Angriff, als
Schwert des Wettkampfes. Es traten Sprecher auf, die gegen diesen Hort redeten,
Andere fr ihn, Alle bewunderten die Eigner und eine Selbstlosigkeit, die aber
zuletzt nicht mehr allein stand, denn an Opferspenden wurde Groes versprochen
nach solchem Beispiel, noch Greres schon von Einigen geleistet.
    So scholl es fort in dem todten Schiff der Kirche, lebendig wieder,
lebenweckend. Es schienen nur einfache Maurer und Steinmetzen, die da sprachen,
aber ihre Mnster, die sie zu vollenden gedachten, ragten ber die Ruine hinaus
und von ihrem Wirken in Nord, Sd, Ost, West blitzte es jetzt schon hin- und
herber, als she man pltzlich eine Hlle von der ganzen Welt genommen und
erblickte Sulen eines Zaubertempels, der dem Lauscher die Augen blendete ...
    War es ein frommer Hirtenknabe, war es der Schalk Dystra, der lauschte, war
es ein Engel des Glaubens oder der ewige Dmon der Ironie und Verneinung ... um
zehn war es auch ihm todtenstill unter den moosbewachsenen Steinen ... wo waren
sie hin, die gekommen und mit dem Rufe: Morgen! Morgen! gingen? Sie waren
verweht wie die Schwrmer und Raketen, die inzwischen in dem Schlosse von Buchau
platzend und schnurrend sich abgemht, viel tausend Gaffer, viel tausend
Staunende gefunden hatten, aber nicht ein Auge von Denen, die durch den
Kreuzgang in die Tempelkirche schritten, nicht ein Auge, das sich auch nur nach
ihrem ohnmchtigen Freudenfeuerwerk zurckgewandt htte ...
    Morgen!Morgen!
    Aber ach! Ein einziger Funke! Ein einziger Funke vielleicht war von dem
Feuerwerk doch ein Thatenkeim gewesen, ein einziger Funke, der in das Dorf, das
menschenleere, in den kleinen Zwischenort Buchau, von dem Feuerwerk der Groen
und Mchtigen niedergefallen war und still sich vielleicht in dem Schindeldach
einer armen Herberge verlor. Alles war zur Ruhe, Alles trumte oder schlief mit
ermdeten Thieren um die Wette. Da lebte der versprengte Funke vielleicht in dem
Schindeldache auf, verbreitete sich. Um eilf Uhr sank vielleicht ein glimmender
Spahn vom Dache in den Boden. Um zwlf Uhr rauchte es vom wenigen Heu, dessen
Flamme einen Ausweg suchte. Um eins wenigstens rief man auf eine halbe Stunde
vom Dorfe entfernt Feuer! ... Feuer! Schrecklich pflanzte sich der Ruf von Htte
zu Htte fort. Um zwei Uhr stand das Wirthshaus zum St.-Georg im Dorfe Buchau in
lichten Flammen ... Von dem Funken aus dem Feuerwerk der Knige? Wer wei es!
Wer kennt die Macht eines einzigen Funken!
    Menschen riefen, die Glocken heulten, Pferde sprengten ... hinaus, heran,
... Feuer! hallte es zum Ufer hinber, vom Ufer herber. Frst, Bauer, Pchter,
Soldat, Jger, Weiber, Kinder, Greise durcheinander ... Feuer! Feuer! ...
Rettet! Es brennt! In Buchau! Die Herberge zum St.-Georg! Die Htten nebenan
sind von Stroh, von Lehm, sie brennen ... von dem kleinen Funken? - Die Flammen
zngeln zum Kirchthurm - von dem kleinen Funken? Wild rennt das Vieh aus den
Stllen, strzt sich zum Feuer, die Vgel umkreisen die Flammen ... Nur der Ruf:
Niederreien! Nicht lschen! Nur retten, retten, was sich erhalten lt ... und
von dem kleinen Funken? Ha! Znden so vielleicht auch eure Funken, ihr nchtlich
Tagenden in der Tempelabtei? Schwarze Wolken wallen wie Helmbsche der Reiter im
Sturm, die Flammen zngeln wie zur Umarmung sich entgegen ... sie suchen sich,
gierig, zuckend, liebe- oder hassesvoll ... es gelingt ... eine einzige
Riesensule hat sich gebildet, hei jubelnd springt sie hoch empor, umschlungen
in sich selbst wirft sie sich wie gepeitscht von ihrer eigenen Leichtigkeit, wie
tanzend, wie im Kreisel hin und her und kt dieses Dach, berhrt jenes und aus
jeder Berhrung, aus jedem Kusse wchst eine neue Flammengeburt und die
Saatkrner auf den Scheunen fangen neue Funken auf und knistern schon selbst und
umhpfen die groe Flamme wie ein niederperlender Feuerthau, wie ein Lichtregen,
viel schner, als vor drei Stunden im Schlosse der knstliche ... und Alles von
dem kleinen Funken? Wir wissen es nicht, ob von ihm ... Aber es fehlen schon
Menschen ... Man sucht sie ... man hrt Stimmen ... der Frauen, der jammernden
Kinder ... Vater! Mutter! Um Gott! Es fehlen schon Menschen ...
    Rettet! Rettet! ruft eine verzweifelnde Stimme ... Man blickt empor zu den
brennenden Hintergebuden des Gasthofs zum St.-Georg ... Da!
    Durch die flatternden im Rauch sich geisterhaft abschneidenden weien
Tauben, durch die schwarzen strmend hinwallenden Wolken hindurch sieht man,
zwischen zwei brennenden Scheunenfenstern auf einem noch nicht vom Feuer
ergriffenen, aber schon rugeschwrzten Verbindungsstege, der aus jenen Fenstern
Thren macht, die sich auf diesem Stege erreichen lassen, einen jungen Mann halb
nackt, im Hemde, niedergekauert an der einen Thr, einen groen alterthmlichen
Schrein neben sich auf dem Stege und eingeschlafen ... oder wacht er? Oder
trumt er, da er, des Gewhles nicht achtend, der Flammen und des Rauches nicht
gewahrend, auf jenem Balken da kauert, der ihm nur den Ausweg zu verkrzen
schien und ihn zu einer geschlossenen Thre fhrte? Man drngt sich ihm zu
helfen, aber so sicher ruht er auf dem Schrein und hlt ein Licht in der Hand.
Ein Licht in diesem Flammenmeer? Ein Licht, ein Gluttropfe in solchen
Glutstrmen? Von diesem Lichte - wenn von ihm die Glutstrme gekommen wren?
Nicht von der Freude der Knige? Wenn ein Frevler - nein, nein, das ist die
Haltung eines Frevlers nicht! Er sitzt ja mit dem Licht in der Hand auf dem
Schrein, den Rcken an die Thr gelehnt, die er offen erwartete, geschlossen
fand, er ist erstickt, er suchte Rettung oder ... grliche Ahnung, die schon
einige Menschen durchzuckt, wenn er lebte, von allen diesen Schrecken
schlummernd nichts ahnte, diesen schwindelnden Steg schon vor dem Brande
gesucht, den Brand veranlat htte - wenn er ein Nachtwandler wre -!
    Das war ein Wort, das Alle auf einmal ergriff ...
    Ein Mann in schon zerrissener Tracht ruft durch den schwrzenden Qualm - Er
bricht sich durch die Flammen Bahn, er erklimmt die innern Stiegen des
verschlossenen Hauses, reit die Fenster auf, langt mit der Hand fast hinber zu
dem Steg, auf dem der junge halb Geopferte, auf seiner Brde schlafend, noch
nicht erstickt ruht, den Rcken gelehnt an die geschlossene Thr. Er ruft: Paul!
Paul!
    Die Flammen schlagen von unten heran auch ihm in's Antlitz. Noch einmal
blickt er empor. Paul! Paul! Er sieht nichts mehr. Nur Rauch, Asche, Staub,
Flamme ... Ein Schrei der hlflos Zusehenden weckt ihm die schaudervollste
Ahnung ... er schwankt zurck, krftige Hnde tragen ihn, retten den
Rettenwollenden vor dem sichern Tode. Ein Mdchen frgt er chzend, das ihm
nachgeflogen war, ihn mit Amazonenkraft getragen hatte, er frgt Burschen, die
sie an Muth heldisch berflgelte, nach dem Schlummernden, nach dem Schrein - in
diesem Schrecken ist keine Besinnung mglich, keine Auskunft, es ist wie eine
groe entsetzengepeitschte Flucht, wo Jeder sein Heil fr sich selber sucht,
betet, da Gott den Andern wahren mge, fr sich aber nur nach Fassung ringt fr
Das, was Ruhe, Sicherheit und ist es Nacht, der hereinbrechende Morgen dem Auge
Grauenvolles wird enthllen.

                              Vierzehntes Capitel



                                  Die Elemente

Unabsehbar war in der Residenz das Trauergefolge gewesen, das die sterblichen
Reste des greisen Obertribunalsprsidenten zur Ruhe bestattet hatte. Kein Stand,
kein Alter hatte sich ausgeschlossen, die letzte Huldigung einem Manne zu
bringen, der durch fast zwei Menschenalter die Waage der Gerechtigkeit nach
seinem menschlichen Ermessen gerecht und weise gehalten und noch in seinem
letzten Lebensjahre durch unpartheiische und scharfsinnige Entscheidung eines
groen Rechtsfalles die Abendschimmer einer fast schon irdischen Verklrung um
sich verbreitet hatte. Tausende von Fugngern, fast hundert Wgen, voran das
Sechsgespann des nicht grade anwesenden Knigs, folgten von Tempelheide dem an
dem nchsten Stadtthor gelegenen Friedhof, wo glcklicherweise, wenn auch zum
Schmerze Anna's, vermieden war, den Zelotismus der Geistlichkeit wachzurufen,
die ohne Zweifel an den von dem Verstorbenen ausdrcklich bedungenen
Freimaureremblemen auf dem Sarge Ansto genommen und, wie anderswo schon
geschehen ist, den unchristlichen Sinn des Hingeschiedenen gergt htte.
Gelbsattel trat vor und sprach als Maurer, nicht als Geistlicher. Er konnte
nicht umhin, dem Gefhl der Ehrfurcht, das Alle empfanden, den Ausdruck der
Weihe zu geben. Der Moment ri ihn fort, er trat aus dem knstlich gegrabenen
Bett seiner Rhetorik diesmal heraus. Er sprach nicht so gut, als er wollte und
darum eben diesmal besser. Er schien zu fhlen, da dieser Hingegangene Das
sicher besa, was tastend er selber suchte. Rhrung, die ihm nur in jungen
Jahren ber seine eignen Worte gekommen war, befiel den Redner mit einer
Wahrheit, die den anwesenden Gegnern seines schwankenden und ehrgeizigen Sinnes
schonende Achtung abgewann. Man sang am Grabe. Die ersten Knstler der Bhne
hatte ein Wort der jungen Exzellenz vermocht, dem Vater diese Huldigung zu
bringen. Der Intendant war selbst zugegen, war selbst bewegt, da es fast
schien, als wenn er die vielen Gelegenheiten, wo er dem Grab, dem Sterben, ja
selbst dem Kranksein der Menschen aus dem Wege ging, in diesem einen Male nun
nachholen mute ...
    Der Prsident war in seinem Jahrhundert-Glauben, dem der Duldung und der
einfach ergebenen Ehrfurcht vor dem groen Baumeister der Welten gestorben. Die
Priesterrede hatte er ausdrcklich verbeten. Kein Kreuz sollte sein Grab
kenntlich machen, nur ein einfacher Obelisk von Granit, dessen Inschriftseite
nach Osten lag, um immer von der Morgensonne begrt zu werden.
    Anna, Selma, Olga standen am Grabe. Rodewald bot seiner Schwiegermutter den
Arm. Den jungen Mdchen standen die alten Diener von Tempelheide zur Seite. Die
junge Exzellenz dankte bewegt den ihm verwandten Leidtragenden. Der Name
Rodewald war ihm wie eine wildentlegene Gegend, er orientirte sich mit Mhe in
dieser ohnehin nicht adeligen Beziehung. Fr die viele Liebe, die seine
Schwgerin dem hingeschiedenen Vater gewidmet, hatte er leicht danken. Den Zoll
der Ehrfurcht hatte Anna aus eignem Trieb fr Alle entrichtet, die ihn dem
Greise schuldeten. Herr von Harder sprach von seiner Gemahlin, Anna's Schwester.
Es war in der That keine Phrase, da er ihren Antheil rhmte. Seit der
beschlossenen Abdankung Egon's von Hohenberg war die Geheimrthin wie ein irres
Insekt, das auf einer Flche hin- und herrennt und nicht wei, wo aus, wo ein.
Sie hatte zuletzt von Reisen gesprochen und vom ewigen Begrabensein in irgend
einem Winkel, natrlich einem schnen Winkel der Erde. Manche Frauen schon
hatten von dem Beispiele Helenen's in Paris gesprochen und von Paulinen gesagt:
Auch ihr kommt nun die letzte Luterung; sie wird katholisch.
    Rodewald stand in der Nhe, als Herr von Harder, rckkehrend vom Grabe an
die Wgen, vor'm Kirchhofe nicht diese, aber hnliche Winke ber das Befinden
seiner Gemahlin gab, ber Zustnde, die er krperlich nannte. Se. Exzellenz
bedauerten noch, da Anna nun von den Weitlufigkeiten der Erbschaftsprozeduren
sehr wrde belstigt werden, bat sie, Tempelheide ganz als ihr Eigenthum zu
betrachten, lobte die Snger, die sich in ihrem De profundis und: Wie sie so
sanft ruhen! hchst wacker gehalten, flsterte einem nun wirklich neu
angestellten Regisseur noch zu, ob auch fr heute Abend im Ballet keine Strung
stattfinden wrde - er selbst drfte doch wol nicht kommen und mte sich
ohnehin rsten, dem Hofe, der noch auf Reisen war, in Buchau die Aufwartung zu
machen - und gab dann, als der Wichtigste und Erste aller Leidtragenden sich
sammelnd, das Zeichen einer Auflsung des Zuges, die rascher erfolgte, als er
sich in Tempelheide gebildet hatte.
    Die Frauen mit Rodewald kehrten dorthin zurck. Die Thiere des Verstorbenen
begrten sie mit fast betrbteren Mienen, als sie zuletzt am Ausgang des
Kirchhofes sein Sohn gezeigt hatte. Wie lieen die Vgel ihre Fittiche, die
Vierfler ihre Ohren und Schweife hngen! Ein Glck, da die alten Diener sich
an die Liebhaberei des Herrn gewhnt hatten und in Tempelheide das Gnadenbrot
behielten. So war fr diese groe Familie auch aus dem Thierreich gesorgt, bis
sie Alle zusammen, Thiere und Menschen, ausstarben ...
    Fr Anna von Harder war mit Rodewald's Rckkehr, mit der Erziehung Selma's,
der Freundschaft Olga's fr ihre holde Enkelin, mit den Sorgen um die Gebrder
Wildungen und ihre vielbewegten Schicksale noch einmal ein neues Leben
aufgegangen. Sie htte nie geglaubt, da ihr so die Bande, die an dies Dasein
fesseln, noch einmal angezogen werden, so noch das Gefhl einer letzten Kraft in
ihr wecken konnten. Nun erschrak sie wohl ber die kurze Spanne, die ihr noch zu
durchwandern brig blieb, aber sie beschlo sie zu nutzen, sich aus dmmernden,
unklaren Stimmungen aufzureien, selbst die Musik fing sie an, in froheren
Rhythmen und bewegterem Takte zu begehren. Das politische Misgeschick ihres
knftigen Schwiegerenkels Dankmar, der drohende Verlust seines wunderbar
gewonnenen Vermgens bekmmerte sie wie eine jugendlich Fhlende. Sie hatte mehr
Sorge und Eifer fr die Wiederherstellung seiner Existenz und der unerwartet
gekommenen seltenen Mittel, als selbst die Mdchen um sie her, von denen Olga
vollends immer nur wie ein Wesen sich gab, das auch vom Thau des Himmels, vom
Staube der Blumen leben konnte. Ihr grade htte die Armuth gefallen. Ihr
schienen die Briefe, die vom Tempelstein ber die Pracht der dortigen
Einrichtung kamen, nur geeignet, die Phantasie ihrer Mutter anzuregen. Sie
selbst bedurfte nur des Mannes ihrer Liebe, eine Htte und ein Herz; aber
Siegbert blieb stumm, schrieb nicht, gab kein Zeichen, da er wagte, in ihre
Lebenskreise zu treten! Oleander, der Olga's Stolz und Schwermuth erkannte und
sich nach ihrer Indiskretion mit dem Schmerzensruf Egon's an Helenen erst
allmlig mit ihr wieder ausgeshnt hatte, Oleander schrieb Siegberten ber diese
Stimmungen wohl:

Ich trug ihn allen Lften auf,
Den Gru des treusten Lieben,
Ich hab' ihn in der Sterne Lauf,
In Wolken und Wellen geschrieben.

Ich habe den Blumen den Blthentraum
Des Herzens zugeflstert,
Am Meer dem einsamen Palmenbaum
Und seinem Leid mich verschwistert.

Nichts brauste so wild, nichts hauchte so mild,
Ich nannt' ihm die theuersten Namen,
Ich schlo um das geliebteste Bild
Die Welt als goldenen Rahmen.

Und wen ich unter den Weiden einst fand,
Sie lauschten und hrten es Alle!
Nur Einem, Einem zog's unbekannt
Vorber mit leerem Schalle!

Ihn jagt des Windes Melodie,
Kein Traum von der Schlummersttte,
Ihm ist, als wenn der Frhling nie
Die Erde umfangen htte!

Als wenn der Seele ihr Gedicht
Die Wahrheit des Lebens nicht wre!
Als krnte die Liebe allein uns nicht
Mit allerhchster Ehre!

Aber Siegbert erwiderte mit Schmerz, da er Rudhard versprochen htte, den
Schatz dieser Poesie nur fr ein Allgemeines zu halten, nicht fr ein dem eignen
Bedarf des Herzens Dargebotenes.
    Die Lsung dieser Verwickelungen war Anna's nchste Sorge. Ein ernster
Briefwechsel zwischen ihr, Adele Wsmskoi, Rudhard und Dystra hatte sich
entsponnen. Von einer Beziehung Siegbert's zur Frstin war schon lange keine
Rede mehr, wenn auch die Verbindung zwischen Mutter und Tochter sich nicht hatte
wiederherstellen lassen. Dennoch mute endlich eine Ausshnung stattfinden,
mindestens eine Annherung. Sie sollte auf dem Tempelstein stattfinden. Dystra
lud die Frauen von der Residenz und von Brssel bei sich mit Frmlichkeit ein
und Rodewald begleitete die von Osten Kommenden mit noch einem Ankmmling,
Franziska Heunisch, die nach dem im Gram um den Sohn erfolgten Tode des alten
Sandrart seine Erbin geworden war und einstweilen den guten berglcklichen
Onkel Heunisch im Ullagrunde zurcklie. Fr Rodewald's groes Landwesen muten
inzwischen, wo der Besitz des Pachtes ihm gesichert blieb, neugewonnene rstige
Hnde sorgen.
    Als Anna mit Olga und Selma, mit Rodewald und Frnzchen Heunisch dem Westen
zureisten in zwei groen, reichbepackten Wgen, lieen sie Tempelheide in der
Obhut der Gerichte und der Diener zurck. Sie lieen die Stadt wie den Staat
gleichsam als Schlummernde hinter sich, die man mit dem Abschied in der Frhe
nicht gerne strt und, whrend man schon im lustigen Zuge dahin sprengt auf der
Landstrae, noch in den Federn forttrumen lt ... Es sah still und traurig aus
im ffentlichen Leben. Der Frst Egon, der zwei Jahre hindurch das Ruder mit
Entschlossenheit gefhrt, den Geist des Widerspruchs gebndigt, eine warme,
glhende Begeisterung fr seine Aufgabe mit Hintansetzung seines eignen
Lebensglckes wie Kohlen noch zum Feuer getragen hatte, schien von diesem Feuer
wie selbst verzehrt. Er schien zu verschwinden, wie er gekommen. Er hatte dem
Staate nach seiner Auffassung die letzten Reste seiner Jugend gewidmet. Die
gewaltige Sphinx hatte ihn verschlungen, wie Alle, die ihr Rthsel mit der
wahren Lsung: der Mensch! nicht begreifen. Dem historischen Staate, dem
Gemeinwesen alter Stnde, den militrischen Erinnerungen, dem Junkerthum und
seinem Dnkel und Egoismus, der Beamtenmacht war er zum Opfer gefallen,
wenigstens erwartete man von seiner Reise nach Buchau die noch immer verzgerte
bergabe seines Portefeuilles. Nur seine Gattin begleitete ihn. Diese hinterlie
das Andenken einer der seltsamsten Metamorphosen, die ein weibliches Herz je
durchmachen kann. Aus der tndelnden, leichtbeschwingten Sylphide war sie eine
ernste pflichterfllte Frau geworden, die ihr Loos, einen hinflligen, siechen,
lebensmden, zergrmelten Mann zu pflegen, mit ruhiger Ergebung trug. Pauline
von Harder bot lange nicht das gleiche Schauspiel der Resignation. Sie schien
die ihr doch sonst immer gegenwrtige Besinnung verloren zu haben. Sie konnte
den Gedanken, geopfert zu sein, auf Nichts zurckgefhrt, verlassen von ihrem
Einflu, nicht ertragen. Die Menschen, die ihr frher huldigten, gingen zu den
neuen Machthabern ber. Das Journal: Das Jahrhundert verlor seine besten Krfte
an die Bltter des neuen Systems, sie mute es verkaufen und gab alles hin, nur
um vor einem Dmon zu fliehen, den Alle in ihrer Brust suchten, in ihrer
Unfhigkeit, auf sich selbst bezogen zu bleiben. Rodewald, Egon aber allein
wuten, da dieser Dmon weit mehr in der Furcht vor Friedrich Zeck und ihrem
Sohne lag. Die Ludmer hatte somit die glnzendste Genugthuung fr ihren schon
lange gehegten Verdacht erhalten! Sie mute nach ihrer Gesinnung rathen, nun
alle Minen springen zu lassen. Pax wurde mit ganzem Vertrauen bedacht, sogar
Schlurck, selbst Bartusch wurden wieder um Rath angegangen. Die Entdeckung, da
der Sohn Paulinen's wohl gar selbst dieser Hackert, Murray jedenfalls der
ehemalige Baron Grimm war, lag jetzt vollkommen nahe. Pax verfolgte die Spur des
Einen, der schon seit dem Mai, des Andern, der jetzt eben erst abhanden gekommen
war. Wie diese Jagd, die die Ludmer anstellen zu mssen glaubte, auch endete,
Pauline von Harder wollte sie nicht abwarten. Sie wollte reisen, sie knpfte in
der That mit Helene d'Azimont an, die ihr wie eine Wiedergeborne und Erleuchtete
schrieb und sie aufforderte, nach Enghien bei Paris zu kommen, wo sie zusammen
lateinisch lernen und die Kirchenvter studiren wollten. Es bildete sich in der
That fast ein Bund von rmischgesinnten Frauen, die sich jetzt, wie sie sich
frher in ihren starken Gefhlen nachahmten, eine der andern in der katholischen
Bekehrung nachahmten. Einstweilen wollte Pauline nur aus dieser Stadt, nur aus
diesem Lande heraus. Aber sie beschlo, es mit Aufrechthaltung aller Formen zu
thun. Sie begleitete ihren Gemahl nach Buchau, wo sie einige Tage zu bleiben und
sich dem Hof feierlich zu empfehlen beschlo. Die Ludmer folgte ungern. Sie
dachte an den dortigen Inspektor Mangold. Doch die Hlfe ihres Erben und
Neffen, des Herrn Pax stand ihr ja zur Seite. Zur Sicherung der Herrschaften
war auch dieser nach jenem uersten Grenzpunkte abgereist. So drngte es Alle
nach Westen; wir wissen nicht, ob auch Oleander'n, der am Nikodemustage auf dem
Tempelstein vielleicht nicht fehlte, Oleandern, der wie ein Harfner, wenn auch
vielleicht unsichtbar, um alle die Gestalten, die wir in dem Schutt ihres Lebens
wie vergraben finden, den Epheu seiner Poesie ranken lie, einer Poesie, die, in
den meisten Menschen unbewut, als Stoff nur fr den Seher lebt. Oleander fhrte
Buch ber die Seelen, die da an sich so wild vorberjagten, sich niederwarfen
oder vielleicht nur Einmal und dann nicht wieder berhrten. Oleander war im
Stande, die Empfindungen des Fruleins von Flottwitz, wenn sie Dankmar's
gedachte, ebenso nachzudichten, wie er auch, nachdem er schon die Veranlassung
eines neuen Misverstndnisses zwischen Egon und Helenen durch Olga geworden war,
sich selbst in diesen unheilbaren, ewigen Bruch hinein fhlte mit einer
Melancholie, die in gewissen Momenten sicher auch in Egon, zuweilen in Helenen
auftauchte bei aller Trennung durch die Welt und das Leben. Oleander dachte
wenigstens nur an Helenen und Egon, als er einst schrieb:

Wer glaubt an Riesen, die den Himmel strmen,
An Gttershne, frevelnde Titanen,
Die Berg auf Berg zum Wolkensitz der Ahnen,
Ja ihre Leiber, sich erwrgend, thrmen!

Und doch rast dies der Erde Urgewimmel
Zu jeder Stunde noch im Menschenherzen,
Das ber Schdelsttten fremder Schmerzen
Erklimmt des Wahn's und seiner Trume Himmel.

Die Grber werden Spielplatz, heie Thrnen
Wie aus dem Thonrohr steigen bunt wie Blasen,
Gehascht, gejagt auf dem zertretnen Rasen
Des heiligsten Erinnerns! Und warum? ... Ein Whnen

Hngt Haut an Haut, wie Schlangen thun, an Bume!
Jetzt bist du frei, jetzt steigst du auf mit Flgeln,
Nun kann dein Arm die Sonnenrosse zgeln,
Nun trittst du schon auf ros'ge Wolkensume!

Ihr Thoren! Ob Titanenfuste einen
Dem Ossa Pelion, ob dieser Welt nie Frieden
Der Menschengenius bietet - die Kroniden
Verhllen sich und lcheln nur und weinen.

Die Harmonie im Menschenchaos ist nur dem Ohre Geweihter vernehmbar. Was Poesie
dem Allblickenden ist, ist Dem, der sie erlebte, oft davon das baarste
Widerspiel. Ihn macht dieselbe That ergrimmt, die einen Andern hebt und trstet.
Der Dichter nur ahnt, in welchem Endergebni Aller Dasein den Sternen erscheint.
In Oleander's Gemth sammelte sich von Allem, was wir erlebten, erfuhren, mit
einsahen, ein solcher Sternenwiderschein, den das Leben nicht ausspricht und die
Darstellung des Lebens auch nur andeuten kann. Den Oleandergemthern unsrer
Leser berlieen wir die Ergnzungen der harten und schroffen Unmittelbarkeiten
und Wirklichkeiten, die wir schildern muten. Der treue Snger, selbstentsagend,
fhlte, was Siegbert Olga auf seine Klage antworten mochte, fhlte, was der
Flottwitz stumme Liebe dachte, als Dankmar in Banden sa, er sammelte sich Das,
was Niemand gesagt bekommt und was doch fr die Sterne ewig gesprochen und
empfunden ist. Auch in dem Mrchen auf der Tempelabtei fehlte er gewi nicht. Er
war dem lauschenden Dystra gewi ein Snger mit der Harfe, der hoch ber den
Trmmern stand und Andrer Loos verknpfte, seines eignen so wenig gedenkend. Er
hatte Selma an die mnnliche Gestalt Dankmar's abgetreten, fand lange nicht das
einfache und ihn beglckende Herz, das er suchte und hatte wohl Recht, in sein
altes lateinisches Kollektaneenbuch zur einstigen Mittheilung an Louis Armand
und zum Gegensatz gegen dessen weltumfassendes Sehnen zu schreiben:

Ein Huschen auf grnen Matten
In's Silber des Mondes getaucht,
Von frischen Waldesschatten
Freundnachbarlich milde umhaucht -

Ein Stbchen eng nur gezimmert,
Bescheiden das Hausgerth,
Nur Lampenlichtdurchschimmert,
Nur Blumenduftdurchweht -

Ein Schrank, ein Tisch, zwei Sessel,
Ein Weib dazu, an ihrer Hand
Der Ehe goldene Fessel,
Die erst ein Jhrchen sie band -

Der Mann im Liederbuch blttert,
Sie strickt beim Lampenschein,
Vom Lindenbaum drauen schmettert
Die Nachtigall herein -

Horch! ruft das Weib nach der Kammer.
Was Nachtigall! Liederbuch!
Sie ffnet dem sesten Jammer
Im Gehen ihr Busentuch.

Hold Kindlein wacht, ruft wieder!
Gib allen Dichtern den Lauf!
Ein Trunk aus Mutter-Mieder
Wiegt Hippokrenen auf!

Dem Mann, nicht lesend weiter
Legt gleicher glcklichster Trieb
Eine ganze Jakobsleiter
Als Zeichen in's Buch, wo er blieb.

Ob im Walde die Wipfel rauschen,
Ob die Nachtigall lockt und schlgt,
Sie sitzen nur Beide und lauschen
Dem Kind, ob's im Schlummer sich regt ...

O Bild der seligsten Feier!
Ein Schattenspiel an der Wand!
An meiner Dichter-Leier
Bin ich Saite nicht - ach! nur die Hand.

Oleander sang nicht sich, sondern Andere, wenn er das Glck schilderte.
Jahrelang wird er den Anblick des Poeten der Dachkammer bieten, dessen lange,
ungepflegte Gestalt, schlendernd, trumend durch die Gassen schreitet, an Fremde
denkend und die Nchsten zu gren vergessend, voller Liebe dem Einen zugewandt
und kaum bemerkend den Andern, wenn dieser auch hlfefordernd die Hnde nach ihm
streckt. Er wird immer die Aufforderung zur That erst dann vernehmen, wenn die
Gelegenheit, sich zu bewhren, schon vorber. Vielbewundern wird man ihn und
viel verspotten und schon mit bleichenden Haaren wird man ihn noch ein Kind
nennen. Bei der allgemeinen Theilung des Glcks dieser Erde wird er mit leeren
Hnden ausgehen und sich mit dem Troste begngen mssen, da Zeu zu ihm sprach:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein.

... Grade am Morgen nach dem Brande im Dorfe Buchau fuhren die beiden Reisewgen
Anna's von Harder zum Tempelstein hinauf, whrend rechts und links um sie her
Rosse und Reiter sprengten, noch die rauchende Sttte des Brandes zu sehen. Der
Hof im Schlosse war voll gnadenreichster Theilnahme gewesen. Er hatte Wsche,
Betten, Geld geschickt, um die nchste Noth zu mildern. Alle seine Umgebungen
wetteiferten im Antheil an dem unglcklichen Vorfall, bei dem in der That
Menschenleben verunglckte und im Gasthofe zum St.-Georg manche werthvolle, ja
auerordentlich hochgeschtzte Gabe einiger unbekannter Reisenden zu Grunde ging
... Anna war mit ihrer Begleitung am Orte des Schreckens angelangt, als
Frnzchen Heunisch ein junges Mdchen zu erkennen glaubte, das auf der
Trmmersttte, an der steinernen Schwelle einer ausgebrannten Thr, die Hand in
den Schoos gestemmt, auf der Erde sitzt, vor sich einen von vielen Menschen
umgebenen mit einem Tuch bedeckten, von Allen scheu vermiedenen Gegenstand und
in ihrer Nhe einen Alten, der gleichfalls auf dem Boden an dem Tuche kauert und
in seinen Mienen eine hnlichkeit mit jenem Manne mit der schwarzen Binde
darbietet, der sie einst von der Stadt nach Hohenberg begleitet hatte. Jenes
Mdchen war Louise Eisold, der Alte ohne Zweifel Murray ... Frnzchen machte
sogleich Rodewald aufmerksam. Dieser trat hinzu und erfuhr von den vor ihm
ausweichenden Menschen, da unter dem Tuche der Rest eines in der Nacht
Verbrannten lge, eines dem Mdchen und jenem Manne sehr werthen Verwandten und
da schon in der Nacht vom Tempelstein Leute gekommen wren und das seltsamste
Schauspiel der Bestrzung geboten htten. Von einem groen Schatze, den jener
Unglckliche entweder htte vor dem Feuer bergen oder schon vorher vielleicht
allzusehr schtzen wollen, wre nichts brig geblieben als die halbverbrannten
Splitter, mit denen der Alte da wie irrsinnig spiele ... in dem Schrein sollten
hundert Tausende von Papiergeld gelegen haben ... aber wer wisse es ... und wer
knnte es glauben ...!
    Schaudernd ahnte Rodewald die Mglichkeit, da Dankmar's Schrein
verunglckte ... Er trat nher ... Frnzchen folgte ... Murray! rief Rodewald
... Frnzchen legte schon die Hand auf Louisen's Schulter ... Jener blickte auf
und erkannte Rodewald, lchelte bitter, zeigte auf das Tuch, auf die verbrannten
Splitter ... Louise Eisold starrte Frnzchen an, wute erst kaum, wo sie das
blhende, gewachsene, holdentwickelte Mdchen hinbringen sollte, dann errieth
sie, stand auf und sagte: Franziska! ... Die Freundin aber erwiderte entsetzt:
Wer verbrannte?
    Louise schien gefat. Sie hatte in der Schule der Leiden gelernt, das
Schwerste zu tragen. Dennoch sagte sie mit noch zuckendem Schmerz:
    Weit du Frnzchen? Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Das ist da - Hackert
unter dem Tuch!
    Frnzchen zuckte zusammen. Aber Friedrich Zeck besttigte den
Nhergetretenen:
    Ja, diese Splitter sind der Rest vom Erbe der Wildungen! Sie wissen es schon
oben auf dem Tempelstein, sie grbeln, wie man Papier wieder lebendig macht,
aber Menschen, amortisirte Menschen lebendigmachen - das wird fehlschlagen,
Freunde! Ah! Seht nur!
    Rodewald hatte das Tuch gelftet und es sogleich fallen lassen. Der Anblick
war zu grauenhaft ...
    Der Nachtwandler! sagte er und eben hielt er inne, um das Wort: Sein Sohn!
zu unterdrcken, als unter den Herrschaften, die vom Schlosse Buchau kamen, um
die Brandsttte auch zu sehen und Gaben der Liebe auszutheilen, ein Wagen
auffiel. Der Schlag wurde geffnet. Eine Dame trat heraus, schwarz, trauernd,
hoch, schlank, nach ihr eine gebckte Alte ... Die Polizei, beritten, sprengte
heran ... Die Scene wurde lebhaft ... Menschen drngten sich an Menschen ... und
Friedrich Zeck folgte wehmthig dem Auge des hier in solchem Augenblick
gefundenen Rodewald. Starr kehrte sich aber pltzlich das Weie in dem seinen.
Er ergriff Rodewald's Arm, zeigte auf einen der Wgen, auf die ihm entstiegene
Dame ... es war Pauline von Harder, schon erkannt von Anna, ihrer Schwester, die
sich zurckzog und die Begegnung vermeiden wollte ...
    Friedrich Zeck schien bei diesem Anblick die Fassung verloren zu haben,
nicht die Besinnung, sondern die Selbstbeherrschung. Seine Demuth hatte ihn
pltzlich verlassen. Er sah einen Fingerzeig des Himmels, er richtete, wie
sein Ausdruck war, statt Gott richten zu lassen, er sprang von dem grauenvollen
Tuche auf, warf die verbrannten Splitter des Schreins im Kreise umher, strzte
sich vor und stand fast unmittelbar vor Paulinen, die - vor Anna's Nhe allein
schon zum Tode erschrak ...
    Rodewald war es, der diesmal Gromuth bte. Rodewald rettete Paulinen vor
einem Augenblick, der ihr vielleicht wirklich den Tod gegeben htte ...
    Murray! rief er mit der mnnlichsten berredung, hielt den wie von Raserei
ber Paulinen's Anblick Ergriffenen mit dem linken Arm zurck und wandte sich
mit der Rechten der erblassenden, taumelnden Pauline zu, die drngenden
halblauten Worte sprechend:
    Steigen Sie ein! Fliehen Sie! Es ist Ihr Sohn, der da verbrannte! Fliehen
Sie! Fort! Fort!
    Aber Friedrich Zeck hrte nicht mehr auf des Freundes Zuruf. In dem
Augenblick fielen ihm alle Hllen, alle Masken und Verstellungen von seiner
Person, die ihm nichts mehr werth war, seit der Zweck seiner Rckkehr von
Amerika mit dieser frchterlichen Nacht ein Ende hatte. Er sah nur Flammen um
sich, nur Zerstrung, hrte nur das Hlfeschreien der Menschen, sah Hackerten
nur unter den zngelnden Feuersulen eingeschlummert auf dem Schrein, den er
krampfhaft hthete, als knnte in stiller Nacht - ein Kfer ihn stehlen; er
hrte nur, da Alles um ihn her zusammenkrachte, Sohn und das fremde Eigenthum
in einer Zerstrung unterging, die Hackert vielleicht als Traumwandler selbst
durch das Licht in seiner Hand veranlat hatte, vielleicht auch nicht -! was
sollte er zgern, sich und Alle in die Flammen zu strzen und unterzugehen wie
Simson!
    Nicht Murray, rief er auf Paulinen zuschreitend aus, nein, Der, den deine
Helfershelfer suchen vom Morgen bis Abend, Der, der Euren Mrderhnden entfloh,
nicht in den Wellen des Hudson schlft, nein Der, den Ihr ahntet seit dem
Fortunaball, festhieltet seit dem Forsthause im Walde und nicht zu erkennen den
Muth hattet, Friedrich Zeck, der Vater dieses unglcklichen Sohnes ...
    Doch schon war Pauline mit Rodewald's Hlfe entfernt, losgerissen von dem
Wthenden, gesichert eingestiegen ... Zeck sprang den Pferden in die Zgel,
hielt sie, die schon ansprengen wollten, zurck und rief:
    Hackert! Hackert! war der Name meines Sohnes! Ich bin Zeck! Der Bruder einer
Mrderin, der Bruder eines Mrders! Kennt mich Niemand? Kennst du den
Falschmnzer nicht, den Vater dieses Nachtwandlers, der diesen Brand entzndete?
Wir sind Schuld an diesen Lichtfunken! Ha, ha, Pauline -
    Aber so maalos sollte der Strom der Selbstanklage nicht enden, denn schon
hatte Pax, vom Pferde springend, den wilden Sprecher erkannt, ihn von hinten
ergriffen und seinen Begleitern, die mit angriffen, als einen glcklichen Fund
zugeschleudert ...
    Die Ludmer, wie ein verwundeter Vogel hin- und hertaumelnd, konnte aus
Furcht und Besinnungslosigkeit den Wagen nicht gewinnen. Sie flatterte fast hin
und her und suchte sich zu bergen vor solchem Ruf aus den Grbern ... Ihr half
aber die Gromuth Rodewald's nicht. Paulinen's Rosse waren sich bumend schon
davon gesprengt, ohne die Ludmer. Kein Wagen stand bereit, auch sie zu
entfhren, sie mute die Schaalen des Zorns eines Mannes, den sie nun schaudernd
selbst erkannte, bis zur Neige leeren, mute sehen, da Mangold, jener Grtner,
in der Nhe stand und nicht half, nicht hinderte ... Aber auch die Mishandlungen
der Bewaffneten hinderten Zeck nicht auszurufen:
    Charlotte Ludmer! Kennst du mich, den Baron Grimm, dessen Trinkgelder du so
elend vergolten hast! Komm, Unhold, leuchte mir die Treppe hinunter! Sagt' ich
Das nicht in Ems drben und sonst hundert Mal und gab dir meine erspielten, noch
nicht falschen Dukaten? Und doch stecktest du ber uns Allen die Welt an, lst
uns Alle verbrennen, nur weil Paul Zeck die rothen Haare verstecken sollte, die
an den Abend erinnern, wo schon einmal Jemand im Feuer der Snde aufging und
Einer sich nur die Augen verbrannte? Mrderin du, die aus Rache Menschenleben
wie unreines Wasser ausgo! Elende, das Eine deiner Opfer strzte sich vom
Narrenthurm, Das da deckt ein Leichentuch und ich will der Dritte sein, will
wieder Ketten tragen, will nicht von Euch losgelassen, nicht mit Gold und Gut
nach Amerika befrdert werden, will bleiben und reden, nur damit du einst
sterben sollst, ohne ein ehrliches Begrbni zu gewinnen!
    Pax schtzte jetzt die ohnmchtige Freundin, lie sie fort tragen, die
Menschen wichen ihr wie einem Unhold aus. Die Bedienten, Hofleute, Bauern, Alle
sahen, Alle hrten schaudernd und lauschten noch, als Friedrich Zeck sich
sammelnd und den Schwei von der Stirne trocknend zuletzt zu dem mitleidbewegten
Rodewald sprach:
    Es ist geschehen! Alle Selbstbeherrschung war vergebens. Den wilden Teufel
in der Brust bindet ganz auf Erden kein Engel. Zrnen Sie mir nicht, da ich wie
ein Insekt um die Flamme irrte, und nun doch hineinstrzte! Es ist ein Instinkt,
der von mir verlangte einmal noch so zu reden, dann zu enden. Man wird in der
Residenz in mir drei Menschen, Zeck, Grimm und Murray erkennen. Vielleicht, da
Einer fr den Andern sprechen wird und sich die Gelehrten mhen, zu beweisen,
da Einer unmglich der Andre sein konnte. Zu dem Instinkt gehrt auch, da ich
mglich mache, das Unglck des fr immer verbrannten Schreines zu hintertreiben.
Wrd' ich, der seinen Inhalt schuf, nicht unter dem Auge des Richters leben, so
wrden Sie nicht die Brgschaft finden, da von jenem Schrein auch wirklich nur
noch jene verbrannten Sphne brig sind, mit denen ich mein eignes Leben
vergleichen mchte. Ich werde offen aussagen, wie Alles gekommen. Gren Sie die
Bewohner des Tempelsteins nicht von mir! Ich sagte immer, da zwischen jener
reinen Sphre und mir die ewige Verdammni, wenigstens der Erde, liegt!
    Zeck wurde so abgefhrt ... Anna von Harder hatte lngst schon in den Wagen
flchten mssen, die Mdchen folgten, Rodewald, nach schmerzlichem Abschied von
dem nun wol fr immer Gefangenen. Man fuhr zum Tempelstein empor. Die Menschen
verliefen sich, nur Frnzchen Heunisch, die mit Louise Eisold zum Schlosse zu
Fu gehen wollte, blieb. Mangold, der die Demthigung der Ludmer ohne Mitleid
nachempfand, half den Mdchen und einigen Burschen das Tuch zusammenraffen und
es in ein Haus tragen, wo der Rest von Hackert bis zu seinem Begrbni blieb ...
    Es ergab sich bald, da Hackert an dem Versuch einer einzigen guten That,
die er in seinem kurzen und dmonischen Leben gewagt hatte, zu Grunde gegangen.
Die Ursache des Brandes, der den Schrein zerstrte, war in der That nicht der
Funke vom Feuerwerk der Knige, sondern die schlafwandelnde Sorge gewesen, die
den Schrein im berfllten Gasthof zum St.-Georg von einer Scheune zur andern
trug und gerade mit dem Lichte dem Stroh unterm Schindeldach, das Hackert im
Traum hatte verlassen wollen, zu nahe kam. Er fand die Thr auf dem
Verbindungsstege verschlossen, entschlief auf dem Schrein, den er niedergesetzt
hatte und erwachte zum Leben nicht wieder ... Ein Dichter, wie auch wieder
Oleander, sah spter in diesem Zusammenhange einen ernsteren Sinn und tiefere
Bedeutung. War der Schrein und sein Inhalt die irdische Hoffnung edleren
Strebens fr das Wohl der Menschheit, war Hackert, wie einst Dankmar an jenem
Abend vor dem Fortunaball gesagt hatte, das Volk in seiner dmonischen, nicht
guten, nicht bsen, rthselhaften und unheimlichen Sinnennatur, war der
Aufschwung zu einer endlich reinen That in diesem Wesen Krankheit eher, als die
edle Blte der Gesundheit, so lagen die Gedanken nahe, die sich halb schon bei
Oleander in Klngen austnten, da der Geist ein Phnix wre, der nur aus den
Flammen eines irdischen Nestes zur reinen Sonnenhhe aufsteigen knne, und da
da sterben msse der Schlacke, was zum Lichte wolle. Wie in der Natur Das, was
seinen Dienst verrichtete, sogleich verginge, wie der Wurm in der Seide strbe,
die er aus seinem Leibe und Leben spnne, wie die hchste Lust die Organe des
Lebens sprnge, ja ein Bettler nicht lange zu bleiben vermchte in einem
allzugeschmckten Hause, so sh' es auch immer schlimm aus, wenn man den groen
Kaliban, das Volk, einmal aus seiner thierischen Vegetation aufweckte, aus einem
Dmmerleben, dem das Gute und Bessere sich nur im nchtlichen Wandeln nahe! Auch
erwachend wrd' es dann handeln wie im Traum, wrde statt eines einfachen
Lichtes Fackeln, statt Fackeln Feuerbrnde geben, wrde wie einst Masaniello
ber das Maa seiner Kraft hinauswachsen und entweder im Irrsinn oder
Selbstmorde enden ....
    Diese Auslegung gab Oleander Friedrich Zeck, als er ihn als Gefangenen
wiedersehen mute! Man hatte versucht, den Englnder Murray, den Freund der
Armen, den Wohlthter der Brandgasse fr den Baron Grimm sprechen zu lassen, man
hatte die Bibeln reden lassen wollen, die Morton sonst in seiner Armuth zu
verkaufen pflegte, aber Friedrich Zeck kam dem Verlangen, sich offen, vor aller
Welt in pharisischer Christlichkeit zu gebehrden, nicht entgegen, flehte nicht,
bat nicht, bereute nicht, er ertrug die Wirklichkeit, der er einst entflohen war
und trug sein Kreuz unter den Gefangenen, bei denen er vielleicht fr seine
Auffassung des Lebens jetzt mehr Gutes that, als wr' er frei gewesen. Nicht
lange nachher starb Friedrich Zeck, der Urheber der Schuld so vieler andren
Menschen, auf der Veste Bielau, an demselben Flusse, dessen Ufer er einst in
einem Rettungsnachen erreichte, wie spter einmal auch Werdeck ...
    Die Welle des Flusses war ihnen Allen freundlicher gewesen als einem letzten
endenden Leben unsres Kreises, das wir nicht verschweigen drfen, dem Leben
jenes nchtlichen Wanderers, dem Hackert einst von der Komthurei vor die Thore
der Stadt gefolgt war. Als Der denn doch zuletzt, wie angezogen von seinem
Geschick, das wie die Magnetnadel keine Ablenkungen und Irrungen, wie noch
zuletzt wieder durch Hackert, dulden wollte, nach Bielau wanderte, dieser still
Verzweifelnde, der den Tod mit Ekel und berdru an sich selbst und der Welt
nicht auf natrlichem Wege erwarten mochte, rief ihm Niemand mehr in nchtlicher
Stille seinen Namen zu, Niemand schtzte ihm mit einer ansehnlichen Summe Geldes
noch einmal gleichsam die nach ihm verlangende Woge ab. Zuletzt zog sie ihn
nieder, wie das Meerweib den vom Sang Verlockten. Diese Stimmung konnte nicht
enden, wie Alle. So entbehren, so zuletzt krank auf dem Lager liegen, chzen, so
den letzten Ballast der Bagatell-Philosophie auswerfen, Epikur, Epiktet,
Rochefoucauld, Hippel und Lichtenberg opfern, so immer leichter, luftiger,
ohnmchtiger, ja klglicher zu werden fr Charon's Nachen ... Das ertrug Franz
Schlurck nicht ... Man fand ihn eines Morgens im Uferschilfe unterhalb Bielaus,
nachdem man ihn Tagelang gesucht und sich wol gesagt hatte, da man Schlurck's
letztes Wort an Drommeldey: Bester Freund, Montaigne hat Recht, das Leben ist
von allen Handwerken, die wir zu lernen haben, das schwerste! nicht anders als
auf den selbstgesuchten Tod deuten konnte.

                                Letztes Capitel



                                Die Morgenrthe

Auf dem Tempelstein lsten sich Schmerz und Freude, bangende Unsicherheit und
endliche Entscheidung ... Dankmar's starres Brten ber den Verlust, konnte es
andauern, als er Selma sah? ... Und Olga, wre sie erstarrt gewesen wie Niobe,
da ihr die Shne starben, konnte sie auch noch nicht beim Anblick der Mutter,
die sich streng und ernst von ihr abwandte, zum Leben erwachen, konnte sie da,
als Siegbert vom bekmmerten Bruder sich losreiend in den Saal der Villa des
Barons trat, da, als der Geliebteste vor Olga's entfalteter Schnheit staunend
bebte, eine Jungfrau statt des Kindes fand, ihre Hand zitternd ergriff und sie
zur Vershnung in die Hand der Mutter legte, konnte sie da, die seit Jahren
nicht geweint hatte, die Thrnen wieder fortschleudern und ihnen sagen: Ich
kenne Euch nicht? ... Und konnte, als Rudhard, ein gebckter, alter Mann,
gefurcht, gebleicht von Kummer eintrat und er und Anna von Harder der Mutter sie
zufhrten, konnte Dystra, als Olga nun doch davon strzen wollte, Siegbert aber
sie zurckhielt und sie in seinen Armen fast ohnmchtig an's Herz drckte, etwas
Andres thun, als sagen:
    Chre enfant, Ihrem Vater, dem Frsten Alexis Wsmskoi, hab' ich einst
versprochen, Rurik's Schwager zu werden! Ja, ja, Rurik! Papa Rudhard lehrte dich
vielleicht aus den Alten, da die delphischen Orakel vieldeutig waren. Ich that
Alles, um dies Schicksalswort zu umgehen; ich wollte liebenswrdig, schn sein,
ich hoffte irgend eine groe Dame wrde mich entfhren. Ich wollte sterben und
fing deshalb zu bauen an. Aber Alles vergebens. Was ist zu thun? Komtesse Olga
hat eben, wie das dem Charakter unsrer Zeit entspricht, selbst gewhlt, Paulowna
zieht jedem Eheglck noch die Kunde vor, welche Torte es heute Mittag geben
wird, und wo soll ich diese Gste all' herbergen, wo anders meine Diners und
Soupers nun veranstalten, als in dem fertigen linken Schloflgel, wohin ich
wiederum gelobt habe, nur die Dame zuerst zu fhren, die einst die Meine sein
wird?
    Alles blickte auf Olga, auf die Frstin ... Anna von Harder nahte sich aber
Beiden, die sich abwandten, liebevoll ... Es war ein mchtiger Eindruck fr
Adelen gewesen, als sie nach so langer Trennung ihr wildes Kind wiedersah. Sie
war ihr erschienen wie eine ihr fast Fremde, wie eine Jungfrau, die sie nie
gesehen, nie gekannt hatte und doch war diese Gestalt die ihrer eignen Olga, das
hoheitsvolle, schwrmerische Auge war das Auge ihres Kindes, dessen Erblhen zur
Selbstndigkeit sie nicht hatte ertragen knnen. Gedemthigt durch Siegbert, der
seiner Empfindungen jetzt kein Hehl mehr machte, sich wrdevoll sammelnd vor
Anna's sittlicher Hoheit sprach sie zum Baron:
    Mon cher Baron, outre mes enfans il s'en trouve ici d'autres encore, parmi
lesquels vous tes le plus deraisonnable. Pour vous empcher de vous ruiner par
vos mille folies il vous faudrait une gouvernante, qui reglt un peu vos
penchants dangereux.
    Und Dystra erwiderte:
    Madame, je suis ravi de vos bonnes intentions pour moi. Depuis bien
longtemps il fallait un mariage de raison, comme celui que j'aurai l'honneur de
contracter avec vous, pour en complter ma collection de mille et une folies,
les curiosits du sicle.
    Damit gab Dystra mit der ihm eignen Grazie den Arm der Frstin, die sich von
ihm zum Schlosse hinauffhren lie, whrend die Andern frohbewegt folgten.
Spartakus und Cicero schritten aus Rcksichten heute in Tscherkessentracht voran
...
    Das die Freude! ... Und auch Louis Armand hatte Frnzchen liebevoll begrt.
Auch er war erlst von seinem frheren ohnmchtigen Trumen, auch er hatte durch
den Umgang mit bedeutenden Mnnern, die ihn zu sich emporzogen und zu einem
groen Wirken verwandten, das einseitig nagende Isolirungsgefhl des begabten
hherberufenen Handwerkers verloren und an seinem Beispiele gezeigt, wie alle
Gefahren des Kommunismus verschwinden wrden, wenn der Staatsbau auch die regste
Theilnahme des heraufdrngenden vierten Standes an ihm zuliee, ordnete und
regelte; auch er htte froh sein drfen. Aber ... die Mnner kamen vom
Herzensglck bald auf das Leid des Allgemeinen zurck, auf den Tod Hackert's,
den Untergang des Vermgens. Dankmar gab jede Hoffnung auf. Er sagte, da aus
Rcksicht der vielen zweideutigen Umstnde, die den Verlust begleiteten, keine
Hoffnung auf den Erfolg eines Amortisationsprozesses und der Erneuerung der
schon theilweise in Umlauf begriffenen Zahlung da wre. Rodewald's rechtskundige
Meinung sollte befragt werden. Man suchte ihn, rief ihn. Er fehlte, war eben
verschwunden, hatte aber die Bitte, seinetwegen nicht bekmmert zu sein, selbst
wenn er bis morgen ausbliebe, beruhigend zurckgelassen. Man rieth, da er sich
wol um das Schicksal Murray's kmmerte. In Murray den Vater des unglcklichen
Hackert wiederzufinden - die Mutter blieb denn in der That Jedem unbekannt - war
den Freunden eben so berraschend wie schmerzlich gewesen. Ihre Blicke gingen in
die Zukunft. Jeder gedachte des Looses, das er gezogen ... Dystra blieb
vielleicht mit der Frstin und den Kindern auf dem Tempelstein, dessen
Einfriedigung den Baron halb zum deutschen, halb zum frnkischen Brger machte;
denn noch tief in das jenseitige Land ging sein Besitzthum. Rudhard blieb sicher
noch treu in ihrem von Frohsinn, Glcksgtern und Bildung gehobenen Kreise.
Leidenfrost vollendete ohne Zweifel den Bau. Vor Entdeckung seines Namens
schtzte die Rckkehr zu seinem wahren: Max Brning. Sein Vater, der greise
Invalid, bewohnte eine Grenzhtte auf dem jenseitigen Abhang des Gebirges.
Werdeck fehlte in diesen Tagen nicht in der Tempelabtei. Aber er kehrte nach
Paris zu seinem Weibe zurck. Unterricht in der Mathematik von seiner, die
Kunst, Blumen zu machen von ihrer Seite fristeten das Loos zweier Menschen, die
dem Kreise der Anschauungen, in denen sie erzogen waren, sich mit einem
Heroismus entwunden hatten, der Bewunderung verdiente. Wir haben von diesem
Ehebund, der kinderlos blieb, den Vorhang nur dann und wann gelftet gesehen.
Bedurfte das feste treue Ausharren an einer einmal erfaten Idee der gleichen
Schilderung, wie die in Krmmungen irrende allmlige Entwickelung sich langsam
luternder Herzen? Was bedarf es auch jetzt mehr, von diesen Edlen zu sagen, als
da Werdeck die Theorie der Curven und Gleichungen in Paris lehren wird,
Jagellona Blumen macht, wie sie in dem Kloster gefertigt wurden, das sie und Max
Brning erzog? Diese Flchtlinge lebten zu Paris im fnften Stock, entbehrten,
hatten Sorgen genug, aber unter dem frhgebleichten Haar glhten die alten
Hoffnungen, die unvershnten Nemesisgedanken der Geschichte. Jagellona ertrug
den Widerspruch ihres Herzens mit dieser kalten Erde nicht lange. Ein Grab auf
dem Pre la Chaise, in der Nhe des Denkmals von Ablard und Heloise, nicht zu
fern von Ludwig Brne, von Foy, Lafayette, Armand Carrel schmckten
Immortellenkrnze einen Hgel, auf dem sich Werdeck und Leidenfrost zuweilen des
Jahres die Hnde reichten und nur beklagten, da Jagellona's Heldenseele in
diesem matten Frieden, nicht im Donnerrollen groer Thaten aushauchte.. Und
Louis Armand? Was konnte ihm die Zukunft Schlimmes bringen? Er nahm nur fr
einige Zeit in Frankreich mit seinem begterten Weibe den Aufenthalt, er hoffte
die Rckkehr auf einen Boden, der ihm zur zweiten Heimat geworden war ... Und
Dankmar und Siegbert? Sie, die in der Grenzhtte des alten Invaliden auf fremdem
Boden zu bernachten pflegten, verbanden sie sich nicht bald durch die Ehe mit
den Mdchen ihrer Liebe? Jener rstete sich gewi auf die ersten groen
Wirkungen des Bundes, an dessen Ausbildung er fortarbeitete; dieser beschlo,
begleitet vom Bruder bis zur Schweiz, weiter zu ziehen - mit Olga - in das Land
der Ideale und zu einer Kunstbung, zu der ihm Oleander einst als Regel schrieb:

Wie lieb' ich, wenn ein Mdchen auf sich hlt,
Nicht jeden Tnzer nimmt, nicht jeder Fiedel tanzt!
So auch der Knstler, der nicht schmeichelt aller Welt
Und gegen Vortheil sich zumeist verschanzt!
Deshalb ist Gunst und Kunst verwandt und Gnnen Knnen,
Weil Knnen soll die Gunst dem Rechten gnnen.

Anna lie sich doch wol Selma nicht nehmen? Sie blieb doch wol bei Dankmar, dem
die Schweiz ein Asyl werden sollte bis zum Tage, wo die ersten Schranken der
knstlichen Ordnung, die uns jetzt regiert, einst fallen wrden. Ihm und
Rodewald, der sicher nach Hohenberg zurckkehrte, schien dieser Tag nicht zu
fern. Selbst Louise Eisold blieb hinter Denen nicht zurck, die auch von ihr
eine Zukunft prophezeien wollten. Die Einigung mit Mangold wurde ein Liebesopfer
fr ihre Geschwister, wenn sie auch dann und wann wehmthigst an Danebrand
dachte und an Hackert, der ihr kein Begriff wie Oleander'n, sondern ein Mensch
war, ein Mensch mit einem verhngnivoll beklagenswerthen Leben! Ein Mensch,
der, wenn all' unser Dasein ein Versuch zum Lichte aufwrts sich zu schwingen zu
nennen, in diesem Fluge so frh scheitern mute! Ein Mensch, wunderlich wie jene
Pflanze, die auch halb ein Thier ist, wie jener Stein, der auch Pflanzenform
angenommen, aber fhlend auch und, htte er Liebe gefunden, nicht doppellebig!
Ein Mensch, der, weil er zu frh die schnsten Blthen des Lebens zu flchtig
abgestreift, den Rest des Daseins schaal und nichtig finden mute!
    Damals aber beim Dmmerlichte des verschleierten, hinter den Tannenwipfeln
aufsteigenden Mondes versammelten sich Abends nach dem Brande aus den
ringsumliegenden Weilern, Gehften, Drfern und Schlssern die geheimnivollen
Maurer des Tempelsteins noch einmal und eines Jnglings Stimme sprach:
    Der Bund ... er ist geschlossen! Der Segen aber, den irdische Mchte darber
sprechen sollten, ist bedroht und fr jetzt verloren. Der Hort - versunken! Ob
Kunst der Rede, ob Auslegung der Gesetze ihn wieder heraufbeschwren werden aus
den Fluthen, ich wei es nicht. Der Bund des Geistes, ich ahn' es, soll ganz vom
Geiste sein. Nicht knnen wir kmpfen mit goldenen Waffen, nicht mit dem Klang
des Silbers locken und mit metallener Musik aufspielen, wenn wir Mrtyrer
ermuntern und belohnen wollen. Sie mssen leiden um ihrer selbst willen. Die
Wahrheit selbst mu sie lohnen, die Dornenkrone ihr Geschmeide sein. Hunger,
Entbehrung, Verachtung ... wer nennt die grauen Trabanten des Genius, die ihm
das Geleite geben durch diese Erde, diese Vorschule irgend eines Himmels! Klingt
mir nicht nach ein Wort aus der Jugend, ein Wort, das einst auch in diesen
Rumen widerhallte, wenn die Templer hier belehrt wurden, da das Kreuz auf
ihrem Mantel das grte Lebensgut wre, klingt mir's nicht nach, da einst ein
groer Heiland sprach: Das Reich Gottes ist eine kstliche Perle und besser
denn Silber und Gold sind seine Schtze. Das Reich Gottes ist in uns; der
verborgne Mensch des Herzens, unverrckt im sanften stillen Geist, der ist
kostbar vor dem Herrn! Sanft und still kann der Geist dieser Zeit nicht sein,
Ihr Brder! Ach, da die Zeit der Langmuth nichts gefruchtet hat zwei
Jahrtausende lang und da nicht mehr des Geistes Symbol die Taube sein darf! Wie
die Mve flattert vor dem Sturme, so irrt das Denken der Gerechten hin und her
und sucht und klagt und stt Schmerzenslaute aus. Wer kann schlafen? Will es
die endliche Natur auch des Geistes, so sei's mit der Hand an dem Griff des
Schwertes. Wirket! Werbt! Sucht auf den Gemeinpltzen der Alltglichkeit die
Vierbltter der Gesinnung! Krieger, Gelehrte, Dichter, Knstler, Staatsmnner,
Handelnde, Gewerbfleiige, da wir Opfer bringen wollen, da wir irdischem Lohn
entsagen, da wir nur mit dem Gedanken wirken knnen, kann es Euch schrecken?
Bleibt Ihr heute Die, die Ihr gestern waret?
    Feierlich widerhallte die Ruine von der einstimmigen Betheuerung. Es war wie
der Schlag einer einzigen groen Welle, die kommt und so wie sie kam, auch
wieder vom Ufer weicht.
    Zwlf schlug es von den Thrmen aus dem Thal. Man hatte sich spt versammeln
mssen, weil der Brand von Buchau manche Herberge entlegener gerckt hatte. Die
Ritter vom Geiste trennten sich mit der Loosung der neuen Versammlung im
nchsten zweiten Jahre und dem Vorsatze, auf die Zeit zu wirken mit der Lehre:
Wchst nur das schnellere Einverstndni der Edlen und Guten, zielen wir nur auf
einen solchen majesttischen Akkord der bereinstimmung, wie wenn gleichsam ein
Naturphnomen am Himmel von Millionen um dieselbe Minute beobachtet wird, mit
denselben Empfindungen, demselben elektrischen Schauer ber die halbe Welt hin,
so fallen die Fesseln des Geistes von selbst und sind wie Spinnenweben!
    Man staunte in allen Fremdenbchern der Umgegend, grade in diesem Herbst so
viel hochgefeierte Namen zu lesen ... man pries deshalb die bisher fast
unbekannte Gegend, das grne sonnenwarme Thal zwischen rauhen, hohen Bergebenen,
die Geschichte dieses Thales, die in erwiesensten Thatsachen zurckgeht auf die
Rmerzeit, pries den Flu, der, sich ringelnd wie eine gezhmte Schlange, von
den Uferwnden nicht loskommen, sich nicht trennen knne von dem frohen Leben
dieser Stdte und Weiler und von einer Bewegung vorwrts immer wieder eine
rckwrts versuche, man rhmte den klaren, perlenden hier gezogenen Wein und wie
er mit Emsigkeit gewonnen wrde auf den knstlich gepflegten und durchbauten
Abhngen, man sang Lieder auf den Flu, seine milde Rebe, rhmte Buchau,
Dystra's Bauten ... Das Auge der Uneingeweihten wute nichts von den beiden
Mondnchten in der Abtei der alten Templer.
    Nach Mitternacht stiegen Siegbert, Dankmar, Louis Armand, Werdeck und
Leidenfrost zu der Hhe empor, wo sie auf fremdem Gebiet in der Htte des
greisen Invaliden bernachteten ...
    Die Sonnenrosse waren fast schon sichtbar an dem rothen Glanz, den ihre
Nstern aussprhten und ihre Hufen auf das stliche Thor des Himmels schlugen,
als die Freunde von dem Alten, der sie bewirthete wie bei ihm Eingemiethete, fr
heute Abschied nahmen ... Werdeck wollte nach Paris.
    Wre der Verlust des Schreins, das entsetzliche Ende Hackert's, die
Ungewiheit ber die Folgen eines Verlangens um Wiederherstellung der
Stadtkmmereischeine nicht gewesen, sie htten frhlich blicken, glcklich sich
trennen knnen. Aber auch so sagte Dankmar:
    Freunde, mit meinem Erbe war mir's immer wie mit einem Traume! Die
Wirklichkeit der Entscheidung zieh' ich allen halben und schwebenden Lagen vor.
Man bindet die jungen Bume an einen Stab, den spter ihr Wachsthum und Gedeihen
von selbst entfernt. So ist der Proze, der all' unser Streben und Wollen
emporhielt, ein solcher jetzt berflssig gewordener Stab gewesen. Nur wenn die
Kinder Geschichte noch nicht fassen, naht man sich ihnen mit Mhrchen.
    Die Freunde aber trennten sich, auf die Wiederherstellung hoffend.
Leidenfrost kehrte zum Bau zurck, um dessen wirkliche, heute rckkehrenden
Arbeiter als Meister zu begren. Werdeck schlug einen Seitenweg ein, um im Thal
zur nchsten Post zu kommen. Die Brder wollten eine Strecke Louis Armand
begleiten, der nach einer andern Richtung im Interesse des Baus Geschfte hatte.
Jeder von ihnen Dreien hatte nun sein Lieb gewonnen, sah die Welt zu neuen
Bahnen geffnet. Die drei Stnde der Gesellschaft waren in ihren Mdchen
vereinigt, die Adlige, die Brgerliche, das Mdchen aus dem Volke.
    Sie hatten hinunterzuschreiten in den Tannenwald. Noch sprachen sie von
Rodewald's pltzlicher Entfernung, seiner Meinung als Juristen, Murray's
Zeugni, als sie auf einer grnen Stelle zwei Mnner wie auf sie wartend
erblickten. Ein Fahrweg schimmerte durch die Tannen. Abseits getreten in die
Waldung schien ihnen der Eine Rodewald zu sein; den Andern, der in der
herbstlichen Morgenkhle einen Mantel trug, erkannten sie nicht, da er das
Antlitz abwandte.
    Indem kam ihnen Rodewald schon grend entgegen, fragte, ob sie sich drben
gesammelt, gefunden, ausgesprochen htten? Als er leidlich wohlgemuthe Mienen
fand, er auch Siegberten zu Olga's ihn nicht berraschendem Besitze Glck
gewnscht hatte, antwortete er auf die Frage nach seiner Entfernung, seinem
nchtlichen Aufenthalt und dem abgewandten, dort im Grnen stehenden Gaste:
    Auf Eurem Tempelbau hattet Ihr diese Nacht einen Zeugen, den Ihr vor einem
Jahre kaum frei aus Eurer Mitte httet scheiden lassen ...
    Statt Templer, sagte Dankmar, wren wir Assassinen geworden?
    Seht ihn Euch an, sagte Rodewald und zeigte auf den Fremden, der nher
tretend den Mantel auseinanderschlug.
    Das Unerwartetste geschah den Freunden ... Es war Egon ...
    Nur an seinem Auge, nur an seinem Gru erkannten sie den Frsten. Sonst
erinnerte in Haltung, Frische und Lebendigkeit nichts mehr an den alten Egon,
den sie zum letzten Male den Ihrigen genannt hatten, als er mit ihnen im
Pavillon seines Vaters speiste und von Helenen sich losreiend zum Knige fuhr.
    Euer Kleeblatt, sagte Rodewald zu den Erstaunenden, soll vier Bltter tragen
... Begrt Euch ohne Groll und denkt, sich so wiederzufinden ist ein
Weiheaugenblick!
    Rodewald selber trat, als er diese Worte gesprochen, zurck, wandte sich dem
Gebsche zu, wollte die alten, von ihrem Glauben auseinandergerissenen Freunde
nicht stren. Die Gewiheit: Dieser einsame Wandrer da im Dickicht der
Landesgrenze ist der vielgenannte, vielbewunderte und vielverwnschte
allmchtige Egon! hatte etwas berwltigendes. Wie kam Rodewald zu dieser nahen
Verbindung? Man wute nur, da sie sich in jngster Zeit erkannter gefunden
htten. Die ganze Nhe ahnte Niemand.
    Egon ergriff zuerst das Wort. Er reichte Jedem die Hand und sprach:
    Louis Armand, Siegbert, Dankmar Wildungen! Auf dem Schlosse Buchau hab' ich
gestern die Gewalt, die ich zwei Jahre bekleidete, in die Hnde des Frsten
zurckgegeben und stehe nun wieder Euch eben so frei gegenber wie damals, als
wir so eng verbunden nach dem Schlosse Solitde fuhren. Mistraut Dem nicht, was
ich Euch zu sagen habe, Euch sagen mu, um mit erleichtertem Herzen die
Wiederherstellung meiner zerrtteten Gesundheit in sdlichen Lndern zu suchen.
Wisset zuvrderst, ich war Zeuge Eurer beiden Nchte auf dem Tempelstein!
    Die Freunde erstaunten, schraken fast zurck ...
    Beim Brande erkannte ich Euch und bewunderte die Groherzigkeit, mit der Ihr
das Geschick Eures Erbes ertruget! Und nicht die Furcht der Entdeckung allein
vor den ringslauschenden Spheraugen war es, was Eurem Schmerz die laute Sprache
raubte, es war die gefate Ergebung. In der Reihe von Wgen, Reitern, die
beleuchtet vom Flammenschein in der Ferne standen und das Schauspiel, wo Rettung
vergebens, betrachteten, wurde Euer Muth bewundert, wie Ihr Drei noch berall
waret, berall noch angriffet, den Nachtwandler suchtet, der schon Asche war,
ihn suchtet, nicht das Eurige ... ein Unglck, das Niemand ahnte. Nach Abgabe
meines Portefeuilles sprach ich Rodewald, erfuhr Alles, was geschehen, sprach in
dieser Nacht auf Dankmar's Frage das majesttische Ja! das feierlich in den
Ruinen widerhallte -
    Ist's mglich? konnte Louis Armand nicht umhin, den alten Freund, den
Geliebten seiner Schwester Louison, zu unterbrechen ...
    Ja, Louis, sagte Egon, sich zu ihm wendend. Da bin ich nun von meinem
Feldzuge zurck! Seht in mir den mden Kmpfer, der aus tausend Wunden blutend
sein Haupt auf jenen Stein legt, den man Undank nennt. Sagt nicht, da ich der
Erste war, der auf Euch, die Ihr mich emportrugt, diesen Stein warf ...
    Dankmar runzelte die Stirn ...
    Dankmar, unterbrach Egon die Erregung des strenger Urtheilenden, Dankmar,
wr' es meiner wrdig gewesen, ein Anderer zu sein, als ich sein konnte? Mit
Euch in den Hainen der Akademie wandeln und ber Gott, Freiheit,
Unsterblichkeit, Staat und Gesellschaft unter den von Epheu und Asphodelos
umschlungenen Arkaden der Philosophie, unter dem blauen Himmel der Idealitt,
Sokratische Ansichten tauschen und diese feudale Welt regieren, das sind zwei
Gegenstze wie Sd und Nord. Konnt' ich Euch von der Tribne des modernen
Staates in Eure luft'gen Trume folgen?
    Dankmar begann die Erwiderung, da der oben im Tempelstein geschlossene Bund
ein von der sonstigen mglichen Einwirkung auf die Zeit vllig unabhngiger
Traum wre. Aber Siegbert, der milder Gestimmte und von Egon's Anblick Gerhrte,
schnitt die strafende Rede des Bruders sogleich ab und winkte nur Egon zu
sprechen.
    Haltet mir nicht entgegen die Zerrbilder, wie Ihr mich auffat! sagte der
Frst. Adelsstolz zuvrderst? Ich kenne die Geschichte des Adels ... Was Euch
die pltzlich in mir erwachte aristokratische Regung schien, war nur mein
Erstarren ber die Nothwendigkeit, die Geschichte der Grundsulen, auf denen die
einmal gegebene Gesellschaft ruht, nicht lange erst untersuchen zu drfen, den
Blick abwenden zu mssen von dem Werden und nur das Gewordene festzuhalten, das
Wie zu opfern, um das Was zu schtzen ... Freunde, Ihr sprachet dann von
Rechten, ich von Pflichten, wir waren ehrlich gegen einander und ich bin es noch
jetzt, da ich nicht die mir gewordene Offenbarung verschlieend und mein Haupt
verhllend davonziehe, sondern Euch sage: Dieser Zeit mu wohl etwas kommen, wie
Euer Bund oder wenigstens der Geist Eures Bundes, sonst bricht diese
Gesellschaft in Trmmer!
    Rodewald war nher getreten und hrte ruhig der Errterung zu, die sich im
langsamen Gehen ber die Rckblicke auf die Vergangenheit ergab. Egon erklrte,
da eine Zeit, wo die Knige auf den Egoismus mehr hrten als auf die Stimme
einer sich selbstbeherrschenden, auf Geschichte begrndeten Weisheit, in ihrer
gegenwrtigen Ordnung verloren sei. Egon war mehr Republikaner als selbst Louis
Armand, der den um ihn geschlungenen Arm des alten Freundes an sein Herz drckte
und die Thrnen seiner Rhrung nicht verbergen konnte. Dankmar aber erfreute
Alle, indem er zugestand:
    Egon uns also wiedergewonnen! Nie schtzte ich dich mit dem Maae geringer
Naturen! Du hast versucht, ein Staatsmann zu sein, der die Gesellschaft vor dem
Schicksale einer regellosen, wilden Auflsung bewahren wollte. Du suchtest das
Prinzip der Ergebung in das Bestehende, der Ordnung, der allmligen Besserung,
der Legitimitt selbst bis in die Werkstatt auf, wo du patriarchalische alte
Gliederung verlangtest. Du hast gesehen, da dies System der absoluten Ordnung
an dem whlenden Zorn des sich Gott gleichmachenden Knigthums und seines
schlimmen Gefolges von Egoismus und falscher Lehre selbst scheitert. Die
Machthaber wollen keine Begriffe sein, sondern nur Personen. Ich gebe dir die
beiden Mondnchte auf dem Tempelstein Preis! Du bist noch zu erfllt von den
Mitteln, mit denen du regieren mutest, die ganze Maschine der blichen
Gesellschaftspraxis tnt dir noch in ihrem ewigen groben Gehmmer zu drhnend
in's Ohr, du siehst deine Gendarmen, deine Richter, deine Soldaten, deine
Kanonen noch zu metallen ...
    Nein, nein, unterbrach Egon, diese Waffen sind nichts ohne ein strahlendes
Banner, das ber Aller Huptern weht! Deine Reisige vom Geiste brauchen nicht
einmal zu kmpfen. Sie haben nichts nthig, als den Blick empor zu richten, in
ein Buch, das sie studiren, zu sehen, in eine Harfe zu greifen, wo sie ihre
Empfindungen austnen, in ihr Herz, das sie reinigen und lutern wollen. Sie
haben nichts zu thun als nur dieser Gesellschaft der ewigen Lge sich
abzuwenden, ihr nicht zu dienen, ihr zu fehlen, stumm zu bleiben, wenn sie reden
sollen, das Haus zu schlieen, wenn man sie um Hlfe ruft. Dann wird sich die
furchtbare Isolirung dieser herrschenden Gesellschaft bald zu Tage geben, die
schaudererregende Minoritt, in der sich pltzlich der Stolz und die Anmaung
betreffen mssen. Ich habe so tief in die Abgrnde der Zukunft geblickt, da ich
schweige, um Euch nicht zu ermuthigen, mehr zu wagen als jetzt schon geschehen
ist.
    So wechselte man die Meinungen, legte die Hnde ineinander, fand sich in den
berraschenden Augenblick, ergriff ihn mit Liebe, mit Vorstzen fr die Zukunft,
auch mit dem Austausch der gegenwrtigen Lebensschicksale. Egon sprach von der
ihm zulssig scheinenden Wiederherstellung des Vermgens, von den geschlossenen
Liebesbnden, von seiner Reise und machte die Freunde auf einen Wagen
aufmerksam, der langsam mit ihnen zugleich bergab gefahren war auf der durch den
Wald nicht ganz verdeckten tiefer liegenden Strae. Jetzt wurde das groe Coup
sichtbar. Egon stand still und umarmte Jeden der Anwesenden zum Abschied mit
Herzlichkeit. Und zu Louis Armand sagte er:
    Auch du willst dir eine Htte bauen mit einem deutschen Mdchen! Nach
einigen Jahren hoff' ich dich wieder und dein Weib zu begren. Nenne deinen
ersten Knaben: Egon! Nicht um Meinetwillen! Nein! Es ist gut, da man an sein
Ich so oft erinnert wird, da man schon darum die Welt sich ewig zurufen hrt:
Vergi auch mich nicht! Louison, Helene, Ihr Alle nanntet mich das Prototyp des
Egoisten und Jedes der Beklagenden hatte Ursache, sich verletzt zu fhlen.
Dennoch wollt' ich zu allen Zeiten nur wahr gegen mich selber sein. Denkt ber
die Grenze dieses Wahrheitstriebes nach! Mir zeichnet sie leider nur meine
kranke Ruhe und die Ergebung -
    Man blickte auf den Wagen und vermuthete in ihm die Frstin ... Die Umarmung
Rodewald's durch Egon, der zitternd stille Abschied zwischen diesen Beiden blieb
im Forschen nach der Frstin fast unbemerkt. Mit tausend Glckwnschen fr das
Leben, Abschiedsworten fr die nchste Trennung und den Hoffnungen des
Wiedersehens schieden endlich die so wunderbar sich Wiederfindenden.
    Als der Wagen dahinrollte, grte aus ihm ein Frauenantlitz. Es war die
Frstin, die nicht ahnte, was ihr nach Nizza, wohin die Reise zunchst ging, fr
eine Schmerzenskunde ber den Vater wrde geschrieben werden ...
    Es ist Melanie! sprachen die Brder, bewegt genug durch Das, was ihnen
Beiden einst, ehe sie die festen Sterne: Selma und Olga fanden, dieser
leuchtende, irrende Komet gewesen war. Dankmar gedachte der Empfindungen, die
Melanie bei der Nachricht ber Fritz Hackert's Ende berrieselt haben muten ...
Er konnte nicht umhin zu sagen:
    Seit ich nun wei, da Egon in Nizza fr eine entschwundene Jugendkraft und
ein wilddurchkostetes Leben letzte Sammlung und Ruhe sucht, versteh' ich diesen
Bund und begreife, da es eine Stimmung im Manne gibt, wo er von den Frauen
nichts, nichts als nur noch ein schnes, heitres, ihm dankbar ergebenes Umwehen
und holdes, stilles Umwalten besitzen will!
    Von Rodewald nahm nur Louis Armand Abschied, den die Versicherung beglckte,
da er in Franziska Heunisch ein bewhrtes, treues, sinniges, deutsches Weib
sich gewonnen. Die Brder sahen Rodewald heut' Abend wieder und trugen ihm
einstweilen an Selma und Olga, an Anna von Harder, Dystra, Rudhard und die so
pltzlich in die Bahn der Besinnung und des sittlichen Taktes eingelenkte
Frstin Adele die liebevollsten Gre auf.
    Hinuntersteigend zu dem frnkischen Stdtchen, wo sie von Louis Armand
schieden und wo sie im Gasthofe an Freunde, Bundesgenossen, auch an den
Wohlweisen und Wohledlen Rath der kniglichen Residenz Briefe und Eingaben
schreiben und zur Post befrdern wollten, blickten sie noch einmal aufwrts und
sahen Rodewald mit dem Tuche winken ...
    Sie wuten nicht, galt dieser Gru ihnen oder galt er Egon, dessen Wagen in
den Krmmungen des absteigenden Weges noch eine Weile sichtbar blieb, bis er
sich in dem Staub und den Sonnennebeln der groen nach Sden fhrenden
lothringischen Landstrae verlor.
    Rodewald's Gren hatte aber - dem Sohne gegolten. Wie er so einsam den
Gebirgskamm berstieg, berschlich ihn der wehmthige Gedanke: Du hast ihn zum
letzten mal gesehen! In ihm hat ein vulkanisches Feuer gebrannt und die Hlle
seines Geistes ist wol fr immer zerstrt.
    Erst in den Umarmungen Selma's, in den frohen Gren der Jungen und Alten
auf dem Tempelstein, deren regierendes und berathendes Haupt er bald geworden
war und nun bleiben sollte, sammelte sich Rodewald zu seinem offen dargelegten
und der Welt bekannten Leben wieder, von dem wir, da die Grnze der Gegenwart
wol von uns schon lngst berschritten ist, auch nur noch ahnen knnen, da es
reich an ernsten Pflichten und von mancher Sorge getrbt verlaufen sollte, aber
doch vieler eignen Freude und des erhebenderen Blickes auf die Freude Anderer
sicher nicht entbehrte.
    Und Oleandern einst begrend in dessen kleinem Erkerstbchen, alles Nahe
und Ferne, Lebende und noch Webende, Abgeschnittene und doch wie die
Wiederherstellung des verbrannten Schatzes hoffnungsvoll neu sich Anknpfende,
berfliegend, klagend ber die durcheinanderlaufenden Fden des
Menschengeschicks und die unbefriedigend pltzlich oft durchschnittene Lsung
des Momentes, vernahm er von diesem die beruhigenden, fast lchelnd gesprochenen
Worte:

Ein Faden, ewig ausgesponnen,
Ist jedes Stubchen Sonnenlicht!
Die Ewigkeit hat nie begonnen -
Was nie begonnen, endet nicht!

                                Ende des Romans.
