
                                 Weerth, Georg

              Leben und Taten des berhmten Ritters Schnapphahnski

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                  Georg Weerth

              Leben und Taten des berhmten Ritters Schnapphahnski

                                    Vorspiel

Als der Verfasser des Lebens und der Taten des berhmten Ritters Schnapphahnski
die ersten Arabesken seiner wundervollen affen- und ebenteuerlichen Geschichte
schrieb, da fiel es ihm im Traume nicht ein, da zur Belohnung fr all die
herrlichen Erzeugnisse seines unsterblichen Geistes einst ein Gerichtsvollzieher
bei ihm erscheinen werde, um ihn mit wrdiger Miene, aber in sehr
nachdrcklichem Tone vor den Herrn Instruktionsrichter des Kniglich-Preuischen
Landgerichtes in Kln zu zitieren.
    Der Verfasser des Schnapphahnski hielt sich bisher fr einen der
unschuldigsten Menschen unsres verderbten Jahrhunderts. Er hatte sich oft
darber gergert - denn nichts ist langweiliger und uninteressanter als die
Unschuld. Als er aber den Gerichtsvollzieher sah und den Erscheinungsbefehl, in
dem es klar und deutlich zu lesen war, da er sich binnen zwei Tagen in dem
Verhrzimmer des Richters melden solle, widrigenfalls nach der ganzen Strenge
der Gesetze gegen ihn verfahren werde - kurz, als er sich davon berzeugte, da
man ihn fr nichts mehr und nichts weniger als einen - Verbrecher halte: da
sprang er empor mit dem Schrei des Emzckens, mit dem Jubel der Freude ob der
endlich verlorenen Unschuld - er warf den Sessel um und den Tisch und alles, was
darauf stand, und wre fast dem Gerichtsvollzieher um den Hals gefallen, um ihn
zu herzen und zu kssen, und ein ber das andere Mal frohlockte er: Ich bin ein
Verbrecher! ein Verbrecher! Verbrecher!
    Die Freude des Verfassers hat sich seitdem in etwa gelegt. Er erschien
nmlich wirklich vor Gericht, und es wurde ihm pltzlich sehr seltsam zumute.
Das heilige Gerichtsgebude der frhlichen Stadt Kln machte trotz alledem einen
unangenehmen Eindruck auf ihn. Mit den zwei nach vorn gekrmmten Seitenflgeln
schien es ihn wie mit zwei abscheulichen Armen ergreifen und nicht wieder
loslassen zu wollen. Und als nun gar rechts einige Erzengel der Gerechtigkeit
mit langen Schleppsbeln und groen hlichen Schnurrbrten aufmarschierten und
links Advokaten, Instruktionsrichter und Landgerichtsrte - alles Leute, die am
Abend, im Wirtshause, bei einer Flasche Wein ganz manierlich aussehen - in
langen wallenden Talaren, mit weien Beffchen und altmodischen, hchst
schauerlichen Mtzen vorbeispazierten: da regte sich mit einem Male eine gewisse
Stimme in der Seele des Angeklagten und sprach: Wehe dir, wenn du etwas Bses
getan hast; mit der heiligen Themis ist nicht zu spaen!
    Doch was soll ich meinen Lesern die Gemtsbewegungen des
unglcklich-glcklichen Verfassers noch weiter schildern -? Was geht meine Leser
der Verfasser an? - Wenden wir uns daher zu dem Prozesse selbst.
    Die Anklage lautet auf Verleumdung. Cervantes verleumdete den Don Quijote,
Louvet verleumdete den Chevalier Faublas, ich soll den Ritter Schnapphahnski
verleumdet haben. Das ist schrecklich!
    Hat man den Cervantes gehngt? Nein. Hat man den Louvet guillotiniert? Nein.
Wird man mich kpfen?
    Wer wei es? Es wre schade um mich. Es gibt nichts Schlimmeres auf Erden,
als wenn man den Kopf verliert.
    Einstweilen besitze ich ihn noch, und hin und her habe ich mich besonnen, ob
es wohl schon je so etwas gegeben hat, was dem Prozesse Schnapphahnski hnlich
sah. Die heilige Justiz mge mir verzeihen, wenn ich ihr unrecht tue - ich
konnte noch nichts finden. Und nhmt ihr die Flgel der Morgenrte und flgt bis
zum uersten Meere: ihr fndet noch keinen zweiten Proze Schnapphahnski.
    Das einzige, was ihm entfernt hnlich sieht, finden wir aufgezeichnet in dem
11. und 12. Kapitel des 2. Buches der Erschrecklichen Heldentaten und Ebenteuer
Pantagrueli, der Dipsoden Knig, in sein ursprnglich Naturell wiederhergestellt
durch Meister Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor. Ich brauche meinen Lesern
nicht zu bemerken, da dieser Alcofribas niemand anders ist als: Meister Franz
Rabelais, der Arzenei Doktoren.
    Meister Franz schildert uns in dem erwhnten Kapitel seines
unbertrefflichen Werkes, fr das er ebenfalls weder gehngt, guillotiniert noch
gekpft wurde: den Proze Leckebock-Saugefist. Um meinen Lesern einen
Vorgeschmack von dem mglicherweise zum wirklichen Ausbruch kommenden Proze
Schnapphahnski zu geben, fhre ich das Pldoyer jenes merkwrdigen Falles
wrtlich an:
    Da sprach Pantagruel zu ihnen: Seid ihr es, die ihr den groen Streit mit
einander habt? - Ja, gndiger Herr, antworteten sie. - Und welcher von euch ist
der Klger? - Ich bin's, sprach Herr von Leckebock. - Nun, mein Freund, so
erzhlet uns also Punkt fr Punkt euren Handel rein nach der Wahrheit: denn bei
dem hohen Sakrament! wo ihr auch nur ein Wort dran lgt, hol ich den Kopf euch
von den Schultern, und will euch weisen, da man in Rechten und vor Gericht nur
die lautere Wahrheit sagen soll. Darum htet euch also wohl, eurer Sache etwas
zuzusetzen oder davonzutun! Saget an.
    Da begann denn Leckebock wie folgt: Gndigster Herr, es ist wohl wahr, da
eine brave Frau meines Hofes Eier zu Markte trug - bedeckt euch, Leckebock,
sprach Pantagruel. - Groen Dank, Herr, sagt' der Junker: doch weiter im Text:
zwischen den beiden Wendezirkeln kam sie sechs Kreuzer zenithwrts und einen
Stber, in Betracht da die Riphischen Berg dies Jahr sehr unfruchtbar an
Gimpel-Schneisen gewesen waren, mittels eines Aufruhrs, der sich zwischen den
Kauderwelschen und den Accusirnern erhoben, wegen der Rebellion der Schweizer,
die sich auf Pumpzig an der Zahl zum Heereszug gen Neuennadel versammelt hatten,
im ersten Loch des Jahres, da man die Supp den Ochsen, und den Jungfrauen den
Kohlenschlssel zum Haberschmaus fr die Hund verabreicht'. Die ganze Nacht ward
(Hand am Pot) nichts weiter geschafft, als da man Bullen expediert auf Posten
zu Fu und Knecht zu Ro, um alle Khn in Beschlag zu nehmen, denn die Schneider
wollten ein Blaserohr aus den gestohlenen Flecken machen, den Ocean zu
berdachen, der damals nach der Heubinder Meinung mit einem Krautgems schwanger
ging. Aber die Physici meinten, es wr an seinem Wasser kein Zeichen zu sehen so
deutlich wie am Fu des Trappen, Hellebarden mit Senf zu pappen, wofern nicht
die Herren Oberrichter der Syphylis aus Be Moll verbten hinter den Laubwrmern
drein zu stoppeln, und also whrend des Gottesdiensts spazieren zu gehen. Ha,
ihr Herren, Gott helf uns weiter nach seinem Rat, und, wider des Unglcks bse
Tck zerbrach ein Krrner nasenstblings sein Peitsch: denn das Gedchtni
verrauchet oft, wenn man die Hosen verkehrt anzeucht. - Hier sprach Pantagruel:
Sacht, mein Freund, nur sacht! sprecht langsam, ereifert euch nicht. Ich versteh
den Kasus; fahret fort.
    Und Leckebock fuhr fort, noch eine halbe Stunde lang zu reden, in bisheriger
Weise. Nachdem er sich aber aller seiner Weisheit entledigt hatte, setzte er
sich und murmelte: Demnach, Gestrenger, bitt ich schn, Euer Hoheit woll in
dieser Sach erkennen und sprechen was Rechtens ist, nebst Kost, Zinsen und
Schadenersatz.
    Da erhob sich Herr von Saugefist; er rusperte sich vierundsechzigmal und
erwiderte: Gndigster Herr, und ihr andern Herren, wenn die Bosheit der
Menschen so leicht nach kategorischem Urtheil erkannt wrd', als man die Mcken
im Milchnapf sieht, so wrd' das Vier-Ochsen-Land von den Ratzen nicht so
zerfressen sein als es ist, und manche zu schimpflich gestutzte Ohren wrden
annoch auf Erden sein. Denn obschon was die Geschicht des Facti und den
Buchstaben anbetrifft, des Gegners Bericht auf ein Hrlein wahr ist, so sieht
man doch gleichwohl, meine Herren, die Listen, Schlich und die feinen Hklein,
und sieht wo der Hund begraben liegt. Ey heilige Dam! man kann den Schnabel
nicht mit Kuhmist heitzen, ohne sich Winterstiefel zu kaufen, und die Schaarwach
kriegt ein Klystier-Decoct oder den Kackstoff. Mu man derhalb die hlzernen
Bratspie schmoren? Doch der Mensch denkt und Gott lenkt, und wenn die Sonne
hinunter ist, sitzt alles Vieh im khlen Schatten. Anno Sechs und dreiig kaufte
ich mir noch einen Fuchsschwanz. Er stand fein hoch und kurz: die Woll' so
ziemlich, aber gleichwohl hing der Notar sein Cetera daran.
    Ich bin kein Studierter, aber im Buttertopf, wo die vulkanischen Instrument
besiegelt wurden, ging das Gercht, der gepkelte Ochs, der spret den Wein in
stockfinsterer Mitternacht ohn Licht aus, und stcke er auch zu unterst im Sack
des Kohlenbrenners. Zwar ist an dem, da die vier Ochsen, von denen die Rede
ist, einigermaen ein kurzes Gedchtni hatten, doch was die Murrner anbetrifft,
so htten sie auch bei der Hundshochzeit zum Garaus geblasen und der Notar htte
auf kabbalistisch seinen Rapport darber erstattet, da sechs Morgen Wiesenland
keine drei Flaschen Dinte geben.
    So sprach auch Saugefist noch eine lange Weile. Als er aber ebenfalls
ausgeredet, erhub sich Pantagruel, rief alle Prsidenten, Rth und Doctores
zusammen, und sprach zu ihnen: Wohlan ihr Herren, ihr habt nun vivae vocis
oraculo den Handel gehrt, davon die Red ist; was dnkt euch dazu?
    Und sie antworteten: Freilich haben wir's gehrt, aber wir verstanden fr'n
Teufel auch nicht ein Wrtlein davon. Bitten Euch demnach una voce unterthnigst
um die Gunst, da Ihr nach Eurer Einsicht wollt das Urthel sprechen.
    Da nahm Pantagruel das Wort und sprach: Auf Vernehmen, Anhrung und
reifliches Erwgen des Streites der Herren von Leckebock und Saugefist, erkennt
das Gericht, da in Betracht dessen und dessen und in Erwgung, da die
Glas-Molken auf nchsten Mai in Mitten August zahlbar sind, und die
Guttural-Beinschellen durch Heu verstopft werden mssen, jene zu leisten
schuldig sind und Freund wie vor, ohne Kosten, aus Ursach.
    Also lautete die Fllung des Urtheils und beide Theile gingen zufrieden mit
dem Bescheid von dannen, welches schier ein unglaublich Ding war: denn seit dem
groen Regen htt' man noch nicht erlebt und wird's auch schwerlich in dreizehn
Jubeljahren erleben, da zwo uneinige Parteien in einem Rechtsstreit ebenmig
das Endurtheil gut heien sollten.
    Die brigen anwesenden Rthe und Doctoren aber saen dort wohl noch an drei
Stunden steif und starr in stummer Verzckung, auer sich fr Staunen ob des
Pantagruels bermenschlicher Weisheit, welche sie aus Entscheidung dieses so
schweren und kitzlichen Handels klar erkannten. Und sen noch allda, wenn man
nicht Essig und Rosenwasser die Flle gebracht htte, zu Erweckung ihrer fnf
Sinne und Lebensgeister, da denn Gott ewig Lob fr sei. -
    So weit Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor.
    Vor dem Proze der Herren Leckebock und Saugefist gab es keinen hnlichen:
und nach ihm gab es nur den des berhmten Ritters Schnapphahnski.
    Erwarten wir von ihm das Mglichste. ffentlich werde ich an den
meistbietenden Advokaten die Ehre, mich zu verteidigen, verkaufen lassen.
    Unsterblich kann er sich machen durch meine Verteidigung! Denn meinen Proze
werde ich besingen, in Jamben, in Daktylen, in Trochen,

In Spondeen und Molossen,
In antiken Verskolossen -,

der Gegenwart zur Lust, der Nachwelt zu unauslschlichem Gelchter.
    Kln, Dezember 1848
                                                                    Georg Weerth

                                       I



                                   Schlesien

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nachdem aus Berlin man verbannt ihn;
Vieler Menschen Stdte gesehn und Sitte gelernt hat,
Auch bei Don Carlos so viel' unnennbare Leiden erduldet.

Gewi! Vater Homer, der weibrtige griechische Barde, wrde nicht den edlen
Odysseus, nein, er wrde den edlen Ritter Schnapphahnski besungen haben, wenn
Vater Homer nicht zufllig in einer Zeit gelebt htte, wo man weder Klavier
spielte noch Manila-Zigarren rauchte, wo man weder an Berlin noch an Don Carlos
dachte.
    Homer ist tot. Ich lebe. Das letztere freut mich am meisten. Was Homer nicht
tun konnte: ich tue es. Homer besang den Odysseus - ich verherrliche den Ritter
Schnapphahnski.
    Seltsame Vgel gab es auf Erden - von Adam an bis auf Heinrich Heine. Adam
wurde im Paradiese geboren und war ein Mensch; Heine sah das Licht der Welt in
Dsseldorf und ist ein Gott - nmlich ein Dichter.
    Heine wohnt in Paris - dies wissen alle schnen Frauen. Viel artige
poetische Kinder zeugte er. Sein jngster Sohn ist aber ein Br. Und dieser Br
heit Atta Troll. Nchst dem Groen und dem Kleinen Bren dort oben am Himmel
ist dieser Atta Troll der berhmteste Br unserer Zeit.
    Meine Leser mssen mir nicht zrnen, da ich von den Griechen pltzlich auf
die Bren komme - die Hauptsache ist aber, da Atta Troll in genauem
Zusammenhange mit dem Ritter Schnapphahnski steht. In zauberisch-poetischen
Nebel gehllt, sehen wir nmlich in Heines klingendem Gedichte den Ritter
Schnapphahnski zum ersten Male ber die Bhne schreiten. Ein komisches
zweibeiniges Wesen, in eine Brin verliebt, der Finanznot blasse Wehmut auf den
Wangen, beraubt seiner Kriegskasse von 22 Silbergroschen und die Uhr
zurckgelassen im Leihhause von Pampeluna!
    Schattenhaft, wie ein Jger der wilden Jagd, huscht der edle Schnapphahnski
an uns vorber; wir mchten ihn festhalten, einen Augenblick; wir mchten ihm
noch einmal ins Auge schaun, ihn noch einmal vom Wirbel bis zur Zehe betrachten,
den geisterhaften, den interessanten Mann - aber fort ist er, ehe wir's uns
versehen, und erstaunt fragen wir uns: Wer ist dieser Schnapphahnski?
    Lieber Leser, sei nicht unbescheiden! Zwar alles wei ich nicht, doch viel
ist mir bewut! Hre zu, was ich dir von Schnapphahnski erzhlen werde; es ist
Zeit, da der edle Ritter aus seinem zauberisch-poetischen Nimbus heraustritt;
an den Zipfeln seines Frackrocks zerre ich ihn vor das groe Publikum.
    Wie schlafende Riesen liegen hinter uns die verrauschten Jahrhunderte, tot
und stumm. Aber alte Historiker, bcherbestaubt und grn bebrillt, und naseweise
Poeten prickeln und stacheln sie bisweilen mit ihren spitzigen Federn, und dann
fahren sie empor, sie heben ihre Kpfe, sie ffnen den Mund, und halb im Traume
erzhlen sie uns brockenweis ihre klugen und ihre trichten Geschichten - wie es
gerade kommt, und bleischwer sinken sie wieder zusammen.
    Glcklicherweise habe ich es nicht mit den schlafenden Riesen der
Jahrhunderte zu tun. Es handelt sich nur um die Vergangenheit des Ritters
Schnapphahnski, und lieblos werde ich sie mit meiner Feder emporstacheln, damit
die Welt doch endlich sieht, was sie an ihrem Ritter hat, damit unser
Schnapphahnski doch endlich zur rechten Anerkennung gelangt.
    Das Dasein Schnapphahnskis gleicht einer bunten Arabeske. Manchmal wird es
euch an die Aventren des Chevalier Faublas erinnern; bald an eine Episode aus
der Geschichte des Ritters von der Mancha, bald an die Glanzmomente eines
Boscoschen Taschenspielerlebens.
    Zrtlicher verliebter Schfer, rasender Raufbold, Spieler, Diplomat, Soldat,
Autor - alles ist dieser Schnapphahnski - ein liebenswrdig frecher Gesell. -
Doch zur Sache!
    Schnapphahnski ist von Geburt ein Wasserpolacke. Ich bitte meine Leser,
nicht zu lachen. Schnapphahnski ist ein wunderschner Mann, den manches
allerliebste Frauenzimmerchen recht gern in den kohlschwarzen Bart hineinkssen
wrde. Der Ritter ist nicht gro, aber er ist hbsch und krftig gebaut. Ein
kleiner, schmaler Fu, ein rundes Bein, eine gewlbte Brust, ein stolzer Kopf
mit schwarzem Knebel- und Schnurrbart, flink und gewandt: das ist der Ritter
Schnapphahnski. Ein Mann wie gedrechselt, mit funkelnden Augen, hhnischen
Lippen und aristokratisch weien Hnden.
    Im Monat Mai seines Lebens war der junge, schne Wasserpolacke Freiwilliger
in dem 4. (braunen) Husarenregimente, dessen Stamm in O. in Schlesien stand.
    Das lautet wieder ganz prosaisch. Aber man denke sich den jungen Fant,
dessen Fu nur auf den Teppich oder in den silbernen Bgel trat, in knapper
Uniform, die Reitpeitsche in der Hand, den ersten dunklen Flaum des Bartes auf
den zarten Wangen, die Gewandtheit eines jungen Katers in jeder Bewegung und die
Lsternheit blitzend aus beiden Augen - und man wird gestehen mssen, da es
eben kein Wunder war, wenn er einen gewissen Eindruck auf die schne Grfin S.
machte.
    Die schne Grfin S. verliebte sich in den braunen Husaren. Weshalb sollte
sie nicht? Wr ich die Grfin S., ich htte es auch getan. Der jugendliche
Freiwillige war gar zu reizend. Schon damals zeigte sich bei ihm die Gabe der
Rede, jenes Talent, was ihm spter von so unendlichem Nutzen war, mit dem er so
manchen stillen Landtagsabgeordneten in haarstrubendes Erstaunen setzte. Die
Worte flossen ihm so glatt von den Lippen, und eine jede Phrase begleitete er so
ausdrucksvoll mit der schneeweien Hand, da die arme Grfin zuletzt nicht mehr
widerstehen konnte und sich ihrem Husaren auf Gnade und Ungnade ergab.
Glcklicher Ritter! Er durfte seinen jungen Schnurrbart auf die kulichsten
Lippen ganz Schlesiens drcken. Kaum der Schule entlaufen und schon ein
Alexander, der eine Welt, ein Herz eroberte!
    Soweit war alles gut. Da Schnapphahnski ein grfliches Herz stahl: niemand
wird ihm das verdenken; und da er seine Grfin kte: nun, das war seine
verfluchte Schuldigkeit. Denn der Mensch soll kssen! In flammender
Frakturschrift steht dies geschrieben in den rosigen Abend- und Morgenwolken.
Der Mensch soll kssen! In kleiner Schrift stehet es geschrieben auf dem Blatt
jeder Rose, jeder Lilie.
    Schnapphahnski kte, und er gehorchte dem Gesetz, das mehr als die
Frakturschrift der brennenden Wolken und mehr als die kleine Schrift der Lilien
und der Rosen die Lippen einer Grfin verkndigten, einer liebenswrdigen
schlesischen Grfin.
    Wie gesagt, bis zu diesem Augenblicke konnte man Schnapphahnski nicht den
geringsten Vorwurf machen: er liebte und er ward geliebt, er kte und er wurde
gekt.
    Der edle Ritter war aber nicht zufrieden mit dem Schicksal gewhnlicher
Sterblicher; abenteuerlich juckte es in seinen Knochen; er berredete die Grfin
zur Flucht, er entfhrte sie. - Der Ritter stand also in der dritten Phase
seines Unternehmens. Zuerst geliebt, dann gekt, und nun entfhrt. - Alle
Ehemnner werden ihn des letztern wegen ernstlich tadeln; so etwas ist
unhflich; ein Weib entfhren: das ist nicht recht; einen armen Ehemann mit
seinen Hrnern und mit seinem Gram allein zurckzulassen, das ist hartherzig und
unpolitisch; namentlich unpolitisch, denn wollte man jede Helena entfhren, wie
viele Stdte wrden da nicht das Schicksal Trojas teilen? welches Elend wrde
ber die Welt kommen? Paris, Wien und Berlin wrden in Rauch und Flammen
untergehen - aller Spa hrte auf, mit den Nationalversammlungen htte es ein
Ende, und mancher edle Ritter Schnapphahnski wrde vergebens seine Beredsamkeit
an den Mann zu bringen suchen.
    Aber unser brauner Husar mit den prallen jugendlichen Schenkeln und den
lsternen Augen dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft, als er
die schlesische Helena lchelnd hinauf in den Wagen hob, um eiligst das Weite zu
suchen.
    Weshalb sollte er auch an die Zukunft denken? War die Gegenwart nicht schn
genug? Ach, so herrlich fuhr es sich an der Seite des himmlischen Weibes. Die
Vgel sangen, die Blumen schauten verwundert zu den Liebenden empor, und die
Rosse trabten hinweg ventre  terre, und ihre Mhnen flatterten im Winde.
    Die Ksse, die man in solchen Augenblicken kt, mssen nicht mit Millionen
zu bezahlen sein. Glcklicher Schnapphahnski! Whrend er die Lust des Daseins
schmeckte, lief dem geprellten Ehemanne gewi bei jedem Kusse, ohne da er wute
weshalb, ein eisiges Frsteln ber den Nacken.
    Wo war doch dieser Ehemann? Es ist wirklich merkwrdig, die Ehemnner sind
tausendmal zu Hause, wenn es sich um eine wahre Lumperei handelt, aber der
Teufel wei, wie es kommt, da sie stets abwesend sind, wenn es sich um ihre
Frisur dreht.
    Wer wei, was aus der Frisur des Grafen S. geworden wre, wenn nicht der
Kutscher der Liebenden, ein tressengeschmckter Kerl mit gewichstem Schnurrbart
und schrgsitzendem Hute, pltzlich die Zgel der Rosse fest angezogen und, vom
Bock hinunter und an den Wagenschlag springend, dem schnen Paris, dem braunen
freiwilligen Husaren Schnapphahnski mitgeteilt htte, da ganz gegen die Fabel
der ehrenwerte Ehemann, der Herr Menelaos, der Graf S., soeben im Begriff sei,
ihnen aufs gemchlichste entgegenzureiten.
    Man kann sich die Stimmung Schnapphahnskis denken; er begriff nicht, wie die
unsterblichen Gtter so unverschmt sein konnten, dem lustigsten Husaren ganz
Schlesiens auf so erbrmliche Weise in den Weg zu treten. Aber in den
gefhrlichsten Momenten zeigt sich die Bravour eines sinnreichen Junkers am
eklatantesten.
    Grfin, sprach er zu der zitternden Helena, ich werde dich ewig im Herzen
tragen. Aber so wahr ich Schnapphahnski heie und vom reinsten preuischen Adel
bin: hhere Rcksichten gebieten mir, in diesem Augenblicke auf dich zu
verzichten, damit nicht aus deinem Raube ein zweiter Trojanischer Krieg
entspringe, stdteverwstend und hinraffend der Edlen viel aus der preuischen
Heerschar. Steige daher hinab auf die Landstrae, wo dich ein zrtlicher Gatte
mit den liebenden Armen umfangen wird, um dich zurckzufhren gen O. in
Schlesien, wo das 4. Regiment der braunen Husaren steht, ein Regiment, dem ich
auf ewig Lebewohl sage.
    Schnapphahnski schwieg, und sein Herz klopfte wilder - der Herr Menelaos kam
immer nher. Mochte die Trne von den Wimpern der schnsten aller Frauen rieseln
- galant bot ihr der khne Ritter den schtzenden Arm und hob sie hinab.
    Schnapphahnski selbst kehrte aber zurck in die harrende Karosse; der
Kutscher strich seinen Bart und:
    Treibend schwang er die Geiel, und rasch hin trabten die Rosse -
    und Schnapphahnski ward nicht mehr gesehen.
    Was sagen meine Leser zu dieser Geschichte? Ist sie nicht wert, von einem
preuischen Homer besungen zu werden?
    Der Raub der Helena unterscheidet sich von dem Raub der Grfin S. nur durch
die Pointe. Der erstere endete damit, da Troja in Flammen aufging, der andere
fand darin seinen Schlu, da der Graf S., indem er seine Gemahlin nach Hause
zurckfhrte, den jungen Schnapphahnski den - Stcken seiner Lakaien empfahl.
    Armer Schnapphahnski! - Rchenden Gespenstern gleich stehen hinfort die
Bedienten des Grafen S. vor der Seele des irrenden Ritters. In der Stille des
Gemaches, in dem Lrm der Gassen hat er keine Rast und keine Ruh. - O die
Bedienten des Grafen S.! O die verfluchten Lakaien aus O.! Die Jahre sind
geschwunden, und glcklich wrde Schnapphahnski sein - sitzt er nicht endlich
mit den Mnnern des Jahrhunderts auf ein und derselben Bank? lauscht nicht ein
ganzes Volk seinen tnenden Worten? Aber ach, will er sich seines Schicksals
freuen, da zuckt er, da schrickt er zusammen, denn sieh, durch das Wogen der
Versammlung, ber die Kpfe seiner Bewundrer schaut es pltzlich wie ein Gesicht
aus O., wie ein Bedienter des Grafen S. - und tief verhllt der edle Ritter sein
erbleichendes Antlitz.

                                       II



                                    Troppau

Zu den Eigenschaften eines Ritters ohne Furcht und Tadel gehrt nicht nur ein
kleiner Fu, eine weie Hand, ein kohlschwarzer Schnurrbart, ein
herausforderndes Profil, eine halbe Million, ein Dutzend Liebschaften - nein,
auch ein Duell.
    Ein glcklich berstandenes Duell verleiht dem Menschen einen eigentmlichen
Reiz. Ich rate einem jeden, sich wenigstens einmal in seinem Leben auf 14
Schritt mit Pistolen zu schieen. Das ist eine herrliche Sache. Die Frauen
werden ihm artiger und die Mnner werden ihm hflicher entgegenkommen. Man wei,
er hat seine Sporen verdient, er hat den Kugeln getrotzt, er hat sich als Mann
gezeigt - kann man den Frauen ein greres Vergngen machen, als wenn man ihnen
beweist, da man ein Mann ist?
    So auch dachte der Ritter Schnapphahnski, als er nach seinem unsterblich
schnen Abenteuer mit der Grfin S. wohlweislich den Weg zwischen die Beine nahm
und sich auf eine unglaublich schnelle Weise aus dem Staube machte. Halte Gott
vor Augen und im Herzen! heit es in der Bibel. Halte die Lakaien des Grafen S.
vor Augen und im Herzen! summte es in die Ohren Schnapphahnskis. Er sah ein, da
ihm in Schlesien weder Rosen noch Lorbeeren, sondern nur Hasel- und
Heinebchenstcke sprieen wrden, da er in der Gegend von O. nie auf einen
grnen Zweig kommen, sondern da die grnen Zweige oder vielmehr die grnen
Prgel nur auf ihn herunterkommen wrden, und er zweifelte aus diesem Grunde
daran, da er es lnger als Freiwilliger des 4. (braunen) Husarenregiments in O.
aushalten knne, und, mit einem Worte, der edle Ritter entfernte sich,
Schnapphahnski nahm reiaus.
    Ach! Noch so jung und doch schon so unglcklich! Der edle Ritter htte ber
sich selbst weinen mgen. Aber was war gegen das hlich-unerbittliche Schicksal
zu machen? Der allmchtige Schpfer Himmels und der Erden kann das Geschehene
nicht ungeschehen machen; selbst der Kaiser Nikolaus ist ohnmchtig in diesem
Punkte ... Schnapphahnski begriff, da er die schne Grfin S. keck entfhrt und
da er sie feige verlassen hatte. Die Schande stand ber seinem Leben so
offenbar, wie die Sonne leuchtend ber der Welt steht, und es handelte sich nur
noch darum, wie man diese Sonne der Schmach am besten in den
undurchdringlichsten blauen Dunst der Lge verstecken knnte.
    Ein Mann wie Schnapphahnski, wenn er eine Flasche Champagner getrunken, drei
Zigarren geraucht und sich sechsmal verliebt im Spiegel angesehen hat, ist nie
um eine erbauliche, glaubhafte Lge verlegen.
    Der edle Ritter war keineswegs ein solcher Narr, da er schon von vornherein
an seinem erfinderischen Haupte verzweifelte. Bin ich nicht Schnapphahnski, ein
Mann wie ein Engel? rief er, den jugendlichen Schnurrbart streichend und das
ganze Firmament messend mit den flammenden Blicken. Unser Ritter hatte recht.
Gewandt und hbsch machte er aus dem Abenteuer mit der Grfin S. die schnste
Duellgeschichte, eine Geschichte, so verwickelt, so verteufelt verzwickt, da
zuletzt niemand mehr daraus klug wurde - die Lakaien des Grafen S. ausgenommen.
Die berstandene Gefahr eines erlogenen, aber nichtsdestoweniger frech
ausposaunten Duells sollte die nackte Schmach eines feigen Entrinnens in etwa
verhllen. Die Welt sollte glauben, da der edle Ritter unglcklich geliebt und
da er sich furchtbar geschossen habe - mit einem Worte, Schnapphahnski tat
alles, was ein ehrlicher Mann tun kann, um aus einer schlechten Sache eine
brillante Historie zu machen, und keck strzte er sich wieder in den Strudel der
vornehmen Welt - natrlich eben nicht in der Nhe der Lakaien des Grafen S.
    Mit ihrem Erfinder reiste auch die Fabel in die Welt hinein, und wie sie von
Mund zu Munde ging, da nahm sie natrlich auch an Abenteuerlichkeit zu, so da
unser Schnapphahnski nach kaum einem Vierteljahre schon weit und breit als einer
der wtendsten Raufbolde, als einer der schrecklichsten Duellanten seiner Zeit
bekannt war.
    Unser Ritter war glcklich; aber ach, er hatte vergessen, da es nichts
Gefhrlicheres auf Erden gibt als Ruhm. Unberhmte Leute knnen die besten
Gedichte machen, die schlechtesten Prozesse gewinnen und die ausgezeichnetsten
Reden halten: man verzeiht ihnen das alles; aber wehe dir, wenn du ein bekanntes
Haupt bist, da pat man dir auf die Finger, und du magst dich drehen und wenden,
wie du willst, es sitzt dir irgendein Teufelskind im Nacken und erinnert dich
daran, da du ein sehr sterblicher und vergnglicher Mann bist.
    Der edle Ritter Schnapphahnski fand sein Teufelskind, den Kobold seines
Lebens, in einem gewissen Grafen, in einem Manne, der zeit seines Lebens die
Menschen lieber lebendig als tot fra, lieber mit Haut und Haar als gestooft
oder abgekocht, lieber roh und ohne alle Zutat als mit Essig, l, Pfeffer, Salz
und Mostert. Graf G. ist womglich noch einer der khnsten und ehrlichsten
Degen, die der preuische Adel aufzuweisen hat; ein Mann, der auf seinem Ro die
steilste Treppe hinangaloppiert, der seine Pistole so sicher schiet wie der
alte Lederstrumpf seine lange Flinte und der den Sbel mit einer solchen
Gewissenhaftigkeit zu fhren wei, da ich ihn, nmlich den Herrn Grafen G.,
hierdurch aufs hflichste gebeten haben will, mir doch stets drei Schritte vom
Leibe zu bleiben, sintemalen ich nicht die geringste Lust verspre, ihm zu
fernerer Erprobung seines schauerlichen Handwerks an meinem Leibe Gelegenheit zu
geben.
    Graf G. hrte von den Taten Schnapphahnskis, und es versteht sich von
selbst, da ihn sofort die Eifersucht stachelte, um aus der Haut zu fahren, um
verrckt zu werden. berall, wo er ging und stand, immer Schnapphahnski und ewig
Schnapphahnski! Graf G. geriet zuletzt in ein wahres Delirium, in einen St.
Veitstanz, wenn man ihn nur im entferntesten an unsern Ritter erinnerte; seine
Hengste spornte er blutig, er prgelte Hunde und Bediente, und alles nur wegen
des verfluchten Schnapphahnski.
    Am allerbegreiflichsten ist es indes, da Graf G. zuletzt keinen anderen
Wunsch mehr auf Erden kannte, als unserm Ritter einmal auf den Zahn zu fhlen.
    Leider wollte sich hierzu aber nie eine Gelegenheit finden. Schnapphahnski
war der liebenswrdigste Mensch von der Welt, betrend bei den Weibern und
schlau bei den Mnnern. Er war allmhlich zu der berzeugung gekommen, da das
Leben kostspielig ist, sehr kostenspielig. Trotz aller uern Bravour glaubte er
in der Tiefe seiner Seele an den 10. Vers des 90. Psalms, wo da geschrieben
steht, da unser Leben siebenzig Jahre whrt, und wenn's hoch kommt achtzig, und
da es kstlich gewesen ist, wenn es Mhe und Arbeit gewesen, und da es schnell
dahinfhrt, als flgen wir davon.
    Dachte er aber gar an den Grafen G., so ging es ihm nicht anders wie mir: er
htte sich lieber mit dem Pferdefu des Satans herumgeschlagen als mit der
Klinge jenes frchterlichsten aller modernen Menschenfresser.
    Aber was hilft es, wenn die Unsterblichen nun einmal beschlossen haben, da
einem das Schicksal ein Bein stellen soll?
    Schnapphahnski hatte eines Abends die Unvorsichtigkeit begangen, seinem
treuesten Freunde unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mitzuteilen,
da die Schwester des Grafen G. - - meine Leser mssen entschuldigen, wenn ich
ihnen eine der galantesten Lgen neuerer Zeit nicht zu wiederholen wage - genug,
unser Ritter lie sich durch seine Phantasie zu einer Mitteilung verleiten, die,
eben weil sie unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit geschah, auch schon
am nchsten Morgen von dem treuesten aller Freunde dem Grafen in ihrer ganzen
Frische wieder berbracht wurde.
    Graf G. fluchte wie ein Christ und wie ein Preue. Er nahm seinen Sbel von
der Wand, und er nahm seine Pistolen - o armer Schnapphahnski! Doch was soll ich
weiter erzhlen? Es versteht sich von selbst, da Graf G. in der Wohnung unseres
Ritters eher den Vater Abraham htte antreffen knnen als den Herrn von
Schnapphahnski.
    Ja wahrhaftig, wie der edle Ritter einst dem ehrenwerten schlesischen
Menelaos die Landstrae gerumt und die liebenswrdigste Frau berlassen hatte,
so lie er diesmal dem kriegerischen Grafen G. die berzeugung zurck, da ein
Mann wie Schnapphahnski eine viel zu feine Nase hat, um nicht das Pulver auf
wenigstens tausend Schritt zu riechen - mit einem Worte: Mensen Ernst htte
nicht schneller davonlaufen knnen als der berhmte Ritter Schnapphahnski.
    Die bse Welt erzhlt von einer groen unerbittlichen Hetzjagd, die jetzt
ihren Anfang nahm. Fabelhaft war die Wut des Grafen G., aber noch unglaublicher
war die Eile des Ritters Schnapphahnski. Wie die brennende Sonne den bleichen
Mond verfolgt, so folgte der zornglhende Graf dem angstblassen Ritter. Da war
kein Hotel, kein Salon zwischen Dresden, Berlin und Wien, da war kein Ort in dem
ganzen stlichen Deutschland, der nicht untersucht wurde, in dem man sich nicht
aufs angelegentlichste nach Sr. Hochgeboren, dem Ritter Schnapphahnski,
erkundigte. Doch die Distanz wurde immer kleiner; immer nher rckte der Graf
auf des Ritters Pelz - in Troppau in streich stehen unsere Helden endlich mit
den krummen Sbeln in den Fusten einander gegenber.
    Der edle Ritter kann seinem Schicksal nicht mehr entrinnen. Graf G. versteht
keinen Spa. Der Kampf beginnt. Seit Sir John Falstaff auf der Ebene von
Shrewsbury mit dem Schotten Douglas aneinander war, gab es kein so famoses
Treffen mehr auf der Welt als das unserer Helden in Troppau.
    So fiel ich aus, und so fhrt ich meine Klinge! hatte der edle Ritter
manchmal renommiert, wenn er den Damen seine Abenteuer schilderte. Jetzt war die
Stunde gekommen, wo er das in der Tat und in der Wahrheit durchmachen sollte,
was er frher so oft im Geiste und in der Lge erlebte.
    Schnapphahnski empfahl sich dem allmchtigen Schpfer Himmels und der Erden,
er setzte den einen Fu vor, er erhob den Sbel, und die Paukerei ging los. Graf
G. schlug drein wie der leibhaftige Teufel. So ein Eisenfresser hat kein Mitleid
- armer Schnapphahnski! Der edle Ritter fhlt, da er es mit dem Bruder einer
schnen Schwester zu tun hat, aber er wehrt sich, so gut er kann. Da fehlt er
zum ersten Male, und die Klinge seines Gegners fhrt ihm ber den Leib, so
nachdrcklich, so impertinent unhflich, da Graf G. nicht anders meint, als da
der Ritter ins Gras beien und das Zeitliche segnen mte. Schnapphahnski denkt
aber nicht daran; ein leises Frsteln rieselt ihm ber den Nacken, er schttelt
sich, und wiederum steht er da in der alten Parade: So fiel ich aus, und so
fhrt ich meine Klinge!
    Graf G. macht da den zweiten Ausfall; abermals klirren die Sbel, und zum
zweiten Male besieht unser Schnapphahnski einen Schmi, der dem besten
Korpsburschen Heulen und Zhnklappen verursacht haben wrde, vor dem unser
Ritter aber nur leise stutzt und momentan zurckweicht, um sich sofort wieder zu
sammeln und seine frhere Stellung einzunehmen. Graf G. ist ber das zhe Leben
seines Feindes nicht wenig erstaunt; er kennt doch die Force seines Sbels, er
wei, was in frhern Jahren seinen Hieben zu folgen pflegte, und schumend vor
Wut, da seine besten Schlge ohne Erfolg bleiben, strzt er zum dritten Male in
den Kampf, und wiederum rasseln die Klingen, da die Lfte schwirren, da allen
beiden Kmpfern Hren und Sehen vergeht.
    Da trifft der Sbel des Grafen zum letzten Male, und Schnapphahnski taumelt
totenbleich zu Boden - o armer Mann! Die Klinge hat den Kopf nicht berhrt, sie
machte eine Reise ber Schulter und Brust, die Kleider hngen in Fetzen herunter
- o unglckseliger Ritter! Fallen in der Blte der Jugend, ein Mann, so schn
und so glcklich - es ist hart! Da kniet der Graf an seinem Opfer nieder und
reit die Kleider seines Gegners auf; er erwartet nicht anders als eine
klaffende Wunde von ein bis zwei Zoll, es wundert ihn, da nicht das Blut schon
hervorspritzt. Da ist er mit dem Losknpfen des Rockes fertig, zu seinem
Entsetzen zieht er - ein nasses seidnes Sacktuch aus dem Busen seines Feindes.
Er wei nicht, was dies bedeuten soll; noch immer kein Blut; er greift abermals
zu - ein zweiter Foulard! Zum dritten Male untersucht er - ein drittes Sacktuch!
Und so: ein, zwei, drei, sechs, acht, zieht der erstaunte Graf einen nassen
Lappen nach dem andern vom Krper des Ritters, bis zuletzt unser guter
Schnapphahnski, seiner Hlle bar, als ein vollkommen unverletzter, hchst
liebenswrdiger junger Mann am Boden liegt. - O Reineke, Reineke! O berhmter
Ritter Schnapphahnski! Du hattest dein zweites Abenteuer berstanden. Zuerst die
Grfin S., und dann der Graf G. O denke an die Lakaien zu O. in Schlesien, o
denke an das Duell von Troppau!
    Man erzhlt, Graf G. sei unwillig aufgesprungen; er habe ausgespuckt, sich
auf sein Pferd geworfen und das Weite gesucht. Schnapphahnski gewann nach
einiger Zeit die Besinnung wieder; er sammelte die umherliegenden Tcher und
steckte sie vorsichtig in die Taschen. Sein Bedienter brachte ihn, leiblich sehr
erschpft, aber geistig ungemein heiter, in die nchste Herberge.

                                      III



                                     Berlin

Nach dem Abenteuer in Troppau treffen wir Herrn v. Schnapphahnski zunchst in
Berlin. Eine interessante Blsse lagert auf seinem Gesicht, und es versteht sich
von selbst, da der schne schwarze Bart des Ritters dadurch nur um so
vorteilhafter ans Licht tritt. In Schlesien war unser Ritter ein verliebter
Husar, in Troppau erscheint er als renommierender Duellant - in Berlin ist er
Flaneur.

Salamankas Damen glhen,
Wenn er durch die Straen schreitet,
Sporenklirrend, schnurrbartkruselnd,
Und von Hunden stets begleitet.

Gibt es etwas Schneres als Flanieren? Der Hauptreiz des sen Nichtstuns
besteht brigens nicht darin, da man berhaupt sporenklingend und
schnurrbartkruselnd durch die Straen schreitet, sondern da man gerade dann
flaniert, wenn alle andern Leute wie die lieben Zugstiere arbeiten mssen.
    Ich bin fest davon berzeugt, ein westindischer Pflanzer fhlt sich nicht
nur deswegen so wohl in seiner Haut, weil er jedes Jahr an seinen Plantagen
diese oder jene Summe profitiert, nein, sondern nur aus dem Grunde scheint ihm
das Leben um so wonniger, weil er eben dann recht wohlgefllig seine
Havanna-Zigarren rauchen kann, wenn um ihn her die schwarzen Afrikaner in der
Glut der Sonne und unter der Wucht der Arbeit zu vergehen meinen.
    Hole der Teufel die Flaneure und die westindischen Pflanzer. Die Proletarier
werden einst die erstern und die Sklaven die letzteren totschlagen. Ja, tut es!
Es ist mir ganz recht - aber nur einen verschont mir: den Ritter Schnapphahnski!
    Unser Ritter gefiel sich in Berlin ausnehmend. Nichts konnte natrlicher
sein. Berlin, die Stadt, wo sich der Tee und das Weibier den Rang streitig
machen, wo die schnsten Gardeoffiziere und die schnsten Frauen in schlanken
Taillen wetteifern und wo jeder Eckensteher wenigstens etwas Bildung besitzt,
wenn auch nur fr einen Silbergroschen - Berlin war der Ort, wo unser Ritter am
ersten hoffen durfte, eine vermehrte und verbesserte Auflage seiner Blamagen
erscheinen zu sehen.
    Schnapphahnski war allmhlich in der Liebe Gourmand geworden. Die se,
sanfte Unschuld hatte er satt. Er sehnte sich nach weiblichem Kaviar - - ein
Blaustrumpf, eine Emanzipierte, eine Giftmischerin! - es war unserm Ritter
einerlei. Nur starker Tabak, nur Furore!
    Man begreift solche Gelste, wenn man bedenkt, da der edle Ritter nach der
letzten Affre in Troppau wenigstens fr ein ganzes Jahr so blasiert war wie
eine kranke Ente.
    Der Zufall wollte es, da die Augen Schnapphahnskis auf die gttliche
Carlotta fielen ... Er hatte gefunden, was er suchte. Nichts konnte erwnschter
sein als ein Roman mit einer geistreichen Schauspielerin, und nun vor allen
Dingen die Bekanntschaft mit einer Carlotta, die gerade damals in das Nachtgebet
jedes Gardelieutenants eingeschlossen wurde, deren Besitz nicht mit einer
Million aufzuwiegen war! Schnapphahnski hatte nicht so unrecht.
    Der Besitz einer Schauspielerin hat darin sein Pikantes, da man in ihr das
besitzt, was allen Menschen gehrt. In einer Schauspielerin umarme ich
gewissermaen die Lust und die Freude einer ganzen Stadt, eines ganzen Landes,
eines ganzen Weltteils. Nichts ist begreiflicher, als da Herr Thiers eine
Rachel liebt - -
    Dieselbe schneeweie Hand, die nach dem Fallen des Vorhanges noch vor allen
Blicken flimmert: ich darf sie zu sem Ku an meine Lippen drcken; derselbe
kleine Fu, der noch durch das Gedchtnis von tausend Rivalen schreitet: ich
darf ihn ruhig und siegesgewi betrachten, wenn er gleich einem seligen Rtsel
unter dem Saum des Kleides hervorschaut oder vor der Glut eines Kamines zu
einsamen Scherzen seine lieblichen Formen zeigt. Eine Carlotta, eine Rachel,
eine Donna Anna oder eine Donna Maria unter vier Augen ist ein Triumph ber die
Jeunesse dore von halb Europa.
    Konnte es anders sein, als da unser Lion Schnapphahnski sofort den
Entschlu fate, das Herz Carlottens zu erobern, koste es, was es wolle? Er
machte sich auf der Stelle an die Arbeit. Zur Belagerung eines Herzens gehrt
der gewohnte Kriegsapparat. Ein paar Tausend Seufzer und einige Hundert Wehs und
Achs dringen gleich zitternden Truppen zuvrderst auf den Gegenstand der
Blockade ein. Als Faschinen, zum Ausfllen hinderlicher Smpfe und Grben,
bedient man sich einiger Dutzend Veilchen-und Rosenstrue. Das Trompetensignal
des Angriffs besteht aus einem Stndchen von Flten und Fiedeln, dem man indes
noch eine Aufforderung zur bergabe in mglichst gelungenen Stanzen und Sonetten
vorhergehen lt. Sieht man, da mit Gte nichts auszurichten ist, so wirft man
einige Brandraketen in Gestalt der glhendsten, verzweifeltsten Blicke und lt,
je nachdem es ist, auch das schwere Geschtz der herzinnigsten Flche und
Verwnschungen mitspielen. Hat man den Angriff eine Zeitlang unerbittlich
fortgesetzt, so macht man einmal eine Pause und lt durch einige Boten, die
gleich krummen Fragezeichen um die Mauern der Geliebten schleichen, bei
irgendeiner alten Tr- oder Torwchterin die Erkundigung einziehen, ob die
hartnckige Schne nicht bald Miene mache, das Gewehr zu strecken. Wird dies
verneint, so beginnt man das Feuer wtender als je zuvor. Man schwrt bei allen
Gttern, da man sich eher selbstmorden, ja, da man lieber wahnsinnig werden
wolle, als von seinem Verlangen abstehen, und man gebrdet sich auch sofort wie
ein betrunkener Tuberich und ruht nicht eher, als bis man Himmel und Hlle in
Bewegung gesetzt und sich ruiniert hat an Witz, Leib und Beutel.
    Schnapphahnski belagerte seine Carlotta mit einer wahrhaft horntollen
Bestndigkeit.
    Aber ach, es war alles umsonst. Der edle Ritter seufzte seine besten
Seufzer, er warf seine glhendsten Blicke, er erschpfte seine ganze
Kriegeskasse, und doch sah Carlotta noch immer von der Bhne hinab in das
Parkett, wo stets an derselben Stelle, rein aus Zufall, ein wahrer Adonis von
einem Gardeoffizier stand und mit der lebendigen Knstlerin das Kreuzfeuer der
verliebtesten Blicke fhrte.
    Da sammelte der edle Ritter seine Gedanken um sich wie einen Kriegsrat und
beschlo, die Belagerung aufzuheben. Man glaube indes ja nicht, da Herr von
Schnapphahnski ein solcher Narr gewesen wre, um rein als Geprellter von dannen
zu ziehen. Gott bewahre! Der Mann, der die Grfin S. auf der Landstrae
aussetzte und die Hiebe seines Gegners mit nassen Sacktchern parierte, er wute
auch jetzt seine Ehre zu retten.
    Tiefsinnig schritt er Unter den Linden auf und ab, und nachdem er einen
Morgen und einen Nachmittag mit sich zu Rate gegangen war, lie er pltzlich am
Abend anspannen und seinen leeren Wagen vor das Hotel Carlottens fahren.
    Der Wagen stand dort den Abend, er stand die Nacht hindurch, und er stand
bis zum Morgen. Ruhige Brger, die eben nicht ganz auf den Kopf gefallen waren,
stieen einander an, wenn sie die Karosse sahen, und blickten dann schmunzelnd
hinauf zu dem Fenster der Knstlerin.
    Naseweise Literaten und spitzfindige Justizrte schauten sogar auf das
Wappen und die Livree des Kutschers, indem sie bedenklich die Kpfe schttelten
und dann mit allerlei kuriosen Gesprchen nach Hause schritten. Einige Offiziere
stutzten aber erst vollends. - Zufllig war unter ihnen auch jener Adonis aus
dem Parkett des Schauspielhauses! Er wei nicht, was er sieht, er reibt sich die
Augen, er fhlt an seinen Kopf, um sich davon zu berzeugen, ob ihn das
Schicksal wirklich mit einem jugendlichen Hornschmuck geziert hat, und den Sbel
in der Faust, dringt er dann in Carlottens Wohnung. - -
    Er findet die Knstlerin mutterseelenallein in ihrem Zimmer - sie empfngt
ihren Adonis, wie es einer Venus zukommt.
    Erst mit dem Morgenrot ist die Karosse Schnapphahnskis verschwunden. Berlin
erwacht zu geschftigem Treiben. Trdler und Eckensteher murren ber das
Pflaster; Karren und Droschken rasseln vorber; Handwerker und Kaufleute eilen
an ihre Arbeit, und fast der einzige Mensch, der erst sehr spt und uerst
langsam in die Stadt hinunterflaniert, das ist wieder niemand anders als unser
berhmter Ritter Schnapphahnski. - -
    Er sieht etwas leidend und angegriffen aus; seine Augen glnzen
feucht-melancholisch, und der schne Kopf mit dem feinen Hute hngt sinnend
hinab auf die seufzerschwere Brust. Da schleicht der Ritter nachlssig
scharwenzelnd in den nchsten Salon und wirft sich ghnend auf den Diwan.
Teurer Ritter, auf Ehre, was fehlt Ihnen? fragen einige Bekannte, als sie
ihren Freund in so weicher, schmerzlicher Stimmung sehen. Keine Antwort. Die
Lippen Schnapphahnskis umspielt ein mildes Lcheln. Auf Seele, Ritter, fhrt
man fort, es scheint Ihnen etwas Ungewhnliches passiert zu sein!
Schnapphahnski reckt einmal alle Glieder. Eine halbe Stunde verstreicht so, da
hat der Ritter die Aufmerksamkeit seiner liebenswrdigen Umgebung bis aufs
hchste gesteigert; aufs neue bestrmt man ihn mit Fragen, er kann nicht mehr
widerstehen, und gleichgltig wirft er die Worte die vorige Nacht - bei
Carlotta hin, und rings entsteht das freudigste, interessanteste Erstaunen!
    Man sieht, die Aventren unseres Ritters werden immer delikater. Zuerst eine
wirkliche Liebschaft, die zwar mit der erbrmlichsten Pointe schliet, deren
eine Liebschaft fhig ist, die aber wenigstens bis zum Augenblick der Pointe
alle sen, schauerlichen Phasen durchmacht und den Eindruck bei uns zurcklt,
da es dem edlen Ritter wenigstens einmal in seinem Leben gelang, eine Frau zu
erobern und ein Herz zu besitzen. Schade, da die Stcke der Lakaien des Grafen
S. sich an dieses erste Abenteuer reihen!
    Dann die zweite Aventre. Sie drehte sich ebenfalls um das schne
Geschlecht. Der Ritter besitzt aber schon nicht mehr, nein, er intrigiert nur.
Die Sache lt sich aber trotzdem noch hren, weil ein Duell daraus entsteht,
ein Duell mit einem Grafen G., einem wahren Eisenfresser, ein Duell mit krummen
Sbeln, und wir sind schon auf dem Punkte, uns mit der Geschichte zu vershnen,
als pltzlich jene erbauliche Wendung mit einem halben Dutzend nasser Sacktcher
eintritt und wir nur zu sehr fhlen, da der Ritter eine bedeutende Stufe
gesunken ist.
    Doch ach, jetzt die dritte Affre mit Carlotta! Zu dem Ekel, den uns das
galante Malheur Sr. Hochgeboren verursacht, gesellt sich der bedauerliche
Eindruck der gewhnlichsten Lgen, der blassesten Renommage. Wir sehen den
Ritter auf dem Diwan liegen, umringt von jungen Offizieren, den physischen
Katzenjammer der Liebe heucheln - und es wird uns traurig zumute!
    Aber so war es. Wer wei, inwieweit es Herrn von Schnapphahnski gelungen
wre, seine Umgebung zu tuschen und jenes selige Ermatten einer glcklichen
Nacht tuschend nachzuahmen, wenn sich nicht pltzlich der se Adonis
Carlottens an der andern Seite des Salons emporgerichtet und den renommierenden
Ritter, seiner erbrmlichen Lge wegen, ohne weiteres auf Pistolen gefordert
htte. Was sollte unser Ritter tun? Er fhlte, da er wieder einmal eine Stufe
sinken msse; er wute aus eigener Erfahrung, da er im Duell eben kein Heros
war, und die Lust des Lebens und die Hoffnung einer besseren Zukunft in Erwgung
ziehend, entschlo er sich daher, eine gute Miene zu dem bsen Spiel zu machen
und in Gegenwart smtlicher Offiziere die schriftliche Erklrung abzugeben, da
er der grbste Lgner sei und aufrichtig bedauere, die Reize der schnen
Carlotta durch das Manver mit dem leeren Wagen auf so unntige Weise
verdchtigt zu haben.
    Diese Erklrung des berhmten Ritters Schnapphahnski befindet sich noch
heutigen Tages in dem Archiv eines der Berliner Gardeoffizierkorps.

                                       IV



                                 Die Diamanten

Treue Freunde des Ritters Schnapphahnski, bedauern wir mit ihm die harte
Prfung, die das Schicksal infolge jenes bekannten Abenteuers mit der gttlichen
Carlotta ber ihn verhngte. Die Moral der Geschichte war, da weder mit einem
schnen Frauenzimmer noch mit einem Gardeoffizier zu spaen ist und da man
nicht den Wstling und den Bramarbas herausbeien soll, wenn man wirklich nur
ein so unschdlich liebenswrdiger Mann wie der Ritter Schnapphahnski ist. Der
Adonis Carlottens, der Gardelieutenant v.W.-M., dessen tugendhafte Entrstung
wir nicht genug anerkennen knnen, war schuld daran, da unser Ritter fr einige
Zeit die Einsamkeit suchte, um in stillen Betrachtungen jene Ruhe des Gemtes
wiederzufinden, die er auf so leichtsinnige Weise verscherzt hatte. Zu der
Furcht vor den Lakaien aus O. und zu den unangenehmen Erinnerungen aus Troppau
gesellte sich nun noch die Angst vor dem verhngnisvollen Dokumente der Berliner
Offiziere, und wir brauchen wohl nicht zu versichern, da das eine oder das
andere manchmal sehr strend auf die Morgentrume unseres Helden einwirkte. Der
jugendlich khne Flug unseres Ritters war gelhmt; wie mancher andere ehrliche
Mann fhlte er allmhlich, da er dem Straenkote nher war als den Sternen und
da der schne schwarze Schnurrbart vielleicht das beste an dem ganzen Menschen
sei. Diese und hnliche melancholische Gedanken waren indes nur vorbergehend;
der Ritter war von zu guter Rasse, als da er das Leben nicht von der heitersten
Seite aufgefat htte.
    Mag es dir noch so schlecht gehen, sagte er oft zu sich selbst, zum
allerwenigsten kannst du doch noch immer ein ausgezeichneter Diplomat werden!
Dies trstete Herrn v. Schnapphahnski.
    Wir werden spter sehen, wie unser Ritter diesen diplomatischen Gelsten
wirklich Luft machte. Ehe wir dazu bergehen, wollen wir ihm noch etwas durch
die labyrinthischen Gnge seines Berliner Daseins folgen.
    Wie gesagt, durchlebte der Ritter nach seiner letzten Prfung eine Periode
der Erniedrigung. Zuerst liebte er eine Grfin, dann eine Carlotta, jetzt sollte
er unter das Corps de Ballet geraten - - zwei leidliche Beine hatten Eindruck
auf unsern Ritter gemacht. Wir bitten unsere Leser wegen dieser ungemeinen
Wahrheitsliebe aufs demtigste um Verzeihung.
    Die Beine des Balletts waren damals in Berlin en vogue. Der hchste
Geschmack hatte sich dazu herabgelassen, und wir wrden ein Verbrechen begehen,
wenn wir nachtrglich darber sptteln wollten. brigens schwrmen wir selbst
fr den Tanz. Gibt es etwas Reizenderes als die se Musik der Schenkel? Gibt es
etwas Berauschenderes, als wenn eine Fanny Elssler ihre Bachschen Fugen, eine
Taglioni ihre Beethovenschen Symphonien und eine Grisi ihre weichen, wollstigen
Donizettischen Arien tanzt? Jedesmal, wenn ich die Grisi sah, da war ich fest
davon berzeugt, da Gott den Menschen nur der Beine wegen geschaffen hat; gern
htte ich mich kpfen lassen; es wre mir einerlei gewesen; ich hielt den Kopf
fr wertlos, und ich begriff nicht, weshalb die Beine nicht die Ehre haben, oben
zu stehen, und weshalb der Kopf nicht nach unten geht - mit einem Worte: die
Beine hatten meinen Verstand auf den Kopf gestellt. Ist es die Kraft des kleinen
Fues, aus dem das Bein so schlank emporsteigt wie ein Lilienstiel aus der
Wurzel, der den ganzen Leib so grazis zu tragen wei wie der Stamm einer
Fcherpalme seine prchtig harmonische Krone - oder ist es der Schwung des
ganzen Krpers, wenn er in sanften Wellenlinien melodisch dahinschaukelt und all
unsere Gedanken mit fortreit in das wogende Meer der Sinnlichkeit, was uns dem
Tanz einer Grisi mit wahrhaft religiser Andacht zuschauen lt? Ich wei es
nicht, aber ich danke dir, Mutter Natur, da du nicht nur deine Vulkane ihre
Flammen gen Himmel schleudern und deine tannenbewachsenen Felsen so herrlich mit
blitzendem Schnee prangen lt, sondern da du auch Rosen und Lilien geschaffen
hast, und ich liebe dich, weil du so grazis und so bezaubernd bist, herab von
den ewigen Sternen, dort oben in dem Blau der Unendlichkeit, bis hinunter in die
Fuspitze eines schnen Weibes.
    hnliche wohlfeile Betrachtungen durchfuhren auch den Ritter Schnapphahnski,
als er nach einigen aufmerksamen Studien, zwar nicht Helenen in jedem Weibe und
nicht die Grisi in jeder Korpsspringerin entdeckte, wohl aber die Bemerkung
machte, da auch in der untern Sphre der menschlichen Gesellschaft fr Geld und
gute Worte des Sen viel zu erwarten ist. Es rieselt uns kalt ber den Rcken -
- zum ersten Male mssen wir von Geld und zugleich von Liebe sprechen. Ja
wahrhaftig, wir sehen unsern Ritter abermals eine Stufe hinabrutschen - was ihm
frher die Gtter aus freien Hnden gegeben: er kauft es!
    Liebe kaufen! Gibt es etwas Gemeineres? Als einst am 1. Mai die Welt begann
- ich glaube nmlich, da die Welt am 1. Mai ihren Anfang nahm und nicht am 1.
Januar, wie man flschlich vermuten mchte, sintemalen die armen nackten
Menschen, da sie nicht mit Stiefeln und Sporen auf die Welt kamen, ja im Januar
sofort wieder erfroren wren - als, wie gesagt, die Welt am 1. Mai ihren Anfang
nahm und die goldne Sonne lachte und die Blumen dufteten und die Quellen
rieselten, da sprach der Spatz zu der Sptzin: Sptzin, ich achte dich! Da
sprach der Haifisch zu seinesgleichen: Frulein Haifisch, ich verehre Sie! Da
brllte der Lwe zu der Lwin: Lwin, du gefllst mir! Und der Mann sprach zum
Weibe: Frau, ich liebe dich! Das war eine schne Hochzeit. Man trank Burgunder
und a Austern nach Herzenslust. Menschen und Tiere saen in bunter Reihe, und
als das Bankett vorber war, da siedelten sich die Spatzen in den Lften an, die
Haifische im Wasser, die Lwen in der Wste und die Menschen in Ninive, Babylon,
Bagdad, Petersburg, Paris, Wien, Breslau usw. Lange Zeit ging dies gut. Die
Mnner fanden stets ihre Frauen und die Frauen ihre Mnner, was die vielen
artigen Buben und Mdchen bezeugen, die heuer in der Welt herumstreifen, und die
Mnner und die Frauen nahmen sich einander, wie es gerade kam, so und so.
    Als dann aber mit der Zeit die Zahlen und das Geld erfunden wurden und das
Wechselrecht und die politische konomie und als die Menschen immer klger und
gescheiter wurden und folglich immer eitler und whlerischer, da hrten sie auch
allmhlich auf, sich so ohne weiteres zu lieben, und jeder trachtete nur danach,
sich eine solche Frau zu verschaffen, wie sie gerade fr seinen Beutel, fr
seine Wechsel oder fr seine konomie pate. Mit einem Worte: Es stellte sich
eine durch Interessen geregelte Nachfrage nach Menschen ein, der durch eine
angemessene Zufuhr begegnet wurde. Der Weltmarkt der Heirat begann, die Mnner
und die Frauen fingen an, sich gegenseitig zu kaufen! - Von diesem Augenblick an
kann man alles Unglck datieren. Die konomie war in die Liebe gefahren, der
Mensch wurde ein Artikel, der nun hinfort von der Nachfrage und der Zufuhr
abhing und alle Leiden der berproduktion mit der Wolle, der Baumwolle, dem
Flachs usw. teilte. Wer nicht ein verheirateter Gardemajor, ein Landgerichtsrat,
ein Bankier, ein Bischof wurde, der sank zu einem Schneider, zu einem
Steinklopfer, zu einem Tagelhner oder dergleichen hinab, und die lieblichen
Weiber, die keine Grfinnen, Hauptmnninnen, Kaufmannsfrauen oder sonst etwas
wurden, die endeten als Gemseweiber, Bajaderen und mitunter auch als
Ballettnzerinnen.
    Eine solche, aus der berproduktion hervorgegangene Ballettnzerin kaufte
sich unser Schnapphahnski. Armes Kind! Wenn du getanzt hattest, so mutest du
lieben - weder aus Liebe tanzen noch aus Liebe lieben, sondern tanzen und lieben
des lieben Brotes wegen - den Brottanz der Liebe!
    Doch unser Ritter hatte ein ritterliches Herz. Eines Tages, als er die Reize
seiner Schnen genugsam bewundert, als er ihren Fu gekt, ihre Taille umfangen
und ihre schwarzen Flechten um die weie patrizische Hand gewickelt hatte, da
schwur er bei allem, was ihm heilig war, bei den Lakaien in O., bei dem Duell in
Troppau und bei dem Hohnlcheln Carlottens, da er ihr, seiner Tnzerin, einen
Schmuck kaufen wolle, reich wie ihre Haarwellen, funkelnd wie ihre Augen und
ihre schneidigen Zhne.
    Hat ein Schnapphahnski je sein Wort gebrochen? Zum nchsten Juwelier ging
er, und so wahr, wie er keinen Friedrichsdor in seiner Kriegeskasse hatte,
kaufte er einen Schmuck, der einer Grfin S., einer Schwester des Grafen G. oder
einer Carlotta wrdig gewesen wre.
    Unser Ritter kaufte den Schmuck auf Kredit - - meine Leser werden begreifen,
da unser Ritter grade soviel Kredit hatte, wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel
haben kann - ein Ritter, der noch einmal Deputierter, Diplomat oder noch etwas
Schlimmeres werden konnte. - - Auf Kredit kaufte der Ritter den Schmuck; nur mu
ich noch bemerken, da er ihn nicht auf seinen Namen kaufte, sondern auf den des
unsterblichen Gottes Zeus Kronion!
    Ja, auf Zeus Kronions Namen kaufte der Ritter die Diamanten, und der
Hofjuwelier fand nichts Arges hierin. Er wute sehr gut, da Zeus Kronion die
Tnzerinnen liebte. Auf Befehl des Ritters Schnapphahnski sandte der Juwelier
den Schmuck, fr Rechnung des unsterblichen Gottes, an die lieblichste der
Tnzerinnen. Der Juwelier trug den Schmuck zu Lasten des Gottes in seine Bcher
ein; die Tnzerin kreditierte fr den Schmuck den Ritter Schnapphahnski. Kann es
ein einfacheres Geschft geben? Zeus Kronion war der einzige, der dabei zu kurz
kam.
    berglcklich war aber die Tnzerin. Bisher hatte sie sich nur das liebe
Brot ertanzt, jetzt einen demantenen Schmuck erliebt! Der Name Schnapphahnskis
stand leuchtend in ihrem Herzen angeschrieben.
    Doch berlassen wir die Tnzerin ihrer Freude an den blitzenden Steinen und
den Juwelier seinem festen Vertrauen in die Solvabilitt Kronions. Wir mssen
nmlich darauf zurckkommen, da der edle Ritter, whrend er auf der einen Seite
alle Seligkeiten kostete, die ein Engel des Himmels nach dem Schlu der Oper zu
bieten imstande ist, sich auf der andern ernstlich damit beschftigte: einen
Posten im diplomatischen Korps zu erobern. Der edle Ritter sah ein, da man
nicht allein von der Liebe leben kann, sondern da die Liebe sogar sehr
kostspielig ist; selbst wenn man bei dem Hofjuwelier im Namen Gottes den
unbeschrnktesten Kredit geniet. Herr von Schnapphahnski besann sich daher, ob
er auer seinen gesunden Lenden und auer seinem bewunderungswrdigen
Schnurrbart nicht auch noch einige andere vorteilhafte Eigenschaften und
namentlich soviel Grtze bese, als man im schlimmsten Falle einem
diplomatischen Kandidaten zutrauen mchte.
    Nachdem er sich mehrere Tage lang den Kopf darber zerbrochen hatte, fand er
endlich, da die heilige Wissenschaft leider keinen besondern Stapelplatz fr
ihre Schtze darin angelegt hatte. Sein Schdel war klar und durchsichtig wie
eine leere Wasserflasche, und auf der kahlen Lneburger Heide seines
Gedchtnisses tummelte sich freilich manche galante Erinnerung herum, aber
leider nichts von alledem, was die Natur dem Menschen zu erobern berlassen hat.
Mit jener liebenswrdigen Frechheit, die einem Manne von Adel eigentmlich ist,
griff unser Ritter daher in den groen Haufen der brgerlichen Kanaillen, in die
Reihen jener Lasttiere der Kunst und der Wissenschaft, die die imaginren
Goldklumpen ihres Geistes hin und wieder in das preuische Kurant der
Wirklichkeit zu verwechseln pflegen. Mit einem Worte, der Studiosus Pl-r war so
gefllig, der unsterblichen Seele des Ritters mit einigen Probearbeiten zu Hilfe
zu kommen, die sofort an den gehrigen Ort weiterbefrdert wurden und natrlich
fr die enormen Kenntnisse des Ritters den unzweideutigsten Beweis lieferten.
    Wer wei, zu welchem Posten man den gelehrten Ritter sofort erhoben htte,
wenn nicht pltzlich die frhern Aventren Sr. Hochwohlgeboren auf eine sehr
schauerliche Weise bekannt geworden wren! Schon ging man mit dem Gedanken um,
den Ritter der Weltgeschichte zu bergeben, da ragten mit einem Male die Stcke
der Bedienten aus O. in Schlesien in die Szene hinein, da erklang der Hohn des
Grafen G. und das glckliche Lachen Carlottens, und da kam, ach, auch der
Juwelier und reichte allerhchsten Ortes seine Rechnung ein, und die schne
Arbeit des Studenten Pl-r hatte wieder allen Wert verloren, und unser armer
Ritter erhielt eine ebenso zarte als demtigend abgefate Zurckweisung.
    Ja, die Diamantengeschichte des Ritters Schnapphahnski wurde stadtkundig;
sie machte die Runde in den hchsten Kreisen. Die ewigen Gtter zrnten
erschrecklich. Zeus Kronion drohte mit Donner und Blitz, mit Magdeburg und
Spandau, und wre die arme Balletttnzerin, der verrauschten Liebe gedenkend,
nicht so artig gewesen, den verhngnisvollen Schmuck aus bertriebener
knstlerischer Hochherzigkeit freiwillig zurckzuerstatten, so htte unser
Ritter sehr wahrscheinlich einen Huissier ins Haus bekommen, und ach, seines
Bleibens wre vielleicht gewesen, wo da ist Heulen und Zhnklappen, Hafergrtze,
Brot und Wasser.
    Unser Ritter war jetzt wirklich ein armer Ritter; wie eine Brotscheibe,
gerstet, in verdrielichen Runzeln aus der Pfanne kommt, so taumelte unser
Schnapphahnski vom Unglck gebraten hchst rgerlichen Antlitzes zurck von dem
Orte alles Heils, von dem Quell aller mter und Stellen. Finster schritt er nach
Hause: er packte seinen Koffer, und sieh, ehe die Morgenrte kam, lag auch schon
Berlin hinter ihm, mit seinen Kirchen und Palsten, mit seinen Geheimrten und
Eckenstehern, mit seinen Ballettnzerinnen und Juwelieren.
    Die Franzosen wrden in betreff dieses Diamantenabenteuers sagen: Monsieur
le Chevalier de Schnapphahnski avait fris le code pnal. Schnapphahnski reiste
nach Spanien.

                                       V



                                    Spanien

Madrid, du Licht von Spaniens Talen,
In deinen tausend Feldern strahlen
Viel tausend Augen, schwarz und blau.
Du weie Stadt der Serenaden,
Viel tausend kleine Fe baden
Sich nachts in deines Prados Tau!

So sang es einst der lose Sptter Alfred de Musset, und so hat es Freiligrath
ins Deutsche hinbergedichtet. Seit ich dies zum ersten Male las, kann ich
Madrid nicht nennen hren, ohne an ein paar Tausend kleine weie Fe zu denken,
die durch das grne tauige Gras hpfen, bald sittsam verschwindend, bald lstern
wieder emportauchend und immer reizend verfhrerisch.
    Es versteht sich von selbst, da ich mir einbilde, alle schnen Frauen
gingen barfu in Spanien.
    In das Land der tausend kleinen Fe, in das Land der spitzen Filzhte, in
das Land der spanischen Fliegen und der spanischen Erdbeeren, kurz, in das Land
Spanien mu ich jetzt meine Leser fhren, denn schon hat unser Ritter
Schnapphahnski Berlin im Rcken, schon hat er Belgien und Frankreich passiert,
und schon steht er auf den Pyrenen, um hinunterzuscharwenzeln in das Reich, wo
jetzt der unschuldige Knig Paquo herrscht, der niemandem etwas zuleide tut, am
wenigsten seiner - Frau.
    Man reist nicht billiger und nicht schneller als in Gedanken. Ohne
Kostenaufwand und ohne Zeitverlust habe ich meine Leser nach Spanien gebracht.
Meine Leser sind mir fr diese rasche Befrderung aufrichtigen Dank schuldig.
Wie wrden sie sich gelangweilt haben, wenn sie von deutschen Eisenbahnen auf
die franzsischen Postwagen und dann von den franzsischen Postwagen auf die
spanischen Maulesel gekommen wren - ja, meine Leser wrden auf den Hund
gekommen sein, wenn ich sie nicht vermge meiner unendlichen Geschicklichkeit
auf den Flgeln des Gedankens hinbergewiegt htte in das Reich, wo auer Paquo
auch jetzt die unschuldige Knigin Isabella herrscht, die sich ber niemanden zu
beklagen hat, ausgenommen ber ihren - Mann.
    Paquo und Isabella, Isabella und Paquo, sie waren noch kein seliges Paar,
als unser Schnapphahnski seine Reise antrat. Die unschuldige Isabella hatte
damals den Herrn Paquo noch nicht von seiner schwachen Seite her kennengelernt;
sie meinte nicht anders, als da sie ebenso glcklich sein wrde wie ihre
Mutter, die Frau Munoz, die wirklich mit allen Ehren zu ihren neun Kindern
gekommen ist - arme Isabella! armer Paquo! Sie saen noch nicht auf dem Throne,
denn noch raste der grause Don Carlos, der bleiche Aristokrat mit dem grimmigen
Schnurrbart, durch Wlder und Auen, ein unerbittlicher Jger auf der groen
altspanischen Kronjagd. Don Carlos fhrte Krieg; er brauchte daher Soldaten.
Konnte ihm etwas erwnschter sein, als da sich eines Morgens, schn wie ein
Engel und keck wie der Teufel, im schwarzen Frack und in weier Weste und
duftend nach allen Wohlgerchen der Levante: Se. Hochwohlgeboren, der Ritter
Schnapphahnski, bei ihm prsentierte, um seine Dienste anzubieten? Don Carlos
strich seinen grimmigen Schnurrbart und besah den deutschen Landsknecht von oben
bis unten. Der Ritter sah zwar aus, als ob er eben vom Friseur kme, aber:
Kanonenfutter! Kanonenfutter! dachte der Spanier, und es versteht sich von
selbst, da er Sr. Hochgeboren auch nicht das geringste Hindernis in den Weg
legte, sich bei der nchsten Bataille vor den Kopf schieen zu lassen.
    Deutsche Landsknechte waren tapfer zu allen Zeiten. Dieselben groen Lmmel,
die zu Hause in Filzschuhen, in gestrickten Kamislern und in baumwollenen
Nachtmtzen faul wie alt gewordene Hunde und feige wie weibliche Hasen hinter
den fen oder auf den Wirts-hausbnken herumlungerten, sie haben sich im
Auslande, fr fremde Frsten, stets mit einer Gewissenhaftigkeit und mit einer
Ausdauer geprgelt, die wirklich alle Grenzen bersteigt. Wer daheim ein
Kaninchen war, er wurde drauen ein Tiger; die Trumer verwandelten sich in
Raufbolde; die blonden sentimentalen Schlingel in Totschlger; die sanften
blassen Heinriche und Gottfriede in donnerwetternde Generle und Feldwebel, die
ihre Feinde so gemtlich ums Leben brachten, wie sie seinerzeit Korn mhten oder
Spargel stachen.
    Auf allen Schlachtfeldern aller Jahrhunderte haben sich Deutsche fr ihren
pnktlich ausbezahlten Sold auch pnktlich totschlagen lassen. Mit ihren frommen
blauen Augen schauten sie so gutmtig in die kohlschwarzen Schlnde der Kanonen,
als sollten ihnen gebratene Tauben statt kopfdicker Kugeln daraus
entgegenfliegen, und wenn sie die Gewehre umdrehten und mit den Kolben
dreinfegten, da schnitten sie keine schlimmern Grimassen als unsere
Dorfschulmeister in Hessen oder in Nassau, wenn sie den Bauernjungen das
Einmaleins oder das Christentum einbleuen.
    Gott wei, wie Schnapphahnski sich in Spanien benahm! Da wir aber im Laufe
unserer Erzhlung in jedem Punkte streng bei der Wahrheit geblieben sind, so
wollen wir auch hier gestehen, da derselbe Mund, der die Abenteuer in
Schlesien, Troppau und in Berlin erzhlte, uns in betreff der spanischen Fahrten
die Versicherung gab, da der edle Ritter, wider alles Erwarten, als sehr
ritterlicher Landsknecht dabei erschienen sei und den Ruhm unserer Tapferkeit im
Auslande nicht im geringsten in Frage gestellt habe. Mit dieser einfachen
Erklrung muten wir aber auch zufrieden sein, denn alle Details ber die
spanischen Erlebnisse unseres Ritters fehlen; zwischen Troppau und Spanien
liegen die Pyrenen, und wohlmeinende Freunde unseres Helden waren nicht mehr
imstande, dem braunen Freiwilligen aus O. in Schlesien auf Schritt und Tritt zu
folgen. Deutlicher wird erst die Historie des Ritters:

Als Don Carlos fliehen mute
Mit der ganzen Tafelrunde
Und die meisten Paladine
Nach honettem Handwerk griffen -

mit einem Worte, als der Krieg wieder zu Ende war und unser Odysseus sich nach
seiner Ballettnzerin zurcksehnte, die nach der Abreise ihres schnen
Wasserpolacken zu einer wahren Tragdie hinabgetrauert war.
    Man kann sich leicht denken, wie sehr der edle Ritter nach der Heimat
verlangte, nach Berlin, wo man seiner so liebend gedachte, wo er so gut
angeschrieben stand bei Zeus Kronion, bei den Offizieren der Garde, bei seinem
Juwelier und bei seiner Tnzerin. Doch nicht unangefochten sollte er zu der
letztern zurckkehren, denn sieh, die Enkelin Heinrich Heines, die liebliche
Tochter Atta Trolls, des Bren, verliebte sich in den gttergleichen
Schnapphahnski, wie uns der Dichter selbst erzhlt in seinem Werke, das bei
Hoffmann und Campe erschienen, in Hamburg, im Jahre des Herrn 47.
    In der Hhle, bei seinen Jungen, liegt nmlich Atta Troll, der Br, und er
schlft

Mit dem Schnarchen des Gerechten;
Endlich wacht er ghnend auf.

Neben ihm hockt Junker Einohr,
Und er kratzt sich an dem Kopfe
Wie ein Dichter, der den Reim sucht;
Auch skandiert er an den Tatzen.

Gleichfalls an des Vaters Seite
Liegen trumend auf dem Rcken,
Unschuldrein, vierf'ge Lilien,
Atta Trolls geliebte Tchter.

Ganz besonders scheint die Jngste
Tiefbewegt. In ihrem Herzen
Fhlt sie schon ein sel'ges Jucken,
Ahndet sie die Macht Cupidos.

Ja, der Pfeil des kleinen Gottes
Ist ihr durch den Pelz gedrungen,
Als sie ihn erblickt - O Himmel,
Den sie liebt, der ist ein Mensch!

Ist ein Mensch und heit Schnapphahnski.

Da haben wir's! Es geht nun einmal nicht anders; wir treffen den edlen Ritter
immer bei der Liebe. Er verfolgt sie, und sie verfolgt ihn. Von der Grfin S.
und der Grfin O. geriet er auf Carlotta; von Carlotta auf die Tnzerin; von der
Tnzerin auf die Brin! Oh, es ist kein Wunder, da alle Berliner und
Frankfurter Damen in Herrn von Schnapphahnski vernarrt waren, da sogar einst
eine Brin vor dem prchtigen Barte des Ritters anbetend zusammensank.
    Oh, diese Brin hatte einen scharfen Blick, eine gute Schnauze! Sie
schnffelte es schon vor Jahren, sie roch es schon zu Don Carlos' Zeiten, da
unser Ritter einst ein gewaltiger Redner, ein groer Staatsmann werden wrde,
und schwrmerische Blicke richtete sie nach dem herrlichen Manne - die zarte
Brenlilie. - -

Ist ein Mensch und heit Schnapphahnski.
Auf der groen Retirade
Kam er ihr vorbeigelaufen
Eines Morgens im Gebirge.

Heldenunglck rhrt die Weiber,
Und im Antlitz unsres Helden
Lag, wie immer, der Finanznot
Blasse Wehmut, dstre Sorge.

Kann man sich wichtigere Aufschlsse ber die Rckkehr unseres Helden denken?
    Auf der Retirade sehen wir ihn, laufend, im Gebirge. Wunderbarer Anblick!
Echt spanischer Landstraendreck spritzte ihm hinauf in den unsterblichen Bart,
seine Augen funkeln verdchtig, seine Knie schlottern. Der khne Ritter gleicht
durchaus dem Manne, der einst in O. in Schlesien vor dem Grafen S. ausri, nach
verlorener Liebesschlacht.
    Heldenunglck rhrt die Weiber. - Die Brin seufzt vor Liebe, da ihr die
Schnauze zittert. Die Tochter Atta Trolls ist auer sich vor brennender
Zuneigung - doch nicht der landstraendreckbespritzte Bart, nicht das funkelnde
Auge, nicht das schlotternde Knie ist es, was sie wimmern und schmachten lt,
nein, die Blsse des unbertroffenen Ritters rhrt sie vor allen Dingen, ja, die
Blsse, die interessante Blsse - - kann es etwas Bezeichnenderes geben?
    Unsere Verwunderung erreicht indes erst ihren Gipfel, als wir sogar die
Natur dieser Blsse, den tiefern Grund dieser herzbetrenden Couleure angegeben
finden.
    Bisher glaubten wir, der Ritter sei nur bla aus Liebe, aus Furcht, aus
rger, der Mode wegen - aber wie irrten wir uns! Es ist die Blsse der Finanznot
- ein neues Licht geht ber dem Leben Schnapphahnskis auf; der Ritter ist bla
vor Schulden - armer Ritter!

Seine ganze Kriegeskasse,
Zweiundzwanzig Silbergroschen,
Die er mitgebracht nach Spanien,
Ward die Beute Esparteros.

So etwas ist hart - zweiundzwanzig Silbergroschen - das ist bitter!

Nicht einmal die Uhr gerettet!
Blieb zurck zu Pampeluna
In dem Leihhaus. War ein Erbstck,
Kostbar und von echtem Silber.

Das Schicksal unseres Helden wird immer landsknechtartiger. Die Uhr der Familie
Schnapphahnski im Leihhause von Pampeluna! Das ist tragisch, das ist rhrend.
Das Nrenberger Ei, das vom Urgrovater Schnapphahnski, von dem alten
ehrwrdigen Wasserpolacken, auf den galanten Sohn vererbt wurde: der galante,
frivole Sohn hat dieses Erbstck versetzt im Leihhause von Pampeluna, vielleicht
ohne einmal zu errten, ohne Herzklopfen, ohne schchternes Hin-und Herschauen,
als er die Pforte des Lombard durchschritt, und ohne verlegen zu stottern, als
er dem Pfandkommissar sein Anliegen vortrug. Wieviel Uhr haben Sie? fragte
bisweilen ein Mauleseltreiber des Gebirges, und mit Pathos erwiderte dann Se.
Hochgeboren: Bemhe Er sich in das Leihhaus von Pampeluna, werter Freund, dort
wird Er ein Erbstck finden, kostbar und von echtem Silber, dort wird Er das
Nrenberger Ei der Familie Schnapphahnski antreffen, das Ihm Zeit und Stunde so
genau verknden wird wie jene berhmte Uhr des morgenlndischen Kalifen, die
einst Charlemagne zum Geschenk erhielt und die er hoffentlich nie so schmhlich
auf den Mont de Pit getragen haben wird wie ich die meinige, Sela!
    Armer Schnapphahnski! Nicht mehr erfreut ihn in der Stille der Nacht die
se Musik seiner alten Gefhrtin, das trauliche Tick-Tack der Uhr, das einen
daran erinnert, wie man doch noch nicht ganz unter die Fe gekommen ist, da
man wenigstens noch etwas zu versetzen hat, da man wenigstens noch ein lebendes
Wesen hat, das man sein nennen kann.
    Wo ist Ihre Uhr? - Chez ma tante! Oh, es ist traurig, wenn man also
antworten mu. Unwillkrlich greift man noch oft in die Westentasche, in die
einsame Wohnung der geschiedenen Gefhrtin: aber ach, diese Wohnung ist wst und
leer geworden. Die Strme des Jahrhunderts sind durch sie hindurchgefahren, und
wenn nun der Abend kommt und die Nacht und die Sterne emporziehen und die
riesigen Schatten sich breiten ber Berge und Tler wie die Geister der
Ossianischen Helden und man die Unterhose auszieht, um nach Bett zu gehen, und
den Uhrschlssel ergreift, um das althergebrachte Geschft zu vollziehen, so
pnktlich wie der Onkel Toby oder der Vater Tristrams - ach, da schrickt man
zurck, denn oh, die alte Genossin

- blieb zurck zu Pampeluna
In dem Leihhaus. War ein Erbstck,
Kostbar und von echtem Silber.

Heldenunglck rhrt die Weiber - die Tochter Atta Trolls mchte weinen, Seufzer
entringen sich ihrem zottigen Busen, als sie die Blsse des fahrenden Ritters
bemerkt; sie glaubt natrlich, nur einen welthistorischen Schmerz zu sehen; die
tragischen Zge des Heldenantlitzes scheinen ihr nur das Resultat jenes riesigen
Grames zu sein, der einst auf den Zgen des Priamus lag oder in deinem Antlitz,
du herrlicher Dulder Odysseus - denn oh, die treffliche Brin, die vierfige
Lilie der Pyrenen, sie ist zu arglos, zu unerfahren, um daran zu denken, da
ein Herr von Schnapphahnski in der trivialen Wehmut der Finanznot stecken
knnte, im Kummer um seine Uhr, von echtem Silber, zurckgelassen im Leihhause
von Pampeluna.
    Ja, Eva liebte ihren Adam, Venus ihren Adonis, Julchen ihren Romeo, Gretchen
ihren Faust - aber die vierfige Lilie, die Brenjungfrau, liebt den berhmten
Ritter Schnapphahnski!
    Zrtlich brummend erhebt sie ihre rosige Schnauze und die lieblichen Tatzen
und den zottigen Busen, und schon meint man, da der edle Ritter zu ihr
hinabsinken werde, mit jener hohen Grazie eines galanten Aristokraten, ein neues
Geschlecht zu zeugen, das da alle Vorzge vereinige, der Bren und der
Wasserpolacken; da rennt der Undankbare von dannen und berlt die arme Brin
ihrem Schmerze, den Tag verfluchend, wo sie die Blte der Menschheit gesehen,
und von Gram berwltigt, sinkt sie klagend zusammen.
    Ein vernnftiger Br wird hoffentlich so gescheit gewesen sein, die
Unglckliche zu trsten. - -
    Als unser Ritter auf dem Gipfel der Pyrenen stand, da machte er halt und
steckte die Hnde tiefsinnig in die Hosentaschen. Er schnitt ein Gesicht wie ein
beschnittener Dukaten; er wnschte, da ihn die Gtter in einen Dudelsack
verwandelten oder da sie ihm tausend Stck Friedrichsdor schenkten - doch das
letztere wre ihm am liebsten gewesen. - Don Carlos ist besiegt, was sollst du
beginnen? fragte sich Schnapphahnski und sah verlegen nach seinem schbigen
Frackrock. Deine Kriegeskasse nahm Espartero, deine Uhr hngt im Leihhause zu
Pampeluna, und dein Herz fiel in die Hose. - Geld, Uhr und Herz, es ist alles
verloren! Sollst du nach England gehen und mit Lord Brougham Brandy und Wasser
trinken? Sollst du nach Italien wandern und dich unter die Lazzaroni legen, oder
sollst du nach O. in Schlesien eilen und dich von den Lakaien des Grafen S.
durchprgeln lassen? - Herr von Schnapphahnski wurde immer ernsthafter; er lie
den Hut tiefer ins Gesicht fallen; er steckte die Fuste grndlicher in die
Taschen, und er sah steifer zu Boden.
    Unser Ritter war in jener Stimmung, in der der Mensch anfngt, sich
ungeheuer lcherlich vorzukommen. Se. Hochgeboren litt an jener fatalen
Krankheit, die einst die Gttin der Langenweile mittags nach dem Essen mit einem
dnnen, schlottrigen Englnder zeugte. - Herr von Schnapphahnski litt am Spleen.
Unser Held htte gern fr vier gute Groschen seine Seele dem Teufel verkauft,
ja, was noch schlimmer ist, es wre ihm einerlei gewesen, wenn man ihm ohne
Grund einen Backenzahn ausgezogen htte - mit einem Worte: Se. Hochgeboren war
kaduk an Witz und Beutel.
    Was habe ich nun davon, da ich Don Carlos diente? fuhr der Ritter fort.
Was nutzt es mir, da ich mich als Landsknecht ehrlich gehauen, und was brachte
es mir ein, da ich nach Ruhm und Ehre jagte, nach den zwei substanzlosesten
Sachen, die es auf Erden gibt? O Sir John, du hattest Recht: man kann den Ruhm
weder essen noch trinken; ja, man kann ihn nicht einmal in die Pistole stopfen,
um sich den Schdel damit einzuschieen. Wr ich als gewhnlicher Bauer auf die
Welt gekommen, da pflgte ich meinen Acker und freute mich meines Lebens. Wr
ich ein simpler Brger geworden, da schttete ich all meine Zerwrfnisse
stockprgelnd auf meinen Lehrjungen aus, und htte ich endlich die Wissenschaft
gewhlt, da verlre ich Prozesse, machte Kranke tot, sprche Bldsinn vom
Katheder hinab und wre ein glcklicher Mann dabei! Aber der Durst nach Ruhm
war's, der mich hinauszog. Ich glaubte, die ewige Sonne zu packen, und ich
packte ein Irrlicht. Ist der Ruhm nicht wie ein falsches Geldstck in der Hand
eines Kindes? Es glaubt, alle Schtze der Welt dafr kaufen zu knnen, da kommt
der pfiffige Krmer und lacht und ergreift den Hammer und nagelt den falschen
Dreier auf den Tisch. - Oh, der Ruhm ist ein bildschner Henker, der sein Opfer
scherzend hinauf an den Galgen zerrt und dann die Leiter umstt, da der arme
Teufel an des Ruhmes Galgen baumelt, weder mit den Fen auf der Erde noch mit
dem Kopf im Himmel. O ber den Wahnwitz!
    So faselte der edle Ritter, und wer wei, was aus ihm geworden wre, wenn
die Gtter nicht Mitleid mit ihm gehabt und einen milden Regen gesandt htten,
der, allmhlich zum Schauer und zum Gu anschwellend, Berge und Tler benetzte
und schlielich auch auf hchst erfrischende Weise in Schnapphahnskis alte
Stiefel trat.
    Wohler ward ihm, und hinunter schritt er nach Frankreich.

                                       VI



                                    Brssel

Von den Pyrenen stieg der edle Ritter hinab nach Frankreich, und von Frankreich
eilte er nach Belgien. Herr Schnapphahnski wurde Autor. Ja wahrhaftig, wir
sehen den sinnreichen Junker in Brssel sitzen und seine Memoiren schreiben.
    Alle groen Mnner machten es so; wenn sie des Lebens Last und Hitze
getragen hatten, da verkrochen sie sich in irgendeinen khlen Winkel, und die
Hand, die bisher den Sbel, den Kommandostab oder das Szepter gefhrt hatte, sie
griff dann zur Feder und brachte das Erlebte zu Papier. Wir brauchen unsern
Lesern nicht zu versichern, da sich von unsern Skizzen ber Herrn von
Schnapphahnski auch nicht eine Spur in den Memoiren des edlen Ritters findet.
Se. Hochgeboren waren viel zu bescheiden, als da sie alle glorreichen Aventren
der Bewunderung der Nachwelt aufbewahrt htten.
    Die Liebe, die den edlen Ritter nie verlie, zieht ihren roten Faden auch
durch den Brsseler Aufenthalt unseres Helden. Die Weiber mssen nun einmal
lieben; Schnapphahnski wute dies. Sie knnen nicht anders, es ist ihre
Bestimmung. Ein Weib liebt nicht allein lange, nein, ein Weib liebt unendlich,
bis auf die Hefen. Ein Weib kann dich lieben, wenn deine Hose zerrissen ist,
wenn dein Rock in Fetzen hinabhngt und wenn die ewige Sonne durch die Lcher
deines Hutes auf dein verwildertes Landstreichergesicht scheint, ja, noch immer
wird eine schne Frau dich lieben knnen, denn sie wird um dich weinen, und sie
wird dich kssen, und du wirst glcklich sein!
    Wie meine Leser bemerkt haben werden, sucht Herr von Schnapphahnski stets
die Frauen auf. Um junge Mdchen ist es ihm selten zu tun. In Brssel machte
sich der edle Ritter an die Frau eines bekannten belgischen Knstlers. Die junge
Dame hatte ihren frommen Gemahl total unter dem Pantoffel.
    Die Pantoffelknechtschaft ist jedenfalls noch eine se Knechtschaft. Sie
hat nur das Unangenehme, da der zrtliche Gatte zum Lohn fr seine liebevolle
Unterwrfigkeit in den meisten Fllen nicht etwa mit einer Knigs- oder einer
Brgerkrone, sondern mit jenem Kopfschmuck gekrnt wird, den auch des Waldes
flchtige Gebieter tragen. Man knnte in der Tat bei den Ehemnnern dieselben
Benennungen anbringen wie bei den Hirschbcken. Nach Vollendung des ersten
Jahres der gekrnten Pantoffelknechtschaft wrde man einen Ehemann: Spieer
titulieren; nach Vollendung des zweiten Jahres hiee man ihn: Gabler. Hierauf
trte dann die Bezeichnung nach Enden ein, so da man einen Ehemann bald einen
Sechsender, einen Zehnender, einen Sechzehnender und so weiter nennen wrde. Bei
recht stattlichen Ehemnnern knnte man sogar die Benennung des Dam- und
Elen-Wildes eintreten lassen, ja, bis zu dem Namen Schaufler gehen.
    Was schadet es, wenn ein Ehemann ein paar Hrner trgt! hatte der edle
Ritter oft zu sich selbst gesagt, wenn er wohl einmal in die untergeordneten
Schichten der Gesellschaft hinabstieg. So ein zweibeiniger Sechzehnender kann
immerhin noch nachmittags auf die Brse und abends ins Kasino gehen, ohne da
man ihn auslacht, denn fast berall findet er ja Leidensgefhrten, wehmtig
lchelnde Bcke, die gelebt und geliebet haben und die recht gut wissen, was es
fr ein Malheur ist, wenn man eine junge Frau hat, mit funkelnden Augen, mit
wogendem Busen und mit kleinen alabasterweien Fen, recht ein Wesen wie ein
ppiges Rtsel, das nur die Liebe lsen kann, die Liebe eines flinken Gesellen,
der weder auf die Brse noch ins Kasino geht und der sich den Henker schiert um
alle Ehemnner und ein flotter Edelmann ist wie ich, der Ritter Schnapphahnski!
Die Frau des Knstlers hatte Mitleid mit unserem Ritter. Zu jenem
melancholischen Blick, den Herr von Schnapphahnski mitunter anzunehmen pflegte,
wenn er an die Lakaien des Grafen S. in O. in Schlesien dachte, und zu der
interessanten Blsse der Finanznot, die unseren Helden eigentlich nie verlie,
gesellte sich nun noch die wichtige Miene eines Autors, so da der edle Ritter
wirklich eine interessante Figur ausmachte und die Frau des Knstlers immer mehr
dazu veranlate, einmal ernstlich mit sich zu Rate zu gehen, ob sie ihrem Gemahl
nicht bald die Dulderkrone aufsetzen knne. Herr von Schnapphahnski verfolgte
seine Beute mit aller Hartnckigkeit eines Ritters ohne Furcht und Tadel.
    Wenn man bedenkt, welche Vorstudien der edle Abenteurer schon in der Liebe
gemacht hatte, so ist es zu begreifen, da er tglich mehr Terrain gewann. In
der Liebe geht es aber wie in den Trumen; wenn man gerade im besten Zuge ist,
da kommt gewhnlich etwas dazwischen. Das Renkontre, welches dieses Mal die
sesten Hoffnungen unsres Helden vereitelte, gehrte wieder zu den
allerunangenehmsten.
    Es war um die Karnevalszeit auf einem Maskenballe. Die gute Stadt Brssel
hatte alles aufgeboten, um auch durch den Ball der Oper den Beweis zu liefern,
da man in Belgien jede franzsische Sitte nachahmen knne, wenigstens so gut,
als es dem kleinen Belgien berhaupt mglich ist. Die wenigen schnen Frauen,
die es in Brssel gibt, waren in ihrem besten Staate gegenwrtig. Ich glaube, in
keinem Lande der Welt ist das schne Geschlecht mehr vernachlssigt als in
Belgien. Man gehe in jedes beliebige Theater, und man berzeuge sich davon, da
der Rand der Logen mit einer wahren Perlenschnur von Medusenkpfen gesumt ist.
Die eigentlichen Flamlnderinnen haben Gliedmaen, wie sie sich nie ein
weibliches Wesen erlauben sollte. Die Walloninnen, schwarzugig und lebendig
zwar wie Franzsinnen, verlieren sehr durch ihren mangelhaften Teint. Fragt man
in Lttich nach schnen Frauen, so heit es: Oh, gehen Sie nur par exemple nach
Brgge, dort finden Sie noch viel spanisches Blut. Erkundigt man sich in Brgge
nach hbschen Damen, so heit es: Oh, gehen Sie nur nach Lttich, dort herrscht
die franzsische Rasse vor. Leider fand ich weder Spanier noch Franzosen in
Belgien - nur Belgier; rien que cela. Jedenfalls sind die Belgier schner als
die Belgierinnen.
    In Holland ist dies gerade umgekehrt, wenigstens in dem eigentlichen
Holland, dem klassischen Lande des Kaffee- und Zuckerschachers. Die Mnner sind
dort entweder infolge eines wsten Lebens der Hafenstdte zu wahren Skeletten,
zu windhundartigen Figuren abgemagert oder im reifern Alter zu so enormen
Wnsten aufgeschwemmt, da man erst einige Zeit suchen mu, ehe man in jenen
Fleischkolossen ein menschliches Wesen findet. Die hollndischen Frauen sind
dagegen fast durchgngig hbsch; sie haben blondes Haar, himmelblaue Augen, eine
sehr weie Haut; nur leider durch den Gebrauch der unterirdischen Kohlenpfannen
und Feuerstbchen bisweilen entsetzlich - groe Fe. Aber eine Hollnderin kann
sehr schn und liebenswrdig sein, und wenn sie mit ihren roten Lippen jene
frchterliche Sprache lispelt, welche in dem Munde der Mnner wie das Grunzen
und Brummen einer Walkemhle klingt, da bleibt man verwundert stehn und sieht
aufs neue, da von schnen Lippen: alles schn klingt, sogar Hollndisch.
    Es verstand sich von selbst, da Herr von Schnapphahnski auf dem Ball der
Brsseler Oper im vollen Glanze seiner Ritterlichkeit umherspazierte und nicht
wenig damit beschftigt war, jede einigermaen erbauliche Maske Zoll fr Zoll zu
studieren. Tanzende zu beschauen, ist ein Kunst- und Naturgenu zu gleicher
Zeit. Der Tanz enthllt nicht nur manchen Krperteil, den wir bei der Prderie
unsres Jahrhunderts selten en masse zu bewundern Gelegenheit haben, nein, die
melodisch dahinflutende Bewegung der Gestalten zeigt uns, da diese und jene
Glieder auch noch einer ganz andern als der gewhnlichen Ttigkeit fhig sind,
und unwillkrlich shnen wir uns mit unsern alltglichen Erinnerungen aus, wenn
wir die Menschen wieder einmal so kindlich-sonntglich vor unsrer Nase
herumspringen sehen.
    Die Kunst- und Naturstudien auf einem Brsseler Balle haben freilich ihre
Grenzen, und unser Ritter wrde mit seinen Forschungen bald zu Ende gewesen
sein, wenn nicht eine ungemein lebendige und grazise Maske seine Aufmerksamkeit
stets von neuem in Anspruch genommen htte. Bald einen entzckend kleinen Fu,
bald eine zierliche Hand und bald einen Nacken zeigend, der durch seine
herrlichen Formen alle brigen Gestalten des Balles hinter sich lie, wute die
Geheimnisvolle unsern Ritter stundenlang zu fesseln. Vergebens suchte er aus der
Verschleierten irgendein bekanntes Wesen herauszufinden: sie widerstand seinen
genauesten Beobachtungen durch so rtselhafte Gebrden und seinen khnsten
Fragen durch so zweideutige Antworten, da er zuletzt davon berzeugt war, von
einer durchaus Fremden intrigiert zu werden.
    Der Reiz eines derartigen Spieles wird durch den Widerstand, den man findet,
nur erhht. Ein zahmes Ro zu reiten, ist keine Kunst; ein wildes zu bndigen:
die hchste Lust. Der Schwache wnscht Nachgiebigkeit und Kapitulation; der
Khne: Widerstand und Sieg. Der Schwache geniet nur einmal; der Khne
tausendmal, denn jede Stufe des Widerstandes wird durch ihr berwundensein eine
Stufe der Glckseligkeit, die nur der letzte Sieg an Wonne berbietet. Suche
Widerstand, und du wirst ein Mann sein; lerne Weiber besiegen, und du wirst die
Welt erobern!
    Herr von Schnapphahnski war zufllig nicht in der Stimmung, seinen
Liebesfeldzug auch nur durch eine Nacht hin auszudehnen. Sei es, da er alle
Hoffnung aufgeben zu mssen glaubte oder da er an hnlichen Orten rascheren
Erfolg gewohnt war - genug, es ennuyierte ihn mit der Zeit, sich so den ganzen
Abend fr nichts und wieder nichts an der Nase herumfhren zu lassen; und als
die verhngnisvolle Maske wiederum mit sehr spttischem Grue an ihm
vorberhuschte, da verga unser Held pltzlich, da er nicht in der
Wasserpolackei und auf dem Ball einer zwar belgischen, aber nichtsdestoweniger
zivilisierten Stadt sei, und - es ist kaum zu glauben - ja, unser Ritter griff
der Vorbereilenden mitten in die Maske - -
    Die so brutal Angegriffene stutzt, stt einen Schrei aus, und vierzig bis
fnfzig andre Masken stellen sich rings um den Ritter und die Dame. Der Schleier
der Schnen ist indes gefallen, und der Ritter erkennt zu seinem nicht geringen
Schrecken die Gattin des belgischen Knstlers.
    Der unglckliche Ehemann, dguis en quelqu'un, qui s'embte  mort, ist
ebenfalls herbeigesprungen. Er beobachtete den fremden Ritter und die eigne
Gattin den ganzen Abend hindurch; seit einigen Stunden schon fhlte er seine
Hrner wachsen, und mit der freudigen Wut eines erretteten Familienvaters strzt
er sich auf unsern Ritter.
    Eine Szene entspinnt sich, wie man sie in Brssel vielleicht noch nicht
erlebt hatte. Herr von Schnapphahnski begreift gar nicht, wie ihn die Brsseler
Bourgeois so langweilen knnen. Er nennt seinen Namen, seine Titel - -
    Je m'en f ..., brllt der entrstete Ehemann wie ein Hirsch in der
Brunstzeit, und: Oui Monsieur! Oui Monsieur! schreit der Chor wie im ersten
Akt des Barbiers von Sevilla.
    Schnapphahnski gibt seine Karte - -
    J'aurai ta carte dans ma poche et toi la mienne sur la figure -
    Oui Monsieur! Oui Monsieur! - und immer toller wird der Skandal, bis sich
zuletzt hundert zierliche Hnde erheben, um unsern Ritter zu zerreien, die
Faust des Ehemanns an ihrer Spitze - ach, und nur durch die schleunigste Flucht
rettete sich unser Held von der unangenehmsten Pointe, die ein Abenteuer haben
kann.

                                      VII



                                   Herzog C.

In Brssel verfolgte unsern Helden ein eigenes Migeschick. Kaum den Hnden
eines erbosten brgerlichen Ehemannes entronnen, fiel er in die Riesenfuste
eines noch weit erbitterteren Aristokraten. Der Ritter war an seinem Malheur
selbst schuld, denn durch seinen Hochmut, durch seine Arroganz, kurz, durch
seinen Schnapphahnskismus brachte er jedermann gegen sich auf. Ganz besonders
hate ihn damals ein Franzose, ein gewisser Herzog von C ..., und mehr als
einmal lie er die bedeutungsvollen Worte fallen: Nun, wenn mir der Mensch
einmal in die Hnde gert - -, der Herzog begleitete diese Phrase stets mit dem
verstndlichsten Gestus.
    Herzog C., dem unser Ritter zu mifallen das Unglck hatte, war ein sehr
liebenswrdiger und durchaus anstndiger Mann, beilufig bemerkt in Besitz einer
Taille von weit ber 6 Fu; ungefhr die Hlfte im Durchmesser - -
    Die Abneigung des Herzogs war unserm Ritter keineswegs entgangen; mochte er
aber glauben, da die groen Hunde die kleinen niemals beien oder da sie gar
feige sind: genug, er suchte den herzoglichen Riesen durch Arroganz
einzuschchtern und verdoppelte sie daher stets in seiner Gegenwart.
    Eines Tages treffen sie in einer Gesellschaft zusammen. Sie sprechen von
Kriegen, Kampagnen, Schlachten und zuletzt von Duellen. Wieviel Duelle haben
Sie schon gehabt, Ritter? fragte der Herzog gleichgltig. - - Die Masse -!
erwiderte Schnapphahnski - Aber ich mte mich eigentlich nie schlagen, denn
wer so sicher ist, seinen Gegner stets zu tten, wie ich es bin, der begeht fast
einen Mord. Nichtsdestoweniger macht es mir aber Vergngen, mich zu schlagen -
- Bah! sagt der Herzog, wieso? - Sehn Sie, versetzt der Ritter, wenn ich
mich rchen will, so fordre ich meinen Gegner auf Sbel, et il est un homme
mort. Will ich ihn dagegen nur strafen, so fordre ich ihn auf Pistolen, car je
suis sr de loger ma balle o je veux - - Bah! erwidert nochmals der Herzog
und empfiehlt sich ganz untertnigst.
    Kurze Zeit nach dieser Unterredung kam eine sehr berhmte Pianistin, Madame
P., nach Brssel, und tous les beaux der Hauptstadt wetteiferten um die Gunst
der schnen Virtuosin. Ein gewisser Gesandter, Graf ..., der damals noch nicht
verheiratet war, stellte sich in die ersten Reihen.
    Eines Tages wurden die Salons der Gesandtschaft prchtig mit Blumen
verziert, glnzend illuminiert - ein lukullisches Mahl angerichtet. Wer sollte
dazu erscheinen? Eine Hoheit, eine Majestt? Nein - - die schne Konzertgeberin.
Alle Dandys, Lions, Tigres - kurz, die ganze fashionable Menagerie der
Hauptstadt wurde zu diesem Feste eingeladen. Unter ihnen befand sich auch unser
Ritter, der Herzog und ein gewisser Oberst C., ein alter Haudegen, der, unter
Soldaten erzogen und auf Schlachtfeldern ergraut, sich bei weitem behaglicher in
einem Corps de Garde als in einem Salon fhlte.
    Nach Tische, als der Champagner bereits das Blut im Kreise trieb und der
Kaffee der Vernunft den letzten Sto geben sollte, entfernten sich die Damen.
Die Herrengesellschaft begab sich in einen Rauchsalon. - Der Herzog, den diese
Gesellschaft ziemlich langweilen mochte, setzte sich ans Klavier und prludierte
darauf. Schnapphahnskis unglcklicher Stern brachte ihn ganz in seine Nhe.
    Unglcklicher Schnapphahnski! - Der Hafer stach ihn mehr als gewhnlich, und
keine fnf Minuten verstrichen, da machte er auch schon ber das Spiel des
Herzogs einige ebenso kecke als boshafte Bemerkungen, indem er namentlich
hervorhob, wie es fast unbegreiflich sei, da man mit einer so groen Hand
spielen knne, ohne zu frchten, alle Tasten gleich zu zertrmmern. Der Pianist
L., der voraussah, da die Geschichte eine ble Wendung nehmen knne, beeilte
sich, unserm Ritter zu erwidern, da man mit einer groen Hand recht gut spiele,
da er viele Virtuosen kenne usw. - - aber Schnapphahnski wollte nicht ruhen.
Den schngelockten Kopf kokettierend auf die Schulter legend, die Zigarre
nachlssig an die Lippen fhrend und mit der hchsten Nonchalance ber dem
Klavier hngend, fuhr er fort, seiner Laune den Zgel schieen zu lassen, indem
er sich durch jeden freundlichen Einwurf der umherstehenden Gste nur zu neuen,
beiendern Bemerkungen hinreien lie.
    Der Herzog, der sich bis zum letzten Augenblick sehr ruhig benahm, sprte
doch mit der Zeit Lust, dem Gesprche ein Ende zu machen. Mehrere leise
Andeutungen waren schon in dem Humor des Ritters verlorengegangen: er sah sich
daher gentigt, etwas verstndlicher zu werden, und als unser Held wiederum eine
Phrase hinwarf, die durch ihre liebenswrdige Unverschmtheit alles Frhere
hinter sich lie, hob er den Kopf etwas feierlicher empor und versetzte mit sehr
bestimmtem Tone: Wissen Sie, Ritter, ich kann auch einen gewissen Walzer
spielen, dem niemand widersteht. Ja, wenn ich den spiele, so mu man tanzen, wie
ich es befehle!
    Herr von Schnapphahnski hatte die Bonhomie, auch dieses nicht zu verstehen.
Der Herzog verstummte. Der Ritter setzte seine Bemerkungen fort, und auf den
Gesichtern der Zunchstweilenden konnte man deutlich lesen, da sie sich in
einer ziemlich peinlichen Stimmung befanden. Wer wei, wie lange indes die
Katastrophe des Abends noch hinausgeschoben worden wre, wenn der arme alte
Oberst, dessen Anwesenheit wir frher schon erwhnten, nicht pltzlich zum
Losplatzen des Sturmes auf eine ebenso unvorhergesehene als hchst komische
Weise Veranlassung gegeben htte.
    Wir mssen bekennen, wir sind in einiger Verlegenheit: wir werden die
Geschichte schwerlich so erbaulich erzhlen knnen, wie sie in der Wirklichkeit
geschehen sein mag. Die Verlegenheit der Menschen verrt sich auf verschiedene
Weise. Der eine errtet, der andre schlgt die Augen nieder, der dritte hustet,
der vierte nimmt eine Prise. Unsere Verlegenheit verrt sich dadurch, da wir
pltzlich den Faden der Erzhlung verlieren ...
    Ein Westfale reiste nach England. Er war sehr unglcklich wie alle Westfalen
auf Reisen. In Kln verlor er seinen Regenschirm, in Ostende wurde ihm der
Mantel gestohlen, in Dover fiel er beim Ausschiffen ins Meer, auf der Douane
konfiszierte man ihm den zigarrengefllten Koffer, der Droschkenkutscher prellte
ihn entsetzlich, und hchst kalt und unkomfortabel langte unser Westfale in
Norfolk Street, Strand, London an. Norfolk Street ist eine totenstille
Nebenstrae. Nachdem er um das schlechteste Zimmer gebeten hatte - fr das er
natrlich geradesoviel bezahlen mute wie fr das allerbeste -, und nachdem er,
mehr aus konomischen als aus Gesundheitsrcksichten, von dem aufgetragenen Beef
und Mutton weniger als ein Kanarienvogel gegessen hatte - um natrlich
geradesoviel dafr zu zahlen, wie fr ein Mittagsmahl des Riesen Goliath-, legte
sich unser Westfale in sein teures, aber schlechtes Bett, faltete die Hnde,
betete zu Gott dem Allmchtigen und Allwissenden und schlief schnarchend dabei
ein, wie mancher Gerechte vor ihm. Als er am nchsten Tage erwachte und nach
seiner Uhr griff, berzeugte er sich davon, da die Uhr mit dem Regenschirm, dem
Mantel, dem Koffer usw. bereits den Weg alles Irdischen gegangen sei, und
schchtern schlich unser Freund daher an den Rand der Treppe und fragte mit
zitternder Stimme: Knnten Sie mir nicht sagen, Herr Kellner, was die Glocke
geflligst geschlagen hat? - Three o'clock! rief der Kellner in barschem
Tone. Es war 3 Uhr nachmittags. Bei dem abscheulichen Nebel, der verfinsternd
ber der Stadt lag, meinte der gute Westfale aber nicht anders, als da es 3 Uhr
morgens sei, und es verstand sich von selbst, da er als rcksichtsvoller
Fremder zurck ins Zimmer kroch, um, nach einigen Unterbrechungen und schweren
Trumen, abermals bis zu einem nchsten Tage im Bette zu liegen, wo er, da der
Nebel noch immer fortdauerte, gewi bis zu einem dritten Tage geweilt htte,
wenn er nicht durch den Hunger so sehr gepeinigt worden wre, da er sich
schlielich ein Herz fate und hinunter in die Gaststube stolperte.
    Hier angekommen, betrachtete man den foreign Gentleman mit so sonderbaren
Augen, da er, an seinen Mantel, an den Regenschirm, an den Koffer und an die
Uhr gedenkend, pltzlich auf die gerechtesten Befrchtungen fr seinen Frack und
die Hosen empfand. Er fate daher den heroischen Entschlu, lieber das hei
ersehnte Frhstck im Stich zu lassen, gleich zu bezahlen und dann rasch das
Haus zu verlassen. Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste.
Nicht ohne Bangen nherte er sich daher einem andern Fremden, den er fr den
Wirt hielt, und fragte mit mglichster Fassung, indem er das Gold schon in den
Hnden hielt: How much? Goddam! erwiderte dieser und streifte die rmel
empor und wrde gewi auf unsern Westfalen losgeboxt haben, wenn sich der
Landlord nicht noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und dem erschrockenen
Westfalen die Nota berreicht htte. Die Rechnung war short and sweet, kurz und
s, wie folgt:

1 Supper  - 3 S. 6 d
2 Board and Lodging  - 9 S. 10 d
Waiter  - 2 S. - d
Boots and Chambermaid  - 3 S. - d
 - 18 S. 4 d

Der Westfale hatte den Verlust des Regenschirms, der Uhr, des Mantels und
Koffers verschmerzen knnen. Gestohlen und verloren werden kann alles -, sagte
er sich. Da man ihm aber fr ein Abendessen und fr einen Schlaf 18 Schillinge
und 4 Pence, mit anderen Worten: 6 Taler, 3 Silbergroschen und 6 Pfennige
Preuisch Kurant anrechnete, nein, das war zu stark, das beleidigte die Seele
eines Biedermannes zu tief, und mit einiger Entrstung bemerkte er daher:
    Aber nein, Herr Wirt, sagen Sie mal, das ist denn doch geflligst ein
bichen zuviel -
    Very moderate, Sir!
    Aber nein, ich habe ja nur eine Nacht geschlafen.
    Two nights, if you please, Sir.
    Aber nein, ich habe ja gar nichts mehr gegessen.
    All included, Sir.
    Aber nein, das kann ich unmglich bezahlen - -
    Aber der Wirt hatte das einzige und letzte Goldstck seines Gastes schon in
der Hand, und rgerlich den berschu von 1 Schilling und 8 Pence auf den Tisch
werfend, berlie er den Westfalen seinem Nachdenken, der noch immer nicht
begreifen konnte, wie man fr 6 Taler, 3 Groschen und 6 Pfennig: in einer Nacht
zwei Nchte schlafen knne - und endlich trbselig davonschritt.
    Von Norfolk Street bis zu St. Paul sind es nach Londoner Ma nur wenige
Schritte, d.h., es ist noch ziemlich weit. Unser Westfale stand daher erst nach
geraumer Zeit vor der gewaltigen Kirche, und da er sein Morgengebet noch nicht
gestammelt hatte, so schritt er mit brnstiger Seele die groe Treppe hinauf und
trat durch die offene Tr unter Meister Wrens herrliche Wlbung.
    Four pence, if you please, Sir! sagte da jemand, indem er unserm Freund
auf die Schulter klopfte. Der Westfale blickte erschrocken zurck:
    Aber nein, dies ist ja eine Kirche -
    Four pence to be paid, Sir!
    Aber nein, ich habe noch nie in Mnster Entre in der Kirche bezahlt.
    Four pence! wiederholte der Kster zum dritten Male, und so gewi, wie der
Wirt in Norfolk Street zwei Nchte auf die Note gesetzt hatte, so gewi mute
der Westfale schlielich 4 Pence Entre bezahlen. Mit seinem letzten Schilling
und mit einem so heien Gebete, wie es je ein Glubiger gesprochen hat, kniete
da der Westfale auf den Marmorboden nieder. Wer wei, wie lange er sich mit Gott
unterhalten haben wrde, wenn nicht pltzlich der Kster mit einem Bund
Schlssel in der Hand und mit einem Schweif von vielen Herren und Damen quer
durch die Kirche gerannt wre. Der Betende sah aufmerksam empor. Was soll das
bedeuten? Schliet man die Kirche zu? Mit dem Schrei des Entsetzens sprang er
empor, und der Gesellschaft nachlaufend, war er bald der nchste hinter dem
Kster. Richtig! Die Riegel knarrten, die erste Tr fiel rasselnd ins Schlo.
    One shilling, if you please, Sir!
    Der Westfale war abermals wie vom Donner gerhrt.
    Aber nein, bezahlt man hier auch beim Hinausgehn?
    One shilling to be paid, Sir!
    Aber nein, ich habe noch nie in Mnster bezahlt, wenn ich aus der Kirche
ging.
    One shilling!
    Der Kster sprach dies mit so viel anglikanischer Wrde und mit so unendlich
kategorischem Episkopalernst, da der arme Westfale vor Schrecken in den Boden
zu sinken meinte und unwillkrlich in die Tasche der grnplschenen Weste griff
und ach, seinen letzten Schilling herausholte. Es mute wohl so sein, denn alle
brigen bezahlten ebenfalls. Nachdem die Sache berichtigt war, schritt der
Kster vorwrts. Der Westfale folgte ihm auf dem Fue, seine Knie zitterten, er
schnappte nach Luft, und in der Angst und Verwirrung achtete er gar nicht
darauf, da man, statt die Treppe hinunter nach der Strae zu gehen, die Treppe
hinauf nach dem Turm schritt. Erst in der Mitte der ersten Windung bleibt er
entsetzt stehen. Ein neuer Betrug! Er will zurck, er macht kehrt - aber ach,
wenigstens zwanzig Menschen sind schon hinter ihm; keiner kann an dem andern
vorber, zu schmal ist der Gang, und Follow me! ruft der Kster vor ihm, und
Go on! schreit die Menge hinter ihm, und weiter mu der Unglckselige, von
einem Tritt zum andern, immer vorwrts, immer hinauf, unter chzen und Sthnen,
bis er endlich schweitriefend oben in der Kuppel der Kirche anlangt.
    Herren und Damen sind indes nachgerckt; immer voller wird der Raum, der
eine drngt den andern, und unser Westfale sieht sich gentigt, eine kleine
Erhhung zu besteigen, von der man zu der hchsten ffnung der Kuppel
hinaufreichen kann. Sowie die Gesellschaft das Innere der Kuppel betrat, hatte
sie alle Fenster und Luken in Beschlag genommen. Die ffnung, welcher unser
Freund zunchst stand, war bald allein noch unbesetzt, und man winkte ihm
hinauszusehen und dann fr andre Platz zu machen. Unwillkrlich fate er daher
rechts und links an die Seiten der ffnung, und vom Boden emporspringend, hob er
sich mit dem Oberkrper ber das Dach hinaus, auf die Hnde gesttzt, die Beine
noch immer baumeln lassend.
    Welch ein Anblick! Aus dem stillen Westfalen pltzlich auf die Spitze der
St.-Pauls-Kirche! Ein kalter Schauder durchfuhr unsres Freundes Rcken: vor ihm
ausgebreitet lag die Riesin London im heitersten Sonnenglanze. Des dichten
Nebels wegen hatte der Westfale nur das bemerkt, was auf sechs Schritt zu
bemerken war.
    Whrend er unten auf den Marmorstufen der Kirche betete, hatte aber der Wind
den Nebel zerstreut, und alle Gegenstnde der unermelichen Stadt traten jetzt
aus dem Dunkel hervor und leuchteten in grandiosen Umrissen am entwlkten
Horizonte. Dort die Yorksule, die Nelsonsule, die Trme der Westminsterabtei,
St. James, die Bume von Hyde Park und Palast an Palast bis hinaus in die
weiteste Ferne. Nach der andern Seite die City mit ihren tausend und aber
tausend verschlungenen und verworrenen Gassen und Gngen, mit den
hochgegiebelten Husern, vollgepfropft mit allen Schtzen des Erdballs, halb
noch in blulichen Rauch gehllt, der sich in dstern Massen hinauswlzt bis in
die entlegensten Felder. Und die Themse dann. Auf blulicher Flut die
schneeweien Segel und Mast an Mast, so weit das Auge reichte, vom Tower bis
hinab zur wogenden See. Dazu das Rasseln der Wagen, das Lrmen der Fugnger,
das Gerusch der Werksttten und hunderterlei Sthnen, Schreien, Murren, Brummen
und Poltern, das in tollem Gemisch zu der Kuppel der Kirche emporklang - es
schwindelte den armen Westfalen, krampfhaft fate er den Rahmen der Luke, er
dachte nicht mehr an den verlorenen Schirm, an den gestohlenen Mantel, an die
verschwundene Uhr, an den konfiszierten Koffer, an die Rechnung des Wirts, an
das Entre der Kirche und an den letzten Schilling - nein, er dachte an nichts
mehr, er sah nur, mit aufgerissenen Augen, mit offenem Munde, mit Nase und
Ohren, er staunte, er glotzte, und wie seine Kraft durch die schwebende Haltung
immer mehr schwand und wie er zuletzt nicht mehr wute, ob er sich nach hinten
zurckfallen lassen sollte, um irgendeiner Dame auf den Kopf zu strzen, oder ob
er nach vorn springen sollte, um selbst den Hals zu brechen, und wie es ihm
pltzlich gelb und grn vor den Augen wurde und wie der kalte Schwei auf seine
Stirn trat und ein Zittern durch alle Glieder fuhr: oh, da prete ihm die Mutter
Natur pltzlich einen jener heimischen Laute aus, der wie ein Pistolenschu in
der Kuppel der Kirche widerklang, und einer Leiche hnlich sank der Unglckliche
hinab, zwischen die nach allen Seiten auseinanderstiebenden Genossen, deren er
sicher im Niedersinken mehrere zerschmettert htte, wre der Laut nicht so
herrlich  propos gekommen, so voll, so donnernd - doch kehren wir zurck zu
Schnapphahnski. Der alte Oberst C. war in demselben Falle wie unser Westfale.
Das herrliche Diner, der Wein, die Lichter, Hitze, Musik, alles das hatte ihn
schon in eine Schwulitt versetzt, wie sie ihm in der mrderischsten Schlacht
nicht vorgekommen war. Als er nun aber gar noch in das Rauchzimmer geriet, um
die Konversation des Ritters und des Herzogs anzuhren, eine Konversation, die
jeden Augenblick pikanter und beiender wurde; als er die Verlegenheit der
brigen Gesellschaft bemerkte, eine Verlegenheit, die er selbst nicht recht
begriff, und als es ihm immer mehr einleuchtete, da er sich eigentlich gar
nicht an seinem Platze befinde - nun, da wurde ihm geradeso zumute wie dem
Westfalen auf dem Gipfel der Paulskirche; es schwindelte ihm, es wurde ihm
rosenrot vor den alten Augen; wie der Westfale meinte er die Themse zu sehen und
den Tower und die Westminsterabtei, der Angstschwei trat ihm auf die Stirn, und
ach, was der Westfale hoch oben ber ganz London riskiert hatte, das riskierte
der alte Oberst in dem Salon der hchsten Brsseler Gesellschaft:
    Brrrrr-um! und alles fuhr erschrocken zusammen. Es war geschehn. Aber man
hatte zuviel bon sens, um den armen Alten fr seinen Versto ben zu lassen,
und schon machte man Miene, das Unglck des ehrwrdigen Mannes mit lchelndem
Stillschweigen zu bergehen, als Herr von Schnapphahnski pltzlich so
unvorsichtig war, dem Beispiele des alten Oberst mit einem hnlichen Laute im
raschesten Tempo zu folgen - -
    Die Katastrophe des Abends war gekommen. Der Herzog endete sein Klavierspiel
mit der schrecklichsten Dissonanz, und rasch emporfahrend, wandte er sich zu dem
Oberst und dem Ritter. Ihnen, Herr Oberst, verzeiht man manches, denn man mu
es Ihnen verzeihen; Sie, Ritter, sind einer der erbrmlichsten Burschen, welche
die Welt je getragen hat! - Eine Totenstille entsteht.
    Der Ritter, so direkt interpelliert, setzt den Hut auf den Kopf, um sich
recht das Ansehen eines Marquis lger zu geben, tritt dem Herzog gerade unter
die Nase und fragt: Ist das Ernst oder Spa?
    Ich bin nicht gewohnt, da man mit dem Hut auf dem Kopfe zu mir spricht!
erwidert der Herzog, und seine Hand berhrt die Wange des Ritters zu gleicher
Zeit in so unsanfter Weise, da der Hut des Getroffenen hoch in die Luft fliegt.
Doch damit nicht zufrieden, ergreift er den taumelnden Ritter auch noch beim
Kragen, hebt ihn mit eiserner Faust empor, rttelt und schttelt ihn, da ihm
Hren und Sehen vergeht, spricht: Nun beginnt der Walzer!, ffnet dann die
Tr, trgt den Unglcklichen wie eine Katze hinaus und schleudert ihn die Treppe
hinab, um dann ruhig, als wenn nichts geschehen sei, ins Zimmer zurckzukehren,
wo die Gste stumm und bestrzt einander anschauen.
    Wir mssen gestehen, unser Herz beschleicht ein inniges Bedauern, indem wir
dieses niederschreiben. Unser Schmerz ist gerechtfertigt, denn mit seinem Helden
soll der Autor fhlen und empfinden.
    Fast wrtlich haben wir den Hauptinhalt dieses Kapitels aus den uns
vorliegenden Manuskripten wiedergegeben. Geben wir jetzt nur noch einfach den
Schlu. Kaum in den Salon zurckgekehrt - heit es in unsern Notizen weiter -,
erblickt der Herzog den Hut des Ritters. Er hebt ihn vom Boden auf, und indem er
avec toute la courtoisie possible hinzusetzt: Aber mein Gott, der Ritter kann
ja nicht ohne Hut nach Hause gehn - wirft er ihn auf die Treppe seinem
Eigentmer nach.
    Sie glauben vielleicht, da nach solch einer Katastrophe der Herzog am
andern Tage nicht mehr zu den Lebenden zu zhlen war - - Sie irren sich. Er lebt
noch bis auf den heutigen Tag. Aber pro forma kam der Sekundant des Ritters, um
die Bedingungen des Zweikampfes zu ordnen. Mein Gott, sagt der Herzog
gleichgltig, der Ritter sagte mir vor wenigen Tagen, da er den Degen whlt,
wenn er jemanden mit dem Tode bestrafen will. - Nun, ich glaube, da er alle
Ursache hat, mich zu bestrafen. - -
    Bedenken Sie nur, da des Herzogs Arm bermenschlich lang war und da acht
Menschen denselben nicht biegen konnten - - armer Schnapphahnski! Aber es sagt
bei uns ein altes Sprichwort: Wer hngen soll, der wird nicht ertrinken. Wer
wei, welches Los unserm Ritter reserviert ist!
    Vor allen Dingen erschien am selben Tage auch noch der Gesandte, Graf ...,
beim Herzog C.
    O mon dieu, que faire? Was wird man sagen, wenn es heit, da man in dem
... Gesandtschafts-Hotel Ften fr Personen zweideutigen Rufes gibt, bei denen
man sich betrinkt, f .... und sich ohrfeigt - - Was wird Se. Majestt sagen! Was
der Premier! Ich bin verloren - -
    Aber lieber Graf, was wollen Sie, da ich dabei tue? erwiderte der Herzog
mit der grten Hflichkeit.
    Liebster, bester Herzog, erklren Sie dem Ritter, da Sie ihn nicht
beleidigen wollten - -
    Aber kann ich das? sagte der Herzog, berstend vor Lachen.
    Es ist nur der Form wegen - -
    Nun gut, wenn der Ritter damit zufrieden ist - mir ist es einerlei.
    Und so geschah's.
    Am anderen Morgen kommen die beiden Kmpfer zu einer heldenmtigen
Vershnung zusammen. Schnapphahnski tritt dem Herzog mit der ritterlichsten
Miene und mit allen seinen Orden wie ein spanischer Maulesel behangen entgegen.
Unter Mnnern so hohen Standes knnen keine Beleidigungen vorkommen, sagt der
Ritter, und kommen sie vor, so drfen sie nicht als solche angesehen werden.
    Der Herzog macht eine ironische Verbeugung.
    Die Memoiren des berhmten Ritters Schnapphahnski waren fast vollendet. Er
verlie Brssel ...
    Zunchst finden wir ihn in Aachen. Tiefsinnig sitzt er am Grabe Karls des
Groen und spielt - Roulette.

                                      VIII



                                    Mnchen

Das Spiel ist eine schne Sache.
    Als acht- oder zehnjhriger Knabe nimmt man die Karten gewhnlich zum ersten
Male in die Hand - an langen Winterabenden, wenn drauen der Schnee auf den
Bergen liegt und die Flamme rtselhaft im Kamine emporsteigt, flackernd und
knisternd. Man spielt Schwarzen Peter. - Agnes, Bertha, Paul und Mathilde
sitzen um den runden Tisch, und wer verliert, der bekommt einen schwarzen
Strich, und wenn Paul dreimal verliert, da bekommt er auch drei Striche, und
fngt er an zu weinen: da lacht man ihn aus, und Agnes fllt ihm um den Hals und
kt ihn, trotz seines Schnurrbarts, und der Abend verstreicht unter Scherz und
Jubel, und es gibt kein schneres Spiel als der Schwarze Peter.
    Herr von Schnapphahnski trieb es nicht so unschuldig. Wie wir schon
erzhlten, sa er in Aachen am Grabe Karls des Groen und spielte Roulette - -
    Beilufig bemerkt, war Aachen bis in die neueste Zeit hinein ein hchst
unbekannter Ort. Erst vor kurzem wurde er durch Heinrich Heine entdeckt und nach
Verdienst besungen. Die Schnheiten Aachens sind erst durch Heine recht ans
Licht gekommen. Man hatte frher nur eine dunkle Ahnung davon. Man wute nur,
da Karl der Groe, seliger, dort verstorben und vergraben sei, da die Bauern
der Umgegend alle sieben Jahre zu der Kunstausstellung des heiligen Hemdes und
die Bonner Studenten jeden Sonntag zu dem naturgrnen Tische der Redoute
wallfahrteten - die Bauern, um mit reuigem Herzen, mit verzckten Augen und
gebeugten Knien vor dem wunderttigen Hemde ihre Andacht zu verrichten und von
Not und Fegefeuer erlst zu werden, - die Studenten, um im Schmuck der goldenen
Locken an den grnen Altar der Croupiers zu treten und erst recht in Not und
Fegefeuer hineinzugeraten. Das war indes auch alles, was jedem Kinde von Aachen
bekannt war. Aber jetzt? Man kennt jeden Lieutenant auf der Strae, man kennt
den Adler ber dem Posthause, man wei genau, womit sich die Hunde, die armen
langweiligen Hunde, in Aachen beschftigen. Genug, man kennt die winzigsten
Kleinigkeiten, und wenn der ehrwrdigen Stadt jemals etwas Menschliches
passieren sollte, wenn sie je einmal unterginge durch Pestilenz, Brand und
Hunger: da wird man nur Heines Wintermrchen aufzuschlagen haben, um den
Feuer- oder Lebensversicherungsgesellschaften die beste Anleitung zu geben, in
welcher Weise sie das Zerstrte zu ersetzen haben, sei es an Husern, Menschen
oder Vieh.
    Nie hatte Aachen glnzendere Tage als bei der Anwesenheit des Herrn von
Schnapphahnski. Der edle Ritter lie die Aachener Bank aber auch gehrig fr die
Ehre seines Besuches zahlen, und mit gefllter Kriegeskasse reiste er dann nach
Mnchen.
    Nicht ohne Zittern und Zagen geschah indes diese Reise. Denn wenn in Mnchen
auch nicht wie in Berlin jeder Gardelieutenant mit dem Finger auf unseren Ritter
zeigen und seinen Kameraden fragen konnte, ob jener Herr von Schnapphahnski
derselbe Schnapphahnski sei, der einst die schriftliche Erklrung gab, da er
sich in der berhmten Liebesaffre mit Carlotta hchst unzweideutig benommen
habe, so war doch wenigstens immer die Mglichkeit vorhanden, da dem edlen
Ritter selbst in dem bayrischen Babylon ein Lakai des Grafen S. aus O. in
Schlesien begegnete, und Herr von Schnapphahnski hatte nun einmal eine
entschiedene Abneigung vor den Haselstcken dieser Ungeschlachten. Und nhmst du
die Flgel der Morgenrte und bettetest dich am uersten Meere, die Arme der
Lakaien aus O. in Schlesien knnen dich doch noch erreichen! - Also dachte unser
Ritter, und es versteht sich von selbst, da er auch in Mnchen nicht auf der
Stelle mit der alten Keckheit aufzutreten wagte.
    Jedenfalls tat er das, was auch jeder andere vernnftige Mensch in seinem
eignen wohlverstandenen Interesse getan haben wrde. Er suchte nmlich seinem
Erscheinen in Mnchen vor allen Dingen einen angenehmen Geruch vorhergehen zu
lassen, um auf diese Weise jeder mglichen Gefahr wenigstens in etwas
vorzubeugen.
    Der sinnreiche Junker hatte bereits durch die Herausgabe seiner Memoiren ein
gewaltiges Stck in diesem Punkte vorgearbeitet. Indem er nmlich seine
spanischen Abenteuer schilderte und sich dabei von Gottes und Rechts wegen in
ein ungemein gnstiges Licht stellte, hatte er wirklich die trostlosen
Ereignisse frherer Jahre vorteilhaft zu balancieren gewut. Gewhnliche
Vergehen wrden gnzlich durch die spanischen Lorbeeren unsres Helden geshnt
worden sein; aber Herr von Schnapphahnski begriff, da er ein zu interessanter
Snder sei, als da nicht noch einige auerordentliche Mittel zu seinem Heile
angewandt werden mten.
    Er mietete daher einige seiner alten spanischen Genossen, mehrere seiner
Kameraden unter Don Carlos, die nach ihrer Rckkehr aus Spanien an der
Wstenleere der Taschen litten, und sandte sie als die Herolde seines Ruhmes
oder besser als die Rosenlflaschen, die ihm den erwnschten guten Geruch
bereiten mchten, voraus nach Mnchen. Die zwei hauptschlichsten dieser Ruhm-
und Rosenlflaschen waren der Knigl .... Oberst Graf K. und der frhere Knigl
.... General von R., zwei Leute, die des blanken Geldes geradeso dringend
bedurften wie Herr von Schnapphahnski des guten Geruches.
    Einmal engagiert, waren Graf K. und General von R. viel zu ehrliche und
gewissenhafte Spiegesellen, als da sie nicht alles aufgeboten htten, um den
Sold ihres Meisters auch wirklich zu verdienen. Sie zogen von Haus zu Haus,
agitierend und intrigierend, und als vierzehn Tage herum waren, da duftete auch
schon ganz Mnchen nach dem Ruhme des trefflichsten aller Ritter, nach den
Lorbeern des Herrn von Schnapphahnski.
    Endlich erschien unser Held in eigner Person, und es war nicht anders, als
ob ein zweiter Frhling ber der Biermetropole emporstiege. - Die Mnner
zitterten, die Weiber errteten, und gewandt wie ein Wiesel wedelte und
scharwenzelte der edle Ritter durch alle Salons. Man kann wirklich sagen, da
unser Held in diesem Augenblicke seine schnsten Triumphe feierte.
    Meine Leser werden es mir hoffentlich erlassen, dieselben weitlufig zu
schildern. Es wre auch unmglich, den edlen Ritter ganz naturgetreu zu
zeichnen. Herr von Schnapphahnski strahlte von Anmut und Lgenhaftigkeit; nach
kurzem war er schon wieder ganz der alte, und wenn er morgens, mittags und
abends in den Spiegel sah, da verbeugte er sich vor seinem eignen Antlitz und
gestand sich, die Hand aufs Herz legend, da er der schnste Mann seines
Jahrhunderts sei.
    In Mnchen weilte damals in der Nhe des kunstsinnigsten aller christlichen
Germanen ein gewisser Herzog von ......, ein Mann, den die Mainzer und Koblenzer
Bajaderen besser als alle zchtigen Weiber der Gegenwart zu schtzen wissen
werden. Wenn sie ihren Freund auch einst inkognito an die frische Luft setzten,
so machte dies wenig aus. Der Herzog vershnte sich wieder mit seinen alten
Bekanntinnen, und die guten Mainzer und Koblenzer wissen von dem
freudenfreundlichen Manne viel galante Affenteuer zu erzhlen.
    Es konnte nicht fehlen, da der Herzog bei seinem Mnchener Aufenthalt auch
auf den Ritter Schnapphahnski stie ... Tagtglich hrte er von der ruhmreichen
Vergangenheit unsres Helden erzhlen, und es versteht sich von selbst, da er
schlielich vor Eifersucht zu zerspringen meinte. Als man daher einst seinen
trefflichen Rivalen wieder bis in den Himmel erhob, strich der Herzog nachlssig
den Schnurrbart und meinte, da er nach den Antezedenzien des edlen Ritters
nicht leicht an seine hohe Bravour glauben knne. Wie ein Nadelstich traf diese
uerung das frhliche Herz unsres armen Ritters, und kaum davon in Kenntnis
gesetzt, lt er den Herzog auch schon wegen seiner unerquicklichen uerung zur
Rede stellen. Er bemerkt ihm, da alles nur auf Unkenntnis beruhen knne und da
er, der edle Ritter Schnapphahnski, sich wegen seines unvergleichlichen
Heldentums auf das Zeugnis des - Generals von R. berufe, den der Herzog
jedenfalls als kompetent anerkennen werde ..., vor allen Dingen mge der Herzog
seine uerung zurcknehmen.
    Der Freund der Mainzer und der Koblenzer Bajaderen weigert dies, und im Nu
verbreitet sich die Geschichte durch alle Salons.
    Herr von Schnapphahnski sieht sich daher in die unangenehme Notwendigkeit
versetzt, dem Herzoge mit der ganzen unerbittlichen Frechheit eines Ritters ohne
Furcht und Tadel auf den Hals zu steigen, und als er ihn furchtsam findet:
fordert er ihn.
    Selten hatte unserm Helden der Stern des Glckes heller gestrahlt als dieses
Mal. Der Herzog will sich nmlich nicht schlagen; er verkriecht sich hinter
seine Souvernitt und behauptet, da im unglcklichen Falle alle Bche und
Flsse, von den Trnen seiner Untertanen zu reienden Strmen angeschwemmt,
Huser und Weingrten hinwegreien wrden, da sein etwaiger Tod das europische
Gleichgewicht stren knne usw., kurz, je mehr sich der Herzog weigert, auf ein
Duell einzugehen, desto gewaltiger schwillt unserm Falstaff-Schnapphahnski der
Kamm, und als der Herzog endlich sein letztes Wort gegeben, da erklrt ihm der
edle Ritter, da der Herzog, wenn er sich wirklich dauernd hinter seiner
Souvernitt verstecke, auch in seinem Herzogtum bleiben und sich mit einer
chinesischen Mauer umgeben msse, denn an jedem andern Orte werde Se.
Hochgeboren so frei sein, den unbertrefflichen Souvern mit der Hundspeitsche
zu bedienen.
    Mnchens kunstsinnigster Barde, dem diese uerung berbracht wurde, nahm
sie im hchsten Grade bel, und unser Ritter hatte das Pech, zwar nicht in ein
Kirchenfenster des Klner Doms, wohl aber aus den heiligen Bierstaaten Sr.
Majestt fr immer verbannt zu werden.

                                       IX



                                      Wien

Ich habe mir oft im Leben Feinde gewnscht, bitterbse Feinde in Menge. Nichts
schien mir langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fue zu stehen. Nun
ich lter werde, begreife ich allmhlich, da mein Wunsch in Erfllung gehen
mag, ja, ich glaube an Vater Goethes Worte, und sinnend schaue ich hinaus in die
Zukunft.
    Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schtze mich Gott vor den
Weibern!
    Ja, ihr unsterblichen Gtter, beschtzt mich vor dem Ha der Weiber! Krnkt
mich mit falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Glubigern, hetzt mir alle
Windhunde der Literatur auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit - es
wird mir einerlei sein; nur bringt mich nicht um die Liebe der Weiber! - Oh, ein
Weib kann entsetzlich sein.
    Wehe, wenn eine schne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird
dich verderben. Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fue den Boden
stampft; lachen, wenn sie die Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn
sie errtet bis ber den Busen; lachen, wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung
funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich verflucht und verdammt, und
lachen, wenn sie gro, schlank und gebieterisch sich erhebt, um dir hhnisch die
blendenden Zhne zu zeigen. Ja, lachen magst du fr einen Augenblick, fr einen
Monat, fr ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich
erreicht, wo sie mit grausamen Hnden dein zitterndes Herz packt, wo sie dein
Herz aus der ruchlosen Brust reit und das blutrote Herz helljubelnd in die Luft
wirft und es wieder auffngt wie einen Ball, ja, Ball mit deinem Herzen spielt,
bis es gebrochen und verblutet ist, dein armes blutrotes Herz ...
    Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glck, von einer schnen jungen Frau
gehat zu werden, was aber noch weit schlimmer war: es hate ihn eine Frau, die
frher einmal schn und jung gewesen.
    Von Mnchen hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar
1840. Voran eilten ihm wieder Graf K. und General R., die bankrotten Genossen
der spanischen Kriege, um ihrem Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie
den Ruhm unseres Helden in Mnchen ausgeflstert hatten, so suchten sie ihn in
Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden wieder in Bewegung gesetzt. Graf K.
und General R. wetteiferten in Erfindung der mrchenhaftesten Aventren. Ein
Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche angedichtet als die
beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker.
    Weit vor den Gaskonaden der beiden sinnreichen Herolde flog indes unserm
Ritter ein solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Impertinenz, von Indiskretion
und Effronterie vorher, da sich schon lngst, ehe er in Wien eintraf, eine
wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft gebildet hatte, die fest entschlossen
war, unsern Helden weder zu sehen noch zu empfangen. Die Geschichte mit der
Grfin S., die jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen Abneigung
bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen knne, ffentlich
aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stcken der grflichen Lakaien
aussetzen msse, und mit stillem Hohngelchter sah man der Ankunft des Ritters
entgegen. Endlich erschien er, schn wie immer.

Zierlich sa ihm Rock und Hschen,
Doch noch zierlicher die Binde. -

Beau Brummell, der Dandy Knig Georgs IV., tndelte nicht koketter durch das
Drawing-room seines Herrn als Herr von Schnapphahnski durch die Wiener Gassen.
Aber ach, vergebens war alle Liebenswrdigkeit unseres Ritters. Umsonst lie er
alle Minen springen. Das ganze Pulver seiner Frechheit verscho er Schu auf
Schu; aber er scho keine Bresche in die Wiener Gesellschaft.
    Ein einziger Mann, ein Lwe der Wiener Salons, Frst H ..., nahm sich
zuletzt aus Mitleid seiner an, und vielleicht htte der groe Kredit dieses
Mannes ihn durchgesetzt, wenn sich nicht pltzlich wieder eine andere
Jugendsnde unseres Helden, ganz im Stile seines Abenteuers mit Carlotten, auf
eine schreckliche Weise an ihm gercht htte.
    Die kleine Historie, die wir jetzt erzhlen werden, greift so tief in das
Wiener Leben ein und berhrt so weltbekannte Personen, da wir uns, um nicht
indiskret zu werden, lieber aller Ausschmckungen enthalten wollen, um uns rein
an die vorliegenden, von sehr guter Hand geschriebenen Aktenstcke zu halten.
    Prahlend hatte nmlich einst ein Herr von Schnapphahnski bei seinem
Aufenthalt in Paris einigen Freunden das Portrt der Frstin ..., der Gemahlin
jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor kurzem die Geschicke so vieler Vlker
in seinen Hnden hatte und der vielleicht in diesem Augenblicke mit dem alten
Usurier der Tuilerien auf dem Schachbrett jenes Spielchen wieder aufnimmt, was
er auf dem Felde der Politik jngst so schmhlich verlor.
    Herr von Schnapphahnski rhmte sich, da er in der Gunst dieser Dame
gestanden habe.
    Die Frstin, hinlnglich blasiert darber, wenn man sich ihrer Liebesgunst
rhmte, wo diese wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden,
da ihr Ruf leide, wo sie keine Gegenleistung erhalten hatte. - Ich fhre diese
Passage wrtlich aus den vorliegenden Manuskripten an, da sie von zu kstlicher
Naivitt ist, als da auch nur ein Jota daran verndert werden drfte. Wohl zu
merken: die Frstin will ihrem Gemahle nur deswegen keine Hrner von unserm
Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine Gegenleistung von ihm erhalten hat!
    Gibt es eine feinere Wendung des Stiles? Gegenleistung, ja, Herr von
Schnapphahnski, Gegenleistung! Prgen Sie sich das tief ins Gedchtnis.
Gegenleistung! that's the job! Leisten Sie etwas, Herr von Schnapphahnski. Um
Gottes willen, leisten Sie etwas, ehe Sie sich Ihrer Eroberungen rhmen, sonst
wird man auf allerlei seltsame Vermutungen kommen. Man verlangt nicht von Ihnen,
da Sie ein Maximin sind, ein Mann wie jener krftige Jngling in goldener
Rstung, von dem alle rmischen Damen Mutter zu werden wnschten und der auch
viele Schmachtende zu trsten wute, ehe sein abgeschlagenes Haupt gleich einem
schnen Gespenste von dem Gitter seines Palastes sah. Man verlangt auch nicht,
da Sie dem Stuhlrichter Warga, jenem Graner Reprsentanten, gleichen, gegen
dessen Zulassung zum ungarischen Parlamente man im verflossenen Juli in Pest so
sehr protestierte, weil der glckliche Mann whrend seiner zehnjhrigen
Amtsdauer 4000 Mdchen verfhrte ..., nein, auch mit den handfesten Lakaien des
Grafen S. aus O. in Schlesien will man Ihnen gern den Wettstreit erlassen; aber
lieber, teurer Ritter, leisten Sie etwas, etwas, etwas! Denn bei all Ihren
Liebschaften, die wir erzhlten, sind Sie noch nicht bis zu dem Punkte gekommen,
der gerade die Pointe jeder Liebschaft ist ..., weder bei der Grfin S. noch bei
der Schwester des Grafen G., noch bei Carlotten, ja, leisten Sie etwas, und das
recht bald, sonst werden Ihnen alle Ihre trefflichen Reden nichts ntzen, sonst
werden trotz aller Ihrer angenehmen Manieren die Geister der Unweisen auf der
Galerie sitzen und ber Sie lachen, sonst wird man trotz alledem jenen hbschen
Vers auf Sie anwenden, da sehr oft die
     ....gens d'esprit, d'ailleurs trs estimables
    Ont fort peu de talent  former leurs semblables.
    Die Frstin ... wollte also nicht, da unser Held sich ihrer Liebe rhme,
ohne ihr Gegenleistung gewhrt zu haben. Armer Schnapphahnski, das war Pech! -
Gott wei es, heit es in den betreffenden Dokumenten weiter, wie der Ritter zu
dem Portrt der Frstin gekommen war. Sicher ist, da er die Gunst jener hohen
Frau nie genossen und da er sich derselben mit vollkommenem Ungrund rhmte.
brigens ist die Frstin seine ..., und er kann daher auf verwandtschaftlichem
Wege leicht zu dem Miniatur-Portrt gekommen sein, das er als Beweis-pice
vorzeigte.
    Madame ..., der die freche und grundlose Kompromittierung von seiten unsres
Helden lngst zu Ohren gekommen war, wurde natrlich sehr lebhaft daran
erinnert, als sie den edlen Ritter pltzlich in eigner Person nach Wien
hinbervoltigieren sah, und es war hauptschlich durch ihre Vermittlung, da
jene League entstand, welche Sr. Hochgeboren den Zutritt zu der Wiener
Gesellschaft  tout prix zu verbarrikadieren suchte.
    Man verbrderte sich frmlich, um ihn weder zu empfangen noch um irgendein
Haus zu besuchen, wo er empfangen wurde. Einer Dame, bei welcher er seinen
Besuch durch den Frsten H ... bewerkstelligte, wurde ohne weiteres notifiziert,
da sie auf alle andern Besuche verzichten msse, wenn sie den Ritter
Schnapphahnski bei sich empfange.
    Die Anstrengungen des Grafen K. und des Generals v.R. waren nutzlos; ihre
besten Anekdoten blieben ohne Erfolg; der Ruf unsres Helden war fr immer
untergraben, und unerbittlich schlossen sich vor ihm alle Tren.
    Herr von Schnapphahnski berzeugte sich davon, was es heit, mit wtenden
Frauen zu tun zu haben. Gegen ein feindlich gesinntes Weib helfen weder Sbel
noch Pistolen; ein Weib, das dich vernichten will, ist gefhrlicher als alle
falschen Freunde, als alle wtenden Glubiger, als alle bezahlten literarischen
Windhunde, als tausend Sbirren; eine Frau, die dich hat, wird dich eher
niederwerfen als ein Regiment Dragoner, als eine Batterie Vierundzwanzigpfnder
- ein Weib ist allmchtig. Wehe dir, wenn sie mit ihren schwachen Hnden in die
Rder deines Schicksals greift: zitternd wirst du zum Stillstand kommen! Und
wre auch bei der Dauer des Kampfes das Rot ihrer Lippen verblichen, der Glanz
ihres Auges erloschen und das Braun ihrer Haare silberwei geworden: kommen wird
die Stunde, wo sie ihren Fu auf deinen Nacken setzt, wo sie sich kniglich
schn erhebt, wo sie in der Majestt des Glckes mitleidig auf dich hinablchelt
und wo du fhlst, da du ein Leben der Schmach hinter dir hast, ein Leben der
Schande, weil du dich vergingst, ja, weil du gesndigt hast an einem Weibe. -
    Wie gesagt, Herr von Schnapphahnski machte in Wien vollstndig Fiasko. Aus
Mnchen hatte man ihn ausgewiesen, weil er so heroisch war, sich an einer
furchtsamen Souvernitt zu vergreifen; aus Wien wurde er durch die Abneigung
der Damen verjagt, die alle bei dem Gedanken zitterten, da sie sich bei der
geringsten Berhrung mit dem herrlichen Ritter auch schon nach kurzem in ein
ses Verhltnis mit ihm verwickelt hren mten.
    Ingrimmig verlie Se. Hochgeboren Wien. Aber wie er nie damit zufrieden war,
eine einfache Niederlage erlitten zu haben, so konnte er auch dieses Mal nicht
umhin, einem Unglck noch eine Jmmerlichkeit hinzuzufgen. Er suchte nmlich
die Frstin ... dadurch zu strafen, da er ber den wirklichen Geliebten
derselben, ber den spanischen Chevalier ..., eine Infamie erdichtete und
verffentlichte, eine Infamie, von der er seinen Bekannten selbst eingestand,
da er sie nur fingiert habe, um sich an der Frstin zu rchen. Glcklicherweise
brachte ihm diese Niedertrchtigkeit eine wohlverdiente Zchtigung.

                                       X



                                 Die Huldigung

Es ging Herrn von Schnapphahnski wie den jungen Katzen, die sechsmal aus der
Dachrinne in die Strae hinunterpurzeln knnen, ohne den Hals zu brechen. Unser
Ritter besa wirklich vor allem andern die Eigenschaft, da er ein
unbeschreiblich zhes Leben hatte.
    Nach so fatalen Niederlagen, wie sie unser Held in Mnchen und Wien erfuhr,
wrde jeder andere Mensch nach Indien, nach Amerika oder nach einem Eiland des
Stillen Ozeans gereist sein. Nur ein Schnapphahnski durfte noch hoffen, auch an
einem andern Orte eine Rolle spielen zu knnen.
    Der Ritter konnte sich gratulieren, da er deutscher Abkunft war, oder
eigentlich wasserpolackischer. Wre er als Pariser oder Londoner einmal in recht
Schnapphahnskischer Weise durchgefallen, so wrde er sich schwerlich so schnell
wieder erholt haben. Bei den vielen Hfen des deutschen Vaterlandes wute sich
der erfinderische Mann aber schon eher zu retten, und Gott wei es, zu welchen
verwnschten Prinzessen er sich noch hinabgelassen htte, wenn nicht um die
Mitte des Jahres 1840 durch den Tod eines groen Monarchen pltzlich so viele
Hindernisse fr unsern Helden aus dem Wege gerumt worden wren, da er schnell
wieder den Plan aufgab, sich einstweilen nur in den mehr verborgenen Sphren des
germanischen Adels herumzutreiben, und es abermals wagen zu knnen glaubte,
sogar in Berlin sein holdes Antlitz von neuem sehen zu lassen.
    Sollte man es glauben? Schnapphahnski wieder in Berlin! - Man wird ber die
Keckheit unseres Helden lachen, wenn man bedenkt, wie schmhlich er das dortige
Feld einst rumen mute. Wurde nicht das Abenteuer aus O. in Schlesien und das
Duell aus Troppau noch manchmal bei Hofe erzhlt? Lchelte nicht Carlotta noch
immer so selig von der Bhne hinab in das Parkett, wo der Adonis der Garde
stand, und wute man nicht noch allerwrts die rhrende Geschichte jener armen
Tnzerin, die sich geradeso gromtig von des Ritters Diamanten trennte, wie der
Ritter die Tnzerin ungromtig im Stiche lie? Aber alles das machte nichts.
Der Ritter war davon berzeugt, da noch etwas aus ihm werden knne. Sein
gewaltigster Feind war dahin; neue Gesichter verdrngten die alten, und unser
Held htte nicht Schnapphahnski heien mssen, wenn er nicht versucht htte, die
Wendung der Dinge auch fr sich zu exploitieren. Keck setzte er den Fu wieder
in das Berliner Leben.
    Schnapphahnski mute etwas wagen, denn er hatte drei Sachen ntig, drei
Dinge, die man ungern im Leben zu entbehren pflegt. Unser Ritter bedurfte des
Vergngens, der Ehre und des Geldes; nach dem letzteren sehnte er sich am
meisten. Fr das Vergngen war in Berlin schon gesorgt; Ehre konnte der
Umschwung der politischen Zustnde mit sich bringen; mit dem Gelde sah es am
schlimmsten aus, und kopfschttelnd dachte unser Ritter bisweilen an das alte
Sprichwort: Wo Geld ist, da ist der Teufel; aber wo keins ist, da ist er
zweimal.
    ber die Geldverhltnisse unseres Helden finden wir in den schon erwhnten
Dokumenten die genauesten und wichtigsten Aufschlsse. Wir wrden unserm Freunde
gern die Demtigungen ersparen, so vor allem Volke seine Tasche umzukehren.
Leider sehen wir uns aber gewissermaen dazu gezwungen, denn die sptern
Liebesabenteuer unsers Ritters stehen in so genauem Zusammenhange mit seinem
Beutel, da wir wirklich das eine nicht ohne das andere schildern knnen.
    Die in der Wasserpolackei gelegenen Gter Schnapphahnskis, heit es in
unsern Notizen, waren fast gnzlich ertraglos, da enorme Schulden auf ihnen
lasteten, Schulden, die dadurch tglich stiegen, da der edle Ritter auch nicht
im entferntesten nur soviel Einknfte besa, als zur Bezahlung der
Hypothekenzinsen ntig waren. Der Vater Schnapphahnskis schaffte sich einen Teil
dieser Schuldenlast auf hchst geniale Weise vom Halse, indem er sich seinerzeit
freiwillig interdizieren lie. Die Gter gingen durch dieses Manver auf den
damals noch blutjungen Ritter ber, der die Schulden des Vaters nicht bezahlte,
da Majorate nicht angreifbar sind und selbst auf die Revenuen derselben nur so
lange von den Glubigern gerechter Anspruch gemacht werden kann, als der
eigentliche Schuldner Herr des Majorates ist.
    Durch dieses feine Finanzkunststck der Familie Schnapphahnski war zwar mit
den Schulden groenteils tabula rasa gemacht und manche brgerliche Kanaille
ruiniert worden. Aus Mangel an jedem Betriebskapitale gerieten indes die Gter
sehr bald wieder in die alte Lage. Alle ihre Einknfte wurden abermals
verpfndet, und der ganze Besitz war wiederum von Hypotheken erdrckt. An und
fr sich sind die Einknfte dieser Gter sehr bedeutend.
    Tzztzztzzt - hier trgt das Manuskript einen unaussprechlich schnen
wasserpolackischen Namen, den wir dem Scharfsinn unserer Leser zu buchstabieren
berlassen - also, an und fr sich sind die Einknfte dieser Gter sehr
bedeutend. Tzztzztzzt hat in ganz Deutschland die beste Zucht von
Merinomutterschafen und Bcken. - Ich bitte meine freundlichen Leserinnen
hchst aufmerksam zu sein, da meine Skizzen ber Herrn von Schnapphahnski in
diesem Augenblicke sehr belehrend werden. - Diese Merinomutterschafe und Bcke
werfen allein jhrlich einen Ertrag von 60.000 Talern Revenue ab, von denen Se.
Hochgeboren indes damals nicht einen Heller besah. -
    Armer Schnapphahnski! Fr 60.000 Taler Schafe und Bcke, und dann nicht
einmal einen Pfennig Einkommen. - Das ist unbegreiflich, das ist entsetzlich!
brigens hat die Geschichte etwas sehr Patriarchalisches. Man denke sich den
kleinen Schnapphahnski sporenklirrend, schnurrbartkruselnd mitten zwischen
seine Schafe und Bcke tretend. Zu seiner Rechten stehen die Schafe, zu seiner
Linken die Bcke. Verehrte Mutterschafe und Bcke, beginnt Schnapphahnski,
ich bin im hchsten Grade erfreut, euch wiederzusehen. Ich habe viel gereist,
und auerordentliche Taten bezeichnen meine Laufbahn. In O. in Schlesien setzte
ich dem Grafen S. ein Paar Hrner auf (hier unterbrach den Redner das freudige
Geblk smtlicher Bcke). In Troppau erschlug ich den wilden Menschenfresser,
den Grafen G. (allgemeines Erstaunen). In Berlin kostete ich den Lilienleib
Carlottens (alle Schafe schlagen verschmt die Augen nieder). In Spanien erwarb
ich mir unsterblichen Ruhm unter Don Carlos (Schafe und Bcke brechen in Oho und
Bravo aus). In Mnchen erscho ich den Herzog von ...... und wurde deswegen
verbannt (schmerzliche Rhrung auf allen Gesichtern). In Wien drohte mich die
Liebe der Damen zu erdrcken (die Bcke wedeln und beien einander in die
Ohren). Verehrte Herde, teure Majorats-Mutterschafe und Bcke! Ihr begreift, da
mich ein wehmtig ses Gefhl beschleichen mu, wenn ich nach so ungewhnlichen
Fahrten und Schicksalen endlich in euren stillfriedlichen Kreis zurckkehre
(stilles Einverstndnis aller Seelen). Oh, es ist mir zumute wie einem jener
alten Nomaden, die uns das Buch der Bcher in so trefflichen arabeskenhaften
Mrchen zu schildern sucht. Gleiche ich nicht einem Joseph, einem Benjamin oder
lieber jenem

- - - Sohne des Hethiten,
Der einst die Maultier in der Wst erfand,
Als er des Vaters Esel mute hten?
(Allgemeines Interesse.)

Oh, ihr Gespielen meiner Jugend, ihr lieben Angehrigen der Familie
Schnapphahnski, seid mir gegrt, ja, seid mir von Herzen willkommen! Mit euch
aufgewachsen bin ich, ihr unvergleichlichen Mutterschafe, und gern denke ich
noch daran, wie ich euch oft so zrtlich an die Lmmerschwnzchen fate. Ja, mit
euch habe ich mich entwickelt, ihr herrlichen Bcke, und nie werde ich
vergessen, da ich von euch alle meine tollen Sprnge lernte, bis ich endlich
lter und erfahrener wurde und zu einem groen Sndenbock gedieh (rauschender
Beifall). Ihr Schafe zur Rechten und ihr Bcke zur Linken, hrt meine Rede!
Beide liebe ich euch, und es ist nur aus altadliger Courtoisie, da ich mich
gewhnlich mehr der Rechten zuwende, ja euch, ihr trefflichen Mutterschafe, da
ihr der Stamm und der Hort der ganzen Rasse seid (Bravo! Bravo! auf der
Rechten). Oh, mein Enthusiasmus fr euch und fr diese Versammlung kennt keine
Grenzen. Mit euch, ihr Schafe und Bcke, will ich schaffen und wirken fr alle
Schafe und Bcke auerhalb dieser Versammlung (strmische Jubelunterbrechung).
Gro ist unsere Aufgabe, aber nichts wird uns erschttern. Einer der khnsten
Streiter, stehe ich unter euch, heiter das Haupt erhebend, und nur eins, ach,
krnkt mich und schnrt mir das Herz zusammen (peinliche Aufmerksamkeit und
lautlose Stille). Ja, eins nur tut mir weh, da ihr herrlichen
Merinomutterschafe und Bcke all miteinander hypotheziert seid und da ihr nicht
geschoren werdet - fr mich.
    Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, da die Beredsamkeit unsres
Helden namentlich in einer tieftraurigen elegischen Wehmut ihren Hauptreiz hat.
Viele der ausgezeichnetsten Schafe und Bcke haben mir versichert, da sie bei
verschiedenen Gelegenheiten wahrhaft davon bezaubert gewesen seien und sich
schon bereitgehalten htten, den Demosthenes der Wasserpolackei mit einem Donner
des Applauses auf seinen Sitz zu begleiten, wenn nicht wider Erwarten, trotz
aller adligpatriarchalischen Phrasen, schlielich der Finanznot blasse Wehmut,
tiefe Trauer zum Vorschein gekommen wre und der ganze Sermon in einem
unsterblichen Gelchter sein Ende erreicht htte.
    Ja, die Finanznot! Sie spielt in dem Leben unseres Helden eine ebenso groe
Rolle als die Liebe. Die Finanznot war es auch, welche Sr. Hochgeboren vor allen
Dingen wieder nach Berlin trieb.
    Es wre hier die Stelle, nher auf die Festlichkeiten einzugehen, die bei
der Huldigung im Sptjahre 1840 in Berlin statthatten. Wir unterlassen dies
aber. Herr von Schnapphahnski hatte sich natrlich sehr darauf gefreut. Er
hoffte, da man bei dem allgemeinen Tumult nicht mehr an seine seltsame
Vergangenheit denken wrde. Mit der angebornen liebenswrdigen Frechheit glaubte
er, das Verlorene wiedererobern zu knnen und dann auch schnell zu Amt, Ehre und
Kredit, kurz, zu allem zu gelangen, was das Dasein wnschenswert macht.
    In Berlin, heit es in unsern Manuskripten, wartete Sr. Hochgeboren aber
ein uerst schlechter Empfang von seiten der schlesischen Ritterschaft. Nach
langen Debatten beschlo dieselbe nmlich, zu einem Diner, das sie als
Korporation gab, Herrn von Schnapphahnski nicht zuzulassen. Unser Ritter fand
sich aber dennoch ein und setzte sich mit zu Tische. Da erhob sich die ganze
Ritterschaft ...

                                       XI



                                  Die Nordsee

Die Gelehrten, die in keinem Punkte bereinstimmen, sind natrlich auch darber
uneinig, was aus Sr. Hochgeboren, dem Ritter Schnapphahnski, wurde, nachdem er
in Berlin so glnzend Fiasko gemacht hatte. Einige behaupten, er sei sofort auf
seine Gter nach der Wasserpolackei gereist; andere lassen ihn dagegen nach
Norden ziehen und schwren darauf, da er pltzlich auf einer Insel der Nordsee
unter dem Namen eines Grafen G.v.W. zum Vorschein gekommen sei, um eins der
trefflichsten Abenteuer seines Lebens zu bestehen.
    Schnapphahnski oder vielmehr Graf G.v.W. - erzhlt uns einer dieser Herrn -
war des Lebens md und matt, als er von dem Huldigungsfestmahl aufstand. Er
sprach kein Wort mehr, er lie seine Sachen packen und bestellte Postpferde in
die weite Welt - zunchst nach Hamburg.
    In Hamburg hatte unser Ritter nicht im geringsten etwas Bses vor - denn
ach, unser Held war zu kaduk. Er fhlte, da er sehr unglcklich sei, und da
gegen alles Unglck nichts besser ist als eine ausgezeichnete Zigarre, so hielt
sich der hohe Reisende nur deswegen einige Tage in der liebenswrdigsten aller
deutschen Stdte auf, um die besten Importierten zu kaufen, die je die Magazine
des Jungfernstieg durchduftet.
    Als aber nun Koffer, Taschen und Bchsen mit den braunen Kindern der Havanna
reichlich gefllt waren, bestieg unser Held den Dampfer und fuhr die Elbe hinab,
hinaus in die dicke blaue Meerflut.
    In der frischen, freien Natur, dachte der Ritter, wirst du all dein
Migeschick vergessen. Verflucht sei das Land! Gesegnet sei das Wasser! Wenn die
Wellen dich schaukelnd dahintragen und die Wolken wie geflgelte Gletscher das
Blau des Himmels durcheilen und wenn dich endlich ein Eiland aufnimmt, wo nur
fromme, robuste Fischer wohnen und stmmige Nereiden und wohlmeinende Austern:
oh, da wird dein krankes Herz gesunden, und du wirst ein Glcklicher unter
Glcklichen sein und ein billiges, gottgeflliges Leben fhren in Ewigkeit. -
    Wie in so manchen Sachen, irrte sich der Ritter auch in diesem Punkte, denn
nichts kuriert einen vernnftigen Menschen weniger als die reine Natur, als eine
sogenannte schne Gegend.
    Mit unserm kleinen, sen Gewohnheitsplunder befinden wir uns in der
finstersten Gasse einer lrmenden Stadt auf die Dauer besser, als vom Frhrot
umstrahlt auf dem Gipfel der Alpen unter Gemsbcken und dummen Kuhhirten. Ich
lasse es mir gefallen, da man sich alle Jahre einmal auf den Rigi setzt, auf
den Snowdon oder den Blocksberg, um sich davon zu berzeugen, da unser Herrgott
auf eine wahrhaft geniale Weise seine groen Bergkltze durcheinanderwrfelte -
eine Stunde, einen Tag lang mag man alles beschauen; aber dann auch hinab zu der
ersten besten verwnschten Prinzessin!
    Was geht mich die ganze Schweiz an, wenn ich in ein paar schne Augen sehe?
    Unser Held war daher auf einem ganz gewaltigen Irrwege, wenn er durch ein
dauerndes Schwelgen in der schnen Natur zu gesunden dachte.
    Htte ich nur die Plne des Ritters gewut und wre ich damals in St.
Petersburg gewesen, so wrde ich meinem Freunde auf der Stelle geschrieben
haben: Liebster Ritter, kommen Sie wenigstens nach St. Petersburg. Beschauen
Sie sich die Palste Sr. Majestt, des groen Bren. Amsieren Sie sich an der
steifen Parade der kaiserlichen Truppen. Suchen Sie vergebens einige hungrige
russische Beamten zu bestechen, und fahren Sie auf einem abscheulich guten Wagen
nach Moskau oder zu Schlitten nach Sibirien - Sie werden wie gerdert dort
ankommen; Hren und Sehen wird Ihnen vergehen, und Moses und die Propheten
werden Sie vergessen und folglich auch Ihr Unglck.
    Oder reisen Sie nach London! Ich gebe Ihnen ein Empfehlungsschreiben mit an
meine Freunde in Eastcheap. Dort treffen Sie den unvergleichlichen Sir John
Falstaff. Er frhstckt bei Frau Hurtig und wird Sie mit Dortchen Lakenreier
bekannt machen und mit Bardolph und Pistol und andern hervorragenden
Persnlichkeiten des Jahrhunderts. Mancher wird Ihnen freilich versichern, da
dies nicht die beste Gesellschaft sei; aber das ist reine Verleumdung. Ein
englischer Literat namens Shakespeare ist schuld daran. Er hat in seinen
verwerflichen Dramen die nachteiligsten Dinge ber den wahrheitsliebenden Sir
John und ber das tugendhafte Dortchen erzhlt. Aber dafr erscheint er denn
auch vor der Sternkammer, d.h. vor dem Zuchtpolizeigericht; die Klage lautet auf
Kalomnie, und da der unglckselige Angeklagte in dem rotnasigen Lord Brougham
einen sehr schlechten Advokaten hat, so hofft man, da besagter Herr Shakespeare
wenigstens zu 3 Monat Arrest und zu 5 Jahr Verlust der brgerlichen Rechte
verdonnert wird. Was knnen Sie also Besseres tun, als nach London reisen, um
diesen famosen Proze mit anzuhren?
    Oder reisen Sie nach Paris! Paris ist der einzige Ort, wo ein vernnftiger
Mensch auf die Dauer leben kann. Stellen Sie sich auf die Place de la Concorde,
und wenn die Springbrunnen rings um Sie pltschern und wenn seitwrts der Duft
aus tausend Orangenblten emporsteigt und wenn die Hieroglyphen des Obelisks von
Luxor im Abendgolde brennen und der Blick sich rechts in dem Lindengrn des
Tuileriengartens und links in der Weite der Elysischen Felder und in dem Duft
verliert, der geisterhaft ber die Hhe des Arc de Triomphe einherwogt - und
wenn sich nun der Abendwind aufmacht und das Tnen der Musik aus entfernten
Grten in leisverhallenden Klngen zu Ihnen herbertrgt und die reizenden
Franzosen mit ihrer ganzen Lebendigkeit an Ihnen vorbertanzen und jetzt die
sinkende Sonne ihren letzten Purpur, ihre flammendsten Rosenlichter auf die
Wipfel der Bume, auf die Perlen der Springbrunnen, auf das Blau der Wolken und
auf die Wangen der lieblichsten Frauen der Welt wirft und endlich die ganze
ungeheure Stadt wie im Bewutsein ihrer Schnheit noch einmal im Rausche der
Liebe und der Wollust emporzujauchzen scheint - nun, lieber Ritter, da will ich
ein Dromedar sein, wenn Sie sich nicht wie ein Gott fhlen, wenn Sie nicht Ihre
Leiden vergessen, wenn Sie nicht gern die ganze Welt fr einen Pariser
Pflasterstein verkaufen, fr einen einzigen dieser heiligen Steine, die heller
durch die Geschichte leuchten als alle Kronjuwelen, so den Schdel eines Frsten
zierten, von Salomo bis auf Reu LXXII.
    Doch was hilft es, da ich mir vorleiere, wie ich zu dem unglcklichen
Ritter gesprochen haben wrde? Unser Freund sehnte sich weder nach den
Eispalsten Sr. Majestt, des groen Bren, noch nach der Taverne in Eastcheap,
noch nach dem Obelisken von Luxor - traurig sa er auf dem Verdeck des
schwankenden Dampfers, die Mwen schrien, die Wolken zogen, und stop! rief der
Kapitn, da landeten sie auf einer Insel der Nordsee.
    Ich mag es nicht unternehmen, meinen Lesern diese weltbekannte Insel nher
zu schildern. Hunderte der geistreichsten Schriftsteller haben sich schon an
diesem Stoffe versucht, und es hiee wirklich Wasser in den Rhein tragen, wenn
ich den trefflichen Reisebeschreibungen jener guten Leute noch meine
unvollkommenen Notizen hinzufgen wollte.
    Beschrnken wir uns daher auf die Mitteilung, da das Leben auf der
fraglichen Insel mglichst langweilig ist und da es wirklich ein Wunder gewesen
wre, wenn der arme melancholische Graf G.v.W. nicht schon nach kurzem recht
eigentlich mit sich zu Rate gegangen wre, wie er durch irgendeinen tollen
Streich die Einfrmigkeit eines Daseins brechen knne, das gewi am
allerwenigsten geeignet war, um ihn die Strme der Vergangenheit vergessen zu
lassen.
    Aber wie sollte man auf dieser einsamen Insel einen tollen Streich begehen?
    Sollst du mit den Fischern aufs Meer ziehen? fragte sich der Graf. Sollst du
dich mit dem ersten besten Englnder herumboxen? Sollst du dich in eine Auster
verlieben, oder sollst du gar zum Zeitvertreib heiraten? - -
    O ihr unsterblichen Gtter: heiraten! welch eine Idee! brigens wre die
Geschichte doch nicht so bel, dachte der Graf. In der Ehe langweilt man sich
wenigstens nicht mehr ganz allein: man langweilt sich zu zweien, und dies ist
schon ein Vorzug, ein sehr groer Vorzug! O himmlischer Vater, du weit es, wozu
die Langeweile einen Menschen verleiten kann - -
    Ja, du weit alles. Auch meine geheimsten Gedanken kennst du, und gewi
werden dir bei deinem vortrefflichen Gedchtnis noch jene ausgezeichneten Gebete
oder, wie der alte Kant sagt, jene oratorischen bungen erinnerlich sein, die
ich manchmal in stiller Mitternacht aus einem Rest von kindlichem Gefhle zu
dir emporlallte, wenn ich mit des Jahrhunderts lieblichen Tchtern des
Vergnglichen viel genossen hatte und nun pltzlich auf den nrrischen Gedanken
kam, da ein treues Eheweib am Ende doch noch besser sei als alle jene
undankbaren, unersttlichen Loretten, die der bse Herr Teufel gezeugt hat mit
der schnen Frau Venus.
    Du hast sie gehrt, jene rhrenden Gebete, und du wirst sie gndig verziehen
haben.
    Sieh, o Vater der Gtter, Zeus, du Wolkenversammler - sieh, Jehovah oder
Odin oder wie du dich nennen willst: auch heute befinde ich mich wieder in
dieser heiratslustigen Stimmung. Ich langweile mich auf dieser einsamen Insel;
es ist nicht gut, da der Mensch alleine sei; drum erhre mein Gebet und nimm
mir, wie weiland unserm Urgroonkel Adam, eine Rippe aus der Seite, auf das ich
morgen frh ein holdes husliches Wesen an meiner Brust finde, im leichten
Nachtkleid, eine Rose in Steifleinen. Also betete der Graf, und wenn er nicht
wirklich der Ritter Schnapphahnski war, so werden meine Leser doch gestehen
mssen, da die oratorischen bungen unsres Helden eine frappante hnlichkeit
mit den Herzensergssen Schnapphahnskis hatten.
    Wie dem aber auch sei, soviel ist gewi, da der Himmel das Gebet des
unglcklichen Grafen erhrte - wenn auch gerade nicht in
streng-alttestamentlichem Sinne.
    Denn sieh, als unser Graf einst mit mehreren gleichgesinnten Badeseelen in
dem hbschen Gemache seines Hotels sa und eben damit beschftigt war, statt der
Diamanten des reinsten Wassers die Perlen des vorzglichsten Champagners in die
Nacht seines gramvollen Lebens hereinstrahlen zu lassen, da wurden pltzlich die
Tren geffnet und herein trat - - -
    Die schne Insulanerin war ein liebenswrdiges Mdchen. Sie zhlte etwa 24
Jahre, als sie der Herr Graf kennenlernte. Prchtig schwarzes Haar umflo die
blendend weien Schultern, und der ppige Busen, die schlanke Taille und der
kleine Fu, doch vor allem der Liebreiz ihres seligen Lchelns: alles das hatte
schon manchen Nordsee-Sohn halbtoll gemacht.
    Ja, schon mancher wilde Bursche war zahm und liebegefoltert vor ihr in den
Staub gesunken; aber keck hatte sie noch immer den Fu auf ihrer Verehrer Nacken
gesetzt, und der alte Ozean war der einzige, der sich rhmen konnte, da er den
Lilienleib der Schnen umschlungen und ihn im Gekrusel der Wogen davongetragen
habe.
    Da betrat Graf G. den Strand der Insel - - aber ich sehe zu meinem
Schrecken, da ich in vollem Zuge bin, eine Liebesgeschichte zu schreiben!
    Genug, die schne Insulanerin verliebte sich in den reichen Grafen; und
der bankrotte Graf freute sich nicht wenig ber sein rasches Glck. Die guten
Eltern des armen Kindes waren zu sehr von den noblen Gesinnungen ihres
Schwiegersohnes berzeugt, als da sie seinen Werbungen etwas in den Weg gelegt
htten, und wer sonst von den einfachen Fischern den edlen Herrn mit so
unendlichem Anstand Champagner trinken sah, der mute sich gestehen, da die
jugendliche Insulanerin einen Gemahl bekomme, der berirdisch vornehm und
liebenswrdig sei.
    Se. Hochgeboren spielten die Fare ausnehmend gut, ja, sie spielten sie
schlielich von der Nordseeinsel hinber nach Hamburg, wo sich wunderbarerweise
ein katholischer Geistlicher fand, der nicht die geringsten Schwierigkeiten
machte, das abenteuerliche Paar zu trauen.
    Bei einem Hamburger Advokaten existieren noch heutigen Tages die Akten ber
diese Vermhlung, die spter zu einer der interessantesten gerichtlichen
Untersuchungen Veranlassung gab. Es geht daraus hervor, da der schne
abenteuerliche Graf G. eigentlich durch nichts bewies, da er wirklich der
eheliche Sohn des Grafen G.v.W. usw. sei. Da der Herr Pfarrer aber so gefllig
war, den Akt der Trauung mit seinem Gewissen zu vereinbaren, so konnte sich die
schne Insulanerin nichtsdestoweniger bald Komtesse de G. nennen und erschien
unter diesem Titel mit ihrem Gemahle wieder auf der heimischen Insel, angestaunt
von den nachbarlichen Fischern und vielfach bewundert von dem Schwarm
neugieriger Gste, den die Dampfer von Hamburg aus nach dem felsigen Eiland
hinberbrachten.
    Wochen und Monate flossen so dahin, da trat eines Morgens der Herr Graf zu
der liebenswrdigsten aller Grfinnen und kndigte ihr an, da er trotz der
interessantesten Umstnde, in denen sich die jugendliche Komtesse befand, einmal
hinberreisen msse nach dem Vaterlande, um einige finanzielle Angelegenheiten
zu ordnen, die lange genug vernachlssigt worden wren. Vergebens bat die junge
Dame, da der Herr Gemahl so freundlich sein mge, sie mit sich zu nehmen. Der
Graf war unerbittlich, und als am folgenden Tage Eos mit Rosenfingern emporstieg
und der Schlot des Patrioten in die frische Seeluft hinausdampfte, da wurden
zum Abschied die Tcher geschwenkt, und die arme Komtesse sah ihren Gemahl - zum
letzten Male.
    Ja, der Herr Graf hat sich seitdem nicht wieder auf der Insel sehen lassen.
Umsonst waren alle Nachforschungen. Vergebens arbeiteten Advokaten und Pfaffen
und stille Verehrer skandalser Geschichten jahrelang daran, das Dunkel des
grflichen Verschwindens aufzuhellen.
    Keine Spur hat sich entdecken lassen wollen -
    Sollte der Herr Graf vielleicht einige hnlichkeit mit unserm Ritter
Schnapphahnski gehabt haben?
    Doch nein, es ist nicht mglich! Auf Helgoland sah man aber in jenen Jahren
oft beim Sinken der Sonne eine hohe schwarzgekleidete Dame das Ufer
entlangwandeln. Sie fhrte ein reizendes Mdchen an ihrer Hand, und wenn der
Abendwind den dunkeln Schleier der seltsamen Frau emporhob, da sah man in ein
schnes, totenbleiches Angesicht.

                                      XII



                                  Die Herzogin

Wie ein begossener Pudel, bleich, zitternd, kaduk, verlie unser Ritter Berlin.
Es war ihm zumute wie weiland in den Pyrenen, als er, ein flchtiger
Landsknecht, bespritzt von altspanischem Landstraendrecke, das Weite suchte und
aus Verzweiflung Autor wurde, ja, Schriftsteller - das Schlimmste, was einem
Menschen im Leben passieren kann.
    Es frstelte unsern Helden. Die Zukunft dehnte sich vor seinen Blicken wie
ein langer trber Regentag. Glsernen Auges stierte er hinaus in die Leere
seines Daseins, einem zerlumpten Auswanderer gleich, der mig ber das wste,
einfrmige Wogen des Meeres schaut und mit sich zu Rate geht, ob er die Reise in
eine neue Welt wagen oder ob er sich lieber hintereinander ersufen soll.
    Die ekelhafteste, hndischste Phase des Unglcks ist die, in der man
gleichgltig und dumm wird. Ein Unglcklicher, der weint und wimmert wie ein
verliebter arkadischer Schfer, er kann schn sein, man wird ihn lieben knnen,
und blonde Poeten werden ihn besingen und Stanzen und Sonette auf ihn dichten,
und blauugige Mdchen werden an ihn denken noch manchen stillen
Sonntagnachmittag. Ein Mensch, der sich, wie ein Laokoon, schmerzgefoltert durch
die Schlangen des Migeschickes windet: er wird unsere Herzen mit sich
fortreien, und ein groer Meister wird ihn in Marmor hauen, und ein zweiter
Lessing wird vielleicht eine unsterbliche Kritik darber schreiben, und
kunstsinnige Knige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an
den Jngsten Tag. Und ein Mann endlich, der, jenem Rmer gleich, mit
kalt-heroischer Trauer auf den Trmmern einer Welt sitzt: er wird uns fesseln
durch die Ruhe seines Adlerauges, durch die Allgewalt seines Schicksals. - Herr
von Schnapphahnski schnitt aber leider weder ein Gesicht wie ein arkadischer
Schfer noch wie der groe Laokoon, noch wie ein alter Rmer; er glich einem
Unglcklichen, den man zehn Jahre lang in einem Zellengefngnisse marterte, der
sich allmhlich fr den einzigen Menschen auf der Welt hielt, weil er niemand
anders als sich sah; ja, der sich endlich einbildete, da er lngst gestorben
wre und da der Tod nur in dem Leben eines Zellengefngnisses bestehe, und der
sich immer mehr mit seinem Schicksale ausshnte, bis er zuletzt vor freudigem
Wahnsinne stupide lachte, ja, bis seine Seele so gespenstisch durch die
eingefallenen Augen schaute wie eine verwelkte Rose durch das zerbrochene
Fenster eines Hauses, das morsch und menschenverlassen ist und ber Nacht
zusammenstrzen wird in Staub und Asche.
    Genug, unser Ritter war ein verlorener Mann, eine leichtsinnige Fliege, die
ins Licht flog und sich Kopf, Beine und Flgel verbrannte. Ja, noch mehr. Unser
Held hatte sich blamiert; er hatte sich lcherlich gemacht; er war unmglich
geworden, in jeder Beziehung (ridicule et impossible).
    Wir wollen es nicht versuchen, die Monologe unseres Helden wiederzugeben -
die Monologe, die er zwischen Berlin und der Wasserpolackei hielt, wenn er bald
die Gtter bat, ihn in das rudigste Schaf zu verwandeln, das hypotheziert auf
seinen Triften ging, und bald wieder wnschte, seinen Kopf in beide Hnde nehmen
zu knnen, um ihn gleich einer Bombe in den Olymp zu schleudern, da der alte
Olympos platze mit all seinen Gttern.
    Schuldbeladen sa unser Held auf seinen verschuldeten Gtern. Seine Huser,
seine Felder, seine Schafe hatte er den Juden und den Christen verpfndet. Ihn
selbst hypothezierte das Schicksal. Schnapphahnski war nicht mehr der alte
Schnapphahnski. Man sagt, er habe in jenen Tagen manchmal in der Bibel gelesen -
- erst nach geraumer Zeit sollte aus der melancholischen Puppe wieder der
lustige Schmetterling springen. Diese Wendung in dem Trauerweidenleben unseres
Ritters trat dadurch ein, da ihm einst ein guter Freund aus alten Tagen
ermunternd auf die Schulter klopfte und ihn darauf aufmerksam machte, da er
durch die Liebe unglcklich geworden sei und da er folglich auch suchen msse,
durch die Liebe wieder auf den Strumpf zu kommen. Ein tiefer Sinn lag in diesen
Worten, und als der wohlmeinende Freund unseres Ritters noch hinzusetzte, da
sich ganz in der Nhe eine gewisse steinreiche Herzogin aufhalte, die zwar ein
hchst dornenvolles, jedenfalls aber ein ungemein ergiebiges Feld der Eroberung
darbiete, da erwachte unser Held pltzlich aus seiner Lethargie und fate den
Entschlu, seinen letzten groen Coup zu wagen - -
    Ich komme jetzt im Laufe meiner Erzhlung zum ersten Male an eine Stelle, wo
ich unwillkrlich stutze und zurckschrecke. Die Feder versagt mir fast den
Dienst; ich mchte sie gern wegwerfen; ich bin unschlssig, ob ich berhaupt
noch fortfahren soll: ich bin in der peinlichsten Verlegenheit. Meine
freundlichen Leserinnen werden meine Not begreifen, wenn ich ihnen rundheraus
sage, da ich dazu gezwungen bin, mich ber eine Dame auszulassen, deren
Schicksale so wenig an das Leben einer Heiligen erinnern, da ich wirklich nicht
wei, ob nicht manche Lilienwange ber meine Schilderung leise errten und
manche kleine Hand diese Bltter zornig zerreien wird in tausend Stcke. - Was
soll ich tun?
    Bin ich nicht bisher immer hflich gegen die Frauen gewesen? Suchte ich
nicht die Ehre der trefflichen Grfin S., jener schnen, edlen Frau, in jeder
Weise zu wahren? Verteidigte ich nicht die Schwester des Grafen G.? Habe ich
nicht von Carlotta die lautere Wahrheit gesagt? Nahm ich nicht die Tnzerin in
Schutz, und schilderte ich nicht die Wiener Damen in ihrer ganzen sonnigen
Hoheit? - Ach, und nun soll ich mit einem Male von einer Frau erzhlen, deren
Reize so unendlich zweideutig sind, da ich durch meine Schilderung beim besten
Willen und bei der uersten Zartheit doch mitunter gegen das Gefhl des
Anstandes und der Galanterie aufs grbste verstoen mu, wenn ich nur
einigermaen der Wahrheit getreu bleiben will, der Gttin der Wahrheit, die
bisher meine Feder fhrte mit unerbittlicher Strenge.
    Doch wage ich es! Es sei! Mge der Stil meinen Gegenstand retten! Die Form
ist alles!
    Die Dame, auf welche Herr von Schnapphahnski sein Augenmerk richtet, ist die
achtundfnfzigjhrige Herzogin - - meine Leser mssen verzeihen; ich werde dies
spter erzhlen.
    Die Herzogin ist achtundfnfzig Jahre alt - also fast zweimal schier
dreiig. Man mu gestehen, unser Ritter hatte pltzlich sehr seltsame Gelste
bekommen. Unser Leben whret kurze Zeit; siebenzig Jahre, wenn's hoch kommt:
achtzig -, meint der Psalmist; achtundfnfzig Jahre ist schon ein hbsches
Alter; ohne unhflich zu sein, darf man von einer Achtundfnfzigjhrigen sagen:
c'est une dame d'un certain ge. - Die Herzogin ist klein. Sie ist uerst
zart gebaut; ja, man knnte sie - mager nennen, wenn dieser Ausdruck nicht gar
zu unangenehm wre. Unter vier Augen wrde man sich sogar gestehen, da die
Herzogin mager wie ein Skelett ist.
    Ich bitte sehr um Entschuldigung! Die Herzogin trgt falsche Waden - ich
stoe immer wieder auf Schwierigkeiten. Falsche Hften - ich verwickle mich
immer mehr. Einen falschen Cul - aber jetzt hre ich auf. Mit der Toilette einer
Dame ist nicht zu spaen. Die Toilette ist etwas sehr Ernstes. Die Toilette ist
alles! Namentlich bei der Herzogin.
    Die Herzogin gleicht einem ausgestopften Raubvogel.
    Ich wasche meine Hnde in Unschuld. Ich habe dies nicht gesagt. Es steht
wrtlich so in meinen Manuskripten. Die Herzogin gehrt also nach dieser Aussage
in das Britische oder in das Leydener Museum. Die Herzogin trgt auch die
Physiognomie desselben, nmlich des Raubvogels: enorme geierartige Nase,
Geieraugen, gro wie ein Teller - in frheren Zeiten von hoher Schnheit. - Die
holde Persnlichkeit der Frau Herzogin wird immer deutlicher. Sehn Sie hier,
meine Herren und Damen, wrde etwa ein Wrter des Britischen oder des Leydener
Museums sagen, hier sehen Sie den groen Raubvogel (jetzt kme irgendein
lateinischer Name), jenes berhmte Tier, das auf den hchsten Hhen der
menschlichen Gesellschaft nistet. Der Zahn der Zeit hat sehr merklich an diesem
Vogel gerupft. Trotzdem werden Sie aber an der groen gebogenen Nase und an den
grimmigen Augen dieses Tieres bemerken knnen, da er von auerordentlich rein
adeliger Rasse ist. In seiner Jugend machte dieser Vogel die khnsten Flge; er
horstete mit den mnnlichen Raubvgeln des Jahrhunderts in der Nhe aller
europischen Throne, auf allen Ambassaden moderner Vlker. Er lebte mit Adlern,
mit Steinadlern, mit Geiern, mit Lmmergeiern, mit Falken und Kranichen; ja, er
lie sich spter sogar zu Raben und Elstern herab, zu gewhnlichen Haushhnen
und hnlichem gemeinbrgerlichem Geflgel. In jngster Zeit assoziierte sich
unser Vogel aber noch einmal mit einem Mnnchen aus dem berhmten Geschlechte
der Schnapphahnski, und Gott wei, welch ein naturhistorischer Druckfehler aus
dieser Liaison hervorgegangen wre, wenn nicht ein naseweiser weiser
Schriftsteller das alte Tier pltzlich mit seinem Geschosse erlegt htte, so da
es nun hier in dem Kasten des Museums prangt, ein wahres Kabinettstck,
bewundert von allen reisenden Englndern und vielfach besucht von allen
wibegierigen Brgerschulen.
    
    Die Herzogin ist also eine geiernasige und geierugige, aus Kunst und Natur
zusammengesetzte achtundfnfzigjhrige kleine Dame. Wir wnschen Herrn von
Schnapphahnski von ganzem Herzen Glck. Der Teint der Herzogin ist gelb
verwittert, setzt das Manuskript hinzu, die Herzogin hat hchst scharfe Zge.
Ihr ganzes Angesicht gleicht aber der Brandsttte der Leidenschaften.
    Brandsttte der Leidenschaften!
    Seit wir diesen Vergleich haben, brauchen wir unsere Herzogin weiter nicht
mehr zu schildern. Es ist unntig, wenn wir noch hinzusetzen, da unsere Heldin
sich stets sehr jugendlich kleidet, da sie eine zweireihige Garnitur falscher
Zhne besitzt und da sie einen total haarlosen Kopf hat und deshalb auch schon
seit undenklichen Zeiten eine vollstndige Percke trgt ...
    Die kahlen Kpfe waren in der Familie der Herzogin von jeher en vogue. Die
lteste Schwester unserer Heldin, eine ausgezeichnete Dame, die sich von vier
Mnnern scheiden lie und eigentlich in der ganzen Familie einzig und unerreicht
dasteht, beschftigte sich whrend der zweiten Hlfte ihres schnen Lebens fast
ununterbrochen mit der Auffindung irgendeines Mittels, das die letzten Reste des
herzoglichen Familienhaares konservieren knne.
    Pythagoras entdeckte seinen Lehrsatz; Kolumbus entdeckte Amerika, und die
Herzogin von ... entdeckte die berhmte schwarze Haartinktur. Ich wei nicht, ob
die Herzogin den Gttern Hekatomben schlachtete, nachdem sie die Tinktur
erfunden hatte; jedenfalls ist es aber fr gewi anzunehmen, da sie den
Augenblick der Entdeckung fr den wichtigsten ihres Lebens hielt.
    Das Unglck, keine Haare mehr auf dem Kopfe zu besitzen, ist so gro, da es
eigentlich nur dann zu ertragen ist, wenn man Haare auf den Zhnen hat. Ein
Mensch, der sie weder da noch dort trgt, ist sehr zu bedauern. Er ist ein
kahles Feld, ein entlaubter Baum; die Sonne seines Lebens hat sich in einen Mond
verwandelt. Der Abend ist hereingebrochen, und bald wird die Nacht kommen, und
am andern Morgen wird der arme Mond tot sein, mausetot. Wenn man seinen kahlen
schneeweien Kopf mit einer vollen kohlschwarzen Percke krnt, so erlebt man
mit seinem Monde gewissermaen eine Mondfinsternis. Aber eine Mondfinsternis ist
vergnglich. Der Wind kann eine Percke davontragen, und man hat eigentlich den
Vorteil davon, da der Tod vielleicht einst nur die Percke fat, wenn er uns
nach dem Schopf greift, und da der wirkliche Kerl davonluft -  revoir -
sterben Sie wohl, Herr Tod!
    Wie ich bereits bemerkte, trgt unsere Heldin eine Percke ... Dies schien
mir von hoher Wichtigkeit zu sein; ich sah darin den bedauerlichsten Widerspruch
mit der von der lteren Schwester erfundenen Tinktur. Pflichtgetreu stellte ich
die genauesten Nachforschungen an, und leider hat sich dadurch herausgestellt,
da der Schdel unserer Heldin sogar der berhmten herzoglichen Familientinktur
siegreich widerstanden hat und da sich unsere Freundin dabei beruhigen mu,
eine Percke auf dem kahlen Kopfe und kein Haar auf den falschen Zhnen zu
besitzen. Es tut mir leid, da ich nicht nher auf die Tinktur eingehen darf.
Man knnte Bnde darber schreiben. Es kommt unendlich viel auf das Haar an.
Einer der ersten Knstler der Welt bezeichnete seine hinterlassenen Percken mit
vollem Recht als den Hauptschatz seines Nachlasses.
    Doch nun noch etwas ber den Fu der Herzogin!
    Goethe behauptete stets, ein schner Fu sei der einzig dauernd schne Teil
an einem Weibe; er bleibe immer reizend, wenn er einmal reizend sei; er
verndere selten seine Form. Der alte Herr hatte von jeher gern mit den Fen zu
tun; er hrte nichts lieber, als eine Frau in Pantoffeln mit hohen Abstzen
klipp, klapp einen langen hallenden Korridor hinunterschreiten. Ich bin
natrlich mit dieser hohen Autoritt durchaus einverstanden. Auch unsere
Herzogin hatte aus den Tagen der Jugend einen Fu gerettet, der wenigstens zu
einem schnen Schuh Veranlassung gab. In vielen Fllen wird man nach der Form
des Fues den ganzen Menschen beurteilen knnen; auf die Rasse kann man stets
danach schlieen. Es verhlt sich mit den Fen wie mit den Zhnen und den
Fingerspitzen. Ich mache mich verbindlich, nach der Weie und der Reinheit der
Zhne und der Fingerspitzen eines Menschen genau zu sagen, wievielmal er in der
Woche ein reines Hemd anzieht. Die Fingerspitze steht aber in genauem
Zusammenhange mit dem Zahne, der Zahn mit dem Hemde und das Hemd mit dem ganzen
Menschen.
    Seit Benvenuto Cellini aus den schnen Zhnen seines erschlagenen
Nebenbuhlers eine Kette fr die lchelnde Herrin arbeitete, hat es wohl keine
bessern Kinnladen gegeben als die der neulich am Kap verunglckten englischen
Offiziere. Sie wurden von den Kaffern ermordet; nach einigen Tagen fand man sie
in der Tiefe des Waldes. Geld, Uhr und Waffen: alles hatte man ihnen gelassen.
Man nahm ihnen nur das Leben und die - Zhne. Die Englnder sind die
reinlichsten Leute. Nach Liebig verbrauchen die Englnder die meiste Seife; dann
kommen die Franzosen, dann die Deutschen usw., zuletzt die Russen. Die Englnder
haben die reinsten Hnde, die saubersten Zhne und die weieste Wsche. Die
Englnder sind die Herren der Welt.
    Geieraugen, Geiernase, ein ausgestopfter Raubvogel, und im Antlitz die
Brandsttte aller Leidenschaften: das ist unsere Herzogin. In unsern Notizen
finden wir noch ausdrcklich bemerkt, da die Herzogin nur Leute, die in der
engsten Intimitt mit ihr stehen, bei Tage empfngt. In den meisten Fllen nimmt
sie nur abends Besuche an, wie sie sich denn berhaupt auch nur bei Abend zeigt,
da sie nur zu wohl wei, wie sehr sie des Lampenlichtes bedrftig ist.
    Armer Schnapphahnski! Teurer Mann, du gehst mit einem heroischen Entschlu
um!

Und wrfst du die Krone selber hinein
Und sprchst: Wer mir holet die Kron,
Der soll sie tragen und Knig sein -
Mich gelstete nicht nach dem teuern Lohn!

Ja, armer Schnapphahnski.
    Unsere Herzogin ist niemand anders als die Herzogin von S., die jngste
Tochter des Herzogs von K., die Gespielin eines talentvollen Knigs, mit dem
sie erzogen wurde und mit dem sie sich duzt. Die Herzogin heiratete den Prince
de D., den Neffen jenes berchtigten Diplomaten, der gerade soviel Eide brach,
als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie sich aber, zwar nicht auf
gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Mann und zog zu eben dem alten
Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwhnten, mit dem sie ein Verhltnis hatte,
und machte in seinem Hause die Honneurs etc. Da ihr indes die Anwesenheit des
Frsten D. in Paris lstig war, so mute der alte T. ihm unter der Bedingung
Geld geben, da er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies
geschehen, zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt
wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berhmt aber wegen ihres ausschweifenden
Lebenswandels. Ja, der Flug ihrer raffinierten Phantasie verleitete sie zu so
abenteuerlichen Spaziergngen der Wollust, da ihr unter Karl X. der Hof
verboten wurde.
    Bemerken mu ich noch, da die Herzogin beim Einrcken der Alliierten in
Paris dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und, frohlockend ber den
Sturz Napoleons, die ganze Parade der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser
Gelegenheit vor Freude auer sich gewesen sein und ihren Kosaken mit
Liebkosungen berhuft haben.
    Schon lange getrennt von ihrem Manne, fhlt sie sich einst Mutter werden. Es
schien eine Unmglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu
bringen. Und doch war sein Name fr dasselbe notwendig. Die Herzogin ist in
keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt sich hin und her, zuletzt entschliet
sie sich kurz: sie fat ein Herz und reist zu ihrem Gemahle. Spt am Abend lt
sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne weiteres lt sie sich
daher auf sein Zimmer fhren.
    Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurck, nicht ahnend, was
ihm bevorsteht. Er ist natrlich im hchsten Grade berrascht ber den
unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten
Ehemannsphrasen Luft zu machen.
    Das eine Wort gibt das andere, und bald sind sie im besten Zuge, sich recht
gemtlich zu zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, da das Antlitz der
Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt, whrend sein eigenes immer lnger
und lnger wird. Mit jeder Minute wachsen die Hrner des zrtlichen Mannes; da
ist eine Stunde herum, und die Herzogin springt pltzlich auf, indem sie
erklrt, da sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle
sie ihm indes sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei - - der
ehrenwerte Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist
interessanter als das Bekenntnis einer schnen Seele. Vertraulich legt die
Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und teilt ihm leise
flsternd mit, da sie sich Mutter fhle - - sie habe getrennt von ihm gelebt,
jetzt knne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm
gewesen zu sein. Ihr sei geholfen. Adieu, mon ami!
    Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Wei nicht, wie dir geschah. -
    Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewutsein zu Bette,
auch nicht im geringsten etwas Bses getan zu haben. Die Herzogin entfernte sich
aber so rasch als mglich, und hell klang ihr glckliches Lachen.
    Das Kind, fr dessen Legitimitt so weise gesorgt wurde, war eine Tochter,
die spter den Grafen C. heiratete.
    Der alte T. hielt sich fr den Vater dieser Tochter und vermachte derselben
bei seinem Tode 80000 Revenue. Sein ganzes briges Vermgen vermachte er der
Herzogin, die, so glnzend bezahlt, nun selbst zu bezahlen anfing. -
    Auf das Gercht hin, da die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski.

                                      XIII



                                 Der Professor

Ritter Schnapphahnski war in demselben Falle wie Professor N. in Berlin - - es
stand ihm etwas ganz Auerordentliches bevor. Doch erzhlen wir zuerst die
Geschichte des Professors.
    Der Herr Professor war krank. Er lie den Doktor kommen. Der Doktor kam.
Arzt und Professor standen einander gegenber. Der erstere mit jenem heidnisch
frohen Lcheln, welches den meisten Medizinern eigentmlich ist; der Professor:
lang, drr, einer ausgetrunkenen Flasche hnlich, mit sehr miserablem Antlitz.
    Doktor, ich bin krank -, begann der Professor.
    Das freut mich -, erwiderte der Doktor.
    Ich glaube, ich habe die Schwindsucht, Doktor.
    Sehr leicht mglich, Herr Professor.
    Nicht wahr, ich bin sehr krank?
    Lassen Sie mich Ihren Puls fhlen.
    Glauben Sie, da die Sache gefhrlich ist?
    Zeigen Sie mir Ihre Zunge.
    Meinen Sie nicht, da ich bald sterben werde?
    Wann gehen Sie abends zu Bett?
    Soll ich nicht lieber mein Testament machen?
    Wie sieht es mit Ihrem Appetit aus?
    Soll ich nicht die Verwandten von meiner traurigen Lage benachrichtigen?
    Haben Sie regelmigen Stuhlgang?
    Doktor, retten Sie mich!
    Herr Professor, antworten Sie auf meine Frage!
    Eine Pause entstand. Der Professor schaute auf den Doktor wie ein krankes
Fohlen auf seine Mutter. Der Doktor fuhr fort:
    Antworten Sie mir also klar und bestimmt, Herr Professor.
    Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Herr Doktor.
    Schildern Sie mir Ihren Zustand - - haben Sie Beschwerden?
    Der Beschwerden habe ich manche- -
    Und welche, Herr Professor? Haben Sie z.B. eine gewisse Schwere in den
Gliedern?
    Ganz recht - es liegt mir wie Blei in den Gliedern -
    Haben Sie Kongestionen nach dem Kopfe oder nach andern Teilen des Krpers?
    Kongestionen - ganz recht, ich habe Kongestionen - fast nach allen Teilen.
    Lassen Sie mich doch Ihre Augen sehen - Sie scheinen ganz rote Augen zu
haben.
    Ach, allerdings, Herr Doktor. Das kommt von dem vielen Arbeiten in der
Nacht.
    Schlafen Sie nachts auf dem Rcken?
    Ich schlafe selten, Herr Doktor.
    Also trumen Sie?
    Ach, ich habe schwere Trume -
    Der Professor schlug verschmt die Augen nieder.
    Wiederum entstand eine Pause. Der Doktor blickte auf den Professor wie der
Teufel auf einen armen Snder.
    Setzen wir unsere Konversation fort - nicht wahr, Sie sind unverheiratet,
Herr Professor?
    Allerdings, Herr Doktor!
    Sie haben auch sonst keinen Umgang mit Frauen?
    Herr Doktor, das ist eine Gewissensfrage.
    Verzeihen Sie, eine reine Gesundheitsfrage.
    Aber wie soll ich Ihnen darauf antworten?
    Nun, ganz einfach mit ja oder nein; haben Sie Umgang mit Frauen oder
nicht?
    Nein, Herr Doktor! Das ist durchaus gegen mein Prinzip.
    Aber es wre gut fr Ihre Gesundheit -
    Mein Prinzip geht ber die Gesundheit.
    Aber Ihr Prinzip kann Sie ins Grab bringen.
    Mit meinem Prinzip will ich sterben.
    Nun, so sterben Sie wohl, Herr Professor - der Doktor griff nach seinem
Hute, um sich zu entfernen. Der Professor trat ihm in den Weg.
    Lieber Herr Doktor - -
    Verehrter Herr Professor - -
    Bleiben Sie um Gottes willen!
    Aber gehorchen Sie meinen Befehlen!
    Ich will alles tun, was Sie wnschen.
    Meine Befehle werden Ihnen nur angenehm sein.
    Ich will Moschus und Rhabarber fressen.
    Wrde Ihnen wenig helfen.
    Ich will Balsam und Fliedertee trinken.
    Knnte von gar keinem Nutzen sein.
    Aber was wnschen Sie denn?
    Ich wnsche nur das Allermenschlichste, das Allererfreulichste von Ihnen!
    Sprechen Sie also!
    Und gehorchen Sie mir.
    Was soll ich tun?
    Sie solln sich verlieben - ein Weib nehmen!
    Der Kopf des Professors sank auf die Brust, die Tabakspfeife entfiel seiner
Hand, und Wolken der tiefsten Verlegenheit, des innigsten Schmerzes verdunkelten
die Stirn des unglckseligsten Mannes.
    Herr Doktor, fuhr endlich der Gepeinigte in sehr gedrcktem, schleppendem
Tone fort, Herr Doktor, Sie wissen, ich bin Theologe. Ihr Befehl widerspricht
meinem ganzen System, meiner ganzen Anschauungsweise. Ein viertel Jahrhundert
lang bin ich der Stimme meines Innern, meiner berzeugung treu geblieben und
glaube auch heute noch an das, was uns der Apostel sagt im 8. Verse des 7.
Kapitels seiner Epistel an die Korinther, wo da geschrieben steht, da es besser
ist, wenn die Ledigen bleiben wie der Apostel, nmlich ebenfalls ledig und
unbeweibt - -
    Narrenspossen, nichts als Narrenspossen! unterbrach hier der Doktor, und
auerdem vergessen Sie, Herr Professor, da es im 9. Verse heit: So sie aber
sich nicht enthalten knnen, so la sie freien. Es ist besser freien, denn - -
    Der Professor seufzte tief auf - Sie verlangen also in vollem Ernst, da
ich mich verheirate?
    Das habe ich nicht gesagt.
    Aber Sie wollen ja, da ich mich verliebe.
    Man kann lieben, ohne zu heiraten.
    Aber Herr Doktor, das wre Snde.
    Herr Professor, Sie sind von wahrhaft biblischer Unschuld.
    Und eine Snde werde ich nie begehen.
    Herr Professor, es gibt nur eine Snde, das ist die Snde gegen das eigene
Fleisch.
    Nun, so will ich mit dem Apostel sndigen.
    Vielleicht war der Apostel aber nicht in so krankhaftem Zustande wie Sie,
Herr Professor.
    Wie meinen Sie das, Herr Doktor?
    Vielleicht konnte der Apostel seinem Verlangen widerstehen. Sie werden
darber zugrunde gehn.
    Nun, es sei! Ich werde heiraten!
    In vierundzwanzig Stunden!
    Die letzten Worte waren fr den armen Professor ein neuer Donnerschlag. Er
taumelte rcklings in seinen Sessel und bedeckte das fahle Antlitz mit beiden
Hnden. Der Doktor spielte gelassen mit seinem Hute.
    Sie sind grausam, Doktor! nahm endlich der Professor das Gesprch wieder
auf. Ich soll in vierundzwanzig Stunden heiraten: das ist unmglich!
    Beim Menschen ist nichts unmglich!
    Ich kenne alle Kirchenvter, aber ich kenne kein einziges Weib.
    So lassen Sie die Kirchenvter laufen und lernen Sie die Weiber kennen!
    Ich will mich verbindlich machen, in vierundzwanzig Stunden eine neue
Sprache kennenzulernen, aber ein Weib lieben lernen - bedenken Sie, Herr
Doktor!
    Die Sprache der Liebe lernt man in fnf Minuten.
    Sie sind unerbittlich, Herr Doktor!
    Unerbittlich, Herr Professor!
    O Gott, errette mich von diesem Doktor!
    Der Doktor wurde ungeduldig. Er schritt der Tre zu. Tun Sie, was Sie
wollen, Herr Professor. Ich bin hierhergekommen, um fr Ihren Leib zu sorgen,
nicht fr Ihre Seele. Suchen Sie meine Ratschlge mit Ihrem Gewissen zu
vereinbaren, das ist Ihre Sache. - Ich gebe zu, da es mit einigen
Schwierigkeiten verbunden ist, in vierundzwanzig Stunden ein ehelich Weib zu
finden, Hochzeit zu machen und so weiter - - aber es fllt mir im Traume nicht
ein, Sie zu diesem extremen Schritte zu treiben. Richten Sie die Sache anders
ein - Sie werden mich verstehen. - Ich stelle Ihnen einfach die beiden Chancen:
entweder eine Konzession Ihres Gewissens oder ein frher Tod. Whlen Sie
zwischen einem Gewissensmord und einem Selbstmord. Whlen Sie von zwei Snden
eine: whlen Sie!
    Von der Stirn des Professors perlte der Angstschwei. Der Doktor machte
seine Auseinandersetzungen aber mit soviel Przision und mit so unendlicher
Bonhomie, da der geplagte Mann Gottes endlich langsam das Haupt erhob und nach
einigem Stottern und Errten mit einer wahrhaft naiven Unerschrockenheit die
Frage wagte:
    Aber, lieber Herr Doktor, wie wrde man diese Mordgeschichte einzurichten
haben?
    Hier konnte sich der Doktor nicht lnger halten. Er lachte laut auf -
    Teuerster Professor - -
    Allerdings, Herr Doktor! Sagen Sie mir aufrichtig, wie ich mich dabei
benehmen soll!
    Aktiv sollen Sie sich dabei benehmen!
    Aber bedenken Sie doch, da ich durchaus Neuling in der Snde bin!
    Tant mieux, Herr Professor.
    Tant pis, Herr Doktor!
    Das Dilemma wollte kein Ende nehmen. Der Doktor sah ein, da er seinem
Patienten zu Hilfe kommen mute.
    Wenn Sie den alten Jesuiten Escobar grndlich studiert htten, Herr
Professor, so wrden alle weiteren Explikationen unntig sein. Aber ich merke,
da Sie von der verstocktesten Unschuld sind. Sie sind ein wahrer Sankt Aloisius
- doch trsten Sie sich! Morgen abend zwischen 7 und 8 Uhr wird jemand
vernehmlich an Ihrer Haustr schellen. Sie werden Ihre Hausbewohner, Ihren
Knecht und Ihre Mgde hinausgeschickt haben, und Sie werden gtigst selbst die
Tre ffnen. Sie werden die Tre behutsam ffnen, ohne allen Eklat, damit
niemand der Vorbergehenden etwas bemerkt, und Sie werden die liebenswrdige
Person, die Ihnen eine der interessantesten Visiten abstatten wird, ebenso artig
als zuvorkommend empfangen und sie ohne Umstnde sofort in Ihr Studierzimmer
fhren. Sie werden dort die Fenster verhngt und das Sofa von Bibeln und
Kirchenvtern gereinigt haben. Sie werden ein gehriges Feuer im Ofen
unterhalten und fr die geeignete Beleuchtung sorgen. Sie werden sich leicht und
komfortabel gekleidet haben, Sie werden ebenso hflich als zutraulich und
hingebend sein, kurz, Sie werden sich ganz den Freuden Ihres Besuches hingeben -
- nun Adieu, Herr Professor! Fr den Rest werde ich sorgen. Adieu! Bedenken Sie,
da Ihr Leben auf dem Spiele steht - -
    Da war der Doktor verschwunden.
    Von der Angst, die der Professor nach dem Fortgehen des Doktors ausstand,
kann sich nur der eine richtige Idee machen, der berhaupt die Qualen eines
Gerechten zu wrdigen versteht. Der gelehrte Herr war auer sich. Zwanzigmal in
Zeit von zehn Minuten erlosch ihm die Pfeife. Vierzigmal rieb er die Stirn, und
achtzigmal sah er mit frommen Augen andchtig gen Himmel, innerlich flehend, da
dieser Kelch der Freude an ihm vorbergehe. Vor allen Dingen suchte er nach
irgendeiner Entschuldigung fr seine bevorstehende Snde, denn das Wagnis seines
Lebens schien ihm ein keineswegs ausreichender Grund zu sein. Er schlug den
Irenaeus nach, den Augustinus, den Eusebius, den Lactantius, den Chrysostomus
und einige Dreiig andere Schweinslederbnde, um nachzuforschen, ob denn nicht
irgendein Kirchenvater weiland in demselben Falle gewesen sei und ob nicht einer
von ihnen auch nur ein Wrtlein ber diesen kitzlichen Punkt habe fallen lassen
- aber vergebens!
    Der Professor berzeugte sich davon, da nie ein Heiliger der Art vom Teufel
versucht worden sei, und an allem verzweifelnd, warf er sich schlielich auf das
Lager seiner Leiden, um schlimmer zu trumen als je vorher.
    Der kommende Tag brachte nur neue und immer wildere Seelenstrme fr den
gelehrten Herrn, denn mit jedem Augenblicke rckte ja die Stunde nher, wo die
Schelle von unbekannter Hand gerhrt und wo der Herr Professor den Beweis
ablegen sollte, da er als Mann und Meisterstck aus der Hand des Schpfers
hervorgegangen sei. Wir brauchen nicht zu versichern, da der Herr Professor die
Vorschriften des Doktors genau befolgte. Schon um 2 Uhr nachmittags war das Haus
des Gelehrten wie ausgestorben. Die Schwester des Unglcklichen, die Mgde, der
Knecht: alle waren vertrieben. Die Seufzer, welche sich der Studierstube
entrangen, zeigten, da nur ein einziges Wesen in dem verdeten Rume
zurckgeblieben sei.
    Es schlug 4 Uhr: der Herr Professor zitterte. Es schlug 5: der Herr
Professor trocknete den Schwei von Stirn und Wangen. Es schlug 6: der Herr
Professor schnappte nach Luft. Es schlug 7: da tnte die Schelle der Haustr,
und der Gelehrte strzte hinab. - -
    Lassen wir ihn strzen.
    Meine Leser werden mir verzeihen, da ich sie so lange mit dem alten
Professor ennuyiere. - Die Sage geht, da der unglckliche Mann statt einer
reizenden Bajadere die bejahrte Freundin seiner Schwester umarmte - der Herr
Professor war mit Blindheit geschlagen; er versicherte, da sein Leben auf dem
Spiel stehe; er hielt den Besuch, welcher der Schwester galt, fr den Besuch,
den er erwartete, und die herzzerreiendste Szene entwickelte sich zwischen
Kirchenvater und Matrone, eine Szene, der Feder eines Swift, eines Sterne, eines
Smollet wrdig - wert, von einem andern Hogarth gezeichnet zu werden, zur Lust
aller kommenden Geschlechter.
    Herr von Schnapphahnski verlebte vor seiner ersten Unterredung mit der
Herzogin von S. einen hnlichen Tag wie der Berliner Professor. Der Kirchenvater
umarmte statt einer Grazie: eine Matrone. Sehen wir, wie es dem edlen Ritter mit
der Herzogin erging.

                                      XIV



                                    Der Graf

Ich fhre meine Leser in das gerumige Gemach eines alten schlesischen
Schlosses. Es ist Abend geworden. Der letzte Strahl des Tages bricht durch die
schweren seidenen Vorhnge und treibt sein Spiel mit den Flammen des Kamins, der
immer lustigere Streiflichter auf den grnen Teppich wirft, auf die kolossalen
Spiegel der Wnde und auf eine Reihe vornehm adliger Kpfe, die aus goldenen
Rahmen ernst und feierlich niedersehen.
    Die Luft des Gemaches ist duftig warm. Der Rauch der besten Havanna-Zigarren
zieht in blauen Wlkchen vorber, und auf dem Marmorgesims des Kamins dampft
Punsch und Grog aus kristallenen Glsern. Zur Rechten und zur Linken des Feuers
bemerken wir in zwei groen Sesseln zwei junge Mnner, die Beine dem Feuer
behaglich entgegenstreckend.
    Der eine, den Ellenbogen in die Lehne des Sessels drckend, sttzt den
schnen schwarzgelockten Kopf auf die schneeweie Hand. Die Flammen des Kamins
spiegeln sich in seinem dunklen Auge. Er scheint in tiefes Sinnen versunken.
Minutenlang liegt er regungslos da; aber pltzlich fhrt er zusammen, er
streicht die Locken von der Stirn, und die halberloschene Zigarre aufs neue an
die Lippen fhrend, lacht er und zeigt unter dem kohlschwarzen Schnurrbart eine
Perlenreihe der schnsten Zhne.
    Der zweite der jungen Raucher bildet den besten Kontrast zu dem ersteren. Er
ist lang, dnn, trocken, blondhaarig, mit kahler Glatze - eine etwas ruinierte
Erscheinung, die durch fashionable Manieren den frhen Verlust aller brigen
krperlichen Reize wiedergutzumachen strebt. Der Blonde wei sehr grazis zu
rauchen, aber nur selten greift er nach seinem Grog, den er, statt zu trinken,
wie aus Langerweile nachlssig in den Kamin schttet. Mit einem ironischen
Lcheln blickt er auf den sinnenden Freund.
    Trsten Sie sich, beginnt endlich der Blonde, trsten Sie sich, Ritter,
Sie werden die Herzogin jedenfalls noch heute abend zu Gesichte bekommen. Sie
werden eine geistreiche Dame kennenlernen.
    Der Schwarzgelockte hebt sich langsam im Sessel empor: Sagen Sie mir zum
zwanzigsten Male, Graf, glauben Sie wirklich, da ich ressieren werde?
    Das hngt einzig und allein von Ihnen ab: brigens werde ich Sie nach
Krften untersttzen -
    Ich schenke Ihnen meinen schnsten Hengst!
    Einen Hengst fr eine Herzogin! Es tut mir nur leid, da ich nicht mehr so
gut wie frher mit ihr stehe.
    Wieso, Graf?
    Ich sagte der Herzogin einst, da ich aus reiner Sympathie eine kahle
Glatze trge: und sehen Sie, das konnte sie mir nie vergessen.
    Armer Mann - -
    Ja wahrhaftig, hten Sie sich davor, die leiblichen Schnheiten der
Herzogin nher zu besprechen. Loben Sie nur ja nicht ihre glnzenden schwarzen
Haare, ihre herrlichen Zhne oder ihren eleganten Wuchs - die Herzogin wrde
dies fr die abscheulichste Ironie halten, denn alles Lob fiele auf den
Perruquier zurck, auf den Zahnarzt und auf hnliche ntzliche Mitglieder der
menschlichen Gesellschaft.
    Aber was soll ich tun -?
    Ich setze voraus, da Sie nicht von der Herzogin benutzt zu werden
wnschen, sondern da Sie die Herzogin benutzen wollen?
    Allerdings!
    Sie mssen daher die Herzogin zu unterjochen suchen.
    Sehr richtig!
    Und es stehen Ihnen zwei Wege zu diesem Ziele offen.
    Welche?
    Entweder mssen Sie als Tyrann auftreten - oder als harmloser Schfer. Das
eine Mal werden Sie durch Ihre Keckheit, durch Ihre Unverschmtheit die
Eitelkeit der Herzogin in so barbarischer Weise aufstacheln, da sie es sich zur
Ehrensache macht, Ihnen nur nach dem frchterlichsten Kampfe das Feld zu rumen.
Ein wahres Gemetzel von Blicken, Worten, Rnken und Intrigen wird sich zwischen
Ihnen entwickeln. Sie werden, ohne die Eitelkeit der Herzogin zu verletzen, jede
ihrer Frechheiten durch eine eklatantere Bosheit zu berbieten wissen. Ihre List
werden Sie durch List umgehen, ihrer Lge werden Sie durch noch grere Lgen
imponieren, die Renommage mit ihren galantesten Snden werden Sie durch die
Erzhlung galanterer Abenteuer zu paralysieren suchen. Malt die Herzogin grau,
so malen Sie schwarz; malt sie rot, so malen Sie purpurrot, und ist es zuletzt
nicht mehr mglich, sie im Raffiniertsein zu berbieten, da schlagen Sie
pltzlich in das ganz Entgegengesetzte um und vernichten Ihre Gegnerin durch das
Einfache. Sie treiben die Herzogin bis auf den Chimborasso des Unerhrten und
lassen sie pltzlich in die Sahara des Allergewhnlichsten fallen, und ich bin
gewi, da Sie zuletzt siegen, da das raffinierte Alter der raffinierten Jugend
weichen mu, da die Herzogin zum Rckzug blst, ja, da sie enttuscht
zusammensinkt, da sie chzt und winselt - aber dann erst ist der Augenblick
gekommen, wo Sie Ihrem Feldzuge die Krone aufsetzen.
    Denn statt den Fu siegend auf ihren Nacken zu setzen, verzichten Sie
pltzlich auf den Ruhm der gewonnenen Schlacht; statt zu triumphieren, machen
Sie Ihren Triumph zu dem Triumph der Herzogin: whrend sie Ihnen zu Fen fallen
will, kommen Sie der Herzogin zuvor und fallen ihr zu Fen, ein sentimentaler
Satan, ein verliebter Nero, so da Sie Ihre fallende Gegnerin mit den Armen
auffangen und sie emporrichten, sie malos erstaunend durch Ihre berlegenheit
und zum Danke rhrend durch Ihre unbeschreibliche Galanterie. Seien Sie
versichert, Ritter, durch ein solches Spiel werden Sie die Herzogin durchaus
gewinnen - sie wird alle Ihre Schulden bezahlen - -
    Und den andern Weg? fragte der Ritter, indem er sich aufmerksamer
emporrichtete.
    Nun, der ist bei weitem einfacher, vielleicht zu einfach, als da Sie
sicher und gewi damit zum Ziele kommen. Soweit ich Sie zu beurteilen verstehe,
werden Sie die Rolle eines Rous besser spielen knnen als die eines Gimpels;
die zweite Manier, die Herzogin zu erobern, besteht nmlich wie gesagt darin,
da Sie eben als harmloser, unerfahrener Jngling auftreten, um die Herzogin
durch Ihre Naivitt zu besiegen, durch das Reizende einer unerhrten
Unbefangenheit, durch eine bis zum Exze getriebene Heuchelei der
tugendhaftesten, uneigenntzigsten Liebe. Sie wissen, in welcher Verlegenheit
sich die Herzogin befindet, wie sie alle Ressourcen des Vergngens erschpft
hat, wie sie lngst von ihren ertrglichsten Anbetern im Stich gelassen wurde -
- Sie wissen alles. Jede neue Aventre wrde ihr willkommen sein, aber
schwrmen, schwrmen wie frher wrde sie nur fr den, der den Frhling des
Lebens wieder in ihr Alter hineinzauberte, der durch die jugendlichste
Hingebung, wenn auch nicht das Reelle eines jugendlichen Umgangs, so doch
wenigstens die Erinnerung an die Lust der Vergangenheit bei ihr heraufbeschwre,
um sie auf diese Weise das Durchlebte scheinbar aufs neue erleben zu lassen.
Brchten Sie diese Tuschung bei der Herzogin zuwege, so glaube ich, da sie
wahnsinnig vor Freude wrde. Die Herzogin wrde nicht nur Ihre Schulden
bezahlen, nein, sie wrde ihre Schlsser in Brand stecken und ihre Diamanten ins
Meer werfen, wenn Sie es wnschten: alles, alles wrde sie Ihnen zu Gefallen tun
- whlen Sie, lieber Ritter!
    Ich whle das letztere! rief der Ritter, indem er das eben gefate
Kristallglas zu tausend Scherben an die nchste Wand schleuderte und seinen
blonden Freund so strmisch umarmte, da der unglckliche Graf wie von dem Stich
einer Tarantel laut schreiend zusammenfuhr. Ich whle das letztere! Mein Plan
ist gefat!
    Arm in Arm wandelten Graf und Ritter ber den Teppich des weiten Gemaches.
    Herr von Schnapphahnski - denn niemand anders war der schwarzgelockte Gast
des blonden Grafen - war jetzt in demselben Falle wie unser Berliner Professor:
es stand ihm etwas sehr Auerordentliches bevor. Nichts htte ihn mehr aufregen
knnen als das bevorstehende Zusammentreffen mit der Herzogin von S. Die bsen
Geister der Vergangenheit zankten sich in seinem Innern mit der Hoffnung eines
endlichen Triumphes. Alle Wunden, die ihm das Migeschick in Berlin, in Wien, in
Mnchen und an zwanzig andern Orten schlug, sollte das Glck bei der Herzogin
wiedergutmachen. Nach wochenlanger Niedergeschlagenheit fhlte er aufs neue alle
seine Muskeln und Nerven in fieberhafter Bewegung. Er war endlich wieder der
alte Schnapphahnski, er war wieder ein schner Mann vom Scheitel bis zur Zehe,
doppelt schn, weil er etwas wagte - er glich einem Spieler, der nach tausend
Verlusten aus seiner Lethargie erwacht und die letzte Goldrolle hohnlachend auf
den grnen Tisch wirft.
    Machen Sie die Herzogin, ich werde den jugendlichen Verliebten spielen!
rief der erfindungsreiche Ritter, indem er pltzlich im Gehen innehielt, den Arm
des Freundes fahren lie und sich mit der zierlichsten Verbeugung vor den Grafen
pflanzte. Ich wei nicht mehr recht, wie ich mich seinerzeit als brauner Husar
in O. in Schlesien betragen habe. Ich mu mich einmal darin ben. Damals war ich
wirklich ein harmloser Junge, ein schnes Kind, und alle alten Damen wollten
mich auf den Scho nehmen mit Stiefeln und Sporen, um mich zu kssen. Wenn ich
vor der Herzogin nur halb so naiv erscheine wie einst vor der Grfin S., da
haben wir gewonnenes Spiel, und ich versetze meiner Dulcinea in einem einzigen
Jahre die Hlfte ihrer Waldungen - alle meine Schafe werden enthypotheziert.
    Der Ritter ri die Decke von dem nchsten Tisch und hing sie nolens volens
ber die Schulter des Grafen - Uhr und Vasen rollten auf den Boden.
    Drapieren Sie Ihre Reize so hbsch als mglich mit diesem Lappen! Sie sind
die Herzogin, ich bin der sechzehnjhrige Schnapphahnski!
    Ritter und Graf standen einander gegenber.
    Gndige Frau--, begann der Ritter.
    Ach, guten Tag, Herr Ritter! erwiderte der Graf.
    Gndige Frau, in tiefer Demut beuge ich mich vor Ihrer welthistorischen
Persnlichkeit.
    Es freut mich von Herzen, Sie kennenzulernen, Herr Ritter - ich habe schon
viele lose Streiche von Ihnen gehrt.
    Halten Sie die losen Streiche meiner Jugend zugut, aber seien Sie
versichert, gndige Frau, da ich nur dem Ideale entgegenstrebe, welches mir in
diesem wichtigen Momente vor Augen schwebt.
    Sie haben Ihre Laufbahn jedenfalls frh begonnen; schon als brauner Husar
in O. in Schlesien parodierten Sie die Iliade mit so viel Glck, da die Bauern
des Gebirges bereits eine Sage aus Ihnen gemacht haben.
    Allerdings, gndige Frau! Ich hatte gehrt, da Sie, kaum verheiratet,
schon den Kosaken hinten aufs Pferd sprangen - ich glaubte, in der Romantik
nicht hinter Ihnen zurckbleiben zu drfen. Ihr Bild wollte nicht aus des
feurigen Knaben Gedchtnis.
    Und in Troppau hatten Sie dann Ihr famoses Duell: die Sbel schwirrten, und
der Ruf des jungen Helden verbreitete sich durch alle Lande.
    In demselben Lebensjahre war es, wo Sie sich, gndige Frau, zum ersten Male
mit Ihrem Gemahl so eklatant brouillierten. Die Locken flogen, und die
Geschichte machte Furore in allen Pariser Salons.
    Und nach Berlin eilten Sie dann.
    Sie machten Ihre diplomatische Reise.
    Da Sie unglcklich mit Carlotten waren, Herr Ritter, ich habe es nie
geglaubt.
    Und wenn Ihre Untergebenen oft seltsame Dinge erzhlten, gndige Frau, so
war es reine Verleumdung. Jedenfalls wurden Sie aus Berlin durch den Zorn der
Gtter vertrieben -
    Und Ihnen wurde unter Karl X. der Hof untersagt.
    Aber Sie machten sich nichts daraus; Sie gingen nach Spanien, Lorbeeren zu
pflcken unter Don Carlos.
    Sie, gndige Frau, reisten unter den interessantesten Umstnden nach
Florenz, Ihren unschuldigen Gatten aufzusuchen, und schon nach wenigen Monaten
beschenkten Sie die Welt mit der lieblichsten Tochter -
    Verzeihen Sie, Herr Ritter- -
    Entschuldigen Sie, gndige Frau - -
    Aber Sie werden anzglich, Herr Ritter!
    Aber Sie werden verletzend, gndige Frau!
    Ich glaubte, einen anspruchslosen Knaben in Ihnen zu
    finden -
    Beide Freunde lachten laut auf und sanken einander in die Arme.
    Wir sind aus der zweiten in die erste Rolle gefallen! rief der Graf.
    Aus der harmlosen in die malizise! erwiderte der Ritter.
    Da wurde die Tre geffnet. Man meldete die Ankunft der Herzogin von S.

                                       XV



                                   Der Baron

Der Graf hatte alles aufgeboten, um die Herzogin glnzend zu empfangen. Vor
allen Dingen hatte er fr die Gesellschaft der hervorragendsten Hupter des
benachbarten Adels gesorgt, die entweder fr einige Tage bei ihrem Wirte
verweilten oder am Abend von ihren Landsitzen zu der Wohnung des Grafen
hinbereilten, um sich dann erst spt in der Nacht wieder zu entfernen.
    Baron von ... war einer von den Gsten, die immer nur wenige Stunden
blieben. - Er war ein Fnfundvierziger und ein hoher, breitschultriger, robuster
Mann, mit braunem Schnurrbart und einem Backenbart, der in wilden Bscheln bis
hoch hinauf auf die Wangen wuchs. Nase, Fe und Hnde des Barons waren sehr
gewhnlich; zwei groe lebendige Augen verliehen ihm aber einiges Interesse. In
seinen Manieren war der Baron im hchsten Grade ungeschlacht; die gerumigsten
Zimmer waren zu klein fr seine grotesken Bewegungen; er zerbrach bei jeder
Soiree einige Tassen, einen Stuhl oder irgendein anderes unschuldiges Mbel, so
da seine Freunde ihn ein fr allemal als den kostspieligsten Gast bezeichneten.
Im Gesprche war der Baron sehr verstndlich; er fhrte die undiplomatischsten
Redensarten und drckte sich sogar sehr derb aus, wenn er in Eifer geriet.
Nichtsdestoweniger war er bei den Damen gern gesehn, denn der Baron war
jedenfalls eine zu ehrliche Erscheinung, als da man ihm htte zrnen sollen. Er
lie sich auch so willig von den jungen Komtessen an der Nase herumfhren, da
man ihm schon der komischen Szenen wegen, zu denen er Veranlassung gab, mit
Freuden alle Extravaganzen verzieh. Schrecklich blieb er freilich fr die
meisten Damen durch den mehr als pikanten Duft des Pferdestalles, den er
fortwhrend in seinen Kleidern trug. Die Rcke und Beinkleider des adligen Herrn
waren dergestalt von diesem durchdringenden Parfm gesttigt, da die Frstin X.
einst ohnmchtig wurde, als sie den Baron nher beroch. Ein wahrer Kampf
entspann sich zwischen der Atmosphre des Salons und der Atmosphre des Stalls,
wenn der Baron zur Tre hineintrat, und Frstin X. behauptete, sie glaube auch
jedesmal nichts anderes, als da ein leibhaftiger vierfiger Hengst
hereinspaziere. Das Eigentmliche und Charakteristische des Barons hatte sich
aus seiner tglichen Beschftigung, aus seinem stndlichen Umgang entwickelt.
Der Baron war nmlich nicht nur ein leidenschaftlicher und ausgezeichneter
Reiter, sondern er trieb auch in eigner Person den bedeutendsten Rohandel.
Besonderes Vergngen machte es ihm stets, von wahrhaft fabelhaften Gewinsten zu
erzhlen, die er bei seinem Schacher realisiert zu haben meinte. Kein Rokamm,
versicherte er, habe ihn je betrogen; er sei dagegen der Mann, der alle Welt
berliste, und halbtot wollte er sich oft ber diesen und jenen Israeliten
lachen, den er bei dem letzten Geschft hintergangen zu haben vorgab. Gut
unterrichtete Freunde wuten indes besser, wie es mit der Liebhaberei des Barons
aussah. Sie hatten meistens schon selbst davon profitiert und hteten sich wohl,
ihren enthusiastischen Bekannten in seinen Illusionen zu stren. Sie wuten, da
der Baron nur der Lust des Kaufens und des Verkaufens wegen den Rohandel trieb
und da er sich wenig daraus machte, wenn die Summe seiner Verluste jhrlich
einen nicht unbetrchtlichen Ausfall in seinen sonstigen Revenuen hervorbrachte.
Vor allen andern zeichnete sich der Baron als Mitglied eines Reitjagdklubs aus,
der nach englischem Muster bei dem schlesischen Adel seinerzeit viel Furore
machte. Dieser Klub existierte nur fr den Adel und fr wenige auserlesene
Brgerliche; er sollte die Freuden des Reitens und der Jagd miteinander
verbinden, um die preuische Jugend wieder zu sthlen.
    Dieses Sthlens bedurfte der Baron freilich nicht, denn trotz mancher
Ausschweifungen mit den Landschnheiten seiner Umgebung fhrte er im ganzen ein
sehr regelmiges Leben und konservierte seinen eisernen Krper. Er stand
morgens mit der Sonne auf und schlief deswegen auch abends im Salon, in der
besten Gesellschaft, oft laut schnarchend auf seinem Stuhle ein. In den von den
Landrten ausgeschriebenen Kreisversammlungen, die in Schlesien gewhnlich aus
50 adligen Gutsbesitzern und aus nur 6 oder 8 brgerlichen und buerlichen
Deputierten bestehen, fehlte der Baron selten. Noch pnktlicher fand er sich
indes auf den in allen benachbarten Orten regelmig statthabenden Wochenmrkten
ein; nicht nur, um Pferdehandel zu treiben und als Schafzchter seine Wolle an
den Mann zu bringen, sondern namentlich der Annehmlichkeit wegen, viele Leute
seines Gelichters beim Trunk oder Spiel zusammen anzutreffen. Diese Wochenmrkte
bildeten fr den schlesischen Adel lange Zeit einen besuchteren Sammelplatz als
die gegen das Ende der dreiiger Jahre gestifteten Adelsreunionen, die zuerst
nach den Freiheitskriegen auftauchten, dann aber fr einige Jahre wieder
verschwanden. Die Krone aller Vergngungen war fr den Baron der jhrlich gleich
nach Pfingsten stattfindende groe Wollmarkt in Breslau. Es ist hinlnglich
bekannt, da der ganze schafzchtende schlesische Adel um diese Zeit nach der
Hauptstadt der Provinz pilgert. Der Baron war von jeher einer der
hervorragendsten Besucher dieses Marktes. Er schlug bei solchen Gelegenheiten
mehr Geld tot als jeder andere, und es war ihm schon mehr als einmal passiert,
da er eine gehrige Portion Schulden machte, statt einen Haufen Geldes fr die
verkaufte Wolle mit nach Hause zurckzubringen. Auer dem unvermeidlichen
Pferde- und Wollhandel trieb der Baron auch noch die Runkelrbenkultur und die
Schnapsbrennerei, so da er also in seiner Person fast alle nobeln Passionen
des schlesischen Landadels vereinigte.
    Diesen robusten schafzchtenden und schnapsbrennenden Edelmann finden wir
als bestes Pendant zu seinem Wirte, dem in Bdern und groen Stdten frhzeitig
zerrtteten und entnervten Grafen: in der Gesellschaft einer durch ihre
Liederlichkeit weltgeschichtlich gewordenen Herzogin v.S. und eines Ritters
Schnapphahnski. Der Baron legitimierte sich zu solchem Umgange durch seinen
uralten Adel und durch sein kolossales Vermgen.
    Wie meine Leser wissen, war die Herzogin bereits auf dem Landsitze des
Grafen angekommen. Zu ermdet und zu ngstlich, sich gleich den Blicken vieler
ihr noch unbekannter Leute auszusetzen, hatte sie aber am ersten Abend ihre
Gemcher noch nicht verlassen wollen, so da also Ritter Schnapphahnski abermals
24 Stunden in der peinlichsten Erwartung zubringen mute.
    Wie sie es stets in Schlssern tat, deren Einrichtung ihr noch nicht
gelufig war, hatte die Herzogin auch dieses Mal vor ihrem Erscheinen erst mit
dem Grafen in betreff der Beleuchtung des Salons Rcksprache genommen. Es war
dies einer der wichtigsten Punkte fr die Herzogin. Sie befand sich nmlich in
der umgekehrten Lage wie weiland der selige Peter Schlemihl. Der arme Schlemihl
hatte keine Schattenseite; die arme Herzogin hatte deren zu viele. Wenn
Schlemihl daher seinen Freund Bendel voranschickte, um die Beleuchtung zu
arrangieren, da ihn alle Lichter trafen, so befahl die Herzogin dem Grafen, die
Sache so einzurichten, da sie mglicherweise von keinem getroffen werde. Der
Graf war in die Geheimnisse der herzoglichen Toilette eingeweiht, und er leitete
denn auch alles in so umfassender Weise, da die Konstellation der Lampen am
nchsten Abend die gnstigste werden mute.
    Von der Nacht, die der Ritter und die Herzogin vor ihrem ersten
Zusammentreffen zubrachten, kann man sich leicht eine Idee machen. Whrend ihre
Krper noch durch kalte Mauern getrennt waren, schlangen sich ihre Seelen schon
ineinander und fhrten jenen lustigen Tanz der Trume auf, jenen Elfentanz der
Gedanken, den alle Liebenden kennen.
    Oh, das ist der Teufel, da wir von dem Ziele unserer Wnsche oft nur durch
eine Mauer getrennt sind, durch eine Bretterwand, durch einen Vorhang. Wir hren
ihn seufzen und lachen und husten und singen: den Gegenstand unserer Verehrung.
Aber die Mauer steht wie eine Mauer vor unserm Glck; die Welt unserer Sehnsucht
ist mit Brettern vernagelt, und der Vorhang bleibt verhngt. Whrend die Dame
unsers Herzens vielleicht von uns trumt und gebrochenen Lautes die seltsamsten
Worte murmelt und mit den nackten kleinen Fen in des Bettes Linnen whlt und
die weien Arme emporstreckt, um ihren Traum zu ergreifen und ihn festzuhalten
und an die Brust zu drcken mit Trnen und Kssen - ja, whrend unser ganzes
Sein aufgeht in dem ihrigen: mssen wir vielleicht mit kalten Beinen bei einer
Tasse schwarzen Kaffees sitzen, um ber eine Zivilklage nachzudenken, ber ein
philosophisches Problem oder dergleichen Lappalien.
    Aber alles das liegt an der schlechten Bauart unserer Huser und an der
schlechten Bauart unserer schlechten Gesellschaft. Wie in Menagerien leben wir
in Kfigen und in Vogelbauern. Die Lwen verlernen das Brllen, die Adler das
Fliegen und die Nachtigallen das Singen. Unser halbes Leben verstreicht mit
nichtsnutziger Arbeit, bei unbefriedigter Sehnsucht. Aus Titanen werden
Philister und aus himmlischen Huris: hysterische alte Jungfern. Zu erbrmlichen,
rcksichtsvollen Pedanten hat uns die gute Sitte gemacht, zu rechten Geizhlsen,
die ihre Schtze so lange konservieren, bis sie rostig und schimmelig sind. Wir
faseln wie der Knig Salomo, als er siebzig Jahr war, und meinen wir, etwas
Neues gesagt oder getan zu haben, da war es doch nur altes, abgetakeltes Zeug,
was die Griechen schon besser sagten und taten als wir, was lngst im Homeros
steht, zugnglich fr jeden Tertianer.
    Ach, nach Kaffee riechen wir, nach Wolle, nach alten Bchern und nach
schmutzigen Akten - nur nicht nach Menschen! Schne Kerls sind wir. Wenn die
alten Gtter noch leben, so werden sie sich hbsch ber uns mokieren, da wir
mit all unserm Scharfsinn, mit unserer immensen Klugheit doch nur so zchtige
Krmer geworden sind, so zahme Tagelhner. Throne werfen wir um und jagen die
armen Knige bers Meer, aber unsern sittsamen Zopf, den Rattenschwanz des
Aberwitzes, behalten wir im Nacken. Mchte uns das Schicksal daran erhngen!
    Oh, es ist Zeit, da ihr die Mauern einrennt und die Bretterwnde zerschlagt
und die Vorhnge zerreit. Wie die Kinder sollt ihr wieder werden - die Kinder
nennen sich du und du und betrgen sich selten und lachen miteinander und weinen
und kssen sich und schlafen sorglos in einem Bette, und die Kinder sind die
einzigen vernnftigen Menschen auf Erden.

                                      XVI



                            Der Baron und der Ritter

Nicht wahr, Baron, Sie kennen die Herzogin? fragte der Ritter Schnapphahnski.
    Die Babylonierin meinen Sie? erwiderte der pferdekundige Edelmann.
    Nun, die Herzogin von S.!
    Allerdings kenne ich sie. Ich verkaufte ihr einst zwei Schimmel fr 90
Friedrichsdor - zwei Schimmel, sage ich Ihnen, wie zwei Engel; zwei Gule, die
ich liebte, die ich vergtterte. Wenn ich an diese zwei Schimmel denke, da werde
ich weich, da kommen mir die Trnen in die Augen. Und nur 90 Friedrichsdor - oh,
es war entsetzlich!
    Aber weshalb verkauften Sie so billig?
    Weil ich die armen Tiere total zuschanden gefahren hatte; weil sie keinen
Schu Pulver mehr wert waren.
    Aber, beim Teufel, da bezahlte die Herzogin noch teuer genug!
    Allerdings, Ritter! Aber wer konnte mir meinen Kummer um die armen Tiere
bezahlen? Wer bezahlte mir meinen Schmerz, da ich die herrlichen Gule so frh
ruinierte?
    Sie sind sehr naiv, Herr Baron!
    Ich bin ein Edelmann, Ritter. Seit ich der Herzogin die Schimmel verkaufte,
machten wir keine Geschfte mehr miteinander. Vergebens bot ich ihr das
Auserlesenste meines Stalles an. Schecken zum Kssen, Fchse zum Umarmen, Rappen
zum Anbeten - die Herzogin wollte sich auf nichts einlassen. Sie berief sich
immer auf die Schimmel; von neuem ri sie stets die kaum vernarbte Wunde meines
Kummers auf.
    Aber ich finde, da die Herzogin alle Ursache dazu hatte.
    Ganz natrlich, Ritter; aber als galante Dame hatte sie ebensosehr Ursache,
die Geschichte nie wieder zu berhren, nie wieder an die Schimmel zu denken und
mir mein Unrecht ein fr allemal zu verzeihen. Wenn ich mir als leichtsinniger
Mann in meiner Betrbnis das Vergngen machte, die Herzogin fr lumpige 90
Friedrichsdor hineinzureiten, da mute sie sich als geniale Frau das Vergngen
machen, mir diesen Trost zu gnnen - jedenfalls ist dies logisch - -
    Die Logik des Pferdehandels.
    brigens werde ich mich mit der Herzogin ausshnen. Ich werde ihr tglich
den Hof machen; denn ich verehre die Herzogin, ich verehre das Gespann, mit dem
sie gestern abend heranfuhr, und ich werde ihr den hchsten Preis dafr bieten,
den je ein Standesherr geboten hat.
    Ist dies Gespann vielleicht ebenfalls zuschanden gejagt?
    Ich bitte sehr um Verzeihung: nicht im geringsten! Vier Gule, die
ihresgleichen suchen - -
    Aber wenn die Herzogin nicht verkaufen will?
    Nun, da werde ich tun, als ob ich halb verrckt wrde.
    Und hilft auch das nichts?
    Da werde ich mich totzuschieen drohen.
    Und kommen Sie noch immer nicht zum Ziel?
    Nun, da werde ich bis zum uersten gehen, ich werde der Herzogin zu Fen
fallen, ich werde ihre Knie umfassen, ich werde ihr eine - Liebeserklrung
machen.
    Herr von Schnapphahnski taumelte drei Schritte zurck, als ob er pltzlich
in der Person des Barons einen der gefhrlichsten Konkurrenten she.
    Eine Liebeserklrung -? erwiderte er endlich mit besonderem Nachdruck.
    Allerdings, lieber Ritter, denn ich kann nicht lnger leben ohne die vier
Hengste der Herzogin.
    Aber wissen Sie auch, da die Herzogin fast sechzig Jahre alt ist?
    Ich wei, da ihre Hengste die schnsten auf der Welt sind.
    Wissen Sie, da die Herzogin falsche Waden trgt, falsche Zhne, falsche
Haare?
    Ich wei, da ihre Hengste echte Schweife, echte Mhnen und echte Hufe
haben.
    Wissen Sie, da Sie sich vor der ganzen Welt lcherlich machen werden?
    Ich wei, da ihre Hengste Stck fr Stck hundert Pistolen wert sind.
    Wissen Sie, da es ein Verrat an Ihrer Jugend sein wrde, wenn Sie sich mit
einer so alten Person einlieen?
    Ich wei, da die Hengste der Herzogin meinen Stall ungemein zieren wrden
- Doch der Baron lachte pltzlich laut auf:
    Ich wollte Sie nur auf die Probe stellen, lieber Ritter. Es freut mich, da
wir einerlei Meinung ber die Herzogin sind. Man sagte mir gestern, da Sie
wirklich mit ernstlichen Absichten auf die Herzogin losrckten. Ich konnte mir
dies nicht denken. Nach dem, was Sie mir eben von der Herzogin sagen, ist es
unmglich. Nicht wahr, Herr Ritter, die Herzogin ist eine alte Runkelrbe? -
Herr von Schnapphahnski bi sich die Lippen. - Eine alte Runkelrbe, die einst
der Berggeist Rbezahl in ein Weib verwandelte? - Herr von Schnapphahnski
blickte verschmt zu Boden. - Ein junger Mann wie Sie, sich in eine alte
Runkelrbe verlieben - ich wute es gleich, es war reine Verleumdung! - Es
wurde Herrn von Schnapphahnski sehr unheimlich zumute.
    Aber lassen Sie die Herzogin, erwiderte er endlich.
    Verzeihen Sie, Herr Ritter, Sie selbst haben die Herzogin aufs Tapet
gebracht!
    Jedenfalls ist die Herzogin eine geistreiche Dame!
    Eine geistreiche Runkelrbe!
    Sie ist eine berhmte Frau.
    Eine berhmte Runkelrbe.
    Herr Baron, ich verstehe Sie nicht.
    Aber ich verstehe mich auf diese Runkelrbe.
    Sie scheinen sich ber mich lustig zu machen.
    Ich mache mich lustig ber die Runkelrbe.
    Herr Baron, ich mu Ihre Redensarten als eine Provokation ansehen!
    Der Baron sah den Ritter erstaunt an.
    Also Sie interessieren sich dennoch fr die Herzogin -? - Herr von
Schnapphahnski sah, da er besiegt war. - Beruhigen Sie sich, fuhr der Baron
fort, ich werde ganz in Ihrem Interesse arbeiten - aber als Gegendienst mssen
Sie so gut sein und der Herzogin versichern, da ihre vier Gule den - Spat
haben - - Der Ritter nickte beifllig, und der Handel war geschlossen.

                                      XVII



                          Der Ritter und die Herzogin

Der Ritter stand vor der Herzogin, und zierlich bog er sich hinab, ihre Hand zu
kssen. Der Handku ist die beste Ouvertre zu dem Gesprch mit einer Dame. Die
Adligen kultivieren den Handku - wir Brgerlichen hchstens die Kuhand. Die
Adligen haben den Handku vor uns voraus; es gibt nichts Passenderes und
Graziseres, als einer schnen Dame passend und grazis die Hand zu kssen.
Whrend sich die Dame majesttisch emporrichtet und den Kopf in den seligen
Nacken wirft, da die kohlschwarzen Locken wie verliebte Schlangen um den
alabasternen Hals flattern: beugt der Ritter seinen untertnigen Rcken und
drckt den Ku auf die zierliche, souverne Rechte, hfliche Gre winselnd,
se Beteuerungen und galante Lgen. Gibt es etwas Liebenswrdigeres als den
Handku? Wenn man mit der Hand anfngt, wer wei, wo man aufhrt!
    Als Ritter Schnapphahnski der Herzogin Hand gekt hatte, hob er sich
langsam empor und lie die erwartungsvolle Dame in ein Antlitz schauen, auf dem
der Reiz der jugendlichsten Schchternheit sich so geschickt mit der Frivolitt
der Erfahrung zu vereinigen wute, da der Herzogin unwillkrlich ein Seufzer
entfuhr, ein Seufzer, wie sie ihn lange nicht geseufzt hatte, einer jener
Seufzer, fr die man gern eine Million gibt, fr die man sich in Fetzen schieen
lt, fr die man tausend Eide schwrt, aber auch tausend Eide bricht!
    Aus ihren besten Zeiten hatte sich die Herzogin diesen Seufzer aufbewahrt.
Herr von Schnapphahnski erschrak ordentlich, da die Herzogin noch so natrlich
seufzen knne, und schnell die Hand aufs Herz legend, fragte er in so naivem
Tone als nur irgend mglich: Gilt dieser Seufzer Ihnen oder mir, gndige Frau?
Ihnen kann er unmglich gelten, denn in heiterer Hoheit sehe ich Sie vor mir
thronen, erhaben ber allen Seufzern, ber jenen Lauten des Schmerzes und der
Sehnsucht, die nur mir gehren - ja, gndige Frau, Ihr Seufzer gehrte mir, er
war mein Seufzer, er war die Huldigung, mit der ich Ihnen nahte, mit der ich
mich ber die Seufzerbrcke des Lebens zu Ihnen hinberrettete!
    Jedenfalls wei dieser Schnapphahnski seine Phrasen abscheulich zu
verdrechseln, sagte der Baron, indem er den Grafen mehr in die Tiefe des
Gemaches zog. Doch der Ritter war bereits im besten Zuge: Am ersten Tage, fuhr
er fort, lachte Gott und machte das Licht; am zweiten wurde er noch heiterer
und schuf den Himmel. Am dritten Tage wurde er ernst und trocken und schuf die
trockne solide Erde; doch am vierten wurde er phantastisch und erfand den Mond
und die Sterne, und am fnften wandelte ihn endlich der Humor an, und er
erschuf, was sich regt in den Hhn und den Tiefen - am sechsten Tage seufzte er
aber und erfand den Menschen, er erfand die Liebe, und seit Jahrtausenden weht
nun dieser Schpfungsseufzer des sechsten Tages durch die Herzen aller
Erschaffenen, einem ewigen Echo gleich, das von einer Seele zu der andern
widertnt, immer neue Tne schaffend, Tne der Freude und Tne des Schmerzes,
harmonische und herzzerreiende.
    Es ist schade, da der Ritter kein Pastor wurde, murmelte der Baron in das
Ohr des Grafen. Sehn Sie nur, wie er gestikuliert: wie ein verrckt gewordener
Telegraf! Hat man je etwas Tolleres erlebt?
    Die Herzogin hatte sich indes aufmerksamer emporgerichtet. Sie warf den
roten Kaschmirschal in geheimnisvollere Falten, und dem Ritter das adlige Profil
zeigend, den Handschuh der zierlichen Hand und den kleinen Fu, erwiderte sie
mit freundlichem Lcheln? Aber, in der Tat, Herr Ritter, Sie fhren eine wahre
Seufzerkonversation; Sie mssen entsetzlich unglcklich sein -
    Entsetzlich! gndige Frau -
    Aber geistreiche Leute sollten nie unglcklich sein; wenigstens sollten sie
nie so sehr an ihrem Glck verzweifeln, da sie sich lnger als einen Tag lang
rgerten oder ennuyierten. - Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Ritter, sind Sie
seit gestern unglcklich oder seit heute?
    Seit zehn Minuten, gndige Frau! Der Ritter faltete die Hnde und sah die
Herzogin mit schwrmerischen Augen an. Die Herzogin htte tausend Louisdor darum
gegeben, wenn es ihr mglich gewesen wre, in diesem Augenblick leise zu
errten.
    Sehn Sie nur, wie er wedelt und scharwenzelt, murmelte der Graf. - Wie
ein junger Hund vor einer alten Katze, erwiderte der Baron. - Ich htte ihn
nie fr einen so groen Komdianten gehalten. - Er hat sich zehn Jahre lang
jeden Tag vor dem Spiegel im Gestikulieren gebt. - Es ist gar kein Zweifel
mehr, da er die Herzogin erobert. - Gott sei gedankt, so erobere ich die vier
Hengste! - Graf und Baron zogen sich etwas zurck, und unser Schnapphahnski
fuhr fort, seine Liebesleiden so rhrend zu entwickeln wie noch nie ein Ritter
vor ihm.
    Mit jeder Sekunde wurde seine Beredsamkeit blumenreicher und ergreifender;
seine Worte galoppierten wie geflgelte Rosse ber die Hindernisse der
kitzlichsten aller Unterredungen. Wie ein Dichter in dem windstillen Raume
seines Studierzimmers sich so lebhaft in den frchterlichsten Sturm auf offener
See versetzen kann, da er whrend der Schilderung desselben unwillkrlich nach
dem Kopfe greift, um den Hut festzuhalten, so wute Herr von Schnapphahnski in
der Nhe einer fast sechzigjhrigen Dame derart die Gegenwart eines blutjungen
unschuldigen Kindes heraufzubeschwren, da er wahre Wunder der Naivitt beging
und die Herzogin unwillkrlich in den Strudel der sesten Liebesraserei mit
sich fortri.
    Unglcklich bin ich, rief der Ritter, unglcklich geworden seit zehn
Minuten, weil ich noch daran verzweifeln mu, ob ich je wieder glcklich werde.
Eine Rose fand ich - darf ich sie brechen? Eine Perle fand ich - darf ich sie an
meine Brust drcken? -
    hnliche Phrasen entschlpften dem Ritter zu Dutzenden. Die Herzogin gestand
sich, da sie schon viel dummes Zeug im Leben gehrt habe, gewi aber nicht so
viele verliebte Schnrkel, wie sie der Ritter in Zeit von einer halben Stunde
produzierte.
    Reisen Sie, Ritter! Suchen Sie Trost und Zerstreuung auf Reisen -
    Gndige Frau, verstoen Sie mich nicht.
    Jagen Sie, Ritter! Suchen Sie Zerstreuung auf der Jagd -
    Gndige Frau, verjagen Sie mich nicht.
    Treiben Sie Knste und Wissenschaften, Ritter, zerstreuen Sie sich!
    Lassen Sie mich das nicht in der Kunst suchen, was ich im Leben vor mir
habe -
    So dauerte die Unterredung fort, und immer schwrmerischer schaute der
Ritter auf die Dame, und immer entzckter blickte die Dame auf den Ritter.
    Doch ich kann von meinen Freunden nicht erwarten, da sie die Liebesduselei
zweier alter Snder bis zu Ende lesen sollen. Das Geschwtz zweier Liebenden ist
unter allen Umstnden langweilig, und wenn auch eine Konversation wie die der
Herzogin und des Ritters schon ihrer Heuchelei wegen interessanter ist als eine
wirkliche, aufrichtige, jugendliche Aventre, so bleiben die mehr oder weniger
abgedroschenen Phrasen doch immer dieselben. Der se Gram und die holde Not
machen sich in schlecht stilisierten Briefen und in erbrmlichen Redefloskeln
Luft, und die Faseleien der Liebe sind unertrglich. Erst da wird die Liebe
interessant, wo sie rein sinnlich auftritt. Die sinnlichen Engel auf Erden sind
ganz leidliche und interessante Geschpfe, aber die geschlechtslosen Engel im
Himmel wollen wir dem lieben Gotte berlassen.
    Alle Leute, heit es in unsern Manuskripten, die seinerzeit auf dem Schlosse
des Grafen anwesend waren und die Manver des Ritters der Herzogin gegenber zu
beobachten Gelegenheit hatten, meinten vor Lachen zu sterben. Der Ritter betrug
sich wie der sentimentalste Affe, und er fhrte diese Rolle mit einer solchen
Konsequenz durch, da die Herzogin sich immer mehr tuschen lie und
wunderbarerweise zuletzt gar nicht mehr daran zweifelte, da der Ritter ihr mit
demselben Verlangen entgegeneile, wie sie sich zu ihm hinbersehnte. Die
Herzogin gestand sich, da sie noch nie so geliebt worden sei. Alle ihre
Jugendtrume kehrten wieder; alles, was sie genossen, wurde aufs neue bei ihr
lebendig. Sie glaubte sich in jene Tage zurckversetzt, wo einst die Blte der
franzsischen Jugend zu ihren Fen lag, und in der Gestalt unseres Ritters
erschienen ihr alle Mnner, von denen sie Liebes erfuhr. Dem Ritter war es
gelungen, was ihm der Graf als die schwierigste Aufgabe geschildert hatte. Es
war ihm gelungen, die Jugend der Herzogin in ihr Alter zurckzuzaubern.
    Als der Ritter aber soweit gelangt war, da kannte die Dankbarkeit der
Herzogin keine Grenzen mehr. Wre es Schnapphahnskis Wunsch gewesen: sie htte
wirklich mit Freuden ihre Schlsser in Brand gesteckt und ihre Demanten ins Meer
geschleudert. Diese Dankbarkeit der alten, unverwstlichen Dame soll etwas
Rhrendes gehabt haben. In dem abscheulichen Gewirr der Lgen, der Heuchelei,
der widerwrtigsten Eitelkeit und der schamlosesten Intrigen tauchte diese
Dankbarkeit, dem geschmolzenen Gold in seinen Schlacken hnlich, als das einzig
erquickliche Gefhl auf und vershnte gewissermaen das Bizarre und
Ekelerregende des ganzen Umgangs.
    Auf unsern Ritter wirkte dies zurck. Zum ersten Male in seinem Leben
schmte er sich. Er hatte zu sehr gesiegt, um sich nicht zu schmen. Aus der
ersten, unnatrlichen Annherung wurde ein jahrelanges, zrtliches Verhltnis.
    Nach dem Besuch auf dem Landsitze des Grafen kehrte damals die Herzogin nach
ihrem Schlosse zurck, und es verstand sich von selbst, da sie unsern Ritter
mitnahm. Es erfolgte nun ein Zusammenleben, da man unmglich hinlnglich
beschreiben kann. Ein griechischer Kultus wird eingerichtet; die Herzogin lt
die Badegrotte mit asiatischem Luxus neu mblieren, und hier weilen die
Liebenden halbe Tage lang.

                             Odysseus und Kalypso.

Also geschah's; da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich. Beide gingen zur
Kammer der schngewlbten Grotte und genossen der Lieb und ruheten
nebeneinander.

Todmde und nach Luft schnappend, zieht sich der Ritter endlich nach seinem Gute
zurck. Aber hierhin folgt ihm die Schne, voll ungestillten Verlangens, in
Mannskleidern - - -
    Gro wie der Dienst war auch schlielich der Lohn. Auf einen Schlag erhlt
der Ritter 200000 Taler.

                                     XVIII



                                  Das Resultat

Komisch wrde es sich ausnehmen, wenn man auf unsern heutigen Bhnen bei hellem,
lichtem Tage Theater spielen wollte. Unter der ganzen gemalten Herrlichkeit
wrde das Eselsohr der Wirklichkeit hervorschauen. Blumen und Bume wrden ihren
Glanz verlieren, und Salons und prchtige Hallen wrden zu wahren Stllen und
schofeln Korridoren hinabsinken. Auch die Knstler wrden sich ganz anders
ausnehmen. Unter einem Almaviva wrde man trotz der besten Maske den Herrn Meyer
erkennen, Marquis Posa kme als Herr Fischer zum Vorschein, und so wrde man
einen jeden an seinen Blatternarben erkennen, an seinem schlechten Schnurrbart
oder an irgendeiner andern Vernachlssigung der Schpfung, und der Herr Direktor
wrde bald vergebens sein Haus zu fllen suchen.
    Wie es dem Direktor mit dem Theater geht, so ging es mir mit der Herzogin
von S. Meine letzten Schilderungen wrden ebenfalls hbscher geworden sein, wenn
ich sie bei Lampenlicht htte geben knnen. Aber nur in trocknen Worten, bei
unzweifelhaftem Tageslichte mute ich die Schnheiten jener hohen Dame
zergliedern; da half kein Bitten und kein Flehen, die Sache wollte nun einmal
beschrieben sein, so oder so, jedenfalls aber gem der Wahrheit, und leider
mute ich gehorchen. Meine Leser werden bemerkt haben, da dies nur mit groem
Widerstreben geschah, ich zog die Sache soviel wie mglich in die Lnge und
wrde mich durch das Zwischenschieben anderer, fremdartiger Geschichten wohl
noch lnger dagegen gestrubt haben, wenn mich mein Gewissen nicht daran
erinnert htte, da es besser sei, lieber um kein Haar breit von meinem Texte
abzuweichen und allein der Wahrheit die Ehre zu geben.
    Ich blieb bei der Wahrheit, und ich war deshalb zehnmal weniger interessant,
als wenn ich die Gttin der Lge umarmt htte. Wahrheit und Lge! Die Gttin der
Wahrheit ist wie ein sechs Fu hohes Mdchen mit blonden Haaren und mit kaltem,
aber schneeweiem Teint. Aus zwei groen blauen Augen, die wie zwei Himmel in
ruhig heiterer Herrlichkeit zu dir niederlcheln, schaut dich die Seele der
reinen, keuschen Gttin so unbefangen und doch so feierlich an, da du nur
schchtern zu nahen wagst, um ihr hchstens die Stirn zu kssen, die hohe
olympische Stirn, und dann eines Befehles zu harren in banger Unterwrfigkeit,
den langen, lieben, langweiligen Tag. Es geht uns mit der Wahrheit wie Cupido
mit den smtlichen Musen. Ich entsinne mich nmlich, gelesen zu haben, sagt
Meister Alcofribas, da einst Cupido, den seine Mutter Venus frug, warum er
nicht die Musen anfiel, zur Antwort gab, er fnde sie so schn, rein, ehrbar,
sittsam und stets beschftigt, die eine mit Betrachtung der Sterne, die andere
mit Berechnung der Zahlen, die dritte mit geometrischen Maen, die vierte mit
rednerischer Erfindung, die fnfte mit poetischen Knsten, die sechste mit
Musikbesetzung usw., da er, wenn er zu ihnen kme, seinen Bogen abspannte, den
Kcher zuschl und die Fackel verlschte, aus Scham und Scheu, ihnen weh zu
tun. Auch nhme er sich die Binde von den Augen, sie offenen Angesichts zu
schauen, ihre artigen Lieder und Oden zu hren: dies wre ihm die grte Lust
der Welt, so da er sich fters schier verzckt fhle in ihrer Anmut und
Lieblichkeit, ja in der Harmonie entschliefe, geschweige da er sie berfallen
oder von ihren Studien sollte abziehen. - So geht es uns denn auch mit der
Wahrheit.
    Oh, wie anders ist es mit der Lge! Die Gttin der Lge oder der Phantasie,
wenn ihr sie lieber so nennen wollt, ist nicht wie die der Wahrheit ihre sechs
Fu hoch; sie trgt auch keine blonden Haare - nein, eine kleine schwarz- oder
braungelockte Person ist sie, sdlich dunkler Gesichtsfarbe, mit schelmischem
Rosenmund und so verfhrerisch zierlich an Taille, Hnden und Fen, da man
wirklich gleich auf allerlei Irrwege geraten wrde, wenn die beiden feurigen
Augen der Kleinen nicht so sehnschtig verlangten, da man sich taumelnd in
ihnen verlre wie eine Mcke im flammenden Lichte. Ruhig nicht und ernst ist die
reizende Gttin, nein, sie ist lebendig, beweglich; sie tanzt und singt und
schmckt ihre Locken mit lustigen Blumen, lachend und weinend, wie es ihr gerade
einfllt, und immer bleibt sie grazis. Der Wahrheit mut du huldigen wie einer
Knigin, und was sie dir gibt, das gibt sie dir aus Gnade. Nicht so die
Phantasie. Statt ihr nachzulaufen, luft sie mitunter dir nach, und bist du ein
hbscher Junge, da besucht sie dich in den Nchten des Frhlings und schlingt
ihre weichen Arme um deinen Nacken und kt dich, und am Morgen wachst du
verwundert auf. Die nackte Wahrheit ist eine englische Ehefrau; die schne Lge
eine franzsische Grisette.
    Doch zurck zu Schnapphahnski!
    Es war die hchste Zeit, da unser Ritter in seinen Unternehmungen
ressierte; er siegte noch gerade zur rechten Zeit ber die Herzogin; ihre
Gromut konnte ihn noch retten. Die bedeutenden Besitzungen der
Schnapphahnskischen Familie im streichischen Schlesien sollten nmlich
ffentlich verkauft werden, da der Ritter nicht mehr imstande war, sie zu
halten. Schon war der Versteigerungstermin bestimmt, und ein Bevollmchtigter
des K. von H. prsentierte sich, um die enorme Besitzung zu erstehen. Da trat
jene Wendung in dem Leben unseres Ritters ein ... Die Herzogin von S. schwrmte
fr Schnapphahnski, und kein Opfer war ihr zu gro, um dem unglcklichen Manne
zu helfen. Durch ihren Einflu wute sie es dahin zu bringen, da der K. von H.
seinen Bevollmchtigten zurckzog und die Idee des Kaufes fahren lie. - Andere
Bieter waren bei der ungemeinen Betrchtlichkeit der Herrschaft nicht zu
frchten und nicht vorhanden, und die Herzogin gab dann dem Ritter 200.000
Taler, damit er die ganze Geschichte halten konnte. Hiermit nicht zufrieden,
veranlate der Ritter seine Gnnerin auerdem noch, nach und nach die
Hypotheken, welche auf den andern Gtern lasteten, abzulsen und so mit seinen
bedeutendsten Schulden tabula rasa zu machen - unser Freund war einer der
Glcklichsten unter der Sonne.
    Ihr erinnert euch jener Sage von einem verwnschten Schlosse? Disteln und
Dornen waren hoch um die alten Mauern gewachsen und bildeten mit den
efeuberankten Bumen des Waldes einen undurchdringlichen Kranz, der die ganze
Feste einschlo. Totenstille herrschte in dem prchtigen Raume. Auf dem Hofe
schlummerten Hunde und Katzen; regungslos standen im Stalle die edlen Rosse,
eben noch bedient von rstigen Knechten, die pltzlich bei der Arbeit
eingeschlafen waren und mit halb geschlossenen Augen trumerisch an den Krippen
lehnten.
    In der Kche nickten Koch und Kchenjunge, und da und dort saen die andern
Dienstboten, alle wie vom Schlage gerhrt. In den Hallen des Saales ruhten aber
auf weichen Polstern: Herren und Damen, beim Bankett vom Schlafe berrascht, die
Becher noch in Hnden, mit gesenkten Huptern.
    Kurz, alle lebenden Wesen des Schlosses, von den Helden des Saales an bis zu
der Fliege an der Wand, waren behext und vom Zauber berckt, und schlafen wrden
sie vielleicht noch heute, wenn sich nicht einst ein jugendlicher Ritter mit dem
Schwerte Bahn durch die Disteln und Dornen geschlagen htte und keck hinein in
den verwnschten Raum gedrungen wre.
    Er sah sich verwundert um, und er begriff, da dieser Zauber nur auf ganz
eigentmliche Weise gelst werden knne. Wochenlang htte er die Herren und die
Diener rtteln und schtteln knnen: sie wrden doch nicht wach geworden sein.
Er schritt daher die Wendeltreppe des Turmes hinauf, und als er hoch oben in ein
kleines Gemach trat, da fand er auf weiche Kissen hingegossen: die schnste
Jungfrau. Die Locken ruhten neben dem lieblichen Kpfchen, und die Lippen
leuchteten in rosiger Frische.
    Entzckt war der Ritter, und lange schwelgte er in dem seligen Anblick. Als
er sich aber genug erquickt hatte, da bog er sich hinab, und es verstand sich
von selbst, da er die Schne mitten auf ihren roten Mund kte - da war der
Zauber gelst!
    Im Hofe erwachten Hunde und Katzen; im Stall die Rosse samt ihren Knechten;
in der Kche fuhr Koch und Kchenjunge empor, und erwachend reckten die brigen
Dienstboten ihre steifgewordenen Glieder. Die Herren und Damen des Saales regten
sich nicht minder: sie fuhren in ihrem Bankett fort und ahnten kaum, da sie ein
paar Hundert Jahre lang geschlafen hatten.
    Kurz, alles wurde lebendig, von den Helden des Saales an bis zu der Fliege
an der Wand, denn oben im Erker kte der Ritter die Jungfrau, und vom Traume
erwachend, sank sie liebeseufzend an seine Brust.
    Gelehrte Leute behaupten, der ganze Zauber rhre von dem Stich einer Spindel
her und nur durch einen Ku knne so etwas wiedergutgemacht werden - -
    Ich wei nicht, wie es darum steht, soviel ist aber gewi, da die Umarmung
des Ritters Schnapphahnski und der Herzogin von S. denselben Einflu auf die
verschuldeten Gter des erstern hatte wie der Ku des Ritters der Sage und der
schlafenden Jungfrau auf das verwnschte Waldschlo. Der Ku des Ritters
entzauberte das Schlo; die Umarmung unseres Schnapphahnski enthypothezierte
seine smtlichen Besitzungen.
    Wie die Rosse des Waldschlosses froh in die Luft hinauswieherten, da
endlich der Spuk gelst sei, so huben sich auch die Merinomutterschafe und Bcke
der Schnapphahnskischen Gter freudig empor und blkten ihrem schuldenfreien
Herrn ein lustiges Willkommen.
    Schnapphahnski hatte keine Schulden mehr.
    Jeder, der einmal Schulden hatte, wird die Seligkeit dieses Gefhles zu
begreifen wissen. Schulden gehren zu den unangenehmsten Rckerinnerungen;
Schulden sind gewissermaen der Katzenjammer lngst verrauschter Gensse. Alle
dummen Streiche, die wir im Leben begingen, treten in den steifen Ziffern
unserer Schulden noch einmal rgerlich vor unser Gedchtnis, und mit widerlichen
Grimassen grinst die Vergangenheit in unsere Gegenwart herein.
    Das Schlimmste bei den Schulden ist indes, da wir mit den Schulden
Glubiger bekommen! Diese ernsten, mrrischen Leute, die uns auf der Strae mit
Nasenrmpfen anschauen, die schon in der goldenen Frhe an unsere Tr pochen, um
uns all ihren Jammer vorzuleiern, ja, die uns gar bei der Arbeit berraschen,
wenn wir mit den hchsten Weltinteressen beschftigt sind, um uns von dem Sinai
unserer Gedanken in das tote Meer ihrer kleinbrgerlichen Misere hinabzuziehen -
oh, es ist entsetzlich!
    Aber das ist die Ironie des Schicksals, da schon mancher Titane, der fr
das Heil der Menschheit schwrmte, nicht einmal seine Hosen bezahlen konnte - -
    Mensch, mache keine Schulden! Ein Glubiger ist erboster als eine Hornisse,
bestndiger wie der Teufel und langweiliger als ein Engel.
    Mit dem Bezahlen der Schnapphahnskischen Schulden glaubte die Herzogin
indes, noch nicht genug getan zu haben. Vor allen Dingen wollte sie ihm wieder
Bahn in die Berliner Gesellschaft brechen. Nur eine Herzogin von S. konnte eine
solche Aufgabe bernehmen. Eine Frau, die alle Intrigen des Ancien rgime und
der Revolution kannte, die alle Wechselflle des Kaiserreichs, der Restauration
und der Dynastie mit durchgemacht hatte, schrak vor nichts zurck. Imponierend
durch ihre Khnheit, durch ihre Erfahrung und durch ihren kolossalen Reichtum,
sehen wir sie zugleich mit unserem Ritter in Berlin auftreten. Die alten Feinde
Schnapphahnskis regen sich an hundert Orten; aber ohnmchtig sind sie gegen die
Energie der Herzogin; die heillosesten Geschichten ihres Freundes werden zu den
liebenswrdigsten Abenteuern; Ha, Spott, Gelchter: alles wei sie zu besiegen.
In einer Audienz bei dem Gespiel ihrer Jugend wei sie Schnapphahnskis Zulassung
zu den hchsten Kreisen durchzusetzen. Der Ritter wird wieder mglich, er fat
Fu, er bekommt eine Stellung und - mu geduldet werden.
    Schnapphahnskis politische Laufbahn beginnt.

                                      XIX



                                 Die Rmerfahrt

Ehe wir unserm Ritter auf dem dornenvollen Pfade der Politik folgen, mssen wir
noch eine Episode seines Lebens berhren, die zu merkwrdig ist, als da sie
bergangen werden drfte. Es tut uns nur leid, da wir etwas weit von dem
bisherigen Schauplatz der Begebenheiten abschweifen mssen. Schon einmal
begleiteten wir unsern Helden bis nach Spanien; heute mssen wir ihm nach
Italien folgen. Damals begleiteten wir ihn bis in das Leihhaus von Pampeluna;
heute folgen wir ihm bis zu den Fen des Heiligen Vaters.
    Wir haben nmlich nichts mehr und nichts weniger zu erzhlen als die
Rmerfahrt unsres Ritters.
    Alle groen Snder verrauschter Jahrhunderte hielten es fr ihre Pflicht,
wenigstens einmal im Leben, wenn auch nicht nach dem Heiligen Grabe, so doch
nach Rom zu wallfahrten, um dort, von allen Skrupeln erlst, desto ruhiger in
einen neuen Sndenabschnitt ihres Lebens hineinzusteuern.
    Jede Zeit hatte ihre Sitte; so auch die damalige. Die Griechen brachten den
Gttern Hekatomben; das Mittelalter pilgerte nach Rom; wir sndigen Menschen der
Jetztzeit pilgern hchstens nach Paris.
    Nach Paris, dem welschen Babylon! Nach der heiligen Stadt der schnen
Babylonierinnen! Auf den Boulevards zu spazieren, zu tanzen in den
Champs-lyses und zu Mittag speisen bei Vry fr 48 Francs. - O welches
Vergngen! Wie ein Araber in Mekka, wenn er, die Arme kreuzend und blumenreiche
Gebete murmelnd, in die heilige Kaaba tritt, so trat ich, Mabille, in deinen
Garten und neigte mich, o Babylon, vor deinen Frauen!
    Die Rosen dufteten, die Seide rauschte.

Hrner, Pauken und Trompeten
Tnten jubelnd die Fanfare,
Und wir riefen alle: Heil!
Heil der Knigin Pomare!

Herr von Schnapphahnski hielt aber fest an den Sitten der Vter; Se. Hochgeboren
waren ein guter Katholik - niemand wird ihm dies verdenken.
    Die protestantische Religion ist eine Religion fr Kaufleute und Fabrikanten
- - Herr von Schnapphahnski war weder Kaufmann noch Fabrikant, sondern, wie
gesagt, ein guter Katholik. Nichtsdestoweniger machte er aber von Zeit zu Zeit
seine Bilanz, d.h. seine geistige oder Seelenbilanz, indem er sich dann jedesmal
den Saldo seiner Snden von der guten Mutter Kirche quittieren lie. Eine
materielle Bilanz brauchte der Ritter um so weniger zu machen, da ja die
Herzogin von S. seine smtlichen Schulden bezahlt hatte.
    Mit der geistigen oder Seelenbilanz unseres Helden sah es diesmal schlimm
aus. Der edle Ritter hatte viel auf dem Herzen. Seit mehreren Jahren hatte er
die Sndenconti seines Gewissens nicht abgeschlossen, und wenn er die
Folioseiten seines Gedchtnisses durchbltterte, so fand er nur gar zu viele
dittos in seinem Debet - hchst wenige im Kredit.b
    Unser Ritter ging daher eines Tages sehr ernstlich mit sich zu Rate; er
zerbrach fnf Federmesser und zerschnitt zehn Bleistifte. Nachdem er aber die
fnf Federmesser zerbrochen und die zehn Bleistifte zerschnitten hatte, schnitt
er mit dem sechsten Federmesser den elften Bleistift und entwarf die folgende:

        Geistige oder Seelen-Bilanz des berhmten Ritters Schnapphanski

Unsere Leser werden gestehen, da diese Abrechnung eben nicht sehr gnstig fr
unsern Ritter ausfiel. Wenn nicht der Papst ebenso gromtig war wie die
Herzogin von S., so lieen sich die geistigen Angelegenheiten unseres Helden bei
weitem nicht so leicht ordnen, als es eben erst mit seinen materiellen
Verhltnissen geschah. Herr von Schnapphahnski wollte aber nichts unversucht
lassen, und so trat er denn eines Morgens in das Zimmer der Herzogin und sprach
in der Weise Ritter Tannhusers die folgenden berhmten Worte:

Mein Leben das ist worden krank,
ich mag nit lenger pleiben;
nun gebt mir urlob, frewlin zart,
von eurem stolzen leibe!

Die Herzogin erschrak natrlich im hchsten Grade und begriff nicht gleich, was
die Geschichte zu bedeuten hatte. Sie war erst eben so gefllig gewesen, die
Schulden ihres Freundes mit baren 200000 Talern zu bezahlen, die Ablsung vieler
kleinen Hypotheken ungerechnet; und nun wollte der Ritter schon wieder
fortziehn: das war nicht recht! Es fiel ihr im Traume nicht ein, da der Ritter
zur Bue seiner Snden nach Rom pilgern wollte - - Ohne sich daher an der
altdeutschen Sprachweise ihres Freundes zu stren, fuhr die Herzogin in der
Manier der Frau Venus fort zu reden und erwiderte:

Danhuser, nit reden also!
ir tund euch nit wol besinnen;
so gen wir in ain kemerlein
und spilen der edlen minne!

Die Herzogin lispelte diese Worte geradeso verfhrerisch, wie sie einst Frau
Venus gesprochen haben mag. Der Ritter schien aber wenig davon erbaut zu sein;
er schttelte mit dem schnen schwarzlockigen Kopfe, und ohne von den Trnen
Notiz zu nehmen, die aus den Augen der hohen Dame in den roten Kaschmirschal
rieselten, ffnete er zum zweiten Male den holdseligen Mund und antwortete,
indem er die Hnde in die Hosentaschen steckte, mit sehr akzentuiertem Tone:

Eur minne ist mir worden laid,
ich hab in meinem Sinne:
fraw Venus, edle fraw so zart!
ir seind ain teufelinne.

Hierber entsetzte sich die Herzogin nur um so mehr, so da sie unwillkrlich
ein Kreuz schlug, was sie seit dem Einzug der Alliierten in Paris nicht mehr
getan hatte. Tdlich wre es der Herzogin gewesen, ihren Schnapphahnski zu
verlieren; htte sie nicht ihren kahlen Kopf gefrchtet, sie wrde die Percke
vor Verzweiflung unter die Decke geschleudert haben. Mit den Zhnen konnte sie
ebenfalls nicht knirschen, denn, wie unsern Lesern bekannt ist, waren sie mehr
ein Produkt des Zahnarztes als der Mutter Natur. Das Rollen der gewaltigen Augen
durfte daher einzig und allein den Zorn ihres Innern zu erkennen geben, und dies
Augengeroll war entsetzlich: zwei Roulettescheiben glaubte man in wilder
Bewegung zu sehn.
    Vergebens waren aber alle Anstrengungen: der Ritter beharrte auf seinem
Vorhaben, und die Herzogin wrde sich gewi mit einer Haarnadel den Tod gegeben
haben, wenn der muntere Schnapphahnski nicht pltzlich den Schlu des berhmten
Tannhuser-Liedes gesprochen und ihr erklrt htte:

Ich will gen Rom wol in die statt
gott well mein immer walten!
zu einem bapst der haist Urban
ob er mich mcht behalten - -

Als nmlich der Ritter diesen Vers zitiert hatte, trocknete die Herzogin ihre
Trnen aus beiden Roulettescheiben und sprang empor mit dem Schrei des
Entzckens.
    Ja, zum Papst! Zum Papst Urban! rief sie. Wenn er dich auch nicht
behalten soll, so soll er dich wenigstens erlsen. Ja, nach Rom, zum Papst! Ich
werde dich begleiten - - Mit beiden Armen umschlang die Herzogin ihren
geliebten Ritter.
    Am nchsten Morgen waren sie auf dem Wege nach Italien.
    Meine Leser knnen unmglich verlangen, da ich ihnen die Abenteuer dieser
italienischen Reise haarklein erzhle. Ich dachte damals noch nicht an den
Ritter Schnapphahnski und bestach daher weder einen Kutscher noch eine
Kammerfrau, um mir alle die sen Geheimnisse mitzuteilen, die zwischen der
kalten Jungfrau und dem feurigen Vesuv vorgefallen sein mgen. Genug, unser
glckliches Paar reiste von der Jungfrau bis fast an den Vesuv, d.h. bis nach
Rom. - Es versteht sich von selbst, da unsere Pilger nicht wie die Pilger von
ehedem zu Fu in hrenem Gewnde ihre Strae zogen. Nein, sowohl Frau Venus als
Ritter Tannhuser stimmten in der Ansicht berein, da der religise Fanatismus
mit einer bequemen Karosse wohl zu vereinbaren sei. Indem sie nicht nur bequem,
sondern hchst elegant reisten, befolgten sie sogar recht eigentlich das Prinzip
des Katholizismus, denn die katholische Religion ist die Religion des Glanzes
und der Pracht.
    Gerade das macht den Katholizismus liebenswrdig, da er ein Auge fr das
Schne, fr das Sinnliche hat. Alles, was sinnlich ist, ist aber ewig, und so
glaube ich auch an die Ewigkeit des Katholizismus. Man lache mich ja nicht aus!
In keinem Falle mu man mir aber mit den Griechen kommen. Man knnte mir nmlich
vorwerfen, die Griechen seien auch im hchsten Grade sinnlich gewesen, und
trotzdem wren ihre Gtter verschwunden, und niemand denke und niemand glaube
mehr an sie - - dummes Zeug! Die Griechengtter leben bis auf den heutigen Tag.
    Oh, ich habe das einem meiner alten Lehrer an der Nase angesehen. Am Morgen
gab er uns nmlich den nchternen protestantischen Religionsunterricht, und dann
war er ledern, zum Verzweifeln. Steif wie ein Stockdegen stand er vor uns, seine
Ohren waren lnger als gewhnlich, seine Gesichtsfarbe war bleiern fahl, und die
Worte haspelten sich aus seinem Munde los wie ein dnner langweiliger
Zwirnsfaden von einer unbeholfenen Spule - oh, es war entsetzlich, wie man uns
peinigte! Da kam der Abend; und derselbe Mann, der uns morgens den Katechismus
einpaukte, er schlug den Homer auf und las uns einen Gesang der Odyssee vor.
Anfangs holprig und poltrig. Man merkte, da der arme Mann erst das Christentum
vergessen mute, um ganz wieder Heide zu werden. Aber allmhlich ging es besser,
mit jeder Strophe gewann seine Stimme an Wohlklang. Es war, als wenn der ganze
Mensch von Minute zu Minute anders geworden wre. Der Rcken hrte auf, steif zu
sein, die Ohren wurden kleiner, sein Gesicht belebte sich, seine Augen
funkelten; der Schulmeister war ein Mensch geworden, ja, der arme Teufel war
pltzlich ein schner Mann, und er ri uns fort, und atemlos horchten wir, und
war er zu Ende und blitzten Freudentrnen in seinen Wimpern, da strzten wir auf
ihn los, und warm drckte er uns die Hnde, und heiter eilten wir in die Nacht
hinaus, wo die Sterne am dunkeln Himmel heraufzogen, feierlich, prchtig - ach,
und wir glaubten an die alten Gtter.
    Der Mann, der uns zu Christen machen sollte, er machte uns zu Heiden. Ich
werde ihm das nie vergessen. Dankbar will ich seiner gedenken.
    Herrn von Schnapphahnski erwartete in Rom der beste Empfang. Frau Venus
protegierte ihn herrlich, und zum Lohn fr seine Snden schmckte man seine
Brust mit einem der hchsten Orden der Christenheit.

                                       XX



                                  Die Politik

Von Rom kehrte unser Ritter zurck nach Berlin. Er trat jetzt bei weitem anders
auf als frher, denn die Herzogin hatte ja alle Schwierigkeiten seines Daseins
aus dem Wege gerumt. Herr von Schnapphahnski konnte sich nicht nur wieder auf
der Strae sehen lassen, nein, er hatte auch wieder Zutritt zu den besten
Kreisen, und allerhchsten Ortes stand er von neuem sehr gut angeschrieben. Zu
allen diesen Errungenschaften kam jetzt noch die Huld des Papstes und der
Nimbus, die ihm die ganze italienische Reise verlieh - in der Tat, es gab nicht
leicht einen Menschen, der in so kurzer Zeit mehr auf den Strumpf gekommen wre
als unser Ritter.
    Alles drngte sich an ihn heran, um ihn zu protegieren und um von ihm
protegiert zu werden. So machte man Schnapphahnski z.B. zum Direktor eines
groen industriellen Unternehmens, eine Stellung, die er dadurch geschickt zu
seinem Vorteile zu benutzen wute, da er die ganze Anlage auf den Namen einer
der hchstgestellten Personen des Landes taufen lie und sich natrlich dadurch
die besondere Gunst derselben sicherte. Vor allen andern war es aber stets die
Herzogin, die unserm Ritter getreu blieb. Sie konnte nicht mehr ohne ihn leben.
Ging er von seinen Gtern nach Berlin, so folgte sie ihm; reiste sie nach
Berlin, so mute er ihr folgen. Schnapphahnski beutete diese Anhnglichkeit ganz
in seinem Interesse aus. Wenn die Herzogin nmlich ihren Liebling einlud, so
weigerte er sich gewhnlich, ihrem Rufe zu folgen, unter dem Vorgeben: seine
Vermgensverhltnisse zwngen ihn, den Luxus, den er als Er (!) in Berlin machen
msse, zu vermeiden und auf dem Lande zu bleiben. Dies Argument konnte dann
stets nur auf eine Weise aus dem Wege gerumt werden, nmlich durch bare
Zahlung. Regelmig schickte ihm die Herzogin fr eine vierwchentliche Reise
nach Berlin 20000 Taler; allermindestens 10000 Taler.
    Die Herzogin war reich genug, um allen ihren wie allen Launen ihres Ritters
gengen zu knnen. Denn, wie wir frher schon erzhlten, hatte sie nicht nur,
mit Ausnahme von 80000 Francs Revenue, welche an die Gemahlin des Grafen C., die
vermeintliche Tochter des alten T., gingen, das ganze Vermgen jenes
berchtigten franzsischen Diplomaten geerbt, sondern auch noch seit 1839 den
Besitz der smtlichen Gter ihrer ltern Schwester angetreten.
    Diese ihre lteste Schwester, welche wir schon frher als die Erfinderin der
berhmten schwarzen Haartinktur erwhnten, war nmlich pltzlich gestorben. Ob
sie, wie die alte Mars, eben an der Tinktur starb: haben wir nie ergrnden
knnen. Die Mars, die viele Jahre lang an unsglichen Kopfschmerzen litt, soll
nmlich dadurch zugrunde gegangen sein, da die Tinktur allmhlich durch die
Poren in das Innere des Krpers drang und diesen langsam vergiftete.
    Genug, die alte Herzogin starb, und ihr Tod erregte groe Sensation, da man
die Herzogin allgemein fr unsterblich hielt.
    Es ist nicht zu verwundern, wenn die englische Aristokratie bei ihrer
gesunden, vernnftigen Lebensweise in den meisten Fllen ein wahrhaft
alttestamentliches Alter erreicht; wenn aber der lasterhaftere franzsische oder
deutsche Adel sich bis in die achtzig oder neunzig versteigt, so heit dies
wirklich, dem lieben Gotte einen Streich spielen.
    Die Herzogin hatte sich, wie gesagt, den Tod lnger vom Halse zu halten
gewut, als dies die khnsten Sterndeuter fr mglich hielten. Ein
fnfzigjhriges Genieen, im weitesten Sinne des Wortes, hatte vergeblich an
ihrem schnen Krper gerttelt. Vom Jahre 1800 bis 1819 zu drei verschiedenen
Malen vermhlt, wiegte sie nicht nur nebenbei die glnzendsten Persnlichkeiten
der damaligen Zeit - darunter auch den damals jugendlich reizenden, jetzt
gefallenen Frsten M. - auf ihrem Schoe: nein, sie wute auch noch bis in die
dreiiger Jahre hinein eine solche Virtuositt zu behaupten, da ihr endlicher
Tod in der Tat durchaus unvermutet kam und als sonderbares Faktum in der
galanten Welt betrauert wurde.
    Einmal mit ihren irdischen Resten unter der Erde, verfielen ihre irdischen
Besitzungen ber der Erde den hinterlassenen tiefbetrbten Schwestern, und zwar
in der Weise, da die zweite und die dritte Schwester auf jene Besitzungen als
auf das Majorat des schon lngst verstorbenen Vaters, des Herzogs von K., noch
vor der jngsten Tochter, der von uns so genau geschilderten Herzogin von S.,
Anspruch machen konnten.
    Die zweite Schwester, die Herzogin von H., und die dritte, die Herzogin von
A., lebten aber in zu wenig vorteilhaften Umstnden, als da sie den Besitz des
verschuldeten Majorats htten antreten knnen, und verkauften ihre Ansprche
daher an die jngste Schwester, an unsere Herzogin von S., eine Abtretung, die
gehrigen Ortes besttigt wurde und durch ihre eigentmlich mittelalterliche
Form seinerzeit viel Furore in der juristischen Welt machte.
    Die Freundin unseres Ritters, nachdem sie so alle Gter der Familie ihren
sonstigen Besitzungen hinzugefgt hatte, richtete sich dann in S. eine Art von
Hofstaat ein, die Crme der Aristokratie um sich versammelnd und abwechselnd da
und in Berlin lebend, im besten Einverstndnis mit einem Herrn und einer Dame,
deren hohe Stellung es uns verbietet, mehr Worte ber dieses Verhltnis fallen
zu lassen.
    Die Erlebnisse unsres Ritters gewinnen inzwischen auch ein so allgemeines
Interesse, da wir ihm wirklich unsre ausschlieliche Aufmerksamkeit schuldig
sind.
    Nach der bei der Herzogin gemachten Eroberung, nach der italienischen Reise
und nach der Wiedererlangung einer Stellung in der Berliner Gesellschaft beginnt
nmlich, wie wir bereits bemerkten, die politische Laufbahn unsres Helden.
    Schnapphahnski: Politiker! Sollte es mglich sein! Aber unser Held ist zu
allem fhig. Deswegen auch zur Politik.
    Die ewig denkwrdige Epoche der Provinzial-Landtage mit ihren groen
Erfolgen, der Emanzipation der Nachtigallen usw., ging zu Ende. Das Patent des
3. Februar 1847 erschien, und am 11. April erffnete Se. Majestt der Knig von
Preuen mit einer Rede ohnegleichen, ohne Beispiel den Vereinigten Landtag.
    Es verstand sich von selbst, da der politische Ehrgeiz aller
gesellschaftlichen Klassen durch dieses Ereignis in die lebendigste Bewegung
geriet, und es konnte nicht ausbleiben, da auch unser Ritter, von diesem Fieber
angesteckt, das Bedrfnis fhlte, dem Vaterlande einmal als groer Mann
gegenberzutreten.
    
    Die Herzogin hatte unsern Helden oft darauf aufmerksam gemacht, da er sich
 tout prix in die Politik hineinstrzen msse. Die Krautjunkerei pure et
simple, die der Ritter bisher trieb, konnte natrlich der ausgezeichneten Dame
wenig gefallen. Sie war geistreich genug, um zu begreifen, da die kompakte,
hausbackene Liebe erst dann ihren rechten Reiz erhlt, wenn sie mit den strong
emotions des ffentlichen Lebens Hand in Hand geht. Einen Krautjunker zu
umarmen, einen harmlosen schnen Wasserpolacken, dessen Abenteuer, so wunderlich
sie auch sein mochten, doch keineswegs den Horizont des schon oft Dagewesenen
passierten: konnte ihr unmglich auf die Dauer gengen.
    Die Herzogin war zu sehr an den Umgang mit weltgeschichtlichen
Persnlichkeiten gewhnt, als da sie nicht in unserm Ritter auer dem bel homme
auch noch den Politiker, den Staatsmann, den Redner zu umfangen gewnscht htte.
Ihre in diesem Sinne gemachten Andeutungen waren denn auch unserm Helden nicht
entgangen, und wenn ihn schon seine eigne Eitelkeit zu einer politischen
Karriere trieb, so sah er schlielich nur einen doppelten Nutzen, wenn er daran
dachte, da ihn auch der geringste Erfolg immer vorteilhafter mit der Herzogin
verbinden wrde.
    Du willst als Staatsmann auftreten - sagte Schnapphahnski daher eines
Morgens zu sich selbst, indem er den Kopf auf die Hand sttzte -, eh bien! - und
er besann sich auf alles, was er je von berhmten Rednern gehrt, gesehen und
gelesen hatte. Die Alten lagen unserm Helden zu fern. Ein Rmer und
Schnapphahnski - - der Ritter fhlte, da er nie ein Rmer werden wrde.
    Ohne weiteres wandte er sich daher der neuen Zeit zu, und gewi wrde er
sich der Heroen der Konstituante und des Konvents erinnert haben, wenn er nicht
bei dem Gedanken an diese blutdrstigen Ungeheuer ein solches Herzklopfen
bekommen htte, da er sich schleunigst der allerneuesten Zeit zuwandte - - da
war unser Ritter zu Hause! Denn bis in die kleinsten Details hinein war ihm das
parlamentarische Leben der Franzosen und Briten gegenwrtig.
    Sollst du ein Montalembert werden, hinreiend durch Beredsamkeit,
imponierend durch altadlige Khnheit und unterjochend durch jene
mystisch-katholischen Wendungen, die wie ein riesiger Trauerflor seiner Rede
nachwallen? Oder ein Larochejaquelin, lebendig, auf seinem Thema reitend wie auf
geflgeltem Rosse, frech und herausfordernd, sarkastisch-witzig und erobernd
durch die ritterliche Keckheit eines ungebndigten Edelmanns? Oder sollst du
Lamartine nachahmen, bald vornehm durch die Nase sprechen und bald in
blumenreichen Redensarten dich ergieen, von der Vorsehung suseln und durch den
Namen Gottes Effekt zu machen suchen; ja, historische und literarische
Reminiszenzen auskramen und deine Zuhrer mit dir fortziehen in das
rosenduftende Paradies der Rhetorik, wo da wenige praktische Wege und Stege
sind, aber desto mehr weiche Mooshgel, Palmen, Trauerweiden und hnliche
wohlfeile dichterische Gegenstnde? Oder sollst du dir den Herrn Guizot zum
Muster nehmen, den kalten, tugendhaften Mann, oder gar den kleinen betrenden
Thiers, der sich wie eine Schlange auf die Tribne hinaufwindet und so
allerliebst von allem spricht, was er wei und was er nicht wei - -? Unser
Ritter wurde immer tiefsinniger.
    Aber auch die Geister des britischen Parlaments stiegen vor unserem Helden
herauf. Sollst du dich naiv ausdrcken wie der alte Wellington? Sollst du den
Rufer im Streit, den Lord Stanley spielen? Sollst du dich Lord Campbell nhern
und behaupten, du seist ein groer Rechtsgelehrter? Oder sollst du dir gar
Henry, den unvergleichlichen Lord Brougham, zum Vorbild nehmen? Das wre eine
Rolle!
    Ja, und im Unterhaus, wen nimmst du dir da zum Muster? Sollst du, ein Sir
Robert Peel, in weier Weste und im blauen Frack vor deine Zuhrer treten, jetzt
die Rechte feierlich erhebend und jetzt rasselnd die grne Papierdose schlagend?
Oder sollst du wten wie Roebuck, der ewige Krakeeler, oder die Interessen der
Torys vertreten wie ein Lord George oder ein Ferrand? O gttlicher Lord George,
der du aus dem Jockey-Klub kamst und im Parlamente dich erhobst als der Erste
deiner Partei, oh, wenn ich dir nicht gleichen kann, so la mich wenigstens
deinem Freunde Disraeli hnlich sehn, wenn er im Wirbelwinde der Beredsamkeit
seine Feinde zu Boden wirft, ihren alten Ruhm entwurzelnd und tabula rasa
machend mit ihrem ganzen Einflu.
    Was sind die Lorbeeren der Literatur, was die Lorbeeren des Schlachtfeldes
gegen die Lorbeeren der Tribne!
    Staunen soll man, wenn ich mich einst erhebe! Schnapphahnski, o
Schnapphahnski! was steht dir bevor! In wenigen Worten wirst du z.B. bei
irgendeiner Debatte auseinandersetzen, wie es eigentlich gar nicht vonnten sei,
so vielen herrlichen Reden noch die deine folgen zu lassen, und wie nur die
Wichtigkeit des vorliegenden Gegenstandes dich zu einigen einfachen Bemerkungen
veranlassen knne - einfache Bemerkungen, die sich durch zwei oder drei Stunden
hinwinden. Kurz und bndig ziehst du dann die Grenzen deiner etwaigen Rede - um
natrlich nie innerhalb dieser Grenzen zu bleiben, sondern abzuschweifen und
dich ber Spanien und Portugal zu ergehen, ber die Heilige Allianz zu sprechen
und ber die Not der arbeitenden Klasse, ber deine Zuneigung zu Don Carlos und
ber englische Wettrennen und ber alles, nur nicht ber das, was ursprnglich
zum Ziele gesteckt wurde.
    Bist du mit deiner Exposition fertig, so gibst du dich an die Argumentation
und argumentierst mit Hnden und Fen, bis es deinen Zuhrern gelb und grn vor
den Augen wird, ja, bis sie zu ghnen anfangen aus reinem Erstaunen vor deiner
entsetzlichen Gelehrsamkeit. Dann aber brichst du pltzlich ab und rstest dich
zu der ersten Attacke auf deine Gegner, ein bergang, der nie seine Wirkung
verfehlt, der die Einschlafenden emporrttelt und sie unwillkrlich in einen
neuen Strom deiner Beredsamkeit hineinreit. Mit Keulen schlgst du anfangs um
dich, mit dem Morgenstern echt adliger Unverschmtheit; dann ziehst du den
krummen Sbel des Humors, und zuletzt spielst du mit dem Dolche des Witzes, der
spitz die Herzen trifft und ttet, wo bisher nur verwundet wurde.
    Schrecken, Lachen und lustige Trnen folgen deinen Worten - doch da nderst
du pltzlich deinen Ton, und wie du bisher als gewandter Gladiator deinen
Gegenstand tief im Staube behandeltest: so schwingst du dich jetzt auf das
stolze, hochtrabende Schlachtro des Pathos und galoppierst zermalmend ber die
Kadaver deiner Feinde, die Posaune des Sieges an die Lippen drckend, um unter
dem kaum verhaltenen Jubel der Versammlung in wenigen mystischen Worten den
Schlu zu sprechen, wo die Stenographen sich den Schwei von der Stirn trocknen,
und das Haus is ringing with cheers for several minutes.
    Schnapphahnski sprach's. Er ging hin, und wenn er auch kein Montalembert
wurde, kein Larochejaquelin, kein Lamartine, kein Guizot, kein Thiers, kein
Redner des Unterhauses oder des Oberhauses, so wurde er wenigstens - - nun, was
wurde er denn?

                                      XXI



                                  Das Domfest

ber die Zeiten des Vereinigten Landtags und der Revolution setzen wir uns rasch
hinweg und springen mitten in die heilige Stadt Kln, wo eben der Dom am 14.
August 1848 seinen sechshundertjhrigen Geburtstag feiert.
    Groe Erinnerungen lie dies Ereignis zurck und manchen erhabenen
Schnupfen. In der Tat, die Klner konnten sagen, da sie fr ihren Knig zwar
nicht ins Feuer gegangen seien, wohl aber ins Wasser.
    Gab es je ein trefflicheres Regenwetter als das, welches den Tag
verherrlichte, wo der Protektor des Doms, Knig Friedrich Wilhelm IV. von
Preuen, und der Erzherzog Reichsverweser die riesige Sulenhalle
gemeinschaftlich besuchten? In die konstitutionellen Knige der Erde vertieft,
hatte das Volk die absoluten Monarchen des Himmels vergessen, den
Wolkenversammler Zeus, der, rgerlich darber, pltzlich seine Schleusen ffnete
und die gottvergessene Menge in so nachdrcklicher Weise von aller Unsauberkeit
reinigte, da wirklich an den meisten Menschen kein einziger sndhafter Zoll
mehr zu waschen brigblieb.
    Man mu gestehen, das Schicksal hat den Gttern nicht nur den Nektar
gegeben, sondern auch das Regenwasser, und das letztere in so groer Menge, da
es ihnen eben nicht darauf ankommt, sich gerade dann ihres berflusses zu
entledigen, wenn die armen trocknen Menschenkinder des Befeuchtens am
allerwenigsten bedrfen.
    Leider sollte ich dem berhmten Festregen der Dombautage eben nicht aus
einem sichern Versteck zusehen.
    Tollkhn genug hatte ich mich gerade vor das Portal des Domes gepflanzt,
fest entschlossen, meinen Posten zu behaupten, denn ich sollte ja auf drei
Schritt den Reichsverweser sehen und den Knig - ich mu gestehen, ich befand
mich in einer eigentmlich schwarz-wei und schwarz-rot-golden gemischten
Stimmung. Der Regen flo hinab; ich stand wie eine Mauer. Ich habe da zum ersten
Male fr einen Knig gelitten; ich bin stolz darauf. Ich wartete eine halbe
Stunde, im Regen nmlich. Ein Verliebter kann nur so tricht sein oder jemand,
der einen Knig sehen will. Weder der Knig noch der Reichsverweser wollte indes
aus dem Dome hinaus ins Freie treten.
    So geqult von banger Erwartung und gepeitscht vom Regen, legte ich mich auf
den sen Zeitvertreib des Gedankenspiels. Ist der Knig von Preuen nicht
wirklich ein vortrefflicher Knig? Ja wahrhaftig, er ist es! Wenn je ein Frst
rcksichtsvoll und artig mit einer Stadt verfuhr, so war es Friedrich Wilhelm.
War ich nicht selbst dabei, als ihm die guten Klner in ihrer Naivitt einst zur
Karnevalszeit eine bunte Schellenkappe berreichten? Gott wei, wie man zu
dieser Khnheit kam! Ein Nero oder ein Tiberius wrde uns gleich haben kpfen
lassen - Friedrich Wilhelm nahm die Narrenkappe aber lchelnd entgegen, und seit
der Zeit bin ich fest davon berzeugt, da er ein geistreicher Mann und kein
Nero ist -
    Die klnischen Funken setzen ihre Schellenkappen eigentlich nie ab, das
ganze Jahr hindurch klingelt es ihnen in den Ohren wie Rmergeklirr und O
Jerum! O Jerum! Man ist verraten und verkauft, wenn man mit diesen Leuten in
ernster Weise anbinden will. Der Spa ist der Grundzug ihres Charakters, und
dieser Spa kitzelt sie auch bei jeder Gelegenheit, die ganze Welt existiert nur
fr sie, damit Spe darber gerissen werden. Ein Klner ist mit seinem alten
holprigen Kln so liebend verwachsen wie ein Grovater mit seinem Schlafrock.
Ein humoristischer Grovater und ein humoristischer Schlafrock. Ein Klner ist
ganz unglcklich, wenn er nicht auer seinem Karneval jedes Jahr wenigstens zwei
oder drei recht grndliche Feste in seinen Mauern feiert. Ein Musikfest, der
Empfang eines hohen Geistlichen oder eines Knstlers, eine Erinnerungsfeier
vergangener Herrlichkeit, ein politisches Fest, die Ankunft des neuen Weien,
ein Bockessen usw., man ist wahrhaftig nicht verlegen um irgendeinen
denkwrdigen Gegenstand. Fr alle mglichen Feierlichkeiten ist man vorbereitet.
Wenigstens zwei- oder dreimal im Jahre lutet man zu irgendeiner Feier mit allen
Glocken und mit allen Rmerglsern; wenigstens zwei- oder dreimal schiet man
aus Kanonen und Bllern und lt Raketen aufsteigen und steckt die Giebel der
Huser voll Fahnen und schmckt die Tren mit Eichenlaub und die eignen Rcken
mit Sonntagsrcken; wenigstens zwei-oder dreimal ffnet man die Kirchen, damit
alle Welt die lieblichen Heiligenbilder sehe, und lt die Wirtshuser wagenweit
offenstehen, damit jeder Fremde sich davon berzeuge, wie die Klner so fromme
und so lustige Leute sind; wenigstens zwei- oder dreimal lt man die
Lokalgren ihre wundervollsten Reden halten, die Mdchen und Frauen ihre
schnsten Kleider spazierenfhren, alle Stadtmusikanten zu irgendeinem stillen
Vergngen ihre Waldhrner blasen, und zwei- oder dreimal im Jahre lt man den
alten Grzenich bis in seine basaltenen Grundfesten zittern von dem Tanz oder
dem Gelage seiner heitersten Brger. So war es bisher, und so wird es in Zukunft
sein; der Feste wird es geben in Kln, solange Gro-Martin und der Bayenturm in
den Rhein schauen und solange ber dem Rhein das alte Banner weht mit den drei
Kronen und den elf Funken und den Farben Wei und Rot, die gewissermaen das
Sinnbild des vielen weien und roten Weines sind, der in Kln getrunken wird.
    So mit Erinnerungen spielend und zitternd vor Nsse und ser Erwartung,
mochte ich eine halbe Stunde im furchtbarsten Gedrnge gestanden haben, da
entstand vor der Tre des Domes eine unruhige Bewegung; die Muler flsterten,
die Hlse reckten sich, die Regenschirme wurden geschlossen, und Federbsche und
lange Schnurrbrte und kriegerische Figuren nickten in den Domhof hinaus.
    Voran der Erzherzog Reichsverweser und der Knig von Preuen. Der
Reichsverweser ist ein kleiner alter Mann mit gutmtigem Gesichte und mit groem
kahlem Schdel. In der Tat, dieser ernste Schdel hngt ber dem freundlichen
Antlitz wie ein Gletscher ber einem friedlichen Alpentale. Der alte Herr nahm
sich ganz liebenswrdig in dem grauen Soldatenmntelchen aus; nach der frommen
Hitze des Domes schien es ihn in der feuchten Auenwelt zu frsteln; er hielt
die Krempe des Mantels fest aneinander und trippelte vorsichtig ber die glatten
Steine. Wenn ich nicht den tiefsten Respekt vor dem Reichsverweser htte, so
glaube ich, da mir das Lachen nher gewesen wre als das Weinen. Es ist nmlich
ein Fehler meiner Einbildungskraft, da ich mir einen Kaiser oder einen
Reichsverweser noch immer wenigstens 7 Fu hoch denke, mit furchtbaren Lenden,
breiter Brust, schrecklichem Barte - mit einem Worte, ein Kaiser mute meiner
Meinung nach ein Eisenfresser sein, ein Mann, der bei jedem Ritt ein oder zwei
Hengste zuschanden reitet, der die Trken lebendig frit und, allezeit Mehrer
des Reiches, mit einem Sbel ber das Pflaster rasselt, bei dem einem alle
Schrecken des Jngsten Gerichtes einfallen. Wie freute ich mich daher, als ich
das friedliche Antlitz des alten Johann erblickte. Es wurde mir ganz familir
zumute, ich wrde den Hut vom Kopfe gerissen und ihn bewillkommend geschwenkt
haben, wenn nicht meine Hnde in den Taschen gesessen htten und dergestalt von
meinen schaulustigen Nachbarn zusammengepret worden wren, da nur eine
Herzensregung nicht zu den Unmglichkeiten gehrte und an ein Schwingen des
Hutes vollends gar nicht zu denken war.
    Se. Majestt den Knig von Preuen kannte ich schon von frher. Er ist noch
immer derselbe wohlaussehende Mann mit den jugendlich roten Wangen und dem
pfiffigen Lcheln. Manche meiner Nachbarn behaupteten freilich, er sei etwas
mager geworden, man she Spuren der Sorge und der Betrbnis in seinen Zgen und
sein Auge strahle nicht mehr so volksvertrauend wie frher - -
    Ich mu gestehen, ich halte diese Ansicht fr grundfalsch. Ich habe noch nie
eine so heitere Majestt gesehen - und ist nicht alle Ursache dazu vorhanden,
geht nicht alles nach Wunsch? Es lebe der Knig! rief ich, und ich migte
erst meinen Jubel, als einige alte Generle mit grausenerregenden Gesichtern den
beiden Frsten auf dem Fue folgten und mich mit so komischen Augen ansahen, als
merkten sie trotz meiner loyalen Jubelausbrche einigen Unrat und als wollten
sie sagen: Kerl, du bist doch ein Kryptorepublikaner, und der Teufel soll dich
holen! - - Da saen die Frsten in der Tiefe des schtzenden Wagens, und hinter
ihnen her wogte das Volk, lange Gymnasiasten und duftende Hofrte, Flegel vom
Lande und gebildete Stdter, Soldaten und Handwerker, Gemseweiber und
Taschendiebe, und in dem steinernen Laubgewinde des Domes fingen die Glocken an
zu brummen und zu summen gleich riesigen Kfern in den Zweigen einer Linde, und
unter Lachen und Fluchen, unter Boxen, Beten, Grunzen und Hurrarufen strzte der
Strom der Menge in die Gassen hinunter, da man seinen besten Feinden auf die
Hhneraugen trat und an den Wnden der Huser hinaufzufliegen meinte vor lauter
Lust und Begeisterung.
    Wer wei, wie weit ich mit fortgerissen wre, wenn nicht ein seltsames
Ereignis meine Schritte aufgehalten htte. An einer der nchsten Straenecken
hatte nmlich auf dem Rand einer Treppe ein fliegender Buchhndler Posto gefat.
Wenig kehrten sich die vorberstrzenden Fremden an den armen Gesellen. Da
rollte pltzlich eine brillante Karosse hart an der Treppe vorber; der Junge
erhebt seine Bilder und Zeitungen, und Fortsetzung von Schnapphahnski!
Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski! schreit er, und der Wagen hlt, und
empor richtet sich ein eleganter, hbscher Mann, der sich ber den Wagenschlag
hinaus in die Strae biegt.
    Das Wort Schnapphahnski scheint ihn zum Stutzen gebracht zu haben; rasch
greift er in die Tasche und wirft dem frohen Buchhndler ein Geldstck in den
Hut; noch hastiger streckt er die Hand nach der gekauften Zeitung aus, und wie
er das Blatt auseinanderfaltet und hinunter auf den Titel des Feuilleton blickt,
da schrickt er zusammen und - aber die Rosse schlagen schon wieder aufs
Pflaster, und der Wagen rollt weiter, und verschwunden ist der schne Fremde,
und Fortsetzung von Schnapphahnski! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski!
beginnt der Junge von neuem, und tnend verliert sich sein Ruf in dem Getse der
Gassen.
    In den Klner Straen wurde an jenem Tage die Neue Rheinische Zeitung
verkauft. Als Feuilletonaufsatz enthielt sie ein Kapitel aus dem Leben und den
Taten des berhmten Ritters Schnapphahnski.

                                      XXII



                                 Der Grzenich

Es ist ein ergreifendes Schauspiel, wenn der Vesuv seine roten Feuerblcke in
die tiefblaue See wirft; es ist ein erhabener Anblick, wenn die Lawine von den
Alpen hinab in das Tal rollt, und es mu groartig aussehn, wenn der Niagara
seinem Bette entgegenschumt - aber noch viel ergreifender, erhabener und
groartiger ist es, wenn auf dem Grzenich-Saal der heiligen Stadt Kln
zwlfhundert hungrige Gste zur Feier des Dombaus ber einen Heringssalat
herfallen. Ich habe in meinem Leben nichts Imposanteres gesehen. Unvergelich
wird mir diese Szene bleiben. Als ein Mann, der den Dom und den Heringssalat
liebt, hatte ich mir fr schweres Geld auf dem Sekretariate des
Zentral-Dombau-Vereins eine Festmahlkarte gekauft. Ich habe nie eine Portion
Heringssalat teurer und mit mehr Vergngen gezahlt als diesmal; ich bin sogar
einen halben Tag lang dahinter hergelaufen, und wre Herr Schnitzler nicht ein
so beraus artiger Mann, ich liefe noch - und alles um eine Portion
Heringssalat! Man sollte sagen, da ich den schrecklichsten Katzenjammer haben
mte.
    Aber wie meine Leser wissen, war dem nicht so. Ich hatte den ganzen Morgen
mit meinem beschrnkten Untertanenhumor an den Pforten des Domes gestanden und
mich mehr des wohlfeilen Regenwassers als des kostspieligen Weines erfreut.
Endlich war der Reichsverweser und der Knig erschienen, endlich hatte ich beide
bewundert, und endlich konnte ich na wie ein Pudel nach Hause gehen, um fr das
bevorstehende Diner Toilette zu machen.
    Schn wie ein Gott und hungrig wie ein Wolf trat ich in den Saal. Schon auf
der Schwelle htte ich vor Erstaunen fast einen Purzelbaum geschlagen. War das
der Grzenich? O seltsame ndrung!
    Ach, ich kenne den Grzenich aus meinen Jugendjahren, aus jener Zeit, wo ich
in der Sternengasse nicht weit von dem berhmten Hause wohnte, von dem mir einst
ein todernster Klner erzhlte, da der Herr Peter Paul Rubens darin geboren und
da die Mediceische Venus darin gestorben sei! - Ach, damals hatte ich noch
meine fnf Sinne beieinander und hielt es fr meine Pflicht, jedesmal um die
Karnevalszeit Schulden zu machen und meine Uhr zu verkaufen, um hinter dem
Rcken meiner alten, grausamen Freunde die schnste Maske zu machen, welche je
durch die Straen der heiligen Stadt Kln sprang. Hab ich nicht einmal den Don
Quijote gespielt, in gelben Stiefeln, in schwarzer Trikothose, den Panzer vor
der Brust, den Spitzenkragen um den Hals, das Barbierbecken auf dem Kopfe und
den frchterlichen Speer in der Rechten?
    Zog nicht mein Sancho hinter mir her, mit weltkugelrundem Bauche, in
lndlicher Tracht, und forderte ich nicht auf dem Grzenich wenigstens ein
Schock der holdseligsten Dulcineen zum Tanze heraus, bis mir zuletzt die Beine
unterm Leibe fortliefen und bis ich, einer blassen Leiche hnlich, an die Brust
meines mir ewig teuern und unvergelichen, damals als Br verkleideten Freundes
Kltsch sank?
    Oh, wie hatte sich alles gendert! In demselben Saale, in dem ich frher nur
der heiligen Stadt Kln vortrefflichste Narren in buntem Gemisch
durcheinanderwogen sah, in demselben Freudensaale erblickte ich jetzt an
unendlich langen Tischen, ach Gott, der Politik geweihte Kpfe, Deputierte aus
Hessen, aus sterreich, aus Schwaben, aus Bayern, aus Ungarn, aus Oldenburg, und
mitten zwischen ihnen nichts als kohlschwarze Pastre, Geheimrte, Kaufleute und
andere ntzliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft - ich glaubte weinen
zu mssen.
    Aus den Deckenfeldern des Saales, aus denen frher Rosen und Reben nickten,
schauten jetzt grimmige schwarze Reichsadler; an den Sulen, die frher die
ausgezeichnetsten Geckenkpfe schmckten, hingen jetzt die Wappenschilde der
verschiedenen deutschen Staaten, und an den Wnden des Saales hie es statt Es
leben alle Narren! - Ein einiges Deutschland und statt Allen wohl und Keinem
weh! - Eintracht und Ausdauer.
    Eine unendliche Wehmut erfate mich; ich fhlte zum ersten Male, da die
leidige Revolution, und noch dazu eine Revolution, die die guten Klner gar
nicht einmal gemacht haben, uns um allen Spa zu bringen droht. Durch die Reihen
der Tische, an den unheimlich unverstndlich redenden Volksvertretern schritt
ich so traurig vorber, wie vielleicht der Geist eines alten verkommenen
Griechengottes an den glattgerittenen Bnken einer protestantischen Kirche
vorberspukt, und ich konnte erst wieder recht herzlich lachen, als ich auf der
Erhhung des gewaltigen Raumes, an derselben Stelle, wo ich seinerzeit als Don
Quijote meiner Dulcinea nachjagte, den edlen Gagern hinter der deutschen Einheit
herlaufen sah und den Sancho Soiron erblickte, wie er seinem berhmten Ritter im
purzelnden Eselstrab zu folgen strebte.
    Das Spahafte dieser Erscheinung trstete mich in etwas; ich berzeugte mich
davon, da wenigstens noch nicht aller Humor aus der Welt verschwunden ist, und
da gerade an die Stelle des Heringssalates einige hchst einladende Salme auf
die Tafel schwammen, so bemchtigte ich mich, nicht ohne Lebensgefahr, eines
Kuvertes und drckte mich zwischen einige unbekannte Versammelte und stammelte
mein Tischgebet. Wie immer betete ich aus dem Homer, in Hexametern:

Und die ehrbare Schaffnerin kam und tischte das Brot auf
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat.
Und ich erhob die Hnde zum lecker bereiteten Mahle.

Mit den Gerichten und dem lecker bereiteten Mahle mu ich indes meine Leser erst
noch genauer bekannt machen. Die Speisen sind keineswegs eine Nebensache bei
einem Essen. Wie meine Leser wissen, folgte dem Heringssalat der Salm. Aber das
war noch keineswegs alles. Ich greife daher zu dem Kchenzettel, den jeder Gast
in Gro-Folio-Format neben seinem Teller fand und den ich wohlweislich mit nach
Hause nahm, um mich noch nachtrglich davon zu berzeugen, ob ich auch
gewissenhaft das ganze Verzeichnis durchgekaut hatte. Ich tat dies zu meiner
besonderen Beruhigung.
    Der Speisezettel heit aber treu kopiert wie folgt:

Das Ganze ist umringt von Arabesken und allegorischen Figuren: ein Kfer, ein
unentzifferbares Wesen, ein Kerl mit einem hchst christlich-germanischen
Gesichte mit dem Reichsadler und viertens ein dito mit dem preuischen Adler.
    Ich kann es mir nicht versagen, noch die Bemerkung hinzuzufgen, da die
guten deutschen Bltter und namentlich die Klnische Zeitung in ihren sonst so
reichhaltigen und schn stilisierten Berichten ber die Festlichkeiten dieses
Dokument nicht mit aufgefhrt haben. Die Grnde zu dieser Weglassung habe ich
beim besten Willen nicht ermitteln knnen, soviel ich aber hre, soll keine
bswillige Absicht dabei zugrunde gelegen haben, was natrlich auch nicht anders
zu erwarten war.
    Nachdem ich den Speisezettel aufs sorgfltigste studiert und meinem Salm -
dem Fisch, nicht dem Frsten Salm - mit Messer und Gabel angekndigt hatte, da
seine letzte Stunde gekommen sei, schaute ich mich zum ersten Male nach meinen
Nachbarn um. Lauter fremde Gesichter, alle in ihre Atzung vertieft. Es ist
traurig, wenn man unter 1200 Menschen sitzt und sich mit niemandem unterhalten
soll. Man kommt sich wie ein Zellengefangener vor. Ich schttete daher meinem
Nebenmanne ein Glas Champagner ber den Arm, um mich dann bei ihm aufs
untertnigste zu entschuldigen und auf diese Weise die Konversation zu beginnen.
    Der gute Mann schien Lebensart zu haben, denn er ging in die Falle und
teilte mir sofort mit, da er ein sterreicher sei und der Frankfurter
Nationalversammlung angehre. Ich bin ganz entzckt darber, bemerkte er, da
Sie unsern Erzherzog so freundlich empfangen haben. Das hat mir in der Seele
wohlgetan. Ich werde die Artigkeiten der Klner nicht genug zu loben wissen.
Einen solchen Enthusiasmus und ein solches Hurrarufen habe ich selten gehrt -
man empfing den Erzherzog Reichsverweser fast gnstiger wie Se. Majestt den
Knig -
    Das Gesprch wurde mir zu ernsthaft: Verzeihen Sie, mein Herr - Sie irren
sich; der Luftschiffer Coxwell, der bei der Ankunft des Reichsverwesers ber
Kln emporstieg und der daher den ganzen Empfang aus der Vogelperspektive oder
sozusagen von einem hhern Standpunkt aus betrachtete, hat mir versichert, da
die Feier viel zu wnschen briggelassen habe; die Sonne habe nicht einmal
geschienen, es sei das hlichste Regenwetter gewesen - der sterreicher sah
mich verwundert an. Aber jedenfalls, fuhr ich fort, haben wir uns sehr ber
den Reichsverweser gefreut; wir glaubten eine Geiel Gottes zu bekommen, und wir
fanden einen alten freundlichen Mann, der im schbigen Rckchen, mit weier
Weste und mit entbltem Haupte in unsere Stadt einzog, ein trauliches Mrchen
aus alter Zeit - aber haben Sie Ihren Speisezettel schon einmal durchgesehen?
    Der sterreicher sah auf seine Gro-Folio-Liste: Den italienischen Salade
haben wir genossen. Allen Irrtmern vorzubeugen, zog er indes noch einen
Bleistift aus der Westentasche und machte ein Kreuz vor die betreffende Speise.
Ist dieser Salat nicht so vortrefflich, als ob ihn Radetzky selbst angemengt
htte? Der sterreicher blickte mich zum zweiten Male sehr erstaunt an. Den
Salat, begann er aufs neue, und den Salm verstehe ich schon, auch der
Westerwalder Ochsen-Rcken ist mir bekannt, aber bitte, sagen Sie mir doch, was
verstehen Sie unter dem Festlied von Inkermann - es steht mitten unter den
Speisen, es wird ein Gericht sein?
    Allerdings! ein politisches Gericht, ein echt germanisches Ragout, in drei
Versen oder Schsseln. - Soll mich wundern, versetzte der wibegierige Mann,
dann kommen westflische Schinken und Salatbohnen; wiederum zwei unzweideutige
Dinge; ferner aber: Preiset die Reben?
    Dies ist eine hchst poetische Ente mit einer Weinsauce und Trffeln. -
Was Sie sagen! rief der sterreicher und leckte die Finger. Dann haben wir
geflltes Geflgel und Wildpasteten; darber kann kein Zweifel sein; beides zwei
auserlesene Sachen. Aber schlielich wieder: Bekrnzt mit Laub - was ist das?
Ich schnitt ein Gesicht wie ein totes Kamel. Bekrnzt mit Laub ist ein wahres
Nationalfressen. Die Studenten lieben es vor allen Dingen; bei jedem Kommers
wird es aufgetischt und mit Bier angefeuchtet hinuntergeschluckt; auerdem
findet man es im Munde aller frhlichen Zecher; Harfenmdchen goutieren es
ebenfalls. Wenn ich mich nicht sehr irre, so erfand es der alte Asmus, als er
eines Abends mit der Frau vor der Haustre sa und die Sterne beschaute. Es
scheint, der Zentral-Dombau-Verein hat dieses Gericht direkt durch den
Wandsbeker Boten kommen lassen. - Das ist sehr artig! meinte der
sterreicher. Da berlie ich ihn den sen Speisen, dem Nachtisch, der
Weinkarte und fr die Zukunft der Paulskirche.
    Von meinem Nachbar zur Rechten wandte ich mich zu meinem Tischgenossen
vis--vis, der sich durch seinen rein uckermrkischen Akzent bereits als ein
Stockpreue und durch verschiedene erhabene Festbemerkungen als ein Mann von
ungewhnlicher Bildung beurkundet hatte. Er war wiederum ein
Nationalversammelter. Ich machte sofort die Honneurs und bot ihm das Salz meines
Geistes und den Senf meiner Konversation. Er behauptete aber, Rheinsalm schmecke
besser mit l und Essig. Sie essen selten einen Salm in Berlin? fragte ich
ihn. Selten! erwiderte er lakonisch, aber wir essen viel Teltower Rben - Es
wurde mir traurig zumute. Ich sah schon bei den ersten Versuchen, da ich die
unsterbliche Seele meines Preuen nicht ohne entsetzliche Anstrengung ber den
Horizont eines Rbenfeldes zu erheben vermochte. Ich griff daher zu einem
Mittel, welches die Zeitverhltnisse zu dem stimulierendsten der Gegenwart
machen. Der Erzherzog Reichsverweser ist wirklich bei weitem freudiger
empfangen worden als der Knig, rief ich nmlich dem sterreicher zu und sagte
es so laut, da es ringsum verstanden wurde.
    Dies wirkte. Der Preue lie Gabel und Messer sinken, und Sie irren sich!
rief er mit dem Ausdruck der tiefsten Entrstung. - Mein Plan war gelungen. Ich
hatte den Schwarz-weien und den Schwarz-rot-goldenen aneinandergehetzt.
    Vergebens strengte sich jetzt der letztere an, unserm Teltower noch einmal
alle Hochs und alle Hurras auf den alten Erzherzog ins Gedchtnis zurckzurufen:
der Schwarz-weie wute seine Stimme sofort zu einem solchen durchdringenden
Diskant emporzuschrauben, da er schnell den sterreicher bertnte und die
Unterredung im Nu beherrschte.
    Sie irren sich! begann er von neuem. Als der Knig von Deutz nach Kln
hinberfuhr, krachten da nicht die Kanonen, als ob die ganze Stadt bis in ihre
Grundfesten zusammenschaudre, als ob der Dom ineinanderbrechen wollte? Ja, Se.
Majestt war gerhrt ber diesen Empfang. Die Augen des Knigs leuchteten Lust
und Seligkeit. Etwas bleich und schchtern hatte er die Eisenbahn verlassen,
aber rosig und glcklich zog er ein in die donnernde Freudenstadt!
    sterreicher und Preue schwiegen, denn an der andern Seite des Saales erhob
sich pltzlich ein solcher Sturm des Begrens, des Trampelns und des
Serviettenschwenkens, da der alte Grzenich in eine schwingende Bewegung geriet
und da ich nicht anders meinte, als da wir jeden Augenblick in den untern Raum
des Gebudes, in die Siruptpfe und in die Butterfsser des Kaufhauses
hinabstrzen wrden. - -
    Es war kein Zweifel mehr, eben erschien der Knig und der Reichsverweser,
und einmtig sang man das bereits erwhnte echt germanische Ragout von
Inkermann.
    Freundlich lchelten die hohen Herren auf die singende Menge hinab. Als aber
der Zauber der Inkermannschen Poesie wie mit fernem Nachtwchtergedudel in den
letzten Winkeln des Riesensaales verklungen war, da sprang empor von der Bank
der Frsten, in strahlender Uniform und mit geistreichem Antlitz: Se. Majestt
der Knig, jetzt mit der Linken Ruhe gebietend und jetzt die Rechte mit
geflltem Rmer erhebend, zu begeisterndem Toaste:
    Ich trinke auf das Wohlsein eines deutschen Mannes, auf das Wohlsein eines
meiner treuesten Freunde. Wie er Ihr Vertrauen besitzt, so besitzt er auch Mein
Vertrauen und Meine Liebe. Mge er uns einige und freie Vlker geben; gebe er
uns einige und freie Frsten. Hoch lebe Erzherzog Johann, der Reichsverweser!
So ungefhr sprach Se. Majestt und leerte den Rmer bis auf den Grund und
machte die Nagelprobe mit unendlicher Grazie! - Das letztere schien vor allen
Dingen einen berauschenden Eindruck auf die Zuschauer hervorzubringen. Mehrere
meiner Nachbarn rasten vor Wollust. Sie fhlten sich in die Zeiten des Kaisers
Max zurckversetzt, der auch wohl mit den Leuten derlei harmlose Spe trieb. So
z.B. in Nremberg. Der dumme Magistrat hatte nmlich damals fr die Dauer der
Reichsfestlichkeiten alle schnen unverheirateten Frauenzimmer aus der Stadt
verbannt, weil ihm die ungesetzliche Liebe als ein Greuel vor dem Herrn
erschien. Vor den Toren standen nun die armen lsternen Dinger und ennuyierten
sich  mort. Da kam der Kaiser, und ehe er sich's versah, umlagerten ihn ein
Dutzend der hbschesten Bajaderen und sagten ihm, er sei ein vernnftiger Mann,
der Magistrat bestehe aber aus Eseln, und er, der Kaiser, mge doch seine
bessere Einsicht bei diesen Bldsinnigen geltend machen und dafr sorgen, da
sie, die Bajaderen, dennoch Erlaubnis erhielten, das Fest durch ihre Locken,
Lippen und wogenden Busen verherrlichen zu drfen.
    Max hrte die liebenswrdigen Geschpfe ruhig an und lchelte. Ehe er aber
weiterritt, befahl er statt aller Versprechungen dem zunchst stehenden jungen
Kinde, einmal hinter das kaiserliche Ro zu treten und des Pferdes Schweif zu
fassen, und der zweiten gebot er, sich wieder hinter ihre Genossin zu stellen
und deren Rock zu ergreifen, und als nun die erste den Schwanz des Gaules in der
Hand hielt und die zweite den Rock der erstern fate und die dritte den Rock der
zweiten und so fort, da gab Kaiser Max seinem Pferde die Sporen, und mit ein,
zwei, drei, vier, acht, zwanzig, ja, wer wei mit wieviel braunen und blonden
kichernden Weibern im Schlepptau ritt er frba gen Nremberg, wo der Magistrat
schon an den Toren stand, um den Kaiser zu empfangen, und aus Scham und Wut
schier verrckt zu werden meinte, als er zugleich mit dem Einzug des Kaisers
auch das se Gefolge seines Roschwanzes passieren lassen mute.
    Die Nremberger Chronik setzt hinzu, da die damaligen Festlichkeiten zu den
verteufelt-fidelsten gehrt htten.
    Wie es der ehrliche Max mit den Weibern machte, so machte es Knig Friedrich
Wilhelm mit dem Wein. Mit der Nagelprobe entzckte er den ganzen Grzenich, und
dieselbe Rolle, die der steife Magistrat in Nremberg spielte, sie wurde in Kln
von den unbeholfenen Liberalen gespielt, die mit Schrecken sahen, wie ein Knig
sogar imstande ist, nur durch eine Nagelprobe alle Herzen wiederzugewinnen und
alles vergessen zu machen, ja alles, alles, vom 18. Mrz an bis auf den heutigen
Tag. O geht und lat euch hngen, ihr Demokraten, ihr dummen Republikaner! Was
ist all eure Berserkerwut gegen die Nagelprobe eines klugen Knigs?
    Dem Knige folgte der Erzherzog Reichsverweser. Das Glas erhebend, sprach
er:
    Dem Frsten, der eben meine Gesundheit ausbrachte, dem Knige von Preuen!
und dem, was an unserm Dom geschrieben steht: Eintracht und Ausdauer!
    Die beiden Frsten umarmten sich und kten sich; laut schallte der Jubel
der Versammlung, und ihre schwarz-weien und schwarz-rot-goldnen Leidenschaften
fluteten ineinander. Was wollt ihr mehr? Preuen ging in Deutschland und
Deutschland in Preuen auf in diesem Ku vor allem Volke, in dieser vershnenden
Umarmung. Was wollt ihr mehr, die ihr noch immer das Gespenst des Brgerkrieges
zwischen den beiden Kokarden seht? Ist es nicht offenbar, da es mit aller
Zwietracht aus ist? Oh, aber ihr seid kalte, berechnende Menschen, ihr finstern
Volkssouvernen. Ihr glaubt weder an Ksse noch an Umarmungen. Heilig ist euch
nichts mehr - heilig nur euer kalter Egoismus! Oh, wrt ihr doch in Kln
gewesen, auf dem Grzenich, auf dem Dombaufestmahle, ihr wrdet eure
revolutionren Ideen drangegeben, ihr wrdet gelernt haben, was Frsten ber
Vlker vermgen und wie man sich vor Frsten beugen mu. Ja, herrlich hast du
dich bewhrt, mein altes Kln, mein treffliches Rheinland, als eine Stadt, als
ein Land der Treue, der Loyalitt, und niemand wird hinfort mehr von euch sagen
knnen, da ihr der Herd des Aufruhrs wrt, der Revolution und der Anarchie.
    Wir bergehen den Toast eines loyalen Klners und wenden uns zu dem
Prsidenten der Frankfurter Nationalversammlung von Gagern. Auftrat dieser groe
Mann. Ich mu gestehen, ich war im hchsten Grade neugierig, den Zeus mit der
Schelle, von dem ich schon soviel hren und lesen mute, einmal in der Nhe zu
sehen und mit eignen Ohren zu belauschen. Hatten mir doch wenigstens schon
hundert Mnner, alte und junge, aufzubinden versucht, Gagern sei ein Halbgott,
er stamme direkt aus dem Olymp her, Jupiter habe ihn auf einer Ferienreise mit
einer oberlndischen Nymphe gezeugt! - Ich wollte es immer nicht glauben; auf
das Geschwtz von Mnnern gebe ich nichts; sie sind fast immer schief gewickelt;
wenn Mnner ber Mnner urteilen, so steht es noch immer so und so um das
Resultat; auf Mnner ist nicht zu bauen. Erst seit mir neulich ein hbsches Weib
mit schneeweien Zhnen und mit verliebten Augen die feste Versicherung gab, da
Gagern ein ausgezeichneter Mann sei und da sie fr ihn schwrmen knne, ja,
schwrmen trotz alledem und alledem, seit jenem Augenblick fing ich an, die
Wahrheit der verschiedenen Gerchte weniger als bisher zu bezweifeln, denn die
Aussage einer schnen Frau ist magebend in allen Dingen, einer Frau mu man
mehr glauben als dem Evangelium; was eine Nachtigall singt und was auf Rosen und
Lilien geschrieben steht und was ein Engel in Menschengestalt spricht, das ist
die lautere Wahrheit, das soll man glauben, dafr soll man leben und sterben und
auferstehen. Ja, was ist ein Sokrates und ein Hegel gegen eine kleine Person mit
kohlschwarzen Locken, die dir an den Hals springt und dich kt und darauf
flucht mit dem liebenswrdigsten Fluche, da sie recht habe und da sie recht
behalten wolle ihr Leben lang.

Wen Frauen loben, der wird bekannt,
Er hat den Ruhm an seiner Hand,
Dazu seines Herzens Wonne.

So sagt schon der alte Wolfram von Eschenbach, und in der Tat, Gagern hat alle
Aussicht, einer der glcklichsten Menschen seiner Zeit zu werden. Gagern ist
eine gesunde Erscheinung. Junge Mdchen werden sich schwerlich fr ihn
begeistern; hbsche Frauen werden ihn stets zu schtzen wissen. -
    Gagern brachte einen Toast auf ein einiges, freies und starkes Deutschland
aus. Wiederum bebte der Saal von Applaus. Alle Patrioten und alle Glser
wackelten. Se. Majestt der Knig erhob sich hierauf zum zweiten Male, und ich
mu gestehen, da ich ihn fr einen weit grern Redner als den Jupiter der
Paulskirche halte.
    Schon zweimal, sprach der Knig, hat man auf die Erfllung meines
schnsten Jugendtraumes, auf ein einiges und starkes Deutschland angestoen. Ich
lade Sie jetzt ein, auch auf das Wohl der Werkleute am Baue dieses einigen
Deutschlands zu trinken - es leben die anwesenden und abwesenden Mitglieder der
Nationalversammlung in Frankfurt!
    Der Erzherzog Reichsverweser folgte wieder Se. Majestt mit einem Toaste auf
das Wohlsein der Stadt Kln. Die stotternde Beredsamkeit des verwitterten Mannes
war rhrend komisch. Der alte Frst und die alte Stadt - sie grten einander
wie zwei graue Kirchtrme. Es war, als ob der Domkranen und der Turm der
Stephanskirche sich umarmt htten.
    Unter den brigen Rednern fiel mir noch von Soiron, der Vizeprsident aus
Frankfurt, auf. Ich mu den Mann schon frher einmal gesehen haben. In Brssel,
in Liverpool, in Hamburg - ich wei es nicht. Aber ich mchte darauf wetten, da
ich ihn schon einmal auf einem Droschkenbock sah; ja wahrhaftig, ich will mich
hngen lassen, Herr v. Soiron war schon einmal Droschkenkutscher! Ist das nicht
derselbe Kutscherbart, dieselbe Kutscherwrde, dasselbe Kutscherpathos? Was fr
eine Nummer hatten Sie, Herr Soiron?
    Hohe Versammlung! begann Sancho-Soiron. Gnnen Sie einem einfachen Manne
ein einfaches Wort, ein Wort, das aus dem Herzen kommt. Reichen wir uns die
Hnde durch alle Gaue des deutschen Vaterlandes, auf da Brderlichkeit zwischen
uns herrsche bis an die uersten Grenzen. Hoch lebe die Brderlichkeit des
deutschen Volkes!
    Kann ein patriotischer Kutscher besser sprechen? Hohe Versammlung -
einfacher Mann - Hndereichen des deutschen Vaterlandes - uerste Grenzen - es
lebe die Brderlichkeit. Wunderschn! Es lebe Sancho, der einfache Mann! -
    Nachdem noch der Erzbischof von Kln den Segen ber die Eintracht der Vlker
und Frsten ausgesprochen hatte, sprach auch noch der klnische Deputierte Franz
Raveaux, der Mann mit dem melancholischen Schnurrbart, der nicht so berhmt ist
wie der Klner Dom, der fast so bekannt ist wie der klnische Karneval und der
jedenfalls die Unsterblichkeit mit der Eau de Cologne teilen wird. Die Heroen
des Tages hatten indes geredet, das Grzenich-Bankett ging seinem Ende entgegen;
der Knig und der Reichsverweser verlieen den Saal, und mein sterreicher
rckte in dem Studium des Speisezettels bis zu den Salatbohnen, zu dem gefllten
Geflgel und zu dem Nationalgerichte des Wandsbeker Boten vor.
    Ich mu gestehen, ich war erschpft vom Anhren so vieler kstlicher Toaste.
Ich hatte meinen Platz verlassen und war hart an die Erhhung des Saales
getreten, um recht in der nchsten Nhe in dem Anblick der grten Mnner unsres
Jahrhunderts schwelgen zu knnen. Gott wei, wie lange ich dort festgebannt
worden wre, wenn nicht pltzlich ein ziemlich wohlbeleibter Mann meine Schulter
berhrt und mich im reinsten westflischen Dialekt darauf aufmerksam gemacht
htte, da ich ihm durch meine Stellung die Aussicht nach einer hchst
einladenden Torte versperre, die bei dem allgemeinen Redeenthusiasmus bisher
unbercksichtigt geblieben war. Der wrdige Dombaudeputierte, der von Hamm,
Soest, Dortmund oder von irgendeiner andern sabbatstillen Stadt der roten Erde
nach Kln gekommen war, um sich einmal recht am Wein, am Gebet und am
Patriotismus zu letzen, schien mir fest entschlossen zu sein, den hohen
Eintrittspreis des Festmahles gewissenhaft herausfressen zu wollen. Der
ehrenwerte Mann kmmerte sich wenig um den Erzherzog Reichsverweser, um Herrn
von Gagern und den ppstlichen Nuntius - er lie der Weltgeschichte ihren Lauf
und beschftigte sich mehr mit den praktischen Interessen des Hungers und des
Durstes.
    Wollten Sie mir nicht die Aussicht nach jener Torte gewhren? fragte mich
der gute Westfale mit dem Ausdruck der hchsten Freundlichkeit. Ich merkte die
leidenschaftlichen Gelste des alten Knaben, denn whrend er mich anredete, sah
er nicht auf mich, sondern immer nach der Stelle hin, wo die herzerfreuende
Torte stand. Mit dem grten Vergngen! erwiderte ich ihm und stemmte meine
Faust in die Seite, so da der Westfale, wie man durch das Bingerloch nach dem
Rheingau oder durch den Rolandsbogen nach dem Siebengebirge blickt, so durch
meinen gekrmmten Arm hindurch nach dem Gegenstand aller seiner Wnsche schauen
konnte. Der Westfale schien zu glauben, da ich seine tiefern Absichten nicht
verstanden htte; er sah mich daher mit seinen groen blauen Augen ziemlich
stier an, als wollte er mich fragen, ob ich denn nicht die Sprche Salomonis
kenne, wo da geschrieben steht, da man dem Ochsen, der da drischt, das Maul
nicht verbinden soll? - Ich blieb aber unerbittlich. Lieber Herr, wollten Sie
mir nicht geflligst die Aussicht nach jener Torte gewhren? fragte da der Sohn
der roten Erde zum zweiten Male, und ein Gemisch von Wollust und Melancholie
spielte um seinen sehr groen Mund. Die Leiden des armen Mannes rhrten mich.
Mit dem grten Vergngen! rief ich abermals. Sie scheinen nicht gut sehen zu
knnen - wollen Sie sich meiner Lorgnette bedienen?
    Whrend mein rechter Arm seine frhere gekrmmte Position beibehielt,
reichte ich ihm mit der linken Hand die Lorgnette ber den Tisch hinber. Der
Westfale stutzte. Sie mssen entweder ein sehr dummer oder ein hchst
impertinenter Mensch sein - schien der unglckliche Sehnschtige zu denken. Da
ermannte er sich und sprach zum dritten Male mit einer so bittenden, wehmtigen
Stimme, da es einen Stein htte erweichen knnen: Sehr verehrter Herr, htten
Sie nicht die groe Gewogenheit, mir die Aussicht nach jener Torte geflligst zu
gewhren? Ich habe 1 Taler 20 Silbergroschen fr mein Billett bezahlt - Geld ist
Dreck, aber Dreck ist kein Geld! -, es verlangt mich nach jener Torte - -
    Das Antlitz des Armen berflog eine sichtbare Bangigkeit. Er sah, wie von
der andern Seite noch ein zweiter Aspirant auf die reizende Torte lossteuerte;
ein Mann, der sich etwas verschmt, wie es Liebende sind, rechts und links
umschaute, um sich davon zu berzeugen, da ihn auch niemand in dem allgemeinen
Wirrwarr bemerke. Es war die hchste Zeit, den Raub zu vollbringen. Den
Westfalen stach es wie mit tausend Nadeln, er rckte hin und her, und immer
flehentlicher und immer bittender leuchteten seine unschuldigen Augen.
    Da konnte ich nicht lnger widerstehen; ich wandte mich seitwrts, und schon
hatte ich die Hand nach der Heiersehnten ausgestreckt, da kam mir pltzlich der
gewandtere Nebenbuhler des armen Westfalen zuvor, ich erkannte in meinem Gegner
meinen frhern Nachbar, den preuischen Deputierten, den Ritter von der Teltower
Rbe, und ich wre fast vor Lachen gestorben, als ich ihn mit einer wahrhaft
teuflischen Geschwindigkeit samt der eroberten Torte davonrennen sah.
    Der arme Westfale sank aber wie eine geknickte Blume zusammen; er rchelte
in seine Serviette hinein, und Geld ist Dreck, aber Dreck ist kein Geld!
schien er noch einmal zu seufzen, da machte ich mich aus dem Staube, denn ich
frchtete den gerechten Zorn des Mannes, ich glaube, er htte mich gettet mit
Messer und Gabel und mich selbst gefressen statt der verhngnisvollsten aller
Torten.
    Meine Aufmerksamkeit wurde nach der andern Seite des Saales gelenkt, wo sich
ein eigentmliches Getse erhob, das mein musikalisches Gefhl aufs
empfindlichste verletzte und mich ebensosehr an die Menagerie eines van Aken als
an jenes Grunzen und Brummen erinnerte, welches man nachts um die zwlfte Stunde
wohl aus den Bierhusern deutscher Hochschulen schallen hrt.
    Ich sah mich erstaunt und unwillig um und bemerkte zu meinem nicht geringen
Leidwesen einen ehrenwerten Vizeprsidenten, der sich mit Hnden und Fen und
mit einem nicht zu verachtenden Bierba nochmals Gehr zu verschaffen suchte, um
sehr wahrscheinlich aufs neue zu erklren, da er ein einfacher Mann sei und nur
ein einfaches Wort zu reden habe, recht aus dem Herzen, von allgemeiner
Brderlichkeit, durch smtliche Gaue des deutschen Vaterlandes, bis an die
uersten Grenzen. Der bekannte Redner winkte in derselben Weise mit den Hnden,
wie es die Droschkenkutscher bei schlechtem Wetter tun, wenn sie die
Vorbergehenden zum Besteigen des Wagens einladen.
    Aber ach, die hohe Versammlung wollte sich nicht zum zweiten Male verleiten
lassen. Vergebens trampelte, winkte und schrie Sancho - mit wahrhaft deutscher
Unhflichkeit blieb man auf seinen Sitzen oder eilte an dem guten Manne vorber,
so da Sancho zuletzt auf die Ehre des Wortes verzichtete und seinem Herrn und
Meister das Feld berlie. Herr von Gagern machte indes keine Anstalt zu einem
abermaligen Vortrag, nein, er sammelte nur einige Deputierte um sich und stieg
wie Zeus, umgeben von seinen Olympiern, von der fr die Frsten und die
auserlesenen Abgeordneten reservierten Erhhung hinab in die Reihen des
patriotischen Volkes.
    Es war ein imposanter Anblick. Voran der edle Gagern, in der ganzen gesunden
Flle seiner irdischen Erhabenheit. Hinter ihm eine nicht weniger bemerkenswerte
Figur, einem Apollo hnlich, der am Herunterkommen ist - dem die ambrosischen
Locken anfangen auszufallen, der aber noch immer Anmut und Manneswrde verrt in
Gang und Gebrde. Ich fragte den ersten besten Nachbar, ob er den bedeutenden
Herrn kenne. Das ist der Herr Mller! antwortete er mir mit besonderem
Nachdruck, und ich mu mich schmen, ich htte beinah gelacht.
    Kann es ein greres Unglck fr jemanden, der berhmt werden will - und von
jedem ehrenwerten Deputierten kann man doch gewi erwarten, da er wenigstens in
etwa den verwerflichen Durst nach Ruhm besitzt -, kann es, sage ich, etwas
Schlimmeres fr einen solchen Ruhmdurstigen geben, als wenn er Mller heit,
wenn er gerade den Namen trgt, unter dem schon so viele ausgezeichnete Mnner
bekannt sind, da man den einen oft nicht mehr von dem andern zu unterscheiden
wei und den Wald nicht mehr vor lauter Bumen sieht? Mller! Mller! ein
solcher Name ist entsetzlich; von der Geburt an hat einem schon das Schicksal
einen Strich durch die Rechnung gemacht! Gibt es nicht schon einen Johannes
Mller, einen Wilhelm Mller, ja, sogar einen Wolfgang Mller?
    Was sollen wir noch mit einem neuen Mller anfangen? Armer Herr Mller!
    Auer Herrn Mller gewahrte man indes auch noch einen dritten Versammelten,
der es fr seine Pflicht hielt, sich zu den brigen Gsten herabzulassen. Es war
dies der stille Dulder, es war dies der Mann, der achtzehn Jahre lang fr die
deutsche Freiheit gedarbet hat, es war derselbe Mann, dem die Republik nur
ber den Leib, ber die Leiche geht und der so sehr von der glorreichen Zukunft
Deutschlands berzeugt ist, da er schon jetzt die Kaperprmien fr unsre
zuknftigen Admirle bestimmt haben will - es war, mit einem Worte, niemand
anders als der Hiob der Nationalversammlung, es war der herrliche Dulder Jacobus
Venedey.
    Zeus, Mller und Hiob schritten von Tisch zu Tisch, und es verstand sich von
selbst, da alle Kehlen jubelten und alle Rmer klirrten.
    Heiterkeit thronte auf Kronions Stirn. Er hatte die Donnerkeile seiner Rede
in die Taschen des schwarzen Fracks gesteckt und spielte nur leicht mit dem
unschdlichen Wetterleuchten seines unerforschlichen Geistes. Mller suchte
seinem Gotte durch eine freundlich-wrdige Gelassenheit den rechten Hintergrund
zu geben; er war gewissermaen die schne Abendwolke, auf der die Blitze seines
Meisters hin und her zuckten. Hiob, mit einem schmerzlich-sen Lcheln,
suselte hinter den beiden her wie ein milder Westwind. Gern wre ich den dreien
mit dem Auge gefolgt, um zuzuschauen, wie sie schwatzend, nickend und
hndeschttelnd von Tisch zu Tisch zogen; aber sie verschwanden bald im Gewhle,
und ich verfgte mich daher zurck an meinen Platz. - Es freute mich nicht
wenig, dort meine alten Tafelgenossen, den sterreicher und den Preuen,
wiederzufinden. Der letztere war soeben, nach unsglichen Anstrengungen, mit
seiner Torte eingetroffen, und der Schwarz-weie und der Schwarz-rot-goldne
schickten sich auch sofort an, ihre Beute in vollkommener deutscher Einigkeit zu
teilen.
    Polen wurde nicht gewissenhafter geteilt als diese Torte. Man bot mir
natrlich sofort an, da ich die Rolle Rulands bei der Teilung bernehmen und
der Dritte in dem schnen Bunde sein solle. Ich verweigerte dies aber, mehr aus
innerlichen als aus politischen Grnden, indem ich versicherte, da mir die
Geschichte zu schwer im Magen liegen drfte.
    Dahinten, setzte ich hinzu, befindet sich aber ein Mann, der mich gerne
remplacieren wird. Er ist ein Westfale und deshalb nicht viel besser als ein
Kosake. Der Mann liebt die Torten ber alles. Sollen wir ihn nicht einladen? -
Allerdings! rief der Preue, und Ich halte es sogar fr sehr ntig, ihn
hinzuzuziehen! bemerkte der sterreicher. Da erhob ich mich, um meinen
hungrigen Zerberus herbeizuschleifen. Aber ach, ich hatte kaum zwei Schritte
getan, da nahte unser Freund schon ungerufen. Sein Kopf glhte von Wein, Zorn
und Gesundheit; er bemerkte mich gar nicht, denn steif war sein Auge auf die
Torte gerichtet. Mit einem schmunzelnden Lcheln schmiegte sich der westflische
Russe zwischen sterreicher und Preue; ich winkte sofort, da dies der rechte
Mann sei, und keine Minute verstrich, da waren sie auch schon am Fressen nach
Herzenslust, alle drei, und die hbschen Verzierungen des armen Kuchens brachen
knisternd zusammen.
    Als ich aber die drei so glcklich essen sah und als mir bei der Torte, Gott
wei wie, pltzlich das arme Polen in den Sinn kam, da fing es an, mir in den
Adern zu sieden und zu kochen. Hat denn der allmchtige Bcker, der groe
Schpfer, diese hbsche Torte, dieses schne Polen nur deshalb geschaffen, damit
ihr mit Gabeln und Messern, mit Karttschen und Schrappnells darber herfallen
sollt, um alles ineinanderzuschlagen und um es fr ewig zu vertilgen? Mein Herz
pochte rascher. Und als der vielfrig-absolutistische, der westflische Russe
und als der konstitutionelle Preue und der etwas demokratischere sterreicher
sich nun erhoben, um wieder auf irgendeine Lumperei anzustoen - da griff ich
nach meinem Glase, und Es lebe die Republik! rief ich, da es bis hinauf unter
die Decke des Grzenich klang - -
    Ich hatte nicht mehr die Zeit, um nach dem Eindruck zu sehen, den mein
unerhrter Frevel auf die Teiler der Torte hervorbringen mute, denn in
demselben Augenblick, wo ich mit der Rechten den Rmer erhob und wo das
verhngnisvolle Wort meinen Lippen entfloh, fhlte ich meine nach hinten
fahrende Linke von eiserner Faust gefat, und entsetzt wandte ich mich um.
    Zeus Kronion, der groe Gagern, stand vor mir.
    Auf seiner Wanderung durch den Saal war er mit seinem Gefolge auch zu unserm
Tisch gekommen - jawohl, Zeus hatte mich gefat mit eigner Faust. Kalt lief
mir's ber den Rcken. Jetzt geht's dir schlecht. Wie Jupiter der Erste den
Prometheus an den Kaukasus schmieden lie, damit ihm ein Geier die Leber
aushacke, so wird jetzt Jupiter der Zweite, der edle Gagern, dich an den
Domkranen hngen, damit die dummen Konstitutionellen ihre schlechten Witze ber
dich reien! - Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf flog. Ja,
baumeln wirst du da oben, schon in aller Herrgottsfrhe, und alle deine Feinde
werden kommen und lachen ber dich. Da wird der Herr Inkermann kommen und rufen:
Seht, dort hngt der Kerl, der ber meine Verse gespottet hat; und da wird Herr
von Soiron herbeieilen und schreien: Seht, das ist der Schurke, welcher sagte,
ich she aus wie ein Kutscher; und der Herr Venedey wird gelaufen kommen und
jauchzen: Seht, das ist die Lsterzunge, die mich einen Dulder und einen Hiob
nannte; und der Herr Mller wird herzuspringen und lamentieren: Seht, das ist
der Mensch, der nicht einmal meinen ehrlichen Namen zufriedenlassen konnte! Und
so werden sie alle miteinander erscheinen und sticheln und sptteln und werden
mir sogar noch die Weiber unter die Augen setzen, damit ich sie immer sehe, ohne
sie je kssen zu knnen - da Gott erbarm!
    Doch erst dann wird es mir gelb und grn werden vor den Augen, ja erst dann
wird mir der Angstschwei ausbrechen aus allen Poren, und erst dann werde ich
wnschen, da ich in dem Mittelpunkt der Erde se, sicher und verborgen wie ein
antediluvianischer Hamster: wenn nun endlich der schlimmste meiner Anklger
erscheint, wenn sporenklirrend, schnurrbartkruselnd ein junger
elegantgekleideter Herr auf mich losschreitet, ja, wenn derselbe Fremdling naht,
der am Morgen des Domfestes die verhngnisvolle Zeitung kaufte, um sie so rasch
auseinanderzufalten, um sie so erschrocken mit dem Blick zu durchfliegen - -
denn zornig werden seine Augen funkeln, und mahnend wird er seine weie
aristokratische Hand erheben, und Wehe! wird er ausrufen, Wehe ber diesen
profanen Skribenten, der alle preuischen Junker, ja, der den ganzen deutschen
Adel verhhnt hat, indem er, ach, so treu mein Leben schilderte, ja, indem er
das Leben und die Taten beschrieb: des berhmten Ritters Schnapphahnski! - -
    So blitzte es mir durch den Schdel, und noch immer hielt mich Gagerns Hand
gefat; und wie ich jeden Augenblick erwartete, da er Tod und Verdammnis auf
mich herabdonnern wrde, und in furchtbarer Spannung, weder sitzend noch
stehend, abermals zu ihm emporschaute, da wre ich fast von dem zweiten
Schrecken mehr gepackt worden als von dem ersten, denn sieh, das Antlitz des
groen Mannes, welches mir aber noch voll schrecklicher Wolken erschien, es
schaute mit dem Ausdruck der freudigsten Zufriedenheit auf mich herab; nicht zum
Hngen, nein, zum Grue hielt mich der Donnerer gefat, und es war kein Zweifel
mehr, er hatte meinen republikanischen Ruf fr einen hchst konstitutionellen
gehalten, und, ja beim Teufel, ehe ich mich's versah, wurde ich mit
hineingerissen in das fatale Gewoge, so da ich bald den Westfalen, den
sterreicher und den Preuen samt ihren Tortenresten aus dem Auge verlor und,
endlich von Gagerns Hand befreit, mit hinweggeschwemmt wurde von der
schwarz-rot-goldnen Sndflut, ber Tische und Bnke, bis da ich endlich an der
andern Seite des Saales auf die Schwelle der Tr geriet und von der Schwelle auf
die Treppe und von der Treppe auf die Strae - Alaaf Kln! und vorber war das
Fest des Grzenich.
    Ja, vorber war die groe klnische Domfarce, bei der all die hohen Herrn
mit den schnsten Phrasen im Munde, aber den Groll im Herzen, unter dem Jubel
des trichten Volkes all die feinen Plne ersannen, welche bald in den
standrechtlichen Erschieungen Wiens, in der Oktroyierung der preuischen und
sterreichischen Verfassung und in dem Lcherlichwerden der Frankfurter
Versammlung so treffliche Frchte tragen sollten.
    Ja, vorber war dies Fest des widerlichsten Kokettierens mit dem dummen
souvernen Michel, und wir wrden vielleicht noch darber lachen, wenn uns durch
den schimmernden Haufen dieser volksfreundlichen Frsten, dieser feilen
Knechte und dieser dpierten Volksreprsentanten nicht die kugelzerrissenen
Leichen der Proletarier von Paris, von Wien und Berlin angrinsten, wenn durch
dieses Gewirr der heuchlerischsten Versicherungen, der schamlosesten Lgen nicht
die Sterbeseufzer der zertretenen Polen, der Hilferuf der gefolterten Ungarn und
der Racheschrei der verwsteten Lombardei zu uns herbertnten, wenn nicht das
blutige Haupt eines Robert Blum vor unsre Fe rollte - doch genug! der Humor
ist versiegt; das Buch ist zu Ende.

                                   Nachspiel


Aber was wurde aus Schnapphahnski? Lebt er oder ist er tot?
    Schnapphahnski lebt, und nimmer wird er sterben. Mein Schnapphahnski ist
unsterblich!
