
                                 Aston, Louise

                        Revolution und Contrerevolution

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                                  Louise Aston

                        Revolution und Contrerevolution

                                    Vorrede

Die folgenden Bltter fhren dem Leser Skizzen aus dem Revolutionsdrama des
Jahres 1848 vor. Ich bergebe sie der Oeffentlichkeit, weil dadurch vielleicht
hie und da eine kleine Lcke in dem Intriguennetz der Contrerevolution
ausgefllt wird, die es selbst manchem Politiker von Profession unmglich
machte, den rothen Faden, der sich durch das scheinbare Gewirre der
revolutionairen und reactionairen Bewegungen unsrer Zeit hinzieht, berall zu
folgen. In Rcksicht auf die poetische Darstellung mag statt jeder
Entschuldigung fr deren Mangelhaftigkeit daran erinnert werden, da es leicht
ist, Romane zu schreiben, wenn der Zeitgeist vor Langerweile den Griffel aus der
Hand fallen lt, mit dem er die Tafeln der Weltgeschichte beschreibt, - sehr
schwer aber, wenn er, in den Strudel der gewaltigen Thaten hineingerissen, die
Geschichte selber aber in ein romantisches, oft sogar mrchenhaftes Gewand zu
kleiden gezwungen wird.
    Je mrchenhafter unser heutiges politisches Leben ist, desto weniger bedarf
die Darstellung desselben einer Ausschmckung. Ein Vortheil fr meinen Leser,
wie fr mich selbst.
    Bremen, den 1. Juni.
                                                                Die Verfasserin.


                                  Erstes Buch

                                       I

Ein milder und sonnenheller Frhlingshimmel blickte zum ersten Male wieder nach
dem an Strmen mancherlei Art so reichen, unfreundlichen Februarmonat auf die
Kaiserstadt Wien nieder und lockte Jung und Alt vor die Thore hinaus in die
langen, schnurgeraden Alleen, welche die breiten Pltze und Anlagen zwischen der
inneren Stadt und den Vorstdten durchschneiden. Es war der fnfte Mrz 1848.
Wer htte es - nach der unbefangenen und sorglosen Miene dieser rasch durch
einander wandelnden Gruppen von Spaziergngern, damals zu schlieen gewagt, da
Wien, berhmt durch seine ans Patriarchenthum erinnernde Piett, mit der es an
dem Kaiserhause hing, auf einem Krater der Revolution stand, der in wenig Tagen
seinen Schlund ffnen werde, um das Kaiserhaus nebst Piett, und anderen
Sentimentalitten - fast zu verschlingen. Fast - dieses Fast ist der Fluch
unsrer Zeit, das Haar, an dem der Teufel der Reaktion das betrogene Volk
festhlt, um es bald wieder ganz beim Schopf zu fassen und in das alte Joch der
Knechtschaft zu spannen. - Auch in Preuen ist ein solches unseliges Fast die
Mutter einer eklatanten Contrerevolution geworden. - Doch am fnften Mrz waren
die guten Wiener freilich noch nicht so klug, denn sie wuten noch gar nicht,
was eine Revolution zu bedeuten habe. Vielleicht thue ich jedoch den
gemthlichen Wienern Unrecht; vielleicht gab es doch Manche unter ihnen, die den
im Westen ausgebrochenen Sturm mit ungeheurer Eile seinen Weg nach Osten
fortsetzen sahen, und sogar die Minute berechneten, in der er die schne
Kaiserstadt erreicht haben wrde.
    Unter den Spaziergngern, welche die den Exerzierplatz durchschneidende
jetzt noch bltterlose Allee hinabschritten, wrde des Lesers Aufmerksamkeit
besonders von einer Gruppe erregt worden sein, die ich dehalb, weil das von
ihnen gefhrte Gesprch zum Verstndni unsrer Erzhlung nothwendig ist, kurz
skizziren will. Sie bestand aus drei Personen, die eine davon, - dem runden,
breitkrmpigen Hut, so wie der schwarzen, eigenthmlich geschnittenen Kleidung
nach zu urtheilen, ein katholischer Priester - war ein Mann von etwa vierzig und
einigen Jahren. Aus seinem magern, aber starkknochigen und bleichen Gesicht,
dessen Muskeln selbst beim Sprechen in unvernderter Ruhe blieben, traten als
Hauptzge vorzglich eine groe Entschiedenheit neben eben so groer
Besonnenheit hervor. Das Haar, welches unter der breiten Krmpe seines schwarzen
Rundhutes schlicht herabfiel, war schwarz und von groer Feinheit. Der Schnitt
seiner edelgeformten Nase lie auf eine sehr ernste Stirn schlieen, die jetzt
groentheils ebenfalls vom Hute berschattet wurde. Am charakteristischsten aber
waren die tiefliegenden schwarzen Augen, in denen sich eine fast unnatrliche
Mischung von Leidenschaft und Klte, Schrfe und Sanftheit, List und
Gutmthigkeit abspiegelten. Fgen wir noch hinzu, da der Mann, wir wollen ihn
Pater Angelicus nennen, beim Gehen eine etwas gebckte Haltung hatte, so wei
der Leser von dem uern Erscheinen desselben, - und weiter wissen wir jetzt
selbst nichts von ihm - genug.
    Die beiden Begleiterinnen des frommen Herru zeigten dem Anscheine nach ein
sehr verschiedenes Interesse an dem Gesprch. Denn whrend die Aeltere - eine
junge Frau von etwa 27-30 Jahren - mit gespannter Aufmerksamkeit den mit einer
absichtlich tonlos gehaltenen Stimme gesprochenen Worten lauschte, schritt ihre
jngere Begleiterin mit theilnahmloser Miene und, ob aus Zerstreutheit oder
Gleichgltigkeit, war schwer zu entscheiden, zu Boden geschlagenen Augen neben
ihnen her. Ueberhaupt war nicht leicht ein grerer Unterschied zwischen zwei
Freundinnen zu finden. Beide hatten ein schnes dunkelbraunes Haar und tiefblaue
Augen, aber das Haar Alicens umschattete mit seinen tausend wallenden Lckchen
eine erhabene, freie Stirn, whrend das ihrer Freundin Lydia glatt und
gescheitelt die Schlfe bedeckte. Beide waren von anziehender Schnheit, aber
wie verschieden war der Typus der Schnheit Alicens von der Lydias. Jene
leuchtend, intelligent, fast ritterlich stolz um sich blickend -: der Charakter
eines seines eigenen Werthes bewuten und in diesem Bewutsein starken Weibes;
diese verschleiert, in sich zurckgezogen, von beinahe melancholischer
Bescheidenheit - der Charakter eines nur in seiner innern - vielleicht
vereinsamten - Welt hinein lebenden Mdchens. - Und doch umschlang diese beiden
Frauen ein Band unzerstrbarer Freundschaft, geknpft durch gemeinsame
Erfahrungen, durch gemeinsamen Schmerz. Es war ein Band, dessen Knoten unter dem
Deckel eines Sarges verborgen war, das Herz eines Mannes, den sie beide einst
glhend geliebt - Alice bis zur Verachtung der Mnner, Lydia bis zum Wahnsinn.
    Jetzt habe ich Ihnen Alles mitgetheilt - fuhr der Pater nach einer Pause
sein Gesprch wieder aufnehmend fort - Alles wenigstens, was Ihnen zu wissen
nthig. Hier sind die beiden Briefe. Diesen hier geben Sie in dem ersten
Stdtchen jenseits der Grenze auf die Post, - den zweiten an den Probst Bergmann
mssen Sie bis nach Berlin mitnehmen und dort eigenhndig Seiner Hochwrden
berreichen. - Wann werden Sie reisen? -
    Wenn es nothwendig ist, noch heute Abend - doch wie? dieser Brief lautet,
wie ich sehe, an die Herzogin von Nagas -
    Ein lautes Gelchter schien zu dieser mit unendlichem Muthwillen
accentuirten Frage einen Commentar zu liefern, dessen Sprache dem gelehrten
Pater jedoch vllig fremd war. Indessen verschmhte er es, sich durch eine Frage
darber aufzuklren, sondern wiederholte nur, indem er Anstalt machte, von
seinen Begleiterinnen Abschied zu nehmen, noch einmal die Worte Alicens: Also
noch heute Abend.
    Wenn es nothwendig ist, habe ich gesagt. Und dann, ich besinne mich eben, -
nein, heute Abend geht es nicht, aber morgen frh bestimmt. Eine kleine Falte
legte sich bei diesen Worten Alicens zwischen die dunkeln Augenbrauen des
Paters. Nach einer Pause sagte er, einen kurzen aber forschenden Blick auf das
Gesicht seiner schnen Begleiterin werfend:
    Verzeihen Sie meine Indiscretion - aber bei den groen Ereignissen, denen
wir in kurzer Zeit entgegen gehen, mssen dergleichen kleinliche Bedenken
wichtigeren Motiven nachstehen - Sie haben heute Abend um 9 Uhr ein Rendez-vous
verabredet. Darf ich fragen, mit wem?
    Die flchtige Rthe, welche Alicens Wangen bei Erwhnung des Rendez-vous
bedeckte und welche mehr durch Ueberraschung ber die Mitwissenschaft des
Paters, als durch die Verlegenheit, in welche sie etwa htte gesetzt werden
knnen, hervorgerufen schien, machte bald ihrer gewhnlichen, halb schalkhaften,
halb schwermthigen Miene Platz, als sie mit dem natrlichsten Tone der Welt
erwiederte:
    Glauben Sie, da ich conspirire, Pater?
    Ich habe das nicht gesagt. Indessen liegt darin nichts Unwahrscheinliches.
Sie wollen mich also in dies Geheimni nicht einweihen?
    Du lieber Himmel - - das groe Geheimni, was zwischen der liebenswrdigen
Alice und dem ebenso liebenswrdigen Frsten Lizinsky verhandelt werden knnte.
    Der Name Lizinsky brachte eine ebenso pltzliche als gewaltige Vernderung
in dem Antlitz des Paters hervor. Sein frher bleiches Gesicht verlor alle noch
brige Farbe. Seine bisher marmornen Zge wurden pltzlich beweglich, als
zuckten in seinem Innern Blitze, deren Widerschein in ihnen abglnzte. - Doch
bedurfte dieser gegen Aufregungen aller Art abgehrtete Mann nur eine kurze
Minute, um ber die Gewalt der Leidenschaften, welche jener Name in ihm
entfesselt, vollstndig Herr zu werden. Nur einige Schweitropfen, welche auf
seiner Stirne perlten, lieen die Gre des innern Kampfes ahnen.
    Also der Frst - Lizinsky ist hier? - sprach er mit der ihm
eigenthmlichen Ruhe in Ton und Geberde.
    
    Und was finden Sie Auffallendes darin, da Lizinsky in Wien ist? fragte
Alice, die sich die ungeheure Aufregung, in die ihr geistlicher Freund durch
jenen Namen versetzt wurde, gar nicht erklren konnte. - Steht etwa der Frst
bei Ihnen ebenfalls in dem Verdachte, da er conspirire - - vielleicht mit mir
conspirire? - setzte sie laut lachend hinzu.
    Der Pater blickte sich besorgt um. Es war Niemand in der Nhe, der die
letzten Worte htte hren knnen.
    Sprechen Sie nicht so laut. Sie wissen noch nicht, was zuweilen an einem
Namen hngt, doch das ist jetzt Nebensache.
    Es trat eine Pause ein, in welcher der Pater ber das nachzudenken schien,
was er in Folge der eben gemachten Entdeckung gegen Alice beobachten msse. Noch
war er zweifelhaft, ob Alice wte, da eine Beziehung zwischen dem Frsten
Lizinsky und der Herzogin von Nagas existire. Wte sie hievon Nichts, so wre
es vielleicht besser, darber zu schweigen, wenn nicht die Mglichkeit zu nahe
lag, da dem Frsten bei dem heutigen Rendez-vous der Brief an die Herzogin
zufllig in die Augen fallen knnte. Er htte den Brief zurckfordern knnen,
allein dies wrde Alicen jedenfalls aufmerksam gemacht und sie vielleicht zur
unmittelbaren Entdeckung gefhrt haben. Auch hatte sie ja die Adresse bereits
gelesen und konnte sich durch eine einzige Frage an den Frsten vllig darber
aufklren. Dies aber mute unter jeder Bedingung verhindert werden. Andrerseits
aber schien Alice in der That etwas davon zu wissen. Wenigstens sprach fr diese
Vermuthung der Umstand, da das Lesen der Adresse an die Herzogin sie zugleich
an das auf heute Abend mit dem Frsten verabredete Rendez-vous erinnerte. - Des
Paters Entschlu war gefat.
    Sie kennen - sprach er mit so leiser Stimme, da Lydia, auch wenn sie,
statt ihrer vlligen Indifferenz, dem Gesprche die gespannteste Aufmerksamkeit
gewidmet htte, keinen Laut davon vernahm - Sie kennen das Verhltni, welches
zwischen dem Frsten und der Herzogin besteht?
    Besteht? - bestand wollen Sie sagen, frommer Vater - erwiederte sie mit
schelmischer Miene.
    Der Pater sah sie mit groen Augen an. Darauf schttelte er unter ironischem
Lcheln den Kopf: Sie drften sich diesmal im Irrthum befinden, theuerste
Freundin. Die Bande, welche den Frsten an jene Frau fesseln, sind nicht Ketten
von Rosen und Vergimeinnicht, sondern von Perlen und Diamanten.
    Sie sind heute nicht galant gegen mich, Pater. Inde Vertrauen um
Vertrauen. Sie gehen mit einem Plane in Betreff Lizinskys um. Doch! Doch! Mich
berzeugt Ihre verwunderte Miene nicht vom Gegentheil. Also wir sind in gleichem
Falle. Auch ich habe meinen Plan. Tauschen wir unsre Geheimnisse aus. Die Frucht
unsrer Aufrichtigkeit kann mglicherweise ein Bndni auf Leben und Tod werden.
    Auf Leben und Tod - wiederholte langsam der Pater, indem er einen Finger
auf's Kinn legte, was er immer that, wenn er zu einem wichtigen Entschlusse
kommen wollte. -
    Wohl, es sei, doch unter einer Bedingung, da ich, versteht sich -
unsichtbarer - Zeuge des Gesprchs bin, welches sie heute Abend mit ihm fhren
werden.
    Gut, da Sie schon vorhin Ihre Indiscretion befrwortet haben. Ein frommer
Diener der Kirche Zeuge eines Rendez-vous zweier zrtlich Liebenden. Das
Verlangen ist wenigstens originell. Ich willige ein.
    Der Pater drckte ihr die Hand. Was meinen Plan oder vielmehr den der
Kirche betrifft - denn ich handle hier nur als Diener der Kirche - so beschrnkt
sich derselbe darauf, das unsittliche und fast unnatrliche Verhltni zwischen
den beiden vorhin erwhnten Personen aufzulsen.
    Und zu welchem Zwecke wird dieser Plan verfolgt?
    Der Pater lchelte: Das geht ber unsre Verabredung hinaus.
    Es ist wahr. Indessen liegt der Schlssel neben dem Rthsel. Die Herzogin
ist ber die Funfzig hinaus, kinderlos und Besitzerin eines ungeheuern
Vermgens, das sie, im Falle kein Fremder darauf Anspruch macht, nicht abgeneigt
ist, zu milden Stiftungen zu verwenden. Habe ich richtig gerathen, mein frommer
Freund?
    In der That, Sie sind der Wahrheit ziemlich nahe gekommen. Doch nun zu
Ihrem Plane.
    Ha, das ist etwas ganz Anderes, tief angelegt, knstlich construirt, von
unberechenbaren Folgen - kurz ein Riesenwerk.
    Wenns gelingt - sagte halb zweifelnd, halb spttisch der Pater. Die stolze
Gestalt Alicens richtete sich noch hher auf, als sie mit dem Lcheln des
Triumpfs auf den Lippen und einer unnachahmbar grazis gebieterischen
Handbewegung erwiederte:
    Es wird gelingen. - Hren Sie mich an, Pater. Sie kennen mich noch nicht,
darum will ich mich Ihnen so zeigen, wie ich bin. Wir haben beide ein Geheimni,
wir sind bereit, eins gegen das andere auszutauschen; ich wei wohl, da im
Falle des Verrathes meinerseits mein Leben keinen Papierschnitzel werth ist. -
Unterbrechen Sie mich nicht, genug, ich wei es und sage es nur deshalb, weil
ich mit Ihnen in demselben Falle mich befinde. Sie sind eine Macht, eine
ungeheure Macht: sie heit die allein seligmachende Kirche. Wohlan, auch ich bin
eine Macht, ein Weib, schutz-und hlflos, wie ich hier neben Ihnen herschreite,
wage ohne Bangigkeit den Kampf mit Ihrer allein seligmachenden Kirche
aufzunehmen. - Diese Macht heit: Aristokratie und Proletariat. Haben Sie mich
verstanden, frommer Vater?
    Der Pater war nachdenklich geworden. Nach einer Pause sagte er: Fahren Sie
fort!
    Sie haben mich also verstanden?
    Wozu die Frage? Ich habe Sie verstanden!
    Und Sie wollen noch wissen, was mein Plan mit dem Frsten Lizinsky ist? -
sagte Alice mit einer gewissen spttischen Verachtung in Ton und Blick. Gehen
Sie, ich habe Ihnen mehr Talent in der hhern Intrigue zugetraut. - Leben Sie
wohl! Alice nahm den Arm Lydiens und entfernte sich mit ihr schnell durch eine
Nebenstrae, whrend der Pater, ihr nachsehend, die Worte vor sich hinmurmelte:
    Dieses Weib mssen wir gewinnen oder - vernichten. Er hllte sich in
seinen langen schwarzen Mantel und verlor sich in der Menge.

                                       II


Wir hatten den frommen Vater Angelicus in der Altstadt verlassen, wo er in den
dichten Haufen, welche die Quais der Donau sich hinabwlzten, unsren Augen
entschwunden war. Wir finden ihn bald darauf jenseits des Flusses, in der
Leopoldstadt wieder, wie er mit langen Schritten, die, obgleich keinesweges den
Schein von Eile verrathend, ihren Besitzer doch sehr schnell weiter befrderten,
auf den Gasthof zum goldenen Lamm zusteuerte. Hier angekommen, fragte er den
Portier, ob kein Brief fr ihn abgegeben sei.
    Nein, ehrwrdiger Herr - erwiederte dieser, respektvoll die goldbetrete
Kappe ziehend. -
    Hat auch Niemand in meiner Abwesenheit nach mir gefragt? Der Pater schien
mit der Antwort auf diese Frage, die ebenfalls verneinend ausfiel, unzufrieden
und wollte sich eben nach seinem Zimmer begeben, als des Portiers Zuruf ihn zur
Rckkehr bewegte. Eines habe ich vergessen, ehrwrdiger Herr; aber es ist auch
kaum der Rede werth. Es war allerdings Jemand hier, der nach Ihnen fragte; aber
da es ein zerlumpter junger Bursche war, der wahrscheinlich nur betteln -
    Gerade den erwartete ich - unterbrach der Pater den verblfften
Thrsteher. - Ich bin, sagte er, seinen Fehler bemerkend mit salbungsvollem
Ton hinzu, fr die Hungrigen und Entblten immer zu Hause. Ihr habt Unrecht
gethan, ihn hart fort zu weisen.
    O, habe ich gesagt, da ich ihn hart fort gewiesen? Nein, ehrwrdiger Herr,
das sei ferne von mir. Ich glaube brigens, da er nicht weit sein wird, denn
solch Lumpengesindel lungert berall umher.
    Der Pater warf einen strafenden Blick auf den menschenfreundlichen
Thrsteher, der diesen zum Schweigen brachte und befahl, ihm den armen Knaben
sofort zuzufhren, sobald er sich zeigen werde.
    Brummend und kopfschttelnd kehrte der Portier wieder in seine Klause zurck
und war eben im Begriff, sich dem vorhin unterbrochenen Schlummer von Neuem
hinzugeben, als ihn ein Klopfen am Fenster seiner Bude abermals strte.
    Ach, da bist Du ja wieder, Du kleiner schwarzer Taugenichts - fuhr er auf
- hast wohl schon gewittert, da Se. Ehrwrden zurckgekehrt ist, he?
    Der Angeredete war ein Knabe von etwa 15 Jahren. Sein wunderlich finsteres
Aussehen und der frhreife Ernst in seinen dunkeln braunen Zgen mute einen -
man wute nicht ob anziehenden oder abstoenden - Eindruck auf Jeden, der ihn
zum ersten Male sah, machen. Sein langes rabenschwarzes Haar fiel in vollen und
glnzenden Locken auf den braunen Hals und Schultern herab, die von einem
zerrissenen Hemdkragen nur schlecht verhllt wurden. Seine brige Kleidung war
sonst fragmentarisch: ein Paar faltige, weie, weite Beinkleider von grober
Leinwand und eine abgetragene blaue Sammetjacke mit kurzen Schen und blanken
Messingknpfen. In je schlechterem Zustande sich diese Stcke befanden, um so
mehr stach davon eine rothseidene Schrpe ab, welche der Knabe sich um den Leib
gewunden und deren mit goldenen Franzen besetzte Enden kokett ber die linke
Hfte herabhingen. Ein italienischer Strohhut, den er in diesem Augenblicke in
der Hand hielt und ein Paar Schnrstiefeln, die noch in passablem Zustand waren,
vollendeten die Toilette des Knaben.
    Pater Angelicus ist zu Hause? - fragte er mit dem Accent eines Sdlnders,
ohne die Hflichkeiten des Portiers eines Wortes zu wrdigen. - Welche Nummer?
    Nummer 21, vorn heraus, eine Treppe - brummte der Portier.
    Mit einigen raschen Sprngen eilte er die Treppe hinauf und ffnete, ohne
anzuklopfen, mit geruschloser Hand die Thr und verschlo sie in derselben
Weise. Darauf ging er langsamen Schrittes auf den Pater zu, welcher, an einem
eleganten Breau sitzend und mit Schreiben beschftigt, entweder das Eintreten
des Knaben gar nicht gehrt hatte, oder, mit seiner Weise schon bekannt, sich
darber nicht verwunderte.
    Buen tio - sagte der Knabe, indem er sich mit einem Knie auf den Teppich
an der Seite des Paters niederlie und einen Ku auf dessen Hand drckte. Pater
Angelicus wandte seinen Kopf und sah mit einem Blick leidenschaftlicher
Zuneigung auf das schwarzlockige Haupt in seinem Schooe herab.
    Bist Du endlich gekommen, Salvador! - - Was macht Ins, Deine Mutter? Hat
sie mir nicht geschrieben? -
    Salvador richtete sich empor und griff in seine Schrpe. Aus den Falten der
rechten Seite zog er einen zierlichen Brief.
    All, Sennor - sagte er, dem Pater den Brief berreichend. Dieser
beschaute mit der grten Sorgfalt das Siegel, dessen Wappen aus zwei Rosen
bestand, darber eine Grafenkrone, darunter die Worte: El no tiene fortuna ni go
tampoco1. Er lchelte bitter, als er diese Worte las und erbrach darauf den
Brief. -
    Gut - sagte er mit zufriedener Miene - Wann wird die Sennora hier
eintreffen, Salvador? -
    Noch heute Abend - erwiederte der Knabe in seiner Muttersprache, obwohl er
deutsch verstand und sprach, so bediente er sich desselben doch nur im
Nothfalle.
    Und sie ist wohl, mein Sohn, nicht wahr? - fragte der Pater, jetzt
ebenfalls spanisch redend, mit einer an Zrtlichkeit grenzenden Milde. - Este
corazon orgulloso no se puede rompes2, erwiederte Salvador mit zitternder
Stimme, indem sich seine Augen senkten. O tio - fuhr er fort, indem pltzlich
seine schlanke Gestalt sich aufrichtete und sein Nacken die schwarzen Locken
zurckwarf - Ich bin stolz auf meine Mutter. Wann aber wird der Tag kommen, wo
die stolze Ins sagen kann: Ich bin stolz auf meinen Sohn - Seine Augen
sprhten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem
Herzen. - Der Pater folgte dieser Bewegung mit aufmerksamem Auge. -
    Ruhig, Salvador, mein Sohn. Es wird die Zeit kommen. Siehst Du dort den
Vollmond sich aus den dunkeln Fluthen der Donau erheben? Wohlan, hre, was ich
Dir sage. Bevor er zum 5. Male um diese Zeit an dieser nmlichen Stelle steht,
wird Dein Dolch das Herzblut dessen getrunken haben, der das Herz Deiner Mutter
gebrochen hat.
    Este corazon orgulloso no se puede rompes - murmelte der Knabe, indem er
langsam die Hand von der Schrpe sinken lie. -
    Du hast ihn nie gesehen, Salvador? -
    Nie.
    Du wirst ihn heute sehen, Salvador.
    Der Knabe taumelte einen Schritt rckwrts. Sein Gesicht berzog eine
Leichenblsse. Seine Brust hob sich in krampfhaften Zuckungen. Abermals fuhr er
mit der Hand nach der linken Seite. Dann lchelte er verchtlich, kreuzte die
Arme ber einander und sprach mit verhaltener Stimme, als wollte er seine innere
Bewegung verbergen:
    Ich hre tio -
    Du bist ein braver Junge, Salvador - und Deiner Mutter wrdig. - Was ich
Dir zu sagen habe, ist kurz. Heute Abend halb 9 Uhr wirst Du mich in die Stadt
begleiten. Du wirst mich in ein Haus hineingehen sehen und mich dort erwarten.
Du wirst mich mit einem Manne, der mir zur rechten Seite gehen wird, wieder
herauskommen sehen. Auf der Donaubrcke werde ich ihn verlassen. Sieh ihn Dir
genau an, Salvador. Dieser Mann ist's, den Du suchest.
    Die intelligenten Augen des Knaben waren mit ngstlicher Sorgfalt auf die
Lippen des Paters geheftet gewesen, als wolle er jede Silbe tief in sein Inneres
einsaugen.
    Und was soll ich mit dem Manne thun, Sennor? -
    Du wirst suchen, in seinen Dienst zu treten, Salvador. Einen halb
ngstlichen, halb verachtenden Blick des Knaben bersehend, fuhr er fort:
    Hier hast Du Geld, Du wirst Dich davon kleiden, wie es hier Sitte ist. Du
begreifst, mein Sohn, da Dein jetziger Aufzug Dich nur auffllig macht und
Verdacht erregt. Gedenke Deiner Mutter und des Gelbdes, welches Du mir
abgelegt. - Und nun lebe wohl, um 1/2 9 Uhr findest Du mich hier. Salvador war
whrend der Rede des Paters in einem tiefen innerlichen Kampfe begriffen. Die
letzten Worte aber schienen seinen Entschlu befestigt zu haben; denn er kte
mit heftiger, leidenschaftlicher Innigkeit die Hand des frommen Vaters und war
bald darauf ebenso geruschlos, als er gekommen, aus der Thr verschwunden.
Pater Angelikus aber schien in tiefes Nachdenken versunken. Ein Seufzer endlich,
der unwillkrlich, wie ein schwermuthsvoller Gru an ehemaliges Glck, seiner
Brust entstieg, brachte ihn wieder zum Bewutsein der Gegenwart zurck. Er nahm
den Brief, kte ihn mit einer Inbrunst, die man von diesem verkncherten kalten
Manne, in dem alle Leidenschaften lngst abgestorben schienen, nicht erwartet
htte, und legte ihn dann sorgfltig in eine verschliebare Brieftasche, die er
sofort zu sich steckte. - Darauf setzte er sich - es war inde dunkel geworden -
in die Ecke des Sophas und berlie sich von neuem seinen Trumereien. -

                                      III


In einem kleinen, aber hchst geschmackvoll eingerichteten Boudoir im zweiten
Stocke eines der elegantesten Huser der Wallzeile finden wir unsere beiden
Freundinnen, Alice und Lydia wieder. Whrend diese, in nachlssiger Stellung in
einen Polsterstuhl gelehnt, mit der Linken auf den Tasten eines Kisting'schen
Flgels umherphantasirte und sich in die Aufsuchung der melancholischsten
Mollbergnge zu vertiefen schien - ging Alice, die Hnde ber die Brust
gekreuzt und gesenkten Hauptes mit raschen, aber durch die elastische Weichheit
des Teppichs bis zur Unhrbarkeit gedmpften Schritten das Zimmer auf und
nieder. Es war Abend, aber der herrliche Vollmond, welcher bereits die
Thurmspitzen der ber die jenseitige Huserreihe hinausragenden Stephanskirche
versilberte, hatte das Azur des unbewlkten Abendhimmels mit einem so intensiven
Lichtglanz getrnkt, da der Reflex desselben das Zimmer hinlnglich erhellte.
Mochten es die abgebrochenen tiefschwermthigen Accorde sein, welche Lydia den
Saiten des Instruments entlockte - oder waren es vielleicht die wunderbaren
Tinten, welche das falbe Mondlicht in das Zimmer warf, oder war die Spannung,
worin Alice durch das bevorstehende Gesprch versetzt wurde, davon Ursache: sie
befand sich in einer sonderbaren, an Unruhe grenzenden Aufregung.
    Die Tne des Instruments klangen immer sanfter und schienen sich aus
mannichfachen Verschlingungen endlich in eine wohlthuende Harmonie auflsen zu
wollen, als sie pltzlich in einem schreienden Disaccord, der das ganze
Instrument erzittern machte, schlossen. - Mit einem Schrei des Entsetzens war
Lydia aufgesprungen und stand nun unbeweglich mit geisterhaftbleichem Gesichte
da, die starren Augen auf die rothseidenen Vorhnge des Alkovens gerichtet, die
in diesem Augenblicke, gerade vom vollen Mondenlichte bestrahlt, sich zu bewegen
schienen. Alice hatte sich erschreckt umgewandt: Was ist's? Was hast du, Lydia?
- fragte sie.
    Lydia antwortete nicht. Alice trat auf sie zu und legte die Hand auf ihre
eiskalte Stirn: da hob sich die Brust der Unglcklichen in einem tiefen Seufzer:
aus ihren Augen perlten zwei groe Thrnen nieder und ihr Kopf senkte sich in
die Hand der Freundin.
    - Du bist nicht wohl, mein Kind - sagte Alice liebevoll - Du solltest Dich
zur Ruhe legen. Lydia schttelte den Kopf. Sie schlug ihre Augen, in denen eine
verzehrende tiefe Schwrmerei glnzte, zum Himmel auf, machte sich sanft von der
Umarmung der Freundin los und verlie langsam das Zimmer.
    - Sie wird wieder beten gehen - murmelte Alice.
    In diesem Augenblicke klopfte es an die Thr.
    - Endlich - sagte Alice fr sich - als der Pater Angelikus mit leisem Tritte
die Schwelle berschritt, offenbar verwundert ber die Dmmerung, welche im
Zimmer herrschte.
    - Sie sind allein - fragte er, vorsichtig sich im Zimmer umschauend.
    Alice schellte. Ein Diener brachte Lichter und verlie lautlos, wie er
gekommen, das Zimmer.
    - Mein armer, frommer Freund - sagte sie, ohne die Frage des Paters zu
bercksichtigen, mit ihrer gewohnten liebenswrdigen Ironie, deren Bitterkeit
sie durch die sentimentale Weichheit des Tones zu lindern wute -
    - Weshalb bedauern Sie mich? - antwortete, einen mitrauischen Blick auf das
Gesicht Alicens heftend, der Pater.
    - Sie sind ein schlechter Menschenkenner, Angelikus, und, was die Folge
davon ist, ein noch schlechterer Seelenarzt. Sie glaubten das arme Kind heilen
zu knnen durch den Glauben an die alleinseligmachende Kirche, nicht wahr?
    - Nun?
    - Nun, ob sie Glauben hat, wei ich nicht; aber da Sie ihr eine tchtige
Portion Aberglauben eingeflt haben, so da sie jetzt im Schooe ihrer
alleinseligmachenden Kirche Gespenster sieht, das wei ich.
    Der Pater blickte die schne Frau durchdringend scharf an. - - Darauf
schttelte er mit einem Anflug von Hohn den Kopf und erwiederte: Ich knnte
Ihnen den Vorwurf zurckgeben. Aber ich will Sie nur fragen: wie, wenn ich das,
was Sie mir erzhlen, nun gerade vorausgesehen und gewollt htte? - -
    - Sie mgen Recht haben, Pater. - Indessen kann ich Ihnen die Furcht nicht
verhehlen, da der Einflu, den Sie auf die Schwrmerin gewinnen, den meinigen
mit der Zeit paralysiren mchte; und das - werden Sie begreifen - kann
wenigstens nicht mein Zweck sein. -
    Jetzt war die Reihe an Alice, einen forschenden Blick auf die kalten Zge
des Paters zu werfen. - Jener lchelte - Sie thun sich selber Unrecht, Alice,
wenn sie ihren Einflu so gering anschlagen. - Indessen - fuhr er rasch fort, um
das Ausweichende in seiner Antwort zu verstecken - da zu hoffen steht, da wir
stets gemeinsam handeln werden, so sind Ihre wie meine Befrchtungen in dieser
Rcksicht wohl nutzlos.
    Alice hielt es fr klug, nicht weiter zu gehen und brach daher ab. Denn so
viel ihr daran gelegen sein mute, einen Blick in die Plne des Paters zu thun,
so war sie einerseits doch ihrer Herrschaft ber Lydia gewi, oder - wenn sie es
nicht war - so durfte sie ihre Besorgni deswegen nicht allzusehr durchblicken
lassen.
    In diesem Augenblicke warf die groe Glocke des Stephansthurms ihre volle
Tne ber die Stadt hin.
    - Es ist Zeit - sagte Alice, einen flchtigen Blick auf das Zifferblatt
einer prchtigen Alabasteruhr werfend, welche auf der vergoldeten Console ber
dem Sopha stand. Die Zeiger wiesen auf 20 Minuten nach 2 Uhr. Der Pater, dem
keine Bewegung Alicens entging, folgte ihrem Blicke und bemerkte, da sie
aufgezogen werden msse.
    - Lassen Sie - sagte Alice - die Kette ist gesprungen. Doch jetzt kommen Sie
- fuhr sie fort, indem sie den rothseidenen Vorhang vor dem Alkoven
zurckschlug. Er war leer und in seinem Fond eine offene Tapetenthr. Pater
Angelikus trat hinein und blickte, als er die Tapetenthr ffnete, eine schmale
und sehr steile Treppe hinab. Er zauderte einen Moment und blickte fragend
rckwrts.
    - Sie gelangen, fr den Fall, da man uns berraschte, hier auf dem
krzesten Wege in die Seitenstrae. Haben Sie Mitrauen gegen mich, so will ich
mit dem Lichte Ihnen vorangehen.
    - Es bedarf dessen nicht - erwiederte Angelikus kurz, indem er seine Hand an
die Brusttasche steckte und mit der andern die Tapetenthr von Innen
verriegelte.
    In diesem Augenblicke hrte man das Klirren eines Sbels auf dem Korridor.
    Alice zog rasch die Vorhnge des Alkovens zu und rief auf ein hastiges
Klopfen an die Thr ein unbefangenes und lautes: Herein!
    Frst Felix Lizinsky war wie mnniglich bekannt, ein schner,
liebenswrdiger und kluger Mann. Mehr als alle diese Eigenschaften
charakterisirte ihn - wie ein ebenfalls liebenswrdiger und kluger Mann sich
ausdrcken wrde, der berdies mit ihm in manchen andern Dingen viel
Aehnlichkeit besitzt - eine

         selbst in ihrer Uebertreibung noch anmuthige Ritterlichkeit

oder vielmehr chevalereske Schwrmerei, die, um ihn zum modernen Donquichote zu
machen, nur Zweierlei entbehrte, Tiefe und Wahrheit. Lizinsky wird nie eine
historische Person werden, nicht weil er fr die Geschichte zu frh gestorben,
sondern weil er dafr zu leben nie angefangen. Zu leben aber hat er nie
angefangen, weil Er nur fr sich und seine Eitelkeit gelebt. - Sein Gott war der
Schein, der anmuthige Schein, der nach Triumph lsterne und des Sieges sichere
Schein. Den Schein betete er an, weil er sich selbst anbetete, denn er war vor
Allem eitel. Die Eitelkeit, die mit sich selbst liebugelnde Anmuth ist der
erste Grundzug seines Charakters. - Diese Eitelkeit des Scheins, der sich selbst
und nur sich selbst genieen will, machen ihn frivol. Frivolitt ist der zweite
Grundzug seines Charakters.
    Als er hereintrat, fiel ein erster Blick auf die in ruhiger Haltung auf dem
Sopha sitzende und scheinbar in die Lektre einiger Briefe vertiefte Alice, und
dieser Blick schien zu sagen: Sieh', bin ich nicht schn? - In der That, er war
schn, schn wie ein Adonis wrden wir sagen, wre dieser Vergleich nicht
abgentzt, und hielten wir es nicht fr lcherlich, einen Adonis in Uniform uns
zu denken. Des Frsten schlank und wohlgebauter Krper war bekleidet mit der
einfachen, doch reichen Uniform eines spanischen Generals. Sein volles
dunkelblondes Haar streichelnd, das mit seinen weichen elastischen Wellen die
eine Seite der edeln, aber vielleicht nur einige Linien zu niedrigen Stirn
bedeckte, trat er an das Sopha heran, kte mit Grazie die Hand der schnen Frau
und sagte statt jeder andern Begrung mit einem Blicke auf die Briefe:
    - Wir werden also heute Politik treiben, schne Frau? -
    - Was verstehen Sie unter Politik, ritterlicher Frst? - gegenfragte Alice,
indem sie auf die letzten Worte einen ironischen Nachdruck legte, der noch durch
ein Lcheln ihrerseits untersttzt wurde.
    - Sonderbare Frage!
    - Sagen Sie lieber: Schwierige Frage! Die Wahrheit ist, da Jeder etwas
Anderes darunter versteht.
    - Auch Sie und ich? - der Frst studirte mit seinen schwarzen groen Augen
die Zge Alicens, indem er diese, scheinbar leichthin geworfenen Worte sprach.
    - Doch wohl. Beweis dafr ist, da wir einander untersttzen. Sie werden bei
sich denken: um einander zu benutzen. Das gebe ich zu. Allein beweist das nicht
fr mich?
    - Sie meinen? sagte der Frst, indem er seinen schnen Schnurrbart strich -
Htten wir dieselbe Politik, oder mit andern Worten, verfolgten wir dieselben
Zwecke, so wrden wir einander weder untersttzen noch vertrauen, selbst nicht
um einander zu benutzen. Indessen -
    - Fahren Sie fort, Frst: Indessen -
    - Indessen liegt der Unterschied zuweilen nicht sowohl in der Richtung, als
in der Lnge des Wegs. - Wieder lie er seinen feurigen und durchdringenden
Blick ber das bleiche Gesicht Alicens schweifen.
    Diese aber wute wohl, was der Frst sagen wollte, ja sie hatte sogar eine
ziemlich richtige Vorstellung von seinen an's Abentheuerliche streifenden
Plnen, sie htete sich jedoch, ihm zu zeigen, da sie ebenso schlau als schn
sei.
    Andrerseits hatte sie dem Gesprch gleich zu Anfang diese Wendung gegeben,
um dem lauschenden Pater einen Beweis fr das Mitrauen zu geben, welches in
ihrem Verhltni zum Frsten ebenfalls eine Rolle spielte. So weit war die
Stellung, welche sie augenblicklich zu einander eingenommen, wahr. Freilich aber
wute der gute Angelikus nicht, da die Rolle, welches dies Mitrauen bei ihnen
spielte, nur eine sehr untergeordnete war, und da der Grundton ihres
Verhltnisses, besonders zu gewissen Stunden, eine schrankenlose Offenherzigkeit
- wenn nicht von Alicens so doch von des Frsten Seite bildete. Mochte es nun
der Umstand sein, da des Frsten Lieblingspferd gerade heute gestorben, oder
hatte ihm Alice eine Andeutung darber zukommen lassen, da sie heute wichtige
politische Angelegenheiten abzumachen htten - fr das Letztere schien
wenigstens seine erste Frage zu sprechen; kurz der Frst befand sich heute zur
groen Genugthuung von Alicen in einer Stimmung, wie sie sie fr die
gegenwrtige Situation nur wnschen konnte.
    - Ich bin berzeugt, theure Baronin - fuhr der Frst fort - wir knnen eine
lange Strecke miteinander gehen, bis - - - -
    - Bis unsere Wege sich trennen?
    - Nein, bis der Eine von uns sein Ziel erreicht hat. Der Andere wandert dann
allein weiter.
    - Eitler Narr - murmelte Alice fr sich, indem sie lachte. - Gestehen Sie,
Felix - sagte sie laut - da dies Rthselspiel unendlich albern ist. Sprechen
wir vernnftig und deutsch. Ich reise morgen nach Berlin. Haben Sie mir einen
Auftrag mitzugeben? Vielleicht an Carolotta, die Gttliche? Oder an die kleine
Tnzerin? Wie heit doch die Himmlische? - Helfen Sie mir, Frst! Mein Gott, was
sind Sie heute unbehlflich! Ich kenne Sie gar nicht wieder.
    - Sie reisen morgen wirklich nach Berlin? - fragte der Frst, welcher sich
von seinem Erstaunen theils ber die unerwartete Nachricht, theils ber die
pltzlich vernderte Stimmung Alicens noch nicht erholt hatte, indem er vom
Stuhle aufsprang. - Oder ist es ein Scherz, Alice? -
    - Ein Scherz? Im Gegentheil: Die Angelegenheit, welche mich dorthin fhrt,
ist sehr ernster Natur. - Alice sagte dies in so bestimmten Tone und mit solchem
Accent der Wahrheit, da das ironische Lcheln, welches dabei um ihre
feingeschnittenen Lippen schwebte, offenbar eine andere Beziehung hatte, als
die, dem Sinn der eigenen Worte zu widersprechen. Lizinsky ging, mit hastigen
Schritten im Zimmer auf und ab und warf, wenn er vor Alicens Platz vorberkam
einen bald forschenden, bald unentschlossenen Blick auf sie. Sie lie ihn ruhig
gewhren und bltterte inde in den vor ihr liegenden Briefen. Endlich blieb er
vor ihr stehen und sagte:
    - Alice, haben Sie Vertrauen zu mir?
    - Wenig.
    - Warum?
    - Weil Sie nicht offen sind. Nicht, ob ich Vertrauen zu Ihnen htte, sondern
ob Sie mir trauen drften: das wnschten Sie zu wissen. Also woher der Umweg?
Aus Mitrauen. Knnen Sie verlangen, da ich Ihnen mehr vertraue, als Sie zu
erwiedern geneigt sein mchten?
    Der Frst bi sich in die Lippen. - Sie sind ein gefhrliches Weib, Alice -
sagte er seufzend.
    - Diese Schmeichelei scheint Ihnen schwer geworden zu sein. Vielleicht weil
sie diesmal eine Wahrheit enthlt. In der That, ich bin ein gefhrliches Weib.
Fahren Sie fort.
    Der Frst setzte sich wieder - Alice - begann er mit gedmpfter Stimme - ich
habe eine Bitte an Sie. Doch ehe ich sie ausspreche, hren Sie. Sie wissen, was
vor 14 Tagen in Paris vorgegangen. Es mag wenige geben, die sich schon mit dem
Gedanken befreunden knnen, da die franzsische Republik Bestand habe. Ich
gehre zu diesen Wenigen, ja ich bin sogar der festen Ueberzeugung, da die
franzsische Revolution des Jahres 1848 keine franzsische, sondern eine
europische ist, und da wir groen und ernsten Strmen entgegengehen: ich meine
Deutschland, und vor Allem Oesterreich und Preuen.
    Der Frst schien eine Antwort zu erwarten. Alice aber winkte ihm
fortzufahren.
    - Ich glaube, da die Wenigen, von denen ich sprach, und zu denen ich auch
Sie rechne - Alice lchelte dankend - auf die kommenden Ereignisse gerstet sein
mssen, ja da sie die Leitung derselben womglich in die Hand nehmen mssen.
Denn wenn die beiden Mchte, Absolutismus und Volksbewutsein, einander
gegenbertreten, so kann der Kampf nur ein Kampf auf Leben und Tod sein. Wenn,
glauben Sie nun wohl, werden wir gewinnen? Wenn der Absolutismus oder wenn das
Volksbewutsein siegt?
    - Vielleicht weder in dem einen noch in dem andern Falle, sagte Alice mit
Indifferenz.
    - Desto schlimmer fr uns. Doch aber nur, wenn wir neutral bleiben wie
bisher. -
    - Oder mit beiden Parteien liebugeln, wie bisher - persiflirte Alice.
    Diese Anspielung auf die Thtigkeit bei dem Landtage, - - verletzte den
Frsten.
    Aber Meister in der Schauspielkunst, lchelte er hchst anmuthig zu diesem
Stich und sagte in scherzendem Tone:
    - Eben darum mssen wir Partei nehmen, schne Freundin.
    - Und welche Partei wrden Sr. Durchlaucht der Frst Felix Lizinsky
ergreifen - anticipirte sie ihn - vielleicht die, welche die meisten Chancen auf
Erfolg hat.
    - Das zu entscheiden ist eben die groe Frage. -
    - Deren Beantwortung Sie sicherlich nicht von mir erwarten werden.
    - Und warum nicht? Denn Sie werden mir gegenber nicht behaupten wollen, da
Sie weder mit den Mitteln noch mit den Fhrern der Parteien bekannt genug sind,
um den wahrscheinlichen Erfolg voraus bestimmen zu knnen. - Also warum nicht?
    - Vielleicht darum, weil Sie Ihre Ansicht schwerlich nach der meinigen
ndern werden.
    - Das kme auf den Versuch an - der Frst legte ein gewisses Gewicht auf
diese Worte. Alice schttelte den Kopf. Sie hatten mir eine Bitte mitzutheilen?
Lizinsky runzelte die Stirn und schwieg einige Sekunden.
    - Dann sagte er - ich sehe, Sie sind unbezwinglich. So will ich den Anfang
des Vertrauens machen. - Sie wissen, da sich hier in Wien in aller Stille ein
revolutionairer Verein gebildet hat. Eben jetzt komme ich aus einer Versammlung,
fast die ganze Aula hat sich definitiv erklrt. Aber darin liegt auch die
Gefahr. Es sind schon zu viele Mitwisser. Es knnte sich leicht ein Verrther
unter ihnen finden.
    - Er hat sich bereits gefunden - sagte kalt Alice.
    Der Frst erbleichte. - Woher wissen Sie -? Alice bat ihn fortzufahren. -
    - Die Zeit drngt. Die Bewegung beginnt bereits in dem Volke sich durch ein
dumpfes Vorgefhl kund zu geben. Der Hof selbst ist noch ruhig, aber die
Metternichsche Partei ist schon aufmerksam geworden.
    - Durch wen? - fragte Alice mit derselben Klte, indem sie ihn durchdringend
anblickte.
    Sie mihandeln mich, Alice, durch ihr maloses Mitrauen. Was solls mit
diesen Blicken?
    Reden Sie! Wollen Sie mich absichtlich beleidigen? Das mte, dchte ich,
Ihnen schon Ihre Klugheit verbieten.
    Alice lachte: Sie haben ein empfindliches Gewissen, theurer Frst. Ich
dachte nur daran, da die Frstin Metternich eine schne Frau ist. -
    - Lassen Sie das jetzt - so stehen also die Sachen hier in Wien. Hchstens
gebe ich noch eine Woche: dann bricht der Sturm los. Vielleicht, ja
wahrscheinlich - denn jeder Anla mu benutzt werden - schon frher. Wir sind
nun aber der Ueberzeugung, da es hiebei sein Bewenden nicht haben drfe. Wien
allein macht nur eine sterreichische, keine deutsche Revolution. Berlin ist das
Herz Deutschlands. Hier mte eigentlich der erste Schlag fallen, allein das
wird nach allen Anzeichen und Nachrichten nicht geschehen. Aber Berlin mu rasch
folgen; und - fgte der Frst leiseren Tones hinzu - es wird folgen.
    Auch in Berlin sind alle Vorbereitungen getroffen; das Uebrige aber hngt
von der Gestaltung der hiesigen Verhltnisse ab. Heute nun sind diese zum
bestimmten Abschlu gekommen. Wollen Sie - dies ist meine Bitte - auer dem, was
ich Ihnen eben mndlich mitgetheilt und was ich Ihnen in weiterer Ausfhrung,
besonders in Rcksicht auf den nthigen Vertheidigungsplan der Stadt,
aufgezeichnet, noch einige Briefe an Personen mitnehmen, die theils der einen,
theils der andern Partei angehren?
    - Gern, doch unter einer Bedingung, nmlich der, da Sie mir offen sagen,
fr welche Partei Sie sich schlielich zu erklren die Absicht haben. Denn da
ich bereits entschlossen bin, so wrde ich mir oder vielmehr meiner Partei
mglicherweise durch Uebernahme ihrer Auftrge entgegenarbeiten.
    - Ich kann diese Bedingung zwar nicht eingehen, doch glaube ich, werden Sie
zufrieden sein, wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, da Ihre Befrchtungen in
jedem Falle grundlos sind.
    - Also hatte ich vorher doch Recht mit meinen Vermuthungen. Inde kommen wir
zu Ihren Auftrgen.
    - Hier ist zunchst der Plan, von dem ich vorhin sprach. Verwahren Sie ihn
wohl. Sie bergeben ihn dem Ingenieurofficier Latorp. Sie finden seine
vollstndige Adresse ebenfalls hier aufgezeichnet. Von ihm werden Sie vielleicht
in die nhern Verhltnisse der Berliner Bewegung eingeweiht werden, wenn Sie
eine Rolle darin bernehmen wollen. Dann sehen Sie hier ein Packet Briefe, die
Sie eigenhndig an die Adresse berreichen mssen. -
    Als Alice die Briefe ansah, konnte sie ein lautes Lachen nicht unterdrcken.
Es fanden sich darunter auch ein Brief an die Herzogin von Nagas und einer an
den Probst Bergmann. Sie warf einen raschen Blick auf die Vorhnge des Alkovens,
und zog dann die beiden, ihr von Pater Angelikus bergebenen Briefe aus dem
Busen, und hielt sie dem Frsten vor.
    Dieser sprang erschreckt in die Hhe. - Was ist das? - rief er fast drohend
aus. In diesem Augenblicke gerieth die eine Seite des Vorhangs in eine zitternde
Bewegung. Alice legte den Finger auf den Mund. Der Frst trat einen Schritt
zurck und sagte, indem er die Hand an den Sbel legte, mit zitternder Stimme
und bleichen Lippen: Wir sind nicht allein? Zugleich sah er sich in dem Zimmer
nach allen Richtungen um und lie seinen Blick zuletzt auf dem Vorhange ruhen.
In dem nchsten Augenblick strzte er aber auch schon darauf zu und ri ihn mit
krampfhafter Hand auseinander. - Er hatte sich getuscht in seinem Verdacht: der
Alkoven war leer.
    Alice hatte diese Scene durch ihre eigene Unvorsichtigkeit hervorgerufen und
schwebte eine Secunde in wirklicher Angst um den Frsten, denn sie wute, da
der Pater stets bewaffnet war. Jetzt aber hatte sie ihren Gleichmuth so vllig
wiedergefunden, da sie vortrefflich die Erstaunte zu spielen im Stande war.
    - Nun - sagte sie mit gekrnktem Tone - wahrhaftig, Felix, ich wei nicht,
ob ich Ihre Angst lcherlich oder beleidigend finden soll. Sie erzhlen mir mit
der geheimnivollsten Miene von der Welt Dinge, die mir lngst bekannt sind und
gerathen, als ich anfange, Ihr Vertrauen zu erwiedern, auer sich, glauben sich
belauscht, verrathen. - Habe ich mich in Ihr Vertrauen einzudrngen gesucht?
Jmmerliche Schwachheit der Mnner, die nur mit Zittern etwas wagen, und wenn
sie es gewagt haben, von Angst und bsem Gewissen gefoltert werden.
    - Verzeihen Sie, Alice. - Was Sie mir zeigten, berraschte mich, um so mehr
als mir die Handschrift nicht bekannt dnkte. Doch lassen wir das, ich will
nicht indiskret sein, empfehle Ihnen jedoch die hchste Vorsicht. Diesen Brief -
fuhr er fort, indem er auf die vor ihm liegenden Briefe wies - geben Sie nicht
eher ab, als bis Sie den Ausbruch der Revolution in Wien durch die Zeitungen
erfahren haben.
    Der Prinz - Alice warf in diesem Augenblicke, unbemerkt vom Frsten,
abermals einen raschen Blick auf die Vorhnge, und lchelte, als eine neue
Bewegung derselben ihre Vermuthung besttigte - der Prinz ist in Berlin und wird
aller Wahrscheinlichkeit nach die Truppen selbst befehligen wollen. Es ist
jedoch nothwendig, da dies nicht geschieht, weil - mge nun der Ausgang sein,
welcher er wolle - er nicht eher in den Conflict gezogen werden darf, bis sein
Interesse mit dem des Knigs selbst in Conflict gerth. Ich kann Ihnen daher
offen sagen, da dieser Brief bezweckt, den Prinzen zur vollstndigsten
Neutralitt aufzufordern. Er ist datirt vom 16. Mrz, und kann demnach schon -
wenn es nthig ist - am 18. in seine Hnde gelegt werden. Nicht wahr, ich bin
von Ihnen vollkommen verstanden? -
    - Vollkommen.
    - Und Sie werden meine Bitte erfllen?
    Alice besann sich eine kurze Zeit. Darauf sagte sie mit festem Tone, indem
sie dem Frsten die Hand reichte: Ja.
    - Gut, das wre abgemacht. Nun kommt der letzte, aber auch der wichtigste
und vielleicht fr Sie, als Weib, der schwierigste Punkt. Der Frst machte hier
eine Pause, als sei er unschlssig, in welche Worte er diesen letzten Auftrag
kleiden sollte. Endlich sagte er zgernd: Sind Sie im Voigtlande3 bekannt? -
    Alice erbleichte und konnte sich einer Bewegung nicht erwehren, die dem
Frsten ein abermaliges Schweigen auferlegte.
    Alice erhob sich und sagte rasch, indem sie mit der einen Hand nach der Uhr
zeigte, whrend sie mit der andern dem Frsten einen Schlssel berreichte.
Verzeihen Sie meine Schwche, Felix. Ich fhle mich unwohl. Auch bin ich der
Ruhe bedrftig, da ich frh Morgens mich schon auf die Reise begeben mu. Leben
Sie denn wohl, ich werde Ihre brigen Auftrge getreulichst erfllen. -
    Der Frst war bestrzt und schien nicht bel Lust zu einer abermaligen
Untersuchung des Alkovens zu haben. Aber der Blick Alicens dominirte ihn. Er
steckte den Schlssel zu sich, prgte sich die auf der Uhr angezeigte Stunde ein
und verlie mit hastigen Schritten das Gemach.

                                       IV


Lydia war, als sie Alicens Zimmer verlassen, nach dem ihrigen gegangen, um - wie
Alice richtig vermuthet hatte - zu beten. Das arme Kind war unmittelbar nach der
frchterlichen Katastrophe, die der Leser aus der mit ihrem Namen betitelten
Erzhlung kennt, in eine tiefe Apathie gefallen, welche sie gegen Alles, was sie
umgab, selbst gegen Alicens aufopfernde Freundlichkeit, fast gnzlich
unzugnglich machte. Aber Alice wute diese Stimmung eines gebrochenen Herzens
zu wrdigen. Aufopferungsfhig und liebenswrdig, wie sie berall da war, wo
ihre Empfindung wirklich angeregt wurde, widmete sie whrend der ersten Monate
ihrer gemeinsamen Reise der unglcklichen Freundin und Leidensschwester ihre
ganze Theilnahme, bis sie in Paris die Bekanntschaft Lichninsky's machte, und
dadurch in kurzer Zeit in das Gewirre des politischen Lebens hineingezogen
wurde. Es entging ihr nicht, da der Frst ihre unglckliche Freundin bemerkt
hatte. Sie seinen Augen und Wnschen zu entziehen, beschlo sie aus doppelter
Rcksicht, fr sich selbst wie fr Lydia. Sie reiste deshalb mit ihr nach
Straburg zu einer Freundin, wo nun Lydia unter angenommenen Namen ruhig und
harmlos ihren Erinnerungen und - bald auch einer - neuen Liebe lebte. Aber der
Frst hatte seine Absichten auf die schne Freundin Alicens nicht aufgegeben.
Einer seiner Kundschafter wurde in Straburg durch einen Zufall auf sie
aufmerksam. Die Arme schien in der That vom Schicksal dazu ausersehen, die
Gewalt der Liebe nur aus der Qual und den Schmerzen, welche sie spendet, kennen
zu lernen. In Straburg blhten die Rosen ihrer Wangen wieder auf - sie begann
sich mit dem Leben auszushnen, denn es war die Liebe wieder in ihre kindliche
Brust gezogen. - Da pltzlich streckte der Verrath seine Hand aus gegen die se
Liebeswelt - und sie strzte wie ein Kartenhaus zusammen. - Lydia verschwand
pltzlich aus Straburg. - Alice erfuhr es durch ihre Freundin frher, als
selbst der Frst durch seine Spione. Schnell entschlossen reiste sie der
Flchtigen entgegen. In einer kleinen franzsischen Stadt, wenige Meilen von
Paris entfernt, traf sie den Entfhrer. So war zwar die Unglckliche gerettet,
aber zugleich ihr Liebesglck zerstrt. Nun reisten die beiden Frauen, da sie
sich in Paris nicht sicher glaubten, nach Wien. Denn Alice hatte es ber sich
genommen, das arme Kind, das sie als ein letztes heiliges Vermchtni aus einer
Zeit betrachtete, wo sie selbst noch wahrer Liebe fhig war, vor dem Pesthauch
frivoler Verhltnisse zu bewahren. Von Wien aus schrieb sie an den Frsten,
machte ihm wegen seines Verraths Vorwrfe und kndigte ihren festen Entschlu
an, ihre Freundin gegen seine Verfolgungen zu schtzen.
    Er kam darauf selbst nach Wien und versprach Alicen, von nun an keinen
Schritt zu thun, der ihr Mifallen erregen knne. - So kehrte das alte vertraute
Verhltni zwischen ihm und Alice zurck und durch seine Vermittlung war sie in
den engeren Kreis des Metternichschen Hauses eingefhrt worden, wo sie durch
ihre unendliche Anmuth und durch den unwiderstehlichen Reiz, welcher ihr ganzes
Wesen durchwehte, sich in kurzer Zeit ein festes Terrain zu erobern, und
besonders das Vertrauen der Frstin zu erwerben gewut hatte. Der Einflu,
welchen sie durch ihre Zurckhaltung und die Kunst bescheidener und feiner
Schmeichelei gewann, wurde in ihrer geschickten Hand zu einem Schlssel fr
manches bald diplomatische bald neotische Geheimni, und nur ihrer groen
Vorsicht hatte sie es zu danken, wenn dieser Schlssel ihr nicht wieder genommen
wurde. So hatte sie es bald dahin gebracht, da sie in dem Hause der Frstin
keinen Feind - ja - was noch mehr sagen will - keine Feindin und nur sehr wenige
Beobachter hatte. Unter diesen frchtete sie jedoch nur einen; es war der
Beichtvater der Frstin - Pater Angelikus. Vor seinen Blicken - das fhlte sie
wohl - konnte die Rolle, welche sie spielte, nicht ganz undurchschaut bleiben:
so fate sie - - nach dem Grundsatz: nur ganzes Vertrauen schtzt gegen den
Mibrauch des halben - den Plan, nicht etwa, ihn zu ihrem Vertrauten zu machen,
sondern sich selbst, durch den Schein ihres Vertrauens, zu seiner Vertrauten zu
machen. Und dies gelang ihr endlich, nachdem sie lange vergebens alle ihre
Mittel verschwendet. Schon das erste Mal, als sie mit dem Beichtvater und
Lichninsky bei der Frstin Metternich zusammentraf, gewahrte sie durch die dicke
Rinde, mit der der Pater seine Brust und die darin ghrenden Leidenschaften
umpanzert hatte, den tiefen Ha desselben gegen den Frsten hindurchscheinen.
Ein zweiter Blick auf Lichninsky belehrte sie, da dieser, dessen Charakter zu
studiren sie hinlnglich Gelegenheit gehabt, zwar keine Ahnung von diesem Hasse
hatte, dennoch aber die Gesellschaft des Paters gerade nicht aufsuchte. - Die
Ursache dieses eigenthmlichen Verhltnisses zu erforschen, wollte ihr lange
Zeit nicht gelingen. Endlich griff sie zu dem uersten Mittel, den Pater als
Seelenarzt bei Lydia einzufhren. Der Eindruck, welchen das Schicksal und der
wehmthige Anblick des guten Kindes auf Angelikus hervorbrachte, war ein
gewaltiger. Der harte, kalte Priester war bis ins Innerste erschttert. Jetzt
hatte Alice, die whrend der ganzen Scene keinen Blick von seinen Zgen
verwandt, auch den Schlssel zu diesem Geheimni gefunden. Es ist wahr, ihre
arme Freundin verdiente gewi das tiefste Mitgefhl, aber solchen Eindruck, wie
sie ihn auf den Pater hervorbrachte, konnte nur aus hnlicher Erfahrung, aus
gleichen Leiden hervorgehen. Ein Gedanke an Lichninskys frivolen Charakter
fhrte Alicen schnell auf die richtige Vermuthung, da ihr eigenes Schicksal
vielleicht mit dem des Paters groe Aehnlichkeit habe.
    - Gestehen Sie, Angelikus - sagte sie einige Wochen nach jener Scene,
whrend dessen der Pater seine Besuche bei Lydia eifrig fortgesetzt hatte, im
Verfolg eines Gesprchs ber den religisen Trost gegen das Unglck der Liebe -
gestehen Sie, da im Grunde damit nur erreicht wird, da man eine Schwrmerei
gegen die andre austauscht. Oder glauben Sie - Alice legte einen Nachdruck auf
das letzte Wort - da die Religion gegen den Schmerz betrogener Liebe wirklich
trstet? Bei Lydia wrden Sie sich gewi tuschen.
    - Ich verstehe Sie nicht, theure Freundin - erwiederte Jener, der sehr gut
verstand, indem er seine Bewegung zu verbergen suchte.
    - Sie verstehen mich sehr wohl. Sind Sie, antworten Sie aufrichtig, durch
den Trost der Kirche von allen Leidenschaften, von Liebe und Ha, geheilt? - O,
frommer Vater, Sie tuschen mich nicht. Sie lieben und hassen noch, eben so
glhend wie frher, vielleicht noch glhender. - Der Pater schwieg, aber eine
flchtige fieberhafte Rthe bedeckte seine Stirne, als er aufstand und, Alicen
die Hand reichend, mit bebender Stimme und dsterer Miene sagte:
    Wohlan, Sie mgen Recht haben, und weil Sie Recht haben, so will ich von
diesem Augenblick Ihr Freund sein, weil ich Ihr Feind zu sein nicht den Muth
habe. Sie sehen, da ich aufrichtig bin. Aber nun dringen Sie nicht in mich.
Spter werde ich Ihnen den Beweis geben, da, wo ich liebe und hasse, ich Grund
zu Beidem habe. Mit einem Blicke, in dem eine bis zur Wildheit tiefe und
verzehrende Leidenschaft blitzte, verlie er sie schwankenden Schrittes.
    Seit diesem Gesprch hatten sie absichtlich dies Thema vermieden. Alice war
nicht neugierig, und sie beruhigte sich ber das Schweigen des Paters mit dem
Grunde, da er selber nicht wissen konnte, wie weit sie bereits in sein
Geheimni eingedrungen sei. Selbst als sie seiner Forderung, Zeuge des Gesprchs
mit Lichninsky zu sein, nachgab, hatte sie keine derartige Bedingung gestellt,
weil sie in dieser Forderung selbst schon eine Concession erblickte.
    Kehren wir nun nach dieser Abschweifung zu Lydia zurck.
    Als sie in ihr Zimmer getreten war, schritt sie sogleich auf eine Nische zu,
welche durch ein hohes, aus glnzend weiem Elfenbein gearbeitetes Kruzifix
ausgefllt wurde. Sie knieete auf den rothsammtnen Betschemmel nieder, senkte
den Kopf in ihre beiden Hnde und schien bald in ein tiefes und inbrnstiges
Gebet versunken. Der Mond warf sein volles Licht auf die schne Beterin und die
weien Gebeine des Christusbildes, whrend der brige Theil des Zimmers fast
ganz in Dunkel gehllt war. Von Zeit zu Zeit, wenn sie ihr thrnenfeuchtes
Antlitz zum Gekreuzigten emporrichtete, mit den von Schwermuth und holdem
Irrsinne erfllten Augen, zeichnete sich das reine und jungfruliche zarte
Profil in wunderbarer Schnheit auf dem dunkeln Hintergrunde ab. O, wer sie in
diesem Augenblicke geschaut, mit dem von ungehrten Seufzern geschwellten Busen
und den zarten ineinander gerungenen Hnden - gegenber dem kalten,
unempfindlichen Christusbilde, das mit derselben kunstvoll kalten
Schmerzensmiene herabblickte auf den lebendigen heien Schmerz der sndenlosen,
geknickten Madonna: Wer htte da noch den Glauben bewahren knnen an Andacht und
gttliche Vorsicht -? Konnte ein Gott der Barmherzigkeit kalt bleiben gegen
diese Schmerzen, konnte der Vater des Himmels sein vterliches Ohr verschlieen
vor diesen Seufzern? - Ungetrstet und klagelos erhob sie sich. Noch einen Blick
warf sie, einen Blick voll tiefer, unaussprechlicher Wehmuth auf den
Gekreuzigten - dann nahm sie ihr Gebetbuch, warf rasch den Mantel um die
Schultern, zog den Schleier ber das Gesicht und verlie das Zimmer. Sie ging
zur Messe. Als sie aus dem Hause trat, mochte sie sich wohl daran erinnern, da
es schon zu spt sei, um ohne Begleitung sich in die Straen zu wagen. Sie
zauderte einen Augenblick und war im Begriff zurckzukehren, da sah sie an der
Balustrade des Perrons eine Gestalt lehnen, welche jetzt, durch ihre zaudernde
Stellung aufmerksam gemacht, auf sie zutrat und in gebrochenem Deutsch fragte,
ob Sennora etwas befehle.
    Lydias Furcht verschwand, als sie sich berzeugte, da es ein Knabe in
Livre war, der vermuthlich hier auf seinen Herrn warte. - Ein unerklrliches
Gefhl von Neugierde trieb sie an, ihn zu fragen, auf wen er hier warte. Der
Knabe, in dem der Leser schon lngst unsern Salvador erkannt haben wird, gerieth
durch diese Frage in augenscheinliche Verlegenheit, endlich erwiederte er, Pater
Angelikus habe ihn hier her bestellt, auf ihn zu warten.
    - Willst Du mich nach der Kirche begleiten, mein Kind? - fragte Lydia.
    - O, wie gern, Sennora, erwiederte Salvador.
    Lydia gab ihm, ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln, ihr Mebuch und
ging rasch auf den Stephansplatz zu.
    Salvador war - obgleich Sdlnder, noch ein ganz unbefangenes Kind. Doch kam
er heute zum ersten Male darber zum Nachdenken, da die Sennora ihn Kind
genannt, und er stellte an sich die Frage, ob er denn noch sehr kindisch
aussehe. Auch war er zwar von dem Vertrauen der Sennora zu ihm - denn es
konnte ja eine Lge sein, da er im Dienste des Paters sei - gerhrt; gleichwohl
dnkt es ihn, als ob seine Rhrung noch grer sein wrde, wenn sie weniger
schnell Vertrauen zu ihm gefat htte. Diese Widersprche, welche er sich gar
nicht erklren konnte, beschftigten ihn, whrend er still neben Lydia daher
schritt, so sehr, da er fast vergessen htte, beim Eintritt in die Kirche die
Finger ins Weihwasser zu tauchen und ein frommes Kreuz auf Brust und Stirn zu
zeichnen. Die Kirche war fast leer; vereinzelt knieten hier und dort einige
Beter, unbeweglich und stumm, so da man versucht gewesen wre, sie fr eine
jener leblosen Steingruppen zu halten, mit denen die Nischen und Pfeiler der
Kirche geschmckt waren, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer ihrer Brust
entstiegen und mit dem Schmerz der Reue auch das Leben in ihr kund gethan. Lydia
kniete hinter einer Sule, die ihren breiten Riesenschatten ber sie hinwarf, so
da sie unbemerkbar bleiben konnte. Salvador lie sich hinter ihr auf ein Kniee
nieder. Der harmonische Donner der mchtigen Orgel, welche ihre vollen
Klangmassen durch die weiten Hallen der Kirche wlzte, wiegte sie in jenes
verfhrerische Entzcken, welches mit der Ueberzeugung gttlicher Erregung das
Herz in alle Reize einer hingebungsvollen, glhenden Einbildungskraft versenkt.
Denn das Herz - wie rein und schuldlos oder wie befleckt von Begierden es sein
mag - bedarf des Gefhls einer vollen Hingabe. Es ist sein Beruf, sich
aufzulsen in ein Meer von selbstgeschaffner und selbstgewhrter Wonne; und es
ist nur eine Tuschung, wenn wir glauben, da die Hingabe eines glubigen
Herzens an den Zauber der Musik und der andern Knste, welche die katholische
Kirche mit so feiner Raffinerie zur Ehre des Herrn zu gebrauchen versteht,
eine andere Art der Erregung voraussetzt, als etwa die Hingebung des Herzens an
den Geliebten. Darum hatte Alice recht, zu sagen, es hiee nur eine Schwrmerei
gegen eine andre eintauschen, wenn man den sen Schmerz der Liebe durch den
schmerzensreichen Trost religiser Schwrmerei heilen wolle. Eine halbe Stunde
mochte bereits verflossen sein, und immer noch lag Lydia auf den harten, kalten
Fliesen, ihre Hnde, denen das Mebuch entfallen war, hingen schlaff in den
Schoo herab, die Augen waren halb geschlossen, aber wer einen Blick zwischen
diese noch von den Thrnen feuchten Lider htte thun knnen, wrde erschreckt
worden sein von der innern Glut, welche sich in ihnen concentrirt hatte, jedoch
mehr nach Innen als nach Auen strahlte. Die Blsse ihrer Wangen war geisterhaft
und stach um so mehr von der tiefen Rthe ihrer halbgeffneten Lippen ab, die
sich von Zeit zu Zeit bewegten. Waren es Gebete, die sie zum Himmel sandte, oder
Seufzer einer ungestillten Liebessehnsucht? -
    Die Orgel schwieg. Lydia fuhr aus ihrem traumartigen Zustande empor.
Sogleich kehrte die Rthe auf ihre Wangen zurck; es schien, als sei ihre fromme
Sehnsucht gestellt. Sie blickte um sich und gewahrte Salvador, der sie
unverrckt angeblickt hatte. Er hatte weder die Orgel gehrt, noch die Litanei
des Priesters nach dem Gesang des Chors, er hatte berhaupt nicht gehrt, nur
gesehen - Lydia. Er erschrak fast, als Lydia sich erhob. Taumelnd folgte er ihr
hinaus auf die jetzt fast menschenleere, mondbeschienene Strae. Sie hatten nur
wenige Schritte bis zu Lydias Wohnung. Als sie den Perron in die Hhe stiegen,
ffnete sich die Thre und eine tief im Mantel gehllte Gestalt trat mit
hastigen Schritten heraus. Es war Lichninsky, der von Alicen kam. Lydia hatte
ihn zuweilen vom Fenster aus gesehen und kannte ihn durch Alice. Er erkannte sie
sogleich wieder und erstaunt ber die wunderbare Schnheit - sie hatte vergessen
den Schleier herabzulassen - blieb der Frst einige Sekunden auf der Schwelle
stehen, in ihren Anblick versunken. Lydia war unwillig ber diese Strung und
sagte mit sanftem aber festem Tone: - Frst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.
    Der Name Lichninsky brachte auf Salvador, der den Frsten gar nicht beachtet
hatte, eine elektrische Wirkung hervor. Seine erste Bewegung war ein Griff nach
der Schrpe. Er verga, da er sie abgelegt. Da ballten sich seine Fuste in
krampfhaften Zuckungen, seine Lippen bebten. So trat er neben Lydia, dem Frsten
gegenber aber auer Stande, seine Gefhle in Worte zu fassen, wiederholte er
nur die Worte Lydias, die in seinem Munde eine ganz andere Bedeutung erhielten:
    Frst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.
    Lydia sah, erschreckt ber diese Unart, den Knaben an, der bisher so folgsam
und sanft sich gezeigt. Der Frst ma ihn mit einem erstaunten, doch kalten
Blick, und schlug darauf ein lautes Gelchter auf. - Jetzt war Salvadors Wuth
bis zur uersten Grenze gebracht. Er machte sich bereit, dem Frsten einen
Faustschlag ins Gesicht zu versetzen, da fhlte er eine feste Hand sich auf
seine Schulter legen. Erzrnt blickte er sich um, als er jedoch in das ruhige,
vorwurfsvolle Gesicht des Paters schauete, lie er den Kopf sinken und Thrnen
glnzten in seinen Augen.
    Lydia hatte mit Neugierde diese Scene, welche fast nur den Zeitraum einer
Sekunde umfate, zugeschaut. Jetzt wandte sie sich an Angelikus mit der Bitte um
seinen Segen fr die Zeit ihrer Trennung.
    - Ich segne Dich von Herzen, meine gute Tochter - sagte der Pater mit
bewegter Stimme. - Mgst Du anderwrts die Ruhe finden, die Du bisher vergeblich
gesucht. Ich habe dafr gesorgt, da Dir auch in Deinem neuen Aufenthalt der
geistliche Beistand nicht mangelt. Darauf drckte er einen vterlichen Ku auf
ihre Stirn und entlie sie.
    Als Lydia sich entfernt hatte, standen Lichninsky und der Pater einander
gegenber.
    - Armes Kind - sagte, wie zur Erklrung der Letztern - Sie hat die beiden
Eltern in kurzer Zeit verloren und steht nun ganz verwaist in der Welt da, ohne
Freunde und Verwandte. Auf meine Bitte hat unsere Freundin Alice sich erboten,
sie mit sich nach Berlin zu nehmen, und dafr zu sorgen, da sie dort eine
passende Stellung findet. Eben war ich im Begriff, zu ihr zu gehen. Es scheint,
als kommen Sie jetzt von einem Besuche bei ihr.
    Der Pater war, der Anweisung Alicens folgend, die Treppe hinabgestiegen und
von dort durch das Hintergebude in die Seitenstrae gelangt, so da der Frst,
welcher jenen Ausweg nicht kannte, von der Grundlosigkeit seines Verdachts fast
gnzlich zurck kam, als er sah, da der Pater, eben von der Strae kommend, ihm
auf der Schwelle begegnete. Dennoch wollte er noch eine letzte Probe machen.
    - Sie ist sehr angegriffen und bedarf der Ruhe, wie sie mir sagte -
entgegnete er auf des Paters Aeuerung, da er Alicen besuchen wolle.
    - Nun, es ist nichts Wichtiges, was wir zu verhandeln haben. So will ich sie
denn nicht weiter stren. Gehen wir eine Strae miteinander, Frst, wenn's Ihnen
gefllig ist.
    - Von Herzen gern - erwiederte dieser, jetzt vollstndig beruhigt, indem er
dem Pater den Arm reichte.
    Sie schritten eine Zeit lang lautlos neben einander her. Beide waren
unruhig: Lichninsky, weil er ber den Sinn der geheimnivollen Art, mit der
Alice auf die Uhr gewiesen und den Schlssel ihm in die Hand gedrckt, zwar
klar, aber ber die Grnde zu diesem Verfahren vollstndig im Dunkeln war. War
Jemand Zeuge ihres Gesprchs gewesen oder nicht? Der Pater, - der einzige
Mensch, welchem Alice, wie er glaubte, vielleicht eben so viel Vertrauen
schenkte, wie ihm selber, und dem sie die Stunde des Rendez-vous auf dem
heutigen Spaziergange mitgetheilt haben konnte - konnte es nicht sein, davon war
er jetzt berzeugt. Wer also konnte es sein? Ueber diese Frage grbelte er lange
nach, ohne ihrer Lsung deshalb nher gerckt zu sein. -
    Der Pater seinerseits hatte aus den Lcken, welche das Gesprch zwischen
Alicen und Lichninsky einige Mal erhielt und in Folge deren der Frst die
Untersuchung des Zimmers vorgenommen, mit Recht geschlossen, da Alice statt der
Worte sich der Zeichensprache bedient habe, die, wie sie wohl wute, dem Pater
verloren gehen mute, da der Vorhang des Alkovens sehr dicht war. Was waren das
nun fr Zeichen gewesen? Eines freilich hatte er bemerkt, die Stunde, auf die
der Zeiger der Uhr gerichtet war. Es konnte Zufall sein, es ist wahr: aber der
Pater wollte sicher gehen: sein Entschlu war gefat.
    Als die beiden Mnner, von denen Jeder den Anfang eines Gesprchs vom Andern
erwartete, weil Jeder sich zu verrathen frchtete, wenn er den Andern
auszuforschen versuchen wollte, waren schweigend bis zur Ferdinandsbrcke
gekommen, wo sie sich trennten. Der Pater schritt ber die Brcke fort nach
seinem Gasthofe zu, Frst Lichninsky begab sich nach seiner Wohnung, welche im
Schottenviertel lag. Auf der Brcke blieb der Pater stehen und sah sich nach
Salvador um. Er hatte ihn, in seine Gedanken vertieft, gnzlich vergessen.
    - Er wird dem Frsten gefolgt sein - murmelte er vor sich hin.
    Salvador war in der That dem Frsten gefolgt, aber nicht, wie der Pater
vermuthete, um in seine Dienste zu treten, sondern um seine Wohnung
auszukundschaften. Er merkte sich genau Strae und Nummer des Hauses und eilte
dann mit schnellen Schritten durch das Schottenthor ber das Glacis, die
Alsengasse hinab bis zu deren letzter Querstrae. Hier bog er ein und schritt
durch den Thorweg eines kleinen unansehnlichen Hauses ber den Hof nach dem
Seitengebude. Auf seinen Ruf zeigte sich ein Licht am Gibelfenster des zweiten
Stocks, das nach dem Garten hinaussah. Bald darauf hrte man den leisen Tritt
eines weiblichen Fues die Treppe hinabkommen. Die Thre wurde aufgeschlossen.
    - Bist Du's, Salvador, mein Sohn - fragte eine Stimme in spanischer Sprache.
    - Ja, Mutter.
    Die Thre ffnete sich. Es war Ines, die verlassene Geliebte des Frsten.

                                       V


Es war eine kleine rmliche Wohnung, die Ines und Salvador inne hatten, denn sie
bestand nur aus einer Stube mit wurmstichigen Mbeln, und einer Kammer, die
nichts enthielt, als einen Strohsack und einen daneben stehenden hlzernen
Schemel. Hier wohnte oder vielmehr schlief Salvador, denn wenn ihn sein
rastloses Temperament nicht auf der Strae umhertrieb, so sa er wohl Abends
zuweilen neben seiner Mutter auf dem altmodischen Sopha, dem Prachtstck des
Zimmers und erzhlte ihr von den blhenden Mandelwldern in den schnen Thlern
Kataloniens. Dann pflegte der schwere Trbsinn, der wie eine dstre Wolke auf
ihrer edlen Stirn gelagert war, einer sanfteren Stimmung zu weichen und das Eis
stolzer Gleichgltigkeit, welche den majesttischen Zgen ihres bleichen
Gesichts tief eingegraben war, in einige warme Thrnen der Wehmuth zu schmelzen.
Das waren des Knaben glcklichste Stunden - denn mit dem zartfhlenden Instinkt
halb barbarischer Naturen vermied er jeden Versuch des Trostes, der Ines nur
beleidigt und gereizt, aber nicht beruhigt htte, whrend fr sie, die von der
Zukunft nichts erwartete, als den einstigen Triumph der Rache ber den, der
ihres Lebens Keim fr immer vergiftet, die Erinnerung an die schne
Vergangenheit noch die einzige Quelle milderer Gefhle war. Ines Charakter war
aus zwei - scheinbar widersprechenden und doch bei hheren Naturen so oft
zusammenkommenden - Elementen gebildet: aus ruhiger, nie ihres Zieles
vergessender Consequenz im Handeln und maloser Leidenschaftlichkeit im
Empfinden. Die Einheit dieser beiden Elemente prgte sich auch in ihrem ganzen
Wesen aus. Ihre stolze schlanke Gestalt - Ines zhlte erst 32 Jahre - war in
Bewegung und Ruhe der vollkommenste Ausdruck eines festen, thatkrftigen aber
zugleich sich selbst beherrschenden Geistes: wenn sie einherschritt, oder sich
mit irgend Etwas - mochte es auch das Unbedeutendste sein - beschftigte, stets
lag auf jeder ihrer Bewegungen das Geprge einer ihres eigenen Werthes und ihrer
Macht bewuten, kniglichen Seele. Regte aber irgend eine Erinnerung, ein
vergilbtes Blttchen aus den Zeiten ihres Glcks oder auch nur ein Gedanke an
jene fr sie unvergeliche Zeit ihre Empfindung an, so gab augenblicklich der
dstere glutgetrnkte Glanz, welcher aus ihren groen schwarzen Augen strahlte
und das Zittern ihrer feingeschnittenen Lippen Zeugni von den tiefern Wogen der
Leidenschaft in ihrem stolzen Herzen.
    Ines Gefhle und Gedanken bewegten sich wie der Magnet nur stets nach einer
und derselben Richtung. Das ehemalige Glck ihrer Liebe und der Verrath ihrer
Liebe: das waren die beiden Pole ihrer Empfindung. War ihre Liebe gewaltig und
Titanen gleich gewesen, so war es jetzt ihr Ha und das Bedrfni der Rache.
Aber sie verschlo beide Gefhle, die Erinnerung an ihre Liebe und die Hoffnung
auf Rache tief in ihrer Brust. Selbst mit Salvador hatte sie nur einmal davon
gesprochen; es war an seinem 15. Geburtstage, als sie ihn in ihr ganzes Leiden
einweihte. Salvador hatte mit zerrissenem Herzen zugehrt, aber ohne auch nur
durch einen Laut zu verrathen, was in jenen Augenblicken in ihm vorging: aber
als sie geendet, war er zu ihren Fen gekniet, und hatte ihr mit fester Stimme
den Schwur geleistet, sie zu rchen. Da hatte Ines die rothseidene Schrpe
hervorgeholt und sie dem Knaben um den Leib gewunden, und einen Dolch aus dem
Busen gezogen und ihn in die Schrpe gesteckt. - Salvador hatte sie verstanden -
und es war weiterhin keine Rede mehr darber zwischen ihm und seiner Mutter,
aber das natrliche, unbefangene Verhltni zwischen ihnen war seitdem verndert
worden. Nicht als wenn die Liebe und Verehrung, welche Salvador fr seine Mutter
empfunden, an Tiefe und Innigkeit verloren; im Gegentheil, er gelangte nun erst
zum vollen Bewutsein darber, wie hei diese Liebe, wie lebendig diese
Verehrung war: aber es mischte sich diesen rein kindlichen Gefhlen eine neue
bis dahin ihm unbekannte Empfindung bei, welche mit einem Worte zu bezeichnen
unmglich ist. Er wurde seit jenem Tage stiller und in sich gekehrter. Sein
Frohsinn, seine muntere Laune war verschwunden. Er war, ein 15 jhriger Knabe,
zum Manne gereift. Er fiel jetzt nicht mehr, wie frher, wenn er von seinem
tagelangen Umherschweifen nach Hause zurckkehrte, seiner Mutter jubelnd um den
Hals, um ihre Vorwrfe ber sein langes Fortbleiben durch Ksse zu ersticken -
er fragte nicht mehr, wie frher, wenn sie zuweilen seinen Liebkosungen mit
einem schweren Seufzer oder gar mit Thrnen antwortete, mit trauriger Miene, ob
sie ihm zrne: er kte nur zuweilen ihre noch immer schnen Hnde und blickte
sie - wenn sie es nicht bemerkte - mit einem Blicke an, in dem sich eine an
Schwrmerei grenzende Liebe und Verehrung abspiegelte.
    Ines beunruhigte sich zuerst ber diese pltzliche Aenderung in dem
Charakter ihres Sohnes, allmlig aber gewhnte sie sich daran, besonders als sie
gewahrte, da seine Liebe zu ihr keinen Abbruch erlitt. Denn sie besa ja nichts
weiter, als dieses Kindes Liebe.
    Es ist natrlich, da zwei Menschen, die einen gemeinsamen Schmerz haben,
selten, ja fast nie davon mit einander reden, obgleich jeder wei, da derselbe
in des Andern Gedanken eben so wie in seinen eigenen fortlebt. So war's auch mit
Ines und Salvador. Sie zeigten einander nie ihre Trauer, noch sprachen sie
davon, so da ein Dritter, der sie nicht kannte und nicht in ihr Inneres zu
schauen vermochte, vielleicht glaubte, da sie wenig fr und mit einander
fhlten, sondern in frivoler Gleichgltigkeit neben einander hinlebten. Denn da
ihre Gedanken fast stets dem einen Gegenstande, der ihrem Leben die Richtung
gegeben hatte, zugewandt waren, so waren sie berhaupt einsylbig und uerlich
indifferent in ihrem tglichen Umgange, auer wenn - wie wir schon erwhnt -
Salvador Abends in der Muestunde von der Heimath erzhlte, dann brach durch die
Rinde jener scheinbaren Indifferenz die tiefe Gemeinschaft ihrer Empfindungen
und Gedanken durch - dann weinten sie wohl lautlose Thrnen, Salvador, indem er
seinen Kopf in den Schoo der Mutter legte, Ines, indem sie ihren heien Mund in
die schwarzen Locken des Sohnes drckte.
    Heute aber war Salvador ein Anderer.
    Er hatte Lydia kennen gelernt; er hatte dem Frsten in's trotzige Auge
geblickt: zwei Erinnerungen, deren jede - so entgegengesetzter Natur und Wirkung
auf ihn sie waren - hinreichte, um seine Bewegung zu rechtfertigen. Vielleicht
wre diese noch heftiger gewesen, wenn nicht der Eindruck der einen,
wechselsweise von dem der andern paralysirt worden wre.
    Ines bemerkte mit einem Blicke seine Unruhe. Doch schwieg sie, weil sie
wute, da er ihr nie Etwas verhehlte, das von Wichtigkeit war. Als er aber, im
Zimmer angelangt, anfing, die Livree, welche er auf Gehei des Paters angelegt,
von seinem Krper zu reien und mit Fen zu treten, whrend die Rthe des Zorns
und der Schaam aus seinen Augen blitzte und seine Wangen mit tiefem Purpur
bedeckte: - da konnte Ines ihr Erstaunen nicht lnger verbergen.
    - Salvador!? - fragte sie mit halb vorwurfsvollem, halb fragendem Tone.
    Aber Salvador hrte nicht. Halb entblt stand er mitten in der Stube auf
den Trmmern der unschuldigen Livree, die Hnde geballt und Thrnen der Wuth in
den Augen.
    - Salvador!? sagte noch einmal Ines, deren Erstaunen zur Bestrzung wurde,
mit dem Accent mtterlicher Angst, indem sie die Hand auf seine Schulter legte.
    Da brach des Knaben Leidenschaft in ein wildes Schluchzen aus. Er sank in
die Kniee und barg sein Haupt in der Mutter Schoo.
    - Was ist Dir, Kind? Sprich, was ist geschehen? -
    Lange konnte der arme Knabe keinen Laut hervorbringen. Endlich stammelte er
die Worte:
    - Ich habe Ihn gesehen, Mutter. -
    Wie ein Blitzstrahl, so erschtterten diese wenigen Worte das stolze Herz
der Spanierin. Sie erbleichte und schwankte. Salvador fing sie in seinen Armen
auf und so knieten sie beide, die Arme in einander geschlungen, das Haupt auf
des andern Schulter gelehnt. Mochte es der furchtbare Eindruck sein, den
Salvador durch die Mittheilung auf seine Mutter hervorgebracht, und der eine
beruhigende Rckwirkung auf ihn ausbte, oder war es vielleicht auch der Gedanke
daran, da er nicht nur ihn, sondern auch sie gesehen: genug, er richtete sich
zuerst empor und sagte fast vorwurfsvoll:
    - Warum weint die stolze Ines? Deine Thrnen kommen zu frh, meine Mutter.
Ich habe gesagt, da ich Ihn gesehen. Ich habe nicht gesagt, da ich ihn
getdtet. -
    Ines sprang empor. Der Pfeil hatte getroffen.
    - Du hast recht, Knabe. Aber ich glaubte, wenn mein Salvador sagte, da er
ihn gesehen, so wre es berflssig, zu fragen, ob er ihn getdtet. -
    Salvador senkte den Kopf, dann wies er auf die an der Erde liegende Livree
und murmelte: - Der Tio ist daran schuld, da er noch lebt.
    - Und er wird recht gehabt haben - erwiederte Ines, die sich jetzt gefat
hatte. - Verzeih' mir, mein Sohn, Beides: meine kleinliche Schwche und meinen
ungerechten Vorwurf.
    Salvador erzhlte jetzt seine Abenteuer vom heutigen Tage. Als er Lydias
erwhnte, stockte er anfangs. Doch Ines war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken
beschftigt, um darauf zu merken. Er hatte vollendet. Doch schien es, als habe
er seiner Mutter noch eine andere Mittheilung zu machen, ber deren Einkleidung
er nur noch zweifelhaft war. Er erwhlte den krzesten Weg.
    - Ich werde Dich Morgen verlassen, Mutter - sagte er mit niederschlagenden
Augen und leiser Stimme.
    - Verlassen? Ich verstehe Dich nicht.
    - Auf einige Wochen - oder Monate - oder -
    - Und wohin willst Du gehen? - fragte Ines erstaunt.
    - Nach dem Norden, in eine groe Stadt. Berlin, glaube ich, heit sie.
    - Und morgen schon? das ist hart von Angelikus, uns so schnell und gerade
jetzt wieder zu trennen.
    - Der Tio wei nichts davon, Mutter. Es ist mein eigener Entschlu. -
    - Dein eigener Entschlu?! So geht Er auch nach dem Norden? - - -
    - Ich wei es nicht. Aber sie geht nach dem Norden. - Nur mit Zittern
brachte er diese Worte heraus.
    - Sie? - fragte erstaunt Ines, die an Lydia nicht mehr dachte, jetzt aber
genauer nachforschte. Salvador erzhlte das Zusammentreffen zwischen Lydia, dem
Frsten und dem Pater noch einmal. Jetzt begriff sie seinen Entschlu߫ und war
sehr bestrzt darber, nicht nur, weil sie sich von dem Sohne ungern, zumal
jetzt, trennte, sondern besonders, weil sie die Gewalt frchtete, die eine so
frhzeitige Liebe ber ihn ausben wrde, und die ihn vielleicht von ihrem
gemeinsamen Plane, wenn nicht entfremden, so doch fr einige Zeit entfernen
knnte. Sie versuchte ihm das Zwecklose seines Unternehmens darzustellen.
Vergebens, er blieb fest und bat seine Mutter, nicht ferner in ihn dringen zu
wollen. Er knne nicht anders. Eine innere Stimme sage ihm, da sein Entschlu߫
gut und ntzlich sei. Auch werde Pater Angelikus schon dafr sorgen, da Ines
ihm bald nachfolgen knne.
    Whrend sie eben im Begriff war, das letzte Mittel - die Erinnerung an
seinen ihr geleisteten Schwur - anzuwenden, um ihn zum Bleiben zu zwingen, trat
Pater Angelikus ein und sah mit erstauntem Blick bald auf den entkleideten
Salvador, bald auf die am Boden liegende Livree.
    - Was bedeutet das, mein Sohn? - fragte er mit leisem Stirnrunzeln, nachdem
er Ines mit einem warmen Hndedruck begrt hatte. Salvador bckte sich, die
Stcke aufzuheben, um sein Errthen zu verbergen.
    - Ich bin gekommen, theure Ines - fuhr der Pater fort, ohne die Antwort des
Knaben abzuwarten - nun Euch auf eine neue Trennung von Eurem Sohne
vorzubereiten. Er wird schon morgen in Begleitung zweier Damen nach Berlin
reisen.
    Salvador horchte hoch auf. Sein Herz klopfte ungestm, doch wagte er nicht
zu fragen, was fr Damen es seien, mit denen er reisen solle.
    Whrend Salvador sein bescheidenes Bndel packte, und vor allen Dingen seine
Schrpe und seinen Dolch sorgfltig einwickelte, theilte Angelikus mit leiser
Stimme Ines die Grnde mit, die ihn bewogen htten, ihren Sohn als Begleiter
Alicens und Lydias nach Berlin reisen zu lassen. Diese Grnde muten wohl sehr
berzeugender Natur sein, denn Ines drckte befriedigt beim Abschiede dem Pater
die Hand, prete Salvador einen Ku auf die Stirn und empfahl sie Beide dem
Schutze ihres Heiligen.

                                       VI


Es schlug gerade Mitternacht, als der Pater und Salvador durch die stillen
Straen der Vorstadt wandelten.
    -- Salvador - sagte jener mit ernster Stimme - Du bist heute zwei Mal
ungehorsam gewesen. Deine Heftigkeit kann uns Alle ins Verderben strzen. Du
mut Dich beherrschen lernen, mein Sohn; nur durch Selbstbeherrschung gelangt
man zum Ziel, prge Dir das wohl ein. Und nun merke auf. Du kennst jetzt den
Frsten, Du wirst ihm gefolgt sein und seine Wohnung erspht haben. Da Du nach
jener unvorsichtigen Scene auf dem Perron nicht in seine Dienste einzutreten
versuchen wrdest, konnte ich mir leicht denken. Es ist auch besser so, wie es
jetzt ist. Aber das ist nur ein Zufall, da es besser ist, ein Zufall, der Dich
nicht berechtigt, abermals ungehorsam zu sein. - Habe Acht, was ich sage. Du
wirst um 2 Uhr wieder auf dem Perron oder vielmehr in der Nhe sein, damit Du
nicht gesehen wirst; Du wirst Acht geben, ob der Frst um 2 Uhr 20 Minuten ins
Haus geht; hrst Du? genau 2 Uhr und 20 Minuten. Es ist nothwendig, da Du auch
die nchste Querstrae rechts vom Hause beobachtest. Dort ist ebenfalls ein
Eingang. Wenn er hinein ist, so merkst Du Dir genau die Zeit, whrend welcher er
darin bleibt. Es ist sehr wahrscheinlich, da er nicht aus derselben Thre
herauskmmt, durch die er hineingegangen. Richte Dich darnach. Sobald er das
Haus verlassen, eilst Du zu mir und stattest mir genauen Bericht ab.
    Salvador versprach Alles getreulich zu erfllen. Doch war seine Neugierde in
Betreff der beiden Damen zu gro, als da er nicht wenigstens die schchterne
Frage wagen mute, ob er nicht die Eine davon bereits gesehen.
    - Was kmmert Dich das? - fragte lchelnd der Pater, indem er ihn forschend
anblickte. - Allerdings, die Eine von Ihnen ist dieselbe, welche Du nach der
Kirche begleitet, und zwar ohne meine Erlaubni. - Und nun sei wachsam und lasse
die berflssigen Gedanken fahren. Gute Nacht. Der fromme Pater hatte seine
guten Grnde, weshalb ihm die keimende Liebe Salvadors zu Lydia nicht unlieb
war. Wir werden sie spter kennen lernen. Salvador eilte leichten Herzens auf
seinen Posten.

                                      VII


Wir mssen jetzt kurz dem Leser davon Rechenschaft geben, wie es zuging, da
Pater Angelikus noch einen so spten Besuch bei Ines machte. Er - nmlich der
Leser - wird sich erinnern, da der ehrwrdige Herr, nachdem er sich vom Frsten
getrennt hatte, ber die Ferdinandsbrcke schritt, um sich nach Hause zu
begeben.
    Als er jedoch an dem jenseitigen Ufer angelangt war, fiel ihm ein, da er
von Alicen keinen Abschied genommen, indem er, sobald der Frst sie verlassen
hatte, die geheime Treppe hinab, ber den Hof geeilt und durch die Seitenstrae
in die Wollzeile einbog, gerade in dem Augenblicke, wo der Frst das Haus
verlassen wollte. Es fiel ihm, wie gesagt, ein, da er von Alicen keinen
Abschied genommen. Das war unartig, es war wahr: es war undankbar, und vor allen
Dingen: es war unklug. - Was mute Alice daraus schlieen? sie, vor deren
Klugheit er einen gewissen Respekt hatte - - und das wollte bei Angelikus viel
sagen. - Wrde sie nicht auf die Vermuthung kommen, da er mehr ahne, als ihr
lieb sei? Da er vielleicht mit dem Frsten gesprochen und von diesem durch
unschuldig scheinende Fragen mehr erfahren, als ihr zweckdienlich scheinen
mochte? Und wrde diese Vermuthung ihm nicht ihr Mitrauen, ihren Ha zugezogen
haben? - Der Pater war empfindlich gegen diesen Ha, er frchtete die
Feindschaft dieser Frau nicht nur deshalb, weil er ihrer nothwendig bedurfte,
sondern auch darum, weil sie ihm, das heit: seinen Plnen gefhrlich werden, ja
sie vollstndig vernichten konnte.
    Er wandte also seinen Schritt dahin, woher er gekommen, zu Alicens Wohnung.
    Unterwegs durchleuchtete ein neuer Gedanke sein grbelndes Gehirn.
    Er wollte Alicen einen ihm mit Leib und Seele ergebenen und verschwiegenen -
Begleiter mitgeben: Salvador. Es pate sich vortrefflich, da Lydia den
Schwarzkopf schon kannte und, wie es schien, Vertrauen zu ihm gefat hatte. Er
wrde also von dieser Seite keinen Einwand zu bekmpfen, ja vielleicht Beistand
bei seinem Antrage zu erwarten haben.
    Zugleich entfernte er dadurch den leidenschaftlichen Jungen aus der Nhe des
Frsten, da ihm - aus Grnden, die spter deutlicher sich darlegen werden -
Alles daran gelegen war, da der Frst fr's Erste unangetastet blieb. Whrend
er diese Reflexionen machte, war er bei Alicen angelangt, deren forschenden
Blick er glcklich zu ertragen wute. In Bezug auf seine Bitten wegen des Knaben
kam ihm Alice auf halbem Wege entgegen. Sie ahnte die Schlinge nicht, die ihr
damit gelegt wurde. Nachdem noch das Nhere und Weitere verabredet war, und
Angelikus versprochen hatte, Salvador des Morgens frh, eine Stunde vor ihrer
Abreise, bei ihr einzufhren, empfahl er sich und eilte, froh darber, die
doppelte Verlegenheit so schnell und leicht berwunden zu haben, zu Ines.
    Wir kehren nunmehr zu unserm jungen Nachtwandler zurck.
    Mit schnellen Schritten eilte er dem Stephansplatze zu. Hier wurde sein Gang
langsamer, bis er endlich das bezeichnete Haus erreicht hatte. Es war ganz
dunkel, nur das uerste Eckfenster des zweiten Stocks war erhellt. Des Knaben
Phantasie brachte ihn sofort zu der Ueberzeugung, da dies ihr Fenster sei: und
wirklich hatte er diesmal recht. Die beiden Frauen mochten mit Einpacken
beschftigt sein, denn Salvador sah hufig bald einen bald zwei Schatten auf den
weien Rouleaux, welche zum Schutz gegen neugierige Blicke der
gegenberliegenden Etagen niedergelassen waren, hin und her gleiten. Salvador
setzte sich auf einen Prellstein an der Ecke eines gegenberstehenden Hauses,
und sah unverwandten Blickes zu dem Fenster empor. Mitternacht war lngst
vorber; dumpf hallte die Glocke des Stephansthurms die erste Stunde des Morgens
durch die schweigende Nacht. - Salvador hatte seinen Blicken noch keine andere
Richtung gegeben. -
    Wieder war eine Stunde vorber. Es schlug zwei: der Knabe rhrte sich nicht.
Merke genau - hatte der Pater gesagt - zwei Uhr und zwanzig Minuten.
Salvador hatte es vergessen. Aber als die Wellen des letzten Schlages in die
reine Luft verflossen waren, wollte es ihm bednken, als ginge eine Vernderung
in dem Zimmer vor. Es wurde pltzlich lichter als zuvor, dann trat die frhere
matte Helligkeit wieder ein, aber bald darauf erhellten sich zwei an der andern
Seite des Gebudes gelegene Fenster in derselben Etage. - Da kam Salvador zum
Bewutsein; er raffte sich empor und besann sich darauf, da es zwei Uhr
geschlagen. Zugleich fielen ihm die Worte des Paters ein: Zwei Uhr und zwanzig
Minuten. Er zog seine blaue Jacke, die er ber die Livree gezogen, fester um
sich, drckte seinen Strohhut tiefer ins Gesicht und begann jetzt, langsam die
Strae auf und niederzuschreiten, indem er rings sphende Blicke umherwarf, die
jedoch zuweilen auch das Eckfenster trafen.
    Sein Herz klopfte, als sollte er ein Verbrechen begehen, strker und
strker, je nher es dem festgesetzten Zeitpunkt kam. Endlich sah er eine tief
in den Mantel gehllte mnnliche Gestalt vom Stephansplatz her die Wollzeile
heraufschreiten. Er erkannte sogleich den Frsten, und ging ihm schlendernden
Ganges, und als bemerke er ihn gar nicht, entgegen. Der Frst eilte an ihm
vorber, ohne ihn zu beobachten. Jetzt mute er an der Hauptthre sein; Salvador
wandte sich um: die Thre ffnete sich - der Frst war verschwunden.
    Salvador nahm wieder seinen Platz auf dem Eckstein ein: das Fenster Lydias
war dunkel; - dagegen strahlten die andern beiden, spter erhellten Fenster
einen durch keine Rouleaux gebrochenen Glanz ihm entgegen. - Jetzt trat eine
mnnliche Gestalt an das Fenster. Da fuhr es ihm wie ein Dolchstich durch die
Seele und er fhlte zum ersten Male den schmerzhaften Stachel der Eifersucht in
seinem Herzen, das in diesem Augenblicke seine Unbefangenheit fr immer
verloren.
    - Frst Lichninsky - flsterte halb trumerisch der arme Knabe, indem er
drohend die Hand gegen den Himmel erhob:
    - Frst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege. -
    Folgen wir nun dem Frsten zu Alicen.
    Rasch stieg er die Treppen hinan und war wenige Sekunden darauf bei Alicen.
    Der Frst stellte den Hut aufs Fenstergesims und warf mit jener grazisen
Nachlssigkeit, die nur bei wirklich aristokratischen Naturen nicht affectirt
erscheint, seine Handschuhe hinein.
    - Ich habe Sie also verstanden - sagte er mit gleichgltigem Tone - Sie
erwarteten mich.
    - Freilich, ich erwartete Sie und nun will ich Ihnen vor allen Dingen
Aufklrung darber geben, was heute oder vielmehr gestern Abend Sie zu jenem
absonderlichen Miverstndnisse verleitete, als wrden wir belauscht.
    Der Frst erwiederte nichts. Er rckte einen Stuhl an den Tisch, hinter
welchem Alice auf dem Sopha sa und bltterte in einem Reisealbum, das sie auf
allen ihren Streifzgen mit sich fhrte und mit ihren Erinnerungen bereicherte.
    - Sie scheinen nicht begierig darauf - fuhr Alice mit gereiztem Tone fort,
froh darber, einen Grund zum Streit gefunden zu haben, der sie vielleicht der
Nothwendigkeit einer solchen Aufklrung - berheben knnte. - Schweigen wir
also davon, wenn Sie es so wnschen.
    - Ich wnsche es nicht - sagte lakonisch der Frst.
    Alice glaubte sich durchschaut und errthete unwillkhrlich. Sie mute zu
einer andern Taktik ihre Zuflucht nehmen, das fhlte sie wohl. - Sie setzte der
Einsylbigkeit des Mitrauens die Einsylbigkeit des Stolzes entgegen.
    - Was wnschen Sie also, Durchlaucht? - fragte sie fast hochmthig.
    Der Frst blickte empor: - Sie haben gewnscht, gndige Frau - erwiederte er
mit derselben hochmthigen Klte - da ich um diese Zeit hier mich einfinden
solle, wenn ich Sie richtig verstanden. Nun denn, ich bin hier, auf Ihren Wunsch
nmlich. Es knnte demnach auffallend scheinen, da jetzt, wo ich Ihrem Wunsche
gehorsam, mich eingestellt, Sie mich fragen, was ich wnsche. -
    Der Frst erhob sich. - Das Umgekehrte wre naturgemer, sollte ich meinen.
Indessen war ich zu bescheiden, um eine solche, gegen alle gute Lebensart
sndigende, Frage an Sie zu richten. Ich wartete ab: voil tout. -
    Der Frst warf seinen Mantel ber die Schultern.
    Alice erbleichte, als sie sah, da der Frst entweder wirklich beleidigt war
oder den Beleidigten spielte. In beiden Fllen war er gegen sie im Vortheil;
aber ihr Benehmen mute fr jeden der beiden Flle ein durchaus verschiedenes
sein. Schnell wie sie die Nothwendigkeit dieser Unterscheidung erkannte,
beantwortete sie sich auch die Frage, ob die kalte Gereiztheit des Frsten nur
eine Maske war, vermittelst deren er ber sie zu triumphiren versuchen wollte,
oder ob er diesmal wirklich beleidigt war. Im ersten Falle konnte sie es wagen,
Trotz dem Trotzigen zu bieten, denn sie war sich ihrer greren Consequenz
bewut; im andern Falle war ihre Lage schwieriger; und - sie konnte es sich
nicht ablugnen, da sie sich in dieser schwierigen Lage wirklich befand. - Der
Frst ergriff seinen Hut und steckte die Handschuhe in die Rocktasche. -
    Vielleicht wird der Leser lachen, wenn wir ihm mittheilen, da in diesem
einzigen Umstande, da der Frst die Handschuhe in die Tasche steckte, Alice die
Ueberzeugung gewann, der Frst sei ernstlich erzrnt auf sie. Er htte sie
sicher - so reflektirte sie - mit hastiger Langsamkeit angezogen, um fr sich
Zeit zu gewinnen und ihr zu lassen. Ihr Operationsplan war gefat. Sie schwieg
und lehnte sich, die Hand ber die Augen haltend - als blendete sie das Licht, -
in das Sopha zurck. Ihr ganzes Wesen nahm den lebendigen Ausdruck einer aus
Mikennung stammenden Resignation an. -
    Der Frst war zum Abschiednehmen fertig. Er stand vor ihr, erwartend, da
sie sich emporrichten wrde. Aber sie reichte ihm - ohne ihre Stellung zu
verndern - die linke Hand und sagte mit leiser Stimme, als frchte sie durch
lauteres Sprechen ihre Bewegung zu verrathen: - Leben Sie wohl, Felix! - Es lag
ein solcher Zauber in diesem Ton, da des Frsten Zorn schon halb gebrochen war.
Er hielt ihre kleine zierliche Hand noch in der seinigen, schwankend, was er
sagen, was er thun solle. Jetzt berflog sein Auge die vor ihm liegende reizende
Gestalt, welche durch ein schneeweies, leichtes Negligee noch mehr gehoben,
einen verfhrerischen Anblick darbot.
    - Alice - sagte sanft der Frst, indem er ihre Hand nach einem leisen Drucke
fahren lie.
    Alice lie ihre Rechte von der Stirn gleiten. Zwei groe Thrnen glnzten in
ihren Augen. Sie blickte ihn durch dieselben mit unaussprechlicher Traurigkeit
an.
    Jetzt war es um des Frsten Klte geschehen. Er warf Hut und Mantel weit von
sich und kniete vor Alicen nieder, ihren schlanken Krper umfassend und an seine
Brust drckend. Sie beugte sich ber ihn und drckte einen Ku in sein schwarzes
reiches Haar.
    - Du hast mir wehe gethan, Felix - sagte sie mit demselben sanften Tone der
Resignation.
    - Verzeihung Alice -
    - Hre mich jetzt, ich will Dir erklren -
    - So willst Du mir nicht verzeihen? - bat der Frst. - Ich glaube Dir, ich
vertraue auf Dich und bitte Dich zum Zeichen, da Du mir verziehen, mich nicht
demthigen willst durch die Erinnerung an meine gestrige Tollheit, von jeder
Erklrung abzustehen. - Versprich mir das, Alice! Die Strafe wre zu hart,
wolltest Du darauf bestehen; denn es wre eine Mahnung daran, da ich Dir
mitraute. Noch einmal: Verzeihung Alice! -
    Alice hatte vollstndig gesiegt.
    Sie hatte gezittert bei dem Gedanken an die Nothwendigkeit einer Aufklrung.
Jetzt wurde es von ihr als eine Gnade erbeten, darber zu schweigen. Konnte ein
Sieg vollstndiger sein? Aber Alice verstand nicht nur zu siegen, sie verstand
auch ihren Sieg mit Vorsicht zu benutzen. - Sie entzog sich nicht den
Liebkosungen Lichninsky's, sie gab ihnen aber auch nicht nach. Sie wollte seine
Leidenschaft in diesem Augenblicke weder bis zur Glut anfachen, noch bis zur
Klte dmpfen. - Denn in beiden Fllen wrde sie nicht erreicht haben, was sie
wollte: einen Blick in die letzte Perspektive seiner Plne zu werfen.
    - Schweigen wir also davon, wenn Sie es so wollen - sagte sie mit
schalkhaftem Lcheln, welche die Ironie milderte, die in der Wiederholung dieser
am Anfange des Gesprchs von ihr gebrauchten Worte lag. - Und nun erheben Sie
sich aus dieser fr Sie demthigenden Stellung und setzen Sie sich an meine
Seite.
    - Sie sind grausam, doppelt grausam in diesem Augenblick. Ich nehme es aber
als gerechte Strafe hin, und gehorche. - Er sprang auf, und ging mit groen
Schritten im Zimmer auf und ab. - Alice beobachtete ihn. -
    - Sie sind heute sonderbar aufgeregt, Felix. Ist es erlaubt, nach dem Grunde
zu fragen?
    - Glauben Sie an Ahnungen, Alice? - fragte der Frst, indem er vor ihr
stehen blieb.
    - An Ahnungen? - Je nachdem - wenn ich gerade in der Stimmung bin. -
Indessen, Sie wissen, da ich Atheistin bin. Wer keinen Glauben hat, sollte ich
denken, ist noch weniger dem Aberglauben zugnglich.
    - Das ist kein Grund. Die radikalsten Freidenker sind wie die
sentimentalsten Pietisten am aberglubischsten. Les extrmes se touchent.
    - Mag sein; ich will mit Ihnen nicht philosophiren. Wie kommen Sie jedoch
darauf?
    - Weil ich seit gestern Abend das Gefhl nicht los werden kann, als - aber
Sie mssen nicht lachen! - als weile irgend eine feindliche Macht, ein
Unbekannter, ein je ne sais quoi in meiner Nhe, das - nun ja, das mir den
Garaus zu machen bestimmt ist.
    Alice lachte laut auf. - Sie haben ein bses Gewissen, Freund, schmen Sie
sich.
    - Ein bses Gewissen? - Der Frst schttelte den Kopf. - Sehen Sie, das
ist's eben, was mich zur Verzweiflung bringt, da ich diesem Gefhl keinen
Stoff, keinen Anhalt geben kann. Es ist eine Albernheit, eine Verrcktheit - ich
gebe es zu: aber das ndert die Sache nicht.
    - Schade, da ich heute abreisen mu, ich knnte Sie sonst Morgen Abend zu
einer berhmten Sybille fhren, die Ihnen aus den Karten Ihr Schicksal wahrsagen
wrde.
    - Scherzen Sie nicht. Ich sage Ihnen, da ich seit gestern Abend den
Damokles fr keinen Feigling halte, wie ich sonst gethan.
    - Vielleicht hat sich irgend Eine Ihrer verlassenen Geliebten auf den Weg
gemacht, um den Verrther zu strafen, eine wthende Rmerin, oder - was
wahrscheinlicher ist - eine rasende Spanierin. -
    Alice hatte in ihrer gewhnlichen scherzhaften Weise gesprochen, ohne daran
zu denken, da ihre Worte mehr als eine Neckerei enthalten knnten. Wie
erstaunte sie, als sie den Frsten pltzlich bis an den Rand der Lippen
erbleichen sah. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, schttelte sich, wie
Jemand, der einen schweren Traum gehabt und brach sodann in ein Gelchter aus. -
    Dies Lachen aber klang unheimlich und mitnend.
    - Zum Teufel mit der Gespensterfurcht! - Im Arm der Liebe werden die
Phantome weichen, wie die Nebel vor dem Sonnenstrahl.
    Wieder warf er sich vor Alicen nieder. Sein Auge brannte fieberhaft und
seine Wangen glhten in dunklem Purpur. Mit Heftigkeit ri er das schne Weib an
sich, das in diesem Augenblicke ihr Herz etwas rascher schlagen fhlte.
    - Ruhig, Felix - ein leises Zittern beschlich ihre Stimme - wir haben noch
Vieles und Wichtiges mit einander zu sprechen. Hren Sie, schon ist's 3 Uhr;
noch drei Stunden und ich habe Wien verlassen, um es vielleicht auf lange Zeit
nicht wieder zu sehen. - - - - Felix, ich bitte Dich - -
    Vielleicht wre Alicens Widerstand geringer gewesen, wenn sie nicht
gefrchtet htte, da der Frst in seiner Leidenschaftlichkeit alles Andere, um
das es ihr bei diesem Rendezvous gerade zu thun gewesen, vergessen wrde. Aber
die Grenze war bereits berschritten, wo sie ihn zur Besinnung zurckzufhren
noch vermocht htte. Er war in einer, durch mannigfache Eindrcke, denen sein
phantastisches Gemth so zugnglich war, verstrkten Aufregung, deren Wellen sie
durch nichts mehr als durch die schnellste Flucht in ihre Ufer zurckdmmen
konnte. - Sie ri sich daher aus seinen Armen los, und eilte in das Nebenzimmer.
    Der Frst gehrte zu jenen Naturen, die einmal im Innern von einer Idee
erfat, im nchsten Augenblicke alle Mittel anwenden, sie zu erreichen, und die
bei ihrem gewaltsamen Anstreben keine Schranke achten und keine Autoritt
respektiren. Ist der Widerstand grer als ihre Kraft, so erschlaffen sie
freilich eben so schnell und beruhigen sich bei dem Gedanken der Unmglichkeit
um so leichter, als in den meisten Fllen ihr wandelbares Herz schon wieder
durch ein neues Objekt in Anspruch genommen wurde.
    Der Frst sprang empor wie ein verwundeter Tiger. Sein Auge rollte, seine
Lippen schumten, seine Brust hob und senkte sich krampfhaft. So stand er vor
der verschlossenen Thr. - Einen Augenblick war sein Blick auf die Scheidewand
zwischen ihm und seinen Wnschen gerichtet, dann strzte er mit einem
verzweifelten Satz darauf los: die Thre krachte in ihren Fugen und flog mit
einem ungeheuren Knall auf.
    Alice stand bleich und zitternd mitten in ihrem Schlafzimmer. Endlich brach
sie in ein lautes Gelchter aus.
    - Nun wahrhaftig - ich habe geglaubt, dergleichen Ritterthaten seien nur in
Italien oder Spanien an der Tagesordnung. Ich wei Ihnen Dank fr diesen
Liebesbrief in Frakturschrift, Felix, und werde mich erkenntlich beweisen.
Nehmen Sie Platz.
    Das Schlafzimmer Alicens bot einen Anblick von raffinirter Verschmelzung von
orientalischem Luxus und aristokratischer Einfachheit dar.
    Die herrschende Farbe desselben war ein mattes Blau, welches in bald
hellerer, bald tieferer Schattirung die schweren seidenen Gardinen, die
Teppiche, die Tapeten und den wollstigreichen Divan bedeckte. Die eigentliche
Bedeutung dieses Blaues aber war in einer kleinen dunkelrothen Ampel enthalten,
welche von der Decke herabhngend, aus ihren tausend scharf geschliffenen
Faaden einen Purpurglanz ausstrahlte, der sich auf's Innigste mit dem Blau des
Zimmers vermhlend, das Letztere in eine Teinte hllte, deren mannichfaltiges
zauberhaftes Farbenspiel ein Abglanz der Empfindungen darzustellen schien,
welche in dem Busen der schnen Bewohnerin dieses Zimmers auf und ab wogten.
    Der Frst stand noch immer lautlos vor Alicen. Endlich sagte er mit dsterm
Blicke, einer Stimme, die vor Bewegung zitterte:
    - Sie spielen mit mir Alice. - Sagen Sie mir den Grund, so will ich
zufrieden sein. - - Sie antworten nicht?
    - Weil ich Sie nicht verstehe.
    Der Frst lchelte ironisch. - Wir scheinen heute dasselbe Unglck zu haben.
Schade, da die Zeit zu kurz ist, um ein grndliches Verstndni herbeizufhren.
So hren Sie denn, was meine Meinung darber ist. Wenn ich von Ihnen gehe, ohne
da die heutigen Rthsel zwischen uns gelset sind, so hten Sie sich - ich rede
als Freund zu Ihnen - mir knftighin noch andere aufzugeben. Ich knnte das
Unglck haben, fr Sie ein Oedipus zu werden.
    - Halten Sie mich in der That fr ein Ungeheuer? - lchelte Alice mit
schelmischer Koketterie. Seien Sie kein Thor, Felix, und lassen Sie Ihre
dsteren Sentimentalitten bei Seite. Was ich von Ihnen fordere, ist vor allen
Dingen Migung, im Uebrigen werden wir uns, hoffe ich, verstndigen, wenn Sie -
woran ich nicht zweifle - von der Wahrheit des Satzes durchdrungen sind, da
halbes Vertrauen bedenklicher ist, als vollstndiges Mitrauen. - Und nun setzen
Sie sich und reden wir vernnftig.
    Alice fate den kaum Widerstrebenden bei der Hand und zog ihn auf den Divan
nieder.
    - Gut - sagte der Frst - ich will Ihnen Alles sagen, doch vorher eine
Frage: Wer hat Ihnen den Brief an die Herzogin von Nagus gegeben und was ist
sein Inhalt?
    Alice besann sich eine kurze Zeit. - Der Brief ist von Angelikus. Seinen
Inhalt kenne ich nicht.
    - Ich dachte es mir - murmelte der Frst. - Nur zu, ihr Heuchler und
Schleicher. Eure Schlingen sind fein angelegt. Nehmt euch in Acht, da nicht
zuletzt euer eigener Hals darin stecken bleibt.
    - Es bedarf von meiner Seite nicht der Aufforderung an Sie, von dieser
Mittheilung keinen Gebrauch zu machen.
    - Seien Sie ruhig. Es liegt in meinem eigenen Interesse, da Sie mich
getuscht glauben. - Nehmen wir nun unser heutiges Gesprch wieder auf. Hier
habe ich Ihnen smmtliche Adressen, welche Sie brauchen, aufgeschrieben. Er
reichte Alicen einen Zettel. - Nehmen Sie auch fr alle Verbindungen, die ich in
Berlin besitze, diese Erkennungskarte, die Ihnen alle Thren ffnen wird.
    Alice lchelte. - Sie rechnen sich also auch zu den Kindern des Achtzehnten?
Das habe ich nicht gewut.
    Der Frst sprang, wie von einem Zauberschlage getroffen, empor. Langsam
setzte er sich wieder nieder.
    - Sie gehren zu den Eingeweihten; desto besser. So bedarf es der Einfhrung
nicht, und wir knnen deutlicher mit einander sprechen. - Des Frsten Stimme
wurde pltzlich ernst, eine tiefe, innere Bewegung schien ihn zu durchstrmen,
als er fortfuhr: Alice, theures Weib, wenn je ein Augenblick gnstig war, um
Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen, so ist es dieser. Ich sage Ihnen offen,
da ich ber das, was die Achtzehner wollen, hinaussehe. Was jene wollen, ist
fr mich nur der Anfang des Anfangs. Es wird an uns liegen, ob wir das Ende
erreichen. Gehen Sie denn hin und seien Sie aufmerksam. Nehmen Sie an den
Versammlungen Theil, aber compromittiren Sie sich nicht durch irgend welche
Demonstration. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, die Fhrer zu vertraulichen
Mittheilungen zu veranlassen. Behalten Sie getreulich Namen und Sachen, aber
schreiben Sie nichts auf. - Alice, wollen Sie mit mir kmpfen, mit mir die
Frchte des Sieges genieen? Der Frst schlang seinen Arm um den schnen Leib
Alicens, die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte. Ihre Lippen fanden
sich. Alice wute jetzt genug, um lnger zu widerstreben. In dem Rausche der
Leidenschaft, in den sie den schnen Mann versetzte, legte sich seine Seele
vllig klar ihren Augen dar und war noch eine Falte brig gewesen, so hatte sich
diese unter der liebkosenden Hand der schnen verfhrerischen Frau schiegsam
geglttet.
    Es schlug 5 Uhr, als sich Alice aus den Armen des Frsten emporraffte. -
Lebe wohl, Geliebte - in Berlin sehn wir uns wieder.


                                  Zweites Buch

                                       I

Es war ein unfreundlicher Mrzabend. Auf den Straen Berlins lag ein dichter
Nebel, den zu durchdringen die zahlreichen Gasflammen sich vergebens
anstrengten. Mit raschen Schritten und tief in Mntel gehllt oder unter
schtzenden Regenschirmen sich bergend eilten die geschftigen Bewohner der
preuischen Residenz auf dem feuchtglnzenden Trottoir an einander vorber.
    Auf dem Thurme der Nikolaikirche in der Poststrae schlug es 8 Uhr.
Zahlreich strmten aus den Tabaksfabriken der Knigsstadt die Arbeiter und
Arbeiterinnen, um sich nach ihren Familien in den Vorstdten zu begeben. Nicht
wie die Schnitter und Schnitterinnen auf dem Lande unter frhlichem Scherz und
munterem Gelchter, wenn sie dem mit Garben hochbeladenen Wagen folgend am Abend
nach vollbrachtem Tagewerk ins Dorf ziehen: - lautlos und finster schlichen sie
dahin, und nur eine Hoffnung beflgelte ihre Schritte, im Schlaf das Bewutsein
ihres qualvollen Daseins los zu werden. - Und wohl ihnen, wenn dies Bewutsein
in ihnen noch lebendig war, aber bei den meisten war statt dessen eine stumpfe
Indifferenz vorhanden, die sie gegen Trost und Hoffnung, wie gegen den Schmerz
und die Entbehrung gleicherweise unempfindlich machte. Unter den jungen Mdchen,
welche aus dem hellerleuchteten Laden des Fabrikanten P.. in der Knigsstrae
heraustraten, wre dem aufmerksamen Beobachter vielleicht nur eins aufgefallen,
in dessen Gesicht sich noch das Gefhl der Herabwrdigung abspiegelte; und doch
war gerade dieses eine der ltesten Cigarrenwicklerinnen der Fabrik. Sie hie
Anna und war 16 Jahre alt. Um sich besser gegen den allmlig zum Regen
gewordenen Nebel zu schtzen, hatte sie ein dunkelbraunes, grobwollenes Tuch um
den Kopf und Hals geschlungen, so da man nur ihre dunkelblauen Augen, aus denen
eine in diesem Alter selten verstndige Resignation sprach, so wie ihre
feingeschnittene Nase erkennen konnte, so richtete sie, abgesondert vom groen
Haufen, einsam ihren Weg nach einer der dstern nordstlich gelegenen Vorstdte.
    Es war heute Zahltag gewesen: sie brachte den Lohn fr die Arbeit einer
ganzen Woche mit nach Hause. Sie rechnete nach, wie viel jede Stunde, die sie in
der Fabrik angestrengt gearbeitet, ihr eingetragen habe und brachte endlich
heraus, da es im Durchschnitt fnf Pfennige ausmache. Fnf Pfennige fr eine
ganze lange Stunde - das war freilich wenig, um eine ganze Familie damit zu
ernhren. Denn Anna mute auer ihren Eltern noch fnf Geschwister, vor denen
das jngste noch an der Mutter Brust war, untersttzen. Zwar hatte sie noch
einen ltern Bruder - Rudolph, oder wie er gewhnlich genannt wurde: Ralph - ein
fleiiger und geschickter Maschinenbauer. Aber der war seit einiger Zeit ein
ganz anderer Mensch geworden: frher heiter und lebensfroh, jetzt dster und in
sich gekehrt. Ihr Vater, der alte Naumann, war ein geschickter Tischler, da er
jedoch schon lange keine Arbeit mehr erhielt und die Noth gro war, so hatte er
sein Arbeitszeug verkaufen mssen und flocht jetzt Krbe. Aber das brachte auch
wenig oder nichts ein. Der Winter war sehr hart gewesen, sie hatten die Miethe
nicht bezahlt und es war vorauszusehen, da der Wirth des Familienhauses - sie
wohnten in einem Familienhause im Voigtlande - ihnen im Kurzen, wie man zu sagen
pflegt, den Stuhl vor die Thre setzen wrde.
    Bei der Klasse von Menschen, zu denen die Naumannsche Familie gehrte, ist
es etwas sich ganz von selbst Verstehendes, da die Kinder, sobald sie die Jahre
erreicht haben, wo die Sprlinge anstndiger Leute anfangen, das Gymnasium
oder die hhere Tchterschule zu besuchen, ihre Schuld an die Familie durch
Arbeit abtragen. Darin liegt nicht etwa ein sentimentaler Anstrich von Edelmuth,
oder Aufopferungsfhigkeit, oder Elternliebe - im Allerentferntesten nicht;
sondern die Kinder sind in dieser Sphre der Gesellschaft ein Kapital, dessen
Herstellung bis zu dem Punkte, wo es seine Zinsen trgt, gekostet hat und nun
von diesem Punkte an nicht nur durch sich selbst existiren, sondern auch einen
Ueberschu zur Amortisation der Beschaffungskosten abwerfen mu. - Es war
deshalb der guten Anna auch nie in den Sinn gekommen, aus ihrer arbeitsamen und
entsagungsreichen Lebensart das erhebende Bewutsein einer sie ehrenden
Handlungsweise zu schpfen, ein Bewutsein, das sie vielleicht gestrkt und
ermuthigt htte: Diese Reflexion lag ihr durchaus fern, sie sah darin nichts
weiter als ihre Bestimmung, der sie nicht entgehen knne. Zwar stieg wohl
zuweilen, wenn sie ihre kleinen, aber von der beienden Lauge, worin sie die
Tabaksbltter wusch, zerfressenen, harten Hnde betrachtete, in ihr die Frage
auf: warum denn gerade sie und so viele andere ihrer Mitarbeiterinnen zu dieser
beschwerlichen und wenig lohnenden Arbeit bestimmt seien, whrend es so viele
junge Mdchen giebt, die ihren Tag damit hinbringen, sich zu putzen und ins
Theater zu fahren - aber solche Vergleichungen kamen erstens sehr selten und
gingen auch, da sie sich keine Antwort darauf zu geben wute, spurlos vorber.
    Als sie heute ihre Rechnung berschlug, wurde wieder jene Frage in ihr wach
und eine Bitterkeit, wie sie sie bis jetzt noch nicht gefhlt hatte, regte sich
in ihrem Herzen.
    Bist Du etwa schlechter als jene vornehmen Damen, die mit verchtlichem
Lcheln auf die Dirne herabsehen, wenn ihr Auge zufllig auf Dich fllt? Ist es
Deine Schuld, da Du so wenig gelernt hast? Ach, wenn ich schneidern lernen
knnte, ich wollte doppelt so viel arbeiten. Die arme Anna - sie kannte kein
hheres Ideal, als das Schicksal einer Putzmacherin. - - Thrnen traten in ihre
Augen. -
    Vertieft in ihre Gedanken bemerkte sie nicht, da schon seit lngerer Zeit
Jemand ihr auf dem Fue gefolgt war. Es war - so viel man in der trben
Atmosphre bemerken konnte - ein noch junger, seiner Kleidung nach den hheren
Stnden angehrender Mann, der Anna beim Heraustreten aus dem Laden bemerkt und
sie seitdem mit keinem Blicke verlassen hatte. In der Nhe des Thors schien er
zu einem Entschlusse gekommen zu sein.
    - So spt und in dieser Gegend allein, schnes Kind? Frchtest Du Dich
nicht? -
    Anna erschrak zuerst bei dieser pltzlichen Anrede einer unbekannten Stimme.
Dann sah sie den unberufenen Frager gro an.
    - Warum sollte ich mich frchten? - gegenfragte sie. - Diese Gegend ist
mein Vaterland.
    Es war gewi ein sonderbarer Ausdruck, die Gegend einer Stadt sein
Vaterland zu nennen. In Anna's Munde klang es jedoch ganz unaffektirt, obschon
die Bitterkeit ihres Herzens sich darin mit einer fr den Indifferenten nicht
erkennbaren Wahrheit kund gab. In der That, wer im Berliner Voigtlande geboren
und erzogen ist, fr den giebt es keine Vaterstadt, sondern nur ein Vaterland,
das Vaterland der Entbehrung, der Menschenknechtung, der Seelenschndung. Die
Bewohner und Bewohnerinnen des Voigtlandes stehen auerhalb der menschlichen
Gesellschaft, sie haben ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Sitte, ihren eigenen
Glauben. Sie bilden eine Nation fr sich, eine Nation der Entwrdigung im
Schooe der glnzenden Residenzstadt des mchtigen, frommen, intelligenten
Preuens.
    Auch den Unbekannten mute jener sonderbare Ausdruck frappiren, denn er
konnte sich nicht enthalten zu fragen: Du willst sagen, da Du Berlinerin bist,
nicht wahr?
    - Nein - antwortete Anna in demselben kalten und bittern Tone - ich bin
Voigtlnderin. Doch was geht Sie das an? Was kann Ihnen daran liegen, wo ich
geboren bin?
    - Sehr viel - erwiederte der Fremde, fast verwirrt. - Ich gehe ein Stck mit
Dir, wenn es Dir recht ist.
    - Es ist mir gleichgltig - erwiederte Anna, ohne sich weiter an ihren
Begleiter zu kehren.
    Dieser war offenbar in Verlegenheit. Nach einer Pause, whrend welcher sie
das Thor bereits passirt hatten, bot er ihr seinen Arm an. Anna sah ihn erstaunt
an, lehnte es jedoch nicht ab, ihn anzunehmen.
    - Hast Du noch Eltern? -
    - Ja und fnf Geschwister -
    - Da lebt ihr wohl sehr kmmerlich -
    Anna seufzte und schwieg.
    - Sei offen zu mir, Kind. Ich interessire mich fr Dich. Vielleicht kann ich
Dir helfen - wenn Du hbsch freundlich zu mir sein willst.
    - Und was wrde Ihnen meine Freundlichkeit ntzen? Sie treiben Scherz mit
mir.
    - Nein, wahrhaftig nicht - betheuerte der Fremde, welcher in Anna's Antwort
eine halbe Nachgiebigkeit zu erkennen glaubte. - Damit Du siehest, da ich nicht
scherze, so hre meinen Vorschlag. Ich wei, Du arbeitest jetzt bei P...., nicht
wahr?
    - Ja - sagte Anna erstaunt, da sie sich nicht erklren konnte, woher der
Unbekannte dies erfahren haben mochte.
    - Wie viel verdienst Du dort?
    - Je nachdem; wenn ich fleiig bin und des Tages 11 Stunden arbeite, 4 bis 5
Silbergroschen.
    - Wohlan, ich will Dir das Dreifache geben.
    - Fabriciren Sie auch Cigarren? - fragte Anna naiv.
    Der Unbekannte lachte. - Nein, aber ich rauche welche, - antwortete er
scherzend.
    - Dann kann ich nicht zu Ihnen kommen.
    - Und warum nicht? - fragte Jener erstaunt.
    - Weil ich nichts Anderes verstehe.
    - Ah, dummes Zeug. Du wirst doch Stuben reinigen knnen? -
    - Ja, das kann ich - sagte Anna erfreut.
    - Und Geschirr blank putzen? -
    - Ja wohl, das kann ich auch - sagte sie, und ihre Freude stieg.
    - Und Gnge in die Stadt machen und einkaufen auf dem Markte? -
    - Ei, versteht sich. Ich kann sogar etwas kochen.
    - Vortrefflich. So sind wir also einig.
    - Einig? vorber?
    - Nun, da Du zu mir ziehst, in meinen Dienst, meine ich. Ich gebe Dir
monatlich 15 Thaler und freie Wohnung. Bist Du damit zufrieden?
    - Gehen Sie, Sie wollen mich zum Besten haben.
    - Du bist sehr unglubig, mein Kind. Um Deine Zweifel zu lsen, sieh' hier
Dein Handgeld. Er drckte ihr ein Goldstck in die Hand. - Mein Name ist Mller
und meine Wohnung Behrenstrae **. Morgen Vormittags um 11 Uhr erwarte ich Dich.
Adieu.
    - Und Sie fragen gar nicht, wer ich bin und wo ich wohne.
    - Wozu? - Morgen wirst Du mir's sagen.
    - Aber, wenn ich nicht komme?
    - Nun, dann?
    - Dann htte ich das Goldstck umsonst bekommen.
    - Du bist eine Nrrin - dann gingen Dir ja die 15 Thaler verloren und
auerdem wei ich ja, da Du bei P.. arbeitest.
    - Das ist wahr.
    Sie waren inde an ein groes, finster aussehendes Gebude gekommen. Kein
Licht zeigte sich an den Fenstern, so da es ganz unbewohnt schien. Nur aus den
Ritzen der festverschlossenen Kellerlden blickte ein schwacher Lichtschimmer
hindurch.
    - Hier mssen wir uns trennen - sagte Mller stille stehend.
    Anna blieb ebenfalls stehen und schien zu erwarten, da ihr Begleiter sich
entferne.
    - Du wohnst doch nicht in diesem Hause? - fragte dieser endlich.
    - Nein, aber mein Bruder ist darin. Er wartet auf mich.
    - Wie heit er? Ich werde ihm sagen, da er heraus kommen soll, denn ich
habe darin zu thun.
    - Rudolph Naumann.
    - So? - sagte lang gedehnt Mller. - Nun, dann versprich mir, ich habe meine
Grnde dazu, versprich mir, Rudolph noch nichts von unserer Verabredung zu
sagen, auch nicht, da Du Geld erhalten hast.
    - Ei bewahre. Das bringe ich nach Hause.
    - Gut. Dann warte einen Augenblick.
    Mller stieg die Treppe hinab und verschwand im Innern des Hauses. Nicht
lange darauf erschien Ralph.
    - Gut, da Du kommst, ich habe schon gewartet. Nun, was bringst Du? - fragte
er Anna.
    - Hier - sagte sie, ein Pack Cigarren aus ihrem Handkorbe nehmend - Ebert
lt Dich gren; er habe nichts bekommen knnen.
    - Nichts wie Ausreden, - brummte Ralph - aber er mag sich in Acht nehmen.
Die Zeit ist nahe, wo wir Abrechnung halten. Sonst nichts Neues? Was ist Dir? Du
zitterst ja.
    - Mich friert - sagte Anna - auch hab' ich Hunger. Ich bin zu Mittag in der
Fabrik geblieben.
    - Hier - entgegnete Ralph, ihr ein Stck trocken Brod reichend - und nun
mache, da Du nach Hause kommst.
    - Kommst Du nicht auch bald nach? - fragte Anna schchtern.
    - Was kmmerts Dich? - erwiederte er barsch und kehrte, als Anna sich
entfernte, wieder in den Keller zurck.
    Sollte man aus dem Ton, der zwischen den Geschwistern herrschte, wohl
schlieen, da sie einander liebten, mit einer Liebe wie man sie in den hhern
Regionen der Gesellschaft selten oder nie findet? Anna und Rudolph waren fr
einander jedes Opfers fhig, aber sie wuten es kaum, am allerwenigsten zeigten
sie es in ihrem uern Benehmen. So pret des Proletariers Dasein sein Siegel
selbst auf die bessern Gefhle, die sich im Herzen der in seinen Fesseln
Schmachtenden etwa noch vorfinden.
    Als der Begleiter Anna's in den Keller trat, tnte ihm schon von fern ein
wildes Geschrei und Glsergeklirr entgegen.
    - Die verdammten Jungen - brummte er - werden uns noch die Polizei zu frh
auf den Pelz locken. Er trat in einen engen Gang, dessen Windungen ihm aber
bekannt zu sein schienen, und der durch eine schwere, eisenbeschlagene Thr
begrenzt wurde. Er steckte leise einen Schlssel in die Thr und ffnete sie.
    Ein dichter Tabacksqualm, der die beiden auf einem langen mit Gsten
besetzten Tisch brennenden Lichter fast erstickte, strmte ihm entgegen.
    Als sich seine Augen und seine Lunge an diese Atmosphre etwas gewhnt
hatten, unterschied er - unter der Thre stehen bleibend - die einzelnen
Gestalten. Es mochten 15 bis 20 junge Mnner sein, ihrem Aeuern nach zu
urtheilen, meist dem Arbeiterstande angehrig, krftige Gestalten und
intelligente, aber meist dstere Physiognomien. Vier oder fnf unter ihnen
gehrten offenbar einer gebildeten Klasse der Gesellschaft an, doch war es
schwer zu entscheiden, waren es Knstler, Gelehrte oder Kaufleute. Die
Gesellschaft schien in einen heftigen Streit gerathen zu sein, den der an einem
Ende des Tisches sitzende Prses vergebens zu beschwichtigen versuchte. Er war
mit dem Rcken nach der Thre zugewendet, so da er den Neuhinzugekommenen nicht
bemerkte; die Andern waren zu sehr in ihren Streit vertieft, um auf irgend etwas
anders als auf ihre Gegner Acht zu geben: so stand Jener wohl eine halbe Minute,
indem er sich an dem Wirrwarr zu ergtzen schien.
    - Holla, ihr Gromuler, nennt Ihr das eine geordnete Debatte? Warum ist
keine Wache ausgestellt, Ralph? Antworten Sie, Herr Prsident!
    Diese unerwartete Anrede brachte eine pltzliche Verwandlung in der
Versammlung hervor. Alle sprangen von ihren Sitzen empor und drngten sich
begrend, fragend um den Eingetretenen mit dem Rufe: Das ist Gilbert!
Willkommen Gilbert!!
    - Ruhig Brder! Bezhmt Eure Neugier - sagte der Unbekannte, welcher sich
der guten Anna, wie es scheint, unter falschem Namen bekannt gemacht hatte. -
Zum Teufel, so lat mich in Ruhe und setzt Euch wieder um den Tisch. Du, Ralph,
wirst drauen verlangt. Beeile Dich aber, da Du wieder herein kommst.
    Ralph entfernte sich, und Mller, oder vielmehr - wie er von der
Gesellschaft genannt wurde - Gilbert nahm seinen Platz ein. Sogleich trat ein
allgemeines Schweigen ein; Aller Augen richteten sich mit gespannter
Aufmerksamkeit auf Gilbert. Dieser aber schien ihre Neugierde noch nicht
befriedigen zu wollen, sondern sagte nur:
    - Nun, worber seid Ihr denn so in Hitze gerathen?
    Ein Dutzend Kpfe streckten sich vor, um zu antworten, aber die aufgehobene
Hand Gilberts band ihre Worte an die redelustigen Zungen.
    - Hartwig, mein braver Junge, antworte Du. Ich sehe hier Meister Proudhons
Buch ber das Eigenthum aufgeschlagen. Es war also eine socialistische Frage,
die Euch so in Harnisch brachte.
    Hartwig, der Angeredete, seines Berufs ein Mechaniker, war ein junger Mann
von einnehmendem Aeuern. Verschieden von den Andern sprach sich eine derbe
Offenheit in seinem heiteren, jetzt von der Leidenschaft des Streites gerthetem
Gesicht aus. In seinen hellblauen Augen lag Entschlossenheit des Charakters; das
Gefhl des Sich auf sich selbst Verlassen knnens war unverkennbar seinem
ganzen Wesen aufgeprgt. Hartwig war ein durchaus zuverlssiger Mensch, oder wie
Gilbert sagte: ein braver Junge.
    - Was wird's gewesen sein - sagte er halb ironisch, als die Frage ber die
Quadratur des Zirkels fr alle Proletarier, das Eigenthumsrecht.
    - Eigenthumsrecht - brummte Hartwigs Nachbar, ein alter Griesgram mit
weien Haaren, der mit ihm in derselben Werksttte arbeitete, - dummes Zeug: das
ist ja eben die Frage, ob Recht oder Unrecht. Schwatzt der Gelbschnabel von
Eigenthumsrecht; ich aber sage, es giebt kein Eigenthumsrecht, es giebt nur ein
Eigenthumsunrecht.
    - Bravo, Vater Steiger! - rief Gilbert aus - Du kennst Deinen
socialistischen Katechismus wie das Vaterunser, oder noch besser. Aber str' uns
jetzt nicht. Fahr fort, Hartwig, mein Junge.
    - Ralph, der immer den Superklugen spielen will, fing damit an, den ersten
Satz Proudhons, das Eigenthum ist Diebstahl, zu erklren und meinte, man mte
ihn eigentlich umdrehen und sagen: der Diebstahl, oder noch deutlicher, der Dieb
ist der wahre Eigenthmer.
    - Und das ist auch ganz vernnftig - brummte Vater Steiger.
    - Das lt sich hren - meinte gravittisch Gilbert. - Und wer unternahm es,
dem zu widersprechen?
    - Ich - sagte mit Stolz Hartwig. - Und ich glaube, ihn vollstndig
geschlagen zu haben.
    - Nun la hren - sagte lchelnd Gilbert
    - Wenn der Dieb der wahre Eigenthmer sein soll, und dies allgemein
anerkannt wird, so kann dies nur soviel heien, als: die Menschen sind berufen,
Diebe zu sein; damit hrt aber zugleich der Diebstahl auf, ein Unrecht zu sein,
und man kann folglich gar nicht mehr davon reden. Wenn aber kein Dieb mehr
existirt, so kann man auch gar nicht mehr den Satz aufstellen, da der Dieb der
wahre Eigenthmer ist. Soll also dieser Satz einen Sinn haben, so kann er nur
der sein: ein wahrer Eigenthmer existirt nicht, sondern wer sich als
Eigenthmer gerirt, der allein ist als Dieb zu betrachten, weil er fr sich
allein behalten will, was Allen gehrt. -
    - Dummes Zeug! - meinte der alte Steiger.
    - Bist ein tchtiger Logiker, mein Junge - sagte beifllig lchelnd Gilbert
- und nun der Schlu?
    - Sagen wir also - fuhr jener fort - was ich bewiesen habe: Wer als
Eigenthmer fr sich auftritt, ist als Dieb an dem Eigenthum der Gesellschaft zu
betrachten - so sind wir damit auf den Proudhon'schen Satz: la proprit c'est
vol zurckgekehrt, woraus folgt, da wenn die Umkehrung des Satzes einen Sinn
haben soll, dieser kein anderer sein kann, als der in dem nicht umgekehrten
Satze liegt.
    Ein groer Theil der Gesellschaft, welche der mit berzeugungsvoller
Bestimmtheit vorgetragenen Schlufolge mit der grten Aufmerksamkeit zu folgen
versuchte, ohne da ich inde behaupten will, da das Resultat der Bemhung
eines Jeden entsprochen htte, spendete dem Redner einen lauten Beifall, welcher
sofort eine eben so laute Opposition von der andern Seite hervorrief.
    - Ruhig - rief Gilbert mit donnernder Stimme dazwischen, indem er mit
geballter Faust auf den Tisch schlug. - Knnt Ihr nicht Ordnung halten?
    In diesem Augenblicke trat Ralph wieder ein. Gilbert warf einen schnellen
forschenden Blick auf ihn, um in seinen Gesichtszgen zu lesen, ob ihm seine
Schwester ber ihr Gesprch Mittheilungen gemacht. Ralphs Miene war nicht
dsterer wie sonst und beruhigt wandte sich Gilbert mit der Frage an ihn:
    - Und was ist denn Deine Ansicht hierber? - Er wies auf das vor ihm
aufgeschlagene Buch. - Ist es wahr, da Du, wie man erzhlt, eine
Spitzbuben-Republik stiften willst? - Es lag ein Beigeschmack von hhnender
Ironie in diesen mit lchelnder Miene vorgetragenen Worten, welche den stolzen
Sinn Ralphs verletzte. Inde theilte er die Scheu, welche seine Gefhrten vor
Gilbert hatten, wenigstens in so weit, um seinem ausbrechenden Zorn einen Zgel
anzulegen. Nur seine Stirn war noch finsterer und seine Augen tiefer, als er,
einen langen verchtlichen Blick ber die Gesellschaft werfend, erwiederte:
    - Meine Meinung ist die, da wir endlich mit dem Hin- und Herreden aufhren
und mit dem Handeln beginnen. Lassen wir also den lppischen Streit ber das
Eigenthum und kommen wir zur Sache. Du versprachst uns heute Nachrichten aus
Wien, Gilbert. Wie steht's damit?
    - Wahrhaftig Du hast recht, Ralph - versetzte Gilbert mit seiner
gewhnlichen Bonhommie, ohne von dem fast drohenden Ernst in Ralphs Ton Notiz zu
nehmen. - Es ist Zeit, da wir zu handeln beginnen. Aber meinst Du - fuhr er
fort - meinst Du, da ich unterde geschlafen habe, whrend Ihr hier Euch an
fruchtlosen Debatten ergtztet? Habt Acht, Freunde, da, wenn die Stunde des
Handelns kommt, ihr eben so darauf vorbereitet seid, wie ich. Und diese Stunde
ist Euch nher als Ihr in diesem Augenblicke vermuthet. Darum lat uns vor Allem
unsere Krfte prfen. Ich komme so eben von der Grfin. Die Blthe unserer
Aristokratie war wieder versammelt. Unsere Junker vom Heere und von der
Diplomatie haben keine Ahnung von den Dingen, die ihrer warten. Zwar beunruhigt
sie der Gedanke an die franzsische Republik und die Flucht Louis Philipps, des
bsen Blutes wegen, das so ein Beispiel diesseits des Rheins hervorbringen
knnte. Doch sind sie eben so sehr davon berzeugt, da die Republik keinen
Bestand haben knne, wie davon, da dies bse Beispiel in unserm lieben
Deutschland keine Nachahmer finden werde. Ich erwhne diese Stimmung in den
hheren Regionen brigens nur beilufig, als schlagenden Beleg fr die
Wahrheit, da Gott den mit Blindheit schlgt, den er verderben will. Denn im
Uebrigen ist unsere Sache nach allen Anzeigen so weit gediehen, da wir theils
nicht mehr Rcksicht auf Stimmungen zu nehmen brauchen, theils auch nicht mehr
knnen. Auch die Nachrichten aus den Provinzen lauten gnstig. Man spricht sogar
von einer Lossagung der Rheinlande von Preuen und einer Anschlieung an die
franzsische Republik. Schlesien ist noch ruhig, aber hlt seine Blicke fest auf
den Rhein gerichtet. Vorzugsweise aber regt sich's in Posen. Es wird dort
bedeutend gearbeitet. Was mich tief niedergeschlagen hat, ist die Bemerkung, da
alle Briefe, die ich erhalten, von Berlin nichts erwarten. Nun, ich hoffe,
Berlin wird sich Achtung zu erzwingen wissen. - Aus Wien habe ich ebenfalls
Nachrichten vom Prsidenten der Achtzehner und vom Pater Angelikus. Beide lauten
gnstig und bereinstimmend dahin, da Alles auf's Beste vorbereitet ist und der
Hauptschlag wahrscheinlich schon erfolgt ist, wenn wir dieses lesen.
    Ein Gemurmel des Beifalls lief ber die Lippen der Anwesenden bei dieser
Nachricht.
    - Diese Briefe habe ich vor einer halben Stunde von einer Freundin erhalten;
und nun rathet einmal, wer sie mir gebracht hat? - - Unsere Prsidentin. Diesmal
hatte es nicht bei einem bloen Gemurmel sein Bewenden. Die Gesellschaft brach
in einen Schrei des freudigsten Erstaunens aus und bestrmte den lchelnden
Gilbert mit Vorwrfen, da er Alicen nicht mitgebracht. Nur Ralph verharrte
dster und in sich gekehrt auf seinem Platze.
    - Es war unmglich - fuhr Gilbert fort - Alice war zu angegriffen von der
schnellen Reise, auch war ich nicht gewi, ob die Versammlung vollzhlig sein
wrde. Auf Morgen denn. - Nun kommt die Reihe an Euch, Rapport abzustatten.
    Wo ist der Lieutenant?
    - Er ist heute nicht hier gewesen - lautete die Antwort.
    - Ha, - das ist fatal. Was kann die Ursache davon sein? - sagte Gilbert
nicht ohne Unruhe - Ihr httet nach ihm schicken sollen. Holm!
    - Hier - antwortete eine Stimme am Ende des Tisches.
    - Gut - sagte Gilbert, eine Schreibtafel hervorlangend. - Was hast Du von
den Knstlern zu berichten?
    - Wir sind jetzt auf 85 angewachsen, lauter sichere Leute, meistens
Bildhauer und Maler. Mit den Musikern will's nicht recht gehen. Die Kerls sind
unzuverlssig und feige. Schade, sie sind der Zahl nach am strksten. Aber wir
muten vorsichtig sein. Mit der Bewaffnung will's auch nicht recht vorwrts. Wir
haben einige zwanzig Bchsen, aber keine Munition. Hier ist mein
Beglaubigungsmandat fr den Fall, da Beschlsse gefat werden sollten.
    - Wo ist Euer Versammlungslokal? -
    - Unser Versammlungslokal? - fragte der junge Maler erstaunt.
    - Nun, allerdings. Was wunderst Du Dich darber? Oder haltet Ihr keine
Versammlungen?
    - Freilich halten wir Versammlungen. Allein -
    Ralph, der bei der ersten Frage Gilbert schon mit aufmerksamem Auge
betrachtet, sagte jetzt, einen festen Blick auf ihn richtend: Die einzelnen
Versammlungslokale werden nicht angegeben; wir haben das so ausgemacht, damit,
wenn ja ein Verrther unter uns sein sollte, wenigstens nur wir, die Vertreter
der verschiedenen Corps, nicht die ganzen Corps compromittirt werden knnen. Wir
mssen sicher gehen, das werdet Ihr einsehen.
    Gilbert antwortete kein Wort, doch wer, wie Ralph, ihn mit mitrauischem
Auge betrachtete, wrde bemerkt haben, da ihm diese Einrichtung nicht angenehm
war.
    - Auerdem - fuhr Ralph in demselben dstern Tone fort - ist ausgemacht, da
Niemand Etwas unter uns aufschreibe von Dingen, die die Gesellschaft betreffen,
und deshalb nehme ich mir die Freiheit, dieses Blatt zu zerreien. - Er ergriff
mit diesen Worten die Schreibtafel Gilberts und war im Begriff, sie in den Kamin
zu werfen, in dem noch einige Kohlen brannten, als Gilbert mit einer Hast, die
von Ralph nicht unbemerkt blieb, ihm in den Arm fiel und ihn so an seinem
Vorhaben hinderte.
    - Was soll das bedeuten, Bursche? - rief er aus, indem er krampfhaft die
Faust ballte. - Hast Du Lust, hier den Diktator zu spielen?
    Es herrschte whrend dieser Scene ein peinliches Stillschweigen in der
Gesellschaft, bis endlich der alte Steiger, von seinem ihm durch das Alter
gewhrten Vorrecht Gebrauch machend, sich in's Mittel legte.
    - Das fehlte noch, da die Beiden einander in die Haare geriethen. Seid
gescheut, Gilbert, und nehmt's Euch nicht zu Herzen. Und Du, Freund Grobian,
machst mir keine dummen Streiche, hrst Du? -
    Ein vielsagender Blick, den Ralph vom alten Steiger erhielt, schien endlich
auf ihn zu wirken.
    Er reichte demselben die Hand und verlie, ohne ein Wort weiter zu sagen,
das Gemach.
    Gilbert fhlte sich durch Raph's Entfernung offenbar erleichtert und wandte
sich jetzt an Steiger mit dem Ersuchen, seinen Rapport abzustatten.
    - Nun bei uns - sagte dieser - steht's besser, mein' ich, das kann der
Gelbschnabel da - er zeigte auf Hartwig, den er nchst Ralph am meisten liebte,
was er dadurch zu erkennen gab, da er am meisten mit ihnen zankte - das kann
der Gelbschnabel da am besten bezeugen. Wir sind unser nahe an 400, lauter
stramme Burschen, hart wie Eisen, das wir bearbeiten. Und was das Uebrige
betrifft, Waffen und so weiter, so wird's uns auch wohl nicht fehlen, wenn wir
auch gerade keine Bchsen haben. Eine tchtige Brechstange thut auch ihre
Dienste.
    - Bravo, Vater Steiger - lchelte Gilbert, der seinen Gleichmuth
wiedergefunden hatte. - Nun kommt an Dich die Reihe, Straubig. - Straubig war
Student.
    - La mich in Ruhe - sagte der mrrisch - die Berliner Studenten taugen den
Teufel nicht wozu. Rsonniren knnen sie genug, aber wo es darauf ankommt, etwas
zu thun, da bekommen sie das Kanonenfieber wie der jmmerlichste Fuchs, wenn er
zum ersten Mal auf der Mensur steht. Unter den zweitausend Burschen giebt's kaum
150, auf die wir uns verlassen knnen. Aber diese 150, das ist wahr, die sind
tchtige Kerle. Sie sind in Sektionen getheilt und beziehen sektionenweise ihre
bestimmten Kneipen. Mit den Waffen sieht's freilich auch bei uns nicht besonders
aus. Hieber und Rappiere haben wir wohl genug, auch einige 50 paar Pistolen,
aber das will nicht viel sagen.
    Schadet nichts - erwiederte Gilbert - die Waffen werden sich finden, verlat
euch darauf. Ist's erst so weit, da wir losschlagen knnen, so ist jeder
Waffenladen ein Zeughaus fr uns. Vor allen Dingen lat euch durch den Mangel an
Waffen nicht abhalten, so viel Pulver und Blei im Einzelnen einzukaufen, als ihr
irgend knnt, ohne Aufsehen zu erregen. -
    In diesem Augenblick wurde die Thr mit einer Hast aufgerissen, die eine
allgemeine Bestrzung hervorbrachte. Es war Ralph. Seine verstrten Gesichtszge
schienen nichts Gutes zu verknden.
    - Die Polizei ist uns auf der Spur - rief er aus. - Schnell die Lichter
ausgelscht bis auf Eins. - Es geschah. - Folgt mir jetzt. - Er ergriff das
letzte Licht und schlo eine kleine, mit Eisen beschlagene Thre auf, die durch
einen langen unterirdischen Gang nach dem Hintergebude fhrte. Nachdem er sie
hinter sich wieder verschlossen hatte, eilte die ganze Gesellschaft mit
schnellen aber unhrbaren Schritten den Gang entlang. Bald darauf erschien das
Licht auf der andern Seite des Hofes und verschwand endlich. Eine Minute spter
traten zehn Gensdarmen und ein Polizei-Commissarius mit Blendlaternen in den
Keller.
    - Das Nest ist leer - rief der Anfhrer.
    - Aber die Vgel knnen noch nicht lange ausgeflogen sein - antwortete der
Commissarius, indem er, um den Grund zu seiner Behauptung deutlich zu machen,
auf die glimmenden Kohlen zeigte. Nichts blieb ununtersucht. Die
eisenbeschlagene Thr war bald aufgefunden, aber sie widerstand allen
Oeffnungsversuchen.
    Die Hscher muten unverrichteter Sache wieder abziehen.

                                       II


Als Anna sich von ihrem Bruder getrennt hatte, eilte sie zuerst in einen
Viktualienkeller, und dann mit den gemachten Einkufen frohen Muthes nach Hause,
um ihren Eltern das glckliche Ereigni, welches ihr wiederfahren war,
mitzutheilen. Fast athemlos und mit pochenden Herzen eilte sie die drei alten
morschen Treppen des Familienhauses hinauf und stand endlich vor der Thr ihrer
Wohnung - wenn man so den Aufenthaltsort fr eine aus 7 Personen bestehende
Familie nennen konnte, der in einer weigetnchten 20 Fu langen und 15 Fu
breiten Bodenkammer bestand. - Drinnen vernahm sie die polternde Stimme ihrer
Mutter, die ber das lange Ausbleiben der faulen Dirne und des liederlichen
Buben schalt, die gewhnlichen Bezeichnungen fr sie und Ralph. Sie war es
gewohnt, hart und ungerecht behandelt zu werden; und doch seufzte sie heute und
ffnete mit einer ihr sonst fremden Bangigkeit die Thre.
    -- Bist endlich da, Rumtreiberin? - grollte die Mutter mit erstickter
Stimme, als Anna in die Stube trat. - Um 8 Uhr wird die Fabrik geschlossen und
jetzt ist's schon 9 vorbei. Wo hast' unterde 'rumgelumpert, he? Und wenn Du
noch was dabei verdientest! - Aber Du bist zu Nichts ntze.
    - Schweig' doch, Alte - sagte der alte Naumann, welcher mit dem jngsten
Kinde auf dem Schoo sich vor dem kleinen Ofen niedergekauert hatte, in dem noch
ein paar Coakskohlen glhten. - Es ist ja heute Zahltag gewesen, und da wird sie
lnger aufgehalten sein. Die Anna ist ein gutes Mdchen, auf die la ich nichts
kommen. Aber der Junge, der Junge - er sttzte den Kopf in die Hnde und starrte
in die verglimmende Kohlenglut.
    Anna sagte Nichts, weil sie wute, da Widerspruch von ihrer Seite ihre
Mutter noch mehr aufzubringen pflegte. Sie holte ein Talglicht aus ihrem
Arbeitskorbe, steckte es in den Hals einer alten Flasche und zndete es an einer
Kohle an. Whrend die Mutter fort und fort zankte, wie ungebildete Menschen es
thun, die den Groll ber ihr trauriges Schicksal an denen auszulassen pflegen,
die am wenigsten daran schuld sind - benutzte Anna den Augenblick, wo sie am
Ofen beschftigt war, um ihrem Vater das von Gilbert empfangene Goldstck in die
Hand zu drcken, damit es nicht etwa in die habgierigen Hnde ihrer Mutter
gelangte, die ihre Nahrungssorgen nicht selten in Branntwein zu ertrnken
pflegte. Der alte Naumann sah bald seine Tochter, bald das Goldstck an,
begngte sich jedoch, als Anna bezeichnend den Finger auf den Mund legte,
verwundert den Kopf zu schtteln, als wollte er sagen: die Sache kommt mir nicht
ganz geheuer vor.
    Anna setzte das Licht auf den Tisch und langte nun aus ihrem Arbeitskorbe
ein groes Brot und eine fulange Wurst heraus. Darauf holte sie aus dem alten
Spinde ein paar gebrochene irdene Teller und setzte sie ebenfalls auf den Tisch.
Ihre Eltern sahen mit einem Erstaunen, das bei der Mutter in Zorn berzugehen
drohte, dem geschftigen Treiben ihrer Tochter zu. Diese aber schien mit dem
entfalteten Luxus ihrer Anordnung noch nicht zufrieden zu sein. Zum grten
Schreck ihres Vaters warf sie mit rascher Hand alle Kohlen, die derselbe fr den
morgenden Tag reservirt hatte, in den Ofen, so da derselbe bald rothglhend
wurde, legte die Wurst auf eine Pfanne und stellte diese auf den Ofen. Bald
fllte der Dampf der schmorenden Wurst die Stube und weckte die beiden in einer
Ecke des Bettes zusammengekauerten Geschwister - ein Aroma fr die
ausgehungerten Magen - Annas auf. Ihr erster Laut war ein Geschrei nach Brot,
auf das inde Niemand achtete. Annas Mutter erhob sich endlich schwerfllig von
ihrem Lager, stemmte beide Arme in die Seite und wollte eben der Tochter ihren
ganzen Unwillen ber diese Verschwendung zu erkennen geben, als diese endlich
das lange Schweigen durch die Mittheilung des Gesprchs brach, welches sie mit
Gilbert gehabt hatte.
    Dies auerordentliche Glck, so wie der oben erwhnte angenehme Duft, den
die Wurst verbreitete und der auch auf die bissige Natur von Annas Mutter einen
mildernden Einflu ausbte, schien diese bis zu dem Grade besnftigt zu haben,
da sie - was sie noch nie gethan - Annen ihre vernnftige Tochter nannte, die
endlich einsehen lerne, was zu ihrem wahren Besten diene. - Sie lie darauf noch
einige Ermahnungen ber die Art und Weise folgen, wie Anna dieses Glck bentzen
msse, welche dem armen Kinde das Blut ins Gesicht trieben. Da hielt sich der
alte Naumann, welcher bisher blos mit dem Kopfe geschttelt, nicht lnger. Er
setzte das Kind, welches er auf dem Schooe gehalten, auf die Erde, und trat mit
geballter Faust vor seine Frau.
    - Weib - rief er - bist Du denn ganz des leibhaftigen Satans geworden, da
Du an Deiner eigenen Tochter Dir 'nen Kuppelpelz verdienen willst? An Dir hat's
freilich nicht gefehlt, da die Anna nicht lngst schon gemein geworden. Aber
ich sage Dir, noch einmal solche verfluchte Redensarten und Du sollst sehen, da
der alte Naumann Ordnung im Hause machen wird, da Dir die Augen bergehen
sollen.
    - Seid ruhig, Vater - begtigte Anna - es verschlgt bei mir nicht.
    - Ja es ist ein wahres Wunder, da Du so aus der Art geschlagen bist - fuhr
Naumann in zorniger Ironie fort; aber ich sage euch Allen, und besonders Dir, Du
Rabenmutter, wenn ich da bei dem feinen Herrn, der sie in Dienst nehmen will,
Unrath merke, so kommt sie mir entweder nicht mehr vor die Augen, oder die
Geschichte hrt auf.
    - Thust auch gerade, als wenn ich sie um ihr Seelenheil bringen will -
meinte etwas eingeschchtert die Frau, die recht gut wute, da, wenn ihr Mann
einmal wirklichen Grund zum Zorn hatte, dann auch mit ihm nicht zu spaen war. -
Es war ja nur ein Scherz.
    - Schner Scherz das - brummte Naumann und wandte sich dann zu seiner
Tochter: - Ich werde selber mit Dir hingehen zu dem Herrn - wie heit er doch?
    - Mller. -
    - Also zum Herrn Mller und sehen, wes Geistes Kind er ist. Gefllt er mir
nicht, dann wird nichts daraus, das sage ich Dir im Voraus.
    Anna hatte inde die dampfende Wurst auf den Tisch gesetzt und die Familie
wollte eben das leckere Mahl beginnen, als sich die Thre ffnete und ein
kleiner vertrockneter Mann eintrat, dessen Erscheinung, obwohl nichts weniger
als furchterregend, doch selbst auf die Frau Naumann einen Eindruck
hervorbrachte, welcher mit dem Gefhl eines ertappten Verbrechers groe
Aehnlichkeit hatte.
    - Vortrefflich - rchelte das Mnnchen, mit Affektation den Wurstgeruch
einschlrfend - ganz vortrefflich! Sind wir also auf einen grnen Zweig
gekommen? Haben wir vielleicht in der Lotterie gewonnen oder gar eine reiche
Erbschaft gemacht? So werden wir ja auch wohl die paar lumpigen Thaler Miethe
bezahlen knnen, he?
    - Wollen Sie nicht bis morgen warten, Herr Klingemann?
    - Und warum denn bis morgen, mein verehrter Meister? Wenn wir heute Abend
schon Braten essen knnen, so brauchen wir ja mit der Miethe nicht bis morgen zu
warten.
    - Meine Tochter hat Hoffnung, morgen in einen guten Dienst zu treten, morgen
entscheidet es sich. - Also nicht wahr, Sie sind so gtig und warten bis morgen.
    - Papperlapapp - grinste der Verwalter des Familienhauses - wir kennen die
Flausen. Habe lange genug gewartet. Jetzt ist meine Geduld aus.
    Anna sah ihren Vater bittend an. Aber er widerstand diesem Blick, weil er
nicht eher an das Geldstck ein Recht zu haben glaubte, als bis er sich
berzeugt haben wrde, da es auf ehrliche Weise verdient worden.
    - Nun, wird's bald? - fuhr der Verwalter fort - oder soll ich etwa
wiederkommen, bis die Herrschaften abgespeist haben? Gezahlt mu heute werden,
es ist der letzte Termin. -
    In diesem Augenblicke erschien die krftige Gestalt Ralph's in der Thre,
ohne von dem Verwalter bemerkt zu werden, der in seinem hhnischen Tone
gemchlich fortfuhr:
    - Wozu miethet Ihr Volk Euch solche Wohnung, ja warum wohnt Ihr berhaupt
zur Miethe, wenn Ihr sie nicht bezahlen knnt?
    - Sollen wir etwa im Thiergarten schlafen, Herr Verwalter? - ertnte Ralph's
tiefe Stimme hinter des Verwalters Rcken. - Nicht wahr - fuhr er fort, indem er
ihm gegenber trat - nicht wahr, Leute Ihres Gelichters mchten am liebsten die
Armen hinauswerfen, wenn's auch drauen strmt. Aber nehmt Euch in Acht, Ihr
Herren; es kommt einst ein Tag, an dem wir Abrechnung mit Euch halten werden, an
dem Ihr alle Zinsen doppelt und dreifach erhalten sollt fr die Wohlthaten, die
Ihr den armen Leuten erzeigt habt.
    - Ralph! - mahnte Naumann - bezhme Dich etwas.
    - Nein, ich will mich nicht bezhmen. Es ist mir eine Wollust, da ich
diesen Blutsaugern einmal den ganzen Ha und Abscheu in's Gesicht schleudern
kann, der in dem Herzen des Volkes fr seine Bedrcker wurzelt. - Was wollen
Sie, Herr?
    Bei dieser pltzlichen Frage zuckte der kleine Mann sichtbar zusammen,
obschon damit nicht behauptet werden soll, da er bei der vorhergehenden
Apostrophirung Ralph's sich gerade allzuwohl gefhlt habe. Der ihm von der Stirn
herabtrufelnde Schwei schien eher Zeugni vom Gegentheil abzulegen. Indessen
wollen wir - um ihm nicht Unrecht zu thun, die Mglichkeit zugeben, da die
Ursache in seiner zu nahen Position bei dem glhenden Ofen liegen konnte.
    - Ich - stammelte er erschrocken - oh ich - ich wollte mich erkundigen, ob -
wie - wenn. - Ein hartnckiger Husten, der ihn berfiel, unterbrach seine Rede.
    - Sie haben gehrt, da mein Vater sich erbot, Morgen die Miethe zu zahlen.
Sind Sie damit zufrieden?
    - Vollkommen, oh unbedingt. Sie mssen gar nicht glauben, bester Herr Ralph,
da ich zu Denjenigen gehre, die, wie man zu sagen pflegt, den armen Leuten das
Fell ber die Ohren ziehn; davor soll mich der Himmel bewahren.
    Anna hatte whrend dieses Zwiegesprchs ein paar Worte mit ihrem Vater
gewechselt, die diesen endlich berzeugt zu haben schienen.
    Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig, Herr Klingemann? - fragte er den
Verwalter.
    - Bitte, es ist ja nicht der Rede werth. Bis morgen, lassen wir die ganze
Sache bis morgen.
    - Nein, nein, es ist besser heute. Also, wie viel bin ich Ihnen schuldig?
    - Nun, wenn Sie durchaus wollen. Aber ich bitte Sie zu erwgen, Herr Ralph,
da ich gewissermaen nur gezwungen - nun denn also, es betrgt seit Michaeli
prenumerando gerade 8 Thaler.
    - Hier, - sagte Naumann - ist ein Friedrichsd'or und zwei Thaler zehn
Silbergroschen in Courant. Haben Sie die Quittung bei sich?
    - Wahrhaftig, ein wirklicher, chter Friedrichsd'or - murmelte der Kleine,
das Goldstck von allen Seiten besehend - hm, das ist wunderbar: das wollen wir
uns doch merken - die letzten Worte wurden begreiflicherweise leise gesprochen.
- Hier ist die Quittung, Herr Naumann. Danke verbindlichst. - Mit einem
hndisch-hflichen und zugleich boshaft-listigen Blick empfahl sich der kleine
Mann, um sich mit dem empfangenen Goldstck sofort zu seinem Freunde, dem
Polizeicommissarius des Reviers zu begeben.
    Er war inde nicht der Einzige, dem das Vorhandensein von Gold in der
Naumannschen Familie aufgefallen war. Anna's Mutter, welche sich bei der Scene
ganz passiv verhalten hatte, wollte eben ihre Verwunderung in gewohnter Weise
aussprechen, als Ralph mit einem strengen Blicke auf Anna die Frage an sie
richtete, ob sie etwa in der Fabrik heute mit Gold bezahlt worden sei.
    Anna war in Verlegenheit; sie hatte Gilbert versprochen, Ralph davon nichts
mitzutheilen. Jetzt aber hatte sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit, indem sie
ihren Vater zur Bezahlung berredete, sich in die Alternative versetzt, entweder
eine Lge zu erfinden, oder ihr Versprechen zu brechen. Wenn das Erstere auch
durch die Mitwissenschaft ihrer Eltern nicht schon unmglich geworden wre, so
wrde sie Ralph gegenber doch nicht fhig gewesen sein, zu lgen. Sie erzhlte
ihm also den ganzen Vorfall und verschwieg auch nicht, da der Unbekannte sie
gebeten, ihrem Bruder nichts mitzutheilen.
    Ralph dachte einige Minuten darber nach, was er gehrt hatte. Was konnte
Gilbert - denn da Mller und Gilbert dieselbe Person sei, hatte Ralph bald
errathen - fr Grnde haben, um seine Schwester, ein Mdchen, das er auf der
Strae gesprochen, in seinen Dienst zu nehmen? Und sie zu verfhren, war sie -
wenn auch hbsch genug, - so doch fr Gilbert, wie er ihn kannte, nicht
gebildet, oder besser, nicht raffinirt genug. Er wollte sie also als Mittel zu
andern Zwecken brauchen. Was waren das fr Zwecke? Dies zu erforschen, war fr
Ralph wichtig.
    - Du gehst morgen zu dem Herrn hin, Anna, und zwar allein.
    - Das kann nicht Dein Ernst sein - sagte der Vater.
    - Allerdings. Ich kenne den Mann. Er gehrt zu unserer Gesellschaft. Was Ihr
frchtet, darber knnt Ihr ruhig sein. Aber ich traue ihm in anderer Weise
nicht. Anna tritt ihren Dienst an. Das Andere wird sich finden.
    - Hast recht, mein Junge - sagte die Mutter - hab's auch gesagt. Aber sie
lassen ja nicht mit sich reden. - Damit warf sie sich wieder aufs Bett und war
in Kurzem fest eingeschlafen.
    Ralph begann, seine Schwester jetzt mit leiser Stimme genau zu instruiren,
wie sie sich gegen Gilbert zu verhalten habe. Dann suchte jedes sein Lager.
    Nur der alte Naumann sah noch immer in die glhenden Kohlen, als wolle er
darin die Antwort auf die Frage lesen, warum in der Welt ein so ungeheurer
Unterschied zwischen Reichen und Armen existire.

                                      III


Als die Gesellschaft so pltzlich durch die Anmeldung so ungebetener Gste
gestrt worden war, wurde, ehe sie sich ganz trennte, noch Zeit und Ort der
nchsten Zusammenkunft berathen, worauf die einzelnen Mitglieder durch
verschiedene Ausgnge das alte Gebude verlieen. An der Ecke der nchsten
Strae trafen Ralph, Hartwig und der alte Steiger wieder zusammen. Sie schritten
eine Zeit lang neben einander hin, ohne zu sprechen. Ralph war, wie sein zu
Boden gesenkter Kopf und sein bald langsamer bald hastiger Schritt es bekundete,
in Gedanken versunken, die sein ganzes Interesse so in Anspruch nahmen, da er
seine Begleiter gnzlich zu vergessen schien. Diese aber warfen abwechselnd
einen Blick auf Ralph, als erwarteten sie, da er zuerst reden solle. Endlich
brach Steiger das Schweigen.
    -- Hr' mal Ralph - fing er an - Du bist ein Kopfhnger geworden seit
einiger Zeit und das will mir nicht gefallen. Was hast Du? sag' an. Ich hoffe
nicht, da Du schwankend geworden bist.
    - Schwankend? Wie man's nehmen will.
    Die beiden Andern sahen sich mit bedeutungsvollen Blicken an. Ralph aber
fuhr, ohne es zu bemerken, fort:
    - Ja, knnten wir uns Alle auf einander verlassen, dann wre das Ding
anders. So aber wei man nicht, ob man mit Freund oder Feind zu thun hat.
    - Was soll das heien? - fragte der alte Steiger stirnrunzelnd.
    - Das soll heien - erwiederte Jener dster - da ein Verrther unter uns
ist.
    - Ein Verrther? - fragte Hartwig und Steiger erbleichend.
    - Ja, ein Verrther! Ich wiederhole es. Aber ich werde Mittel finden, ihn zu
entlarven.
    Es folgte eine Pause. Da Gilbert gemeint sei, konnte nach der zwischen
diesem und Ralph heute vorgefallenen Scene nicht zweifelhaft sein. Aber weder
Steiger noch Hartwig glaubten an Gilbert's Verrtherei, sondern suchten den
Grund von Ralphs Mistimmung in der Eifersucht zwischen ihm und dem von ihnen
Allen sehr geachteten und selbst gefrchteten Gilbert.
    Mochten nun dieser Eifersucht noch andere Motive zu Grunde liegen, so war
die Vermuthung der beiden Freunde Ralphs wenigstens nicht ganz unwahrscheinlich.
Ehe Gilbert nach Berlin und durch einen Zufall, den wir in einem der folgenden
Capitel erwhnen werden, in die Gesellschaft der Achtzehner - ein Name, der
von der Anzahl der Mitglieder gebildet war - gekommen, hatte Ralph durch seine
Energie und Gewandheit die Gesellschaft, deren Stifter er war, wenn nicht zu
beherrschen, so doch in ihr sich ein bedeutendes Ansehen zu erwerben gewut. Als
die Kunde von der Februarrevolution das erstaunte Europa durchflog, war es sein
erster Gedanke gewesen, die Gesellschaft, welche bis dahin mehr einen
gesellschaftlichen Charakter getragen, politisch zu organisiren und durch die
vielfach verzweigten Verbindungen, welche jedes einzelne Mitglied in der Stadt
und selbst der nchsten Umgebung besa, zum Centrum einer revolutionren
Propaganda zu machen. Grade als diese Organisation durch den rhrigen und
verschwiegenen Ralph ihrer Vollendung nahe war und die revolutionre Propaganda
bereits erfreuliche Fortschritte gemacht hatte, erschien pltzlich Gilbert,
welcher durch seinen Enthusiasmus fr die franzsische Revolution, welche er
selbst mitgemacht hatte, und besonders durch die lebendigen Schilderungen,
welche er davon den hrbegierigen Achtzehnern entwarf, in wenig Tagen sich das
Vertrauen der ganzen Gesellschaft - mit Ausnahme eines Einzigen - erwarb. Dieser
Einzige war Ralph. Mit mitrauischem, vielleicht durch Eifersucht geschrftem
Auge beobachtete er den gewandten Franzosen. Dieser, schnell den Grund der Klte
Ralphs ahnend, schlo sich ihm um so fester an und vermied Alles, wodurch seine
Eitelkeit - denn dafr hielt er es - verletzt werden konnte. Aber je mehr Jener
sich ihm nherte, desto weiter entfernte sich Ralph von ihm, bis Gilbert das
Vergebliche seiner Bemhungen einsehend und ohnehin in dem Vertrauen der
Gesellschaft hinlnglich befestigt, ihm Gleiches mit Gleichem erwiederte.
Scenen, wie die frher beschriebenen, gehrten daher keineswegs zu den
Seltenheiten, und hatten dem alten Steiger schon oft Gelegenheit zu Vorwrfen
gegen seinen jungen Freund gegeben. Auch diesmal hatte er, unmittelbar nach
jenem Vorfall sich vorgenommen, ihm tchtig den Kopf zu waschen. Die
Hindeutung auf Gilberts Verrtherei hatte den Alten vollends in Harnisch
gebracht, so da er jetzt, einen krftigen Fluch voranschickend, in ganz
unverholener Weise und harten Ausdrcken Ralph einer jmmerlichen Eitelkeit
und kindischen Eifersucht beschuldigte.
    - Du - schlo er seine Apostrophe - der Du grade uns immer davor warntest,
nur nicht ber persnliche Vortheile und die kleinlichen Interessen des Standes
das groe allgemeine Ziel aus den Augen zu verlieren, Du, der Du als erste
Bedingung zur Aufnahme in unsern Bund die Fhigkeit stelltest, sich und seine
Krfte zu opfern - fr die Befreiung des ganzen Arbeiterstandes von der
Knechtschaft des Geldes und des Ansehens - Du grade fllst in diesen Fehler! -
Pfui, schme Dich, ein solches Beispiel zu geben. Ich hatte Dich fr grer und
uneigentziger gehalten.
    Von jedem Andern, selbst von Hartwig, wrde Ralph diese Vorwrfe nicht
geduldet haben, den alten Steiger aber lie er ruhig zu Ende reden. Nur
zuweilen, wenn es nicht zu dunkel gewesen, wrden seine Begleiter ein
schmerzliches Lcheln ber seine bleichen Zge zucken, oder ihn den Kopf leise
schtteln gesehen haben.
    - Du thust mir groes Unrecht - sagte er endlich mit leidenschaftslosem Tone
- ja wahrlich, groes Unrecht. Mein Herz wei von dem Allen nichts, was Du
sagst. Und fhlte ich Eifersucht, wie Du meinst, so knnte es nur darum sein,
weil ich sehe, wie Ihr Euch Alle von diesem glattzngigen Franzosen bethren
lasset, statt meinem Rathe zu folgen, der besser gemeint ist. Ihr werdet das
frh genug einmal einsehen. Doch gleichviel. Ich kann noch nichts beweisen und
darum will ich schweigen, darum will ich die Stimme in meiner Brust
unterdrcken, welche mir laut und unablssig zuruft: Traue ihm nicht, er meint
es nicht ehrlich mit Euch, er ist ein Verrther. Und nun lebt wohl. Verget
nicht, morgen heraus nach den Zelten zu kommen. Auf Wiedersehn.
    Hiermit trennten sie sich. Als Ralph seinen Begleitern die Hand reichte, lag
ein wohlthuendes Gefhl in der Bemerkung, da Hartwig, welcher whrend des
ganzen Gesprchs kein Wort geredet, seine Hand fester als gewhnlich drckte,
gleichsam als theile er Ralphs Befrchtungen, wage jedoch nicht, sie laut werden
zu lassen.
    Ralph ging darauf graden Weges nach Hause. Das Gesprch mit seiner Schwester
bestrkte ihn nur noch mehr in seinem Verdachte gegen Gilbert, flte ihm jedoch
die Hoffnung ein, den Verrther zu entlarven.

                                       IV


Gilbert hatte inde einen ganz andern Weg eingeschlagen, nmlich nach dem Hotel
der Grfin Bedford, welche heute Abend ihren groen Salon geffnet hatte. Die
Grfin Bedford war eine Frau von nahe an vierzig Jahren, was sie jedoch
keineswegs hinderte, noch eben so schn als liebenswrdig zu sein, eine
Bemerkung, die, da sie nicht nur von ihr selbst, sondern auch von einer
zahlreichen Menge eleganter Verehrer gemacht wurde, die Grfin vollkommen dafr
entschdigte, da in den engern Zirkeln der honetten Bourgeoisie und der
Aristokratie comme il faut ihr Ruf zuweilen mit dem Prdikat der
Zweideutigkeit charakterisirt wurde. Ihren Salon, in welchem, - wenn nicht der
sogenannte beste - so doch gewi ein Ton herrschte, der an Feinheit dem der
hhern Zirkel die Spitze bot, an Lebendigkeit und Geschmack dagegen ihn bei
weitem hinter sich lie, fllten die Elegants aus allen Nanen und Schichten
der sogenannten hhern Gesellschaft; Barone, Grafen, selbst Sprlinge
erlauchter Huser, Diplomaten, Knstler, Gelehrte, Banquiers: sie hatten Alle
Zutritt unter der einzigen Voraussetzung, da sie gebildet genug waren, um die
groe Wahrheit zu begreifen, da es nur eine Schranke fr den Gegenstand einer
ffentlichen Unterhaltung giebt: die Langeweile - und interessant genug, um die
seltene Kunst zu verstehen, sich innerhalb dieser Schranke mit taktvoller
Eleganz und pikanter Feinheit zu bewegen. Kurz der Grundsatz: Die Form
(versteht sich die schne, die anmuthige Form) ist die alleinige Bedingung fr
jedweden Inhalt des bon ton kam in dem Salon der Grfin Bedford zur
ausgedehntesten Geltung. Diesem Grundsatz gem hatte die schne Wirthin dafr
gesorgt, jedem der verschiedenen Elemente, aus denen ihre Gesellschaft
zusammengesetzt war, einen den besonderen Interessen und Neigungen
entsprechenden Spielraum und Stoff darzubieten. An den groen Saal, in welchem
das Gesprch allgemein war, stieen mehrere kleine Sle und Zimmer, zur
Benutzung fr diejenigen, welche, an diesem allgemeinen Gesprch kein Interesse
findend, die Lust der Absonderung in sich versprten. In einem dieser Zimmer
waren Spieltische aufgestellt, ein anderes bot eine groe Auswahl der
gelesensten Journale des In- und Auslandes dar, ein drittes war zu einer kleinen
Bildergallerie eingerichtet, welche Gemlde und Kupferstiche der berhmtesten
Meister der Gegenwart enthielt. Auer diesen Zimmern gab es noch eine Menge
kleiner, reizend eingerichteter Boudoirs, in welche man sich allein oder zu
einem vertrauten tte--tte zurckziehen konnte. In allen aber - wie
verschieden sie auch sonst waren - herrschte dieselbe raffinirte Verbindung von
materiellem Luxus und geistigem Comfort.
    An dem heutigen Abend jedoch schien ber der Stimmung der zahlreicher als
sonst versammelten Gste eine verdsternde Wolke zu schweben. Die Gesprche
waren weniger laut und allgemein. Der groe Salon war fast leer. Desto gefllter
waren die Nebensle und Boudoirs. Das Journalzimmer schien heute vorzugsweise in
Anspruch genommen zu werden. - Kein Wunder, weil die kaum 14 Tage alte
Revolution in Paris und die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung Aller
Gemther beschftigte.
    Wer in diesem Augenblicke an den runden Tisch getreten und die verschiedenen
Physiognomien der ber die Zeitungen gebckten Kpfe beobachtet htte, wrde die
Bemerkung gemacht haben, da in den Salons der Grfin nicht nur die
verschiedensten Typen des socialen Lebens, sondern auch die heterogensten
politischen Ueberzeugungen und Sympathien vertreten seien. Besorgni, Ironie,
Freude, Zorn, Begeisterung und hhnische Wuth leuchtete aus den Blicken der
eifrigen Leser, und machte sich in einzelnen Ausrufen Luft. -
    Da jedoch diese einsylbigen Monologe die einzigen Lebensuerungen waren,
die sich in diesem Zimmer kund thun durften, so wrde auch dem, fr dergleichen
unwillkhrliche mimische Darstellungen empfnglichste Beobachter bald einen
Mangel an Stoff gefhlt und sich nach einem andern fr die Beobachtung mehr
Interesse darbietendem Orte begeben haben. Wir wenigstens fhlen uns hiezu
bewogen und fordern den Leser auf, ein Gleiches zu thun.
    In einem der vom Hauptsaale entferntesten Boudoirs, welches unmittelbar mit
den Privatzimmern der Grfin zusammenhing, saen zwei Damen in einem - wie es
schien - fr sie sehr interessanten Gesprch vertieft, auf dem weichen, mit
Sammet gepolsterten Divan. Eine Astrallampe mit silbernem, kunstvoll ciselirtem
Fue warf auf die beiden Frauen einen matten Schein, der ihre Zge jedoch
hinlnglich erkennen lie. Die Jngere von ihnen war eine jener lieblichen
Erscheinungen, welche nie altern, da ihre Schnheit nicht in dem Schnitt des
Gesichts und der einzelnen Theile, sondern im geistigen Ausdruck der Zge
beruht. Obgleich sie schon dreiig Jahre zhlte, so besa ihr Gesicht doch die
ganze Lieblichkeit und Zartheit eines 17jhrigen Mdchens, und keine Falte
deutete an, da die glhendsten Leidenschaften in diesen sanften Zgen gewhlt
hatten. Sie lehnte ihren Kopf auf die linke Hand, welche sich auf die Sophalehne
sttzte und schien mit Neugierde den Worten zu lauschen, welche dem beredten
Munde ihrer Freundin entstrmten. Diese, vielleicht acht bis zehn Jahre lter,
von stolzer, imposanter Figur, war nicht minder schn, als Jene, wenn auch im
ganz andern Genre. Die Flle ihrer Formen berhrte nahe die Grenze, jenseits
deren Schnheit und Anmuth sich trennen, und wrde vielleicht mehr aufgefallen
sein, wenn sie durch den Adel der ganzen Haltung und fast majesttischen Wrde
in allen Bewegungen nicht gewissermaen motivirt worden wre.
    - Ich begreife Ihre Indifferenz nicht, theure Baronin - sagte die Grfin
Bedford, denn dies war die zuletzt geschilderte der beiden Frauen, in eifrigem
Tone - kann es Ihnen gleichgltig sein, eine Rolle, die Sie allein mit dem
richtigen Takte zu spielen verstehen wrden, in ungeschicktere und unwrdigere
Hnde fallen zu sehen? Gestehen Sie, da Sie blasirt sind; nur so kann ich mir
diese seltsame Apathie erklren. Oder sollten Sie Grund haben, blasirt zu
scheinen - auch mir gegenber? - Alice!
    Es lag ein leiser Vorwurf in dem Tone, mit dem die Grfin die letzten Worte
und besonders den Namen Alice aussprach. Die Antwort darauf war ein leises
Kopfschtteln und ein halbes Lcheln.
    - Blasirt? - sagte Alice, ohne ihre Stellung zu verndern - Sie knnen recht
haben. Sehen Sie sich doch alle diese Marionetten an, welche in der Welt
Mnner heien - ich nehme selbst die nicht aus, welche Sie bei sich sehen,
Grfin, obgleich ich zugebe, da sie zu der bessern Sorte gehren. - Sehen Sie
sie sich an, und dann fragen Sie sich, ob es sich lohnt, da man ein Glied
rhrt, um Einen derselben zu betrgen. - Nein, nein; der Triumph ist zu leicht
und darum zu wenig lohnend. Ja, wenn es sich nicht immer um den Einzelnen
handelte, sondern um das ganze Geschlecht, dann liee sich davon reden. Geben
Sie mir - fuhr sie fort, indem sie sich halb aufrichtete und ihre kleine Hand
ausstreckte - geben Sie mir das ganze Geschlecht in die Hand, um es mit einem
Schlage demthigen zu knnen, und ich will anerkennen, da das Ziel der Mhe
werth ist, die man daran setzt, es zu erringen; ja, ich will Ihnen danken.
    Nach den letzten Worten, welche Alice mit erhobener Stimme und gertheter
Wange gesprochen hatte, fiel sie wieder in ihre frhere theilnahmlose Stellung
zurck.
    - Sie vergessen, da es sich hier nicht um eine bloe Person und deren
Empfindungen handelt, sondern um eine ganze Partei, welche diese Person mit
diesen Empfindungen vertritt. Wohlan, machen Sie sich zur Herrin dieser
Empfindungen, so sind Sie Herrin der ganzen Partei und was mehr, des Prinzips,
welches diese Partei regiert. Und dann vergessen Sie auch, da hier von einem
Frsten die Rede ist.
    Alice lachte. - Und wenn ich nun weder das Eine, noch das Andere vergessen
htte? Wenn nun gerade der Grund meines Widerstrebens darin lge, da ich es
nicht vergessen, wie dann Grfin?
    - Freilich dann - sagte diese gedehnt - dann habe ich hierber nichts mehr
zu sagen, als mein Bedauern darber auszudrcken, da Sie diese wahren Motive
nicht eher erklrten. Ich htte meine Grnde sparen knnen.
    Die Grfin erhob sich.
    - Sie sind beleidigt - begtigte Alice, ohne da dies meine Absicht war.
Hren Sie meinen Grund und die Bedingung, von der mein Entschlu abhngt, so
werden Sie mir nicht zrnen.
    Sehen Sie, theure Grfin, mir ist nichts mehr zuwider als diese ewigen
inhaltslosen Koketterien, welche doch nur stets dasselbe einfltige Ziel haben.
Wre ich nicht zu bescheiden, so knnte ich auf mich die Worte des groen
Friedrich anwenden: Ich bin es mde, ber Sklaven zu herrschen. Und dennoch -
Sie werden es vielleicht fr Heuchelei oder mindestens fr Beschrnktheit
halten, was ich jetzt sagen werde - dennoch ist es mir leichter, in Ermangelung
einer bessern Beschftigung, dieses kindische Spiel mit Mnnerherzen
fortzusetzen, als unter der Maske desselben anderweitige politische Zwecke zu
verfolgen. In jenem Falle entwrdigen sich wenigstens nur die Mnner, in diesem
entwrdige ich mich selbst; dort fllt die ganze Schmach auf den Besiegten, hier
noch weit mehr auf die Siegerin. Trotzdem, Grfin, wrde ich - schon aus
Geflligkeit fr meine Freunde - nicht abgeneigt sein, mit dem Frsten
anzubinden, wenn ich nicht sonst - gebunden wre - -
    - Ich verstehe Sie nicht - rief die Grfin erstaunt aus.
    - Nehmen Sie es wrtlich, was ich gesagt habe.
    - Und das soll fr mich als Grund gelten? Sie wollen mich zum Besten haben.
    - Die Fden knnten sich kreuzen, und dann kann man fr die Folgen nicht
stehen. Doch, sagen Sie mir, liebe Grfin, warum wollen Sie selbst nicht diese
Rolle bernehmen?
    - Ich? - Unmglich.
    Alice dankte mit einem ironischen Lcheln fr diese indirekte Schmeichelei.
    - Erstlich wrde ich zu ungeschickt dazu sein und dann ist meine Stellung
eine viel zu offene, als da man mir nicht leicht in die Karten sehen sollte.
    - Ich glaube gerade, da je offener Ihre Stellung ist, desto leichter sollte
es Ihnen werden. Nchst dem entlegensten Schlupfwinkel gewhrt Nichts eine
grere Sicherheit als Orte, die Allen zugnglich sind. Man sieht nicht, wo man
nichts vermuthet. Inde ich gebe zu, Sie mgen Ihre Grnde haben. Um so mehr
hoffe ich Nachsicht bei Ihnen fr die meinigen zu finden. Und dann - soll ich
Ihnen noch einen Grund sagen? Ich habe eine unbezwingliche Abneigung gegen alle
Politik.
    - Ich will nicht weiter in Sie dringen. Die Sache ist abgethan, sprechen wir
nicht mehr darber.
    Die beiden Frauen erhoben sich, um sich in den groen Gesellschaftssaal zu
begeben.
    - Ich werde Sie en passant mit unseren Notabilitten bekannt machen - sagte
die Grfin, whrend sie Arm in Arm mit Alicen durch die Sle schlenderte, und
sich beide eben im Zeitungszimmer befanden. - Sehen Sie dort den schmchtigen
jungen Mann mit der feinen Nase und den klugen Augen, welcher den Pariser
Constitutionel studirt, das ist der Professor Lips, der sich durch seine Reisen
nach Aegypten einen Namen und durch die Heirath mit einem reichen Gnschen ein
glnzendes Vermgen erworben hat. In seinem Nachbar zur Rechten, ich meine jenen
kurzen, dicken Herrn mit der grnen Brille, die fast das halbe hochrothe Gesicht
bedeckt, erblicken Sie einen unserer bekanntesten Millionrs, der das doppelte
Verdienst besitzt, in eben so naher Verwandtschaft zu der weiland berhmten
Sngerin S...., als zu der nicht minder berhmten Hofbuchdruckerei von D... zu
stehen. - Ihm gegenber sitzt der Prinz A.. Betrachten Sie ihn genau und
antworten Sie mir dann aufrichtig, ob Sie sein Gesicht interessant finden. Herr
von St. Just, mit dem ich gestern ber den Prinzen sprach, ist freilich vernarrt
in ihn.
    A propos, kennen Sie Herrn von St. Just? Doch nein, das ist ja unmglich, da
er erst seit kurzer Zeit hier ist und Sie kaum von der Eisenbahn gestiegen sind.
Desto besser, so steht Ihnen noch eine interessante Bekanntschaft bevor. Ich
hoffe, Ihn noch heute hier zu sehen, dann werde ich ihn Ihnen sogleich
vorstellen.
    In diesem Moment ffneten sich die Flgelthren des groen Saals, in welchen
die beiden Frauen eben eintraten, und der Jger meldete den Chevalier Arthur
von Saint Just.
    Unwillkhrlich erhoben sich die Blicke Alicens auf den Neuangekommenen und
blieben erstaunt einige Sekunden auf seinem Gesichte ruhen. Fast in dem
nmlichen Augenblicke begegnete ihrem Auge auch schon das blitzende Auge des
Chevaliers, und Alice wendete sich mit scheinbarer Gleichgltigkeit zu ihrer
Begleiterin.
    - Wohlan, folgen wir dem Winke des Schicksals - sagte sie lchelnd - das uns
in derselben Minute den Chevalier entgegentreten lt, in welcher Sie mich auf
seine interessante Bekanntschaft neugierig machen.
    Nachdem der Chevalier der Grfin begrend die Hand gekt hatte, stellte
sie ihn ihrer Freundin vor, und verlie darauf Beide, um sich der brigen
Gesellschaft zu nhern.
    Um den Grund des Erstaunens zu erklren, mit dem Alice auf den Chevalier St.
Just geblickt hatte, mssen wir den Leser benachrichtigen, da Herr von St. Just
Alicen keineswegs unbekannt war, da sie auf den ersten Blick in ihm die Person
erkannte, mit der sie heute bereits eine Zusammenkunft gehabt hatte, um ihr
einen Brief des Frsten Lichninsky zu berreichen. Die Adresse des Briefes
lautete aber nicht an den Chevalier St. Just, sondern schlichtweg an Herrn -
Gilbert.
    - Was soll ich von Allem dem denken, Chevalier? - sagte sie fast beleidigt.
    - Hoffentlich nichts Anderes, als da ich ein vorsichtiger Mann bin. Setzen
Sie den Fall, da der Brief von Ihnen verloren - oder Ihnen genommen und von dem
neuen Besitzer an mich abgegeben worden sei, um, wer wei, welche Geheimnisse
bei mir zu spren, wre ich nicht in groe Verlegenheit gekommen, wenn ich ohne
Weiteres meinen Namen genannt htte? Gilbert und der Chevalier St. Just haben
Nichts mit einander gemein. Auch kennt mich hier Niemand unter jenem Namen.
    - Selbst die Grfin nicht? - fragte Alice hingeworfen.
    - Am allerwenigsten.
    - So habe ich mich also an den Absender zu halten, und gerade bei diesem ist
mir dieser Mangel an Vertrauen unerklrlich.
    Gilbert lchelte.
    - Vielleicht hatte er einen hnlichen Grund, die Furcht, der Brief mchte
verloren gehen.
    - So konnte er mir den rechten Namen mndlich mittheilen - sagte Alice
zornig.
    - Das war unmglich.
    - Und warum? wenn ich bitten darf - fragte Alice stolz.
    - Weil er ihn selbst nicht kannte. Se. Durchlaucht, der Prsident des Wiener
akademischen Vereins, kennt keinen Chevalier von St. Just.
    - Und wozu denn dieses Verstecken spielen mit doppelten Namen? Wissen Sie
wohl, Chevalier, da dies abgeschmackt und lcherlich erscheinen kann?
    - Wenn nichts weiter dahinter steckt, als Geheimnikrmerei, allerdings.
Aber die Nothwendigkeit werden Sie schon einsehen. Doch davon ein ander Mal.
Jetzt will ich vor allen Dingen Rapport abstatten. Die Achtzehner erwarten Sie
mit Sehnsucht, ja mit Begeisterung. Ich habe in Ihrem Namen versprochen, da Sie
morgen in ihrer Mitte erscheinen werden. Die Vorbereitungen sind getroffen: es
bedarf nur eines Winks und die Bombe platzt. Uebrigens mu noch in dieser,
sptestens im Anfange der knftigen Woche etwas geschehen, um die Stadt im
Allgemeinen in Bewegung zu bringen, und die Gemther auf den entscheidenden
Punkt hin zu concentriren. Geschieht dies nicht durch uns, so geschieht es von
selbst: und dann gleitet uns der Faden aus den Hnden.
    - Sie haben recht in der Sache. Ueber das Wie sprechen wir morgen. Ich
habe Ihnen Vorschlge zu machen, die Ihnen gefallen werden. Aber nun wnschte
ich, Ihre Meinung, Ihre wahre Meinung - Alice betonte diese Worte - zu hren
ber die Richtung, welche wir der Bewegung geben. - Sie verstehen mich nicht,
wie es scheint.
    - Nicht ganz.
    - Wohlan, ich will deutlich sein. Wer wird die Frchte davon genieen: die
Aristokratie oder das Proletariat? Was ist Ihre Parole, Gilbert, Revolution oder
Contrerevolution, Demokratie oder Absolutismus?
    - Sprechen Sie nicht so laut, ich bitte Sie. Man ist schon aufmerksam auf
uns geworden. Eine solche Frage ist meiner Meinung nach kaum zu stellen,
geschweige zu beantworten. Oder erlauben Sie mir die Gegenfrage: Sind Sie schon
fr das Eine oder Andere entschieden?
    Alice senkte den Kopf, als besnne sie sich, ob sie antworten sollte oder
nicht. Dann sagte sie kurz und entschieden: Ja! -
    Es lag in der Weise, wie sie den Kopf stolz emporrichtete und in dem
Ausdruck, mit dem sie dieses Ja aussprach, eine solche Energie des Willens und
eine solche Kraft der Ueberzeugung, da Gilbert sich nicht enthalten konnte, das
schne, schmchtige Weib mit einem Blicke zu betrachten, der seine volle
Bewunderung aussprach.
    - Ich mu gestehen - sagte er leise - da ich mich dieser Entschiedenheit
nicht rhmen kann. Worin wir aber, wie ich hoffe, bereinstimmen, das ist der
Ha und die Verachtung gegen die Bourgeoisie und alle Erbrmlichkeiten, die an
dem Zopf des Philisterthums hangen.
    Alice reichte ihm schweigend die Hand, die er fest drckte. -
    - Haben Sie meine Bitte wegen des jungen Mdchens erfllt? - fragte sie,
nach einer Pause zu einem andern Thema bergehend.
    - Ja wohl. Sie werden sie morgen frh bei sich sehen. Ich wei weder, woher
Sie dies junge Mdchen kennen, noch warum Sie sich gerade dafr interessiren.
Aber ich frchte, da - wenigstens fr mich - Unannehmlichkeiten daraus
entstehen knnen.
    - Wie so? -
    - Sie ist die Schwester eines Fhrers aus der Gesellschaft der Achtzehner,
welcher mich schon seit mehreren Tagen mit eiferschtigen Blicken betrachtet,
weil er sich einbildet, da ich darauf ausgehe, ihm seine Popularitt zu rauben.
    - Meinen Sie Ralph?
    - Sie kennen ihn? - fragte Gilbert erstaunt.
    - Natrlich. - Sie vergessen, da ich in vergangenem Herbst hier war und die
Gesellschaft, welche frher dem Handwerkervereine angehrte, organisiren half.
Ich begreife Ihre Besorgni. Doch haben Sie nichts zu frchten. Nehmen Sie
meinen Dank fr Ihre Bemhungen und vergessen nicht, morgen zu mir zu kommen.
Jetzt aber lassen Sie uns der Gesellschaft uns anschlieen. Ich habe schon
mehrere forschende Blicke sich hieher richten sehen.
    Sie waren eben im Begriff, sich zu trennen, als der Prinz A.. auf der
Schwelle der nach dem Journalzimmer fhrenden Thre erschien. Jetzt war es des
Prinzen Blick, welcher dem Alicens begegnete. Aus der Richtung, welche diese und
der Chevalier eingeschlagen hatte, um sich dem Gros der Gesellschaft
anzuschlieen, konnte der Prinz erkennen, da sie mit einander gesprochen
hatten. Dem fragenden Ausdruck, welcher in Folge dieser Bemerkung im Auge des
Prinzen sich zeigte, antwortete Alice mit fast unbemerkbarem Schtteln des
Kopfs. Des Prinzen Stirn verfinsterte sich, doch nur einen Augenblick. Im
nchsten nherte er sich wie zufllig dem Chevalier und bald waren Beide in
einem politischen Gesprche vertieft.
    - Nun, wie finden Sie ihn? - fragte die Grfin Alicen.
    - Welche Frage! Wrde ich Ihnen nicht gerechten Grund geben, an meinem
Geschmack zu zweifeln, wenn er mir nicht eminentes Interesse einflen mte, da
er sogar das Ihrige zu erregen verstanden? antwortete Alice mit ironischem
Doppelsinn.
    Die Grfin schien die Ironie zu fhlen. Sie senkte den forschenden Blick,
welchen sie auf das feine Gesicht Alicens geworfen hatte, das in diesem
Augenblick von einem melancholischen Lcheln berglnzt wurde.
    - Und der Prinz? fragte sie weiter - Sie erinnern sich, da Sie mir noch
eine Antwort schuldig sind.
    - Da Sie nach Ihrer Aeuerung von vorhin ber den Prinzen eine andere
Ansicht haben als der Chevalier, so bin ich in Verlegenheit, wem ich recht geben
soll. Ich frchte in beiden Fllen, Ihnen wehe zu thun. -
    Die Grfin errthete, denn es lag in den Worten und besonders in dem
Lcheln, die nicht undeutliche Vermuthung ausgesprochen, da das Interesse der
Grfin fr den Chevalier von etwas tieferer als blos socialer Natur sein mochte.
Alice wollte aus der Antwort der Grfin beurtheilen, ob ihre Vermuthung richtig
sei. Als die Grfin schwieg, war Alice ihrer Sache gewi. - Sie sah den Prinz
scharf an - und wurde verstanden.
    Bekanntlich hat Solon das Gesetz gegeben, da derjenige, welcher in
politischen Parteikmpfen sich zu keiner Partei schlge, mit dem Tode bestraft
werden solle. Es ist meine Aufgabe nicht, die Weisheit dieses Gesetzes an den
Tag zu legen; doch kann ich nicht umhin, an dem Beispiel des Chevalier St. Just
die darin enthaltene Wahrheit zu versinnbildlichen.
    Er hatte aufrichtig gesprochen, als er Alicen erklrte, da er ber die zu
ergreifende Partei noch unentschieden sei; aber die Strafe dieser
Unentschiedenheit zeigte sich schon jetzt. Da er es vorlufig noch mit beiden
Parteien hielt, es weder mit dem Proletariat noch mit der Aristokratie verderben
wollte, so mute er sich in beiden Lagen fr etwaigen Rckzug eine Thre offen
erhalten. Diese Rcksicht legte ihm aber Fesseln an und verhinderte ihn, nach
einer der beiden Seiten die ganze Energie zu entwickeln, deren er fhig war, und
welche ihn bald ber alle Eiferschteleien von Nebenbuhlern htte triumphiren
lassen - und Eiferschteleien sind gefhrlicher als offne Angriffe von erklrten
Feinden. Auf der einen Seite stand Ralph - auf der andern - freilich ohne seine
unmittelbare Schuld, - der Prinz A. ihm gegenber. Der Prinz A. liebte die
Grfin und hate in Folge dessen den Chevalier, weil dieser - wie es ihm schien
- mehr Glck bei der Grfin hatte als er selbst sich rhmen konnte. Es knnte
auffallen, da Alice gegen Gilbert zu intriguiren schien, indem sie den Prinzen
in seinem Verdachte von einem innigeren Verhltni zwischen dem Chevalier und
der Grfin bestrkte. Allein wir kennen Alicen hinlnglich, um nicht den Grund
dieses scheinbaren Verrathes zu durchschauen - sie - die selbst ohne
Leidenschaft, oder wenigstens von keiner Leidenschaft jemals bermannt, mit der
Leidenschaft Anderer zu spielen gewohnt war, um aus dem daraus gewonnenen
Triumpfgefhl sich eine Staffage fr ihre eigene materielle Unabhngigkeit und
geistige Selbststndigkeit zu gewinnen - mute - vor allen Dingen dahin zu
gelangen suchen, diejenigen, welche die leitenden Fden der im Spiel begriffenen
Intrigue in Hnden hielten, ihrem Willen zu unterwerfen, und ohne da sie es
merkten, von sich abhngig zu machen, damit sie selber das Centrum wrde, in
welchem alle die verschiedenen Fden wieder zu einem Knoten zusammenliefen. Sie
wute, da die Grfin Rcksicht auf den Prinzen nehmen mute, weil ihre
Existenz, ihre jetzige glnzende Existenz, hauptschlich sein Werk war: deshalb
lie sie jene Andeutung fallen, aus welcher die Grfin zu ihrem grten
Erstaunen ersah, da ihre Theilnahme fr den Chevalier dem scharfen Auge ihrer
Freundin keineswegs entgangen war. Die Grfin begann Alicen zu frchten und
diese Furcht war der erste Ring zu einer Kette, welche sie an dieselbe fesselte
und ihrem Willen gehorsam machte. Den Prinzen zog nicht nur das Gefhl der
Dankbarkeit fr die erhaltene Aufklrung, sondern auch das weit krftigere des
Beistandes, dessen er bedurfte und das allein sie ihm gewhren konnte, zu Alicen
hin; vielleicht kam noch ein drittes Moment hinzu: nmlich die Erinnerung an
eine noch nicht gar lange verschwundene Zeit, in welcher er die schne Frau
einst sein eigen genannt hatte.
    Und Alice verstand die groe Kunst, diejenigen, welche sie einst geliebt
hatten, sobald diese Liebe verschwunden war, als ihre wrmsten und
aufrichtigsten Freunde sich zu erhalten. Sie zeigte allen diesen Verhltnissen
und Personen gegenber dieselbe anmuthige Liebenswrdigkeit, welche es ihr
mglich machte, oft Wahrheiten zu sagen, die aus anderm Munde verletzt haben
wrden, in dem ihren aber nur dazu beitrugen, das Band noch fester zu knpfen,
welches Alle, die sich einmal in ihre Nhe gewagt hatten, an sie fesselte. Was
Gilbert betraf, so war er schon durch ihre Mitwissenschaft von seiner Theilnahme
an der Verbindung der Achtzehner ein Sklave ihres Willens. Mit ihm brauchte sie
am wenigsten Rcksicht zu nehmen. Es gab unter allen denen, die sie kannten, nur
zwei Personen, fr welche sie ein innigeres Gefhl in sich trug; und grade diese
beiden befanden sich nicht im Salon der Grfin:

              es waren Lichninsky und - Ralph, der Frst und - der
                                   Arbeiter.

    Das Gesprch, in welchem der Prinz A. mit dem Chevalier begriffen war,
schien fr Beide ein groes Interesse zu haben. Ersterer hatte von der Grfin
gehrt, da der Chevalier am 23. Februar in Paris gewesen; es war mithin
natrlich, da es ihn interessirte, dies Ereigni von einem Augenzeugen
geschildert zu hren. Aber der Prinz hatte - vielleicht unbewut - noch einen
andern Zweck dabei im Auge. Gilbert war fr Alle, mit denen er Umgang hatte, ein
rthselhafter Mensch. Niemand konnte sich seines besonderen Vertrauens rhmen,
Niemand kannte den Zweck seines Aufenthalts in Berlin und den Grund, weshalb er
Paris grade in jener denkwrdigen Zeit verlassen hatte - Ursache genug, um den
eiferschtigen Prinzen mit Mitrauen gegen ihn zu erfllen und um den Versuch zu
machen, den Absichten dieses fahrenden Ritters - dafr hielt ihn der Prinz - auf
die Spur zu kommen. Der brave Chevalier merkte jedoch bald, wohinaus die Fragen
des Prinzen zielten, und wich geschickt jeder bestimmten Antwort aus. Dennoch
wrde es ihm auf die Lnge schwer geworden sein, dieses gefhrliche Frag- und
Antwortspiel fortzusetzen, htte ihn nicht seine schne Freundin aus der Noth
geholfen. Die Grfin rief ihn mit einem entschuldigenden Blick auf den Prinzen
zu sich, um einen Streit zu schlichten, der zwischen ihr und dem Professor Lips
ber Classicitt der gyptischen Kunstdenkmler ausgebrochen war.
    Gilbert, der lngere Zeit im Orient sich aufgehalten, konnte wohl als
Autoritt in dieser Streitfrage gelten.
    Whrend an dem hellerleuchteten Gesellschaftstisch die sthetische Frage
ber die hohe Entwickelung der gyptischen Kunst errtert wurde, blieb der Prinz
nachdenklich in der Fenster-Nische stehen, halb verdeckt durch die faltigen
dunkel gelbseidenen Gardinen, die das Lichtmeer des Saales fast zu einem
Halbdunkel abschwchten. Da fhlte er pltzlich einen leisen Druck auf seinen
Arm. Er sah sich berrascht um.
    - So tief in Gedanken, Knigliche Hoheit? - sagte eine tiefe Stimme. Es war
der Polizei-Prsident v. M.
    - In der That, die Zeit giebt uns hinreichenden Stoff zum Denken, sollt' ich
meinen - erwiederte lchelnd der Prinz. Ich danke Ihnen, da Sie mich daraus
erweckt haben, denn meine Gedanken waren nicht erfreulicher Natur.
    - Ich wute das. Sonst htte ich mir nicht erlaubt, Sie darin zu stren,
mein Prinz.
    - Sie kannten meine Gedanken? - fragte ironisch der Prinz.
    - Nicht nur, weil ich sie kenne, sondern weil ich auf die Fragen, die Sie in
diesem Augenblicke bewegen, antworten kann, weckte ich Sie aus Ihrem Nachdenken.
    - Verzeihen Sie - versetzte der Prinz - ich verga, da zu Ihrem Beruf
gehrt, ein wenig allwissend zu sein, oder in Ermangelung dessen, es wenigstens
zu scheinen.
    - Als Antwort auf Ihren Spott sage ich Ihnen nur ein Wort.
    Er flsterte dem Prinzen einen Namen ins Ohr, der diesen sichtbar
berraschte.
    - Wohlan - sagte dieser nach kurzem Nachdenken - und Ihre Antwort?
    - Da der Stern nicht das Irrlicht zu frchten hat. Ihr Mitrauen gegen
diesen Menschen ist vollkommen gerechtfertigt, um so mehr gerechtfertigt, als
ich es theile. Ihnen kann ich es gestehen, da auch ich noch nicht ganz klar
ber ihn bin.
    - Und warum, wenn es so gefhrlich ist, befindet er sich noch auf freien
Fen?
    - Eben weil ich nicht klar bin. Ich habe Indicien ber ihn, die sich
widersprechen. Da er conspirirt, darber habe ich zahllose Beweise, aber fr
welche Partei er conspirirt? - das wei ich nicht. - Entweder ist er ein sehr
gewandter Diplomat - oder ein charakterloser Schwachkopf.
    - Und was gedenken Sie zu thun?
    - Ihn beobachten und sobald ich Gelegenheit habe, ihn unschdlich machen.
    Der Prinz wandte sich unbefriedigt ab.
    - Dieser Zeitpunkt ist nher als Sie glauben, fuhr der Polizeiprsident mit
geheimnivoller Miene fort. - Schon Morgen wird sich Vieles entscheiden. - Eine
Frage erlauben mir Knigliche Hoheit?
    - Nun?
    - Baronin Alice ist Ihre Freundin?
    Der Prinz sah Herrn v. M. mit groem Blicke an. - Ich verstehe Sie nicht,
Herr Polizeiprsident, - sagte er - auf den Titel einen Nachdruck legend.
    Herr v. M. lchelte.
    - Sie sind sehr mitrauisch, mein Prinz. Fast so mitrauisch, wie ein -
Polizeiprsident. Ich that jene Frage nur, um Sie zu bitten, Ihrer Freundin den
gutgemeinten Rath zu geben, da Sie es unterlassen mge, in dieser Woche das
bewute Haus vor dem Hamburger Thore zu besuchen, weil ich in Verzweiflung
gerathen wrde, wenn sie einen Beleg zu der Wahrheit des Sprchworts geben
sollte: Mitgefangen - Mitgehangen. Zugleich fllt mir auch ein, da Ihre
Freundin sicherlich noch besser als ich selbst ber den Chevalier unterrichtet
ist. In Rcksicht darauf, da ich besser im Stande wre, Ihnen mit meiner Hlfe
zu dienen, wrden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie diese Quelle prften und mir
das Resultat Ihrer Untersuchungen mittheilen wollten.
    Mit diesen Worten empfahl sich Herr von M. dem Prinzen, um mit dem Banquier
S. eine grndliche Untersuchung ber die Ursache der gegenwrtigen Finanzkrisis
anzustellen.
    Der Prinz trat aus der Nische heraus und mischte sich wieder unter die
Gesellschaft. Unwillkrlich suchte sein Blick Gilbert, dessen forschendes Auge
dem seinigen begegnete. Einen Moment hafteten ihre Blicke auf einander, worauf
beide zu gleicher Zeit und mit gleicher Indifferenz sich nach andern Seiten
richteten.
    Als der Prinz vor dem Stuhle Alicens vorbeikam, beugte er sich zu ihr herab.
Was er ihr zuflsterte, konnte Niemand verstehen. Alice aber, welche dem alten
slichen General von Klausewitz eine Beschreibung des Wiener Salonlebens in dem
verflossenen Winter machte, zuckte bei den Worten des Prinzen etwas zusammen,
ohne inde den Satz, welchen sie eben begonnen hatte, zu unterbrechen. Im
nchsten Augenblicke war sie wieder vollkommen Herrin ihrer selbst; nur eine
schwache Rthe auf ihren Wangen und ein leises Zittern der langen Augenwimpern
bewies dem genauen Beobachter die Bewegung ihres Innern.
    Es war inde spt geworden. Viele Gste hatten sich bereits zerstreut. Die
Zurckgebliebenen, meist aus den bekannten Personen bestehend, hatten sich zu
einem engern Zirkel um den Tisch gruppirt. Doch schien sich grade ber die,
welche sonst den meisten Stoff zu lebhafter Unterhaltung dargeboten, heute eine
trbe Wolke gelagert zu haben, die sie in sich gekehrt und schweigsam machte.
Jeder schien sich mit seinen eigenen Gedanken zu unterhalten und so sehr die
schne Grfin etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen sich bemhte, hatten
ihre Anstrengungen doch so wenig Erfolg, da sie sich endlich bewogen fhlte,
das Zeichen zum Aufbruch zu geben.
    Der Prinz A. bot Alicen seinen Arm und verlie unmittelbar nach dem
Chevalier den Saal. Sie gingen zusammen hinaus. An der nchsten Straenecke
trennten sie sich. Der Prinz geleitete Alicen in ihre Wohnung; Gilbert kehrte
auf einem Umwege nach dem Hause der Grfin zurck.

                                       V


Am folgenden Morgen sa Alice mit ihrer bleichen Freundin Lydia am Fenster und
sah gedankenlos in den trben Nebel hinein, der sich zwischen die Huser der
Strae gedrngt hatte. Lydia war mit einer Handarbeit beschftigt; man htte sie
fr theilnahmlos halten knnen, wenn sich nicht bei jedem Seufzer, der unbewut
den Busen ihrer gtigen Beschtzerin hob, ihr groes feuchtes Auge einen
Augenblick auf das Gesicht der Letztern gehoben htte. Alice konnte diese Blicke
nicht bemerken, da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute; auch war sie
gewohnt, Lydia so sehr mit sich selber beschftigt zu wissen, da sie sich in
ihrer Gegenwart weniger, als sonst ihre Gewohnheit war, Zwang auferlegte. Nicht
als wenn Alice vor Andern, selbst vor Mnnern, ihre Seufzer stets unterdrckt
htte - aber sie that es dann gewi nicht unwillkrlich, am wenigsten ohne
Bewutsein. Sie setzte ihren Stolz darein, stets Herrin ihrer selbst zu sein;
denn sie wute, da die Herrschaft ber sich selbst zugleich die erste Bedingung
und die sicherste Garantie fr die Herrschaft ber andere war. -
    Noch eine dritte Person, die wir fast vergessen htten, befand sich im
Zimmer: Salvador. Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und
klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze. Sein dunkler Blick
war starr auf Lydia gerichtet, die ihn entweder nicht bemerkte oder - vielleicht
aus dem Gefhl, da sie dem seinigen begegnen wrde - ihr Auge absichtlich nicht
nach dem Winkel richtete.
    Alice fuhr pltzlich vom Fenster zurck, so da Lydia erschreckt nach der
Ursache fragte.
    - Sieh' dort das junge Mdchen, mit dem braunen Tuch um den Kopf geschlungen
- was mag sie von mir wollen? Sie starrt fortwhrend zu uns herauf, als suche
sie Jemanden.
    - Wie bleich sie ist! - bemerkte Lydia - Mich dnkt, es liegt ein Zug von
verzweifelter Resignation auf ihrem Gesichte.
    - Sollte es Anna sein? - sagte halblaut Alice, als stelle sie diese Frage an
ihre eigene Erinnerung. - Beim Himmel, sie ist's - aber wie verndert; es mu
ein Unglck geschehen sein. - Alice winkte auf die Strae hinab. Lydia verlie
das Zimmer. Salvador hrte auf zu summen und zu klimpern.
    Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Thre, und ein zitterndes
junges Mdchen stand auf der Schwelle.
    - Komm zu mir, Anna - sagte Alice mit jenem Zauber, welchen das Mitleid in
der weiblichen Brust erzeugt. - Kennst Du mich nicht mehr, Kind?
    Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben;
eine tiefe Rthe berfluthete ihre bleichen abgehrmten Zge. - Einen Schrei,
halb von der Angst, halb von Freude ausgepret, ausstoend, strzte sie auf die
schne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Fen, die sie mit ihren Armen
umklammerte. -
    - Was ist Dir, gute Anna? -
    - Mein Bruder - mein Vater - im Gefngni! - - - brachte sie endlich mit
Mhe hervor.
    Alice erbleichte.
    - Ralph im Gefngni? - Warum? Sprich, unglckliches Kind, wann geschah es?
    - Heute Nacht - erzhlte Anna, ihre noch immer reichlich flieenden Thrnen
trocknend - kamen vier Gensdarmen und nahmen den Vater und Ralph mit sich. - Der
arme alte Vater! Was wird aus ihm werden in dem kalten, dunkeln Gefngni! O,
gndige Frau, retten Sie ihn, retten Sie den guten Ralph, wenn Sie knnen. Alice
hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab.
    - Und weit Du den Grund der Verhaftung?
    - Ach ja - sagte Anna und erzhlte den gestrigen Vorfall mit dem von Mller
empfangenen Goldstck. - Herr Klingemann, unser Wirth, begleitete die
Gensdarmen. Gewi hat er die Anzeige gemacht.
    - Abscheulich - murmelte Alice, die durch den Grund der Verhaftung inde
ziemlich beruhigt wurde; obschon es nicht unmglich war, da man einen andern
Verdacht gegen Ralph geschpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschdlich
machen wollte. - Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung, sogleich
zu ihr zu kommen.
    - Beruhige Dich - trstete sie Anna - wenn nur jenes Goldstck an ihrer
Verhaftung schuld ist, so ist die Sache leicht aufgeklrt.
    - Wohnt nicht Herr Mller hier in dem Hause? fragte Anna schchtern.
    - Wer ist Herr Mller?
    - Der Herr, welcher mir gestern das Goldstck gegeben und mir befahl, heute
frh hieher zu kommen.
    - Der Herr hie Mller, und nicht Gilbert? - fragte Alice, die von der neuen
Namensvernderung Gilberts nicht wute.
    Anna sah Alicen verlegen an. Sie wute von ihrem Bruder, da Mller und
Gilbert ein und dieselbe Person seien, zweifelte aber zugleich daran, ob sie
dies, Alicen gegenber, eingestehen sollte.
    Alice, welche die Wahrheit ahnte, half ihr aus der Verlegenheit.
    Liebes Kind, der Herr hat auf meine Bitte Dich gestern Abend aufgesucht, um
Dich zu mir zu bestellen. Nicht in seinen, sondern in meinen Dienst sollst Du
eintreten - wenn es Dir so recht ist. Ob dieser Herr sich Mller oder Gilbert
genannt hat, kann uns Beiden gleichgltig sein. Ohnehin wird er gleich hier
sein, Du wirst Dich dann berzeugen knnen, ob es derselbe ist, der Dich gestern
hieher geladen hat.
    Anna, erfreut ber diese unerwartete Wendung der Dinge, kte dankbar die
Hand Alicens, als drauen Schritte hrbar wurden und bald darauf Gilbert,
gefolgt von Salvador, eintrat.
    Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus. Er warf sich nach einem flchtigen
Guten Morgen erschpft auf einen Stuhl.
    Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben?
    Diese Frage lag in Alicens halb spttischen, halb besorgten Blicken.
    - Nun? unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen.
    - Die Wahnsinnigen! - murmelte er, nur Alicen verstndlich. - Sie werden uns
Alle zu Grunde richten.
    - Wo? reden Sie doch! Was beunruhigt Sie so heftig? -
    - Sie haben also noch nichts gehrt? -
    - Wovon soll ich gehrt haben? -
    - Von der Sturmpetition, die heute Abend unter den Zelten berathen und
morgen durch eine groartige Demonstration vor dem Schlosse ausgefhrt werden
soll?
    - Und das beunruhigt Sie? - fragte mit ironischem Mitleid Alice, deren Augen
bei dieser Nachricht einen eigenthmlichen Glanz annahmen. - Sie Aermster! -
    - Spotten Sie immerhin. Ich sage Ihnen, es wird nicht gut ablaufen. Die
Polizei hat bereits Notiz davon bekommen und ihre Maregeln getroffen. Ich bin
drauen gewesen in der Gesellschaft, weil ich vermuthete, da sie berathen
wrde. Ich tuschte mich nicht, sie waren Alle beisammen, nur Ralph fehlte. -
Gilbert warf, indem er diesen Namen aussprach, einen Blick auf Alicen, der eine
Verlumdung gegen den Bruder Annas enthielt. Diese schien ihn nicht verstehen zu
wollen.
    - Gut, da Sie mich daran erinnern - sagte sie kalt. - Ralph ist im
Gefngni und durch Ihre Schuld.
    Gilbert erbleichte. - Durch meine Schuld? fragte er mit unsicherem Tone. In
diesem Augenblick bemerkte er Anna, die bei seinem Eintritt sich zurckgezogen
hatte.
    - Ja, Sie sind, wenn auch nicht gerade schuld, so doch Ursache davon. - Hier
ist Ralphs Schwester. Sie wird Ihnen das Nhere mittheilen. Eilen Sie, die armen
Kinder aus ihrer Angst um Vater und Bruder zu befreien. An der Bereitwilligkeit,
mit der Sie meinen Wunsch erfllen, werde ich sehen, ob Sie an diesem Irrthum
keine wissentliche Schuld haben. -
    Dann wandte sie sich zu Anna: Begleite den Herrn, liebes Kind, und gieb
dieses Papier in die Hand deines Bruders. - Verwahre es sorgfltig; nachher
wirst Du mir Alles erzhlen.
    Gilbert und Anna verlieen die Wohnung. Alice eilte mit einer schnellen
Bewegung ins Nebenzimmer, aus dem sie nach wenigen Minuten als junger Mann
heraustrat. Salvador, der Alicen noch nie in Mnnerkleidung gesehen, ri vor
Ueberraschung eine Seite auf seiner Mandoline entzwei und starrte mit offnem
Munde auf die pltzliche Erscheinung, bis die Stimme Alicens, die ihm eine
Kutsche zu rufen befahl, ihn seines Irrthums berfhrte.
    Hotel des Prinzen A...., rief sie dem Kutscher zu, welcher ihr die Fahrmarke
in den Wagen reichte. - Nach einer kurzen Fahrt war sie am Hotel angelangt, und
von dem vertrautesten Kammerdiener des Prinzen in einen Gartenpavillon gefhrt.
    Hunderterlei blhende exotische Gewchse fllten das phantastisch
geschmckte Zimmer, mit einem fast betubenden narkotischen Wohlgeruch an. Der
Prinz in einem orientalischen Kostm, das ihm als Negligee diente, war in
halbliegender Stellung auf einer Ottomane hingestreckt und ber ihn hin
breiteten mchtige Faisenpalmen ihre eleganten, fubreiten Bltter aus. Der vor
ihm stehende milchweie Marmortisch war mit einer Menge Zeitungen und Journale
bedeckt.
    Beim Eintritt Alicens erhob sich der Prinz und fhrte sie schweigend zur
Ottomane. Alice warf einen Blick auf den Zaubergarten, der sie umgab und
seufzte.
    Es war nicht das erste Mal, da sie als Knabe verkleidet hier eingetreten
und vom Prinzen in derselben Weise, wie heute, empfangen wurde. Aber jene Zeit
gehrte der Vergangenheit an. -
    - Was bringen Sie mir, Alice? - fragte der Prinz nach einer Pause.
    - Ich wnschte, das Ihnen bringen zu knnen, was ich bei Ihnen zu suchen
gekommen - Trost in Verzweiflung.
    Jetzt war die Reihe zu seufzen am Prinzen. Doch sagte er lchelnd: worber
oder woran knnten Sie verzweifeln, meine Freundin? Oder ists ein Dritter, fr
den Sie Trost bei mir suchen?
    Alice erzhlte die Gefangenschaft Ralphs und bat den Prinzen um Verwendung
fr den Unglcklichen bei dem Polizeiprsidenten v. M. Ich glaube nicht - fuhr
sie fort - da auf den bloen Verdacht hin, das Goldstck knne auf
unrechtmige Weise in die Hnde der Familie gekommen sein, so streng gegen den
alten Naumann und seinen Sohn verfahren worden wre, wenn man nicht andere,
tiefer liegende Grnde zu haben vermeinte. Uebrigens habe ich zur Aufklrung
derselben sogleich den Chevalier St. Just zum Herrn von M. geschickt, da von ihm
das Goldstck herrhrt.
    - Glauben Sie mir, Alice, erwiederte der Prinz, dieser St. Just wird unser
Aller bser Dmon. - Hten Sie sich vor ihm! - Sie lcheln? Meinen Sie
vielleicht, da mein Ha gegen ihn mich verblendet? Und nun schicken Sie ihn
vollends zum Polizeiprsidenten. Frwahr, ich fange an, Ihre sonst so bewhrte
Klugheit in Zweifel zu ziehen.
    Wissen Sie denn nicht, da Herr v. M. es war, der mir gestern mit Rcksicht
auf St. Just jene Warnung fr Sie zukommen lie, die ich selbst nicht einmal
verstand?
    Alice erbebte. Sie schien mit sich ber einen Entschlu zu kmpfen. Vom
Divan aufspringend, schritt sie hastig zwischen den Gewchsen auf und ab.
Endlich blieb sie vor dem Prinzen stehen. Ihr Anblick war vllig verndert. Ihr
dunkles Auge strahlte wunderbar, ihr lockiges Haupt war hoch aufgerichtet.
    Wir mssen uns Gewiheit verschaffen, Prinz. Dies aber ist nur mglich, wenn
wir gemeinsam handeln. Dann aber Vertrauen um Vertrauen. - Schlagen Sie ein. -
    Sie streckte ihm die Hand entgegen.
    - Ich sehe noch nicht, was uns selbst die Gewiheit von seiner Verrtherei
ntzen kann - sagte unglubig der Prinz; doch legte er seine Hand in die
dargebotene Alicens und zog sie zrtlich an seine Lippen.
    - Sie, wie ich, werden dieselbe Frucht pflcken - erwiederte Alice, einen
kstlichen Granatapfelbaum eines seiner rothwangigen Kinder beraubend - eine
sichere Ueberzeugung fr unsere zweifelvolle Seele und einen festen Muth fr
unsere schwankenden Entschlsse.
    Der Prinz, welcher die Worte Alicens auf den Chevalier bezog, lchelte
unglubig, weshalb Alice pltzlich, allen Rckhalt verschmhend mit
leidenschaftlichem Tone ausrief:
    - Mein Freund, ich nenne Sie in dieser Stunde so, weil ich im Begriff bin,
eine schwere Pflicht gegen Sie auszuben, deren nur die Freundschaft fhig ist,
mein theurer Freund, lassen Sie von der Bedford; diese Frau ist ihrer nicht
wrdig.
    Der Prinz, auf welchen der Name der Grfin den Eindruck eines elektrischen
Schlages gemacht hatte, zitterte heftig. Sein flammendes Auge bohrte sich tief
in das auf ihn niederblickende Auge Alicens, dessen Ausdruck sich nicht
vernderte. Ungestm entri er ihr seine Hand und flsterte mit gebrochener
Stimme:
    - Sie sind eine Lgnerin, Alice.
    Das sanfte Lcheln, welches Alicens Zge berstrahlte, wurde selbst durch
diesen harten Vorwurf nicht verwischt, nur mischte sich der Ausdruck einer
leisen Ironie hinein, als sie mit Ruhe erwiederte:
    - Soll ich Ihnen Beweise geben, Prinz?
    Ein stummer Wink hie sie fortfahren.
    - Von dem Verhltni der Grfin mit St. Just will ich gar nicht reden. Eine
solche Untreue, wie demthigend auch fr Sie, mein Prinz, knnte doch nur ein
halber Beweis sein. Denn wer vermchte den Beweis zu liefern, da nicht St. Just
eben so betrogen wird wie Sie. Aber was wrden Ew. Knigliche Hoheit zu einem
Plane sagen, Sie durch die fein berechnete Koketterie einer geschickten Buhlerin
von Ihrer Leidenschaft zur Grfin, und diese von Ihnen befreien zu lassen?
    - Ich wrde dazu sagen - da die Grfin, wenn sie einen solchen Plan fassen
sollte, sich schlecht auf wahre Leidenschaft verstehen, oder eine groe Achtung
vor dem Talente der Buhlerin haben mte.
    - Vielleicht ist Beides der Fall. Und rathen Sie, wen man fr wrdig
erachtet hat, diese Rolle bei Ihnen zu bernehmen?
    - Also ist es nicht ein bloer Einfall, dieser Plan? Man hat in der That an
dergleichen gedacht?
    - Freilich, aber rathen Sie!
    - Wie kann ich wissen - sagte der Prinz zerstreut. - Vielleicht Frulein
S.... oder unsere Primadonna H....?
    - Bewahre. Wie sollte man darauf gerathen. Sie besuchen ja die Theater fast
gar nicht. Nein, ich will es Ihnen sagen: Mich! -
    - Sie? - -
    - Glauben Sie, mein Prinz, da ich Scherz mit Ihnen treibe?
    - In der That, ich glaube es fast; darum geben Sie mir bessere Beweise.
    - Es sei! So hren Sie denn: Die Grfin ist von einer gewissen Partei, in
deren Diensten sie steht, beauftragt, Alles anzuwenden, um Sie dieser Partei
zuzufhren. Sie selber hat Rcksichten zu nehmen, weil sie ein offnes Haus hlt,
das gewissermaen von allen Parteien als ein neutrales Bereich angesehen wird.
Bt sie diesen Vortheil ein, so ist's um ihre gesellschaftliche Stellung
geschehen. Auch stand ihr Ihre Leidenschaft zu ihr im Wege. Darum mute sie
indirekt zum Ziele zu kommen suchen. Man wei, mein Prinz, da Sie beim Volke
durch Ihre Freisinnigkeit und Freigebigkeit - beides gilt dem Volke oft
gleichviel - beliebt sind und deshalb bei etwa ausbrechenden Unruhen sich leicht
einen groen und gefhrlichen Anhang zu verschaffen im Stande wren. Man hat
versucht, Sie von hier zu entfernen, man hat ferner, als dies nicht gelang,
Schritte gethan, um Sie der ffentlichen Meinung gegenber zu compromittiren, ja
man hat es nicht gescheut, zu dem Mittel der Verlumdung zu greifen. Alles ist
fehlgeschlagen. So hat man denn zum uersten, aber - der Meinung gewisser Leute
nach - sichersten Mittel gegriffen, Sie zu verfhren. Man hlt mich fr eine
eingefleischte Aristokratin, dies und das Vertrauen, welches man in meine
Fhigkeit setzt, hat jene Partei veranlat, mir Avanen in dieser Beziehung zu
machen. Ich habe sie anfangs nicht verstehen wollen, da ist man dringender
geworden und endlich offen mit dem Plane herausgetreten. Der Prinz hatte mit
wachsender Unruhe dem Berichte Alicens zugehrt. Als sie geendet, lag auf seinem
bleichen Gesicht der Ausdruck eines tiefen Hohns.
    - Wie sehr mu ich in den Augen dieser Menschen gesunken sein, da sie es
wagen knnen, in dieser Art ihr Spiel mit mir zu treiben. - Er sttzte den Kopf
in die Hand, um die Thrne zu verbergen, welche wider seinen Willen in sein Auge
trat. - Fahren Sie fort - sagte er nach einer Pause.
    - Ich habe nur wenig noch zu sagen. Da St. Just ein falsches, ein doppelt
falsches Spiel treibt, werden Sie wohl selbst bemerkt haben. Es gilt jetzt, da
wir uns davon Ueberzeugung verschaffen, um den Plnen der Partei, welcher er aus
Interesse fr die Grfin dient, entgegenzuarbeiten, ohne da sie es merkt, um
sie schlielich in ihrer eigenen Falle zu fangen. Mein Rath ist nun der: Sie
begeben sich sofort zu Herrn v. M. und suchen zu erfahren, ob St. Just an der
Verhaftung des braven Ralph schuld ist, oder doch nachtrglich bei Herrn v. M.
gegen ihn intriguirt hat. Sind Sie bereit dazu?
    - Ja - sagte der Prinz sehr ernst. - Sie haben recht, es ist Zeit, mich
dieser erbrmlichen Fesseln zu entwinden und ich danke Ihnen, da Sie mir die
Kraft dazu gegeben. Doch habe ich noch eine Bitte, deren Motiv Sie jedoch nicht
in irgend einem Zweifel an ihren Worten suchen mssen. Knnen Sie mir irgend ein
materielles Zeichen geben, da ich von der Grfin betrogen bin? Ich glaube eine
grere moralische Bestimmtheit in der Ausfhrung unserer Plne dadurch gewinnen
und der Verrtherei mit grerer Festigkeit gegenbertreten zu knnen.
    - Ich wnschte, theurer Prinz, Sie lieen diese fr Sie unangenehme
Angelegenheit auf sich beruhen; noch mehr aber wnschte ich - Alice ergriff bei
diesen Worten seine Hand - ich knnte Sie fr unsere Sache, fr die Sache der
Demokraten, deren Sieg nher bevorsteht, als Sie ahnen, gewinnen.
    Der Prinz lchelte. Aber dieses Lcheln enthielt, so wollte es Alicen
bednken, Etwas von Mitrauen in sich. Sie zog einen Brief aus ihrer
Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen.
    - Diesen Brief, wie Sie am Postzeichen ersehen, erhielt ich in Wien vor 8
Tagen. Er ist von St. Just und enthlt die Aufforderung an mich, schnell nach
Berlin zu kommen, um den Plan, welchen ich Ihnen mittheilte, ausfhren zu
helfen. Die hohe Person, welche darin erwhnt ist, sind Sie und die
Unterschrift -
    - Gilbert! - rief aufspringend der Prinz - Sie kennen diesen Elenden! -
    Alice erschrak ber die Heftigkeit des Prinzen. - Was ist Ihnen? Ums
Himmelswillen -
    - Antworten Sie, Alice, ich bitte, ich beschwre Sie, keuchte der Prinz in
fast sprachlosem Zorn.
    Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Hnden, und seine Augen
rollten wild, als suchten sie den verborgenen Feind.
    - Gilbert - sagte Alice - ist Ihr Nebenbuhler, er ist der Chevalier von St.
Just.
    Whrend der Pause, welche Alicens Worten folgte, hrte man nur das Rauschen
des Briefes, der des Prinzen Hand entfiel. Dann taumelte er ohne Bewutsein auf
den Divan nieder. Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen
auf und blickte noch halb betubt um sich. Endlich erkannte er Alicen, deren
Anblick ihm die ganze Erinnerung ber das, was mit ihm vorgegangen war,
zurckgab. Ein Schauer durchzitterte seinen Krper - doch versuchte er zu
lcheln.
    - Seien Sie ruhig, meine Freundin - es ist vorber. Doch verlassen Sie mich
jetzt - ich mu allein sein. - Heute Nachmittag werde ich Sie besuchen.
    Schweigend schritt Alice auf die Thre zu.
    - Alice! - sagte noch einmal der Prinz.
    Sie kehrte zurck und sah ihn fragend an.
    - Alice! Sie nannten sich heute meine Freundin. Ich halte Sie beim Wort und
erinnere Sie daran, da in der Freundschaft Zweierlei vor Allem gilt: Vertrauen
gegen einander und Verschwiegenheit gegen den Andern.
    - Seien Sie ruhig, mein Prinz - auch wenn Sie nicht mein Freund wren, wrde
diese Stunde ein Heiligthum fr mich sein, in das ich nie einen Menschen schauen
lassen wrde.

                                       VI


Der 18. Mrz ist wirklich ein denkwrdiger Tag in der preuischen - ich wollte
sagen: deutschen Geschichte. Nicht etwa darum, weil Mailand und Berlin an diesem
Tage Revolution gemacht haben - eine Thatsache, die brigens von der extremen
Demokratie, und daher natrlich auch von der extremen Aristokratie einmthig
bestritten wird; - noch viel weniger darum, weil in Preuen an diesem Tage der
Absolutismus gestrzt wurde - denn auch daran wird von den rothen - und
schwarzweien Enthusiasten nicht geglaubt; - am allerwenigsten aber darum, weil
der 18. Mrz der Vorabend des Geburtstages der Berliner Brgerwehr, jener durch
ihr Motto des passiven Widerstands auf deutsch: der aktiven Feigheit berhmten
Phalanx, war: - sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet,
mit Fen getreten und in den Himmel erhoben, betrauert und gefeiert, geschmht
und besungen ist, und das Alles mit Unrecht. - Der 18. Mrz ist unschuldig wie
ein neugebornes Kind, das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen, da es
mit ihm gespielt hat, wie mit einem Kinde. Denn man mu wissen, da das Berliner
Volk selbst noch ein Kind war, obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr
- wie Schiller sagt - als ein unendlicher Raum erschien, wie bisher, weshalb
es denn auch herauszusteigen versuchte; da der Versuch nicht gelang, da es
sich nachher, als der rechte Zuchtmeister kam, in den Winkel des passiven
Widerstands verkroch und schlielich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln
und in die alte Wiege hineinlegen lie, das ist fr ein Kind, dem die Ruthe
gezeigt wird, ja ganz natrlich. Also warum so viel Aufhebens vom 18. Mrz? -
    Die Bewegung, deren Schluakt die Nacht vom 18. zum 19. Mrz bildete, hatte
sich schon einige Wochen vorher angekndigt. Eine dumpfe Ghrung, ber deren
Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten, hatte sich der Gemther
bemchtigt. Trotz der unfreundlichen Witterung waren die ffentlichen Pltze und
Promenaden fast den ganzen Tag ber mit Menschen berset, die entweder zu
Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten, die aus ihrem
Mittelpunkt hervordrang, oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften
Gestikulationen ber die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris
diskutirten. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen,
Kaffeehusern und Conditoreien. Besonders in der Zeitungshalle und bei
Stehely fand sich gegen 6 Uhr Abends, wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein
ankamen, stets ein zahlreiches, aus Gelehrten, Knstlern, Beamten, Officieren
u.s.w. zusammengesetztes Publikum ein, und horchte Kopf an Kopf gedrngt mit
angehaltenem Athem auf die Worte Dr. R-s, welcher bei Stehely meist das Amt des
Vorlesers bernahm. War die Vorlesung, welche hufig mehrere Stunden dauerte,
und nur durch einzelne halbunterdrckte Exklamationen unterbrochen wurde, welche
entweder dem Staunen ber das Vorgelesene oder einer unzeitigen Strung galten,
beendet, so lsete sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhrer
zunchst in einem unverstndlichen Summen auf, das nicht unpassend mit dem
fernen Brausen des Meeres oder dem dstern Grollen eines nahenden Orkans
verglichen werden kann, bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer
allgemeinen politischen Discussion ausbrach. Ungefhr eine Woche vor dem 18.
Mrz war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt,
welche mit Ungeduld die Klnische Zeitung erwartete. Das Gedrnge in den engen
Zimmern war gro, so da man sich nur mit Mhe hindurchzudrngen vermochte. Fern
oder wenigstens unberhrt von dem lauten Treiben der politischen Menge saen in
einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Mnner, welche sich von Zeit zu Zeit kurze
Bemerkungen ber die einen oder andern Gste zuflsterten. Der Aeltere von ihnen
mochte zwischen 40-45 Jahre zhlen, obschon sein Alter schwer zu bestimmen war.
Denn seine breite, kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt, whrend
das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Flle und das
hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besa. Der militrisch kurz gestutzte
Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offner Mnnlichkeit bei, welcher der
ganzen Erscheinung aufgeprgt war. Sein Begleiter sa fast ganz im Schatten, so
da man die Zge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen
konnte.
    - Lassen wir diese Phantasten - sagte der Letztere - und erzhlen Sie mir,
wie der Knig die Nachricht von der beabsichtigten Demonstration aufnahm.
    - Er war mehr davon alterirt, als es meiner Ansicht nach der Gegenstand
verdient. Auf der andern Seite hat er den Excedenten mehr Rcksicht bewiesen,
als zutrglich war. Ich frchte, mein Prinz -
    - Nennen Sie mich hier nicht so, Herr von M. Nun fahren Sie fort, was
frchten Sie?
    - Ich frchte, die halbe Maregel, welche er anwendet, wird weder
befriedigen noch entmuthigen, und daher erbittern und zur Aufregung beitragen.
Htte mir der Knig fr das Gesprch, welches ich mit den Fhrern vorgestern
in der Zeitungshalle hatte, plein pouvoir gegeben, so stnde die Sache jetzt
anders. Man mu, wenn man einem ungekannten Feinde gegenbersteht, seine
Entschlsse nach dem Eindruck des Augenblicks formiren. Und vollends diesem
Feinde gegenber war es ein Kinderspiel zu siegen. Soviel Untiefe, Taktlosigkeit
- ja Knabenhaftigkeit habe ich nicht vermuthet. Werden Sie es glauben, da sie
nicht wuten, wie sie sich mir gegenber verhalten sollten?
    Sie fhlen sich Alle geschmeichelt in dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer
Person, die dadurch dokumentirt wurde, da der Polizeiprsident in Hchsteigener
Person und in voller Gallauniform zu ihnen kam, um zu unterhandeln; aber die
Einen suchten ihrer Eitelkeit dadurch Luft zu machen, da sie grob wurden, die
Andern wurden im Gegentheil verwirrt und uerst hflich gestimmt. Aber bei
keinem Einzigen fand ich eine Spur von Selbstbeherrschung und wahrem Bewutsein.
Sie wollen politische Wrde zeigen, und werden tlpelhaft, sie mchten den
gromthigen Feind spielen und machen sich lcherlich. - Wre es nach meinem
Sinne gegangen, so htte man ihnen gewhren lassen. Die Kinder, wissen Sie,
werden ja zuletzt jedes, auch des schnsten Spielzeugs berdrssig.
    Herr v. M. hatte, whrend er in dieser Weise von der seit einigen Tagen in
der Stadt begonnenen Bewegung sprach, seinen Blick mit scheinbarer
Unbefangenheit auf die edlen aber abgespannten Zge des Prinzen geheftet, als
wollte er darin den Eindruck lesen, welchen seine Worte auf ihn hervorbringen
wrden. Aber der Prinz hatte wohl kaum darauf gehrt; er blickte zerstreut in
die auf- und abwogende Menge und schaute erst wieder auf, als jener schwieg.
    - Und Sie glauben also - sagte er, seine Gedanken sammelnd - da hinter
dieser Demonstration nichts Tieferes steckt?
    - Es ist mglich, da geheime, hinter den Kulissen verborgene Krfte die
Drhte bewegen, welche diese Marionetten in Bewegung setzen, ja ich bin fast
davon berzeugt. Auch habe ich ber gewisse Personen sogar schon meine
Vermuthungen. - -
    Das rasch aufblickende Auge des Prinzen, der in diesem Augenblicke an den
Chevalier dachte, begegnete dem forschenden Blicke des Polizeiprsidenten. Jeder
bemerkte den Ausdruck in den Blicken des Andern. Nur der Prinz hatte eine
richtige Ahnung von dem, was Herrn v. M. in diesem Moment beschftigte, whrend
dieser in Betreff des Prinzen auf ganz falscher Fhrte sich befand.
    - Verehrtester - sagte der Prinz mit ironischem Lcheln - welchen Preis
wrden Sie fr die Entdeckung einer Verschwrung in optima forma zahlen?
    - Knigliche Hoheit - -
    - Ich habe Sie schon einmal gebeten - unterbrach ihn ungeduldig der Prinz -
auf mein Inkognito Rcksicht zu nehmen; viel zu oft schon fr einen
Polizeiprsidenten. Und nun einen freundschaftlichen Rath: Ich liebe die
Spionage selbst vom Chef der Polizei nicht. Wenn Sie also einen Anspruch auf
mein Vertrauen machen, so legen Sie mir gegenber Ihr Polizeibewutsein ab.
    - Ihre Vermuthung beruht auf einem Irrthum - erwiederte lchelnd Herr v. M.
Er lchelte immer, wo andere Menschen in Zorn oder in Verlegenheit gerathen
wren - auf einem doppelten Irrthum. Wie, wenn mir aus ganz andern Grnden, als
Sie vermuthen, daran gelegen wre, zu erfahren - -
    - Ob ich conspirire?
    - Nein, das ist Nebensache; welcher Partei Sie eventuell angehren wrden?
    - Und welche Motive knnten dies etwa sein?
    - Die - wenn ich so sagen darf - freundschaftlichsten.
    - Also zum Exempel?
    - Weil ich wnschte, da wir ber gewisse politische Herzensneigungen
sympathisiren und -
    - Eventuell dafr conspiriren mchten?
    - Eventuell, wenn's sein mu, diplomatisiren mchten.
    - Wissen Sie denn nicht, da es fr einen Polizeichef schon gefhrlich ist,
wenn er berhaupt politische Herzensneigungen besitzt?
    - Wenn er sie besitzt - nein; aber wenn er diesen Besitz gesteht - ja.
    Doch wir beginnen bereits zu diplomatisiren, merke ich und ich wnschte, mit
Ihnen in der That offen verkehren zu knnen.
    Es lag eine nicht zu verkennende Herzlichkeit in dem Tone des
Polizeiprsidenten, so da der Prinz nicht umhin konnte, ihm die Hand zu
reichen.
    - Das knnen Sie - sagte er mit Wrme - indem er sich erhob.
    Arm in Arm verlieen sie als wirkliche Freunde den Saal, in dem die
Vorlesung bereits begonnen hatte.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Man wird sich erinnern, da spter Herr v. M. - wie man sagte, wegen zu
groer Popularitt seines Postens enthoben und auf - Reisen geschickt wurde.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als sie die Linden hinabschritten, machte Herr v. M. den Prinzen auf die
groe Menge der nach der Versammlung unter den Zelten hin Ausstrmenden
aufmerksam.
    - Zwei Dritttheile von ihnen - sagte er - sind Neugierige, die mit demselben
Interesse nach einer Menagerie wie nach einer Volksversammlung ziehen. Von dem
brig bleibenden Dritttheil derer, die aus wirklichem Interesse an der Sache
theilnehmen, mssen wir mindestens ein neues Dritttheil Phantasten rechnen und
ein anderes Dritttheil Unzufriedene aus Prinzip, oder Eigenntzige, die aus
Eitelkeit oder andern Motiven sich einen Namen erwerben wollen. Das letzte
Dritttheil aber besteht aus Spionen und den wenigen ehrlichen und wirklich
politischen Gebildeten. -
    - Was ist Ihnen, Prinz? - wandte sich pltzlich Herr v. M. an diesen - Sie
zittern. -
    Die Lippen des Prinzen zuckten convulsivisch, aber es drang kein Laut aus
Ihnen hervor. Er deutete nur auf einen elegant gekleideten Mann vor ihnen, der
mit einer an seinem Arm dahinschreitenden Dame in lebhaftem Gesprch begriffen
war.
    Herr v. M. lchelte. Es ist der Chevalier St. Just - sagte er leise, wie zur
Beruhigung des Prinzen.
    - Ich wei es - flsterte dieser - und die Dame?
    - Die Dame - erwiederte Herr v. M. mit Unbefangenheit - ist eine gute
Freundin von mir.
    Der Prinz athmete wieder auf: es war also nicht die Grfin Bedford.
    - Eine gute Freundin des Polizeiprsidenten - meinte der Prinz, welcher sich
zur Gleichgltigkeit zwang - in der That, ich htte nicht gedacht, da sogar Sie
das allgemeine Schicksal theilten, betrogen zu werden.
    - Betrogen zu werden? - wie so? Weil meine gute Lucie mit dem Chevalier nach
der Volksversammlung unter den Zelten geht? Wahrlich, Sie haben recht, ich wre
nicht werth, Polizeiprsident zu sein, wenn meine Geliebte es wagen drfte, mich
auf offner Strae zu compromittiren.
    - Also wuten Sie um diesen Spaziergang?
    - Er geschah auf meine ausdrckliche Bitte.
    - Ah so. Der Zweck ist also ein Staatsgeheimni?
    - Im Gegentheil: es geschah in Ihrem Interesse.
    - Sehr verbunden. Und Sie meinen, es wird Ihrer Freundin gelingen?
    - Es ist bereits gelungen. Als wir sie passirten, hat sie mir den Stand der
Dinge mitgetheilt.
    - Sie hat uns ja nicht bemerkt - sagte der Prinz, dessen Erstaunen wuchs.
    - Da es Ihnen so schien, ist mir ein Beweis mehr fr das Talent meiner
Freundin. Doch ich verga, Sie zu fragen, ob Ihnen Baronin Alice ber den
Chevalier Mittheilungen gemacht?
    - Ja, und wie mir dnkt, sehr wichtige. Erlauben Sie mir vorher eine Frage:
Ist Ihnen der Name Gilbert bekannt?
    - Gilbert? - Gilbert? sagte Herr v. M. mit bedchtigem Tone, als suche er in
dem Schatze seiner polizeilichen Erinnerungen nach Etwas. - Ists mir doch, als
hinge dieser Name mit einem gewissen Vorfall in Straburg zusammen, der groes
Aufsehen machte. Es handelte sich dabei um den Raub einer jungen Dame von hohem
Adel, veranlat, wie man damals sagte, durch den Frsten Lichninsky. Richtig,
jetzt erinnere ich mich. Gilbert ist seit langer Zeit im Dienste des Frsten und
von diesem zu Mancherlei benutzt worden, zum Beispiel als Unterhndler bei der
Herzogin Nagas und bei andern dergleichen Geschften. Auch hier in Berlin hat er
vor einigen Jahren eine Rolle gespielt. Er war es, welcher den famsen
Perlhalsbandbetrug gegen die Solotnzerin Philippine durchfhrte, wegen dessen
der Frst von dem verstorbenen Knige aus Preuen verbannt wurde und nach
Spanien ging.
    Gilbert ist von Geburt ein Deutscher, aus Wien, wenn ich nicht irre. Aus
unbekannten Ursachen, das Gericht sagt: aus unglcklicher Liebe, ging er nach
Frankreich und nannte sich nach seiner Mutter, welche eine Franzsin war,
Gilbert.
    In Paris lernte er den Frsten kennen, liirte und compromittirte sich mit
ihm bei dem Straburger Vorfall und wurde zu lebenslnglicher Galeerenarbeit
verurtheilt. Er bewerkstelligte jedoch bald seine Flucht, trieb sich dann in
Algier und Italien umher und kehrte unmittelbar vor der franzsischen Revolution
nach Paris zurck. So weit reichen meine Berichte. Gestern ist mir dieser Name
wieder hier in Berlin begegnet - bei welcher Gelegenheit, wei ich mich nicht
mehr zu entsinnen, - doch, der Gefangenwrter eines des Diebstahls verdchtigen
Maschinenarbeiters aus der Borsigschen Fabrik, Namens Ralph - -
    - Der vllig unschuldig ist - bemerkte der Prinz.
    - Sie kennen ihn?
    - Durch Alice.
    - Hm!! - Also dieser Gefangenwrter zeigte mir an, da Ralph einige Mal im
Selbstgesprch mit drohendem Tone den Namen Gilbert ausgerufen.
    - Ist der arme Mensch schon wieder frei?
    - Nein. Zwar hat der Chevalier St. Just das Miverstndni mit dem Goldstck
aufgeklrt, doch habe ich hhern Orts Befehl erhalten, die Freilassung noch zu
verschieben. Wie kommen Euer Knigliche Hoheit jedoch auf Gilbert?
    - Alice hat recht gehabt: er ist ein Verrther - sagte leise der Prinz, und
fuhr dann fort:
    Dieser Mensch scheint vom Schicksal bestimmt, mir berall, wo ich ihn finde,
hindernd den Weg zu versperren, meine liebsten Wnsche zu vernichten. Zuerst
trat er mir in Straburg entgegen. Jenes Mdchen, es war nicht von hohem Adel,
wie Sie sagten, aber ein Engel an Liebreiz und Unschuld - jenes Mdchen, das,
nachdem sie den schndlichsten Verfhrungsversuchen und den niedertrchtigsten
Verlumdungen, welche auf meine Rechnung geschmiedet wurden, widerstanden,
endlich durch eine teuflische List dem frstlichen Wstling in die Arme gefhrt
wurde, war - meine Geliebte, und der Nichtswrdige, welcher das Bubenstck dem
Frsten ausfhren half, war jener Gilbert, den wir bei der Grfin Bedford unter
der Maske des Chevalier St. Just kennen gelernt haben.
    Herrn v. M. entfuhr ein Ausdruck des Erstaunens.
    - Wo waren meine Augen - fuhr der Prinz in verbissener Wuth fort - da ich
den Elenden nicht gleich erkannte! Aber eine geheime Stimme sagte mir, da ich
ihn hassen msse. Ich glaubte aber den Grund dieses Hasses in meiner Eifersucht
rcksichtlich der Grfin suchen zu mssen.
    - Vortrefflich - sagte nach einer Pause Herr v. M. - der Vogel ist so gut
wie gefangen. - Lassen Sie mich dafr sorgen.
    Inzwischen waren sie bei den Zelten angelangt, wo bereits um die fast in
der Mitte des Platzes stehende Tribne eine groe Menge Volks versammelt war.
Die an den Pfeilern der Tribne angebrachten Oellampen warfen ein trbes Licht
ber die Menge und auf die dstern Rumpfe der blattlosen Bume des Thiergartens.
    Das unheimliche Colorit der ganzen Scene wurde durch den herabrieselnden
feinen Nebelregen noch mehr verdstert.
    Auf der Balustrade der Tribne, den linken Arm um den Pfeiler geschlungen,
stand ein junger Mann, welcher mit lauter, fast schreiender Stimme die an den
Knig gerichtete Adresse verlas, welche nun, da der Knig die zur Ueberbringung
derselben gewhlte Deputation nicht empfangen wollte, auf anderm Wege an ihn
abgesandt werden sollte. Man hatte die Stadtverordneten, welche ebenfalls eine
Adresse vorbereitet hatten, ersucht, die von der Volksversammlung beschlossene
der ihrigen beizulegen. Dies war abgeschlagen worden. Es traten Redner auf,
welche fr Wiederholung des Gesuchs um eine Audienz sprachen. Andere erklrten
offen, man msse fr die Deputation eine Audienz erzwingen, und schlugen daher
eine Ministerpetition vor. Wie gewhnlich bei solchen Versammlungen ernteten
auch hier die extremsten Redner den meisten Beifall.
    Diese psychologische merkwrdige Thatsache lt sich aus demselben Grunde
erklren, der uns den Aufenthalt in warmen Zimmern desto angenehmer macht, je
drohender drauen der Sturm tobt und der Regen die Fensterladen peitscht. Der
Wanderer drauen hat natrlich einen andern Begriff davon. Es beruht dies nur
auf Ansichten. Die Petition wurde also beschlossen. Gegen 12 Uhr trennte sich
die Menge, und zog in groen Trupps singend und disputirend dem Thore zu.
    - Welches Prognostikon stellen Sie dieser Bewegung? - fragte Herr v. M...
den Prinzen, indem sie sich von dem Strome des Volks mitforttragen lieen.
    - Ich mu gestehen, da trotz des vielen Unpolitischen, Uebertriebenen und
Abenteuerlichen in ihrer Begeisterung die Menge dennoch ein - wenn auch nur
halbbewutes - Bedrfni ihrer politischen Rechte fhlt. Und dann liegt in der
Macht, welche ein Gedanke, wie absurd er auch sonst sein mag, auf eine groe
Menge ausbt, sie wie ein Mann zu fhlen und zu denken zwingt, immer etwas
Imposantes, selbst Ehrfurchtgebietendes fr mich. Und Sie?
    - Sie sind glcklich, sich so in die objektive Gegenwart vertiefen zu
knnen. Ich habe denselben Eindruck gehabt wie Sie, aber es war kein
erfreulicher. Ich denke mit bangem Herzen an die Strme Blutes, welche dieser
Enthusiasmus der Menge fr eine politische Idee als Consequenz fordern wird.
    - Sie sehen zu schwarz - mein Lieber. -
    Herr v. M. lchelte. Ein Vorwurf, der mir in diesem Falle schmeichelhafter
ist, als Sie denken. Denn es liegt darin die Anerkennung, da das
Polizeihandwerk mich nicht bornirt hat. Aber im Ernste: ich bin fest berzeugt,
da die Begeisterung des heutigen Abends das Signal zu einem Brgerkriege sein
wird, dessen Ende sehr zweifelhaft sein drfte. Oder glauben Sie, da das einmal
erwachte Rechts- und Freiheitsbewutsein des Volks sich eben so leicht wieder in
Fesseln schlagen lt, als es in den Fesseln zu halten war? Nein, nein! Gerade
der Glaube an die Mglichkeit, oder doch an die Leichtigkeit einer solchen
Wiederfesselung wird den Sieg zweifelhaft machen.
    - Wie aber, wenn man an die Wiederfesselung nicht dchte, dem Strome seinen
Lauf liee, wie dann? So htten wir eine Ueberschwemmung zu frchten, nicht
wahr?
    - Nein, oder doch eine, welche nicht verheert, sondern befruchtet. Aber das
sind Chimren, an deren Mglichkeit Sie im Ernste nicht denken knnen.
    Der Prinz schwieg.
    - Haltet ihn fest! Lat ihn nicht los! Schlagt ihn todt, den Spion! - tnte
es pltzlich im Rcken der beiden Dahinwandelnden. Eine ghrende Bewegung
fluthete durch die Menge. Man drngte, fluchte, strzte durch einander, ohne in
der Dunkelheit weder Freund noch Feind zu erkennen. Der Prinz trat mit seinem
Begleiter aus dem betretenen Wege heraus zwischen die Bume, um besser
beobachten zu knnen. Das Geschrei und Getose kam nher. -
    - Nach der Laterne! nach der Laterne! rief man pltzlich.
    - Die Rasenden werden ihn ermorden - rief der Prinz, mitten in den Haufen
springend. Kaum vermochte ihm sein Begleiter zu folgen, der ihm zurief, nicht
unntz sein Inkognito abzulegen. Herr v. M. kannte das Berliner Volk besser, er
vermuthete ganz richtig, da man nicht um ein blutiges Exempel zu statuiren,
sondern einfach, um den Beschuldigten besser erkennen zu knnen, nach dem Lichte
sich hindrnge.
    Als man bei einer Laterne angelangt war, die die Hauptgnge des
Thiergartens, trotz ihrer enormen Entfernung von einander, die sie als bloe
Irrlichter erscheinen lt, zu erleuchten die Anmaung haben, erblickte Herr v.
M. einen alten Graukopf, welcher mit vor Zorn bebenden Lippen auf einen bleichen
Menschen wies, den er mit der linken Hand beim Halstuch gefat hielt, whrend
ein junger Mann sich alle erdenkliche Mhe zu geben schien, die Wuth des Alten
zu beschwichtigen.
    - Ins Dreiteufels Namen, Steiger - hrte Herr v. M., der sich dicht neben
Letzterem befand, ihn dem Alten ins Ohr flstern - wollt' ihr uns denn Alle ins
Unglck strzen? ... Das Weitere war nicht zu vernehmen, doch schienen die Worte
ihre Wirkung auf den Zornigen nicht zu verfehlen. Er lie das Halstuch fahren
und packte den Angegriffenen beim Arm.
    - Schlagt ihn todt, den Spion - ertnte es wieder aus der Menge, die um so
lauter diesen Ton ertnen lie, je weniger sie vom Vorgange bemerken konnte, als
wolle sie sich dadurch fr die Entbehrung des Schauspiels entschdigen.
    - Was ist mit Ralph geschehen? - donnerte der alte Steiger. - Sprich
Halunke?
    - Was wei ichs? - erwiederte trotzig der Angeredete, in welchem Herr v. M.
jetzt den Chevalier erkannte. - Habt Ihr ihn mir zur Aufsicht bergeben?
    Herr v. M.. dachte hier an den alten Spruch der Bibel: Soll ich meines
Bruders Hters sein? Aber er schwieg.
    - Schon recht, Du willst nicht bekennen, weil ichs Dir nicht beweisen kann.
Aber nimm Dich in Acht, Judas, ich werd's schon erfahren und dann werd' ich Dich
schon auch zu finden wissen. Jetzt -
    Herr v. M..., der den alten Steiger als ehrlichen, obgleich wunderlichen
Menschen kannte, trat nher zu ihm heran und flsterte ihm ins Ohr:
    - Nehmt Euch vor unntzen Reden in Acht, Steiger, es knnte Euch schaden.
Auch sorgt, da der Kerl seines Wegs geht. Morgen, wenn Ihr Vormittags zu mir
kommt, sollt Ihr Ralph sehen. Und nun macht dem Dinge ein Ende.
    Verwundert drehte sich beim Ton dieser Stimme der Alte um, aber whrend er
sprach, stand Herr v. M... im Schatten, und war gleich darauf im Dunkeln
verschwunden.
    - Schlagt ihn todt! erschallte es wieder aus der ungeduldig werdenden Menge.
    - Ruhe, Ihr da hinten - brllte Steiger. Man konnte jetzt das Fallen der vom
Winter briggelassenen Bltter hren. - Wir wollen ruhig nach Hause gehn,
Kinder, so mu's sein. Es ist ein Irrthum gewesen mit dem Spion. Dummes Zeug,
weiter nichts. Und nun kommt!
    Whrend noch Steiger sprach, hatte Gilbert die Gelegenheit benutzt, und war
still durch die Menge hindurch in den Wald geschlpft. Erst als er mehrere
hundert Schritte vom Schauplatz, der eben erzhlten Begebenheit entfernt war,
hielt er an und sah sich um. Er hrte noch die letzten Worte des alten Steiger
herbertnen. Dann setzte die Menge ihren Weg zum Thore fort.
    - Das Verderben ber die Canaille - sagte er laut, und erhob drohend die
Hand. Aber bald wird der Tag der Vergeltung kommen, und dann wehe Euch!
    - Ja, der Tag der Vergeltung wird kommen - tnte eine Stimme hinter ihm.
    Der Mond warf in diesem Augenblick einen matten Strahl zwischen den Bumen
hindurch. Gilbert erkannte des Prinzen bleiches Gesicht.
    - Knigliche Hoheit! Sie! - So spt in dieser Waldeinsamkeit. -
    Der Prinz achtete auf den Spott in dem Tone Gilberts nicht, sondern blickte
ihn stolz verchtlich an, und sagte, sich zur Ruhe zwingend:
    - Was hat Dir Deine Heldenthat in Straburg eingebracht, Seelenverkufer! -
Nicht von der Stelle, Elender. Mich gelstet's, den Beichtiger an Dir zu
spielen. -
    Gilbert fhlte die kalten Lufe eines Doppelterzerols an seinen Schlfen. Er
sank in die Kniee. -
    - Wo ist sie geblieben? - donnerte der Prinz. - Was habt Ihr mit der
Unglcklichen gemacht? sprich!
    - Tdten Sie mich nicht, Prinz. Ich werde reden.
    - Wo ist sie?
    - Als die Herzogin hinter den Streich des Frsten kam, verlangte sie ihre
Auslieferung, als Geiel, wie sie sich ausdrckte. - Der Frst gehorchte,
wahrscheinlich war er auch schon ihrer berdrig.
    - Und die Herzogin?
    - Darber wei ich nichts Bestimmtes. Der Frst sprach nicht gern davon.
Doch habe ich zufllig gehrt, da -
    - Nun?
    - Da die Herzogin den Ausdruck Geiel wrtlich genommen, das arme
Mdchen, auf einer ihrer Herrschaften eingesperrt, und mit Ruthen gegeielt
habe, um sie fr ihren knftigen Beruf vorzubereiten.
    - O Himmel! - rief der Frst aus, indem er das Gesicht mit den Hnden
bedeckte. - Weiter!
    - Nachher soll sie sie in ein bhmisches Kloster geschickt haben.
    - Genug! - Und Elend, Schmach, Verzweiflung haben die Aermste nicht
getdtet?
    Gilbert schwieg.
    - Geh' von mir! Ich will meine Hnde nicht mit Deinem Schurkenblut besudeln.
-
    - Zum Danke - sagte hhnisch Gilbert - will ich Ihnen eine Nachricht geben,
die Sie erfreuen wird: Morgen kommt der Frst Lichninsky nach Berlin.
    Mit diesen Worten war er verschwunden.
    Der Prinz aber setzte sich auf einen verdorrten Baumstamm - und weinte.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als der alte Steiger am Arm seines Freundes Hartwig das Brandenburger Thor
passirte, erblickten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen den Pariser Platz
mit Dragonern besetzt. Verrath frchtend, wollten sie wieder zurck, da traten
ihnen zwei Jger mit vorgestreckten Karabinern entgegen. Auf den Pistons
blitzten wie Johanniswrmchen die rothen Zndhtchen im Mondenschein.
    - Zurck hier! - herrschte man den harmlosen Arbeitern entgegen. Die Hhne
knackten. Steiger und Hartwig traten verdutzt einen Schritt zurck und wuten
nicht, nach welcher Seite sie sich wenden sollten. Hatte man ihnen eine
Mausfalle gestellt? - Eine Droschke fuhr eben zum Thore herein und hielt in
ihrer Nhe.
    - Geht nach Hause, Kinder, und frchtet nichts - tnte aus der Droschke eine
Stimme, welche Steiger heute schon einmal gehrt. Rasch trat er an den Schlag,
um Aufklrung ber diese drohende Maregel zu gewinnen. Aber er erblickte
nichts, als einen Herrn mit einer Dame; im nchsten Augenblicke wollte der Wagen
schon fort.
    Es war Herr von M. und seine Freundin Lucie.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - Wir erleben noch was in der andern Woche - sagte bedenklich der alte
Steiger, als er mit seinem Freunde Hartwig die vier Treppen zu ihrem
gemeinschaftlichen Schlafgemach hinanstieg. - Was sollte das heute mit den Wei-
und Graurcken bedeuten? - -
    - Gut; sie fangen an, uns zu frchten. Wit Ihr wohl, Steiger, da ich mich
heute mit einem Gefhl - na, wie soll ich sagen, mit 'nem Gefhl von Stolz auf's
Stroh lege.
    - Narrheiten sind's, mein Junge, damit holla! Aber denk daran heute ber 8
Tage, wenn Du noch daran denken kannst, es wird blutige Kpfe setzen, passe auf!
Damit legten sie sich zu Bett. Der alte Steiger war ein Prophet. 8 Tage spter
um diese Zeit hatte der stolz gewordene Hartwig die Worte des alten Vaters
Steiger bereits vergessen. - Eine Karttschenkugel hatte ihm den Kopf und damit
auch das Gedchtni weg gerissen. -

                                      VII


- Herr Prsident, es ist eine Dame drauen, die Sie zu sprechen wnscht.
    - Bekannt? - fragte Herr v. M. den diensthabenden Polizeidiener.
    - Nein.
    - Fhren Sie sie in mein Privatzimmer. Ich werde sogleich erscheinen.
    Herr v. M. war nicht neugierig, aber eine innere Stimme sagte, da dieser
Besuch fr ihn von Interesse sei. Er beendete rasch, was ihm eben vorlag, und
eilte durch das Entree in sein Privatzimmer.
    - Ei sieh da, schne Frau; wie komme ich zu dieser Ehre?
    - Nicht wahr, Herr Prsident - erwiederte Alice lchelnd - Sie wollen sagen,
der umgekehrte Fall sei passender?
    - Allerdings wre es lngst meine Pflicht gewesen, Ihnen meinen Besuch
abzustatten. Inde - -
    - Ach, Herr v. M., Sie wollen mir ausweichen, doch mag es drum sein.
    Was mich zu Ihnen fhrt? Eine Bitte, untersttzt von Ihrem Freunde -
    - Meinem Freunde? Ich wte nicht, da ich Freunde htte, welche dritte
Personen, und wren es selbst so schne Frauen wie Sie, in das Geheimni dieser
Freundschaft einzuweihen sich veranlat fhlen knnten. Also dieser Freund -
    - Ist der Prinz A... - sagte Alice, ihn ruhig fixirend. - Oder sollte ich
mich irren?
    - Und die Bitte? - fragte Herr v. M., einer Antwort ausweichend, obschon er
fast versucht war, den Prinzen fr seine Indiskretion durch Desavouirung dieser
Freundschaft zu bestrafen. Er lieferte damit den Beweis, da selbst der feinste
Menschenkenner, und das war sicherlich Herr v. M., in seinem Urtheile sofort
unsicher wird, wenn seine eigene Persnlichkeit dabei ins Spiel kommt. Htte die
Sache nicht ihn, sondern eine dritte Person betroffen, so wrde er den Prinzen
nicht der Indiskretion verdchtigt, sondern sich des alten Satzes erinnert
haben, da ein Weib in Ton und Blick Geheimnisse erkennt, welche der Mund
verschweigt.
    - Mich auf eine halbe Stunde zu dem Arbeiter Ralph ins Gefngni zu lassen.
    - Das wird nicht angehen. -
    - Haben Sie es doch dem alten Steiger versprochen. -
    - Auch das wissen Sie? - Das war etwas Anderes, es sind Cameraden.
    - Mit einem Worte, Sie wollen nicht?
    - Ich kann nicht. Sie wissen ganz wohl, da die Polizeispione auf nichts
mehr ihr Augenmerk richten, als auf den Chef der Polizei. Der Gefangenwrter
wrde mich verrathen.
    - Aber nicht der Castellan, nicht wahr? - Wieder blickte Alice den
Prsidenten fragend an. Herr von M. versuchte zu lcheln. - Eine Zeile von Ihnen
an den Castellan der Hausvoigtei gengt.
    - Wohlan, es sei! sagte der Prsident nach einigem Bedenken.
    - Ich danke Ihnen, und werde Ihre Freundlichkeit zu vergelten wissen.
    - Ich nehme Sie beim Worte. Wollen Sie mir eine Frage mit Aufrichtigkeit
beantworten?
    - Jedem Andern wrde ich unbedenklich mit Ja antworten. Ihnen gegenber
kann ich nicht anders sagen, als: Je nach dem.
    - Wie stehen Sie mit dem Chevalier St. Just?
    - Mit Gilbert, wollen Sie sagen.
    - Auch das wissen Sie?
    - Durch mich wei es der Prinz, durch diesen Sie. - Wie ich mit ihm stehe?
Er glaubt, ich kenne ihn so wenig wie die Andern, aber er tuscht sich. Ihn
kennen und verachten aber ist Eins. Dennoch sind wir einander nicht
gleichgltig.
    - Also doch!
    - Wir haben Interesse an einander, obwohl ein verschiedenes. Er frchtet
mich und ich hasse ihn; das ist Alles.
    - Es ist ein gefhrlicher Mensch.
    - Auch fr Sie.
    - Warum?
    - Weil er im Solde einer Partei steht, die Sie einst strzen wird, wenn sie
nicht selbst vorher gestrzt wird.
    - Und welcher von beiden Fllen ist der wahrscheinlichere?
    Alice zuckte die Achseln und blickte zum Fenster hinaus.
    - Darf ich Ihnen einen gutgemeinten Rath geben, Herr Polizeiprsident?
    - Wenn Sie nicht die Bedingung daran knpfen, da ich ihn befolgen soll, ja.
    - Sie werden ihn befolgen, denn er giebt Ihnen den einzig denkbaren Weg an,
zwischen der Scylla und Charybdis hindurch zu schiffen, ohne -
    - Drcken Sie sich ohne Allegorien aus.
    - Ich meine, da Sie damit die beiden Extreme der entschiedenen Demokratie
und der entschiedenen Reaktion am sichersten vermeiden, und sich folglich 
mglich erhalten knnen.
    - Ich bin begierig, diese Kunst zu lernen.
    - Jetzt mgen Sie spotten, erwiederte Alice, ber die stereotype Ironie in
des Prsidenten Tone gereizt - nach einigen Tagen werden Sie mir danken. Mein
Rath ist: Vermeiden Sie den Schein, als wollten Sie sich populr machen; noch
vielmehr aber vermeiden Sie, in den Ruf der Unpopularitt zu kommen. Das Erstere
wre eine Schwche, das Zweite eine Unvorsichtigkeit. Beides aber fhrt seine
besondern Gefahren mit sich. Praktisch gefat wrde mein Rath lauten:
    Mischen Sie die Polizei oder wenigstens Ihre eigene Person so wenig wie
mglich in die zwischen Volk und Militr ausgebrochenen Konflikte - das Alles
sind nur die Prliminarien einer grern Entscheidung. Wenn diese kommt, und da
sie kommen wird, wissen Sie so gut wie ich, dann ist der Augenblick fr Sie
gekommen, zu handeln, das heit: zu vermitteln. Denn, Herr v. M., ein kluger
Mann, der auf die Zukunft spekulirt, sucht nie eher zu vermitteln, als bis die
Vermittelung unmglich geworden. Wem dann auch der Sieg zufllt, sein sind die
Frchte.
    Herr v. M. war nachdenklich geworden. Er fhlte die Wahrheit in den Worten
Alicens, aber er mitrauete ihren Motiven.
    - Und warum sagen Sie mir dies Alles? - fragte er.
    - Aus zwei Grnden: Weil ich Sie achte und weil ich fr uns den Kampf
nicht erschweren mchte.
    Herr v. M. verbeugte sich lchelnd, ohne eine Antwort zu geben.
    Als auch Alice schwieg, sagte er, sie verlassend: - Verziehen Sie einen
Augenblick, ich werde Ihnen das versprochene Billet an den Castellan schreiben -
-
    Als Alice sich empfahl, begleitete Herr v. M. sie bis an die Treppe. Unten
angekommen, nahm sie eine Droschke und fuhr nach dem Frankfurter Eisenbahnhofe.
Als Alice dort ausstieg, bemerkte sie noch eine zweite Droschke, die dicht
hinter der ihrigen gekommen sein mute. Absichtlich merkte sie nicht darauf,
sondern stieg schnell die Stufen des Perrons hinan und trat ein. Da erst wandte
sie sich um und sah, wie eine Dame ebenfalls die andere Droschke verlie.
    - Lucie - sagte sie spttischen Tons. - O, Herr v. M., diese Beleidigung
sollen sie mir ben. Wenn Sie mir einen Spion nachsenden wollen, so mssen Sie
einen geschickteren whlen.
    Ein langgezogenes Pfeifen kndigte ihr die Annherung des Breslauer Zuges
an.
    Alice eilte, ohne auf Lucie zu achten, auf einen Waggon erster Klasse zu und
rief freudig: Felix!
    Dann, ber die Zudringlichkeit Luciens emprt, sagte sie, - hier, lieber
Felix - habe ich das Vergngen, Dir die Freundin unseres Polizeiprsidenten
vorzustellen. Gren Sie Herrn v. M. freundlichst - und sagen Sie ihm, er htte
Ihnen den Weg hierher ersparen knnen, da ich es jedenfalls fr meine Pflicht
gehalten htte, ihn dem Frsten Lichninsky vorzustellen.
    Mit diesen Worten lie sie die verschmitzte Freundin des Prsidenten stehen
und eilte mit dem Frsten nach seinem Hotel. Unterwegs theilte er ihr die
Nachricht von der glcklich beendeten Revolution in Wien mit.
    - Meine Akademiker haben wie Lwen gekmpft. Sobald der Sieg des Volkes
entschieden und seine Friedensbedingungen angenommen, bestieg ich, da die
Eisenbahn noch nicht zu benutzen war, meinen Renner, nahm in der nchsten Stadt
Kurierpferde und war schon am andern Tage in Breslau.
    Unmglich kann vor mir schon die Nachricht angelangt sein, wenn die
Regierung nicht auf telegraphischem Wege davon in Kenntni gesetzt ist. Aber
auch das glaube ich nicht, da alle ffentlichen Gebude vom Volke besetzt waren.
La uns die Zeit benutzen. Vorgestern war die Wiener Revolution, bermorgen mu
die Berliner vollendet sein.
    - Einer unserer einflureichsten Volksfhrer sitzt im Gefngni.
    - Wer ist's?
    - Ralph. Ich glaube, Felix, da Gilbert ein Verrther ist.
    - Das wre des Teufels! Hast Du Beweise?
    - Vorlufig nur Vermuthungen. Doch ich werde noch heute klar sehen.
    - Was macht Lydia? - fragte der Frst.
    Alice schttelte lchelnd den Kopf.
    - Du bist eiferschtig, Alice?
    - Nichts weniger. Aber was soll die Frage? Du weit, da ich das Mdchen wie
meine Tochter liebe und nie zugeben wrde - -
    - Beruhige Dich. Ich fragte aus reinem Interesse. Doch wenn Du es nicht
wnschest, sprechen wir nicht davon.
    Die Equipage hielt am Hotel. Sie stiegen aus.
    - Jetzt lasse Dich erst herzlich umarmen, Geliebte - sagte der Frst, als
sie auf seinem Zimmer angelangt waren.
    Alice duldete seine Umarmung schweigend, fast seufzend. Sie dachte an den
armen Ralph. Es erschien ihr wie ein Verbrechen gegen den Gefangenen, da sie
sich den Liebkosungen des Frsten berlie, whrend sie jenem, wenn nicht Hlfe,
so doch Trost htte bringen mssen.
    - Wie? Du willst mich schon verlassen, Alice?
    - Ich habe ein nicht aufschiebbares Geschft abzumachen. Doch heute Abend
werde ich Dich zu einem politischen Spaziergange abholen.
    - Horch, das war ein Schu - rief pltzlich der Frst - noch einer. -
    - In der That - sagte Alice ruhig - doch das ist jetzt in Berlin nichts
Ungewhnliches mehr. Die armen Soldaten thun mir am meisten dabei leid; seit 8
Tagen mssen sie Tag und Nacht gewrtig sein, ihre Kasernen zu verlassen und
gegen das Volk zu marschiren. So huft sich auf beiden Seiten die Erbitterung
an, bis eine allgemeine Explosion stattfindet. Doch ich will eilen. Auf heute
Abend also.
    Der Frst war, nachdem Alice ihn verlassen, nachdenklich geworden. Ihr
kalter Empfang, ihr schnelles Forteilen erregte seine Besorgni. Auch brachte
seine einmal durch die Furcht aufgeregte Phantasie damit die kurze Scene auf dem
Eisenbahnperron in Verbindung, deren er sich jedoch nur noch dunkel erinnerte.
Doch war er sicher, den Namen des Polizeiprsidenten dabei gehrt zu haben. Was
sollte dieser im Munde Alicens? Eine unheilvolle Ahnung durchblitzte seine Seele
- er sprang auf und eilte hinaus. Denn er war jetzt fest berzeugt, da man sich
seiner bemchtigen wolle.
    Der Frst war im weitesten Sinne des Worts ein Phantast. Das Thatschliche
und Reale lie ihn kalt, die Mglichkeiten mit ihrer unbeschrnkten Zaubermacht
erwrmten ihn! Wie sehr ihn daher auch die Gegenwart mit ihren Bedrfnissen zur
Ironie stimmen konnte, wie rcksichtslos er gegenwrtigen Personen und Gefahren
gegenber sich verhalten konnte, so sank sein Muth und seine Besonnenheit in
Nichts zusammen vor einem Phantom, das er sich selbst geschaffen. Der Schein
dessen Hoherpriester er war, rchte sich an ihm dadurch, da er die Macht der
Wirklichkeit gegen ihn ausbte; eine Macht, die durch die Unbegrnztheit, welche
Alles, was nur mglich ist, mit den Chicanen des Unbegreiflichen umkleidet, zur
Allmacht werden mu fr Jeden, der sich von der Wirklichkeit losgesagt hat.
    Die bloe Mglichkeit, Alice knnte ihn verrathen, nahm sofort fr ihn den
Schein der Wirklichkeit an, und trieb ihn, den eingebildeten, aber desto
schrecklicheren Gefahren zu entfliehen. Erst als er sich pltzlich, ohne zu
wissen, wie er dahin gekommen, im Thiergarten befand, kehrte seine Besonnenheit
zurck. In Gedanken versunken wandelte er vor sich hin, als er seinen Namen
nennen hrte. Es war Gilbert.
    - Gut, da ich Sie treffe - sagte der Frst - was haben wir fr Aussichten?
    - Schlechte bis jetzt - antwortete jener und begann, dem Frsten Bericht
ber seine Thtigkeit zu erstatten.
    - Wie kommts, da Ralph im Gefngni sitzt? Man sagt, Sie seien Schuld
daran.
    - Man sagt? Wer sagt das, mein Frst? -
    - Gleichviel - ich hab's gehrt und, wie ich glaube, aus guter Quelle.
    Gilbert wute, da der Frst seine alten Verbindungen mit dem preuischen
Gouvernement nicht aufgegeben. Er war deshalb in Zweifel, ob er die Wahrheit
sagen msse. Denn er war es allerdings gewesen, welcher der Regierung einen Wink
ber Ralphs Thtigkeit gegeben, um sich diesen gefhrlichen Aufpasser von der
Seite zu schaffen.
    - Ralph ist ein aufbrausender, leidenschaftlicher Mensch, der Alles
verderben knnte - sagte er einleitend. - Auerdem glaubte ich zu bemerken, da
ein Einverstndni zwischen ihm und Alice existire, welches zu manchen Gedanken
Veranlassung geben konnte.
    Gilbert wute von der Verbindung des Frsten mit Alicen Nichts; es konnte
ihm daher auch nicht einfallen, mit jener Andeutung auf die Eifersucht desselben
spekuliren zu wollen. Es war ein glcklicher Wurf, den er von Ungefhr that und
er gelang ber Erwarten. Als er des Frsten Bewegung bei diesen Worten sah,
erzhlte er ihm zum Beweise, wie Alice durch Ralphs Schwester die frhere
Verbindung mit diesem wieder angeknpft hatte, schilderte den Zorn Alicens ber
seine Gefangenschaft und den Versuch derselben, ihn im Gefngni zu besuchen.
Das Letztere hatte er krzlich durch Lucie erfahren.
    - In diesem Augenblicke, schlo er seine Rede, befindet sie sich noch bei
ihm. Hatte ich also nicht Ursache, aufmerksam zu sein? Ich wei, Durchlaucht,
da es Viele giebt, welche mich bei Ihnen zu verlumden versuchen werden.
    - Frchten Sie nichts, Gilbert. Ich sehe klarer, als Sie glauben. - Das also
war das wichtige Geschft, was nicht aufzuschieben war. Er mute Gewiheit ber
alles dies haben, nicht nur ber die Stellung Alicens zu ihm, sondern auch ber
sein Verhltni zur ganzen Partei, der er bisher - allerdings aus
Privatrcksichten gedient hatte.
    Er war - wie alle Phantasiemenschen - von Natur Oppositionsmann, weil die
Opposition die Politik der Mglichkeiten, die Diplomatie der Zukunft ist. Aber
wenn diese Zukunft nicht seine Zukunft war, wenn er nicht im Stande war, diese
Mglichkeit zu seiner Wirklichkeit zu machen, so hrte seine Opposition auf,
denn er gnnte Niemandem die Frchte dieser Opposition als sich selbst. Er war
ein Feind der Legitimitt, weil diese Legitimitt seinem Ehrgeiz Schranken
setzte, aber er wurde zum wrmsten Freunde derselben, wenn auf ihren Trmmern
nicht er und seine Diktatur, sondern die wahre Feindin der Legitimitt, die
Diktatur des Volks sich erheben sollte. Seine politische Gesinnung war eine rein
persnliche. Noch glaubte er, da es Zeit sei, sich zu entscheiden, da er noch
in keiner Weise compromittirt war, weder nach der einen, noch nach der andern
Seite hin. Die Entscheidung aber hing von der Ueberzeugung ab, die er ber
Alicens Plne sich verschaffen mute.
    Er begab sich deshalb direkt nach Alicens Wohnung. Es war inde Abend
geworden. Wie in den letzten Tagen, so zogen auch heute zahlreiche
Arbeiterschaaren die Straen hinab, welche theilweise mit Militair gesperrt
waren. Alles drngte nach dem Schloplatz zu. Der Frst, welcher das Schicksal
der meisten Spaziergnger getheilt hatte, nmlich mit fortgerissen zu werden,
gewann endlich am Schlosse Gelegenheit, sich aus dem Strudel des Volks
herauszuarbeiten und in das Volpische Caffeehaus zu flchten. Von hier aus
konnte er den Schauplatz bersehen. Die Menge hatte sich um den groen
Candelaber in der Mitte des Platzes versammelt und verhielt sich dem uern
Anschein nach vllig ruhig. Da rckte Infanterie von der breiten Strae her und
suberte den Platz; das heit: die Menge stob auseinander, um an einem andern
Orte wieder zusammenzuflieen. Das Spiel dauerte einige Zeit hindurch, ohne da
es zu einem ernsthaften Conflikt kam. Da sprengten pltzlich vom Lustgarten
Crassiere und Dragoner auf den Platz, dessen Ausgnge nunmehr von allen Seiten
besetzt waren. Die Helme und die breiten Brustpranzer der Crassiere funkelten
im Schein des Mondes, welcher sein volles Licht auf den Schauplatz ausgo.
Jetzt, da die Aufforderung, den Platz zu rumen, eine Ironie geworden war, da
ihr zu folgen eine Unmglichkeit geworden, sprengten die Crassiere in die Menge
und hieben wthend auf die Wehrlosen ein. - - - Ein Schrei des Unwillens entfuhr
den in dem Caffeehause anwesenden Gsten, welche sich an die Fenster gedrngt
hatten. Der Frst strmte hinab, fand aber die Hausthr verschlossen. Unter den
Colonaden der Stechbahn rannten einzelne Versprengte hin und wieder, vergeblich
einen Ausweg suchend. Die elenden Bourgeois hatten alle Thren gesperrt, weil
sie die Eindringlinge lieber den Sbeln der Crassiere Preis geben, als ihnen
eine Zufluchtssttte gewhren wollten.
    Nur der ernsten Haltung des Frsten, welcher darin von fast smmtlichen
Gsten untersttzt wurde, gelang es endlich, den Besitzer des Caffeehauses zum
Oeffnen der Thren zu bewegen. Er eilte die Colonaden herab und stie an ihrer
Mndung sogleich auf eine Abtheilung Infanterie.
    - Zurck! - tnte es ihm entgegen.
    - Ich melde mich als Gefangener und wnsche sofort zum commandirenden
Offizier gefhrt zu werden. Dies geschah. Als er von diesem erkannt, wurde er
sofort unter vielen Entschuldigungen frei gelassen. -
    - Nicht also, mein Herr - entgegnete der Frst - ich werde die Freilassung
ohne Weiteres nicht annehmen. Wer hat Ihnen das Recht gegeben, eine solche
Hetzerei gegen waffenlose, harmlose Menschen, zu organisiren?
    Der Officier zuckte die Achseln. - Wir haben nichts zu thun, als unserer
Instruktion zu folgen. Die Verantwortung mge der bernehmen, der die
Instruktionen erlt.
    - Und wer ist das?
    - Der General von P.
    - Ich verlange, ihn zu sprechen.
    - Das wird nicht gehen - sagte mit neuem Achselzucken der Officier. Er ist
bei Sr. Majestt dem Knige.
    - Dann werde ich das Schicksal jener Unglcklichen theilen.
    - Auch das darf ich nicht zugeben. Dort hinaus knnen Sie; hinein in den
Kreis kann ich Sie nicht wieder lassen.
    Der Frst mute sich in sein Schicksal ergeben. Jetzt eilte er zu Alicen.
Doch auch hier fand er das Haus verschlossen. So mute er nach seinem Hotel
zurckkehren.
    Trumerisch schritt er die Linden hinab, die fast menschenleer waren. Nur
einzelne starke Patrouillen zogen mit einfrmigem Schritt auf den Trottoirs auf
und nieder.
    - Es fragte eine Dame nach Ihnen - sagte der Portier des Hotels, und bergab
mir dies Kstchen fr Eure Durchlaucht.
    Es wird Alice gewesen sein - sagte der Frst zerstreut, das Kstchen zu sich
steckend.
    Auf seinem Zimmer angekommen, warf er sich erschpft aufs Sopha, sich seinen
trben Gedanken berlassend. Er ahnte, da eine napoleonsche Kraft dazu gehre,
der Ereignisse, die man selber hervorzurufen die Macht hatte, Meister zu
bleiben. Der Frst war zwar eitel genug, sich einen Napoleon im Kleinen zu
dnken, aber er erinnerte sich, da auch Napoleon auf einer kleinen wsten Insel
an den Ksten Afrikas seine Tage geendet - und seufzte. Unwillkhrlich richteten
sich seine Blicke auf die Vergangenheit; er dachte an seine abenteuerlichen
Reisen in Frankreich - in Spanien. Ein leises Frsteln durchzuckte seinen
Krper, als er an Spanien dachte. Mechanisch griff er nach dem Tische, da fhlte
er etwas Hartes, es war das Kstchen. Er erbleichte. Aber im nchsten Augenblick
schon lchelte er ber die Gedanken, die eben in ihm aufgestiegen.
    Er ffnete es - - diesmal lchelte er nicht mehr. Ein Medaillon, welches ein
Miniaturbild enthielt, das seine Zge trug, glnzte ihm entgegen.
    - Sie ists - stammelte er - sie ist in meiner Nhe, sie athmet dieselbe Luft
mit mir. Wohlan, ich bin gerstet. Mag sie kommen! - - - -
    Dies Weib ist ein Dmon, der sich an meine Fersen klammert! - Was will sie
noch weiter von mir?
    - Dein Herzblut, Verrther! - tnte eine Stimme hinter ihm.
    Der Frst drehte sich um. Ines, einen blinkenden Dolch in der Hand, stand
vor ihm. Besinnungslos strzte er zu Boden. So verharrte sie einige Minuten in
ihrer drohenden Stellung, als erwarte sie das Wiedererwachen des Frsten. Dann
schritt sie auf den Tisch zu, ergriff eines der Lichter und leuchtete dem
Ohnmchtigen ins Gesicht. Das Licht zitterte in ihrer Hand. Sie setzte es auf
die Erde nieder, knieete vor dem Frsten hin und senkte den Kopf auf ihre Brust
herab. Nur ein krampfhaftes inneres Schluchzen kndete den Kampf an, der in ihr
vorgehen mochte. Dann richtete sich ihr Haupt in die Hhe. Zwei groe Thrnen
standen in ihren Augen.
    - Er ist schn wie ehemals, als ich ihn in dem blhenden Thale Valencias zum
ersten Male sah. Ich kann ihn nicht tdten. Aber ewig soll er vor mir zittern.
    Sie drckte einen Ku auf die kalte, bleiche Stirn und erhob sich.
    Als der Frst die Augen aufschlug, war Ines verschwunden. Schon war er
versucht, das Ganze fr einen Traum zu halten, aber das Medaillon zu seinen
Fen und der Dolch, welcher neben seinem Herzen auf dem Boden lag, bewies ihm,
da er nicht getrumt hatte.

                                      VIII


- Die Tia bleibt lange - sagte Salvador, von Alicen sprechend. Er sa auf einer
Fubank nicht weit von Lydias gewhnlichem Platz, und hielt seine alte Zither im
Arm.
    - Wird Dir schon die Zeit lang, Kind? - fragte schwermthig lchelnd Lydia,
von ihrer Arbeit zu ihm niederblickend.
    - Ich bin kein Kind mehr, Donna - sagte mit zusammengezogenen Brauen der
Knabe - und habe keine Langeweile. Ihr wit recht gut, da ich am liebsten zu
Euren Fen sitze und Euch meine spanischen Lieder singe.
    - Nun, so spiel' und singe doch!
    - Nein - sagte Salvador kurz.
    - Warum nicht?
    - Weil's Euch traurig macht, und mich auch.
    - Nun, dann erzhle mir Etwas.
    - Gut, ich werde Euch Etwas erzhlen. - Salvador rckte seine Bank nher zu
Lydia heran und begann nach seiner Weise, wie er es frher bei seiner Mutter
gethan, zu erzhlen, von den duftigen Thlern und grnen Bergen seiner Heimath.
Voll kindlicher Einfalt blickte sein Auge zu Lydia empor, als she er in das
seiner Mutter. Und Lydia selbst fhlte sich wunderbar bewegt von dem Wesen des
Knaben. Seine Erzhlung bestand meist nur in einfachen Beschreibungen und
Erinnerungen aus seiner Kindheit, aber die eigenthmliche Mischung von Sanftheit
und Starrheit, von fast weiblicher Milde und mnnlichem Trotz, die in dem Ton
seiner Stimme und in dem Glanz seines groen schwarzen Auges lag, bte einen
Zauber auf das ideale Gemth Lydias aus, dem sie nicht widerstehen konnte. Ihre
Hnde sanken unthtig in den Schoo herab und ihr Auge senkte sich tief in das
des Knaben.
    Salvador hatte aus dem ihm angeborenen feinen Takt vermieden, viel von
seiner Mutter zu sprechen, obgleich, wenn er zufllig nur ihren Namen erwhnte,
sein Gesicht jedesmal hell aufleuchtete. Lydia war jene Zurckhaltung nicht
aufgefallen. Sie glaubte ihm eine Freude zu machen, wenn sie ihn bte, von ihr
zu erzhlen.
    - Du hast Deine Mutter wohl sehr lieb?
    Des Knaben Auge funkelte bei dieser Frage, aber er antwortete nicht.
    - Oder hast Du Deinen Vater lieber?
    Lydia sah an der Blsse, welche bei diesem Worte pltzlich Salvadors Gesicht
berzog, da sie eine unglckliche Frage gethan.
    - Ich habe keinen Vater gehabt - sagte finster der Knabe.
    - Du willst sagen: Du hast Deinen Vater nicht gekannt. Er ist so frh
gestorben, nicht wahr?
    - Nein, ich kenne ihn sehr wohl, und werde ihn nie vergessen.
    Lydia begriff dies Rthsel nicht, aber sie schwieg, weil sie sah, da dies
Gesprch den Knaben aufregte. Salvador lie seinen Kopf sinken und schien
eingeschlafen zu sein, denn er antwortete Lydia nicht, als sie ihn bat, ihr
etwas vom Tische zu reichen. Aber sie erstaunte, als sie den Knaben leise
schluchzen hrte.
    - Was fehlt Dir, Salvador? fragte sie besorgt, ihre Hand auf seinen Kopf
legend. Da warf sich der arme Junge, von dem Schmerz seines Schicksals
zerdrckt, zu ihren Fen, umklammerte ihre Kniee und brach in lautes Weinen
aus. Und Lydia, den Schmerz des Knaben ahnend und dadurch ihm sich verwandt
fhlend, hob ihn auf, legte seinen Kopf in ihren Schoo und weinte mit.
    Es ist bekannt, da nichts mehr trstet, als den Wiederschein unseres
Leidens in den Thrnen eines Leidensgenossen zu sehen. Alle mglichen
freundlichen Worte htte Lydia an Salvador verschwenden knnen, sie wrden nicht
vermocht haben, ihn zu trsten. Aber als er die erste Thrne in ihrem Auge sah,
wurde er ruhiger; zuletzt kam sogar eine solche Freudigkeit ber ihn, da er
Lydia zu trsten versuchte.
    - Jetzt mt Ihr nicht mehr weinen, Donna, sagte er schmeichelnd. - Und nun
will ich Euch auch von meiner Mutter erzhlen. Seht, als ich noch klein, recht
klein war, da nahm mich meine Mutter auf den Schoo und sagte zu mir: Salvador,
morgen wird Dein Vater kommen, da mut Du Dich recht sehr freuen und artig sein.
Ich klatschte in die Hnde und plapperte in einem fort: der Vater wird kommen,
der Vater wird kommen! bis er endlich da war. Das kam aber so. Am andern Morgen
ganz frh, ehe die Sonne aufging, nahm mich die Mutter aus dem Bett und zog mir
mein Festtagskleidchen von schwarzem Sammet an, schlang mir den spiegelblanken
Grtel von Stahl um den Leib und setzte mir ein Barett auf, an dem zwei
prchtige rothe Federn auf und ab wogten. Auch die Mutter war schn geputzt.
Dann nahm sie mich an der Hand und so wanderten wir den Bergen zu, von denen man
die Sonne ber dem weiten blauen Meer aufgehen sehen kann. Ich wurde mde, da
trug mich die gute Mutter bis zur Spitze des Berges hinauf, und wir setzten uns
nieder und schaueten in das Meer hinab. So saen wir eine lange Zeit, da sprang
die Mutter auf und rief: Salvador, Dein Vater kommt! Ich sah aber nichts. Da
hob mich die Mutter in die Hhe und zeigte nach dem Hohlwege, der zwischen den
groen Bergen durchfhrt. Da sah ich einen Reiter, der langsam um den Berg ritt.
Das ist Dein Vater, Salvador - sagte wieder die Mutter. Ihr Herz klopfte
ungestm, ich fhlte es pochen, als sie mich in den Armen hielt. So erwarteten
wir den Vater. Und als er den Berg herauf war und uns erblickte, sprang er vom
Pferde, eilte auf uns zu - breitete seine Arme aus und rief: Ines! Als die
Mutter diesen Namen hrte, sprang sie in die Hhe und fiel mit dem Ausruf:
Felix, mein Felix! dem Vater in die geffneten Arme.
    - Felix hie Dein Vater? - fragte Lydia, die sich an der kindlichen
Darstellung des Knaben ergtzte - das ist kein spanischer Name.
    - Mein Vater ist aus Eurem Lande, Donna, er ist ein Deutscher - erwiederte
Salvador und fuhr dann fort:
    Darauf nahm mich die Mutter bei der Hand und sagte: Dies ist Salvador,
unser Kind. Der Vater hob mich in die Hhe und sah mir lange in die Augen,
drckte mir einen Ku auf die Stirn und den Mund, setzte mich aufs Pferd, nahm
den Zgel in die Hand und so wanderten wir alle drei nach Hause.
    - Du hast ein gutes Gedchtni, Salvador, sagte Lydia.
    - Ich werde den Tag nie vergessen - erwiederte er traurig - es war der
letzte Tag, wo ich meine Mutter habe lachen sehen. Der Vater blieb zwar lange,
es mgen wohl Wochen gewesen sein, bei uns. Aber schon am folgenden Tage war die
Mutter nicht mehr heiter. Am dritten Tage sah ich sie weinen; aber sie klagte
nicht, wenn der Vater kam und zeigte immer ein freundliches Gesicht. Eines
Abends, als ich mich im Garten umhertummelte, hrte ich pltzlich die Stimme
meiner Mutter. Sie drang aus einer Laube her zu mir. Ich schlich mich nher.
Mein Vater sa auf einer Bank und spielte mit der Reitgerte. Die Mutter stand
vor ihm, ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, aber ihre Stimme war sehr zornig.
Endlich sank sie erschpft nieder. Mein Vater erhob sich, er war sehr bla und
versuchte sie aufzuheben - aber sie stie ihn von sich. Da lachte er laut und
eilte hinaus.
    Jetzt konnte ich mich nicht lnger verbergen, ich strzte aus meinem
Versteck hervor - warf mich bei der Mutter nieder und weinte mit ihr.
    Da brachte unser alter Diener der Mutter einen Brief. Hastig erbrach sie ihn
- aber schon im nchsten Augenblick entfiel er ihrer Hand. Endlich fhrte sie
mich in das Zimmer des Vaters, das leer war und sagte, mit trbem Lcheln sich
umschauend:
    Du hast keinen Vater mehr, Salvador.
    Dann warf sie sich auf das Knie und betete lange.
    Als sie sich wieder erhob, - glnzte ihr Auge wunderbar. Sie gebot mir
niederzuknieen und sagte darauf mit feierlicher Stimme:
    - Salvador, mein Knabe! Du hast es gehrt: Du hast keinen Vater mehr, Du
hast nie einen Vater gehabt. Weine nicht, mein Sohn. Wenn Du keinen Vater mehr
hast, so hast Du eine Mutter und die wird Dich nie verlassen. Er war ein
Verrther, ein Elender, der meine Liebe mit Fen trat. -
    Sie schwieg und ich weinte leise fort. Darauf wand sie diese rothe Schrpe
mir um den Leib, steckte einen Dolch in die Schrpe und fhrte mich zu dem
Kruzifix in der Ecke des Zimmers.
    Er hat mir den Himmel aus der Brust geraubt, Salvador, mir das Leben zur
Hlle gemacht. Willst Du mich rchen an dem Verrther?
    - Ich will es - antwortete ich fest. Meine Thrnen waren von dem eisigen
Hauch, der mich aus den Worten der Mutter anwehte, getrocknet.
    - Du wirst sein falsches Herz mit diesem Dolche durchbohren, Salvador.
    - Ich werde es thun.
    - Komm an meine Brust, mein Kind, schluchzte jetzt die Mutter, mich zu sich
hinaufziehend. - - Der Name des Verrthers wurde zwischen uns nie mehr genannt.
    Lydia hatte mit wachsender Spannung, die zuletzt in Angst berging, auf
Salvadors Erzhlung gehrt. Sie konnte den Rachedurst der Spanierin nicht
begreifen, welche ihr eigenes Kind zum Vatermrder erzogen hatte. Aber sie wagte
es nicht, ihre Ansicht hierber mitzutheilen, aus Furcht, sein Vertrauen zu
verlieren.
    
    - Und hast Du - sagte sie zgernd - Deinen Schwur gehalten?
    Der Knabe sah fragend zu ihr auf.
    - Lebt Dein Vater noch?
    - Er lebt noch - Donna! Ihr kennt ihn auch.
    - Ich?
    - Ja. Erinnert Ihr Euch noch des Abends in Wien, wo ich Euch zur Messe
begleitete? Als wir zurckkehrten nach Eurer Wohnung, da trat er Euch auf der
Schwelle entgegen.
    - Der Frst Lichninsky? - sagte berrascht Lydia.
    - Was ist Frst? - fragte gleichgltig Salvador.
    - Und warum hast Du ihn damals nicht getdtet? -
    - Es war noch nicht Zeit, hatte der Tio gesagt.
    - Der Tio? Wer ist das?
    - Das ist der Pater Angelikus.
    Lydias Ueberraschung war zum Entsetzen geworden. Der fromme Vater, dem sie
mit Hingebung sich berlassen, dessen Munde sie oft Worte der Liebe und
Verzeihung hatte entstrmen hren; er wute um den verbrecherischen Plan des
Knaben, untersttzte ihn vielleicht gar? Ihr schwindelte vor diesem Gedanken. Da
durchzuckte eine Idee ihre Brust, die sie pltzlich mit neuer Hoffnung belebte.
    - Mein Salvador - sagte sie mit dem weichsten Tone ihrer lieblichen Stimme -
nicht wahr, Du hast mich lieb? mein Kind.
    - Ja - sagte der Knabe mit Ungestm, und ein Strahl blitzte aus seinen
Augen, vor dem Lydia errthend das ihrige senkte - ich habe Euch am liebsten auf
der Welt; aber ich bin kein Kind.
    - Nun, wenn Du mich lieb hast - fuhr Lydia, seinen Lockenkopf streichelnd,
fort - so mut Du das nicht thun.
    - Was nicht thun?
    - Deinen Vater tdten. -
    - Ich habe keinen Vater.
    - Salvador, versprich mir, ihn nicht zu tdten - bat Lydia fast flehend in
unschuldiger Koketterie ihre Hand auf seine brennende Stirn legend, denn sie
fhlte, da sie eine Macht ber ihn besa - die sie zum guten Zweck anwenden
wollte. Des Knaben Brust arbeitete unter dem doppelten Einflu zweier einander
widerstrebender Gewalten. Lydia's Stimme tnte so s in seinem Herzen, da er
fast nicht mehr widerstehen konnte. - - Da dachte er an den Schmerz seiner
Mutter. Ihr herzzerreiendes Geschrei bei dem Abschiede von dem Verrther
klang in seinen Ohren, durchdringend wie ehemals - er ri sich mit Ungestm von
Lydia los und sagte, mit flammenden Augen vor sie hintretend:
    - Nein! Nein! Nein! Ich will Euch hassen, Donna, wenn Ihr das von mir
verlangt, und wenn Ihr mich verrathet, werde ich Euch ermorden.
    Aber schon im nchsten Augenblick lag er zu ihren Fen und bat um
Verzeihung.
    Lydia war durch die ganze Scene in eine fieberhafte Aufregung versetzt. Sie
beugte sich zu dem Knaben nieder und suchte ihn zu beruhigen; aber selbst im
Innersten bewegt, trug ihre Bemhung wenig zur Besnftigung der im Knaben
erregten Leidenschaft bei. Der Schmerz im Andenken an die Qual seiner Mutter
vermischte sich mit der Wonne, von Lydias Armen umschlungen zu sein, ohne da er
sich der Ursache klar wurde. Durch die Thrnen, welche reichlich ber seine
Wangen strmten, glnzte die sdliche Glut einer knospenden Liebe zu dem schnen
Mdchen, das er umschlungen hielt, hindurch. Mit bermchtiger Gewalt zog es ihn
hinauf an ihre Brust; Lydia vermochte, sich in dem Gefhl Salvadors tuschend,
nicht zu widerstehen. Im nchsten Augenblicke prete sich sein glhender Mund
auf den ihrigen, ihre Thrnen vermischten sich, ihre Herzen schlugen strmisch
einander entgegen. Beschmt ber ihre Schwche, und die ihr selbst unerklrliche
Hingabe an den Knaben - kte sie sanft seinen Arm und sagte mit zitternder
Stimme:
    - Nicht wahr, Salvador, Du wirst ihn nicht tdten?
    Als htte ihn eine Natter gestochen, so sprang der Knabe empor.
    - Sprich nicht davon, bei allen Heiligen, ich bitte Dich - sagte er dster -
soll ich den Fluch meiner Mutter auf mich laden? Nein, es darf nicht sein.
    Lydia seufzte. - So werde ich Dich nicht mehr lieb haben, Salvador. - -
    Der Knabe blickte sie wild an. Dann setzte er sich wieder auf seine Fubank
und begann ein altes spanisches Lied zu singen, als Alice mit glhenden Wangen
und fliegendem Athem ins Zimmer trat. - - -

                                       IX


Am Morgen des 18. Mrz schien es, als ob pltzlich aller Zwist, der seine
blutige Geiel die ganze Woche hindurch ber die Hauptstadt geschwungen hatte,
verschwunden, und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialitt und
Leichtfertigkeit wiedergefunden htte. Man sah nur freudig daherwandelnde
Gruppen und heitere Spaziergnger. Alles deutete darauf hin, da der Hader
beseitigt und das alte Verhltni philistrser Anhnglichkeit des Volkes zum
Knige wiedergekehrt sei. Die Brgerwehr sollte errichtet werden. Die Menge
strmte nach dem Zeughause, wo der nachherige Minister von Schreckenstein in
hchsteigener Person die Vertheilung der Waffen vornehmen lie. Alles war
zufrieden. Man hatte so schnell seinen Groll vergessen, da man sogar der
angebornen Spottlust ber die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf lie.
    Dennoch htte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren
Harmlosigkeit des Volks eine groe Vernderung wahrgenommen. Man witzelte,
lachte, flanirte umher, wie vor zehn Tagen, aber die Witzeleien hatten eine
politische Pointe, das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegsgewissen Kmpfers,
wie ein Ei dem Andern, und in dem schlendernden Gange der Spaziergnger lag eine
Nonchalance, welche weniger das Geprge eines absichtslosen Sich-Gehen-Lassens
als einer bermthigen Nichtbercksichtigung der Form trug, welche aus einem
Gefhl der Nichtachtung des Gegners entspringt.
    Das Volk hatte offenbar das Bewutsein, einen ersten Sieg errungen zu haben,
und in diesem Bewutsein die ahnungsreiche Hoffnung, da dieser erste Sieg nicht
der Letzte sein werde.
    Smmtliches Militr war theils in den Kasernen, theils im Schlosse
consignirt. Der Knig hatte, durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt, am
meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Consequenzen erschreckt, ein
anderes System eingeschlagen. Man versuchte es, das Volk sich selbst zu
berlassen, um zu sehen, ob der angeschwollne Strom von selbst zu dem
gewhnlichen Niveau herabsinken werde. So wogte denn heute die Menge wie ein
Meer nach dem Sturme auf und ab.
    Gegen Mittag hie es pltzlich, der Knig werde um 2 Uhr vom Balkon des
Schlosses herab dem Volke eine Constitution ertheilen und das gesammte
Ministerium entlassen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gercht durch
die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schloplatze in Bewegung.
    Auch Alice, welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurckkehrte,
berredete ihn, sich mit ihr der Menge anzuschlieen. Bald waren sie denn auch
dem Schlosse gegenber fest eingekeilt. In diesem Moment erschien der Knig,
sprach zu dem versammelten Volke einige Worte, von denen aber nicht einmal der
Ton zu unsern beiden Freunden herabdrang, und entfernte sich dann wieder. Ein
vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in
mchtigen Echos an den grauen Wnden des altehrwrdigen Gebudes.
    Abermals begann die Menge, sich in Bewegung zu setzen. Der Prinz gelangte
mit Alicen glcklich zum Hauptportal. Doch bald wurde hier das Gedrnge am
strksten. Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmnner mit
weien Binden um den Armen eingenommen. Hinter ihnen standen die Garden, deren
Bajonette ber die Kpfe ihrer Vordermnner hervorragten.
    Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein
erklrlicher Enthusiasmus bemchtigt. Alle Schranken zwischen ihm und dem Knige
sollten jetzt fallen. -
    Soldaten heraus! tnte eine Stimme. Das war das Wort, das den Zauber lste
und das Volk zum Bewutsein brachte, was es eigentlich wollte. Preuen war ein
Polizeistaat, noch mehr aber ein Militrstaat. Das fhlte in diesem Augenblicke
die Menge, als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgeshnten Knige durch die
Bajonette der Gardisten ein Zgel angelegt wurde.
    Soldaten heraus! - schallte es jetzt aus tausend Kehlen. Man drngte nach
dem Portale zu. Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durch
einander. Da hrte man pltzlich den dumpfen Schall der Trommel. Infanterie
rckte von der Schlofreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge
um. In einem Augenblicke war der Schloplatz durch Militr, welches von der Ecke
der Breitenstrae bis nach dem Schlogarten mit der Front nach der
Kurfrstenbrcke aufgestellt war, in zwei groe Hlften getheilt. Noch als der
uerste rechte Flgel den Bogen beschrieb, um seine Stellung einzunehmen,
sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonette
auf die Spatziergnger ein, welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den
Fiscatischen Laden stillstanden, um von fern dem Treiben am Schloportale
zuzuschauen.
    Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt, sie war von der Seite des
Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militr getrennt. Sie sah, wie die
Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und pltzlich - ob durch Zufall
oder Absicht, konnte sie nicht entscheiden - sich ihrer Gewehre entluden. - -
    Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Todtenstille ein. Im
nchsten tobte der Ruf: Rache, Rache! das ist Verrath! - durch die Menge; die
Friedensmnner rissen die weien Binden von dem Arme und traten sie mit Fen.
Vor einem Augenblicke allgemeiner Jubel, Enthusiasmus ohne Gleichen - im
nchsten das Wuthgeschrei betrogenen Vertrauens. -
    Alice dachte in diesem Moment an die Worte, welche sie zu Herrn v. M.
gesagt:
    Ein kluger Mann versucht nicht eher zu vermitteln, als bis die Vermittelung
unmglich geworden.
    - Sollte er nicht diesen Augenblick als den richtigen erkannt haben, um auf
dem Schauplatze zu erscheinen - dachte sie bei sich und ihr Blick richtete sich
unwillkhrlich nach der Kurfrstenbrcke. Sie hatte sich nicht getuscht. Herr
v. M., umgeben von der aufgeregten Menge, mehr getragen als gehend, nahte sich
dem Schlosse. Sie eilte ihm entgegen und setzte ihn mit wenigen ruhigen Worten
die Lage der Dinge auseinander.
    Er begab sich sogleich zum Knige hinauf. - - - -
    Es war zu spt - - - -
    Der General von Mllendorf hatte die Kurfrstenbrcke occupirt, und sah sich
von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist-und
Knigsstrae an. Alle Vermittlungsvorschlge wurden zurckgewiesen. Eine weie
Fahne, welche vom Schlosse herabgebracht wurde, und auf der mit groen
Buchstaben zu lesen war:

                Ein Miverstndni! Der Knig will das Beste!

    mute unter dem Hohngelchter des Volks zurckgebracht werden.
    Die Entscheidungsstunde schlug. Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300
Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlnde schleuderten Tod und Verderben unter
die wackern Kmpfer, welche hinter ihnen standen. - - - -
    Alice eilte nach Hause, um sich in ihre Mnnerkleidung zu werfen.
Unmittelbar nach der oben geschilderten Scene zwischen Lydia und Salvador trat
sie ins Zimmer. Ein Blick auf Lydia, welche ihre Verwirrung nicht zu verbergen
vermochte, belehrte sie, da Etwas in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein mute,
das zu ergrnden sie auf eine gelegenere Zeit verschieben mute.
    - Mach Dich doch zurecht, mir zu folgen, Salvador - gebot sie. - Du, Lydia,
schliee die Thr und gewhre Niemandem, wer es auch sein mag, Einla. - - -
    Hrt Ihr den Kanonendonner? Ha, der Tanz hat schon begonnen, und ich bin
noch immer nicht im Festkleide, um daran Theil nehmen zu knnen.
    - Um Gotteswillen, was willst Du thun, Alice? - fragte Lydia voller Angst.
    - Salvador, meine Pistolen! Sind sie geladen?
    - Ja.
    - Gut. Jetzt wirf mir den Mantel ber. Beunruhige Dich nicht, Lydia. Was wir
in Wien versumt haben, holen wir hier nach - sagte lachenden Mundes Alice,
indem ihr Herz ungestm pochte. - Die Revolution bricht los, mein Kind.
    - Revolution? - jammerte hnderingend Lydia. - Und Du willst hinaus in den
Kampf. O, ich beschwre Dich, Alice, bleib! Was soll ich anfangen ohne Dich. Ich
ngstige mich hier zu Tode.
    - Du bist eine Nrrin, meine Lydia. Aber Du hast recht. Allein darfst Du
nicht bleiben. Ich werde Salvador zurcklassen.
    Salvador wute nicht, ob er sich darber freuen oder betrben solle. Er
legte schweigend seine rothe Schrpe ab, setzte sich wieder auf die Bank und
nahm in scheinbarer Gleichgltigkeit seine Zither zur Hand.
    Diese bei Salvador unerklrliche Folgsamkeit, noch mehr aber die dunkle
Rthe, welche urpltzlich Lydias Wangen berzog, machte Alice stutzig. Sie
blickte auf Beide mit unverhehltem Erstaunen herab. Im nchsten Augenblicke
jedoch lachte sie ber ihre Vermuthung, hllte sich tiefer in ihren Mantel und
eilte leichten Schrittes die Treppe hinab.
    Sie schritt rasch ber den Opernplatz und den Lustgarten nach der
Friedrichsbrcke zu, zuweilen mitten durch das Militair hindurch, das ja den
Unbewaffneten passiren lie. Die Friedrichsbrcke, sowie die Herkulesbrcke
waren bereits verbarrikadirt, die erste von Studenten, die zweite von Arbeitern
vertheidigt. Als sie die Barrikaden berstieg, wurde sie sogleich umringt.
    - Sie sollen uns anfhren - hie es.
    - Ich danke Euch, Freunde, das kann ich nicht annehmen. Aber wer kommt mit
nach der Neuen Wache?
    Bald hatte sich eine zahlreiche Schaar um sie versammelt, welche von Schritt
zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lavine anwuchs. Die Neue Wache liegt am
Neuen Markt. Unterwegs fragte sie nach Ralph. Aber Niemand hatte ihn gesehen.
    Als sie bei der Neuen Wache anlangten, war das in der Nhe befindliche
Militair, etwa 25 Mann stark, unter's Gewehr getreten und entschlossen, seinen
Posten zu vertheidigen. Alicens Schaar mochte etwa einige 50 junge Leute
betragen, aber nur 5 davon, darunter Alice selber, waren bewaffnet, die meisten
hielten nur Stcke in den Hnden, die Uebrigen waren vllig waffenlos. Alice
stellte ihre Leute auf und fragte sie, ob sie entschlossen wren, ihr zu folgen.
    - Bis in die Hlle - scholl es ihr entgegen.
    - So kommt! Im gemessenen Schritt rckten sie auf die Soldaten an. Der
Unterofficier, welcher sie befehligte, commandirte: Fertig! Die Hhne
knackten. Da rief ihnen Alice, welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten
entfernt stand, zu: Ein Schurke, wer auf seine Brder schiet. Wer die Waffen
niederlegt, kann frei abziehen. Entschliet Euch!
    Zugleich lie sie ihre Schaar einen weiten Halbkreis um die Soldaten
schlieen. Die Soldaten schwankten. Auf einen Wink von ihr sprangen die die
Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke. So von
drei Seiten zugleich angegriffen, wagte der Unterofficier nicht mehr Feuer zu
kommandiren - und die Soldaten streckten ihre Gewehre. Es wurde ihnen
versprochener Maen freier Abzug gewhrt und in wenigen Minuten war die Wache
vom Keller bis zu den Bodenrumen hinauf demolirt. Die Bnke, Tische, Sthle,
Tonnen und sonstiges Holzgerth wurde aus dem Fenster geworfen, als brauchbares
Barrikadenmaterial. Der beste Fund aber bestand in 200 Sbeln, welche in
mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden. Schnell waren sie vertheilt.
    Alice eilte nun der Knigsstrae zu. Auch hier wute man nichts von Ralph.
    - Schrecklich wr's, se er noch in seiner Zelle - dachte sie bei sich -
doch das ist ja nicht mglich. Steiger hat mir ja versprochen, ihn zu befreien.
Sie schritt weiter ber den Mhlendamm nach dem Petriplatze zu. - Da endlich sah
sie Ralph im frchterlichsten Karttschenhagel ruhig auf der Barrikade stehen.
    Einen Freuderuf ausstoend, sprang sie auf ihn zu. - -

                                       X


In einer kleinen, feuchten, dunklen Zelle der Hausvogtei mit der Aussicht auf
ein Stck blauen Himmels, das durch die querlaufenden Eisenstbe des zwei Fu im
Gevierte messenden Fensters in viele kleine Carrees zerschnitten wurde, sa
auf seiner Pritsche der arme Ralph. Sein Kopf sttzte sich auf die linke Hand,
als vermchte er den Schmerz um den Verlust der Freiheit - des einzigen und
daher kostbarsten Gutes des Arbeiters - nicht mehr zu ertragen. Dennoch klagte
er nicht, er seufzte nicht einmal - im Gegentheil, er war glcklich in diesem
Augenblicke - denn er trumte. Er trumte von seiner Schwester, von seinem
Vater, von seinen kleinen Brdern und - - - - Da wurde er pltzlich durch ein
verworrenes Gerusch, das vom Hausvoigteiplatz her ber die Dcher
hinberschallte, aus seinem schnsten Traume gerissen. Er blickte verstrt
empor. Aber er sah nichts, als das carrirte Stck Himmel, und selbst dies nicht
einmal, da dieser von dstern Wolken bedeckt war. Er lchelte trbe vor sich
hin, denn er glaubte, jenes Getse sei auch nur in seinem Traume vorhanden
gewesen, und wollte seine Stirn herabsenkend wieder forttrumen, da - ha, das
war kein Traum mehr - ein Schu war gefallen. - Horch! ein zweiter, dritter
folgte - - eine volle Gewehrsalve. Mit einem Satz stand er mitten in seiner
Zelle, ein zweiter schnellte ihn zu dem kleinen Gitterfenster empor. Aber er sah
nur in den Gefangenhof hinab.
    Der Wachtposten bemerkte ihn und legte sein Gewehr auf ihn an.
    Er lie sich wieder auf den Boden seiner Zelle nieder und horchte. Angst und
Hoffnung fhrten einen verzweiflungsvollen Kampf in seiner Brust. - Aber er
hrte nichts mehr. Kein Laut drang mehr zu ihm, als der eintnige Schritt des
Postens auf dem Pflaster des Hofes. -
    Da duchte es ihm, als ob ein leiser aber schneller Schritt den Corridor, an
dem seine Zelle lag, herabeilte. Das war nicht des Gefangenwrters schwerer und
schleppender Gang. Wer mochte es also sein? Immer nher und nher kamen die
Schritte, jetzt waren sie an seiner Zelle. - Der Nahende stand still. Gleich
darauf hrte Ralph, wie leise ein Schlssel in das Schlo seiner Zellenthr
geschoben wurde. - Eine ungewohnte Bewegung, von der er selbst nicht wute, ob
er sie der Furcht oder der Hoffnung zuschreiben sollte, bemeisterte sich seiner;
es war ihm, als werde ihm irgend etwas Unerwartetes, Gewaltiges, Ungeheueres
entgegentreten, sobald die Thre sich ffne.
    Die Thre ffnete sich, das Ungeheuere aber, welches die aufgeregte
Phantasie Ralphs vermuthete, war die Vollendung seines vorhin unterbrochenen
Traumes: Alice.
    Ralph konnte einen Ausruf des freudigsten Erstaunens nicht zurckhalten.
Alice legte den Finger auf den Mund. Seine Knie schlotterten, whrend er, die
Hnde ber die Brust gefaltet, Alicen anschaute. Auch diese konnte ihre Bewegung
nicht zurckhalten, als sie ihn abgezehrt vor Schmerz und Entbehrung vor sich
erblickte.
    - So sehen wir uns wieder, guter Ralph! - sagte sie nach einer Pause. - Nur
getrost, die Stunde der Erlsung wird bald schlagen.
    Ralph drckte ihre Hand an die Lippen und sagte: O, das ist's nicht, was
mich qult, da ich hier bin. Aber man hat gesagt, ich htte gestohlen; - -
sehen Sie, das ertrage ich nicht. Und mein Vater?
    - Sie wissen es schon?
    - Was?
    - Da auch er im Gefngni ist.
    Ralph lachte bitter. - Nur immer zu, es wird ja wohl auch fr uns die Stunde
kommen, wo wir mit Euch rechnen knnen, ihr Blutsauger. - - Er streckte drohend
die Hand empor. - Und wo ist Anna? Ist sie auch eingesteckt, nicht? -
    - Nein, sie ist bei mir.
    - Gott sei Dank.
    - Sagen Sie, Ralph, halten Sie den Gilbert fr einen ehrlichen Menschen?
    - Ein Schuft ist er, ich hab's immer gesagt.
    - Haben Sie Beweise?
    - Nein, aber bin ich erst frei, so kann ich welche schaffen.
    - Gut, Sie sollen morgen frei sein. Haben Sie das Schieen gehrt? Das
dauert nun so bereits die ganze Woche hindurch. Am vorigen Sonnabend, nach der
Volksversammlung, da fing es an. Die Soldaten haben eingehauen, das Volk ist
furchtbar erbittert. Montag ist der erste Schu gefallen und der erste aus dem
Volke Gemordete begraben worden. Vorgestern und gestern hat's auf dem Opernplatz
wieder Todte gesetzt. Wie es heute werden wird, wei ich noch nicht. - Morgen
aber wird das Maa voll sein.
    Ralph, - Morgen ist der 18. Mrz, vergessen Sie, wenn Sie frei sind, nicht,
da Sie ein Achtzehner sind. Hier haben Sie ein gutes Messer, Sie werden's
brauchen knnen, und hier ein paar Doppelterzerole; sie sind geladen; gebrauchen
Sie die Waffen nicht zu frh; nicht eher, als bis Sie kein Schlo mehr vor sich
haben. Und nun leben Sie wohl - bis man kommen wird, Sie hier heraus zu holen.
    Sie reichte ihm die Hand - und war im nchsten Augenblicke verschwunden.
    Ralph war's, als ob er diesmal wirklich getrumt. Als er aber den
schleppenden Gang des Wrters hrte - es war die Stunde, wo er sein Abendbrod
erhielt, steckte er schnell die Sachen in das Bettstroh, legte sich auf's Bett
und erwartete den Kerkermeister.
    Dieser, ein alter, schon gebrechlicher Mann, trat, in der einen Hand einen
Topf und in der andern ein Stck Brod haltend, ein, setzte beides auf den neben
dem Bette stehenden Stuhl und entfernte sich wieder, ohne, wie es schien, von
dem geheimnivollen Besuche Alicens eine Ahnung zu haben.
    So war Ralph wieder allein.
    Die Mittheilungen Alicens hatten seine Spannung auf's Hchste gesteigert. Er
berhrte sein Abendbrod kaum, obschon ihn hungerte. Von Zeit zu Zeit zog er sein
Messer aus dem Stroh hervor und prfte die Spitze der Klinge. Besonders aber
freuete er sich ber die Terzerolen, welche von ausgezeichneter Arbeit waren.
    Es wurde Abend und er war ohne Licht. Aber der Vollmond schien mit
herrlicher Klarheit durch das Gitterfenster. Ralph sa auf seinem Bette und lie
die Stunden an sich vorberkriechen. Er dachte an Vielerlei, an seine freudlose
Jugend, an die traurigen Znkereien zwischen seinen Eltern, denen er seit seiner
frhesten Kindheit als Zeuge beigewohnt. Aber er dachte auch an seine gute Anna,
an seine Spiele mit ihr, als sie noch klein war, an die mannigfachen
Entbehrungen, die sie sich selbst auflegten, um einander eine verstohlene Freude
zu bereiten - er dachte auch an Alice - und wie ein Nebelbild, wenn pltzlich
die Sonne hinter den Wolken hervorbricht, so zerflo die Vergangenheit vor
seinem innern Blick bei diesem Namen und er dachte nur an die Gegenwart und an
die nchste Zukunft - die nchste Zukunft aber war morgen. Sein Athem flog, wenn
er an morgen dachte - sein Herz zitterte vor innerer Bewegung. Es war ihm
zuweilen, als solle morgen sein Geburtstag gefeiert werden, so kindlich war
seine Freude, wenn er sich erinnerte, da morgen der 18. Mrz, und er ja selbst
auch ein Achtzehner war. Dann pltzlich kam es wieder ber ihn, wie die
Drommete eines jngsten Gerichts, deren Schall die Welt in Trmmer strzt. Und
er sah sich selbst auf diesen Trmmern stehen, eine Fahne hoch in der Rechten
schwingend und seine Kampfgenossen rufend zum Siegsgesang. Aber er war allein,
seine Genossen waren gefallen bis auf ihn. Da senkte er traurig seine Fahne auf
die Gefallenen, knieete an ihren Leibern nieder und - betete. Als er aber so da
lag auf seinen Knieen, siehe, da kam pltzlich der alte bse Feind, der seine
Brder getdtet, warf ihm eine Schlinge um den Hals und schleppte ihn wieder
zurck in sein Gefngni.
    Ralph erwachte aus seinem Traume und blickte auf. Der Mond schien nicht mehr
durch das Gitterfenster, aber die Dmmerung brach bereits an. Jetzt, als der Tag
kam, als die Stunde der Erlsung nher rckte, sprang er auf und ging mit
unruhigen Schritten in seiner Zelle auf und nieder. Jedes Gerusch trieb ihm das
Blut in das Gesicht; das Sbelklirren des Wachtpostens auf dem Hofe dnkte ihm
wie das Rasseln des Schlsselbundes seines Gefangenwrters, welcher komme, die
Thr ihm zu ffnen.
    Vergebens. Eine Stunde verflo nach der Andern - er hrte die Thurmuhr von
der Werderschen Kirche jede verflossene Viertelstunde anzeigen - Niemand
erschien, um ihn zu erlsen. -
    Horch - endlich hrte er Jemanden den Corridor entlang kommen. Rasch steckte
er das Messer in den Grtel, den er unmittelbar auf dem Leibe trug, auf die
Gefahr hin, sich bei der geringsten raschen Bewegung zu verwunden; die Pistolen
wanderten in die langen Stiefelschfte. So erwartete er den Nahenden.
    Wiederum getuscht! - Es war der Wrter, der ihm sein Mittagbrod brachte.
Schon war er im Begriff, von seinem Messer gegen den Alten Gebrauch zu machen
und zu fliehen. Aber er dachte an seinen Vater, der ungefhr in demselben Alter
war - und lie die Hand wieder sinken. -
    Die Thr war wieder verschlossen. Ralph war in dsteres Brten versunken, er
hatte die Hoffnung fast aufgegeben - -
    Von der Werderkirche herab tnten die Schlge der Uhr; es war die dritte
Nachmittagsstunde - - da drhnten die in ihren Fugen durch die Zeit gelockerten
Scheiben des Gitterfensters von einem dumpfen Donnerschlage - Ralph blickte in
die Hhe, der Himmel war vollkommen heiter - - Als er noch mit der Aufklrung
dieses sonderbaren Phnomens beschftigt war, hrte er endlich die ersehnten
Schritte auf dem Corridor, welche sich eilig seiner Zelle nahten.
    Da tauchte die Vermuthung der Wahrheit in ihm auf. - Es war der Donner des
groben Geschtzes gewesen, was er gehrt hatte.
    - Versuche von Innen, das Schlo zu sprengen - tnte eine wohlbekannte
Stimme durch's Schlsselloch. - Wir haben keinen Schlssel und der alte Satan -
dein Wrter' hat sich, wer wei wo - verkrochen.
    - Es geht nicht - rief Ralph in Verzweiflung zurck, als er sah, da die
stark mit Eisen beschlagene Thr seiner gewaltigsten Anstrengungen spottete -
ich habe keine Werkzeuge.
    - Verdammt - flsterte dieselbe Stimme - lauf, Junge, und sieh, da Du eine
Brechstange bekommst. -
    Diese Aufforderung war an eine zweite Person drauen gerichtet, welche sich
entfernte, aber bald mit der trostlosen Nachricht zurckkehrte, da der Ausgang
von den Wachtposten besetzt sei.
    Dann mssen's wir fr jetzt aufgeben, sonst werden wir alle drei gefat. Wir
kommen wieder, mein Junge - erscholl es abermals durch's Schlsselloch - eine
kleine halbe Stunde nur und dann bist Du frei.
    Ralph wartete. Die halbe Stunde war lngst vorber. Er hrte es 4 und 5 Uhr
schlagen. Niemand kam. Das Gebude war still wie ein Grab, aber drauen
donnerten die Kanonen, knatterten die Pelotonfeuersalven herber. Nicht hundert
Schritte von ihm mute der Kampf entbrannt sein, denn er hrte zwischen den
Salven den Hurrahruf der Kmpfenden und das Gerchel der Sterbenden.
    Seine Angst fhrte ihn an die Grenze des Wahnsinns.... Gefangen, whrend man
drauen fr die Freiheit kmpfte.... Er sa am Boden und weinte wie ein Kind.
    Da durchblitzte pltzlich ein Gedanke seine Seele. - - Freudig sprang er
empor. Er zog die beiden Terzerole hervor und setzte Zndhtchen auf alle vier
Pistons. Dann kletterte er noch einmal nach dem Fenster in die Hhe und schaute
auf den Hof hinab. Er hatte richtig vermuthet: der Wachtposten war verschwunden.
Er sprang herab, setzte den einen Lauf fest aus Schlsselloch der Thr, trat zur
Seite und drckte ab. Der Knall war heftiger, als er geglaubt hatte, doch da die
Bewohner des Hauses ihre Aufmerksamkeit nach dem Gefecht drauen gerichtet, so
war der Knall von Niemandem bemerkt worden. Das Schlo aber war so stark
beschdigt, da Ralph es mit einer geringen Kraftanwendung vollends herab-und
die Thre aufri. Behutsam schlich er den Corridor hinab und ffnete die erste
beste Thr eines Zimmers, dessen Fenster nach dem Hausvoigteiplatze gingen.
Dort, wo die Oberwallstrae an den Hausvoigteiplatz mndet, erblickte er eine
Barrikade. Diese aber war von Soldaten besetzt. Links am Eingange der
Jerusalemerstrae und Rosenstrae war ebenfalls eine Barrikade, ungleich hher
als die erstere. Auf ihr sah er die schwarz-roth-goldne Fahne aufgepflanzt -
dort waren seine Freunde. Mit einem Satz war er auf der Strae. Eine Salve aus
der Oberwallstrae donnerte hinter ihm her. Die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf,
aber unversehrt gelangte er zu seinen Freunden. Der alte Steiger und Hartwig -
dieselben, welche seine Flucht zu untersttzen versucht hatten - empfingen ihn
mit lautem Jubel. Sein erster Schu streckte einen Infanterie-Lieutenant zu
Boden. Eine Stunde mochte vergangen sein, whrend welcher das Feuer keinen
Augenblick aufgehrt hatte, da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen.
    - Was giebt's? - fragte dieser, das von Pulver geschwrzte Gesicht mit dem
Rockrmel abwischend. - Sucht man uns in den Rcken zu fallen?
    - Nein, die Mohrenstrae hlt sich gut. Aber nach der Barrikade der
Breiten-Strae mu Verstrkung. Die Gefahr soll dort gro sein.
    - Ich werde hingehen. Es sind Eurer hier genug.
    - Ich begleite Dich, sagte Hartwig, der dazu getreten war und die letzten
Worte gehrt hatte.
    - Gut; so komm!
    - Mit Gott, Kinder! - sagte der alte Steiger, ihnen die Hnde schttelnd -
Du, Hartwig, mein Junge, gieb mir noch 'mal die Hand. Der Donner soll drein
schlagen, wenn ich wei, warum es mir immer so ist, als wenn - na, dummes Zeug,
auf Wiedersehen, Jungens.
    Er sah ihnen nach, bis sie um die Ecke des Dnhofsplatzes verschwunden
waren. Dann fuhr er sich mit der verkehrten Hand ber's Gesicht und lud sein
Gewehr von Neuem.
    An der Breitenstrae vom Petriplatz angekommen, meldeten sich die beiden
Freunde sogleich beim Anfhrer der Barrikade, welche, aus Tonnen, Wagen,
Trottoirsteinen und allen mglichen Mbeln fast 20 Fu aufgebaut, ein Kunstwerk
eigener Art darstellte. Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Strae war
das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in groen
Pyramiden aufgehuft.
    Die Dcher waren abgedeckt, um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden.
Aus allen Fenstern richteten sich drohende Lufe auf die Artilleristen, welche
die beiden Zwlfpfnder bedienten, und auf die Abtheilung Infanterie, welche
unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte.
    Das D'Heureussche Haus, dessen Front die Breitenstrae begrenzt, war schon
dicht mit Karttschenkugeln beset.
    Hinter der Barrikade war, umgeben von Steinpyramiden, eine tiefe Grube
aufgeworfen. Darin saen die Frauen und Kinder, welche ber Kohlenfeuer Kugeln
gossen, die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden. Andere brachten Blei
von Fenstern, Stcken Eisen, kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf
hineingepfropft werden konnte, herbei. - Es war ein Getreibe, da es schien, als
ob die grte Unordnung herrsche; und doch stie keiner den Andern. Der Geist
der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung. Die Kanonen
donnerten, die Gewehrsalven krachten, die Steine flogen, die Verwundeten
chzten, dazwischen tnten die Commandoworte und jubelten die Kmpfer einander
zu. Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten, den Kolben seines Gewehrs
zwischen den Fen, die Hand auf den Lauf gesttzt, und schauete - auf Munition
wartend - ernst in das Kampfgewhl hinein.
    - Was sinnst Du, Kamerad? - sagte neben ihm eine weiche Stimme. Er wandte
sich um. Alice stand vor ihm, vollstndig mit Bchse und Sbel bewaffnet.
    - Ums Himmelswillen, was machen Sie hier. Kommen Sie, ich will sie an einen
sichern Ort bringen.
    - Bah, denkst Du ich bin eine Memme, wenn ich auch ein Weib bin? Nenne mich
Du, denn hier sind wir Alle Kameraden. -
    - Hast Du Gilbert gesehen? - fragte Ralph, vor der Gluth in den Blicken
Alicens die Augen senkend.
    - Nein.
    - So will ich ihn Dir zeigen. Er stieg die Barrikade hinan. Alice folgte
ihm. - Siehst Du dort den Jgerlieutenant, welcher mit dem Commandeur der
Musketiere spricht. Das ist er. Bedarfst Du noch weiterer Beweise fr seinen
Verrath?
    - Ich bin zufrieden.
    In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zndloche der Kanone.
Ralph ri Alicen herab. Die Karttschen whlten in dem Holzwerk der Barrikade,
die Splitter flogen umher. Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren. Er
blickte nach Hartwig, aber er sah ihn nicht mehr. Eine Kugel hatte ihm den Kopf
zerschmettert. -

                                       XI


Als der Prinz A. in dem Moment, als er von Alicen getrennt wurde, das Militr
anrcken und den Platz besetzen sah, bemchtigte sich seiner eine tiefe
Bestrzung. Er konnte diese Maregel in diesem Augenblicke - der
enthusiastischen Freudigkeit der Menge gegenber - nicht begreifen. Er eilte um
das Schlo herum, um von jener Seite den Versuch zu machen, zu dem Knig zu
dringen und ihm den Stand der Dinge wahrheitsgetreu zu schildern. Aber wie
erstaunte er, als er, nach dem Lustgarten eilend, auch hier dasselbe Schauspiel
fand, nur da es nicht Musketiere waren, die mit geflltem Bajonette in das
wehrlose Volk eindrangen, sondern Krassiere, welche ihren Pferden die Sporen
einsetzend mit geschwungenem Sbel wie Rasende um sich hieben. - Die Verwirrung
und das Geschrei war sinnebetubend. -
    Der Prinz starrte sprachlos auf das Gemetzel; dieser pltzliche Umschwung
der Dinge berstieg seine Fassung. Da dmmerte ein furchtbarer Gedanke in ihm
empor. Es schien ihm, als habe er jetzt einen schrecklichen Zusammenhang
gefunden.
    - Das ist Verrtherei! murmelte er, und blickte, vor seiner eigenen Ahnung
erbleichend, mit trostlosem Blicke zum Schlosse empor. Doch hier galt es zu
handeln. Sein Inkognito aufgebend, gelangte er leicht in das Innere des
Schlosses. Rasch strmte er die Wendeltreppe empor, eilte den Corridor hinab in
die Vorzimmer des Knigs. Eine Menge Deputationen hatten sich bereits
versammelt. Auch Herrn v. M. erblickte er unter ihnen.
    - Ich komme so eben vom Knige - sagte dieser, ihn auf die Seite ziehend. -
Es ist Alles vergeblich. Auch Sie werden Nichts ausrichten. Der Knig ist durch
einen mchtigen Einflu in seinen besten Entschlssen schwankend geworden.
    - Wer ist bei ihm?
    - Der Prinz von Preuen, die Knigin, der Prinz Karl und einige Minister.
    - Welche Minister?
    - Bodelschwingh, Thiele und -
    - Genug. Ich werde das Aeuerste versuchen. Er ffnete ohne Weiteres die
Thr. Der Knig sa mitten im Zimmer auf einem weiten Lehnsessel, mit dem
Gesicht nach dem Fenster, so da er die Aussicht auf die Kurfrstenbrcke hatte.
Sein mit sprlichem Haar bedecktes Haupt war etwas nach vorn herbergebeugt, als
erliege es unter der Gewalt des Augenblicks. Neben ihm, die Hand auf die
Rcklehne seines Sessels gesttzt, stand die Knigin. Ihr bleiches,
thrnenvolles Gesicht beugte sich auf den Knig. Mit unaussprechlicher Angst in
den leidenden Zgen blickte sie auf ihn herab, als erwarte sie ein unheilvolles
Wort aus dem Munde des Knigs.
    Auf der andern Seite des Sessels, doch etwas entfernter, stand ein kleiner
feister Mann mit herabhngenden Armen und niedergeschlagenen Augen. Auch er
schien einen Entschlu zu erwarten. Er schien eben zum Knige gesprochen zu
haben und jetzt das Resultat seiner Worte abwarten zu wollen. Es war der fromme
Herr Minister v. Th.
    Einige Schritte von dieser schweigenden Gruppe entfernt standen in einer
Fensternische im eifrigen, aber leisen Gesprch begriffen fnf Mnner. Es
handelte sich auch hier um die groe Frage des Augenblicks, das lehrte ein Blick
auf ihre theils consternirten, theils zornigen Gesichter. Nur Einer unter ihnen
blickte, scheinbar ohne andere als passive Theilnahme an der Unterhaltung, mit
aufmerksamem Auge auf die Strae hinab.
    Der Prinz A. trat mit raschen Schritten auf diese Gruppe zu.
    - Wozu ist der Knig entschlossen? - fragte er den Prinzen Carl, welcher ihm
zunchst stand. Dieser zuckte die Achseln und schwieg.
    - Man mu die Hand zur Vershnung bieten; es erfordert die Klugheit, jenes
unselige Miverstndni durch schnelle Nachgiebigkeit vergessen zu machen -
sagte ein schmchtiger, hoher Mann mit aristokratischen Zgen.
    - Sprechen Sie nicht von Miverstndnissen, Graf A. - sondern von Migriffen
, erwiederte zornig ein dritter Herr, mit schwarzen, schlichten Haaren und einem
breiten, gutmthigen Gesicht, dessen Zge in diesem Augenblicke von Zorn oder
Angst auf eigenthmliche Weise verzerrt waren.
    - Keine Verdchtigung, lieber Schw. - nahm der Prinz Carl das Wort. - Lassen
Sie uns einig sein, um das Frchterlichste abzuwenden. Der Knig ist noch
unentschlossen. -
    - Aber er wird sich entschlieen; ich bin dessen sicher. Wie ist seine
Nachgiebigkeit belohnt worden? Sie haben es ja gesehen. Reichen Sie dem Pbel
den kleinen Finger, so verlangt er nicht etwa die ganze Hand, nein Kopf und
Kragen. Die einzige Rettung liegt fr uns in der Festigkeit. Die Nachgiebigkeit
und Vershnlichkeit des Grafen A. wrde als Furcht ausgelegt werden und dadurch
gerade das Entgegengesetzte bewirken. -
    Es war der Minister von B., eine groe massive Figur, in der man eher einen
derben Landwirth, als einen preuischen Minister vermuthet htte.
    - Ich sage - warf der Prinz A. ein, indem eine edle Entrstung auf dem
feinen blassen Gesicht eine matte Rthe hervorrief - ich sage, meine Herren, da
Verrath im Spiele ist.
    - Verrath!? - rief fast laut Herr von B. aus. In demselben Augenblicke
wandten der Prinz von Preuen und der noch immer am Stuhle des Knigs harrende
Herr von Th. das Gesicht dem khnen Sprecher zu, so da ihre Blicke sich
begegneten. Beide lchelten, aber das Lcheln des Herrn von Th. war ein Lcheln
der Schadenfreude, der Prinz von Preuen lchelte wie Jemand, der eine
Unschicklichkeit aus Klugheit nicht rgen will, um nicht den Schein persnlicher
Gereiztheit auf sich zu laden.
    Auch A. und Schw. lchelten, jener wie ein Diplomat, der weder bejahen noch
vereinen will - dieser in offner Zustimmung.
    Der Prinz Karl blickte ernsthaft auf den Sprechenden.
    - Ich werde mit dem Knige reden - fuhr der Prinz A. fort, unbekmmert um
den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten - ich werde ihm die Stimmung des
Volks schildern.
    - Nein - sagte Prinz Karl, ihn bei der Hand fassend - stren Sie ihn in
diesem Augenblicke nicht, aber sprechen Sie mit der Knigin.
    Der Prinz A. nherte sich der Knigin und war eben im Begriff, sie
anzureden, als der Knig sich erhob. Ein tiefes Schweigen trat ein, in welchem
man deutlich von unten herauf die Worte: Rache! Rache! - Waffen her! -
vernahm.
    Graf A. - sagte der Knig. - Lassen Sie dem Volke die Proklamation verlesen,
welche die Errichtung der Brgerwehr verkndet. Ich will das Aeuerste
versuchen, um diesem unseligen Zustande auf friedliche Weise ein Ende zu machen.
    Graf A. bemerkte, indem er sich entfernte, um den Befehl des Knigs
auszufhren, da die Blicke der Minister Th. und B. sich begegneten.
    - Majestt - sagte der Letztere, auf den Knig zutretend - Sie kennen meine
Ergebenheit und Anhnglichkeit. - Auf diese allein mich berufend, wage ich Ew.
Majestt zu beschwren, nur jetzt kein Schwanken, keine Unentschiedenheit! - -
    - Ich gebe ihm Recht - sagte halblaut theils zu sich selbst, theils zum
Prinzen Karl gewendet, der Prinz von Preuen. Es waren seine ersten Worte.
    Der Knig, welcher mit auf den Rcken gelegten Hnden, die Augen auf den
Boden geheftet, mit kurzen, unsicheren Schritten hin und her ging, blieb einen
Augenblick stehen und warf einen fragenden Blick auf seine Brder. Aber er
erwiederte nichts, sondern setzte seinen Weg wieder fort.
    - Man kann zweifelhaft sein - fuhr der Minister fort - nach welcher Seite
hin die Entscheidung ausfallen msse, um am schnellsten, sichersten und ohne
viel Blutvergieen zum Ziele zu gelangen. Meiner Meinung nach ist in dieser
Rcksicht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Wegen; aber
unerschtterlich fest steht meine Meinung, da jeder in der Mitte liegende zum
Unheil fhrt. Entweder, Majestt, gewhren Sie Alles oder verweigern Sie Alles!
    - Und welchen Rath gebt Ihr mir? - wandte der Knig sich an seine Brder.
    - Gewhren Sie - sagte Prinz Karl.
    Der Prinz von Preuen schwieg. Der Knig blieb eine Weile vor ihm stehen,
trat dann ans Fenster, und sah, wie von einem mit Brettern beladenen Leiterwagen
herab die Proklamation verlesen wurde. Aber die Menge schien unbefriedigt, sei
es durch den Inhalt oder durch die Unmglichkeit, in dem Tumult das Verlesene zu
verstehen.
    In diesem Augenblicke trat der General von Pr. ein.
    - Majestt - sagte er, zum Knige herantretend - ich erwarte Ihre Befehle.
    Der Knig schien einen Entschlu gefat zu haben.
    - Das Militair soll sich zurckziehen - sagte er bestimmt.
    Der General trat einen Schritt zurck. - Das ist unmglich, Majestt -
    - Unmglich? - fragte der Knig, den jeder Widerspruch erbitterte - Warum?
    - Majestt, es wrde zwecklos sein, die Aufregung ist bereits zu einem Grade
gestiegen, der ein entschiedenes Handeln zur Pflicht macht.
    Sehen Sie dort - er wies die Knigsstrae hinab - die Barrikaden? In der
Friedrichsstadt ist der Aufstand bereits vollkommen organisirt. Jede Minute
Zgerung wrde durch Strme Blutes wieder eingebracht werden mssen. Ja, ich
wage zu behaupten, da nur ein schneller und krftiger Angriff einem groen
Blutbade vorbeugen kann. Lassen wir der Menge Zeit, sich hinter den Barrikaden
festzusetzen, so werden tausendfache Opfer gebracht werden mssen fr die
Herstellung der Ruhe - und wer kann wissen, ob sie vielleicht nicht doch
vergeblich gefallen sind.
    Der Knig schwieg noch immer, den starren Blick auf die Strae geheftet.
    Hier war inde eine neue Vernderung eingetreten. Man hatte mit dem Militair
kapitulirt. Dieses wollte vom Platze zurckziehen, wenn das Volk ebenfalls die
andere Hlfte des Platzes rumen wrde. Letzteres zog sich sofort bis auf die
Kurfrstenbrcke zurck. Aber statt sich ebenfalls zurckzuziehen, rckte das
Militair im Sturmschritt nach und hatte dadurch den ganzen Platz und bald darauf
auch die Kurfrstenbrcke in seine Gewalt bekommen.
    Die fortdauernde spannende Ungewiheit, in welcher sich die Umgebung des
Knigs ber dessen endliche Entscheidung befand, lagerte sich wie eine dstere
Wolke ber alle Anwesenden. Keiner wagte mehr zu sprechen. Aber alle Blicke
hingen mit Angst an dem Gesicht des Knigs, dessen Aufregung allmhlig bis zur
uersten Grenze des Mglichen gestiegen war. Kalter Schwei stand in dicken
Tropfen an seiner hohen kahlen Stirn. Sein bald starr auf die Strae gerichteter
bald unsttt im Saale umherschweifender Blick hatte einen unheimlichen Glanz
angenommen. -
    Erschpft warf er sich endlich wieder in den Armstuhl zurck, als vermchte
er die gewaltige Schwere dieser Stunde nicht lnger zu tragen.
    - Elisabeth - sagte er zu der Knigin, welche sich wieder zu ihm
herabbeugte, und weinte -
    Elisabeth, du bist krank und solltest dich zur Ruhe legen. - - - Nein, nein,
bleibe bei mir; es ist mir, als ob mein guter Engel mich verlt, wenn du gehst
- - - - o, ich traue Keinem von diesen hier, Keinem - - Sie haben alle ihre
Absichten, ich wei es wohl - - - wer mir sagen knnte, wer von ihnen es ehrlich
meint, wem ich trauen knnte. - Dem wollt' ich folgen. Du bist ein Weib, dich
schreckt die Gefahr - - horch, wie sie toben - - - - ah, da ist Arnim. Nun was
bringen Sie?
    Wenig Trstliches, Majestt, doch glaube ich auch jetzt noch, da eine
Vermittelung immer noch mglich ist, Majestt erlauben, einen Vorschlag zu
machen? - -
    - Lassen Sie hren, lieber Graf.
    - Ich habe hier in der Geschwindigkeit eine Fahne fertigen lassen. - Der
Graf entrollte ein groes Stck Leinwand, worauf mit fugroen Buchstaben die
Worte standen: Ein Miverstndni! Der Knig will das Beste. -
    - Versuchen Sie es, Graf; aber eilen Sie. Gebe der Himmel, da Ihre Hoffnung
erfllt wird.
    Der Graf eilte fort, um seinen Vorschlag auszufhren. Der Knig trat
abermals ans Fenster. - - - - Die Fahne erschien bald auf dem Platze. Zwischen
zwei hohen Stangen befestigt, so da die Worte deutlich zu lesen waren, bewegte
sie sich nach der Knigsstrae. Jetzt stand sie, die Menge umringte sie - -
    Der Knig hielt den Athem an - -
    - Ah, die Ruchlosen - rief er erbleichend, als er die Fahne schwanken,
fallen und mit Fen treten sah. - Wohlan, es war das letzte Mittel. Das
Aeuerste ist versucht worden. - Sie wollen es nicht Anders. - General
Prittwitz!
    - Majestt!
    - Thun Sie Ihre Pflicht, General - - und melden Sie mir, wann die Ruhe
hergestellt ist.
    Mit diesen Worten reichte der Knig der Knigin den Arm und begab sich nach
seinem Cabinet.
    Die Zurckbleibenden sahen ihm schweigend nach.
    Unschlssig, was er thun solle, trat auch der Prinz A. ans Fenster und
verfolgte die Bewegung, welche sich jetzt unter dem Militair kundgab. Am
Eingange der Breiten-Strae wurden zwei Kanonen aufgefahren.
    Da erzitterten pltzlich die Fenster von dem dumpfen Donner des schweren
Geschtzes.
    Unwillkrlich trat der Prinz einen Schritt vom Fenster zurck und fate nach
seinem Degen. - Einige Sekunden spter fand er sich auf der Strae, ohne zu
wissen, wie er herabgekommen. Von einer unerklrlichen Ahnung getrieben, eilte
er nach Alicens Wohnung.

                                      XII


Als Alice ihre Wohnung wieder verlassen hatte, waren Lydia und Salvador zu ihrem
frheren Schweigen zurckgekehrt. Lydia wandte von Zeit zu Zeit, wenn ein fernes
Getse von Waffen zu ihr herberdrang oder der dumpfe Knall eines
Kanonenschusses die Scheiben erdrhnen machte, ihren Blick mit geheimem Schauder
auf die Strae hinab. Aber noch war diese Gegend vom Gewhl des Kampfes vllig
unberhrt geblieben. Die Lden waren geschlossen; an den Hausthren standen
eifrig sich unterhaltende oder mit ngstlicher Neugier die Strae hinabschauende
Gruppen. Nur zuweilen lief ein einzelner Mensch eilig das Trottoir hinab, ohne
den Gaffern an der Hausthre, die ihn mit Fragen bestrmten, Rede zu stehen.
Salvador hatte seinen alten Sitz zu den Fen Lydia's wieder eingenommen und
schien nicht die geringste Theilnahme fr die Ereignisse drauen zu empfinden.
Mehr spielend als in ernster Absicht, zog er seinen Dolch hervor, prfte
Schneide und Spitze und versuchte, da er etwas angelaufen war, ihm durch
Schleifen auf dem hlzernen Fenstertritt, worauf Lydia's Stuhl stand, seinen
frheren Glanz zurckzugeben.
    Das Getse kam nher, die Schsse donnerten strker, die Zwischenrume
zwischen den einzelnen Salven wurden krzer. Hufiger eilten jetzt die Menschen
die Straen hinab; bald zeigten sich kleinere, bald grere Trupps von
Arbeitern, welche theils mit Flinten und Sbel, theils mit groen Eisenstangen,
Aexten, Hacken und sonstigen Werkzeugen bewaffnet waren. - Whrend ein Theil die
nchste Straenecke verbarrikadirte, rissen Andere das Pflaster auf und
sammelten die Steine zu einzelnen Haufen. - Die Barrikade war fertig - - man
begann jetzt die Huser zu befestigen.
    Mit ngstlichem Staunen blickte Lydia auf das Treiben nieder. Pltzlich
wurde sie durch ein bescheidenes Klopfen an der Thre aufgeschreckt.
    - Was thun wir, Salvador? - fragte sie bebend den Knaben. - Wenn's Anna
wre?
    - Die Tia hat gesagt, da wir nicht ffnen sollen - erwiederte er, ruhig in
seinem Schleifen fortfahrend.
    Das Klopfen wurde strker. - Salvador hrte auf zu schleifen und fate den
Dolch fester.
    - Aufgemacht - donnerte man jetzt drauen.
    - Sie werden die Thre einschlagen - Geh, ffne Salvador. -
    - Die Tia hat gesagt, wir sollen Niemandem ffnen - wiederholte er.
    - Dann werde ich selbst ffnen - - Lydia ging nach der Thre. Mit bebender
Hand zog sie den Riegel zurck, doch schon bereute sie ihre That, als sie einen
Haufen wild aussehender bewaffneter Mnner erblickte.
    Erschreckt trat sie einen Schritt zurck. Da erblickte sie Anna unter ihnen.
    - O, frchten Sie nichts, Frulein - sagte diese. - Sie wollen Ihnen nichts
zu Leide thun - - sie wnschen nur Waffen von Ihnen.
    - Du weit ja Anna, da hier nur zwei Frauen wohnen. Wir haben keine Waffen.
    - Ich habe doch eine Waffe - sagte Salvador hervortretend, und seinen Dolch
zeigend - aber die werde ich behalten.
    Ein tchtiger Junge - sage lchelnd der Anfhrer der Arbeiter. - Sie werden
die Thre nicht wieder verschlieen? - fuhr er zu Lydia gewendet in halb
fragendem halb befehlendem Tone fort - und uns die Zimmer nach der Strae
berlassen? -
    - Mein Gott, was wird aber Alice sagen? - bemerkte Lydia zu Salvador
gewendet.
    - Alice! - sagte der Arbeiter - wohnt Alice hier?
    - Ja, sie ist meine Freundin - erwiederte Lydia - erstaunt ber des
Arbeiters Frage.
    - Hierher - Cameraden - ein glcklicher Zufall hat uns in die Wohnung
unserer Prsidentin gefhrt. Alice wohnt hier!
    Eine freudige Bewegung gab sich in dem Haufen kund.
    - Das ist hier ihre Freundin! Sie mu eine Schutzwache haben. Wer bleibt
hier als Wache? Freiwillige vor!
    Alle drngten sich nach dieser Ehre. Der Fhrer whlte zehn der Strksten
und am besten Bewaffneten aus und stellte sie Lydia zur Disposition.
    - Ihr vertheidigt diese Dame bis auf den letzten Mann. Ihr andern wit, was
noch zu thun ist. Schnell ans Werk.
    Das Haus wurde jetzt in Vertheidigungszustand gesetzt. Es war die hchste
Zeit, denn der Angriff auf die Barrikade hatte bereits begonnen.
    Lydia, welcher sich eine Aufregung bemchtigt hatte, durch welche die Angst
vor der nahenden Gefahr in den Hintergrund gedrngt wurde, eilte ans Fenster. -
Sie sah, wie die Soldaten sich zu einer zweiten Salve bereit machten - aber die
hinter den Barrikaden stehenden Arbeiter kamen ihr zuvor. Auf das Kommandowort
des Fhrers flog ein Steinregen in die Reihen der Soldaten - die Wirkung zeigte
sich sogleich - zehn bis zwlf waren sofort gefallen, die Uebrigen zogen sich
eilig zurck.
    - Machen Sie das Fenster zu, liebes Frulein - sagte Anna. Je weiter die
Soldaten stehen, desto grer ist hier oben die Gefahr. Die Kugeln gehen dann
hher. - Die Richtigkeit dieser Bemerkung zu erkennen hatte Lydia sogleich
Gelegenheit. Dicht neben ihr schlug eine Musketenkugel in die Bekleidung der
Fenster. Sie bohrte sich einen Zoll tief in den Kalk ein und fiel dann matt auf
das Fenstergesims.
    - Die sollt' ihr wieder haben, - sagte ein Arbeiter, die Kugel aufnehmend.
Sehen Sie dort den kleinen Lieutenant mit dem blonden Haar; der soll sie kosten.
    Mit diesen Worten eilte er auf den Boden. - Man mchte sonst das Fenster
aufs Korn nehmen, wenn ich von hier aus feuerte - sagte er.
    Die Soldaten rckten zum zweiten Male im Sturm an. Zehn Schritte vor der
Barrikade machten sie Halt, die Kolben der Gewehre an die Wange gedrckt. So
standen sie, wartend, ob nicht ein Kopf ber der Barrikade erscheinen wrde. Da
hrte Lydia einen schwachen Knall ber sich, in demselben Augenblicke fuhr der
kleine Lieutenant mit der Hand nach der Brust; der Sbel entfiel seiner Hand
und er strzte zu Boden.
    - O mein Gott - sagte sie, das Gesicht verhllend - er hat seine Drohung
wahr gemacht. - -
    Es ist ein eigenes Ding, dem Morde eines Menschen zuzuschauen, der in einem
Augenblick krftig und lebensmuthig in der Flle der Gesundheit dastand, im
nchsten als Leiche auf den Boden hingestreckt liegt. Der Eindruck ist nach den
Charakteren verschieden, doch gewhnlich nur ein zwiefacher: Man erstarrt
entweder im Innersten seiner Seele oder - bleibt gleichgltig. Nicht immer bt
ein solcher Anblick gerade auf den Neuling den erstern, auf den damit Vertrauten
den letztern Eindruck aus. Es giebt Menschen, die sich nie an dergleichen
gewhnen knnen, sondern nur dann darber hinaus kommen, wenn ihre eigene
Begeisterung und jene Trunkenheit, in welche die Hitze des Kampfes zu versetzen
pflegt, eine gewisse Hhe erreicht hat; Andre dagegen bleiben einem solchen
Schauspiel gegenber um so klter, je krankhafter vorher ihre Bangigkeit und je
furchtbarer ihre Vorstellung davon gewesen.
    Lydia war eine weiche Natur, welche, einem zarten Saitenspiel vergleichbar,
durch den leisesten Hauch - sei es der Freude oder des Schmerzes - in
nachhallende Bewegung versetzt wurde. Wenn sie daher durch ihre anfngliche
Aufregung gegen die unter ihren Augen andringende Gefahr gewissermaen gesthlt
worden, so war doch mehr ihre Phantasie als ihr Gefhl angeregt. Die nackte
Wirklichkeit schlug daher durch ihre grausame Klte eben so sehr die Wrme ihrer
Illusionen, wie durch ihre triviale Rohheit die Idealitt ihrer Empfindung
nieder. Die knstliche Besonnenheit, welche sie gewonnen, wich einer
verzweiflungsvollen Trostlosigkeit, die sie nahe an den Rand der Bewutlosigkeit
fhrte.
    Salvador hatte sie nicht verlassen. Zwar zog es ihn hinab unter die
Kmpfenden, aber da er kein besonderes Interesse am Kampf haben konnte, als
hchstens den Kampf selbst, so kostete es ihm wenig Ueberwindung, bei Lydia zu
bleiben. Hinter ihrem Stuhle stehend, verfolgte er, wie sie, alle Bewegungen des
Feindes. Als der Officier fiel, schlug sein Herz rascher und hob sich seine
Brust stolzer, als sei er selbst es gewesen, der ihn getdtet. Um so mehr war er
ber den Eindruck erschreckt, den der Fall des Officiers auf Lydia
hervorbrachte, deren Angst sich zuletzt in einem Strom von Thrnen auflste.
    Salvador schauete unverwandt auf die Strae hinab. Er sah, wie die Soldaten
nach dem Fall ihres Fhrers sich zurckzogen, aber nur um sich zu verstrken.
Bald rckten sie in dreifacher Menge wieder gegen die Barrikade vor. Der Kampf
wurde jetzt von beiden Seiten hitziger und mit grerer Erbitterung gefhrt.
Zwar waren die Soldaten durch den Mangel jeglicher Deckung dem Steinregen und
den einzelnen Schssen der Arbeiter mehr ausgesetzt. Dennoch waren bereits
mehrere der Letzteren durch wohlgezielte Schsse hingestreckt worden.
    So dauerte der Kampf eine volle Stunde hindurch. Da schien es endlich, als
ob die Soldaten, des nutzlosen Angriffs mde, sich zurckziehen wollten.
    Salvador bemerkte, wie ein Officier in Jgeruniform, der ihm nicht unbekannt
schien, auf den kommandirenden Officier zueilte und ihm mit lebhaften
Gestikulationen, wobei er fters auf die Barrikade zeigte, eine Nachricht
mitzutheilen schien. Der Officier nickte mit dem Kopfe und bog mit seiner
Compagnie um die nchste Straenecke; die auf der Barrikade stehenden Arbeiter
erhoben ein Siegsgeschrei. Doch schon nach einigen Minuten kehrten die Soldaten
zurck, aber in geringerer Anzahl. Die Hlfte der Compagnie war nebst jenem
Jgerofficier verschwunden. Salvador vermuthete eine Kriegslist und theilte
seine Furcht einem der zum Schutze Lydia's zurckgelassenen Arbeiter mit.
    - Sie werden den Versuch machen, die Barrikade im Rcken anzugreifen -
meinte Salvador.
    Anna schttelte den Kopf. - Das ist unmglich. Ich komme von jener Seite.
Sie ist am strksten verbarrikadirt und am besten vertheidigt.
    Die Soldaten verhielten sich vollkommen ruhig, aber in einer Stellung, als
erwarteten sie irgend ein Signal, um den Angriff zu erneuern. Salvador, dessen
Besorgni noch nicht geschwunden war, verlor den commandirenden Officier nicht
aus den Augen. Es dnkte ihm, als ob jener von Zeit zu Zeit seinen Blick
aufmerksam auf das Obergescho eines der gegenberliegenden Huser richtete.
Auch diese Bemerkung theilte er Anna mit, die mit steigender Unruhe ihr Auge
ebenfalls auf dies Haus heftete, das etwa hundert Schritt hinter der Barrikade
lag und noch nicht besetzt worden war.
    In der That schien es, als ob in diesem Hause irgend Etwas vorginge. Vor
wenigen Minuten noch schien es vllig leer und unbewohnt; jetzt sahen Salvador
und Anna eine Menge Gestalten an den Fenstern vorber eilen. - Ein Fenster im
zweiten Stock wurde geffnet - Salvador erstarrte das Wort im Munde, als jener
Jgerlieutenant, den er vorhin mit dem Officier hatte sprechen sehen, am Fenster
erschien, ein weies Tuch herauswehen lie und dann sogleich wieder verschwand.
    Auch Anna hatte die Erscheinung bemerkt.
    - Das ist Verrath! - stammelte sie erbleichend und strzte hinab auf die
Strae, um die Arbeiter von der drohenden Gefahr zu unterrichten.
    Aber es war zu spt. Kaum hatte der Officier das Zeichen erblickt, als er
den Befehl zum Angriff gab. Mit erneuerter Wuth strzten die Soldaten auf die
Barrikade zu. Ein Steinregen empfing sie, aber diesmal wichen sie nicht. In der
Gewiheit, bald im Rcken der Feinde eine Untersttzung zu erhalten, hielten sie
Stand und begannen mit vorgestreckten Bajonetten das Holzwerk zu erklimmen. -
Die tapferen Arbeiter wehrten sich mit dem Muthe der Verzweiflung; da strzten
pltzlich die Soldaten aus jenem Hause heraus und fielen ihnen in den Rcken -
der Muth entsank ihnen - sie verlieen die Barrikade und zogen sich in die
nchstliegenden Huser zurck.
    Es begann jetzt einer jener frchterlichen Kmpfe, von dem man nur eine
Vorstellung hat, wenn man sie aus eigener Anschauung kennen lernte. Es galt, die
Huser von den Insurgenten zu subern.
    Das Haus, in welchem Lydia sich befand, war eins der ersten, welche
angegriffen wurden. - Die arme Lydia war durch die fortwhrende Angst in einen
bewutlosen Zustand gefallen. Salvador legte sie mit Hlfe eines Arbeiters auf
das Sopha und eilte die Treppe hinab.
    Die Hausthr war bereits erbrochen. Die Vertheidiger des Hauses, deren Zahl
sich etwa auf vierzig bis fnfzig belief, hatten sich theils in den ersten Stock
zurckgezogen, wo sie die Treppe besetzt hielten, theils hatten sie sich in das
Hintergebude begeben, um auch diese Eingnge in Vertheidigungszustand zu
versetzen. An der Haupttreppe befanden sich nur zehn Arbeiter; drei von ihren
Cameraden lagen bereits von den Kugeln ihrer Feinde getroffen auf dem untern
Hausflur. Neben ihnen fnf Soldaten, deren Schdel von Steinen zerschmettert
waren.
    Die Treppe war enge, so da immer nur zwei bis drei Soldaten neben einander
die Stufen besteigen konnten. Dadurch war der Nachtheil der schlechten
Bewaffnung fr die Arbeiter fast ausgeglichen. Die Wuth der Soldaten stieg auf
einen frchterlichen Grad. Immer von Neuem strmten sie die Treppe hinan, und
immer muten sie dem in der Nhe furchtbar wirkenden Steinregen der Vertheidiger
weichen. Aber es kam der Augenblick, wo der Steinhaufen so zusammengeschmolzen
war, da jeder Arbeiter nur noch einen einzigen Stein in der Hand hielt.
    - Lat sie ganz nahe heran kommen - commandirte der Fhrer und whle sich
jeder einen bestimmten Mann aus. Keiner werfe frher, bis ich commandire. Jeder,
der geworfen, steigt die zweite Treppe hinauf. Die Soldaten strmten an, den
linken Arm ber den Kopf gehalten, die rechte Hand das Gewehr fassend. Noch
fehlten nur fnf Stufen und sie wren oben gewesen, da donnerten die Steine auf
ihre Kpfe und schreiend, blutend, betubt strzten sie durcheinander und
zurck. Ueber ihre Krper drangen die Folgenden vor. Sie erreichten die letzte
Stufe. Die Arbeiter hatten sich eine Treppe hher gezogen.
    Der Kampf sollte nun von Neuem beginnen, da gebot eine Stimme von unten
herauf Halt! -
    - Der Verlust an Menschen und, was schlimmer ist, an Zeit, ist zu gro. Wir
mssen zu einem andern Mittel greifen - sagte der fremde Officier zu dem
Anfhrer der Truppe. Beide standen auf dem untersten Flur, vor den Wrfen der
Arbeiter geschtzt.
    - Sie haben wohl recht, aber welches Mittel? -
    - Kennen Sie die Procedur des Bienenschwefelns? - -
    - Das ist ein capitaler Einfall; aber wir werden das Nest anznden.
    - Die Bienenstcke sind auch von Stroh, nicht wahr? und verbrennen nicht?
    - Sie haben wieder recht, auf Ehre. Wir wollen sogleich ans Werk.
    Rasch wurde Stroh herbeigeschafft und am Fue der Treppe angezndet. In
wenig Augenblicken wirbelte ein erstickender Dampf bis zu den hchsten
Dachsprossen empor. Aber die Rechnung schien ohne den Wirth gemacht. Denn statt,
wie man vermuthete, die hartnckigen Vertheidiger zur Uebergabe zu zwingen,
rhrte sich nichts. Dagegen war es den Soldaten jetzt wegen des Qualms ebenfalls
unmglich geworden, ihre Angriffe zu erneuen. Ja, als der Rauch alle Rume des
Corridors erfllt hatte und keinen Abzug fand, verdichtete er sich zuerst oben,
und senkte sich dann immer tiefer und tiefer, bis er endlich das Parterre
erreichte. Da drngte sich jener Unbekannte vor und rief:
    Folgt mir, Cameraden, ich werde euch fhren. -
    Mit Sicherheit darauf rechnend, da der Rauch die Feinde in die Zimmer
getrieben, auf der Treppe also weniger zu frchten war, zumal theils der dicke
Qualm, theils die bereits einbrechende Dunkelheit eine deutliche Unterscheidung
von Feind und Freund unmglich machte, schritt er den Soldaten voran auf eine
Thre zu und deutete mit einer verstndlichen Pantomine an, da sie
eingeschlagen werden solle. Die Soldaten gehorchten. Einige Kolbenste reichten
hin, sie zu zerschmettern. Man drang ein - es war ein leeres Gemach - man
gelangte zu einer zweiten Thre. - Da warf sich ihnen mit wthendem Geschrei die
Schaar der Arbeiter entgegen. Einigen Soldaten wurden die Gewehre entrissen,
Andere, und sie selbst mit ihren eigenen Waffen niedergestreckt. Man kmpfte
Mann gegen Mann. Die Schlge donnerten, die Verwundeten chzten - endlich neigte
sich der Sieg auf die Seite der Uebermacht an Zahl und Bewaffnung. Das bis auf
fnf Kmpfer geschmolzene Huflein der Arbeiter zog sich zurck. Die Soldaten
gewannen frischen Muth, sie drangen nach - - da pltzlich blieben sie an den
Boden gebannt und ihre Waffen entsanken fast ihren Hnden - - ein bleiches
schnes Weib stand vor ihnen, wie eine berirdische Erscheinung, neben ihr ein
schwarzlockiger Knabe, in der Hand einen blinkenden Dolch haltend. Es war Lydia.
Ihr Gemach war der Schauplatz des eben beschriebenen Kampfes geworden. Die
Arbeiter hatten sich um ihr Lager geschaart, so da sie anfangs den angreifenden
Soldaten nicht sichtbar war. In dem Augenblick, wo der Kampf in ihrer
unmittelbaren Nhe entbrannte, erwachte sie aus ihrer Betubung, und wunderbar,
mit ihrem Bewutsein war ein Muth, eine Geistesgegenwart in sie zurckgekehrt,
die sie inmitten der furchtbaren Scene, von der sie Zeugin war, ruhig und
besonnen erhielt. Sie sah, da die Arbeiter unterliegen muten, und befahl
ihnen, sich zurckzuziehen.
    Sie selbst aber erhob sich und trat den Soldaten muthig entgegen, sie
versuchte zu sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Den rechten Arm
ausgestreckt, den linken auf Salvadors Schulter gesttzt, so stand sie
regungslos den Erstaunten gegenber.
    - Nun, was zaudert Ihr? ertnte die Stimme des fremden Officiers hinter
ihnen. Ertrat vor und er blieb ebenfalls erstarrt vor Lydia stehen.
    - Gilbert! - riefen die Arbeiter von der andern Seite erstaunt. In demselben
Augenblick sank Lydia, von der Stimme Gilberts, Gilbert, vom Dolche Salvadors
getroffen, zu Boden; im nchsten hatten sich die Arbeiter abermals auf die
Soldaten gestrzt. - Der Kampf entbrannte von Neuem. -
    Der Ausgang konnte eben so wenig zweifelhaft sein, wie vorhin. Ein Soldat
hatte Salvador ergriffen, und ihn zum offnen Fenster geschleppt. Der Knabe aber
hatte sich fest um seinen Gegner geklammert, so da dieser sich nicht von ihm
losmachen konnten. Jetzt taumelte er rckwrts - Salvador hatte ihn ins Gesicht
gebissen. Kaum befreit, warf er sich zu Lydia auf den Boden. Doch sein Gegner,
dessen Erbitterung noch durch den Schmerz der Wunde vergrert worden war,
ergriff ihn von Neuem. Diesmal hatte er ihn besser gefat. Abermals schleppte er
ihn zum Fenster - da fhlte er sich pltzlich an der Schulter gepackt und zu
Boden gerissen. Der Prinz A. in Generalsuniform stand vor ihm.
    - Verruchter! - donnerte ihm dieser zu - an wehrlosen Knaben erprobst Du
Deine Tapferkeit? -
    Dem tobenden Kampfgewhl war eine Todtenstille gefolgt. Drei von den fnf
briggebliebenen Arbeitern lagen blutend am Boden, aber eben so viel Soldaten
hatten ihren Fall mit zerschmettertem Hirnschdel gebt.
    - Wer hat diese Schlchterei befohlen? - fragte der Prinz weiter, einen
Blick tiefen Schauders ber die Scene werfend.
    Der commandirende Officier trat vor: - Excellenz -
    - Sie haben die preuische Uniform geschndet, Herr! - In der That, eine
Bravour sonder Gleichen haben Sie bewiesen gegen Knaben, Weiber und
Unbewaffnete. - Gehen Sie, ich will nicht fragen, wer Sie sind, damit ich nicht
gezwungen bin, Sie kassiren zu lassen. Ein tiefes Sthnen unterbrach die Stille,
welche abermals nach den Worten des Prinzen eingetreten war - es kam aus der
Brust Gilberts. Der Prinz wandte sein Gesicht und fuhr erbleichend zurck.
    - Wie kommt der Mensch hieher? - stammelte er.
    - Er war unser Fhrer - sagte der Officier.
    Der Prinz winkte mit der Hand und wandte sich ab. Die Soldaten hoben Gilbert
auf und verlieen lautlos das Zimmer.
    Salvador, welcher sich wieder ber Lydia geworfen hatte, erhob sich jetzt
und rief die beiden Arbeiter. Leise traten sie nher, um die bewutlose Lydia in
das andere Zimmer zu tragen. Da erwachte der Prinz aus seiner Trumerei und warf
einen Blick auf das Gesicht der Leblosen.
    - Therese! - rief er mit durchdringendem Schrei und strzte neben ihr
nieder. Therese - erwache, erwache, Geliebte!!

                                      XIII


Mitternacht war vorber, noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich
erleuchteten Straen. Man illuminirte zum Wiegenfeste der Revolution. Denn wenn
Zorn ber die Rohheit der Soldateska und Entrstung ber den Verrath am Volke
die Barrikaden erbauet hatte, so bedurfte es nur eines achtstndigen Kampfes, um
jene - wenn auch gerechtfertigten, doch fr die Gre jener denkwrdigen Stunden
kleinlichen - Leidenschaften in die erhabene Klte einer echt revolutionren
Ruhe zu versenken. Als der Kampf losbrach, war es ein Aufstand, als er acht
Stunden gedauert hatte, gab es keinen Kmpfer auf den Barrikaden, der nicht
wute, worum es sich nunmehr allein handle - um den Frstenthron.
    Man hat sich nicht wenig mit der Hochherzigkeit des Berliner Volks gewut,
welche darin liegen sollte, da die Berliner Revolution vor dem Throne - stehen
geblieben. Ich aber meine, da eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach
und Entwrdigung, der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen
mssen, besser Feigheit heien mte.
    Und doch ist diese Thatsache nicht abzuleugnen! - -
    Aber wer hat sie auf seinem Gewissen? Wahrlich nicht jene heldenmthigen
Arbeiter im groben Leinwandskittel, die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen,
gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen. - Die feigen Weibierbourgeois waren es,
welche, whrend drauen die Kanonen donnerten, sich die Schlafmtze noch tiefer
und die Bettdecke noch hher, wie gewhnlich, ber die Ohren zogen. Als sie am
andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstrten Blicken hinabschaueten
auf das Straenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des
siegreichen Volkes hrten, da schwoll ihnen pltzlich der Kamm - sie mischten
sich unter die Jubelnden, lieen sich beglckwnschend die Hnde drcken und
schwrmten fr die Freiheit. - Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe
erhalten, das Philisterthum schlug ihnen in den Nacken, sie wurden sentimental
beim Andenken an die Angst, die ein hohes Haupt in jener Nacht mit ihnen
getheilt hatte - und ihre Sentimentalitt brachte sie zur Hochherzigkeit, ihre
Hochherzigkeit aber zum Verrath am Volke. Das Volk aber, das gekmpft, geblutet
und gesiegt hatte, lie sich tuschen von den Philistern, die es als Brder
betrachtete.
    Mitternacht war vorber. Alice knieete hinter der Barrikade am Klnischen
Rathhause neben Ralph, dem ein von einer Karttschenkugel abgerissener
Holzsplitter die Brust verwundet hatte.
    - Fhlst du dich besser? - fragte sie, dem Verwundeten so viel wie mglich
Linderung verschaffend.
    - Ich danke dir, sagte er, ihre Hand an die Lippen drckend. - Wenn ich nur
nicht hier liegen mte. - Besser todt, als so mit Bewutsein in seiner Ohnmacht
daliegen. Der arme Hartwig ist am besten dran. - Und was wird uns das Alles
helfen?
    - Wir werden siegen - sagte Alice mit Wrme.
    Er schttelte traurig den Kopf. - Schau umher und zhle, wie viel von den
Unsrigen noch brig sind. Die Hlfte ist todt oder im Verenden, der Rest
verwundet und ermdet. Hlt das Militair bis Tagesanbruch aus, so sind wir
verloren.
    - Und rechnest du die Schtzen in den Husern fr nichts, die fast mit jedem
Schusse einen Soldaten zu Boden strecken? Und mu die Ermdung des Militairs
nicht noch weit grer sein als die unsrige, da sie seit 8 Tagen consignirt und
schlecht mit Proviant versehen sind. Ich sage, wenn wir uns bis Sonnenaufgang
halten, so haben wir gesiegt.
    - Gott sei Dank, da ich Sie endlich treffe - rief eine Stimme hinter ihnen
- wo ist Ralph? gndige Frau, haben Sie ihn nicht gesehen?
    - Anna! - riefen Alice und Ralph aus einem Munde.
    Das arme Kind war, als sie heruntergeeilt war, um die Vertheidiger der
Barrikade von dem ihnen drohenden Verrath zu unterrichten, zu spt gekommen.
Vergebens suchte sie ins Haus zurckzukehren. Die Soldaten lieen Niemand
hinein. Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens, das ihr Alice
gegeben hatte, ihn zu befreien. Schnell fate sie den khnen Entschlu,
Nachforschungen nach ihnen anzustellen. Sie eilte die Markgrafenstrae hinunter,
fragte bei jeder Barrikade - Niemand hatte sie gesehen.
    Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes
gewiesen.
    Hier hrte sie, da ihr Bruder an der Barrikade des Klnischen Rathhauses
stationire. Es war inde spt geworden; das mhsame Uebersteigen der Barrikaden
- wo sie die Pausen benutzen mute, welche zuweilen im Feuern eintraten - die
Neckereien, denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war, Alles dies hatte viel
Zeit weggenommen. Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte
sie endlich am Klnischen Rathhause an.
    Alice ward in den Tod erschreckt ber die Erzhlung Annas in Betreff
Lydia's. Sie mute sich von der Sachlage berzeugen und eilte, Ralph unter der
Obhut seiner Schwester lassend, nach ihrer Wohnung, welche sie unaufgehalten
bald erreichte. Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah, schauderte sie,
aber furchtlos eilte sie weiter. Ihre Zimmer waren leer - - die ungeheuren
Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube, die zerschmetterten Mbel und die
Kugelspuren in den Wnden htten ihr einen hinlnglichen Beweis von der Wuth des
hier stattgehabten Kampfes gegeben, wenn nicht die Menge Todter, ber welche sie
dahinschreiten mute, noch lauter gesprochen htte.
    Kein Laut - ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein, als sie sah, da
sie die einzig athmende Brust in diesem Chaos der Verwstung und des Mordes war
- - da hrte sie einen Seufzer. Ihre Furcht berwindend schritt sie ber zwei
Soldatenleichen hin nach der Ecke, aus welcher er zu kommen schien.
    - Wasser, einen Schluck Wasser - sthnte ein Verwundeter ihr entgegen.
    Sie eilte, seinen Wunsch zu befriedigen.
    Der Mond schien hell ins Fenster hinein. Alice untersuchte schweigend die
Wunde und legte, so gut es ging, einen Verband auf. Als ihr Werk vollendet war,
fragte sie nach Lydia, ob sie noch lebe, und nach Salvador.
    - Als ich den Stich in den Kopf bekam - erzhlte mit schwacher Stimme und in
langen Pausen der Arbeiter - sank ich nieder und sah nur noch, da ein Herr in
Generals-Uniform an der Seite Ihrer Freundin stand. -
    Allerlei Vermuthungen gingen Alice durch den Sinn. Sie dachte an Lichninski,
aber das war unmglich - - an den Prinzen A. - dem Himmel sei Dank - dann war
noch Hoffnung vorhanden.
    Rasch holte sie einige Betten herbei - bedeckte den Verwundeten damit und
verlie ihn mit dem Versprechen, gleich einen Arzt zu senden.

                                      XIV


Lange hatte Lydia in ihrer Betubung gelegen. Als sie wieder erwachte, sa neben
ihr der Prinz.
    -- Jetzt wird uns Niemand mehr trennen, Therese - sagte dieser, ihre Hand an
die Lippen drckend.
    Lydia sah mit scheuen Blicken umher; - la uns fort von hier, Arthur - bat
sie, - die Strmer knnten wieder aufmachen - - -
    Die Rechte auf den Arm des Prinzen, die Linke auf die Schulter Salvadors
gesttzt, verlie sie das Haus des Schreckens. Der Weg bis zum Hotel des Prinzen
war nicht weit, und wenig besetzt. Dennoch brauchten sie fast eine Stunde, ehe
sie es erreichten.
    Der Prinz fhrte Lydia nach seinem Lieblingsaufenthalt, dem Gewchshause.
Salvador hatte sich, betubt durch die verschiedenen Eindrcke, welche er im
Laufe des Tages empfangen, in das kleine Vorzimmer in eine Ecke gekauert und war
bald in tiefen Schlaf gesunken.
    Lydia glaubte in einen Feenpallast zu treten. Durch das schrge glserne
Dach strmte das blinkende Mondlicht mit zauberhaftem Glanze hernieder. Eine
feuchtwarme Atmosphre, gewrzt mit dem Wollustathem von unzhligen exotischen
Blumen umfing die Eintretenden. Tausend blinkende Tropfen funkelten auf den
vielgefalteten Blttern der Gewchse, das dunkle Grn war von dem Glanz des
Mondes mit silbernem Hauch bergossen. Lydia, durch diesen Anblick bermannt,
verga die peinlichen und schrecklichen Eindrcke, die noch vor wenigen
Augenblicken ihre ganze Seele mit ahnungsvollem Schmerz erfllten, und gab sich
ganz dem Genusse der Gegenwart hin.
    Sie hatte sich auf den Divan hingestreckt; der Prinz sa auf einem niedrigen
Tabouret neben ihrem Lager, mit begeisterten Blicken auf ihr kindlich reines,
entzcktes Antlitz schauend. Keins von Beiden sprach ein Wort. - Aus der Ferne
rollte der Donner des Geschtzes zu ihnen herber - - - - aber in selige
Selbstvergessenheit gesenkt, hrten sie ihn nicht.
    - Arthur - sagte endlich leise Lydia - - hier ists schn, schn - zum
Sterben.
    Ihr schnes Auge leuchtete voll schwrmerischen Glanzes in das des Prinzen.
    - Nicht so, Therese! warum sterben, jetzt, wo ein neues Leben fr uns
aufgegangen.
    - Nenne mich nicht Therese, Arthur! nenne mich Lydia.
    - Lydia! - sagte erstaunt der Prinz, der diesen Namen im Munde Alicens
gehrt zu haben glaubte. - Bist du nicht Therese?
    Lydia erklrte ihm, warum sie in Straburg den Namen Therese angenommen.
    Das ganze verrtherische Geheimni des Frsten Lichninsky lag jetzt klar vor
seinen Augen. Warum aber Alice ihm die Anwesenheit Lydias verschwiegen, das
konnte er nicht begreifen. Er uerte sein Bedenken so schonend wie mglich.
    - Nein, du thust ihr Unrecht. Sie hat ja nichts von meiner Liebe zu dir
gewut.
    - Du hast Recht, Geliebte. - Es war also Lge, was mir der Verrther Gilbert
erzhlte, von deiner Gefangenschaft bei der Herzogin Nagas?
    - Gilbert - sagte nachsinnend Lydia, die die letzten Worte des Prinzen nicht
mehr gehrt hatte - warum schauderts mich bei dem Klange dieses Namens? ists mir
doch, als bedeute er etwas Schreckliches, als sei es der Name des bsen Engels,
der mein Leben vergiftet.
    - Du wirst Ruhe vor ihm haben - sagte der Prinz dster - sein Tagewerk ist
vollendet. Er fiel unter dem Dolche Salvadors.
    Lydia fuhr mit der Hand ber die Stirn. Trotz der groen Gewalt, welche sie
ihrer Erinnerung anthat, vermochte sie glcklicher Weise den Schleier, der in
dem Augenblick ber ihr Bewutsein sank, als sie Gilberts Stimme vernahm, nicht
zu durchbrechen. Jene Stimme tnte ihr aus einer Vergangenheit herauf, deren
Schmerzen sie einst zum Wahnsinn gefhrt hatten - - - - - - - -
    Der Prinz sah ihr ngstliches Ringen nach Klarheit: erkannte an ihren
Blicken, da jener Schleier etwas Furchtbares bedecken msse, und suchte sie von
ihrem Nachsinnen abzuwenden.
    - Du wirst der Ruhe bedrfen, Lydia - sagte er, sanft ihre Hand von der
Stirn ziehend.
    - Nein - erwiederte sie mit hochathmender Brust - aber es ist so schwl
hier. Meine Sinne sind betubt. - - -
    In der schchternen, mdchenhaften Lydia war durch eines jener Rthsel
unserer Natur, die zu lsen nie gelingen wird, wie mit einem Zauberschlage
pltzlich eine tiefe, ihr ganzes inneres Leben umkehrende Vernderung
vorgegangen.
    Lydia war einer jener seltenen weiblichen Charaktere, die eine ihnen selbst
unbekannte heroische Strke idealer Empfindung unter der sanften Hlle
schchterner Jungfrulichkeit verbergen. Das groe Unglck ihres Lebens, die
furchtbaren Erfahrungen, welche sie einst in die Nacht des Wahnsinns getrieben,
waren eben so sehr eine Folge der erstern, wie der andern Eigenschaft.
    Als sie ihre erste Liebe verrathen sah und durch jene entsetzliche
Katastrophe, welche den Schlu einer frhern Erzhlung bildete, zum Bewutsein
zurckgekommen war, konnte die aufkeimende Liebe zum Prinzen whrend ihres
Aufenthalts in Straburg noch nicht einen Aufschwung nehmen, der ihre ganze
Seele mit fortgerissen htte. Wre sie vom Prinzen nicht getrennt worden, wer
wei, ob die fast leidenschaftslose Freudigkeit, mit der sie am Prinzen wie an
einem Bruder hing, je eine tiefere Saite ihres Gemths angeschlagen htte. Aber
ihr Gefhl einmal angeregt, entwickelte sich, so lange zurckgedrngt, mit
doppelter Macht. Getrennt vom Prinzen, suchte ihre Phantasie einen andern
Ausweg; sie gerieth in die Hnde des Paters Angelikus und wurde religise
Schwrmerin.
    Wie welkes Laub vor dem Hauche des Frhlings, zerstob ihre fromme
Sentimentalitt vor dem Athem wahrer Leidenschaft. Statt einer knstlichen
geruchlosen Blume blhte die sduftende Centifolie einer tiefen gluthvollen
Liebe in ihrem Herzen empor. Lydia's Herz war nach seiner Wiedergeburt in
stiller, aber krftiger Entwicklung bis zur vollkommenen Reife gediehen; so
bedurfte es nur eines warmen Sonnenstrahls, um die schwellende Knospe pltzlich
zur vollsten Blthe zu entfalten.
    Der Prinz selbst war berrascht ber die Wrme Lydia's, die er frher nicht
geahnt hatte. Inniger umfing er die Bebende; glhender strmten seine Ksse auf
Mund und Wangen. Seine Brust klopfte gewaltig; sein Blut jagte mit rasender
Schnelligkeit durch die Adern.
    Wie bermannt von der Uebermacht seiner Empfindung entri er sich den Armen
Lydia's und strzte neben ihrem Lager auf die Knie.
    - Lege Deine Hand auf meine Stirn, Geliebte, und khle die Gluth, die mich
verzehrt - bat er.
    Lydia lchelte mit seliger Verklrung auf ihn herab. Ihre Augen glnzten in
wonniger, berquellender Sehnsucht, die Gluth ihres Innern warf einen rosigen
Wiederschein auf ihre Wangen. Es war die Morgenrthe des knftigen schnen
Liebelebens.
    Von Neuem umfing er sie; er zog sie nher zu sich heran und prete sein
heies Gesicht auf ihr fieberhaft klopfendes Herz. - - Da - der Prinz taumelte,
von einem Faustschlage getroffen, einige Schritte rckwrts. Lydia stie einen
Schrei des Entsetzens aus, als sie Salvadors zrnende Gestalt erblickte. Die
ungeheure Gewalt, welche sich der Knabe in diesem Augenblicke anthat, um nicht
auf seinen Gegner loszustrzen, machte ihn sprachlos. Aber whrend seine Rechte
krampfhaft des Griffs des Dolchs hielt, sprhten Funken des Hasses und der
Erbitterung aus seinen rollenden Augen und aus seinem, von den wilden, schwarzen
Locken umdsterten Gesicht. So stand er, den Angriff des Prinzen erwartend.
    Aber der Prinz stand kalt und regungslos ihm gegenber.
    Es trat eine minutenlange, unheimliche Stille ein, whrend welcher man nur
den heftigen Schlag dreier, von Erbitterung, Angst und Verzweiflung erfllten
Herzen htte vernehmen knnen.
    Endlich erhob der Prinz sein Gesicht. Fast wehmthig sah er dem Knaben in
das von Thrnen des Schmerzes erfllte Auge.
    - Du liebst sie also? - sagte er sanft, auf Lydia deutend.
    - Nein, ich verachte sie - erwiederte mit bebender Stimme Salvador, doch
schon im nchsten Augenblick lag er zu ihren Fen.
    - Sag', da Du ihn hassest, wie ich ihn hasse - schluchzte er - sag', da Du
schliefst und nichts von Dir wutest, als seine Arme Dich umfingen - so will ich
ruhig sein und Deinem Winke gehorsam. Sprich, Du liebst ihn nicht? -
    - Nein, Salvador, ich kann nicht lgen; er ist ein edler Mann und keines
Verraths fhig -
    - Aber Du liebst ihn nicht, nicht wahr? - bat dringend der Knabe, seinen
Dolch fester fassend.
    - Ja, ich liebe ihn - sagte Lydia, den leuchtenden Blick auf den Prinzen
gerichtet, der mit gekreuzten Armen dastehend, jede Bewegung des Knaben
verfolgte.
    - Dann mut Du sterben, Verrtherin - rief der Knabe, den Dolch aus der
rothen Schrpe ziehend.
    Aber in dem Augenblick, als die Spitze des Dolchs den Busen Lydias berhrte,
fhlte Salvador seinen Arm von einer krftigen Hand gefat, so da der Dolch
klirrend zu Boden fiel.
    Der Prinz, auf dessen bleiche Stirn die ruhige kalte Hoheit zurckgekehrt
war, welche gewhnlich darauf thronte, wies mit der Hand nach der Thre.
    - Wohl Dir - rief er mit donnernder Stimme, da Du Dir durch den Tod
Gilberts einen so gewichtigen Anspruch auf meine Dankbarkeit verschafft - und
nun hinweg!
    Salvador raffte seinen Dolch empor, erhob noch einmal seine Hand, wie zum
Fluche ber Lydia, und strzte hinaus - -
    Er irrte lange umher, ohne zu wissen, wohin. Als seine Besinnung
zurckgekehrt - fand er sich wieder am Palais des Prinzen, und vor ihm stand -
der Pater Angelikus. - - -

                                       XV


Es war ein kleines und niedriges Gemach. Eine schmuzige Oellampe, die in der
Mitte von der Decke herabhing, warf einen trben Schein auf das Schmerzenslager,
das in der dunkelsten Ecke stand.
    -- Kommt er noch nicht? - sthnte der Kranke, sich mhsam nach der Seite
wendend.
    - Ruhig, mein Sohn! erwiederte mit dem Ton des Trostes ein Mann in einem
schwarzen, talarartigen Mantel, indem er einen fragenden Blick auf ein hohes,
gleichfalls schwarzgekleidetes Weib warf, das mit prfenden Augen den Kranken
betrachtete. Leise schttelte sie, dem Blicke des Priesters antwortend, den
Kopf.
    Der Kranke war Gilbert, der Priester war Angelikus, die hohe schwarze Frau
war Ines.
    Gilbert hatte dem Pater gebeichtet und die Absolution empfangen, denn seine
Wunde schien tdtlich. Angelikus mute aus dem Bekenntni, welches der sterbende
Vertraute des Frsten vor ihm abgelegt, eine Menge erfreulicher Dinge erfahren
haben, denn durch seine sonst in tiefen Ernst gehllte Zge blitzte zuweilen ein
Lcheln innerer Befriedigung und heimlichen Triumpfes.
    Gilbert hatte den Pater viele Jahre lang nicht gesehen, obschon er stets mit
ihm in Verbindung geblieben; eine Verbindung, die der Pater, ohne Gilbert in
seine Zwecke einzuweihen, dazu benutzte, ber den Aufenthalt und das Leben des
Frsten immer die genaueste Nachricht zu empfangen.
    - Er wird uns sterben, ehe er kommt - sagte leise der Pater zu Ines, als der
Kranke wieder laut aufsthnte.
    - Ich sage Euch, nein - erwiederte diese eben so leise. - Wte ich nur, wo
mein armer Salvador ist.
    - Beruhigt Euch, Senora, dem Knaben wird Niemand ein Leid zufgen.
    Ines seufzte und schwieg. -
    Da lie sich ein leises Klopfen an der Thre hren.
    - Er ist's - sagte der Pater, indem er aufstand, um zu ffnen.
    Ines trat in den Schatten hinter den Vorhang des Bettes.
    Zwei Personen traten ein, beide bewaffnet und in weite Mntel gehllt.
    Es waren Alice und der Frst Lichninski.
    - Frwahr - sagte verwundert Alice, als sie den Pater erkannte - das htte
ich mir nicht vermuthet.
    Der Pater war offenbar durch das Eintreten zweier Personen berrascht; eine
gewisse Unruhe malte sich sogar auf seinen finstern Zgen. Als er Alice
bemerkte, verwandelte sich seine Unruhe in Verlegenheit, die er jedoch unter
einem wohlwollenden Lcheln zu verbergen bemht war.
    - Des Hchsten Wege sind wunderbar, theure Baronin - erwiederte er mit
salbungsvoller Zweideutigkeit, indem er des Frsten Gru durch eine stumme
Verbeugung erwiederte.
    - Man hat mir gesagt, da ein Sterbender nach mir verlange - nahm der Frst
das Wort.
    - So ist's, Durchlaucht. -
    Der Frst trat an das Lager des Verwundeten.
    - Gilbert! - fuhr er erschrocken zurck - im Sterben?
    - Wer sagt, da ich sterben werde? - chzte die hohle Stimme des Kranken. -
Nein, ich will nicht sterben. Warum sterben? Was hindert am Leben? Sagen Sie es
ihm, frommer Vater, da er ein Lgner ist, wenn er sagt, da ich sterbe.
    - Kennen Sie mich nicht, Gilbert? - fragte der Frst.
    - Ja, ich kenne Dich wohl - erwiederte der Verwundete, ihn aufmersam mit
starren Blicken betrachtend. - Warst Du es nicht, der mich zum Verrathe trieb
und goldne Berge versprach, wenn ich das Schlangennest aushbe? Es war aber
ein Scorpion darin - fuhr er vertraulich flsternd fort - und der hat mich
gestochen - und sein Gift hat er mir in die Wunde getrufelt - ha, das brennt -
brennt - brennt wie die Hlle.
    Der Pater hatte seinen Blick fest auf den Frsten gerichtet gehalten, jetzt
wandte er ihn nach Alicen, welche mit verhaltenem Athem den Phantasien des
Kranken lauschte.
    - Wozu soll dies Schauspiel fhren? - fragte kalt der Frst. - Und was soll
meine Gegenwart dabei?
    - Der Aermste verlangte dringend nach Ihnen, ich hielt es fr meine Pflicht,
den letzten Trost ihm nicht zu versagen - erwiederte der Pater.
    - So rufen Sie mich, wenn er wieder bei Sinnen ist, - schlo der Frst und
wandte sich zum Gehen.
    - Das soll gewi geschehen - sagte jetzt Alice, an das Lager tretend. Sie
ahnte die Verrtherei des Frsten aus den Worten des Phantasirenden und wollte
Gewiheit haben.
    - Was hast Du mit Lydia gemacht? - flsterte sie, sich an das Ohr des
Kranken herabbeugend.
    - Ha, kommt Ihr, Rechenschaft zu fordern? - fuhr schreiend der Kranke auf -
es ist gut, Alice, da Du da bist. - Ah, mein Frst, endlich, endlich. - - - Sie
sind wirklich gekommen. Ich danke Ihnen. - Ein schwaches Lcheln schwebte auf
seinen farblosen Lippen. - Nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen? - - Mein
armer Kopf will nichts mehr denken. - Ha, verdammt, ich vermuthete nicht, welch
tiefer Sinn in Ihren Worten lag: Was Sie dort finden, Gilbert, bringen Sie mir
lebendig. - - -
    - Sie kannten den geheimen Schatz des Hauses; aber das Schtzchen ist fort,
fort mit ihrem Geliebten aus Straburg. -
    - Wer rettete sie? - fragte angstvoll Alice.
    - Wer? Nun, der Prinz A., der mir sie in Straburg kaperte. Nicht so,
Durchlaucht? Es war eine verfehlte Geschichte.
    Der Frst kreuzte die Arme und schwieg. Aber in seinem Innern tauchte eine
Besorgni auf, die er vergeblich zu verscheuchen suchte, die Besorgni, man habe
ihn aus andern Grnden an das Lager des Verwundeten gerufen, als um einen
Verbrecher seinen letzten Athem aushauchen zu sehen.
    - Genug! - tnte eine Stimme hinter dem Frsten, die sein Blut gefrieren
machte. - Wir alle haben uns berzeugt, da er ein meineidiger Verrther ist,
meineidig in der Liebe, Verrther an seiner Partei. Lat also der Rache ihren
Lauf! - - -
    - Was soll dies Gaukelspiel? - rief der Frst, zur Seite springend. - Bin
ich hier in eine Ruberhhle gelockt, um hinterrcks ermordet zu werden? -
    - Du bist unter Deinen Todfeinden! - fuhr Ines mit eintniger Stimme fort.
    - Treib keinen Spott mit mir, Weib! - rief auer sich der Frst, seinen
Degen ziehend.
    - Spott! - sagte voller Hohn die frhere Geliebte des Frsten - dieser Spott
wre zu ertragen, dchte ich. Aber es gab einst eine Zeit - Ines trat einen
Schritt vor - eine Zeit, wo ein feiger Verrther Spott mit mir trieb, mit mir,
Frst Lichninsky, und dieser feige Verrther warst Du! - - -
    - Zurck! - drohte der Frst der immer nher auf ihn eindringenden Ines,
welche wie eine Rachegttin ihr schwarzes Auge auf ihn heftete.
    - Wie, Du fliehst vor mir, Felix? - sagte sie mit dem Tone einer girrenden
Taube, der frchterlicher in den Ohren des Frsten klang, als der entsetzlichste
Hohn. - Umfingst Du mich doch sonst so feurig und drcktest glhende Ksse auf
meinen Mund, wenn ich Dir nahte. Sieh, wie meine Wangen Dir rosig
entgegenglhen, mein Busen Dir entgegenwallt. -
    - Hinweg von mir, Weib! - rief der Frst, dessen Haare von einem nie
gefhlten Grauen anfingen, sich zu struben - hinweg, oder bei Gott! - - Stolz
richtete sich Ines auf, als der Frst die Spitze seines Degens erhob.
    - Gelstet's Dich nach meinem Blute? - - Nicht doch, Du bist ein Renommist,
Felix; ein erbrmlicher grosprecherischer Industrieritter, weiter nichts. Ich
hasse Dich schon nicht mehr, denn Du bist es nicht werth, zu klein fr die Gre
meines Hasses. Ich verachte Dich. - - -
    Alice und der Pater hatten in gleicher Stille, aber mit verschiedenen
Empfindungen der sonderbaren Scene zugeschaut. Alice fhlte Mitleid mit ihm,
obschon ihre Liebe zu ihm durch den Verrath an der guten Sache vernichtet wurde.
Sie liebte den Phantasten in ihm und achtete den Mann, aber ihre Liebe und ihre
Achtung hatten genau dieselbe Grenze. Konnte sie den Mann nicht mehr achten, so
hatte der Phantast fr sie alles Interesse verloren. - Dennoch fhlte sie jetzt
Mitleid mit ihm und legte ein frsprechendes Wort beim Pater fr ihn ein.
    - Sind Sie noch nicht berzeugt von seinem Verrath? - fragte dieser.
    - Wenigstens gebe ich ihn noch nicht ganz verloren; in jedem Falle ist er
jetzt unschdlich Pater, Sie wissen die Bedingung:
    Der Frst darf nicht eher fallen, als bis jede Hoffnung, ihn fr die
Volkssache zu gewinnen, verschwunden ist.
    Es ist zu wichtig fr uns, einen solchen Namen auf unserer Seite zu haben.
    - Gestehen Sie es, da Sie noch Interesse fr ihn empfinden.
    - Wahrlich, nein - sagte betheuernd Alice.
    - So mag's drum sein - sagte er zgernd - haben Sie Salvador nicht gesehen?
    - Nein, ich lie ihn bei Lydia. Vielleicht wird er sie zum Prinzen begleitet
haben.
    - Ich werde ihn aufsuchen.
    - So werde ich Sie begleiten. -
    - Nein, bleiben Sie, aus Rcksicht fr den Kranken, von dessen Worten keines
verloren gehen darf, und aus Rcksicht fr -
    - Ich kenne die Dame nicht. -
    - Sie ist die Mutter Salvadors und Salvador der Sohn Lichninsky's. Jetzt
werden Sie Alles begreifen.
    - Du wirst gercht werden, armes Weib - sagte Alice in sich hinein, einen
finstern Blick auf den Frsten werfend, dessen Folterqualen in diesem
Augenblicke bis auf den hchsten Grad gestiegen waren. Der Pater verlie das
Gemach. Alice setzte sich an das Lager des Verwundeten und schien nun dessen
unzusammenhngenden Phantasien zu lauschen. Doch verfolgte sie zugleich mit
lebhaftem Interesse das seltsame Zwiegesprch des Frsten mit der unglcklichen
Mutter Salvadors, das sich allmlig in einen Monolog der Letzteren verwandelte.
    - Ich kam zu Dir, um Dich zu tdten. Aber ich fand Dich nicht, und als ich
Dich endlich fand, da jammerte mich Deine Angst. - Und als Du da lagst, stumm
und bleich - - - da gedachte ich der ersten Nacht im Thale Valencias, da Du nach
langer Trennung wieder bei mir weiltest - - ich gedachte des Kusses, den Du auf
die kleinen, frischen Lippen Deines Knaben drcktest - - - und ich konnte Dich
nicht tdten. - - - - - Sie schwieg, ihr Kopf neigte sich auf die zitternde
Brust und eine groe Thrne entfiel ihren Augen.
    - La die Vergangenheit ruhen - sagte kalt der Frst, welcher die weiche
Stimmung Ines' benutzen wollte, um sich aus der peinlichen Lage zu ziehen, in
der er sich befand.
    - Schweig - entgegnete mit Hrte Ines. - Meinst Du, Deine Heuchelstimme wird
mich nochmals bercken knnen? Ich sage, damals dachte ich daran, weil Dein Auge
geschlossen und Dein Mund stumm war. Aber ich habe meine Schwche bereut.
Seitdem lebt nur ein Gedanke in meiner Seele, der Gedanke an jenen Augenblick,
wo ich flehend zu Deinen Fen lag und Du, mich von Dir stoend, enteiltest, um
nimmer wiederzukehren. Damals that ich einen Schwur - - - und ich werde ihn
halten. Und dieser Schwur lautete: Sein eigenes Kind soll ihm einst den Dolch
ins falsche Herz bohren.
    - Wahnsinnige! - rief entsetzt der Frst.
    Ines lachte. Frchte nichts - heute werde ich Dich nicht tdten. Die Shne
wre zu leicht. - - Nein, der Gedanke des Todes soll von nun an Deinen Fersen
haften, er soll Dich als Dein Schatten begleiten, wenn der helle Tag scheint; er
soll Dir in jedem Lichtschimmer entgegen leuchten, welcher Dir in der Nacht
zuwinkt - - - denn wisse es - - - bei dem dreieinigen Gott, da Du sterben wirst
von Deines Sohnes Hand, ehe Deutschland den Jahrestag der heiligen Nacht feiern
wird, deren heiligen Kampf dein schwarzer Verrath befleckt hat. - - - Gehe hin
und das drohende Gespenst meiner gemordeten Liebe folge Deinen Schritten!
    Einer Prophetin der Zukunft gleich stand Ines vor dem Frsten, der bleich
und zitternd das Auge vor der erhabenen Cassandra der Rache nicht aufzuschlagen
wagte. Noch einen Blick warf sie auf ihn, in dem sich eine grauenvolle Tiefe des
Hasses offenbarte. Dann wandte sie sich schweigend ab. Vernichtet, gleich einem
flchtigen Verbrecher, strzte der Frst hinaus. - - -
    Ines aber sank, als die Schritte des Frsten verhallten, in sich zusammen, -
- und brach in ein schmerzliches Schluchzen aus.
    - Sie liebt ihn noch immer - sagte Alice zu sich, mit tiefem Mitleid auf die
Trostlose herabblickend.
    - Ermannt Euch, Sennora - sagte sie nach einer Pause, whrend welcher Ines'
Thrnen unaufhaltsam geflossen. - Er ist Eurer Thrnen nicht werth. Das Weib mag
lieben, hei und hingebungsvoll, - - aber die Klte wird, ohne eine Thrne dem
Auge zu entpressen, in das Herz einziehen, wenn es den Geliebten als feigen
Verrther erkannte.
    - Ihr irrt - erwiederte Ines, sich aufrichtend - wenn Ihr meint, da meine
Thrnen ihm gelten. Nein, ber mich selbst weine ich, ber mein verlorenes
Leben, ber das Andenken an jene Zeit, die ich nicht vergessen kann, ber das
Schicksal, das mich verdammt hat, eine kurze Seligkeit mit Allem, was der Mensch
liebt und verehrt, zu bezahlen.
    - Habt Ihr Euch selbst nicht verloren, so habt Ihr nichts verloren; es giebt
keinen Verlust, als den des Glaubens an sich selbst.
    Die Spanierin sah Alicen mit einem groen Blicke an. Sie ahnte die Gre,
mit welcher Alice von dem Weibe dachte und sah mit fragender Bewunderung zu
dieser Hhe hinauf; aber sie fhlte zugleich, da eine gewisse Klte der
Reflexion dazu gehrte, um sich in dieser erhabenen Region heimisch zu fhlen;
eine Klte, der sie nicht fhig war. Ha und Liebe, beides mit derselben Glut,
waren die beiden Pole, zwischen denen ihre Empfindung whlte; dazwischen gab es
keinen Ruhepunkt fr sie. Sie hate, wo sie nicht lieben konnte, und liebte, wo
sie nicht hassen konnte. Aber weder fr ihren Ha noch fr ihre Liebe war sie
sich der Grnde bewut; ber ihre Empfindung gab es nur eine Richterin, die
Empfindung selbst.
    - Ihr habt wohl nie geliebt? - - fragte sie nachdenklich.
    Alice lchelte, wie ber die Frage eines Kindes. Sie wollte eben antworten,
als die Thre sich ffnete und der Pater, Salvador an der Hand haltend, eintrat.
    Mutter und Sohn strzten mit einem lauten Schrei einander in die Arme.
    - Sie mssen zum Prinzen gehen - sagte leise der Pater zu Alice. - Es mu
irgend Etwas sich ereignet haben, was vielleicht fr uns von Bedeutung ist. Ich
wage meine Ahnung noch nicht auszusprechen, die Reden des Knaben waren zu
verworren. Haben Sie etwa bemerkt, da Salvador zu Lydia eine - - mehr als
kindliche Hingebung fhlt? Es ist freilich noch ein Kind, inde - -
    Alice dachte an die heutige Verwirrung Lydia's in dem Augenblicke, wo sie
ins Zimmer trat. - Es ist mglich - sagte sie langsam.
    - Und der Prinz hat Lydia schon frher gekannt?
    - Erst heut habe ich erfahren, da er es war, welcher in Straburg ein
Verhltni mit ihr angeknpft hatte, ehe sie von dort entfhrt wurde.
    - Dann ist kein Zweifel mehr! - erwiederte Angelikus. - Und sie war auf so
gutem Wege.
    - Sie setzen wenig Vertrauen in die Fesseln, welche die frommen Seelen an
den Himmel binden. Die Liebe zum himmlischen Brutigam wird jeden unheimlichen
irdischen Funken wie die Sonne den kleinsten Stern berstrahlen.
    - Spotten Sie immerhin; doch sorgen Sie wenigstens, da nicht auch Sie Ihre
Gewalt ber Lydia verlieren - - vielleicht wird sie selber dann eine Fessel, in
der wir ihren Geliebten fr uns gewinnen. Dann brauchen wir den Frsten nicht
mehr.
    - Sie haben recht. Verlassen Sie sich auf mich. Jetzt leben Sie wohl, und -
    - Auf lngere Zeit. Wir - er zeigte auf Ines und Salvador - verlassen noch
heute Berlin. Unser Geschft ist hier beendet.
    - Was geschieht mit Gilbert?
    - Wenn er nicht heute Nacht noch stirbt, so drfte er gerettet sein. Ich
lasse ihn unter Ihrer Obhut. Der Frst aber darf ihn nicht wiedersehen.
    - Es ist gut. -
    - Kommt, Sennora. Es ist Zeit. Der Morgen graut schon, wir mssen eilen, ehe
der Kampf wieder losbricht, das Thor zu erreichen.
    Alice umarmte Salvador, drckte seiner Mutter herzlich die Hand und setzte
sich dann an das Bett des Kranken.
    Die drei aber verlieen still das Gemach.

                                      XVI


Nach einer kurzen zweistndigen Ruhe hatte der Kampf wieder begonnen. Aber
Kmpfer wie Kampfplatz boten eine vllig vernderte Physiognomie dar. Die
leidenschaftliche Wuth des vorhergehenden Tages, der tiefe Ingrimm ber am Volke
vielfach begangenen Verrath war einer kalten Entschlossenheit, die regellose
wilde Tapferkeit, mit welcher die Barrikaden vertheidigt und die Wachen gestrmt
worden waren, einer festen Disciplin gewichen, welche ein durchaus
revolutionres Geprge trug. Einen halb kindischen, halb rhrenden Anblick
gewhrte die ernste Wrde und Grandezza, mit der die wackern Proletarier einen
alten Sbel oder eine Flinte ber die Schulter, um die grauleinenen Beinkleider
ein rothbuntes Schnupftuch statt der Schrpe geschlungen, den groben Strohhut
verwegen auf die Seite gerckt, ihre Posten bezogen.
    Auf den Barrikaden wurde es frh lebendig. Auf wenige Augen hatte sich in
dieser Nacht der Schlaf gesenkt, aber welch' Unterschied zwischen denen, die
hinter den Barrikaden, und denen, welche vor ihnen erwachten. Jene voll
lachenden Muthes und frischer Thatkraft blickten, auf ihre Flinte gesttzt oder
am Wachtfeuer sitzend, dem dmmernden Morgen entgegen, der das Signal zum neuen
Kampfe werden sollte, diese lagen, in ihre grauen Mntel gehllt, ermattet am
Boden und starrten in dumpfer Betubung oder angstvollem Hinbrten in die Nacht
hinein.
    Wie konnte es anders sein.
    Das kmpfende Volk sah aus seinem Blute unvergngliche Lorbeern sprieen.
    Darum war es siegesfroh und kampfesheiter. Mochte es siegen oder untergehen:
gleichviel, dort winkte ihm die Palme des schnsten Sieges, hier die
Immortellen-Krone des blutigen Mrtyrerthums.
    Anders ihre Gegner. Der Sieg im unheiligen Kriege gegen ihre fr die
Freiheit kmpfenden Brder brachte ihnen keinen Ruhm.
    Die Sturmglocke lie dumpfes Gewimmer ertnen. - - Die Kmpfer eilten auf
ihre Posten. - - Von Neuem entbrannte der Kampf.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf den trmmerbedeckten Straen hatte die Kampfeslust ihre blutigrothe
Fahne aufgepflanzt - eine Welt voller Schmerz und Lust, voll unsglichen Leidens
und unvergelichen Entzckens. - - -
    Aber dort in dem heiligen Tempel seligen Friedens, wo auf rosenbedecktem
Throne die Liebe ihr purpurglhendes Banner entfaltet hatte, hielt noch die von
freundlichen Trumen bewachte selige Ruhe der tiefsten Gewhrung die Glcklichen
umfangen. - -
    Klagend schallte die Sturmglocke herber, ihr Geheul schwamm wie das
Schwanenlied der Freiheit auf den Wogen der Morgenluft ber die ruhelose Stadt.
    Der Prinz erwachte - - hatte er von Kampf und Blut getrumt?
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eine Stunde spter ging Lydia am Arme des Prinzen durch den noch ohne
Bltterschmuck dastehenden Park. Die Sonne schien freundlich durch die Zweige,
von denen einige bereits von ihrer Wanderschaft zurckgekehrte Frhlingssnger
ihr Lied ertnen lieen.
    Pltzlich stand Alice ihnen gegenber. Sie wollte ihren Augen nicht trauen,
als sie das ihr entgegenwandelnde Paar erblickte. Sie konnte es nicht begreifen,
wie diese beiden ernsten Charaktere in diesem Augenblicke, wo drauen die Frage
des Jahrhunderts gelst wurde, es hatten ber sich gewinnen knnen, aus jedem
Zusammenhange mit der blutenden und freiheitschwrmenden Welt da drauen so
vllig herauszutreten.
    Lydia war ein Weib; ihr verzieh sie, und als sie in das glckstrahlende Auge
ihrer Freundin blickte, da ffneten sich ihre Arme - und Lydia strzte weinend
hinein.
    Auch der Prinz fhlte sich von dem ernsten Wesen Alicens sonderbar erregt.
Er fhlte, da er den Vorwurf, welcher darin lag, verdiene.
    So sonderbar hatten diese so verschiedenen Charaktere ihre Rollen getauscht.
In Alicen, deren Leichtsinn in der Politik an Frivolitt grenzte, war durch die
groen Scenen der jngst durchlebten Revolutionsnacht eine erhabene Wehmuth
erweckt worden, die sie den beiden Liebenden gegenber als eine dstre
Schwrmerin erscheinen lie.
    - Sie sind glcklich, mein Prinz - sagte mit Bitterkeit lchelnd Alice. -
Sie wissen, wie sehr ich es Ihnen gnne. Aber erlauben Sie mir, Sie daran zu
mahnen, da der heutige Tag ein Tag des Handelns und des Ernstes, nicht des
Liebens und des Scherzes ist. - - O, ich will Ihnen keinen Vorwurf machen; aber
eilen Sie, ehe es zu spt ist. Das Haus Hohenzollern hat sein Brennusschwert in
die eine Wagschale geworfen, das Volk ist bereit, in die andere die knigliche
Krone zu werfen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Eine Stunde des
Kampfes noch - und der Sieg ist unser. - Wehe dann den Besiegten!
    Der Prinz erbleichte. - Was ist zu thun? - fragte er hastig.
    - Eilen Sie auf's Schlo und bewirken Sie das Einstellen des Feuerns. Lassen
Sie die Soldaten zurckziehen, damit nicht das verhngnivolle trop tard! auch
an dem Hause Hohenzollern zur frchterlichen Wahrheit wird.
    Rasch verlie der Prinz die beiden Frauen, welche schweigend sich dem
Gewchshause zuwendeten.
    Als sie dort anlangten, reichte Alice ihrer Freundin die Hand und sagte ihr
Lebewohl.
    - Du willst mich verlassen - fragte diese erschrocken.
    - Ich lasse Dich in den Armen der Liebe zurck - sagte jene traurig; denn
sie ahnte, da das Glck Lydias nur kurze Zeit dauern werde.
    - Ich warte das Ende des Kampfes ab und dann wandre ich zum Thore hinaus.
Meine Mission ist hier beendet. Ich gehe nach dem Norden.

Der Ausgang jenes denkwrdigen Kampfes in der Nacht vom 18. bis 19. Mrz ist
bekannt. Am Morgen des 19. - es war ein Sonntag - wurde das Feuern eingestellt
und das Versprechen gegeben, da die Soldaten sich zurckziehen sollten, sobald
das Volk die Barrikaden niedergerissen htte. Nur wenige Barrikaden gingen diese
Bedingung ein, die meisten blieben, wie sie waren. Dennoch gab man im Schlosse
nach; man war schwankend geworden theils durch die eigene Anschauung, theils
durch die Schilderung der unbezhmbaren Wuth und der unerschtterlichen
Entschlossenheit des Volks.
    Die Minister von Bodelschwingh, von Thiele, von Eichhorn hatten schon in der
Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen. Auch der Prinz von Preuen hatte es
fr nthig gehalten, sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen, das -
ob mit Recht oder Unrecht, wird wohl nie klar entschieden werden - ihm die
Hauptschuld fr das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beima. Ueber Tausend
aus den Reihen des Volkes lagen theils verwundet in den Husern umher, theils
bedeckten sie als Leichen den blutgedngten Boden. Auer denen, die spter an
ihren Wunden starben, hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod
gefunden. Unter diesen war auch der Camerad Ralphs, der junge Hartwig; der alte
Steiger, welcher jenem in prophetischer Ahnung sein Schicksal vorausgesagt, lag
in einem Keller der Jerusalemsstrae. Beide Beine waren ihm durchschossen. Ralph
war durch die Frsorge Alicens in ihre Wohnung gebracht, und dort von seiner
Schwester Anna treu gepflegt.
    Die Stadt, durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden
Straen berhmt, bot jetzt einen ernsten Anblick dar; die Trottoirs und das
Pflaster waren aufgerissen; die Wnde der Huser mit Kugelspuren bedeckt, die
Dcher ihrer Ziegel beraubt, so da die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden,
zwischen denen man in die schwarzen Bden hineinblickte. - - - -
    Der Kanonendonner war verstummt. Das Volk aber ruhte nicht; es bestand auf
der Ausfhrung der ihm gemachten Versprechungen, und verlangte, das Schlo
umwogend, da die Soldaten die Stadt verlieen.
    Es geschah. Von Pulverdampf geschwrzt, sich kaum auf den Beinen haltend,
mit zerrissener Uniform, zogen sie stumm, die Augen zu Boden schlagend, aus dem
Schlosse heraus auf den Lustgarten. Ohne Klang traten sie den Rckzug an, die
Linden hinab zu dem Brandenburger Thore hinaus.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am dritten Tage begrub das Volk seine Todten auf dem Friedrichshain. Damals
rechneten es sich die Behrden der Stadt, welche sich die Frchte der Revolution
gut schmecken lieen, vielleicht weil sie selber die Saat gestreut, die das Volk
mit seinen Thrnen und seinem Blute begossen, zur Ehre, da ihnen gestattet
wurde, den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten. - Es sind dieselben
Behrden, welche acht Monate spter fr die Fortdauer des Belagerungszustandes
Adressen sammeln und die am 18. Mrz 1848 verstmmelten Proletarier nach der
Ostbahn schicken, um Berlin von diesem Gesindel zu subern.
    Als der Zug der Leichen das Schlo passirte, erschien der Knig auf dem
Balkon und entblte ehrfurchtsvoll das Haupt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Brgerwehr wurde organisirt. Berlin war von den untersten bis in die
obersten Schichten hierauf umgewandelt.
    Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen. Frst Lichnowski
gehrte zur gemigten Opposition, er strebte sichtbar danach, sich populr zu
machen.
    Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet. Die einigen Grundlagen der
knftigen preuischen Verfassung und das Wahlgesetz waren proklamirt worden.
    Das Volk murrte, aber es wartete auf die constituirenden Versammlungen.
    Die Wahlen begannen. Die alten doctrinren Liberalen standen im
Vordergrunde. Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin. Auch der Frst
Lichnowski wurde nach Frankfurt gewhlt.
    Nicht sechs Wochen waren seit dem 19. Mrz verflossen und die
Contrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen, zu dem
prchtigen Pallast, den sie am 7. November vollendete und am 5. December
einweihte.
    Der groe Zug nach dem Friedrichshain am 4. Juni 1848 war das letzte
Aufflackern des mchtigen revolutionren Geistes, und der letzte groe
friedliche Sieg des Volkes ber das wiederauftauchende Bourgeoisphilisterthum.
    
    In demselben Mae, wie das Andenken an das, was man am 18. Mrz gewollt
hatte, abnahm, nahm die im Finstern schleichende Reaktion zu. Vergebens nhrten
die Redner der Clubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht, vergebens wies die
Presse auf die Fortschritte der Reaction hin:
    Der Geist der Revolution selbst, die Vorsehung des Volkes wollte es anders.
    Nur die vollendete Contrerevolution kann die Mutter einer vollendeten
Revolution werden.
    Das ist die Lsung des Rthsels.


                                  Drittes Buch

                                       I

                         Die Frankfurter Septembertage.

Auf dem flachen sandigen Ufer des kleinen Belt, gegenber der Nordspitze der
Insel Alsen, bildet das Meer eine tiefe und breite Bucht, an deren innerstem
Grunde sich die schleswigsche Stadt Apenrade anlehnt. Die rechte sdliche Seite
des Ufers zieht sich in einem weiten Bogen bis zur Mndung des Hafens hin,
welche durch zwei kleine, mit den Ufern rechte Winkel bildende nach Norden und
nach Sden auslaufende Landzungen scharf begrenzt ist.
    Die nrdliche Landzunge war damals militairisch benutzt worden. In einer
Entfernung von 50 zu 50 Schritten blickte die Mndung einer Kanone wie ein
lauerndes Cyklopenauge ber den Wall hinaus auf das Meer. Es waren im Ganzen
vier 6- und zwei 24-Pfnder, welche diese Strandbatterie bildeten; sie schien
besonders dazu bestimmt, das Hauptquartier des General von Wrangel, welches sich
in dem sich ber die andern Huser Apenrades erhebenden Schlosse des Kammerherrn
von Stehmann befand, vor einem Ueberfall zu schtzen.
    Die uerste Spitze der sdlichen Landzunge bildet ein kegelfrmig
gestalteter, grner Hgel, an dessen mit dichtem Buschwerk besetzter Brust die
weischumenden Wogen des unruhigen Beltes sich brechen.
    Ein schmaler, sich durch das hohe Gras hinwindender Fusteig fhrt den Hgel
hinan und endet auf seinem ein wenig abgeglatteten Gipfel, in dessen Mitte ein
mchtiger moosbewachsener Stein in schrger Lage aus der Erde hervorragt,
welcher - seiner regelmigen Form nach zu urtheilen - nicht durch den Zufall
der Natur hierhergewlzt zu sein schien.
    Es war ein heier Augustabend. Das Meer sandte seine ewig rollenden Wellen
mit trger Langsamkeit an das glhende Ufer; die Bltter der jungen Birken und
Haselstauden auf dem Hgel hingen welk und glanzlos an den Zweigen nieder. Die
ganze Natur lechzte nach Khle und Erfrischung; nur ein lebendes Wesen
unterbrach die Stille: es war ein Kuckuck, der seinen weit hinschallenden
melancholischen Ruf in langen regelmigen Pausen ertnen lie.
    Die Sonne war hinter Apenrade niedergegangen, das Abendroth warf seinen
dunkelrothen Wiederschein ber den Hafen hin und einzelne Sterne zitterten
bereits mit bleichem Lichte am tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Da stieg ein Mann
in einem blauen Staubhemde und breitrandigem Strohhut den Hgel hinan. Als er
die Spitze erreicht hatte, zog er ein Fernrohr hervor, und warf durch dasselbe
rings umher einen forschenden Blick, als wollte er sich berzeugen, da er von
Niemandem bemerkt worden sei. Seine Beobachtungen schienen ihn befriedigt zu
haben, denn er legte Fernrohr, Stock und Strohhut auf den Boden nieder und
setzte sich selbst auf den alten Stein.
    Nach einer kurzen Pause, whrend welcher er, wie es schien, nur mit seinen
Gedanken beschftigt, vor sich hinblickte, nahm er das Fernrohr wieder auf und
richtete es in nordstlicher Richtung auf das Meer, lie es jedoch bald wieder
sinken und nahm seinen Platz auf dem Stein wieder ein.
    Ein dumpfes Rollen, wie der schwache Donner eines fernen Gewitters, weckte
ihn pltzlich aus seiner Trumerei. Rasch sprang er empor und setzte das
Fernrohr abermals an das sphende Auge. -
    Ein Freuderuf entfuhr seinem Munde.
    - Ah, sie haben Wort gehalten - murmelte er vor sich. - Beim Teufel, es war
hohe Zeit.
    Wer mit unbewaffnetem Auge auf das bereits ins Dunkel versinkende Meer
hinausgeblickt htte, wrde wahrscheinlich den kleinen dunkeln Punkt am
nordstlichen Horizonte bersehen haben, der dem Unbekannten ein so groes
Vergngen verursachte. Aber in dem trefflichen Glase des Rohrs zeichnete sich
deutlich eine groe dnische Fregatte ab, welche mit vollen Segeln auf den Hafen
lossteuerte.
    Der Fremde lie jetzt wiederum sein Fernrohr sinken, vielleicht weil die
schnell herannahende Nacht das Schiff seinen ferneren Beobachtungen entzog,
vielleicht auch, weil er nichts weiter zu beobachten hatte. Aber er setzte sich
nicht wieder, sondern starrte fortwhrend auf das Meer hinaus. Eine volle halbe
Stunde mochte vergangen sein, da lie sich ein regelmiges leises Pltschern
hren, welches dem Ufer sich nherte. Endlich schwieg das Gerusch.
    Man vernahm deutlich, wie ein Boot dicht bei dem Hgel auf das Ufer gezogen
wurde. Darauf erscholl von unten herauf ein helles Pfeifen.
    - Bravo, mein Bursche! - sagte lchelnd der Fremde, indem er seinen Strohhut
aufsetzte. Darauf zog er den Knopf seines Ziegenhainers an den Mund und
antwortete mit einem hnlichen Pfiff.
    - Hallo! - fluchte eine tiefe Stimme unten. - Zum Teufel mit diesen
verdammten Dornstruchern, die einen ehrlichen Kerl fester halten, als die
breiteste Sandbank, und ihn rger schinden, als das spitzeste Riff.
    - Wendet Euch rechts, Capitain; - rief der Fremde hinunter - ein Dutzend
Schritte am Ufer hin, da findet Ihr den Steg. - - Nun, was giebts jetzt wieder?
    Diese letzte Frage galt einem neuen Ausruf des unten Tappenden, der aber
mehr aus Verwunderung, als aus Unwillen zu entspringen schien.
    - Nisten in dieser erbrmlichen Wste auch Wlfe? Es wollte mir fast
scheinen, als htte ich so was durchs Gebsch schlpfen sehen. - Na, Gott sei
gelobt, wir sind zur Stelle - - guten Abend, Lieutenant! Doch wie? seid Ihrs
wirklich? In solchem Aufzuge? Ihr seht ja aus wie ein wandernder Bnkelsnger.
    - Lat das jetzt, Capitain, es ist spt, und ich mu bald ins Quartier
zurck, wenn ich nicht vermit werden soll. Doch zuvor sagt, was meintet Ihr
vorher mit dem Wolfe? - Er warf bei diesen Worten einen unruhigen Blick auf das
Gebsch.
    - Ah, bah! Was wirds gewesen sein? Eine alte Eule, die wir im Schlafe
gestrt - erwiederte der Neuangekommene, ein derber, krftiger Seemann, mit
gebruntem Gesicht und starkem Schnurr- und Knebelbart.
    - Seid Ihr allein gekommen? - fragte vorsichtig der Fremde.
    - Denkt Ihr, ich sei eine gemeine Theerratte, die den Sbel zuweilen auch
mit der Ruderstange wechselt? Meine Burschen sind unten im Boot.
    - Wie viel sinds Ihrer?
    - Zum Teufel, was soll's mit diesen Fragen?
    - Nun! - begtigte der Andere - ereifert Euch nicht. Ihr seid Eurer Leute
sicher, nicht wahr?
    - Das sollte ich meinen! - rief der Capitain. - Fr den Nothfall hab' ich
Mittel, sie so in Sicherheit zu bringen, da sie ferner fr keine Schutzwache zu
sorgen haben. - Er schlug bei diesen Worten seinen Mantel auseinander, wodurch
ein mit zwei Doppelpistolen besetzter Ledergurt sichtbar wurde.
    - Gut! - sagte der Fremde, sichtlich beruhigt. - Zur Sache denn! Was bringt
Ihr fr Nachrichten aus Copenhagen?
    - Man ist der Sache bei Hofe herzlich satt und htte ihr lngst auf die eine
oder die andere Weise ein Ende gemacht, wenn man nicht htte Rcksicht auf die
allgemeine Meinung, d.h. auf die wohlfeile Kriegslust des Straenpbels, nehmen
mssen.
    - Ihr scherzt!
    - Schauet dort den Beweis! - sagte der Capitain, auf das Meer in der
Richtung der Fregatte deutend. - Der Apenrader Hafen ist in Belagerungszustand
erklrt.
    Der Fremde trat einen Schritt zurck.
    - Und was verhandeln wir dann noch hier? - sagte er kurz und heftig. - Gute
Nacht!
    - Hoho! Gemach, mein Freund! Ihr segelt verdammt unterm Winde. Sorgt nur,
da Ihr nicht unversehens auf ein Riff lauft. Ich bitt' Euch, lat Euren Anker
auf dem Grunde, wir sind noch lange nicht fertig.
    - Nun, was soll's noch weiter? Ich mache nicht gern unntze Worte!
    - Da habt Ihr ganz meinen Geschmack! Nicht wahr, Chevalier, Ihr wnscht
diese Nacht sicherlich lieber in Eurem weichen Bette, als in einer wurmstichigen
Hngematte zuzubringen.
    - Was bedeutet das nun wieder? - fragte mit einer gewissen Unruhe der mit
dem Titel Chevalier angeredete Fremde.
    - Beim Himmel, ich wei nicht, was ich Euch fr Grund gegeben habe, mich fr
einen unbrtigen Knaben zu halten! Nicht wahr? Ihr mchtet jetzt hingehen und
Euch den Lohn, den Ihr dem Feinde nicht abverdienen knnt, bei Euren Freunden
einzubringen suchen. Still! Ich sollte meinen, da wir uns kennen, Chevalier.
Ein Kind kann einsehen, da der Bursche da drauen nicht umsonst die Nacht
abgewartet hat, um dem Apenrader Hafen einen Besuch abzustatten. Ich hoffe,
morgen mein Frhstck im Schlosse des Herrn von Stehmann einzunehmen.
Verstanden? Gut; und nun, meint Ihr, werde ich Euch fortlassen, um dafr zu
sorgen, da mir statt einer kalten Rebhuhnpastete von jenen lahmen Strandlufern
- er zeigte nach der andern Landzunge auf die Strandbatterie hinber - ein
Frikassee zum Willkommen gebracht wird, das mir den Appetit fr immer vergehen
machen mchte? -
    - Ihr glaubt also, ich werde Euch verrathen?
    - Teufel, Ihr seid schnell von Begriffen: das meine ich, ja.
    - Ihr mchtet unter anderen Umstnden so Unrecht nicht haben - lchelte
Jener - doch diesmal irrt Ihr. Meint Ihr wirklich, da ein Mann, wie ich, aus
bloer Geldlust dergleichen unternimmt? Nein. Dnemark ist mir eben so
gleichgltig wie Deutschland, und vollends dieser lcherliche Krieg, von der
einen Seite aus Renommage, von der andern aus Hochmuth und Lndergier
unternommen, von keiner mit Ernst gefhrt. Bei Gott, ich rhrte keinen Finger
deshalb, htte ich nicht andere Grnde.
    Es war zu dunkel, um das Gesicht des Redenden zu erkennen, aber in seinem
erregten, zitternden Tone lag ein solcher Ausdruck von Wahrheit, da der
Capitain davon getroffen wurde.
    - Nun, ich habe Euch nicht beleidigen wollen - sagte er einlenkend.
    - Hrt jetzt, was ich Euch zu sagen habe. Ich wei bestimmt, da Preuen
Alles aufbieten will, um einen Waffenstillstand quand mme zu Stande zu bringen.
In Frankfurt wird bereits, obschon bisher ohne Erfolg, deshalb intriguirt.
Willigen die Frankfurter bis zum 20. dieses Monats, heute ist der 16., also
innerhalb 4 Tagen, nicht ein, so wird es Preuen auf einen Separatfriedensschlu
ankommen lassen. Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen. Die Ausfhrung
scheiterte bisher an der Hartnckigkeit Wrangels, der eitel genug ist, sich auf
den Titel:
    
              Oberkommandeur der Truppen der Reichscentralgewalt

etwas einzubilden. Aber er wird sich fgen, wenn man ihm die Wahl lt,
nachzugeben oder den preuischen Dienst zu verlassen. Habt Ihr mich verstanden?
    - Vollkommen. Fahrt fort!
    - Ihr seht hiernach ein, da es vllig unpolitisch und gegen Euer eigenes
Interesse wre, den Hafen zu forciren und Apenrade zu beschieen. Denn erstlich
wrde Wrangels Widerstand gegen die Abschlieung des Waffenstillstandes dadurch
hartnckiger und zweitens wrde das preuische Cabinet selbst nicht mehr seinen
friedlichen Absichten folgen knnen, ohne sich zu sehr zu compromittiren. Es ist
klar, da man laut ber Verrath schreien wrde.
    - Hm! Ihr scheint mir in gutem Fahrwasser zu steuern. Doch Eins erklrt mir
noch. Wie soll ich mich mit meiner Instruktion abfinden, die ausdrcklich die
Beschieung, respektive Ueberrumpelung von Apenrade anbefiehlt.
    - Habt Ihr sie bei Euch?
    - Ja wohl; aber es ist zu dunkel, Ihr knnt nicht sehen.
    - Gebt nur - erwiederte jener, eine kleine Laterne anzndend. - Stellt Euch
auf diese Seite, damit der Schein nicht nach dem Lande fllt.
    Der Chevalier entfaltete das Papier und las es aufmerksam durch, whrend der
Capitain leuchtete.
    - Hier steht ja noch etwas von einer zweiten, speciellen Instruktion, die
Ihr am Orte Eurer Bestimmung erbrechen sollt. Habt Ihr das gethan?
    - Nein, dazu, dchte ich, wre noch Zeit genug, wenn's zum Kampfe geht.
    - Thor, der Ihr seid. Wenn Euch nun gerade darin der Kampf untersagt wrde.
Der Capitain sah seinen Gefhrten verblfft an. - Wartet einen Augenblick -
sagte er, seinen Gurt abschnallend. Eine in der einen Seite desselben verborgene
Tasche ffnend, zog er darauf die versiegelte Instruktion hervor und erbrach
sie.
    - Donnerwetter, Ihr habt, hol' mich der Teufel, recht - rief er erstaunt. -
Hier steht das Gegentheil von dem, was dort. Das begreife ein Anderer.
    - Das ist sehr leicht zu begreifen - sagte mit Ruhe der Chevalier. - Um ganz
sicher zu sein, gab man Euch in Copenhagen eine officielle Depesche, die so
lautete, wie die ffentliche Meinung, die Ihr so richtig als die Meinung des
Straenpbels charakterisirt habt, es verlangte, und wies Euch nur in einer
kleinen, unschuldig aussehenden Notiz auf die weitere specielle Instruktion hin,
die Ihr versiegelt erhieltet mit dem gemessenen Befehl, sie erst am
Bestimmungsort zu ffnen. Das scheint mir klar wie die Sonne.
    - Was soll ich da thun? - sagte zweifelhaft der Capitain.
    - Welche Frage? Dem gehorchen, was man Euch befohlen hat. Doch einen Rath
als Freund will ich Euch geben. Bewahrt beide Dokumente sorgfltig! Es knnte
eine Zeit kommen, wo man die Verantwortlichkeit fr die insgeheim angeordneten
Maregeln auf Euch wlzen mchte. Ihr knntet dann die Papiere nthig haben zu
Eurer Rechtfertigung.
    - Ihr habt wieder recht, Chevalier - erwiederte der Capitain, ihm die Hand
schttelnd. - Ich werde Euch dankbar sein.
    - Es ist gut! - sagte jener kalt. - Ich glaube, wir haben fr heute unser
Geschft beendet. Nicht wahr, ich werde nicht in einer Hngematte schlafen
mssen?
    - Ich bitt' Euch, schweigt davon! Es war eine Dummheit von mir. Wann sehe
ich Euch wieder?
    - Das wei ich nicht. Sollte ich Euch sprechen mssen, so werdet Ihr hier um
diese Zeit ein kleines Licht bemerken. Setzt Euch dann in Euer Boot und kommt
herber.
    - Vortrefflich. Nun gehabt Euch wohl! - - - Holla, Bursche! - rief er nach
dem Ufer hinunter. - Macht Euch fertig.
    Nach einem krftigen Hndedruck stieg er den Hgel hinab.
    Der Chevalier blieb mit gekreuzten Armen an dem Steine stehen und lauschte
den Ruderschlgen des sich entfernenden Bootes. Als sie verklungen waren, zog er
seine Blouse fester zusammen und stieg ebenfalls herab, nach der Landseite sich
wendend. Bald war er im Schatten der Nacht verschwunden.
    Als seine Schritte verhallt waren, bewegte sich das Gebsch hinter dem
Steine und ein menschlicher Kopf zeigte sich.
    Sie sind fort! - sagte eine weiche Stimme. Bald darauf trat ein noch ganz
junger Mann in der grnen Uniform eines Berliner Freischrlers heraus.
    - Hallunken Ihr! - sagte er, drohend die kleine Faust erhebend - ich werde
Euer Teufelsgebru Euch versalzen.
    Traurig lie er den Kopf sinken und setzte sich hart an das Meer.
    - Also auch dies Blut soll umsonst geflossen sein? - sagte er vor sich hin.
Es war wiederum nur ein Wahn, der uns hieher trieb, fr die Gre, Einheit und
Freiheit Deutschlands in den Kampf und Tod zu gehen. Fluch ber die Erbrmlichen
, die am grnen Tische durch meineidigen Verrath die Fesseln an einander
schmieden, mit denen sie auf's Neue die deutschen Stmme in Banden schlagen
wollen! Doppelten Fluch aber ber die Verrther in der Paulskirche, die das Volk
hingesandt, sein Recht gegen die Rnke der Frsten zu vertheidigen, und die nun
ruhig zusehen, wie man dies Recht mit Fen tritt und die Sehnsucht Deutschlands
nach Freiheit verhhnt. O Felix! Felix! Auch Du bist einer der Verrther! Aber
die Rache des Volkes wird Euch Alle ereilen.
    Er erhob sich. Sein Fu stie an einen Gegenstand. Er bckte sich. Es war
das Fernrohr des Chevalier.
    - Das soll mir eine Erinnerung an diese Stunde sein - sagte er, es
einsteckend. Da nahten auf's Neue Tritte. Es war der Chevalier, der sein
Fernrohr vermite und zurckgekehrt war, es zu suchen.
    - He, was ist das?! - -
    Dieser Ausruf galt dem jungen Manne, welcher pltzlich vor dem vor Schreck
Erstarrten stand. Doch nur einige Sekunden dauerte der Eindruck, dann hatte der
Chevalier sich gefat. Mit der linken Hand griff er rasch nach der Brust des
Knaben, whrend die Rechte in dem Brustlatz seiner Blouse etwas zu suchen
schien.
    - Wer bist Du? - Was suchst Du hier? - donnerte er den Knaben an, welcher
von seinem Zorn durchaus nicht bewegt schien, sondern ruhig stehen blieb.
    - Ich suchte und fand einen Verrther am Vaterlande - erwiederte Jener kalt.
    Beim ersten Laute schon war der Chevalier einige Schritte zurckgetreten.
    - Alice! - sagte er mit zitternder Stimme. -
    Elender Meineidiger! - fragte mit dem Tone schmerzlicher Verachtung das
bleiche Weib - hast Du auch wohl berlegt, was Du beginnst? Wird Deine feige
Seele den Gedanken, ein Herostrat an dem Freiheitstempel Deutschlands gewesen zu
sein, ertragen?
    - Du hast also gelauscht? - Alice!
    - Gilbert, ich habe Dich gepflegt, als Du zum Tode verwundet, Deinem Ende
entgegensahst; als Alle, auch der Frst, Dich verlassen hatten. - - Gedenkst Du
des Schwures, den Du mir geleistet, als Du, durch meine Hand genesen, vom
Krankenlager erstandest?
    Gilbert schwieg.
    - Wirst Du auch diesen Eid brechen? Antworte!
    - Ich werde ihn halten - erwiederte er dster.
    - Das Wort hat Dir Dein guter Engel eingegeben - sagte sie mit
unvernderlicher Ruhe. Jetzt antworte mir: Wei der Frst Lichninsky um diesen
Cabinetsstreich?
    - Ich bin sein Bevollmchtigter. Wir haben hierin gleiches Interesse.
    - Wie? Der alte Lwe und der feige Schakal: Beide morden ihre Opfer, um sich
zu sttigen. Wann wird der Waffenstillstand ratificirt werden?
    - Noch in diesem Monat.
    - Wer ist von Seiten Preuens mit der Ratification beauftragt?
    - Der General von Below.
    - Und von Dnemark?
    - Herr von Reetz.
    - Der General von W. ist natrlich eingeweiht?
    - Er hlt sich vorlufig neutral, doch wird es sich morgen entscheiden.
    - So mu ich eilen! - sagte Alice zu sich selbst und setzte dann laut hinzu:
Es ist gut, Du kannst gehen.
    Ohne ein Wort zu erwiedern, schritt Gilbert den Hgel hinab.
    Alice eilte ins Gebsch zurck und bestieg ein Boot, das tief in einer vom
Meere ausgesplten kleinen Bucht verborgen war. Ein Mann, der der Lnge nach im
Boote ausgestreckt lag, erhob sich bei der Ankunft Alicens und nahm die Ruder
zur Hand.
    - Du bist lange geblieben - sagte er, mit einem krftigen Sto das
gebrechliche Fahrzeug in das Meer hineinschleudernd, so da die Wellen hoch
aufspritzten. - Ich war bange um Dich. Httest Du mir nicht ausdrcklich
verboten, Dir zu folgen, so htte ich Dich aufgesucht.
    - Guter Ralph! - sagte Alice mit Wehmuth - nicht wahr, Du verrthst weder
mich noch das Vaterland?!
    Ralph sah sie erstaunt an.
    - Weit Du, mit wem ich ein Rendezvous gehabt?
    - Wie soll ich's wissen!
    - Mit Gilbert.
    Das Ruder entsank seiner Hand, als er diesen Namen hrte.
    - Und Du hast ihm nicht den Dolch ins Herz gestoen?
    - Pfui, wer wird gleich so unhflich sein!
    - Du hast recht - sagte lachend Ralph - wer Pech angreift, besudelt sich.
    Wohin fahren wir?
    - Nach dem Schlosse. - - - Ich mu Herrn von W. noch eine Visite machen.
    - Es ist ja nahe an Mitternacht! - bemerkte Jener.
    Alice beantwortete diese Worte nicht. Sie war in tiefes Sinnen versunken.
Nach einer kurzen Zeit landete das Boot. Alice stieg aus.
    - Erwarte mich, Ralph - sagte sie, den Weg nach dem Schlosse einschlagend.
    Ralph streckte sich wieder in seinem Boote aus und starrte, von der lauen
Sommernacht angefchelt, zu dem blauen Sternenhimmel hinauf.
    Das Schlo des Kammerherrn von Stehmann, der durch die wiederholten
Brandschatzungen der Dnen zu einem eifrigen Verfechter der Schleswigschen
Unabhngigkeit geworden, war, theils um den edlen Kammerherrn gegen dnische
Ueberflle zu schtzen, theils weil in diesem Augenblicke der General von
Wrangel darin sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, in eine kleine Festung
verwandelt worden. Die dem Meere zugekehrte Seite war zwar offen, inde mit
einer starken Wache versehen, die andern drei Seiten waren durch hohe Wlle
ziemlich geschtzt. Auerdem standen vor dem Hauptthor des Schlosses zwei
Zwlfpfnder.
    Alice wurde auf ihr Verlangen, den General zu sprechen, sogleich durch einen
der wachhabenden Soldaten in das Schlo gefhrt und dem General gemeldet.
Obgleich es schon spt war, so wurde sie dennoch vorgelassen. Der General sa an
einem mit Papieren und Karten bedeckten Tisch. Sein runzliches, gelbes Gesicht
mit dem kurzen, borstenartigen Schnurrbart, wie ihn die Militairs aus den
Freiheitskriegen zu tragen pflegen, seine halbgeschlossenen Augen und das
graue, kurze Haar bildeten ein Ensemble, das den lebendigen Typus eines
preuischen gedienten Soldaten darstellte, in diesem Augenblicke aber der
eintretenden Alice trotz ihrer ernsten Stimmung ein Lcheln abnthigte, da der
General die Folie, auf welcher das Bild erst seinen eigentlichen Charakter
erhlt, nmlich die preuische Uniform abgelegt hatte und wegen der groen Hitze
in einem Leinwandrocke da sa. Alice war dem General nicht unbekannt. -
    - General! - begann sie, ihren Chef militairisch begrend - ich komme,
Ihnen eine wichtige Nachricht mitzutheilen. Um 9 Uhr 35 Minuten Abends hat sich
eine dnische Fregatte vor dem Apenrader Hafen gelegt.
    - Was Sie sagen! - rief der General erstaunt aus. - Ihre Nachricht beruht
auf keinem Irrthum?
    - Sie knnen sich selbst davon berzeugen. Unten liegt mein Boot. Wenn's
Ihnen beliebt, steuern wir hinaus, den Gast in der Nhe zu besehen. Der General
erhob sich und ging einige Mal, die Hnde auf den Rcken gelegt, das Zimmer auf
und ab. Endlich blieb er vor Alicen stehen.
    - Sie sind zur glcklichen Stunde gekommen, liebe Tochter - sagte er. -
Einige Minuten spter und es wre zu spt gewesen. - - - - Es ist sicher, man
hat parlamentirt, um unter der Hand einen desto sichern Schlag auszufhren.
    Obgleich er die letzten Worte mehr im Selbstgesprch an sich selbst als an
Alicen richtete, so glaubte diese dennoch darauf antworten zu mssen.
    - Ich glaube nicht, General - sagte sie.
    - Was glauben Sie nicht? - fragte er rasch.
    - Da der Dne den Hafen forciren wird.
    - Und woraus schlieen Sie das?
    - Der Capitain hat eine geheime Instruktion, die es ihm verbietet.
    - Eine geheime Instruktion, von der Sie Kenntni haben? - fragte er,
unglubig lchelnd.
    - So ist's, General. Sie glauben mir nicht, so will ich Ihnen den Beweis
geben, da ich gut unterrichtet bin. Man trifft Vorbereitungen zu einem
Waffenstillstande, vielleicht zu einem Friedensschlusse; Vorbereitungen, die
bisher an Ihrem Widerstande gescheitert sind. Da hat man Sie auf die
republikanischen Tendenzen hingewiesen, die sich in den unter Ihrem Oberbefehl
stehenden Truppen kund gegeben und daraus die Nothwendigkeit abgeleitet,
besonders die sddeutschen Truppen zu entlassen. Morgen htten Sie sich
entschieden, und zwar fr den Waffenstillstand entschieden. Deshalb bin ich
gekommen, um Ihnen zu sagen, da das Ganze eine abgekartete Verrtherei ist, der
sich als Werkzeug zu leihen fr einen braven Soldaten keine Ehre sein kann.
    Das Erstaunen des Generals wuchs.
    - Der dnische Capitain hat deshalb ausdrcklichen Befehl, sich vllig
passiv zu verhalten, um Sie nicht zum aktiven Widerstande gegen ihn und dem
zufolge auch gegen den Waffenstillstand zu reizen. Ich meine, da Sie keine
Ursache haben werden, dies Alles fr bloe Trumerei zu halten. - - Denken Sie
daran, General, da Sie in diesem Augenblicke die hchste militairische
Ehrenstelle in Deutschland bekleiden, Sie das Oberkommando der deutschen
Reichstruppen inne haben. Wollen Sie Deutschlands Ehre, Deutschlands Freiheit
den separatistischen Gelsten der Frsten, die Sympathieen des ganzen Volks den
absolutistischen Intriguen weniger Dutzend Diplomaten zum Opfer bringen? -
    Ich bin eine Frau, General, aber ich wrde eher mein Leben hingeben, als
diese Verantwortlichkeit auf mich nehmen. - Mein Geschft ist vollendet; leben
Sie wohl, General, und mge der Himmel Ihren Entschlu zum Segen des Volkes
lenken.
    - Ich werde die heutige Nacht nicht vergessen - sagte der General, sichtlich
bewegt. -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf dem Schlohofe begegnete Alice Gilbert, welcher ebenfalls zum General
eilte, dessen Geheimsekretair er war.
    - Ha - sagte er mit unterdrckter Wuth - Verrtherin! Du meinst, ich habe
die Langmuth eines Lammes, da Du es wagst, mich zum Aeuersten zu reizen. Du
warst beim General?
    Alice wrdigte ihn keines Blicks, sondern eilte dem Ausgange zu.
    - Du sollst mir Rede stehen! Hast Du mich verrathen?
    - Es steht Euch gut, Chevalier - sagte Alice mit schneidendem Hohne - Euch
gegenber von meiner Verrtherei zu reden. Indessen rathe ich Euch, Eurer Zunge
nicht allzusehr den Zgel schieen zu lassen und Euer heies Blut etwas
abzukhlen. Meine Feldapotheke enthlt vortreffliche Pillen, welche eine
wunderbare Kraft der Beruhigung besitzen. Seht! - diese kleine Phiole ist damit
bis zum Rande gefllt. Sie hielt ihm die Mndung eines niedlichen Terzerols
entgegen. -
    Adieu!
    Gilbert verharrte einen Augenblick in seiner Stellung, als sei er
unschlssig, ob er ihr folgen solle oder nicht. Dann wandte er sich kurz um und
ging mit zgernden Schritten zum General hinauf.

                                       II


Am andern Morgen gab sich in der Stadt Apenrade eine mehr als gewhnliche
Bewegung kund. Zahlreiche Gruppen sammelten sich am Ufer, um die dnische
Fregatte in Augenschein zu nehmen, die sich nicht weit vor die Mndung des
Hafens gelegt hatte. Aber nicht blos Neugierde war es, was sich in den
Gesprchen des Publikums kund gab. Es hatte sich das Gercht von einem nahe
bevorstehenden Waffenstillstande verbreitet, womit man die Anwesenheit des
Unterstaatssekretrs und Reichskommissarius, Max von Gagern, im Hauptquartier,
in Verbindung brachte. Auch hie es, in Rendsburg seien in Folge hnlicher
Nachrichten Unruhen ausgebrochen.
    Gegen 9 Uhr erschien der General v. Wrangel in Begleitung des
Reichskommissarius und umgeben von einer zahlreichen Suite am Ufer und ritt nach
der nrdlichen Landzunge, von welcher die Strandbatterien ausliefen. Nicht wie
sonst brach die Menge in einen Vivatruf aus, sondern machte den Reitern
schweigend Platz. Der General bemerkte die vernderte Stimmung und warf einen
forschenden Blick ber die Zuschauer hin. Da traf sein Auge in das ernst zu ihm
aufblickende Auge Alicens. Schnell wandte er das seinige ab. - -
    - Komm Ralph - sagte Alice, als die Cavalkade sich entfernt hatte. - Es ist
fr uns hier nichts mehr zu thun. - Auch der General hat sich entschieden.
    - Ich kann's nicht glauben - erwiederte kopfschttelnd Ralph.
    - Es ist so, wie ich Dir sage; ich werde Dir den Beweis schaffen. - Wenn wir
den dnischen Capitain gefangen nhmen und ihn ihm berlieferten, er wrde ihn
laufen lassen.
    - Schweig! - sagte jener zornig. - Sprche ein Anderer als Du solche
Verdchtigungen ber den alten Wrangel aus, so wrde ich ihm bei Gott keine
Zeit lassen, sie zu widerrufen.
    - Du bist ein Thor, guter Ralph! - Ich hoffe, Du kennst mich hinlnglich, um
zu wissen, da ich nicht den Beweis fr meine Behauptung schuldig bleibe.
    - Vortrefflich! Ich bin auf den Beweis begierig.
    - Was gilt die Wette, da noch heute der Capitain in meiner Gewalt ist? -
    Ralph blickte Alicen an wie Jemand, der nicht wei, ob sich der Andere ber
ihn lustig macht oder aber im Ernste redet.
    - Es ist mein vollkommener Ernst, setzte sie, die Hand ausstreckend, hinzu.
    - Topp! - schlug Ralph ein - ich nehme die Wette an. Und was ist der Preis?
    - Den zu bestimmen berla ich Dir.
    Ralph's Augen strahlten pltzlich in einem eigenthmlichen Glanz.
    - Gut! - sagte er kurz, als wolle er mit Gewalt seine Empfindungen
unterdrcken.
    - Willst Du mir bei der Ausfhrung behlflich sein?
    - Ich wrde ein unzuverlssiger Gehlfe werden, da ich an dem Milingen des
Plans Interesse habe.
    - Thut nichts. Ich wei, Du wirst mich nicht im Stiche lassen. Also, Du bist
bereit?
    - Natrlich.
    - So hole mich nach Sonnenuntergang in unserm Boote ab. Auf Wiedersehn!
    Zu Hause angekommen, wurde ihr ein Diener des Prinzen N....r gemeldet.
    - Lassen Sie ihn eintreten! - sagte Alice verdrlich.
    Bald darauf erschien der Angemeldete und blieb einen Augenblick auf der
Schwelle stehen. Alice entfuhr ein Ausruf des Erstaunens, als sich der junge
Mensch pltzlich zu ihren Fen warf.
    - Was bedeutet dies? - fragte sie einen Schritt zurcktretend.
    Da erhob sich das dunkle Auge des Knieenden mit schmerzlich fragendem
Ausdruck zu ihr empor.
    Sie erkannte ihn jetzt. In der That aber war das Erstaunen Alicens wohl
gerechtfertigt. Denn wer htte in der bunten Livree, dem kurzgeschorenen und
glattgescheitelten Haar den unbndigen und trumerischen Knaben Salvador
gesucht.
    - Salvador?! - Du in dieser Vermummung? Welcher Sturm hat Dich nach diesem
Norden heraufgeweht? Sprich, mein Knabe!
    Salvador erhob sich. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verndert. Fast
um einen Kopf grer als vor einem halben Jahre, war er in demselben Verhltni
schlanker und schmchtiger geworden. Das brunliche Roth seiner Wangen war einer
krankhaften ins Gelbliche spielenden Blsse gewichen und der trotzige Feuerblick
seines Auges hatte sich in den dstern Glanz einer halb verglimmenden Kohle
verwandelt.
    Alice wurde schmerzlich von dieser Umwandlung getroffen, aber sie
unterdrckte mit feinem Zartgefhl jede Bemerkung darber.
    - Der Pater Angelikus hat es so gewollt - sagte Salvador. Alice bemerkte,
da er den Pater nicht mehr Tio nannte. - Ich msse nach Norden, um in Ihrer
Nhe zu sein. Sie wrden mich mit nach Frankfurt nehmen, meinte der Pater.
    - Und jetzt bist du wirklich im Dienste des Prinzen von N....r? -
    - Ja - sagte Salvador, indem eine flchtige Rthe sein Gesicht frbte. - Er
hat mich gesandt, um Sie um eine Unterredung zu bitten.
    - Was will der Prinz von mir? Ich kenne ihn nicht.
    Salvador sah Alicen forschend an, als wolle er die Wahrheit dieser Aeuerung
erproben.
    - Was soll ich ihm antworten? - fragte er mit weniger befangenem Ton.
    - Er mag kommen - sagte Alice nach kurzem Nachdenken.
    - Wann?
    - Heute Nachmittag.
    - Nicht wahr? - fragte er zgernd - Sie nehmen mich wieder zu sich?
    - Wenn es der Prinz zufrieden ist, gewi.
    Freudig drckte er die Hand Alicens an seine Lippen und entfernte sich
rasch.
    Alice war durch das Zusammentreffen tiefer bewegt, als sie sich gestehen
mochte. Alle alten Erinnerungen, die sie lngst begraben glaubte, tauchten mit
neuer Kraft in ihrer Seele wieder empor.
    Sie setzte sich an den Schreibtisch und ergriff mechanisch die Feder. Da
fiel ihr die Ueberschrift eines angefangenen Briefes in die Augen, und sie lie
die Feder sinken.
    - Durchlaucht - - - frher lautete es anders, wenn ich an Dich schrieb,
Felix - - - Ich mag jetzt nicht - - - vielleicht giebt mir das Gesprch mit dem
Prinzen neuen Stoff. Aber warnen will ich ihn, er sieht den Abgrund nicht, der
sich zu seinen Fen ffnet. Wehe ihm, wenn der unselige Waffenstillstand zum
Abschlu kommt, dieser neue Verrath an der deutschen Sache. Felix, Felix! Mit
jedem Schlage, den Du gegen die Gre Deutschlands fhrst, treibst Du einen
Nagel in Deinen eignen Sarg. - -

                                      III


Als die Sonne lngst gesunken war und nur noch eine falbe Rthe am
nordwestlichen Horizont die Stelle ihres Untergangs zeigte, stie ein leichter
Nachen vom innern Ufer des Hafens ab. Drei Personen befanden sich darin. Die
eine, ein junger Mann mit gebruntem Gesicht, fhrte mit krftigen Armen zwei
Ruder, welche sich fast unhrbar in die schwrzlich-grne Fluth tauchten,
obschon die Schnelligkeit, mit der das Boot die Wogen durchschnitt, bewies, mit
welcher Kraft es in Bewegung gesetzt wurde. Am Hintertheil des Bootes, den
linken Arm nachlssig um das Steuer geschlungen, den rechten auf den Bord des
Fahrzengs gesttzt sa, oder lag vielmehr ein dem feinen von unzhligen kleinen
Locken beschatteten Gesicht und der ppig schlanken Gestalt nach, um welche sie
die enge, einfache Uniform der schleswigschen Freischrler schmiegte, zu
urtheilen, eine junge Dame, die mit scheinbarer Gedankenlosigkeit in die
grnliche Fluth starrte. Der dritte war ein Jngling, welcher nur erst krzlich
das Knabenalter verlassen haben konnte. Er stand aufrecht mit im Boot und
schaute trbe der geschiedenen Sonne nach. Keines von den dreien sprach ein
Wort. Man hrte nur den eintnigen Taucherschlag des Ruders und das Zischen der
Wogen, die sich am Kiel des Bootes brachen und zuweilen hoch aufspritzten.
    Als der Nachen sich bereits mitten auf dem Hafen befand, wandte Ralph - den
meine Leser wohl schon in dem Ruderer erkannt haben werden - seinen Blick nach
dem Meere, dem er den Rcken zukehrte und sagte halblaut, als frchte er das
Schweigen zu unterbrechen:
    - Ich meine, wir mssen mehr rechts halten. Hier auf offnem Hafen sind wir
zu sehr der Beobachtung ausgesetzt.
    Alice, welche das Steuer fhrte, fuhr aus ihrer Trumerei empor. Sie blickte
jetzt ebenfalls auf den Hafen, nickte bejahend mit dem Kopfe und wandte das
Steuer. Das Boot beschrieb einen Bogen und scho dann in grader Richtung auf die
sdliche Landzunge zu.
    - Setze dich, Salvador! - sagte sie zu dem Stehenden, zog das Fernrohr
Gilberts hervor und richtete es auf die dnische Fregatte, die einen
Kanonenschu entfernt, wie ein dunkler Kolo ber den Spiegel des Wassers
emporragte.
    Du hast heute eine Zusammenkunft mit dem Prinzen von N....r gehabt? - sagte
Ralph mit anscheinender Gleichgltigkeit.
    - Erinnere mich nicht an diese Menschen, die mit ihrem Golde Seele wie
Krper kaufen zu knnen glauben! Er wollte mich fr die Reaktion gewinnen, und
fing nach der gewhnlichen Manier damit an, mir Schmeicheleien zu sagen, zuerst
ber meine Schnheit, als das nicht glckte, ber mein Talent und meine
Khnheit, als auch dies keine Wirkung that, ber meinen Einflu auf die
Freischaaren. Jetzt verstand ich ihn. Man wnschte nmlich, ich solle, bei etwa
eintretenden Ereignissen, die nicht im Sinne unserer Partei seien, dazu
beitragen, da keine Aufregung entstnde, oder wenigstens mich passiv zu
verhalten. Ich lehnte das Anerbieten natrlich keineswegs ab, um das schn
aufblhende Vertrauen des edlen Herrn nicht zu frh zu verscherzen, ohne mich
inde zu etwas Bestimmtem zu verpflichten. So habe ich denn einen Blick in das
Intriguengewebe gethan, worin die contrerevolutionre Partei den Willen des
Volks fangen will, der mir von Nutzen sein wird. Nun, die Zeit ist nahe, wo das
Conto geschlossen und die Abrechnung gehalten wird. Wehe dann den diplomatischen
Thierbndigern, wenn der starke Lwe sich erhebt und das Netz wie Spinnengewebe
zerreit.
    Ralph sagte nichts, aber die doppelt krftigen Schlge, welche seine
pfeifenden Ruder dem schumenden Meere versetzte, verriethen seinen Ingrimm.
    - Wo weilt jetzt deine Mutter, Salvador? - fragte Alice, von dem Thema
abweichend.
    - Ich wei es nicht - versetzte dieser - aber Pater Angelikus sagte mir, ich
wrde sie wiedersehen, wenn der Augenblick gekommen.
    Alice fragte nicht, welchen Augenblick der Pater gemeint habe. Sie verstand
nur zu gut. Sie seufzte. - - Dieser Seufzer barg eine tiefe, unheilvolle
Bedeutung. Sie dachte an den Frsten Lichnowski, der Vorkmpfer der
Volksfreiheit in Wien, und Lichnowski, der Verrther an der Volkssache in
Berlin! Jenen hatte sie mit Leidenschaft geliebt, auf diesen blickte sie mit
schmerzlicher Verachtung herab. Aber nicht blos diese Verachtung war es, die wie
ein Winterreif auf die Liebesglut in ihrer Brust gefallen war und sie bis auf
den letzten Funken gelscht hatte, so da nur noch die kalte Asche der
Erinnerung brig geblieben war - nicht nur diese Verachtung war es, was ihr Herz
schmerzlich in diesem Augenblicke zusammenzog, sondern der Gedanke an das
Verhngni, welches wie ein Damoklesschwert ber seinem ahnungslosen Haupte
schwebte, und dessen Erfllung mit Sturmschritten herannahte. Sie schauerte oft
wie in einem Fiebertraume zusammen, wenn sie auf den bleichen Salvador blickend
schon das Racheschwert in seiner Hand zu sehen glaubte.
    Sie sprach mit dem Knaben nie von seinem Vater, aber sie wute, da in
seiner Brust nur zwei Gedanken und zwei Empfindungen lebten, das Gefhl der
Erbitterung bei dem Gedanken an den Verfhrer seiner Mutter und das Gefhl der
zerstrendsten Liebe bei dem Gedanken an Lydia.
    Diese beiden Gefhle waren zuletzt trotz ihres vlligen Gegensatzes zu einer
einzigen Empfindung zusammengeschmolzen, und in der That hatten sie Eins gemein:
das Gefhl einer stets unbefriedigten Sehnsucht und der daraus entspringenden
tiefen Bitterkeit.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Boot landete. Das letzte Roth war vom Himmel verschwunden, die Nacht
senkte sich auf das Meer herab. Ralph erhob sich zuerst. Er ergriff seine
Doppelbchse und lehnte sie vorsichtig an eine junge Birke am Fue des Hgels.
Dann reichte er Alicen die Hand, die diese jedoch nicht annahm, sondern mit
einem grazisen Sprunge das Ufer erreichte. Salvador folgte ihr.
    Ralph zog das Boot in die Bucht. Alle drei stiegen jetzt behutsam den Hgel
hinan. Nachdem das Terrain rekognoscirt und sicher befunden war, wurde auf dem
alten Runensteine Posto gefat.
    - Wir mssen nach zwei Seiten hin auf Gste gefat sein - sagte Alice,
welche in der Erwartung des Abenteuers ihre dstere Stimmung gegen eine
ausgelassene Munterkeit vertauscht hatte. - Es ist sehr wahrscheinlich, da
Gilbert den heutigen Abend selber zu einem Rendezvous benutzen wird. Salvador
achte du auf die Landseite und melde Alles, was du siehst.
    - Es ist nothwendig, Ralph, da mich der Capitain allein trifft - sagte sie
zu diesem. - Ist er nicht zu stark bewaffnet, so werde ich wohl schon mit ihm
allein fertig. Jedenfalls kommst du mir nicht eher zu Hlfe, als bis ich das
verabredete Zeichen gebe. Das Andre wird sich finden. Hast du die Laterne und
die Stricke in Bereitschaft?
    - Alles in Ordnung - erwiederte Ralph, die Pistons der Bchse mit
Zndhtchen versehend - schreiten wir bald zur Ausfhrung?
    - Noch ist's nicht Zeit! - wollte Alice sagen, aber das Wort erstarb auf
ihren Lippen; als ganz in ihrer Nhe, in der Richtung nach der Stelle hin, wo
sie Salvador postirt hatte, ein Pistolenschu fiel. Alice erbleichte. Ralph
sprang mit dem Ausrufe: Wir sind verrathen - Salvador zu Hlfe. Alice folgte
ihm.
    Als sie die Stelle erreichten, bot sich ihnen ein unerwartetes Schauspiel
dar. Gilbert lag, das abgeschossene Pistol krampfhaft in der Hand haltend,
regungslos am Boden. Salvador knieete, mit der linken Hand seine Gurgel
umschlieend, auf seiner Brust, whrend die Rechte den funkelnden Dolch nach
seinem Herzen zuckte.
    - Halt! - gebot Alice vortretend - tdte ihn nicht. Wir mssen ihn noch
gebrauchen.
    Salvador erhob sich und lie Gilbert frei, welcher nun mit einem raschen
Sprunge auf Alice zustrzen wollte. Da streckte sich ihm der Bchsenlauf Ralphs
entgegen und bestrzt zurcktaumelnd wollte er sein Heil in der Flucht
versuchen.
    - Ein Schritt und du bist ein Sohn des Todes. -
    Da brach die Kraft des Elenden zusammen.
    - Was wollt ihr mit mir beginnen? - stammelte er zitternd, als Salvador
Stricke herbeiholte und Gilberts Hnde auf den Rcken zusammenband.
    - An uns ist es jetzt, zu fragen, an dir, zu antworten - versetzte Alice. -
Ins Boot mit ihm! - wandte sie sich zu Ralph.
    Gilbert wurde ins Boot hinabgebracht und ihm bedeutet, da bei dem
geringsten Laut seinerseits eine Kugel sein Gehirn zerschmettern wrde. Salvador
wurde ihm zur Gesellschaft zurckgelassen. Dann wurde die Laterne angezndet,
doch so, da nur von der Meerseite das Licht sichtbar war. Hierauf begab sich
Alice zu Gilbert in das Boot hinab, welcher halsstarrig ihren Fragen ein
consequentes Schweigen entgegensetzte.
    - Da Ihr nicht antwortet, Chevalier - sagte sie endlich - so werde ich mir
auf andere Weise Aufklrung verschaffen mssen. Ralph! - durchsuche ihn und
bringe mir alle Briefschaften, welche er bei sich fhrt.
    Nach wenigen Minuten kam Ralph mit einem Packet Briefe den Hgel hinauf.
Alice ffnete es sogleich, begngte sich jedoch, die Adressen und wenn sie an
Gilbert selbst gerichtet waren, die Unterschriften zu lesen. - Von der
provisorischen Regierung in Rendsburg - sagte sie - stecke ihn ein, Ralph, er
kann uns als Empfehlungsschreiben dienen. - An den Capitain Falkson am Bord des
Dannebrog. Wir wollen ihn ihm selbst vorlesen. Lege ihn zur Seite. - Vom General
von Below an den General von Wrangel. Der kommt zum ersten.
    An - - - - o Himmel! - rief Alice, den Brief sowie einen andern, zu dem
jener wohl die Antwort sein mochte, in ihre eigene Brusttasche steckend. - Es
ist gut, da ich meinen Brief heute frh nicht abgeschickt. Wer wei, ob ich
berhaupt noch an ihn schreibe, wenn ich diese hier gelesen. - Hier ist noch
eine topographische Karte von der Ostkste Schleswigs und - - das ist Alles - -
- -. Hatte er es sehr versteckt?
    - Er trug das Packet auf bloer Brust.
    - St! Hrtest du nichts?
    - In der That, es schien mir, als ob in der Entfernung sich ein Ruder ins
Meer senkte.
    - Er ists. Auf deinen Posten, Ralph!
    Man hrte jetzt deutlich das Boot sich dem Lande nhern.
    - Gieb mir doch den Brief an den Capitain zurck - sagte Alice, berlegend,
da dieser Brief ihr als Mittel dienen knnte, wenn der Capitain, durch die
fremde Erscheinung berrascht, es fr besser halten sollte, sich wieder in sein
Boot zurckzuziehen.
    Ralph seufzte, als er den Brief wieder herausgab. Denn er verstand Alicens
Gedanken sehr wohl. Auf den Rckzug des Capitains hatte er seine letzte Hoffnung
gesetzt, die Wette zu gewinnen. Wie die Sachen nun standen, mute er sie
verlieren, wenn er nicht Alicen ins Verderben strzen wollte.
    Das Boot landete. Man hrte die Schritte des Capitains durch das hohe Gras
streifen. Jetzt hatte er den Steig, der zum Gipfel fhrte, erreicht.
    - Guten Abend - schallte Alicen eine Stimme entgegen. Sie erschrack. Das war
nicht das Organ des Capitains. Dennoch erwiederte sie den Gru, verga jedoch in
der Verwirrung ihre Stimme zu vertiefen; der Fremde stutzte und trat dann mit
grerer Vorsicht nher. Alice hatte sich inde gesammelt.
    - Warum ist der Capitain nicht selbst gekommen? - fragte sie, einen Schritt
vortretend. - Ich kenne Sie nicht, mein Herr, und erwarte Sie auch nicht.
    - Wir scheinen in gleichem Falle - versetzte Jener, ein junger Mann in der
Uniform eines dnischen Seeofficiers - doch, eine Frage erlauben Sie: Kennt und
erwartete der Capitain Sie?
    - Natrlich, was soll die Frage? Wrde er sonst meiner Aufforderung gefolgt
sein?
    Der Officier wute nicht, was er aus der merkwrdigen Erscheinung dieses in
Freischrleruniform ihm entgegentretenden Weibes machen sollte. In ihrem
Anschauen verloren, fiel es ihm nicht ein, da sie wahrscheinlicher Weise nicht
allein hieher gekommen sein drfte.
    - Kommen wir zur Sache! - fuhr Alice fort. - Sind Sie im Auftrage des
Capitains hier, so wird er Ihnen ohne Zweifel eine Vollmacht ausgestellt haben.
Sind Sie damit versehen?
    - Allerdings - erwiederte jener zgernd. - Allein, dieselbe ist fr den
Chevalier - - -
    - Chevalier St. Just, ich wei es. Inde da er zu kommen verhindert ist und
mich beauftragt hat, seine Stelle einzunehmen. - - -
    - Auch Sie besitzen dann natrlich eine Vollmacht? - fragte der Officier. -
-
    - Wozu? Da mich der Capitain kennt. Indessen wird Ihnen dies gengen. Sie
hielt den Brief an den Capitain so, da das Licht der Laterne darauf fiel.
    Der Officier verneigte sich. Ich bin befriedigt - doch habe ich einen Wunsch
- - - -
    - Der wre?
    - Zu wissen, mit wem mich das Schicksal zu diesem wunderbaren Rendezvous
zusammengefhrt hat.
    - Es thut mir leid, da ich Ihnen in diesem Augenblicke nicht gengen kann,
doch werden Sie noch heute meinen Namen erfahren. Lassen Sie jetzt hren, wie
weit die Verhandlungen vorgeschritten sind.
    - So weit, da bermorgen der Abschlu des Waffenstillstandes zu erwarten
steht. Es waren seitens des Reichscommissarius der deutschen Centralgewalt und
des Generals Wrangel einige Schwierigkeiten gemacht worden. Da drohte das
preuische Cabinet mit einem Separatfrieden und dem General Wrangel mit
Entlassung aus dem preuischen Dienste; und die Herren gaben nach.
    - Wie aber, wenn die preuische Regierung in Frankfurt desavouirt wird?
    - Dafr ist gesorgt. Es wird vielleicht einige Strme setzen, und die
Majoritt schlielich die Sache als fait accompli betrachten und darber zur
Tagesordnung bergehen.
    - Woher wissen Sie das?
    - Der Capitain hat es von Herrn von Reetz gehrt. Es wird versichert, da
der Frst Lichninsky, Herrn von V. und einige andere Mitglieder der Rechten sich
fr die Majoritt verbrgt htten.
    - Wahrhaftig! - rief Alice in einem Tone, der die bittere Ironie, welche
ihre Lippen umzog, nicht hinlnglich versteckte. - Das sind in der That
erfreuliche Nachrichten - - - und glauben Sie, da dem Waffenstillstande ein
Frieden folgen wird?
    - Schwerlich. Ein Frieden liegt gar nicht in der Absicht des dnischen
Kabinets. Es wrde den Krieg fortfhren, wenn es die Mglichkeit eines Erfolges
she. Allein wir wissen recht gut, da, wenn wir so lange warten, bis vielleicht
ein strenger Winter die Blokade der Hfen unmglich, dagegen den Uebergang der
feindlichen Truppen nach Alsen und Fnen mglich macht, die Abschlieung eines
Waffenstillstandes seine Schwierigkeiten haben knnte. Der Zweck des
Waffenstillstandes ist kein anderer, als den Winter in Ruhe und Sicherheit auf
die Vorbereitungen zu einem Frhlingsfeldzuge bedacht sein zu knnen. Deshalb
wird auch derselbe sptestens bis zum Mrz dauern.
    - Und die Paulskirche ist in diesen Landesverrath eingeweiht? - rief Alice,
die ihre Entrstung nicht lnger bemeistern konnte, voller Hohn aus.
    Der Officier sah sie erstaunt an. - Ich verstehe Sie nicht - sagte er.
    - O, armes, betrogenes Vaterland, da diese Elenden es wagen drfen, dich
zum Spielball der Frstenlaunen herabzuwrdigen! - Sie sind mein Gefangener,
Lieutenant - wandte sie sich an den Erstaunten, der einen Schritt zurcktretend
die Hand an den Degen legte.
    In demselben Moment aber fhlte er sich von zwei starken Hnden an den
Schultern gefat und zu Boden gezogen. Ehe er einen Ruf nach Hlfe ausstoen
konnte, war sein Mund mit einem Schnupftuch verstopft.
    Nachdem die Hnde des Officiers zusammengebunden waren, bat Alice ihn mit
der liebenswrdigsten Freundlichkeit, sich zu erheben; worauf alle Drei sich
nach dem Boote in Bewegung setzten.
    - Chevalier - sagte scherzend Alice - unsere Gesellschaft hat sich vermehrt.
    Erlauben die Herren, da ich Sie einander vorstelle; Chevalier von St. Just
und - - - ja so, ich wei Ihren Namen noch nicht. So mu der Chevalier noch das
Vergngen entbehren, Ihre Bekanntschaft zu machen.
    Ralph stie das Boot vom Lande ab. Da lie der Chevalier, dessen Mund frei
war, auf einen bezeichnenden Blick des Officiers, pltzlich einen gellenden
Pfiff ertnen.
    - Guter Gilbert, Du wirst Dich noch um Deinen Kopf pfeifen - rief Alice, auf
ihn zueilend und ihr eigenes Schnupftuch ihm zwischen die Zhne schiebend. -
Zieh' die Ruder fester an, lieber Ralph; und das Boot durchschnitt, trotz der
groen Last, die es trug, pfeilschnell die hochaufzischenden Wogen.
    Doch zeigte es sich bald, da der Pfiff seine Wirkung nicht verfehlt hatte.
Das Boot des Officiers, von zwei rstigen Matrosen bemannt und fast leer, wie es
war, hatte nicht sobald die Spur des fliehenden Feindes bemerkt, als es mit
einer Geschwindigkeit, die der des Fahrzeugs unserer Freunde um das Doppelte
berlegen war, die Jagd begann.
    - Halt ein, Ralph, es ntzt zu Nichts, da wir fliehen. Du kannst Deine
Krfte besser brauchen. Zieh' die Ruder ein und nimm die Bchse zur Hand.
Salvador, Du, nimm das Pistol Gilberts. So!
    Das Boot kam mit furchtbarer Schnelligkeit nher. Doch da die Dunkelheit,
selbst die nchsten Gegenstnde, nur als ungewisse Schatten erscheinen lie, so
konnten die Angreifer unmglich die Distance zwischen ihrem und dem feindlichen
Boote berechnen. Sie hatten sich nur durch den Schall der Ruder leiten lassen
und waren jetzt, da diese schwiegen, in vlliger Ungewiheit ber die Richtung,
welche sie einzuschlagen htten. Indessen verminderten sie die Schnelligkeit
nicht, in der Meinung, da durch ein Umschlagen des Windes der Schall nach einer
andern Seite gefhrt werde.
    Alice sa, den starren Blick auf das nherkommende Boot gerichtet, am
Steuer. Jetzt sah sie es heranschieen. Ein Druck am Steuer und das gehorsame
Fahrzeug beschrieb einen Halbkreis und stie im nchsten Augenblick dem
heranstrmenden Feinde den Kiel in die Flanke. Whrend es selbst nur von der
Erschtterung getroffen, tief sthnte, verloren die beiden Mnner des
feindlichen Bootes das Gleichgewicht und strzten ber Bord ins Meer.
    - Jetzt, Ralph! - sagte Alice - mit einem Lcheln der Zufriedenheit - lege
die Ruder wieder ein! -
    Von Neuem setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, whrend die beiden Matrosen,
wieder auftauchend, den Bord des Bootes zu erfassen suchten. In der That gaben
sie, durch ihren Unfall erbittert, nachdem sie sich glcklich ins Boot
zurckgerettet hatten, nicht nur nicht die Verfolgung auf, sondern setzten sie
mit noch grerem Eifer fort. Aber theils der Umstand, da sie ein Ruder
eingebt, theils die groe Entfernung, in der sich bereits das verfolgte Boot
befand, lieen sie bald von ihrem Vorhaben abstehen.
    Als Ralph gelandet war, wurde Kriegsrath ber die Gefangenen gehalten und
beschlossen, da sie so lange im Boote unter der Aufsicht Salvadors und Alicens
zurckbleiben sollten, bis Ralph vom General von Wrangel Bescheid darber
erhalten, was mit dem dnischen Officier geschehen solle.
    Nach kurzer Zeit kehrte Ralph niedergeschlagen und erbittert durch die
Antwort zurck, da, da die Abschlieung des Waffenstillstandes nahe bevorstehe,
der Officier nicht zurckgehalten werden drfte, weil eine solche
Gefangennehmung, besonders unter den Umstnden, wie sie veranstaltet worden,
moralisch als ein Friedensbruch betrachtet werden wrde.
    - Ich hab's Dir ja vorhergesagt - erwiederte Alice ruhig. Binde ihnen die
Hnde los und lasse sie frei.
    - Auch Gilbert? - fragte Salvador.
    - Ja! - erwiederte Alice, die ein unbezwingliches Gefhl davon abhielt, den
Elenden der tausend Mal verdienten Strafe anheimzugeben.
    Schweigend lsten Salvador und Ralph die Stricke, mit denen die Hnde der
Gefangenen gefesselt waren. Ohne ein Wort zu wechseln, entfernten sich diese.
    Die drei Freunde aber bestiegen wieder ihr Boot und begaben sich, am Ufer
hinsteuernd, auf den Rckweg.
    Alice schien ber einen Entschlu zu sinnen.
    - Woran denkst Du? - - fragte Ralph, sich zu ihren Fen kauernd, whrend
Salvador gemchlich das Boot in Bewegung setzte.
    - Ich berlege, ob ich schon Morgen reisen soll, oder erst den Abschlu des
Waffenstillstandes abwarte.
    - Reisen! - fragte bestrzt Ralph, sich halb aufrichtend.
    - Wie kann Dich das wundern? Ich halte es hier nicht mehr aus, nachdem
abermals alle Hoffnungen verschwunden, die ich auf das frisch aufblhende Leben,
auf die politische Regeneration Deutschlands, die - wie ich meinte - hier in
Schleswig ihren Anfang nehmen wrde, gesetzt hatte.
    - Du siehst zu schwarz, Alice. - Wenn irgendwo, so finden wir hier
diejenigen Elemente, welche die erste Bedingung jedes volksthmlichen
Staatslebens sind, ich meine: nirgends hat die demokratische Bildung und das
Bewutsein des Volks ber seine eigene Souverainitt tiefere Wurzeln geschlagen,
als in dem meerumschlungenen Schleswig.
    - Du irrst, mein Lieber - sagte traurig Alice - die demokratischen und
selbst republikanischen Elemente, welche hier sein mgen, concentrirten sich in
den Freischaaren und den sddeutschen Truppen. Die Schleswiger selbst sind reine
Bourgois, die nur einen einzigen erregbaren Punkt in ihrer indifferenten Seele
besitzen, ihren Ha gegen Dnemark; und selbst ber diesen Ha beginnt sich
bereits eine Decke zu legen. Ziehen die Truppen aus dem Lande, werden die
Freischaaren aufgelst, und geht der brave Major von der Tann nach Mnchen
zurck, dann ist hier Alles zu Ende.
    - Es mag sein, da dadurch Schleswig aufhrt, der Schauplatz der
Entscheidung ber das knftige Schicksal Deutschlands zu sein, indessen werden
nicht alle Truppen zurckgezogen, und wenn auch die Freischaaren aufgelst
werden, so bleiben doch unter der Linie noch tchtige Krfte.
    - Zum Beispiel? -
    - Zum Beispiel der Major von H. Auch er gehrte, wie Du weit, den
Freischaaren Tann's an, und Du wirst nicht leugnen, da er zu den ehrlichsten
Republikanern gehrt.
    - Dein Beispiel ist unglcklich gewhlt. Herr v. H. ist meiner gewissen
Ueberzeugung nach der entschiedenste Absolutist, den sich die Regierung nur
wnschen kann.
    - Ah, Du scherzest! - sagte Ralph unglubig lchelnd.
    - Ich knnte Dir die Biographie des sehr ehrenwerthen Herrn Magnus H. - so
wie manche Historien ber den Republikanismus unserer entschiedensten
Demokraten erzhlen - sagte mit Bitterkeit Alice. -
    Aber die Zeit wird kommen, wo nicht nur ihre Maske, sondern der ganze Kopf
herabfallen wird. - Trotzdem - setzte sie nach einer Pause hinzu - wrde ich es
jetzt als eine Pflicht betrachten, hier zu bleiben, wo ich zuerst nur aus
Vergngen war - wenn mich nicht andere Pflichten abriefen.
    - Andere Pflichten? - sagte traurig Ralph. - Ich begleite Dich - Alice.
    - Nein, ich gehe allein. - Nur Salvador kommt mit mir. Du, Ralph, mut
bleiben, weil es auch fr Dich hier Pflichten giebt.
    - Und wohin gehst Du? - fragte er noch einmal.
    - Nach Frankfurt.
    - Nach Frankfurt! - wiederholte mit zitternder Stimme Ralph, indem er einen
halb ngstlichen, halb vorwurfsvollen Blick auf Alicen warf.
    - Hast Du Vertrauen zu mir? - sagte mit Ernst Alice.
    - Ja! - erwiederte aus voller Seele Ralph, die Hand auf's Herz legend.
    - Nun, dann frage nicht weiter, leb' wohl und denke meiner. Wir sind am
Ziele.

                                       IV


Der Waffenstillstand war zu Malmoe am 26. August auf 7 Monate abgeschlossen
worden. Durch das deutsche Land ging nur ein Schrei der Entrstung ber die
Schmach, welche dem deutschen Namen dadurch widerfahren. In Schleswig stieg die
Aufregung selbst unter den Truppen bis zu einem so bedenklichen Grade, da sich
General von Wrangel veranlat fhlte, unter dem Titel einer allgemeinen
Recognoscirung smmtliche Truppentheile bis hinauf zur jtlndischen Grenze zu
inspiciren. Wohl wissend, da nichts mehr den Gehorsam und die Subordination
erhlt als eine, wenn auch bertriebene Anerkennung derselben, sprach er in
einem langen Armeebefehl seine

       vollkommenste Zufriedenheit ber die Haltung der Truppen aus.

    Zwar bedauert er die Ungleichmigkeiten im Aeuern, die nothwendig aus
der verschiedenartigen Uniformirung hervorgehen, und dem Auge sich mehr oder
weniger stark bemerkbar darstellen msse, beeilt sich jedoch hinzuzusetzen, da
diese Ungleichmigkeiten doch wieder vollkommen ausgeglichen werden durch
den Geist der Ordnung, des Gehorsams und der freudigen Hingebung, der ihn zu
den schnsten Erwartungen berechtigt, wenn es ihm

   beschieden sein sollte, hier oder auf einem andern Kriegsschauplatz, jene
                      Truppen gegen den Feind zu fhren -

    O, du ahnungsvoller Engel Du! - - - - denn man kann unmglich annehmen, da
der General damals schon eine wirkliche Wissenschaft darber gehabt habe, da er
nach Berlin als Commandeur der Marken berufen werde, um die
Nationalversammlung zu sprengen und den Belagerungszustand ber die ruhige Stadt
zu verhngen.
    Ja, der Geist des Gehorsams und der freudigen Hingebung, ist dem
preuischen Kriegsheere vortrefflich eingeimpft und genhrt worden.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Waffenstillstand von Malmoe war der erste Triumph, den die Frsten dem
Volke ins Gesicht schleuderten. Sie durften es wagen, waren sie doch ihrer
Trabanten in Frankfurt gewi.
    Die denkwrdige Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 16. September
1848 streifte dem arglosen, vertrauungsvollen Volk die Schuppen von den Augen.
In dieser eilfstndigen Sitzung wurde die Frage des Malmoer Waffenstillstandes
definitiv verhandelt. Die Commission, welche denselben zu prfen hatte, sprach
bedenklich ihre Ansicht dahin aus, da die Nationalversammlung ihre Anerkennung
versagen solle. In der darauf beginnenden Debatte zeichneten sich unter den
Rednern, welche fr die Anerkennung sprachen, Herr von Vinke und der Frst
Lichnowski, unter denen, welche gegen dieselbe sprachen, Robert Blum und Simon
aus Trier aus.
    Von des Morgens um 9 Uhr hatte die Discussion ohne Unterbrechung bereits bis
Nachmittags um 5 Uhr gedauert und immer noch war kein Resultat abzusehen. Das
Volk hatte sich erwartungsvoll um die Paulskirche geschaart und diskutirte nach
seiner eigenen Weise. Nur wenige theilten die allgemeine Spannung nicht; zu
diesen Wenigen gehrten drei Mnner, welche dicht am Hauptgange der Kirche
standen und mit gleichgltiger, fast verchtlicher Miene auf das hin- und
herwogende Publikum blickten. Von Zeit zu Zeit flsterten sie sich einige
Bemerkungen zu.
    - Es ist nothwendig - sagte der jngste von ihnen - da wir hinausschicken.
Man kann immer nicht wissen, was geschieht. Seit einer halben Stunde ist das
Volk um das Doppelte angewachsen.
    - Bah! - erwiederte der Angeredete - was Du da Volk zu nennen beliebst,
besteht zu drei Viertheilen aus Dtchendrehern und Pfeffersackscommis. Ich kenne
die Frankfurter besser. Sie wundern sich ber die lange Sitzung und meinen in
ihrem Bourgeoisverstande, da etwas Wichtiges dahinter stecken msse. Wenn die
Herren aus der Paulskirche herauskommen, gehen sie eben so ruhig nach Hause, als
wenn sie Sonntags drben im Forsthause ihren Schoppen getrunken.
    - So gehe ich allein, auf meine eigene Verantwortung - sagte der Erstere
entschlossen. - Sie hat uns ausdrcklich beauftragt, ihr sogleich zu melden,
wenn das geringste Merkmal da wre, was auf einen Tumult hindeute.
    - Meinetwegen geh in's Teufels Namen. Was kmmert's mich? Aber ich sage es
frei heraus, diese Weiberhierarchie will mir verflucht schlecht gefallen.
    Was soll diese Geheimnikrmerei bedeuten? Dummes Zeug. Wenn's ans
Losschlagen einmal kommt, was ich in diesem verdammten Mejudennest sehr
bezweifle, so kehre ich mich an Niemandem, sondern gehe meinen eignen Weg.
    - Thun, was Du nicht lassen kannst - erwiederte Jener - ich thue dasselbe.
Adieu.
    - Ich begleite Dich, Joseph - sagte der Dritte, welcher bisher schweigend an
dem Pfeiler gelehnt hatte. Sie schlugen den Weg nach der Mainlust ein.
    Auf einer der schattigsten Pltze der Mainlust, vor sich die gefllten
Becher, saen Alice, der Pater Angelikus und Salvador. Aus der Ferne schallten
die vollen Klnge der Harmoniemusik herber. Aber die drei Freunde schienen
weder durch den Duft des herrlichen Rheinweins, noch durch den Zauber der Musik
erheitert zu werden. Ernst saen sie einander gegenber, eine wahrscheinliche
Folge des Gesprchs, das sie eben mit einander gefhrt hatten.
    Alice wandte zuweilen einen Blick zwischen die Bume in der Richtung nach
Frankfurt zu, als erwarte sie Jemand. Der Pater blickte aufmerksam auf Alice,
als wolle er die Wirkung seiner letzten Worte prfen. Salvador war noch blsser
als gewhnlich, und auffallend gleichgltig gegen das vorhin gefhrte Gesprch.
    - Wozu sind Sie entschlossen, werthe Freundin? - fragte endlich der Pater,
seinen Blick von Alicen abwendend.
    - Zu handeln, wenn's Zeit ist - erwiederte kurz Alice.
    - Sehr wohl - fuhr der Pater mit sanftem Tone fort. - Allein, wenn's nun
Zeit ist, zu handeln, wie weit sind Sie zu gehen entschlossen?
    - So weit die Nothwendigkeit und die von mir bernommene Mission es fordert.
- - - Pater, fragen Sie mich nicht aus. Ich kann Ihnen keine bestimmte Antwort
geben. Aber Eins kann ich Ihnen sagen: Unsere Wege mgen dieselben sein, oder
auch nicht; sicherlich aber sind unsere Ausgangspunkte nicht dieselben. Bedenken
Sie wohl, da ich mich nicht zum Werkzeuge fremder Privatrache hergebe.
    Der Pater sah sie mit einem lauernden Blicke an. Ein Lcheln des Hohns flog
ber seinen zusammengekniffenen Mund, als er mit seinem gewhnlichen ruhigen
Tone sagte:
    - Es ist ein Unglck, was ich tief beklage, da Sie nicht eine bessere
Meinung von mir gewinnen knnen und nicht mehr Vertrauen in mich setzen. Sie
kennen meine Zwecke. Sie sind so allgemein wie die Ihrigen, oder halten Sie die
Interessen des Katholizismus in seiner ganzen Ausdehnung fr weniger umfassend
als die Interessen der radikalen Partei in Deutschland? Nun wohl, so fllt der
Vorwurf, der indirekt in Ihren Worten liegt, da ich nur eine Privatrache
befriedigen will, in sich zusammen. Sie haben eine Mission, ich erkenne es an,
ich habe die meinige. Die Mittel, sie zu erfllen, sind wie das Ziel, das sie
erreichen sollen, dieselben. Wohlan, so gehen wir miteinander! Ich brauche, um
die meinige zu erfllen, die Untersttzung der radikalen Partei, Sie, um die
Ihrige zu vollenden, das, was die katholische Partei Ihnen bieten kann.
    Alice wollte antworten, als sie die beiden jungen Mnner von der Paulskirche
auf sich zuschreiten sah. Rasch erhob sie sich und ging ihnen entgegen.
    - Ist die Sitzung zu Ende? - fragte sie schnell.
    - Nein - war die Antwort - aber eine groe Menge Menschen ist drauen
versammelt und harrt auf das Resultat. -
    Unbefriedigt kehrte sie zum Pater zurck und fuhr mit diesem und Salvador
augenblicklich nach Frankfurt. Als sie dort hrte, da der Majorittsantrag mit
258 gegen 237 Stimmen verworfen und demnach der Waffenstillstand, trotz des
Hohns, der darin lag, da die Centralgewalt beim Abschlu desselben vollstndig
bis auf den Namen ignorirt worden war, anerkannt sei, sagte sie, mit Thrnen im
Blick und zitternder Stimme, zum Pater Angelikus, indem sie ihm die Hand
reichte:
    - Ich bin entschlossen, Pater. Ich ziehe meine Hand, die ihn bisher
beschtzte, von ihm ab. -
    Des Paters Zge vernderten sich nicht. Er nickte nur mit dem Kopfe und
verlie schweigend das Zimmer.
    Die Nachricht von dem Resultate der Sitzung verbreitete sich mit strmischer
Schnelligkeit durch die Stadt. Eine ghrende Bewegung gab sich urpltzlich in
dem Volke kund. Groe Haufen zogen, die Nationalversammlung verwnschend, durch
die Straen nach der Westendhall; andere sammelten sich vor dem englischen Hofe,
dem Zusammenkunftsorte der Abgeordneten der rechten Seite. Fenster wurden
eingeworfen und mannigfach donnernde Pereats auf die Rechte ausgebracht.
Generalmarsch tnte. Der englische Hof wurde von zwei Compagnien Kurhessen
umzingelt, das Volk zurckgedrngt und das Haus besetzt. Aber noch hatte der
Zorn des Volks nicht den hchsten Grad erreicht. Es fehlte die Einheit des
Bewutseins in der Menge. Um Mitternacht herrschte wieder vollkommene Ruhe.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Tausende strmten am Nachmittage des folgenden Tages von allen Seiten her
nach der Pfingstweide zur Volksversammlung. Smmtliche demokratische Vereine der
umliegenden Ortschaften, so wie Frankfurt selbst setzten sich in corpore nach
der Pfingstweide in Bewegung. Nachdem die Redner, welche meistens wie Schlffel,
Simon aus Trier, Wesendonck, Zitz u. A. der Linken der Nationalversammlung
angehrten, unter dem lautlosen Schweigen des Volks, das nur zuweilen durch
einen strmischen Beifallsjubel unterbrochen wurde, gehrt worden waren, wurde
beschlossen:
Die Mitglieder der gestrigen Majoritt, welche den Waffenstillstand anerkannten,
fr Verrther am Vaterlande, an der Ehre und Freiheit Deutschlands zu erklren,
                                      und
diesen Beschlu nicht nur dem deutschen Volke, sondern auch der
Nationalversammlung selbst durch eine Deputation mitzutheilen.
    Darauf zog das Volk in zerstreuten Gruppen der Stadt zu, um sich vor dem
deutschen Hofe dem Sammelplatze der Linken, nach deren Beschlssen es sein
ferneres Verhalten einrichten wollte, wieder zu vereinigen.

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In derselben Nacht rckten 3000 Mann Preuen und Oesterreicher ein.
    Als die Abgeordneten sich nach der Paulskirche zur Sitzung begaben, fanden
sie dieselbe vom Militr umringt. Zwar wurden die Truppen auf die Reclamationen
der Linken Anfangs zurckgezogen, bald jedoch, als die Masse des Volks immer
grer und seine Haltung immer drohender wurde, wieder herbeigerufen. Aber das
Volk hatte einmal Posto gefat und setzte dem andringenden Militr Widerstand
entgegen.
    In der Paulskirche hatte man nach Absolvirung der Waffenstillstandsfrage die
Berathung der Grundrechte wieder aufgenommen und Artikel 4, welcher ber
Lehrfreiheit handelt, zur Debatte gestellt, als pltzlich der Tumult drauen
so anwchst, da des Prsidenten Stimme ihn kaum zu bertnen vermag. - -
    Schlge donnern an die Thr. Erschreckt springen die ehrenwerthen Herren von
ihren Sitzen empor. Das Haus gerth in Unruhe - - - man flstert sich das
Schreckenswort Barrikade zu - - von der Rechten begeben sich einige Mitglieder
nach der Thr, um die Soldaten zum Widerstande zu ermuntern.
    Da knallt der erste Schu in das Volk; ein 60jhriger Greis strzt zusammen.
    Das Volk stiebt auseinander, voller Wuth ber den frischen Mord. Rasch
organisirt sich der Widerstand. Barrikaden wachsen mit wunderbarer Schnelligkeit
aus der Erde empor und werden von Offenbacher, Isenburger und Hanauer
Republikanern besetzt, die in zahllosen Schaaren herbeigeeilt waren, die
Schmach, welche die Nationalversammlung ber Deutschland gebracht, abzuwaschen.
Um Mittag entbrennt der Kampf auf allen Punkten, das schwere Geschtz donnert
durch die Scheuer- und Fahrgasse und gegen die Barrikaden am Rmerberge.
    Das Volk kmpft mit einem Muthe, den nur die Verzweiflung zu erwecken im
Stande ist.
    Die Stadt wurde in Belagerungszustand erklrt und das Standrecht proklamirt.
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    Zweimal begab sich eine Deputation der Linken zum Erzherzog Johann und bat
ihn, die Truppen zurck ziehen und dem Blutbade ein Ende machen zu lassen.
    Der Reichsverweser war bereit, dem Wunsche Folge zu leisten, wenn das Volk
versprche, die Barrikaden zertrmmern zu wollen, aber die Minister verweigerten
dem schon ausgefertigten Befehl ihre Contrasignatur.
    Dagegen gestatteten die Minister um 4 Uhr eine halbstndige Waffenruhe, um
den Insurgenten Zeit zur Abtragung der Barrikaden zu gewhren.
    Die Frist lief ab und der Angriff begann aufs Neue.
    Um 8 Uhr Abends war der Kampf so gut wie beendet, obgleich noch einige
Schsse gehrt wurden. Die Karttschen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Zu
Hunderten lagen die Verwundeten und Todten in den Husern und auf den Straen
umher. Blut rthete die Trmmer der Barrikaden. -
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    Alice sa whrend des heftigsten Kampfes auf ihrem Zimmer in der
Allerheiligengasse, dort, wo sie an die Zeil mndet. Dicht unter ihrem Fenster
erhob sich eine starke Barrikade, welche von sterreichischen Soldaten
angegriffen wurde. Sie dachte an die Berliner Mrznacht und seufzte aus tiefer
Brust. Welch' ein Unterschied zwischen dem Jetzt und Damals! Wie freudig, mit
wie muthiger Zuversicht des Sieges war sie damals auf die Strae hinabgestiegen
und hatte die wackern Kmpfer angefeuert - wie zaghaft, mit wie schmerzlicher
Bekmmerni blickte sie heute auf den unseligen Kampf herab.
    Unbewut flossen ihre Thrnen, da fuhr sie pltzlich mit einem Schrei des
Schreckens empor. Sie glaubte Gilbert auf der Barrikade gesehen zu haben. Eine
Reihe von Gedanken durchflog ihre Seele.
    Schnell entschlossen eilte sie hinab. Sie drngte sich durch den Haufen
hindurch, unbekmmert um die Kugeln, welche sie umsausten.
    Endlich erreichte sie ihn. -
    - Gilbert! - rief sie mit aller Anstrengung, deren sie fhig war.
    Er wandte sich und strzte mit geschwungener Bchse auf sie zu. Unfehlbar
htte er ihr das Hirn zerschmettert, wenn nicht ein Arbeiter, ihre Gefahr
sehend, den Rasenden zurckgerissen und festgehalten htte.
    Angst, Verzweiflung raubten Alice im ersten Augenblicke fast die Sprache.
Die Hnde ber der Brust zusammenpressend, flsterte sie ihm zu:
    - Der Frst ist in Gefahr! Komm, ihn retten!
    In Gilbert ging bei diesen Worten eine merkwrdige Verwandlung vor. - Mit
dem Ausdruck eines unauslschlichen Hasses, dessen Gegenstand aber nicht Alice
zu sein schien, ballte er die Faust und murmelte: - Schnell, ehe es zu spt ist!
    Die entgegengesetzte Seite der Haasengasse war noch frei. Rasch eilten sie
durch einige Quergassen und kamen ins Freie. Alice wute, da der Frst sich
hufig in dem Landhause des Herrn v. Bethmann aufhielt, das nicht nur seiner
reizenden Lage, sondern auch anderer reizender Gegenstnde wegen, wie bse
Zungen behaupteten, die Aufmerksamkeit des Frsten erregt hatte.
    Als sie die Chaussee Friedberg erreichten, stieen sie auf einen Trupp
Turner, welche sie nach dem Frsten fragten.
    - Wir suchen ihn selbst - war die Antwort. - Hier herum mu er versteckt
sein, wir hrten, er sei vor einer halben Stunde nach dem Eschenheimer Thor
geritten.
    Schweigend eilten die Beiden der Stadtmauer entlang, nach dem Eschenheimer
Thore zu. Alice verga Alles, was der Frst gegen sie und die heilige Sache, fr
die sie kmpfte, gesndigt. In diesem Augenblicke stand nur der lebensmuthige,
ritterliche Mann vor ihrer Seele, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen,
da er sterben solle, den sie einst geliebt.
    Gilbert blieb stehen. Alice folgte der Richtung seiner Blicke. Zwei Reiter
sprengten vom Eschenheimer Thor im Galopp auf sie zu.
    - Er ist's - rief sie, Gilberts Hand fassend, der, sie heftig von sich
schleudernd, auf das kleine Gebsch, welches den Stadtgraben bezumt, und aus
welchem ein zweiter Trupp Turner und Arbeiter hervortrat, zueilte.
    Sie waren mit Sensen, Piken und Bchsen bewaffnet und schaarten sich um eine
blutrothe Fahne, die hoch in der Luft flatterte.
    - Auf, Brder! - rief Gilbert, seinen Sbel schwingend - seht dort! Es ist
Lichnowski.
    - Hurrah! - brllten die Turner, den beiden Reitern entgegenstrzend.
    Die Reiter stutzten und wandten ihre Pferde. Da knallten einige Schsse und
der Begleiter des Frsten, der General von Auerswald, strzte vom Pferde herab,
das, sich hochaufbumend, in gewaltigen Stzen queer ber die Felder davonjagte.
    Der Frst, welcher ebenfalls durch einen Streifschu verwundet worden war,
sprengte von der Strae hinab auf das Landhaus des Herrn von Bethmann zu,
welches kaum fnfhundert Schritt entfernt war. Aber sei es, da sein Pferd in
dem feuchten Boden nicht gut fort konnte, oder da es ebenfalls verwundet war:
Er hielt pltzlich, stieg ab und eilte, so schnell er konnte, dem Bethmannschen
Garten zu.
    Mit wthendem Geschrei folgten ihm die Turner, Gilbert voran.
    An der Ecke des Gartens steht ein kleines, freundliches Haus, das dem
Kunstgrtner Schmidt gehrte. Als Lichnowski bis zu diesem Hause gekommen war,
ffnete sich eine Thr. Er schlpfte hinein.
    Wenige Minuten darauf hatten auch die Turner das Haus erreicht. Strmisch
verlangten sie Einla. Vergebens, die Thr war von innen fest verrammelt.
    - Wartet Freunde! sagte ein junger, schmchtiger Mann, welcher sich durch
eine scharlachrothe seidene Schrpe, aus der der Griff eines prchtigen Dolchs
hervorsah, auszeichnete - ich werde Euch Eingang verschaffen. Folgt mir!
    Sie eilten die Gartenmauer hinab bis zu einer kleinen Pforte.
    Der junge Mann zog einen Schlssel aus der Tasche und ffnete. Das Haus
wurde von allen Seiten umzingelt. Wthend ber den Widerstand ergriffen die
Turner einen Balken und rannten mit demselben die innere Thre ein.
    Indessen hatte Alice, welche, ber Gilberts Verfahren entsetzt, keiner
Bewegung fhig, aber eine Beute wahnsinniger Angst, eine schweigende Zuschauerin
der eben beschriebenen Scene gewesen war, ihre letzten Krfte gesammelt, um den
letzten Versuch zu seiner Rettung zu wagen.
    Sie strzte dem Hause zu und gelangte auf demselben Wege, den die Turner
sich geffnet hatten, hinein.
    Aber es war zu spt. Der Haufen kam ihr schon tobend und jubelnd, den
Frsten mit sich schleppend, entgegen. Sie drngte sich durch die Menge
hindurch.
    Felix! - rief sie mit herzzerreiendem Tone, in welchem sich der ganze
unendliche Jammer ihrer Seele aussprach.
    Der Frst, der aus mehreren Wunden blutete, wandte seinen Blick nach der
wohlbekannten Stimme. Seine Augen strmten einen geisterhaften Glanz aus, als er
Alicen sah. Er bewegte die Lippen, aber kein Laut entfuhr denselben.
    Man lie ihn auf den Boden sinken. Die Rasenden, deren Wuth befriedigt war,
wollten ihn freilassen und sich entfernen.
    - Ha, ihr elenden Wichte! - rief da ein Turner, dessen edles,
feingeschnittenes Gesicht von rabenschwarzen Locken umschattet wurde. - Ist das
Eure Rache? Gedenkt Ihr nicht der hhnenden Worte, die dieser Verrther noch
heute, als der Kampf schon begonnen, an der Hauptwache sprach:
    Ich will doch einmal zusehen, wie sich die Canaille schlgt!
    Nein, er mu sterben, sage ich. Wir wollen ihn ausstellen, als Zielscheibe
fr unsere Kugeln.
    - Hurrah! - rief der zu neuer Wuth entflammte Haufen - der Verrther mu
hingerichtet werden.
    Whrend man die Vorbereitungen dazu traf, hatte sich Alice zur Seite des
Frsten niedergelassen. Da trat jener Turner mit den schwarzen Locken auf sie zu
und sagte mit dsterer Stimme:
    - Das ist kein Platz fr Euch, Sennora! Steht auf! -
    - Ines! - rief Alice. Ines! Ihr seid ein frchterliches Weib.
    - Meine Rache ist furchtbar, wie mein Schmerz. -
    Mit festem Blick schaute Ines auf den Frsten herab, dessen Augen
geschlossen waren.
    - Willst Du wissen, mein Geliebter - sagte sie kalt - wessen Hand den Dolch
fhrte, der zuerst in Deine Brust sich senkte? -
    - Salvador wars, Dein Sohn und meiner. -
    - O, tdtet mich! um des Ewigen Barmherzigkeit willen! -
    Alice, die jetzt bis zu demjenigen Punkte des innern Seelenschmerzes
gekommen war, in dem der Geist selbst gegen das Ungeheuerste abstumpft, fragte
mechanisch:
    - Wo ist Salvador? sein unglcklicher Sohn? -
    - Todt! - antwortete eintnig Ines. - Er stie sich selbst den Dolch ins
Herz.
    In diesem Augenblicke kehrten die Turner aus dem Hause zurck. Einer von
ihnen trug eine Tafel, auf welcher mit groen Buchstaben geschrieben war:
    So stirbt ein Verrther des Vaterlandes!

                                    Funoten


1 Deutsch etwa: Er hat kein Glck mehr, aber ich auch nicht.

2 Dies stolze Herz ist nicht zu brechen.

3 Das Voigtland ist in Berlin das Stadtviertel, in welchem die Proletarier
wohnen.

