
                               Gotthelf, Jeremias

                                Uli der Pchter

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                               Jeremias Gotthelf

                                Uli der Pchter

                                    Vorwort

Der erste Teil dieses Buches enthielt die Geschichte eines Knechtes, welcher
durch Treue aus einem Knechte zum Meister wurde. Dieser zweite Teil enthlt die
Geschichte eines Meisters, welcher in den Banden der Welt lag und welchen der
Geist wirklich frei machte. Der erste Teil war den Einen zu weltlich; was nun
dieser Teil den Einen oder Andern sein wird, lt der Verfasser dahingestellt.
Der Verfasser behauptet nicht, das Rechte getroffen, sondern blo das: mit
ehrlichem Willen nach dem Rechten gestrebt zu haben. Ob das Publikum billig und
damit zufrieden ist, wei der Verfasser nicht. Mag es aber nun so oder anders
sein, so ist das sein Trost, da ihm, so Gott will, nirgends ein gedankenloses
oder feiles Segeln mit herrschenden Winden wird nachgewiesen werden knnen.

Ltzelflh, den 13. Oktober 1848.
                                                               Jeremias Gotthelf


                                 Erstes Kapitel

                                Eine Betrachtung

Drei Kmpfe warten des Menschen auf seiner Pilgerfahrt. Drei Siege mu er
erkmpfen, will er dem vorgesteckten Ziele sich nahen, bei seinem Scheiden sagen
knnen: Vater, es ist vollbracht, in deine Hnde befehle ich meinen Geist. In
einander hinein schlingen sich die drei Kmpfe, doch bald der eine, bald der
andere drngt sich in den Vordergrund, bald nach dem Lebensalter, bald nach den
Umstnden.
    Wenn der Frhling des Lebens blht, die Krfte sich entfalten, das Herz von
Wnschen schwellt, die Seele zum Fluge nach oben die Flgel regt, aus dem
sichern Hafen des vterlichen Hauses hinaus ins Leben, hinaus auf des
trgerischen Meeres Hhe das Schifflein strebt, da wenden die reinsten und
edelsten Krfte sich dem Suchen einer Seele zu, im Ringen nach ihrem Besitz
erglnzt zum ersten Male des Mannes gttliche Gestaltung. Es lebt ein tief
Gefhl im Manne, und Gott hat es gepflanzt in den Mann, da er, um zu kmpfen
mit des trgerischen Meeres wilden Wellen, um zu besiegen die andringende Welt,
eine zweite Seele bedrfe, da er ein Weib bedrfe, um sich in dieser Welt zu
schaffen und zu grnden ein bleibend Denkmal, die schnste Ehrensule: eine
tchtige Familie, fest gewurzelt in der Erde und khn und fromm hoch zum Himmel
auf die Hupter hebend. Hat er die Seele gefunden, mit welcher vereint er sich
getraut ein Haus zu erbauen, eine feste Burg gegen die lockende, andringende
Welt, dann will er diese Seele an sich fesseln durch der Ehe heilig Band,
welches nur Gott lsen soll. Nur wer des Lebens Bedeutung und seinen Ernst
verkennt, das Leben hlt fr ein Schaukeln auf den Wellen der Lust ohne Ziel und
Zweck, nur der verkennt der Ehe hohe Bedeutung, verhhnt sie als veraltet, als
eine morsche Schranke gegen wahre Kultur. Der ist dann aber auch kein Sohn der
Ewigkeit, sondern ein Kind des Augenblicks; wie ein Irrlicht hpft im Moor, so
ist sein Wandel durchs Leben, wie ein Irrlicht versinkt im Moor, so sein Leben
im Schlamme der Welt.
    Hat er das Gefundene errungen, mit sich vereint durch der Ehe heilig Band,
dann hat er den ersten Sieg erkmpft. Aber wehe dem, der mit dem Siege allen
Kampf zu Ende glaubt. Das Wahren des Sieges ist oft schwerer als desselben
Erringen, wie ein rascher, khner Anlauf leichter ist als ein fest und standhaft
Ausharren; diesen Wahn hat mancher Sieger mit Schmach und Tod gebt. Jetzt gilt
es, die Ungleichheiten der Seelen auszugleichen, vor der Selbstsucht sich zu
hten und das innere geistige Band, die Liebe, zu wahren, die da langmtig ist
und freundlich, sich nicht aufblht, nicht ungebrdig stellt, nicht das Ihre
sucht und sich nicht verbittern lt.
    Dem Ehemann beginnt so recht eigentlich der Ernst des Lebens, der Kampf mit
der Welt. Wahrscheinlich hat er schon lange mit ihr gehndelt, manch Scherzspiel
mit ihr getrieben, aber so recht mit Bewutsein beginnt doch erst jetzt die
ernste Schlacht.
    Dem Feldherrn vor beginnen der Schlacht gleicht der Hausvater am Morgen nach
geschlossener Ehe. Wenn bei grauen, dem Morgen am Schlachttage aus seinem Zelte
der Feldherr tritt, ist ernst bewegt sein Herz, prfend schweift sein Auge
durchs Gefilde, ermit die Hhen, erforscht die Schluchten, erwgt die Krfte,
die ruhen hier und dort, schlummern viel, leicht den letzten Schlaf, die bald
sich messen werden in graulichem Gewhle. Er berschlgt den Anfang und denkt an
das Ende. Whrend er sinnt und denkt, erwacht um ihn die Welt, Schildwachen
rufen, Tritte rasseln, Pferde wiehern, Bajonette blitzen in der aufsteigenden
Sonne, Rauch steigt auf, und zum Aufsitzen ruft die Trompete die Reiter. Des
Tages Getne verbreitet sich, es erwacht aus seinen Sinnen der Feldherr. Er
rafft sich zusammen, ordnet die Krfte, ruft zur Schlacht. ber dem Gewirre
wacht sein Auge, mit starker Hand lenkt er dasselbe, rollt es auf, zieht es
zusammen einem Netze gleich, in welchem der Fischer seine Fische fngt. Er
beginnt den Kampf, die Krfte messen sich, wie ein Wirbelwind wirbelt die
Schlacht durch Schluchten, Felder und Berge. Der Donner der Kanonen erfllt die
Luft, blutrot frben sich die Waffen, schwarz und dunkel, ein grausig
Leichentuch, legt der Rauch sich ber Leichen und Lebendige, verhllt den Augen
der Gebietenden das Wogen der Schlacht. Da bedarf der Feldherr ein scharfes
Auge, eine feste Seele, um mit starker, sicherer Hand die Wirbel der Schlacht zu
schrzen und zu lsen nach seinem Sinne, sie zu behalten in seiner Macht, da
das Ende der Sieg ist und gebunden und ohnmchtig der Feind zu seinen Fen
liegt.
    Glnzt endlich auf des Siegers Haupt des Sieges Krone, so gilt es, sie zu
bewahren, nicht ein Opfer seiner Siege zu werden, schmhlich zu enden. Es ziehen
Siege und Kronen gar zu leicht ins Herz hinein, schwellen das Herz, regieren das
Herz, trben den Blick, lhmen die Hand, jagen den Sieger in den Untergang, das
Ende so vieler Sieger.
    Wie der Feldherr vor die Schlacht, trittet vor die Welt der junge Hausvater.
Er will ihr abringen eine sichere Sttte, Platz zu einer Ehrensule; er prft
die Welt, mit seine Krfte, beginnt endlich den Kampf mit den vorhandenen
Krften und im Vertrauen auf sie. Tausende werden rasch niedergerannt von der
Welt, verlieren alsbald Mut und Leben; sie waren nicht befhigt zum Kampfe, ihr
Dasein war und ist ein trostloses.
    Viele ringen immer und kommen nimmer zum Siege. Ihr Dasein ist ein
mhseliges, das Schpfen in ein durchlchertes Fa, das Rollen des Steines, der
immer wieder niederrollt, den Berg hinan; zu einem festen Sitz kommen sie nicht,
die Krone der Ehre schmckt ihre Scheitel nicht, der Welt ringen sie nichts ab,
eitel und voll Mhe war ihr Leben, und keine Beute ward ihnen, weder eine uere
noch eine innere. Andere dagegen scheinen glcklich, siegreich zu kmpfen mit
der Welt, groe Beute von allen Seiten fllt ihnen zu, aber diese Beute ist eben
das trojanische Pferd, welches die Mauern ums Herz sprengt, dem verrterischen
Feind den Zugang ffnet. Wie die Siege dem Sieger zieht sie ein in des Eroberers
Herz, wirft dort zum Herrn sich auf; zum Knechte wird der Mensch, zu immer neuen
Kmpfen hetzt sie den armen Sklaven, jagt ihn gleichsam alle Tage Spieruten;
was er auch erbeuten mag von der Welt, ihren Schtzen und Genssen: Ruhe und
Gengen findet er nimmer, jeder neue Gewinn ist l in die alte Gier und Glut,
neue Jagd durch die Wste beginnt an jedem neuen Morgen, bis er endlich
elendiglicher verendet als der, welcher der Welt nichts abgewonnen hat. Und so
wird es jedem ergehen in hherem und geringerem Grade, augenscheinlicher und
minder bemerklich, in welchem nicht ein dritter Kampf sich erhoben hat und
siegreich, nicht zu Ende gefhrt, aber doch dem Ende zugeschritten ist. Er ist
der hchste der Kmpfe, aber auch der schwerste, es ist der Kampf mit dem
eigenen Herzen, der Kampf des neuen Menschen mit dem alten, der Kampf des
Geistes mit der Materie. Glcklich gefochten, bringt er aber auch den hchsten
Lohn: hier ein Gengen, welches ber allen Verstand geht, drben die Krone der
Gerechtigkeit, die Kampfgabe des ewigen Jerusalems.
    Im Herzen steckt von Anfang an und von Natur der alte Mensch, der da bse
ist und verkehrt, Gott und den Nchsten hat, sich allein liebt, lstern ist
nach der Welt, ihren Genssen und Schtzen, der da einen Boden hat fr alles
Unkraut empfnglich, nicht fr die Lust allein, absonderlich auch fr Neid,
Zorn, Ha und Rachgierigkeit. Dieser alte Mensch, vom Fleische geboren, ist es,
der von der Welt sich locken lt und gefangen genommen wird dem Affen gleich,
dem man in einer Flasche Nsse beizt; in den engen Hals der Flasche zwingt wohl
der Affe die leere Pfote, aber die mit Nssen gefllte bringt er nicht durch den
engen Hals, die Nsse fahren lassen will er nicht, lt lieber Freiheit und
Leben. Dieser alte Mensch ist der Zwillingsbruder der Welt drauen; je mehr
derselbe der Schwester abgewinnt, desto ppiger schwillt er auf, desto ppiger
wird die Welt drinnen, desto grer ihre Gewalt, desto grausiger ihre Tyrannei
ber die arme Seele, wenn nmlich der dritte Kampf nicht entbrannt ist um die
Emanzipation der Seele oder des neuen Menschen, der Kampf um das Himmelreich. Im
dritten Kampfe soll eben nmlich der Himmel gewonnen und dieser gezogen werden
ins Herz hinein, da die Welt nicht Platz habe darin, da man sie hat, als htte
man sie nicht, sie geniet, als gensse man sie nicht, brig haben davon und
Mangel leiden kann daran und beides unbeschwert.
    Der alte Mensch ist der erste, der erstgeborne, wenn man will. Es schlummert
aber im gleichen Gehuse ein zweiter Mensch, geschaffen nach dem Ebenbilde
Gottes, aber gefesselt in dunkler Hhle, gefangen gehalten durch den alten
Menschen, dem alten Barbarossa hnlich, der da auch schlummern mu in dunklem
Bergesschoe, bis ihn ein junger Tag zu frischem Heldentume weckt. Der neue
Mensch mu eben auch geweckt werden und zwar durch den Geist, dessen Brausen man
wohl hrt, aber von dem man nicht wei, woher er kommt noch wohin er fhrt. Auf
ihm liegt, schwerer als der schwerste Stein auf mrchenhaften Schtzen, Moder
und Schutt von Welt und Snde. Gewaltiger als das Wehen der Winde, welche das
Gebirge sprengen wollen, das auf den himmelstrmenden Riesen liegen soll, mu
der Hauch des Geistes sein, welcher wegfegt Moder und Schnitt von Welt und
Snde, hebt den Stein vom engen Gehuse, in welchem gefesselt liegt der neue
Mensch, ihn krftigt, da er sich erhebt, den Kampf mit dem alten Menschen
beginnt um den Besitz des Herzens, um des Lebens Ziel und Richtung.
    Ohne Gott kann hier nicht gekmpft werden, am allerwenigsten glcklich, aber
wo Gott mitkmpft, mu der Kampf zum Siege fhren. Doch nie zum vollstndigen,
solange in sterblichem Gehuse die Seele wohnt; erst im Grabe, das ist des
Christen Hoffnung, versenkt er mit dem Leibe auch Snde und Sndhaftigkeit. Der
alte Mensch, wenn auch vom Throne gestoen, ergibt sich auch in Fesseln nicht,
erhebt alle Tage sich neu, gleich dem Satan, gegen Gott, wie hoffnungslos das
Beginnen auch ist. Mit dem letzten Atemzuge erst legt er sich in ewige Ohnmacht.
Darum bleiben fort und fort so bedeutsam die Worte: Wachet und betet, da ihr
nicht in Versuchung fallet! Je schwcher der Bruder darum ist, desto mehr
verliert die Schwester, die Welt drauen, ihre Macht ber den Menschen, sie hat
nicht mehr Platz im Herzen, sie regiert nicht mehr, sondern wird regiert. Der
Kampf mit ihr nimmt in dem Mae ab, als der gegen den alten Menschen sich dem
Siege nhert. Wer also kmpfet, der ist ein guter Kriegsmann Jesu Christi, darf
hoffen, gekrnt zu werden; des Lebens Bestimmung hat er erfllt, das ewige Leben
ergriffen, darf befehlen seinen Geist in des Vaters Hnde.
    Oh, gro und wunderbar ist des Lebens Bedeutung und eng und schwer durch das
Leben der Weg, der zum Ziele fhrt! Oh, und wie leichtfertig und vermessen
schlendern die Menschen durchs Leben, als ob sie weder Ohren noch Augen htten,
keinen Verstand, die Tage mit Weisheit zu zhlen, als ob sie hundert Leben
htten, hundertmal von vornen wieder beginnen knnten, wenn eins in
Liederlichkeit, Torheit und Snde schmhlich zu Ende gelaufen, als ob der Glaube
abgeschafft sei und erlaubt, nach vieltausendjhriger Erfahrung erst sich zu
bekehren, durch hundert verlorne Leben endlich klug geworden.
    Heil denen, welchen in diesem Leben Augen und Ohren aufgehen und das rechte
Verstndnis kommt, da mitten in der Welt der Himmel errungen werden mu, wenn
wir die Liebe bewahren, die Welt berwinden, den Himmel jenseits schauen wollen,
da wir Gott hienieden finden, unser Herz seine Herberge werden mu, wenn er
droben uns herbergen, unser Teil werden soll in alle Ewigkeit!

                                Zweites Kapitel


                             Der Antritt der Pacht

Dieses alles dachte Uli nicht, als er am Morgen nach seiner Hochzeit vor das
Haus trat, unwillkrlich am Brunnen vorbei hinter das Haus schritt, von wo man
einen groen Teil des Hofes bersah, aber hnliches regte sich doch in ihm. Ein
Weib hatte er errungen, ein besseres gab es nicht, das wute er. Aber vor ihm
stund nun die Welt, an dieser besa er so viel als nichts; das bedachte er, und
bange ward es ihm. Er hatte sie angefat, diese Welt, den Kampf mit ihr
begonnen, die Pacht um ein groes Gut war geschlossen, in wenig Tagen mute er
sie antreten, bers Jahr mehr als achthundert Taler Zins ausrichten, und diese
achthundert Taler berstiegen sein Vermgen. Woher sie nehmen, wenn das Glck
nicht auf seiner Seite stund, wem die Welt strker war als er, ihm nichts
ablassen wollte von ihren Schtzen, ihm entri, was er bereits hatte? Bangen kam
ber ihn, des Bangens Unruhe fuhr ihm in die Glieder, trieb ihn durch die
Stlle, trieb ihn ums Haus herum, bis er wieder stillestund hinter demselben.
cker und Wiesen rechnend bersah, rechnete und rechnete, da ihm Hren und
Sehen verging darob, da er nicht wute mehr, stund er auf dem Kopfe oder auf
den Fen, die Rechnungen sich verschlangen in einander, da er nicht mehr
wute, wo der Anfang war, geschweige da er das Ende finden konnte.
    Pltzlich wurde er umschlungen; hochauf fuhr er, als ob es wirkliche
Schlangen wren. Es war auch eine an Klugheit, aber eine ohne Gift und Galle,
wie wir jedem Christen eine ins Haus wnschen mchten; es war Vreneli, das
freundlich vor ihn trat, traulich ihm ins Auge sah, beide Hnde ihm auf die
Schultern legte und sagte: Aber Uli, Uli, hast die Ohren verloren? Das
Frhstck steht auf dem Tische, dreimal rief ich dir und allemal lauter und
allemal umsonst. Uli, lieber Uli, fange mir nicht schon an mit Sinnen und
Rechnen, weit nicht, wie leicht man sich erst verrechnet und dann hinter,
sinnet? La uns beten und arbeiten, das Andere auf Gott stellen, der soll unser
Rechenmeister sein. Der wird schon rechnen, da es gut kmmt, und der bse
Kummer und das plaghafte, ngstliche Wesen, welches immer auf dem Trocknen
ertrinken will und an der Sonne erfrieren, kommen nicht an uns. Uli, lieber Uli,
wollen wir? frug Vreneli fast wehmtig und streckte ihm die Hand dar. Uli
schlug ein, folgte zum Frhstck, aber heiter ward doch sein Gesicht nicht.
    Wahrscheinlich wute er auch kaum so recht, was er seinem Weibchen
versprochen hatte. Es gibt gar viele Menschen, welche sich von einem
Gedankenzuge, der sich ihrer bemchtigt hat, kaum mehr losmachen knnen. Der
Gedankenzug reit sie dahin, und wenn sie schon Rede und Antwort geben, so
wissen sie doch nicht worauf und was. Sie sind wie Solche, die in einem
Eisenbahnzug dahinfahren und ihre Lieben schreien ihnen nach und sie schreien
den Lieben zurck, aber Keines wei, was geschrieen wird.
    Es ist aber wirklich dem guten Uli zu verzeihen, wenn seine Gedanken
gefangen und unwillkrlich in einer Richtung dahingerissen wurden, seine Lage
war auch darnach. Vor ihm stund in nchster Nhe der Tag, wo er, wie man
heutzutage zu sagen pflegt, ein Geschft bernehmen sollte, welches weit, weit
ber sein Vermgen, das er so schwer und langsam erworben, ging, ihn in
Jahresfrist ohne Wunder und absonderliche Greuel zugrunde richten konnte. Nun,
Vielen htte dieses nichts gemacht. Hunderte springen, wenn sie nur irgend, wie
ein Geschft erblicken, mit beiden Beinen hinein, Tausende gar mit dem Kopf
voran, ohne sich zu kmmern, mgen die Beine nach oder nicht. Uli gehrte nicht
zu dieser Rasse. Uli hatte eine der bedchtigen Berner Naturen und war nicht
demoralisiert durch den Zeitgeist, das heit durch den Schwindelgeist der Zeit.
Er besa tausend Gulden, zirka sechshundert Taler. Vermgen legt der Berner
gerne auf solides Unterpfand an, ehedem blo auf dreifaches, jetzt nimmt man
schon mit nur doppeltem vorlieb. Uli aber setzte das seine aufregen und Sturm,
auf Hagel und Drre, auf Blitz und Seuche. Nicht blo konnte ihm alles verloren
gehen, sondern namentlich wenn Unglck in die Stlle brach, konnte er zwei-,
dreimal mehr verlieren, als er besa. Dann war nicht blo der beste Teil seines
Lebens scheinbar verloren, sondern der Rest desselben schien kaum hinreichend,
sich drftig von dem Schlage zu erholen. So ist es wohl erlaubt, da es einem
bange wird ums Herz, da Vertrauen und Sorgen mit einander ringen. Wem es nicht
so geht, der mte wirklich sehr leichtfertig, neumodisch genaturt sein.
    Die Vorbereitungen zur bernahme wurden allmhlich getroffen. Joggeli und
seine Frau lieen nach und nach in den Stock schleppen, was sie behalten
wollten, und Vreneli half treulich der Base einhausen, war ihr Kind nach wie
vor, und wenn es auch das Eigene darob versumen mute, verzog es doch keine
Miene. Es fanden sich eine Unmasse von Dingen vor, welche Uli nicht brauchte und
Joggeli nicht. Diese wurden smtlich in eine groe Kammer zusammengetragen und
aufgestapelt. An einer Steigerung htte man daraus eine Summe gelst, welche
eine herrliche Erquickung fr den Baumwollenhndler gewesen wre. Aber auf der
Glungge sollte keine Steigerung abgehalten werden. berhaupt in allen soliden
Husern liebt man das Alte mehr als das Neue, Kleider verkauft man nicht. An
jedes Stck knpfen sich Erinnerungen, und an diese Erinnerungen knpfen sich
Lehren und Erfahrungen, und gar mancher Bauer zieht aus seiner Rumpelkammer und
allen Winkeln seines Hauses weit mehr Weisheit ein als englische Lords und
deutsche Gelehrte aus den kostbarsten und grten Bibliotheken, angefllt mit
Bchern, gebunden in Schweinsleder oder halb oder gar ganz Franzband.
    Das Inventar von dem Gerte und dem Viehstand war gro, und die Schatzung,
obgleich alles uerst billig, machte Uli die Haare zu Berge stehen, Man denke
sich zum Beispiel nur acht Khe und jede durchschnittlich zu sechzig Talern.
Dieses Inventar berstieg mehr als um das Vierfache Ulis Vermgen, mute zu vier
Prozent verzinset und spter allflliger Abgang ersetzt werden. Uli hatte groen
Vorteil dabei, aber bedenklich war es doch in alle Wege.
    Endlich kam der verhngnisvolle fnfzehnte Mrz, an welchem, wie man zu
sagen pflegt, Uli Nutzen und Schaden angingen. Es war ein schner, heller
Mrztag, und doch kam er allen trb und unheimlich vor. Es tat allen weh, die
Alten ausziehen zu sehen. Als man ihr Hinterstbchen ausrumte und namentlich
das groe Bett hinberschleppte, war es fast, als trage man ihnen einen groen
doppelten Sarg voran. Die Base hatte den ganzen Tag das Wasser in den Augen,
aber lauter heitere, aufmunternde Worte im Munde, sie hatte eine Gewalt ber
sich, welche allen Gebildeten zu wnschen wre. Man sah es ihr an, sie
betrachtete dieses berziehen aus dem groen Hause in das kleine als eine
Vorbung auf das Beziehen des allerkleinsten Huschens, welches Armen und
Reichen aus wenig Brettern zusammengeschlagen wird. In diesem kleinen Huschen
schlft man auch, doch wie wohl oder wie bel, das wei Gott.
    Als aber das alte Ehepaar zum erstenmal in ihrem groen Bette im Stocke
schlafen wollte, da wollte der Schlaf nicht kommen; er war nicht gewohnt, sie
hier in diesem Stbchen zu suchen. Ob Joggeli es zrnete, wissen wir nicht, es
schien fast, als sei die Nacht ohne Schlaf ihm willkommen, um seiner Alten alle
ihre Snden bis weit in die Urwelt hinauf vorzuhalten und sie fr alle Folgen
derselben verantwortlich zu machen, nicht blo bis auf Kinder und Kindeskinder,
sondern bis drei Tage nach dem Jngsten.
    Die gute Alte schwieg lange, endlich lief es ihr doch ber. Ich hoffte,
sagte sie, wenn dir die Last abgenommen werde, so werdest du einmal mit Gott,
dir selbst und der Welt zufrieden. Aber wie ich leider sehen mu, bleibst du
immer der gleiche Strmi. Du httest eigentlich zu einem armen Mannli, einem
Korbmacher oder Besenbinder geraten und dreizehn oder neunzehn lebendige Kinder
haben sollen, dann httest du klagen knnen, vielleicht da Gott es gehrt
htte. Aber jetzt ists nur ein bser Geist, der dich immer klagen lt, und der
ist mit mir hinbergekommen und wird bei uns bleiben sollen. Ich mu mich
versndigt haben, da ich mich damit mu plagen lassen. In Gottes Namen, ich mu
es so annehmen. Unser Herrgott wird doch hoffentlich bald finden, jetzt sei es
Zeit. Warum ich nicht von dir lief, als ich noch junge Beine hatte, die laufen
konnten, und so weit weg, als sie mich tragen mochten, das begreife ich noch auf
die heutige Stunde nicht. Jetzt trge Fortlaufen nicht viel mehr ab, und meine
alten Beine trgen mich kaum so weit, da mir dein Sthnen und Klagen um nichts
oder wieder nichts nicht noch zu Ohren kme, besonders wenn der Wind ein wenig
ginge. Das wollte Joggeli doch fast gemhen. Wer laufen will, kann, sagte er,
ich will niemand dawider sein, und mit Nachlaufen werde ich niemand plagen.
Wenn ich schon wollte, tten es meine Beine nicht; wenn andere ausgestanden
htten, was sie, sie wren auch froh, an die Ruhe zu kommen. Ihm wre es je
eher je lieber. Gutes htte er nie viel gehabt, und was ihm noch warte, knne
denken, wer Verstand habe. Jetzt vermchte er doch noch seinen Sarg schwarz
anstreichen zu lassen, gehe es lnger so, sei es wohl mglich, da man froh sei,
wenn man noch so viel bei ihm finde, um die ersten besten rohen Bretter zu
bezahlen. Du bist doch immer der Wsteste, wirst dich versndigen wollen, da
es keine Art hat, sagte seine Frau. Schweigen wird am besten sein, es wei
sonst kein Mensch, was du noch strmst. Darauf drehte die Mutter sich gegen die
Wand und blieb stumm. Joggeli mochte gifteln und klnen, so stark und so lange
er wollte.
    Drben im groen Hause ging es anders zu. Die Bauart des Hauses brachte es
mit sich, da die Meisterleute im Hinterstbchen wohnen muten. Dasselbe war
gleichsam des Hauses Ohr, jeder Schall aus Kammern und Stllen, von vornen und
hinten, schien dort landen zu mssen; das ist kommod fr einen rechten
Hausmeister!
    Uli und Vreneli muten dieses Stbchen auch beziehen, aber sie taten es
ungern, sie schmten sich fast, als Knecht und Magd nun zu schlafen, wo frher
der Meister und die Meisterfrau. Sie kamen sich wirklich im Stbchen als so gar
nichts vor, und auch bei ihnen wollte der Schlaf nicht einbrechen.
    Ja, ja, sthnte Uli, es wre schn hier und im Winter bsonderbar warm, da
liee sich sein. Wenn es nur immer whrte, aber das ndern tut weh. Wenn man am
Ende doch wieder in eine kalte Kammer mu, so wre es hundertmal besser, man
htte sich nie an ein warmes Stbchen gewhnt. Aber zwngt sei zwngt, und
jetzt msse man es nehmen, wie es sei. So jammerte Uli hnlich wie Joggeli, der
Unterschied war blo der, da sein Jammer nicht aus einem zhen, verhrteten
Herzen kam, sondern aus einem jungen, warmbltigen, demtigen, welches sich in
seine hhere Stellung nicht finden konnte. In einem solchen finden gute Worte
noch gute Sttte. An solchen lie es auch Vreneli nicht fehlen, trstete, so gut
es konnte, sprach vom Werte des Hofes, von seinem guten Willen, von dem
Vertrauen zu Gott, der alles wohl machen werde, da Uli die Ruhe kam und er
andchtig mit Vreneli beten konnte; darauf kam leise der Schlaf gezogen, hllte
die Beiden in seinen dicksten Schleier, und als die Sonne kam, schlummerten
Beide noch s und fest darin, und lange ging es, bis ihre Strahlen die Schlfer
zu wecken vermochten.
    Hui, wie Beide auf die Fe fuhren, als vor ihren langsam sich ffnenden
Augen pltzlich der helle Tag stund in vollem, sonnigem Gewande! Drauen
polterte das Gesinde, prasselte das Feuer, gackelten bereits die Hennen, und
Meister und Meisterfrau hatten sich noch nicht gerhrt. Wohl, da schmten sie
sich und durften fast nicht aus dem Stbchen. Sie hatten sich wohl schon mehr
als einmal verschlafen, aber so ungern es wirklich doch nie gehabt als heute.
Wie die Leute das auslegen wrden, dachten sie.
    Der Frhling ist eine herrliche Zeit, eine ahnungsreiche, wonnevolle.
Darber werden doch wohl die Parteien von allen Farben einig sein, wie weit sie
sonst auseinandergehen mgen! Wie prosaisch und trocken ein Bauer auch sein mag,
im Frhling wird ihm doch das Herz grer und er denket weiter als die Nase
lang. Er hat es seinen ckern. Wiesen und Grten gegenber wie ein Vater, der
mitten in einem Dutzend blhender Kinder steht. Was wird aus ihnen werden, was
werden sie fr Frchte tragen? mu er unwillkrlich denken. Wie der Kinder
Gesichter blhen, Gesundheit ihre Glieder schwellt, blhen und schwellen Freude
und Hoffnung in seiner Seele. So hat es auch der Landmann, besonders der junge,
welcher noch nicht manchen Frhling auf eigene Rechnung erlebt hat. Jede
Pflanzung wird ihm zum Kinde, und je ppiger sie grnt und blht, desto ppiger
grnen und blhen seine Hoffnungen.
    Der Frhling, von welchem wir sprechen, war ein ganz eigen von Gott
gespendeter, als wollte er die Probe machen, ob die Menschen so weit in der
Aufklrung gekommen, da sie zu begreifen imstande seien, sie selbst knnten
keinen solchen machen, auch sei es unmglich, da er von ungefhr kme, sondern
da er von Gottes vterlicher Hand msse gegeben sein.
    Mit Flei und Kunst bestellte Uli Saat und Acker, und Vreneli machte nicht
blo fast alleine seine schwere Haushaltung, sondern half doch noch drauen, da
mnniglich sich wunderte, sorgte fr den Garten, da Kraut darin wuchs und Salat
nebst allerlei Krutlein, welche einer vernnftigen Suppe wohl anstehen und
sonst in gesunden und kranken Tagen gut zu gebrauchen sind.
    Vrenelis rhrigem Treiben sah die Base mit der grten Freude zu. Alle Tage
war sie im Garten oder guckte wenigstens ber den Zaun, besah die andern
Pflanzungen, und hufig kam sie, setzte sich zu Vreneli, half ihm das Essen
rsten oder sagte: Gehe nur, wenn du was zu machen hast, ich will dir zum Feuer
sehen und sorgen, da das Essen nicht anbrennt. Wollte Vreneli sich wehren oder
danken, so meinte sie: Ich habe Ursache zu danken, da du es annimmst. Was
meinst, mte die Langeweile mich nicht tten, wenn ich auf einmal von allem
kme und nichts mehr anrhren drfte? Kam sie dann heim, hatte sie zumeist ein
lachend Gesicht (denn da es drben so gut ging, freute sie sehr, und was sie im
Herzen hatte, zu verbergen, war ihr nicht gegeben) und sagte wohl zu Joggeli:
Gottlob, es geht da drben gut, besser noch, als ich gedacht. Wenn die es nicht
zu was bringen, so gelingt es niemanden mehr. Vreneli luft, als wenn es Rder
unter den Fen htte, und Uli schafft, als sei er aus lauter Uhrenfedern
zusammengesetzt. Es ist mir ein recht schwerer Stein ab dem Herzen, htte mir ja
mein Lebtag ein Gewissen machen mssen, wenn es nicht gut gegangen wre.
    Joggeli, welcher wohl auch herumgetrippelt war an seinem Stocke und hinter
Zunen und Bumen hervor dem Treiben zugesehen hatte, zog auf solche Reden sein
grmliches Gesicht und meinte: Glaub es, wie sollte es anders sein, wenn ihnen
alles hilft, die Fische in das Netz zu jagen, sogar das Kraut in den Hafen.
Htte man fr mich halb gearbeitet und gesorget wie fr sie, ich wre noch
einmal so reich. Aber mir hat niemand helfen wollen, ja wenn man mich htte auf
die Gasse bringen knnen, man hatte es getan und dazu noch den Hals voll gelacht
und dazu noch die, denen es dabei am belsten gegangen wre, und zuletzt htte
ich denn doch an allem schuld sein sollen. Ja, die Welt ist bs. Trau, schau,
wem, heit es nicht umsonst. Ja, da hast einmal recht, antwortete die Base,
die Welt ist wst und Trauen bs, aber von den Allerwstesten bist du, und
wegen Trauen solltest schweigen. Wenn das Gewissen nicht wre und deine Frau,
wei Gott, was du fr ein Unflat geworden wrest. So alt bist schon und wirst
doch noch alle Tage wster, denkst nicht an deine arme Seele und was Gott mit
ihr anfangen soll.
    So verschiedene Gedanken wachsen bei gleicher Witterung in den Herzen der
Menschen, es ist aber eben der Grund der Herzen verschieden. Giftkruter wachsen
auf dem einen. Heilkruter treibt der andere. Du mein Gott, wie sollte es dem
Menschen, welcher den Grtner vorstellen sollte, in seines Herzens Garten so
himmelangst werden, wenn er in seinen Garten kmmt und es weht ihm entgegen ein
giftiger Hauch und gleich Schlangenaugen glitzern ihm lauter Giftkruter
entgegen! Ach Gott, nein, denen wird gar nicht himmelangst, die bleiben
kaltbltig, ja sie haben noch Freude und Spa an den giftigen Krutern, lassen
sie nicht blo nach Belieben wuchern, sondern pflegen sie noch sorgsamst, als
obs die kostbarsten Pflanzen wren, und je ppiger sie aufschieen, mit desto
grerem Behagen weisen sie als groe Raritten dieselben vor allen, welche sie
zum Betrachten herbeibringen knnen.
    Frhlich wie im Fluge rannen die Tage dem jungen Ehepaare dahin, wie es zu
gehen pflegt, wenn voll Arbeit die Hnde sind, voll Sinnen der Kopf, die Arbeit
wie ein Uhrwerk luft und das Erdachte zur Tat wird ohne Sumnis und Hindernis.
Es war, als ob der liebe Gott erst nachsehe, was Uli meine und Vreneli sinne,
ehe er das Wetter mache, regnen lasse oder die Sonne scheinen. Dachte Uli, jetzt
wre ein warmer Regen gut, so kam ein warmer Regen, man wute gar nicht woher,
und wenn er dachte: Jetzt ists genug, die Sonne wre wieder gut, so ging der
Regen, man wute nicht wohin, und die Sonne war da. Wer auf Sonne und Regen nur
des Spazierens wegen achtet und nicht wei, welche Bedeutung beide fr den
Landmann haben, der wei gar nicht, welch Unterschied, wir wollen nicht sagen im
Gedeihen der Pflanzen, sondern im Betrieb der Arbeit ist bei gnstigem oder
ungnstigem Wetter.
    Es gibt Jahre, in welchen man bei gedoppelter Anstrengung und Kosten
nirgends hinkmmt, immer im Rckstand ist, alles pfuschen mu, wenn man das
Dringlichste machen will, ehe der Winter wieder da ist, und wiederum Jahre, wo
alles geht wie auf einer Eisenbahn, nirgends ein Rckstand ist, Hasten und Jagen
nie ntig sind, man Zeit zu allem hat und keinen Kummer vor dem Kommen des
Winters, wo alles wohl gert und wo es ist, als sei Meister der Mensch, seine
Hand ein Zauberstab, sein Mund allmachtsvoll; er streckt die Hand aus, so
springt der Scho der Erde auf, er gebietet, und es stehet da. Es sind
gefhrliche Jahre, diese Jahre, sie fllen wohl Spycher und Scheuren, aber sie
leeren das Herz von Demut und Gottvertrauen, darum mssen dann wiederum bse
Jahre kommen, wo der Mensch mit allem Flei und aller Kunst nichts machen kann.
Sie leeren wohl Spycher und Scheuren, aber dafr fllen die Herzen sich wieder
mit Demut und die Augen gewhnen sich wieder, nach oben zu sehen und das
Gedeihen von Gott zu erwarten.
    
    Uli wuchs sein Glck fast ber das Haupt, da er vor lauter Bumen den Wald
nicht mehr sah, das heit vor lauter Hoffnungen und Erwartungen sein Glck nicht
mehr berechnen konnte, weil es seine Rechenkunst zu bersteigen anfing; wie aber
Manchem ber dem Essen der Appetit kommt und das Begehren nach immer Mehrerem,
so ging es auch Uli. Uli hatte Stlle voll Pferde und Khe bernommen um eine
sehr billige Schatzung. Bei allflligem Abgeben der Pacht mute er wieder fr
die gleiche Summe Ware einliefern oder den Abgang ersetzen oder hatte den
Mehrbetrag zu fordern. Er konnte also mit der bernommenen Ware ganz schalten
und walten nach seinem Belieben; was bei seinem Abgang in den Stllen stund,
wurde wieder geschtzt, und je nachdem es sich fand, fanden Vergtungen von der
einen oder andern Seite statt.
    Joggeli hatte auf dem Handeln nicht viel gehalten und selten zu rechter Zeit
abstoen knnen. Uli kalkulierte anders; er hatte namentlich zwei Pferde und
drei Khe bernommen, welche auf dem hchsten Punkte ihrer Reife stunden;
behielt man sie lnger, fielen sie stetig im Preise, verkaufte er sie, kaufte
dagegen junge Tiere, so stiegen diese im Preise, bezahlten neben der Nutzung
noch ihre Ftterung. Uli entschlo sich alsbald zu diesem Handel, Vreneli
wehrte: Recht hast, sagte es, aber merkt es Joggeli, so gibt es bses Blut,
das mu man verhten so lange als mglich; brigens sind die Tiere so geschtzt,
da sie nach einem Jahre noch die Schatzung gelten, du also jedenfalls dazumal
noch nichts daran verlierst. Geld htten sie eben auch noch nicht so ntig, und
im Fall es gegen Herbst rarer werden sollte, so konnte man immer noch verkaufen,
nur nicht jetzt gleich, wo Joggeli es als eine absichtliche Prellerei ansehen
knnte, wenn Uli vielleicht hundert Taler in Sack mache oder doch fnfzig. Uli
hatte recht, aber Vreneli noch rechter, und wie es geht in der Welt, das Beste
geschieht am seltensten. Uli gewann ein Erkleckliches und meinte, Joggeli
vernehme es nicht.
    Aber die Leute, welche frher Joggeli alles zugetragen hatten, lebten noch,
und wren sie gestorben gewesen, so wren aus ihrem Grabe herauf alsbald neue
aufgewachsen, von wegen diese Sorte stirbt nie aus. Joggeli wute richtig
alsbald bei Heller und Pfennig, was Uli gelst, das gab bses Blut. Die Base und
Vreneli muten viel leiden deretwegen. Uli htte das nicht tun und den Frieden
auch fr etwas rechnen sollen, da Gott es so gut mit ihm meinte und er es so
wenig ntig hatte.
    Das Frhjahr ist fr den Landmann, welcher nicht Vorrte hat, sonst eine
Zeit, welche Geld frit oder zu Schulden ntigt; das war bei Uli nicht der Fall,
seinen Handel nicht gerechnet. Vreneli lste aus Butter und Milch viel Geld, so
da nicht blo die Hauskosten bestritten wurden, sondern hie und da noch ein
groes Silberstck beiseitewanderte, um bei der Hand zu sein, wenn der Pachtzins
gezahlt werden mute. Ferner wurde er mit einigen Prachtklbern beschenkt. Diese
mstete er, bis sie nahe an zwei Zentner wogen, half zuweilen sogar mit Eiern
nach, welche er entbehrlich glaubte. Solche Klber sind rar, gehen in die Bder,
nach Basel usw. und werden schwer bezahlt, so da Uli wirklich Glck in allen
Ecken hatte, das Geld nicht von ihm wollte, sondern immer vermehrt zurckrann,
einer guten Taube gleich, welche nie ausfliegt, ohne mit einem neuen verlockten
Tauber zurckzukehren.

                                Drittes Kapitel


                        Das Erntefest oder die Sichelten

Dennoch setzte sich Uli ein Wurm ans Herz, von wegen was er einnahm, das gehrte
ihm, versteht sich, was er ausgeben mute, das verstand sich nicht von selbst;
er kehrte es sieben mal um, bis er sicher war, da er es schuldig sei. Es ist
eine eigene Geschichte, wenn ein groes Bauernhaus sich umwandelt in ein bloes
Pchterhaus. Ein groes Bauernhaus, welches seit hundert und mehr Jahren im
Besitz der gleichen Familie war und absonderlich, wenn gute Burinnen darinnen
wohnten, ist in einer Gegend fast was das Herz im Leibe; drein und draus strmt
das Blut, trgt Leben und Wrme in alle Glieder, ist, was auf hoher Weide eine
vielhundertjhrige Schirmtanne den Khen, unter welche sie sich flchten, wenn
es drauen nicht gut ist, wenn die Sonne zu hei scheinet, wenn es hageln will
oder sonst was im Anzuge ist, was die Khe nicht lieben; ist der groe,
unerschpfliche Krug, welcher nicht blo einer Witwe und ihrem Shnelein das
ntige l spendet, sondern Hunderten und abermal Hunderten Trost und Rat, Speise
und Trank, Herberge und manch warmes Kleid jahraus jahrein. Ein solches Haus ist
das Bild der grten Freigebigkeit und der sorglichsten Sparsamkeit. Da liest
man die Strohhalme zusammen und zhlt die Almosen nicht, da findet man die
Hnde, welche nie lssig sind im Schaffen und im Geben, denen zur Arbeit nie die
Kraft ausgeht und nie die Gabe fr den Bedrngten. So ein Haus ist ein wunderbar
Haus, aber darum ist es auch eine Art heiliger Wallfahrtsort, wohin wandert, wer
bedrngten Herzens ist, Not leidet am Leibe oder an der Seele. Zieht aber nun
aus einem solchen Hause die Seele, das heit die Burin oder der Bauer, so
bleibt das Haus, und wie Kinder immer wieder zum toten Krper ihrer Eltern
zurckkehren, forschen, ob die Seele nicht zurckgekehrt, so kommen die Leute
immer und immer noch zum Hause, klopfen an die alte Tre, horchen, ob die alte
treue Hand, die nie leer ward, nicht wieder da sei, Gaben spendend, begleitet
von einem freundlichen Worte. Sind Bauer und Burin auch nur neben dem Hause in
den Stock oder das Stcklein gezogen, so gehen doch nur die Bekanntern oder die
Bettler von Profession dahin, denn das Stcklein ist kein Haus, es ist kein
Stall daran und acht Milchkhe drinnen, sind nicht Keller, nicht Kammern,
gespickt mit allen mglichen Vorrten. Zum Stcklein gehrt der Hof nicht,
gehren die unzhligen Obstbume nicht, gehren alle die reichen Quellen nicht,
welche einer guten Burin Hand unerschpflich machen. Es sind wohl Zuflsse da,
aber in bestimmten Grenzen und nach kleinerem Mastabe. Zieht nun ein Pchter in
das Haus ein, in die Schatzkammer des Hofes, den Wallfahrtsort der Armen und
Bedrngten, so er, lischt des Hauses Heiligenschein nicht alsobald; die Menge
wallfahrtet noch immer zu demselben nach alter Gewohnheit, achtet nicht der
genderten Verhltnisse, macht ans Haus die nmlichen Forderungen. Die Menge
nimmt an, die Gutttigkeit des Hauses sei Pflichtigkeit, welche jeder Bewohner,
sei er wer er wolle, zu bernehmen habe. Geschieht dieses nicht vollstndig, so
spricht eine bedeutende Anzahl: Ach Gott, da hat es auch bset! Gottlob, da
ich so alt bin! Mte sonst noch erleben, da die guten Leute alle aussterben.
Eine andere Anzahl aber wird erbittert im Gemte als wie ber versagte Rechte
und sagt: Das werde gehen und gehen, bis es endlich zu dem komme, wovon man
immer rede, wie man auch von der Fasnacht rede, bis sie komme, da man selbst
zugreifen msse, wenn man etwas erhalten wolle.
    hnliches geschah in der Glungge. Vreneli war schon unter der Base
Almosnerin gewesen, hatte dabei wohl auch unverschmten Bettlern einen Zuspruch
gegeben, der ihnen ins Leben ging. Vreneli war jetzt seine eigene Almosnerin,
machte wohl die Stcke Brot etwas kleiner als frher, und Kleider oder
Leinenzeug konnte es nicht austeilen; in einer neuen, jungen Haushaltung findet
es sich nicht. Das ging bs an. Eine Bettlerin sagte Vreneli ins Gesicht: Du
warst von je ein Wstes und gnntest keinem Armen was und wirst eher zehnmal
schlimmer als einmal besser, von wegen es wird noch immer sein, wie es im
Sprichwort heit: Es ist keine Schere, die schrfer schiert, als wenn ein
Bettler zum Herren wird. Die Meisten jedoch sagten Vreneli ihre Gedanken nicht
an den Kopf heraus, aber sie verlsterten es desto jmmerlicher hinterwrts. Da
sie nichts Bses wuten, ersannen sie um so Greulicheres; namentlich machten sie
geltend, wie sie den Hof fast um nichts htten, den Kindern das Brot von dem
Munde wegsthlen; da sei es kein Wunder, wenn sie auch gegen die Armen wren wie
Trken und Heiden. Schlecht sei schlecht und schlechte Leute habe es immer
gegeben, aber Leute wie die, ohne Religion, seien doch noch nie erlebt oder
erhrt worden. Das alles tat Vreneli sehr weh, denn begreiflich wurden ihm alle
diese Reden wieder hinterbracht und wahrscheinlich von denen selbst, welche sie
gehalten, nur da sie dieselben dann Andern in den Mund legten. Doch sagte es
davon Uli nichts, es verarbeitete das in seinem eigenen tchtigen Sinn. Es
dachte, Klagen trage nicht viel ab, warum ein zweites Herz betrben, wenn man
imstande sei, es alleine zu verwinden; Hlfe leisten knne ihm Uli nicht, und
alle Armen diese Wehtat entgelten lassen wollte es nicht. Uli war wenig zu Hause
und hatte den Kopf so voll von Geschften und Gedanken, da er gar keine Augen
fr diese Dinge hatte. Er war es gewohnt, Leute an den Tren zu sehen oder bei
Vreneli in der Kche, achtete sich derselben nicht, frug nicht, was sie wollten,
dachte gar nicht daran, da es jetzt ber ihn ausging und um seine Sache, lie
Vreneli also ganz gewhren nach seinem Belieben.
    Der Heuet war vorbeigeflogen wie gewnscht, die Kirschen mit den Sperlingen
im Frieden geteilt worden und die Ernte vor der Tre, ehe man sich dessen
versah.
    Die Ernte ist dem Landmann eine wichtige Zeit, eine heilige Zeit, von ihrem
Ertrage hngt sein Bestehen ab oder wenigstens sein Wohlergehen. Er erkennt
dieses auch an, und als Zeichen dieser Erkenntnis richtet er am Schlusse
derselben eine Art von Opfermahlzeit aus, er speiset Arme, speiset und trnket
Knechte, Mgde, Tagelhner, deren Weiber und Kinder und den Fremdling, der da
wohnet innerhalb seiner Tore. Solche Mahlzeiten bilden die Glanzpunkte in dem
Leben so Vieler; wrden sie aufhren, wre es ber dem Leben gar Vieler, als
wenn alle Sterne erlschen wrden am Himmel. Es ist traurig, wenn ber einem
Leben keine andern Sterne stehen als Mahlzeiten, aber es ist dumm, wenn man
ihnen Wert, Bedeutsamkeit absprechen will.
    Die Ernte war prchtig, das Wetter schn, der Acker reich. Uli war
glcklich, Joggeli knurrte. Er schrieb des Ackers Flle Uli zu, der im Herbste
dichter geset, besser htte arbeiten lassen und im Frhjahr stark gewalzt.
Einen solchen Acker voll Korn habe er sein Lebtag nie gehabt. Dicht wie die
Haare einer Brste stnden die Halme, und doch sei nicht einer gefallen. Der
arme Joggeli bedachte nicht, da sen und wssern der Mensch kann, aber nicht
das Gedeihen geben. Ob dicht oder dnn das Korn auf dem Acker steht, ob aufrecht
oder ob es auf dem Boden liegt, das ist Gottes Sache. Wer es zu treffen wte
allezeit, wte, ob viel oder wenig sen gut sei, ein kalter Winter kme oder
ein milder, der wre eben ein Hexenmeister, aber solchen gibt es nicht; es ist
ein Einziger, der dieses wei, und der ist eben der, der kalte oder milde Winter
macht, und der ist Gott.
    Bei allem Segen hatte Vreneli das Herz voll Angst. Niemand besser als es
wute, was jene Opfermahlzeit, Sichelten genannt, verzehrt hatte unter Joggelis
Regiment. Im ersten Teile vom Uli steht auch was darber zu lesen. Da sie
dieselbe nicht nach dem gleichen Mae auszurichten vermchten, das wute Vreneli
wohl, aber wieviel Uli abbrechen wolle und wieweit es das Verlstert werden zu
frchten htte, das wute es nicht. Vreneli war tapfer, das wissen wir, aber es
frchtete sich doch vor bser Weiber bsen Zungen; es wute, da weiter, als die
Blitze fahren, weiter, als die Winde wehen, bser Weiber bse Tne tnen. Einige
Wochen vorher hatte Vreneli Uli Milchgeld eingehndigt mit dem Bemerken, es
werde eine Zeitlang nicht mehr viel geben; was es immer erbrigen knne an
Milch, msse zu Butter gemacht werden fr die Sichelten. Darauf hatte Uli
gesagt: Allweg wird es was brauchen, aber den Narren wirst nicht machen wollen,
ich bin nicht Joggeli und du einstweilen keine Buerin. Wei wohl, sagte
Vreneli. Zu tun wie sie, kmmt mir nicht in Sinn, aber wenn man es nur gering
macht, so wird es dir grauen. Du weit gar nicht, was es braucht an solchen
Tagen. He, sagte Uli, so macht man es noch geringer, bis es einem nicht mehr
darber graut. Gesetz darber, wieviel einer ausrichten msse, wird keines
sein. Dieses Gesprch hatte Vreneli nicht vergessen, darum war ihm so bange. Es
sah voraus, da Verdru kommen msse. Uli wollte es nicht gerne bse machen,
abbrechen ganz und gar brachte es nicht bers Herz, auszuhausen im ersten Jahre
begehrte es auch nicht, da wars fast noch bser als anderwrts, die rechte Mitte
zu treffen. Es suchte mit Sparen abzuhelfen, brach sich die Milch am Munde ab,
und doch ward ihm fast schwarz vor den Augen, wenn es seine Vorrte musterte und
dann dachte, wie manchen Kbel voll geschmolzener Butter ehedem an diesem Tage
die Base verbacken hatte.
    Eines Tages nun, als Vreneli im Schweie seines Angesichts haushaltete und
eben dachte, kommod wre es ihm, wenn es vier Hnde htte, mit zweien knne es
kaum alles beschicken zu rechter Zeit, kam die Base, setzte sich aufs Bnklein
und frug: Kann dir was helfen, so sags. Die Leut werden hungerig, wollen lieber
frher essen als spter, und eine alleine kommt fast nicht zurecht, habs oft
erfahren. Wahrhaftig. Base. sagte Vreneli. Ihr kommt mir akkurat wie ein
Engel vom Himmel; wenn ich Euch nicht htte, ich wte wahrhaftig nicht, wie ich
es machen sollte. Will die Erdpfel vom Brunnen holen, Ihr seid dann so gut und
beschneidet mir diese. Flugs war Vreneli wieder da, stellte das Krbchen der
Base dar samt einem Kessel mit Wasser, in welchen die zerschnittenen und
gersteten Kartoffeln zu werfen waren, und half ab- und zugehend der Base. Habt
ihr es abgeredet mit der Sichelten, wie ihr es machen wollt? frug diese.
Nein, sagte Vreneli, aber sie macht mir groen Kummer. Es ist Gottlob ein
gesegnetes Jahr, und wir knnen Gott nicht genug danken, da wir einen solchen
Anfang haben, aber Uli ist doch ngstlich wegem Zins, und ich kann es ihm nicht
verargen. Es ging ihm gar schwer, bis er hatte, was er hat, und da er nicht
gerne pltzlich darum kmmt, ist begreiflich. Ich frchte daher, er werde nicht
Geld brauchen wollen, sagen, es trage nichts ab, und schuldig sei man niemand
was; man solle zufrieden sein, wenn man am Ende des Jahres alles ausgerichtet
habe, was man schuldig sei. Aber es kme mir schrecklich vor, wenn wir im
Trockenen sitzen, an Ks und Brot kauen mten und dies noch an einem solchen
Orte. Selb nicht, daran wird er nicht denken, sagte die Base. Ich dachte
auch daran, die Sache mache euch Ungelegenheit. Da ihr es nicht haben knnt wie
wir, versteht sich; es machte mir manchmal fast bel, wenn ich zwei Tage lang
kchelte und unter den Hnden gingen mir die Kchli an den Tren weg, da mir
fr uns keine bleiben wollten. Aber ungerne htte ich es doch, wenn auf einmal
alles aufhrte, alle Leute umsonst kmen und z'leerem fortgewiesen wrden. Du
weit, wie Meiner ist, sonst knnte ich im Stcklein kchlen und den Armen
ausrichten, was blich und bruchlich. Darum will ich dir was an die Kosten
steuern, viel nicht; seit uns der Tochtermann, Gott behte uns davor,
ausgeplndert hat, ist das Geld auch rarer geworden bei mir. Rede dann mit Uli,
wie ihr es ausrichten wollt, anstndig, nicht bertrieben. Lieb wre es mir, ihr
ldet Meinen auch ein, viel, leicht kommt er, vielleicht nicht, aber er sieht
doch den guten Willen. Allweg, sagte Vreneli, und Ihr fehlt auch nicht, es
wre sonst wie ein Tag ohne Sonne oder eine Nacht ohne Sterne, es freute mich
nicht, dabeizusein. Bist immer ein Narrli, sagte die Base. Und Uli tut sonst
gut? frug sie; wenigstens arbeitsam ist er, da ich nie einen so gesehen.
Ja, Base. sagte Vreneli. und wenn ich klagen wollte, so wre es, da er es zu
ngstlich nimmt und da ich Kummer haben mu, er mache es nicht lang, sondern
arbeite sich zu Tode. Bist ein Trpfli, sagte die Base lachend, das
Mannevolk stirbt nicht so bald, und besser, er tue zu ntlich, als er sei zu
gelassen. Sieht er, da er auskommen mag, so bessert es ihm von selbst, aber ist
einer zu gelassen, da ists nicht zu machen. Brennt das Haus, so ist ein Solcher
imstande, er stopft erst die Pfeife und zndet sie an, ehe er Anstalt macht, das
Haus zu verlassen.Vreneli lachte, sagte jedoch mit einem kleinen Seufzer: Zu
wenig und zu viel verderben alle Spiel, nahm die Erdpfel und setzte sie bers
Feuer.
    Noch selben Abend erffnete Vreneli die Verhandlungen mit Uli. Uli sagte, es
sei ihm schon lange zuwider gewesen, nur daran zu denken. Schon als ihn die
Sache nichts angegangen, sondern alles ber den Meister ausgegangen sei, habe er
sich darber gergert, wie so viel durchaus unntz und berflssig draufgehe.
Wenn er einmal was dazu zu sagen haben sollte, so mte es ihm anders gehen,
habe er immer gedacht. Viel wohler sei man bei Wenigem, und da jeder arme
Mensch an diesem Tage Kchli essen msse, bis sie ihm zum Mund heraushingen,
selb stehe nirgends geschrieben. Wenn sie Kchli haben wollten, so mchten sie
sehen, wo sie welche bekmen, sollten zu Joggeli gehen, der knne den alten
Gebrauch fortsetzen. Rede mir nicht so, Uli, sagte Vreneli, das ist ungut.
Sieh, der liebe Gott speiste von deinem Acker auch seine Vgel. Wie lustig waren
sie nicht dabei, es war ihre gute Zeit im Jahre und du mutest es geschehen
lassen. Und nun, wie viel besser sind doch Menschen als Spatzen, und die sollten
nicht einmal einen guten Tag haben, und wenn Gott sie dir vor die Tre schickt,
um deinen guten Willen zu sehen, zu erfahren, ob du weit, wer dir den guten
Anfang gibt, denen willst du dann nichts geben? Selb, Uli, wirst du nicht
machen! Bin ich denn Pchter geworden, um Bettlern zu kchlen? Was brauchen
die solche Speise, Brot, wenn was sein mu, tuts. Oder meinst etwa, man solle
auch den Vgeln kchlen und Schsseln voll in den Acker stellen?
    Lieber Uli, rede dich doch nicht in Zorn hinein, denn das ist dein Ernst
nicht. Christenbrauch ists ja, da man die Armen wie Brder hlt und nicht wie
Hunde abspeiset, und gibt man ja selbst den Hunden Brosamen vom Teller, jagt sie
nicht mit ungesttigten Gelsten vom Tische weg. Sollte man dann einem armen
Fraueli oder einem armen Kinde, welches das ganze Jahr durch nichts Gutes hat,
kaum Salz zu den Kartoffeln hat, nicht eine gebackene Brotschnitte geben oder
sonst ein Kchli? Soll es umsonst den ganzen Tag, wohin es kommen mag, den Duft
der in der Pfanne brodelnden Butter in der Nase haben? Denke doch an die
Geschichte vom reichen Manne und vom armen Lazarus. Soll ich jetzt etwa noch
gar der reiche Mann sein? frug Uli nicht sanft. Aber Uli, sagte Vreneli,
versndige dich doch nicht, ich kenne dich ja gar nicht wieder. Bist du nicht
der reiche Mann, so bist du doch ein gesegneter Mann. Welch gut Jahr haben wir
nicht, und das hat Gott gemacht. Leicht htte er die Hlfte weniger geben
knnen, und damit htten wir auch mssen zufrieden sein. Willst du nun mutwillig
die Armen erbittern, machen, da ihre Flche ums Haus fliegen wie die Schwalben,
willst nicht lieber, sie wnschen uns alle Gottes Glck und Segen? Was haben wir
ja ntiger als dies? Dem ohne dies wren wir nichts, ohne dies werden wir
nichts.
    Das wre alles gut, und bs meine ich es ja nicht, das weit du sagte Uli.
Aber fangen wir einmal an mit Grotun und Austeilen, so mssen wir so
fortfahren; ist denn jedes Jahr ein gesegnetes, da es es ertragen mag? Sollte
man nicht gleich anfangs so anfangen, wie man zu jeder und aller Zeit fortfahren
kann? Ja sieh, sagte Vreneli, verstehe mich recht, nicht wie ehedem begehre
ich es zu machen, dies wird kein vernnftiger Mensch uns zumuten. Man kann die
Schnitten ungleich gro abschneiden, sie ungleich backen, kann das Pack
abweisen. Ich kenne seit Jahren die Leute, welche kommen, glaube, mit Wenigem
will ich weit reichen, zudem sieh, die Base hat mir vier Taler gegeben; sie
htte es ungern, hat sie gesagt, wenn die Leute alle umsonst kmen und z'leerem
wie, der fort mten. Das wre wohl gut, wenn es mit dem gemacht wre; aber
denk, was wir noch alles kaufen mssen fr die eigenen Leute und denen dann auch
noch jedem ein Tuch voll heimgeben. Die Weiber der Tagelhner werden wir noch
einladen mssen, und einige davon sind imstande, sie bringen uns noch die Kinder
mit. Schlachte ich ein Schaf, so braucht man kein anderes Fleisch, mit dem Weine
mache ich es kurz. Wenn ich auf zwei Personen eine Ma rechne, die Ma vier
Batzen hchstens, so kostet mich das schon ein Sndengeld. Das tue nicht,
sagte Vreneli, es wre unser eigener Schade. Vergi nie, wie es uns war, als
wir noch dienten, was wir gesagt htten, wenn man uns die Sichelten so sprlich
zugemessen htte. Die Arbeiter haben, solange Joggeli lebt, nie so angestrengt
gearbeitet, knnen nichts dafr, da wir nur Pchter sind, und eine Mahlzeit ist
immer eine Mahlzeit, macht auf Fromme und Nichtfromme, auf Reiche und Arme einen
seltsamen Eindruck. Der Arme, welcher Monate lang weder Fleisch noch Wein sieht,
freut sich darauf wie ein Kind auf Weihnacht, und warum sollte er nicht? An
einer Mahlzeit will man genug haben, von allem satt werden; was man noch mchte
und nicht bekmmt, das kmmt viel hher in Anschlag als das, was man erhlt.
Mahlzeiten sind im Leben, was Sterne am Himmel in mondloser Nacht, und nicht
blo wegen Essen und Trinken. Es tauen auch die Herzen auf, es wird einmal
wieder Sonntag darin, es bricht die Liebe einmal wieder hervor; wie aus den
Wolken die Sonne und wie aus Holland der Nebel, flieht aus mancher Seele der
bse Kummer, das Elend wird vergessen, sie wird einmal wieder froh, fat
frischen Mut und danket einmal wieder Gott von Herzen. Nein, lieber Uli, zu
mager mach es nicht, mach es um der Menschen willen nicht! Gott hat uns so groe
Ursache zu Lob und Dank gegeben, gib du jetzt deinen Leuten nicht Ursache zu
Groll und Widerwillen, sondern zu Lob und Dank, zu Mut und Freude. Vielfltig
bringen wir dieses ein, denn wenn bei allen guter Wille ist, so wird rasch viel
wieder eingebracht, whrend bei bsem Willen unendlich viel zuschanden geht. Das
hat Joggeli viele tausend Gulden gekostet, bei ihm habe ich gesehen, wie das
gehen kann. Schlechten Wein nimm nicht, er freut niemand, wird getrunken wie
Wasser und ist also der teuerste. Nimm guten Wein, der er, freut die Herzen, sie
rechnen ihn dir hoch an und trinken weniger als vom Wein, der keine Tugend hat,
als die Kpfe bs zu machen. Denke doch, es ist mir so gut daran gelegen, da
wir mit Ehren bestehen, als dir; es geht auch mich was an, denn gewhnlich soll
die Frau daran schuld sein, wenn der Mann zugrunde geht, aber Sparen und Sparen
sind zwei. An einer Kuh, welche Milch geben soll, das Heu, an einem Pferde,
welches springen soll, den Hafer sparen wollen, hat noch niemand groen Nutzen
gebracht, wie man Beispiele von Exempeln an manchem Bauer sehen kann.
    Uli begriff Vreneli und hatte sogar Glauben zu ihm, aber gegen Glauben und
Verstand stritten Geld und Angst, trieben Uli vielen Schwei und manches Aber
aus. Indessen siegten doch die Erstern, denn Vreneli half ihnen mit all seiner
Liebenswrdigkeit. Uli schaffte guten Wein an und so viel da er nicht bei jeder
Flasche, welche er aus dem Flein zog. Kummer haben mute, es mchte die letzte
sein, und in Versuchung kam, Ksmilch aufzustellen in Ermangelung des Weines,
ein bs und dnn Surrogat desselben. Ein Schaf wurde geschlachtet, indessen auch
dem Rind- und Schweinefleisch die landesblichen Stellen angewiesen.
    Nun war Vreneli hellauf, es glaubte alles gewonnen, aber die Angst kam ihm
wieder und zwar am Tage der Sichelten selbst und nicht von Uli her. Als das
Sieden und Braten an, ging, die Feuer prasselten, die Butter brodelte und
zischte, die Bettler kamen, als schneie es sie vom Himmel herunter, die Pfannen
zu alles verschlingenden Ungeheuern wurden, Vreneli, wie viel es auch
hineinwarf, immer frisch wieder anghnten mit weitem, dem, schwarzem Schlund,
da kam die Angst ber ihns, aber sie half ihm halt nichts; wie die Sperlinge den
Kirschbaum wittern, welcher frhe Kirschen trgt, weither gezogen kommen mit
ihren raschen Schnbeln und nimmersatten Buchlein, so kamen die Bettler daher,
vom Duft der brodelnden Butter gezogen, schrieen heihungrig von weitem schon:
Ein Almosen dr tusig Gottswille und trippelten ungeduldig an der Tr herum,
weil sie vor ser Erwartung die Beine nicht stillehalten konnten. Vreneli
begann Schnittchen zu backen, da es sich fast schmte, so klein und so dnn die
Kruste, und alles half nichts; es war, als ob sie Beine kriegten und selbst
zuliefen einem Schreihals vor der Tr. Es ward ihm immer himmelngster, fr die
eignen Leute konnte es gar nicht sorgen.
    In der grten Not erschien die Base unter der Kuchentre, wahrhaftig wie
ein Engel und zwar einer von den schwereren, denn sie wog wenig unter zwei
Zentnern. Es dnkt mich, es sei noch nie so gegangen mit Betteln, sagte der
dicke Engel, es ward mir himmelangst fr dich; die Leute haben doch je lnger
je weniger Verstand, und wenn es nicht die Halben versprengt vom Kchlifressen,
so meinen sie, es sei ihnen bel gegangen. Da habe ich dir eine kleine Steuer,
denn Viele werden meinen, wir seien noch auf dem Hofe, und kommen unsertwegen,
und vielleicht kann ich dir sonst noch helfen. Sie stellte einen bedeutenden
Butterkbel, den sie hinter Joggelis Rcken aus ihrem Keller stibitzt hatte, dem
besten Schmuggler zum Trotz, auf den Kchentisch.
    Aber Base, Base, nein, das hat doch wirklich keine Art, jetzt noch so viel
Butter! Ihr seid doch gewi die beste Base unter der Sonne! Was kann ich Euch
dagegen tun, Vergelts Euch Gott zu hunderttausend Malen! Tue nicht so
ntlich, sagte die Base, und sag, wo ich dir helfen soll. Es wre ja unsere
Pflicht, auszurichten, was blich und bruchlich ist, und da ihr schon zum
erstenmal aufgefressen werdet wie das Kraut von den Heuschrecken, selb meinte
sicher selbst Joggeli nicht. Blo da ihr scharf gebrstet werdet, das wohl, das
mchte er euch gnnen. Base, glaubt nur, geben tue ich gar gerne; ich fhle es
recht, da Geben seliger ist als Nehmen. Es kommt mir dabei immer vor, als sei
ich Gottes selbsteigne Hand, welche er ffnet zur Stunde, damit sich sttigt,
was da lebt. Aber wenn es dahergeflogen kmmt wie Krhen im Winter ber einen
spt geseten Acker, dann wird es einem doch angst ums Herz, man kmmt in
Versuchung und versndigt sich fast, wird ungeduldig, wenn die Zeit verrinnt,
der Abend kommt und unsre Leute hungrig kommen und nichts finden. Allweg,
sagte die Base, aber wart, ich will dir helfen.
    Nun half die Base, sie machte die Schaffnerin und Spenderin nun wirklich so,
da Vreneli Zeit und Stoff fr seine Leute die Flle blieb. Ging jemand
unzufrieden weg, so fiel der Groll auf die Buerin, deren bekannte Gestalt unter
die Tr stund und ihn abgefertigt hatte.
    Wie Vreneli in der Kche, schwitzte Uli auf dem Felde. Es war ein Tag, in
welchen sich fast mehr Arbeit drngte, als hinein mochte. Zweitausend Garben
sollten eingefhrt werden. Mit zwei Stieren fhrte er den Wagen auf dem Acker,
war er geladen, so fuhren vier Pferde denselben heim. Eine Partie lud zu Hause
die Garben ab, eine andere band Garben, die dritte lud sie. Zu dieser gehrte
Uli, er gab alle Garben selbst auf den Wagen, alles griff in einander, ward in
halbem Lauf getan, Uli hatte keinen Augenblick zum Verschnaufen. Aber Uli hatte
zwei Augen und die sahen einen bedeutenden Teil der Bettler, welche bei dem
Hause ab- und zugingen.
    Anfangs achtete er sich nicht so viel derselben. Erst als einer sagte: Es
geht heute aber stark, so wie noch nie, ward er aufmerksam, wollte sie zhlen;
aber zugleich sollte er die Garben zhlen, welche er auf den Wagen gab, und
Bettler und Garben kamen ihm untereinander, da er nicht mehr wute, woran er
war. Dies machte ihn noch giftiger, auslassen durfte er seinen Grimm nicht,
hchstens den Stieren konnte er rauhere Worte geben als sonst und unsanfter sie
zerren an ihren Hrnern. Aber sie nahmen keine Notiz davon und fraen gemtlich
das vorgelegte Gras und lieen sich behaglich durch einen Knaben Fliegen und
Bremsen wehren. Wart nur bis ich heimkomme, dachte Uli, dann will ich sehen,
was brig geblieben. Hoffentlich gibt es Gelegenheit, die Narrheit ein fr alle
Male abzustellen.
    Indessen bis er mit dem letzten Wagen heim konnte, stund er eine Hitze und
Ungeduld aus, da er von nun an vollkommen wute, wie es den Menschen im
Fegfeuer zumute sein mu. Auf dem Wege begegnete ihm Joggeli. Fhre nur brav
ein, sagte ihm dieser, hast es ntig, Bettler und Muse bedrfen viel und das
Jahr ist lang. Uli antwortete nicht, aber wer sich auf das Knallen einer
Peitsche versteht, konnte an demselben dessen Gedanken abnehmen. Es war viel,
da er den Wagen nicht umwarf oder keinen Abweisstein umfuhr, aber Gewohnheit
macht viel. Aber sobald die Pferde stillestunden, bergab er das Abspannen
dienstbaren Geistern und ging der Kche zu. Gewaltig nahm er sich zusammen, um
nicht mit der Tre ins Haus zu fallen, sondern gemigt aufzutreten mit dem
Anstand, welcher dem Meister ziemt. Gepolter und Aufbegehren an diesem Tage
wrde sein Ansehen bedenklich geschdigt haben. Das bedachte Uli. Als er unter
der Kchentre erschien, stie er auf die Base, vor welcher er auch Respekt
hatte, so da er fast kleinlaut frug: Wie stehts? In einer halben oder ganzen
Stunde hchstens sind wir fertig!
    Freundlich kam Vreneli aus Rauch und Qualm ihm entgegengesprungen, glhend
von Schwei und Arbeit. Gut. sagte es, kommt wann ihr wollt, es ist alles
zweg, und lieb ists mir gar sehr, wenn es mit der Arbeit nicht geht bis tief in
die Nacht hinein; habe es an diesem Tage sehr ungern, denn gewhnlich geschieht
noch was Ungeschicktes. Aber zu tun haben wir gehabt, du glaubst es nicht; wre
die Base nicht gekommen und htte mir geholfen, ich darf nicht sagen wie, du
httest mich nicht mehr gefunden, ich wre davongelaufen, so weit mich die Beine
htten tragen wollen. Komm und sieh, was wir geschafft. Mu gehen und helfen.
sagte Uli, die Pferde sind nicht ausgespannt, mssen noch geputzt und
abgerieben sein. Wrest mir ein schner Meister, wenn du immer dabeisein
mtest, wenn der Wagen laufen soll, und nicht einen Augenblick Zeit httest zu
sehen, was dir deine Frau zeigen will. Komm. rief Vreneli schalkhaft, Base,
seht zur Pfanne! und sprang die Kellertreppe hinab, da Uli folgen mute, er
mochte wollen oder nicht. Weit sperrte Vreneli die Kellertre auf, und drinnen
auf dem blichen Tische sah er mit groem Erstaunen Berge von Kchlein von allen
Sorten. Sieh, hier diese sind fr diesen Abend, diese fr morgen mittag, jene
dort fr nach Hause zu geben, und fr Unbestimmtes backen wir noch, man wei
nie, was es geben kann. Was meinst, haben wir genug?
    Ganz verstaunet stund Uli vor den hohen Trmen, machte Augen wie
Pflugsrder, und doch konnten sie das Wunder nicht fassen; fast wre er
davongelaufen, weil er dachte, dieser Segen knne nur durch den Rauchfang
heruntergekommen sein, endlich sagte er: Gott beht uns davor! Woher dies alles
und so viel Bettler! Bst! Bst! sagte Vreneli schalkhaft das frgt man nicht
und darfs nicht sagen; wenn es die Erdmnnchen hrten, sie zrnten es, denke,
wie kommod, wenn man nur ein Kchlein auf eine Schssel zu legen braucht, um
handkehrum noch sieben andere darauf zu haben. He ja, kommod wrs, sagte Uli,
aber vielleicht, da du das Hexli warest, machte aber dabei doch ein Gesicht,
dem man es ansah, da er nicht wute, was er glauben sollte, wandte sich und
wollte wieder die Treppe auf: Nit, nit, sagte Vreneli und fate ihn am Arm,
es ist noch was anders da, welches du auch sehen mut, es wartet dir schon
lange. Hinter einer Schssel voll Kchli holte es eine Flasche und ein Glas
her, vor, schenkte ihm ein und sagte: Weit nicht, da es Brauch ist, da der
Meister an heien Erntetagen zuweilen selbst ein Fuder nach Hause fhrt und dann
was Khles im Keller findet? Ein andermal vergi es nicht; aber nicht wahr, du
wolltest kommen und sehen, ob ich noch was htte, hattest Angst, die Bettler
htten alles vorweggegessen, wolltest mrderlich aufbegehren und httest fast
Freude daran gehabt, wenn ich in Schmach und Schande gekommen wre. Da, du
wster Kerli du, da nimm noch eines und schme dich; nicht wahr, bist halb bse,
da alles anders ist, als du dachtest und du nicht Freude haben kannst an meiner
Schmach? Komm und gib mir ein Mntschi, aber nur leise, da es die Base nicht
hrt, und denke daran, du httest dich an mir versndigt und wollest nicht mehr
so tun und so sein. Sagte ja kein Wort, meinte Uli, kam nur, zu sehen, ob du
fertig seiest. Meinst, erwiderte Vreneli, ich kenne dein Gesicht nicht und
wisse nicht am Trappen deiner Fe, wie das Herz dir schlgt, und am Ton der
Worte, was hinter denselben steckt? Arme Weiber sind wir, aber schlauer, als ihr
denkt, und was euch durch den Kopffahrt und was ihr brtet im Herzen, das merken
wir von weitem; jetzt weit es, kannst dich hten, und in einer halben Stunde
ist das Essen fertig, mach, da wir nicht warten mssen, und husch war es die
Treppe auf und schon mitten in der Kche.
    Uli war guten Mutes geworden. Er zog die Kellertre zu mit lachendem
Gesichte, und lustig pfeifend ging er den Stllen zu. Er dachte, ein solch
Weibchen sei doch kommod und rar, fleiig und lustig, immer mehr gemacht, als
man gedacht, und immer gute Worte und ein hell Gesicht, da man auch ein solches
machen msse, man mge wollen oder nicht. Was hat er gesagt? frug droben die
Base. Augen hat er gemacht wie Pflugsrder und wei noch jetzt nicht, ists mit
rechten Dingen zugegangen oder nicht. Aber Gottlob zufrieden ist er, und das ist
die Hauptsache, antwortete Vreneli. Es steht einem Bauernhause nichts
schlechter an, als wenn abends, wenn Feierabend gemacht ist, oder Sonntag
mittags oder an einer Sichelten die Leute stundenlang herumlungern mssen, ehe
sie zum Essen gerufen werden. Es gibt Huser, in welchen dieses Verspten
regelmig ist. Die Weiber in diesen Husern mssen eine wahre Hausplage sein,
es nimmt einem recht wunder, was die fr ein Eingericht in ihrem Kopf haben und
was sie auch denken? Wahrscheinlich werden sie erst das Ro beim Schwanz zumen,
dann lange es betrachten hinten und vornen, endlich wird es ihnen langsam
kommen: eigentlich zume man ein Ro beim Kopf und nicht beim Schwanz, und dann
wird es ihnen kommen und wiederum langsam, das Beste wre, sie tten den Zaum
hinten wegnehmen und brchten ihn nach vornen, dann endlich schreiten sie zur
Ausfhrung dieser Einsicht, aber langsam, begreiflich. Was whrend dieser Zeit
in den Magen und Kpfen der hungrig Harrenden vorgeht und zwar nicht langsam,
daran zu denken haben sie nicht Zeit, begreiflich. Eigentlich wre es
interessant zu untersuchen, ob solche Weiber wirklich denken? Wir glauben, sie
bringen es hchstens nur zu einem Quasidenken und auch dieses nur ein-oder
zweimal des Jahres, etwa wenn sie den Schneider ins Haus kriegen oder Schweine
zu ringen sind.
    In der Glunggen ging es aber nicht so, in Kopf und Beinen hatte Vreneli ein
ander Eingericht. Kaum hatten die Leute die Arbeit beendigt, Staub und Schwei
sich abgewaschen, erscholl der willkommene Ruf zum Essen. Dieser Ruf kommt nicht
vom Himmel her noch ruft er in den Himmel, aber am Wohllaut desselben mag der
arme Sterbliche abnehmen, wie herrlich und s einmal der Ruf dorthin klingen
wird. Diesmal zgerten die Leute nicht so unertrglich, wie es sonst der Fall
ist, es war etwas, welches sie schneller in Bewegung setzte. Sie hatten alle ein
gutes Vorurteil fr Vreneli, es war allen lieb, ein solcher Verstand bei einer
so Jungen sei selten, hie es. Uli schien ihnen dagegen wohl streng und
allzusehr den Meister zu machen. Sie meinten, einer, der selbst Knecht gewesen
sei, sollte Verstand haben und begreifen, da man sich nicht gerne zu Tode
arbeite, das heit nichts darnach frage, in einem Tage zu schaffen, woran man
fglich zwei Tage trdeln knne. Es nahm sie nun aber doch sehr wunder, und
darber war die ganze Ernte durch gesprochen worden, wie Vreneli aufwarten und
aufstellen werde: ob gehrig, da man dabeisein knne, oder Speise und Trank
apothekermig ihnen zugeteilt werden wrden?
    Als so rasch gerufen wurde, dachten sie: Von zweien ist eins; entweder geht
es verdammt mager zu, oder verdammt brav hat Vreneli sich gestellt, denn fast
die ganze Last lag ihm alleine ob. Die Neugierde, welches von den zweien der
Fall sei, machte ihnen so rasche Beine. Sie kamen fast in die Stube wie Kinder
ins Zimmer, wo zu Weihnachten ihnen beschert wird, bemerkten aber nichts
Besonderes, es schien alles akkurat wie ehedem, so da es ihnen ganz traulich
und heimelig ward ums Herz und Einer zum Andern sagte: Er htte geglaubt, das
ndere hier, von wegen was einem recht und gut sei, das ndere, das Schlechte
knne man behalten. Es sei aber nichts als billig, da es einmal umgekehrt gehe.
Das Beste und Schnste, was zu sehen war, war Vreneli, welches mit
Freundlichkeit und Sicherheit alles ordnete, fr jeden ein gutes Wort hatte,
jeden mit dem Hauche der Heiterkeit berhrte, welches ein wunderbar Ding ist,
aber die allerbeste Wrze, ohne welche das reichste Mahl nichts ist als eine
schdliche, gefhrliche Abftterng. Uli war es eigen zumute, es war das
erstemal, da er so gleichsam prsidierte und als Gastgeber eine Gesellschaft
bewirtete und mit selbsteigenen Speisen; wer es gewohnt ist, tut es mit einem
eigenen Behagen und einem gewissen Selbstgefhl, welches wir nicht Stolz nennen
mchten. Uli tat noch linkisch, das Behagen kam erst spter, aber er zeigte
Geschick dazu, die Leute waren mit ihm zufrieden. Sie freuten sich auch der
alten Frau, welche mit einer groen Schssel Fleisch erschien und dann zu ihnen
sich setzte. Besonders erquickte ihr Anblick die alten Tagelhner, welche seit
Jahren auf dem Hofe gearbeitet und in gesunden und kranken Tagen ihre milde Hand
erfahren hatten. Da war keiner, der ihr sein Glas nicht brachte, wollte, da sie
ihm Bescheid tue. Wenn sie jedem seinen Willen htte tun wollen, so wre sie
nicht blo zwei Zentner schwer geblieben, sondern so schwer geworden, da
wenigstens zweimal vierundzwanzig Stunden lang ihre Beine sie nicht mehr htten
tragen knnen.
    Da kam in die Herrlichkeit hinein die Botschaft, die Base solle heimkommen,
Joggeli lasse es sagen. Diese Botschaft machte ungefhr den Eindruck, wie wenn
in eine prchtig dampfende Fleischsuppe, nach welcher alle Lffel sich
ausstrecken, pltzlich eine Krte plumpsen wrde. Nach Joggeli war schon
mehreremal gesandt worden, aber Joggeli liebte es, Pfeffer in die Milch zu
rhren; hintendrein htte er ihn wohl wieder herausgefischt, aber dies ist nicht
allemal mehr mglich. Als die Base aufstehen wollte, kam Vreneli und sagte:
Nit, nit, Base, was denket Ihr doch. Ich will hinber zum Vetter und ihm die
Mucken ausklopfen. Was gilts, in wenig Minuten bin ich mit ihm da.
    Bist immer die gleiche Hexe, sagte die Base und lachte herzlich, und ein
alter Tagelhner sagte: Frau, nicht fr ungut, aber dem Alten wre zu gnnen
gewesen, Ihr wret vor ein paar Jahren gestorben und er htte Vreneli
geheiratet. Wohl, die htte ihn tanzen lassen, bis er gelernt htte nach Gott
schreien und es ihm verleidet wre, andere Leute zu plagen und ihnen die Freude
zu verderben. Es war wirklich sonderbar, wie Joggeli Vreneli so wenig leiden
mochte und doch durch niemand so regiert werden konnte wie durch Vreneli.
    Es ging wirklich lange nicht zehn Minuten, so hatte das Fraueli den Alten
knurrend und brummend auf den Beinen. Warte, sagte er, als er zur Tre des
Stckleins aus war, und ging in den Keller, welcher unter demselben war, kam mit
einer groen Strohflasche herauf, welche mehrere Ma fate, gab sie Vreneli und
sagte: Nimm die und schenke mir davon ein, habt heute Schmarotzer genug, mchte
nicht auch noch euch in den Kosten sein. O Vetter, sagte Vreneli,
unwillkrlich oft von Mutwillen gestachelt, das lat euch nicht kmmern; der
Hof mag das alles ertragen, und Vetter Joggeli kann einen Pchter erhalten,
welcher alles auszurichten vermag, was einem stolzen Bauernorte wohl ansteht.
Wenn der Pachtzins verfallen ist und das Geld ist nicht da, so vermag Vetter
Joggeli zu warten oder gar zu schenken. Indessen, den Wein nehme ich doch gerne
und mit gar groem Danke, allweg ist er viel besser als der unsere und es hat
mir Kummer gemacht, wir knnten dem Vetter nicht recht aufwarten. Uli hat zwar
angewendet und meint, er habe recht guten Wein, aber aufwarten knnten wir Euch
doch nicht so recht damit. Johannes hat Euch allzusehr verwhnt. Du hast immer
das gleiche Schlangenmaul, sagte Joggeli. Aber warte du nur, dir wird es
schwer werden, wenn du abweinen mut, was du gelacht hast, und vergehen werden
dir deine Flausen vor der letzten Weihnacht. Nehmts nicht fr ungut, Vetter,
sagte Vreneli, wei wohl, da die Flausen vergehen werden, aber vertreiben soll
man sie nicht, so wenig als die Muttermler, sonst gehen Haut und Knochen damit
weg. Aber kommt, alle verlangen nach Euch, alle fragen, wo der Bauer sei, ob
krank oder sonst nicht recht im Strumpf, da man ihn nicht sehe? Was Joggeli
hinter Vreneli her brummte, verstand es nicht, machte die Tre auf und sagte:
Seht, da hab ich ihn! Nun entstand Lrm und Lachen, sehr frhlich wurde
Joggeli empfangen und von allen Seiten begrt und mit Glsern bestrmt, da er
fast nicht wute, wo wehren. Anfangs wute er nicht recht, wie er das Lachen
deuten solle, als aber alle so freundlich blieben und ihn als eine
Respektsperson bewillkommneten, da ward ihm auch wohl; er fhlte sich als der
Glunggenbauer, lie sich obenansetzen und hart ntigen, bis er nach Speise
griff, und wenig war, was er a; er lie es bei jedem Bissen durchblicken, da
er sie doch nicht in zu groe Kosten bringen mchte.
    Die Leute hatten tapfer gearbeitet, aen nun auch tapfer und nicht mit der
angebornen Gemchlichkeit, nicht viel anders als das Klappern der Lffel und
Teller ward gehrt. Doch nicht lange, so kam ihnen die Besonnenheit; sie
gedachten, da sie die ganze Nacht zum Essen hatten, und je langsamer sie es
tten, desto mehr mchten sie und desto lnger knnten sie. Da begann das Reden,
und zwischendurch scholl Gelchter. Die Jngern wechselten Witze, trieben
Neckereien, die Alten erzhlten die Heldentaten ihrer Jugend: wie Viele sie
geprgelt und wie manchen Bauer, der gemeint, er sehe das Gras wachsen und hre
die Flhe husten, sie angeschmiert, und was der Dinge mehr waren. Dann
schwatzten auch die Honoratioren unter einander, doch so laut wie drben ging es
nicht her. Lange machte hier Joggeli den Hauptredner und erzhlte eine Menge
Geschichten, wie es Pchtern ergingen, ungeshnt Seuchen ihnen die Stlle
geleert, Hagel die Ernte zerschlagen, da ihnen nichts brig geblieben sei, als
in den Wald zu gehen und sich zu hngen an den ersten besten Baum. Er erzhlte
von andern, welche den Pachtherren bestohlen, die Milch von der Kuh, welche sie
ihm futtern sollten, nicht halb gegeben, alles auf das Aller, schlechteste
ausgerichtet, hinterrcks Holz aus dem Walde verkauft, bis ihnen endlich der
Bauer ber die Schelmerei gekommen und sie mit Schimpf und Schande weggejagt,
und wie sie Bettelleute geworden und ihr Brot vor den Tren htten suchen
mssen, da ihnen niemand mehr eine Pacht habe anvertrauen wollen. So erzhlte
Joggeli, legte ein Gedchtnis an den Tag wie eine Heuscheuer, bis ihm endlich
seine Frau sagte: Jetzt schweig mir bald mit deinen Lausgeschichten, du
knntest einen zu furchten machen, da sie einem im Traum vorkmen. Vreneli
aber, welches dem Vetter, seit er in der Stube war, auch nicht eine witzige
Antwort gegeben hatte, sondern die artige Wirtin machte, als ob es in einer
sechshunderttalerigen Pension gewesen, sagte: Lat den Vetter reden, Base, ich
habe ihn lange nicht so kurzweilig gesehen, ich knnte ihm zuhren bis am
Morgen, es schlferte mich nicht. J, so hatte es Joggeli nicht gemeint, an
Vrenelis Kurzweil war ihm wenig gelegen; er brach daher mit seinen
Hllengeschichten ab und machte sich zu den ltern Tagelhnern. Hier hrte er
eine Zeitlang zu, gab selbst Einiges zum Besten, freilich keine Heldentaten,
denn von einem Helden hatte Joggeli kein Haar an sich, aber pfiffige Streiche:
wie er sich aus der Patsche gezogen und Andere hineingestoen. Er erregte viel
Gelchter, da selbst die Jngern ihre Ohren ihm zuwandten, denn Fuchsenstreiche
sind leider eine beliebte Speise fr alte und junge Ohren von je gewesen und
werden es bleiben, leider.
    Ach ja, sagte er endlich, selbe Zeit war eine lustige Zeit, da hatte man
noch Zeit hie und da zu einem lustigen Lumpenstcklein und meinte nicht, es
msse alles in einem Tage erhastet und erjagt sein. Er erinnere sich noch an
die Zeit, in welcher man mit der Sichel das Korn geschnitten; langsam sei es
gegangen, aber lustig. Schnitter und Schnitterinnen seien aus dem Berglande
gekommen scharenweise wie Rinderstaren im Herbst. Ganze Haufen htte ein
einziger Bauer angestellt und doch so drei bis fnf Wochen zu ernten gehabt. Da
sei man nicht so mde geworden wie jetzt, wo man am Abend kein Glied mehr rhren
mge. Er wisse, da man oft nach dem Feierabend noch bis gegen Mitternacht
getanzt htte im Grase oder in der Tenne. Unter der Schar sei immer einer
gewesen, der ein Tnzlein htte pfeifen knnen auf dem Blatte oder sonst, und
nicht selten htten die Schnitter neben der Sense eine Geige mitgebracht oder
eine Zither. Jetzt ists mit Pfeifen und Tanzen aus und es kommt noch die Zeit,
wo man in einem Tage alles macht. Ja ja, die Leute werden alle Tage gescheuter
und abgerichteter auf ihren Nutzen. Wann habt ihr angefangen, und seid schon
fertig? frug Joggeli mit einem andchtigen Seufzer. Auf erhaltene Antwort sagte
er: Das ist nie erhrt worden, und wenn man das frher jemanden gesagt htte,
er htte gesagt, es fehle einem im Kopfe. Aber Uli ist auch ein Ungeheuer zum
Arbeiten, es geht ihm von der Hand, ich habe noch niemand so gesehen. Wenn ihr
es von ihm lernet, so kmmt es euch in alle Wege kommod. Nun schlug er Ulis
Ruhm auf dieser Saite in allen mglichen Variationen an, bis ihm die Base,
welcher es katzangst dabei ward, rief, sie mchte ihn was fragen. Ob es nicht
Zeit wre heimzugehen, meinte sie, es sei ber Mitternacht? Als Joggeli nicht
Lust bezeigte (wahrscheinlich hatte er wieder was Neues, Interessantes im
Kopfe), warf sie so hin: Man knne nie wissen, aber es gebe schlechte Leute in
der Welt und zwar immer mehr; wenn die merkten, da der Stock leer und alles
hier sei, so knne sie die Lust ankommen, nachzusehen, ob sie drinnen nicht was
fnden, welches ihnen anstndig sei. J wohl, das wirkte und machte Joggeli
Beine. Wenn sie es erzwungen haben wolle, so sei es ihm am Ende gleich. Ob,
gleich nun Uli und Vreneli einredeten und von seiner Flasche mit Wein sprachen,
welche noch nicht halb leer sei usw., so hatte er doch kein Bleiben mehr; die
Alte hatte ihm den schwachen Punkt berhrt, sie kannte den so gut wie ein Husar
den Fleck an seinem Pferde, wo man es nicht anrhren darf, wenn es nicht hinten
und vornen ausschlagen soll. Nachdem Beide abgegangen, ward es einfrmiger am
Mahle, wenn auch lrmender mehrere Stunden lang. Zuweilen legte einer den Kopf
auf die Arme und schlief; wachte er wieder auf, so trank er erst ein Glas Wein,
dann begann er zu essen, als komme er neu zum Tisch. Andere gingen hinaus; was
sie trieben, wissen wir nicht, aber kamen sie wieder, so aen und tranken sie
ebenfalls so, als htten sie noch sehr wenig gehabt. Wenige blieben sitzen, als
wren sie da frs ganze Leben angenagelt; es waren die Veteranen, welche an
fnfzig Sichelten sich die kaltbltige Ruhe erworben hatten, welche imstande
ist, vierundzwanzig Stunden lang, wenn es sein mu, zu essen und zu trinken,
ohne je zu viel zu kriegen. Aber furchtbar langweilig wurden sie und schienen
nur dar, auf zu horchen, ob sich die verschluckte Masse nicht setzte, so da sie
einen Bissen hinunterschieben und einen Schluck nachtrinken knnten. Dazu kam
nun allgemach der Tag herauf, und nicht leicht was Grausigeres gibt es, als wenn
der Tag durch die Fenster kmmt, hinter welchen herabgebrannte Lichter glimmen,
Tabaksqualm schwer ber grauen, blassen Menschen mit glsernen Augen liegt, ber
Menschen, welche essen, trinken, rauchen, reden, singen, aber alles in
unsglicher Schwerflligkeit und Langsamkeit wie im Traume, zu nichts mehr
tauglich sind, nicht einmal zum Aufstehen und zu Bette zu gehen. Ja das ist
wst, aber nicht blo so einfach wst, sondern gleichzeitig eine Geduldprobe;
fr den Wirt, und besonders wenn er blo Pchter ist, kann kaum eine rgere
erdacht werden. Er mu also aushalten, vielleicht geht auch seine Frau ins Bett,
da sie zur Zeit wieder auf dem Platz sein mu, um das Mittagsmahl zu bereiten,
whrend der Mann schlafen kann, bis es auf dem Tische steht. Er ist mde von der
Arbeit, schlfrig von kurzem Schlafe in vergangener Zeit, hat Wein getrunken,
eine Nacht ganz durchwacht und sitzt da und sieht den Tag kommen, sehnt sich
nach dem Bette, dorthin zieht es ihn mit Himmelsgewalt, aber da herum sitzen
noch die Angenagelten und nageln auch ihn fest.
    So wie der Tag kam, kam es Einen nach dem Andern an wie die Eulen: er suchte
die Finsternis, nachdem er noch in sich geschafft hatte, was die Haut ertragen
mochte; aber die alten verpichten Hute bleiben und der Wirt mu auch bleiben.
Es sieht der Gastgeber, da sie sich offenbar Gewalt antun, dazubleiben, zu
essen, zu trinken, da sie es ihm offenbar zum Trotz tun, nicht blo um ihm so
wenig als mglich brig zu lassen, so viel als mglich abzuessen, sondern um ihn
zu peinigen mit dem Dableiben, ihn zu versuchen, da er ungeduldig wird, endlich
in die Worte ausbricht: Es dnket mich, ihr solltet einmal genug haben und euch
ins Bett packen, das wrde euch wohl anstehen, und schner als dort seid ihr
nirgends. Dann htten sie, was sie wollten, wrden einige spitzige Worte sagen,
gehen, aber dann whrend ihrer ganzen brigen Lebenszeit an jeder Sichelten und
sonst noch bei jedem Anlasse es rhmen, wie sie es einmal dem Meister gemacht,
was er gesagt und was sie gesagt.
    Das Aushalten in Ruhe und Wrde hat etwas hnliches mit dem gelassenen
Aushalten eines indianischen Huptlings, welcher von einem feindlichen Stamme
langsam dem Tode entgegengemartert wird, um schlielich skalpiert zu werden. Was
dabei das Unertrglichste, ist, da solche Peiniger sehr oft nicht etwa die
schlechtesten Arbeiter sind oder die feind, seligsten, sondern die fleiigsten,
mit denen man das Jahr durch im besten Verhltnisse gestanden hat, von denen man
freundschaftliche Rcksichten erwarten sollte, ein Eingehen in des Meisters
Pein. Aber es ist, als ob sie einmal des Jahres genieen wollten, Herren zu
sein, den Meister zum Knecht zu haben, ihn ihre Laune empfinden zu lassen so
recht bis auf den Grund. Ein ganz hnliches Gefhl herrscht da vor, welches bei
den Rmern das merkwrdige Fest erzeugte, wo die Herren ihre Sklaven bedienten,
als seien diese zu Herren, sie zu Sklaven geworden. Darin lag Sinn und Witz und
beide tief; die Herren sollten ein ganzes Jahr lang nicht vergessen, da ein
Sklave fhlt und wie er fhlt, die Sklaven sollten im Glcke dieses Tages ihr
Elend vergessen, nicht vergessen, da sie Menschen seien und den Gttern
angehrten so gut als ihre Herren. Nun, so an einer Sichelten erfahrt auch der
Berner Bauer, was es heit, von Launen abhngen, aus der Haut fahren mgen und
es nicht drfen.
    Uli mute aushalten bis morgens halb sechs. Da erst sagte der Letzte: Wenn
niemand mehr bleiben wolle, so werde er auch gehen mssen, sonst msse er aber
der Unverschmteste heien und wre ihm doch noch wohl da. Es dnke ihn, er sei
erst abgesessen. Indessen ging er und zwar so, da man wohl sah, er msse eine
geraume Zeit abgesessen gewesen sein, denn er fand die Tre kaum, und als er sie
endlich hatte, sah er die Trklinke nicht, obgleich die Sonne daran schien. Uli
hatte die Geduldprobe mnnlich bestanden, aber nicht aus selbsteigener Kraft.
Der liebe Gott hatte zur Geduld den Schlaf gesandt; dieser, wenn in Uli der Zorn
aufbrennen wollte, drckte ihm rasch die Augen zu, lhmte die Zunge, gaukelte
ihm ein klein Traumbild vor, dann wich er wieder.
    Uli fuhr auf, aber erfrischt, als htte er ein khlend Bad genommen. Die
Nerven hatten sich abgespannt, das Sieden des Blutes sich gelegt, eine halbe
Stunde konnte er sich wieder halten, dann brannte es wieder in ihm, dann kam der
Schlaf wieder, khlte ihn rasch ab; so gings, bis er endlich vom letzten wsten
Gaste erlset war.

                                Viertes Kapitel


Wie zwei Semnner an zwei ckern stehn und wie verschiedenen Samen sie aussen

Den folgenden Tag wollen wir nicht beschreiben, denn dieser ist schauerlich
langweilig. Allen ists, wenn er nur vorber wre, verschiedene Mittel werden
angewendet, ihn vorbeizubugsieren. Schlafen, Essen, Trinken und wieder Schlafen,
das sind die Hauptfaktoren, welche angewendet werden. An einigen Orten kommen
noch Tanzen und Mdchen dazu. Jedenfalls sind diese beiden Bugsiermittel nur auf
die Jugend berechnet, und da, wo das Erntefest meist in die Huser ein, gegrenzt
ist, ziehen beide auch nicht sonderlich, sondern blo da, wo das Wirtshausleben
in vielen Beziehungen das husliche berragt.
    In der Glunggen ging es nicht kurzweiliger. Als der Letzte das Schlachtfeld
verlassen hatte, konnte Uli nicht einmal ins Bett, er mute sich seines Viehs
erbarmen. Als es Mittag war, hatte man groe Mhe, die Schlfer aus Lchern und
Winkeln zusammenzutrommeln und zu-schleppen. Als sie mal saen, saen sie
wieder, doch nun diesmal nicht so lange, besonders da es ein schner Tag war.
Als Uli nach aufgehobener Tafel vor das Haus trat, um seine Sonntagspfeife zu
rauchen, rief ihn Joggeli. Willst hineinkommen und eine Flasche trinken mit
mir, sagte er, oder bist genug gesessen?
    Wenn selb ist, so komm mit mir nach Gramslige, htte dort was zu verrichten,
kriegen morgen den Schuhmacher und haben noch keine Ngel. Uli war das
anstndig; er kannte diese ehrbaren Vorwnde der Mnner, wenn sie zu einer guten
Flasche kommen wollen, bei einer solchen und allflliger Gesellschaft verdmmert
man am besten die langen Stunden. Zu Gramslige, setzte Joggeli hinzu, bekomme er
das Tausend Ngel drei Kreuzer wohlfeiler als hier, und dabei seien sie auch
noch recht gut. Kreuzer seien freilich nur Kreuzer, aber wenn man viele
derselben beisammen habe, gebe es auch einen Haufen, und wer zu ihnen nicht
Sorge tragen knne, komme auch nicht zu den Talern. Dir braucht das freilich
keinen Kummer zu machen, du hast einen Anfang wie selten einer. Du kannst es dir
und Andern gnnen, und allweg nehmen es die Leute je besser desto lieber, wie
sie aber auch recht haben. Du hast gestern es laufen lassen, es htte es mancher
Bauer nicht vermgen, und mit den Heischleuten ist es gegangen, es hat mir
selbst anfangen wollen zu grausen, wenn es mich schon nichts anging. Das Vreni
wird wohl wissen, was es erleiden mag, und wenn es es nicht wei, so ist es doch
schwer anders zu brichten; was das einmal im Kopfe hat, das bringt man ihm mit
einem Dutzend Purganzen nicht mehr raus. Das hat ein Kpflein, wohl, es wei es
niemand, als wer es erfahren hat! Nun, jetzt macht es sich; im Sommer ist es
eine gute Zeit, besonders bei solchem Wetter, da geht nur ein, Ausgaben hat man
keine. Die kommen erst im Winter: Zinsen, Steuern, Dienstenlhne; dann ists
freilich kommode, wenn man nicht leere Hnde hat. Die Dienstlhne werden dir zu
Weihnacht eine tchtige Lcke machen, von wegen du hast kostbare Knechte,
mancher Bauer vermchte sie nicht so teuer. Man meint sonst, wenn der Meister
immer mit und dabei sei, knne er es mit wohlfeilen Knechten auch machen. So
sprach Joggeli im Verlauf der Zeit, entwickelte eine groe Unterhaltungsgabe,
legte Weisheit und Gutmeinen an den Tag fuderweise, zahlte nicht blo eine,
sondern zwei Flaschen Wein, wahrscheinlich aus den auf den Schuhngeln ersparten
drei Kreuzern, und ein Herz und eine Seele, wie Vater und Sohn, wanderten sie
zusammen heim. Schon ging die Sonne nieder, aber nicht in den klaren Hintergrund
der Berge, sondern hinter eine schwarze Wolkenwand, welche sich ber den Kamm
der Berge gelagert hatte.
    Es ist gut, sind wir fertig, sagte Uli, das Wetter ndert, hinter Wolken
geht die Sonne nieder. Ja, sagte Joggeli, Pressieren ist gut, und bei den
Lhnen, welche man jetzt den Dienstboten gibt, kann man wohl pressieren, es mags
ertragen. Und wie man sie jetzt speisen mu, potz Sacker, es hat keine Art mehr,
und sind doch niemals zufrieden, und ehedem htte ein Bauer gemeint, er lebe wie
ein Herr, wenn er es gehabt htte, wie jetzt der schlechteste Knecht leben will.
Ich mag mich noch erinnern, da man Kaffee selten sah auf einem Tische und Brot
selten. Man hatte Rben, Kraut, Obst, grnes, solange es dauerte, dann
gedrrtes, Hafermus, Haferbrei und Milch; das a man, und dabei war man wohl und
mochte arbeiten wohl so gut als jetzt. Fleisch hatte man an den meisten Orten
blo den dritten Sonntag. Schon beim Frhstck stellte man es auf, lie es den
ganzen Tag auf dem Tische, da jeder gehen und nehmen konnte, so oft es ihm
beliebte. Aber zu Tode a sich Keiner, grnes Fleisch war es selten, sondern
drres, gut gesalzen, oft drei Jahre alt, und mit Einlegen ins Wasser gab man
sich nicht groe Mhe. Brav Durst gab das, der Bauer ging in den Keller und
lschte ihn mit Milch, das Gesinde hing den ganzen Tag an der Brunnenrhre, da
man htte glauben sollen, es mte jeder zur Feuerspritze geraten, und dabei
waren alle wohl zufrieden, man wute nichts anders. Dann erst vom Bettlervolk
wute man wenig oder nichts. Es waren kaum halb so viel Leute und zu essen fr
alle da. Zur selben Zeit meinte es unser Herrgott noch gut mit den Menschen und
nahm zuweilen den Zehnten mit Pestilenz oder Krieg. Aber jetzt mu ihm das
erleidet sein, er lt alles aufwachsen; es dnket einen, das schwchste Kind
knne nicht mehr sterben, es msse leben, und so kommt es dann, da man sich die
Haut abreibt und zuletzt noch einander fressen mu, wie die Ratten es machen
sollen. Und wie mu man den Menschen noch dazu aufwarten! Brot darf auf dem
Tische nie fehlen, Kaffee wollen sie wenigstens zweimal im Tage, Kraut sehen sie
kaum mehr an, und wenn man ihnen mehr als dreimal des Jahres mit Rben kmmt, so
schreien sie zu Gott, sie seien ganz erkltet und wenn er sie nicht von den
Rben erlse, mten sie zu lebendigen Eiszapfen werden. Alle Sonntage mu
Fleisch sein per se und grnes noch, welches man kaufen mu, wovon einer, wenn
er noch drei gute Zhne im Maul hat, in einer halben Stunde ein ganzes Pfund
frit, wenn er es kriegt nmlich. Ja jetzt wollen sie morgens um neun Uhr noch
was, wollen um drei Uhr wieder was, wollen nichts mehr als liegen und fressen
und sind doch nie zufrieden, wie man es auch machen mag, man wird den Lffel
ganz aus der Hand geben sollen. Wenn mein Vater selig wte, wie es ginge jetzt,
er kehrte sich noch im Grabe um, und wer wei, ob er nicht aufstnde und
versuchte, Ordnung wieder zu schaffen, von wegen das war ein Mann, der nicht
meinte, er msse alles annehmen, wie es kommt, und ber sich ergehen lassen, was
jedem Maulaffen gefalle. Der wollte zu allem, was ihn anging, ein Wrtlein
sagen, lie sich die Ordnung nicht machen, sondern machte sie selbst, und nicht
blo so eine auf dem Papier, sondern eine, nach der er ging, und eine, die er
hielt. Ja, ich bin froh, da ich daraus bin, es wird je lnger je bser, und wer
erst anfangen mu, kann mich dauern, begehre nicht an seinem Platze zu sein,
wte nicht, wie machen.
    Joggeli war zu einem Einheizer geboren, namentlich wrde er auf einem
amerikanischen Dampfboote, wo man bekanntlich liebt, die Kessel zu heizen, bis
sie springen, die vortrefflichsten Dienste geleistet haben. So heizte er
allenthalben ein, wo er an einen Menschen kam, und wie es schien, um so heier,
je lter er ward. So heizte er auch Uli ein, da derselbe zu dampfen begann,
doch sprang der Kessel, der Kopf, ihm nicht, denn nun begann ein Anderer das
Heizen und zwar bei Joggeli. Der liebe Gott rollte mit seiner Hand den mchtigen
Donnerwagen durch des Himmels unendliche Rume gewaltig und hehr. Es war, um
sich menschlich auszudrcken, als ob der Herr ber seinen Fluren dahinfahre, zu
schauen, was seine Kinder machen, ob heilige Sabbatsruhe sei auf Erden oder ein
wst heidnisch Getmmel, oder ob irgendwo ein tricht Menschenkind sich beigehen
lasse, sein Korn, welches des Herren Hand ihm wachsen lie, vor des Herrn
Wettern zu bergen, als ob man irgendwo hinfliehen knne vor des Herrn Macht. Nun
begann Joggelis Herz zu beben, und seine Stirne rauchte, denn er frchtete das
Donnern sehr; er frchtete es mehr als den Herrn selbst, denn erst wenn es
donnerte gedachte er an seine Ohnmacht und seine Snden, an des Herrn Wort und
Macht. Er war ein Kind geblieben sein Leben lang, aber der Art eines, welche
hinter dem Rcken der Eltern alles sich erlauben, nie ihrer gedenken, sobald
dieselben auerhalb dem Bereich ihrer Sinne sind, aber in die Knie fallen
zitternd und bebend, wenn unerwartet sie derselben Stimme hren, und bitten und
betteln um Schonung und Milde oder in Ecken sich zu bergen und zu sichern
suchen, Adam und Eva gleich, als sie des Herrn Stimme hrten. Als ernst und
feierlich des Herrn Stimme aus den Wolken brach, da strebte Joggeli mit
schwachen Beinen vorwrts und sagte: Er helfe pressieren. Aber die Wolken riefen
dem Sturme, und schneller reiten auf des Sturmes Flgeln die Wolken, als so ein
Joggeli mit schwachen Beinen hpperlet. Das komme streng daher, sagte er, wenn
sie nur irgendwo schirmen knnten; Bume wren wohl, aber bei solchem Wetter
hlfen sie wenig und seien sehr gefhrlich. Wilder, gewaltiger schmetterte der
Donner, blendend fuhren die Blitze, rot glhte die Strae, und doch wars noch
heller Tag, gro und schwer fielen Tropfen nieder und tief beugten die Bume
sich. Es war, als ob sie die Nhe des Herrn fhlten. Er wrde was geben, wenn er
zu Hause wre, sagte Joggeli, es blende ihn gar in den Augen, das mge er nicht
ertragen. Der Mensch sei doch dumm, zu laufen, wenn er zu Hause auch sein
knnte. Wegen drei Kreuzern bringe ihn niemand mehr fort. Kreuzer hin, Kreuzer
her, am Ende sei ihm das Leben lieber, und was man an den Kleidern verderbe,
wenn man so na werde, an einen Regenschirm htte er gar nicht gedacht. Ein
schner Regen schadet allweg nichts, sagte Uli, wenn es nur nicht hagelt, mein
Korn habe ich Gottlob unter Dach. Gewaltig prasselte der Regen nieder, jeder
Regenstrahl einen Finger dick. Na, na wird man, und du mein Gott, wie das
donnert, so habe ich es lange nicht gehrt! Ja, du httest deines unter Dach,
aber denk an Andere! Gewi war noch Mancher dumm genug und machte heute nicht
Garben, weil es Sonntag ist. Es gibt Leute, welche nie weise werden; was wird
das doch unserm Herrgott machen, ob einer Garben macht oder nicht am Sonntag?
Die Leute sind doch noch so - und ein glhender Blitz zuckte vorber, geblendet
schlossen sich ihre Augen, und ein Donner krachte nach, als ob der Himmel
geborsten wre wie eine glserne Decke und in Millionen Scherben zur Erde
rieselte. Das walte Gott, sagte Joggeli, wir kommen nicht lebendig heim; wenn
ich nur den Brief bei mir htte, welchen einst die Mutter Gottes zur Erde fallen
lie. Ich kaufte ihn einem Luzerner ab fr zwei Gulden. Wer den bei sich trgt,
dem tun die Elemente nichts und der Blitz nichts und das Wasser nichts, aber ich
dachte heute nicht dar, an, da es gut sein knnte.
    Fortan ward Joggeli stille, wahrscheinlich sagte er den Brief her, den er
vom vielen Lesen auswendig wute, und glaubte, er werde im Munde so gut sichern
und schirmen als in der Tasche. Er tat es wirklich auch, sie kamen lebendig
heim, aber so na, wie sie ihr Lebtag wohl nie gewesen. Uli meinte, wenigstens
einen halben Fu tief durch die Haut in den Leib hinein habe es ihm geregnet. Er
wird wohl bertrieben haben, denn wenn dies auch bei Joggeli der Fall gewesen
wre, so htte es in der Mitte zusammengeregnet und sicher eine Wassernot
abgesetzt, und wir haben nichts davon vernommen. Hingegen schlotterte Joggeli
bedenklich, brachte vor Zittern die nassen Kleider kaum vom Leibe, kroch so
schnell als mglich zu Bett, zog den Umhang fest zu, damit er das Leuchten der
Blitze nicht sehe, und htete vier Tage das Bett, dieweil er Fieber zu haben
glaubte. Noch viel lnger aber als vier Tage brummte er, wie das ein sauber
Eingericht sei in der Welt, da wer sparen und hausen wolle, von unserm Herrgott
beregnet werde, da er fast ums Leben komme. Sein Lebtag versetze er wegen
Schuhngeln und drei Kreuzern keinen Schritt mehr. Da ihm noch ganz was anderes
im Kopf gestochen als Schuhngel und drei Kreuzer, als er den Uli nach Gramslige
gelocket, da er dem Uli Kopfngel einklopfen wollte und da unser Herrgott mehr
als recht gehabt htte, wenn er ihn nicht blo beregnet, sondern auch behagelt
htte, das dachte Joggeli nicht von ferne. Er war nicht blo von denen einer,
die nimmerdar zur Wahrheit kommen knnen, sondern von den Unglcklichen einer,
welche Menschen, Gott und sich selbsten immerfort belgen und es nicht einmal
merken.
    Es gibt Worte, sie gehen in den Kopf wie Splitter ins Fleisch: man merket es
nicht. Erst nach einer Weile fangen sie an zu schmerzen und zu eitern, und oft
hat man seine liebe Not, ehe man sie wieder rauskriegt.
    Im August ist die Zeit, wo man die Dienstboten und namentlich die Knechte
frgt, ob sie bleiben wollen oder nicht, oder wo man, wenn man sie nicht mehr
will, andere sucht und dingt. Der Wechsel findet erst auf Weihnacht statt oder
eigentlich nach dem Neujahr. Die zwischen beiden Tagen liegende Zeit gibt man
meist frei, besonders den Mgden zum Zurechtmachen ihrer Kleider, und weil sie
doch das ganze Jahr gearbeitet, will man sie nicht um das Neujahren, das heit
eine hnliche Mahlzeit wie die Sichelten, bringen. Rechte Meister und rechte
Dienstboten versehen sich in dieser Zeit, machen, da sie wissen, woran sie
sind. Was leichtere Ware ist, luft noch lange herum um Meister aus oder lt
auf den Zufall es ankommen oder verspricht einer Dienstbotenmklerin einige
Batzen, wenn sie ihm einen Platz zuhanden habe. Spekulative oder kaltbltige
Meister warten auch oft bis zuletzt. Sie sagen, es gebe Leute genug, warte man
bis zu Weihnachten, so kriege man die, welche noch keine Pltze htten ganz
wohlfeil, wie man ja auch auf Viehmrkten zumeist das Vieh zuletzt am
wohlfeilsten kriege, weil es den Leuten zuwider sei, dasselbe unverkauft wieder
nach Hause zu treiben. Die Leute kalkulieren verschieden, und fast jeder Mensch
hat nicht sowohl eine andere Rechnungsweise, sondern er wertet die verschiedenen
Faktoren anders und auf seine Weise. Und das ist eben eine Kunst, welche Wenige
verstehen, jedem Faktor den wahren und echten Wert beizulegen, und dies allein
schtzt doch vor dem fatalen Verrechnen.
    Es war August und Uli sagte nichts von Dingen oder Wechseln, es ward Vreneli
ganz angst dabei, und doch fing es nicht gerne davon an. Es gibt in jeder Ehe
Punkte, von welchen das Eine oder das Andere nicht gerne anfngt, Punkte, wo man
frchtet, man mchte verschiedener Meinung sein, Punkte, wo dem Einen oder dem
Andern sein Gewissen sagt, es sei auf dem Holzweg, whrend es diesen Holzweg dem
Andern zulieb nicht verlassen mag, Punkte, wo das Eine oder das Andere den
Schein vermeiden mchte, als wolle es meistern und regieren. So zum Beispiel
regieren alle Weiber fr ihr Leben gerne, aber die sind selten, welche es
eingestehen und den Namen, da sie regieren, haben wollen. Vreneli frchtete
eben diesen Schein auch. Es kam ihm oft dazu, einen Entscheid geben zu mssen in
aller Liebe oder fr dieses oder jenes reden zu mssen, da Ulis Kopf fr die
Meisterschaft und das Rechnen und Sorgen ums Auskommen fast nicht gro genug war
und er alle Tage klagte, er glaube, es komme nicht gut mit ihm, er werde gar
vergelich. Der gute Uli dachte nicht daran, da jeder Kopf sein Ma hat, da
man Weniges leicht fassen und behalten kann, aber von gar zu Vielem einem eine
Menge entfallen mu, ohne da deswegen das Gedchnis schwchte. Zu viel ist zu
viel. pfel kann man in einem guten Korbe behalten, aber huft man sie zu sehr
auf, so rollen sie herab, und will man es zwingen, so kann man seine ganze
Lebenszeit mit Auflesen und Drauftun und wieder Auflesen zubringen. Das wre was
fr Pdagogen, wenn die noch was lernen knnten, aber eben sie haben mit dem
Auflesen mehr als genug zu tun. Vreneli wollte nicht gerne der Treiber Jehu
sein, auch nicht gerne etwas zur Sprache bringen, wo es eine geheime Ahnung
hatte, Uli mchte an etwas denken, was ihm nicht anstndig sei.
    Doch einmal war Vreneli mit seiner bessern Magd alleine zu Hause, sie hatten
Flachs und Hanf gekehrt und fochten jetzt in den Bohnen. Es ist nun nicht bald
ein vertrauter Pltzlein und geschickter zu vertraulichen Mitteilungen als ein
Bohnenpltz. Los Vreneli, sagte die Magd, du sagst nichts ich mu dich doch
fragen: kann ich bleiben oder mu ich weitersehen? Ich wei nichts anders,
sagte Vreneli, es wre mir zuwider, wenn du gehen wolltest; ich mu noch mit
Uli reden, aber es wird ihm auch das Rechte sein, wenn du bleibst, er wei am
besten, was man beim ndern gewinnt und was das frdert, wenn man an einander
gewhnt ist und wei, wie man es gerne hat.
    Am Abend, als sie im Allerheiligsten des Hauses waren, sagte Vreneli: Mdi
hat mich gefragt, ob es bleiben knne oder weitersehen msse? Ich habe ihm
gesagt, ich wte nichts anders, wolle aber erst mit dir reden, ehe ich
bestimmten Bescheid gebe.
    Ja, sagte der Uli, das ist eine Sache, sie hat mich schon lange zu sinnen
gemacht, und kratzte dabei am Kopf, als ob er einen Splitter aus dem Fleische
ziehen wollte; es war einer der Kopfngel, welche Joggeli unvermerkt ihm
eingetrieben. Sieh, wir sind gar zu teuer drin. Fr die Dienstenlhne, welche
ich zahlen mu, knnte man ein ordentlich Gut in Pacht nehmen; denke,
zweihundert Taler, die Taglhner nicht gerechnet, und Schmied und Wagner und
Schneider und Schuhmacher nicht. Ich wei wei Gott nicht, wo ich all das Geld
auftreiben soll. Da habe ich gedacht, ich knnte es mit wohlfeilern Diensten
ebenso gut machen und wenigstens fnfzig Taler an einem Punkte ersparen.
Daneben, wenn du Mdi behalten willst, so habe ich nichts dawider. Vielleicht
da es mit etwas weniger Lohn auch zufrieden ist, denk, es hat vierundzwanzig
Taler im Jahr, ein Paar Schuhe und zwei Hemden, das ist ja ein Knechtenlohn.
Zweifle, da es weniger nimmt. sagte Vreneli, ein Mdchen im besten Alter
schlgt mit dem Lohne eher auf als ab, und Mdi verdient ihn wirklich besser als
mancher Knecht, der einen doppelt so groen Lohn hat. Habe nichts dawider,
aber mit einem Mindern knnte man es auch; denk, vierundzwanzig Taler ohne
Zugaben!
    Aber Uli, sagte Vreneli, was denkst und wie rechnest!
    Ja, das Jahr geht vorbei, habe man gute oder schlechte Dienstboten, und alle
Tage hat man dreimal gegessen, geheuet, geerntet und geemdet; aber wie ging
alles und wie viel Zorn und Galle hat man geschluckt und wie selbst schaffen
mssen! Und am Ende fr was? Um zu erfahren, da man nicht alles alleine machen
kann und erzwingen, so wenig als ein Hauptmann ohne Soldaten keine Schlacht
gewinnt. Ja, alleine wollen wir diesen Hof auch nicht arbeiten, sagte Uli,
so dumm, wie du meinst, bin ich doch nicht, aber mit wohl, feilern Leuten. Wenn
man diese recht anfhrt und brichtet, so sind sie oft besser als die teuersten,
welche Kpfe machen und alles besser wissen wollen. Der beste Soldat war einmal
Rekrut. Lieber Uli, disputieren unntz wollen wir nicht, du weit ja am
besten, wie ich es meine, du weit am besten, wie man so mit halbbatzigem Zeug
daran ist. Auf alles mu man ihm die Nase stoen, ist man nicht immer dabei, so
ist nichts gemacht. Was sie im Stall beim Fttern, kurz berall verwahrlosen
knnen, weit, mut das Meiste selbst machen, bleibst in allen Arbeiten zurck,
und wenn man am Ende zusammenrechnen wrde, ohne noch zu rechnen, was man fr
das Abtreiben der Galle gebraucht, so hat man sicher mehr als doppelt so viel
Schaden, als man am Lohn erspart hat, du wrdest es erfahren.
    Das frgt sich noch, sagte Uli, wenn man recht zur Sache sieht und jedes
von uns tut, was es kann. Man kann die Leute dressieren; sieh, Grotun ist
lustig, aber es kmmt bei reichen Leuten nicht gut, geschweige bei armen. Was
wrden die Leute sagen, wenn wir fortfuhren gro tun mit kostbaren Dienstboten?
Da erst wrden die Bettler kommen und uns fressen von Haus und Heim, die Leute
glauben, wie eine geringe Pacht wir htten. Joggeli hat mir das schon um die
Nase gerieben, und er ist imstand, er lt sich aufweisen, kndet uns die Pacht
unter irgend einem Vorwand. So, ist der alte Schelm dahinter, dachte ich es
doch, sagte Vreneli. Der kann sein Lebtag nichts anders als Unheil stiften.
Das ist einer, der einmal dem Teufel ab dem Karren fiel, als derselbe eine
Ladung heimkutschierte. Indessen mach, was du willst, ich will nicht regieren,
am Ende mut du dabei sein; der Leute wegen wrde ich es weder so noch anders
machen, sie helfen dir doch nicht, wenn du nicht kommen magst, sei es mit der
Arbeit, sei es mit dem Gelde. Hast du mich aber lieb, so la mir Mdi. Wenn ich
dahinten bleiben mu, wer sollte die Haushaltung machen? Mdi ist treu wie Gold
und wei alles; wenn ich einer Fremden alles in die Hnde geben sollte, ich wre
keine Stunde ruhig im Bette. Wider Mdi habe ich nichts, daneben wre es fr
ein paar Tage nicht gefochten, antwortete Uli. Du weit nicht, wie es gehen
kann, sagte Vreneli, manchmal geht es ein paar Wochen, und manchmal kann man
sterben und ist dann aller Not und Elend ab. Bist bs? sagte Uli, endlich
aufmerksam werdend. Bs wollte dich nicht machen. Zrn mir nicht, ich meine es
fr mich und dich gut. Wre es dir anstndig, wenn im ersten Jahre wir mit dem
Schelmen draus mten, wie es schon so Vielen ergingen, wie Joggeli an der
Sichelten erzhlt hat? Ja, und die Sichelten, was die gekostet hat, weit du;
wenn wir nicht so fortgefahren htten, im Gleichen mit den gleichen Dienstboten,
so wren die Bettler auch nicht so dahergekommen. So htte er es nie gesehen,
hat Joggeli mir gesagt, er htte ein rechtes Bedauern mit uns bekommen, es htte
ihm bel gegraust.
    So, das alles hat dir der alte Schelm gesagt, Ich wollte, da der wre
z'hinderst am hintersten Stern, wo nirgends eine Seele mehr ist, nicht einmal
ein Teufel. Wenn Teufel dort wren, so htte er noch seine Freude, er knnte
ihnen die Haare zusammenknpfen und sie hintereinander bringen. Wo aber niemand
ist zum Aufweisen, wo er alleine ist, da ist seine Hlle und er der einzige
Teufel darin, der Unflat was er ist, der Allerweltsvergifter!
    Vreneli war zornig, und wenn Vetter Joggeli in der Nhe gewesen wre, so
htte er Sorge tragen knnen zum Rest seiner Haare. Uli besnftigte, aber es
gibt wenige Leute, welche, statt zu besnftigen, nicht l ins Feuer gieen.
Besnftigen ist eine rare Kunst; um sie zu ben, mu man das Herz, welches man
besnftigen will, vollstndig kennen und aller seiner Schwingungen Meister sein.
Uli rhmte den Joggeli, wie er es gut meine, ein erfahrener Mann sei, von allem
einen guten Begriff habe, und wie man ihn in Hulden behalten msse, denn er sei
ihre eigentliche Sttze. Man msse nicht so sein und einen Menschen, wenn er es
so gut meine, mit Hnden und Fen von sich stoen, man knnte sich einst reuig
werden.
    Das meine ich auch sagte Vreneli, man knnte reuig werden, wenn man
einfltig genug ist, wegen ein paar guter Worte und einiger Glser Wein zu
vergessen, was man an einem Menschen seit Jahren oder wie ich von Kindesbeinen
auf erfahren hat, und einem zu glauben, der keinem Menschen traut und nur daran
Freude hat, alles hintereinander zu hetzen. Wie hat er es gehabt mit seinen
Leuten, Htte er einen guten Begriff gehabt vom Bauern und wie man es machen
msse, um vorwrtszukommen, es wre ihm besser gegangen. Weit du schon nicht
mehr, wie du es angetroffen hast und wie er es dir gemacht
    Nun, du weit, jeder Meister kann mit seinem Gesinde bs zwegkommen, und
ist einmal ein bser Geist eingerissen, so hat man es damit wie mit dem Schwamm
in den Husern, man bringt ihn nicht weg, wenn man schon ein- oder zwei- mal
ndert. Daneben mut du denken, die Menschen knnen sich ndern. Joggeli wei,
wer wir sind, darum hat er uns den Hof gegeben. Ein Mann, der so viel betrogen
worden ist wie er, der darf wohl mitrauisch sein, aber sieht er einmal, da man
es gut mit ihm meint, so kann er ganz anders auch sein. Gegen mich, ich mu es
sagen, hat er sich ganz gendert, er ist fast wie ein Vater gegen mich, ich mu
es sagen, ich htte nie gedacht, da er so sein knnte! Solche lange Rede tat
Uli dar.
    Nun so dann, so halte ihn als Vater, dann kmmt es gut. Kratzen wirst du
einst in den Haaren, aber es wird zu spt sein. Lebt wohl, Friede und Einigkeit!
Wo der Teufel dazu kann, da ists vorbei damit, und da du so verblendet werden
knntest, htte ich nie geglaubt! Ach, ach, ich wollte lieber, es wre uns die
Ernte verhagelt worden, es wre ein kleines Unglck gewesen! Und bitterlich
weinte und schluchzte Vreneli.
    Uli ward sehr mistimmt, fast bse. Hatte er doch so vernnftig und
sachgem geredet, hatte zum Frieden ermahnt, wie es einem Christen ziemt, und
Vreneli wollte keinen Verstand brauchen, sich nicht begtigen lassen. Da es so
aus dem Huschen fahren knnte, hatte er gar nicht geglaubt, und eine Frau alles
erzwingen lassen drfe man doch nicht, am wenigsten mit Wsttun, dachte er.
Ja. sagte Uli, wenn du so tun willst und nicht Verstand brauchen, so kann man
nicht mit dir reden. Gut Nacht! Vreneli schluchzte laut auf, konnte nicht
einmal Gute Nacht auch, erwidern.
    Das war das erste Ehegewitter, welches bei ihnen stattfand. Kleine Stupeten
oder Schauer hatte es wohl schon gegeben, aber war die Wolke vorbergezogen,
schien die Sonne wieder. Das erste Gewitter dagegen zieht gerne trb und
namentlich kalt Wetter nach sich, denn es verzehrt allzu viel Wrme, und die
wre der frisch erwachten Erde so ntig, sie vermit sie so schmerzlich! Trbe
wars auch am folgenden Morgen an ihrem Ehehimmel, da das Gesinde sich fragte:
was es wohl gegeben zwischen der Meisterfrau und dem Meister? Sie htten sich
heute noch nicht angesehen, geschweige ein Wort zu einander gesagt.
    Vreneli war am Morgen im Garten und zog Salat aus. Es hatte seit jenem
Gewitter nicht geregnet, es war sehr trocken; wahrscheinlich glaubte Vreneli,
ein weicher, warmer Regen, komme er nun aus dem Himmel oder aus eines armen
Weibes Augen, tte dem Kraut wohl. Bist fleiig, erscholl hinter ihm der Base
whrschafte Stimme. Mu den Salat nehmen, er stengelt sonst auf, und wenn es so
hei ist, essen die Leute nichts lieber als Milch und Salat, s und sauer
durcheinander, wie es auch geht in der Welt, entgegnete Vreneli, sah aber nicht
auf. Ja, warum ich komme, sagte die Base, habe was Merkwrdiges vernommen,
mu es dir erzhlen, aber mach nur. Wenn du genug Salat hast, so will ich dir
ihn rsten. Denk, diesen Morgen war ein Besenmann da aus dem Emmental, wo die
guten Birken wachsen, und sagte, was da oben einem Bauer, der Gott und Menschen
nichts nachfrgt und blo nach dem eigenen Kopf fahren will, begegnet ist. Am
Sonntag nach eurer Sichelten, wo unser Alter so na geworden ist, da er drei
Tage im Bette lag und immer klagte, er knne nicht erwarmen und nicht
ertrocknen, am selben Sonntage hatte bei ihnen oben ein Bauer viel Korn drauen
liegen gehabt. Als er nachmittags an den Bergen die Wolken gesehen und die nasse
Brunnrhre, die ordentlich tropfte, da habe er das Gesinde zusammengerufen und
gesagt: Rasch hinaus, gehufelt und gebunden! Es wettert auf den Abend, bringen
wir tausend Garben trocken ein, so gibts darnach Wein genug. Das habe seine
Gromutter gehrt, die sei achtzig Jahre alt und gehe an zwei Krcken; die sei
mhsam dahergekommen und habe gesagt: Johannes, Johannes, was denkst doch auch?
So lange ich mich zurckerinnern mag, ward hier am Sonntag nie eine Handvoll
eingefhrt, und meine Gromutter hat mir gesagt, sie wisse auch nichts darum,
und doch sei immer Segen bei der Sache gewesen und von Mangel habe man hier
nichts gewut. Und wenn es noch Not am Mann wre, Johannes, ein na Jahr! Aber
trocken wars bis dahin und trocken wird es wieder werden, und na werden schadet
dem Korne nichts, und wrde es ihm schaden, so hast du zu denken, der Herr, der
das Korn gegeben, gibt auch den Regen, und wie ers gibt, hast du es anzunehmen.
Johannes, tue es nicht, ich halte dir dringlich an. Das Gesinde sei
umhergestanden, die Alten htten ernsthafte Gesichter gemacht, die Jungen
gelacht und unter sich gesagt, das Altvterische sei abgetan, jetzt sei es eine
neue Welt. Gromutter, habt nicht Kummer, hat der Bauer gesagt. Alles mu einmal
zum erstenmal geschehen, und deretwegen ists nicht bs. Unserem Herrgott wird
das nicht viel machen, ob wir heute schaffen oder schlafen, und ebenso lieb wird
ihm das Korn am Scherm als am Regen sein. Was drin ist, ist drin, man braucht
deswegen nicht Kummer zu haben, denn wie es morgen sein wird, wei niemand.
Johannes, Johannes, drin und drauen ist die Sache des Herrn, und wie es diesen
Abend sein wird, weit du nicht; aber das weit, da ich deine Gromutter bin
und dir den tusig Gottswille anhalte, la heute dein Korn drauen! Ich will,
wenn du es sonst nicht machen kannst, ein ganzes Jahr kein Brot mehr essen.
Mutter, hat darauf der Johannes gesagt, deretwegen sollt Ihr nicht desto weniger
Brot haben, aber eine Zeit ist nicht alle Zeit, es gibt alle Jahre neue Bruche
und dSach sucht man alle Tage besser zu machen. Aber Johannes, hat die Mutter
gesagt, die Gebote bleiben die alten und kein Dpflein wird daran vergehen, und
hast du dein Korn unter dem Dache, was hilft es dir, wenn du Schaden leidest an
deiner Seele, Fr die kmmert nicht, Mutter, hat der Johannes gesagt, und jetzt,
Buben, auf und gebunden, was das Zeug hlt! Die Zeit wartet nicht. Johannes,
Johannes! hat die Mutter gerufen, aber Johannes hrte nicht, und whrend die
Mutter betete und weinte, fhrte Johannes Garben ein, Fuder um Fuder, mit
Flgeln schienen Menschen und Tiere behaftet. Tausend Garben waren unter Dach,
als die ersten Regentropfen fielen; schwer, als wren es Pfundsteine, fielen sie
auf die drren Schindeln. Jetzt, Mutter, sagte Johannes in die Stube tretend mit
seinen Leuten, jetzt ists unter Dach, Mutter, und alles ist gut gegangen; mag es
jetzt strmen, wie es will, und morgen schn oder bs Wetter sein, ich habs
unter meinem Dach. Johannes, aber ber deinem Dach ist des Herrn Dach, sagte die
Mutter feierlich, und wie sie das sagte, ward es hell in der Stube, da man die
Fliegen sah an der Wand, und ein Donner schmetterte berm Hause, als ob das,
selbe mit einem Streich in millionenmal Millionen Splitter zerschlagen wrde.
Herrgott, es hat eingeschlagen, rief der Erste, der reden konnte, alles strzte
zur Tre aus. In vollen Flammen stand das Haus, aus dem Dache heraus brannten
bereits die eingefhrten Garben. Wie strzte alles durch einander! Wie vom Blitz
geschlagen war jede Besonnenheit. Die alte Mutter alleine behielt klare
Besinnung, sie griff nach ihren beiden Stecken, sonst nach nichts, suchte die
Tre und einen sichern Platz und betete: Was hlfs dem Menschen, wenn er die
ganze Welt gewnne und er litte Schaden an seiner Seele? Dein und nicht mein
Wille geschehe, o Vater! Das Haus brannte ab bis auf den Boden, gerettet wurde
nichts. Auf der Brandsttte stand der Bauer und sprach: Ich habs unter meinem
Dach! Aber ber deinem Dache ist des Herrn Dach, hat die Mutter gesagt. Und seit
dieser Stunde spricht er nichts mehr als: Ich habs unter meinem Dach! Aber ber
deinem Dache ist des Herrn Dach, hat die Mutter gesagt. Gar grausig soll das
anzusehen sein. Viele Leute gehen hin und nehmen ein Exempel daran, da alles in
des Herrn Hand ist, sei es auf dem Acker oder unter einem Dache, da was man vor
dem Regen geflchtet, vom Blitz ereilt werden knne, wohin man es auch
geflchtet.
    So sprach die Base. Unterdessen hatte Vreneli den Salat ausgezogen; wie
langsam es auch machte und wie andchtig und gsatzlich die Base erzhlte, so
mute es doch endlich aufstehen, und wenn es schon nicht die Augen aufschlug, so
sah die Base doch alsbald, da es geweint hatte.
    Was hast? Meitschi, htte ich bald gesagt, du und weinen! Was zum Ttschel
hast du Unebenes? Oder etwa Kummer, du kommest mit dem Leben nicht davon? Du
Trpflein, alte Soldaten gibt es ja mehr als genug und erst alte Weiber ganze
Drfer voll, du dummes Trpflein! Aber das wird wohl was andres sein. Was hast?
Wenn du Glauben an mich hast und ich dir helfen kann, so sags. Meinst, du
knnest es alleine verwerchen, so schweige, sag es aber auch sonst niemanden!
Base, sagte Vreneli halblaut, es kam ein Jemand zwischen uns. Da fuhr die
Base einen Schritt zurck und rief: Was du nicht sagst! Mdi? Nein, Base, was
denkt Ihr! So schlecht ist Uli nicht, deretwegen habe ich nichts zu frchten und
kann ruhig sein. Wer dann, frug die Base, wenn es nicht selb ist? Sollte
es nicht sagen entgegnete Vreneli, aber kann wei Gott nicht anders, waret Ihr
doch immer Mutter an mir. Euer alter Gnppeler ists, der hat Uli ber Ort
gebracht.
    Da lachte die Base, da es sie schttelte ber und ber, und sagte: Oh,
wenn ich ein so jung, hbsch Fraueli wre, wegen einem ganz grauen und
halblahmen Mannli wollte ich nicht aus der Haut fahren; wre es ein hbsch
Dirnchen, selb wre eine andere Geschichte, du Babeli, was du bist! Uli kennt ja
den Alten so gut als du; du wirst ihn unrecht verstanden haben, da hat er den
Kopf gemacht und du hast ihn gemacht, aber das kommt schon alles wieder gut.
Glaube mir, es ist nicht das erstemal, da das so gegangen ist in der Welt.
    Kommt, Base, sagte Vreneli, Ihr seid meine Mutter gewesen von je, Euch
darf ich es wohl klagen, sonst vernimmt es niemand in der Welt.
    Nun erzhlte ihr Vreneli, wie der Vetter sich an Uli gemacht, ihm den Kopf
gro gemacht wegen vielem Brauchen und kostbaren Dienstboten und ihn
eingenommen, da Uli auf einmal das beste Zutrauen zu ihm habe, glaube, es meine
es niemand auf der ganzen Welt so gut mit ihm als der Vetter Joggeli, und alles
vergessen habe, was er vorher an ihm erfahren. So dumm und leichtglubig htte
es sein Lebtag Uli nicht geglaubt, wenn das so sei, so knne jedes alte Weib ihm
den Kopf kehren, und so komme es wahrhaftig nicht gut. Es habe ihm sagen wollen,
wie die Sache sei, da habe er ihm abgeputzt und den Vetter erhoben, als ob er
ein Seraphim oder gar ein Cherubim wre, das alte Giftbecherli! Und da er
glaubt, so einer meine es besser mit ihm als ich, selb will mir fast das Herz
abdrcken.
    Erst ward die Base bs und sagte: D Tfels Alt, kann der das nicht lassen!
Ich glaube, er wre imstande, die Engel im Himmel hintereinander zu bringen.
Doch, erfahren im Besnftigen, sagte sie: dSach wrde mich auch bse machen,
daneben danke Gott, da es nur das ist, es knnte leicht was anders sein,
welches hundertmal schlimmer wre. Aber Base, wenn Uli mit wohlfeilen
Dienstboten fahren will, kommen wir in ein Wesen hinein, da ein Wespennest ein
Himmelreich dagegen ist, und wenn Uli andern Leuten mehr glauben will als mir,
so begehre ich gar nicht mehr dabeizusein, eiferte Vreneli.
    Da lachte die Base und sagte: Zrne nicht, da ich lache, das Weinen wre
ja freilich anstndiger, aber ich kann nicht anders. Was meinst, wenn alle
Weiber sich hngen oder ersufen wollten, deren Mnner andern Leuten zuweilen
mehr glauben als ihren Weibern, was meinst, Vreneli, wie manches lief lebendig
herum? Meinst nicht, es hingen mehr Weiber an den Bumen als Kannenbirnen,
schwmmen mehr in den Flssen als Hechte und Forellen, Die Sache ist auch nicht
halb so schlimm, als man meinen mchte, wenn man sie nur so von ferne ansieht;
hab es selbst erfahren, kann davon reden. Meinte es auch so wie du, hatte auch
Ursache dazu; war eine Bauerntochter, von Jugend auf bei der Sache, und kam
nicht mit leeren Hnden, da Joggeli htte meinen knnen, es ginge blo um seine
Sache. Aber ich mute mich anders gewhnen, es hielt hart und war doch gut. Es
ist nicht gut, wenn man sich gewhnt, alles nach seinem Kopfe erzwingen zu
wollen. Das gibt am Ende einen Zwang, unter dem die Andern leiden, alles
versteht man doch nicht, und wenn es nicht gut kommt, so mu man dann auch
alleine an allem schuld sein. Wenn die Andern auch ihr Recht haben, ihrem Kopf
nach fahren oder anderer Leute Rten und es kommt nicht gut und sie sagen, da
es gut gewesen, wenn sie nur geglaubt, so ist das kommod fr ein andermal, es
strkt das Vertrauen. Denn sieh, liebes Kind, man mu nie glauben, das Vaterland
hnge an einem Haar und alles Heil daran, da es so und nicht anders gehe. Man
wird gar unglcklich, wenn man so den Kopfmacht, und zuletzt wird man auch mit
dem lieben Gott unzufrieden und hadert mit ihm alle Tage. Nein, lieb Kind, so
den Kopf machen mu man nicht. Denken, sagen, tun mu man so gut als mglich,
aber dann daran festhalten, da, es geschehe was da wolle, es denen, die Gott
lieben, zum Besten und zur Seligkeit dienen msse, und dies ist am Ende doch die
Hauptsache. Man mu sich nur nie lassen verbittern, nie rachschtig werden oder
schmollschtig, sondern sanftmtig bleiben und demtig, grad zu machen suchen,
was Andere krumm gemacht. Die Sache mag sein, wie sie will, wenn man nur kann
zufrieden bleiben dabei mit einander, das Hauptglck ist doch immer im Gemte.
Es ist freilich eine schwere Sache, und manchmal kam es mir vor, ich htte einen
halben Zentner Pulver im Leibe, es gehe an und ich msse bolzgrad auf in die
Luft, und kein gut Wort wolle ich mein Lebtag mehr einem Menschen geben. Am Ende
wurde ich wieder zufrieden, die Sache machte sich auch nicht so schlecht, als
ich dachte; es ging nicht ums Leben, nicht um Hab und Gut, und allweg lernte ich
was, ward weiser und erkannte von Tag zu Tag besser die Hand Gottes in allem und
wie er alles zum Besten leitet. An den mut du denken, wenn es dir bers Herz
kommen, dich dnken will, es werde dir schwarz vor den Augen, und vor den Fen
sei dir die Hlle. Bete und lasse nicht ab, zhle darauf, es wird dir wieder
heiter vor den Augen und leicht werden dir die Fe, da es dich dnkt, du
knnest springen eines Satzes ber die Hlle hinweg in den Himmel mitten hinein.
Was ich ausgestanden, weit du nicht, und Uli ist noch lange nicht Joggeli. Es
ist allweg dumm von Uli, wenn er mit halbbatzigem Zeug fahren will, es wird ihm
schon erleiden, er ist am meisten plaget damit, aber z'tten geht es doch allweg
nicht, und ist man genug dabei gewesen, so kann man das wieder ndern. Ach Gott,
es gibt Sachen, welche man nicht mehr ndern kann, und wenn man das Leben dafr
geben wollte; da ists bse, sich hineinzuschicken, und doch mu man, was will
man anders! Mach nur kein so trbes Gesicht, tue, als sei gar nichts
vorgefallen, schmollen tut nie gut. So sprach die Mutter, ward selbst gerhrt
und fuhr oft mit der Hand ber die Augen, besonders als sie davon sprach, da es
Dinge gebe, welche man nicht ndern knne. Sie dachte an Elisi und da sie da
auch etwas habe machen helfen, welches bodenbs sei.
    Vreneli hatte manchmal dreingeredet, endlich sagte es noch: Ach ja, Base,
recht werdet Ihr haben, mehr als recht, aber wer wollte das knnen, so sich in
alles schicken wie ein Lamm, besonders wenn man genaturt ist wie ich und so
heies Blut hat!
    He, Kind, fr was bist auf der Welt? Etwa fr Lehenmannin auf der Glungge
zu sein, ein Dutzend Kinder aufzustellen und ein paar tausend Gulden an einen
Haufen zu kratzen? Eben um dich zu ndern, zu lernen, was du nicht kannst, statt
der alten Natur nach einer neuen zu trachten, dafr bist du da, dafr bist du
getauft und unterwiesen. Sieh, ich rede von solchen Dingen nicht gerne, die
gehren in das innerste Herzkmmerlein. Wie ein jung Mdchen nicht gerne von
seinem Schatz redet als mit der allerbesten Freundin und allemal rot wird, wenn
es dessen Namen hrt, so habe ich es mit dieser Sache und mit dem, der mich
allein selig machen kann. Dir will ich sagen, da er mein einziger Trost ist im
Leben und im Sterben, und ohne ihn htte ich es wahrhaftig nicht ausgestanden
hier auf der Welt. Am Morgen Verdru und am Abend Verdru. Da htte ich unsern
Herrgott fragen mssen: Herr, warum bin ich da, woran habe ich mich so schwer
versndigt, oder ist die Welt ein Narrenspiel? Aber so fragte ich nicht, ich
erkannte, warum ich da war: ich sollte Gott erkennen, seinen Willen tragen
lernen, mich ndern und bessern, da ich geduldig und sanftmtig aushalten knne
vom Morgen bis zum Abend, wie Gott ja auch alle Menschen ertragen mu und doch
langmtig bleibt, was uns wohl kommt. Als ich das einmal begriffen hatte, ward
das, was mir vorher Hauptsache war, Nebensache, und woran ich nicht gedacht,
ward mir zur Hauptsache. Butter, und Milchgeld am Abend zu zhlen, war nicht
mehr meine grte Freude, sondern zu rechnen, was ich an der Seele gewonnen und
gewerchet. Von da an ward mein Leben anders; ich konnte es aushalten, konnte
wieder lachen, konnte Gott danken fr alles, was er tat, stach er mich oder hieb
er mich. Aber was ich dir da sage, sage niemanden, ich schmte mich, wenn jemand
wte, wie es mir wre im Gemte. Dir wollte ich es sagen, du lachst mich nicht
aus und willst, was recht ist, und hast du mal was ergriffen, so lssest du es
nicht los. Du erbarmtest mich, als ich dich ber Kleinem so trostlos sah, du
armes Trpfli, dir werden wohl noch ganz andere Punkte warten. Da dachte ich, es
mchte ein Gotteslohn dabei zu verdienen sein, wenn ich dich an den wahren
Trster weisen wrde. Aber hrst: was ich dir sagte, behalt fr dich.
    Base, sagte Vreneli, ganz habe ich nicht vergessen, was Ihr mir sagtet,
als ich zum erstenmal zum Nachtmahl ging. Der liebe Gott wolle es Euch
vergelten, da Ihr mich daran mahnet zu rechter Zeit, ich will es nicht mehr
vergessen. Aber die Welt will immer obenauf, und je weniger man von der Welt
hat, desto mehr will sie einem den Kopffllen und stellt sich vor die Augen, da
man gar nicht darber weg mehr sehen kann. Was man sinnen sollte, sinnet man
nicht, und was man nicht sinnen sollte, das liegt einem Tag und Nacht im Sinn,
lt nicht einmal den Schlaf kommen, damit man es nicht etwa vergesse oder
seiner los werde. Man kanns nicht erwehren, und dann kmmt die Natur, versndigt
sich an Gott und Menschen und will Meister sein und bleiben. Wret Ihr abermal
nicht wie ein guter Engel gekommen, so wre ich wohl unwirsch geworden und
finster in meinem Gemte. Aber Base, ists nicht seltsam, da der liebe Gott mir
und Uli so gleichsam zwei Engel zum Geleit gegeben, einen guten und einen bsen,
mir den guten und ihm den bsen? Und warum hat er Euch Beide zusammengetan und
Euch eine solche Qual geordnet, da Ihr mit so einem zusammengebunden gehen mt
durchs Leben? Ich habe einmal gehrt, da man auf den Galeeren immer Zwei und
Zwei zusammenschmiedet, da sie Tag und Nacht nicht von einander knnen; da
geschehe es oft, da man unschuldig Verurteilte mit den grten Bsewichtern
zusammenschmiede, und das sei das Schrecklichste fr die Besten oder gar
Unschuldigen, denn die Andern qulten sie teuflisch und htten noch groe Freude
dran. Gerade daran mahnt Ihr mich, und was der liebe Gott damit gewollt,
begreife ich nicht.
    Kind, schweige, versndige dich nicht an Joggeli und am lieben Gott; du
bist noch gar zu rasch mit dem Urteilen und Verdammen und weit doch, da ein
Einziger ist, der das kann und will. Begreifst du nicht, da wenn ich schon
schrecklich ungeduldig werde und bitterlich mich auslasse, wenn er seine Art an
Andern auslt, ich ihn doch eigentlich als einen guten Engel betrachten und
Gott fr seine Sendung danken mu? Er hat mich zum wahren Trster gefhrt, denn
wenn ich ein so gutes Mannetoggeli gehabt htte oder einen whrschaften Bauer,
so wre es mir kaum je in Sinn gekommen. Htte ja gemeint, keinen Trost ntig zu
haben. Darum wird es gewesen sein, da ich den Joggeli vorzog und haben wollte.
Der liebe Gott schickt keine bsen Engel, lauter gute, denn wer ihn liebt, dem
ist jeder Mensch ein guter Engel, der ihn zum Guten fhrt, es kommt eben nur auf
das Herz an. Der arme Joggeli ist nicht halb so bs; er kann mich oft von Herzen
dauern, da er es nicht anders nehmen kann, da er so mitrauisch ist, er lebt
selbst am belsten dabei. Wenn er mich am bsten gemacht hat, da es mich dnkt,
es sei mir nicht mehr zu helfen, so mu ich doch sagen, sobald ich wieder bei
mir selbst bin, ich htte den bessern Teil und gegen ihn eine ganz leichte
Brde. Von wegen er hat ein gar groes Leiden, nie zufrieden zu sein und immer
mitreun; warum ihm das Gott auferlegt habe, sinnete ich schon oft und mag es
doch nicht ergrnden. Helfen kann ich ihm nicht, und das plaget mich. Wollte ihm
schon drauf deuten, wo es fehle, aber er spottet mich aus, und mit Johannes und
Elisi ists noch rger, und das ist das groe Leiden, welches ich habe. Ich habe
die Hoffnung, da Gott gndig ist, ihm tue ich sie anbefehlen, und ansehen wird
er mich wohl.
    Ja, Base, ich stnde es bei Joggeli nicht aus, ich wunderte mich oft, wie
Ihr es knnet. Aber Ulis bser Engel ist er doch, er gibt ihm das Gift ein,
welches alles verderben wird. Das weit du nicht, sagte die Base, so darfst
nicht urteilen, den Ausgang kennst nicht; Joggeli kann auch Ulis guter Engel
sein, das kmmt auf Uli an, und wenn er sein bser Engel bleibt, ist Uli selbst
schuld; wehr du auch, was du magst, da ers nicht bleibt. Ach Mutter, sagte
Vreneli, es ist mir so bange. Es ist mir, es stehe ein schwer, gro Unglck
vor, und bald ists mir, wenn ich nur sterben knnte, und bald mu ich weinen,
wenn ich denke, ich mte sterben, denn gerne strbe ich doch nicht. Du hast
es wie die Andern auch, das bessert von selbst; wollte Gott, jeder Plage wrde
man ein so bestimmtes Ende sehen. Doch potz, wie habe ich mich verschwatzt,
schon lutet es zu Kuhwyl Mittag. Es gibt noch nicht ander Wetter, wenn man es
dort luten hrt. Vreneli sah der rasch dahin sich schiebenden Base nach und
sagte fr sich: O Base, du hast recht, das bse Wetter hat erst angefangen, es
wird seine Zeit haben wollen wie alles in der Welt. Du hast geredet wie ein
Engel und deine Worte waren Samen vom rechten. Aber Base, der Same ist noch
nicht Frucht, erst mu er verwesen, dann keimen, dann grnen, dann blhen, dann
reifen. Ach Base, wie lange wird es gehen, bis er Frchte trgt bei mir, von
wegen meine Natur ist hitzig und wild, und wenn die Sonne hher steigt, wird das
Beste verwelken.
    Vreneli bangte nicht umsonst, seine Natur war eine echt aristokratische, sie
hatte groe Anlagen zum Regieren. Solchen Naturen wird die christliche Ergebung
und das Unterordnen unter einen Willen, der eng ist, kleinlicht, vielleicht auch
verderblich, gar zu schwer, gar zu schwer, sich selbst Gott zu fgen in allen
Dingen und zu sagen: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Schmutzige
Naturen haben heie Reinigungsfeuer ntig, bis sie christliche Naturen geworden
sind, aber edle, groartige Naturen haben nicht weniger schwere Prfungen zu
bestehen, bis sie zu Kindern Gottes sich aufgeschwungen haben. Satan war nicht
der niedrigste der Engel.
    Doch wohl verstanden, wir reden von aristokratischen Naturen, welche auch im
Zwilchkittel zu finden sind, nicht von aristokratischen Angewhnungen und einem
gemachten aristokratischen uern. Es gibt solche gemachte Figuren, welche zu
den aristokratischen Gebrden noch die christlichen annehmen. Dann ist es aber
ein wunderlich Zusehen, wie bald eine Sorte von Gebrden und Redensarten
sichtbar wird, bald die andere, wie im Umgang mit der einen Klasse von Menschen
die christlichen Gebrden vorstehen, bei einer andern die aristokratischen. Als
Regel kann man annehmen, da das Christliche vorherrscht, solange weder
Befrchtung uerer Beeintrchtigung der Ansprche oder Widerspruch stattfinden.
ber beide erhebt das Christliche sich nicht, sondern gegen sie werden die
aristokratischen Manieren und Gebrden Meister. berhaupt werden in solchen
gemachten Figuren Aristokratisches und Christliches nie sich verschmelzen, sie
treiben sich abgesondert im Leibe herum wie Kraut und Rben in einer
Bettlersuppe. Es gibt aber auch eine gewisse Sorte Christentum, welches sich fr
das aristokratische hlt, welcher die Pltze zur Rechten und zur Linken im
Himmelreich gehren. Die Christen, welche zu dieser Sorte gehren, mhen sich
auch ab mit Gebrden, welche fast wie aristokratische aussehen, diese ihre
Meinung von sich selbst auszudrcken. Sie sollten es nicht tun, es steht so
bel.

                                Fnftes Kapitel


      Kraut und Rben durcheinander, wie es sich gibt in einer Haushaltung

Uli wurde von so freundlichem Winde nicht angeweht, sondern blieb sich selbsten
berlassen. Ihn dnkte, er htte nicht blo recht in der Sache, sondern er msse
einmal zeigen, da er auch jemand sei und zwar eigentlich der Mann, der die
Hosen anhabe. Wenn er das immer so gehen liee, so knnte seine Frau zuletzt ein
Recht daraus machen wollen und meinen, er solle zu keiner Sache was sagen. Zu
solchen Ansprchen berechtige sie doch endlich ihr Vermgen nicht; was sie
eingebracht, habe an einem kleinen Orte Platz. Er nahm da, her das Gesprch ber
das Gesinde nicht wieder auf, nahm Vrenelis Freundlichkeit mit dem Mitrauen,
als ob es auf diesem Wege probieren wolle, was es auf dem andern nicht zuwege
gebracht. Da er sich auf dieser Seite schwach fhlte, so verpalisadierte er sich
mit desto dstererer Miene.
    Noch ungerner als mit Vreneli sprach Uli mit dem Gesinde selbst darber, nur
daran zu denken war ihm zuwider. Es waren eine gewisse Schchternheit und eine
gewisse Unbehlflichkeit bei einander, von wegen nicht blo Meister zu sein,
sondern sich auch als Meister darzustellen auf die rechte Weise und in allen
Dingen, ist eine Kunst, zu welcher viele alte Bauern nie gelangen; wie sollte
man sie von einem jungen Pchter fordern knnen, der erst noch selbst Knecht
gewesen? Darber wurden die Knechte ungeduldig. Hat er mit dir gesprochen?
frug einer den andern, dich gefragt, ob du bleiben oder gehen wollest? Der
eine der Knechte sagte: Ich halte ihm nicht an, mein Brauch war es nie, da ich
um den Dienst fragte; der Meister mute mich fragen, und frgt er mich bis
Sonntags nicht, so sage ich dem Kabismller zu. Es ist ein schwerer Dienst, aber
der Lohn auch darnach, und verdienen mu man, whrend man jung ist. Ein anderer
sagte: Wollte nicht pressieren, er wird das Maul schon noch auftun; mir wre es
zuwider fort, wechsle nicht gerne. Wartet, am Samstag soll ich mit dem Meister
Spreu holen, da gibt vielleicht ein Wort das andere. Meinethalb, sagte der
andere, aber da es mir viel machen wrde, weiterzudingen, kann ich nicht
sagen. Er ist nicht mehr der Gleiche. Man kann nicht genug schaffen, und doch
ist er nie recht zufrieden. Es dnket mich, er habe schon vergessen, was ein
Knecht gerne oder ungerne hat, und meint, er msse aus ckern und Wiesen, Vieh
und Menschen das uerste, das letzte Trpflein Saft herauspressen, damit er ein
reicher Mann werde. Blo wegem Zins htte er das nicht ntig. Wie ich habe
merken mgen, ist der so, da er deswegen keinen Kummer zu haben braucht. Warum
nun alle bs haben sollen, um einen zu msten, wei ich eben auch nicht, es wre
ein Anderes, wenn Not am Mann wre. Oh, sagte der Erste, so viel wirst doch
nicht zu klagen gehabt haben, einmal wegen der Speise nicht, die ist, wie man
sie nicht an allen Orten antrifft. Einstweilen wohl sagte der Erste, aber ob
es so bleibt, frgt sich. Was ich merken mochte, nimmt man aus der Metzg alle
Samstag ein Pfund bis zwei weniger Fleisch, und in letzter Woche hatten wir
zweimal keine Milch auf dem Tisch, und bin ich recht berichtet, so muten sie
vorgestern dem Brot erst den Bart abmachen, ehe sie es auf den Tisch stellen
konnten. Wenn es so kme, so wre dies mir nicht anstndig, von wegen ein Jahr
ist lang und aus dem Jahr zu laufen, ist nicht meine Sitte. Man mu nicht
immer das Bsere glauben, und mit dem grauen Brot kann das allenthalben
geschehen; am Geschmack merkte man nichts, und der Mller kann vielleicht auch
noch daran schuld sein.
    Die Haglen netzen manchmal das Mehl, da man Schneeballen daraus machen kann
oder es als Mehlsuppe brauchen, ehe es noch in der Pfanne ist, entgegnete der
Erste.
    Am Samstag also fuhren sie nach Spreuer aus und luden in Bern an der Matte
ein gewaltig Fuder. Spreuer war sehr wohlfeil und die Mller froh, wenn er ihnen
aus dem Wege kam. Manchmal wird er rar, ist schwer und teuer zu bekommen, wenn
man ihn am ntigsten htte. Mit dem Spreuer unter den Menschen ists umgekehrt,
da wird er am teuersten, wenn er am zahlreichsten ist, da schtzt er sich dann
selbst und zwar wie ein Jude seinen lumpichten Trdel. Obgleich Uli wohlfeilen
Spreuer kaufte, so war er doch sehr bler Laune. Der Mller hatte ihn
aufgezogen, wie wohlfeil der Bauer das diesjhrige Korn werde geben mssen; da
sollten sie nicht Kummer haben, da sie die Zeit versumen mten, Mller in
ihre Spycher zu fhren, um das Korn zu zeigen. Da versetze wahrlich kein Mller
einen Fu. Die Bauern knnen zu uns kommen, es vor das Haus bringen, das beste
wollen wir auslesen, uns noch sehr bedenken, ob wir fr das Malter drei Taler
geben wollen. Uli wollte das in Abrede stellen, behaupten, die Preise wrden
eher steigen als fallen. Pah, pah, Junge, belehre einen Alten nicht, stehe
zuerst ein paar Jahre an der Sonne und lasse dich trocknen hinter den Ohren,
sagte der Mller. Die Spycher sind ganz voll altes Korn, neues wird es geben,
es wei kein Mensch wie viel, und auf der Strae nach Deutschland hanget ein
Schwab am andern, jeder hat einen vierspnnigen Wagen voll Korn und man sagt,
sie wrden bald den Leuten anhalten, um Gottes willen umsonst es ihnen
abzunehmen, nur damit sie Platz kriegten fr das neue drauen im Schwabenland.
Jetzt wollen wir den Bauern die Preise machen, sie haben uns lange genug das
Blut unter den Ngeln hervorgepret.
    Wer mit Metzgern, Mllern und Schweinhndlern Umgang zu haben das Glck
gehabt, kennt diese Sprache wohl und wei sie zu erwidern in hnlicher Tonart.
Indessen macht sie doch Eindruck. Ein alter Pfiffikus wei alsbald, was an der
Sache ist, bleibt kaltbltig und richtet sich darnach. Jngere, zartere Gemter,
wie zum Beispiel Uli noch eins hatte, die empfinden den Eindruck solcher Reden
nicht blo, sondern sie knnen ihn auch nicht verbergen. Je weniger sie das
knnen, desto grere Freude hat so ein alter Mller oder Metzger, ihnen recht
hei, sie so ganz klein zu machen, da er sie fglich in einen Darm stoen und
als Bratwurst prsentieren knnte. So machte es auch der Mller Uli, da der
ganz mrbe und klein von ihm wegging und dachte, wie er doch der Unglcklichste
sei und das doch so schrecklich sich treffen msse, da er eine Pacht
bernommen, jetzt wo das Korn nichts gelte, ja Schwaben es ins Land brchten und
anhielten um Gottes willen, da man es ihnen abnehme, nur damit sie daheim Platz
kriegten fr das neue.
    Da es nicht halb so schrecklich sei, zu ernten hundert Malter statt nur
fnfzig und die hundert Malter einen Drittel wohlfeiler zu verkaufen, daran
dachte Uli nicht. Uli dachte nicht, da das das Schrecklichste ist, wenn man
nichts geerntet, nichts hat als einen Tisch voll hungriger Leute und doppelt so
teuer als sonst das Brot ist. Er kalkulierte wie die Meisten und dachte nicht,
wie tricht, ja sndlich ein solcher Kalkul ist. Er kalkulierte, da er am
weitesten kommen tte, wenn er recht viel Korn mache und es recht teuer
verkaufen knnte. Um die, welche es kaufen mten, kmmerte er sich nicht, aber
da es nun nicht gehen wollte, wie er dachte, nicht alles Wasser alleine auf
seine Mhle laufen wollte, das zrnte er schrecklich an Gott und Menschen.
    Der arme Knecht, welcher in diesem Augenblick sein Nchster war, mute es
zuerst entgelten. Es ist sonst Sitte, da man bei solchen Gelegenheiten sich und
dem Knechte so einigermaen gtlich tut, ein ordentlich Mittagessen macht, ohne
sich eben aufwarten zu lassen. Der Knecht erwartete auch nichts anders,
besonders da man den Spreuer fast umsonst erhalten. Da kann man denken, wie ein
lang Gesicht er machte, als Uli, gefragt, was er verlange, hastig sagte: Eine
Flasche Wein und Suppe! Und Fleisch nachher? fragte die Wirtin. Ho, sagte
Uli, wenn man eine gute Suppe hat, so kann man es schon machen, es wre Mancher
zufrieden, wenn er alle Tage eine htte! Die Wirtin hatte schon mehr mit Bauern
zu tun gehabt, sie trat nicht weiter ein, sondern fragte: Was fr Wein soll ich
bringen? Sechsbatzigen, sagte Uli, der ist gut fr den Durst und es macht
hei! Potz, dachte der Knecht, das geht mager zu. stopfte sein Pfeifchen,
um nachzubessern, und machte ein tiefsinniges Gesicht. Wein und Suppe kamen; mit
eingesttzten Armen wartete die Wirtin, bis die letztere halb gegessen war, dann
fragte sie: Fleisch werde ich doch auch bringen sollen? Htte Voressen,
bsunderbar schns Rindfleisch und Speck zum Kraut, wie es blich und bruchlich
ist, wenn man weit herkommt, weit heim mu. Wenn man luft, so ist so ein
Spplein gleich runter, und so z'leerem z'laufen oder z'fahren ist nicht gut,
man ist gar bel dabei. Magst, so sags, sagte Uli zum Knecht. Es ist nicht
an mir zu befehlen, sagte der Knecht, wer zahlt, der befiehlt. Auf dieses
Wort hin machte die Wirtin rechtsum und sagte: Ich hole, Ihr seid gewi nicht
reuig. Daneben knnt ihr immer noch nehmen oder nicht, wie es Euch beliebt. Nun
machte Uli ein tiefsinnig Gesicht, und als die Wirtin brachte reichlich, gab es
ein seltsam Hin- und Herschieben der Herrlichkeiten. Keiner wollte zuerst
nehmen. Kannst nehmen, wenn du magst, sagte Uli. Es ist nicht, da es sein
mu, kann es sonst auch machen. Allweg nehme ich nicht zuerst, sagte der
Knecht, und das Ende vom Lied war, da Beide bse wurden: Uli, weil er mehr
gebraucht, als er gedacht, der Knecht, weil er sah, wie ungern es ging.
    Es ist sehr leicht, bei solchen Gelegenheiten an einem Knechte drei Batzen
zu ersparen, aber sehr schwer zu berechnen ist es, wie gro der Schade werden
kann, welcher aus drei ersparten Batzen erwchst.
    Der Knecht muckelte stark im Gemte und war anfangs willens, dem Meister das
Wort nicht zu gnnen, denn wenn es so seinen Fortgang haben solle, so sei am
wohlsten, wer am weitesten davon weg sei. Indessen der Abend war so mild und
lieblich, da sein Schimmer unwillkrlich die dstersten Gemter verklrte, wie
ja auch die untergehende Sonne die schwrzesten Berge vergoldet. Uli hatte die
Zeche verwunden und sprach mit dem Knechte erst ber die Rosse, dann ber die
Arbeit der nchsten Woche, die vorzunehmende Ansaat usw. Dem Knecht war es auch
nicht mehr so suerlich ums Herz; der Wstest sei er doch noch nicht, dachte er.
Und, Uli, sagte er, die Pfeife ausklopfend, was bist Vorhabens wegen den
Dienstboten? Solls beim Alten bleiben, oder willst ndern, Da fuhr eine Wolke
ber die Sonne, und Uli sprach: He nun, weil du davon anfngst, so will ich dir
sagen, was ich gedacht. Ein Bauer und ein Pchter sind zweierlei, selb weit.
Anstndig wret ihr mir, gegen Keinen habe ich was, aber mit den Lhnen mag ich
nicht gfahren, besonders wenn das Korn nichts giltet und ein Schwab am andern
hngt vom Bodensee bis nach Zrich, wie mir der Mller gesagt hat. Wenn ich es,
weil die Zeitlufe bs sind, mit weniger Lohn machen knnte, so begehrte ich
nicht zu ndern. An selb denk nicht, sagte der Knecht, mehr arbeiten und
weniger Lohn reimt sich nicht, und zu uns selbst mssen wir auch sehen, es tuts
niemand anders. Eher solltest du noch mit dem Lohn nach; wenn man jung ist, so
mu man sehen, da man zu etwas kmmt, und fr den alten Mann sorgen, selb hast
du uns oft gesagt und wie dich dein frherer Meister darber berichtet. Er habe
nichts dagegen, sagte Uli, aber das Gleiche gelte fr ihn auch. Er msse sehen,
wie er den Zins aufbringe, daneben Steuer und Brauch ausrichte, da helfe ihm
auch niemand, und was das heie, stelle sich niemand vor, als wer es erfahren.
Wenn das Korn nicht mehr gelten solle als drei Taler das Malter, so wte er
nicht, wie das gehen solle. Aber meinst du dann, mit wohlfeilen Knechten
gewinnest du was? antwortete der Knecht. Zwischen einem Schuhmacher, der des
Tages einen Schuh macht, und dem, der ein Paar macht, ist ein Unterschied, und
so auch zwischen einem Weber, welcher zehn Ellen, und dem, welcher sechs Ellen
wibt, selb wei man. Aber bei einem Knechte will man das nicht wissen, man sieht
nur den Unterschied im Lohn und meint, der Unverschmtest fordere auch am
meisten, und doch ists ebenso wie bei den Handwerkern. Auch in der Arbeit ist
ein Unterschied, denn Weben und Weben sind zwei, und zum Beispiel Mhen und
Mhen auch. Daneben mach, was du willst, es ist deine Sache; du wirst bald genug
erfahren, wie es gehen kann, wenn du es schon vergessen hast. Mit Schein
rechnest du den Meister nichts, sagte Uli gereizt. Ein guter Meister macht mit
wohlfeilen Knechten mehr als ein schlechter Meister mit guten Knechten. Es ist
schon aus manchem Klotz ein rechter Bursche geworden, wenn ihn ein guter Meister
recht auseinandernahm. Darwider htte er nichts, sagte der Knecht, wenn er es
probieren wolle, so solle er es machen. Gehrt htte er zwar nie, da einer aus
einem Zwilchsack einen Sammetrock gemacht oder aus einem Kalbe einen Hengsten.
    Hier wurden sie unterbrochen, und das Gesprch ward nicht wieder angeknpft.
Die Folge davon ward, da die zwei besten Knechte andere Pltze annahmen, welche
ihnen lngst angeboten waren. Uli vernahm dieses alsbald, denn es ist eine gar
rege Aufmerksamkeit unter dem dienenden Volke um diese Zeit, sie visieren und
gucken nach guten Pltzen schrfer noch als auf ihren Sternwarten die Astronomen
nach neuen Kometen und derlei Dingen. Da kamen die Bursche daher, und einer gab
sich fr einen Karrer aus, ein anderer fr einen Melker, redeten, als kmen sie
vom Himmel her, und gebrdeten sich, als seien alle Frstentmer und Gewalten
ber Khe und Pferde unter ihre Fe getan. Von diesen hrte dann Uli, der sich
ber das Gelufe fr bestimmte Pltze wunderte, sein Karrer htte zum
Kabismller gedungen und sein Melker in den Krautboden. Das machte ihn bse, da
sie dieses getan, ohne mit ihm zu reden, ihm das Wort zu gnnen. Er dachte nicht
daran, da er es akkurat so gemacht hatte, da gute Knechte ihr Bewutsein
haben, sich weder am Lohn abbrechen lassen noch um Pltze betteln. Er hielt es
ihnen nicht vor, aber gab ihnen kein gut Wort mehr und suchte andere Knechtlein,
aber so wohlfeil als mglich.
    Wer Landmann ist, wei, welche verhngnisvolle Zeit der Herbst ist, wie man
alle Hnde voll zu tun hat, eigentlich gar nicht in das Bett sollte oder es
machen, wie man von reichen Bauern zu Raxligen erzhlt: sie hingen, wenn sie zu
Bette gingen, ihre Hosen an die Stange auf, welche um den Ofen luft, aber
sobald die Hosen aufhrten zu blampen, stnden sie wieder auf und machten sich
frisch an die Arbeit. Im Herbst ists nun Not, da alles flink sich rhrt und
geschickt in die Hnde arbeitet, Menschen und Vieh. Schmollen aber Meister und
Dienstboten, gnnen sich die Worte nicht, dann hat es gefehlt, dann harzet es
berall und es ist, als ob die Glieder der Arbeitenden mit Blei gefllt wren.
Vreneli machte gut, so viel es konnte, mute aber oft die Augen trocknen, wie
Uli unwirscher wurde, damit aber die Arbeit nicht frderte. Es wre sonst ein so
gesegneter Herbst gewesen, aber was ist aller Segen des Landes, wenn die Gemter
nicht gesegnet sind mit Frieden! Es war viel Obst, und da Uli das Holz zum
Drren nicht zu kaufen brauchte, sondern Holz nach Notdurft zur Pacht hatte, so
ward ein reicher Vorrat fr Fehljahre gesammelt. Erdpfel gabs, da man sie kaum
unterzubringen wute, Rben und Mhren wie sonst selten. Man htte ganze Fuder
zu Markte fhren knnen, wenn man entbehrliche Leute und Rosse gehabt htte.
Indessen lste Uli doch schn Geld aus der sogenannten Stmpelten, weit mehr,
als er sich vorgestellt hatte. Auf jedem Gute sind nmlich Hauptprodukte, auf
welche man hauptschlich und alle Jahre zhlt: Heu, oder wo das Heu abgefttert
wird, Ks oder Milch oder Korn oder Vieh. Dann gibt es noch eine Menge
Nebensachen, welche zugleich zufllig sind, Obst zum Beispiel und Erd- speisen,
das heit Speisen, die in der Erde wachsen: Erdpfel, Kohl, Rben usw., Hanf,
Flachs, in unsren Gegenden auch lpflanzen, welche anderwrts zu den
Hauptprodukten gehren. Je besser nun ein Gut bewirtschaftet wird und je besser
namentlich die Frau ist, desto mehr wird auf diese Weise gleichsam so nebenbei
gewonnen. Es wird gar manche Frau hoch gerhmt ber ihr Geschick, aus der
Stmpelten ein bedeutend Geld zu machen, indem sie alles zu Ehren zu ziehen wei
und es zu Nutzen bringen kann, whrend andere Weiber nichts zu machen wissen,
das Entbehrliche weder bemerken noch an Mann zu bringen wissen, es brauchen,
wenn und wie der Gebrauch es mit sich bringt, oder es sich selbst berlassen,
wenn sie es nicht selbst brauchen knnen. Das sind die Weiber, denen das Denken
eine Pein ist oder die ihre Gedanken allenthalben haben, nur nicht bei ihrem
Hauswesen. Dies macht natrlich einem Mann einen bedeutenden Unterschied, ob
seine Frau die Kleinigkeiten alle zu verwerten verstehe oder nicht. Auf grern
Gtern kann es in die hundert Gulden gehen.
    Vreneli nun verstund das Ding vortrefflich und machte es dem Uli doch nicht
ganz recht; es ging nach dem Sprchwort, da ber dem Essen der Appetit wachse.
Uli freute sich des schnen Geldes, aber er htte lieber noch einmal so viel
gehabt. Vreneli war eine von den altvterischen Seelen, welche gerne Vorrte
haben im Hause auf mehr als einen Tag, welche gerne die Schrnkefllen mit
Leinenzeug. Andenken guter Jahre. Vreneli meinte, sie sollten anfangen zu
sorgen, da sie eigenes Bettzeug htten in alle Spiel, nicht an Joggelis
gebunden seien, oder wenn sie einmal hier wegkmen, dann alles auf einmal
anschaffen mten. Fange man frhe an, so komme man weit, und anfangen msse man
in guten Jahren, wie sie jetzt eines htten, da merke man es nicht, weil man
sonst kommen mge mit dem Gelde.
    Aber Uli rgerte sich fast an allem, was ber das Notwendige hinaus im Hause
blieb. Geld zu machen, da man sich in alle Spiele kehren knne, selb sei die
Hauptsache, meinte er. Fr das Haus knne man noch lange sorgen, wenn Gott einem
das Leben lasse; das wre gut, da man sein Korn nicht verkaufen msse, wenn es
so wohlfeil sei, sondern den Zins sonst machen knne. Nun gab Vreneli etwas
nach, und etwas machte es nach seinem Kopf. Da ist aber keine rechte
Freudigkeit, wenn Eines hieraus zerrt, das Andere dortaus, das Eine als Beute
betrachtet, was es erzerrt, das Andere als Raub, was man ihm abgezerrt.
    Vreneli zog die Base zu Rat, ob es nicht gut wre, einmal verflmert
abzustellen und aufzubegehren, da Uli wte, woran er sei, und da es sich bei
solchem Schaffen und Sorgen doch nicht meistern lasse wie ein klein Kind. Mach
es nicht, riet die Base. Was trgt es dir ab? Kannst etwas an Vorrten erobern
und etwas an Bettzeug, und wenn dir dann die Mause darber kommen, was hast du
dann davon? Hundert Jahre, wenn ihr das Leben habt, mut du es noch hren.
    Fahre in Gottes Namen fort, wie du angefangen hast, und verkauft er dir noch
mehr, so lasse es auch geschehen; denke, an einigen Ellen Leinenzeug und einigen
Metzen Obst hngen Heil und Seligkeit nicht. Whrend die Base so sprach, strich
Joggeli um ein Wgelchen herum, welches geladen wurde, um auf den Markt gefahren
zu werden. Ja, ja, sagte er. so ist es recht, das mte mir auch verkauft
sein, und je mehr je lieber; die Weiber sehen es freilich nicht gerne, wollen
Vorrte haben, aber wofr? Um die gute Frau zu machen oder einen Kreuzer Geld,
von dem der Mann nichts wei. Meine Frau hat mir damit geschadet, es wei kein
Mensch wie viel, und Vreni wird wohl von ihr was davon gelernt haben. Daher hast
recht, gleich anfangs zu zeigen, wer Meister ist und welchen Weg es gehen mu.
Das Geld wirst brauchen knnen, allweg fressen es die Muse nicht, und die
Motten kommen nicht darein. Solche Reden gefielen natrlich Uli wohl, strkten
seinen Glauben an Joggelis Wohlmeinenheit, an die Notwendigkeit, den eigenen
Willen durchzusetzen, und in der Ansicht, Geld machen sei unter allen Knsten
die erste und dringlichste.
    Als Weihnacht kam, hatte Uli wirklich ein schn Stck Geld aus all der
Stmpelten gelst, weit, weit ber den Bedarf zu den Gesindelhnen, und doch war
es keine frhliche Zeit, und das Neujahr war ebenfalls kein heiteres. Es ist oft
der Fall, da wenn man Dienstboten ndert, man den Wendepunkt, wo die alten
aus-, die neuen einziehen, nicht er, warten mag und zwar beidseitig nicht. Das
Verhltnis ist so giftig geworden, da man sich nicht blo kein gut Wort mehr
gibt, nicht blo zornig wird, wenn man sich sieht, sondern sogar, wenn man sich
aus der Ferne husten hrt. So war es aber in der Glungge nicht, im Gegenteil;
als der Zeitpunkt rckte, wo geschieden werden mte, mochten beide Teile nicht
gerne daran denken, htten gerne dem Rade der Zeit den Hemmschuh untergelegt.
Selbst Uli kam es jetzt, er htte sich doch vielleicht den unrechten Finger
verbunden, allweg habe er sich eine schwere Brde aufgeladen und Jahre werde es
gehen, ehe er aus den Kltzen, welche er angestellt, ordentliche Knechte
herausgehauen und zurechtgemeielt. Begreiflich gestand er es nicht, nicht
einmal vor sich selbst wollte er so recht den Namen haben, da es ihm so sei.
Den Knechten ging es hnlich, sie verlieen ungern die Glunggen, zeigten es
jedoch nur Vreneli, wie es ihnen war und da sie wohl wten, wenn es nach
seinem Kopfe gegangen, sie beisammen geblieben wren. uerlich hatten alle das
Aussehen, als ob sie sich bitterlich haten, aber innerlich war blo ein
Grollen, und zwar ein Grollen, da man von einander mute und zwar ohne
Notwendigkeit, sondern weil jeder einen aparten Kopf hatte und Uli den
allerapartesten, gespickt mit Joggelischen Brocken.
    Abgehende Dienstboten feiern, wie bekannt, das Neujahrsmahl noch mit, es ist
das Abschiedsmahl, nach welchem sie weiterziehen auf ihrer Pilgerreise nach
einer neuen Station. Viele essen und trinken da noch zum Platzen, um die alten
Meisterleute zu rgern und von ihren Rechten den ausgedehntesten Gebrauch zu
machen, und leben doch am besten am Gedanken, wie zornig sie ihre Meisterleute
verlassen. Das ist auch ein wst Zeichen der verkehrten Natur der Menschen, eine
wahre Teufelschtelei. So gings in der Glungge nicht, man war karg mit den
Worten, mit Essen und Trinken ging es auch nicht recht, wie sehr Vreneli
ntigte. Daher kam die Offenheit nicht, welche der Wein manchmal bringt, die
frostigen Bernernaturen tauten nicht auf, kurz machte man die Sache und dster
zog das Jahr auf der Glungge ein, und als am folgenden Morgen die Abgehenden
Abschied nahmen und sagten: Lebet wohl und zrnet nt, waren die Gesichter
auch duster, doch war keine Stimme, die nicht gebebt htte, wenn sie Vreneli
sagte: Leb wohl und zrne nt. Leb wohl, sagte dann Vreneli, und wenn du
vorbeigehst, so komme ins Haus und berichte, wie es dir geht. Hrst, und vergi
es nicht, ich zrnte es, wenn du es nicht ttest. Je besser es dir geht, desto
mehr wird es mich freuen. Aber es ist keine Gefahr um dich; stellst dich gut, so
gehts dir gut; gibts dir etwas Ungesinnetes und knnen wir dir helfen, so vergi
uns nicht und denke an uns. Selbst Uli sagte: Sie sollten ihm nicht zrnen;
wenn sie einmal selbst in seine Lage kmen, so wrden sie ihn begreifen. Wenn
einer einen Anfang htte wie er, so msse er sich sturm sinnen, woher er die
Kreuzer alle nehmen wolle. So schieden sie im Frieden auseinander, und dies ist
allemal schn. Wer aus allen Husern im Frieden scheidet, darf hoffen, einst
auch im Frieden zu scheiden aus dieser Welt und einzuziehen mit Freuden in
Gottes himmlisches Haus.
    Am Nachmittag und am folgenden Tage zogen die neuen Dienstboten ein, und
Vreneli ward es ein um das andere Mal bel.
    Es ist ein wunderlich Geschpf, so ein Menschenkind, und noch wunderlicher
krabbelt es ihm im Kopf herum, noch viel wunderlicher, als in einem chinesischen
Wrterbuche die achtzigtausend Schriftzeichen, welche die chinesischen Gelehrten
ersonnen haben sollen, krabbeln mgen. Ja, mssen noch ganz andere Gelehrte
haben, die Chinesen, als wir, haben aber auch um so lngere und dickere Zpfe,
begreiflich! Was so in eines Knechtleins Kopfe krabbelt, stellt sich selten ein
Mensch vor, und wre es auch ein Gelehrter, selbst ein deutscher. Sie kamen
daher wie Dampfkessel, auf zwei schlechte Beine gestellt zwar, aber aus allen
Lchern pfiff und schurrte der Dampf, sintemalen sie aufgeblasen waren, was die
Haut ertragen mochte. Erstlich bildeten sie sich schrecklich viel ein, da sie
wirklich einen Platz hatten und noch dazu an einem so berhmten, groen
Bauernorte. Wer ihnen begegnete, frugen sie, wie weit es noch bis zur Glungge
sei, und jeder mute vernehmen, dies sei der Berhmte, man werde schon davon
gehrt haben, der dort als Melker oder Karrer einziehe oder gar als
Meisterknecht, denn so genau nahmen sie es nicht. Sie bildeten sich auch
wirklich ein, Solche wie sie seien noch nie diese Wege gewandelt, denn sie
gingen nicht, sie wandelten. Als sie endlich an Ort und Stelle angewandelt
kamen, muten sie natrlich zeigen, wer da angewandelt kme, und so kamen sie
wirklich wie aufrechte Dampfkessel auf zwei Beinen. Vreneli weinte zuletzt, doch
blo fr sich. Uli stunden die Haare bolzgerade auf vor Zorn, er verwerchete ihn
jedoch auch im Stillen. Joggeli sa hinter dem Fenster und verwerchete nur
Galgenfreude, jedoch auch im Stillen, erfrchtete sich doch zuweilen vor den
Kernsprchen seiner Frau.
    Nach und nach langte auch die Bagage an; die war traurig, es war, als kme
sie aus dem siebenjhrigen Kriege und hrte alle Schlachten mitgefochten. Mdi
wars, welche rekognoszierte und sichere Berichte darber brachte. Mdi war also
geblieben, Vreneli zu Lieb und Ehr. Uli konnte es nicht verzeihn, da er die
Andern zum Abzug gebracht. Mdi hatte keinen Liebhaber unter den Abgehenden,
aber das Ehrgefhl rechter Mgde, welchen alles daran gelegen ist, da es gut
gehe da, wo sie dienen, da es heit: da werde recht gearbeitet und bessere
Ordnung sehe man nirgends. So viel Verstand hatten zur selben Zeit die
Dienstboten, da die Ehre des Orts auch auf die fiel, welche zu dieser Ordnung
beitrugen. Mdi hatte Schadenfreude und sagte, es geschehe Uli recht, da er
solchen Zeug gekriegt, der werde das Jahr ber fr mehr als zweihundert Taler
Zorn und Verdru zu schlucken haben. Nur sei es nicht recht, sagte es zornig,
da die Unschuldigen mitleiden mssen. Das werde eine Zuversicht geben, da man
vor Zorn nicht mehr werde die Augen auftun mgen. Aber was ihns am zornigsten
mache, sei, da man die Lumpen alle Wochen werde waschen mssen und dann die
halbe Woche ums Haus herum werde zu hngen haben, das werde doch der Glungge
wohl anstehen! Die Leute werden glauben, es sei da ein Lumpensammler eingezogen
und trockne an den Zunen, was er na zusammengetragen. Es hasse nichts mehr,
als so verhudelte Hemdchen zu waschen. Anrhren drfe man sie nicht, das Wasser
ertrgen sie nicht, an der Sonne fhren sie auseinander und das leiseste
Lftchen trage die Fetzen dem Teufel zu, und wenn dann nichts mehr sei, so msse
man alles gestohlen haben. Am besten sei es, Uli wasche selber, Vreneli solle es
ihm sagen, Mdi wolle damit hell nichts zu tun haben. Vreneli sagte nichts, aber
Mdi konnte sich nicht enthalten, Uli zu fragen: Sag, Uli, in der hintern
Kammer sind noch zwei groe alte Trge; soll ich diese etwa ausputzen, damit die
neuen Knechte Platz haben fr ihre Sachen? Wenn es ntig ist, so will ich es
dir schon befehlen, schnauzte Uli. Einstweilen siehe nur zu dir und mache, da
du immer Platz hast. J so sagte Mdi, ist das so gemeint? Das wird eine
strenge Obrigkeit geben sollen, wo man nicht mehr das Maul auftun soll und
sagen, was einem dreinkommt. Hre. Mdi, sagte Vreneli, schweig und la der
Sache den Lauf. Aber darf man dann kein Wort mehr sagen hier? Soll das so
streng gehen? Reden kannst, so viel du willst, aber l ins Feuer schtten,
selb tue mir nicht, selb ist nie erlaubt und war es zu keinen Zeiten. Aber es
ist halt eine bse Zeit; was klar war, wird finster, und je mehr die Menschen
sich einbilden auf ihre Weisheit, desto dmmer gehen sie mit allem um, und was
gesetzlich beschrnkt war, soll jetzt gesetzlich erlaubt sein, Gift und Feuer in
jedes Kindes Hand zu freiem Gebrauch gestellt werden.
    Es war in der Tat nicht ntig, bei Uli l ins Feuer zu schtten, es brannte
ohnehin sattsam in ihm. Uli hatte sich vorgestellt, wenn er wohlfeile Knechtlein
dinge fr seine hhern Stallstellen, so kmen die demtig daher im Gefhl, wie
ihre dermaligen Krfte ihrer Aufgabe nicht gewachsen seien, und mit dem Vorsatz,
das Fehlende baldmglichst zu ergnzen. Aber potz Himmeltrk, wie grblich hatte
Uli sich geirrt! Den Brschchen kam nicht von weitem in Sinn, da sie noch was
zu lernen htten; so wie sie ihre Posten hatten, hatten sie auch das Bewutsein
vollstndiger Vollkommenheit. Sie htten es immer so gemacht, sie seien es so
gewohnt, allenthalben, wo sie gewesen, sei es so recht gewesen, sie wten
nicht, warum es hier nicht auch recht sein sollte. Das war ihre Antwort, mit
welcher sie bei jeder Zurechtweisung bei der Hand waren. Um so trotziger gaben
sie diese Antwort, weil sie Uli als ihresgleichen betrachteten. So einer, der
auch nur erst Knecht gewesen, solle nicht kommen und sie dressieren wollen; von
einem, der nicht mehr sei als sie, lieen sie sich nicht kujonieren, dem wollten
sie es zu merken geben, da sie wohl wten, wer er gewesen, wenn er es etwa
vergessen wolle; solche liebliche Gedanken hatten sie. Man kann sich denken,
welch lieblich Dabeisein Uli hatte, und durfte nicht klagen. Selbst getan,
selbst haben, mute er denken.
    Aus der Tenne war viel Korn getragen worden, was nicht immer der Fall ist,
wenn auch viel Garben eingefahren worden sind. Aber aufschlagen wollte es nicht,
die Mller taten sehr whlig und selten sah man einen bei einem Bauernhause.
Dagegen schneite es mchtig, regnete drein, fror wieder zu, schneite wieder, so
da Uli dachte, es lege sich eine Eiskruste ber die cker, unter dieser
ersticke der Samen oder die Muse tten ihn fressen. Im Frhling oder gegen den
Sommer msse das Korn allweg aufschlagen, und da sei es doch hart, unter dem
Preise verkaufen zu mssen, um den Zins zahlen zu knnen, den Joggeli durchaus
nicht ntig hatte. Die Pachtherren haben es gar verschieden gegenber ihren
Pchtern. Es ist hier nicht von irlndischen, nicht von englischen Pachtherrn
die Rede, sondern von schweizerischen, begreiflich. Einem Pachtherrn, der noch
lebt, brachte einmal ein Pchter den Zins gleich am Verfallstage. Der Pachtherr
fuhr ihn schrecklich an: Meinst, ich habe das Geld so ntig wie so ein
Lumpenbub von deinem Kaliber? Und fast htte er den armen Teufel vom Hofe
gejagt. Der Pchter hatte gemeint, wie gut er es mache, hatte das Geld in allen
Ecken zusammengelesen, kam stolz daher im Hochgefhl freudiger Erwartungen und
wurde angefahren, da ihm die Knie noch lange nachher wackelten. So kann man
sich tuschen in seinen Erwartungen, wenn man die Menschen nicht kennt; der kam
aber sein Lebtag nie mehr am Verfalltage mit dem Zins daher. Ein anderer Pchter
kam zu seinem Pachtherren auch ohne langes Warten mit dem vollen Zins und
meinte, was er tue und wie wohl er ankme. Es scheint, sagte der Pachtherr,
die Pacht sei gut, da Ihr den Zins so schnell machen knnt. Ja, ja, die Zeiten
sind gut fr die Pchter, alles gert wohl und gilt viel, ein Birnstiel ist wie
bar Geld. Apropos, was ich habe sagen wollen: ich gnne Euch die Pacht, aber per
Jucharte mu ich zwei Taler Zins mehr haben, anders tue ich es nicht. Fr mich
sind die Zeiten bs, alles ist teuer, ich mu sehen, wie ich mich durchbringe.
Wart, du alter, verfluchter Schelm, dachte der Pchter, der auch nicht dumm war,
dir bin ich schlau genug fr die Zukunft, wenn du mich jetzt nicht kriegst. Und
demtig tat er, rutschte fast auf den Knien herum und redete verblmt von einem
Erblein, welches ihn in den Stand gesetzt, die Pacht zu zahlen, kurz er brachte
es dahin, da der Herr bei dem gleichen Pachtgelde blieb. Von da an kriegte
selber Herr den Zins nie schnell und ganz, sondern erst auf langes Mahnen hin
verstckelt und unter hundert Seufzern und Bitten, doch abzulassen, dieweil der
Zins nicht zu erschwingen sei, das Blut unter den Ngeln hervorgepret werden
msse, um ihn aufzubringen. Das freut dann den Herrn gar sehr, da er sein Land
so hoch angebracht, den Pchter so hart gepret, lt aber nicht ab, schlgt
aber auch nicht auf, und er und der Pchter sind herzlich wohl zufrieden mit
einander. Sind doch zuweilen kuriose Leute, die Menschen!
    Uli wute aber, da Joggeli weder zu der einen noch zu der andern Sorte
gehrte. Er war zu mitreu, um gerne lange Geld ausstehend zu haben, hatte es zu
gerne in den Hnden und trieb Kurzweil mit Zhlen, als da er es gerne lange
mite. Sollte er also verkaufen um geringen Preis, um den Zins zu machen, sollte
er sein Geldlein einziehen und das Korn sparen? Das ging ihm im Kopfe herum, da
er oft aussah akkurat wie eine wandelnde Brummelsuppe.
    Das dritte Ding (an zweien wre es mehr als hinreichend gewesen, um einen
Uli rappelkpfig zu machen) war Vrenelis Zustand. Vrenelis Zustand war eben kein
besonderer, aber es war das erstemal, da Vreneli darin war, Uli so was erlebte,
und da meint man dann wunder, wie apart alles sei und das Allerschrecklichste
vor der Tre stehe. Je inniger die Liebe, desto grer auch die Angst. Und Uli
hatte Vreneli von Herzen lieb, er sah gar wohl, was er an demselben hatte, aber
seine Liebe war halt nicht besser als ein Diamant, der, selbe luft im Nebel der
Welt auch an, ja sogar mit irdischem Kote kann man ihn bedecken.
    Wie sehr Uli Vreneli auch liebte, den rechten Verstand in solchen Dingen und
Zustnden hatte Uli doch nicht, bei aller Angst. Die Weiber haben es gerne, wenn
man sie an Ruhe mahnt und die Arbeit ihnen wehrt, sie tun dann gerne noch einmal
so viel als sonst und ohne sich zu beklagen. Uli kannte das nicht, und wenn
Vreneli nicht immer bei allem war wie sonst, so vermite er es, frug ihm nach,
fragte, ob ihm was fehle, dies und jenes sollte gemacht sein; wenn man nicht
immer hinten und vornen sei, so sei nichts gemacht usw. Er merkte in seiner Hast
nicht, da er damit Vreneli weh tat; er meinte es gut, hatte aber halt den
Verstand nicht. Wer ihn halt nicht habe, dem msse man ihn machen, meinte die
Base. Sie hielt Uli eine scharfe Predigt, machte ihm himmelangst und die Hlle
hei, er versprach das Beste. Fortan, wenn er fragte: Wo ist Vreneli? Vreneli,
das und das sollte gehen, das und das solltest machen, so setzte er allemal
hinzu: Oder magst etwa nicht, so sag es, ich will dann sehen, wer es macht oder
wie es geht. Die Base sagte oft: Ein Kalb sei dumm, aber so mit einem jungen
Mann sei es doch noch lange nicht zusammenzuzhlen. Selbst mit manchem alten
nicht, brummte sie manchmal nachstzlich. So geduldig die Alte mit dem lieben
Gott war, so sehr sie berzeugt war, da alles komme aus seiner vterlichen Hand
zu unserm Besten, Kfer sogar und Muse, so geduldig war sie auch mit dem
Mannevolk; aber sie betrachtete es eben wie Kfer und Muse, wie eine Art
Ungeziefer, welches man in Geduld und Langmut zu ertragen habe, weil es eben von
Gottes vterlicher Hand geordnet sei. Ihre Ansicht darber freimtig aus,
zudrcken, hielt sie erlaubt. Es war Uli aber auch etwas zu verzeihen. Wo er
nicht war, ging was Krummes, bald was mit den Rossen, bald was mit den Khen.
War er im Walde, so gabs daheim was Dummes, war er daheim, so kam man aus dem
Walde mit einem zerbrochenen Wagen heim oder einem blessierten Rosse. Da kommt
dann gerne so eine all, gemeine Ungeduld in die Glieder. Wie es gehen solle,
wenn Vreneli ganz dahinten bleiben msse, das begriff Uli nicht. Indessen so was
mu man begreifen lernen, man mag wollen oder nicht.

                                Sechstes Kapitel


                      Ein Kindlein kommt und wird getauft

Unwiderstehlich rcken die Tage vor, einer nach dem andern, unerwartet kommt der
rechte, der die Entscheidung bringt, Leben oder Tod, Weh oder Freude hlt in
seiner Hand und eben darum ein so banger ist, weil man nicht wei, welches von
beiden er birgt in der verschlossenen Hand. So kam er auch unerwartet auf der
Glungge, eben als Vreneli noch eine kleine Wsche abtun wollte, damit die
Knechtlein wieder was Sauberes am Leibe htten. Er brachte weder Weh noch Tod,
sondern ein klein Mgdelein, das mrderlich schrie, den Mund aufri bis hinter
die Ohren, von welchem jedoch die Base versicherte, da sie ein so hbsches nie
gesehen htte. Elisi sei auch hbsch gewesen und kein Mensch wrde gedacht
haben, da es am Ende nur so zu einem drren Birnenstiel auswachse, aber gegen
dieses sei es doch nur ein Schatten gewesen. Die Freude war gro bei Uli und
Vreneli, doch konnte Uli sich nicht enthalten, merken zu lassen, wie er lieber
einen Buben gehabt, wegen der Hlfe. So ein Bub knne man gar frh brauchen und
glaube nicht, wie kommod er einem Vater komme. Warte nur, du wirst noch Buben
genug kriegen, darum hat dir Gott das Kindermdchen vorausgesandt, sagte die
Base. Mit den Buben ist es halt nichts, als da sie in allem sind und man ganze
Tage ihnen abwehren mu. Mdchen hangen der Mutter an der Schrze, und wie sie
auf den Fchen stehen knnen, hat man Hlfe von ihnen; sie heben was auf, sie
tragen was nach, sie sehen zur Milch auf dem Feuer, da sie nicht berluft, zum
Kraut im Hafen, da es nicht anbrennt. Klein knnen sie es, gro vergessen sie
es manchmal, setzte sie seufzend bei.
    Die Base war der Wchter ber Mutter und Kind. Sie sorgte, da Beide das
Ntige erhielten zu rechter Zeit, Vreneli sich nicht selbst darum mhen mute
oder sonst zu frh in Anspruch genommen wrde. Da Mdi bereits bei der Base
gedient, so gab es keine Kompetenzstreitigkeiten, wie sie bei hnlichen
Gelegenheiten sonst nicht selten sind, namentlich zwischen einer allflligen
Frau Schwiegermutter, welche in solchen Fllen eigens herkommt, und dem
Gesindepersonal. Es mute schon mancher arme Schwiegersohn taufen lassen ber
Hals und Kopf, damit er der mit aller Welt im Kriege liegenden Schwiegermutter
los und wieder zu Frieden kme. Solch ein vernnftiger Wchter tte jeder
Wchnerin wohl, aber eben ein friedlicher, der nicht mit Krieg und
Kriegsgeschrei sie in neue Nten und gefhrliche Fieber bringt. Diese Wchter
mssen sich aber freiwillig eben in befreundeten Personen finden, fremde irren,
allfllige Vereine sind auf dem Lande was Treibhauspflanzen, versetzt in
buerische Grtchen. Solche Wchter finden sich auf dem Lande unter den lteren
Frauen, soweit es ihre Geschfte erlauben. Wie alte Offiziere immer bereit sind,
Freiwillige vor, zustellen, und wenn das nicht mehr mglich ist, doch gar zu
gerne ihre alten Kriegszge repetieren und sich dieselben so recht lebendig
vergegenwrtigen, so lieben Weiber, welche die Zeit unbarmherzig ber die Tage
der Kindbetten hinausgetragen, die Betten junger Weiber und erquicken sich dabei
an der Vergegenwrtigung der eigenen Feldzge.
    Die Base war wirklich da wie der gute Engel, und wenn Joggeli schon brummte,
sie tte dmmer als eine Gromutter und wenn er sterben tte, sie merkte es
kaum, so nahm sie es kaltbltig hin und tat, was ihr not schien. Mehr rgerte
sie sich ber Uli, der ihr alles zu kaltbltig nahm und so in seinem Treiben und
Jagen befangen war, da er weder Zeit nahm zu besonderen Vaterfreuden noch recht
Zeit, der Sache, wie man zu sagen pflegt, nachzulaufen, und doch war es Winter.
Kaum da er Zeit hatte, die Taufzeugen auswhlen zu helfen. Begreiflich war
Patin die Base, des Bodenbauern Frau die zweite, mit der Wahl des Paten hatte es
Not. Endlich ward dazu ein alter Vater erwhlt, von dem die Base sagte: Der
msse doch einmal auch herbei, wst getan habe der sein Lebtag. Es nehme sie
wunder, was der fr ein Gesicht mache und ob er daran denke, eins zuwege zu
bringen, welches er dem lieben Gott zeigen drfe, von wegen in Sinn werde es dem
doch kommen, da wenn man siebenzig Jahre alt sei, das Abmarschieren nicht mehr
fern sein knne.
    Vreneli schttelte den Kopf dazu, dies Gesicht htte es lieber nicht
gesehen. Von diesem Manne hatte es immer nur mit dunkeln Worten reden gehrt als
wie von einem Gespenst, und wenn es weiterfragen wollte, so hatte man gesagt:
Das ist ein Wster, am besten ists, man rede nicht von ihm. Ein Unflat war
er, du hast recht. sagte die Base, und ich werde das Unservater auch zweimal
statt nur einmal beten an selbem Tag, wo ich ihn sehen mu. Aber sieh,
vielleicht kommt es ihm in Sinn, gut zu machen, vielleicht denkt er dabei an
seine Snden und an ein Gesicht, welches unser Herrgott gerne sieht, und es
fehlt ihm die Gelegenheit dazu; die wollen wir ihm geben, er hat doch dann
keinen Vorwand, wenn der Richter ihn frgt: Hans! Und Vreneli? Tut er dann nicht
darum, je nun so dann, so haben wir doch das Unsere getan.
    Aber Base, sagte Vreneli, wer soll ihn zu Gevatter bitten, Uli,
versteht sich, sagte die Base. Nein, Base, sagte Vreneli, dies darf ich Uli
doch wirklich nicht zumuten, er knnte mich dauern, das Gevatterbitten ist ihm
ohnehin schrecklich zuwider. Sehet nur, was er fr ein Gesicht macht, wenn er
Euch die Sache vorbringt, und sieht Euch doch alle Tage und hlt Euch fast fr
die Mutter. Auch zu Bodenbauers Frau zu gehen, macht ihm Kummer. Erst dann noch
zu dem Vetter, den er nicht kennt, der sein Lebtag nie was von mir wissen
wollte, der jagt ihn mit dem Stock vom Hause weg. Jahrelang vergit mir Uli das
nicht, wenn wir ihn an einen solchen Ort schicken. Schweige nur, er mu gehen,
das tut ihm nur wohl; die Manne mssen nicht meinen, da sie nur das zu machen
htten, was ihnen anstndig ist und fr gut dnkt. sagte die Base. Wofr htte
man sie sonst, die Tabakstinker, wenn man sie nicht zuweilen an etwas
hinschicken knnte, welches man nicht selbst anrhren mag? Aber Uli geht Euch
nicht, Base, und warum ihn bse machen so fr nichts und wieder nichts? sagte
Vreneli. Das verstehst du nicht, sagte die Base. Uli geht, man mu es nur
machen wie der Tfel mit den Menschen, zu guten Sachen wird das wohl erlaubt
sein. Man mu ihn bei der schwachen Seite nehmen. Da kmmt er. Will dir gleich
zeigen, wie man das macht.
    Vreneli wollte noch einreden, wie das ihm auch nicht anstndig sei, aber Uli
trat schon ein, und die Base sprach: Du hast mich noch nicht zu Gevatter
gebeten, und die Leute sagen doch, ich solle Pate sein; la doch sehen, wie
kannst du das und was fr ein Gesicht machst du dazu?
    Wenn Ihr das verrichten wolltet, so wre es mir grausam anstndig, und da
Ihr Euch deretwegen gar verkstigen solltet, selb meinten wir nicht, sagte Uli.
He nun, kurz und gut, es ist immer besser als so ein Gestrm, wo man nicht
wei, was hinten, was vornen ist, sagte die Alte. Die andern Male machst es
schon besser, besonders beim Pate mut anwenden. Wenn wir nur schon einen
htten. sagte Uli, das Andere wrde sich schon machen. Wir haben uns schon die
Kpfe kraus gedacht, und Keinen brachten wir heraus, bei dem nicht ein Wenn oder
ein Aber war. So geht es gerne beim Ersten sagte die Base, spter nimmt man
es schon nicht halb so genau mehr. Wir haben schon an einen gedacht, rate mal.
    Uli riet, aber erriet nichts. Hagelhans im Blitzloch sagte endlich die
Base, nicht wahr, an den httest nicht gedacht? Ihr vexiert, Base, sagte
Uli, das soll ja der grte Unflat sein, und mit dem werdet Ihr nicht begehren
zu Gevatter zu stehen. Euretwegen wohl, sagte die Base. Er ist eigentlich
Vrenelis nchster Verwandter, hat keine Kinder, und man wei nie, was solchem
Menschen am Ende noch ins Gewissen kommt. Man hat Beispiele von Exempeln, wie
die Wstesten lind wurden, wenn es zum Abfahren ging. Man ists seinen Kindern
schuldig, den Verwandten sich zu zeigen und da man noch an sie denkt. Und wer
wei, wenn er dich mal kennt, knnte er dir auch noch kommod kommen mit seinem
Gelde, man kann nie wissen, was so einem grauen Hagelhans durch den Kopf fahren
kann. Daneben ists auch mglich, da er dich mit dem Stock vom Hause wegjagt,
aber fressen wird er dich nicht, und wenn er in Kurzem sterben sollte, so
brauchst doch nicht in den Haaren zu kratzen und zu sagen: Wer wei, wenn ich
gegangen wre, kme jetzt auch was an mich. Aber ich machte den Kopf, bin jetzt
reuig, gefressen htte er mich allweg nicht, und einen Verwandten zu Gevatter
bitten ist noch lange nicht gebettelt.
    He ja, wenn Ihr meint. Base, sagte Uli zu Vrenelis groer Verwunderung.
so knnte ich probieren. Zuwider ists mir, aber der Kinder wegen wird man sich
noch Manches gefallen lassen mssen, habe ich mir sagen lassen, und wenn dies
das rgste wre, so wollte ich nicht klagen; es ist mir nur, da ich deretwegen
einen ganzen Tag versumen mu. Ach Base, sagte Vreneli, als Uli nach
abgemachter Sache wieder gegangen war, ich sollte lachen und das Weinen ist mir
zuvorderst. Das htte ich von Uli nicht erwartet, und da das arme Kindlein den
Hagelhans zum Paten haben soll, das, Base, ist doch wahrlich nicht recht, von
ganzem Herzen erbarmt es mich; sehen mag ich ihn nicht, ich bleibe im Bett.
    Dies wre kurios, wre das erstemal, da du vor einem Menschen dich nicht
zeigen drftest. Der liebe Gott gibt ganz schlechten Eltern Kinder, da man es
gar nicht begreifen kann, warum er das den armen Wrmchen zuleide tut. Man mu
sich damit trsten, da er am besten wei, warum er es macht, aber darum wird es
wohl erlaubt sein, einem Kind einen Paten zu geben, der nicht der Sauberste ist;
bin doch ich noch da und die Bodenbuerin, du, Uli, da wird doch Hagelhans am
Kind wenig machen knnen, und lt Gott es zu, nimmt er die Gevatterschaft an,
so wei niemand, fr was das gut ist, vielleicht da es Hagelhans herumfhrt und
zum Frieden bringt. Darum la es jetzt gehen, wie es angesponnen ist, mach mir
Uli nicht etwa abwendig, hrst! Vreneli gehorchte, Uli ging. Das Blitzloch, wo
Hagelhans wohnte, war von der Glungge ungefhr fnf Stunden entfernt und lag in
einer Gegend, welche ziemlich unbekannt ist, aus einem groen Hgelknuel
besteht, durch den keine Heerstrae fhrt, aber von Metzgern, Frkufern,
Hhnertrgern, Taubenkrmern und Haberhndlern fleiig besucht wird, denn da
kriegt, wer Geld hat, zu kaufen, was er an Landesprodukten sucht, zum Handel
oder eignen Gebrauch. Uli war noch nie in der Gegend gewesen, geschweige denn im
Blitzloch selbst. Anfnglich marschierte er wie ein Pfarrer, der seiner Predigt
noch nicht recht sicher ist und sie auf dem Kirchweg noch einmal probiert,
halblaut und mit Hndeverwerfen. Er studierte seine Gevatterbitte ein, sagte die
Worte bald so, bald anders, und war er hinten aus, so wute er nicht, wie er
angefangen hatte, mute frisch an das Studieren. Nun kennt ein Pfarrer seinen
Kirchweg, die Steinchen alle sind ihm wohlbekannt, er verirrt sich nicht, er
stolpert kaum mit den Beinen. Uli aber kannte weder den Weg noch viel weniger
die Steine auf demselben, daher er tapfer stolperte, seine Nase bedenklich
gefhrdete und am Ende noch verirrte. Er war gentigt, sein Studieren zu lassen
und auf den Weg zu achten, denn wo keine Heerstrae ist, da laufen desto mehr
kleine Wege durcheinander, und in einem Hgellande verliert man auch die
Richtung leicht.
    Das Blitzloch war ein groer Hof, lag, wie es sich von selbst versteht, in
einem Loch und hatte seinen Namen daher, weil vor hundert Jahren, als der Hgel
gegen Westen abgeholzt war, fast alle Jahre der Blitz dort eingeschlagen hatte,
so da man sich lange nicht mehr getraute, ein Haus daselbst aufzurichten.
Hagelhans war ein Bauer, gro von Statur und reich an Geld, hatte Knochen wie
ein Ochs, ein Gesicht wie ein Lwe und Augen wie eine Katze, wenn weder Sonne,
Mond noch Sterne am Himmel stehen. Lieb war er, so weit man wute, niemanden,
kam er in einen Stall, so schlotterte das Vieh, sah ihn ein armer Mensch auf der
Strae, so floh er ber alle Zune weg, kam er in ein Wirtshaus, so floh das
Stubenmdchen auf den Estrich und rief den Wirt, als tte es am Messer stecken;
einen Hund hatte er, gro wie ein vierteljhrig Kalb, der begleitete ihn Tritt
fr Tritt, und Tauben trippelten furchtlos um seine Fe.
    Uli kannte ihn nicht, aber was er von ihm gehrt, veranlate ihn,
stillezustehen und sich bestmglichst zu fassen, als er auf der Hhe stund, wo
man ihm das Blitzloch zu seinen Fen gezeigt. Er repetierte seine Rede, aber er
mute zwischendurch auch seinen Augen Gehr geben, welche das Blitzloch
musterten, und darum kam er mit dem Repetieren nicht weit. Im Blitzloch sah es
schn aus, das heit fr eines Landmanns Augen, nicht fr Herren, oder eines
Dmchens Augen. Die Gebulichkeiten aller Art waren nicht elegant, aber Uli
sagte fr sich: Verdammt kommod. Was er sah an ckern und Wiesen, Bumen und
Zunen, war so, da er sagte: Da knnte man noch was lernen. Er verga endlich
seine Rede ganz und gar und schaute sich das Ding da unten an wie ein Knstler
ein Gemlde, ein Liebhaber eine Dame. Wo willst? erscholl pltzlich eine tiefe
Stimme neben ihm. Erschrocken fuhr er auf, sah sich um, sah hinter einem
Haselzaun eine Gestalt, welche die seine fast um Kopfslnge berragte, und
zwischen den grnen Blttern ein grau Gesicht, mchtig wie ein Lwengesicht.
Zollang stund ein grauer Bart im Gesichte, nicht nach Wiedertuferart, sondern
weil es dem Eigentmer beliebte, denselben blo alle Monate oder alle sechs
Wochen herunterzuholen. Wo willst, oder hast im Sinn, das Gschickli zu kaufen?
frug noch einmal das graue Gesicht, und ein groer Hund legte seine vordern
Tatzen auf den Zaun, tat das Maul auf und sah seinen Herrn an.
    Da fand Uli, es sei Zeit zu reden, und sagte: Er habe sich umgesehen, ob er
wohl recht gegangen sei? Er wolle ins Blitzloch zum Bauer.
    Was willst bei ihm? frug das graue Gesicht und ber, blitzte Uli mit
seinen kuriosen Augen, da Uli alsbald wute, wen er vor sich hatte. Seid Ihr
ihn etwa selbst? frug er. Was willst? frug der Alte, dumpf knurrte der Hund.
Ich htte einen Paten gemangelt und htte fragen wollen, ob Ihr die Sache
verrichten wollet? sagte Uli erschrocken und ganz auer allem Gestudierten. Du
Hagels Lmmel! Habe ich den Leuten dies noch nicht sattsam vertrieben? sagte
er. Ist immer noch einer dumm genug und kommt mit der alten Bettelei? sagte
der Alte mit einer Stimme wie dumpfer Donner; laut schlug der Hund an und
rstete sich zum Sprung.
    Das fuhr Uli in die Glieder, er stellte sich fest, denn er gehrte zu den
Leuten, welchen der Mut mit der Gefahr kmmt, und nicht zu denen, welche Helden
sind, solange keine Gefahr da ist, denen es aber geht, sobald die Gefahr kommt,
wie Schnen, welche eine ungeheure Keuschheit zu Felde tragen, solange keine
Gelegenheit zur Snde sich zeigt. Uli stellte sich fest und sagte: Er sei nicht
zum Betteln da, sondern um einen Paten zu suchen, wie es blich sei unter
Verwandten.
    Verwandten? sagte der Alte, wer bist? Bin Pchter auf der Glungge, habe
dort das Mdchen geheiratet, welches sie auferzogen, antwortete Uli. Die Base
lt Euch gren, Ihr werdet sie wohl noch kennen, hat sie gesagt. So,
erinnert sich die noch an mich? sagte der Mann, nachdem er Uli scharf
betrachtet hatte, und du willst dem Mdchen, welches sie auferzogen, sein Mann
sein, so? Wenn du doch ein Vetter sein willst und nicht ein Bettler, so kannst
hinunterkommen.
    Somit stellte der Alte seinen Stock ber den Zaun, ergriff zwei Zaunstecken,
und ohne mit einem Fu den wenigstens fnf Fu hohen Zaun zu berhren, hob er
sich hinber, wie kaum ein Zwanzigjhriger es ihm nachgetan htte; in hohem
Satze sprang der Hund ihm nach. Wie ein alter Riese wandelte Hagelhans
schweigend seinem Gehfte zu, Uli unbehaglich hintendrein, ungewi, ob er als
Vetter oder Bettler behandelt werden solle. Ein andermal, dachte er bei sich,
knne die Base selbsten gehen; das sei gar kommod, zu befehlen und dann daheim
zu bleiben.
    Der Weg, fest und eben, wie man bei Schlssern sieht, fhrte durch einen
prchtigen Baumgarten, wo die Bume in guter Ordnung sauber und reinlich
stunden, schner als manch Regiment, wenn es zur Musterung zieht. Ungewhnlich
gro war das Haus und still wie das Grab lag es da, kein Leben schien dasselbe
zu bergen, wenn nicht Tauben es rings umflattert htten. Tauben saen auf dem
Dache an der Sonne, Tauben stunden auf dem Brunnen und nippten den kstlichen,
sen Trank, Tauben beinelten rund ums Haus. Uli sah Mgde spinnen in der Stube,
aber keine drehte ihre neugierige Nase dem Fenster zu oder streckte sogar das
ganze Gesicht durch das Schiebfensterchen; sie spannen emsig, wuten es, da es
sie hell nichts anging, kam einer oder ging einer.
    Blank wars im Hause, aber dster sah es aus; keine Art von Schmuck war in
der weiten Stube, in welche Hagelhans ihm voranging, kein Glasschrank, kein
Gerte irgend einer Art, nicht einmal der groe Ofen trug einen Zierat, einen
ein- gebrannten Spruch oder ein eingehauen Bild. Da hie Hans ihn absitzen,
klopfte mit dem Stocke; ein Gesicht erschien unter der Tre, nach einem kurzen
Befehl ging es, kam bald wieder mit Brot, Ks und Schnaps, verschwand dann
wieder, ohne einen Laut von sich gegeben zu haben.
    Also Pchter auf der Glungge bist? unterbrach der Alte endlich das
unheimliche Schweigen und begann nun eine Art von Examen trotz dem besten
Professor. Wie ein alter Edelmann die Geschlechter kennt und mehr oder weniger
um den Bestand der Familien sich kmmert, so hatte es auch Hagelhans, lebte aber
geschieden von der Welt, suchte Gelegenheit, Bericht einzuziehen, nicht; kam sie
aber zufllig, benutzte er sie. Lange hatte er von der Gegend, woher Uli kam,
nichts vernommen, daher war ihm das Meiste neu, was Uli berichtete. Aber ob er
an dem Einen oder dem Andern mehr oder weniger Anteil nehme, verriet er weder
mit einem Wort noch einer Miene. Er lachte nicht einmal, als Uli vom Elisi und
dem Baumwollenhndler erzhlte, von der Trinette und dem Johannes, er nahm es
mit der gleichen Gleichgltigkeit hin wie den Ruhm, den Uli seinem Vreneli
spendete und der Base, sagte zu allem nichts als endlich: Es sei ein verwegen
Stcklein, mit keinen Mitteln eine so groe Pacht zu bernehmen. Aber so sei es
halt, jeder mache, was er knne, denke, er sei nicht der Erste, der ber nichts
komme, ob einer mehr oder minder, sei ja gleichgltig. Nun legte sich Uli des
Langen aus, wie er das nicht so habe, wie er es zu machen gedenke, da es ihm
nicht so gehe. Whrend er erzhlte, schielte er so unvermerkt als mglich nach
der Tre, der Magd gewrtig, welche warmes Essen bringe. Aber er sphte umsonst,
es erschien keine Magd. Da sagte er endlich, er msse machen und gehen, der Weg
sei lang, die Tage kurz. Kannst mich einschreiben lassen, sagte endlich der
Alte. Aber um es zu verrichten, bestelle jemand anders oder mache es selbst,
ich habe keine Kutte fr die Kirche. Werde der Base Euern Gru ausrichten
sollen? fragte Uli. Selb mach, wie du willst, aber das sage ihr, da wenn sie
mir wieder jemanden zusende, mich nicht ruhig lasse, Hagelhans noch immer der
gleiche Unflat sei. Mit diesem Bescheid entlie er Uli, und er und sein Hund
sahen ihm nach, bis er oben am Hgelrand verschwunden war.
    Mimutiger, rgerlicher war Uli kaum je von einem Hause weggegangen als
jetzt vom Blitzloch. So behandelt hatte man ihn wirklich lange nie, und einen
zum Paten einschreiben lassen zu mssen, der ihm kein gut Wort gegeben, ihn wie
einen Bettler gehalten statt wie einen Vetter, selb kam ihm in den Hals fast wie
eine Kannebirne, welche bekanntlich die wrgende Kraft haben, an welcher Kinder
wohl leben, aber nicht erwachsene Leute. Da das Gevatterbitten nicht eben die
angenehmste Verrichtung sei, hatte er immer gehrt, aber sich doch nicht
vorgestellt, da man dabei wie ein Hund behandelt werde. Ein andermal knne dann
wer anders gehen, und wenn die Base befehlen wolle, so knne sie es auch
ausrichten. Nicht einmal was Warmes anbieten und noch dazu ber Mittag und noch
dazu einem Vetter, selb war unerhrt. War er doch nur Pchter und htte sich
sein Lebtag geschmt, wenn er jemanden, der um diese Zeit zu ihm gekommen, ohne
was Warmes aus dem Hause gelassen. Uli dachte nicht, da die Vettern von links
nicht gleich wert kommen wie die Vettern von rechts und da man ihnen nicht die
gleichen Ansprche zugesteht. Er dachte ferner nur, was man dem Uli schuldig
sei, und nicht, was bei Hagelhans bruchlich sei. Wre der heilige Bastian
gekommen oder eine lebendige Majestt, Papst oder Kaiser, was Warmes htten sie
im Blitzloch nicht gekriegt, und es ist hohe Frage, ob Hagelhans so hflich
gegen sie gewesen wie gegen Uli und sie htte heien in die Stube kommen.
Hagelhans war Hagelhans, und wegen irgend einem Menschenkinde tat er keinen
Schritt mehr oder weniger, machte eine Miene anders, er frug allen den Teufel
gleich viel nach. Wir ihm am nchsten kam, war ihm am widerlichsten, gleich viel
ob Bettler oder Kaiser. So war Hagelhans und so konnte er sein, denn er wollte
nichts, bedurfte nichts, mit den Menschen hatte er ab- und ausgerechnet ein, fr
allemal, wie er glaubte.
    Was Warmes msse er haben, machte Uli bei sich aus, und im nchsten
Wirtshause kehrte er ein. Einen Schoppen, Suppe und sonst noch was auf einem
Teller befahl er. Der Wirt war selbst daheim, ein schwerer Mann am Leibe; sein
Schritt war so gewichtig, da es den Gsten allemal angst wurde, wenn er
ihretwegen einen Tritt versetzte, sie mten ihn bezahlen, eben weil er so
gewichtig war. Sein Geldbeutel und sein Ansehen waren desto leichter, daran aber
dachte Uli nicht; er war noch so gewohnt, von der uern Schwere auf die innere
zu schlieen und von einem doppelten Kinn auf einen doppelten Geldsack, hier
voll Silber, dort voll Gold. Groe, aber hohle Buche, auen fix und innen nix,
war damals noch nicht so gebruchlich.
    Gar weit seid Ihr nicht gewesen? sprach der stattliche Wirt mit einem
Gesicht wie ein klsterlicher Kellerherr oder ein oberkeitlicher Korn- oder
Amtsschaffner ihn an. Ich sah Euch diesen Morgen vorbeigehen. Nein, sagte
Uli, ganz zunchst, nur im Blitzloch oder wie man sagt. Potz, sagte der
Wirt. Nehmt es nicht bel, aber besehen mu ich Euch, ob Ihr noch ganze Knochen
habt, von den Kleidern will ich nichts sagen. Mit ganzen Beinen kmmt selten
einer aus dem Blitzloch, oder wenn die Beine ganz, so ist er doch halb
gefressen, bsunderbar wenn er wohl am Leibe ist. Um Verlaub zu fragen: was habt
Ihr mit Hagelhans wollen? Kauscher bei dem ists nicht. Er htte eine
Verrichtung gehabt, von einer Base von Hans, sagte Uli, aber es wre ihm auch
lieber, er wre nicht gegangen, obgleich er ungeschlagen und ungebissen
davongekommen. Ja, das ist einer, sagte der Wirt, zwei Solche laufen nicht
auf der Welt herum. Nicht da ich meine, da ich alles glauben msse, was die
Pfaffen strmen, selb ist nicht; aber wenn ein Teufel ist, so glaube ich,
Hagelhans mache Halbpart mit ihm, wenn er ihn nicht selbsten ist. Allweg mit
rechten Dingen geht das nicht zu. Keinem Menschen gibt er ein gut Wort, keinem
armen Menschen ein Almosen. Geld hat er wie Steine, sein Hof wird gearbeitet wie
keiner, er selbst tut keinen Streich. Sein Gesinde hlt er wie Sklaven, und doch
luft selten jemand fort und klagen wird Keins, wie bs sie es auch haben und
wie gut man es mit ihnen auch meint und es ihnen auf die Zunge legt. Aber es
heit, wie man es mit den Hunden mache, welche man kauft, da sie nicht
fortlaufen, mache es Hagelhans auch mit den Dienstboten. Es nimmt mich ds Tfels
wunder, was seine Dienstboten fr ein Trank trinken mssen, da sie so bei ihm
aushalten, oder ob sie sich gleich verschreiben mssen mit Leib und Seele, wie
man sagt, da es der Teufel im Brauch habe. Wenn er einem Menschen aus der Not
helfen knnte, er lie sich eher schinden, als da ers tte. Wie wst der ist,
es glaubt es kein Mensch, ein jedes Kind auf der Gasse wei Euch hundert Proben
davon. Nur fr Euch ein Beispiel zu sagen. Wer in Handel und Wandel ist, wei,
wie es geht: das Geld geht aus und zahlen sollte man doch, wenn die Termine um
sind. Es gibt immer Leute, welche keinen Verstand haben, wie gut Freund sie auch
sind, solange man zahlen kann, und wenn man schon hundertmal reicher ist als sie
und hundertfach Unterpfnder htte, so kommen sie einem nicht daran und wollen
Geld, und aus Land und Husern kann man nicht Geld machen, versteht sich! Nun
wie geht es mir? Ich bin stark im Handel, wie bekannt, und so ein Grokopf sagt
einst zu mir: Andreas, wenn du Geld mangelst, so komm zu mir, habe zweitausend
Gulden liegen daheim, wei nicht wo aus damit, wrde sie niemanden lieber geben
als dir, und wegen Wiedergeben brauchst nicht Kummer zu haben. Mir war es
anstndig, war damals gerade gut was zu machen, wenn man Geld hatte. Ich, dumm
genug, nehme es, dachte nicht daran, da das mich je plagen werde. Aber was
macht mir der Schelm? Dem kmmt es anders in Kopf, will das Geld pltzlich
wiederhaben; ich konnte es wei Gott nicht aus den Steinen schlagen, und er,
nicht faul, lt mich betreiben darum. Das werde nicht alles machen, dachte ich,
Geld, fr den zu zahlen, werde genug im Lande sein. Aber wohl, da habe ich es
erfahren, was es heit, Geld suchen in der Not; die, welche es haben, haben es,
die Andern knnen zusehen, wo sie es nehmen und wie sie es machen. Ich wute,
da Hagelhans manchtausend Gulden im Hause hatte, und dachte, es werde doch
erlaubt sein darum zu fragen, und dann nicht etwa auf die nackte Hand, sondern
gegen Versicherung, wo jeder Vernnftige sich htte ersttigen knnen. Ich
hinauf an einem schonen Morgen, hatte noch eine Flasche vom Besten in der
Tasche, unter dem Vorwand, ich wollte ihm den zum Versuchen bringen, wenn er
wieder etwa kaufen wollte. Dachte, der werde ihm den Mund schon s machen, und
er htte es gewi gemacht, wenn es dazu gekommen wre. Aber ich kam eben nicht
in die Stube; vor dem Hause ist er gestanden, so breit wie eine Stallstre, und
neben ihm der verfluchte Hund. Ich mache mein Kompliment und zwar honett, wie es
nur immer der Brauch ist, und sage, ich htte was mit ihm wollen. Aber er nichts
mit mir, sagte er mir gleich an den Kopf heraus. Ich dachte nicht daran, da das
so grblich Ernst sei, sondern sagte: Es werde doch erlaubt sein, ein paar Worte
mit ihm zu reden. Du hast es gehrt, sagte er, ich will nichts mit dir, und
jetzt streiche dich, rate ich dir. Das kam mir in Kopf, da er mich so wegjagte
wie einen Hund oder Bettler, ich sagte: Schon mit manchem vornehmen Herrn htte
ich geredet, Gehr htte mir jeder gegeben, abgehen werde ihm nichts an seiner
Hbsche, wenn er schon ein paar Worte hre. Und jetzt packe dich, sagte er, und
so stark als du magst. Ich komme auch nicht, dich zu plagen, darum la auch mich
in Ruhe, du Lumpenwirt, willst dich packen oder nicht? Mein Seel, gerade so
sprach er zu mir, und mit dem ists nicht genug gewesen. Der verfluchte Hund kam
langsam auf mich zu, mit aufgehobenem Schwanze und brummend wie ein Ochse. Ich
wollte mich nicht erschrecken lassen und vom Hause weg wie ein Dieb. Ich sagte
ihm, wie er ein wster Mann sei und dies keine Manier. Da mir nichts dir nichts
schiet mir der Hund ins Gesicht und kriegt mich zu Boden. Das ging so
ungesinnet, ich konnte nichts dazu sagen. Ich will auch auf den Hund dar. Pump,
liege ich wieder am Boden, mit der Nase tief in der Erde, und allemal, wenn ich
aufstehen wollte, scho der Hund mich nieder, aber ohne zu beien. Wer auf allen
Vieren vom Hause weg und den ganzen Hgel hinauf mu wie ein Unvernnftiges, das
war ich, und erst als ich oben im Weg war, lie mich der Ketzer aufstehen.
    Da wollte ich noch ein paar Worte sagen, aber wohl, ich hatte Zeit, zu
gehen. Ja, die ganze Seite hinauf, auf allen Vieren, ich werde allemal krank vor
Zorn, wenn ich daran denke. Es dnkt mich, es freue mich nicht zu sterben, wenn
ich es Hagelhans nicht noch eingetrieben.
    So erzhlte der Wirt, da Uli sich sehr verwundern mute, wie er
ausnahmsweise mit Hflichkeit behandelt worden, indem er auf den Beinen sich
habe entfernen drfen. Der Wirt wute nun eine Greueltat nach der andern zu
erzhlen und sagte oft: Es sei Mancher gehangen worden, er habe nicht die Hlfte
getan, was der. Aber er sei mrderlich reich, und mit Geld habe man zu allen
Zeiten viel gemacht und es dnke ihn, je lnger je mehr. Je rmer die Herren
wrden, desto besser gefiele ihnen das Geld.
    Bei einem geschwtzigen Wirte hat man sich leicht lnger versumt, als man
dachte. Es war schon ziemlich ber Mittag, als Uli aufbrach. Die Gevatterrede
war abgetan, und zwar kurz, die plagte Uli nicht mehr auf dem Heimweg, wohl aber
der rger, fr sein Mdchen einen solchen Paten zu haben, und das Werweisen, ob
es nicht am besten wre, den Hagelhans gar nicht einschreiben zu lassen, sondern
einen andern zu suchen. Je mehr er darber nachdachte, desto deutlicher kam es
ihm vor, von dem wolle er nichts, und da er keinen andern Paten wute, so kam es
ihm als das Gescheuteste vor, sich selbsten einschreiben zu lassen. Es war nicht
mehr Tag, als er durch das Pfarrdorf ging, doch noch zu einer Zeit, wo man zum
Pfarrer darf, ohne Angst zu haben, ihn aus dem Bette herauszuklopfen. Bei
weltlichen Beamteten wird man freilich auch um diese Zeit selten Audienz suchen,
man setzt voraus, ob mit Grund oder ohne Grund lassen wir dahingestellt, sie
seien anderswo als daheim.
    Er klopfte also im Pfarrhause an, freundlich empfing ihn der Pfarrer und
holte alsbald ein Buch hervor, fast grer als der Pfarrer selbst. Ich wei
schon, sagte derselbe, warum Ihr kmmt, am Sonntag wollt Ihr taufen lassen.
Die Frau ist doch wohl, und was habt Ihr, einen Knaben oder ein Mdchen? Nur
ein Mdchen. Nun, wenn es Eurer Frau gleicht, so habt Ihr bald viel Hlfe von
ihm, und nur Geduld, die Buben werden schon noch nachkommen. Im Anfang hat man
groe Sehnsucht nach ihnen, aber zhlt darauf, bald kommen sie einem lange
schnell genug. Indessen wo rechte Eltern sind, sind Kinder immer eine reiche
Gabe Gottes. Wo viele Krfte ttig sind, recht gerichtet und im rechten Grunde
gewurzelt, da bauen sie ein Haus, sind Sulen fr die Eltern. Wen soll ich als
Pate einschreiben? Denk mich selbst, sagte Uli, brauche dann niemanden
weiter zu plagen. Es ist mir leid, sagte der Pfarrer, die Feder niederlegend,
das darf ich nicht. Niemand kann sein eigener Brge sein. Da wei ich
wahrhaftig nicht, was ich machen soll, sagte Uli. Hrt, Herr Pfarrer, wie es
mir heute gegangen ist. Als Uli auserzhlt hatte, sagte der Pfarrer: Ich denke
doch, ich schreibe den Hagelhans ein, ein schner Name ist es freilich nicht fr
ein Kirchenbuch. Aber, Uli, die Sache ist so: Ihr habt es ihm gesagt, er hat es
angenommen, und namentlich in solchen Dingen darf man nicht strmen, da mu das
einmal gegebene Wort gelten. Es ist leicht mglich, Hagelhans kme nicht
darber, aber wrde er es vernehmen, denkt, was er glauben wrde! Fr einen
Preller mte er Euch halten. Ich kenne den Mann nicht und habe wenig von ihm
gehrt, aber selten ist einer so bse, da er nicht noch Gutes an sich hat, und
wie Viele schlechter sind, als sie scheinen, so ist doch auch hier und da einer
besser, als er scheint. Ich tte es an Euerm Platze. Nun, wie Ihr meint, Herr
Pfarrer, so schreibet, aber zuwider ists mir und das Kind kann mich dauern. Wenn
ein Vater oder eine Mutter im Zuchtbaus waren oder am Galgen starben, als das
Kind noch in der Wiege war, so sagt man es dem Kinde auch nicht gerne, wer Vater
oder Mutter gewesen sind; so wird es mir mit dem Paten gehen, wenn das Kind nach
ihm frgt. Wer wei, sagte der Pfarrer. Manchmal geht es ganz anders, als
man denkt. Die Mutter wird wohl ihre Grnde gehabt haben, als sie Euch sandte.
Wei es nicht. sagte Uli. Manchmal zwingen die Weiber was, nur um das
Mannevolk zu plagen, und ich glaube schier, die Base habe es auch so gehabt und
hat nur so aus Bosheit mich an den Vetter gehetzt, gegen den sie einen Zahn zu
haben scheint, so wie er gegen sie. Man mu immer das Bessere glauben. Uli,
sagte der Pfarrer. Vielleicht wollte sie eine Gelegenheit zur Vershnung
suchen. Ja, ja, man sollte, sagte Uli, aber man kann nicht immer.
    Die Sache war also verrichtet, aber einen zufriedenen Bericht brachte Uli
nicht heim und der Base gab er manchen Tag kein gut Wort, und nur hintenum durch
Vreneli vernahm sie, wie es Uli ergingen. Ihr httet das Uli nicht anrichten
sollen, setzte Vreneli bei. Warum nicht? antwortete die Base, einen Paten
mutet ihr haben und gefressen hat er Uli nicht. Mich nahm aber wunder, mal
wieder was von ihm zu vernehmen, dem Unflat. Er ist scheints immer der Gleiche;
schade ists um ihn, wre der anders ausgefallen, aus dem wre was geworden,
einen Kaiser htte er abgegeben wegen Befehlen und Regieren, aber dann htte der
liebe Gott den Leuten die Kpfe anders befestigen mssen, sonst wre in Hanse
Reich bald keiner mehr auf einem Halse gestanden. Der Tauftag eines Kindes ist
in all Wege immer ein sehr feierlicher Tag. Die Eltern heiligen ein Pfand der
Gnade Gottes und drcken damit ffentlich das Bewutsein aus, da sie es von
Gott empfangen und da es einst aus ihrer Hand wieder werde gefordert werden;
sie drcken ihre Freude aus, denn wo gibt es auf Erden reinere und sere
Freuden, als aus einem Kinde erblhen knnen, aber zugleich auch die
berzeugung, da wie Gottes Hand und Macht auf dem Acker walten mssen, wenn der
Same gesegnet sein und zur reichen Ernte reifen soll, so auch seine Huld und
Gnade ber dem Kinde, wenn es zum Weinstocke erwachsen soll, von welchem die
Eltern Trauben lesen knnen, und nicht zum Dornenstrauch, an welchem die Dornen
wachsen, an welchem so gern elterliche Herzen verbluten.
    Der Tufling ward an diesem Tage zum kleinen Herzkfer, den ganzen Tag lie
er keinen einzigen Schrei aus, blo hier und da machte er ein kleines Dureli,
wie man zu sagen pflegt, sonst allezeit das lieblichste Mieneli von der Welt,
da alle die grte Freude dran hatten. Ein bsonderbar Kind sei das, meinte die
Bodenbuerin, sie htte noch keins so gesehen, es sei akkurat, als ob das mit
Freundlichkeit gut machen solle, was Hagelhans mit Sauersehen sich versndige.
Mich nimmt nur wunder, was der fr ein Gesicht machen wrde, wenn das Kind ihm
unter die Augen kme, ob er auch den Hund an ihns hin hetzen wrde? Was hat er
geschickt zum Einbund und sonst? frug sie halblaut die Base. Nichts, gar
nichts sagte die Base, das macht mich eben so bse, er ist noch ein rgerer
Unflat, als ich dachte. Hans tat nie wie andere Leute, sagte die
Bodenbuerin; je nun, man kann immer nachbessern, seinetwegen sollen sie nicht
in Schaden kommen, und lieber ists mir, er sei nicht etwa selbst gekommen mit
seinem Hunde, ich wre den ganzen Tag in Angst gewesen, was fr ein Zeichen er
tun werde und hoffentlich mu ich ihn nie sehen, habe am Hren schon zu viel.
    Der Bodenbauer war Uli sehr willkommen, er drstete ordentlich nach dessen
reifen Rten, die gar gediegen kamen aus dessen reicher Erfahrung. Vor allem aus
sollte derselbe ihm sagen, ob er Korn verkaufen oder sein Geld einziehen solle?
Gegeben msse der Zins werden, es liee Joggeli nicht leben, wenn derselbe nur
einige Tage ausstnde. berdem glaube er, jetzt habe derselbe das Geld ntig.
Ich an deinem Platz tte das Korn verkaufen, sagte der Bodenbauer, solange du
nicht reicher bist, darfst mit Spekulieren dich nicht befassen; Spekulieren ist
gar ein seltsam Ding, ungeshnt schlgt es einem das Bein unter; das Geld hast
du sicher, ber das Korn kann dir gar allerlei gehen. Zudem, wer sagt dir, da
bers Jahr das Korn teurer ist und nicht wohlfeiler? Dann mut du doch in alle
Wege verkaufen, denn fr zwei Zinse reicht dein Vermgen kaum aus, was hast du
dann gewonnen? Verkaufe, was du mut, hast brig, so behalte es, betrachte es
als Vorschlag und Sparbchse, womit du dir aus, helfen kannst, wenn dir sonst
was anderes fehlt. Es ist sehr gut, wenn man so nach und nach in einem Hause zu
recht vielen Vorrten von allem, was das Land bringt, kmmt. Das macht sich so
nach und nach, man wei nicht wie, rechnet es nicht, aber wenn Zeiten kommen, wo
man die Sachen braucht, oder Zeiten, wo man Geld ntig hat, so hat man einen
Schatz im Hause, den man gesammelt, ohne es zu merken; das ganze Haus ist
gleichsam eine Schatzkammer, in allen Ecken findet man Schtze, und wenn man
alles zusammentrgt, so hat man einen groen Reichtum, an den man kaum dachte.
Dagegen, wenn man alle Jahre aufrumt, das Entbehrliche alles zu Gelde macht, so
scheint kein Segen in den Sachen zu sein, man ist mit allem immer fertig, und
wenn mal ein Fehljahr kmmt, so kann man dreifach wie, der ausgeben, was man
einfach eingenommen, ist bel dabei in Not und Sorge. Ich hasse die
Hudelwirtschaften, wo oben und unten nichts Vorrtiges ist, die Muse die
Schwindsucht kriegen und elendiglich verkmmern. Uli sagte nicht viel zu dieser
Predigt, er dachte blo, es sei gut, da Vreneli sie nicht hre.
    Dem Vetter Johannes gefiel es sonst wohl in den Stllen, nur warf er einige
seltsame Blicke durch die Gnge in den Stllen und ums Haus. Uli fate diese
Blicke beschmt auf und sagte: Ja, wenn man nicht immer hinten und vornen ist,
so machen sie auf und davon, und obs allenthalben aussieht wie in einem
Schweinestall, dem fragen sie nichts nach, wenn nur der Tag umgeht und zu
rechter Zeit das Essen auf dem Tische steht; es ist ein Leiden mit dem
Lumpenpack, man glaubt es nicht. Hast gendert auf Weihnacht? frug Johannes.
Getroffen, antwortete Uli, ich habe mssen, und erzhlte nun des Langen und
Breiten, wie er es gemeint und wie er gerechnet. Hast ba gemacht? frug
Johannes. Uli gestund den Irrtum in seiner Rechnung nicht ein, sondern erzhlte
blo, wie bel er es getroffen, wie an seinen Brschchen nichts sei als Hochmut;
trgen die Nasen so hoch, als wollten sie die Sterne vom Himmel runterstpfen,
und was das rgste von allem sei, sie wollten sich gar nicht weisen lassen,
meinten, sie verstnden alles, sie seien so viel als er der ja auch nur Knecht
gewesen. So einer, dchten sie, wie er wohl merke, solle nicht kommen und sie
kujonieren wollen, so einem stehe es bel an. Habe geglaubt, er knne auch was
verdienen, da er halbbatzige Brschchen zu brauchbaren Knechten mache. Das
wre wohl gut, sagte Johannes, aber du wolltest es nur zu gut machen. Fr
Pltze, wie du sie hast stelltest du die Brschchen viel zu leicht an; sie
begreifen, wie es scheint, gar nicht, was sie versehen sollen, sondern blo, da
sie Karrer und Melker sind. Wo einer nicht wei, was er zu tun hat, sieht er
alles Zurechtweisen als Kujonieren an. Nimm ein Mensch, welches sein Lebtag nur
den Schweinen gekocht hat, und stelle es in eine Herrenkche als Kchin, so wird
es Jahre gehen, ehe es begreift, da ein Unterschied ist zwischen einem
Schweinetrog und einem Herrentisch, und die Frage ist, ob es je dahin kmmt,
menschlich zu kochen fr die Herrschaft. Das Gleiche hast mit dem Handwerker. Am
belsten fhrst immer mit denen, welche aus Lehrjungen sich eigenmchtig zu
Meistern avancierten. So hast du es allenthalben. Mache aus einem gemeinen
Schreiber oder Schreibersknecht einen Staatsrat oder einen Kreisprsidenten, so
wird er sein Lebtag nie lernen, was er soll, nie die rechte Wurde kriegen,
sondern nur Hochmut und eine Anmaung vom Teufel. Ja, ja, sagte Uli, ich
hatte nicht Glck, ein andermal hoffentlich geht es mir besser. Wetter, dachte
Johannes, ist der auch schon so avanciert, da er seine Bcke nicht mehr fr
Bcke ansehen kann?
    brigens hatten sie einen recht gemtlichen, heimeligen Tag. Sie hatten das
Taufemahl daheim, besondere Gste waren nicht geladen; was auf die Zunge kam,
handelte man traulich ab, wurde nicht alle Augenblicke gezwungen, die besten
Faden im Gesprche abzureien, weil Unberufene in die Stube strmten. Gut und
whrschaft wartete Vreneli auf, da selbst Vetter Joggeli sagte, eine Wirtin
htte es werden sollen, es verstnde es und dazu stehe es ihm noch wohl an, zwei
Dinge, die nicht immer beisammen seien. Die Bodenburin erzhlte viel von ihren
Kindern, namentlich von der ltesten Tochter, welche am Heiraten war. Eine
Mutter kann nie glcklicher sein, selbst an ihrem eigenen Hochzeittage nicht,
als wenn sie ihrer Tochter die Hochzeitpredigt halten kann; ohne Trnen geht sie
nie ab, das reinste Glck pret bei echt weiblichen Herzen immer Trnen aus den
Augen. Wie am herrlichsten im Himmelstau die Blumen funkeln, so weibliche Augen
in Trnen der Wonne.
    So eine rechte mtterliche Hochzeitpredigt hat unabnderlich drei Teile. Im
ersten Teile laufen die Augen an, im zweiten trocknen sie wieder, im dritten
laufen sie ber. Es gibt aber auch selten schnere, herzlichere Predigten als
die, welche quellen aus treuen Mutterherzen. Im ersten Teile erzhlt die Mutter,
wer ihre Tochter sei, was sie sei und was sie knne. Sie erzhlt, wie sie
einstehe in der Haushaltung, keine Magd wert sei, ihr die Schuhriemen
aufzulsen, unverdrossen frh und spt, und wenn sie an etwas sinne, so sei es
schon gemacht. Sie rhmt aber ganz besonders ihren Verstand, wie sie auf Frieden
halte, das Klapperwerk hasse, den Vater nie bse mache, und wenn sie sehe, da
irgendwo was Ungerades sei, sie nicht ruhe, bis sie dasselbe ausgeebnet und
gerade gemacht. Sie knne nichts weniger leiden, als wenn irgendwer im Hause,
und sei es nur der Rojunge, nicht zufrieden sei. Aber erst wenn jemand was
fehle, erfahre man, was das fr ein Kind sei. Von weitem sehe es einem an den
Augen es an, wenn man nicht wohl sei, und plage einem da nicht mit Frgeln und
Reden. Es wisse, was man ntig htte, und bringe es einem ungesinnet und
ungeheien. Es sage blo: Mutter, jetzt la mich machen, gehe und halte dich
still, schlafen tte dir gut. Habe nicht etwa Kummer, da was vergessen werde,
du weit ja, ich habe das schon oft gemacht. Wenn sie dann nachsehe, so sei es
so, sie wte nichts zu verbessern. Dem Vater mache sie es gerade so; er sage
oft, er htte gemeint, nur an Buben knne man Freude haben, was ein rechtes
Mdchen sein knne, das habe er nicht gewut. Er msse sagen, er tauschte das
seine nicht an ein Dutzend Buben. Es war aber auch berhmt, es sahen noch
andere Leute, was mit ihm ist; wenn es unser einzig Kind wre und wir noch
einmal so reich, es htte nicht strker um ihns gehen knnen und dazu von
vornehmer Seite her, wo ich nicht daran htte denken drfen. Aber darauf hat es
nicht gesehen, und wir lieen ihns machen, wir dachten, es htte den Verstand
selbst. Und Gottlob, als es ihm war, den mchte es jetzt und keinen Andern, da
kam es und sagte, es mchte Vater und Mutter was sagen aber es drfe fast nicht,
der und der setze ihm stark nach und wolle nicht nachlassen, und es msse es
sagen, wenn es einmal einen mchte, so sei es diesen. Aber es wolle uns dieses
zuerst sagen; wenn wir im Geringsten etwas dawider hatten, so sollten wir es nur
sagen, es sei nicht, da es meine, das msse sein, es wolle sich uns
unterziehen. Es hat meinen Alten selbst gednkt, es htte keine Art, wie das
Meitschi sich unterzog und alles in unsere Hand legte. Wenn sie alle so wren,
es wrde weniger Unglck geben, hat er gesagt. Was wollten wir dagegen sagen? Es
las aus, wir selbst knnten es nicht besser, und da es blo unseretwegen ledig
bleiben solle, das meinen wir nicht, das wre ja gottlos. Es ist ein Bursche von
den bravsten und hbschesten einer, hat einen bezahlten Hof, versteht das
Bauernwesen aus dem Fundament, ist selbst dabei frh und spt und selbst voran.
Zu scheuen ist nichts in der Familie, weder leiblich noch geistlich, wir haben
gute Nachfrage gehalten und lauter gut Lob gehrt. Es sei eine berhmte Familie
gewesen, solange man sich erinnern mge. Nur die Mutter lebt noch, bsunderbar
eine brave Frau; sie hat gesagt, sie mge die Stunde nicht er, warten, bis mein
Meitschi ihr ins Haus komme, dann solle es Meisterfrau sein vom ersten
Augenblick an. Sie habe genug regiert, danke Gott, wenn sie abgeben knne. Nein,
besser htte das Kind es nie machen knnen! Aber wie es dann bei uns gehen soll,
das wei ich nicht, nein, ich wei es nicht, darf nicht daran denken, wie bel
es mir geht, niemanden es sagen. Da nun geht das berlaufen recht an, und doch
ist der Schmerz ein ser. Zweifacher Trost steht ihm zur Seite, das Bewutsein,
eine solche Tochter zu haben, und die Hoffnung auf ein jngeres Mdchen, das
zwar noch nicht Verstand hat an der ganzen Hand, was jenes am kleinen Finger,
das aber einsehen werde, was jetzt an ihm sei, und so viel Gedanken, da es der
Schwester nicht ganz werde nachstehen wollen. Aber usw.!
    Das war die Hochzeitpredigt, welche die Bodenburin aus der Flle ihres
Herzens hielt und welcher die Glunggenburin in rhrender Andacht zuhrte. Sie
konnte keine solche halten, die arme Frau. Sie wnschte Glck von ganzem Herzen,
sagte aber auch aufrichtig, sie erfahre das Gegenteil. Wenn die Bodenburin ihre
Tochter einmal sehen werde daherfahren mit ihrem Manne, werde sie absitzen
mssen vor Freude, sehe sie aber Elisi und seinen Mann dahergefahren kommen, so
msse sie absitzen vor Kummer und Angst. Das Elisi knne sie aber doch erbarmen
von ganzem Herzen, an allem sei es nicht schuld; es sei ihnen zu wert gewesen
von Jugend auf, und krnklich sei es auch gewesen, darum habe man es mit Arbeit
verschont, dummerweise, sie htten den Verstand nicht besser gehabt. Man habe
ihnen gesagt, Elisi msse gebildet werden mit Welsch und Brodieren, dann knne
es eine vornehme, gebildete Frau werden und brauche nicht zu arbeiten, dazu sei
es zu zart, und wer reich sei, solle eigentlich gut haben und Andere machen
lassen um den Lohn. Es htte ihr geschienen, etwas sei an der Sache. Wenn sie so
oft des Abends mit mden Beinen abgesessen sei und fast nicht mehr habe
aufstehen knnen vor Schmerzen, sei es ihr oft vorgekommen, es sei dumm, sich so
zu mhen, wenn man das Geld htte, jemand den Lohn zu geben, da er es fr einen
mache. Da habe sie gedacht, man knne das mit Elisi so probieren; wenn die
Schulmeister und sonst die Gelehrtesten es so meinten, so werde es wohl auch so
sein. Wie dumm man ist, kann ich jetzt erfahren, und wie es einem geht, wenn
man Gottes Wort nicht achtet und auf das Klgeln der Menschen hrt. Es heit:
Sechs Tage sollst du arbeiten, und: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht
essen, und da heit es nicht von Reich und Arm, von Zart und Grob, es heit: Du
sollst. Und das wird wohl alle angehen, nenne man eine Elisi oder Lisi. Wenn
eines nicht arbeiten kann, so ist es der rmste Tropf von der Welt. Nicht von
wegen dessen, weil niemand wei, wie es ihm noch einmal gehen kann, da Gott
erbarm, sondern weil eines nicht befehlen kann, wenn es nicht wei, wie etwas
gemacht werden mu. Eine Frau ist der rmste Tropf von der Welt, wenn sie nicht
in jedem Augenblick die Magd vorstellen kann. Wei sie nicht, wie man eine Sache
macht, so hat keine Magd Respekt vor ihr, hlt sie zum Besten. Sie ist nicht
blo am schlechtesten bedient, hat das ganze Jahr das Herz voll Verdru und
Gift, sondern sie mu sich auch verschreien lassen in der ganzen Welt als die
bseste Hexe, welche je dem Teufel von dem Karren gefallen. Ach Gott, das
erfahre ich an Elisi. Ich mag ihm Mgde herbeischaffen, so viele ich will, es
plagen ihns alle, es verschreien ihns alle; es klagt und jammert oft darber,
hat schrecklich bse dabei, und ich wei in Gottes Namen nicht zu helfen. Wenn
ich schon sehe, wo der Fehler ist, so kann ich doch nichts daran machen, so
wenig als bei Johannes Frau, die auch ein Narr ist vom Kopf bis zu den Zehn. Die
wre grob genug zur Arbeit, aber man hat sie auch nichts gelernt als den Narren
zu machen, da Gott erbarm!
    So ergo sich die Glunggenburin, und da auch ihre Augen nicht trocken
blieben, versteht sich. Aber weder neidisch auf die Bodenburin noch unglcklich
war sie dabei. Wer hat nicht schon erfahren, wie durch eine flotte
Herzensergieung in gemtlicher Traulichkeit der Geist sich erleichtert und
aufheitert wie nach strmendem Regen der Himmel? Die Zeit schwand wie den
Seligen die Ewigkeit, unbemerkt, und dunkel wards, ehe jemand daran gedacht.
Entschieden weigerten sich der Bodenbauer und seine Frau, ber Nacht zu bleiben.
Es sei ihnen nicht wohl an einem andern Orte, sagten sie, ber Nacht. Solange
sie verheiratet seien, seien sie nie Beide mit einander auerhalb dem Hause ber
Nacht gewesen und Eins ohne das Andere nicht oft. Man wisse nie, was es geben
knne. Dieses Gefhl, welches heimzieht an allen Haaren, dem Manne Kraft gibt,
da er jeder berredung unzugnglich wird, an allen Wirtshusern vorberwandelt,
die Mdigkeit der Glieder berwindet und heimkehrt, wenn auch erst nach
Mitternacht, ist ein eigentmliches, es ist ein Kind der Treue, welche auf dem
einmal erkornen Posten stehen will in der Nacht, die niemandes Freund ist.
    Solche in trauter Gemtlichkeit verbrachte Tage, wo Sterblichen die Zeit
verrann wie Seligen die Ewigkeit, glnzen durchs Leben wie ein goldenes Gestirn
am hohen Himmelsbogen, weite Rume erhellen sie, und einmal erlebt, werden sie
nicht wieder vergessen. Solche Tage sind manchmal eingestreut ins Leben wie am
Himmel die Sterne, manchmal gleichen sie der klaren Morgensonne, welche einen
hellen Tag bringt, manchmal der Abendsonne, nach welcher die Nacht kmmt und
nach der Nacht strmische Tage.
    Diesmal war dieser Tag wirklich der Abendsonne hnlich, welcher erst die
Nacht, dann wilde, trbe Zeiten folgen.

                               Siebentes Kapitel


                    Eine berraschung, aber keine angenehme

Am folgenden Morgen wollte Vreneli eben die Base rufen, dieweil es im
Hinterstbchen noch einige Schinkenschnittchen und eine Flasche Wein
zweggestellt hatte, um den Nachdurst zu lschen und den blden Magen zu
verbessern, wie es sagte, als ein schlecht Fuhrwerk um das Haus gefahren kam,
aber noch viel blder, als irgend ein Magen nach einem Kindtauftag sein kann.
    Vreneli hatte gute Augen. Herr Jeses, Herr Jeses! sagte es. Was ist, was
ist? frug die Base, es wird doch nicht etwa eine Bettelfuhre sein? Nein,
Base, nein, sagte Vreneli, sich fassend, ich wei nicht, wo ich meine Augen
gehabt; es ist ja ds Elisi, es wird zu Besuch kommen wollen. So ungesinnet, du
mein Gott, was hat es wohl gegeben? jammerte die Base.
    Unterdessen war das Pferd blde herangeschritten, und drinnen sa wirklich
Elisi, so mager und grngrau wie ein vorjhriger Rosmarinstengel, hatte ein
eingewickelt Pcklein auf dem Schoe, und im Pcklein quakte was, man wute
nicht, wars ein Laubfrosch oder sonst eine lebendige Kreatur. Da nehmt, und da
bin ich. sagte Elisi und reichte das Paket hinaus, in welchem es gar heiser und
jmmerlich quakte. Jetzt mt Ihr mich behalten, Ihr mgt wollen oder nicht,
ich bin hier daheim. Vreneli half ausladen, mute dem Fuhrmann einen Platz fr
das Ro im Stalle zeigen, da das Mannsvolk im Walde war, hrte also die
reichlichen Ausrufungen der Base nicht. Die gute Alte ward inne, da das
quiekende Paket aus einem Kindlein bestand, welches fest eingewickelt war in ein
Umschlagetuch, und lie es aus Schreck fast fallen. Du bist doch immer das
schrecklichste Babeli auf dem ganzen Erdboden, sagte sie zu Elisi, ein Kind so
einzumachen; ein Wunder ists, da es nicht dreimal erstickt und siebenmal
erfroren ist. Nein aber, das arme Trpflein! Es ist nichts grlicher, als wenn
ein Mensch keinen Verstand hat und dazu noch eine Mutter vorstellen soll. Da
ich eine bin, daran seid gerade Ihr allein schuld, sagte Elisi, warum geht Ihr
und erzwingts, da ich den Hudelbub heiraten mu? Ledig wre es mir noch lange
lange wohl gewesen. Was? sagte die Alte, ich soll an deiner Heirat schuld
sein und dir wre es noch lange wohl gewesen ledig? Jawohl, da Gott erbarm, und
wie! Gerade wie dem armen Wrmli da, Gott verzeih mir meine Snde! Aber was
bringt dich Bses? Denn nach dem Guten darf ich dich nicht fragen. Da begann
Elisi ein schreckliches Geheul, wie es ihm jetzt ergehe, weil man es gezwungen
habe, den verfluchten Mff zu heiraten. Es habe gedacht, die mten doch auch
was davon haben, welche an all dem schuld seien. Wst sich sagen lassen den
ganzen Tag, Hund sein sollen und nichts fressen, obendrein noch Schlge, diese
Lebweise habe es satt, es knne sie seinethalben jemand anderes auch probieren.
    Da kam Vreneli mit Schinkenschnittchen, Backwerk, Wein, mit allem, was im
Hinterstbchen fr die Base aufgehoben gewesen. Es habe gedacht, es knne
vielleicht was helfen und Elisi werde hungrig und durstig sein, sagte Vreneli in
allem guten Meinen und dachte, wie es da was Gescheutes mache. Aber kurios, im
Verkehr mit dummen Leuten wird gerade das Gescheuteste zum Verkehrtesten, mit
Minus ist halt gerade das umgekehrte Rechnen als mit Plus. Wie Elisi Wein und
Schinken sah, fing es ein ganz mrderlich Geschrei an, akkurat als ob Vreneli
Elisis eignen Schinken da prsentiere, wohlgeruchert auf einem Teller. Man
begriff lange an dem Geheule nichts, bis man endlich aus einigen artikulierten
Tnen entnehmen konnte, da es Elisi das Herz zerri, wie man auf der Glungge
ein Leben fhre, seit es fort sei. Whrend es Hunger leide, kaum hartes
Kuhfleisch habe und schlechte Kartoffeln samt Wasser, wenn es mge, habe man
hier schon des Morgens Schinken und Wein wie die vornehmsten Englnder. Aber vor
Gott sei es nicht recht und sie wrden es einst zu verantworten haben, da man
die eigenen Kinder ins Elend stoe und mit Fremden und Lumpenleuten die Sache
verfresse und versaufe! Jetzt sehe es, wie man es mit ihm meine und immer
gemeint habe.
    Man sagte ihm, gestern sei Taufe gewesen und was da stehe, sei brig
geblieben. Aber mache jemand einem zornigen Weibsbild was begreiflich! Zudem tat
das Kindlein erbrmlich, da es der Gromutter himmelangst wurde und sie und
Vreneli ihm ihre Hauptsorge zuwenden muten. Sie lieen also das Elisi heulen
und suchten das Kind zu beschwichtigen.
    Umsonst heult selbst ein Elisi nicht gerne; sobald es also sah, da man
seiner sich nicht mehr achte, setzte es ab mit Heulen und sich hinter Schinken
und Wein und sagte, es wolle zugreifen, wenn es schon niemand heie, es wolle
nehmen, whrend noch was da sei, es merke wohl, wie das gehen solle, die Leute
werden halt nie aussterben, welche Andere um ihre Sache brchten oder eheliche
Kinder aus dem Neste stieen. Man lie es reden und essen, beides brachte es
nach und nach zu sich selbst und auf den rechten Grund seines Herkommens.
    Gestern spt am Abend war der Mann heimgekommen, fand kein Licht im Hause,
nichts Warmes fr sich, da tat er wie ein Menschenfresser und prgelte Elisi. Am
Morgen wollte er frhstcken, da war weder Holz noch Kaffee da, alles sollte
erst zusammengeholt werden, hierher, dorther; da ward das Untier wieder zornig
und prgelte Elisi wieder ab, und zwar mit der Elle. Soll ich fr alles sorgen?
Soll ich an alles denken? Soll mir alles in den Sinn kommen? Der Unteufel, der
er ist! Fr was ist er da? Fr was hat man eine Magd? Und wenn man nicht wte,
da er kein Geld htte, so wrde man uns solche Sachen ins Haus senden, man
brauchte nicht lange darnach zu laufen. Wenn meine Mutter einen Batzen wert
wre, hat er gesagt, so wrde sie kein solch Lumpenmensch erzogen haben, denn
keinen faulen Pfennig sei ich wert, und wenn ich schon einen Taler im Maul
htte; von schlechten, verfluchten Leuten her mte ich sein, da ich so
nichtsnutz geraten, zu einem Mensch, welches kein Bettler auf dem Mist auflesen
wrde, und dabei hat er mich nun geschlagen, bis ich aus dem Bette sprang, in
die Kleider fahr und fortlief. Bringt mir nun nicht der Unflat von Magd das Kind
nach und sagt, der Herr schicke es! Was jetzt machen? Fahren wollte mich
niemand, gehen mochte ich nicht, zurck wollte ich nicht; der knnte mich tten
oder gar vergiften, ihm war das Schlimmste zuzutrauen. Endlich erbarmte sich
Lugihausi meiner, er war frher auch ein vornehmer Mann und wei jetzt, wie es
jemand ist, dem niemand helfen und glauben will; der spannte endlich an, und
jetzt bin ich da und jetzt, Mutter, mut du Fuhrlohn zahlen.
    Das waren begreiflich keine erfreulichen Nachrichten und Aussichten; gerne
htte Vreneli den doppelten Fuhrlohn bezahlt, wenn Elisi wieder weitergefahren
wre. Der Base war es wahrscheinlich ebenso, sie wute, was das Fortlaufen fr
eine miliche Seite hat, nmlich das Wiederkommen. Da der Mann die Frau
geprgelt, fand sie freilich sehr fatal, besonders fr den geschlagenen Teil.
Indessen mute sie gestehen, da ein Mann ungeduldig werden mu und
wirbelsinnig, wenn die Frau fr nichts sorgt, nichts denkt, immer nichts da ist,
was man eben brauchen sollte, wenn sie ist, als wre sie ohne Gehirn oder htte
hchstens das Gehirn einer Gnsin; in einem solchen Gehirn steckt gewhnlich
noch die Unart, da man es nicht einmal mahnen darf; da soll eine Magd probieren
und sagen: Frau, dies, Frau, jenes wre ntig, sollte man holen!, sie wrde
allemal einen Schnauz kriegen eine Elle lnger als der lngste Husarenschnauz.
Da kriegt denn so eine Magd auch Bosheit in den Leib und denkt: Meinethalb!,
wird stumm wie ein Fisch, hat erstlich Freude, wenn man auskmmt mit einer Sache
und die Frau merkt es nicht, und zweitens noch eine grere Freude, wenn der
Mann darberkmmt und mit einem Haselstecken am Gedchtnis seiner Frau
herumflickt, wenn auch mit schlechtem Erfolg.
    Was die gute Gromutter dabei trstete, war das Erbarmen mit dem armen
Kinde; so heillos verwahrloset war ihr die lngste Zeit kein Bettelkind vor
Augen gekommen, so mager, unsauber, gelb, blau und grau, es war ein Elend. Sie
sagte Elisi, sie htte gute Lust, noch nachzubessern, was ihm der Mann zu wenig
gegeben, vor Gott sei es nicht zu verantworten, wie es mit dem Kinde umgehe; sie
mte sich schmen, eine Tochter zu haben, welche nicht halb so viel Verstand
gegen ein Kind habe als eine Katze gegen ihr Junges. Wenn sie mehr htte, sagte
Elisi, so sollte sie das Kind nehmen; da es nicht mehr habe, dafr knne es
nichts, sie htten ihns erzeugt und erzogen; traurig genug sei es fr ihns, da
man ihns so verwahrloset, da es so dumm geblieben. Es trat gar deutlich hervor,
da Elisis ganze Lebenskraft im Maul sich zentralisiert habe.
    Es ist sehr oft der Fall, da die geistige und krperliche Kraft eines
Menschen sich in ein Glied oder ein Talent zusammenzieht, da Ausgezeichnetes
leistet, im brigen aber schwach oder kreuzdumm ist. Man hatte ausgezeichnete
Maler, und nebenbei waren sie einfltige Menschen, man hatte Menschen, denen
alle Kraft in den Fen lag, schlaff hingen die Arme am Leibe nieder, Hasenfe
nannte man sie, kommode Leute, besonders bei einer Retirade. Bei Elisi zogen
alle geistigen und leiblichen Krfte sich in einem Gliede zusammen, und zwar in
der Zunge. Die Zunge ist ein klein. wunderbar Ding, ein klein Glied, wie der
Apostel Jakobus sagt, und erhebet sich doch gewaltiglich. Siehe ein klein
Feuer, wie einen so groen Haufen Holz zndet es an! Also ist auch die Zunge ein
Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit; also stehet die Zunge unter unsern
Gliedern, welche den ganzen Leib befleckt und zndet das Rad unserer Geburt an
und wird angezndet von der Hllen. Ja, das ist ein Ding, die Zunge, und zwar
eines von doppelter Natur, ein geistig und ein leiblich Werkzeug, dem Geiste,
dem Leibe unentbehrlich. Es ist aber nichts merkwrdiger als die Wahrnehmung,
da die Zunge, sobald sie zum herrschenden Gliede im Krper wird, sie sich in
beiden Richtungen, geistig und krperlich, geltend macht und das groe Wort
fhrt. Das Wort Kaffeeschwestern ist ein altes, wohlbekanntes, und niemand,
der es hrt, ist so einfltig, wenn er es hrt, zu glauben, es sei da die Rede
von Schwestern, welche blo den Kaffee lieben, er wei alsbald, da es
zungenfertige Dinger sind, welche nebst Kaffee das Geschwtz lieben ber alles.
Es ist halt mit der Zunge akkurat wie mit einem Wagenrad, wird dieses viel
umgetrieben, so mu es auch viel und gut gesalbet werden. Die Sache ist ganz
natrlich; wie Krieger mit dem Degen, fechten die Diplomaten mit der Zunge, sind
aber auch allbekannte Gutschmecker, und diplomatische Mahlzeiten sind
wohlbekannt von alters her. Wenn nun ein ganzes Volk sich auf die Diplomatie
legt und mit Schwadronieren sich befat, Herrgott, was da gesalbet und
geschmiert werden mu! Man frage einen Waadtlnder, der wird auch was erzhlen
knnen ber diesen Punkt. Es wird also niemand unglubig den Kopf schtteln ob
unserer uerung ber die Doppelnatur der Zunge, die zwei ist und doch eins, und
also niemand sich wundern, wenn sie auch bei Elisi scharf hervortrat. Wir haben
im Berndeutsch gar herrliche Worte, die verschiedenen Sorten und Abarten des
Geschwtzes zu bezeichnen: dampen, dmperlen, klapperen, strmen,
schwadronieren, poleten, hsselen, giftlen, schnderen, ausfhren, kifeln,
rhmseln usw. Hsseln und schndern mchten die beiden bezeichnendsten Worte fr
die Richtungen von Elisis Unterhaltungen sein. Am liebsten salbete es seine
Zunge mit was Sem und was Rotem, doch verschmhete es auch Fische, Pasteten,
Geflgel nicht, so wenig als weien Wein vom Jahre 1834 und Muskatwein, welcher
bekanntlich gelb ist. Von Arbeiten war gar keine Rede mehr, selbst nicht mehr
von Korallenanziehen, zog es doch nicht einmal sein eigen Kind an, htte es,
wenn es niemand anders tat, tagelang liegen lassen.
    Die eilf gyptischen Plagen sind bekannt, eben angenehm sind sie nicht zu
nennen; aber auf einem Bauernhofe, wo alles arbeiten soll, jeder sein
angewiesenes Tagewerk hat, eine Person zu haben, welche nichts tut als
allenthalben herumstehen, alle versumen mit Schndern und Befehlen, mit Gerede
von allen Sorten, alle Augenblicke was wollen, welches nicht zu haben und zu
machen ist, und dann ein Geschrei und einen Jammer verfhren rger als ein
junges Schwein in eines ungeschickten Metzgers Hnden, das ist eine Plage, an
welche Moses nicht gedacht zu haben scheint. Mach, wie wenn du daheim wrest, so
sagt man zu einem Menschen, wenn man wnscht, da es ihm recht behaglich und
heimlich werde. So brauchte man aber zu Elisi nicht zu reden; es tat wirklich,
als wre es daheim, und nahm von dem neuen Verhltnis, nach welchem Uli und
Vreneli im Hause Meister waren, keine Notiz. Es lief im Hause herum wie im
Stock, es stellte sich bei Mgden und Knechten, nahm sie in Anspruch bald fr
dieses, bald fr jenes, strich besonders Uli nach; wenn es ihn irgendwo merkte,
hatte es keine Ruhe, bis es bei ihm war. Bitterlich dagegen hate es Vrenelis
schnes Kind und zeigte das so unverhohlen, da man es so wenig allein bei ihm
lassen durfte, als man eine Katze bei einem Kinde lt; Elisi wre imstande
gewesen, es zu kneifen und zu kratzen, und da es das nicht durfte. grinste es
ihns wenigstens an, so da dasselbe allemal sich zu frchten und zu weinen
anfing, wenn es Elisi von weitem sah. Nun sollte auch sein eigen Kind auf einmal
so hbsch werden, und dazu wute es kein ander Mittel, als demselben den ganzen
Tag zu essen zu geben oder geben zu lassen, es frmlich zu msten, und zwar mit
dem grten Unverstand; gute Milch gab es ihm keine mehr, es mute dicker Rahm
sein, stopfte ihm den ganzen Tag Brei in den Leib, schttete ihm Wein darber,
stie Zuckerbrot oder so was nach, da das Kind erst fast erstickte und dann
Bauchweh oder so was kriegte, jmmerlich schrie, bis es himmelblau wurde im
Gesicht. Wollte die Mutter wehren, dann schrie Elisi, die Mutter gnne ihm kein
schnes Kind, sie halte es mit Vreneli und dessen Balg; wenn es wte, wie dem
vergeben, es tte es noch heute, sparte es nicht bis morgen; sie sollten sich in
acht nehmen, wenn es dasselbe einmal in die Hnde kriege, wolle es ihm die
Hbsche vertreiben fr sein Leben lang. Dann kam Joggeli und begehrte auf ber
das fortwhrende Geschrei; es sei eine halbe Stunde in der Runde kein Winkel, wo
man einen ruhigen Augenblick haben knne, hre Eines auf, so fange das Andere
an. Da es ihm in seinen alten Tagen noch so gehen knne, daran habe er nie
gedacht, aber er wisse wohl, wer an allem schuld sei, man mge es glauben wollen
oder nicht.
    Die gute Base hatte wirklich bse Tage, Tage von denen sie sagen mute, sie
gefielen ihr nicht. Sie sah alle Tage eine Sache heller ein, an welche sie
frher nicht gedacht hatte; sie war ihr nie so recht vor die Augen gekommen, und
die Erfahrung ists, welche Wissenschaft und Weisheit bringt. Sie hatte nmlich
nie gesehen, was eine Person von Elisis Schlage fr eine Mutter wird. Man
kmmert sich manchmal darum, welche Haushlterin ein Mdchen werde, aber was es
fr eine Mutter werde, daran denkt man nicht oder man meint, der Verstand dazu
werde ihm schon kommen, es wer, de ihns schon lehren. Ja, da Gott erbarm,
lehren! Mutter wird Manche, ungesinnet, aber eine rechte Mutter sein, das ist
ein schwer Ding, ist wohl die hchste Aufgabe im Menschenleben. Schon alleine
der bloe Anblick der Mutter ist von unnennbarem Einflusse auf das Kind, kann
das Kreuz mit der Schlange sein, bei welchem die Juden in der Wste Heilung und
Sicherheit vor den Schlangen fanden. Was gewhrt aber nun so ein grinsend,
unfreundlich, unsauber Ding wie Elisi einem Kinde fr einen Anblick? Welche
Eindrcke saugt es ein? Oder was meint man, mu es dem Kinde nicht ganz anders
werden im Gemte, wenn ihm an seiner Wiege des Tages und in der Nacht ein
holder, schner Engel erscheint, der mit sen Tnen trstet, mit milden Hnden
die rechte Labung spendet, als wenn an der Wiege Rand ein hlicher, grngrauer,
keifender Kobold auftaucht, ein unsauber Ding, von dem man lange nicht wei, ist
es eigentlich ein Mensch oder ein Affe, ber die Wiege hereingrnnet, hliche
Tne von sich gibt, heftig und krampfhaft reit und stt und schaukelt, da
Glied um Glied davonfahren mchten? Was meint man, sollte man nicht solch
grinsenden, keifenden, nichtsnutzigen, selbstschtigen Dingern, seien es
meinethalb Grfinnen, Bauerntchter oder Stallmgde, das Heiraten verbieten von
Obrigkeits wegen und jede, welche es doch versucht, einsperren lassen hinter
Gitter, und zwar enge und eiserne, und bis zum dreiundfnfzigsten Jahre? Die
Base wre sicherlich dieser Meinung gewesen, wenn man ihr den Fall vorgelegt
htte. Es lag ihr unendlich schwer im Gewissen, da sie daran nicht gedacht oder
geglaubt, es werde Elisi der ntige Verstand seinerzeit schon kommen, da sie
nicht mit Hnden und Fen sich jeder Heirat widersetzt. Es beelendete sie
unendlich, wenn sie sah, wie Elisi das arme Kind mihandelte, aus unverstndiger
Eitelkeit, wie eine Hoffartsnrrin ein beliebig Kleidungsstck, welches sie in
die Form zwingen will, die ihr gerade in die Augen geschienen.
    Am wohlsten schien bei dem ganzen Handel der Baumwollenhndler zu sein,
wenigstens nahm er Elisis Abwesenheit hchst kaltbltig, zeigte sich nicht nur
nicht, sondern lie auch kein Wrtlein von sich hren. Die Unbequemlichkeiten
des Fortlaufens dagegen fingen nachgerade an, recht unangenehm sich fhlbar zu
machen. Anfangs rgerte sich Elisi blo, da der Unflat ihm nicht nachgelaufen
kam, um ihm alles sagen zu knnen, was es ihm eingebracht htte. Nach und nach
stieg ihm die Eifersucht zu Gemte, es nahm ihns bitter wunder, was der Unflat
jetzt vornehme, da er keine Frau mehr habe?
    Wenn nur einmal eine Frau auf diesen Punkt gekommen ist, dann kriegt die
dickste Phantasie Leben, fngt sich an zu bewegen in den schauerlichsten Bildern
und malt der Frau Dinge vor, da sie das Zittern kriegt in alle Glieder. Noch
ungeduldiger ward Joggli. Der Lumpenhund habe ihn geplndert, kein Spitzbub
knne es besser; jetzt schicke er ihm Frau samt Kind ber den Hals, um ihn des
Todes oder des Teufels zu machen. Aber das wolle er nicht so. Dem Schelm wolle
er seine Familie nicht erhalten, in seinen alten Tagen noch Kindbette halten und
dazu keinen Augenblick Ruhe, weder Tag noch Nacht.
    Endlich lie Joggeli Bescheid machen dem Tochtermann, er solle seine Frau
holen. Dieser lie sagen: Er htte sie nicht gehen heien, er hiee sie auch
nicht wiederkommen, sie werde den Weg wohl noch wissen, er werde ihr ihn nicht
zu zeigen brauchen. Am liebsten sei ihm, sie bliebe, wo sie sei, sie dnke ihn
dort am schnsten. Potz Blitz, wie gab das Feuer! Auf der Stelle sollte Uli mit
ihm fahren, meinte Elisi und dann msse er ihm den Unflat prgeln in seinem
Namen, bis derselbe kein Glied mehr rhren knne, dem wolle es zeigen, dem
Hagel, wo es schn sei. Das wollten aber weder Vater noch Mutter tun. Es sehe
jetzt, was Fortlaufen sei ein andermal mge es die Sache besser bedenken und
denken auch an seine Fehler. Sei es so lange schon dagewesen, so knne es ein
paar Tage auch noch warten. Elisi zeterte gewaltig, und wenn es gewut htte,
wie zu Fue gehen, es wre gelaufen, aber eine halbe Stunde zu Fue zu gehen,
war ihm ein Greuel. Schuhe hatte es auch keine, welche einen solchen greulichen
Feldzug ausgehalten htten. Die Base hatte gewnscht, Joggeli wre selbst zum
Tochtermann gefahren und htte ihn zum Verstand gebracht, denn sie waren Beide
der Meinung, Elisi htte ihm so viel zugebracht und noch so viel zu erwarten,
da Geduld haben und sich auch in etwas unterziehen ihm wohl anstehen wrde.
Wenn man den Geldsckel in der Hand habe, so wte man nicht, warum man so mit
einem Brschchen nicht ein ernsthaft Wort sollte reden drfen? Sie waren Beide
akkurat gleicher Meinung, blo darin wichen sie ab, da Joggeli dies nicht
selbst ausrichten wollte, er war nicht der Mann, jemanden unter den Bart zu
stehen. Er wollte den Johannes schicken, der tue es gerne, sagte er, und wenn er
den Spitzbuben schon ein wenig in die Finger nehme, so werde es ihm wenig
schaden, allweg schlechter werde er dadurch nicht. Gegen das strubte die Base
sich. Es knnte doch zu bse gehen, meinte sie. Sie htte nichts wider Johannes,
aber wenn es sei, um Frieden zu machen, so schickte sie lieber nicht ihn,
sondern jemand anders. Elisi msse doch alles wieder abben, was von ihrer
Seite dem Manne angetan werde. Die gute Alte hatte selbst eine Art von Mitleiden
mit dem Tochtermann, so sehr er ihr sonst zuwider war. Sie msse bekennen, sagte
sie oft zu sich selbst, sie wrde auch ungeduldig, wenn Elisi ihre Frau wre,
und wenn es dazu noch so bse sei wie hier, so knne sie sich nicht einmal
verwundern, wenn es ihm zuweilen in die Finger kme, von wegen Mannevolk sei
immer Mannevolk, und bekanntlich gehre das Mannevolk nicht unter die geduldigen
und sanftmtigen Kreaturen.

                                 Achtes Kapitel


 Wie Zgern wechselt mit berraschen, aber ebenfalls nicht auf angenehme Weise

So verzgerte sich die Ausfhrung einige Tage, bis endlich die Mutter nachgab
und erkannt wurde, es msse dem Johannes geschrieben werden, da er die Sache
alsbald verrichte. Aber wer sollte schreiben? Die Mutter konnte nicht, Joggeli
war eine Feder rger zuwider als ein angezndet Schwefelholz unter der Nase.
Elisi schmierte endlich einen Bogen voll, von dem aber erkannt wurde, den knne
man nicht abgehen lassen, denn der gelehrteste Professor knne nichts daraus
machen. Elisi heulte, aber damit entstund kein verstndlicher Brief. Joggeli
mute endlich das Wort geben, er wolle morgen selbsten einen machen. Am Morgen
fiel es Joggeli pltzlich ein, heute sei der Tag, an welchem der Lehenzins
verfallen sei, und nun plagte ihn die Neugierde, ob Uli wohl zahlen werde oder
nicht? Er hatte gesehen, da der Mller Korn geholt, hatte auch die Zahl der
Malter gezhlt, den Preis zu vernehmen gesucht und daraus geschlossen, Uli werde
im Sinn haben zu zahlen. Joggeli hatte nicht Angst, er knne um seine Sache
kommen, aber er freute sich auf das Geld. Kinder und alte Leute sind auch darin
sich hnlich, da sie gerne mit Geld spielen, es zhlen, es rollen lassen durch
die Finger, Hufchen machen, es durcheinanderwerfen, es transportieren aus einem
Sack in den andern Sack. Er verga den Brief ganz, sah gleich mit Tagesanbruch
erst lange durch die Fensterscheiben, ob Uli nicht anrcke. Spter trppelte er
ums Haus herum, zeigte sich, in der Erwartung, Uli lasse sich dann auch hervor
mit einem groen Bndel Geld. Da kein Uli erschien, trippelte er hinber zum
Hause, kam zu den Knechten, frug wie von ungefhr, ob der Meister daheim sei
oder fort? Sie wten nichts anders, sagten die Knechte, sie htten ihn erst
noch gesehen und gsunntiget sei er nicht gewesen. Er scheuet sich vor mir,
dachte Joggeli, darf oder will sich nicht sehen lassen; entweder hat er das Geld
nicht oder er will mich nicht bezahlen, eins ist so schlimm als das Andere, aber
wenn es vierzehn Tage geht, so schreibe ich Vetter Johannes, er ist Brge, er
kann zur Sache sehen. Doch trotz diesem Rckhalt hatte er den ganzen Tag keine
Ruhe, er trappete herum, als ob er ein Wurmpulver im Leibe htte, und trotz
seinem Trappen sah er Uli den ganzen Tag mit keinem Auge.
    Uli lebte, er lebte einen groen Tag, er machte seine Jahresrechnung, zog
seine Bilanz, verglich mit der Rechnung die Kasse. Das ist ein Stck Arbeit fr
einen Uli! Zehn Jucharten Roggen sen in einem Tage ist Kinderspiel dagegen. Ja,
Rechnen hat eine Nase, besonders wenn man es nicht wohl kann.
    Uli hatte begreiflich das Jahr durch schon gar oft gerechnet, vielleicht nur
zu viel, doch so recht bis auf den Grund noch nie, und das sei notwendig, hatte
er gehrt, besonders fr Anfnger. Es sei schon gar Mancher zugrunde gegangen,
weil er nie nachgesehen, wie er stehe, ob er vorwrts oder rckwrts gehe. Am
Jahrestag seiner Meisterschaft bernahm er nun diese Arbeit. Er zhlte zuerst
das Geld, welches er hier in einem Bndelchen, dort in einem Krbchen,
anderwrts in einem Strumpfe hatte. Ein reicher Bauer hatte ihm gesagt, wenn man
viel Geld im Hause habe, msse man es verteilen; kmen Diebe, so kriegten sie
doch niemals alles, sondern nur einen Teil. Das Zhlen schon trieb ihm den
Schwei aus, denn so oft er zhlte, so oft gestaltete sich die Summe anders. Zu
der Gewiheit kam er, da jedenfalls ber tausend Taler seine Kasse enthielt.
Nun versuchte er die richtige Summe aus seinem Buche zu finden, das war aber
erst ein Hexenwerk, aus welchem noch ein ganz Anderer als Uli nicht gekommen
wre. Uli hatte aufgemacht und hatte nicht aufgemacht. Grere Posten waren
aufgeschrieben, aber kleinere begreiflich nicht. Verkaufte Khe waren
aufgemacht, aber von verkauften Klbern fand man wenig Spuren, von verkauften
Ferkeln gar keine; so wollten im Buche sich nicht reimen Ausgaben und Einnahmen,
und mit dem vorhandenen Gelde pate die Bilanz im Buche erst nicht. Im Buche
fehlten alle kleinen tglichen Ausgaben, nur die grern Summen stunden da. Wer
aber einige Zeit hausgehalten hat, wei, wie viel Kleines zu was Groem sich
summiert. Kurz ins Reine brachte er es nicht, er kam blo so weit ins Klare, da
er mehr als zweihundert Taler in bar gespart. Das Vieh im Stall war von
geringerem Werte als das, welches er bernommen, dagegen besa er noch ein
ziemlich Quantum Korn, weit mehr als fr den Hausbedarf bis zur Ernte. Vorrte
von allen Sorten, wie sie einer Haushaltung wohl anstehen, hatte Vreneli doch
gemacht; seit der Bodenbauer seine Vorlesung ber Hauskonomie gehalten, war es
von Uli weniger gehindert worden. Was er an Vorrten harte, schtzte er zu
ungefhr hundert Talern, so da also sein Gewinn oder Arbeitslohn zum wenigsten
dreihundert Taler betrug. Zuerst wollte er sich freuen darber, dieweil das ein
so schner Anfang sei, aber nach und nach flogen ihn allerlei Mcken an. Er
fand, da dies doch eigentlich nichts sei. Es sei ein ausgezeichnet gutes Jahr
gewesen, sagte er, und nur dreihundert Taler! Jetzt habe er bar auf der Hand,
da er in ordinren Jahren nichts verdiene, nicht so viel als sein schlechtest
Knechtlein. Sollte es aber Fehljahre geben, knne er nicht blo dreihundert,
sondern sechshundert Taler verlieren so gut als einen Batzen! Wo dann die
nehmen? Und gesetzt, meinte er endlich, was seien doch dreihundert Taler fr so
viel Not und Mhe und so groe Gefahr, um alles zu kommen! Da msse man es sein
Lebtag bse haben und komme doch zu keinem Vermgen. Dann sei es nicht gesagt,
da man immer gesund bleibe und arbeiten mge wie ein Hund bis in das hchste
Alter. Am Ende wre es besser gewesen, er wre Knecht geblieben, dachte Uli, so
finster kam es ihm ins Gemt. Der Uli, der vor Jahren dreihundert Taler fr ein
unerschwinglich Vermgen angesehen hatte, der achtete sie jetzt fr nichts und
hatte gute Lust, wirbelsinnig zu werden, weil er in einem einzigen Jahre blo
dreihundert Taler verdient. So kann der Mensch sich ndern, so wunderlich kann
es ihm in den Kopf kommen.
    Vreneli sprach ihm zu und sagte ihm: Er mache ihm recht angst. Das sei
Undank gegen Gott, und wo der sei, da zeige Gott gerne, da die Sache an ihm
liege, und wenn man nicht zufrieden sei mit seiner Gte, man sich fgen msse in
seine Strenge. Es wren Tausende, welche Gott auf den Knieen danken wrden, wenn
sie zu dreihundert Talern kmen. Es sei noch kein groes Vermgen, aber doch ein
schner Anfang, es decke den Rcken und um so getroster knne man der Zukunft
warten. Da es so viel sei, htte es nicht geglaubt, und wenn nur Uli zufrieden
sei, so habe es den festen Glauben, es komme alles gut; aber zu viel auf einmal
wollen, das sei vom Bsen, damit verderbe man es gerne bei Gott und bei den
Menschen. Zur Beredsamkeit enfaltete Vreneli noch seine ganze Liebenswrdigkeit
und brachte es wirklich dahin da es aus Ulis Kopf die Mcken ausjagte und
dieser, als er sich endlich aufmachte, um Joggeli den Zins zu bringen, ein ganz
zufriedenes Gesicht hatte.
    Derselbe hatte wirklich schon alle Hoffnung aufgegeben, heute sein Geld zu
sehen. Das sei Bosheit vom Uli, sagte er seiner Frau. Derselbe htte es, er
wisse es wohl, aber er wolle ihn nur plagen; doch das solle ihn nichts ntzen,
je lnger er mit dem Gelde warte, desto mehr schlage er ihm mit dem Zinse auf.
Er tat noch viel ntlicher als drben Uli, so da auch hier das Weib das
Mittleramt bernehmen mute. Er solle sich doch schmen, so ntlich zu tun. Das
wre wohl gut, wenn sie kein Geld mehr htten oder sonst nicht zu leben. Es
knnte sein, da ihm zuletzt noch lieber wre, Uli sei ihm das Geld noch
schuldig, als da er es in Hnden habe. Es sei heute der erste Tag, wo es
verfallen sei, er solle doch denken, wie Viele froh wren, wenn sie den Zins im
ersten Jahre erhielten. Selten einem komme es in Sinn, den Zins auf den ersten
Tag zu bringen, und Mancher htte es noch ungern, wenn sein Pchter am ersten
Tage kme, als ob der Herr ohne das Geld nicht mehr auskommen knne. Das ist
mir hell gleich sagte Joggeli, wie es Andern dnkt, aber mir hat er
versprochen an die Hand zu gehen, und wenn einer was verspricht, sollte er es
halten, sonst halte ich nichts mehr auf ihm. Du hast mir auch manchmal schon
was versprochen und es nicht gehalten, sagte die Frau. Ja, das ist was ganz
anderes, sagte Joggeli, ich bin nicht dein Pchter und du nicht mein
Lehenherr, antwortete Joggeli. Habe gemeint, Halten sei Halten, entgegnete
die Frau. Da klopfte es. Sieh doch, Frau, lauf doch, kannst nicht vom Platz,
vielleicht ist ers noch, wre brav von ihm! Aber vielleicht hat er falsches Geld
und hat gedacht, wenn es Nacht sei, sehe ich es nicht. Mu die bessere Brille
nehmen, wenn er es ist.
    Richtig war es Uli. Bin wohl spt, sagte derselbe, wenn man so viel Geld
in allen Winkeln zusammenlesen mu, kann man sich darob versumen. Aber ich
wollte den guten Willen zeigen. Da wrs alles in einem Seckel, es ist ein groer
Bndel! Aber wenn es Euch wohl spt ist, so kann ich ja morgen wieder kommen. Es
ist eine Zeit, wo man so viel nicht versumt. Nein, nein, bleib, bleib! sagte
Joggeli. Hat man einmal Geld im Hause, wre es ja dumm, es wie der forttragen
zu lassen. So ein Zinschen ist bald gezhlt, und wenn es auch grer wre,
knnte man daran machen, bis man fertig ist. Ja, sagte Uli, glaube, fr Euch
sei es nicht viel, Ihr wrdet ihn auch noch grer nehmen, aber Geben ist nicht
gleich wie Nehmen. Wenn Ihr ihn geben solltet und herausschlagen aus den
Steinen, dann wrde er Euch mehr als gro genug scheinen und billig und recht,
wenn er kleiner wre und abgemacht wrde. So zhlten sie und fochten mit
Worten, wie es blich ist, wenn Pachtzinse gegeben und genommen werden. Joggeli
brauchte die schrfere Brille, fand jedoch trotz derselben kein falsches Geld.
Die Sache sei recht, sagte er, wie er es erkennen mge. Sollte aber am Tage sich
was noch zeigen, so werde Uli nicht dawider sein, es zurckzunehmen. Er glaube
nicht, da was sei, sagte Uli, daneben knne man sich irren, ja freilich. Und
wenn Joggeli was finde, ehe er dieses Geld mit dem seinen zusammengetan, so
nehme er es schon wieder. Du wirst doch nicht etwa glauben, da ich dich
betrgen wolle? fragte Joggeli. Bewahre, sagte Uli, aber man kann sich
irren.
    Joggeli tat wirklich das erhaltene Geld nicht zu dem seinen; den Genu, mit
Zhlen und Sortieren desselben den folgenden Morgen sich zu verkrzen, lie er
sich nicht rauben. Am folgenden Morgen sagte seine Frau: Schreibe doch dem
Johannes, ehe du was anders anfangst, sonst wird heute wieder nichts daraus; ich
mu es sagen, es wre mir lieb, wenn die Sache an ihren Ort kme, ds Elisi tut
so wst, ich halte es nicht lange mehr aus. Freilich, freilich, antwortete
Joggeli, geschrieben mu werden, aber jetzt mu das Geld gezhlt sein, das
wirst doch begreifen! Tue ich es mal weg und komme Uli hintendrein mit Irrtum
oder falschem Gelde, so will er nichts mehr davon und ich habe das Nachsehen,
begreifst?
    Nun setzte sich Joggeli zurecht zu einem behaglichen, flotten
Privatvergngen; beide Brillen legte er neben sich, Bleistift und ein Stcklein
weies Papier ebenfalls, schttete den Sack aus, reihete das Bild recht
auseinander und begann nun eine vergngliche Musterung, welche bei der
speziellen Inspektion der einzelnen Stcke anfing. Wo sie geendet htte, wissen
wir nicht, denn wie Joggeli am besten daran war, erschien unter der Tre die
breite Gestalt von Sohn Johannes. Ho, da komme ich gerade recht, tnte es wie
aus einem mchtigen Weintrichter hervor.
    Wenn ein Blitz ins Stbchen gefahren wre, Joggeli htte nicht rger
zusammenfahren knnen; die bessere Brille fiel auf den Boden und zertrmmerte,
mit beiden Hnden fuhr Joggeli ber den Haufen her als wie zum Schutze. Gerade
recht, beim -, komme ich, nie htte es mir anstndiger sein knnen, einen so
groen Haufen Geld beisammen zu sehen, sagte Johannes, den kann ich brauchen,
mit dem lt sich was machen. Ja, ja, sagte Joggeli, glaubs; es wei ein je,
der was zu machen, einen guten Schick hier, einen guten Schick dort, wenn ich
auch nur mal was davon htte! Aber ob den guten Schicken komme ich am Ende um
meine Sache, darum will ich nichts mehr von guten Schicken hren, diesmal
brauche ich das Geld selbst; aber eine feine Nase mut haben, da du so manche
Stunde weit es gerochen hast, da ich einen Kreuzer Geld im Hause habe. Nicht
wahr, Vater? sagte Johannes, die Nase ist noch gut, die habe ich noch nicht
versoffen, die mu erst zuletzt an den Tanz. Aber Scherz beiseite, Vater, die
Sache ist die, ich mu Geld haben, um mit Wein zu spekulieren; jetzt ist was zu
machen, gerade jetzt, beim Abzug. Wenn einer jetzt mit Geld ins Welschland
kmmt, so kann er einen prchtigen Schnitt machen, fnfzig Prozente hat er so
gut als einen Kreuzer; ich habe mit einigen Wirten es abgeredet, hineinzufahren,
sie sind gut bekannt, kennen die besten Pltze, aber mit dem Gelde steht es bei
ihnen schlecht; da dachte ich an Euch und komme eben recht, so mit tausend
Talern bar lt sich schon was machen.
    Potz Kuckuck, wie speite Joggeli Feuer ber diesen Vorschlag! Meinst, ich
solle einen Geldseckel halten fr das ganze Vaterland und mit demselben jedem
Hudelwirte zu Gevatter stehn? Das Geld habe ich schon lange selbst ntig gehabt,
brauche es selbst, habe es verheien, mute ein ganzes Jahr mit Bangen darauf
warten; es ist der Pachtzins, und kaum habe ich ihn im Hause, so fhrt dich der
Kuckuck daher, als ob das Geld ein Aas wre und du ein Fleischvogel. Aber da
wird nichts daraus, gehe zu deinem Schwher, der tut immer so gro, hat das Maul
voll Gold, soll mal auch die Hand in Sack stoen und dir helfen, es ist an ihm
so gut als an mir; er soll mal zeigen, da er Geld noch wo anders hat als nur im
Maul.
    Whrend der langen Rede strich Joggeli unwillkrlich den Haufen zusammen und
suchte nach dem Sacke, er whnte wahrscheinlich, wenn es mal darin sei, so sei
es geborgen. Aber Johannes kannte den Vater und die eigene Macht. Potz
Himmeltrke, wie lie er eine Rede fahren, was das von einem Vater gemacht sei,
wenn er dem Sohne vor seinem Glck sein wolle! Was er mit seinem Reichtum
anfangen wolle, mit in den Boden werde er ihn doch nicht nehmen wollen? Der
Schwher sei nur der Schwher, einstweilen ein Unflat; tue er aber mal die Augen
zu, so werde er im Ausmetzgen desto besser ausfallen. Dann sei es ja nicht, da
er das Geld um Gottes willen begehre, er wolle Papier dafr ausstellen, es
gengend verzinsen, wenn es sein msse. Ja, ja, sagte Joggeli, Papiere htte er
viele, er knnte drei Jahre die Pfeife damit anznden, etwas anders wrde er
damit wohl nicht anfangen knnen; jetzt habe er mal Geld, und zu demselben wolle
er jetzt Sorge tragen, und whrend er sprach, packte er so unmerklich als nur
mglich Geld in den Sack. Nun, sagte Johannes kalbltig und klopfte seine
Pfeife aus, wenn das so gemeint ist und Ihr mir nicht helfen wollt, Wirt zu
sein, wie es sich gehrt, so kann ich es anders machen; ich gebe mein Wirtshaus
in Pacht oder verkaufe es, wie es sich besser schickt, komme her und will da
Bauer sein.
    Das war ein Kernschu! Joggeli hrte alsbald mit Einpacken auf und sagte:
Bist doch gleich so aufbegehrisch, man kann nicht mehr vernnftig mit dir
reden; habe ja nie gesagt, da ich dir nicht helfen wolle, aber alles Geld
fortgeben kann ich doch auch nicht, ich und meine Alte mssen auch leben. Du
glaubst nicht, welch weit Maul eine Haushaltung hat, was man alles kaufen mu.
He, sagte Johannes, wenn Ihr die Zinse von dem Kapital braucht, welches Euer
Herr Tochtermann Euch eingehndigt hat fr verkaufte Vorrte, so kommt Ihr schon
weit damit. Schweig mir von dem Lumpenhund, wegen ihm wollte ich dir
schreiben, er bringt mich noch vor der Zeit ins Grab; der Lumpenhund prgelt
Elisi, Elisi luft fort, ist jetzt hier, verpestet uns das Leben, und er tut
kein Lebenszeichen, lt das Mensch uns auf dem Halse. Warum gabet Ihr es
ihm? sagte Johannes. Bin nicht schuld daran, antwortete Joggeli, wollen
lieber nicht davon reden. Aber wahrhaftig, das Geld kann ich dir nicht alles
geben, wieviel mut haben? He, mit sechshundert Talern liee sich schon was
machen, antwortete Johannes. Endlich marktete Joggeli bis auf fnf hundert
Taler hinunter, leerte den Sack wieder aus, zhlte sie langsam mit bedenklichen
Seufzern zweg. Johannes sah mit behaglichem Lcheln zu, seit langem hatte er
nicht mit solcher Freude an einer Pfeife gezogen als an der, welche er eben im
Maul hatte. Als Joggeli endlich fertig war, betrachtete er wehmtig den Rest, es
war, als dnke es ihm, es lohne sich kaum der Mhe, denselben wieder in den Sack
zu tun.
    Da ging die Tr auf, und unter derselben stand der Lumpenhund, der
Tochtermann. Wohl, da kam Leben in Joggelis Hnde: hui, wie die fuhren nach dem
Gelde und es bergen wollten im Sacke! Aber allzu groe Eile tut nicht gut, unter
den Tisch, statt in den Sack, rollten die Taler mit groem Gepolter, und mit
schlauem Lcheln sagte der Baumwollenhndler: Da treffe ich es doch gut, der
Vater wird was zu teilen geben wollen und ich komme wie gerufen. Johannes sah
ihn an mit dem Blicke eines Stiers, der einstweilen noch an der Kette liegt.
Joggeli aber sagte, sie htten zusammen gerechnet und er kme gerade recht, auch
mit ihm htte er noch zu rechnen, wenn es ihm recht im Kopfe sei. Das sei ihm
ganz recht, sagte der Baumwollenhndler, Besseres wnsche er nicht, gleiche
Kinder, gleiche Rechnung der Herr Schwager werde selbst es billig finden so. Es
htte ihn schon lange gelstet, mit ihm abzurechnen, sagte Johannes, besser
treffen htte er es nicht knnen. Mit ihm htte er einstweilen keine Rechnung,
sagte der Baumwollenhndler, es knnte eine Zeit kommen, wo es freilich noch
eine muntere absetzen werde; jetzt wolle er davon nichts sagen, sondern sich an
den lieben Vater halten, der habe dem Herr Schwager Geld zurechtgelegt, er wolle
sich jetzt auch rekommandiert haben, es sei ein Kind wie das andere.
    Nun gab es einen wsten Lrm, der mehr als einmal in Handgemenge berzugehen
drohte, da mehr als einmal man Uli zu Hlfe zu rufen drohte, der endlich damit
endete, da Johannes mit fnfhundert Talern, der Tochtermann mit vierhunderten
davonfuhren, Joggeli nichts brig blieb als der leere Sack, an dem er seinen
Zorn auslie, ihn mit seinem Stecken in der Stube herumtrieb, bis derselbe unter
das Bett fuhr, wo er einstweilen in Sicherheit war. Der Tochtermann hatte eine
so gute Handhabe am Geldseckel als Johannes Er drohte Elisi dazulassen, selbst
nachzukommen, da eine kleine Fabrik einzurichten, kurz Dinge, ob welchen dem
Vater und der Mutter die Haare zu Berge stunden und vierhundert Taler ihnen als
ein sehr billig Lsegeld aus so groen Plagen er, schienen, wenigstens solange
Elisi und sein Mann noch da waren. Aber als die Plagegeister abgefahren waren,
nichts da war als der leere Sack unterm Bette, da kam groes Elend ber Joggelis
Gemt. Aus den Hnden hatte er den Hof gegeben aus den Hnden rissen ihm die
Kinder das Geld, nahmen ihm wie mit Gewalt den Lffel, ehe er gegessen hatte!
Das hatte er also vom Verleihen, welches man ihm so herrlich vorgestellt hatte!
Aus dem Regen war er unter die Traufe gekommen. Er hatte nun Ruhe, aber eine
Ruhe vom Teufel, wie er sagte, ob welcher er verhungern konnte, und wer war
daran schuld als seine Frau, welche auch zum Verleihen geraten, dasselbe ihm so
dringlich geraten und gleichsam mit Gewalt erzwungen hatte? Die gute Frau hatte
einen schweren Abend und wute nicht, sollte sie wirklich bereuen, ein Wort zur
Sache gesprochen zu haben; denn erzwungen hatte sie dieselbe nicht, erzwingen
tat sie ja nie was, nur reden, wie es sie dnkte und wo sie es in ihrer Pflicht
glaubte. Auch das wird dem Menschen oft erleidet und verkmmert, so da ihm die
Vorstze kommen, frderhin zu schweigen und zu keiner Sache mehr was zu sagen.
Wenn solche Vorstze stichhaltig wren, so htten die Pfarrer in den Kirchen fr
nichts anderes zu bitten als fr pltzlich stumm gewordene Weibspersonen, nach
dem Beispiele, welches einst ein Pfarrer gab. Seine Frau war auch zum Vorsatze
des Schweigens gekommen, der Pfarrer, darber wahrscheinlich gengstigt, da die
verstummte Zunge sonst nicht zu den schweigsamen gehrte, fhrte am nchsten
Sonntage, wo seine Frau in der Kirche sa, unter den Kranken, welche der
Frbitte der Gemeinde empfohlen wurden, eine pltzlich stumm gewordene
Weibsperson an. Man sagt, der Erfolg soll wirklich so auffallend gewesen sein,
da der Pfarrer darber erstaunt und in groen Schrecken gefallen. Es ist
allerdings sehr schwer, abzugrenzen zwischen Reden und Schweigen, und unmglich,
wenn man die Grenze bestimmen mchte nach den Reden eines Joggeli, der in seiner
Schwche das Beste verkehrte, die besten Ratschlge zunichte machte und dann die
Schuld, da er wirklich Dornen las von Weinstcken, Andern zuschob, Schweigen
und Reden beides gleich zum Vorwurf machte. Bei solchen Gemtern entrinnt man
Vorwrfen nimmer, darum mu man tun nach seiner Pflicht und nach dem Mae seiner
Stellung. Ein Mann darf gebieten, ein Weib darf sagen, mahnen, warnen.
    Joggeli gehrte zu den unglcklichen Menschen, welche weder was Gutes
ausfhren knnen noch was Gutes ausfhren lassen. Wollte er, was recht war, so
lhmten ihn bse Einflsse, welche strker waren als seine Kraft, wollte jemand
anders was Gutes, so stach ihn der alte bse Mensch in der eigenen Seele, da er
diesem Willen hemmend in den Weg trat und ihn, wenn nicht ganz hinderte, so doch
lhmte. Das sind unglckliche Menschen, ihnen geht alles schief; sie selbst sind
immer Klagens voll, aber sie erkennen nun und nimmer, wie ihr Charakter ein
Gemisch von Schwche und Bosheit ist, ein bitterer Kelch, aus dem sie und Andere
trinken mssen und der nie leer wird, sondern stets neu sich fllt, weil eben im
Kelch eine lebendige bittere Quelle ist, das dem Eigentmer unbekannte Gemt.
Alle Leute knnen nicht Helden sein, aber alle Leute sollten doch zu der
Erkenntnis gebracht werden, da zwischen unglcklichen Verhltnissen und
Gemtskrankheiten ein wunderbarer Zusammenhang ist, und zu dem ernstlichen
Bestreben, diesen Zusammenhang zu fassen, um namentlich zu der Weisheit zu
kommen, welche nie Ursache mit Wirkung, nie Wirkung mit Ursache verwechselt, nie
die Quelle des Unglcks in der Luft sucht, wahrend sie tief im eigenen Ich
sprudelt.

                                Neuntes Kapitel


                           Vom Gemt und vom Gesinde

Ein Jahr ist nicht alle Jahre, so sagt ein Sprchwort, die Wahrheit desselben
erfuhr Uli. Es war ein spt Frhjahr, war wetterwendisch Wetter, man mute die
Zeit zur notwendigen Arbeit stehlen, mute in Wind und Wetter, in Schneegestber
manchmal aushalten, fast wie die Franzosen in Ruland. Nun, die waren
diszipliniert, darum schlugen sich noch so viele durch und kamen mit dem Leben
davon. Wre es lauter undiszipliniertes Volk gewesen, kein Mann wre aus Ruland
gekommen. Nun aber hatte der arme Uli weder alte noch junge Garde, sondern
undiszipliniertes Volk in der Mehrzahl. Das war ein schrecklich Fuhrwerken mit
demselben. Wer hat wohl schon an einer Ziege gerissen, damit sie rascher
marschiere? Der hat es erfahren, wie die Ziege, statt rascher zu marschieren,
mit all vier Beinen verstellt und gar nicht mehr vom Platz will. So geht es auch
mit Dienstboten, welche undiszipliniert sind, sie halten zurck, sie machen
immer langsamer, am Ende gar nichts mehr. Jeder stellt so gleichsam einen
Knittel vor, der sich dem Meister zwischen die Beine wirft, wenn er rascher
zufahren will. Von dieser Widerspenstigkeit wurden allgemach auch die Tagelhner
angesteckt, es entstand eine heillose Wirtschaft. Uli arbeitete sich ab wie ein
Ro in einer Tretmhle; wie das Rad umgeht, liefen die Tage vorbei, aber wie das
Pferd nicht weiter, kommt, so schien Uli gebannt und nicht vorwrts zu kommen.
Je schlechter man arbeitete, desto mehr klagten die Leute ber Ulis
Unverstndigkeit, wie man ihm nie genug arbeiten knne, auch wenn man sich qule
wie ein Hund. Natrlich hatte man immer spter Feierabend, Uli immer mehr zu
treiben und zu tadeln, daher die Leute scheinbar Grund zu klagen. Begreiflich
suchten sie den Splitter in Ulis Augen, den Balken im eigenen sahen sie nicht.
Sonst hatte Uli den Sonntag respektiert, Misten, Grasen und sonstige Arbeit
vermieden, war gerne am Sonntag zur Kirche gegangen, hatte ordentlich Appetit
nach Gottes Wort; er hatte die Natur, welcher die Worte des ewigen Lebens wohl
taten, Bedrfnis waren, gleichsam eine Nahrung, welche die Natur verlangte. Wie
aber Nebel in Tler sich drngen allgemach, bis die Tler endlich voll Nebels
sind und unsichtbar die Sonne geworden ist, so drngte sich allgemach die Arbeit
in den Sonntag hinein; er ward finster, das ewige Licht schien immer dsterer,
schien am Ende gar nicht mehr hinein. Was sonst am Samstag gemacht worden war,
ward verlegt auf den Sonntagmorgen, und wenn Uli nicht selbst dabei war, ward es
gar nicht gemacht. Die lumpigsten Knechtlein waren Nachtschwrmer, wie es die
meisten sind, stunden am Sonntag nicht auf, und was Uli darber sagen mochte, es
half alles nichts, sie hatten keinen Glauben zu ihm, sondern das Vorurteil gegen
ihn, da allem, was er sage, eigenntzige Absichten zum Grunde lgen. Wo das
einmal so ist, hat es gefehlt, da hilft alles Zureden nichts. Bei den meisten
Menschen mu der Glaube es machen, zum Erwgen und Erkennen einer Sache sind sie
untauglich. Dieses fhlen sie dunkel, daher das Mitrauen, namentlich gegen
alle, welche ber ihnen stehen, daher die unbegreifliche Hartnckigkeit, mit
welcher sie das Verderblichste treiben, wenn es ihnen von Leuten eingebluelt
ist, zu welchen sie den Glauben haben. Die Menschheit steht unendlich mehr unter
der Herrschaft des Glaubens, als man whnt. Freilich frgt sich dann immer, an
wen man glaubt. Je nachdem die Gemter sind, hat ein Glaube Gewalt ber sie, wie
die verschiedenen Stoffe verschieden empfnglich sind fr das Licht, daher auch
in verschiedenen Farben sich darstellen. Nur kann nie genug gesagt werden, da
der Glaube nicht abhngt von Verstand oder Bildung. Bei Verstand oder Bildung
findet man sehr hufig eine Glaubensweise oder eine Leichtglubigkeit, welcher
jeder Christ sich schmen mte. Es gibt sogar Gelehrte, welche glnzende Examen
gemacht, sie verachten die Evangelien, aber sie schwren mit einem wahren
Khlerglauben zu den Kollegienheften eines versoffenen Professors.
    Ulis Knechtlein ists also nicht zu verargen, da sie das Heilsame in seinen
Ratschlgen nicht begriffen, dieweil sie halt keinen Glauben zu ihm hatten. Aber
Uli ist zu bedauern, da er sich den Sonntag rauben lie, gleichsam so
unvermerkt, wie Diebe die Brsen stehlen sollen, denn war er vormittags nicht in
der Predigt, kam er nachmittags noch viel weniger in die Kinderlehre, kam aber
auch zu keinem Buche. Nachmittags mute er irgendwo aus, wo er an den
Arbeitstagen sich nicht Zeit nahm, einem Handwerksmann nach oder um eine Kuh aus
oder wollte Geld von einem Mller fr Korn oder einem Wirte fr eine fette Kuh.
Es war immer etwas zu laufen, und manchmal lief er sich auer Atem und ward doch
nicht fertig.
    Man glaubt aber nun gar nicht, was das fr einen Einflu auf ein Gemt hat,
wenn kein Lichtstrahl von oben es mehr erleuchtet, kein Himmelsbrot es mehr
krftigt, die Dornen und Disteln des Lebens es berwuchern, die Sorgen und
Gedanken um Gewinn und Gewerbe es dichten Nebeln gleich umschleiern. Man denke
sich eine wilde Kluft, in welche die Sonne nie scheint, aus welcher die Nebel
nie weichen, man denke sich, was da wchst, was da kriecht und flattert; man
denke sich das grausige Leben, wenn man gebannt wrde in eine solche Kluft, da
leben mte in den Nebeln unter dem giftigen Gezchte und ohne Sonne, nicht
einmal sich heben drfte empor ber den Rand der Kluft, nicht einmal mehr den
Kopf recken knnte ber die Nebel empor in frische, gesunde Luft hinein! hnlich
nun ist es, wo der Geist des Herrn nicht ber den Wassern schwebt, das Wort von
oben nicht mehr die Sonne ist, welche die Nebel niederschlgt, wo im Dunkeln
kriechen und wachsen kann, was dem finstern Gemt entwchst, was die Welt
ablagert in das finstere Gemte. Man denke sich doch, wie es werden mu, wenn
die Gedanken, welche dem Leibe entstammen, die Empfindungen, welche Ha und Neid
gebren, die Sorgen, welche das Gefhl der eigenen Ohnmacht emportreibt, die
Kmmernisse ums tgliche Brot und des ueren Daseins Bestand alle bleiben,
kriechen und schleichen durchs Gemte, wie es da frostig und finster und
unheimlich werden, was da fr ein Leben sich gestalten mu, wenn des Herren Wort
die Empfindungen nicht lutert, Kmmernis nicht verscheucht, die Gedanken und
das Trachten nicht nach oben zieht, wenn es immer und immer nur tnet: Was
werden wir essen, womit werden wir uns kleiden, wie kann ich meinen Bruder
bervorteilen im Handel, wie kann ich mich rchen, mich erhhen, ihn
erniedrigen? Eine unerhrte Verkmmerung der Gemter wird tglich sichtbarer,
die Bande der Liebe und der Verwandtschaft faulen und lsen sich, das Hohe und
Edle bleibt unbegriffen, ungesucht. Begeisterung wird lcherlich, Selbstsucht
zur Sittlichkeit, und woher wohl das? Weil die Sonne fehlt, die den Nebel
niederschlgt, weil das Wort fehlt, welches die Seelen speiset, die Liebe
zeuget, zum Himmel zieht.
    Diesen Wandel bei Uli fhlte niemand schmerzlicher als Vreneli. Es tat ihm
vor allem weh, da die Sonntagsruhe von der Glungge wich, das Getmmel der
Arbeitstage nicht verstummte, das rechte Feierkleid, so glnzend rein und schn
Haus und Hof nie mehr so recht angezogen wurde. Wie Uli auch trieb und selbst
zuweilen Hand anlegte, so recht aufgerumt wurde nicht mehr, Zeit und Hnde
fehlten; Zeit und Hnde muten immer mehr da verwendet werden, wo ihr Tun was
eintrug. Aber mehr noch grmte sich Vreneli wegen der Verdunklung von Ulis
Gemt. Seine Gedanken waren blo auf Gewinn und Gewerb gerichtet. Sinn fr was
anderes zeigte sich immer weniger, immer weniger konnte Vreneli ein hoher,
besser Wort mit ihm reden, auf der Stelle war er bei Haushaltungssachen und dem,
was in Mein und Dein einschlug. Er hatte selten Zeit mehr, das liebliche Mdchen
auf den Knieen zu schaukeln oder auf den Armen ums Haus zu tragen, und machte
ein rgerliches Gesicht, wenn zuweilen sich jemand mit ihm versumen mute, was
doch bei einem so jungen Kinde nicht anders mglich war. Ja manchmal schien es
Vreneli, als sei Uli bereits auf dem Punkte angekommen, wo man nicht mehr frgt:
Was ist recht vor Gott und macht das Herz nicht schwer, wenn es noch heute
gestorben sein mu?, sondern: Wie komme ich am weitesten und was trgt mir am
meisten ein? Das ist ein so gewhnlicher, gemeiner Standpunkt und es stehen so
viele Menschen darauf, da man es nicht einmal merkt, auf was man steht und wer
darauf steht. Vreneli stund aber nicht auf diesem Standpunkte. Ehrlich whre am
lngsten, daran glaubte es, und fr unehrlich hielt es, was man nicht gern
hatte, da es einem in Handel und Wandel angetan wrde. Es sah zu seiner Sache,
nahm gerne einen guten Preis dafr, ber, vorteilte jedoch niemand, hing niemand
was Schlechtes fr was Gutes an. Es hatte die ganz sichere Ansicht, da bei der
Ehrlichkeit der grte Vorteil sei. Betrge ich jemand, so htet sich der vor
mir und sagt es noch Andern. Gebe ich ihm die Sache recht und gut, so kmmt er
wieder und sagt es Andern. So habe ich guten Absatz und gerne gibt man mir, was
ich fordere. Ich mchte mir nicht nachreden lassen, da ich jemand verkrzt
htte, sei es Reich oder Arm, so kalkulierte Vreneli. Uli im Nebel seines
Treibens verlor die Fassungskraft fr diese Grundstze, sein Gesichtskreis zog
sich zusammen, er begann dafr zu halten, da ein Spatz in der Hand besser sei
als eine Taube auf dem Dache, da man nicht einen Kreuzer nach einem Taler
werfen solle, indem man leicht um beides kommen knne, da jeder heute machen
msse, was er knne, dieweil er nicht wisse, ob morgen noch ein Tag fr ihn sei.
Das ist die kurzsichtige Politik kurzsichtiger Menschen, welche nie an die
Folgen denkt, eine Politik, an welcher so unendlich Viele verarmen an Leib und
Seele, eine Politik, welche jedoch durchaus nicht zu verwechseln ist mit dem
Ausspruch des Herrn: Sorget nicht fr den morgigen Tag! Es ist genug, da jeder
Tag seine eigene Plage habe. Der fhrt uns blo zu Gemte, da wir uns nicht
kmmern sollen um das, woran wir nichts machen knnen, was aus Gottes Hand
alleine kommt, da wir trachten sollen nach dem Reiche Gottes und seiner
Gerechtigkeit, also darum uns kmmern sollen, das Rechte zu tun, in allen Dingen
den Willen Gottes zu vollbringen wie die Engel im Himmel, da zu uns komme sein
Reich, da geheiligt werde sein Name.
    Es schien Vreneli, als ob es kalt werde um ihns. Es war ihm, wie es dem
Frhling sein mu, wenn er, in der Liebe der Sonne aufgeblht, allmhlich
abnehmen fhlt der Liebe Wrme, kalte Winde um ihn wehen, eisig, tdlich der
Reif sich naht; wie es der Erde sein mte, wenn feindselig unwiderstehlich eine
Macht ihr ins Herz dringen wrde und dort ausblasen wollte mit eisigem Munde die
Feuer, welche des Herrn Hand selbsteigen sich angezndet auf dem aller,
heiligsten der Altre, auf dem Herzen der Erden. Die Sterne ber seinem Leben
schienen erbleichen, sein Leben sich gestalten zu wollen zum Leben eines Hundes
in einer Tretmhle, wo die Tage umgehen, aber das Trippeln und Trappeln alle
Morgen neu angeht in gleicher Pein und gleichen ngsten, bis am Abend die
Glieder steif geworden und die Ruhe gesetzliche Notwendigkeit. Es war nicht die
Arbeit, welche Vreneli beschwerlich fiel, es war die Atmosphre, in welcher die
Arbeit verrichtet werden sollte. Mit erfrornen Fingern macht man keine Knoten
auf, mit erkltetem Gemte wird Leichtes schwer verbracht. Liegt wohl hier ein
bedeutender Teil der Schuld, da Arbeit so schwer wird, die Klagen darber so
laut, die Sucht nach bloem Genu so mchtig, der Neid gegen Begnstigtere so
giftig, die Menge oben und unten so weichlich? Sehr mglich, da der Dunstkreis
des Gemtes der Arbeit so gnstig ist bei uns wie der Dunstkreis in Grnland
pfeln und Birnen, von Trauben wollen wir nicht einmal reden.
    Es ging schwer und alle Tage schwerer, das fhlte Vreneli wohl und mit alle
Tage grerem Schmerze. In Beziehung auf den Landbau gehrte das Jahr zu den
mhseligen zwar und doch zu den gesegneten. Es gibt solche Jahre zuweilen, wo
man alles so mhsam stehlen mu, und wenn man am Ende alles bersieht, so hat
man einen reichen Segen gewonnen, Jahre, wo unser Herrgott das ganze Jahr
hindurch es selten jemand recht macht, ein bestndiger Jammer ist, es sei nicht
gut, es komme nicht gut, und am Ende ist alles wohl geraten, alles gut gekommen,
und jedermann mu sagen: Es ist doch gut, da ein Anderer als ich das Wetter
macht und da unsere Gedanken nicht seine Gedanken und unsere Ungeduld nicht
seine Ungeduld ist. Uli machte mehr als hundert Taler mit Raps oder Reps, mit
Klee und Flachssamen, hatte eine Masse berflssiger Kartoffeln, war glcklich
im Stall gewesen; er hatte das Meiste selbst besorgt, so da er aus Sachen,
welche man sonst eben weniger rechnet, eine bedeutende Summe lste. Es lt sich
mit solchen Pflanzungen aller Art viel machen, aber sie brauchen fleiige Hnde.
Sie nehmen Leute und Zeit in Anspruch, und wo man ohnehin von beiden zu wenig
hat, schaden sie mehr, als sie ntzen. Man versumt entweder sie oder die
Hausarbeiten, und nichts ist beim Landbau nachteiliger als unrechte Zeit und
schlechte Arbeit. Was man an der Arbeit spart, mu man doppelt und dreifach am
Lande ben, manchmal alsbald, manchmal erst nach zwei, drei Jahren. Das nun
fate Joggeli ins Auge und behauptete, Uli nutze ihm den Hof aus und so sei es
keine Kunst, Geld zu machen. Wenn der Hof dann nichts mehr abtrage, so gebe er
ihn ihm wieder an die Hand und er knne zusehen, was damit machen; er ward
hssig darber, er sagte, er htte es auch machen knnen, wenn er gewollt, aber
er htte nicht das Haus zum Fenster aus werfen wollen; die, welche ihm zu einem
Pchter geraten, sollten jetzt kommen und sehen, wie es ihm ergehe: geraubet
werde ihm das Geld, verhunzet das Land, und wer sich das alles msse gefallen
lassen und froh sein, wenn man ihm nicht noch die Kleider nehme, das sei er,
Joggeli, der Glunggenbauer.
    Aber neben diesem groen Verdru hatte er doch auch seine groe Freude, und
diese Freude erwuchs ihm aus dem Migeschick, welches Uli mit seinem Gesinde
hatte. Es war ein edler Stoff. Ulis alter Meister, der Bodenbauer, hatte ihn
belehrt ber die Bedeutung, welche ein guter oder bser Name fr einen Knecht
oder eine Magd hat, und dieses hatte Uli vollkommen begriffen, darnach gelebt
und den Erfolg erfahren. Nun htte der Bodenbauer Uli auch Vorlesungen halten
sollen ber den Wert des guten oder bsen Namens fr Meisterleute, das hatte er
leider unterlassen. Wahrscheinlich dachte er, Uli werde die allgemeine Regel
auch auf sein neu Verhltnis anwenden knnen, aber im Anwenden, insbesonders auf
sich und seine eigenen Verhltnisse, sind nicht alle Leute stark. Gar viele
haben es wie der Vogel Strau, der, wenn der Jger ihm an der Ferse liegt, den
Kopf unter einen Flgel steckt und meint, der Jger sehe ihn nun so wenig als er
den Jger. berhaupt haben die meisten Menschen die Meinung, sie seien gerade
recht, wie sie seien, und wer anders sei als sie, der sei nicht recht. Diese
Meinung findet man auf allen Stufen der Gesellschaft, sie macht sich geltend in
allen Lebens, gebieten, vom absoluten Staate weg bis ins Bettlerhandwerk hinein.
Einem Absoluten oder einem mit absoluter Meinung von sich selbsten kmmt es nie
in Sinn, da er nicht den rechten Namen habe, da er mit besonderer Vorsicht fr
einen guten zu sorgen htte. Von solch absoluter Gesinnung sind nun unendlich
viele Meisterleute, es fllt ihnen nicht ein, da in der Masse der Dienstboten
jedes Haus, jeder Meister und jede Meisterfrau einen viel ausgeprgtern Namen
haben als Dienstboten unter den Herrschaften. Es ist unter den Dienstboten ein
viel grerer Zusammenhang, ein viel inniger Zusammenhalten als unter den
Herrschaften. Ach Gott, wenn so manches gute, liebe Frauchen wte, wie sie
betitelt wird unter dem Gesinde, wie schwarz ihr Name angeschrieben stnde in
der Weltgeschichte der Gesindestube, welch schrecklich dumme, lcherliche
Geschichten man ihr nacherzhlte, sie kriegte sicherlich Ohnmachten. Sie meint
es nicht bse, aber sie hat keinen Begriff von diesen Verhltnissen, darum
tlpelt sie darin so schrecklich herum. Es ist merkwrdig, wie dumm die Leute
sind, besonders die Gebildeten. Da lassen sie zum Beispiel ihre Tchter bilden,
mit groer Not und Geld, im Ausland und im Inland, in Klstern und Pensionen,
mit Gouvernanten und Tanzmeistern, damit der Tlpel abgeschliffen werde, damit
sie sich in gebildeter Gesellschaft, in Salons und auf Dampfschiffen ohne
Ansto, aber mit Anstand leicht und angenehm bewegen knnten. Denn, wohl
gemerkt, dies msse gelernt sein, sagen sie, und eingebt, von selbst gebe das
sich nicht; so viel Verstand haben sie und richten ihre Tchter zum einfachen
Teeservieren zum Beispiel monatelang ab. Aber so viel Verstand haben sie nicht,
zu begreifen, da man auch das Bewegen nach unten, in Gesindestube und Kche,
erlernen und einben mu, da man da mit Anstand und taktfest sich bewegen
lerne, nicht tlpelhaft werde und verhhnt von Spandau bis Magdeburg. Man glaube
es doch nur, es kmmt unendlich mehr Elend ins Haus, ins Gemt, ins tgliche
Leben, wenn die Herrschaft, namentlich die Frau, taktlos und tlpelhaft in der
Kche und unter dem Gesinde hantiert, als wenn sie linkisch im Salon tut und
eben nicht grazis sich zu beugen und zu neigen wei. Ach Gott, wie manches
gute, liebe Frauchen sah dies nach Jahren, nachdem sie unsglichen Jammer
ausgestanden, ein Elend geschluckt hatte, ein zehnmal greres als Napoleon im
Feldzug von Ruland, endlich ein, lernte, was sie versumt hatte, suchte gut zu
machen, den Ruf zu verbessern, aber wie lange versuchte sie dies umsonst! Ein
guter Name geht in Augenblicken verloren, ein schlechter wird in Jahren nicht zu
einem guten. Ist bei einer Herrschaft, welche nicht im guten Geruch steht, eine
Stelle leer, so melden sich diejenigen nicht, welche etwas auf ihrem Rufe
halten. Ein guter Knecht hlt sich fr hundertmal mehr als ein schlechter
Meister und es tief unter seiner Wrde, bei ihm sich zu melden, er findet
berall sein Fortkommen. Es meldet sich also lauter mittelmig oder schlecht
Zeug, und auch dieses tritt mit vorgefater Meinung ein. Da mache nur, was du
willst, und la dich nicht kujonieren; da bleibst doch nicht lang, da ist noch
Keins lange geblieben, heit es in allen Ecken. Ja, so ein Mgdlein wrde es
fr eine eigentliche Schmach halten, wenn es lnger bliebe als die Andern, und
was es whrend der kurzen Zeit der Madame zu schlucken gibt und fr rger macht,
wer spricht es aus, wer schreibt es nach! Und dies alles rhmt es als
Heldentaten beim Brunnen, beim Bcker, beim Fleischer, und wenn es beten tte
wrde es dasselbe sagen, es Gott rhmen, so verdienstlich kmmt es ihm vor. Da
endlich dabei das Gemt eines Meisters oder einer Meisterfrau versauert und
verbittert, wen will das wundern, Was ist dies fr ein Dabeisein; Wir fragen.
Aber kann es anders kommen, wenn man mit solchen Vorurteilen in ein Haus kmmt,
oder wer will von ungebildeten, rohen Menschen erwarten, da sie alsbald
Mitrauen und Vorurteile ablegen, die Verhltnisse sehen, wie sie sind? Wer will
das Aufgeklrten zumuten? Jeder neue Dienstbote erneuert also den alten Ruf, ob
mit Recht oder Unrecht, das untersucht niemand mehr, man nimmt es als einmal
gegeben an, als ein fait accompli, frischt also damit das alte Elend neu auf,
und fast unmglich wird es beim besten Willen, diesem Ruf bei Lebzeiten noch ein
Ende zu machen.
    Daran hatte eben Uli nicht gedacht und mute es erfahren, hatte nur eines im
Auge gehabt; mute erfahren, wie es einem geht, der nur nach den Sternen am
Himmel guckt und nicht auch auf die Steine im Wege. Uli hatte den Karrer
fortgejagt, den Melker einmal geprgelt, er hatte die Ruhe eines
altaristokratischen, gewiegten Bauern noch lange nicht. Kaum ein Bauer verstund
die Arbeit besser als er, war befhigter zu befehlen, und das machte ihn am
zornigsten, da sein Gesindel dieses nicht einsehen wollte, sondern ihn immer
betrachtete als seinesgleichen, da wenn er was befahl, mit groben Zgen auf
ihren Gesichtern zu lesen war: Du bist nicht mehr als wir, warum solltest du das
besser wissen?, da sie so gar keinen Respekt vor ihm hatten, mit seiner Sache
umgingen, als wre sie die ihre, als htte er gar nichts darnach zu fragen. Er
erfuhr, was es heit, Knechte und Mgde dressieren; der Faden seiner Geduld ri,
und nach jedem Ri war es schwerer, ihn zusammenzuknpfen. Immer weniger
Komplimente machte er mit seinem Gesindel, wie er es nannte. Es seien deren wie
Sand am Meere, welche froh seien ber solchen Dienst und gerne was lernten; er
wolle besser auslesen, da habe er gefehlt, sagte er. Aber der fortgejagte
Karrer, der geprgelte Melker, Andere, welche fort sollten, Tagelhner, welche
es mit den Dienstboten gehalten und die Uli entlassen, alle kriegten Muler wie
Trompeten und verschrien Uli zehn Stunden in der Runde, als ob er Hrner htte
auf dem Kopfe, Krallen an den Fingern und Klauen an den Fen, und logen
nebenbei noch klafterhoch, da man eigentlich darber htte stolpern knnen.
Aber es glaubten dieses die Bauern gerne, denn Uli gehrte nicht zu ihnen, htte
aber gerne werden mgen, was sie; es glaubten es die Dienstboten gerne, weil er
einer war, der sich ber sie er, heben wollte, und weil es alle gerne glaubten,
so glaubten sie es um so fester.
    So war der Zudrang zu Ulis Dienst nicht halb so gro, als er gedacht. Die
Besten kamen nicht, weil er nur Pchter war. Man sage, was man will, im Grunde
des Herzens sind alle Menschen Aristokraten, denn so hat sie unser Herrgott
geschaffen. Bei einem Bauer dient der Knecht, der sich fr einen Pchter zu gut
glaubt, bei einer Herrschaft eine Magd, welche fr ihr Leben nicht eine
Bauernmagd gewesen wre, und wenn ein Dienstbote sich was Gutes zu Gemte fhren
oder sich recht rhmen will, so sagt er: Er habe in lauter vor, nehmen Husern
gedient, nur so zu gemeinen Brgersleuten htte man ihn mit keiner Gewalt
gebracht. Die Zweitbesten schreckte der bse Ruf ab. Man sage, ein Jahr sei bald
um, meinten sie, aber wenn man es in der Hlle zubringen msse, so strecke es
sich, da man verzweifeln msse, das Ende zu erleben; einmal htten sie es schon
erfahren, probierten es ferner nicht.
    Blo unter den Drittbesten hatte Uli auszulesen. Ja, da ists schwer auslesen
und was Gutes treffen! Diese Drittbesten zerfallen zumeist in zwei Abteilungen:
die erste besteht aus angehendem Volke, undisziplinierter Miliz; zu vergessen
ist dabei nicht, da die besten Angehenden nicht unter diese Klasse gehren. Die
besten machen ungefhr den Kurs durch, den Uli machte. Die zweite Abteilung der
dritten Klasse wird aus denen geschaffen, welche was Unrichtiges haben, daher in
nchster Nhe nicht Dienst finden, sondern ihr Heil weiter suchen mssen. Sie
kennen mehr oder weniger den Dienst, wissen sich als Gediente darzustellen,
haben aber was an sich, welches nicht jedermann liebt: die Einen haben zu lange
Finger, Andere zu weiten Schluck, zu langen Durst, Andere zu langsame Beine,
Andere ein zu gelufig Maul, Andere zu heien Zorn, Andere zu heie Liebe, kurz
was, welches nicht pat und namentlich fr einen Meister sehr unbequem ist. Das
Ding, welches nicht jedermanns Sache ist, ist in der Nhe bekannt geworden, sie
mssen daher ihre Platze in der Ferne suchen, wohin ihr Ruf noch nicht gedrungen
ist, mssen vorlieb nehmen mit allem, was sie finden. Solche unbeliebige
Eigentmlichkeiten sollten von Rechtswegen in Zeugnissen bemerkt oder wenigstens
angedeutet sein, denn wofr hat man eigentlich Zeugnisse? Aber gerade hier ist
ein fauler Fleck im ganzen Verhltnis, und eine Meisterschaft schmiert die
andere auf das schmhlichste an.
    Ein solches Zeugnis soll enthalten den Ausdruck der Zufriedenheit oder
Unzufriedenheit mit einem Dienstboten; die Grnde von beiden sollen, wenn auch
nicht ausdrcklich bemerkt, so doch angedeutet sein. Denn ein Zeugnis soll
Wahrheit enthalten, es wird als Wahrheit bezeugt durch Namensunterschrift, man
soll dazu stehen knnen mit einem Eide. Diese Zeugnisse wurden eingefhrt um der
Meister und der Dienstboten willen. Einem Hausvater darf und soll es nicht
gleichgltig sein, wen er in sein Haus aufnimmt. Jeder Mensch hat seine
Bedeutung in einem Hause, trgt mehr oder weniger zur Stimmung des Hauses bei,
kann vergiftend und verpestend des Hauses grtes Unglck sein, ein Laster
einschleppen wie ein Pestkranker die Pest. Darum will ein Hausvater wissen, wen
er in sein Haus aufnimmt. Wenn derselbe Fehler hat, so kann er vor denselben
sich in acht nehmen, aufpassen, bessern, Bedingungen stellen usw. Die Zeugnisse
sind aber noch wichtiger fr die Dienstboten selbst. Wenn ein Knecht wei: Ich
verdiene in diesem Jahre nicht blo den Lohn, sondern auch ein Zeugnis, und zwar
eines nach der Wahrheit, akkurat wie ich mich auffhre, ein gutes oder ein
bses, so kommt dieses seiner Schwachheit zu Hlfe, lehrt ihn aufpassen, strkt
seine Krfte. Sie sind, was dem Studenten seine Examen, Promotionen und daherige
Testimonien sind. Ach, wir sind gar armselige, schwache Geschpfe! Mit allen
mglichen Mitteln mu man unserer Schwachheit aufhelfen, uns auf klepfen aus
unserer Faulheit und Selbstvergnglichkeit und dahin bringen, da wir unsere
Tage mit Weisheit zhlen, damit wir Erfahrungen ins Herz bringen. Dienstboten
haben solche Strkungen wohl so ntig als Studenten. Leichtsinn und
Gedankenlosigkeit kmmt ber das rohere Gesindel wohl so hufig als ber
gebildete Jnglinge, welche denn doch tglich geistige Speise zu sich nehmen.
Und wie oft schleicht sich die Bosheit ein, welche die Herrschaft absichtlich
plagt, mit Vorbedacht allen mglichen Schabernack ihr antut und weder durch
Bitten noch Drohungen sich abwendig machen lt! Wenn nun rechte, wahr, hafte
Zeugnisse wren, wenn jeder Dienstbote wte: was er treibt, kmmt in die
Rechnung, ins Zeugnis, und da steht es geschrieben und bleibt geschrieben, bei
jedem neuen Meister mu ich mich ihretwegen entschuldigen und kann den Fleck
nicht tilgen, sondern blo durch gute sptere Zeugnisse bedecken, so gleichsam
annullieren: es wrde gar Mancher grere Aufmerksamkeit auf Tun und Dienst
verwenden, wrde allmhlich zu einem tchtigen Wesen heranwachsen, zu
selbsteigenem Nutz und Frommen. Es wrde wirklich ganz anders aussehen in der
Gesindewelt.
    Nun aber ist das Ding verpfuscht, die meisten Zeugnisse sind untreu, lgen
an, wer sie liest, und warum? Vor allen Dingen wahrscheinlich aus einem gewissen
Mitleiden, einer falschen Barmherzigkeit. Das Mensch weinte, flehte, bat, man
mchte ihm doch verzeihn, es nicht unglcklich machen, seine Snden ihm nicht im
Zeugnis verewigen, es wolle sich gewi und wahrhaftig bessern. Die weichen
Meisterherzen lieen sich bewegen, dachten, es wre doch wirklich hart, das
Mensch unglcklich zu machen, ihm sein Lebtag mir ein paar Buchstaben so schwer
zu schaden, und bedecken die Menge der Snden mit dem Mantel der Liebe. Und das
Mensch geht triumphierend mit dem schnen Zeugnis ins neue Jahr hinein, treibt
sein wstes Wesen fort, denkt, mit einer Stunde Heulens erpresse es zuletzt doch
wiederum ein gut Zeugnis, und eine Stunde zu heulen gehe ihm doch allweg viel
leichter, als ein ganzes langes Jahr hindurch gut zu tun. Es lebt sein schlecht
Leben wohlgemut und trotzig fort, verschanzt sich keck hinter seine guten
Zeugnisse, macht die Schanze alle Jahre um ein Zeugnis strker und hher. Sagt
ihm eine Meisterfrau was, so brllt es ihr ins Gesicht, wie manch gut Zeugnis es
habe, wie es allenthalben wohl angewesen, es allen habe treffen knnen, nur ihr
alleine nicht! Aber man kenne sie wohl, sie sei bekannt von Spandau bis
Magdeburg, und wenn ein Engel vom Himmel kme, keine Stunde knnte er es ihr
recht machen! Die Meisterfrau gibt wiederum ein prchtig Zeugnis, sie denkt, sie
wolle doch nicht allein die Bse sein; htten die Andern die schnen Worte ber
das Gewissen gebracht, so werden sie ihr das ihrige auch nicht abdrcken; besser
sei es, sie bringe das Mensch im Frieden fort als unter Donner und Blitz, der
ihr zndend in Galle oder Nerven fahre, oder da sie gar noch mit ihm vor den
Richter msse. Das Mensch aber hebt triumphierend das Stck Papier empor und
sagt: Es kmmt Euch wohl, da Ihr Verstand gebraucht und mir ein Zeugnis
gegeben, wie ich es verdient und mit den andern Zeugnissen beweisen kann. Das
waren brave Leute, welche sie ausgestellt, es wre wohl gut, es wrde keine
schlimmern geben. Es kmmt Euch wohl, sonst htte ich es probieren wollen, ob
noch Gerechtigkeit sei auf der Welt, es gibt Gottlob noch Richter, welche
wissen, was Recht ist. Das Mensch wute wohl, worauf es pochte, denn es gibt
wirklich viele Richter, welche aus Grundstzen der Humanitt allen Mgden recht
geben gegen ihre Meisterleute, und es gibt Richter, welche ganz besondere
Vorliebe zu schlechten Menschern haben und streng an den christlichen Grundsatz,
wie sie sagen, sich halten: Wer viel liebt, dem wird viel vergeben werden. So
kommt das Mensch denn endlich dahin, da es sich selbst fr ein Tugendmuster
hlt, denn es hat es ja schriftlich und mehr als ein dutzendmal, und wenn es
endlich in Laster und Not untergeht, so schreit es ber die schlechte Welt, und
wenn es so schlecht htte sein wollen wie die Andern, so wre es ihm auch besser
ergangen. Was fr eine Gerechtigkeit auf Erden sei, habe es erfahren, wenn im
Himmel keine bessere sei, so -. So geht es mit falschen Zeugnissen, und so
wirken sie.
    Aber, wird man schreien, soll man Menschen zeitlebens unglcklich machen?
Was, sind nicht ebenso viele oder mehr schlechte, boshafte, niedertrchtige
Meisterleute als Dienstboten? Soll es dann in Willkr stehen, arme Unschuldige,
welche vom Schicksal ohnehin so hart geschlagen sind, da sie dienen mssen,
zeitlebens um ihr einzig Eigentum zu bringen, um den guten Ruf, sie zeitlebens
unglcklich zu machen usw. usw. Es ist eine so herrliche Teilnahme fr alle
Armen, Unterdrckten, Geplagten, Gestraften aufgetaucht, da es uns gar nicht
wundern wrde, wenn man nchstens auf den Richtsttten Altre errichten, die
Gebeine der Gefangenen als Reliquien verehren und Galeerensklaven und andere
Zuchthusler als Priester bei diesem neuen Dienste anstellen wrde. Wir geben
gerne zu, da es schlechte Meisterschaften gibt, aber deswegen soll man mit dem
Bade nicht das Kind ausschtten wollen. Es ist akkurat das gleiche
Humanittsgeschrei, welches, weil mal einer unschuldig gestraft worden, nun
niemand mehr gestraft wissen will. Entweder keine Zeugnisse oder wahre, entweder
oder, und das Weitere Gott berlassen. Das ist auch eins von den vielen Dingen,
worber die Weisen dieser Welt hundert Jahre disputieren und prozedieren knnen,
ohne klug zu werden darber, und welches den Unmndigen geoffenbaret ist, welche
da recht zu tun suchen in kindlicher Treue und niemanden scheuen als Gott.
    Bei Uli meldete sich also die dritte Klasse in beiden Abteilungen. Der Buben
hatte er satt, er wandte sich mehr der zweiten Abteilung zu. Freilich wute er,
da es in dieser oft nicht sauber sei. Er inquirierte streng, besonders warum
man so weit herkomme und nicht lieber in der Nhe des frheren Wohnortes bleibe,
Da erzhlte ihm dann Einer, er sei vor seiner Meisterfrau niemals sicher, er
habe siebenmal Strengeres ausgehalten als Joseph, und wenn er in der Nahe sich
aufhalte, so laufe er Gefahr, da sie am hellen Tage ihm nach, laufe. Ein
Anderer erzhlte von Verwandten, welche an ihm saugen, denen er den ganzen Lohn
opfern msse. Wenn er in die Welt gehe, hoffe er Ruhe zu finden vor ihnen. Ein
Dritter hatte seinem Meister ein Schelmenstcklein ausgebracht oder ihn daran
verhindert, jetzt sage er nicht blo alles Schlechte von ihm, sondern er sei
selbst seines Lebens nicht sicher. Eine Magd weinte bitterlich, welche
Nachstellungen sie erleiden msse wegen ihrer Schnheit. Vor keinem Manne sei
sie sicher, selbst der Ammann, der siebenzig Jahre alt sei und dreizehn
erwachsene Kinder habe, laure ihr auf, deretwegen haten sie alle Mdchen und
die Weiber noch viel verfluchter. Darum wolle sie fort, so weit die Beine sie
tragen mchten, vielleicht da an einem anderen Orte brvere Leute angetroffen
wrden. Da unser Herrgott sie so schn erschaffen und nicht wster, dessen
vermge sie sich nichts. So viele dieser Tugendbilder kamen, die um ihrer
Gerechtigkeit willen verfolget wurden. Uli dachte, alles knne doch nicht
erlogen sein, er wisse ja selbst am besten, wie es gehe, wenn man dienen msse.
Aus dieser Klasse whlte er sich sein Volk, mit der grten Vorsicht, aber auch
mit Sparsamkeit, mit dem Lohne hielt er nieder. Er dachte, wenn es ihnen so
daran gelegen sei, weiter zu knnen, so werde der Lohn ihnen nicht die
Hauptsache sein. Das sagten sie denn auch, ein paar Taler tten sie nicht
ansehen, es sei ihnen nur darum zu tun, weiterzukommen, und er sei ihnen
besonders angerhmt; da knnte man was lernen, und es heie auch, er habe
Verstand. Das tat Uli wohl, dem guten Uli! Wre der dreiig Schritte von seinem
Hause hinter einem Kirschbaume gestanden oder im nchsten Wirtshause gesessen,
so htte er was ganz anderes gehrt. Er htte gehrt, wie so ein Knechtlein
gesagt htte, er htte Unglck gehabt, sein Meister habe ihn versumt; so sei er
dienstlos geworden und es sei ihm, wenn er nur wieder mal abstellen knnte fr
einstweilen. So sei er zum Pchter in die Glungge gekommen, derselbe htte von
ihm gehrt und ihm Bescheid machen lassen. Gedinget htte er endlich, aber
gefallen habe es ihm nicht, dort sei sein Bleiben nicht. Es sei ein hoffrtig
Wesen, man sollte meinen, wer sie seien, und doch sei er nur Knecht gewesen und
sie eine Uneheliche. Nun, einige Wochen knne er schon dort sein derweilen knne
er dem Mannli den Hochmut vertreiben.
    Worte sind Mnzen. Wie es Kinder gibt, welche das Geld nicht kennen und
unterscheiden lernen knnen, denen man fast ihr Lebtag Zahlpfennige anhngen
kann, so gibt es noch viel mehr Menschen, welche ihr Lebtag nie dahin kommen,
die Worte richtig zu wrdigen. Das gilt namentlich mit dem Renommieren und
Aufweisen, Grosprechen und Schmeicheln oder mit dem Rhmen seiner selbst oder
Anderer. In dieser Beziehung klebt ein unheilbarer Unverstand den Menschen an,
halt eine Familienkrankheit von Mutter Eva her. Der Ruhmredige macht schnellen
Eindruck, der Demtige findet erst in die Lnge Gnade.

                                Zehntes Kapitel


          Wie bei einer Taufe Weltliches und Geistliches sich mischen

Noch ehe der zweite Lehnzins gegeben werden sollte, er, hielt Vreneli das zweite
Kind, und diesmal einen munteren Buben. An diesem hatte Uli sehr groe Freude,
er rechnete schon, wie schnell er ihn brauchen knne, was er ihm ersparen werde,
nur war er noch ungewi, ob er ihm als Karrer oder Melker ersprielichere
Dienste leisten werde. Die Gevatterschaft gab auch diesmal viel Redens, Uli und
Vreneli wurden lange nicht einig; endlich mute Vreneli nachgeben, Uli hielt ihm
den Hagelhans vor. Es handelte sich absonderlich um die beiden Paten; die Gotte
ward einhellig erwhlt in der Schmiedin, welche Vreneli noch weitlufig verwandt
war. Die Paten waren Wirt und Mller, mit welchen Uli im Verkehr stand, aber
nicht zu Vrenelis Freude; es war ihm immer, als knnten die Uli verderblich
sein, als suchten sie ihn in ihre Gewalt zu erhalten, um ihn auszubeuten. Ihre
zrtlichen Worte schienen ihm eben falsche Mnze zu sein. Der Wirt war ein
dicker, schwerer Mann, jeder Zoll an ihm ein Zentner Holdseligkeit, mit welcher
man eine groe Stadt voll saurer Englnder htte s machen knnen. Die
Freundlichkeit ist die freundlichste aller Tugenden, hat unter allen das
lieblichste Gesicht, sie ist der Schlssel zu allen Herzen, sie ist eine
erquickende Essenz, erscheine sie am Krankenlager oder im Gesellschaftszimmer,
bei der Magd im Schweinestall oder bei dem Regenten auf dem Throne; sie wird
viel zu wenig beachtet, viel zu wenig bei den Kindern darauf gesehen, tausendmal
des Tages sollte man daran erinnern. Gott gibt sie den begabtern Menschen
umsonst, aber desto wster ists, wenn sie auf Gewinn ausgelegt wird, benutzt,
wie man den Honig braucht, wenn man Fliegen fangen will, mit ihr auf Menschen
spekuliert, mit durch sie gewonnenem Zutrauen Wucher treibt, Gewinn und Gewerbe,
dem Anderen ablockt, was er hat, mit der grten Gewissenlosigkeit, unbekmmert
darum, hngen die Betrogenen sich, springen sie ins Wasser oder gehen sie
einfach und simpel zu Grunde.
    Eine Person der Art war unser Wirt; mit schlauem Verstand, kaltem Herzen und
holdseligem Wesen hatte er ein schnes Stck Geld verdient. Wer mit ihm handeln
wollte, dem tat es im Herzen wohl, und seine Worte schienen viel besser zu sein
als anderer Leute bares Geld. Er hatte eine groherzige Weise, die Leute
glcklich zu machen. Sieh, weil du es bist, gebe ich dir einen Gulden mehr. Die
Sache ist mir recht, da braucht man nicht Kummer zu haben, man kriege seine
Sache nicht oder schlecht; ja, wenn alle wren wie du, dann knnte man handeln.
Sieh, du bist mir zu hoch im Preise, aber weit du was? Versuche, was du lsen
kannst, halte die Sache feil, wem du willst; sieh, was dir geboten wird, und
einen Gulden mehr als der Hchstbietende will ich dir geben; es kann Keiner
geben was ich, ich habe den Absatz und Leute an der Hand, welche zahlen, welche
um eines Kreuzers willen nicht reden, bis sie Lcher in die Zunge kriegen,
reiche Leute, und wenn sie schon nicht auf den Tag zahlen, von wegen sie sind in
gar vielen Dingen, so kmmt es dann zusammen, da gibt es Haufen Geld; du magst
mir es glauben oder nicht, mein Rlein hat mich manchmal bel erbarmet, wenn es
heimziehen mute. Nebenbei war er auch den meisten Weibern lieb. Er kannte das
Handwerk des Flattierens aus dem Grunde und wute ihnen so zrtlich in die Augen
zu gucken, da sie die Fue nicht mehr stillehalten konnten unterm Tische. Ihn
vorzglich hate Vreneli. Du wirst dich mit ihm abgeben, bis du einen Schuh
voll herausnimmst, sagte es oft zu Uli.
    Den Mller hate Vreneli etwas weniger, doch immer noch genug, um ihn nicht
zum Gtti zu wollen. Er hing sich auch an Uli, war alle Augenblicke da, war
nicht ganz mit Honig bestrichen, doch wute er sich auch zu rhmen und zu
kdern, da Uli ihn fr einen trefflichen Freund hielt. Bald holte ihn der
Mller, um ein Pferd zu besehen, bald sollte er ihm eine Kuh kaufen helfen: das
kenne niemand wie Uli, bald holte er einige Malter Getreide und sagte, er msse
es haben, er solle fr diesen oder jenen Bcker besonders schnes Mehl haben,
und Korn wie bei Uli fnde er nirgends, er wolle es ihm dann aber auch darnach
bezahlen, sobald sie mit einander rechneten. Das wute er immer ganz
vortrefflich zu karten, da sie mit einander in Rechnung blieben, von welcher
Rechnung er bestndig auch sprach, sehr selten aber sie zum Abschlu machte,
sondern immer so, da etwas auf neue Rechnung blieb. Es ist wirklich auch nichts
Bequemeres im Handel, als wenn man immer sagen kann: Ich zahle dir das jetzt
nicht, es geht zum Andern; behalte alles gut in Rechnung, die Sache wird sich
dann schon finden.
    Wenn Vreneli Seufzer ber solche Rechnungen ausstie, so sagte Uli: Sieh,
dies verstehst du nicht, die Sache findet sich, und was brauche ich einstweilen
Geld Es ist mir sicherer dort, als wenn ich es daheim htte, ich begreife gar
nicht, was du wider die Mnner hast, und weit doch, wie kommod sie uns kommen
und wie da nie Nein ist, man mag wollen was man will. Gehe ich zum Wirt, so
bringe ich das beste Fleisch, Wein, wie er sagt, wie man ihn sonst nirgends
findet, nimmts mit Gewicht und Ma nicht spitz, meint nicht, da ich jeden
Schoppen zahlen msse. Ein Fa hat er uns zum Einbeizen geliehen und mir
hundertmal gesagt, wenn ich was mangle, sei es Tag oder Nacht, so solle ich nur
herkommen, er zrne, wenn ich an einen andern Ort gehe, und wenn niemand
gegenwrtig sei, nur nehmen ungeniert, was ich bedrfe; einen behlflicheren
Mann habe ich nirgends angetroffen, solche Leute sind rar, wo man sie findet,
mu man Sorge zu ihnen tragen. Ich mu sagen, es freut mich allemal, wenn ich
ihn sehe, und wenn ich schon nur Pchter bin, so schmt er sich meiner doch
nicht. Er htte noch Keinen so wie mich angetroffen, hat er mir schon manchmal
gesagt, wenn ich so fortfahre, werde es nicht lange gehen, so sei ich Bauer
trotz einem. Beim Mller ist es gerade so; fehlt mir Spreuer, so sind fr mich
da, wenn fr niemand sonst da sind, mit Pferdefutter ists auch so und um einen
Preis, wie ich es sonst nirgends bekomme; aus dem Getreide lt er mir gehen,
was Keiner sonst. Mein Lebtag habe ich gehrt, es sei nichts kommoder auf der
Welt als gute Leute, zu solchen msse man mehr Sorge tragen als zum Brote. Ich
kann gar nicht begreifen, was du gegen sie hast. Ja, Uli, gute Leute sind
kommod, das haben wir am besten erfahren, ohne gute Leute wren wir nicht, wo
wir sind, antwortete anfangs Vreneli, aber es ist auch ein groer Unterschied
zwischen guten Leuten und guten Leuten. Es gibt gute Leute, welche einem
aufhelfen und am besten sich zeigen, wenn man in der Not ist, und es gibt Leute,
welche gut scheinen, solange sie jemand ausnutzen knnen, und ist er
ausgenutzet, so lassen sie ihn hngen wie eine Spinne die Fliege im Netz, wenn
sie ausgesogen ist. Wenn die es gut meinten, sie wren nicht halb so
schmeichelhaft und machten dir den Kopf so gro. Mit der Dienstfertigkeit gehe
mir, ich mchte doch wissen, wer mehr dienet, ob sie dir oder du ihnen Haben sie
je was zu fahren oder ein Pferd ntig, so stehn sie vor der Tre, und wie viel
sie dir dafr geben, weit du; es steht zu verdienen, werden sie dir sagen, und
hast was ntig, so sprich auch zu! Leiht man ihnen etwas, einen Wagen oder ein
Wertzeug, so geben sie es nicht wieder, und lt man es endlich holen, so ist es
entweder nicht da oder es wei niemand, wo es ist, oder es ist zerbrochen und
wir haben die Kosten, es ausbessern zu lassen. Ein alter Pfarrer hat immer
gesagt: Frnd wie Hnd, und die mahnen mich wohl daran. Du wirst es aber wohl
noch erfahren, ob ich recht habe oder nicht.
    Uli dachte, es sei doch eine verfluchte Sache mit der Eifersucht der Weiber.
Stelle man dem Weibervolk nicht nach, so erstrecke sie sich auch auf das
Mnnervolk, und am Ende drfe man mit niemand mehr reden als mit seinem Weibe
und dem Hund, doch mit diesem nur halblaut. Das drfe er nicht aufkommen lassen,
und jetzt sei ein Anla, zu zeigen, wer Meister sei. Der gute Uli hatte was
luten hren, und das ist das Verfluchteste, wenn man was luten hrt, aber
weder wei, woher das Luten kmmt, noch was es bedeutet. Die Weiber sind
eiferschtig, das versteht sich, und zuweilen nicht blo auf Mannsvolk und
Weibervolk, sondern wirklich auch auf Hund und Katze. Nun ist es mit dieser
Eifersucht wirklich wunderlich. Eigentliche Eifersucht halten wir kaum durch
uere Mittel zu heilen, weder durch Reizungen noch durch die strengste Treue.
Reizungen machen Krmpfe, und je offenbarer die Treue ist, desto verdchtiger
erscheint sie der Eiferschtigen, scheint Deckmantel von was Geheimem. Diese
Eifersucht kann blo von innen heraus geheilt werden, und zwar blo durch den
Sinn, der von oben kommt, der den Splitter in des Nchsten Auge nicht sieht,
aber den Balken im eigenen, der Mitrauen hat in die eigene Tugend und nicht in
die der Andern, der durch Liebenswrdigkeit zu gewinnen und festzuhalten sucht,
was ein schndes Wesen behandelt wie ein Kind eine Uhr: sie zernichtet, zerstrt
und doch fordert, da sie in regelrechtem Gange gehe und die Stunden gehrig
zeige.
    Dann aber wird wirklich Manches Eifersucht geheien und als Eifersucht
ausgelegt, was es nicht ist. Wenn eine Frau den Mann vor Menschen warnt, sei es
mnnlichen oder weiblichen, wenn sie ihn nicht gern tagelang herumlaufen sieht
oder ganze Nchte schwrmen lt, so kann dieses sehr edle Beweggrnde haben:
Sorge um den Bestand des Hauswesens, Sorge fr die Kinder, Sorge fr Ehre und
Wohlergehen des Mannes selbst. Wir halten dafr, da bei Vreneli die letzteren
Grnde alleine vorwalteten und nicht wirkliche Eifersucht. Wir halten Eifersucht
immer als den Ausbruch des Bewutseins der eigenen Schwche oder der eigenen
Unliebenswrdigkeit, und nun mssen wir sagen, da Vreneli krftiger im
Charakter und liebenswrdiger in seinem Wesen war als Uli, da wir daher Vreneli
nicht der eigentlichen Eifersucht untertan glauben. Uli nun aber nahm es
freilich so, wollte ein Exempel statuieren und erzwang die beiden Paten. Da bei
Vreneli nicht Eifersucht im Spiel war, htte er daraus sehen knnen, da Vreneli
darber nicht wst tat, nicht schmollte. Billig und recht wre es eigentlich,
da eine Mutter, welche das Kind geboren, in derlei Dingen das erste Wort haben
sollte, aber wenn er es erzwingen wolle, nun so dann in Gottes Namen, so solle
er es. Er werde die Leute schon kennen lernen, nur dauern tue es ihns, da das
arme Bubi zwei solche Paten haben msse, von denen es einst denken werde, wenn
es nur niemand wte, da sie ihm zu Gevatter gestanden. Die kindliche Freude an
Ehrenhuptern, welche man zu Paten habe, sei doch so schn und eine gar mchtige
Kraft in kindlichen Gemtern. Aber in Gottes Namen, die Base habe gesagt, man
solle nichts erzwingen, sondern denken, was geschehe, sei sicher gut fr etwas,
und wenn man es recht nehme, diene es zum Besten. Dabei mute es aber an den
Hagelhans im Blitzloch denken und fragen: Es nehme ihns nur wunder, was da Gutes
herauskommen werde, da er des Mdchens Gtti sei, derselbe htte nichts von
sich hren lassen. Aber strenge sei es doch, dachte das Weibchen, da es an
keiner Gevatterschaft so eine rechte, vollstndige Freude haben solle.
    Am Tauftage selbst htte man von dieser Stimmung nichts bemerkt, denn
kreuzlustig war die Gesellschaft und kurz, weiliger htte es nicht zugehen
knnen. Die Drucke, worin die Schnurren und lcherlichen Erzhlungen aufbewahrt
liegen im Gedchtnis der Menschen, war aufgesprungen. Erzhlungen, eine lustiger
als die andere, jagten sich; Joggeli lachte laut auf und die Base fuhr ein ber
das andere Mal mit der dicken Hand ber die Augen, wischte die Trnen aus,
welche das Lachen hineingetrieben, und bat um Gottes willen, man solle doch
aufhren, es versprenge sie sonst. Mit diesen Drucken ists wunderlich, denn es
gibt deren mehrere in der Schatzkammer der Seele; da ist zum Beispiel die
Liederdrucke, die Gespensterdrucke, die Krankheitsdrucke, die Liebesdrucke und
die groe Grmpel- oder Plauderdrucke. Diese letztere ist immer bei der Hand,
offen fast Tag und Nacht, ohne Boden wie der Himmel, und enthlt alles, was wir
vom Nchsten gesehen, gehrt, gerochen, geschmeckt, gefhlt, gedacht, gemeint,
vermutet und geglaubt haben. In dieser kramt man bestndig herum, gibt auf die
freigebigste Weise zum Besten, was man in die Hnde kriegt. Die andern Drucken
dagegen liegen verwahrt und verschlossen, man merkt ihr Dasein oft die lngste
Zeit nicht. Dann, wie von einem Zauberstbchen berhrt, springt die eine der
Drucken bei einem Menschen pltzlich auf, und hervor quillt der Inhalt, und
allgemach gehen bei allen Anwesenden die gleichnamigen verschlossenen Drucken
auf; ihr Inhalt quillt herauf, mischt sich mit dem Strome der Andern. Und wo
dieses Quellen mal begonnen, ist es schwer zu stillen; mit schwerem Seufzen
schlieen diese Drucken sich wieder, denn gro war die Wonne, solang die Quellen
rannen, es war wie ein Suseln aus der Ewigkeit, in welchem die rinnende Zeit,
die ganze Gegenwart vergessen wird, und je schauerlicher der Inhalt der Drucken
ist, desto grer die Wonne, desto mchtiger, er, greifender das Suseln aus
einer andern Welt.
    Es war aber sonderbar, bei Vreneli wollte die Drucke mit den lustigen
Geschichten nicht aufspringen, obgleich es auch eine hatte und zwar eine groe
und wohlgefllte. Wenn den Andern die Lachtrnen die Augen fllten, waren die
seinigen auch voll, aber eine unerklrliche Wehmut hatte sie heraufgetrieben,
und wenn die Base bat, man mchte um Gottes willen schweigen, das Lachen
versprenge sie sonst, htte es auch so bitten mgen, aber aus dem
entgegengesetzten Grunde. Die Wehmut stieg ihm auf, es wute nicht woher, warum.
Als sie da war, machte es entsprechende Gedanken hinein, wie ein Lehrer
Buchstaben oder Zahlen auf eine schwarze Tafel oder eine Dame Menschen, Vieh und
sonst allerlei auf sogenanntes Beuteltuch, ein gelchert Zeug, welches vornehme
und andere Damen mit schnen Dingen flicken. Nicht unkommod wre es fr manchen
Mann, wenn seine gelcherten Strmpfe zuweilen geflickt wrden und nicht einmal
mit schnen Dingen, sondern mit simplem Baumwollengarn oder ebenso simplem
flchsernem Faden. So machte Vreneli sich auch Gedanken und dachte: Es sei doch
eigentlich nicht recht, an einem Taufrage so liederlich und lustig zu sein, das
sei keine Weise fr ein christlich Kind zu einem christlichen Leben. Wenn das
lustige Leben dem Kinde nur nicht angetan werde, da es auch meine, es msse
sein Lebtag so zugehen in Saus und Braus, in Lust und Lachen. Vreneli war
himmelweit von einer Kopfhngerin, aber Vreneli war ein Weib, welches was auf
Ahnungen hielt und meinte, man knnte sich versndigen, dieses oder jenes knnte
einem nachgehen und die Snden der Eltern kmen bis in das zweite und dritte
Geschlecht. Es war weit entfernt zu glauben, man sollte an einem Tauftage nicht
frhlich sein, nicht was Gutes essen und trinken, aber doch alles so in einer
ehrbaren Gsatzlichkeit, so da man der ganzen Gesellschaft es ansehe, da sie
Christen seien und zur Ehre Gottes gleichsam essen und trinken tten und nicht
so wie eine liederliche Wirtshausgesellschaft, welche keinen andern Zweck hat,
als sich lustig zu machen. Es wute der Sache eigentlich keinen rechten Namen zu
geben, und es wre in groe Verlegenheit gekommen, wenn es htte beschreiben
sollen, was ihm nicht recht sei und wie es es eigentlich haben mchte.
    Nur eines wars, was es bestimmt nennen konnte und um welches endlich alle
seine Wehmut zusammenlief und sein Glaube, da man sich versndige und das Kind
es einst ben msse, sich klammerte, und zwar Folgendes. Als es spter war und
die Schmiedin von Aufbrechen sagte, was bekanntlich immer eine geraume Zeit vor
dem wirklichen Aufbruch geschieht, sagte der muntere Wirt: Man solle noch
warten, er htte da noch was, das msse man versuchen, dann wisse man erst, was
Wein sei. Er zog nun Champagner, Haschen hervor, welche er unvermerkt
herbeigeschmuggelt hatte. Nun wehrte man von allen Seiten, er solle doch nicht
aufmachen, man htte bereits zu viel getrunken und was er doch denke, so
kstlichen Wein! Eben, sagte er, msse man den trinken, wenn man vom andern
genug htte, der mache einem dann ganz wohl wieder und leicht, da es einem
dnke, man mchte fliegen. Und als man von den Kosten sagte und wie solcher Wein
nicht in ein Bauernhaus gehre, so sagte er: Darber sollten sie sich keinen
Kummer machen, allweg koste er sie nichts, ihn htte er auch nichts gekostet
oder doch nicht viel. Er htte in Frankreich einen guten Freund, einen ganz
charmanten Herrn, einen so freundlichen, der gemeinste Bauer knnte nicht so
gemein sein mit allen Leuten. Wenn er zu uns kommt, so it er, ihr mgt es
glauben oder nicht, mit uns an einem Tische, wo die Kinder essen und Knechte und
Mgde. Dem komme ich manchmal kommod, er handelt mit Khen, Rossen, Kirschgeist,
kurz mit vielen Sachen. Es ist ein gar grausam vornehmer Herr (die Base
flsterte Vreneli, der und der Tochtermann werden einander wohl kennen), aber
nicht ganz fest mit der Sprache, da mu man ihm zuweilen zurechthelfen. Die
Leute sind gar unverschmt, man glaubt es nicht, und wenn sie ihn betrgen
knnten, sie tten es, und noch dazu Leute, man glaubt es nicht. Aber das tue
ich nicht und das sieht er wohl und erkennts auch. So schickt er mir alle Jahre
was Gutes und dieses Jahr einen Korb Champagner. Man hat ihn in Krben, der Korb
enthlt fnfzig Flaschen, und ihr mgt es mir glauben oder nicht, drinnen
angenommen, kostet die Flasche geringsten zwei Gulden. Es ist aber auch Wein,
der Knig in Frankreich wre froh, wenn er solchen kriegte. Aber er kriegt ihn
nicht, der wird heillos betrogen, der Herr hat es mir erzhlt. Dieser Wein sei
nur fr gute Freunde, hat mir der Freund gesagt. Auf meine arme teure, wenn er
zu uns kommt, er klopft mir den ganzen Tag auf die Achsel, und wie oft er mir
mon ami, das ist auf deutsch mein guter Freund, sagt, knnte kein Mensch
zhlen. Beilufig gesagt war an der ganzen Geschichte nicht ein wahres Wort.
Jedenfalls war der Wein nicht aus Frankreich, sondern aus dem Waadtlande, wo man
auch Champagner fabriziert, aber Champagner, der so schwer im Kopfe liegt wie
dreijhriges Sauerkraut im Magen. Nun aber war es gar schn, wie der Wirt mit
der Flasche umging, mit welchem schmunzelnden Behagen er zeigte, wie die
zugemacht sei. Und dann werden sie noch was hren, sagte er. Bedenklich ward
sein Gesicht, als der Pfropf gelst, es ans Knallen gehen sollte, aber es lange
zweifelhaft blieb, ob es wirklich knallen werde oder ob es nur eine der vielen
Waadtlnder Flaschen sei, welche ein Gesicht machen, als ob sie knallen konnten,
und am Ende doch nicht knallen. Doch endlich sprang der Pfropf, es knallte
wirklich, ja, und mit glcklichem Gesichte sah der Wirt rundum, stillschweigend
fragend: Habt ihr je so was gehrt? Und mit groem Behagen fhrte er sich alle
Verwunderung zu Gemte, welche er auf den Gesichtern sammelte, und prgte sie
tief in sein Gedchtnis, um gelegentlich sie hervorzunehmen und zu zeigen, wie
die Verwunderung aussehe, welche man einmal in einem Bauernhause gemacht, als er
Champagner habe springen lassen.
    Das nun schmerzte Vreneli sehr, da man am Tauftag seines armen Bubli solch
kstlichen Wein trinke, zwei Gulden die Flasche, von dem man sagte, da ihn der
Knig von Frankreich nicht einmal so trinke. Das arme Kind vermge sich dessen
nichts, und doch werde es diesen gottlosen Aufwand mitben mssen, denn Hochmut
komme vor dem Falle. Sie htten kein Vermgen, die Andern nicht viel mehr, und
da knne man doch denken, ob das gut kommen knne, wenn solche Leute solchen
Wein trinken wollten, wo sie ja nicht einmal den Verstand htten, zu wissen, ob
er gut sei oder nicht. Wenn bei Leuten, wie wir sind, solch Aufwand getrieben
wird, was sollen erst die Leute anfangen, welche tausendmal reicher als wir
sind? Einer, der mit solchem Weine kmmt, dem fehlt es entweder im Kopf oder es
wei der Teufel, was er im Sinn hat, allweg nichts Gutes, und wir knnen den
verfluchten Wein vielleicht einmal noch ganz anders bezahlen als zu zwei Gulden
die Flasche. Es fand auch den Wein bitter, ganz abscheulich, whrend die Andern
ihn nicht genug rhmen, freilich heimlicher unwillkrlicher Grimassen sich nicht
enthalten konnten. Es ist allenthalben Sitte, gut zu finden, was kostbar ist,
und schlecht, was wohlfeil ist und was man alle Tage haben kann. Darum sind so
schrecklich viele Leute so schrecklich unglcklich, dieweil sie so schrecklich
dumm sind, da sie meinen, sie mten auch alles Schlechte haben, was viel
kostet, und das Gute verachten, dieweil es wohlfeil ist. Da ist unser lieber
Herrgott gescheuter, und es wre gut, wenn all unsere dummen Leute ein Beispiel
nehmen wrden an ihm und so gescheut werden wrden, wie er es ist. Er hat die
Kartoffel so wohlfeil gemacht, das Brot nicht teuer, lt Kraut wachsen, mehr
als Manchem lieb ist, lt die Khe se Milch geben, und Schlchter lernen das
lteste Kuhfleisch als krftiges Ochsenfleisch verkaufen, lt den rmsten die
khnsten Zhne wachsen, das nahrhafteste Fleisch zu verarbeiten. Was meint man
wohl, wenn unser Herrgott den Armen Austern, Schnecken, Frsche, Konfitren,
Bitterses samt chinesischen Vogelnestern und passabler Limonade wohlfeil
gemacht und darauf sie angewiesen htte? Wre man wohl da, bei, oder wrde man
schreien ber schreckliche Ungerechtigkeit? Was kriegten die Armen bei den
wohlfeilen Frschen und Schnecken, Limonaden und Polnisch Bittern fr dnne
Wangen und lasterhafte Zhne! Wie wrden sie doch wieder schreien nach den
teuren Kartoffeln und dem unbezahlbaren Schwarzbrot! Aber so ist halt die Welt,
hat das ganze Paradies und will halt nichts als pfel vom schlechten Baume, an
welchen man sterben mu. So hatten sie es auch in der Glunggen, grnneten ber
den waadtlndischen Gttertrank und rhmten ihn doch ber die Maen und redeten
ihr Lebtag davon, sie htten Champagner gesehen und sogar davon getrunken.
Vreneli allein sagte, es finde ihn nit e Tfel nutz und man solle ihns ruhig
lassen damit. Der Wirt tat sehr gekrnkt. Mut eine wunderliche Zunge haben,
sagte er, daneben will ich niemand zwingen, es wird schon jemand sein, der ihn
nimmt, und darin tuschte er sich wirklich nicht. Mag sein, sagte Vreneli,
da ich nicht wei, was gut ist, daneben bin ich froh darber. Mich dnkt gut,
was ich habe und was wir vermgen und Gottlob alle Tage, solange wir gesund
sind. Dabei bin ich wohl und habe Ursache, Gott zu danken. Es dnkt mich, ich
mchte es nicht anders, denn was htte ich davon, wenn mich die Krankheit
ankme, nur das gut zu finden, was ich nicht htte und nicht vermchte, eine
Gluste, die ihre Zunge in allem haben mchte, was man selbst nicht hat, aber
Andere. Habe von dieser Krankheit schon gehrt, aber bis dahin geglaubt, sie sei
blo eine vornehme Krankheit. Sollte sie aber auch unter das gemeine Volk
kommen, wie es den Anschein hat, dann gnade Gott den armen Menschen, dann adie
Zufriedenheit, dann wird der Teufel Meister.
    Endlich brachte es die Schmiedin doch zum Aufbruch, obgleich der Wirt sagte:
So sei es in der Welt, wenn es am lustigsten gehe und es einem am besten
gefalle, so msse man aufprotzen und fort. Frher htten sie blo so Flausen
getrieben wie etwa an andern Orten auch, jetzt aber wre das Predigen
angegangen, das wre was Neues gewesen; es htte ihn wunder genommen, dies zu
hren, es scheine ihm, die Frau Gevatterin knnte es noch besser als mancher
halbsturme Pfaff. Er msse sagen, mit dem, was sie da von der Kanzel runter
pralatzgeten, knne er hell nichts machen, er verstehe nichts davon, und in
diesen Zeiten, wo man nicht mehr so dumm sei, werde es den Meisten so gehen; es
nehme ihn wunder, ob er es nicht erlebe, da das Zeug ganz aufhre.
    Vreneli ward bla, da sagte die Base, sie htte auch schon gehrt, da
solche Dinge geredet wrden, selbst sei sie aber nicht dabeigewesen und habe es
nicht glauben wollen; jetzt wisse sie es, es wre ihr aber lieber, sie erfhre
es nicht noch einmal. Dir, Wirt, wird es auch noch anders kommen, entweder hier
oder dort. Wie es dir dann sein wird, wenn du drauen stehst und klopfst und
hren mut: Ich kenne dich nicht, selb wirst dann erfahren, aber leider wird es
zu spt sein. Aber eins will dir sagen: wenn im Winter Stein und Bein gefroren
ist und so recht eisig der Wind durch die dicksten Kleider zieht bis ins Mark
hinein, und es steht ein arm Bettlerkind im dnnen Kleidchen zitternd vor deiner
Tre und bittet um Gottes willen, da man ihns hineinlasse, nur einen
Augenblick, um sich zu wrmen, es msse sonst erfrieren, und man tut ihm die
Tre nicht auf und von innen her, aus tnt eine Stimme: Packe dich fort! Wir
kennen dich nicht, denk, wie es dem armen, bebenden Kinde sein mu, denk, Wirt!
Und doch findet es nicht weit davon eine andere Tre und einen barmherzigeren
Hausvater, sterben mu es noch nicht. Denk, wenn du aber einmal so vor der Tre
dort stehst, zitternd, und klopfst und hrst: Ich kenne dich nicht, so ist keine
Tre fr dich, kein barmherziger Hausvater, es ist der Allerbarmer, der dich
nicht kennen will; denk, wie wird dir dann sein? Ich sehe, die Glunggebuerin
kann das Predigen auch, und wenn unser Pfarrer abgeht, so brauchts keinen
Pfarrer mehr, eine von euch oder abwechselnd knnt ihrs auch machen, und
vielleicht macht ihrs besser und wohlfeiler als der jetzige. Es will niemand
rhmen, da er ein sehr Geschickter sei, daneben frage ich dem nicht viel nach;
lieb ists mir allweg, da meine Frau auf das Predigen sich nicht so versteht, es
knnte mir mifallen! Nun so dann, so wollen wir, schlo der Wirt, der jetzt
zum Aufbruch sehr bereitwillig sich zeigte, den Predigten wollte er entrinnen
und sein Champagner war zu Ende. Die Flaschen nehme ich wieder mit, sagte er,
oder braucht ihr sie zu was? Seine Freigebigkeit hatte ihre Grenzen, wie man
sieht.

                                 Elftes Kapitel


     Von einer Falle, welche Uli abtrappet, aber diesmal noch ohne Schaden

Joggeli hatte das ganze Jahr hindurch Verdru gehabt mit seinen Kindern; der
Tochtermann betrachtete sein Elisi wie ein Schrpfhrnchen, wenn er Geld ntig
hatte, setzte er es dem Vater auf den Hals. Der Johannes dagegen kam selbst
angefahren mit Gepolter und Schnauben und holte seinen Teil unter Donner und
Blitz. Jedesmal, wenn eine solche Operation vornber war, Joggeli in Schmerzen
lag und Lust zu einer Ohnmacht hatte, verschwor er sich hoch und teuer, das
msse die letzte sein, mge es gehen wie es wolle, bei Lebzeiten gebe er keinen
Kreuzer mehr. Und wenn sie wieder kamen, so ging es doch wieder und Joggeli
mute sich am Geldseckel operieren lassen, er mochte sich winden und drehen, wie
er wollte. Als nun die Verfallzeit des Lehnzinses heranrckte, welche Sohn und
Tochtermann kannten so gut als er, war er in groer Verlegenheit, was machen.
Sollte er an Uli wachsen und versuchen, ob derselbe nicht eine Woche oder zwei
frher zahlen wolle, oder aber da er warten solle, bis der Sturm abgeschlagen
sei mit dem Vorwande, der Pchter habe nicht bezahlt und knne nicht bezahlen?
Beides hatte seine zwei Seiten; kriegte er den Zins frher, so hatte er ihn
also, und das ist immer schn, wenn man einmal was hat, aber was dann machen? Im
Hause durfte er das Geld nicht behalten, und brachte er es unter, so mute er
angeben, wo es sei. Sage er das, so ruhten die Hagle, Gott verzeih mir meine
Snde, nicht, bis sie es haben. Das ist ein Elend, jammerte er. Sage er Uli,
er solle nicht bezahlen auf den Termin, so sei das wohl gut, aber dann habe Uli
das Geld und nicht er, knnte es ihm wei Gott wann geben und vielleicht gar ein
Recht daraus machen und alle Jahre spter kommen mit dem Zins, bis er ihm
zuletzt gar keinen gebe. Darauf knne er es also nicht ankommen lassen,
kalkulierte er.
    Endlich scho ihm ein Blitzgedanke durch das Haupt, er rieb mit
vergnglichem Gesichte die Hnde und dachte: Fr solche Gedanken zu kriegen, mu
man Joggeli in der Glungge sein. Man knnte manches Dorf aus laufen, ehe man
einen fnde, dem beifiele, was ihm. Der gute Joggeli war noch nicht zu der
Erfahrung gekommen, was Einflle, auf die man sich am meisten zugute tut, fr
Schwnze haben! Er dachte, er wolle Uli sagen, derselbe solle ihm den Zins acht
Tage zum voraus geben, denselben wolle er gehrig in Sicherheit bringen, und
wenn dann seine Blutsauger kmen, sagen, im Einverstndnis mit Uli, Uli habe
noch nicht bezahlt, er werde den Zins einstweilen nicht geben knnen. Er trug
seinen Gedanken alsbald seiner Frau vor. Was Tfels ersinnest du aber Dummes,
sagte ihm diese, das kmmt nicht gut, zhle darauf. Ich wte eigentlich auch
nicht, wann du etwas gut gefunden httest, was mir beigefallen, es war von
Anfang so und wird so bleiben bis ans Ende. So sprach Joggeli in zornigem
Brummen, drehte sich und ging ab, ging zu Uli und trug ihm den Handel vor. Uli
war das sehr zuwider. Er glaube, sagte er, das Geld knne er geben, aber mit dem
Verleugnen wollte er lieber nichts zu tun haben. Man knne am Ende nicht wissen,
was das fr Folgen haben knne, jeden, falls begehre er keinen Streit mit den
Beiden, denn wenn sie ihm etwa auf den Hals steigen und wst sagen wrden, so
nehme er dies nicht gelassen hin. Habe nicht Kummer, sagte Joggeli, ich will
das schon machen, und Folgen hat es keine, gebe dir eine gesetzliche Quittung
und schreibe es als, bald ein. Es ist ein bloer Gefallen, dich kostet es nichts
und mir ists ein groer Dienst, und etwas wirst mir doch auch tun wollen, oder
meinst etwa, es wre nicht recht? Uli fgte sich, Vreneli hatte nichts dawider,
begehrte blo ber den Alten auf, der immer was erlisteln wolle und Andere
hineinstoen und doch nichts ausrichte, weil er keinen Mut htte, sondern
allezeit das Herz in den Hosen.
    Uli mute ans Rechnen gehen vor der Zeit, und das war ihm sehr zuwider,
nicht deswegen, weil er dachte, es knnte der Pnktlichkeit schaden, wenn er
acht oder vierzehn Tage vor der Zeit die Rechnung schliee. Nein, daran dachte
er gar nicht; so einen Ketzer von Rechnung knne man ja stellen, wie man wolle,
einige Wochen vorwrts oder rck, wrts, wie man wolle, darauf komme es nicht
an, wenn es ihm so recht sei. Akkurat wie er mit dem Zeiger seiner Uhr auf zehn
oder zwlf fahren knne, je nach seinem Belieben, weil es ja seine Uhr sei und
niemand weiters angehe. Aber solch Rechnen war ihm zuwider, solch Rechnen, nicht
alles Rechnen, denn er rechnete eigentlich, wo er ging und stand, wir htten
fast sagen mgen, alle seine Gedanken htten sich ins Rechnen aufgelst; aber er
rechnete im Kopf, was dieses ihm eintragen, jenes kosten wrde, wie viele Malter
er aus jenem Acker machen, wieviel Flachs, wieviel Reps usw., was er davon
beiseitelegen und was er brauchen msse, das ging ihm fort und fort im Kopf
herum akkurat wie ein Mhlrad, kam ihm im Traum vor, machte ihn zuweilen
glcklich, zumeist aber steinunglcklich. Er wollte halt reich werden, viel
gewinnen, stellte daher alle seine Rechnungen auf Gewinn, dachte hauptschlich
blo an die Einnahmen, Ausgaben sah er nicht und dachte nicht daran. Die
Einnahmen sieht der Landmann vor sich in ckern und Wiesen, die Ausgaben kommen
ungesinnet; zerbrochene Wagen, abgesprengte Roeisen fallen nicht zum voraus
ein, und an eine Masse von Haushaltungsausgaben denkt ein Mann, namentlich ein
junger, nicht. Alle diese ungesitteten Ausgaben verdarben immer die Rechnung, er
mute immer von vornen anfangen, verdarb damit alle andern Gedanken und kam doch
nicht zu Ende. Aber auf dem Papier rechnen, zusammenziehen alles, was man
gemacht hat, und zwar so, da es sich treffen soll, ja, das ist was anders, Uli
hatte es erfahren, und obendrein noch so viel Geld zhlen, und zwar so, da man
allemal gleichviel hat, das ist noch was viel anderes, und Uli hatte es
ebenfalls erfahren. Nachdem er einen halben Tag gezhlt hatte und zweimal
endlich die gleiche Summe herausgebracht, fand Uli, da er mehr Geld hatte, als
der Pachtzins betrug, doch ziemlich weniger als im vergangenen Jahre. Es blieben
ihm, wenn er die Schuld abgetragen, noch ungefhr hundert Taler brig, dagegen
hatte er mit Wirt und Mller bedeutend zu rechnen. Der Wirt namentlich war ihm
zwei fette Khe, von denen jede ber sechzig Taler wert gewesen, und vier
Schweine, welche zusammen wohl zwlf Zentner gewogen schuldig, dagegen hatte er
was genommen, aber eben viel nicht; eben darum stunden sie in Rechnung, und Uli
hatte das Geld nicht. Der Mller stand ebenfalls mit Uli in Rechnung fr eine
ganze Menge von allerlei. Uli hatte auch was genommen, aber von ferne glich es
sich nicht aus; da hatte er sicherlich sehr viel zu fordern, aber wie viel,
wute er doch nicht bestimmt.
    Bei solchen Rechnungen, namentlich wo sie en dtail gehen und lange nicht
bereinigt werden, hat es eine ganz verfluchte Bewandtnis; sie sind imstande zu
wachsen, whrend man sie macht, zu einer ganz unglaublichen Gre, ungefhr wie
Blutegel, welche ganz schmchtig sind, wenn man sie anlegt, und fast faustdick,
wenn sie abfallen. Wer mit einem Mller oder einem Wirte in Rechnung steht, der
hat ein ganz verflucht Zeug am Halse. Kriegt er endlich den Mller zwischen die
Knie, um mit ihm zu rechnen, so hat er eine groe Reihe voll Semmelmehl,
Kuchenmehl, Kleien, Spreuer, Taubengrtze, Hhnerfutter, von welchem allem der
Bauer nichts wei. Sagt er dem Mller in hohem Zorn: Donner, von dem allem wei
ich nichts, wird auch nicht sein!, so sagt der Mller: Wirst doch nicht
glauben, ich htte falsch aufgesetzt ? Sieh, mache mich nicht bse, das ist mein
Gebrauch nicht. Das hat deine Magd geholt, welche letzte Weihnacht fort ist, und
dies das arme Mdchen, welches du im vorigen Jahr von der Gemeinde hattest, und
dies der Knecht, welchen du vor vier Wochen fortjagtest; das Eine kam von deiner
Frau gesandt, und ein Anderer sagte, er habe von dir den Befehl, und da schicket
es sich doch unsereinem nicht, solches alles schriftlich zu wollen oder gar auf
Stempelpapier. Was meinst, was wrde deine Frau sagen, wenn die Magd zurckkme
und sagte, der Mller gebe nichts, wenn er es nicht schriftlich von dir htte?
Wer will sich nun an alles erinnern, Und wenn gar die Rechnung sich hinauszieht,
bis Knecht, Kind, Magd fort sind, wer Teufel will alles erforschen? Und wenn man
es zu erforschen versucht, was gewinnt man? Uneinigkeit, Mitrauen usw., und am
Ende bleibt die Rechnung Rechnung; so lang sie war, so lang bleibt sie. Ja, es
ist ein kurios Ding mit solchen Rechnungen, gar Mancher hat sich mit solchen um
Hab und Gut verrechnet; doch das wute Uli nicht, und wenn es ihm schon jemand
gesagt htte, er htte den Glauben nicht gehabt, da es so sein knnte, er
hielt, was er an Wirt und Mller zu fordern zu haben glaubte, wie bar Geld.
    Wenn er Geld, Vorrte, Rechnungen berschlug, hatte er wieder ein gut Jahr
gehabt und mehr gemacht als im vorigen Jahr. Bs htte er gehabt, sagte Uli, ein
Jahr verlebt, er mchte es keinem Hund gnnen, aber es sei doch was dabei her,
ausgekommen, die geringern Dienstbotenlhne seien doch wirksam. Wei nicht,
sagte Vreneli, ob der Gewinn daher kmmt und ob wirklich ein Gewinn da ist.
He, sagte Uli, wenn du weit, was zweimal zwei ist, so sieh, was da ist: so
viel bar und noch so viel in Rechnung. Ja, sagte Vreneli, das Geld sehe ich,
und wenn ich auch das sehen knnte, was noch in Rechnung ist, wre es mir noch
lieber. Da fuhr Uli auf, gab einen bsen Blick von sich und ging hinaus. Haben
es ihm die Ketzer schon so weit angetan, sagte Vreneli, da er blind ist und
man ihm ber sie weniger sagen darf als einem Christen ber seinen Herrgott?
    Diesmal konnte Joggeli mit Behagen sein Geld zhlen und hatte groe Freude
daran. Uli hatte darauf gehalten, schnes Silber zu geben, was Kindern und
andern Leuten den Wert desselben bedeutend erhht, jedenfalls immer ein Zeichen
von Achtung und dem Wunsche ist, in Huld zu bleiben. Als Joggeli es genug
gezhlt hatte, ging die Sorge fr das Verbergen an, welche nicht grer htte
sein knnen, wenn er fremdes Volk, Kosaken, Italiener, eine Nation, welche sich
im Krieg auf das Mausen versteht, erwartet htte. Wie einen Feldherrn, auch wenn
er mit dem grten Vorbedacht seine Dispositionen gemacht hat, immer ein kleines
Herzklopfen anwandelt, wenn die Stunde naht, wo der Feind kommen soll, so hatte
es auch Joggeli, und zwar schon am Verfalltag selbst, am Vorabend groer
Ereignisse, wie er dachte.
    Aber es war der Ereignisse selbst nicht der Vorabend, sondern der wirkliche
Tag. Dem Johannes fiel es ein, wenn er einen Tag frher kme als das letztemal,
kriegte er vielleicht das Ganze. Dem Tochtermann fiel akkurat das Gleiche ein,
denn sie hatten innerlich ungeheure hnlichkeit und uerlich auffallend gleiche
Sympathien, wenn sie auch krperlich kein Haar von einander hatten. Der
Baumwollenhndler glich einem halbverkohlten Schwefelholz, Johannes einem fnf
Fu zehn Zoll langen Krbis. Beide kamen gleich nach, mittags angefahren, und
nicht nur die Rosse schnauften entsetzlich, sondern auch beide Aspiranten,
Prtendenten oder wie man sie sonst nennen will. Jetzt htte Joggeli gern das
Hasenpanier ergriffen. Ware ich nur gegangen, murmelte er fr sich, als es
dahergefahren kam wie das Donnerwetter, noch viel rger, als an einem englischen
Wettrennen die langbeinigen Lords daherrennen. Joggeli hatte es wie ein
Renommist, und zwar hatte er es siebenzig Jahre lang so gehabt und kannte doch
diese Schwche nicht. Er war ein Held weit vom Geschtz oder wenn er hinter
seiner Frau stund, kam er aber auf die Mensur, so kriegte er den Schotter, und
stund nicht seine Frau, sondern ein Mann vor ihm, so drckte er sich gerne
beiseite. Springen htte jetzt Joggeli wenig geholfen, er mute warten. Eben
freundlich empfing er die beiden Herren wirklich nicht, und wenn sie eine Haut
gehabt htten, welche empfindliche Redensarten nicht htte ertragen mgen, sie
wren Beide alsbald wieder abgefahren. Aber Beider Hute waren sattsam gegerbt,
nicht blo in solches Wetter, sondern wenn man Stiefel daraus gemacht hatte, sie
wren ohne besondere Salbe wasserdicht geblieben bis zum letzten Fetzen.
    Es ging nicht lange, so mute er ihnen sagen, er habe den Zins noch nicht
empfangen und werde ihn einstweilen auch nicht empfangen; der Pchter sei nicht
bei Gelde, er habe ihm Stndigung gestattet. Sie sollten doch nicht tun wie
Hunger, leider, welche den Lohn immer zum voraus einzgen. Wenn sie Hungerleider
wren, so sei niemand anders schuld als er, weil er sie Hunger leiden lasse, und
wenn da was zu schmen sei, so komme es an ihn, sagte der Tochtermann und ging
hinaus. Nun setzte Johannes mit Ungestm auf den Vater ein, brach aber pltzlich
ab und fuhr auch zur Tre hinaus. Er hatte durch das Fenster den Schwager
hinber zu Uli gehen sehen und fate alsbald, was der drben wollte, und machte
sich ihm nach. Joggeli lchelte ihm nach, kriegte aber alsbald Angst, Uli mchte
vielleicht mit der Wahrheit ausrcken. Gut sei es, da er ihm die Quittung noch
nicht gegeben, dachte er, er knne es allweg nicht beweisen, und da wten die
Blutsauger nicht, woran sie seien und wem sie glauben sollten.
    Drben ging ein tapferer Lrm an. Erst bi der Baumwollenhndler nach dem
Schwager, was er ihm nachzulaufen habe, darauf fertigte Johannes den Schwager
grob genug ab. Darauf manverierten Beide gegen Uli. Erst kamen sie mit Manier
und wnschten auf Abschlag so viel Geld, als er im Hause htte, es sei des
Vaters Wille und Begehr, da er gebe. Da komme er schn in die Klemme, dachte
Uli, der Alte stelle ihm zum Ausessen die Suppe dar, welche er selbst nicht
mge. Uli entschuldigte sich, er habe nur das ntigste Geld fr die Hauskosten
bei der Hand, am Zins knne er nichts machen; er habe ein bses Jahr gehabt,
Mehreres ausstehen, Anderes nicht verkaufen knnen, so sei es ihm unmglich,
ihnen mit Geld an die Hand zu gehen. Nun redeten die Beiden erst von Lumpenware
und Hudelbuben, so komme man dran, wenn man Leute von der Gasse nehme, da htte
man keine Sicherheit, die machten sich nichts daraus, mit dem Schelmen
davonzugehen. Das kam Uli ber den Magen. Wenn es mit dem Schelmen davongelaufen
sein msse, so sei er in alle Wege der Letzte von ihnen Dreien, welcher laufe,
sagte er. Zuletzt, sagte der Tochtermann, ist das ein abgeredet Spiel, sie
stecken Beide unter einer Decke. Es war schon lange der Gebrauch hier, die
Kinder zu betrgen zum Besten von Lumpenpack, welches uns unsere Sache
abstiehlt. La sehen, du Hagels Lehenmannli, jetzt gib Bescheid, kurz, Ja oder
Nein. Hast bezahlt oder nicht bezahlt, Wir wollen wissen, woran wir sind. Uli
stutzte, sagte aber bald, mit ihnen htte er nichts zu tun; ob er bezahlt habe
oder nicht, gehe sie nichts an, sie sollten ihre Wege gehen, ihn ruhig lassen,
die Sache mit ihrem Alten ausmachen Johannes htte beinahe an Uli seine Kraft
versucht, denn von einem Fremden lasse er sich aus seinem Hause weder stellen
noch weisen, sagte er. Aber Uli sagte, er gedenke weder das Eine noch das Andere
zu tun, aber plagen um etwas, welches sie nichts anginge, lasse er sich ebenso
wenig, und wenn sie nicht gingen, so ginge er. Da sagte der Tochtermann: Zanken
mit dir wollen wir nicht lange, aber zhl darauf, innerhalb einer Stunde wissen
wir, woran wir sind, und wollen dich dann in den Schraubstock spannen, da du
nach Gott schreien lernst. Du sollst es erfahren, wie es so einem vierschrtigen
Kuhstrumpf ergeht, der sich einfallen lt, Leute von unserm Schlage zum Besten
haben zu wollen. Warte nur, Brschli, du wirst froh sein, andere Saiten
aufzuziehen. Darauf ging er ab, husch Johannes ihm nach.
    Das Horchen ist auf dem Lande nicht halb so verpnt als in den Stdten. Man
hat meist vergebene Mhe, wenn man Mgden das Schmhliche, welches darin liegt,
begreiflich machen will. Weiber behaupten frmlich das Recht dazu zu haben, so
gut als zum Schlssel zum Bureau, denn wo Zwei Eins sein sollen, wie sollte da
ein Geheimnis zwischen ihnen sein knnen! So hatte auch Vreneli gehorcht, und
als die beiden Unholde abgefahren waren, kam es mit der Frage auf Uli zu: Du
hast doch eine gesetzliche Quittung? Nein, sagte Uli, Joggeli hatte nicht
Stempelpapier, und seither ging die Zeit herum, ich wute nicht wie, und daran
mahnen durfte ich ihn nicht. Du bist doch ein Tropf, nimm es mir nicht bel!
Aber gehst, sagst, du habest nicht bezahlt, hast keine Quittung in Hnden, und
Joggeli ist Joggeli, du solltest ihn doch kennen. Was die jetzt mit ihm anfangen
und wozu sie ihn ntigen, das wei Gott. Achthundert Taler ohne den Zins fr die
Schatzungssumme kannst du verklappert haben mit einem Worte. Da ward es Uli
katzangst, sein Mund tat nichts als donnern, auf der Stelle wollte er hinber.
Nein, sagte Vreneli, jetzt gehst nicht, mache dich nicht selbst zuschanden!
Ich gehe zur Base, da sie aufpasse, was vorgeht; sie lt uns nicht betrgen,
und ists ntig, kann sie dich rufen.
    Als die Base hrte, worum es sich handle, entrannen ihr aber einige
herzhafte Seufzer ber das Mannevolk, wo Keiner was rechts, sondern wer nicht
Esel, Schelm sei, und sagte: Sei nur ruhig, denen will ich den Marsch machen,
da es eine Art hat. Aber sage Uli, ein Lmmel sei ein Lmmel, und wenn er einer
bleibe, so knne er sich und Andere plagen mit Arbeit und Sparen und doch
zuletzt im Winter barfu laufen und ein schn Liedlein pfeifen, statt eine warme
Suppe essen. Alsbald begab sich die Base auf die Lauer und vernahm an der Tre,
wie der Tochtermann vorbrachte: Sie mten allerdings glauben, der Zins sei
nicht bezahlt, ob mit Gutheien vom Schwher oder nicht, sei ihm gleichgltig,
er verlange blo eine Anweisung auf Uli, er wolle dann sehen, ob er Geld kriege
oder nicht, er kenne solche Geschfte. Johannes ging pltzlich ein Licht auf, es
war das erstemal, da er eine Art Respekt vor dem Schwager kriegte. Er wolle
auch eine, brllte er, der Teufel solle ihn lotweise zerreien, wenn er vom
Platze gehe, ehe er eine htte. Erst weigerte sich Joggeli mit allerlei
Ausflchten, als aber die Andern immer heftiger in ihn drangen, ward sein
Widerstand schwcher. Die Base an der Tre dachte: Was Tfels ist ihm aber in
Sinn gekommen. Er ist Hunds genug, er tuts. Richtig, endlich ging Joggeli nach
Tinte und Papier und suchte die bessere Brille, welche er seither angeschafft
hatte.
    Da tat sich die Tre auf, die Base trat ein. Es verzogen sich rgerlich oder
verlegen alle Gesichter, sie aber lie sich dies nicht anfechten, sondern sagte,
es nehme sie wunder, was es gebe und was da geschrieben werden solle? Sie mute
zweimal fragen, da munkelte Joggeli: Nicht viel anders. Der Tochtermann aber
sagte: Der Vater sieht ein, was recht ist, und tut, was der Brauch ist. Es ist
in allen vornehmen Husern der Fall, da die Eltern, wenn sie alt werden, nicht
mehr kapitalisieren, sondern ihre Ersparnisse den Kindern austeilen, weil
jngere Leute das Geld besser zu nutzen verstehen. Da will der Vater so gut sein
und uns Anweisungen auf den rckstndigen Pachtzins geben. Welch rckstndigen
Pachtzins? frug die Base. Geh, Frau, sagte Joggeli, la uns machen, die
Sache ist bald richtig, mach da wir dann was zu essen und zu trinken haben.
Essen und Trinken ist da und die Sache ist richtig, denn du schreibst die
Anweisungen nicht, sagte die Base. Joggeli wollte ihr zublinzen, der
Tochtermann sagte: Aber Mutter, wollt Ihr denn wster gegen uns sein als der
Vater? Ihr waret sonst Eurer Kinder Sttze, und jetzt redet Ihr wider sie. Warum
wollt Ihr uns z'bst sein? Was haben wir Euch zuwider getan? Warum? Darum,
sagte die Base, weil der Zins bereits bezahlt ist, ihr ein Hudel- und
Schelmenpack seid, Alt und Jung, und ich nicht zugeben will, da unter meinem
Dache solche Schelmenstcke verbt werden. Mutter, das sind Flausen, sagte
der Tochtermann, der Pchter hat selbst gesagt, er habe den Zins nicht bezahlt,
und so was sagt man sonst nicht, wenn es nicht wahr ist. Er zeige uns die
Quittung, wenn wir es glauben sollen; der Vater wrde auch nicht Anweisungen
schreiben, wenn der Zins bezahlt wre, so schlecht ist der Vater nicht. Was er
ist, das wei ich nicht, sagte die Base, aber der Sache will ich ein kurzes
Ende machen, schreibt dann meinethalben Anweisungen ein ganz Fuder voll.
    Rasch ging sie zum Bette, warf den untern Teil auf den obern zurck, zog aus
dem Strohsack einen schweren, klingenden Beutel, den sie kaum heben mochte,
sagte, das sei die rechte Quittung, und wenn die sei, wo sie hingehre, so werde
die Sache sich schon machen. Ehe die Andern recht wuten, was geschah, war sie
zur Tre hinaus. Unter der Haustre sah sie Vreneli, welches aufgepat hatte,
stellte den Beutel ab und winkte. Rasch war es drben. Nimm, lauf, der Atem
fehlt, sagte die Base. Vreneli nahm, lief und war in ihrem Hause, ehe die
Andern sich gefat hatten und nach, gestolpert kamen. Nun, das Ende vom Liede
war, da Joggeli wieder um den grten Teil des Geldes kam.
    Aber Base, sagte Vreneli, ist der Vetter wirklich so schlecht, da er
begehrte, arme Leute um Hab und Cut zu bringen, ihr Eigentum ihnen abzuleugnen?
Nein, so schlecht ist er nicht, sagte die Base, aber so ist er, da er alles
macht, um das Unangenehme von sich ab und auf Andere zu walzen, und wenn dann
was Schlechtes daraus entstnde, so wrde er sagen, er vermge sich dessen
nicht, sondern der oder jener sei schuld daran. Warum habe zum Beispiel Uli
selbst gesagt, er htte den Zins nicht bezahlt? Dazu habe ihn niemand gezwungen,
ihm htte es in Sinn kommen sollen, was daraus entstehen knne; er mische sich
nicht darein, die Andern, wo was mit einander htten, knnten es ausmachen.
Aber Base, ist das recht? fragte Vreneli. He, das weit, antwortete
dieselbe, aber ists gescheut von Uli, keine Quittung zu haben und zu sagen, er
habe nicht bezahlt Geflligkeit hin, Geflligkeit her, Wahrheit ist Wahrheit; er
sollte sich doch nicht in Sachen einlassen, welche er nicht versteht und von
denen er nicht wei, wie weit sie gehen. Mit solchen Lumpensachen kann man nicht
blo um Hab und Gut, sondern auch um den ehrlichen Namen kommen.. Base, Ihr
habt recht und mir macht solches Kummer; Uli mchte gerne der Gute sein, lt
sich gerne zum Groen machen, und je schneller er reich wre, desto lieber htte
er es. Es scheint mir oft, der Teufel habe eine Angelschnur mit drei Haken nach
ihm ausgehngt, an welcher noch hngen bleibt, wei Gott. Base, ich habe einen
Kaffee gemacht, bleibt bei mir; drben habt Ihr doch bse Gesichter, hier mchte
ich Euch zu hunderttausend Malen danken, und Uli htte auch Ursache dazu.
Nein, mu hinber, gucken, was es gibt, schlimm wird es nicht gehen. Ich habe
ein gut Gewissen, sie bse, ich mache ein keck Gesicht, und sie wissen nicht,
welche sie schneiden sollen. Wenn ich komme, so werden sie lange schweigen,
endlich viele Redensarten ins Feld fhren, wie sie ja keinen Betrug im Sinne
gehabt, und wenn ich das erstemal hinausgehe, kmmt mir Johannes nach und sagt:
Mutter, du bist immer die Beste, httest mir nicht noch einen schnen Kram fr
Trients, das Pflaster ?
    Kaum hatte der Johannes gemacht, wie die Mutter es vorausgesagt, kam der
Tochtermann, htte die Mutter gerne gestreichelt und gehtschelt, wenn sie nicht
drei Schritte rckwrts gegangen wre, und sagte, ob sie ihm nicht was Gutes
htte fr Elise: einen Schinken, eine Wurst, Kse, Butter usw.; Elise liebe
derlei Dinge sehr und er gnne sie ihm von Herzen, zuweilen sei sie etwas
wunderlich, aber er habe die Hoffnung, mit Ernst sei sie ganz zu kurieren. Ernst
sei gut, sagte die Mutter, aber mit der Fnffingerkur solle er nicht mehr
probieren, in St. Gallen oder wo er daheim sei, die Menschen noch halb wild
seien, da sei sie vielleicht gut, aber im Bernbiet schlage sie schlecht an, man
nehme sie von der Regierung nicht an, geschweige denn so von einem
halbbaumwollenen Mannli. Probiere sie eine Regierung, so knne sie darauf
zhlen, ehe ein Jahr umgehe, liege sie im Graben. Aber das gutmtige Wesen tat
ihr doch wohl, der Tochtermann ging auch bei ihr nicht leer aus. In Gottes
Namen, dachte sie, Elisi hats desto besser, und da ich an nichts schuld sei,
will ich nicht sagen. Wir mchten einen hohen Preis auf die Beantwortung der
Frage setzen, wie arm eine Mutter sein msse, da sie fr das Kind, welches ihr
oder fr welches man ihr ans Herz klopfe, nichts mehr zu geben habe.
    Vreneli suchte den Zuspruch der Base Uli beizubringen, aber er war nicht
mehr empfnglich dafr; er sah den Fehler selten mehr auf seiner Seite, war in
einen Widerspruchsgeist hineingeraten, der schwer zu bekmpfen ist, wo er sich
einmal eingebrgert hat. Es sei bse, wenn man nicht mehr den Nchsten trauen
knne, sagte er, brigens sei die Geschichte lange nicht so gefhrlich gewesen,
wie sie ausgesehen. Joggeli habe nur die Beiden vom Halse schaffen, Ruhe haben
wollen, wenn sie fortgewesen, htte er ihm die Quittung gegeben; wenn auch das
nicht, so wre die Sache, wenn sie zum Proze erwachsen, bald aus gewesen, so
viel kenne er von der Sache. Uli, das glaube doch nie, sagte Vreneli, die
Prozesse kriegen eigene Kpfe, laufen meist ganz anders, als der Mensch in
seinem Kopfe gehabt. Was man sich ganz kurz gedacht, wird lang, lang, lnger als
ein Bandwurm, und nimmt kein Ende. Vor den Prozessen mu man sich hten, wahr
sein, lauter, in keine Kniffe und Anschlge sich einlassen, alles rund abmachen.
Ist man einmal darin, ist man auch nicht mehr Meister. Man kann nicht vor
allem sein, sagte Uli, ungesinnt wird man in einen Proze verflochten, und
wenn man zu allem Ja sagen wollte, was Andere vor, sagen, kme man lustig weg.
Ja, sagte Vreneli, vor allem kann man nicht sein, aber vor dem httest sein
knnen, und gerade das war so eine Geschichte, welcher man htte eine Nase
drehen knnen, wie man sie haben wollte. Wenn die Beiden geschworen htten, du
httest selbst gesagt, du seiest den Zins noch schuldig, was meinst dann? Ah
bah, das verstehst du nicht, sagte Uli und ging weiter.

                                Zwlftes Kapitel


                                Dienstbotenelend

Anfangs war Uli mit seinem Dienstbotenpersonal so bel nicht zufrieden gewesen.
Er glaube, er habe es getroffen, es gehe besser als im letzten Jahre, sagte er
zu Vreneli. Rhme nicht zu frh, sagte Vreneli, neue Besen kehren gut.
Natrlich plumpst so ein neuer Knecht oder eine neue Magd, welche zur zweiten
Abteilung der dritten Klasse gehren, nicht so mit allen Lastern zur Tre
herein. Der Knecht macht ein Sonntagsgesicht und stellt sich gut nach Vermgen,
teils will er ein gutes Vorurteil fr sich erwerben, teils mu er doch erst die
Gelegenheit erkundschaften, die Faden suchen, sein alt Leben am neuen Orte
anzuknpfen. Zudem mag in Manchem wirklich der Sinn sich regen, anders tun wre
besser, so komme es am Ende doch nicht gut. An einem neuen Orte, wo die alten
Gefhrten, die alten Gelegenheiten fehlten, er das Auslachen nicht zu frchten
htte, liee es sich schon tun. Er nimmt sich zusammen, tut gut einige Wochen,
bis der Teufel ihm nachgeschlichen ist, ihn wieder gefunden, neue Gelegenheit
bereitet hat, die Begierden im Leibe recht gierig und hungrig geworden sind; da
geht es wieder los, und der neue Besen ist handkehrum zum alten geworden.
    Das erfuhr Uli allgemach. Uli hate das Rauchen in der Scheuer und bei der
Arbeit. Auf die Mahnung des Bodenbauers hatte er es sich nach und nach abgewhnt
und sich sehr wohl dabei befunden; jetzt, da er Meister war, begriff er erst
recht, wie lstig und unangenehm dasselbe einem Meister ist. Wenn man alle Hnde
voll zu tun hat, jeder versumte Schritt von so groem Nachteil ist, und
gelassen klopfen Knechte und Tagelhner die Pfeifen aus, stopfen ein, reichen
sich gegenseitig den Tabak, versuchen Feuer zu machen, erst mit Zndhlzchen,
welche sie in offener Tasche tragen, endlich, wenn das nicht gehen will, mit
abgenutztem Feuerzeug, und wenn endlich alle Feuer erhalten, einer wieder
spricht: Du, gib mir wieder Feuer, es ist mir erloschen, und wenn der endlich
hat, ein Zweiter, ein Dritter sagt: Du, gib mir Feuer, es ist mir erloschen,
was da fr angenehme Empfindungen dem Meister in alle Glieder fahren, erfuhr er.
Wenn er dazu rauchen sieht um das Heu herum, ins Stroh die Pfeifen ausklopfen,
die Zndhlzchen hinwerfen sieht, wo es sich eben trifft, da kmmt zum rger die
Angst, was aus solchem Leichtsinn werden solle. Wie unendlich viele Huser sind
durch diese Ursachen abgebrannt, von denen man hintendrein sagte, sie seien
angezndet worden! Bei einer allflligen Untersuchung ergeben sich keine
Ursachen des Brandes, man nimmt also einfach Brandstiftung an, das ist wirklich
das Simpelste. Ein Knecht wird natrlich nicht sagen, er habe beim Heursten
geraucht, habe Zndhlzchen verloren, er wisse nicht wo, habe die Laterne mit
den Fingern geputzt und den glimmenden Docht in den Mist geworfen, der
mglicher, weise trocken habe sein knnen. Das alles und noch viel anderes,
woraus ein Brand entstehen kann, vernimmt man nicht. Da nun die dickkpfigen
Juristen dieses nicht begreifen, auf der andern Seite an keine Wunder glauben,
so finden sie, in Erwgung, da sie sonst nichts wissen, sich veranlat,
Brandstiftung anzunehmen. Uli hate also jetzt das Rauchen mehr, als er es
frher geliebt, fragte die Knechte, wenn es ums Dingen zu tun war, ob sie
rauchten. Wenn einer sagte: Ja, aber nicht da es ihn zwinge und er meine, es
msse sein; so am Feierabend habe er gerne sein Pfeifchen oder am Sonntage statt
eines Schoppens, so sagte Uli: Dawider knne er nichts haben, lieber wrs ihm
freilich, es wrde gar nicht geschehen. Aber bei der Arbeit und in der Scheune
wolle er es durchaus nicht haben, das sage er rundweg. Begreiflich, sagte der
Knecht, das verstehe sich von selbst, hatte aber natrlich keinen Augenblick im
Sinn, auch also zu tun.
    So hatte er es auch mit dem Karrer gehabt und der auch gesagt: Das versteht
sich von selbst. Nun aber merkte Uli, da derselbe sein Wort nicht hielt,
sondern mehr und mehr bei der Arbeit rauchte, und starken Verdacht hatte er, er
rauche auch abends oder morgens, wenn er glaube, der Meister komme nicht dazu,
im Stalle. Wenn Uli kam unversehens, sah er natrlich keine Pfeife mehr, und
wenn er fragte, wer geraucht habe, er rieche Tabak, so erhielt er zur Antwort,
man wisse es nicht, es sei vielleicht jemand rauchend vorbergegangen. Sah er
ihn rauchen und mahnte, es wre ihm lieber, es geschehe nicht, so steckte der
Karrer anfangs schweigend die Pfeife in die Tasche, spter sagte er, sie sei
bald ausgebrannt, endlich meinte er: Oh, ein Pfeifchen werde doch wohl erlaubt
sein, er htte noch keinen Meister angetroffen, der so unvernnftig in der Sache
gewesen. Der gute Karrer war durchaus ungebildet, aber er kannte aus Instinkt
die Art und Weise, wie man in Gesetz und Ordnung einbricht und am Ende sie mit
Fen tritt. In Friesland dem Meere nach, im Emmental der Emme nach sind Deiche
oder Dmme; lt man in einem solchen Damm ein Mauseloch unverstopft und
unverstampft, so kann man darauf zhlen, es geht nicht lange, so bricht durch
das kleine Lchlein die gewaltige Flut, reit es auf zu weitem Bruch, bringt
Graus und Zerstrung ber das dahinter liegende Land.
    Es ist wirklich sehr schn, wie es zugeht in der Welt! Erst kommen Mrder,
Diebe und sonstige Spitzbuben von allen Sorten und machen in Gesetz und Ordnung
die Mauselcher, dann kommen Richter mir blden Augen, bldem Verstand und
bldem Gewissen und bersehen die Mauselcher, und hintendrein kommt die
Springflut sturmkpfiger Juristen, reit Gesetz und Ordnung ein, beweist aus der
Vernunft, klar wie eine Wurstsuppe, da Gesetz und Ordnung unvernnftig seien,
Hemmschuhe der Humanitt und des entschiedenen Fortschrittes, und machen Platz
der aufgewhlten Grundsuppe des menschlichen Herzens, der tierischen
Begehrlichkeit, welche dem reinen Lichte, welches in schwarzen Wolken den
Regenbogen bildet und in der trben Welt ein tausendfltig Farbenspiel, hnlich
ist. Denn das Tierische im Menschen ist berall im Herzen das gleiche, whrend
es die Welt berhrend in hundert und abermal hundert Brechungen schillert, eine
schmutziger als die andere. Von der allerschmutzigsten jedoch wrde so ein
rechter Jurist von der wahren Sorte aus der reinen Vernunft auf das Klarste
beweisen, da sie der reinste Ausdruck des wahren Menschlichen sei, rein wie das
reinste ungebrochene Sonnenlicht. Es ist merkwrdig, wie die Resultate der
hochgebildetsten Juristen mit dem einfltigen Instinkt eines ungebildeten, rohen
Karrers zusammentreffen. Die Extreme berhren sich, sagt ein Sprchwort; knnte
man vielleicht nicht auch sagen, sie fielen in eins zusammen und deckten sich
wie gleichschenklige Dreiecke?
    Uli verstund das Ding noch nicht so recht, was ihm nicht zu verbeln ist,
verstehen es doch dato mancher Knig und manches Volk nicht. Er wollte nicht der
Wstest sein, nicht noch mehr verbrllet werden, als er bereits war; er hielt
den Karrer nicht einfach an seinem Versprechen, sprach nicht: Entweder oder,
folg oder marsch; er frchtete, das knnte inhuman, illiberal geheien werden.
Er verschluckte schrecklichen Zorn, drckte nur hie und da und noch dazu halb
verbissen ein zornig Wort hervor, kriegte dazu noch Angst und Bangen. Uli merkte
nach und nach auch, da der Karrer ein frmlicher Trinker war. Im Wirtshause sa
er nicht viel, die Glungge stund abhanden, und die gndige Obrigkeit war noch
nicht so ungndig gewesen, dem Glunggenbauer gegen seinen Willen eine
obrigkeitliche Zersittlichungsanstalt vor die Fenster zu setzen. Freilich, wenn
er mit dem Zug auf der Strae war, kam er selten nchtern heim. Merk, wrdig
war, wie er allemal, wenn er einen Stich hatte, mit der Peitsche ganz eigen
knallte, so da Uli von weitem hrte, was Trumpf war, und nachsehen konnte. Aber
besonders daheim war er angestochen, roch nach Branntenwein auf Schussesweite,
setzte die Beine auseinander und verstellte zu beiden Seiten wie ein Matrose,
der drei Jahre hintereinander ununterbrochen zur See gewesen. Uli stellte ihn
zur Rede, er mchte doch wissen, was das zu bedeuten htte. Da begann der Karrer
gar wehlich zu wimmern, wie er einer grausamen Krankheit unterworfen sei,
Magenkrmpfe sage man ihr. Es sei akkurat die gleiche, an welcher der Bonaparte
gestorben. Er htte gemeint, er msse sich totkrmmen, kein Doktor habe ihm
helfen knnen. Da sei einmal einer zu ihm gekommen, ganz ungefhr, und habe
gesehen, wie er tun msse, wenn die Krmpfe ihn ankmen. Der habe gesagt, er
wolle ihm schon helfen, das seien eben akkurat die gleichen Krmpfe, welche der
Bonaparte gehabt, Magenkrebs sage man ihnen. Htte er es zu rechter Zeit
vernommen, so htte er Ro und Wgeli genommen und wre zu ihm gefahren; dem
htte er helfen wollen, da wre er ein reicher Mann geworden. Als er es
vernommen, sei er schon tot gewesen, da htte er begreiflich nichts mehr machen
knnen. Aber wenn er jemanden helfen knne, so helfe er, und wenn ich wolle, so
wolle er mir auch helfen. Was habe ich anders wollen? Wenn ein Mann wie der
Bonaparte dran hat sterben mssen, was hatte ich zu er, warten? Ihr, Meister,
Wit nicht, was solche Krmpfe bedeuten, wo es einem ist, als htten zwei
Wschweiber den Magen in den Hnden und drehten ihn und drehten ihn, und wenn
sie mit den Hnden nicht mehr mgen, mit Stcken, da man meint, die Seele fahre
zum Hirn aus. Ich nahm also das Mittel, es ist starkes Zeug, es gleicht dem
Wacholderbranntwein; wenn ich davon nehmen mu, wei ich oft lange nicht, stehe
ich auf dem Kopfe oder auf den Fen. Aber was sein mu, mu sein, und Ihr
werdet es mir nicht verbieten wollen, so unvernnftig war noch kein Meister, bei
welchem ich gewesen. Was sollte Uli machen? Sollte er so unvernnftig sein, wie
der Karrer noch Keinen getroffen Er konnte unter Angst und Bangen Tag und Nacht
nachsehen, damit kein Unglck geschehe und er eine Gelegenheit finde, den Kerl
fortzujagen, ohne ihm den ganzen Jahrlohn bezahlen zu mssen.
    Whrend Uli mit dem Karrer seine Nten hatte und sie seiner Frau nicht
merken lassen durfte in zusammenhngen, der Rede, hchstens in einzelnen
Ausrufungen, stund Vreneli andere Qualen aus und mochte sie Uli auch nicht
klagen; es frchtete, nicht Glauben zu finden, weil es nicht Beweise hatte. Es
suchte welche. Vreneli merkte nmlich, da etwas geschehen msse im Stalle mit
der Milch. Es schien ihm, es werde nicht gemolken wie sonst. Es wollten ferner
im angehenden Frhjahr die Hhner nicht legen, wie man es sonst gewohnt war. Es
konnte nicht recht glauben, da sie ihre Natur gendert und zu dem Korps sich
geschlagen, welches nur fressen will und nichts dafr tun.
    Vreneli war eine von den Hausfrauen, welche nicht mi, trauisch sind, aber
es im Gefhl haben, wenn etwas nebenausgeht. Sie haben die zweite Art von
Instinkt, welcher nicht sowohl angeboren als von Jugend auf angewhnt wird, eben
wenn man von Jugend auf bei einer Sache ist. Es warf natrlich sein Auge auf den
Melker, Mdi, seine Adjutantin, untersttzte es getreulich, aber sie konnten
nichts erkunden. Der Melker war eine bequeme Natur, machte nicht mehr, als er
mte, und tat so liederlich er durfte, ohne ausgescholten zu werden. Aber er
war nicht undienstfertig, brauchte gute Worte, kurz er hatte etwas, welches
namentlich dem Weibervolk gar nicht unangenehm ist. Er war oft nachts nicht da,
heim, doch am Morgen zumeist zu rechter Zeit da, so da weiter nicht viel gesagt
werden konnte. Man mute es als eine Unart betrachten, welche leider noch Viele
haben. Da der Melker unschuldig schien, die Hhner aber wie verhexet, begann
Vreneli Verdacht auf Marder oder auf Katzen, welche zuweilen auch Eierliebhaber
sind, zu werfen, obschon man keine Schalen fand. Es war stark die Rede von
Beizen, Fallenstellen usw. Da solche Maregeln zumeist lange in Rede stehen, ehe
sie zur Ausfhrung kommen, werden sie oft durch etwas Unvorhergesehenes ganz
berflssig gemacht.
    Wie gewohnt, kam einmal die Eierfrau und htte gerne eine mchtige Ladung
Eier gekauft fr einen Bcker, welche; das Backwerk zu einer groen Hochzeit zu
liefern hatte. Vreneli konnte wenige geben und klagte seine Not. Wenn es an
Hexen glaubte und eine in der Nhe wte, so mte es jetzt glauben, da man es
den Hhnern antun und das Legen verhalten knnte. Da meinte die Eierfrau:
Vielleicht da sie ihm ber den Marder, welcher seine Eier fresse, kommen knne,
oder ber die Hexe, welche das Legen verhalte. Sie htte einen Ton gehrt, wenn
was dran sei, so wrde der Marder sich bald finden. Vielleicht da sie ihm schon
das nchste Mal Bericht geben knne. Mehreres wollte sie durchaus nicht sagen.
Gar lange ging es nicht, so kam sie wider und zwar mit einem Gesicht, welchem
man es von ferne ansah, hinter dem stecke eine wichtige Botschaft. Hr sagte
sie zu Vreneli, ich kann dir drauf helfen, aber bei Leib und Leben verrat mich
nicht. Nachdem das Versprechen in bestmglicher Form abgelegt war, rckte sie
aus: Drben im Mhlengraben stehe ein Huschen am Walde, man knne dazu und
davon, es sehe es kaum ein Mensch. Dort sei nach dem Neujahr ein Mensch
eingezogen, angeblich eine Wollenspinnerin, aber sie sei die meiste Zeit daheim,
mit Arbeit viel verdienen werde sie nicht. Doch lebe sie gut. Es rieche manchmal
so gut ums Huschen, als ob Englnder da wohnten mit einem vornehmen Koch.
Pfannkuchen, Eierbrot und dergleichen knne man alle Tage riechen, und Kaffee
mache das Mensch des Tags wenigstens dreimal. Lange habe man geglaubt, es trinke
ihn schwarz, denn es kaufe selten fr einen Kreuzer Milch und wo es die Eier
hernehme, habe man lange nicht begriffen. Hhner habe das Mensch keine,
herbeitragen htte man auch keine gesehen. Die Leute htten bald geglaubt, es
lege sie selbst, und htten ihm das gerne abgelernt, denn kommode wrs; fr eine
Hexe htte es ihnen wohl jung geschienen und zu wenig Runzeln an den Backen
gehabt und Krpfe am Hals. Nicht da es gar jung und hbsch sei, aber ein
appetitlich Weibervolk, eine muntere Witwe im besten Alter, wie sie am
liederlichsten seien. Sie htten ihr aufgepat und endlich ihr Leghuhn entdeckt.
Es komme ein Mann zu ihr und von dem komme alles, Milch, Eier, und sie wollten
sagen, noch mehr Sachen. Der Bursche ist von der Gre Euers Melkers, das
Gesicht konnten sie noch nicht sehen, er kmmt spt und geht frh, aber nicht
den Weg, welcher hier, her fhrt, daneben kann er einen Umweg machen, um auf
falsche Spur zu leiten, wie ich glauben mu. Von wegen dir zulieb, Fraueli, war
ich mal selbst dort, wo er frher diente, und frug unter der Hand nach, warum er
dort fortging. Da hie es nun, wegen einem Mensch, dem er alles zutrage, was er
erreichen mge; aber er wisse die Sache schlau anzufangen, denn sie htten ihn
nie darob erwischen knnen. Was sie ihm blo auf den Verdacht hin zugemutet,
habe er abgeleugnet, da sie ihn bald htten besser machen mssen, als er sein
Lebtag je gewesen sei. Nun sei dort das Mensch mit ihm verschwunden, und es
werde nicht fehlen, er werde dasselbe an irgend einem Orte in seiner Nhe
haben.
    So berichtete die Eierfrau. Das war eine schne Geschichte. Also im Rostall
war es nicht sauber, mute wegen Tabak und Magenkrmpfen aufgepat werden, im
Kuhstall war es nicht sauber, dort ging es an Milch und Eier, das war doch wohl
viel auf einmal. Vreneli mute es Uli sagen, der ward anfangs bse und meinte
nur, Mdi rupfe dem Melker was auf. Es hasse ihn, weil es denselben lieben
mchte und der Melker dieser Liebe nichts nachfrage. Er wisse selbst, wie das
gehe, und der Melker habe so was merken lassen, wenn auch nicht gerade
herausgesagt. Da stellte indessen Vreneli ab und sagte: Es nehme ihns wunder, ob
es keine Wahrheit mehr sagen knne und auf einmal nichts verstehe. Nicht Mdi
habe es aufgerupft, sondern es selbst habe gesehen, da da was nebenausgehe,
nachgefragt und nun so und so Bericht erhalten. Glaube er nicht daran, so solle
er mal selbst hingehen und Nachfrage halten, von wegen die Sache sei zu wichtig,
als da man sie so hingehen lassen knne ein ganzes Jahr lang. Uli pate dem
Melker auf, konnte aber hell ber nichts kommen. Der Melker hatte keine Art von
Gef im Stalle beim Melken als das bliche, man mochte dazukommen, wenn man
wollte, oder ihn belauschen von der Futtertenne aus. Man sah auch nicht das
geringste Verdchtige, und Uli ward unwillig, htte fast Verdacht gefat, das
Unrichtige komme von ganz anderer Seite her.
    Da kam einmal ein schner Sonntagnachmittag, und Mdi trug sein
Herzkferchen, das kleine Vreneli, an der schnen Sonne herum, stellte es auf
den Boden, lie es trppeln und stampfen, segelte mit ihm in der Richtung, nach
welcher das kleine Ding mit den Fchen strebte, mit den Hndchen zeigte. Sie
lebten selig zusammen, das Mdi hatte volle Zeit, dem lieblichen Spiele sich
hinzugeben. Der Ruf des Gewissens, da es den Lohn habe zur Arbeit und nicht zum
Tndeln, versalzte ihm die Freude nicht, die weil es Sonntag war, und das
Vreneli wurde nirgends hingesetzt mit einem Steinchen oder Blmchen, welche
weder reden noch laufen konnten, um mit ihnen sich die Zeit zu vertreiben. Es
ist eine gar strebsame, bildungshungerige Zeit, die Zeit vom zehnten Lebensmonat
hinweg. Da ists ber einem freundlichen Kinde alle Tage wie ber der Erde an
jedem schnen Frhlingsmorgen. Neue Herrlichkeit hat sich entfaltet, es ist ein
Anderes geworden und doch das Gleiche geblieben, denn die Freude ist ber Nacht
neu geworden, hat neue Pracht entdeckt, ber Nacht erblht. Aber stumm sind die
Blmchen, keine Beine haben die Steinchen, wohl spielt das Kind mit ihnen, aber
nicht lange, es wird ihm de dabei und unheimlich, unbewut ist es ihm, als
solle es nicht reden lernen, als msse es sitzen bleiben auf der gleichen Stelle
lebenslang. Darum aber wird es dem Kinde wie dem Fischlein im Bache, wenn eine
gute Seele mit ihm springt und spricht, spricht und springt; es trampelt mit den
Fchen, schlgt mit den Hnden, hell jauchzt es auf, ihm ist, als gehe es zum
Himmel auf. Weiter und weiter strebet es, hinaus in die Welt. Pltzlich kehrt es
sich um, streckt die Hndchen auf nach dem Halse des Gefhrten, birgt das
Gesichtchen an seiner Brust, segelt mit allen Krften heimwrts. Ein fremd
Gesicht hat es gesehen, etwas Ungewohntes hat seine Sinne berhrt, es fhlt
pltzlich sich fremd in der weiten Welt; das Heimweh taucht auf in seinem
kleinen Herzen, es beruhigt sich nicht, bis da die Heimat es wieder umfngt. Zu
klein waren noch die Flgel fr die weite, groe Welt.
    So waren Mdeli und Vreneli trappelnd und jauchzend auf Reisen gegangen,
waren nach vielen Irrfahrten endlich hinter einen alten Holzschopf gekommen, um
welchen allerlei Grbel lag und namentlich altes sogenanntes Zuneholz, mit
welchem man im Herbst beim Weidgang provisorische Zune herzustellen pflegt. Der
alte Schopf stund tagelang einsam und verlassen, und htte er ein Gesicht
gehabt, er wrde ein sehr verwundertes gemacht haben, da zwei Menschen auf
einmal durch seine stille Einsamkeit trappelten und jauchzten.
    Indessen gab es doch ein verwundert Gesicht. Vreneli hatte pltzlich eine
Erscheinung. In den alten Zaunstecken raschelte es, ein prchtig gelbes Huhn
trat majesttisch aus denselben und verkndete der Welt mit hellem Geschrei
seine eigene Heldentat, es habe nmlich ein Ei gelegt. Ja so, du Ketzers
Tsche, legst du da? Das wre mir nicht beigefallen, sagte Mdi, so geht es in
der Welt immer anders und schlechter. Hier zu legen fiel noch keinem Huhn ein,
aber es ist alles gleich, Menschen und Hhner, es mu alles verstohlen und
verschleppt sein, da ist niemand mehr zu trauen. Vreneli, welches am gackelnden
Huhn seine Freude hatte, ward ins Gras gesetzt, und Mdi kroch dem entdeckten
Schatze nach ins alte Holz hinein. Tfel! Tfel! rief es pltzlich aus dem
Holze. Doch sah Mdi nicht wirklich den Teufel, sondern was anderes. Es fand
nicht so viel Eier hier, als es gehofft, nur etwa vier oder fnfe. Das Nest fiel
ihm auf, es schien nicht von einem Huhn, sondern von einem Menschen gemacht,
zudem war ein altes Nestei darin. Mdi war Expertin im Hhnerfach, es wre gut,
es wrden in keinem Fache schlechtere Experte gebraucht. Mdi schlo alsbald,
das sei nicht blo eine einfache Hhnerverlegete, wo einfach ein Huhn sein
Naturrecht geltend macht, seine Eier legt, wohin es will, und nicht wo die Frau
Prinzipalin will, um brten zu knnen, wenn es ihm ankmmt, ohne es der Willkr
der Frau Prinzipalin zu unterstellen, welche imstande ist, ihm zum Dank fr
seine Bereitwilligkeit das Nest mit Nesseln zu reiben. Mdi schlo alsbald auf
eine menschliche Schelmerei welche den Hhnern hier, an dem abgelegenen Orte,
ein Nest gemacht und sie durch bekannte Mittel verfhrt, ihre Eier an den Ort zu
legen, an den kein ehrlicher Mensch dachte. Als Mdi sich kundig umsah nach
allen Merkmalen, welche zu einem sichern Schlusse fhren konnten, sah es
nebenbei im alten schwarzen Holz was Weies, und als es dasselbe hervorzog, war
es eine groe Milchflasche von weiem Bleche und voll Milch. Das trieb ihm den
Tfel ins Maul, und triumphierend kroch es hervor, die Eier in der Schrze,
die Flasche in der Hand, und im Triumph ging es dem Hause zu. Endlich hatte es
ihn erwischt, hatte auch ein Heldenstcklein vollbracht wie noch keines, von dem
die Leute reden wrden als wie vom Tellenschu, so lange nmlich, als die
Schweizerberge stehen. Noch viel lauter als das gelbe Huhn gackelte Mdi, da
alles, was im Hause war, herausscho und Mdi nach, dem Vreneli zu. Da ward
alles besichtigt um und um, endlich fragte Uli, den Mdi auch herbeigegackelt
hatte: Jetzt mchte ich doch wissen, wer der Spitzbube ist. Seh, wem ist die
Flasche? Da blieb es stille ringsum, kein Eigentmer meldete sich, niemand
wollte die Flasche gesehen haben, niemand um das Einest wissen hinterm alten
Holzschopf. Uli mochte fragen, drohen, wie er wollte, Keiner wollte sagen:
Meister, ich bin der Schelm!
    Es gibt auf der Welt nichts Fatalers, frage man nur jeden Knaben, als wenn
man am seichten Bache stund, einen groen Fisch unter einen alten Weidstock
fahren sah, rasch sich niederlegte, mit der Hand nachfuhr, Lebendiges in die
Hand kriegte, rausfuhr, und man hat eine Krte in der Hand, nicht den Fisch, und
wenn man die Hand wieder nachstreckt, ist kein Fisch mehr da, man hat nichts
mehr als das Gramseln in der Hand von der Krte her und den rger ber den
falschen Griff. Mdi hatte gemeint, was es habe an Flasche und Eiern aber den
Fisch hatte es doch nicht, der Fisch war fort. Als nun der Fisch sich gar nicht
finden wollte, sagte Uli unwillig: Du bist immer das gleiche dumme Mdi, wirst
dein Lebtag nicht gescheut, warum mute nicht jemand anders die Sachen finden!
Wenn man Vgel fangen will, brllt man nicht die Haut voll. Httest alles am
Orte gelassen, wo du es gefunden, und mir es gesagt, dann wre ich auf der Lauer
gestanden, htte den Dieb mit den Sachen in der Hand erwischt und der Handel
htte eine Nase gehabt. Jetzt ist es aus, denn wenn man einen Dieb nicht kriegt,
wenn er die Sache genommen hat, und sieben Zeugen, welche gesehen haben, da er
sie wirklich genommen und nicht blo gefunden, so hat man das Nachsehen und kann
die Kosten bezahlen. Ist das jetzt mein Dank? begehrte Mdi auf. Wenn es dir
Ernst ist, den Schelmen an Tag zu bringen, so frage nur den Melker, der kennt
ihn wohl, hat ihn vielleicht in seinen eigenen Hosen. Potz Himmel, da gab es
Spektakel! Der Melker war dabei, als Mdi so sprach, und husch, hatte es eine
Ohrfeige weg, ehe jemand es hindern konnte, und htte auch die Haare lassen
mssen, wenn Uli nicht mit starkem Arme Halt gemacht.
    Mit der Ohrfeige hatte aber der Melker dem Mdi den Zapfen aus dem Redefa
geschlagen, und heraus sprudelte eine Zornesflut, in welcher der Melker
sicherlich zuschanden gegangen, wre er nicht ein hlzernes Kamel und an solche
Fluten lngst gewohnt gewesen. Alles, was die Eierfrau gesagt und nicht gesagt
von seinem Mensch und seinem Leben, das warf Mdi dem Melker an den Kopf. Der
brllte wie ein angestochener Urochs und begehrte auf von wegen seiner Unschuld,
schrecklich, und schlug mit seinen Zeugnissen alle Anschuldigungen tot. Da knne
man sehen, was er sei und was er nicht sei, und zwar auf Stempelpapier. Aber der
Teufel sei Meister in der Welt und Menschen gebe es, welche kein einzig Zeugnis
htten und wollten Andere zu Schelmen machen, die verfluchten Luder. Denen wolle
er es zeigen, sie mten erfahren, wer er sei, und selbst den Namen tragen, den
sie ihm gerne angehngt htten. Der Melker tat schrecklich, wie zu Olims Zeiten
der Gouverneur von Magdeburg, der sich verma, Hundsleder zu fressen, ehe er die
Festung bergebe, war aber kuraschierter als derselbe Gouverneur und sa nicht
allsogleich auf den Nachtstuhl, als der Feind stand, hielt und sogar
nherrckte. Der Melker wute, da schlechter die Welt wird, das Recht immer
mehr dem zufallt, der am meisten aufbegehrt, am wstesten tun kann, alles von
wegen der Unschuld. Aber Mdi war eine Batterie, welche nicht so bald zum
Schweigen zu bringen war, sondern immer schrfer scho, je wilder die andere
feuerte. Scheltungen waren hin- und hergeflogen wie Hagelsteine, wenn es recht
ha, gelt, da ein gewhnlicher Richter acht Tage gebraucht htte, sie
auseinanderzulesen und ordentlich zu sortieren.
    Endlich, lange hatte er es umsonst versucht, kam Uli zu Worten, hob alles
Gesagte auf von Amtes wegen, jagte Mdi in die Kche, den Melker in den Stall,
machte so den Feindseligkeiten einstweilen ein Ende, jedoch nicht der
Feindschaft. Dem Melker grollte es im Kopfe wie einem Vulkan im Bauche, den
Ausbruch fand er jedoch nicht rtlich, speite Rauch und Flammen blo, wenn der
Meister und die Meisterfrau es nicht hrten, redete alle Tage, morgen mache er
die An, zeige beim Richter, und machte sie doch nicht. Er war ein alter
Praktikus und wute, da wenn man mal was einem Richter oder Advokaten zur Hand
gegeben, man nicht mehr Meister sei zu sagen: bis hierher und nicht weiter,
sondern das Ding mit einem durchgehe wie wilde Rosse mit einem sturmen Kutscher
und ein Ende nehme mit Schrecken. Es ist gar schlimm, in mrbes, bldes Tuch
einen kleinen Ri machen zu wollen; wie leise man macht, husch, reit es durch,
und die Stcke bleiben einem in der Hand.
    Mdi glich einer lebendigen Schlsselbchse, pfupfte den ganzen Tag, tat
aber niemand weh als ihm selbst. Auf seiner Heldentat hielt ihm niemand viel als
Vreneli, welches aber doch oft ber das ewige Pfupfen sich beklagte und Mdi
schweigen hie, was Mdi begreiflich sehr bel nahm, ber unsern guten Herrgott
bse ward, da er die Welt so schlecht werden liee und keine Dankbarkeit mehr
sei auf Erden. Es wollte den Leuten zeigen, wer Mdi sei und was es knne, legte
sich nun dem Melker an die Fersen und lauerte ihm auf Tag und Nacht. Aber das
gute Mdi fing nichts mehr, der Fisch war fort. Es trug ihm nichts ein als
einige Kbel verdammt kalten Wassers, mit welchen es auf seinen nchtlichen
Gngen begossen wurde, es wute nicht woher und von wem. Der Melker habe es
getan, winselte es. Es wolle keine gesunde Stunde mehr haben, wenn es nicht so
sei, darum solle Uli ihn fortjagen, er treffe sicher den Rechten, und wenn auch
nicht der Milch oder der Eier wegen, so habe derselbe es doch ob ihm verdient.
Wrst im Bette geblieben, antwortete Uli endlich unwillig, es hie dich
niemand herumstreichen. Wenn es gemacht sein mu, so la es an die, denen es
zukmmt, willst aber den Haushund machen, so mut auch nehmen, was ein Hund.
Uli hatte das nicht bse gemeint, sondern es im bittern Unmute ausgestoen. Von
Mdis Entdeckung hatte er keinen Nutzen gehabt, aber ein andauernder Verdru
schien ihm daraus erwachsen zu wollen. Mdi aber gingen diese Worte tief und
eiterten. Das ist das schlimmste aller bel, wenn Worte eitern, und doch wissen
so viele Menschen nichts von dieser Krankheit. Mdi hatte einen Schwung
genommen, es hatte sich ihm der Himmel aufgetan zu einer groen Tat, aber nur
von ferne hatte es das gelobte Land gesehen; als es ber die Schwelle wollte,
entschwand die ganze Herrlichkeit gleich der Fata Morgana in den Wsten Afrikas,
es sollte blo das wste, bse Mdi sein, recht in keinen Schuh. Das schlug ihm
ins Gemt, machte es unwirsch, mitrauisch, bse gegen alle. Nie dachte es
daran, da in ihm eine Schuld des ganzen Elends liege, statt Vrenelis Hlfe ward
es Vrenelis Plage. Der dmmste Junge kann ein Glas Wasser frben mit einigen
dunkeln Tropfen, aber getrbtes Wasser klar machen, gesalzenes Wasser wieder
s, eine berpfefferte Suppe geniebar, das kann kein dummer Junge, das kann
mancher Gelehrte nicht, es ist Arbeit fr eine hhere Hand. Es ist gar
wunderbar, wie die Mischungen in den Gemtern sich machen, und wer achtet auf
die Tropfen alle, welche in die Gemter fallen, sie zuckern oder pfeffern,
suren oder salzen, und wer verstehts, Salz und Pfeffer zu tun ans rechte Ort,
wieder wegzubringen vom unrechten und zu passender Zeit?
    Mdi hatte einen von den Kpfen, fr welche man im Bernerland ein prchtig
Wort hat, das Wort eitnig, einen Kopf, in welchem nur ein Ton Platz hat, und
klingt der einmal, weder mit Liebe noch Gewalt ein anderer Ton hervorzubringen
ist, im Gegenteil, je mehr man es anders tnen machen will, desto strker tnet
der gleiche alte Ton.
    Indessen der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht. Den Melker
ertappte man freilich nicht als Dieb, fand weder Eier noch Milch mehr, aber die
Khe bekamen kranke Euter, die Milch ward ziegerig. Uli, der sich auf Khe
verstund, suchte alsbald die Schuld beim Melker. Er sah ihm zu, er visitierte
einige Male die Khe, ob der Melker etwa nicht gehrig ausmelke, Milch in den
Eutern lasse, was hchst verderblich ist, aber er fand alles in der Ordnung. Er
ging zu einem Vieharzt, der war ein schlauer Kundius und half ihm auf die Spur.
Sieh, sagte dieser, das ist von den Feinern einer, dem kannst lange
aufpassen, der riecht hinten und vornen, nimmt nicht die leere Guttere zur
gewohnten Zeit zum Melken und stellt sie neben sich, als htte sie das Recht
dazu oder lt einzelne Khe oder Stricke an den Eutern ungemolken; der rupft
dir an den Khen, wenn er sich ganz sicher wei, um Mitternacht, um Mittag, kurz
wenn nichts zu furchten ist. Der treibt das nicht zum erstenmal und nicht zum
letzten. Was willst du dich plagen, dich auf die Lauer legen, bis du halbtot
bist Mach da du von ihm kmmst so bald als mglich. Begehre mit ihm auf aus dem
ff wegen den kranken Khen, sage ihm, er sei ein Bub, kein Melker; vielleicht
wirft er dir den Bndel dar, und magst du ihn nur mit dem kleinen Finger
erreichen, so hebe ihn auf und mach Weihnacht. Der Lumpenkerl verpfuscht dir in
einem Jahr zehnmal mehr, als sein Lohn betrgt.
    Das begriff Uli, aber der Melker bi nicht in den Apfel, der wollte nicht
tricht sein und um seinen Platz kommen, ehe das Jahr um war; er nahm seinen
Worten gehrig das Ma und sagte hchstens, er sei schon an manchem Orte Melker
gewesen, noch habe ihm niemand gesagt, er knne nicht melken, man solle doch
seine Zeugnisse nachsehen, ob was darin stehe, da er nicht melken knne, den
Khen die Euter verderbe. Aber was fr ein Meister er sei, sei zu Stadt und Land
bekannt, und wenn er ihm nicht recht sei, knne er ihn senden, er gehe auf sein
Gehei die erste Stunde, aber dann wolle er auch den Lohn fr das ganze Jahr
nach Brauch und Gesetz. Das war Uli auch nicht anstndig, er marterte sich
lieber mit Zorn, Angst und Aufpassen, ward immer saurer und bler im Gemte; es
war nichts mehr da, welches die Wolken zersetzte, den Nebel auflste, die
finstern Stimmungen abklrte in milde und freundliche. Sonst tut dieses das Auge
Gottes oder das Licht von oben, wenn eine Seele sich ihm aufschliet, hinein die
hellen Strahlen leuchten, oder es tuts der Hauch der Liebe, wenn er leise
suselt um die dstere Stirne, oder es tuts eines Kindes Lcheln, wenn es dem
bengstigten Vater aufgeht wie dem Verzagten der Regenbogen, das Zeichen der
Gnade und Verheiung am Himmel. In die Dornen und Disteln des Lebens drangen die
hellen Strahlen nicht mehr, die Nebel der Welt waren zu dick, Lcheln und Liebe
vermochten nichts mehr ber sie. Nichts drang mehr durch und gab lichtere
Stimmungen als der Gewinn an einem Ro, welches schlecht war und fr gut hatte
verkauft werden knnen, das Rhmen des Mllers, wenn er Uli Korn abdrang, oder
Spe des Wirtes, wenn er Uli fr eine Kuh zehn Taler mehr versprach, als irgend
ein Metzger geboten, indessen einstweilen nicht bar zahlte. Sieh, sagte er
gewhnlich, du kannst das Geld haben, welche Stunde du willst, aber du hast es
nicht ntig, ich wei es, willst es ja nur beiseitelegen, um im Frhjahr den
Zins zu machen. Bis dahin verdient mir das Geld viel, jetzt ist mit bar Geld
viel zu machen; dein Schade solls nicht sein, und einem Freund wirst doch einen
Gefallen tun. Hr, Uli, ich habe es meiner Frau schon manchmal gesagt, lieber
ist mir auf der ganzen Welt niemand als du, man kann das Land auf und ablaufen,
ehe man dir einen Gespan findet. Unter Tausenden kmmt Keiner so weit, in ein
paar Jahren bist ein Mann, und wenn du nicht noch Ammann wirst, so verstehe ich
mich auf nichts mehr. Ja Uli, so ists! Frau, hol eine Flasche vom Bessern. Von
Geld war keine Rede mehr, denn Uli lebte wohl an den Worten und dachte an den
Ammann.
    Aber bel steht es doch in dem Gemte, in welchem ein Wirt und ein Mller
und ein Rohandel Sonne, Mond und Sterne vorstellen, und wie viel tausend
Menschen haben kein ander Licht in ihren Gemtern als das, welches von solchen
Lichtern kmmt oder noch viel schlechtern! Man mu sich immer wundern, da die
Menschen, deren eine so groe Zahl nur von solchen Talglichtern und stinkenden
llmpchen erleuchtet werden, nicht noch unendlich schlechter sind und mit
rasender Schnelligkeit noch schlechter werden, wie Krebse auch um so schneller
gesotten werden, je heier das Wasser wird und je schneller man es zum Sieden
bringt. Aber eben daraus sieht man, da Gott die Welt regiert und nicht der
Teufel, noch viel weniger ein Seminardirektor, sie wre sonst seit vielen Jahren
schon unheilbar verpfuscht. Doch mu man sich durchaus nicht vorstellen, Uli
sei, was man zu sagen pflegt, gottlos geworden. Die Menschen machen das Kreuz
vor dem Worte gottlos, und doch ist kein Mensch, der nicht gottlos ist. Bei
jeglicher Snde und namentlich, wenn jemand sein Handeln nicht durch Gott und
sein Wort bestimmen lt, sondern durch sein eigen Fleisch und Blut oder andere
Kreaturen, ist der Mensch immer gottlos, und in dem Sinn war es Uli auch oft,
und je lnger je fter. Aber Uli merkte es nicht, sein Entfernen von Gott merkte
er nicht, und von einem Lossagen von Gott war keine Rede. Der eigentliche
Gottlose ist eben ganz los von Gott, sowohl im Erkennen als Bekennen, sowohl in
Worten als Taten, der eigentliche Gottlose wird ein Rekrut des Teufels und
versucht zu lernen den Kampf gegen Gott und sein Reich, den unseligen Kampf, wo
nichts zu lernen ist als Gottes Macht und des Teufels Ohnmacht und nichts zu
gewinnen als der eigene Untergang und die berzeugung, da Gott der Wahrhaftige
sei und des Reiches Feinde zu des Herrn Fuen lege, wie er es verheien hat.
    Da es so ist, zeigte Gott. Es war gegen Herbst, als man mitten in der Nacht
ein mrderlich Geschrei vernahm, das durch das ganze Haus drang und selbst die
Kinder weckte. Uli fuhr auf, zndete alsbald, wie es einem guten Hausvater
ziemt, die Laterne an, um zu sehen, was es fr ein Unglck gegeben. Uli hielt
dafr, es seien Kiltbuben aneinandergekommen und einer schwer getroffen oder
gestochen worden. Als er vor das Haus kam, war es stille drauen. Von den
Knechten, welche herbeikamen, wollte der eine es dort vernommen haben, ein
anderer in entgegengesetzter Richtung. Man suchte hier, man suchte dort und
allerwrts umsonst, Man horchte in die stille Nacht hinein, man vernahm weder
Futritte Fliehender noch Seufzen oder Rcheln eines Verwundeten. Das Ding ward
unheimlich, den Meisten rieselte es kalt den Rcken auf, doch nur einer sprach
es aus und sagte: Er mchte zu Bette gehen, das Ding gefalle ihm nicht, es sei
nicht ein Schrei gewesen wie ein anderer, und wer zu neugierig sei, lese leicht
eine geschwollene Nase auf oder gar ein bses Bein sein Lebtag. Man habe der
Beispiele viele und man sollte sich ihrer achten, was ntzen sie sonst Die Worte
fanden Anklang. Sie mten doch noch einmal sehen und etwas weiter gehen, der
Schrei sei gar zu ntlich gewesen; der, welcher ihn getan, sei nicht weit mehr
gelaufen, und da es ein Gespenst sei oder sonst der Art was, knne er nicht
glauben, man htte sonst wohl schon was gehrt, sagte Uli. Das erstemal ist
eins, hat Hamglaus gesagt, sagte einer. Er mchte doch nachsehen, sagte Uli,
wer sich frchte, solle ins Bett. Uli ging und alle kamen nach, Einer dicht am
Andern, aber nicht wegen Heldenmut und Nchstenliebe, sondern weil Keiner
alleine heim ins Bett durfte. Sie gingen und fanden in einer wilden Ecke hinten
bei einem Schopf einen Menschen bewutlos liegen. Als man zndete, war es der
Melker, dessen Abwesenheit aufgefallen war. Er schlafe gar hart, hatte darauf
der Karrer gesagt, und sei nicht zu erwecken. Neben ihm lag eine nagelneue
blecherne Flasche, und zerbrochene Eierschalen knatterten unter den Fllen. Da
wre also doch der Dieb, hat es ihn einmal! So wre es recht, so wte man doch
bestimmt, ob ein gerechter Gott im Himmel sei oder gar keiner, hie es von
allen Seiten. Der Melker war hinaufgestiegen gewesen unters Dach in sein
Versteck, im Herabsteigen hatte ihm ein Tritt gefehlt, er strzte hinab, brach
ein Bein, beschdigte sich sonst bel, blieb sein Lebtag ein Krppel.
    Einige Tage lang war auf der Glungge stark die Rede vom Melker und von Gott,
man ging sogar in die Kirche, die Einen, weil sie wirklich dachten, es knne
nicht schaden, und wenn ein gerechter Gott im Himmel sei, so mchten sie es
wirklich ntig haben, Andere in der Hoffnung, der Pfarrer ziehe den Melker in
der Predigt an, und wenn er schon nicht alle nenne, welche ihn gesucht und
gefunden, knnten sie doch hintendrein sagen: War auch dabei! So sollte es
allen gehen, welche es so machen und damit ihre ehrlichen Nebendiensten in
Verdacht bringen. Daneben dnkt es mich doch, der Pfarrer habe es wohl stark
gemacht. Nicht, da ich mich mit dem Melker zusammenzhle, bewahre mich davor,
aber wir sind alle arme Snder und der Pfarrer wird nicht besser sein als
Andere. In diesen Tagen lie Uli manchen Zuspruch fahren, worin er auf den
deutete, der an die Sonne bringe, was im Verborgenen geschehe, und den rechten
Meisterleuten beistehe, wenn, sie mit schlechten Dienstboten nicht auskommen
knnten. Was fngt er dann mit schlechten Meisterleuten an, wenn es einen
gerechten Gott gibt, denn er wird doch nicht blo fr Dienstboten da sein wie
Ksmilch und Mehlsuppen ohne Mehl, sondern auch fr schlechte Meisterleute?
frug ein naseweises Brschchen, welches eine Zeitlang in einer Schenke gedient
hatte und nichts glaubte. Das sei ein leer Gerede, da Gott dem Melker das Bein
gebrochen. Sei er gerecht, so mten alle Diebe die Beine brechen, da htte er
wohl viel zu tun, und er mochte wissen, wieviele auf ganzen Beinen herumliefen.
Am belsten ginge es dabei den Geigern, denn das Tanzen lieen wohl die Meisten
sein. Das habe niemand anders getan als Mdi, das habe dem Melker leise die
Leiter weggestellt, und als der darauf treten wollte, sei er hinuntergestrzt,
das sei der ganze Handel. Mdi verdiente Kettenstrafe, wenn nicht den Galgen,
denn auf diese Weise knne ein Mensch den Hals brechen, nicht blo ein Bein, und
Mrder solle man hngen, heie es. Wenigstens mte es ihm den Melker heiraten
und ihn ernhren, und billiger als dieses sei nichts und besser knne es selbst
Gott nicht machen, wenn einer sei nmlich.
    Mdi begehrte schrecklich auf ber diese Zumutung, aber nicht weil es sich
ein Gewissen daraus gemacht htte, die Tat zu tun, sondern weil es sie nicht
getan und doch jetzt schuld sein sollte. Es sei nur da, um Sndenbock zu sein,
und das sei ihm erleidet, und jetzt sollte es noch den Melker erhalten. Je bser
Mdi wurde, desto mehr hatten die Andern Freude daran; da half alles Zureden
nichts, nichts bei Mdi, nichts bei den Andern, ein tglicher Krieg war los, so
da wenn der Melker schon fort war, das Leben um nichts freundlicher wurde.

                              Dreizehntes Kapitel


                 Von Haushaltungsnten und daherigen Stimmungen

Vreneli ward das Leben wirklich schwer. Sie hatten zu allem Verdru im
Inwendigen auch nach auen nicht Glck gehabt. Es war nicht eigentlich Miwachs,
aber ein mager Jahr, wo es wenig zu verkaufen gab. Das sogenannte Beiwerk fiel
grtenteils weg; der Lewat geriet nicht, der Flachs war nicht gut, Obst gab es
keins, hinter den Kartoffeln waren die Kfer, das Gras war nicht melchig, das
heit die Khe gaben wenig Milch dabei, es hatte zu viel geregnet, das Korn war
gefallen, brandig, gab wenig aus in der Tenne; das Geld im Schranke wollte sich
nicht mehren, die Kasten im Speicher sich nicht fllen, es fllte sich nichts
als Ulis Seele mit Ungeduld und Mimut und Vrenelis Seele mit Wehmut.
    Vreneli hatte, wie wir wissen, aristokratisches Blut in seinen Adern und
einen nobeln Sinn, wie er einer wahren Buerin so wohl ansteht und ihr eine
Bedeutung im Volksleben gibt, welche selten ein Mann erringt. Drei Dinge hat so
eine Buerin: einen verstndigen Sinn, einen goldenen Mund und eine offene Hand.
Ein gut, mild Wort tut einem armen Weibe, welches nur an Schelten und harte
Worte gewhnt ist, viel besser als eine schne Gabe, und ein verstndiger Rat
ist oft weit ntiger als ein reiches Almosen. So ein Chumm mr zHlf in aller
Not ist ein Posten, der weder erschlichen noch ererbt werden kann, er wird aus
freier Wahl nach Verdienst vergeben. So war es auch Vreneli allmhlich gegangen.
Die Weiber der Tagelhner, anderer Arbeiter usw. hatten sich ihm allmhlich
zugewandt, da es hufiger mit ihnen in Verkehr kam als die Mutter, auch rstiger
Hand bieten konnte an einem Krankenlager oder wenn eine Kindbetterin in Nten
war. Begreiflich nahm dieses Amt etwas Zeit hinweg und noch allerlei anderes,
wenn man zum Beispiel im Kchenschrank einer Wchnerin nicht so viel fand, um
eine stockblinde Suppe zu machen, und im ganzen Huschen kein Hdelchen gro
genug, den kleinen Staatsbrger darein zu wickeln.
    Seit der ersten Ernte hatte Uli nicht viel mehr gesagt. Vreneli nahm sich in
acht, tat verstndig, das heit nicht reicher, als sie waren, schonte Uli
bestmglichst und suchte ihm doch wirklich nichts geflissentlich zu verbergen.
Es gibt nicht leicht was Schlimmeres, als wenn die Weiber sich gewhnen, des
Mannes Rcken lieber zu sehen als sein Gesicht, als ihren besten Freund, der
ihnen nichts ausplaudert. Nun aber, da das Jahr ein mageres war, wenn auch kein
eigentlich Fehljahr, die Brnnlein alle versiegt schienen oder sprlich flossen,
ward Uli ngstlich. Wird einer aber ngstlich, spitzt er Augen und Ohren, und
was er frchtet, sieht und hrt er all, berall. Frchtet einer das Feuer, so
riecht er allenthalben Rauch, hrt Flammengeknister, trumt vom Verbrennen.
Frchtet einer Gespenster, so kriechen ihm solche aus allen Grbern nach, gucken
durch alle Zune, reien ihm regelmig alle Nchte das Deckbett vom Leibe. Wird
einer mit der Eifersucht behaftet, frchtet, seine Frau kriege die Untreue, so
wird ihm alles gefhrlich, Katzen, Spatzen und Zaunstecken, und sieht er eine
Mannsperson durchs Fernrohr, greift er nach Sbel und Pistolen und schreit:
Jetzt wei ichs und habs endlich klar, und jetzt mu mir der Donner erschossen
sein; hilft es dann nicht, so schlage ich ihm mit dem Sbel Kopf und Beine ab,
und wenn das noch nicht hilft, vergrabe ich den Hund schlielich lebendig. Nun
ward es Uli nicht angst ums Reichwerden, sondern angst vor dem Armwerden, und da
ward es ihm, als helfe alles dazu, als habe die ganze Welt sich verschworen, ihn
um alles zu bringen. Auf alles guckte er und allem sah er nach, alles, was
gebraucht wurde, bi ihn, und was fortgetragen wurde, ging durch seine Seele.
Uli hatte ein nicht ganz so beschrnktes Hirn als Mdi, aber wenn ihn was recht
erfate, ward er immer so eintnig, nur eines und immer das Gleiche klang in ihm
nach.
    Jetzt fiel ihm Vrenelis Ehrenamt spitzig in die Augen. Du kannst geben, bis
wir selbst nichts mehr haben, sieh dann zu, wer dir geben wird. Die und die ist
abermal eine ganze Stunde bei dir gestanden, hat nichts getan und dich versumt.
Wundern mu man sich nicht, da es so arme Leute gibt. Wie sollte es anders
kommen, wenn die Weiber ganze Tage herumstehn und nichts tun! Lieber wre es
mir, es ginge uns nicht auch so. Was doch das fr eine verfluchte Unvernunft
ist, wenn eine sieht, da man alle Hnde voll zu tun hat, und dann einem vor der
Nase steht, da man nicht vom Platz kann. Ich begreife nicht, wie du ihnen
zuhren magst. Es dnkt mich, es sollte dir dabei himmelangst werden. Den
Verstand knntest du ihnen machen, wenn sie ihn nicht selbst haben: du httest
nicht Zeit, ihrem Geklatsch zuzuhren, du httest Schweine, welche gefttert
werden, und Menschen, welche arbeiten mten und essen wollten zu rechter Zeit.
Umsonst entschuldigte sich Vreneli, es htte dabei nichts versumt, sondern
immer zugeschafft und aufs Essen htte niemand warten mssen, weder Menschen
noch Schweine. Umsonst entschuldigte Vreneli die armen Weiber damit, sie htten
ihns um Rat gefragt oder es tue ihnen so wohl, ihr Elend klagen zu knnen. Wenn
jemand ihnen freundlich zuhre, so leichtere es ihnen wenigstens um die Hlfte.
Umsonst entschuldigte Vreneli die Gaben, dieweil sie nur so klein seien; wenn
sie es ohne die nicht machen knnten, so sei es bs bestellt mit ihnen, und wenn
sie Gottes Gnade und Hilfe so ntig htten, so seien sie doch um so mehr
schuldig, zu tun nach seinem Wort und Befehl. Er solle doch nur denken an der
armen Witwen Scherflein im Gotteskasten. Umsonst war das alles, Ulis Augen
wurden immer spitziger, sein rger beim kleinsten Anlasse grer.
    Vreneli hielt seine Kinder sorgfltig, wie ein Mdchen seine Blumen,
reinlich muten sie ihm sein um und um. Narrenzeug mochte es fr sein Leben
nichts an ihnen leiden. Es hatte nicht Augen wie so manche Mutter, welche nicht
Farben genug an ihrem Kinde anbringen kann und es am schnsten findet, wenn
dasselbe Dinger am Leibe hat, wie sie niemand hat, und grelle, glitzernde, die
in allen Gassen schrei, en und haben doch keine Zunge im Munde. Nun hatte zum
Beispiel der Wirt oder dessen Frau dem Johannesli ein Ungeheuer von Turban
geschenkt, hochrot von Farbe, mit blauem Borde, eine Elle hoch, oben eine Elle
breit, mit Ohrenlappen, gro wie die Blatten an einem Pferdekommet, und einem
handbreiten gelben Bande, ihn unter dem Kinn zu binden. Das arme Kind sah darin
aus wie ein Zwerg in einer Grenadiermtze oder ein klein Sptzlein, welchem man
einen groen Hahnenkamm aufs Kpflein gepflanzt. Vreneli konnte es nicht bers
Herz bringen, das Bbchen in das Ungetm zu stecken. Aus einem Kinde eine
Vogelscheuche zu machen, sei eine Snde, sagte es, so was knne einem Kinde sein
Lebtag nachgehen. Wer ein Kind so spttisch verpuppt gesehen, der erinnere sich
daran, wenn das Kind ihm lngst erwachsen vor die Augen komme, nehme es fr dumm
und lcherlich und gewhne sich mit Mhe daran, die Snden der Eltern zu
vergessen und das verstndig gewordene Kind als verstndig anzunehmen. Vreneli
kaufte dem Brschchen ein klein Kpplein, wohlfeil und doch schn, und was will
man mehr? Darber ward Uli auch wieder sehr bse. Unntz Geld auszugeben sollte
man sich hten in solchen Umstnden, sagte er. Es werde sehen, wie weit man
komme damit, aber dann werde es zu spt sein. Die Hoffart habe reichere Leute
auf die Gasse gebracht, und dmmer sei nichts, als vorstellen zu wollen, was man
nicht sei, was man erst mit Mhe und Not werden knne. brigens begreife er
nicht, was ihm an der Kappe nicht recht sei, ihm gefalle sie und zwar besser als
die, fr welche es Geld verschleudert. Es sei aber nur Weiberwunderlichkeit;
weil es die Wirtin hasse, so gefalle ihm nichts, was von ihr komme. So eine
Wirtin, welche an einer Strae wohne, wo alle Tage Herrschaften vorbeifhren,
Engelnder und Huttwyler, werde doch wohl besser wissen, was schn sei und Mode,
als so eine Pchtersfrau, welche jahraus jahrein niemand sehe als die Eierfrau,
den Hhnertrger und zuweilen einen Lumpensammler. Und da es das Bbli nur den
- er wute selbst nicht, wie er dem roten Turm sagen sollte - tragen lasse! Wenn
die Wirtin mal kme und das Kind htte ihn nicht auf dem Kopfe, so htte sie es
ungern und meinte, man schtzte ihn nicht.
    Uli hatte fr derlei Dinge durchaus keinen Sinn. Was nichts kostete, gefiel
ihm am besten, daneben dann, was so recht buntscheckigt war, so recht
himmelschreiend. Er meinte auch, fr Kinder sei gleich alles gut, und je weniger
man an sie wende an Zeit und Kleidern, desto besser kmen sie fort, desto
weniger ungezogen wrden sie, an desto weniger gewhnten sie sich. Uli dachte
nicht daran, da keine Zeit kostbarer angewendet wird als die, welche man an das
Reinigen der Kinder wendet, und da keine versumte Zeit sich schwerer rcht als
die, welche man zu wenig dazu braucht. Der Landmann mistet fleiig, wscht den
Schweinen den ganzen Leib, den Pferden Schwnze und Fue usw., und der gleiche
Landmann lt seine Kinder in nassen Betten liegen und tut, als ob jeder Tropfen
Wasser Champagner wre, den man bekanntlich nicht alle Tage braucht. Ja es gibt
Leute, welche ihr Lebtag nie am ganzen Leibe gewaschen wurden als am Tage ihrer
Geburt, diese Waschung hielts dann bis zum Tage des Todes, war eine whrschafte.
Er dachte ferner nicht daran, da die Art, wie ein Kind gekleidet wird in der
Jugend, ihm gerne nachgeht im Leben, und Kleider machen ja Leute. Es gibt nicht
blo Familien, sondern ganze Geschlechter bis ins dritte und vierte Glied,
welche ihr Lebtag ungewaschen scheinen, alle Kleider an ihnen schmutzig, ja Leib
und Seele schmutzig, sie mgen sich gebrden, kleiden, so kostbar sie wollen.
Wir glauben, Demanten wrden auf ihren Personen den Glanz verlieren und Farbe
kriegen wie abgestandener Froschlaich. Wenn sie auch vornehm werden, diese
abgestandenen Gesichter, und nach Seife und Pomade langen, erst im dritten und
vierten Glied fngt man an zu merken, da da was Ungewhnliches in Gebrauch
gekommen. Uli gehrte nicht zu diesem Schmutzgggelgeschlecht, er war im
Gegenteil, er mochte machen was er wollte, immer sauber anzusehen, aber er war
von Natur so und wute nicht, wie schnell man in die Familie der Schmutzgggel
geraten kann.
    Je mehr Mdi aus dem Huschen kam, desto mehr kam an Vreneli. Viel machen
macht sich noch, aber viel machen und nicht das Rechte machen und daher nicht
genug schaffen knnen, das ist hart und drckt schwer aufs Herz, besonders wenn
man noch was unter dem Herzen hat. Auch am Essen mkelte er, es war ihm nicht
mehr recht. Es klagen gar viele Weiber, sie knnten es ihren Mnnern nicht gut
genug geben; das ist von den Weibern dumm, sobald ihnen die Mnner Geld genug
geben und Geld dafr da ist. Lernen sie halt besser kochen, nehmen sie sich die
Mhe nachzusehen, ob was in der Kche ist, und nachzudenken zu rechter Zeit und
nicht erst, wenn es auf den Tisch sollte, was sie in die Kche geben, so wird
das Ding sich wohl machen, der Mann mte denn gar ein Unflat sein. Aber wenn
die Frau es zu gut gibt, schlechter geben soll, als es sich mit ihrem Gewissen
vertrgt, weil sie denkt, Dienstboten seien doch eigentlich, genau genommen,
keine Hunde, wenn sie zehn und mehr Jahre gekocht mit Verstand und zur
Zufriedenheit, und auf einmal ists nicht mehr recht, sie sollte es mit dem
Halben machen und hat doch gleich viel Muler zu sttigen oder noch mehr (denn
je schlechtere Arbeiter man hat, desto mehr mu man ihrer haben, und schlechte
Arbeiter essen zumeist mehr als gute), dann ists bse, denn es ist nichts bser,
als wenn man mit Bewutsein und wider Willen unverstndig handeln soll. Es ist
wohl nichts dmmer auf der Welt, als wenn man zu schlecht zu essen gibt und es
besser geben knnte. Es ist dumm und schlecht, wenn man es der eigenen Familie
zu schlecht gibt, da wachsen keine Krfte nach, die Kinder mssen es oft ben
lebenslang, hat hnliche Folgen, wie wenn man das Land, den Boden ermagern lt.
Es ist aber noch viel dmmer, wenn man fremde Leute zu schlecht hlt; erstlich
wird man tapfer verbrllet, und zweitens stehlen sie wieder an der Arbeit ab,
was man ihnen am Essen abstiehlt, das fehlt nicht. Das Sprchwort Eine Hand
wscht die andere erwahrt sich wohl nirgends unfehlbarer als hier.
    Es ist sonderbar, wie Menschen in einfachen Dingen so wunderliche Augen oder
Gedanken haben knnen. Uli wollte es nicht schlecht geben, aber minder gut. Ihm
mge es eine groe Summe bringen im Jahr, die Andern merkten es nicht oder
htten jedenfalls nicht weniger, meinte er. Der gute Uli hatte vergessen, wie
feine Nasen die dmmsten Dienstboten in dieser Beziehung haben und wie hoch sie
den geringsten Abbruch anschlagen, er dachte jetzt so wenig daran als frher an
der Ernte, denn es sind gar viele Leute, welche meinen, sie alleine htten ein
Hirn zum Merken und eine Nase zum Riechen.
    Vreneli war bel daran. Diese Zumutungen alle waren nicht in einem Tage zu
bersehn, sondern sie wurden alle Tage neu, sollten die Regel fr das Tgliche
werden, und Vreneli konnte sie wirklich nicht erfllen, wenn es des Hauses
Bestes im Auge hatte, konnte nicht denken: Meinethalben, wenn er es so haben
will, so habe er es, es ist seine Sache. Es redete mit der Base. Die Base riet,
leise zu tun, nicht viel zu widerreden, und wenn es geredet sein mte, ohne
Hitz, mit Liebe. Vorschreiben wird er dir nicht, wieviel Butter oder Schmalz du
ins Gemse tun sollst und wieviel Kaffeepulver in die Kanne, wird dir weder die
Eier nachzhlen noch das Mehl kellenweise messen; so kannst du immer das rechte
Ma halten, wie du es vor Gott und Menschen zu verantworten meinst. Verliere den
Mut nicht, sonst ist alles verloren. La dich auch nicht unterdrcken in Gram
und Sorgen, da du lauter trbselige Gesichter machst und lauter maleidige
Worte von dir gibst. Dann hat es auch gefehlt. Ich meine nicht, du sollest
jubilieren wie ein Hagspatz oder ein Buchfink, das klnge wie Trotz und wrde
Uli rgern; aber freundlich sollst du sein, lieblich fragen und antworten, kein
bs Wort aus deinem Munde lassen. Sieh, in solcher Trbsal sollte die Frau immer
die Haussonne vorstellen. Du weit ja, wie wohl einem Kranken, welcher das
Fieber hat oder die Auszehrung, die Sonne tut, wie er sich gestrkt fhlt und
halb gesund, wenn er eine Stunde daran gesessen ist. So geht es auch einem
Menschen, der an der Seele krank ist und das Bessere in ihm die Auszehrung hat;
Freundlichkeit und gute Worte tun ihm doch wohl, sie alleine vermgen zu
erhalten das Bessere, bringen wieder gute Stunden, mildes Hauswetter, die
vergangene Traulichkeit, habe das vielhundertmal erfahren. Ich sagte Joggeli
wohl harte Worte, so hart, wie er sie ertragen mochte, aber waren sie gesagt, so
wars vorbei. Ich gab guten Bescheid, zeigte guten Mut, dann war er auch wohl
dabei und froh, mit mir ein vertraulich Wort reden zu drfen. Das machte, da er
mir nicht von Hause schlug und ich immer wute, was er tat und wollte. Mag einer
die Freundlichkeit nicht mehr ertragen, macht sie ihn nur bser oder flieht er
sie, dann steht es schlecht, dann hat seine Seele die beste Handhabe verloren,
und zumeist schlgt er auch von Hause.
    Die Weiber mgen urteilen, ob der Rat der Base richtig oder unrichtig war;
Vreneli glaubte daran und versuchte ihn, wenn er auch schwer war in seiner
Ausfhrung. Das Andauernde, Sttige ist viel schwerer als einzelne Heldentaten,
oft Frchte flchtiger Aufwallungen. Schwer ists, immer liebenswrdig zu
bleiben, wenn das Herz voll Leid und Kummer ist. Man stoe sich nicht etwa am
Worte liebenswrdig; wir halten dafr, Weib sei Weib, stehe es am Herde oder im
Tanzsaale, manveriere es im Salon oder vor dem Schweinestall, und meinen, es
knne und solle allerwrts wahrhaft liebenswrdig sein. Denn die wahre
Liebenswrdigkeit hngt nicht am seidenen Kleide oder an himmlisch gekmmten
Haaren, sondern am Herzen, welches sich auf einem freundlichen Gesichte
spiegelt. Man halte es auch nicht fr Heuchelei, wenn man ein freundlich Gesicht
mache, whrend das Herz voll Leid und Kummer ist. Leid und Kummer sind Zustnde,
welche man immer zu berwltigen, ihr Weitergreifen zu verhindern hat. Jeder
Zoll Haut, welche man von ihnen befreit, ist groer Gewinn. Gewinnt man ihnen
gegenber ein ganz freundliches, gesundes Gesicht ab, so hat man nicht blo
ihnen etwas abgenommen, sondern man hat eine Macht gegen sie gewonnen. Denn
solange man ein freundlich Gesicht macht, fhlt man Leid und Kummer weniger, sie
verlieren ihre Schrfe, milder wird ihr Schmerz. Und die Kraft, welche man zu
einem freundlichen Gesichte braucht, ist ja eben auch die Kraft, welche Kummer
und Leid verzehrt, welche zu der Strke fhrt, welche spricht: Der Herr hat es
gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Kmmt einmal
der Mensch dazu, diese Kraft zu suchen und zu versuchen, dann ist das Bessere in
ihm erwacht, der erste Schritt zur Genesung getan.
    Nun ist auf der Welt nichts vollkommen, vor allem alle Anfnge nicht, und
nichts Bses weicht aus dem Menschen ohne den hartnckigsten Widerstand. Es
geschah Vreneli, da das zurckgeprete Weh unwillkrlich ausbrach, da es
weinen mute die hellen Trnen, es mochte wollen oder nicht. Dann machte es, wie
es sein soll, den Pfarrer und versuchte sich selbst tapfer abzukanzeln, da es
so ntlich tue. Es sei ihnen doch eigentlich gar kein Unglck begegnet, kein
Kind sei ihnen gestorben, keine Krankheit habe sie geschlagen, Not sei keine da,
wenn auch das Jahr ein ungnstiges sei; das wisse man ja zum voraus und msse
sich darauf gefat machen, da gute Jahre mit bsen wechseln, und sie vermchten
es doch zu ertragen, Rckstnde htten sie ja keine, sondern Geld im Vorrat. Und
wenn sie schon Verdru von den Dienstboten htten, so sei das allerwrts, wo man
solche habe, das sei nicht wohl anders zu machen, in einem andern Jahr sei es
vielleicht besser.
    Aber es ging Vreneli mit seinem Predigen, wie es vielen andern Pfarrern auch
geht; wie schn und richtig es auch predigte, es wollte doch nicht anschlagen,
der bse Feind nicht weichen. So sei es wohl, sagte der Teil in ihm, welcher
nicht den Pfarrer machte, aber es knne in Gottes Namen nicht helfen. Nicht Geld
und Not liege ihm im Herzen, sondern was ganz anderes, es knne fast nicht sagen
was. Aber es sei nicht mehr wie ehedem, es sei, als tappten sie im Nebel, wten
nicht mehr Steg und Weg und fnden ihn nimmermehr. Wie man in einen bsen Luft
kommen knne, man geschwollen werde ber und ber, da man die Augen nicht mehr
sehe, so mte auch an sie ein bser Luft gekommen sein, aber an ihre Seelen,
da sie einander selbst nicht mehr kennten, und seien sie doch Mann und Frau.
Dann liege ihm so schwer auf dem Herzen ein Bangen, es wisse nicht vor was, aber
vor einem groen Unglck. Es sei ihm, als stehe vor ihm eine groe schwarze
Wolke und in der Wolke ein grausig Etwas, es wisse nicht was, aber es erwarte
mit Zittern und Beben, da es herausfahre und ihns verschlinge und alles alles
mit. Dieses Weinen, Predigen, Bangen versteckte Vreneli bestmglichst vor allen,
aber am Neujahrstage vermochte es dieses nicht, die Brunnen der Tiefe brachen
unwillkrlich auf. Wie der liebe Gott grere und kleinere Lichter gemacht hat
am Himmel, welche Tag und Nacht regieren und die Jahre zumessen den
Menschenkindern, so hat er auch diesen Menschenkindern ein Gefhl in die Seele
gelegt, welches die schwindenden Tage mit Bangen zhlt und mit Zagen jedes neu
zugemessene Jahr betrittet; denn am Ende der Tage ist der Tod, und im neu
angetretenen Jahre kann man treten auf diesen Tod. Es ist berhaupt jedes Jahr,
welches kmmt mit seinen 365 Tagen, eine dunkle Wolke, schwanger mit Tod und
Not, mit Freude und Lust. Wie diese Wolke tritt in die Zeit hinein, wird es
lebendig in ihrem Schoe; die Wolke glht, speit Blitze aus, zahllos,
ununterbrochen, blitzt ins ohnmchtige Menschengeschlecht hinein Not und Tod,
Lust und Freude, Millionen fallen, Millionen weinen, Millionen jauchzen auf,
verstummen wieder, wenn von entgegengesetzter Seite her millionenfacher Jubel
schallt.
    Als nun frh am Neujahrsmorgen Vreneli erwachte, berhrt sich fhlte von der
schwarzen Wolke Rand, war es ihm, als hre es das Schmieden der Blitze, welche
fahren sollten durch sein Herz, es fllen mit Not und Tod. Ein unendlich Bangen
ergriff ihns, ein unaussprechlich Weh, in lautes Schluchzen brach es
unwiderstehlich aus. Uli erwachte darob, fragte bestrzt: Vreneli, was hast,
was fehlt Lauter noch schluchzte Vreneli, aber Worte fand es nicht. Uli ward
angst, er wollte Licht machen, wollte nach Hoffmannstropfen gehen, endlich
konnte Vreneli sagen: Ach, Uli, mein Uli, es ist mir so bang, so angst, aber
Tropfen helfen nichts. Es ist nicht mehr wie ehemals, die bse Welt kam ber uns
und zwischen uns, und mir ists, als stehe vor uns ein gro gro Unglck; noch
ist Nacht darum, ich hre wohl sein Schnauben, aber seine Gestalt sehe ich
nicht. Wie soll das gehen, wie wollen wir es ertragen, wenn wir einander nicht
mehr verstehen, du so mitrauisch, so unzufrieden bist mit mir, allen Andern
mehr glaubst als mir Ach Uli, mein Uli, das dauert mich so sehr, drckt mir fast
das Herz ab. Uli war nicht hart, stie das sich ffnende Herz nicht wieder zu,
und warum? Weil Vreneli nicht alle Tage jammerte, weil dieser unwillkrliche
Ausbruch der erste dieser Art war, welchen Uli erlebte. Wer alle Tage Pillen
schlucken mu, den widern sie entweder so an, da er das Gesicht jmmerlich
verzieht oder kaltbltig schluckt, als ob es gewhnliche Brotkgelchen wren.
Uli war auf eine gewisse Weise freudig erschrocken. Er hatte Vrenelis
Freundlichkeit nicht begriffen, sie nicht selten fr Gleichgltigkeit,
Leichtsinn oder gar Bosheit genommen.
    Es geht so, wenn man nicht alle Tage zusammen ein traulich Wort spricht oder
nicht in einem Hhern den Einklang findet. Es geht so in der Richtung dieser
Zeit, wo jeder Lmmel jeden, der nicht in sein Horn blst, nicht blo fr einen
Esel, sondern fr seinen Todfeind hlt, in der Richtung dieser Zeit, wo der
dreckigste Kuhjunge oder der vierschrtigste Brenwirt mit Dolch und Pistolen
umherfhrt und jeden ersticht und dann erschiet, der nicht Gax nachsagt, wenn
er Gix vorgesagt; es geht so bei der zunehmenden Dummheit, welche man fr
Weisheit hlt, welche aber nichts ist als die eintnigste Janitscharenmusik,
verbunden mit Spieen, Hngen und Kopfrunter, wenn einer einen Ton fehlt. Es
reit eine Intoleranz ein, gegen welche die der Phariser ein Liebkosen war,
welche alle Gebrden der franzsischen Revolutionsmnner nachfft. Es ist aber
kurios, wenn mal dieser Wind weht, man heit ihn den Zeitgeist, so wird alles
davon ergriffen mehr oder weniger, jeder in seinem Verhltnis. Wer hat schon
einen groen Wirbel in einem Flusse gesehen, oder wenn man will einen
Wasserfall, den Rheinfall zum Beispiel? Da kommen die Wasser angezogen, klar,
ruhig, majesttisch. Wie sie in Bereich des Wirbels kommen, werden sie unruhig,
verlassen den natrlichen Lauf, mssen in den Wirbel hin, ein, mssen schumen,
sich drehen, mssen auf den Grund. Allmhlich lst sich der Zwang, sie werden
frei, ziehen weiter, aber noch schumend, kochend, bis allmhlich die Ruhe
wiederkehrt, der feierliche Gang, die majesttische Haltung. Solche Wirbel sind
auch im Strome der Zeiten, und wenn der Mensch je als Tropfen eines Meers
erscheint, so ist es im Zwange dieser Wirbel, und dieser Zwang herrscht nicht
blo in der Mitte der Strmung, wo die hohen Hupter schwimmen, die sogenannten
Lichter des Jahrhunderts. Ach nein, und dieses ist eben das Erbrmliche und
Demtigende: ins gleiche Loch werden gewirbelt die Grten, die Kuhjungen, die
Irlnder, die Waadtlnder und Hausvter, welchen die Weiber nicht Gix nachsagen
wollen, wenn sie Gax vorgesagt, und Hausweiber, welche Zeter schreien, wenn der
Mann nicht alle anspuckt, welche ihns angrnnen.
    Um Politik bekmmerte sich nun Uli nichts, aber der Wirbel hatte ihn doch
erfat, der Wirt hatte die Verbindung vermittelt. Darum war er diesmal um so
teilnehmender und meinte: J, ja lueg, es ist mir auch schon lange bange und es
freut mich, da es dir auch kmmt. Nun mute Vreneli freilich sich erlutern,
und das ist nicht leicht bei solchen Umstnden und bedarf einer zarten Hand.
Indessen diese hatte Vreneli, und indem es Ulis Bangen nicht schnde und radikal
zurckwies, sondern in seinem Werte gelten lie, fand es auch mehr oder weniger
Geltung fr das seine, fand ein schnes Neujahrkindlein, fand eine freundliche
Verstndigung, hatte einen milden Tag, und doch wollte die Beklommenheit nicht
von ihm weichen, das Weinen war ihm immer zuvorderst. Es war ihm, als sollte es
von jemand Abschied nehmen, und wute nicht von wem. Hatte es das kleine Vreneli
auf dem Schoe, so meinte es, es gelte dem, und kte es, bis auch ihm das
Weinen kam. Hatte es den Johannes, so war es ihm ebenso und es machte es ihm
gleich. Es ging ihm mit der Base so, lie sie aber nicht, bis Beide die hellen
Trnen weinten und die Base endlich sagte: Nimm dich zusammen und tue es aus
dem Kopf! Du machst mir sonst Angst, solches bedeutet manchmal etwas und
manchmal nichts, aber was ntzt es, wenn man vorher so ngstet und sich grmt?
An der Sache macht man doch nichts. Am besten ists immer, man sei zweg auf alles
und nehme unterdessen, was kmmt, mit Dank. Komm, ich habe ein Kaffee zweg, nimm
ein Kacheli, es bessert dir dann ums Herz. Es ist wohl nichts auf der Welt und
von der Welt, was einem Weibsbilde so wohl macht und so guten Trost gibt, als
ein Kacheli guten Kaffee.

                              Vierzehntes Kapitel


                 Von Vertrgen und allerlei Knsten und Kniffen

Drei Jahre waren bald verflossen, seit Uli die Pacht angetreten hatte. Der
Akkord war ziemlich vorsichtig geschlossen, dank dem Bodenbauer, welcher in
solchen Dingen Erfahrung hatte. Es ist wohl nichts schwerer, als solche Akkorde
so abzufassen, da nicht jeder Artikel ein Tor zu Mihelligkeiten oder zu einem
Prozesse wird. Es gibt Spitzbuben von Lehenherren, hohe und niedere, welche eine
eigene Kunstfertigkeit im Abschlieen solcher Vertrge haben, eine
Kunstfertigkeit hnlich der, welche Katzenhndler haben sollen. Es soll nmlich
solche geben, welche so geschickt eine gekaufte Katze zu enthuten wissen, da
dieselbe lebendig davonluft und unversehens ihren frhern Eigentmern vor der
Tre sitzt. Also Pachtherren gibt es, welche regelmig alle ihre Pchter
enthuten, so da diese sich noch glcklich preisen, wenn sie endlich mit dem
nackten Leben entrinnen knnen. Solche Pachtherren hat man nicht blo in Irland,
sondern auch in der Schweiz, und zwar Liberale von Farbe! Kurios! Oder aber der
Akkord wird in holdseliger Stimmung geschlossen. Man ist gut Freund oder
verwandt oder hat sich endlich gegenseitig gefunden in ser Liebe. Der Pchter
sagt dem Lehnsherrn, er sei ein Engel, der Lehnsherr sagt dem Pchter, er sei
ein halber Engel, sie reden vom ewigen Frieden; und nicht selten ists, da sie
wirklich zu singen anfangen, und wenn sie auch nicht singen wie die Engel im
Himmel, so meinen sie es doch. In einer solchen Stimmung findet man hundert
Dinge nicht ntig auf das Papier zu bringen. Bald sagt der: Das versteht sich
von selbst, ich mte mich ja schmen, bald sagt es der Andere. Ja es wrde
nichts zu Papier gebracht, wenn es nicht wre wegen dem allgemeinen Gebrauch
oder wegen Leben und Sterben, was aber Beide nicht zu erleben hoffen, wie sie
sagen. Ja, aber Stimmungen sind vernderlich, besonders wo Weiber dabei sind und
eine Pacht im Spiel, wenn allerlei Produkte zu entrichten sind und allerlei
Vettern und Basen ab- und zugehn. Stimmungen sind gar wunderlich; was uns
lieblich dnket in einer Stimmung, kmmt in einer andern uns schauerlich vor,
der Mensch, mit dem wir sangen in himmlischer Harmonie als wie die Engel, kann
uns spter als das bockfigste Untier erscheinen, mit Lastern gespickt rger
als der alte Hiob mit Eiterbeulen. Dann geht erst das Jammern an. Ei nein aber,
dem htte ich es doch nicht angesehen, wie man sich doch tuschen, wie ein
Mensch sich verstellen kann! Ei nein aber, das htte ich doch niemand geglaubt!
Nach dem Jammern kmmt das Zanken und endlich das Prozedieren. Wo liegt der
Fehler Gewhnlich auf beiden Seiten, wie man zu sagen pflegt. In ihrer
holdseligen Stimmung hatte jeder dem Andern das Beste verheien, im Grunde aber
jeder auf des Andern Gutmtigkeit spekuliert, von ihr viel grern Vorteil
erwartet als von geschriebenen Bedingungen; der ganzen schnen Geschichte lag
also eigentlich Eigennutz zugrunde, freilich Vielen unbewut, und wenn Eigennutz
an Eigennutz wchst, so gibt es Reibungen, Zank, und endlich geht es ans
Prozedieren.
    Nun, auf solch wandelbarem Fundamente ruhte Ulis Akkord nicht, aber nicht
durch seine Schuld, sondern der Bodenbauer hatte Vorsehung getan. Einen Punkt
hatte er jedoch nicht umgehen knnen, den Joggeli ausdrcklich begehrte und
wider den Uli nichts hatte, weil er ihn fr sich selbst vorteilhaft erachtete.
Der Akkord war auf sechs Jahre gestellt, aber im dritten Jahre hatten beide
Teile das Recht, aufzusagen, wenn es ihnen nicht mehr anstndig sei. Joggeli
dachte, wenn er sehe, da es Uli zu gut gehe oder zu schlecht, so knne er zu
rechter Zeit das Heft wieder zur Hand nehmen. Uli dachte, wenn es ihm bel gehe,
er sein Auskommen nicht htte, knnte er das Joch abschtteln, ehe er ganz
zugrunde gerichtet sei.
    Nun ward Joggeli von seinen beiden Kindern gerupft, viel rger als eine Gans
von ihrer Meisterfrau. Eine Frau rupft ihre Gans doch selten mehr als zweimal im
Jahre, wartet, bis Flaum und Federn einigermaen nachgewachsen sind. Der arme
Joggeli konnte kaum zhlen, wie oft des Jahres an ihm gerupft wurde. Man rupfte
und fragte nicht, wie gro Flaum und Federn seien, wenn sich nur irgend was
rupfen lie. In einem so gerupften Menschen entsteht der Trieb, den Schaden
einzuholen und wieder zu rupfen. Wenn einer einen Verlust erleidet, sei es im
Handel, im Spiel oder durch Nachlssigkeit irgendwie, so entstehen
augenblicklich Gedanken, wie die Lcke auszufllen sei, an wem man sich wieder
er, holen knne. Da wird die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit verdammt in
Versuchung gefhrt. Solange es einem gut geht, da ist ehrlich sein leicht, aber
wenn das Glck; umschlgt, wird der Teufel los. Da der baumwollene Tochtermann
bestndig auf den Pachtakkord schimpfte, Joggeli vorwarf, wenn er gehrig aus
seinem Gute zge, htte er auch mehr und bessere Federn, versteht sich von
selbst. Nun war Joggeli dieser Punkt im Vertrage beigefallen. Er dachte, der
liee sich wohl zur Rupfmaschine machen, aber von diesen Gedanken sagte er
seiner Frau wohlweislich nichts. Joggeli hatte auch ein Gewissen, aber es
merkwrdigerweise nicht auf Gott, sondern auf seine Frau gestellt. Bei allen
Kniffen und Schelmereien, welche ihm beifielen, schmte er sich nie vor Gott,
sondern er sagte: Mut machen, da sie es nicht merkt; vernimmt sie es, mu ich
wieder der wsteste Hund, der grte Unflat sein, oder: Ja, wenn die nicht
wre, da liee sich was machen, dem wollte ich es zeigen; aber wenn sie es
vernehmen wrde, wei der Teufel, wie die tte, ich wre niemals sicher. Es wird
doch besser sein, ich lasse es unterwegs. Joggeli wird nicht der einzige Mann
sein, der ein also gestelltes Gewissen hat, und wir denken, Gott wird nichts
darwider haben, sondern hat eben deswegen einem solchen Zttel von Manne eine
solche Frau geordnet.
    Er begann bei Uli sachte anzuklopfen, wie sie es mit einander htten, er
werde es wissen, da es jetzt Zeit sei, zu oder abzusagen; wie er willens sei?
Uli hatte allerdings diesen Punkt vergessen, und weil er ihm weiter keine
Bedeutung gegeben, so sagte er: Er wisse nichts anders und sei gesinnet zu
bleiben, wenn er Joggeli anstndig sei und ihm nicht zuwider gedient. Reich
werde er nicht dabei, aber wenn er zum Lande recht sehe, es verbessere, da es
mehr Sachen gebe, so gehe es in Zukunft besser und es sei auch Joggelis Nutzen.
Klagen wegen Ausnutzen oder schlechter Arbeit oder sonst wolle er nicht, sagte
Joggeli, aber Uli gebe schier zu wenig Zins, das dnke ihn und Andere auch. Uli
htte die Pacht um einen hellen Spott. Erst gestern habe ihm einer gesagt,
zweihundert Taler mehr wolle er ihm Zins geben und bar vorauszahlen, wenn er
wolle.
    Da ward Uli zornig und sprach: So macht es mit ihm, und ging in den Stall.
Da stund Joggeli wie Butter an der Sonne, denn es war nicht wahr, da ihm jemand
etwas geboten. Freilich war es mglich, diesen Augenblick so viel Pacht zu
erhalten, aber vielleicht von einem Pchter, der sich mstete und das Gut
ermagern lie. Einen Pchter wie Uli, der zahlte und zum Gut sah, als wre es
sein eigen, verlor Joggeli nicht gerne, so viel Verstand hatte er. Wie ein Kind,
welches einen Topf mit Milch umgestoen und es der Mutter erffnen will, ohne
Schuld daran zu haben, steckelte er endlich heim, setzte sich auf den Ofentritt
und sagte endlich: Mit dem Uli ists nicht mehr auszuhalten, er ist ganz
kolderig und so brutal wie ein junger Landjger. Was hast mit ihm? frug die
Mutter, ihr werdet ja sonst so gut mit einander fertig. Gesagt hat er mir,
antwortete Joggeli, ich knne seinetwegen einen andern Pchter suchen, er
begehre das Gut nicht wieder. Du wirst ihn bse gemacht haben, antwortete die
Base, so mir nichts dir nichts hat er dir das nicht gesagt, das wei ich.
Nichts habe ich gesagt, antwortete Joggeli, gar nichts. Ich habe ihn blo
daran erinnert, da die drei Jahre da seien, wo wir einander aufsagen knnten,
und es nehme mich wunder, was er denke. Ah bah, sagte die Base, das ist eine
Sache, von der ich nichts hren mag.
    Drben tat Uli wie ein angeschossener Eber; der Streich kam ihm ganz
unerwartet, erschien ihm wie eine frmliche Brandschatzung, und gerade jetzt, wo
es ihm den Schwei austrieb, wenn er daran dachte, da bald der Zins verfallen
sei, und er sein vorrtig Geld bersah. Er wollte auf der Stelle fort, andere
Schuhe anziehen, um ein ander Gut aus, ein Mann wie er brauche nicht lange zu
suchen, er finde was so Gutes als dieses hier! Der Wirt sei gut bekannt in Bern,
dort sei mancher Herr schrecklich froh ber einen vertrauten Hausknecht oder
einen hablichen Pchter, und solche Pltze seien hundertmal besser als ein solch
Gut, wo man sich totarbeiten mte und am Ende nichts davonbringe als drre
Erdpfelschalen und einen Haufen Kinder. Er mge die Stunde nicht erwarten, wo
er wegkme von dem alten Schelm, der meine, er wolle ihn jetzt ausnutzen, wie er
sich von seinen beiden Blutsaugern ausnutzen lasse. Vreneli tat alles Mgliche,
um ihn zu besnftigen, aber seine Worte waren 01 ins Feuer. Alles, was es
abbrachte, war, da er erst zu Mittag esse, ehe er gehe; es sei bald gekocht, es
wolle pressieren.
    Aber Vreneli dachte nicht ans Pressieren, sondern pate auf die Base, welche
um diese Zeit sich gerne unter ihrer Kchentre sehen lie. Diesmal lie sie
nicht lange auf sich warten, und alsbald war Vreneli bei ihr und alsbald wuten
Beide, woran sie waren. Er ist immer der gleiche alte Unflat, sagte die
Mutter. Wenn es mal ordentlich geht, ist es ihm nicht wohl, er mu alles
untereinanderrhren; wenn er Garn abwindet, so ist ihm nicht wohl, wenn es glatt
luft, er ruht nicht, bis er die Strange verhrschet hat, da man sie blo mit
Messer und Schere lsen kann. Als Junger soll er die grte Freude daran gehabt
haben, den Mgden die Spinnrder zu traktieren, da sie nicht mehr darber noch
darunter wuten. Aber warte, dem wollen wir diesmal den Marsch machen, denn
Ernst ist es ihm nicht. Daneben kann er mich dauern, er mu fort und fort Geld
auftreiben und mu daher sehen, woher er es nimmt, und bekmmt er solches, so
ist es ihm in acht Tagen wieder abgedreht. Ja, sagte Vreneli, mich erbarmet
er auch, er plagt sich selbst am meisten und merkts nicht. Es gibt viele solche
Menschen, welche ihre eigenen Feinde sind und sich immer selbst das rgste
antun. Es nimmt mich eigentlich nur wunder, warum unser Herrgott, der doch alles
so gut gemacht, solche Leute erschaffen hat und immer noch schafft. Das wirst
einmal vernehmen, antwortete die Base. Aber ich denke, wenn sie die rechte
Salbe brauchten, so wrden die Blinden sehend und die Hinkenden wren nicht mehr
lahm. Unser Heiland hat nicht umsonst leiblich Blinde und Lahme geheilt, er will
damit sagen, da er auch da sei fr die geistig Blinden und die da hinken auf
Gottes Wegen, und wenn sie begreifen, da sie krank sind, und zu ihm kommen,
will er sie heilen, das ist seine Barmherzigkeit. Wer nun den wahren
Lebensbalsam, die Wundersalbe nicht brauchen will, der wird ein Blinder und
Lahmer und hinterlt die Krankheit seinen Kindern. Verkehrt hat Gott die
Menschen nicht erschaffen, aber verkehrt lt er sie werden und immer
verkehrter, je leichter sie zum wahren Lebensbalsam kommen knnten, denn wer des
Herren Willen wei und ihn nicht tut, wird mit doppelten Streichen geschlagen
werden. Doch gehe, mach da Uli nicht pressiert, dann kann er seine Schuhe
abziehen und wieder in die Holzbden fahren.
    Rasch brachte die Base Joggeli das Essen auf den Tisch, stellte ihm dann
seine Schuhe frisch gesalbet unter den Ofen und seine Kamaschen dazu. Habe
nichts gesagt, da ich fort wolle, sagte Joggeli, warum stellst mir die Schuhe
zu recht? Du mut um einen neuen Pchter aus, sagte die Base. Uli will fort,
Vreneli hat mir berichtet von einem Herrn, der hinter ihm sei wegen einem
bsunderbar guten Platz. Nun will er gehen und sehen, wie die Sache ist, eher als
nicht kann die Sache abgemacht werden. Da tat der alte Gnppeler sehr zornig,
im Grunde aber war er in seinem Herzen sehr erschrocken. So seien die Leute
heutzutage, begehrte er auf, kein vernnftig Wort knne man mehr mit ihnen
reden. Wenn man ein Wrtchen rede, protzen sie auf, werfen den Bndel vor die
Tre. Es werde doch erlaubt sein, seinen Pchter zu fragen, wie sie es mit
einander htten. Was geschrieben sei, sei geschrieben, es nehme ihn wunder, ob
es nicht auch fr ihn geschrieben sei, und Fragen werde erlaubt sein. Du hast
ja nicht gefragt, sagte die Frau, du hast gefordert. He nun, so htte er
sich wehren knnen, das wre ihm wohl angestanden und erlaubt gewesen, aber
nicht so den Kopf zu machen, zrnte Joggeli. Nun, sagte die Frau, ich war
nicht dabei, mach was du willst, ich kann mich darein schicken, habe mich schon
in vieles geschickt. Aber such jetzt alsbald einen Pchter, der dir zum Land
sieht, die Sach in Ehren hlt und zinset auf den Tag. Es seien viele Leute auf
der Welt, sagte Joggeli. Aber rechte zu finden, selb sei schwer, antwortete die
Alte, schenkte Kaffee ein und schwieg, whrend Joggeli allerlei brummte. Noch
hatte Joggeli sein erstes Kacheli nicht ausgetrunken, als er sagte: Geh sieh,
ob der Kolder noch daheim ist, er soll hinberkommen! Dem will ich sagen, was
Manier ist und was gekoldert. Ich kann gehen, aber ich will mich dann nicht
dareingemischt haben, hrst, will nicht schuld sein, wenns doch Lrm gibt,
sagte die Frau. Und wer sollte dann daran schuld sein, sagte Joggeli, etwa
ich? Darauf gab die Frau keine Antwort, sondern ging, Joggeli aber rgerte sich
ingrimmiglich ber die verfluchten Weiber, welche alles zwngen wollten und doch
an nichts schuld sein. Das komme auch immer rger, dachte er. Seine Mtter htte
es dem Vater so machen sollen, wohl der wrde er die Faxen vertrieben haben!
    Es ging eine Zeitlang, ehe Uli kam. Seine erste Antwort war gewesen, Joggeli
htte so weit zu Uli als Uli zu Joggeli, und wenn der etwas von ihm wolle, so
knne er herkommen. Dem setzte aber die Alte den Kopf zurecht und wusch ihm
denselben mit scharfer Lauge, da Uli begriff, was Waschen heit. Er hatte vor
der Alten Respekt und wute, da sie es gut meinte, wenn er auch wohl darber
klagte, sie hielte es immer mit seiner Frau und gebe ihr alle Listen und Rnke
an, welche je von Weibern gegen ihre Mnner ersinnet worden seien.
    Als die beiden Mnner wieder zusammengebracht waren ging es gegen alles
Vermuten sehr ruhig zu. Joggeli sagte: Es sei dann nicht halb so bs gemeint
gewesen, und ehe man so zornig werde, sollte man doch erst recht sehen, ob es
Ernst oder Spa sei oder halb Ernst und halb Spa, besonders wenn man schon so
lange beisammen gewesen. Uli entschuldigte sich nun auch: Kurz zuvor htte er
etwas nachgerechnet und sei erschrocken, wie bse das Jahr gewesen; er wisse
nicht, ob er den Zins aufbringe oder nicht, allweg habe er umsonst sich halbtot
gearbeitet. Und jetzt noch mehr Zins! Das sei ihm zu Haupt gefahren, von wegen
wenn man sich solche Gedanken mache wie er, so denke man nicht an Spa, sondern
nehme die Sache ernsthaft. So gab ein Wort das andere. Joggeli lie eine Flasche
Wein holen, sagte, wie er dran sei mit dem Gelde und es ihn dnke, Uli knnte in
bessern Jahren wohl etwas mehr tun, doch begehre er ihn nicht zu drcken und
sehe wohl, da das vergangene Jahr nicht das beste gewesen, aber Uli solle an
die zwei frhern denken, da Uli zugab, er begehre nicht weiter, es sei ihm hier
recht, und wenn wieder gute Jahre kommen, so wolle er sehen, was etwa billig und
recht sei. Jetzt wte er wirklich nicht wie machen, um den Zins zu geben, er
habe ihn noch nicht vorrtig. Wirst aber einzuziehen haben, sagte Joggeli, dem
es angst zu werden anfing. Das wohl, antwortete Uli, und ziemlich viel. Aber
es sind gute Leute, welche mir schuldig sind, plagen mag ich sie nicht; wenn ich
was zu verkaufen habe, gibt mir niemand darum was sie, und dazu ohne Markten,
und wenn es abgeliefert ist, sind sie zufrieden damit und klagen nicht noch
sieben Jahre hinterher, wie sie an der Sache verspielt, auch wenn sie das Halbe
daran gewonnen, wie es Andere zu treiben pflegen. Wei wohl, wen du meinst,
sagte Joggeli, sind gute Leute, stark im Handel, kehren ihr Geld; ich mu
sagen, anstndiger als der Wirt ist mir nicht bald einer, und wenn dir der
schuldig ist, so kann ich dies, mal vielleicht etwas warten, es ist mir
vielleicht sicherer in seinen Hnden, als wenn ich es selbst htte, daneben sieh
was du bekommen kannst, die Welt ist schlimm, man wei fast nicht mehr, wem
trauen. So kamen sie in die schnste Einigkeit, gaben sich die besten Worte,
kurz kamen in die friedseligsten Stimmungen hinein, in welchen man sich das
Himmelreich nicht blo verspricht, sondern verschreibt und nicht daran denkt,
was fr Stimmungen eintreten knnten, wenn es ans Halten kme.
    Achthundert Taler sind ein schnes Geld, und im Raume eines Jahres mu gar
mancher Batzen zum andern gelegt wer, den, bis man es beisammen hat. Uli hatte
es nicht beisammen, bei weitem nicht, aber allerdings bei Mller, Wirt usw.
bedeutende Summen einzuziehen, das heit nach seiner Rechnung. Wunder nahm es
ihn, ob die andern Rechnungen mit seiner bereinstimmten. Er setzte durchaus
keinen Zweifel in ihre Ehrlichkeit, aber er hatte die Erfahrung, da er im
Aufmachen noch kein Hexenmeister sei, da es sich ihm in den eigenen Rechnungen
nie so recht treffen wollte. Darum nahm es ihn wunder, wie seine Rechnung zu den
Rechnungen der Andern pate: er hoffte, da werde es besser gehen. Aber der gute
Uli kam einstweilen nicht aus dem Gwunder. Ja freilich, sagte ein jeder, wann
du willst, es ist alles aufgemacht, punktum, habe nicht Kummer. Doch die nchste
Woche schickt es sich mir nicht. Der eine mute um Korn aus oder um Hafer oder
um Vieh oder um Bauholz oder hatte sonst was, aber in vierzehn Tagen, drei
Wochen oder gar den oder den Tag sollte er mit seinem Buche kommen, da wollten
sie sehen, wie sie stnden. Aber da habe keinen Kummer, keinen Kreuzer wird es
fehlen, einmal wenn du recht aufgemacht hast, was allweg sein wird. Aber vor
jenem abgeredeten Tage kam Bescheid, der Mller habe ungsinnet Bescheid bekommen
und knne an jenem Tage nicht daheim sein. Oder Uli kam zum Wirte, da hie es,
es sei ein Herr gekommen, ein Weinkufer, und er habe mit ihm mssen trinken, er
habe mgen wollen oder nicht. Es sei ein gar grausam guter Herr, den er nicht
habe bse machen drfen. Nun ging es wieder lange, bis neue Termine bestimmt
waren, und als die wieder kamen, gings mit allerlei Variationen wieder so und
Uli kam nicht zur Rechnung.
    Als er endlich ungeduldig ward und sagte, er msse auch zu sich sehen, sein
Zins sei verfallen und wenn er ihn nicht auf den Tag gebe, so wisse kein Mensch,
wie es ihm gehe, lachten sie ihn aus und sprachen ihm gar herzlich zu, er solle
doch nicht so dumm sein und meinen, er msse exakt zahlen. Dem alten Geizhals
tue es nur wohl, wenn er ein Jahr oder zwei auf den Zins warten msse, und kein
vernnftiger Mensch meine mehr, da er alles auf den Tag zahlen msse, was er
schuldig sei. Seit Mannsdenken sei das nicht mehr der Gebrauch, und wer es tue,
werde nur ausgelacht. Ja, sagte Uli, hier sei eine Sache so, dort anders;
Joggeli sei mitrauisch, zahle er nicht, so werde er geplagt. Dem wollte ich
das Plagen vertreiben, der mte mir lernen, was Brauch ist usw., hie es von
allen Seite; man machte Uli den Kopf so gro, da er kaum zur Stubentr aus kam.
Indessen so ganz z'leerem abspeisen wollte Uli sich doch nicht lassen. Ja,
hie es, Geld kann ich dir wohl geben, Geld, bewahre, habe ich immer im Hause,
wenn ein guter Schick einem zuhanden kmmt, da man ihn machen kann. Aber meine
Meinung ist eben die, da man das Geld nutzen soll, so gut man kann. So einem
alten Geizhals schuldig bleiben, kostet nichts; je mehr man auf diese Weise
schuldig bleibt, desto mehr Geld kann man im Handel abtrglich anlegen. Hat
einmal so ein Batzenklemmer das Geld zwischen seinen fnf Fingern, so ist nichts
mehr damit zu machen. Das mut du lernen, Uli, dein Schade soll es nicht sein,
von einem wie du mchten wir den Profit nicht nehmen, bewahre, du sollst deinen
Teil dar, an auch haben. Aber was man so einer hundshrigen Bauernseele
ausdrehen kann, das ist sicherlich Gott und Menschen wohlgefllig. Uli erhielt
Geld auf Abschlag, doch ohne zu rechnen, und als er von Rechnen sprach, sagte
man ihm: Du hast nun fr einmal Geld, deine Sache ist all aufgemacht, und
sobald es sich mir schickt, will ich dir Bescheid machen; dann bring deinen
Kalender, die Sache wird bald fertig sein, und viel fehlen wird es kaum zwischen
uns.
    In solchem Aufschieben des Rechnens liegt allerdings Spekulation, aber
ebenso sehr eine groe Schlaffheit der Seele, ein Widerwille, zu irgend einem
bestimmten Resultat zu kommen. Ach, und das ist so begreiflich! So eine
gemstete Menschenseele, gehre sie nun einem Wirte, einem Mller oder sonst
einem zweibeinigen Geschpf, welch Schluresultat soll sie ziehen, und soll es
ihr nicht grauen vor demselben, mu sie nicht den Gedanken daran zu entfernen
suchen so lange als mglich? Unwillkrlich mu immer als Resultat der Spruch
sich vor Augen stellen: Wer auf das Fleisch set, wird vom Fleisch das ewige
Verderben ernten. Und weil es ihnen vor der allerletzten Rechnung graut, graut
es ihnen vor allen brigen; sie mgen nicht, ehrlich knnen sie nicht bestehen,
mssen alle betrgerisch stellen, und am Ende hilft doch alles nicht. Der Krug
geht zum Wasser, bis er bricht. Ach es ist so merkwrdig, einen zwei bis drei
Zentner schweren Wirt tanzen zu sehen auf allen sten herum, dem aller, besten
Eichhrnchen zum Trotz! Verwegener werden nach jedem Sprnge die sptern
Sprnge; pauz, glaubt man ihn am Boden, auf dem dicken Rcken, aber husch ist er
wieder auf den Beinen, tanzt lustiger als nie, bis es doch endlich sein mu und
patsch er auf dem Rcken liegt; denn geht der Krug so lange zum Wasser, bis er
bricht, so tanzt auch ein Wirt nicht lnger, als bis er liegt.
    Uli brachte nicht den ganzen Zins auf, wenn er auch alle Schubfcher
ausrumte, aber weil Joggeli getan hatte, als sei ihm dies mehr als halb recht,
brachte er getrost, was er hatte. Diesmal war die Stimmung bei Joggeli aber
anders, er machte ein sauer Gesicht und sprach von nicht warten knnen, das Geld
nutzen zu wollen, denn ihm trage es auch Zins, wenn er es anlegen tte usw. Uli
merkte, Joggeli meine, er ziehe Zins von seinen Ausstnden, wie es allerdings
Manche treiben, tapfer schuldig bleiben und das Geld anderwrts gebrauchen und
nutzen. Es treiben dieses schmhliche Spiel groe Herren, und zwar mit armen
Handwerkern und andern Arbeitern. Die arme Handwerksfrau mu oft das
Schlechteste kaufen auf dem Markte, mu die gnstigste Zeit zum Einkaufen
unbenutzt vorberlassen, weil das Geld rar ist bei ihr und die Batzen sprlich
in ihrem Beutelchen. Den Koch oder die Kchin eines groen Herrn sieht sie das
Kstlichste kaufen an Fischen und Geflgel, Geld auswerfen, als ob es
Kieselsteine wren, und das Geld gehrt eigentlich dem armen Handwerksmann; der
groe Herr ist ihm schuldig, aber der Mann kann nichts vom Herrn kriegen als
grobe Worte, mu darben, whrend jener schwelgt. Was das Weib denken mu, wenn
es die Hnde voll Geld sieht und aus seinem Beutelchen den letzten Groschen
drckt! Wenn es ein keck Weib ist, so vernimmt es der ganze Markt, wie ein
groer Herr am armen Manne den Schelm macht. Wie mu es einem Schneider oder
Schuster oder Bcker zumute sein, der eine bedeutende Ausgabe machen sollte fr
das Gewerbe, sein Haus, seine Kinder, und die bedeutendsten Ausstnde bekommt er
nicht ein, denn die Herren spekulieren in Staatspapieren, gerade jetzt sind die
Zeiten gnstig, wer Geld hat, ist glcklich, spekuliert jetzt, um seine
Glubiger kmmert er sich nicht, und um so weniger, je rmer sie sind, je
ntiger sie das Geld selbst htten, denn je kleiner die Gtter sind, desto
weniger sehen sie die, welche niedrig gehen. Die armen Schelme alle knnen
warten; gewinnt der Vornehme, kriegen sie nichts, und verliert er, so kriegen
sie noch nichtser, haben ihre Gesellen bezahlt, haben Zeit versumt, Arbeit
gehabt und knnen dem Herrn nachseufzen, der an der Sonne herumspaziert im
Glanze ihres Geldes und ihres Schweies. Und solch Pack schmt sich nicht, solch
Pack tut vornehm, solch Pack begehrt auf, wenn man es an seine Schulden mahnt,
ja solch Pack tut sogar auch fromm, aber wahrlich auf eigene Rechnung! Und wie
viel Seligkeit wirft den armen Trpfen die eigne Rechnung ab! Ach, das sind
nicht die Unmndigen, denen Gott im Geiste sich geoffenbaret, sonst wrden sie
wahrlich die falichen Worte fassen: Was ihr einem von diesen tut, das habt ihr
mir getan.
    Doch Uli gehrte unter diese Schcherkinder nicht, er war zu jung und zu arm
dazu. Wenn mit dem Gelde, welches Joggeli zu wenig erhielt, spekuliert wurde,
taten es reifere Fchse. brigens hatte Uli von diesem Mangel an Barschaft viel
greren Schaden als Joggeli, er war ihm ein Hemmschuh in Handel und Wandel. Uli
wute eigentlich wohl, da ein Bauer immer mit etwas Geld versehen sein mu,
wenn es gut gehen soll. Behalten und kaufen knnen und immer zur gelegenen Zeit
ist eine Hauptsache in buerischer Staatswirtschaft, aber es ging Uli wie
Vielen: Wissen und Halten sind zwei, man kann die besten Grundstze haben und
doch ganz entgegengesetzte Wege gehen. Die sogenannten Grundstze haben halt
keine Kraft, die bewegende Kraft wird entweder durch eigne Triebe regiert oder
durch fremde Personen. Uli sollte seinen Kuhstall instand stellen, er hatte den
Winter durch weniger Khe gehabt als sonst, weil er das Heu sparen mute.
Zweihundert Gulden bedurfte er zu gehriger Ergnzung, zu verkaufen hatte er
nichts Erkleckliches; Korn und Hafer hatte er wohl noch, aber er hielt ratsam,
bis nach glcklich eingebrachter Ernte nicht zu verkaufen. Es war ihm, als seien
Hnde und Fe ihm gebunden, ja als liege er krummgeschlossen in einem Loche. Er
ward sehr bser Laune, alle Welt sollte schuld daran sein, und wenn alle Welt an
einer Sache schuld sein soll, so mu es das Weib entgelten. Eigentlich billig
und von Rechts wegen! Denn ist nicht durch das Weib die Snde in die Welt
gekommen und dadurch dieselbe so schlecht und miserabel geworden, da ein Mann
wie Uli nicht einmal zweihundert bare Gulden hat, um mit denselben den Khen
nachgehen zu knnen nach Herzenslust? Uli war oftmals in der Laune welche die
Suppe kalt haben will, wenn sie hei ist, und hei, wenn sie kalt ist; da
braucht es wirklich einer eignen und leider noch nicht erfundenen Kunst, wenn
man es jemanden recht machen will. Diese Laune ist gewhnlich der erstgeborne
Sohn der Unzufriedenheit mit sich selbst, die man begreiflich nicht an sich
selbst auslt, das wre ja dumm, sondern an allen, welche einem ber den Weg
laufen.
    Vreneli litt bitter; es war in der Aufklrung und Bildung weiter gekommen
nicht blo als mancher Schulmeister, sondern sogar als Professoren, es begriff,
da wenn man Migeschick habe, mit bsen Launen und Zanken mit Leuten, die
dessen sich nicht vermgen, man demselben nicht abhelfe, im Gegenteil neues
schaffe. Wie bei unfreundlicher, nakalter Witterung aller Wachstum stockt, so
mehr oder weniger auch die Arbeit bei bsen Launen und launenhaftem Geznke.
Vreneli hatte voll, wie man zu sagen pflegt. Das ist ein eigentmlicher Zustand:
das Herz ist voll, die Seele ist voll, der Kopf ist voll, es will zu den Augen
aus, man fhlt es im Halse, man fhrt mit der Hand bald an die Stirne, bald auf
die Brust, als ob man was halten wolle, was zerspringen mchte.
    Es war an einem wsten Apriltage, sie hatten ackern wollen, aber Sturm,
Schnee und Regen hatten sie heimgejagt, denn drauen war es nicht zum Aushalten.
Sie hatten alten Grasboden auffahren, die Furchen grndlich hacken wollen, denn
bei schwerem Schweizer Lande mu man grndlich bis auf den Boden die Furche
hacken, wenn ein zahm Gewchs gesund wachsen soll, sie ist zh und schwerfllig,
eben wahrhaft die Schweizer Natur. Sie wird auch krank, tut, als ob sie am
Sterben wre, zu nichts mehr tauglich als zu Schling, und Schmarotzerpflanzen;
aber dann kmmt sie ein Winden und Drehen an, wilde Wehen rhren alles
durcheinander wie die Kchin eine Krautsuppe, dann kriegt sie ein schrecklich
Erbrechen, gibt von sich zum Grauen und Erstaunen ganze Knuel Ungeziefer von
allen Sorten, die wir nicht nennen mgen, kleines, groes, und ist das mal aus
dem Leibe und da, wo es hingehrt, da stillen sich die Wehen, das Grimmen,
Winden, Krmmen hrt auf und frisch und gesund ist wieder die alte Natur, den
hohen Alpen gleich, wenn die wilden Strme verrauscht sind, der holde Frhling,
der immer junge Frhling vom Himmel wieder auf die hohen Alpen steigt.
    Je nach der Lnge der Furche steigt die Zahl der Hacker, steigt wohl auch
auf groen Gtern bis auf ein volles Dutzend an, vielleicht noch darber. Jagt
nun der liebe Gott die hackende Truppe mit scharfem Geschtz vom Acker dem Bauer
heim ber den Hals, so mu der sehen, was er mit den Leuten anfngt. So ein
harthlziger Bauer, mit Schweinsleder berzogen, macht es kurz, er schickt die
Taglhner nach Hause, unbekmmert darum, haben sie dort was zu beien und zu
brechen, berechnet ihnen den Lohn nach den Stunden, welche sie gearbeitet, und
da nicht er, sondern Gott das Wetter gemacht, so berlt er auch diesem die
allfllige Entschdigung. Warum nicht machen, was man kann, und dmmer sein als
ntig? Sorge der Vater im Himmel fr die Tiere des Feldes und die Vgel des
Himmels, so werde er um so viel mehr fr einen Taglhner mit Weib und einem
halben Dutzend Kinder sorgen, wenn der Bauer ihm statt zwlf Kreuzer Taglohn
blo die Hlfte oder ein Drittel gibt, und werde seinen Segen der Mahlzeit
geben, welche eigentlich fr die Kinder bereitet war, an welcher jetzt aber auch
der Vater, der bei dem Bauer sich hungrig gearbeitet hat, teilnehmen will.
    Nun, Andere machen es auch nicht so; wenn unser Herrgott die Leute
heimschneit oder heimhagelt, berlassen sie ihm dieselben nicht, da er sie
jetzt auch speise und trnke, dieweil er sie angehagelt oder angeschneit,
sondern tun dies selbst und geben ihnen was zu tun, bis der Tag ganz um ist. Es
gibt Zeiten, wo das geht, man sogar froh ist ber einen wilden Nachmittag, um
Arbeiten zu verrichten, die man des schnen Wetters wegen immer verschoben
hatte. Es gibt andere Zeiten, wo man wirklich nicht recht wei, was mit machen,
und frs Zhnetrocknen im Winde gibt man doch nicht gerne den Taglohn.
    In solcher Zeit eben war Uli mit seinem Volke nach Hause gejagt worden; er
sandte die Taglhner nicht fort, wute fr sie aber auch nichts zu tun, welches
viel abtrug, rechnete, wie manchen Batzen er ausgeben msse um nichts und wieder
nichts, und ging gegen das Haus, um Vreneli mit Brummen und Klnen zu
unterhalten. Dort stund Vreneli im Gesprch mit einem Mannli, der einen Hut auf
dem Kopfe hatte. Es ist gut, da du kommst, sagte Vreneli, da ist einer, er
will mich zur Gotte, seine Frau ging mit mir in die Unterweisung, wir saen
neben einander und waren bsunderbar wohl fr einander. Ich sagte ihm zu, doch
behielt ich dich vor. Was sagst dazu? Ho, sagte Uli, wenn du zugesagt hast,
so wird wenig mehr zu sagen sein, und ging weiter.
    Vreneli zuckte zusammen, aber mit angeborner adeliger Art begabt, fate es
sich alsbald, hie das Mannli hinein, kommen, wartete ihm nach blicher Sitte
mit Speise und Trank auf. Eine schne Sitte, die aber manchem ausgehungerten
Kindbettmannli gefhrlich wird, besonders wenn er dazu noch das Reden liebt. Man
denke, was das kann, wenn so ein arm Mannli, der selten einmal im Tag sich satt
it, nun in einem Tage dreimal gentigt wird, zu essen und zu trinken, bis er
genug hat. Das bringt Manchem die Beine in Verlegenheit, wenn er vom dritten
Gevatter wegstolpert. Aber noch in viel grere kmmt schlielich der Kopf, wenn
er endlich zum Pfarrer stolpert und dort die Namen der Gevattersleute angeben
soll. Da wird manchmal das Denken bedenklich, und je lnger einer denkt, desto
weniger kann er an einen Namen kommen, und doch hatte er ihn noch gewut, als er
zur Tre hereingekommen, sagt er. Es ist bedenklich, wie Fleisch und Geist in
die seltsamsten Kollisionen kommen bei den ernsthaftesten Gelegenheiten. Wo Gott
ein Zeichen seiner Huld gibt, legt der Teufel einen Stein des Anstoes.
    Das Mannli war bereits am dritten Orte und glcklich innen und auen. Er
hatte nirgends eine Abfertigung erhalten, sondern guten Bescheid und tapfer zu
essen und zu trinken. Solchen glcklichen Menschen wchst ein eigenes Redwerk im
Munde, und dieses liefert Lob, Ruhm und Preis fr sich und seine Frau und all
das Seine in einer Stunde mehr als manche St. Galler Baumwollenspinnerei Garn in
einer Woche. Die St. Galler sollten, wren sie gescheut, mit dem Maul zu spinnen
anfangen; in diesem Gliede sind sie stark, ganz verflucht, ja brauchen nicht
einmal Most, geschweige Wein, um ganze Ballen Eigenlob, -ruhm, -preis tschuren
zu lassen in die Welt hinaus, siehe Tagsatzungsprotokolle. Vom schmhlichsten
Renommage wollen wir nicht einmal reden. Das Mnnlein war nun freilich kein St.
Galler, aber es konnte doch nicht fertig werden mit Rhmen, wer er sei und was
sein Fraueli sei und wie er Kinder habe und was sie tten und wie sie sich
erzeigen wollten in der Welt, da man weit und breit von ihnen reden msse, man
mge wollen oder nicht.
    Vreneli ward wind und bange, aber es konnte nicht von ihm kommen, und gehen
heien mochte es ihn auch nicht. So viel Mitgefhl hatte es, da es niemand
einen Kbel kalt Wasser ber den Kopf go, wenn er in sen Trumen befangen
lag. Solch Glck ist gar zu selten in der Welt, und wer ein gut Herz hat, jagt
sicherlich niemanden, der in solcher Wonne liegt, ser als in einem warmen
Bette, daraus auf.
    Vreneli wute, da ihm ein Gewitter wartete, und je lnger eine schwarze
Wolke stocket, das heit mit Elektrizitt sich auf blht, desto hrter kracht
es, wenn es mal losbricht. Der Mann a nicht mehr, dann trank er auch nicht
mehr, endlich gab er selbst das Sitzen auf und stund, so gut er konnte, aber das
Reden wollte kein Ende finden; es war akkurat, als ob er auch so ein auf ein
Pffflein gepfropfter St. Galler Diplomat sei, und doch war er nur ein ganz
gemein Knechtlein, schwatzte nicht einmal um den Taglohn, nicht einmal, um dann
daheim sagen zu knnen: Dunder, denen hab ichs gesagt, habt ihrs gelesen?,
sondern wirklich von Herzen, und schwatzte und stund, und ging und stund und
schwatzte, da es Vreneli den Schwei austrieb und es ihm, als es endlich dessen
Rcken sah, leichtete, als htte es wenigstens eine halbe Kindbetti glcklich
berstanden.
    Nun mute es ans Zweite hin, mute die geschwollene Wolke sich entladen
lassen. Das Ding ging aber nicht halb so leicht als eine andere elektrische
Flasche, welche man nur mit einem Finger zu berhren braucht, um sie in allen
Gliedern zu fhlen. Uli schmollte eine Weile, indessen endlich brachs doch los
und wst. Es habe sich alles gegen ihn verschworen, um ihn zu Boden zu machen,
polterte er, sogar den Herrn des Regens und des Sonnenscheins rechnete er
darunter. Der heutige Tag koste ihn wenigstens drei Gulden, nicht gerechnet, was
die versptete Arbeit schade. Wenn er genug htte bis obenaus, so stehe noch so
ein Hagel vor dem Hause und bitte zu Gevatter. Das sei sonst nicht erhrt
gewesen, da man fremde Leute, welche ihr Brot mit Mhe verdienen mten, zu
Gevatter genommen, sondern reiche Leute, welche es htten und vermchten. Das
kme aber nur daher weil Vreneli die vornehme Frau spiele; da meinten die Leute,
was dahinterstecke, und wten nicht, da sie bald fertig seien. Das sei wieder
so ein Spa von zehn Gulden, nicht gerechnet, was spter ausgerichtet werden
msse. Er htte geglaubt, Vreneli htte so viel Verstand, den Lmmel mit ein
paar Batzen und einer langen Nase weiterzuschicken. Aber nein, da msse das
Gebettel angenommen sein; die vornehme Frau habe es gemacht, werde gedacht
haben, welche schne Gotte es vorstellen werde. Nun knne es aber sehen, wie es
es mache, er gebe keinen Kreuzer dazu, es wisse dann ein andermal, ob es zusagen
solle oder nicht. Er htte nie geglaubt, da es es ihm so machen wrde, aber
wenn es nicht gute, so wolle er stoen, wo es ziehe; je eher der Karren ber
Bord fahre, desto lieber sei es ihm.
    Vreneli kam diese Rede ber den Magen, die Augen blitzten, doch verga es
die Manieren nicht. Weit du, wie die Base dem Vetter sagt, wenn er so wst tut
wie du jetzt? frug Vreneli. Er sei der wsteste Unflat unter der Sonne, und
gute Lust htte ich, dir auch so zu sagen. Ganz unbegrndet fhrst du ber mich
aus, und wenn was geht, das dir nicht recht ist, dreschest du es auf meinem
Rcken aus. Da du kein Geld hast, dafr kann ich nichts, ich habe weder Wirt
noch Mller was verkauft, und wenn du mit ihnen zur Rechnung kmest, so wrdest
du sehen, wo dein Vermgen steckt. Heute habe ich weder hageln noch schneien
lassen, und da ich zu Gevatter gebeten wurde, ist nicht meine Schuld, und wenn
du wieder bei dir selbst bist, so wirst du einsehen, wie wst es gewesen wre,
wenn ich es ausgeschlagen htte. Du weit, wie es einem ist, wenn man zu
Gevatter bitten mu, aber erfahren hast noch nicht, wie es einem tut, wenn man
grob abgefertigt wird, und was meinst, wie htte es dem armen Fraueli getan,
wenn der Mann ihr den abschlgigen Bescheid heimgebracht Da htte es geheien,
ich sei vornehm geworden und schme mich seiner, und es htte geweint, weil
seine letzte Freundin ihm untreu geworden; denn je weniger Leute man hat auf der
Welt, desto weher tut es einem, wenn diese abfallen, und wenn man endlich
niemanden mehr hat, dann sollte einem das Herz brechen, mir wenigstens wrde es.
Merke dir das! Das gute Weibchen freut sich sicher, mich zu sehen, denn manch
Jahr ist verflossen, seit wir als die besten Freundinnen uns getrennt, und wird
auch nicht viele gute Freunde haben auf der Welt. Denk, Uli, wenn wir so wst
sein wollten, was muten wir von andern Leuten erwarten, und wenn wir diesen
Augenblick nicht im berflusse sitzen, hren deswegen unsere Pflichten auf?
Sollen wir des, wegen nicht mehr Christen sein Denk auch, wenn wir spter wieder
zu Geld kommen sollten, so knnten wir das doch nicht mehr gut machen, was wir
den Leuten weh getan, und was man uns deshalb nachgeredet htte, wre an unserm
Namen kleben geblieben unabnderlich. Kosten soll es dich nichts. Ich habe auch
noch Geld, welches mein ist, womit ich machen kann, was mir beliebt, dir geben
oder andern Leuten, je nachdem ich es ntig finde, und habe ich keines mehr, so
will ich schon zu Gelde kommen, das sage ich dir frank und frei. Betrgen will
ich dich nicht, obgleich es mir ein sehr Leichtes wre, des Jahrs viele viele
Gulden in meine Tasche zu machen, ohne da du das Geringste merken solltest.
Aber weit, das Geld, welches wir haben, sei es viel oder wenig, ist mein so gut
als dein, ich verdiene daran so viel als du; ich regiere die Haushaltung, du das
Feld, stehe mit dir auf, gehe mit dir zu Bette, bin nicht deine Magd, sondern
deine Frau. Zu billigen Dingen nehme ich Geld, frage oder frage nicht, nach
meinem Belieben. Hltst du mir dieses vor, so rechne ich mit dir und will dir
zeigen, wer daran schuld ist, da wir kein Geld haben, du oder ich.
    Uli war noch Keiner von denen, auf welche eine feste Sprache keinen Eindruck
macht. Er besa noch das Gerechtigkeitsgefhl, welches die Streitsucht dmpft,
sobald das Recht des Andern klar ist. Tue nur nicht so, sagte er, wie eine
Katze am Strick. Es hat dir noch niemand gesagt, du sollest kein Geld haben oder
du vergeudest, du tuest nichts. Da du mit den Leuten bekannt bist, das wute
ich nicht, und wenn es einem zuweilen wunderlich in den Kopf schiet, das soll
dich nicht wundem. Da sollte ich eigentlich Khe kaufen, mit Pferden wre auch
was zu machen. Schweine mssen auch gekauft sein, du redest ja alle Tage davon,
und kein Geld! Ich liege da wie ein Hungriger, dem die Hnde gebunden, das Maul
verstopft ist, mitten unter Brot und Wrsten.
    Dieses Einlenken von Uli fhrte zu einer ehelichen anstndigen Ratssitzung,
in welcher man in reiflicher Erwgung, da man kein Geld habe und solches
bedrfe, beschlo: es solle das Ntige von Ulis Ersparnissen aus der Kasse
erhoben werden. Vreneli schlug als zweiten Artikel vor, da die brigen
ausstehenden Gelder mit allen Mitteln eingetrieben, die Schuldner zur Rechnung
angehalten wrden. Auf die Versicherung von Uli, das verstehe sich von selbst
und bedrfe keines weitern Beschlusses, lie Vreneli den Artikel fallen, und es
wurde zur Tagesordnung geschritten.

                              Fnfzehntes Kapitel


      Wie viel man an einem Tage gewinnen und wie viel man verlieren kann

Am Sonntag also mute Vreneli zu Gevatter stehen, da gab es einen kleinen
Streit. Uli sagte: Nimm das Fuhrwerk, es ist weit und die Rosse haben nicht
viel geschafft. Will nicht die vornehme Frau machen, sagte Vreneli, das
wrde sich bel schicken fr uns. Bist noch immer bse? sagte Uli, das wre
dumm. Nein, sagte Vreneli, bin weder bse noch dumm, aber wo du recht hast,
da gestehe ich es gerne. Ich will nicht ber meinen Stand hinaus und nie
vergessen, da wir nichts haben und nichts sind als Arbeitsleute. Wir haben wohl
Rosse im Stall, aber sie sind nicht unser, das groe Bauernwesen ist wohl da,
aber wir sind nicht der Bauer, und den Schein, als wren wir es, will ich mir
nicht geben. Fahren ist fr vornehme Leute oder wenigstens fr solche, welche es
scheinen mchten. Und was Uli auch sagte, Vreneli blieb auf seinem Sinn. Als am
Morgen in aller Frhe Vreneli zum Gehen fertig stund und noch links und rechts
befahl, wie es gehen solle den Tag ber, da wollte Uli dem Vreneli wieder
kanzeln. Vreneli war ganz einfach angezogen, hatte nicht etwa die
Hochzeitkleider an, um im Glanze aufzutreten, hatte nicht einmal seine schweren
silbernen Gllerkettelein eingehngt und gar nichts von Seide am Leibe und doch
derlei Dinge im Schranke. Wann willst dann dies brauchen? frug Uli. Das wre
ein Anla gewesen, die Kleider verderben dir, wenn du sie nicht brauchst. Habe
deswegen nicht Kummer, sagte Vreneli, dafr la mich sorgen, und wenn wir mal
Bauer und Burin sind, dann sollst du Wunder erleben, wie ich aufziehen will.
Bis dahin will ich lieber, die Leute sagen: Die kmmt doch gering da, her, sie
werden es nicht besser vermgen, als: Die mag wohl, wird meinen, man wisse
nicht, wer sie ist; der wird es noch anders kommen. Sieh, Mannli, vornehm tte
ich gerne; im Gutttig-, nicht im Hoffrtigsein, da ist ein Unterschied, den
mut du noch lernen, er hat viel auf sich. Doch behte dich Gott und lebe wohl,
mu pressieren, es ist ohnehin wohl spt. Als Uli dem Weibchen nachsah, mute
er sich gestehen, da heute, trotz der einfachen Kleidung, wohl kaum ein
schmuckeres Weibchen auf Berner Wegen gehen werde, als eins eben von seinem
Hause ablief.
    Es war das erstemal seit seiner Heirat, da Vreneli so weit von Hause sich
entfernte, mehr als drei Stunden weit. Es war ein klarer, aber rauher
Frhlingsmorgen, ein starker Reif lag auf den Feldern, Schnee bedeckte die
niederen Hhen. Noch sah man bedeutendere Sterne am Himmel, die minderen hatte
der beginnende Tag verschlungen, das heit fr Vrenelis Augen. Andere Augen, nur
einige Stunden weiter, sahen es anders und Gottes Augen noch ganz anders. So
geht es mit den Augen und der Sterne Bedeutung, und noch ganz anders mit den
Menschen, welche man sinnbildlich Sterne nennt. Sterne hier knnte man zwanzig
Stunden weiter nicht fr Stallaternen brauchen, und noch zehn Stunden weiter
wren sie nichts als schmutzige ltpfe oder winzige Talgstmpfchen.
    So einmal aus dem Gesurre des tglichen Getriebes herauszukommen, ist
uerst wohlttig. Es ist, als ob die Sinne freier wrden, als steige man auf
ein Berglein und bersehe nun den Wald, den man sonst vor lauter Bumen nicht
gesehen. So ging es Vreneli. Ihre ganze Lage rollte sich vor ihm auf wie eine
Landkarte. Es sah die schnen Punkte, die steilen Hhen, die gefhrlichen Psse,
es sah, wie mit Gottes Hlfe keine Gefahr fr sie wre, wenn die gehrige
Vorsicht gebraucht wrde, eine weise Sparsamkeit am rechten und nicht am
unrechten Orte, kein nrrisches Vertrauen in unbewhrte Menschen. Wenn schon das
letzte Jahr nicht das beste gewesen, so war es mit ihnen doch vorwrtsgegangen,
nur hatten sie leider das Geld nicht beisammen, das machte Vreneli seufzen.
Htten wir es doch nur, dachte es. Was hilft viel lsen, wenn man nichts kriegt?
Viel versprechen kostet ja nichts, zahlen ist die Hauptsache. Mit Behagen
dagegen berschlug es, wie sich ihr Hausrat gemehrt und ihre Vorrte, mehr als
Uli dachte. Wenn es sein mte, ein paar hundert Gulden lieen sich lsen aus
Entbehrlichem, meinte es. Mit Behagen dachte es an seine Kindlein, deren es
bereits drei hatte, die so lustig blhten, als wren sie drei Rselein im
Garten, zhlte sich die kleinen Handbietungen auf, welche Vreneli bereits
leistete. Es freute sich, wie sie mehren wrden, fast Tag um Tag, und dachte an
die Zeit, wo das Mdchen sein rechter Arm sein werde, seine wahre
Meisterjungfrau. Wenn nur die Psse nicht gewesen wren mit ihren Grn, den und
Schlnden. Es htte Vreneli keinen Kummer gemacht, sie zu durchfahren, wenn es
die Peitsche gefhrt, das Fahren in seiner Hand gelegen wre; es glaubte zu
sehen, wo man mehr hst und wo mehr hott fahren msse, wenn man sicher
durchkommen wolle. Aber das ist das Peinliche auf Fahrten und gar auf der
Lebensfahrt, wenn man sich fuhr, werken lassen mu, sieht sich bald rechts am
Abgrunde, bald links in den Lften, kann nichts dran machen als hchstens hst
oder hott schreien. Der, welcher fhrt, sieht Abgrnde und Wnde nicht, hrt das
Schreien nicht, fhrt zu, immer blinder und toller, je mehr man wehrt und
schreit, expre hst, wenn er hott fahren sollte, und hott, wenn hst ihn retten
knnte, er fhrt, bis es aus ist mit dem Fuhrwerk, dann fngt er mrderlich zu
brllen an, wie man mit dem Wehren und Geschrei schuld sei am Unglck, htte man
ihn alleine machen lassen, es wre ganz anders gegangen. Ach wie viele solche
Fuhrwerke holpern wohl nicht auf dem Lebenswege, es wackeln die Rder, taumeln
an den Rndern der Ab, grnde, Eins fhrt, das Andere schreit, sie wackeln, sie
taumeln, bis endlich das Fahren aus, das Fuhrwerk geborsten ist. Wie peinlich
und angstvoll ein solches Fahren ist, ist so begreiflich, aber am wenigsten
begreifts, wer die Zgel fhrt und die Peitsche; kann er, so haut er, wer
schreit und Pein zeigt. Wenn Staatswagen so karren und taumeln, ists noch
schauerlicher und graulicher als bei Familienwagen! Daran dachte Vreneli und wie
das Ding wohl anzufangen sei, da Uli so recht auf ihns hre, sich nicht
umgarnen lasse von falschen Freunden, nicht umstricken von den Netzen des
Geizes. Es fehlte ja nirgends als da, aber das war doch so gefhrlich, da ihm
angst und bange ward bei dem Sinnen und Denken, der Weg ihm unter den Fen
schwand, ohne da es es merkte, es am Huschen stand, wo das Patekind lag, ehe
es daran dachte.
    Im Huschen sah es armtig aus und wehmtig das Hausgerte und die
Hausbewohner. Vreneli htte seine Gespielin nicht wieder erkannt, hatte Mhe,
sich zu berzeugen, da sie es wirklich sei. Zu einem alten Weibe war das
lustige Mdchen zusammengealtert, die blanke Haut war gelb geworden, und matt,
sehr matt waren Gebrden, Schritte, ja selbst das Gangwerk ihrer Rede. Die
Kinder glichen Zwetschgen, ber welche ein frher Reif gegangen, der Kaffee war
so dnn, die Milch so blau, da sie, als beide zusammengegossen waren, aussahen
akkurat wie der blaue Himmel, wenn ein leiser Nebel darberliegt. Der Tisch
wackelte, die Kaffeekanne machte ein weinerliches Gesicht, denn sie hatte
Spalten, die Tassen waren zusammengeborgt, die Untertassen kamen hierher, die
Obertassen dorther, sie sahen aus wie die Gevatterschaft selbst, welche aus
einem kleinen, dummen Bauernshnchen und einer alten, grauen Frau und also
Vreneli bestund. Die Kindbetterin war anfangs gegen Vreneli schchtern und tat
fremd, es schmerzte Vreneli fast. Zehn Jahre waren zwischen ihnen
durchgeflossen, seit sie ein Herz und eine Seele gewesen; diese zehn Jahre, wie
weit hatten sie sie auseinandergerissen! Jahre verknchern sich gerne zu Bergen,
stellen sich zwischen die Menschen, scheiden sie durchaus, hchstens sehen sie
sich noch, kennen einander aber nicht. Wenn nun so nach zehn Jahren der Strom
der Zeit Zwei zusammenschwemmt in ein Stbchen, da sie bei einander sitzen,
sich ansehen und Rede stehen mssen, so sehen sie einander an und lesen sich
gegenseitig ein Blatt Weltgeschichte ab, und was sie sich gegenseitig ablesen,
macht die Einen neidisch, die Andern dankbar, Andere demtig, Andere hoffrtig,
Andere giftig, Andere wehmtig. Als das arme Weiblein Vreneli vor sich hatte,
war es eben demtig und wehmtig, denn der Grund seines Gemtes war gut und
treu. Es sah mit Demut an Vreneli auf, dem seine einfache, nette Kleidung so
vornehm stund, Respekt einflte, denn wer eine so einfache Kleidung so zu
ordnen und zu tragen wute, der war von Jugend auf in guter Kleidung und hatte
daheim noch bessere, als es am Leibe trug, whrend man oft scheinbar kostbarer,
aber verschliffener Kleidung von weitem ansieht, da unter derselben ein
verlumpt Hemd stehet und daheim nicht drei ganze sich vorfinden wrden. Dachte
mit Demut, wenn es gewut, wie es geworden, es htte nicht an ihns sprechen
drfen, aber schn sei es von ihm, da es doch gekommen und seiner sich nicht
geschmt. Dachte aber auch mit Wehmut, wie die Zeit sie verschieden gestellt, an
ihm gezimmert und genagt, Vreneli zu einer Frau gemacht, dachte mit Wehmut, wie
es erst in zehn Jahren sein werde, wie da wohl es zusammengemagert und, ein
verdorret Laub, von der Erde verschlungen sein werde, whrend Vreneli
vollstndig zu einer Buerin sich abgerundet habe. Je mehr Vrenelis
Freundlichkeit auf blhte, desto weh - und demtiger ward das arme Frauchen;
zwischenein kam die Freude, es zu sehen und zu gedenken der vergangenen Zeit
ohne Gram und ohne Sorgen.
    Die Armtigkeit trat erst so recht hervor, als man das Kindlein schmcken
wollte zur Kirche. So rein und schn, als sie knnen, zieren die Eltern das
Taufkind aus; es soll diese Sorgfalt so gleichsam ein Pfand sein, da sie es
schmcken und zieren wollen nicht blo uerlich zum Gang in den Tempel des
Herrn, sondern von Stunde an auch innerlich und es auf, erbauen zu einem Tempel,
darin der Herr wohnen mag. Da waren gelbgewaschene Windeln und keine ganze
Kppchen, gar erbrmlich dnn das Decklein, in welches man es legte, und
verschossen und schlecht das Tuch, mit welchem man es deckte. Das arme Kind
mute sich frh gewhnen, da des Lebens rauhe Winde ihm hart an die Haut
gingen. Die alte Gotte hatte das grausam ungern, konnte sich gar nicht darein
schicken, mit einem so schlecht angekleideten Kinde zur Kirche zu gehen. Wenn
sie das gewut htte, sagte sie, sie htte die Magd gesandt, die htte dieses
auch verrichten knnen. Das arme Frauchen hatte die Trnen in den Augen,
entschuldigte sich bestmglichst. Sie htte Besseres leihen wollen, aber, fremd
hier, htte man allenthalben Ausreden gehabt; da htte sie gedacht, wegem lieben
Gott htten sie sich nicht zu schmen, den Leuten aber nicht mehr nachzufragen
als sie ihnen. Da htte sie es ja den Gevattersleuten knnen sagen lassen, die
wrden ihretwegen schon dafr gesorgt haben, zrnte die graue Alte, die eben
auch nicht sehr appetitlich aussah.
    Da trat Vreneli ins Mittel, durch dieses unwrdige Getrtsche sehr bemht.
Es wolle das Kind schon tragen, sagte es, es schme sich seiner gar nicht;
vielleicht sei das Kind welches Jesus unter die Jnger gestellt und gesagt: So
ihr nicht werdet wie dieses Kindlein, werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen,
nicht besser geschmckt gewesen als dieses, und allweg wollten sie Gott danken,
wenn sie Beide Gott so wohl gefielen als dieses Kindlein, und ein Beispiel htte
man, da ein Kind, welches nicht einmal ein Deckeli gehabt, sondern blo in
Windeln gewickelt gewesen sei, gro geworden sei und noch jetzt allen armen
Sndern zum Heil. Du wirst eine Stndlerin sein mit Schein, grinste die Alte.
Nicht, da ich wte, antwortete Vreneli, aber mich dnkt, man sollte sich in
die Umstnde schicken knnen, auf die Hauptsache sehen, an Nebensachen sich
nicht stoen, und dies um so mehr, je lter man ist. So, sagte die Alte, das
wird sollen gestochen sein. Ja ja, es gibt Leute, sie meinen, sie htten die
Weisheit mit dem Breilffel gefressen, und sehen den Dreck auf der eignen Nase
nicht. He nun so dann, so gehts! Bin alt, habe darum schon manchmal erfahren,
da unser Herrgott Solchen den Verstand mit der Muskelle anrichtet, und dann
sagten ich und Andere: So recht, nur angerichtet, und je mehr, je besser. So
sollte es allen gehen, welche besser sein wollen als andere Leute oder gar noch
fromm. Ich sehe dich doch noch? frug das Fraueli weichmtig Vreneli. Gewi,
sagte Vreneli, aber jetzt ists Zeit! Gebt mir das Kind in Gottes Namen, und
gehen wollen wir in Gottes Namen, und da des Kindes Eingnge und Ausgnge sein
ganz Leben lang alle geschehen in Gottes Namen, das wolle Gott. Wie ntig das
arme Wrmlein das htte, mute Vreneli denken den ganzen Weg entlang, whrend
die andere Gotte alle mglichen Manvers machte, damit die Leute nicht meinten,
sie gehre zum Kinde; sie dachte nicht daran, wie wenig ihr alle Knste hlfen,
da sie in der Kirche vor aller Leute Augen doch zum Kinde stehen mute.
    Man kann allerdings nicht genug daran denken, wenn man ein arm Kind zur
Kirche trgt, wie ntig dasselbe Gott habe, wenn das Elend der Snde es nicht
verschlingen soll.
    Der Taufschmaus oder, wie man merkwrdigerweise sagt, die Kindbetti
(wahrscheinlich, weil der Mann die Kosten dazu mit Weh und Schmerzen aufbringt)
wurde im Wirtshause ausgerichtet. Die eigentliche Kindbetterin blieb zu Hause,
wohin auch das Kind getragen wurde. Vreneli verarbeitete grausam viel
Langeweile, ehe die Mahlzeit aufgetragen wurde. Mit seiner Mitgevatterin stund
es auf gespanntem Fue, mit den Andern war nicht viel zu reden, die Wirtin war
nicht redselig und der Wirt handelte mit Juden um Khe. Der Wirt gehrte nmlich
unter die Wirte, welche weder Sonntag noch Sabbat kennen, um alles handeln und
die eigne Seele verschachern wrden, wenn man sie an einen vierkreuzerigen
Strick binden und weiterfhren knnte. Wahrscheinlich um solcher Wirte willen
wird der liebe Gott die Seele unsichtbar gemacht oder keinen Strick geschaffen
haben, an dem man sie halftern kann. Der kleine Bauernsohn war ein
Dorfrenommist. Ungeheure Heldentaten hatte er vollbracht, aber alle waren mit
Schmutz angemacht oder nahmen ein schmutziges Ende. Vreneli kriegte groen Ekel
darber. Sobald es das Ntigste gegessen und getrunken hatte, verschwand es ganz
in groem Stile. Der Wirtin trug es auf, spter seine Entschuldigungen zu
machen, nahm noch Wein und Fleisch mit sich, versteht sich fr sein Geld, und
machte dem verlassenen Fraueli sich zu.
    ber den so frhen Besuch war dieses fast erschrocken, denn so frh verlt
sonst selten eine Gotte den Patenschmaus; es frchtete, der Mann knnte es an
ihm zrnen, da Vreneli so frhe fortgelaufen. Indessen verlor sich dieser
Schreck in der Freude, die alte Gespielin vor sich zu haben. Das Herz ging ihm
auf, es erzhlte Vreneli seine Geschichte. Diese war nicht viel anders als die
Geschichte von Tausenden, aber sie ging Vreneli doch zu Herzen, als sei sie ihm
neu von Anfang bis zu Ende. Leichtsinnig hatte sie sich mit einem
Nebenknechtlein eingelassen, mute ihn heiraten, hatten nichts erspart, bekamen
ein Kind nach dem andern; sie konnte nichts verdienen, er war von den
Mittelmigen einer, welche nur geringen Lohn erhalten. Er war wohl fleiig,
aber er war kein Meister in irgend einer Arbeit, konnte nur taglhnern oder als
Nebenknecht in einem Dienste stehen, wo er keinen besondern Zweig der
Landwirtschaft eigen zu beschaffen hatte; er war von denen einer, welche einen
Tag nach dem andern hinnehmen, wie er kmmt, ohne Streben und Anspannung, durch
Ausbildung seiner Krfte oder tchtigere Anwendung derselben seine Lage zu
verbessern. So erzhlte nun das Weib Vreneli so ganz ins Einzelne hinein, wie
kmmerlich sie sich durchbringen mten, wie Kreuzer um Kreuzer abgezhlt werden
mte, welche Angst und Sorgen es verursache, wenn unerwartet Schuhe geflickt
werden mten, und welche Freude, wenn unerwartet ein Stck Brot ins Haus kme
oder ein altes Kleidungsstck.
    Vreneli kannte diese Art von Haushaltungen im allgemeinen ganz gut, aber so
ganz ins Kleinste hatte es sie nicht verfolgt, die ngstliche tgliche Pein nie
so anschaulich vor Augen gehabt, als sie ihm jetzt durch seine Freundin
dargestellt ward, so da es ihm wurde, als sei es selbst mitten drin und mte
sie mitmachen Tag fr Tag. Es hatte unsgliches Erbarmen mit dem armen Weibe, es
fhlte, wie es in solchem Zustande, in welchem man zu wenig hat, um zu leben,
und zu viel, um zu sterben, wo man keine Aussicht hat, ihn zu verbessern, die
hchsten Hoffnungen nicht einmal mehr bis an eine Ziege reichen, hchstens bis
an ein Huhn, namenlos unglcklich wre, ihn nicht ertragen knnte. In einem
solchen Zustande, gleichsam mit gebundenen Hnden und Fen, jahrelang bis ans
Lebensende zu zappeln, in tglicher endloser Not zu verkmmern, die Brosamen
zhlen zu mssen und immer zu wenig zu haben, den eigenen und der Kinder Hunger
zu stillen, das ist das Schrecklichste unter der Sonne. Es schauderte zusammen
bei dem Gedanken, wenn es doch das erleben mte, es konnte nicht begreifen, wie
die arme Frau das so erzhlen konnte ohne Jammer und Weinen. Es konnte nicht
begreifen, wie sie fast noch mit einer Art von Behagen erzhlen konnte, wie sie
ihre Armtigkeit verwalte, es dachte nicht daran, wie der Mensch nach und nach
an alles sich gewhnt und auch daran, im engsten Raume sich zu bewegen und seine
Ttigkeit in die kleinsten Schranken gebannt zu sehen. Wer an weite Aussichten
gewohnt ist, an groen Geschftsverkehr und weithin reichendes Wirken, dem
scheint ein so eng beschrnktes Dasein die schrecklichste Pein auf Erden, und
doch wrde er sich im Laufe der Jahre vielleicht daran gewhnen, es erfahren,
da die Brden, welche alle Menschen tragen, wohl anders aussehen, aber nicht so
verschieden sind, als sie scheinen, da ihre Schwere oder ihre Leichtigkeit
nicht vom eigenen Gewicht abhngt, sondern von der Gewohnheit und dem Gemte,
welches sie trgt. Schwer trgt ein Kind an einem Pfunde, leichter der starke
Mann einen Zentner.
    Vreneli fhlte das wahre Mitleid, fhlte, wie es ihm wre im Mieder des
armen Fraueli, gab ihm, was es bei sich hatte, und hie es, ihns bald mit dem
Kinde zu besuchen. Jetzt schossen dem armen Weibchen Trnen die Backen herunter,
es stund vor Vreneli und konnte lange nicht reden. Du bist immer das Beste, das
gleiche Vreneli, sagte sie, bringst schon fr das Kind schier mehr, als ich
nehmen durfte, kmmst vom Wirtshaus, hockest da in meiner Armut, hrst einen
ganzen halben Tag mein Gestrm an und gibst mir jetzt noch mehr, als ich dir
abnehmen darf Als Vreneli auf der Annahme bestund, dieweil es komme aus gutem
Herzen und es nichts desto weniger es machen knne, sagte das Fraueli: He nun
so dann, so will ich es nehmen und alle Tage fr dich beten, anders kann ich dir
nicht vergelten. Du weit nicht, aus welcher Not du mich ziehst und wie
glcklich du mich machst, und ich kann es nicht sagen. Jetzt kann ich drei
Batzen hier, sieben Batzen dort bezahlen, die ich geliehen hinter dem Rcken
meines Mannes und die mich schon lange schlaflos gemacht. Ich brauchte sie nicht
fr mich, sondern fr den Arzt; mein Mann hatte gemeint, es sei nicht ntig, es
werde dem Kinde schon bessern, wenn es Gottes Wille sei. Ich habe mein
Sonntagsmieder versetzen mssen, das kann ich auslsen und vielleicht einmal
Schuhe machen lassen. Nein, du gutes Vreneli, du weit nicht, was du an mir
tust, ein rechter Engel vom Himmel bist du mir, und unser Herrgott wolle es dir
vergelten an dir und deinen Kindern. Gott Lob und Dank, jetzt werde ich wieder
schlafen knnen, und wenn Gott uns gesund lt, so wird es schon noch besser
kommen, ich zweifle nicht.
    So glcklich hatte Vreneli lange niemand gesehen, kaum Uli, als es ihm
endlich Ja sagte, glcklicher gemacht als dieses arme Fraueli. Kaum konnte es
sich von ihm trennen, was doch endlich sein mute.
    Als Vreneli wieder allein war und seines Weges ging, da wogten die Gedanken
stromsweise durch seine Seele. Das Glck des armen Weibes schwebte ihm vor den
Augen. Das ist doch gro und schn, von Kleinem so glcklich werden zu knnen,
das ist ein gro Gegengewicht gegen das tgliche Elend. Solch Glck wird denen
nicht, welche man gewhnlich die Glcklichen nennt, welche sich in einem
Zustande befinden, welcher allen Wnschen zu gengen scheint, ein Glck, welches
aber so langweilig und peinlich werden kann, da schon mancher Englnder oder
anderer Narr in Verzweiflung geriet und sich vor den Kopf scho. Es berschlug,
was es wohl noch alles htte fr das arme Weib, und erstaunte, wie reich es war
an alten Schuhen, Strmpfen und andern Herrlichkeiten, welche es nicht mehr
brauchen konnte und welche Schtze waren in diese Armut hinein. Es ber, schlug,
ob es sie nicht in seine Nhe ziehen, zu einem bessern Dasein ihnen verhelfen
knnte; das wre ihm reich vergolten durch eine treue Seele, welcher es
vertrauen und die es gebrauchen knnte im Hause fr Dinge, welche man nicht
gerne allen anvertraut, und von welcher es sicher wre, da sie nicht Partie mit
den Andern gegen sie machen wrde.
    Dann mute es denken, in welcher ganz andern Lage es sei als seine Freundin,
welche vor zehn Jahren, gleich berechtigt an das Glck der Welt, mit ihm auf
einer Bank gesessen. Es hatte so oft Gott und der Base geklagt, hatte sich in
gedrckter Lage gefhlt, Angst gehabt um ihr Dasein, Kummer, Sorgen aller Art,
gemeint, die Zukunft sei eben eine schwarze Wolke voll Blitz und Donner, hatte
es sich nicht schwer damit versndigt? Es hatte gesehen nach denen, welche ber
ihm stunden, und nicht mit den Millionen sich verglichen, welche die untern
Stufen der menschlichen Gesellschaft fllen, oder es hatte gar nichts
verglichen, sondern blo bitterlich geseufzt ber seine Brde, ohne zu bedenken,
da ohne diese kein Mensch sein darf auf Erden, so wenig als ohne Druck der
Luft. Vreneli fhlte sich als eine reiche, vornehme Frau gegenber der armen
Freundin, es konnte schenken Schtze, konnte ihr Herz glcklich machen trotz
einem Kaiser, hatte zu essen vollauf, Vorrte, brauchte mit dem Kreuzer nicht zu
knausern, konnte seine Kinder kleiden lassen nach Bedrfnis und Verstand, hatte
Hoffnung, es zu etwas zu bringen. Es stund vor ihnen eine weite Bahn, freilich
vielen Wechselfllen ausgesetzt, auf welcher aber doch schon so Viele durch
Flei und Nachhaltigkeit reich geworden. Da schmte sich Vreneli bitterlich und
bis zum Weinen. So gehe es einem, wenn man nicht von Hause komme und blo seine
Sache sehe und seine Lage, warf es sich vor; da werde man ungeduldig, undankbar,
wisse nicht, wie gut man es habe, und werde unvertrglich. Man wisse nicht mehr,
wie alle Menschen an einander zu tragen htten, meine, nur die, mit welchen man
lebe, htten ihre Fehler, wollten sie aus Bosheit nicht ablegen, machten einen
mit Flei unglcklich; sehe man sich aber um, so sei es anders, der alte Mensch
sei berall und nur da am wenigsten drckend, wo man mit Geduld ihn trage, mit
Sanftmut arbeite am neuen Menschen. Es kam ihns so eine rechte Wehmut an, wenn
es dachte, wie viele Menschen sich versndigten mit Klagen und Undankbarkeit und
so glcklich sein knnten im Vergleich gegen Andere, wenn sie nur den Verstand
htten, es zu begreifen.
    Wenn sie nur einen Augenblick sich in andere Strmpfe denken knnten, so
kme sie eine unendliche Dankbarkeit an. Es schauderte ihns, wenn es dachte, es
sollte an seiner Freundin Platz nur eine Woche lang und ihr Mann sollte sein
Mann sein. Da war doch dann Uli ein ganz Anderer, und wenn es schon zuweilen
Vreneli dnkte, Uli sollte auf festern Fen stehen, so war er doch ein Mann und
nicht so ein Zttel, ein Fsel und Hseler. Erst wenn man mit eigenen Augen so
recht in andrer Menschen Verhltnisse hineinsehe, begreife man, wie gut man es
habe, wie gtig Gott sei, wie grob man sich versndige mit Unzufriedenheit,
sehne sich heim und fhle sich erst glcklich, wenn man alles so finde, wie man
es verlassen und zwar in aller Unzufriedenheit.
    Je mehr es so dachte, desto mehr trabte es vorwrts, es war ihm, als knnte
ihm sein Heim gestohlen werden und wenn es hinkomme, sei nichts mehr da als eine
de, das Haus verbrannt, die Kinder tot, Uli weg. Aber es ging Vreneli wie
vielen Weibern, welche nicht viel vom Hause kommen, seine Schuhe fingen ihns an
zu plagen. Die Hausgeschfte werden in Holzschuhen oder sonst bequemen, groen
Schuhen verrichtet, die bessern, eleganten Lederschuhe zieht man selten an; sie
trocknen wohl aus, und wenn dann zur Seltenheit weiter gegangen werden soll,
vertragen sich die bequem gewordenen Fe schlecht mit den knappen, sprden
Schuhen. Es gibt viele unangenehme Verhltnisse in der Welt, aber das Verhltnis
zwischen einem weichen Fu und sprden Schuh wo der eine zu breit ist, der
andere zu eng, ist doch eins der allerunangenehmsten, besonders wenn soll
gelaufen werden und zwar stundenweit. Es gibt Leute, welche kein Verhltnis
begreifen und namentlich dieses Verhltnis nicht. Kchinnen und selbst
Kammerzofen, vorzglich aber Stall, und andere Untermgde befinden sich in
diesem Falle. Wenn der Schuhherr kommt, das Ma zu nehmen, biegen sie die Zehen
zusammen oder unter die Sohle, befehlen dazu: Ganz klein, ganz klein,
Sonntagsschuhe!, wahrscheinlich Betmaschinen, um sie zum Seufzen und Beten zu
zwingen. Nun, da gehts dann eben wie bei allen unnatrlichen Verhltnissen;
solange man in denselben lebt, ist man saubel, schrecklich unglcklich, man
schreit nach Gott, und hat man genug geschrieen, platzen sie endlich. Ganz
jmmerlich mute Vreneli pilgern, wie wenn es Erbsen in den Schuhen htte. Auf
Wallfahrten bt der Mensch halt seine Snden. Ehedem wallfahrtete man nach
heiligen Orten, Jerusalem, Loretto, Einsiedeln, mit Erbsen in den Schuhen oder
gar rckwrts nach Rom. Heutzutage pilgern die Mdchen nach Tanzpltzen, stehen
groe Qualen aus dabei; barfu trifft man sie oft an, an Orten, wo sie meinen,
es sehe sie niemand, oder rckwrts gehend von Wirtshusern, vorwrts Buben
lockend, bis sie plumps liegen in schmutzigem Loche. Nun, Vreneli pilgerte auf
guten Wegen, aber auf solchen mu man oft leiden, was auf schlechten Wegen und
noch mehr, und nicht bse werden darber. Das ward Vreneli auch nicht, seufzte
blo zuweilen, ward in seinen Gedanken unterbrochen und dachte endlich wenig
mehr als, es wollte, es wre daheim. Es schmte sich seines hinkenden Ganges,
sah so wenig als mglich auf, in der Hoffnung, wenn es sich um die Begegnenden
nicht kmmere, kmmerten sie sich auch nicht um ihns, was jedenfalls ein sehr
einseitiger Schlo ist.
    Da hielt neben ihm ein Wgelchen, von demselben herab kam eine Stimme:
Wieweit noch heute? Da zuckte Vreneli zusammen, sah auf, und auf dem Wgelchen
sa Uli. Der lachte ber Vrenelis Studieren, ob welchem es nicht wisse, wer an
ihm vorbeikomme, und Vreneli war es eine hchst angenehme berraschung, erstlich
wegen den Fen und zweitens wegen Uli. Wer einmal schlimme Fe in engen
Schuhen gehabt hat und noch zwei lange Stunden wenigstens vor sich, der wei,
wie hell es pltzlich vor den Augen wird und wie eine Stimme von einem Fuhrwerke
herab, welche aufsteigen heit, ungefhr tnet wie eine Stimme aus dem Himmel.
Wenn es dann noch gar die Stimme des Mannes ist, welcher seiner Frau ungeheien
und unerwartet entgegengefahren aus bloer Liebe und Zrtlichkeit, ja dann
fehlen alle Vergleichungen, um auszudrcken, wie die Stimme tnet im Herzen der
angerufenen Frau. Vreneli konnte nicht satt werden, Uli Dank und Freude
auszusprechen fr seine Gte und da er ihm seine Hllenqualen abgekrzt, Uli
dagegen entschuldigte sich, da er nicht weiter gekommen: Erstlich sei er
aufgehalten worden, und zweitens habe er nicht gedacht, da Vreneli so frh sich
heimmachen werde, das Heimgehen falle manchmal Gotten erst ein, wenn es zu spt
sei. Nun erzhlte Vreneli, wie es ihm ergangen, wie es die Gesellschaft
verlassen, ehe der Braten gekommen, und wie es den Rest des Nachmittags
zugebracht. Es konnte sich nicht innig genug ausdrucken, wie zufrieden es
geworden mit seinem Schicksal, Uli nicht sattsam genug zu Gemte fhren, wie sie
Ursache htten, Gott zu loben und zu preisen fr seine Gte an ihnen. Wenn sie
nur gengsam wren, so htten sie mehr als genug, brauchten sich nicht so zu
kmmern ums - tgliche Brot und htten doch immer noch was brig, dem Drftigen
zu helfen in seiner Not.
    Uli hatte die Not nicht selbst angesehen, hatte berhaupt nicht die
Fertigkeit, sich in eine fremde Lage hineinzudenken, als ob es die eigene wre,
er nahm daher die Sache kaltbltiger und widerredete; er war fast anzuhren wie
ein alter Bauernaristokrat oder Dorfmagnat und stund doch so nahe in jeglicher
Beziehung der Grenze, innerhalb welcher die Menschen wohnen, von denen er so
ber die Achsel hin sprach. Man msse das nicht so nehmen, sagte er, das komme
ihnen nicht halb so streng vor als andern Leuten, sie seien daran gewhnt und
kennten es nicht besser. Sei der Verdienst auch nicht gro, so hlfen sie mit
Bettelei nach und Stehlen, und je mehr Kinder sie htten, desto mehr trgen sie
ein, wie die Bienenstcke auch den meisten Honig htten, in welchen die grten
Schwrme wohnten. brigens msse man sich hten, ihnen alles zu glauben, zumeist
sei es schon an der Hlfte zu viel. Betteln sei halt ihr Handwerk, je ntlicher
sie zu tun wten, desto mehr trge es ihnen ab, und je mehr sie gewahreten, da
man ihnen hre und glaube, desto dicker lgen sie, das sei halt nicht anders. Es
gebe Leute, sie wten einem nicht blo das Geld aus der Tasche, sondern fast
die Augen aus dem Kopfe zu schwatzen; wahrscheinlich gehre das Mensch, bei
welchem Vreneli so viel Mitleid und Rhrung aufgelesen hatte, auch zu dieser
Sorte. Und was nicht zu vergessen, diese Leute haben gar viele Sorgen und
Plagen nicht, welche wir haben. Haben sie gegessen, so sind sie fertig, legen
sich schlafen, und wenn es wieder Zeit zum Essen ist, stehen sie auf, verlassen
sich darauf, da wieder was auf dem Tische sei. Unsereiner mu fr alles sorgen,
sorgen, wo er den Zins nehme, woher er Speise schaffe, am Ende noch groen Lohn,
und tut er obendrein nicht jedem alles, woran er sonst noch denkt, mu er ein
wster Hund sein. Hat man endlich dieses alles berstanden und gemeint, man sei
mit jedem fertig, so kmmt einem unerwartet was zwischendrein, ob welchem man
aus der Haut fahren mchte.
    Mein Gott, was ist, hat es einem Kinde was gegeben? frug Vreneli
erschreckt. Das nicht, sagte Uli, sie sind alle wohl, haben nur nicht viel
nach dir geweint (ein schlechter Beruhigungsgrund), aber da kam einer wegen der
Kuh, welche ich letzthin verkauft, sagt mir wst, droht mir mit einem Proze,
oder ich soll die Kuh zurcknehmen, Kosten zahlen und der Teufel wei was alles.
Ich habe ihn unsauber vom Hause weggejagt, aber die Sache ist mir doch nicht am
rechten Ort. Geht er zu einem Agenten, so habe ich einen Handel am Halse, und
wie recht ich auch habe, so wei man wohl, wie es geht, wenn mal die Hagle die
Finger darin haben. Was klagt er, was ist ? frug Vreneli. Nun trug Uli die
Geschichte vor, soviel er aus des Mannlis Gestrm htte klug werden knnen, wie
er sagte. Er selbst trug aber auch nicht zu der Verdeutlichung der Geschichte
bei, denn es war einer von den zahllosen Hndeln, welche sittlich und christlich
schlecht sind, wo blo das formelle Recht in Frage gestellt werden konnte,
welches in der Schweiz nach Ordnung verzwickt werden kann, da bei den engen
Grenzen der Kantone, wo tglich hinber und herber gehandelt wird, gezankt
werden kann, nach welchen Gesetzen der Handel geschlossen worden oder nach
welchen er entschieden werden solle. Vreneli begriff die Sachlage alsbald und
sagte: Aber Uli, wie kannst du so handeln! Wie oft habe ich dir doch
angehalten, du mchtest ehrlich sein und niemand anfhren (betrgen soll man ja
nicht sagen), auch den fremdesten Menschen nicht! Das bringt nicht Segen, macht
einen schlechten Namen, und wie wenig oder nichts trgt es dir ab!
    Oh, sagte Uli, es machte mir wenigstens zehn Taler Unterschied, und zehn
Taler sind nicht zu verachten, besonders wenn man sie so ntig hat wie ich, zehn
Taler findet man nicht auf der Gasse. Aber Uli, was sind zehn Taler, wenn du
nun allgemeinverbrllet wirst, wie du einen angeschmiert! He, sagte Uli, es
macht jeder, was er kann. Warum ist er ein Narr und glaubt mir? Ich bin nicht
der Erste und werde nicht der Letzte sein, der zu lsen sucht, so viel er kann,
da, gegen wird wohl kein vernnftiger Mensch viel haben knnen.
    He ja, sagte Vreneli, das ist so; rhmst du den Handel in einem
Wirtshause, so wird dir jedermann beipflichten, sagen, gerade so msse man es
machen, und jeder wird zu er, zhlen wissen, wie er diesen oder jenen noch
zehnmal rger angeschmiert, und der sei froh gewesen, sich stillzuhalten und zu
schweigen, denn machen htte er nichts knnen und das Auslachen gefrchtet.
Kmmt dann der Handel vor Gericht und verlierst du ihn, so wird es allgemein
heien, es geschehe dir ganz recht, man htte dir das vorher sagen knnen. Man
htte aber nicht geglaubt, da du so schlecht seiest, vor so einem msse man
sich in acht nehmen; werdest aber das Geld ntig haben, es htte ihnen schon
lange geschienen, es gehe nicht am besten. So werden sie reden, Uli, darum mach
aus, ich bitte dich um Gottswillen; leide Schaden, er wird nicht gro sein, und
wie gro er ist, weit du. Wie gro er aber werden kann, wenn du prozedierst,
das weit du nicht und davor graut mir.
    Ho, sagte Uli, gesagt ist nicht, da es einen Handel gebe, er wird sich
wohl bedenken, ehe er angreift. Dumm wre es ja von mir, wenn ich gleich
nachsagen wollte, was man mir vorsagt, dafr bin ich doch endlich nicht auf der
Welt. Aber das Gescheuteste wre, man wrde von solchen Dingen den Weibern
nichts sagen, sie verstehen nichts davon, meinen es doch und haken es gewhnlich
mit allen andern Menschen, nur nicht mit dem Manne.
    Rede doch nicht so! sagte Vreneli, es tut mir sonst weh, und ich verdiene
es gewilich nicht. Mit wem wollte ich es halten als mit dir, denn wen habe ich
auf der Welt als dich Wenn es dir gut geht, geht es mir gut, und geht es dir
bel, wer mu zuerst aushalten als ich? Aber ich bitte dich, sei doch nicht wie
die andern Menschen mit ihrem Gestrm von Mit, halten und nicht Mithalten, das
hat mich schon oft fast die Wnde aufgetrieben. Der hlt es mit mir und der hlt
es nicht mit mir, hrt man alle Tage, und wenn ich es hre, mchte ich allemal
beten: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Wer einem Menschen,
der ber Vater und Mutter schimpft, ber die Meisterleute flucht, die Obrigkeit
lstert, schimpfen, fluchen, lstern hilft, ihm den Zorn noch heier anblst,
den Kopf noch grer macht, von dem heit es: Das ist ein braver Mensch, hat
Verstand, der hlt mit mir; oh, wenn die Leute alle so wren, dann wre es noch
zu leben in der Welt! Wenn ich aber einem verirrten Kinde, einer erbosten Magd,
einem Taugenichts zuspreche in wahren Treu, en, weil ich Erbarmen mit ihnen habe
und mit unverblendeten Augen den Ungrund ihres Geschreis sehe und den Ausgang,
wenn sie so fortfahren, so schreien sie, ich sei wider sie, halte es mit den
Andern, begehren schrecklich auf gegen mich, und groen Verdru habe ich von
meinem Zuspruch. So haben es die Menschen mit dem Mithalten. Wer akkurat ins
gleiche Horn blst, in welches sie blasen, und akkurat in der gleichen Tonart,
in welcher sie blasen, von dem sagen sie der sei ein Guter, halte es mit ihnen,
und wer das nicht tut, sondern redet der Sache gem, ber den erzrnen sie
sich, schimpfen; nach einigen Tagen und einigen Jahren sehen sie, wer es
eigentlich gut mit ihnen gemeint, das heit es mit ihnen gehalten. Denn mit
einem halten, meine ich, heie nicht mit einem dumm tun, ihn noch dmmer machen,
sondern seinen Vorteil im Auge haben, oder wie es heit im Eid: Schaden wenden,
Nutzen frdern. Nun, lieber Uli, halte ich es fort und fort, in Freud und Leid,
in gesunden und kranken Tagen mit dir, wie ich es dir verheien habe, des sollst
du berzeugt sein, aber ich mchte eben auch Schaden wenden und Nutzen frdern,
und wo meine Augen anders sehen als deine, da sage ich es dir, und das nimm mir
ja nicht bel, vier Augen sehen ja, wie das Sprchwort sagt, mehr als zwei, und
deswegen auch wird der liebe Gott den Ehestand eingesetzt haben.
    Oh, meinte Uli, wegen selbem wird es ihm wohl nicht gewesen sein. Ich
wei eigentlich wohl, da du es gut meinst, aber gut Meinen und Verstehen sind
zwei, und nebendem regieren die Weiber gerne; jedes will den bessern Daumen
haben von wegen der Ehre, und die grte Kunst ist das, Meister sein und alles
zwngen und doch die Gute sein und vor den Leuten als eine Demutsvolle gelten.
    Sei nicht bse, sagte Vreneli, la deinen Verdru mich nicht entgelten,
ich meine es so gut. Es ist schlimm, wo ber die Meisterschaft geredet wird,
denn da ist Streit. Ich meine, das Beste solle immer geschehen, da solle man
nicht fragen, welche von den vier Augen, welche Gott zusammengefgt, es gesehen,
sondern eben alles prfen und das Beste erwhlen. Und mit dem Verstehen ists so,
wie unser Heiland sagt: oft begreift ein Unmndiger, was den Weisen der Welt
verborgen bleibt. So wei sicher oft ein dumm Weib besser, was schlicht und
recht ist, als so ein Kabinettskopf und Rechtsfresser in all seiner gestudierten
Weisheit.
    Ho, sagte Uli, das kann zuweilen der Fall sein zur Seltenheit, da eine
Frau noch schlauer ist als der schlimmste Rechtsagent, welcher dem Teufel von
dem Karren gefallen ist, aber fr so eine wirst du dich nicht ausgeben wollen?
    Nein, das nicht, sagte Vreneli, aber du willst nicht verstehen, was ich
meine, und das geht mir zu Herzen. Ich will nichts mehr sagen als: prozediere
nicht, das ist des Teufels rgster Lockvogel, wer mal anbeit, den fat er beim
Ohr. Und lieb wre es mir auch, sagte Uli, du wrdest mir keine Stndelerin,
sonst gut Nacht Friede und Hausen. Uha, Kohli! Sollte was fttern, unterdessen
knnen wir eine Flasche trinken, dir wirds auch recht sein, da du so frhe vom
Mahl gegangen, sagte Uli. Wie du willst, sagte Vreneli, um nicht zu
widersprechen. Es verlangte ihns nach seinen Kindern, schon mehr als zwlf
Stunden hatte es sie nicht gesehen und dies noch nie erlebt.
    Es war sogenannter Tanzsonntag, das heit ein Sonntag, wo so gleichsam von
Obrigkeits wegen getanzt werden mu. Es besteht nmlich im Kanton Bern ein
Gesetz, welches im Jahr sechs Sonntage bestimmt, an welchen allenthalben getanzt
werden darf. Das junge Volk legt dies nun oft so aus, als ob wirklich getanzt
werden msse. Diese Auslegung haben schon viele Wirte und noch mehr Vter
erfahren. Die Auslegungskunst ist eine ganz eigentmliche. Nun gibt es viele
Jungens und Mdchen, welche in Kritik und Auslegungskunst noch viel strker sind
als Strau und es noch weiter treiben, so da selbst die Allerstrauigsten (um
einen allgemein gewordenen Ausdruck zu brauchen) in ihrer Schule noch
entschiedene Fortschritte machen knnten.
    Das Wirtshaus war sehr angefllt, das stampfte und trampelte, als ob da eine
Trittmhle fr viele hundert Personen angelegt sei. Es war das Wirtshaus, in
welchem Ulis Freund wirtschaftete; dies war Vreneli noch unangenehmer als das
Stampfen und Trampeln, welches alle Augenblicke das Zusammenbrechen des
hlzernen Hauses befrchten lie. Sie konnten sich kaum durchdrngen, doch
sobald der Wirt sie bemerkte, machte er ihnen mit seinem kolossalen Buckel
stattlich Raum und verhalf ihnen zu gutem Platz. Es war schade, da er nicht ein
ppslicher Schweizer geworden, er htte zu nichts besser getaugt, als an groen
Kirchenfesten in Rom Platz zu machen fr die rotgestrmpften Herrn Kardinle.
Vreneli war lange nie an einem solchen Sonntage in einem Wirtshause gewesen, um
so schrfer lie es in dem ihm neu gewordenen Gewimmel seine Augen schweifen. Es
kam ihm erst vor, als sei es entweder selbst verrckt oder es sei in ein
Tollhaus geraten. Es sah da halbbatzige Knechtlein, noch wohlfeilere Mgde,
Lehrbuben, sogenannte Bauernshne, deren Vter mehr schuldig waren, als der
Hofwert war, die seit Jahren unbezahlten Zinse nicht gerechnet,
Handwerksbursche, an denen es durch die Woche keinen ganzen Schuh gesehen, ja
Bettelpack, welches es oft vor seiner Tre gehabt, durcheinanderwimmeln, in
glitzerndem Staate, aufgeschwollen von Hochmut, Trotz und tierischer Lust,
vollgefressen und -gesoffen zum Verspritzen, tun, als wre nicht blo die ganze
Welt die ihre, sondern als htten sie, wenn sie diese Welt verklopft oder
verkegelt htten, noch sieben siebenmal grere Welten zum Verklopfen und
Verkegeln. Es war ihm wie einem, der einen Trupp Flhe betrachtet durch ein
Vergrerungsglas und sie ihm vorkommen wie langhrige Elefanten. Es waren ganz
ungeheuer andere Leute, als es in der Woche gesehen, ein einzig Stck schien die
Stube zu fllen. Es duckte und drckte sich bestmglichst in einer Ecke, und
doch frchtete es, gequetscht und erdrckt, ja durch den Luftzug der
aufgerissenen Muler durch einen der aufgesperrten Schlnde in einen
unterirdischen Schlauch gewirbelt zu wer, den, so trampelten und
himmelsappermenteten sie im ganzen Hause herum. Als es sich ein bichen gefat,
da rief es das Bild, welches es heute ins Gemt gefat, hervor, und es war ihm,
als htte es eines Rtsels Lsung, als stelle das Bild sich in den Hintergrund
dieser Herrlichkeit, und was im Vordergrund so gro und himmelsappermenterlich
sei, werde nach und nach dem Hintergrunde zugedrngt, werde kleiner, drftiger,
erbrmlicher, jmmerlicher, zu einem Stbchen voll halbnackter, gramselnder,
hungriger Kinder, zu einem Stbchen voll Elend und Not, ohne Kleider, ohne Brot.
    Diese Wandlung der Gegenwart in die Zukunft, dieses Zusammenschrumpfen
einiger Jahre in einen Augenblick, diese Art von Vision oder Gesicht, lebendig
in der Phantasie, hatte Vreneli selbst der Gegenwart entrckt, so da ihm
entging, wie Uli mit dem Wirte, welcher der vielen Leute ungeachtet Zeit machte,
um neben Uli abzusitzen, in ein Gesprch geriet und ihm den Kuhhandel vortrug.
Erst als der Wirt mit seiner mchtigen Stimme sagte: Sei nur ruhig, la den
anlaufen, zeige ihm den Meister, du kannst nicht verlieren; du hast recht, ja,
wenn dies nicht erlaubt wre, wer wollte handeln, das kme mir sauber heraus
usw. Vreneli erschrak sehr, es htte, wei kein Mensch was, gegeben, sie wren
nicht hier eingekehrt. Es sagte: Ich habe immer gehrt, ein magerer Vergleich
sei besser als ein fetter Proze, die Sache wirft nicht viel ab, und was ein
Proze kosten kann, wei man nicht. Mich dnkt, wenn du es gut mit Uli meintest,
so wrdest du zu Uli sagen: Vergleicht euch, wenn du auch viel oder wenig leiden
mut, so ists doch besser als prozessieren. Das verstehst du nicht, Fraueli,
sagte der Wirt, das ist Mnnersache; darin habt ihr gar nicht zu reden, am
besten ists, man sage euch nichts davon. Schweine msten und kochen, Kaffee
trinken und alle Jahre ein Kind haben, das ist eure Sache und damit punktum. Du
mut das machen wie ich, sagte er zu Uli, meine Frau ist mir lieb und wert,
warum nicht; was man nicht ndern kann, darin mu man sich schicken, aber was
ber die Haushaltung aus geht, von meinem Geschft, gebe ich nicht Bericht.
Warum? Darum: sie versteht es nicht und wrde doch meinen, sie msse das Maul in
alles hngen, und was trg das ab? Vreneli wurde bse und spitzig. Es meine,
sagte es, wenn man hlfe das Geld verdienen, so habe man auch das Recht, ein
Wort dazu zu sagen, wie es solle gebraucht werden. Es liefe mancher Lump weniger
in der Welt herum, wenn er zu rechter Zeit auf seine Frau gehrt htte. Auf den
Mnnern, welche ihren Weibern nicht alles sagen drften, halte es nicht viel,
gewhnlich stecke was Verdchtiges dahinter, etwas, was besser wre, sie tten
es nicht. Ist das gestichelt oder sonst getrmpft? frug der Wirt. Nimm es,
wie du willst, antwortete Vreneli, so viel kann ich dir blo sagen, es ist mir
Ernst damit! Du hast eine handliche Frau, Uli, die wre mir nur zu bse,
sagte der Wirt, die mut du nicht Meister werden lassen, sonst bleibt die
Kirche nicht mitten im Dorfe. Ein wenig bse schadet nicht, gerade so wie ein
Haushund; wenn der nicht bellen kann und im Notfall beien, so ist nichts mit
ihm, aber Bettlerpack und Fremde mu er anbellen und beien, nicht den Meister,
da mu er wedeln mit dem Schwanze und kusch machen. Da wurde der Wirt
abgerufen, sonst htte er wahrscheinlich er, fahren, da Vreneli wirklich zu den
Haushunden gehre, welche bellen und beien knnen.
    Auf dem Heimwege versuchte Vreneli noch einige Male, den Kuhhandel zur
Sprache zu bringen, aber Uli gab uneinllichen Bescheid, sagte endlich: Hast
nicht gehrt, was der Wirt gesagt hat? Man solle den Weibern ber solche Sachen
nicht Bericht geben, sie verstnden sich nicht darauf. Verstehst du dich denn
darauf? fragte Vreneli; du weit von den Gesetzen und dem Prozedieren gerade
so viel als das Kind, welches wir heute getauft, und darum dnkt mich, du
solltest dich nicht damit abgeben wollen. Darum, weil ich und du davon gleich
viel verstehen, antwortete Uli bse, kann ich nicht bei dir zu Rate gehen,
sondern mu zu jemand gehen, der mehr von der Sache wei als ich und du, und
damit punktum, wie der Wirt sagte.
    Dieser Schlu des Tages jammerte Vreneli sehr. Es hatte an diesem Tage so
viel erlebt, erfahren, gedacht, es war gleichsam von den allezeit strmenden
gttlichen Offenbarungen umflossen gewesen; wie ein schner Abendstern hatte ihm
Ulis Entgegenkommen geleuchtet, und nun zum Ende Ulis Erkalten, Abwenden zu
Andern, Zuwenden einer Klippe, an welcher schon das Dasein von Millionen
zerschellte. Es weinte bitterlich, weil Uli den Glauben an es ganz verloren
hatte und ffentlich ihm gleichsam abschwur. Jedermann hat einen Glauben, es
kmmt eben nur darauf an, was, und hauptschlich, an wen er glaubt. Der Glaube
ist abhngig von der Richtung des Gemtes; ein Sprichwort sagt, man glaube, was
man gern habe oder was einem in den Kram diene. Man glaubt den Personen, welche
reden, was einem in den Kram dient oder was man sonst gerne hrt. Wer hat nicht
schon Katzen gesehen, wie gerne sie am Kopfe sich krauen lassen, wie behaglich
es ihnen wird, wenn jemand ihnen mit Manier den Balg streicht, wie sie sich auf
die Seite legen, alle Viere von sich strecken, jetzt das Bein, jetzt ein anderes
aufheben, da man ihnen auch da krauen solle, da es auch hier dem Balg
wohltte, wenn er gestrichen wrde mit Manier. Wer hat nun nicht auch schon
erfahren, da es so viele Menschen akkurat haben wie die Katzen, manierlich
Krauen und Streichen lieben und nicht zufrieden werden, bis man ihnen den Balg
an allen vier Beinen gestrichen. Wer nun dieses Streichen und Krauen, welches
sich begreiflich nach dem Balge richten mu (ein Winterbalg mag mehr er, tragen
als ein Sommerbalg, so wie auch Stubenkatzen und Feldkatzen anders zu traktieren
sind), wohl versteht, der findet Glauben. Tausende erheben sich nicht ber
diesen Glauben; an alles und an alle dagegen glauben sie nicht, wer oder was
ihnen nicht wohl macht, nicht ihre Behaglichkeit vermehrt, was sie beit oder
juckt. Mit Abscheu und Hohn wenden sie sich davon ab, werfen gewaltig, wie Buben
mit Steinen, mit Aberglauben, Pfaffen, Jesuiten und altvterischem Gedampe usw.
um sich.
    Dieser Glaube wurde durch den Teufel schon im Paradiese eingefhrt, als er
der Eva den Balg strich. Er vertrgt aber keine gewisse Erkenntnis, das hat Eva
alsbald erfahren; aber bis auf den heutigen Tag sind Millionen nicht klug
geworden, haben die Erfahrung von der Eva nicht geerbt, sondern blo den Balg,
der sich gerne streicheln lt, und die Lust an allem, was wohl macht und
behaglich sein lt. Zum rechten Glauben bedarf es schon rechter Leute, da
heit ganz anderer als solcher, welchen es nur um das Behagen des Balges zu tun
ist. Der rechte Glaube geht vom Unbehagen aus, nicht vom Behagen, nicht vom
Gefhle des Wohlseins, sondern vom Gefhl der Armut und des Wehs, will nicht
behaglich den Leib pflegen, sondern gesund machen die kranke Seele, erkennt es,
der Mensch sei keine Sau, fr den Schlamm geboren, sondern ein Wesen, das
gereinigt werden msse, um zum Leben in hhern, reinern Regionen zu gelangen.
Dieses Gefhl ist kein angebornes, entstammt nicht dem Fleische. Wie eine Taube
aus den Himmelshhen mag es sich zuweilen niederlassen auf erwhlte
Himmelskinder, sonst ist es ein Kind der Zucht, der Zucht von Gott, der Zucht
von denen, durch deren Hand Gott die Menschen erziehen will. Wen der Herr lieb
hat, den zchtigt er und lt ihn zchtigen, und diese Zucht wirket die
friedsame Frucht der Gerechtigkeit. Die Zucht wirket das Gefhl der Armut und
des Krankseins, ist die wahre Augensalbe, welche den Blinden das Gesicht gibt,
sie schauen lt des bels wahren Sitz, welche die Erfahrung gibt, aus welchem
Samen das Gute wchst, aus welchem das Bse, welche eben den Glauben gibt, da
lieb der Herr die hat, welche er zchtigt, weil es nach den Zchtigungen dem
Menschen leichter, wohler wird, seine Krfte sich gesthlt, seine Freudigkeit
zugenommen hat. Diese Zucht wirkt ganz was anderes als die Unzucht der heutigen
groen Pdagogen und anderer Schulmeister. Diese Unzucht fhrt die Schler nicht
weiter als dazu, Gott und Menschen zu hassen und unter allen Menschen die groen
Pdagogen und sonstigen Schulmeister am allermeisten. Man frage nach dem
Respekte der Schler gegen die Lehrer, man frage nach Liebe und Anhnglichkeit,
nach Gehorsam und lebendigem Fleie, nach glubigem Vertrauen, man suche Trauben
auf Dornenbschen! Unter der Zucht bildet sich der zarte Keim der Erkenntnis
dessen aus, was gut und heilsam ist den Menschen, bildet sich die Kenntnis der
Menschen aus. Man lernt unterscheiden, wer es gut meint oder gut zu meinen
scheint, wer blo der Katze den Balg zu streichen oder den Menschen an der Seele
zu doktern wei, da bildet sich der Glaube an Gott und seine vterliche Liebe,
der Glaube an die Erlsung durch Christum, der gekommen, zu suchen das Verlorne,
der durch Leiden gegangen, am Kreuze gestorben, um zu erquicken die Mhseligen,
Ruhe zu schaffen fr ihre Seelen, der Glaube an den engen Weg mit Dornen beset,
der zum Himmel fhrt.
    Es bildet sich berhaupt der Sinn fr die Wahrheit aus, sei sie bitter oder
s, komme sie vom Freund oder Feind, und der Hunger nach der Wahrheit, der in
ehrlicher Treue nach Befriedigung strebt, um ein immer erleuchteterer Christ zu
werden. Dieser Hunger ist, beilufig gesagt, was ganz anderes als das Jagen nach
was Neuem, blo um Professor zu werden und nichts weiter! Vom Vater der Lgen
und all seinen Propheten wendet man sich mit Abscheu ab und kriegt einen
frmlichen Ekel ob allem Balgstreichen und sonstigem Kitzeln des Fleisches.
Diese verschiedenen Richtungen treten auf das Klarste ins Leben hinaus, in allen
Verhltnissen, in allen Stnden, in allen Altern. Es gibt auch Menschen, welche
an jeder Wahrheit zweifeln, Mitrauen haben gegen jeden ehrlichen Menschen,
welche immer sagen: Wei nicht, kann sein, wird sein, ist mglich, wei aber
doch nicht; so bei den klarsten Wahrheiten, welche man mit Pelzhandschuhen
greifen knnte. Die gleichen Leute glauben den schlechtesten Leuten, freilich
keine tausendjhrige Wahrheit, sondern am liebsten die allerneusten und
widersinnigsten Lgen, und lgen sie hundertmal im Tage, so glauben sie es
hundertmal; waren sie hundertmal in einem Tage schon angefhrt, sie lieen zum
hundertundersten Male sich noch anfhren, natrlich bei gehriger Bearbeitung
des Balges von einem dieser kunstfertigen Gerber. Je mehr das Fleisch im Preise
steigt, desto mehr und hufiger tritt diese schauerliche Verkehrtheit zu Tage.
Ein ehrlicher Mensch mu des Tages, es kann kein Mensch zhlen wie oft, nach dem
Kopfe greifen, um zu erfahren, ob er ihn noch habe, und stundenlang grbeln, ob
er bei Verstand sei oder nicht, wenn er unter Menschenkindern sich befindet,
welche auf dieser Kulturstufe sind: Musterreiter, Posthalter oder gar
Schulmeister, Maurer- oder andere Gesellen.
    Jetzt kann man sich denken, wie es einer ehrlichen Frau zumute werden mu,
wenn sie diese Glaubensrichtung in ihrem Manne sich entwickeln sieht, wenn er
ihren wohlgemeintesten Rten, seit tausend und tausend Jahren bewhrt (beilufig
gesagt, erschlugen die alten Deutschen in den Hermannsschlachten mit besonderer
Vorliebe Schreiber und Rechtsmenschen; werden einen natrlichen Grund gehabt
haben!), die Ohren verschliet und den Balgstreichern sich zuwendet; wenn sie
sieht, wie er umgarnt wird und eingesponnen gleich einer Fliege im Spinnennetz;
wenn sie erfahren mu, wie ihm ein Dnkel eingepflanzt wird absichtlich, um
denselben ihr zu entfremden, seine Ohren gleichsam verpicht werden
grundstzlich, ungefhr wie man denen, welche man erschieen will, die Augen
verbindet; wenn sie wohl wei, der Mann liebt sie, aber der Esel, der Mann, lt
sich aufweisen; wei ferner, wie man sie lcherlich macht, ihm Mitrauen
einflt, ihre Einsicht verdchtigt, ihr Recht, etwas zur Sache zu sagen, in
Abrede stellt. Und doch geht es um ihre Sache, geht um der Kinder Sache, und sie
soll, stumm wie ein Fisch, den Esel fuhrwerken lassen je nach der Lust und der
Bosheit einiger Spottbuben, welche die Sache blo so weit angeht wie
einbrechende Diebe eine Geldkiste. Das ist wirklich ein hart Ding und besonders
fr eine Frau, welche glaubt, einen gescheuten Mann geheiratet zu haben, einen
Ausbund; der wird auf einmal rappelkpfig, sturm am Hirn, viel rger, als wenn
ein Ro den Koller hat. Wenn sie wirklich aus der Haut fahren tte, es knnte
ihr es niemand verbeln; aber was ist erst erlaubt, wenn diese Richtung des
Mannes in einem bestimmten Fall klar hervortritt, wenn er an den uern Rndern
des Wirbels schwebt?
    Uli verstand von Recht und Gesetz, Formen, Terminen, Kosten usw. gar nichts;
er war in diesem Gebiete einem Wanderer gleich, der in stockfinsterer Nacht in
einem Urwalde tappet. Wer das erfahren hat, wei, wie man da dran ist. Wenn nun
so ein stockdummer Mensch noch einen stockblinden Glauben hat zu irgend einem
der Propheten, welche Lgen predigen, welche der Teufel angestellt hat, die
Leute ins Unglck zu reiten, wie ein Stallmeister Stalljungen hat, um die Pferde
in die Schwemme zu reiten, so kann man sich etwas davon denken, wie es geht;
aber um es so recht zu wissen, mu man solche Leute selbst reden gehrt haben,
so aus bloer Phantasie, en thorie, kann man sich dies doch nicht vorstellen.
Sie sind akkurat wie Kinder, welchen man die Buchstaben A B C zeigt. Das Lernen
des A B C beruht auf dem Glauben, denn da die wunderlichen Striche diesen und
jenen Laut reprsentieren, mssen die Kinder glauben, und wenn sie einmal durch
Zucht dazu gebracht sind, da sie wissen, welches Zeichen den groen A bedeutet,
so drcken sie mit ungeheurem Nachdruck den Zeigefinger oder Daumen auf den
groen A und schreien gewaltiglich A und dnken sich gro absonderlich. Mit
Zeit und Weile lernen sie auch B und C kennen, daran glauben, kommen vielleicht
noch weiter, dnken sich alle Tage grer und schreien alle Zeichen gewaltiger;
aber den Zusammenhang der Zeichen kennen sie noch nicht, und wenn man ihnen
denselben schon zeigt, so begreifen sie ihn nicht. Deswegen dnken sie sich
nicht minder gro, sondern eben desto grer. Von einem Zusammenhang der
Buchstaben wissen sie nichts, dar, um scheint es ihnen lcherlich; sie wissen,
was sie knnen, und knnen, was sie wissen, darum scheinen sie sich so wichtig,
und wer was mehr wei, scheint ihnen dumm oder schlecht.
    Nun, so ein Uli, der einen Proze anfngt und sein Lebtag kein Gesetzbuch
gesehen hat, geschweige gelesen, der ist akkurat so ein ABC-Bub, der eine neue
Fibel oder Namenbuch, wie wir hier sagen, unter dem Arme hat und zur Mutter
luft mit groem Geschrei: Mutter, Mutter, das groe A, wo ist es, wo das groe
A? Zeigt ihm die Mutter das groe A, so schreit er wochenlang A, A, tut wie
ein Elefant in den ersten Hosen. Kriegt der Uli einen Proze unter den Arm, so
luft er damit zu den Gelehrten, diese sagen: A heit A, und auf das A folgt
das B, das kann nicht fehlen, punktum, hier steht es geschrieben, siehst? Der
Proze ist gewonnen, ich nhme es nicht zum voraus, wenn man mir es schon geben
wollte. Das glaubt nun der Uli steif und fest und bildet sich ein, ein
Rechtsgelehrter zu sein, weil er das A auswendig wei und etwas vom B kennt; wer
ihm Zweifel uert, der hlt es nicht mit ihm, mag ihm sein Glck nicht gnnen,
ist ein Lumpenhund und meint es mit dem Gegner gut. Es ist ein frmlicher
Fanatismus in diesem Glauben, und je blinder und beschrnkter er ist, desto
leidenschaftlicher, unduldsamer uert er sich. Wenn so ein Uli knnte, er wrde
jeden kpfen oder gar hngen lassen, welcher den geringsten Zweifel schimmern
lassen wrde, als htte er den besten Handel von der Welt. So ein Uli wrde
immer so stark verfahren als ehemals der Groinquisitor von Spanien oder die
ehemaligen Ketzerriecher und Ketzerrichter in Deutschland. Die Eintnigkeit, wo
kein anderer Ton mehr anklingt, die Wut, wenn doch ein anderer zu den Ohren
tnet, werden nie aussterben im Menschengeschlechte und zutage treten allemal,
wenn man der Katze lange genug den Balg gestrichen hat. Die Erfahrung machte
nicht blo Vreneli, die Erfahrung macht man dato im ganzen Schweizerlande. Was
dabei noch sehr merkwrdig ist, ist die Festigkeit des Glaubens, wenn er sich
einmal gehrig an eine Person geheftet hat. Wie der Tiroler zum Beispiel an
seine Amulette glaubte, welche hieb- und schufest machen sollten, und daran
glaubte, so oft er auch verwundet wurde, indem er allemal einer besondern
Ursache oder eigener Schuld die Zulassung der Wunde zuschrieb, wie man einen
Schatzgrbertoren siebenmal prellen konnte und zum achtenmal doch noch Glauben
fand, gerade so hat es so ein zum Proze angedrehter Uli. Es gibt Leute, welche
durch rechtskundige Spitzbuben um ihr ganzes Vermgen gekommen sind und dennoch
an die Spitzbuben glauben, und wenn sie wieder zum Vermgen kmen, wieder durch
sie sich darum bringen lieen. Man mchte manchmal vor Zorn die Wnde auf
springen oder vor Wehmut sich die Augen aus dem Kopfe weinen, wenn man die
altertmliche und volkstmliche Balgstreicherei und ihre Folgen sieht: blinden
Glauben, narrochtiges Treiben und endliches Verderben.
    Wenn man das Obige begriffen hat, so wird man auch begreifen, wie es Vreneli
war, da Uli in diesen Wirbel gezogen wurde. Der gute Uli begriff nicht, was
Menschen zu reden und zu tun imstande sind, wenn in ihren Bereich eine Kuh
luft, welche sie hoffen mit Streicheln und Sanfttun dahin zu bringen, da sie
sich melken lt. Vreneli versuchte mehr als einmal noch, ihn vom Prozesse
abzubringen, denn das Mannli lie die Sache nicht liegen, wie man Uli, um ihn
trotzig zu machen, vorgespiegelt hatte. Aber das half alles nicht, er hatte
einmal jetzt den Glauben nicht zu ihm, sondern zu Andern. Vergebens stellte
Vreneli ihm vor, es sei bei dem Proze nichts zu gewinnen, nur einen kleinen
Schaden zu leiden, wenn man den Proze unterlasse; verliere man denselben aber,
so knne der Schaden leicht zehnmal grer werden, Verdru und versuerte Zeit
nicht gerechnet. Aber da half alles nichts. Das verstehst du nicht, hie es.
Ja, wenn ich reich wre und vermchte zu schenken; aber ich mu zum Kreuzer
sehen, es sieht mir sonst niemand dazu. Wenn dann Vreneli frug: Aber magst du
solche Kreuzer? Hast du nie gehrt, da ein ungerechter Kreuzer zehn gerechte
frit? Und recht hat das Mannli, du magst es mir glauben oder nicht! Das
verstehst du aber nicht, sagte Uli, das eben wird sich zeigen, wer recht hat,
darum prozediert man ja. Wenn man es vorher wte, so prozedierte man ja nicht.
So ists, und weiser als alle Leute wirst doch nicht sein wollen. Vreneli mute
sich darein ergeben, aber es hielt ihns hart. Es wird in Gottes Namen sein
mssen. Uli wird eins von den Kindern sein, welche sich brennen mssen, um das
Feuer frchten zu lernen; Gott wird sorgen, da mit der Zeit die Erfahrung kmmt
und mit der Erfahrung die Weisheit. Wenn das ist, in Gottes Namen, so prozediere
er, und wenn alles drauf mu; wenn nur am Ende die Hauptsache gewonnen wird, so
ist alles gut, denn was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele! So fate
sich Vreneli bestmglichst, aber schwer; zu diesem Verdru kam ein Bangen,
welches den Verdru verschlang.

                              Sechzehntes Kapitel


                   Es kmmt Angst, und ber jedes eine andere

Die Base begann stark zu krnkeln und ernsthaft, die Fe liefen ihr auf, der
Husten plagte sie, die Nchte waren ohne Schlaf. Das sei eine beginnende
Brustwassersucht, sagte der Arzt. Wenn man Flei habe, die Mittel gebrauche,
hoffe er der Krankheit zuvorzukommen, trstete er. Die Base schttelte dazu den
Kopf; Mutter und Gromutter seien ungefhr im gleichen Alter an der gleichen
Krankheit gestorben, das Gleiche werde ihr auch warten, sagte sie zum ebenfalls
Hoffnung machenden Vreneli. Es ist nicht, da ich das Sterben scheue; ach Gott,
wie vielem bin ich entronnen, wenn ich einmal im Grabe ruhe; aber was soll aus
den Meinen werden? Da ist meine Snde, und da werde ich hart gestraft. Was ist
sterbenden Eltern der beste Trost? Wenn sie ihre Familie so hinterlassen knnen
wie einen gesunden Baum, der, gesund in Wurzeln und sten, langes Leben und ein
hohes Alter verspricht, wenn die Kinder so sind, da man wei, man kmmt einst
wieder zusammen. Nun weit, wie ich es habe, habe keine Hoffnung, und gar
bitterlich weinte die Base. Denn, sagte sie, ich bin an allem viel selbst
schuld. Ich habe gemeint, mit dem Alter komme der Verstand, wo die Kinder dann
von selbst einsehen wrden, was recht sei. Ich zankte nicht gerne mit Joggeli,
der groe Freude an ihnen hatte, ihnen alles nachlie, dachte, das werde sich
spter schon machen. Ich lie sie beten, aber ob sie in die Kirche gingen oder
nicht, darum kmmerte ich mich nicht; konnte ich doch selbst nicht viel gehen,
eine Burin hat so viel zu tun! Dachte, man knne sonst fromm sein und recht
tun, wenn man schon nicht in die Kirche gehe, man sei ja unterwiesen worden und
wisse, was man solle und nicht solle, so dachte ich. Spter sah ich, da ich
unrecht gedacht, wollte nachbessern und konnte nicht. Ich mochte sagen, was ich
wollte, so hrten sie mich nicht oder begriffen mich nicht, lachten mich endlich
gar aus, weil so altvterisches Zeug nicht mehr passe in die heutige Zeit. Von
der Welt waren ihre Herzen voll, das hatte ich sorglos zugelassen; als ich
spter den rechten Samen ausstreuen wollte, hatte er nicht Platz darin, fand den
guten Boden nicht, Dornen und Disteln hatten bereits ihn bedeckt. Ihr Trachten
war auf die Augenlust, Fleischeslust, die Hoffart des Lebens gestellt; ich
konnte lange reden, ich predigte tauben Ohren und predige noch heutzutage tauben
Ohren. Was soll aus meinen Kindern, was soll erst aus ihren Kindern werden? Bin
froh, es nicht erleben zu mssen, und doch graut mir vor dem Sterben, htte so
gerne noch was fr sie getan. Denk, wenn sie sterben und am Ende ihnen die Augen
aufgehen ber ihr Elend und sie dann sagen: Daran ist unsere Mutter auch schuld.
Oder wenn sie kommen an den Ort der Qual und ich sie da sehen mte und denken
in alle Ewigkeit: Daran bist du auch schuld, knnte da wohl ein Himmel fr mich
sein? Was soll aus Joggeli werden? Ist in vielen Sachen ganz wie ein Kind; hat
er noch einige Jahre zu leben, so bringen sie ihn rein um seine Sache. Ihr
dauert mich auch, denn was sie jetzt Joggeli alles angeben werden, kann man sich
denken. Macht ja, da ihr immer den Zins geben knnt; dein Mann soll sich
losmachen von denen beiden Burschen, wo immer mit dem Maul zahlen wollen, sonst
geht es nicht gut. So ist, wohin ich sehe, blo Trbes und Trauriges; ich bin
froh, es nicht erleben zu mssen, und sollte es doch gut machen helfen, dieweil
ich auch schuld daran bin. Ach, ich kann nicht sagen: Vater, es ist vollbracht;
wenn ich nicht die Hoffnung htte, da Gott gelinder strafe, als man es
verdient, da bei ihm mglich sei, was Menschen unmglich scheinet, da er alles
zum Besten leite, sieh, ich verzweifelte noch in meinen letzten Tagen. Hrter
liegt nichts auf dem Herzen, glaub es mir, als zwei Kinder zu sehen im Rachen
der Welt, der Pforte der Hlle, und an den Armen keine Hnde zu haben, sie
herauszuziehen.
    Vreneli wollte trsten, aufrichten, aber wie schwer ist das nicht, wenn man
das Herz selbst voll hat zum Zerspringen und wenn es einem dnkt, die Klagen
seien wahr, in gleicher Lage wre es einem ebenso! Was hatten sie zu erwarten,
wenn die Base starb, und wen hatte Vreneli noch auf der Welt, bei dem es Rat und
Trost schpfen, sein Herz ergieen konnte, seit Uli seinen Glauben seinen Gtzen
zugewandt, unglubig gegen Vreneli geworden war? Es wute nichts, als mit der
Base zu weinen, sie zu bitten, guten Mutes zu sein, ihr Leben zu fristen solange
als mglich, seinetwegen, denn wenn sie mal im Grabe sei, dann sei ihr Stern
erloschen und das Elend vor der Tr. Es htte nicht umsonst Gotte sein mssen
einem armen Fraueli und sich entsetzen ber dessen Armtigkeit, es wisse jetzt,
da es sich dazu vorbereiten solle, und dies wolle es tun alle Tage, denn dahin
werde es mir ihnen kommen, wenn nicht noch weiter, jammerte Vreneli. Du guter
Tropf sagte die Base, wenn es mir besser drum wre, fast mte ich lachen. Ihr
habt noch nichts erlebt; wem geht es immer wie gewnscht, ohne Angst und
Anstand? Glaubst, ihr wret die Einzigen, welche nicht Lehrgeld zahlen mssen in
der Welt, welche Torheit ben mssen oder welchen Gott handgreiflich darlegt,
da man sich nicht auf Menschen verlassen msse noch auf des Menschen
Herrlichkeit? Wenn ihr hier schon nichts verdient oder noch dazu um alles kommt,
was ihr habt, ich habe doch nicht Kummer um euch wegen Durchschlagen durch die
Welt. Du und Uli werden ihr Brot allenthalben finden, solang ihr euern guten
Namen habt, dafr wirst du sorgen. Bereite dich, noch viel Hrteres zu ertragen!
Was kmmt, nimm immer mit Dank auf, da es nicht hrter ist, und mache dich
wieder auf Hrteres gefat. Sorge nur dafr, da du die Kleinen dem zubringst,
der da gesagt hat: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen gehrt das
Himmelreich. Absonders dieses da, mein klein Schtzeli,sagte die Base und
drckte das kleine Vreneli, welches auf ihrem Schoe sa, an ihr Herz.
    Das kleine Mdchen war ihre Freude auf der Welt, so gleichsam das einzige
Blmlein, welches einem alten Grtner brig blieb. Das Kind vergalt diese Liebe
treulich. Vom frhen Morgen an war es drben und mute abends zumeist schlafend
heimgetragen werden. Es war der Base kleine Aufwrterin: trug ihr hin und her,
was sie bedurfte; ihre Gesellschafterin: klpperlete mit ihr, so viel sie
wollte; ihr Schulkind: sie lehrte es buchstabieren und zwar mit Sanftmut und
Geduld, so da die Kleine Fortschritte machte wie ein klein Hexelein; dazu
erzhlte sie ihm schne Geschichten und redete ihm zu, was es Vater und Mutter
sein solle, und das Kindlein nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und
bei den Menschen, und alle sagten, und wirklich nicht ohne Grund, es sei weit
ber sein Alter, sie htten noch keins so gesehen. Mit dem Kinde gab sich jemand
ab, und zwar nicht pedantisch mit Buchstabenzeigen blo oder sonstiger
Schulfuchserei, sondern in warmer Liebe, mit schnen Geschichten und lieblichen
Worten, welche einem Kinde sind, was im Frhling den Blumen der Tau. Es
verderben gar unendlich viele Kinder am Geiste, weil ihnen eben dieser warme,
weiche Tau fehlt; die edelsten Keime vertrocknen, gehen nie auf. Es haben gar
unendlich viele Kinder ihrer Gromutter viel mehr zu verdanken als den
gelehrtesten Herren Professoren, welche oft nicht viel anders sind als
vertrocknete Haarseckel.
    Joggeli benahm sich eigen gegen seine Frau; er war bse ber sie, zrnte
ihr, da sie krank war. Der alte Mann fhlte wohl, was sie ihm war, seine
Sttze, sein Stab im Leben, und was er wrde ohne sie; aber eben deswegen htte
sie nicht krank sein sollen, den rger darber lie er gleich einem unartigen
Kinde an ihr aus. Bald sagte er, sie bilde sich nur ein, krank zu sein, bald
schonte sie sich zu wenig, brauchte ihm nicht Arznei genug, fuhr zu wenig den
Quacksalbern nach; sie hatte ihre liebe Not mit ihm. Er schleppte ihr sogar
einmal einen Arzt herbei, sie wute lange nicht, war es ein alter Bettelmusikant
oder ein verkleideter Kapuziner; dem Dreck nach, der rund an ihm herumlag, htte
er am ersten das Letztere sein knnen, indessen die Tonsur fehlte ihm, statt
dessen hatte er altes Haferstroh vom vergangenen Jahre und Bruchstcke von
Hanfstengeln in seinen verwilderten Haarzpfen, deren einige Dutzend ihm um
seinen ungewaschenen Kopf hingen. Denselben hatte Joggeli einmal in einem
Wirtshause erzhlen hren von seiner erstaunenswrdigen Geschicklichkeit, wute
aber nicht, da seine Frau ihm selten anders sagte als du Hagels Lgner.
Derselbe erzhlte, wie er schrecklich berhmt sei und manchmal gar nicht wisse,
wie wehren; von zuhinterst in Deutschland schrieben ihm die berhmtesten
Doktoren, wenn sie in Verlegenheit seien, und frgen ihn, was er meine. Er habe
schon Manchen aus der Tinte gezogen, der es nicht rhmen werde, aber er habe es
aufgeschrieben. So habe ihm einer geschrieben aus einer Stadt, man sage ihr nur
Berlin, es sei die Hauptstadt von Ruland, derselbe sei Hofrat und heie Schli,
und ihn gefragt, was er machen solle wegen der Cholera, die wolle kommen. Das
sei eine grausame Krankheit, fange bei den Beinen an, bis zuletzt die Haare auf
dem Schdel so feurig wrden, da man Schwefelhlzer daran anznden knnte; dem
habe er geschrieben, was er machen msse, der Ketzer habe ihm noch nicht
gedankt. Aber so machten sie es, die Hagle, sie behielten seine Rte, wrden
Hofrte, und kein Mensch in Ruland wisse, da die Sache von ihm komme. Er habe
angeraten, jedem Patienten sieben Tage, ehe bei ihm die Krankheit ausbreche
nichts zu geben als Buttermilch mit Saanenkse, in die Ma Milch ein Pfund Kse
geschabt, alle zwei Stunden eine Portion; er sei gut dafr, die Krankheit breche
nicht aus. Nun sterbe in ganz Ruland kein Mensch mehr an der Cholera, da sei er
gut dafr, aber dem Kaiser werde man nicht sagen, das habe Lrlipeterli
angegeben; er glaube seiner Seele nicht, da er sein Lebtag je Hofrat werde. Es
nehme ihn jetzt wunder, wie es ihm mit dem Papste gehe. Es htten ihm nmlich
zwei sonderbar vornehme Herren von Rom - er glaube, sie seien dem Papste
verwandt, wenigstens seien sie, nach allem zu schlieen, sehr gute Freunde von
ihm - geschrieben. Die htten den Star und schrieben ihm, sie htten von ihm
gehrt, wie er berhmt sei im Stechen, Keiner so, und htten das Vertrauen
alleine zu ihm, er solle kommen und sie operieren; wenn er es begehre, wollten
sie ihm ihre Kutsche schicken, sechsspnnig, sonst solle er kommen, wie es ihm
beliebe, sie wollten zahlen, bis er zufrieden sei. Gelnge ihm die Operation, so
knne er ein steinreicher Mann werden, denn in Rom sei fast die Hlfte der
Menschen blind von wegen dem feuerspeienden Berg, welcher dort sei, der
verblende die Menschen und mache ihnen den Star, den Berg nenne man Vulkan. Er
wisse nicht, ob er gehen werde, von wegen sie wren imstande und behielten ihn
dort mit Gewalt, wenn sie merkten, was er knne, und das wre ihm doch nicht an,
stndig, er mte vielleicht gar noch katholisch werden, und das mchte er erst
zuletzt; er habe sein Lebtag keiner Religion viel nachgefragt, verschweige der
katholischen. So erzhlte der Doktor, und je abenteuerlicher er berichtete,
desto mehr fand er Glauben und Respekt, denn die meisten Leute sind eben nicht
aus der Wahrheit, haben kein Gefhl fr die Wahrheit, glauben eher zehn Lgen
als einer Wahrheit.
    Den schleppte Joggeli seiner Frau zu, wollte, da sie ihn brauche, denn er
msse mehr knnen als alle Anderen, weil man so weit herum von ihm wisse, meinte
Joggeli.
    Als er kam, machte er ein sehr bedenklich Gesicht und sagte: Die Sache sei
bse und wohl weit gegangen, wenn einer helfen knne, so sei er es, aber er
wisse nicht, gehe es noch oder gehe es nicht; der Brustkasten sei zu eng, Lunge
und Leber htten nicht mehr Platz, das gehe vielen fetten Leuten so; so wie sie
dicker wrden, wrden auch Lunge, Leber und das Herz grer, begreiflich, da
werde es ihnen dann zu eng im Kasten, von wegen der wachse nicht, der sei von
Knochen, und bekanntlich sei Knochen Knochen! Die Hauptsache sei nun, da man
den Kasten grer mache, damit es wieder Platz gebe; er htte schon lange eine
Maschine ersinnet, um solch zu eng gewordenen Kasten auszudehnen, aber er htte
noch keinen Schmied gefunden, welcher sie ihm zu Dank gemacht, von wegen die
msse aparte fein gemacht sein wegen des Hineinbringens, dasselbe sei nicht
leicht. Einstweilen sei das Beste, die Brust alle Tage zweimal mit heiem
Hundsschmalz einzureiben, das bringe sie auch auseinander, aber nur langsam.
Dessentwegen msse man auch etwas machen, um Lunge und Leber zusammenzuziehen
und Platz zu machen inwendig; da sei nichts besser als alle Abend vor dem zu
Bette Gehen ein Glas Branntewein und brav abfhren. So htte er einstweilen, bis
er die Maschine in Gang htte, schon Manchem geholfen, an welchem die
geschicktesten rzte nichts htten machen knnen. So schwatzte Herr
Lrlipeterli, und Joggeli sperrte Maul und Nase auf ber solche Weisheit, welche
in Israel noch nie erhrt worden. Seine Frau aber schttelte den Kopf, wollte
keinen Glauben fassen; als der Arzt fort war, sagte sie, eine solche Kuh sei ihr
noch nie vor die Augen gekommen, mit dem solle er sie ruhig lassen.
    Joggeli war bse darber, klagte sehr, es wre seiner Frau noch gut zu
helfen, aber sie mache sich so kpfig, da nichts mit ihr anzufangen sei. Die
gute Mutter wute wohl, da ihr bel nicht zu heben, blo der Verlauf desselben
zu erleichtern sei; dafr hatte sie einen Arzt, der freilich weder Hundsschmalz
noch Branntwein verordnete. Ihren Kindern htte sie gerne geholfen, ihnen die
Augen aufgetan frs Zeitliche und Leibliche, auf bessere Wege sie gefhrt, aber
alle ihre Mhe war vergeblich. Die Juden meinten, als Jesus ihnen ein, mal die
Wahrheit sagte: Das sind harte Worte, wer mag sie hren? und gingen hinter
sich. Nun gibt es viele Naturen, welche christliche Worte nicht mehr vertragen
mgen, so wenig wie verdorbene Magen tchtige Speise; Widerwillen und Ekel luft
ihnen im Munde zusammen und schttelt den ganzen Krper. Soll man das
Christentum diesen verdorbenen Magen zu lieb akkommodieren und verdnnern, bis
sie es ertragen mgen, oder soll man diese hinter sich gehen lassen in Gottes
Namen ? Was versteht Paulus unter der Milch, welche er fr Kinder bereite, und
darunter, da er allen alles werde, damit er sie Christo gewinne? Sicherlich
nicht ein Verkmmern oder Verleugnen der Wahrheit, denn wer redet Menschen
schrfer ins Gewissen als Paulus den Korinthern, und frgt er nicht: Oder suche
ich den Menschen gefllig zu sein? Zwar wenn ich den Menschen noch gefllig
wre, so wre ich Christi Knecht nicht, und so jemand euch ein anderes
Evangelium predigt, als ihr es empfangen habt, der sei verflucht? Mit der
Akkommodation wird ein gar schmhlich Spiel getrieben. Christus wird aus dem
Christentum herausakkommodiert, das Christentum aus den Kirchen, uns dagegen
eine Moral eingewssert, in welche jede Regierung, jeder Polizeiminister das
Beliebige rhrt. Eine Moral in Juristenhnden ist ein Stcklein Wachs in
Schneidershnden! Bald rund, bald viereckig, bald so, bald anders wird es
geknetet; es ist eine Moral, da Gott erbarm, ob welcher die Menschen nicht blo
des Teufels werden mchten, sondern wirklich auch des Teufels werden. Es ist
eine Staatsmoral, ob welcher sogenannte Staatsmnner leiblich den Hals brechen,
und was dann aus ihren armen Seelen wird, ist Gott bekannt.
    Dem Baumwollenhndler sagte die Mutter nichts, an dem hatte sie nichts
erzogen und wute wohl, da man Perlen nicht vor die Sue werfen soll. So einem
geschliffenen Schliffel von Religion zu reden, dazu braucht es wirklich schon
einen groen Mut. Selbst mit Johannes redete die Mutter nur leise und mit Zagen:
Was er auch denke und wo das hinaus solle? Er und seine ganze Familie machten
ihr so groen Kummer. Johannes war nicht ohne Gefhl, die Mutter war ihm immer
lieb gewesen; er sagte oft, wenn sein Babi wre wie die Mutter, er wrde einen
Finger von der rechten Hand geben. Aber geistige Zusprche mochte er doch nicht,
sie machten ihn wunderlich, sie krabbelten ihm in den Gliedern, er wurde
ungeduldig, kriegte einen seltsamen Kitzel im Halse, da er lachen mute, wenn
es ihm schon nicht ums Lachen war. Mutter, habt nicht Kummer, sagte er dann,
die Sache ist nicht halb so gefhrlich, so bs gehen wird es nicht. Braucht das
Doktorzeug nur gut, so wird es Euch schon bessern. Es ist schon mancher Mensch
krank gewesen und ist wieder besser geworden, und unter irgend einem Vorwande
machte er sich von der Mutter weg. Mit Elisi war es aber anders, das war, als ob
es ein Herz von Blech htte; die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es machte
ihm weder kalt noch warm, es nahm weder Anteil daran noch Notiz davon, schimpfte
ber seinen Mann, hsselte mit den Kindern, plagte die Mutter frchterlich mit
Eifersucht gegen das groe und das kleine Vreneli, sagte hchstens, sie solle
doch aufhren mit ihrem Gestrm, sie mache ihm so Langeweile; dann konnte es
wieder angesichts der Mutter die kindlichste Freude haben an einem
Kleidungsstck, sich vor dem Spiegel hin- und her, wenden, und mitten in
Hustenanfllen sollte die Mutter ihm sagen, ob es ihm nicht gut stehe, ob es ihr
nicht bsonderbar gefalle? So eine Tochter zu haben, die schon Mutter mehrerer
Kinder ist, das ist wirklich ein hartes Kreuz auf dem Totenbette. O Mtter,
bedenkts! Und zu der Tochter eine Schwiegertochter, um kein Haar besser und auch
wieder mit mehreren Kindern behaftet, das war ein zweites Kreuz und ein nicht
minder schweres. Trinette zwar zeigte sich nicht, Kranke besuchen war nicht ihre
Liebhaberei, alte Leute verachtete sie in Bausch und Bogen. Es sei doch nichts
wster, sagte sie, als so eine alte Frau, die nichts mehr von neuen Moden wissen
wolle und am liebsten ihre fnfzigjhrigen Hochzeitskleider trge. Pfi Tfel!
Einmal sie begehre nicht, so alt zu werden, oder wenn es sein msse, denn expre
jung hngen mge sie sich doch nicht, so wolle sie dafr sorgen, da kein Mensch
wisse, wie alt sie sei; sie wisse, wie man das mache, eine alte Hebamme habe es
ihr einmal gesagt; diese htte lange in der Stadt gedient und gewut, wie die
Stadtfrauen das machten. Trinette und Elisi waren Beide ungefhr gleich blechern
ums Herz. Trinette hatte vielleicht etwas mehr Energie und Elisi mehr Bosheit;
sie waren wie zwei Kutschenpferde von gleichem Schlag und gleicher Farbe, von
denen das eine lieber schlgt, das andere lieber beit, eines besser ausgreift
im Trott, das andere sich aber htet, die Stricke anzuziehen. Die gute Mutter
konnte nichts abbringen an ihren Kindern, konnte nichts als fr sie beten, sie
hatte nicht einmal den Trost, da Joggeli aufnehmen werde, was sie umsonst
versucht.
    Joggeli und die Kinder redeten mit rger davon, wie geistlich die Mutter
werde, frugen, wer Tfel ihr das angetan, ob etwa ein Pfaff zu ihr komme oder
eine Betschwester? Wenn sie wten, wer schuld daran wre, dem wollten sie den
Marsch machen. Sie meinten, so etwas knne blo von auen herkommen, von diesem
oder jenem, wie in der Tat oft, besonders bei Entstehen von Sekten, etwas an die
Leute kmmt, sieht aus wie Christentum, ists aber nicht. Sie hatten keinen
Begriff davon, da in gesunden Gemtern ein Keim liegt, der, frhe belebt,
langsam wchst, unbemerkt im Innern sich entwickelt und vielleicht erst
leuchtend sichtbar wird, wenn das Licht des Lebens erlschen will. Einen solchen
Keim hatten sie aber eben nicht in sich. Indem er eben nicht in ihnen war, die
Welt aber ganz anderes in ihnen ausgebildet hatte, war eine Kluft zwischen ihren
Gemtern entstanden fast wie zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus;
sie konnten nicht mehr zu einander kommen, die Mutter und die Kinder. Das hatte
gewissermaen sein Gutes, sie kamen ungern und blieben nicht lange. Die Furcht,
die Mutter mchte von Vreneli ausgeplndert werden an Kleidern und Kleinodien,
hatten sie nicht, so weit hatten es Beide im Vertrauen gebracht, da man es
weder dem Einen noch dem Andern zutraute.
    Desto mehr war Vreneli dort, es war ihm dort wie bei einer Mutter. Es ist
ein eigenes Wort: bei der Mutter sein. Es gibt Mtter, wo es den Kindern, wenn
sie zur Mutter kommen, wird wie einem Kchlein, das unter die Flgel der Henne
flieht, wenn es ihm zu kalt wird drauen in nassem Grase oder eine Krhe in der
Nhe ist. Sind dann augenscheinlich die Tage der Mutter gezhlt, macht man sich
gegenseitig kein Hehl mehr daraus, dann mischen Wohl und Weh gar seltsam sich
ineinander. Will noch bei dir sein, sagt die Tochter, es kmmt eine Zeit, ich
kann nicht mehr zur Mutter; die Trnen rinnen, und schmerzlich zuckt das Herz
zusammen. Dann wird es der Tochter wohl, fast mchten wir sagen, selig bei der
Mutter, wenn die Krankheit Ruhe gibt. Beide Herzen liegen offen vor einander;
was die Tochter hofft, was die Mutter wnscht, was Beide freut oder kmmert,
schwillt ineinander, verwebt sich zu dem wundersamen Gemeingut, welches die
Mutter hinbernimmt, die Tochter hier behlt, Keine mehr, Keine minder hat, jede
alles hat, welches ein kleiner Teil des groen Schatzes ist, den die Kirche
Gemeinschaft der Heiligen nennt. Das ist das wundersame Gut, wo, je mehr einer
hat, desto mehr er den Andern gnnt, je grer die Menge der Teilnehmer wird,
desto grer die Teile der Einzelnen werden, mit der Zahl der Erben das Erbteil
wchst. Aus dem sen Weh weckt wohl der Schlag der Uhr, den Verlauf der Zeit,
welche kein Erbarmen kennt, verkndend. Mu gehen, sagt die Tochter. Bleibe
noch ein klein Weilchen, weit nicht, wie lange es whrt, meint die Mutter.
Endlich mu es doch sein, es mu die Tochter gehn, aber allemal begleitet sie
bis heim der gleiche Seufzer: Wenn die Mutter nicht mehr ist, wie wird es mir
sein?
    Vreneli hatte vielfach Ursache, so zu seufzen. Wenn es daheim war, so sagte
es oft: Will zur Base gehen, kann es dort vielleicht vergessen, aber wie es
gehen soll, wenn ich nicht mehr dorthin kann, das wei ich nicht. Es war
wirklich ein bs Dabeisein; die ganze Hausgenossenschaft schien eine groe Bande
zu sein, Einer des Andern Feind, Einer wider alle und wiederum alle wider Einen.
Sie waren vollstndig in den Gesindeverruch gekommen, welcher frher schon
angedeutet wurde. Was Rechtes meldete sich gar nicht mehr bei ihnen, und je
schlechtere Leute Uli hatte, desto bser mute er mit ihnen sein, desto fter
mute er ndern, desto mhsamer und schwerer ging jede Arbeit, desto mehr ward
er verrufen. Ist man mal in dieser Lage, so ist man wie verhexet, wie ein
Krammetsvogel auf einer Leimrute, wie ein Mensch, der in einen Sumpf gefallen;
je mehr er zappelt, desto tiefer sinkt er ein. Es verleidete Vreneli ordentlich
das Leben, wenn alle Augenblicke was Neues losbrach: eine Liebesgeschichte mit
bsen Folgen, eine Diebesgeschichte, von der man nicht wute, wie weit sie
reichte, und schwer auszumitteln war, ob nicht wenigstens Hehler sei, wen man
des Diebstahls nicht beschuldigen konnte, eine Vernachlssigung in den Stllen,
welche Uli viel Geld kostete und fast aus der Haut trieb, oder was das
Allerrgste war, Leichtfertigkeit mit dem Feuer, ob welcher das Haus in Feuer
aufzugehen drohte. Bald hatte einer im Stall die Laterne geschneuzt, den
glimmenden Docht ins Stroh geworfen, bald einer Heu gerstet und Feuer drein
gemacht, als er die Pfeife rumte, eine Magd heie Asche an eine hlzerne Wand
gestellt oder war unvorsichtig mit offenem Lichte in brennbaren Stoffen
herumgefahren oder hatte Holz eingelegt wider allen Befehl, nur damit sie am
Morgen eine Minute oder zwei lnger faulenzen knnte. Kurz alle Augenblicke war
so was los, und das hchste Wunder war, da das Haus ihnen nicht lngst ber den
Kpfen zusammengebrannt war. Nun ist auf der Welt kaum was peinvoller als die
Angst vor Feuer, besonders wenn es Abend wird und Nacht. Man geht noch
allenthalben herum und forscht, ob nichts Verdchtiges sei; hat man die Runde
gemacht, so riecht man entweder was Verdchtiges oder hrt Tne wie Knistern,
Spretzeln und fngt die Runde von neuem an, legt sich endlich zu Bette, hat aber
kaum den Kopf auf dem Kissen, so fhrt man von neuem auf, denn jetzt hat man es
gar zu deutlich gehrt, wandert frisch im Haus herum und findet nichts, legt
sich wieder nieder, schlft ein, trumt, das Haus brenne, ist an Hnden und
Fen gebunden, kann nicht aus den Flammen. Hat man sich endlich nach
schrecklichen Qualen freigerungen, springt auf in Schwei gebadet, so ist all
nichts, nichts als Nacht und nirgends Flammen, man hat blo getrumt. Ja, das
sind Qualen, welche nur der kennt, welcher mal diese Angst vor dem Feuer so
recht im Leibe gehabt hat.
    Dazu kam noch der Proze, welcher in vollem Gange war. Der kleine Handel war
von kundigen Mulern zu einer groen Geschichte aufgeblasen worden. Wenn Vreneli
vom Feuer trumte, trumte Uli vom Proze, pldierte manchmal im Traume dem
besten Advokaten zTrotz, redete von Terminen, Beweisen, Zeugen und Leumden. Es
ging Uli, wie es den Meisten geht, wenn sie zum erstenmal mit einem Prozesse
behaftet werden: der Proze frit sich in ihre Seele, bildet den alleinigen
Mittelpunkt ihrer Gedanken. Tage-, wochenlang buchstabieren sie denselben bald
vorwrts, bald rckwrts, schlagen mit einzelnen Paragraphen, welche ihr Agent
sie gelehrt, wie mit Kntteln drein, verlieren Mut und Sinn fr andere Sachen,
kommen sich nebenbei sehr wichtig vor, dieweil sie einen Proze haben, welchen
ja nicht jeder hat, meinen, ihr Proze msse allen Menschen ungeheuer wichtig
vorkommen; darum geben sie ihn mnniglich zum besten, der ihnen auf Schuweite
nahe kmmt. Dazu kmmt noch ein gewisses Bangen ber den Ausgang; dessen sind
sie im Herzen doch nicht so ganz sicher, wie ihr Mund es ausspricht, sie suchen
daher dieses Bangen durch die Urteile zustimmender Menschen zu beschwichtigen.
Nun werden allerdings mit seltenen Ausnahmen alle, denen man in Wirtshusern,
auf Straen whrend dem Kirchengehen oder Marktgelufe den Handel vortrgt, dem
Erzhler vollkommen recht geben. Nur ausgefahren, wird es heien, du hast
recht, deren Hndel habe ich schon hundertmal erlebt, kenne die Sache, ds Land
auf, ds Land ab Keiner besser; aber glaubst mir nicht, so frage noch Andere.
Nun geht der Prozemann glcklich heim, schlft diesmal ruhig, aber am andern
Morgen fngt das Bangen schon wieder an zu wurmen; er luft wieder einer
Besttigung nach, freilich keiner richterlichen, aber doch einer, welche ihm
wohl macht einige Stunden und zu einer ruhigen Nacht verhilft, denn den Meisten
hngt vom Ausgang eines Prozesses ihre Existenz ab. Der Wert, um den prozediert
wird, mag vielleicht blo einige Groschen betragen, aber die Kosten, welche auf
den verlierenden Teil fallen, knnen rasch auf einige hundert Gulden steigen;
die Herren Advokaten wissen noch ganz andere Rechnungen zu stellen als die
Herren Schneider, welche gewhnlich an die Rechnung setzen, was sie zu wenig ans
Kleid gesetzt; es ist halt so ein kleiner Verschu, dem sie unterworfen sind, so
von Handwerks wegen. Man hat Beispiele im Kanton Bern, da Prozesse wegen einem
Ei und wegen einer Strohbrde ber zehntausend Gulden kosten. Ja, zehntausend
Gulden machen eine Summe aus, welche ins Tuch geht und selten einer in der
Hosentasche mit sich trgt. Indessen mu man das doch den meisten Herren
Advokaten nachreden, sie nehmen blo die Wolle, selten die Haut dazu, sie sind
kluge Schafscherer; diese schinden die Schafe auch nicht, sondern scheren sie
blo, denn wenn sie die Schafe schinden tten, so wchse keine Wolle mehr nach
und das Scheren wre ein- fr allemal aus, tut man aber klglich, so kann man
alle Jahre frisch dran sein, bei Schafen mit grberem Haar sogar zweimal im
Jahr.
    Probiere aber einmal einer, diesen Rat machten wir dringlichst geben, und
trage immer seines Gegners Sache als die seine vor, und zwar so scharf und
bndig, als sie seines Gegners Rechtskundius vortrgt, und hre dann auf das
Urteil der Menschen! Unter zehn werden ihm wiederum neune recht geben und sagen:
Du hast recht, fahr aus, es fehlt dir nicht, habs schon hundertmal erfahren!
Dann wei er, woran er ist und was an dem Urteil der Menge ist. Nun, das tat
eben Uli nicht, er lief auch dem Urteil der Menge nach, um sich zu trsten; die
Summe, welche nach und nach sich aufs Spiel stellte, war nicht unbedeutend,
betrug schon mehr als doppelt so viel, als die ganze Kuh wert war. Ulis Agent
hatte ihm schon mehr als einmal gesagt: Wenn du mir etwas Geld auf Abschlag
geben knntest, so wre es mir anstndig; es sind bse Zeiten, es geht nichts
ein, und gewi, weit wohl, luft jede Sache besser gesalbet als ungesalbet. Du
gewinnst, dann kriegst alles wieder, es fehlt dir nicht.
    Indessen lag alles noch in hngenden Rechten, der Entscheid schob sich immer
wieder hinaus. Diese Ungewiheit, dazu der tgliche Verdru, die harte Arbeit
und doch das Nichtvorwrtsknnen zehrten gar mchtig an Uli, er sah aus wie ein
Marterbild, und Vreneli bekam recht Angst um sein Leben. Darum konnte es um so
geduldiger seine zunehmende Mistimmung, in welcher er selten einem Kinde mehr
ein gutes Wort gab, ertragen. Er hatte von seinem Gelde gekndet, aber es half
nicht viel; wenn unten in einer Flasche ein Loch ist, so kann man lange
obeneingieen, die Flasche wird nicht voll. Bin solch Loch war der Proze. Es
lebt selten ein Pchter auf Erden, welcher das Prozedieren ertragen mag, ohne
die Auszehrung zu bekommen. Es ist wirklich nicht angenehm, wenn man einen
Geldseckel hat, welcher einer halben Sanduhr gleicht, und zwar dem obern Teile,
wo das Sand allmhlich, aber unaufhaltsam niederrinnt, bis die ganze Bchse leer
ist. Nun, an einer Sanduhr macht das nichts; ists oben leer, kehrt man den
untern Teil herauf, so ists oben wieder voll, es ist alles im Alten und das
Rinnen beginnt aufs neue. Aber bei einem Geldseckel ists eben was anders, dem
fehlt der untere Teil; ists oben leer, so ist unten auch nichts mehr, da kann
man den Geldseckel hundertmal rundum drehen, leer bleibt leer. Man knnte die
Vergleichung drehen und sagen, der obere Teil der Bchse sei der Klient, der
untere der Advokat; was oben wegrinne, laufe dem Andern ins Maul, und so, ja
freilich, drehe man das Ganze um, so finde man oben beim Advokaten wieder, was
der Klient habe rinnen lassen; die Frage sei nur, ob der Advokat Gegenrecht
halten und wieder wolle laufen lassen, was er habe. Aber die Sache ist doch
nicht so, denn drehe man lange den Advokaten, in den alles geronnen, obenauf, so
ist doch nichts oder wenig mehr in der Bchse. So ein Advokat ist noch lange
nicht der untere Teil einer Sanduhr, welcher behlt, was obeneinkommt, weil er
unten kein Loch hat; ein Advokat hat gewhnlich viele Lcher, wo rasch abrinnt,
was oben reinkmmt, da je mehr hineinkommt, desto mehr unten ausrinnt, so da
wenn man ihn schon lange auf den Kopf stellt, ja schttelt und rttelt, nichts
mehr unten ausluft, bis man ihn halt wieder irgendwo unterstellt, Klienten oder
fette mtchen obenauf.
    Es kam Vreneli wirklich oft der Gedanke: Was wartet meiner noch? Die Base
stirbt, Uli ist nicht zweg, wo aus das will, ist Gott bekannt; alle Tage tiefer
darin und in einem Ghrsch, wo was kriegt, wer betrgt; darf nichts sagen, um
die Sache nicht noch schlimmer zu machen; wenn Gott nicht wre, meines Lebens
wte ich wahrhaftig keinen Rat. Dieser passive, leidende Verhalt war fr
Vreneli um so schwerer, da dasselbe, rasch und unternehmend, zur Regentin von
Gott geschaffen war. Das ist gar ein eigner Punkt, zu etwas erschaffen scheinen
und was anderes sollen, aber eben will uns Gott an schwachen Seiten doktern, das
sollten wir fassen; was uns leicht geht und lustig scheint, dazu bedrfen wir
keiner Ausbildung, aber da, wo wir nichts sind und nichts knnen und doch schn
wre, wenn wir es knnten, da mssen wir geschult und angetrieben werden, wenn
wir was werden sollen. Die heutigen Schulherren (Schulmeister darf man nicht
mehr sagen, denn die Schule ist emanzipiert, und die, denen sie gehrt, sind ja
deren Herren) und sonstigen Pdagogen sind freilich anderer Meinung, aber von
wegen der Erbsnde und einem hhern ewigen Leben sind wir ganz anderer Meinung.
Eben was uns sehr schwer geht, fast unmglich scheint, das mssen wir lernen.
Wer zum Eingreifen, ja Einhauen sich geschaffen glaubt, soll oft eben das
Dulden, das Zuwarten, das stille Wirken und das geduldige Ertragen Solcher,
welche zum Regieren und Befehlen halt nichts taugen, aber es eben lernen
sollten, aushalten lernen, ohne sich zu hngen und aus der Haut zu fahren, siehe
Exempel dato im Vaterland. Freigebige sollen von Batzenklemmern und
Kreuzerschabern (selbst Juden schaben sonst blo Gold, stocke) die Vorschriften
zu gesetzlicher Freigebigkeit sich machen lassen und ihre wohlttige Hand
Hochdenselben Kreuzerschabern zu gesetzlicher Verfgung stellen, damit diese
freiwillige Almosen aus anderer Leute Sack verwalten lernen, da aus ihren
eigenen Scken nie welche geflossen wren.
    So wurde das rstige, feldherrliche Vreneli nach innen getrieben, zum
stillen Ergeben gezwungen, zum Schweigen und Ansichhalten, zum Sammeln und
Prfen der eigenen Gefhle und Gedanken. Aber schadet das was; Schneidet der
kundige Grtner die am ppigsten wachsenden Bume nicht gerade am meisten und
schrfsten zurck, damit sie nicht zu luftig in den sten, zu dnn im Stamm, zu
schwach in der Wurzel werden fr das ppige Geste, welches keinem Sturmwinde
widersteht? Der liebe Gott bleibt immer der allerbeste Lehrmeister, darum werden
die andern alle Tage um so weniger taugen, weil sie nach den eigenen Kpfen
fahren wollen, und zwar jeder nach seiner eigenen, gestern erdachten Methode,
statt den alten Lehrmeister zum Vorbilde zu nehmen. Daher wird es denn auch wohl
kommen, da die meisten Kinder dieser Zeit eben nur Lehrpltze sind, so uerst
selten mehr ein Charakter zu finden ist, so selten einer als Mann hlt, was er
als Kind versprochen, so selten einer erleuchtet stirbt, wie erleuchtet er schon
vom sechsten Jahre, das heit schulpflichtigen Alter an gepriesen wurde. Es ist
aber auch wahr, Vreneli hatte mit sich selbst eine harte Arbeit und oft mute es
unwillkrlich mit der Hand ans Herz fahren, um es zu halten, da es nicht
zerspringe, mute sich zwingen, mit den Kindern zu reden und zu tndeln, es war
ihm, als msse es seinen Mund verschlieen und seine Rede aussterben lassen, und
manchmal wollte ihns ein wilder, zorniger Geist ergreifen, wollte in seine Hnde
fahren, sie reizen, zu turnieren mit Pfannen und Schsseln, wollte Glut werfen
in seine Seele, um dann als zorniger Feuerstrom zu fahren aus seinem Munde in
die Schweine hinein, das heit in Mgde und Knechte, ja manchmal auch ber Uli
und Kinder. Es mute Vreneli gar heftig kmpfen mit sich selbst, um zu bewahren
einen ergebenen Sinn, Ruhe des Gemtes und ein mildes Wort. Manchmal wollte es
sich ihm schier nicht geben; es erfuhr, was es heie: Niemand wird gekrnt, er
kmpfe denn recht.

                              Siebzehntes Kapitel


                          Nach der Angst kommt der Tod

Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Trumen, so gings auch Vreneli.
Vom Brennen hatte es getrumt, hatte seine Kinder in den Flammen gesehen, zu
ihnen gewollt und nicht gekonnt, war wie in Ketten und Banden gelegen. Ein
heftiges Klopfen am Fenster brach den Bann, mit einem Satze war Vreneli mitten
im Zimmer, ri die Augen auf, stockfinster wars; ob es getrumt oder nicht, war
ihm nicht klar. Da klopfte es noch heftiger; rasch ri es das Fensterchen auf
und rief: Wo brennts? Komm geschwind, die Frau will sterben, sie kommt nicht
mehr fort mit dem Reden; sie wollte nie machen, was ich angab, drum gehts ihr
jetzt so; htte sie gehorcht, sie htte es noch lange machen knnen, so wohl am
Leibe, wie sie war. Es war Joggeli, der so sprach. Ehe er wieder beim Stock
war, war Vreneli hinter ihm, vor ihm in der Stube und fand die gute Base im
Sterben. Nach Tropfen und Salben griff es schnell; die Base tat wohl die Augen
auf, tappte nach seiner Hand, strengte sich augenscheinlich an, etwas zu sagen,
brachte blo undeutliche Tne hervor, man wute nicht, wollte sie Haus oder Geld
oder Hand sagen, und wenn man nach diesem oder jenem deutete, schttelte sie den
Kopf und deutete auch, aber man wute nicht, nach was. Bei allem, was man ihr
vorwies oder sagte, schttelte sie den Kopf, seufzte tief auf, schlo die Augen
und ffnete sie hienieden nimmer wieder.
    Sie habe die Sache nie zu rechter Zeit sagen knnen, und man habe eigentlich
nie recht gewut, was sie meine; wenn man geglaubt, jetzt sei es ihr einmal das
Rechte, so sei es ihr eben nicht recht gewesen; wenn sie auf ihn gehrt, sie
lebte noch, aber sie htte es immer so gehabt; was er gesagt, habe nie etwas bei
ihr gegolten. Daneben sei sie eine rechte Frau gewesen, und niemanden sei es
bler gegangen als ihm; sie seien an einander gewhnt gewesen, und so alt, wie
er sei, gewhne man sich nicht mehr gerne anders; da dnke es ihm, sie htte
wohl knnen ihm zu Gefallen mehr ums Leben tun, das Geld htte ihn nicht gereut,
aber so sei sie immer gewesen, was sie im Kopf gehabt, das htte man ihr nicht
mehr herausgebracht. Das war Joggelis Leichenklage, von welcher indes Vreneli
wenig hrte, denn ihm war die Mutter gestorben. Es war, als sei es vom Eckstein
seines Daseins weggestoen, schwebe ber einem Abgrunde, der unergrndlich,
unerforschlich seinen Schlund ihm entgegendehne. Doch seinem Schmerze gab es
nicht lange ungemessen sich hin. Vreneli hatte sich untertan gemacht der
Pflicht; wo Pflicht erschien, gehorchte es ihr mitten in jeder Bewegung, wie der
Soldat in allen Lagen, sie mgen heien wie sie wollen, die Hand an den Tschako,
Helm oder Kppi legt, wenn ein Offizier vorbergeht. Da wir hier nicht von
bernerischen Soldaten reden, versteht sich - zwar nicht von selbst, sondern
sonst!
    Vreneli fhlte, da ihm jetzt hauptschlich die Besorgung aller Formalitten
oblag, denn Joggeli hatte weder bersicht des Ntigen noch das schnelle Wort zur
Beschickung des Ntigen. Es drckte die Hand aufs Herz, wischte die Augen aus,
stund auf und frug Joggeli, was er meine, da jetzt gemacht werden msse? Eben,
sagte er, habe er gedacht, und schluchzte erbrmlich dazu, es sei doch nichts
gemacht von seiner Frau selig, da sie nicht gesagt, wie sie es wnsche; es sei
doch sonst berall Gebrauch, da wer sterbe, sage, wie man es mit seinem
Leichenbegngnis halten solle, und sonst befehle, was es noch mchte. Sie habe
kein Wrtlein davon gesagt, und das htte sie doch sollen, wenn sie es gut mit
ihm gemeint. Nit, klagen wolle er nicht, es sei eine brave Frau gewesen, bravere
werde es wohl nicht viele geben, aber das Wort htte sie ihm nicht gegnnt, und
wenn er was von sich aus gemacht, so sei es doch nicht recht gewesen; er wolle
jetzt auch nichts dazu sagen, vielleicht wre es doch nicht recht; es solle
machen, was ntig sei, es habe es ihr sein Lebtag besser getroffen als er.
Vreneli versuchte nicht zu berichtigen oder zu widersprechen, fertigte vor allem
einen Boten an Johannes ab, sandte ein Fuhrwerk nach Elisi, tat sonst das
Ntigste, was blich ist in solchen Fllen, und hatte noch viel mit Uli zu tun,
dem der Tod der Base auch sehr nahe ging, den Schmerz aber auf hnliche Weise
wie Joggeli ausdrckte. Ihnen sei es viel zu bel gegangen, es sei eine brave
Frau gewesen, htte mit allen Leuten es wohl gemeint. Jetzt knnten sie zusehen,
wie es ihnen erginge. Vor dieser Pacht htte ihm immer gegraut, aber es htte
mssen erzwungen sein, und jetzt werde man erfahren, wer recht gehabt und wie es
einem gehe, wenn man hher fliegen wolle, als man Flgel dazu habe.
    Vreneli gab darauf nicht einlssigen Bescheid, es war zu weich gestimmt, um
die Weise, seinen Schmerz in Beschuldigungen Anderer auszudrcken, zu zchtigen,
wie sie es verdiente. Diese Unart haben brigens sehr viele Leute. Bei allen
Unfllen und Widerwrtigkeiten, auch wenn sie sich dieselben auf die
augenscheinlichste Weise selbst zuziehen, fassen sie rasch nach einem
Sndenbock, ziehen ihn bei den Hrnern herbei, laden ihm alle Schuld auf; finden
sie keine Menschen, denen sie die Schuld aufladen knnen, so mu Gott selbst
herbei und das Lamm sein, welches die Snden und Schulden der Menschen trgt.
    Die Kinder sumten nicht, mit Johannes kam auch Trinette. Vielleicht noch
nie in ihrem Leben hatten Elisi und Trinette ihre Toiletten so schnell gemacht,
denn wenn es ans Erben geht, kriegen selbst die kriechenden Tiere Beine.
    Indessen war es mit dem Erben ein quasi heillos Ding, denn nach der Sitte
fallen Kleider und Kleinodien einer Mutter den Tchtern zu; Shne und ihre
Weiber haben keinen Teil daran, als was allfllig im guten Willen der
Berechtigten liegt. Elisi war zuerst auf dem Platze. Kaum hatte es den Vater
gegrt, hatte an der Mutter Bette einige Male das Gesicht abgewischt, sagte es:
He ja, gestorben mu sein, man wird sich drein schicken mssen, Wehren hilft
nichts, und mit Wsttun macht man niemand wieder lebendig. Somit drehte es sich
um, sagte, es msse ein ander Schnupftuch haben, das seine sei ganz na, ffnete
Schrank um Schrank, um eines zu suchen, und wahrscheinlich geflissentlich zu
allerletzt den rechten, wo die Schnupftcher, wie es wohl wute, verwahrt lagen.
Unterdessen war auch Trinette erschienen, und als sie Elisi ber geffneten
Schrnken sah, demselben zugefahren, ohne um die gestorbene Mutter sich zu
kmmern, hielt die Inspektion mit. Elisi nun war boshaft genug, dieselbe nicht
abzukrzen, sondern so recht auseinanderzulegen, was da war, es zu preisen und
zu sagen, was dieses und jenes gekostet haben mge und was es damit zu machen
gedenke. So redete es, bis der Trinette das Gift im Herzen siedete bis in den
Kopf hinauf und Funken sprhte zum Mund heraus. Du wirst doch nicht etwa
meinen, das alles sei dein, sagte sie giftig. Es nimmt mich doch wunder, wo
das geschrieben steht, da eine Tochter alles vorwegnimmt; soviel Mund, so viel
Pfund, das ist das wahre Erbrecht. Das kme mir sauber heraus, wenn die Tochter
alles alleine haben sollte, da knnte ja eine Mutter all ihr Vermgen in Kleider
stecken, und somit htten die Shne und ihre Weiber das Nachsehen; das wre
kommod, da knnte jede scheinbar den Narren machen wie jene bekannte Wirtin,
welche ber hundert Dutzend Hemden hatte, ber hundert seidene Schrzen, die
andern nicht gerechnet, seidene Tchlein unzhlbare, fnfzehn schwere silberne,
teilweise mit Gold ausgelegte Gllerketten und alles andere in gleichem
Verhltnis, so da in ihren Schrnken ein groes Vermgen stak. So knnte es
jede machen, und darum: soviel Mund, so viel Pfund, hrst! Ja, ja, sagte
Elisi, wenn es auf dich ankme, so wre es so, ich glaubs, aber es haben
glcklicherweise andere gescheute Leute vor dir gelebt und die Ordnung gemacht;
wenn deine Mutter stirbt, kannsts dann auch nehmen, heit das, wenn was zu
nehmen ist, was ich nicht wei. Potz Himmel, wie es da losging und Trinette
keifte, wie sie auch irgendwo zu Hause sei, wo man noch ganz andere Sachen htte
und das hier nur ein Bettel dagegen sei. Warum willst du dann von diesem
Bettel? grinste Elisi, der ist jetzt mein und bleibt mein, zog die Schlssel
ab und steckte sie in die Tasche. Ja, jetzt gab es erst Wetter, mit bedeutendem
Donner drohte es loszubrechen da streckte Johannes sein schwer Gesicht zur Tre
herein und sagte: Es wre beim - anstndig, ihr hieltet euch still, ihr Hagels
Grnne. Was werden die Leute sagen? Hre ich euch noch einmal, so hocke ich euch
kehrum aufs Maul, da ihr das Reden fr acht Tage verget, zhlt darauf! Die
Drohung wirkte; einen zweiundeinenhalben Zentner schweren Wirt auf dem Munde
haben, ist allerdings ein gewichtig Heftpflaster.
    Johannes htte eigentlich nicht Ursache gehabt, so hart zu reden, sintemalen
er ein Zwiegesprch mit seinem Vater fhrte, freilich etwas leiser, welches die
Selige vielleicht ebenso sehr betrbt htte, wenn ihre Ohren noch offen gewesen
wren menschlicher Rede. Aber Gott schliet den Toten mit den Augen auch die
Ohren, er wei wohl warum. Sie disputierten miteinander, freilich mit Anstand,
das heit ohne Gebrll; Keiner wollte wegen der Mutter Tod zum Pfaffen, das
heit Pfarrer, denn so betiteln reformierte Wirte, eidgenssische Lieutenants,
sogenannte Schullehrer und andere Staatsmnner gewhnlich die Geistlichen, und
allgemach geht die Redeweise auch auf Schneider, Schuhmacher, Schreiner,
Schinder, Sattler und andere Majestten des Tages ber; ja sogar Schulbuben
werden bei Anla der neuen Sprachlehren in die neuen Sprachweisen eingebt,
begreiflich! Wenn die Hexenmeister des Tages die Kinder nicht alles lehren
drften, was sie wten, knnten, wollten, mchten, ja du lieber Gott, da wren
sie in einem halben Tage am Ende ihrer Weisheit, und dann was weiter? Nein, da
sind sie viel klger, akkurat wie viele Mller, welche auch nicht meinen, da
sie das Mehl rein geben mten, sondern Kleien und Spreue noch beilaufen lassen,
ja Taubenmist und Hhnerbohnen und was sie irgend vom Mhlstein abkratzen
knnen, denn wer Liebhaber ist von reinem Mehl, kann es, wenn er es rein haben
will, selbst auseinandermachen.
    Joggeli wollte nicht gehen. Er sei zu krank und angegriffen, sagte er.
Johannes sagte, er wisse nicht, wie man dies verrichte, es sei ihm noch nie dazu
gekommen, und wenn es nicht sein msse, gehe er zu keinem Pfaffen. Sie wurden
rtig, Uli zu senden, aber wohl, Vreneli sagte ihnen, was Ordnung sei. Sein
Lebtag htte es nie gehrt, da man irgendwo solche Dinge durch einen Knecht
verrichten lasse, wie man etwa ein Stck Vieh mit einem Knechte zur Metzg
schicke. Solches werde durch die nchsten Verwandten verrichtet berall. Nun
nehme es ihns wunder, ob die gute Base es verdient um sie, da niemand zum
Pfarrer wolle, um sie anzugeben. Drben zanke man sich wegen ihren Kleidern,
hier um einen kurzen Gang. Es sei himmelschreiend und wunder nehme es ihns, ob
es irgendwo in Heidenlanden rger zugehen knne. Wenn die Base diese Liebe
mitansehen mte und hren die Worte, welche geredet wrden, so wrde ihr das
Herz zu bluten anfangen, wenn es schon aufgehrt habe zu schlagen.
    Johannes hatte einen gewissen Respekt vor Vreneli und bequemte sich endlich
zu dem Gang. Begreiflich trank er erst einen Schoppen oder zwei, ehe er ins
Pfarrhaus ging, unter dem Vorwande, mit dem Wirte wegen dem Leichenmahl zu
reden, eigentlich aber um sein Herz zu strken und Courage zu trinken. Es ist
kurios mit solchen Menschen; sie scheinen ein Herz von Eichenholz zu haben,
einen Mut, welcher den Teufel bei den Hrnern fassen darf, tun gewaltige Reden
und zeigen gegen jeden Pfaffen die grndlichste Verachtung, renommieren vor
ihren Gsten frmlich mit dieser Verachtung und predigen den Satz, wann endlich
die Zeit komme, da man mit solchen Tagdieben abfahre, auf alle mgliche Weise.
Aber wenn sie dann mal zum Pfarrer sollen, so wird es ihnen unheimlich und de
ums Herz, sie mssen mhsam die Bruchstcke ihres Mutes zusammensuchen und sie
dann erst noch zusammenleimen mit einem oder zwei Schoppen. Sie sagen zwar, es
sei ihnen verflucht zuwider, zum Pfaff zu gehen, meinen vielleicht selbst oder
machten wenigstens Andern es glauben machen, es sei wegen der Verachtung. Aber
es ist durchaus nicht, sondern es ist nichts als Grimmen, Krmmen, Wenden,
Aufblhen, welches nach der Sage die bsen Geister dem gegenber, welcher sie
bannen und austreiben will, versuchen. Der bse Geist fhlt, es steht ihm
gegenber eine feindliche Macht, vor welcher er sich beugen, welcher er weichen
msse, wenn sie dazu kmmt, sich an ihm zu versuchen. Er bietet daher allem auf,
sie nicht an sich kommen zu lassen, sie ferne vom Leibe zu halten. Er fhlt, es
ist da eine Macht, welche gegen ihn berechtigt ist, die er fliehen oder sich ihr
unterwerfen mu; er fhlt es aber in unheimlichen Wehen, in peinlichem Regen,
zum hellen Bewutsein kmmt es ihm nicht, wie brigens diese Menschen selten
oder nie im hellen Bewutsein ihrer selbst sind. Dazu mag auch kommen, da sie
das Totenregister nicht gerne sehen, da sie sich vor dem Gedanken furchten, wie
lange es gehen werde, bis wieder einer zum Pfarrer kmmt und sagt: Guten Tag,
Herr Pfarrer, mu eine Leiche angeben und (ihren Namen nennend) fragen, wann wir
ihn begraben knnen?
    So ging es Johannes. Der Pfarrer bedauerte whrend dem Einschreiben den
Verlust der guten Frau sehr, sagte viel Gutes von ihr: Der Segen, eine solche
Mutter zu haben, sei gro, es sei nur zu wnschen - Ich werde fertig sein?
frug Johannes aufstehend. Die Sache ist eingeschrieben, antwortete der
Pfarrer, ja, und wnschen mchte ich- So lebt wohl, Herr Pfarrer, sagte
Johannes, mu pressieren, wir haben eine groe Verwandtschaft; nur bis allen
Bescheid gemacht ist und niemand vergessen, gibt es zu tun und zu denken. Lebet
wohl!, und wie ein Berg wlzte es sich ihm von der Brust, als er vom Pfarrhause
wegging, und immer leichter und wohliger ward es ihm ums Herz, je nher er dem
Wirtshaus kam, und als er endlich wieder drinnen sa, da ward es ihm akkurat,
als sei er zu Hause. Der Pfaff htte ihm noch eine Predigt halten wollen, sagte
er zur Wirtin, aber dem habe er es schn gemacht, die Tre in die Hand genommen
und sei gegangen. Gewi stehe er noch mitten in der Stube und glotze die Tre an
wie eine Kuh das neue Tennstor. So sollte man es allen denen - Pfaffen machen.
Wenn alle es so machen wrden, das Predigen und Leuteplagen verginge ihnen,
denen -. Dazu stie Johannes die Augen aus dem Kopf, da sie anzusehen waren wie
zwei Mailnderpfel, ri das Maul auf, da man es fglich fr das berhmte
Urnerloch htte ansehen knnen; aus dem einfach geffneten Tor flogen
abwechselnd ganze Wolken Rauch und ganze Wolken Flche, und mit den breiten
Fusten schlug er den Takt dazu. Kurz er gebrdete sich ganz als ein Mann, dem
ein Berg sich von dem Herzen gewlzt hat oder der einer groen Gefahr entronnen
ist und es sich nun behaglich macht. Jetzt hatte er nichts mehr zu pressieren,
lie es sich so wohl sein, da er geholt werden mute, um Ntiges zu beschicken.
    Vreneli verlebte die nchsten Tage voll Zorn und Wehmut, es gedachte der
Worte der Seligen ber ihre Kinder und begriff sie. Es betete zu Gott, da was
bei Menschen unmglich sei, Gott mglich machen mge, der Seligen die Last von
der Seele nehmen und sie nicht entgelten lassen mchte, was sie in Unwissenheit
und aus gutem, wenn auch schwachem Herzen getan. Am bsten war es ber die zwei
Weiber. Es war ihm unmglich, ihnen ein gutes Wort zu geben; da so gemein,
herzlos, blechern ums Herz zwei Menschen sein knnten, das hatte es sich nicht
vorgestellt. Fressen und Zanken war ihr Tagewerk. Am besten kam es mit Johannes
aus. Der hatte doch noch ein Herz von Fleisch und Blut, und manchmal war es
sogar, als fahre wie ein Blitz ein hheres Gefhl durch dasselbe, aber wenn man
es fassen wollte, siehe so war es schon nicht mehr da. Indessen begehrte er doch
bestmglichst den Anstand und das bliche zu bercksichtigen, hrte Vreneli an,
wenn es etwas anbrachte, gab ihm zumeist recht und half zuweilen selbst etwas
anordnen aus eigenem Antriebe.
    Johannes hatte eine von den brllhaften Naturen, welche die ganze Welt voll
himmeldonnern, da man glauben sollte, in ihnen sei die Macht aller wahren und
falschen Gottheiten, von Saturn bis auf Hegel, welche bekanntlich darin groe
hnlichkeit haben, da sie ihre eigenen Kinder fressen, konzentriert. Betrachtet
man diese Naturen in der Nhe, so sind sie zumeist ohne alle innere Kraft und
Macht, ihr ganzes Vermgen geht eben in ihrer Brllhaftigkeit auf. Man sieht
zuweilen Menschen in Kaffeehusern, bei Spiel und Champagner die bedeutendsten
Rollen spielen, da man meinen sollte, sie wohnten in Palsten, schliefen auf
Schwanenfedern unter seidenen Decken, und es sind die rmsten Schlucker von der
Welt, wohnen zur Miete oder wohnen auch gar nicht, und wenn sie Kinder haben, so
haben diese oft gar nichts, um die Nase zu wischen, als was sie auf die Welt
gebracht. Hrt man sie, so glaubt man, Gott habe einmal statt Frsche, wie er
zuweilen tut, Helden regnen lassen hageldick, die halbe Welt voll; prft man
sie, so sind es lauter Windbchsen, blst man nichts hinten rein, kmmt nichts
vornen raus, sind ohnmchtige Wesen, untertan jeglichem Winde, der ber sie
hinfhrt, haben aber groe Fhigkeit, den Wind zu fassen, groe Fhigkeit, ihn
verflucht ring wieder von sich zu geben; wre aber kein Wind, so wren sie auch
nichts. Es sind moderne Naturen, oder, etwas vulgr gesagt, die Schweinsblasen
des Zeitgeistes oder jedes andern Geistes, der sein Maul an ihr Rhrchen wagt.
Derlei Naturen stolpern zu Tausenden in der Welt herum, vom Himmel geregnete
Frsche, brllen die Welt voll, da man in Versuchung gert, sich zu ducken, als
wre eine Herde von zehntausend Bffeln im Anzug. Wer aber Courage hat,
standhlt, merkt gleich, da es eben nur Frsche sind, und wer Geduld hat und
warten mag bis bermorgen, merkt Keinen mehr von ihnen; unerwartet sind sie
gekommen, unerwartet verschwinden sie, woher, wohin wei man nicht, aber
wahrscheinlich, ihrer Natur nach, aus dem Schlamm und in den Schlamm. So war
auch der Johannes ein Kolo an Gestalt und Gebrll, und ein klein Kind konnte
seine Grundstze lenken, seine Redensarten bestimmen, konnte alles mit ihm
machen, Speise und Trank vorbehalten, denn in dieser Beziehung alleine besa er
groe Selbstndigkeit.
    Zu allem Peinlichen kam noch der ausgebrochene Kinderkrieg, welcher, man
mchte fast sagen, Tag und Nacht kein Ende nahm. Elisis Kinder waren da,
Trinettes ebenfalls, die letzteren grer, die ersteren kleiner, mischten sich
unter einander und mit Vrenelis Kindern, und so unartig, zankschtig, meisterlos
als mglich erzogen, gab es ununterbrochenen Streit, begleitet mit einem Geheul,
ungefhr wie die Indianer heulen, wenn sie die Htte eines Blagesichts
berfallen. Zuweilen strzte in das Geheul mitten hinein scheltend und schreiend
ein Weib, schlug drein links und rechts, trug zappelnd und blutend ein Kind von
dannen, und hinter ihr her scholl mit verdoppelter Macht das Geheul. Wenn es
noch eine Woche so ginge, so liefe es fort, sagte Vreneli, solcher Spektakel
sei, so lange die Glungge stehe, nicht erlebt worden. So viel als mglich schlo
es seine Kinder ein, denn mit diesen gingen die andern akkurat um, als wenn es
junge Katzen wren, welche man plagen und martern drfe ungestraft.
    Endlich kam der Tag, an welchem die gute Mutter begraben werden sollte. Da
konnte man sehen, was eine gute Frau zu bedeuten hat in einer Gegend, sie ist,
was ein warmer Ofen im harten Winter; jeder, dem es schaurig wird in der kalten
Welt, luft ihm zu, sucht und findet Behagen in seiner Nhe. Gar Viele legten in
lauter Wehklage Zeugnis ab, da sie nackt gewesen, von ihr gekleidet, hungrig
und durstig, von ihr gespeiset und getrnkt worden. Diese Zeugnisse werden wohl
noch ihren alten Wert besitzen; was sie diesen getan, wird der, der einst zu
richten kmmt die Lebendigen und die Toten, ansehen, als htte er es empfangen,
und hier wird wohl auch die Shnung liegen von allem, was sie gefehlt in
Unwissenheit und allzu groer Milde. Indessen wem die Klage am tiefsten aus dem
Herzen flo, waren doch Joggeli und Vreneli. Joggeli fhlte, da man seinen Stab
und Sttze zu Grabe trug; ein dsteres Ahnen der Tage, die seiner warteten,
beschlich ihn. Schon jahrelang war er immer am Stock gegangen und hatte es sich
so angewhnt, da er vom Tische zum Bette den Stock zur Hand nahm. Aber viel
schwcher als seine Beine war sein Wille, der nderte sich alle Tage und jedes
Kind konnte ihn meistern; seine Frau hatte ihn auch gemeistert, aber zu seinem
Besten. Solange sie lebte, klagte er dar, ber bitterlich, jetzt, da sie tot
war, vermite er dieses Meistern noch viel bitterer; er fhlte, da er den Halt
im Leben verloren. Vreneli ging es fast ebenso; es war ihm, wie es dem Schiffer
ist, dem auf wild bewegtem Meere das Ruder entgleitet, der Kahn der Willkr der
Wellen preisgegeben ist. Es war ihm wie einem Kinde, welchem im Marktgetmmel
der Mutter leitende Hand entfhrt, hin- und hergestoen wird von des Marktes
Wellen, umsonst nach der Mutter sieht und schreit.
    Das Verschwinden eines Menschen von der Erde ist schauerlich, und Wenige
werden, wenn sie an einem offenen Grabe stehen, diesen Schauer nicht fhlen,
sich nicht sagen: Siehe, so sieht auch die Tre aus, durch die du mut zum
andern Leben, so sieht dein Grab auch aus, aber wie wird dein und aller Erwachen
sein? So werden die Meisten denken, welche nicht mit besonderer Liebe an die
Leiche gefesselt sind. Wo die Liebe recht lebendig ist, da verzehrt sie alle
Gedanken, nur der Schmerz des Missens, das Sehnen nach Wiedersehen fluten durch
die erregte Seele. Da wird uns klar, wie wir selbst ein Geheimnis sind im Werden
und im Sterben, ein Geheimnis, welches kein Sterblicher offenbart, da begreifen
wir, da wir wandeln mssen im Glauben, nicht im Schauen, da wir nichts sind
als ein Hauch des Allmchtigen, aber ein wunderbarer, der kommt und schwindet
nach seinem Wohlgefallen. Da fhlen wir, da alles Wissen und Sagen der
Gelehrten Stckwerk ist und ein kindisch Gerede und nichts Kraft und Macht hat
in den Schauern des Todes und des Grabes als die Verheiung, da auferstehen
werde in Kraft und Herrlichkeit, was verweslich und in Schwachheit ausgeset
worden.
    Wenn einer geht ins bessere Land, entsteht wohl eine Lcke in der Welt,
kleiner oder grer, je nach des Menschen Stand und Bedeutung, aber schnell ist
die Lcke zugewachsen in der Welt, schneller noch, als das Gras wchst auf dem
Grabe. Nur die Lcken in den Herzen wachsen nicht zu; wenn sie aufhren zu
bluten, blht ein freundlicher Gedanke auf, schner, als je Rosen auf einem
Grabe geblht.
    So verschwand auch die Base. Die Arbeit, welche sie noch getan, verrichteten
Andere, der Lauf der Welt blieb der gleiche; aber die, welche sie geliebt,
vergaen sie nimmer, und lange wird kaum ein Tag vergangen sein, da ihrer
hienieden nicht in Liebe gedacht wurde von denen, denen sie wohl, getan. Sie
ruhte im Grabe im Herrn und darum sicher auch sanft. Desto weniger Ruhe hatte
Joggeli. Beide Kinder, oder statt Elisi vielmehr der Baumwollenhndler (denn was
frug Elisi dem Vater und allem brigen nach, seit es der Mutter Schtze
geerbt!), stritten sich um ihn schrecklich; jeder wollte, er solle zu ihm
ziehen, um auf den Hnden getragen zu werden, da sein Fu an keinen Stein mehr
stoe, wie der Teufel es dem Herrn verhie, als er ihn verleiten wollte, von der
Zinne des Tempels zu springen. Hier knne er nicht bleiben, so verlassen, wo
niemand zu ihm sehe, ihm begegnen knnte, was da wollte, niemand sich dessen
achte. Nun wollte ihn aber jeder zu sich, darber entbrannte der Streit. Jeder
wute, was mit Joggeli zu machen war, wenn man ihn in Hnden hatte ungestrt,
darum wollte ihn jeder, aber um alles in der Welt nicht, da er zum Andern
ziehe.
    Johannes stellte ihm vor, wie kurzweilig es bei ihm sei, da habe er den
ganzen Tag Gesellschaft und zu essen, was ihm nur in den Sinn komme; er habe
eine Kchin, wo er ausbieten wolle, sie mache gebackene Fische und saure Leber
trotz dem Koch beim Falken. Der Baumwollenhndler dagegen schilderte grlich
die Unruhe in einem Wirtshause, wo fast kein Schlaf mglich sei, man auch nie
das Essen zu der Zeit haben knne, sondern wenn es der Kchin gelegen sei, und
oft nichts als die Tellerrumeten der Fremden. Bei ihm htte er goldene Ruhe und
ausgesuchtes Essen, welches er befehlen knne nach Belieben; wolle er
Gesellschaft, so knne er auslesen nach Belieben; im Orte, wo er wohne, seien
neununddreiig Wirtschaften, allenthalben finde er ausgesuchte Gesellschaft, und
wolle er Ruhe, so finde er sie daheim, da solle er Herr sein und kommandieren,
wie er wolle, gehorcht solle ihm werden, wie wenn er der Napoleon wre. Das
waren die Prliminarien, von denen kamen sie immer tiefer in die Materie hinein,
zerrten erst die Weiber gegenseitig im Maul herum, da wenig gute Fetzen an
ihnen blieben, dann sich selbst, und fast wre es zum ttlichen Abschlu
gekommen, wann Joggeli nicht selbst gemahnt htte, was die Leute sagen wrden,
wenn man sich sozusagen ber der Mutter Grab prgle.
    Das endliche Resultat war, da Joggeli bleiben durfte, so gleichsam auf
neutralem Boden, und so war es Joggeli wirklich auch am liebsten, denn wenn er
auch ber niemand mehr zu klagen wute als ber Vreneli, so vertraute er sich
ihm doch am liebsten an; er wute, er hatte es hier am besten und ruhigsten.
Sein Aufbegehren war eigentlich nichts als der rger darber, da er der hohen
Natur untertan sein msse, whrend nach der uern Stellung das umgekehrte
Verhltnis stattfinden sollte.
    Indessen traute weder Johannes noch der Tochtermann dem Handel; jeder
dachte, sobald er glaube, der Andere sei fort, so komme er wieder her und mache
mit Joggeli, was er gut finde. Begreiflich aber dachte er zugleich, der Andere
werde es auch so machen, der verfluchte Schelm sei nicht zu gut dafr. Jeder
suchte daher bei Vreneli eine Privataudienz so versteckt als mglich, versprach
ihm, man werde ihm daran denken, wenn es aufpasse, was der Andere mache, wenn er
kommen sollte. Sobald es was Verdchtiges merke, solle es Bescheid machen,
pltzlich, sein Schade solle es nicht sein.
    Vreneli aber wollte sich mit solchen Auftrgen nicht befassen; zum Vetter
wolle es sehen, da es es einmal verantworten knne bei der Base, wenn sie
wieder zusammenkmen, sagte es. Daneben wrde es ihm bel anstehen, wenn es bei
ihm den Landjger machen wollte. Es werde ein jedes Kind das Recht haben, mit
dem Vater zu reden, ohne da jemand anders dabei sei; einstweilen sei er bei
gutem Verstand, und trauten sie nicht, sollten sie ihn bevogten lassen, da seien
sie Kummers ledig. Aber das wollte Keiner, dieweil jeder von ihnen
Privatabsichten hatte, welche unausfhrbar wurden, sobald ein Vogt oder Vormund
Joggeli beschirmte und selbst verantwortlich war. Ob aber den Leuten hier zu
trauen sei? frug der Baumwollenhndler, dem diese Abfertigung verdchtig vorkam
und der Verdacht auftauchte, sie knnten Joggeli selbst melken wollen.
Gutsprechen wolle er fr niemand, sagte Johannes, indessen traue er den Leuten
mehr als den nchsten Verwandten, denn bis dahin htte er noch nichts Schlechtes
von ihnen gehrt. brigens wrde der Vater es bald genug klagen, wenn sie an ihm
rupfen wollten. Der Schwager nahm die Prise. Also aufgepat, dachte er,
jedenfalls tue ich den ersten Zug; dann macht jeder, was er kann.
    Elisi mochte nicht warten, bis es mit seinen Sachen fort konnte, sie in
Sicherheit bringen vor Trinettes gierigen Blicken, und hatte doch wieder Freude
daran, alles so recht vor Trinettes Augen herumzuziehen, hatte eine leise
Hoffnung, sie sterbe vielleicht vor seinen Augen an Neid und rger. Da hatte
sich Elisi verrechnet, Trinette mochte mehr ertragen. Trinette pate auf, ob
Elisi nicht unter den Sachen der Mutter Dinge fortschaffe, welche zum Haushalt
gehrten, und hatte den festen Entschlu, wenn das geschehe, Elisi tchtig zu
prgeln, kratzen, raufen; denn Trinette wute sich die Strkere, hatte sich
nicht umsonst Speise und Trank ungemessen behagen lassen, whrend es bei Elisi
oft knapp genug zuging. Indessen es ging gerecht zu; Trinette kam so wenig dazu,
Elisi zu prgeln, als Elisi, Trinette sterben zu sehen. Drauf und dran war es
einige Male, besonders als endlich alles geladen war, ein ziemlich gro Fuder,
schwer genug fr zwei Pferde, im Hofe stund und Elisi Trinette spttisch fragte:
Willst mich etwa begleiten und mit Auspacken helfen? Es kme mir kommod! Da
wars gut, stund Elisi im Hofe und war sonst noch jemand da, das Ding htte
gefhrlich werden knnen.
    Das gute Elisi hatte niemand ntig zum Auspacken. Uli war mit dem Fuder
vorausgefahren; der Baumwollenhndler fuhr mit Frau und Kindern nach, sumte
sich unterwegs ebenso oft und lange, und Elisi hatte allenthalben so viel zu er,
zhlen von den Schtzen, welche es bei seiner Mutter gefunden, da Uli lngst
auf dem Heimweg war, als sie anlangten. Uli hatte Kasten und Kisten ihnen ins
Haus gestellt, wo er Platz dazu fand, und dort lie man sie stehen. Die kurze
Zeit vor dem Schlafengehen mute Elisi verschwatzen, noch hier und dort Bericht
geben, wie es gegangen und was es mitgebracht; das war eine notwendige
Erleichterung, ohne welche es nicht htte schlafen knnen. Elisi hatte zwei gute
Dinge an sich, Appetit und Schlaf, selbst die Freude ber sein Heimgebrachtes
trieb ihns nicht aus dem Bette. Lngst war acht Uhr vorber, als es sich
schlfrig aus dem Bette wlzte, in den Haaren kratzte und nach dem Kaffee
schrie. Als der Kaffee kam, frug es: Wo ist er Wei nicht! sagte die Magd.
Als der Kaffee getrunken war, ging Elisi nach seinen Kisten und Kasten, aber wo
sie am Abend gestanden, stunden sie nicht mehr, stunden nirgends mehr, wohin es
auch sehen mochte. Tfel, wo sind sie? schrie Elisi der Magd zu. Wei nicht!
antwortete diese.
    Ja, jetzt gabs Lrm! Wo sind meine Sachen, wo sind meine Sachen! erscholl
es durch Stadt und Land. Unerschtterlich blieb die Magd bei der Antwort: Wei
nicht! Die Leute lchelten hinter den Fenstern, verschwanden aber, wenn das
Geschrei: Wo sind meine Sachen, wo sind meine Sachen? in ihre Nhe kam.
Endlich kriegte es eine Frau Nachbarin satt und erschien dem schreienden Elisi
unter der Tre und sagte: Schweiget doch und brllt nicht das Land voll, hilft
Euch doch nichts; diesen Morgen in aller Frh ist Euer Mann damit fort,
herbeibrllen werdet Ihr sie nicht mehr, und solltet Ihr brllen bis zum
jngsten Tag und noch zehnmal so laut. So sprach sie und verschwand. Ja, jetzt
war Elisi nicht mehr zu helfen, es wurde wirklich in allem Ernste fast gar
ohnmchtig. O meine Sachen, meine Sachen! O Mutter, o Mutter! Und: Der
verfluchte Schelm! Und usw. Ja, das ging schrecklich, ein Schlohund ist
dagegen nur ein Anfnger. Aber es ging, wie die Nachbarin sagte: Elisi brllte
die Sachen nicht herbei, und wenn es gebrllt htte wie zehntausend Ochsen. Der
liebe Gemahl war allerdings damit fort auf Nimmerwiedersehen, das heit der
Sachen, er selbst wartete noch auf fettere Beute; er war in immerwhrender,
immer engerer Geldklemme, in welcher er sich jedoch mit groer Gewandtheit zu
bewegen wute, indessen trotz derselben htten ihn die Glubiger lngst ber
Bord geworfen, wenn nicht der reiche Schwiegervater im Hintergrunde gewesen
wre. Trieben sie ihn zum Geltstag oder Konkurs, so war zehn gegen eins zu
wetten, da er nichts erbte, sondern das ganze Erbe seinen Kindern zugestellt
wurde, was gesetzlich zulssig war, dann hauen die Glubiger das blinde
Nachsehen. Man schenkte ihm also so gleichsam wie die Katze der Maus mit
aufgehobener Tatze das Leben, vertraute ihm jedoch so wenig als mglich Neues
an. Das brachte den Herrn in groe Geldnot und setzte ihn fast vor die Geschfte
hinaus. Der Nachla der Mutter selig war fr ihn ein prchtiger Fang, der ihn
wieder Hott machte fr eine Zeit. Er machte sich keinen Augenblick ein Gewissen
daraus, die Hand darber zu schlagen, ihn zu versilbern, so gut er konnte, so
was verstund er und kannte die Gelegenheit. Er lste eine betrchtliche Summe,
lie Elisi kaltbltig heulen und schreien und fuhr herum wie ein Fischlein,
welches vom Trocknen wieder ins Wasser gekommen. Elisi hintersinnete sich fast,
aber was half ihm das? Es war wirklich in einer sehr traurigen Lage. Vom Manne
war es verraten und verkauft, auf der ganzen Welt hatte es keinen Menschen, der
sich seiner annahm, und wenn der Bruder und seine Frau es vernahmen, wie es ihm
ergangen, so lachten sie sich den Buckel voll, das wute es.
    So in der Welt zu stehen, ist wirklich trostlos, und Mancher wurde ein Narr
darob. Aber Elisi hatte keine so sprde, sondern eine zhere Natur; viel Heulens
mochte es ertragen, und wenn es einmal zu einem frischen weien Brtchen kam,
einigen Cotelettes oder einigen Batzen, welche es dem Manne stehlen konnte, so
fand es darin groen Trost fr manchen Tag.

                              Achtzehntes Kapitel


                          Ein Gericht und zwei Sprche

Unterdessen war Ulis Prozelein fortgelaufen, hatte sich ausgesponnen auf
wunderbare Weise zu einem langen, langen Faden. Wenn er meinte, er packe das
Ende, husch, war es ihm entronnen und weit weg wie dem Kinde das Fischlein, nach
welchem es hastig gegriffen. Schon tchtig war Uli durch seinen Agenten
angepumpt worden, als es endlich hie, an dem und dem Tage werde, wenn nichts
dazwischenkomme, abgesprochen, Uli msse dabei sein, msse auch einmal wissen,
wie dies gehe, und sehen, wie der Gegner ein Gesicht mache, wenn er verspiele,
er werde sich verwundern. Es machte indessen Uli doch angst auf diesen Tag, es
fiel ihm ein, es wre noch immer mglich, da er verliere, dann knnte es ihn
rgern und der Andere zusehen; er habe schon gehrt, es gehe bei den
Abstimmungen oft verflucht ungerecht zu und der beste Handel knne verloren
gehen, denn die meisten Richter verstnden nichts vom Recht und die brigen
seien sonst nicht sauber im Nierenstck, dachte er. Bekanntlich mssen die
Richter immer als Sndenbcke der Advokaten vor dem Volke paradieren.
    Die Nacht vor dem Abspruch konnte er wenig schlafen, er wre zu einem
ziemlichen Opfer bereit gewesen, wenn er den Proze htte ungeschehen machen
knnen. Das soll mir eine Warnung sein, sagte er mehr als einmal halblaut,
ist der mal aus, fange ich mein Lebtag keinen neuen an, wenn es nicht sein
mu. Er war frh auf, und Vreneli versumte ihn nicht mit dem Frhstck, war
freundlich, aber vom Proze redete es nicht. Da war ein wunder Fleck in seinem
Herzen, der nicht heilen wollte und schmerzte, so oft er berhrt ward. Es war
ein heier, schwler Sommertag, kurz vor der Ernte; der Roggen beugte bereits
seinen philisterhaften Rcken und neigte sein Haupt wie ein alter Professor,
wenn er sich der Hflichkeit befleit. Das Korn hatte verblht, stand keck
gradauf wie junge Fhndriche, welche Generale werden mchten. Uli dachte, in
acht Tagen mu der Roggen ab, in drei Wochen das Korn, berschlug seinen Ertrag,
machte Preise, handelte, da er darber fast den Proze verga und an Ort und
Stelle war, ehe er es sich versah. Es war noch ziemlich stille, die Stunde des
Gerichts noch nicht da, und bekanntlich gehren die Advokaten, welche frh zur
Stelle sind, entweder zu den Ausnahmen oder zu den Anfngern. Wer des Abends zu
viel Wein im Munde hat, frgt dem Golde, welches die Morgenstunde im Munde hat,
nicht mehr viel nach.
    Nach und nach trappeten die Parteien an oder fuhren wohl auch, stunden ums
Schlo, wo das Gericht sa oder sitzen sollte, oder bewegten sich der Gaststube
des Wirtshauses zu, um an einem Schnaps oder einem halben Schoppen Wein sich fr
die Operationen der Gerechtigkeit zu strken. Auch seinen Gegner sah Uli
herantrappen an einem langen Stock, gelb und mager sah unter dem breiten Rande
des schwarzen niedern Wollhutes das Gesicht hervor. Der ging nicht dem
Wirtshause zu, sondern dem Schlosse, sah sich erst lange bedchtig um, lehnte
sich dann noch lange an seinen Stock, endlich sa er auf eine Bank ab, nachdem
er sich sorgfltigst berzeugt hatte, da er am rechten Orte sei und sich nicht
verfehle, wenn er sich da setze.
    Endlich, als das Volk sich gehuft hatte, die bliche Stunde lngst
geschlagen, kamen sie daher, die Helden des Tages, die Agenten und Frsprecher,
wie Divisionrs und Brigadiers auch erst kommen, wenn die Bataillone
aufmarschiert sind und oft schon lange stehn. In wunderlichen Kleidungen, in
Kopfbedeckungen von allen Sorten kamen sie dahergefahren, drei kamen sogar
geritten. Eben ritterlich sahen sie nicht aus, einer von ihnen sa auf seiner
Rosinante wie eine junge Laus auf einem alten Spittler. Wenige Agenten kamen zu
Fu; was ihnen dadurch an Ansehen abging, suchten sie zu er, setzen durch die
Majestt, mit welcher sie ihre Pfeife hielten, den Stock handhabten oder den
Kopf trugen. Sie alle gingen der innern Stube des Wirtshauses zu, sammelten da
ihre Gedanken bei einem Glase Roten oder strkten ihre Stimme mit Schinken oder
Braten, stellten sich zuweilen in die Mitteltre gro und breit und schauten
hinaus in des niedern Volkes, welches sich in der Gaststube gesammelt hatte,
lautes Gesumme. Mit Schauer und Respekt sah das Volk auf die Helden hin, welche
die Gerechtigkeit in den Hnden hatten wie der Tpfer den Lehm, um sie zu drehen
nach Belieben. Sieh, dort ist der Meine, sagte einer und wies mit seinem
langen Stock auf eine Figur, welche unter offenem Fenster stund. Dort der
Meine, sagte ein Anderer, zog seinen Hut und machte dem Seinen einen tiefen
Bckling mit langem Scharwenzel, doch umsonst, derselbe hatte ein kurzes Gesicht
und eben seine Brille in den Hnden, um ihr den Morgentau auszuwischen. Ganz
verblfft und verwundert ber dieses kalte Benehmen, sagte der Klient: Das
letztemal, als ich bei ihm war, war er nicht da, heim, und hat ihm vielleicht
seine Frau vergessen zu sagen, die Fische seien von mir. Ich sagte ihr meinen
Namen dreimal, vergessen wird sie ihn doch nicht haben. Ich bringe nichts
mehr, sagte ein Anderer, sie fhren einem die Sache zu stark aus, man wei
nicht mehr, was ihnen recht ist. Letzt, hin brachte ich meinem Frsprecher zwei
Hasen, verflucht brave, da sagte die Frau, sie wolle nur einen, der andere
stinke. Sonst hat man geschenkten Rossen nicht ins Maul gesehen.
    Warte hier, mu doch noch ein Wrtlein mit dem Meinen reden, sagte ein
Anderer, und ihn mahnen, da er nur ja den und den Punkt nicht vergesse und die
Satzung, welche darauf sich schickt, es ist die und die. Solche Herren sind oft
gar schrecklich vergelich, besonders wenn sie vom Dischinieren kommen. So einer
hat so viel Hndel, da er um den einen oder den andern nicht die Hand umdreht;
verliere ich den, he nun so dann, so gewinne ich einen andern, spekuliert er.
Unsereiner, der nur einen Handel hat, kann es minder leicht nehmen, gewinnt oder
verliert er ihn.
    So sieht man Manchen an der Tr sich drehen, um seinem Frsprecher
abzupassen, ihm noch ein vertraut Wort zu sagen, vielleicht mitzuteilen, was man
selbst Schlagendes gedacht oder gesinnt. Der Eine oder der Andere flucht in
einer Ecke, wenn er seinen Advokaten mit dem des Gegners vertraut unter einem
Fenster reden sieht, denn er hatte geglaubt, sie Beide sollten sich mit dem
gleichen Hasse hassen, mit welchem er und sein Gegner einander hassen. Da
werden sie mit einander abreden, wer gewinnen und wer verlieren soll, wie die
Schwinger am Ostermontage in Bern. Es ist doch von denen Hagle keinem was zu
trauen, es ist ein Schelm wie der andere, wenn man es sagen drfte, und
Unterschied ist keiner, weder da der eine um etwas der Schlimmere und der
andere um etwas der Dmmere ist, so wird geurteilt.
    Endlich wird das Publikum ungeduldig, Einige steigen voran, Einige schimpfen
ber das Zgern, sie htten weit heim und seien nicht zweispnnig hergefahren,
und es dnke sie, die Herren sollten an Hunger und Durst auch etwas sparen fr
den Mittag, sonst mchten sie da nichts mehr. Endlich kmmt der Gerichtsweibel
und sagt den Herren des Tages: Die Richter sen schon lange und verlangten nach
den Herren, wenn man erst mittags anfange, so finde man den Feier, abend nie.
Indessen ist der Herr Gerichtsweibel nicht halb so pressiert, da er nicht mit
einem oder zwei Glsern Wein Bescheid tun kann. Htten sie drben schon so lange
gewartet, so wrden sie noch um einer kleinen Weile willen nicht aus der Haut
fahren, kalkuliert er, und gewhnlich ganz richtig, denn sein Kalkul grndet
sich auf Erfahrung. Endlich mu doch aufgebrochen werden, denn unter all den
Helden ist denn doch kein Josua, der die Sonne stellen kann, und nach
Sonnenuntergang sind Gerichtshandlungen nicht mehr gltig. Vor Gericht beginnt
die Schlacht mit Pldieren und Replizieren und endlichem Judizieren. Partei um
Partei treten vor und treten ab, und reiche Studien macht, wer die Wirkungen
beobachtet, welche Gewinnen und Verlieren auf den Gesichtern hervorbringen, und
bemerkt manch Gesicht, dem man es durchaus nicht anzusehen vermag, ob ihns ein
gnstig oder ungnstig Urteil getroffen.
    Uli war einer der Letzten, welche vorkamen, ihm war ungefhr wie einem, der
gehngt werden soll, aber erst noch einige Andere zu seiner Strkung und
Erquickung mu hngen sehen; wer dies erlebt hat, wei, wie es ihm war. Endlich
wurden sie vorkommandiert. Seines Gegners Agent erffnete das Feuer, und zwar so
scharf, da es Uli fast schwarz ward vor den Augen. Der wusch ihm den Pelz, da
er glaubte, er knne sein Lebtag keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen, da er
viel Geld gegeben htte, nicht blo, wenn er den Handel nie angefangen, sondern
wenn er nur nie hergekommen wre, denn fortan werde jedes Kind, wo er sich
zeige, mit Fingern auf ihn weisen und sagen: Seht da den Betrger, den
verlogenen Kuhhndler!, und da was an dem Gerede wre, das sagte Uli was unter
dem Brustlatz. He nun, so ists, dachte er, gut fr einmal! Ich merke jetzt, wie
es die Leute meinen; htte ich der Frau geglaubt, so wre es mir nicht so
gegangen.
    Nun trat auch sein Anwalt auf. Wenn der nur schweigen oder die Sache ganz
kurz machen wrde, da sie bald vorbei wre, dachte Uli, aber dem Lumpenhund
wolle er es doch einmal sagen, wie er ihn hineingefhrt, denn mit Schein laute
das Gesetz ganz das Gegenteil, als der Hagel es ihm angegeben. So gehe es, wenn
man von der Sache nichts verstehe, sich blo msse brichten lassen und noch dazu
von solchen Beinschabern. Nun aber kam sein Anwalt nach einigen Prliminarien
auch in Flu der Rede. Potz Himmel, wie tat Uli erst das Maul auf und wie fing
es ihm dann zu wohlen an, das Ding kam heraus wie ein umgekehrter Handschuh und
Uli mute immer denken: Persche, ja so! Kuh, was ich bin, da ich das nicht
gedacht! Er fing an zu wachsen, mit souverner Verachtung auf den andern Anwalt
und das Lumpenmannli, das heit seinen Gegner, herabzusehen, der zuweilen das
Maul auftat, als ob er reden, eine Bewegung machte, als ob er auf den Redner
einspringen wolle und ihn traktieren mit seiner Faust, die er immer geballt
hatte und mehr oder weniger vorstreckte, je nach dem Siedpunkte seines Zorns.
    Uli kam sich fast vor, als sei er eins von den Gespenstern, von denen man
erzhlt, da sie sichtlich wachsen und wachsen, bis ihr Kopf in den Wolken ist,
whrend sie mit den Beinen noch auf Erden stehen. Man htte glauben sollen, im
ganzen Bernbiet sei kein ehrlicherer Mann und noblerer Staatsbrger als Uli. Und
wirklich hatte selbst Uli nie daran gedacht, da er so einer sei, und frchtete
fast, er knne knftig vor lauter Rechtschaffenheit, Tugend, Vaterlandsliebe und
entschiedenem Fortschritt sich nicht vor den Leuten sehen lassen, dieweil die
Einen aus Neid zerspringen, die Andern aus Begierde, so einen zu sehen, ihn
erdrcken knnten; recht htte er, und ohne Laterne sehe man es, und wenn die
Richter nicht Schelme seien, so msse er gewinnen, und da sein Agent so reden
knne, als wre er schon im Himmel gewesen, das htte er ihm sein Lebtag nie
angesehen, weder hinten noch vornen, weder im Wirtshaus, wenn er die Andern im
Spiel betrog, noch daheim, wenn er die Frau prgelte. Das Gewinnen htte er bar,
so dachte Uli, und so war es auch.
    Als sie nach kurzer Beratung des Gerichtes wieder hinein, gerufen wurden,
war sein Gegner mit seiner Klage abgewiesen und in die Kosten verurteilt. Das
Mannli ward bla, sein langer Stab tanzte auf dem Boden, und weit, weit streckte
er seine Faust vor, und es war, als wolle er sich ducken zum Sprunge auf die
Richter; dumpfe Laute quollen ber seine Lippen, wahrscheinlich drckten sie
nicht den grten Respekt aus, denn sein Agent, welcher ihm am nchsten stund,
fand sich veranlat, ihn mit mglichster Schnelligkeit vor sich her aus dem
Gerichtssaale zu schieben.
    Uli wars wie einem, der, in eine Dornenhecke gefallen, gefrchtet hatte, er
komme nur zerfetzt und wie ein gerupftes Schaf mit Hinterlassung aller Wolle
daraus, pltzlich auf freien Fuen steht mit heiler Haut, oder wie dem Daniel,
als er ungefressen aus der Lwengrube kam, die Bestien ihn nicht angetastet, und
waren doch im Gerichtshofe acht Anwalte, sechs Agenten und Geschftsmnner in
ungezhlter Menge und alle trotz asiatischen und afrikanischen Bestien
(amerikanische sollen weniger wild und grausam sein) mit Hunger und Durst
behaftet. Also gewonnen, gewonnen! Was wird die Frau sagen? Es ist doch gut, da
man andern Leuten auch glaubt als nur den Weibern, aber so leichtlich bringt
mich nicht mehr jeder zu einem Proze. Es ist allweg eine verteufelte Plag, man
wre leichter eine kleine Weile gichtisch oder sonst krank, so dachte Uli.
    So war er, ohne da er es merkte, hinter das Mannli und seinen Agenten
gekommen und hrte, wie der Erstere zum Letzteren sagte: Machet, was Ihr wollt,
aber einen solchen Handel zu verspielen, mu man ein Esel oder Schelm sein. Ich
habe recht vor Gott und Menschen in aller Ewigkeit, die Ochsen da oben mgen
erkennen, was sie wollen. Macht jetzt was Ihr wollt, ich habe kein Geld, habe
nichts als ein mager Hflein, Kinder und Schulden, und wenn Ihr die wollt, knnt
Ihr sie haben, welche Stunde Ihr wollt, ich will sie Euch noch vors Haus bringen
unentgeltlich. Vor und nach kann ich vielleicht was zahlen, aber berstrzt Ihr
mich, werfe ich den Schlegel, rufe den Konkurs an. Die Kinder knnen betteln
gehen und ich will stehlen, bis ich an obrigkeitliche Kost komme.
    Da sagte Ulis Agent: Mit Reden zahlt man niemand, das wre bequem, ich habe
auch noch eine Rechnung, und die wird mssen bezahlt sein; es hat schon Mancher,
der nichts haben wollte, gezahlt, wenn man ihn recht angefat hat. Da drehte
sich das Buerlein um, sah Uli, stund still und sagte: So, du bist auch da!
Hast mich betrogen und jetzt noch den Handel gewonnen, und ich werde mit Weib
und Kind dem heiligen Almosen nach mssen! Mein Lebtag hat mich doch kein Mensch
so verfhrt! Meinte, du seiest ein ehrlicher Mann, den Halunken sah ich dir
nicht an! Aber ist ein gerechter Gott im Himmel, so treibt er dir dein
Schelmenstck zehnfach ein und bald oder Lt es dich bis zum Galgen bringen und
jagt dich dann dem Teufel zu, besser verdienst du es nicht! Als er das gesagt
hatte, drehte er sich um, ging rasch seines Weges. Es war Uli, als sehe er ihn
mit dem rmel ber die Augen fahren.
    Die Agenten lachten sehr ber den Zorn des Buerleins und lebten noch
manchen Tag wohl daran, ungefhr wie Buben, welche sich am Zappeln von Maikfern
ergtzen, die sie an Faden gebunden haben und denen sie allgemach Flgel und
Beine ausreien. Auf Uli dagegen machte die Rede Eindruck; es lag ein Fluch
darin, und solche Worte hielt er nicht fr gleichgltig, besonders da sich in
seinem Herzen etwas rhrte, welches sich mit dem Troste, da, htte er nicht
recht gehabt, die Richter ihm nicht recht gegeben, durchaus nicht beschwichtigen
lassen wollte. Anlgen ist anlgen, ein Gericht mag sagen, was es will.
    Es ist eine wunderbare Sache um die Macht des Wortes, nicht umsonst hat so
mancher Aberglaube sich damit vermischt; da zum Beispiel das Wort des Menschen
Macht habe ber Gott, so da er msse tten oder wettern, je nachdem, das Wort
die Macht habe, aus den Grbern die Toten zu rufen und zu ffnen die
Schatzkammern der Erde. Aber ein fromm vertrauensvolles Wort zum Vater im
Himmel, eine Bitte aus innigem Herzen, was hat sie nicht vermacht und wie oft
hat nicht ein Wort geschlagen in das Herz des Snders wie der Blitzstrahl aus
einer Donnerwolke! Wie oft nicht ein Wort das Andenken groer Verstorbenen
herbei, gerufen, neues Leben geweckt in den Herzen der Enkel! Wie oft ist nicht
das Wort in Herzen gedrungen, hat Steine von den Grbern gesprengt, unter
welchen die edelsten Krfte begraben lagen, und ein junger, schner Frhling
erblhte, wo frher de war und totes Gestein! Wie oft ward das Wort nicht zur
feurigen Rte, welche den Bsewicht unstt jagte ber die Erde! Das Wort ist
unendlich mchtiger als das Schwert, und wer es zu fhren wei in starker,
weiser Hand, ist viel mchtiger als der mchtigste der Knige. Wenn die Hand
erstirbt, welche das Schwert gefhrt, wird das Schwert mit der Hand begraben,
und wie die Hand in Staub zerfllt, so wird vom Rost das Schwert verzehrt. Aber
wenn im Tode der Mund sich schliet, aus dem das Wort gegangen, bleibt frei und
lebendig das Wort; ber dasselbe hat der Tod keine Macht, ins Grab kann es nicht
verschlossen werden, und wie man die Knechte Gottes schlagen mag in Banden und
Ketten, frei bleibt das Wort Gottes, welches aus ihrem Munde gegangen. Aber auch
mchtiger als Dolch und Gift ist das bse Wort, das durch die Herzen fhrt und
in die Seelen schleicht oder schlpft. Schlangen und Banditen sind greuliche,
scheuliche Dinger, aber viel scheulicher sind glattzngige Verfhrer, welche
Gift trufeln in arglose Herzen, sind viele Wortfhrer des Tages, falsche
Propheten des Lgengeistes, der im Paradiese sein heillos Amt begann.
    Es war lange ber Mittag, als sie zum Wirtshaus kamen; hei war es zum
Ersticken, kein Lftlein regte sich, zum Himmel heraus hingen schwarze Wolken,
Trauerfahnen, welche Gottes Hand heraushngt, wenn er seine Gerichte bereitet.
Uli begab sich ins groe Gastzimmer; in die innere Stube, wohin die Agenten
gingen, wo auch die Richter er, wartet werden, gehren die Laien nicht. Er lie
sich etwas zu Mittag geben, er meinte, er sei sehr hungrig, aber der Appetit
fehlte ihm, als er begann zu essen. Der Wirt munterte ihn zum Essen auf: Es ist
alles frisch und sauber, sagte er, und lange her, seit du etwas im Magen
gehabt haben wirst. Eben das mache es, sagte Uli, da er nicht essen mge; wenn
es ber die gewohnte Zeit gehe, so vergehe der Hunger.
    Dem war aber nicht so, das Wort des armen Mannli hatte Uli ins Gemt
geschlagen, grte dort, verdarb ihm den Appetit. Was er auch anderes denken
wollte, es stund ihm immer vor der Seele, und wie er auch zum Zorn sich stacheln
wollte gegen das Lumpenmannli, welches solche Reden fhre, die Rede lschte
immer den Zorn, und Bangen war da. Bah, sagte er, solchen Worten msse man sich
nicht achten; Recht sei Recht, und wer recht habe, htten die Richter gesagt,
die sollten es wissen! So trstete sich Uli, und der Trost hielt doch nicht.
Solche Worte sollte man verbieten beim Hngen, zu bedeuten htten sie nichts,
das wisse ja jedes Kind, aber man hre sie doch nicht gerne; alles Fluchen sei
ja schon von Gott verboten, und wenn er das daheim forttreibe, vielleicht noch
mit seinen Kindern, so knnte ihnen allen das an der Seele schaden, und es wre
doch schrecklich, wenn sich die Kinder dessen entgelten mten. Man sieht, Uli
hatte bereits viel von den Agenten gelernt.
    Der Wirt fragte: Du wirst doch gewonnen haben? Was hast fr einen Handel
gehabt? Uli erzhlte. Da hast gewinnen mssen, sagte der Wirt, jedes Kind
auf der Gasse kanns ja begreifen; aber ich kenne das Mannli, das ist nicht das
richtigste, ein bses Tfelsmannli ist das, es hat auch den Ruhm dafr. Es ist
gut, da der einmal an den Rechten gekommen ist; gerade recht hast du es ihm
gemacht, er besinnt sich dann ein andermal, ob er die Leute plagen soll.
Brandschatzen hat er dich wollen, und gerade so sollte es allen gehen. Aber die
Worte, welche er ihm htte drin zugemessen, htte er doch ungern; er mchte
nicht, da jemand meine, er htte sie verdient, entgegnete Uli. Dessen mut du
dich gar nichts achten, sagte der Wirt, solche Worte haben gar nichts zu
bedeuten; Worte sind Worte und sonst nichts, um einen guten Schoppen will ich
dir abnehmen alles, was dir dein Lebtag angewnscht wird. Was meinst, wie bs
wre ein Wirt daran, wenn solche Worte was zu achten wren? Jedes Hagels
Buerlein, wenn es meint, ich habe an einem Kalb zu viel Profit gehabt oder an
einem Leichenmahl zu viel Wein angerechnet, wo es doch gewi nicht ist, sagt
gleich, der Tfel solle den Wirt holen, und ich habe ihn noch nie gesehen.
    So trstete der Wirt, und der Trost eines Wirts ist auch gut, warum nicht?
Er whrt wenigstens so lange als seine Schoppen, und dies ist auch schon was.
Durch die ins andere Zimmer einbrechenden Gerichtsmnner wurde der Wirt in
seinem Troste unterbrochen, denn wenn Priester und Krieger der Gerechtigkeit
einem Wirte zuhanden kommen, gilt so ein Uli nichts mehr, und wenn er Trost noch
so ntig htte. Es war bereits ber vier Uhr, als Uli sich auf den Heimweg
machte, er frderte rasch seinen Schritt. Der Wein, des Wirts Worte, das Gefhl,
gewonnen zu haben, drngten den empfangenen Eindruck in den Hintergrund, machten
ihn guten Muts. Es sei schon viel geschwatzt worden in der Welt, dachte er, und
habe nicht viel zu bedeuten gehabt.
    Schwarz stund im Westen ein Wetter, aber es bewegte sich nicht; in kurzen
Flgen flatterten die Schwalben um Bume und Huser, still und matt hingen die
Bltter an den Zweigen. In den Wiesen sah man in breiten schwarzen Hten und
hohen Holzschuhen die eingefleischten Wsserbauern stehen und den zu erwartenden
Wassern die Wege bereiten, denn das Wasser bei Gewitterregen, welches die
Straen fegt und die nicht wohlbewahrten Dngerhaufen umsplt, ist fr einen
rechten Wsserbauer oder vielmehr seine Wiesen das beste Labsal. Wer bei solchen
Umstnden den Andern am besten um dieses kstliche Labsal betrgen kann, der
geht mit den erhabensten Gefhlen, mit dem gehobensten Selbstbewutsein heim.
Das hat wohl auch zu der Sage Anla gegeben, da wer ein Fronfastenkind sei, vor
dem Ausbruch der heftigsten Gewitter alte, lngst verstorbene Wsserbauern,
welche sich gegenseitig ums Wasser betrogen, in den Wiesen wssern sehe, Graben
auftun, Bretter einschlagen, dann stehen hinter diesem oder jenem Strauch oder
Baume, Feuer schlagend und ihr Pfeifchen rauchend. Man denkt dabei nicht an die
Sitte der rechten Wsserbauern, die alten, hundertjhrigen, whrschaften Rcke
ihrer Grovter anzuziehen und uralte Hte aufzusetzen, da modernes Zeug ins
Wasser hinaus nicht taugt. So sieht man von ferne allerdings ein uralt, lngst
zu Grabe gegangenes Geschlecht in den Wiesen hantieren, und manche Gestalt mag
sich vor der andern frchten, hinter einen Dornstrauch sich bergen. Ginge man
den Gestalten zu Leibe, wrde man ganz bekannte Gesichter sehen, deren Beine
noch auf Erden wandeln, aber in den Schuhen der Vter, gehllt in ihre Rcke,
bend ihre Sitten.
    Uli sah diese Gestalten in den Grnden. Mu pressieren, dachte er, werden
glauben, es gebe ein starkes Gewitter, mu auch profitieren; bin ich nicht
daheim, so macht es mir niemand. Er eilte durch einen Boden oder Tal, welches
ein stattlicher Bach bewsserte, und wie es schien, gut. Von weitem sah er
etwas, nicht weit vom Weg, welches ihm unheimlich vorkam, da er dachte, er
wollte, er wre schon vorbei. Es glich einem gestutzten ungeheuren Weidenstrunk,
und doch war es keiner, denn es schien sich zu bewegen, oder einem kleinen alten
Ofenhaus mit ruichtem Dache, welches auf schwachen Sttzen schwankte. Uli ging
langsamer. Er hatte noch kein Gespenst gesehen; der Drang, einem zu begegnen,
war durchaus nicht gro bei ihm und noch dazu am heiterhellen Tage. Es wre doch
eine strenge Sache, dachte er, wenn man vor ihnen nicht mehr sicher ist, wenn
noch die Sonne am Himmel steht. Als er nher kam, schien das Ungetm zu wachsen,
richtete sich auf und stellte sich an eine Wasserschaufel und war anzusehen wie
ein Riese aus dem Gebirge oder wie der Rbezahl geschildert wird. Da stund Uli,
einen solchen Wassermann hatte er nie gesehen. Da kam das Ungetm mit der
Schaufel auf der Achsel auf ihn zu, und unter einem Hut hervor, den
wahrscheinlich ein Spanier im dreiigjhrigen Kriege verloren hatte, rief eine
Stimme: Komm nur, komm, frchte dich nicht, bin kein Gespenst. Es war die
Stimme des Wirts, seines Freundes, unter dem breiten schwarzen Hut hervor, der
seine kolossale Gestalt in einen alten Oberrock seines Vaters, der noch viel
kolossaler als er gewesen, gehllt hatte, so da er allerdings von weitem
anzusehen war wie ein Elefant oder ein Rhinozeros, welches auf den hintern
Beinen aufrecht stund. Es leichtete Uli, er bekannte, da er wirklich nicht
gewut, wer da so eine Postur mache, ein solcher Grsel sei ihm noch nie vor,
gekommen. Und wie ist es gegangen? frug der Wirt, hast gewonnen? Als Uli es
bejahte, stimmte der Wirt einen Lobpsalmen an, aber wohlverstanden, auf sich
selbst. Nicht wahr, ich habs gesagt, nicht wahr, es kam besser, da du mir
Gehr gabest als deinem sturmen, auf begehrischen Fraueli; Ja sieh, geirrt habe
ich mich in solchen Sachen noch nie, wie ich sagte, ists noch allemal gegangen.
Mu ich einmal auf, hren zu wirten, fange ich an zu agenten, und nicht lange
soll es gehen, so will ich alle berwunden haben! Komm jetzt, auf den Schrecken
hin wollen wir eins nehmen, es soll dich nichts kosten. Uli dankte, sagte, er
msse pressieren, das Wetter gefalle ihm nicht. Es drohe grausam, und breche es
los, so knne es bel gehen, wo es durchfahre. Komm du nur, sagte der Wirt,
eine Flasche ist bald getrunken. So bald gehts nicht los, und daran machen
kannst du nichts, ob du daheim seiest oder nicht; das fhrt durch, wo es will.
Uns tut es diesmal nichts, zhle darauf, das fhrt obenein den Bergen nach.

                              Neunzehntes Kapitel


                   Ein ander Gericht und ein einziger Spruch

Uli wars nicht wohl. Gewohnt, dem immer sehr bestimmt ausgesprochenen Willen des
Wirts sich zu unterwerfen, ging er wohl hin, erzhlte, wie es gegangen, aber was
das Mannli ihm gesagt, verschwieg er, das wollte ihm nicht den Hals herauf;
hastig trank er den Wein und pressierte weiter, denn schon bewegte sich stark
das Laub an den Bumen wie von unsichtbarer Hand, denn kein Wind bewegte die
dicke, heie Luft. Fernher donnerte es dumpf, fast aneinander, als ob ein
schwerer Wagen ber eine hlzerne Diele fahre. Wenn es wettern will, eilt der
rechte Hausvater heim so stark als mglich, dort ist sein Platz, wie der des
Obersten an der Spitze des Regiments, wenn der Feind naht. Man wei nie, was es
geben kann, und beim Hausvater soll der Rat sein in allen Dingen und die Hand
zur Tat in allen Fllen. Uli eilte weiter trotz den Versicherungen des Wirtes,
er komme ohne Pressieren heim, zu rechter Zeit, und das Wetter ziehe obenein, er
solle darauf zhlen.
    Es war merkwrdig am Himmel, drei, vier groe Wetter standen am Horizonte,
eines drohender als das andere. Feurig war ihr Scho, schwarz und wei gestreift
ihr Angesicht, als ob mit der Nacht der Tod sich gatte, dumpf toste es. Dort
geht es bs, dort hagelts, sagte Uli halblaut fr sich, wie angenagelt steht
das Wetter; dort hagelt es fast alle Jahre, da mchte ich nicht wohnen, hier
durch kommen solche Wetter nicht, der Wirt hat recht. Joggeli hat gesagt, als er
die ersten Hosen getragen, da habe es einmal gehagelt, er mge sich noch gar
wohl daran erinnern, seither nie mehr, da es der Rede wert. Indessen schneller
wurden ihm unwillkrlich seine Schritte, langsam rckten auch die Wetter herauf
am Horizonte, zogen sich rechts, zogen sich links, feindlichen Armeen gleich,
die sich bald in der Fronte, bald in den Flanken bedrohen, es ungewi lassen, ob
und wo sie zusammenstoen. Das gefhrlichste der Wetter zog seinen gewohnten
Weg, obenein, da kam von dorther ein ander Gewitter rasch ihm entgegen, stellte
seinen Lauf, drngte es ab von seiner Bahn. Gewaltig war der Streit, schaurig
wirbelten die Wolken, zornig schleuderten sie einander ihre Blitze zu. Wie zwei
Ringer einander drngen auf dem Ringplatze ringsum, bald hierhin, bald dorthin,
rangen die Gewitter am Himmel, rangen hher und hher am Horizonte sich herauf,
und je wilder es am Himmel war, desto lautloser war es ber der Erde. Kein Vogel
strich mehr durch die Luft, blo ein Lmmlein schrie in der Ferne. Uli ward es
bang. Das kmmt bs, sagte er. Ich habe es noch nie so gesehen. Da ist ein
groer Zorn am Himmel, wenn ich nur daheim wre. Hageln wird es, so Gott will,
nicht; es ist mir wegen Einschlagen, es liee mir niemand das Vieh heraus. In
einer guten Viertelstunde zwinge ichs. Wie er das fr sich selbsten sagte, ward
er scharf auf eine Hand getroffen. Er zuckte zusammen, sah um sich, sah einzelne
Hagelsteine aufschlagen auf der Strae, durch die Bume zwicken, nur hier und da
einer, ganz trocken, ohne Regen, aber wie groe Haselnsse waren die Steine. Es
wird doch nicht sein sollen, dachte Uli, und sein Herz zog sich zusammen, da
das Blut nicht Platz hatte in demselben, dessen Wnde zu zersprengen drohte. Es
hrte wieder auf. Uli dachte: Gottlob, es wird nicht sein sollen, bser htte
es nie gehen knnen als gerade jetzt, so kurz vor der Ernte, und jetzt bin ich
daheim oder so viel als. Uli stund auf einem kleinen Vorsprunge, wo der Weg
nach der Glungge abging und das ganze Gut sichtbar vor ihm lag, da zwickte ihn
wieder was und zwar mitten ins Gesicht, da er hoch auffuhr, ein groer
Hagelstein lag zu seinen Fen. Und pltzlich brach der schwarze Wolkenscho,
vom Himmel prasselten die Hagelmassen zur Erde. Schwarz war die Luft, betubend,
sinneverwirrend das Getse, welches den Donner verschlang. Uli barg sich mhsam
hinter einen Kirschbaum, welcher ihm den Rcken schirmte, verstie die Hnde in
die Kleider, senkte den Kopf bestmglich auf die Brust, mute so stehen bleiben,
froh noch sein, da er einen Baum zur Sttze hatte, weiterzugehen war eine
Unmglichkeit.
    Da stund er nun gebeugt am Baume in den sausenden Hagelmassen, seines Lebens
kaum sicher, fast wie an den Pranger gebunden, vor seinen vor kurzem so schn
prangenden Feldern, welche jetzt durch die alles vernichtenden Hagelwolken
verborgen waren. Uli war betubt, keines klaren Gedankens fhig, er stund da wie
ein Lamm an der Schlachtbank; er hatte nichts als ein unaussprechlich Gefhl
seines Nichts, ein Zagen und Beben an Leib und Seele, das oft einer Ohnmacht
nahekam, dann in ein halb bewutlos Beten berging. Das Zagen und Beben entstund
eben aus dem dunkeln Gefhl, da die Hand des Allmchtigen auf ihm liege.
    So stund er eine Ewigkeit, wie es ihm vorkam, in Fetzen schien Gott die Erde
zerschlagen zu wollen. Da nahm das schreckliche Brausen ab; wie eine milde,
liebliche Stimme von oben hrte man das Rollen des Donners wieder, sah die
Blitze wieder zucken, der Gesichtskreis dehnte sich aus, die Schlacht tobte
weiter, die Wolkenmassen strmten ber neue Felder, rasch hrte der Hagel auf,
freiern Atem schpfte wieder der bis zum Tode gengstigte Mensch.
    Auch Uli hob sich auf, zerschlagen und durchnt bis auf die Haut, aber das
fhlte er nicht. Vor ihm lag sein zerschlagener Hof, anzusehen wie ein Leichnam,
gehllt in sein weies Leichentuch; von den Bumen hing in Fetzen die Rinde, und
verderblich rollten die Bche durch die Wiesen. Aber Uli berschlug den Schaden
nicht, schlug die Hnde nicht ber dem Kopfe zusammen, fluchte nicht,
verzweifelte nicht. Uli war zerknirscht, war kraftlos an Leib und Seele, fhlte
sich vernichtet, von Gottes Hand niedergeschlagen. Ob er was dachte oder nicht,
wute er nie zu sagen. Er wankte heim, merkte Vreneli nicht, welches weit vom
Hause die Knechte regierte, da sie Einhalt tten den strmenden Wassern, bis es
ihm um den Hals fiel mit lautem Jubel und sprach: Gottlob bist da! Nun, wenn du
da bist, ist alles wieder gut und gut zu machen. Aber was ich fr einen Kummer
um dich ausgestanden, das glaubst du nicht. Mein Gott, wo warst in diesem
Wetter! Gewi im Freien, und kamst lebendig davon! Die freundliche Teilnahme
weckte Uli aus der stumpfen Betubung, doch blo bis zu den Worten: Es wre
vielleicht besser anders, mir wre es wohl gegangen und niemand bel. Nit,
nit sagte Vreneli, versndige dich nicht. Es ist bel gegangen, viel zu bel;
als es am strksten machte, wollte es mir fast das Herz abdrcken, es war mir,
als sollte ich dem lieben Gott zuschreien, was er doch denke. Da fiel mir ein,
du knntest im Wetter sein, vom Blitze getroffen werden oder sonst bel
zugerichtet. Da war es mir weder um Korn noch Gras noch Bume mehr; es kmmt ein
ander Jahr, und da wachsen wieder andere Sachen, aber wenn es nur Uli nichts
tut, dieser recht nach Hause kmmt, so macht alles andere nichts, ward mir. Da
fate ich mich, und sobald man vor das Dach durfte, sah ich nach dem Wasser, und
siehe, da kmmst du daher, und jetzt ist alles gut. Jetzt komm heim, du hast es
ntig. Siehst? sagte beim Gehen Uli, kein Halm steht mehr, kein Blatt ist an
den Bumen, alles am Boden, alles wei wie mitten im Winter. Was jetzt, Er
stund still und zeigte Vreneli hin ber das Gut.
    Es bot wirklich einen herzzerreienden Anblick, sah schaurig aus, ein
Schlachtfeld Gottes, wo seine Hand ber den Saaten der Menschen gewaltet.
Unwillkrlich trnten Vrenelis Augen und seine Hnde falteten sich, aber es
suchte sich stark zu machen, es sagte: In Gottes Namen, es sieht schrecklich
aus, aber denk, Gott hat es getan, wer wei warum! Wir mssen es nehmen, wie er
es gibt; er, der uns geschlagen hat, kann uns auch helfen, mit Kummern und
Klagen richten wir nichts aus. Denk, wie es heit: Sorget nicht fr den
morgenden Tag, es ist gut, da jeder Tag seine eigene Plage habe. Das steht
schn geschrieben, aber wer kann es so nehmen, sagte Uli, bsunders - Doch
Vreneli fiel ihm ins Wort und sagte: Nit, nit, Uli! Immer denken mu man so,
dann kommt es einem auch so ins Herz und man wei nichts mehr anders. Aber sieh,
was ist das? Du mein Gott! Es war eine Brut junger Wachteln; wahrscheinlich
hatte die Mutter mit ihren Kleinen ins nahe Gebsch fliehen wollen, und als sie
merkte, da es nicht ging, die Jungen, welche ihr gefolgt, noch einmal unter
ihre schirmenden Flgel gesammelt und so mit ihnen den Tod gefunden. Sie lag mit
ausgebreiteten Flgeln tot, unter denselben und um sie her ihre Jungen alle, sie
war den Tod der Treue gestorben. So wre es einem am whlsten, sagte Uli.
Vreneli antwortete nicht darauf, sondern sammelte die armen Tierchen in seine
Schrze und sagte: Die msse ihm keine Katze fressen oder ein ander wst Tier.
Die Alte mit ihren Kindern verdiene begraben zu werden wie ein Mensch, denn
braver als mancher Mensch htte sie gehandelt.
    Unter dem Dache seines Stckleins steckelte Joggeli im Hagel, der dort hoch
aufgetrmt lag, und sagte: Gro wie Baumnsse sind sie, so groe Steine sah ich
nie. Es war ein schrecklich Wetter, es wei kein Mensch, wie bel es gegangen,
gleich vor der Ernte, das wird manch Lehnmannli schtteln und erlesen. Aber sie
sind selbst schuld, warum tun sie nicht in die Assekuranz; gerade fr solche
Leute, die ein Hagelwetter nicht ertragen mgen, wre sie. Aber wunder nimmt es
mich, warum es gerade in diesem Jahre nach siebenzig Jahren zum erstenmal wieder
gehagelt hat und so grob; da mu was Apartes dahinter sein, ich wte sonst
nicht, warum Gott es gerade jetzt wieder htte hageln lassen. Wenn es nur so
wegen dem allgemeinen Gebrauch wre, so wre es schon lange wieder geschehen,
aber warum gerade jetzt wieder? Das dnkt mich kurios. Er erhielt keine
Antwort. Als sie ins Haus waren, sagte Joggeli: Jetzt ist dem das Reden doch
einmal auch vergangen, es dnkt mich nicht anders. Ich will nicht sagen, da ich
es ihm gnnen mag, aber recht ist, da dem auch mal was auf die Nase kmmt. Wenn
ich nur schon meinen Zins htte, da lt sich zur rechten Zeit zusehen, da ich
zu meiner Sache komme.
    Vreneli unterdrckte mit aller Macht Klagen und Kummer, war mit aller
Teilnahme um Uli besorgt, legte trockne Kleider zurecht, bereitete einen guten
Kaffee, der Weiber Trster in allen Nten. Aber duster blieb Uli, sprach nicht,
legte statt zu essen und zu trinken den Kopf in die Arme auf den Tisch und
seufzte tief Vreneli sprach zu, guten Muts zu sein, das sei die Hauptsache. Noch
htten sie auch noch etwas, htten gute Leute, und an dem, was Gott tue, sei
doch noch selten jemand zugrunde gegangen, wenn er standhaft geblieben und Herz
und Kopf am rechten Flecke behalten; wer zugrunde gehe, sei gewhnlich selbst
daran schuld. Eben das ists, sagte Uli, du weit darum nicht alles. Und
wenn du den Proze auch verloren hast, sagte Vreneli, so macht das wieder
nichts, es geht nicht um Frankreich, es ist ein Lehrgeld fr ein andermal. Ja,
wenn ich ihn verloren htte, da wre es wohl gut, ich wre dessen noch froh,
dann htten wir das Hagelwetter nicht und ich nichts auf dem Gewissen, welches
mir niemand mehr von demselben nimmt.
    Nun erzhlte er Vreneli, wie er den Proze gewonnen; nach dem Gesetze habe
er recht gehabt, so htten es die Richter gesagt. Angelogen habe er das Mannli,
das sei wahr, aber das sei nicht gegen das Gesetz gewesen, und ber den Gewinn
sei er ganz froh gewesen, bis das Mannli von Weib und Kindern gesprochen und ihm
angewnscht, da Gottes Hand ihn entweder beizeiten treffen oder er am Galgen
sterbenmchte. Die Worte htten ihm schwer gemacht und nicht aus dem Sinne
wollen, es sei ihm immer gewesen, wre er nur daheim; aber an ein Hagelwetter
habe er nicht gedacht, da es ja hier nicht hagle, hchstens alle hundert Jahre
einmal. Er habe wohl gesehen, da es hagle gegen das Oberland, er habe den
Zusammensto der Wetter gesehen und wie sie einander heraufgetrieben gerade
gegen ihn zu; es sei ihm kalt geworden ums Herz, er habe denken mssen: kmmt
ein Blitz und trifft er dich? Als der Hagel losgebrochen, als er wie ein armer
Snder am Halseisen unter dem Baume gestanden, da habe er den Blitz erwartet und
nichts denken knnen als: Gott sei meiner armen Seele gndig! Mit dem Leben sei
er davongekommen, aber was jetzt? Ein armer Tropf, solange er lebe, da rmer
keiner auf der Welt sei. Er sei nun um seine Sache, sei um ein gutes Gewissen,
msse sein Lebelang denken, er habe sich und noch einen unglcklich gemacht, und
wenn er schon gut machen wollte, so seien ihm die Hnde gebunden, da er selbst
nichts habe. Als der Alte vorhin gesagt, es nehme ihn wunder, warum es gerade
jetzt hageln msse, da htte er es ihm sagen knnen, aber nichts als wnschen,
wenn er doch nur zehntausend Klafter tief unter dem Boden wre.
    Vreneli hatte mit Beben Ulis Beichte gehrt. Es war weit entfernt, die Sache
leicht zu nehmen und Uli die Art, wie er das Gewitter auffate, auszureden. Es
hatte einen innigen Glauben an den Zusammenhang der gttlichen Fgungen mit den
menschlichen Handlungen, glaubte an eine Vorsehung, welche die Haare auf dem
Haupte kennt und die Sperlinge auf dem Dache behtet, es glaubte an die
zeitlichen Strafen, aber als eine Zucht, welche wirken soll bei denen, welche
Gott lieben, eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit. Als es stumm dagesessen
und lange um das rechte Wort gerungen und es nicht gefunden - klagen, Vorwrfe
machen wollte es nicht, und wie trsten? -, da stund es pltzlich auf, holte das
heilige Buch, suchte, fand und las: Betrachtet doch den, der ein solches
Widersprechen von den Sndern wider sich erduldet hat, auf da ihr nicht matt
werdet, den Mut fallen lasset! Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden
ber dem Kmpfen wider die Snde. Und, Lieber, habt ihr schon allbereits
vergessen die Vermahnung, die mit euch als mit Shnen redet? Mein Sohn, spricht
sie, achte nicht gering die Zchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von
ihm gestraft wirst, denn welchen der Herr lieb hat, den zchtigt er; er geielt
aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. So ihr die Zchtigung erduldet, so
erbeut sich Gott gegen euch als gegen Shne; denn welcher Sohn ist, den der
Vater nicht zchtigt? Seid ihr aber ohne Zchtigung, deren sie alle sind
teilhaftig worden, so seid ihr Bastarde und nicht Shne. Darnach so haben wir
die Vter unseres Fleisches zu Zchtigeren gehabt und sie gescheuet; sollten wir
dann nicht viel mehr untertan sein dem Vater der Geister, da wir leben? Denn
jene haben uns gezchtigt wenig Tage nach ihrem Gutdnken; dieser aber zchtigt
uns zunutze, auf da wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Eine jede
Zchtigung aber, wenn sie gegenwrtig ist, dnket sie uns nicht Freude, sondern
Traurigkeit zu sein; aber darnach gibt sie denen, die durch sie gebet sind,
eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit. Darum richtet wieder auf die sinkenden
Hnde und die mden Knie und machet richtige Wegleisen euren Fen, auf da
nicht, was lahm ist, abgestoen werde, sondern vielmehr gesund werde! Jaget dem
Frieden nach gegen jedermann und der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn
sehen wird! Und sehet darauf, da nicht jemand Gottes Gnade versumet, da nicht
etwa eine Wurzel der Bitterkeit auf, wachse und Unruhe anrichte und Viel durch
dieselbige befleckt werden!
    Das wre schn, sagte Uli, als Vreneli zu lesen aufhrte und ihn ansah,
wer es fassen knnte. Da wurde er abgerufen, die Knechte fhlten einmal, da
sie den Meister bedurften. Die Stlle waren voll Vieh, und keine Hand voll Gras
wre in diesem Augenblick auf dem ganzen Gute zu haben gewesen; die Trmmer
waren mit Hagel bedeckt, das neue Heu noch in Grung. Da kam es Uli wohl, da er
dafr sorgte, so viel als mglich durch den grten Teil des Sommers altes Heu
zu haben; dies kmmt in gar vielen Fllen uerst bequem, immer ists freilich
nicht zu machen, es gibt Jahre, wo man froh ist, wenn Heu und Gras einander
erreichen.
    Vreneli war sehr bewegt in seinem Gemte, es fhlte wohl, wie schwer es sei,
den wahren Trost zu fassen, wie schwer, ber alle irdischen Kmmernisse den
Glauben zu erheben, da das, was Gott tue, wohlgetan sei. Es pries als ein gro
Glck das Unglck, wenn dadurch Uli aus dem Wirbel des Zeitlichen dem hhern
Ziele zugewendet worden, aber dazwischen kamen ihm doch die Sorgen: was werden
wir essen und womit werden wir uns kleiden, Am tiefsten ergriff ihns, da indem
sie unglcklich geworden und geschlagen, das Mannli seine Sache doch nicht
wieder htte, doch vom Hflein komme, mit den Kindern dem heiligen Almosen nach
msse, da sie nicht imstande seien, ihn mit Geld zu shnen; was sie auf-und
anbringen mchten, gehre Joggeli, dem alten Glubiger, und wie es herauskme,
wenn sie diesem geben wrden, was sie ihm nicht schuldig seien, und da nicht
zahlen, wo die Schuld verschrieben sei? Das plagte ihns. Es sagte sich freilich,
das Mannli sei auch etwas schuld an der Sache, es habe sich immer sehr hssig
gebrdet und aufbegehrt; wenn es freundlicher getan, so htte Uli vielleicht
nachgegeben. Indessen hatte eben das Mannli recht und Uli unrecht. Vreneli wute
sich nicht anders zu helfen, als die Sache auf Gott zu stellen, ihn zu bitten,
dort gut zu machen, was selbst zu tun er ihnen selbst die Hnde gebunden.
    Das Haus war ihnen also nicht verbrannt, aber alles, was auf dem Gute
grnte, verhagelt worden. So geht es oft; man frchtet etwas als das grte
Unglck, damit wird man verschont, dagegen bricht ein anderes ber uns herein,
an das man nicht gedacht, welches aber viel grer und schwerer ist.
    Der Morgen nach einem Brande ist ein trauriger Morgen, da steht man an der
Brandsttte und denkt ans Haus, wie es gewesen und was alles darin gewesen. Dann
geht man auf die Brandsttte, sucht im rauchenden Schutte dieses, jenes; das
eine findet man nicht, von anderm Bruchstcke, die nicht zu brauchen sind; dann
will man traurig weg und kann doch nicht, und immer wieder zieht es einem
zurck, zu suchen nach diesem, nach jenem, zu schauen, wie es jetzt ist, zu
denken, wie es gewesen.
    Aber nicht viel weniger traurig ist der Morgen nach einem groen
Hagelschlag, besonders fr einen Pchter, der den verschiedenen Pflanzungen
nachgeht, traurig die Stummel und Trmmer betrachtet und berschlgt: Soviel
htte mir dieses ertragen, soviel jenes, und jetzt nichts; die Bume betrachtet
und denkt: So manches Jahr sind sie nun unfruchtbar, und viele sterben; denken
mu: Wo jetzt zu essen nehmen, was jetzt pflanzen, da man im Herbst doch noch
einen kleinen Ertrag hat, etwas fr die allerhchste Not, Das sind traurige
Wanderungen, besonders wenn bei der Heimkunft der Pachtherr unter dem Dache
steht und sagt: Hre du, was ich sagen wollte, es wre mir lieb, wenn du mir
geben knntest, was du mir vom vorigen Jahre noch schuldig bist, es war diesen
Morgen jemand bei mir und ich sollte Geld haben. Besonders wenn man dazu noch
angegriffen ist an Leib und Gemt, alle Glieder schmerzen, die Beine so schwer
sind, da man glaubt, sie gingen knietief in der Erde, und die Seele so voll
ist, da man sich hinlegen, sterben mchte, der Mut zu allem fehlt. Vreneli
munterte Uli auf, gab verstndigen Rat, trstete ihn ber Joggelis Unverstand,
da der nichts zu bedeuten htte, doch alles umsonst. Uli blieb zerschlagen in
Gliedern und Gemt.
    Nachmittags sagte ihm Vreneli, sie wollten zusammen die mit dem Gute nicht
zusammenhngenden cker besuchen. Auf einem derselben, der durch einen Hgel vom
Ganzen getrennt war, hatten sie eine sehr bedeutende Kartoffelpflanzung. Mit
groer Mhe konnte Vreneli ihn dazu bewegen und blo durch die Vorstellung, da
sie doch zusehen mten, ob man noch irgend einen Ertrag erwarten knne oder
neue setzen msse. Wenn man gleich dran hingehe, so knne man bis im Sptherbst
noch Erdpfel erwarten, besonders von rasch wachsenden, schnell reifenden
Sorten. In den nhern ckern fanden sie die gleiche Verheerung, mit groer Not
bewegte Vreneli den Mann, noch zu den Erdpfeln zu gehen. Er mge nicht, sagte
Uli, es seien ihm die Beine wie zusammengebunden. Vreneli gab nicht nach. Uli
ging. Als sie auf der Hhe waren, sahen sie zu ihrer groen Verwunderung den
ganzen Acker fast unversehrt. Je strker ein Hagelschlag ist, desto schrfer ist
er zumeist begrenzt. Auf der einen Seite eines Weges oder eines Zaunes sieht man
alles zerschlagen, auf der andern keine Spur eines Hagelkorns. Fast laut auf
htte Vreneli gejauchzt. Es fhlte so recht die Freude ber etwas, welches man
verloren geglaubt und unversehrt wieder gefunden. Es nahm es als ein Pfand, da
alles besser kommen werde, als es den Anschein habe. Nun freue dich, Uli,
sagte es; hat man Kartoffeln, so hat man alles, die Sache wird sich schon
machen. Ja, wenn es mit dem Essen gemacht wre, sagte Uli. Es wre schier
besser, es wre alles im gleichen Loch, so wte man, woran man wre; was helfen
Erdpfel? Dem Mutlosen gilt alles nichts, dem Mutigen wenig viel.
    Am folgenden Tag fuhr ein Wgelchen an; Vreneli stie einen Schrei der
Freude aus, Uli hob kaum den Kopf, denn ihm war noch schlimmer als am vorigen
Tag. Auf dem Wgelchen saen der Bodenbauer und seine Frau. Sie waren lange
nicht dagewesen, hatten das Unglck vernommen, kamen nun selbst, zu sehen, wie
es stehe und welche Hlfe die beste sei; es waren wahre Freunde in der Not. Sie
sahen mit innigem Mitleid die Verwstung, wie ihnen seit langem keine
vorgekommen, besonders erbarmten sie die armen Bume, welche jahrelang siechen
und fruchtlos bleiben muten. Auf Vrenelis Antrieb gingen sie allenthalben
herum, und Vetter Johannes mute raten und sagen, was man vorzukehren htte, um
noch so viel mglich Nutzen zu ziehen aus diesem und jenem, was umzufahren sei,
was man stehen lassen, was ab, mhen solle usw. Uli war wohl auch dabei, aber es
war fast, als ob er keine Ohren htte, die Sache ihn nichts anginge. Joggeli
trappete auch nach, gab hier und dort verblmte Stiche, die niemanden trafen als
Vreneli, welches seine Redeweise am besten kannte. Es lud ihn ein, mit ihnen zu
essen, er gab jedoch zur Antwort, sie htten ihre Sache selbst zu brauchen und
niemanden ntig, ihnen dabei zu helfen.
    Dem Bauer und der Buerin war Ulis Niedergeschlagenheit aufgefallen, nach
der Weise bedchtiger Leute hatten sie aber nichts davon gesagt. Nach dem Essen
stellte Vreneli nach Landessitte, wo der Wein erst nach dem Essen erscheint,
wenn nmlich welcher erscheint, eine Ma auf den Tisch und schenkte ein. Warum
hast doch Kosten, sagte die Bodenburin, wir haben es nicht ntig und ihr das
Geld sonst zu brauchen; daneben wenn ihr was ntig habt, so sprechet zu, wenn
wir es haben, so soll es nie Nein heien. Gerade in solchen Zeiten hat man
einander ntig, gehts gut, so kann man es alleine machen. So ists, sagte der
Bodenbauer, und was meine Frau sagt, ist nicht blo geredet, sondern ist Ernst.
Aber sag mir, Uli, was ist mit dir? Dich kenne ich gar nicht wieder, warst sonst
doch nicht so verdrckt und ohne Mut; warst wohl manchmal obenaus und lieest
wieder die Flgel sinken vor der Zeit, aber wenn du sahest, da man dir zu
helfen begehre, und man dir das Kinn in die Hhe drckte, so warst wieder ein
Mann. Aber heute will gar nichts anschlagen bei dir, essen und trinken tust du
nichts, reden nichts, und seit einer Weile ists, als hrtest du nichts! Rede,
was ists? Ich bin nicht zweg, sagte Uli matt, es ist mir in allen Gliedern,
es ist mir, als wre ich unter der Erde. Es wre gut, ich wre es schon, denn an
allem bin ich schuld. Vreneli wollte unterbrechen, der Bodenbauer fragte, Uli
sagte zu Vreneli: Rede selbst und sag, wie die Sache sich verhlt es tut mir
der Kopf so weh! Sage nur alles, es ist am besten, sie wissen, wie es ist.
    Vrenelis Verstand sah alsbald, da Offenheit hier am Platze sei. Johannes
war Brge, und wenn jemand mit Rat und Tat beistehen konnte, so war er es. Wenn
man Beistand will, mu man offen sein; nichts schreckt hlfsbereite Menschen
mehr ab, als wenn sie merken, da man ihnen viel oder die Hauptsache
verheimlicht, wodurch jede Hlfe nichts ist als in einen Abgrund geworfene
Schtze. Vreneli erzhlte klar, aber so schonend als mglich. Als es ihre
Finanzzustnde auseinandersetzte, berhrte es begreiflich auch das Verhltnis
mit Wirt und Mller, aber nur leise, so da, wer nicht die lndlichen
Verhltnisse ganz genau kannte, nichts Besonderes bemerkte. Ebenso machte es es
mit dem Proze, als es aber zu dessen Ende kam und dessen Zusammenhang mit dem
Hagelwetter erzhlte und wie Uli dies jetzt so schwer nehme, da sagte die
Bodenburin ein ber das andere Mal: Mein Gott, mein Gott, ist das mglich!,
und der Bodenbauer meinte, so was sei doch wirklich seit langem nicht er, lebt
worden. Aber wenn es so sei, so solle Uli sich eben trsten, denn es sei ein
Zeichen, da Gott es gut mit ihm meine. Eine Zchtigung, und sei es auch ein
solch Hagelwetter, sei doch immer besser, als am Galgen zu sterben. Auch verga
Vreneli nicht zu erwhnen, wie Joggeli keinen Verstand habe, was sie auch an ihm
tten. Doch htte dieses so viel nicht zu bedeuten, denn Ernst wrde er von sich
aus nicht machen; aber Sohn und Tochtermann seien immer geldbedrftig, lieen
sich vielleicht seine Anforderungen abtreten oder beschummelten ihn auf andere
Weise, da sie zwischen Tr und Angel kmen. Es sei Keinem zu trauen, namentlich
der Tochtermann sei des rgsten fhig, und Joggeli, obgleich bestndig
aufbegehrend, sei so leicht einzuschchtern wie ein Huhn, und obgleich alle
Menschen tadelnd, in vielen Dingen einfltiger als die dmmste Frau. So sei er
nicht immer gewesen, aber das Alter sei da und die Frau fehle ihm.
    Johannes ging hinber zu Joggeli und hatte eine lange Konferenz mit ihm.
Diese Konferenz war keine Intervention, auch keine Mystifikation auf die Weise,
wie ein bermtiger englischer Junge sie wohl probiert an neugebackenen
Diplomaten, sondern sie war blo ein Sondieren, ein freundlich Bestimmen, ein
Zusichern, man sei dann auch noch da, und deswegen solle Joggeli keinen Kummer
haben, sondern blo Geduld, wenn es sein msse. Das Beste versprach Joggeli,
denn Respekt hatte er vor dem Bodenbauer, und als die besten Freunde schieden
sie. Darauf hatte Johannes noch eine Privatkonferenz mit Vreneli. Sieh,
Fraueli, sagte er, dein Mann ist nicht zweg, das Zeug hat eingeschlagen bei
ihm, es ist sich aber auch nicht zu verwundern, so was wird nicht alle Tage
erlebt; daneben ists besser, nicht zu viel davon zu reden einstweilen. La
morgen den Doktor holen, besser wrs, er wrde krank, als da es ihm ins Gemt
schlgt, das ist schwer zu heilen. Du mut die Zgel fassen, la alsobald dies
und jenes machen, und wenn du mich ntig hast oder Geld willst, so la es mir
sagen. Bs stehts nicht mit euch, aber gut wrs, ihr stndet in keinen
Rechnungen; das ist ungut, besonders wenn euer Hausbuch nicht in Ordnung ist,
was kaum sein wird. Ich kenne das Hagelwerk und die Hagle, welche auf diese
Weise handeln, nie rechnen wollen und endlich, wenn es sein mu, mit Rechnungen
ausrcken, vor welchen des Teufels Gromutter sich schmen wrde. Du kannst
daran nichts machen, mut warten, bis Uli wieder zweg ist, aber dann mu die
Sache abgetrieben sein und ausgemacht bis auf den letzten Kreuzer. Knnen solche
Leute einem nur die Fingerspitze berhren, so wird man ihrer nie los. Dann sage
aber Uli alle Tage: Ehrlich whrt am lngsten, da er es nie mehr vergit. Von
Joggeli habt ihr einstweilen nichts zu frchten, daneben kann man auf solche
Leute sich nie verlassen, es kmmt immer darauf an, wer zuletzt bei ihnen ist.
Sieh gut zu ihm, so viel Verstand hat er noch, da er dies einsieht. Vreneli
jammerte wegen Uli. Wenn man meine, man habe das grte Unglck erlebt, welches
mglich sei, so zeige sich schon ein anderes, noch viel greres, da man bitten
msse: Nur das nicht! und versprechen, das Vergangene wolle man gerne ertragen
und nicht mehr klagen. So habe es es jetzt; vom Hagelschaden wollte es nun
nichts mehr sagen, wenn nur Uli zweg wre, der mache ihm jetzt den grten
Kummer. Zeige ihn nur nicht und rede nicht zu viel mit ihm von der Sache, es
wird schon bessern, aber man mu einige Zeit vorberlassen. Hast gehrt, sei nur
nicht verzagt, es war schon Mancher tiefer drin und kam wieder zweg.
    Auf dem Heimwege sagte er seiner Frau: Es ist doch kurios mit dem Menschen!
Da Uli so einfltig sei und so dumm tun knnte, htte ich mein Lebtag niemand
geglaubt, aber es mu halt alles gelernt sein auf der Welt, und wenn einer auf
einem Platze gut ist, so ist es noch lange nicht gesagt, da man ihn auf einem
andern auch wieder brauchen knne. Da war der Uli ein vortrefflicher Knecht,
besser war er nicht zu wnschen; jetzt als Pchter macht er dummes Zeug, und
wenn man nicht zu ihm sieht, so stellt es ihn auf den Kopf Es ist halt Mancher
ein guter Soldat und ein schlechter Oberst! Ist sparsam, huslich, hat bs und
macht doch alles, was dumm ist und zu nichts fhrt, macht den guten Mann,
handelt mit Hndlern, prozediert, hat schlechtes Gesinde, es fehlen nur noch die
Juden. bersteht ers, so zweifle ich nicht daran, es gibt noch ein Mann aus ihm,
die Frau ist gut, die hlt ihm den Kopf ber dem Wasser. Gut ists, da es zu
rechter Zeit so kam, spter htte es doch fehlen knnen, aber merkwrdig ists,
wie unser Herrgott die Menschen fat. Der alte Gott lebt gewi noch, sagte
die Burin; ich zweiflete zwar nie daran, aber wohl hart hat er es dem armen
Uli gemacht. Es ist noch die Frage, ob er es aussteht, er hat zuletzt Sachen
gesagt, wo ich nicht wute, war er noch bei Verstand oder nicht. Habe nicht
Kummer, sagte der Bodenbauer, wen Gott doktert, der geht an diesem Doktern
nicht zugrunde; er ist kein junger Pfuscher, der sich im Zeug vergreift und
pfundweise gibt, was man blo lotweise vertrgt, er kennt das Ma, was einer
ertragen mag und was ihm gut ist, er wird es wohl machen. Amen, sagte die
Frau.

                              Zwanzigstes Kapitel


                              Des Spruches Folgen

Vreneli war von den seltenen Weibern, welche regieren und gehorchen knnen,
beides am rechten Orte, das sind rare Vgel. Es lief nicht umher wie ein
Kiebitz, wenn er einen Frosch sieht, mit schrecklichem Geschrei: Was soll ich
machen? Was soll ich machen? und machte am Ende von allem, was man ihm angab,
das Gegenteil, damit die Welt merke, wer da regiere und Meister sei. Es regierte
auch nicht von vornenherein in die Kreuz und in die Quer und fuhr nachher, wenn
alles krumm kam, herum um Rat wie eine Katze, welcher man Nuschalen an die
Tlpchen oder Glcklein an den Schwanz gebunden. Diese Sorten von Weibern sind
weniger rar. Vreneli war es weder um eine trichte Erhebung seiner Person zu
tun, noch war es von einer trichten Selbstverblendung besessen, welche so rasch
in trostlose Ratlosigkeit bergeht. Vreneli war es um die Sache zu tun; es besa
die Klarheit des Geistes, zu erkennen den besten Rat, die Selbstberwindung, ihn
da mit Dank zu nehmen, wo es ihn fand, und die Kraft, ihn mit Energie, als ob er
in ihm selbst entstanden, durchzufhren.
    Uli mochte am andern Morgen wirklich nicht aufstehen, lag in einer
Abspannung, welcher Vreneli keinen Namen zu geben wute. Der Doktor ward
berufen, sah den Zustand lange an und sagte endlich, er wisse nicht recht, wo
das hinaus wolle, er wolle etwas geben und ein oder zwei Tage die Wirkung
abwarten. Es war der gleiche Arzt, zu welchem die Base ihr Zutrauen gehabt und
es auf Vreneli vererbt hatte. Joggeli konnte ihn aber durchaus nicht leiden, er
behauptete immer, derselbe habe seine Frau gettet, aber sie sei selbst schuld
gewesen, htte sie einen andern gebraucht, so htte sie noch bis zum jngsten
Tag leben knnen. Sobald der Arzt fort war, kam Joggeli dahergesteckelt und
frug, was es gegeben, da der wieder da sei? Es wre ihm lieber gewesen, er
htte ihn nicht mehr sehen mssen. Er erschrak sehr, als er hrte, Uli sei im
Bett und gar nicht zweg, der Doktor wisse noch nicht recht, wo die Sache hinaus
wolle, die Krankheit habe den entscheidenden Charakter noch nicht angenommen.
Das glaube er, sagte Joggeli, das wisse der noch nicht, aber lang knne man
warten, bis es ihm in Sinn komme. Man werde doch nicht wollen den brauchen, der
verstehe sich auf das Wasser nicht, sehe es kaum einmal an, verstehe sonst
nichts; wenn man es begehre, so wolle er es Lrlipeter sagen, da er komme; wenn
man den nur hre, so dnke es einem, es habe schon gebessert, so verstehe der
die Sache dar, zutun und knne exakt sagen, wo es fehle. Joggeli hatte sehr
Angst, nicht sowohl wegen Uli, sondern wegem Gelde, plagte daher Vreneli sehr,
bald mit dem Gelde und bald mit dem Arzte. Dazu hetzten ihn der Tochtermann und
teilweise auch der Sohn auf. Er sehe ja, da das nicht gehe, er solle machen,
da die Schuld nicht zu gro werde, sonst habe er das leere Nachsehen. Was er
dem Bodenbauer versprochen, war vergessen, und was Vreneli jetzt fr eine Zeit
hatte, das kmmerte ihn nicht, denn Vetter Joggeli hatte sich nie in die Lage
eines Andern gedacht, zum Mitleiden war er nicht geschaffen.
    Vreneli hatte viel auf den Schultern, sehr viel; eine Menge Arbeiten muten
rasch gemacht werden, um den Boden einigermaen noch zu benutzen und den Schaden
zu verkleinern, dazu schlechtes Gesinde, Uli in einem hlflosen Zustande, zu
welchem der Arzt den Kopf schttelte, ein Nervenfieber hatte ihn erfat. Wenn
man ihm zuvorkommen mchte, sagte der Arzt zwar, habe er diese Wendung so ungern
nicht, viel lieber, als wenn es sich ihm ins Gemt verschlagen htte. Bei
solchen Krankheiten merke der Arzt, wie alles Wissen Stckwerk sei; gar
wundersam seien leibliche und geistige Zustnde in einander verflochten; diese
Verschlingungen zu verfolgen, gebe es keine Brille, man mge deren nehmen, von
welcher Sorte man wolle. Zu diesem allem immer den nachsteckelnden Joggeli mit
seinem Gestrm wegen Lrlipeter und wegen dem Gelde. Vreneli ertrug ihn mit
groer Geduld, aber endlich wute es sich nicht mehr zu helfen und schrieb dem
Bodenbauer.
    Der kam und wusch Joggeli tapfer den Kopf, zahlte ihm zugleich auch den
Rckstand. Aber jetzt plaget mir die Frau nicht mehr, das ist eine, die Hosen
anhat und tchtiger ist als mancher Mann. Wenn unser Herrgott einem Menschen
Unglck geordnet hat, so sind die andern Menschen nicht dafr da, da sie nun
auch auf ihn losfahren und ihm vollends den Garaus machen, sondern um Geduld zu
haben und nach Krften zu helfen. Zugleich suchte er mit Joggeli wegen dem
Hagelschaden in Beziehung auf den laufenden Zins zu unterhandeln. Ehe eine
Hagelversicherungsanstalt da war, stund in den meisten Pachtakkorden ein
Artikel, welcher das Verhltnis bestimmte, nach welchem Pchter und Pachtherr
den etwaigen Hagelschaden tragen sollten. Jetzt bergeht man entweder diesen
Punkt ganz, der Pachtherr berlt dem Pchter, zu versichern oder nicht,
kmmert sich dann aber um den etwaigen Schaden nicht, oder aber es wird
bestimmt, da man versichern solle, und ein Beitrag des Pachtherrn zu den
Versicherungsgeldern bestimmt. So etwas stund auch im Akkord auf der Glungge.
Aber nun hatte Joggeli zu Uli gesagt: Sei doch nicht ein Tropf und versichere,
was willst du fr die zahlen, welche alle Jahre verhagelt werden? Es hagelt ja
nie hier. Wenn du zehn Jahre zusammenlegst, was es dich in die Kasse jhrlich
kosten wrde, so kannst du ruhig im eilften hageln lassen, und vielleicht hagelt
es die nchsten fnfzig Jahre noch nicht. Uli gefiel das, er hatte das Geld
ntig, behielt daher gerne den Kreuzer und verga den Taler, der dadurch
gefhrdet war. Er dachte nicht an die Hlfte, welche Joggeli an die Kasse zahlen
mute, und nicht daran, Joggeli zu fragen: Und wenn es dann hagelt, tragt Ihr
mit die Hlfte des Schadens? Auch der Bodenbauer als Brge hatte vergessen,
dar, nach zu fragen. Er wute, was im Akkord stund, und hielt Beide fr gescheut
genug, den Artikel zu erfllen. Er war erschrocken, als er hrte, wie es stund,
und ging nun hinter Joggeli. Joggeli gab, als er den Rckstand eingestrichen
hatte, den besten Bescheid, aber keinen einllichen. Das werde sich schon
machen, wenn es um das Zahlen zu tun sei, knne man dann sehen, jetzt wte man
ja noch nicht einmal recht, wie gro der Schade sei. Wie teuer, Vetter, frug
der Bodenbauer, wollt ihr das briggebliebene? Bin nicht kauflustig, sagte
Joggeli, was sollte ich damit machen?
    Mit Uli stund es bedenklich, er war tagelang verirret, wie man zu sagen
pflegt und was auf dem Lande gewhnlich als ein sicheres Zeichen eines
hoffnungslosen Zustandes angesehen wird. Er lag bewutlos in Fiebern und sprach
gar seltsame Sachen, da denen, welche es hrten, ganz bange war, denn besonders
viel hatte er mit dem Teufel zu tun und den Zchtigungen, welche er ihm antat.
Wenn nun Vreneli den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war, sich fast
allgegenwrtig gemacht hatte, da oft ein Knechtlein oder eine Magd sagte: Die
Donners Frau, ist die schon wieder da! Wenn die nicht schon eine Hexe ist, so
wird sie eine, zhlt darauf!, so sa es des Nachts an Ulis Bett und wachte.
    Das sind schwere, bedeutsame Stunden, welche ein Weib am Bette ihres Gatten,
der zwischen Leben und Tod in der Schwebe liegt, durchwacht. Das Gerusch des
Tages ist verstummt, das Ab, und Zugehen hat aufgehrt, das Schaffen und
Befehlen hat ein Ende; das wachende Weib ist ungestrt und alleine beim kranken
Manne, ber ihnen ist Gott, wohl ihnen, wenn er auch zwischen ihnen ist. Ist der
Mann seiner Lage sich bewut, so werden es Stunden der Heiligung, sie gleichen
den Stunden in den Tagen der ersten Liebe; was das Herz bewegt, geht ber die
Zunge, man freut sich in weicher Rhrung der schnen vergangenen Tage, dankt
sich fr Liebe und Treue, Geduld und Sanftmut, bespricht die gegenwrtige Lage,
und wenn das Weib jammert um die Zukunft, das Schicksal der Witwen und Waisen,
die Not einer Mutter mit Kindern ohne Vater, so trstet der Mann, gibt weise
Rte und strkt des Weibes Gemte, indem er sie dem Allmchtigen empfiehlt, dem
Vater der Witwen und Waisen. Wenn sie betet um sein Leben und da dieser Kelch
an ihr vorbergehen mchte, so sagt er Amen dazu, doch nicht unser, sondern
dein Wille geschehe. Das sind heilige Nchte, wie auf Engelsflgeln schweben
sie vorber.
    Aber anders ists, wenn im Irrsinn der Mann liegt, das Weib alleine ist,
seine Gedanken ihm niemand abnimmt als Gott. Auch vor sein Auge stellt sich sein
ganzes Leben, das vergangene, das gegenwrtige, das zuknftige, und klarer jede
Nacht; immer mehr schwinden die Schatten, es wird ein groes lebendiges
Lebensbild. Se Wehmut, schne Trume, bitteres Weinen, geduldiges Ergeben,
mutvolles Erheben wechseln in des einsamen Weibes Seele. Die Bilder, welche erst
regellos durcheinanderfluteten, gestalten sich in immer festeren Zgen und
bestimmter Ordnung, immer klarer bildet sich aus der Gegenwatt die Zukunft. Auch
dieses Weib fleht: Ists mglich, so gehe der Kelch an mir vorber, doch nicht
mein, sondern dein Wille geschehe! Aber weil des Herrn Wille ihm nicht offenbar
ist, bildet sich vor seinem innern Auge die Zukunft in doppelter Weise. Es sieht
sich Hand in Hand mit dem Manne durchs Leben gehen, es trgt in den nchsten
Tagen ihn zum Grabe, steht alleine mit den Waisen, mu alleine sie fhren ins
Leben, sie strken zum Leben. Wie dunkle, schwere Gewitterwolken wlzen sich
diese Bilder anfnglich an seinem Auge vorber; aber allmhlich klren sie sich
ab, gestalten bestimmter sich, gleichfrmiger, nur aber schner jede Nacht,
gestalten zu bestimmten Entschlssen sich, zu einem Leben, den Gedanken eines
Malers hnlich, in denen er ein Bild feststellt, in groen Umrissen zuerst und
allmhlich von Gestalt zu Gestalt bis zur Ausprgung der einzelnen Zge, an
dessen Ausfhrung er Jahre, ja sein Leben setzt.
    Man hat oft bewundert, mit welcher klaren Umsicht und groen Energie Witwen
die Zgel groer Haushaltungen faten und fhrten, wie ernst und fest sie ihre
Kinder erzogen, wie mchtig sie dem Schmerze geboten, der doch sichtlich ihren
Krper schttelte. Wer dabeigewesen wre in jenen stillen, langen Nchten,
gesehen htte, wie sie mit ihrem Schmerze, wir mchten fast sagen, mit Gott
gerungen htten, bis sie zu der Kraft und Klarheit gekommen, welche sie ben bis
zum Grabe, durch welche sie hineinglnzen in das An, denken der Ihren wie Sterne
in die Nacht, der wrde sich nicht wundern, woher ihnen das Wesen gekommen,
welches niemand in ihnen ahnte, welches so segensvoll wirkte. Doch auch in einer
andern Richtung bildet die Seele, schafft eigentliche Lebensbilder: sie denkt in
Wehmut, wenn Gott den Geliebten ihr wieder schenke, wie sie Beide ein neues
Leben fhren wollten in mildem Frieden, teuer Liebe, wie alle Schatten fort
mten aus dem Leben, alles Trbe, alles Zagen, alles Kmmern um Kleines, wie
sie schaffen wollten in aller Freudigkeit ihr Tagewerk, absonderlich aber
trachten nach dem Einen, das not tut. Heitere Bilder folgen einander in lngerer
Reihe, glnzen immer heller, je mehr die Krankheit weicht, das Leben aus der
Krankheit wieder emporblht, werden trber und trber, wenn die Krankheit
steigt; wenn der Tod kommt, erblassen sie, werden begraben im Gemte, der wahren
Familiengruft, in welcher die geliebten Toten geistig weilen bis zum
Wiedersehen.
    Manche solche stille, lange Nacht wachte Vreneli an Ulis Bette, war
versunken in tiefe Gedanken oder horchte mit blutendem Herzen auf die Irreden
des Mannes. Mehr als eine Woche kam es nicht aus den Kleidern, wollte trotz des
Doktors Befehl niemanden anders wachen lassen, aus Liebe, aus Bangen, was die
Leute denken und sagen wrden, wenn sie Ulis Reden hrten. Von Irreden haben die
Menschen keinen Begriff, kennen zumeist nur einen Grund derselben, das bse
Gewissen, das Aufwachen der Angst ber geheime Verbrechen. Was htten sie
gedacht und gesagt von Uli, der immer mit dem Teufel zu tun hatte, am Ort der
Qual sich glaubte!
    Eines Abends wars, als ob der Arzt nicht fort knnte vom Bette, er nahm eine
Prise nach der andern, endlich kehrte er sich um, stubte den Schnupftabak von
den Kleidern und sagte: Fraueli, wenn es was geben sollte in der Nacht, so la
mich rufen. Mein Gott, Doktor, was meint Ihr? Stirbt er mir, stirbt er?
wimmerte Vreneli. Kann es dir nicht sagen, antwortete der Arzt, aber endlich
mu es einen Weg gehen, den oder diesen, so kann es nicht bleiben, die Zeit ist
um, wo es sich entscheiden soll; vielleicht, da es diese Nacht geschieht, und
schaden tut es nichts, wenn der Arzt nicht weit ist, manchmal kann man helfen,
manchmal nicht, manchmal kann man Diener der Natur sein, manchmal mu man es
nehmen, wie Gott es will.
    Guten Tag, Fraueli, guten Tag, geschlafen ein wenig? Es ist kein Wunder!
Wie gehts? Mit Schein nicht bs, Diese leisen, freundlichen Worte weckten
Vreneli, welches vom Schlafe berwltigt worden war. Hochauf fuhr es vom Stuhle,
es war helle im Stbchen; der Arzt, den die Teilnahme unberufen hergetrieben,
stund am Bette und prfte den Kranken. Mein Gott, mein Gott! rief Vreneli. Da
legte der Arzt den Finger auf den Mund, winkte Vreneli vom Bette weg durch die
Tre in die andere Stube und sagte leise: Fraueli, er kmmt dir auf, die Sache
ist gut, jetzt schlft er ruhig, schwitzt recht, jetzt nur nicht geredet.
Vreneli wollte laut auffahren, bachweise strmten ihm die Trnen ber die Backen
nieder. Bsch, bsch, machte der Arzt, geh und mache mir ein Kaffee. Nehme
sonst nichts bei den Patienten, sie meinten gleich, man wolle den Lohn doppelt.
Aber ich mchte ihn erwachen sehen und hatte noch nichts diesen Morgen.
Z'pressieren hast nicht, es wird noch eine Weile gehen; will unterdessen in den
Stall, sehen, wie du haushast, und deine Knechte rhmen oder schelten, je
nachdem sie es verdienen. Ein fremd Wort wirkt manchmal, zuweilen nehmen sie es
einem bel, aber was frage ich den Hudelbuben nach! Vreneli mute wieder ins
Stbchen, bevor es des Arztes Befehl nachkam. Was es dort machte, wei Gott.
    Der Arzt trappete mit den Hnden in den Taschen ums Haus herum und las dem
Dienstbotenpersonal in seiner barschen, aber heitern Weise tchtig den Text.
Was zum Teufel, den Mist, welchen du gestern aus den Stllen gemacht, noch
nicht verlegt! Wohl, das sollten mir meine Buben machen, ich fhrte sie beim
Hagel am Hals auf den Misthaufen! Das Jaucheloch luft ja ber! Was ist das
gemacht! Was gibt es doch einem von euch zu tun, ein Fa oder zwei auszufhren?
Aber wenn man nicht immer hinten und vornen ist, so ist nichts gemacht; wohl,
das wird sauber aussehen in den Stllen. Auf meine Seele, wenn ich es einmal so
fnde, ich jagte das ganze Pack mit dem Stecken vom Hof, ihr solltet euch
schmen wie Laushunde! Auf die Ehre httet ihr es nehmen sollen, die Sache recht
zu machen. Das Fraueli hat sich fast gettet, aber an allen Orten kann es nicht
sein. Ich habe einen alten, siebenzigjhrigen Trappi und einen jungen, nur so
einen Lhl, aber es ist mir ein jeder von ihnen, der Alte und der Junge, am
kleinen Finger lieber als ihr alle miteinander. Nein, hrt, Buben, so geht das
nicht, das mu anders aussehen und zwar heute noch! Ja, lacht nur, aber gebt
acht, was ihr macht, es ist Ernst. Euer Meister kommt auf, wenn er Sorg hat und
man Sorg zu ihm hat. Er ist durch die Gefahr, Gottlob! Aber kmmt er da heraus
und sieht die Schweinerei und das Gesudel, so bekmmt er das Gallenfieber; dann
streckt es ihn, dann heits, der Doktor habe ihn gettet, und Frau und Kinder
knnen ihm nachweinen. Das will ich nicht; habe ich ihn mit Gottes Hlfe
gerettet, so soll solch Volk mir ihn nicht tten, da bin ich gut dafr. In zwei
Tagen komme ich wieder, macht da es dann aussieht wie es sich gehrt, sonst mu
mein Seel die Frau alle ausjagen, ich will es verantworten. Ich komme alle Tage
in zwanzig Drfern herum, wei Knechte fr sieben solche Hfe, will dann aber
auch allenthalben sagen, was ihr fr Bursche seid.
    Unter der bekannten Ecke seines Stckleins (so gleichsam sein Wartturm oder
seine Sternwarte, wenn er ausgucken wollte, was im Hause vorging) stund Joggeli.
Die laute Stimme des Arztes, dem er sonst aus dem Wege ging, hatte seine
Neugierde gereizt. Als der Arzt ihn dort sah, marschierte er in langen Schritten
auf ihn zu und sagte: Frh, Papa, frh; so alte Manne sollten im Bette bleiben
bis bald um Mittag. Sie sind den Leuten sonst nur zur Plage mit ihrer
Wunderlichkeit, besonders wenn sie nichts tun. Ihr httet aber jetzt etwas
machen knnen, und es wre Euch wohl angestanden, Ihr httet es gemacht. Ja ja,
Papa, seht mich nur so sauer an, ich sage meine Sache gerade heraus und frchte
mich nicht vor einem Paar sauren Augen, die haben noch niemand erstochen. Ihr
httet dem Fraueli an die Seite stehen sollen und die Lumpenbuben da in Ordnung
halten, die Frau konnte nicht an allen Orten sein; Ihr httet wohl Zeit gehabt,
es wre aufs Gleiche herausgekommen, ob Ihr hier ums Huschen herumsteckelt oder
dort bis zur Scheune hinunter. Aber so habt ihrs, ihr Hagels Bauern, wenn ihr
nur Geld habt, so fragt ihr keinem Menschen was nach, dem eigenen Bruder nicht.
Ja, ihr seid ein Volk, ihr, hab es erfahren! Rette ich Hunderten das Leben und
bringe sie davon, so denkt mir kaum einer daran. Tut ihm der Bauch wieder weh,
luft er zu einem andern Arzt oder gar so zu einem verfluchten Wasserschmcker.
    Ja, ja, sagte Joggeli, zuweilen kmmt einer davon, und oft gehts dem
Kirchhof zu, ihr tapfern Lieferanten, was ihr seid! Meine Frau selig, die
brachtet Ihr nicht davon, und der drben wird ihr wohl nach mssen, apartig
glcklich seid Ihr hier nicht. Um Euere Frau ists schade; wenn sie nicht einen
so wunderlichen Mann gehabt htte, sie lebte vielleicht noch, aber um sie
davonzubringen, htte man Euch doktern sollen, entgegnete der Arzt; der drben
kmmt davon, ja freilich, wenn Ihr mir ihn nicht hintendrein ttet mit Plagen,
Qulen, Kummern wegen dem Zins. Aber eben, das will ich Euch sagen, nehmt Euch
in acht damit; so gewi Ihr das tut, will ich Euere Zunge spannen, da Ihr
sieben Wochen das Reden lasset. Das Wasser gschauen tue ich nicht, aber vom
Hexenwerk verstehe ich vielleicht mehr als ein Anderer, und wenn es ntig ist,
mache ich, was ich kann. Jetzt wit Ihr, woran Ihr seid, und beht Euch Gott und
lebet wohl. Joggeli sah ihm mit offenem Maule nach. Er wrs imstand, der
Hagels Ketzer, sagte er, steckelte in sein Stcklein zurck und machte sorgsam
die Tre zu.
    Uli war erwacht, aber unendlich matt, es war ihm wie einem, der aus dem
Grabe kmmt. Er schlo bald wieder die Augen. Komm, sagte der Arzt, la ihn
machen, schlafen, so viel er will, rede nicht zu viel, freue dich nicht zu
sichtlich, frage ihn um nichts, und was du ihm zu essen geben sollst und
wieviel, will ich dir drauen sagen. Halte dich tapfer mit den Portionen; du
wirst deine liebe Not haben mit dem Hunger, wenn der einmal erwacht, oft hren
mssen, du gnnest ihm das Essen nicht. Aber dessen mut du dich nicht achten.
Sag nur, ich habs befohlen.
    Vreneli hatte das Herz voll von Dank und Freude, die Augen voll Trnen, aber
reden konnte es nicht, es konnte dem Arzt blo die Hand geben, als sie drauen
waren. Der verstund das aber wohl, drehte sich um, stund ans Fenster, tat, als
nehme er eine Prise und wische den berflssigen Schnupf ab. Der Arzt war sehr
rauh, aber nur auswendig; es gibt andere, welche es umgekehrt haben.
    Uli war zum Kind geworden, mute in jeglicher Beziehung ein neues Leben
anfangen, so da er es anfangs kaum merkte. Nachher beelendete es ihn, da er
darber weinte, Vreneli auch, und den Arzt beschied. Der trstete, schrfte aber
aufs neue die grte Vorsicht ein, leibliche und geistige. Es fehlten Uli die
Krfte, er konnte nicht gehen, nicht einmal den Lffel zum Munde fhren vor
Zittern. Er hatte das Gedchtnis mehr oder weniger verloren, mute seine
Erinnerungen mhsam zusammenlesen wie ein Kind Glasperlen, welche es im hohen
Grase verschttet oder zwischen losen Steinen. Es war zum Weinen, wie das kleine
Vreneli des Vaters wartete, ihn fhrte und half, fast als wre er eine groe
Puppe. Joggeli hielt sich aus Respekt vor des Arztes Worten ferne, doch konnte
er sich einmal nicht enthalten, Uli, der in der Sonne sa, nher zu treten und
ihm etwas zu sagen. Die Antwort fiel etwas linkisch aus, da Joggeli sagte: Dir
wrs besser, du lgest im Kirchhof. Aber wie das Wort, welches Uli nicht einmal
verstund, heraus war, erschrak er sehr, steckelte, so streng er es vermochte,
seinem Stcklein zu und schlo sorgfltig hinter sich die Tre.
    Indessen ging es bei Uli rascher als bei einem Kinde, jeder Tag brachte
seinen Fortschritt, derselbe ward immer entschiedener, und zwar hier auf
erfreuliche Weise. Er konnte alle Tage besser gehen, das Gedchtnis stellte sich
allmhlich wieder ein, aber dazu auch ein Hunger, welcher Vreneli manchmal den
Angstschwei auf die Stirne trieb. Wenn ein Mann um Essen bittet, noch um ein
Stcklein, um ein ganz kleines, ganz wie Kinder es tun, und die Frau sagen mu,
ganz wie einem Kinde: Ich darf wei Gott nicht, warte nur eine Stunde, dann
gebe ich dir wieder, und der Mann die Minuten zhlt, so ist es allerdings ein
schwer Ding fr eine Frau, fest zu bleiben und nicht an das Sprchwort sich zu
halten: Wenig schadet wenig, nicht zu denken, da aus vielem Wenigen viel wird
und endlich um eines einzigen Tropfens willen ein Glas berfliet. Was Vreneli
ganz besonders freute, war eine Weichheit des Gemtes, eine Ergebung in seine
Lage, von der Uli in letzter Zeit so himmelweit entfernt schien. Anfangs
erschrak es darob, hielt sie fr kindische Teilnahmlosigkeit, fr Mangel an
Begreifen, in welcher Lage sie seien, aber es stellte sich alle Tage deutlicher
heraus, da es was anderes war.
    Vor seiner Krankheit waren alle seine Krfte berspannt, seine Stimmung
unnatrlich gereizt; er glich einem Schwimmer, welcher alle seine Krfte
zusammennimmt, die Strmung zu durchschneiden, das Ufer zu gewinnen. Je schwerer
es ihm wird, desto groer werden seine Anstrengungen, alles bietet er auf, das
Letzte setzt er daran, bis pltzlich die Krfte brechen, einem zu stark
gespannten Bogen gleich, und der Strom ihn verschlingt. So war auch Uli
zusammengebrochen im Kampf mit seinem Geschick, ein Krankheitsstrom war ihm ber
Seele und Krper gegangen. Als er wieder auf, tauchte aus demselben, aus langer
Ohnmacht zu neuem Leben erwachte, war die Spannung vorber, die Stimmung eine
ergebene, dankbare; es stellte sich das Vertrauen ein, die Zchtigung sei
vorber, der Herr, der in die Hlle fhrt und wieder heraus, der bis hierher
geholfen, werde auch ferner helfen. Uli konnte sagen: In Gottes Namen, komme
was da wolle, wir wollen es annehmen, wir wollen das Mgliche machen, da
niemand an uns verliert, auch haben wir ja gute Leute, welche Geduld haben
werden. Wir sind jung, und wenn uns Gott gesund lt, so ist nichts verloren und
es macht mir keinen Kummer, uns mit Ehren durchzubringen, was will man mehr? Das
Reichwerden wollen wir aufgeben, was hat man davon als Angst und Not und Zorn
und Streit?
    Diesem pflichtete Vreneli vollkommen bei. Wenn sie nicht zappelten und
hasteten, nicht allzu ntlich tten und Gott ihnen ein oder zwei bessere Jahre
sende, so werde es so schlimm nicht gehen; wenn man einander treulich helfe, sei
viel zu machen und alles zu ertragen, es danke dem lieben Gott, da es so
gekommen. Uli war auch dieser Meinung. Wohl kam ihm zuweilen eine Hast an, da
er aufsprang, meinte, er msse dran hin, msse alle seine Krfte anspannen, um
den steckengebliebenen Wagen zu heben und zu stoen, aber Vreneli konnte ihm
durch ein freundlich Wort die ihm noch so ntige Ruhe geben, da er wieder
nachlie und sagte: Du hast recht!

                           Einundzwanzigstes Kapitel


                  Wie Uli mit Menschen rechnet und Gott sucht

Ihre Lage war allerdings trb und bedenklich. Wenn Uli seine frhern Ersparnisse
einzog, so konnte er den Bodenbauer bezahlen und was er sonst noch schuldig war.
Sein so sauer Erworbenes war also zugesetzt; vor ihm war ein Jahr ohne Ernte, wo
er gentigt war, einen Teil des Brotes zu kaufen. Sein Freund, der Mller, hatte
ihm so viel Korn abgeschwatzt, da sein Speicher fast leer war. Woher das
Saatkorn nehmen? Brot kaufen mssen bei einem Haufen Gesinde, ist bel. Er hatte
nichts als Heu und Kartoffeln, beides reichlich und gut. Mit Milch und Butter
konnte er etwas Weniges machen, aber es gab kaum die Hauskosten, noch viel
weniger die Dienstenlhne; wenn man Brot sparen mu, mu man mit etwas anderm
nachhelfen.
    Aus dem Stalle konnte er etwas ziehen. Jetzt sah er ein, wie gut es gewesen,
da Vreneli fr Vorrte gesorgt, welche grer waren, als er glaubte. Hanf und
Flachs hatte man reichlich zum Spinnen, und vielleicht war vom erhaltenen Garn
etwas zu erbrigen zum Verkauf. Dazu endlich hatte er noch die Rechnungen mit
Mller und Wirt, welche nicht erledigt waren, von denen Uli Bedeutendes
erwartete. Wie Vreneli manchmal gesagt hatte: Mach doch die Sache fertig, ich
liee mich nicht immer so abspeisen, du bist viel zu gut und wirst sehen, wie es
dir geht, wehrte es jetzt vom Rechnen ab und sagte: Wart, das pressiert doch
nicht so. Die beiden Busenfreunde hatten in Ulis ganzer Krankheit nichts von
sich hren lassen, und whrend seiner Genesung lieen sie sich nicht sehen. Sie
machten vielleicht das Wort Nervenfieber frchten, jedenfalls aber fhlt ein
Schuldner, welcher nicht gerne zahlt, kein entschiedenes Bedrfnis, sich einem
Glubiger unter Augen zu stellen, von dem er voraussetzen mu, er sei Geldes
bedrftig. Vreneli frchtete rger und Zorn fr Uli, und ob jetzt eine Woche
frher oder spter, darauf kam es in Beziehung auf das Geld nicht viel an, wohl
aber in Beziehung auf Ulis Gesundheit. Endlich sagte Uli: Ich merke wohl, warum
du mir das Rechnen mit den Beiden verhalten willst, aber sei ohne Sorge, ich
kann es geduldig nehmen, wie es kmmt. Sieh, ich habe da auch was verdient, ich
sehe es je lnger je besser ein. Wren sie die Freunde, wie sie sich immer
gestellt, sie wren wohl schon gekommen und htten ihre Hlfe angeboten. Warum
stellte ich meinen Glauben auf sie und bildete mir ein, wie wunder gut sie es
mit mir meinten? Merke wohl, woher es kmmt, und damit soll mich niemand mehr
fangen, wie man mit Speck die Muse fngt. Es tat mir einerseits wohl, Freunde
zu haben, Mnner, von denen ich meinte, sie bedeuteten was und meinten es gut.
Solche Freunde sind was, nicht nur wegen der Hlfe, sondern es tut einem wohl im
Herzen, wenn man denken kann: es mag dir gehen, wie es will, so hast du Freunde,
und rechte Mnner. Ich mu es bekennen, an diesem Gedanken habe ich groe Freude
gehabt und oft gedacht: nicht jeder hat Freunde, so wie nicht bei jedem Menschen
die Hunde bleiben. Aber wahr ists, ich lebte noch whler an ihren Worten; sie
rhmten mir alles und lobten mich immer, da war nichts als Uli hinten und Uli
vornen. Wenn man nichts gewesen, tut es einem so wohl, wenn man auf einmal so
viel sein soll; man wei manchmal nicht, geht man auf dem Kopf oder auf den
Fen, man kommt ordentlich in einen Schwindel, wo man sich dreimal grer
sieht, als man ist, und in se Trume, wo man meint, man sei wirklich im
Schlaraffenland und die gebratenen Wrste hingen bereits zunchst dem Maule.
Jetzt, aus diesem Traume Gottlob erwacht, schme ich mich, kann nicht begreifen,
wie ich das nicht merkte, da dieses eben die Speckbrocken waren, mit welchen
man die Muse fngt, da ich mich so ganz blindlings fangen lie. Aber es dnkte
mich, sie tten den Nagel auf den Kopf treffen, und weil ich ihnen dieses
glaubte, glaubte ich ihnen alles andere, hielt sie fr die glaubwrdigsten
Mnner auf der Welt. Ungefhr so wird es der Eva im Paradiese mit dem Teufel
ergangen sein. Ward sie gestraft, werde ich billigerweise es auch. Wie ich
merke, wird es vielen Menschen schon so gegangen sein. Ich sehe erst jetzt, wie
gefhrlich es ist mit dem Glauben, wie leicht man ihn am unrechten Orte
anwendet. Habe daher nicht Kummer, ich mu es nehmen, wie es ist; mich dauert
nur, da auch du damit leiden mut.
    An einem schnen Abend machte Uli sich endlich auf zu dem Mller; weit war
es nicht, aber mde ward er doch. Als er zur Mhle kam, wollte ihn lange niemand
sehen, dann lange niemand wissen, wo der Mller sei, dann niemand Zeit haben,
ihn aufzusuchen, und als endlich jemand sich dazu herablie, verging eine
mrderliche Zeit, bis der Mller sich zeigte. Das sind immer schlimme Zeichen
und lassen eben auf den zrtlichsten Empfang nicht schlieen.
    Endlich erschien der Mller. Lebst auch noch? sagte er. Es hielt dich
hart, wollte kommen und sehen, wie es dir gehe, es wollte sich aber nie
schicken, daneben htte ich doch nichts helfen knnen. Du hast recht, sagte
Uli, da mute ein Anderer herbei; aber was ich sagen wollte, schickt es sich
dir etwa, mit mir zu rechnen? Es wre mir sehr angenehm. Es plagte mich die Zeit
ber oft, da ich meine Sache nicht im Reinen hatte; wenn ich htte sterben
sollen, wer htte die Sache auseinandermachen sollen, an das sollte man immer
denken. Du hast recht, sagte der Mller, es ist auch gut fr die
berlebenden. Wie aufrichtig man ist, so sollte man am Ende doch betrogen haben;
besonders ist immer alles auf den Mllern, wenn die einmal was eingeben, so soll
es falsch und erlogen sein. Es ist akkurat, als ob alle Leute die Wahrheit
redeten und nur sie lgen knnten.
    So begehrte der Mller in einem fort auf, und Uli mute denken: Hat der
etwa schon auf meinen Tod hin eine Eingabe gemacht gehabt in mein Beneficium
Inventarii oder Vermgensliquidation, und erscheine ich ihm jetzt so gleichsam
als ein Gespenst oder wie ein alter Papa aus dem Grabe erblustigen Shnen,
Hast das Hausbuch bei dir? fragte der Mller. Den Kalender habe ich, sagte
Uli. Hast denn kein Hausbuch? fragte der Mller. Ich denke, sagte Uli, der
Kalender werde einstweilen wohl genug sein. Er hatte eine ganz andere Antwort
auf der Zunge, allein whrend seinem Prozessieren hatte er doch was gelernt, das
teure Lehrgeld war nicht umsonst ausgegeben, wie es brigens oft genug der Fall
ist; er hatte uneinllich antworten lernen, dies ist keine unbequeme Redeweise.
So gib an, was sollte ich dir schuldig sein? sagte der Mller. Wenn du dann
fertig bist, so will auch ich dir deine Snden ablesen, es wird dann bald aus,
gerechnet sein.
    Wir wollen dem Verlauf dieser Rechnung nicht folgen, das Ding wre zu lang
und langweilig. Wir wollen blo sagen, da der Mller sich offenbar auf Ulis Tod
eingerichtet zu haben schien, wenigstens dem Hausbuch nach, welches er in Hnden
hatte; denn vielleicht hatte er mehr als eins, eins fr die Lebendigen und eins
fr die Toten. Bei jedem Ansatz von Uli gab es Ansto, bald wegen dem Preise und
bald wegen der Zahl der Scke, und als erst der Mller seine Gegenrechnung
ablas, gab es der Anstnde bei jedem Wort und nicht blo ber Ma und Preis,
sondern ob die Sache wirklich geliefert worden oder nicht. Es war da Geld
angesetzt fr Mehl, Spreuer, Kleien, Abschlagszahlungen dazu und wei Gott was
alles, von dem Uli entweder gar nichts wute oder aber berzeugt war, da er
dasselbe frei in den Kauf gedungen oder da es von Mehl kam, welches er hatte
mahlen lassen, der Mller Kleien und Spreuer von Rechts wegen ihm schuldig war.
Aber man gehe und mache eine dreijhrige Rechnung auseinander und dazu aus
Bchern, welche ein Uli und ein Mller fhrten! Uli sah mit Schrecken, da der
Mller, dessen Rechnung nach, ihm viel weniger schuldig war, als er gedacht,
auch wenn Ulis Rechnung fr Verkauftes als gltig angenommen wurde. Des Mllers
Gegenrechnung war gar greulich. Es dnkte Uli doch stark, zu jedem A, welches
der Mller vorsagte, B nachzusagen, aber was sollte er machen? Mit seinem Buch
konnte er vor dem Richter nicht viel ausrichten; ob das des Mllers besser sei,
wute er nicht, prozedieren wollte er nicht, seinem Kopf traute er nicht, und
bei dem vielen Wechsel seines Gesindes whrend dem ganzen Verlaufe der Rechnung
wute er nicht, ob nicht das Eine oder das Andere etwas auf des Meisters Namen
genommen oder nicht. Man sollte immer, wenn man das Gesinde wechselt und offene
Rechnungen sind irgendwo, wo Knechte und Mgde zu- und abgehen, bringen oder
holen, diese beim Wechsel abschlieen oder untersuchen, es gibt da manchmal
fatale Entdeckungen. Uli kam das Aufschieben in Sinn, was gewhnlich der beste
Ausweg scheint, wenn man in Verlegenheit ist. Er solle es ihm auf ein Papier
machen, was er zu fordern habe, sagte Uli; er wolle es der Frau zeigen und mit
seinen Leuten reden, ob sie um dieses und jenes wten. Zudem knne man den
Karrer bescheiden, welcher frher bei dem Mller gewesen und jetzt beim
Sternenmller sei, der habe das meiste Korn gefat und werde wohl noch im Kopfe
haben wieviel, es sei der vernnftigste Mensch, der ihm je vorgekommen; zudem
werde er dies Jahr viel aus der Mhle bedrfen und dem Mller noch schuldig
werden, so da es ihm im Grunde nicht so pressiere mit der Rechnung. Das alles
leuchtete dem Mller schlecht ein. Er kannte Vreneli, wute also im voraus, was
es sagen wrde; mit seinem Karrer war er in groem Unfrieden auseinander,
gekommen, auch diente derselbe bei seinem rgsten Feind, er wute also im
voraus, was er von diesem zu erwarten hatte; zudem machte er mit Uli nicht
ungern fertig, er gab ihm nicht gerne mehr was aus seiner Mhle, er war
berzeugt, Uli sei zugrunde gerichtet, wer an ihn zu fordern habe, verliere. Vor
allem aus aber wollte er eine richterliche Untersuchung seiner Rechnung bei Ulis
Lebzeit nicht und am allerwenigsten eine Abtretung dieser Rechnung an Joggeli,
wo deren Bereinigung wahrscheinlich dem Baumwollenhndler bertragen worden
wre; den kannte der Mller und hate ihn.
    Der Mller sagte daher, sie seien jetzt bei einander, das Gestrm wegen
Rechnen sei ihm zuwider, und wenn sie nicht bereinkommen knnten, wer es denn
solle? brigens habe er geglaubt, er habe es mit einem braven Manne zu tun, und
nicht daran gedacht, da hintendrein msse gezankt sein, sonst htte er die
Sache lngst ins Reine gebracht; daneben knne Uli machen, was er wolle, aber
das wolle er ihm sagen, er, Mller, sei dann nicht das Mannli, mit welchem Uli
den saubern Kuhhandel gehabt. Wenn er dort gewonnen habe, so solle er ja nicht
denken, es gehe immer so. Das war fast zu viel fr Uli, er dankte Vreneli im
Herzen, da es ihn so lange hingehalten, die Unverschmtheit des Mllers war
doch gar zu gro. Uli war es noch nicht klar, wie viele Menschen, und zwar
kleine und groe, den Mangel an Recht durch Frechheit ersetzen. Er mute
gewaltig sich zusammennehmen, um nicht abzubrechen, sondern einzutreten in ein
Markten, welches doch endlich nach manchem harten Worte und mit bedeutendem
Schaden fr Uli zum Ziele fhrte. Da Mller warf das Geld, welches er noch
schuldig blieb, hin fast wie einem Hund ein Stck Brot und sagte, da solle er
das ungerechte Geld nehmen, wenn er das Herz habe. Wenn er aber knftig Mehl
oder was sonst ntig habe, so sei es ihm lieber, er nehme es an einem andern
Orte. Mehr als der Verlust schmerzte Uli der Vorwurf, er sei der Betrger, der
ungerechte Forderer und da der Mller dabei auf seinen Kuhhandel sich sttzte,
und zwar nicht ganz mit Unrecht. Er fhlte jetzt, was ein gut Gewissen wert sei
und da der geringste Makel daran sei, was eine Spalte in einem Bogen. Wenn nun
der Makel im Gewissen auch zum Makel am Namen werden sollte, wenn es an jedem
Markttage und bei jedem Handel heien sollte, er sei ein ungerechter Mann und
begehre die Leute zu betrgen, so war er ja fr sein ganzes Leben unglcklich,
gleichsam gebrandmarkt; das fhlte er so recht lebendig, und es ward ihm
himmelangst dabei, denn welch armer Tropf war er, wenn er den ehrlichen Namen
verloren hatte, der war sein Vermgen, seine beste Brgschaft, da er von Anderer
Vertrauen leben mute. Hatte er den nicht mehr, so war ihm der Weg zum ehrlichen
Fortkommen versperrt, er mute knftig vom Betrug oder vom Betteln leben. Da
erkannte er, wie eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht,
als unbedeutend geachtet, entscheidend fr ein ganzes Leben werden kann.
    Tief gedemtigt und niedergeschlagen kam Uli heim. Nun wre das fr manche
Frau ein wahres Herrenfressen gewesen. Siehst, ich habe es dir gesagt, es gehe
so, habe gewarnt, habe gemeint, ehrlich whre am lngsten, aber du hast mir
nicht geglaubt, hast gemeint, ich sei nur so ein Weib und du viel gescheiter;
siehst, jetzt erfhrst, wer recht hat. Jetzt denkst: htte ich nur geglaubt,
aber jetzt ists zu spt, kannst lange jammern! Ein andermal denk daran! Ich
htte jetzt gute Lust, nie mehr was zu sagen und meinen Rat fr mich zu
behalten. Doch Vreneli war nicht von dieser Rasse; es trstete, er solle es
nicht so schwer nehmen, das Lehrgeld sei nicht so gro; der Mller werde sich
hten, viel von der Sache zu reden, es sei nicht das erstemal, da er es so
mache, und er wisse wohl, da man ihn kenne. Gut sei es, da die Sache abgemacht
sei, so wisse man doch jetzt, woran man mit ihm sei, wenn es nur mit dem Wirte
auch in Ordnung wre. Uli htte gute Lust gehabt, Vreneli zum Wirte zu senden,
aber Vreneli wollte nicht gehen. Wenn es nicht sein msse, so bleibe es lieber
einige hundert Schritte von dem weg, sagte es; der werde es aber nicht so machen
wie der Mller, der werde mit guten Worten zahlen wollen, denn man sage, das
Geld sei rar bei ihm, wenn ihm ein Taler eingehe, so seien Zehne da und mchten
ihn.
    Wie Vreneli sagte, so war es auch. Will schon mit dir rechnen, warum nicht?
Die Sache ist punktum aufgeschrieben und in der Ordnung, zhle darauf, aber Geld
kann dir mein Seel keins geben, habe selbsten keins, und wo nichts ist, ist
nichts, wie du weit, so sprach der Wirt. Ich glaube, wenn es mir drei Tage
lauter Taler durch den Rauchfang runterregnete, sie wren immer alle weg. So
hungrig nach Geld habe ich mein Lebtag die Leute noch nie gesehen. Wenn ich von
weitem jemand mit langen Schritten kommen sehe, so wei ich schon, der wird auch
Geld wollen, ich mu allemal lachen; nimm, wenn du findst, denke ich. Sie wissen
wohl, da nichts zu verlieren ist, bewahr, ich habe mehr als Sachen genug, aber
es gibt Zeiten, wirst es auch schon erfahren haben, wo man beim besten Willen
nicht zahlen kann. Da wird es den Leuten angst und sie kommen daher wie Tauben,
wenn man Hanf geset hat, und wollen Geld fr Sachen, welche ich beim Hagel
nicht einmal mehr im Hause habe; aber denen will ich daran denken, die mssen
warten bis zuletzt. Du aber sei nur ruhig; sobald ich Geld bekomme, mut du es
haben, und lieber, als da du einen Kreuzer an mir verlieren solltest, wollte
ich es zusammenbetteln, und sollte ich laufen mssen bis nach Konstantinopel.
Einer, der seine Sache auch nur verdienen mu, soll an mir nie was verlieren,
lieber wollte ich, so lange ich lebe, Hunger leiden und keinen Schoppen mehr
trinken. Sieh, ich habe selbst viel Geld einzuziehen, aber es luft nicht. Du
glaubtest es nicht, wenn ich dir meine Schuldner nennen wrde, aber sie knnen
mir in diesem Augenblick nicht an die Hand gehen. Dann habe ich auch noch was
verloren, es ist ein Nichts, das heit es ist viel genug, aber es wrde nichts
machen, wenn es nicht alle Leute wten und nun alle daherkmen und Geld
wollten. So knnte man dem Rothschild die Hosen umkehren, wenn er in einem Tage
alles bezahlen sollte, was er schuldig ist. Hast du das Geld so sehr ntig,
diesen Augenblick? Ho, sagte Uli, wenn er es haben knnte, wrde er es gerne
nehmen. Indessen setzte er, durch die guten Worte des Wirts bestochen, hinzu:
So einige Wochen knnte ich im Falle der Not warten; der Lumpenhund, der
Mller, hat mir einiges Geld geben mssen, ungern genug, aber wenn man Brot
kaufen mu, so ist bald viel gebraucht. Es ist schlecht vom Mller, es dir so
zu machen" sagte der Wirt, er ist nicht der Sauberste; es gelstete mich
manchmal, dir zu sagen, du solltest dich in acht nehmen, aber wenn ich dann sah,
wie gut ihr zusammenhieltet, und weil er der Gevattersmann ist, so wollte ich
nicht was Bses zwischen euch hineinmachen, da es hinterher hiee, ich htte
euch gegeneinander aufgehetzt. Joggeli ist mitrauisch, er hat schon Kummer,
er msse an mir verlieren. Wenn ich ihm zeigen knnte, da ich noch einzuziehen
htte, so lie er mich desto ruhiger, sagte Uli. Weit was, sagte der Wirt,
komm ins Stbli, wir wollen sehen, wieviel ich dir schuldig bin; dann mache ich
es dir aufs Papier, auf Stempelpapier, eine rechte Obligation, mein Seel, und
verzinsbar zu vier Prozent, oder wenn du fnfe willst, so sage es. Die kannst du
ihm zeigen, sie ist so gut als bar Geld, und sobald mir Geld eingeht und du es
begehrst, so lse ich sie ein und gebe dir Geld. Wenn es nicht anders sein
knne, sagte Uli, so lasse er es sich gefallen, Geld wre ihm freilich lieber
gewesen.
    Ihr Rechnung hatte nicht viel Stiges, und wo was sich zeigte, gab alsbald
der Wirt nach. Du wirst recht haben, sagte er, nimm es nicht fr ungut, aber
wenn man in einem so groen Wesen ist, wie ich bin, und so viel im Kopf haben
sollte, da es mir manchmal ist, als fahre der Napoleon mit seiner Reiterei
darin herum, so ist bald was vergessen oder bald was unrichtig aufgeschrieben.
Nimm es nicht bel, da ich in deiner Krankheit nicht zu dir kam, aber es hie,
du kmest nicht davon. Das hat mich zu sehr gedauert, als da ich htte kommen
knnen, ich htte deiner Frau nur angst gemacht. Es wei kein Mensch, wie ich so
ein lindes Herz habe, ich mu mich manchmal deretwegen schmen und darf es nicht
zeigen, es kmmt gar zu lcherlich heraus fr so einen groen Mann, wenn er
plren mu wie ein Kind.
    Uli mute dann noch mit ihm zu Abend essen, eine Flasche vom Besten trinken,
kurz der Wirt war die Liebe und Gte selbst. Die Wirtin brachte noch was in
einem Papier, ein alt Stck Kuchen; das sei fr den Gevattersmann, sagte sie,
da Uli ganz glcklich und Rhmens voll nach Hause kam. Es seien doch nicht alle
Menschen gleich, sagte er, und wenn man von Einem Unrecht leide, so msse man
sich hten, auch Andern Bses zuzutrauen, man knnte sich sonst leicht
versndigen. Ich will dem Wirt nichts Bses nach, reden, sagte Vreneli, aber
urteile auch du nicht zu schnell, sondern warte, bis du das Geld hast. Hast du
dann einmal dies, dann will ich dir gegen den Wirt gar nichts mehr haben, ich
verspreche es dir. Es ist immer das Gleiche, dachte Uli bei sich selbst; hat
es jemanden, so hat es ihn, und wen es liebt, den liebt es, und dann ists
fertig. Indessen versprach er, sein Urteil nicht abzuschlieen und einstweilen
vor dem Handeln mit dem Wirte sich zu hten.
    Da Uli wiederum so viel Glauben zu ihm hatte, freute Vreneli sehr, doch
eins freute ihns noch mehr: Ulis Gedanken hatten wieder eine hhere Richtung
genommen, verarbeiteten nicht mehr blo in ewigem und doch mhseligem Kreislauf
das Einmaleins, sondern betrachteten Gottes Worte und Wege, forschten nach
seinem Willen und bestimmten nach ihm das Tun. Er sprach gerne mit Vreneli ber
hhere Dinge und erzhlte gerne gttliche Fgungen, welche die, die ihn lieben,
zur Seligkeit fhren, und wie Gott das Verlorne suche und trachte selig zu
machen. Er fhlte einen unbestimmten Drang, ein Ungengen, und dieses
verschwand, wenn er mit Vreneli sprach oder las in der heiligen Schrift oder an
gttliches Schaffen dachte, die Wunder der Welt betrachtete. Es war dies der
geistliche Hunger und Durst, welche begehren nach den Worten, welche aus des
Herrn Munde gehen, welche kennen die Speise des Erlsers, das Vollbringen von
des Vaters Willen. Es war der eigentliche Zug in ihm erwacht, ohne welchen
niemand zum Vater kmmt; das wunderbare, unerklrliche Verlangen ward in ihm
stark und mchtig, welches Christus mit den Worten ausdrckte: Mich verlanget,
das Passahmahl mit euch zu essen. Es verlangte ihn nach dem Pfande, da er
einer sei, der wohl in der Irre gewesen, aber wieder gefunden worden und ber
den nun Freude im Himmel sei, nach dem Bewutsein, zu denen zu gehren, welche
lebendige Glieder sind am Leibe, dessen Haupt Christus ist.
    In gesunden Menschen lebt ein Trieb des Zusammenhaltens, des Einsseins mit
Andern, man nennt ihn auch den gesellschaftlichen Trieb. Derselbe kmmt in
hunderterlei Gestalten zum Vorschein. Wie oft ists einem Menschen, wenn er doch
nur da oder dort eingeladen, in diese oder jene Gesellschaft aufgenommen wrde,
es ist der hchste Gegenstand seines Sehnens und Strebens. Ist er aufgenommen,
ist er mitten unter ihnen, sitzt er am ersehnten Tische, dann fhlt er sich
unendlich gehoben; er steht an einem Ziele, er ist glcklich, hoffnungsvoll, er
gehrt einem Kreise an, der ihm Halt im Leben gibt, eine Stellung verschafft.
hnlich hat es das Kind mit dem Triebe, in die Kreise der Erwachsenen
aufgenommen zu werden, und einmal aufgenommen, wird es nicht fehlen, wenn der
Kreis sich sammelt, die Stunde mag es nicht erwarten, lange vor der Zeit steht
es drauen und klopfet an. Grade das gleiche Sehnen und Trachten nach der
Gemeinschaft ergreifet die, welche Christus angenommen haben. Es zieht sie zu
den Brdern, sie sehnen sich, das Pfand zu erhalten und das Bewutsein zu
strken, da sie aufgenommen seien, Christus angehren und vom Vater zu seinen
Kindern gezhlt werden. Es strmt eine eigene Wonne durch die Berechtigten, wenn
sie weilen drfen in den heiligen Kreisen und empfangen die heiligen Pfnder,
und keiner betrachtet die Berechtigung so gleichsam als ein altes Recht, welches
man ererbt hat, nichts abtrgt, man jedoch nicht erlschen lassen darf. Davon
hat natrlich keinen Begriff, wer den christlichen Zug nicht in sich trgt,
nicht geistigen Hunger und Durst hat, sondern blo fleischliche Triebe und
moderne Richtung nach Kneipen, Kaffeehusern, Spektakeln von allen Sorten, kurz
nach etwas Diesseitigem. Solcher Richtungen und Triebe schmt man sich
begreiflich nicht, sondern trgt sie offen zur Schau mit groem Geprnge, rhmt
sich ihrer mit mchtigem Behagen, betrachtet sie gleichsam als ein Siegel, da
man an der Spitze der Menschheit marschiere munter nach dem Gipfel der Kultur,
der freilich einstweilen noch verhllt im Nebel liegt. Geprnge treiben mit dem
Zuge nach oben, mit seiner Freude an der Gemeinschaft kann der Christ nicht,
sonst hat er weder den Zug noch kennt er die Gemeinschaft, doch schmen wird er
sich der, selben nicht, sonst kennt er sie ebenso wenig. Er wird den Hohn der
Kinder der Welt nicht scheuen, der Kinder der Welt, welche in ihrem kurzen Sinne
keinen Unterschied zu machen wissen zwischen einer veralteten Mode und der
Erlsung durch Christum.
    Schchtern tritt man in unbekannte Kreise oder in solche, denen man fremd
geworden, und eine gewisse Scheu ist immer zu berwinden, ehe man ber ihre
Schwelle tritt, und eine Weile gehts, bis das Bewutsein, da man hierher
gehre, das Gefhl des Fremdseins berwunden hat. Nun hatte Ulis Entfremdung
nicht so lange gedauert, um recht Wurzel zu fassen, sie glich mehr einem Wirbel,
in welchem er eine Weile halb bewutlos herumgetrieben worden, einem Windspiel,
einer Wasserhose, welche ihn ergriffen, durch die Luft gefhrt, ihn wieder
hingestellt, da ihm alle Gebeine knackten, er nicht wute, wo er war, da er
sich erst langsam zurechtfinden, mhsam seine alte Heimat wieder suchen mute.
Uli hatte das Glck, welches nicht jedem wird, die Brcke ins alte Heimatland in
der Nhe zu haben; es war Vreneli. Ulis Abwenden und Weggerissenwerden hatte bei
der eingerissenen Lauheit und Gleichgltigkeit wahrscheinlich niemand bemerkt
auer eben Vreneli; hatte er nun mit diesem sich verstndigt, hatten sie sich
gemtlich wiedergefunden, so achtete sich wahrscheinlich niemand seiner, und wer
sein Wiedererscheinen bemerkte, fand es sicher sehr natrlich, da nach so
schwerer Krankheit er im Hause Gottes und an des Herrn Tisch erschien, wie ja
auch der Kindbetterinnen erster Ausgang ins Haus des Herrn ist und die nchsten
Anverwandten, welche einen Geliebten zu Grabe getragen, es nicht versumen, am
nchsten Sonntage in der Kirche zu erscheinen.
    In der Mitte des Herbstmonats war es, als Uli mit Vreneli zur Kirche ging.
Es war ein feuchter Nebelmorgen, nicht zehn Schritte weit sah man. Kahl wie
mitten im Winter waren die armen, zerschlagenen Bume. Emd lag gemht in den
Matten und harrte traurig der Sonne, um sich trocknen zu lassen. Hier und da, wo
man das sprlich gewachsene Gras des Mhens nicht wrdig fand, hrte man das
Luten der weidenden Khe. Wie doch die Zeit vergeht und was sie alles bringt
und nimmt, in wenig Jahren wird es ganz anders um uns und immer nicht so, als
wir es uns gedacht, sagte Uli. Wie lange ist es wohl, da ich das erstemal
hier zur Kirche ging? Es war im Winter und mchtig kalt, es ist mir, als ob es
erst gestern gewesen, und doch wird es schon neun Jahre sein oder mehr. Damals
dachte ich nicht daran, da ich jetzt noch da sein werde, damals wiesen mich die
Leute auf, da ich fast noch selben Tages fortgelaufen wre. Jetzt bin ich noch
hier, ein verhagelter Pchter, damals ein munterer Knecht, den es dnkte, die
halbe Welt sei sein, jetzt ein geschwchter Mann, der nicht wei, wo er bers
Jahr ist und ob Frau und Kinder zu essen haben oder nicht. Bist reuig, da es
so gegangen, da du nicht am selben Tage fortgelaufen bist? frug Vreneli mit
weicher Stimme. Nein, wahrhaftig nein, sagte Uli, dann htte ich ja dich
nicht und die Kinder nicht, und was will ich mehr auf der Welt! Nein, ich danke
Gott aufrichtig, da er mich so gefhrt hat und nicht anders. Wenn man alles,
was einem begegnet, zu Nutzen anwendet, so soll man nicht reuig werden, und wenn
man hineinkmmt, da das Unglck ber den Kopf hinausgeht, so ist das wohl groe
Pein, aber es setzt sich auch wieder, und wenn man endlich es berstanden hat,
so ist man froh dar, ber und mochte gar nicht, da es nicht begegnet wre. Es
freut mich nichts mehr, denn es ist mir ein Zeichen, da die Zucht Gottes bei
mir wohl angeschlagen hat, als da ich so zufrieden bin mit meinem Lebenslauf
und Gott aufrichtig danken kann. Ich wei zwar nicht, wie es gehen wird. Macht
Joggeli das Wsteste, so kndigt er uns, aber wenn wir einander verstehen und
helfen, so schadet alles nichts; der liebe Gott, der bis hierher geholfen hat,
wird ferner helfen.
    Ulis Vertrauen und Ergebung hatte noch eine Probe zu bestehen. Als er unter
die Menschen kam, war es fast, als sei er ein Gespenst, welches aus dem Grabe
komme, frech am hellen Tage. Mit weiten Augen glotzten ihn die Leute von ferne
an, als sei er eine Giraffe aus Afrika, und kam er nher, so drehten sie sich
weg und machten sich auf die Seite. Da waren Wenige, welche ihm standhielten,
und noch Wenigere, welche ihm die Hand boten freundlich, ihm Glck wnschten
ber seine Genesung, ihn bedauerten wegen seinem Unglck. Sie wuten zwar wohl,
da er kein begrabener Mann war, aber es wre ihnen recht gewesen, er wre es,
dann aber auch im Grabe geblieben. Sie betrachteten ihn als einen verlornen
Mann, und von solchen hat man es lieber, wenn sie einem aus den Augen kommen,
solche setzen die meisten Leute in die grte Verlegenheit. Blo die, welche
allen feinern Gefhlen abgestumpft sind, die grbste Selbst, sucht fr die
grte Tugend halten, haken ihnen kaltbltig stand und fertigen sie sackgrob ab.
Andere kommen aber eben in groe Verlegenheit. Den Einen sagt das Gewissen, sie
knnten helfen und sollten helfen, aber sie mgen nicht; Andere frchten, sie
mchten um Hlfe angesprochen wer, den, sie wollen sie abschlagen, natrlich,
aber ihnen fllt nicht gleich eine Ausrede ein; noch Andere glauben,
herabgekommene Leute msse man verachten, man schade der eigenen Ehre und seinem
Kredit, wenn man mit ihnen freundlich sei, gut bekannt scheine, aber es drckt
sie eine gewisse Unbeholfenheit, mit Manier das alte Verhltnis abzubrechen und
ein neues festzustellen. Das Krzeste und Kommodeste wre immer in alle Wege,
einen solchen Menschen totzuschlagen und sechs Fu hoch mit Erde zu bedecken, da
kriegte man ihn nicht mehr zu Gesichte. Wir sind halt in alle Wege von Natur
schwache, schlechte Geschpfe und zwar ehemals und jetzt, siehe Petrus in
Kaiphas Hofe, siehe auf jeder Brse und an jeder Kirchtre, absonderlich auf den
Rathaustreppen. Das sind aber harte Erfahrungen fr einen Menschen, der ohne
seine Schuld, wie man zu sagen pflegt, obgleich es nur teilweise richtig ist,
ins Unglck gekommen, wenn er sieht, wie man ihm ausweicht, ihn aufgibt. Da gibt
Mancher sich selbst auch auf. Es braucht Mut dazu, das Vertrauen festzuhalten,
wenn man sieht, da alle keines mehr zu uns haben. An die Stelle des Vertrauens
kmmt der Zorn, der Ha und die Rache, und aus einem, der zu retten gewesen,
wird ein unvershnlicher Feind der Menschen.
    So geschah es jedoch mit Uli nicht. Er bemerkte das Benehmen der Menschen
wohl, und Vreneli fhlte es noch besser, da sogar Bettelweiber sich seiner
verschmten und ihm auswichen. Anfangs tat es Uli im Herzen weh, als er aber in
die Kirche kam, die Orgel rauschte, die Gemeinde sang, der Pfarrer betete und
predigte, die Gemeinde zum heiligen Tische wallte, da vergingen ihm die bittern
Gefhle; er verga das Tun der Einzelnen, er fhlte nur die Wonne, der Gemeinde
Christi anzugehren und Pfnder und Siegel zu empfangen, da auch ihm seine
Snden vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben um Jesu willen aus Gnaden
geschenket sei. Wenn schon die Einzelnen von ihm wichen, er blieb doch in der
Mitte der Gemeinde, blieb teilhaftig der Schtze und Gaben, welche unser groe
Meister und Herr seiner Gemeinde erworben hat. Was hat das Abwenden Einzelner zu
bedeuten, wenn man dabei ein lebendig Glied des groen Ganzen wird, dessen Herr
und Meister der ist, von dem sich auch alle gewandt, ber den ein toll und
tricht Volk das Kreuzige! gerufen hat. Aber wenn einer die Gemeinde Gottes
verlassen und Fleisch fr seinen Arm gehalten hat, und nun wird er auch von den
Menschen verlassen, der ist dann allerdings ein armer Verlassener, ein
unglcklicher Tropf.
    Ein Herz voll reichen Segens trug Uli aus der Kirche, sein Sinn war so mild
wie die Sonne, welche den Nebel durchbrochen hatte und gar lieblich schien, er
konnte von Herzen sagen: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Er
konnte wie ein Kind sich freuen und sagen: Weichet nur von mir, ich gehre euch
doch an und es kommt die Zeit, wo ihr mich werdet als Bruder erkennen, euch
meiner freuen werdet und mir danken, da ich nicht Gleiches mit Gleichem
vergalt, in Gott die Gemeinschaft festhielt, als die Welt feindselig sich
zwischen uns stellen wollte. Als sie alleine auf dem Wege wieder waren und
Vreneli frug: Und was sagst zu den Leuten?, antwortete Uli: Nicht viel, es
ist immer wie immer und wird also bleiben, man kann es zum voraus wissen, und
doch tut es anfangs weh, wenn man es selbst er, fhrt. Nun erzhlte er Vreneli,
was ihn getrstet, das freute Vreneli sehr, und einiger als nie kamen sie heim.
Es war, als htten sie neu ihren Bund geschlossen, und mit neuer Kraft und
Besonnenheit gingen sie an ihr schweres Tagewerk.
    Eine groe Freude hatten sie. An einem schnen Morgen kam ein Wgelchen
daher, fast anzusehen wie ein Mller, wgelchen, denn Kornscke lagen darauf Den
muntern Jungen auf demselben kannten sie nicht, und erst als er den Gru von
Vater und Mutter vermeldete, erkannte ihn Uli als des Bodenbauern Kind, welches
ihm aber aus den Augen gewachsen war. Der brachte einige Scheffel vom schnsten
Samenkorn und anderes Gesme. Der Vater habe gesagt, sie knnten es wohl
entbehren und hier werde man es brauchen knnen, berichtete der Junge. Eine
solche Gabe in der Not hat nicht blo einen uern Wert, sondern einen noch viel
grern innern, ist so gleichsam das lblatt, welches die Taube dem Noah brachte
als das Zeichen, da Gottes Zorn im Aufhren sei und seine Gte wieder
hervorbreche im Grnen und Blhen der Erde. Joggeli rgerte sich ber des
Bodenbauern Gte, wahrscheinlich nahm er sie als Vorwurf fr sich. Er fragte den
Jungen, was das Malter kosten solle? Soviel er wisse, nichts, sagte der Junge,
es sei Steuer an den Hagel, wie das so der Brauch sei unter rechten Leuten von
je. Aber Junge, wenn dein Vater sein Korn so billig verkauft, was erbst du
dann? frug Joggeli hmisch. Gottes Segen, sagt die Mutter, antwortete der
Junge. Ja, sagte Joggeli, aber damit hat man nicht gegessen, und nur mit dem
kriegst du keine reiche Frau. Wenn mein Vater so gewirtschaftet htte, es htte
mir angst gemacht. Glaubs, sagte der Junge, Ihr und der Vater werdet darnach
gewesen sein, mir aber macht es nicht angst; habe noch nie gesehen, da der
Vater was Unrechtes getan, und wenn er auch alles weggibt, so ist es seine Sache
und nicht meine. Und wenn ich schon nichts erbe, so hat der Vater uns so
erzogen, da wir uns was erwerben knnen, und nicht zu Tagdieben und um von
seiner Sache zu schmarotzen und sie zu verbrauchen. Das kam Joggeli in die
Nase, er kehrte sich, steckelte ins Stcklein und machte die Tre zu.
    Ulis ruhigere Gemtsweise, sein milderes Wesen, welches nicht immer erhitzt
war zu Feuer und Flammen im Jagen nach einem unerreichbaren Ziele, einem Wagen
gleich, den man ohne Ro und ohne Schmiere dahintreibt, hatte einen wohlttigen
Einflu auf die Arbeiter und das Gesinde. Das, selbe schaffte williger, schickte
sich in die Lage, und der Eine oder der Andere sagte: Es sei kurios, er habe
geglaubt, erst jetzt htten sie es recht bs, das sei aber nicht, es sei ein
viel besser Dabeisein als vor Hagel und Krankheit. Der Junge wute nicht, da
fr das Dabeisein es viel mehr ankmmt auf die Stimmung im Gemte als auf das
Schmalz im Gemse. Diese Ruhe mu sein, wenn die notwendige Besonnenheit, welche
alleine den Sturm der Umstnde siegreich bestehen kann, sich entwickeln soll.
Napoleons groer Heldenmut bestund bekanntlich eben in diesem besonnenen
Zusammenziehen seiner Krfte, vermittelst welchem er nirgendwo unntze Krfte
liegen hatte, sondern alle schlagfertig unter Augen, nicht blo um Angriffen zu
begegnen, sondern am geeignetsten Punkte durch rasches Durchfahren sich Luft zu
machen.
    Gelehrte, Schulmeister und andere Zchtlinge der modernen Schule werden
diese Vergleichung sehr ab Ort finden, denn Krieg und ein Hauswesen, Napoleon
und ein Uli scheinen weit auerhalb dem Kreise mglicher Vergleichungen. Wir
bemerken einfach, da nicht blo jeder Christ ein Kriegsmann sein soll, sondern
da jeder Hausvater einer sein mu, er mag wollen oder nicht, da die Welt
ringsum auf ihn schaut Tag fr Tag und da er gegen diese Welt, bestehend aus
Umstnden und Persnlichkeiten, stehen mu, wenn er nicht zu Boden getreten sein
will, da er ihr abstreiten mu, was er sein nennen will. Die erlaubten
Streitweisen, das wahre Kriegsrecht findet sich in Gottes Gebot und nicht in
ochsenhaften Gelsten. Wahre Grundsue mssen aber wahr sein, im Kleinen und
Groen sich bewhren. Daher meinen wir, Napoleons Kriegsgrundstze, mit welchen
er die halbe Welt bezwang, dann der halben Welt standhielt, bis die bermacht
ihn ohnmchtig machte, seien von jedem Hausvater zu brauchen, der eine Ziege und
drei Hhner hat. Es liegt eine so wunderbare Einfachheit darin, da sicher so
mancher Holzhacker wunderbare Triumphe ber die Welt feiern wrde, wenn er sich
die Mhe nehmen tte, dieselben sich zu eigen zu machen. Da aber menschliche
Berechnung und die kaltbltigste Besonnenheit ihre Schranken haben und da nicht
ein Mensch es ist, sondern ein ganz Anderer, der sagt: Bis hieher und nicht
weiter, das hat niemand wiederum besser erfahren als eben der Napoleon. Die
Anwendung aller in ihm liegenden Krfte und die Bestimmung der Richtung dieser
Anwendung liegen am Menschen, den Ausgang aber bestimmt Gott.
    Das sind groe Worte fr kleine Dinge, aber die kleinsten Dinge sind fr
den, welcher nicht grere erlebt, gro genug, um mit den grten Worten sie
auszudrcken, und die Zahl derer, welche nur sogenannte kleine Dinge erleben,
ist unendlich grer als die Zahl der Herkulesse, Alexander und Napoleon. Daher
wird dem Volksschriftsteller, welcher nicht fr groe Helden, nicht einmal fr
eidgenssische schreibt, erlaubt sein, das sogenannte Kleine, aber den Weisen
das Wichtigste, auch mit den gewichtigsten Worten darzustellen, welche ihm zu
Gebote stehen.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


                            Uli erlebt ein Abenteuer

Uli zhlte seine Khe, ma sein Heu und musterte seine Pferde, bersah sein
Stroh und was sonst in Speicher und Keller, Gnterli und Kammern war, hielt
Kriegsrat mit Vreneli und entwarf mit ihm Operationsplne. Da der Wirt nie Geld
hatte, sein Papier einzulsen, die Dngungsmittel fehlten, das Futter knapp
zugemessen war, weil das zweite Gras ganz oder doch ziemlich gefehlt, so ward
angemessen gefunden, den Viehstand zu beschrnken, Schafe und Khe, welche eben
nicht besondere Nutzung gaben, zu veruern. Uli tat es ungern, er hatte
auserlesenes Vieh im Stalle, wute wohl, da zu wenig Vieh dem Hof schade und
was die Leute dazu sagen wrden. Indessen mu man sich eben nach der Decke
strecken, und dem Hofe glaubte er so wohl getan zu haben, da der jetzt um eines
bsen Jahres willen ihm auch dankbar sein knne. Landmann und Land mssen
gegenseitig sich aushelfen, und ist der Landmann treu, lt das Land sich nie
beschmen, lt seinen Meister nie im Stich.
    Indessen scheute Uli sich doch, trotz seines guten Rechtes, mit seiner Ware
auf einen benachbarten Markt zu fahren. Er dachte, die lieben Nachbaren wrden
allenthalben sagen: Klemme den recht, der bedarf Geld, er mu verkaufen. Wren
wir Pachtherr, wir wollten dem das Verkaufen vertreiben! Wenn alles fort ist und
das Geld vertan ist, dann hat dieser das Nachsehen. Auch frchtete er das
Mannli anzutreffen und bles Nachreden. Er whlte sich daher einen entfernten
Markt aus, nahm zwei junge schne Khe, welche aber eben nicht viel Milch gaben,
und fuhr mit ihnen nach eingebrochener Nacht fort. Er lie sie trappen nach
Bequemlichkeit, friedlich zottelten sie ihm nach; der Mond stund im ersten
Viertel, nach Mitternacht ward es finster. So konnte er seinen Khen alle Mue
lassen und war doch am Morgen frh auf dem Platze, selbst wenn er sie einige
Stunden in einem Wirtshause ftterte und ruhen lie. Ganz einsam war es auf der
Strae, und mit aller Mue konnte Uli seinen Gedanken Gehr geben. Diesmal waren
sie weltlich, doch ohne Bitterkeit. Er dachte ber Joggeli nach und seine
Stellung zu ihm. Der Mann schitterte, Sohn und Tochtermann waren hufig bei ihm,
was Uli sehr verdchtig vorkam. Joggeli wollte Uli wegen Vergtung beim
Hagelschaden oder Zinsnachla kein bestimmtes Wort geben. Das werde sich schon
machen, sagte er, sieh nur gut zum Hof und la mir ihn nicht ermagern. Ja, so
von sich aus Dnger kaufen, wenn man auch Brot kaufen mu, ist fr einen armen
Pchter eine strenge Sache.
    Allmhlich ging der Mond zur Neige, schien zu wachsen, ehe er versank. Er
glich einem mtterlichen Auge, welches noch einmal, ehe es sich schliet, mit
besonderer Innigkeit ber die Kinder strahlt, welche weinend stehen um sie her,
oder einer vterlichen Seele, welche im letzten Augenblicke noch mit erhhter
Weisheit ber die Kinder leuchtet. Wenn vor dem einsamen Wanderer Gestirne
untergehen und verschwinden, wird er selten einer gewissen Wehmut ganz fern
bleiben, es mte denn sein Gefhl versteinert oder seine Gedanken anderswo
gefangen sein. So wie beim Untergang der Sonne der Tau fllt auf die Erde, so
kmmt es ber das Gemt des Menschen. So wanderte Uli auch, achtete sich nicht
der zunehmenden Finsternis, es war ihm, als sei er alleine auf der Welt.
    Pltzlich schlug tief und wild dicht neben ihm ein Hund an. Uli erschrak,
da alle Glieder bebten, die Khe nicht minder, sprangen auseinander. Die
Bewegung reizte den Hund zu wilderem Bellen und Nachspringen. Da pfiff es grell
und nah, da Uli wieder zusammenfuhr, der Hund aber stille ward, Bellen und
Springen einstellte. Uli fate seinen Stock fester, er sah in der Dunkelheit,
da ein Fuweg in die Strae sich mnde, und auf demselben kam eine groe
Gestalt auf ihn zu. Es war Uli unheimlich, denn er wute wohl, da an Markttagen
nachts hier und da einer auf der Lauer stehe, um einem reisenden Hndler seine
Geldkatze abzunehmen, und da es wohl geschehe, da man sich dabei vergreife und
einen erschlage, der keine Geldkatze habe. Jedenfalls wren seine Khe immerhin
ein schner Fang gewesen, wenn auch ein gefhrlicher.
    Habe nicht Angst, sagte eine tiefe, harte Stimme, es tut dir niemand was.
Aber was tust du auf der Strae so spt?
    Uli gab Bericht. Der Mann gesellte sich zu ihm, ein Wort gab das andere. Es
ward schon bemerkt, wie offen ein buerischer Wanderer sehr oft gegen den
wildfremdesten Menschen auf der Strae ist und ihm Dinge erzhlt, welche er da,
heim nicht vor den Mund lassen wrde. Es kmmt ein Bedrfnis zu reden die Leute
an, dessen man daheim sie durchaus nicht fr fhig gehalten htte. So auf der
Strae lassen die reichsten biographischen Studien sich machen. So erzhlte,
sobald er seine Khe wieder hinter sich hatte und die friedfertige Weise seines
Begleiters sah, Uli, woher er komme, warum er verkaufen msse und so weit zu
Markte fahre, damit es nicht heie, er pfeife auf dem letzten Lchlein. Als Uli
sagte, was fr Khe er habe und wie lange sie trchtig seien usw., meinte sein
Begleiter: Du mut zwei Monate lnger angeben, das merkt niemand und jagt dir
manchen Taler in die Tasche. Das mache er nie mehr, sagte Uli, um keinen
Kreuzer wolle er mehr betrgen. Du bist ein rarer Vogel, antwortete der Mann.
Wie kmmst du vorwrts, wenn du so ehrlich sein willst? Nun leerte Uli sein
Herz und erzhlte, wie es ihm ergangen mit dem Mannli und dem Hagelwetter und
wie er begriffen, da bervorteilen nichts helfe, weil Gott es einem hundertmal
eintreiben knne. Gehe er mit der Ehrlichkeit zugrunde, was er brigens nicht
hoffe, da er die Sache verstehe und sich selten verfahre und das Sprchwort
Ehrlich whrt am lngsten nicht umsonst sein werde, so habe er doch den Trost,
er sei nicht selbst schuld, und die Leute tten am Ende doch sagen: Es ist
schade um den, er kann uns fast erbarmen, daneben war er ein braver Bursche.
Gehe er aber als Schelm zugrunde, so msse er denken, er habe es verdient, und
die Leute wrden sagen: Dem geschieht recht, da kann man wieder sehen, was
Betrgen hilft. Aber was sagt dann deine Frau dazu, wenn du so fahren willst?
fragte der Mann. Oh, der ist es ganz recht, antwortete Uli und erzhlte, wie
sie eine sei, so eine adeliche, da man meine, sie sei eine Bauerntochter
gewesen aus dem vornehmsten Hause, und doch so ttig, rhre alles an, und wie er
lngst ein armer Mann wre, wenn er die nicht htte; wie sie sich in alles
schicke und ihn trste, wenn sie sich doch eigentlich am meisten zu beklagen
htte. Aber das hat sie von der Base selig, die hat sie erzogen und bis auf die
letzte Stunde lieber gehabt als die eigenen Kinder und geraten und geholfen, es
htte ein Engel es nicht besser knnen. Es war mir manchmal zuwider und ich
rgerte mich, da die Weiber immer ihre Kpfe zusammensteckten, bildete mir ein,
sie reiseten einander auf. Man erkennt gar oft erst, was ein Mensch war, wenn er
im Grabe ist.
    Also die Buerin in der Glungge ist gestorben, sagte der Mann, ich hrte
nichts davon. He nun, einmal mu es sein, und gewhnlich geht es niemandem bel
und denen wohl, die sterben knnen. Nun erzhlte Uli, wann sie gestorben, wie
Vielen es bel gegangen und namentlich ihrem Mann, fr den sie immer gesorgt wie
eine Mutter, wie wst er auch gegen sie gewesen sei. Sie sei schon lange nicht
recht gesund gewesen, aber da das Sterben so nahe sei, daran habe sie kaum
gedacht. In der Nacht habe man seine Frau geholt, da htte sie schon nicht mehr
reden knnen. Sie htte noch gerne was gesagt, es sei allen himmelangst geworden
dabei; man habe nicht gewut, wolle sie Hand oder Haus oder Hals sagen, und auch
aus dem Denken habe man nicht kommen knnen, so da sie gestorben sei, ohne da
man begriffen, was sie gewollt. Das habe seiner Frau grausam weh getan. Er wolle
nicht einmal davon reden, wie bel es ihnen gegangen, da die Base selig dafr
gesorgt, da alles in Ordnung bleibe; jetzt wisse man von heute auf morgen
nicht, was geschehen knnte, sie liefen alle Augenblicke Gefahr, aus dem Hof
vertrieben zu werden.
    Sein Begleiter fragte dies und jenes, und treulich gab Uli Bericht, und zwei
Stunden oder mehr waren dahin, ehe er sichs versah. Endlich frug er, wie hoch er
die Khe im Preise habe? Hundertunddreiig Taler wren sie unter Brdern wert,
sagte Uli. Ob ich es lsen werde, wei ich nicht. Aber da es nicht anders geht,
kann ich auf einige Taler nicht sehen, heimfhren tte ich sie sehr ungerne.
Weit was? sagte der Mann. Ich habe einen Nachbar, der Khe kaufen will und
nicht ntig hat, auf ein paar Taler zu sehen; wenn er nur recht versorget ist,
das ist alles, was er will. Ist nun alles, wie du gesagt, und ich will es dir
glauben, so sind das gerade Khe fr ihn. Ich gehe bald da ab und will es ihm
sagen. Fordere dann aber herzhaft hundertvierzig Taler, er zahlt sie, und zwar
noch gerne.
    Ja, sagte Uli, wre wohl gut so, aber wie machen, da wir zusammenkommen?
Es gibt heute dort so viele Leute, und ich bin gar nicht bekannt. Weit was,
sagte der Mann, stelle dort beim Wildenmann ein, er ist gleich, wenn du zum
Tore hineinkommst, links. Sage weiter niemanden was, i ruhig deine Suppe in der
Gaststube, bis dir jemand nachfrgt, dem Mann mit den zwei Khen. Lngstens bis
um acht Uhr soll er dort sein. Kmmt er bis um diese Zeit nicht, so fahre auf
den Markt, es ist noch frhe genug, Khe wie diese verkaufen sich immer. Uli
dankte und fragte, ob er nicht auch auf den Markt kme? Wrde der Handel
richtig, so gebe er ihm gerne ein schnes Schmausgeld oder zahle ihm das
Mittagessen und eine gute Halbe. Bin kein Jude, sagte der Andere, indessen
habe Dank fr den guten Willen. Mglich ists, da wir einander sonst noch
antreffen. Wo? frug Uli. Wollen ja sehen, antwortete der Mann, schwenkte
rechts um, und verschwunden war er im dichten Tannenbusch.
    Der Mann gab Uli viel zu denken. Es dnkte ihn, es sei an ihm etwas
Bekanntes, aber er wute nicht was. Die Zge konnte er nicht sehen, denn diese
zu erkennen, war es zu dunkel. Der Mann war ihm berhaupt ein Rtsel, er war
sehr geneigt, ihn fr einen Ruberhauptmann zu halten, welche ja ebenso
erscheinen und verschwinden, Gutes und Bses tun nach ihren Launen. Er wurde
mitrauisch und spintisierte, was wohl hinter dem Vorschlag, beim Wildenmann
einzukehren, stecken mge? Vielleicht da dort der Wirt mit dem Unbekannten im
Bunde sei und, whrend er Suppe esse, die Khe aus dem Stalle stehlen lasse. Er
hatte gute Lust, den Wildenmann zu lassen und direkt auf den Markt zu fahren.
Die Khe hatte er wohl gefesselt und die Stricke gut um die Hand gewickelt. Er
konnte nicht klug werden aus der ganzen Sache und namentlich daraus nicht, da
er des Mannes Nachbar zehn Taler mehr abfordern solle und der Mann doch keinen
Vorteil wolle, weder Schmaus noch Mittagessen. Solche Uneigenntzigkeit wird
sonst sehr selten gefunden in Israel. Er konnte blo denken, der Mann hasse
seinen Nach, bar und mge ihm es wohl gnnen, wenn er zehn Taler mehr zahlen
msse als ein Anderer, wenn nmlich berhaupt an der Geschichte mit dem Nachbar
was Wahres sei.
    Der im Reden so offenherzige Uli wurde, als es zum Handeln ging, pltzlich
mitrauisch, wozu die so selten vorkommende Uneigenntzigkeit des Mannes nicht
wenig beitrug. Es ist wirklich eigen, da man bei gewissen Klassen von Menschen
sich mit nichts mehr verdchtigt als mit Uneigenntzigkeit. Wer ungestraft
gemeinntzig oder uneigenntzig sein will, mu wenigstens (wer es ber sich
bringen kann) der Person oder der Gemeinde, welcher er Gutes tut, wacker den
Balg streichen, sagen, ihr und keiner andern tte er das, denn sie sei eine, wie
keine mehr gefunden werde zwischen Himmel und Erde. Das ist aber dann auch ein
gltiger Grund, der zwischen Himmel und Erde allenthalben begriffen und hie und
da selbst dankbar beinahe anerkannt wird.
    Die Nacht verschwand allmhlich, es zeigten sich Schweinhndler, ja Menschen
auf den Straen. Da man auf Markt, wegen Gesprche beginnen darf, wenn man sich
schon nicht gegenseitig vorgestellt ist, so war Uli alsbald wieder in vollen
Mitteilungen. Er wollte sich verblmt nach dem Wildenmann erkundigen und lief,
um unverdchtig bis zu diesem zu kommen, erst das Register aller wilden Tiere
durch bis zum Ochsen herab, von welchem der Sprung bis zum Wildenmann ziemlich
unverdchtig konnte unternommen werden. Der Wildenmann wurde sehr gerhmt, der
Wirt sei Ratsherr, hie es. Das wolle heutzutage nicht viel sagen, meinte Uli.
Nur wer nicht arbeiten mge, nicht mehr mit Ehren durchkommen knne und dem man
nichts nehmen knne, wenn der Schu hintenaus gehe, sehe auf solche Pstlein. Es
komme noch dazu, da wenn man einem Ratsherr sage, der vermahne, weil er es fr
eine grobe Scheltung nehme. Potz Himmeltrk, jetzt htte Uli, der in letzter
Zeit blo seinem Hause vorgestanden war, den Geist der Zeit in den Wirtshusern
nicht eingeschlrft hatte, also auch nicht auf der Hhe der Zeit stund, bald
erfahren, was es heit, mit unbekannten Menschen politisieren auf der Strae.
Der Schweinhndler, mit dem Uli sprach, war eben neugebackener Ratsherr, kehrte
den Geielstecken um und wollte Uli einen Begriff von neugebackener Wrde
beibringen. Uli dagegen war kein ABC-Kind mehr, verstund blo noch etwas vom
gegenseitigen Unterricht und versuchte nun seinerseits, dem Ratsherrn den
Begriff von Freiheit im allgemeinen und den Begriff von der Redefreiheit
insbesondere so recht vaterlndisch einzulen. Offenbar hatte Uli mehr
Lehrtalent und grere Eindringlichkeit im Vortrag, wahrscheinlich waren auch
seine Lehrmittel bndiger und krzer gefat, kurz der Schweinhndler schrie:
Willst aufhren, du Vieh, weit wen du vor dir hast? Ich bin Ratsherr.
Meinethalben Ratsherr, Schweinhndler oder Schinder (ein solcher sitzt
wirklich jetzt im Groen Rate des Kantons Bern, mnniglich zur Erbauung und zum
Nachdenken), wir sind ja alle gleich vor dem Gesetz, sagte Uli, dem das Blut
hei war und dem daher mehr einfiel, als wenn es kalt war. Hol der Henker das
Gesetz, sagte der Ratsherr, und schweigst nicht und gehst deiner Wege, so
kmmst ins Gefngnis, bis du vergessen hast, wie Sonne und Mond eine Nase
haben. Mach, was kannst, sagte Uli, Streit hast du angefangen, und wir haben
Prefreiheit, auf der Strae kann jeder machen, was er will. Komm verbinde mir
das Maul, wenn du darfst. Mach, was du willst, schreib, was du willst, aber
dsRede, das will ich dir, du verfluchter Aristokrat und Jesuit, zeigen, was das
zu bedeuten hat, schrie der Schweinhndler. Da, von der stillschweigenden
Prefreiheit Gebrauch machend, ma ihm Uli noch einen zweieinhalb Fu langen
Artikel auf, stillschweigend, versteht sich, und trieb darauf seine Khe zum
Wildenmann, obgleich derselbe Ratsherr war.
    Es war aber wirklich ein braves Haus, ein ererbtes, mit altem Schilde und
alten, wohlanstndigen Sitten. Es war ein bedeutender Verkehr da und ein starkes
Zutrauen. Gar manchen Gurt voll Geld sah Uli dem Wirte bergeben zur
Aufbewahrung. Kauften sie was, so kmen sie mit den Leuten hieher, sie wollten
lieber hier bezahlen als drauen auf dem Markte, sagten die Hndler. Nun begriff
Uli wohl, da er bei keinem Mitglied einer Ruberbande sei, und doch war es ihm
nicht so recht behaglich hinter seinem guten Kaffee, denn es kam ihm immer
wahrscheinlicher vor, der Mann habe blo eine Probe machen wollen, wie gescheut
oder wie dumm er sei. Hier knne er vielleicht die beste Zeit verpassen, dann
komme hintenher einer und presse ihm die Khe, welche er nicht heimfhren wolle,
wohlfeil ab.
    Juden schwirrten herum mit der ihnen eigenen Geschftigkeit, beschnoberten
ganz ohne Komplimente Menschen und Vieh, um zu erfahren, ob nicht e Handel zu
machen sei. Bald trat einer zu Uli und frug, ob er nicht ein Ro kaufen wolle,
er knne ihn versorgen, wolle tauschen, begehre nicht bar Geld; ein anderer
pries ihm Uhren an, wie keine noch auf der Welt gewesen, und wollte sie
garantieren bis eine Woche nach dem jngsten Tage; ein dritter hatte
Schnupftcher, Halstcher von echter Seide und sonst noch Tuch von allen Sorten,
wollte allen alles halb schenken aus reiner Liebe und gerade weil sie es seien
und weil ihm das Artikelchen verleidet sei. Uli war fast seines Lebens nicht
sicher, sein Kaffee wurde kalt, weil er ob dem Bescheidgeben nach allen Seiten
nicht Zeit fand, ihn zu trinken. Was kommt er denn auf den Markt, wenn er
nichts kaufen will? frug endlich ein Jude hssig. Er habe zwei Khe da,
antwortete Uli. Wo hat er die zwei Khe, wo sind die zwei Khe? frugen Zwei,
Drei. Sie seien unten im Stalle, antwortete Uli. Komm zeige sie, Bauer! Wollen
sie schauen, kaufen sie dir ab, tauschen mit dir e Ro, e Kuh, wie du willst.
Als Uli sagte, jetzt komme er nicht runter, er msse hier auf jemanden warten,
wollten sie wissen, wo die Khe stnden, wollten sie schauen, sagten, wollten e
Handel mit ihm machen.
    Nicht lange ging es, so kam ein schlichter Bauersmann daher und frug, ob
nicht einer mit zwei Khen da sei? Da fiel Uli ein Stein von dem Herzen; im Ring
der Juden war ihm ordentlich bang geworden, er wute, wie man oft wider Willen
auf einem Markte in ihre Hnde gert und nie anders drauskmmt als geschoren und
beschnitten. Mein Nachbar hat mir gesagt, du httest zwei Khe, welche mir
dienen knnten. Zeige sie mir, wollen sehn, ob wir Handels eins werden, wo
nicht, ist Keiner versumt, sagte der Mann zu Uli.
    Als sie hinunterkamen, hrten sie groen Streit. Ein Jude hatte Ulis Khe
abgelst und wollte mit ihnen aus dem Stalle, um drauen bei Licht sie besser
beschauen zu knnen als drinnen im finstern Stall, wie er sagte. Der Stallknecht
wollte es nicht geschehen lassen, bis der da sei, welcher sie ihm bergeben. Er
sei verantwortlich dafr und lasse nicht jeden Schelm aus dem Stalle nehmen, was
ihm beliebe, da kme er sauber an.
    Als Uli kam, hingen sie an ihm wie Kletten. Wie teuer, Bauer? frug einer.
Sind magere Khe, sagte ein Anderer, fr die ist kein Kauf, ein Dritter; ein
Vierter wollte Ulis Begleiter, der unterdessen die Khe untersuchte, von
denselben wegjagen. Sie seien mit dem Manne im Handel, sagte er, die Khe gingen
ihn also nichts an, er solle gehn, das sei keine Manier, zwischen einen Handel
zu kommen. Nun, Bauer, was willst du fr die Khe? Doch Beide, Uli und der
Andere, waren nicht zum ersten Male auf einem Markte. Uli schtzte die Khe
nicht, der Andere lie sich nicht stren, und als er fertig war, befahl Uli dem
Stallknecht, die Khe wieder anzubinden, einstweilen gingen sie niemanden was an
als ihn, und Beide verlieen den Stall, um das Geschnatter sich nicht kmmernd.
Hui, die Juden ihnen nach, sortierten sich alsbald in zwei Hlften; die eine
rhmte zuhanden des Verkufers die Tiere, die andere machte zugunsten der Kufer
die Khe runter, da man htte glauben sollen, es seien zwei miserable Ziegen,
welche noch dazu kein gesundes Haar am Leibe htten. Da der Handel ihnen
einstweilen gefehlt, zielten sie jetzt nach Schmausgeld und zwar hartnckig, so
da der fremde Mann, der in dem Hause bekannt schien, Uli in ein besonderes
Zimmer winkte, wohin denn doch die Juden nicht nachkamen.
    Hier wurden sie wirklich Handels alsbald einig. Mit schnem Gelde zahlte der
Kufer aus, legte noch einen blanken Taler als Trinkgeld fr die Frau zu und
sagte, wenn er diesmal gut versorget sei, so solle es nicht das letztemal sein,
da sie mit einander handelten. Er htte ein groes Hauswesen, msse viel ndern
und sei froh, ohne viel Gelufe aus versorgter Hand seine Ware zu kaufen. Da es
Uli wunder nahm, wer der Mann gewesen, der ihm nachts begegnet war, so sagte ihm
der Andere, er sei ein Metzger, der aber das Geschft nur noch fr seine Freunde
treibe, ntig htte er es nicht mehr. Er sei ein wenig wunderlich, aber ein
guter Mann; sie seien gute Freunde, und wenn Einer dem Andern dienen knne, so
spare es Keiner. Diese Auskunft setzte Uli ber alles, was ihm dunkel war, ins
Klare. Er dachte, solche Wunderlichkeit, die einem Freunde zehn Taler abnimmt
und sie einem Fremden in die Tasche jagt, mchte er alle Tage erleben.
    Es mgen vom selben Markte wahrscheinlich Wenige frhlicher aus gutem Grunde
heimgekehrt sein als Uli. Von Markten kehrt freilich gar Mancher frohgemut heim,
jauchzt das Land voll, tut, als sei er nun Hans oben im Dorfe. Aber das ganze
Glck kommt aus dem Weingrunde, ist der verdunstet, wird das Gemt zu einer
jmmerlichen Pftze, ber welcher wie ein stinkender Nebel eine elende Stimmung
schwebt, welche das Publikum mit dem Ausdruck Katzenjammer bezeichnet. Nun, der
geht in einem oder zwei Tagen vorber, aber Mancher trgt einen Katzenjammer im
Gewissen davon und der geht nicht vorber, regt sich immer neu, und wenn er auch
vergangen, besonders bei schnem Wetter, kehrt er doch zurck, wenn es donnert.
Und Mancher und Manche trgt das Gift heim, welches ihr Lebensglck fr ihre
ganze Lebenszeit zerstrt und vielleicht noch hinber ins Jenseits wirkt.
    Uli freute sich nicht blo der zehn Taler wegen, sondern als er im Heimwege
das Vergangene berschlug, fiel es ihm ein, der Mann habe ihm deswegen zehn
Taler mehr zugeschlagen, weil er ehrlich sein und punktum bei der Wahrheit habe
bleiben wollen; den Mann aber habe ihm recht eigentlich Gott gesandt, um ihm
Freude ber seine Umkehr zu bezeugen und zum Zeichen, da Ehrlichkeit immerhin
die grte Klugheit sei. Uli war weit entfernt zu glauben, nun msse und werde
Gott ihm allemal, wenn Ehrlichkeit die Versuchung berwinde, ein besonderes
Zeichen tun und den Lohn ihm immer gleich bar auszahlen. Aber es freute ihn
diesmal, das so aufzufassen, er glaubte, er habe das Recht, was ihm begegne,
aufzufassen, wie es ihm am wohlsten tue, sein Gemt am meisten strke, also je
frmmer, desto besser. Er wute wohl, da gar Viele hhnisch ihn auslachen
wrden, wenn er ihnen die Sache erzhlte, als htte Gott sich ihm da eigens
geoffenbart und ihn gestrket, aber er glaubte, wie sie das Recht zum Lachen
htten, htte er das Recht, Gottes Segen zu erkennen in allen Dingen und daran
sich zu erbauen. Und wie sie das Recht htten, um seines frommen Sinns ihn
auszulachen, habe er das Recht, von ganzem Herzen sie zu bedauern, da alles
ihnen bloer Zufall sei, da sie des trostlosen Glaubens seien, sie seien nichts
als Rohre im Sumpfe, aufs Ungefhr von jeglichem Winde hin- und hergetrieben.
    Als er heimkam so frh, wre Vreneli fast ob ihm erschrocken, denn wenn es
mit rechten Dingen zugegangen, konnte er noch nicht schon da sein, meinte es.
Als es nun den Verlauf hrte, hatte es groe Freude, denn es nahm die Sache
gerade wie Uli, zu groer Erbauung und zur Strkung im Vertrauen, da am Ende
alles zum Besten sich wenden werde. Diese Strkung hatten sie aber auch sehr
ntig.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


 Joggeli erlebt auch was und was Altes: da was einer set, er auch ernten mu

Joggeli lie eines Abends Vreneli hinberrufen. Es msse ihm da etwas lesen,
sagte er; er mge Brille nehmen, welche er wolle, so knne er nichts daraus
machen, er verstehe sich gar nicht auf die neue Gschrift, welche aufkme, man
sehe es allem an, wie der Glaube abnehme und bald keiner mehr sei. Vreneli
verstand sich, wie es schien, besser darauf, denn es ward bla, las einmal, las
zweimal, sagte endlich: Das ist kaum, das kann nicht sein. Was nicht, sagte
Joggeli ungeduldig, was nicht? Sage es doch und strme nicht. Vetter, da
steht, Ihr httet Elisis Mann eine Gschrift gegeben, gut fr fnfzehntausend
Taler, die habe er eingesetzt oder versilbert und jetzt wolle man das Geld.
Joggeli begehrte mit Vreneli grlich auf, es knne nicht Geschriebenes lesen
und wolle ihn zum Besten halten. Man lie Uli kommen. Mit groer Not und vielem
Buchstabieren brachte derselbe ungefhr das Gleiche heraus. Das sei ein
abgeredet Spiel, sagte Joggeli, um solche Sachen ihm abzulesen, htten sie nicht
gebraucht zu kommen. Wie sie das htten abreden wollen? fragte Vreneli; sie
seien ja Einer nach dem Andern gekommen, Uli htte nicht gehrt, was es gelesen.
Wenn sie einen Narren haben wollten, so sollten sie sich einen eisernen machen
lassen; das begreife ja jedes Kind, da sie gewut, was im Briefe sei, sie
htten ihn sonst nicht so punktum gleich ablesen knnen, wenn sie ihn nicht
auswendig gewut htten, belferte Joggeli. Komm, Uli, sagte Vreneli, der
Vetter ist aber so wunderlich, da ist nichts mit ihm zu machen. Morgen hat er
vielleicht sich anders besonnen, da wieder mit ihm zu reden ist. Sie gingen
und kmmerten sich, was da fr ein neuer Schelmenstreich abgekartet worden,
rieten, was sie machen sollten, und wurden endlich einig, nichts zu sagen, bis
Joggeli wieder anfange oder die Sache sich von selbst mache. Joggeli sagte
nichts mehr, sie also auch nichts.
    Einige Tage darauf kam Elisi daher und zwar zu Fu in einem schrecklichen
Aufzuge, heulend und schreiend. Es suchte den Mann, der war verloren gegangen.
Er hatte eine kleine Reise vorgegeben, nun war er seit vierzehn Tagen fort,
niemand wute wohin. Das Gerede schwoll an, er htte sich mit dem Schelmen
davongemacht. Dort, wohin er vorgeblich gereist, sei er nie gewesen, an einem
andern Orte htte er viel Geld auf Joggeli hin genommen und sei damit voraus,
wahrscheinlich den Weg aller Spitzbuben, das heit nach Amerika. So heulte Elisi
in Abstzen und wollte seinen Mann haben, oder weil er nicht da sei, solle man
ihm ihn herschaffen. Nun, der Mann war nicht da, aber ein bs Licht ging Uli und
seiner Frau auf, doch enthielten sie sich, ihre Gedanken zu uern. Sie dachten,
jetzt sollte es doch dem Joggeli einfallen, was der Brief zu bedeuten htte, es
sei denn, er htte ihn vergessen. Aber Joggeli hatte ihn nicht vergessen und
sagte doch nichts. Er schweige dazu, dachte er. Wenn er nichts sage, so werden
sie auch schweigen, und er wollte ein Narr sein, da Bescheid zu geben, wo er
nichts schuldig sei. Wollten sie im Ernst etwas, so knnten sie ihn aufsuchen
wie blich und bruchlich.
    Da kam Johannes dahergefahren wie aus einer Kanone und blies Tabakswolken
von sich, da man von weitem htte glauben knnen, sein Charabanc sei eine
Hllenmaschine oder ein kleiner feuerspeiender Berg und blase Rauch von sich. Er
hatte auch vernommen, der Schwager sei zum Teufel und zwar mit hunderttausend
Gulden vom Vater. Man kann denken, wie der schnaubte und tobte. Joggeli wollte
nichts von allem wissen, und das kam Elisi wohl. Johannes htte es zwar nicht
gefressen, aber doch halb zerrissen im ersten Zorn. Joggeli wollte auch nicht
glauben, da der Tochtermann fort sei, er werde nur dem Geheul ein wenig aus dem
Wege gegangen sein; auch er htte Lust, zu gehen, so sei es ihm erleidet, und
doch htte er es noch nicht so lange gehrt. Er wollte lieber, man liee ihn
endlich ruhig und plagte ihn nicht bis auf den letzten Tag. Geplagt zu werden,
werde ihm beschieden sein. Viele Jahre htte ihn die Frau geplagt, es sei nie
recht gewesen, was er gemacht, zu guter Letzt plagten ihn nun die Kinder und
seien ihm immerfort vor der Tre. So kifelte Joggeli, whrend die Kinder heulten
und tobten. Der Alte sei ein Kind, brllte Johannes den Uli an, man knne kein
vernnftig Wort mehr aus ihm herausbringen. Sie htten besser zu ihm sehen
sollen oder Bescheid machen, als sie gesehen, wie er sei, und den Schelm nicht
zu ihm lassen. Wenn etwas geschehen sei, so mache er sie dafr verantwortlich.
Jetzt wolle er der Sache nachfahren, bis er wisse, woran er sei, das werde nicht
so schwer zu erfahren sein. Und htte er es mal, dann schone er niemand. Da
solle er machen, was er knne, sagte Uli; an Joggeli htten sie nichts
Besonderes bemerkt, ihn auch nicht zu hten gehabt. Sie, die nchsten
Verwandten, seien gekommen und gegangen, wann es ihnen gefallen; ihm und seiner
Frau wre es bel angestanden, wenn sie ihnen htten den Zugang verwehren
wollen. Er htte es ihm doch befohlen, sagte Johannes. Selb hast, sagte Uli,
aber ich und die Frau dir wiederum gesagt, da wir mit der Sache nichts zu tun
haben wollen und knnen. Johannes ging ab, ganze Muler voll Lumpen und
Schelmenpack, dem er es eintreiben wolle, vor sich herstoend.
    Es war Johannes allerdings nicht wohl bei der Sache, und er hatte Ursache
dazu; was der Bock an sich selbsten wei, trauet er der Gei. Er lie anspannen
und fuhr dem Gercht nach. Das ist ein Ding, welches oft weit schwerer ist als
das Verfolgen eines flchtigen Hirsches durch amerikanischen Urwald. Diesmal war
es Johannes viel leichter, denn das Gercht war nicht blo ein leises Gemurmel,
sondern ein lautes Geschrei, und nicht Johannes allein, sondern gar Viele jagten
ihm nach und suchten den wahren Grund. So vernahm man bald, da der Bursche
wirklich einen nicht sehr alten Pa habe, den man ihm ohne Bedenken gegeben, da
er immer mit einem versehen gewesen sei, angeblich wegen Handelsgeschften, den
er regelmig, wenn er nach dem Gesetze ausgelaufen gewesen, mit einem neuen
vertauscht habe. Man vernahm, wo er Geld aufgenommen haben solle. Johannes fuhr
darauf los, dort fand er den wahren Grund und ein Papier mit seines Vaters
Unterschrift, auf welchem dem Schwager fnfzehntausend Taler zugeschrieben
stunden. Dem Johannes verging eine ganze Weile das Fluchen, selbst die Pfeife
lschte aus. Als er wieder Atem hatte, ging es freilich wieder los, und das
Versumte hatte er bald reichlich eingeholt. Erst ging es ber den Schwager los,
dann ber den Vater und endlich ber den Herrn Handelsmann oder Banquier oder
wie man ihm sage, der auf das Papier hin das Geld gegeben htte. Dem sagte er
alle Schande, drohte ihm mit Galgen und Rad, und als dies nichts half, wollte er
ihn prgeln. Der aber war nicht dumm, hatte zu rechter Zeit fr Hlfe gesorgt,
und Johannes mute abmarschieren, tat es aber nur unter Donner und Blitz und mit
dem Drohen, wann er wieder komme, so bringe er dann Leute mit Handschellen und
Stricken. Nun kam er auf die Glungge wieder gefahren, wie eine gejagte Seekuh
durch den Schilf fhrt. Der Vater wollte nichts unterschrieben haben, wenigstens
nichts solches. Ein paarmal htte der Tochtermann ihm Pcklein von der Post
gebracht, und da htte er die Quittung unterschrieben, sonst wisse er von
nichts. Wahrscheinlich hatte ihm einmal der Spitzbube das Papier als Postschein
untergeschoben, nach, dem er ihn frher einige Postscheine ber Pcklein, welche
durch seine Vermittelung Joggeli zukamen, unterschreiben lassen. Wenigstens
hatte die Schrift hnlichkeit mit einem solchen Postschein, und Joggeli hatte
schwache Augen, einen schwachen Sinn und war sein Lebtag kein Held im
Geschriebenen gewesen. Wahrscheinlich stak der sogenannte Banquier mit dem
Spitzbub unter einer Decke, sonst htte er wohl bei Joggeli selbst ber den Wert
des Papiers sich nher erkundigt, ehe er Geld darauf gab. Aber bei solchen
Hndeln ist was zu profitieren und weit mehr als bei ehrlichen; wieviel in seine
Tasche flo, vernahm man nicht, auch wrde es kaum in seinen Bchern zu finden
gewesen sein.
    Was das nun fr einen frchterlichen Spektakel auf der Glungge gab, kann man
sich denken. Vreneli mute Elisi ins Haus nehmen, um es vor Johannes und der
Trinette, welche nachgefahren kam, zu sichern. Nun aber heulte Elisi drinnen das
Haus voll, und Trinette heulte drauen ums Haus herum wie ein Hund unter einem
Baum, auf den eine Katze sich geflchtet. Vreneli mute seine ganze Tapferkeit
aufbieten, um vor dem rgsten zu sein. Es mute fr Joggeli in Ri stehen und
gegen die Kinder den Vater schtzen, ber den das ganze Wetter losbrach, den
selbst Elisi verwnschte auf eine schauerliche Weise. Vreneli war vielleicht der
einzige Mensch auf der Welt, vor dem Johannes noch einigen Respekt hatte, und
von Jugend auf mit ihm bekannt, kannte es auch, was auf ihn Eindruck machte.
Freilich mute es sich von ihm bittere Sachen sagen lassen, wie sie mit unter
der Decke gesteckt und wie man endlich sehen werde, wie sie den Vater
beschummelt und was man an ihnen verlieren mte. Es mute sehen, wie bei
Trinette zum Zorn noch die Eifersucht kam, als sie sah, da Vrenelis Worte Macht
ber Johannes hatten. So, von der nimmst du das an, von so einer lssest du dir
das sagen. So, jetzt merke ich, warum du immer hierher gefahren und mich nicht
hast mitnehmen wollen. Jetzt das noch zu allem andern, und fing an zu heulen,
als ob sie hundert hungrige Hynen im Halse htte und gute Lust, ihre Tatzen an
Vreneli zu versuchen.
    Dann brachte man noch Elisis Kinder samt der Nachricht, daheim htte man ihm
alles versiegelt. Johannes wollte alles mit der Peitsche fortjagen, und Trinette
wollte alles, was Joggeli hatte, aufpacken und fortnehmen, und Joggeli sa da
und stierte herum, wollte an nichts schuld sein, sagte, sie knnten seinethalben
machen, was sie wollten. Die Frau selig habe alles auf dem Gewissen, sie htte
ihm den Spitzbub hergeschleppt, sie knne seinetwegen jetzt auch zahlen, er habe
nichts mehr und werde wohl noch dem heiligen Almosen nach mssen. Er habe ihr
oft gesagt, es kme so, aber sie habe es ihm nie glauben wollen.
    Vreneli wute in dem greulichen Spektakel nicht anders zu helfen, als zu Uli
zu sagen:Um Gottes willen tue mir den Gefallen, nimm das beste Ro im Stalle,
fahr, so schnell du kannst, zum Bodenbauer und bringe ihn her; der alleine kann
sie setzen und wei den besten Rat, sonst gibt es wahrhaftig noch ein Unglck.
Ich kann nicht allenthalben sein und alle hten. Statt da sie allmhlich sich
fassen und ergeben, werden sie nur noch zorniger, erbitterter auf einander; es
ist ein greulich Dabeisein und traurig, wie ein Mensch sein Unglck sich selbst
noch unertrglich machen mu. Es ist gerade, wie wenn ein Mensch, der einen
Zentner Eisen tragen soll und schwer daran zu tragen hat, denselben noch glhend
macht, um ja recht doppelt Qual zu leiden unter ihm.
    Uli war dieses Gedankens froh, doch bangte er um Vreneli. Aber du bist dann
alleine, sagte er, und selb ist nicht richtig unter solchen Menschen. Habe
nicht Kummer, antwortete Vreneli, Johannes tut mir nichts und die Weibsbilder
frchte ich nicht. Aber fahre rasch, es ist mir angst um Joggeli. Wenn niemand
wehrt, so plndern sie ihn vollends aus, und hintendrein, wenn die Glubiger
kommen und nichts mehr da ist, gibt es wste Geschichten. Mit dem Johannes ist
es auch nicht richtig, wie ich merken mochte, der wird auch gemacht haben, was
er konnte. Die Liebe war es nicht, welche so oft ihn hergebracht.
    Uli sputete sich, schonte das Pferd nicht. Wenn die Base das htte erleben
mssen! dachte er. Aber, dachte er wieder, wenn sie gelebt, wre das nicht
begegnet. Wie wenn man in einem Gebude einen einzigen Stein wegnehme und
dadurch dasselbe aus allen Fugen, vielleicht zum Umsturz bringen knne, so gebe
es auch einzelne Personen in Familien. Auf einer einzigen Person ruhe das Ganze,
sie halte es zusammen; bei ihren Lebzeiten merke man es vielleicht nicht einmal
so recht, erst wenn sie gestorben sei, in Trmmer das Ganze auseinandergehe,
merke man, da sie der Eckstein gewesen. Wie man doch das Gleiche verschieden
nehmen knne, dachte er, und wie man erst, wenn was zu tragen sei, merke, ob
einer Kraft habe oder keine. Er wisse wohl, er sei ein armer Snder, aber um
alles in der Welt mchte er nicht an ihrer Stelle sein. Er sehe wohl ein, da er
nichts davon, bringe, denn dies Unglck werde auch ihm an die Beine gehen, und
jedenfalls werde ihnen noch etwas brig bleiben, ihm aber nichts als vielleicht
noch Schulden. Indessen wten er und Vreneli zu sparen und zu arbeiten, Angst
habe er nicht, er habe sich darein ergeben, es zu nehmen, wie es komme, und
damit zufrieden zu sein. Aber wie Joggelis Kinder es mit Wenigem machen wrden,
da es nicht mit Vielem gegangen, dazu weder arbeiten noch entbehren knnten, das
begreife er nicht. Das gebe die unglcklichsten Leute, welche immer zwischen
Knnen und Mgen hingen, an allen andern Orten den Fehler suchten, nur nicht an
ihnen selbst, und da, her auch so wst tten ohne Unterla, sich verfeindeten
allenthalben, wo sie Freunde doch so ntig htten. Er dankte Gott nicht, da er
nicht sei wie jene, aber er fhlte sich doch glcklich, da er nicht in ihrer
Haut war, und das ist erlaubt. Dankbar soll man sein fr alle Gnadengaben
Gottes, und ist das nicht eine groe Gabe, wenn man die Kraft empfangen hat, dem
Willen Gottes sich zu unterziehen, und das Gengen, welches brig haben und
Mangel leiden kann und bei, des unbeschwert? Diese Gaben sind sehr zu
unterscheiden von persnlichen Eigenschaften oder Vorzgen, auf die man stolz
wird, um deretwillen man Andere verachtet oder verfolgt. Hier liegt eben das
unterscheidende Merkmal fr alle, welche auch hier den Baum nur an den Frchten
zu er, kennen vermgen. Wer um eigener Vorzge willen sich erhebt und Gott
ihretwegen dankbar sein zu mssen glaubt, der verachtet Andere, beneidet sie,
sucht sie zu erniedrigen. Wer um Gaben Gottes willen dankbar ist, der ist
demtig; er wei, woher er das Beste hat, er bedauert von ganzem Herzen den, der
es nicht hat, er wrde von ganzem Herzen mit, teilen von seiner Gabe, um die zu
erhhen, welche sie nicht haben.
    Daran eben dachte auch Uli. Nicht da er glaubte, er knne da was machen,
dazu war er zu bescheiden und allzu sehr auf dem brgerlichen Standpunkte, als
da er daran nur gedacht htte, er knne was machen. Das ist nmlich der
brgerliche Standpunkt, der im Christentum und namentlich im protestantischen
eingerissen ist, weil der Staat die Alleinherrschaft usurpiert hat, da es auf
die uere Stellung eines Menschen zu Andern ankmmt, ob Einer dem Andern eine
Ermahnung geben darf oder nicht, ob die christlichste Ermahnung als anstndig
oder unanstndig gewertet wird. Es ist in reformierten Lndern so weit gekommen,
da der wrdigste Geistliche einem unbedeutenden weltlichen Beamten, zum
Beispiel einem obrigkeitlichen Schaffner oder Statthalter oder gar
Gerichtsprsidenten, welcher den unchristlichsten Wandel zur grbsten rgernis
der Gemeinde fhrt, nicht die geringste Vorstellung unter vier Augen machen
darf, wenn er sich erstlich nicht den rgsten Grobheiten aussetzen, zweitens als
pfffischer Zelot verschrieen und drittens obern Orts nicht als Jesuit
denunziert sein will. So kam es Uli wirklich nicht in Sinn, da er als Pchter
und Schuldner da was machen knnte, aber er dachte daran, den Bodenbauer darum
zu bitten, und htte gerne ihm gesagt, wo die armen Leute am besten zu erfassen
sein mchten. Aber er mochte denken, wie er wollte, er fand nirgends eine
Handhabe zu einem christlichen Griff.
    Seine Sendung setzte den Bodenbauer in groe Verlegenheit. Lieber nit, Uli,
lieber nit. Kann ich dir was zu Gefallen tun, so soll es nicht Nein sein, aber
da la mich ruhig. Was soll ich da tun so unberufen? Wenn schon du kamest, so
sandte dich nur deine Frau und ebenfalls unberufen. Sie wrden mir doch da
wunderliche Augen machen, wenn ich hinkme und befehlen wollte.
    Mut doch gehen, Johannes, sagte die Frau. Brauchst ja nicht zu sagen,
kommst du geheien oder ungeheien, brauchst auch nicht mit dem Rat ins Haus zu
fallen. Du brauchst sie ja nur zu gren, und wollen sie nichts von dir, so
kannst wieder gehen. Sieh, tue das der Base unter der Erde zulieb und denke,
wenn unsere Kinder in einen solchen Fall kmen, wovor Gott sie bewahre, wir
wren auch unterm Boden dankbar, wenn ein guter Freund ungeheien kme und sich
ihrer annehmen wrde.
    Kurz Johannes mute gehen, er mochte wollen oder nicht. Auf dem ganzen Wege
wand er sich als einer, der Bauchweh hat. O Uli, sagte er, du weit nicht,
wie mir das zuwider ist. Wenn man mit seinen eigenen Sachen fast mehr zu tun
hat, als man fertigen kann, in der Gemeinde zu tun hat, da man oft lange Zeit
durch nicht zum Sitzen kommt oder tagelang sitzen mu, da man glaubt, man sitze
auf Feuer, wenn drauen die Sonne scheint und alle Hnde voll zu tun sind, und
dann noch die Nase unberufen in fremde Hndel stecken, unberufen und ohne einmal
zu wissen, was man, um bei der Wahrheit zu bleiben, fr ein Frwort brauchen
soll, da man da ist, das ist dumm. Und zu wissen, da das noch einen langen,
langen Schwanz haben kann, und es doch tun, das ist noch viel dmmer. Was
meint Ihr? fragte Uli, was fr einen Schwanz? He, was fr einen? sagte
Johannes. Wenn da so einer dazwischenkommt, so mir nichts dir nichts, so denkt
man, er habe Freude an solchen Sachen und spricht ihn an, und am Ende, er mag
wollen oder nicht, mu er darhalten, mitmachen, Luf und Gnge haben und am Ende
des Teufels Dank. Wenn Ihr das frchtet, so habt Ihr ja eine gute Ausrede: Ihr
seid mein Brge, und leider Gott kann es beide Wege gehen, und manche Sache ist
ja nicht ausgemacht. Wre das nicht Grunds genug? Uli, gibst noch einen
Gemeindsvater, sagte der Bodenbauer. Du hast recht, da mir dies nicht
einfiel! Aber die Sache ging mir zu rund und rasch im Kopf herum.
    Nun traf es sich, da der Bodenbauer nicht in einem ruhigen Augenblick
ankam, wo man Zeit hatte zu denken: was will der und wo kmmt er her? Es wurde
gebrllt, gestritten, gelrmt, und als Joggeli den Bodenbauer von weitem sah,
rief er: O Vetter, Vetter, wie gut ist doch, da du kmmst; da haben sie mich
zwischeninne, als ob sie mich morden wollten, hilf mir, Vetter, rate mir. Es
waren nmlich Gerichtspersonen da der bekannten Schuld wegen. Da solche
Formalitten allenthalben anders sind, so enthalten wir uns aller nhern
Spezialitten.
    Der Sohn, welcher eben erst heimkam von einer Rundreise, auf welcher er bei
Freunden Rat und Trost erst halbschoppen-, dann schoppen-, endlich flaschenweise
geschpft, wollte sie vom Hause wegprgeln, Joggeli wollte nichts
unterschreiben, auch keinen Abschlag geben, kein Zeugnis, da das Ding bei ihm
verrichtet worden sei. Er rhre keine Feder mehr an, sagte er, ein Narr sei, wer
es tue. Wenn er gewut, wie man sich damit verfehlen knne, er htte sein Lebtag
keine zur Hand genommen. Trinette und Elisi grnneten einander an, erst aus der
Ferne, rckten sich aber nher und nher, und wre Vreneli nicht dazwischen
gestanden, so wren sie einander sicher bis auf Nagelweite nahegerckt. Weiber
liefern ihre Gefechte gern in nahen Distanzen, je nher je lieber. Mnner haben
es bisweilen umgekehrt. Die Gerichtspersonen begehrten ebenfalls auf. Hinter dem
Mist krhte der Hahn, und zwei feindselige Hunde gingen zhnefletschend um
einander herum.
    Auch Vreneli verlie seinen Posten unbedacht, grte den Bodenbauer
freundlich; da, risch, die Trinette auf das Elisi, dann, ermutigt durch das
Beispiel, ein Hund auf den andern, und ein Brllen, Wlzen, Spektakel entstand
von Hunden, Trinetten, Elisi bunt durcheinander, da niemand wute, war man ganz
im Tierreich oder noch halb und halb unter Menschen. Man ri Weiber und Hunde
auseinander, nahm es aber nicht so genau, ob die Futritte Weiber oder Hunde
trafen. Bekanntlich streckt man auch die Hnde nicht gern zwischen streitende
Weiber oder beiende Hunde, man kriegt gern Zhne drein. Nun, am Ende stoben die
zusammengebissenen Parteien heulend auseinander, und die andere Partei, welche
eigentlich nicht beien wollte, sondern blo reden, konnte ihre Verhandlungen
wieder erffnen. Die Gerichtspersonen beklagten sich bitterlich und sprachen des
Bodenbauers Vermittlung dringlichst an. Sie trgen ja keine Schuld an der Sache,
sagten sie, tten nichts als ihre Pflicht, begehrten nichts, als was gesetzlich
sei; da lieen sie sich nicht persnlich beleidigen, dafr sei ein Richter. Die
Leute ins Unglck zu bringen, begehrten sie nicht, sie seien bereits tief genug
darin; das sollten die Leute begreifen, dnke sie.
    Ja aber, Vetter Johannes, Vetter Johannes! Der Lumpenhund, der Spitzbube
hat mich betrogen, ists dann recht, da ich bezahle? Soll ich allein darunter
leiden, da der Spitzbube mich betrogen hat? Der Vetter Johannes sagte, das
knne er begreiflich nicht entscheiden, da er nicht wisse, worum es sich
eigentlich handle und was die Vorgnge seien. Nun erzhlen es ihm alle, aber das
Ding war noch schwerer zu fassen als eine neubarbarische, das heit
philosophische Vorlesung. Endlich brachte der Bodenbauer Ordnung in das Chaos,
begriff, und endlich sagte er, das sei eine fatale Sache, sie bekmmere ihn
sehr. Er knne nicht begreifen, da man da so mir nichts dir nichts mit den
Gerichten komme, ehe man gtlichen Weg versucht, das sei sonst Sitte. Da mute
auf die Einrede der Gerichtspersonen Joggeli endlich sagen, es seien ihm zwei
Briefe gekommen mit allerlei Redensarten, die er nicht begriffen. Er habe nicht
gedacht, da das was zu bedeuten htte, und das Papier abseits gelegt; es knnte
ihm jeder Narr schreiben und in den Brieftun, was ihm gefalle. Ja so, sagte
der Bodenbauer, also geschrieben hatten sie; aber angefragt vorher, wie die
Sache sich verhalten, das wird nicht geschehen sein. Das wre jedenfalls
anstndig gewesen, aber die Sache ist, wie sie ist, mit Prgeln macht sich das
allweg nicht. Gebt eine Antwort, da eine Einigung Zeit und Platz hat, eines
Tages macht sich das allweg nicht.
    So geschah es endlich, das Gerichtspersonal entfernte sich und der
Bodenbauer wollte ebenfalls gehen. Aber er mute bleiben und sollte raten. Ja,
sagte er, die Sache ist schlimm. Da wird wenig anders zu machen sein als
Zahlen. Die Unterschrift ableugnen tte er nicht, von wegen es mge gegangen
sein, wie es wolle, unterschrieben sei unterschrieben; ein Dritter vermge sich
dessen nichts, und wenn er auch unter der Decke sein sollte, so sei es noch
nicht bewiesen. Elisis arme Kinder knnten ihn dauern, denen sei es abgestohlen;
daneben, wie er Vetter Joggelis Vermgen kenne, schade das weiter niemanden
etwas. Vielleicht da, was Joggeli dem Tochtermann geschwitzt, als Weibergut
knne geltend gemacht werden, und was spter noch auf diese Seite fallen werde,
solle er alsbald durch ein Testament bestimmen und regeln, da der flchtige
Vater nichts mehr dazu zu sagen habe.
    Ein Wort gab das andere, und endlich sah der Bodenbauer mit Schrecken zwei
Dinge: da Joggelis Vermgen nicht mehr das war, was es gewesen, und Joggeli
statt ein Mann ein Kind sei, das nicht wute, was es machte, nicht
zurechnungsfhig war. Wit Ihr was, Vetter, sagte er endlich, wit Ihr was:
geht vor Eure Gemeinde und begehrt einen Beistand, der in diesen verwickelten
Dingen mit Verstand Euch beistehe. Ihr seiet alt, Euer Sohn weit, und was es
koste, zahltet Ihr gern. Potz Himmel, wie fuhr da Johannes, der Sohn, auf! Ehe
da er dulde, da der Vater gevogtet werde, schlage er Himmel und Erde entzwei,
brllte er. Da wrdest du zu tun haben, sagte der Bodenbauer ruhig. Mache was
du willst, aber wre ich an deiner Stelle, ich besnne mich nicht zweimal;
daneben mach, was du willst, die Sache ist nicht meine, sondern ganz
hauptschlich deine. So wie ich merken mag, hast du deinen Teil auch erhalten,
und den guten Vater habt ihr beerbt bei Lebzeiten. Es scheint da allweg viel
weggegangen zu sein. Kommt nun deiner Schwester Vormundschaftsbehrde dahinter,
so trittet sie klagend auf, beschuldigt den Vater unverstndiger Handlungen usw.
Dann sieh, wie es geht. Begehrt ihr es aber selbst, so behaltet ihr die Sache in
Hnden, knnt euch mit eurer Gemeinde verstndigen, und die Sache luft so bse
nicht. Wenigstens friedlich, soviel an euch.
    Da wolle er lieber den Teufel fressen samt dem Stiel und die Gromutter als
Dessert, als da er seinen Vater wolle bevogten lassen. Wer es gut meine, knne
so nicht raten aber wer was Unsauberes in der Wsche habe, kriegte es vielleicht
auf diese Weise am leichtesten ohne Wascherlohn wieder, brllte der brllhafte
Wirt. Ja so, sagte der Bodenbauer, ist das so gemeint. Sieh, dir sagt man nur
Rubigenstrub, aber doch hielt ich dich fr witziger. Ich meinte es gut, dein
Vater dauert mich, du aber nicht. Dir bessert es nicht, bis du von der tauben
Kuh gefressen hast, und dann vielleicht noch nicht. Ich habe da allerdings etwas
in der Wsche, aber ich vermag den Wscherlohn zu bezahlen, und wre er noch
einmal so gro; ich bin kein Wirt, der am Verlumpen ist. Und weit, ich zahle
den Wascherlohn noch dazu gerne, ich wei, ich erhalte ihn wieder; ich wrde fr
Uli lieber zehntausend Gulden zahlen als fr dich tausend, weit! Und jetzt
beht euch Gott und lebet wohl; wem nicht zu raten ist, ist auch nicht zu
helfen! So sprach der Bodenbauer hochaufgerichtet und im Zorn. Denn in solchen
Punkten verstand er nicht Spa. Sie htten ihm nicht gesagt, da er helfen
solle; wenn sie dann seine Hlfe begehrten, so wollten sie es ihm sagen lassen,
sagte Johannes, der Rubigenstrub, halblaut. Die Frau selig habe viel auf dem
gehabt, jetzt sehe man, was er sei, sagte Joggeli, der von der ganzen Sache
wenig oder nichts mehr begriff.
    Fraueli, sagte der Bodenbauer zu Vreneli, wenn du mir nicht so lieb
wrest, so wre ich mein Lebtag bse ber dich, da du mich da hineingezogen.
Aber so habt ihr Weiber es, ihr meint, es msse allenthalben geholfen sein, und
wo eure Arme zu kurz sind, Stot ihr die Mnner hinein. Da ist nicht mehr zu
helfen, das ist, was ich euch sagen wollte. Macht euch gefat auf alles, wo ich
wohne, wit ihr, wenn ihr was ntig habt; und solltet ihr rasch fort mssen, so
hat mein Tochtermann ein klein Heimwesen, welches fr den Aufenthalt euch
vielleicht anstndig wre. So viel im Vorbeigang, damit ihr euch nicht etwa
ngstigt und nach dem ersten Besten fat. Sie haben den Alten ausgesogen auf
eine heillose Weise, wie Spinnen eine Fliege. Vielleicht da noch Ordnung zu
machen, etwas zu retten wre, aber Ordnung zu rechter Zeit will der dicke Bffel
nicht, er wei warum. Nun wird alles drber und drunter gehen, vielleicht gibt
es Prozesse, vielleicht Gott wei was, kurz zhlt darauf, innerhalb Jahresfrist
ist das Gut verkauft und der Alte, wenn Gott sich seiner nicht erbarmt, im
Spital, oder der reiche Glunggenbauer kann von Tre zu Tre sein Essen suchen.
Nein, Gevattersmann, nein, das geschieht nicht; eher tue ich es fr ihn, aber
solange ich sonst noch ein Stck Brot habe, hat er auch, sagte Vreneli. Er war
nie gut gegen mich, aber auch nicht bser als gegen andere Leute. Ich a sein
Brot, als mir niemand welches gab, so soll er es nun auch bei mir haben. Das
ist brav, sagte der Bodenbauer. Es ist schade, da du nicht eine groe Buerin
bist, du httest den Sinn dafr und knntest Vielen Gutes tun, daneben ist noch
alles mglich.
    Trotz ihrer Fassung und des Bodenbauers Anerbieten erschreckte sie die Lage
der Dinge doch, so arg hatten sie dieselbe nicht gedacht, so nahe den Wendepunkt
nicht geglaubt. Ein oder zwei gnstige Jahre noch, und sie htten sich erholt
gehabt. Uli htte gerne die Richtigkeit von Bodenbauers Ansicht in Zweifel
gezogen. Aber Vreneli sagte: Je mehr es darber nachdenke, desto berzeugter
werde es von derselben. Die Schlingel seien nicht umsonst so oft dagewesen und
sicher nicht blo wegen der Kurzweil. Die Beiden htten was gebraucht. Bei einem
einfachen Bauernwesen habe man keinen Begriff, was zwei solche Bursche in einer
Wirtschaft oder im Handel durchzubringen vermchten. Das gehe zweispnnig oder
vierspnnig, wenn die Weiber helfen und nichts nutz seien, wie an beiden Orten
der Fall sei. Uli meinte, wenn man nie viel gehabt, so knne man sich noch drein
schicken, nichts mehr zu haben, und es liege die Hoffnung nahe, wieder zu
gewinnen, was man verloren. Wenn aber so groe Vermgen, mit denen man es nicht
htte machen knnen, dahingingen, so komme ihm das Totgrmen sehr begreiflich
vor. Da ist keine Hoffnung, wieder zu Vermgen zu kommen, und das Leben mit
Nichts, wo man an so viel gewhnt war, mu eine wahre Hlle sein. Es mu einem
zumute sein, als sei man eingenht in einen Gallensack. Die Hauptsache fr uns
ist nun die, da wir mit Ehren davonkommen, wenn schon mit sonst nichts als
vielleicht noch mit Schulden. Sie wollten machen, was mglich, und daneben das
Beste hoffen, bis hieher htten Gott und gute Leute sie nicht verlassen und
wrden es wohl auch ferner nicht. Und wenn es sein, die Prfung bis dahin gehen
sollte, da sie in Pfndung fielen, so mten sie sich auch darein schicken, sie
htten dabei doch den Trost, da es weder mutwillig noch verschuldet sei,
sondern hervorgebracht durch Unglck von hherer Hand, dachten sie.
    Ihr Schicksal lag allerdings in der Schwebe, hing von Gottes Segen und des
Bodenbauers gutem Willen hauptschlich ab. Diesem waren sie dreihundert Taler
schuldig, ihr Geld, welches sie auf Zins gehabt, war eingezogen. Dagegen hatten
sie freilich eine Schrift vom Wirt von fast vierhundert Talern auf dem Papier.
Aber ob sie nicht mehr wert sei als etwa sterreichisches Papier oder gar
nichts, das wuten sie noch nicht. Ein ganzer Zins von achthundert Talern war
nchstens fllig, dazu noch der Zins fr die Effekten. Nun hatten sie freilich
etwas Geld vorrtig, etwas konnten sie noch machen, aber achthundert Taler sind
eine Summe. Bis zur Ernte muten sie auch leben, und ob ihnen am Zins etwas
geschenkt werde, das war unter obwaltenden Umstnden mehr als zweifelhaft.
Freigebig war Joggeli sein Lebtag nie gewesen, dazu besa er eine zu kleinliche
Natur. Eine solche Natur kann bei groem Vermgen und einer guten Frau noch so
quasi mit Ehren durchkommen, ohne als ein Geizhals verschrieen zu werden.
    Genau genommen ist es eigentlich gar keine groe Kunst, bei groem Vermgen
nicht schmutzig und ungerecht zu sein. Aber wenn das Vermgen geschwunden oder
sonst klein ist, das Geld nirgends reicht, immer neue Forderungen kommen und
dazu immer neue Verluste: da nicht zu machen, was man kann, die Schere ins
Fleisch gehen zu lassen, wo man was zu scheren hat, nicht den letzten Tropfen
auszupressen, wo man das Recht zum Pressen zu haben glaubt, das ist schwer.
Darber knnen so Viele sich nicht erheben, sondern halten sich an dem Spruche:
Mache jeder, was er kann. Sie muten dieses auch von Joggeli erwarten, der dazu
alle Tage kindischer, fast ganz regiert wurde von dem Sohne, der ganz erwildet
war und im Lande herumfuhr wie der Teufel im Buche Hiob. Dazu kam noch die
Abschatzung der Effekten, welche Uli zur Nutzung hatte. Beim Abtreten des Gutes
muten die wieder geschtzt werden. Den Minderwert mute er ersetzen, etwaiger
Mehrwert ward ihm vergtet. Hier konnte es einige hundert Gulden auf- oder
niedergehen ohne eigentliche Ungerechtigkeit, aber doch je nachdem man ihm wohl
oder bel wollte. Dann kam es wie gesagt hauptschlich darauf an, ob er die
Pacht ausmachen oder frher davongestoen werde, was bei Verkauf des Gutes oder
Tod des Besitzers gegen eine billige Entschdnis freilich der Fall sein konnte,
und ob die Jahre gesegnet oder ungesegnet seien.
    Er berzeugte sich immer mehr, da der Bodenbauer richtig gesehen und
richtig geraten hatte. So wie der Fall mit dem Tochtermann bekannt war, schneite
es von allen Seiten Forderungen und Abkndigungen, wie es geht in solchen
Fllen. Es hatten gar Viele Ursache zur Angst, wenn der Glunggenbauer noch mehr
solche Stcklein gemacht htte, so knnte es ihnen fehlen. Joggeli stand noch
mancher Schuld als Brge zu Gevatter und ganz besonders bei seinem Sohne. Diesem
wurden nun alle Schulden, welche ablslich waren und von den unablslichen die
ausstehenden Zinse eingefordert; das lief zu groen Summen auf, den Forderungen
konnte auf keine Weise begegnet werden. Da machte es Johannes wie Viele, er
wehrte sich mit Prozessen; das ist aber akkurat, wie wenn man, um dem Fegfeuer
zu entrinnen, in die Hlle springt. Er verflocht auch seinen Vater in diese
Prozesse, und namentlich verfhrte er ihn, wegen den fnfzehntausend Talern
einen Rechtshandel zu beginnen. Das war ein Geflecht von Prozessen, Forderungen
aller Art, da es einem vernnftigen Menschen die Haare zu Berge gestellt htte.
    Dies ward bekannt. Allgemein hie es, wenn der Tochtermann am Schwiegervater
den Schelm gemacht, so sei es sich nicht zu verwundern, denn der Sohn sei noch
der viel rgere Schelm an ihm gewesen. Elisi, das nirgends anders zu sein wute
als in der Glungge, heulte und lrmte, bis endlich der Gemeindebehrde seiner
Heimat, welche eben nicht zu den erleuchteten gehrte, die Augen aufgingen, so
da sie auf Bevormundung von Joggeli drang. Nun erst gab es Spektakel. Dieser
Antrag kam Joggeli vor wie ein Majesttsverbrechen, und htte er die Macht
gehabt, er htte die Antragsteller erst kpfen lassen. Begreiflich gab das einen
neuen Proze auf die andern alle. Diese Prozesse sind die allerangreiflichsten
fr die Person, welche bevogtet werden soll und es nicht annehmen will. Die
Antragsteller sind also gentigt, ihr Begehren gehrig zu begrnden. Um das zu
knnen, mssen sie nun alle mglichen Merkmale auffhren, da der Besagte nicht
mehr imstande sei, sein Vermgen selbst zu verwalten. Freilich werden Kinder,
welche so was begehren, im Eingang sagen, wie das Begehren ihr Herz zerreie,
wie sie es aber den eigenen Kindern schuldig seien; sie werden nie anders reden
als von ihrem geliebten, verehrten, unglcklichen Vater, werden dann aber dazu
alle Schwachheiten, Dummheiten, welche er von den ersten Hosen an gemacht,
aufzhlen. Ja sie sind imstande, des Vaters Heirat mit ihrer Mutter als seine
grte Dummheit, als ein Zeichen seiner momentanen Verrcktheit anzufhren.
Zuweilen wird des Vaters kindischer Zustand nicht von der Heirat, sondern von
der Mutter Tod weg datiert. Dann wird aber doch gesagt, da er eigentlich sein
Lebtag nie ein Mann gewesen, die Mutter die Hosen angehabt htte, seit sie aber
gestorben, sei er vollends dumm geworden. Nichts wird geschont, sein Bild nicht
blo aschgrau, sondern brandschwarz gemalt. Das alles nun mu der Betreffende
lesen, sollte es verdauen und kann nicht, geschweige sich daran erbauen. Dann
mu er ein ander Bild von sich entwerfen lassen, wo er wie ein Herrgott strahlt,
und hat er Malice auf seine verstorbene Frau, so wird der munter ausgewischt,
wobei er sie jedoch immer seine liebe Selige nennt, welche er dem lieben Gott
von ganzem Herzen gnne. Hintendrein kommen rzte, manchmal noch der Pfarrer und
manchmal noch Andere und untersuchen einen nach Stand und Vermgen grndlich und
nicht grndlich: ob der zu Bevogtende dumm sei oder gescheut, entweder ganz oder
halb, zurechnungsfhig oder nicht, zurechnungsfhig entweder ganz oder halb. Das
ist fr den Betreffenden eine uerst interessante und lehrreiche Untersuchung,
man kann es sich denken!

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


                 Wie Gott und gute Leute aus der Klemme helfen

Unterdessen verfiel der Zins, Joggeli wollte keinen Kreuzer daran schenken. Wenn
man das Geld ntig htte wie er, so schenke man nichts, das wre ja das Dmmste,
was er machen knnte. Dann wohl, dann htte man das Recht, ihn zu bevogten! Wenn
er schon wollte, er drfte nicht, Johannes tte viel zu wst; er glaube, er
risse ihm den Kopf ab, sagte er. Es dnkte Uli streng, er hatte Lust, wenn auch
nicht zum Prozedieren, so doch Vermittler anzusprechen, oder wie man hier sagt,
eine Freundlichkeit anzustellen. berdem, meinte er, knnte man ja eine
Gegenrechnung machen. Vreneli msse so viele Zeit mit Joggeli versumen; sie
lieferten mehr, als sie schuldig seien, und Elisi samt seinen Kindern mten sie
ja fast alleine erhalten, die Kinder seien immer bei ihnen und ber ihrem
Tischkasten, als ob es ihr eigener wre. Vreneli wehrte: Wo kein Verstand mehr
ist, kann man keinen machen. Bei der Vermittlung kme nichts heraus, wenn die
Mnner schon einreden wrden. Johannes, der Unflat, tte es nicht, der ist zu
geldhungrig. Mit dem Rechnen ists ebenso. Sie wrden sagen, wenn wir mehr
gegeben, als wir schuldig seien, so sei das unsere Sache. Warum wir es getan,
warum wir Elisi und seine Kinder nicht fortgejagt? Wenn wir die Gutttigen
machen wollten, so sollten wir nicht hinten, drein abrechnen wollen, das htte
keine Form. So wrde man uns antworten, dann knnten wir prozedieren; vielleicht
tten wir es gewinnen, vielleicht verlieren, und wollen wir das?
    So sprach Vreneli. Uli sagte, er wisse, was Prozedieren sei, die Lust dazu
habe er verloren. Er habe blo gemeint, man knnte probieren, so gleichsam an
die Tre pochen. Weit nicht, Uli, sagte Vreneli, da der Teufel ein Schelm
ist? Gibt man ihm einen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand. Und dann ist
das: die Sache scheint sich in die Lnge zu ziehen, wir knnen sicherlich
dableiben noch ein Jahr und die Aussichten sind prchtig. Wir haben ja Lewat,
der alleine macht uns wenigstens den halben Zins, wenn es gut geht. Zudem
bedenke, ich habe lange das Gnadenbrot gegessen hier. Es war freilich oft stark
gesalzen, doch nicht durch die Base, und wenn ich spter auch etwas dafr
geleistet, so wuten sie doch dies nicht, als sie anfingen, es mir zu geben,
denn ich war ein bser Drache von Mdchen. Wenn wir es jetzt auch nicht
berflssig haben, so haben wir es doch, und wer wei, ob wir je wieder ein
Zeichen tun knnten, da wir erkennen, was ich empfangen. Es wre recht so,
sagte Uli, wenn wir nur wten, wo nehmen und nicht stehlen. Ja, sagte
Vreneli, stehlen sei eine wste Sache, das helfe es auch nicht. Aber als das
letztemal der Bodenbauer dagewesen sei, habe er gesagt, sie wten, wo er wohne.
Ja, sagte Uli, das sei alles gut, aber immer und immer wieder Bettlerwege laufen
zu sollen, sei er doch endlich satt. Vreneli verstand den Ton besser als die
Worte, und in seinem lebendigen Gerechtigkeitsgefhle war es ihm klar, da Uli
allerdings Mehreres habe austreten mssen, was es angegeben, da ihm das
wiederholte Hlfesuchen bei dem Bodenbauer sehr zuwider sein mte.
    Vreneli hatte Vernunft und hielt seinen Mann nicht fr einen dummen
Schweizermann, zu nichts nutz, als deutschen Jungen und Allerweltsbuben,
bankerotten Italienern und herrschschtigen Weibern Kastanien aus dem Feuer zu
holen, kurz es hielt ihn nicht fr einen Neidgauer. Weit du was, sagte
Vreneli, unser jngstes Kind ist noch nicht eingeschrieben; das lteste bittet
schon lange, einmal zur Gotte zu fahren, sie habe ihns eingeladen; nchsten
Sonntag nehme ich den Fuchs, er ist ein guter alter Trappi, mit dem darf ich
fahren und will suchen, was da zu machen ist. Es ist jedenfalls am
anstndigsten, man verrichte solche Sachen selbst. Uli begann keinen edlen
Wettstreit, er sagte blo: He ja, wenn du meinst.
    Vreneli fuhr wirklich am nchsten Sonntage mit dem alten Fuchs und seinen
jungen Kindern. Es war ihm wie einer Henne, wenn sie zum ersten Male ihre Brut
zu Felde fhrt, voll Stolz und Angst. Es waren aber auch drei allerliebste
Kinder, mit welchen es ausfuhr. Sie hatten eine ganz absonderliche Freude, und
je mehr sie sich freuten, desto wehmtiger ward Vreneli. Ihr armen Trpflein,
mute es immer denken, ja, freuet euch nur, es ist das erste Mal und
wahrscheinlich auch das letzte, da ihr mit einem Pferde fahren knnt; dann, ihr
armen Trpflein, knnt ihr einander selbst ziehen, wenn ihr fahren wollt. Seit
seiner Hochzeit war es nie da oben gewesen, eine rechte Hausfrau kmmt selten
weit vom Hause auf dem Lande, besonders wenn Gott sie alle Jahre mit einem Kinde
segnet, in den Schaltjahren mit zweien. Da gab es wohl Vergleichungen zwischen
den frhern Reisen zu Bodenbauers und der jetzigen. Es wre zu wnschen, solche
Vergleichungen wrde kein Gemt peinlicher fassen. Die erste Reise war die, auf
welcher Uli Vreneli eroberte, die zweite zur Hochzeit, die dritte also die mit
drei Kindern, das jngste war daheim geblieben. Es lag in den uern Umstnden
wohl eine Demtigung. Plne, Hoffnungen sind zu Wasser geworden, verhagelt,
fremde Leute mssen um Geld angesprochen werden. Aber ists wiederum doch nicht
was Schnes, eine eroberte Wrde darin, da eine Frau mit solchem Vorhaben
ausfahren darf, mit unbeschwertem Gewissen und in heiterm Vertrauen, die Bitte
werde nicht abgeschlagen? Sackerlot, ihr Weiber im Oberland und Seeland, in
Baselland und Waadtland, wie Manche unter euch darf sich zu Wagen setzen, mit
keinem Vermgen als einem Huflein Kinder zu einem alten Glubiger fahren und
ihn ersuchen, aufs neue einzustehen, und zwar nicht etwa insgeheim, da es unser
Herrgott selbst nicht einmal vernehmen soll, sondern offen vor Weib und Kindern?
Ja, das ist doch etwas Groes, darin liegt ein schnes erobertes Vermgen.
    Ja, wie Manche aus aller Herren Lndern knnte mit Titeln vornen und Titeln
hinten, zu Fu, zu Wagen, zu Ro, mit oder ohne Kinder in allen fnf Weltteilen
herumfahren, sie kriegte vielleicht mit Betteln einige Kreuzer zusammen, aber
anvertrauen, anvertrauen auf ihr ehrlich Gesicht oder ihren ehrlichen Namen
wrde kein vernnftiger Christenmensch ihr drei Kreuzer! Ja, Mesdames zu Stadt
und Land, so schlecht ists mit Tausenden unter euch bestellt: nicht drei Kreuzer
auf euer ehrlich Gesicht oder euern ehrlichen Namen! Das ist verdammt wenig, von
wegen es sind beide darnach bestellt. Doch trstet euch, Mesdames, es ist mit
den Herren oder Mnnern, wie man will, noch schlechter bestellt. Wie viele und
hochgestellte und hochberhmte schieen im Lande herum wie eingeschlossene
Fledermuse an den Fenstern, suchen Vertrauen und finden keins; ja, nicht einen
einzigen Kreuzer kriegen sie auf Gesicht oder Namen, sie mgen schieen, surren,
strmen, so viel und so lange sie wollen. Hchstens vertraut man ihnen das
Vaterland an, ein Zeichen, wie hoch man dasselbe achtet! Ja, wenn man alle die
sammeln und zusammenstellen wrde, Weibervolk und Mnnervolk, welche Geld borgen
mchten und gar keines oder hchstens drei Kreuzer kriegen, man knnte mit ihnen
ganz Hinterasien bevlkern und Vorderasien wenigstens halb. Nun, wenn diese
Vlkerwanderung mal stattfinden sollte, was fr die Bequemlichkeit und Ruhe
Europas nicht so unpassend wre (man denke, wie viel Stellen ledig wrden in
Knigstmern, in Republiken, an Hfen, in Wasch- und Ratshusern), so kann
Vreneli daheim bleiben, es bekm Geld und notabene gern. Das gern ist noch
seltener als Geld.
    Des Bodenbauers Frau war aber auch eine, wie man sie nicht hinter jeder
Haustre findet. Sie dachte nicht bei sich: Gibt wohl der alte Narr der Jungen
da Geld? Wohl, dem wollte ich! Sie rief ihn auch nicht beiseite und sagte ihm:
Probier und gib dieser! Machsts, beim -, ich lasse mich scheiden; das wre mir
wohl, so alt wie du bist, schm dich und denk an Kinder und Grokinder! Die
Bodenburin hatte tiefes Bedauern. Nur nicht den Mut verlieren, sagte sie, es
kommt schon noch gut; ein paar Jahre, so knnet ihr euch wieder aufhelfen. Ja
freilich, helfen mu man euch. Es ist ja hundertmal ntzlicher, man untersttze
brave Leute, wo man noch den Glauben haben kann, das Geld sei nicht zum Fenster
hinausgeworfen, als man werfe es in Spekulationen, wo ein paar Spitzbuben reich
werden, whrend man keinen Kreuzer davon wiedersieht. Aber freilich, die Leute
sind selbst schuld, da man nicht so Vielen aufhilft, als man wohl knnte und
mchte. So Viele begehren nicht wieder zu zahlen und werden die rgsten Feinde,
wenn man sie mahnt ans Wiedergeben, es ist akkurat, als ob man ihnen ihre eigene
Sache stehlen wolle. Und wie wohl kme es so manchem Handwerksmann, der was
anfangen mchte und kein Geld hat, wenn das alte Vertrauen noch wre. Frher,
wenn so einer kam, redete ich meinem Mann immer zu, jetzt freilich wehrte ich
schon fter ab. Aber schmen mu ich mich, da es bei unsern Verwandten,
freilich so ganz nahe sind wir ihnen nicht mehr, so geht; darum ist es nur
billig, da wir gut machen, was sie sndigen. Haltet es dem Alten nicht fr
ungut, denkt, er wisse nicht, was er mache, und da er in der Klemme ist, und da
wird man gerne wst gegen die Leute, will sich damit helfen und macht die Sache
immer schlimmer. Denk an die gute Base und sieh um ihretwillen zum Alten, sie
hatte auch nicht gute Zeit bei ihm und tat ihm doch, was sie konnte.
    Das war eine schne Rede, welche die Bodenburin fallen lie, in Kammern und
Parlamenten hrt man langweiligere und kommt dazu doch nichts dabei heraus. Der
Bodenbauer gab das Geld. Probiert aber, sagte er, und gebt dem Vetter das
Papier, welches euch der Wirt gegeben hat, an Zahlungsstatt. Er ist auch schuld,
da Uli sich da eingelassen, und wenn er es schon nicht annimmt fr immer, so
ist es doch nichts als billig, da er dem Wirt ein wenig die Faust macht. Ein
Handel mehr oder weniger soll ihm nichts machen, und vielleicht trifft er einen
glcklichen Augenblick, wo es wieder tropfet beim Wirt. Vreneli nahm aber auch
das Geld nicht leichtfertig, nicht mit den Worten halb Spa, halb Ernst: Jetzt
habe ichs, jetzt knnt ihr sehen, da ihr es wieder kriegt, sondern mit einem
tiefen Seufzer. Wei Gott, wann wir es wieder geben knnen, aber es soll
geschehen, wenn Gott uns das Leben lt, und sollte ich es mit Kuderspinnen
verdienen. Das wrde dich doch noch blangen, sagte die Bodenburin lachend.
Wir wollen hoffen, es werde dir besser gehen. Ihr seid Beide jung, eine Zeit
ist nicht alle Zeit, und wer das Unglck brav ertragen hat, der wird dann wohl
auch mit dem Glck umzugehen wissen. Je schwerer es dir ist, das Geld zu nehmen,
desto leichter, hoffe ich, wird dir das Wiedergeben, oft geht es umgekehrt.
    Sie waren also sozusagen wieder unter Dach, geborgen im Wohlwollen oder in
der wohlerworbenen Gunst guter Leute, und konnten ruhig die Tage kommen sehen.
Uli glaubte, er sei es ihrer alten Freundschaft schuldig, dem Wirt das Papier
zuerst zum Einlsen zu prsentieren, ehe er es in fremde Hnde zu geben
versuche. Diese Zartheit rechnete ihm aber der Wirt nicht eben hoch an. Mache
du mit dem Wisch, was du kannst. Wenn ihn jemand will, so gib ihn und wirf noch
die Kappe nach! Aber Geld begehre nicht von mir, und wenn du mich auf den Kopf
stelltest, nicht einen halben Gulden fndest du. Wenn es der eigene Bruder wre,
jetzt knnte ich ihm nichts geben. Mit Betreiben habe keine Kosten, wenn ich dir
einen guten Rat geben kann. Machst du mich unglcklich, kriegst du erst nichts.
Da sind viele Hunderte vor dir, welche ihre Sache vorab wollen, wenn sie was
finden, heit das. Wartet man mir, ist mir einmal der Schwher gestorben und hat
unser Herrgott mir den Vater abgenommen, er mu ihm nicht lieb sein, er htte
ihn sonst lngst begehrt, so gehts dann schon. Aber einstweilen setze man ab!
Wenn ich schon wollte, beim besten Willen knnte ich nicht. Es sei doch hart,
meinte Uli, da er sein Geld so ntig habe und es nicht erhalten knne und
vielleicht gar fr einen Andern Geld borgen msse. Kann dir nicht helfen,
sagte der Wirr, da siehe du zu, ging und zeigte sich nicht wieder.
    Als Uli den Joggeli zahlte, kam es diesem doch selbst ber das Herz, da er
es Uli wst mache. Ich wrde dir gerne was zurckgeben, sagte er, aber ich
mangle das Geld gar bel. Das andere Jahr aber, da will ich dir daran denken;
sinn daran und mahne mich. Das knftige Jahr soll gar oft gut machen, was im
laufenden gefrevelt worden. Aber kmmt es dem Frevler immer? Mit dem Papier,
sagte er, mge er nichts zu tun haben, er wollte, er htte es sein Lebtag so
gehabt. Er solle es dem Johannes zeigen, wenn es dem recht sei, so sei es ihm
auch recht. Dem Johannes war es aber begreiflich nicht recht. Er fluchte gar
mrderlich Uli an: Ob er auch einer von denen - schelmen sei, welche den Vater
um den letzten Kreuzer betrgen wollten! Er wisse ja, der Alte wisse nicht mehr,
was er rieche oder schmecke, geschweige denn was er lese, und doch kme er ihm
mit einem Papier daher, welches keinen faulen Heller wert sei, er mchte es
nicht fr eine Pfeife damit anzuznden.
    Uli ward bse. Er habe nichts darwider, da Joggeli durch Schelme um sein
Vermgen gebracht worden seie, aber mit denen lasse er sich noch lange nicht
zusammenzhlen, eiferte er. Er habe hier nichts gewonnen, das Widerspiel, was er
gehabt, lasse er dahinten, und warum, Weil man ihn behandle, wie es vor Gott und
Menschen nicht recht sei, zum Dank, da er den Hof in Aufgang gebracht. Das sei
doch wohl nie erhrt worden, da man erst einen Pchter verleite, nicht in die
Assekuranz zu tun, um den Beitrag zu ersparen, - und hintendrein den
Hagelschaden alleine tragen lasse, keinen Kreuzer am Zins schenke. Da er da
Papier htte statt Geld, sei auch nicht alleine seine Schuld. Er werde sich aber
hten, von einem Wirte Papier anzunehmen, deren Zeug sei mit Schein heutzutage
nicht einen faulen Heller wert. Wie meinst das? schnaubte Johannes. Nimms wie
du willst, es ist mir gleich sagte Uli. Potz! brllte da Johannes, ich will
dir zeigen, wer du bist; nackt mut du mir auf die Gasse und vielleicht noch
anderswohin! Meinst, ich solle dir nach? sagte Uli, habe keine Lust dazu,
und zwingen wird mich niemand, von wegen ich habe ein reines Gewissen und
saubere Finger. Wart nur, sagte der Wirt, schwarzrot im Gesicht, dir will
ich den Marsch machen! Mach, was du willst, sagte Uli, aber ich denke, es
gehe nicht mehr lange, so werden ich und du hier auf der Glungge akkurat gleich
viel zu befehlen haben, und wenn ich dann noch was schuldig bin, so bin ich es
sicher nicht dir schuldig.
    Sie griffen nicht zusammen, aber groen Zorn hatten Bei, de zu verwrgen.
Johannes konnte dieses nicht trocken tun, er mute Wein dazu gieen und zwar
brav. Er ging daher zum Wirt, dessen Papier er soeben so hart ausgescholten.
Derselbe war sein bester Freund geworden, seit Johannes fters auf der Glungge
war. Je hnlicher ihre Verhltnisse wurden, desto mehr nherten sich ihre
Herzen, Keiner konnte dem Andern mit Geld helfen, aber mit Rat, und wenn Einem
kein Kniff einfiel, so stolperte der Andere ber einen. Ihr Hauptwitz drehte
sich um folgende drei Punkte: so viel mglich auf Borg zu kaufen, der Bezahlung
auszuweichen oder die Last von einer Achsel auf die andere zu legen, wie man zu
sagen pflegt.
    Hier erzhlte nun Johannes, wie er es dem Uli gemacht und noch ferner es
machen wolle. Du hast recht, nur ausgefahren mit dem, sagte der Wirt. Das ist
der dmmste Mensch auf Gottes Erdboden, jedes Kind kann ihn zum Narren halten.
Man kann ihm angeben, was man will, er glaubt alles, und rhmt man ihn erst, so
steht er dir zweg wie ein Hund, den man streichelt. Er ist mir alle Augenblicke
vor der Tre und will Geld, aber er kann noch lange kommen und wird doch keines
sehen. Da wre man ja dumm, sein Geld zu verwerfen, um Leute zu bezahlen, welche
man nicht zu frchten hat. Zu denen mu man sehen, welche wissen, wo angreifen,
die hat man zu frchten; aber die, welche man zurckschrecken kann, die kann man
unbesorgt springen lassen. Einmal gibt man ihnen gute Worte, ein andermal bse,
und laufen sie endlich zu einem Agenten, so steckt man dem was und die Sach
bleibt jahrelang am gleichen Orte; der Lmmel kann nichts daran machen und kommt
nie darber, wo es hlt. So mu man es solchen Menschen machen. Gott Lob und
Dank, es gibt noch viel Solche, sonst wre unsereiner bse bestellt.
    Was der Wirt da so bndig auseinandersetzte, ist wirklich auch so. Es gibt
Leute, welche mit Taschenspielergewandtheit dem Bezahlen auszuweichen wissen,
immer noch Kredit finden, eine unbegreifliche Schuldenmasse aufhufen, ihre Last
jahrelang nicht einmal zu fhlen scheinen, bis endlich das knstliche Gebude
schauerlich zusammenbricht. Hinwiederum gibt es Leute, welche verdammt zu sein
scheinen, nie zu ihrem Gelde kommen zu knnen, bestndig verlieren. Es sind
dieses zumeist noch Leute, welche das Geld sehr ntig htten, welche der Verlust
tief schmerzt, wie zum Beispiel Uli. Es sind zumeist gutmtige, leichtglubige
Leute, welche man traulich zu machen wei, eben wie Hunde mit Streicheln, Leute,
welche entweder keinen Begriff vom Rechtsweg oder nicht Mut haben, ihn zu
verfolgen, Leute, welche von den Agenten noch gerupft werden, statt bei ihnen
Hlfe zu finden. Fr die rmere Klasse ist in diesem Punkte ein schweres Leiden.
Was soll man aber zu einer Gesetzgebung sagen, welche dieser Sorte von
Taschendieben ihr Handwerk erleichtert und wohlverstanden auch sichert, whrend
sie den Kredit der rmeren, aber ehrlichen Klasse zerstrt?
    Wie wenn es wirbelt in Flu oder See, die Kreise sich immer enger und enger
ziehen, bis endlich eine unwiderstehliche Kraft die Wasser und was sie tragen
niederwirbelt auf den Grund, um sie loszulassen, die Wasser in Schaum aufgelst,
tot oder zerbrochen, was sie trugen, so zogen sich Joggelis Prozesse, an denen
er nichts begriff, enger und enger zusammen.
    So sollte er zum Beispiel einen Eid schwren, er htte dem Tochtermann die
Schuldverschreibung nicht unterschrieben, whrend er auf der andern Seite
bevormundet werden sollte wegen Geistesschwche, anderer Hndel nicht zu
gedenken. Den Eid wollte er schwren durchaus gegen den klaren Buchstaben. Aber
der Sohn hatte es ihm ausgelegt mit einigen Flachen. Die Auslegung hatte Joggeli
gefat und hielt sie fest, und was Pfarrer und Andere sagten, es war alles an
eine Mauer geredet. Vreneli machte ihm einmal Vorstellungen, ob er mit einem
falschen Eide ins Grab wolle? Um sein Vermgen habe er sich gebracht, ob er nun
zu guter Letzt auch seine Seligkeit verwerfen wolle? Das verstehst du nicht,
antwortete Joggeli, Weiber sollten in solche Sachen gar nicht reden. Meine Frau
selig tat es auch immer, darum kam die Sache endlich so. Johannes hat es mir
ausgelegt, da der Eid mich gar nicht berhre, er wird das besser wissen als du.
Ungerechteres knnte es doch nichts geben, als wenn ich so mir nichts dir nichts
ein solch Geld zahlen sollte. Das wird mir doch kein rechter Mensch zumuten?
Aber du hievest es immer mit allen Andern gegen mich. Was ich dir zuleide getan,
wei ich nicht. Wenn wir dich nicht angenommen, als dich niemand wollte, so
knntest du jetzt sehen, was aus dir geworden. Das wird wahrscheinlich der Dank
dafr sein sollen. Ich sagte es der Frau selig immer, was du fr eine seiest,
aber sie wollte es nie glauben. Jetzt knnte sie es wieder erfahren.
    Was sollte Vreneli darauf sagen? Kmmt einmal ein Mensch in diese
Verstocktheit, wird er so kindisch oder hat er sich so tief in einen Wahn
festgerannt, so ntzen Worte nichts mehr. Die Trnen schossen Vreneli in die
Augen. Ja, wenn die Base noch lebte, es wre viel anders, und manches, das noch
geschehen soll, wrde unterbleiben, sagte es. Ich kann nichts als beten, da
jemand anders weiser sei als Ihr und den Eid Euch nicht zulasse.
    Diesen heillosen Eid, von welchem alle Welt wute, da er falsch war,
whrend man dem alten armen Tropf alle Tage einredete, er solle ihn tun, weil er
ihn tun knne, so da er allein es glaubte, er schwre recht, whrend er doch am
besten wissen sollte, da er falsch schwur, bejammerte Vreneli unendlich. Es
meinte, es sei da was zu machen, nicht blo mit Beten bei Gott, sondern auch mir
Vorstellungen bei Menschen, denn was man selbst ausrichten knne, das berlasse
Gott dem eigenen Vermgen. Es lief herum, es lief zum Pfarrer, zu diesem, zu
jenem; alle waren seiner Meinung, das Ding sei ein heilloses Spiel. Der Pfarrer
meinte, am besten wre es, wenn der Eid verschoben werden knnte, bis der Streit
ber Joggelis Zurechnungsfhigkeit entschieden sei. Dieser Aufschub sei sehr
wohl mglich, sagte er, wenn das Gericht oder der Richter den guten Willen
htten. Diesen hatte der Richter aber nicht, er war ein Jurist von der grbern
Sorte; er fragte einer Seele gar nichts nach, und ob ein alter Mann einen
falschen Eid tue, kmmerte ihn viel weniger, als da zu den Bratwrsten, welche
er besonders liebte, kein Kalbfleisch genommen werde. Der Tag der Eidesleistung
blieb angesagt.
    Da, einige Tage vor demselben, fand eines Morgens Vreneli den Alten, dem es
das Frhstck bringen wollte, sprachlos im Bette, ein Schlagflu hatte ihm die
Zunge und eine Seite gelhmt. Im ersten Augenblick erschrak Vreneli. Dann aber
hob es sein Auge auf und sagte leise: Das hat Gott getan! Der Arzt wurde
geholt, das Mglichste zu Joggelis Wiederherstellung versucht, doch umsonst. Der
Schlag wiederholte sich, am dritten Tage war Joggeli eine Leiche. Jetzt waren
die Prozesse zu Ende, ein hherer Richter hatte gesprochen. Das habe Gott gewi
der Base zulieb getan, sagte Vreneli zu Uli. Es vergebe dem Vetter von ganzem
Herzen alles, was er ihm gesagt und getan, aber sagen msse es, Gottes Gte habe
er nicht verdient, denn keinen Menschen htte es gekannt, der Gott weniger
nachgefragt. Aber wie es jetzt gehen wird, was meinst, Uli? Wer will die
verwickelte Strange Garn lsen, da eine Elle gro ganz bleibt? Wei Gott, wie
es geht, sagte Uli. Ich wollte mich in alles gerne schicken, wenn nur der
Wirrwarr vorber wre und die Ungewiheit einmal aufhrte. Aber ungeduldig
wollen wir nicht werden; es ist schon vieles vorbergegangen, das wird auch zu
berleben sein.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


                          Wie der Knuel entwirrt wird

Ein harter Schlag war dieser Tod fr Johannes. Wenn er frher auch Joggeli die
Seligkeit, wie er sagte, gerne gegnnt htte, weil es dem Vater wohl und ihm
nicht bel gegangen wre, jetzt war dieser Tod fr ihn ein groes Unglck. Jetzt
kam die Vermgensmasse in unparteiische Hnde, ihr Bestand mute ausgemittelt
werden so wie Schuldner und Glubiger. Er war nicht gerhrt, aber tobte
gewaltiglich, da das htte geschehen mssen; es sei gerade, als ob das ihm
absichtlich zuleid getan sei, um ihn zugrunde zu richten. Noch acht Tage, so
htte der Vater geflucht gehabt; dann htte er seinethalben gehen knnen, wohin
er gewollt, die Sache wre gewonnen gewesen.
    ber solche Reden schalt Vreneli den Johannes frchterlich. Er solle doch an
die Mutter im Grabe denken, wenn er auch den Vater nicht achte. Es nehme ihns
doch auch wunder, wo er so gottlos und frevelhaft geworden sei, als Junge sei er
anders gewesen. Wre er Bauer geblieben auf der Glungge, so wre es nicht so
gegangen, er wre ein Anderer inwendig und auswendig. Jetzt sei es froh, da es
bald von ihm komme und hoffentlich ihn nicht mehr sehen werde. Es sei ihm immer
angst in seiner Nhe, vom Himmel komme ein Blitz und schlage ein in sein gottlos
Maul. So wre es fr mich, sagte Johannes, und dich ginge es nichts an.
Vielleicht da es gut wre, wenn es so ginge, dann wre ich draus und weg und
allem los. Jetzt schweige mir aber mit dem Gestrm und mache, was zur Sache
gehrt. Ich mag viel von dir ertragen, aber genug ist genug; ich will meinen
Zorn auslassen, wie ich will, magst es nicht hren, so geh weiter!
    Vreneli ging und fiel Elisi und Trinette in die Hnde, die gar jmmerlich
hintereinander waren. Beide wollten geschwind von des Vaters Sachen nun erben,
was da war, dann zum Krmer, dann zu Schneider und Nherinnen und sich neu
kleiden lassen fr das Leichenbegleit. Da tat Pressieren not, innerhalb drei
Tagen mute alles geschehen sein und in der Nhe wohnten keine Pariser Knstler,
weder Schneider noch Nherin (ein Geschpf, welches auf dem Lande auch die
Putzmacherin vorstellt). Trinette wollte jetzt alleine erben, wie Elisi bei der
Mutter auch alleine geerbt, was in ihrem Sinne so dumm nicht war. Aber Elisi
begehrte schrecklich auf, dieweil Vater und Mutter ganz verschiedene Kreaturen
seien. Es wre so was fr Lumpenhunde von Shnen und deren Schleipfen, wenn sie
den Vater, welcher das Vermgen in Hnden htte, alleine beerben knnten. Potz
Schie, wie spitzte Trinette die Ngel, akkurat wie ein Kater, dem ein anderer
in sein Revier kommt. So kamen die Gerichtspersonen und teilten den Kuchen, sie
versiegelten alles. Bekanntlich hatte Achilles eine Ferse, welche verwundbar
war, bekanntlich war sogar der hrnerne Siegfried zwischen den Achselbeinen so
empfindlich, da der wilde Hagen ihn von dorther erstechen konnte; die beiden
Gerichtspersonen aber, welche kamen, waren mehr als Achill, mehr als der
hrnerne Siegfried, sie hatten keine verwundbare Stelle, sie waren ledern,
hrnern, eisern ber und ber. Die Weiber mochten lieblich oder grimmig tun,
Johannes blitzen oder donnern, sie versiegelten kaltbltig alles gut und
whrschaft; es waren nicht blo Halbgtter wie Achill zum Beispiel, es schienen
wirklich ganze Gtter. Es waren nmlich Mnner, welche Nasen hatten, die den
Braten rochen, kaltbltig ihre Pflicht taten, die Weiber auslachten, den
Johannes kurz abfertigten. Wo die Mehrzahl der Erben zahm sind und nicht viel
verstehen oder jung, daher blind wie Katzen vor dem neunten Tag, oder alles
unter einer Decke liegt, ja da lt sich schon was machen, da knnen
Gerichtspersonen human, liberal, halb oder ganz blind sein, das lt sich schon
machen und ist manchmal noch was zu verdienen dabei. Aber wo es heit Feinde
ringsum, das Erbe mit Luchsaugen bewacht, gleichsam umstellt ist wie der Bau
eines eingejagten Fuchses, da lt es sich aufpassen, wenn man nicht Schmutz an
rmel kriegen will statt Geld in die Tasche. Ja, felsenfest und unerbittlich
wird man, hat nicht einmal an der Ferse einen blessierlichen Fleck, wenn in
solchen Fllen nicht eine Hand die andere waschen mu, das heit wenn der
Versucher nicht zum Andern sagen kann: Weit nicht mehr, was dort und dort
gegangen? Jetzt mach was du willst, aber machst es nicht, wie ich will, so rede
ich.
    Unglcklicherweise fr Johannes und die Weiber hatten sie eine solche
Handhabe an diesen Mnnern nicht; Johannes hatte seit langem nicht hier gewohnt,
war hier nie in Geschften gewesen, die Mnner kamen daher nicht in
Verlegenheit, und scharf ward nach Pflicht und Vorschrift gehandelt. Heulend
legte sich Trinette auf ein Bett, da stellte sich Elisi lachend davor und
schabte Rbchen, bis Johannes dem armen Tropf eine Ohrfeige gab, da es blutend
und schreiend zu Vreneli lief, welches ihnen vergeblich vorstellte, welch eine
Schande es fr alle sei, so zu tun, whrend ein Toter im Hause liege. Selbst die
geringsten Leute tten leise whrend dieser Zeit, als ob sie die Ruhe nicht
stren wollten, und htten Respekt vor der Leiche, und sie, die vornehm und
gebildet sein wollten, tten wie betrunkene Menschen! Aber es half nichts. Es
ist gar wunderlich mit der sogenannten Bildung, sie ist gar oft nichts als ein
simpler Kleister ber eine rohe Natur. Bekanntlich aber mag der Kleister das
Wetter nicht ertragen, die Sonne nicht, den Regen nicht, den Frost nicht, so
da, wie man auch kleistert und frisiert, alle Augenblicke die Nase der alten
Natur wieder hervorguckt.
    So schied der alte Mann von der Welt, wie er in der Welt gelebt hatte, in
Mivergngen und Uneinigkeit. Es war ein groer Leichenzug, man sah wohl, da
man einen groen Bauer zu Grabe trug; den Gesichtern dagegen sah man an, da im
Sarge weder ein bedeutender noch geliebter Mann lag, denn nicht nur weinte
niemand als Vreneli und wahrscheinlich dieses auch mehr der Base zu Lieb und Ehr
als dem Vetter, sondern es war ein Geschnatter, selbst ein Lachen oft im langen
Zuge, wie man es sonst hinter einem Sarge her nicht fr anstndig hlt.
    Die Hinterlassenen konnten sich kaum des Streites unter einander enthalten;
sobald sie ein geneigtes Ohr fanden, schimpften sie ber einander, und Johannes,
sobald er ein Glas Wein im Kopfe hatte, plverte dem Vater seinen Mimut noch
ins Grab nach. Der Vater sollte jetzt an allem schuld sein, er, der Johannes,
hatte keinen Fehler. Die Andern, welche auerhalb der Hrweite der sogenannten
Erben saen, ergingen sich in Mutmaungen, ob wohl etwas Vermgen brig bleiben
werde; da das Gut verkauft werden msse, darber waren sie einig.
    Sie hatten aber auch recht, die Umstnde waren noch viel schlechter, als man
es sich vorgestellt hatte. Auch hier wollen wir die Formen, in welchen eine
solche Erbschaft ermittelt, gesichtet, so gleichsam bis zu ihren reinen
Bestandteilen abgeklrt wird, nicht nher bezeichnen. Jedermann in aller Herren
Lndern wird daran hauptschlich das begreifen, da bei einem solchen
Luterungs- oder Aufklrungsproze ein groer Abgang sein mu. Ja manchmal ist
die Masse so konfus und seltsam, da wenn man sie aus den chemischen
Apothekertiegeln herausnehmen will, man ein Erkleckliches weniger als nichts
darin findet. Die Destillation mute um so genauer vor sich gehen, da ber die
eine Hlfte der Erbschaft der Konkurs verhngt, jeder Glubiger ein natrlicher
und berechtigter Wchter war.
    Joggeli hatte keine Art von Verfgung hinterlassen. Im Gewirre der Prozesse
hatte man weder daran noch an Joggelis Tod gedacht. Es fiel Manchem auf, da
Johannes sich den Hof nicht um halb nichts vom Vater habe abtreten lassen. Wir
wissen nicht, warum es nicht geschah. Wollte Joggeli nicht, weil er mitrauisch
geworden auch gegen den Sohn, oder wollte Johannes nicht, weil er dachte,
einstweilen sei der Hof sicherer in des Vaters Hnden als in den seinen, und
wenn des Schwagers Angelegenheiten beseitigt seien, lasse dies sich besser und
sicherer machen als jetzt?
    Als die Angelegenheit vom Gericht zu Handen genommen wurde, tat Johannes
anfangs wie ein angeschossener Eber. Aber da der Gemeinde in solchen Fllen eine
gewisse Verantwortlichkeit aufgelegt ist, da sie zunchst die damit beauftragten
Personen erwhlt, so hatte sie Mnner erwhlt, von denen sie sagen konnte: Die
werden das Brschli schon ebha, da haben wir keinen Kummer. Es fanden sich so
wenige Zinsschriften und Geld vor und so viele Anforderungen huften sich, da
es sich bald herausstellte, das Gut msse verkauft werden. Begreiflich wollte
Johannes nicht und sagte, er sei der Sohn und tue es nicht. An eine Steigerung
es bringen ist gesetzlich, da kannst du bieten wie ein Anderer. Oder wenn du
einen Preis zahlst, mit welchem man kann zufrieden sein, und Geld schaffest, so
viel man ntig hat, so kann man beraten, was zu machen, sagte ihm ein
Vorgesetzter. Aber da eben lag der Haken, wo er mglicherweise noch an andern
Orten liegen mag: wo Geld nehmen und nicht stehlen?
    Johannes hatte also ein Wirtshaus mit bedeutender Landwirtschaft. Je grer
das Geschft ist, welchem Menschen wie Johannes vorstehen, desto rascher geht es
dem Kuckuck zu. Es ist bekanntlich wegen Wasserverbrauch ein Unterschied, ob man
an eine Feuerspritze ein oder zwei oder ein halb Dutzend Rhren schraubt. Die
Landwirtschaft will von allen Wirtschaften den nachhaltendsten Flei und eine
stetige Behandlung, sonst verzehrt sie nicht blo mehr, als sie gibt, sondern
das Kapital wird alle Tage geringer, das heit das Land schlechter. Die
Gastwirtschaft von Johannes wurde alle Tage schlechter in dem Mae, als der Wirt
und die Wirtin die besten Gste wurden, wenn das nmlich die besten Gste sind,
welche am meisten brauchen und nichts zahlen. Je schlechter ihre Wirtschaft
wurde, desto mehr neue Wirtschaften entstanden um sie herum, desto weniger trug
die ihre also ein, desto mehr verringerte sie sich in ihrem Werte. Des Johannes
Besitzung war also eigentlich eine fressende, nicht eine nhrende, keine
eintrgliche, sondern eine austrgliche. Doch konnte Johannes nicht von ihr
lassen; das Leben eines Wirtes, der alle Tage frisches Brot, Fische und Fleisch
von allen Sorten haben kann, war seiner Natur zu zutrglich, um es lassen zu
knnen, auch htte er fr unsittlich gehalten, es zu lassen, denn auf der
heutigen Kulturhhe hlt man fr die hchste Sittlichkeit ein Leben der Natur
gem. Er sagte, wenn er sie jetzt verkaufen wollte, so wrde er fast die Hlfte
daran verlieren. Beide Besitzungen vermochte er nicht zu behalten, besonders da
sein Schwiegervater ihm nicht helfen wollte, sondern grobe Worte gab statt Geld,
er hatte sie wahrscheinlich auch besser. Den Vater htte er gemolken, gab
derselbe zum Bescheid, jetzt werde er auch den Schwher melken wollen, aber oh,
das sei ein anderer Knebel. Wenn noch was da sei, wenn er sterbe, so komme es
allweg den Kindern kommod, es sei Zeit, da einmal auch jemand an die denke. Er
war einer von denen, dieser Schwher, welche immer die schnsten Frwrter
haben, mit den Hauptwrtern dagegen desto schlechter bestellt sind. Er war einer
von denen, welche gerne viel vorstellen. Er hatte ein groes Haus und das Haus
voll hoffrtiger Tchter, von denen jede die Schnere sein und am wenigsten tun
wollte. Dies ist freilich auch eine strebsame Richtung, fhrt aber selten an ein
glnzendes Ziel, sondern zumeist an ein lumpichtes. Des Vaters Betragen mute
begreiflich Trinette entgelten, dadurch wurde sie nicht liebenswrdiger.
Johannes sagte: Man solle sie nur ansehen, was er mit einem solchen Storch als
Burin anfangen solle; fr Wirtin, um unter der Tre zu sitzen und die Hnde zu
reiben, mge sie noch gehen, wenn man es nicht zu genau nehme. Aber wenn er auch
nicht selbst bauern knne wegen dem Storch, so lasse er doch des Vaters Hof
nicht, der kme einst seinen Kindern kommod; er mte sich ja vor ihnen noch im
Grabe schmen, wenn er denselben verkaufen liee, den schnsten im ganzen
Bernbiet! Das war auch ein schnes Frwort, denn htte er ihn wohlfeil erhaschen
knnen, so wrde er sich keinen Augenblick besonnen haben, ihn zu verkaufen,
wenn der Profit ihm aus seinen Verlegenheiten geholfen htte.
    Wir wollen jedoch nicht in Abrede stellen, da es Johannes hart hielt, den
vterlichen Hof zu verkaufen, das adeliche Element war noch nicht ganz in ihm
verflchtigt. Kurios, da Kinder so oft als Frwrter gebraucht werden von
Verschwendern und Geizigen, wobei jedoch zwischen beiden zumeist ein bedeutender
Unterschied im Gemte ist. Der Verschwender, der nicht ganz zum Vieh geworden,
denkt wirklich an seine Kinder, aber leider zumeist hintendrein, wenn es zu spt
ist, der Geizige aber wirklich selten. Ein Geiziger ward einmal um einen Beitrag
zur Erziehung armer Kinder angesprochen. Das sei doch Verstand, ihm so was
zuzumuten, antwortete er. Wie er es im Grabe verantworten wollte, wenn er den
eigenen Kindern entzge, um es fremden zuzuwenden. Der gleiche Geizige plagte
jedoch ganz getrost durch unverstndige Arbeit die eigenen Kinder bis in den
Tod, so viel dachte er an sie.
    Aber wenn einer weder Geld hat noch Kredit, so wird er da, wo es auf Geld
ankmmt, wenig gestimiert, mag er noch so laut brllen. Da Johannes keine
annehmbaren Bedingungen weder stellen wollte noch konnte, mute der Hof an eine
Steigerung kommen. Das tat auch Uli und seiner Frau sehr weh. Vreneli war da
aufgewachsen, wute kaum, wie es anderwrts war. Uli hatte schne Trume gehabt.
    An einem schnen Herbstsonntage saen sie nachmittags vor dem Hause. Tauben,
Hhner, Kinder trippelten um sie her, in traulicher Freundschaft Keins das
Andere frchtend. Es war ein gar freundlich Sitzen da und ein lieblicher Anblick
ringsum. Desto grer ward in Beiden die Wehmut, und die gleichen Gedanken
stiegen in Beiden auf Wie manchmal wohl sitzen wir noch hier? seufzte endlich
Vreneli. Es wird hart halten, ehe ich mich an einen andern Ort gewhnt habe.
Schner mag es an manchem Orte sein, wo weithin das Auge sieht, an den schnen
Seen oder wo die Berge glhen oder glitzern ber das Land herein. Aber
heimeliger wird es mir wohl nirgends werden als hier, wo es grn und so still
ist, am Sonntage man wie in einer groen Kirche ist, alles versunken in heiliger
Andacht und am Himmel das groe Licht so mild und freundlich ber der Erde und
im Herzen das ewige Licht, das da leuchtet in der Finsternis, und jetzt noch
Kinder und Tiere durcheinander glcklich und friedlich, fast wie im Paradiese.
Uli, was meinst, bekommen wir es wieder so? Das Herz will mir so schwer werden,
je nher das Scheiden kmmt; ich whnte, ich sei gefat und knne mich in alles
schicken, aber man kann wohl denken, wie man alles nehmen wolle, wenn es kmmt,
da erst sieht man, wie schwach man ist.
    Wei nicht recht, wie mir ist, sagte Uli; bald dnkt mich, ich mge die
Stunde nicht erwarten, in der ich gehen kann, bald dnkt es mich, ich sei so
mde und matt, da ich es nicht einmal ertragen mchte, auf den Kirchhof
getragen zu werden, lieber gleich hier mchte ich begraben sein. Es war eine
Zeit, wo ich viel daran dachte, wenn ich alleine arbeitete oder einsame Wege
ging, ob es nicht mglich sei, da ich hier Bauer werden knnte? Ich dachte:
wenn die Kinder um ihre Sache kmen, Joggeli und die Base sehr alt wrden, wir
glckliche Jahre htten, reich wrden, bis wir zuletzt das Gut kaufen knnten;
dann ward es mir so frei und leicht, wenn ich mich als Bauer dachte, und was mir
da alles in Sinn kam, wie ich schalten und walten wollte, du glaubst es nicht.
Gott wollte es anders, seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Es ging
umgekehrt; was wir langsam erworben, ging geschwind dahin, mehr dazu, und wie
wir jetzt stehn, wei Gott. Was unser Gevattersmann uns schuldig ist, das wird
verloren sein, kein Mensch will das Papier ansehen. DSchrift wre ganz gut,
sagen sie, wenn man nur das Geld htte. Mit der Schatzung wollten uns die Leute
nicht so bel und auch mit dem Abzug nicht. Sie haben noch Erbarmen mit uns.
Dachte das nicht, als sie so schnde mir auswichen, als ich zum erstenmal nach
meiner Krankheit zur Kirche ging. Glaubten wahrscheinlich, es werfe mich alsbald
auf den Rcken, ich begehre sie um Geld zu plagen oder Gott wei was. Jetzt, wo
die Plage ihnen anderswoher kmmt, sind sie billig gegen mich, ich kann nicht
klagen. In den Steigerungsgedingen wird alles, was ich in der Schatzung habe,
der Zahl nach als Zugabe angeboten; gilt es gehrig und findet sich einer,
welcher es so kauft um den gehrigen Preis, so kann ich noch manches verkaufen,
womit ich das Inventar vermehrt habe. Ich kann bleiben bis im Frhjahr, oder
wenn ich abziehen mu, soll mich der Kufer entschdigen nach Ehrenmnner
Befinden. Sie htten mich hrter halten knnen. Da graut es mir nun bald, von
vornen anzufangen, wie einem, der von einem Baume, welchen er erklettern wollte,
heruntergerutscht, sich dreimal besinnt, ehe er wieder ans Klettern gehen mag;
bald ists mir, wenn ich nur Berg und Tal zwischen mir und hier htte, damit ich
vergessen konnte, wie es mir hier gegangen, und wieder Mut fassen fr die
Zukunft, irgendwo anhngen knnte, wo mir die Hoffnung aufginge, da wir mit
Arbeit in Ehren fortdauern. Es ist mir fast wie einem, der zwischen Leben und
Tod schwebt und nicht wei, was er lieber will, leben oder sterben. Nur hier
bleiben in der Schwebe, so als ein Hampelmannli zwischen Leben und Tod, zittern
mssen vor jeder schwarzen Wolke, zappeln und angsten das ganze Jahr durch und
doch am Ende des Jahres Gefahr laufen, mit einigen hundert Talern im Rckstande
zu bleiben und mit Schmach und Schande davongejagt zu werden, das mchte ich
nicht; ich glaube, ich hielte es nicht aus, am Leibe nicht und an der Seele
nicht. Ich fhle hier, so wie wir jetzt stehen, eine Ohnmacht bis zum Sterben,
fhle, da unsere Krfte nicht reichen, darum sehne ich mich fort, whrend es
mir das Herz zerreit, vom Hofe zu lassen, der mir fast wie eine Mutter so lieb
geworden ist.
    Ja, du hast recht, sagte Vreneli, und Beide begannen ein Lobpreisen des
Gutes, was zu machen wre noch und wie trefflich es bereits sei, als wre es ihr
neugekauftes Eigentum; sie vergaen gnzlich, da sie es vielleicht in den
nchsten Wochen mit dem Rcken ansehen muten.
    Auf Erden dauern schne Trume selten lange, die rauhe Wirklichkeit lt
ihre Rechte sich nicht nehmen, und wenn die Trume am himmlischsten sich
gestalten, macht sie einen Strich durch dieselben und streut Sand darauf.
Johannes kam dahergerasselt und brachte einen mit, um ihm das Gut zu zeigen.
Natrlich tat er, als ob er daheim sei, ging ungefragt berall herum, und wo er
was Verschlossenes fand, befahl er zu ffnen, und wenn er ein hart, bs Wort
fliegen lassen konnte, versumte er die Gelegenheit nicht. Es ist nicht bald was
Bittereres als dieses freche Durchstbern eines Hauses, dieses rcksichtslose
Dahinwerfen giftiger oder roher Bemerkungen. Das Gefhl, das man dabei hat, ist
hnlich dem, welches uns ergreift, wenn jemand uns die Kleider vom Leibe reien
will. Da fhlen wir es denn so recht, da wir keine bleibende Sttte haben,
sondern Pilgrime und Fremdlinge seien, welche eine zuknftige suchen mssen; gar
gerne schlgt dazu das Heimweh, scheiden mchte man von hier, heim mchte man,
wo einem in jedem Falle viel besser wre.
    Bald nach Johannes rasselte es wieder daher. Es waren Glubiger vom
flchtigen Schwager, welche es wunder nahm, was etwa fr sie noch zu hoffen sei.
Diese machten mit der gleichen Freiheit ihre Runde, kmmerten sich um die
Bewohner blo, wenn sie was fragen, was tadeln wollten und dozieren, wie es
htte gehen sollen und wie es in Zukunft gehen msse. Wollten Uli oder Vreneli
sich davonziehen, machten sich nebenaus, so wurden sie entweder gerufen oder
stieen auf die andere Partei, gerieten von einem Arger in den andern. Es war
nicht blo, als ob sie in keinen Schuh gut wren, sondern als glaube man, sie
seien mit Bffelhaut berzogen, fhlten Bchsenkugeln nicht, geschweige denn
Worte.
    Nun kam auch noch der Mann, welcher Uli die beiden Khe abgekauft hatte, und
htte wieder gerne zwei teuer gekauft. Es war, als ob es heute wieder hagle in
der Glungge, aber nicht Steine diesmal, sondern Menschen. Es war Uli sehr
unangenehm, da der Mann sehen mute, wie er auf dem Punkte war, leer
abzuziehen. Der Mann htte Uli gerne noch zu einem Handel verleitet, welcher
nicht redlich, indes zu machen gewesen wre und Uli ein schn Stck Geld
abgeworfen htte. Aber Uli wollte nicht. Er glaube, sagte er, man knnte vor dem
Richter nichts mit ihm machen, die Sache sei eigentlich noch nicht verkauft und
er htte so noch etwas fr seinen Schaden. Aber es htten nun schon Viele alles
besehen, und wenn man schlechtere Ware hinstelle, um die Zahl der Stcke richtig
zu machen, falls jemand in Bausch und Bogen kaufen wolle, sei dieser betrogen.
Er habe mit Ehren nichts vor sich gebracht, mit Kniffen wolle er jetzt auch
nichts. Der Mann sah sich das Gut auch an. Es gefiele ihm, sagte er, ein
abtrglicheres und gelegeneres htte er nicht bald gesehen; aber es sei nicht
jedermanns Kauf, weil zu viel bar Geld gezahlt werden msse, und um alles recht
in Gang zu setzen, mten wieder einige tausend Taler sein; so viel Geld wte
er nicht aufzutreiben, es wrden Wenige sein, die so viel flssig htten. Bei
so einem, der dies Gut zu kaufen vermag, wre nicht bs, wieder Pchter zu sein,
wenn derselbe einen haben will; froh wre er sicher, dich zu behalten, weil dir
alles bekannt ist, meinte der Mann schlielich.
    Das war eine Mglichkeit, an welche Uli gar nicht gedacht hatte. Er warf sie
aber weit weg. Wenn er schon knnte, er wollte nicht, er mge die Stunde gar
nicht erwarten, bis er los sei. Es sei ihm wie einem Finken, der einen Fu in
der Schlinge htte, und Froheres knne dem Finken nicht begegnen, als wenn er
sein Fchen frei kriegen knnte, sagte Uli. Allweg verrede dich nicht, sagte
der Mann, dann kannst du immer machen, was du willst. Sieh dir die Sache von
beiden Seiten an. Mich reute es, wenn ich hier Pchter gewesen wre und fort
mte lebendig. Freilich, wohl zusehen mu man, wenn man solche groe Dinge
unternimmt; wie man es macht, so hat mans, und wie man bettet, so liegt man,
aber wenns zu machen wre, ich machte es, und wenn ich Geld htte, ich liee den
Hof nicht aus den Hnden. Solche Hfe sind rar, und wo liegt das Geld besser als
in solchem Lande, welches nicht blo sicheren Zins gibt, sondern wo das Kapital
alle Jahre wchst? Mach es, wenn du kannst, ein andermal handeln wir doch dann
vielleicht wieder mit einander, sagte er und ging.
    Das ging Uli stark im Leibe rum, dem gleichen Uli, der vorhin gesagt hatte,
er mge die Stunde nicht erwarten, in welcher er endlich ziehen knne. Es war,
als habe ihm einer das Herz umgedreht und andere Augen in den Kopf gemacht. So
felsenfest ist der Mensch zumeist in seinen Ansichten und Grundstzen, Er mute
immer denken, wie schn es doch hier sei, und wenn ein Besitzer kme und der ihm
recht anhalte und gute Gedinge stelle, so sei es noch mglich da er ihm den
Gefallen tue; doch wolle er es auf Vreneli an, kommen lassen, wenn es diesem ein
Gefallen sei, so sei noch mglich, er tue es, es htte auch was verdient um ihn.
    Des Mannes Rede setzte sich in dem guten Uli immer fester, aber Vreneli
sagte er nichts davon, wahrscheinlich wollte er es angenehm berraschen. Er
dachte es sich immer fester in den Leib, wie da sicher ein reicher Herr kommen
werde, das Gut zu kaufen, so ein reicher Neuenburger vielleicht oder gar ein
englischer Narr, welcher Geld htte wie Bettler Luse und es ebenso stimiere
wie Bettler Luse. Apropos von englischen Narren! Es gibt deren, welche hinter
dem Narren den Schelm verbergen, hinter dem ungezogenen Jungen den Fuchs, hinter
einem liederlichen, rgerlichen Wandel politische Kniffe und Umtriebe, und die
noble Nation verschmht es nicht, sich durch Jungen, welche eines solchen Wesens
sich nicht schmen, dargestellt zu sehen, durch ungezogene Jungen, welche, wenn
sie ausgescholten oder aus der Schule gejagt werden, sich mit Gassenbuben die
Zeit vertreiben, so recht wie Buben.
    Aber Uli sah sich umsonst um nach englischen Narren und englischen
Equipagen, nach reichen Neuenburgern; nicht einmal ein Basler, welche auch
schrecklich viel Geld haben, jedoch immer noch das Geld mehr lieben als das
Land, wollte kommen. Es kamen wohl Leute, aber zumeist solche in Halbleinen und
mit Stben in den Hnden, fast wie die Kinder Israel sie hatten, als sie dem
gelobten Lande zu wollten. Noch am Morgen, als am Nachmittag die Steigerung
abgehalten werden sollte, sah er sich umsonst nach Neuenburgern oder sonstigen
Herrenbeinen um; es kamen keine, sonst Leute genug, welche die Nase allenthalben
hinsteckten, um dann einen Vorwand zu haben, an die Steigerung zu gehen, um da
vielleicht einige Ma Wein zu erbeuten. Denn gebruchlich ist es, da jedem, der
ein Gebot tut, eine Ma Wein vorgestellt wird; so kann der Unverschmte, der
keinen Batzen im Sack hat, leicht zu einer Ma Wein kommen, der Unverschmteste
zu mancher.
    Als Mittag vorber war, ward es endlich leer auf der Glungge. Vreneli sagte,
es danke dem lieben Gott, da dies berstanden sei; das Gschaue und immer
Gschaue htte ihm fast das Herz abgedreht, und wenn es schuld wre, da die
Glungge verkauft werden mte, es htte sich totgegrmt. Willst nicht hingehen
und hren, wie es geht? sagte Vreneli zu Uli. Du hast krzere Zeit dort,
siehst, wie es geht, und kannst mir Bericht bringen, wenn es vorber ist.
Nein, sagte Uli, um keinen Preis brchte man mich dahin; ich glaube, das
Wasser schsse mir in die Augen oder ich knnte mich vor Zorn nicht halten, wenn
ich so von hundshrigen Kufern den Hof mte verlstern hren, wie er
verwahrlost sei und in zwanzig Jahren nicht zurecht zu machen. Sie redeten ja
schon hier so, die Halunken, um sich gegenseitig abzuschrecken, und Keiner
kmmerte sich darum, wie tief mir das ins Herz ging.
    Gegen Abend bekam er doch groe Neugierde und ward sehr ungeduldig. Es ist
allerdings ein Eigenes, einsam und in aller Stille zu verharren, wenn man wei,
es geht in der Nhe Wichtiges und Entscheidendes vor. Man wird von einem eigenen
Bangen ergriffen und fast unwillkrlich dem Orte der Entscheidung zu gezogen.
Uli widerstand dem Zug, das Grauen vor dem, was er htte hren mssen, war
strker als der Zug; aber als es dunkel ward, sagte er zu seiner Frau: Was
meinst, wenn wir den Hans schicken wrden, zu hren, wie es geht, und uns
Bericht zu bringen? Machs, sagte Vreneli, wenn du nicht selbst gehen magst.
Aber er solle wiederkommen zur Zeit und nicht meinen, er msse warten, bis alles
aus sei und der Letzte fort. Nimmts uns dann noch mehr wunder, so kann er ja
wieder gehen.
    So lautete die Ordre. Hans schwoll die Brust, als er sie empfing samt zehn
Kreuzern zu einem Schoppen. Er wusch sich tapfer, und stolz marschierte er ab,
stellte er doch mal einen Abgeordneten oder so gleichsam einen Reprsentanten
vor. Zudem war sein Vater ein St. Galler gewesen, seine Mutter eine
Waadtlnderin, und in einem Keller im Aargau ward er weiland geboren; man kann
sich das Gefhl nun denken und die Beine, welche er zu machen sich anstrengte
auf diesem wichtigen Gange.
    Es verliefen zwei lange Stunden, es zeigte sich kein Hans.
    Vreneli schickte den Benz nach, denn Uli war sehr ungeduldig aus den
Stllen, wo er sich herumgetrieben hatte, in die Stube gekommen und hatte
gedroht, Hans noch diese Nacht fortzujagen, mge es seinethalben wohl oder bel
gehen im St. Gallerlande. Benz war einstweilen noch ein ehrlich Emmentalerblut,
freilich sehr ungebildet, aber pnktlich tat er, was man ihm auftrug. Ist auch
was wert! Benz lief ab wie ein Pudelhund und gar nicht so stolz gebeinelt wie
Hans, der frher lange um Zrich herum gedient hatte, drngte sich nicht vor wie
Hans, der an einem Tische sa mit breiten Ellbogen und vom Schlaraffenland
erzhlte, wo sein Grovater, der ein Appenzeller sei, ein groes Gut htte,
nebenbei groe Geschfte mache im Lehrfache, groes Geld verdiene, neben ihm
Keiner aufkommen knne, von wegen weil er dieses Fach verstehe. Benz stund in
eine Ecke, wo niemand seiner sich achtete, horchte gut, blickte scharf, und nach
einer halben Stunde lief er wieder ab. Viel Leute seien da, berichtete er, doch
die Meisten mehr um zu saufen als um zu bieten. Johannes brlle die Stube voll,
aber man achte sich seiner nicht viel; einer mit einem Bocksbart und Bollaugen
sei da und schiebe zuweilen ein Gebot ein, aber es scheine ihm nicht recht Ernst
zu sein. Ein alter Bauer sitze in einer Ecke, er habe nichts gesehen als seinen
Kopf, der sehe aus fast wie ein hundertjhriger Weidenstock, aus diesem komme
hie und da ein Gebot wie aus einer verrosteten Kanone. Allem an werde der
Meister, er benehme sich, wie es einer mache, wenn er es zwingen wolle. Gefallen
tue der ihm nicht, er mache eine Miene, da er glaube, der fresse Kinder, wenn
er nicht Kalbfleisch bekommen knne. Allweg knne es nicht lange mehr gehen,
eine Unsumme sei bereits geboten; es werde zuletzt darauf ankommen, wer das
ntige Geld zeigen knne.
    Und Hans, wo ist denn der? frug Vreneli. Oh, der sitzt hinter einem
Tische, sagte Benz, und berichtet den Leuten vom Zuchthaus in St. Gallen und
wie Viele dort Platz bekommen knnten, man htte ihm auch einen angeboten, aber
einstweilen htte er doch noch keinen begehrt, und vom Grovater im
Schlaraffenland, wie der ein Gut htte, auf welchem der Misthaufen so gro sei
als das ganze Glunggengut und wo der Grovater blo fr Besen Jahr fr Jahr so
viel ausgebe, als die Thurgauer in einem Jahre verprozedierten und die
Rechtsgelehrten mit Leugnen und Lgen verdienten, was sie so wohl knnten, da
es ihnen ihr Lebtag nach, gehe, sie mchten zu Ehren kommen, wie sie wollten,
und kmen sie in die Tagsatzung.
    Dieser Bericht ging Uli ins Herz. Er hatte immer noch gehofft, aber was
sollte er so von einem hundertjhrigen struben Weidstock erwarten? He nun so
dann, so wissen wir jetzt, wie es ist. Das Beste ist, wir gehen ins Bett, so
wachen wir morgen auf, sagte er und ging. Vreneli sah noch nach Feuer und
Licht, und als es ebenfalls nieder wollte, begann das jngste Kind Spektakel.
Dessen ist man in einer Haushaltung gewohnt, und wenn die Mutter treu ist,
schlft der Vater um nichts weniger ruhig, wenn er nmlich sonst ruhig schlafen
kann, wenn schon ein Kind schreit. Wie mde auch die Mutter ist, sie nimmt das
Kind und pflegt es nach seinen Umstnden; sie beklagt sich darber nicht, ihr
ists ganz ordinre Pflicht, welcher sie mit Liebe obliegt. Uli hatte in frhern
Nchten wachend viel getrumt, seine Trume hatten jetzt ein Ende; er konnte
schlafen und das Kind strte ihn im Schlafen nicht.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


                    Der neue Bauer in der Glungge erscheint

Endlich war das Kleine wieder entschlummert. Vreneli hatte es abgelegt,
zugedeckt, wollte eben auch die Ruhe suchen, da pochte es drauen. Der Lmmel,
dachte Vreneli, wre der doch jetzt im Wirtshause geblieben oder drben in sein
Bett gekrochen, was braucht der jetzt so spt mit seinem Gestrm uns unruhig zu
machen! Unwillig ffnete es die obere Tr, aber drauen stand nicht Hans,
sondern ein alter Mann mit einem Kopf, der wirklich einem hundertjhrigen
Weidenstock glich. Mchte hier ber Nacht sein, sagte rauh der rauhe Kopf.
Erschrocken sagte Vreneli: Es ist wohl spt, mein Mann ist nieder und schlft.
Selb ist mir eben recht, sagte der Mann, deswegen brauchst du nicht zu
erschrecken. Bin kein Vagabund, sondern der neue Glunggenbauer. Im Wirtshaus ist
mir zu viel Lrm, will probieren, wie hier ein Schlafen ist. Da blieb Vreneli
nichts brig, als Platz zu machen vor der Tre dem groen Mann, hinter dem ein
Hund dreinkam wie ein groes Kalb. Um Uli nicht zu wecken, fhrte es ihn in die
jenseitige Stube und frug, ob es ihm mit etwas aufwarten knne. Ein Kaffee wre
mir recht, sagte der Mann, wenn es dir nicht zu viel ist, und dazu
betrachtete er Vreneli mit zwei so scharfen Augen, da Vreneli nicht wute, was
das bedeuten sollte.
    Doch Vreneli war keine erschrockene Frau bekanntlich, war eine Frau von dem
Selbstgefhl, welches Frauen eigen ist, da ihnen nichts Unanstndiges begegnen
werde und da, je ungestrter sie mit einem Menschen eine halbe oder eine ganze
Stunde zubringen knnten, sie um so besser wten wie sie mit ihm dran seien.
Wichtig schien es wirklich Vreneli zu wissen, woran man mit dem neuen Bauer sei,
und manierlich mit ihm zu sein, damit er nicht Ursache zum Gegenteil htte. In
diesem Punkte traute es Uli wirklich nicht ganz, denn auch ihns kostete es Mhe,
freundlich mit ihm zu sein. Es zwang sich, hie ihn, sichs bequem zu machen,
fragte ihn, wie er den Kaffee liebe, stark oder schwach, legte buchene Scheiter
ans Feuer, damit tannerne durch ihr Sprtzeln niemanden wecken mchten, fragte,
ob es dem Hund auch was reichen solle und was derselbe liebe? Der Alte gab ganz
kurzen Bescheid. Er sprach fast, als ob er seine Sprache aus einem
Exerzierreglement gelernt htte. Rasch war das Kaffee fertig, sauber,
appetitlich, wackeres Hausbrot samt einer schnen Schnitte Ks stunden dabei.
Oder ob er Butter liebe, frug Vreneli, dieselbe sei aber nicht mehr recht
frisch. Mit der Milch seien sie gegenwrtig nicht am besten bestellt. Zucker
htten sie keinen im Hause, entschuldigte es sich, dergleichen brauche ein
Pchter nicht.
    Als alles da war, der Alte es sich behaglich gemacht, zog es einen Korb mit
drren Bohnen an sich, hlsete sie, um die Finger nicht mig zu lassen. Ob sie
schon lange da seien? frug der Alte. Ihr werdet euch da gewrmt haben? Wre
gut, meinte Vreneli, erzhlte dann ruhig, welch Unglck sie gehabt und wie sie
jetzt davon mten, ehe sie sich erholt. Wenn es ihm na ward in den Augen, so
trocknete es sie so unvermerkt als mglich.
    So gehts, sagte der Alte, wste Leute tun wst, drum gehts ihnen bs.
Wen er damit meine? frug Vreneli. Den Glunggenbauer und seine Frau, wen sonst?
Htten die brver getan, so wre der Hof schwerlich verkauft worden, entgegnete
der Alte. Da wurde Vreneli warm, stund ein fr Ba, se und Vetter, absonderlich
fr die erste, und lie die Trnen laufen ohne Scheu. So, warst noch dazu
verwandt, sagte der Mann, und machten es euch so? Ja, sagte Vreneli, und
da ich unehlich war, lie mich die Base nie entgelten, sie war mir eine Mutter
und ich ihr Kind und oft werter als das eigene Kind. So, und wo warst du
daheim? sagte der Alte. Vreneli nannte kurz den Ort. So, sagte der Alte,
deine Mutter wird geheiratet haben? Sie starb bei meiner Geburt, und wre die
Base nicht gewesen, die Groeltern htten mich vielleicht nicht taufen lassen.
Aber Bericht, warum und wie, wollte mir die Base nie geben, kann also auch nicht
Auskunft geben. Doch Ihr werdet mde sein und Ruhe Euch anstndig; Euer Bett ist
gemacht, ich will es Euch zeigen.
    Also seither warst hier? frug der Alte. So so, und jetzt, wohin, Dafr
sei gesorgt, sagte Vreneli kurz, sie htten sich noch guter Leute zu trsten,
welche sie nicht im Stiche lieen, wenn sonst auch alles fehle. So, sagte der
Alte, das ist allweg kommod. Sie sind rar, diese Leute, aber noch rarer sind
die, welche die guten Leute, wenn sie sie auch finden, auch gut behalten
knnen. Das kme immer auf den Verstand an und wie man tue, sagte Vreneli. Mit
Schein weit du was davon, weil du deiner Base nicht davonliefest, als sie dich
erzogen hatte, wie es die Meisten machen. He nun so dann, so will ich ins Bett,
so kannst du auch hinein.
    Somit stund er auf, Vreneli erschrak fast vor dem Mann und seiner gewaltigen
Gliedermasse. Wenn in einem Walde er ihm begegnet wre, htte es ihn fr einen
bergebliebenen Riesen gehalten und die Flucht genommen. Auch sein Hund erhob
sich, dehnte sich, stund auf die hintern Beine, legte seine vordern Tatzen auf
Vrenelis Achseln und leckte ihm das Gesicht. Ein kleiner Schrei entfuhr Vreneli,
als das Untier ihm so nahe kam, doch fiel es nicht in Ohnmacht.
    So, sagte der Alte, das ist seltsam, das hat er noch keinem Menschen
gemacht als mir. Niemanden wollte ich raten, ihn nur von ferne anzurhren.
Kurios! Ich gab ihm zu fressen, sagte Vreneli, und manchmal sind die Hunde
dankbarer als die Menschen. Er frit alle Tage dreimal, aber deswegen ist er
noch nie an jemanden aufgestanden, es mag ihm das Fressen geben, wer will.
Kopfschttelnd suchte der Alte sein Lager, nachdem ihm Vreneli gute Nacht
gewnscht und ihn ermahnt, recht auszuruhen und am Morgen nicht zu frh
aufzustehen.
    Als Vreneli sich niederlegte, schlief Uli fest, und Vreneli weckte ihn
nicht. Als es erwachte, war Uli fort, ohne da er um den Gast im Hause wute. Er
hatte die Kehr, das heit die Reihe war an ihm, das Wasser auf seine Matte zu
lassen; die versumt kein Bauer und wacht, bis das Wasser aufgelaufen, um zu
sehen, wie es berall seine Pflicht tue, und damit nicht etwa ein guter Freund
und Nachbar in Versuchung gerate, an ihm zum Schelme zu werden und das Wasser zu
stehlen. An der Sonne sah Vreneli, da es sich versptet, hantierte nun um so
rascher, trieb mit kundiger Hand das Rderwerk des groen Haushalts. Es glaubte
den Gast noch im Bette, sorgte fr Stille, um so lange als mglich nicht von ihm
gestrt zu werden. Am Herde hantierend, fhlte es pltzlich was Kaltes in der
Hand; erschrocken und mit einem kleinen Gix drehte es sich um, da war der
mchtige Hund, der liebkosend seine kalte Schnauze Vreneli in die Hand gestoen
hatte, und unter der Tre, dieselbe fast ausfllend, stund des neuen Bauern
gewaltige Gestalt.
    Eben willkommen war sie nicht, doch Vreneli besa die Freundlichkeit, welche
Miliebiges berwindet, dasselbe nicht tagelang ablagern lt, bot freundlich
einen guten Tag, hie ihn zum Frhstck kommen, frug, wie es ihm gefalle hier
usw. Neugierig streckten die Kinder eins ums andere ihre Gesichtchen durch die
Tre, welche ins Nebenstbchen, wo sie schliefen, fhrte, fuhren dann mit
Schreien und Lachen zurck, wenn sie den fremden Mann und den groen Hund sahen,
der sie noch mehr interessierte als der Mann. Der Mann war ernst, doch nicht
unfreundlich, gab gut Lob ihrer Wirtschaft, frug nach Uli, und als endlich die
Kinder sich dem Hund zulieb in die Stube wagten, war er freundlich mit ihnen,
besonders mit dem kleinen Vreneli. Der Hund lie mit ruhiger Ehrenhaftigkeit der
Kinder Streicheln sich gefallen, nahm ihnen das Brot ab, welches sie der Mutter
fr ihn abgebettelt hatten. Vreneli mute von den Kindern erzhlen, mute
abwehren, da sie nicht zutppisch wurden.
    Da ging die Tre auf. Vater, Vater, sieh, was das fr ein Hund ist, hast du
auch schon so einen gesehen? schrien die Kinder. Uli stand da wie Lots Weib,
als es Sodom und Gomorrha brennen sah, und glotzte den Mann an mit offenem
Munde. Das ist der neue Bauer, sagte Vreneli, er war hier ber Nacht. Als er
kam, schliefest schon, und heute warst fort, ehe ich es dir sagen konnte.
    Uli glotzte noch immer, so da Vreneli es recht ungern hatte, da Uli so
unmanierlich tat. Der neue Bauer sah Uli auch an, und seltsam zwitzerte es ihm
um den Mund und in den Augen. Endlich frug er: Dnkt es dich etwa, du httest
mich schon gesehen, und weit nicht wo? So ists, sagte endlich Uli, aber es
wird nicht sein. Wen meinst? sagte der Mann. Es wird nicht sein, sagte Uli.
Wir haben einen, der noch unser Vetter sein soll von der Frau her, der wohnt
weit weg; bei dem war ich einmal, es ist schon lange her. An den mahntet Ihr
mich im ersten Augenblick, aber der ist ein wster und struber Mann und es ist
besser, man rede nicht viel von ihm. Wirst doch nicht den Hagelhans im
Blitzloch meinen? frug der Bauer. Wohl, gerade den, sagte Uli, meine ich,
kennt Ihr ihn? Allweg, den kenne ich, sagte der Mann, von wegen gerade der
bin ich, der Hagelhans im Blitzloch und jetzt der neue Glunggenbauer.
    Ja, jetzt gab es Gesichter, man kann sichs denken, und lange gings, bis
Vreneli sich fate und sagte: Seid Gottwillche, Vetter, und zrnet nicht! Bse
gemeint wars nicht, und da ein Mensch, absonderlich ein Mann, wenn er nicht
gebartet hat, daheim strber und wster aussieht, als wenn er gsunntiget ist,
selb versteht sich und ist nichts Bses. Es wre uns grausam leid, wenn Ihr es
uns nachtrget und entgelten lieet, was Uli in der Unachtsamkeit gesagt hat.
    Ihr guten Trpfe sagte der Mann, Hagelhans hat schon ganz andere Dinge
gehrt; wenn er, was er gehrt, nachtragen und eintreiben sollte, so mte er
den ewigen Juden ablsen; Hagelhans ist aber nicht so wst, als er scheint, und
wenn er den Menschen schon nicht die Hnde unter die Fe legt und jedem Narr
flattiert, lebt, wie es ihm gefllt, so hat er das Recht dazu, ihm ward auch
nicht flattiert; jede Katze meinte, sie knne ihm den Talpen geben, und jeder
Hund, er knne seine Schnauze an ihm abwischen. brigens kam ich nicht in bser
Absicht her, sondern eigentlich wegen euch. Da ihr mich zum Gevatter nahmet,
darauf hielt ich euch nicht viel und noch viel weniger, als ich hrte, da die
Burin hier dazu geraten. Sie ist viel schuld an dem, was ich geworden; den Hans
hielt sie fr nichts gut, als um ihn zum Besten zu haben, die alte
Blindschleiche war glatter und ihr lieber; sie hat es erfahren, wie weit man mit
einer solchen kmmt. Wenn er nicht tot wre, ich redete noch ganz anders von
ihm. Deine Mutter, Gott verzeihe ihr ihre Snde, hat es mir noch viel rger
gemacht. Mglich, da ich es rger nahm, als es war, als es nachher den Schein
gewann, mglich, da der Teufel seine Hnde im Spiele hatte. Dachte oft darber,
seit das Blut klter ward; da der Hund dir flattiert, ist wunderlich. Du trafst
es gut, als du kamest, sagte er zu Uli, ein andermal wrest du bel
weggekommen. Ich hrte nicht ungern Bericht von der Glungge, freute mich
darber, wie es ging, dachte oft: weit jetzt, wer schuld ist, da es dir nicht
besser geht! Aber da ich deswegen einen Tritt versetzt, htte ich ihr nicht zu
Gefallen getan. Ich wute wohl, die Alte vernahm gerne etwas von mir, htte
vielleicht gerne mich gesehen, aber jetzt war es an mir, den Kaltbltigen zu
machen. Doch kam mir seit jener Zeit das vergangene Leben oft in die Gedanken
und manches anders vor als bisher. Als ich in jener Nacht dich antraf, wo ich
eigentlich auch zu Markte wollte, den Tod der Alten und deinen Zustand vernahm,
da kam mir Mitleiden und es dnkte mich, ich mchte auch mal was tun und zeigen,
da der Hagelhans innen besser sei als auen schn. Da du ehrlich warst und
aufrichtig, gefiel mir, so habe ich die Leute gerne, so sie ntig, obgleich ich
Schelmen und Lumpenpack nicht frchte. Hagelhans wei, wie man mit Pack umgeht,
und kennt das Pack. Aber eins hing am andern, da nichts zu machen war, bis
endlich das Gut zum Verkaufen stund. Das lie ich nicht gerne aus der Familie;
hatte ich es einmal, konnte ich machen, was ich gut fand. Das Blitzloch ist
nicht bs, die Glungge ist aber doch was anders; da die mal in meine Hnde
kommen wrde, htte ich nicht gedacht, das freute mich sehr; wre sie vor Zeiten
mein gewesen, wer wei, wie alles gegangen, Der Lumpenhund, der versoffene Sohn,
wollte mir die Freude verderben, konnte es aber nicht, mute sie blo einige
tausend Gulden teurer haben, macht aber nichts.
    Vernahm es beim Wssern, sagte Uli. Wenn Ihr dem Johannes gesagt httet,
wer Ihr wret und da Ihr es eigentlich, wie es scheint, fr ihn wollt, httet
Ihr das Geld sparen knnen.
    Wer sagt es, da ich es fr ihn will? Mit dem Lumpenhund will ich nichts zu
tun haben, bin kein Narr, der, wenn ein Haus brennt, Holz herbeischleppt, damit
das Feuer nicht aus, gehe. Das Gut ist mein und fragen wollte ich: willst mein
Pchter sein einstweilen, bis mir was anderes einfllt?
    Da waren Beide wie aus dem Himmel gefallen, daran hatten sie nicht gedacht.
Hagelhans glich so wenig einem Englnder, nicht einmal einem Neuenburger.
Vreneli schossen die Trnen in die Augen, und Uli sagte endlich: dSach wre ihm
wohl recht und hart halte es Beide, hier fortzugehen, aber er sei zu arm, um so
was mehr bernehmen zu drfen, und Brgen wte er ihm keinen zu stellen. Dem
Bodenbauer, der wie ein Vater an ihm gehandelt habe, sei er bereits mehr
schuldig, als er ihm bezahlen knne. Ihn nun noch einmal ansprechen wolle er
nicht, die Sache knnte fehlen, dann mte er sich sein Lebtag ein Gewissen
daraus machen.
    Wenn der Bodenbauer vermag, dir Brge zu sein, so vermag ich vielleicht,
dir das Gut ohne Brgen zu verpachten; bin ich doch sogar Gevattersmann und habe
meiner kleinen Gotte noch gar nichts gegeben, nicht einmal einen Einbund. Ihr
werdet mich doch oft schmhlich herumgerissen haben, du und die Base, sagte er
zu Vreneli und blitzte scharf ihm in die Augen.
    Nicht einmal, sagte Vreneli. Ich hatte es von Anfang ungern, da man so
einen fremden, unbekannten Menschen ansprach, dem es wie eine Bettelei vorkommen
mute. Aber sie wollte es haben, und als alles ging, wie es ging, hatte sie es
ungern und man sprach nicht davon. Und jetzt wegen der Pacht, was meinst?
Ach Gott, sagte Vreneli, was soll ich meinen? Mein Lebtag war ich hier; wie
mirs ums Herz sein mu, hier fort zu mssen, kann man denken. Aber hier zu sein
zwischen Leben und Sterben und in bestndiger Angst, die Leute mten an uns
verlieren, das ist ein ngstlich Leben, welches ich in die Lnge nicht aushielte
und Uli es nicht zumuten mchte, um am Ende doch auf die Gasse zu kommen.
    
    So, hast ein schnes Zutrauen zu mir, sagte der Alte. Indessen man nimmt
es, wie es ist, bis es besser kmmt. Einstweilen habe ich nicht im Sinn, euch
auf die Gasse zu bringen, und wie man es macht, so hat mans. Nach dem, was ich
gesehen habe, wirtschaftet ihr Beide nicht bel jedes an seinem Orte, habt
ziemlich Ordnung und knnt es vielleicht noch besser lernen, denn im Blitzloch
siehts besser aus. Das geht mir einstweilen ber den Zins, besonders wenn es
mich noch ankme, selbst Glunggenbauer zu werden. Ich knnte dich zum Hausknecht
machen, mag aber nicht. Hausknechte erfaulen gerne, verlassen sich auf des Herrn
Geldseckel, und scharf gibt die Frau nicht acht, wieviel Mehl und Butter sie zu
einer Suppe braucht, geht es doch ber des Herrn Buckel aus; es gibt selten
etwas Gescheutes aus solchen Leuten, besonders wenn ihr Dienst lange whrt, und
Lust zum Sterben habe ich einstweilen noch nicht.
    Ihr habt ein schlecht Zutrauen zu uns, da Ihr glaubt, wir knnen zu
fremder Sache nicht so gut sehen als zu der eigenen sagte Vreneli. Mensch ist
Mensch, sagte der Alte. Aber warum sagst du nicht Vetter? Vreneli wurde rot
und sagte: Kinder, wie es eins sei, wten eigentlich nie recht, ob sie
Verwandte htten oder nicht. Wie sagtest du der Burin hier? frug barsch
Blitzhans. Base und manchmal Mutter, wie sie auch eine an mir war, sagte
Vreneli.
    Ho, sagte Hagelhans, so ist es dir einstweilen erlaubt, mir Vetter zu
sagen; vielleicht, wenn du siehst, wie ich es meine, sagst du mir einmal auch
noch Vater. Also in den Schulden bist, dem Bodenbauer bists? Du weit, ich habe
den Hof sehr teuer samt Schiff und Gschirr und aller Bsatzung. Wie ich mir habe
sagen lassen, hat man dich hart gehalten, und doch habest du den Hof verbessert,
was mir zugut kommt. Das mut dem Alten und dem Jungen nicht fr bel nehmen;
wer ertrinken will, hlt sich an jedem Rohr, denkt nicht, da es ihm nichts
hilft, als da er das Rohr ausreit. Wer es aber hat und so es macht, der ist
ein Hund und ist zu achten als ein Hund. Willst es mit mir probieren, so wollen
wir zusammen hinauf zum Bodenbauer, die Sache richtig machen mit ihm, denn er
hat seine Arbeit und ich habe besser Zeit, ihm nachzulaufen, als er mir. Ich
heie nicht umsonst Hagelhans, aber schlechter ist doch Mancher am kleinen
Finger als ich am ganzen Leibe. Nicht da ich mich rhmen will, aber wenn mich
schon alles frchtet, so hat doch niemand Ursache, mich zu hassen, als
vielleicht - -. Doch redet mit einander. Ists euch anstndig, so gehen du und
ich diesen Nachmittag zum Bodenbauer, bleiben dort ber Nacht und machen die
Sache. Wenn Hagelhans was anfngt, so fhrt er gerne gleich aus bis zhinterst.
Jetzt will ich in die Schreiberei, mach da wir was essen knnen, wenn ich
zurckkomme, halte nicht viel auf Warten. Bht euch Gott unterdes.
    Da saen sie nun, Uli und Vreneli, sahen einander an, wuten nicht, hatten
sie ein Gespenst gesehen oder einen guten Engel. Unerwartet wie ein Hagel vom
Himmel war der grauliche Mann in ihr Leben hineingeplumpst, aber nicht
zerstrend, sondern Gaben verheiend. Er war wie eine Gestalt in der Finsternis,
von der man nicht wei, ist sie Freund oder Feind, die wohl ein Losungswort
gibt, von dem man aber nicht wei, hat man es richtig gehrt, ist es das rechte
oder nicht.
    Was sagst dazu? fragte endlich Uli. Wei nicht, sagte Vreneli. Glauben
tue ich, er meint es jetzt gut, aber wie lange das Gutmeinen whrt, das wei ich
nicht. Es ist mir gar wunderlich um ihn herum, bald wohl, bald angst, bald graut
mir vor ihm, bald dnkt mich, ich msse ein groes Erbarmen haben mit ihm. Die
Base selig redete immer mit Schrecken von ihm als wie von einem halben Ungeheuer
und doch glaube ich fast, die letzten Worte, welche wir nicht verstehen konnten,
haben ihm gegolten, er lag ihr doch im Sinn. Aber glaubst, es sei ihm Ernst,
er stelle uns nicht etwa Fallen? frug Uli. Glaube es nicht, sagte Vreneli,
da er an so was denkt. Es mchte mir fast scheinen, als sei er so ein alter
Menschenfeind, der wieder das Verlangen nach Menschen bekmmt. Daneben aber
schadet in acht Nehmen nicht, und da er zum Bodenbauer begehrt, gefllt mir, es
ist ein Zeichen, da er uns nicht so ungesinnet zu bernehmen begehrt. Aber,
sagte Uli, ich kann es doch fast nicht glauben, wir wren ja viel zu glcklich,
wenn das sich jetzt so machen sollte, und wie es scheint viel besser, als es
frher war, gerade als wir meinten, wir seien auf dem uersten. So geht es
mir freilich auch antwortete Vreneli. Aber das erstemal wre es nicht, da so
was geschieht, daneben kann man immer vorsichtig sein. Du hast gehrt, wie er
schon lange was im Kopf gehabt, er sagte aber nicht was, aber nicht Gelegenheit
gehabt bis zur Steigerung.
    Da htte es bald Streit gegeben, sagte Uli. Johannes hoffte, es werde ihn
niemand abbieten, und hatte, wie man sagt, einen Kufer an der Hand und die
Aussicht, eine schne Summe zwischenauszunehmen. Als nun Bott um Bott aus der
Ecke kam von einem alten Mann, dessen sich niemand geachtet, fing Johannes
Hndel an. Jeder Lump und Stffel knnte ihm den Hof herauftreiben um Wein oder
aus Bosheit. Der alte Hund solle schweigen oder er werfe ihn zur Tre hinaus.
Der Alte rhrte sich nicht, bot kaltbltig weiter. Johannes wollte ihm auf den
Leib, da stund der Alte auf, der Hund auch, und der Alte sagte: Bebli, la dich
nicht gelsten, du bist am Unrechten. Ich bin der Hagelhans im Blitzloch,
vielleicht habt ihr auch schon von dem gehrt. Da kann der Schreiber sehen, da
ich nicht blo bieten, sondern auch zahlen kann, und zwar bar, so viel man will
und so schnell man will. Er legte vor den Schreiber eine Brieftasche, und
nachdem derselbe hineingesehen, ward er hflich und sagte, ja, so sei es. Und
jetzt, frug Hagelhans und streckte seine Glieder, da er anzusehen war fast wie
ein alter Turm aus der Rmerzeit, und jetzt, will mich noch jemand hinaustun
oder mir das Bieten wehren? Aber niemand hatte Lust dazu, weit um ihn stund
niemand mehr. Die Einen hatten von ihm gehrt und hielten ihn so gleichsam fr
des Teufels Halbbruder, die Andern erschreckte der groe Mann mit dem knurrenden
Hunde. Johannes fluchte alle Zeichen, da der Teufel den hergebracht und da er
ihn nicht gekannt. Es sei eigentlich ein Vetter von der Mutter selig her, habe
keine Kinder, und wenn er es gewut, so solle ihn der Teufel nehmen, den htte
er ins Garn jagen wollen, da es einen prchtigen Fisch fr ihn abgegeben htte.
Solche Khe seien das lustigste Metzgen, sie fielen gut ins Gewicht, htten
zumeist mehr Fett, als man glaube. Es msse den Teufel tun, wenn er den Alten
nicht um den Finger wickle, ehe die letzte Halbe getrunken sei. Doch Johannes
kannte Hagelhans nicht, mute das Feld rumen, wenn er sein Fell ganz erhalten
wollte, und natrlich halfen alle, welchen mit barem Gelde gedient war, da dem
Alten das Gut baldmglichst zugeschlagen werde. Jetzt wird er gegangen sein, um
Kaufbrief und Zahlung zu besorgen.
    Weit, was es kostet? frug Vreneli. Grlich Geld, sagte Uli,
sechzigtausend Gulden. Kein Christ bringt da den Zins vom Gelde heraus, und wer
wei, ob er nicht meint, mit Gutmeinen knne er uns locken, da wir es um diesen
Zins bernehmen. Zweifle, sagte Vreneli, er wrde, wenn er das wollte, nicht
zum Bodenbauer begehren. Und was hlf es ihm, wenn er uns schon hineinsprengte;
er wei ja, da wir nichts haben, begehrt keinen Brgen, und wo nichts ist, hat
ja selbst der Kaiser sein Recht verloren. Mich dauert nur der Johannes und seine
Kinder, da die um das Gut kommen und fr immer. Jetzt ist kein Pardon mehr fr
sie, sie mssen herunter bis zum Bettlerbrot. Er hat uns schlimm behandelt, aber
ich kann mir nicht helfen: seine Mutter tat mir Gutes, und nichts kann mich mehr
erbarmen, als wenn Familien auf diese Weise zugrunde gehen. Hundert und
vielleicht mehr Jahre geht es, bis vielleicht wieder ein Glied derselben festen
Fu fat, wurzelt, aus dem abgehauenen Stamme ein Sprling hervorwchst, der
wieder sein Haupt erhebt ber das niedere Gestruch.
    Und deine Kinder, erbarmen dich die nicht auch? frug Uli, den jetzt eben
kein groes Mitgefhl plagte. Nicht halb so viel, sagte Vreneli, die werden
gewhnt, wie sie es ihr Lebtag haben knnen, lernen arbeiten, kommen hoffentlich
einst mit Ehren durch, und wer wei, was aus ihnen wird, was recht Gutes, so
Gott will. Was jene an Gut haben, verprassen ihnen die Eltern, zu was Besserm
helfen sie ihnen nicht. Was meinst, wer ist mehr zu bedauern, wenn sie nichts
erben, ihre Kinder oder unsere Kinder? Er meine es nicht so, sagte Uli, sondern
er meine, jene Kinder gingen sie nichts an, die ihren wohl. Bses wnschen wolle
er ihnen nicht, aber sagen msse man doch: wenn es ungeheien komme, unverdient
sei es nicht. Uli, Uli, nicht so, sagte Vreneli; sind nicht vielleicht auch
noch Leute, die sagen knnten, Gott strafe unsere Kinder um der Eltern willen?
Uli stutzte, gab Vreneli die Hand und sagte: Du hast recht! Wie schnell man
doch so was vergit! Umsonst sollst du mich nicht gemahnt haben.
    Hagelhans kam zurck, Vreneli war mit dem Essen noch nicht fertig. Jetzt
ist das Geschft mein, jetzt will ich mir es recht ansehen, da gibt es was zu
schaffen. Die Sache htte man in Ehren gehabt, so gut man gekonnt, sagte Uli,
dem die Bemerkung ins Fleisch gegangen war. Aber Joggeli htte nicht gerne Geld
ausgegeben fr Handwerksleute, er selbst htte es sonst zu brauchen gehabt. Er
htte auch nicht immer alles aufputzen knnen; wenn man das Meiste mit fremden
Leuten machen msse, so graue es einem am Ende des Jahres ber die vielen
Taglhne. Daneben sei das Haus so alt nicht, noch whrschaft, mit Wenigem komme
man weit. Der Alte sagte nicht viel darauf, guckte berall herum, und als sie
zum Essen kamen, sagte er Vreneli: Was sagst du dazu, wenn ich ein neues Haus
da baue, eins, das einer hoffrtigen Frau besser ansteht als diese alte Htte?
Vreneli meinte, das werde ihm nicht Ernst sein, wre Snde. Denn das hiee das
Geld in Bach geworfen, das alte ist noch hundert Jahre gut.
    Den Alten hatte der seltsame Baugeist ergriffen, der unwiderstehlich fassen
soll, wer sich ihm einmal ergeben hat. Das alte Haus schien ihm Reparaturen
nicht wert, zu klein, zu unkommod, zu viel Httchen aller Art darum herum, so
bel anzusehen, so unbequem; man msse, sagte er, was zusammengehre, unter ein
Dach ziehen. Er sprach, als ob morgen der Bau beginnen mte, da Vreneli
endlich sagte: Wenn es an seiner Stelle wre, so wollte es sich einstweilen
damit nicht so plagen; sollten sie dableiben, so wollten sie ja zufrieden sein,
sie begehrten es nicht besser. Dann dnke ihns, man htte ihm einstweilen stark
genug zu Ader gelassen, er sollte froh sein, frisch Atem zu fassen. Das, Base,
wenns erlaubt ist, dies zu sagen, verstehst du nicht, antwortete Hagelhans.
Kommt einer mal in Zug, dem Geld den Lauf zu lassen, so ist ihm nicht wohl, bis
der letzte Kreuzer durch die Finger ist. Der Anfang ist schwer im Sparen und
Ausgeben; wenn Hagelhans was anfngt, so fhrt er zu bis ans Ende, halbwegs
bleibt er nicht. Doch wegem Weg, wenn wir zum Bodenbauer wollen, so mach dich
fertig, es ist Zeit. Er sei fertig, sagte Uli, er wolle anspannen lassen, wenn
er es befehle. Was anspannen? sagte Hagelhans. Du wirst doch nicht einer von
denen sein, welche meinen, da wenn sie drei Schritte vor das Dach hinausgehen,
es gefahren sein msse? Das wre mir nicht anstndig. Es sei wegen ihm, da er
fahren wolle, die Rosse htten eben nicht viel zu versumen, sagte Uli.
Meinetwegen braucht es sich nicht, sagte Hagelhans. Ob unsere Beine mde
werden vom Fahren oder mde vom Laufen, kommt auf eins heraus, und wenn du nicht
zu vornehm bist, so schmst dich nicht und nimmst mit mir den Weg unter die
Fe. Dagegen war nichts zu sagen.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


                        Die dritte Reise zum Bodenbauer

Uli mute sich anstrengen, Schritt zu halten mit dem Alten, der einherschritt
wie ein aus einem Hnengrabe erstandener Recke, dem die Leute aus dem Wege
gingen und nachsahen mit Verwundern. Uli dachte im Stillen, besonders wenn die
Rede des Alten heraufquoll wie ferner Donner: Eigentlich sei es kein Wunder,
wenn seiner Zeit die Mdchen eben nicht sonderlich durch ihn angezogen worden
seien von wegen seiner Liebenswrdigkeit, dazu sei er doch wohl zu gro und
unghrig. Sein Tun in frheren Jahren mochte seiner Gestalt entsprochen haben.
    Wenn man zusammen wandert, so gibt ein Wort das andere, unvermerkt rutscht
man der Materie zu, von welcher man gerne spricht, die Alten gerne von
Jugendzeit und Jugendstreichen. Uli hrte mit offenem Munde zu. Er glaubte auch
was verrichtet, manchen tchtigen Streich ausgeteilt zu haben, aber gegen
Hagelhans war er ein blo Kind gewesen. Der hatte Schlgereien gehabt, da das
Blut durch die Strae flo, Schabernack gebt und zwar groben, wo er konnte. Er
hatte eine eigene Freude daran gehabt, den lieben Gott zu machen und zu
zchtigen und zu plagen mit grober Hand, wen er fr schlecht hielt oder wer ihm
sonst nicht gefiel; denn es ist Vielen schwer, zwischen Beiden zu unterscheiden
auf die rechte Weise. Er hatte Geld verklopft, ein Pferd htte es kaum gezogen,
dafr aber auch einen Namen gehabt, mit dem man die Kinder zu Bette jagte; das
Wort Wart, Hagelhans nimmt dich! war ein Zauberspruch. Wenn er in einem
Wirtshause erschien, so wars, als sei der Kindlifresser gekommen: allgemach
schoben die Leute sich zur Tre hinaus, der Wirt rumte so unvermerkt als
mglich alles Zerbrechliche weg, und die Stubenmagd tnzelte so grazis als
mglich um ihn herum, wie ein Pudelhndchen um einen Lwen, doch wohlweislich
immer sechs Schritte ihm vom Leibe. Hans rhmte sich alles dessen eben nicht, er
sah zu wohl ein, wie er den Menschen vorkommen mute und wie schreckhaft er sich
aufgefhrt, aber er erzhlte doch mit einem gewissen Behagen, ungefhr wie man
berstandene Krankheiten erzhlt, erlebte Gefahren, Gespenster- oder sonst
Geschichten.
    So kamen sie an das Ziel ihrer Reise, Uli wute fast nicht wie. Bodenbauers
waren eben beim Nachtessen, als die Beiden klopften und auf ein lautes Herein,
in die Stube traten. Als der groe Mann mit seinem groen Hund in die Stube kam,
ging es fast wie ehedem in den Wirtshusern; es erschraken alle, selbst den
Bauer berflo ein gewisses Erschrecken. Unwillkrlich wurde das naturgeme
Manver ausgefhrt: hinter dem Vater, dem Schild und Schwert der Familie, barg
sich alles. Befangen streckte der Bodenbauer dem Hagelhans die Hand zum Willkomm
und sagte: Ihr seid es, aber ich htte eher den Kaiser von Ruland bei mir
erwartet als Euch. Sah Euch an die zwanzig Jahre nicht, und es hie, Ihr ginget
nie vom Hause. Man sagt manches in der Welt, sagte Hans, was nicht wahr
ist, bot der Buerin die Hand, und die schlotterte wie ein Mdchen, wenn es die
Hand zum erstenmal einem Jungen geben soll. In Hans wachte offenbar der alte
Schalk auf und hatte seinen Spa an diesem Schreck und Schlottern. Uli machte
den Vermittler, stellte Hagelhans als den neuen Glunggenbauer vor und sagte, sie
kmen, um mit Johannes ber die Sache zu reden.
    Die Bodenbuerin wurde ganz bleich, als sie das hrte. Nun, auf das Geld
habe ich so stark nicht gerechnet, dachte sie, das ist verloren und ich will
nichts dazu sagen; aber die armen Leutchen dauern mich, die sucht doch unser
Herrgott einmal um das andere wohl stark heim. Erst das Hagelwetter, jetzt noch
Hagelhans als neuer Bauer, der schindet sie lebendig. Auch Johannes konnte sich
hnlicher Gedanken nicht erwehren, verga jedoch die Pflichten der
Gastfreundschaft nicht, hie sich setzen und essen. Besondern Platz zu machen am
Tische fr die Gste brauchte er nicht, denn kaum war die Tr frei, so war der
ganze Haufe verschwunden, an das Essen dachte Keiner mehr. Sie hatten manchmal
vom Hagelhans im Blitzloch reden hren als wie von einem greulichen Kobold und
manchmal gewnscht, wenn sie ihn doch einmal sehen knnten, aber nur von weitem.
Jetzt hatten sie ihn gesehen, nur zu nahe. Hagelhans hatte die alte Snde nie
ablegen knnen, sich den Leuten als den zu geben, fr welchen sie ihn nahmen,
wendete oft grere Mhe an, sein Gutmeinen zu verbergen, als Heuchler anwenden,
gutmeinend zu scheinen. Merkwrdig war, wenn er gegen diese Snde kmpfte, wie
bald das Gutmeinen hervorbrach und dann wieder desto greller die Bosheit, wie
wenn am gewitterhaften Himmel bald die Sonne scheint, bald die Blitze zucken
durchs schwarze Gewlke.
    Er habe die Glungge nicht gerne in fremden Hnden gesehen, und da er niemand
htte auf der Welt, der nach ihm frage, so habe er auch niemanden zu fragen,
wenn es ihn gelste, einige Kreuzer mehr oder weniger wegzuwerfen, bemerkte er
dem Bodenbauer. Er wrde gerne noch einige Handvoll nachwerfen, wenn er wte,
was jetzt die alte Glunggenbuerin im Himmel dazu sage und was sie fr ein
Gesicht mache, da Hagelhans Glunggenbauer geworden! Nun knne er nicht alsbald
aus dem Blitzloch fort, sondern msse einen Pchter haben auf der Glungge. Man
sei halt geschlagen mit solchen, aber der, welchen er gefunden, scheine ihm von
den weniger schlechten zu sein, und noch dazu sei er Gtti von einem Kinde des
Pchters und solle sogar dessen Vetter sein; da msse man begreiflich ein
Einsehen tun, auf die Gasse begehre er die Leute nicht zu bringen. Uli ist dir
schuldig und du warst sein Brge. Nun wirst du nicht ferner Lust haben, die
Finger in die Tinte zu stoen; ich habe aber auch nicht Lust, einen Pchter
anzustellen, den mir einer, sobald es ihm beliebt, auspfnden und blo machen
kann; ich mache dies lieber selbst, wenn es sein mu. Du hast den vorigen Akkord
machen helfen, und jetzt mut auch unsern machen helfen. Uli, der Vetter, hat
das Zutrauen zu dir, weil der vorige so gut gewesen, und ich habe nichts
dawider. Er soll nicht meinen, da ich ihn bernehmen will. Aber vergessen mu
man jedenfalls nicht, da der Hof mich sechzigtausend Gulden kostet, nicht
gerechnet, was ich verbauen mu; daneben mag ich es den Leuten gnnen, da sie
wieder aufkommen.
    Du alter Schelm, dachte Johannes, bist immer der gleiche Unflat, aber
diesmal fngst du uns nicht; ehe wir eintreten, mu ich mit Uli reden. Die
Bodenbuerin hatte sich erholt, erfllte ihre Pflicht als Wirtin wieder, und als
man mit Essen fertig war, unterhielt sie sich mit Uli. Da sagte der Bodenbauer
zu Uli: Komm doch geschwind mit mir in den Stall, whrend es noch Tag ist;
mchte dir ein Fllen zeigen und fragen, was du meinest, ob ich es fllen oder
zum Hengst geraten lassen soll.
    Weit was, sagte Hagelhans, schick die Frau mit Uli hinaus, er ist
hbscher als ich und lieber geht sie mit ihm in den Stall, als da sie bei mir
in der Stube bleibt. Htte brigens auch noch ein Wort mit dir zu reden. Die
Bodenbuerin kriegte einen Kopf so rot wie ein Kupferkessel, aber eine Antwort
wollte ihr nicht kommen.
    Drauen erst brach es ihr los im Halse, und hageldick flogen ihr die
Schimpfwrter aus dem Munde, da die Kinder sagten: Mutter, Mutter, um Gottes
willen, was hast du? So tatest du nie, mache die Haken auf am Gller, du
erstickst ja! Herr Jeses, Herr Jeses, was hast? Das Ungeheuer, der Unflat, der
Utfel, was er ist! Da doch einen Solchen Gottes Erdboden trgt! Ich habe von
dem schon gehrt, als ich ein junges Mdchen war, aber gesehen habe ich ihn
nicht. Da war nichts Schlechtes, was man ihm nicht nachredete, der Schlechteste
war er, der je in einer Menschenhaut ber die Erde lief. Den schnsten Mdchen
lief er immer nach, und wenn sie nichts von ihm wollten, verfolgte er sie
schrecklich, sie waren ihres Lebens nicht sicher vor ihm. So machte er es der
Glunggenbuerin, noch viel schlechter soll er es deiner Frauen Mutter gemacht
haben. Man erzhlte Sachen, ich darf sie nicht denken, geschweige aussprechen.
Er qulte sein Lebtag alle Menschen; Teufel und Hagelhans sind wie Brder, wer
besser sei, wei man nicht. Und jetzt mu der Unflat mir noch ins Haus kommen,
mich beschimpfen, und wir sollen helfen euch ihm ins Netz jagen und unglcklich
machen. Nein beim Hagel, der Utfel mu doch auch er, fahren, was man auf ihm
hlt und da man ihn kennt und da nicht alle Leute sich vor ihm frchten und
da er nicht machen kann bis zu allerletzt, was er will, der Unflat, der Utfel!
Da ihr mir aber auch nicht ds Herrgotts seid, mit dem alten Unflat euch
einzulassen, sonst halte ich mein Lebtag nichts mehr auf euch. Wir haben, wenn
es sein mu, fr euch zu arbeiten und zu essen. Was er an der Mutter nicht alles
ausben konnte, das wird er mit der Tochter treiben wollen, das Untier!
    So begehrte die Bodenbuerin drauen vor dem Hause auf, da man mit keinem
Hmmerlein htte dazwischenkommen knnen und es Uli ganz angst wurde, da er
nicht hineinging, bis es dmmerte und Johannes mit seinem Gaste herauskam. Wie
habt ihr das Fllen gefunden? fragte Hagelhans, und der Spott zuckte ihm in
jeder Runzel. Geht und seht selbst, Ihr versteht Euch besser darauf als ich,
schnellte die Buerin und fuhr ins Haus, als ob sie auf einem Hexenbesen se,
der Rest ihr nach bis an Uli, der nicht wute, sollte er auch gehen oder sollte
er bleiben.
    Kannst es ihm jetzt sagen, sagte Hagelhans zum Bodenbauer. Uli, sagte
der Bodenbauer, wir haben einen Akkord abgeredet, ich soll ihn ausfertigen
lassen, wenn du damit zufrieden bist; ich denke aber Ja, ich htte ihn mir nicht
besser erdenken knnen, wenn ich schon gewollt htte. Du bekmmst den Hof auf
zehn Jahre, die gleichen Zugaben, brauchst hundert Taler weniger Zins zu zahlen
und kannst einen Zins immer verzinsen, wenn du das Geld zum Betrieb brauchst.
Auszurichten hast du nichts als den Bauer zu speisen, wenn er da ist, und will
er das Stcklein beziehen, welches er sich vorbehalten, so macht sich dies dann
besonders. Das ist die Hauptsache, damit, denke ich, kannst du wohl zufrieden
sein.
    Uli wute nicht, was er sagen sollte, war das, was er hrte, ein Glck oder
eine Musefalle. Endlich frug er: Und mit den Schulden, wie ist dies? Der
neue Bauer bernimmt sie, sagte der Bodenbauer. Ich wollte zuerst sie nicht
abtreten, aber als er es nicht anders haben wollte, machte ich es mit ihm, da
er sie die ersten fnf Jahre nicht absagen darf, bis dahin wirst du dich
hoffentlich erholen knnen. Da Uli mit der Sache immer noch tat wie mit einem
vortrefflichen Bissen, mit dem man aber den Mund zu verbrennen frchtet und ihn
daher erst von allen Seiten anblst, so sagte der Alte, der den Handel wohl
merkte und dem der Spott im ganzen Gesichte herumfuhr wie ein Schwrmer durchs
Gras: Wenn du nicht weit was du willst, so besinne dich. Gehe das Land auf,
das Land ab bei jedem Babi zRat, dann sage ab oder zu, wenn ich noch lebe! Gut
Nacht! Uli mute mit, da sie in einer Stube schliefen, konnte es aber lange
nicht zum Schlafen bringen.
    So hatte es aber auch der Bodenbauer. Der Bodenbauer war den berchtigten
Gardinenpredigten ganz entwhnt. Mann und Frau lebten so einig, verstunden sich
so gut, da ein Blick, ein Wort gengte, sich zu verstndigen. Aber wohl, diesen
Abend brach eine los, da der Mann lange seinen Ohren nicht traute, nicht wute,
kam sie wirklich von seinem Weibe oder von einem bsen Geiste.
    Mit einem solchen Utfel und Untier machst du gemeine Sache, brach es bei
der Frau los, um zu deinen paar Batzen zu kommen und die armen Leutchen um
alles zu bringen, nicht blo um das Geld! Das wird die Leute wundern, wenn sie
vernehmen, was der Bodenbauer, vor dem sie so lange Respekt gehabt, fr einer
sei, und lange Zeit werden sie nicht wissen, ist er zu einem Esel geraten oder
zu einem Schelm und untreuen Manne. Mich selbst nimmt es wunder fr welchen von
beiden man in Zukunft ihn halten solle. Das ist so gleichsam der Text, ber
welchen die Bodenbuerin predigte. Die Predigt war viel lnger und bndiger.
    Endlich konnte der Bodenbauer sagen: Frau, du gibst dir viel zu viel Mhe,
die Sache ist anders, ganz ds Gegenteil! Potz Himmeltrk, bisher war der
Bodenbauer im einfachen Plotonsfeuer gewesen, jetzt kam er unter
Vierundzwanzigpfnder. Wer mal dabeigewesen ist, wenn die krachten, der wei,
was dreinreden hilft. Endlich sagte der Bodenbauer, als ihm schien, die Munition
sei am Ausgehen: Du tust wie ein trunkenes Fraueli, wei gar nicht, was dich
ankmmt. Habe dich nie so gesehen als sechs Wochen nach der Hoch, zeit, da du
einmal eiferschtig wurdest auf deine eigene Gromutter. Wann du ausgeredet
hast, so sags. Ein Wrtlein mchte ich endlich doch auch dazu sagen. Aber es
surrete lange noch bei der Bodenburin, ehe sie sagte: Nun, so rede! Es wrde
mich doch wunder nehmen, was du dazu zu sagen hast?
    Der Bodenbauer setzte der Frau die gnstigen Bedingungen der Pacht
auseinander und frug, ob da bser Wille sein knne. Du Tropf, sagte die Frau,
da du das nicht einsiehst, das ist gerade so wie beim Teufel; er verspricht
alles, um nichts als nur arme Seelen in seine Klauen zu kriegen. Du hast
unrecht, Frau, sagte der Bodenbauer. Der Mann hat sich in meine Hand gegeben
und mir Sachen gesagt und aufgetragen, da ich wei, woran ich mit ihm bin, und
da vielleicht nicht Viele herumlaufen, welche brver sind als der verrufene
Hagelhans, und da Uli ein glcklicherer Mann werden kann als bald einer. Was
hat er dir denn gesagt? frug die Bodenburin. Ich mute ihm versprechen, es
niemanden zu sagen, bis er es mir erlaube, sagte der Bodenbauer. Ho, mir doch
wirst du es sagen knnen, sagte die Bodenbuerin. Darf nicht, sagte der
Bodenbauer, er hat noch extra gesagt, dir solle ich es nicht sagen, und ich
habe es ihm in die Hand versprechen mssen.
    Potz Himmel, wie ging da das Feuer frisch auf, und wer mal selbst solch
Ehespektakel erlebt hat, kann sich den Gang des Stckes denken und wie manchen
Aufzug es gab. Doch vielleicht ist selbst dem Erfahrensten das Ende
berraschend. Der Bodenbauer hielt sein Wort; was er versprochen hatte, nicht zu
sagen, das sagte er nicht. Das ist selten! Es mag der Welt unglaublich, ja
unnatrlich scheinen, und doch ist es ganz einfach und naturgem. Der
Bodenbauer hatte seiner Frau keine eigenen Geheimnisse zu verschweigen, darum
konnte er fremde bewahren. Wer aber eigene Geheimnisse hat, sucht gerne mit dem
Ausplaudern fremder Geheimnisse die seinen zu verdecken, die Weiber abzulenken.
    Wir wollen offen sein und gestehen, der Schlu befriedigte die Bodenburin
durchaus nicht. Die Bodenburin verarbeitete eine schlaflose Nacht, nicht
eigentlich wegen der Neu, gierde, sondern, wie sie sagte, da der Mann sie so
wenig liebe, ihr so wenig traue, da er nach fnfundzwanzig Jahren ihr nicht
sagen mge, was ihm gesagt worden sei. Als es endlich gegen Morgen ging, kam es
ihr, denn sie war vernnftig wie selten eine, Versprechen sei eigentlich
Versprechen und Ausnahmen seien Ausnahmen und Lcher ins Versprechen, und wo mal
ein Loch sei, sei die Sache nicht mehr ganz. Ihr Mann hatte dem Hagelhans was
versprochen, er habe aber auch ihr versprochen Treue und sonst noch viel. Sie
begehre, da er ihr halte, und sie glaube, er habe es getan; warum solle sie ihn
verfhren, da er jemand anders nicht halte? Genau genommen sei das schlecht von
ihr, und wenn er ihr abfalle, so geschehe es ihr ganz recht; dem Einen recht,
dem Andern billig. Es tat der Burin sehr leid, da es so lange gegangen war,
ehe sie dies begriff, und als am Morgen der Mann erwachte, da bat sie ihn
dringlich, da er ihr doch nicht zrne. Da htte er es bei einem Haar gesagt,
denn er war noch schlaftrunken und die unerwartete Liebe war fast wie ein
englischer Zapfenzieher, welcher alles ffnet. Zu rechter Zeit noch erwischte er
das entspringende Wort beim Bein und sagte blo: Zhle darauf, die Sache kmmt
gut. Mache Uli guten Mut, und einst werden die Leute das Maul offen vergessen
und nicht Babi sagen knnen vor lauter Verwundern.
    Am Morgen wute die Bodenburin nicht recht, wie sie mit Hagelhans umgehen
solle. Hagelhans schlug ihr seine groen Augen ins Gesicht, so gleichsam als ein
Blasenpflaster, welches wieder herausziehen konnte, was nicht drin sein sollte.
Die Burin merkte gleich, was das sein solle, und sagte: Habt nicht Kummer, ich
habe einen wsten Mann; eigentlich sind alle wst, aber meiner vor allen, sagt
mir nichts, als was er gerne will. Nun, ich bin auch nicht halb so neugierig, es
wre mir ein Leid, wenn ich alles wissen mte, was mich nichts angeht. Es gibt
dagegen Sachen, welche man gerne wte und wo dies wohl zu verzeihen ist. Wenn
man zum Beispiel jemanden fr gutmeinend halten soll, den man fr einen Unflat
gehalten, so wre einem ein Warum doch vielleicht erlaubt.
    Auf ein Warum von der Frau pat nichts besser als ein Darum vom Mann. Das
ist der wahre Mannsbrauch, sagte Hagelhans. Wie weit kam Mancher mit solchen
Bruchen? antwortete die Bodenbuerin mit sanfter Stimme, aber dem bekannten
Weiberblick, welchen sie an die Worte heften, welche znden sollen, gleich wie
das berhmte griechische Feuer ehedem auch mit Pfeilen geschossen wurde. Da tat
der Hagelhans seine Augen wieder weit auf und sagte: Habe er es dir nun gesagt
oder nicht gesagt, so bedenke, da wenn ein Wort von dem geschwatzt wird, was
ich ihm gesagt, aus allem nichts wird, du aber dein Lebtag reuig wirst, so wahr
ich Hagelhans heie. Jetzt mache, was du willst. Die Weiber haben zuweilen ein
eigen Geschick, zu treffen aufs Geratewohl, da man meinen sollte, sie kennten
das Ziel und htten scharf gezielt, und ist doch all nichts. Die Bodenbuerin
beteuerte umsonst, sie wte wahrhaftig nichts, Hans traute nur halb. Mach, was
du willst, sagte er, aber zhl darauf, was ich gesagt, das halte ich. Der
Bodenbauer, der jetzt mit Uli das Fllen besehen hatte und mit ihm in die Stube
kam, machte dem Gesprch ein Ende.
    Hagelhans pressierte mit dem Aufbruch; die Sach sei gemacht, Gschwtz trag
nichts ab, die Zeit, welche vorbei sei, sei vorbei und nicht mehr zu gebrauchen,
sagte er. Er nahm Uli mit fort, trennte sich aber bald darauf von ihm und
marschierte dem Blitzloch zu. Wann er wiederkomme, wisse er nicht, sagte er, sie
sollten alle Tage seiner gewrtig sein.
    Uli ging heim, als wre er trunken. Also war er wieder Pchter auf der
Glungge und unter Bedingungen, wo es ihm fast nicht fehlen konnte, und doch
wte er nicht, sollte er sich freuen oder nicht; es war ihm etwas Dunkles im
Hintergrunde, von dem er nicht wute, war es gut oder bs. Bald kam ihm sogar
der Johannes verdchtig vor, der erst so bedchtig getan und dann so stark
eingeredet, und am Morgen sogar die Frau; es war gleichsam, als htten sie kalt
und warm aus einem Munde geblasen.
    Mit groer Spannung harrte seiner Vreneli, lief ihm weit entgegen, als es
ihn von ferne sah. Und du bangst noch? sagte es, als es alles vernommen, bist
du so mitrauisch geworden? Hast den Glauben so gutmtig auf jeden faulen Stock
abgestellt, und jetzt ist dir kein Stein gut genug dafr. Sieh, Bodenbauers
sollten wir aus ihren Werken erkennen, wegen einigen Talern verkaufen die uns
nicht, und Vetter Hagelhans ist zu alt, um Bosheit mit uns zu treiben, sonst was
wre an uns nichts zu gewinnen. Glaube mir, das ist ein Anderer als Joggeli!
Hagelhans kann einen Menschen totschlagen, aber den Wurm zertritt er nicht.
Warum er es gut meint, wei ich nicht, aber gut meinen tut er es, dafr wollte
ich meine Hand ins Feuer halten. Den wildesten Menschen kmmt es manchmal an wie
Heimweh, wenn sie alt werden. Sie htten niemanden, klagen sie, und suchen
jemanden, der Anteil an ihnen nimmt und dem sie zeigen knnen, da sie doch noch
Menschen sind. Vielleicht da es Hagelhans auch so kam; dazu sind wir nicht ganz
fremd, sondern verwandt, freilich nur entfernt, aber bse haben wir ihn nie
gemacht und er ist Vrenelis Gtti. So habe ich alles Vertrauen, und wenn er
kmmt, will ich zu ihm sehen, als ob er mein Vater wre. Mag kommen, was da
will, so ist die Pacht gut, und zehn Jahre, denk, da lt sich was machen, und
da die Sache recht gemacht wird, darauf kannst du zhlen, der Bodenbauer ist
lauter wie Gold. Was meinst, soll ich Eierkuchen backen heut abend und Nidle
stoen recht dick? Lange haben wir nichts Gutes gehabt, und das ist ein kleines
Mhlchen wert. Ei, wie werden die Kinder sich freuen, wenn sie wissen, da wir
dableiben, den Anken riechen auf dem Feuer und die Nidle stoen sehen. Mchte ja
selbst springen und jauchzen wie ein Kind, wei gar nicht, wie leicht es mir ums
Herz ist! So jubelte Vreneli kindlich, und groe Freude war auf der Glungge
selben Abend.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Wie die Welt im Argen bleibt und gebesserten Menschen es gut geht mitten in der
                                   argen Welt

Als die Leute vernahmen, da Uli frisch gepachtet und gut und welche Freude
darber gewesen sei auf der Glungge, da wunderten sie sich sehr. Anfangs hatten
sie Mitleid gehabt mit Uli und gedacht, der wste Mann werde ihn handlich
plagen, er knne sie bel erbarmen; verdient htte er es nicht, wenn er schon
einige Zeit von dem Kraut, welches nichts koste, man nenne es Hochmut, wohl viel
gehabt.
    Als sie nun aber vernahmen, da es umgekehrt gegangen, Uli besser zweg sei
als vorher, ja da Hagelhans gar noch Vetter sei und Gtti von einem Kinde, da
hielten sie alles fr ein abgeredet Spiel, um Joggelis Kinder und Kindeskinder
zu verstoen. Ob es so sei oder nicht, untersuchte man begreiflich nicht,
sondern man hielt es einfach fr grimmig schlecht. So viel Gutes sie dort
genossen und die Alte ihnen mehr getan als den eigenen Kindern, und jetzt es
ihnen so machen, wo sie in der Not seien, das sei ber das Bohnenlied. Da knne
man wieder sehen, wie schlecht die Welt werde und da gar keine Religion mehr
sei; ehedem htte sich der schlechteste Hund geschmt, so was zu machen.
    Als man nun gar sah, wie Hagelhans oft auf die Glungge kam und wie da eine
Einigkeit war, die Kinder dem Alten nachliefen, der Alte kein Geld sparte zu
allerlei dem Hofe vorteilhaften Arbeiten, Uli Geld hatte und seinen Viehstand
ordnete, wie er ihm am vorteilhaftesten war, da ward es den Leuten gar zu kraus.
Sie rhrten im Moder der Vergangenheit, rhrten halbverweste Bruchstcke herauf
aus der Vergangenheit, setzten daraus grausame Geschichten zusammen, da einem
die Haare zu Berge stunden, und flochten daraus Verhltnisse, alte und neue,
zwischen Hagelhans und Vreneli, an denen niemand htte Freude haben sollen als
hchstens der Teufel. Und doch hatten gar viele Leute Freude daran und unter
andern auch die, welche so bitter klagten, wie die Welt immer schlimmer werde.
    Am bittersten mignnten begreiflich Elisi und Trinette Vreneli ihr
sogenanntes Glck, das heit da sie die Pach: wieder hatten und da im Schweie
ihres Angesichts ihr Brot essen durften. Htten sie gearbeitet und geschwitzt
wie Uli und seine Frau, sie besen den Hof noch eigentmlich und nicht blo das
Recht, ihn zu bearbeiten; aber so weit denken solche Weiber nicht. Je weniger
sie taugen, je tiefer sie in selbstverschuldetes Elend sinken, desto giftiger
nagen in ihren Herzen Neid und Rache, Ha und Zorn; das sind die Schlangen,
welche schon hienieden die Herzen zu Hllen machen, whrend sie Tempel des
Friedens Gottes, der ber allen Verstand geht, sein knnten.
    Sobald Elisi das Gebru der Leute zu Ohren bekommen, machte es sich auf die
Fe, um Vreneli alles, was es wute, in die Nase zu reiben. Elisi hatte
begreiflich den Verstand nicht, zu begreifen, da durch Hagelhanses
Dazwischenkunft ihm einige tausend Gulden zugut kamen, sondern blo den Sinn,
Vreneli so weh als mglich zu tun, weil Vreneli auf der Glungge bleiben konnte
und Elisi nicht.
    Doch, wie es geht in der Welt, die Sache ging ganz umgekehrt, als Elisi
gedacht. Vreneli war von frh an gewohnt, Elisi zu ertragen, alle seine Tcken
und Bosheiten mit Gelassenheit geschehen zu lassen, ohne sich viel darum zu
kmmern. Freilich hatte es Vreneli viel gekostet, ehe es zu dieser Gelassenheit
gekommen war. Solange Elisi im Glck war, mute Vreneli von Zeit zu Zeit neu
ansetzen, dieselbe sich zu bewahren; nun, da Elisi im Unglck war, ward es
Vreneli leicht, in Geduld anzunehmen, was Elisi tat und sagte, und je rger es
es trieb, desto grer war sein Erbarmen mit der unglcklichen Person. Wer
drinnen sei wie Elisi, der Mann mit dem Schelmen davon, der grte Teil des
Vermgens drauf, einen Rudel Kinder ohne Zucht und Hoffnung, sei geschlagen
genug, sagte es. Wenn man Verstand habe und Gottvertrauen und den Leuten lieb
sei, so mache sich alles; man habe Trost in Gott, Hlfe von guten Leuten und
Hoffnung auf die Zukunft. Aber wo weder Verstand noch Liebe, weder Religion noch
Kraft sei, da sei der Mensch geschlagen und ohne Hoffnung weder fr die Erde
noch fr den Himmel. Und wenn der Mensch noch so boshaft, neidisch, znkisch
sei, dann mache er sich zu allem andern noch ein schwer Leiden selbst, dazu alle
Leute bs, da er das Schlimmste gewrtigen msse von ihnen.
    Das ist eben die Weise der edlern Naturen, da das Unglck ihnen die
Personen heiliget, wie widerwrtig sie an sich auch sein mgen, so wie den
Muhammedanern die Wahnsinnigen heilig sind. Umgekehrt haben es die gemeinen
Naturen, fr das Edle haben sie keinen Sinn; ists im Glanze, kriechen sie vor
ihm im Staube und lecken ihm die Fe, ists im Unglanz, werfen sie es mit Kot,
treten sie es mit Fen. Vide Weltgeschichte bis auf die allerneuste Zeit!
Vreneli dachte bei Elisi immer: Vater, vergib ihm, es wei nicht, was es tut.
    Was Vreneli schmerzte, war das Benehmen der Leute berhaupt. Migunst trat
berall zutage, und diese erzeugte das heilloseste Streben, fr edles Handeln
schlechte Grnde zu er grbeln. Das ist eine heillose Weise, die, wenn sie dem
Tun nichts anhaben kann, demselben einen schlechten Sinn unterschiebt. Diese
Weise vergiftet das Leben der edelsten Menschen, zerstrt Erfolge, lhmt alle,
welche ber das Urteil der Menge sich nicht erheben knnen. Vreneli war sich so
klar bewut, jedermann das Glck zu gnnen, mit beiden Hnden und ganzem Gemte
bereit zu sein, Anderer Glck zu frdern und ihr Unglck zu wenden, und hatte
davon so manchen Beweis geleistet, da es ihm wirklich wehe tat, diesen Sinn der
Welt in all seiner Bitterkeit erfahren zu mssen. Indessen will es Gott so und
es ist gut so; das sind die khlen, frostigen Frhlingswinde, welche den zu
raschen und zu ppigen Aufwuchs der Pflanzen, welcher denselben so gefhrlich
ist, hemmen. Dieses Sumsen und Reden soll den Christen demtig bewahren, da er
sein Glck nicht als ein verdientes betrachtet, sondern als einen Segen Gottes.
Um Gottes willen soll er nach seinen Fehlern und Flecken sphen, sie ausreien
und ausreiben mit schonungsloser Hand, und glte es das rechte Auge und wre es
die rechte Hand, an welcher das rgernis klebte, damit die Menge nicht sage,
Gott teile seinen Segen blindlings aus, sei darin den Groen der Erde gleich,
welche sehr oft ihre Gnaden an die Unwrdigsten verschwenden. Um Gottes willen
soll er sich als einen Verwalter der Gaben Gottes betrachten und treu sein, soll
durch Gte und Milde vershnen, soll feurige Kohlen sammeln auf der Feinde
Hupter, soll zeigen, wie der Christ das Sprchwort Es gibt keine Schere, die
schrfer schiert, als wenn der Bettler zum Bauern wird Lgen strafet. Der
Christ wird nie hochmtig, schmt sich nie derer, welche frher seinesgleichen
waren, verleugnet sie nicht um so greller, je mehr er frchtet, man mchte
seiner Herkunft gedenken und die frhern Genossen ihm vorwerfen; im Gegenteil,
um so mehr Erbarmen hat er mit denen, deren Schmerzen er aus eigener Erfahrung
kennt, und um so brderlicher hlt er Herz und Hand offen, je tiefer er fhlt,
da Gott ihn zu einem Werkzeuge erwhlet und den wahren Lohn ihm nach der Treue
zumit, in welcher er in seinem Amte steht.
    Wren nun die Emporkmmlinge Christen auf diese Weise, demtig statt
hochmtig, milde statt hart, dann wrden sie nicht blo die Menschen vershnen
mit sich, sondern es wrde auch Mancher denken: An dem habe ich mich versndigt,
habe Schlechtes von ihm geredet, ihn nicht blo verurteilet, sondern
leichtfertig und unverhrt ihn verdammt, und mit welchem Mae ihr messet, mit
diesem soll euch wie, der gemessen werden, heit es ja. Ein andermal werde ich
anders sein, mich nicht rgern an Gottes Gte, die er ber Andere ausgiet, dem
Kain gleich, mich nicht versndigen an Andern durch ein lieblos Verdammen, um
nicht selbst verdammt zu werden.
    Vreneli suchte diese Vershnung, und zwar nachhaltig und standhaft. Es
meinte nicht, da wenn es einmal einer armen Frau ihr Scklein gefllt, mit
einer andern freundlich gesprochen habe, nun alles gut sein solle, alle Muler
umgewandelt, nun nichts mehr als Lob und Preis allenthalben. Fr Schlechte
schlgt die ffentliche Meinung pltzlich um von einer Stunde zur andern, macht
Purzelbume, die schrecklich sind; ins Gute aber wandelt sie sich langsam um,
und wenn man meint, jetzt sei alles wieder gut, so reibt einer die alten Flecken
wieder auf, macht neu den Verdacht, und lange geht es wieder, bis Achtung und
Vertrauen sich wiederum eingestellt.
    Was Vreneli seine Langmut erleichterte, war der Friede und das Behagen,
welche sich bei ihnen eingestellt. Uli war ein Anderer geworden. Den alten
heitern Sinn und die emsige Rhrigkeit hatte er wieder, verband sie aber mit
Ruhe und Besonnenheit. Da war keine ngstlichkeit mehr, kein Zappeln und Hasten;
er meinte nicht, da heute alles gemacht sein msse, als ob morgen kein Tag mehr
sei, zog dem Himmel keine schiefen Gesichter mehr, wenn es nicht regnen wollte,
wenn Regen Uli passend dnkte. Er hatte in sich die Ergebung gewonnen, welche es
nimmt, wie Gott es gibt, welche macht, was sie kann, aber nie meint, dieses oder
jenes msse so und nicht anders gehen, msse erzwungen sein. Er hatte die
Erfahrung gemacht, da wo der Herr nicht das Haus behtet, umsonst die Bauleute
arbeiten, wie wenig frh Aufstehn und spat Niedergehen und sein Brot mit Sorgen
Essen helfen, wenn der Herr nicht dabei ist mit seinem Segen. Zum Innern kam
dann auch das uere, welches alleine aber nie die Ruhe gibt ohne innern Grund.
Er konnte sich wieder helfen mit dem Gelde. Flut und Ebbe wechselten nicht so,
da alles, was eingegangen, wieder abflo, es blieb wieder etwas zurck, setzte
sich so gleichsam festes Land an, auf welches er mit immer grerer Sicherheit
seinen Fu stellen konnte. Es schien, als ob der Hof ersetzen wolle, was Uli
eingebt, als ob er vergelten wolle, was Uli an ihm tat.
    Zudem half Hagelhans, der immer fter da war, mit gar manchem nach, fast
unvermerkt. Es tut einem Hof bald dies, bald jenes not oder tte ihm wohl, aber
niemand will es machen. Der Pchter scheut die Ausgabe oder denkt, wenn er von
der Pacht msse, entschdige ihn niemand. Der Besitzer denkt: ich kriege gleich
viel Pachtzins, sei das gemacht oder nicht gemacht, schiebt die Arbeit auf von
einem Jahr zum andern Jahr oder schlgt gar sie ab. Es gibt keine Form des
Pachtakkordes in der ganzen Welt, wo solche Nachteile, die erst der Pchter
leidet, welche aber spter auf den Besitzer zurckfallen, vermieden werden
knnen. Von Joggeli hatte Uli gar nichts mehr erhalten knnen, er selbst hatte
es je lnger je weniger vermocht; jetzt griff Hagelhans mit beiden Hnden zu,
da es Uli manchmal graute und er sagte: Es dnke ihn, mit dem knne man noch
warten bis das andere Jahr, es sei schon so viel geschehen, und zu viel mchte
er ihm doch nicht zumuten. Wenn ich es zahle, was geht es dich an? fragte
Hagelhans. Warum aufs Jahr versparen, wozu jetzt Geld und Wille da sind? Das
waren zwei schlagende Grnde, gegen welche nicht viel zu sagen war.
    Nur am Hause selbst wollte er nicht reparieren, nur das Ntigste in den
Stllen und an den Bschttilchern. Was man an die alte Htte wende, sei
verloren, sagte er. Er hatte immer fester einen Neubau im Kopf; hier aber stie
er auf Vrenelis Willen, welches nichts weniger als diesem geneigt war. Vreneli
hatte eine groe Gewalt ber den Alten; es herrschte zwischen ihnen die
Traulichkeit, wo Vrenelis ganzes Wesen in Ernst und Scherz seine Macht ben
konnte. Es suchte ihm das Bauen auszureden, und als das nicht mglich war, doch
Zeit zu gewinnen. Die Grnde, wie lieb ihm das alte Haus sei, wie es in einem
neuen sich nicht zu gebrden wte, wie es sich fr einen Pchter nicht schicke,
in einem solchen Hause zu wohnen, und ihm viel Kosten nach sich ziehe, lie er
nicht gelten. Hingegen leuchtete ihm das ein, da wenn man zu rasch baue, man
schlecht baue, und da allemal das Land das Bauen entgelten msse, denn whrend
man baue, richte man sein Augenmerk auf den Bau, brauche den Zug fr das Bauen,
und grblich werde das Land vernachlssigt. Es wre daher zehnmal besser, man
setze erst das Gut recht in Stand, fhre nach und nach in migen Zeiten das
ntige Material herbei; so komme man vor und nach mit allem zurecht, keines
schade dem andern und der Pchter laufe nicht Gefahr, sich und seinen Zug
zugrunde zu richten. Es msse sagen, es wrde ihm Kummer machen fr Uli, wenn er
wieder so in ein Gewirre hineingestoen wrde. Derselbe habe gar ein ngstlich
Gemt; wenn man ihm schon jetzt nichts anmerke, so knnte so leicht es ihm
wieder kommen, wenn man ihn in Versuchung fhre, ehe er so recht erstarket sei.
    Der Alte war seit Jahren nicht gewohnt, da jemand ihm widersprach; was er
wollte, das wurde ausgefhrt, und um so unerbittlicher, wenn er sah, da jemand
ein schief Gesicht dazu machte, das hatte sein Gesinde oft erfahren. Der fremde
Wille von Vreneli wrgte ihn im Halse wie ungewohnte, seltsame Kost, und doch
wrgte er ihn herunter mit manch seltsamem Gesicht und ergab sich darein, aber
nicht wie Joggeli es getan hatte, unter Knurren und Murren und bestndigem
Widerstreben, sondern als er ihn endlich hinunter hatte, sagte er: Nun, dir zu
Gefallen, da du es nur weit. Aber darauf zhle ich dann auch, da wenn ich
finde, der Hofhabe seinen Teil und die Sache sei beisammen, du kein Wort mehr
sagst. Hasse nichts mehr als das bestndige Wiederkauen.
    Vreneli zgerte noch, seine Hand in die dargebotene zu schlagen und das
Versprechen abzulegen, denn das alte Haus war ihm ans Herz gewachsen; aber da
tat Hagelhans seine groen Augen auf, und Vreneli schlug ein.
    ber einen andern Punkt kamen sie dagegen nie zum Ein, schlagen, da war
bestndiger Streit, doch nie ein feindseliger. Hagelhans hate den Johannes,
aber mehr noch Elisi; wenn er es sah, ward es ihm wie Andern, wenn sie Muse
oder Krten sehen. Johannes lie sich auf der Glungge nicht mehr sehen, seiner
Vter Gut hatte er den Rcken gewendet auf immer. Elisi hingegen hatte es wie
die Katzen, welche nicht an den Personen, sondern an den Husern hngen sollen,
es konnte nicht von der Glungge lassen. Obgleich einige Stunden davon entfernt,
erschien es doch alle Augenblicke auf der, selben als wie vom Himmel herab,
gebrdete sich daselbst als des Hauses Tochter und behandelte Vreneli auf die
alte Weise, als ob dasselbe um Gottes willen da sei, sagte ihm das
Unverschmteste und forderte von ihm, was ihm beliebte.
    Man wute nicht recht, war es Dummheit, war es Bosheit, war es
eingefleischter Hochmut oder war es die Art von Anhnglichkeit, die sich blo
durch Kratzen, Beien, Klemmen zu uern vermag. Vreneli ertrug dieses mit
klarem Gemte wie die Eiche die Fledermaus, welche in ihr nistet, der Berg den
Morast, der an seinen Fu sich schmiegt. Hingegen Hagelhans vermochte das nicht,
gerne htte er es, gleich einer Made im Ks, mit dem Fue zertreten. Er befahl
Vreneli, mit Elisi abzubrechen, es einmal vom Hofe wegzujagen wie einen Hund,
da es das Wiederkommen bleiben lasse, das Mensch wolle er nicht mehr antreffen.
Es knnte ihn ankommen, er stecke ihm eine, da es mehr als genug daran htte
fr immer. Aber Vreneli wollte das nicht. Der Base Kind jage es nicht vom Hofe
weg. Lieb sei ihm Elisi nicht und werde es nicht, aber es erbarme ihns, an allem
sei es nicht schuld und sollte jetzt nirgends mehr sein in der Welt. Die Base
drehte sich noch im Grabe um, wenn sie wte, wie es ihren Kindern erginge. So
drehe sie sich meinethalb, sagte Hagelhans, aber das Mensch lssest du mir
nicht mehr ins Haus und jagst es mit dem Besen vom Hofe, das tust. Und das tue
ich nicht, antwortete Vreneli. Und das tust du, sagte Hagelhans, und seine
Augen glhten lichter und wurden rund wie Pflugrder. Und das tue ich nicht,
sagte Vreneli, und seine Augen wurden rund und flammten, und das tue ich nicht,
und risset Ihr mir den Kopf vom Halse. Recht ist recht und schlecht ist
schlecht, und da hat mir niemand was zu befehlen als mein Gewissen und Gott. So
hatte zu Hans noch niemand gesprochen. Erstaunt sah er die glhende Frau an,
sagte endlich: Sollte ich wohl vor dir mich frchten mssen?, ging, sagte von
Stunde an nichts mehr von Elisi, aber wo er Vreneli einen Wunsch anmerkte, ward
er erfllt.
    Es klopfte einmal an einem recht wsten, windigen Regentage, wo Vreneli die
Kchentre zugemacht hatte, damit der Wind ihm nicht ins Feuer komme, an der
Tre. Vreneli ffnete, drauen stand seine Freundin, welcher es zu Gevatter
gestanden, pudelna, mit einem ebenso pudelnassen Kinde auf den Armen. Mein
Gott, bist du es, sagte Vreneli, bei solchem Wetter; was denkst doch, da du
bei solcher Zeit zur Tre aus gehst und noch dazu mit einem Kinde? Nun begann
die Frau sich weitlufig zu entschuldigen, da sie nicht frher gekommen, aber
bei gutem Wetter habe sie Arbeit gehabt und diese nicht versumen wollen.
Vreneli dachte dazwischen, ihns zu mahnen an das Gutjahr htte es nicht
gebraucht; es sei ihm leid, da die Freundin so unverschmt geworden, aber die
Armut werde dies machen. Aber, fuhr die Frau fort, sie htte nicht lnger warten
wollen, ihm zu danken, es htte sonst glauben knnen, es sei ihr nichts daran
gelegen, und doch knne sie nicht sagen, wie schrecklich es sie gefreut, da es
so an sie gedacht, sie htte einen ganzen Tag das Wasser in den Augen gehabt.
    Wei nichts, sagte Vreneli, was meinst? Vexiere nicht, sagte die Frau,
du oder der Bauer, wird ja auf eins heraus, kommen, haben uns ja Bescheid
machen lassen, es sei hier eine Behausung leer. Wenn wir keine htten oder noch
nicht zugesagt, so sollten wir kommen; sie sei gut, wohlfeil und das ganze Jahr
Arbeit. Ich kann dir nicht sagen, wie das mich freute, da du an mich dachtest
und da ich in Zukunft doch auch jemanden haben soll, dem ich klagen darf, was
mich drckt, und Rat holen, wenn ich nicht mehr wei wo ein und aus. Daran bin
ich wahrhaftig unschuldig, sagte Vreneli, wei kein Wort davon. Verschm
dich dessen nicht, sagte die Frau, sonst dauert es mich. Fr einen Narren
gehalten wird mich doch niemand haben, setzte sie erschrocken hinzu, das wre
doch schlecht, mein Gott!
    Habe nicht Kummer, sagte Vreneli, und wre es so, so lt sich aus Spa
Ernst machen. Aber mir fllt ein, was es sein knnte. Ich erzhlte einmal unserm
Bauer von dir, wie du mich erbarmet, wie ich gedacht, wenn es zu machen wre, so
mchte ich dich in die Nhe; dein Mann sei gut zur Arbeit, und eine vertraute
Person kme mir in hundert Fllen so kommod. Jetzt ist ein Huschen, welches der
Bauer zu vermieten hat, leer; was gilts, er hat dran gedacht, was ich ihm
gesagt, und er ists, der dir Bescheid gemacht hat. Ists noch ein Junger?
fragte die Frau. Fragst wegen mir oder fragst wegen dir? frug Vreneli mit
einer Miene, von welcher man nicht recht wute, ob Zorn oder Spott in ihr stach.
Die Frau erschrak und wute nicht, was sie sagen sollte. Sieh, sagte Vreneli,
das macht mich am bsten, da wenn ein Mensch tut, was recht ist, Andern zulieb
zu leben sucht, so sucht man gleich was Schlechtes dahinter, und fast ohne da
man es wei. Es ist ein alter Mann, ein Blimann, ein Kindlifresser von auen,
hat aber ein gutes Herz, und wenn er mal wei, da man treu ist und es gut mit
ihm meint, so tut er einem zu Gefallen, was er kann und mag. Er ist darin ganz
das Gegenteil vom frhern Bauer. Doch das kannst am besten selbst erfahren. Er
ist da, dort drben im Stock, gehe hin und machs mit ihm ab. Vreneli zeigte der
Frau den Weg zum Bauer, unterdessen mache ich dein Kind trocken und lege es ins
Bett.
    Die Frau wollte nicht gerne gehen, meinte dies, meinte das, aber Mutter
Vreneli konnte auch befehlen, besonders wenn wunde Flecken berhrt worden waren.
Es ging nicht lange, so kam die Frau wieder daher mit grblich langen Schritten,
platzte fast zur Tre herein und schrie: Wenn ich geschwollen werde am ganzen
Leibe, so bist du schuld; mein Lebtag hab ich noch kein Ungeheuer gesehen als
heute, es zittern mir alle Glieder. Hagelhans war wahrscheinlich im Nglig
gewesen, hatte langen Bart gehabt und die Stimme tief unten herauf genommen, als
er den kurzen Bescheid gegeben, sie solle die Sache mit Vreneli machen, wie es
sie mache, sei es ihm recht, daneben machen da sie fortkomme, sie sei eine
Strme. Das habe ihr doch noch niemand gesagt, und das habe er in einem Ton
gesagt, da es gerade gemacht, als ob es donnere. Es sei ihr gewesen, als
zittere der Boden unter ihren Fen, sie htte gemacht da sie fortkomme, und
ihr sei immer gewesen, als sei hinter ihr eine Hand, fasse sie am Hals und wolle
ihn umdrehen.
    Und was dnkte dich, frug Vreneli boshaft, ists ein Junger oder ein
Alter? Verzeih mir Gott meine Snde, sagte die Frau. Ich bin eine arme
Snderin, aber die schlechteste doch nicht, aber wenn ich den sehe, wre es mir
immer, der Leibhaftige wre da und wolle mich nehmen. Vreneli hatte Mhe, die
gute Frau zu beruhigen und sie zu bewegen, das Anerbieten anzunehmen. Wer wei,
wenn ihr die Behausung nicht so anstndig gewesen, die Bedingungen nicht so
eingeleuchtet htten und Vreneli nicht so lieb, ob sie sich htte bewegen
lassen, so hatte der Alte ihr das Herz wackeln gemacht. Sie freute sich endlich
doch der Sache, ging reich beschenkt weg. Aber sobald sie Vreneli nicht mehr
sah, kam ihr die Angst wieder, sie lief, als ob der Leibhaftige ihr auf der
Ferse sei.
    Vreneli war uerst dankbar fr des Vetters zuvorkommende Gte. Einer
vertrauten Person bedurfte es. Eine solche Person bildet die Brcke, welche die
Meisterfrau mit der ihr untergeordneten oder sie umgebenden Welt verbindet, so
wie der Knig mit smtlichem Gesindel in Zusammenhang steht durch seinen
Justiz-und Polizeiminister. Nun kmmt es immer darauf an, da der Knig genau
die Beschaffenheit der Brcke kenne. Zwischen einer faulen und einer soliden ist
bekanntlich ein bedenklicher Unterschied. Mit Bedauern bemerkte es freilich, wie
weit, wenn auch die Herzen eins bleiben, die Wogen des Lebens die Menschen in
ihren Anschauungen des Lebens auseinandertragen knnen. Die Einen werden in
Niederungen abgesetzt, wo sie keinen freien Blick haben, sondern nur anschauen
und auf Lassen, was die Fluten an ihnen vorberfhren, whrend Andere auf Hgel
getragen werden, wo sie weite Umschau haben, schauen knnen, was sie wollen, und
ein sicher Urteil sich bilden in dem Vergleichen des Vielerlei ber jedes
Einzelne. Oft geschieht es, da dabei die Herzen auseinandergerissen werden, oft
bleiben sie in Liebe eins, wenn die Treue ber dem Dnkel steht das Gefhl ber
der Meinung. Vreneli fhlte mit Schmerz diese Verschiedenheit des Standpunktes,
doch trstete ihns das Bewutsein der berlegenheit, welche es von je auf die
Freundin gebt. Die wolle es anders machen, dachte es, die msse es lernen, wie
es gute Leute gebe, welche das Gute wollten und das Rechte bten, weil sie es
liebten und nicht aus Hinterlist und als Deckmantel der Snde.
    Zum Vetter ging es hinber, um ihm zu danken fr seine Gte. Dieser frug
nach Uli, er habe ihn heute nicht gesehen und mchte mit ihm reden. Er sei fort,
sagte Vreneli, wahrscheinlich komme er heute wieder, doch wisse es es nicht
bestimmt. Wo ist er hin? frug Hagelhans, ist doch heute kein Markt hier
herum? Darf es Euch, Vetter, fast nicht sagen, antwortete Vreneli. So la es
bleiben, sagte der Vetter, werde gleichwohl schlafen knnen.
    Vetter, es ist nichts Bses, sagte Vreneli. Damit Ihr nicht bse werdet,
kann ich es Euch wohl sagen jetzt, da die Sache abgetan sein wird. Vorher
wollten wir nichts davon sagen, dieweil, je mehr man von solchen Dingen redet,
man um so weniger sie tut von wegen all den Wenn und Aber, welche
dazwischengesprochen werden. Schon lange drckte uns was und besonders Uli. Ihr
wit, wie er einen Proze gewonnen, der im Grnde ungerecht war, und was das
Mannli ihm gesagt. Wir durften nie nach ihm fragen, wie es ihm ging, und Uli
ging immer mit Angst auf einen Markt hierherum und nur, wenn es sein mute; er
mute immer frchten, dem Manne zu begegnen. Er sagte oft, er wollte fast lieber
einen Stich in den Leib als das Mannli vors Gesicht. Was htte es uns geholfen,
wenn wir seine Armut vernommen, whrend wir nicht helfen konnten? Wir frchteten
nur noch unglcklicher zu werden. Jetzt geht es uns Gottlob wieder gut, wir
haben Geld mehr als wir brauchen, aber keine rechte Freude daran gehabt. Es
drckte uns immer das Gefhl, es sei ungerechtes Geld, und zwar so lange, als
jemand unschuldig durch uns um seine Sache gebracht worden. Nun wit Ihr, wie
letzthin Uli so viel Geld aus dem Lewat gelst. Als er es versorge, sagte er
mir: Was meinst, wenn ich es probierte und ab, machte mit dem Mannli? Das war
ein Wort wie aus dem Himmel; was ich sagte, knnt Ihr denken. Aber wir wurden
rtig, es im Stillen zu machen, niemanden davon zu reden. Vor der Welt sind wir
es nicht schuldig, darum htten die Einen uns ausgelacht, Andere abgeraten, und
die Dritten wren bse darber geworden.
    Meinst mich? meinte der Alte und machte Vreneli die bekannten Augen.
Werdet nicht bse, Vetter, sagte Vreneli, heute, wo Ihr mir eine so groe
Freude gemacht, mchte ich das nicht auf mein Gewissen laden. Aber wenn Ihr mich
fragt, so mu ich Ja dazu sagen: ja, an Euch haben wir gedacht. Nicht da wir
glaubten, Ihr seiet unter allen der Wsteste, wir haben das Gegenteil erfahren,
aber Euch sind wir noch Geld schuldig; freilich ists nicht fllig, aber Schuld
ist Schuld. Wir meinten, es mte Euch rgern, wenn wir unser Geld brauchten fr
etwas, was wir nicht gesetzlich schuldig sind, und unbezahlt lieen rechtmige
Schulden. Ihr hattet das Recht zu sagen, wir sollten zuerst bezahlen, was wir
von Gottes und Rechtes wegen schuldig seien; dann, wenn dies geschehen, knnten
wir mit unserm Gelde machen, was wir wollten. Aber wir dachten, es knnte uns,
ehe dieses mglich sei, so viel dazwischenkommen, dann blieben unsere Gewissen
immer beladen, oder wir knnten Sinn ndern, was so gerne geschieht, wenn man
Gutes aufschiebt, denn es scheint dann von Tag zu Tag schwerer, bis es unmglich
scheint und man es zu vergessen sucht, wie ich schon oft erfahren; dann bleibe
unsere Schuld vor Gott, und vielleicht bete der unglckliche Mann Tag um Tag
gegen uns vor Gott, und wenn das einmal weg sei, htten wir um so frohern Mut,
grern Segen, knnten um so leichter auch Euch bezahlen, was Ihr so gutttig
uns vorgestreckt. Darum wollten wir vorher niemanden was sagen. Uli hielt es
hart, zu gehen, einen schweren Tag hat er heute zu bestehen. Er erwartete, der
Mann werde ihm wst sagen, statt zu danken, und das ist ungut zu ertragen, wenn
man es gut meint. Aber darauf kmmt es nicht an, wie er tut, dSach ist die
gleiche, und etwas ist ihm auch zu verzeihen, denn viel zu leiden darunter hatte
er allweg. Anders, als da er selbst gehe, wuten wir es nicht zu machen. Zudem
glaubte Uli, es gehre auch dazu, da er sage: ich habe gefehlt, verzeih mir.
    So, meinst, das gehre zur Sache? sagte Hagelhans in seltsamem Tone. Seid
doch ja nicht bse, sagte Vreneli, es wre mir so leid, und schlimm wre zu
sein dabei, wenn man auf der einen Seite bs macht, was man auf der andern gut
machen mchte. Glaubt nur, wir wollen schaffen frh und spt, zu kurz sollt Ihr
nicht kommen, und was ich Euch an den Augen absehen kann, will ich tun und Euch
auf den Hnden tragen, so gut es mir mglich ist; aber zrnet nicht und seid
nicht bse.
    So, willst das? sagte Hagelhans, und meinst, man solle sagen: ich habe
gefehlt, verzeih mir? Kannst vielleicht noch recht haben; wenn es von dem Herzen
ist, so ist es um eine Brde leichter. So hre, ich will dir auch was sagen. Ich
habe auch gefehlt, und du bists, die mir verzeihen mu. Ich habe gegen deine
Mutter grblich gefehlt und sie ins Unglck gestrzt. Sie trieben es zwar auch
arg mit mir, die Alte von hier hielt mich zum Besten. Als ich meinte, ich htte
die Sache mit ihr richtig, lie sie sich mit Joggeli verbinden. Einige Jahre
spter trieb es deine Mutter noch rger, meinte, ich sei eigentlich nichts als
ein Tanzbr, der tanzen msse, wie sie geige. Ich hatte es mit ihr mehr als
richtig, aber das Schtzeln mit Andern konnte sie nicht lassen, hatte um so
grere Freude, je wster ich tat. Ich mute glauben, ich solle nur der
Deckmantel sein, sie nehme mich den Eltern und meinem Gelde zulieb; der Mann
knne ich sein, aber da sie dann meinetwegen meine, sie msse alle Andern
hassen, das nicht. So dumm, als man ihn hielt, war aber Hagelhans nicht, war,
wenn man ihn bse machte, ein Utfel, und was er vornahm, ging ans Leben, war
das rgste, welches zu ersinnen war. Als ich des Spiels endlich satt war, trieb
ich deiner Mutter ihre Leichtfertigkeit frchterlich ein, stellte ihr Fallen,
sprengte sie hinein, gab sie der ffentlichen Schande preis. Als dein Vater galt
ein hbscher, aber liederlicher Bursche, der um Geld tat, was man wollte, und
solange die Rache in mir frisch war, und das war sie manches Jahr, redete ich es
mir selbst ein und glaubte daran; dann trieb ich alles aus meinem Kopf, bis der
Rat der Alten, mich zum Gtti zu nehmen, alles auffrischte. Sie wute
wahrscheinlich am allerbesten den Zusammenhang der Dinge, glaubte, was deiner
Mutter niemand geglaubt, wenn sie es auch gesagt htte, was sie aber nicht tat,
denn sie war ein wildes, trotziges Mdchen, und das war, warum sie mir so wohl
gefiel, warum ich so lange sie nie vergessen konnte im bittersten Hasse, in
welchen die Liebe sich verwandelt hatte. Was die Alte dir sagen wollte, war
sicher mein Name, an mich wollte sie dich weisen, wollte dir sagen, ich sei dein
Vater. Gut war es, da du sie damals nicht verstundest; jetzt glaube ich es
selbst auch und gerne, Vreneli, du seiest meine Tochter, und will es dir auch
bekennen. Magst es nun sein oder nicht sein, ich habe den Glauben; hier macht
die Liebe die Sache aus, und die habe ich, mein Hund hat sie auch, und der irrt
sich nicht. Fr meine Tochter will ich dich halten mein Leben lang, und Vater
sollst mir sagen. Bin ich auch ein struber, will ich doch ein guter sein, darauf
zhle.
    Den Eindruck, welchen diese Worte auf Vreneli machten, kann man sich denken.
Daran hatte es wirklich nicht gedacht, obschon es groe Liebe zum Alten hatte
und groes Erbarmen mit ihm. Es empfand sein gutes Herz und begriff, da ihm
frher, weil man nur sein ungeschlacht Wesen beachtet, arg mitgespielt worden
sein mochte. Es freute ihns von ganzem Herzen, an ihm gut machen zu knnen, was
die Base und Andere an ihm gesndigt, ihn wiederum zu vershnen mit den
Menschen.
    Nachdem es seinen Empfindungen den Laufgelassen, endlich den ersten Eindruck
verwrget hatte, sagte es: Aber Vater, eins: wir wollen es niemanden sagen. Da
fuhr Hagelhans auf, da selbst der Hund erschrak und winselnd eine Ecke suchte:
So schmst du dich meiner, Nein, Vater, o nein, sagte Vreneli. Aber hrt
mich an, bis ich fertig bin, wie ich es meine. Uli und ich haben erst eine groe
Krankheit berstanden, kommen langsam vorwrts; wir machten das pltzlich reich
Werden nicht vertragen, knnten uns nicht darein finden. Lat uns die Freude,
nach und nach aufzukommen durch eigene Krfte! Ein schner Anfang ist gemacht,
ich zweifle nicht am Fortgange; nehmt die Zinsen, ists ntig, knnt Ihr uns
nachhelfen. Ulis Leben ist die Arbeit; was wrden die Leute dazu sagen, wenn er
frder arbeiten wollte wie ein Knecht, was wrden sie berhaupt fr einen Lrm
und Geschrei anfangen! Wir mchten tun, wie wir wollten, wre es nicht recht.
Lebten wir sparsam, so wrden sie schreien, lieen wir es rutschen, wrden sie
wieder schreien. Niemanden knnten wir es treffen, und vielleicht wrden wir
wirklich das Rechte auch nicht treffen. Sind wir in einigen Jahren in guten
Stand gekommen, so lernen wir auch so nach und nach mit dem Gelde ohne
ngstlichkeit umgehen. Wenn dann spter noch mehr dazu kmmt, ist der Sprung
nicht so gro, die Leute gnnen es uns besser und wir schicken uns besser dazu.
Ich frchte wirklich, Uli wrde irre, wenn er so auf einmal vernehmen wrde, ich
sei Euere Tochter, das Geld kme ihm wieder in Kopf. Jetzt hat er nur so eben
rechte Freude daran, berlt Gott, was kmmt, und was kmmt, darf er brauchen.
    Dein Mann soll es also auch nicht wissen? grollte Hagelhans und seine
Augen brannten. Eben meine ich: nein, und zwar von wegen mir meine ich es.
Zrnen mut mir nicht, Vater. Wir kamen zusammen und hatten Beide nichts, Keins
dem Andern was vorzuhalten; was wir hatten, verdienten wir, was sein war, war
mein, das Meine sein, wir hatten Beide daran geschafft. Beim Armwerden, beim
Reichwerden hatte Keins dem Andern etwas vorzuwerfen, und wenn schon Uli hier
oder dort eine Schuld trug, so hatte ich meine Fehler auch. Jetzt geht es
vorwrts mit uns, Beide haben wir gleiche Freude, gleichen Teil daran. Werde ich
auf einmal zu deiner reichen Tochter, zu der du mich machen willst, so hat das
ein Ende, und wer wei, und eben da traue ich mir nicht, ob ich nicht dchte,
das Vermgen kme von mir, stolz wrde und Uli es fhlen liee, oder ob Uli
nicht mitrauisch wrde und meinte, weil ich jetzt reich sei, so sei ich reuig,
da ich ihn genommen, und verachte ihn. Wo dieser Wurm sich eingrbt, da sind
Friede und Liebe hin. So lange Uli nichts davon wei, mu ich mich halten als
das alte arme Vreneli, und nach ein paar Jahren, wenn wir selbst warm sitzen,
macht es dann schon weniger aus. Der Sprung ist nicht so gro, wir sind Beide
vernnftiger geworden, und wenn er wei, da ich bereits die Probe bestanden, so
wird er mir nicht mitrauisch und hinterstellig. Darum, Vater, soll er
einstweilen nichts wissen und die Sache beim Alten bleiben. Es ist uns so wohl
jetzt, so wie Fischlein im Wasser. Warum ndern?
    Magst was recht haben, sagte Hagelhans. Lieber wre es mir, die Sache
wre offen und abgetan. Auf alle Flle, es mag geben was es will, so ist
gesorget; der Bodenbauer wei davon, hat das Ntige bei sich. Ich habe Respekt
vor dir, du bist aber auch die Erste, vor der ich ihn habe. Aber Blau Blitz, was
wrest du fr ein Hagelweib geworden, wenn du zbsem geraten! Seltsam, da die
Alte hier dich so gut und tchtig erziehen mute, whrend ihr die eigenen Kinder
so arg mirieten, da sie dem Hagelhans sein Meitschi zu einer solchen Frau
machen mute, dem Joggeli seine Kinder aber zu solchen Taugenichtsen. Nun, sei
das wie es wolle, so habe ich Ursache, ihr zu danken, und will ihr verzeihen,
was sie an mir getan. Und wer wei, ob sie nicht an mich dachte, als sie dich
erzog, und dachte, ich werde ihr einst verzeihen, wenn ich wte, was sie
hintendrein fr dich getan, und wer wei - doch zu hart nachsinnen hilft nichts,
danken wir Gott, da es jetzt so ist.
    Das brauchte Hagelhans seinem Vreneli nicht zu sagen, sein Herz war Jubels
voll. So lange hatte es niemanden gehabt auf der Welt, jetzt auf einmal einen
Vater! Es hatte nicht gewut, wie Schweres es sich aufgab, als es den Vater bat,
einstweilen ihr Verhltnis zu verheimlichen. Es ist schwer, es zu bergen, wenn
das Herz voll Jammer ist, aber unendlich schwerer noch ist das Bergen, wenn das
Herz voll Freude ist.
    Wre Uli nicht selbst voll Freude heimgekehrt, Vreneli htte sich verraten,
nun aber nahm er Vrenelis Freude fr innigen Anteil an seiner Freude. Er hatte
nmlich das Mannli glcklich gefunden und in so groer Not, wie er gefrchtet.
Anfangs hatte derselbe groe Augen gemacht, als Uli vor ihm stand, und dessen
Frau, als sie vernommen, wer er sei, hatte die Schleusen ihrer Galle aufgezogen
und Uli mit Schmhreden berflutet, da er fast den Atem verlor, geschweige da
er zur Rede gekommen wre. Indessen alles Irdische hlt nicht ewig aus, selbst
der Atem eines zornigen Weibes nicht; endlich konnte Uli sagen, warum er da sei.
Anfangs sah man ihn an, als ob er Hrner habe am Kopf, denn so was war seit
Langem nicht erhrt worden in Israel. Als man aber lauter verstndliche Worte
hrte, die blanken Taler sah, welche er auspackte, klaren, lautern Ernst sah im
Handel, da fehlte wenig, sie htten ihn fr einen Engel an, gesehen und htten
ihn angebetet. Er kam ihnen eben in die bitterste Verlegenheit hinein, sie waren
hinausgedrngt auf die uerste Spitze, hinter sich eine Wand, vor sich einen
Schlund, und jetzt kam einer und schlug eine silberne Brcke; sie muten ihn fr
einen Engel halten. Es machte Uli unendlich glcklich, als er ihr freudiges
Erstaunen sah, ihr unaussprechlich Glck. Mit den reichsten Segnungen beladen
kehrte er heim und ward nicht mde, Vreneli zu versichern, wie er erst jetzt mit
rechter Freudigkeit arbeiten wolle und den Glauben habe, es werde ihnen gut
gehen, bei ihnen und ihren Kindern werde Gottes Segen bleiben. Sie htten ihm
angewnscht, sein Lebtag habe er es nie so gehrt, es kme ihm noch jetzt das
Wasser in die Augen, wenn er daran denke, und den Glauben habe er, da frommer
Segen von Gott erhret, von seiner Hand reich und gtig verwaltet werde zu Heil
und Frommen der Gesegneten.
    Uli wurde durch seinen Glauben nicht getuscht. Der Herr war mit ihm und
alles geriet ihm wohl, seine Familie und seine Saat. Offen blieben ihm Herz und
Hand, und je offener sie waren, desto mehr segnete ihn Gott. Hagelhans blieb
mitten unter ihnen, als Vater geliebt, aber nicht als Vater bekannt. Vreneli
hatte die grte Mhe, seiner Gte Schranken zu setzen, ihre Krfte durch seine
Freigebigkeit nicht zu lhmen. Es naht der festgesetzte Zeitpunkt, wo Hagelhans
sagen will, wer er ist, wo Uli aus einem wohlhabenden Pchter ein reicher Bauer
werden soll. Vreneli sieht der Sache mit Bangen entgegen, es bebt vor der neuen
Prfung; ob sie wohl Beide darin bestehen werden, frgt es oft am Tage sein
Gewissen. Wir glauben, sie werden es. Der Gott, der ihnen durch so manche Not,
ber so manchen hohen Stein geholfen, wird ihre Fe halten, wenn sie einmal
auch wandeln sollen auf geebneten Wegen durch ein reiches Gelnde.
