

Vorwort.










Wozu ich mir Hoffnung machte bei dem Auszuge aus der Selbstbiographie Edelmanns, den ich in der historischen Zeitschrift, herausgegeben von Hrn Prof. Niedner, Jahrgang 1846 Heft 3, Pag. 443 ff. mittheilte, dem Publikum einst noch das ganze Werk vorlegen zu können, das ist jetzt in Erfüllung gegangen. Durch die gütige Vermittlung des Hrn. Consistorialraths Prof. Neander habe ich in dem Herrn Karl Wiegandt einen bereitwilligen Verleger für diese Autobiographie Edelmanns gefunden. Außerdem habe ich dem hiesigen Bibliothekar, Herrn Prof. Petersen für seinen Beistand zu danken, dieser hat mich nicht nur zuerst auf dieses auf der hiesigen Stadtbibliothek befindliche Manuscript aufmerksam gemacht und mir von der Behörde die Erlaubniß zur Herausgabe desselben bewirkt, sondern mir auch zur freien Benutzung seinen in dem hiesigen historischen Vereine gehaltenen Vortrag über den Abschnitt aus Edelmanns Leben vom Schluß der Autobiographie bis zu seinem Tode gegeben. Von diesem Vortrage theile ich dem Leser nur die Periode, die sich bis zu Edelmanns Aufenthalt in Altona erstreckt, in etwas anderer Reihenfolge und Form mit, wie es die Verschiedenheit der Verhältnisse erfordert: der übrige Theil des Vortrags ist nur etwas zusammengezogen.
So dankbar ich nun auch dem Herrn Prof. Petersen für Aufmunterung und Unterstützung bin, so muß ich doch bekennen, daß ich zuweilen bedenklich war, die Herausgabe zu übernehmen, theils schien es mir nicht eben erfreulich meinen[3]  Namen mit Edelmanns Namen zusammenzustellen, theils fürchtete ich auch den Schaden, den das Werk anrichten könnte. Allein was das Erstere anbetrifft, so fühle ich mich doch eben dazu hingezogen, den Häretikern ihre rechte Stelle in der Geschichte der Kirche anzuweisen; von Schaden aber kann wohl wenig mehr die Rede seyn, da man jetzt in allen Kreisen dergleichen Geister wie Edelmann Schockweise findet, und wo jemand sollte geärgert werden, da habe ich mich auf seine Seite gestellt. Freilich habe ich nur selten eine kurze Anmerkung gemacht, denn ich hätte sonst fortwährend polemisiren und das Lesen des Buchs unerträglich machen müssen, auch fand ich dazu keine Veranlassung, denn Edelmanns Theologie ist eine sehr seichte, die wohl jetzt keine Widerlegung mehr verdient. Für die Anschauung des vorigen Jahrhunderts in der Kirche und im gemeinen Leben scheint mir diese Biographie eine ganz erfreuliche Zugabe, besonders wichtig um uns über die Entwicklung des Unglaubens zu belehren.
Das Manuscript ist deutlich geschrieben, aber die Abschreiber (denn 2 scheinen es wenigstens gewesen zu seyn) haben eine willkührliche Orthographie gehabt. Die lateinische und griechische Sprache haben sie nicht verstanden, aber auch in der deutschen viele Fehler gemacht, größtentheils habe ich diese alle beibehalten. Die Abschreiber bleiben sich übrigens nicht gleich, sollte wird z. B bald mit einem l, bald mit doppeltem l geschrieben, ebenso können usw. Doch scheint auch wiederum ein gewisses Gesetz in der Orthographie zu herrschen. Die persönlichen Fürwörter z.B. werden in der Regel groß oder klein geschrieben nach dem Maaß der Achtung, in welcher die Personen bei dem Verfasser in dem Augenblick standen, die Wichtigkeit des Gegenstandes ist überhaupt das Gesetz für die Schreibart mit großen oder kleinen Buchstaben, obschon dies Gesetz nicht durchgängig beobachtet wird.

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Und somit mag denn diese Biographie dem verehrten Leser[4]  übergeben werden mit dem Wunsche, daß die hier beschriebene Zeit recht bald eine durchaus abgeschlossene werde und bei der ferneren freiern Entwicklung der Kirche von unserer Seite die Fehler vermieden werden, welche eine solche Zerrüttung des Gebäudes fast nothwendig machten, das auf dem Grunde, außer dem kein Heil ist, auf Jesus Christus erbauet wurde.
Hamburg, 21. Februar 1848.
W. Klose.



Einleitung.










Die Liebe zu dem Evangelium hat das ganze 16te Jahrhundert hindurch das deutsche Volk getragen und ist nur erkaltet, weil sie nicht die rechte Nahrung fand und man nach Luthers Tode in seiner Form ganz erstarrte, jede verschiedene Anschauung wie die der Philippisten mit Gewalt unterdrückte und so tief in menschliche Satzungen wieder hineingerieth, daß man erst durch die Concordienformel die Reformation für gesichert und vollendet hielt. Die lutherischen Prediger zeichneten sich im Allgemeinen durch Gelehrsamkeit aus und doch kommen Beispiele vor, daß ein Prediger, als Melanchthon ihn fragte, ob er auch den Decalogum lehre, antwortete, er habe diesen Autorem nit, und späterhin Pfarrer vom Catechismus nichts wußten. Verderblich war die Abhängigkeit, in die sie bald von den weltlichen Patronen geriethen, so daß der Adel es wagen durfte die Pfarrer zu verpflichten, ihnen in allem simpliciter gehorsamen zu wollen: daher Schmeichelei und Lässigkeit in Bestrafung der Sünden. Viele Pfarrstellen waren karg besoldet, und mehere Landpfarrer kaum vor dem Verhungern gesichert, aber schon früh erhob sich auch die Klage über die Habgier der Geistlichen, die Besoldung und gute Accidentien waren die Hauptsache, nach denen die Pfarrer sich umsahen und der Zank der Collegen um diese Accidentien gab nicht selten zu Aergerniß Anlaß. Der Unterschied zwischen Laien und Geistlichen war durch die Reformation in der Theorie zwar aufgehoben, in der That aber hielten sich die Prediger eigentlich für die Kirche, was vom Ministerium ausging, das geschah im Namen der Kirche, so daß man das Ministerium auch sanctissimum nannte, obgleich der Ausdruck »heilig« in der lutherischen Kirche nicht eben beliebt war. Solche Klagen und mehere kann man in Arnolds Kirchengeschichte (Th. 2. p. 618 u. ff.) finden; wir wissen nun wohl[7]  daß Arnold parteiisch ist, und daß man, um ein richtiges Bild jener Zeit zu gewinnen, auch die Wirksamkeit und den Wandel der guten Prediger diesem gegenüber stellen müßte: aber die Klagen daß die Prediger auf den Kanzeln und in ihren Schriften sich mehr herumzankten um ihre Lehrsätze, als daß sie bemüht waren das Wort Gottes in die Gemüther ihrer Gemeinden zu senken, und daß ihr Wandel einer wahren Frömmigkeit nicht entspräche, sind doch zu allgemein, als daß sie uns nicht einen verderbten Zustand offenbaren sollten. Die geringe Achtung vor dem göttlichen Wort im Vergleich mit der Ueberschätzung des Systems war auch die Ursache, daß die theologischen Studenten auf den Universitäten kaum ein paar Capitel aus der heil. Schrift in aller Breite hörten und dann meinten, sie hätten die ganze göttliche Weisheit inne. Unrecht würde es aber seyn, wollte man das Dahinsterben des evangelischen Lebens allein den Predigern zuschreiben, auch die Gemeinden ermatteten und wie jene sich auf ihre Orthodoxie verließen, so schliefen diese in falscher Sicherheit auf die Lehre vom Verdienste Christi ein, als wenn weltlicher Sinn und weltliches Leben sich damit vertrüge. Man muß die Klagen der Schriftsteller gegen Ende des 16ten Jahrhunderts über die Modesucht, über die Gastereien, das Schlemmen und Saufen lesen, wie bei guten Weinjahren sich viele zu Tode gesoffen, z.B. 1599 in Thüringen selbst viele Weiber, so daß man den Wein Mordbrenner genannt hätte. Wie ließe sich auch sonst denken, daß ein so gräßlicher Krieg wie der 30jährige von Gott über das deutsche Volk verhängt worden sey, ja daß ein solcher Krieg nicht einmal zur Umkehr bringen sollte, sondern das Volk auf die tiefste, fast viehische Stufe hinabsank. »Bei Jena fraßen sie ordentlich das Gras wie das Vieh und war mannichmal ein Aas auf dem Schindanger in einer halben Stunde rein verzehret.« Die ganze 2te Hälfte des 17ten Jahrhunderts gehörte noch dazu, bis es sich einigermaaßen wieder gehoben hatte und alle die Leiden, welche Ludwig XIV. frevelhafter Weise über das arme deutsche Volk ohne Grund und Ursache herbeiführte. Und nicht die Verfassungsformen hatten allein Schuld, sondern der Mangel an Vaterlandsliebe, das Mißtrauen und der Eigennutz der Fürsten und Völker, wodurch das Zerfallen des heil. Römischen Reichs herbeigeführt ward.
In dieser Zeit und später suchte die Helmstädter Universität, auf welcher die alte Humanistische Schule durch Caselius und Martini wieder auflebte, besonders durch Calixtus der nur Widerwillen und Haß erzeugenden Polemik entgegenzuwirken und durch ein Zurückgehen auf die Dogmatik der ersten 5 Jahrhunderte den Frieden[8]  herbeizuführen; von den Gegnern ward dies Syncretismus genannt. Ein vergebliches Bestreben, wie sollte man auch, was sich einmal entwickelt hatte, fallen lassen und einen früheren Standpunkt wieder einnehmen, wobei denn doch auch ein gewisser Indifferentismus nicht geläugnet werden konnte. In die Gemeinden drang der sich hierüber entspinnende Streit wenig ein, wohl aber hatte die Art und Weise, auf welche dieser Kampf geführt wurde, nachtheiligen Einfluß, denn die Parteien reizten sich auf eine gemeine leidenschaftliche Weise, Haß erzeugte Haß von Jahr zu Jahr, so daß die Theologen auf Kanzeln und Kathedern sich um alle Liebe bei ihren Gemeinden brachten und bei ihnen selbst wie bei den theologischen Studenten Gleichgültigkeit und falsche Sicherheit auf das theologische System überhand nahmen. Zwar fehlte es auch im ganzen 17ten Jahrhundert nicht an Geistlichen und Theologen, die nicht bloß den Verstand richtig von Gott denken lehrten, sondern den ganzen Menschen zur Frömmigkeit anzuleiten suchten und selbst ein Muster derselben waren. Man denke nur an Joh. Arnd, den Generalsuperintendenten zu Celle; allein wie wurde ein solcher Mann in den verschiedenartigsten Ländern, in denen er ein Amt bekleidete, zu Ballenstädt, Quedlinburg, Braunschweig, Eisleben und Celle verfolgt und verketzert. In Braunschweig schrieb Arnd an den Bürgermeister: »Gebe E.h.W. freundlich zu betrachten, was das sey, einen öffentlich für der gantzen Gemeinde zu verketzern, zu verschwärmen, alle sein thun und predigten jockeley für hudeley zu schelten, einen nicht allein als den gröbesten, ungelehrtesten Esel, als der die theologiam nicht gelernet, auch nicht verstehet, zu beschreyen, sondern auch der lehre halber verdächtig zu machen, und die Leute für einen zu warnen, da ich doch die reine Lehre in öffentlichen verfolgungen, ungespartes leibes und gutes, ohne unziemlichen Ruhm, bekannt und verthädiget habe, und muß für Gott und E.h.W. bekennen, daß mir niemals meine harte verfolgung und verstoßung aus meinem lieben Vaterlande, dem Fürstenthum Anhalt, so weh gethan, als diese, und wenn mich nicht mein gut gewissen, und das exempel meines Herrn Jesu Christi und seiner werthen Apostel getröstet, so wäre ich des Todes gewesen. Habe auch damals meinen lieben Gott mit Thränen gebeten, mir ein ander örtlein, es sey so gering als es wolle, zu zeigen, und hätte ichs damals gewust, ich wäre auf Händen und Füßen hinausgekrochen.« Von diesem Mann sagte Joh. Corvinus zu Danzig auf der Canzel, der Teufel werde dem Arnd den Lohn geben, er begehre dahin nicht zu kommen, da der Arnd im Sterben hingefahren usw. Ein wahrhaft frommer Theologe[9]  war auch der Prof. Joh. Gerhard in Jena, der die Dogmatik wieder mehr mit der Exegese zu verbinden suchte. In einem Brief vom Jahr 1614 beklagte er sich über seinen Collegen Grawerus auf folgende Weise: »Er benimmt mir alle Lust weiter auf Academien zu leben, denn ich höre, daß er meine locos theologicos mit recht schändlichen Glossen schwarz machet und den Studenten vorleget, auch überall solche emblemata dazu geschrieben hat: absurdum est, falsum est, sibi ipsi contradicit, nescit quid loquatur, non satis facit argumentum etc ... Wollte Gott, wir sorgten mehr vor die Gottseligkeit, vor das Gewissen, und die Ruhe der Kirchen.« Solchen Männern zur Seite zu stellen sind Joh. Valent. Andreae († 1654), Heinrich Müller zu Rostock († 1675), auch Praitorius, Rathmann und Scriver. Neben dieser gesunden praktischen Richtung gab es auch keine kleine Anzahl von Männern, die eben wie jene die unerquickliche Dürre der lutherischen Theologie recht gut erkannten, die aber ihrer Seits in Schwärmerei und Phantasterei verfielen, wie Weigel, Böhme, Christ. Hoburg, Friedr. Breckling, Joh. Georg Gichtel, Oliger Pauli und in der reformirten Kirche, jedoch nicht ohne bedeutenden Einfluß auf die lutherische, Joh. v. Labadie († 1674) und seine Anhängerin Anna Maria Schürmann, Antoinette Bourignon († 1670) und Peter Poiret († 1710). Alle diese Leute hatten ihre Anhänger, die sie von der Kirche abzusondern strebten, und zwar weil sie vielfach verfolgt sich an sehr verschiedenen Orten aufhielten, so sammelten sich solche separatistische Kirchlein an sehr verschiedenen Orten. So sammelten sich in Altona nach Bolten (J.A. Boltens historische Kirchen-Nachrichten von der Stadt Altona. Bd. 2. p. 1. sqq.) neben der Kirche der Dompelaers, in welcher sehr verschiedenartige Separatisten predigten, die Gichtelianer, die Labadisten, die Zioniten, die Hattemisten und die Adamiten oder die Buttlerische Gesellschaft und neben diesen hielten sich dort eine Masse von Heterodoxen und Separatisten auf. Diese Leute nun dienten den todten Orthodoxen dazu, jedes Streben nach praktischem Christenthum verdächtig zu machen, als müsse es auf Abwege führen, weshalb alle Versuche dieser Art auf fast unüberwindliche Hindernisse stießen. So erzählt man von dem Professor Balthasar Meisner in Wittenberg († 1626), dessen Wahlspruch war beati mites, und in dessen Leichenrede gesagt wird, daß er herzlich betrübt darüber gewesen sey, daß die Lutheraner zu seiner Zeit die Lehre zwar noch hätten, aber an der Gottseligkeit es fehlen ließen, von ihm erzählt man, daß er den Vorsatz gehabt habe, mit den Studenten ein Collegium practicum anzufangen und darinnen Vorschläge aufs Tapet[10]  zu bringen, wodurch die Mängel in der Kirche und in dem gemeinen Leben zu verbessern oder abzuschaffen wären; allein daß ihn der Neid und andere Hindernisse davon abgehalten hätten. Er sagt: »Man könne sich kaum des Weigelianismi oder anderer neuen Schwärmereien entschütten, wenn man die Gottseligkeit mit einem gerechten Eifer treibe, und dahin vermahne, daß doch auch in Uebung gebracht werde, was man lehre.« Von Meisner kamen noch 1679 Pia desideria de quibusdam defectibus in et ab ecclessis Evangelicorum tollendis heraus. Ein Versuch, den in Hamburg 1663 einige Candidaten Volsch, Holzhausen und Döring machten, die Prediger der Stadt zu einem lebendigen Eifer für das Heil ihrer Gemeinden zu entflammen, hatte die Folge, daß die beiden letzten als Fremde die Stadt meiden mußten, obschon der Senior eingestand, kein Mensch könne läugnen, daß das Christenthum in Hamburg gar sehr verfallen sey. Die Candidaten verlangten, daß in der Schule die Pietät getrieben (Volsch sagte, er habe in St. Johannis Schule die fundamenta pietatis nicht gelernt), der Catechismus recht gelernet, auf den Kanzeln die Sünde gestraft, die Häuser von den Predigern fleißig besucht und denen die Absolution nicht ertheilt werde, an denen ein solcher fleischlicher Sinn bemerkt werde, der mit dem seligmachenden Glauben nicht bestehen könne. Sie trugen dies mit einer solchen Innigkeit vor, als von ihrem Gewissen gezwungen, daß man kaum begreift, wie die Prediger es wagen mochten darauf anzutragen, daß solche Leute die Stadt meiden müßten (die Verhandlungen verdienen nachgelesen zu werden bei Christ. Ziegra, Sammlung zur Hamburgisch. Kirchenhistorie Thl. 2. Nr. 18. p. 387 u. ff., man findet daselbst auch Heinr. Müllers Ansicht von dem damaligen Zustande der Kirche).

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Da trat im Jahre 1678 Spener auf mit seinen Pia desideria, die als eine lautschallende Stimme überall aus dem Schlaf aufweckte, Spener legte auch zugleich in seinem Kreise Hand ans Werk, den Zustand der evangelischen Kirche, so viel an ihm war, zu verbessern, und die Pietistischen Streitigkeiten setzten fast bis in die Mitte des 18ten Jahrhunderts die christliche Kirche in Bewegung. Spener erkannte offenbar richtig die Mängel der lutherischen Kirche, aber er fand nicht den geeigneten Boden wie Luther. Zur Zeit der Reformation war allgemeine Sehnsucht nach einer solchen, in jedem neu hervortretenden Mann glaubte man den Reformator zu erblicken; jetzt aber war man zum großen Theil abgestumpft und gleichgültig, Spener war selbst keine herrschende, imponirende Natur, er hatte auch nicht die Aufgabe eine neue Kirche zu gründen, sondern dafür[11]  zu sorgen, daß die Kirche ihren Principien gemäß wandle und gesinnt sey; dabei mußte nothwendig die Lehre von der Heiligung in den Vordergrund treten, und dies, zumal bei schwachen Gemüthern, zu denen ein großer Theil der Pietisten zu rechnen ist, mannigfaltige Schwankungen und Unsicherheiten mit sich führen. Ganz anders war es zur Zeit der Reformation, wo die Freudigkeit über die Versöhnung mit Gott, im tiefsten Herzen ergriffen, alles andere von selbst mit sich führte; Kirchlein in der Kirche zu gründen wäre Luthern schwerlich eingefallen. Auch dadurch gerieth der Pietismus in Nachtheil, daß er gar bald in einzelnen Dogmen seine Rechtgläubigkeit vertheidigen mußte und dadurch in seinen Angriffen auf die Orthodoxie, daß sie ihre Rechtgläubigkeit durch Wandel und Gesinnung beweisen solle, gehemmt und geschwächt sah. Dennoch hat der Pietismus Großes geleistet und ist lange Zeit der Träger der lutherischen Kirche gewesen trotz aller Verfolgungen und Verspottungen, die orthodoxen Theologen haben durch ihren boshaften Widerspruch die Rechtgläubigkeit selbst in einen üblen Geruch gebracht und die Pietisten endlich doch zu Kampfgenossen annehmen müssen, um die Rechtgläubigkeit vor dem Unglauben zu schützen: Da war es aber zu spät, die Kraft der Pietisten war gesunken, ja vielmehr nie zu einer rechten Gesundheit durchgedrungen und nun ins Kränkeln gerathen. Die späteren Pietisten waren scheu und furchtsam, nicht die Dinge der Welt zum Dienst des Reiches Gottes gebrauchend, sondern sich vor ihnen zurückziehend. Eine Masse von Schwärmern schlossen sich den Pietisten an, und diese fanden für ihre eigenthümlichen schwärmerischen Ansichten zu große Nachsicht, selbst schon bei Spener, wenn sie nur in der Hauptsache übereinstimmten, man war zu zart das wilde Holz zu schneiden, und gerieth doch mancher Orten in Gefahr von ihm erstickt zu werden. Wie viele exstatische Weiber traten unter den Pietisten auf: Rosamunde Juliane von Asseburg mit ihrem Bewunderer Joh. Wilh. Petersen und dessen Frau Joh. Eleonore, geborne von Merlau zu Lüneburg, die sich ebenfalls vieler göttlichen Offenbarungen rühmten, die Erfurtische Liese Anna Maria Schuchart, auch die pietistische Sängerin genannt: die Quedlinburgische Magdalena, die Blutschwitzerin Anna Eva Jacob, die Würtembergische Prophetin Christ. Regina Bader; in Lübeck Adelheid Sibylla Schwarz und in Halberstadt Katharina und Anna Margaretha Jahn usw. Spener hielt nach seiner milden sanften Weise sein Urtheil zurück, nur meinte er die Möglichkeit göttlicher Offenbarungen könne man doch nicht läugnen, andere Pietisten nahmen sich dieser Schwärmerinnen an und so gaben sie allerdings[12]  den todten Orthodoxen einige Veranlaßung sie mit diesen zusammenzustellen und dadurch beim Volke lächerlich zu machen; ja Joh. Friedr. Mayer entblödete sich nicht, die Pietisten mit der durch Liederlichkeit und Unzucht berüchtigten Buttlerischen Rotte zusammenzustellen, die 1702 zu Schwarzenau in der Grafschaft Wittgenstein gestiftet war. Je heftiger überhaupt die Angriffe der Orthodoxen auf die Pietisten wurden und je deutlicher diese einsahen, daß sie eine Reformation der Kirche nicht durchsetzen würden, desto mehr trennten sie sich von ihr, die verschiedenartigsten Separatisten standen einander näher, als den Gliedern der Kirche und besonders den Geistlichen.
Die vielen Unionsversuche, die das ganze 17te Jahrhundert hindurch und im Anfang des 18ten gemacht wurden, die verschiedenen Kirchen mit einander zu vereinigen, theils von einzelnen Theologen, theils von Fürsten und Regierungen hatten durchaus keinen Erfolg. Auch Spener suchte man in diese Kämpfe hineinzuziehen, er entzog sich ihnen aber; nach seinem Tode indeß diente ein dem König Friedrich I. von den Orthodoxen vorgelegter Unions-Entwurf dazu, auch hierüber die Pietisten anzuklagen. Die späteren irenischen Bemühungen im Jahre 1719 bei dem Corpus Evangelicorum zu Regensburg hatten die Folge, daß die Aufmerksamkeit von den Pietisten abgelenkt wurde. Von dieser Zeit an fingen die Pietistischen Bewegungen an nachzulassen, ja der Vorkämpfer der Orthodoxen V.E. Löscher in Dresden suchte durch Vermittlung des milden Buddeus, der zu keiner Partei gehörte, von beiden Parteien aber geachtet wurde, eine förmliche Versöhnung zu stiften, die dann freilich nicht gelang; allein schon der Versuch zeigt, daß die Furcht vor dem Pietismus abgenommen hatte, seine reformatorische Kraft war gebrochen und die noch übrige Lebenskraft verwandte er, sich der emporkommenden Philosophie und Aufklärung im Verein mit der Orthodoxie entgegenzustellen.
Es war dies der Kampf mit der Wolfischen Philosophie, die eben in Halle, dem Sitz des Pietismus, ihr Haupt zu erheben suchte. Wolf, der sich der Theologie gewidmet hatte, hatte schon früh darüber nachgedacht, ob es nicht möglich sey, die Wahrheit in der Theologie so deutlich zu zeigen, daß sie keinen Widerspruch leide, er glaubte dazu sich der Mathematik bedienen zu können. Wolf predigte selbst mehrmal, und zwar mit Beifall der deutlichen Begriffe wegen, durch die er die Sachen erklärte und eins aus dem andern deducirte. Solche Wolfischen Predigten sagten z.B. wenn es Matth. 8. heißt: »Da Jesus vom Berge herabging folgte ihm viel Volks nach« ein Berg ist ein erhabener Ort, ein Volk ist ein[13]  gewisse Menge von Leuten. Die Predigten waren daher mehr Denkübungen als Erbauungs-Mittel, das wollte man aber auch vorzugsweise und dieser rein verständigen Bildung, dieser überwiegenden Huldigung des Verstandes setzten sich Pietisten und Orthodoxen entgegen. Sie fürchteten übrigens nicht allein die Form, sondern auch den Inhalt der Wolfischen Philosophie, durch die Lehre von der prästabilirten Harmonie hielten die Theologen die Schöpfung Gottes und die Freiheit des Menschen gefährdet und wußten diese Lehre dem König Friedrich Wilhelm I. als so gefährlich darzustellen, daß Wolf in 24 Stunden die Preußischen Lande verlassen mußte. Solche Mittel nützten aber wenig, war doch der Beichtvater des Königs, der Probst Reinbeck selbst ein Anhänger der Wolfischen Philosophie, in Halle standen damals die meisten theologischen Studenten auf der Seite des Philosophen; wie allgemein verbreitet die Schriften der Wolfischen Philosophie damals waren, giebt Edelmann in seinem Moses mit aufgedecktem Angesicht Anblick 3. p. 114. an, freilich auf eine so gemeine Weise, daß man die Worte nicht anführen kann. Die Gegner der Wolfischen Philosophie, besonders die Pietisten, die diesen Vorwurf schon früher hatten hören müssen, wurden ausgeschrien als Verächter der Wissenschaft und endlich ward auch Wolf bei der Thronbesteigung Friedrich II. in einem Triumphzuge wieder in Halle eingeholt, den Beifall, den er früher gehabt hatte, fand er dann freilich bei den Studenten nicht wieder. Seine demonstrative Methode ward von Canz in Tübingen, Reusch in Jena, Carpov in Weimar in die Dogmatik eingeführt (vergl. Hagenbach Vorlesungen über Wesen und Geschichte der Reformation Thl. 5. p. 117 ff.). Im Jahre 1735 wurde die Wolfische Philosophie auch bei Uebersetzung der Bibel angewandt, in diesem Jahr kam nämlich zu Wertheim der erste Theil einer Uebersetzung der Bibel heraus, die 5 Bücher Moses enthaltend, von Joh. Lorenz Schmidt, einem Zögling der Wolfischen Schule, die dem Verfasser Verfolgung und Gefängniß zuzog und ihn zwang unter dem Namen Schröder in Hamburg und später in Wolfenbüttel als Hofmeister zu leben; er starb 1751. Die Uebersetzung rief große Bewegungen hervor, wurde 1737 auf Kaiserl. Befehl confiscirt und der Verkauf bei schwerer Geldstrafe verboten. In der Vorrede sucht Schmidt auf eine der Bibel nicht günstige Weise zu erklären wie sie zu ihrem gewaltigen Ansehen gekommen sey, verlangte jeden Verfasser der Bibel aus sich selbst zu erklären, und behauptete ein Hauptbestreben bei dem Lesen der Bibel müsse seyn, den Zusammenhang der Begriffe unter sich aufzusuchen; von den Gegnern, sagte er, sie wollten[14]  die Unwissenheit ihres Vortheils wegen unterhalten. Was nun die Uebersetzung selbst betrifft, so machte er aus dem Geist Gottes 1. Mos. 1, 2. einen heftigen Wind. Die erste Verheißung 1. Mos. 5, 15. entfernte er indem er übersetzte: »und künftig soll zwischen dir und der Frau und euer beiden Nachkommen eine beständige Feindschaft seyn, dergestalt daß die Menschen den Schlangen auf den Kopf treten usw.« 1. Mos. 12, 3. übersetzte er die Worte: »in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden, Jedermann auf der Welt wird sich wünschen so glücklich zu seyn wie du.« In den Anmerkungen, deren es 1592 giebt, sucht der Verfasser dem Leser die Wolfische Deutlichkeit beizubringen; so heißt es in der 272. Anmerkung: »Das Thor an einem Palaste ist eine Oeffnung, durch welche der Besitzer und seine Bedienten aus und eingehen;« zum 3. Mos. 18, 7. heißt es: »eine Mutter ist eine Frau, welche in Gesellschaft ihres Mannes Kinder erzeugt und auferziehet;« zu 1. Mof. 1, 9. sagt er, »der Ausdruck zusammenfließen heißt, wenn die Sache in einem engern Raum gesehen wird, da sie vorher einen größeren einnahm u.s.w.«
So gerieth man gleich anfangs als man das kirchliche System verließ, in eine schreckliche Dürre hinein, aber man hatte sich freilich um einzelne Dogmen so stumpf und matt gekämpft, daß man dies nicht wahr nahm und sich freuete einmal was Neues zu hören. Seitdem man einmal auf dem Abwege war, ging es im Zweifel und Unglauben immer schneller und schneller. Das 18te Jahrhundert war ausgezeichnet an tüchtigen Männern in allen Fächern der Literatur, ja auch în allen Zweigen der theologischen Wissenschaften wurde viel gearbeitet, hätte man die neue Belebung, die in dem Pietismus dargeboten wurde, richtig benutzt, so hätte diese geistige Blüthe segnend auf die Völker Deutschlands wirken müssen, da man sie aber verwarf, so wich die göttliche Gnade immer mehr zurück, und man fand sich endlich bei aller Wissenschaftlichkeit so dürr und leer, daß man durstend lechzte nach dem Quell des göttlichen Worts, aber nun war es so leicht nicht Wissenschaft und Theologie mit einander zu versöhnen und noch schwerer in den Gemeinden die Wahrheit zur Anerkennung zu bringen, daß der natürliche Mensch verderbt sey und vor Gott nicht bestehen könne. Ist jener Kampf zwischen Wissenschaft und Theologie auch zu Ende geführt, so dauert dieser doch noch fort und wie zu den Heiden muß man in die Gemeinden Boten der Mission senden, um sie wieder für das Christenthum zu gewinnen. Bei andern Völkern, den Engländern und Franzosen, war man ihnen im Unglauben auch schon vorangeeilt, wir dürfen[15]  nicht die Schuld des Unglaubens in Deutschland beimessen, die Luft war überall verpestet und auch in Deutschland der Weg zum Unglauben mit der Verwerfung des Pietismus von selbst gegeben, beschleunigt haben jene freilich den Proceß, und indem die englischen Deisten von den deutschen Theologen bekämpft wurden, wurde eben dadurch nachtheilig auf die christliche Kirche gewirkt, weil sich theils keine Fülle des Lebens in der Bekämpfung aussprach, theils aber auch die Masse sich viel begieriger nach den Einwürfen gegen das Christenthum umschauete als nach der Vertheidigung. Die französischen Freigeister aber, die sich in Schaaren in Deutschland um den König drängten, der die deutsche Nationalität wieder hub, haben oberflächlich und seicht wie sie waren durch ihre Frivolität und durch die Autorität, welche ihre Stimme in Deutschland hatte, reichlich so nachtheilig auf den christlichen Glauben in Deutschland eingewirkt wie die englischen Deisten, aber sie haben, wie gesagt, doch nur befördert, was nicht mehr zurückzuweisen war. Mosheim sagte 1750 seinen Zuhörern »Es hat sich die ganze Verfassung der evangelischen Kirche im jetzigen Jahrhundert umgesetzt, und diese Veränderung gehet immer weiter, und wird, wenn nicht besondere Dinge dazwischen kommen, endlich so weit gehen, daß sie in eben die Verfassung gerathen wird, in der die reformirte Kirche in diesen Zeiten stehet. Wenn wir unsere Kirche von der Seite der Wissenschaften ansehen, so hat sie sehr vieles in unserm Jahrhundert gewonnen. – Allein wenn man unsere Kirche als eine Gesellschaft betrachtet, die an einander hängt, so müssen wir ganz anders urtheilen, und bekennen daß unsre Kirche sehr viel verloren habe. Eine geistliche Gesellschaft, die an einander hängen und bestehen soll, muß Mittel zur innerlichen und äußerlichen Verbindung haben. Diese Mittel der Vereinigung sind in den vorigen Zeiten in unserer Kirche gewesen, aber in unserm Jahrhundert sind sie überaus schwach und kraftlos geworden, und es hat das Ansehen, daß sie allmählig ihre Kraft ganz verlieren, und eine Zerrüttung in der Gesellschaft der evangelischen Kirche entstehen werde. Mosheim meint mit den Mitteln der Vereinigung besonders die symbolischen Bücher, sagt, deren Ansehen sinke, und muthmaßet, man werde zur Toleranz seine Zuflucht nehmen, den Weg zur Seligkeit erweitern und viele Grundartikel für solche Lehren erklären, die zum Grunde des Glaubens nicht gehören.« (Vergl. Mosheims Kirchengeschichte fortgeführt von J.A. Chph. von Einem Thl. 9. p. 7 ff.)


In diese Zeit fällt nun das Leben des berüchtigten Edelmanns (so wurde er im vorigen Jahrhundert gewöhnlich genannt), das von[16]  ihm selbst erzählt wir in dem folgenden Werke dem Leser vorlegen. Wir können ihm keine so große Bedeutung zuschreiben wie er sich selbst beilegt, wenn er meint daß er dem Unglauben, oder wie er sagt der Freiheit die Bahn gebrochen habe, aber freilich hat er das Seinige gethan um zu zerstören und niederzureißen, und wohl noch mehr in den Kreisen, in welchen er sich persönlich bewegte, als durch seine Schriften, denn diese waren theils zu gemein und unanständig, als daß sie nicht vielfach verletzt haben sollten, und doch war Edelmann eigentlich ein höflicher Mann, von glatter Oberfläche, aber er hielt sich für einen 2ten Luther, auf dessen Geschichte beständig Anspielungen und Anwendungen auf sein eigenes Leben vorkommen, wie er sich denn auch nicht entblödete sich mit den Aposteln, ja mit dem Herrn selbst zu vergleichen, daher glaubte er auch eine solche ungestüme Sprache wie Luther führen zu müssen, dann aber war er auch von grimmigem Haß gegen Bibel und Priester erfüllt, weil er so lange von ihnen seinen Verstand hatte gefangen nehmen lassen. Seine Bedeutung scheint uns darin zu liegen, daß er von Gott als eine Warnung hingestellt wurde wohin man gelangen würde, wenn man auf diesem Wege fortfahre. Sein frecher Unglaube ging für die damalige Zeit noch zu weit, als daß er bei vielen seiner Zeitgenossen auf Beifall rechnen durfte, er entwickelte sich aber aus seinem eigenen Lebensgange und aus der Nahrung, die er aus häretischen Büchern sog, das waren aber weniger die Engländer, denn da er kein Englisch verstanden zu haben scheint, lernte er diese nur aus französischen Uebersetzungen und deutschen Widerlegungen kennen, mehr nahm er an von den französischen Freigeistern, am meisten von den deutschen Heterodoxen, vorzüglich von Dippel, wozu dann später Spinoza kam. Joh. Conrad Dippel, auf den Edelmann sehr viel hielt, ward geboren 1673 zu Darmstadt, er studirte Theologie, Jurisprudenz und Medicin durcheinander, erklärte sich zuerst für die Orthodoxen gegen die Pietisten, und führte deshalb aus Opposition ein wildes Studentenleben, aber der Pietismus erhielt Gewalt über ihn, er vertiefte sich in den religiösen Mysticismus und verband diesen mit Astrologie, Chiromantie und Alchymie. Er führte ein unstätes, flüchtiges Leben, kam nach Berlin, Holland, Altona, ward in Ketten nach der Insel Bornholm geführt, später nach Stockholm berufen und starb plötzlich 1734 auf dem Schloße zu Wittgenstein. Dippel kämpfte gegen die Rechtfertigungslehre, gegen das Ansehen der symbolischen Bücher, die er einen papiernen Gott nannte; er erklärte der Christus in uns, das sey der wahre Christus für uns. In der Lehre von Gott näherte er sich dem Pantheismus, den Sacramenten[17]  sprach er alle Wirksamkeit ab, die Kindertaufe hielt er für Mißbrauch, Beichte und Absolution für Gaukelspiel, die wahre Kirche, behauptete er, müsse aus lauter Frommen bestehen. Er lehrte, der Mensch könne selbst durch Verläugnung die Sünde in sich tilgen, worin Christus vorangegangen sey. Daher verwarf er auch die Lehre von der Genugthuung Christi. Er trug schon den Satz vor, auf den Edelmann immer zurückkommt, in Gott dem seligen Wesen könne kein Zorn seyn, deshalb könne er auch nicht beleidigt werden, wohl aber könne das die Menschheit in ihrer Dürftigkeit, daher fände auch keine Gerechtigkeit Statt zwischen Gott und der Creatur, wohl aber zwischen Creatur und Creatur. Es sind das lauter Lehren, die man bei Edelmann wiederfinden wird, Dippel aber glaubte das alles in der Schrift zu finden und suchte seine Satzungen ihr unterzulegen, während Edelmann sich gradezu von ihr lossagte.
Edelmann, in drückender Lage erzogen, war als Kind ein leidenschaftlicher rachgieriger Junge, ein großer Freund von Disputationen. Als Student hielt er sich zu der Schule des Prof. Buddeus, den er sehr hoch schätzte und der lange einen wohlthätigen schützenden Einfluß auf ihn behalten hat, ein näheres Anschließen an ihn scheint jedoch nicht Statt gefunden zu haben. Da Edelmann vorherrschend Verstandesmensch war, dabei unmäßig eitel, ehrgeizig und im höchsten Grade empfindlich, alles sehr äußerlich auffassend, und diese Fehler in seinen Augen, wenn er sich ihrer bewußt war, sehr gering und unbedeutend waren, so konnte die Frömmigkeit ihn nicht ganz durchdringen, noch viel weniger sagte ihm der Pietismus zu, die Aengstlichkeit desselben war seinem nach unumschränkter Freiheit strebenden Geist durchaus zuwider, auch scheinen die Pietisten, bei denen Edelmann in Wien lebte, wirklich bigotte Personen gewesen zu seyn. Heuchelei aber stieß ihn, der sich bestrebte, was wir rühmend anerkennen wollen, wahrhaft zu seyn, gewaltig zurück. Diese Wahrhaftigkeit suchte dann freilich manchmal sich einen Ausweg durch Sophistereien zu bahnen. Mit großer Begierde sog Edelmann damals schon die überall auftauchende natürliche Theologie ein. Zum Prediger fühlte er sich nicht geeignet, bei seiner vorherrschend verständigen Richtung wurde es ihm sehr schwer eine erbauliche Rede zu halten, aus freiem Ergusse konnte er gar nicht sprechen, sondern er mußte das mühsam Ausgearbeitete mühsam auswendig lernen. Edelmann rechnete sich noch zu den Pietisten wiewohl mit innerem Widerstreben, da kam er in Sachsen zu einem orthodoxen Prediger, der eben nicht lauter lebte, es stiegen Zweifel gegen die Rechtgläubigkeit der Kirche in ihm auf, zunächst in Bezug auf die Kindertaufe, er suchte Christen der apostolischen[18]  Zeit und meinte ein Wiedergeborner müsse nach 1 Joh. 3, 9 durchaus keine Sünde begehen, so nahm er jetzt schon einzelne Sprüche der Bibel aus dem Zusammenhange heraus und in Johanneische Anschauungen konnte er sich gar nicht finden. Er glaubte sein Ideal eines Christen bei den Mennoniten, Gichtelianern und Herrnhutern zu finden, aber überall fand er sich in seinen Erwartungen getäuscht, daneben beschäftigte er sich mit allen möglichen heterodoxen und haeretischen Büchern und fing endlich selbst an seine Unschuldigen Wahrheiten zu schreiben. Schon in der ersten Unterredung suchte er nachzuweisen, daß man in jeder Religion selig werden könne, freilich hielt er Christum noch fest, aber auf mystische Weise, als das Licht der Welt, das jeden Menschen innerlich erleuchten könne, und so sank das Ansehen der Bibel schon sehr bei ihm, er berief sich für seine Ansicht auf die Kindertaufe, die er freilich selbst nicht mehr billigte; so berief er sich auch später auf Aussprüche der Bibel während er zugleich auf sie schmähte und sie lästerte, sein Eifer seine Ansichten zur Anerkennung zu bringen überwog seine Wahrheitsliebe, er raffte zusammen was ihm irgend dienlich war. Schon in diesem ersten Stück erklärte er es auch für unnöthig, sich durch den Glauben Christi Verdienst anzueignen, da Christus auch von den Heiden, die seinen Namen nicht anrufen, gefunden werde Jes. 65, 1. Im 2ten Stück spricht Edelmann von der Gleichgültigkeit der Religionen und der Toleranz; von derselben im 3ten Stück so wie von der wahren christlichen Kirche. In dem 4ten von dem einigen Kennzeichen der wahren Kirche, nämlich von der Liebe und dem daher abzunehmenden Verfall der heutigen Christenheit, wobei er seinen bittern Klagen über die Geistlichkeit Luft macht und zugleich auf den Widerspruch aufmerksam macht, daß ein Wiedergeborner nicht sündigen könne und doch alle Vierteljahr die Sünde aufs neue vergeben werde; bei welcher Gelegenheit er seine hohe Idee von der Wiedergeburt und seine Sehnsucht nach Heiligkeit ausspricht.
Die folgenden Stücke, die ich zur Ansicht nicht habe bekommen können, handeln nach Mich. Lilienthal: Auserlesene Bibliothek, Theil 2, p. 366. 5) Von dem heiligen Beruf der Prediger. 6) Von etlichen in der evangelischen Kirche am meisten verdunkelten Grundwahrheiten. 7) Von der Wiedergeburt. 8) Von der Rechtfertigung. 9) Von den Sacramenten. 10) Von der Kindertaufe. 11 u. 12) Vom Abendmahl. 13) Von der Unsündlichkeit der Wiedergeborenen. 14) Von der Wiederbringung aller Dinge. Die späteren Unterredungen schrieb er erst in Berleburg; als er in diese Stadt einzog, warnte ihn Gott vor Fortsetzung des betretenen Weges, eine schreckliche[19]  Angst, deren er nicht Herr werden konnte, überfiel ihn, er hörte aber nicht, gerieth in Berleburg mit den Separatisten der verschiedensten Art in Verbindung, schloß sich endlich den Inspirirten an und als er auch dies satt hatte, war aller Autoritätsglaube bei ihm geschwunden, nur die Vernunft galt ihm jetzt etwas. Der Kampf mit dem Haupt der Inspirirten hatte dies zum Durchbruch gebracht. Edelmann schildert seinen Zustand vor diesem Durchbruch in dem Brief an F. in seiner Schrift die Göttlichkeit der Vernunft p. 216 ff. auf folgende Weise: »Was ich nun Zeit währender dieser Blindheit, da meine Seele stets was Gewisses suchte, vor Angst und Marter ausgestanden, wenn Scrupel oder andere mir verdächtige Dinge vorkamen, das kann ich Dir mit keiner Feder beschreiben; die Desperation war manchmal nur einen Schritt von mir. Denn ich hatte keinen Gott, zu dem ich hätte ein Hertz haben können, und alles, was man mir von seiner Liebe und Barmhertzigkeit vorschwatzte, davon fand ich immer gerade das Gegentheil: ja wenn mir der getreue Gott gleich durch das Licht der Vernunft zu Hülfe kommen und mich durch ein heiteres und wohl gegründetes Raisonnement oder Urtheil aus meiner Finsterniß gnädiglich herausführen wolte, so bat ich ihn doch immer in meiner Dummheit, wie ich war gelehret worden, nehmlich, daß Er mir doch aus Gnaden Kraft schenken wolle, meine so gar sehr speculirende Vernunft unter den Gehorsam Christi gefangen zu nehmen; ich konnte ja vor derselben zu keiner Gewißheit kommen, indem sie sich schier augenblicklich mit ihren Einwürfen meldete, daß ich ganz untüchtig zum Glauben wurde. Er wisse ja, und erkenne an mir, daß ich nichts als Ihn allein suchte, Er möchte sich doch nur aus Gnaden zu erkennen geben, damit ich prüfen könne, ob Er würcklich der Herr mein Gott sey, der durch die Inspirirten redete. Ich wollte ja gerne meine Vernunft gefangen nehmen, Er solte mir doch eine Kraft schenken solches zu thun. Je mehr ich aber so bath, je weniger Stimme und Aufmerken war da, sondern es regte sich vielmehr ein gar kräfftiger Widerspruch in mir, daß ich nicht recht betete, worüber mir vollends alle Kräfte vergiengen, daß ich in diesem höllenmäßigen Zustande mein Bette gar oft mit den bittersten Angst-Thränen netzte und den Tod gern hätte kommen sehen, wenn er sich nicht weit mehr vor mir, als ich mich vor ihm gefürchtet hätte usw.« Man sieht, der Glaube ist nicht Jedermanns Sache; er wollte mathematische Gewißheit für seinen Verstand, aber er wollte sich nicht beugen in Demuth, das Bewußtsein der Sünde und die Reue über dieselbe mangelt, weil er in seinem Streben, als[20]  heilig vor den Leuten geachtet zu werden, nicht zur Selbsterkenntniß kommen konnte, und doch führte ihn dies und Verachtung der Kirche in alle diese Separatistischen Gesellschaften hinein. Keine Spur ist davon zu finden, daß er sich seit der Zeit, nachdem er mit Zinzendorf gebrochen hatte, irgend einem frommen Geistlichen genähert hätte, vielmehr sonderte er sich selbst da ab wo er einen größeren Freigeist fand, als er selbst war, wie er denn erzählt, daß er den Briefwechsel mit einem Frauenzimmer, das sich wohlthätig gegen ihn bewies, bloß deßhalb aufhob, weil sie weiter sah als er, d.h. weil sie weniger glaubte. Das Streben nach einem heiligen Schein und sonderbaren Wesen gab er später auf, als er sich unter seinen deistischen und pantheistischen Freunden wohlbefand, da er unter ihnen als ihr Haupt dagestanden zu haben scheint, was ihm schmeichelte. Die Sinnlichkeit, die früher mächtig in ihm gewesen zu seyn scheint, hat später der Herrschaft seines Verstandes und seines Willens weichen müssen. Uebrigens kennen wir sein späteres inneres Leben nicht und wissen nicht, wie weit seine Selbstgenügsamkeit und Selbstgerechtigkeit ihn von der menschlichen Gesellschaft isolirte, wir können nur beklagen, daß er die wahre Freiheit der Kinder Gottes nicht kennen lernte, und so in seiner Feindschaft nur als ein Werkzeug gebraucht werden konnte die alten menschlichen Formen, die nicht mehr dienen konnten, zu zerstören.

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Als er das südliche Deutschland im Jahre 1746 verließ, gab er sein Glaubensbekenntniß heraus, von dem wir in aller Kürze eine Skizze mittheilen wollen.
Edelmann beginnt mit der Behauptung, daß kein Mensch ein Recht über des andern Glauben habe, Gott allein sey Richter der Gedanken; Gott, den er erkenne, nicht nach Hörensagen glaube, sey nach Natur und Vernunft das in allen Dingen gegenwärtige, einige, ewige unveränderliche Seyn oder Wesen. Was in den Creaturen Reales, Würckliches, Gutes sey, das sey Gott selbst in ihnen, weil er das Wesen aller Creaturen sey, ungereimt sey die Annahme von Personen in Gott. Gottes Wesen könne keiner in seiner gegen wärtigen Unvollkommenheit ganz übersehen, daher sey jede Erkenntniß von ihm Stückwerk; zu diesen Stückwerken der Erkenntniß gehöre auch die Bibel, eine Sammlung alter Schriften, deren Urheber nach dem Maaß ihrer Erkenntniß von Gott geschrieben, ein gar gutes Buch, dessen Originalien aber wahrscheinlich verloren gegangen. Das A.T. sey von Esra zusammengestoppelt und von dem N.T. hätte man schon von Constantins Zeit an die Originalien nicht mehr gehabt, gegen die Abschriften müsse man die Augen offen halten, und da[21]  jede Secte die Bibel wie eine wachserne Nase drehe, so sey es thöricht, seine Seligkeit auf so ungewisse und widersprechende Leute ankommen zu lassen, sondern man solle sich selbst zu Gott nahen, der sich auch jetzt nicht vor uns verstecke. Der Gehorsam gegen die Stimme Gottes im Gewissen giebt uns den Himmel, die Widerspenstigkeit die Hölle. Die Welt ist von Ewigkeit her und ewig geschaffen, sie ist Gottes Schatten, Gottes Sohn, Gottes Leib, und wird auch eben so wenig, wenn auch mannigfach verändert, ganz zerstört werden. Die Glückseligkeit fängt schon in diesem Leben an, wird nach dem Tode fortgesetzt und höher getrieben, denn der Geist wird nach diesem Leben nicht aufhören, sondern ernten nachdem er gesäet hat; wahrscheinlich, denn es ist eine schwierige Frage, wird er in einen andern Körper übergehen, die ewige Verdammniß ist ein Hirngespinst der Pfaffen. Von Christo, den die heillosen Pfaffen vergöttert haben, glaube er, daß er ein wahrer Mensch gewesen sey, mit ausnehmenden Gaben und Tugenden ausgerüstet, darum ist er von den Jüngern Sohn Gottes genannt worden, Christus hat wie wir Gott seinen Vater genannt, seine Hauptabsicht ist gewesen die durch vielerlei thörichte Meinungen von Gott getrennten Gemüther in Liebe wieder zu vereinigen und alle Religions-Zänkereien gänzlich aufzuheben, er wollte keine neue Religion anrichten, sondern den Grund aller vorgehenden einreißen, namlich den, daß die Menschen einen über ihre Sünden erzürnten Gott auf eine oder die andere Weise wieder begütigen müßten, denn der Mensch ist noch in derselben Vollkommenheit, in der er erschaffen worden ist, Christus wollte ihnen zeigen, daß sie zwar unter einander sich selbst, aber nimmermehr die unverletzliche Majestät ihres Schöpfers beleidigen könnten, in sofern hat er die Sünde zwischen Gott und den Menschen auf ewig aufgehoben und die Menschen erlöst. Den Tod hat er erlitten, weil die Pfaffen besorgten, er möchte den Pöbel von ihnen abwendig machen und ihre Einkünfte schmälern, während er den Pöbel doch zu den Priestern wies, was auch Edelmann und alle seine wahren Nachfolger gethan hätten. Christus ist nicht nur aus den Todten, unter denen er damals lebte, dem Geiste nach wieder auferstanden, sondern kommt noch täglich in viel Tausenden seiner Zeugen wieder. Der jüngste Tag breche bei jedem Menschen an, der aus dem Schlafe seiner Irrthümer aufwache, auf daß Gott sey Alles in Allem. Die Lehre vom Teufel sey eine abgeschmackte, unvernünftige Lüge und auch die Lehre von den Engeln zu verwerfen.
Edelmann hat dieses Glaubensbekenntniß mit sehr ausführlichen Anmerkungen begleitet, in denen er seinen Glauben aufs breiteste zu[22]  belegen sucht. Eine große Belesenheit kann ihm nicht abgesprochen werden, aber es fehlt ihm, wie schon Schröckh sagt, Gediegenheit des Urtheils, er ist zu oberflächlich und weiß überall zu finden, was er finden will, so daß nicht einmal die jetzigen Freigeister seine Schriften benutzen können, da die Wissenschaft nicht zugeben würde, daß die Profanscribenten auf solche Weise benutzt werden dürften. In der Bibel kann ihn die geringste chronologische Schwierigkeit, wie z.B. daß Hiskia geboren seyn soll als sein Vater 10 Jahr alt war, dahin bringen, ihre Göttlichkeit zu verwerfen, oder die Verschiedenheit der Lesarten im N.T. die Behauptung hervorrufen, man könne sich nicht auf sie verlassen. Wie seine Exegese beschaffen sey, kann man daraus abnehmen, daß er seine Lehre von der Unsündlichkeit der Menschen in Beziehung auf Gott durch die Stelle Joh. 9, 3 zu begründen sucht, wo Christus von dem Blindgeborenen sagt »es hat weder dieser gesündiget, noch seine Eltern (Glaubensbekenntniß p. 162), oder daraus, daß er aus der Zusammenstellung von 1 Chron. 22, 1 mit 2 Sam. 24, 1, wo die Zählung des Volkes Israel durch David einmal auf Gott zurückgeführt und in der andern Stelle vom Satan abgeleitet wird, das Resultat zieht, Gott werde in der Bibel Satan genannt1, und solcher Beispiele ließen sich eine Masse zusammenstellen.
Die Schriften Edelmanns gehen, so weit wir sie besitzen, bis zum Jahr 1759, auch seine Collectaneen sind nur bis zu diesem Jahre fortgesetzt. Es ist demnach wahrscheinlich, daß er die letzten 8 Jahre seines Lebens aus irgend einem Grunde die Lust und Liebe zum Schreiben verloren habe oder kränklich geworden sey. Da in seiner Biographie seine Bücher sämmtlich genannt sind, so will ich zum Schluß noch die Manuscripte Edelmanns, die sich auf der hiesigen Stadtbibliothek befinden, etwas näher angeben. Es sind dies lauter Abschriften, und zwar größtentheils von derselben Hand und recht gut geschrieben. Der Abschreiber hat sehr häufig die Zeit, wann er seine Arbeit beendigt, hinzugefügt, von dem Verfasser ist überall am Ende geschrieben G.A.D.E., d.i. Gott allein die Ehre.
Außer der Biographie sind die auf unserer Bibliothek befindlichen Manuscripte folgende:
1. a) Moses mit aufgedecktem Angesicht (die ersten 3 Anblicke sind gedruckt, es fehlt uns also der 4te) 5ter Anblick 1756 d. 1sten May. Am Schluß steht: Finis den 22sten April 1756. Edelmann[23]  sucht zu beweisen, daß Esra das alte Testament zusammengestoppelt hat.
b) 6ter Anblick. Am Schluß Finit. Mei d. 6ten Julii 1754.
Edelmann untersucht, ob Strabo oder Esra die wahrscheinlichsten Umstände von seinem Mose vortrage.
c) 7ter Anblick. Am Schluß Finit. Autoris d. 31sten December 1753, Finit. Mei den 20sten Octob. 1754.
Widerlegung der Schrift des A.G. Masch, Abhandlung von der Religion der Heyden und Christen, in Bezug auf seine Ansicht von Moses und dessen Schriften.
d) 8ter Anblick. Im Anfange:
Aut. Incept. d. 4. Ian. 1754.
Mei Incept. d. 20. Oct. 1754.
Fortsetzung der Widerlegung des Herrn Masch, besonders über die Angaben der Mosaischen Schriften im Verhältniß zu denen der Profan- Scribenten.
2. a) Moses mit aufgedecktem Angesicht 9ter Anblick. Im Anfange: Incept. Autor. 16. Febr. 1754. Finit. Autor. 19. Mart. 1754.
Zeigend, daß die Zeugnisse der weltlichen Schriftsteller, die eines Moses gedenken, von nichts weniger als von dem Moses der Juden handeln usw. Endlich wird gezeigt, daß die Nation der Hirten, die Josephus für seine Vorfahren ausgiebt, niemand weniger als die Juden gewesen.
b) 10ter Anblick. Im Anfange: Incept. Autoris den 21. Mart. 1754. Mei Copia den 26. Febr. 1755. Finit 7. Mai 1754.
Ueber die Aussätzigen, ferner daß Josephus seinen Moses ganz anders beschreibt als die Bibel, daß die Juden vor Esra kein abgesondert Volk gewesen, daß vor dessen Zeiten noch keine Bücher Mosis gewesen, daß sich die Juden mit ihren Sachen nicht ans Licht gewagt, daß Osarsiphus nicht Moses gewesen.
c) 11ter Anblick. Im Anfange: Aut. Incept. den 9. Mai 1754. Mei Copia den 7. Mart. 1755. Am Schluß: Aut. Finit. d. 30. Juni 1754. Mei Finit. d. 28. Mart. 1755.
Widerlegung der Behauptung des Hrn. Masch, daß Moses den ältesten weltlichen Schriftstellern bekannt gewesen sey und Beleuchtung der Schrift eines Hrn. Koch: Pharos oder die Jüdische Geschichte belegt durch die Aegyptische. Lemgo 1741.
d) 12ter Anblick. Im Anfange. Aut. Incept. den 1. Juli 1754. Mei Copia den 6. Apri1 1755 Am Schluß: Finit. Autoris den 13. Aug. 1754. Finit. Mei den 18. April 1755.[24] 
Fernere Darlegung der Widersprüche der Profan- Scribenten und der alt-testamentlichen.
3. a) P. 1–143. Sendschreiben eines ehrlichen Weltweisen an einen ehrlichen Christen, Namens Theophilus, betreffend die Geschichte des h. Pauli und dessen Gemüthsbeschaffenheit, veranlaßt durch die Betrachtungen, die Hr. Gilbert West über die Bekehrung und den Beruf dieses Apostels zum Apostelamte anstellt. Anfangs aus dem Englischen ins Französische und hernach aus der französischen Uebersetzung getreulich ins Deutsche gebracht. Im Jahr 1750.
(Es ist dies die Schrift eines englischen Theologen Peter Annet gegen das Werk eines Freundes von Gilbert West, George Lyttleton: Observations on the Conversion and Apostelship of St. Paul in a letter to Gilb. West. London 1747. Annet's Schrift hieß: The History and Character of St Paul, examined in a letter to Theophilus, a Christian Friend. Cf. Lechler Geschichte des Englischen Deismus. Stuttgart und Tübingen 1841 p. 316.)
b) 3 Pagg. Ein Gedicht: der Freigeist in einem Sendschreiben an den Herrn Consistorialrath und Hofprediger Aug. Friedr. Wilh. Sack in Berlin von J.C.E.
c. Pag. 1–71. Joh. Chr. Edelmann 2tes Sendschreiben an seine Freunde, die Geschichte des Varenne und La Serre verfolgend und dem Herrn Senior Wagner einige vorläufige Fragen wegen der Nichtigkeit der angegebenen Abschieds-Rede Jacobs vorlegend. 1749.
Am Schluß: Meiner werthesten Freunde schuldigster Diener
M. 
J.C. Edelmann.

den 2. Juni 1749. geendigt den 5. Nov. 1756.
d) 6 Pagg. Gedichte und zwar 1) Die Flucht der Pfaffen aus der Hölle, als daselbst der abgeschiedene und verklärte Geist des S.T. Herrn J.C. Edelmanns auf seiner Reise nach dem Himmel denenselben im Vorbeifahren das Evangelium zu predigen ankam. 2) Der begeisterte Priester, oder die Zurückkunft der Pfaffen aus der Hölle auf unsern Erdboden. Den Schluß macht ein Madrigal mit der Unterschrift: Neumeister, Regensburg den 19. Mart. 1722 und eine Parodie, unterschrieben K. geb. S.
e) Die andere Epistel St. Harenbergs. Am Schluß:
dero dienstwilliger Freund
Joh. Chr. Edelmann.[25] 
M. den 2. Octob. 1748.
Eine Nachschrift hat am Schluß: Finis den 22. Sept. 1756. Dies Datum bezieht sich auf den Abschreiber, da die Nachschrift unmittelbar nach der Epistel geschrieben ist. Diese Epistel ist eine Antwort auf das 2te Schreiben des Joh. Chr. Harenbergs, Probsten des St. Lorenzstiftes vor Schöningen und Prof. am Carolinum zu Braunschweig gest. 1774. Es enthält eine Vertheidigung des Pantheismus.
4. Joh. Christ. Edelmann drittes Sendschreiben an seine Freunde, darinnen er seine Gedanken von der Unsterblichkeit der Seele eröfnet. Am Schluß:
dero ergebenster
J.C. Edelmann
M.d. 3. Nov. 1749.
Ende den 5. April 54.
5. Die in diesem Bande vereinigten Schriften waren ungebunden und sind erst neuerdings zusammengebunden worden. Sie entbehren aller Ueber- und Unterschriften, die 2te und 3te sind unvollendet.
a) Pag. 1–35. Eine Abhandlung, einer Gesellschaft vorgelegt, über metaphysische Begriffe.
b) Pag. 1–67. Fragment vom 3ten Theil der Autobiographie Edelmanns.
c) Moses mit aufgedecktem Angesicht 28ster Anblick.
Ueber die Sibylle und Sibyllinischen Weißagungen.
Außerdem besitzen wir auf der Stadtbibliothek noch einige Maunscripte, die eben so eingebunden sind und von derselben Hand geschrieben, die wahrscheinlich auch von Edelmann herrühren, von denen es sich jedoch nicht mit Gewißheit behaupten läßt. Es sind dies folgende:
1. Des Herrn Annet Betrachtungen über die Frage, ob der Glaube Pflicht sey. Anfangs aus dem Englischen ins Französische übersetzt von einem gelerten Politico, hernach aber aus dieser frantzösischen Uebersetzung getreulich ins Deutsche gebracht von Einem Wahrheit liebenden Theologo. 1750.
Am Schluß: Finis den 14. Febr. 1755.
2. a) Unpartheiische Prüfung der Untersuchung, die ein guter Freund über seines Herrn Bruders Glaubensbekenntnis durch seinen Herrn Beichtvater anstellen lassen. In dessen Namen aufgesetzt von Eugenio im Jahre 1753. Am Schluß: Berlin den 27. Mertz A. 1753. Finivi den 16. Septemb. Ao. 1759.
b) Untersuchung der Auferstehung Jesu statt einer Antwort auf das von Hrn. Dr Sherlock, Bischoff in dieser Sache angestellte[26]  Zeugen-Verhör. Aus dem Englischen des Hrn. Annet. Anfangs ins Französische übersetzt, und aus der französischen Handschrift getreulich ins Deutsche gebracht im Jahr 1751.
Am Schluß: G.A.D.E. Finivi d. 3. Augusti 1759.
3. a) Eines gelehrten Engländers Untersuchung des Canonischen Ansehens des Evangelii St. Matthäi der Wahrheit zu Steuer, aus einer frantzösischen Handschrift ins Deutsche übersetzet. Gedruckt in Deutschland im Jahr 1749. Die Vorrede unterschrieben M.d. 17. Sept. 1748. Am Schluß G.A.D.E. geschrieben 1753.
b) Eines gelehrten Franz. Abts historischer Discurs von dem Canonischen Ansehen der Offenbarung St. Johannis, seiner Vortrefflichkeit wegen aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt 1749.
Die Vorrede des deutschen Uebersetzers ist unterschrieben: M.d. 5. Mai 1749. Ergebenster Diener der Uebersetzer.
Zu derselben Sammlung gehört, wie die Gleichheit des Einbandes zeigt, ein mit Papier durchschossenes und mit reichen handschriftlichen Anmerkungen versehenes Exemplar der Schrift: Historische Nachrichten von Joh. Chr. Edelmanns Leben, Schriften und Lehrbegriff, wie auch von den Schriften, die für und wider ihn geschrieben worden, gesammelt und eingetheilt von Joh. Heinr. Pratje. Hamburg 1753. 8. Der Schluß der Anmerkungen ist unterzeichnet B. den 4. Octob. 1753. Der Verfasser spricht zwar von Edelmann in der 3ten Person und scheint sich von ihm zu unterscheiden, scheint mir aber so genau mit Edelmanns Leben nicht nur, sondern auch mit seinen Gedanken und Absichten bekannt und seine Schreibart so ganz und gar die Schreibart Edelmanns zu seyn, daß ich Edelmann selbst für den Verfasser halten möchte, der wie zur Zeit der Reformation Glossen zu den ihm feindlichen Schriften machte.
Aug. Anton Friedr. Büsching in seinen wöchentlichen Nachrichten von neuen Landcharten, geographischen, statistischen und historischen Büchern und Sachen Jahrg. 3 (1775) p. 253 erzählt von einem Manuscript Edelmanns, das er gekauft habe, unter dem Titel Promptuarium seu Bibliotheca portabilis etc. ein Collectaneenbuch Edelmanns, angefangen 1715 zu Lauban – 1735 zu Dresden aus 1309 Columnen in Folio bestehend und diese wiederum durchschossen zu 1309 Columnen und fortgesetzt bis zum Jahre 1759. Büsching sagt über dieses Werk: »Es zeuget von großer Wißbegierde und Belesenheit, von einem außerordentlichen Fleiß, von einer großen Aufmerksamkeit und zugleich von guter Beurtheilungskraft. – Er hat kein[27]  Bedenken getragen, unter dem Artikel seines Namens, die harten Urtheile, welche über ihn in Büchern gefället worden, zu sammeln und wenn er bisweilen eine Anmerkung dabey gemacht hat, so ist sie sehr gelinde abgefasset.« Ob das Werk noch vorhanden ist, wissen wir nicht.
Fußnoten

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1 Moses mit aufgedecktem Angesicht. Anblick II. p. 128.





I.
Edelmanns Geburt und Familie.










§ 10. »Der zu unserer Zeit bekannte Religionsspötter, Johann Christian Edelmann, dessen Name und Schriften bisher in Deutschland so ein großes Aufsehen gemacht haben, ist gebohren zu Weißenfels. Sein Herr Vater war Mauritius Edelmann, Herzogl. Weißenfelsischer Secretäre und Pagenhofmeister, welcher aber mit Tode abgegangen. Die Frau Mutter ist noch am Leben, und hat vor diesem ihrem Sohn allezeit viel zärtliche Liebe bezeuget. Der leibliche Bruder von ihm ist der Herr Licentiat ... Edelmann, jezo Juris Practicus zu Chemniz, und vorher Auditeur bey dem Königl. Polnischen und Churfürstl. Sächsischen löbl. Marchischen Regiment. Sein Großvater ist gewesen Mauritius Edelmann, Schul-College und Organist zu Greiffenberg: nach der Reformation aber Anno 1660 Stadtschreiber, endlich Rathsherr zu Marcklissa, wo er den 20. Novemb. 1682 gestorben. Der Bruder von dem Herrn Vater war M. Gottfried Edelmann, zuletzt Pastor Primarius zu Lauban.«
§ 11. Richtiges und unrichtiges ist hier unter einerley Zuversicht, daß sich alles nach der Wahrheit so verhalte, wie es der Verfasser vorgetragen, dem Leser vor die Augen geleget werden. Ich werde aber kürzlich zeigen, theils worin er recht habe, theils was er nicht gewust, theils worin er gefehlet.
Wahr ist erstlich, daß ich zu Weißenfels, und zwar am 9. Juli[5]  1698 gebohren bin, daß aber mein Lieber Vatter Mauritius solte geheißen haben, ist nicht andem, sondern er hieß Gottlob, und war bei dem damahligen hochfürstl. Hause Weißenfels, theils wegen seiner Vocal- und Instrumental-Music, theils wegen seines munteren Naturels, wohl gelitten, weswegen Ihm auch der Herzog Johann George, nicht allein seine Hochzeit ausrichtete, sondern sich auch, nebst seinem Herrn Bruder, dem nachmaligen regirenden Herzog Christian, und der damaligen verwittibten Herzogin zu Thame, bey mir, als dem erstgebohrnen, selber zu Gevattern baten, und dadurch machten, daß mir die Namen Johann Christian beygeleget wurden. Es haben mir aber diese vornehmen Pathen, in der Folge meines Lebens, gar nichts, und also weit weniger genuzt, als wenn meine Eltern ihres gleichen gebeten gehabt hätten.
§ 12. Inzwischen wurde ich doch bald nach meiner Geburth getauft, und der leidige Teufel (von dem ich damals noch nicht wuste, ob er mit oder ohne Hörner gemalet werden muste) wurde unter den gewöhnlichen Formalien, ohne Barmherzigkeit von mir ausgetrieben. Ob er seine Flucht zur Vorder- oder zur Hinterthür hinausgenommen, kan ich nicht sagen, ja ich kan keinem einmal die Gewähr leisten, ob er auch würklich dem Befehl des damaligen Teufels-banners gehorsam gewesen, genug meine lieben Eltern glaubten beyde steif und feste, er sey wirklich ausgefahren. Ich habe aber nach der Hand erfahren, daß er niemals in mir gewesen und daß die ganze Comödie, mit welcher man ihn noch jetzt, aus den unschuldigen Kindern auszutreiben bemühet ist, ein lächerliches Spiegelfechten sey.
§ 13. Unterdessen wurde ich von meinen lieben Eltern, und insonderheit von meiner treuen Mutter, Dorotheen Magdalenen, einer gebornen Haberlandinn1, und deren damals noch lebenden Mutter Sophien, einer gebohrnen Braunnin, als meiner Großmutter, recht zärtlich geliebet, und die zarte Mutter gönnte mir zu meiner Nahrung ihre eigene Milch drey viertel Jahr lang, nach welcher Zeit ich entwöhnet, und wegen der wohlgebildeten Gestalt, die Gott mir verliehen hatte, und aus welcher ein munteres Wesen hervorleuchtete, meiner lieben Eltern witzige Lust und Freude wurde.

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§ 14. Mein Vater war indessen damahls noch weder Secretarius, noch Pagen-Hofmeister am Weißenfelsischen Hofe, und letztere Bedienung hat er gar niemahls bekleidet, sondern er war zur selben Zeit, weil er einen trefflichen Alt sang, und eine gute Laute spielte,[6]  nur Cammer-Musicus und Pagen-Informator. Wie aber anno 1711 Herzog Christian, als ein damals noch apanagirter Prinz von Weißenfels, nach Sangerhausen zog, um seine Hofhaltung dort anzurichten, so wurde mein Vater als Hof-Secretarius von Ihm angenommen, und zog mit der ganzen Familie, die damahls aus meiner Mutter und Großmutter, mir, meinen zwey Brüdern und einer Schwester bestund, nach Sangerhausen.
§ 15. Die beyden, dato noch lebenden Brüder, heißen, der ältere, oder erste nach mir, Heinrich Gottlob, und der jüngere Moriz Rudolph. Ersterer, der bisweilen noch an mich geschrieben, ist der Licentiatus Juris Chemnitz, vormaliger Auditeur, und nachmaliger Amts-Verweser des Amts Chemniz; der andere aber, von dem ich seit 1739, da ich ihn in Darmstadt sprach, keine Nachricht habe, ist am Darmstädtischen Hofe, wo Er noch lebet, Cabinets-Mahler. Die Schwester Dorothea Sophia aber starb in Sangerhausen Anno 1712 im 7ten Jahre ihres Alters; und weil nach diesen Herzog Christian, nach dem Tode Herzogs Johann Georgens zur Regirung kam, so zog zwar mein Vater mit nach Weißenfels: aber die ganze Familie blieb nebst mir noch in Sangerhausen, allwo ich nebst meinem Bruder Heinrich, in dortige öffentliche Schule geschicket wurde, nachdem wir beyde vorher in Weißenfels, in meines Vaters ältesten Bruders Hause, des damaligen Sachsen-Weißenfelsischen Cammer-Ver walters, Herrn Christian Edelmanns Wohnung, der Privat-Information Herrn Stephan Körners, nachmaligen Diaconi in Sangerhausen, etliche Jahr nach einander, genossen hatte.
§ 16. Diesen treuen und geschickten Lehrer, der aber auch schon todt ist, habe ich die Fundamenta meiner Latinität zu danken, und es ist kein Zweifel, daß wenn ich seiner Anführung länger hätte genießen können, ich weit geschwinder und leichter in dieser Sprache würde haben fortkommen können, als hernach, da ich nebst meinen Bruder Heinrich, nach der Beförderung Herrn Körners, einem andern Orbilio, Namens Wernicke unter die Hände gerieth, der meinem Bruder alle 5 Declinationes und alle 4 Conjugationes (die ich schon inne hatte) auf einmahl auswendig zu lernen vorgab, und wenn wir seinem unsinnigen Begehren nicht genug thaten, uns wie die Stockfische geprügelt.
§ 17. Dieser Kinder-Placker sollte uns endlich allen beyden, wenn wir länger unter seinem Prügel hätten stehen müssen, das Studiren gar verleydet, und uns bewogen haben, unsere Eltern zu bitten uns lieber Schuster und Schneider werden zu lassen, als länger unsere besten Jahre bei einem solchen Unholden zuzubringen. Es[7]  hatte aber die gütige Vorsicht mit uns beyden was anders beschlossen, und wir wurden dieses Zuchtmeisters quit, wie meine Eltern Anno 1711 nach Sangerhausen zogen, da wir dann kurz nach unserer Ankunft in die dasige öffentliche Stadtschule gethan und ich in primam und mein Bruder in secundam lociret wurde.
§ 18. Unser damaliger Rector war der Herr M. Schneemelcher, ein gelehrter und denen Autoribus Classicis recht gewachsener Mann, dem ich ungemein viel in der Latinität und griechischen Sprache zu danken hatte. Ich machte auch unter Ihm den Anfang, mich nach des Stieri Praeceptis Logices mit dem Barbara und Celarent bekannt zu machen, und lernte in kurzer Zeit so perfect zanken, daß ich mich nicht gescheuet hätte mit manchen Studenten anzubinden. Denn ich war damals schon sehr naseweiß, und fing schon an mich über andere zu moquiren, wenn ich sahe, daß sie mich lehren wollten, und doch selber nicht wusten, was ich nach gerade schon wieder zu vergessen anfing.


§ 19. Diesen Fehler zeigte ich sonderlich, als der Rector M. Schneemelcher zum Pastorat nach Leisa an des Herrn M. Günthers Stelle befördert, und der Conrector M. Henneberg an seiner statt das Rectorat erhielt. Denn da fanden sich, zur vacant gewordenen Conrector-Stelle verschiedene Candidaten ein, die in Gegenwart der Schul-Inspectoren und der Bürgermeister (ein Zeugniß) im informiren ablegen mußten. Unter diesen war ein ansehnlicher großer Kerl, aber von sehr unansehnlicher und geringer Gelehrsamkeit; denn als er uns auf Befehl der Vorsteher aus der Rhetoric fragen sollte, fragte Er, nach einigen andern unverständlichen Fragen auch: Quot sunt metaphorae? Es ist nicht zu beschreiben wie mich das kitzelte, da ich kleiner Junge sahe, daß ich bei meinen wenigen Jahren schon mehr Allfanzereyen im Kopfe hatte, als dieser große Studente, der mein Vater hätte seyn können, und ich bedauerte nur, daß Er mit seiner abgeschmackten Frage nicht an mich gerieth, denn ich würde ihn gewis prostituiret haben. Dieser Dünkel wuchs indessen bei der beständigen Gewogenheit meines Rectors, unter welchem ich endlich secundus in prima wurde, dergestalt, daß ich mir keine Kaze zu seyn dünken ließ.
§ 21. Ich war also in allen 4 Jahre ein öffentlicher Schüler der Stadtschule in Sangerhausen, als mein Vater, der mich gern weiter bringen wollte, an seinen Herrn Bruder, den Pastorem Primarium in Lauban, Herrn M. Gottfried Edelmann schrieb, und sich ausbat, daß ich unter seiner Aufsicht das dortige Lyceum frequentiren dürfte. Er erhielt das Jawort, und weil ich ein Zeugniß meines[8]  Verhaltens mitbringen mußte, so versahe mich mein Rector (der mir, außer einer einzigen Ohrfeige, die Er mir einmal im Zorn gab, als ich des vorigen Rectors Regul de duobus Ablativis consequentiam designantibus allegirte, die, ihrer Richtigkeit ungeachtet, doch aus Rechthaberey nicht von ihm genehmigt wurde, sonst beständig gewogen war) mit folgenden Testimonio.

I. N. I.

§ 22. Postquam Johannes Christianus Edelmann, Leucopetrensis, quem hactenus ob dona a Deo benignissimo accepta paterno sum prosecutus amore, vitae suae testimonium a me petiit: Non confiteor tantum publice eum hac in schola fuisse pium, diligentem atque obedientem, sed eundem etiam omnibus ac singulis usu ac sapientia praestantibus de meliori nota commendo etiam atque etiam petens, ut ejus salutis nullo non tempore rationem habeant omnes, quia certissima teneor spe, eum aliquando adjuvante Deo rei publicae officia esse praestiturum haud contemnenda. Ceterum ut Deus clementissimus juveni hanc schedulam exhibenti et omnibus legentibus adsit, exopto. Sangerhusae, 10 Cal. Jul. Anno 1715.
M. Joh. Christianus Henneberg.
Rect. S.S.
§ 22. (rectius 23.) Ich führe dieses Zeugnis deswegen an, damit man sehen könne, daß nicht Lauban, wie der Verfasser meines Lebens angiebt, sondern Sangerhausen meine erste öffentliche Schule gewesen, daß im übrigen mein Großvater, väterlicher Seite, Mauritius geheißen, als Schul-College und Organist zu Greiffenberg gestanden, nach der Kaiserlichen Reformation in Schlesien aber Anno 1660 Stadtschreiber, und endlich Rathsherr zu Marcklissa geworden, und den 20. November 1682 daselbst verstorben, mag wohl seine Richtigkeit haben, indem ich mich erinnere von meinem Vater diese Umstände gehöret zu haben, ob ich schon, weil dieses in meiner Kindheit geschehen, die Jahrzalen nicht anzugeben weiß. Wenn aber der gute Mann sagt: Mein Vater sey mit Tode abgegangen und die Mutter lebe noch, so ist er sehr übel berichtet worden, denn meine Mutter ist etliche Jahre vor meinem Vater, und zwar in Eisenach gestorben, woselbst mein Vater, nach Verlassung der Weißenfelsischen Dienste, zulezt als Renteschreiber gestanden, und endlich, nachdem er wegen rückständiger Besoldungs- und anderer, dem Herzog Christian baar vorgeschossener Gelder, nach Weißenfels gereiset, daselbst, kurz nach meiner Wiederkunft aus Oesterreich verstorben.[9] 
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§ 24. Der Tod meiner lieben Mutter (die meine nachmalige Erkenntniß nicht vertragen, und mich in vielen aus guter Meinung gehindert haben würde) erfolgte ungefähr Anno 1723, da ich noch in Jena auf der Universität war, und schmerzte mich aufs innigste. Ich drückte meine Empfindung auch deswegen in sehr beweglichen Trauer-Versen aus, die in meinem und meiner Brüder Namen allda drucken ließ, und die meinem betrübten Vater, der selber einen guten Vers machte, zu nicht geringen Trost und Aufmunterung gereichten.
§ 25. Ehe ich mich aber zum zweiten Punct unsers Lebens-Beschreibers wende, muß ich noch einen Blick auf seine Anfangs-Worte zurück thun, nach welchen er mich als einen Religions-Spötter vorstellet, dessen Namen und Schrifften in Deutschland groß Aufsehen gemacht hätten. Ich will mich bei dem Zunamen Religions-Spötter nicht aufhalten. Denn verständige Leute wissen schon, was sie davon zu halten haben, und unverständige werden doch auf ihren funfzehn Augen bleiben, wenn ich ihnen gleich sage, daß ich nichts weniger als die Religion, sondern nur die ungereimten Grillen der Vorsteher derselben verspottet. Daß aber meine Schriften in und außerhalb Deutschland so großes Aufsehen gemachet, zeiget wenigstens, daß meine Landsleute endlich auch einmal anfangen die Augen aufzuthun, und nachgrade des Eckelhaften Postillen-Krams, der Catechismen und Himmelswege müde zu werden beginnen. Es können also diejenigen Herren, die über das große Aufsehen, daß mein Name und Schriften in Deutschland veruhrsachet, eyfersüchtig sind, dasselbe nicht besser wider vernichten, als wenn sie was zu Marckte bringen, das mehr Aufsehen macht als meine Schriften bisher haben thun können. Denn die bisherigen sogenannten Widerlegungen derselben, haben noch nicht das Ansehen, daß man ihretwegen ein Freuden-Feuer anzünden, oder sich so um sie reißen würde, wie man mit meinen Schriften gethan, die sich kaum wo haben blicken lassen dürfen, daß sie nicht die Edelsten im Volke haufenweise sollten aufgesucht, und dadurch auch bey geringeren ein ungleich größeres Aufsehen verursachet haben, als wenn man sie in öffentlichen Buchläden neben eine neu aufgelegte Bibel oder heilige Reden-Sammlung, oder andere dergleichen zum gemeinen Gebrauch feil stehende Schönheiten, an den Pranger gestellt hätte.
§ 26. Mir ist zwar darunter mehr Ehre widerfahren, als ich gesucht: Allein meine Herrn Gegner haben deswegen nicht scheel zu sehen, denn sie haben dabei auf andere Art noch rnehr Aufsehen gemacht, als ich. Man würde vielleicht noch lange nach ihren guten Werken ausgesehen und nichts daran entdecket haben, wenn ich ihnen nicht Gelegenheit gegeben hätte, ihr an sich schwaches Lichtlein, unter[10]  dem Beistand eines stärkeren vor den Leuten leuchten zu lassen, daß sie auch etwas davon zu Gesichte bekommen, nur bedaure ich, daß dieser Glanz, der an manchen Orten sehr stark in die Lande geleuchtet, die Augen der Zuschauer abermal mehr auf mich und meine Schriften gezogen, als auf die großen Leute, die sie auf die Art zu verdunkeln gesucht.
Ich muß indessen bekennen, daß dieses, wo nicht die überzeugendste, dennoch die leichteste und bequemste Manier sey Schrifften zu wiederlegen, denen man sonst mit seinen Kräften nichts abgewinnen kann. Denn es macht einen gar starken Eindruck in die Gemüther des Pöbels, wenn er höret, daß seine Seligmacher mit dem Verderber so genau zusammenhängen, daß Er ihnen ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, das Compliment machen kann: Ohne mich könnt ihr nichts thun. Man siehet dabei zwar wohl, daß sie die verlegene Mode Feuer vom Himmel fallen zu lassen, nicht mehr mit zu machen gedenken: Aber ich halte doch davor, daß sie das noch besser kleiden und dem Pöbel noch einen größeren Eindruck von ihrer göttlichen Gesandschaft machen würde, als wenn sie den Schinder nötigen, sein fremdes Feuer mit Nadab und Abihu, ihren Ehrwürdigen Vorläufern vor dem Herrn zu bringen und Ihnen (Ihm) zum süßen Geruch eine unwiderlegliche Schrift zu verbrennen.
§. 27. Doch das ist, wie gedacht, die leichteste Art, etwas zu wiederlegen, nur Schade, daß Leute von Verstande, nicht dadurch bewogen werden zu glauben, daß die Sachen, die auf die Art widerlegt seyn sollen, auch wirklich widerlegt sind. Zwar ist nicht zu läugnen, daß sichs sehr viele wackere Männer auch auf andere Art haben sauer werden lassen, meine Gedanken zu widerlegen. Allein die meisten haben es dabei gemacht wie Cyrillus Alexandrinus mit dem Kaiser Juliano, den er auch in weitläufigen Schmieralien widerlegt haben will. Er bekennet aber von sich selber im 2ten Buche wieder Julianum p.m. 38. D. der Werke Juliani, aus der Spanheimischen Auflage, Er habe mit guten Bedacht, dasjenige vorbeigegangen, was einen durch das bloße Gehör auch beflecken könnte und habe sich in Wiederlegung der Vorwürfe (die dieser trefliche Kayser überhaupt gegen das Christenthum gemacht) nur bei den nothwendigsten aufgehalten.
Nebensachen heißen also bei dergleichen Wiederlegern das Nothwendigste. Hingegen Hauptsachen, auf die sie nichts gründliches zu antworten getrauen, gehen sie mit guten Bedacht, als Dinge vorbey, die einen auch durch das bloße Gehör beflecken können. Diß ist eine sehr feine Art, sich Schwierigkeiten vom Halse zu schaffen,[11]  die man nicht zu heben weiß: doch wir müssen unsere Lebensbeschreibung wider vor die Hand nehmen, diese lautet im Zusammenhange mit den vorigen wie folget.
Fußnoten

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1 Nach den handschriftlichen Anmerk. in Pratje's Leben Edelmanns war die Mutter die Tochter eines Futter-Marschalls im Herzogthum Zeitz.




II.
Seine (des Edelmanns) erste Schule zu Lauban.










[12] §. 28. »Seine erste Schule war in der Sechsstadt Lauban, in dem Markgrafthum Oberlausitz, unter der Aufsicht seines Herrn Vettern daselbst, wo er sich ganz wohl anließ, und ein großer Liebhaber von der Music und Poesie, auch von lustigen Einfällen in Gesellschaft war. Der wohlehrwürdige Herr M. Gottlob Friedrich Gude, Pastor Laubanensis, frequentirte mit ihm zu gleicher Zeit die Schule zu Lauban, und schreibet an einem Orte (in der Vorrede zu der 3ten Ausgabe seiner Abhandlung vom Unterschiede eines wahren Christen und eines Herrnhüters 8. 1749. p. 90.) von Ihm dergestalt:

Daß Edelmann in seiner Jugend ein aufgewecktes Naturell, und viel Feuer gehabt, welche Natur- Gaben, Er zu großer Hoffnung seiner Lehrer sattsam gezeiget habe.

§. 29. Aus dem Vorhergehenden wird man hoffentlich erkennen, daß Lauban nicht meine erste, sondern meine 2te Schule gewesen. Der damalige Rector derselben hieß M. Johann Paul Gumprecht, der sich durch seine griechische Blumenlese, durch seine Fragen über Rechenbergs Summarium der Kirchenhistorie und andere Schriften bekannt gemacht, doch aber an geschickter Art die Jugend zu unterrichten seinem Vorfahrer, dem beliebten Hofmann, bey weiten nicht gleich kam. Mir gefiel indessen diese Schule, weil sie aus lauter erwachsenen Leuten bestund, die sich sehr propre und galant aufführten. Es befand sich auch ein ziemlicher Adel allda, und mir schien die Lebensart dieser meiner Mitschüler, viel gesitteter und manierlicher heraus zu kommen, als die grobe Thüringische, unter welcher ich mich vor dem befunden.
Bey meiner Einführung in die Classe wurde ich in die 2te Ordnung der ersten Classe gesezt, und da ich auf die Art wohl die Helffte meiner Mitschüler unter mir hatte, so bildete ich mir nicht wenig ein. Allein mein Dünkel verschwand noch eher, als der Rauch vom Winde. Die Gelehrsamkeit meiner Mitschüler, deren der größte Theil wahrhaft aus recht fähigen Köpfen bestand, die es in allerhand Arten der Wissenschaften, in der That schon weit gebracht hatten, sezte[12]  mich mit meiner Trivial-Wissenschaft so weit herunter, daß ich mich schämte den Ort zu bekleiden, den mir der Rector angewiesen hatte. Allein der Ehrgeiz gab mir bald Kräfte, mich meines Plazes würdiger zu machen, und es gelung mir auch durch meinen Fleiß und gute Naturgaben, daß ich mich meiner vorigen Ignoranz immer kräftiger entreißen konnte, so daß ich endlich auch unter meinen Mitschülern vor gelerth zu passiren anfing.
§. 30. Ich weiß nicht, was mich in diesen Credit bey ihnen mochte gesezet haben; das aber weiß ich gewiß, daß die meisten unter ihnen, weit gelehrter waren, als ich; sonderlich gab es treffliche Versmacher unter ihnen, gegen welche ich, der ich in Sangerhausen kaum gehöret hatte, was Poesie war, gar nicht aufsehen durfte.
Einer unter ihnen, des Rectors Stiefsohn, Namens Fiebiger, fing wirklich an die materiam poëticam, die der Conrector mit dem Rector wöchentlich wechselsweise zu dictiren pflegte, ex tempore in den reinsten Deutschen und Lateinischen Versen nachzuschreiben, welches Ihm in der ganzen Classe, meines Behalts, nur zwey, nemlich Witschel und Krause nachthun konnten.
Diese Fertigkeit machte mir also auch Lust zur Poesie, und ob ich gleich damals schon überzeugt war, daß Reimenschmiede keine Poeten wären und diese gebohren und nicht gemacht werden müsten, so wollte ich doch, da ich einmal als ein Mitglied dieser poetischen Geister Verse machen muste, auch nicht gern vor den schlechtesten unter ihnen gehalten werden. Ich griff mich also an, und lernte nach und nach zum wenigsten so viel in dieser Kunst, daß ich den Edelleuten, die um mich saßen und zum Poetisiren noch weniger, als ich aufgelegt waren, oft vor ein paar Kayser-Groschen, die Materie machte, die sie hätten machen sollen.
§. 31. Wie ich sahe, daß das Versmachen Geld eintrug, dessen ich damals, weil ich bei meinem Vetter alles frey hatte, blutwenig von Hause geschickt kriegte, so legte ich mich noch besser darauf und machte auf die Art einerley Materie bisweilen wohl auf fünf bis sechserley Art. Aber dem ungeachtet habe ich doch nie ein Poet werden können, ob ich schon die Poesie, und derselben Seele, die Music, noch bis diese Stunde liebe, und die letztere, was Clavier, Flöte und Fleute travers anlanget, wohl ehedem nicht ganz ungeschickt gespielet: Nachdem ich aber in Berlenburg, aus murrischer Heiligkeit die Music vor etwas sündliches und Gott mißfälliges zu halten anfieng, und solche nicht eher wieder hervorsuchte, als biß mir Gott die Gnade that, sich meinem Gemüthe auf eine vergnügendere Art zu erkennen zu geben, welches erst nach etlichen Jahren geschahe, so[13]  bin ich aus der Übung kommen, und agire gegenwärtig nur einen Stümper in dieser angenehmen Wissenschaft.

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§. 32. Was die lustigen Einfälle in Gesellschaft betrifft, von denen ich nach des Verfassers Ausdruck, auch damahls schon ein großer Liebhaber gewesen seyn soll; so erinnere ich mich nicht, daß ich zur selben Zeit andere, als meine Schul- und Kirchen-Gesell schaften besucht hätte. Denn in meines Vettern Hause war mir mehr nicht erlaubt, sonst aber läugne ich nicht, daß ich von den lustigen Einfällen, die der damalige Diaconus in Lauban M. Büttner bisweilen in Predigten anzubringen pflegte, indem Er die artigsten Sprüchwörter, Gleichnisse und Histörchen, auf eine recht angenehme Art zu gebrauchen wuste, ein ungleich größerer Liebhaber gewesen, als von den fürchterlichen Bußpredigten meines Vettern und des Herrn M. Guden, des Vaters desjenigen Herrn Magisters, der mir, nach des Verfassers Anweisung, ein so gutes Lob beygeleget haben soll.
Ich kann nach demselben zwar nicht wissen, wie groß die Hoffnung meiner damaligen Lehrer von mir gewesen. Diß aber weiß ich gewiß, daß keiner etwas mehr von mir gehoffet haben kann, als daß ich mit der Zeit ein eben so guter Schwäzer werden würde, als sie damals waren1, wie denn die geistlose Schwäzekunst auf dieser Schule schon stark geübet wurde, indem alle Freytage auf dem kleineren Schul-Catheder eine Predigt, von einem, aus unserm Mittel abgeleget werden muste, die hernach von dem Rectore censiret, und fernere Anweisung in dieser Kunst gegeben wurde.
§. 33. Ich muste also diese Mode, weil ich Theologiam studiren wollte auch mit machen, und weil mein Vetter, der Pastor primarius und der Herr M. Gude gewohnt waren, ungewöhnlich lang, und gemeiniglich 2 Stunden zu predigen, so meinte ich, ich müste das auch nachthun, und da kann man sich leicht einbilden, daß ich um 2 Bogen mit Wörtern anzufüllen, bey dem wenigen Vorrath, den ich damals noch an reellen Wissenschaften besaß, meine Collectanea oder geistliche Vorrathe-Kasten, brav werde ausgeleeret, und alles zusammengeschrieben haben, was sich nur einigermaaßen zum Text geschickt.[14] 
Diese Art, sich einigen Vorrath von sogenannten Realien zu verschaffen, und von welcher ich auf meiner Trivial-Schule in Sangerhausen noch gar nichts gehöret hatte, war in Lauban stark Mode. Denn es war da kein Schüler, der nicht einen ziemlichen Schatz von dergleichen fremden Gedanken sollte gesammelt und das eigene Nachsinnen derweilen an die Seite gesezet haben. Denn wir waren meistens darauf bedacht, nur die Schriften unserer eigenen Lehrer auszuplündern und mit den Gedanken derselben, wenn wir eine Rede halten sollten, gegen unsers Gleichen eine Parade zu machen. Aus fremden oder widrig gesinnten Religions-Verwandten, oder gar, aus den sogenannten Feinden der Christl. Religion (die wir doch zur selben Zeit anders nicht als in den Disputationibus der unsrigen zu sehen bekamen) etwas auszuschreiben, hätte, zum wenigsten Ich, damals mir das größte Gewissen gemacht und geglaubt, meinen Collectaneis einen ewigen Schandfleck anzuhängen, wenn sich nur das mindeste von dergleichen Sachen, nach meinem Tode, in denselbigen hätte befinden sollen. Nach der Zeit aber hat diese Furcht bei mir abgenommen, und weil ich mir selber keine eigene kostbare Bibliothec anschaffen konnte, so trug ich, bei Gelegenheit aus andern zusammen, was ich konnte und fand mit der Zeit die Spuren derjenigen Wahrheiten, die in unserem Vaterlande ein so großes Aufsehen gemacht.
§. 34. Ich blieb also auf dieser berühmten Schule von 1715 bis 1717 und übte mich in allen daselbst eingeführten Schulübungen mit meinen Mitschülern um die Wette. Unter denselben gefiel mir keine besser als das Disputiren, worin sich diejenigen, die zu des Rectors Privatstunde gehörten, wöchentlich auch einmal hören lassen musten. Es stand uns frey, die Sätze, worüber wir disputiren wollten, selber zu erwählen, und der Rector war allemahl Präses.
Ich freuete mich allemal, wenn die Reihe dieses Wortgefechtes auch an mich kam; wir disputirten das blaue vom Himmel, und das schwarze von der Erde, und wenn wir ausdisputirt hatten, war einer so klug, als der andere, ausgenommen das der Respondens, der eingeführten Mode nach, aus Respect gegen den Herrn Praesidem, allemal Recht behalten muste, er mochte es haben oder nicht.
§. 35. Ich hatte also keinen weitern Nuzen von die ser Übung, als daß ich fix latein plaudern, und mir einbilden lernte, daß man von seinen einmal angenommenen Säzen niemals weichen müste; Eine Unart, die mich lange an weiterer Erkenntniß der Wahrheit gehindert, bis ich endlich auch an großen und gelehrten Leuten wahrgenommen, daß sie sichs vor keinen Schimpf gerechnet, ihre irrigen Meinungen zu verbessern, und der Wahrheit auch bey ihren Gegnern[15]  Plaz zu geben. Dieß Verhalten schien mir eine edlere Art der Ehre zu seyn, als die unvernünftige Rechthaberey: Es kostete mich aber was, diß mein so liebes Schooß-Kind, aller Unanständigkeit ungeacht, die ich an demselbigen gewahr wurde, der Wohlanständigkeit der erstern aufzuopfern, und die Folge meiner Geschichte wird schon zeigen, wie stark ich mich dagegen gewehret.


§. 36. Weil mir der Herr M. Gude in dem oben angeführten Lobspruche viel Feuer beygeleget, so muß ich bekennen, daß Er darin die Wahrheit geredet. Denn ich war leicht aufzubringen, und schwer zu versöhnen, wenn man das mir angethane Unrecht nicht erkennen wollte: Geschah aber dieses, so war auch aller Groll bey mir vorüber; indessen wuste ich damals auch mein Feuer schon zu mäßigen, wenn ich wuste, daß ich meinen Wohlthätern durch Auslassung desselben Verdruß machen möchte.
Ich hatte in meines Vettern Hause einen Stubenpurschen, der auch ein Priester werden wollte, und mit seinem Geschlechts-Nahmen Flegel hieß, ein solcher aber in der That auch war, indem er mich kurz nach meiner Ankunft mit Ohrfeigen tractirte, als ich seinen Schäckereyen, die Er mit der Viehmagd trieb, von ungefähr in die Queere kam, und sie mit ihren rechten Nahmen, Narrenspossen hieß. Er schlug mich darüber mit der gepallten Faust gleich dergestalt in die Augen, daß ich mich wohl 4 Wochen mit einem blauen Fenster schleppen muste.
Man kann leicht denken, daß ich mich vor diese Höflichkeit eben nicht sonderlich bedanckt haben werde, doch verhielt ich mich damals nur noch defensive, weil ich theils zu viel Respect vor meinen Vetter und Vater hatte, denen ich nicht gern Gelegenheit geben wollte, sich mit Grund über meine üble Aufführung zu beschwehren, theils weil ich meinen unbescheidenen Stubenpurschen, der schon ein bärtigter Kerl war, und weit stärker schien als ich, nicht offensive anzugreiffen getrauete.
§. 37. Ich beschwerte mich also über diese Flegeley bei meinem Vetter, und hoffte zum wenigsten so viel Satisfaction zu erhalten, daß mir der Flegel seine Grobheit würde abbitten müssen: Allein anstatt dessen gab mir mein Vetter noch einen derben Verweiß, und Ermahnung, daß ich als der jüngere dem älteren nachgeben müste. Diese unweißliche Entscheidung machte meinen Flegel noch flegelhaftiger; Er hielt mich vor einen verzagten Kerl, dem er nun nach Belieben auf dem Maule drummeln dürfte, und unterließ nicht, mich bei aller Gelegenheit, wegen dem, daß ich ihm bei dem Vetter verklagt hatte, auf das bitterste zu verspotten.[16] 
Dieser Spott that mir in der Seele weh, doch weil ich ein Beneficiarius meines Vettern war, der meinem Vater, (weil ich mit dem Flegel wohl in einem Vierteljahre kein Wort gesprochen) ohne dem schon geschrieben hatte, daß Er einen anhaltenden Zorn bei mir spürete, weswegen mir abermal ein starker Levite von dem Vater gelesen wurde: so verbiß ich meinen Schmerz, biß die Zeit kam, da wir uns, der Gewohnheit nach sämmtlich vor arme Sünder erklären, und auf diß saubere Bekenntniß, unsern Gott noch oben darauf, zur Versicherung der Vergebung unserer Sünden verzehren sollten.
§. 38. Damahls dachte ich, würde wenigstens eine dauerhafte Versöhnung zwischen uns gestiftet werden, worzu ich auch an meiner Seite ganz willig war, wenn es nur nicht mein Vetter abermal in der Art und Weise dieser Versöhnung sehr grob versehen hätte. Er kriegte uns zwar beide vor, und hielt uns eine Predigt von der Versöhnlichkeit: Allein anstatt, daß Er den Flegel, der mich eines Wortes wegen, das doch die Wahrheit war, so grob tractiret hatte, hätte ermahnen sollen, gegen mich zu gestehen, daß Er mir zu viel gethan, womit ich völlig würde zufrieden gewesen seyn, nöthigte er mich durch seine priesterliche Sauersichtigkeit, daß ich ihm, gleich als wäre ich der beleidigende Theil gewesen, zuerst die Hand zur Versöhnung bieten muste.
Damit stärkte er nun nicht allein den Hochmuth meines Gegenparths, der sich einbildete, noch Recht gegen mich übrig zu haben, sondern Er erregte auch ein neues Zornfeuer in mir, darum, daß ich mich, ohne Schuld und Ursache muste so unterdrücken sehen. Indessen muste ich doch mit sacramentiren, und hatte noch immer die Hoffnung, daß ich zum wenigsten nach dem Genusse dieses vermeinten Liebes Mahles, vor den Sticheleyen und Verspottungen meines Flegels Friede haben würde.
§. 39. Allein er hatte seinen Gott kaum verdauet, so fing er's wieder an, wo er's gelassen hatte, und ich muste mich, als einen verzagten Kerl, gegen das Gesinde und die andern Hauspursche, mehr als jemals von ihm verspotten lassen. Diß hieß nun meine Gedult ein wenig zu viel mißgebraucht, und ich fand nöthig, ihm zu zeigen, daß er an den unrechten gerathen, nur fehlte mirs noch an einer bequemen Gelegenheit, ihm recht empfindlich wehe zu thun: Allein sie fand sich bald.
Der Kerl bildete sich ein, er wäre schön und sahe doch nicht viel besser aus, als ein abgegessener Kirschkuchen. Nichts desto weniger charmirte Er mit der Köchin, bey welcher ich ihn nicht allein bald verhaßt zu machen wuste, sondern ich fing auch an, mich bei aller[17]  Gelegenheit über ihn zu moquiren. Weil er das nun bisher gar nicht an mir gewohnt war, so stuzte Er anfangs; doch glaubte Er, weil Er mich das erstemal mit so wenigen Widerstande gedroschen, es sollte ihm das zweitemal auch nicht fehlen. Allein das Blat wendete sich, zu seiner größten Bestürzung dergestallt, daß ich Ihm an einem Abend, als meine Muhme, mit der von ihm geliebten Köchin, in der Nebenstube saß und spann, nach einem kurzen Wortwechsel, gleich ein paar tüchtige Ohrfeigen versetzte, und ohne ihm Zeit zu lassen sich zu besinnen, wie Ihm geschahe, alsofort beym Haaren zu Boden schmieß, und meine Stube mit diesem Flegel dergestallt rein ausdrosch, daß endlich die Muhme, durch die Bedrohung, daß sie den Vetter rufen wollte, mich nöthigte von ihm abzulassen.

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§. 40. Auf die Art verschaffte mir das Recht der Natur, was mir die Theologie mit alle ihren Predigten und Sacramenten nicht hatte verschaffen können. Mein Flegel wurde so geschmeidig, wie ein Ohr-Wurm, und hätte sich, nach dieser überzeugenden Probe meiner Unerschrockenheit, nicht unterstanden, mir weiter nur ein Wörtchen zu nahe zu reden. Sein Spott-Geist war gänzlich gebändiget und ein paar derbe Maulschellen hatten augenscheinlich mehr Wirkung auf ihn, als der Primarius mit alle seinem kraftlosen Gotteswort. Wer mir aber damals hätte sagen sollen, daß ich in den künftigen Zeiten, noch so manchen Theologischen Flegel auf eine moralische Art würde vor die Faust bekommen, dem hätte ich's wohl nicht geglaubt: Es ist mir aber doch begegnet, und sie haben von Glück zu sagen, daß ich des Dreschens nunmehr müde bin, sonst dürfte ich noch wohl manchen, der bisher nur leeres Stroh gedroschen, zu weiteren Gebrauche untüchtig machen.
§. 41. Nach dieser Haar-Collation (worüber ich von meinem Vetter noch einen derberen Wischer bekam, als das erstemal, den ich aber meines Orts mit einem ganz kalten Geblüte empfing, nachdem ich gelernt hatte, wie weit sich die mir von Gott verliehenen Kräfte, zu meiner Vertheidigung erstreckten) wäre ich bald in eine andere, noch schlimmere gerathen. Denn einer meiner Mitschüler, der beynahe noch halb so lang, als ich, und der längste in der ganzen Classe war, Namens Zehe, forderte mich, wegen einer Lumpensache auf die Faust heraus, auf den, bey Lauban gelegenen Steinberg, wo sich die Pursche gemeiniglich zu schlagen pflegten.
Ich sahe wohl, daß ich diesen Goliath mit der Faust nicht bezwingen würde. Um aber die Ausforderung nicht auf mich ersitzen zu lassen und dadurch vor meinen Mitschülern vor einen verzagten Hudler zu passiren, forderte ich ihn auf den Degen. Ich wuste wohl,[18]  daß diß nicht lange verschwiegen bleiben, auch mir sowohl vom Rector, als meinem Vetter ein neu Capittel gelesen, und endlich aus der ganzen Bataille nichts werden würde: Allein ich entging doch dadurch nicht allein der vermeinten Schande, daß ich mich nicht hätte schlagen wollen, sondern mein Gegenpart selber, der gegen stärkere, als Er war, eben nicht viel Herz hatte, gerieth dadurch in Verachtung, und ich zog endlich nach einem zweyjährigen Aufenthalt von dieser Schule mit folgenden Testimonio weg.

§. 42. Benevolo Lectori Salutem et Officia!

Dum post decursum duorum fere annorum, quibus in Lycco nostro bonis literis atque scientiis sedulo operatus est Ornatissimus Juvenis Johannes Christianus Edelmannus filius Optimi Parentis, Domini Gottlob Edelmanni, qui Serenissimo Duci Saxo-Weissenfelsensi a literis est Sangerhusae, in Patriam dulcissimam avocatus sub abitum rogavit, ut candido quodam probitatis testimonio munitum dimitterem, seque bonis omnibus de meliori commendarem: honestissimis hisce desideriis deesse nec volui nec potui. Quemadmodum ergo divinam benedictionem studiis ejus laudabiliter coeptis, nec minus bene hic continuatis, uberrime apprecatus, coelesti Providentiae eundem pio affectu devotaque mente nunc committo: Ita studiis, quotquot favent Musarum Patroni et Evergetae, summi, medii et imi, ut patrocinio suo, modestum hunc Juvenem, favore, beneficentia et adjumento dignum censeant, enixe rogitati, ea, qua decet, animi demissione, veneratione et cultu, implorantur. Faxit Deus, ut, quod speramus, ad eam maturitatem flos juventae succrescat usque quaque, ut jucundissimos fructus sibi decerpere ab eo tandem valeat Ecclesia et Respublica. Dabam Laubae, inter complures occupationes festinante calamo, longiori propensiorique animo, quam verborum contextu. Anno Ecclesiae Evangelicae Jubilaeo 1717 die Febr. 27.
M. Johannes Paulus Gumprechtus
Rector Lycei Laub. patr.

§ 43. Dieses Testimonium wurde mir durch den Famulum des Herrn Rectors, Herrn Zschorn, da ich schon eine Meile von Lauban entfernt war, nachgeschickt, und ich führe es nur deswegen an, damit man aus demselbigen die eigentliche Zeit meiner Schuljahre erkennen könne, wohl wissend, daß sich meine Lehrer, in der Hofnung, daß[19]  ich der sogenannten Kirche dereinst, nach ihren Absichten dienen würde, betrogen haben. Genug, daß ich der menschlichen Gesellschaft, die unter dem Joche der Kirche lange nach der Freiheit geseufzet, auf andere Art nicht zu verachtende Dienste gethan. Mein Wunsch ist dabei nur dieser, daß man diese, von Gott geschenkte Freyheit nicht zum Deckel der Bosheit brauchen möge, sonst würde es vor die Unbändigkeit (der zu gefallen ich ohne dem keinen Buchstaben geschrieben) besser seyn, wenn sie noch unter dem Joche stände.
§ 44. Ich habe zu erinnern vergessen, daß ich in dem damaligen Laufe meiner Schuljahre schon die beschwerliche Arbeit, andere zu unterweisen auf mich nehmen müssen. Denn es wurden mir nicht allein die Kinder des damaligen Archi Diaconi substituti Herrn M. Heers zur Unterweisung übergeben, sondern es bestellte mich auch der Herr Conrector und nachmaliger Rector M. Büttner zum Repetenten bey einem jungen Schlesischen Edelmann, Namens Wunsch, der mit mir in einer Classe saß, etliche Jahr älter war, als ich, und eher einen ansehnlichen Officier, als einen Untergebenen von mir hätte abgeben können.
Diese Information spornte nicht allein meinen Fleiß immer mehr und mehr an, sondern sie brachte mir auch quartaliter etliche Gulden ein, und setzte mich bey meinen Mitschülern in größeren Credit, als ich in der That verdiente. Es stand auch darauf, daß, wenn ich noch länger dageblieben wäre, ich noch einen andern Schlesischen Edelmann, Namens Braun, von des Rectors Kostgängern, in meine Information bekommen haben würde. Allein mein Abschied verhinderte solches, und ich hielt, kurz vor selbigen, noch eine Predigt in der Schule, über das Evangelium, wo Christus von seinem Leyden und Abschied aus dieser Welt sollte gesprochen haben.
§ 45. Die Ursache, warum ich mich nicht länger in Lauban aufhalten wollte, war wohl eigentlich der Eckel, den ich vor der weichlichen Kinderzucht meines Vettern hatte, und die ich, nach dem Abschied Flegels, meines Stuben-Purschen (der auf Ostern nach Leipzig zu gehen gedachte) würde haben übernehmen müssen. Ich sahe da voraus, daß ich und mein Vetter, falls dieses hätte geschehen sollen, nicht lange gute Freunde geblieben seyn würden, und darum bat ich meinen Vater, mich wegzunehmen, welches auch geschahe, wie aus dem Verfolg meiner Lebensbeschreibung erhellen wird. Der Text lautet also:
Fußnoten

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1 Bei Pratjes heißt es an dieser Stelle in den handschriftl. Anmerk.: »Da sich seine Lehrer die beste Hoffnung von ihm gemachet, so erhellt daraus zum wenigsten so viel, daß er damahls noch ein gutes einfältiges Schaaf gewesen, das sich von seinen Lehrern nach Belieben, wie das andere Vieh treiben lassen. Es ist also ein weit größer Wunder, daß Ihn Gott aus diesem verbutteten Zustande gerissen, und zum rechtmäßigen Gebrauche seiner Vernunft verholfen, als wenn er Ihn zu den höchsten Würden seiner finstern Secte erhoben hätte.«




 III.
(Edelmann) Kommt auf das Gymnasium zu Altenburg.










[20] § 46. »Von der Schule zu Lauban kam er auf das Gymnasium zu Altenburg, damit Er seiner lieben Frau Mutter und ihrer Versorgung näher wäre. Durch seine natürliche Fähigkeit und fleißige Uebung erwarb er sich hieselbst gar bald die Gewogenheit des damaligen Herrn Directoris Herrn ... Daher Edelmann in Evangelio St. Harenbergs S. 15. 16. 20 ihn seinen lieben Gönner nennt.«
§ 47. Ich habe dieses nicht anders Ursache, denn ich kann mit Wahrheit sagen, daß mir dieser liebe Mann sehr gewogen war, und mich bey meinem nachmaligen Aufenthalte in seiner Inspection (denn es war der annoch lebende Herr Doctor Wilisch, gegenwärtig Superintendens in Freyberg) gerne zum Pfarrer gemacht hätte, wenn ich mich hätte entschließen mögen, mich in Dresden examiniren zu lassen, und mich unter die Rolle der Exspectanten mit einzuschreiben. Warum das nicht geschehen, will ich hernach anzeigen, wenn der Verfasser meiner Lebensbeschreibung auf die Umstände meiner Zurückkunft aus Oesterreich kommen wird. Jezt will ich nur melden, daß ich in Altenburg zu meiner Mutter Bruder ins Haus kam, und zur Information seiner Kinder bestellet wurde. Er war damals Amtmann des deutschen Ordenshauses und Assessor im Consistorio, wurde aber nachmals Rath und endlich Hofrath vom Herzog von Gotha. Er hieß Moritz Wilhelm Haberland, und war ein sehr gutthätiger Mann; ich kann sagen, daß die Zeit über, da ich seine Kinder informiret, welches biß 1719 dauerte, recht gute und erwünschte Tage bei Ihm gehabt, und es war Zeit, daß sich trübseligere einstellten, sonst meine Beine nicht stark genug gewesen seyn würden, dieselben zu ertragen.
§ 48. Er hielt eine sehr strenge, und recht nach meinem Kopfe eingerichtete Kinderzucht und das war zwar ein Glück vor mich, so lange ich da war, inmaßen ich sonst wegen meines jähzornigen Temperaments nicht lange bei Ihm ausgehalten haben würde. Es war mir aber in der Folge meines Lebens, welches ich lediglich durch Unterweisung anderer erhalten mußte, sehr schädlich. Denn ich wollte alles auf den strengen Fuß meines Vettern tractiret wissen, und dadurch habe ich mir manchmal sehr im Lichte gestanden.
Mein Vetter hatte ein größer Vertrauen in meine Geschicklichkeit zu informiren gesezet, als ich damals noch besaß, und übersahe mir, aus Liebe zu meiner Mutter, viele Thorheiten, die Er wohl zu ahnden Macht gehabt hätte, wenn er nicht zu gut gewesen wäre. Mit[21]  einem Worte, er machte mich hochmüthig, indem er theils, wenn ich öffentliche Reden hielt, mich wissen ließ, daß ich mich unter meinen Mitschülern am besten gehalten hätte, und daß der damalige General-Superintendens D. Rädel selbst zu ihm gesagt hätte, ich würde wohl mit seinem Kalbe gepflügt haben; theils, wenn ich unter seinem Nahmen Verse machen muste (welches zwar nur einmal geschehen) mich, nebst der übrigen Freundschaft über die Gebühr erhub.
§ 49. Es ist einem jungen, ohnedem ehrsüchtigen Menschen, nichts schädlicher, als wenn man ihm einen Dünkel von sich selbst und seiner Geschicklichkeit in den Kopf sezt. Er wird, wie eine übertriebene Frucht, abgeschmackt, und hat von Glück zu sagen, wenn ihn die Vorsicht bald unter Leute gerathen läßt, die mehrere Fähigkeit besizen, als Er. Diese Gnade wiederfuhr mir nicht sogleich, sondern ich muste mich mit der Thorheit des Dünkels noch eine lange Zeit schleppen, und er wurde nicht eher gedämpft, als biß ich aus Sachsen nach Oesterreich kam.
Inzwischen genoß ich auf der Schule zu Altenburg mehr Freiheit, als mir nüze war. Denn es verstrich kaum ein Jahr, so frequentirte ich die Früh-Lectiones fast gar nicht mehr, und das lezte halbe Jahr ging ich, wie ein Studente, schon bedegnet mit meinen Kindern in die Kirche, und niemand sagte mir was drum. Diese Nachsicht war mir nicht gut. Denn ich nahm, meinem cholerischen Temperamente nach, in meiner Einbildung und Dünkel täglich zu, und wenn mir nicht die liebe Armuth noch den Daumen auf dem Auge gehalten hätte, so würde ich ein unerträglicher Mensch geworden seyn.
§ 50. Unterdessen half ich in dem ersten Jahre meiner Anwesenheit in Altenburg das Lutherische Jubiläum mitfeyern, und dachte zur selben Zeit noch an nichts weniger, als daß ich noch einmal würde weiter sehen lernen, als meine damaligen Schranken gingen. Ich schäzte mich vor tausend andern, die diese Jubelfreude nicht erlebet, recht glückselig, und brannte vor Begierde, die reine Lehre bald selbst mit Ernst und Eyfer vortragen zu helfen, welches auch der Wunsch meiner seligen Mutter war, die aber diese Freude nicht erlebet, und gegenwärtig, wenn sie noch leben sollte, wohl nicht würde ertragen können, was mir Gott nach der Hand gezeiget.
§ 51. Nach Verlauf zweyer Jahre, die ich mit vielen Vergnügen alda zugebracht hatte, fanden meine Eltern und mein Vetter vor gut, mich auch das Gymnasium Academicum meiner Vaterstadt Weißenfels besuchen zu lassen, welches mir nicht gelegen war, indem ich gerne gleich auf Universitäten gegangen wäre. Es fehlte aber meinen guten Eltern noch an Mitteln, mich zu dieser Veränderung gebührend auszustatten,[22]  und also muste ich mich noch gedulden, und unterdessen Anstalt zu meinem Abzuge von Altenburg machen.
Es kam mir sehr schwer an, diesen angenehmen und mir so sehr schmeichelnden Ort zu verlassen. Allein es half da kein kläglich thun, und ich schickte mich allmählig zu meinem Abzuge. Ehe ich denselben wirklich antratt, rieth mir mein Vetter, mich bei dem bevorstehenden Examine der Altenburgischen Landes-Kinder, welches in pleno Consistorio geschehen sollte, auch mit examiniren zu lassen, es könnte mir solches, wo nicht dereinst eine gute Pfarre im Altenburgischen, doch zum wenigsten ein klein Stipendium verschaffen, mit welchen ich auf Universitäten gehen könnte.

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§ 52. Ich ließ mir den Vorschlag gefallen, und der Generalsuperintendent Rädel nahm es, nebst den übrigen Herrn Consistorialen sehr wohl auf, daß ich, nebst noch einem Ausländer, Namens Werner, uns diesem Examini gutwillig unterwarfen, da es manche unter den Landes-Kindern wohl verbeten hätten, wenn es hätte gehen wollen. Wir hielten uns wohl und wurden mit einem guten Wunsch entlassen.
Kurz vor meinem Abzuge must ich noch einmal und zwar ex tempore disputiren. Der Herr Professor Friese gab einigen, die zu diesen trockenen Scharmützeln Lust hatten, ein collegium disputatorium gratis, und da fügte sichs, daß der ordentlich bestimmte Opponent einmal außen blieb. Der Herr Präses ernannte mich sofort, dessen Stelle zu vertreten. Ich nahm es zwar an, weil ich mich aber im opponiren etwas zu naseweiß aufführte, so bekam ich von dem Herrn Professor noch einen guten Filz mit auf den Weg, der mir nach der Hand noch lange Zeit Dienste gethan.
§ 53. Endlich ging mein Weg nach Weißenfels, allwo ich, weil mein Vater die Familie noch in Sangerhausen hatte, mensas ambulatorias bey honetten Leuten erhielt, worunter selbst der damalige Superintendens Schuhmann, und der erste Hofdiaconus M. Günther mit waren, deren Liebe und gute Neigung zu meiner Wenigkeit mir die übrigen verdrüßlichen Umstände meines Weißenfelsischen Lebenslaufs noch ziemlich erträglich machten. Es kamen mir dieselben um so viel fremder und ungewohnter vor, je glückseliger und vergnügter meine erst neulich verlassenen Altenburgischen Zeiten gewesen waren. Denn mein armer Vater, der bereits über 8 Jahr Besoldung zu fordern, und beynahe sein ganzes Vermögen am dasigen Hofe zugesezt hatte, konnte mir mit nichts unter die Arme greifen, und es hatte das gänzliche Ansehen, daß alle meine bisher auf das Studieren gewandte Mühe und Fleiß in ihrer kaum aufgegangenen Blüthe wider ersticken sollte. Tausendmahl wünschte ich wohl, daß mich meine lieben[23]  Eltern ein ehrlich Handwerk hätten mögen lernen lassen, als daß sie mich dem fatalen Studiren gewidmet und ich mich nicht, als ein fast 22jähriger Kerl geschämet hätte, wider einen Lehrjungen bey manchmal unvernünftigen Meistern abzugeben, so glaube ich, ich hätte die Schulfuchsereyen auf einmal aufgegeben.
§ 54. Wenn ich nach der Hand, überlegt, warum mich die Vorsicht in Weißenfels und hernach in Jena so knapp und unter dem Druck gehalten, so kann ich wohl keine andre finden, als daß sie mich dadurch von den Ausschweifungen der Liebe abhalten wollen, in die ich sonst gewiß gerathen seyn würde, wenn ich die Gegenstände derselben, wie Jupiter seine Leda, mit einem güldenen Regen hätte beträuffeln können. So aber hieß es bey mir Deficiente Pecu, deficit omne Nia. Mein Gemüth suchte keine brutale, sondern eine vernünftige Liebe, und diese zu unterhalten, dünkte mir, ein Liebhaber müsse magnific, freygiebig und auf gewisse Maaße verschwenderisch seyn. Da ich dieses gegen die, so meinen Augen gefielen, wegen Mangel zeitlicher Güter nicht seyn konnte, so unterdrückte ich auch meine Leidenschaften, indem ich mirs vor eine Schande rechnete, gegen eine Persohn, die mir ein Vergnügen machen sollte, nicht auf eine edlere, als gemeine Art, erkenntlich seyn zu können.
Mit einem Wort die Armuth hielt mich zwar von vielen Ausschweifungen: aber auch zugleich vom Studiren ab, indem ich Tag und Nacht Calender machte, und in die zukünftigen Zeiten sahe, wo ich nichts als schröckhafte Finsternissen, und in denselben ein Ungeheuer über das andere gewahr wurde, ohne im geringsten nur einen Anschein der Hofnung zu erblicken, unter dessen Begünstigung ich mir hätte einbilden können, durch alle diese fürchterlichen Gegenstände glücklich hindurch zu kommen.
§ 55. Es mangelte mir zwar nicht an Patronen, die mir mit Worten dienten: Aber ich hatte keinen einzigen, der mich auf eine thätige Art zu poussiren gesucht hätte, sondern ich mußte alles, unter göttlichen Beystand auf meine eigenen Kräfte ankommen lassen, deren ganze Bemühung, zur selben Zeit einzig und allein dahin ging, wie ich bald von Weißenfels wider weg, und nach Jena ziehen möchte. Denn ich war schon über 21 Jahr alt, und achtete es um so viel mehr einmal Zeit zu seyn, höhere Studia zu ergreifen, jemehr ich täglich anderen meiner ehemaligen Schul-und Spiel-Cameraden von Universitäten1... So oft mir ein solcher Kerl begegnete, so oft gab mir mein Ehrgeiz aufs neue die Sporn: Es ging mir aber,[24]  wie einem entkräfteten Pferde, das bey solcher Gelegenheit eher umfällt, als es weiter zu bringen. Der Verdruß über die widrigen Aspecten, die sich an meinem Glückshimmel zeigten, eine gute Portion natürliche Ungeduld und der Neid über meiner ehemaligen Mitschüler besseren Glücke, bemeisterten sich meines Gemüths dergestalt, daß es nicht fähig war einen Schluß zu fassen, was es zu thun oder zu lassen hätte.
Ueber dieser unangenehmen Gemüths-Stellung erhielt ich durch meinen Vetter aus Altenburg das Zeugniß meines Verhaltens, so Er mir (weil der Hr. Director, bey meinem Abschiede, nicht Zeit hatte mir solches mitzugeben) nachzuschicken versprochen hatte. Der äußere Anblick desselben schien mein beunruhigtes Gemüthe ein wenig aufzuheitern. Allein ich kann nicht beschreiben in was vor Bewegung selbiges gerieth, als ich die ersten drey oder vier Zeilen davon zu Gesicht bekam; ich wuste nicht ob ich wachte oder träumte, und es hätte nicht viel gefehlt, daß ich nicht das unschuldige Papier, aus Zorn und Unmuth in tausend Stücken zerrissen. Denn ich war mir der Dinge keins bewust, die in den Anfangs-Zeilen dieses Testimonii vorkamen, und wurde über die vermeinte veränderte Gemüths-Gestalt, meines so lieb gewesenen Directoris, und über die anscheinende Unbesonnenheit meines Vettern, daß Er ein solch Zeugniß angenommen, recht sehr bestürzt.
§ 56. Nach meiner damaligen, noch wenigen Erfahrung glaube ich auch nicht, daß mir zu verüblen war, wenn ich böse that, da man mich zu schimpfen schien, wo ich glaubte ein Lob verdient zu haben. Ich will den Leser von sich selbst urtheilen lassen, ob Er sich viel anders geberdet haben würde, wenn Er, in Erwartung eines zuverläßigen Zeugnisses seines Wohlverhaltens, den Anfang von folgenden Zeilen zu Gesicht bekommen. Sie waren in Form eines fürstlichen Patents sehr prächtig geschrieben, und mit dem großen Siegel des Gymnasii bezeichnet, und lauteten ihrer Ordnung nach also:

§ 57. Lectori suo benevolo.

S. P. D.



Illustris Gymnasii Fridericiani Director, Professores et Collegae.
Quem varia juventutis conspurcarunt scelera, et inter carcinomata atque inutilia scholae pondera collocarunt merito, hunc demittere tamen bona pace, cique vitae morumque testimonium conscribere, ita ut neque obsit futurae[25]  ejus felicitati, si resipuerit, et ad meliorem redierit frugem, neque fides ac conscientia testantium laedatur, heic labor, heic opus est: Nam si vel maxime mordeamus ungues, hiulca tamen, quae chartis illinuntur, sunt omnia, minusque ad numerum rite composita, nisi, mangonium exercere, quod a bonis viris quam longissime abest, et offucias lectori facere velimus. Contra ea cum filium bonae mentis commerito vitae sludiorumque testimonio comitari, eumque magnis litterarum bonarumque artium Statoribus, ea, qua possumus ac debemus, fide commendare jubeamur, sine ullo unguium vulnere fluunt verba, et sponte veluti in suos coeunt numeros, nec scribendi testandique bene de virtute illius atque probitate nobis deesse videntur argumenta. Quod ipsum et nobis accidit, cum juvenem litterarum studiis morumque pariter elegantia omnino probatissimum
Jo. Christianum Edelmannum Weissenfelsensem
e gremio nostro demittere, deque ipsius moribus atque iudustria quae summa ubique et pertinax plane fuit, testari jubemur. Nam non e longinquo petamus eum laudandi argumenta, aut e triviis plebejorum testimonia corrodamus necesse est: Sed ipsa et corporis et animi bene compositi ratio, Vultusque candor et morum concinnitas, luculentissima testis erit virtutis ejus atque pietatis, quam et Deo et Patronis et Praeceptoribus omni cura ubique exhibuit. Neque enim in se quisquam desiderari passus est, quod ad explendas boni discipuli partes, aut ad devinciendos sibi magnorum Mecaenatum animos pertinere arbitrabatur. Quare et fiebat, ut inter alios, excellentissimi Viri et censoris morum litterarumque sapientissimi, Domini Mauritii Guilielmi Haberlandi, cujus magna apud Principem nostrum consiliorum est auctoritas, Hospitis sui, imo et avunculi benignissimi, amorem et benevolentiam propriam velut sibi conservaret ubique ac integram, dignumque se redderet, cui omnem opitulandi propensionem ab aliis quoque litterarum Patronis sollicitius et sancta mentis religione nunc corrogemus. Quod dum facimus, Deum ter Opt. Max. rogitamus supplices, velit suo numine tam laudabiles optimi juvenis conatus ita prosperare, ut fortunae salebris, in quibus haeret, feliciter emergat, omniaque novercantis fortunae ludibria, ex optimorum Parentum nostrumque omnium voto quam primum eluctetur. Vale in Domino Jesu, L.H. et studio Eddelmannii vere nostri, imo et nostris, si meremur, favere[26]  perge. Scriptum signatumque more recepto die VIII ante Cal. Septembr. A.R.S. 1719.
(L.S.) 
Christianus Fridericus Wilisch. m.m.

§ 58. Der völlige Zusammenhang dieses wohlgesezten Zeugnisses beruhigte zwar mein Gemüth wieder. Aber er gab mir keine Kräfte weiter zu kommen. Ich lag meinem armen Vater Tag und Nacht in den Ohren, mir fort zu helfen: Allein das war ihm ebenso unmöglich, als einem Krüppel das tanzen. Denn er mußte selber in größter Dürftigkeit in Weißenfels leben und konnte, wenn Er auch Blut geweinet hätte, doch nicht einen Thaler Besoldung, geschweige seine baar vorgeschossenen Gelder kriegen. Es ist uns auch das Haus Weißenfels glücklich, aber vor uns Kinder sehr unglücklich mit etlichen tausend Thalern ausgestorben, und hat den unsterblichen Nachruhm hinter sich gelassen, daß es uns seelig gemacht, denn seelig sind die armen, doch nur in der Hofnung, die manchen bey seinen gar zu bedrängten Umständen nicht recht in den Kopf will.
Mir ging es so, daher als ich vor Augen sahe, daß ich mit sammt meinem Vater in Weißenfels endlich zum Bettler werden würde, lag ich der Mutter (die nebst der Großmutter und meinem jüngsten Bruder noch in Sangerhausen lebten) aus allen Kräften an, den Vater zu bereden, in andere Dienste zu gehen.
§ 59. Es fügte sich also, daß er durch Vermittlung des 2ten Bruders meiner Mutter, des Pagenhofmeisters in Eisenach, Hofnung erhielt, Rentschreiber am dasigen Hof zu werden. Er muste also unumgänglich dahin reisen. Allein es hielt so hart ein paar Thaler von der fürstlichen Cammer herauszubetteln, daß wo ich ihm nicht noch 2 Gulden mitgegeben hätte, die mir mein Vetter aus Lauban, nebst Tuch zu einem Kleide, geschickt, Er nicht fortgekommen seyn würde.
Dieses Tuch kam mir doch nicht zu gute. Denn mein Vater hatte mir ein schon fertiges Kleid gekauft, wovon wir das Geld noch schuldig waren, mithin mußte das neue Tuch zu Gelde gemacht werden, und ich mich mit dem alten Kittel behelfen. Ich war doch damit zufrieden nachdem ich die Hofnung hatte, daß meine liebe Eltern nun bald in bessere Umstände gerathen würden, und wer war froher als ich, da mein Vater aus Eisenach wieder zurück kam und ich vernahm, daß Er wirklich als Rentschreiber daselbst war verpflichtet worden.
§ 60. Man wird ungeschworen glauben, daß ich nun alles, was[27]  in meinem Vermögen gestanden, gethan haben werde, um meinen Vater, nebst der übrigen Familie nun vollends fortzuschieben und wirklich nach Eisenach zu bringen. Allein es schien, als wenn mein guter Vater in Weißenfels angewachsen und von seiner Stelle nicht zu bewegen gewesen wäre.
Die Furcht, daß er bey längerer Verweilung wider um seinen Dienst kommen möchte, die daraus entstehenden betrübten Folgen vor mich, sammt der gegenwärtigen armseeligen Gestallt, in welcher ich mich erblickte, zu einer Zeit, wo ich eines Beystandes von außen, mehr als jemals bedurfte, schlugen mich dergestalt darnieder, daß ich aller meiner Kräfte benötiget war, mich der Verzweiflung zu entreißen.

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§ 61. Ich war an Kleidern und Wäsche ziemlich kahl, und wurde täglich kahler, da ich niemanden hatte, der meine Sachen in baulichen Wesen erhalten hätte, und ich viel zu unmuths und ungeduldig war, mich selbst mit Ausbesserung derselben aufzuhalten. Allein es half dahier kein Murren und scheel sehen, meine Lumpen wolten gebessert seyn, mein Unmuth muste dem Ehrgeize weichen, und weil ich mich täglich unter honetten Leuten sehen lassen muste, und die Ehre hatte mit selbigen zu speisen, so suchte ich alle meine Gedult und Geschicklichkeit zusammen, meine schlechte Equipage zum wenigsten in einem reinlichen und unzerlumpten Zustande zu erhalten.
Ich war daher untröstlich, als mir mein einziges, ohnedem in sein ursprüngliches Nichts sehr stark eilendes Kleidchen, von einem meiner Cameraden, Namens Mahn, in des H. Professor Büttners Collegio Astronomico, von hinten zu ganz mit Dinte begossen wurde, daß ich ungefehr die Gestalt desjenigen armen Teufels vorstellen mochte, dem Dr. Luther einmal aus heiliger Ungeduld das Dintenfaß an den Kopf geworfen.
§ 62. Es fehlte nicht viel, dieser Zufall hätte mich vor Aergerniß krank gemacht: Allein er muste erst noch schlimmer werden und zwar durch meine eigene Schuld. Ich hatte gesehen, daß man die Dintenflecke mit Citronensaft aus der Wäsche oder leinenen Zeuge auszumachen pflegte, und also gedachte ich diese Cur mit meinem befleckten Kleide auch vorzunehmen: Allein, ich machte zu meinem äußersten Verdruß, Uebel dergestalt ärger, daß das ganze Kleid, von hinten zu, völlig verdorben wurde. Denn anstatt der mittelmäßigen Dintenflecke, die ich mit einer kleinen Sündfluth von Citronensaft vertilgt hatte, zeigten sich nun große gelbe Flecke, und meine Hülle sah nicht anders aus, als wenn sie noch eine Reliquie von dem Mantel des Socrates gewesen wäre, den die Xantippe einmal mit einer gewissen Lauche eingebeizt.[28] 
§ 63. Diese Umstände machten mich fast melancholisch, weil ich weder meine Collegia, noch meine Tische anders, als in einem verschabten Mantel besuchen konnte, zu welchem Aufzuge, da ich, als ein Gymnasiast, den Degen doch nicht weglegen durfte, mir weiter nichts, als noch ein Schieß-Prügel fehlte, so hätte ich einen Hamburger Friedens-Soldaten agiren können.
Endlich fand mein Vater, dem meine Melancholie zu Herzen ging, einen Tuchscheerer, der die Kunst Flecke auszumachen, besser verstund, als ich, und es hieß noch dazu, der Herzog Christian, als mein hoher Pathe, wollte mir (weil ich meine Personen, bey denen damals auf dem Schlosse vorzustellenden Comödien gut gespielet hatte) ein neues Kleid machen lassen, so bald die Livrée würde geliefert werden.
§ 64. Die Freude war unaussprechlich bey mir, als mir wirklich von dem Schneider das Maaß darzu genommen wurde: Allein es gleichte auch nichts meinem Verdrusse, als ich sehen muste, daß bald darauf alles, biß auf die Hundejungen neu gekleidet ging, und ich noch nach wie vor in meiner alten Montur aufziehen muste.
Hätte ich damals nur 16 Groschen in meinem Vermögen gehabt, so hätte ich dem Herzog unfehlbar den Possen gethan, und wäre Ihm unmittelbar vor Aufführung einer Comödie, in welcher ich eine Hauptperson vorstellen muste, davon gegangen: Allein als ein Bettler zu reisen, kam mir gar zu schimpflich vor, und weil zumal mein Vater, der meinen Vorsaz wohl merkte, mich auch vor toll genug hielt, selbigen auszuführen, alle sein möglichstes that mich in diesen verdrüßlichen Umständen wieder zufrieden zu sprechen, und mir insonderheit die Versicherung gab, daß mir die Princessin Wilhelmine, des Herzogs Schwester jährlich 10 Thaler auf Universitäten zuzuschießen versprochen, deren ich mich nicht allein verlustig machen würde, wenn ich vor Aufführung der Comödie davon gehen sollte, sondern Ihm selber auch des Herzogs größte Ungnade zuziehen, so wartete ich dieses Schauspiel vollends ab, und erhielte mir dadurch nicht allein die Gnade der Princessin, sondern es wurde mir auch, da ich schon in Jena war, noch ein neues Kleid nachgeschickt.
§ 65. Ehe ich aber Weissenfels verlassen konnte, muste ich doch nothwendig erst wissen, woher einige Mittel zu nehmen, einen kleinen Anfang zu meiner künftigen academischen Haushaltung zu machen. Denn von meinen armen Eltern konnte ich, in ihren damaligen bedrängten Umständen schlechterdings nichts hoffen. Ich nahm also meine Zuflucht zu meinem Vetter in Altenburg, stellte Ihm meine mittellosen Umstände, und meiner Eltern Unvermögen vor, und wie[29]  mich solche hinderten, mein Studiren weiter fortzusezen. Er war von einem sehr mitleydigen Naturell, daher, ob mir schon in Altenburg, niemand was zu geben schuldig war, so brachte Er es doch, in Ansehung meines ehemaligen Wohlverhaltens in dortigen Examine, dahin, daß mir von dem dasigen Consistorio 20 Meißnische Gulden zum Geschenke ausgezalet wurden.
§ 66. Mein Vetter übermachte mir solche ohne Verzug, und wie ich sie erhielt, so weiß ich nicht, wie mir geschahe: Freude, Dankbegierigkeit, Hofnung, Lob und Preiß vor so gnädige göttliche Hülfe. Betrübniß über die bedrückten Umstände meiner Eltern, und insonderheit meines Vaters, der nicht so viel Geld in Weissenfels erlaufen konnte, daß er nur zur Antretung seines Dienstes in Eisenach hätte reisen können, samt der Vorstellung, wie es mir bey so betrübten Aspecten aus Universitäten ergehen würde, preßten mir die heißesten Thränen aus, und ließen mich lange in einer sehr tiefen Betrachtung. Doch wie mich die gegenwärtige und bisher genossene göttliche Hülfe, auch an künftiger Versorgung meines armen Lebens nicht zweifeln ließ; also zog ich endlich auch mit getrostem Muthe nach Jena, bezahlte von meinem wenigen Gelde noch etliche Thaler Schulden in Weissenfels, und wurde, um mir freye Collegia in Jena zu verschaffen, vom Herrn Superintendenten Schumann mit folgendem Testimonio Paupertatis versehen.

§ 67. Domino Lectori Honoratissimo

Salutem ac Amorem officiosissimum.

Praesentium Exhibitor, Dominus Johannes Christianus Edelmann, hactenus in Illustri Augusteo, quod Leucopetrae floret, studiis incubuit strenue. Vitam egit litterarum cultore dignam; Modestia, quam etiam summi mortales non spernunt, egregie ornatus est. Discedit hinc, non ut indulgeat genio, aetatemque oblectet vanitatibus, sed ut eruditione ac litteris animurn magis magisque locupletare possit. Ast vero, quod dolendum, paupertate premitur summa, ac fortuna ita depressus est, ut humi semper jacere oporteat, nisi erigatur a Patronis. Parentes quidem habet adhuc superstites probos ac honestissimos, sed destituti auxilio, praestare hoc filio optimae spei non valent. Utrique commiseratione digni. In Deo autem spem collocant suam et haec non erit irrita. Me quod attinet, rogo Deum, calidissimis suspiriis, ut excitare velit[30]  Maecenates in pressas optimi Juvenis Musas promptos. Addo votum omnes ac singulos, quos modestus, probus ac ingeniosus Edelmannus experietur Fautores ac Benefactores, Deus T.O.M. beet felicitate exoptatissima. Scrib. Weissenfelsae d. 29. April 1720.
(L.S.) Joh. Michael Schumann
Consil. Eccl. Consistorii Saxo Querfurth Adsessor,
Pastor et Superintendens.
m. ppr.

§ 68. Ich habe nach der Hand meine Betrachtungen über dieses Zeugniß gehabt, und mich verwundert, daß ein Mann, der andere so geschickt zum Wohlthun zu ermuntern weiß, und selbst gestehet, daß ich mich in so bedaurungswürdigen Umständen befunden, selbst so wenig thätige Liebe gegen mich blicken lassen. Denn außer zweyen Mahlzeiten, die ich, Zeit meines halbjährigen Aufenthalts in Weissenfels, wöchentlich bei ihm genossen, und die ich auch mit allen schuldigsten Dank erkannt, hätte ich mir zum wenigsten einen Gulden zum Zehrpfennig von Ihm vermuthet, den ich nach der Hand wohl manchem gereichet, der es weniger, als ich, damals bedürftig gewesen. Allein ich bekam nichts, als die Calidissima suspiria mit auf den Weg, die Er in obstehende Zeilen versteckt, die mir aber keine Suppe kochen, viel weniger einen Ofen wärmen konnten. Ich bin aber bald aus dem Wunder kommen, als ich nach der Hand vernommen, daß Avarus ein Dorfpriester, Avarior ein Stadtpfarrer und Avarissimus ein Superintendens heiße, und freue mich jetzt von Herzen, daß mich die Vorsicht diese gradus comparationis nicht passiren lassen.
§ 69. Meine Reise von Weissenfels nach Jena, gieng zu Fuße, und mein Vater gab mir das Geleite ungefehr eine Stunde von der Stadt, allwo er mit Thränen von mir Abschied nahm, und mich, weil Er keinen Heller mehr im Vermögen hatte, um etliche Groschen bat. Das Herz im Leibe hätte mir brechen mögen, daß ich mich nicht im Stande sah, Ihm, meiner Schuldigkeit nach, recht kräftig unter die Arme zu greifen. Denn weil ich in Weissenfels etliche Thaler Schulden bezalet, die sonst mein Vater, wenn Er im Wohlstand gewesen wäre, hätte bezalen müssen, so bestund mein ganzer nach Jena mitgenommener Reichthum etwa noch in 12 Thalern, und davon hinterließ ich meinem armen Vater, meines Behalts etwa 2 Gulden, wovor Er mir tausend Seegen anwünschte, und unter vielen Thränen seinen Weg nach der Stadt wiederum zurück nahm.
§ 70. Wir folgen nunmehro wider der Anleitung unsers Lebensbeschreibers, dessen Text in der Folge also lautet:
Fußnoten

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1 Hier ist eine Zeile im Manuscript weggeschnitten.




 IV.
(Edelmann) gehet 1720 nach Jena und studieret Theologiam.










[31] »Er war in der That, in allen Disciplinen welche zu höheren Facultäten geschickt machen, wohl geübet, erwehlte sich aber auf Zureden seiner Frau Mutter das Studium Theologicum, und ging Anno 1720 nach Jena, wo Er die berühmtesten Philosophos und Theologos hörete, anbey sich auf die Historiam ecclesiasticam besonders legte. In der Ketzer-Historie aber den Gottfried Arnold unter die Hände bekam, dessen Kirchen- und Ketzer-Historie sattsahm bekannt.«
§ 71. Das meiste von dieser Erzählung ist wahr, außer daß ich Gottfried Arnolds Kirchen- und Ketzer-Historie nicht in Jena, sondern nach langen Jahren erst in Freyberg beym Hr. Dr. und Superintend. Wilisch zu Gesichte bekam. Denn hätte ich sie in Jena gehabt, es würde tolle Händel gesezet, und mich die Lesung derselben, vor der Zeit, vom Studio Theologico abgebracht haben: So machte aber die Vorsicht, daß ich dieses Studium nach allen seinen Theilen mit Ruhe absolviren und mich erst wacker mit Wind füttern lassen muste, ehe ich sättigende Speisen vertragen konnte, denn damals wäre mir eine höhere Einsicht nichts nüze gewesen.
Inzwischen war mein Anfang auf dieser Universität ziemlich glücklich. Denn außerdem, daß ich meinen Vetter Reibetopf allda antraf, den ich in Altenburg bey meiner Mutter Bruder hatte kennen lernen, und der mir, nachdem Er damals in Doctorem Juris promoviret, gleich das erste halbe Jahr freye Stube in Hofrath Friesens Hause verschaffte, erhielt ich auch beim damaligen Prorector D. Struvem meine Inscription, und beym D. Buddeo, und denen übrigen Herrn Professoribus, meine Collegia frey, und lag meinen Studiis in dem ersten Vierteljahre mit großem Fleiß und von unnüzen Gesellschaften ungehindert ob.
§ 72. Weil ich aber damals noch keinen freien Tisch hatte, und von den wenigen Geldern, die ich mitgebracht, mir die nötigen Bücher anschaffte, so griff ich meinen Beutel, ehe ich's mich versahe, auf die Räthe, und ob mir schon mein Vetter in Altenburg bisher monatlich einen Thaler Zuschuß gethan hatte, so war das doch, da ich von meinen Eltern noch gar nichts bekam, nicht zureichend, alle nothwendige Ausgaben zu bestreiten, und diese Umstände setzten mein Gemüthe, das den größten Abscheu vor Schuldenmachen trug, aufs neue, in nicht geringe Verlegenheit.
Allein die gütige Vorsehung ließ mich dißmal nicht lange Calender machen, sondern fügte es, daß mir der Herr Hofrath Friese den[32]  Antrag thun ließ, ob ich einen Stuben-Purschen haben wollte. Ich nahm diesen Antrag willig an, weil mir der neue Stubenpursche, H. Stißer (der gegenwärtig in Braunschweigischen Diensten stehen soll) die Hälfte Zins bezalen muste, wodurch ich wieder etliche Thaler Geld in die Hände bekam. Er kaufte mir auch, weil Er einen gespickten Beutel mitbrachte, verschiedenes von meinen Sachen ab, wodurch ich ohngefehr ein Vierteljahr wieder zu leben bekam.
§ 73. Es wurde aber die Ruhe, die ich bisher bei meinem Studiren genossen, durch diese Gesellschaft gar merklich unterbrochen, denn mein H. Stubenpursche, der sonst eine grundehrliche Haut war, hatte einen starken Anhang von Landesleuten, die ihn oft beschmausten, und mich nicht allein in meinem Studiren störten, sondern mir auch Stube und Cammer bisweilen dergestalt vollspien, daß beyde einem Schweinstall ähnlicher, als einer Studentenwohnung sahen.
Dieser unordentlichen Lebensart war ich bisher gar nicht gewohnt gewesen, und deswegen dachte ich auf eine Aenderung, zumal da gegen Michaelis mein Bruder, der jetzige Licentiat in Chemniz, aus der Schul-Pforte darzu kam, und folglich das Geräusche auf meiner Stube noch mehr vermehrete.
§ 74. Es hatten sich die Umstände meiner Eltern damals etwas verbessert, und sie lebten nun, nach dem Tode meiner Großmutter, die in Sangerhausen starb, nebst meinem jüngsten Bruder wieder beysammen in Eisenach. Da aber der Vater nicht mehr, als 200 Thaler Besoldung bekam, so ist leicht zu erachten, daß Er bei der eigenen Unterhaltung seiner Familie, sehr wenig auf uns werde haben verwenden können. Inzwischen war es doch besser, als nichts, zumal da Er meinem Bruder, als ich Information in Jena bekam, einen Freytisch in Convictorio zuwege brachte.
§ 75. Ehe ich diese Information erhielt, wovon ich hernach sprechen will, zog ich durch Vermittelung des Hrn. M. Meienbergs, bey dem ich damals ein Collegium Grammaticale Hebraicum, nur mit drey oder vier Studenten gratis hörete, zu einem stillen und gelehrten Purschen, Namens Grimm, auf die Stube. Er war ein Eisenacher, und wir vertrugen uns wohl zusammen, studirten fleißig und waren von allen unnüzen Gesellschaften entfernt. Wir würden auch sonder Zweifel länger beysammen geblieben seyn, wenn mir nicht der Lector Publicus der französischen Sprache und Secretair des Weimarschen Hofes, Hr. Roux, die Information seiner Kinder angetragen hätte.
§ 76. So unvermuthet und ungesucht dieses kam, und so schwer mir, als einem kaum halbjährigen Academico, dieses Amt, bei meinen[33]  vielen Collegiis, zu verwalten vorkam, so augenscheinlich spürte ich doch die göttliche Vorsicht, die meinen armen Eltern die Last erleichtern, und mich in eine neue Gedultschule zu führen suchte.
Ich nahm also diese Condition mit allen Freuden an, und erhielt dadurch nicht nur freye Stube, Bette und einen guten Tisch, sondern bekam auch einen guten Zuschuß zu Holz und Licht. Allein ich mattete mich bei dieser Arbeit dergestalt ab, daß ich wohl sahe, daß das in die Länge, weder vor mich, noch vor meine Untergebenen gut thun würde. Denn ich hatte täglich 6–7 Stunden Collegia vor mich abzuwarten, die alle repetirt seyn wollten, und muste doch ordentlich 4 Stunden des Tages informiren, wodurch ich manchmal so müde und unaufgeräumt wurde, daß ich mir selber zuwider war. Ich faßte daher den Entschluß, meine Condition mit Verfließung des halben Jahres aufzukündigen: Allein Hr. Roux kam mir mit Ehrerbietung zuvor und sagte mir solche mit aller Höflichkeit selber auf, weil die Kinder, in meiner Abwesenheit allerhand Muthwillen trieben, und Er solche gerne unter einer beständigen Aufsicht gehabt hätte.
§ 77. So gerecht als das Betragen dieses ehrlichen Mannes war, dem ich in der französischen Sprache vieles zu danken habe, so sehr hielt sich mein närrischer Ehrgeiz dadurch beleidigt, und ich sann auf Mittel, wie ich Ihm wieder einen Verdruß machen möchte. Ich blieb demnach in seinem Hause, miethete mir eine eigene Stube, und nahm nicht allein einen andern Sprachmeister, und zwar des Herrn Roux allerstärkesten Antagonisten, Namens Provansal an, sondern ich hielt auch unter dessen Aufsicht mit 6 andern Studenten französische Assemblée auf meiner Stube, und wenn wir beysammen waren, so ließ ich das Bier nicht aus des Hrn. Roux Keller, wie sonst, nehmen; sondern meine Aufwärterinn muste Augspurger holen, um ja den guten Mann, der mir nicht nur nichts zu leyde, sondern auch viel gutes gethan hatte, auf alle Weise zu kränken.
Ich that mir, in der That, mehr Schaden, als Ihm, denn ich muste nicht allein den neuen Sprachmeister bezalen, da ich beym Hrn. Roux Information umsonst genossen; sondern es kam mich auch das Augspurger Bier noch einmal so theuer zu stehen, als der sogenannte Maulesel, oder Collegien Bier, das ich bey Ihm hätte haben können. Allein die unartige Begierde mich zu rächen, wo ich nicht beleidiget war, und die ich von dem Gott der Christen gelernet hatte, verleitete mich zu dieser Thorheit, und ich werde mich derselben mein Lebenlang schämen.
§ 78. Inzwischen wartete ich mein Studiren, da ich nun wider vor mich allein war, fleißig ab, versäumete nicht leicht ein Collegium,[34]  und besuchte die öffentlichen Disputationes mit Vergnügen. Mit einem Worte, ich that nach meinem Vergnügen alles, was ein fleißiger Studiosus Theologiae zu thun schuldig war, und hielt mich in Theologicis am meisten an den Hrn. D. Buddeum, und dessen Hrn. Schwiegersohn, den fleißigen Hrn. Professor Walch, dessen unermüdete Arbeitsamkeit die leichtfertige Spötterei der damaligen Studenten wohl nicht verdienete, nach welcher sie Ihm einmal, auf den Beistand seines Schwiegervaters stichelnd, einen Zeddel auf den Catheder legten, worauf geschrieben stund: Alles was der Vater hat, das ist mein, darum habe ich gesagt: Er wirds von den meinen nehmen und Euch verkündigen.

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Dergleichen Betragen hat mir nie gefallen, sondern ich trug die größte Ehrfurcht vor meine Lehrer, und hieng mich fast mehr an sie, als ich hätte thun sollen, wenn ich die Wahrheit unpartheyisch hätte untersuchen wollen: Allein diese Gedanken kamen mir zur selben Zeit noch nicht in den Sinn. Denn ich hielt alles, was meine Lehrer sagten, vor lauter göttliche Oracul, und konnte von meinen Cameraden gar nicht vertragen, wenn sie bisweilen aus dem Bayle, Hobbes, und andern dergleichen verdächtigen Leuten, Zweifel auf die Bahn brachten.
§ 79. Ich mag meine Leser nicht aufhalten mit Erzehlung desjenigen, was ich bei diesem oder jenem Hrn. Professore, Magistro oder Adjuncto, besonders vor Collegia gehöret, nur dieses muß ich melden, daß ich dem Herrn M. Rambach (der hernach nach Giessen kam) das Exegeticum, und dem Herrn Adjuncto Werner (der jetzt in Stargardt stehet) das Accentuatorium schuldig geblieben. Die Wahrheit zu bekennen, so dauerte mich das Geld, das ich vor diese Schnurpfeiffereien ausgeben sollte. Wenn ichs aber übrig gehabt hätte, so würde ichs den guten Leuten doch nicht vorenthalten haben, wie wenig Trost ich auch aus diesen beiden Collegiis (woraus andere Miracul machten) vor mich schöpfen können, woran doch nicht der Fleiß und die Treue meiner Lehrer, sondern meine eigene Gemüthsbeschaffenheit schuld war, die schon damals, unwissend warum, keinen rechten Geschmack an diesen Wörterzergliederungen und Sylbenstechen finden konnte.
Ich bereue die Stunde noch die Zeit, die ich auf diese geistliche Narrenspossen verwendet. Denn sie haben mich keine Pfeife Taback genuzt, und ich würde weit klüger gehandelt haben, wenn ich anstatt dieser Thorheiten, die Englische und Italianische Sprache vor die Hand genommen hätte, doch man wird selten anders, als mit[35]  Schaden klug, und wenn das nur geschieht, so ist der Schade noch vor einen Nuzen zu rechnen.
§ 80. Es wurde zu meinen Zeiten die hebräische Sprache sehr stark getrieben, und die dümmsten unter meinen Cameraden waren die gelehrtesten darin. Ich, der ich mirs vor eine Schande hielt, einen Theil der Gelehrsamkeit vergebens bei mir suchen zu lassen, legte mich auch mit Fleiß darauf, und zwang mich, wider meinen Appetit, einen Geschmack an derselbigen zu gewinnen. Wie ich aber hörte, daß sich die damaligen berühmtesten Buchstäbler selber nicht über die rechte Aussprache derselben vergleichen konnten, und einer den andern manchmal in Collegiis recht verächtlich herunter machte, so hätte ich den Plunder, nach einmal und andermal gehörten Grammaticali beynahe gänzlich weggeworfen, wenn ich nicht gewust hätte, daß man die Candidaten in denen Examinibus am meisten mit dieser Zaubersprache zu vexiren gepflegt. Ich machte sie also bloß wegen der damaligen Mode mit, ungeacht ich wegen der großen Zweydeutigkeit und Ungewißheit derselben, worüber sich die berühmtesten Hebräer bis auf diese Stunde noch nicht vergleichen können, je länger, je mehr Eckel davor bekam. Ich meinte aber zur selben Zeit, ich könnte kein würdiger Gesandter Gottes heißen, wenn ich die Sprache meines Herrn nicht verstände, gerade als wenn es schon ausgemacht gewesen wäre, daß Gott in keiner andern, als in der verfallenen Judensprache mit den Menschen reden wollen. Doch was thun die Vorurtheile nicht.
§ 81. Je mehr ich mir Mühe gab es in dieser sogenannten h. Geists-Sprache zu etwas gründlichen zu bringen, je weniger Grund fand ich darin, und der Zank, der damals zwischen den Hrn. Professor Ruß und dem Herrn Adjuncto Hoffmann über die rechte Lesung des Kametz Catuph vorwaltete, da sie doch beyde über D. Danzens Grammatic lasen, der damals noch lebte, und den rechten Verstand seiner Reguln leicht hätte erklären, und folglich den Streit dieser beyden Buchstäbler, die alle beyde seine Schüler waren, pro Auctoritate entscheiden können, dieser unangenehme Zank, sage ich, von 2 Männern, die alle beyde Gesandte Gottes seyn, und die Sprache ihres Herrn verstehen wollten, verleydete mir vollends die Lust dazu, denn konnten sich die elenden Leute nicht einmal über den rechten Verstand einer Grammaticalischen Regul ihres Meisters vergleichen, bey dem sie doch stündlich die Entscheidung ihres Streites hätten einholen können, was konnte ich vor Gewißheit von ihnen erwarten, wenn sie mir Schriften erklären wollten, deren Verfasser vor etlichen tausend Jahren verstorben seyn sollten.
§ 82. Mit kurzen ich fing an mein Hebräisch laulicht zu tractiren,[36]  und war zufrieden wenn ich die historischen Bücher der Bibel verstehen konnte. Denn die Prophetischen verstunden meine gelehrten Buchstäbler, mit aller ihrer Wortklauberey selber nicht, und also durfte ich mir's vor keine Schande rechnen, wenn ich unter so großen Ignoranten ein kleiner mit war, nur hatte ich dabey diß zum Vortheil, daß mich meine Ignoranz weniger Zeit und Mühe gekostet, und ich, anstatt den eckelhaften Speichel der abergläubischen Juden zu lecken, mich an angenehmeren Sachen vergnügen konnte.
Zwar waren dergleichen Gedanken damals noch gar weit von mir entfernt. Allein etwas geheimes, das ich zur selben Zeit noch gar nicht kannte, schien mir zu sagen, daß ich Zeit und Mühe vergebens mit diesen Dingen verderben, und am Ende noch bereuen würde, daß ich mich mit nichts gründlichen beschäftigt. Es hat es auch der Ausgang bewiesen, daß mir die hebräische Sprache zu alle dem Aufsehen, das meine Schriften in Deutschland gemacht, nicht das geringste geholfen.
Wenn indessen wahr ist, was die Acta historico-Ecclesiastica Tom 1. p. 45 im Anhange von D. Danzen sagen, daß er öfters von D. Luthero zu sagen gepflegt: Er habe nicht so viel hebräisch verstanden, als einer von seinen Schülern, der nur einmal die Grammatic bei Ihm gehöret, so lehret das Exempel dieses großen Mannes hoffentlich deutlich, daß einer zum Schröcken des Aberglaubens eben nicht nöthig habe hebräische Flüche herzubeten.1
§ 83. Die griechische Sprache gefiel mir besser, und ich wandte auf Schulen viel Fleiß darauf, las auch in Altenburg den Plutarchum de puerorum institutione mit ziemlicher Fertigkeit, weil es aber auch nur eine todte Sprache war, in welcher ich eben nicht Professor zu werden gedachte, so ließ ich meinen Fleiß in derselben in Jena auch nicht weiter gehen, sondern war zufrieden, daß ich das neue Testament und die Uebersetzung der sogenannten 70 Dolmetscher verstehen konnte: Dagegen legte ich mich mit desto größerem Fleiß auf die französische und meine eigene Muttersprache, die mir auch in der Folge meines Lebens tausendmal mehr genuzet, als alle mein Griechisch und Hebräisch, auf welches ich doch ungleich mehrere Zeit und Mühe gewendet hatte.
Es fällt mir dabei eine Historie ein, von einem gewissen Franzosen, der sich, als ein gefährlicher Patiente eine geraume Zeit von[37]  gelehrten Medicis hatte müßen martern lassen, ohne daß Ihm im geringsten wäre geholfen worden. Endlich gerieth er an einen, den die andern alle vor einen Ignoranten hielten. Aber dieser curirte den Patienten. Einer von diesen Herrn besuchte denselben ungefehr, und als er erfuhr, wessen Cur er sich jetzt bediente, fragte er ihn, ob er sich nicht schäme, sich einem Kerl anzuvertrauen, der weder Griechisch noch Lateinisch verstände. Allein der Patient gab zur Antwort: Mein Herr, er curirt mich auf französisch.
§ 84. Ich habe also meine Landsleute auch auf deutsch curirt, nachdem Ihnen keiner von denen, die so viel hebräisch und griechisch verstehen, hat zurecht helfen können. Ich weiß daß sich diese gelehrten Leute nicht wenig darüber geärgert, und mich deswegen auch als den größten Ignoranten verhaßt zu machen gesucht haben. Allein meine Patienten haben sich nicht daran gekehrt, und ich selber habe nach der Hand so viele Magistros Ignorantiae vor mir gefunden, daß ich gern zufrieden seyn will, wenn ich der geringsten einer unter Ihnen seyn kann. Cornelius Agrippa soll gesagt haben: Nil scire felicissima vita und man sollte fast auf den Gedanken gerathen, daß dieser Ausspruch wahr wäre, wenn man betrachtet, wie unzufrieden und mißvergnügt die meisten unsrer allwissenden Gelehrten leben: Doch ich gönne Ihnen gerne, was sie vor mir voraus wissen; vielleicht weiß ich auch was, das sie nicht wissen, aufs wenigste weiß ich, daß ich vor Gott kein armer Sünder bin, welches sie bey alle ihrer Allwissenheit weder wissen, noch wissen dürfen. Wer nicht blind ist, kann leicht sehen, wer bey diesen Umständen der größte Ignorante sey.


§ 85. Ich komme wider nach Jena, allwo es zu meinen Zeiten noch über die massen wild und ungezogen unter den lieben Musen-Söhnen zugieng. Man hätte sie eher Bachus-Martis- und Veneris-Söhne, als Kinder der Weisheit und Tugend nennen können. Absonderlich war das unvernünftige Rauffen und Schlagen dergestalt unter den armen Leuten eingerissen, daß sie einander am hellen lichten Tage, auf öffentlichem Marckte, vor den Augen aller Menschen massacrirten, und kein Bedencken trugen, sich vor den Häusern ihrer Seelsorger zu duelliren, zum offenbahren Merckmal, daß man diese Universität eher einen Sammelplatz der Laster, als eine Schule der Tugend hätte nennen können.
Ich habe allein Eilf dergleichen unglückliche Exempel, Zeit meines Daseyns erlebet, und zwar von lauter Erzfechtern oder sogenannten Renomisten, die alle von weit ungeübtern über den Haufen gestochen, und des sonst so lieben Lebens, oft um der allerlüderlichsten Ursache[38]  willen beraubet wurden. Wenn es also nach dem Sprüchwort gehet: Wer von Jena kommt ungeschlagen, der hat von Glück zu sagen, so habe ich, in Ansehung meines cholerischen Temperaments, das sonst blutwenig vertragen konnte, wirklich von Glück zu sagen. Denn außer einer kleinen Faust-Rencontre, die ich einmal mit Herrn Stisser auf meiner Stube hielt, und in welcher ich Ihm, da er mir das Maul aufreißen wollte, bald den Finger abgebissen hätte, habe ich nie den geringsten Handel, weder an andre gesucht, noch von andern gehabt.
§ 86. Ein großes trug zu dieser Sittsamkeit meine damalige Gemüthsstellung bey, denn ich wurde nach dem Vorsaze, den ich hatte, Theologiam zu studiren, bald ein eifriger Buddeaner, oder sogenannter Mucker, und dachte, wenn mir einer eine Schelle auf den einen Backen gäbe, ich müste den andern auch hinhalten. Ich weiß aber nicht, ob ich die Probe ausgehalten haben würde, wenn sie einer mit mir hätte machen wollen, ich glaube vielmehr, daß ich mir einen andern biblischen Spruch, nach welchem ein vollgedrückt, gerüttelt und überflüssig Maaß in des andern Schooß zu geben, angewiesen wird, zu nuze gemacht haben würde.
Doch dem sey jetzund wie ihm wolle, so war mir mein damaliger Aberglaube zu vielen nüze. Denn er hielt mich nicht allein von lüderlichen Gesellschaften ab, in welchen ich leicht zu Händeln hätte kommen können, sondern verschaffte mir auch Gelegenheit meinem Studiren mit desto größerem Fleiße obzuliegen. Es hat also alles zu seiner Zeit seinen Nuzen, und es ist gewiß, daß die Freiheit, zu welcher mich Gott nach langen Jahren erst berief, in meinem damaligen munteren Alter, nicht wohl angewendet haben würde.
§ 87. Nichts desto weniger wäre mir doch bald einmal ein Unglück begegnet, das ich noch diese Stunde beklagen würde, wenn es Gott nicht in Gnaden abgewendet hätte. Denn als der D. Buddeus Prorector wurde, war ich nebst meinem Bruder und etlichen andern guten Freunden auf meines Vetter Krügelsteins Stube, auf der damaligen Post, der Collegen Kirche grade gegenüber, um die Procession mit anzusehen. Einer unter diesen Freunden, der auch mein naher Vetter aus Eisenach war, und mit Namen Göckel hieß, bekam Lust mit mir zu fechten. Er hatte seinen Jenaischen Raufdegen, jedoch nur in der Scheide, ich aber nur ein kleines Convictoristen-Spieschen, mit welchem ich seinem Raufdegen kaum an die Hälfte reichte. Ich sagte, daß wenn wir fechten wollten, wir wenigsten gleiche Waffen haben müßten. Er aber traute seiner Kunst, und gab mir seinen eigenen Degen und nahm dagegen meinen, doch[39]  beide blieben in der Scheide: die seinige aber war unten gegen das Ortband, über eine Spanne lang zerbrochen, und machte sich unter währenden pariren, uns beyden unwissend, bloß. Wie ich nun einen Stoß nach ihm that, so traf ich Ihn mit der Spitze des Degens dergestalt auf die rechte Brust, daß der Degen fingerslang in den Leib ging, und er sofort Käseweiß wurde.
§ 88. Wem war banger zu Muthe, als mir, wie Er das Kleid aufriß, und mich das stark hervorquellende Blut im Hemde sehen ließ. So unschuldig als ich war, indem ich nicht den geringsten Vorsatz gehabt hatte, Ihn zu verletzen, so angst war mir doch, ehe wir die Beschaffenheit der Wunde erkundet hatten, welches endlich, nachdem Ihm mein Stubenpursche Falcke, das Blut ausgesauget hatte, durch einen geschickten Studiosum Medicinae, Namens Collmann geschahe, der von Suntra aus Hessen war, und diesen Patienten bald glücklich wider zurechte brachte.
Nach diesem glücklich überstandenen Ebentheuer, wodurch ich leicht ein Mörder eines meiner besten Freunde, ganz ohne meine Schuld, hätte werden können, nahm ich mich noch mehr vor aller Gelegenheit in Acht, wodurch ich in Händel hätte gerathen können. Es begunte auch diese Ungezogenheit nach und nach, schon zu meinen Zeiten abzunehmen, als der Hr. Professor Ruß, bei seinem Prorectorate das Herz faßte, die sogenannten Landsmannschaften, Hofschmäuse, Auszüge, und andere dergleichen Insolentien, es koste was es wolle, aus dem Grunde auszurotten.
§ 89. Ich will mich mit Erklärung dieser Academischen Tollheiten nicht aufhalten. Denn ich habe keine jemals mitgemacht, sondern ich will nur soviel sagen, daß bey Abschaffung derselben, ein solcher Tumult entstund, daß der Herzog von Eisenach genötiget wurde, die dortigen Grenadier, die von den Studenten, Spottweise nur Schnurbärte genannt wurden, und zu Bändigung der muthwillligen Musensöhne da lagen, um ein merkliches zu verstärken.
Es wollte den ungezähmten Leuten gar nicht in den Kopf, daß sie auf einmal, ihre so übel angewendete Freiheit verlieren sollten, und sie taten alles, was sie kunten die guten Absichten des Hrn. Prof. Russens zu vereiteln. Allein er hielt sich männlich, und ich muß bekennen, daß er damals was gewaget, was sich keiner vor Ihm unterstanden, und was Ihm doch bey der späten Nachwelt noch, zum unsterblichen Ruhm gereichen wird. Denn Er war bey der tollen Wuth der Studenten seines Lebens selber nicht sicher.
§ 90. Man hat mir aber erzehlet, daß Er sich bey diesen allen recht heldenmüthig aufgeführet. Denn als sich die wilden Pursche[40]  einmal etliche hundert stark vor seinem Hause versamlet, und in Willens waren, selbiges zu stürmen, soll Er selbst im Schlafrock heruntergekommen, in seine Hausthüre getreten und zu dem wüthenden Haufen gesagt haben: Ihr Herren, da bin ich, thun sie mit mir, was sie wollen; Ich aber muß thun, was meines Amtes ist. Worauf nicht nur keiner gemucket, sondern sie haben auch Ihn und sein Haus unangetastet gelassen.
Ein Exempel, daß Gott einer gerechten Sache, wider unbefugte Gewalt schon beyzustehen, und der Obrigkeit, wenn sie zum Heil der Unterthanen etwas vornimmt, schon die Stange zu halten wisse. Denn man sah da täglich die vornehmsten Aufwiegler, unter starken Escorten von Grenadiren mitten durch die tumultuirenden Musensöhne in Verhaft führen, ohne daß sich nur einer hätte unterstehen dürfen, ihre Begleiter anzugreifen.
§ 91. Einstmals mußte ich recht herzlich über die Herzhaftigkeit dieser Eisenfresser lachen. Denn als sie eben recht böse thaten, und alles übern Haufen werfen wollten, nach dem sie das sogenannte Professoren Schwarze Brett (woran der fürstl. Befehl zu Abstellung ihrer Ausschweifungen angeschlagen war) mit samt dem eisernen Gegitter abgerissen, in Stücken zertreten und den Befehl sammt den Trümmern des Bretts in den vorüberfließenden Leiterbach geschmissen hatten, und nun das Consummatum est in bester Andacht sungen, rückte hinter der Kirche eine Compagnie Grenadier mit brennenden Lunten und Grenaden, in wohlgeschlossener Ordnung an, und avancirte Schritt vor Schritt, auf die wohl 2000 Mann starke Studentenschaar.
Allein da hätte einer sehen sollen, wie diese Helden ausrissen. Sie hatten sie kaum erblickt, so stoben sie, unter dem tapfern Zuruf: Stehet! Stehet! ihr Brüder (worauf aber niemand achtete) wie Spreu auseinander, und überließen den Schnurbärten die Wahlstatt, ehe sie noch eine Grenade erblickt.

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§ 92. Ich lebte, nach diesen, da ich auch im Convictorio einen Freytisch erhalten hatte, ziemlich zufrieden, und bediente mich der dasigen Freiheit, die, außer ihrem Mißbrauch, gewiß was schönes ist, zu meinem Vergnügen auf vielerley Art. Sonderlich war ich gerne, wo meine guten Freunde Collegia musica hielten, als woselbst es allemal ziemlich ehrbar zugieng, und das unmenschliche Saufen, welches mir jederzeit ein Greuel gewesen, keinen Platz fand.
Hingegen war ich zu jener Zeit ein großer Liebhaber vom L'hombre-Spiel, und hatte mit meinem damaligen Stubenpurschen und sehr werthen Freunde, Hr. Hasserodt aus Eisenach und einigen Curländern,[41]  eine geschlossene Gesellschaft, oder sogenanntes Kränzchen errichtet, nach welchen wir, der Reihe nach, allemal des Sonnabends nach Mittag um 4 Uhr zusammenkamen und um einen Pfenning Einsaz spielten, wobey gemeiniglich die Nacht, bis 2–3 Uhr mit drauf ging und an die folgende Sontags-Andacht wenig gedacht wurde.
§ 93. Ueberhaupt wird man mir auch zugestehen, daß die wenigsten Studenten, zumal in Jena, aus Andacht in die Kirche gehen. Denn da ist's wohl unmöglich, daß auch diejenigen, die in dieser Absicht die Kirche besuchen, auch nur die geringste Andacht haben können, weil es nicht allein bei dem beständigen Ein- und Ausgehen der Studenten, von denen mancher kaum ein paar Vaterunser lang drinn bleibet, alle Augenblick was neues zu sehen giebt, sondern da hatten sich auch zu meinen Zeiten, an den Kirchthüren, inwendig und auswendig, ganze Kuppeln Kinder-Weiber und Kinder-Mädchen, mit kleinen, oft noch säugenden Kindern gelagert, die dann mit ihrem unangenehmen Geschrei ein solches Lerm machten, daß man nicht das geringste von dem redenden Prediger vernehmen konnte, und froh war, wenn man aus diesem Getöse wieder in die freye Luft kam.
In der Collegen-Kirche pflegten die Studenten zwischen dem Altar und der Kanzel ordentlich auf- und abzuspaziren, mit einander nach aller Herrlichkeit zu plaudern, Zeitungen zu lesen, und einander was neues zu erzehlen. Mit einem Worte, die dasigen Kirchen kamen mir nicht anders vor, als die Taubenhäuser, wo alle Augenblick Tauben ab, und andere mit großem Geräusche wieder zustiegen, so daß, wenn man gleich gern andächtig seyn wollte, man doch unmöglich kann, weil die Sinne fast alle Augenblick durch neue Vorwürfe zerstreuet werden.
§ 94. Zur selben Zeit entstanden die bekannten Streitigkeiten wegen der Wolffianischen Philosophie in Jena, die damals nur von dem einzigen Magister Köhler, meinem Speciell-Landsmann daselbst vorgetragen. In Halle aber von der feindseligen Andacht des D. Langen dergestalt blamiret und verfolget wurde, daß auch der Hr. Professor Wolff darüber aus Halle weichen mußte. Timebant enim (damit ich mich bey der Gelegenheit der Worte Philonis bediene in seinem Buche quod Deus sit immortalis p.m. 247 Opp. D.r. (s. Theologie Halenses (?)) suis dogmatibus, ne subvertantur confundanturque et ideo bellum internocinum minabantur
Hätten diese biß in den vierdten Himmel verzuckten Leute diese neue Philosophie mit den Augen des Hrn. Crousaz ansehen können,[42]  der in seinem Examen de l'Essay de Mr. Pope sur l'Homme (Besage der früh aufgelesenen Früchte in den U.N. von 1740 p. 251) von diesen unvermutheten Weltweisen schreibet: Ils ont adopté le Systeme le plus extravagant, qui fut jamais, et toutes les reveries d'Homére et tous les contes de Fées n'en approchissent pas: so würden sie nicht nöthig gehabt haben, den guten Hrn. Wolff deswegen aus Halle zu verweisen. Es ist aber des Aberglaubens Art, alles was nicht seine Mine macht, gleich vor gefährlich und Atheistisch auszuschreyen, und der Hr. Wolff, der von Ewigkeit darzu prästabiliret war, daß Er als ein Atheist aus Halle relegiret werden sollte, konnte sich über diese unvermeidliche Nothwendigkeit leicht zufrieden geben.
§ 95. Mich betreffend, so läugne ich nicht, daß ich damals mehr wegen des Ansehens meines geliebten Buddei, als aus eigener Ueberzeugung diese neue Philosophi verwarf. Allein ich wurde doch bald genöthiget, mich etwas näher mit derselbigen bekannt zu machen. Denn ich gerieth in einen Disput mit dem Hrn. Heimburg, einem eifrigen Wolffianer, und nachmaligen Doctore und Professore Juris in Jena, der mir nicht zugeben wollte, daß die Seele den Körper bewegte. Ich muste mich daher nothwendig nach den Gründen umsehen, die Hr. Wolff zu Behauptung seiner vorherbestimmten Zusammenstimmung angebracht. Allein je mehr ich welche suchte, je weniger fand ich, vielmehr sah mir die neu zu errichtende Welt dieser Leute so wunderlich und seltsam aus, daß ich mich gern in eine bessere gewünscht hätte.
Aufs wenigste wäre mirs eine Freude gewesen, das unförmliche derselben in einer eigenen Dissertation zu zeigen, wenn meine Mittel hätten zureichen wollen einen solchen Actum Academicum aufzuführen. Doch ich war damals zu sehr im Affect und würde eher das unförmliche an mir selbst haben sehen lassen, als daß ichs an andern, wie sichs gehöret, würde haben zeigen können.
§ 96. Damit ich aber doch nicht ganz und gar ungezankt von Jena wieder wegziehen möchte, so muste sichs fügen, daß mich meine Curländischen guten Freunde dem Hrn. M. Jantzen, einem Dantziger von Geburth zum Respondenten vorschlugen, als er sich habilitiren wollte. Ich disputirte also zweymal unter seinem Präsidio de paschate Christi, σταυρώσιμω, und erwarb mir den Beifall meines Auditorii und der Herr Professorum. Ich merkte aber, daß diese Art von Uebungen mir noch mehr Dünkel beibringen wollte, als ich bereits hatte. Denn es kitzelte mich bis in die Fußsohlen, als mir der Decanus, um den Präsidem selber reden zu hören, mit aller[43]  Höflichkeit zu verstehen gab, meinen Discours mit den Opponenten ein wenig aufzuhalten.
Wie dieses eine Ehre war, die Zeit meiner Anwesenheit (so viel mir bekannt) keinem Respondenten widerfahren war, der sich bei Inaugural-Disputationen neuer Magister hatte brauchen lassen, indem die meisten aus dem Tacito antworteten, und mit Jähnen, Räuspern und Katzenbuckel machen aufs beweglichste zu verstehen gaben, daß sich der Präses ihrer bald annehmen, und eine neue Sprachverwirrung verhindern möchte, also ist leicht zu erachten, wie sanft es mir müsse gethan haben, wenn ich mich so weit über den Dunst-Kreyß meiner Cameraden müssen erheben sehen.
§ 97. Ich disputirte mit mir selbst wachend und träumend, und machte so viel Syllogismos perfectos, imperfectos et cornutos, daß ich mich stark genug hielt in Begleitung aller dieser Ungeheuer, mit dem Teufel selber anzubinden. Ich erwarb mir durch mein Lateinisches Plaudermaul die Gunst eines andern Dantziger Magisters, der mich bei seiner nächst zu haltenden Inaugural-Disputation ebenfalls zum Respondenten ausersehen hatte. Allein ich wurde unvermuthet unpäßlich, ob ich durch einen geheimen Zug die zunehmende tödtliche Krankheit meiner lieben Mutter, und derselben nahe bevorstehendes Ende empfand, oder mir wirklich selbst was fehlte, kann ich nicht eigentlich sagen. Genug ich befand mich nicht wohl, und sahe mich genöthigt, weil ich noch ziemlich bei Kräften war, eine Reise nach Eisenach zu meinen Eltern zu thun, und mich ihres guten Raths zu bedienen.
98. Ich trat also diese Reise mit meinem Bruder zu Fuße an, und diese Bewegung bekam mir so wohl, daß, ehe ich Eisenach noch erreichte, ich mich völlig wieder wohl befand. In Gotha, durch welchen Ort wir musten, sprach mein Bruder beim H. Amts-Commissarius Krügelstein an, dessen Liebste mit meiner Mutter nahe verwandt war. Ich aber legte mich, nebst einem andern Reisegefährten in den Gasthof, indem ich meinen Freunden, die ich noch nicht kannte, und die ohnedem eine starke Familie hatten, keine Ungelegenheit machen wollte.
Es ließ mich aber ihre Höflichkeit und Gastfreyheit nicht im Gasthofe, sondern wie sie von meinem Bruder vernommen hatten, daß ich mit ihm kommen wäre, nöthigte mich ihre Liebe, bey Ihnen Quartier zu nehmen. Wir wurden über die Maassen wohl bewirthet, und es gefiel mir die Einigkeit und Verträglichkeit dieses werthen Hauses, die ich besonders unter Geschwistern noch nirgend so gefunden[44]  hatte, so wohl, daß ich gerne länger da geblieben wäre, wenn es der Wohlstand hätte leiden wollen.
§ 99. Die Liebe mischte sich zwar hier mit ein. Denn ich merkte, daß mich die Aelteste meiner Muhmen sehr wohl leiden mochte, und sie war mir auch nicht gleichgültig, welches ich daran merkte, daß mir ein ander schönes Frauenzimmer, in deren Gesellschaft man uns, Zeit unserer Anwesenheit öfters führete, keine solche Regungen verursachte, als wie ich gegen sie empfand. Ich läugne nicht, daß wenn ich damals im Stande gewesen wäre, der Liebe auf eine honette Art Plaz zu geben, ich etwas vertraulicher mit Ihr gesprochen haben würde; So aber muste die Liebe der Vernunft dißmal weichen, und unser Umgang blieb in den Schranken der Höflichkeit und zugelassener Ergözlichkeiten. Man zeigte uns alles Sehenswürdige in Gotha und suchte uns auf alle ersinnliche Art zu divertiren, und ich kann sagen, daß mich dieser angenehme Ort recht sehr vergnügt. Endlich aber erforderte es der Wohlstand unsern Abschied zu nehmen, der mich in Ansehung meiner geliebten Muhme, etwas hart ankam. Doch die Hoffnung sie bei meiner Rückreise wieder zu sehen, erleichterte meinen Verdruß, und wir verließen einander unter vielen Zärtlichkeiten.
§ 100. Wir gelangten also glücklich nach Eisenach, und wurden von unsern lieben Eltern mit voller Liebe empfangen, obschon meine werthe Mutter, die den Tod in einer 12jährigen auszehrenden Krankheit schon am Halse trug, sich stärker machte, als es ihre Kräfte verstatteten, und damahls war es auch, daß ich sie zum leztenmale sah. Sie hätte herzlich gern gesehen, daß ich mich damals in Eisenach mit einer Predigt hätte hören lassen. Allein weil ich mich in dieserley Uebungen noch gar nicht probiret hatte, so mochte ich auch vor meinen Eltern, da ich meine Kräfte noch nicht kannte, keine ungewisse Probe machen, sondern begab mich, nach einem ungefähr 14 tägigen Aufenthalt wider nach Jena, und bekam bald darauf die traurige Botschaft von dem Absterben meiner lieben Mutter, welcher ich auch in meinem und meiner Brüder Namen meine letzten Thränen in einem Leichen-Gedichte opferte.
§ 101. Ehe mich diese Betrübniß betraf, gefiel es der liebreichen Führung meines Schöpfers, mich bey meiner Rückreise von Eisenach in Gotha aufs neue an meiner geliebten zu vergnügen. Wir schienen einander beyderseits mehr sagen zu wollen, als wir uns das erstemal getrauet, und weil auf den künftigen Donnerstag eben das Frohnleichnamsfest in Erfurt sollte gefeyert werden, so wurde beschlossen dahin zu fahren, und uns unterwegs auf einem gewissen Dorf zu divertiren. Die Compagnie bestund aus 8 Persohnen, worunter noch[45]  2 von meinen Verwandtinnen waren, deren eine aber mich hinderte, daß ich meiner geliebten nicht näher kommen durfte, als es der Wohlstand lidte.
Niemals habe ich mehr Schmerzen empfunden, als dieselbige Nacht, da ich in Gesellschaft der ganzen Compagnie auf der Streu, zwar meiner Muhme an die Seite zu liegen kam, aber geschehen lassen muste, daß sich obbemeldete Verwandtinn gleich auf die andere Seite neben sie legte, und eine so wachtsame Schildtwacht agirte, daß wir einander fast gar keine Caressen erzeigen kunten. In dieser Positur dünkte mir die kurze Nacht doch eine Ewigkeit, und ich war froh, daß es Tag wurde um mich dem Orte meiner Quaal (denn Vergnügen hatte ich nicht genossen) mit guter Manier entreißen zu können.
§ 102. So bald die übrige Gesellschaft munter war, ging die Reise, nach einem kurzen Frühstück, nach Erfurt fort. Ich mußte aber, ob ich schon mit meiner geliebten in einer Kutsche saß, und ihres Bruders wegen, ihr alles hätte sagen können, was verliebte einander zu sagen pflegen, wegen der verdrießlichen Aufpasserin abermal an mich halten, welches mir mein gehofftes Vergnügen so versalzte, daß ich ganz unlustig wurde. Vielleicht gefiel es dem Himmel nicht, daß ich zu der Zeit wie meine liebe Mutter mit dem Tode rang, (wie ich hernach erfuhr) sinnliche Ergözlichkeiten genießen sollte. Denn auch in Erfurth wolte sich nichts zu meiner Zufriedenheit fügen.
Wir wurden nach angesehener Procession des Frohnleichnamsfestes von einem gewissen Catholischen Herrn magnific tractiret, und nach aufgehobener Tafel mit einem herrlichen Ball bewirthet. Allein auch dieser war mehr eine Marter als ein Vergnügen vor mich. Denn weil ich zur selben Zeit, aus Affectirter Heiligkeit noch nicht hatte tanzen lernen, so muste ich zu meinem grösten Verdruß, meine schöne Muhme aus einer Hand in die andere wandern, und ihr tausend Caressen machen sehen, die ich Wohlstands halber nicht verhindern kunte, und ob sie gleich, so oft sie ausruhte, ihren Sitz neben mir nahm, und mir durch ihre Freundlichkeit sattsam zu verstehen gab, daß sie Theil an meinem Mißvergnügen nähme, so waren doch der Aufmerker so viel, daß wir nichts rechts mit einander sprechen kunten. Mit kurzen, der Ball endigte sich gegen Morgen, wir nahmen zärtlichen Abschied von einander, unsere Liebe begleitete uns, und ich kam unter allerhand Gedanken wieder nach Jena.
§ 103. Der Tod meiner lieben Mutter, dessen Folgen mir, sobald ich ihn erfuhr, einen ganz andern Eindruck in meinem Gemüthe machten, als der mißgünstige Anfang meiner Liebe, deren Genuß ich[46]  ohnedem nach meinen Umständen, in langer Zeit noch nicht hoffen durfte, begunte nach und nach der Vernunft wieder Raum zu machen, und mir zu erkennen zu geben, daß ich in diesem Punct noch nichts versäumet, wenn ich gleich noch etliche Jahr darnach warten muste. Sie wurde auch endlich, nach mancherley Einwendungen der Phantasie, gehöret, und ich fing nach gerade an, auf meinen Abschied aus Jena bedacht zu seyn.
Es hätte aber mein lieber Vater sehr gerne gesehen, daß ich erst Magister worden wäre, und ich selber hatte auch eben keine Abneigung davor, deswegen blieb ich noch eine ziemliche Zeit in Jena, und suchte mich nunmehro haubtsäglich zu probiren, wie mir das Predigen gerathen würde. Unser Lebens-Beschreiber meldet davon Folgendes:
Fußnoten

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1 Wir brauchen wohl zu diesem leichtsinnigen Raisonnement nichts hinzuzufügen, geben übrigens gern zu, daß die damalige Lehrmethode einen Theil der Schuld trägt.




V.
Edelmann will daselbst (nämlich in Jena) promoviren.










[47] § 104. »Edelmann übte sich zugleich in geistlichen Reden, hatte auch Lust, den Gradum Magistri anzunehmen, und in Jena Collegia zu lesen, anbey sich durch Bücherschreiben der gelehrten Welt bekannt zu machen. Allein seine Frau Mutter konnte Ihm mit den dazu gehörigen Geldern nicht dienen, daher er des Studenten-Lebens satt wurde.«
§ 105. Meine geehrtesten Leser werden bereits vernommen haben, daß meine liebe Mutter um diese Zeit schon todt gewesen, mithin ist freylich war, daß sie mir mit denen, zur Magister-Promotion gehörigen Geldern nicht hat dienen können; Was aber das Predigen anbelangt, so hat es seine Richtigkeit, daß ich mich, nach dem Tode meiner Mutter, in selbigen zu üben angefangen, und zwar geschahe solches, in denen um Jena herumgelegenen Dörfern.
Die erste Probe wurde mir etwas sauer gemacht, denn ich muste an einem Sonntage in drey Dörfern nach einander predigen, und alle Ministerialia verrichten, nämlich in Göschwitz, als dem einen Filial von Burgau, die Frühpredigt, in Burgau selbst, als der Matre, die Amtspredigt, und in Ammerbach, als dem 2ten Filial, die Nachmittagspredigt.
106. Ich gestehe, daß ich diesen Antrag gern von mir abgelehnt hätte, weil ich noch nicht wuste, wie viel ich mich auf meine Beredtsamkeit zu verlassen hatte, und ganz gewiß nimmermehr eine Canzel wieder bestiegen haben würde, wenn es mir das erste mal hätte mislingen[47]  sollen. Allein der Ehrgeiz, und daß ich, als ein alter Academicus, von demjenigen, der mir den Antrag that, schon vor einen geübten Prediger angesehen wurde, ließen mirs nicht zu, und ich verrichtete unter göttlichem Beistand, alle drey Predigten mit völliger Zufriedenheit meiner Zuhörer, Mitgesellen und des Pfarrers.
Ich freuete mich darüber recht sehr; und erkannte in Demuth vor Gott, daß mir mehr verliehen war, als ich mir selbst zugetrauet. Ich suchte also diese Gabe weiter zu nuzen und predigte nach diesen noch verschiedene mal auf den umliegenden Dörfern, mit gleichmäßigen guten Erfolg und Fertigkeit.
§ 107. Ich wurde aber bey dieser Gelegenheit gewahr, daß ich die Gabe ex tempore oder aus dem Stegreif von wichtigen Materien zu plaudern (welche viele meines gleichen, die kaum ein halbes Jahr auf der Universität zugebracht, in großen Maaß besaßen) nicht hatte. Denn ich muste meine Predigten, weil ich lauter ausgesuchte und wohlgedrechselte Gedanken und Worte zu Markte bringen wollte, alle von Wort zu Wort aufschreiben, und wenn ich kein so glückliches Gedächtniß gehabt hätte, würde mirs mannigmal übel ergangen seyn.
Dieser Umstand gab mir nach gerade zu erkennen, daß ich mich zu einem Prediger, wo es vielmal was zu reden giebet, ohne daß man Zeit hat darauf zu studiren, eben nicht gar zu gut schicken würde, und aus eben diesem Grunde sah ich auch, daß ich, als Magister, auf dem Catheder, eine schlechte Parade machen würde, wenn ich nicht die zu haltenden Collegia erst auswendig lernen wollte, welches mich dann gar zu sehr würde abgemattet, und die Gabe der Extemporal-Beredtsamkeit doch nicht erzwungen haben.

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§ 108. Wahr ist sonst, daß wann ich Zeit hatte, eine Materie mit Bedacht auszuarbeiten, ich ziemlichermassen zur Wohlredenheit inclinirte, wie mir dann dieß Zeugniß nach der Hand, der Magister Janicke, Archidiaconus in Freyberg willig ertheilte, als ich in dortigen Dom einmal predigen muste. Wäre aber mein Gedächtniß nicht so fähig, und meine Stellung samt der Sprache nicht so freymüthig und unerschrocken gewesen; so würde ich mir dieses Lob nicht haben erwerben können. Genug ich sahe, daß mir das Mundwerk, das zu einem Prediger oder Professor erfordert wird, fehlete, und ob man mir schon sagte, daß sich das alles schon finden würde, wenn ich in eine rechte Uebung käme, so hat sich doch diese Fähigkeit, da ich bei meiner Wiederkunft aus Oesterreich zu predigen genug bekam, nie bey mir finden wollen.
§ 109. Inzwischen blieb ich doch bey der Theologie, ob ich schon von nun an, an nichts weniger gedachte, als Magister zu werden,[48]  Collegia zu lesen, und Bücher zu schreiben, wenn gleich meine liebe Mutter noch gelebt, und die dazu benöthigten Gelder angeschafft hätte.
Es muste mir also das Studenten-Leben nothwendig endlich verdrüßlich werden, und ich bekam Lust, mich in der Welt ein wenig umzusehen. Weil aber meine Mittel dieser Absicht nicht die Hand bieten wolten, so suchte ich mich in auswärtige Dienste als Hofmeister anzubringen, wozu ich auch verschiedene Vorschläge, insonderheit nach Liefland hatte, die aber alle nicht zur Wirklichkeit kamen, theils weil sie mir nicht anstunden, theils weil mir mein Vater, der noch immer gern einen Pfarrer aus mir gemacht hätte, Hofnung machte, mir in das Eisenachische Seminarium zu verhelfen, nach welcher Veränderung ich nolens volens ein Pfarr hätte werden müssen.
§ 110. Ehe ich aber diesen Umstand meines Lebens weiter verfolge, muß ich einen Blick auf den Text und die Anmerkungen meines dermaligen Lebensbeschreibers thun. Er beruft sich p. 7 in der Nota F. auf eine eigene Handschrift von mir, die in den hamburgischen Nachrichten von 1746 Nr. 90 stehen und beweisen soll, was er in dem Text seiner Schrift angebracht.
Ich habe erstlich diese Nachrichten nicht bei der Hand1, um die Richtigkeit des Beweises unsers Schriftstellers zu untersuchen, zum andern aber ist mir von einer solchen, in Hamburg sich befinden sollenden eigenen Handschrift von mir, ganz und gar nichts bewust. Weil nun diese vermeinte Handschrift in dem Verfolg der Erzählung meines Lebens-Beschreibers zu mehrenmalen aufgeführt wird, und zwar bei Umständen, von denen ich sicher weiß, daß ich, wenigstens nach Hamburg, nie etwas geschrieben, so bitte meine Leser, daß sie sich an dergleichen ungegründete Beweise nicht kehren wollen.
§ 111. Es kann sich ein jeder Schmierer auf meine eigene Handschrift berufen, und ich wäre gar nicht der erste, dem etwas dergleichen nach Art der ehemaligen gottseligen Betrügereien der Herrn Schriftgelehrten unterschoben würde. Hat man doch ganz neue Exempel von diesem unrühmlichen Fleiße, nach welchem man berühmten Männern, wohl noch bei ihren Lebzeiten ganze Bücher unterschoben, die nie aus ihrer Feder geflossen. Es begegnete das unter vielen andern, dem erfahrenen Bechero, wie solches der Hr. Friedrich Rothscholtz in nova praefat. praemissa opusculis Chymicis rarioribus Becheri p. 37 sqq. bemerkt, und der Hr. Friedrich Ernst Neubauer zeiget eben dergleichen von dem Hrn. D. Rambach, dem man[49]  ebenfalls 2 Bücher, nemlich das Christliche und Biblische Exempel-Büchlein, ingleichen die geistreichen und erbaulichen Predigten über die acht Seeligkeiten unterschoben. Siehe jetztgedachten Hrn. Neubauer in der Vorrede über D. Rambachs Erklährung der Epistel an die Hebräer, besage der Neuwider Zeitung von 1742 den 81sten Auszug p. 1266.
Was in meinem Lebenslaufe wahr ist, das begehre ich auf keine Weise zu läugnen, wenn es mir gleich nicht allemal zum Ruhme gereicht. Denn ich will keinen Lobredner, sondern einen Geschichtschreiber agiren, der die Sachen ohne Zugabe und Abnahme erzehlet, wie sie sich nach der Wahrheit zugetragen, daher suche ich die Begebenheiten meines Lebens so wenig zu verschönern, daß wenn ein anderer an meiner Stelle die Feder führen sollte, die Erzehlung davon wohl in vielen Stücken günstiger ausfallen würde.
§ 112. Ich sehe nicht was michs helfen sollte, wenn ich mir in diesem Stücke schmeicheln wollte. Denn ich müste ja gewärtig seyn, daß man mich, bei dem noch fortdaurenden Leben, unzehliger Mißgünstigen, die mich kennen, und vieles von meinen Umständen wissen, öffentlich zum Lügner machte. Ich kann also vor dieser Beschimpfung nicht gesicherter seyn, als wenn ich die nackete Wahrheit vorstelle. Diese mag hernach von meinen Neidern verstellet und mißgehandelt werden, wie will, so wird mir doch genug seyn, wenn sie nur vor meinem Gewissen Wahrheit ist.
Diesem nach wende ich mich also zur weiteren Betrachtung des Textes unsers dermaligen Lebens-Beschreibers, welcher in seiner Folge also lautet.
Fußnoten


1 Ich habe nachgesehen und nichts in denselben gefunden.




Erster Theil
angefangen den 9. Novemb. 1749.










[1] § 1. Da ich, nach erhaltenen Gebrauch meiner Vernunft, und überstandenen Ausschweifungen1 der Jugend, mich jederzeit beflissen, nach dem Zeugniß meines Gewissens vor Gott zu wandeln, und Trotz denen, die mir aus lauter Gewissenhaftigkeit, ein Gewissen abzusprechen suchen, alle meine Handlungen so einzurichten beflissen gewesen, daß ich mir, wissentlich, nichts vorzuwerfen haben möchte; so würde mir es, in Betracht der Nichtigkeit menschlicher Dinge, ganz gleichgültig seyn, ob man von mir und meinen Begebenheiten in der Nachwelt was zu sagen wissen würde, oder nicht. Der Trost eines guten Gewissens vor Gott, und das Zeugniß vernünftiger und tugendliebender Menschen, daß ich mich nicht als ein unnüzes Glied der menschlichen Gesellschaft in meinem Leben aufgeführt, würde mir, falls Verstorbene noch einige Empfindung von den Nachreden der Lebenden haben, Zufriedenheit genug verschaffen, mein Leben, nach vollendeten Lauf desselben mit aller Freudigkeit zu beschließen.
§ 2. Da es aber einer höheren Macht, ohn alles mein Denken beliebet, mich im Leben weit bekannter werden zu lassen, als tausend andere, meines gleichen, auch alle bisher vorgefallene Umstände deutlich genug zu erkennen geben, daß man meiner auch nach dem Tode nicht so bald vergessen werde; so habe ich mich, in Betracht der vielfältigen falschen Nachrichten, die man bereits bei meinem Leben, ohne Scheu, in die Welt hinein fliegen lassen, nach langen Widerstreben,[1]  endlich nicht entbrechen können, selber etwas von meinem Leben, Handlungen und Schrifften aufzusezen, damit zum wenigsten die, so mich in meinen Umständen aufs genaueste gekennet, und mir selbst, als wahre Freunde, zu vielen meiner Handlungen behülflich gewesen, nach meinem Tode nicht den Vorwurf leiden möchten, daß sie Gesellen eines Mannes gewesen, den der größte Theil der Menschen nicht werth geachtet, daß ihn der Erdboden trage.
§ 3. Ich läugne nicht, daß ich diese Arbeit ungern übernehme, weil ich wider Willen, manches werde sagen müssen, das eben nicht ein jeder gerne hören möchte. Aber weil man mich, so zu reden, beym Haaren darzuziehet, indem man mich eines Theils durchaus Todt haben will, und wohl zehnerley Arten des Todes schon erdacht, die mich den Augen meiner Freunde entrissen haben sollen, auch unter Begünstigung dieser Lügen, kein Bedenken trägt, das allerverlogenste und unstatthafteste Zeug von der Welt unter die Leute zu bringen; andern Theils aber, wenn man ja in einen und andren Umständen noch die Wahrheit trifft, doch in den meisten Andern derselben widerum verfehlet, und bloß nach Maaßgebung desjenigen Leistens von mir raisonniret, nach welchem man selber zugeschnitten: so hat mirs endlich lieb oder leid seyn mögen diß Geschäffte vorzunehmen, es hat doch nicht von mir vermieden werden können, wo ich nicht zugeben wollen, daß sich noch mehr Hungerleider auf mein Conto lustig machen, und endlich so viel lügenhafte Lebensbeschreibungen von mir, in die Welt ausfliegen lassen sollten, als Evangelia von dem Herrn Jesu vorhanden.

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§ 4. Es werden mir's also die Herrn Pressen Beschauer, die dergleichen ungegründete Nachrichten, ohne weitere Untersuchung von mir drucken lassen, nicht übel nehmen, wenn ich die merkwürdigsten Umstände meines Lebens, auch ohne ihre Erlaubniß, selber aufseze, und solche dem Schicksale überlasse, das meine übrigen Schriften bisher zum Vorschein gebracht. Dieses mag damit thun, was es will, so wird mir genug seyn, die Wahrheit geschrieben zu haben, wenn sie auch gleich nur unter meinen Freunden verborgen bleiben sollte.2
§ 5. Die Haupt-Ursache, die mich dißmal bewogen, die Feder anzusezen, ist eine kleine Schrifft von drey Bogen, die der Welt mein Leben und Schrifften unter folgenden Titul bekannt zu machen sucht:[2] 
Des berichtigten Johann Christian Edelmanns Leben und Schriften, dessen Geburth und Familiae, welcher in Weißenfels gebohren und in Jena Theologiam studiret, solche aber verlassen; dargegen die Spötterey der Christlichen Religion, der heiligen Schrift und der Geistlichkeit ergriffen. Frankfurth 1750 in 8.
Eigentlich kamen diese Blätter schon im vorigen (oder besser zu reden, in eben dem 1749sten) Jahre zum Vorschein, in welchen ich die Feder zu dieser Arbeit angesezt. Es ist mir aber dato der Verfasser derselben noch unbekannt und also kann ich nicht sagen, ob er unter die armen, oder unter die reichen Sünder zu zehlen sey. Ein Sünder ist er gewis, weil er ein Christ ist, und wir werden aus der Betrachtung seiner Schrifft deutlich sehen, daß er diesen heiligen Character männlich zu behaupten weiß.
§ 6. Ich weiß nicht, ob Er das Wort berichtigt, auf dem Titelblatte mit Fleiß, oder aus Versehen, oder aus Unwissenheit, nur mit einem schlechten J drucken lassen: das aber weiß ich gewis, daß ich bisher bin genug berichtet, und dadurch berichtiget, oder deutscher zu reden berechtiget worden, die merkwürdigsten Umständen meines Lebens selber aufzusezen, um dadurch zu zeigen, daß ich mich derselben, in so weit sie mit der Wahrheit übereinkommen, ihres üblen Geruchs wegen weit weniger zu schämen, als irgend ein Biblischer Heiliger, sonderlich der H. David der seinigen, indem er aus leicht zu errathenden Ursachen, von sich selber bekennet, daß seine Wunden vor seiner Thorheit gestunken hätten.
Es ist ein Glück vor mich, daß diejenigen, die mich so vielfältig berochen haben wollen, mich so weit noch nicht haben berichtigen können, man solte sonst wohl sehen, daß man mich dem H. David eben nicht an die Seite gesetzet haben würde, doch ich begehre eine so stinckigte Ehre auch im geringsten nicht, sondern lasse mir genügen, daß meine Beriecher selber schon so kräftig stincken, daß man ihnen gern ausweicht, wenn sie unverhofft zu nahe kommen. Wer ist mehr berüchtiget, als diese heilige arme Sünder-Gesellschaft? Sind das nicht ihre Brüder und Glaubens-Genossen, die den lieblichen Geruch ihrer Heiligkeit noch am Galgen und auf den Rädern ausduften? Man urtheile also von ihren zurückgelassenen, und bis zum Rabenstein getreuen Freunden, so wird man finden, daß sich gleich und gleich gerne noch weiter gesellen würde, wenn die Gerechtigkeit nicht zur Sicherheit der menschlichen Gesellschaft eine Trennung verursachte.
§ 7. Aber wo gerathe ich hin? Was habe ich unter diesen Heiligen zu thun? Ich, der ich nicht werth bin, mich den geringsten, geschweige mit dem h. Paulo, den vornehmsten unter den Sündern[3]  zu nennen? Verzeihet, geliebte Sünder, dem Unvermögen, das mir mein Schöpfer, Ihn zu beleidigen, beygeleget hat. Ich erkenne, daß ich zu wenig bin, es Euch in diesem Stücke gleich zu thun: Aber da ihr einen so großen Vorzug vor mir besizet, so dünkt mir, ihr verkleinert denselben, wenn ihr mich einen berüchtigten nennt. Denn es kann euch ja aus h. Schrift nicht unbekannt seyn, daß der bekannte Mörder Barrabas, Euer würdiger Bruder, da Er doch nur einen Menschen ermordet, von dem heil. Geiste vor einen fast rüchtigen Menschen erkläret wird. Nun ist ja, seit mehr als anderthalbtausend Jahren, Weltbekannt, daß ihr nicht allein, nach dem Exempel dieses eures Bruders, viele tausend Menschen, ums Glaubens Willen, um das Leben gebracht, sondern ihr scheuet euch auch nicht auf den heutigen Tag noch zu bekennen, daß ihr euren Gott ermordet, wenn ihr singet:



Was ist die Ursach aller solcher Plagen?
Ach! meine Sünden haben Dich geschlagen.
Ich, ach Herr Jesu, habe dis verschuldet,
Was Du erdultet.

Da also unter allen Völkern, die jemals auf Erden gelebet, noch keins so weit berüchtiget worden, daß es seinen Gott ums Leben gebracht haben sollte, so scheinet ihr eurem Vorzuge allerdings nichts geringes zu vergeben, wenn ihr einem einzelnen Freygeiste, der nicht einmal in Willens hat, seinen Gott nur im mindesten zu beleidigen, den Titul eines berüchtigten beyleget; Es ist glaublich, daß diese Benennung, von Leuten unter Euch herkomme, die ihre eigene Vortrefflichkeit noch nicht kennen: Mir aber will gebühren einem jeden das seine zu lassen, deswegen begebe ich mich hiemit willig eines Tituls der mir nicht gebühret, und erkenne ohne Complimenten, daß er Euch allein κατ᾽ ἐξοχὴν und vorzüglich vor andern berüchtigten zukomme. Es wird es auch der Augenschein bald geben, wenn ich in dem Verfolg meiner Begebenheiten bald zeigen werde, daß ich gar nichts unternommen, was mich eines solchen Vorzugs würdig machen könnte.
§ 8. Es würde diese Arbeit zwar freilich in einer ganz andern Gestalt erschienen seyn, wenn ich mit derselben nach meiner eigenen Einrichtung hätte verfahren können: da ich mir aber, um die Unrichtigkeit oben erwähnter Schrift desto besser widerlegen zu können, den Plan zum Muster sezen müssen, den der Verfasser derselben beliebet, so wird man vorlieb nehmen, wenn ich sie so gut liefere, als sie nach obiger Vorschrift hat gerathen wollen.
§ 9. Ich will mich bei dem Titul derselben nicht weiter aufhalten,[4]  sonst könnte ich, in Ansehung der mir schuld gegebenen Spötterey der Christlichen Religion, zeigen, daß ich theils mit denen, die diese Gemüthsstellung an mir tadeln, einerley Handlung verrichtet, wenn die Rede von Verspottung anderer Religionen ist, die sie bisweilen noch ärger durch die Hechel ziehen, als ich die Christliche, theils könnte ich darthun, daß ich an der Christlichen auch nichts weiter verspottet, als den Aberglauben derselben. Hingegen die Liebe, worzu sie mit so großer Parade ermahnet, aber nicht ausübet, und ohne welche doch keine Religion einiger Betrachtung werth, aus allen meinen Kräften zu erheben und aufrecht zu halten gesucht. Es wird aber bey Beleuchtung mehr erwähnter Blätter, schon an Ort und Stelle etwas umständlicher von dieser Materie zu sprechen seyn, und also wende ich mich, ohne weiteren Umschweif, zur Untersuchung derselben. Der Text davon lautet, nach Maaßgebung des Verfassers, von Wort zu Wort, wie folget.
Fußnoten

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1 Der Ausdruck scheint nicht so stark genommen werden zu müssen, wenigstens hat Edelmann uns kein Beispiel davon erzählt.

2 Edelmann durfte nämlich während seines Aufenthalts in Berlin nichts drucken lassen.




1. Edelmanns Geburt und Familie


2. Seine (des Edelmanns) erste Schule zu Lauban


3. (Edelmann) Kommt auf das Gymnasium zu Altenburg


4. (Edelmann) gehet 1720 nach Jena und studieret Theologiam


5. Edelmann will daselbst (nämlich in Jena) promoviren


6. Edelmann engagiret sich als Hofmeister






10.
Edelmann will nach Herrnhut gehen, und wie Dippel ein Chymist werden, zerkält aber mit dem Hrn. Grafen von Zinzendorf und schreibet Christus und Belial.










[201] § 11. »Bey dieser Gelegenheit erfuhr Edelmann die Beschafenheit von den herrnhutischen Anstalten aus dem Grunde. Sein freyer Geist aber war nicht gewohnt, ein Joch über sich zu nehmen, und sanftmütig zu werden, seine Vernunft unter den Gehorsam des Zinzendorfischen Glaubens gefangen zu nehmen. Sein Absehen war zwar in Herrnhut auf Kosten des Hrn. Graffens einige Zeit zu leben, und sich in der Chymie zu üben, anbey im verborgenen ein anderer Dippel zu werden. Wie Er denn des berüchtigten Conrad Dippels Schriften laß, und dessen Schmäh-Geist des Ministerii in ihm Wohnung machte. Sonst gefiel ihm, was Dippel vor Arcana gehabt, die ihm theuer genug bezahlet worden. Er vermeinte solche in Herrnhut bey dem Hrn. Doctor Theodor Wilhelm Grotthauß so von Kopenhagen nach Herrnhut gekommen, zu erlernen. Allein der Hr. D. Grotthaus muste weiter, und nach America gehen, nahm auch in Dreßden von Edelmannen unvermuthet Abschied. Als nun der Hr. Graf von Zinzendorf weiter kein Geld vorschießen wolte, war die Freundschaft bald aus, unterm Vorwand, Edelmann habe des Herrn Grafens Irthümer erkannt, zu deßen Beweiß edirte er die Schrift Christus und Belial.«[201] 
§ 12. Dieser Tert hat, wie die Bibel, sowohl wahres als falsches, weswegen einer, der nicht betrogen seyn will, eines von dem andern gar sorgfältig unterscheiden muß. Wahr ist also, daß ich bey meiner kurzen Anwesenheit in Herrnhut, die Beschaffenheit der herrnhutischen Anstalten ziemlich, aber nicht, wie der Verfaßer schreibet, aus dem Grunde erfahren. Denn wenn das gewesen wäre, so würde ich nimmermehr bey dem Entschluß, nach Herrnhut zu ziehen, noch eine ziemliche Zeit geblieben seyn, viel weniger meinen guten Dienst, beym Grafen von Calenberg aufgekündiget haben. Die Unrichtigkeiten der herrnhutischen Griffe musten mir erst nach und nach kund werden, und insonderheit die gesuchte Herrschaft des Grafen über die Gewißen entdecken. Denn wie ich davon ein Licht krigte, so war freylich kein Heyland mehr im Stande, mich zu Aufnehmung seines Joches zu bereden, und in soweit hat der Verfaßer ganz recht wenn Er schreibet: »Mein freyer Geist wäre nicht gewohnt, ein Joch über sich zu nehmen.«
Wenn Er aber hinzusezt: Er sey auch nicht gewohnt sanftmüthig zu werden, so will ich nicht in Abrede seyn, daß ich das zur selben Zeit, auch nicht sonderlich gewohnt gewesen: Aber wie hätte ich auch zu dieser Gewohnheit kommen sollen; da ich unter lauter Polter-Geistern aufgewachsen und erzogen war, und es vor eine Christen-Pflicht mit halten muste, gegen widrig gesinnte fein mürrisch und unfreundlich zu seyn? Wenn ich also in meinen ersteren Schriften (:wozu ich alle diejenigen rechne, die vor meinem Glaubensbekäntniße herausgekommen:) noch manche Ungeberden von mir blicken laßen, die sich vor einen sanftmüthigen Geist allerdings nicht schicken, so muß man sie als Würckungen des Lutherischen Heil. Geistes betrachten, mit dem ich zur selben Zeit noch starck besessen war, und die Herrn, die mir denselben beygebracht, können nicht Böse werden, wenn er sie bisweilen selbst ein wenig gezauset.
§ 13. Seit der Ausgabe meines Glaubensbekänntnißes wird man einen ganz andern Geist4 an mir erblicken, und ob ich schon weiß, daß er den Liebhabern verjährter Vorurtheile eben so wenig, und vielleicht noch weniger, als der erste anstehen werde, so werden sie doch, wieder willen auch gestehen müßen, daß er sanfter, als der ihre sey. Aufs wenigste werden sie denselben keine heiligen Flüche mehr gegen sich ausstoßen hören, wie der ihre noch gegen mich thut, wen er den Koller kriegt, und gewahr wird, daß ich meine Vernunft eben so wenig unter den Gehorsam des Lutherischen, oder eines andern[202]  Aberglaubens, als unter den zinzendorfischen, gefangen nemen laßen will.
Ich erkenne, daß ich beßer gethan haben würde, wenn ich gleich anfangs sanfter und leutseeliger geschrieben hätte: Aber ich glaube nicht, das ich zur selben Zeit im Stande gewesen wäre, es zu thun, wenn ich mirs gleich vorgenommen hätte. Denn die Betrügereyen, mit welchen ich mich so lange hatte voppen laßen müßen, giengen mir viel zu nahe, als daß ich mir hätte Zeit nehmen sollen, meine Betrüger selbst, als arme betrogene Leute zu betrachten, und diese unanständige Uebereilung machte, daß ich ohne Barmherzigkeit wieder sie loß zog, und wunder meinte, wie heroisch ich mich aufführete, wenn ich sie bisweilen wie die Lotterbuben ausmachte. Es mißfällt mir diese damalige Gestalt an mir so sehr, daß ich wünschte, daß keine von meinen ersten Schriften mehr in der Welt seyn möchten. Was aber geschehen ist, daß ist geschehen, und wird nicht mehr geschehen.
§ 14. Eine grobe Lügen ist es indeßen, wenn mein Lebens-Beschreiber weiter schreibet: Mein Absehen wäre gewesen in Herrnhut, auf Kosten des Herrn Grafen einige Zeit zu leben, und mich in der Chymie zu üben, anbey im Verborgenen ein anderer Dippel zu werden. Von diesen allen ist mir nie ein Gedancke in den Sinn kommen. Denn ob ich schon des Grafen Erbieten in so weit annahm, daß ich unter Anweisung des D. Grotthaus Medicinam Studiren wollte, so konnte ich mir doch leicht die Rechnung machen, daß ich des Heylandes Brodt in Herrnhut nicht umsonst eßen, sondern meine Arbeit schon finden würde, wenn ich auch das Joch der Information wider hätte über mich nehmen sollen: daß ich aber besonders auf die Chymie meine Gedancken hätte richten, oder dencken sollen, im verborgenen, ein anderer Dippel zu werden, ist eben so wahr, als wahr ist, daß der Verfaßer jemals gedacht haben kann, öffentlich ein anderer Edelmann zu werden.
Ich begehre gar nicht zu läugnen, daß ich Dippels Schriften gelesen, und freue mich, daß ich5 der Verfaßer, mit dem, zu unsern Zeiten ganz Ehrwürdigen Titul eines berüchtigten beehret. Denn eben dieser Titul, den Ihm andere Rechtgläubige damals auch gaben, machte, daß ich mich mehr nach seinen, als nach seiner Hrn. Gegner Schriften umsahe. Alle diese Herrn waren zwar berühmt und hochberühmt, aber nicht berüchtigt, und ich sahe damals schon ziemlich, daß es ungleich leichter war, von Zeitungsschreibern, Journalisten[203]  und andern gelehrten Papageyen, den Titul eines hochberühmten davon zu tragen, als von so hochberühmten Leuten vor berüchtigt gehalten zu werden. Wenn Dippel unter der ersten Titulatur erschienen wäre, würde ich Ihm unter der ungeheuren Menge der hochberühmten Leute, vielleicht nicht bemercket haben, weil ich aber dieselben6, so konte es wohl nicht fehlen, daß Er nicht der Leute Augen auf sich hätte ziehen sollen.

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Ob aber dessen Schmäh-Geist des Ministerii bey mir Wohnung gemacht, ist mir unbewust. Aufs wenigste sahe ich bey meinem Pfarrer, und also, ehe ich noch etwas von Dippels Schriften zu lesen krigte, schon ein, daß das Ministerium ein Imperium affectirte, und weiß mich zu besinnen, daß ich dieserwegen schon nicht wohl auf selbiges zu sprechen war. Daß hernach, wie ich Dippeln gelesen, mein Feuer durch daß seinige vermehret worden, will ich eben nicht läugnen, sondern gestehet (gestehen), daß wir beyde hätten sanfter schreiben sollen.
§ 15. Lächerlich ist indeßen, wenn mein Lebensbeschreiber weiter schreibet: Es hätte mir gefallen, was Dippel vor Arcana gehabt, die Ihm theuer genug bezahlet worden. Denn wie konnten mir Dinge gefallen, die Arcana waren, und von denen ich nicht wißen können, ob sie nur Blendwerck oder Wesenheit zum Grunde hatten. Scheint es doch, der Geist der Evangelisten haben bey dem Verfaßer Wohnung gemacht. Denn die erzehlen auch ein Haufen Dings von dem Hrn. Jesu, daß sie weiter mit nichts, als mit ihrem Gesage beweisen, und wovon zu vermuthen stehet, daß der Hr. Jesus, wenn er noch am Leben wäre, und seine unbesonnenen Lebensbeschreiber, so, wie ich, mit den Lügen aufs Maul schlagen könnte, manches, wo nicht das meiste, was man Ihm, nach dem Tode angedichtet, öffentlich, als die unverschämtesten Lügen blos stellen würde. Wenn Dippeln seine Arcana theuer genug bezalet worden, und es sind wahrhaftig Arcana gewesen, die den Menschen was genützet haben, so werden diejenigen, die sie so theuer bezahlet haben, auch gewis mehr Nutzen davon gehabt haben, als die rechtgläubigen armen Sünder von den Geheimnißen, die sie von ihren Seelen-Aerzten erhandeln, und die ihnen wie bekannt auch theuer genug bezahlet werden müßen, ungeachtet kein Mensch, der sie erkauft, nur eine Katze, geschweige sich selbst, damit curiren kan: Sind aber Dippels Arcana Blendwerck und Betrug gewesen (:wovon ich nichts sagen kann,[204]  weil sie mir nicht bekannt gewesen:), so haben sie doch den Menschen, wie sie sie gleich noch so theuer bezalet, lange nicht so viel schaden können, als die sogenannten Geheimniße der Christen, die sie aus unverdorbenen Geschöpfen zu höchst verdorbenen und zu allen guten untüchtigen Creaturen machen.
§ 16. Mein Lebensbeschreiber sagt weiter: Ich hätte vermeint des Dippels Arcana von dem D. Grotthaus zu erlernen, ohne im geringsten zu beweisen, daß dieser arme Sünder das geringste von des Dippels Arcanis gewust. Und gewiß, hätte ich demselben damals, wie mir der herrnhutische Heyland den Antrag that, die Kunst Wunder zu thun, von Ihm zu erlernen, so von Person gekannt, wie ich ihn nach der Hand in Dreßden, beym Töpfer Dober kennen lernen, da mir die Lust, nach Herrnhut zu ziehen, schon vergangen war, so würde ich die Gedancken in Herrnhut Medicinam zu Studiren, im ersten Grase erstickt haben. Denn von diesem confusen, und von der Heiligkeit auf eine recht erbärmliche Art umgetriebenen Phantasten, würde ich zwar Schwärmereien genug, aber keine Weißheit gelernet haben, und es war nunmehro Beweiß genug vor mich, daß dieser elender Stümper keine Einsicht in die wahre Arzeney-Kunst und Natur haben muste, weil er ein Herrnhuter war. Was kann von daher Kluges kommen.
Unser Lebensbeschreiber bezeuget es selber, wenn er weiter Schreibet: Es hatte aber der Hr. Dr. Grotthauß (dem, wie ich mercken kunte, daß Apostoliren und herum Laufen beßer gefiel, als das Arbeiten und Naturforschen:) weiter, und nach America gehen müßen, haben auch in Dreßden von mir Abschied genommen. Alles dieses ist wahr, aber es bedarf einer sehr starcken Erläuterung, die ich meinen Lesern nicht versagen will.
§ 17. Anfangs ist richtig, daß der D. Grotthauß weiter, und zwar, nach America gieng: Aber Gott weiß, ob Er dahin gemußt, und es nicht Umgang haben können, wenn Ihm nicht selber mit dem müssigen herum vagiren auf anderer Leute Kosten, wäre gedienet gewesen. Gegen mich gab Er vor, daß er auf den Beruf der Gemeine dahin gienge, und sagte noch beym Töpfer Dober (wo Er Abschied von uns nahm) mit vielen heiligen Gebehrden, zu uns: Ja! Eines solchen Berufs, da einer von einer ganzen Gemeine des Herrn berufen würde, das Evangelium unter den Heyden zu verkündigen, würden sich wohl wenig rühmen können. Hingegen bezeugete der Heyland (wo ich mich recht besinne) in seinem 2ten (:dem Christus und Belial mit einverleibten:) Briefe an mich, daß Er in seinen eigenen Apostolatswegen nach America gegangen und in St. Crur,[205]  sine Lux et sine crux gestorben wäre, und nicht wort gehalten hätte.
Welcher unter diesen beiden Heiligen Recht hat, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß einer unter beiden, nothwendig lügen muß: Wenn der arme Grotthauß Gott und die Natur nur ein wenig gekannt hätte, so würde Er sich nicht zum Apostel haben machen laßen, wenn ihm gleich 10 Heylande und 100 Gemeinen darzu hätten berufen wollen: Denn Er hätte da leicht sehen können, daß die Menschen, die Er zu verkehren gesonnen, von Natur beßer seyn musten, als er sie durch die sogenannte Gnade machen würde.
§ 18. Ein Mensch, der weiter nichts, als die Natur und Vernunft7 zu seinen Leitern hat, weiß nicht das geringste von der Verdorbenheit seiner Natur, die ihm durch die christliche Gnade erst beygebracht wird. Und so lange er davon noch nichts weiß, fühlt er noch ein Vermögen, etwas gutes zu thun, deßen er sich durch die Gnade des Evangelii, die ihm beybringt, daß das Dichten und Trachten seines Herzens, von Jugend auf, nur Böse sey, gänzlich berauben laßen muß. Wenn Er also diesem eintzigen Gedancken bey sich hätte Platz geben können, so wäre es schlechterdings unmöglich gewesen, daß Er sich hätte zum Apostel gebrauchen laßen können. Damals sahe ich zwar dieses Licht eben so wenig, als Er: Aber es regte sich doch schon etwas bey mir, daß mir diesen vermeinten Beruf verdächtig machte, weswegen ich mich auch gar nicht über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit deßelben mit Ihm einließ, sondern mich nur wunderte, als Er im Discours von beyderley Geschlechtern der Menschen, sich verlauten ließ, daß es ein herrnhutischer Heiliger, in der Tödtung seines Fleisches so weit gebracht haben müste, daß Er ein nackend Weibsbild mit eben so kalten Geblüte ansehen könnte, als wenn er die Dreßdner Brücke ansähe.
§ 19. Ich wäre damals noch einfältig genug gewesen, diesem heiligen Geschwätze zu glauben, wenn sich der gute Apostel nicht selber verrathen hätte, daß sein Fleisch noch nicht so erstorben gewesen, als Er uns in seinem ersten Discurse weiß machen wollen. Denn Er gestund im Verfolg dieser Sitten-Lehre, daß sich einmal in Spatzierengehen mit einer gewißen Schwester in Herrnhut, ob sie schon nicht nackend gewesen, doch so wohl bey Ihm, als Ihr, etwas gereget hätte, woraus sie mercken können, daß sie einander nicht gleichgültig gewesen. Er hätte sie zwar, auf Bemerckung dieser Regung angeredet, um zu vernehmen, was bei Ihr dißfalls vorgienge: Aber, was weiter darauf[206]  erfolgt, und ob sie beyde, nach dieser Empfindung, dem Evangelio zufolge, ihr Fleisch getödtet, oder der Natur gemäß lebendig gemacht, daß bleibt uns ein Geheimniß.


Inzwischen sahe ich, Hr. Dober und Hr. Zschimmer (die beyde Gichtelianer waren, und gern was anders von dem Apostel gehöret hätten:) daß dieser heilige Mann noch nicht so erstorben war, daß er ein nacket Weibs-Bild mit eben so kalten Geblüte hätte sollen ansehen können, als Er die Dreßdner Brück ansahe, und die Natur zeigte uns, wider seinen Willen, daß sie mächtiger, als die Gnade war. Alle seine Discurse giengen dahin, derselben unter einem heiligen Schein Raum zu machen, und das zu heiligen, was die übrigen begnadigten, sonderlich die Gichtelianer, noch vor eine große Sünde, und vor eine Haupt-Hinderniße an den künftigen Vergnügungen auf der Hochzeit des Lammes hielten. Wir ließen Ihn zwar predigen, dachten aber unser Theil, und ich habe vergeßen, was ich damals am meisten gedacht.
§ 20. Wären wir damals die Leichtfertigkeiten ihres sogenannten Ehe-Geheimnißes, und die, vom herrnhutischen Heylande erfundene Bordellmäßige Zusammenkuppelung ihrer Eheleute schon bekannt gewesen, so würde ich den D. Grotthaus nicht so leicht haben laufen laßen. Es hat sich aber dieser Greuel erst nach dieser Zeit offenbaret, und zwar ist er abermal nichts neues, immaßen in den ersten Zeiten des Christenthums, unter den unzehligen Secten der Christen fast eben dergleichen saubere Geheimniße angetroffen werden.
Also berichtet Eusebius in der Kirchenhistorie im 4ten Buche am 11 Cap. p.m. 49 A. von gewißen im 2 Jahrhundert lebenden, und vermuthlich zur Valentinianischen Secte mit gehörigen Leuten Folgendes: Alii thalamum eorum apparant, et mytagogiam8 super mitiandos9, adhibitis nefandis quibusdam mysteriis10 persiciunt: Et hoc quod super illos faciunt, spirituale dicunt esse conjugium et codestibus11 conjugiis conforme d.i. Andere bereiten das Ehebette derselben und weyhen (oder richten) oder richten12[207]  die neuen Eheleute mit schändlichen und nicht nachzusagenden Geheimnißen ein und das was sie mit denselben vornehmen, nennen sie eine geistliche Ehe, die denen himmlischen Ehen gemäß sey.
Es wird uns da zwar so deutlich nicht gesagt, was diese Leute mit den neuen Eheleuten betreiben, als es uns Bothe sagt, im 2ten Theil seines entdeckten Ehe-Geheimnißes der Herrnhuter: Aber da dergleichen schöne Sächelchen zu unsern erleuchteten Zeiten, von Leuten geschehen, die so zu reden, Erz-Christen und des Heylandes Lieblinge seyn wollen, so kann man sich leicht vorstellen, was in den ersten finstern und verworrenen zeiten des Christenthums geschehen seyn müße, da von den Nicolaiten gleich im ersten Saeculo, und noch zu der Apostelzeiten, schon gemeldet wird, sie hätten, weil sie gehöret, daß man das Fleisch bändigen müße, ohne Schaam und Scheu gehuret.
Eusebius entschuldiget zwar den Nicolaum im 3 B. der K.H. Cap. 26 p.m. 40. I. und es thut es auch, besage der Unsch. Nachr. 1702 p. 630 Clemens Alexandrinus, Theodoret, Augustinus13 und Nicephorus: Sie selber aber scheinen ihn nicht zu entschuldigen, und in der That, wenn man bedenkt, daß gleich bey der ersten Einrichtung des Christenthums, Apostelges. 15, 29 nöthig befunden wurde, ein eigen14 Verboth wieder die Hurerey ergehen zu laßen, so wird sehr wahrscheinlich, daß sich die ersten Christen eben nicht zum besten in diesem Stücke aufgeführt haben müßen. Aufs wenigste bestättigen die Christen unserer Zeiten in allen Secten, die Möglichkeit dieser Muthmaßung, wenn sie gleich nicht, wie die Herrnhuter, den Heyland mit ins Spiel mengen, oder ordentliche Lectiones geben, wie sich die Heiligen auf eine unnatürliche Art verkuppeln sollen.
Es kann seyn, daß der D. Grotthaus damals selber noch nichts von diesen Leichtfertigkeiten gewußt: Allein sein ganzer Discours scheint doch dahin zu gehen, uns die Vorurtheile, die wir überhaupt von der fleischlichen Vermischung damals hatten (:und worin wir, als Gichtelianer allerdings zu weit giengen) so viel möglich zu benehmen. Er mochte aber aus unsern Stillschweigen wohl mercken, daß uns seine Lehren nicht anstunden, ungeachtet ich, vor mein Theil, nicht läugnen kann, daß ich Ihm, Troz meiner Hochachtung, die ich vor die Gichtelianer damals trug, nicht in allen Unrecht geben kunte.[208] 
§ 22. Was den Abschied betrift, den Er in Dreßden von mir nahm, so würde ich mich nicht dabey aufhalten, wenn nicht etwas dabey vorgegangen wäre, das ich der Aufmerksamkeit meiner Leser würdig achte. Wie der gute Mann im Begriff war, seine apostolischen Füße weiter zu setzen, ertheilte Er uns zwar überhaupt auch seinen apostolischen Seegen, wie Er mir aber die lezte Hand und Abschieds-Kuß geben wollte, wurde sein gutes Naturell auf eine zärtliche Art gegen mich gerühret, daß Er seinen Mitapostel (:dessen nahme mir entfallen:) in heiliger Imbrunst anredete, Er möchte mir zum Abschied noch ein Verßchen geben.
Dieses zu verstehen, muß ich meinen Lesern sagen, das die Herrnhuter damals im Gebrauch hatten, bey gewißen Gelegenheiten, wo sie besonders gerühret wurden, in eine Art der Begeisterung zu gerathen, und sich, aus ihrem Gesang-Buche, gewißer, auf den gegenwärtigen Fall, und Umstände schickender Verßchen zu erinnern, die sie dann, ohne weitläuftig zu präludiren, stehendes Fußes gleich in pleno abzusingen pflegten, wenn es gleich auf der Landstraße war, wo uns Leute sehen und hören konnten.
§ 23. Damals wuste ich erstlich nicht, was der D. Grotthaus zu seinem Gefährten hatte sagen wollen, wenn Er ihn ermahnete, mir ein Verßchen zu geben, und dachte, ob vielleicht derselbe ein gebohrner Poete seyn möchte, deßen Fähigkeit mir der Doctor noch zu guter Lezt wolte sehen laßen. Allein, ehe ichs mich versahe, erhuben die Männer Gottes ihre Stimme, und sangen, mir die Hände reichend, in einer netten Melodia, mit ersterer und anderer Stimme, nach Waldhörner Art gesezt, mit besonderer Imbrunst Folgendes:


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Gieb Ihm heute, Gieb Ihm heute den Propheten-Geist,
Der die Leute, der die Leute zu der Wahrheit weist.
Gieb Ihm Eyfer, gieb Ihm Lust, Einen Harnisch vor die Brust,
Eine Kraft die :,: alles niederreißt.

Der Leser kann sich wohl schwerlich einbilden, was diese ungewöhnliche Music, da sie mich besonders angieng und mir bey den nachdrücklichsten Worten des Texts, allemal die Hände mit besonderer Herzlichkeit gedrückt wurden, vor einen Eindruck in meinen Gemüthe gemacht. Ich nahm sie wie ein Oracul an, und wurde in dem Vorsatze, alles niederzureißen, was der Betrug zum Nachtheil unserer Freyheit aufgebaut hatte, dergestalt gestärcket, daß ich nichts schonete, was mir nur einigermaaßen verdächtig vorkam.
§ 24. Wenn also der Propheten-Geist damals auch Wohnung in mir gemacht hat, so muß Er sich mit dem Schmäh-Geiste des Ministerii, der, nach des Verfaßers Gedancken, schon Wohnung in[209]  mir gemacht haben solte, entweder beßer haben vertragen können, als der h. Geist, den man in der Taufe bey mir einquartieret hatte, und so müßen beyde mit einander harmoniret haben, oder Er muß den Schmäh-Geist aufs neue wider vertrieben haben, und so muß der Eyfer, den ich wider das Tyrannisirende Priester-Geschlechte blicken laßen, eben so heilig seyn, als der Eyfer Jesaiä, Jeremia und anderer, wieder die Priester loßziehender Propheten; oder ich muß das, was ich hernach gethan, in Kraft eines andern Geistes gethan haben, deßen Name uns noch nicht bekannt ist; oder die Herren Geisttreiber wißen selber nicht, was sie mit allen diesen Begeisterungen sagen wollen.
Am besten werden sie freylich bey den Gläubigen fortkommen, wenn sie sagen: Der Teufel habe mich geritten. Denn der Gläubige ist viel zu einfältig, als das Er sie fragen solte, warum sie dann den Teufel jetzund nicht eben so leicht aus mir verbannen könnten, als da ich noch ein Säugling war.15 Und also ist ihnen genug, wenn derselbe nur einen Abscheu vor mir bezeugt. O! Ihr armen Leute, wenn werden euch die Augen aufgehen, daß ihr Gott und euch näher werdet kennen lernen?
§ 25. Mein Lebensbeschreiber komt nun wider auf eine Capital-Lügen, indem Er schreibet: der Graf von Zinzendorf hatte mir weiter kein Geld vorschießen wollen, und da wäre die Freundschaft bald aus gewesen, unter dem Vorwand, ich hätte des Grafen Irthümer erkannt, zu dessen Beweis ich die Schrift Christus und Belial ediret.
Hier ist wahrheit und Lügen auf eine recht Bibelmäßige Art unter einander geworfen, und hat der Verfaßer zwar eben, wie die Evangelisten die Freyheit, sich zu Bestärkung seiner Lügen auf meine eigene Handschrift und sonderlich auf Christus und Belial zu berufen. Wenn sich aber ein Wahrheit liebender Leser die Mühe nehmen will, diese lezte Schrift, da sie in öffentlichen Druck vorhanden, und die Händel mit den Grafen von Zinzendorf besonders angehet, selber nachzuschlagen, so wird Er finden, daß sie das Gesage des Verfaßers eben so kräftig beweise, als die Schriften der Propheten das Geschwätz der Evangelisten von Christo.
§ 26. Anfangs ist nicht ein wahres Wort dran, daß mir der Graf von Zinzendorf (:außer den etlichen Thalern Reisekosten, die Er mir ungefordert zur Reise nach Herrnhut einsandte:) jemals einen Heller, geschweige Thaler vorgeschoßen, und der Verfaßer ist doch so[210]  unverschämt, daß er schreiben darf: Er habe weiter kein Geld vorschießen wollen. Ich habe dem Publico längst, ohne Bemäntelung im Christus und Belial gezeiget, worzu ich damals 150 Thaler vom Grafen von Zinzendorf zu lehnen begehret, und ich preise die göttliche Vorsicht noch auf diese Stunde, daß aus diesem Darlehn nichts geworden, immaßen ich mich ganz gewiß dadurch zu des Heylandes Sclaven würde verkauft haben.
Daß ich aber aus keiner andern Ursache, als weil Er mir dieses Geld verweigert, die Freundschaft mit Ihm solle aufgehoben haben, das klingt gar zu priesterlich. Priester pflegen wohl die Freundschaft mit ihren Beichtkindern aufzuheben, wenn sie ihnen weiter kein Geld, vor ein Maul voll Wind, auf nimmermehr wiedergeben vorschießen wollen, und daß kann ich, aus der Erfahrung an meiner eigenen Persohn Beweisen. Wie will aber der Verfaßer, wenn Er gleich allwissend wäre, beweisen, daß ich deswegen die Freundschaft mit dem Grafen von Zinzendorff aufgehoben, weil Er mir kein Geld lehnen wollen.
Wäre Er von meinen Begebenheiten beßer unterrichtet gewesen, so würde Er, wenn er redlich hätte verfahren wollen, daß nicht geschrieben, sondern gewust haben, daß ich, ungeacht der abschläglichen Antwort, die ich in dieser Sache von dem Grafen erhielt, dennoch bey dem Entschluß noch geblieben, nach Herrnhut zu ziehen, und eher nicht davon gewichen, als bis ich gemercket, daß der Graf mit einem neuen Pabstthum schwanger gegangen.
§ 27. Es spricht zwar der Verfaßer: die Erkenntniß der Irthümer des Grafen, hätte der Vorwand bey mir seyn müßen, weswegen ich die Freundschaft mit demselben aufgehoben, und führt zum Beweiß dessen, die Schrift Christus und Belial an: Allein eben diese Schrift konnte ihn, wenn er sehen wolte, klärlich zeigen, daß ich meine Freundschaft nicht weiter mit demselben aufgehoben, als so weit sie meiner Freiheit nachtheilig, und ich keiner mit von den Schöpfen seyn wollen, die sich mit in seiner Pferch treiben ließe. Denn zu geschweigen, daß die Schrift: Christus und Belial (:die der Verfaßer als eine unmittelbare Folge meines Bruches mit dem Grafen angiebet:) erst etliche Jahr, nach meinem Abzuge aus Dreßden, und also lange, nach unsern damaligen Händeln, ans Licht trat, wie ein jeder, der sie hat, und mit den Umständen, die ich im ersten Theil meines Lebens berühret, zusammen halten will, leicht sehen kann; so erhellet aus den Briefen selber, die ich sowohl an den Grafen von Zinzendorf, als an seinen blinden Anhängern, den einfältigen Bruder Lintrup geschrieben, ganz deutlich, daß ich nichts[211]  weniger gethan, als die Freundschaft mit diesen guten Leuten aufgehoben; es müste dann seyn, daß man: das die Freundschaft aufheben, heißen wolte, wenn man sich nicht blindlings der Meinung eines andern unterwerfen will, in welchen Verstande ich eben so viel Recht habe, zu sagen: der Heyland habe die Freundschaft mit mir aufgehoben, als der Verfaßer hat, wenn Er spricht: Ich hätte die Freundschaft mit dem Heylande aufgehoben.
§ 28. Doch ein solcher Evangelist kunte freylich kein ander, als ein solch Evangelium von mir schreiben, und wir sehen daraus abermal sehr deutlich, wie viel denen Canonisirten Evangelisten zu trauen, deren Schriften erst lange nach dem Tode Jesu zum Vorschein kommen, da man sich nicht schämet, von noch lebenden Personen, solche Lügen in der Welt hinein zu schreiben. Ich werde dem Leser noch die Menge solcher umgekehrter Wahrheiten, in der ferneren Beleuchtung der vorhandenen Lebensbeschreibung entdecken, und mir nur so viel Billigkeit dabey von Ihm ausbitten, die Sachen, die ich erzehle, nicht eher, als Unwahrheiten zu blamiren, als bis Er hinlänglichen Grund dazu hat. Denn mit meinen Wißen und Willen gedencke ich Ihm keine Lügen aufzuheften. Mein Lebensbeschreiber schreibet also weiter.
Fußnoten

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1 So leichtsinnig geht Edelmann mit der Geschichte um, grade dieser Synesius erklärte, daß er nichts von seiner Ueberzeugung abweichendes lehren wollen. So verdreht Edelmann die Erzählung, nach welchen er in einigen Puncten von der Kirchenlehre abwich und auf seine Erklärung, daß er über diese Lehren vor dem Volke nicht sprechen wolle, zum Bischof geweiht wurde in der Hoffnung, daß der heil. Geist ihn weiter in die Wahrheit leiten würde.

2 Soll wohl heißen Terminatif oder dergleichen.

3 rectius Hardenbergs

4 Man mag darüber aus dieser Schrift urtheilen.

5 Soll heißen: ihn.

6 Hier fehlt etwas im Manuscr. Vielleicht soll es heißen: weil ihn aber dieselben berüchtigt nannten.

7 Aber wie, wenn auch das Gewissen ihn leiten soll?

8 Soll heißen mystagogiam.

9 Soll heißen initiandos.

10 Im griechischen Text steht nur μετ᾽ ἐπιῤῥήσεων mit Zaubersprüchen. Die ganze Stelle lautet im Grie 
chischen: οἱ μὲν γὰρ αὐτῶν νυμφῶνα κατασκευάζουσι, καὶ μυσταγωγίαν ἐπιτελοῦσι μετ᾽ ἐπιῤῥήσεων τινῶν τοῖς τελουμένοις, καὶ πνευματικὸν γάμον φάσκουσιν εἶναι τὸ ὑπ᾽ ἀυτῶν γινόμενον, κατὰ τὴν ὁμοιότητα τῶν ἄνω συζυγιῶν.

11 Soll heißen coelestibus.

12 Wahrscheinlich aus Versehen des Abschreibers oder des Verfaßers doppelt gesetzt.

13 Vergl. über Nicolaus und die Nicolaiten Neanders Kirchengesch. Bd. 1. p. 513 ff. Die Unschuldigen Nachrichten Leipzig 1702–1719 wurden herausgegeben von V.E. Löscher.

14 Bekanntlich eine von den Bedingungen, die auf dem Apostolischen Convent gestellt wurden, nach welchen die Heiden zum Christenthum zugelassen werden sollten, ohne dem Mosaischen Gesetz unterworfen zu werden.

15 Das möchte nicht so schwer zu beantworten seyn, als Edelmann meint.




11.
Edelmann geht nach Frankfurth am Mayn, zu Andreas Grossen.










[212] »Von Dreßden gieng Edelmann nach Frankfurth am Mayn zu dem bekannten Separatisten Andreas Groß, weil Er nun diesem schon aus seinem Ruf und Schriften, sonderlich dem Moses mit aufgedecktem Angesicht bekannt war, dem Groß auch sehr wohlgefallen, daß Edelmann die Zinzendorfische Uebersetzung des Neuen Testaments gelobet, so recommendirte Er ihn an Johann Friedrich Haug, den Berleburgischen Bibelübersetzer.
§ 29. Aus dem Ersten Theile meiner, von mir selbst aufgesetzten Lebensbeschreibung wird der Leser umständlich vernommen haben, auf was Weise ich mit dem Hrn. Andreas Groß bekannt worden, und daß mir keine andere Schrift den Weg nach Frankfurth, und sodann weiter, nach Berlenburg gebahnet, als die Unschuldigen Wahrheiten, von denen damals, nemlich Anno 1736 wohl kaum das 9te und 10te Stück noch fertig seyn mochten, und folglich von den Mosen, der erst Anno 1740 heraus kam, da Hr. Groß und Hr. Haug meiner schon vergeßen hatte, von mir selber noch nicht war gedacht worden.[212] 
Mit was Grund der Wahrheit kann doch also mein Lebens-Beschreiber sagen, daß sonderlich der Moses (:der damals noch nicht in der Welt war:) Gelegenheit gegeben, daß ich den Hrn. Groß bekannt werden müßen, und daß demselben das Lob, so ich der Zinzendorfischen Uebersetzung des N.T. in dem Mose beigelegt; sehr wohl gefallen habe? Unverschämter und unbedachtsamer kann ja wohl nicht gelogen werden. Denn
Es darf einer, der den Mosen hat, nur deßen 3ten Anblick p. 173 nachschlagen, so wird Er finden, da der Hr. Groß, mit dem ich damals, wie der Moses heraus kam, ganz und gar in keiner Verbindung mehr stund, eben diesen Mosen, der mich laut unsers vorhabenden Evangelii, mit dem Hrn. Groß bekannt gemacht und zur Recommendation an Hrn. Haugen Gelegenheit gegeben haben soll, eine Teufelsschrift genennet. Wie kann mich also eine Schrift, an die ich, zu der Zeit, als ich mit Hrn. Großen bekannt wurde, nicht allein selber, noch mit keinem Gedancken gedacht; sondern die Er auch, als sie würcklich zum Vorschein kam, aufs höchste verabscheuet, bey demselben bekannt gemacht, und Gelegenheit zu weiterer Recommendation gegeben haben?
§ 30. Wenn einer meinen Evangelisten allein lieset, so denckt er wohl, er lieset die pure Wahrheit; Wenn Er aber aus meinen Gegen-Vorstellungen, augenscheinlich siehet, daß der Verfaßer dieses meines Lebens, in seinen Erzehlungen mit Lügen bestehe, was muß Er wohl, wenn Er noch einiges Nachsinnens fähig ist, von den alten Evangelisten dencken, die das Leben Jesu erst lange nach seinem Tode zu beschreiben angefangen, und deren leichtfertige Nachfolger alle diejenigen Schriften unterdrückt, die sie zu den damahligen Zeiten auch, als unverschämte Lügner zu Schanden machen können?1
Was kann man sich doch zuverläßiges von Leuten versprechen, deren rechtgläubige Nachfolger einmal über das andere auf den Lügen ertappt werden? Fehlt man so grob in den Umständen des Lebens, eines noch lebenden Mannes, da man alle Hülfsmittel bey der Hand hat, sich durch lebendige und unverwerfliche Zeugen, von der Wahrheit einer Sache zu versichern; wie kann man sich auf die Erzehlung verlaßen, die wir ohne Grund, einer Hand voll unwißenden leichtgläubigen und im höchsten Grad abergläubischen Leuten zuschreiben, und worin sie uns das Leben, einer längst verstorbenen Person, mit den unglaublichsten Umständen vortragen? Doch, wer sich gern betrügen läßt, dem wollen wirs nicht wehren.[213] 
§ 31. Inzwischen da mich mein Lebensbeschreiber nun nach Frankfurth führet, muß ich meine Leser wohl ein wenig umständlicher unterrichten, was sich nach meiner Abreise von Dreßden, theils auf der Reise, theils in Frankfurth mit mir zugetragen. Ich gieng kurz vor der Peter Paul Meße Anno 1736 mit der Chemnitzer Land-Kutsche von Dreßden ab, und nahm meinen Weg zu meinem Bruder, den Licentiaten in Chemnitz, theils um Abschied von ihm zu nehmen, weil wir vielleicht in diesem Leben einander das lezte Mahl sehen dürften, theils noch andere Nothwendigkeiten mit Ihm zu verabreden.
Ich gestund Ihm, auf befragen, daß ich Verfaßer von den Unsch. Wahrh. sey, und fand eine Neigung bey Ihm der Wahrheit nachzuspüren; Nach einem Aufenthalt von ein Paar Tagen, nahm ich mit einer, nach Naumburg gehenden ledigen Kutsche, den Weg dahin, weil mich Hr. Walther aus Leipzig, in die Meße dahin beschieden hatte, um mündlich mit mir zu sprechen, und mich noch mit etwas Geld zu meiner Reise zu versehen.
§ 32. Die Herberge, die Er mir an diesem Orte angewiesen hatte, war bey der Frau Gerlachin, einer Schuster-Wittwe, die zwey erwachsene Töchter hatte, wovon die jüngste eine gute dumme Lutheranerinn, die älteste aber ein aufgewecktes Gemüth war. Die Mutter dieser Töchter wollte Anfangs Schwierigkeiten machen, mir vor mein Geld Quartier zu geben, ungeachtet ich sagte, daß mich Hr. Walther, der sonst gewöhnlich da zu logiren pflegte, dahin gewiesen hätte, und daß ich denselben in Kurzen da erwartete. Es wolte aber nichts helfen, ich wurde abgewiesen, unter dem Vorwand, daß sie kein Quartier mehr ledig hätte. Ich bat indeßen doch, mir, als einem unbekannten zum wenigsten einen guten Gasthof zuzuweisen, und die Frau Gerlachin und ihre jüngste Tochter waren eben im Begriff, mich dißfals zu bedeuten, als die älteste, die ich bisher noch nicht gesehen hatte, zum Vorschein kam, und der Mutter zuredete, mich nicht abzuweisen.
Weil die Mutter diese Tochter sehr liebete, indem dieselbe sowohl sie als die jüngste Tochter mit ihrer Handarbeit ernährete, so wolte sie ihr nicht zuwider seyn. Ich bekam also, ohne weiteres Einwenden, ein stilles Stübchen nebst einem guten Bette, und nahm zugleich die Kost bey Ihnen.
§ 33. Ich war knapp einen Tag da, so schenkte mir Gott die Gunst, sowohl der Mutter, als der Töchter, die mir nach Möglichkeit alles zu gefallen thaten, was sittsamen und wohlgezogenen Weibsbildern vergönnet war. Die älteste merckte aus meinem Discourse,[214]  den ich über eine Predigt des dortigen Ober-Pfarrers, des Hrn. Schamelii (in die ich, Ihr zu gefallen mitgehen muste) ungefehr mit Ihr gehalten hatte, daß ich mit seinem Vortrage nicht zufrieden war, und das machte sie curiös die Ursache davon zu wißen. Ich weiß nicht mehr über welch Evangelium der Hr. Schamelius damals Predigte, das weiß ich aber noch, daß Er den ganzen Inhalt seines Vortrags, nach Art der dortigen Prediger-Kunst in dieses Verßchen zusammenzog:

Wenn du dein Herz eröfnen Läßt,
Da findest du das Sünden-Nest.

Wie mich also Jungfer Julchen (:dann so hieß diese Tochter:) fragte, wie mir des Hrn. Schamelii Predigt gefallen hätte, so zuckte ich die Achsel und sagte: Der Hr. Schamelius hätte uns zwar ein Nest voll Greuel und Unreinigkeit in uns gezeigt, aber nicht gewiesen wie wir es ausnehmen und reinigen sollten, und scheine mir der Mantel des Verdienstes Christi, den er hätte drüber breiten wollen, zu kostbar darzu etc.
§ 34. Diese Reden brachten sie in Aufmercksamkeit, und fing an Vertrauter gegen mich zu werden, und zu gestehen, daß sie manchmal Scrupel bey sich fühlte, wenn diß oder jenes gepredigt würde, sie dürfte sich aber gegen niemand damit blicken laßen, wenn sie nicht vor eine Pietistin, oder neue Heilige angesehen seyn wollte. Ich sagte Ihr, so viel ich glaubte, daß sie damals tragen konnte, und ich selber wuste, und machte sie dadurch immer begieriger weiter nachzuforschen.
Mit kurzen, Sie gewann ein vertrauen zu mir, und bat sich aus, daß wenn ich weg seyn würde, ich Ihr dann und wann ein Wort der Ermahnung schreiben, und Sie, wo Sie nicht fortkönnte, unterweisen solte. Ich that es auch, und sie continuirte die Correspondenz mit mir wohl ein Paar Jahr, und that mir in der Abwesenheit, nach ihrem Vermögen mehr gutes, als Sie sich, bey meiner Anwesenheit zu thun getrauete.
§ 35. Eben so gieng mirs mit dem Barbier-Gesellen, der mich damals in ihrem Hause barbieren muste. Dieser Mensch hatte mich kaum einmal gesehen, und etwas weniges mit mich gesprochen, so bekam Er eine Neigung zu mir, die Er auch, nach meiner Abwesenheit, so lange thätig zeigte, als die Julchen mit mir correspondirte, und es waren diese guten Gemüther, denen ich, nach meiner Abreise von Naumburg, die Unschuld. Wahrh. verschaffte, meines behalts die ersten, die mir vor diese Arbeit auf eine wesentliche Art zu dancken suchten.[215] 
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Ob sie nach der Zeit, weil ich keine Briefe mehr von Ihnen erhielt, gestorben, oder ob ihnen wie ich weiter gieng, als Sie zu gehen vermochten, durch andere heilige Schwätzer (:deren es damals die Menge gab:) ein Abscheu vor mir gemacht worden, oder was sie sonst abgehalten, weiter an mich zu schreiben, daß weis ich nicht. Genug die Vorsicht hat Sie gebraucht, meiner Nothdurft, auf eine Zeitlang mit zu Statten zu kommen, und ich wünsche, daß Ihnen Gott ihre Liebe tausendfach vergelten wolle.
§ 36. Ich wartete indeßen über 8 Tage vergebens auf Hrn. Walthern, und Er kam würcklich nicht. Weil ich nun in dieser Zeit etliche Thaler verzehret hatte, vor welche ich ein gut Stück weges weiter hätte kommen können, und Hr. Walther, auf deßen zuschuß ich mich verlassen hatte, außen blieb; so wurde mir in Ansehung der Ueberfracht, die ich fast überall vor meinen Coffre zahlen muste, und des weiten Weges, den ich noch vor mir hatte, etwas bange, Ob ich auch mit meinen wenigen Gelde auskommen würde. Allein die Vorsicht, die mich geleitete, half auch dieser Schwierigkeit ab, und zwar durch einen Weg, den ich am wenigsten gesucht.
Weil ich nicht beständig in meinem Quartier stecken mochte, allwo ich doch nicht müßig war, so gieng ich, mir eine Veränderung zu machen, bald auf den Marckt, bald über Feld. Auf den Marckte traf ich ungefehr den Nürnbergischen Kaufmann Hrn. Weißen an, den ich in Herrnhut hatte kennen lernen. Ich gieng in seinen Laden, grüßte Ihn freundlich, und Er wunderte sich, was ich in Naumburg machte. Ich sagte Ihm aufrichtig, daß ich nach Berleburg berufen wäre, um an der Uebersetzung der Bibel mit arbeiten zu helfen. Ungeachtet ich nun wohl wuste, daß Er, als ein Mann, nach dem Herzen des herrnhutischen Heylandes, diese meine Wege gar nicht würde billigen können, zumal da Er wuste, daß ich meinen Endschluß, nach Herrnhut zu ziehen, geändert hatte, so wagte ich es doch, und sprach Ihn um 6 Thaler an, die ich ihm entweder in Frankfurth an seine Anweisung wider bezahlen, oder nach Nürnberg übermachen wollte.
§ 37. Ich würde eben das und mehr von meiner dienstwilligen Juliana erhalten haben, wenn alle Strenge hätten reißen sollen: Allein es war mir ungleich lieber, daß mir die Vorsehung einen andern Weg wieß, Hr. Weiße gab mir die 6 Thaler, ohne Weigerung und ich habe sie Ihm auch redlich widergegeben: Sobald ich diesen Zuschuß hatte, säumte ich nicht, meine Reise wider fortzusetzen, nahm, nach gemachter Richtigkeit in meinem Quartire, freundlichen[216]  Abschied von meinen gutthätigen Wirthsleuthen und gieng mit der Post nach Gotha.
Daselbst nahm ich mein Ablager bey der Wittwe meines Vetters Krügelsteins, von deren ältesten Tochter ich bereits im Ersten Theile meines Lebens so viel erwähnet, daß sie vor 10 Jahren capable gewesen mich zu charmiren. Aber was kann sich in einer solchen Zeit nicht ändern? Sie war noch da, und ungefehr 28 Jahr alt, hatte auch von ihren ehemaligen Annehmlichkeiten nichts verlohren: Allein ich weiß nicht, ob mich die Heiligkeit, nach welcher ich damals rang, gegen die Natur unempfindlich gemacht; oder ob wir beyde mehr Verstand bekommen hatten, unsere ehemaligen verliebten Thorheiten einzusehen; oder ob der Bräutigam, den sie sich indeßen zugeleget hatte und der den Hrn. M. Stockfinster in Lebensgröße vorstellete, mir einen Eckel vor Ihr gemacht, oder was sonst die Ursache gewesen seyn mag, daß sie die ganze Zeit meines Daseyns, welches 4 Tage dauerte, nicht einmal einen Kuß von mir bekam; Genug Sie war, auch ohne diese Tändeley, mit mir zufrieden, und würde den Hrn. M. Stockfinster (an den Sie sich ohnedem aus Noth, um der armen Mutter eine Erleichterung zu verschaffen, versprochen hatte) gern abgedanckt haben, wenn ich Ihr hätte Hofnung machen können, bis aus Ende mit mir zu leben.
§ 38. Mein jüngster Bruder stund damals noch als Mahler-Pursch in Gotha, und muste sich, weil Vater und Mutter bereits gestorben waren, sehr knapp behelfen. Weil mich nun seine schlechte Equipage jammerte, so schenckte ich Ihm mein bestes Kleid, so ich von Dreßden mitgebracht hatte, und erweckte dadurch bey meinen Freunden, die dem armen Purschen gut waren und ihm doch nicht helfen kunten, ein allgemeines Frolocken.
Ich besuchte hierauf meinen Bruder in seinem Quartiere, welches er damals bey einem fürstlichen Capellisten, Nahmens Schneider hatte, der meinen Bruder der Mahlerey wegen bey sich hatte, und so viel von Ihm profitirte, daß Er mich hernach selber in Neuwied, en miniature mahlen, und gut treffen kunte. Er bezeugte eine Begierde, was meheres in göttlichen Dingen zu wißen, als er nach den gemeinen Schlendrian in den Predigten hörete; Ich sagte Ihm so viel, als ich damals dienlich erachtete, ließ mich aber weder gegen ihn noch gegen meine Freunde mercken, daß ich selber in dieser Materie was in Druck gegeben hatte, kann auch nicht vor gewiß sagen, ob ich der Unschuld. Wahrh. gegen Sie Erwähnung gethan.
§ 39. Der Hr. M. Mahn (diß war der eigentliche Name des Bräutigams meiner schönen Muhme) war alle Tage im Krügelsteinschen[217]  Hause, und kunte zwar wohl sehen, daß seine Braut noch nicht gleichgültig gegen mich war. Weil Er aber an meiner Seite nichts wahr nahm, daß Ihm hätte eyfersüchtig machen können, so gewann Er eine Neigung zu mir, ungeachtet Er aus verschiedenen Discoursen schon hatte mercken können, daß ich in vielen Stücken ganz anders dachte, als Er, und bey der Gleichgültigkeit, die ich bey einer gewißen Schrift blicken ließ, (die Er verfertiget hatte, und von welcher Er, wie Er mir sie zeigte, mit einer Magister-mäßigen Mine sprach, daß sie nächstens der gelehrten Welt würde vor Augen geleget werden:) nicht undeutlich wahrnehmen konnte, daß ich Ihn seiner Weisheit wegen, eben nicht zu vergöttern gedachte.
Diese mir also etwas respectabler zu machen, gab Er ein Tractament in dem Krügelsteinischen Hause, nach dessen Endigung Er mich, auf der Hinterstube, bey einer Pfeife Tabac zu einem Theologischen Gefechte aufforderte, und zwar in Lateinischer Sprache, in Form einer Academischen Disputation. Unsere Zuhörer waren die Brüder seiner Braut, und mein Bruder. Unter den ersteren waren nur zwey, die uns verstehen kunten, nehmlich bis der so zugleich mit mir in Jena studiret hatte, und dessen Bruder, der Doctor Medicinae. Die andern beyden nebst meinen Bruder saßen dabey und sperreten das Maul auf, und hatten kein weiter Vergnügen, als mein Lateinisch Plaudermaul, und des Hrn. Magisters Mosaische Zunge zu belachen. Die beyden gelehrten Brüder hatten ihren Hrn. Schwager mehr zugetrauet. Wie sie aber höreten, daß der gute Mensch, anstatt mich zu treffen, dem armen Prisciano eine Ohrfeige über die andere gab, sagten sie am Ende der Disputation: Si tacuisset, Philosophus mansisset.
§ 40. Meine schöne Muhme merckte, aus meiner ganzen damaligen Stellung, daß eine gewiße Veränderung mit mir vorgegangen seyn müße. Es war in der That so: Aber ich kan nicht sagen, daß mich diese Veränderung so vergnügt, als da ich vor 10 Jahren noch mit der Latte lief, und 1000 sogenannte Thorheiten begieng. Denn alle diese Thorheiten verschaften mir doch eine Art der Vergnügung, anstatt, daß mich die damaligen, die ich doch vor große Weisheit hielt, mich derselben gänzlich beraubeten, und das Gemüth von wahrer Fröhlichkeit leer ließen.
Wie dem allen, so vermehrte diese, mir gar nicht natürliche Stellung, die Hochachtung meiner Muhme gegen mich, und Sie fieng an, verschiedene Fragen zu thun, die zu verstehen gaben, daß Sie eben nicht mit der Weide mehr zufrieden war, auf welche Sie bisher von ihren Seelen-Hirten war getrieben worden. Ich konnte Ihr[218]  zwar damals noch nicht viel beßers geben; doch war sie schon zufrieden, daß ich Ihr sagte, daß nicht alles wahr sey, was uns die Priester vorsagten, und daß man selbst mit eigenen Augen sehen müste.
§ 41. So bald die zu meinem Daseyn bestimmten Tage verflossen waren, nahm ich meinen Abschied, und gieng mit der Post nach Eisenach. Ich war allein auf derselben, und weil es eben Nacht war, wurde mir der Weg ziemlich verdrüßlich. Ich kam endlich doch ganz früh nach Eisenach, hatte mich aber, wegen eilender Post über eine Stunde nicht aufzuhalten, sonst ich doch meine dasigen Freunde noch besucht haben würde. In Eisenach bekam ich einen Gefährten, den Posthalter von Alsfeld, mir dem ich bis dahin, durch die rauhe Gegend ganz vergnügt reißte.
Von Alsfeld war ich wider allein auf der Post, und vertrieb mir die Zeit mit Calender machen, biß in die schöne Wetterau. Dieser angenehme Landes-Strich, der gegen das traurige und arme Heßenland gar zu sehr abstach, ermunterte mein Gemüth auf eine ganz angenehme Art, indem er mir, je weiter ich hinein kam, je mehr natürliches und ungezwungenes zeigete, welches mich in Betracht des affectirten falschen und treulosen Umgangs, den man in den meisten Residenz-Städten antrift über die Maaßen vergnügte.


§ 42. Friedberg, so nur noch drey Meilen von Frankfurth liegt, war die erste Kaiserliche freye Reichsstadt, wo ich anfieng etwas mehr von der so edlen und unschäzbaren Freyheit zu erblicken, als ich in Nürnberg und Regenspurg gesehen hatte. Es war aber alles nichts gegen Frankfurth, wie ich gleich weiter melden werde.
So bald ich da ankam, gieng ich zu Hrn. Großen, der aber nicht gleich zu sprechen war, inmaßen der gute Bruder einen ungemeinen Anlauf von allerhand Leuten hatte, die weit und breit an Ihn addressiret wurden. Die meisten dieser Leute waren entweder schon würcklich Separatisten, oder sonst gute Gemüther, die sich mit der mageren Weide ihrer Seelenhirten nicht mehr zu behelfen wusten. Weil nun Hr. Groß von einem liebreichen und gutthätigen Naturell war, und große bekanntschaft in und außerhalb Landes hatte, so war er gleichsam eine Freystadt der bedrängten, denen Er, ohne sie zu fragen, ob sie auch die Lehre mitbrächten, die Er damals vor wahr hielt, so viel nur an Ihm war, Quartier und Lebens-Unterhalt verschafte. Mit Kurzen. Man kunte von Ihm sagen, was ehemals vernünftige Heyden von den Christen sagten: Bonus homo Cajus, bonus homo Titius, sed Christianus.
§ 43. Ich kam endlich vor Ihm, und wie Er hörte, wer ich war, umarmte Er mich mit einem brüderlichen Kuße, war voller[219]  Freuden, und wuste nicht wie Er mich liebreich genug bewirthen solte. Es gieng schon gegen den Abend, und weil Er damals keine Gelegenheit hatte, mich im Reineckischen Hause, wo Er wohnte, zu beherbergen, so war sein erstes, nach eingenommener Erfrischung, mich mit einem guten Quartire zu versehen; Er führte mich also zum Perückenmacher Piefer, der damals auch ein eifriger Separatist war, nach meiner Abreise von Franckfurth aber, zu nicht geringen Verdruß des Br. Großens, ein herrnhutischer Aeltester wurde.
Wie ich bey diesem Mann von Br. Großen eingeführet wurde, war ich gleichfalls sehr willkommen, und wurde freundlich, treuherzig und gut, aber etwas säuisch bewirthet, das freye, unverstellte, und herzlose Betragen dieser Brüder, nahm mich auch alsofort dergestalt zu ihrem Vortheil ein, daß ich nicht anders dachte, als in ihrer Gesellschaft diejenigen ersten Christen wiedergefunden zu haben, von denen man, in den Beschreybungen, die sie von sich selber aufgezeichnet, so viel gutes findet. Wie ich nun nichts anders suchte, als solche Christen, und noch an nichts weniger dachte, als daß dergleichen Leute, wie ich mir damals die Christen vorstellete, nicht eher auf Erden würden zu finden seyn, als bis Plato einmal seine Republic anrichten, oder Johannes das 1000jährige Reich zu uns kommen laßen würde, so war meine Freude unaussprechlich.
§ 44. In der That würden auch diese Menschen recht gute Menschen gewesen seyn, wenn sie nicht, ihrer Bibel zufolge, Böser zu seyn hätten glauben müßen, als sie von Natur waren. Man lieset von keiner heydnischen Religion, daß der Wahnsinn der Menschen jemals in derselben so hoch gestiegen, daß sie es vor eine besondere göttliche Gnade gehalten, wenn Ihnen Ihre Pfaffen hätten weiß machen wollen, daß kein guter Bißen an ihnen sey, und ich bin versichert, daß wenn man dergleichen ausnehmende Benebelung des Verstandes unter den Heyden würcklich fände, die Christen die ersten seyn würden, die sich darüber moquiren würden.
Sie glauben zwar, so gut als die Christen, daß sie nichts taugten, und man muß sich wundern, daß dem klugen Seneca Lib. 3 de Jra cap. 26. besage des 2ten Stücks der Beyträge zur Vertheidigung der practischen Religion Jesu p. 383 einmal die Worte entfahren seyn sollen, daß wir alle von Natur böse wären: Allein sie hieltens doch wahrhaftig nicht vor eine besondere Gnade Gottes, daß sie das wusten oder glaubten, und würden dem gewiß ein schlecht Compliment gemacht haben, der Ihnen, als eine besondere Gnade der Götter hätte zu wißen thun wollen, daß sie ihr Lebelang Taugenichts bleiben solten.[220] 
Was kann also mit dem Wahnsinn der Christen verglichen werden, wenn sie sichs noch vor eine besondere Gnade ihres seltsamen Gottes, anrechnen, daß Er ihnen zu wißen thun laßen: Er könne sie ihr Lebelang nicht wider in den Stand setzen, in welchen Er sie anfangs erschaffen.
§ 45. Diese heillose Gnade, die mir und meinen Brüdern auch von zartester Kindheit erschienen, hat uns zu vielen guten verdroßen gemacht, welches wir hätten thun können, wenn wir die Kräfte unserer Natur beßer hätten brauchen dürfen. Ich muß doch aber Gott zum Preiß und meinen Franckfurthern Brüdern zum Ruhm, auch dieses sagen, daß sie das Geschwätz von dieser elenden Gnade noch nicht so verdorben hatte, als die gemeinen Scheinfrommen, die aus der Hallenser Schulen kommen, und unter dem Namen der Pietisten, den damaligen Separatisten ein rechter eckel waren. Denn diese waren doch noch einer natürlichen und unschuldigen Frölichkeit fähig: dahingegen die Pietisten, als heilige Menschen-Feinde, durchaus alles zur Sünde machten, und keinen vor einen Widergebohrnen hielten, der nicht über das andere Wort, gleich einen Seufzer aussties, den Kopf, wie ein Schilf, hieng, die Augen verdrehete, und nach der sogenannten Gnade hungerte. Alle diese Unsinnigkeiten traf ich bey meinen franckfurther Brüdern nicht an, ob ich2 schon, wie mir dünckte, grösten Theils, aus den hallischen Schulen kammen. Ihre gute Natur war in vielen Stücken stärcker, als die ohnmächtige Hallische Gnade. Aber weil sie noch an dem Bibel-Götzen hiengen, dem zufolge sie ihre Vernunft noch in vielen Stücken gefangen nehmen musten; so kunnte der gute Same, vor dem Unkraute, daß der Feind, da sie schliefen, in Sie gesäet hatte, nicht recht aufkommen.
Ich war selber damals noch nichts beßer, als Sie, und ich glaube mancher unter ihnen, und insonderheit der Br. Groß sah zur selben Zeit schon viel weiter, als ich. Allein das Feuer, das in mir zu Verbrennung der Stoppeln, erst aufgegangen war, daß war bey diesen guten Brüdern schon grösten Theils wider verloschen, und sie dachten es hätte genug gewürcket, wenn es nur die Stricke verzehret hätte, womit sie die Pfaffen an die äußerlichen Kirchen-Ceremonien gebunden hatten.
§ 46. In der That war es schon was großes, daß sie es so weit gebracht hatten: Allein die Freiheit des Orts, wo sie lebten, und wo ein jeder, der bürgerlich, als ein ehrlicher Mann auftreten[221]  könnte, und keinen Anhang suchte, mochte wohl das meiste dazu beigetragen haben. An kleinern Orten würden Sie es viel leicht nicht so weit gebracht haben. Es hätte Ihnen aber eben diese ware Freiheit gelegenheit geben können, in der Erkenntniß weiter zu gehen, wenn sie Herz genug gehabt hätten, sich an die Buchstaben zu machen, die Ihnen die Vorurtheile der Erziehung, des Ansehens und des Alterthums, noch als lauter Worte Gottes zu verehren befahlen.
Doch was will ich von meinen Brüdern sagen? War ich, doch selber damals, was diesen Punct betrift, wohl noch der blindeste unter ihnen. Denn ich glaube, wenn Sie nur Mine gemacht hätten an den göttlichen Ansehen der Bibel zu zweifeln, so wäre das schon genug gewesen zu machen, daß ich mich eben so unhold gegen sie aufgeführet, als sie hernach selber gegen mich thaten, wie ich diesem Popantz nach der Larve zu greifen begunte. Wenn ich das damals schon hätte thun können, so würde ich alle meine Freunde vor den Kopf gestoßen, mich aller menschlichen Hülfe entblößt, und doch das nimmermehr ausgerichtet haben, was ich hernach ausgerichtet, wie ich der göttlichen Führung Schritt vor Schritt gefolget.
Es hat also alles seine Zeit, und wer auf die Wege Gottes Achtung giebt, der wird finden, daß wir dieselben nicht eher gehen können, als bis er selber Bahn dazu gemacht.
§ 47. Des andern Tages, nach meiner Ankunft in Frankfurth, lernte ich mehere Brüder kennen. Unter andern logirte in des Piefers Hause auch ein bekehrter Jude, Namens Schild. Er war ein Steinschneider, und ein sehr fein Gemüth, das mir, so viel ich damals sehen konnte, fast am besten unter allen gefiel. Es kam auch der D. Senckenberg dahin, der aber zur selben Zeit noch wenig fires hatte. Ein gewisser Tübinscher Magister, Namens Siegward, der im Waysenhause als Prediger bestellet war, gefiel mir dießfalls beßer, und der Kaufmann Düsterweg, der mich, nebst Br. Großen, des dritten Tags, auf ein Mittags-Mahl herrlich bewirthte, schien mir gleichfalls gründlicher zu seyn, als Br. Groß selber.

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Zu diesen kommen hernach noch der Br. Roth, der damals noch, als Buchhalter in der Schwartzischen Handlung stund, und der Br. Moscherosch, der in Jena noch Collegia beym D. Buddeo mit mir gehöret hatte. Dieser gefiel mir seinem liebreichen, sanftmüthigen und gefälligen Naturel nach am besten; Es fehlte Ihm aber am Judicio, weswegen er sich auch, nach einiger Zeit bequemte, das Joch des herrnhutischen Heylandes wieder auf sich zu nehmen.
§ 48. Unter diesen Brüdern waren Groß und Düsterweg die reichsten. Um mir also ein Vergnügen zu machen, stellten Sie eine[222]  Schiffahrt auf dem Mayn an, bey welcher (den Br. Roth ausgenommen) obgenannte Brüder sämmtlich, nebst den Weibern des Br. Piefers und Schilds, samt der ledigen Schwester der letzteren mit zugegen waren. Wir hatten ein eigenes, mit dem köstlichsten Wein und allerhand Erfrischungen wohl versehenes Schif und richteten unsere Fahrt dem Mayn aufwärts, gegen Offenbach.
Der ganze Mayn war bey den angenehmen und ziemlich warmen Sommer-Tage mit Lust-Schiffen fast bedeckt, auf deren jeden sich eine Gesellschaft, nach ihrer Art lustig machte, welche noch nirgend gesehene Freyheit, mir über die maaßen wohl gefiel, absonderlich wie ich sahe, daß sich Br. Groß, Piefer, Schild, Moscherosch, und Siegward (nachdem wir unsere Weibsbilder vorher an Land gesezet und in das Gebüsche verwiesen hatten) völlig auszogen, das Schif einen guten Canon-Schuß weit vom Gebüsche vor Ancker legten, und mitten im Mayn, der damals nicht viel über halben Manns hoch Wasser hatte, mutternacket badeten.
Meine Verwunderung wurde aber noch größer, wie ich im Vorbeyfahren, an Gegenden, wo eben nicht viel Schiffe waren, gewahr wurde, daß auch Weibsbilder sich eben dieser Ergözlichkeit bedienten; und sie stieg endlich aufs höchste, wie ich einen nacketen Adam nach dem andern, ohne Feigen-Blätter, mitten durch die, mit vielen Frauenzimmer besezten Schiffe, stehend, in Kähnen vorbeyfahren sahe, und eben so wenig Schaam bey ihnen erblickte, als man sagt, daß die ersten Menschen im Stande der Unschuld gehabt.
§ 49. Ich stellte mir das unschuldige und freye Leben der sogenannten Wilden in America dabey vor, wie es gewesen, ehe die Zahmen noch die Laster unter ihnen ausgebreitet. Weiter gieng aber meine Betrachtung damals nicht, weil mir die Heiligkeit nicht erlaubte, die Wercke des Schöpfers nach der Natur zu betrachten, in welcher Er sie ursprünglich dargestellt hatte, ich würde sonst leicht gefunden haben, daß diese Menschen, wie sie noch nacket gegangen, weit weniger Greuel verübet, als wie sie sich von dem Gott der Christen mit Kleidern haben versehen laßen müssen. Wir waren indessen in unserer Gesellschaft recht vergnügt, so weit es die traurige Gnade erlaubte, nach welcher wir uns alle noch, als große Sünder betrachten, und uns in Acht nehmen mußten, den wunderlichen Gott, den wir damals noch in den Köpfen hatten, nicht etwa mit einem Gedancken oder Worte, aus der Wiege zu werfen. Es war aber diese Stellung, weil sie nicht natürlich war, auch bey keinem unter uns von sonderlicher Dauer; die Natur guckte bisweilen dergestalt durch die Andacht herdurch, daß man wohl mercken konnte, daß sie[223]  noch nicht Lust hatte, sich creuzigen zu lassen. Wir ließen uns den herrlichen Wein und die andern guten Gaben Gottes recht wohl schmecken, trancken auch denen, um unser Schif badenden, und sich von außen abkühlenden Brüdern, eines nach dem andern zu, um sie von innen wider in etwas zu erwärmen. Wie sie ausgebadet hatten, und wider bekleidet waren, holeten wir unsere Weibsbilder wider, die uns den Caffé und ein gut Vesper-Brodt zubereiteten, und endlich fuhren wir, (welches mir bey der ganzen Lust am besten gefiel) unter dem Lobe Gottes wieder nach Hause.
§ 50. Damit gieng es also zu: wie wir die Ancker gelichtet und ein Stück Wegs gefahren hatten, stimmte Br. Groß in wahrer Imbrunst, das schöne Lied an: Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren. Wir sangen es alle mit zärtlichster Rührung, und ich, meines Orts, mit rechten Freuden-Thränen mit, und fuhren mit dieser unserer einfältigen Music, mitten durch die andere Schiffe, die viel betäubendere Töne von sich gaben, herdurch, ohne daß wir nur im geringsten hätten wahrnehmen sollen, daß sich diese Gesellschaften über unsere Andachten sollten moquiret, oder ihren Spott mit uns getrieben haben.
Diese Freyheit gefiel mir abermal über die Maaßen wohl. Denn ich weiß nicht, ob man uns anderwärts nicht ein Pietisten-Kläppchen mit auf den Weg gegeben haben würde, wenn wir es hätten wagen wollen, unter dem Gesange eines geistlichen Liedes, zwischen andern, von Wein und Liebe begeisterten Menschen durchzufahren, und sie, auf gewisse Maasse gleichsam zu braviren. Man siehet daraus, daß Frankfurth, in diesem Stücke, etwas besizt, was man an andern Orten nicht leicht antreffen wird.
§ 51. Nach dieser Lustfarth zu Wasser, stelleten meine Brüder, die mich gerne mit mehrern bekannt machen wollten, auch eine zu Lande an, und zwar nach Homburg an der Höhe, welcher angenehme Ort nur drey Stunden von Frankfurth lag, und vielen Separatisten, unter der leutseligen Regirung des dasigen durchlauchtigsten Hrn. Landgrafen, zu einer sichern, und erwünschten Freystadt dienete. Wir nahmen (nehmlich der Br. Groß, Düsterweg, Senckenberg und ich) zu meiner nicht geringen Verwunderung, unser Ablager, bey dem Reformirten Hof-Prediger Hrn. Reyrad, und ich muß sagen, daß sich dieser wackere Greiß weit menschlicher und leutseliger gegen uns bezeigte, als es seine feindseelige Bibel haben wollte.
Nach derselben hätte Er uns, in Befolg des Apostolischen Befehls 2 Joh. v. 10 die Thür weisen und nicht einmal grüßen sollen, weil keiner unter uns war, der die Lehre seiner Secte von der heillosen[224]  Gnaden-Wahl mitbrachte.3 Allein Er nahm uns mit aller Freundlichkeit auf, bewirthete uns sehr wohl und ließ nicht ein verdrieslich Wort gegen die Separatisten fallen. Wie ich vernahm so nötigte Er auch niemanden von seiner Gemeine, zur Kirche und zum Abendmal zu gehen, sondern begegnete sowohl denen, die da wegblieben, als denen die kamen, mit gleicher Leutseeligkeit, und gewann dadurch ungleich mehr, als wenn Er sie beständig von der Canzel hätte werfen wollen.
Nach der Mittags-Mahlzeit führten mich die Brüder zum Hrn. Hofrath Plenius und Hrn. Christoph Schütz, der damals Cammerschreiber beym Land-Grafen war, und dessen Schriften dem großen Haufen der Priesterschaft, gewiß auch keine Rosen-Blätter untergestreuet. Beyde waren ganz feine Männer. Ein jeder aber hatte seine besondere Erkenntniß; doch muste sie keinen hindern, dem andern mit aller Liebe und Dienstgeflissenheit zu begegnen, welches mir abermal sehr wohl gefiel. Nach freundlich genommenen Abschied von allen begaben wir uns, gegen den Abend wohl vergnügt, wider nach Franckfurth.
§ 52. Die vielen Juden, die alda lebten, und nicht weit vom Bornheimer Thore, eine eigene große Gasse bewohnten, machten mir, da ich noch keine Synagoge gesehen hatte, einen Appetit, dieselbe zu besehen. Hr. Düsterweg führte mich also in das Abendgebeth dieser armen verdüsterten Leute. Der Ort dieser Juden-Schule schien ihrer innerlichen Gemüthsbeschaffenheit ganz gleich zu seyn, denn er war überaus dunkel, und sahe überall unter den Stühlen und Bäncken so unsauber und unordentlich aus, als wenn man hätte ausziehen wollen.
Ehe ihr Geheule angieng, stunden etliche neben uns, die heimlich beteten, wobei sie beständig mit dem ganzen Leibe, vor und hinter sich wackelten, nicht anders, wie die trunckenen, die nicht mehr auf den Beinen zu stehen vermögen. Sie plapperten, so viel ich sehen konnte, sehr geschwind, schlugen sich einmal über das andere auf die Brust, daß es pufte, und wackelten immerfort. Dieser elende Anblick hätte mich bald zu Thränen bewegt, wenn ihr Vorsänger nicht endlich vor den Tisch getreten und seine Comoedie angefangen hätte, denn da hätte es wenig gefehlet, daß ich nicht überlaut zu lachen angefangen.
Dieser Kerl vermummelte erstlich den Kopf mit ein paar Tüchern,[225]  in solcher Geschwindigkeit, als wenn ihn jemand jagte. Wie er nun in dieser Positur nicht viel beßer aussahe, als ein Popanz, den man auf die Kirsch-Bäume stellet, wenn man die Sperlinge verscheuchen will; also wurde er noch tausendmal lächerlicher, wie er in derselben, mit wunderlichen Verbeugungen des Leibes, ein ordentliches Kater-Geschrey anfieng, und mit der rechten Hand immer an die Gurgel schlug, das Bocks-Triller herauskommen musten.
§ 53. Wer dergleichen seltsame Arten von Gottesdienstlichkeiten noch nie gesehen, und sonst von Natur kein Saurtopf ist, der hat in der That Mühe, das Lachen zu verbeißen, zumal wenn er mit ansehen muß, was ich gleich weiter erzehlen will. Denn wie dieses Geheule vor dem Tische, durch alle mögliche Kazen-Töne, eine ziemliche Weile gewähret, und der große Haufe, oder die Gemeine, bey gewissen Worten, ein Paar Zeilen, ganz zetermäßig mit darein geschrien hatten, lief dieser Psalmist auf einmal hinter den Tisch, sezte sich platt nieder auf den Boden, kehrte sich mit den Rücken nach der Wand, zog die Knie bis vor das Maul, faltete die Hände über die Knie, und fieng in dieser Positur, ohne ein Wort zu sprechen, dergestalt an, auf dem Hintern, vor und hinter sich zu wackeln, daß mich wunder nahm, daß ihm kein Seufzer entfuhr.
Dieses Gewackele daurete ungefehr eine Minute, während welcher Zeit die andern auch, stille vor sich wegwackelten, bisweilen die Augen verdreheten, an Bärten zupften und der Brust einen Puff gaben. Das daurete so lange, bis der Erzwackeler wieder aufsprang, vor den Tisch lief und seine liebliche Music vollends zu Ende brachte.
Mein Gott, sagte ich, zum Br. Düsterweg, ists möglich, daß Menschen, die noch ein wenig von gesunden Verstande übrig haben, glauben können, daß dem höchsten Wesen mit dergleichen Narrens-Possen gedienet sey? Wir hatten unsere Betrachtungen noch weiter: Sie giengen aber zur selben Zeit, zum wenigsten bey mir, weiter nicht, als daß ich dieses arme blinde Volck, meinen Vorurtheilen zu Folge, als ein, von Gott verworfenes Volck betrachtete, ohne zu bedencken, daß sie uns, in so fern wir einen gekreuzigten Menschen vor Gott hielten, vor weit blinder anzusehen Ursache hatten.
§ 54. Der Tag meiner Abreise nach Berlenburg kam endlich heran, ich nahm von den Brüdern zärtlichen Abschied, Br. Groß versahe mich mit den nötigen Reise-Geldern, und ich gieng mit der Post, über Butzbach und Gießen, biß nach Marpurg. Daselbst fand ich eine eigene Calesche, die mich vollends bis nach Berlenburg bringen sollte, welcher ich mich auch alsofort bediente, und desselben[226]  Tages noch bis Wetter und des andern Tages, welches ein Sonntag war, vollends nach Berlenburg fuhr.
Unterwegs hatte ich allerhand dunkle Vorstellungen von meinem künftigen Schicksahl, aus denen ich nicht recht klug werden konnte. Eines Theils freuete ich mich, daß ich nunmehro zu Freunden kommen würde, mit denen ich völlig würde harmoniren, und so zu reden, ein Herz und eine Seele ausmachen können. Andern Theils aber regte sich eine heimliche Bangigkeit bey mir, der ich nicht zu widerstehen vermochte, ungeachtet ich alles aus dem Wege zu räumen suchte, was mich an der Beständigkeit meiner Brüder zweifeln machen wollte. Je näher ich an Berlenburg ankam, je banger wurde mir, ich hielt mich aber an Gott, der mich so wunderbar biß hieher gebracht hatte und ließ Ihn vor das künftige sorgen.
Wie ich durch Schwarzenau fuhr, erinnerte ich mich, daß ich in Jena und anderen Orten in Sachsen vieles von der Pietistischen Rotte zu Schwarzenau4 gehört hatte. Ich hielt damals alles, was man mit dem Nahmen der Pietisten belegte, ohne Unterschied vor beßer, als was sich Orthodox nennete, kann auch nicht läugnen, daß ich viele redliche Gemüther unter diesen Leuten angetroffen. Allein ich urtheilte zu voreilig, indem ich noch zu wenig Bekanntschaft mit ihnen hatte, einen General-Schluß zu machen.
§ 55. Inzwischen freuete ich mich doch diesem Orte so nahe zu kommen, denn er lag nur anderthalb Stunden von Berlenburg in einem angenehmen mit lustigen Bergen und Wäldern umgebenen Thale, zwischen welcher die Eder und andere frische Bächlein durchflossen. Der Ort gehörte dem Grafen von Wittgenstein, und war eigentlich ein Witthums-Sitz der verwittweten Gräfinnen von Wittgenstein, die aber, ehe die Fremden sich allda anbaueten, die meistens von andern Orten des Pietismi wegen vertrieben waren, da aber völlige Gewissens-Freiheit genossen, vor diesen, nicht viel beßer, als im Kloster in dieser Einöde müssen gelebet haben, weil nichts als das Schloß, nebst ein paar Hüttchen da zu finden war.
Damals aber hatte sich der Ort von allerhand Arten der Menschen, die was bessers suchten, recht fein angebauet, und war vor Leute, die die Stille liebten, recht lustig da zu wohnen. Die wenigsten[227]  Häuser lagen beisammen, und es war zu verwundern, daß die, so einzeln lagen, eine ziemliche Zeit von Räubern nicht geplündert wurden. Sie fanden sich aber, wie sie merckten, daß wohlhabende Leute unter ihnen waren, würcklich ein, und sind manchen sehr übel mit gefahren.
Wie ich in dem Walde zwischen Schwarzenau und Berlenburg die Höhe des mittelsten Berges erreicht hatte, begegneten mir etliche Propheten-Kinder, von den so genannten Inspirirten. Ich hatte mir wunderliche Begriffe von diesen Leuten in den Kopf gesezt, und mir dieselben ungefehr so vorgestellt, wie Eliam, wie er auf die unschuldigen Soldaten, die ihn zum König führen sollten, Feuer vom Himmel soll haben fallen lassen. Wie mir aber mein Fuhrmann sagte, daß das Inspirirte wären, sahe ich wohl, daß sie so fürchterlich nicht aussahen, und fuhr vollends glücklich nach Berlenburg.
Fußnoten

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1 Leider fehlt der Beweis dafür.

2 Muß wohl heißen: sie.

3 Der Apostel wußte wohl beßer das Christliche von der dogmatischen Fassung zu unterscheiden.

4 Hier war 1702 die sogenannte Buttlersche Rotte gewesen, eine durch Unzucht und Liederlichkeit berüchtigte Gesellschaft, die ein Joh. Friedr. Mayer mit Spener und seinen Anhängern in eine Classe stellte; gestiftet wurde diese Rotte von Ursula Maria v. Buttler u. Eva Margaretha von Buttler. S. über sie die Zeitschrift für historische Theologie. Ueber die Inspirirten siehe weiter unten.




12.
Edelmann kommt nach Berlenburg und hilft an dasiger Bibelübersetzung.










[228] § 56. »Als Edelmann zu Berlenburg ankam, war er willkommen, und half an der Uebersetzung des N.T. mit arbeiten, wie Er dann den andern Brief an Timotheum und die Briefe an Titum und Philemon übersezte und erklärete. Allein seine damaligen Brüder hatten seine Uebersezung und Erklährung verhunzet und verstimmelt, ehe sie gedruckt worden, worüber er sich heftig ereyferte, und es nicht vor seine Arbeit erkennen wollte.«
Das meiste von dieser Erzehlung ist wahr, bedarf aber einer Erläuterung. Ich war zu Berlenburg willkommen und nicht willkommen, wenn ich die äußerliche und innerliche Stellung, die Hr. Haug gegen mich blicken ließ, nach ihrer wahren Gestalt betrachtete. Aeußerlich wurde ich gar freundlich von Ihm empfangen: Aber ich merckte gleich, daß Er nach dem innerlichen mein Mann nicht seyn würde, und es äußerte sich auch bald, daß wir beyde nicht vor einander gemacht waren. Inzwischen hat Er doch das Werkzeug seyn müssen, durch welches ich aus Dresden, nach dem Reiche gebracht, und weiter in der Welt bekannt werden müssen.
§ 57. Er war, seinem Naturell nach, kein unebener Mann; Aber das muntere und offenherzige Wesen des Br. Großens hatte Er nicht. Er war aus Straßburg des Pietismi wegen verjagt worden und also, in seine Gedancken, schon ein halber Märtyrer, welches[228]  den guten Mann etwas aufgeblasen machte. Es fehlte Ihm an Feuer, seinen Dünckel gültig zu machen, und eben das war der Grund, weswegen Er meine Schriften, die damals noch gar zu viel Feuer hatten, mit Verachtung ansahe, und, ohne Br. Grossens Antrieb, wohl schwerlich darauf gefallen seyn würde, mich jemals zum Mitarbeiter an der Berleburgschen Bibel zu erwählen. Weil Er aber ohne dem Br. Groß nichts thun konnte, indem dieser das meiste zum Verlag dieser Bibel hergab, und den guten Haug, nebst seiner Frau dabei ernährete, so must Er, da Br. Groß es vor gut fand, zu desto hurtiger Beförderung dieses Wercks, einen Gehülfen anzunehmen, sich dessen Anstalten gefallen lassen.
Ich sahe zwar bald, daß wir nicht lange beisammen hausen würden: Allein ich ließ an dem, worzu ich mich bey Ihm verbindlich gemacht hatte, biß auf den einzigen Punct von Fortsezung der Historie der sogenannten Wiedergebohrnen, nicht das geringste fehlen. Die Ursache warum ich mir ein Gewißen machte, dieses Werck, unter dem Titul einer Historie der Wiedergebohrnen fortzusezen, war, daß ich die guten Leute, deren Leben ich beschreiben sollte, selber nicht gekannt hatte, und sie, nach der Beschreibung, die Johannes 1 Ep. 3, 9. von einem Wiedergebohrnen gab, noch vor keine Wiedergebohrnen halten konnte.
§ 58. Wenn ich damals hätte sehen können, daß ich einen Menschen, den keine Christliche Secte mehr vor einen armen Sünder halten konnte, vergebens auf Erden suchen würde; so würde ich mir vielleicht kein Gewissen gemacht haben, diejenigen vor Wiedergebohrne zu halten, die, in Ansehung ihres vorigen lüderlichen Lebens, nunmehro gesittete und tugendhafte Menschen worden: Allein, weil Johannes, den ich damals noch vor unfehlbar ansahe, es vor eine absolute Unmöglichkeit hielt, daß ein Wiedergebohrner sündigen könnte, so dachte ich, ich würde eine Sünde wider den h. Geist begehen, wenn ich das Gegentheil statuiren wollte.
Inzwischen war diese meine Gewissenhaftigkeit dem Hrn. Haug ungelegen, indem ihm der Vertrieb dieser Legenden bisher ein ansehnliches eingebracht hatte. Alles was ich ihm sonst arbeitete, ward vor nichts gerechnet, sobald ich mich verlauten ließ, daß ich die Historie der Wiedergebohrnen nicht fortsezen könnte. Ich übersezte Ihm den ersten Theil von des Poirets seiner göttlichen Haushaltung, ich continuirte die geistliche Fama, die der Hr. Dr. Carl angefangen hatte und lieferte das 20ste, 21, 22 und wo mir recht ist auch das 23ste Stück.
Ich übersezte und erklärte die 2te Epistel an den Timotheum, die[229]  an Titum und Philemon; Ich bezog in seinem Namen die Frankfurther Messe, half den Bibel-Gözen mit einballiren und ließ mich wie einen Packknecht gebrauchen. In Summa, ich nahm mich der Sachen des Hrn. Haugs, so weit ich Verstand davon hatte, wie meiner eigenen an.
§ 59. Es schien auch das erste viertel Jahr, als wenn wir gar wohl mit einander auskommen würden. Er versprach mir, so lange die Bibel-Arbeit noch währen würde, jährlich 200 Gulden zu geben, und seine Frau gieng gar damit um, mich mit der Jgfr. Frenzdorfinn in Schwarzenau zu verheyrathen. Ich hatte an der Tugend dieses Frauenzimmers nichts auszusezen; Allein ich weiß nicht wie die Frau Hauginn, deren Absicht ich erst nachher erfuhr, den Discurs über Tische einmal auf sie drehete, und ihr einen guten Mann wünschte. Vermuthlich erwartete sie die Antwort von mir, daß sie mir sie, weil sie aus einer guten Familie war und ein Paar tausend Gulden im Vermögen hatte, möchte heyrathen helfen. Allein ich, der ich nichts weniger dachte, als daß der Discurs auf mich gerichtet wäre, und die gute Person bereits gesehen hatte, sagte in aller Einfalt: der Kizel zu heyrathen, sollte ihr ja wohl längst schon vergangen seyn. Diß machte sie damals zwar stille, wie sie aber über einige Zeit, nachdem ich diese Jgfr. in gesundern Umständen und etwas lebhafter gesehen hatte, wider von heyrathen anfieng, und ich sie fragte, wen sie dann vor mich ausersehen, gab sie, ohne sich an meine ehemalige Rede zu kehren, zur Antwort: Die Igfr. Frensdorfinn, und ich glaube, ich hätte mich übertölpeln lassen, wenn man das Eisen geschmiedet hätte, weil es warm war. Wie aber Hr. Haug und ich, immer fremder gegen einander wurden, so wurde nichts daraus.
§ 60. Es verlief beynahe ein Jahr, da ich mir es in dem Dienste des Hrn. Haugs hatte sauer werden lassen, ohne daß derselbe im geringsten dran gedacht hätte, mir von dem, was er mir versprochen hatte, etwas zu geben, ob Er schon wuste, daß ich mir in dem Dienste, den ich ihm treulich leistete, durch Anschaffung verschiedener Bücher, Unkosten gemacht hatte. Diese creditirte mir zwar Br. Groß, und schoß mir auch, auf Abschlag meines Salarii etliche 50 Fl. vor. Allein außer diesen habe von Hrn. Haugen weiter nichts gesehen. Das erste viertel Jahr meines Daseyns in Berlenburg, trieb Br. Groß starck, das Eilfte und zwölfte Stück der Unsch. Wahrh. zu fertigen. Ich, der ich meinte, ich dürfte unter diesen Brüdern völlig nach meiner Erkenntniß schreiben, unterließ nicht, die abscheuliche Götter-Fresserey der Christen im sogenannten Abendmale, etwas lebhaft[230]  vorzustellen. Allein meine Frankfurther Brüder, wurden darüber stuzig, und ließen mir nicht vom Halse, biß ich die Stellen, die ihnen zu unverdaulich vorkamen, änderte, nachdem beyde Stücke schon gedruckt waren.
Br. Groß, der sie in Büdingen, auf seine Kosten drucken ließ, beschwerte sich, daß ich Ihn auf die Art, um ein paar hundert Fl. in Schaden brächte. Wenn Er aber hätte bedencken wollen, daß Er mir vor die ganze Arbeit dieser 12 Stücke, keinen Creuzer gegeben, und durch weit und breite Versendung derselben wohl noch einmal so viel davor gewonnen, so würde Er, da ich zumal nichts davor gekunt, daß Er die Manuscripte nicht vorher durchlesen, ehe Er sie drucken lassen, nichts von diesem Puncte erwähnet haben.
§ 61. In der That kann ich zwar den guten Brüdern, nach meiner jezigen Erkänntniß nicht vor übel halten, daß sie damals die Vorsichtigkeit gebraucht, diese Schriften zu ändern. Denn ob es schon lauter Wahrheiten waren, was ich von dieser Materie geschrieben hatte; so hätten sie ihnen doch leicht anstatt Unschuldiger, sehr schuldige Wahrheiten werden, und mich vielleicht selber an weiterer Bekentniß, noch wichtiger Wahrheiten, auf immer verhindern können: Allein ich konnte das, vor dem unruhigen Märtyrer-Geiste, der mich damals noch besaß, nicht einsehen, sondern weil ich gehöret hatte, daß man darnach ringen müste, durch die enge Pforte einzugehen, und daß, wer sein Leben um Christi willen verlöhre, solches auf ewig wider finden würde, so dachte ich auch, ich müste nichts unterlassen, was die Feinde der Wahrheit reizen könnte, mir den Hals zu brechen.

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In dieser unholden Stellung, worin sich mein natürlicher Ehrgeiz auf eine ganz verkehrte Art, nicht wenig gemischet haben mag, hielt ich die kluge Vorsichtigkeit meiner Brüder vor eine Zaghaftigkeit, und moquirte mich hernach in der Vorrede zum 13. St. der Unschuld. Wahrh. nicht wenig über sie. Ich erkenne aber nunmehro, daß ich Ihnen unrecht gethan, und habe es als einen ganz besondern göttlichen Schuz anzusehen, daß ich von meinen Feinden, da ich nach dem Abtritt von meinen Brüdern noch tausendmal freier schrieb, nicht längst bin verschlungen worden.
§ 62. Man hat also von den zwey lezten Stücken des Ersten Theils der Unsch. Wahrh. eben wie von der Augspurgschen Confession zwey Auflagen, nemlich die geänderte und ungeänderte, und in der Vorrede zum 13. St. wird man sehen, was ich eigentlich habe ändern müssen. Ich meinte Wunder was vor eine heroische That ich begangen hätte, daß ich mich nunmehro allein und ohne[231]  dem Beystand meiner Brüder, der ganzen unzelbaren Menge meiner Feinde, in noch weit härteren Ausdrücken entgegen gesezt, als in den beyden lezten Stücken, des Ersten Theils geschehen war. Allein, ob schon meine Absicht, nach meiner damaligen Erkenntniß redlich war (welches ich auch vor die einzige Ursache halte, warum mir Gott meine vielen Uebereilungen und Unbesonnenheiten nicht hat schaden lassen), so war doch die Art und Weise, mit welcher ich bey mancher Sache zu Wercke gieng, wenn man nach menschlicher Klugheit davon reden soll, grösten Theils, mehr verwegen als heroisch.
Ein einzelner, von allen menschlichen Schutz entblösster, von dem grösten Theil der Menschen bereits gehasster, von seinen eigenen Brüdern verlassener, und die bitterste Armuth und Verachtung beyde Hände nach ihm ausstrecken sehender Mann, sollte ja, nach aller menschlichen Klugheit, bey so fürchterlich aussehenden Umständen, billig auf allen Vieren zum Creuz gekrochen seyn, sich seinen gutmeinenden und Ihm zu seiner Versorgung, so wunderbar von Gott zugefürten Brüdern, auf alle Weise submittiret, und alles äußersten Fleißes vermieden haben, was Ihn den Haß der Menschen noch mehr auf den Hals ziehen können. Aber Nein: Je freyer und blosser ich von allem menschlichen Beistand stund, je freudiger und getroster war ich, und der Erfolg hat mich genug gelehret, daß es Gott den aufrichten, wenn sie gleich tausend Fehler begehen, dennoch gelingen lässet und daß eben das, was man Verwegenheit an mir nennen könnte, das meiste zu meinem künftigen Glück mit beitragen müssen. Denn nimmermehr würde ich zu dem Grad der Erkenntniß haben steigen können, worzu mir Gott hernach verholfen, wenn ich mit meinen Frankfurther und Berlenburger Brüdern hätte in einer Verbindung bleiben wollen: Wäre aber dieses nicht geschehen, so würde ich in der Dunkelheit verfaulet seyn, und diejenigen Freunde, nimmermehr gefunden haben, die nach der Hand das meiste zu meinem Fortkommen mit beytragen müssen.
§ 63. Meine damaligen Brüder waren darzu nicht ersehen. Mein Feuer kam Ihnen gefährlich vor, und ich war endlich auch so blödsichtig nicht, daß ich nicht hätte mercken sollen, daß sie meiner gerne, mit Manier wider loß gewesen wären. Wir musten aber einander erst noch besser kennen lernen, und darzu musten allerhand andere dazwischen kommende Geister, nach und nach Gelegenheit geben.
Die ersten waren die Anhänger der Madame Guion und der Mademoiselle Bourignon; worunter der Hr. von Marsey der vornehmste war. Diese kleine Gesellschaft hielt sich auf dem Haynchen auf, welches ein Schloß war, das dem Herrn von Fleischbein zugehörete und im Dillenburgischen, 2 Meilen von Berlenburg gelegen war.[232]  An diesen Ort führte mich die Frau Hauginn, kurz nach meiner Ankunft in Berlenburg um mich mit dasigen guten Leuten bekannt zu machen.
Da fand ich nun wider eine ganz andere Art von Heiligen, die zwar alle auch Separatisten waren: Aber sie hatten sich in die Schriften der Bourignon und Guion dergestalt verbildet, daß sie sie mehr, als die Bibel selbst venerirten. Der Herr von Marsey, auf dem der Geist dieser beyden Heiligen zwiefach zu ruhen schien, und der alle seine Schriften aus dem Wasser dieser Quellen schöpfte, war der Götze dieser kleinen Familie. Denn der alte Hr. von Fleischbein und dessen Gehülfinn, dieser beyden Sohn und Tochter nebst ihrem Schwiegersohn, dem Hrn. von Prüschenck, erhuben denselben ganz über die Gebühr, und unterwarfen sich seinen geistlichen Anstalten recht blindlings.
§ 64. Diese hatten nun zwar nichts von äußerlichem Gewürcke, sondern schienen die Menschen nur in sich selbst in die Stille zu führen, von dem Geräusche der Sinnen und Affecten, auf eine Zeitlang auszuruhen, und sie auf die, in ihnen redende Stimme Gottes aufmercksam machen zu wollen. Wenn das nun auf eine freie und nicht mit Vorurtheilen eingeschränckte Art geschehen wäre, so würde diese Uebung nicht ohne Nuzen gewesen seyn; Aber da sich die armen Leute täglich eine gewisse Stunde bestimmten, in welcher sie auf des Hrn. von Marsay Stube zusammen kamen, und, ohne ein Wort zu sprechen, biß zum Verlauf der Stunde, nur Stille vor sich weg sassen, bisweillen, um nicht einzuschlafen, die Augen verdreheten, und heimliche Seufzer von sich hören ließen, auch während dieses selbst erwehlten Stillschweigens, nach der Vorschrift der Bibel und ihres Führers, nichts anders in sich hören durften, als was alle arme Sünder laut bekennen, nemlich daß sie arme verdorbene und zu allen guten untüchtige Creaturen wären; so konnte auch aus dieser seltsahmen geistlichen Uebung weiter nichts herauskommen, als daß die armen Leute blieben, wie sie waren, und doch dabey wunder dachten, was sie vor andern voraus hätten.
Ich war in ihren heiligen Augen ein sehr kleines Lichtlein und ich that alles was ich kunte, mir selber kleiner zu scheinen, als mich mein Schöpfer gemacht hatte. In der That hatte ich noch wenig Erfahrung in Ansehung solcher besondern Wege, deswegen gafte ich auf ein jedes Irrlicht, das außer mir nur halbwege etwas blinckend erschien, mehr, als auf das Licht, das mir Gott selber in meinem inwendigen verliehen hatte. Dieses muste ich zur selben Zeit vor das allerverdächtigste halten, und was war es da Wunder, wenn mich[233]  die Fladder-Lichter, außer mir, aus einem Irrthum in den andern führten, und mich, mir selber, je länger, je unbekannter machten.
§ 65. Zwar ließ ich, nach der Marsayischen Vorschrift, nichts an mir erwinden, in mich selbst zu gehen, und hielt deswegen die Stunden des Gott gewidmeten Stillschweigens, eben so fleißig mit, als die andern: Aber weil ich nicht allein die Brillen nicht wegwerfen durfte, durch welche mich andere arme Sünder sehen hießen; sondern auch das Wort, das sie mir, von außen, als Gottes Wort zuschrien, mit in mich hinein nehmen muste: So kunte ich auch, weder mich selbst recht erkennen, noch hören, was der Herr, zu meiner Beruhigung, in mir redete, und wenn die Stunde dieser Unwürcksamkeit vorbey war, so war ich eben so leer von wahrer Zufriedenheit, als ich vorher gewesen war.
Es kann seyn, daß die andern, und insonderheit der Hr. von Marsay, der sonst kein unebener Mann war, etwas mehr Vergnügen bey dieser Uebung empfunden, als ich: Allein eben daraus siehet man, daß man sich einem andern nicht nach modeln, sondern Gott seine freye Hand mit sich laßen muß. Denn seine Wege mit uns sind nicht einerley. Vor melancholische und phlegmatische Gemüther mochte diese Anstalt etwas taugen: aber ein munter und würcksam Temperament fand sein Futter nicht dabey.
Der junge Herr von Fleischbein wolte mir fast, als einen Glaubens-Articul, aufnötigen, daß der Hr. von Marsay ein wahrer Wiedergeborner sey: wie ich Ihn aber fragte, ob Er nun nicht mehr sündigen könnte, so stuzte Er, gab sein Misvergnügen zu erkennen, und meinte, daß ich die Wiedergeburth zu hoch triebe. Ich hielt mich aber damals fest an den Spruch Johannis, über welchen ich mir keinen heiligen Senf wolte ziehen lassen, und schied, nach einem Aufenthalt von etlichen Tagen, mit der Frau Hauginn wieder nach Berlenburg.


§ 66. Herr Haug fragte mich, wie mirs auf dem Haynchen gefallen, und insonderheit, was ich von dem Herrn von Marsay hielt? Ich sagte, daß ich glaubte, daß Er es an seinem Theile redlich mit Gott meinen möchte: Aber daß mir nicht gefiel, daß sich die guten Leute allda so sehr in die Bourignon und Guion verbildet. Denn obschon auch diese Personen an ihrem Theile gute und redliche Seelen gewesen wären, so wären sie doch eben keine Muster, wornach alle Menschen die selig werden wolten, ihren Wandel einrichten müsten. Er war mit mir eins, und schien sich besonders zu freuen, daß ich in diesem Stücke mit Ihm harmonirete.
Wir kamen hernach weiter von der Guion ihrem Lebenslauf zu[234]  reden, in welchem ich unter andern Uebungen der sogenannten Selbst-Verleugnung, die die gute Person mit sich vorgenommen, gelesen hatte, daß sie, um ihren natürlichen Eckel, den sie vor unflätigen Dingen hatte, in den Tod zu führen, einmal bey Erblickung eines vor ihr liegenden recht abscheulichen Rotzes, denselben mit ihren Lippen berühret, oder gar mit der Zunge beleckt. Hr. Haug sagte: Wir thun es ihr nicht nach, und er hatte Recht. Denn das heißt die Reinlichkeit verläugnen, damit man eine heilige Sau werden möge.
Dergleichen verkehrte Verläugnungen habe ich nach der Zeit, unter den sogenannten Frommen in Menge angetroffen. Der eine hatte die Leutseeligkeit verleugnet, um einen himmlischen Mops zu agiren, der andre die Freundlichkeit, um einem abgeschiedenen Murmelthiere gleich zu seyen, der dritte die Mildigkeit, damit man ihn nicht vor einen ungerechten Haushalter ansehen mögte; der vierte die Sauberkeit in der Kleidung, damit Er alles vor Dreck halten möchte; der fünfte die Sparsamkeit, damit er nicht vor den andern Morgen sorgen dürfte; der sechste die Redlichkeit, damit er klug, wie die Schlangen seyn möchte; der siebente die Barmherzigkeit, damit seine Gerechtigkeit besser aussehen möchte, als der Schriftgelehrten und Pharisäer; der achte die Gerechtigkeit, damit kein Ansehen der Person bey ihm Plaz haben möchte; der neunte die Sanftmuth, damit Er nicht am fremden Joche mit den ungläubigen ziehen möchte; der zehnte die Höflichkeit, damit Er sich nicht dieser Welt gleich stellen möchte; der eilffte die Schaamhaftigkeit, damit Er den Kindern gleich werden möchte; der zwölfte die Dienstfertigkeit, damit er mit den Sündern keine Gemeinschaft haben mögte. Und wer kan alle Arten dieser verkehrten Verläugnung erzehlen?
§ 67. Ich will gar nicht läugnen, daß ich damals selber noch, in verschiedenen Stücken, eben so seltsam aussahe, als diese frommen Christen, ja ich bemühete mich noch eine geraume Zeit, es ihnen an allerhand heiligen Thorheiten noch zuvor zu thun, und würde auf die lezt unerträglich worden seyn, wenn mir Gott nicht die Unanständigkeit derselben, nach und nach, an andern hätte sehen laßen.
Ich erinnere mich dabey einer Rede, die der damalige Erbgraf Ferdinand zu Berlenburg bey einer visite, die Er seines Hrn. Vaters Bruder, dem Graf Ludwig Franz ablegte, gegen die Jungfr. Kellerin, die in dessen Behausung wohnte, fahren ließ. Diese Jungfr. war unter der Inspirirten-Secte und eben bey dem andern Frauenzimmer der Gemalin des Graf Ludwig Franzens, als der Graf Ferdinand hinein kam, und als ein junger munterer Herr, mit dem Frauenzimmer der Gräfin zu scherzen anfieng. Meine gute Kellerinn,[235]  die diese Aufführung vor sündlich hielt, kunte nicht unterlassen, Ihm einzureden, und mochte Ihm wohl den Spruch, daß Narrentheidung oder Scherz, den Christen nicht gezieme, in guter Meinung zu Gemüthe geführet haben: Allein der Graf gab ihr lachend zur Antwort: Meine liebe Jungfer Kellerinn, Ich begehre nicht fromm zu seyn.
Es erhellet aus dieser Rede nicht undeutlich, daß Er einen frommen, und einen Feind aller Ergözlichkeiten und Vergnügung, vor einerley Unholden gehalten haben müßen. Denn sonst war Er eben so fromm, wie die andern armen Sünder. Weil aber die Separatisten, worunter die Inspirirten hauptsächlich mit gehörten, die Frömmigkeit übertrieben, und nicht selten absurd dabei wurden, so hatte der Graf so gar unrecht nicht, wenn Er kein solcher seltsamer Frommer zu werden begehrete, zumal da Er glauben muste, daß das Tichten und Trachten seines Herzens von Jugend auf nur böse sey.
§ 68. Ich war nicht lange in Berlenburg, so besuchte mich der bekannte Tuchtfeld, der gleich neben mir wohnte, und damals als Hofprediger bei der Gräfinn stund.1 Er bezeigte sich ganz freundlich gegen mich, ungeachtet Er aus meinen Schriften wohl sehen konnte, das mir sein unfruchtbares Gewürcke, daß Er unter allerley Secten, mit Predigen und Sacramentiren trieb, gar nicht anstehen muste. Ich ließ Ihn aber stehen, biß sich nach der Hand Gelegenheit fand, Ihm den ärgerlichen Wandel seines Weibes und seiner Kinder vorzustellen, da ich dann nicht ermangelte, Ihn nach der Schrift zu zeigen, daß der, so seinem eigenen Hause nicht wohl vorstehen könnte, noch weniger die Gemeine Gottes versorgen würde.
Er blieb aber bey seinem Prediger-Geist, und predigte bald bey den Lutheranern, bald bey den Reformirten, bald bey den Inspirirten, ohne das er nur einen anders gemacht hätte, als Er war, woraus zwar erhellet, das dasiger Orten ungleich mehr Freyheit und[236]  verträglichkeit unter den Secten war, als anderwärts, und daß die Reformirten, die die herrschende Religion in Berlenburgschen ausmachten, sich leutseliger, als anderer Orten gegen die widrig gesinnten betrugen, indem wohl schwerlich anderwärts einem Lutheraner vergönnt werden dürfte, eine Reformirte Canzel zu besteigen: Allein der gute Tuchtfeld konnte doch keinen bekehren, und bei den Socinianern, worunter Herr Seebach das Haupt war, hat Er sich, meines Wissens, gar nicht melden dürfen.
§ 69. Dieser Herr Seebach, der, wo mir recht ist, von Berlin war verjagt worden, führte einen guten Wandel, und seine Anhänger haben mir, unter den mancherley Geistern, die ich alda kennen lernen, noch am besten gefallen; Er hielt alle Tage Versammlung: Weil Er aber die Gottheit Christi läugnete, welches ich zur selben Zeit, noch vor einem Seelen-stürzenden Irrthum hielt, so bin ich nie in seine Versammlung kommen, und habe Ihn, mit meinem Bewust, nie mit Augen gesehen.
Ich lernte aber nach meinem Abzuge von Hrn. Haugen, einen seiner vornehmsten Anhänger kennen, Namens Baum, der Hofmeister bey der jungen Herrschaft des Hrn. Graf Ludwig Franz war, und ich muß sagen, daß Er ein sehr redlicher und aufrichtiger Mann war, der mir viele Gefälligkeit erzeigt, und in den Puncten, worin wir, zur selben Zeit, noch von einander abgingen, seine Meinung auf eine sehr bescheidene und ziemlich scheinbare Art vorzutragen wuste.
Ich sagte weder Ja noch Nein zu seinen Meinungen, und vergnügte mich nur an seinem redlichen Wandel und Umgange, der allemal das Vornehmste war, auf welches ich bey den verschiedenen Meinungs-Genossen zu sehen pflegte.
§ 70. Weil ich nicht weit vom Schloße Wittgenstein wohnte, auf welchen der ehrliche Dippelius gestorben war, reizte mich die Neugierigkeit diesen Ort auch zu besehen; Ich gieng daher im Früh-Jahr des 1737sten Jahres, in Gesellschaft des Bruders von Herrn Haugen, der ein Buchbinder und Buchhändler war, und dessen Schwieger-Sohns, des Hrn. Abresch, zu Fuße dahin. Ob nun schon der Weg nicht weiter, als drey starcke Stunden betrug, die ich sonst vor einen Spazier-Gang genommen, so hatte ich mich doch, bey Hrn. Haugen, dergestalt versessen, daß ich auf dem Rückwege, weil der desselben Tages noch geschahe, und über hohe und unwegsame Gebürge gieng, beynahe hätte liegen bleiben müßen.
Meine Gefährten aber, die des Laufens und Bergsteigens damals beßer gewohnt waren als ich, lachten mich aus; und machten dadurch,[237]  daß ich mich über mein Vermögen zwang, und etliche Tage nach einander vor Müdigkeit und Unbiegsamkeit meiner Beine knapp aufstehen konnte.

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Unterwegs fragte ich nach den Umständen des Todes Dippelii, den seine Feinde, eben wie mich, eines mannigfaltigen Todes hatten sterben laßen. Meine Gefährten aber versicherten mich vor gewiß, daß Er an einem Steckflusse gestorben, auf dem Schloße Wittgenstein seciret, und in dem unten gelegenen Städtchen Lassphe2, wäre begraben worden. Ich sprach, nach der Hand, mit dem Barbier, der Ihm seciren helfen, der mir eben das, noch mit den Umständen versicherte, daß Er glaubete, Dippelius habe nie einem Weibsbilde beygewohnt.
§ 71. Wie die Zeit der Franckfurther Oster-Meße in diesem 17313 Jahre herbey nahete, bezog ich dieselbe vor Hr. Haugen, in Gesellschaft obbenanter Männer, und einiger Inspirirten, worunter Hr. Pfeiffer, der Apotheker, der Bortenwirker Langemeyer, und der Schuster Keyssig die Vornehmsten waren. Wir waren noch fremd gegen einander, doch begegneten wir einander mit aller Höflichkeit, und ich kan nicht anders sagen, als daß unsere Reise vergnügt war.
Wir führten 7–8 schwer beladene zweyspännige Karren, lauter Gottes Wort mit uns, welches Hr. Haugs Bruder, und dessen Schwieger-Sohn, Hr. Abresch, als die beiden vornehmsten Handlanger meines Wirths, so gut als möglich, in Franckfurth an den Mann zu bringen suchten. Ich wurde dabey zu weiter nichts, als zum Auf- und Abpacken und etwa zu Abschreibung einer oder andern kleinen Rechnung gebraucht.
Bruder Groß, in dessen Hause ich, nebst dem Herrn Abresch logirte, hieß mich zwar freundlich willkommen, gab mir aber gleich einen brüderlichen Filtz, wegen der harten Ausdrücke, die ich im Eilften und zwölften Stücke der Unsch. Wahrh. gebraucht hatte: Ich bediente mich dessen so gut ich kunte, und sagte Ihm dabey aufrichtig, daß ich irre an meinen Brüdern wäre. Absonderlich, daß ich mich in Hrn. Haugens betragen gegen mich gar nicht finden könnte, indem Er mir die ganze Zeit meines Daseyns, noch nicht daß geringste geboten, von dem was Er mir versprochen hatte.
§ 72. Hr. Haug hatte eben etwas mit in die Bibel einfließen lassen, worüber auswärts auch Klagen eingelaufen waren, wie also[238]  die meinigen darzu kamen, die Br. Groß gerecht fand, so war er gar nicht wohl auf Hrn. Haugen zu sprechen, und schoß mir auf Abschlag meiner Forderung, meines Behalts 45 oder 50 Gulden vor. Ich kaufte mir davor verschiedenen, zu meiner künftigen Einrichtung nöthigen Hausrath, indem ich schon sahe, daß ich bey Hrn. Haugen nicht mehr lange würde bleiben können.
Wärender Meße wurde ich noch mit verschiedenen andern guten Gemüthern bekant, deren Name aber, weil sie die Freundschaft nicht fortgesezt, mir wieder entfallen sind biß auf den Hrn. Licentiat Cramer in Offenbach, und den Hrn. Rath Fend4, der in Frankfurt wohnte. Ersterer besuchte mich im Reinekischen Hause, wo Bruder Groß wohnte, und war gar nicht mit meinen Brüdern zufrieden, daß sie mich genöthiget hatten, daß eilfte und zwölfte Stück zu verändern. Ich mußte Ihn in Offenbach besuchen, und er bat sich auß die angefangene Freundschaft zu continuiren.
Wir sezten sie auch in der That eine ziemliche Zeit fort, und ich glaube sie würde nicht aufgehöret haben, wenn nicht die neue Auflage der Arnoldischen Ketzern-Historie, wovon unten ein mehrers sprechen werde, einen Strich durchgemacht hätte, wie Er vernahm, daß ich nicht mit an derselben arbeiten helfen wolte.
§ 73. Mit dem Hr. Rath Fend machte mich ein alter Separatist aus Laubach, Namens Luther recht wider meinen Willen bekannt. Denn weil dieser redliche Mann, den übrigen Separatisten als ein Socinianer verschrien war, so durfte ichs vor meinen Brüdern, die ohnedem schon zu wancken begunten, nicht wohl wagen, zu Ihm zu gehen. Es ließ aber der Bruder Luther, der eine sonderliche Liebe zu mir trug, nicht nach mit Bitten, biß ich mit Ihm gieng, und ich sahe aus dem Erfolg, daß mir mein heiliger Eigensinn geschadet haben würde, wenn ich nicht mitgegangen wäre.
Ich fand an diesen Ehrwürdigen Greiß einen ganz andern Mann, als Ihn meine, mit Vorurtheilen eingenommenen Brüder beschrieben hatten, Er empfing mich mit der grösten Leutseligkeit, und weil Er meine Schriften gelesen hatte, so that Er, als wenn wir schon lange mit einander bekannt gewesen wären. Er war damals, wo ich mich recht besinne, schon 88 Jahr alt. Aber noch bei so gesunden Leibes-Kräften, und so fähigen Gedächtniß, daß Er seinen Griechischen Grund-Text, wie wir hernach in Discurs geriethen, viel fertiger und accurater anzuführen wuste, als mancher Pfarr den Deutschen.
Er hatte denselben immer im Munde, und überhaupt ein so gutes[239]  und fließendes Mundwerck, daß ich nur zu hören genug hatte. Er speisete mich aber nicht bloß mit Worten ab, sondern wie wir eine ziemliche Zeit mit einander von allerhand Dingen gesprochen hatten, fragte Er nach meinem Zustande. Ich, der ich erst kürzlich von Br. Groß Geld bekommen hatte, und nicht anders dachte, als daß mir Hr. Haug das übrige versprochene auch geben würde, ließ mir nichts weniger einfallen, als daß Er mich deswegen fragte, um mir was mittheilen zu können, ich antwortete Ihn also, daß ich, Gottlob mein ehrlich auskommen hätte.
§ 74. Er mochte aber von Br. Luthern, dem ich etwas von meinen Berlenburgischen Umständen entdecket hatte, schon vernommen haben, daß mirs eben nicht nach Wunsche alda gienge, deswegen drückte Er mir beym Abschiede, mit der grösten Zärtlichkeit, zu meiner recht großen Verwunderung, eine Caroline in die Hand, welche Freygebigkeit Er auch, nach meinem Abschiede, wie mich meine andern Brüder lange vergeßen hatten, noch etliche Mal widerholte.
Wie Br. Groß vernahm, daß ich bey Ihm gewesen war, fragte Er, was ich von Ihm hielte? Ich konnte nicht anders sagen, als das ich Ihn vor einen leutseeligen, gelehrten und gutthätigen Mann hielte, und so, wie Er seine Meinung vortrüge, eben nicht viel daran auszusetzen fände. Ich merckte, daß ich dem Br. Groß damit nicht recht geredet hatte. Es war mir aber unmöglich einem Mann zu haßen, der so viel Gutes an sich hatte. Denn Er war die Freundlichkeit und Leutseeligkeit selber, und that mit dem Vermögen, daß Ihm Gott verliehen hatte, ohne auf den Unterschied des Glaubens und der Meinungen zu sehen, so vielen Armen und Nothleidenden Gutes, daß ich seines gleichen wenig gefunden habe.
Kurz, Er war der erste, der das verhaßte Bild, das mir meine feindseligen Lehrer von den Socinianern in den Kopf gesetzet hatten, bey mir ausgelöschet. Er blieb mein Bruder in der That, wenn ich gleich nicht seiner Meinung war, da mich hingegen die andern Namens-Brüder gänzlich verließen, sobald sie sahen, daß ich weiter gieng, als sich ihr Gesicht erstreckte.
§ 75. Wie ich wider zurück nach Berlenburg kam (welches kurz nach meiner Widerkunft von Homburg geschahe, wohin ich dißmal alleine von Franckfurth zu Fuße gieng, um dasige Freunde zu besuchen, unter denen des Hrn. Rath Fends Mündelein, die Jungfer Schützinn mir auch eine Caroline mit auf den Weg gab:) brachte ich in vielen Stücken ein ander Gesicht mit. Denn ich hatte in der kurzen Zeit, die ich in den Gegenden von Franckfurth, Homburg und[240]  Offenbach zugebracht hatte, so mancherley Arten von Geistern kennen lernen, daß ich fast nicht wuste, was ich endlich mehr glauben sollte.
Sie hatten alle was Gutes von Natur. Aber es konnte vor die Evangelische Gnade nicht aufkommen, denn sie hätten sonst aufhören müßen, arme Sünder zu seyn, welches die elenden Leute vor unmöglich hielten. Ich war damals noch nichts beßer, als sie alle, und ob ich schon überhaupt etwas vergnügendere Blicke von unserm Zustande hatte, so waren sie doch alle noch sehr dunkel, und der Bibelgötze erschreckte mich allenthalben, wo ich meine Augen nur hinwandte.
Ein klein Licht zu etwas aufmerksamerer Betrachtung deßelben mußte mir der damalige Bibeldrechsler Hr. Haug selber geben, und zwar durch die Vorrede, die Er seiner sogenannten Theosophiae Pneumaticae vorgesezet hatte; denn wie ich in derselben laß: der sogenannte Canon der Schrift, oder daß man etliche Bücher derselben vor Canonisch und folglich vor unfehlbar halten müßte, hätte seinen Ursprung aus dem Verderben, sey von Menschen aus etlichen alten Abschriften gemacht, und die Erfahrung zeuge, daß man es schlecht getroffen habe etc. etc., so bekam ich schon mehr Herz diese Materie, an die ich mich bisher gar nicht getrauet hatte, etwas näher zu untersuchen.5
§ 76. Ich konnte mir aber aus dem entsezlichen Gewirre, wodurch ich bey dieser Untersuchung nothwendig brechen mußte, lange nicht helfen, und es kamen mir andere Dinge dazwischen, daß ich diese Betrachtungen auf stillere und geruhigere Zeiten ausgesezt seyn laßen muste. Ich hatte indeßen auf einmal schon genug, daß ich von einem eyfrigen verehrer der Bibel selbst und ohne alles mein Begehren, vernommen hatte, daß es um das Canonische Ansehen, und folglich um die Unfehlbarkeit derselben, nicht gar zu richtig stehen mußte. Diese Gedancken blieben mir, und der Leser wird daraus erkennen, wie wunderbar Gott nach und nach, das Licht der Wahrheit in mir aufgehen laßen6, und selbst durch die, so diesen ungestalten Götzen, nach besten Vermögen, noch mit ausputzen halfen, die erste Gelegenheit zu deßen völligen Umsturz angewißen.
Herr Cantz, der damals in Berlenburg als Hof-Medicus beym[241]  regierenden Grafen Casimir stund, und der leibliche Bruder des berühmten Tübingischen Professors war, that durch seinen redlichen Umgang und vernünftige Discurse, nicht wenig Beytrag zu beßerer Aufräumung meines Verstandes. Er war ein Mann, der die Welt gesehen hatte, und besaß solide Studia, und eine tiefe Einsicht in viel Sachen, sonderlich in der Theologie, die Er selbst vor diesen studiret hatte, weswegen ich Ihm auch völlige Freyheit ertheilte, diejenigen Stellen, die meine Brüder in dem eilften und zwölften Stücke der Unschuld. Wahrh. gemildert haben wollten, zu verbeßern, und ich gab hernach nur meine Einwilligung darzu.
§ 77. Es war dieser rechtschaffene Mann mein bester, und damals einziger Freund in Berlenburg, zu dem ich ein Vertrauen haben kunte, Er liebte mich aufrichtig, besuchte mich oft, und stund mir in vielen Stücken mit Rath und That getreulich bei. Er war nicht mit seinem Herrn Bruder zufrieden, daß Er sich zum Verfechter der seltsamen Wolfischen Philosophi mitgebrauchen ließ, sahe die Sachen viel tiefer ein, und wir ergözten uns oft über die gelehrten Thorheiten, vieler damals fast in allen Zeitungen, über das Ziel herausgestrichener Männer.
Bisweilen kamen Puncte vor, wobei mir Hr. Kantz, in Ansehung der elenden Unfehlbarkeit der Bibel, gerne etwas mehr gesagt hätte, wenn Er mich, zu unanstößiger Anhörung seines Discurses gestellet gefunden. Wie Er aber ein Mann von großer Einsicht und Mäßigung war, also ließ Er sich nicht mehr gegen mich mercken, als Er wuste, daß ich zur selben Zeit vertragen kunte. Ich sezte also meine Bibel-Arbeit noch lustig fort, indem ich dieses Buch überhaupt, doch noch immer vor Gottes Wort hielt, wenn ich gleich gestehen mußte, daß bey Sammlung der sogenannten Canonischen Bücher, menschliche Fehlern mit untergelaufen. Ich war aber freylich in Erklärung der mir angewiesenen Bücher, gar zu weitläuftig, und kann meinen Brüdern in so weit nicht unrecht geben, wenn sie sie abzukürzen gesucht, wenn sie nur das wesentliche davon beybehalten hätten. Ich fand aber, gleich beym ersten Anblick des Drucks, eine ganz andere Arbeit, weswegen nicht zu läugnen begehre, daß mich diese Tuckmäuserey verdroßen, und mich genöthiget, gegen meine wahren Freunde zu erkennen zu geben, da ich diese drey Episteln nicht vor meine Arbeit hielte? Doch weiter in den Text.
Fußnoten

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1 Victor Christoph Tuchtfeld war früher Pastor bei Halle, suchte Anhänger für Visionen, die seine Mägde gehabt hatten und wurde deshalb nach Berlin in die Hausvoigtey gebracht und seines Amtes entsetzt; später wurde er noch ein paarmal in und bei Halle gefangen gesetzt, weil er die Ordnung des Gottesdienstes störte. Dann schrieb er auch gegen die Theologen in Halle: Bekehrung der Väter zu den Kindern. Nachher trieb er sich umher, kam 1724 nach Clausthal und von dort nach Nürnberg. Hier traten seine Irrthümer deutlicher hervor, er soll die Genugthuung Christi gelästert, das geschriebene Wort Gottes verkleinert, das Predigtamt geschmähet und die Erlösung der Verdammten behauptet haben. Er fand unter der geringern Classe manche Anhänger und soll überall die Gemeinden verwirret haben. Cf. Walch die Religions-Streitigkeiten der Evangel.-lutherischen Kirche Thl. 2. p. 846. Thl. 5 p. 1063–1069.

2 Richtiger Laasphe an der Lahn, 2 Meilen von Berlenburg mit 1800 Einwohnern.

3 Soll heißen 1737.

4 Cf. Walch Religions-Streitigkeiten der Evang. luth. Kirche Thl. 5. p. 1070.

5 Wie verkehrt müssen damals schon Edelmanns Ansichten von der Göttlichkeit der Schrift und des Christenthums gewesen seyn.

6 Oder nach anderer Ansicht wie die objective Wahrheit, da sie keinen empfänglichen Boden behielt, durch die Zweifel nach und nach dahingefallen ist unter göttlicher Zulassung.




 XIII.
§ 78. Edelmann bleibt fünf Jahr zu Berlenburg und schreibt verschiedene Schriften.










[242] »Er zweifelt darüber (nämlich über die heimliche Veränderung meiner Schrift-Erklärung, hauptsächlich aber, weil mir Hr. Haug nicht hielt, was Er mir versprochen hatte) mit Hrn. Haugen, als Er kaum ein Jahr zu Berlenburg mitgearbeitet hatte. Doch bleibt er noch fünf Jahr um diese Gegend, bis an den Tod des Hrn. Grafens Casimirs, und Schrieb die verzweifelten Schriften: Moses, mit aufgedeckten Angesichte: Die Göttlichkeit der Vernunft, welche Er zum Ausleger der h. Schrift machte: Doctor Carls continuirte geistliche Fama etc.
§ 79. An dieser Erzählung ist das meiste abermals der Wahrheit gemäß. Weil aber meine Leser, sonder Zweifel, gerne wißen möchten, was mir in diesen fünf biß sechs Jahren besonders begegnet, und auf was Art mich die Güte meines Schöpfers, als ich, nach dem Abschiede von Hrn. Haugen, keinen Menschen mehr hatte, auf deßen Beystand ich mich, im äußeren, sicher hätte verlassen können, dennoch in diesen fremden Landen, wunderbar erhalten, und noch im innern, unter mancherley Abwechselungen des Lichts und der Finsternis immer weiter gebraucht; so muß ich Ihnen wohl einen etwas umständlichern Bericht ertheilen.
Es war, wie bereits erwähnt, fast ein Jahr verfloßen, und Hr. Haug hatte noch nicht ein Wort gegen mich erwähnet, ob Er mir von dem, was Er mir versprochen hatte, etwas geben wolte, oder nicht. Dieses Tückische Betragen mißfiel mir sehr, indem ich gar nicht wuste, wie ich mit Ihm daran war. Ueberhaupt sahe ich wohl, daß ich, ohne Verdruß, nicht von Ihm kommen würde: Ich wolte aber alle Gelegenheit vermeiden, den Anfang darzu zu machen, welches unfehlbar geschehen seyn würde, wenn ich Ihn selber hätte zur Rede setzen wollen, warum Er seyn, mir gethanes Versprechen, in Punct eines gewißen Salarii so gar in keinem Stücke erfüllete. Allein eben durch den Weg, wodurch ich diesen Verdruß vermeiden wolte, mußte ich ihn befördern: Ich war einmal in fremden Landen, hatte nichts zuzusetzen, auch, nach der Aufführung des Hrn. Haugs, nichts zu hoffen, meine Kleider und Wäsche wurden täglich schlechter; keine Schulden, nachdem ich bey Hrn. Großen, auf mein zu hoffendes Salarium was aufgenommen hatte, wolte ich weiter machen; keinen Rückweg kunte ich mit leerer Hand nehmen; keinen weiteren[243]  Vorweg noch weniger. In Summa, ich sahe mich in einer solchen Enge, daß ich weder aus noch ein wußte.
§ 80. Man möchte sagen, wenn ich Hrn. Haugen im brüderlichen Vertrauen besprochen und Ihm meine Umstände, ohne Hinterhalt eröfnet hätte, vielleicht würde Er nicht so liebloß an mir gehandelt, noch mir das meinige vorenthalten haben. Es kann seyn, daß ich in diesen Stücke was versehen: Allein ich muß auch die Ursachen melden, die mich darzu gebracht. Erstlich würdigte mich Hr. Haug nie, mich seinen Bruder zu nennen, ungeachtet ich Ihn, vom Anfang unserer Bekanntschaft, und ohne mich an sein unbrüderliches Betragen gegen mich, im geringsten zu kehren, beständig meinen Bruder nennete. Zum anderen wuste er meine Umstände so gut, als ich sie Ihm sagen konnte, ohne daß Er sich im mindesten dadurch hätte sollen erweichen laßen.
Diese Härtigkeit und Aufgeblasenheit benahm mir alles Vertrauen zu Ihm, und machte daß ich mein Herz umkehrete, wenn ich manchmal auf dem Wege war, mich, meiner Angelegenheiten wegen, mit Ihm zu besprechen. Ich hätte was die Verweigerung des Bruders-Tituls anbelangt, mein Anfangs tragendes Vertrauen zu Ihm noch nicht weggeworfen. Denn ich sahe, daß Er gegen andere, die nicht just in seinem Circul stunden, ob sie Ihm schon Bruder heisten, eben so mopsicht that. Ich nahm das sonderlich wahr, wie uns der ehrliche Bruder Küntzel aus Zeulenroda besuchte.
Dieser grundgelehrte Mann, dem Hr. Haug weder an Gelehrsamkeit noch Aufrichtigkeit das Waßer reichete, war so freundlich, herzlich und leutseelig, daß es ein Vergnügen war, mit Ihm umzugehen. Er hatte, ungeachtet Er ein Priester gewesen war, so wenig priesterliches mehr an sich, daß Hr. Haug, den der Priester-Geist, ob Er schon nie ein Priester gewesen war, noch gar starck besaß, wohl was hätte von Ihm lernen können, wenn es seyn Mystischer Stoltz zugelaßen hätte.
§ 81. Er tractirte aber diesen wackern Mann eben so gleichgültig als mich, und ich wurde seiner Kaltsinnigkeit auf die lezt, in so weit gewohnt, daß ich sie gerne einem Natur-Fehler zugeschrieben hätte, wenn Er sich sonst, in der That, brüderlicher gegen mich hätte aufführen wollen. Herr Küntzel war sonst im Punct der Widergeburth und – andern von mir vorgetragenen Wahrheiten, nach unsrer beyder damaliger Einsicht, ziemlich mit mir einig, und das 22ste Stück der Geistlichen Fama, worzu ich nur die Vorrede gemacht, ist seine Arbeit. Wir correspondirten auch, nach seinen Abschiede, noch eine lange Zeit mit einander. Weil wir aber alle beyde noch Buchstäbelten,[244]  und der eine den Bibel-Götzen hin, der andere wieder her zerrete, so zerschlug sich endlich unsere Freundschaft, die vielleicht noch dauren würde, wenn wir hätten sehen können, daß wir uns beyde um nichtige Dinge gezanckt.
Herr Haug nahm sich indeßen so wohl in Acht, Ihm Bruder zu nennen, daß es schien, als wenn das der einzige Punct gewesen wäre, worauf Er bey seiner Anwesenheit hätte Achtung zu geben gehabt. Hingegen kehrte sich Hr. Künzel nicht daran, sondern gab Ihm sowohl, als mir, und Hrn. Cantzen den liebreichen Bruder-Titul, und sein ganzes Betragen war so eingerichtet, daß man Herz und Vertrauen zu Ihm haben mußte. Wenn Hr. Haug nur halb so gestellet gewesen wäre, so würden wir entweder länger beysammen geblieben, und ich folglich an weiterer Erkänntnis aufgehalten worden seyn, oder wir würden doch, wenn ich ja hätte weiter gehen wollen, ohne Verdruß von einander gekommen seyn. Es scheinet aber, daß alles, zu meinem weiteren Fortkommen in Erkänntniß der Wahrheit etwas beitragen müßen.
§ 82. Die Unfreundlichkeit Herrn Haugs gegen mich, wurde von Tage zu Tage mercklicher. Die Ursache war diese: Weil daß Jahr nun bald verfloßen war, und ich, außer Tisch und freien Gehalt, noch nichts von dem empfangen hatte, was Er mir versprochen, so klagte ich meine Umstände nicht nur Hrn. Cantzen, sondern auch dem Hrn. Hofmann, der damals Canzellist in Berlenburg war. Beyde hatten einen Eingang bey Hrn. Haugen, und ich bat sie, meinetwegen im Vertrauen mit Ihm zu sprechen, daß Er sich erklären möchte, ob Er mir was, oder nichts geben wolte.
Hätte Hr. Haug ein redlich Herz gegen mich gehabt, und sein Versprechen an mir zu erfüllen gedacht, so würde Er diese Unterhändler in der Stille angenommen, einen Anfang zu meiner Befriedigung gemacht, und allen weiteren Wortwechsel und Verdrüßlichkeiten vorgebeuget haben: So aber lief Ihm, bey dem Antrage, obiger beyder Brüder, die Lauß über die Leber, Er zohe sich mein Betragen vor eine Beschimpfung seiner Person zu; hielt mir mit großen Unwillen vor, daß ich Ihn selber dißfals hätte besprechen sollen, und hatte in seinen Gedancken, noch ein Haufen Recht übrig.
Ich hatte mich auf diesen Scharmützel schon etliche Tage her gefaßt gemacht, und mein natürliches Feuer, durch Vorstellung aller bevorstehenden Umstände, in ein ganz kaltes Geblüte verwandelt. Wie also Hr. Haug mit ziemlicher Hitze an mich setzte, und mir sonderlich aufmuzte, daß ich andern, und nicht Ihm meine Noth geklagt, gab ich Ihm ganz sachte zur Antwort, daß Er mir durch sein[245]  verstecktes und hinterhaltendes Betragen, das Vertrauen gegen sich ganz benommen hätte. Wir geriethen hierauf in weiteren Wortwechsel, und sagten einander beyderseits die Wahrheit, ohne Verblühmung, nur mit dem Unterschiede, daß Hr. Haug, der so viel Wahrheiten auf einmal zu verschlucken, sich nicht gefaßt haben mochte, sich etwas ungeberdig dabei stellete: Ich aber, als dazu gefaßt, keine Schwierigkeit machte, dieselben mit aller Gelaßenheit zu mir zu nehmen.
§ 83. Wie dieses geistliche Kampf-Jagen über dem Abend-Essen, in Gegenwart seiner Frauen vorgieng, saß dieselbe, ohne ein Wort dazwischen zu reden, ganz stille, und ließ uns unsere Sache allein ausmachen. Das Ende unsers Discurses war endlich dieses, daß wir uns, nach etlichen Wochen in Friede von einander scheiden, und ich, meine eigene oeconomie hinführo führen solte: Aber daß ich außer dem, was ich von Br. Groß, auf Hrn. Haugens Rechnung nach und nach aufgenommen hatte, und welches etwa 82 Gulden betragen mochte, zu Einrichtung meiner neuen Lebensart, auf den Rest, der mir versprochenen 200 Gulden, weiter einen Creutzer kriegen solte, daran wurde mit keinem Worte gedacht, und weil ich sahe, daß wenn ich dieses Capitul hätte berühren wollen, nur ein neuer Zwiest entstehen würde, so verlohr ich auch kein Wort darum, sondern machte mich, im Vertrauen auf Gott, der mich bis hierher gebracht hatte, mit Freuden, zu meinem Abzuge von Hrn. Haugen parat, ohne einen heller zu wißen, wovon ich mein armes Leben, nur eine Woche lang, nach meinen Abzuge hätte fristen können.
Hier zeigten sich aber die Spuren Göttlicher Vorsehung aufs neue, recht unvergleichlich, und ich wurde gewahr, daß es eine Wahrheit sey, daß der Wohlthat, dem Vater erzeiget, nimmermehr vergeßen werde: Ich erinnere mich dabei noch des Segens, den mir mein seliger Vater noch aus Eisenach vom 25. Januarii 1730 nach Oesterreich ertheilte, als ich Ihm, zu seiner Erquickung, 10 Thaler geschicket hatte. Denn da schrieb der liebe Mann dafür, mein allerliebster Sohn, laße Gott dir allen Seegen angedeyhen, den alle Erz-Väter, alle Heiligen, und alle frommen Eltern, ihren wohlgearteten Kindern und Nachkommen, haben anwünschen können; und ich muß Gott zum Preise sagen, daß dieser Seegen reichlich an mir beklieben, indem ich hundertfältig geerndtet, was ich damals ausgestreuet.
§ 84. Es hatte zwar zu der Zeit, wie ich mich zu meinem Abzuge von Hrn. Haugen rüstete, noch ganz und gar kein Ansehen dazu. Vielmehr schienen Mangel und Armuth beyde Hände nach[246]  mir auszustrecken, indem ich überall nichts sahe, worauf ich hätte Rechnung, zu meines ferneren Lebens-Unterhalt machen können. Mein treuer Gott ließ mich aber nicht lange in dieser Wüsten, sondern bereitete mir ganz unvermuthet, einen Tisch gegen meine Feinde, auf folgende Art.
Ich hatte gleich beym Antritt meiner Arbeit, bey Hrn. Haugen, in die damalige Erffurther Bibel-Lotte rie, 2 Thaler gelegt, und bisher nicht vernommen, ob sie gezogen war, oder nicht. Meine Absicht war, Hrn. Haugen eine unverhoffte Freude zu machen, und wenn ich was gewönne, solches Brüderlich mit Ihm zu theilen. ja ich hatte gar, Ihm unwißend, ein Loß auf Ihn genommen, und gedachte es Ihme ganz zu laßen, wenn Er auch das größte Loß hätte gewinnen sollen. Wie die Noth am grösten bei mir war, kamen die Ziehungs-Listen von dieser Lotterie heraus; Mein Loß hatte eine Bibel gewonnen, die ich weder sieden noch braten kunte: Hrn. Haugen seins aber hatte viertzig Thaler erschnappt. Hier entstand eine Gewißens-Frage bey mir: Ob ich Hrn. Haugen, der mich leer von sich ziehen ließ, dieses Geld laßen, und selber darben sollte; oder ob ich es vor ein Aequivalent deßen ansehen sollte, was mir Hr. Haug noch schuldig war, und nicht zahlen wollte? Nach kurzer Ueberlegung fiel der Schluß, mit Zufriedenheit meines Gewissens, vor die letzte Frage aus. Denn wie ich Hrn. Haugen dieses Glück in keiner andern Hofnung zugedacht hatte, als an Ihm einen treuen und redlichen Bruder zu finden, also wurde ich, da Er diese Hofnung so schändlich vereitelte, meines, ohnedem nur gegen mich selbst gethannen Versprechens quitt, und konnte den erhaltenen Gewinst, als eine Vergütung ansehen, die mir die Vorsicht vor das, was mir Hr. Haug abzuzwacken suchte, hatte zuwenden wollen.
§ 85. Ich bekam, nach Abzug aller gewöhnlichen und ungewöhnlichen Zehenden, etwas über 30 Thaler, und die Vorsicht bediente sich des Spiels, das die Verehrer der Bibel mit ihrem Götzen treiben, zum Vortheil deßen, der ihn, in kurzer Zeit, allen Vernünftigen zum Spectacul vorstellen sollte. Ich mietete mir also ein Stübchen, nahm von Hrn. Haugen freundlichen Abschied, und bezog mein neues Quartier mit völliger Zufriedenheit.
Ich nahm dasselbe bei dem Becker Zepper, der ein ehrlicher Mann war, und auch fast alle Classen der neun kleineren Secten durchwandert hatte, ohne in irgend einer was anders gefunden zu haben, als was die großen alle sagten, nemlich, daß Er von Natur zu allen guten erstorben sey, und biß ans Ende ein armer Sünder bleiben müßte. Diesen elenden Trost ließ er sich von einem Schneider,[247]  Namens Meier, der auch aparte Versammlungen hielt, anstatt der Anhörung ordentlicher Prediger, die Ihm eben das mit mehrerer Annehmlichkeit gesagt haben würden, wöchentlich ein oder ein Paar Mahl wiederholen, damit Ihm die Vernunft, welcher alle diese kleinen Secten viel feinder waren, als die großen, nicht etwa unvermuthet was bessers sagen möchte.
Mich sahe er in seinen Gedancken noch gar nicht vor voll an, und ich begehrte es auch nicht zu seyn, indem ich mich vielmehr auszuleeren suchte, von allem, womit man mich bisweilen wider meinen Willen angefüllet hatte. In dieser Positur ließen wir also einander stehen. Ich bezahlte Ihm gleich ein halb Jahr Miethe voraus, welches 4 Gulden betrug, wovor ich nicht allein ein hübsch meublirtes Stübchen, nebst einen Kämmerchen und guten Bette, sondern auch freie Heitzung hatte; nur kam es noch auf die Kost an: Allein auch davor hatte Gott schon gesorgt, wie wir gleich weiter hören werden.
§ 86. Wie ich noch bei Hrn. Haugen war, wurde ich, unter andern auch mit dem Herrn Ludolff bekannt, der damals als Informator beym jungen Hrn. von Kalkreuter stund, den der Graf Casimir bey sich am Hofe hatte. Dieser Hr. Ludolf war mein sehr guter Freund, und ich werde in der Folge meines Lebens ein meheres von Ihm zu sprechen kriegen. Hier muß ich nur so viel melden, daß Er mich mit den Inspirirten bekannt machte1, bey denen einen, weil er in Zeppers Hause, meiner Stube gleich gegenüber wohnte, ich[248]  meine Kost nahm, wöchentlich 12 Groschen gab, und sogleich auch ein halb Jahr voraus bezahlte.
Mit der Bekanntschaft mit den Inspirirten gieng es so zu: Ich kam, ehe ich mit Hrn. Ludolffen bekannt wurde, welches wohl ein halb Jahr nach meiner Ankunft in Berlenburg, erst geschehen mochte, bei Hrn. Haugen wenig aus, und weil mir Hr. Haug, der vor diesen selber mit unter den Inspirirten gewesen war, eben nicht viel günstiges von der Inspiration überhaupt gesagt hatte, so war ich auch gar nicht curiös, diese Secte kennen zu lernen: Allein es schien, als wenn die Vorsicht haben wolte, daß ich nichts, ohne einige Erfahrung beurtheilen solte. Herr Ludolff muste also das Werkzeug seyn, das mich mit diesen Leutchen bekannt machen mußte. Wie Er mich oft besuchte, und gern mit mir spatzieren gieng, also fragte Er mich auch einmal, ob ich nicht Lust hätte, die sogenannten Inspirirten kennen zu lernen? Ich merckte, daß sich bey dieser Frage etwas widriges in mir regte, welches mir nicht undeutlich eine Vorbedeutung zu geben schien, daß ich mit diesen Leuten was zu thun kriegen würde, ich hatte also keine Lust mitzugehen.
§ 87. Herr Ludolff, von dem ich wuste, daß Er selber kein Inspirirter war, versicherte mich aber, daß sie außer den Phantasien, die sie von ihren neuen Propheten eingesogen, ehrliche Leute wären, und das meiste, was ich in den Unschuld. Wahrh. geschrieben, vor Wahrheiten erkenneten. Ich ließ mich also bereden, und ging mit Ihm nach Homburghausen, welcher Ort vor diesen ein Jagd-Haus der Grafen gewesen war, und nur eine Stunde von Berlenburg lag.
Ich fand diese Leutchen, die sich auf Getrieb ihrer Propheten, von ihrer Nahrung und guten Umständen aus Memmingen hatten vertreiben laßen, von recht guten, liebreichen und artigen Naturell, merckte auch bald, daß sie eine mehr, als gemeine Neigung zu mir trugen, sonderlich die Pfeifferische Familie, von der ich bald ein mehreres sprechen werde.
Herr Haug, bey dem ich, wie bereits erwähnet, damals noch im Hause war, schien nicht gern zu sehen, daß ich diese Leute besuchte. Er besaß in der That selber noch einen Anfall von der Begeisterung, indem Er, wenn er starck auf diese Dinge imaginirete, würcklich Convulsiones und Erschütterungen, aber keine Aussprachen bekam. Ob Ihn nun ein sprachloser Geist anfiel, oder was es sonst mit diesen heiligen Ungeberden vor eine Bewandniß haben mochte, ist hier der Ort nicht zu untersuchen, genug ich konnte mercken, daß Er nicht zufrieden war, daß ich die Inspirirten dann und wann besuchte.[249] 
§ 88. Ich kehrte mich aber daran nicht, sondern weil sich diese Menschen viel offenherziger und unverstellter gegen mich betrugen, als der mystische Bruder Haug, so gewann ich auch ein großes Vertrauen zu Ihnen, zumal da Hr. Pfeifer, der Apotheker, und Hr. Heiß, ein ehemaliger Candidatus Theologiae, beide nunmehrige Mit-Arbeiter an der Gemeine, nach ein und etlichen, in Gesellschaft Hrn. Ludolfs, erhaltenen Besuchen, bey dem Geleite, das sie uns fast bis in die Stadt gaben, unverholen bekenneten, daß diejenigen, die solche Wahrheiten bezeugeten, wie ich, in den Unsch. Wahrh. gethan, ihre Brüder wären.
Mir, der ich, außer den Ueberbleibfeln der Begeisterung, die ich an Hrn. Haugen wahrgenommen, noch nichts von dergleichen Scheußlichkeiten bey diesen Leuten gesehen hatte, begunte bei diesen freundlichen Betragen, wenn ich es gegen das mürrische Wesen des Hrn. Haugs hielt, allerhand Gedancken aufzusteigen. Ich hatte diese Leute, ehe ich sie kennen lernte, durch die Banck, vor Trambleurs, oder sogenannte Quacker gehalten. Weil ich aber bisher nicht das geringste von dergleichen Verstellungen an ihnen wahrgenommen, so begunte ich in meinem Urtheile zu wancken, bekam eine gegenseitige Zuneigung zu ihnen, und hielt es vor eine sectirische Unfreundlichkeit, wenn ich mich hätte weigern wollen, Ihnen den liebreichen Bruder-Namen gleichfals zu ertheilen. Wenn ich aber gewust hätte, daß dieser Name bey keiner Secte mehr zum Secten-Character gemißbraucht würde, als bey dieser, und daß sie keinen weiter vor einen Bruder hielten, als so weit er den Geist, der in ihren Propheten Gauckelte, vor den unfehlbaren Geist Gottes hielte, so würde ich Ihnen zwar den Bruder-Namen, den ich allen Menschen schuldig bin, nicht verweigert, jedennoch aber an mich gehalten haben, sie gleich in dem Verstande vor Brüder zu erkennen, in welchen sie dieses Wort zu nehmen pflegten.
§ 89. Was mich an Ihnen charmirte, das war ihr gutes offenherziges und unverstelltes Naturell, welches das beste von der Welt gewesen seyn würde, wenn es durch die unholde Gnade, die ihnen ihre Propheten gegen andere Menschen einflößten, nicht wäre gehindert worden, das gute womit es der Schöpfer begabet, ohne Hinterhalt zu zeigen. Indem aber die armen einfältigen Leute alle Aussprachen derselben vor lauter unfehlbare Worte Gottes annahmen, so konnte es nicht anders seyn, sie musten, ihrer Natur zuwider, sich gegen alle diejenigen feindselig aufführen, die die Phantasien ihrer Propheten nicht vor Worte Gottes annehmen wolten. Ich versahe mich indeßen damals noch nichts weniger, als daß mich diese so gutherzigen[250]  Leute, nach der feindseligen Aufhetzung ihres seltsamen Gottes, noch einmal fremd tractiren würden, sondern hatte eine rechte Freude, wie sie mir den angenehmen titul eines Bruders gaben, und hielt sie, weil sie von den andern Secten verachtet, und beynahe vor Narren gehalten wurden, vor das einzige kleine Häuflein, welches Gott erwehlet, ohne zu bedencken, daß diß Große Wesen dermaleinst, in Ansehung der ungeheuren Menge, die der Teufel zum Braten kriegen würde, eine sehr unansehnliche Hof-Stadt bekommen möchte, wenn außer der kleinen, und kaum nennenswerthen Gemeine der Inspirirten, sonst niemand in sein ewiges Freuden-Reich aufgenommen werden solte.
§ 90. Alle diese Unsinnigkeiten hat das Menschliche Geschlecht, und insonderheit die Juden und Christen, den Vorstellungen ihrer Bibel zu dancken. Was ihnen diese Todten Buchstaben, nach den gehäßigen Phantasien ihrer Verdüsterten Schreiber, die sie Blindlings vor Gesandten Gottes annehmen, in die Köpfe setzen, das muß in dieser verkehrten Stellung mehr gelten, als was Gott selbst in ihre Natur gelegt. Diese verläugnen Sie alsdann, damit sie dem unholden Gotte, den ihnen andere feindselige Geister vorgezaubert, gefallen mögen, wenn sie gleich allen übrigen ihrer Nebenmenschen mißfallen solten. Ich werde aber in der Folge zeigen, daß die Natur, doch Troz der Gnade, sich nicht bey allen unterdrücken laße.
Kurz vor meinen Abzuge von Hrn. Haugen besuchte mich der gewesene Giessische Professor König, deßen ich im zweiten Anblick Moses auf eine etwas unanständige Art gedacht, der arme Mann war von einen guten weichherzigen Naturell, aber ungemein unbeständig in seinem Vornehmen und Entschließungen. Wie Er mich von dem innern und äußern Zustande der mancherley Secten allda fragte, und ich von einer jeden sagte, was mir gefiel oder mißfiel, mußte ich auch der Inspirirten erwähnen.
Wider keine schien der gute Mann mehr zu eyffern, als wider diese: Allein ich fragte, ob Er sie schon kennete. Er antwortete Nein; und ich bath, daß Er sich in seinem Urtheil nicht übereilen möchte. Er blieb aber dabey, und warnte mich vor diesen Leuten, als vor einer recht schädlichen Secte, ganz treuherzig. Nach einer so ernsthaften Gemüths-Stellung hätte ich eher des Himmels Einfall versehen, als daß Er selber, noch denselben Tag, ein Inspirations-Bruder werden würde. Allein es geschahe würcklich.
§ 91. Es war eben an einem Sonntage, da Er mich besuchte, als ich eben in Begriff war, in die Nachmittagsversammlung nach[251]  Homburghausen zu gehen. Ich bat Ihn also mitzugehen, sagte Ihm aufrichtig, daß ich nichts weniger, als ein Inspirations-Bruder, im eigentlichen Verstande wäre. Weil ich aber noch keine Inspiration gesehen hätte, so dünckte mir unbillig zu sein, dieselbe auf bloßes Hörensagen anderer zu verwerfen. Ich wollte also gern mit eigenen, und nicht mit fremden Augen sehen. Dieß sey hauptsächlich der Zweck, weßwegen ich mich mit diesen Leuten, die ich von einfältigen und unschalckhaften Naturell fände, bekannt gemacht hätte. Fände ich ihre Sachen richtig, so würde mich auch nichts abhalten, mich auch richtig zu Ihnen zu bekennen, wenn mich gleich die ganze Welt vor Ihnen warnen solte. Ertappte ich sie aber auf Betrug, so würde auch nichts vermögend seyn, mich zu einem Gliede ihrer Gemeinde zu machen, wenn gleich die ganze Welt inspirirt werden wolte. Er schien mit diesem Entschluß zufrieden zu seyn, und ich präsentirte Ihn den Brüdern in Homburghausen, die Ihn eben wie mich, freundlich empfingen und mit in der Versammlung führten, in welcher Br. Heiß eben den Vortrag hatte. Nachdem Er ausgeredet hatte, fragte Er, gewöhnlicher Maaßen, ob jemand von den Brüdern noch was beizutragen hätte? und Siehe! Da gerieth der Geist der Beredsamkeit in so reichen Maaßen über meinen Br. König, daß Er in einer ziemlich langen und wohlfließenden Rede, seine Freude nicht genugsam an den Tag legen konnte, daß Er mit dieser Gott geheiligten Gemeine bekannt worden. Mit einem Worte: Er wurde ein Inspirations-Bruder, ehe Er noch wuste, was eine Inspiration war.
§ 92. Diese gar zu schnelle Veränderung gefiel mir nicht, und ich lernte daraus des guten Br. Königs Fladder-Geist erkennen, ohne mich solches gegen Ihn mercken zu laßen, indem ich voraus sahe, daß dieser Wechsel keinen Bestand haben würde. Es geschahe auch in der That, denn Er war kaum wider weg von Berlenburg, so schrieb Er aus Nürnberg, so confus an uns, daß wir wohl sahen, daß seine kurz vorher bezeugte Brünstigkeit nur ein Rausch und Schwärmer-Feuer gewesen.
Inzwischen war den armen einfältigen Inspirations-Verwandten an allen ihren Mienen anzusehen, daß sie sich recht was großes drauf einbildeten, ihre Pferch durch den Bruder König und mich, mit zwei so ansehnlichen Schöpfen vermehret zu sehen. Allem Ansehen nach mochten sie mich, da ich Ihnen, nach einer so kurzen Bekanntschaft, gleich einen gelehrten Professor zugeführet hatte, vor ein auserwehltes Rüstzeug halten, wodurch ihnen Gott noch mehere Gelehrte geneigt, und solcher Gestalt ihre unansehnliche Secte etwas respectabler machen wolte.[252] 
Sie wusten nicht, wie sie sich freundlich und Ehrerbietig genug gegen mich bezeigen solten, und rißen sich fast um mich, wenn ich heraus kam, indem ein jeder gerne haben wolte, daß ich mit Ihm speisen solte, worüber bald eine Eyfersucht unter Ihnen entstanden wäre. Denn die Pfeiferische Familie hatte sich sonderlich an mich gehänget, und ich speisete eher dreymal bey dieser, als einmal bey einer andern. Die Ursache war, weil ich den Bruder Pfeifer, mehr, als alle die andern, nach meinem Naturell gestaltet fand, welches die andern ganz verkehrt, so auslegten, als wenn ich eine Absicht auf eine von seinen Töchtern gehabt hätte.
§ 93. Es war leicht zu sehen, daß sich die guten Mädchen recht um die Wette bemüheten, mir gefällig zu seyn. Denn sie wuschen mir, erhielten meine Wäsche in Baulichen Wesen, ersezten den Abgang einiger Stücke mit neuen, brachten mir sie selbst auf die Stube, und kamen nie, ohne allerhand kleine Erfrischungen, an Confect, Obst und andern Lecker-biß lein zu mir. In Summa sie thaten alles meine Gunst zu gewinnen, die ich ihnen auch mit aller Höflichkeit erwiderte, ohne im geringsten Gelegenheit zu geben, daß sich eine mehr, als die andere, auf mich Rechnung machen konnte.
In der That hatten die armen Dinger gar nichts reitzendes vor mich, welches sie leicht hätten sehen können, wenn sie die Eigenliebe, und meine Höflichkeit nicht geblendet hätte. Durch diese gewann ich sie alle zu meinem Dienst, welcher mir lieber, als ihre Caressen war, und die andern Mädchen, denen ich mit gleicher Höflichkeit begegnete, fanden keine Ursache, eyffersüchtig zu werden.
Wie sich also die Homburghäuser Inspirirten angelegen seyn ließen, mir, da ich noch bei Hrn. Haugen war, alle Gefälligkeit zu erzeigen, also thaten es die Berlenburger nicht weniger. Der Br. Werlich, ein Leineweber und Mit-Arbeiter der Inspirations-Gemeine zu Berlenburg, machte mir mein Stübchen bei Hrn. Zepper aus, beschenkte mich mit einigen kleinen Hausgeräthe, und verschaffte, daß mich die Schnurmacher-Wittwe Schelldorfinn, die auch mit zu den Inspirirten gehörte, und bey Hrn. Zeppern in einem Stock mit mir wohnte, in die Kost nahm.
§ 94. Ich wurde vor meine 12 Groschen, die ich wöchentlich gab, Mittags und Abends, wohl und ordentlich gespeiset, und es fehlte mir damals, zu völliger Befriedigung meines Gemüths, weiter nichts, als die Gewisheit, ob auch die Propheten dieser guten Leutchen von dem Geiste der Wahrheit inspirirt wären und darzu muste ich der Zeit erwarten.
Die Schwester Schelldorfinn hatte einen Gesellen, Namens Langemeyer,[253]  der auch Glied der Gemeine, und von recht guten Naturell war, und ich kann sagen, daß ich in Gesellschaft dieser guten, einfältigen und redlichen Leutchen sonderlich, wie sie hernach durch mich Gelegenheit bekamen, sich von dem Joche des falschen Propheten los zu machen, die vergnügteste Zeit in meinem ganzen Leben passiret.
Ich machte keine Schwierigkeit die Versammlungen der Inspirirten zu Homburghausen fleißig zu besuchen, um nach und nach zu sehen, worin das Hauptwerck ihrer Absonderung von den übrigen Secten bestünde, und was sie vor selbigen voraus hätten. Dieses wurde ich nun zwar bald gewahr: Aber ehe ich noch einen Propheten selbst gesehen und gehöret hatte, konnte ich noch kein hinlänglich Urtheil fällen. Ueberhaupt sahen sie die gewöhnlichen Sacraments-und Kirchen-Greuel von der Taufe, Beichte und Abendmal, wohl ein, hatten auch dieselben völlig unter sich abgeschaft, und zwantzigjährige Kinder unter sich, die weder getaufet noch absolviret, und doch eben so vollkommne arme Sünder waren, als alle getaufte und alle absolvirete.

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§ 95. Ihr heiliger Eigensinn, kraft deßen sie sich ein Gewissen machten, diese Gaukelpossen weiter mitzuspielen, hatte gemacht, daß sie sich aus ihren gesegneten Umständen, in welchen sie in Memmingen gelebt hatten, mit Weib und Kind von da hatten vertreiben laßen, und darzu hatten sie die, damals, an verschiedenen Orten in Deutschland, herumschwärmenden neuen Propheten, und sonderlich der bekannte Johann Friedrich Rock gebracht, von dem bald ein mehreres zu reden seyn wird.
Man siehet daraus, was ein einziger solcher Schwärmer, wenn er Leute antrift, die einfältig genug sind, Ihn vor einen Gesandten Gottes zu halten, vor Unheil stiften, und vor Zerrüttungen in den Staaten anrichten kann, wenn ihn die Obrigkeit, wie ehemals unter den Juden, nach belieben, mit seinem: So spricht der Herr, allenthalben gauckeln laßen wolte. Die Memminger Obrigkeit hätte diese guten und nahrhaften Bürger gerne behalten, gab ihnen auch in der That vieles nach: Aber nein, es hieß in allen Aussprachen ihrer Propheten, sie solten ausgehen von Babel, der Herr habe sie zu seinem Volk erwehlt, Er wolle unter ihnen wohnen, und sie solten sein Volk seyn, und der Herr wolle ihr Gott seyn.
Was diese armen verblendeten Leute bey diesem vermeinten göttlichen Berufe, durch die Länder, wodurch sie gezogen, vor Drangsahl, Spott und Verachtung ausstehen müßen, indem man sie an verschiedenen Orten, als Leute, die mit der Pest behaftet, vor den Thoren abgewiesen, und kaum Lebens-Mittel verkaufen wollen, das[254]  ist kaum mit Worten zu beschreiben. Ihr Gott ließ sie im Stiche, und sie hatten von Glück zu sagen, daß sie nicht alle, wie die Juden, unterwegs crepireten, ehe sie einen Stein von den verheißenen Lande zu sehen bekamen.
§ 96. Wenn sie nun durch diese Absonderung von den großen Secten, im geistlichen noch etwas beßeres erhalten hätten, als sie in denselbigen verlaßen, so wollte ich sagen, sie hätten vor die Zufriedenheit ihres Gemüths schon noch etwas leyden können: Aber da sie unter der neuen Haushaltung ihres vermeinten Gottes, nicht nur eben die verdorbenen armen Sünder bleiben musten, die sie vorher gewesen waren; sondern auch anstatt der Priester, die sich nicht vor unfehlbar ausgaben, sich einem Propheten unterwarfen, den sie vor unfehlbar halten musten, und der sie voppte, wie er selber wolte; so ist wohl das gelindeste Urtheil, das man von diesen armen Leuten fällen kann, dieses, daß man sagt: Es sind Schwaben gewesen, die der gemeinen Sage nach, vor dem 40sten Jahre nicht klug werden. Viele waren zu meinen Zeiten schon drüber, und ließen sich doch vor Narren halten, wie aus der Erzehlung, die ich, ohne etwas zu vergrößern, von ihren Versammlungen ertheilen werde, einem jeden von selbst in die Augen fallen wird. Ihr ganzer Gottesdienst bestund darin, daß sie wöchentlich dreymal zusammenkamen, nemlich des Sonntags vor und Nachmittage, und des Mittewochs nur Vormittage. Diese Versammlungen wurden von ihnen Gebeths-Versammlungen genannt, zu welchen sie, ihren Vorgeben nach, der Geist Gottes durch die neuen Propheten vereiniget hätte.
In diesen Versammlungen gieng es nun so zu: Wenn wir merckten, daß wir alle beisammen waren, oder, daß keiner mehr kommen würde (:wie dann die ganze Gemeine dieser guten Phantasten, in Berlenburg, Schwarzenau und Homburghausen, kaum 50 Personen ausgemacht haben wird) so fing der Vorsteher, oder einer von den Mitarbeitern, an dem die Reihe war, ein Lied, aus dem sogenannten Psalter-Spiel2 an, welches ein Gesangbuch war, in welchen grösten Theils neue Lieder standen, die wider das geistliche Babel und deßen unglückliche Bauleute gerichtet waren.
§ 97. Der Vorsänger, der, wie gedacht, entweder der Vorsteher selbst, oder einer seiner Mitarbeiter war, und in der Ton-Kunst eben so viel, als in der Theologie vergeßen hatte, brachte die Gemeine gemeiniglich gleich Anfangs aus dem Thon in die Leimen-Grube; der eine[255]  sang moll, der andere dur, und es war manchmal eine Music, daß man die Ohren davor hätte zustopfen mögen. Mir waren die Melodien dieser neuen Lieder meistens unbekannt, sonst würde ich, mit meinem Basse leicht haben durchdringen, und die schwankenden Töne einigermaßen zur Stetigkeit bringen können. So aber muste ich mich von dem heiligen Uebelklange dieser himlischen Nachteulen gänzlich übertäuben, und geschehen laßen, was ich nicht ändern könnte.
Wie unsern Herr Gott dieses Geheule gefallen, kan ich nicht sagen; Wenn sie aber mich damit hätten beehren wollen, so würde ich sie gebeten haben, meinen unschuldigen Ohren keine Pein anzuthun. Indeßen hätte ich nicht viel nehmen, und etwas an dieser übermenschlichen Music, bey dem Anfange meiner Bekanntschaft, aussetzen wollen. Ich würde gewiß als ein Spötter seyn verstoßen worden, und mir haben gefallen laßen müssen, daß man mich wieder zu den Orgeln und Getöse des großen Haufens verwiesen hätte.
In der That war doch bey diesem, was das Singen betraf, wann es durch die Orgeln aufrecht gehalten wurde, eine ungleich größere und rührendere Harmonie, als bey den guten Leuten, die ich damals vor mir hatte: Weil sie aber glaubten, daß ihr Gott damit zufrieden sey, so muste ich es auch seyn, und mir noch gratuliren, daß ich gewürdiget wurde, eine Probe von dem Cantate des himmlischen Jerusalems mit anzuhören.
§ 98. Nach Endigung des, auf obbeschriebene Art, gemarterten Liedes, fiel Alles auf die Knie, was Beine hatte, und legte sich mit den Köpfen auf die Sitze, auf welchen ein jeder saß. In dieser, einem lateinischen Z fast gleichkommenden Positur, erwartete man dann den Geist des Gebeths, der den Vorsteher, oder den Mitarbeiter, der den Vortrag hatte, allemal zuerst reuten muste. Der damalige Vorsteher zu Homburghausen war der Doctor Herrmann, ein guter ehrlicher, aber auch zugleich von Herzen dummer und einfältiger Mann, den der Erfinder des Pulvers kaum zum Salpeter-Stampfen würde haben gebrauchen können. Nichts desto weniger hatte ihn der Geist des Herrn, durch den Propheten Rock, zum Vorsteher der Inspirations-Gemeine erkläret.
Wenn diese guten alten Leute nur halb so viel Witz, als ihre Kinder gehabt hätten, so hätten sie leicht sehen können, daß sie der leichtfertige Rock, dadurch, daß Er ihnen diesen Einfalts-Pinsel zum Bischof verordnet, nur gevoppt, und deutsch zu reden, vor Narren gehalten. Denn Er besaß so wenig Ansehen, Einsicht und Geschicklichkeit eine Gemeine zu regieren, daß es schwer war, zu unterscheiden,[256]  ob ihnen Gott denselben aus Zorn, oder zum Poßen, zum Vorsteher zugegeben hatte.
Genug, Er hatte das Patent zu seiner Bestallung in Händen, und dieses war eine Aussprache, die der Prophet Rock, im Namen des Herrn zu Memmingen gehalten hatte. Kraft dieses göttlichen Befehls war also der D. Herrmann zum Vorsteher, und der Br. Pfeiffer nebst dem Br. Heiß zu Mitarbeitern bey der neu zu errichtenden Gemeine ernennet, allerseits aber leer von denen, zu diesen Aemtern nöthigen Gaben und Geschicklichkeiten gelaßen worden.
§ 99. Die letztern beyden zwar, so gute Schwaben sie auch waren, erkannten doch, und musten erkennen, daß ihr Vorsteher ein einfältiger Tropf war, den sie selber schwerlich zum Küster gemacht haben würden, wenn sie hätten wählen dürfen: Weil ihn aber ihr heiliger Geist zum Bischof ernennet, so nahmen sie ihre Vernunft gefangen, und thaten indeßen was sie wolten. Man sieht daraus, daß der Mensch alles anzunehmen fähig ist, so lange Er blindweg glaubet, daß der Gott, den er sich in seine Phantasie gesezt, mit im Spiele sey, und man darf es den armen Alt-Testamentischen Juden gar nicht mehr vor Uebel halten, daß sie sich durch ihre sogenannten Propheten, vor diesen, auf gleiche Weise haben voppen laßen.
Ein solcher Schwätzer war damals capable ganze Länder und Königreiche in Verwirrung zu bringen, nach eigenen Belieben Könige ab, und andere wieder einzusetzen, und niemand durfte sich unterstehen, nur zu fragen: Was machst Du? Es ist kein Zweifel, daß, wenn dieser Propheten Geist zu unsern Zeiten wieder aufkommen solte, alle die Potentaten, die gegenwärtig regieren, am längsten würden regieret haben, wenn sie sich nicht würden bequemen wollen zu thun, was dem Herrn in einem solchen Manne Gottes wohlgefiel.
Aber, Gottlob, daß man diese göttliche Unsinnigkeit zu unsern Zeiten kennet, und gelernet hat der Ausgelaßenheit derselben Ziel und Schrancken zu setzen. Wären die Zucht- und Toll-Häuser zu Zeiten der Jüdischen Könige so Mode gewesen, wie sie jetzt sind, so bin ich versichert, der Geist des Herrn würde sich in den damaligen Propheten nicht so herrisch aufgeführet haben, und wir würden zu unsern Zeiten uns schwerlich mehr das Maul von ihren Schriften aufsperren laßen.
§ 100. Zwar lehret die Erfahrung, daß sich der Aberglaube gar nichts draus macht, ob seine Begeisterten im Tollhause crepiren, oder am Galgen verrecken. Aber man siehet doch, daß die Begeisterten immer dünner werden, je mehr sie empfinden, was vor ein Gratial sie vor ihre Begeisterung zu erwarten haben. Selbst der Prophet[257]  Rock begehrte die Stimmen des Herrn in Frankfurt am Mayn, nicht weiter erschallen zu laßen, nachdem er versucht hatte, wie sichs im Zuchthause saß, und ein anderer angesehener Prophet unter ihnen Namens Gruber, ein Sohn des bekannten Würtembergischen Predigers, auf dessen Ausspruch es ankam, ob einer recht oder linck inspirirt seyn sollte, wurde seine Begeisterung glücklich los, wie ihn die Schweitzer mit einem genädigen Staub-Besen zum Lande hinauskehreten.
Dieser mochte einen guten Theil seines begeisterten Geblüts abgezapft, und den Verstand aus seinen Hintertheilen in den Kopf gejagt haben, daß Er anfieng nachzudencken, ob es sein Buckel auch aushalten möchte, wenn ihm an mehreren Orten dergleichen Apostolische Ehre widerfahren solte: Allem Ansehen nach muß er gefühlt haben, daß er kein Paulinisch Leder gehabt, es würde Ihm sonst nicht drauf ankommen seyn, sich seinem Gott zu Ehren, zum wenigsten noch vier Mal, auf gleiche Art schröpfen zu laßen. Er bedachte sich aber, nach dem ersten Willkommen, kurz, gab seinem Propheten-Geist den Abschied, und gieng, um die Schande des Vorwurfs in Deutschland zu vermeiden, nach America.
Ob nun schon sein alter Vater (der eigentlich der Inspirirten Papst war, und zu Schwartzenau residirte, zu meiner Zeit aber schon todt war3 aus der Aufführung seines Sohnes, leicht hätte klug werden, und sehen können, daß es ein elender Geist des Herrn seyn müste, der sich von den Händen eines Schinder-Knechts müßen vertreiben laßen; so ließ es doch, theils sein priesterlicher Stoltz, theils die Beständigkeit des Propheten, Rocks nicht zu, als welcher, ungeachtet Er mit dem Gruber zugleich war ausgepeitscht worden (wie mir der Br. Langemeyer erzehlte) dennoch nach, wie vor ein Prophet blieb, und sich noch eine Ehre draus machte, daß ihn der[258]  Herr sein Gott, hatte würdigen wollen, um seines Namens willen Schmach leyden zu laßen.
§ 101. Diese Prophetische Hartnäckigkeit machte, daß den einfältigen Gliedern von der Gemeine, die Trotz ihrer Einfalt, dennoch stutzig wurden, wie sie hörten, daß der Schinder, mit einer Handvoll Ruthen, den Geist des Herrn, aus einem ihrer berühmtesten Propheten verjagt hätten, eine neue Nase gedreht werden konnte. Denn da muste es heißen: Gruber sey in die Vernunft gegangen, darum sey der Geist des Herrn von Ihm gewichen. Ob nun schon die guten Stümper eben aus dieser Erläuterung leicht hätten sehen können, daß ihr vermeinter Geist der Weisheit, ihnen schlechte Weißheit lernen würde, wenn Er sich mit der Vernunft nicht vertragen könnte; so war es Ihnen doch nicht möglich diesen Schluß zu machen, weil sie die Vernunft auf keine Weise hören durften.
In der That habe ich keine Secte gefunden, die mehr wider die Vernunft geraset, als die Secte der Inspirirten; und in diesem Stücke muß ich sagen, daß der Inspirations-Geist seinem Plan vollkommen gemäß gehandelt. Denn wenn er seinen Sclaven den Gebrauch der Vernunft hätte freilassen wollen, so wäre es nicht möglich gewesen, daß sie nicht hätten sehen sollen, wie erbärmlich sie von ihm wären gevoppt worden. Denn wider auf unsere Versammlungen zu kommen, die der Geist des Herrn ausdrücklich zu einer Gebeths-Versammlung bestimmt haben solte, so hätte man, nach einer so eigentlichen göttlichen Verordnung, ja wohl nichts anders vermuthen sollen, als daß man in der ganzen Welt, nun keine beßere und geistreichere Beter antreffen würde, als in der Inspirations-Gemeine: Allein ich muß die Wahrheit sagen, und gestehen, daß ich in meinem Leben, nie elender, abgeschmackter und kraftloser beten hören, als unter diesen begeisterten Brüdern.
§ 102. Keiner, unter der ganzen Gemeine konnte sich weniger mit diesem geistlichen Gewurcke behelfen, als der Vorsteher derselben, der D. Herrmann, der doch den andern von Rechtswegen zum Muster hätte dienen sollen. Ich kan sagen, daß mir allemal Angst und bange wurde, wenn Er zu beten anfieng, und ich bin versichert, daß manche Jungfer eher ein Kind zur Welt bringt, als Er im Stande war, ein Wort zum Laut zu bringen. Manchmal dachte ich, Er würde gar einen Fehl gebähren, und wie das Röhr-Wasser, in der besten Arbeit, außen bleiben, so lange wärete es, ehe man hören konnte, was Ihm der Geist gab, auszusprechen; und wann es dann, unter vielen Stöhnen, Husten und Meckern, endlich zur Welt kam, so war es doch weiter nichts, als ein stammlender Widerhall[259]  der gemeinen Lutherischen Widergebohrnen, nemlich, daß er ein armer Sünder sey, der des Ruhms mangele, den Er vor Gott haben solte, und der doch nichts desto weniger, sich die Dreustigkeit anmaßete, vor andere arme Sünder zu bitten, daß sie Gott auch zu solchen Schöpfen machen möchte, wie Er einer war.
Ich muß gestehen, daß ich mich in dieses Gewürcke, nicht wohl fügen konnte, weil ich die Pietisten, in Wien, und anderwerts, schon viel fertiger hatte beten hören, als diesen, vom Geiste Gottes selbst, zum Vorsteher einer Gebeths-Versammlung verordnet seyn sollenden Bischof. Das Kleinste meiner Kinder, die ich bei Hrn. Muhlen in Wien zu informiren hatte, wuste weit fließender und geschickter zu schwatzen, wenn es beten solte, als dieser, vom Geist des Gebeths besonders getrieben seyn wollende Vorsteher.
Nichts desto weniger durfte ich der Vernunft, die mir alle diese Mängel deutlich vorstellete, damals noch nicht Gehör geben, bloß weil es der Bibel-Götze, den ich damals noch gar starck verehrete, und hinter welchen sich der schalkhafte Inspirations-Geist perfect zu verstecken wuste, nicht haben wolte. Es muste mir also noch um ein merckliches empfindlicher auf dem Maule gedrummelt werden.
§ 103. Nach Anhörung aller der erbärmlichen Gebeter, die die andern Kniebeuger, nach der Mißgeburth ihres Vorstehers zur Welt brachten, welches eine ziemliche Zeit dauerte, wurde uns endlich erlaubt, die Knie aus ihrer unverschuldeten Marter wider zu befreien, und unsere ordentlichen Sitze wider ein zu nehmen, um zu hören, was der Geist der Gemeine, durch ihren Erbarmungswürdigen Vorsteher sagen würde. Er nahm alsdann ein Stück der Bibel, das in der Ordnung, wie sie angefangen hatten, folgte, vor sich, ohne darauf zu sehen, ob es auch im Calender um die und die Zeit zu erklären verordnet war.
Die guten Leute hatten freilich dabey die Absicht, ihren Untergebenen nach und nach die ganze Bibel zu erklären und nicht, wie die großen Secten, Jahr aus, Jahr ein, über einerley Texte zu leyern. Allein sie waren die Leute nicht, die eine beßere Music machen konnten, und hätten beßer gethan, wenn sie gar geschwiegen hätten, als daß sie der Gemeine hören ließen, daß sie in Erklärung der Schrift, elendere Stümper, als andere wären.
Es laß also der Vorsteher, oder ein anderer Mitarbeiter, an dem die Reihe des Vortrags war, den zu erklärenden Text, aus der Lutherischen Uebersetzung, nach der Länge, erstlich vor, und gab hernach seinen Senff drüber, der dann gewiß so abgeschmackt war,[260]  daß ich mich über mich selbst noch wundern muß, daß ich fast 3/4 Jahr die Gedult habe haben können, denselben mit zu kosten.
§ 104. Man muß sich nicht einbilden, daß diese Leute auf den Text, den sie erklären sollen, erst vorher meditiret hätten, oder beflißen gewesen wären, einen ordentlichen Vortrag, nach der Prediger-Kunst, daraus zu Marckte zu bringen. Denn das hielten sie alles vor Babylonische Gauckel-Possen. Nein! Sie erwarteten, was ihnen der Geist auszusprechen geben würde, wenn sie sich auf den Lehr-Stuhl in der Gemeine würden gesezt haben. Da sollte Ihnen auf einmal einfallen, was andere, mit vieler Mühe und großen Kopf-zerbrechen, bey manchen schwehren Texten nicht finden können.
Habe ich aber jemals elenden und unbrauchbaren Theologischen Häckerling zu Marckte bringen sehen, so ist es gewis in dieser Gott geheiligten Gemeine gewesen, absonderlich, wenn der D. Herrmann, als Bischof derselben, den Vortrag hatte. Es war in der ganzen Rede, die doch gemeiniglich eine Stunde dauren muste, keine weitere Kraft, als einen, nach dem andern, von denen, bereits geistlicher Weise sehr fest schlafenden Zuhörern, auch leiblicher Weise, schlafend zu machen. Ich konnte mich deßen selber nicht erwehren, wie ich sahe, daß den andern Gliedern der Gemeine, der tiefe Schlaf, den ihnen der Herr eingeschencket hatte, so wohl bekam.
Wenn der geringste Studente in den unbegeisterten Secten, so elend Zeug in seinen Predigten hätte vorbringen wollen, wie hier der begeisterte Bischof in der Gemeine der Heiligen, so würde ich schwerlich die Gedult gehabt haben, Ihn das 2te Mal anzuhören: Hier aber machten mich ganzer 3/4 Jahre nicht müde, den trockensten und übel zusammenhangendsten Vortrag mit anzuhören, den man in der Welt hören kan.
§ 105. Ich zwang mich, wider mich selbst, diesem kraft- und saftlosen Zeuge einen Geschmack abzugewinnen, und weil mir meine Brüder, die wohl mercken mochten, daß ich sie eben vor keine Heren-Meister in der Rede-Kunst hielt, bey aller Gelegenheit viel von der Einfalt vorschwazten, und mir zu verstehen gaben, daß man, um die Kraft des Geistes Gottes recht zu empfinden, immer einfältiger werden, und sich von aller leeren Schul-Gelehrsamkeit ausleeren müste; so bemühete ich mich (nachdem ich freilich wenig Trostreiches in meiner Schul-Weißheit fand) im rechten Ernst, diese heilige Einfalt zu lernen, und ich muß sagen, daß der Zeitlauf, den ich bei den Inspirirten zugebracht, der einfältigste, in meinem ganzen Leben gewesen. Denn
Bei den großen Secten fanden doch die Sinne und die Phantasie[261]  wenn ein beredter Canzel-Redner den Vortrag that, noch immer etwas angenehmes und vergnügendes, und nicht selten wurde auch das Herz gerührt, wenn Wahrheiten vorgetragen wurden, die mit der Vernunft und der Natur der Dinge übereinkamen: Aber in den Versammlungen der Inspirirten fand ich lediglich nichts dergleichen. Muß ich nicht von Herzen einfältig gewesen seyn, wenn ich dieses elende Gewürcke vor lauter göttliche Anstalten gehalten?
Wie aber mein Herz aufrichtig war, und ich nichts suchte, als Gott, meinen Herrn und Ursprung immer näher kennen zu lernen, also ließ mir Gott meine Einfalt auch nicht schaden, sondern bahnte mir eben durch dieselbe den Weg dem Inspirations-Geist in sein geheimstes Cabinet zu kucken, denselben als einen falschen Geist bloß zu stellen, und mich und andere gänzlich von seinem Joche frey zu machen.
§ 106. Bißher hatte ich nur die Versammlungen dieser meiner neuen Brüder besucht, ohne noch den Mann gesehen zu haben, der damals in der Person des bekannten Sattlers, Johann Friedrich Rocks,4 ihren Gott agirete. Es waren aber (von dem Anfange meiner Bekanntschaft anzunehmen) kaum 14 Tage oder 3 Wochen verfloßen, so wurde demselben zu wißen gethan, daß der gute Hirte seine Heerde mit einem stattlichen Schöpß vermehret hätte. Der Mann Gottes säumte hierauf nicht lange, in Person nach Berlenburg zu kommen, und mich, ehe ich wider zu Verstande kommen möchte in meiner heiligen Dummheit zu bestätigen.
Er war sobald nicht eingetroffen, als der Br. Werlich voller Freuden zu mir gelaufen kam, und mir meldete; Der Br. Rock sey[262]  angekommen, ich möchte Ihm die Liebe thun, und Ihm zum Br. Grünewald mit folgen, indem Er mich zu sprechen verlangte: Mir war bey Anhörung dieser, in dem Wahn des Br. Werlichs höchst erwünschten Zeitung, nicht anders zu Muthe, als wenn ich bey dem Beelzebub hätte meine Aufwartung machen sollen. Denn es befiel mich eine solche Angst, daß ich auf der Stelle, nicht gleich wuste, wie mir geschahe, und diesen schröckhaften Besuch gern verbeten haben würde, wenn ich mich nicht geschämt, und besorgen müßen, daß der ganze Schwarm der Heiligen, unter der Anführung ihres Gottes, mir selber über den Hals kommen, und das noch übrige Fünckchen meines kaum noch glimmenden Vernunftlichtleins vollends gar auslöschen möchte.
§ 107. Wäre ich damals im Stande gewesen, die geheime Sprache, die sich in meinem inwendigen deutlich genug hören ließ, mit gehöriger Aufmercksamkeit anzuhören, und zu überlegen warum ich doch, da ich die Gnade haben solte einen Gesandten meines Gottes, ja Gott selbst in dem selbigen zu sprechen, ein solch Grausen empfände, daß sich meine ganze Natur davor entsezte, so dürfte wohl aus dem damaligen Besuch nichts worden seyn. Ich wurde aber übereilt, und die Besorgniß, ich möchte von meinen Brüdern vor falsch angesehen werden, wenn ich den heiligen Mann nicht sprechen wolte, dem sie so viel gutes von mir vorgesagt, machte daß ich mitgieng, und mich fröliger anstellte, als mir ums Herz war.5
Ich hätte aus meiner damaligen Gemüthsstellung, der ich nicht zu widerstreben vermochte, leicht abnehmen können, daß meinem Gemüthe etwas widriges bevorstehen müste, weil sichs, bey der bloßen Anhörung des Namens Rock, gleichsam zusammenzog, als wenn es den Anfall einer feindseligen Macht vor sich sähe, gegen welche es alle seine Kräfte von nöthen hätte: Allein es wurde mir keine Zeit zum Nachsinnen gelaßen, sondern ich muste fort, um selbst mit eigenen Augen anzusehen wie scheußlich und ungebehrdig der Gott der Inspirirten in seinen Gesandten zu erscheinen pflegte. Arrigite aures Pamphile.
§ 108. Wie ich mit dem Br. Werlich zum Br. Grünewald kam, fand ich die ganze Stube voll Brüdern und Schwestern, die mich alle sehr freundlich willkommen hießen, und alle, biß auf den Br. Kreyssig, deßen ich hernach gedencken werde, glaubten recht was großes an mir gefischt zu haben. Wie ich nun unter den fremden[263]  Brüdern, die der Prophet Rock mitgebracht hatte, nicht wißen konnte, welches der Mann Gottes war, so fragte ich gleich, nach dem ersten Willkommen, welches denn der Br. Rock fey.
Alsofort stand dieser alte Fuchs von seinem Ort auf, gieng mir mit einer freundlichen Mine entgegen, und sagte: Weil Sie mich einen Bruder heißen, habe ich Ihnen einen Kuß bieten wollen; küßte mich auch hierauf, ohne meine Erlaubniß zu erwarten, die ich Ihm ohnedem nicht hätte versagen können, ohne mich einer Unlauterkeit bey den Brüdern verdächtig zu machen. Ich erwiderte denselben zwar auch: Aber mehr als eine Maschine, die nicht weiß, warum sie so, oder anders getrieben wird, als daß mein Herz hätte dabey seyn sollen, wie sehr ich es auch nöthigte.
§ 109. Ich ließ mich hierauf in ein Gespräch mit dem Propheten ein, und wolte von dem Anfange und dem Ursprunge der Inspiration in Deutschland unterrichtet seyn. Ehe ich michs aber versahe, flohe dem Mann Gottes die Mütze vom Kopfe, der Kopf schüttelte sich hin und her, wie eine Wetter-Fahne, wenn Gewitter kommen, die Haare, die zu allem Glück nach dem Melckefaße verschnitten waren, bemüheten sich umsonst, den heiligen Mund zu bedecken, der wie ein Gensd'armen Gaul sprudelte; die Augen sahen einem in letzten Zügen liegenden Kalbe nicht ungleich; die Hände schlugen auf die Knie, wie einer der Hunde lockt; die Füße schienen das in meinem Vaterlande bekannte Papiermacher-Spiel vorstellen zu wollen, und der heilige Poder hatte von Glück zu sagen, daß er nicht von Glase war, sonst würde es gewiß Scherbel gegeben, und dem Glaser ein Einsehen verursachet haben.
In Summa, der Mann Gottes stellte sich so ungebehrdig, daß man Ihn eher vor einen beseßenen, oder mit der schweren Noth behafteten Hülfs-bedürftigen, als vor einen Gesandten Gottes hätte ansehen können, der andern zu Hülfe geschickt seyn solte. Wie mir bey diesem unvermutheten Anblicke zu Muthe war, weiß Gott beßer, als ich. So viel ich mich noch besinnen kan, sammelte ich alle meine Kräfte zusammen, mich zu bereden, der Geist des Herrn (den ich damals nur in gewißen Menschen suchte) sey über den Mann Gottes gerathen, und der Herr habe Macht, sich in seinen Werkzeugen zu gebehrden, wie Er selber wolle, ohne daß wir armen Menschen uns darüber aufhalten dürften.
§ 110. Es war der Prophet nicht so bald in diese Verrückung gerathen, als sich seine Brüder, die noch so viel Verstand übrig hatten, daß sie schreiben konnten, an den Tisch setzten, sich zum schreiben rüsteten, und mit gröster Begierde warteten, was der Geist[264]  demselben auszusprechen geben würde. Sobald Er merckte, daß alles in gehöriger Positur war, zwischen welcher Zeit, wie durch die ganze Aussprache, Er nach obiger Beschreibung in beständiger Bewegung blieb, und nicht anders kröchzete, als einer der zu brechen eingenommen hatte, erfolgte endlich die Aussprache Brocken-Weise, eben wie ein Schulmeister was dictiret, und mir wurden allerhand weitschichtige Verheißungen gethan, jedoch mit der Bedingung, daß ich den Rock, den ich nun an hätte, würde ausziehen müssen, wenn ich mit den Kleidern des Heils würde angethan seyn wollen.
Ich hatte damals noch große Hochachtung vor diese unbekannten Kleider, und weil ich den Kopf mit lauter Märtyrer-Gedancken angefüllt hatte, so glaubte ich halb und halb, Gott wolte mir dadurch deuten laßen, welches Todes ich sterben würde, und machte in meiner damaligen Verwirrung allerhand Calender über diese Prophezeiung.
So bald war dieselbe nicht zu Ende, und der Prophet seiner Sinnen und seines Verstandes wider mächtig worden, als man mir allerseits, meines Glücks wegen gratulirete, und anfieng, das, was man ausgeschrieben hatte, und welches man vor Gottes unfehlbares Wort hielt, mit einander zu vergleichen. Aber siehe! Da fanden sich unter diesen heiligen Schriften, die von der unmittelbaren Eingebung des Geistes Gottes, so zu reden, noch rauchten, und außer den heiligen Schreibern, noch keinen andern Abschreibern in die Hände gerathen waren, schon verschiedene Lese-Arten, die der Prophet, nachdem er aus seiner Verrückung wider zu Verstande kommen war, selber entweder würcklich nicht zu entscheiden wußte, oder sie doch, um der Unfehlbarkeit nicht zu nahe zu treten, nicht entscheiden durfte. Denn
§ 111. Man muß wißen, daß der Prophet, oder Prophetinn, so lange ihre Begeisterung währet, die sich durch die obbeschriebenen Bewegungen und Erschütterungen äußert, ihrer Sinnen und Verstandes (zum wenigsten ihrer Aussage nach) nicht mächtig sind, und zu der Zeit da sie so besessen scheinen, gar nicht wißen, was in ihnen vorgehet, ob Ichts oder Nichts durch sie spricht, ob es in der rothwelschen oder ihrer Muttersprache geschicht, und ob das, was durch sie gesprochen wird, gehauen oder gestochen heißen soll.


Wenn sichs also begeben solte, daß sich die heiligen Schreiber über ihre verschiedenen Grundtexte nicht solten vereinigen können, so kan der Streit nicht anders, als durch eine neue Aussprache, das ist, durch eine neue Verrückung der Sinne und des Verstandes des Propheten geschehen. Denn wenn sie der Prophet nach seinem eigenen gesunden Verstande entscheiden wolte, so würde die Weissagung[265]  schon was menschliches und folglich was ungewißes mit sich führen. Wenn Er aber (:zum wenigsten wie Er vorgiebt) seines Verstandes völlig beraubt ist, und selber nicht weis, wer durch Ihn spricht, noch was durch Ihn gesprochen wird, alsdenn hat sie erst ein göttliches Ansehen, und wird vor unbetrüglich gehalten.
§ 112. Es geben uns diese neuen Propheten-Comödien ein unvergleichlich Licht, was es mit den alten Propheten, deren Speichel wir lange vor Gottes Wort aufgeleckt, vor eine Beschaffenheit gehabt haben müße. Aufs wenigste ist aus der bisherigen Beschreibung (die ein jeder, der diese Leute kennt, vor wahr erkennen muß) deutlich die Ursache zu erkennen warum man die Propheten schon vor etlichen 1000 Jahren, mitten unter dem Volke, das sie vor Boten Gottes erkante, rasende und unsinnige zu nennen gewohnt gewesen, und warum weißagen und unsinnig, dämisch, abgeschmackt und verworren Zeug unter einander reden, mit einem Worte, im Kopfe verrückt, und seines gesunden Verstandes nicht mächtig seyn, einerley bei den Juden hieß.
Also heißt es nicht nur von Saul 1 B. Samuel. 18, 10. wenn ihn seine Melancholie und Schwermüthigkeit anwandelte: der Böse Geist von Gott sey über ihn gerathen, und er habe daheim, in seinem Hause geweißaget, (oder irre geredet) sondern wir lesen auch 2 B. der Könige 9, 11. daß als Elisa einen von den Propheten Kindern zu Jehu sandte, daß er Ihn zum Könige über Israel salben solte, die Bedienten des Königs Joram Ihn gefraget, was dieser rasende bey Ihm gewolt hätte, woraus man deutlich siehet, was vor Begriffe man schon in den damaligen Zeiten, von den Propheten gehabt haben müße.6
Merkwürdig ist hierbei die Auslegung, die Vatablus nach Anweisung Antonii van Dale in denen Dissertat. d. Orig. et Progr. Idolatriae p. 440 über die Stelle 1 B. Sam. 18, 10. von den Weißagungen Sauls ertheilet, in so fern das Wort Weißagen, von den verworrenen Reden gebraucht wird, die Saul damals in dem Paroxismo seiner Krankheit von sich hören laßen. Denn da sagt Er: Prophetare dicuntur stulti, id est, absurda effutire, quod non intelligant illa, quae dicunt; quemadmodum Prophetae absurda et ridicula videntur dicere iis, qui spiritu Dei carent sine quo non possunt intelligere. Chaldaeus Paraphrastes; Desipiebat, id est more desipientium aliena atque[266]  absurda loquebatur. Sic cum Munstero quoque Grotius; Chaldaeus, et insaniebat; Kimchi, loquebatur verba insaniae.
§ 113. Ich weiß, daß meine Deutschen Leser dieses auch gerne werden verstehen wollen; weswegen die Lateinischen so gut seyn werden, diesen Absatz zu überschlagen. Vatablus will bei dieser Stelle so viel sagen: das Wort Weißagen, wenn es von Narren gebraucht würde, heiße so viel, als abgeschmackt Zeug plaudern, weil sie nicht verstünden, was sie sagten; gleich wie die Propheten, denen, die den Geist Gottes nicht hätten, ohne welchen sie nicht verstehen könnten, auch abgeschmackte und lächerliche Dinge vorzubringen schienen. Der Chaldäische Ausleger habe das Wort, Weißagen, am angezogenen Orte, durch verrücket seyn erkläret, daß nemlich Saul, nach Art derer, die nicht recht bey Verstande wären, seltsam und ungereimt Zeug unter einander geredet hätte. Münsterus und Grotius hätten es eben so übersezt, und der Chaldäische Ausleger gebe es auch, durch, unsinnig seyn, und Rabbi Kimchi; Er habe wie ein irrer Mensch geredet.
Man erwehle, welche Erklärung man wolle, so wird sie den sogenannten Propheten, Weißagern oder Boten Gottes zu schlechter Ehre gereichen,7 wenn gleich Vatablus zur Entschuldigung dieser Schwärmer sagt, daß sie nur denen abgeschmackte und lächerliche Dinge vorzubringen schienen, die den Geist Gottes nicht hätten. Denn den Geist Gottes haben alle: aber nicht just den Geist der Unsinnigkeit, der 1. Sam. 16, 16 ausdrücklich auch ein Geist Gottes genennet wird.8 Wen Gott also mit dergleichen unangenehmen Besuche verschonet, und bewahret, daß ihn nicht eben der Wahnsinn befällt, in welchen wir die Propheten antreffen, der verstehet freilich eben so wenig von ihrem Geschwätze, als sie selber, und würde zeigen, daß er seiner gesunden Sinne und Verstandes eben so wenig mächtig wäre, als sie, wenn er auf daßelbe was achten wolte.
§ 114. Damals gehörte ich noch würcklich mit unter diese Classe. Denn ich speißte nach gehaltener Aussprache, und hinlänglicher Vergleichung derselben, mit diesen armen betrogenen Leuten, zu Nacht, unwißend, daß ich noch nebst Ihnen betrogen würde. Ich bedanckete mich ordentlich gegen den Propheten, daß der Herr auch meiner Wenigkeit in der Aussprache hatte gedencken wollen, welche Worte,[267]  da sie mir in der Verwirrung recht wider meinen Willen entfuhren, wenn ich sie recht bedacht hätte, leicht hätten zeigen können, daß der Herr, dem ich so demüthig danckete, niemand anders, als der schlaue Herr Rock sey.
Er nahm sie aber zu seinem Vortheil an, und schloß daraus, daß ich nun völlig überzeugt wäre, daß der Geist der Wahrheit durch Ihn redete. Ich hatte damit diesem tückischen Geiste einen gewaltigen Vortheil über mich eingeräumet, und mich einer recht finstern Macht unterworfen, die mir hernach ungemein viel zu schaffen machte, wie ich mich derselben wider entreißen wolte. Der alte Fuchs schmutzerlachte bey meinem Dancke, wie ein Bauer, der ein Hufeisen findet: Ich aber gieng voller Gedancken, über das, was ich gesehen und gehöret hatte, nach Hause.
Wie ich alleine war (welches alles noch bey Hrn. Haugen geschahe) fieng ich an meine Betrachtungen über mein Ebentheuer anzustellen. Das anstößigste vor mich, waren die grausamen Verstellungen, in welchen sich der Mann Gottes gegen mich gezeiget hatte. Diese schienen mir, nach meinem damaligen Gesichte, mehr teuflisch, als göttlich zu seyn. Denn damals wuste ich noch nicht, daß Gott alles in allen war. Ich würde auch mit meinen Betrachtungen durchgedrungen, und auf den Grund der Sachen gekommen seyn, wenn ich meiner Vernunft hätte dürfen Gehör geben: Weil mir aber der Bibel-Götze (den ich damals noch mehr, als alle Propheten unserer Zeiten verehrte) befahl, dieselbe gefangen zu nehmen, und darzu kam, daß ich in demselben gelesen hatte, wie sich die Männer Gottes, wenn sie was sonderliches vorbringen wollen, bisweilen auch sehr ungeberdig gestellet, so mußte meine Vernunft, wider welche der Prophet ohnedem heftig geeyfert hatte, abermal schweigen.
§ 115. Inzwischen bat ich doch Gott recht inbrünstig, daß Er mich keinem falschen Geiste Preiß geben, sondern mich deutlich überzeugen möchte, ob er es sey, der durch den Propheten redete, oder ob derselbe nur aus Vermeßenheit einen göttlichen Gesandten agirete, und wie leicht hätte ich dieses sehen können, wenn mir die Bibel nicht im Wege gestanden hätte. Denn nach derselben fand ich klar, daß Gott versprochen haben solte, seinen Geist über alles Fleisch auszugießen, daß Söhne und Töchter Weißagen solten. Weil ich das nun noch vor lauter unfehlbare Worte Gottes halten muste, so dachte ich freylich nicht dran, daß Ochsen und Esel, Hühner und Gänse, nach dieser uneingeschränkten Verheißung, auch mit dem Geiste Gottes würde begabet werden müßen; sondern ich hielt mich[268]  nur bey den weißagenden Söhnen und Töchtern auf, und dachte, daß Gott in unsern Tagen diese Verheißung erfüllen wolte.
Ein kleines Glück vor die Inspirirten war es, daß mir keine Prophetin in der Positur zu Gesichte kam, in welcher ich den Br. Rock angetroffen hatte. Denn da glaube ich fast, eine solche heilige Furie würde mich, wenn ich ihre zerstreueten Haare, gleich den Schlangen, hätte um den Kopf fliegen, und die Augen, auf eine Basiliskenmäßige Art liebäugeln sehen, zur Stube hinausgejagt haben. So aber waren diese heiligen Scheusale zu meinen Zeiten schon ausgestorben, und ich würde gar nichts von ihnen wißen, wenn mir meine Brüder nicht bisweilen was von ihnen erzehlet hätten.9
§ 116. Ich nahm das alles zwar m einige Ueberlegung, konnte aber, in Ansehung des Rocks, was ich von Ihm und seinem Geiste zu halten hätte, noch zu keinem Schluße kommen. Genug Er und meine Brüder glaubten, ohne mich zu fragen, steif und fest, ich sey von der Göttlichkeit der Inspiration nun völlig überzeugt. Er, der Rock, reißte wider ins Isenburgische, ich zog von Hrn. Haugen in mein neu Quartier, und lebte in der Bekanntschaft und dem Umgange mit meinen Brüdern, so lange die Frage von der Göttlichkeit der Inspiration nicht an mich kam, recht vergnügt.
Hätten sie über diesen Punct mein aufrichtig Bekänntniß, nach meinem Gewißen gefordert, so würde unsere Bekanntschaft nicht lange gedauret haben. So aber schienen sie zufrieden zu seyn, wenn ich nur nicht wider die Inspiration agirete. Doch diese Freude währete nicht lange. Gott, der mich weiter brauchen wolte, sahe wohl, daß ich unter diesen Träumern nimmermehr zu Kräften kommen würde. Er machte also selber Bahn, mich ihrer Gesellschaft, ohne mein Dencken, mit Ernst zu entreißen, und dies ging also zu.
Es hatte der listige Rock von deswegen die lauten Gebeths-Versammlungen unter den armen einfältigen Leuten eingeführet, damit Er den Betenden in das innerste ihrer Gedancken sehen, und aus dem Verlangen derselben erkennen möchte, ob sie sichs in seiner Pferch noch eine Zeitlang wolten gefallen laßen, oder ob sie Mine machten, weiter zu gehen, und sich in völlige Freiheit zu setzen. Denn wenn sich einer so was in seinem Gebete nur mercken ließ, wenn es gleich nur zufälliger weise geschahe, und der betende wohl selber nicht allemal wuste, was er betete; so kam gleich eine Aussprache zum Vorschein, die von Hochfliegen, Vernünfteln und Ungebundenheit schwazte, und alles mögliche that, die armen Leute bey der Einfalt[269]  zu erhalten, in welcher sie sich diesem göttlichen Maul-Affen unterworfen hatten.
§ 117. Auf die Art wurden also alle, die dieses Geschwätz vor unmittelbare Göttliche Offenbarungen annahmen, beständig unter dem Joche dieses Schwindel-Geistes erhalten. Es durfte sich keiner unterstehen, etwas zu untersuchen, wenn Er nicht als ein Hochflieger und Vernünftler ausgeschrien, und gewärtig seyn wolte, daß Ihm sein Lederner Herr Gott, in einer neuen Aussprache, vor der ganzen Gemeine, namentlich den Pelz waschen, und als einen gefährlichen Menschen vorstellen solte, vor welchen sich die, so der göttlichen Einfalt ergeben, in Acht zu nehmen hätten.
Ich merckte diese Schalckheit nicht eher, als bis man auf das laute Gebeth bey mir drang. Denn wie ich nun fast 3/4 Jahr die Versammlungen dieser Bet-Brüder besucht, und meinen Mund zu einem lauten Gebete in denselben noch nicht aufgethan hatte, begunten meine Schwaben endlich zu mercken, daß ich die Befehle ihres Gottes, der diese Gemeine eigentlich zur Gebets-Versammlung berufen hatte, nicht sonderlich achten müste. Um also meine Gedancken dißfalls zu vernehmen, mußte sich ihr Vorsteher der D. Herrmann an mich machen, und mich fragen: Warum ich nicht betete? Ich antwortete, daß ich das allerdings, und zwar mit gröster Inbrunst thäte. Er frug aber weiter: Warum ich dann nicht laut betete, daß andere auch dadurch erbaut werden könnten? Ich sagte, daß ich mich in diesem Stücke in aller Einfalt nach dem Befehl Christi richtete, der gesagt hätte, Wenn Du beten willst, so gehe in Dein Kämmerlein etc. etc.
§ 118. Ueber diese Antwort stuzte mein guter Bischof nicht wenig. Denn sie wolte stillschweigend so viel sagen, daß ich ihre angestellten Gebeths-Versammlungen vor keine Anstalten des Geistes Christi erkennete. Er versezte zwar hierauf, daß doch gleichwol der Geist Gottes diese Anstalten unter ihnen gemacht hätte: Allein, wie das eben der Punct war, den Er mir erst hätte erweisen müßen, und ich noch nicht Herz genug hatte, zu sagen: Daß sie eben daraus sehen könnten, daß sie von einem Antichristischen Geiste betrogen wären, so gab ich nur so viel zur Antwort, daß ich nicht glauben könnte, daß sich Gott in seinen Befehlen zuwider seyn solte.
Der gute Stümper konnte hieraus schon zur Genüge abnehmen, wie viel die Glocke bey mir geschlagen hatte, bemühete sich also die Nothwendigkeit des lauten Gebets aus verschiedenen Biblischen Sprüchen zu erweisen, die Er mir schriftlich zustellete; Ich beantwortete sie umständlich auch mit der Schrift, und zeigte zugleich aus den[270]  Kirchen-Geschichten der ersten Zeiten des Christenthums das Gegentheil.10
Die armen einfältigen Brüder steckten bey diesem unsern unvermutheten Wort-Wechsel die Köpfe zusammen, und getrauten sich nicht uns zu entscheiden. Bruder Pfeiffer sagte zwar, um kurz aus der Sache zu kommen, ohne das Haupt-Werck zu berühren, wir hätten alle beide Unrecht: Allein dieser Macht-Spruch war bey mir viel zu ohnmächtig. Ich schwieg zwar, um keine Gelegenheit zu weiteren Wortwechsel zu geben; Allein was meine Art zu beten anbelangete, so blieb ich darin unveränderlich, woraus die guten Leute freilich leicht sehen konten, daß ich mir weder von Ihnen, noch von Ihrem Gotte in diesem Stücke würde was vorschreiben laßen.
§ 119. Ihre Angesichter waren bei diesem Zwischen-Spiele freilich nicht, wie gestern und ehegestern gegen mich gestellet, und ich konnte überhaupt auch wohl sehen, wo die Sache hinauslaufen würde: Aber die Wahrheit zu bekennen, so dachte ich nicht, daß es unter uns zur gänzlichen Raptur kommen würde, und der Prophet mag es wohl 100 mal bereuet haben, daß Er die Person Gottes bei dieser Gelegenheit nicht auf eine politischere Art gespielet. Denn wenn Er mir, da Er sahe, daß ich vor das lautere Geplappere, in öffentlicher Gemeine, absolut nicht portirt war, nur so viel nachgegeben hätte, daß Er mir vors erste frey gestellet laut zu beten oder nicht, so würde Er mir einen großen Rang abgelaufen, und mein ganzes Dessein zu nichte gemacht haben.
Ich würde keine Ursache so geschwind gefunden haben, Ihn vor einen Anti-Christischen Geist zu erklären; Er würde nach wie vor unter dem Namen Gottes haben gauckeln; sein Ansehen bei der Gemeine, und mich zugleich mit bey derselbigen erhalten, und vielleicht auf mein Lebelang feßeln können: wie Er aber zur Unzeit mit seinem, noch gar nicht bey mir ausgemachten, göttlichen Ansehen durchdringen, und in seinen Anstalten eben dem Gott, vor deßen Gesandten Er sich ausgab, gerad entgegen handeln wolte, so muste Er nothwendig zu kurz kommen, Er mochte auch Creuzsprünge machen, wie Er wolte.
§ 120. Meine Brüder säumten nicht lange, Ihm von allen, was zwischen dem Br. Herrmann und mir vorgegangen war, Nachricht zu geben, und dachten ihrer Seits gewiß, wenn sich nur ihr Gott mit ins Spiel mengen würde, ich würde sodann schon mich unterwerfen müßen. Sie betrogen sich aber dißmal erschröcklich. Denn[271]  anstatt, daß dieser ihr Abgott sein göttliches Ansehen gegen mich hätte behaupten, und mir zeigen sollen, daß Er mein Herr sey, verlohr Er es nach der letzten Aussprache dergestalt, daß Er sich von der Zeit an, nicht mehr vor mir sehen ließ.
Ehe der Bettel-Tanz zwischen uns beyden angieng, muß ich meinen Lesern gestehen, daß, weil ich an meiner Seite noch nicht gewiß war, ob ichs mit Gott, oder dem Teufel zu thun haben würde, ich mich in einer solchen Angst befand, daß ich glaubte, es würde mir das Leben kosten. Es hatte die finstere Magie aller dieser Geister, und insonderheit des tückischen Rocks, deßen Schwindel-Geist ich halb und halb schon vor meinen Herrn erkannt hatte, und noch nicht wuste, wie ich mich mit Vortheil wider von Ihm loß machen solte, eine solche Würckung auf meinen Körper, daß ich, wie ein Schatten vergieng, und mich kaum kennete, wenn ich in den Spiegel sah.
Ein gleiches begegnete auch meinen beyden Hauptgenoßen, dem Br. Langemeier und der Schw. Schelldorfinn, bey der ich zu Tische gieng, und seit dem Disput, den ich mit dem D. Herrmann gehabt, verschiedenes, was man mit Grund gegen die Inspiration einwenden konnte, mit Ihnen gesprochen hatte.
§ 121. Die guten Leute, die sich 22 Jahr von diesem Gauckler hatten narren laßen, höreten anfangs hoch auf, wie sie mich aus diesem Tone mit Ihnen sprechen hörten: Weil sie aber selber schon eine geraume Zeit, allerhand Zweifel in dieser Sache gequälet hatten, und sich, vor sich selbst zu schwach fanden, durch alle Hinderniße, die Ihnen von Seiten Ihrer begeisterten Cameraden gemacht werden konnten, hindurch zu brechen; so wurden sie heimlich froh, daß sich einer fand, der der Katze die Schelle anhängen wollte. Sie ließen sichs zwar nicht gleich gegen mich mercken, weil sie noch stark zweifelten, ob ich auch die Sache würde ausführen können, und ich selber befand mich in einer solchen Verlegenheit, und Bangigkeit des Gemüths, daß ich dachte, ich müste verzweifeln.
Die Ursache dieser Angst, so wohl bey mir, als oberwehnten guten Seelen (die mir hernach erst gestunden, was sie ausgestanden, ehe der Kampf zwischen mir und den Rock recht angieng) war wohl keine andere, als weil wir alle drey, den lebendigen und uns so nahen Gott, noch nicht kannten, sondern denselben immer außer uns suchten, und uns der erschröcklichsten Gerichte fürchten musten, wenn wir uns Ihm, in seinen Gesandten entgegen setzen solten. Diese Vorstellungen, wie nichtig sie auch an sich waren, machten doch uns arme, die wir damals kein ander Licht hatten, dergestalt matt und[272]  hinfällig, daß wir Eßen und Trincken drüber vergaßen, und uns in einem recht bejammernswürdigen Zustande befanden.
§ 122. Bey allen diesen, mich, wegen der Anhänglichkeit mehrgedachter meiner Haus- und Tisch-Genoßen, am meisten angreifenden Umständen, war mir doch unmöglich, wenn ich auch hätte sterben sollen, den Geist des Rocks vor den Geist Gottes zu erkennen. Da mir nun, außer diesem, damals kein anderer Geist bekannt war, außer die sogenannten Engel und der leydige Teufel, von dem ich in der Bibel gelesen hatte, daß Er sich auch in einen Engel des Lichts verstellen könnte; so darf man sich nach diesen fürchterlichen, obschon an sich nichtigen Vorstellungen, gar nicht wundern, daß mir die Haare zu Berge gestanden, wenn ich bedachte, daß ich mit diesem sogenannten starcken gewapneten unumgänglich einen Gang würde wagen müßen, und man siehet daraus, was Phantasien, wenn sie gleich die nichtigsten von der Welt sind, vor erstaunende Würckungen auf unsern Leib und Gemüth haben können.
Je näher die Zeit kam, da es hieß, der Br. Rock sey unterwegs, und werde nun bald, zu großer Freude der Brüder in Berlenburg ankommen, je fürchterlicher sahe es in meiner Phantasie aus, gegen welche die Vernunft (die sich ohn unterlaß meldete und mich zur Aufmerksamkeit nöthigte) in Kraft meines unsinnigen Glaubens, auf keine Weise aufkommen konnte. Das Herz im Leibe bebete mir, wenn ich dran dachte, was vor ein Kampf mir bevorstund. Denn nach meinen damaligen Vorstellungen war der Geist, der durch den Rock redete, entweder Gott selbst, oder der Teufel. War es Gott, was vor ein Urtheil hatte ich wohl zu erwarten, wenn ich den Geist der Wahrheit einen Lügen-Geist heißen wolte? War es aber der Teufel, wer versicherte mich, daß ich mich auf göttlichen Befehl an ihn machte, und des Beystandes Gottes zu gewarten hatte.
§ 123. In dieser wahren Höllen-Angst, die kein Mensch glauben kan, der sie nicht selbst erfahren hat, und die doch blos aus den elenden Begriffen herrührete, die mir die sogenannte göttliche Offenbarung in der Bibel beygebracht hatte, erbarmte sich der Herr, mein Ursprung und Erhalter, auf eine so erfreuliche und erquickende Art über mich armen, daß ich mich nicht entsinnen kan, in meinem Leben ein süßer und angenehmer Vergnügen in meinem innersten empfunden zu haben, als damals, wie es schiene, daß es mit mir aus seyn würde. Denn
Ungefehr ein paar Tage vorher, ehe mein fürchterlicher Gegenpart ankam, und ich, dem äußern Ansehen nach, immer schwächer wurde, mich auch unter vielen Thränen, Seufzen und Winseln zu Bette legte,[273]  und nicht wuste, ob ich wider aufstehen würde, überfiel mich, vor all zu großer Mattigkeit, der Schlaf, der bisher, wegen der, so wunderlich durch einander laufenden Phantasien, mehr eine Marter, als eine Erquickung vor mich, zu nennen gewesen war. Dißmal aber war er es würcklich. Denn
Wie ich eine Weile gelegen hatte, und in meinem Gemüthe oft wider Willen, bisher die Gedancken aufgestiegen waren, warum doch der Geist des Rocks so sehr wider die Vernunft eyferte, denen ich aber, wegen meines Aberglaubens nicht Gehör geben dürfen, so erwachte ich plötzlich, und in dem Augenblicke kamen mir die Worte aus dem Johanne Θεὸς ἦν ὁ λόγος mit solcher Lebhaftigkeit ins Gemüth, daß mir nicht anders deuchtete, als wenn sie einer in Praesenti zu mir spräche, und mit einem, nur zu empfindenden Nachdruck zu mir sagte: Gott ist die Vernunft.
§ 124. Ich mochte diese Worte wohl hundert und mehr Mahl, auch im Grund-Texte gelesen haben: Aber niemals hatte ich den Trost und die Erquickung darinnen finden können, die ich damals fand. Wenn ich sie auch, nach unsern gewöhnlichen Deutschen Uebersetzungen hätte verstehen müßen, nach welchen Gott in denselben, wider alle Sinne und Verstand, das Wort genennet wird, so würden sie mich in meinen damaligen Umständen gar nichts geholfen haben. So aber war mit Anhörung des Wortes Logos zugleich die Erklärung verknüpft, daß dasselbe vornemlich und seiner, von unsern Gelehrten selbst erkannten wichtigsten Bedeutung nach, die Vernunft hieß.11
Weil nun in diesen Worten gesagt wurde, daß Gott selber die Vernunft sey, und dieser Ausspruch von einem Schreiber kam, den ich, nach meiner damaligen Einsicht, vor ungleich göttlicher hielt, als den Schwätzer Rock, die Sache selber auch, sich gleich an meinem Gemüthe, als Wahrheit legitimirete; so ist mir unmöglich zu beschreiben, was vor Kraft und Erquickung ich ob diesen so unvermutheten Gedancken empfand.
Es war mir nicht anders zu Muthe, als wenn ich aus den Thoren des Todes, wider zum Leben zurückgerufen würde, und ich konnte nunmehro kaum den Tag erwarten, an welchen ich mit dem Rock anbinden, und die Kraft des bisher mir unbekannten, und doch so nahen Gottes, an Ihm probiren solte. Die Vernunft, die ich bisher, in Kraft meines Aberglaubens, nicht hatte hören dürfen, hatte nunmehro[274]  völlige Freyheit zu sprechen, und sie stellte mich auf einmal, auf einen so weiten Raum, daß ich ihn nicht übersehen konnte.
§ 125. Man stelle sich einen, an Händen und Füßen lange Zeit gebundenen, und in äußerster Finsterniß gefangen gelegenen Sclaven vor, und urtheile von seiner Freude, wenn er sich auf einmal wider in Freyheit gesetzet siehet; man wird sich doch keine Vorstellung von der Freude machen können, die mein Gemüth damals einnahm, und, wie ich einmal diesen Vortheil hatte, so war mir der Rock, wenn er auch den Teufel und seine Groß-Mutter im Leibe gehabt hätte, nur ein Kinder-Spiel. Ich schlief also, unter innigsten Lobe Gottes, und unaussprechlicher Zufriedenheit wider ein, und konte kaum des Tages erwarten, meinen beiden geängsteten Mitgenoßen Nachricht von meiner neuen Kraft zu geben.
Der Br. Langemeier kam zuerst auf meine Stube, und wie erfreut wurde ich nicht, als Er mir mit munteren Gesichte erzehlete was Er diese Nacht vor einen Kampf ausgestanden, und daß Ihm Gott gezeiget hätte, daß der Rock capott werden müßte; die Schw. Schelldorfinn sagte dergleichen, und ich wuste nicht, was ich bey dem Handel dencken solte. Denn bisher hatten diese Leutchen noch immerzu einige Spuren der Hochachtung gegen den betrogenen Propheten blicken laßen, und ich hatte mit Fleiß an mich gehalten, ihnen nicht alles zu sagen, was im Geheim in mir vorgieng. Wie sie aber beyde endlich selber kamen, und in freudiger Einfalt erzehleten, was mit ihnen vorgegangen war, und wie sie nunmehro des Rocks Blöße völlig einsähen, so konnte ich auch länger nicht an mich halten, sondern sagte Ihnen aufrichtig, was mir diese Nacht begegnet war, und wie sie Gott nicht genugsam danken könnten, daß Er sich Ihnen in der Vernunft, die das wahre Licht sey, so uns alle erleuchtete, so nahe zu erkennen zu geben.
Die guten Leutchen konnte zwar nicht läugnen, daß die Kraft, wodurch sie freudig gemacht worden, ihren bisher so sehr gefürchteten Ab-Gott, unerschrocken vor einen Betrüger zu erklären, eine Kraft Gottes sey. Daß es aber die Vernunft seyn solte, das wolte ihnen nicht gleich in ihre Schwäbische Köpfe. Es war auch in der That, wenn man es recht bedenckt kein geringes Anmuthen vor diese armen einfältigen Leute. Sie solten eine Sache, die Sie bisher, nicht nur bloß auf Getrieb ihres bisherigen Abgottes, sondern nach Anweisung der Bibel selbst, die wir alle noch vor Gottes unfehlbares Wort hielten, vor etwas feindseliges hatten halten, und auf die Festmachung derselben, äußersten Fleißes, bedacht seyn müßen, nicht nur vor was göttliches (welches sie noch wohl zugelaßen hätten) sondern[275]  vor Gott selbst in sich erkennen. Konnten sie nicht bey dieser, gar zu sehr abfallenden Gemüths-Gestalt, auf die Gedancken gerathen, sie wären aus den Regen unter die Traufe gekommen, und hätten an mir einen ärgeren Betrüger vor sich, als sie an dem Rock zu verlaßen gedächten?
§ 126. Allein das hatte keine Noth. Dieses göttliche Licht zeigte sich selbst in Ihnen, und sie hatten ohne es zu kennen bereits erfahren, was es ihnen vor Dienste gethan, die krummen Schliche des Rocks zu bemercken. Ich durfte ihnen also nur zeigen, daß sie das, ohne Vernunft nicht hätten thun können, und daß sie nur ihre gegenwärtige Freudigkeit gegen ihre vorige Bangigkeit halten solten, so würden sie von der Göttlichkeit dieses, alle Finsterniß vertreibendes Lichts, nicht mehr zweifeln dürfen, wie wenig die Finsterniß vor demselbigen würde bestehen können.
Sie begrifen mich endlich und wurden in dem Vertrauen auf dieses göttliche Licht nicht wenig gestärcket. Wir konnten einander den heiteren Zustand unsers Gemüths an Augen ansehen, wir betrachteten diesen Tag nicht anders, als unsern Geburths-Tag, er war aber nur noch ein Anfang zu einen Kräftichen Durchbruch einer neuen Geburth, die uns nun lange nicht so schröcklich mehr vorkam, als vor ein Paar Tagen, da wir noch in der Finsterniß stacken, und nicht wusten, ob Leben oder Tod uns zu Theil werden würde.
Wie zärtlich gehet doch Gott mit seinen armen Geschöpfen um? Es würden die Worte Johannis von der Göttlichkeit der Vernunft, nimmermehr den Eindruck in mein Gemüth gemacht haben, den sie würcklich machten, wenn ich deßen Evangelium nicht vor ein göttlich Buch gehalten, und in Kraft dieser Einbildung gesehen hätte, daß Rock, da Er so sehr wider die Vernunft tobete, unmöglich von eben dem Gott könnte gesand seyn, der sich selber durch Johannem die Vernunft genannt.
§ 127. In der That war Er's doch würcklich, aber nicht anders, als wie ein Sturmwind, der da macht, daß ein Wanders-Mann den Mantel, den ihn derselbe mit gewalt abzunehmen sucht, nur desto fester hält, oder beßer zu reden, wie ein Knecht, der dem, ihm nachlaufenden Kinde das Licht ausblasen muß, damit es zu dem Vater laufe, der Ihm selbiges gegeben, und auf die Art kan ich sagen, daß mich die dümmste und unvernünftigste Secte, eben so zur Vernunft gebracht, wie ein Blinder einen schlafenden zum sehen, wenn er ihn lange genug in die Rippen gestoßen, und die Ohren voll geschrien.
Wir erwarteten und zwar alle drey die Ankunft des Rocks mit[276]  gleicher Begierde und Verlangen; aber noch nicht mit gleicher Freudigkeit. Denn weil meine, von Natur furchtsame, in der That von Herzen einfältige, und unter dem Joche des Aberglaubens gar zu sehr niedergeschlagene Gefährten, noch keine Probe gesehen hatten, wie weit sich die Kräfte der Vernunft gegen die würckliche Gegenwart ihres Abgotts er strecken möchten, und ob auch die Hülfe derselben im Stande seyn würde, mich den Banden des Inspirations-Geistes (der sie 22 Jahr gefeßelt hatte) glücklich zu entreißen; so traueten sie sich noch nicht, diesem göttlichen Pätzemann persönlich unter Augen zu treten, sondern ließen mich, wie Er kam, allein in die Versamlung gehen, und wurden sehr gestärckt, wie sie meine Freudigkeit sahen.
§ 128. Ich gieng also unter Gottes Geleite allein nach Homburghausen, wo dißmal der Kampf zwischen mir und dem Rock, oder vielmehr zwischen der Vernunft und dem Glauben gehalten werden solte. Ich konnte zwar nicht hindern, daß mir nicht die Phantasie aufs neue allerhand grausende Schreckbilder solte vorgestellt und versucht haben, mich wieder zurückzutreiben. Allein weil ich ihr Geschäfte von den Handlungen der Vernunft schon beßer, als von diesen zu unterscheiden wuste, so machte mich nichts irre.
Ich fand den alten Schlaug in Br. Pfeiffers Stube, nebst etliche fremden Brüdern, die Er mitgebracht hatte, worzu noch verschiedene von Berleburg und Homburghausen (sonder Zweifel, noch verschiedenes vor meiner Ankunft mit einander abzureden) gekommen waren. Ich grüßte sie sämtlich mit einem heiteren Gesichte, sie schienen mir auch auf die Art danken zu wollen, es kam aber so gezwungen und frostig heraus, daß ich wohl sehen konnte, daß ich nicht nur den Rock, sondern die ganze Gemeinde gegen mich hatte, und daher desto mehr auf meiner Hut seyn muste.
Ehe die Versamlung angieng, erzehlte der Rock beym Frühstück, ein Haufen von der Brüderlichen Faßung, und wie ein Glied dem andern, wenn es strauchelte, immer wider aufhelfen könnte, wenn sie in einem Geiste zusammen vereiniget blieben: Hingegen führete er etliche Exempel von Personen an, die diese Brüderliche Faßung verlaßen, und daß Band der Einigkeit des Geistes und gemeinschaftlichen Beystandes zerrißen hätten, und diese hätte Gott, aus gerechtem Gerichte, andern zum Exempel, in die Sünde der Uneinigkeit fallen laßen etc. etc.
§ 129. Ich hörte wohl, daß dieser Discours nichts anders zur Absicht hatte, als mir ein neues Schröcken einzujagen, und mich zu warnen, daß ich die sogenannte Brüderliche Faßung der heiligen Inspirations-Gemeine nicht verlaßen, sondern mich, nebst ihr, noch eine[277]  Zeitlang von dem falschen Geiste voppen laßen möchte. Es war aber schon zu spät, und der Fuchs konnte so leise nicht schleichen, daß ich ihn nicht hätte hören, und meine Gelegenheit erwarten sollen, ihm eins zu versetzen, daß er das Widerkommen vergeßen müßen.
Hätte ich damals gewust, was ungefehr vierzehntage nach meinem Durchbruch erst kund wurde, nemlich, daß der Vorsteher der Inspirations-Gemeine zu Schwartzenau, der saubere Br. Fritz Baltzer, der einer von den eyfrigsten Verfechtern dieser göttlichen Thorheiten mit war, aller Brüderlichen Faßung ungeachtet mit einer Hure durchgegangen, und seine Frau im Stich gelaßen, so hätte ich den Rock mit samt seinem allwißenden seyn wollenden Geiste, und der Brüderlichen Faßung, von der er so viel Wind machte, so in der Enge treiben können, daß Er sich nicht würde zu laßen gewust haben: So aber war sowohl den Brüdern, die ihn (den Ehebrecher) hätten faßen sollen, als dem Gott dieser armen betrogenen Leute, noch nichts von diesem Falle bekannt, und ich muste erwarten, auf welcher Seite der Rock sich sonst gegen mich bloß geben würde.
§ 130. Dieses geschahe nun, zu meinem innigsten Vergnügen, in der nächst zu haltenden Versammlung, in welche wir uns sogleich, nach abgehaltenen Discurs begaben. Der Prophet Rock kam mir gerade gegenüber zu sitzen, und die Versamlung dirigirte mein vermeinter Gegner, der D. Herrmann, den ich mehr als einen armen einfältigen Schöpfs, als meinen Gegner betrachtete. Nach verrichteten Gesängen, Gebeten, und gewöhnlichen erbärmlichen Vortrage des D. Herrmanns, that derselbe, der Gewohnheit nach, die Anrede an die Gemeine, daß, wenn jemand von den Brüdern noch was beyzutragen hätte er solches thun möchte.
Hierauf bekam der Rock, der nunmehro selbst erfahren hatte, daß ich nicht laut betete, seine göttliche schwehre Noth; sein Geifer floß ihm in den Bart, und alles bereitete sich zur Auffangung deßelbigen: Ich aber erwartete mit einer lächelnden Mine, was sich weiter begeben würde. Der Br. Pfeiffer präsentirte mir eine Feder und Papier, die Aussprache nebst den andern Brüdern mit aufschreiben zu helfen, und mochte wohl, Wunder, meinen, was Er mir für eine Ehre damit anthäte: Ich schlug es aber mit Freundlichkeit ab, um desto Aufmerksamer auf alles Acht zu geben, was ich weiter sehen und hören würde.
Die Schreiber waren bereits alle gerüstet, nicht zu posaunen, wie die Engel in der Offenbarung, sondern aufzuschreiben, was Ihnen ihr Gott in der Person dieses Verrückten sagen würde. Er konnte aber dißmal nicht so geschwind zu Worten kommen, wie sonst, sondern[278]  es währete das Gekrächze, das Maul-Aufsperren, und die übrigen Prophetischen Ungebehrden, eine ziemliche Weile, ehe man hören konnte, ob er reden oder speyen wolte. Ob der Schalck durch seine halb offenen Augen bemerckte, in was vor einer unerschrockenen Positur ich gegen Ihm saß; oder ob sein Geist, durch die gräßlichen Gebehrden die er mir aufs neue an diesem seinem Werkzeuge sehen ließ, mich abermal in Furcht zu setzen gedachte; oder ob Er sonst nicht recht auf seine Aussprache studiret haben mochte, das will ich an seinen Ort gestellt seyn laßen. Genug er konte dißmal, zur Rettung seiner Ehre (mir aber zu offenbarung seiner Schande) nicht anders, als Er muste in seiner angefangenen Begeisterung fortfahren, solte Er auch das hundertste ins tausendste geredet haben.
§ 131. Es eröfnete sich also endlich der heil. Mund, aber zu seiner grösten Schande und meiner großen Freude, die so groß wurde, daß wenn ich meiner armen betrogenen Brüder nicht geschonet hätte, die ich mit Liebe zu gewinnen suchte, ich mit Lust dem Schwätzer in die Rede gefallen und seinen allwißenden Geist gebeten haben würde, erst den Donat recht zu lernen, ehe er sich unterstände vor Gelehrten zu reden. Ich würde aber einen Tumult erregt, und die gantze Gemeine wider mich aufgebracht haben, da es dann leicht hätte geschehen können, daß es von Worten zu Streichen gekommen, wobey ich, allem Vermuthen nach, die besten würde davon getragen haben.
Ich ließ mir also genügen, durch verächtliche Minen zu erkennen zu geben, wie wenig Hochachtung ich vor das elende Geschwätz ihres begeisterten Ignoranten trüge. Denn Er verrieth seine Unwißenheit in der Grammatic gleich in der ersten Zeile seiner Aussprache, indem er also anfieng: Es steiget ein Gnaden-Wörtlein aus dem Centrum, da die Liebe ruhet: Ich gestehe, daß, ehe noch der Mund des Propheten geöfnet wurde, mir noch eine Art von Furcht anwandelte, daß ich alle meine Kraft zu sammeln hatte, mich auf dem Posten zu erhalten, auf welchen mich die Vernunft gestellt hatte. Er hatte aber obige Worte kaum zur Welt gebracht, so war alle meine Furcht dahin, und ich sahe, daß ich es mit einem elenden Stümper zu thun hatte, der kaum wehrt war, daß ihm ein Donat-Schüler, geschweige ein gelehrter zuhörte.
So wenig braucht Gott die falsche Weißheit zu Schanden zu machen, wenn der Mensch seiner Vernunft Gehör geben will: Wer aber diesem Lichte nicht folgen darf, der siehet auch nicht, wenn Er gleich mit der Nase auf der Sache gedruckt wird. Ich ermangelte gar nicht (wie alles vorbey war) den beiden gelehrten Brüdern, Herrman und Heissen, den Bock, den ihr Prophet gemacht hatte,[279]  zwischen die Beine zu jagen, und sie konnten nicht läugnen, daß es einer war: Sie sagten aber, Gott accommodire sich nach seinen Werkzeugen. Wenn Rock ein gelehrter gewesen wäre, so würde Gott auch gelehrt durch Ihn geredet haben: da Er aber nicht studiret hätte, so sey aus seiner ungelehrten Redensart auch nichts zu machen; ich sey ein Vernünftler, sie aber wolten in der göttlichen Einfalt bleiben.
§ 132. Ich hatte gar nichts darwider einzuwenden, nur sahe ich aus diesem unsinnigen Betragen, was vor eine unaussprechliche Gnade mir widerfahren war, daß mich Gott von der Gesellschaft dieser Thoren frey gemacht hatte, und zwar durch eben den Geist, der alle sein möglichstes that, mich zum Narren zu machen.
Ich hörte ihn (um wider auf unsre Versammlung zu kommen) nach mehr erwähntem Schnitzer, nun mit großer Gedult und Gleichgültigkeit an. Aller Augen waren bei meiner kaltsinnigen Stellung mehr auf mich als auf den begeisterten Propheten gerichtet, dessen ganze Aussprache endlich dahin auslief, daß Er, ohne mir, wie Er billig hätte thun sollen, zu gebieten, forthin laut zu beten, mich und den D. Herrmann nur ermahnte, durch unnöthige Dispute nicht die Liebe und die brüderliche Faßung zu trennen.
Er gab also dem armen Herrmann, der seines Gottes Anstalten gegen mich zu verfechten gesucht hatte, in der That mehr Unrecht, als mir: Aber weder Er, noch seine blinden Brüder, konnten daraus die Schwäche ihres Gottes erkennen. Der Rock kam mir damals eben wie der Pabst vor, wie er die Streitigkeiten wegen der unbefleckten Empfängniß Mariä zwischen den Dominicanern und Franciscanern entscheiden solte. Denn da wolte er auch keinen von diesen beiden Orden vor den Kopf stoßen, sondern legte beiden Partheien ein Stillschweigen auf, so lange, bis es dem h. Geist gefallen würde, diese Sache, durch ihn zu entscheiden. Es hat ihm aber bis dato noch nicht gefallen, und ein jeder Narr bleibt derweile auf seiner Meinung.
§ 133. Eben so machte es der schlaue Rock auch. Er hüpfte über den Punct des lauten Gebeths, der doch das Haupt-Werk seiner eigenen Anstalten war, deren Ansehen Er billig hätte zu erhalten suchen sollen, eben so geschwind weg, wie der Hahn über das Kohl-Feuer, und that deßen nicht einmal mit einem Worte Erwähnung, sondern ermahnte uns nur zur Liebe und Brüderlichen Faßung.
Was das erste, nemlich die Liebe anbelangt, so war ich in derselben gegen den D. Herrmann, und alle Brüder, noch eben derselbige, der ich vor unserm Disput gewesen war: Was aber das andere betrift, so sahe ich wohl, daß sich diese Brüderliche Faßung[280]  weiter nirgend, als auf den Lippen dieser armen Schwätzer blicken ließ, indem sie unter einander selber nicht einig waren, als durch die Bank sich von einem tückischen Schwärmer voppen zu laßen. Im übrigen aber eben so wohl von allerhand Affecten gegen einander eingenommen waren, als alle andere Secten.
Wenn diese sogenannte Brüderliche Faßung von einiger Kraft gewesen wäre, so hätte sie mich und meine Cameraden fester halten müßen, als sie that, und wenn sie sagen wollen, wir hätten diese Faßung selbst verlaßen, so ist es eben ein Kennzeichen, daß sie uns sehr schlecht gefaßet haben müßen.
§ 134. So bald die Aussprache geendigt war, wurde das Lied angestimmt: Zion, fahre fort im Licht. Und da bekam der Rock vollends seine letzte Oelung. Denn in demselben stand unter andern, folgender bedenklicher Vers:


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Zion prüfe recht den Geist,
Der Dir ruft zu beiden Seiten,
Thue nicht, was er Dich heißt,
Laß nur Deinen Stern Dich leiten,
Zion, das, was beide krumm und schlecht,
Prüfe recht, prüfe recht.

Diesen Vers sang ich dem Propheten ins Angesicht, mit einer solchen Freudigkeit und durchdringenden Ton, daß er da saß, als wie einer, der keine Widerrede in seinem Munde hat, und die gantze Gemeine, außer dem armen verdüsterten Bruder Herrmann konnte wohl mercken, daß was sonderbares und ungewöhnliches in mir vorgehen muste.
In der That war es nicht anders, als wenn mir diese Worte vom Himmel, zu Bestärckung meines angefangenen Durchbruchs zugesprochen worden, und ich war dißfals so voller Freude, als der Rock voll Angst, die Er auch, nachdem die Versamlung aus war, gegen die Brüder nicht bergen konnte, indem Er ihnen sagte, daß Er in Sorgen stünde, ich möchte wider die Inspiration angehen, weil ich obbemeldeten Vers mit besondern Nachdruck gesungen hätte.
§ 135. Es bestättigte Ihn in diesen Gedancken nicht wenig, mein öffentlicher Widerspruch, den ich in öffentlicher Gemeine gegen seine gehaltene Aussprache that. Denn als der arme finstere Br. Herrmann, nach Endigung derselben mir die Hand reichte, und sagte: Nun ist unser Streit entschieden (welches doch nicht wahr war) gab ich Ihm die Hand zwar wieder, mit völliger Neigung, sagte aber, daß der Prophet dabey stund (der unsern Disput vor eine Schiedlichkeit angegeben hatte) daß gar kein Streit zwischen uns gewesen[281]  wäre, und daß wir einander nur unsere Gedancken und Einsichten eröfnet.
Damit widersprach ich nun zwar seinem Gott ins Angesicht: Allein er fand vor gut sich weiter nicht zu bewegen, und ich gab Ihm gleich darauf noch deutlichere Merckmale, daß die Hochachtung, die ich sonst vor Ihm gehegt, bey mir gefallen sey, indem ich nicht mit Ihm, wie sonst, bey Br. Pfeiffer speißte, sondern meine Mittags-Malzeit bey der Schw. Holtzapfelinn einnahm, die eine gewiße heimliche Freude über meine Aufführung blicken ließ, die sie gegen die andern Brüdern nicht mercken laßen durfte.
Nach der Malzeit gieng ich, in Geselschaft des Rocks und der Fremden wider nach Berlenburg, allwo des Nachmittags, beim Br. Werlich wider Versamlung gehalten werden solte. Jederman dachte, daß ich dieselbe unfehlbar auch mit besuchen würde. Allein ich gieng nach Hause, und schickte meine Haußgenossen dahin, nachdem ich Ihnen, zu Ihrer grösten Aufrichtung alles erzehlet hatte, was zu Homburghausen mit uns vorgegangen war.
§ 136. Wie sie wider kamen, konnten sie des Br. Rocks Bestürzung nicht genug beschreiben. Sie sagten, daß Er so verworren Zeug unter einander geredet hätte, daß sie Ihn noch nie so verkehrt hatten reden hören. Ich gab Ihnen zu erkennen, daß sie auch noch nie die Vernunft zu Beurtheilung seines Geschwätzes hätten brauchen dürfen, und zeigte Ihnen hierauf umständlich, aus der ganzen Aufführung dieses Phantasten, wie wenig sein Geist wider die Vernunft vermöchte, welches sie, in kurzen, noch beßer erfahren würden.
Es hielt sich derselbe dißmal gar nicht lange in Berlenburg auf, und die Hauptsache, die zwischen uns hätte ausgemacht werden sollen, nemlich ob ich und meine Cameraden den Inspirations-Geist vor den Geist Gottes erkennten oder nicht, wurde ganz und gar nicht berührt. Wir waren also noch zur Zeit, weder völlig frey von dieser Secte, noch auch ihre Sclaven mehr, und sie würden uns gerne noch mit beibehalten haben, ohne uns über den Punct der Göttlichkeit der Inspiration zu besprechen, wenn wir uns selber in dieser Ungewisheit hätten beruhigen können.
Um also an meiner Seite alles zu thun, was ich glaubte, daß ich mit Brüdern, die ich aufrichtig liebte, thun müßte, schrieb ich nicht allein an die Gemeine, sondern auch an den armen betrogenen und andere wider betrügenden Propheten. Jener gab ich mein Bedencken wegen der Inspiration unverholen zu erkennen; diesem aber zeigte ich umständlich die Schwäche seines Geistes, und ermahnte sowohl Ihn, als die Gemeine diese Gauckeleyen einmal fahren zu[282]  laßen, und sich in wahrer Liebe zu verbinden den lebendigen Gott zu suchen.
§ 137. Der Prophet antwortete gantz demüthig, er sey ein Werckzeug Gottes, und müste sich gefallen laßen, was man von Ihm urtheilete. Die Gemeine aber antwortete nichts, und der geisteyfrige Br. Werlich verbrandte mein Schreiben, wie es an Ihm kam, daß es die wenigsten von den übrigen Brüdern zu sehen bekamen. Inzwischen continuirten wir, um zu zeigen daß wir in der Liebe gegen sie unverändert wären, ihre Versamlungen, nach wie vor zu besuchen.
Die Homburghäuser Brüder machten keine Schwierigkeit, uns zu zu laßen, und hatten insonderheit von mir, noch immer Hofnung, daß ich von der Göttlichkeit ihrer Sache endlich überzeuget werden würde. Unter den Berlenburger Brüdern aber, war ein abgesezter Pfarr, Namens Dyle, der von Natur ein Polter-Geist war, und dem Faße den Boden vollends ausstoßen muste.
Es hatte derselbe, nachdem Er vernommen, daß ich mich zu der Inspirations-Gemeinde mit hielt, bisher meine Unsch. Wahrh. mit gröster Lust und Verwunderung gelesen, und mich, unter vielen Liebes-bezeugungen oft gefragt, wie mir doch bey diesem oder jenem Ausdrucke zu muthe gewesen seyn müste, und ich dachte würcklich, wann einer in der ganzen Gemeine im Stande seyn würde, das Blendwerck der Inspiration einzusehen, wenn es Ihm gehörig gezeiget würde, so würde Er es sein, nachdem Er eine besondere Liebe zu mir trug.
§ 138. Es war schon ein alter Mann, und wider das Naturell der Priester, nichts weniger als geitzig, sonst würde Er seine fette Pfarre im Isenburgschen nicht verlaßen und einen schlechten Bau-Verwalter-Dienst zu Berlenburg angenommen haben. Was er aber an der unseligen habseligen Habsucht zu wenig bekommen hatte, das hatte Ihm die Natur an Priesterlicher Unfreundlichkeit doppelt ersetzet, und dieser habe ichs eigentlich zu danken, daß ich mich von dieser kraftlosen Secte völlig loß reißen, und mich und meine Gefährten in Freyheit setzen können.
Es war der Sonntag Quasimodogeniti (meines Behalts nach) 1738sten Jahres, an welchen ich, wider meine Gewohnheit, mit Fleiß, mit dem Br. Langemeyer in die Berlenburgsche, und nicht in die Homburghausensche Versamlung gieng, wohl wißend, daß es dißmal nicht ohne Streit abgehen würde, weswegen ich auch, nach meiner damaligen Einsicht, die Schw. Schelldorfinn (die zu Hause bleiben muste) gar treuherzig bat, vor mich zu beten, damit mir Gott mit seiner Kraft beystehen möchte.[283] 
Die Versamlung wurde beym Br. Werlich gehalten, und ich weis nicht, ob die Glieder der Versamlung wißen mochten, daß ich hinein kommen würde, oder, ob sie sich deßen nicht versehen haben mochten. So viel ist gewiß, daß ein Fremder seine Lust gesehen haben würde, an den mancherley heiligen Gesichtszügen, die an den Gliedern der Versamlung erschienen, wie ich, mit dem Bruder Langemeyer in die Stube trat, der eine lief aus, der andere wider ein: Ich aber blieb auf meinen Sitze unbeweglich, ungeachtet ich aller Augen, wie Pfeile, auf mich gerichtet sahe, und erwartete mit guten Muthe, was erfolgen würde.
§ 139. Das Aus- und Einlaufen der verschiedenen Brüder, die den Br. Dyle, der dißmal die Versamlung halten solte, zu bereden suchten, daß Er sich doch zeigen möchte, währete über eine halbe Stunde. Mir hätte derweile bange werden sollen, vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen solten: Allein ich sahe, daß meine Brüder weit bestürzter waren, als ich, und konnte daraus eine deutliche Vorbedeutung nehmen, das es mir den Halß dißmal noch nicht kosten würde.
Endlich muste doch, zu Verhütung der Schande, daß sich eine ganze begeisterte Gemeine, einem einzigen Vernünftler nicht gewachsen zu sein getrauete, der heil. Polter-Geist in dem Br. Dylen zum Vorschein kommen. Er hatte aber die Thüre sobald nicht eröfnet, und mich an meinem gewöhnlichen Orte sitzen sehen, als Er, mit den Worten: Was soll ich da machen, ihr Brüder? wider zurück prallete, als wenn ihn einer gepeitscht hätte, und die Thür mit Ungestühm wider zuschlug, und davon gieng.
Da hätte einer sehen sollen, was vor Bewegungen in der Gemeine entstunden. Alle Augenblick dachte ich, nun werden sie dich beim Arme nehmen, und zur Thür hinausstoßen. Allein ihr Geist hatte ihnen so viel Kraft nicht verliehen; nur der Br. Werlich lief dem flüchtigen Hirten dieser armen Schafe mit den lamentablen Worten nach: Br. Dyle, Br. Dyle, komme Er doch herein; brachte Ihn endlich auch würcklich geschleppt und sezte ihn ungefehr zwei Schritt weit, schrad gegen mir über, und siehe! Es ward eine große Stille, bey einer Viertelstunde lang, und aller Augen waren mit finstern Zorn-Blicken auf mich gerichtet.
§ 140. Endlich, da der Br. Dyle, als Director der Versamlung, weder Sprache noch Rede von sich hören ließ, sondern da saß, wie ein stummer, der seinen Mund nicht aufthut, nahm Br. Werlich daß Wort, und sagte, mit gar kläglicher Stimme: Es wolte verlauten, als ob H. Edelmann (da war ich schon kein Bruder mehr) an der[284]  Göttlichkeit der Inspiration zweifelte, und also wolte man vernehmen, weßen man sich zu Ihm zu versehen hätte.
Nunmehro kam also die Reihe zu reden (die ich längst gewünscht hatte) auch an mich, und ich fing an: Es sey mir lieb, daß mir endlich auch einmal Gelegenheit gegeben würde, ein Wort in der Gemeine zu sprechen; ich bäte um Erlaubniß, meine Gedancken unverholen sagen zu dürfen. Kaum hatte ich diese wenigen Worte, ohne die geringste Bewegung vorgebracht, so fiel mir der bisher sprachlose Br. Dyle, mit einer heiligen Ungestümigkeit in die Rede, daß Band seiner Zungen ward loß, und Er redete recht, wie folget: Was? Was? Ihr Brüder, dieser Geist stöhret ja die ganze Versamlung!
Es fehlte an diesem heiligen Amts-Eyfer weiter nichts, als daß Er mir nicht, wie Zedekias dem Micha eine Prophetische Ohrfeige versezte, und die Worte widerholte: Wie? Ist der Geist des Herrn von uns gewichen, daß er mit dir rede? Aufs wenigste, glaube ich, daß wenn er die Kraft gehabt hätte, mich stum zu machen, Er solches gewiß nicht unterlassen haben würde?
§ 141. Wie ich sahe, daß es nun zum rechten Treffen kommen solte, trat ich von meinem Sitze mitten in der Stube, und da Einer diß der andere daß plauderte, alle aber auf mich hackten, sagte ich ihnen endlich, mit unerschrockener Stimme, wie ich gefunden hätte, daß sie von einem falschen Geiste betrogen wären. Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, so wieß mir Br. Werlich die Thür, und hieß mich meiner Wege gehen. Ich fand aber eben nicht nöthig, diesem halbehrwürdigen Befehl auf der Stelle gleich, Folge zu leisten, sondern wie bald der, bald jener an mich sezte, um mich confus zu machen, so gab ich einem jedem, so viel mir Gott damals Kraft schenkte, und nahm endlich mit diesen Worten von ihnen Abschied, daß der Herr mit Ihnen seyn, und Ihnen zu erkennen geben möchte, wie schändlich sie bisher wären betrogen worden.
Wie mich Br. Langenmeyer aus der Versamlung weggehen sahe, fragte er: Was man dann mit Ihm machen wolte, der sich gleichfalls vor einen von mir verführten müste halten laßen? Sie fanden aber nicht vor rathsam, Ihm gleichfals den Abschied zu geben, sondern nöthigten Ihn zu bleiben. Er that es zwar, kam aber nicht wider, und die Schw. Schelldorffin, die nicht mit in der Versamlung gewesen war, preisete Gott, daß er mir Kraft verliehen hatte, mich aus den Banden dieses Schwindelgeistes frey zu machen, und wir lebten nun alle drey, in unserm Klösterlein recht vergnügt, und waren rechte Quasimodogeniti, oder als die jetztgebohrnen Kindlein, die zwar immer begieriger nach der vernünftigen lautern Milch wurden, aber[285]  sich noch eine geraume Zeit, mit manchen verlegenen Bettel-Bietz behelfen musten.
§ 142. Den Inspirirten schmerzte es über die Maaßen, daß durch meine Veranlaßung, 2 Glieder ihrer Gemeine, die sich 22 Jahr von ihrem Geiste hatten voppen laßen, weniger worden waren. Insonderheit konnte Br. Pfeiffer, der mich sehr zährtlich liebte, seinen Schmerz nicht gegen mich bergen, wie Er sahe, daß ich Ihm, des zerrißenen Secten-Bandes ungeachtet nach wie vor, als meinen Bruder tractirete, Ihn besuchte, und wo ich Ihm einen Gefallen, oder Dienst thun konnte, mir ein Vergnügen daraus machte, auch meine Gefährten ermahnte, dergleichen zu thun, um unsern verblendeten Brüdern thätig zu zeigen, daß etwas lebendigers und heitereres mit uns sey als ihr todter und finsterer Secten-Geist, der alle natürliche Liebe in ihnen hemmete.
Wir zeigten das sonderlich, wie das Wetter in diesem Sommer zu Homburghausen einschlug, und die Scheuren der Mennisten verbrannte, die gleich unter der Wohnung der Inspirirten wohneten. Denn sobald wir die Sturm-Glocke hörten, eilten wir ihnen zu Hülfe, fanden aber, zu unserer Freude, daß es keine Gefahr mit Ihnen hatte, und es schien, als wenn die Pfeifferische Familie sich nach und nach natürlicher und leutseliger gegen uns bezeigen wolte. Es hatte aber keinen Bestand. Ihr finsterer Secten-Geist verdarb alles wider. –
Ich hatte ihm, ehe unsere Trennung noch geschehe, die deutlichsten Proben meiner besondern Neigung zu seiner Person und Familie gegeben, und ungeachtet die Secte der Inspirirten mehr als die übrigen von den andern verachtet wurde; mein lieber Br. Contz und mein neuer Wirth Zepper, auch gar nicht gerne sahen, daß ich mit ihnen umgieng, so schämte ich mich doch nicht dem Br. Pfeiffer eine Tochter mit zu Grabe tragen zu helfen, und die Leute von mir reden zu laßen, daß sie meine Braut gewesen wäre. Es vergnügte das den guten Alten über die Maaßen. Er würde auch gewiß noch zu Verstande kommen seyn, wenn sich der arme Bruder nicht thörichter Weise geschämet hätte, zu bekennen, daß er 22 Jahr ein Narr gewesen. Dieses machte, daß Er es vor rühmlicher hielt, vollends bis ans Ende einer zu bleiben, als das kurze Vergnügen zu haben, vor selbigen noch vernünftig zu werden.
§ 143. Mit den übrigen dieser bedauernswürdigen Leute war es eben so bewandt. Sie konntens nicht verwinden, daß ein von ihnen aufs äußerste verabscheueter Vernünftler, mehr Kraft haben solte, ein Paar aus ihrer Gemeine zu entführen, als die gantze Gemeine, dieselbigen zu halten. Deswegen thaten sie noch einen Versuch an sie,[286]  und stelleten eine Konferenz an, zu welcher der Prophet Rock (dem sie alles vorgegangene gleich berichtet hatten) auch berufen wurde. Ich glaube aber Er würde dißmal lieber wo anders hingegangen sein, wenn Er, Ehre halber, gekonnt hätte. Denn die Schwäche und Ohnmacht seines Geistes, wurde damals immer mehr bekannt. Er muste also erscheinen, der Tag der Conferenz wurde angestellt, und der Br. Werlich kam, und invitirte den Br. Langemeyer und die Schw. Scheldorffinn mit darzu. Ich war eben mit Ihnen spatzieren gewesen, und befand mich noch auf ihrer Stube, wie Er ankam. Wie Er die Thür aufmachte und mich sahe, erblaßte Er, und wuste nicht, ob Er vor oder rückwärts gehen sollte. Wir nöthigten Ihn aber sämtlich, mit unverstellter Freundlichkeit herein zu kommen.
Er bot dem Br. Langemeyer und der Schw. Schelldorffinn die Hand, zum Zeichen, daß Er sie noch vor Glieder der Gemeine hielt: Mich aber ließ er sitzen, und that nicht einmal, als wenn ich in der Stube war, auf daß erfüllet würde, was geschrieben stehet: Ihr solt Ihn nicht grüßen. Denn wer ihn grüßet, der macht sich theilhaftig seiner bösen Wercke.
§ 144. Wer siehet daraus nicht offenbar, daß die christliche Religion überhaupt, mehr zur Trennung als Vereinigung der menschlichen Gesellschaft abzielt, und daß wenn ihre feindseligen Befehle allemal befolgt werden solten, man anstatt der Liebe, von der sie so viel Rühmens bey andern macht, nirgend mehr Feindseligkeit, als in der Christenheit antreffen würde. Man darf nicht denken, daß das zu viel gesagt sei. Denn man darf sich nur vorstellen, daß wenn alle Secten der Christenheit, (die in der That unzehlig sind, und von denen doch eine jede glaubet, daß sie allein diejenige Lehre habe, die andere mitbringen müßen, wenn sie von ihnen aufgenommen werden solten) sich so gegen einander aufführen solten, wie der liebreiche Schooß-Jünger Jesu, in obigen Worten befohlen haben soll, ob man sich in der Christenheit wohl zu leben wünschen möchte.
Ich hatte diesen feindseligen Charakter, der sich an den Inspirirten mehr, als an andern Secten offenbarete, meinen beyden Gefährten bereits zu erkennen gegeben, und ihnen gezeigt, daß der Inspirations-Geist mehr zur Trennung der Liebe, als zu einer gemeinschaftlichen Verbindung arbeite, indem er Gemüther, die einander von Natur wohl leiden könnten, und mit Vergnügen und ohne Zwang einander dienen würden, von einander trennete, wenn sie seine Gauckeleyen nicht vor göttlich erkennen könnten. Hingegen die unbequemsten und einander nur zur Last lebenden Menschen, in eine Geselschaft zusammen zu koppeln suchte, wenn sie nur sagten, daß sie die Inspiration vor göttlich[287]  hielten. Sie begriffen auch die Sache ganz leicht, zumal da sie sahen, daß ich in der Liebe gegen diese meine Brüder, einmal wie das andere unveränderlich blieb, sie hingegen, bloß darum, daß ich ihren Götzen nicht anbeten wolte feindselig und ganz fremd gegen mich thaten.
§ 145. Wie also der Br. Werlich seinen Antrag an die beyden abgewichenen that, und sie, im Namen der Gemeine zur Conferenz einlud, meiner aber mit keinem Worte erwähnete, nahm ich das Wort, und sagte: die Brüder würden besser thun, wenn sie sich bemüheten den lebendigen Gott recht kennen zu lernen, als daß sie sich von einem elenden Schwindel-Geiste so voppen ließen. Ich hätte nun, als ein redlicher Bruder, alles gethan, was meine Pflicht erfordert hätte, weswegen ich auch nicht unterlassen hätte, sowohl an den Br. Rock, als die Gemeine zu schreiben, um Ihnen Zeit zu laßen, meinen Gründen, ohne meine Gegenwart, in der Stille, weiter nach zu dencken, und zu erwegen, daß ich mich in nichts von Ihnen trennete, als in dem Punct der Inspiration, die ich vor Betrug hielte.
In der Liebe solten sie mich allemal unverändert gegen sich finden; ja ich hätte Ihnen, nach meiner Erkenntniß, keine größere Liebe erzeigen können, als daß ich Ihnen die Schwäche und Ohnmacht ihres Götzen zu erkennen gegeben, hätten sie also gleiche Liebe gegen mich beweisen, und insonderheit ihr vermeinter Gott sein Ansehen gegen einen armen Vernünftler festsetzen wollen, so hätten sie mir auf meine Vorstellungen, nicht gleich die Thüre weisen, sondern dieselben gründlich und freundlich widerlegen sollen. Ihr Gott aber hätte seine Macht beßer, als durch eine ungelehrte und verworrene Aussprache gegen mich legitimeren, und zeigen müßen, daß es wahr sey, daß seine Schaafe niemand aus seiner Hand würde reißen können.
Er sähe hier meine beiden Gefährten, denen ich auf keine Weise wehren würde, ihrer lieblosen und einseitigen Conferenz mit beizuwohnen. Wenn aber ihr Prophet seiner Sachen so gewiß wäre, warum Er mich denn nicht auch zur Conferenz mit einlüde? Er, der Br. Werlich, habe sich bey diesem Handel am allerschlechtesten aufgeführet, indem Er sogar dem Schinder ins Handwerck gefallen wäre, und den Brief, den ich aus herzlicher Wohlmeinenheit an die Gemeine geschrieben, ungelesen verbrandt hätte.
Wenn diß die brüderliche Fassung bey Ihnen ausmachte, daß man einem irrenden (wovor sie mich hielten) gleich ohne die geringste Untersuchung seiner Gründe, die Thüre wiese, von der Gemeine ausschlöße, und vor keinen Bruder mehr erkennete, so sey ich froh, daß mir der Herr Kraft verliehen, mich einer so heillosen Faßung zu entreißen, und ich zweifelte nicht, sie würden erfahren, daß sie, mit aller[288]  ihrer Faßung nicht im Stande seyn würden, den Br. Langemeyer und die Schw. Schelldorffin zu halten etc. etc.
§ 146. Mein armer halb-begeisterter Br. Werlich (denn Er hatte nur schwehre-Nothsmäßige Erschütterungen, wie H. Haug, aber keine Aussprache) saß bey diesem unvermutheten Vortrage, als wenn Er vor den Kopf geschlagen wäre, und wie er vollends von dem Br. Langemeyer und der Schw. Schelldorffinn die Antwort erhielt, daß sie nicht nöthig fänden, der Conferenz dismal mit beyzuwohnen, im übrigen aber allemal bereit seyn würden, den Brüdern, wo sie könnten, zu zeigen, daß die Liebe nicht an ihre Secte gebunden wäre; da nahm er seinen Kopf zwischen die Ohren, und lief, als wenn Ihn einer gejagt hätte.
Wir erfuhren hernach, daß Er bey seinen, auf Ihn wartenden Brüdern, und insonderheit bey dem bestürzten Propheten, eben kein angenehmer Bote gewesen, indem Er sie, bey seiner Widerkunft, ganz keuchend, mit den Worten angeredet: Ich habe mein Theil gekriegt, ein anderer kan seines auch holen. Anstatt daß nun der Br. Rock, der sich auf die Art, mit samt seinem h. Geiste, von einem eintzigen Vernünftler, gantz gleichgültig tractiret sehen muste, zum wenigsten so viel Kraft noch hätte zeigen sollen, sich noch einmal vor mir sehen zu laßen, und seinen göttlichen Zorn, mir selbst persönlich, unter Augen, anzukündigen, flohe Er mich, wo Er wuste und konnte, ob ich Ihn gleich provocirte, und mich erbot, Ihm an Ort und Ende zu stehen, wo Er wolte.
Damit aber doch seine untergebenen Schöpfe die große seiner Furcht nicht gar zu deutlich mercken möchten, so kam Er, in Begleitung etlicher seiner getreuesten, an einem Abend, noch einmal zum Br. Langemeyer und der Schw. Schelldorffinn, und versuchte alle seyn möglichstes, sie zu bereden, daß sie sich nicht von mir verführen laßen möchten. Aber umsonst.
§ 147. Mein Stübchen war dem ihrigen schrad gegenüber, und Er hätte nur etliche Schritte, bis zu mir gehabt. Ich erwartete auch alle Augenblicke, wenn Er zu mir kommen, und mir seine göttliche Macht sehen laßen würde. Ich war damals in einer ganz andern Positur, als wie ich Ihn das erste Mal hatte gauckeln sehen, und das Dintenfaß stund schon parat, daß ich Ihm in die Augen gegoßen haben würde, wenn Er sich mit einer Aussprache auf meiner Stube hätte breit machen wollen. Er fand aber vor rathsamer, sich, mit seinen Begleitern, in aller Stille wider davon zu machen, und mir nach etlichen Tagen, durch die jüngste Tochter des Br. Heissens eine Aussprache zuzuschicken.[289] 
Wie mir die Jungfer diese Wischen brachte, nahm ich sie freundlich an, und bedanckte mich, daß mir ihr Herr Gott den Mangel einiger Nothwendigkeiten auf dem Secrete hätte ersetzen wollen; sie könnte indeßen dem Br. Rock nur sagen, daß ich es mit dieser Aussprache nicht wie der Br. Werlich, mit meinem Briefe, machen, sondern selbige erst lesen, und sie hernach ihrem bestimmten Gebrauch übergeben würde. Er aber, der Br. Rock, würde, als ein von Gott gesandt seyn wollender Prophet, seinem Amte und Ansehen gemäßer gehandelt haben, wenn Er selber so viel Herz gehabt hätte, mir das ins Angesicht zu sagen, was Er mir jetzo durch ein Weibs-Bild reichen ließ. Ich sähe aber wohl, daß sich ihr h. Geist gegen die Vernünftler nicht zu bestehen getrauete, und deßwegen beklagte ich die Brüder, daß sie nicht sehen könnten, was vor einen elenden Gott sie verehreten.
§ 148. In gedachter Aussprache comentirte nun erstlich der Gott dieser armen Leute ein langes und ein Breites, daß ich Ihm seine Schaafe und Lämmer verführete, hernach kamen ein Haufen fürchterliche Drohungen, worunter besonders diese mit war, das ich nackend und bloß von Berlenburg, und zwar, in kurzem, würde weg müßen. An dieser nicht erfüllten Drohung hätten die armen verblendeten Leute, bey meinem nachmaligen gesegneten Zustande, in Berlenburg, allein Licht genug gehabt, zu sehen, daß ihr Prophet von einem Lügen-Geist geschwängert sey: Allein sie blieben blind, und ich hatte das Vergnügen zu erleben, daß derselbe im Namen seines Gottes, so stättlich gelogen, als jemals einer seiner begeisterten Vorfahren, denn ich bin nicht nur wohl bekleidet, sondern nach und nach, mit 4 schwer beladenen Karren, meinen grimmigsten Feinden, recht vor der Nase weggefahren, und ihnen, da sie mich am festesten zu halten gedachten, so zu reden, unter den Händen verschwunden. Hingegen muste der Prophet Rock, der nach diesen abermal von seinem Geiste nach Berlenburg getrieben wurde, unterwegs ein Bein brechen, und unterrichteter Sache wider zurückkehren, wo Er hergekommen war.
Man wird es, ohne erstauen kaum lesen können, wenn man höret, daß alle diese, die Nichtigkeit des Inspirations-Götzen so handgreiflich zeigenden Begebenheiten, den armen verblendeten Schwarm dieser unglückseligen Leute doch nicht klug gemacht, und ich würde viel zu weitläuftig fallen, wenn ich alles erzehlen wolte, was sich, nach der Hand noch zwischen mir und Ihnen zugetragen. Eins muß ich, wegen des Zusammenhangs der Geschichte, doch noch mit berühren.
§ 149. Der Br. Pfeiffer, der mich, unter allen, am zärtlichsten liebte, that mir, wie ich von allen meinen dasigen Freunden (außer[290]  dem Br. Langemeyer und der Schw. Schelldorffinn, die selber nichts übrig hatten) verlaßen war, den Vorschlag, mir die Apothecker-Kunst zu lernen, und mich zu sich, ins Hauß zu nehmen. Er hatte starcke und einträgliche Praxin in der Medicin, und die Leute kamen von vielen Meilen her, sich aus dem Urin von ihm weißagen zu laßen, und sich seiner Hülfe zu bedienen.
Alle diese Kunden wolte Er mir, nach einigen Jahren zuschanzen, und es schien das allerdings vor mich, der ich weder selber, was im Vermögen hatte, noch wuste, woher meines künftigen mühseligen Lebens Unterhalt kommen solte, dem äußeren Ansehen nach, kein unebener Vorschlag zu seyn. Denn ob ich schon merckte, daß damit auf eine Mariage mit einer seiner Töchter gezielet wurde, so wurde doch ausdrücklich nichts davon gedacht, und ich würde mir endlich, da ich keine Auswege vor mir sahe, wie ich weiter mit Ehren fortkommen solte, auch gefallen haben laßen, mich diesem neuen Joche zu unterwerfen, wenn die Vorsicht, die mich ganz frey haben wolte, nicht einen Strich dadurch gemacht hätte, indem sie mich wider dem falschen Propheten zeugen ließ.
§ 150. Nach aller menschlichen Klugheit that ich thöricht, daß ich mich, durch Angreiffung dieses Götzens, des Beystandes meiner Brüder, eines augenscheinlichen so genannten Glücks, und meines künftigen Unterhalts beraubte, ohne zu wißen, wie ich auf andere Art ehrlich in der Welt fortkommen, und meinen beschämten Brüdern nicht die Freude machen möchte, die Wahrheit der letzten Prophezeiung zu er leben. Allein mein Gemüth war über die Freyheit, in welcher ich, nach dem Abzuge von Hrn. Haugen lebte, und die doch nur noch ein kleiner Vorschmack einer weit größeren war, in solche Vergnügung gerathen, daß sich meine Natur allemal schauderte, wenn sich etwas vor mich zeigte, wobey ich mich wider einem neuen neben Joche hätte unterwerfen müßen, und also war der geringste Anschein einer Hofnung, mich auch dem Joche des Inspirations-Geistes zu entreißen, und nicht nur mich, sondern vielleicht auch meine Brüder (wenn sie nicht verwünscht wären, Narren zu bleiben) in Freyheit zu setzen, schon genug, mir alle andern Vortheile vergeßend zu machen, und lediglich auf den zu sehen, der mein Gemüth in diese Positur gestellet hatte.
Ich hatte nunmehro nicht nur den Berlenburgischen Bibel-Tollmetscher, und seine Stütze, den Br. Gross in Frankfurth wider mich, sondern es verschwand auch die ehemalige Hofnung, mich durch die Inspirirten, in einen beßern Zustand gesezt zu sehen, und kurz zu sagen: Ich stund auf allen Seiten bloß. Denn ob schon einige wenige[291]  auswärtige Freunde, denen meine Schriften zu Handen kommen waren, und die selber wenig in Vermögen hatten, mir dann und wann ein Paar Gulden oder Ducaten aus Brüderlicher Neigung zusendeten, so war doch nicht allein auf dergleichen Einnahme gantz und gar keine Rechnung zu ma chen, sondern sie war auch lange nicht hinlänglich meine Nothwendigkeiten bestreiten zu helfen.
§ 151. Bei diesen weit aussehenden Umständen nahete ich mich immer näher zu dem, von dem wir alles haben, und that, nach meiner damaligen Erkäntniß, was ich konnte, mich dem allerhöchsten Wesen gefällig zu machen. Die Bibel, die ich damals noch fest vor das Wort des lebendigen Gottes annahm, wurde noch mit der grösten Hochachtung von mir betrachtet, und in Geselschaft meiner beiden Gefährten fleißig von mir gelesen, ohne jemals dran zu dencken, daß wir auch diese vermeinten göttlichen Aussprachen, nach dem Lichte der Vernunft, so uns Gott geschencket hatte, betrachten müßten.
Ich dachte also, ich müste alles, was nur zu thun möglich wäre, nach der Vorschrift dieses Oraculs einrichten, und in dieser Phantasie that ich 1000 Thorheiten, die ich nicht nöthig gehabt hätte, wenn ich mich des Lichts hätte zu bedienen gewust, das mir Gott an der Vernunft geschenckt hatte. Weil sie aber alle in der Absicht geschahen, dem Willen meines Gottes gemäß zu leben, so haben sie mir auch nicht nur nichts schaden, sondern noch manches nützen müssen.
Die Inspirirten hatten sich bisher an meinen netten Aufzuge gestoßen. Denn die meisten unter ihnen waren der Verleugnung im Punct der Reinlichkeit so sehr ergeben, daß man hätte dencken sollen sie wären, vor ihrer Verwandlung, einmal Schweine gewesen. Ob ich nun gleich leicht hätte sehen können, daß einer sowohl in einem Schmutz-Küttel ein Schallck seyn könnte, als in einer propren Kleidung, so dachte ich doch, ich müßte Ihnen zeigen, daß ich das, was sie noch Weltfrömigkeit an mir hießen, eben so toll und noch toller verleugnen könnte, als sie, die sich einbildeten, alles bisher gethan zu haben, was sie zu thun schuldig gewesen, und doch unnütze Knechte waren.
§ 152. Ich ließ mir also, um sie völlig zu überzeugen, daß ich das, was sie noch vor meine Götzen angaben (z.E. meine gute Leibes-Gestalt, meine saubere Kleidung, meine umgängliche Lebensart etc.) weit leichter verleugnen könnte, als sie das mürrische und unfreundliche Wesen, daß sie sich ihrem Abgott z Ehren angewohnet hatten, mehr den Inspirirten zum Poßen, als aus lauterer Einfalt, den Bart wachsen, um in der Narrheit, die wir alle, um Christi willen damals affectirten, einen Vorzug vor Ihnen zu haben; Ich hatte in[292]  der That damit alles gethan, was ich zu Schändung meiner guten Gestalt thun konnte. Ich merckte aber bald, daß ich mir auf meinen heßlichen Bart, weil Er ein Zeichen der Verleugnung seyn solte, mehr ein zu bilden anfieng, als ich mir jemals auf meine blühendste Schönheit eingebildet hatte: Weil es aber einmal angefangen war, um Christi Willen ein Narr zu werden, so muste ichs auch so werden, daß sichs der Mühe verlohnte, und die Inspirirten selber gestehen musten, ich wäre toll worden.
Meine gute Gestalt konnten sie mir also nicht mehr vorwerfen, damit sie aber auch an meinem Habit nichts mehr aussetzen möchten, so legte ich meine gewöhnlichen, nach der Mode gemachten Kleider ab, und ließ mir aus meinen Rockelor einen schlechten Mennisten-Küttel machen, den die Fama hernach bis zum Talaar vergrößert, und mich, mir gantz unwißend, mit einem großen Pilgrims-Stabe, in Lande herumschweifend, und, wider alles mein Dencken, Buße predigen laßen.
In der That predigte ich mir selbst damals die strengste, aber auch zugleich unnötigste Buße. Denn von der Reformation meiner Kleider, kam es an die Peruquen. Diese wurden platt abgeschaft, und meinen Haaren, die schlecht und recht waren, die Schande abgenommen, als wenn sie sich bisher vor ehrlichen Leuten nicht hätten sehen laßen dürfen; der Hut, der in der That, als dreyekigt, das nicht prästiret, was er, nach der Natur eines Huts prästiren soll, bekam nicht mehr als zwey Krempen, und es hat mich keine Veränderung bey meiner Kleidung weniger gereuet, als diese, indem mir auf die Art der Hut, bey meinem öfteren Ausgehen, gegen Sonne und Regen, die trefflichsten Dienste gethan.
§ 153. Endlich kam die Verläugnung auch an die unschuldigen Manchetten, an denen sich der Br. Herrmann am meisten gestoßen hatte; Da war mir aber die Gedult, mich weiter zu verläugnen, bald ausgerißen. Denn diese Wäsche (die ich noch mit aus Dreßden gebracht hatte) war so gut und so feste genehet, daß sie mehr gewachsen, als gearbeitet schien, und mir beym Zertrennen und Abschneiden derselben so viel Mühe machten, daß ich die Beständigkeit meiner Gedult (die sonst gar nicht weit her ist) noch am meisten bey der Sache bewundern muste.
Nach dieser Beschneidung, die endlich ohne Blutvergießen noch ablief, kam ich mir schon als ein kleiner Heiliger vor. Ich hätte zwar nur in den Spiegel sehen dürfen, so würde ich einen großen Narren erblickt haben. Allein die Schwärmerei hatte mir schon eingebildet, daß ich das um Christi willen seyn müste, und ich glaube,[293]  wenn sich Gott meiner nicht besonders angenommen hätte, so würde ich mich, mit Origene, um des Himmelreichs willen, eben so unbarmherzig, als meine Manchetten verstümmelt haben.
Mein damahliger Zustand war in der That Mitleydens-würdig. Denn weil ich nach den tödtenden Buchstaben der Schrift, die ich nun vor meine untrügliche Lehrmeisterin hielt, fest glaubte, daß wenn ich zu Christo kommen wolte, ich mein eigen Leben haßen müste,12 und daß ich anders nicht zu einer wahren Wiedergebuhrt gelangen könnte, als wenn ich mich mit Ihm zu gleichen, daß ist, blutigen Tode würde pflantzen laßen, so trug ich alles dahin an, ein Martyrer zu werden, und dachte, ich könnte zu Erlangung der eingebildeten Kron des Lebens, nicht Anlaßung genug zu meiner Hinrichtung geben.
§ 154. Wenn ich meiner Vernunft Gehör gegeben hätte, so würde ich leicht gefunden haben, daß ich mit dieser thörichten Aufführung weder Gott noch meinen Nechsten, noch mir selber was nutzen würde. Allein der leydige Bibel-Götze hatte noch gar zu viel Ansehen, bey mir, das ich mir nicht einmal getrauen durfte, einen Gedancken Gehör zu geben, der mich zu näherer Betrachtung deßelben leiten wolte. So viel vermag ein, von Jugend auf in uns eingewurtzeltes Vorurtheil.
Ich dachte damals noch nichtsweniger als das diese von der gantzen Christenheit verehrte Buchstaben, dem göttlichen Lichte der Vernunft, so sich in vielen andern Dingen, immer heller in mir zeigte, zuwieder sein solten. Denn wenn ich einmal diese Spur hätte betreten dürfen, so würde ich bald was vergnügenders vor mich erblickt haben. Ich muste aber aus meiner eigenen Zaghaftigkeit, indem ich die Augen nicht aufthun wolte, mit dem Lichte in der Hand im Finstern tappen, und die güte des Herrn muste sich ganz besonderer Wege bedienen, mir nach und nach diesen nothwendigen Theil meiner Pflicht begreiflich zu ma chen.
Meine Leser werden daraus leicht erkennen, daß um diese Zeit, noch weder an den Mosen mit Aufgedeckten Angesichte, noch an die Ausgabe der Göttlichkeit der Vernunft bey mir gedacht worden, und was die Continuation der Geistlichen Famae betrift, so hat dieselbe nach meinem Abschiede von Hrn. Haugen, weiter auch nichts von mir erhalten. In Summa, mein Lebens-Beschreiber ist ein Confusions-Krämer,[294]  der das hunderte ins tausende wirft, und wir müßen mit seinem Vortrage Gedult haben.
Fußnoten

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1 Ch. F. Winkel: Kurze Geschichte der Inspirationsgemeinden, vorzüglich in der Grasschaft Wittgenstein in der Monatsschrift für die evangel. Kirche der Rheinprovinz und Westphalen, herausgegeben von Nitzsch und Sack, Jahrg. 3 Heft 11 p. 233 Winckel führt aus den Acten dieser Gesellschaft ihren Ursprung auf Memmingen zurück, wo Zerwürfnisse mit der Geistlichkeit einzelne Bekehrte zum Separatismus getrieben hatten. Doch hatten sich mit diesen Würtembergischen Schwärmern andere aus dem Elsaß verbunden. Jedenfalls standen, wie schon Winckler sagt, diese Bewegungen mit den Hugenottenbewegungen in Verbindung. Die aus Memmingen vertriebenen Inspirirten ließen sich 1717 in Homrighausen nieder, schon einige Jahr früher war eine andere Anzahl in Schwarzenau eingewandert. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wanderten mehrere von ihnen nach Nordamerika aus, die übrigen vermischten sich mit den Einwohnern und verflachten zu demselben Unglauben; kaum aber wachte das evangel. Leben hier wieder auf, so zeigte sich auch die alte Sectirerei von Neuem und wieder war es ein Schneider Krause aus Straßburg, der neue Bewegungen veranlaßte. Sie kamen um Duldung bei der Regierung ein und als 
diese verweigert wurde, zogen sie gegen 800 Personen nach Nordamerika, nach Ebenezer bei Buffalo, im Jahr 1844 und nur noch ein paar Familien in Lieblos bei Marienborn, zu Neuwied und in Homrighausen gehören zu dieser Secte.

2 Davidisches Psalterspiel der Kinder Zions in alten und neuen auserlesenen Geistesgesängen. Schaffhausen 1729, später nochmals aufgelegt zu Büdingen.

3 E.L. Gruber, geboren 1665, war Anfangs Repetent in Tübingen, später Prediger auf dem Lande, wurde 1705 abgesetzt weil seine Lehre vom Sacrament von der Kirchenlehre abwich und er zu streng in der Zulassung zum Abendmahl war. Er ging nach Stuttgart und von hier in das Isenburgische. Im Jahr 1714 kamen hierher die Inspirirten, eine Frau Pott mit ihren 3 Söhnen; 1715 gründeten sie ihre Gemeinde in Schwarzenau nach einem göttlichen Ausschluß, welcher auf Laubach und Schwarzenau lautete. Hier geschah die Einordnung der Gemeine, indem Vorsteher und Mitälteste gewählt und die Glieder in gewisse Classen oder Chöre, wie bei der Brüdergemeinde abgetheilt wurden. Gruber stand an der Spitze der Gemeine, er starb den 11. Dec. 1728. cf. Winkel in seiner Kurzen Geschichte etc.

4 Nach Winckel in seiner kurzen Geschichte etc., der aus Rocks Tagebüchern schöpfte, war Rock der Sohn eines Predigers zu Oberwilden im Würtembergischen, geb. 1678. Er hatte schon als Kind mancherlei Rührungen und wurde in Berlin als Sattlergesell durch eine Krankheit zu dem ernstlichen Vorsatz gebracht, dem weltlichen Sinn zu entsagen. Als er 1702 nach Stuttgart zurückkam, war dort eine sonderliche Erweckung. Die Despotie der Prediger führte zum Separatismus und 1707 zur Landesverweisung, Rock wurde gräflicher Hofsattler in Marienborn, von hier ging er ins Isenburgische und erhielt 1714 um Weihnachten die Gabe der Inspiration und sie blieb ihm bis an sein Ende, den 5. Februar 1749. Winckel sagt, »er war kein Lügner, sein Irrthum war nur der, daß er die Prophetie wesentlich für einen Zustand der Exstase hielt.« Es werden über 100 kleinere und größere Reisen aufgezählt, die er nach allen Richtungen durch Deutschland und die Schweiz machte, um sein Zeugniß vor Hohen und Niedern abzulegen. Nach Rocks Tode erkaltete der separatistische Eifer in seinen Gemeinden sehr bald. cf. Winckel am angeführten Orte.

5 Wahrscheinlich fürchtete Edelm. damals schon jede Autorität, sein Wille wollte sich schon gar nicht mehr beugen.

6 Oder mit andern Worten, daß es auch schon damals Ungläubige gegeben habe.

7 Edelmann scheint den Glauben des ganzen Alterthums nicht gekannt zu haben, oder wollte sich seiner nicht erinnern, daß die Wahnsinnigen unter besonderm Einfluß der Gottheit ständen.

8 nämlich in so fern er von Gott gesandt oder zugelaßen wird.

9 Zu diesen gehörten Joh. Marg. Wagnerin, Ursula Meyer. cf. Winckel 1. 1.

10 Es ist Schade, daß diese Beweise fehlen!

11 Wie viel mochte sich Edelmann wohl mit der Biblischen Christologie beschäftigt haben!

12 Wenn das nicht nur so äußerlich gefaßt wäre von Edelmann, daß sich ein feiner Egoismus immer dahinter versteckt und recht gepflegt hätte.




Zweiter Theil
angefangen den 3. Januar 1752.










§ 1. Mit meinen Abschiede auß Dreßden öfnete sich eine ganz neue Scene vor mich: Ehe ich aber erzehle, was auf derselben mit mir vorgegangen, muß ich wohl meinen Lesern noch eine kleine Erläuterung geben, über das, was mein Lebensbeschreiber p. 10 Nr. 9 von mir schreibet. Sein Text lautet also:
9. Bewegungs-Ursachen zu den Unschuldigen Wahrheiten.
»Man sagt, die Bewegungs-Ursachen zu Ergreifung seiner Feder wäre gewesen:
1) Weil Er ein Predigstamt gehoffet und nicht erhalten.
2) Weil ihn seine Wissenschaften aus der Kirchen- und Ketzer-Historie geblähet.
3) Weil der Herr Graf von Zinzendorf ihn darzu ermuntert habe.
Er selbst aber schrieb es seinem innerlichen Beruf zu, erkannte Wahrheiten zu lehren, und andere aus den Irthümern zu reißen. Weil mann nun die Warheiten, oder vielmehr die Personen, welche solche gemein machten, insgemein verdamme, nennte er seine eröfnende Gedancken, Unschuldige Wahrheiten, wel che nemlich nicht zu verdammen wären, oder solches ohne Schuld geschehen würde. In der That mochte die Reitzung und Lockung des Herrn Grafen von Zinzendorf dazu geholfen haben, welcher ihm das Kirchen-Regiment und Predigstamt so verhaßt gemacht, daß Er dem Prediger-Studio auf einmal gute Nacht zu geben, und gar nach Herrnhut[195]  zu ziehen, auch sogleich die hochgräfliche Calenbergsche Hofmeisterstelle aufzugeben sich entschloß.«
§ 2. Meine geehrtesten Leser werden sich sonder Zweifel, aus dem ersten Theile meiner Lebensbeschreibung noch erinnern wie viel an dieser Erzehlung wahr oder falsch sey, mithin werde ich mich nicht sonderlich dabey aufhalten dürfen: doch wird mir erlaubt seyn, die drey Hauptbewegungs-Ursachen, die der Verfaßer zu Ergreifung der Feder bey mir angiebt, ein wenig zu beleuchten.
1) Die erste soll gewesen seyn: Weil ich ein Predigstamt gehoft und nicht erhalten. Wie weit sich die Lust und Hofnung zu einem Predigtamte bey mir erstrecket, nachdem mir Gott einen kleinen Blick von der Wahrheit gegönnet, hoffe ich in dem vorigen Theile so deutlich gezeiget zu haben, daß man leicht wird erkennen können, daß nichts weniger, als diese Ursache, der Grund zu meinem Schreiben, und nachmaligen Betragen gewesen. Die Hofnung ein Predigtamt zu erlangen daurete nicht länger bey mir, als so lange ich noch in dem Wahn stund, daß die Wahrheit allein auf der Seite meiner Secte sey. So bald ich nur ein wenig erkante, daß sie mit Lügen umgieng, und daß ich, um der Orthodoxie derselben nichts zu vergeben, nothwendig würde mit Lügen müßen, wenn ich ein Prediger werden solte; so bald begunte auch die Hofnung ein Predigtamt zu erhalten bey mir zu wancken. Hätte ich mich mit Synesio entschließen können, in meinem Hause ein Philosoph, und auf der Canzel ein Erzehler der Märchen zu seyn1, so wäre mir nicht leid gewesen, die Kappe weit eher zu erschnappen, als viele meines gleichen: Ich fand sie aber, je länger, je weniger, vor mich, zugeschnitten, wenn sie mir gleich präsentiret wurde, wie unter andern in Altenburg einmal geschahe, da mir mein Vetter, der Doctor Reibetopf, als ich meinen ehemaligen gütigen Patron, den Hofrath Haberland, von Chemnitz aus, besuchte, den Vorschlag that mich in der Börnischen Inspection bey einem alten Pfarrer als Substituten anzubringen, wenn ich mich würde entschlüßen können, deßen Tochter zu heyrathen. Das erste würde ich zur selben Zeit nicht ausgeschlagen haben, wenn das lezte nicht wäre dabey gewesen:[196]  Allein ich war zu Ehrgeitzig mich durch eine Schürze berufen zu laßen und also blieb es nach.

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§ 3. Der zwang, in welchen ich die armen Pfarrer, durch die Beschwörung der Lutherischen Glaubensbücher eingeschräncket sahe, gefiel mir je länger je weniger, und also erwehlte ich lieber die Freyheit, außerhalb der Kappe, die Wahrheit nach meinem besten Vermögen zu bekennen, als in derselben nur einen Papagey anderer Papageyen abzugeben.
Die edle Freyheit war also der erste Bewegungsgrund, der mich zum Schreiben antrieb, und meine aufmercksamen Leser werden wahrgenommen haben, daß dieses wohl ganzer 2 Jahr vorher geschehen, ehe mir noch in die Gedancken kam Unschuldige Wahrheiten zu schreiben, ja würcklich damals, als ich noch bey meinem Pfarrer war, und noch nicht alle Hofnung ein Predigtamt zu erhalten, bey mir verloschen war. Denn diese verschwand nicht eher völlig, als biß ich überzeugend einsahe, daß meine Secte Lügen verfochte. Diese Einsicht erweckte den Trieb zur Freyheit immer kräftiger, und die Hofnung, dieses seltene Kleinnod dereinst zu erhalten, löschte alle Lust, und mithin auch alle Hofnung, mit der Zeit ein Pfarr zu werden, gänzlich bey mir aus.
Ich blieb zwar eine geraume Zeit noch ein armer Sünder, und hätte in dieser Qualität, wenn ich nur mit hätte Lügen helfen wollen, tausendmal eher Hofnung gehabt, eine Pfarre zu erhalten, als meine Sünden loß zu werden. Allein ein geheimer Zug, daß solches auf dem Wege, den ich eingeschlagen hatte, endlich gewiß geschehen würde, ließ mich, nach einmal genommenen Entschluß, gar nicht mehr an die Kutte dencken, und also siehet man leicht, wie sehr sich die guten Leute betrügen, die von mir glauben, daß ich aus keiner andern Ursache die Feder, wider sie ergriffen, als weil mir die Hofnung, ein Predigtamt zu erhalten, von ihrer Seite, fehl geschlagen.
§ 4. Gleich wie mir aber dieser ungegründete Glaube eben so wenig schadet, als mir der ehemalige angeerbte geholfen hat; also kann ich ihn auch denen, die sich dabey glücklich schätzen, gar wohl laßen, und ihnen meinen vormaligen vollens darzu schencken, damit sie, weil sie doch so gern der Lügen glauben, sich bey beiden desto lustiger machen können; wie wohl ich glaube, daß manchen die Lust ziemlich vergangen seyn dürfte, wenn Er bedenkt, daß der ganze Schwarm seiner Secte, in den nächsten 100 Jahren die Brüche nicht wieder füllen werde, die die Freigeister ihrem Zion aller Orten in diesem Saeculo angebracht.
Aufs wenigste ist gewiß, daß man die Wächter dieser baufälligen[197]  Burg, noch zu keiner zeit mehr lamentiren und Lerm blaßen hören, als bey Erscheinung der Lezteren meiner Schriften. Obs macht, weil die deutschen Waffen, die ich gebraucht, unsere Landsleute mehr zur Aufmercksamkeit gebracht, als wenn ich lateinische, Englische, Französische oder andere fremde Waffen hätte gebrauchen wollen; oder ob die Riße, die dem christlichen Zion, auch durch diese tapferen Leute, bereits beigebracht worden, noch nicht wider ausgefüllet waren, das will ich sie selber entscheiden laßen. Mir ist derweile genug, zu gänzlicher Schlaiffung dieser Lügenburg, daß meine, nach besten vermögen mit beygetragen zu haben. Wer nach mir kommt, wird schon leichtere Arbeit finden.
§ 5. 2) Die andere Beweg-Ursache zu Herausgebung meiner Unschuldigen Wahrh. soll, nach den Gedancken meiner Gegner, gewesen seyn: Weil mich meine Wißenschaft aus der Kirchen- und Ketzer-Historie geblähet hätte. Wider diese Blähungen, wenn sie mich würcklich incommodiret hätten, würde ich zwar nicht leicht ein beßer geistliches Carminatif2 haben finden können, als die Englischen Schriften, wenn ich sie damals verstanden und zu lesen getrauet hätte. Denn Diese würden bald allen Wind, der aus denen, von Hrn. Arnolden kaum eröfneten Gründen der Kirchen-Historie, bey mir hätten aufsteigen können, gedämpfet und meine Einbildung, als wenn ich nun was mehr in der Kirchenhistorie wüste, als andere geehrte Männer, rechtschaffen gedemüthiget haben.
Allein ich hatte diese Cur würcklich nicht von nöthen. Denn des Hrn. Arnolds Ketzerhistorie, die ich damals noch mit einem niedergeschlagenen armen Sünder-Auge laß, that, anstatt mich aufzublehen, eine ganz gegenseitige Wirkung bey mir. Denn indem sie mir zeigete, daß ich auch ein Glid einer abgefallenen und das gute nur verfolgenden Kirche war, so demüthigte sie mich dergestalt, daß ich eher einer geistlichen Herzstärkung bedurft hätte, wenn ich eine hätte zu finden gewust, als das ich mich nach einem Mittel, wider die geistlichen Blähungen hätte umsehen sollen.
§ 6. Ich will indeßen nicht läugnen, daß noch einige verhaltene Winde der ehemaligen Lehre damals bei mir können gesteckt haben, nach welchen ich mir freilich, wenn ich mich als ein Glied der allein seeligmachen wollenden Kirche betrachten müste, nicht allemal wehren kunte, daß sie mich nicht hätten aufblähen sollen. Sie legten sich aber, ehe ich noch nach Dreßden kam, und des Hrn. Arnolds Ketzerhistorie diente mir mehr zu einer Augen-Salbe, als das sie mir hätte[198]  Ungelegenheit in meinem geistlichen Eingeweide veruhrsachen sollen. Man pflegt aber nicht selten andere nach sich selbsten zu beurtheilen, und wem bekannt ist wie schwulstig meine Herrn Gegner manchmal gegen mich aufgezogen, der wird sich wundern, das es manchen nicht wie dem Frosch in der Fabul ergangen. Mir fällt dabei ein, was der sinreiche Boiliau (?) Satyra 4 p.m. 33 sagt:



D'où vient, cher le Vayer, que l'homme le moins sage
Croit toujours seul avoir la sagesse en partage,
Et qu'il n'est point de fou, qui par belle raison
Ne loge son voisin aux petites maisons?
Un Pendant enyvre de sa vaine science,
Tout herisse de Grec, tout boussi d'arrogance,
Et qui de mille auteurs, retenus mot pour mot
Dans sa tête entassé n'a souvent fait qu'un sot,
Croit qu'un livre fait tout, et que sans Aristote
La raison ne voit goute et le bon sens radote.

§ 7. 3) Die dritte Ursache, warum ich die Unschuldigen Wahrheiten zu schreiben bewogen worden seyn soll, schiebt mein Lebensbeschreiber auf den Grafen von Zinzendorf, der eben so viel Schuld an diesen meinem vornehmen hatte, als der Papst an der Reformation Lutheri. Wenn der Ehrliche Mann die Schrift, die Ich unter dem Titul: Christus und Belial herausgegeben, nur ein wenig mit Aufmercksamkeit gelesen hätte, so würde er gefunden haben, daß der Graf von Zinzendorf die Unsch. Wahrh. (:wo mir recht ist:) gleich in dem ersten seiner an mich geschriebenen Briefe, eine schädliche Monathsschrift nennt, und daraus würde Er leicht haben erkennen können, daß mich niemand weniger, als Er, darzu könne ermuntert haben.
Sie waren, wie ich im Ersten Theile bereits gemeldet, schon unter der Feder, ehe ich noch die Ehre hatte den lieben Heyland kennen zu lernen, und waren so wenig nach seinem Plane eingerichtet, daß mich recht Wunder nimmt, daß Leute, die die Sectenflickerey des guten Grafen kennen, und die Begirde, ein neues allgemeines Pabstthum aufzurichten, an Ihm einsehen, auf die Gedancken haben gerathen können, als wenn Er mich zu Herausgebung der Unsch. Wahrh. ermuntert hätte.
§ 8. Von dieser Arbeit (in so ferne ich Verfaßer davon war) wuste, wie ich sie anfieng, außer mir, kein Mensch in der Welt etwas, am allerwenigsten der Herrenhutische Heyland, an dem ich bald mercken konnte, daß Ihm der Weg, den Ich eingeschlagen hatte, gar nicht anstund, und das Er vielmehr, wenn Er darum gewust haben sollte, alles mögliche gethan haben würde, mich davon abwendig zu machen. Man siehet also, wie sehr man sich in Beurtheilung der[199]  Handlungen anderer betrügen kann, wenn man bloß durch die Brille urtheilet, die einen von andern aufgesezet wird.
Der Wahrheit gemäßer schreibet der Verfaßer, wenn Er saget: Ich schreibe diese Arbeit meinen innerlichen Berufe zu. Denn daß begehre ich nicht zu läugnen, wenn ich gleich nicht mit Paulo drüber blind worden bin. Genug, ich wurde in meinen Gemüthe durch etwas angetrieben, diese Arbeit vorzunehmen. Meine Gegner werden freylich sagen: der Teufel habe mich geritten: Allein sie bedencken nicht, daß sie ihn in der Taufe selber bey mir aus dem Sattel gehoben, und daß der h. Geist, dem sie, an seiner Stadt Raum bey mir gemacht, nicht feste geseßen haben müße, wenn Er sich von dem Teufel wieder abwirfen laßen.
§ 9. Sonst trift mein Lebens-Beschreiber die Ursachen, weswegen ich meine erste Schrift: Unschuldige Wahrheiten betitult, noch so ziemlich, denn wenn ich derselben selber diesen Titul hätte geben sollen, so würde mich wohl ungefehr die Ursachen, die Er anführet, zu dieser Titulatur bewogen haben. Weil mir aber der Titul darzu, nicht anders in meine Gedancken kam, als wenn mir ihn einer ins Ohr gesagt hätte, so sahe ich mich nicht lange nach den Ursachen um, weswegen er so und nicht anders abgefaßt werden sollte, sondern bemühete mich nur, nach besten Vermögen, so viel Wahrheiten zu entdecken, als ich damals erblicken konnte.

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Ich weiß, daß dieselben noch mit vielen Schatten und Dunckelheiten umgeben sind: Allein ich kunte nichts beßers geben, als ich selber hatte, und die ewige Weißheit hat wohl gewust, daß weder mir, noch meinen Brüdern, zur selben Zeit, mehr wäre von nutzen gewesen.
§ 10. Inzwischen betrügt sich mein guter Lebensbeschreiber erschröcklich, wenn er selber glaubet daß mir die Reitzungen des Grafen von Zinzendorf das meiste zu dieser Arbeit geholfen, indem Er mir das Kirchenregiment und Predigtamt so verhast gemacht, daß ich dem Prediger-Studio auf einmal gute Nacht gegeben, und gar nach Herrnhut zu ziehen, auch sogleich die hochgräfl. Calenbergische Hofmeisterstelle aufzugeben, mich entschloßen. Das lezte hat seine Richtigkeit: Aber das erste ist grundfalsch, Er beruft sich dabey zwar abermal auf meine eigene Handschrift (:die ich wohl eben so wenig, als die Evangelisten ihre heutigen Evangelia gesehen haben mag:) auf das Evangelium St. Harenbergs3 und Christus und Belial. Wer aber letztere beide Schriften gelesen, der wird weiter nichts[200]  darinnen finden, als daß ich meinen Dienst beym Grafen von Calenberg aufgegeben, um nach Herrenhut zu ziehen.
Daß das aber deswegen geschehen sey, weil mir der Graf von Zinzendorf das Kirchenregiment und Predigtamt so verhaßt gemacht, daran thut er dem lieben Heylande Gewalt und Unrecht. Denn ich sahe ja deutlich genug, daß Er selber noch ein ganz neu Kirchen-Regiment aufzurichten im Sinn hatte, und also würde Er seinem Plan schnurstracks entgegen gehandelt haben, wenn Er mir das Predigtamt, oder die Alleinschwätzerey hätte verhaßt machen wollen. Mit Kurzen, nicht der Graf von Zinzendorf, sondern der immer heller werdende Schimmer der Wahrheit (deren einmal erblickten Spur ich unermüdet nachgieng) hat das meiste zu dieser Arbeit geholfen, und der Ausgang hat gelehret, daß sie der Lügen Schaden gethan, und der Wahrheit bey sehr vielen Luft gemacht. Laß uns aber unsern Lebensbeschreiber weiter hören:




10. Edelmann will nach Herrnhut gehen


11. Edelmann geht nach Frankfurth am Mayn


12. Edelmann kommt nach Berlenburg


13. Edelmann bleibt fünf Jahr zu Berlenburg


14. Edelmann vefällt unter die Inspirirten zu Isenburg






15.
Edelmann gehet in die Wetterau und gibt sein Glaubensbekenntniß von sich.










[394] »Nachhero hat er (der Edelmann) sich zu Hachenburg in Neuwied in der Wetterau aufgehalten, und Anno 1745 Mense Septembr. sein Glaubensbekenntniß von sich gegeben.«

§ 8. Es bedient sich hier mein Evangelist einer sehr dunklen und[394]  verworrenen Länder -Beschreibung, bey welcher ich mich aber nicht aufhalten will. Man siehet wohl, daß ihm ein h. Geist gefehlet, der Ihm in alle Wahrheit hätte leiten können. Ich werde dessen Stelle vertretten, und den Leser etwas umständlicher von meinen zu Hachenburg und Neuwid erlebten Schicksalen zu unterrichten suchen. Denn es sind von meiner Ankunft in Hachenburg, bis zur ausgabe meines Glaubensbekenntnißes zum wenigsten drey Jahr verflossen, zwischen welcher Zeit noch manches mit mir vorgegangen, das angemerket zu werden verdienet.
Ich werde mich also, so viel möglich bemühen, den Leser so viel davon zu eröfnen als mir in einer Zeit von 10 Jahr, in Gedächtniß geblieben, und daß werde ich treulich, und nach der Wahrheit thun, und lieber etwas vorbey laßen, wovon ich mich der Umstände nicht recht mehr zu besinnen weis, als den Leser mit ungewißer Erzehlung aufhalten.
§ 9. Meines Behalts bin ich in späten Herbst, oder zu Anfang des Winter des 1742sten Jahres nach Hachenburg gekommen, und da ich dieses (versteht sich in Entwurf, nicht aber ins reine) schreibe ist es der Frühling des 1753sten Jahres, damals wie ich Hachenburg und alle folgende Oerter, bis auf Berlin bezog, dacht ich noch an (nichts) weniger, als daß ich mich noch einmal genötiget sehen würde, meinen Lebens-Lauf selber zu beschreiben, ich würde sonsten in Anmerckung mancher Begebenheiten, die mir nun entfallen, viel aufmercksamer gewesen seyn. Ich muß also um Verzeyhung bitten, daß ich nicht mehr davon mittheilen kann, als was mir noch eigentlich, sicher und zuverläßig bewußt ist, wo ich aber anstehe, da werde ich mich der Redensart bedienen: Wo mir recht ist, wo ich mich recht besinne, meines Behalts u. dergl.
Ich fand also in Hachenburg ein gut Quartier beym Loh-Gerber Leitzschbag, nicht weit vom Obern Thore. Er war eben der Mann, den Br. Erhart, mein Vorläufer an der Rothenruhr geheilet hatte. Ich verdingte mich nebst Ihm bey der Frau des Wirths in die Kost, und wir gaben vor Kost, Quartier und Bette, Monathlich, wo mir recht ist 2 Ducaten, und wurden wohl accommodiret.
§ 10. Der dasige, sowohl vornehme, als gemeine Pöbel nennte uns nur die Bart -Männer, und die Juden waren uns, dieses unnöthigen Zierraths wegen sehr gewogen. Jau, sagten sie, wenn sich andere dißfals über uns moquirten, mögten wir ock dahin kommen, wo die Bartmänner einmal hinkommen werden, welcherley Reden zum wenigsten so viel zu verstehen gaben, daß sie uns vor ehrliche[395]  Leute ansahen, wie sie uns dann in Wahrheit auch so fanden, wenn wir mit Ihnen zu thun hatten.
Br. Erhart bekam bald weit und breit einen Ruf, wegen seiner glücklichen Curen, welcher Ihm den Neid des dasigen privilegirten Menschen-Würgers, des Docters Schrey zuzogen. Weil er hochgräflich Leib-Medicus hieß, so that er alles zu verhindern, daß Br. Erhart keinen Heyland abgeben mögte. Er kunte aber nichts ausrichten, denn die Herrschaft sagte, sie könnten ihren Unterthanen nicht verwehren Hülfe zu suchen; wo sie welche fanden. Wenn der Hr. Docter die Patienten, die Hr. Erhart curiren könnte, nicht zu curiren vermögte, so erfordere es die Billigkeit und Menschenliebe, ihnen zuzulassen, sich anderwärts um Hülfe vor ihrer Gesundheit umzusehen.
§ 11. Erweckte aber Br. Erhart Neid bei den leiblichen Aerzten, so erweckte ich dessen noch viel mehr bey den sogenannten Seelen-Aerzten. Wir waren nicht lange in Hachenburg, so ließ uns der Graf einmal an einem Abend auf daß Schloß hohlen. Ob es eine pure Curiosité war, dem Grafen von Neuwied und einem gewißen Grafen von Dohna, die eben gegenwärtig waren, diejenigen seltenen Männer zu zeigen, von denen die ganze dasige Gegend schon zu sagen wuste, oder ob der Hofprediger, der Lutherisch war, seinem Herrn, dem Grafen der eben dieser Religion zugethan war, etwas aus meinen Schriften vorgesagt haben mogte, vermag ich nicht zu bestimmen.
Genug wir musten ein klein Examen ausstehen, und unser Glück war, daß es der Graf und die Gräfinn selber anstellten. Denn sie ließen doch ein vernünftig Wort mit (sich) sprechen, da hingegen, wenn der Hofprediger, oder irgend ein ander Pfaff zugegen gewesen wäre, die Vernunft nothwendig würde ins Gedränge gerathen seyn, nach den Worten des Hrn. Hallers in Versuch Schweizerischer Gedichte p.

Umsonst sieht die Vernunft des Glaubens Fehler ein,
Sobald der Priester spricht, muß Irrthum Wahrheit seyn.

§ 12. Es waren aber die Grafen, nach ein und ander Discursen, insonderheit da niemand auf unsern Wandel was zu sagen hatte (welcher Punct aber den ersten Christen die meisten Verfolgungen zugezogen) ganz wohl mit uns zufrieden und die Gräfin, welche die meisten Scrupel machte, ungeachtet sie uns am günstigsten war, gab doch endlich auch nach, und wir wurden ganz gnädig erlassen. In der That war ich damals noch nicht im Stande, der Gräfinn auf alles so zu antworten, wie es billig hätte seyn sollen. Allein sie[396]  hatte damahls, ungeachtet sie die Quatorze lettres4 gelesen hatte, auch noch nicht daß Licht, daß ihr hernach aufging wie mein Glaubens-Bekenntniß erschien.
Inzwischen war es genug, daß man uns von Seiten der Pfaffen, nicht überführen konnte, daß wir Jünger machten, und einen Anhang zu erlangen suchten, wie die ersten Christen thaten, die Land und Wasser umzogen, einen Glaubensgenossen zu machen, und wenn ers worden war, ein Kind der Höllen aus Ihm bildeten, zwiefältig mehr, denn sie waren.
Um keinen meiner Leser vorsäzlich, zu ärgern, muß ich diesen Saz beweisen. Alle damals bekannte Religionen, sowohl die Jüdische als die Heidnische, ließen der menschlichen Natur, noch ein Vermögen etwas gutes zu thun, ungeachtet die Juden den tollen Ausdruck des Noachischen Gottes, daß nemlich das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens von Jugend auf, immerdar nur böse, wohl wusten: Aber wie das Christenthum, oder beßer zu reden der Paulinische Glauben aufkam, so muste sich ein jeder, der sich zu diesem unsinnigen Glauben bekennen wollte, als ein Sklaven der Sünden betrachten, und alles Geschwäzes von einer geschehenden seyn sollenden Erlösung ungeachtet, doch mit dem h. Paulo glauben, daß er unter die Sünde erkauf sey.5
§ 13. Dadurch wurde also aller noch übriger Saame der Tugend in dem Menschen ersticket6, zumal da ihnen weiß gemacht wurde, sie könnten ohne Verdienst gerecht werden, wenn sie nur glaubten, daß ein todter Mensch, das an ihrer Statt gethan hätte, was sie von rechts wegen hätten thun sollen. Wurden hier die armen Menschen nicht offenbahr, alles anderweitigen Ermahnens, zur Tugend ungeachtet, von dem Wege der Tugend abgeführet, und durch diesen heillosen Aberglauben, den Tacitus mit Recht exsitiabilem superstitionem7 nennet, zwiefach mehr Kinder der Höllen oder des Verderbens gemacht, als sie zuvor waren?
Doch wer darf daran zweifeln, der da weiß, daß diejenigen, die noch die besten unter diesen armen verblendeten Menschen sein wollen,[397]  in öffentlichen Kirchen-Gebeten auf den heutigen Tag noch bekennen, daß die Ruchlosigkeit und daß fleischlich gesinnte Welt-Wesen noch immer zu in ihren Gliedern herrschen und daß sie, nach dem Ausspruch des theuren Dr. Caspar Löschers in Disput. de Perfectione hominis renati p. 23 auch als Wiedergeborene das sündigen nicht lassen können.
§ 14. Wir mochten uns indessen doch so still halten, als wir immer wollten, so war doch nicht zu verhindern, daß nicht der Ruf von uns weiter hätte erschallen sollen, als uns eben lieb war, und daran waren abermahl die geistlichen Herren Knechte Christi, am allermeisten selber Schuld, indem sie uns, und besonders mich, fast alle Sontage von den Canzeln unter die Leute warfen. Dieß geschahe von allen drey Religionen, die in Hachenburg ihre öffentlichen Uebungen hatten, nemlich von der Catholischen, Lutherischen und Reformirten Religion. Die Stadt, nebst den meisten Raths-Gliedern, war der Reformirten Religion zugethan; der Hof gröstentheils Lutherisch, und die Catholiquen hatten eine heilige Tage-Diebs-Gesellschaft von der berüchtigten Bande des heiligen Francisci in der Stadt errichtet, die ihre eigene Spelunck hatte, so nach der Sprache dieser sonderbahren Leute ein Convent oder Closter hieß. Da der Prediger dieser heiligen Müßiggänger das gröste Maul immer wieder mich hatte, und einen rechten Mord-Geist in seine einfältigen Geschöpfe blies, so war es in der That kein geringes Merckmal des Göttlichen Schuzes über uns arme, daß wir nicht einmahl, bey unserm öfteren Ueberfeldgehen Contrebande gemacht um sie eine Stufe höher, in dem Paradies der gläubigen zu setzen, in die andere Welt geschickt wurden. Denn dieser Wächter Zions hatte nicht nur die Catholischen Einwohner der Stadt, sondern auch einen ansehnlichen Theil der benachbarten Dorfschaften, zu seinen Anhange, von denen wir oft ganz allein ganze Heerden ziemlich begeistert begegneten.
§ 15. Wir gingen aber, ohne Furcht aus und ein, und besahen selbst das unweit von Hachenburg gelegene reiche Berhardiner-Closter Marienberg, oder Tahl (der Name ist mir entfallen) etliche mahl, ohne daß man uns das geringste zu leyde gethan hätte. Einen kleinen Spott muste doch der Br. Erhart einmahl wegen seines rothen Bartes anstehen; denn, wie wir von diesem Closter wieder zurück, nach dem Mister-Eisen-Hammer giengen (von welchen ich bald ein meheres sprechen werde), so musten wir durch einen gewissen Catholischen Hof, in welchem sich eine Gesellschaft junger Pursche mit Kegeln ergötzte.
Ich ging wohl hundert Schritt vor den Br. Erhart voraus, und sobald ich in den Hof kam, grüste ich die Gesellschaft freundlich mit[398]  Abnehmung meines Huths und sie dankte mir auf gleiche Weise, ohne nur ein Wort gegen mich zu verliehren. Wie aber der Br. Erhart nach kam, der gemeiniglich beym Spazieren-Gehen ein Buch mit nahm, worinn er sowohl sizend, als gehend zu lesen pflegte, so mochte er sich in seinem Lesen vertiefend, etwa vergessen haben, diese junge Leute auf gleichmäßige Art freundlich zu grüßen. Denn ich hörte, als ich kaum etliche Schritte zur andern Pforte des Hofs hinaus war, einen dieser Gesellschaft überlaut Ihm nachrufen: O du verfluchtes Gesicht! Aber dabey blieb es auch, und niemand that Ihm weiter was zu leyde.
Ich merckete, daß Ihm eben nicht gefiel, was der Geist, diesen jungen Menschen auszusprechen gegeben hatte; Allein ich konnte mich doch (kaum) des Lachens enthalten, daß Er mit seiner heil. Tiefsinnigkeit keinen beßern Eindruck in die Gemüther dieser jungen Leute gemacht hatte. Denn mir pflegte Er es, seinem melancholischen Temperamente nach gern vor übel zu halten, wenn ich mich gegen dergleichen Leute etwas freundlicher bezeigte, als Er seiner Ernsthaftigkeit nach glaubte, daß es nöthig wäre. Ich bin aber mit meiner Freundlichkeit immer weiter gekommen, als er mit seiner Sauersichtigkeit.
§ 16. Ich bin wohl mehr als hundert mahl ganz allein, mitten durch die Catholischen Bauren, wenn sie vom Wein und Bier am begeisterten waren, und mich, ohne daß ein Hahn darnach gekrähet hätte leicht ihrem heiligen Eyfer hätten aufopfern können, nicht allein ohne die mindeste Verlezung sondern auch mit allen gewöhnlichen Ehrenbezeugungen herdurch gegangen, da sie mir doch oft auf öfentlicher Landstraße, und nicht selten (wenn ich Erdbeeren suchte) in dicken Wäldern begegneten, und ohne verrathen zu werden, leicht einen Tref hätten versezen können, der mich nach der andern Welt befördert.
So wenig mir aber der Catholische Amts-Eyfer schadete, eben so wenig, und noch weniger schadete mir auch der Lutherische. Es waren z. Ex. in Dathen, einem Flecken, der mit zur Grafschaft Hachenburg gehörte, ein oder ein paar Lutherische Seelen-Hirten. Diesen als im Reiche der Gelehrsamkeit ungleich beßer, als die Chatoliquen bewanderten Leuten mogte nun ungefehr auch die Nachricht von einem Buche bekannt worden seyn, das sich Moses mit aufgedeckten Angesichte nannte. Ihre untergebenen Schaafe würden vielleicht ihr Lebtage nicht erfahren haben, daß ein solch Buch in der Welt sey, viel weniger, wer der Verfasser desselben sey, und wo er sich aufhalte. Allein ihr heiliger Eyser ließ ihnen nicht zu, dieses, denen Bauren, und ihren[399]  den Bauren ähnlichen Bürgern gänzlich verborgene und unbekannte Geheimniß zu verhalten.
Es ging fast kein Sonntag hin, wo ich nicht nahmentlich abgekanzelt, und mein Moses, als das gefährlichste Buch, daß man je gesehen, beschrieben wurde. Weil nun der Flecken Dathen, in welchen verschiedene Dorfschaften eingepfarret waren, nicht weiter als drey Stunden von Hachenburg lag, so war es freilich ganz natürlich, es musten sowohl Bürger als Bauren, die nicht allen Verstand versoffen hatten, endlich curios gemacht werden, sich sowohl nach mir, als meinen so erschröcklich beschriebenen Schriften um zu sehen.
§ 17. Es kamen darnach von verschiedenen Orten, welche zusammen, die sich mit einander vereiniget hatten, und besuchten mich in Hachenburg, nach ein und andern gehaltenen Discursen, aus welchen ich eben erfuhr, was sie zu mir getrieben hatte, begehrten sie meine Schriften von mir. Ich gab ihnen, was ich damals hatte, und sie legten zusammen, und bezahlten mir dieselben ehrlich, woraus der Leser unschwer abnehmen kann, daß (sie mit dem was) ihnen von ihren Seelen-Hirten vorgeschüttet worden eben nicht zufrieden gewesen seyn müssen, weil sie sonst nimmermehr nach einer Speise umgesehen haben würden, die ihnen so tödlich beschrieben wurde.
Je mehr sich aber der Zulauf bey uns mehrete, ungeachtet er ganz einzeln und mehr um des Br. Erharts, als um meinet Willen geschahe, je unangenehmer war das sowohl den Leibes- als Seelen-Artzten, welche letzteren wohl leicht voraussehen konnten, daß wenn ich so fort gehen sollte, wie ich in meinen Mose angefangen, sie mit ihrem Pimperleinpump nicht viel mehr bey den Leuten würden anrichten können, zumahl da schon Bauren anfingen munter zu werden, und sich nach den Mann umzusehen, über welchen ein so Zether-Geschrey angestellet wurde.
Sie vereinigten sich also insgesammt mit einander, um mit gesammten Kräften den Grafen meinetwegen Vorstellung zu thun. Die hohen Priester aller drey in Hachenburg gangbahren Religionen, die sonst den Teufel eher als sich unter einander leyden konnten, kamen und traten sämmtlich vor den Grafen und baten, daß Er doch die Bartmänner aus dem Lande fortschaffen mögte. Der eifrigste unter Ihnen war der Pfarrer in der Alt-Stadt Namens Simonis, der sich unter andern gegen den Grafen verlauten ließ, der Edelmann würfe ja die ganze Christliche Religion über'n Haufen.
§ 18. Die Gräfinn war eben zugegen, wie diese jämmerlichen Klagen vorgebracht wurden. Sie nahm also das Wort, und sprach mit einer lächelnden Miene: Was sagt der Herr Simonis? Was[400]  thut der Edelmann? die ganze Christliche Religion wirft Er über den Haufen? Sie muß ein schlechtes Fundament haben, wenn sie der über'n Haufen werfen kann.
Der Graf, der durch die Rede gestärcket wurde, sagte hierauf zu den Geistlichen Herren; Ihr kommt immer und klagt über die Bartmänner bey mir, und die Bartmänner sind noch nie bey mir gewesen, und haben sich über Euch bey mir beklagt, ungeachtet mir gar wohl wissend ist, daß Ihr fast alle Sonntage auf der Canzel gegen sie loßziehet, und sie verhaßt zu machen suchet. Die Leute leben still, haben keinen Anhang, suchen auch keinen, und thun nicht nur niemand was zu leyde, sondern vielen Gutes. Hingegen hat man mir gesagt, daß sie schon manchen Unfug von dem Pöbel mit gedult ertragen, man soll Ihnen nach den Fenstern geworfen haben. Aber es ist noch keiner bey mir gewesen, der sich darüber beschweret hätte. Warum soll ich solche Leute verjagen? hat Edelmann was geschrieben, das nicht taugt, widerlegt es, Ihr habt ja auch Federn etc. etc.
Es ist leicht zu erachten, daß die guten Schwäzer, so groß Maul sie auf ihren halben Tonnen gegen mich hatten, bey dieser ernstlichen Rede des Grafen eben nicht viel Wiederrede in Ihrem Munde gehabt haben werden, und der Cammer-Laquay Schröter, der der ganzen Unterredung in des Grafen Zimmer beygewohnet und mir alles wieder erzehlet, versicherte mich, daß sie endlich alle mit einer langen Nase, und ziemlichen Verweiß hätten abziehen müssen.
Wären sie, alle zusammen keine Stümper gewesen, so hätten sie sich zum wenigsten eine Unterredung in des Grafen Gegenwart, mit uns ausbitten, und zeigen sollen, worin ich Unrecht hätte, und wenn dies geschehen wäre, so würde es eine lustige Heze abgegeben haben. Denn ich würde sie mit ihren besondren Säzen gegen einander selbst aufgebracht, und mir von ihnen ausgebeten haben, welche zu überführen, welche Religion dann, unter den 3 verschiedenen, zu denen sie sich bekannten, eigentlich die wahre christliche Religion sey. Sie mochten aber den Possen wohl mercken, deßwegen ließen sie es nie zu einen öffentlichen Gespräche zwischen uns kommen, sondern waren zufrieden, daß sie den Ueberfluß der heiligen Galle auf der Canzel gegen uns ausschütten konnten.

C'est là que bien ou mal, on a droit de tout dire.

§ 19. Wir waren ungefehr ein Vierteljahr in Hachenburg, so entstund ein Krieg zwischen den Grafen von Wittgenstein und den Grafen von Hachenburg, der meines Behalts, im Anfange des 1743sten Jahres ausbrach. Die Grafen von Wittgenstein, die ehedem auch (welches ich eben so genau nicht weiß) die schöne Grafschaft[401]  Sayn ganz oder zum Theil besessen haben, machten ein Anspruch auf den Hachenburgischen Antheil dieser Grafschaft und hatten sich hinter den Churfürsten von der Pfaltz gesteckt.
Die Pfälzischen Truppen rückten würcklich unversehens ins Land, ließen die vornehmsten Kirchen-spiele denen Grafen von Wittgenstein huldigen, und wollten unsere ehrliche Herrschaft aus ihrem Besitz treiben: Sie sezte sich aber, so weit es ihre Kräfte verstatteten, in männliche Gegen-Verfassung, zohe die Neu-Wiedischen und Runckelschen wenigen nebst ihren eigenen Truppen in die Stadt und auf das Schloß, und erwarteten den Angriff zwischen Furcht und Hofnung.
Zu guten Glück hatten die Pfälzer kein grobes Geschüz bey sich, vermutlich weil sie wusten daß wir auch kein hatten, sonst dürfte endlich mit der guten Stadt, die, außer einer ziemlichen Mauer nichts festes hatte, bald Feier-Abend geworden, und unser in diesem Fall, wegen des Haßes der Catholischen Pfaffen eben nicht zum Besten gewartet worden seyn.
§ 20. Es geschahe also zwar kein förmlicher Angrif auf die Stadt; Aber wir musten doch eine weitschichtige Blocade, beynahe sechs Wochen aushalten, und uns, da die eine Hauptwache grade gegen uns über war, des Nachts, bey jeder Magd, die bey dem Rohr-Kasten Wasser zu schöpfen kam, die Ohren mit so vielen unnützen Wer da?-Schreien betäuben laßen, daß wir wünschten, daß dieser unblutige Krieg bald ein Ende haben möchte.
Die Pfälzer versuchten etliche Mahl die Stadt mit List zu überrumpeln, konten aber, wegen guter Anstalten, nichts ausrichten, und musten endlich unverrichteter Sache, weil sich der Graf dieses Handels wegen, an den Kayser gewendet, nicht nur wieder abziehen; sondern der Graf hatte auch das Vergnügen, ein Wittgensteinisches Commando, daß in Dathen würcklich Besiz genommen hatte, durch seine Leute aufheben zu laßen und in Hachenburg in Triumph aufzufüren.
Während dieses kurzweiligen Krieges ließen wir die Vorsicht sorgen, warteten des unsern, und schliefen, wenn uns nicht ein unnöthiges Werda? aufweckte, ganz ruhig. Unsere Wirths-Leutchen hatten ihr Vergnügen an uns, sonderlich wenn sie uns, unser Holz so artig und nuzbar bearbeiten sahen. Denn in Hachenburg und dasiegen Gegenden, wuste man von keinen Sägen des Holzes sondern man steckte wohl drey- bis vier-Elligte Stücken aus halben und ganzen Bäumen, auf gerathe wohl gehauenes Holz, im Ofen, die kaum einer Ellen lang waren und bekümmerte sich wenig darum, wenn gleich die meiste Flamme zum Ofen heraus brannte.[402] 
§ 21. Sie musten unsere Haushaltung billigen: Aber sie waren zu faul, sie nach zu machen. Indessen befanden wir uns wohl dabei, und kamen mit einem Karren Holz weiter als sie mit zweyen, ungeachtet wir es vor niemand verschließen konnten, sondern es auf unserm kaum drey Schritte breiten Flurchen stehen laßen musten, welche Gnade mir nach der Zeit, da es hieß, daß ich bey Freunden wohnte, die ungleich weiter sehen wollten, als die armen verdüsterten Wester-Wälder nicht wiederfahren ist.
Ehe noch der Lärm mit den Pfälzern völlig aus und wir wirklich auf eine gewisse Art bloquiret waren, kam meine letzte Fure mit denen in Berlenburg zurückgelassenen Sachen an, und wurde glücklich passiret. Die Sachen gehörten meistens dem Br. Erhart. Aber mein Beutel muste das Fuhrlohn bezahlen, und weil es ihm, auf der Stube, wo wir beisammen wohnten, zu enge werden wollte, so gab ihm der Wirth, oberhalb derselben, noch eine Kammer ein, in welche ich auch vor 8 Gulden einen Windofen schaffen muste.
Er verdiente zwar hier und da etwas mit seinem Docteriren: aber das wollte zu Bestellung unserer Haushaltung wenig sagen. Ich trug also meine Last mit Gedult, und verlies mich auf die göttliche Vorsehung, die, ohne mein Dencken schon Mittel wuste, mir selbige nicht allein tragen zu helfen, sondern mit der Zeit gar abzunehmen.
§ 22. Unter Hachenburg lag unweit dem Dorfe Nister ein Eisen-Hammer, dessen Inspector eine krancke Tochter hatte, die seit etlichen Jahren vieles von vielen Aerzten hatte erleyden müssen. Der ehrliche Mann, ihr Vater, war ehedem ein Reformirter Pfarrer in der Pfalz gewesen, und hatte von Gewissens wegen, sein Amt aufgegeben. Er hies mit Nahmen Hön, und war ein grundehrlicher Mann, und rechter Nathanael, in dem kein Falsch war, wie ich dann in dem nachmaligen Umgange mit ihm sehr vieles Vergnügen gefunden.
Wie derselbe hörete, daß einer von den sogenannten Bartmänner ein Artz sey, so bat er den Br. Erhart, sich seiner Tochter anzunehmen. Er that es, und hat, seit nunmehro mehr als zehen Jahren nichts unversucht gelaßen, was er geglaubet daß zu ihrer Genesung dienen möchte. Allein sie ist nicht nur bis diese Stunde noch nicht curiret, sondern wird auch wohl ihr Lebtage nicht curiret werden, weil daß recht Mittel zu ihrer Genesung selbst aus unbesonnener Heiligkeit recht mit Füßen von sich gestoßen.
Sie war eine schöne, ansehnliche, wohlgewachsene Person, und schien von der Natur recht dazu gemacht zu seyn, das Menschliche Geschlecht mit vermehren helfen. Die gütige Vorsehung hatte ihr[403]  auch so vortheilhafte Gelegenheit zu heyrathen angewiesen, daß sie nicht allein vor sich, ihrer eigenen Erzehlung nach, nach allem Vermuthen eine der glücklichsten Personen in der Welt hätte werden, sondern auch ihre armen Eltern glücklich machen können, wenn sie sich hätte entschließen mögen, in den Ehestand zu treten.
§ 23. Allein ein unseeliges und von verschiedenen Schwärmern damals guten Gemüthern beygebrachtes Vorurtheil daß dieser Stand ein unreiner Stand sey, und daß sie beßer thun und ein großes in jenem Leben voraus haben würden, wenn sie mit Beybehaltung ihrer Jungfernschaft eine Braut des Todten Jesu zu werden gedächte, hat gemacht, daß sie alle diese Vortheile mit der heiligsten Hartnäckigkeit ausgeschlagen, und sich und ihre Eltern (denen sie durch ihre Heyrath hätte helfen können) zu den elendesten und armseligsten Creaturen gemacht.
Ich habe einige der vornehmsten Anfälle ihrer Krankheit selbst mit Augen angesehen, indem ich, wie wir erst näher mit einander bekannt wurden und Br. Erhart, bey ihren Umständen einen Beystand brauchte, wenig aus ihrer Stube gekommen. Ihr Zustand war in der That erbärmlich, und kunte nicht ohne Mitleiden mit angesehen werden. Magen-Krampf, darin Gicht, unbeschreibliche Schmerzen in den heimlichen Theilen, eine fast beständige Epilepsie, wobey ihr alle Sinne vergingen, Verlust der Sprache und Lähmung der Zunge mit Endigung der Epilepsie, ein Herzklopfen, das man beynahe hören und sehr starck sehen konnte etc. etc. waren die Foltern, die diese Person zu manchen Zeiten wechselsweise ausstehen muste, wodurch sie dann dergestalt abgemattet wurde, daß sie manchmal in etlichen Monaten nicht aus dem Bette kommen konnte, sondern sich heben und tragen laßen muste.
Hingegen zu einer andern Zeit, wenn man dachte, nun werde es bald mit ihr aus seyn (wie ich dann würcklich schon einmahl auch von ihr Abschied genommen) erholte sich die Natur auf einmahl wieder mit solcher Kraft, daß sie aufstehen, ihr Bette selber mit der grösten Force machen, und wie ein gesund Mensch in der Stube auf und abspazieren konnte. Doch alles dieses hatte keinen Bestand, und geschah nur wie im Traum von ihr, indem sie, wenn der Paroxysmus vorbey war, nichts von allem wuste, was sie gethan hatte, ungeachtet alle ihre Reden und Handlungen ganz verständlich und auf das wohlanständigste eingerichtet waren.

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§ 24. In dieser, denen sogenannten Nachwanderern nicht unähnlichen[404]  Stellung machte sie bisweilen die artigsten geistlichen Verse, ohne zu wißen, daß sie welche machte, und sang dieselben in den lieblichsten und von ihr selbst componirten Melodien ab, nicht anders, als wenn es Lieder gewesen wären, die sie auswendig gelernet hätte, und wenn sie wieder zu sich selber kam, welches oft nach 24 Stunden und einem vorhergegangenen Schlafe erst geschahe, so erinnerte sie sich nicht das geringste von allem, was man ihr sagte, daß sie gethan hätte.
Wenn bey diesen seltsamen Zufällen etwas zu verdienen gewesen wäre, so hätte man sie alle vor Verstellungen halten können; So aber war überall die bitterste Armuth bey den armen Leuten, und die gute Person an sich, war ihrem ganzen Naturell nach, zu Verstellungen ganz ungeschickt. Es schien also, die Vorsicht habe Ihr und ihren armen Eltern, an dem Br. Erhart mehr einen Erhalter aufs zukünftige, als einen würcklichen Heyland angewiesen. Denn seine natürlichen arbeitsamen Hände haben ihnen und ihrer krancken Tochter ungleich mehr geholfen, als seine Glaubenshände, ungeachtet Er sie, bey ihren gefährlichen Umständen, mehr als hundert Mahl auf sie legen müßen, ohne nach Marc. 16, 188 die mindeste Besserung davon zu erleben.
Genug, er that als ein redlicher Arzt, das seine, würde aber, nach meinem Bedüncken beßer gethan haben, wenn Er sie, wie sie noch ziemlich bey Kräften war, geheyrathet hätte. Er war aber mit eben den Phantasten eingenommen, durch welche sie sich hatte verderben lassen, und ich selber kunte damals noch keinen festen Schluß machen, ob sie zu behalten oder zu verwerfen wären, sonst würde ich gewiß nicht ermangelt haben, ihnen meine Gedancken aufrichtig zu entdecken, wenn mich Br. Erhart gleich aus der Zahl der 144,000 Jungfrauen hätte ausschließen sollen.9
§ 25. Es mogte aber die Heiligkeit so viel an dieser guten Person verdorben haben, als sie immer wolte, so war sie doch nicht vermögend die Natur gänzlich bey ihr auszurotten. Denn wie ich bey meinem Abzuge von Hachenburg, bey Ihr und ihren Eltern und dem Br. Erhart Abschied nehmen wollte, erschien ich Ihr unvermuthet in einer andern Gestalt, als sie mich bisher gesehen hatte. Denn ich hatte nicht allein den Bart abgelegt, und eine wohlgemachte Perruque[405]  aufgesezt, sondern mich auch neu kleiden laßen. So bald sie mich in dieser veränderten Gestalt zu Gesicht bekam, merckte ich, daß eine muntere Regung bey Ihr entstund, die sich durch eine angenehme Röthe im Gesichte verrieth, und wie ich würcklich Abschied nahm, kunte sie sich nicht enthalten, mir in Gegenwart ihrer Eltern und des Br. Erharts mit Thränen, um den Hals zu fallen, und mich zu küssen, welches sie vor dem nicht gethan haben würde, wenn ich Ihr gleich zehn Himmelreiche hätte versprechen wollen.
Ich bemercke diese Begebenheit mit Fleiß etwas umständlich, um Theils zu zeigen, was eine heillose Heiligkeit den armen, mit dieser Pest behafteten Menschen, vor Unheil zuziehen könne; theils daß doch die Natur als ein Meisterstück des Schöpfers, allemal noch etwas blicken lasse, das von der Heiligkeit nicht vertuschet werden kann, Ja ich getraue mir zu behaupten, daß, wenn die Jungfer Höninn würcklich nicht so schön und annehmlich gewesen wäre, als sie in der That war, mein heiliger Br. Erhart sich schwerlich entschlossen haben würde, endlich gar den Nister-Hammer zu beziehen, und sich dadurch eine Last aufzubürden, die Er wohl biß an das Ende dieser unglückseligen Famillie wird tragen müssen.
§ 26. Ehe diese Veränderung mit uns vorging, kam der Bruder Langenmeyer von Berlenburg zu uns, und bezeigte Lust, auch in Hachenburg zu wohnen. Wir wurden daher schlüssig zusammen ein Hauß zu miethen, und es gelung uns eines zu finden, dessen Eigenthümer der güldene Löwenwirth, Herr Wilhelm Becker war. Wir gaben 22 Thlr. Miethe vor das ganze Hauß. Br. Erhart bezog den untern Stock, und Br. Langenmeyer nebst der Schwester Schelldorfinn und mir, den Oberen.
Wir lebten ungefehr einen Monat in diesem Hause beysammen, als die Jungfer Höninn, nach obbeschriebener Art die heftigsten Anfälle ihrer Kranckheit bekam, und Br. Erhart dadurch Gelegenheit nahm, etliche Tage und Nächte auf der Hammer zu bleiben. Noch dachte ich an nichts weniger, als daß Er sich gänzlich von mir trennen würde, weil Er mir in Berlenburg von selbst, heilig versprochen hatte, sein Lebtage bey mir zu bleiben. Wie er aber immer einen Theil nach den andern auf den Hammer schaffen ließ und endlich auch den Ofen verlangte, der doch zum wenigsten halb mein gehörte, wenn wir uns als Leute betrachten wollten, die aus einer gemeinschaftlichen Cassa lebten, so merckte ich nach gerade, was Er Willens war, that aber gegen Ihn noch immer dum, und erwartete seine eigene Erklährung.
Er eröfnete mir dieselbe unter dem Vorwande, daß ich wohl sähe, wie Ihn der Herr zum Beystand dieser bedrängten Familie ersehen,[406]  und daß Er sich in seinem Gewissen verbunden achtete, derselbigen nach Vermögen beyzustehen. Ich machte gar keine Einwendung wieder diesen göttlichen Beruf, ungeachtet Er sein Versprechen dabey auf eine doppelte Art brach. Ein mal in Ansehung des Miet-Contracts unsers Hauses, den Er auf ein Jahr vor den dritten Theil mit unterschrieben hatte, und zum andern in Ansehung seines ehemaligen freywilligen Erbietens, sein Lebenlang nicht von uns zu ziehen.
§ 27. Ich sahe daraus, wie viel sich auf Menschen zu verlassen war, sobald sie die Verläugnung auszuüben anfangen, und das nüzte mir mehr, als mir diese unvermuthete Trennung Schaden that. Ich danckte Göttlicher Güte, daß sie mir, ohne mein Bitten, eine große Last abgenommen, und mich wieder mein eigener Herr werden lassen, und wünschte dem Br. Erhart viel Glück zu seiner getroffenen Veränderung. Wenn Er die natürliche Höflichkeit nicht bereits gar zu starck verläugnet gehabt hätte, so hätte Er zum wenigsten ein Wort wegen unsers, durch seine eigenhändige Unterschrift bestätigten Hauß-Zins-Contracts mit mir sprechen sollen, weil mir sein Antheil nunmehro zur Last fiel. Allein die Verläugnung dieser Billigkeit war viel zu starck bey Ihm, als daß Er daran hätte dencken sollen, und je mehr Er sich seiner Seits verläugnen ließ, desto mehr wurde ich an meiner Seite genötiget zu Hause zu seyn und mich finden lassen.
Um dieser Kleinigkeiten wegen die Freundschaft nicht zu zerstöhren, erwähnte ich von allen, was ich wohl hätte erinnern können, nicht ein Wort gegen Ihn, sondern war vielmehr heimlich froh, daß es Gott in die Wege mit uns gerichtet hatte, daß wir in gutem Vernehmen auseinander kommen können. Denn in die Länge würden wir doch nicht beysammen gut gethan haben, weil ich immer vorwärts, Br. Erhart aber immer rückwärts arbeitete, und überhaupt in geistlichen Dingen lieber träumte als wachte. So aber hinderte nicht nur in diesen Puncten keiner den andern mehr, sondern wir konten auch in Leiblichen besser mit einander zu Rechte kommen, als wenn wir beysammen geblieben wären.
Um diese Zeit wurde ich mit einen Namens Gerhart bekannt, der in Franckfurth am Mayn wohnte, und sich durch Briefe mit mir bekannt gemacht hatte. Er war Thor-Schreiber am Mayntzer Pförtchen, und that mir eine Zeit lang gute Dienste, war überaus accurat und prompt in den Dingen, die ich Ihm auftrug, und auch nicht ungeneigt mir dann und wann mit Gelde an die Hand zu gehen, wenn ich es nötig hatte, wie Er mir denn würcklich einmal 50 Gulden in den schönsten harten Thalern vorstreckte.
§ 28. Ich wurde dadurch so treuherzig gemacht, Ihm den Verlag[407]  meiner Schriften an zu bieten, nicht, als wenn Er mir vor meine Arbeit etwas hätte geben sollen, sondern Er sollte nur die Drucker-Kosten vorschießen, und hernach den gantzen Verlag in seine Hände bekommen, und nach Abzug seines Vorschusses den Profit von den übrigen Exemplaren, nach Maßgebung des Abgangs mit mir theilen.
Er hatte nicht Ursache ein so vortheilhaftes Erbieten auszuschlagen und wir wurden eins, die Göttlichkeit der Vernunft drucken zu lassen und den Drucker also fort zu bezalen, so bald Er die Exemplaria geliefert haben würde. Diese waren so bald nicht fertig, als ich demselben Ordre ertheilete, sie, ohne Verzug an Hr. Gerhardten nach Franckfurt zu spediren, worauf Er unverzüglich sein Geld bekommen sollte.
Ich hatte also an meiner Seite alles erfüllet, was wir einander versprochen hatten, und ich trug gar keinen Zweiffel, Hr. Gerhard würde an seiner Seite eben das thun, und das zu Ihm tragende Vertrauen durch eine genaue Erfüllung seines Versprechens, immer fester bey mir zu gründen suchen: Allein ich betrog mich. Sobald er meinen ganzen Verlag in seinen Händen hatte, schien ein ganz anderer Geist in Ihn gefahren zu seyn. Er that nicht nur nichts weniger, als daß Er versprochener Maßen den Drucker gleich hätte bezalen sollen, sondern Er behielt auch das baare Geld, so ich Ihm vor den Verkauf der ersten 100 Exemplarien (um Ihm zu zeigen, daß ich ehrlich mit Ihm umgehen wollte) aus Leipzig anweisen lassen.
Ich schrieb zu verschiedenen Mahlen die beweglichsten Briefe an Ihn, mich doch bey dem Drucker, der mich wegen der Bezalung mahnete, nicht stecken zu lassen, bekam aber die losesten Antworten, mit dem Bedeuten, daß Er zahlen würde, wenn Er es vor gut fände. Hier sahe ich, wen ich vor mir hatte, muste also, weil es noch Zeit war, auf meiner Hut stehen, damit ich nicht gar um das meinige gebracht werden möchte.
Mit Gewalt war hier nichts anzufangen, ich muste mich also, da Er meinen ganzen Verlag in Händen hatte, der List bedienen, und mit guter Manier so viel davon zu retten suchen, als mir möglich war. Ich verschnupfte also seine letzte naseweise Antwort so gut ich konte, und ließ die verhaßte Materie, wegen Zahlung des Druckers vors erste ganz unberührt, gab Ihm dagegen, wie sonst, eine Commission, mir vor den Br. Langemeyer einige Pfund Seyde und etliche andere Waaren zu schicken, die ungefehr am Wehrte 24 Gulden betragen mochten.
§ 29. Mein Gerhard, der eher des Himmels Einfall vermuthet[408]  als daß ich Ihm zu klug seyn sollte, schickte nicht allein die Waaren prompt und Br. Langenmeyer bezahlte mir sie baar, sondern Er, der Hr. Gerhard, dem es gar wohl gefiel, daß die ersten 100 Exemplarien so hurtig waren bezahlt worden, äußerte auch eine Begierde Ihm Oerter anzuweisen, wo die übrigen auch könnten abgesezet werden.
Dieser Begierde bediente ich mich, um mich so viel möglich schadlos zu halten. Ich gab also erst dem Drucker Ordre 100 Exemplar von ihm zu begehren, unter dem Vorwande, daß Er sie anstatt der Bezahlung annehmen wollte, Br. Gerhard ließ sie mit Freuden folgen, und schrieb mir noch darzu, daß der Drucker noch raisonnabler wäre, als ich. Nicht lange hernach muste Br. Rectus in Leipzig, gleichfalls noch 200 Stück von Ihm begehren, die Er ebenfalls in Hofnung baldiger baarer Bezalung, ohne den mindesten Anstand abfolgen ließ und mir die gute Zeitung mit Freuden berichtete.
Von dem 5ten Hundert mochten ungefehr noch etliche und 80 Stück vorhanden seyn, die ich ebenfalls nach obiger Manier hätte retten können. Aber damit Er mir nicht, mit Grunde, möchte nachsagen können, ich hätte Ihn vor seine (im Anfang allerdings) treue Dienste mit Undanck belohnet, so ließ ich Ihm dieselben nicht allein, sondern auch noch 25 fl. an baarem Gelde, die Er mir nach Abzug seiner mir vorgestreckten 50 Gulden, vor dem Verkauf der ersten 100 Exemplarien, noch hätte herausgeben müßen.
§ 30. Wie alles, nach obbeschriebener Art seine Richtigkeit hatte, erklärte ich Ihm das ganze Räthsel, mit dem Bedeuten, daß alle die bisher begehrten Exemplarien auf meine Ordre wären begehret worden, daß Er selber daran schuld sey, und daß Er sich nur seine Rechnung machen möchte, daß ich weiter so einfältig seyn und daß daraus gelöste Geld, wie bey den ersten, an Ihn würde auszahlen lassen: Er hätte sich um das Vertrauen, so ich Anfangs zu Ihm getragen, recht muthwillig selber gebracht, indem Er mir nicht allein sein Versprechen, wegen unverzüglicher Bezahlung des Drucks nicht gehalten, sondern meiner, als den Rappen im Stalle zu haben vermeinend, noch darzu gespottet hätte. Jetzt sähe Er zum wenigsten, daß Er nicht alleine klug sey, und daß es Gott den aufrichtigen doch noch immer gelingen ließe etc. etc.
Mein Gerhard hätte sich eher was anders als diese Tour von mir vermuthet. Denn Er mochte mich, so viel ich aus seinem Betragen gegen mich urtheilen konnte, etwa vor eine heilige Schlaf-Mütze halten, die Er, ohne daß sie es übel nehmen dürfte, werfen könnte, in welchen Winckel Er wollte. Wie Er aber sahe, daß Er[409]  die Rechnung ohne den Wirth gemacht hatte; so sing Er an, sich aufs Bitten zu legen, und mir vorzustellen, daß Er doch gleichwohl bißher mein getreuer und accurater Spediteur gewesen wäre, und daß Er hoffte, ich würde Ihn ferner brauchen.
Ich antwortete, daß ich an seiner ehemaligen Treue und Geflissenheit nichts auszusetzen hätte; Weil Er aber beyde, bey der lezten Begebenheit, wo Er sie am meisten hätte gründen und mir zeigen sollen, daß ich mich fest auf sein Wort verlaßen könnte, recht liderlich verwahrloset hätte, so hätte ich auch am Glauben Schifbruch gelitten, und gedächte so viel möglich zu verhüten, daß der letzte Betrug nicht ärger, als der erste werden könnte.
§. 31. In der That verlohr ich Ihn recht sehr ungern. Denn ich habe noch keinen hurtigern und geflissenern Bestellten gehabt, als Ihn. Ich hätte um Ihn weinen mögen. Aber wie Er mich mit dem Drucker im Stich ließ, dem ich mein Wort gegeben hatte, gleich nach Lieferung der Exemplarien sein Geld zu heben; so war mir auch nicht möglich, weiter ein Zutrauen zu Ihm zu tragen, wenn ich gleich gern gewollt hätte, und Er selber sich sehr angelegentlich, solches wieder zu erwerben.
Wenn diese Gemüths-Beschaffenheit ein Fehler an mir ist; so bekenne ich Ihn willig; Ich weiß Ihn aber nicht zu verbeßern, weil ich nicht davor kann, daß mir der Neben-Mensch mein Vertrauen durch seine Treulosigkeit nimmt. Wer mir nichts verspricht, von dem kann ich auch mit Recht nichts fordern; Ich achte mich aber verbunden, Ihn so lange vor ehrlich zu halten, biß ich das Gegentheil erfahre. Wer mir aber bei Treu und Glauben eines ehrlichen Mannes etwas zusaget, daß Er hernach nicht nur nicht erfüllet, da Er wohl könnte; sondern noch darzu sein Gespötte mit mir treibet, wenn ich Ihn mit aller Bescheidenheit an sein gegebenes Wort erinnere, den kan ich auch unmöglich vor einen zuverlässigen Freund halten, wenn Er mir gleich aufs neue noch so viele Versicherungen geben wollte. Es betrügt mich immer nur einmal: das andere Mahl betrüge ich mich selber, wenn ich Ihm wieder trau.
§ 32. Es war mir indessen doch, wegen meiner damaligen Umstände, ein sicherer Freund in Franckfurth am Mayn nöthig, weil meine Schriften alle von da aus in die Welt reisen musten; und da erweckte mir Gott, anstatt des guten Gerhardts den Bruder Rufus, der mir auch, biß zur Verbreitung meines Glaubens-Bekenntnißes treulich gedienet, ungeachtet Er vieles dabey wagen müßen, weil Er mehr als Gerhard in Verdacht war, daß Er es mit mir hielte.
Ich lebte indessen in Hachenburg, nachdem die ersten Anläufe der[410]  Pfaffen glücklich abgeschlagen waren, ganz vergnügt. Denn Gott erweckte mir von Zeit zu Zeit, immer mehere wahre Freunde, an auswärtigen Orten, die sich, nach Gelegenheit ihrer eigenen Umstände, der meinigen, eine Zeitlang treulich annahmen, theils aber auch, biß diese Stunde noch nicht aufhören, eben dasselbige zu thun. Unter andern war mein nie genug zu verehrender, und vor meine Wohlfahrt unergründet wachender Br. Benignus, mehr als irgend einer bemühet, mir nicht nur wahre, sondern auch solche Freunde zu wege zu bringen, die mir in der That, im äußeren etwas nutzen möchten.
§ 33. Die Vorsicht mußte es wunderlich fügen, daß Er in B. mit einen bekannt werden mußte, den ich Augustus nennen will, weil Er, in Ansehung meines damaligen, dem Ivetotischen10 noch lange nicht an Herrlichkeit gleich kommenden Reichs, diesen Titul ungleich beßer verdient als der Kaiser. Dieser redliche Mann, dessen liebreichen Umgang ich noch biß diese Stunde, unter beständigen Wohlthaten zu genießen habe, sandte mir damals, zu Bezeugung seiner aufrichtigen Liebe gegen mich, durch den Br. Benignum, 4 Louisd'or, als meine kleine Herrschaft eben nicht in der besten Verfassung stund.
Brief und Geld waren an den Br. Hön addressiret, bey welchen der Br. Erhart nun beständig wohnete. Weil der Brief-Träger wuste, daß ich diese guten Freunde öfters zu besuchen pflegte, so stellte Er mir diese Sachen, ohne Bedencken zu und bat mich, sie bestens zu besorgen. Ich that es noch denselbigen Tag, weil ich wußte, daß das Geld dem guten Bruder eben so nöthig that, als mir selber.
Ich überlieferte Ihm also den Brief selber, als Er eben vor seiner Hauß-Thür stund, und nach den Hammer gehen wolte. Indem ich Ihn beschäftigt sahe, hielt ich mich nicht einmal so lange bey Ihm auf, biß Er den Brief erbrechen kunte, sondern ging, ohne zu wißen, daß der wichtige Innhalt deßelben mich angehen würde, in den nahe gelegenen Wald spaziren, mit Versprechen, daß ich ungefehr nach einer Stunde wieder kommen und sie sämtl. besuchen würde.
§ 34. Ich blieb wohl 2 Stunden aus, und ergözte mich an den mancherley herrlichen Wercken des großen Schöpfers auf eine recht vergnügende Art. Wie ich wieder zurück kam, fragte ich den ehrlichen Alten, was Er vor Zeitung aus der Fremde bekommen hätte? Gute Zeitung vor den lieben Bruder, versezte Er mit seiner gewöhnlichen Leutseeligkeit, die 4 Louisd'or gehören nicht mein, sondern dem[411]  lieben Bruder, und hiermit überreichte Er mir, mit tränenden Augen, den Brief von Br. Benigno, der uns dann beyden aus dem Traum half, und uns zu erkennen gab, wem ich diesen neuen Seegen, Troz aller Flüche meiner Feinde zu dancken hatte.
Es ist leicht zu erachten, was vor einen Eindruck ein so großmüthiges, als unvermuthetes Geschencke in einem Gemüthe gemacht haben müße, daß bey den Umständen, in welchen es sich befand, auch der Empfindung fähig war, die mir der Schöpfer verliehen hatte. Ich vereinigte meine Thränen mit den Thränen des ehrlichen Br. Höns, und unser Mund ging über, von dem Lobe Gottes, das aus unserm Herzen quolle. Wir machten dessen Familie und den Br. Erhart unserer Freude theilhaftig und hatten noch verschiedene Betrachtungen über die wunderbahre Göttliche Vorsorge, die nicht ohne allerseitige Rührungen abgingen.
Wie ich wieder nach Hause kam, und dem Br. Langenmeyer und der Schw. Schelldorffin (bey welcher ich, nach dem Br. Erharts Abschiede, wieder in die Kost ging) erzehlte, was mir begegnet war, wurden sie hoch erfreuet, lobeten und preiseten Gott, der so wunderbare und erfreuliche Wege mit mir armen zu gehen beliebete, und weil es eben Zeit zum Abend-Essen war, befahl ich der Schwester ein halb Maaß Rhein-Wein zu holen, so gut man ihn auf dem Wester-Walde haben kunte, damit wir auf unsrer sämtlichen lieben Wohlthäter, und insonderheit dißmahl auf unsers genereusen Augusti Gesundheit, einen Freuden-Trunck thun, beym Genuß dieser herrlichen Gaben, unsern gütigsten Schöpfer preisen, und unsern Wohlthätern langes Leben, Gesundheit und alles Wohlergehen anwünschen möchten.
§ 35. Der Neid hätte barsten mögen, wie er sahe, daß mirs so wohl ging, denn in dem kleinen Neste, das Hachenburg vorstellete, und wo man nicht über die Gasse gehen kunte, ohne beurtheilt zu werden, sahen aller Augen fast allein auf mich. Wenn ich also ungefehr einmal zu unserer Erquickung, einen Schoppen Wein holen ließ, da meine rechtgläubigen Nachbaren, von waserley Art der Religion sie auch seyn mochten, entweder Wasser (wie ich doch ordinair auch that) oder schlecht Bier sauffen mußten, so war des raissonirens kein Ende.
Gerade gegen unserm Hause über wohnte ein Nagel-Schmidt, der einen Catholischen Gesellen hatte, welcher zugleich mit unter den Soldaten des Grafen enrolliret war. Dieser Mensch, der alle Sonntage von seinem Pfaffen neuen Gift bekam, den Er gegen mich ausspeyen kunte, war mir sonderlich aufsäzig, und hätte mich, um dereinst mit[412]  unter die Heiligen gerechnet zu werden, gerne massacriret, wenn Ihm sein eigen Leben nicht noch zu lieb gewesen wäre.
Er sahe mich fast täglich ein und aus gehen, und ich ermangelte nicht, Ihn allemal aufs freundlichste zu grüßen, und Ihn dadurch zu nöthigen, daß Er mir, seinem Glauben zu Troz, nach der natürlichen guten Regung, die der Schöpfer in Ihn geleget hatte, dancken mußte. Er war die 6 Tage in der Woche, wenn Er arbeiten, oder auf die Wache ziehen mußte, ganz ruhig: Aber wenn der Sonntag kam, machte Ihn der böse Geist Gottes, der aus seinem Pfaffen in Ihn überging, über die Maaße unruhig, und weil Er sich gemeiniglich an diesem Tage etwas zu gute thun, das ist, sich zu besaufen pflegte, so war die Begeisterung desto stärcker bey Ihm, und Er ließ dieselbe, wenn Er des Abends vom Saufen nach Hause kam, etliche Sonntage nach einander vor meiner Hauß-Thür mit den liderlichsten Schmäh- und Scheltworten aus.
§ 36. Wenn der Mensch kein rechtgläubiger Catholischer Christ gewesen wäre, würde Er sich außer Streit, seiner guten Natur nach, ganz anders und weit vernünftiger betragen haben. Aber sein Schicksahl hatte Ihn zum Christen gemacht, ehe Er noch wuste, ob er ein Mensch oder ein Vieh war, und darum kunte er, in dieser elenden Positur nicht anders, als seinem unvernünftigen Glauben gemäß agiren.
Die Nachbarn, die bey seinem Lermen, allemal in die Fenster fuhren, und wohl höreten, daß Ihm der Geist eben nichts gutes auszusprechen gab, thaten zwar Ihr möglichstes Ihm zuzureden: Allein es half nichts, und Er wurde immer geistreicher. Ich kunte zwar von alle seinen Toben nicht das geringste hören, weil meine Stube hinten hinausging. Allein der Br. Langenmeyer und die Schwester Schelldorfinn, unter deren Fenster Er allemal seine heilige Wuth ausließ kriegten desto mehr zu hören.
Einstmahl, da Er des h. Geistes recht voll war, hätte Ihn der Eifer um das Haus seines Gottes schier gefressen. Er hatte von seinem, aus dem gröbsten Ignoranten-Holz zugehauenen Pfaffen, ungefehr gehöret, der Edelmann verwürfe alle Religionen. Diß machte Ihn dergestalt im Geist ergrimmt, daß Er, als seines Pfaffen Worte, vor lauter Gottes Wort annehmend, nicht unterlassen kunte solches öffentlich und mit erhabener Stimme, vor meinem Hause zu verkündigen.
§ 37. Vermuthlich geschah das in keiner andern Absicht, als die ganze Nachbarschaft gegen mich auf zubringen, und mit gesamter Hand mein Hauß zu stürmen. Denn so lauteten die Worte, die Ihm der[413]  Geist der Christlichen Sanftmuth damals auszusprechen gab. Der verfluchte Kerl, der Edelmann, verwirft alle Religionen, Er ist wieder die Catholische, wieder die Lutherische und wieder die Reformirte Religion, welche letzteren Worte (vermuthlich weil die Stadt grösten Theils reformirt hieß) Er mit einen besonders begeisterten Tone und gewissen Zuge auszudrücken wuste.
Wie Er aber vernahm, daß diese sonst ziemlich bewegliche Predigt noch gar keine Bewegung bey den Nachbarn erwecken wollte, nahm Er seine Zuflucht zum Teufel, dem allgemeinen Puzemann aller Rechtgläubigen. Ja sagte Er, voller Geist und Kraft, der Teufel bringt Ihm das Geld zum Schornstein herein, und hiermit drang er würcklich in mein Hauß, welches noch nicht verschloßen war, und war im Begrief mit dem Säbel in der Faust, die Stiegen herauf zu daumeln, um vielleicht noch etwas von dem, was mir der Teufel seiner Meinung nach, gebracht haben sollte, zu erschnappen.
Allein, die Nachbarn, die mir grösten Theils gewogen waren, indem sie manches von mir genoßen, ließens Ihm nicht zu, ob ich schon gerne gesehen hätte, daß sie Ihn hätten gewähren laßen. Denn ich war versichert, daß Er mir den Halß nicht brechen würde. Er mußte sich aber, theils mit Gewalt, theils mit Drohungen, daß man bereits nach der Wache geschickt hätte, von den Nachbaren, Troz aller seiner Begeisterung, wieder abführen laßen.
Es ist wohl kein Zweifel, daß die letzteren Vorstellungen, die beste Würckung bey Ihm gethan, denn das war Er, aus öfterer Erfahrung überzeuget, daß weder Jesus, noch Maria, noch Joseph den Corporals-Stock von seinem Buckel abzuhalten vermögend waren, wenn Er Prügel verdienet hatte, und also war das Andencken dieses natürlichen Gefühls das beste Mittel Ihn zu vermögen, das Schwert wieder an seinen Ort zu stellen, indem Er wohl eben nicht versichert seyn mochte, daß Ihm sein Vater auf sein Bitten mehr denn 12 Legionen Engel würde zu Hülfe senden.
§ 38. Indeßen, was geschahe? In eben derselbigen Nacht, in welcher der arme Mensch vor die Ehre seines Gottes alles gethan hatte, was Ihm nach dem Maaß seiner Begeisterung möglich war, bekam Er einen Zufall am Haupte, daß Er sich nicht mehr gleich sahe. Der Kopf war Ihm dergestalt geschwollen, daß Er fast noch einmal so groß schien, als sonst. Das Maul, das Er zu erheben beflißen war, stund Ihm fast bey dem einen Ohre, und Er sahe dergestalt scheuslich aus, daß, wie Ihn, des andern Morgens, einer seiner Cameraden zu sehen kriegte, Er nicht unterlassen kunte, seinen Spott auf eine ziemlich empfindliche Art mit Ihm zu treiben.[414] 


Was Teufel! sprach er, hast Du vor einen Hunds-Kopf! Man hat dieser Tage einen gehenckt, der hatte noch einen beßeren Kopf, als Du; man hätte Dich davor hängen sollen. Er stund dabey, wie mir die Nachbaren berichteten, wie ein tauber, der nicht höret, und wie ein Stummer, der keine Wiederrede in seinem Munde hat; und es ist kein Zweifel, daß wenn die Catolische Religion, als die eigentliche Residenz des Christl. Glaubens, an diesem Orte die Oberhand gehabt hätte, sie nicht ermangelt haben würde, mich als die Ursache dieser Verwandelungen anzugeben, und mit mir als einem offenbaren Heren-Meister zum Scheiterhaufen zu wandern. So aber war ihr heiliger Mord-Geist gebunden, ob 1000, oder mehr, oder weniger Jahre, kann ich nicht sagen, genug mein Nagel-Schmidt mußte sich wohl eine Woche lang mit seinem verwechselten Kopfe schleppen.
§ 39. Nicht lange nach dieser Begebenheit bekam der Lieutenant dasiger Soldatesque eine Lust, etwas von meinen Schriften zu sehen, und schickte deswegen den ältesten Sergeanten mit einem Billet an mich. Ich sandte Ihm, was ich damals hatte, und der Sergeant, der bey dieser Gelegenheit etliche Mahl zu mir kommen mußte, gewann, so wild Er auch sonst war, eine Liebe zu mir, und erbot sich mit vielen Soldatischen Betheurungen zu meinen Diensten.
Ich wollte diese Gelegenheit nicht vorbey laßen, sondern erzehlte Ihm, mit kurzen, wie sich mein Hr. Nachbar, der Nagel-Schmidt, bisher gegen mich aufgeführet hätte, bath auch, daß er diesen bösen Geist bedräuen, und Ihn verhindern möchte, daß Er nicht wieder anfinge, wo Er es gelaßen hätte. Der Sergeant versicherte mich, daß Er nichts davon wüste. Er wollte mir aber gut davor seyn, daß es nicht mehr geschehen sollte.
Er hielt sein Wort redlich. Denn, wie Er an einem Sonntag Abends, eben so oder vielleicht noch mehr begeistert, als der Nagelschmidt nach Hause ging, begegnete Ihm eben der Nagelschmidt, der mir, seit der Verwechselung seines Kopfes, nichts mehr zu leyde gethan hatte. Der Sergeant redete Ihn mit seiner gewöhnlichen Furie an: Du, wo willst Du hin? Willst Du wieder vor Hrn. Edelmanns sein Hauß? Versuchs. Ich will Dich schlagen, daß man Dich im Back-Trog soll nach Hause tragen.
§ 40. Der starcke gewapnete, der des Nagelschmidts Pallast besaß, sahe wohl, daß hier ein stärckerer über Ihn kommen, Ihn überwinden, Ihn seinen Harnisch nehmen, und den Raub auf seinen Buckel, auf eine etwas unbequehme Art austheilen würde, deswegen[415]  fand er vor gut, sich aufs Bitten zu legen und zu versprechen, daß Er sich nimmermehr wieder an mich machen wollte.
Er hielt es auch, und ich sahe daraus, daß des Sergeanten Prügel einen weit kräftigern Einfluß auf den armen Menschen hatte, als der h. Geist, der Ihm von seinen Pfaffen Sonntäglich mitgetheilet wurde. Es ist auch kein Zweifel, daß wenn diese unruhigen Geister, unter eben so einer Zucht stehen sollten, wie die Soldaten stehen, sie nicht allein viel gediegener werden, sondern, zur grösten Wohlfahrt der Menschen, bald gänzlich verschwinden würden. Bey mir kunten sie wenigstens, von nun an, weiter nichts mehr ausrichten. Die Leute wurden meiner nach und nach immer beßer gewohnt, sie sahen nicht allein nichts böses von mir, sondern hatten auch manchen Nutzen von uns, und die Handwercks-Leute und Tage-Löhner arbeiteten bey niemanden lieber, als bey mir. Denn ich gab Ihnen gemeiniglich mehr, als sie forderten; da sie sich hingegen von ihren rechtgläubigen Religionsverwandten schier das Blut aus den Adern musten drucken, und sichs zur großen Gnade anrechnen laßen, wenn sie nach etlichen vierthel Jahren das wenige erst bekamen, was sie wegen des langen Verzugs doppelt verdienet hatten.
§ 41. So wenig wird die erste Grund-Regel der Menschlichkeit: Alles, was ihr wollet, daß euch die Menschen thun sollen etc. unter den mancherley Gattungen der Rechtgläubigen Christen ausgeübet. Sie dürften sie, als ein altes aus der Mode gekommenes Gesez keck aus ihrer Bibel ausstreichen, weil man es doch nirgend weniger, als bey Ihnen aus übersiehet.
Wüsten diese Unglückseeligen, was vor ein unerschöpflicher Schaz in der Ausübung dieser Regul verborgen läge, sie würden sie gewiß beßer practiciren. Ich habe derselben alle meine Glückseeligkeit zu dancken, die ich mit keinem Königreiche vertauschen wollte. Man siehet und erkennet dieselbe an mir, man beneidet sie: Aber niemand will die Augen aufthun, und sehen aus was vor einer Quelle sie entstehe.
Ich hatte einen Holtzhauer, der dem dasigen Hof-Prediger nicht nur manchen Karrn Holtz hatte umsonst hauen, sondern auch manche schwehre Arbeit um ein Bagatell verrichten müßen. Es fügte sich manchmal daß dieser sein Seelsorger und Ich, zu gleicher Zeit Arbeit hatten. Allein ich hatte allemal den Vorzug und der Arme-Sünder-Macher mußte warten. Warum? Bey mir bekam der Arbeiter nicht allein allemal, gleich nach verrichteter Arbeit seinen bedungenen Lohn, sondern auch noch ein gut Trinckgeld oben drauf.
§ 42. Um dieses wenige hatte ich nicht allein alles, gern und[416]  willig zu meinen Diensten, sondern ich wurde auch vor reich angesehen, und hatte Credit, so viel ich wollte, und wo ich wollte, wenn ich mir selbst welchen hätte machen wollen, diß that ich aber niemals. Denn ich ließ mir eher nichts machen, als biß ich wuste, daß ichs bezahlen kunte, und das that ich allemahl gleich nach gelieferte Arbeit, welches diejenigen, die viel reicher waren als ich, nicht thaten, weswegen gar kein Wunder war, daß der mißgünstige Pöbel, der mich wenn Er arbeiten muste, spaziren gehen sahe, auf die Gedancken gerieth, ich müste entweder Gold machen können, oder der Teufel brächte mir das Geld zum Schornstein herein.
Wenn es in der That solche nuzbare Teufelchen gäbe, so ist zum wenigsten gewiß, daß sie niemanden weniger als mir, aufwarten würden, weil ich sie gänzlich aus der Natur der Dinge zu verdringen gesucht, und sie vor weiter nichts ausgegeben, als vor Geschöpfe theils dummer, theils leichtfertiger Pfaffen, denen sie das Geld zwar eben nicht zum Schornstein, aber doch auch allemahl zu Sacristey hereinbringen müßen.
§ 43. Was das Goldmachen anbelangt, so bin ich von dergleichen Geistern vielleicht mehr, als sonst jemand angefochten worden. Unter andern meldete sich damals einer, aus der Schweitz, mit Namen Joh. Friedrich Mumenthaler, der Post-Director in Langenthal war, und einen Versuch an mich that, ob ich in seine Phantasien eingehen wollte; Ich antwortete Ihm das erstemal höflich, daß ich alle Hochachtung vor eine Wissenschaft trüge, die ich wenn sie würcklich Grund hätte, vor die edelste unter allen hielte. Ich glaubte aber nicht, daß ich darzu versehen wäre, hätte auch die Würcklichkeit derselben biß dato noch nicht gesehen etc.
Mein Mumenthaler ließ sich nicht gleich abweisen, sondern schrieb noch ein paar Mahl, und war allemal, sogar auch gleich das erste Mahl, so höflich, mich auf meine Kosten, mit Briefen, an weit entlegene Oerter zu belästigen, ohne ein Wort zu melden, ob und wann ich mein Porto wieder bekommen sollte. Ich konnte hieraus unschwer erkennen, daß er ein schlechter Goldmacher seyn müßte, bestellte doch inzwischen seine Briefe redlich; bat mir aber durch Br. Gerhardten (der damals seine und meine Briefe besorgte) von Ihm aus, daß Er mich mit dergleichen Commissionen verschonen mögte.
Seitdem ist Er von mir weggeblieben, hat aber, wie ich nach der Hand berichtet worden, manchen ehrlichen und braven Mann, der sich durch seine betrüglichen Processe blenden lassen, tüchtig angeführet, und das von Rechtswegen. Denn ich kann mir keine größere Thorheit einbilden, als wenn sich Leute, die sonst Verstand genug[417]  besizen wollen, beschwazen lassen, einen der sich vor einen Goldmacher ausgiebet, und in Kraft dieser Kunst, selber keinen Mangel an Gelde haben muß, noch Geld zu geben, daß Er ihnen diese Kunst lernen möge, das ihrige, mit Manier, durch den Schornstein zu jagen.
Es scheinet aber die unglückselige Begierde Gold machen zu wollen, eine Pest unserer Zeiten zu seyn, an welcher die meisten, die damit behaftet sind, zu crepiren pflegen. An mir hat sie niemals haften können, wie oft ich auch Gelegenheit gehabt, davon angegriffen zu werden. Ich kann zwar nicht leugnen, daß so lange der Br. Erhart noch bey mir war, ich manch Buch in dieser Materie gelesen. Denn Er hatte derselben sehr viel. Aber ich habe sie auch nur gelesen, ohne jemals in die Versuchung zu fallen, selber Hand an das Werck zu legen. Ist es in der That möglich, wie ich davor halte, so ist es eben so wenig, als der Christliche Glaube, jedermanns Ding, und man muß es denen lassen, die Gott besonders dazu tüchtig gemacht.
§ 44. Ich vor meine Person hatte andere Sachen zu thun, die mir mehr nutzten, als das Goldmachen, denn sie brachten mir nicht allein wahre Freunde zu wege, da mir hingegen das Goldmachen nur Feinde zugezogen haben würde, sondern sie verschafften mir auch eben durch diese Freunde so viel Gold, als ich zu meinem ehrlichen Unterhalt nöthig hatte.
Anno 1743 gab ich das 15te Stück der Unschuldigen Wahrheiten heraus, mehr, um diese Arbeit nicht unvollkommen liegen zu laßen, als ein hellers Licht darin zu zeigen, denn es hätte von Rechtswegen vor dem Mose noch gedruckt werden sollen; mußte aber wegen verschiedener Verhinderungen, biß auf diese Zeit ausgesezet bleiben, welches ich darum erinnere, damit der Leser, wenn Er in dieser Schrift das Licht nicht antrifft, das ich im Mose gehabt, nicht dencken möge, als wenn ich wieder zurück in die Finsterniß gerathen wäre.
Es suchte der Ursprung des Lichts dasselbe von Tage zu Tage bey mir zu vermehren, indem Er mir ein Hülfs-Mittel nach dem andern anwieß, wodurch ich immer weiter in demselben gehen kunte. Untern andern schickte mir damahls der ehrliche Br. Straube aus Münden eine große Kiste recht brauchbarer Bücher, die ich mir wohl zu Nuze machte, und meine Zeit, nach überstandenen Lermen mit dem Pfaffen und meinem unruhigen Nachbar ganz vergnügt zubrachte.
§ 45. Ich bekam aber bald wieder eine andere Uebung, denn des Bürgermeister Meyers Sohn, aus Münden, ein munterer junger Mensch war mit dem Br. Strauben bekannt worden, der ihm meine Schriften zu lesen gegeben hatte. Er sahe die Betrügerey der Pfaffen daraus ein, fing an sich von der Kirche und dem sogenannten[418]  Abendmahle zu enthalten, und gerieth darüber mit seinen Eltern und Anverwandten in große Verdrüßlichkeiten.
Er meldete mir solches, und schüzte sein Gewissen vor, zugleich anfragend, ob ich Ihm nicht erlauben möchte, sich eine Zeitlang bey mir aufzuhalten, biß sich der Widerwillen seiner Eltern gelegt hätte. Ich fragte Br. Strauben dieserwegen um Rath und Er bat, ich möchte den armen Menschen auf eine Zeitlang zu mir nehmen, es solte mir wöchentl. ein halber Thaler Kost-Geld vor Ihn bezalet werden.
Er kam also zu Ausgang des Herbsts dieses 1743sten Jahres würcklich bey mir an, und war zwar ein guter ehrlicher; aber zugleich auch fauler und von Herzen gemächlicher Bruder, der, weil Er ehedem Unter-Officier in Münden gewesen war, mehr von Spazieren-Gehen als von Arbeiten hielt, ungeachtet Er nicht ungeschickt war, indem Er nicht allein hübsch malen konnte, sondern auch allerhand artige Arbeit von Pappe zu verfertigen wußte, wovon Er mir selber ein Kästchen zu Aufbehaltung und Sortirung der dasigen vielen Geld-Sorten verehrete.
§ 46. Seine Ankunft verursachte eine ziemliche Veränderung in meiner bisherigen Lebensart, die eben keine der angenehmsten vor mich war. Die Schw. Schelldorfinn, bey welcher ich bisher in der Kost gewesen war, weigerte sich, den Br. Meyer auch anzunehmen, indem sie sagte, daß es Ihr zu schwehr würde, mithin muste ich, um des neuen Br. willen, meinen guten Tisch abdancken und eine neue Casernen-Wirtschaft anstellen, bey welcher Br. Meyer den Koch zu agiren über sich nahm.
Diese Kocherey, weil sie in der Röhre meines Stu ben-Ofens geschehen mußte, machte mir manchmahl den Kopf so warm, daß ich sie gerne wo andershin versezet hätte, wenn ich gekunt hätte. Denn mein guter Koch that so geschäftig, als wenn Er den Kayser zu tractiren gehabt hätte, wenn Er gleich nur ein Gericht Kraut zu versehen hatte. Was Er aus der Unterstube, allwo Er seine sieben Sachen hatte, auf einmahl hätte herbeytragen können, darnach lief Er immer zehen mahl, die eine Treppe ab, die andere wieder auf, und wenn alle diese unnöthigen und mir höchst unangenehmen Bewegungen, mit vieler Geflissenheit geschehen waren, und es nun ans anrichten ging, so geschahe es bißweilen doch, daß Er sich entweder selber die heisse Brühe in die Schuhe schüttete, oder den Topf mit sammt dem Essen, entweder in die Stube oder auf den Flur warf und hernach Scherbel und Essen, unter heissen Thränen, mit den Händen wieder zusammen klauete, und mich aufs beweglichste um Verzeihung bat. Er und der Br. Erhart hätte, im Punct der Unvorsichtigkeit und[419]  Fahrläßigkeit vollkommen ein Ganzes zusammen vorstellen können, nur mit dem Unterschiede, daß Meyer seine Fehler noch erkannte und um Verzeihung bat: Erhart aber, wenn Er gleich eben wie Meyer, bisweilen Schüssel und Tiegel, aus einer puren Nachläßigkeit im Anfassen, mit samt den Speisen zu Boden warf, noch Recht übrig haben wollte, und es angenommen hätte, wenn ich Ihn um Verzeihung gebeten, daß ich seine Geschicklichkeit nicht bewundern können.
§ 47. Daß Beste war endlich, daß ich die Last des Br. Meyers nicht länger, als den Winter durch zu tragen hatte. Denn mit dem Früh-Jahr nahm er eine Reise nach dem Haynchen zum Hrn. von Marsay vor, und kam nicht wieder. Ich wünschte Ihm Glück auf den Weg, und war froh, daß ich wieder in meine alte Kost und Ordnung versezet wurde. Die Stube, die Er bisher bewohnt hatte samt dem ganzen Unterstock, den Br. Erhart, um desto ungemächlicher zu wohnen, verbäugert, und mir auf dem Halse gelassen hatte, überließ ich, auf Ersuchen, an Hrn. Schrödern, den Gräflichen Cammer-Laquay, welches mir nicht allein so viel nuzete, daß ich von nun an, um die Helfte Miethe leichter saß; sondern es konnte auch derselbe ein lebendiger Zeuge von meinem Leben und Wandel seyn, und die Herrschaft eines bessern überzeugen, wenn sich Verläumder bey ihr meldeten, die gemeiniglich von den Pfaffen gestimmet waren.
Die Herrschaft mochte mehr von mir hören, als mir selber zu Ohren kam: Weil ich mir aber in meinem Wandel nichts vorzuwerfen hatte; so bekümmerte ich mich auch nicht, was von mir gesprochen wurde, sondern wartete das meine ungestöhret und mit Lust, ohne daß ich mich so genau an eine gewisse Arbeit band. Genug ich war nie müssig, und that auf die Art mehr, als wenn ich einen Treiber auf den Nacken gehabt hätte.
Vornemlich sammelte ich mir damahls einen ziemlichen Vorrath von allerhand brauchbaren Materialien, die mir in den zukünftigen Zeiten gute Dienste thaten, und unter dieser Arbeit kunte es nicht fehlen, es muste mir bald hier bald da immer ein heller Licht aufgehen und das Gemüth zu denen noch bevorstehenden, und mir damals noch ganz unbekannten Arbeiten, immer besser zubereitet werden.
§ 48. Wie meine vornehmsten Arbeiten allemahl des Nachts vorgingen, weil ich am Tage gar oft durch allerhand Besuche gehindert wurde; so kam es manchen unbegreiflich vor, daß ich würcklich was arbeiten sollte, weil sie mich gemeiniglich so lange schön Wetter war, fast alle Tage spazieren gehen sahen. Ich that das theils, weil ich bey meiner sizenden Lebens-Art, nohtwendig einer ziemlichen Bewegung nöthig hatte, theils manchem unnüzen Besuche aus dem Wege[420]  zu gehen, theils, weil ich in einer Stunde in der Nacht mehr verrichten kunte, als in 2 oder 3 Stunden am Tage: Wie ich dann gemeiniglich (so, wie noch jetzt) zu Bette zu gehen pflegte, wenn andere wieder aufstunden.
Bey diesem meinem öfteren Ueber Feld gehen begegnete mir einmal ein kurzweilig Ebentheuer. Nicht weit von Hachenburg lag ein Dorf, Alberode genannt, wohin ich bey angenehmen Sommer-Tagen bißweilen zu gehen pflegte, um bey den dasigen Schulzen, der meines vorigen Wirths Schwager war, eine frische Milch zu verzehren. Es fügte sich ohne mein Wissen, daß, als ich einst dorthin kam, der herrschaftliche Hof-Prediger eben auch da war.
Ich quartierte mich, meiner Gewohnheit nach, bey dem Schulzen, in die untere Stube, und forderte eine frische Milch. Man sagte mir sogleich, daß der Hr. Hof-Prediger in der Ober-Stube auch zugegen wäre. Man kann leicht erachten, daß ich den Mann Gottes lieber auf den Berg Carmel oder Thabor, als in des Schulzens Hauß gewünschet, weil ich voraussahe, daß es ohne einen theologischen Scharmüzel nicht abgehen würde, den ich doch, weil ich nicht frey agiren durfte, auf alle Weise zu vermeiden suchte.
§ 49. Ich wäre gerne wieder umgekehret, wenn ich nicht hätte besorgen müssen, daß man mir solches zur Zaghaftigkeit hätte auslegen mögen. Ich muste also aushalten, und erwarten, was erfolgen würde. Es kann seyn, daß der Hr. Hof-Prediger, seinerseits, mich auch lieber auf den Brockels-Berg gewünscht; Allein, zu unserm Verdruß, kunten wir beyde mit unsern Wünschen nichts ausrichten, sondern es war im Rath der Götter beschlossen, daß wir einander sehen und sprechen sollten, nur war die Frage welcher unter uns beyden hierzu den Anfang machen sollte?
Mir war dißfals nichts befohlen und der Hr. Hof-Prediger hätte meinetwegen ganz ruhig in seinem Ober-Stübchen bleiben können. Allein mit Ihm, waren die Sachen ganz anders beschaffen, denn hätte Er sich nicht vor mich sehen lassen wollen, so hätte Er gewärtig seyn müssen, daß man eben so von Ihm gedacht hätte, als man von mir gedacht haben würde, wenn ich seine Gegenwart hätte fliehen wollen. Er mußte also Ehrenhalber, Er mochte gleich, einen oder keinen Befehl darzu haben, zum Vorschein kommen.
Ich saß eben, und aß meine Milch, als sich der gute Mann meinen Augen mit gewöhnlicher Gravität presentirte. Ich freuete mich seiner glücklichen Ankunft, ungeachtet ich, die Wahrheit zu bekennen, lieber hätte seyn mögen: Gott sey bey uns! Denn ich konnte mir leicht vorstellen, daß es ohne Wortwechsel nicht abgehen würde, und[421]  die Zuhörer waren doch nicht so beschaffen, daß ich alles vor ihren Ohren hätte sagen dürfen, was ich dachte, ohne von dem Hrn. Beichtvater des Hrn. Schulzens verkezert, oder gar dem Satan ohne Barmherzigkeit übergeben zu werden.
§ 50. Nach Endigung der Ersten Höflichkeit, sezte Er sich mit den Worten zu mir nieder, daß Er kommen wäre, um mir zu zeigen, daß Er sich nicht vor mir fürchte, wie ich in meinen Schriften wohl geäußert hätte; Ich versezte, daß ich mir dessen nicht bewust wäre, und daß vielleicht ein Mißverstand dißfals obwalten müste. Ich durfte nicht sagen, daß das Sprichwort: Hic niger est etc. mir eher Anlaß geben könte, mich vor ihm zu fürchten: denn das würde Er gleich vor eine Injurie angenommen und die Wolfsklauen bald gezeiget haben.
Ich begegnete Ihm also ganz freundlich, und Er brach selbst den Ersten Discurs bald ab, frug mich wo ich her wäre, wo ich studiret hätte etc. Ich diente Ihm auf alles, nach der Wahrheit, und hätte gerne gesehen, daß Er bey indifferenten oder sonst gelehrten Discursen geblieben wäre: Allein ehe ich michs versahe, fragte Er: Wie ich zu der heftigen Schreibart gekommen wäre? Er überraschte mich mit dieser Frage, sonst hätte ich Ihm leicht antworten können, daß ich sie von unserm seligen Vater Luthero gelernet hätte. Ich bezog mich aber auf das Exempel Christi, von welchen Er nicht leugnen kunte, daß Er auch in sehr heftigen Ausdrücken gegen die damalige Clerisey der Juden loßgezogen.
Wir geriethen hierauf in einen förmlichen theologischen Discurs von der Dreyfaltigkeit, von den Sacramenten und der Wiedergeburth, bey welcher letzteren Materie Ihm der deutliche Spruch Johannis 1. Epist. 3, 9. am meisten zu schaffen machte, weil ich mich bloß an die Worte hielt, wie sie da lagen, und keinen Senf darüber annehmen wollte.
§ 51. Der Schulze war lutherisch, und seine Frau reformirt, hatte aber eine gute Portion mehr Mutterwitz bekommen, als ihr Mann. Sie gab daher weit aufmercksamer auf unsere Discurse Achtung, als Er, und ich ließ manche Rede laufen, die ihr was mehreres hätte sagen können, wenn sie im Stande gewesen wäre, den Bibelgözen zu übersehen. Weil das aber noch nicht in ihrem Vermögen war, und der Hr. Hof-Prediger mit Fleiß diese Materie unberühret ließ, so muste ich mich auch in Schrancken halten, und das Spiegelfechten mit Biblischen Waffen so lange continuiren, als es dem Hrn. Hof-Prediger gefiel.
Alles dieses geschahe bey einer Pfeife Taback, die der Hr. Hof-Prediger[422]  aus dem Beutel des Bartmanns nicht verschmähete. Das Ende des Discurses war wie sein Anfang, das ist: die Zuhörer waren eben so klug hernach, als sie vorher gewesen waren, und ich hatte die Ehre mit dem Hrn. Hofprediger nach Hause zu gehen, welches bey den Einwohnern der Stadt kein geringes Aufsehen machte, indem sie nicht wusten, ob der Hr. Hof-Prediger mich oder Ich Ihn bekehret hätte.
Sie kamen aber bald aus dem Wunder, weil sie sowohl Ihn als mich bleiben sahen, wie wir gewesen waren, ehe wir einander gesehen. Indessen muß ich Ihm doch zum Ruhm nachsagen, daß Er sich gar nicht ketzermachermäßig gegen mich aufgeführet, und die ganze Begebenheit konnte zum wenigsten den Nuzen haben, daß die Leute überzeugt werden musten, es sey nicht wahr, was man von mir sagte, daß ich ein Feind von den Personen aller und jeder sogenannter geistlicher Herren sey.
§ 52. Davon musten die Catholiquen selber überzeugt werden, denn wie der Franciscaner Bettel-Mönche zu mir sammlen kommen empfing ich sie nicht allein mit aller möglichen Freundlichkeit, sondern ich gab ihnen auch eine gute Verehrung in ihre Säckel, nicht eben deswegen, damit ich nach der christlichen Sitten-Lehre feurige Kohlen auf ihre geschorne Häupter sammlen möchte, sondern nur, um ihnen zu zeigen, daß ich kein solcher Unhold sey, wie mich ihr Prediger abgemahlet.
Meine Correspondenz, die damals ziemlich weitläufig war, beschäftigte mich um diese Zeit am meisten. Denn es wurden mir bald von diesen, bald von jenen, allerhand Fragen und Zweifels-knoten eingesandt, die ich dann nach dem Maße meines Lichts, manchmal ziemlich weitläuftig beantwortete. Unter andern waren einige Freunde in Quedlinburg, die sich an den Br. Cuhlmann machten, von dem sie meine Schriften bekommen hatten. Sie sandten demselben allerhand Bedencklichkeiten dawider ein, und dieser ließ sie an mich gelangen.
Ich beantwortete sie unter dem Titul: Quedlinburgisches Nachdencken, nach und nach, und kam, wegen anderer darzwischen kommender Arbeiten, erst in Neuwied den 9. Dec. 1744 damit zu Ende. Es ist aber diese Schrift eben so wenig, als verschiedene andere, worzu mir die Privat-Correspondenz Anlaß gegeben durch den Druck gemein gemacht worden.
§ 53. Ehe ich mich aber versahe, muste ich mich wieder öffentlich auf den Schau-Plaz zeigen. Denn eine kleine redlich gesinnte Geselschaft in Sorau (deren Namen und Aufenthalt mir damahls gänzlich verborgen gehalten wurden) sandte einen Brief an mich, der mir[423]  Gelegenheit gab, die Begierde nach der vernünftigen lauteren Milch drucken zu laßen, welches noch im Jahre 1744 geschahe.
Der Druck dieser Schrift würde nicht erfolgt seyn, wenn der Verfasser derselben, der (wie ich lange hernach erst erfuhr) ein Leinwand-Drucker, Nahmens Hulde war, nur seinen Namen und Aufenthalt gemeldet hätte. Da dieses nicht geschehen war, und ich den guten Leuten gleichwohl, theils zu wissen thun wollte, daß ich ihren Brief bekommen theils ihrem brünstigen Verlangen nach mehreren Wahrheiten, nach meinem wenigen Vermögen zu statten zu kommen mich schuldig erachtete, wuste ich zu beyden keinen andern Weg, als den öffentlichen Druck.
Wenn sie nun, nach Erscheinung dieses Werckchens, hätten stille seyn, und verschweigen können, daß sie Gelegenheit zu Verfertigung desselben gegeben hätten, so würden sie sich, von Seiten der dortigen Clerisey keinen Verdruß zugezogen haben; So aber verriethen sie sich selbst, und kamen darüber in großes Gedränge, so daß sie (wo ich recht berichtet bin) alle die Stadt und das Land reumen müssen.
Dieser Verfolgung hätten sie können überhoben seyn, wenn Sie die Mäuler hätten halten und das, was ich Ihnen geschrieben hatte in der Stille vor sich behalten können. Worzu war es doch nöthig, daß eben ihre Feinde wissen mußten, daß sie Gelegenheit zu dieser Schrift gegeben hatten, konnten sie dieselben nicht beßer nuzen, wenn sie stille geschwiegen hätten? Doch die Menschen werden selten anders, als durch Schaden klug.
§ 54. Ungefehr um diese Zeit nahm mein ehemaliger guter Freund in Berlenburg der Hr. Docter Ludolff, der nunmehro Professor und Stadt-Physicus in Erffurth war, die Catholische Religion an. Nach meiner damaligen Stellung wollte mir diese Veränderung, die ich vor ganz unnöthig hielt, gar nicht in den Kopf. Ich äußerte mein Mißfallen gegen denselben in einem Briefe, und machte mir ein Gewissen die 50 Thaler, die Er mir jährlich zu meiner Nothdurft zuzuschleßen versprochen hatte, weiter von Ihm anzunehmen, und der heilige Eigensinn ging so weit bey mir, daß ich Ihm dieselben förmlich auf sagte.
Er antwortete mir aber ganz gelassen, daß mich seine Veränderung gar nichts angienge, und daß ich dieselbe nur lediglich seinem eigenen Gewissen überlassen sollte. Ich würde erfahren, daß Er in der Liebe gegen mich unveränderlich seyn würde. Er hätte mir die 50 Thaler einmal zugedacht, und die sollte ich auch haben, und mich übrigens um seinen Handlungen unbekümmert lassen.
Diese unvermuthete und gesezte Antwort erweckte bey mir ein[424]  Nachsinnen, und es war, als wenn mich jemand fragte: Wilst Du denn scheel sehen, daß Gott so gütig ist? Oder gehet seiner Wohlthat etwas ab, wenn Er Dir dieselbe eben nicht durch lauter solche Knechte reichen läßet, die just so von Ihm dencken, wie Du denckest? Hast Du Gott wohl vorzuschreiben, durch wen Er Dir Deinen Unterhalt reichen lassen soll? Ist Er es nicht allemahl, von dem die Gaben kommen? Kann es Dir nicht gleich viel gelten, ob Er Dir dieselben durch einen Catholiquen, oder durch einen andern Religionsverwandten zuwerfen lassen will!

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§ 55. Durch diese und dergleichen Gedancken wurde meine heilige Unfreundlichkeit nicht wenig beschämet, und der Rest der gehässigen christlichen Gesinnung, kraft welcher mit denen, die nicht in allen unserer Meinung sind, keine Gemeinschaft zu haben, bekam in der That einen Tod-Stoß, an welchen er auch nicht wieder aufkommen konnte. Der ehrliche Br. Ludolff bezeugte in der That, daß sein, mir gethanes Versprechen, nicht in blossen Worten bestund, indem Er mir, die aus freien Herzen zugedachten 50 Thaler, zwey bis drey Jahr redlich übermacht, und mir dadurch in der That, keinen geringen Liebesdienst erwieß.
Nach der Hand, da der gute Bruder unglücklich geheyrathet, mögen sich seine Umstände ziemlich verändert haben, so daß Er nicht mehr im Stande gewesen, mir sein Versprechen zu halten, weswegen Er auch, sich vor mir schämend, die Correspondenz bis auf diese Zeit abgebrochen, da Er, wie ich höre, nicht allein Chur-Mainzischer Hofrath und Leib-Medicus worden, sondern auch sein böses Weib, mit sammt den Kindern, durch den Tod loß worden seyn soll.
Er würde gar nicht nöthig gehabt haben sich vor mir zu verbergen, wenn Er mich recht gekannt hätte, indem ich mich sehr wohl zu bescheiden weiß, daß Er mir erstlich von Rechtswegen nichts schuldig ist, und dann, daß Er seines Versprechens quitt wird, so bald seine Umstände nicht gestatten wollen, selbiges zu halten. Der Allerhöchste Geber aller Güter vergelte indessen, sowohl Ihm, als allen meinen bisherigen treuen und lieben Wohlthätern, in Zeit und Ewigkeit, tausendfältig, was sie mir in diesem Leben Gutes gethan.
§ 56. Ehe die Religionsveränderung mit dem lieben Br. Ludolff noch vor sich ging, wurde ich durch ihn mit dem redlichen Br. Karpus11 bekannt, von dem ich in der Folge meines Lebens, noch sehr[425]  vieles werde zu sprechen haben. Er hatte in Erfurth durch den Br. Ludolff meine Schriften auch zu sehen bekommen, und sie hatten das Glück, mir seine Neigung zu erwerben, ungeachtet sein Hr. Vater an einen angesehenen Orte General-Superintendent war und Er selber, ehe Er das Studium Medicum erwehlete, Theologiam studiret hatte.
Er entdeckte mir seine Neigung durch die zärtlichsten Zuschriften, und ließ ein besonder Vertrauen gegen mich blicken, von welchem ich damals noch nicht absehen konnte, was mir die Vorsehung damit sagen wollte. Genug ich drückte mich, in meinen Antworten an Ihn, so aus, daß seine Liebe gegen mich immer mehr und mehr zunahm. Er lebte damals in Erfurth in sehr bedrängten Umständen, die sich der gute Mann durch sein allzu offenherziges Naturell selbst zugezogen hatte.
Ein gemeiner Fehler guter Gemüther, wenn sie anfangen etwas beßres zu erblicken, als sie bisher gesehen. Sie meinen, die ganze Welt müsse gleich davon unterrichtet seyn, daß sie Mäuse-Dreck von Pfeffer haben unterscheiden lernen; sie fangen an, in öffentlichen Discursen wieder dergleichen Betrügereyen loßzuziehen, und damit kriegen sie die ganze hoch angesehene, und bey den Thoren alles noch geltende Krämerzunft auf den Halß, da sie doch billig bedenken sollten, daß sie sich in ganz andern Umständen befänden, als ein öffentlicher Schreiber, den die Vorsicht in die Umstände gesezt, daß Ihm der Wiederwille der Herren Himmel-Verkäufer nicht schaden kann.
Mein lieber Br. Karpus beging eben diesen Fehler in Erfurth, und gerith dadurch in solche Verlegenheit, daß Er Troz aller seiner Erfahrung und glücklichen Curen vor den Verläumdungen der Pfaffen nicht aufkommen konnte. Er war allenthalben vor einen Atheisten ansgeschrien, vor welchen die liebe Einfalt eher 100 Creuze machen, als Ihn zum Heyland annehmen mußte.
§ 57. In diesen bedrängten Umständen wendete Er sich an mich, und begehrte meinen Rath, Ich der ich damals noch an nichts weniger gedencken konnte, als daß Er mit der Zeit noch ein gesegnetes Werckzeug würde abgeben müssen, mich selber zu verbergen, wenn ich vor den bösen Geistern Gottes nicht mehr sicher seyn würde, rieth Ihm nach A zu gehen, und es daselbst auf Gott zu wagen. Er folgte, und es hat ihn nicht gereuet.
Beym Anfange unsrer Bekantschaft hätte wohl keiner unter uns nur muthmaßlich glauben können, daß wir einander noch so nahe kommen, und unter mancherley Schicksalen, doch eine ziemliche Zeit[426]  tausenderley Ergötzlichkeiten mit einander theilen würden: Aber daraus siehet man eben, wie weißlich die Vorsicht zu unsern künftigen Schicksahlen vorzuspielen, und alles so zu veranstalten weiß, daß das, was sie mit uns vorhat, ohne Hinderniß von statten gehen muß.
Hätte mich der Br. Karpus nicht um Rath gefragt, was Er in seinen fatalen Umständen in Erfurth thun sollte, so würde ich nimmermehr auf die Gedancken gerathen seyn, Ihm anzurathen, daß Er nach A. gehen sollte. Wäre dieses nicht geschehen, was vor eine große Reihe von höchst merckwürdigen Begebenheiten meines Lebens würde nicht ganz anders haben eingerichtet werden müssen, wenn das hätte herauskommen sollen, was die Vorsehung mit mir vorgehabt. Wir wollen aber den lieben Mann noch eine Zeit lang an seinem Orte vergnügt leben lassen, biß wir Gelegenheit haben werden etwas mehreres von Ihm zu sprechen.
§ 58. Ich lebte nunmehro in Hachenburg recht ruhig unter dem Seegen, den mir Gott durch meine wenigen wahren Freunde zuwandte, ganz erwünscht, absonderlich da die unergründete Sorgfalt meines theuersten Bruders Benigni, je länger je mehr bemühet war, mir immer neue Freunde von seiner Art zu Wege zu bringen. Die Wenigkeit derselben zeuget von der großen Rarität dieser Kleinodien, die aber deßwegen um desto schäzbarer werden, je seltener sie anzutreffen, denn in ganz Berlin konnte er nicht mehr als drey finden, die seine Absicht, mir im Zeitlichen unter die Arme zu greifen, zu befördern Willens waren.
Diese waren nun anfangs außer Ihm der bereits oben gemeldete generöse Augustus, der unverfälschte Polydorus, und der damals mir noch ganz unbekannte, doch eine Zeitlang ganz angenehm wehende Zephyrus. Diese 4 verbunden sich zusammen mir monatlich, ein jeder vor sich, einen Reichs-Thaler zu meinem Unterhalt zu reichen. Die drey ersteren haben auch ihre Verbindung bis auf den Tag, da ich dieses schreibe, welches der 28ste November 1753 ist, redlich und unverbrüchlich gehalten. Der letztere aber blieb mit seinen erquickenden Lüftlein bald aussen, und Gott bescherte mir an dessen Statt, den dienstwilligen Gratiosum.
§ 59. Wie alle diese verehrens- und liebenswürdigen Freunde ganz ohne mein Gesuch mir zu meinem Beystande von Gott zugesandt wurden, also konnte ich sie auch mit weit besseren Rechte vor Engel, oder Boten meines Herren ansehen, als alle die unsichtbaren und meines Wissens mir nichts helfenden Gespenster, die ich in meiner[427]  finstern Theologie, unter dem Namen der Engel, hatte glauben und halb und halb verehren müssen.
Wären dergleichen zu unserm Dienst und Aufwartung bestellte Geschöpfe, außer denen uns beistehenden Menschen, in der That, in der Natur der Dinge vorhanden, warum sollte uns doch ihr Schöpfer nicht das Vergnügen gönnen, sie zu seiner Verehrung, und unserer Freude näher kennen zu lernen, als aus dem Fabulhaften Geschwäz der Alten? Warum sollten sie, da sie sich in den alten finstern Zeiten so gemein mit den Menschen gemacht haben sollen, daß sie kein Bedencken getragen, bald wachend, bald im Schlafe mit Ihnen zu reden, mit Ihnen zu Schmausen und weite Reisen mit ihnen zu thun, nunmehro, da ihr würckliches Daseyn von vielen in Zweifel gezogen wird, so schüchtern seyn, daß sie sich nicht eben so wohl, als vor diesen, von den Menschen sehen lassen sollten?
Einen einzigen Menschen, der mir in meinen Nöthen beystehet, bin ich mehr Danck schuldig, als tausend unsichtbaren Engeln, von denen ich nicht weiß, ob sie sind oder nicht sind: Sind sie, warum sollen wir von ihrem Dasein nicht überzeuget werden, da solche Ueberzeugung ein großes zu verherrlichung der Majestät des Schöpfers beytragen könnte. Sind sie nicht, warum glauben wir ohne Grund, daß sie sind? Doch sie mögen seyn oder nicht seyn, so weiß ich zum wenigsten nicht, daß sie mir jemals nur den tausenden Theil so viel gedienet, als meine Freunde. Diese werde ich also so lange vor meine Engel halten, biß ich überzeuget werde, daß außer Ihnen noch andere Geschöpfe vorhanden, die diesen Nahmen mit mehreren Recht verdienen.
§ 60. Ungefehr um diese Zeit, kam der Br. Schneider, dessen ich schon mehr erwähnet, von Darmstadt nach Hachenburg. Wir waren über den ehrlichen Christoph Schütz, den er mir vor einen großen Adeptum anprieß, in Briefen etwas an einander gerathen, und ich will nicht leugnen, daß ich gegen diese Art von Menschen, die ich damals durchgehend vor Betrüger hielt, etwas heftiger loßzog, als ich wohl hätte thun sollen, indem ich weder von Br. Schneider, noch meinem leiblichen Bruder in Darmstadt, der mir auch etwas von diesen guten Mann geschrieben hatte, hinlänglich versichert war, daß sie sich zur Goldmacherey würden verführen laßen.
Genug ich glaubte (weil ich aus der Erfahrung wuste, wie mancher bereits auf diesem schlüpfrigen Wege verunglückt war) es sey meine Schuldigkeit meine Freunde, und insonderheit meinen leiblichen Bruder, nach besten Vermögen, vor einer so gefährlichen Sache zu[428]  warnen. Es wurde mir aber von beyden guten Gemüthern sehr übel genommen, die Correspondenz abgebrochen, und der Br. Schneider, wie er nach Hachenburg kam, besuchte mich nicht einmal.
Es fügte sich aber, daß ich Ihn ungefehr einmahl auf dem Nister-Hammer beym Br. Erhart antraf, und daselbst erklärte ich ihm das Mißverständniß, so bisher zwischen uns obgewaltet hatte. Er war damit zufrieden, und wir wurden gute Freunde.
§ 61. Ich dachte nunmehro in Hachenburg als an einem noch ziemlich wohlfeilen, und mich nun nichts mehr hindernden Orte, nach der gnädigsten Vorsorge, die mein Schöpfer vermittelst meiner werthesten Freunde treuen Beystandes, vor mich getroffen hatte, mein Leben in Ruhe allda zu beschliessen. Allein diese Gedancken musten bald wie ein süßer Traum verschwinden, als daß Haus, welches ich bisher mit dem Br. Langenmeyer und der Schw. Schelldorfinn, in Miethe gehabt hatte, verkauft, und ich, nebst diesen meinen lieben Hauß-Genoßen genöthiget wurden uns um andere Quartieren umzusehen.
Sie, meine guten Haußgenossen, fanden endlich ein Loch, wo sie vollends ausgeräuchert werden konten, wann sie es noch nicht waren, denn die dasige Bau-Art schien eigentlich darzu eingerichtet zu seyn, das Fleisch bey lebendigem Leibe zu räuchern: Aber vor mich wollte sich in der ganzen Stadt kein Quartier zeigen, wo ich nur halbwege mit Gemächlichkeit hätte wohnen können. Ich wurde daher genöthigt meinen Stab abermal weiter zu sezen.
In der ganzen Nachbarschaft war kein bequemer Ort für mich, als Neuwied. Br. Langmeyer und die Schw. Schelldorfinn, die mich sehr ungern verlohren, suchten meinen Abschied zu verhindern, so viel sie konnten, und gaben sich alle Mühe, mir nur ein halbwege wohnbares Quartier zu verschaffen: Es war aber nicht möglich, und ich muste mich entschließen, eine Reise nach Neuwied zu thun, um zu vernehmen, ob das, von dort aus mir bereits vorgeschlagene Quartier, mir auch würde zu Theil werden können.
§ 62. Es mochte also ungefehr im Frühling des 1744sten Jahres geschehen, da Br. Langenmeyer und ich, uns zur Reise nach Neuwied fertig machten, und damals bekam mein Bart seinen Abschied. Ich legte mir eine Perruque zu und wurde denen, die mich noch nicht ohne Bart gesehen hatten, in dieser veränderten Gestalt, gantz unkenntlich. Absonderlich wolte die Jungfer Hönin, wie ich sie das erste mahl, nach dieser Veränderung besuchte, kaum glauben, daß ich es sey, wenn mich meine sonst gewöhnlichen Kleider nicht verrathen hätten.
Br. Erhart hatte diese schnelle Veränderung nicht von mir erwartet;[429]  doch fand er nichts dagegen einzuwenden: Um aber nicht das Ansehen zu haben, als wenn er mir alles nachthäte, so agirte er noch eine Zeitlang einen Barbarossam, biß daß er endlich auch nach Neuwied zog, und auf einem dasigen Gräfl. Meyer-Hof, die Rhein-Au genannt, zu wohnen kam.
Mich betreffend, so machte die Vorsicht zu meiner nach Neuwied anzustellenden Reise, abermal sehr günstige Vorbereitungen. Es hatte sich nehmlich der Mund-Koch des Grafen von Neuwied, ein rechter feiner Mann, Namens Freund, vor Kurtzen mit mir bekannt gemacht, als er am Hachenburgischen Hofe eine Zeitlang die Stelle des Mundkochs vertreten muste. Wie er gehöret hatte, daß ich nach Neuwied reisen wolte, bat er mich, daß ich meinen Abtritt, daselbst in seinem Hause bey seiner Frau Schwieger-Mutter, der Madame Herbert nehmen möchte, weil sie mich auch gerne kennen lernen möchte.
§ 63. Es war mir diese Adresse um so viel angenehmer, weil ich ohnedem zu Neuwied niemand kannte, und nicht gerne in einem Wirthshause logiren wolte. Es muste sich aber zu meinem desto bequemeren Fortkommen fügen, daß er selber mit seiner Frauen, in einer bequemen Kutsche, nach Neuwied geholet wurde. Weil nun in derselben noch 2 Sitze ledig waren, so both er sie dem Br. Langenmeyer und mir an. Wir nahmen das Erbieten mit allen Freuden an, und fuhren also in dieser guten Gesellschaft bis auf das, zunächst am Hunefelder Wald gelegene Dörfchen, dessen Nahme mir entfallen ist.
Daselbst beurlaubten wir uns, weil wir uns vorgenommen hatten den Br. Kinet, einen Separatisten, mit dem wir durch Hönische Familie und den Br. Erhart waren bekannt worden, in seiner Einsiedeley zu besuchen. Er wohnte mitten in dem Hunefelder Walde auf einer verlaßenen Eisen-Schmeltz-Hütte, mit seiner Magd gantz allein in einer Gegend, wo Haase und Fuchs einander schon längst gute Nacht gegeben haben mochten, und die mitten in Deutschland ein kleines Siberien vorzustellen schien.
Man hätte dencken sollen, Er müste keine Nacht mit seiner Magd des Lebens sicher seyn, zumahl, da bekannt war, daß Er und sie von keinem Kirchen-Gehen und Sacramentiren etwas hielten: Allein die Leute in den dasigen Gegenden, sind zum Stehlen und Morden zwar eben nicht zu fromm, sondern zu faul, und daher geschahe es, daß dieser gute Mann, nebst seiner Magd und 2 Ziegen, in der tiefsten Ruhe und Stille, und in der That recht gemächlich lebte.
§ 64. Er war ein Kunst-Dreher seiner Profession, und machte Sachen, die werth gewesen wären, in großer Herren Kunst-Kammern[430]  aufbehalten zu werden, ohngeachtet er kaum halb recht sehen konnte. Er empfing uns mit voller Freundlichkeit, bewirthete uns nach den Umständen seines Einsiedler-Zustandes recht wohl, und ich kan sagen, daß wir ungemein vergnügt zusammen waren.
Einfalt, Redlichkeit, Treuhertzigkeit, Freiheit und unverstelltes Wesen schienen ihre Residenz in dieser Wüsteney aufgeschlagen zu haben. Ruhe und Stille schienen sie zu bedienen, und die gantze umliegende Natur eine Freude an einem so glücksehligen Sterblichen zu haben. Wenn jemals ein Stand der Unschuld in der Welt gewesen ist, so hat Er nicht glücksehliger und unschuldiger seyn können, als der Stand dieses ehrlichen alten Einsiedlers.
Er war gar nicht ein Feind von Menschen oder zuläßiger Fröligkeit und Gemüths-Ergötzung, denn er liebte die Music, spielte eine gute Orgel, hatte aber in seiner Einsiedlerey mehr nicht als eine Zitter, mit welcher er uns des Abends einspielte, wie wir zu Bette gegangen waren. Wie er merckte, daß wir schlieffen, kroch er sachte zu uns, denn wir musten alle drey in einem Bette schlafen. Wir schliefen aber so vergnügt, als vielleicht kein Kaiser noch jemahls geschlafen.
§ 65. Des andern Tages, nach eingenommenen Frühstück geleitete Er uns durch den Wald, und brachte uns auf den rechten Weg nach Neuwied, welches nur noch 2 Meylen von dieser kleinen Barbarey lag, aber bey weiten nicht das Reitzende vor mich hatte, was diese hatte, ungeachtet es sonst einer Paradiesischen Gegend nicht ungleich sahe. So bald wir über die letzten Gebürge, die das Rhein-Thal von dem Wester-Walde scheydeten, herab in die Tiefe kamen, und die sogenannte Ale-Eck passiret hatten, war es, als wenn wir auf einmahl aus den Herbst in den Frühling kamen. Es wehete uns eine so warme Luft entgegen, daß wir bald anfingen zu schwitzen, und die angenehme Landschaft, in welcher wir uns nunmehro, nachdem wir das Dorf Ober-Bieber erreichet hatten, befanden, lud uns ein, nunmehro nicht mehr als Wandersleute fortzutraben, sondern als in einem angenehmen Garten spaziren zu gehen, und uns an der schönen Gegend mit Lob und Danck vor Gott zu ergötzen.
Wir hatten uns in Ober-Biber mit einem guten Trunck Wein erquickt, und dieser erfreuete unsere Herzen um desto mehr, je seltener Er an uns kam, und machte, daß wir den Rest unsers Weges recht vergnügt zurücklegten. Wir kamen ungefehr gegen Mittag zu Neuwied an, welcher Ort, da er ungefehr 70 Jahr erst gestanden hatte, freilich gegen das räucherichte Hachenburg, ein gantz ander und weit reitzender Ansehen hatte, und dem Br. Langenmeyer Appetit machte[431]  sich bald nach mir auch dahin zu wenden, wenn Ihm Gott nicht aus dieser in eine andere Welt hätte reisen heißen. Damahls dachten wir beyde, an nichts weniger, als an diese Trennung, sondern suchten das Quartier auf, welches uns von dem Hrn. Freund war angewiesen worden.
§ 66. Deßen Fr. Schwieger-Mutter, die Madame Herbert, eine gebohrne Frantzösinn und Schwester des Sächsischen Obersten de Maffée, empfing uns sehr freundlich. Sie war nebst ihrem Manne (der aber schon eine ziemliche Zeit todt war) schon von langen Jahren her, eine eyfrige Separatistinn gewesen, freuete sich also mit mir bekannt zu werden, und bewirthete uns, nebst ihren beyden Töchtern, wovon die eine des Hrn. Freundes Ehe-Gattin war, recht wohl, ungeachtet sie in Religions-Sachen noch gar nicht so weit sehen konte, als ich, und deswegen manchen angenehmen Streit mit mir anstellete. Im Uebrigen waren wir recht wohl bey Ihr aufgehoben, und ruheten ein paar Tage gantz erwünscht aus.
Des andern Tages, nach meiner Ankunft, ging ich zum Grafen (dem ich schon in Hachenburg meinen Mosen hatte verschaffen müßen) und fragte Ihn, ob Er mir erlauben wolte in Neuwied zu wohnen? Er bewilligte mir solches gleich, doch bat er sich aus, daß ich mich stille halten, und mit den sogenannten Geistlichen keine Händel anfangen möchte. Ich berief mich sogleich auf meinen Hachenburgischen Berlenburgischen Wandel, nach welchem bekannt sey, daß ich keinem dieser Herren, an diesen beyden Oertern das Geringste in den Weg gelegt hätte. Daß ich aber nach meiner Einsicht, von Religions-Sachen schriebe, dies sey ja eine Sache, die mehr zur Befestigung der Religion gereichte, wenn man mich widerlegen könte, als daß mir, oder irgend einem andern Gelehrten, eine solche Freyheit könnte versagt werden.
Er lachte und sprach: Ja, wenn nur nicht zufälliger Weise Zänckereyen und Verbitterungen darauß entständen. Ich antwortete: Ich würde den Herrn Geistlichen keine Gelegenheit darzu geben, wenn sie mich selbst zufrieden laßen würden, welches ich auch redlich gehalten, so lange, bis sie der Kützel stach, ein Glaubensbekenntniß von mir zu sehen, welchen Fürwitz sie nunmehro genug bereuen, und diese Scharte bey ihren Glaubens- und Stiefbrüdern nimmermehr auswetzen werden.
§ 67. So bald ich die Erlaubnis vom Grafen hatte, in Neuwied zu wohnen, ging ich zu dem Mann, in deßen Hauß ich ziehen solte. Es war selbiges eines der nächsten mit am Schloße, und gehörte einem Mennisten, Nahmens Kintzing, der ein Tausend-Künstler[432]  in der Mechanic, und sonderlich im Uhrmachen und Orgelbauen war. Man hatte Ihm von mir gesagt, und er mochte auch wohl etwas von mir gelesen haben, daher, als die Hachenburgische Herrschaft kurtz vor meiner Abreise von Hachenburg den Grafen von Neuwied, als dero Schwieger-Sohne besuchte, und ich damahls schon willens war, nach Neuwied zu ziehen, hatte mein Haußgenoße, der Cammer-Laquay Schröter (dem ich Commission gegeben hatte, sich in Neuwied nach einem guten Quartiere vor mich umzusehen) seiner Commission zufolge sich an Hrn. Kinzing gemacht, und das Ja-Wort zu einem bequemen Quartier schon halb und halb von Ihm erhalten.
Wie ich also zu Ihm kam, und meine Anfrage selber thät, freuete er sich, mich kennen zu lernen, und war alsofort willig mir eine recht saubere und wohlgebaute Stube und Kammer, vor 10 Reichsthaler jährlicher Miete und 6 Reichthaler vor Aufwartung zu überlaßen, und könte ich einziehen, wenn ich wolte. Ich fand an diesem Manne ein ehrlich und gut Gemüthe: Aber vor einen so großen Künstler, als er in der That war, hätte ich Ihn nimmermehr angesehen, denn er sahe gantz einfältig aus, und war doch ein Mann, der sowohl in der alten, als neuen Welt seiner Kunst wegen berühmt war.
§ 68. Das Einzige, was mir bey Ihm nicht anstund, war, daß ich sein Hanß allzulebhaft vor mich fand, und mir sehr wenig Stille, vor mich versprechen konte, denn er hatte damahls schon 5 Gesellen, nehmlich einen Uhrmacher und einen Tischler (wozu hernach, wie ich bereits eingezogen war, noch ein Schloßer und ein Orgelmacher kamen). Diese Leute hatten ihre Werckstatt gleich unter mir, und man kann leicht erachten, was sie für ein Getöse gemacht haben müßen, wovon ich doch damals noch den zehenden Theil nicht hören konte. Ich hatte mir also eine sehr unruhige Wohnung zu versprechen, deren ich bisher gar nicht war gewohnt gewesen.
Weil aber der Mann selber eine Liebe zu mir trug, ich auch, was die Wohnung an sich betraf, nicht leicht eine beßere in gantz Neuwied würde gefunden haben, so blieb es bey unserm Accord, und ich versprach, daß ich mit nächsten meine Wohnung mit Sack und Pack beziehen wurde.
Der angenehme und prächtige Rhein-Strohm, den ich längst gerne zu sehen gewünscht, lud den Br. Langenmeyer und mich zu einem Spatziergang an dessen Ufern ein, und wir bewunderten die glücksehlige Landschaft dieser Gegend, wo das Feld an vielen Orten, zugleich mit einen fruchtbaren Obst-Garten vorstellete, mit sonder vielem Vergnügen.[433] 
§ 69. Es war bereits durch gantz Neuwied erschollen, daß der so seltsam beschriebene Edelmann angekommen sey: daher, als ich in mein Quartier, zur Madame Herbert kam, fand ich einen alten Kayserlichen Capitain, der sich in Neuwied gesetzt hatte, und auch ein Separatist war. Er hieß der Hr. von Buttelsberg, und ließ sich ohne sonderliche Umstände, gleich in ein Religions-Gespräch mit mir ein, indem er sagte, daß er meine Schriften auch gelesen, aber nichts von der Verloignung darin gefunden hätte.
Ich sahe ihn damahls das erstemal, es wurde mir aber gar nicht schwer zu erkennen, daß Er die Reinlichkeit und Sauberkeit verleugnet hatte, um einen heiligen Sau-Magen zu agiren, und die Frau Herbert hatte mir im Vorbeygehen nur so viel zu verstehen gegeben, daß Er ein Ertz-Geitzhals sey. Ich nahm daher Gelegenheit ihm das Capitel von der Verloignung ein wenig nach meiner Art zu erklären, und Ihm mit Kurtzen nur so viel zu verstehen zu geben, daß meine Schriften niemand aufgedrungen würden, und daß der Herr Capitain, wenn sie ihm nicht anstünden, dieselben nur ungelesen laßen könte.
Wie der Mann diese Gleichgültigkeit an mir sahe, und gar nichts von Ketzermacherischer Rechthaberey an mir gewahr wurde, so gewann Er eine Liebe zu mir, die mir hernach, wie ich völlig nach Neuwied kam, durch seinen öfteren Besuch, bisweilen beschwerlich wurde, und die ich ihm doch, ohne die Menschlichkeit und Leutsehligkeit zu verläugnen, nicht wohl abschlagen konte. Mit Kurtzen, er fand (wie er mir hernach gestund) etwas in meinem Gesichte, daß Ihm, als einem alten seyn wollenden Gesichts-Kenner, gefiel, und mir seine Neigung, die Er sonst nicht leicht jemanden zu schencken pflegte, zu wege brachte.
§ 70. Er hatte drey Kaysern gedient, und in der That mehr in der Welt erfahren, als ich, bildete sich auch ein, vieles in der Medicin und den geheimen Chymischen Wissenschaften zu besiegen. In der That aber bestund alles nur in der Einbildung, und der Geitz, der seine Hauptkrankheit war, machte ihn bey allen Leuten verächtlich. Demungeachtet äußerte er doch gegen mich einige Freygiebigkeit, wie ich nach Neuwied kam, indem er mir aus seinem Garten, nach Erheischung der Jahres-Zeit manch schön Obst schickte, und so lange ich in Neuwied war, mein beständiger guter Freund blieb.
Er hätte wohl gerne gesehen, daß Ihn meine dermalige Frau Wirthinn mit zur Abend-Mahlzeit genöthiget hätte: Allein Er wartete vergebens, und muste endlich Wohlstandes halber, aufbrechen. Die Frau Herbert war zwar nichts weniger als geitzig: aber sie war[434]  nicht im Stande, Leute, die mit der Kranckheit des Geitzes behaftet waren, um sich zu leiden. Dahingegen der Hr. Capitain eben keinen Abscheu vor freygebigen Leuten hatte.
Beyde gute Leute waren würcklich nach ihrer Art fromm und man konte keines unter ihnen, grober und gemeiner Christlicher Laster beschuldigen; denn obschon der Hr. Capitain, als mit dem Geitz beseßen, eben nicht die beste Ehe führete und die Fr. Herbert, als gar zu weichmütig, nicht die beste Kinderzucht, so waren sie doch weder Betrüger, noch Schulden-Macher, noch sonst auf andere Weise ihren Mitbürgern beschwehrlich, sondern ein jedes lebte in der Stille vor sich, so gut es konte, und that wißentlich niemand etwas zu leyde.
§ 71. Ich sahe aus diesen allen, daß ein jeder Mensch seine gute und schlimme Seite habe, und daß man um in der Welt fortzukommen, es mit niemanden verderben, sondern einen jeden, so viel möglich, nach seiner Beschaffenheit tragen lernen müße, weil ein jeder zu seiner Zeit nutzen oder schaden kan. Man kan diese Lebens-Regul nicht genug anpreisen: Und ob man wohl sagen möchte, daß ich, zufolge derselben, es auch nicht mit den Pfaffen hätte verderben müssen, so dienet doch zur Antwort, daß keine Regul ohne Ausnahme sey, und daß man, um es mit niemand zu verderben, sich unmöglich entbrechen könne, es mit denen zu verderben, die das ganze Menschliche Geschlecht, blos um ihres Ansehens und Nutzens willen, schon im Mutterleibe zu verderben, und zu Greueln in den Augen Gottes zu machen suchen.
Dergleichen Leute sind auf gewiße Maaße, als Feinde des Menschl. Geschlechts zu betrachten, und man kan es unmöglich Umgang haben, daß man es nicht mit ihnen verderben solte, sobald man sich mercken läst, daß man sie kennet, und sich ihrem Joche zu entreißen sucht. Viele, ja wohl die meisten unter Ihnen, wißen nicht, daß sie so gefährliche Persohnen vorstellen; ja sie bilden sich im rechten Ernste noch ein, daß keine nützlichere Persohnen in der Menschlichen Gesellschaft wären, als sie. Und in Ansehung dieser, bey manchen fast unüberwindlichen Verblendung, muß man freilich, wenn man mit Ihnen zu thun bekommt, die Billigkeit ins Mittel treten laßen, und einen Unterscheyd machen, zwischen ihrem Amte und ihren Persohnen. Diesen, muß man, als Menschen, auch die allgemeine Menschen-Liebe wiederfahren laßen: Aber, weil sie in Kraft ihres heillosen Amtes, gantz andere Menschen vorstellen müssen, als sie von Natur sind, und zufolge deßelben gehalten sind, Gott und Menschen, aufs gröbste zu belügen und zu betrügen; so verbindet uns auch die[435]  Pflicht, die wir uns selbst und unsern Neben-Menschen schuldig sind, so viel möglich zu verhindern, daß dieser Betrug nicht allgemein werden könne; und da kan es wohl unmöglich anders seyn, es müßen diejenigen, die etwas dergleichen, zum allgemeinen Nutzen wagen, es nothwendig mit denenjenigen verderben, die mehr auf ihren eigenen Nutzen sehen, als auf die Glücksehligkeit ihrer Neben-Menschen.
§ 72. Es ist aber unstreitig beßer, es, als ein ehrlicher Mann, nur mit einer gewißen Gattung von Menschen verderben, als mit dem gantzen Menschlichen Geschlechte, das einen gegründeten Anspruch auf unsere Treue und Redlichkeit hat, und wenigstens soviel Ehrlichkeit von uns vermuthen muß, daß, wenn wir nicht allemahl im Stande sind, zu verhindern, daß es nicht betrogen werde, wir dennoch uns nicht mit darzu gebrauchen laßen, es mit zu betrügen, welches unfehlbar geschehen würde, wenn wir nicht nur immer stille schweigen wollten, wenn wir sehen, daß es betrogen wird, sondern auch die Sachen der Betrüger noch mit beschönigen hülffen.
Die letztere Aufführung kann mit dem Character eines ehrlichen Mannes unmöglich bestehen: die erstere aber (nehmlich daß einer zu Dingen, die er zwar als Betrug einsiehet, sich aber zu schwach findet, denselben zu entdecken, still schweiget) benimmt Ihm nichts an seiner Ehrlichkeit, weil er nicht kan, wie er gern wolte, von der Ehrlichkeit allein nicht leben kann, und unweißl. handeln würde, wenn er sich durch seine unzeitige Offenhertzigkeit selber mehr Schaden thun wolte, als er andern Menschen Nutzen schaffet.
Ich habe diesen Fehler selber an mir gehabt; deßwegen hat Gott in dem Wachsthum meiner Erkänntniß sehr langsam und stufenweiß mit mir gehen müßen, ich würde sonst, wenn ich gleich anfangs das erkannt hätte, was ich nach und nach zu sehen bekommen, unmöglich unter meinen Neben-Menschen haben fortkommen können. Selbst diejenigen, die nunmehro meine besten Freunde sind, würden mich zur selben Zeit nicht haben tragen können, und ich würde tausendmal mehr geschadet, als genutzet haben.
§ 73. Zwar weiß ich wohl, daß mir meine Herren Gegner durchaus nicht zugestehen, daß ich mit meinem Vortrage, nur das Mindeste, sowohl mir, als meinen Neben-Menschen genutzet. Vielmehr haben sie bis diese Stunde, noch nicht aufgehöret, den Schaden zu beseufzen, den ich durch meine Schriften angerichtet (wovon ich, zu seiner Zeit, dem Leser eine kleine Probe aus des Hrn. Neumeisters Psalmen und Liedern lesen laßen werde). Allein, was das Erste, nehmlich den Nutzen betrift, den theils ich selbst, theils meine Neben-Menschen, durch meine Arbeit erhalten, so wird wohl niemand[436]  beßer davon urtheilen können, als wir selbst, die wir wißen, wie weit sich unser Nutz erstreckt, und was das Letzte, nehmlich den Schaden anbelangt, den ich zugleich mit durch meine Schriften gethan, so bin ich denselben gar nicht in Abrede. Denn die Natur der Dinge bringet es nicht anders mit sich. Wenn ich mir mein Eigenthum wieder erwerbe, so muß der, der mir theils mit List, theils mit Gewalt entwendet, nothwendig dadurch Schaden leyden: Es muste aber ein seltsam Recht seyn, das einen solchen Schaden misbilligen solte.
Vernunft, Verstand und Sinne sind Eigenthümer, die mir mein Schöpfer zu Beförderung meiner Glücksehligkeit anvertrauet. Ich bin, ehe ich noch einen rechten Gebrauch von diesen unschätzbaren Gütern zu machen wuste, unter die Mörder gefallen, die mich derselben, so viel an Ihnen war, gäntzlich zu berauben gesucht, und mich nicht etwa nur halb todt liegen laßen, sondern gar einen dreyfachen Tod über mich geschickt, der mir ihren Vermuthen nach, das Aufstehen wohl auf ewig hätte verwehren können. Der Liebhaber des Lebens ermannte mich wieder, und half mir, nach einer hartnäckigten Gegenwehr, endlich die beyden gefährlichsten von diesen Toden glücklich in den Sieg verschlingen, und gesellete mir den dritten, als meinen besten Freund, und endlichen Vertilger aller meiner Verdrüßlichkeiten zu.
§ 74. Kaum war ich auf die Art ein wenig zu mir selber gekommen, so wurde ich gewahr, daß noch unzehlige meiner unschuldigen Neben-Menschen, auf eben die Art, wie ich, waren zugerichtet, und ihrer besten Schätze beraubet worden, die meisten derselben schienen mir würcklich todt zu seyn, wenn ich nicht gesehen hätte, daß sich einige unter den Händen ihrer Mörder, die sie durch dick und dünn schlepten, bisweilen noch ein wenig gereget hätten.
Wie dieser Unglücksehligen ungleich mehr waren, als der Mörder selbst, und diese folglich unmöglich alle mit sich fortschleppen konnten, also geschahe es, daß sich viele, unter denen auch ich mit war, vermittelst der guten Natur, die uns der gütige Schöpfer verliehen hatte, wieder ermunterten, und sich entschloßen, wenn wir nichts mehr thun könnten, doch den Mördern das Unsere wieder abzujagen. Wir überfielen sie also, in ihrer grösten Sicherheit, ja sie gaben uns selbst Gelegenheit darzu, indem sie uns auf die bitterste Art verspotteten, und uns aufstehen hießen, unsere Kräfte an ihnen zu probiren.
Es gelang uns, wir eroberten das Unsere, und ließen sie über den Schaden, den wir ihnen gethan hatten, weheklagen, so lange[437]  sie wolten. Diese Weheklagen geben also, unser Wohlverhalten klärlich genug zu erkennen, ja die Anstalten, die wir sie, zu Beybehaltung der elenden, die sie noch unter ihrer Gewalt haben, machen sehen, versichern uns, deutlich genug, daß ihnen bey dem gantzen Handel, eben nicht gar zu wohl zu muthe seyn müße. Wir überlaßen sie aber ihrem weitern Schicksahl, und wenden uns wieder zu unserer Erzehlung.
§ 75. Ich begab mich, nach freundlich genommenen Abschied von meiner gutthätigen Wirthinn endlich mit dem Br. Langenmeyer wieder nach Hachenburg, allwo ich nun ungesäumt meine Sachen zusammenpackte, bey dasiger Herrschaft danckbarlich Abschied nahm, und unter Gottes Geleite glücklich nach Neuwied fuhr.
Ich war sobald nicht allda angelangt, so ging die Sorge wegen meiner Beköstigung an, denn da ich nunmehro gantz allein war, und niemand hatte, der mir zur Hand ging, so wuste ich in der That nicht, wie ich mir in diesen Puncte helfen solte. Endlich erbarmte sich mein Wirth über mich, und nahm mich bis zu weiterer Veranstaltung, auf einen Monath in die Kost, nach dessen Verlauf fügte sichs, daß der Br. Schneider von Hachenburg nach Neuwied zog. Weil dieser nun eine Frau und eine Magd hatte, und im Anfange vor seine Mahler-Profession an diesen kleinen Orte eben nicht viel zu verdienen fand, so dachte ich Ihm einen Gefallen zu erweisen, wenn ich mich bey Ihm in die Kost verdingete.
Er wolte ohnedem Geld von mir lehnen, welches ich vielleicht langsam, oder gar nicht würde wiedergekricht haben, und also bewilligte er halb gern und halb ungern, daß ich es mit der Kost bey ihm versuchen solte: Wir wurden einig, daß ich wöchentlich, wo ich mich recht besinne, 2 Gulden vor meine Kost bezahlen solte, und ich gab ihm dieses Geld, damit er sich in der Wirthschaft helfen möchte, gleich auf 2 Monathe voraus.
§ 76. Im ersten Monathe war ich noch so ziemlich mit meiner Kost zufrieden, nach gerade aber wurde sie immer schlechter. Seine Frau sonderte sich, unter vorgegebenen Unpäßlichkeiten wegen ihrer Schwangerschaft, nach und nach vom Tische. Er selber speisete nur zum Spectacul mit mir, und wenn ich weg war, oder auch wol, ehe ich noch zu Tische kam, thaten sie sich beyde (wie ich von der Magd erfuhr) vor meine Gelderchen was zu gute: Mich aber speiseten sie alle Tage kahler ab.
Ich unterließ zwar nicht, deßwegen mit Freundlichkeit und Ernst Vorstellung zu thun: Allein ich richtete nichts aus, und war endlich roh, daß die 2 Monathe, die ich voraus bezahlet hatte, bald zu[438]  Ende liefen, worauf ich anfing, mich selber zu beköstigen. Diß Geschäfte zerstreuete mich ungemein, und hatte doch weder hinten noch vornen ein Geschicke. Denn bald fehlete es an nöthiger Geräthschaft, bald an der Zeit, bald an genugsamer Wissenschaft, die Speisen gehörig zuzubereiten, bald an hinlänglichter Gedult, bald sonst an was, so daß ich in diesem Puncte recht übel daran war. Ich12

Edelmann fand in Neuwied bald wieder Veranlassung mit einer Schrift hervorzutreten. Der Graf wurde durch das Consistorium bewogen ein schriftliches Glaubensbekenntniß von Edelmann zu fordern. Dieser erklärte dies zwar für unnöthig, da seine Ansichten Jedermann in seinen Schriften vor Augen lägen, aber man fand dies zu »weitläuftig« und verlangte ein Glaubensbekenntniß in aller Kürze, das aber nicht durch den Druck veröffentlicht werden sollte. Edelmann überreichte dies, wie er sagt, am 14. Sept. 1745 der hohen Obrigkeit und gelobte, es weder jemand abschriftlich mitzutheilen noch sonst unter die Leute zu verbreiten. Dies Versprechen, behauptet Edelmann, so streng gehalten zu haben, daß auch seine besten Freunde es nicht zu sehen bekamen. Allein die Gegner waren nicht so gewissenhaft und weil die Abschriften alle Tage schlimmer wurden, so glaubte Edelm. es sich selbst schuldig zu seyn, das Glaubensbekenntniß in seiner wahren Gestalt und zwar mit ausführlichen Anmerkungen herauszugeben. Dies geschah 1746. Edelm. sah sich in Folge dessen veranlaßt, Neuwied zu verlassen und sich eine Zeitlang verborgen zu halten, denn es wurden das Glaubensbekenntniß nebst dem Moses mit aufgedecktem Angesicht, wozu später noch die Epistel St. Harenbergs kam, als gottlose Schriften verboten und confiscirt und Edelm. mußte selbst fürchten persönlich vom Kaiserlichen Fiscal belangt zu werden, obgleich das wie alle Reichssachen einen langsamen Gang ging und das Decret erst 1750 zum Vorschein kam. Das Decret ward in Frankfurt a.M. durch öffentliche Verbrennung unter großen Solennitäten vollzogen. Bis zum Ende dieses 1746 Jahres hielt Edelm. sich bei mehreren seiner Freunde in verschiedenen Ländern auf, nahm die Richtung nach Norddeutschland und hat wohl schon gleich sein Auge auf Altona gerichtet.[439]  Aus Edelm. Schrift, das Evangelium St. Harenbergs genannt, wissen wir, daß er sich in Liebenburg, einem Hildesheimischen Orte unweit Goslar 2 Nächte und anderthalb Tage aufgehalten hat, und zwar bei der Sand'schen Familie, deren Haupt auch Dippel beherbergt und den Edelm. einen redlichen, nunmehro in Gott ruhenden Bruder nennt. Darauf treffen wir Edelm. im Braunschweigischen an, wo er nach dem von Pratje mitgetheilten Briefe des Past. Wolff vielen Anhang hatte, der sich aber des Hofes wegen heimlich halten mußte. In den Anmerkungen zu Pratje heißt es, daß Edelm. weder dort in Braunschweig, noch überhaupt einen Anhang habe, weil er kein Oberhaupt einer Kirche oder Secte seyn wolle, sondern seinen Freunden, deren er nicht viel über ein Dutzend haben möchte, alle Freiheit im Denken lasse. Dieses Dutzend Freunde bezieht sich offenbar auf die Uebereinstimmung in den Ansichten, da sie der Gemeinschaft der Gläubigen gegenüber gestellt werden; persönliche Freunde wie Br. Langenmeyer hat Edelm. mehere gehabt. Von Braunschweig reiste er durch das Holsteinische nach Glückstadt. Dazu heißt es in den Anmerkungen bei Pratje p. 33. »In Glückstadt ist Er nie gewesen, sondern weil Er sich in der Stadt, in welcher Er sich damahls befand, wie er das Evang. St. Harenb. schrieb, mitten unter seinen Feinden, in glücklichen Umständen befand, so nannte Er diesen Ort Glückstadt.« Hiernach kann unter Glückstadt entweder Altona oder Hamburg verstanden werden. Es möchte sich zwar zwischen beyden nicht ganz bestimmt entscheiden lassen, doch spricht für Altona, daß wir wissen, er habe dort wenigstens um Ostern seine Herberge, wie er es nennt, gehabt, ferner daß der Verfasser der Anmerkungen zu Pratje dessen Angabe, Edelmann sey von Glückstadt nach Altona gekommen, als falsch unterstreicht, endlich daß Edelmann, so oft er auch in seiner Autobiographie Hamburg nennt, doch nie sagt, daß er dortge lebt habe; auch findet sich keine Spur von einem Freunde, bey dem er der Tradition zufolge gewohnt haben sollte. Dagegen scheint er freilich häufig von Altona nach Hamburg gekommen zu seyn. Von seinem Aufenthalt in dieser Gegend sagt der Hamburger Senior Friedr. Wagner in seiner Schrift »die Wahrheit und Göttlichkeit der h. Schrift etc. 1748.«: »Zwar ging hier im vorigen Sommer die Rede, daß er (Edelmann) sich in unserer Nachbarschaft in Altona aufhielte, wobey man endlich leicht vermuthen konnte, daß er sich auch bisweilen in unserer Stadt herumschleichen würde; Jedoch ward man übrigens hier nichts von ihm gewahr, bis er selber nun hinterher in seinem sogenannten Evangelium St. Harenbergs angeführt, daß er unsern großen Brockes nach[440]  seinem seligen Ableben mit in seine Gruft begleiten helfen, und also im Anfange vorigen Jahres im Januar mußte hier gewesen seyn, davon vorhin niemand nur etwas gewußt.«
Als Wohnsitz wußte sich Edelmann auch immer einen solchen Ort auszusuchen, wo Sectenfreiheit Statt fand und die Hamburger Orthodoxie mag er wohl von Anfang an gescheuet haben, obgleich auch hier der Geist des Unglaubens sich regte, der dann freilich nicht eben auf liebevolle Weise besiegt ward. So erzählt Edelmann in der noch ungedruckten andern Epist. St. Harenbergs p. 33. indem er sich aufhält über einen Gott in der Wiege, einen jungen Gott, einen wachsenden Gott etc.: »denn Sie dürfen nur des Hrn. Erdmann Neumeisters nöthige und treugemeinte Erinnerung an die werthe Gemeine zu St. Jacob nachschlagen, die Er Anno 1744 zur Vertheidigung seiner, am ersten Sonntage nach Epiphanias in Hamburg gehaltenen Predigt herauszugeben genöthiget worden: Da werden Sie diese schönen Sächelchen alle beysammen antreffen, und zugleich aus des Hrn. Neumeisters eigenem Munde gleich p. 1. vernehmen, daß sich verschiedene nachdenkende Gemüther seiner Gemeinde, die Er zwar von Amtswegen naseweise Richter, verläumderische Mäuler, alberne Stümper, und dergleichen nennet, dergestalt an dieser seiner Predigt geärgert, daß sie sich nicht eben enthalten können, öffentlich zu sagen: Er habe Gotteslästerlich gepredigt und gräuliche Dinge vorgebracht, ja wohl gar Vier Götter gelehret. Er hätte sich nun selbst zum Ketzer gemacht, und möchte andere nur zufrieden laßen.« Dieser antiorthodoxen Richtung, moralischen Bestrebungen nachgehend, fern von jeder entschiedenen christlichen Färbung folgten die Zeitschrift »der Patriot«, ferner die Dichter Brockes, Hagedorn und Richey, doch waren diese so fern von jedem Angriff auf die Orthodoxie, daß die Differenz damals nicht einmal bemerkt ward, so daß, als Edelmann sich auf Brockes berief, dies als eine Entstellung angesehen und bekämpft ward. Von der Obrigkeit in Hamburg wurde schon 1747 am 27. Januar, also in der Zeit als Edelmann sich in dieser Gegend aufhielt, nach dem Protocoll des Ministeriums Edelmanns Glaubensbekenntniß confiscirt und bei 100 Thaler Strafe verboten, ein Exemplar davon zu verkaufen. Noch in demselben Jahre am 13. März wurde den Zeitungsschreibern bei Verlust ihres Privilegii, auch anderen willkürlichen Strafen anbefohlen, sich in Artikeln von gelehrten Sachen der Recensirung ärgerlicher, zumal wider die christliche Religion lautender Bücher gänzlich zu enthalten. Auch die Prediger in Hamburg suchten auf den Kanzeln und in ihren Schriften die Glieder ihrer Gemeinden vor Verführung durch Edelmann zu schützen.[441]  Einer der ersten scheint Joh. Heinr. Schubart, Archidiaconus zu St. Michaelis gewesen zu seyn. Unter dessen 3 letzten Predigten, die Neumeister herausgab, handelte die 2te von dem göttlichen Beistande wider die Versuchungen unserer geistlichen Feinde. Neumeister nimmt in der vom 12. Mai 1747 datirten Vorrede Gelegenheit nachdrücklicher gegen Edelmann zu warnen, weil auch er wisse, wie einzelne Gemeindeglieder Anstoß an seinen Schriften genommen, er erwähnt, daß Einer, von Edelmann veranlaßt, ihm seine Zweifel gegen die im Buch Hiob über Gott ausgesprochenen Ansichten mitgetheilt habe, die er zu beseitigen sucht. Hier heißt p. 4. »Ich habe wohl Dippeln aus billigem Eifer den Erstgebohrnen des Satans genannt; Wiewohl im Vergleich mit diesem eingefleischten Teufel konnte er wohl ein Engel heißen;« und p. 6. »da ich dieses schreibe, ist mein Vorsatz gar nicht, den unseligen Edelmann zu widerlegen. Es würde auch vergebliche Arbeit seyn, da er die Göttlichkeit der heil. Schrift schlechterdings läugnet. Denn womit könnte ihm sonst das Maul gestopfet werden? Und ob man ihn gleich überzeugete, welcher Gestalt er ihm selber vielfältig widerspräche, was würde es bey den durchaus verstockten und zur Verlästerung der Göttlichen Wahrheit ganz verkauften Menschen fruchten? Ich überlasse ihn demnach dem gerechten Gerichte des langmüthigen Gottes, weil ihm noch kein Lästerer entronnen ist. Kan er noch bekehret werden, will ichs ihm von Hertzen wünschen«13.
Edelmann stand übrigens mit Neumeister noch in besondern Beziehungen. Schon oben in der Autobiographie ist auf einen Brief Edelmanns an Neumeister hingewiesen; in der so eben angeführten Stelle aus der andern Epistel St. Harenbergs p. 34. heißt es unmittelbar darauf: »Anstatt daß nun der ehrliche Mann (Neumeister), den ich als einen alten Freund meiner seligen Eltern aufrichtig liebe, und in seinem Theil vor redlicher halte, als alle pietistischen Heuchler, ein dergleichen in der That gegebenes Aergerniß hätte erkennen und seiner lieben Gemeine dieserwegen öffentlich Abbitte thun sollen, fällt er durch diese seine sogenannte treu gemeinte, aber in der That schlecht überlegte Erinnerung immer tiefer in den Irrthum etc.«
Zu Edelmanns Freunden in Hamburg gehörte außer jenem in der Autobiographie Theil II. § 206. von ihm sogenannten Br. Fructuosus, auf dessen Brief vom 13. Sept. 1738 Edelmanns Schrift »die Göttlichkeit der Vernunft« vom 25. Septemb. 1738 die Antwort enthält, dessen wahren Namen wir aber nicht wissen, der darmstädtische[442]  Hofrath R.J. Fr. Schmidt, Dr. Med., der in seinem Alter in Hamburg gelebt hat und dessen Vermächtniß an die Stadt-Bibliothek Hr. Professor Petersen in seiner Geschichte derselben anführt. Wir haben auch diesen Hofrath Schmidt schon oben kennen gelernt Theil II § 181.
Fußnoten

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1 Das Bruchstück vom 3ten Theil der Lebensbeschreibung findet sich zwischen mehreren Aufsätzen Edelmanns und zwar ohne Ueberschrift, nur einige leere Seiten vor dem Anfange steht unten: 3ter Theil.

2 Der Herr Hofrath v. Loen hat ein Urtheil über Edelmanns Glaubensbekenntniß gedruckt. Der Inhalt dieses Urtheils sagt Pratje (193, rectius 209) ist: »Edelmann bringt nichts neues vor, und redet von Christo und seiner Religion so verächtlich, daß er nicht wehrt ist in einer wohlbestalten christlichen Republik geduldet zu werden.« Dazu fügen die handschriftl. Anmerk. hinzu: »Der Hr. von Loen, der sonst in seinen Schriften so viel von der Liebe und Tragsamkeit zu schwatzen weiß, scheint sein Bedencken über Edelmanns Glaubensbekenntniß gantz ohne Bedencken gegeben zu haben, denn Er hat sich am aller unholdesten und unverträglichsten gegen E. aufgeführet, und sein unbedachtsames Urtheil über Ihn, wird durch den öffentlichen vierjährigen Aufenthalt Edelmanns, in einer wohlbestalten christlichen Republick, vor den Augen aller billigen und vernünftigen Menschen dergestalt zu Schanden gemacht, daß Er was großes darum schuldig seyn sollte, wenn Er es wieder zurücknehmen konnte.

3 Die handschriftl. Anmerk. bei Pratje p. 208 sagen: »Das Bedencken der dreyen Politicorum über E. Glaubensbekenntniß hat E. längst beantwortet und würde es dem Druck auch längst übergeben haben, wenn Ihm nicht wäre verboten worden, sich weiter in Schriften gegen seine Herren Gegner zu wehren etc.« Edelmann durfte in Berlin nichts drucken laßen. Einer der 3 Politici ist Herr von Loen.

4 Nach S.I. Baumgarten Nachrichten von merkwürdigen Büchern Bd. I. p. 115. versteht Lilienthal Theolog. Bibliothek Bd. I.p. 342 darunter das Buch: the world unmasked die entlarvte Welt, Andere verstehen darunter das système des anciens etc. und diese letztere Ansicht ist die richtigere. Das Werk wird von Einigen der Maria Huber, von Andern dem Franz Ludw. Muralt zugeschrieben. Diese XIV lettres sind ins Deutsche übersetzt und herausgegeben zu Helmstedt 1748.

5 Soll heißen verkauft sey.

6 Das verschweigt Edelm. daß dem Christen der heilige Geist zu Theil wird, der ihn heiligt, das Verdienst fällt freilich weg.

7 Tacit. Ann. XV. 44.

8 Auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es beßer mit ihnen werden.

9 Apocal. 7, 4 aus der Epistel aller Heiligen. »Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: 144,000, die versiegelt waren von den Geschlechtern der Kinder Israel.

10 Regnum Ivetotii war ein kleines freies Ländchen in der Normandie Dep. der untern Seine, aus 17 Kirchspielen bestehend, es gehörte seit 1711 dem Hause Albon Forgeau, die Besitzer nannten sich Prinzen von Ivetot, früher sollen sie Könige gewesen seyn.

11 Es ist der Dr. Kunad, bei dem sich später Edelm. in Altona aufhielt. Der Vater Andreas Kunad war General-Superintendent in Eisleben und starb 72 Jahr alt in Eisleben 1746.

12 Hier bricht die Autobiographie Edelmanns ab. Ich werde die übrigen Begebenheiten seines Lebens, so viel wir davon wissen, dem Leser aus einem Vortrage mittheilen, den Hr. Prof. Petersen hier in Hamburg vor einiger Zeit gehalten und mir gütigst zur Benutzung überlassen hat. Ich habe nur den ersten Abschnitt in Bezug auf die Form verändert, da die verschiedenen Verhältnisse des Aufsatzes zu dieser Biographie auch eine verschiedene Stellung verlangten, das Material aber auch dieser Periode verdanken wir dem Hrn. Prof. Petersen

13 cf. Hamburger Berichte 1747. Nr. 41 p. 321.




Edelmanns Aufenthalt in Altona










[443] Noch ehe Edelmann sein Evangelium St. Harenbergs (datirt den 7. April 1747 zu Glückstadt; es ist gerichtet gegen eine Lebensbeschreibung Edelmanns in der gelehrten Altonaer Zeitung No. 18 p. 141 und so betitelt, weil er jenen Aufsatz einem Schul-Probsten Harenberg in Braunschweig zuschrieb) herausgegeben hatte, erschien das in jener Lebensbeschreibung der Altonaer gelehrten Zeitung angekündigte Buch des Probsten Joh. Christoph Harenberg: »Die gerettete Religion oder gründliche Widerlegung des Glaubensbekenntnisses, welches Joh. Chr. Edelmann in kleiner und hernach in weitläufiger und erläuterter Form vernünftigen Gemüthern vorzulegen ihm unterstanden. Braunschweig und Hildesheim 1747.« Er erklärte sich deßhalb in einer Nachschrift, jedoch nur kurz gegen dies Buch und versprach eine ausführliche Widerlegung. Diese begann er noch in demselben Jahr unter dem Titel: die erste Epistel St. Harenbergs. Daß diese Epistel, datirt A. den 31. Juli 1747 in Altona geschrieben sey, ist nicht zweifelhaft, weil in den Anmerkungen zum Pratje, die jede Kleinigkeit rügen, hier nicht widersprochen wird. Damit stimmt auch die ausführliche Darstellung der Beziehungen Edelmanns zu Altona in »Joh. Ad. Bolten historische Nachrichten von der Stadt Altona und deren verschiedenen Religionsparteien Altona 1791.« Bd. 2 p. 116 u. ff. Bolten schreibt »Er hielt sich in dieser Stadt bey einem großen Verehrer seiner Meynungen, dem Doctor der Medicin Gottfried Polycarp Kunad, welcher hier bereits vorher als ein Lästerer der Religion in Anspruch genommen war, auf,« und über diesen heißt es in den Anmerkungen: »Dieser D. Kunad war auch ein Freund und fleißiger Zuhörer von dem jungen Separatisten Ludovici, welcher der Zeit die Predigten der Dompelaers-Kirche hielt. Mit dem Schwedischen Separatisten Sägerholm hatte derselbe ebenfalls Bekanntschaft. Er ist hier 1755 am 12. Juli in einem Alter von 48 Jahren gestorben.«
Von Edelmanns Aufenthalt in Altona theilt Bolten nach der[443]  handschriftlichen Nachricht eines Augenzeugen mit: »Ich bin mit diesem Joh. Chr. Edelmann einige Monate in einem Hause und Tische gewesen. Er war ein Melancholico-cholericus und damals schon über 46 Jahr alt, von mittelmäßiger Größe, vollem Gesicht und steifen Zügen, hatte schon viel graue Haare, studirete fleißig und meist ganz entkleidet und doch rann ihm der Schweiß vom Gesicht. Er ging niedrig gekleidet, meist ernsthafter Miene. Er und sein Hauswirth, der Dr. Medicinae und ein sehr glücklicher Practikus in Altona war, discurirten bey jeder Mahlzeit über ihr Glaubens-System. Sie waren doch auch oft uneinig und am meisten darüber, daß sie nicht gleich gesinnt waren, wie es mit ihrem Körper nach dem Ableben solle gehalten werden. Einer verlangte, gleich verbrannt und der andere mit ungelöschtem Kalk umgeschüttet zu werden, damit der Körper geschwind wieder ins vorige Nichts zurückkehrete. Sie hatten an der Regierung Gottes auszusetzen, daß, da sie schon oftmalen in der Welt gewesen, ihnen nicht mehr bekannt wären die Vortheile, die hier durch Schaden und Nachtheil erlangt werden, um nicht jedesmal an ein und derselben Klippe zu scheitern. Keiner von ihnen hat mich jemalen angemahnet, mit ihnen gleich zu denken, wohl aber gab mir Edelmann sein Buch: Moses mit aufgedecktem Angesicht zu lesen. Am meisten satyrisirten sie über das, was ich ihnen aus Neumeisters Predigten sagte. Endlich ging Edelmann selbst mit mir in dessen Predigt. Wir nahmen den nächsten Stand der Kanzel gegenüber. Herr Neumeister sah steif auf uns und weil er mich kannte, ließ er mich einige Tage darnach rufen. Edelmann hatte sich nicht anders als Licentiat Kunad genannt. Wen hatten Sie bey sich? frug Neumeister. Ich nannte ihn Kunad. Was, sagte er, dieser ist Edelmann, der Religionsspötter. Auf des Predigers Zureden verließ ich Altona. Es währte nicht lange, so wurde Edelmann von den Reepschlägers-Jungen und Knechten, die zwischen Altona und Hamburg arbeiten, sehr verhöhnt und dermaßen scheu gemachet, daß er seine Briefe, die er gewohnt war, alle Zeit selbst von Hamburg zu hohlen, auf dem Wege dahin nicht sodern konnte. Endlich wurde das Geschrei allgemein, daß er sich gar nicht mehr getrauete und von Altona nach Berlin ging.« Pratje und mit ihm die Acta ecclesiastica und Bolten setzen hinzu, daß er zuletzt bloß des Abends von den benachbarten Dörfern, wo er die Tage zubrachte, zu seinem obgedachten Patron und andern altonaischen Brüdern zu kommen wagte. Bolten theilt endlich noch von seinem Einfluß auf Altona folgende interessante Notiz mit aus dem 1748 von dem damaligen Probst an den[444]  König über das dasige Religionswesen abgestatteten Bericht: »Hier findet sich schon eine Gesellschaft, die wohl ein paarmal in der Woche zusammenkömmt, des Edelmanns gottlose Schriften mit einander zu lesen, und wenn einer noch ein Dubium dabey hat, sollen sie solches von dem Stuhr, der auch das Abendmahl ein Teufelsmahl nannte und deßwegen vor 2 Jahren ins Zuchthaus gesetz ward, auflösen und benehmen lassen. Allein, setzt Bolten hinzu, es nahm hier mit dieser Gesellschaft ein baldiges Ende.« Ich bemerke nur, daß die Beziehung von Edelmanns Freunden zu diesem Stuhr mehr als unwahrscheinlich ist, da nach einem bei Bolten in den Anmerkungen abgedruckten Briefe desselben er zwar die Kirche und die Orthodoxie bekämpfte, aber aus der heiligen Schrift, deren Autorität er also bestehen ließ. Fast möchte man in diesem Stuhr einen Mann erkennen, mit dem Edelmann früher schon in Verbindung gestanden, den er aber nicht von seinen Ansichten überzeugen konnte, obgleich er bei seinem Aufenthalt in Altona die Beziehungen zu ihm erneuerte; so daß dieser Stuhr durch den Bruder Fidicen bezeichnet wäre, der in der Autobiographie Theil II § 218 erwähnt wird. Hier bezieht sich Edelmann auf die der Göttlichkeit der Vernunft No. 2 und 3 angehängte Antwort auf Herrn F. Brief de dato Altona 28. Febr. 1740 und 13. April 1740.



Edelmanns Aufenthalt in Berlin.










[445] Pratje berichtet, Edelmann sey nun erst nach Neuwied gegangen, um seine Sachen zu holen, wie er denn auch in dem Evangelium St. Harenbergs Neuwied mehr noch als seinen eigentlichen Sitz und seine Wohnung angiebt. Die Anmerkungen aber behaupten, »Edelmann ist, nachdem er Neuwied einmal verlassen hatte, nie wieder dahin zurückgekommen, viel weniger hat er seine Sachen von da abgeholt, am wenigsten hat er sich zur selbigen Zeit um den Reichsfiscal bekümmert. Dagegen bestätigen die Anmerkungen seinen Aufenthalt in Berlin mit den Worten: »Nach Berlin aber wurde er berufen. Seine Ankunft war wenigen gehörnten Köpfen daselbst gar nicht anständig.« Seine Wohnung hatte er bei seinem Br. Benignus, dem Kaufmann Pinell in der Brüderstraße in Cölln. Von seinem Aufenthalte in Berlin erzählt Pratje: »Da nun dem Probsten Süßmilch bekannt wurde, daß Edelm. gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft zu Berlin sich geschäftig bewies, seine Lehren zu[445]  verbreiten, und wirklich manches Gemüth verwirrt habe, so achtete er es nicht nur für nöthig, seine Gemeine öffentlich vor den Verführungen dieses bösen Menschen zu warnen, welches er denn auch Dom. 21 p. Trinit. (d.i. Ende October) that, sondern er fertigte auch eine kleine Schrift wider ihn aus, darin er zeigte, wie niederträchtig Edelmann von dem obrigkeitlichen Stande gedächte, redete und schriebe, und wie leicht seine Sätze Widerspenstigkeit und Rebellion bey den Unterthanen veranlassen könnten. Diese Schrift hatte den Titel: »Edelmanns Unvernunft und Bosheit aus seiner Vorstellung des obrigkeitlichen Amtes aus seinem Moses dargethan und zu aller Menschen Warnung vor Augen gesetzt. Berlin 1747.« Die Schrift enthält eine Stelle aus dem Moses mit aufgedecktem Angesicht 3. Anblick, wo Edelmann Voltaire angreift wegen seines schmeichlerischen Lobgedichtes auf Friedrich II; also auch dieses Gegners der Bibel und der Geistlichkeit schonte er nicht, weil er selbstsüchtige Absichten bei seiner Schmeichelei zu entdecken glaubte. Der Angriff des Probsten, der nur beabsichtigte, den König gegen ihn einzunehmen, hatte den gewünschten Erfolg nicht, indem die Obrigkeit wie der König ihn in Ruhe ließen, und gab Edelmann Veranlassung sich zu vertheidigen in der Schrift »Joh. Chr. Edelmanns Danksagungsschreiben an den Hrn. Probsten Süßmilch vor dessen ihm unwissend erzeigten Dienst. 1747.« Edelmann tadelt hier selbst seine frühere Heftigkeit und wirft seinem Gegner Falschheit vor, weil er ihn wegen früherer Schriften angreife, von denen er sich in seinen späteren losgesagt habe. Die Anmerkungen berichten über den Erfolg dieser Schrift also: »Außer dem allgemeinen Beifall, den es bei Hohen und Niedrigen fand, hemmte es nicht nur den Lauf mehrgedachter Unvernunft und Boßheit auf einmahl, sondern es brachte auch dem Edelmann mehr Freunde zu wege, als Feinde der Herr Probst demselben durch seine Unvernunft und Boßheit zu erwecken gedacht. Das rühmlichste bei diesem ganzen Handel war, daß er sich auf Gott und seine gerechte Sache verlassend, vor seinen Feinden nicht verkroch, sondern standhaft vor ihren Augen stehen blieb und Berlin nicht eher verließ als biß Er nichts mehr zu besorgen hatte.«

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In Beziehung auf den Vorwurf Pratjes, daß Edelmann sich gleich in den ersten Tagen in Berlin geschäftig bewies seine Lehren zu verbreiten, bemerken die Anmerkungen: »Wenn Edelmann ein Apostel gewesen wäre, so hätte es seyn können, daß Er sich gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft so geschäftig bewiesen hätte, seine Träume auch andern zu erzählen und in diesem Falle würde Ihn kein Vernünftiger bedauert haben, wenn er sich einen[446]  Apostolischen Staup-Besen zu Wege gebracht hätte. So aber ist wohl in der gantzen Schrift des Hrn. Pratje keine ungegründetere und unglücklicher erdichtete Nachricht, als das Vorgeben von der Jüngermacherei des E. Denn es ist seinen annoch lebenden Freunden (deren Redlichkeit zum wenigsten nicht nöthig hat, sich hinter den heiligen Geist verstecken zu lassen, wenn sie wollen, daß ihnen geglaubt werden soll) noch gar zu gut erinnerlich, daß Er über 2 Monath, in 2 verschiedenen Quartieren in Berlin in der großten Eingezogenheit und Stille gelebt, ehe ihm sein gutes Glück den Hrn. Probsten S. zum Nachbar bescheret. Und vielleicht würden auf den heutigen Tag noch die wenigsten Leute in Berlin wissen, ob ein Mann in der Welt sey, der E. heißt, wenn sich der Herr Probst nicht zu seinem Herold hätte müssen gebrauchen lassen. Damahls hätte Er erst Gelegenheit gehabt, Jünger zu machen, wenn er jemals hätte welche machen wollen. Denn das Ansehen des Hrn. Probsten brachte ihm (durch die nachdrückliche Recommendation, die er ihm umsonst ertheilete) in und außerhalb Berlin soviel Bekanntschaft und Besuch zu wege, daß er um allein zu seyn, und seiner beliebten Stille zu genießen, sich oft verschließen u. verläugnen lassen mußte. Wenn es der Hr. Probst bey der ersten mündlichen Recommendation hätte können bewenden lassen, so würde sich E. vielleicht auch nur mündlich bey ihm bedankt haben: Er war aber so gütig, und suchte ihn auch schriftlich zu recommendiren, worauf sich E. ohne unhöflich zu seyn, nicht wohl entbrechen konnte, Ihm auch schriftlich zu danken. Diß Danksagungsschreiben ging in ein Paar Tagen reißend ab, ohne im mindesten verboten zu werden. Hingegen des Hrn. Probst bekannte Unvernunft und Boßheit verbot sich in Kurtzen selber und man weiß von guter Hand, daß dem Verleger noch die meisten Exemplare über dem Halse liegen.« – Ob das Verbot an Edelmann, irgend eine Schrift während seines Aufenthalts in Berlin drucken zu lassen, jetzt nach diesem Danksagungsschreiben ergangen, oder erst bey dem 2ten Aufenthalte Edelm. in Berlin als Bedingung gestellt ist, muß wohl unentschieden bleiben. Für jetzt erschienen 2 Gegenschriften gegen ihn, die erste heißt: »Edelmann mit aufgedecktem Angesicht oder Nachricht von Edelmanns Aufenthalt in Berlin.« Die Anmerkungen sagen darüber: »Jedermann verachtete diese ärgerlichen Bemühungen, indem E. sein Angesicht als ein ehrlicher Mann zu allen Zeiten öffentlich sehen ließ, und noch nie im Sinne gehabt hatte, eine heilte Decke vorzunehmen.« Eine andere Schrift in Form eines Briefes führt den Titel »Zuverlässige Nachricht von des Herrn Edelmanns Aufenthalt in Berlin.[447]  Frankfurt und Leipzig 1747.« Der Verf. nimmt den Schein eines Vertheidigers an, und erzählt wie Edelm. nach Berlin gekommen um sich von einem Schwindel durch einen dortigen Arzt curiren zu lassen; wie der Arzt ihm eine Arzenei gegeben welche den Parorysmus steigerte und eine Platzung der glandula pinealis bewirkte, worauf Edelm. als Don Quirote, der Arzt als Sancho Pansa mit vielen andern angesteckten Leuten zum Spandauer Thor hinauszogen und gegen einen Eichbaum und einen Haufen Bretter, als sey es ein Geistlicher und die Bibel, kämpften. Der Brief ist Berlin den 8ten November 1747 unterzeichnet und ein Anhang spricht schon von Edelm. Vertheidigung gegen Süßmilch (denn so soll es offenbar statt des dort befindlichen Harenbergs heißen), als sey er etwas wieder zu Verstand gekommen. Ernster ist die Sache gefaßt, wenn auch durchaus populär in der Schrift: »Vernünftige und gründliche Widerlegung der ärgerlichen Schriften des berüchtigten Joh. Chr. Edelmann, verfertigt von Christ. Immanuel Reinwolle, Jetzo Königl. Preußisch. Accise-Beamten und ehemaligen Rabbi unter den Juden. Frankf. und Leipzig 1747.« Der Verf. der Anmerk. zu Pratje nennt ihn Visitator und bemerkt, jedermann in Berlin wisse, daß hinter diesem Namen ein Prediger in Berlin verborgen sey, dessen Dudelsack Reinwolle hätte abgeben müssen. Dagegen erschien von einem Ungenannten: »Prüfung der so betitelten vernünftigen und gründlichen Widerlegung etc. Leipzig 1747« Dieser Verf. vertheidigte die von Edelm. behauptete Ewigkeit der Welt, ferner stimmte er Edelm. bey in seinen Einwendungen gegen die Gottheit Christi, sonst theilte er seine Ansichten nicht überall, besonders nicht über den Ursprung der heiligen Schrift. Bald darauf erschien »2te vernünftige und gründliche Widerlegung von Reinwolle.« In dieser Schrift bestritt Reinwolle Edelmanns Vorstellung von Gott, die aus jüdischen Schriften hergenommenen Gründe gegen das Christenthum und vertheidigte Moses und Christus gegen den Vorwurf des Betruges. Auf diese Streitigkeiten bezieht sich eine Vertheidigung Edelmanns, die ohne Druckort 1747 erschien unter dem Titel: »Freie, doch unmasgebliche Gedanken und Erinnerungen über die bisherigen Streitschriften wieder den Herrn Edelmann, ihm und seinen Gegner zur Ueberlegung und der vernünftigen Welt zur Beurtheilung vorgelegt, von einigen unpartheiischen Liebhabern der reinen Wahrheit.« Obgleich der oder die Verfasser den Schein der Unparteilichkeit annahmen, tadeln oder entschuldigen sie doch an Edelm. nichts andres, als die Heftigkeit, die Unziemlichkeit des Ausdrucks, so wie daß er sich zu sehr in philosophische Speculationen eingelassen habe, sonst besonders[448]  in seiner Bekämpfung der heil. Schrift und der orthodoxen Lehren wird ihm völlig beigestimmt.



Edelmanns 2ter Aufenthalt in der Gegend von Hamburg.










[449] Wo Edelmann sich im Jahr 1748 aufgehalten mit Sicherheit zu bestimmen, ist mir so wenig gelungen, als wodurch und wann er veranlaßt sey, Berlin zu verlassen.1 Er scheint jedoch wenigstens gewöhnlich in der Nähe von Hamburg bei Freunden sich aufgehalten zu haben. Seine im Jahr 1748 und 1749 geschriebenen und gedruckten Arbeiten sind M. unterzeichnet. Die Acta ecclesiastica XVIII p. 967 geben aus Walpurgens cosmotheologischen Betrachtungen p. 465 an, daß Edelmann 1749 sich zu Waldheim aufgehalten habe. Gewiß ist es jedoch, daß wir ihn 1749 in Hamburg wieder finden und daß er noch in demselben Jahr in Berlin einen bleibenden Aufenthalt nahm. Bevor wir jedoch sein Leben weiter verfolgen sind die Streitschriften des Jahres 1748 zu erwähnen, denn in diesem Jahr scheint die Theilnahme am weitesten verbreitet gewesen zu seyn. Zunächst erschien des hiesigen Seniors Fr. Wagner Schrift: die Wahrheit und Göttlichkeit der heil. Schrift und christl. Religion wider J. Chr. Edelmanns vornehmste Getichte und Einwürfe durch Beleuchtung eines einigen Hauptspruches der h. Schrift vorläufig gerettet. Das Buch erschien in drei Abtheilungen 1748 und 1749. Eine an dere Schrift, ebenfalls von einem Hamburger, ist: Die Nichtigkeit der Gründe, womit der Antichrist jetziger Zeiten J. Chr. Edelmann seinen Irrthum, daß Jesus nicht eigentlich der Sohn Gottes sei, zu schmücken sucht, von M. Chr. Ziegra. Hamburg 1748. Wichtiger war eine Schrift, welche in Wittenberg erschien: Joh. Georg Pfotenhauers Vollständige Widerlegung des Edelmannschen Glaubensbekenntnisses, worin zugleich eine französische freidenkerische Schrift, die unter 2 Titeln bekannt gewesen, untersucht und beurtheilt wird. Diese französische Schrift ist des Varenne La vraie religion, demonstrée par l'ecriture sainte, traduite de l'Anglois de Gilbert Burnet à Londres 1745 oder Examen de la religion – attribué a Mr. de St. Evremont. Pfotenhauer sucht[449]  nämlich auch die Entstellung und den Mißbrauch mit den angeführten Quellen nachzuweisen.
Edelmann beschäftigte sich indessen auch ernstlich mit seiner Vertheidigung, und arbeitete zunächst die andere Epistel St. Harenbergs aus, eine Widerlegung des 2ten Theiles der geretteten Religion vom Probsten Harenberg. Die Epistel ist eine fortgesetzte, Erläuterung und Vertheidigung seiner pantheistischen Lehre. Edelmann erklärt ausdrücklich, daß er nur den ersten Theil Harenbergs, der 15 Briefe enthielt, gelesen (der 2te, der 1748 erschien, enthielt noch 30 Briefe) und sich auf Beantwortung der übrigen nicht einlassen werde. Doch fügt er noch eine kurze Beurtheilung aller Hauptgegner hinzu, sowie Aeußerungen einiger Freunde. Diese ist datirt M.d. 3ten October 1748, aber nie gedruckt. Die Anmerk. zu Pratje p. 195 (211) bemerken: »Es würde auch dessen Antwort auf seinen 2ten Brief schon in Druck erschienen seyn, wenn Er sich noch so gestellet fände, daß Ihm die Wespen, in deren Nest Er gestöhret, nicht um den Kopf schwärmen könnten.« Es folgt bei der andern Epist. an St. Harenberg ein P.S., unterschrieben Finis d. 22. Septemb. Anno 1756: Dies Datum kann sich aber nur auf die Abschrift beziehen, denn der Anhang zeigt, daß es unmittelbar nach der Epistel selbst abgefaßt ist. Das P.S. bezieht sich nämlich auf eine Recension seiner ersten Epistel St. Harenbergs, die in No. 83 der Hamburg. Berichte von gelehrten Sachen d. 18. Octob. 1748, W. unterzeichnet, erschienen war. Edelmann schreibt sie dem Senior Wagner zu.

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Im Jahr 1749 machten in Hamburg die Anhänger oder Freunde Edelmanns ihrem Zorn auf eine Weise Luft, die das Einschreiten der weltlichen Macht zur Folge hatte. In der Neuen Gelehrten Zeitung, die mit dem Jahr 1749 von Altona nach Hamburg verpflanzt und vom Rector Strodtmann in Harburg redigirt ward, erschien in No. 58 und 59 eine Anzeige vom Tode Edelmanns nebst Deutschen und Lateinischen Lobgedichten auf ihn, in welchen die Religion und Geistlichkeit, auch einzelne Geistliche so heftig angegriffen wurden, daß sich der Senat veranlaßt sah, jene beiden Nummern öffentlich verbrennen zu lassen durch Henkers Hand auf dem ehrlosen Block, die Zeitung zu verbieten und, weil der Redacteur in Harburg lebte, der Hannoverschen Regierung davon die Anzeige zu machen. Das am 16. August publicirte Decret lautet: Notification: »Demnach in dem 58. und 59. Stücke der zu Anfang dieses Jahres hieselbst herausgekommenen neuen gelehrten Zeitungen, respective p. 461–464 und 468–472 bei Gelegenheit des angeblich verstorbenen Joh. Chr. Edelmanns ein Schreiben nebst 4 theils lateinischen theils deutschen[450]  Gedichten enthalten ist: in welchen allen nicht nur viele rechtschaffene Theologen aufs freventlichste verunglimpfet und angegriffen, sondern auch die größesten und abscheulichsten Gotteslästerungen und Religions-Spöttereyen mit der ersinnlichsten Ruchlosigkeit ausgestreuet: solchergestalt aber die kundbaren Reichsgesetze, wie nicht weniger die allhier zum öfteren wiederholeten und geschärften Verordnungen und Mandate höchst sträfflich gekränket worden sind: als hat E. hochedler Rath keinen Umgang nehmen wollen, obberührte 2 Stücke wegen der gedachtermaaßen darin befindlichen ärgerlichen Ausdrücke, für die gräulichsten Schmäh- und Lästerschriften hiermit öffentlich zu erklären und selbige des Endes den bösartigen Verfassern zu immerwährender Schande durch den Frohn auf dem ehrlosen Blocke verbrennen zu lassen. Decretum in Senatu Hamburg. den 15. Aug. 1749.
Die Nachricht von Edelm. Tode nebst den Gedichten soll gleichzeitig in dem Beitrage zu den Erlangschen gelehrten Anmerk. XXXV Woche p. 542 u. ff. 1749, auch durch Hrn. Simonetti wie ein Phönir aus der Asche im 70sten Stück der Berlinischen wöchentlichen Berichte von 1749 und zum Theil einige Tage nach der Verbrennung in der Wandsbecker Zeitung abgedruckt seyn. Das Manuscript war von einem Pseudonym Hieronymus Günther2 eingesandt, und von Strodtmann, nachdem er nur den harmlos klingenden Eingang gelesen, sogleich an den Verleger geschickt und, da dieser nicht zu Hause gewesen, in die Druckerei gegeben. Doch ward diese Entschuldigung nicht als genügend angesehen und Strodtmann seines Amtes entsetzt, später jedoch in Osnabrück als Rector wieder angestellt. Auf die damals geäußerte Hoffnung, daß der Verfasser entdeckt werden möchte, bemerken die Anmerk. zu Pratje: »Es wird auch dies Geheimniß wohl eben so wohl unentsiegelt bleiben, als das Buch mit den 7 Siegeln, ungeachtet man lieset, daß sie ein erwürgtes Lamm schon längst entsiegelt haben soll. Es dürfte sich also der H. Strodtmann wohl vergebens bemühen, das Kind, dessen Nahmen ihm dato noch ein Geheimniß ist, künftig bey seinem wahren Namen zu nennen.


Von Edelmanns Anhängern ward dem Hamburgischen Ministerium vorgeworfen, daß es den Rath zu diesem Schritte veranlaßt. In einem Gedicht, das sich unter den Manuscripten Edelmanns findet, wird geschildert, wie der Senior Wagner deshalb das Ministerium[451]  berufen und den Beschluß veranlaßt habe, den Rath durch 2 Deputirte um Verbrennung der Zeitungsblätter zu ersuchen, der Rath aber habe versucht das Ministerium von diesem Beschluß zurückzubringen, weil es ihm nur Vorwürfe bringen würde. Doch das Ministerium habe mit Berufung auf die Reichsgesetze und den Eid des Raths sein Verlangen wiederholt und nun der Senat nachgegeben. Auch sey die Sache am nächsten Bußtage auf den Kanzeln zur Sprache gebracht. Dasselbe berichten die Anmerk. bei Pratje. »Hr. Pratje – hätte nicht verschweigen sollen, daß ein hochedler Rath in Hamburg sehr ungern an diese Execution gegangen, und selbige gern gehindert hätte, wenn Er der heil. Wuth der sanftmüthigen Jünger Jesu nicht hätte nachgeben müssen. Aufs wenigste würde Er sie nicht gehindert haben, Feuer vom Himmel auf diese Zeitung fallen zu lassen, und jedermann glaubt, daß ihnen das beßer angestanden haben würde als da sie ihr Feuer von dem Frohn oder Büttel geborgt, der bey dieser Gelegenheit wohl hätte sagen mögen: Ohne mich könnt Ihr nichts thun!«
Dem scheint nun freilich das Protokoll des Ministeriums vom 15. Aug. 1785 zu widersprechen, wo es heißt: »E.E. Rath hat wegen der lästerlichen Gedichte, die auf Edelm. gemacht und in dem 59sten Stück der neuen Hamb. gelehrt. Zeitungen gedruckt worden, aus eigener Bewegung eine genaue Erkundigung angestellt, die Exemplare confiscirt und bereits beschlossen, dieses Stück als eine Schandschrift durch den Büttel öffentlich verbrennen zu lassen, hat auch die Zeitungen bis auf weitere Verordnung verboten.« – Ueber den Akt selbst und dessen Eindruck haben sich, soviel mir bekannt keine Nachrichten erhalten. Die mir bekannten Blätter schweigen entweder gänzlich oder beschränken sich einfach auf die Angabe der Thatsache, wie die Hamburg. Berichte von Gelehrten Sachen Nr. 65. den 22. August. Die Anmerk. zu Pratje sprechen sich auf folgende Weise aus: »Da diese Schriften den Verfassern derselben zur immerwährenden Schande haben verbrannt werden sollen, so hätte man sie billig kennen sollen. Unbekannte Personen kann man, unserm Bedünken nach, weder Ehre noch Schande anthun. Edelmann, der eben damals nicht weit davon gewesen, wie diese Herrn ihr Licht vor den Leuten leuchten lassen (wie ihn denn einige gar bei der Execution gesehen haben wollen), hat von Glück zu sagen, daß ihr Aug damahls gehalten wor den, daß sie Ihn nicht gekannt, sonst dürfte er wohl mehr als eine Legion Engel zum Beystand nöthig gehabt haben, wenn er mit ganzer Haut hätte davon kommen wollen. Er hatte aber nicht nur das Vergnügen, an dem Tage dieses deutschen Auto da Fé (wie wir sicher[452]  wissen) mit seinen Freunden in der Stille sich zu ergötzen, und seiner lieben Feinde Gesundheit zu trinken, sondern lebte auch nach diesem noch über 4 Monathe ganz ruhig unter ihnen, ja das gantze ehrw. Ministerium war Ihm bisweilen so nahe, daß, da sie ihn sonst so stinkend beschrieben, sie unfehlbar zur selben Zeit alle den Schnupfen gehabt haben müssen, daß sie ihn nicht gerochen.« Hierdurch ist nun Edelmanns Aufenthalt in Hamburg oder dessen Umgegend vom August bis wenigstes November 1749 bezeugt. Da nun aber eine am 2. Juni und eine am 3. Novemb. datirte Schrift, so wie die schon obengenannte 2te Epistel St. Harenberg vom 2. Octob. 1748 den Buchstaben M. als Bezeichnung des Orts haben, wo sie geschrieben sind, so muß Hamburg selbst, oder ein Ort in der Nähe gemeint sein, und Edelmann sich in dieser Gegend über ein Jahr aufgehalten haben. Ob M. eine ganz willkürliche Bezeichnung ist, oder einen Ort nennt, wo vielleicht einer seiner Freunde wohnte, oder ein Landhaus hatte, ist wohl schwerlich auszumachen. Mann kann an Müggenburg, Mellenburg oder Mundsberg denken.

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Edelmann beschäftigte sich in dieser Zeit fleißig mit der Widerlegung seiner Gegner; seine Widerlegungen sind indeß nicht durch den Druck bekannt geworden, vielleicht konnte er keinen Verleger finden. Nachdem er in seiner 2ten Epistel vom Probsten Harenberg Abschied genommen, wandte er sich gegen Pfotenhauer und Wagner. Die erste Schrift ist verloren gegangen, man muß aber eine solche annehmen wegen des Titels der 2ten, dieser lautet: Joh. Chr. Edelmanns 2tes Sendschreiben an seine Freunde, die Geschichte des Varenne und La Serre verfolgend und dem Herrn Senior Wagner einige vorläufige Fragen wegen der Richtigkeit der angegebenen Abschiedsrede Jacobs vorlegend. Unterzeichnet ist diese Schrift: Meiner werthesten Freunde schuldigster Diener J. Chr. Edelmann M. den 2. Juni 1749. Für unsern Zweck ist die Schrift besonders deshalb von Wichtigkeit, weil, wie schon der Titel zeigt, Edelmann nicht nur in verschiedenen Gegenden Anhänger hatte, sondern dieselben auch in ihm und durch ihn zusammenhingen, daß die Gegner leicht veranlaßt werden konnten von einer Secte Edelmanns zu sprechen, seine Freunde aber mit gleichem Recht diesen Vorwurf ablehnten, weil sie Freiheit der Ansicht in Anspruch nahmen, sich nicht zu einer gemeinsamen Lehre bekannten. Der Anfang lautet:

Geliebte Freunde!

»Zusagen macht Schuld, und ich erinnere mich der meinigen wider die Gewohnheit der Schuldner um so viel lieber, je mehr ich mich gegenwärtig im Stande sehe, dieselbige abzutragen. Ich will es[453]  ohne viele Umschweife thun und meinen werthesten Freunden nunmehr kürzlich entdecken, was ich von dem wahren Verfasser des vorm Jahr zu Mastricht widerrufen seyn sollenden Buchs Examen de la religion am 15. Mart. 1747 aus Amsterdam von guter Hand empfangen habe.« – Diese Schrift nun giebt nicht nur einen interessanten Beitrag zur Geschichte des dem Christenthum feindlichen Deismus, sondern zeigt zugleich wie damals die Anhänger derselben selbst über die Gränzen Deutschlands hinaus in der innigsten Verbindung standen. Das am Ende seines 2ten Schreibens gegebene Versprechen mehr der Art zu geben, erfüllte sein 3tes Sendschreiben an seine Freunde, darinnen Er seine Gedancken von der Unsterblichkeit der Seelen eröffnete. Dies 3te Sendschreiben ist unterzeichnet »Dero Ergebenster J.C. Edelmann M.d. 3. Novemb. 1749. Der Anfang berücksichtigt die Nachricht von seinem angeblichen Tode: »Wertheste Freunde! Sie hätten mich zu keiner bequemeren Zeit zu einem Beweis von der Unsterblichkeit der Seelen auffordern können, als eben jetzund, da ich nach den gedruckten Nachrichten der Lebendigen wirklich todt bin. Denn nun kann ich Ihnen ohne vieles Kopf-Zerbrechen recht überzeugend darthun, daß mein Leben trotz dem Tode, den man mir auf verschiedene Art angethan, würcklich noch fortdaure.«
Fußnoten
1 Vielleicht sollte sich durch seine Entfernung der Lärm legen, den seine Ankunft in Berlin veranlaßt hatte, vielleicht mochte ihn auch das Verbot etwas drucken zu lassen, um diese Zeit von Berlin treiben; endlich aber kann ihn auch die Einladung eines Freundes wieder in unsere Gegend geführt haben.


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2 Der Name kommt noch zweimal p. 77 und 274 bei den Aumerk. zu Pratje, vor, doch ist er nicht Verf. der Anmerk.




Joh. Chr. Edelmann's
Selbstbiographie
Geschrieben 1752
Herausgegeben von Dr. Carl Rudolph
Wilhelm Klose













Vorwort


Einleitung


Johann Christian Edelmanns von ihm selbst aufgesetzter Lebenslauf

Erster Theil
Zweiter Theil



Anhang

Dritter Theil




